Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Otimann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für npchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1———————— auf 1 Monat: 1 Mrk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. 3 „„„* Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſtezu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſß der Leſer zum Erſat des Ganzen verpflichtet. S2 ß 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen t der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. S Seih- und geſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗. Ein dentſcher Leinweber. Zeit⸗ und Lebensbilder aus der erſten Hälfte des ſechzehnten Jahrhunderts von LTudwig Storch. — Erſte Abtheilung. Philipp von Oeſtreich. Roman in drei Theilen. † Dritter Theil. — Teipzig, V W 1846. Philipp von Geſtreich. Roman in drei Theilen von Ludwig Storch. Dritter Theil. Die Rönigskronr. Teipzig, Verlag von J. J. Wiber⸗ 1846. Ein deutſcher Leinweber. Erſte Abtheilung. Philipp von Oeſtreich. Drit — Erstes Rapitel. In der zweiten Woche des Jahres 1505 wurde in der St. Gudula⸗Kirche in Brüſſel von Seiten des Bur⸗ gundiſchen Hofs der verſtorbenen Königin von Caſtilien die feierliche Beſingniß gehalten. Schon hatten auf dem vor dem Hauptaltare aufgeſchlagenen Trauergerüſte die zahlreichen Kerzen fünf Tage ihr melancholiſches Licht verſtreut und zum ſechſten Male wurden die Weihrauchpfannen entzündet, damit ihre Wolken ſich mit denen der ſchwarzen Tuchbekleidung der Kirche vermäh⸗ len möchten, und die Geiſtlichkeit verſammelte ſich be⸗ reits ernſt und ſchweigend, um die eintönigen Exequien für das Seelenheil der Königin Iſabella, die nun ſchon eine Woche lang das Herz der Zuhörer erſchüttert hat⸗ ten, von neuem zu beginnen. Und heute füllte ſich die Kirche mit noch größern Maſſen gläubiger Chriſten, als an den vorhergehenden Tagen; aus allen weit ge⸗ öffneten Thüren ſtrömten ſie herein, Welle auf Welle, ſich mit dem ſteigenden Menſchenmeere in der Kirche Ein deutſcher Leinweber. III. 1 ———— 2 Die Königskrone. zu vereinigen. Denn ganz Brüſſel wußte, daß heute die Hauptfeierlichkeit ſtattfinden und das düſtere Ge⸗ pränge der Beſingniß einem glänzenden und pomphaf⸗ ten weichen würde, einem Schauſpiele, wie es in der burgundiſchen Herzogsreſidenz noch niemals eines Men⸗ ſchen Auge erblickt habe. Die ganze Hofdienerſchaft, wie die Landes⸗ und Stadtbehörden waren bereits in ihren verſchiedenen Lokalen verſammelt, um ſich in feier⸗ lichen Proceſſionen nach der Kirche zu begeben, alle mit doppelten ſchwarzen Schleifen an den Hüten zum Zeichen doppelter Trauer. Denn nicht allein den Tod der Königin von Caſtilien hatte der herzogliche Hof zu betrauern, auch der junge und lebensfrohe Herzog von Savohen war nach kurzer Krankheit vor wenigen Monaten geſtorben, und man erwartete täglich die Rückkehr ſeiner jungen Witwe„der Erzherzogin Mar⸗ garetha, in ihr Mutterland, wohin ſie von ihrem Bru⸗ der auf's zärtlichſte eingeladen worden war, um die Statthalterſchaft über die Niederlande zu übernehmen, während er ſeinen Zug nach Spanien machen und ſich dort in Beſitz des ihm zugefallenen eaſtiliſchen Throns ſetzen wollte. Das erzherzogliche Paar ſtand eben im Begriff, in⸗ mitten ihres großen Hofſtaates die Schloßhalle zu ver⸗ laſſen und ſich in die Kirche zu begeben, als ein von ſechs Rappen gezogener Wagen durch das Thor und die Straßen rollte und vor dem herzoglichen Schloſſe Die Königskrone. 3 hielt. Die herzutretenden Diener hoben einige in die tiefſte Trauer gekleidete vornehme Frauen heraus, von denen die höchſte und ſchlankſte— eine majeſtätiſche Geſtalt— in die koſtbarſten ſchwarzen Schleier gehüllt, mit fieberhaft raſchen Schritten, die ihre gewaltige in⸗ nere Bewegung verriethen, die Treppe hinaufeilte und bald in der Halle vor dem Erzherzog ſtand. Sie ſchlug den Schleier vom Antlitz zurück und ſank laut aufweinend in die ausgebreiteten Arme des jungen Fürſten. Es war Margaretha, die vom Tode der ihr theuern Herzen merkwürdig ſtreng verfolgte edle habs⸗ burgiſche Fürſtin. Abermals zog ſie, eine trauernde Witwe, in das fürſtliche Haus ihrer mütterlichen Ahnen ein, wiederum waren zwei von ihr heißgeliebte Men⸗ ſchen früh in den Tod gegangen, der blühende jugend⸗ liche Gatte und die edle Schwiegermutter, die hochher⸗ zige Iſabella. Die Stunde ihrer Ankunft war um ſo erſchütternder, denn der heutige Tag, der 10. Januar, war ihr fünfundzwanzigjähriger Geburtstag. Fünf⸗ undzwanzig Jahre und ſchon drei Mal des Gatten beraubt! Verſtoßen von Frantreich glänzendem Königsthron, ein harmloſes unſchuldiges Kind, Witwe des Erben der mächtigen ſpaniſchen Königsthrone und Witwe des ſanften, liebenswürdigen Herzogs von Savoyen, von dem ſie angebetet worden war, trat ſie, die unglückliche Tochter Oeſtreichs und Burgunds, die gefühlvolle Dich⸗ ————— 4 Die Königskrone. terin, wieder zu dem einzigen ihr noch gebliebenen theuern Herzen, zu ihrem Bruder Philipp. Zwar liebte ſie ihren Vater, aber ſie war ja immer nur kurze Friſten in ſeiner Nähe geweſen, er war ihr zu fern in ſeinen tyroler Bergen; ihr Herz hatte nie Gelegen⸗ heit gehabt, mit dem ſeinigen zu verwachſen. An ihres Philipps Bruſt ſchluchzte ſie:„Ich bringe dir ſeine letzten Küſſe; er liebte dich, wie mich, und in ſeiner Todesſtunde war er nur mit uns Beiden be⸗ ſchäftigt. Ach, Philipp, Philipp! wer hätte das ahnen ſollen, als du vor ſechs Monaten von uns gingeſt, daß ich heuß wiederum als Witwe zu dir kommen würde!“ Alle Augen wurden naß; ein Jüngling im Gefolge weinte troſtlos. Es war Marx von Bübenhoven. —„Faſſe dich, mein Gretchen!“ tröſtete der erſchüt⸗ terte Erzherzog.„Wer kann wider göttliche Schickung! Wir ſtehen alle in der Hand des Herrn!“ Margaretha umarmte ihre Schwägerin, die wenig Theilnahme für ihren Schmerz hatte, und ſchloß ſich dann mit ihren Frauen der fürſtlichen Familie an, als deren Glied ſie nun wieder betrachtet wurde, um mit in die Kirche zu der wichtigen Feierlichkeit zu ziehen, welche heute dort beabſichtigt wurde. Der Erzherzog nahm mit ſeiner Gemahlin auf einer dicht vor dem Hochaltare dem Trauergerüſt gegenüber errichteten, mit einem Baldachin überdeckten Tribune — — Die Königskrone. 5 Platz, zwei Stufen tiefer ſeine Schweſter und Kinder; zu beiden Seiten der zahlreiche Hofſtaat und die eaſti⸗ liſchen Adeligen, Granden, Ricos Hombres, Cavalle⸗ ros und Hidalgos, welche nach dem Tode ihrer Köni⸗ gin aus Spanien herbeigeeilt waren, ihr junges Kö⸗ nigspaar in Brüſſel zu begrüßen und ſich von Philipp, je nach Umſtänden, Gnadenbezeigungen und Vortheile zu verſchaffen. Unter ihnen zeichnete ſich Don Juan Manuel de Campos de la Torre, der Geſandte der Kronen von Caſtilien und Arragonien beim Könige Maximilian, aus. Dieſer hatte kaum das Ableben ſei⸗ ner Königin erfahren, als er ſeines eignen Vortheils wegen und auf Anſuchen einiger eaſtiliſcher Herren auch ſogleich nach Brüſſel, wo er ſich dergeſtalt in Philipps Gunſt zu ſetzen wußte, daß dieſer ihn nicht wieder entlaſſen wollte. Die Ehrenherolde ſtellten ſich mit ihren Stäben zwiſchen der Tribune und dem Trauergerüſte auf. Das feierliche Hochamt begann. Wiederum wogten die ſchwer⸗ müthigen Klagegeſänge der Prieſter, wiederum flamm⸗ ten die Kerzen trübe in den Weihrauchwolken und der ſchwarzbekleideten Kirche; der Anblick der in Trauerge⸗ wande gehüllten Menge machte wiederum einen düſtern und ſchmerzlichen Eindruck auf alle Anweſende und das Erſcheinen der jungen, heftig weinenden fürſtlichen Witwe erhöhete noch die ernſte Stimmung der dem Andenken und dem Seelenheile der Todten geweihten 6 Die Königskrone. Stunde. Aber bald beſchloß der Biſchof die Exequien mit einem letzten Gebete für die Seele der Königin Iſabella von Caſtilien und nahm in der Mitte der übrigen Prieſter ſeinen Abtritt vom Hochaltare. Kaum waren die Diener der heiligen Meſſe verſchwunden und die Trauergeſänge verſtummt, als der erſte Ehren⸗ herold des Erzherzogs vortrat an das Trauergerüſt und mit lauter Stimme drei Mal hinter einander rief: „Die Königin von Caſtilien iſt todt!“ Hierauf warf er den Heroldsſtab zu Boden, wandte ſich nach der Tribune, verneigte ſich drei Mal vor dem erzherzog⸗ lichen Paare, hob den Baldachin über demſelben hin⸗ weg und legte ihn auf den hohen Altar und rief aber⸗ mals drei Mal!„Es leben Philipp und Johanna, König und Königin von Caſtilien, Leon, Toledo und Granada!“ Achtzehn Trompeter zu beiden Seiten des Altars ſchmetterten hinter jedem Rufe eine Fanfare und bei der letzten ſanken die ſchwarzen Hüllen der Kirche, die Kerzen auf dem Trauergerüſt erlöſchten und das helle Tageslicht quoll durch die hohen Fenſter. Der erſte Ehrenherold trat wiederum vor den neuen König und redete ihn an:„Durchlauchtigſter Herr, es wird Euch hiermit angedeutet, daß Ihr, nach Gewohn⸗ heit der Kaiſer und Könige, den Herzogshut ablegen ſollt, den zu tragen Euch als König nicht mehr ge⸗ bührt!“ Sogleich erhob ſich der Hofkanzler und ſtieg auf der rechten Seite zu Philipp hinan; der erſte Eh⸗ — Die Konigskrone. renherold zur linken und ſo nahmen ſie dem Könige den Herzogshut vom Haupte, den ſie ebenfalls auf den Altar niederlegten. Von dort nahm der Herold nun ein koſtbares, bloßes Schwert bei der Spitze, kehrte damit zu Philipp zurück, hob es empor und ſprach: „Herr, dieſes Schwert wird Ew. Majeſtät übergeben, zum Zeichen, daß Ihr ſollt ſein ein Schutzherr der Gerechtigkeit und Eure Königreiche, Länder und Un⸗ terthanen beſchützen und nicht unterdrücken!“ Der Kö⸗ nig kehrte nun ſein Geſicht dem Altar zu, nahm das Schwert beim Kreuz, warf ſich auf ein Knie nieder und betete ſtill; dann ſtreckte er das Schwert empor und hielt es eine Weile gleichſam zum Schwur, daß er ſeine Königspflicht erfüllen wolle. Als er ſich wieder umwandte, hatten alle Herolde, Trompeter und niedere Diener ihre Röcke abgelegt und andere mit den eaſti⸗ liſchen Farben angezogen. Alle Verſammelten brachen in ein Jubelgeſchrei aus:„Hoch lebe das eaſtiliſche Königspaar! Hoch leben Philipp und Johanna!“ Und das Gewölbe der Kirche hallte wider vom Jauch⸗ zen der Tauſende. Jetzt erſchien der Biſchof in der Mitte aller Prieſter in den glänzenden Pontificalibus wieder vor dem hohen Altar und ſtimmte den ambroſia⸗ niſchen Lobgeſang und das„Fac salvum Regem“ an und ſprach den Segen über den knienden König. Sobald ſich Philipp nach dieſer Feierlichkeit erhob, trat ihm ſeine Schweſter zuerſt glückwünſchend entgegen; aber 8 Die Königskrone. ihre Worte klangen ſo wehmüthig, in ihren Augen ſchwammen Thränen, ſo daß der Glückwunſch ſchier wie eine bange, ahnungsvolle Klage klang.„Sei glück⸗ licher in Spanien, als ich!“ hauchte ſie, aber ſie fühlte ihr Herz von einem ſo empfindlichen Schmerz durchzit⸗ tert, daß ſie das ſchöne, kummervolle Haupt zur Erde neigte, um dem Bruder ihre rinnenden Thränen zu verbergen. Er küßte ſie dankend auf die hohe, reine Stirn und gab ihr den einen Arm, während er Jo⸗ hanna den andern reichte. Der Zug ging, vom Volks⸗ jubel begleitet, in das Schloß zurück. —— Die Konigskrone. 9 Bweites Rapitel. Ernſt und ſinnend ſchritt die ſonſt ſo heitere und fröh⸗ liche Erzherzogin Margaretha durch ihre Gemächer und begrüßte jeden kleinen Gegenſtand, der ſich ihrem thrä⸗ nendüſtern Blicke darbot und ſie an vergangene Tage erinnerte, mit wehmüthiger Freude und einem Lächeln, der Winterſonne vergleichbar, die ihre matten Strahlen über ein ödes Schneefeld hingleiten läßt. Ihre Kam⸗ merfrau öffnete die Thür und ließ einen in die caſti⸗ liſchen Farben gekleideten Pagen, einen hochaufgeſchoſ⸗ ſenen Jüngling, herein. Es war Marx von Büben⸗ hoven. Sein von Geſundheit blühendes, edles Geſicht, vom Purpur ſüßer, verſchämter Befangenheit übergoſſen, verrieth, daß er ſich jetzt der Gefühle gar wohl bewußt ſei, die ſein Herz nun ſchon ſeit Jahren für die hohe Frau hegte, vor die er jetzt mit dem leiſen Zittern höherer Erregtheit und unwiderſtehlichen Liebeszaubers trat; ja die ſtille Ahnung ſeines Gemüths, daß auch er der Erzherzogin keine ſo gleichgültige Perſon ſei, wie die übrigen Pagen und Hofherren ihres Bruders, 10 Die Königskrone. hatte ſich jetzt in eine ihn beſeligende Ueberzeugung umgewandelt. Wenn aber eine ſolche Ueberzeugung einen andern jungen Mann ſeines Standes ſtolz, zuverſicht⸗ lich, keck, übermüthig, ja wol gar frech gemacht haben würde, ſo hatte ſie dagegen ſeine Gefühle veredelt und zu einer ſchwärmeriſchen Verehrung, faſt Anbetung ge⸗ ſteigert. Margaretha hatte in ſeinen Augen Alles ab⸗ gelegt, was an die Schwäche des Weibes erinnern konnte; ſie war ihm gleichſam die heilige Muſe der Dichtkunſt ſelbſt geworden und er bebte vor Entzücken bei dem Gedanken, daß er ferner wieder in ihrer Nähe verweilen und ſein Auge mit begeiſterter Schwärmerei zu ihr erheben dürfe. So ſehr ihn ihr Schmerz über den Tod des Gatten ergriff, ſo pries er ihn doch im Stillen als ein ihm günſtiges Geſchick. Der Page verneigte ſich tief vor der hohen Her⸗ rin und haſchte nach dem Saume ihres leichten Trauer⸗ mantels, um einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf zu drücken; aber ſie reichte ihm wohlwollend und mit der ihr natürlichen Anmuth die Hand zum Kuſſe, während ſie ihr Auge, nicht ohne eine gewiſſe geiſtige Befrie⸗ digung, über ſeine ſchöne und blühende Geſtalt hin⸗ gleiten ließ. Vielleicht ruhten ſeine Lippen einen Au⸗ genblick länger, als die ſtrenge Sitte erlaubte, auf der ſchönen, vollen Hand; aber die gütige Fürſtin zürnte ihm deshalb nicht, vielmehr entglomm ein mil⸗ der Strahl in ihrem reinen, keuſchen Auge. 9 5 Die Königskrone. 11 —„Junker von Bübenhoven,“ ſagte ſie ſanft,„ich habe Euch bitten laſſen, mir einige Augenblicke zu ſchenken; denn mein Herz verlangt mit Euch zu reden und nach dem neuen und ſchweren Verluſt, den der Himmel über mich verhängt hat, kann ich der Stimme des Herzens weniger widerſtehen, als je. Demn je mehr die Zahl der mir lieben und theuern Menſchen zuſammenſchmilzt, deſtvo wärmer und inniger muß ich mich ja an Die ſchließen, die mir noch geblieben ſind.“ —„Ganz Flandern und Brabant iſt voll Herzen, die Euch verehren, durchlauchtigſte Frau, und viele davon ſind freudig bereit, Leib und Leben, Gut und Blut für Euch zu geben,“ verſetzte der Page, indem er die Hand auf's Herz legte. —„Ich erkenne ihre Liebe und fühle mich ihnen dank⸗ bar verpflichtet. Aber nicht mit Allen kann ſich meine Seele verſchwiſtern. Es iſt ein Unterſchied in der Liebe, wie in allen Gefühlen. Neben der warmen, herzlichen Menſchenliebe gibt es noch ein innigeres, heiligeres Gefühl, ein Zuſammenſchmelzen der Seelen, eine geiſtige Verwandtſchaft. Seht nun, Junker Bü⸗ benhoven, ich, ſonſt das heiterſte, unbefangenſte We⸗ ſen, kann jetzt die düſtere Ahnung nicht loswerden, daß der Tod, der ſich mir nun ſchon ſo furchtbar feind⸗ lich gezeigt, nicht aufhören werde, die Geliebten, an denen meine Seele hängt, hinwegzureißen aus dem 12 Die Königskrone. warmen Leben in ſein kaltes Schattenreich und mich troſtlos und verzweifelnd allein übrigzulaſſen.“ —„Um Gott, gnädigſte Frau!“ rief Bübenhoven er⸗ ſchreckt,„von welchen ſchwarzen Bildern laßt Ihr doch Euere lichte Seele beſchleichen und martern! Ich fleh' Euch an bei allen Heiligen; gebt Euch in Euerm ſchö⸗ nen Heimatlande wieder den alten heitern Gedanken und Gefühlen hin, die Euch in den Niederlanden den Namen des„luſtigen Gretchens“ erworben haben. Verſcheucht dieſe entſetzlichen Ahnungen! Sie können und werden nicht in Erfüllung gehen.“ Die Erzherzogin ſchüttelte ſchmerzlich lächelnd das ſchöne Haupt.„Meine düſtern Ahnungen und Träume ſind noch alle in Erfüllung gegangen, eben weil ich keine düſtere Träumerin und Kopfhängerin bin,“ ver⸗ ſetzte ſie dann leiſe.„Als ich Euch geſtern in dem mich betäubenden Gepränge erblickte, durchbebte mich ſogleich lebhaft die Erinnerung, daß Ihr es waret, dem ich meine Ahnung und meinen böſen Traum vor meiner Abreiſe nach Savoyen mittheilte. O dieſer gräßliche Traum, wie ſchrecklich iſt er in Erfüllung gegangen und wie hat ſich die Ahnung bewährt, die ſich an die verlorene koſtbare Perle, mein Namensbild und Ge⸗ ſchenk meines nun auch den Todten angehörigen Gat⸗ ten, kettete! Ich ſah ihn in jenem Traume, den jun⸗ gen, blühenden Fürſten, mich verlaſſen, die ich an ſei⸗ nem Arme in einem herrlichen Garten luſtwandelte, Die Königskrone. 13 und in den ſchwarzen Leichenwagen ſteigen, in welchem ihn der König Karl von Frankreich und der Prinz Juan von Spanien empfingen. Wehe mir, daß es ſo ge⸗ worden iſt! Ihr wolltet mir damals meine böſe Ah⸗ nung ausreden. Darum ſparet Eure Worte, Junker. Auch die neuen Ahnungen und Träume, die mich heim⸗ geſucht haben, werden ſich erfüllen. Faſt gemahne ich mir wie jene unglückliche Kaſſandra, auch eine Kö⸗ nigstochter wie ich, die im prophetiſchen Geiſte den Untergang ihres Hauſes vorausſah. Auch mich hat Apoll mit ſeinen Gaben bedacht wie ſie! —„Eure Worte, gnädigſte Herrin, machen mir bange. Was iſt Euch neuerdings zugeſtoßen, das Euch in ſo betrübte Aufregung verſetzen konnte?“ —„Mit ſchwerem Herzen— Ihr könnt es Euch denken— langte ich hier an. Ich beeilte mich, der freundlichen Einladung meines Bruders Folge zu lei⸗ ſten, aber die Winterreiſe durch das Gebirg ging lang⸗ ſam von ſtatten; ſelbſt in den Rheinſtädten hielt mich noch körperliche Schwachheit über Erwarten zurück. Und ſo mußte ich gerade zu dem Gepränge der Kö⸗ nigserklärung eintreffen. Es machte einen peinlichen Eindruck auf mich, dieſen Königsjubel auf dieſe Kö⸗ nigstrauer ſo unmittelbar folgen zu ſehen, und in mei⸗ ner Seele miſchten ſich die kaum verſtummten Trauer⸗ klänge mit dieſen Freudetönen und ſiegten über ſie. Mir wurde unausſprechlich bange zu Muthe und, als —— ——— — 14 Die Königskrone. ich Philipp beglückwünſchen wollte, war mir's, als ſtände ſtatt des blühenden Mannes ein bleicher Sche⸗ men vor mir.“ —„Die Anſtrengung der Reiſe, der ſchnelle Wechſel des Wiederſehens, der düſtern und freudigen Feierlich⸗ keit, Euer eignes kummervolles Herz—“ ſtammelte der Page. —„Dem ſei, wie ihm wolle. Genug, ich verfügte mich bald zur Ruhe; denn ich fühlte mich ſehr ange⸗ griffen. Da träumte mir, ich befand mich wiederum in der Kirche, und das ganze Gepränge, das ich am Tage erlebt, ging noch einmal, in ernſter, ja düſtrer Feier, obgleich mit mancherlei wichtigen Abweichungen, an meinen Augen vorüber. Zuerſt bemerkte ich, daß ich mich nicht in der Kirche der h. Gudula in Brüſſel, ſon⸗ dern in der ſchönen Kirche des Franziskanerkloſters Santa Iſabella in der Alhambra zu Granada befand, in welcher die irdiſchen Ueberreſte der Königin Iſabella ihre Ruheſtätte erhalten haben. Das Trauergerüſt war prächtiger geſchmückt und man konnte es für einen Thron halten. Die Kerzen flammten höher; die unge⸗ heure Menſchenmenge lag vom ſtarren Schmerz wie an den Boden gefeſſelt und die Töne des Requiem wimmerten herzzerſchneidend durch die weiten Räume der ehemaligen Moſchee des Maurenpalaſtes. Sobald die Exequien beendigt waren und der Herold meinen Bruder zum König ausgerufen hatte, fiel die ſchwarze Die Königskrone. 15 Bekleidung des Trauergerüſtes und es ſtand als ein hoher, über alle Beſchreibung prachtvoller Thron da; die Kerzenflammen waren zu Sternen geworden, die aus einem dunkeln Nachthimmel herabglänzten. Die ſpaniſchen Granden forderten Philipp auf, den Thron zu beſteigen. Schon war er mit dem reichen, goldgeſtickten Königspurpur angethan und die Krone Caſtiliens funkelte auf ſeinem Haupte. Er faßte die Hand ſeiner Gemahlin, um mit ihr den Thron zu be⸗ ſteigen, aber ſiehe! es war nicht die Infantin Donna Juanna, ſondern Luiſe von Maine, meine geliebte Luiſe, wallend in den überaus prächtigen Gewändern einer Sultanin von Granada, und an ihrem Turban leuchtete der Diamant Zoraidens, der unglücklichen Gattin Boabdil el Chiko's. Majeſtätiſch, recht wie eine Königin von Granada, ſtieg ſie mit Philipp, dem Könige, Hand in Hand die Stufen zum Throne hinauf. Aber je mehr ſie erſtiegen, deſto mehr wurden der Stufen; der Thron wuchs höher und höher, bis die Sterne ſeinen Himmel küßten, und das Königs⸗ paar ſtieg raſcher und raſcher. Zuletzt war mir's, als hätten ſie Flügel und ſtrebten damit empor; oben ſtanden Iſabella, die verſtorbene Königin von Caſtilien, und der Herzog Philibert von Savoyen, mein todter Gatte, und reichten Philipp und Luiſe die Hände und zogen ſie vollends zu dem ſternenleuchtenden Königs⸗ throne empor. In der Kathedrale erbrauſten wieder ee ————— —— mů——— ———————————— —————————— ——— 16 Die Königskrone. die feierlich mächtigen und erſchütternden Töne des Requiem und ich erwachte vom Schalle der Zinken und Poſaunen, denn die Pfeifer und Spielleute des erzherzoglichen Hofes brachten mir eine Morgenmuſik.“ —„Dieſer Traum ſcheint mir zu bedeuten,“ nahm der Page jetzt mit zitternder Stimme das Wort,„daß Euere Freundin vom Könige Philipp zu den ihr ge⸗ bührenden Ehren und Würden emporgehoben werden wird. Vielleicht dürfen wir ſie nun bald als Sulta⸗ nin von Granada begrüßen.“ —„Ein mächtiges, wehmüthiges Gefühl in meiner Bruſt wehrt mir, dieſer Eurer Deutung beizuſtimmen. Wir müſſen es Gott anheimſtellen, der mich gewürdigt hat, die Zukunft der Meinigen in ſolch wunderbaren Traumbildern und Ahnungen zu ſchauen. Aber der Traum hat die mächtigſte und gewaltigſte Sehnſucht nach Luiſen in mir wieder wach gerufen. Und ich habe Euch zu mir beſchieden, um Euch zu fragen, ob Ihr keine neuen Nachrichten von der geliebten Freundin habt?“ —„Ich bedaure ſehr, Ew. Hoheit nichts melden zu können. Es iſt mir, ſeit unſerer Abreiſe von Spanien, nicht die mindeſte Nachricht über ihr ferneres Geſchick zugekommen.“ —„Ihr geht mit dem Könige nun wieder nach Spa⸗ nien, Junker Bübenhoven. Ich bitt' Euch inſtändigſt, bietet Alles auf, um den Aufenthaltsort meiner gelieb⸗ — Die Königskrone. 17 ten Jugendfreundin auszukunden und ihr einen Brief von mir zu übergeben. Mein Bruder hat mir ſeinen Plan heute Morgen mündlich eröffnet, von dem er mir geſchrieben und um deswillen er mich wieder in die Niederlande beſchieden hat. Ich ſoll das Land meiner Geburt als Statthalterin in ſeinem Namen regieren, während er Caſtilien beherrſcht. Da hab' ich es mir denn ſchön ausgedacht, daß Luiſe wieder bei mir ſein und leben ſoll, glücklich durch mich und mich beglückend, ſo viel mir eben noch vergönnt iſt, irdiſches Glück zu genießen. Ja, nur an ihrer Bruſt kann ich all' meinen Schmerz ausweinen und noch heitere Stunden verle⸗ ben. Wenn es Gott nicht anders gefällt,“ ſetzte ſie wieder mit einem ſchmerzlichen, reſignirenden Lächeln hinzu. —„Er wird Euern ſchönen Wunſch erhören und mit der Erfüllung ſegnen!“ rief Bübenhoven. —„Und zu dieſer Erfüllung— ſo weit ſie eben in menſchlicher Kraft ſteht— ſollt Ihr mir behülflich ſein. Ihr ſollt die vertriebene, flüchtige Freundin aufſuchen; Ihr ſollt ſie in meine Schweſterarme führen, ſollt ihr wieder eine Heimat geben und zwei Herzen wieder ver⸗ einigen, die ſich nie hätten trennen ſollen.“ —„O, wie hoch beglückt Ihr mich ſelbſt durch dieſen ehrenvollen Auftrag, hohe Frau! Nichts auf der Welt konnte mir lieber ſein, als ihn auszuführen. Ein deutſcher Leinweber. III. 2 Die Königskrone. Ermeßt danach meinen Eifer, mit dem ich mich ſeiner Ausführung unterziehen werde.“ —„Ich weiß, ich weiß und kenne Euer rechtſchaffe⸗ nes, mir ergebenes Herz. Und da ich auch weiß, was Euch lieb iſt, ſo hab' ich Euch ein kleines Geſchenk mit⸗ gebracht, das Ihr, ich hoffe, gern aus meiner Hand annehmt. Es ſind die wenigen Gedichte, die ich in Sa⸗ voyen niedergeſchrieben.“ Damit legte ſie einen kleinen, ſchmalen, mit Gold verzierten Lederband in ſeine Hand. Vom Gefühl überwältigt, ſtürzte er auf die Knie, em⸗ pfing ſo das Geſchenk, das ihm mehr werth war, als die Krone von Caſtilien, küßte bald das Buch, bald die Hand der gütigen Fürſtin, ſchluchzte und war nicht vermögend, auch nur ein einziges Wort zu ſagen. —„Noch Eins!“ ſagte die milde Fürſtin dann.„Ich habe Herrn Jakob Fugger ſeit meiner Abreiſe von hier nicht wieder geſehen und geſprochen. Könnt Ihr mir nicht melden, was aus unſerm wilden Pflegling, dem Sohne meiner Claire geworden iſt, den ich ſeiner Für⸗ ſorge anvertraute?“ —„Ich habe Herrn Fugger fleißig nach ihm befragt, gnädigſte Frau. Einen Leinweber hat er nicht aus dem Buben zu machen vermocht; dazu iſt er zu unbändig geweſen. Um ihn zu zähmen, hat er ihn alſo erſt in ſein Silberbergwerk in meiner Heimat geſteckt. Aber auch hier hat er nicht gut gethan. Und ſo iſt der wilde Range nach Kremnitz in Ungarn gebracht worden, Die Königskrone. 19 wo, wie Ihr wißt, Herr Fugger Beſitzer des Gold⸗ bergwerks iſt. Dort arbeitet Toni nun ſchon ſeit Jahr und Tag. Neueſte Nachrichten habe ich nicht über ihn.“ —„Ich danke Euch. Ich denke, Herr Fugger wird mir bald ſeinen Beſuch ſchenken, da er ja jetzt öfter Veranlaſſung hat, in die Niederlande zu reiſen. Wie hat ſich ſein Handelsgeſchäft in Antwerpen geſtaltet?“ —„Wenn das Geſchäft unter Peter van der Kapellen einer prächtigen Tulpe glich, ſo iſt es jetzt einem blü⸗ henden Mandelbaume zu vergleichen, der mit tauſend herrlichen Blüten überſchüttet iſt. Neben dem Fug⸗ ger'ſchen Hauſe iſt vom Herrn Bartholomäus Welſer von Augsburg ein zweites Handelshaus mit Hülfe Jakob Fugger's errichtet worden und die Schiffe der Fugger und Welſer beſuchen bereits die nordiſchen Küſten, Italien und Portugal.“ —„Fürwahr, dieſer Leinweber iſt einer der ordentlichſten Menſchen!“ —„Aber die Ueppigkeit des Reichthums in van der Kapellen's Hauſe, die mit fürſtlicher Pracht wetteiferte und ſchier beleidigte, hat der ſchlichten Bürgerlichkeit Platz machen müſſen.“ —„Das iſt die edle, deutſche Einfalt. Ja, ich kenne meinen Fugger und verehre ihn wie meinen Vater.“ —„Ich bin hocherfreut, Hoheit, dieſes Gefühl mit Euch theilen zu dürfen. Auch ich liebe und verehre ) ½ ——— ————— —— Die Königskrone. den edeln, ſchlichten Augsburger wie meinen Vater und wahrlich, er hat väterlich an mir gehandelt!—“ Der von Entzücken ſtrahlende Page ſchwieg einen Au⸗ genblick, während ſeine Züge den Ausdruck einer leich⸗ ten Verlegenheit annahmen. Dann begann er wieder leiſer, ſchüchterner und ſtockend:„ Gnädigſte Frau, die Erinnerung an das üppige und ſchmählich untergegan⸗ gene Haus Peters van der Kapellen bringt mir eine Perſon in's Gedächtniß, die mich ſchon vor Eurer An⸗ kunft dringend erſucht hat, ein gutes Wort für ſie bei Euch einzulegen und Euch zu bitten, daß Ihr ſie in Euere Dienſte nehmen mögt.“ —„Ich bin vorſichtig in der Wahl meiner Diener. Wer iſt es, den Ihr mir empfehlen wollt?“ —„Es iſt eine Negerin von der Goldküſte, die ſchwarze Matty genannt, welche im Dienſte bei der Frau van der Kapellen ſtand und bei dieſer unglücklichen Frau im ſchwerſten Leid mit rühmlicher Treue ausharrte. Nachdem Frau van der Kapellen ihr Vaterland ver⸗ laſſen, hat Matty einigen vornehmen Herrſchaften ge⸗ dient und gehört jetzt zur Dienerſchaft der Gräfin von Horn hier. Sie würde es ſich für das größte Glück ſchätzen, Ew. Hoheit bedienen zu dürfen, und ich kann Euch verſichern, ſie iſt dieſes Glücks nicht unwerth.“ —„Führt mir Euern ſchwarzen Schützling zu, Junker. Ich werde ſie annehmen, da Ihr ſie mir ſo warm em⸗ pfehlt.“ Die Königskrone. 21 Der Junker ergriff dankend noch ein Mal die Hand der hohen Herrin und drückte abermals einen vom tiefſten Gefühl gezeugten Kuß darauf. Marga⸗ retha winkte freundlich ihn entlaſſend und er ſtürmte hinaus, wie von Flügeln getragen. Es waren die Aetherſchwingen der Liebe, die ihn hoben. ——— ———˙ zz—z— Die Königskrone. Drittes Rapitel. Der Erzherzog Philipp hatte noch im Laufe des De⸗ cembers des verwichenen Jahres durch Don Juan Ma⸗ nuel de Campos, den ſpaniſchen Geſandten am Hofe ſeines Vaters, Nachricht von einem Teſtamente der Königin Iſabella erhalten, welches im wahren Wort⸗ verſtande ihn und ſeine Gemahlin von der Regierung des Königsreichs Caſtilien ausſchloß und dieſe ihrem Gemahle, dem König Ferdinand, bis zur Volljährigkeit ihres Enkels, des Erzherzogs Karl, übertrug. Die Gründe dieſer Verfügung ſollten, geſtützt auf das drin⸗ gende Begehren der Cortes von 1503, folgende ſein: Donna Juanna könne wegen ihrer Geiſtesſchwachheit nicht zur Regierung zugelaſſen werden und der Erz⸗ herzog habe ſich während ſeiner Anweſenheit in Spa⸗ nien in jedem Betracht als untüchtig zum Regieren und als der Krone unwürdig gezeigt. Das Gerücht von dieſem merkwürdigen Teſtament durchflog ganz Europa mit den ärgſten Entſtellungen. Mehrere im neuen Jahre Die Königskrone. 23 in Brüſſel angekommene Caſtilier beſtätigten dieſe Kunde, brachten aber auch dem Könige die tröſtliche Verſicherung, daß der ganze hohe Adel Caſtiliens mit dieſer Verfügung unzufrieden ſei und, da dieſelbe, wenn das Teſtament wirklich echt, woran noch zu zweifeln, nicht mit Zuziehung der eaſtiliſchen Stände gemacht ſei und ihrer Beſtätigung entbehre, ſo ſeien dieſe weder verpflichtet, noch gewillt, ſie anzuerkennen. Vorzüglich aber ſei der hohe Adel feſt entſchloſſen, ſich nur dem Don Philipp und nicht dem Don Fernando zu unterwerfen, weil die Königin durchaus kein Recht gehabt habe, in dieſer Weiſe über die Krone zu ver⸗ fügen. König Philipp hielt mit dieſen Herren mehrfache Berathungen; aber jede neue Nachricht aus Spanien ſchien das geſpannte Verhältniß zwiſchen dem Könige von Arragonien und deſſen Schwiegerſohne zu erhöhen. Noch vor Ablauf des Monat te die Kunde in Brüſſel an, daß König Ferdi iliſchen Stände zu Anfang des Jahres in Toro berufen und daß dort zwar die Erzherzogin⸗Infantin Donna Juanna als Königin ausgerufen, der König Don Fer⸗ dinand aber wegen Unfähigkeit Juanna's zum Verwe⸗ ſer des Königsreichs in ihrem Namen ernannt und bevollmächtigt worden ſei, bis zur Volljährigkeit des Prinzen Don Carlos zu regieren, Alles nach der Teſtamentsverordnung der verſtorbenen Königin, 6 24 Die Königskrone. welche ſonach von den eaſtiliſchen Ständen anerkannt worden. Dadurch wurde Philipps Lage in Bezug auf ſein neues Königreich ſchwieriger. Doch Don Juan Manuel redete ihm Troſt und Muth ein und einige Tage ſpäter lief ein Brief des Herzogs von Najara, eines Vetters des erſchlagenen Admirals von Caſtilien, und des Marquis von Villena, der beiden erſten Granden der eaſtiliſchen Krone, ein, worin ſie dem Könige Philipp ſchrieben, daß der ganze hohe Adel des Königreichs, mit nur ſehr wenigen Ausnahmen, ſehnlichſt auf ſeine Ankunft wartete, um ſich ſogleich ſeinem Dienſte zu widmen und für ſeine königlichen Rechte zu ſtreiten, welche ihm weder die verſtorbene Königin durch ihr Teſtament noch die vom König Ferdinand geleiteten Stände ent⸗ ziehen könnten. Bald darauf langten auch einige Räthe des Königs Maximilian in Brilan, welche dem Könige Philipp Rathſchläge in elegenheit überbrachten. In einer Miniſter beſchloß Philipp eine Ge⸗ ſandtſchaft an den König Ferdinand zu ſchicken und er wählte dazu ſeinen Günſtling Philibert von Vere und einen Caſtilier, Namens Andreas del Burgos. Dieſe beiden Herren erhielten vom König Philipp den Auftrag, dem Könige Don Fernando ſeinetwegen zu entbieten, daß er ſich aus den Staaten Caſtiliens hinweg begeben möchte, deren Regierung allein ihrem Die Königskrone. 25 Herrn, Philipp, König von Caſtilien, zuſtände, wel⸗ cher weder eines Vormundes, noch Curators benö⸗ thigt ſei und ſich, falls er eines Stellvertreters be⸗ dürfe, dieſen bei ſeiner Anweſenheit ſelbſt beſtellen werde. Dieſe Geſandtſchaft ging zu Anfang des Monats Februar nach Spanien ab. Sie war noch nicht acht Tage fort, als die Nachricht, es ſei eine Geſandtſchaft des Königs Ferdinand von Arragonien und der eaſti⸗ liſchen Cortes in Brüſſel angekommen, alle Gemüther in Aufregung verſetzte. Es waren zwei edle Spanier, Don Juan de Fonſeca, erwählter Biſchof von Palen⸗ eia, und Ludovicv Conchillos. Der Letztere war zu⸗ gleich vom König von Arragon zum Kammerherrn der Königin Juanna beſtellt. Der König empſing ſie am dritten Tage in voller königlicher Pracht und Herrlichkeit und nach ſpaniſcher Sitte mit bedecktem Haupt. ofämter waren um ihn verſammelt und ſtanden fen des Throns. Die beiden Geſandten, vo erold, der ihre Namen ausrief, und von einem Marſchall eingeführt, traten an den Thron heran und überreichten zuerſt ihre Beglaubigungsſchreiben, welche der König dem Hofkanzler zur Prüfung übergab. Sobald ſie dieſer als richtig befunden hatte, ſprach der König:„Redet!“ Der Biſchof von Palencia nahm das Wort und erklärte, ſie ſeien im Namen Sr. katholiſchen Ma⸗ 26 Die Königskrone. jeſtät, des Königs Don Fernando von Arragon, Nea⸗ pel und Sicilien, Reichsverweſers von Caſtilien, ge⸗ kommen, um Sr. Majeſtät, dem Könige von Caſtilien, die von den eaſtiliſchen Ständen beglaubigte Abſchrift des Teſtamentes der verſtorbenen Königin und das Protokoll der letzten Ständeverſammlung zu Toro zu überbringen und ſich danach über die Willensmeinung ihres Monarchen vernehmen zu laſſen. Mit dieſen Wor⸗ ten übergab der Sprecher dem Könige die Pergamentrolle, welche die Abſchrift des Teſtamentes enthielt, und auch ſie legte der König ſogleich in die Hände des Hofkanz⸗ lers mit dem Befehl, den letzten Willen ſeiner erlauch⸗ ten Schwiegermutter, der Donna Iſabella, laut vor⸗ zuleſen. Dieſem Befehle wurde ohne Verzug Folge geleiſtet. Der Eingang betraf Anordnungen ihres Begräb⸗ niſſes, von jener großen, edlen Einfachheit eingegeben, der die Königin ſt buldigt. Alle verſchwenderiſche Pracht ſollte ve das dadurch erſparte Geld an die Armen werden; in der Kirche des von ihr in der Alhambra in Granada errichteten Fran⸗ ziskanerkloſters ſollte ihre Hülle in einer niedrigen, ſchlich⸗ ten Gruft ruhen. Dann ſorgte ſie zunächſt für ver⸗ ſchiedene Wohlthätigkeitsanſtalten, wies unter Anderem Heirathsgüter für arme Mädchen an und eine beträcht⸗ liche Summe zur Befreiung chriſtlicher Gefangener in der Berberei. Nach andern höchſt löblichen und wei⸗ Die Königskrone. 27 ſen Verordnungen, die meiſt Erſparniſſe im Reichs⸗ und Hofhaushalte bezwecken, geht ſie zur Thronfolge über, welche ſie für die Infantin Juanna als„be⸗ ſitzende Königin“ und den Erzherzog Philipp als ih⸗ ren Gemahl beſtimmt. Sie gibt ihnen manchen guten Rath in Bezug auf ihre künftige Verwaltung; ſie em⸗ pfiehlt ihnen, wenn ſie ſich die Liebe und den Gehor⸗ ſam ihrer Unterthanen ſichern wollten, ſich in jeder Hinſicht nach den Geſetzen und Gebräuchen des Reiches zu richten, keinen Fremden zu einem Amte zu ernen⸗ nen und keine Geſetze oder Verordnungen, wozu die Einwilligung der Cortes nothwendig erfordert werde, während ihrer Abweſenheit vom Königreiche zu erlaſſen. Sie empfiehlt ihnen die nämliche eheliche Einigkeit, welche ſtets zwiſchen ihr und ihrem Gemahr beſtanden; ſie erſucht ſie, dem Letztern alle die Achtung und kind⸗ liche Zuneigung zu erweiſen,„die ihm mehr als jedem andern Vater für ſeine erhabe enden gebühre“; und endlich ſchärft ſie ihne en Rückſichten für die Freiheiten und die 2 ihrer Untertha⸗ nen ein. Der Kanzler machte eine Pauſe, erhob dann die Stimme höher und las weiter:„Was die wichtige von den Cortes 1503 uns vorgelegte Frage betrifft, wie die Regierung des Reichs im Falle der Abweſenheit oder der Unfähigkeit unſerer geliebten Tochter und Er⸗ bin der Infantin Juanna beſtellt werden ſolle, ſo er⸗ 28 Die Königskrone. klären wir hiermit, daß wir uns, nach langer und reif⸗ licher Ueberlegung und auf den Rath vieler Prälaten und Edelleute des Königsreichs, entſchloſſen haben, in dieſem Nothfall unſern Gemahl, den König Ferdinand, zum alleinigen Regenten von Caſtilien bis zur Volljäh⸗ rigkeit unſers Enkels, des Prinzen Karl von Spanien, zu beſtellen. Wir finden uns hierzu veranlaßt durch die Rückficht auf den Edelmuth und die glorreichen Eigenſchaften des Königs, unſers Herrn, als auch auf deſſen reiche Erfahrung und auf den großen Nutzen, der dem Staate aus ſeiner weiſen und wohlthätigen Regierung erwachſen wird. Wir hegen die aufrichtigſte Ueberzeugung, daß das bisherige Verhalten des Kö⸗ nigs, unſers Herrn, eine hinreichende Bürgſchaft für ſeine getreue Verwaltung iſt, ſtellen an ihn aber das Verlangen, daß er, gemäß dem beſtehenden Gebrauche, beim Antritt der Pflichten ſeines Amtes den herkömm⸗ lichen Eid ſchwörg Nun folgte eine ausführliche Veranſtaltung ſönlichen Unterhalt ihres Ge⸗ mahls, den ſiͤ Hälfte aller reinen Erträge und Gewinne aus den neu entdeckten Ländern im Weſten beſtimmte; außerdem noch zehn Millivnen Maravedis, angewieſen auf die Großmeiſterthümer der Kriegerorden. Dann traf ſie noch nachträgliche Beſtimmungen hinſicht⸗ lich der Thronfolge, in Ermangelung von Juanna's Erben in gerader Abſtammung, empfahl ihren Nach⸗ folgern die Perſonen ihres Hofſtaates auf das drin⸗ Die Königskrone. 20 gendſte und vermachte dem Könige, ihrem Gemahl, zuletzt ihre Juwelen als Beweis ihrer Liebe. Das Teſtament trug ſo ganz den großen und um⸗ faſſenden Geiſt, die Liebe und das Wohlwollen der Königin in ſich, daß an ſeiner Echtheit nicht zu zwei⸗ feln war. Die ſpaniſchen Geſandten übergaben nun ein drit⸗ tes Dokument, das Protokoll der Reichsverſammlung zu Toro am 11. Januar dieſes Jahres. Auch dieſes ließ der König vorleſen. Es ergab ſich daraus, daß die die Thronfolge betreffenden Punkte im Teſtamente der verſtorbenen Königin vor dem König Ferdinand und den Ständen laut vorgeleſen worden waren und die vollſtändige Genehmigung der Gemeinen erhalten hatten, welche, ſammt den anweſenden Granden und Prälaten, Juanna als Königin und Eigenthümerin des Reichs, ſo wie Philipp als ihrem Gemahle, den Huldigungseid geleiſtet. ten ſie einmüthig beſtimmt, daß der im Teſi dachte Nothfall von Juanna's Unfähigkeit w inde, und hat⸗ ten ſofort dem König Ferviend, aks dem rechtmäßi⸗ gen Verweſer des Reichs, in ihrem Namen gehuldigt. Der König hatte ſeiner Seits den gebräuchlichen Eid geleiſtet, die Geſetze und Freiheiten des Königreichs zu achten, und zuletzt war eine Botſchaft der Cortes mit dem Berichte ihres Verfahrens an ihre neue Herrſchaft in Flandern beſchloſſen worden.—— 30 Die Königskrone. Philipp hatte die Farbe gewechſelt; Zornesblitze fuhren während des Leſens zuweilen über ſein Geſicht, er biß ſich in die Unterlippe. —„Und was gedenkt Se. Majeſtät Don Fernando in Bezug auf dieſes Teſtament ferner zu thun?“ fragte er ſcharf, ſobald der Hofkanzler ſchwieg. Der Biſchof verſetzte:„Aus frommer Pietät und Liebe zu der höchſtſeligen Königin wird er auf ausdrück⸗ lichen Wunſch und mit Beirath der Stände des König⸗ reichs ihre wohlweiſe Verordnung in Ehren und Treuen vollziehen und hat zu dieſem Behufe, wie Ihr vernom⸗ men habt, bereits die Regentſchaft des Königreichs Caſtilien angetreten, nach Recht und FPflicht und nicht uur mit Bewilligung, ſondern auch auf Anforderung der genannten Stände.“ —„Weder die Königin Iſabella, noch die Stände konnten der rechtmäßigen Erbin Caſtiliens die Krone entziehen,“ fuhr Wbp auf. —„Donna ach dem Ausſpruch der Aerzte nicht befähigt, che Volk zu beherrſchen.“ —„Aber ich atte und natürliche Vormund dieſer Donna Juanna; und mir gehört die Krone Ca⸗ ſtiliens von Gottes und Rechts wegen. Ich bin von den Ständen als Prinz von Spanien und Thronerbe anerkannt und ausgerufen worden, ich werde keinen Finger breit von meinem guten Rechte weichen!“ —„Wir können nichts thun,“ ſagte der Biſchof, Die Königskrone. 31 „als Ew. Majeſtät die väterliche Bitte an's Herz zu legen, die uns Se. Majeſtät, unſer König, an Euch aufgetragen hat, die Bitte, daß Ihr Euch nicht nach Caſtilien bemühen mögt, um Euch jede misliebige Maßregel zu erſparen. Don Fernando räth Euch in Treuen und Wohlmeinen, jeden Verſuch aufzugeben, wider das Teſtament der höchſtſeligen Königin zu handeln. —„O ich kenne die Treue und das väterliche Wohl⸗ meinen Sr. katholiſchen Majeſtät!“ lachte Philipp bit⸗ ter.„Hab' ich ſie doch ſchon einmal ſelbſt erfahren! Sagt Euerm König in meinem Namen, er ſolle ſich alle fernere Mühe erſparen. Ich werde nach Caſtilien gehen und den Thron, der mir gebührt, einnehmen, ohne mich an dieſes Teſtament zu kehren.“ —„Ihr würdet die Geſetze und die den Cortes zu⸗ ſtehenden Befugniſſe auf's tiefſte verletzen. Durch das geſchriebene Landesgeſetz iſt der Herſcher Caſtiliens er⸗ mächtigt für den Fall der lährigkeit oder der Unfähigkeit des muthmaßliche n eine Regent⸗ ſchaft zu ernennen. Donna ar in dieſem Falle und ſie hat ſich bei B ug der Regentſchaft der zwei Jahre vor ihrem Tode an ſie von den Cortes geſtellten dringendſten Bitte gefügt. Das Teſtament hat die aufrichtigſte, ungetheilteſte Zuſtimmung dieſer Körperſchaft erhalten und wahrlich ihr, den Cortes von Caſtilien, ſteht ein unbeſtreitbares Recht zu, die letztwilligen Anordnungen ihrer Könige zu überwachen. 32 Die Königskrone. Ihr werdet unmöglich Eure Regierung damit beginnen wollen, ſolch' altes und heiliges Volksrecht anzutaſten. Don Fernando iſt Reichsverweſer nach dem Willen der Königin und der Stände.“ —„Ich werde nicht nach der erſchlichenen Zuſtimmung dieſer Stände fragen und doch nach Caſtilien kommen, um den Thron zu beſteigen.“ —„Dann werdet Ihr Se. Majeſtät zu ihr höchſt un⸗ angenehmen Maßnahmen zwingen,“ bemerkte Conchillos. —„Und welche könnten die ſein, mein Herr?“ —„Er würde Euch mit Gewalt entfernen laſſen müſſen.“ —„Meint Ihr, das würde ein ſo leichtes Spiel ſein? Mag er es beginnen. Die Folgen für ihn auf ſein Haupt. Aber ſagt ihm, dies Spiel gelte dann Krone um Krone. Schaut euch um, ihr Herren, ich habe euch dort die Karten aufſtellen laſſen, mit denen ich zu ſpie⸗ len gedenke.“ Die Geſan verwundert im Hintergrunde des Saales iunge eaſtiliſche Edelleute, die unterde— auf Befe s Königs eingetreten waren. —„Sagt ihm,“ fuhr dieſer mit erhöhter Stimme fort,„ich laſſe ihn fragen, ob er des arragoniſchen Adels ſo gewiß ſei, wie ich des eaſtiliſchen. Ihr wißt es ſelbſt, was brauche ich es euch zu ſagen: Der Adel von ganz Caſtilien iſt auf meiner Seite. Sagt ihm, ich kenne das Zauberwort, das, von mir ausgeſprochen, Die Königskrone. 33 alle eaſtiliſche Ritterſchwerter gegen ihn kehrt und ſelbſt die arragoniſchen unruhig in der Scheide und ih⸗ rem Gebieter gefährlich macht. Auch kennt mich euer König zu gut, als daß er nicht wiſſen ſollte, ich werde dieſe Zauberformel ausſprechen, wenn er mir wirklich in den Weg treten ſollte. Er mag ſich auf die Cortes, ich werde mich auf den Adel ſtützen. Donna Juanna iſt die Erbin des eaſtiliſchen Throns, aber auch ich bin als Prinz von Spanien zum Thronfolger von der Kö⸗ nigin ernannt, von den Ständen anerkannt. Iſt die Königin, meine Gemahlin, unfähig zu regieren, ſo bin ich fähig dazu, und ich werde nicht ein Haarbreit von meinem Rechte weichen. Gott befohlen, ihr Herren! Dies iſt mein Beſcheid. Bringt ihn dem Könige von Arragonien!“ Nach einigen Tagen trat der Biſchof von Palencia die Rückreiſe an; Ludovico Conchillos blieb als Kam⸗ merherr der Konigin Juann üſſel und wurde vom König und ſeinem A jichts als einen arragoniſchen Spion gehab Ein deutſcher Leinweber. III. — 34 Die Königskrone. Piertes Rapitel. Seit Philipp ſeinen Vater in Innsbruck auf der Heim⸗ reiſe von Spanien in ſo bedrängten Umſtänden verlaſ⸗ ſen hatte, waren ein Jahr und neun Monate verfloſ⸗ ſen; in dieſer kurzen Zeit hatte ſich die misliche Lage des römiſchen Königs gänzlich umgewandelt und zu einer faſt glänzenden geſtaltet. Und Maximilian hatte richtig prophezeit: der Grund dieſer Erhebung war in der Verbindung Philipps mit der ſpaniſchen Königstoch⸗ ter und in der eten Ausſicht deſſelben auf das Erbe der ſpaniſ ſuchen. Dieſe Verbindung gab dem öſtreich B ein ſtarkes Relief in den Augen ſowol der Regenten Eurvpas als auch vorzüglich der Fürſten und Stände Deutſchlands. Sobald die Fran⸗ zoſen in Neapel von den Spaniern entſchieden geſchla⸗ gen und verdrängt waren, trat der neue Papſt Julius I. ganz als Freund Spaniens und Oeſtreichs auf. Der König Ludwig XIl. von Frankreich ſuchte, da ſein Theil von Nea⸗ pel für ihn verloren war, wenigſtens das eroberte Mailand Die Königskrone. 35 ſich zu erhalten und knüpfte an den Beſuch des Erz⸗ herzogs Philipp Pläne in Bezug auf den deutſchen König, da die in Bezug auf das ſpaniſche Königspaar geſcheitert waren. Im Spätherbſt 1504 kam eine Ver⸗ abredung Frankreichs mit Oeſtreich zu Blois zu Stande, nach welcher ein Friedensſchluß zwiſchen Lud⸗ wig und Maximilian errichtet werden ſollte. Die Ver⸗ heirathung des Erzherzogs Karl von Luxemburg, des deutſchen Königs Enkel, mit der Prinzeſſin Claudia von Frankreich, Ludwigs Tochter, wurde noch einmal feſtgeſetzt und bildete gewiſſermaßen die Grundlage. Maximilian ließ den in Ludwigs Gefangenſchaft be⸗ findlichen Oheim ſeiner Gemahlin als Herzog von Mai⸗ land fallen und verſprach dem Könige Ludwig die Lehen dieſes Herzogthums; dafür gelobte Ludwig gleich nach Empfang des Lehnsbriefs hunderttauſend rheiniſche Gul⸗ den und nach ſechs Monaten die gleiche Summe zu zahlen. Wichtiger noch war der frühzeitige Tod der Königin von Caſtilien und der Uebergang ihrer Krone an das öſtreichiſche Haus, abgeſehen von dem vielbeſprochenen und angefochtenen Teſtamente. Faſt zu derſelben Zeit ereignete ſich in Deutſchland ein andrer Todesfall zu Gunſten des deutſchen Königs, nämlich der des kräfti⸗ gen Kurfürſten von Mainz, des braven, echt deutſchen Hauptes und Lenkers der Reichsſtände, des unbeugſa⸗ men Widerſachers der übergreifenden königlichen Ge⸗ 3 36 Die Königskrone. walt. Mit ihm verloren die widerſetzlichen Stände ihren Stützpunkt. Eben ſo folgereich für Maximilian war die Demüthigung des Kurfürſten von der Pfalz, die ihm in dieſem Jahre durch mehrere Siege gelungen war, und die dadurch bewirkte Schmälerung der Be⸗ ſitzungen des wittelsbachſchen Hauſes. Die durch den Tod Herzog Georgs des Reichen von Landshut (1. Deebr. 1503) herbeigeführten baierſchen Irrungen endeten ein Jahr ſpäter mit dem Tode des Hauptan⸗ ſtifters derſelben, des Sohnes des Kurfürſten von der Pfalz, Ruprecht, und mit der Unterwerfung des Erſtern unter die Gnade des Königs, vermittelt durch ſeinen andern Sohn, jenen Pfalzgraf Friedrich am burgun⸗ diſchen Hofe. Eine große Anzahl andrer deutſcher Fürſten ſchloß ſich, durch dieſen Sieg beſtimmt, dem Könige an. Marximilians ritterliche, heitere Perſön⸗ lichkeit, ſeine ſtete Beweglichkeit in Ausübung aller Kriegs⸗ und Friedenskünſte, ſein poetiſch kühner Sinn, der Alles mit ſich fortriß, ſeine Freigebigkeit, ſeine Popularität feſſelten dieſe Fürſten, meiſt junge Män⸗ ner, mehr und mehr an das königliche Intereſſe. Und ſo begrüßte das Jahr 1505 den König in den glücklichſten Umſtänden, den das Jahr 1503 in ſehr mislichen verlaſſen hatte. In ganz andrer Weiſe be⸗ rief er nun einen Reichstag nach Eöln, der im Juni zuſammentreten ſollte, als voͤr vier Jahren zu Augs⸗ burg; jetzt wollte er ſich den Ständen gegenüber als Die Königskrone. 37 König und Herr zeigen und dann ſeinen Römerzug an⸗ treten, um ſich vom Papſte die lang erſehnte Kaiſer⸗ krone zu holen. Eh' er aber die Verſammlung der Reichsſtände in Cöln perſönlich zu eröffnen gedachte, ging er nach Hagenau, um hier dieſe der Kurpfalz ab⸗ genommene Landvogtei in Eid und Pflicht zu nehmen, den Friedensvertrag mit König Ludwig von Frankreich in Vollzug zu bringen, ihn mit Mailand zu belehnen und das bedungene Geld in Empfang zu nehmen. Bei dieſer Gelegenheit wollte er ſeinen Sohn Philipp zu⸗ erſt perſönlich als König von Caſtilien begrüßen, ſich mit ihm wegen der nöthigen Schritte berathen, welche gegen die Erfüllung des Teſtaments der verſtorbenen Königin von Caſtilien zu thun ſeien, und ihm die Lehen wegen des Herzogthums Geldern und der Graf⸗ ſchaft Zutphen, ſowie für deſſen Sohn, den Erzherzog Karl, wegen des Herzogthums Luremburg ertheilen. Philipp war zu dieſem Behufe von ſeinem Vater feier⸗ lich nach Hagenau eingeladen worden, wohin ſich auch die meiſten Reichsfürſten und Stände begeben hatten. Der Koͤnig von Caſtilien brach mit einem großen und glänzenden Gefolge von Brüſſel auf und zog mit vielem Pomp den Rhein hinauf nach dem Elſaß. Als er ſich der freien Reichsſtadt Hagenau näherte, ſchickte ihm ſein Vater den Grafen von Fürſtenberg mit zwei⸗ hundert Berittenen von Adel über eine Stunde Wegs entgegen; er ſelbſt empſing den geliebten einzigen Sohn 38 Die Königskrone. inmitten ſeiner Hofherren eine Viertelſtunde vor der Stadt und die beiden Könige hielten nun mit ihren Höfen ihren prächtigen Einzug in dieſelbe. Da ſah man Vater und Sohn in Glück, Geſundheit und männ⸗ licher Schönheit ſtrahlen: Marimilian ſechsundvierzig Jahre alt, in gereifter Mannesſchöne, in der vollſten Blüte ſeiner Kraft, die edelſte und ſchönſte Männer⸗ geſtalt im ganzen Reiche mit dem milden, herzen⸗ gewinnenden, leutſeligen Weſen, das durch das Glück des letzten Jahres noch erhöht und gleichſam verklärt worden war— und Philipp den„Schönen,“ den frauen⸗ gefährlichen, verführeriſchen Fürſten, der in wenig 3 Wochen ſein ſieben und zwanzigſtes Geburtsfeſt zu feiern gedachte. Die bedenkliche Bläſſe, die vor einem Jahre Krankheit, Liebesgram, Aerger und Verdruß auf ſeine anmuthigen Züge gebreitet hatten, war jetzt der blühenden, lachenden Farbe der Geſundheit und des ſtolzen Glücksgefühls gewichen. Nie ſah man ein Paar herrlichere Königsgeſtalten, nie einen Vater und einen Sohn als ſo vollendet ſchöne Männer. Alle Herzen flogen ihnen entgegen; alle Knie beugten ſich unwillkürlich vor Ehrfurcht und Bewunderung vor die⸗ 1 ſen Königen, denen der Stempel der Majeſtät und. Milde, der Schönheit und des Glücks ſo deutlich auf⸗ geprägt war. Sie ſtanden auf dem Gipfelpunkte ir⸗ diſcher Herrlichkeit und Macht. Als die beiden Könige in ihren Gemächern auf dem — —— Die Königskrone. 39 Rathhauſe allein waren, umarmte Marimilian ſeinen Sohn und Frendenthränen ſchimmerten dabei in ſeinen Augen. —„Glück auf! mein Philipp,“ rief er tiefbewegt und begeiſtert,„daß wir uns ſo wiederſehen! Wie anders ſtehen unſere Sterne, als vor einundzwanzig Mon⸗ den, da du in Innsbruck krank und verzagt zu mir kamſt! Wie ſtrahlen ſie hell, die damals ein neidiſches Gewölk bedeckte! Und wie ſchnell, wie unerwartet hat ſich Alles geändert! Drei Todesfälle haben Oeſt⸗ reichs Glück nun für immer feſt gegründet. Iſabella's Tod hat dich zum Könige von Caſtilien erhoben, trotz ihrem neidiſchen Teſtament, mit dem wir, will's Gott, fertig werden wollen. Der Tod des landshuter Georg hat mir die Gelegenheit gegeben, den tückiſchen pfäl⸗ zer Kurfürſten niederzuſchmettern, und der Tod des mainzer Kurfürſten hat den Trotz der Stände gebrochen.“ —„Ich ſagte es ja ſchon lange, der Tod iſt mein beſter Freund,“ verſetzte Philipp lachend,„und wie ſeltſam! unſerm armen Gretchen gilt er für ihren ſchlimmſten Feind.“ —„Laß ihr Herz austrauern; das Schickſal hat ſie hart getroffen, während es dich zu ſeinem Liebling aus⸗ erſehen hat. Vor zwei Jahren durfte der Pfälzer wa⸗ gen, in der Fürſtenverſammlung auf meine Abſetzung anzutragen, und heute liegt er grollend in verbiſſener Wuth zu meinen Füßen. Sieh', dies Alles haben 40 Die Königskrone. wir der Spanierin zu verdanken. Jetzt reifen die Früchte meiner Saaten und ich danke dir, daß du auf mich hörteſt und dein Herz bezwangſt. Sieh', König Ludwig hat ſich in das Unvermeidliche gefügt und die Gedanken auf Neapel aufgegeben; er begnügt ſich mit Mailand; die alte Feindſchaft zwiſchen Frankreich und Oeſtreich iſt verſchwunden; dein Karl wird Claude's von Frankreich Gatte. Dein Schwiegervater, Ferdi⸗ nand, hat der ſterbenden Iſabella noch einmal feier⸗ lichſt geloben müſſen, ſich nicht wieder zu vermählen. Er iſt zwar erſt dreiundfunfzig Jahre alt, aber wer kann wiſſen, wie bald auch ſeine Stunde ſchlägt! Dann biſt du König von allen ſpaniſchen Königreichen, von Sicilien und Neapel und die weſtindiſchen Gold⸗ länder ſenden dir ihre Schätze.“ —„Wir werden ſie brauchen können,“ lachte Philipp wieder,„und wäre es nur, um den Fuggern unſere Schulden zu bezahlen.“ —„Damit hat es Zeit,“ meinte Maximilian.„Aber der treffliche Jakob kann uns in all dieſen Dingen von großem Nutzen ſein und ich empfehle ihn dir nach⸗ drücklich. Die ſpaniſchen Berge ſtecken voll edler Me⸗ talle; die Chriſten haben dort den Bergbau nicht ſo ver⸗ ſtanden und ausgeübt, wie ſonſt die Römer und nachher die Mauren. Dazu iſt Jakob Fugger der rechte Mann. Ferner verſteht Keiner beſſer als er, die weſtindiſchen Schätze auszubeuten. Er iſt der Geſchickteſte von Al⸗ Die Königskrone. 41 len, die ich kenne, uns die reichen Quellen zu eröff⸗ nen, die unter unſern Füßen rauſchen.“ —„Aber Iſabella's Teſtament, das Teſtament, mein Vater! Wollte König Ferdinand daſſelbe allen Ernſtes in Ausführung bringen, ſo würde meine Herrſchaft in Spanien in eine unbeſtimmte Ferne hinausgeſchoben und all unſere ſchönen Hoffnungen führen im Winde dahin.“ —„Mein lieber Sohn,“ entgegnete Maximilian ernſt, „du allein biſt es, der dieſes dir ſo ungünſtige Teſta⸗ ment veranlaßt hat. Ich kenne jetzt die ganze Ge⸗ ſchichte deiner Verirrungen und ihrer Folgen. Deine Buhlſchaft mit der ſchönen Kaufmannsfrau in Antwer⸗ pen rief die Eiferſucht deiner Gemahlin wach und ver⸗ leitete ſie zu einer unmenſchlichen Grauſamkeit. Der Zorn riß dich hin, ſie dafür mit eigner Hand zu züch⸗ tigen, und dieſe Behandlung von dir brachte ſie um ihren Verſtand. Ihr Wahnſinn empörte Iſabella's Mutterherz gegen dich; ſie erfuhr die Veranlaſſung in ihren kleinſten Umſtänden. Die Art und Weiſe, wie du dich am ſpaniſchen Hofe gabſt, vorzüglich deine tolle Leidenſchaft für die Herzogin von Najara und das Verſchwinden derſelben, das man dir allgemein ſchuld gab, erbitterten die Königin immer mehr gegen dich, und dieſes unſelige Teſtament iſt die Frucht dieſer Er⸗ bitterung. Es heißt zwar, die Verfügung der Reichs⸗ verweſerſchaft Ferdinands in ſeiner Tochter Namen ſei auf ausdrückliches Verlangen der Cortes geſchehen, aber 42 Die Königskrone. man weiß ſchon, wie das zu verſtehen iſt. Die Par⸗ tei des Königs Ferdinand in Spanien behauptet offen, du ſeiſt an der Krankheit und dem Tode der Königin ſchuld, du habeſt ſie todt geärgert.“ Philipps Züge hatten ſich verfinſtert.„Ich will und mag mich nicht entſchuldigen,“ ſagte er trotzig. „Ich habe dieſe Juanna nie geliebt und nie lieben können; aber ich hatte ein Herz von der Natur erhal⸗ ten, deſſen Gefühle für Liebe und Zärtlichkeit eben ſo ſtark, wenn nicht gar ſtärker waren, als die andrer Sterblichen.“ —„Ich will dir auch keine Vorwürfe machen,“ fuhr Maximilian begütigend fort.„Geſchehenes iſt nicht zu ändern. Ich will dir nur zeigen, daß du die Schuld dieſes Teſtaments nicht in Andern zu ſuchen haſt. Es gilt jetzt, dieſe dir feindliche Verfügung Iſabella's zu entkräften; denn Ferdinand ſcheint entſchloſſen, ihre Beſtimmungen in Kraft treten zu laſſen und die Re⸗ gentſchaft über Caſtilien zu behaupten.“ —„Und ich werde es nicht zugeben!“ rief Philipp 5 zornfunkelnden Auges.„Ich kenne die katzenfreundliche Treuloſigkeit dieſes Königs. Die meiſten Spanier an meinem Hofe aus den edelſten eaſtiliſchen Geſchlechtern haben mir verſichert, das Teſtament ſei falſch und untergeſchoben und König Ferdinand habe die Zuſtim⸗ mung der Cortes erſchlichen.“ —„Dies iſt ein uns günſtiger Umſtand,“ ſagte der Die Königskrone. 43 deutſche König.„Das Teſtament mag falſch oder echt ſein, ich glaube das Letztere, ſo behaupteſt du doch das Erſtere. Dazu kommt, daß Ferdinand in allen Königreichen, die der Krone Caſtilien unterworfen ſind, ſchlecht gelitten iſt und wenig Anhang hat, weil er die große Macht des ſtolzen hohen Adels auf alle Weiſe zu ſchmälern geſucht. Es hat ſich dort, wie ich aus den ſicherſten Quellen weiß, bereits eine mächtige Partei für dich gebildet“— —„Ja, und ſie beſteht aus der Jugend und der Kraft des eaſtiliſchen Adels“— —„Und ſie wird ſich vergrößern, ſobald du ſelbſt nach Caſtilien kömmſt. Ich rathe dir, ſobald als mög⸗ lich dorthin aufzubrechen. Es gibt für dich ein unfehl⸗ bares Mittel, den König Ferdinand, wenn er ſich dei⸗ ner Thronbeſteigung ernſtlich widerſetzen ſollte, ohne Schwertſtreich und gleichſam wie durch einen Zanber aus dem Felde zu ſchlagen, doch iſt es nur im äußer⸗ ſten Nothfalle und auch dann noch mit größter Vorſicht anzuwenden. Es iſt die neue Begünſtigung der in ihren uralten und großen Rechten von Ferdinand und Iſa⸗ bella gekränkten eaſtiliſchen Grandes.“ —„Ich weiß,“ ſagte Philipp,„Alles, was zum ho⸗ hen Adel Caſtiliens gehört, hat ſeine Hoffnung auf mich geſetzt; es ſind ihrer eine nicht kleine Anzahl in Brüſſel, welche von mir die Anerkennung ihrer alten Vorrechte beanſpruchen.“ 44 Die Königskrone. —„Du magſt immerhin dem Könige von Arra⸗ gonien damit drohen, du magſt immerhin den Ricos Hombres, Cavalleros und Hidalgos leiſe Hoffnungen machen, ihnen als König von Caſtilien wieder zur alten Macht und zum vorigen Anſehn zu verhelfen; du wirſt Ferdinand damit ſo fügſam und ſchmiegſam wie Wachs machen. Er wird dich ungehindert den eaſtiliſchen Thron einnehmen laſſen, um nur die Begünſtigung des eaſti⸗ liſchen Adels zu verhindern. Denn nichts hat er mehr zu fürchten. Würden die eaſtiliſchen Granden mit der Beſtätigung ihrer alten Rechte in deren ganzen Um⸗ fange begnadigt, ſo würden ſie nicht nur im Nu alle zu dir übergehen, ſondern der ganze hohe arragoniſche Adel würde ſogleich von ihm dieſelbe Begünſtigung ſtürmiſch verlangen. Er würde ihren Anforderungen Folge leiſten müſſen und die ganze Frucht ſeines Le⸗ bens wäre dahin. Die Erhebung der königlichen Macht auf Koſten der Macht des Adels iſt Zweck und Stre⸗ ben aller ſeiner Ränke geweſen. Sobald du im Lande biſt, wird er es nicht zum Aeußerſten kommen laſſen. Auch würdeſt du dir mit Anwendung dieſes letzten Mittels mit der eignen Fauſt in's Auge ſchlagen. Es muß ſo gut dein Ziel ſein, wie es das ſeinige iſt, die königliche Gewalt vom Adel unabhängig zu machen. Aber drohe ihm nur, er wird erſchrecken. Ich kenne ſeinen zaghaften, unentſchiedenen Charakter. Er iſt nur Meiſter in Ränken und Praktiken; ſobald eine kräftige Die Königskrone. 45 Hand in ſeine fein geſponnenen Fäden greift und ſie zerreißt, iſt er am Ende.“ —„Und ich würde nicht anſtehen, ſie mit dem Schwerte zu durchhauen. Erſt will ich dieſen ränkevollen Egmont in den Niederlanden demüthigen und mein gutes Recht auf Geldern behaupten, dann ſogleich nach Caſtilien, um mit dem eben ſo geſinnten König Ferdinand eben ſo zu verfahren. Die gefährliche Waffe, die mich ſelbſt verwunden würde, werde ich nur anwenden, wenn nichts weiter verfangen will.“ —„Ich lobe deinen Entſchluß und er wird dir zum Siege verhelfen!“ rief Maximilian feurig.„Während du nach Caſtilien gehſt, ziehe ich nach Rom, um mich endlich Kaiſer des heiligen römiſchen Reichs deutſcher Nation nennen zu können. Sobald wir zurückgekehrt ſind, erheb' ich dich zum römiſchen Könige. Jetzt wa⸗ gen die Stände nicht mehr, mir in dieſem Punkte zu widerſprechen; ſie werden es ſich ſogar zur Ehre ſchätzen, daß der König von Eaſtilien auch ihr König iſt. Ich kenne meine Deutſchen. Das Vaterländiſche hat für ſie erſt Werth, wenn es im Auslande zu etwas geworden iſt. Erſt durch Spanien iſt Oeſtreich wieder in Deutſchland zu Ehren gekommen. Dann rüſten wir uns mit aller Kraft und Caſtilien und die deutſche Nation ſollen uns ein tüchtiges Heer ſtellen, womit wir die Türken aus Europa vertreiben. Und ſo hoff' ich meinen Philipp noch auf dem Throne der alten byzan⸗ 46 Die Königskrone. tiniſchen Kaiſer in Konſtantinopel ſitzen zu ſehen und einſt, wenn ich nicht mehr auf Erden wandle, werden die Kronen des morgen⸗ und abendländiſchen Kaiſer⸗ reichs auf deinem Haupte endlich wieder ihre Vereini⸗ gung finden und das Haus Oeſtreich wird der Welt Geſetze vorſchreiben.“ Philipp umarmte ſeinen Vater, hingeriſſen von deſ⸗ ſen dichteriſcher Phantaſie. Er ſah ſich erhöht über alle Könige der Erde und welcher junge Fürſt hätte nicht zu allen Zeiten gern die Welt beherrſcht! Er gelobte ſeinem Erzeuger und ſich, die ſpaniſche Juanna, das unſchöne Glückskind, wohl zu halten und ihre wahnſinnigen Launen mit Geduld zu ertragen.— Der König von Frankreich kam nicht ſelbſt nach Hagenau, wie er verſprochen hatte, ſondern ſandte den Kardinal von Rohan, George von Amboiſe, als Bevollmächtigten, welcher denn auch die Lehen über Mailand in ſeines Herrn Namen erhielt und gegen den Lehnsbrief die bedungene Summe zahlte. Nach Beendigung der Geſchäfte beſuchten die bei⸗ den Könige erſt das nahe Straßburg und zogen dann zuſammen, von ihrem beiderſeitigen großen Hofſtaat umgeben, den Rheinſtrom hinab. Alle Rheinſtädte von Straßburg bis Cöln kamen ihnen huldigend entgegen. Ihre vom heiterſten Frühlingswetter begünſtigte Reiſe war ein Triumphzug, wie der alte Vater Rhein lange keinen geſehen. Die jubelnden Menſchen träumten und —— — Die Königskrone. 47 ſchwärmten von der Wiederkunft der glücklichſten und glorreichſten Zeiten des deutſchen Reichs. Alle ſchienen vergeſſen zu haben, welche Elemente im deutſchen Volke gährten, daß die alte Herrlichkeit für ewig dahin war und die Welt mit einer andern Zeit ſchwanger ging. Hunderte von Fürſten und Herren begleiteten die Kö⸗ nige; tauſendweis lag das Volk überall auf ihrem Wege. So ging es fort bis Cöln, wo ſie von den zum Reichs⸗ tage verſammelten Ständen begrüßt wurden, Maximi⸗ lian ſich zur Eröffnung des Reichstages anſchickte und Philipp ſeine Heimreiſe nach Brüſſel fortſetzte. Die Königskrone. Fünftes Rapitel. Der König von Caſtilien traf in ſeiner niederländiſchen Reſidenz eine Anzahl fremder Gäſte, welche während ſeiner Abweſenheit dort eingetroffen waren und ſeiner harrten. Es waren meiſt junge Caſtilier, die ſich am Hofe Philipps mehr Vortheile verſprachen als an dem Ferdinands, und denen das muntere, offene, freie und leichtſinnige Weſen des jungen Königs mehr zuſagte, als die ſüßliche Scheinheiligkeit und heuchleriſche Sit⸗ teſtrenge des alten. Dann waren es Deutſche, Fran⸗ zoſen und Italiener, meiſt Abenteurer und brodloſe Soldaten, die kaum von einer Spannung Philipps mit ſeiem Schwiegervater gehörty als ſie auch auf einen Kieg zwiſchen Beiden hoffend, ſcharenweiſe herange⸗ zogen waren, oder reiche Wüſtlinge, die das lockere und üppige Leben am Hofe zu Brüſſel herbeigelockt hatte. Dabei fehlte es nicht an fahrenden Künſtlern, Sängern und Gauklern, liederlichen Dirnen, Zigeu⸗ Die Königskrone. 49 nern, Juden, Dieben und anderm ſchlechten Geſindel aus aller Herren Ländern. Seit dem Tage, an welchem ſich Philipp zum Könige hatte ausrufen laſſen, war das bunte Menſchengetreibe und Gedränge von Woche zu Woche größer geworden; die ältern Einwohner Brüſſels behaupteten, es ſei ſelbſt in der Zeit des höchſten Glanzes Karls des Kühnen nicht ſo zahlreich geweſen wie jetzt. Philipp fand in der ihm vorgelegten Namensliſte der Spanier, die ſich ihm vorſtellen laſſen wollten, junge Männer, die ihm perſönlich bekannt waren; höchlichſt verwundert war er, auch den Namen des Don Her⸗ nandez de Villaquiran, einzigen Sohnes des Herzogs von Najara und Amiranten von Caſtilien zu leſen, mit dem er vor drei Jahren in Toledo in eine eben ſo ſeltſame als verdrießliche Berührung gekommen war. Dieſer finſtere und ſtolze Caſtilier hatte, als er von ſeinem Vater dem Erzherzoge zuerſt vorgeſtellt worden, einen unangenehmen Eindruck auf dieſen gemacht und ſowol die Entdeckung Philipps, daß Hernandez mit ihm dieſelbe Leidenſchaft für deſſen Stiefmutter hege, als auch der aus dieſer Leidenſchaft entſprungene, wenn auch unvorſetzliche Mord des Herzogs von Najara durch die Hand des Sohnes hatten dieſen Eindruck in der Bruſt des Prinzen von Spanien bis zur äußerſten Ab⸗ neigung geſteigert. Inzwiſchen war Don Hernandez nach jener unſeligen Nacht unſichtbar geworden und Eein deutſcher Leinweber. III. 4 8 ½ 50 Die Königskrone. die ſpätern Ereigniſſe hatten ihn in Philipps Anden⸗ ten zwar nicht verwiſcht, aber doch zurückgedrängt. Es war einige Mal zu des Erzherzogs Ohren gekommen, Hernandez fechte unter dem Großcapitain in Neapel gegen die Franzoſen mit Auszeichnung. Daraus hätte man ſchließen können, er ſei ein Anhänger des Königs Ferdinand. Um ſo mehr ſchien ſein unerwartetes Er⸗ ſcheinen in Brüſſel zur Vorſicht gegen ihn zu rathen, denn es ſtand von Ferdinands Ränkeſucht zu erwarten, daß er in Brüſſel ſeine geheimen Spione und Agenten habe. Aber der Name des Don Hernandez rief im Könige noch andere Gedanken wach. Schon zur Zeit des Verſchwindens der Herzogin von Najara war der Verdacht in ihm aufgeſtiegen, ob nicht ihr Stiefſohn ihr Entführer ſein möchte, der die Spannung zwiſchen der Königin Iſabella und ihrem Schwiegerſohne ge⸗ ſchickt benutzt und, während dieſe Beiden ſich gegen⸗ ſeitig der Entführung der Herzogin beſchuldigten, ruhig ſeinen Raub in Sicherheit gebracht habe. Philipp hatte deshalb ſeinen Spion, den Zigeuner Antonio Cebes, nach deſſen Rückkehr aus Ungarn und Böhmen, wo er Donna Luiſa vergeblich geſucht, nach Neapel geſandt, damit er dort den Don Hernandez beobachte, um vielleicht dadurch der verſchwundenen Dame auf die Spur zu kommen, denn ſo nahe die Vermuthung lag, Don Hernandez möchte ſeine Stief⸗ mutter entführt haben, ebenſo nahe daran reihete ſich Die Königokrone. 51 die zweite, er möchte ſie in ſeiner Nähe in einem feſten und ſichern Verſteck halten; dazu bot das nea⸗ politaniſche Land die ſchönſten Gelegenheiten. Der Zi⸗ geuner Antoniv war abgereiſt, hatte aber nun ſeit faſt einem Jahre nichts von ſich hören laſſen und Philipp vermuthete, er möchte um's Leben gekommen ſein. Sein Argwohn gegen Don Hernandez erhielt aber durch den Umſtand neue Nahrung, daß nach dem Tode der Kö⸗ nigin Iſabella noch immer nichts von dem Aufenthalts⸗ orte der Herzogin von Najara verlautete. Und nun war dieſer Caſtilier plötzlich in Brüſſel, um ſich zur Partei des Königs Philipp zu ſtellen. Dieſer beſchloß alſo mit gutem Grund, den ihm verdächtigen Menſchen ſcharf überwachen zu laſſen. Wenn auch durch ſeine Erhebung und die daraus entſtandene Verwicklung der Ehrgeiz in Philipps Bruſt in jüngſter Zeit den Sieg über ſeine Leidenſchaft für das ſchöne Geſchlecht davon getragen und andere kleine Liebesabenteuer das Andenken an ſeine erſte Geliebte etwas abgebleicht hatten, ſo waren ſeine Gefühle für Luiſe von Maine immer noch ſtark genug und ſchlum⸗ merten nur, um bei der erſten Gelegenheit wieder um ſo mächtiger zu erwachen. Das Erſcheinen des Don Hernandez ſchien faſt eine ſolche Gelegenheit zu ſein. Der König beauftragte den Pfalzgrafen Friedrich, ge⸗ rade dieſen Caſtilier auf das ſorgfältigſte förmlich zu umſtellen, um von jedem Schritte deſſelben Rechenſchaft Die Königskrone. geben zu können. Hierauf ließ er die Spanier ſich vorſtellen und unterhielt ſich mit Don Hernandez länger als mit den übrigen. Weder der verſtorbene Herzog von Najara, noch die Herzogin wurden in dieſer Unter⸗ redung erwähnt. Die in Brüſſel anweſenden Spanier machten der Königin Juanna ſo oft die Aufwartung und drängten ſich dergeſtalt in ihre Vorzimmer, daß jede andere Frau davon beläſtigt worden wäre; Donna Juanna ſchien aber großes Wohlgefallen an dieſen Beſuchen zu finden und da ſie ſich ſtets auf die heiterſte Weiſe mit ihren Landsleuten unterhielt und die Anfälle von Trüb⸗ ſinn und Geiſtesſchwachheit ſich faſt ganz verloren hatten, ſo erlaubte Philipp jedem Spanier freien Zu⸗ tritt zu ihr. In Folge des erhaltenen Auftrags berichtete der Pfalzgraf Friedrich noch an demſelben Tage, daß kei⸗ ner der anweſenden Caſtilier die Königin während der beiden letzten Wochen mehr beſucht habe, als Don Hernandez de Villaquiran, und daß er noch öfter auf den Zimmern der Oberhofmeiſterin der Königin, der Donna Francesca dUllva und des Kammerherrn Con⸗ chillos geſehen worden ſei. Die genannte würdige Dame war, trotz aller gegen Philipp geſponnenen In⸗ triguen, noch immer in der wichtigen und einflußreichen Stellung um die Perſon der Königin, weil dieſe feſt darauf beſtand und man ihr wie einem kranken und Die Königskrone. 53 verzogenen Kinde nachgeben mußte. Dem Könige waren die Geſinnungen der Donna Francesca nie ein Geheimniß geweſen, doch lachte er mehr über die Feindſchaft der ernſtſtolzen Dame, als daß er ſich dar⸗ über ereifert hätte. Sie kamen wenig miteinander in Berührung. —„Die Oberhofmeiſterin,“ berichtete der Pfalz⸗ graf,„gibt einigen ihrer Landsleute kleine ſchwelgeri⸗ ſche Bankets, auf denen Don Hernandez den Vorſitz führt. Conchillos macht gleichſam den Wirth. Aber weder einer der übrigen Caſtilier, die Ew. Majeſtät ergeben ſind, noch ein Niederländer hat dabei Zutritt gefunden; da man dieſe Zuſammenkünfte als Ge⸗ heimniß behandelt und keiner der dazu Gezogenen ſie einem Andern eingeſteht, ſo fürchte ich mit einigen an⸗ dern edlen Caſtiliern, daß das, was dort verhandelt wird, eben nicht zum Vortheile Ew. Majeſtät ſein möchte.“ —„Wir müſſen einen der Unſrigen unter falſcher Firma zu dieſen Convivien bringen. Welchen von den Spaniern, die ſich hier aufhalten, hältſt du am ge⸗ ſchickteſten dazu?“ —„In der That, ich weiß Keinen. Hab' ich doch trotz aller Mühe noch nicht auskundſchaften können, wer Alles dazu gehört und wer nicht, ſo geheim hal⸗ ten ſie die Sache. Hätte mir nicht ein Zufall die Kunde von dieſen nächtlichen Gaſtmählern zugeführt, ſie würden mir ſelbſt noch ein Geheimniß ſein.“ & 54 Die Königskrone. —„Und welches iſt dieſer Zufall?“ —„Ew. Majeſtät erinnern ſich der ſchwarzen Dienerin der Frau Eleonore van der Kapellen in Ant⸗ werpen“— —„Ah, die ſchwarze Matty! Wie ſollt' ich nicht! Sie iſt jetzt bei meiner Schweſter und ich habe ſie vor meiner Reiſe beſchenkt.“ —„Nun ich hatte damals einen kleinen Minne⸗ handel mit der feurigen Negerin. Sie iſt mir gewo⸗ gen geblieben. Solch' afrikaniſche Augen und Ohren ſehen und hören mehr als die unſerigen. Matty hegt einen glühenden Haß gegen den Pater Innocenz, der ſeine Erhebung zum Domdechanten hier Euch allein verdankt.“ —„Du weißt, wie viel Verbindlichkeiten ich dem ſchlauen Pfaffen ſchuldig war. Ich habe mich für ihn verwendet, daß er hierher verſetzt wurde, und ich führte ihn der Königin zu, theils um ihr durch ihn eine angenehme Unterhaltung zu gewähren, wozu er, trotz ſeinem ſchlechten Sprachorgan, vortreffliche Ta⸗ lente beſitzt, theils ſollte er mir ein Auge auf die Leute halten, die ſich an die Königin drängen. Ich fürchte dieſe Ränkeſchmiede nicht, aber ich möchte doch gern wiſſen, was ſie thun und treiben.“ —„Dann müßte ja durch dieſen Pater am erſten und leichteſten zu erfahren ſein, was bei den mitter⸗ nächtlichen Bankets hinter den verſchloſſenen Thüren Die Königskrone. 55 der Oberhofmeiſterin vorgeht; denn auch er gehört mit zu den begünſtigten Gäſten der Donna Francescg dUllva.“ —„Auch er?! Weißt du das gewiß?“ —„Ich weiß es von Matty, von der ich über⸗ haupt von dieſen heimlichen Zuſammenkünften erfuhr. Geſteh' ich Euch offen, Majeſtät, ich habe dieſem Pfaffen nie getraut.“ —„Er rettete mich damals durch ſeine heit und Liſt aus der Schlinge, die mir der portugie⸗ ſiſche Schiffscapitain Magelhaens gelegt hatte. Und er zeigte viel Anhänglichkeit an meine Perſon.“ —„Er rechnete auf Eure Dankbarkeit und der Erfolg hat bewieſen, daß ſeine Rechnung richtig war. Den Preis, den er ſich für ſeine Gefälligkeiten von Frau Elevnore van der Kapellen, ſeiner Beichttochter, bedungen, habt Ihr freilich nie erfahren.“ —„Welchen?“ —„Sich mit Euch in ihre Gunſt zu theilen.“ —„Teufel!— Woher weißt du das?“ —„Matty hat es mir vor einigen Tagen erſt verrathen. Dieſer Pfaffe dient nur Dem, von dem er den meiſten Vortheil erwarten darf. Er hat ſich durch ſeine Zuträgereien und Klätſchereien bei der Königin beliebt zu machen gewußt.“ —„Das war meine Abſicht.“ —„Aber hat er Ew. Majeſtät in ſeiner Stellung Die Königskrone. genützt? Habt Ihr von ihm etwas über die im Fin⸗ ſtern in Eurer niederländiſchen Reſidenz ſchleichende arragoniſche Partei erfahren, von der er wiſſen muß, ſelbſt wenn uns nicht bekannt wäre, daß er zu den Freunden der Oberhofmeiſterin gehört?“ —„Du haſt recht, Fritz!“ rief der König ärger⸗ lich.„Und ich habe dieſen Plattenträger mit Gunſt⸗ bezeigungen überſchüttet, um mich ihm dankbar zu zeigen.“ —„Es iſt den Pfaffen ein Bedürfniß, falſch und treulos zu ſein, wie Licht und Luft.“ —„Doch ſag', wie iſt die Mohrin hinter des Paters Schliche gekommen?“ —„Sie haßt ihn, wie ich Euch ſchon ſagte, ärger als den Teufel, weil er ihre ehemalige Herrin, die Frau van der Kapellen, in ihrer größten Noth eben⸗ falls treulos verließ, um deren Gunſt er erſt ſo unab⸗ läſſig gebuhlt, und ſich zu ihrem Gemahl wandte, den er doch erſt durch böſe Liſt und Betrug auf allerlei Art hintergangen. Sie hat es geahnt, welche Wege er hier im Schloſſe wandle, und iſt ihm, ſeit ſie im Dienſte der Erzherzogin ſteht, nachgeſchlichen, leiſe und vor⸗ ſichtig wie eine Katze; ſie hat ſich mit einer Dienerin der Oberhofmeiſterin befreundet und ſo iſt ſie allmälig dahinter gekommen, daß Donna Francesca in ſtiller Nacht zuweilen einige Freunde bewirthet und daß Don Hernandez de Villaquiran, Don Ludovico Conchillos —— Die Königskrone. 57 und Pater Innocenz die Hauptperſonen bei dieſen Cyn⸗ vivien ſind.“ —„Sollte es nicht möglich ſein, durch Matty mehr zu erfahren? Es gilt nicht allein, die Pläne zu er⸗ forſchen, welche dieſe Partei ſchmiedet, und wieweit die Königin dabei betheiligt iſt; wir müſſen auch zu erfahren ſtreben, wo der Käfig iſt, in welchem dieſer Hernandez meine arme Luiſe gefangen hält, um ſie ihm, das Lamm dem Tiger, zu entreißen. Die Mohrin kann ein treffliches Werkzeug für unſere Zwecke werden.“ —„Der Weg zu dieſem Ziele iſt ſchon angedeutet, Majeſtät. Die Königin hat die Mohrin öfter bei der Erzherzogin geſehen und großes Wohlgefallen an ihrer geſchmeidigen Gewandtheit gefunden. Es iſt begreiflich, Matth iſt eine ſchwarze Katze in Menſchengeſtalt, und die Königin fühlt ſich ja unwiderſtehlich zu allen Katzen hingezogen. Sie hat alſo die Erzherzogin ſchon einige Male angegangen, ihr die Afrikanerin abzulaſſen. Die Erzherzogin hat ſich deſſen aber mit der Entſchuldigung geweigert: Matty ſei ihr von werther Hand als ein unveräußerliches Gut anvertraut. Könnt Ihr nun Eure durchlauchtigſte Schweſter vermögen, die Schwarze der Königin abzutreten, ſo denk' ich, wir werden bald mehr erfahren, was hinter jenen Schlöſſern und Riegeln abgekartet wird; denn Matty iſt Ew. Majeſtät immer noch mit Leib und Seele ergeben.“ —„Matty muß heute noch zur Königin!“ rief der Die Königskrone. König heftig.„Ich werde ſogleich ſelbſt mit Gretchen ibretwegen ſprechen.“. —„Noch hab' ich Ew. Majeſtät zu melden, daß Antoniv Cebes ſeit einigen Tagen hier iſt“— —„Antonio iſt hier?!“ rief der König überraſcht. Und das ſagſt du mir jetzt erſt? Und er iſt noch nicht bei mir?!“ —„Er hat mich gebeten, ihm Gehör bei Ew. Majeſtät zu verſchaffen.“ —„ Schnell hole ihn herbei! Weißt du, daß jetzt unſer Mann gefunden iſt, den wir in den Freundes⸗ bund der Oberhofmeiſterin einſchmuggeln? Er ſoll uns dort für einen edlen Arragonier gelten, der direct von meines Schwiegervaters Heer aus Neapel kommt. Dieſer Zigeuner und das ſchwarze Kind von der Gold⸗ küſte ſind ein Goldſchatz für uns.“ —„Ihr habt recht, gnädigſter Herr,“ lachte der Pfalzgraf,„dieſe Beiden nehmen es mit den Praktiken aller ſchwerfälligen Ehrendamen und finſtern Partei⸗ gänger auf; ja ich glaube, ſie vermöchten den Teufel ſelbſt zu überliſten. Doch dabei fällt mir noch eine wichtige Perſon ein, die während Eurer Abweſenheit von Brüſſel hier angekommen iſt, um Euch mit ehr⸗ furchtsvoller Huldigung zu begrüßen!“ —„Noch eine wichtige Perſon?! Hilf Himmel, was ſtrömt alles nach Brüſſel, ſeit ich König von Ca⸗ ſtilien bin! Wer iſt's, mein Junge?“ Die Königskrone. 59 —„Eine Königin, Herr, die Tochter uralten Herrſcherſtammes.“ —„Eine Königin?!“ rief Philipp überraſcht. „Treibſt du Scherz mit mir?“ —„Keineswegs. Ich ſpreche im vollſten Ernſt. Es iſt Zaroya, das reizende Zigeunerkind, Euch und mir gar wohl bekannt, die Tochter der Pharaonen. Sie iſt mit einer kleinen Anzahl ihrer Unterthanen aus den eaſtiliſchen Bergen, ihrer reizenden Heimat, ge⸗ kommen, um Euch, ihrem Herrn und Gebieter, die Ehrfurcht zu beweiſen; denn ſeit wir ſie nicht geſehen, iſt ſie durch das Ableben ihrer königlichen Mutter Be⸗ herrſcherin ihres Stammes geworden, und das nicht allein, ſie hat auch ſchon wieder die künftige Königin, ihre Nachfolgerin, zur Welt gebracht.“ —„Ah, was du ſagſt! Und wer iſt der Vater dieſes fürſtlichen Sproſſen?“ —„Kann ich das wiſſen, Majeſtät? Die nied⸗ liche Puppe, welche Zaroha, die reizende Frau, ſchon vor mir tanzen ließ, iſt, wie mir die Mutter ſagte, be⸗ reits drei Jahre alt. Wahrlich, wenn ich nicht ſelbſt ſo arg hinter's Licht geführt worden wäre, Euch ſtatt der jungen ſchönen Zaroya die alte häßliche Karracha in Blois zuzuführen, ich würde ſchwören, das wunder⸗ ſchöne Prinzeßchen habe keinen Tropfen anderes als bochfürſtliches Blut in den⸗Adern, denn in jene Zeit, wenn Euch gefalirgit ein klein wenig nachzurechnen, Die Königskrone. fällt ſeine Entſtehung. Sie will, wie alle eaſtiliſche Granden, für ſich und ihr Kind Ew. Majeſtät um Be⸗ ſtätigung, ich glaube ſogar um Erweiterung und Ver⸗ mehrung ihrer alten Privilegien und Freiheiten bitten und ſie getröſtet ſich der Hoffnung, Ihr werdet ihr nichts abſchlagen.“ „Wahrlich, dazu iſt ſie zu ſchön und ich war viel zu verliebt in ſie, um jetzt den Grauſamen ſpielen zu können. Auch hat ſie mir ja die Krone prophezeit, die jetzt ſchon mein iſt. Nicht wahr, du ſchriebſt ihre ganze Prophezeiung auf?“ —„Ich that es auf Euern Befehl.“ —„Und du haſt das Geſchrift wohl aufbewahrt?“ —„Ich habe es!“ —„Für Anna von Fvoir und mich iſt ſchon Vieles eingetroffen. Für Germaine und dich muß es erſt noch kommen.“ —„Auch bei Ew. Majeſtät müßte ſich noch man⸗ ches ihrer Worte erfüllen, wenn ſie wahr geſprochen. Die Krone, die ſie mir prophezeit, will ich ihr ſchenken.“ Es ſchien, als hätte die Erinnerung an die erhal⸗ tene Prophezeiung plötzlich beide junge Männer ernſt geſtimmt, und der Pfalzgraf verabſchiedete ſich, um Antonio Cebes und die Zigeunerkönigin vom Willen des Königs zu unterrichten, er ſie zu empfangen bereit ſei. Die Koͤnigskrone. 61 Sechstes Rapitel. Es war denſelben Abend gegen ſieben Uhr, als ein Diener der Königin eine ſeltſam verhüllte Frau neben den burgundiſchen Hellebardieren, die das Schloßthor bewachten, vorbei in das Schloß führte. Die herrlichſte Frühlingsſonne ſpiegelte ihren weſelichen Purpur in den zahlloſen Fenſtern und die grünen Bäume rauſchten vor denſelben. Die Natur verſprach eine warme üppige Nacht. Die Hellebardiere witzelten über das vermummte Weib und ihren ſpäten Gang. Dergleichen Erſchei⸗ nungen waren nichts Ungewöhnliches im Thore der Hofburg zu Brüſſel; und wann ſind ſie überhaupt in fürſtlichen Schlöſſern etwas Seltenes geweſen? Der gemeine Mann aber rächt ſich ſtets durch boshaften Witz an der Sünde der Vornehmen. Die Hellebardiere hatten indeß unrecht; denn das Weib ſchlüpfte über die Treppen und Corridore, die zu den Gemächern der Königin führten, und wurde endlich an einer Thüre von der Kammerfrau der Ober⸗ hofmeiſterin empfangen und durch ein düſtres, hohes und Die Königskrone. weites Vorzimmer zum Cloſet der Donna Francesca dulloa geführt. Die Ober⸗, Ehren⸗ und Hofdame der Königin, deren Leib an Umfang und deren Naſe an Kupferfarbe bedeutend gewonnen hatte, erhob ſich mit einem ſchmunzelnden Gruße aus einem ſehr bequemen Polſterſtuhle und trat, faſt alle ihre ſonſt mit ſo viel ſpaniſch⸗ſtolzem Anſpruch geltend gemachte ſteife Würde vergeſſend, auf die Eingetretene los, die ſich jetzt ſchnell als die alte Zigeunerin Karracha entpuppte. Mit einer bei der Standesverſchiedenheit der beiden Frauen um ſo ſtärker auffallenden Vertraulichkeit be⸗ gannen ſie im alteaſtiliſchen Bergdialekt, den die übri⸗ gen Spanier kaum Lerſtehen, ihre zungenſchnelle Unter⸗ haltung. —„Grüß' Gott, Karracha! Kommſt du aus Caſtilien?“ —„So iſt's, Donna Francesca. Und Ihr werdet bald ins Vaterland zurückkehren?“ —„Wär' ich dort, Karracha! Wär' ich in den Bergen, wo einſt Don Ruy Garcias um meine Liebe warb!“ —„Wie kommt Ihr doch auf dieſen todten Mann zu ſprechen?“ —„Karracha, ſeit er todt und die ſchauerliche Prophezeiung ſeines ſterbenden Bruders Henriquez an ihm in Erfüllung gegangen iſt, hat ſich eine mir uner⸗ klärliche Veränderung mit mir begeben. Ich glaube, Die Königskrone. 63 ſein Geiſt verfolgt mich, um ſich an mir zu rächen, daß ihn mein Stolz in all' das Unglück geſtürzt. Ich habe keine Ruhe vor ihm und mir iſt, als müßte ich ebenfalls bald ſterben.“ —„Iſt's endlich aus mit Euerem Stolze?“ fragte die Zigeunerin mit ſchadenfrohem Grinſen.„Iſt das harte Fleiſch endlich doch mürbe geworden? Nun es iſt wahr, das muß vor Euerem nahen Ende ſein.“ —„Meinſt du wirklich?“ fragte die alte Dame höchlichſt erſchrocken und zitterte an allen Gliedern. „Können mir deine Kräutertränke nicht noch ein paar Jahre zulegen? Ich bin ja erſt zweiundſechzig Jahre alt. Das iſt doch noch keine Zeit zum Sterben. Ich will dich reich machen, Karracha, wenn du mir ein wirkſames Lebenselirir bereiteſt. Schau', ſchau' in meine Hand, ob du den nahen Tod darin ſiehſt!“ Karracha konnte die Hand kaum halten, die Züge kaum erkennen, ſo ſtark zitterte die Oberehrendame. „Der Tod droht Euch nur, Donna Francesca; wir müſſen ihn zu vertreiben ſuchen und ich glaube, es wird uns gelingen.“ Das Geſicht der Oberhofmeiſterin war erdfahl ge⸗ worden, Naſe und Lippen blau; jetzt kehrten allmälig die urſprünglichen Farben wieder; ſie legte eine Börſe in Karracha's Hand und ſagte:„Bring mir heute das Lebenselirir. Nur jetzt nicht ſterben! Nur jetzt nicht! Denn meine Pläne fangen an zu reifen. Aber wird Die Königskrone. dein Elixir auch anſchlagen? Der Kräutertrank, den du mir vor drei Jahren in Caſtilien für die Königin Inanna gabſt, um ſie vom Liebeszauber zu befreien, mit dem ſie ihr Gatte umſponnen, hat nichts geholfen. Sie iſt ja heute noch ebenſo wahnſinnig in ihn verliebt, wie damals, und er iſt wo möglich noch kälter, treu⸗ loſer und ſchlechter gegen ſie geworden.“ —„Dann iſt ſie auch von keinem Zauber um⸗ ſtrickt. Aber ſollte die Königin ihren Gemahl jetzt wirklich noch ſo ſtark lieben wie ſonſt?“ Die Zigen⸗ nerin ließ dabei einen forſchenden Blick auf dem Ge⸗ ſichte der alten Caſtilierin ruhen. —„Ich merke ſchon, Karracha, du weißt etwas. Nun ja, es iſt mir, dem Senjor Conchillos und Don Hernandez de Villaquiran gelungen, ſie endlich von ihrem treuloſen Gatten abwendig zu machen und ihr Herz ihrem frommen und trefflichen Vater zuzuwenden. Die neuerliche Abweſenheit des Königs in Hagenau hat uns dabei guten Vorſchub geleiſtet. Aber es kommt darauf an, die letzte Spur von Liebe aus ihrem Her⸗ zen zu vertilgen. Dann hoff' ich zu ſiegen über dieſen König; es kommt mir jedesmal ſauer an, ihn ſo zu nennen. Du mußt mir mit deinen Zaubermitteln nochmals zu Hülfe kommen, Karracha. Du mußt mir deine Kräfte leihen, mußt dich mit mir verbinden, um dieſen jungen blonden S glücklich aus dem Felde zu ſchlagen.“ 1— Die Königskrone. 65 —„Wenn Ihr meine Hülfe in Anſpruch nehmt, dürft Ihr mir gar nichts verhehlen, Donna Francesca. Ich muß Alles wiſſen, ſoll ich mit glücklichem Erfolg wirken. Ihr kennt meine Ergebenheit und Treue ſeit 3 vierzig und mehr Jahren. Entdeckt mir alſo Euern Plan.“ —„Pah, er iſt kein anderer, als daß dieſer ſoge⸗ nannte König Philipp niemals wirklicher König von Caſtilien werden darf. Er ſoll nichts als den Litel haben.— Du weißt, die verſtorbene Königin Iſabella, glorreichen Andenkens, hat ihren treuloſen Schwieger⸗ ſohn in ihrem Teſtamente, durch die Blume geſprochen, von der Thronfolge ausgeſchloſſen und ihren Gemahl Don Fernando von Arragon zum Regenten bis zur Großjährigkeit ihres Enkels Don Carlos ernannt. Ich ſchmeichle mir mit Recht nach beſten Kräften zur Ab⸗ faſſung dieſes Teſtaments beigetragen zu haben. Die Amme des verſtorbenen Prinzen Don Juan von Aſtu⸗ rien, Donna Juanna de la Torre, hat der Königin fleißig dabei gerathen und die Amme iſt meine Freun⸗ din. Auf dieſem Wege erfuhr die arme Königin alle Schandthaten ihres Schwiegerſohns. Nun das Teſia⸗ ment da iſt, ſoll und muß es natürlich auch in Kraft treten. König Fernando iſt entſchloſſen, die Beſtim⸗ mungen des Teſtaments mit Nachdruck auszuführen und den leichtſinnigen Oeſtreicher nicht zur Regierung von Caſtilien zu laſſen. Aber Philipp hat ſtarken Anhang Ein deutſcher Leinweber. III. 5 Die Königskrone. in Caſtilien unter dem hohen und niedern Adel, dem er Hoffnungen macht, ihm die alten Freiheiten und Privilegien, welche König Fernando und Iſabella ge⸗ ſchmälert, wieder in ihrer ganzen Ausdehnung zu be⸗ ſtätigen. Ja, er iſt gottlos genug zu drohen: er wolle das heilige Ketzergericht aufheben, und ich glaube, er iſt im Stande, dieſe Verruchtheit wirklich zu vollbrin⸗ gen. Wozu wäre er nicht fähig! Die meiſten Gran⸗ den wünſchen aber die Aufhebung der heiligen Inquiſi⸗ tivn. Es kommt alſo jetzt darauf an, dieſen Sauſewind bei dem ſittenſtrengen Adel Caſtiliens in Verruf zu bringen. Nichts fürchten ſie mehr als einen liederlichen und ausſchweifenden König. Du weißt, Karracha, wie ich iſt alles reine eaſtiliſche Adelsblut in dieſer Hin⸗ ſicht geſinnt. Sehen dieſe eaſtiliſchen Granden die heilige Unverletzbarkeit ihrer Ehen, die Tugend ihrer Frauen und Töchter von einem Könige bedroht, der ihnen aus einem fremden Lande, von einem deutſchen Geſchlechte kommt, ſo werden ſie ihn verwerfen und wenn er ihnen noch ſchönere Verſprechungen macht. Nun hat Philipp vor drei Jahren durch ſeine Auffüh⸗ rung ſchon ihren gegründeten Verdacht erregt, jetzt kommt es darauf an, ihnen Beweiſe vorzulegen, welch ein gottloſer Ehebrecher der junge Mann iſt, der ſich ihnen zum Könige aufdrängen will. Verſtehſt du: Be⸗ weiſe, ſonnenklare, recht ſtark in die Augen ſpringende Beweiſe. Und dazu ſind zwei Frauen ganz vorzüglich 2 — Die Königskrone. 67 geeignet, die Don Philipp mit ſeiner Liebe beglückt hat, die verwitwete Herzogin von Najara, die er in Spanien rauben und entführen ließ, und die Witwe des Kaufmanns Peter van der Kapellen aus Antwer⸗ pen. Die erſtere iſt nun deshalb höchſt wichtig, weil Philipp durch die Buhlſchaft mit ihr das Ehebett eines der erſten Granden Caſtiliens beſudelte und dadurch der Mörder des Amirante wurde; die zweite, weil durch die Buhlſchaft mit ihr die Königin um den Verſtand kam. Dieſe beiden Frauen ſind aber verſchwunden und ihr Aufenthaltsort iſt uns Allen unbekannt. Sie Wi um jeden Preis herbeigeſchafft werden, und König Fernando wird Dem große Belohnungen ge⸗ währen, der ſichere Nachrichten über die Eine oder die Andere beibringt.“ —„Und wie hoch würden ſich dieſe Belohnungen belaufen? Was gewährt Sicherheit im Namen des Königs von Arragonien dafür?“ fragte die alte Zi⸗ geunerin ſchmunzelnd. —„Don Hernandez de Villaquiran, der die bündig⸗ ſten Vollmachten des Königs Fernando des Katholiſchen in den Händen hat. Auf meine Bitten hat der Konig erſt Don Conchillos und dann Don Hernandez mir hierher geſandt. Uns Dreien iſt es anvertraut, die ge⸗ rechte Sache des großen katholiſchen Königs im Feld⸗ lager ſeines Gegners zu führen. Ich betrachte mich als Don Hernandez' Mutter; ich würde es ſein, 68 Die Königskrone. wenn ſein Vater weniger flatterhaft und leichtſinnig ge⸗ weſen wäre. Wir haben die Königin Juanna bereits beſtimmt, zu Gunſten ihres Vaters der Krone von Ca⸗ ſtilien zu entſagen. Schaffſt du mir nun die beiden Frauen, an denen uns Alles gelegen iſt, ſo wird auch Philipp aus dem Felde geſchlagen, und Don Fernando iſt König und Herr in Caſtilien, wie er es in Arra⸗ gonien iſt.“ —„Ich werde mit Eurer Erlaubniß mit Don Her⸗ nandez reden, um zu hören, was ſich bei dem Handel verdienen läßt,“ ſagte Karracha. 5 —„Du kennſt den Aufenthaltsort der beiden Frauen.. Ich habe mich nicht getäuſcht, als ich dies voraus⸗ t ſetzte.“ —„Ich kenne ihn nicht; aber es könnte mir ja gelingen, ihn ausfindig zu machen.“ —„Aber du weißt darum, daß Philipp die Her⸗ zogin von Najara entführt hat?“ —„Ich weiß nichts davon,“ verſetzte die Zigeu⸗ nerin ſchlau lächelnd.„Gönnt uns ein paar Monate Zeit und wir, ich und meine Leute, wollen unſer Heil verſuchen.“ —„Gut denn. Du bringſt mir zuerſt das Lebens⸗ 6 elixir, dafür belohne ich dich allein; dann ein Zauber⸗ mittel, um die Liebe der Königin zu ihrem Gatten mit Stumpf und Stiel auszurotten; dafür belohnen wir, alle hier verſammelte echte Spanier und Anhänger „ Die Königskrone. 69 des alleinigen Königs Fernando dich gemeinſchaftlich; du ſchaffſt endlich gewiſſe und zuverläſſige Nachrichten von den beiden Frauen und dafür belohnt dich König Fernando allein.“ Die alte Zigeunerin zeigte ſich mit dieſen locken⸗ den Ausſichten ſehr zufrieden und ſchickte ſich an zu gehen, als Don Hernandez in's Zimmer trat. Donna Francesca ſagte zu ihm:„Ihr kommt zur rechten Stunde, um aus Karracha's eignem Munde zu vernehmen, daß ſie gewillt iſt⸗ auf unſere Wünſche und Anträge einzugehen. Ich müßte mich ſehr irren, wenn ſie nicht gute Kenntniß hätte, wo ſowol Euere treffliche Stiefmutter, als auch die lockere Kaufmanns⸗ frau von Antwerpen ſich verbergen oder verborgen ge⸗ halten werden. Allein Karracha will zuvor von Euch ſelbſt erfahren, wie hoch ſich die Belohnung für ihre Entdeckungen belaufen wird und auf welche Weiſe ſie ihr geſichert werden ſoll.“ Der finſtere Caſtilier warf einen mistrauiſchen Blick auf die Zigeunerin und ſagte dann halb laut zur Ober⸗ hofmeiſterin:„Wer bürgt mir zuvor für ihre Ehrlich⸗ keit und Verſchwiegenheit?“ —„Oh!“ höhnte Karracha,„ich war ſo gut die Frau Eures vornehmen Vaters, wie Eure eigne Mutter und die Dame, die ich jetzt herbeiſchaffen ſoll; in den Adern meiner Kinder fließt die Hälfte deſſelben Bluts, wie in den Eurigen. Ihr würdet es „— 70 Die Königskrone. mir nicht wehren können, wenn ich mich zu Eurer Fa⸗ milie zählen wollte. Bin ich Euch aber jemals zu nahe getreten? Hab' ich es nicht vorgezogen, eine arme und elende Zigeunerin zu bleiben, als Euern Vater meinet⸗ oder meiner Kinder wegen mit auch nur einer einzigen Bitte zu behelligen? Und endlich, Don Hernandez, wußte ich nicht etwa das Geheimniß Eurer Bruſt, das Ihr gern vor Euch ſelbſt verborgen gehal⸗ ten hättet, geſchweige vor Andern? Ich hätte Euch ſchaden, Euch verderben können, wenn ich Euerm Va⸗ ter nur den kleinſten Wink über Eure verwegenen Wünſche gegeben hätte, und ich hätte mich dadurch an ihm ſelbſt gerächt. Hab' ich ihn nicht geſchont um Euretwillen? Denn wahrlich um ſeinetwillen that ich es nicht, der mich, die Unſchuldige, auch nicht geſchont hatte. Und nun wollt Ihr mir mistrauen? Ich könnte mich auf Donna Francesea berufen, die mich faſt ein Menſchenleben lang kennt; aber ich will Euch lieber ſagen: Sucht doch die beiden Frauen ſelbſt, an denen Euch ſo viel liegt, und ſeht zu, ob Ihr ſie ohne meine Hülfe findet.“ Don Hernandez war durch die Andeutungen der Zigeunerin auf ſeine Leidenſchaft zu ſeiner Stiefmutter in Beſtürzung gerathen, denn es lag ihm Alles daran, daß die ſittenſtrenge Donna Francesca nichts davon er⸗ fuhr. Er war dadurch plötzlich nachgiebig geworden und, um das Schweigen Karracha's zu erkaufen, zog er — ——— Die Königskrone. 71 ſeine Brieftaſche hervor und hielt ihr ein vom König Ferdinand eigenhändig unterſchriebenes Dokument hin, in welchem dem Ueberlieferer ſicherer Nachrichten hin⸗ ſichtlich des Aufenthaltsorts der verwitweten Herzogin von Najara und der gleichfalls verwitweten Frau Eleonore van der Kapellen für jede zehntauſend Silber⸗ realen zugeſichert wurden. Wer aber die Eine oder die Andere in die Hände des Königs von Arragonien liefere, ſolle für jede noch dreißigtauſend Realen er⸗ halten.* Hernandez nannte ihr dabei Bedingungen und Summen. „Ich kann nichts leſen,“ ſagte Karracha,„aber ich werde Euch einen Mann zuführen, der mehr von der Sache weiß, als ich.“ Damit empfahl ſie ſich und überließ Don Hernandez die Sorge, die Neugierde ſei⸗ ner mütterlichen Freundin in Bezug auf das von ihr angedeutete unſelige Geheimniß durch eine geſchickte Lüge zu beſchwichtigen. 725 Die Königskrone. Siebentes Rapitel. In der vornehmſten Herberge der Stadt,„zur gülde⸗ nen Traube“ geſchildet, hielten drei vornehme Männer zu derſelben Zeit Geſpräch. Der eine war der Pfalz⸗ graf Friedrich, der andere Wilhelm von Croy, Herr von Chievres, der dritte ſchier noch reicher gekleidet, als die beiden andern, Antonio Cebes, der ſchlaue und gewandte Zigeuner. Der Pfalzgraf war gekom⸗ men, den hier wohnenden Antoniv für dieſen Abend nach neun Uhr auf das Schloß zu beſtellen, und hatte den Herrn von Croy bereits gefunden. Auch ging er nach einiger Zeit wieder, ohne daß ihn der vornehme Niederländer begleitet hätte. Dieſer ſchien vielmehr mit Cebes das durch die Ankunft des Pfalzgrafen ab⸗ gebrochene Zwiegeſpräch erſt noch zu Ende führen zu wollen. Während der Anweſenheit des Pfalzgrafen hatte die lebhafte Unterhaltung die politiſchen Verhält⸗ niſſe betroffen und der junge Fürſt ging nicht wenig erſtaunt, vom ehemaligen Stallmeiſter der Erzherzogin Margaretha die genaueſte Kenntniß der gegenſeitigen Die Königskrone. 73 und innern Verhältniſſe der europäiſchen Staaten und der Kirche, ſowie der perſönlichen der Herrſcher und ihrer vorzüglichſten Diener, und endlich die ſchärfſten und richtigſten Urtheile und Anſichten über alle dieſe Dinge gehört zu haben. Cebes kam ihm vor wie ein ſcharfſinnig geſchriebenes Buch über das ganze öffent⸗ liche und häusliche Leben der vornehmen europäiſchen Welt, gewürzt mit einer Menge pikanter Anekdoten über die Hauptperſonen in dem eben ſpielenden D Drama der Geſchichte. Sobald ſich der junge Fürſt entfernt hatte, fuhr Wilhelm von Croy fort:„Ich geſteh⸗ Euch, Ihr habt mich durch Eure Mittheilung höchlichſt überraſcht. Aber. warum habt Ihr drei Tage hinterm Berg gehalten, bis Ihr mit der wahren Farbe herausgegangen ſeid?“ „Verzeiht, gnädiger Herr,“ verſetzte Antonio,„ich mußte mich erſt vergewiſſern, daß Ihr auch wirklich im Herzen und in der That und Wahrheit der Freund des unglücklichen Herzogs von Suffolk ſeid. Man hatte mir geſagt, Ihr hättet den Herzog einige Male in ſei⸗ ner Einſamkeit auf dem Schloſſe Hattem beſucht und nähmet Theil an ſeinem Schickſal. Wie weit dieſe Theilnahme ginge, mußte ich erſt erforſchen. Nachdem Ihr mir nun verſichert habt, daß Ihr den Herzog von Suffolk für den einzigen rechtmäßigen Erben der eng⸗ liſchen Krone und den jetzigen Heinrich für nichts als einen Uſurpator haltet— Die Königskrone. „Wie könnte ich anders, ſelbſt wenn ich den Herzog von Suffolk nicht perſönlich kennte, ſelbſt wenn ich nicht der innigſte Freund des edlen Herrn wäre!“ rief Croy leidenſchaftlich.„Herzog Suffolk iſt der Schwe⸗ ſterſohn des Königs Eduard des Vierten und hatte die Tochter des Herzogs von Clarence, des Bruders des Königs Eduard zur Gemahlin. Eduards Söhne wur⸗ den von ihrem eigenen Oheim Richard ermordet; Ri⸗ chard blieb in der Schlacht bei Bosworth gegen den Grafen Richmond, der ſich nun der Krone bemächtigte. Aber wahrlich mit keinem Schein von Recht; ob⸗ gleich er ſchon zwanzig Jahre auf dem Throne Eng⸗ ands ſitzt, ſo gebührt die Krone doch allein dem Herzog von Suffolk, dem natürlichen und rechtmäßigen Erben und Blutsverwandten König Eduards des Vierten. Das iſt meine Anſicht von der Sache.“ „Und ſie iſt die wahre und richtige,“ entgegnete der Zigeuner.„Ich ſchwör' Euch zu, in England iſt eine mächtige Adelspartei, die ſich zu ihr bekennt, aber ihre Anſicht nicht laut werden laſſen darf ans Furcht vor dem König. Aber man hält den frühzeitigen Tod des Kronprinzen Arthur allgemein für eine gerechte Strafe des Himmels. Wenn man ſchon den ſchätze⸗ häufenden Geiz des jetzigen Königs haßt und ſeine Friedensliebe tadelt, ſo fürchtet man die Tollheit des verſpricht, und Jedermann denkt mit Grauen an den jungen Prinzen Heinrich, die wahrlich nichts Gutes —— —— Die Königskrone. 75 Zeitpunkt, wo er König wird. Träte der Herzog von Suffolk, von einer bedeutenden Macht unterſtützt, in England auf, die größere Hälfte des Adels und Volks würde ihm als ihrem rechtmäßigen Herrn ſogleich zu⸗ fallen.“ —„Ihr ſcheint ein Beauftragter Partei z ſein,“ bemerkte Chieèvres lauernd. —„Ich bin's,“ verſetzte Cebes kurz. —„Wie aber um Gott ſeid Ihr nach England gekommen?“ —„Es iſt nicht nöthig, daß ich in England war. Auch thut das nichts zur Sache,“ verſetzte der Zigeu⸗ ner ausweichend.„Ich frage Euch dagegen als den Freund des Herzogs von Suffolk: Seid Ihr geneigt, mit dem edlen Herrn zu verhandeln, ob er ſich wol entſchließen würde, nach ſeinem ihm gebührenden Erbe, der Krone von England, zu greifen? Und ſeid Ihr dann ſelbſt gewillt, etwas für ihn zu thun, ihn mit Rath und That zu unterſtützen?“ —„Bin ich ein König?“ fragte Croy erſtaunt. „Was könnte dem Herzog meine Hülfe nützen?“ —„Gemach! Der Niedrige kann oft ſo viel wie der Höchſte, wenn er nur den ernſtlichen Willen hat.“ —„Schon gut. Aber wer von den Königen ſoll denn dem Herzog zur Krone verhelfen? Caſtilien und Arragonien haben ihre Tochter Katharina an den eng⸗ Die Königskrone. liſchen Kronprinzen Arthur vermählt; wenn dieſer auch nicht mehr unter den Lebenden iſt, ſo ſagt man doch, König Heinrich werde die junge Witwe für ſei⸗ nen zweiten Sohn Heinrich aufheben, um ſich die Freundſchaft des Königs von Arragonien und die reiche Mitgift der Donna Catalina zu erhalten. Unſere Kö⸗ nigin Juanna iſt die Schweſter der verwitweten Prin⸗ zeſſin von Wales, ebenſo die Königin von Portugal⸗ Meint Ihr, daß der König von Frankreich für den armen Herzog von Suffolk gegen ſo viele Kämpen in die Schranken reiten werde?“ —„Ich glaube es nicht; denn er wäre unter den jetzigen Umſtänden nicht bei Troſte.“ —„Wer bleibt Euch übrig als der dentſche König, der Schwieher des Königs von Arragon? Fürwahr und König Max hat weder Geld, noch Soldaten, noch endlich irgend ein Intereſſe an den engliſchen Angele⸗ genheiten.“ —„Wie aber, wenn er dieſes Intereſſe gewänne und mit ihm König Philipp von Caſtilien?“ fragte Cebes ſcharf und lauernd.„Mit einem Worte, wenn die Erzherzogin Margaretha ihre Hand dem Herzoge von Suffolk auf die Bedingung hin zuſagte, daß er die Krone von England gewänne? Ja offen geſpro⸗ chen, wenn das Ganze auch nichts wäre, als eine neue Demonſtration des Königs Philipp gegen ſeinen Schwie⸗ gervater, ſich die von dieſem angefochtene Krone von Die Königskrone. 77 Caſtilien zu ſichern? König Ferdinand von Arragon arbeitet mit dem König Heinrich von England gemein⸗ ſchaftlich daran, daß Katharina von Arragon, die Witwe des Prinzen Arthur von Wales, die Gemahlin des vier⸗ zehnjährigen Herzogs Heinrich von Cornwallis, jetzigen Thronerben von England, werde. Säh' nun König Ferdinand die Krone Englands für den Prinzen Hein⸗ rich vom Herzog Suffolk bedroht und dieſen vom König Philipp unterſtützt, würde er nicht zu Gunſten ſeiner Tochter Donna Catalina gern darauf verzichten, das Teſtament der Königin Iſabella in Kraft zu ſetzen? Ob nun Suffolk ſein Ziel erreichte oder nicht, unſer König Philipp würde das ſeine ſicherlich dadurch leich⸗ ter erreichen.“ —„Ein vortrefflicher Plan!“ rief Croy überraſcht. „Er iſt eines Meiſters in der Staatskunſt würdig. Sagt mir, in weſſen Kopfe iſt er entſprungen?“ —„Euer Lob darf mich nicht abhalten, Euch zu geſtehen, daß ihn der meinige erzeugte.“ —„Ich eile den König davon in Kenntniß zu ſetzen. Wenn er nur nicht an der Friedensliebe des Herzogs von Suffolk ſcheitert! Dieſer Herr iſt ein hoher Fünfziger und lebt nun ſchon faſt zwanzig Jahre in den Niederlanden unter dem Schutze des Herzogs von Geldern. Er hat nie die geringſte ehrgeizige Abſicht auf die ihm gebührende engliſche Krone gezeigt. Wird er nun in ſeinem Alter ſich noch der Unruhe und den Die Königskrone. Wechſelfällen eines Verſuchs von ſo zweifelhaftem Er⸗ folg ausſetzen?“ —„Es gilt den Verſuch. Und ſelbſt wenn Suffolk nicht dazu zu bewegen wäre, ſo kann doch König Fer⸗ dinand dadurch glücklich erſchreckt und von der Erfüllung des unſerm Könige ſo ungünſtigen Teſtaments abge⸗ bracht werden.“ —„Ich kann nicht umhin, Euerm Genie meine Achtung zu beweiſen,“ ſagte Croy.„Und wenn der König, wie nicht zu zweifeln ſteht, auf Eure Gedan⸗ ken eingeht, ſo werde ich underzüglich zu Suffolk nach Hattem reiſen, um ihn zu gewinnen.“ Der Baron von Croy empfahl ſich; an der Thüre ſtand eine verhüllte Frau, die mit Antvnio's Diener ſprechend ſchon einige Zeit auf die Entfernung des Edelmanns gewartet hatte. Sie trat jetzt herein vor Antonio, nahm ihre Kopfbedeckung ab und er ſah— nach langen Jahren zum erſten Mal wieder— ſeine Mutter vor ſich. Eine unwillkürliche Bewegung der Freude, die er gegen ſie machte, erſtarrte plötzlich und nicht ohne Verlegenheit ſagte er leiſe:„Mutter, was führt Euch zu Euerm verſtoßenen Sohne?“ —„Ich habe dich nie&rſtoßen, Pepindoriv*); aber ich dürfte mich den Beſchlüſſen der Gitana⸗Sultana**) *) Spaniſcher Zigeunername für: Antonio. **) Zigeunerkönigin. p Die Königskrone. und unſrer Leute nicht widerſetzen. Du weißt, was dich verbannte und von unſrer Gemeinſchaft ausſchloß.“ —„Ja, ich weiß: die Sehnſucht eines Sohnes nach ſeinem Vater. Fluch ſeinem Andenken! Er hat mich verrathen und verkauft.“ —„Fluche dem Todten nicht! Er hat gebüßt. Sage auch nicht: die Sehnſucht eines Sohnes nach ſeinem Vater, denn du lügſt. Sage das mir nicht, denn ich kenne dich beſſer. Sage: der Stolz eines niedrig geborenen Knaben, ſich emporgehoben zu ſehen zu ſeinem vornehmen Vater, und du ſagſt die Wahr⸗ heit.“ —„Kann ich dafür, daß das ſtolze Blut der Villa⸗ quiran in meinen Adern ſchäumt? Das Leben des Knechts war mir ſtets unerträglich, ich bin zum Herrn geboren; was mir der Hochmuth und die Grauſamkeit meines Vaters verweigerten, das hab' ich aus eigener Kraft erſtrebt.“ —„Ich will dich nicht darum ſchelten,“ ſagte Karracha weich,„aber du biſt in Tyrol ſchon einmal auf dieſem Wege geſcheitert.“ —„Mein jetziger Weg iſt ſicherer.“ —„Vielleicht wüßte ich doch den beſten zu deinem Ziele! Doch ſage mir offen, was iſt dein Ziel?“ —„Ein Herr unter Herren, ein Adeliger unter Adeligen zu ſein. Anerkennung meines väterlichen Bluts, freien Raum für meine Kraft.“ Die Königskrone. —„Ich führe dich ſchnell und ſicher zu deinem Ziele.“ —„Ihr, Mutter? Ich zweifle!“ —„Ich! Verſuch' es!“ —„Laßt hören!“ —„Wirſt du wahr gegen mich ſein?“ —„Ihr ſeid meine Mutter, Ihr dürft es fordern, ich muß gehorchen.“ —„Du haſt die Haupttugend des Zigeuners nicht abgelegt. Wolan, zu welchem Dienſte hat dich König Philipp gewonnen?“ —„Die verſchwundene Herzogin von Najara zu ſuchen.“ —„Und haſt du ſie gefunden?“ —„Ich habe ſie gefunden.“ —„Kannſt du für ſchweres Geld ſichere Nachricht von ihr geben?“ —„Ich kann es. Wie ſchwer wiegt das Geld und wer zahlt es?“ —„Dein Glück iſt gemacht. Der König Ferdi⸗ nand bietet für die ſichere Nachricht von ihr zehntau⸗ ſend Silberrealen. Wer ihm aber die Dame ſelbſt nach Spanien bringt, erhält noch dreißigtauſend Realen. Du kannſt mehr damit gewinnen.“ —„Sagt mir, wie?“ —„Don Hernandez de Villaquiran iſt hier als heimlicher Beauftragter des Königs Ferdinand.“ ——..—— — Die Königskrone. 81 —„Ich weiß, daß er hier iſt, und ich ahnete, in welcher Eigenſchaft.“ —„So bedinge dir von ihm, daß er dich als Bruder anerkennt, bedinge dir vom Könige den Adel deines Vaters; bedinge dir vom Könige endlich völlige Verzeihung für Donna Luiſa und ihren Gemahl und Wiedereinſetzung in ſeine Güter und Würden. Sie werden dir Alles zugeſtehen; denn König Ferdinand braucht die Herzogin von Najara, um den König Phi⸗ lipp bei den Caſtiliern zu verdächtigen.“ Antoniv umarmte ſeine Mutter ſtürmiſch. —„Ich ſehe, daß Ihr mich noch mütterlich liebt. Wahrlich, Ihr habt recht, ſo ſchnell und leicht wär⸗ ich allein nicht zu meinem Ziele gekommen. Und mein guter Stern hat Euch noch zur rechten Stunde zu mir geführt. Morgen wär's vielleicht zu ſpät geweſen. Ich wünſch' Euch Glück zu einem adeligen Sohne, Don Antoniv de Villaquiran.“ Karracha liebkoſte ihren Erſtgebornen:„Du böſer Bub', ſo muß ich dich zurückführen. Den Zigeuner⸗ bann über dich, den ihre Mutter ausgeſprochen, wird Zaropa aufheben, du wirſt unſer Stolz ſein.— Hör⸗ teſt du je von der Frau Elevnore van der Kapellen, einer Geliebten des Königs Philipp?“ —„Ich hörte wol von ihr und ihrem Schickſal.“ —„Weißt du, wo ſie lebt?“ —„Ich weiß es nicht.“ Ein deutſcher Leinweber. M. 6 82 Die Königskrone. —„Gut, wir werden es auch erfahren. König Ferdinand zahlt für ſie zu demſelben Zweck denſelben Preis, wie für die Herzogin von Najara.“ —„Auch den wollen wir verdienen!“ ſagte An⸗ tonio trocken. —„Jetzt komme mit mir zu Don Hernandez!“ . Die Königskrone. 83 Achtes Rapitel. Um neun Uhr ward Antoniv vom Pfalzgrafen beim Könige eingeführt. —„Du biſt ein ſtattlicher Geſelle,“ ſagte Philipp, den Zigeuner wohlgefällig mit den Augen muſternd, „und dein Plan mit dem Suffolk iſt ſo gut, daß ich dich auch für einen geſcheidten Kerl erklären muß. Wahrlich dein Einfall iſt etwas werth; Croy hat es mir ſehr anſchaulich gemacht und ich werde dich dafür belohnen. Du haſt dadurch ſo viel Anhänglichkeit an meine Perſon und mein Intereſſe an den Tag gelegt, daß ich dich ferner immer um mich haben will, du ſollſt mein Hofnarr werden.“ Der König ſah das kalte, höhniſche Lächeln nicht, das ſeine letzten Worte um Antvnio's Lippen hervor⸗ riefen, während dieſer geſchmeidig für die hohe Gnade dankte. —„Ich werde in einigen Wochen den wortbrüchi⸗ gen Herzog von Geldern noch einmal mit Krieg über⸗ 6* Die Königskrone. ziehen und ſo ſchnell als möglich das Schloß Hattem einzunehmen ſuchen,“ fuhr der König ſelbſtgefällig fort. „Bekomm' ich dabei, wie ich hoffe, den Herzog von Suffolk gefangen, ſo läßt ſich dann leicht mit ihm un⸗ terhandeln und zu gleicher Zeit kann ich meinem Schwiegervater eine Fauſt nach Spanien hinüber ma⸗ chen. Für deinen ſchönen Gedanken nimm hier etwas auf Abſchlag!“ Damit nahm er eine Geldrolle aus ſeiner Spinde und drückte ſie dem Zigeuuer in die Hand, der ſich grinſend mit überſchwänglicher Wort⸗ fülle bedankte.„Und nun,“ nahm der König wieder das Wort,„ſollſt du hier meinen Spion ſpielen. Mein Schwiegervater hat unter den Spaniern, die hierher gekommen ſind, eine heimliche Partei. Sie umlauern mich, ſie drängen ſich an die Königin, ſie führen Bö⸗ ſes im Schilde. Ihr Haupt iſt Don Hernandez de Villaquiran. Ich muß durchaus wiſſen, was für ein Getränk ſie zuſammenbrauen. Du biſt mir der rechte Mann, dies auszukundſchaften. Du mußt dich alſo an dieſen Don Hernandez machen und durch Liſt, die aus⸗ zuhecken ich deinem Genie überlaſſe, in die heimlichen Zuſammenkünfte dieſer mir feindlichen Arragonier zu kommen ſuchen. Natürlich mußt du ihnen glaubhaft machen, du ſeiſt einer der Ihrigen, irgend ein Hi⸗ dalgo. Es wird freilich ſchwer, ſehr ſchwer halten; denn dieſer Hernandez iſt klug und mistrauiſch, wie der Teufel“ 8 5 — — Die Königskrone. 85 —„Ich biu den Wünſchen Ew. Majeſtät zuvor⸗ gekommen,“ verſetzte Antvniv und hielt dem Könige ein Papier hin. Philipp las:„Ich thue hiermit kund und zu wiſſen Jedermann, dem es zu wiſſen nöthig, daß der raſtiliſche Hidalgo, welcher zeither, wegen Fami⸗ lienverhältniſſe, den falſchen Namen Antvnio Cebes führte, mein leiblicher Bruder und der Sohn meines Vaters, des verſtorbenen Don Ruy Garcias de Villa⸗ quiran, Herzogs von Najara und Amiranten von Ca⸗ ſtilien, iſt und daß ich ihn als ſolchen hiermit aner⸗ kenne und ihm das Recht zugeſtehe, ſich Don Antoniv de Villaquiran zu nennen. Dieſes Document iſt von mir eigenhändig unterſchrieben und mit meinem Inſiegel verſehen worden. So geſchehen zu Brüſſel am Tage der ſieben Schläfer im Jahre des Heils 1505. Don Hernandez von Villaquiran.“ —„Biſt du ein Hexenmeiſter?“ ſchnellte der Kö⸗ nig auf. „Es geht Alles natürlich zu,“ lachte Antoniv.„In zwei Stunden wird mich mein Bruder Hernandez in die Geſellſchaft ſeiner Freunde bei der ehrwürdigen Donna Francesca dullva einführen. Und wenn Ew. Majeſtät daran liegt, ſo könnt Ihr in dieſer Nacht noch von mir erfahren, was dort vorgegangen iſt.“ „Menſch, du biſt ja unſchätbg;!“ rief Philipp ver⸗ gnügt.„Die ſchwierigſten Dinge gelingen dir, wie Kinderſpiel. Eh' ich noch den Wunſch hege, haſt du Die Königskrone. ihn ausgeführt. Solche Diener lob' ich mir! Ja wahrlich kein Anderer ſoll mein Hofnarr werden als du.“ Auf dringendes Befragen des Königs, wie er ſo ſchnell dieſes ſo ſchwierig ſcheinende Ziel zu erreichen vermocht habe, erzählte Antonio eine halb wahre, halb erfundene Geſchichte, wie er ſie für ſeine eignen Zwecke am tauglichſten fand, und Philipp belohnte ihn mit einem neuen anſehnlichen Geldgeſchenk. —„Ich werde dich jetzt mit einer ſchwarzen Die⸗ nerin der Königin bekannt machen,“ fuhr Philipp fort, „die ebenfalls heimlich mein Intereſſe wahrnimmt und dir vorkommenden Falls geſchickt in die Hand arbeiten wird. Sie gehört der Königin erſt ſeit einer Stunde und dieſe hat eine kindiſche Freude über den Beſitz der Negerin, weil ſie die Laute mit großer Fertigkeit pielt. Du kennſt die Liebhaberei der Königin für alle Muſik. Die ſchwarze Matty wird ſich in das Ver⸗ trauen der alten falſchen Oberhofmeiſterin einzuſchmei⸗ cheln ſuchen und du wirſt ihr mit Rath und That an die Hand gehen. Ich denke mir, daß ihr Beide ver⸗ eint hinter alle Geheimniſſe der Arragonier kommen werdet.“ Matty wurde herbeigeholt. Ihre Augen funkelten, wie Tigeraugen, als ſie erfuhr, daß der vornehme Herr— denn dafür mußte ſie Antonio ſeinen Kleidern nach halten— ihr Bundesgenoſſe ſei; ſie reichte ihm die Hand und verſprach jedem ſeiner Winke zu ge⸗ Die Königskrone. 87 horchen. Antonio begriff, welch eine wichtige Perſon die Negerin ſei. Matty berichtete dem Könige: „Ihre Majeſtät die Königin hat mich ſchon ge⸗ hätſchelt und geliebkoſet, wie eine ihrer Katzen. Ich habe die Laute noch nicht aus der Hand legen dürfen und ſie hat mir in der Freude ihres Herzens, daß ich nun die Ihre bin und ihr ſo hübſche Weiſen vorſpiele, ver⸗ rathen, daß ſie dieſe Nacht zu einem Bankett bei der Donna Francesca dUlloa gehen wird und daß ich ſie dahin begleiten ſoll, um auch dort zu ſpielen.“ —„Herrlich!“ rief der König.„So werdet ihr Beide euch dort treffen. Ich hoffe, es ſoll ſchon in dieſer Nacht Manches für euch zu beobachten und zu erhorchen geben. Vorzüglich merkt euch alle anweſende Gäſte.“ Matty wurde mit einem Geſchenk entlaſſen und der König wandte ſich mit der Frage wieder zu An⸗ toniv:. „Und vom Erfolg deiner langen Reiſe und Abwe⸗ ſenheit meldeſt du mir nichts?“ —„Ew. Majeſtät haben bis jetzt nicht danach ge⸗ fragt.“ —„Es iſt wahr,“ lachte Philipp,„die Krone von Caſtilien iſt jetzt meine Geliebte, auf die ich um ſo verſeſſener bin, als ſich noch ein anderer Bewerber für ſie gefunden hat. Darüber iſt das Verlangen nach der ſchönen Herzogin von Najara etwas minder heftig in meinem Herzen geworden. Doch glaube deshalb nicht, Die Königskrone. daß es gänzlich erloſchen ſei; vielmehr brauch' ich nur lebhaft an die reizende Frau zu denken, ſo fühl' ich auch gleich die alte Flamme in mir ſich regen. Haſt du abermals keine Spur von ihr entdeckt?“ —„Es kommt darauf an, ob Ew. Majeſtät dieſe Handſchrift kennt,“ verſetzte der Zigeuner, dem Könige ein zweites Blatt Papier hinreichend. . Philipp hatte kaum die Augen darauf geheftet, als er ſtürmiſch ausrief: „Es iſt Luiſens Handſchrift! Ha, es iſt eines ihrer ſchönen Lieder, wie ſie es niedergeſchrieben!“ Und er drückte das Blatt an die Lippen und hauchte glühende Küſſe darauf, während Thränen aus ſeinen Augen ſtürzten. —„Woher haſt du das Blatt mit dem blühenden Liede?“ „Von einem Schiffscapitain, der die Dame, in welcher ich die Spur der Herzogin im Königreiche Granada verfolgte und die ich aus der Beſchreibung des Capitains zu erkennen glaubte, aus dem Hafen von Malaga nach Liſſabon führte. Sie hatte ſich unter den Mauren in Granada ſorgfältig verborgen gehalten. Auf dem Schiffe hatte ſie einen Begleiter gehabt, einen —— vornehmen Spanier, wie mir der Capitain verſicherte. Auch wollte er ſie ſpäter in Liſſabon unter den erſten 1 Frauen der Königin von Portugal geſehen haben.“ —„Alſo zur Schweſter meiner Frau iſt ſie ge⸗ Die Königskrone. 89 flohen! Sieh, ſo hat die Königin Iſabella doch die Hand dabei im Spiele gehabt, ſie hat jedenfalls durch den Spanier, der Luiſens Begleiter auf dem Schiffe war, ſie zu ihrer Tochter, der Königin Maria von Portugal, bringen laſſen. Aber auch Don Hernandez ſoll ſich eine Zeit lang am portugieſiſchen Hofe aufgehalten haben. Wie, wenn er Luiſen doch in ſeine Gewalt bekommen hätte! Warum gingſt du nicht gleich nach Liſſabon, um die Spur weiter zu verfolgen?“ —„Gnädigſter Herr, die Mittel gingen mir aus. Ich mußte an die Rückkehr denken, wollt' ich nicht in Noth gerathen.“ —„Verdammtes Geld!“ rief Philipp ärgerlich. „Stets läßt es Einen in den wichtigſten Momenten, wo man's am nothwendigſten braucht, im Stich. Du mußt nach Portugal und das arme Weib erlöſen. Du mußt ſie mir zuführen, wenn ich in Spanien bin.“ —„Ich bin ganz zu Ew. Majeſtät Befehl.“ —„Du haſt mir mit dieſem von Luiſens Hand beſchriebenen Blatte heute die dritte und— ich bekenn' es— die größte Freude gemacht. Ich kann dir jetzt nichts geben, als Gold. Hier nimm, ich gebe dir mit vollen Händen. Diene mir ferner ſo treu und es ſoll dein Schaden nicht ſein. Wenn du aus Portugal zu mir nach Spanien zurückkehrſt, ſollſt du mein Hofnarr werden. Und bringſt du mir Luiſen, ſo ſchenk' ich dir ein ſchönes Landgut.— Empfiehl dich morgen der Her⸗ * Die Königskrone. zogin Margarethe. Du biſt erſt einmal bei ihr gewe⸗ ſen. Du darfſt ſie als deine ehemalige Herrin nicht vernachläſſigen. Sie iſt dir wohl und gnädig geſinnt und iſt deinen Kindern eine treue und ſorgſame Mutter geworden. Sie hat unterdeſſen Nachrichten von deinem älteſten Sohne erhalten, die ſie dir mittheilen will.“ Antoniv entfernte ſich. Die Königskrone. 92 Ueuntes Kapitel. Draußen wartete Karracha auf ihn.„Was haſt du ausgerichtet?“ fragte ſie. —„Ich habe viel Gold erhalten und außerdem will Se. Majeſtät mich zum Hofnarren machen,“ lachte Antonis.„Ich denke, König Ferdinand wird mich höher ſtellen.“ „Du biſt und bleibſt ein echter, braver Zigeuner,“ lobte ihn Karracha;„beiden Parteien dienen, ſich bei⸗ den unentbehrlich machen, von beiden ſo viel Vor⸗ theile als möglich ziehen und endlich der gehören, die am meiſten gibt, das iſt zigeuneriſch. Was haſt du dem blonden Philipp über die Herzogin von Najara vorgeſchwatzt?“ —„Ich hab' ihn glücklich auf eine falſche Spur gebracht, ohne ihn gerade zu belügen. Denn ich muß mir den Rücken frei halten, weil ich ihm ſpäter doch die Wahrheit verkaufe. Hätt' ich dieſe jetzt gleich ge⸗ ſagt, er hätte mir ſchwerlich ſo viel gegeben, als für Die Königskrone. den Fetzen Papier. Nun wollen wir ſehen, was vom König Ferdinand zu gewinnen iſt.“ —„Ich traf unterdeſſen den guuſen Bübenhoven bei der Zaroha und forſcht' ihn über die Frau van der Kapellen aus. Er hat mir an Herrn Jakob Fugger gewieſen und mich verſichert, daß mir dieſer Auskunft über ſie geben würde; auch hat er Nachricht, daß Fugger in einigen Wochen nach Antwerpen kommen wird.“ —„Gut, ſo ſorgt Ihr für Nachricht von dieſer, ich werde die andere beſorgen. Laßt nur das ſchmucke Junkerlein, den Bübenhoven, nicht merken, daß ich ſein Stiefvater bin, das könnte uns jetzt viel verderben.“ —„Narr!“ ſchalt Karracha,„als ob ich eine Plaudertaſche wäre!“ Antonio trat bei ſeinem ein, der ihn be⸗ reits erwartete. —„Habt Ihr Euch entſchloſſen, Senjor,“ redete ihn dieſer an, mir Euer Geheimniß zu entdecken?„Es iſt eben ſo gut, ob Ihr es mir oder dem Könige Fer⸗ nando ſagt; Ihr könnt Euch den Weg nach Spanien ſparen.“ —„Es iſt mit nichten einerlei, Monſenjor,“ ver⸗ ſetzte der Zigeuner.„Ich hab' Euch durch das von der Herzogin von Najara beſchriebene Blatt die Ueberzeu⸗ gung gegeben, daß ich den Aufenthaltsort derſelben wol kenne; ich mache mich nicht allein anheiſchig, dem Die Königskrone 93 König Fernandv dieſen Ort zu entdecken, ſondern, was noch weit mehr iſt, ſie nach Spanien an den Hof unſers Königs zurückzuführen. Ja, ich ſchwör' Euch zu, ſie wird nichts lieber und mit größerm Vergnügen thun, als dahin zurückzukehren.“ —„Aber es hat ſie ja Niemand vertrieben! Was hielt ſie ab, freiwillig zurückzukehren?“ —„Das iſt eben das Geheimniß, das ich nur dem. Könige Fernando entdecken kann und darf, nach⸗ dem ich vorher aus ſeinem höchſteignen Munde ſein königliches Wort erhalten, daß die eigenthümlichen Be⸗ dingungen, die ich im Namen der Herzogin ſtelle, von der Gnade des Königs erfüllt werden. Gerade dieſe Bedingungen kann nur der König erfahren und nur der König zugeſtehen. Ihr habt mich durch die Zugeſtänd⸗ niſſe in Bezug auf meine Standeserhöhung ganz zu dem Eurigen gemacht und ich hoffe Ihr vertraut mir ganz, um ſo mehr als ich auch die zweite Dame nach Spanien ſchaffen werde.“ —„Gut denn! Ich vertraue Euch, Monſenjor, und werde nachher den Beweis davon liefern, indem ich Euch der Königin vorſtelle. Eure Belohnung wird ſich nur erhöhen, wenn Ihr auch die Frau van der Ka⸗ pellen an unſern König abliefert. Wann gedenkt Ihr abzureiſen?“ —„Morgen, wenn Ihr wollt.“ —„So werde ich Euch einige Zeilen an den Kö⸗ Die Königskrone. nig ſchreiben. Hier iſt Euer Reiſegeld. Ihr werdet wahrſcheinlich von meinen Freunden noch einige Auf⸗ träge erhalten. Vielleicht gibt Euch auch die Königin einen Brief an ihren durchlauchtigſten Vater mit, den ſie bereits geſchrieben hat. Ich kann Euch vertrauen, daß ich dieſen wichtigen Brief abgefaßt habe. Er be⸗ darf der geheimſten und ſicherſten Beſtellung. Don Fernando, unſer großer König, wird Euch unverzüglich als Don Antonio de Villaquiran anerkennen.“ —„Für die Erfüllung dieſes meines ſehnlichſten Wunſches werde ich dem Könige und Euch jeden Dienſt leiſten, den Ihr begehrt.“ —„Und ich begrüße Euch, Senjor, as Bruder und Glied meiner Familie.“ Don Hernandez ſetzte ſich, um den Brief zu ſchrei⸗ ben, und Don Antoniv überzählte mit höhniſchem Lä⸗ cheln die bedeutenden Summen, die ihm dieſer Abend eingebracht, und berechnete, wie viel er ihm noch ferner einbringen dürfte. Der Brief ward geſiegelt und dem liſtigen Boten übergeben. Unterdeſſen war faſt Mitternacht herange⸗ kommen und Beide machten ſich auf den Weg nach der Wohnung der Oberhofmeiſterin in der Nähe des Schloſſes. Eine nur den Eingeladenen bekannte Parole öffnete die Thür.. Die meiſten Anhänger des Königs von Arragonien — 9oldenen Schein der koſtbare ſüße, rothe Tintv von Die Königskrone. 95 waren ſchon verſammelt, unter ihnen Conchillos, der Kammerherr der Königin Juanna. Auch der Dom⸗ dechant Pater Innocenz begrüßte mit kriechender Höf⸗ lichkeit den eintretenden Hernandez. Dieſer ſtellte zu⸗ erſt der in ſonniger Freundlichkeit ſtrahlenden, dabei aber ihre ſteife Würde ſtreng beobachtenden Wirthin und ſodann ſämmtlichen Anweſenden ſeinen Begleiter als Don Antoniv de Villaquiran, ſeinen Bruder, vor und Alle bewillkommten das neue Mitglies ihres Bun⸗ des mit Freude und Ehrerbietung. Da Niemand in der Geſellſchaft den emporgekommenen Zigeuner kannte und Donna Franceseca, die allein wußte, wie es ſich mit dieſer Bruderſchaft verhielt, natürlich alle Er⸗ örterungen vermied, ſo wurde den beiden Brüdern jede Verlegenheit erſpart. Es begann bald ein ſchwelgeri⸗ ſches Mahl, gewürzt von den berühmten Feuerweinen Spaniens. Der Anfang wurde mit dem lieblichen Gre⸗ nache von Sabayes in Arragon gemacht und Conchil⸗ los brachte darin die Geſundheit Sr. Majeſtät des katholiſchen Königs von Arragon, rechtmäßigen Statt⸗ halters der Krone Caſtilien, aus, in die Alle mit kautem Zurufe einſtimmten. Dann folgte der Vino ſecco von Teres und Paxaret in Andaluſien, Valderennas aus Mancha und San Lurar in Eſtremadura. Sobald aber die Tafel aufgehoben war, wurden neue Becher und Flaſchen aufgeſetzt und nun leuchteten nach einander im Die Königskrone. Alicante, der dicke, ſüße, rothe Tintilla von Rota und der berauſchende Malvaſier von Malaga. Pater Innv⸗ cenz ſaß zur Rechten, Antoniv zur Linken des Don Hernandez Der Pfaffe ſprach dem feurigen ſpaniſchen Rebenblöt watker zu und munterte ſeinen Nachbar mit überhand nehmender zudringlicher Vertraulichkeit fort und fort zum Trinken auf. Antoniv koſtete nur mäßig die ſchwer flüſſigen Sonnenkinder ſeiner Heimat. Die Unterhaltung drehte ſich um Nachrichten aus Spanien und Frankreich. Man brachte als Neuigkeit, daß der König des letztern Landes, Ludwig Xll., der Freund des Königs Philipp, dieſem die Zuſage ge⸗ macht habe, er werde ihn bei einem Einfalle in Caſti⸗ lien durch einen Angriff auf König Fernando zu ſeinem Gunſten auf der Seite von Rouſſillon ſowol als von Neapel unterſtützen. Andere wollten wiſſen, der König Philipp habe den berühmten Eroberer Neapels, den Großcapitain Gonſalvo, für ſeine Sache gewonnen und von Don Fernando abwendig gemacht, indem er An⸗ ſprüche auf Neapel, als von eaſtiliſchen Kriegern ge⸗ wonnen, erhebe. Wieder Andere erzählten, der König Ferdinand habe um jene Infantin Juanna, die von den eaſtiliſchen Ständen einſt zu Gunſten ihrer Tante Iſabella von der Thronfolge ausgeſchloſſene einzige Tochter des Königs Heinrich IW. von Caſtilien(oder vielmehr der Königin, ſeiner Gemahlin, da man ſie für eine ehebrecheriſche Frucht der Königin erfärt hatte), Die Königskrone. 97 geworben, um ſich durch ſie in den unbeſtreitbaren Be⸗ ſis der eaſtiliſchen Krone zu ſetzen; doch die Meiſten erklärten dieſes Gerücht für eine boshafte Erfindung der Anhänger Philipps, um dadurch Ferdinand zu ſcha⸗ den. Man beſtritt dies und das, ſchimpfte und lobte nach der Parteianſicht und das ſchwere ſpaniſche Blut wurde allmälig flüchtiger und lauter. Endlich erhob Don Ludoviev Conchillos, der arragoniſche Kammer⸗ herr der Königin, die Stimme und ſprach feierlich: „Ich kann euch verkünden, daß alle dieſe Anſtalten der Feinde unſeres großen Königs durch ein Ereigniß zu nichte gemacht werden, welches ſich geſtern begeben hat. Ja, Don Fernando der Katholiſche wird unange⸗ fochten Regent und Verwalter von Caſtilten verblei⸗ ben, wie es deſſen große Königin auf ihrem Sterbe⸗ bette in ihrem Teſtamente verononet hat. Donna Juanna, die rechtmäßige Erbin der eaſtiliſchen Königskrone, hat nämlich in einem eignen Handſchreiben an ihren durch⸗ lauchtigſten Vater der Regierung zu deſſen Gunſten entſagt.“ Dieſe Kunde brachte eine ſtarke Wirkung unter der Zuhörerſchaft hervor, die ſich auf die verſchiedenſte Weiſe äußerte. Mehrere fragten nach den nähern Um⸗ ſtänden dieſes außerordentlichen Schrittes und ob Kö⸗ nig Philipp davon wiſſe. —„Wie könnt Ihr glauben, daß König Philipp, dieſer ehrgeizige Herr, ſeine Zuſtimmung zu einer ſol⸗ Ein deutſcher Leinweber. UI. — 98 Die Königskrone. chen Entſagung geben werde?“ fuhr der Kammerherr fort.„Sie muß ihm natürlich vor der Hand auch noch ein tiefes Geheimniß bleiben, bis die Botſchaft glücklich in Spanien angelangt iſt. Es iſt Don Hernandez de Villaquiran und mir mit Hülfe unſerer verehrten und trefflichen Wirthin, deren Eifer für die gute Sache ich nicht genug rühmen kann, gelungen, Donna Juanna von der Nothwendigkeit dieſes Schrittes zu überzeugen, und Don Hernandez hat auf ihren Befehl den Brief an den katholiſchen König verfaßt. Wir haben uns in dieſer Nacht hier verſammelt, um die Abſchrift oder vielmehr das Conecept dieſes wichtigen Briefes aus Don Hernandez' eignem Munde zu vernehmen.“ Hierauf zog Don Hernandez ein Papier hervor und las den in den höflichſten, kindlich ergebenſten Aus⸗ drücken abgefaßten Brieß der Königin Juanna an ihren Vater vor, worin ſie der teſtamentariſchen Beſtimmung ihrer verſtorbenen Mutter beipflichtete, der Krone Ca⸗ ſtiliens entſagte und die Regentſchaft des Königreichs ihrem Vater bis zur Volljährigkeit ihres älteſten Sohnes, des Prinzen Karl, übertrug. Ein großer Jubel erhob ſich nach Vorleſung dieſes Schreibens in der Geſellſchaft und die Gläſer wurden auf das Wohl der Königin, der gehorſamen Tochter, wacker geleert. —„Und wie wird der Brief ſchnell genug in unſer Vaterland gelangen?“ fragte ein andaluſiſcher Hidalgv. — — 3 Die Königskrone. 99 —„Die Königin hat ihn mir zur ſichern Beſor⸗ gung anvertraut,“ verſetzte Conchillos,„und Pater Innocenz, unſer geiſtlicher Freund, der ſich als treuer Anhänger unſers Königs bewährt hat, hat ſich erboten, das Schreiben durch einen ſichern geiſtlichen Herrn nach Spanien zu beſorgen.“ —„Das iſt nicht nöthig,“ ſagte Hernand z,„mein Bruder Antvnio reiſt in den nächſten Tagen, vielleicht morgen ſchon, in meinem und der Donna Francesca beſonderm Auftrage an König Fernando nach Caſtilien ab. Er hat bereits ein Schreiben von mir an die katholiſche Majeſtät in Empfang genommen; er wird den Brief der Königin ebenſo willig und ſicher be⸗ ſorgen.“ Man ſtimmte dieſem Vorſchlage bei und Con⸗ chillos zog das verſiegelte Schreiben hervor und über⸗ reichte es Antonio, der ſich der Geſellſchaft mit ſei⸗ nem Ehrenworte verpflichtete, den Brief ſo ſchnell als möglich in die Hände des Königs Ferdinand zu legen. Um die Fröhlichkeit ihrer Gäſte auf's höchſte zu ſteigern, verkündete jetzt Donna Francesca, daß die Königin ihr für dieſe Nacht einen heimlichen Beſuch zugeſagt habe und daß ſie, da Mitternacht vorüber ſei, die Herrin jede Minute erwarte. Auch würden zu Ehren der hohen Frau mehrere andaluſiſche Zigeuner, welche ſich eben in Brüſſel aufhielten, Nationaltänze — 7 8 100 Die Königskrone. aufführen. Sie ſeien ſchon im Hauſe und warteten nur auf die Ankunft der Königin. Das Entzücken der Gäſte über dieſe Nachricht beſchloß, Donna Juanna mit einer alteaſtiliſchen Romanze zu begrüßen, da ihr mit nichts mehr Freude gemacht werden konnte, als mit Muſik und Geſang; ſchnell wurde eine von Donna Francesca herbeigeholte Mandoline in Stand geſetzt, deren Töne den Geſang begleiten ſollten. Donna Francesca, Don Hernandez und der Kammerherr ver⸗ fügten ſich an die Hausthüre und bald verkündete ein Geräuſch den in geſpannter Erwartung verweilenden Gäſten die Ankunft Juanna's. Alle erhoben ſich und, ſowie die Königin auf die Schwelle des Zimmers trat, begannen ſie den Geſang, wodurch die hohe Frau auf's angenehmſte überraſcht wurde. Sie trat in ihrer ge⸗ wöhnlichen tief ſchwarzen Kleidung herein, ihren ge⸗ liebten Don Ceſar auf dem Arme, der ſich zum ſtatt⸗ lichſten Kater in der Chriſtenwelt herangemäſtet hatte und den ſie nie miſſen konnte, wollte ſie eine frohe Stunde haben. Nur zwei Dienerinnen begleiteten ſie, die ihr die großen Schleier von Haupt und Schultern nahmen. Die ſchwarze Matty war dabei und trug ihre Laute. Donna Juanna verneigte ſich linkiſch und un⸗ behülflich und begrüßte, nach beendigtem Geſange, die einzelnen Herren mit freundlichen Mienen und Worten, zeigte ihnen ihren Kater und lobte ſeine hohen Tugen⸗ den und glänzenden Eigenſchaften. Nichts an ihr ver⸗ Die Königskrone. 101 rieth jenen tiefen Trübſinn, der ſich ſchattenhaft über ihre Seele gelagert hatte. Die entzückten Spanier füllten die Gläſer und überreichten ihr einen mit dem köſtlichſten Tinto gefüllten goldenen Becher und tranken mit ſtürmiſchem Jubel ihre Geſundheit. Sie erwiderte die Höflichkeit mit Dank, indem ſie den Becher auf das Wohl ihrer Landsleute kredenzte. Jetzt öffnete ſich die Thür wieder und unter der lärmenden Muſik des Trommelſcheits, der Caſtagnetten und einer Pansflöte hüpften die Zigeuner in ihrem ma⸗ leriſchen Coſtüm herein und führten einen ihrer maleri⸗ ſchen Tänze auf. Alle ſpaniſche Augen leuchteten vor Entzücken; die Königin ſtieß zu wiederholten Malen kurze Freudenlaute aus, die Becher wurden immer fleißiger geleert und bald bemächtigte ſich eine Art Wonnetaumel der ganzen Verſammlung. Die wilde Zigeunermuſik verfehlte ihre Wirkung auf die Königin nicht. Alle romantiſche Zauber ihres Geburtslandes, alle ſüße Erinnerungen ihrer Jugend traten plötzlich in heller Farbenpracht vor ihre ſonſt umnachtete Seele- Sie ſprang plötzlich mitten unter die Zigeuner und tanzte mit ihrer Katze wie mit einem Kinde; die ernſt⸗ hafteſten Edelleute legten ihre kalte Würde ab, ſpran⸗ gen, tanzten, umarmten ſich und überließen ſich einer ausgelaſſenen Luſtigkeit. Antoniv, der ſich mit der an der Thüre lauſchenden Matty durch ein paar Blicke verſtändigt hatte, ſtahl geſchickt ſeinem berauſchten 102 Die Königskrone. Bruder das Concept des Briefes aus der Taſche und ſteckte es ebenſo ſchnell der Negerin zu, die es im Buſen verbarg. Jetzt mußte auch Matty auf der Laute ſpielen. Sie wählte eine ſchwermüthige mauriſche Romanze, wie ſie damals von Spanien nach Flandern gekommen waren, und die Königin vergoß Thränen der ſüßeſten Luſt. Niemand hatte ſie jemals ſo bewegt geſehen. Erſt gegen Morgen entfernte ſie ſich wieder mit ihrem mür⸗ riſchen Kater und ihren Dienerinnen. Auch die Gäſte rüſteten ſich zum Aufbruch. —„Gebt mir doch das Concept des Briefs der Kö⸗ nigin an ihren Vater,“ ſagte Antonio zu Hernandez, „ich will es abſchreiben und in Caſtilien verbreiten. Es wird eine ſchnelle und gute Wirkung thun.“ —„Das iſt ein guter Einfall,“ verſetzte Hernandez und griff nach dem Papier. Es war verſchwunden. Beſtürzt ſuchte er es vergebens in allen Taſchen. —„Ihr müßt es verloren haben!“ rief Antonio, „aber ich gehe nicht eher, bis es aufgefunden iſt; ich muß es haben.“ Die allgemeine Aufmerkſamkeit wurde rege. Alle ſuchten, Niemand fand es. —„Dann iſt ein Verräther unter uns!“ ſchrie Antonio und ſtellte ſich ganz ungeberdig.„Jeder von uns muß ſich unterſuchen laſſen und ich bitt' Euch mit mir anzufangen.“ Er wandte alle ſeine Taſchen — ———— — Die Königskrone. 103 um und nur die beiden verſiegelten Briefe an den König von Arragon kamen zum Vorſchein. Durch die⸗ ſes meiſterhafte Spiel ließ er auch nicht den entfern⸗ teſten Verdacht an ſeinen Verrath in den Seelen der Andern aufkommen. Die Unterſuchung lieferte natür⸗ lich kein Reſultat und man kam einſtimmig zu der An⸗ nahme, ein Glied der Zigeunergeſellſchaft müſſe das Blatt entwendet haben. Sogleich brachen mehrere auf, ſie in ihrer Herberge heimzuſuchen und ihnen das Pa⸗ pier wieder abzupreſſen. Hernandez tröſtete ſich, daß es mit keiner Unterſchrift verſehen ſei und im äußer⸗ ſten Falle Niemand wiſſen könne, wer es geſchrie⸗ ben habe. Aber noch hatte er am folgenden Morgen ſeinen Rauſch nicht ausgeſchlafen, als er von königlichen Hä⸗ ſchern aus dem Bette geriſſen und zu Gefängniß ge⸗ bracht wurde. Auf die ſchnell ſich verbreitende Nach⸗ richt von ſeiner Einkerkerung flohen einige der Vor⸗ nehmſten jener nächtlichen Geſellſchaft eiligſt aus Brüſſel, Andere wurden durch den ſtrengen Befehl des wüthenden Königs verwieſen und mußten am folgenden Tage die Stadt verlaſſen. Donna Francesca erhielt Hausarreſt, die Königin Wachen vor ihre Gemächer, die Niemand zu ihr laſſen durften. Sie verſank ſofort in ihren alten tiefen Trübſinn, ſaß wochenlang auf einem Seſſel, ſtarrte auf eine Stelle, ſprach kein Wort und nahm höchſt ſelten etwas Weniges von Speiſe und „5 Die Königskrone. Trank. Dann ging der Trübſinn, wie immer, in Wahn⸗ ſinn über und ſie beging die kindiſchſten und thöricht⸗ ſten Handlungen. Allen Spaniern wurde bei Todes⸗ ſtrafe verboten, ſich ihr zu nähern. Antoniv Cebes reiſte einige Tage nachher, reich belohnt vom Könige, ab, angeblich im Auftrag deſſelben nach Portugal, aber er hatte den Originalbrief der Königin und den Brief des Don Hernandez an den König behalten. Den Pater Innocenz ſtrafte der König mit Ver⸗ achtung. — Die Königskrone. 105 Behntes Rapitel. Die mitternächtliche Geſellſchaft bei der Oberhofmei⸗ ſterin hatte keine falſche Kunden erhalten; König Phi⸗ lipp hatte mit Hülfe ſeines Vaters und ſeiner Freunde bedentende Anſtalten getroffen, den König Ferdinand den Katholiſchen aus ſeiner wichtigen Stellung als Regent des Königreichs Caſtilien, des reichſten und mächtigſten Landes der Welt, zu verdrängen und auf deſſen kleines und unbedeutendes Königreich Arragonien zu beſchränken. Der geſchickteſte und thätigſte dieſer Freunde war jener Don Juan Manuel de Campos, ſpaniſcher Geſandter am Hofe des deutſchen Königs, der Sproß eines der angeſehenſten und älteſten eaſtiliſchen Adelshäuſer und aus der Intriguenſchule Ferdinands als ein Meiſter hervorgegangen, der die erlernten Künſte nun mit Glück gegen den Lehrer ſelbſt anwandte. Man ſagte, Don Manuel habe ſeit lange einen glühenden Haß gegen den König von Arragon unter der Maske der tiefſten Ergebenheit verborgen, bis Iſabella vom Schauplatz 106 Die Königskrone. abgetreten, und dieſer Haß ſei daraus entſprungen, daß ſeine Jugendgeliebte vom Könige Mutter geworden ſei. Genug, Manuel nahm den offenherzigen, jeder Ränke⸗ ſucht fremden Philipp in die Lehre und es iſt nicht zu läugnen, daß der geradſinnige Oeſtreicher bald gute Fortſchritte in der Staatskunſt der Könige machte. Obgleich Don Manuel die ſtrengſten Befehle König Ferdinands erhielt, auf ſeinen Poſten nach Innsbruck zurückzukehren, ſo blieb er doch in Brüſſel und war in kurzer Zeit der erklärte Günſtling des jungen, vergnü⸗ gungsſüchtigen, arbeitsſcheuen und vom ungezügeltſten Ehrgeiz beſeſſenen Königs. Alles, was hier gegen den arragoniſchen König geſchah, ging von deſſen eigenem Geſandten aus und Don Manuel operirte mit Glück, weil er mit großer Geſchicklichkeit verfuhr. Nach ſei⸗ ner Angabe hatte ſich Philipp an den„großen Feld⸗ herrn“ Don Gonſalvo, ebenfalls einen gebornen Ca⸗ ſtilier, gewandt, Neapel als eaſtiliſche Eroberung beanſprucht und Gonſalvo hatte ſich gerade nicht ab⸗ geneigt gezeigt, Philipp als ſeinen rechtmäßigen Herrn anzuerkennen; auf gleiche Weiſe hatte Manuel Ver⸗ bindungen mit den mächtigen eaſtiliſchen Ricos Hombres angeknüpft, welche faſt ſouverainen Fürſten gleich zu achten waren, und ihnen Hoffnungen vder Verſprechungen in Bezug auf ihre alten, von Ferdinand und Iſabella geſchmälerten Vorrechte, vorzüglich aber auf die Auf⸗ hebung der Allen verhaßten Inquiſition gemacht. Der Die Königskrone. 107 König von Frankreich war durch neue Unterhandlungen zu wichtigen Zuſagen militairiſcher Hülfe veranlaßt worden. Es war nicht zu verkennen, Philipps Wag⸗ ſchale ſank durch das Gewicht Manuels und der ſtaats⸗ kluge Ferdinand wurde emporgeſchnellt. Es wurden im Laufe des Sommers große und koſtſpielige Anſtal⸗ ten zur Reiſe nach Caſtilien gemacht, welche wiederum durch Frankreich gehen ſollte. Zwei Dinge ſollten in den Niederlanden erſt noch beſeitigt werden: die Nie⸗ derkunft der hochſchwangern Königin, auf welche Phi⸗ lipp ſeit jenem an ihren Vater geſchriebenen Brief einen ſchier wüthenden Haß geworfen hatte und ſie gänzlich vernachläſſigte, und die Demüthigung des Her⸗ zogs Karl von Geldern oder, wie man ihn am burgun⸗ diſchen Hofe nur nannte, des Grafen Egmont. Die Geldriſchen Händel waren ſchon über dreißig Jahre alt und ſtammten noch vom Herzog Karl dem Kühnen von Burgund, Philipps mütterlichem Groß⸗ vater. Dieſer hatte nämlich das Herzogthum Geldern von deſſen rechtmäßigem Herrn, dem Herzog Arnold, Grafen von Egmont, gekauft. Dieſer Arnold war von ſeinem Sohne Adolf, einem wilden, grauſamen und herrſchſüchtigen Menſchen, auf das ſchmählichſte behandelt und gefangen gehalten worden, um ihn zur Abtretung der Regierung zu zwingen. Aber der ver⸗ abſcheuungswürdige Sohn erreichte ſeinen Zweck nicht. Karl der Kühne kaufte das Land dem ſchwergekränkten 108 Die Königskrone. Greiſe ab, und Adolf ward in einer harten Haft zu Cortryk gehalten. Aber er hatte einen achtjährigen Sohn Karl, welchen die geldriſchen Unterthanen, von einem ſchönen Rechtsgefühl geleitet, als ihren wahren und rechtmäßigen Oberherrn erkannten, indem ſie den von ſeinem Großvater bewirkten Verkauf des Herzog⸗ thums an den Herzog Karl den Kühnen von Burgund verwarfen und ſich der Beſitzergreifung deſſelben mit bewaffneter Hand widerſetzten. Karl der Kühne über⸗ zog ſie mit einem mächtigen Heere und trieb die wi⸗ derſpänſtigen Städte zu Paaren. Den jungen Karl von Egmont ließ er in Gent erziehen. Als nach Karls des Kühnen Tode der ränkevvlle Ludwig XI. von Frank⸗ reich die Prinzeſſin Maria, Erbin von Burgund, mit Krieg drangſalte, holten die Flanderer den Herzog Adolf aus dem Gefängniß zu Cortryk, machten ihn zu ihrem Feldherrn und verſprachen ihm die Erbin Maria zur Gemahlin; er ward aber bei der Belagerung von Dornhk von den ausfallenden Franzoſen erſchlagen. Nun ſielen die Geldrer ſeinem Sohne Karl wieder zu und erhoben ihn, der ohnmächtigen Maria gegenüber, zu ihrem Herzog, wozu ihm ſeine Geburt auch das vollgültigſte Recht verliehen hatte. Erzherzog Maxi⸗ milian machte ihm aber ſpäter als Maria's Gemahl das Herzogthum ſtreitig und Farl, der als ſechzehn⸗ jähriger Jüngling im burgundiſchen Heere gegen die Franzoſen diente, gerieth in die Gefangenſchaft des Die Königskrone. 109 Königs Karl vlll. von Frankreich. Nach vier Jahren, als König Karl mit König Maximilian in Streit ge⸗ rathen war, ſchickte er den jungen Grafen Karl von Egmont nach Geldern und reizte ihn an, das Herzog⸗ thum als ſein Erbe in Beſitz zu nehmen, verſprach ihm auch zur Behauptung deſſelben jegliche Unterſtützung. Die Geldrer begrüßten ihn freudig als ihren recht⸗ mäßigen Herrn, huldigten ihm, bezahlten ihm die Steuern und verjagten Maximilians Amtleute. Maxi⸗ milian brachte ein Heer gegen ihn auf, die franzöſiſche Hülfe blieb aus, Karl konnte ſich nicht halten. Er legte ſich auf's Bitten und der gutmüthige Max be⸗ ſtellte ein Schiedsgericht der vier rheiniſchen Kurfürſten und des Biſchofs von Straßburg, um zu entſcheiden, wem Geldern gehöre. Das Gericht ſprach es dem deutſchen Könige zu und Karl floh wieder nach Frankreich, ſuchte und fand Hülfe, bemächtigte ſich mehrer geldriſchen Städte und beunruhigte die Niederlande eine lange Reihe von Jahren hindurch. Er genoß ſtets heimliche Unterſtützung des Königs Ludwig Xll. von Frankreich und zwar ganz zu derſelben Zeit, als dieſer König ſich in die innigſten Bündniſſe mit dem Erzherzog Philipp begeben hatte. Das war die Politik der Könige die⸗ ſes Jahrhunderts. Mehr noch aber bewirkte die treue Liebe des geldriſchen Volks, das ſeinem jungen Her⸗ zog mit unerſchütterlicher Standhaftigkeit anhing und ſich nur gezwungen unter die burgundiſche Herrſchaft fügte. Die Königskrone. So war denn auf König Marimilians Veranlaſſung der Krieg gegen Karl von Egmont im Jahre 1504 wieder erneuert worden und Philipp ſelbſt zu Felde ge⸗ zogen. Er hatte mehrere Städte eingenommen, aber Karl hatte ſich doch behauptet und der Winter ſtellte wieder Alles in's Ungewiſſe. Nun kamen die wichti⸗ gern eaſtiliſchen Angelegenheiten dazwiſchen. Aber Phi⸗ lipp wollte nicht eher nach Spanien gehen, bis Karl von Egmont aus Geldern vertrieben ſei. Die Gel⸗ drer hatten am Ende des vorigen und zu Anfang dieſes Jahres die Grenzen von Holland und Brabant ſehr beſchädigt und die Schifffahrt auf der Maaß unſicher gemacht. Die Holländer waren ihnen nichts ſchuldig geblieben und die Unruhe nahm kein Ende. Nachdem nun König Philipp von Hagenau zurückgekehrt war, brachte er durch ernſtliches Aufgebot in allen Provinzen ein anſehnliches Heer zuſammen und rückte Mitte Juli damit nach Geldern. Die Stadt Grave an der Maaß an der Grenze des Landes nach Nord⸗Brabant öff⸗ nete ihm die Thore und mehrere kleinere Städte folg⸗ ten ihrem Beiſpiel. Aber die größeren Städte, als Nimwegen, Roermond, Venlop, Zuitphen, Bommel, Tilet und Arnheim hielten dagegen in der Treue an ihrem angeſtammten Herzog feſt und die letztere Stadt wurde vom König Philipp eingeſchloſſen und belagert. Der König hatte mit ſeinen Günſtlingen und Freun⸗ den das nahe Schloß Roſenthal als Haugtquartier be⸗ Die Königskrone. zogen. Unter ihnen befand ſich auch Don Manuel. Die leichtſinnigen und verſchwenderiſchen Vergnügungen des burgundiſchen Hofs waren ihm gefolgt und durch⸗ rauſchten Tag und Nacht das ſonſt einſame Schloß. Eine Abtheilung des Heeres war nach dem Schloſſe Hattem aufgebrochen, wo der Herzog von Suffolk wohnte. Der König erwartete von dort ſtündlich Nach⸗ richt. Es waren alle Anſtalten getroffen, um das auf⸗ rühreriſche Land, wie man das Herzogthum Geldern im burgundiſchen Lager nannte, in kurzer Zeit zum Gehorſam zu bringen, und der König war ſehr erfreut über die guten Ausſichten. Er erfuhr durch ſeine An⸗ hänger und Spione, daß Karl von Egmont faſt an alle deutſche Fürſten um Hülfe geſchrieben habe, aber überall abgewieſen worden ſei; es ging die Nachricht ein, daß er ſich mit den flehentlichſten Bitten an den König von Frankreich gewendet, aber auch bei dieſem nicht glücklicher geweſen war; im Gegentheil kam ein Brief des burgundiſchen Geſandten am franzöſiſchen Hofe auf Schloß Roſenthal an König Philipp an, welcher die freundlichſten Geſinnungen und Verſpre⸗ chungen des Königs Ludwig ſowie deſſen Kriegsrüſtun⸗ gen gegen Ferdinand den Katholiſchen, wozu die Ge⸗ neralſtaaten reichliche Mittel bewilligt hatten, vermel⸗ dete. Und in denſelben Tagen brachte Don Manuel ſeinem jungen Könige eine geheime Botſchaft aus Ca⸗ ſtilien, die beſagte, daß nun faſt alle eaſtiliſche Großen 112 Die Königskrone. von Ferdinand abgefallen ſeien, wodurch ſich dieſer in der äußerſten Verlegenheit befinde und ſich, ſobald Phi⸗ lipp das Land betreten würde, keine Stunde lang als Regent halten könne. Auch das Gerücht, König Fer⸗ dinand wolle ſich mit der Infantin Juanna, die man von ihrem angeblichen Vater Beltraneja nannte, vermäh⸗ len, kam nach Roſenthal und gab wenigſtens Kunde von Ferdinands mislicher Lage. Dieſe Nachrichten ver⸗ breiteten die größte Freude und König Philipp, den das Glück zu ſeinem Günſtling auserſehen zu haben ſchien, ordnete ein glänzendes Feſt an. Er ließ dazu Damen aus der Umgegend einladen, ja die leichtferti⸗ gen niederländiſchen Sitten führten vornehme Frauen aus dem benachbarten Nordbrabant herbei; einige Hof⸗ damen waren ihren Männern und Liebhabern ſogar von Brüſſel gefolgt. Während die unglückliche Köni⸗ gin im Schloſſe zu Brüſſel eingeſperrt und von den Banden des düſterſten Wahnſinns gefeſſelt war, überließ ſich ihr leichtſinniger Gatte allen ſchwelgeriſchen Ge⸗ nüſſen; denn auch er hatte eine neue Geliebte unter den im Schloſſe Roſenthal anweſenden Hofdamen. Mitten in die rauſchenden Vergnügungen des Feſtes trat ein Bote mit der Meldung, daß das Schloß Hattem eingenommen und der Herzog von Suffolk gefangen wor⸗ den ſei. Der König gab ſogleich Befehl, den vorneh⸗ men Gefangenen mit allen Ehrenbezeigungen nach Ro⸗ ſenthal zu bringen. Am vierten Feſttage langte der Die Königskrone. 113 engliſche Herzog mit einer Begleitung flandriſcher und brabantiſcher Edeln an und wurde am Thore von Wilhelm von Croyh begrüßt, der ihn ſogleich zum Kö⸗ nige führte. Bei dieſem befand ſich Don Manuel, der in Gemeinſchaft mit Croy alle Regierungsgeſchäfte be⸗ ſorgte. Der Herzog von Suffolk war eine hohe, äußerſt edle und kräftige Geſtalt. Einfach und ſchier unter ſeinem Stande gekleidet, bekundete ſeine Erſcheinung und ſein einfaches, würdevolles Benehmen doch ſogleich den durch Geburt und Geſinnung gleich vornehmen Mann. Graue Locken hingen in ſeinen Nacken und ließen eine gewölbte, gedankenreiche Stirn frei, zu der ein tiefliegendes, ruhiges Auge und eine große gebogene Naſe trefflich paßten. Der König ging ihm mit Ehr⸗ erbietung entgegen und führte ihn zu dem Polſterbette, auf welchen ſie Beide Platz nahmen. —„Die wechſelnde Kriegsfortuna,“ begann der Kö⸗ nig,„verſchafft mir die Freude, Ew. Liebden als meinen Gaſt beherbergen zu können.“ —„Ew. Majeſtät iſt ſehr artig, ihren Gefan⸗ genen Gaſt zu nennen,“ verſetzte Suffolk ernſt.„Ich bin auf Euern Befehl hier, nicht auf Eure Einla⸗ dung.“ —„Ein Gefangener, den man ehrt, dem man zu ſeinem ſchmählich unterdrückten Rechte verhelfel möchte, dürfte ſich wol als Gaſt, ja, ich meine, als Freund Ein deutſcher Leinweber. III. 8 114 Die Königskrone. betrachten. Ich heiß' Euch auf's freundlichſte willkom⸗ men in Schloß Roſenthal!“ —„Ich danke Ew. Majeſtät auf's freundlichſte und bin Euch in Sonderheit verbunden für die theil⸗ nehmende Geſinnung, die Ihr mir erſt ſchon, eh' ich in dies abhängige Verhältniß zu Euch gerieth, durch den geehrten Baron von Croy habt an den Tag legen laſſen.“ —„Es kommt auf Euch an, Herzog Suffolk, dieſe Geſinnung für Euch in That zu verwandeln. Wer Euer klares Recht auf den engliſchen Thron kennt und ein Rechtsgefühl in der Bruſt hat für unterdrückte, verfolgte Unſchuld und die bündigſten Anſprüche, wird Euch gewiß nach Kräften beiſpringen, um Euch zu Recht und Beſitz zu verhelfen. Caſtilien, Burgund und Oeſtreich reichen Euch in mir die Hand, mein Vater iſt Euch wohlgeſinnt, Frankreich iſt mein innig⸗ ſter Verbündeter und wird auf meinen Wunſch zu Eurer Hülfe bereit ſein. Die mächtigſten Reiche Europas ſpringen Euch bei, Euch die Krone, die Euch gehört, auf's Haupt zu ſetzen. Und in England habt Ihr viele und mächtige Freunde und Anhänger. Der Geiz und die Parteilichkeit des Uſurpators ſind verhaßt.“ —„So lockend die Ausſicht, ſie erſcheint zu ſpät für mich,“ ſagte Suffolk ruhig.„Wäre ſie zwanzig Jahre früher gekommen, vielleicht wär' ich ihr nachge⸗ gangen. Ew. Majeſtät iſt jung und vom glühenden Die Königskrone. 115 Eifer der Jugend beſeelt, das Höchſte und Glänzendſte zu erſtreben. Ich bin ein alter Mann, der ſich des Ehrgeizes abgethan und keinen Wunſch weiter hegt, als in's Vaterland zurückkehren zu dürfen, um dort ſeinen Sarg aus demſelben Holze zimmern zu laſſen, aus welchem ſeine Wiege geſchnitzt wurde. Ich dank' Euch herzlich für Euern guten und ſchönen Willen, mein König und Herr, aber ich liebe England zu ſehr, ich hab' es zu ſchmerzlich zucken und bluten geſehen in den wilden und furchtbaren Kämpfen der weißen und rothen Roſe, als daß ich es, um meines Rechts willen, noch einmal den Greueln des Bürgerkriegs preisgeben ſollte. Ja wenn ich ſogar die ſichere Gewährſchaft hätte, daß ich die, wie Ihr ſagt, mir gebührende Krone von Heinrichs von Richmond Haupte reißen und das meinige damit ſchmücken würde, ſie würde mir zu theuer erkauft ſein mit dem Blute auch nur eines einzigen Engländers. Wer, wie ich, ſein Leben der ſiillen Wiſſenſchaft geweiht und ihre hohen Genüſſe ge⸗ koſtet hat, wer in tiefſter Zurückgezogenheit in ihrem Dienſte alt geworden iſt, trägt kein Verlangen mehr nach einer Krone. Ich ſehne mich wol nach England— ach! unausſprechlich— aber nicht um ſein König, ſon⸗ dern um ſein ruhigſter, den Geſetzen gehorſamſter Bür⸗ ger zu ſein.“ —„Ihr mögt beneidenswerth ſein, um Eure Re⸗ ſignation,“ fagte Philipp unwillig,„doch wahrlich, ich 8* 116 Die Königskrone. beneid' Euch nicht. Ich wünſch' Euch von Herzen, daß König Heinrich Eure Geſinnung kennen lerne, um Euern beſcheidenen Wunſch zu erfüllen.“ —„Dazu hab' ich längſt alle Hoffnung aufgegeben.“ —„Nun ſo laßt Euch's ſo wohl ſein in meinem Lande, als Ihr vermögt.“ Der König ſtand auf und verbeugte ſich. Der Her⸗ zog trat ab und wurde auf ſeine Zimmer gebracht. Er nahm zwar die Einladung zur Tafel an, aber ohne Luſt und Leid. Ein von ſchwerem Schmerz geprüftes und über das irdiſche Treiben erhabenes Herz, paßte er nicht zu den Feſtgelagen auf Roſenthal; das Er⸗ ſcheinen ſeiner ernſten, kummervollen Geſtalt wünde die Freude gedämpft, wenn nicht gar verſcheucht haben. Philipp beſtimmte ihm das Schloß zu Namur zu ſei⸗ nem Aufenthalt und wies ihm ein anſehnliches Jahr⸗ geld an. Am folgenden Morgen ging Suffolk an die⸗ ſen ſeinen Beſtimmungsort ab. Um den kleinen Verdruß, den ihm der Herzog von Suffolk bereitet, zu verwinden, gab der König ſeinen Gäſten ein glänzendes Ringſtechen mit Bankett, wobei die das burgundiſche Heer begleitenden caſtiliſchen Ritter ſich auf das vortheilhafteſte hervorthaten. Philipp liebte es, auf dieſe Weiſe der ritterlichen Gewandtheit und Tapferkeit ſeiner eaſtiliſchen Anhänger zu ſchmeicheln und ihnen dadurch Gelegenheit zu geben, ihre hohen und weltberühmten Vorzüge leuchten zu laſſen. Es Die Königskrone. 117 ſchien, als ſollte an ſeinem Hofe noch einmal die Tu⸗ gend des Ritterthums vergangener Jahrhunderte, wie ſie ſich in Caſtilien und Leon erhalten hatte, zur Blüte kommen, die in den Niederlanden mit Karl dem Küh⸗ nen verwelkt und für die das vom Handelsgeiſt des Bürgerthums befruchtete Land kein geeigneter Boden war. Kein brabantiſcher Adeliger begünſtigte die Ca⸗ ſtilier und ihr romantiſch ritterliches Weſen mehr, als Wilhelm von Croy, gleichſam der letzte Ritter der Niederlande, und ihn ſah man ſtets mit den Rittern aus der fernen Halbinſel in die Schranken reiten, um eine Lanze mit ihnen zu brechen. Der König ſelbſt, obgleich als burgundiſches Kind weichlicher erzogen und üppiger lebend, als ſich mit den harten und anſtren⸗ genden Leibesübungen des wahren Ritterdienſtes ver⸗ trug, verſchmähete es doch nicht, zuweilen geharniſcht ſein Roß zu beſteigen und an den Spielen Theil zu nehmen, die den ſchwärmeriſchen Geiſt des dreizehnten Jahrhunderts bezeichnen. Aber er fand ſich in der That ſchlecht in die ernſte und waffenkräftige Rolle eines Caſtiliers, der heitere, üppige und genußſüchtige Geiſt des Niederländers war und blieb ihm eigen. Der verwöhnte Sohn des reichſten Handelsvolks und des ſechzehnten Jahrhunderts konnte ſich nicht nach Luſt und Belieben um drei Jahrhunderte zurückverſetzen oder ſich das innerſte Weſen eines Volkes aneignen, das im begeiſterten Kampfe mit den Ungläubigen für den rei⸗ Die Königskrone. nen Chriſtenglauben ſich auf der Höhe jenes Ritter⸗ thums erhalten hatte und zu deſſen König er durch eine ſeltſame Fügung des Geſchicks berufen war. In der That konnte man nicht leicht ſtärkere und ſchroffere Ge⸗ genſätze in allen Lebensbeziehungen ſehen, als zwiſchen den Niederländern und Caſtiliern ſtattfanden. In Phi⸗ lipps Stammlande ſprach ſich überall der Geiſt der Re⸗ formation in Kirchenſachen aus und der ſtrengkatholi⸗ ſche Glaube hatte nirgend ſchlechtere Anhänger und Vertheidiger als hier; in Caſtilien wachte der finſtere Geiſt der Inquiſition, wie ein mörderiſcher Nachtvogel, über die ſtrengſte Reinheit der feſtgeſtellten Glaubens⸗ formen und verdammte Jeden zum Scheiterhaufen, har⸗ ten Bußen oder Landesverweiſung, der durch ein Wort verrieth, daß er eine davon abweichende Anſicht hege. Der Niederländer huldigte den freieſten Sitten und die Verſchmähung der geſetzlichen Form in der Ver⸗ einigung der beiden Geſchlechter war eine Mode⸗ ſache, der die Frauen ebenſo ſtark huldigten, wie die Männer, ohne dadurch dem Tadel eines öffeutlichen ſittlichen Gefühls, das in Wahrheit gar nicht vorhan⸗ den war, anheimzufallen; der Caſtilier hielt mit der äußerſten Strenge auf Keuſchheit und Sittenreinheit und die Heiligkeit der Ehe ſtand ihm ſo hoch, daß Iſabella, die verſtorbene Königin von Caſtilien, die Krone allein dieſem das ganze Volk durchdringenden Sittlichkeitsgefühl verdankte, auf welche Johanna, die Die Königskrone. 119 Tochter ihres Bruders und Vorgängers, des Königs Heinrich W., ein weit näheres und begründeteres Recht hatte. Da ſich aber einmal der Verdacht im Volke gegen die Königin, Heinrichs leichtfertige Gemahlin, feſtgeſetzt hatte, nicht der König, ſondern ſein ſchöner Günſtling Beltran de la Cueva, Herzog von Albuquerque, ſei Johanna's Vater, was nicht nur durch nichts be⸗ wieſen werden konnte, wogegen ſogar Wahrſcheinlich⸗ keitsgründe ſtritten, ſo verwarfen die Cortes dieſe Jv⸗ hanna als Nachfolgerin und übertrugen die Krone Iſa⸗ bellen, der Schweſter des Königs. Der Niederländer war gewerbthätig und handelsſpeculativ und Künſte und Wiſſenſchaften blüheten in ſeinen Städten; der Ca⸗ ſtilier verachtete Gewerbe und Handel und wußte nichts von ihrer Blüte, der lebensſchmückenden Kunſt, der geiſterhebenden Wiſſenſchaft. Der Niederländer war leicht, fröhlich, ſchnell bewegt und wandelbar wie das Meer, dem er ſeinen Reichthum verdankte; der Caſti⸗ lier zeigte einen finſtern Ernſt, abgemeſſene Steifheit, eine bis zum Lächerlichen getriebene Förmlichkeit und äußerſte Charakterſtrenge. Und über dies üppige Marſch⸗ volk und dies keuſche Bergvolk, einander ſo fremd und ſo weit entfernt, ſollte nun ein König herrſchen und dieſer erſte König ſollte der leichtſinnige Philipp, der echte Sohn der Niederländer ſein! Das Bankett brauſte in wilder Schwelgerei, als der König von einem Pagen benachrichtigt wurde, es ſei Die Königskrone. ſpeben ein Mann auf ſchweißbedecktem Roſſe vor das Schloß geſprengt, der um kurze Andienz bitte, da er Nachrichten von der äußerſten Wichtigkeit überbringe. Philipp befahl, denſelben auf ein Zimmer zu führen, wohin er ſich ebenfalls ſogleich begab. Er war nicht wenig erſtaunt, den Zigeuner Antoniv vor ſich zu ſehen, den er in Portugal wähnte. —„Nur ein außerordentliches Ereigniß hat mich ver⸗ mocht, von Blois ſo eilig zurückzukehren, daß ich den Weg in drei Tagen zurückgelegt habe,“ ſagte Antoniv ſich verneigend,„um Ew. Majeſtät wirkſamſt zu dienen.“ —„Was iſt geſchehen?“ fragte der König beſtürzt. —„Der König von Arragonien hat durch einen heimlichen Geſandten beim Könige von Frankreich um die Hand ihrer beiderſeitigen Baſe*), der ſchönen Gräfin Germaine von Foir, anhalten laſſen; er hat die Zuſage König Ludwigs erhalten und ein Bündniß bei⸗ der Könige zu Ew. Majeſtät Verderben iſt im Werke. Der ſpaniſche Geſandte iſt mit dem Jawort abgereiſt und näch⸗ ſtens wird eine große öffentliche ſpaniſche Geſandtſchaft *) Germaine von Foix war die Tochter Maria's von Or⸗ leans, Schweſter Ludwigs KlI. von Frankreich, und Johanns von Foir, Fürſten von Narbonne. Dieſer Johann aber war der Sohn der übelberüchtigten Leonore, Gaſtons von Foix Ge⸗ mahlin, Königin von Navarra. Und dieſe Leonore war Ferdi⸗ nands des Katholiſchen Schweſter. König Ferdinand war alſo Germaine's Großonkel, König Ludwig ihr Geſchwiſterkindsvetter. Die Königskrone. 121 in Blois eintreffen, das neue Bündniß zum Abſchluß zu bringen.“ Der König ſtarrte den Sprecher wie ein Geiſtes⸗ abweſender an; ſein Geſicht hatte ſich entfärbt und ſeine blau gewordenen Lippen zitterten. Endlich rief er mit Anſtrengung:„Menſch, du lügſt, das hat dir der Teufel eingegeben, mich zu erſchrecken.“ —„Ich kann Euch jeglichen Eid ſchwören, daß ich die Wahrheit ſage. Auch werdet Ihr bald genug die Beſtätigung meiner Nachricht erfahren. Denn ich wette darauf, ſie iſt heute ſchon keiner Seele am franzöſiſchen Hofe ein Geheimniß mehr.“ —„Es iſt ja nicht möglich! Es kann nicht ſein!“ wüthete jetzt Philipp.„Die beiden Todfeinde ſollten ſich verbunden haben, mir die eaſtiliſche Krone zu ent⸗ reißen! König Ludwig ſollte vergeſſen haben, daß die⸗ ſer falſche Ferdinand es war, der ihn um die Hälfte von Neapel betrog! Ludwig ſollte vergeſſen haben, daß ihn die heiligſten Verpflichtungen an mich und meine Sache binden, der er noch vor wenig Wochen die ſchönſten Zuſicherungen gemacht hat! Nein, nein, ſo treulos, ſo falſch kann König Ludwig nicht ſein!“ —„Ihr vergeßt, daß dieſer König die wachſende Macht des Hauſes Oeſtreich mit neidiſchem, ängſtlichem Auge betrachtet. Liegt denn nicht Frankreich zwiſchen Caſtilien und Burgund?“ —„Und dieſer ſchlaue Ferdinand ſollte ſo unklug 122 Die Königskrone. ſein, ſeine ſo ängſtlich bewahrte Ehre durch eine ſo enge Verbindung mit Frankreich auf's Spiel zu ſetzen und ſich die eaſtiliſchen Granden noch mehr zu entfrem⸗ den? Der angehende Greis ſollte das ſtolze, franzö⸗ ſiſche Kind als Gemahlin auf ſeinen Thron ſetzen? So unklug iſt Ferdinand nicht.“ —„Ihr vergeßt, daß ihm ſchier kein anderes Mittel übrigbleibt, um ſich die Regentſchaft Caſtiliens zu ſichern. Er hat jetzt nur im Sinn, Euch zu ſchaden und von der Herrſchaft Caſtiliens fernzuhalten. Seinen eigenen Schaden ſieht er nicht.“ —„Und ich, der ich vor zwei Jahren in Blois faſt den Tod davon hatte, als ich Frieden ſtiften wollte zwiſchen dieſen beiden Königen, der ich mein deutſches Rechtsgefühl verhöhnt und mich Lügen geſtraft ſah von dem„ſtaatsklugen“ Ferdinand, ich ſollte jetzt von die⸗ ſen beiden Königen verrathen und verkauft ſein? Es iſt nicht möglich, oder die Hölle ſelbſt hat dieſen Plan ausgeheckt.“ —„Nehmt Eure Maßregeln danach, dieſen Plan zu vereiteln. Nicht vergebens bin ich ſo ſehr geeilt, Ew. Majeſtät davon in Kenntniß zu ſetzen.“ Der König ließ augenblicklich den Don Manuel und den Pfalzgrafen Friedrich rufen und theilte ihnen die erhaltene ſeltſame Mähr mit, die ihm ſo ganz unglaubhaft vorkam. Beide Günſtlinge erſchraken. Auf einen ſolchen Schritt Ferdinands war keiner vor⸗ 1 Die Königskrone. 123 bereitet geweſen; er hatte gar nicht in den Grenzen ihrer Möglichkeitsberechnung gelegen. —„Sieh da!“ ſagte der Pfalzgraf endlich trocken, „die kleine Zigeunerprinzeſſin hat es in Blois Ew. Majeſtät vorausgeſagt, die Gräfin Germaine würde Eure Feindin werden.“ Der König fuhr, wie vom Blitz berührt, auf: „Wahrlich, du haſt recht, Friedrich! Wer hätte da⸗ mals geahnt— und es ſind erſt drittehalb Jahre— daß ſich dieſe Prophezeiung ſo ſeltſam erfüllen würde! Bei Gott, es fehlt nicht viel mehr, ſo iſt ſchon Alles eingetroffen! Die beiden ſchönſten Blumen des franzö⸗ ſiſchen Hofes, die mich damals ſo ſehr entzückten, ſind an alte Könige verſchleudert worden. Die Zigeunerin ſagte Anna zwei Kronen zu und ſie hat ſie erhalten; ſie prohezeite Germaine ich weiß nicht wie viel Kro⸗ nen und, ſieh, ihr ſchlauer Großonkel will ſie ihr auf das niedliche Haupt ſetzen. Nun glaub' ich es, die Zigeu⸗ nerin hat wahr geredet. Aber was iſt nun zu thun, Don Manuel, gegen dieſen unerwarteten Schlag?“ —„Liſt gegen Liſt, Falſchheit gegen Falſchheit, Majeſtät. Ihr ſeht, wie die Könige zu handeln pfle⸗ gen. Ihr müßt Euch ſchon bequemen zur echten Kö⸗ nigsrolle. Wir wollen es überlegen. Vor allen Din⸗ gen müßt Ihr dieſen Krieg ſo raſch als möglich zu Ende bringen, damit wir von dieſer Seite nicht behin⸗ dert ſind und König Ludwig nicht ſchnell dem Herzog — * 124 Die Königskrone. von Geldern mit ſtarker Hülfe beiſpringt. Denn nun muß Ew. Majeſtät auf jeden feindlichen Schritt von franzöſiſcher Seite gefaßt ſein.“— —„O, über die abſcheuliche Falſchheit dieſer Kö⸗ nige!“ rief Philipp mit dem Tone des gerechteſten Un⸗ willens. Antonio erzählte auf Befehl ausführlich, wie er hinter die Werbung des arragoniſchen Königs gekom⸗ men war. —„Ich raſtete einige Tage in Blois und ſpionirte nach Nachrichten zu meinen Zwecken; ich habe am franzöſiſchen Hofe manchen Bekannten unter Hohen und Niedern. Da war ich nicht wenig erſtaunt, auf ein Paar ſpaniſche Landsleute zu ſtoßen. Bald erfuhr ich, daß der Herr, den ſie als Dienerſchaft begleitet, ein Mitglied des königlichen Raths von Arragon ſei; ein cataloniſcher Mönch Don Juan de Enquera. Bald darauf ſah ich dieſen Herrn mit dem blutjungen Gra⸗ fen Gaſton de Foir*), dem Bruder der Gräfin Ger⸗ maine und dem Herzog von Bourbon gehen. Ich er⸗ fuhr, daß der ſpaniſche Mönch eine geheime Botſchaft ſeines Königs an den König Ludwig gebracht habe. Er war ſehr gnädig empfangen und behandelt worden und *) Dies iſt derſelbe, der 1512 als zweiundzwanzigjähriger Feldherr der Franzoſen und hochberühmter Kriegsheld in der Schlacht bei Ravenna ſiegreich gegen die Spanier fiel. 6 Die Königskrone. 125 die Hofleute machten ihre Bemerkungen dazu. Es war allgemein das Gerücht am Hofe verbreitet, der König Ferdinand habe um die Prinzeſſin Donna Juanna, die man die Beltraneja nennt, geworben und eine Geſandt⸗ ſchaft in das Kloſter nach Portugal geſchickt, wo ſie Nonne iſt, damit ſie als ſeine Gemahlin ihre alten Anſprüche auf die eaſtiliſche Krone erneuere. Er habe aber eine abſchlägige Antwort erhalten. Niemand konnte ſich damit die Geſandtſchaft an den franzöſiſchen Hof zu⸗ ſammenreimen. Bald aber flüſterte man ſich das Geheim⸗ niß in die Ohren; ich wußte mich dem Don Juan de Enquera zu empfehlen und er verrieth mir in der Freude ſeines Herzens den glücklichen Erfolg ſeiner Sendung. König Ludwig hat zu Gunſten der Nach⸗ kommenſchaft ſeiner ſchönen Nichte auf ſeine Anſprüche auf Neapel verzichtet. Es iſt Alles in Ordnung und der ſpaniſche Geſandte vereits zurückgereiſt.“ Philipp konnte ſich lange nicht von dem Schrecken erholen, den ihm dieſe Nachricht eingeflößt hatte. Seine Günſtlinge traten ſogleich wieder handelnd für ihn ein. Auf Don Manuels Veranlaſſung mußte Wilhelm von Croy den Herzog von Suffolk beſuchen, dem Vorwand nach, um nachzuſehen, daß bei ſeiner neuen Einrichtung ihm nichts abgehe, dabei mußte er dem Herzog ent⸗ decken, der König ſei nicht abgeneigt, mit dem Herzoge von Geldern ein dieſem vortheilhaftes Uebereinkommen zu treffen, wenn er ſchnell ſich perſönlich an ihn wende. 126 Die Königskrone. Der Herzog von Suffolk, der dem Herzog von Gel⸗ dern Verbindlichkeiten ſchuldete und ein dankbares Ge⸗ müth hatte, verfehlte natürlich nicht, dies dem ſchwer⸗ bedrängten Herzog Karl zu melden. Und ſo kam denn ſchon nach zwei Tagen eine Botſchaft deſſelben auf Schloß Roſenthal an, die ſicheres Geleit für ihn vom König anſprach und erhielt. Er ließ nicht lange auf ſich warten. Der junge, ſchwergeprüfte Fürſt warf ſich dem noch jüngern Könige zu Füßen.„Ich komme als ein ünterthäniger Diener meines Königs,“ ſprach er, „Ew. Majeſtät zu verſichern, daß ich weder Willen noch Kraft mehr habe Euch länger zu widerſtreben. Ich bitte demüthig um Gnade und Frieden und zwar bei dem Herzog von Burgund, deſſen hochberühmte Vorfahren mich von meinem ſiebenten bis in mein funfzehntes Jahr, aus angeborner hoher Güte, als einen Fürſten erzogen und gehalten haben. Und als Fürſt bin ich, als ich nachmals in burgundiſchen Dien⸗ ſten bei Bethune von den Franzoſen gefangen wurde, am franzöſiſchen Hofe bis in mein zwanzigſtes Jahr aufgewachſen. Deshalb getröſte ich mich der Hoffnung, Ew. Majeſtät werde auch jetzt ſo mit mir verfahren, daß ich ferner meinem Stande gemäß leben kann.“ Philipp hob ihn auf, ſetzte ſich freundlich mit ihm auf ein Polſter und ſagte gütig:„Ihr ſeid ein Fürſt und ſollt ein ſolcher bleiben. Wir wollen in Güte mit einander verhandeln.“ Die Königskrone. 127 Hierauf wurde ein Waffenſtillſtand zwiſchen beiden Fürſten auf Jahr und Tag verabredet. Die Be⸗ vingungengren⸗ Die beiderſeitigen Unterthanen in Niederland und Geldern ſollten ungehindert mit einan⸗ der handeln und wandeln. Von beiden Theilen ſollte e Anzahl gelahrter und ſachverſtändiger Per⸗ ſet, vor denſelben innerhalb zweier Monate, die beiderſeitigen Anſprüche, bei Strafe des Verluſtes derſelben, angebracht und belegt und durch dieſe Schiedsrichter binnen Jahresfriſt die Streitſache über Geldern entſchieden werden. Jeder Theil ſollte wäh⸗ rend des Anſtandes die Städte, Feſtungen und Dörfer, die er eben innehatte, behalten. Herzog Karl ſollte dem König Philipp wider deſſen Feinde zu Dienſt ſein und dafür ein gewiſſes Jahrgeld erhalten. Endlich ſollte der Herzog den König ehrenhalber mit einer ſtattlichen Gefährtſchaft nach Spanien begleiten. Zur Ausrüſtung zu dieſer Reiſe wurden ihm vom Könige dreißigtauſend Gulden nebſt den Einkünften des Herzog⸗ thums Geldern großmüthig geſchenkt. Herzog Karl beſchwur dieſen Vertrag, der am 29. Juli zu Tilet öffentlich beſtätigt wurde, auf das heilige Sakrament und König Philipp ſchickte ſich an das Land zu verlaſſen. Ehe dies geſchah, lief von mehreren Seiten die Be⸗ ſtätigung der Nachricht von der neuen merkwürdigen Verbindung der Könige von Arragon und Frankreich 28 ein. Sie ſetzte alle Welt in Erſtaunen. Auch erfuhr Philipp bald genug die Wirkung dieſes ihm ſo ärger⸗ lichen und nachtheiligen Vertrags. Er. beſchloſ⸗ ſen, die Reiſe wieder durch Frankreich zu machen, als die ſicherſte und bequemſte, und es e nur die nah⸗ bevorſtehende Niederkunft der Königin abgew den. Schon waren mannichfache Befehle zi der Reiſe gegeben worden. Jetzt erhielt er vom Kö⸗* nig Ludwig ein Verbot zugeſchickt, er möge den Durch⸗ S gang nach Spanien durch ſein Gebiet nicht eher ver⸗ ſuchen, bis er mit ſeinem Schwiegervater zu einem freundlichen Verſtändniß gekommen ſein würde. Zu gleicher Zeit wurde dem ſchwergetäuſchten jungen Kö⸗ nige gemeldet, daß die Prinzeſſin Claudia von Frank⸗ reich, die Verlobte ſeines Prinzen Karl, mit dem jun⸗ gen Vetter des Königs Ludwig(wenn dieſer keine männ⸗ liche Nachkommenſchaft erzielte, wahrſcheinlichem Nach⸗ folger deſſelben), dem Herzog Franz von Angouléme verlobt worden ſei.„ —„O Germaine! Schöne, grauſame Germaine!“ rief Philipp voll Verdruß;„deine kleine, niedliche Hand ranbt mir und meinem Sohne Kronen und Länder. Wahrlich, du biſt meine größte Feindin geworden!“ * Die Königskrone. 8 — 2 Königskrone. 129 „ Elftes Rapitel. Auf der Schelde bei Antwerpen drängten ſich Hunderte von Kauffahrtſchiffen aller Nationen, welche Welthandel zur See trieben; weithin war der ganze majeſtätiſche Strom mit ſtolzen Fahrzeugen bedeckt, beflaggt und bewimpelt bis in die höchſten Maſtenſpitzen, ein erha⸗ benes Schanſpiel, das einen Begriff geben konnte von der Bedeutſamkeit der brabantiſchen Hafenſtadt. König Philipp war auf der Heimreiſe von Geldern nach Ant⸗ werpen gekommen, um die Stadt vor ſeiner Abreiſe nach Spanien noch einmal zu begrüßen, und der Ma⸗ giſtrat hatte ihn zu einer feſtlichen Fahrt auf der Schelde eingeladen und ihm dazu ein neues prächtiges Brickſchiff, königlich ausgeſchmückt, zum Geſchenk ge⸗ macht. Sobald der König mit ſeinen Hofherren und den ihn begleitenden eaſtiliſchen Adeligen dieſes ſchöne Fahrzeug beſtiegen hatte, neigten ſich die Flaggen vor ihm und jedes Schiff begrüßte ihn mit Kanonenſchüſſen, ſo daß, ſo weit das Ange reichte, der Strom mit Ein deutſcher Leinweber. III. 9 130 Die Königskrone. Dampfwolken bedeckt war. Der jugenvliche König ſtand in reicher eaſtiliſcher Rittertracht auf dem Ver⸗ deck und fuhr, die empfangenen Grüße freundlich er⸗ widernd, durch die Reihen der Schiffe den Strom hinab. Das Schiff des Magiſtrats mit den Vor en der Stadt folgte ihm, alle andere Schiffe ſch ſich die⸗ ſem an und ſo wurde der Zug von nute größer. Jetzt kam er an eine ſtattliche das Wappen der Stadt Augsburg, den Pinienap in der Flagge führte. Zwei Männer ſtanden vorn auf dem Verdeck und ſchwenkten ihre Hütlein zum Gruß. Der Eine davon zeichnete ſich durch ſeine ſchlichte Tracht aus. Der König erkannte ihn ſogleich. Es war Jakob Fugger. Der andere, reicher Gekleidete war Bartholo⸗ mäus Welſer. Hinter ihnen hatte die zahlreiche Die⸗ nerſchaft der Fugger'ſchen und Welſer'ſchen Handelshäu⸗ ſer zu Antwerpen und die Mannſchaft ihrer Schiffe Platz genommen. Der König ließ ſogleich halten und die bei⸗ den augsburger Bürger einladen, die Fahrt mit ihm auf ſeinem Schiffe zu machen. Nach wenigen Miuuten traten die alſo ausgezeichneten Herren an Bord der königlichen Brick. —„Ich freue mich ſehr,“ redete Philipp ſie an, „daß Ihr meiner Einladung gefolgt ſeid, wackrer Fugger, und vor meiner Abreiſe nach Caſtilien noch einmal die Reiſe nach den Niederlanden gemacht und mir auch Euern Freund Welſer mitgebracht habt. Seid — Die Königskrone. 131 mir willkommen in Antwerpen, werthe Männer und Freunde! Ich habe noch viel mit euch zu reden und zu verhandeln, eh' ich für einige Zeit von den nieder⸗ ländiſchen Küſten ſcheide.“ —„Wir wären auch ohne Ew. Majeſtät gnädigſte Einladung gekommen,“ verſetzte Fugger ehrfurchtsvoll, „um Euch Glück zu wünſchen zum glorreichen Erwerb der eaſtiliſchen Königskrone. Möge ſie Euer Haupt bis in's ſpäteſte Alter ſchmücken! Mögen noch andere Kronen hinzukommen! Und möge Ew. Majeſtät den Häuſern Welſer und Fugger ſtets ein gnädig geſinnter König ſein!“ —„Euer letzter Wunſch wird ſtets und zu jeder Zeit meines Lebens in Erfüllung gehen. Zum ohneinletzten hat es wenig Ausſicht. Ihr werdet ja wiſſen, daß mein Schwiegervater ein fröhlicher Hochzeiter iſt und für Arragon, Sieilien und Neapel ſelbſt noch Könige zu erzielen ſich anſchickt. Auch daß er mir die eaſtili⸗ ſche Krone ſtreitig macht, iſt Euch keine unbekannte Sache.“ —„Das Herz Sr. Maojeſtät des Königs von Arragon wird ſeine bekannte väterliche Milde und Liebe gegen Ew. Majeſtät nicht verläugnen, ſobald Ihr ſelbſt nach Spanien kommt,“ ſagte Welſer. —„Es iſt ein ſchlaues, großes Herz und hat für viele Gefühle Raum,“ lachte der König.„Den mei⸗ ſten für puniſche Treue. Es iſt ſo liebevoll, daß es 9* 132 Die Königskrone. mir die Reiſe nach Caſtilien erſparen möchte; aber ich ſehne mich nach ſeiner väterlichen Umarmung.— Doch ich wollte ja nach Euern Umſtänden fragen. Wie ma⸗ chen ſich die Handelsgeſchäfte in Antwerpen?“ —„Dank unterthänigſt der gnädigen Nachfrage!“ verſetzte Fugger. Der Herr im Himmel und unſere Schutzheiligen ſtehen uns bei. Es hat ſich Alles gut angelaſſen und ſeinen wünſchenswerthen Fortgang ge⸗ habt. Ja, wir wollen nicht läugnen, daß Manches unfre Erwartungen übertroffen hat, ſodaß Valuta ge⸗ ſtiegen.“ —„Dies zu hören, macht mir große Freude,“ rief der König, und die Wahrheit ſeiner Worte wurde von ſeinen ſchönen, aufrichtigen Zügen beſtätigt. —„Auch ſind wir gern bereit,“ ſagten Welſer und Fugger, dem Herzog von Suffolk mit Mitteln beizu⸗ ſpringen. Doch hat uns die durchlauchtigſte Erzher⸗ zogin in Löwen, wo wir ihr aufgewartet, ſtreng erklärt, aus dieſem Handel werde nichts.“ —„Sie hat recht,“ ſprach Philipp.„Ich dank Euch für Eure Güte, womit Ihr auf meinen Plan eingegangen. Doch will ich meine Schweſter nicht zwingen.— Ihr habt ein zwiefaches Geſchäft hier er⸗ richtet, eine Waaren⸗ und Wechſelhandlung.“ —„So iſt's, gnädigſter Herr! Die Geſchäfte ſind geſondert. Das Wechſelgeſchäft treiben die Häuſer Welſer und Fugger jedes für ſich allein und auf eigne Die Königskrone. 133 Rechnung, weil unſre Wechſelhandlung in Augsburg und hier nur ein einziges untrennbares Geſchäft bildet. Dagegen treiben wir, Freund Bartholomä und ich, den Seehandel zuſammen und zwar für unſere beiden Per⸗ ſonen, unſere Brüder und Verwandten ſind dabei nicht betheiligt.“ —„So hat Euch wol Eure Wirthin einen Er⸗ ben geſchenkt?“ „Dem iſt leider noch immer nicht alſo, ja die Hoffnung dazu hat noch keinen beſtimmten Gehalt; ich glaube nicht mehr daran. Die Errichtung des hieſigen Hauſes auf meine alleinige Gefahr geſchah nur, um meinen ängſtlichen Brüdern jede Beſorgniß zu er⸗ ſparen.“ —„Eure wackere Geſinnung iſt mir ja bekannt. Und ſo haben die Fugger-Welſer'ſchen Schiffe ferne Länder wol ſchon fleißig beſucht?“ —„Wir nennen jetzt vier ſchöne Handelsbricks unſer Eigenthum; ſie beſuchen die eurvpäiſchen Länder, zwei die nordiſchen, zwei die ſüdlichen, und ſo ſtehen wir mit Venedig, Genua, Neapel und Sicilien, mit Barcelona, Malaga, Liſſabon und Oportv ebenſo in directer Handelsverbindung wie mit den ſüd⸗ und nord⸗ franzöſiſchen, den engliſchen ſchottiſchen, iriſchen, däni⸗ ſchen und ſchwediſchen Häfen. Wir beſchicken Bremen, Hamburg, Lübeck, Danzig und Königsberg und einer unſerer Seefahrer hat ſich ſchon nach Riga verſtiegen.“ — 134 Die Königskrone. —„Das kann nur Jakob Fugger von Augsburg,“ ſagte der König und legte dem ſchlichten Ehrenmann, 6 der dieſen Namen führte, die Hand vertraulich auf die Schulter.—„Man hat mir geſagt, Ihr wollet ſogar Schiffe nach den beiden Indien ſenden und Euch in Braſilien ankaufen, Ihr ſtändet deshalb mit mei⸗ nem Schwager, dem Könige von Portugal, in Unter⸗ handlung.“ —„So iſts, mein gnädigſter König. Unſer Freund Martin Beheim von Nürnberg, der bei des Königs von Portugal Majeſtät in gar großer Gunſt ſteht, macht den Unterhändler. Doch ſind wir noch zu keinem Abſchluß gekommen, weil wir erſt von einem geſchick⸗ ten Manne das neue Küſtenland befahren und unter⸗ ſuchen laſſen wollen.“ —„Ich wünſche nicht, daß Ihr mit König Ema⸗ nuel abſchließt. Nein, nein! Philipp von Oeſtreich, Euer Freund, iſt jetzt König von Caſtilien und die 3 Krone Caſtilien hat Land genug in der neuen Welt, das ſie den Fuggern und Welſern ablaſſen kann. Da hat mir ein eaſtiliſcher Seefahrer, der mit Colombo die letzte Reiſe gemacht und mich dieſen Sommer in Brüſſel beſucht hat, von einem herrlichen Lande erzählt, welches an die portugieſiſche Beſitzung, die man jetzt * Braſilien nennt, angrenzt. Dort ſind die Caſtilier vor ſechs Jahren zuerſt gelandet und haben eine große Stadt auf kleine Inſeln und auf große Baumpfähle, Die Königskrone. 135 die ſie in die Sümpfe einrammten, zu bauen ange⸗ fangen, welche ſie aus dieſem Grunde Kleinvenedig ³) nannten. Man hat mir nicht genug Weſens von der Fruchtbarkeit und dem Metallreichthum dieſes Landes machen können und es ſoll ſich ganz vorzüglich zum Handel eignen. In der That, ich wünſchte, daß Ihr Enre Niederlaſſung in dieſem Kleinvenedig oder in der Nähe bewerkſtelligt. Wir werden darüber bald einig werden.“ —„Ich habe auch ſchon von dem Küſtenlande vernommen, wo die Spanier Kleinvenedig erbauen,“ antwortete Welſer,„und da wir unſres durch⸗ lauchtigſten Königs Gnaden gern in allen Stücken zu Willen ſein möchten, ſo bin ich bereit Ew. Maje⸗ ſtät Vorſchlag anzunehmen und zweifle nicht an Vetter Fugger's Zuſtimmung.“ —„Ihr habt ſie,“ ſagte dieſer.„Ich will ja lieber Land von der eaſtiliſchen Krone erwerben, die mein eigner gnädigſter König trägt, als von der por⸗ tugieſiſchen.“ —„Wolan,“ ließ ſich der König vernehmen, „ſowie ich nach Caſtilien komme, werde ich mit Chri⸗ ſtoph Colomb reden, der ſich jetzt in Spanien aufhält. Der edle Mann iſt ſchlecht belohnt worden vom König *) Venezuela. Die Königskrone. von Arragon und folgt dieſem großen katholiſchen Kö⸗ nige nach, wie deſſen Schatten, um ihn zur Erfüllung ſeines königlichen Wortes zu bringen. Aber Ferdinand pflegt Königen und nächſten Verwandten ſein Wort nicht zu halten, geſchweige einem ausländiſchen See⸗ fahrer, wie Colomb, und wenn dieſer ſelbſt eine neue Welt entdeckt hätte. Aber bei Gott und allen Heili⸗ gen! ich werde dieſe Schändlichkeit nicht dulden. Alles, was die Königin Iſabella von Caſtilien dem Seefahrer Chriſtoph Colomb feierlich mit ihrem königlichen Worte verſprochen und verheißen hat, das wird ihr Nachfolger, der König Philipp von Caſtilien, dem ſchwergekränkten Admiral Colombo halten. Wahrlich, ich komme noch zur rechten Zeit nach Caſtilien, um dieſen ausordent⸗ lichen Mann für ſeine Thaten zu belohnei und ihm einen beſſern Begriff von königlicher Treue und Dank⸗ barkeit beizubringen, als er von den Königen empfan⸗ gen hat, für die er die neue Welt entdeckte.“ —„Die Segnungen der Mit⸗ und Nachwelt wer⸗ dei ſich an den Namen Ew. Majeſtät haften und Euerm Geſchlecht bis in die fernſte Zukunft zu Gute kommen!“ rief Fugger, von einer plötzlichen Be⸗ geiſterung ergriffen.„Ein König, der dem Verdienſte ſeine Krone reicht, trägt ſeine Krone ſelbſt mit Ver⸗ dienſt. Und wer iſt der Krone des Verdienſtes wür⸗ diger, als der Admiral Cylomb? Es iſt für mein deutſches Gemüth eine unausſprechliche Freude, daß ſie Die Königskrone. 137 dem Ehrenmanne von der Hand eines deutſchen Fürſten gereicht werden ſoll.“ —„Und ich ſag' Euch, Herr Fugger, wenn ein Mann würdig iſt, der Freund des großen Entdeckers zu ſein und mit ihm neue Pläne zum Beſten Caſtiliens, Burgunds und des deutſchen Reichs zu beſprechen und auszuführen, ſo ſeid Ihr es, Jakob Fugger. Ich werde mit Colomb nicht allein über Euern ſchönen Plan, Euch in Weſtindien anzukaufen, ausführlich reden; Ihr ſollt mit ihm ſelbſt darüber verhandeln. Ja, Herr Fugger, ich habe Wunſch und Bitte zu Euch, daß Ihr mich in Caſtilien beſuchen möchtet, ſobald die unange⸗ nehmen Händel mit meinem Schwiegervater beſeitigt ſind und ich in Ruhe das Land verwalten kann. Ich brauch' Tuch dort auf vielfach wichtige Weiſe. Ihr ſollt mir nicht nur mit Colomb und den andern be⸗ rühmten Seefahrern Spaniens bekannt werden, um Handel und Schifffahrt gedeihlich zu fördern;z Ihr ſollt mir auch den Bergbau in Caſtilien und in der neuen Welt ordnen. Kein Land in Europa beſitzt im Schvoſe ſeiner Gebirge ſo viel edle Metalle, wie die ſpaniſche Halbinſel. Der gelehrte Prieſter, Pater Adrian von Utrecht, der Lehrer meines Prinzen Karl, hat mir ge⸗ ſagt, daß ſchon die Karthager, als ſie Herren von Hiſpanien waren, und nachher die Römer regelmäßig alljährlich einen großen Reichthum an Gold und Silber aus den ſpaniſchen Bergwerken bezogen haben, auch daß Die Königskrone. Plinius, der ſich eine Zeit lang in dem Lande auf⸗ gehalten, in ſeiner Naturgeſchichte erzählt, allein drei Landſchaften Hiſpaniens hätten jährlich die unglaubliche Menge von ſechzigtauſend Pfund Gold eingebracht. Die fleißigen Araber haben ſich dieſen Reichthum der Berge wol zu Nutz gemacht und den Bergbau mit Ge⸗ ſchicklichkeit betrieben; aber ſeit die Caſtilier Cordova erobert, iſt Alles aus. Meine ſtolzen Caſtilier ver⸗ ſtehen nichts davon. Sie verachten dieſes, wie jedes andere Gewerbe. Schon iſt der blühende Bergbau in dem metallreichen Granada geſunken.— Ihr ſeid der Mann, Jakob Fugger, der dem ſpaniſchen Bergbau wieder zum alten Glanz verhelfen kann, und Ihr ſollt meine Kaſſen mit dem Golde füllen, das wir aus den eaſtiliſchen Gebirgen graben.“ Jakob Fugger's Augen leuchteten. Welch' eine ent⸗ zückende Ausſicht eröffnete der König ſeiner großarti⸗ gen Thätigkeit! Im Sturm der Begeiſterung, die über ſein redliches Herz kam, ergriff er Philipps Hand und rief:„Wahrlich, Ew. Majeſtät hat das Rechte und Wahre getroffen. Ich bin mit Leib und Leben, Gut und Blut zu Euerm Befehl und ich denke, es ſoll mir Manches gelingen in Euern neuen Staaten.“ —„Dann habt Ihr von den Goldplatten gehört, welche Colomb und ſeine Gefährten von den Indianern eingetauſcht haben. Ihr ſollt darüber ſelbſt mit ihnen ſprechen. Habt Ihr den Bergbau in Spanien einge⸗ Die Königskrone. 139 richtet, ſo mögt Ihr immer, wenn Ihr ſonſt Luſt habt, die Seefahrt in die neue Welt machen und ſelbſt zu⸗ ſehen, was dort für Handel und Bergbau zu thun iſt. Man rühmt ja, wie trefflich Ihr das Goldbergwerk in Kremnitz leitet und welch hohen Lehnzins Ihr dem Könige von Ungarn dafür zahlt. Ich hätte Luſt, Euch die ſpaniſchen und indiſchen Goldgruben auch in Pacht und Lehn zu geben, wenn Ihr die Reiſe machen und die Sache unternehmen wollt! —„Ich will, ich werde!“ rief Fugger.„Ich werde ſelbſt die Reiſe nach Weſtindien machen, ſo bald Ihr es befehlt. Und ich denke, Vetter Welſer wird mich be⸗ gleiten und das Werk mit mir gemeinſchaftlich an⸗ greifen.“ —„Mit Gottes und der gebenedeiten Jungfrau Hülfe, Ja und Amen!“ ſagte Welſer und die beiden Männer gaben ſich im Angeſicht des Königs die Hand darauf. —„Ihr habt ja wol in Euern Bergwerken in Tyrol und Ungarn geſchickte Leute, die wir in Spa⸗ nien und Indien verwenden können?“ fragte der König weiter.„Ich denke mir, Ihr habt Euch da Arbeiter gezogen, die uns wieder Lehrer Andrer werden, ſo daß Ihr mir eine Schule gegründet für Caſtilien und Indien. —„Dafür laßt mich ſorgen, gnädigſter König und Herr,“ erwiderte Fugger.„Ich habe tüchtige Berg⸗ Die Königskrone. meiſter und Knappen gebildet. Da hat meines Bru⸗ ders Ulrich älteſte Tochter Anna vor drei Monaten den Sohn des königlichen Kammerraths Turzvin von Beth⸗ lehemfalva in Kremnitz geheirathet, einen wackern Berg⸗ verſtändigen und Scheidekünſtler; dieſer Georg Turzvin iſt mein getreuer Bergmeiſter in Kremnitz und ſo jung er iſt, ſo geſchickt iſt er in ſeinem Fache; obgleich von adeliger Geburt, worauf die Ungarn nicht ſo viel halten, wie die Caſtlier, hat er es doch nicht ver⸗ ſchmäht, die einträgliche Wiſſenſchaft der Metallurgie mit großem Eifer und dem beſten Erfolg zu ſtudiren. Dieſen meinen ehrenwerthen Vetter und jungen Freund werd' ich Ew. Majeſtät nach Spanien zuführen und er wird Euern ſchönen Plänen von großem Nutzen ſein.“ —„Euer Bericht gewährt mir abſonderliche Freude,“ ſagte der König.„Und da Ihr dem jungen Ungar Euers Bruders Tochter zum Weibe gegeben habt, ſo iſt dieſer Umſtand allein ſchon eine ſichere Bürgſchaft ſeiner Brauchbarkeit und Redlichkeit; denn ich weiß ja, Ihr liebt und haltet die Kinder Eurer Brüder wie Eure eigenen.“ —„Und die Anna war mein Liebling,“ fügte Fug⸗ ger hinzu. Der junge Turzoin kam mit dem Frühjahre nach Augsburg, um mit mir Rückſprache zu nehmen über mancherlei Nothwendiges beim kremnitzer Berg⸗ werke, bei welchem er ſeit vier Jahren angeſtellt iſt; er wurde mit meiner Anna bekannt und Beide fühlten — Die Königskrone. 141 bald Minnebrunſt zu einander. Er eröffnete mir ſein Herz und ich ſandte einen Boten an ſeinen Vater, um anzufragen, ob dieſer ſeine Einwilligung geben werde. Statt der Antwort kam der Kammerrath ſelbſt zugereiſt und da feierten wir bald fröhliche Hoch⸗ zeit. Das war ein Tag, gnädigſter Herr, an dem's meine Zunftgenoſſen, die augsburger Leinweber, gut hatten.“ —„Nicht allein die Leinweber,“ fiel ihm Welſer in die Rede,„auch die Armen und Bedürftigen der Stadt haben eine Woche auf meines Jakobs Koſten gefeſtet und geſchmauſt und ganz Angsburg hat die Hochzeit mitgefeiert.“ —„Wackrer Bürger!“ rief der König und drückte Fugger's Hand. Ihr könnt Euch nie anders freuen, als wenn Ihr Allen um Euch her Freude bereitet habt.“ Und er zog den trefflichen Mann, der ſich ſo gern einen Leinweber nennen hörte, ſanft an der gefaßten Hand fort bis an den Bord des Schiffes und flüſterte ihm hier mit weicher, leiſer Stimme zu:„Als ich ge⸗ ſtern Abend in Antwerpen einzog, wurde ich mit Weh⸗ muth an eine mir einſt theure Frau erinnert, der meine Leidenſchaft ſo verderblich geworden iſt, und die nach⸗ her mit Euch nach Augsburg zog. Ich ſah ſie dort— Ihr wißt's— ein widriges Bild in meiner Erinnerung! Aber ich habe ihr verziehen und die Erzählung Euers Familienfeſtes ruft mir die wehmüthigen Gefühle des 142 Die Königskrone. geſtrigen Abends zurück. Wo iſt Eleonore und wie ſteht es mit ihr?“ In dieſem Augenblick donnerten die Kanonen eini⸗ ger Schiffe aus Malaga und die Schiffsleute ließen ihren König mit ſchallendem Jubelruf leben. Philipp dankte freundlich und flüſterte dann dem augsburger Bürger zu:„Schenkt mir dieſen Abend eine Stunde, Herr Fugger. Da wollen wir unter vier Augen unge⸗ ſtört von dieſen und andern Dingen plaudern.“ Fugger verneigte ſich und trat zurück. Das Schiff glitt über den belebten Rücken des Stroms unter dem Jubel und der Muſik, die ihm vom Hintergrund des eignen, wie vom Verdeck aller andern Schiffe zurauſchte. —— Die Königskrone. 143 Bwölftes Rapitel. Der König war nach Brüſſel zurückgekehrt, aber er hatte keine Liebe für ſeine unglückliche Gemahlin mit⸗ gebracht, die in den Banden des trübſten Ziefſinns ſchmachtete. Auch ſchenkte eine am 17. September ge⸗ borene Prinzeſſin der ſchwermüthigen Mutter nicht Hei⸗ terkeit und klaren Geiſt, dem leichtſinnigen Vater nicht Ernſt und Liebe zur Mutter, obgleich man wegen die⸗ ſes neuen Zuwachſes der königlichen Familie Hof- und Volksfeſte in der burgundiſchen Hauptſtadt feierte. Es wurden ſogleich Geſandtſchaften an den deutſchen und an den arragoniſchen König abgeordnet, um ihnen die Geburt eines neuen Enkels zu melden. An beide Könige ſchrieb Philipp eigenhändig; ſeinen Vater bat er zu Gevatter zu der neugeborenen Prinzeſſin nebſt der Witwe des Grafen Engelbert von Naſſau, Frau Lim⸗ burg, welche eine Tochter des Markgrafen Karl von Baden und der Erzherzogin Katharina von Oeſtreich, der Schweſter des Kaiſers Friedrich III, alſo eine Baſe 144 Die Königskrone. des Königs Philipp war. Der Brief an den König Ferdinand war voll ſüßer, ſchmeichleriſcher Redensarten, Früchte der neuen Lehre, welche Philipp von Don Manuel erhielt. Der liſtige und gewandte Spanier gab ſich alle Mühe, ſeinem erhabenen Zögling die Königsweisheit beizubringen, und ſchon war der Erfolg ſeines Eifers ſichtbar. König Maximilian bevollmächtigte den Don Manuel, die Prinzeſſin für ihn aus dem Taufwaſſer zu heben. Sie erhielt den Namen Maria*). Die Geſundheit der Königin ließ hoffen, daß die Abreiſe nach Spanien deshalb nicht hinausgeſchoben zu werden brauchte. Das Verbot des Königs von Frank⸗ reich hatte nun aber die Reiſe zu Land unmöglich ge⸗ macht und Philipp mußte daran denken, eine Flotte auszurüſten, die ſeiner als Königs von Caſtilien wür⸗ dig wäre. Dieſes neue Hinderniß raubte wiederum *) Sie iſt die ſpätere reizende Königin von Ungarn und Böhmen, Gemahlin des neun Monate ſpäter geborenen Königs Ludwig von Ungarn und Böhmen, deſſen Witwe ſie in ihrem 21. Jahre wurde, die Lieblingsſchweſter Karls V., den man ſo⸗ gar eines ſündlichen Umgangs mit ihr beſchuldigte, und nach ihrer Tante, der Erzherzogin Statthalterin Margarethe Tode 1530, Statthalterin der NRiederlande, bis zur Abdankung Karls V. 1555. Sie und ihre ältere Schweſter Eleonore gingen mit ihm nach Spanien, wo ſie Beide mit ihm in demſelben Jahre 1558 ſtarben. Sie wurde nicht ganz 53 Jahre alt. Die Königskrone. 145 viel Zeit. Die Anſtalten zur Reiſe waren außerordent⸗ lich. Nicht weniger als ſechzig Schiffe ſollten das Kö⸗ nigspaar und ſeine Begleitung an die eaſtiliſche Küſte bringen. Ueber ſechshundert Köpfe gehörten zur näch⸗ ſten Umgebung des Königs und der Königin und zum Hofſtaate. Ein Heer von einigen tauſend deutſchen und burgundiſchen Soldaten ſollte mit eingeſchifft wer⸗ den. Der König betrieb ſelbſt Alles mit ungewohnter Thätigkeit. Mitten im Getreibe dieſer Geſchäfte langte eine Geſandtſchaft des Königs Ferdinand von Arragonien zur Beglückwünſchung des königlichen Paares wegen der Geburt der Prinzeſſin Maria in Brüſſel an. Ferdi⸗ nand hatte Philipps Brief ebenfalls eigenhändig beant⸗ wortet. Durch die ſanften Worte des Schwiegerſohns, den er ja als eine ehrliche offene deutſche Seele kannte, kirre gemacht, ging er mit großer Umſtändlichkeit, die er in allen Dingen liebte, auf den Gegenſtand ihres Streites ein. Er warf Philipp vorzüglich vor, daß er dem Könige von Frankreich mehr Liebe und Vertrauen geſchenkt als ihm und dadurch ſchlimme Verwicklungen herbeigeführt habe.„Ihr habt mich dadurch, daß Ihr Euch ſo leicht habt von Frankreich foppen laſſen, un⸗ wriderſtehlich zu einer zweiten Heirath getrieben, habt mich der ſchönen Früchte meiner neapolitaniſchen Er⸗ oberungen beraubt und mir auch noch in anderer Hin⸗ ſicht geſchadet.“ Ein deutſcher Leinweber. IM. 10 146 Die Königskrone. Auf ſolche Weiſe wußte die weltberühmte Schlau⸗ heit Ferdinands ſeiner zweiten Vermählung einen ganz andern Grund unterzuſchieben, als ſie wirklich hatte. Es war dies die fürſtliche Redeweiſe des ſechzehnten Jahrhunderts, die wol auch in ſpäterer Zeit Nach⸗ ahmung gefunden hat. Der Brief, voll moraliſchen Predigertons, ſchließt ſeiner würdig.„Ihr habt nun genug Thorheiten begangen, mein Sohn, kehrt in Euch! Wenn Ihr als Sohn und nicht als Feind kommt, werden alle dieſe Dinge kein Hinderniß ſein, Euch, mein Sohn zu umarmen. Groß iſt die Kraft der väterlichen Natur.“— Aus dem Briefe ging übrigens klar hervor, daß Ferdinand ſich bewußt war, in welche ſchiefe Stellung er durch dieſe Heirath bei den Spa⸗ niern gerieth. Daß er ſie doch zu vollziehen entſchloſ⸗ ſen war, gab für Philipp und ſeine Günſtlinge den Be⸗ weis ab, daß Ferdinand zu dem größten Opfer bereit ſei, um ſich nur in ſeiner Stellung als Regent von Caſti⸗ lien zu behaupten. Don Manuel meinte, um deſto größer müßten jetzt Anſtrengungen und Liſt von Phi⸗ lipps Seite ſein, um den ſchlaueſten König des Jahr⸗ hunderts doch mit geiſtigen Waffen zu beſiegen. Die ſpaniſche Geſandtſchaft war übrigens vom König Fer⸗ dinand bevollmächtigt, mit König Philipp zu unterhan⸗ deln, und ſie bot ihm ein Jahrgeld von fünfmalhun⸗ derttauſend Dukaten, wenn er ſeinem Schwiegervater die Regierung von Caſtilien, nach Iſabella's teſtamen⸗ Die Königskrone. tariſcher Beſtimmung, überlaſſen würde. Philipp, der ſich in dieſer Verhandlung ganz der Leitung Don Ma⸗ nuels überließ, lehnte nichts unbedingt ab, gab dem ſpaniſchen Geſandten Feſte und fütterte ihn mit den ſchönſten Redensarten. Er verſicherte, ſeinem Ge⸗ ſandten an ſeines Schwiegervaters Hofe ausgedehnte Vollmacht geben zu wollen, mit König Ferdinand zu unterhandeln und ganz zu deſſen Zufriedenheit abzu⸗ ſchließen. Dann ſchrieb er einen Brief ab, den Don Manuel verfaßt hatte, voll ſanfter, ſüßer, geſchmeidi⸗ ger Verſicherungen, liebreicher, unterwürfiger Ehrerbie⸗ tung, ehrlich ausſehender, heilig klingender Betheuerun⸗ gen, daß er ſich ganz den Wünſchen und Befehlen ſei⸗ nes königlichen geliebten Vaters von Arragon fügen werde, und voller Schwüre, daß er große Reue und Leid darüber trage, nicht gleich in Alles gewilligt zu haben, was die väterlich liebende Fürſorge Sr. Maje⸗ ſtät von ihm mit Recht verlangt habe. —„Ich hoffe, die ſüßen Dünſte werden ihm zu Kopf ſteigen,“ ſagte Manuel,„und ihn nicht eher wieder zur Beſinnung kommen lnſſen, bis wir in Ca⸗ ſtilien ſind. Hernach wollen wir ihm zeigen, wenn wir feſten Fuß auf ſpaniſchem Boden gefaßt haben, daß in Seidenpfötchen ſcharfe Krallen ſind.“— Philipp freute ſi ſich der Liſt; er übte ja nur die Kunſt, die er 5 am ſpaniſchen Hofe hatte ſtets in Anwendung bringen ſehen und die man in jener Zeit vorzugsweiſe„die i Die Königskrone. ſpaniſche Kunſt“ nannte, ein Ausdruck, der ganz die⸗ ſelbe Bedeutung hatte, als bei den alten Römern„die puniſche Treue,“ und Dank ſeinem geſchickten Lehrer, er hatte es ſchon faſt zur Meiſterſchaft gebracht. In der That gelang es durch dieſe Schritte vollkommen, Ferdinands Argwohn einzuſchläfern. Am 24. November kam ein Vertrag der beiden Könige zu Salamanca zu Stande, deſſen Hauptpunkt die merkwürdige Beſtimmung bildet, Caſtilien ſolle zugleich von Ferdinand, Philipp und Juanna regiert werden, der Erſtere aber die Hälfte aller Einkünfte erhalten. Bevor dieſes von Philipps Seite mit ſo vollen⸗ deter Heuchelei getroffene Abkommen ſtattfand, hatte der junge König von Caſtilien in ſeinem Stammlande noch manche wichtige Geſchäfte zu beſorgen. Das Be⸗ deutendſte war die Beſtellung einer Statthalterſchaft der Niederlande, die er ſeine Schweſter, die Erzherzogin Margaretha, zu übernehmen vermocht hatte und zu welchem Zwecke ſie auf ſeine Einladung aus Savoyen zurückgekehrt war. Die edelherzige Margaretha hatte die ihr angebvrene und eigenthümliche Heiterkeit wieder gewonnen und war bereit, ſich mit Liebe und Kraft der Regierung ihres Geburtslandes anzunehmen. Um ſo unwilliger hatte ſie jede Andeutung einer Vermählung mit dem Herzoge von Suffolk oder irgend einem an⸗ dern Fürſten aufgenommen und die nicht ſeltnen Aner⸗ bietungen dieſer Art zurückgewieſen. Jung, ſchön, Die Königskrone. 149 geiſtreich und als Tochter des deutſchen Königs fehlte es ihr nicht an ebenbürtigen Freiern, aber ſie hatte ſich gelobt, Witwe zu bleiben und ihre ungetheilte Thätig⸗ keit ihren geliebten Niederlanden zuzuwenden. Von ihrer Einſicht und Liebe hegte das Land die ſchönſten Hoffnungen. Ihre erſte Sorge war, ſich einen Hofſtaat zuzu⸗ legen, der ihrer neuen Stellung als Erzherzogin Statt⸗ halterin angemeſſen erachtet wurde, und ihr königlicher Bruder ſcheute keine Koſten, Alles auf's glänzendſte einzurichten. Zu ihrer Oberhofmeiſterin und erſten Ehrendame hatte ſie aus zarter Rückſicht für den von ihr mit ſo viel Milde und Edelmuth begünſtigten Jun⸗ ker von Bübenhoven deſſen Mutter gewählt, für die, als eine natürliche ochter eines öſtreichiſchen Erzher⸗ zogs, eine ſolche Stelle ganz geeignet erſchien. Zu⸗ gleich war damit des wackern und ihr ſo treu ergebenen Marx höchſter Wunſch erfüllt— das wußte ſie— und ſie glaubte ſich dadurch ihm für die wichtigen Dienſte, die er ihr geleiſtet, erkenntlich zu zeigen. Mit dank⸗ barem Entzücken hing ſein Auge an ihrem reizenden Munde, als ſie ihn mit ihrem Entſchluſſe hinſichtlich ſeiner Mutter bekannt machte und ihm einen Brief an dieſelbe übergab. Die Erzherzogin ſprach dabei die Ahnung aus, die Frau, die ſelbſt ſchon ſo viel ſchlim⸗ mes Leid erfahren, werde ihr eine neue herzinnige Freundin werden und Luiſen erſetzen, auf deren Wieder⸗ 150 Die Königskrone. beſitz ſie faſt jede Hoffnung aufgegeben hatte, und die edle Fürſtin fühlte das tiefſte und heilige Bedürfniß nach einer Freundin jetzt, wo ſie ein ſo reiches und mächtiges Land verwalten ſollte, ſtärker als je in ihrer Seele erwachſen. Sie hatte ſich in der letzten Zeit vom Hofe ihres Bruders ſo fern gehalten, als ſich ſchicklicher Weiſe mit ihrer Stellung vertrug, und ſich deshalb mit ihrer kleinen Umgebung den Sommer über auf das herzogliche Luſtſchloß in Löwen zurückgezo⸗ gen. Sie konnte nichts als Mitleid mit ihrer Schwä⸗ gerin empfinden und die ſtarke Liebe zu ihrem Bruder vermochte dieſen nie von Thorheiten abzuhalten. Die Zerwürfniſſe der beiden Gatten ſchmerzten ſie, aber ſie ſah ein, daß ihre Kraft zur Abhülfe nicht ausreichte. Um deſto peinlicher war es ihr, am Hofe zu leben. In Löwen hatte ſie ſich dagegen, fern von dem widerwärtigen Treiben der Parteien, ein freundliches pvetiſches Aſyl bereitet, wo die Muſen bei ihr wohnten und Gelehrte und Künſtler auf ihre freundliche Einladung einkehr⸗ ten, in deren Umgange ſie ihr höchſtes Glück ſuchte. Dort durfte ſie auch Marr von Bübenhoven beſuchen, den ſie gewiſſermaßen zu ihrem Geſchäftsführer am töniglichen Hofe ernannt hatte, und er machte von die⸗ ſer Vergünſtigung ſo oft Gebrauch, als es Zeit und Umſtände erlaubten, Bei einem dieſer Beſuche hatte er leiſe den Wunſch angedeutet, die Erzherzogin möge bei Einrichtung ihres Hofſtaates ſeine Mutter berück⸗ Die Königskrone. ſichtigen. Und doch überraſchte ihn die glänzende Ge⸗ währung dieſer kaum mit deutlichen Worten ausgeſpro⸗ chenen Bitte. Er ſandte den Brief mit einem königli⸗ chen Boten nach Köln, wo der Reichstag eben geſchloſſen wurde, und König Maximilian wieder nach Throl auf⸗ brach. So durfte der kindlichtreu liebende Sohn das ſchwärmeriſch verehrte Mutterherz an das ſeinige zu drücken hoffen, bevor er mit dem Könige die zweite Fahrt nach Spanien antrat.— Als nun endlich zu Ende des Oectober der feierliche Tag erſchien, an welchem König Philipp vor den ver⸗ ſammelten Ständen aller Provinzen Burgunds und Niederlands, dem in höchſter Gala prangenden Hofe und dem Adel des Landes, ſowie vor den berufenen Magiſtraten der Städte Brüſſel, Antwerpen, Gent und Brügge und den fremden Geſandten und anweſenden eaſtiliſchen Edelleuten ſeiner Schweſter die Regierung der Niederlande als ſeiner Statthalterin während ſeiner Abweſenheit in Spanien übertrug, ſah man die junge reizende, engelmilde Fürſtin in ihrem goldgeſtickten Purpurmantel, mit dem ſtrahlenden Diadem auf dem Haupte, die ihren Reiz jedoch nicht erhöhen konnten, auf den Arm einer ältern, aber immer noch ſchönen Frau geſtützt, die noch Niemand in ihrer Umgebung geſehen hatte, die aber in ihren Zügen eine Aehnlich⸗ keit mit der Erzherzogin trug, die man in den Geſich⸗ tern faſt aller Habsburger wiederfindet. Es war Frau Die Königskrone. Walpurgis, Gräfin von Throl; denn mit dieſem ihre Abkunft andeutenden Namen hatte ſie der König, auf den Wunſch ſeiner Schweſter, gleich nach ihrer Ankunft beſchenkt; es war des überglücklichen Marx von Büben⸗ hoven„lieb Mütterlein.“ Margaretha hatte ſich nicht getäuſcht; ſie fand in der Gräfin von Tyrol die treueſte und ergebenſte Seele, ein ſchwer geprüftes Herz, geſchickt, jede gefühlvolle Re⸗ gung in der Bruſt ihrer fürſtlichen Gebieterin zu verſtehen und mitzufühlen. Sie hätten ſich am Tage der Regie⸗ rungsübergabe ſchon Freundinnen nennen können, wenn es das Hofeeremoniell zugelaſſen hätte, denn ſie waren es ſchon in der That und Wahrheit; und Margaretha umfing die ältere Freundin nicht allein mit der ganzen Glut des Bedürfniſſes, das ihr ſtets neue Sehnſucht nach Luiſen eingehaucht hatte, ſie trug auch auf die Mutter jene ſtille und kaum verſtandene Neigung, jenes zarte Wohlwollen, das ſie für den Sohn empfand, über und liebte dieſe um ſo inniger, je mehr ſie ihr Ge⸗ fühl dieſem verbergen mußte. Für Bübenhoven war die Vereinigung der beiden von ihm ſo hochverehrten und geliebten Frauen der Gipfelpunkt ſeines Glücks und die Wonne, die ihn gleichſam bis in die feinſten Nervenfaſern durchdrang, brachte alle Knospen ſeiner Jugend zur ſchönſten Blüte. Im Gefühle dieſer ſüßen Befriedigung trat er mit dem Hofe die Reiſe an. Der Aufbruch deſſelben von Brüſſel fand am 8. No⸗ — Die Königskrone. 153 vember ſtatt. Der Hafen, aus welchem die Flotte auslaufen ſollte, war Middelburg auf der Inſel Wal⸗ cheren, der zur Ausrüſtung derſelben vorzüglich geeig⸗ net war. Die große Equipage des Königspaars und ſeiner Begleiter wurde in Antwerpen allmälig verladen und ging auf der Schelde herab bis nach Vliſſingen und Middelburg. Die Ausrüſtung verlangte des Kö⸗ nigs und ſeiner Vertrauten perſönliche Gegenwart, denn es war Alles noch ſo weit zurück, daß man nicht daran denken durfte, vor Anfang des Decembers die Anker zu lichten. Der Hof hielt ſich in mehreren Städten auf, in Antwerpen über acht Tage. Das ganze Land war in Aufregung und der Adel, deſſen Blüte die Reiſe mitmachte, ſtrömte aus allen Provinzen herbei. Nicht minder die benachbarten Fürſten und ein Abſchiedofeſt gab dem andern die Hand. Endlich in Middelburg an⸗ gelangt, wo das Königspaar ſeine Reſidenz in der alten, großen und reichen Abtei nahm, ſah Philipp die Geſchäfte ſchier von Tag zu Tag ſich häufen. Als man endlich ſo weit war, um den Tag der Abreiſe be⸗ ſtimmen zu können, und die große Anzahl der Köpfe, welche die ſpaniſche Reiſe mitmachen ſollte, auf der Inſel ſich verſammelt hatte, langte ein Eilbote aus Spanien mit der Nachricht von dem zu Salamanca geſchloſſenen Vertrag und einem freundlichen Briefe des Königs Fer⸗ dinand an, worin er ſchrieb, er werde es ſich nicht neh⸗ men laſſen, ſeine Kinder mit einer ſpaniſchen Flottihe Die Königskrone. abholen zu laſſen, welche ſo ſchnell als möglich ausge⸗ rüſtet werden ſollte. Nun mußte wieder auf die eaſti⸗ liſchen Schiffe gewartet werden. Um die Zeit dieſes neuen Aufenthaltes, in den düſtern, nebligen Winter⸗ tagen zwiefach langweilig, einigermaßen auszufüllen, entſchloß ſich der König noch ein großes und glänzen⸗ des Kapitel des goldenen Vließordens in der Abtei zu halten, da die meiſten Ritter deſſelben um ihn verſam⸗ melt waren. Dieſer von ſeinem Urgroßvater, dem Her⸗ zog Philipp dem Guten von Burgund vor fünfund⸗ ſiebenzig Jahren zu Brügge geſtiftete Bund war durch die Unglücksfälle Karls des Kühnen und die ſtürmiſche Regierung Maria's und Marimilians ſo in Verfall ge⸗ rathen, daß bis jetzt nur ſechzehn Kapitel gehalten worden waren. Philipp ſelbſt, der jetzige König von Caſtilien, hatte vor elf Jahren, nach ſeinem Regierungs⸗ antritt in den Niederlanden, das letzte abgehalten. Un⸗ terdeſſen waren von den einunddreißig Rittern, aus welchen, den Statuten des Gründers nach, der Orden beſtand, zehn mit Tod abgegangen. Mehrere der noch lebenden Ritter wünſchten, der König möge, ehe er das Land verlaſſe, den Orden erſt wieder vollzählig machen. Da der Großmeiſter deſſelben jetzt die Kö⸗ nigskrone des mächtigſten Reichs Europas trug, ſo er⸗ hielt dadurch der Orden auch eine wichtigere Bedeutung und Philipp ſparte nichts, das Kapitel, welches in der Abtei gehalten werden ſollte, ſo glänzend als möglich — Die Königskrone. 155 zu machen. Auch bot ſich dadurch eine gute Gelegen⸗ heit, mehrere ſeiner Begleiter auszuzeichnen und ſich zu verbinden, indem er ſie zu Rittern des Vließordens er⸗ hob. So hatte ihm ſein Vater, der König Maximilian, einen ſeiner trefflichſten Räthe und Hofherren, den Grafen Wolfgang von Fürſtenberg, zum Begleiter mit⸗ gegeben und nur die Erhebung deſſelben zum Vließ⸗ ritter ſchien die einzig würdige Belohnung dieſes aus⸗ gezeichneten Staatsmannes. Um dem Feſte den rechten Glanz zu geben, lud Philipp ſeine Schweſter, die Erzherzogin⸗Statthalterin mit ihrem Hofe und ſeinen Kindern von Brüſſel ein und Margaretha erſchien in der ganzen Pracht der fürſtlichen Würde, die ihr als Regentin des Landes zuſtand. Am Abend vor dem Feſttage trat Antonio Cebes plötzlich in das Vorzimmer des Königs und wurde bald darauf von dem Pagen, der ihn angemeldet, ein⸗ geführt. Der ſchlaue, nach Gold und Rang ſtrebende Zigen⸗ ner kehrte aus Spanien zurück. Er wußte, daß er den König Philipp in Middelburg treffen werde, denn er war davon unterrichtet, daß der junge König von ſpa⸗ niſchen Schiffen abgeholt werden ſollte und daß dieſe noch unterwegs waren. Antoniv war in Caſtilien ge⸗ weſen an Ferdinands Hofe, er hatte mit dem Könige ſelbſt geſprochen; er hatte die Hauptſtädte beſucht und 156 Die Königskrone. war das Land durchwandert. Deshalb wußte er beſſer als irgend ein Menſch, wie die Sachen dort ſtanden, wie die übereilte Verlobung des alten Königs ihn um den letzten Reſt von Anhänglichkeit im eaſtiliſchen Volke gebracht und wie Jedermann ſich von ihm abwandte, um dem neuaufgehenden Geſtirn des jungen Königs hoffnungsvoll entgegenzuſchauen. Auch hatte ſich Kö⸗ nig Ferdinand, gewonnen von Philipps ſchmeichleri⸗ ſchen Briefen und dem abgeſchloſſenen Vertrag, den kühnen, ſchier frechen Wünſchen des Zigeuners nicht ſo geneigt gezeigt, als dieſer gewünſcht und vorausgeſetzt hatte. Genug, Antonio hatte erkannt, daß es ſehr thöricht von ihm ſein werde, ſein Geſchick an das des Königs von Arragonien zu knüpfen, da es doch in ſei⸗ ner Macht ſtand, es mit dem des Königs von Caſtilien zu vereinen. Und ſo war er ſo ſchnell als möglich durch Frankreich nach den Niederlanden zurückgekehrt. —„Was bringſt du mir für Nachrichten?“ fragte der König. —„Die Herzogin von Najara iſt gefunden.“ —„Gefunden?!“ fuhr Philipp empor.„Und wo iſt ſie?“ —„In England bei der verwitweten Prinzeſſin von Wales.“ —„Ha, dort! Alſo doch bei einer Lochter der Königin Iſabella! Und an dieſe dachte ich nicht. Wie kamſt du auf die Spur?“ Die Königskrone. 157 —„Ich verfolgte ſie in Liſſabon und erfuhr bald, daß ſie zwar von der Königin von Portugal freundlich aufgenvmmen worden ſei, aber nicht lange verweilt habe und bald auf einem engliſchen Schiffe und wahrſchein⸗ lich mit einem Empfehlungsbrief der Königin nach Eng⸗ land abgereiſt ſei. Ein portugieſiſcher Kauffahrer nahm mich mit auf die britiſche Inſel. Ich ſah die Herzo⸗ gin von Najara im Gefolge der Prinzeſſin von Woles. Aber ſie führte einen andern Namen.“ —„Welchen?“ —„Donna Luiſa de Malaga, nach ihrem Gemahl Don Alonſo de Malaga, Ehrencavalier der Prinzeſſin von Wales.“ —„Wie? Vermählt?!“ rief der König erblaſſend. —„So iſt's. Ich ſah ſie am Arm ihres Gatten. Sie ſtrahlte von Glück und Wonne.“ Der König wandte ſich ab.„Und wer iſt dieſer Alonſo de Malaga? Nie hörte ich dieſen Namen.“ —„Auch ich nicht. Ich kannte den Mann nicht und konnte durchaus nichts über ihn erfahren. Sie war mit ihm nach England gekommen und von Donna Ka⸗ tharina von Arragon wohlwollend aufgenommen worden. Sie iſt Ehrendame, wie er Ehrencavalier der Prinzeſſin. Donng Luiſa hat ihrem Gemahl zwei Kinder geboren, aber ſie ſind beide wieder geſtorben.“ —„Verloren! Auf ewig verloren für mich!“ rief der König ſchmerzlich.„O Luiſe, hätteſt du geahnt, 158 Die Königskrone. was du mir hätteſt ſein können!— Ich werde ſie nie wieder ſehen,“ wandte er ſich an den Zigeuner.„Ich werde nie nach England, ſie wird nie wieder nach Spa⸗ nien kommen. Doch will ich dir deshalb deine guten Dienſte nicht minder gut belohnen, du kommſt zur rech⸗ ten Zeit, um mit mir die Reiſe nach Caſtilien zu ma⸗ chen. Ich werde dich vielfach brauchen können in dei⸗ nem Geburtslande. Gewandte Leute, wie du, ſind mir dort unentbehrlich.“ —„Ew. Majeſtät Zufriedenheit mit meinen Dien⸗ ſten wird mich anſpornen, alle Aufträge, die Euere Gnade mir zuweiſt, mit der größten Pünktlichkeit aus⸗ zuführen; und ich kann wol ſagen, daß mir in Spa⸗ nien Manches zu Ew. Majeſtät Nutzen und Vortheil gelingen dürfte, was einem Andern ſchwer, ja unmög⸗ lich iſt.“ —„Dein Lohn wird deinen Dienſten angemeſſen ſein.“ —„Auf dies gnädige Verſprechen hin wage ich dann eine Bitte.“ —„Sprich!“* —„In Spanien will ich ſprechen, wenn ich für Euch verrichtet habe, was kein Anderer im Stande war. Dann will ich mich unterfangen, Ew. Majeſtät an ihr königliches Wort zu erinnern.“ —„Sprich jetzt: welchen Lohn wünſcheſt du dir?“ —„Ihr befehlt und ich muß Euch gehorchen. Es Die Königskrone. 159 iſt Euch bekannt, daß ich ein Sohn des verſtorbenen Herzogs von Najara bin; ich habe Euch die Geſchichte meiner Mutter einmal erzählt.“ —„Ich weiß es.“ —„Don Hernandez hat mich als Bruder aner⸗ kannt; ich bitte, daß Ew. Majeſtät dieſe Anerkennung beſtätigen möchte. Es gibt faſt kein eaſtiliſches Adels⸗ haus, wie hoch und vornehm es auch ſei, das nicht eine Jüdin zur Stammmutter hätte; die Zigeunerin iſt nicht ſchlechter als die Jüdin.“ —„Du forderſt kühn und doch gefällt mir deine Kühnheit. Wenn du mir zwei Jahre treu und eifrig dienſt, ſoll dein Wunſch erfüllt ſein. Dann darfſt du mit bedecktem Haupte vor deinem Könige erſcheinen.“ —„Gott ſegne und erhalte Ew. Majeſtät ſtets bei ſo guter Laune!“— Am folgenden Tage hatte man den Zuſchauern, denen der König Zutritt in der Kirche der Abtei ge⸗ ſtattet, wo das Ordenskapitel gehalten wurde, beſtimmte Plätze angewieſen. Die niedern Hofchargen, welche nicht zur Ausſtattung des Feſtes verwendet wurden, ſtanden in der Nähe der Eſtrade, auf welcher die Erzherzogin⸗ Statthalterin mit ihrem Hofſtaate Platz genommen hatte. Hinter der Erzherzogin ſaß ihre neue Oberhofmeiſterin, die Gräfin von Tyrol, und beide Frauen unerhielten ſich oft mit einander. Dicht darunter waren die Pagen aufgeſtellt, welche auf Purpurkiſſen die Inſignien des 160 Die Königskrone. Ordens trugen, ein kleines Widderfell von Gold an einer langen Kette, welche aus goldnen Feuerſtählen und Feuerſteinen und den aus letztern hervorſprühenden Funken zuſammengeſetzt iſt. Mit dieſen Ketten wollte heute der König die neuen Ritter an ſich feſſeln. Marx von Bübenhoven war der erſte dieſer Pagen. Er hatte ſich ſo geſtellt, daß er mit den Augen ſtets die beiden geliebten Frauen beſtreifen konnte. Der König und die Königin ſaßen auf einem andern höhern, mit Purpurtüchern belegten Zimmergeſtühl gegenüber; an den Stufen deſſelben ſtand der Hofſtaat. In den Chorſtühlen ſah man die Ritter des Ordens und die edeln Herrn, welche heute dazu geſchlagen werden ſoll⸗ ten. Um den Hochaltar im Halbkreis ſtanden die Chor⸗ herren und der Biſchof von Lüttich, vom Könige dazu eingeladen, las die Meſſe. Mitten in der heiligen Handlung vernahm man plötzlich einen dumpfen Schrei. Alle Augen richteten ſich nach der Eſtrade der Erzherzogin⸗Statthalterin. Die Gräfin von Tyrol war nahe daran, in Ohnmacht zu ſinken. Bübenhoven war mit zwei Sätzen bei ſeiner Mutter. —„Lannoy!“ flüſterte ſie.„Der Schreckliche!“ —„Wo?“ fragte der beſtürzte Page, meinend, ſie habe eine Fieberphantaſie. Die Gräfin deutete mit der Hand hinab nach den Hofleuten. Dort ſchlüpfte Antoniv, Flüche murmelnd, nach der Thüre. Auch er 4 † ½ 6 5 Die Königskrone. 161 hatte die von ihm betrogene Frau in dieſem Augenblick erkannt. Die Gräfin erholte ſich wieder, die Feier des Feſtes ging ferner ungeſtört zu Ende. Sechs Günſtlinge des Königs wurden von ihm mit den Ordensinſignien bekleidet. Der vorzüglichſte dar⸗ unter war Don Juan Manuel de Campos de la Torre, den man jetzt ſchon die rechte Hand des Königs nannte. Auch Philibert von Vere, der Theilhaber der Leicht⸗ fertigkeiten und Jugendſünden Philipps, erhielt den Orden. Andere Günſtlinge, welche die Ritterzahl ver⸗ vollſtändigten, waren Floris von Egmont, Herr von Iſſelſtein, Jakob Graf von Horn, Heinrich Graf von Naſſau, Ferrius von Croy, Herr von Reur. Ein glänzendes Bankett beſchloß den feierlichen Tag. Antoniv Cebes war verſchwunden. Niemand wußte wohin. Ein deutſcher Leinweber. IMl. 1 Die Königskrone. Yreizehntes Rapitel. In den letzten Tagen des Jahres 1505 langten end⸗ lich die ſpaniſchen Schiffe an und am 8. Januar 1506 fand die Abfahrt aus dem Hafen von Middelburg ſtatt. Die Flotte war großartig an Zahl der Schiffe und Ausſtattung; aber mit verſchwenderiſcher Pracht war das von Ferdinand für das Königspaar geſandte Schiff ausgerüſtet. Noch nie war in einem niederländiſchen Hafen ein Schiff von ſolcher Schönheit eingelaufen. Mit wehmüthiger Ahnung ſah das Volk ſeinen jungen und geliebten Herrſcher ſcheiden und rief ihm, den der glühendſte Ehrgeiz einem ungewiſſen Lvoſe ent⸗ gegentrieb, vom Ufer einen Scheidegruß zu. Und gleichſam als ſollte dieſe Ahnung ſchnell in Erfüllung gehen, erhob ſich nur wenige Stunden nach der Aus⸗ fahrt ein Sturm, der von Stunde zu Stunde an Hef⸗ tigkeit zunahm und in der Nacht bis zur höchſten Wuth ſtieg. Die Schiffer ſchwuren hoch und theuer, einen DOrkan von ſolcher Stärke ſchier noch nicht in den Ge⸗ Die Königskrone. 163 wäſſern der Nordſee erlebt zu haben. Die Beſorgniß wuchs mit jeder neuen Minute und auf dem königli⸗ chen Schiffe war Alles in höchſter Aufregung. Das Schiffsvolk arbeitete mit der äußerſten Anſtrengung, aber auf ſeinen Geſichtern war eine ſo bange Beſorg⸗ niß ausgeprägt und ihren Lippen entſchlüpften ſo manche bedenkliche Worte, daß die meiſten Hofleute in wahre Todesangſt verſetzt wurden. Das grinſende, ſüße Lä⸗ cheln war aus ihren Zügen verſchwunden und hatte einer entſtellenden Bläſſe, verbunden mit einer wider⸗ wärtigen Verzerrung, Platz gemacht. Krampfhaft hatten ſie ſich an die Wandpfoſten angeklammert und ſtöhnten; die Hofdamen ſchrien laut, beteten und jammerten. Andere riefen den Capitain, dem ſie wegen der gewalt⸗ ſamen Bewegungen des Schiffs nicht zu folgen ver⸗ mochten, fort und fort an„um wenigſtens ein Wort des Troſtes von ihm zu vernehmen; aber dieſer erklärte mit ſpaniſcher Kälte, wenn der Sturm nicht umſpringe, würden ſie höchſt wahrſcheinlich vor Tages Anbruch an die Uferfelſen Englands geſchleudert werden und es ſei dann Hundert gegen Eins zu wetten, daß von Hunderten nicht Einer die Sonne wieder aufgehen ſehen werde. Ein hundertſtimmiger Entſetzensſchrei war die Wirkung dieſer troſtloſen Aeußerung. Nachdem der König vergebens verſucht hatte, ſich auf das Verdeck zu begeben, zog er ſich in ſeine Ka⸗ jüte zurück. Ein Page, der mühſelig an den Wänden 11* Die Königskrone. hinkroch, hielt Nachfrage nach dem Beichtvater Sr. Majeſtät, aber der Verlangte war nicht aufzutreiben und Philipp verſank in ein dumpfes Brüten. Die qualvolle Ahnung kam über ihn, daß dieſe Nacht ſei⸗ nem Reiche mit ſeinem Leben ein Ende machen würde. Sein Leichtſinn verließ ihn; er wollte Herz und Ge⸗ danken dem Himmel zuwenden, aber er vermochte es nicht ohne prieſterlichen Beiſtund. Es gibt keine jäm⸗ merlichere Demüthigung für die irdiſchen Götter, als ihre Ohnmacht im erhabenen Kampfe der Elemente. Wie verlieren da Kronen und Scepter ſo plötzlich ihre bethörende Zauberkraft und ſinken zum armſeligſten, un⸗ nützeſten Geräth herab! Ein König, den im toddrohen⸗ den Aufruhr eines Meerſturmes der Muth verläßt, iſt die traurigſte aller Menſchenfiguren. Und der in Ueppig⸗ keit und Genüſſen verweichlichte Philipp war jeglichen Muthes ledig. Weit würdiger benahm ſich die ſonſt ſchier kindiſche Königin. Sie hatte ſich zu Bette be⸗ geben und war mitten im Toben des Sturmes, wie ein unſchuldiges Kind, unter Matth's beſänftigenden Lautenklängen entſchlafen. Aber die ſteigende Wuth des Orkans erweckte ſie wieder gegen Mitternacht. Das Angſtgeſchrei ihrer Frauen verrieth ihr die Größe der Gefahr. Donna Francesca d'lloa betete mit heulen⸗ der Stimme, kniend und mit Tauen an das Bett feſt⸗ gebunden, ihren Roſenkranz ab und küßte dazwiſchen mit einer Heftigkeit, die wie Wuth ausſah, ein gol⸗ Die Königskrone. 165 denes Crueifir, das an ihrem fleiſchigen Halſe hing. Die Königin faltete ruhig und gefaßt die Hände und gab keinen Laut von ſich. Ihr an Faſſung kam die ſchwarze Matty gleich, die zu ihren Füßen kauerte. Die Wuth des Sturmes ſtieg höher und höher und jagte das prachtvolle ſpaniſche Schiff wie ein Stück armſeliges Holz durch die empörten Wellen. Aber noch war das Maß der Schrecken nicht voll und es ſollte bis zum höchſten Rande gefüllt werden; nicht allein Wind und Waſſer ſollten dem ſtolzen Königsſchiff und ſeinen ſchwer bedrängten Bewohnern mit Verderben und Tod drohen, noch ein drittes entfeſſeltes Element ſollte mit dem wild und grauſig geſchwungenen Schwerte des Untergangs ihr geſträubtes Haar ſtreifen. Um die fünfte Morgenſtunde ſchoß plötzlich ein Flammenſtrahl empor und erhellte die dickgeballte, ſchwere, neblige Finſterniß auf einige Fuß weit. Ihr Anblick wurde da⸗ durch nur noch gräßlicher. Ein Schrei übertönte das Geheul des Sturms, das Gebrauſe der Wellen; aber Niemand in den Kajüten konnte erfahren, was geſchehen ſei; denn nur in der unmittelbarſten Nähe war das laut geſchriene menſchliche Wort vernehmbar. Die Helle wurde inzwiſchen größer, Geſchrei und Lärm vermehr⸗ ten ſich und nun verbreitete ſich die Entſetzenskunde von Mund zu Mund: das Schiff ſei in Brand gerathen. Selbſt die in troſtloſe Apathie Verſunkenen wurden da⸗ durch emporgeſchnellt. Im Toben des Sturmes hatte 166 das Feuer in der Küche die Feſſel abgeſtreift und ſchon einige Zeit in den unteren Räumen um ſich gegriffen, ehe dies neue Unglück zur allgemeinen Kenntniß gelangte. Jetzt war es ausgebrochen und zuckte an den Maſten empor, ergriff gierig die zuſammengerefften, getheerten Segel und die Taue und loderte, vom Sturm ange⸗ facht, in hellen Flammen empor. Die geſchmeidigen Hofleute, über deren Lippen ſonſt ſelten, am we⸗ nigſten in Gegenwart des Königs, ein lautes Wort zu kommen pflegte, heulten, allen Reſpect vergeſſend, wie Wahnſinnige; Philipp rang die Hände und weinte ver⸗ zweiflungsvoll wie ein Kind. Vielen verlöſchte der letzte Funke der Hoffnung, der noch in ihrer Seele geglimmt, Andere wurden vom wilden Muth der Ver⸗ zweiflung erfüllt und griffen mit den Schiffsleuten zu den Löſchwerkzeugen. Manche Hände, die nie erfahren hatten, was Arbeit heißt, ſchwangen ein ſchweres Beil, um die brennenden Maſten zu kappen, Andere ſchlepp⸗ ten Waſſer und ſtürzten zehnmal nieder auf dem ſtets wankenden, feuchten Boden, Leute, die ſonſt ſo ſicher auf dem kaum weniger feſten Boden der königlichen Gemächer zu wandeln gewohnt und mit Seewaſſer noch niemals in Berührung gekommen waren. Ueber den König kam ein Gefühl, das wie Reue ausſah; er wurde ſich bewußt, wie ſchweres Unrecht er der un⸗ glücklichen Juanna gethan hatte, und da ihn die im⸗ mer weiter um ſich greifende Flamme an jeder Rettung Die Königskrone. Die Königskrone. 167 verzweifeln ließ, ſo wollte er wenigſtens in Liebe und Eintracht mit der Frau ſterben, deren zärtliche Liebe er bis jetzt mit ſo großer Gleichgültigkeit, ja mit noch Schlimmerem vergolten hatte. Er begab ſich zu ihr in ihr Schlafgemach. —„Donna Juanna,“ ſagte er ſo gefaßt als mög⸗ lich,„ich darf Euch die große Gefahr nicht verbergen, in welcher unſer Leben ſchwebt. Es iſt mehr als wahr⸗ ſcheinlich, daß wir mit Allen, die auf dieſem Schiffe ſind, unſer Grab in der Tiefe dieſes Meeres finden werden. Das Schiff brennt; wir ſind verloren.“ Seine Stimme brach, ein verzweifeltes Schluchzen entquoll unwillkürlich ſeinem Munde. —„Gott und die Heiligen wollen nicht, daß Eure Gottloſigkeit den Thron von Caſtilien beſteige,“ kreiſchte die alte Oberhofmeiſterin.„Das iſt die Strafe Eurer Sünden und wir Andern müſſen unſchuldig mit Euch untergehen.“ Der König ſtöhnte und antwortete nichts auf dieſe Majeſtätsbeleidigungen. Die Königin aber erhob ſich und ſagte:„Tröſte dich, Philipp! Wir wollen Arm in Arm den Tod erwarten. Du biſt mein geliebter Gatte und ich weiß, was mir als deiner Gattin ziemt. Die Liebe hilft uns über den kurzen Todesſchauer hinüber. Aber auch Könige ſind wir. Laß uns als Könige ſterben!“ Gelöſt und verſchwunden waren alle Bande des Sief⸗ 168 Die Königskrone. ſinns und kindiſchen Wahns aus der Seele dieſer merk⸗ würdigen Frau; in ihrem Auge entglomm der Glanz hohen Muths und kühner Todesverachtung, würdig einer gefeierten Heldin, und ſie befahl ihren zerknirſchten Frauen mit feſter Stimme, ihren prachtvollſten Kö⸗ nigsſchmuck herbeizuholen und ihr anzulegen. Ihre Be⸗ fehle wurden ausgeführt und wozu ſie im Angeſicht der Frende und Huldigung des Volks ſo ſchwer zu be⸗ wegen geweſen war, das that ſie jetzt im Angeſicht des Todes freiwillig: ſie ließ ſich als Königin ſchmücken. Um ihre Schultern faltete ſich der weite Purpurmantel, ihre Mitte umſpannte der goldene Gürtel, ihr Haupt das goldene Diadem. —„Gebt mir Gold! Viel Gold!“ ſagte ſie ernſt; „ich will es auf meiner Bruſt verbergen, damit Die, welche meine Leiche aufheben und begraben, dafür kö⸗ niglich belohnt werden. Sie ſollen es wiſſen, daß ich die Königin von Caſtilien war.“ Und wahrlich ſie war jetzt eine Königin im edelſten und erhabenſten Sinne. Noch nie war ſie es ſo geweſen, wie in die⸗ ſen entſetzlichen Augenblicken. Auf ihrer Stirne trat das von menſchlicher Gebrechlichkeit, von Leidenſchaft und Wahn verhüllt geweſene Zeichen der Majeſtät rein und leuchtend hervor und warf eine ruhige und erha⸗ bene Verklärung über ihre ganze Geſtalt. In dieſer Nacht, in welcher Männer zitterten und jammerten, bewies ſich dieſe ſchwache und bekümmerte Frau als Die Königskrone. 169 eine wahrhaftig Geiſtesſtarke, als der großen Iſabella von Caſtilien würdige Tochter und Nachfolgerin. Selbſt auf ihre in Todesangſt lebende Umgebung machte dieſe erhabene Erſcheinung einen tiefen Eindruck. Neben ihr war die ſchwarze Matty das einzige lebende Wefen, welches ſeinen fröhlichen Gleichmuth behauptete; denn auch die Katzen der Königin rannten ſchreiend umher und Don Ceſar ſchien, ſeiner Aufführung nach zu ſchließen, eine ſehr deutliche Vorſtellung von dem ihm drohenden Schickſale zu haben. Die reizbare Tochter Afrikas ſah mit einer bewundernswerthen Faſſung dem Tode in's Auge. Die erſte Lichtſpur eines trüben Wintertags drang endlich durch die dichtzuſammengeknäulten Nebel und Wolken und ſo traurig und ſchwermüthig auch ſein umflorter Blick war, er ſchien doch einen Zauberbann auf die gräßlichſte Wuth des Sturmes auszuüben. Die Gewalt deſſelben ließ allmälig nach, der Wind ſprang um und die hohlgehenden Wellen machten Anſtalt, ſich wieder beruhigen zu wollen. Deſto ärger wüthete das Feuer auf dem Königoſchiffe und die Hoffnung, welche der nachlaſſende Sturm gab, vernichteten die immer gieriger um ſich greifenden Flammen wieder. Die ge⸗ ängſtigten Schiffsbewohner ſahen die Gefahr, von dem den Einſturz drohenden brennenden Verdeck erſchlagen zu werden, von Minute zu Minute wachſen. Aber mit dem Tage kommt dem Menſchen ſtets neuer Muth 170 Die Königskrone. und mit Muthe wächſt ſeine Stärke. Alles, was Hände hatte, griff jetzt an, um des Feuers Herr zu werden, und wohin ſich Niemand wagte, da ſah man Matty's Geſtalt, wie einen ſchwarzen Schatten, ſchnell erſcheinen und verſchwinden. Sie leiſtete die wichtig⸗ ſten Dienſte. Doch noch Stunden lang ſchwankte der Sieg. Endlich um Mittag nahten zwei Schiffe der Flotte auf die gegebenen Nothſignale dem Königsſchiff und fuhren mit ſchnell ausgeſetzten Böten heran. Dieſe neuen Kräfte bewältigten bald das feindliche Element und die Flamme wurde erſäuft. Der Sturm hatte ſich zwar noch nicht ganz gelegt, aber der Himmel fing an heller zu werden und man erkannte die nahe engliſche Küſte, auf welche die drei Schiffe losgetrieben wurden. Von den übrigen Schif⸗ fen der ſtolzen Flotte war nichts zu entdecken. Die Lenker der Schiffe beeilten ſich, im nächſten Hafen Schutz zu ſuchen; aber nur mit der größten Mühe und äußerſten Anſtrengung gelang es, das übel zugerichtete Königsſchiff um zwei Uhr in den Hafen Weymouth an der Küſte der Grafſchaft Dorſet einzuführen. Der ſtolze Prachtbau war ein elendes Wrack geworden. Der König ließ ſich mit ſeiner nächſten Umgebung in einer kleinen Zille an's Land ſetzen und ging nach einem nahgelegenen Landhauſe, welches einem jungen Edelmanne, Namens Thomas Trencherd, gehörte. Bei dieſem war eben ein anderer Adeliger aus der Nach⸗ Die Königskrone. 171 barſchaft, John Carous, zum Beſuch und n ſtürmi⸗ ſchen Wetter von der Rückkehr abgehalten worden. Dieſe beiden Herren vertrieben ſich die Zeit mit Kar⸗ tenſpiel, als der König mit ſeinem Gefolge eintrat und ſich ihnen zu erkennen gab. Vom Erſtaunen über einen ſo ſeltenen Gaſt gingen die Bewohner des Hauſes zu ehrfurchtsvoller Anerbietung ihrer thätigen Hülfe über. Die beſten Zimmer wurden dem König und ſeiner näch⸗ ſten Umgebung geräumt und der Hausherr fuhr in einem großen Bvote, das in Eile mit ſo viel Bequem⸗ lichkeit als möglich ausgeſtattet worden war, nach dem halbzerſtörten Königsſchiffe in den Hafen hinaus, um die Königin mit gebührenden Ehrenbezeigungen einzu⸗ holen. Die übrige Mannſchaft der drei burgundiſchen Schiffe wurde in den andern am Hafen liegenden Land⸗ häuſern und in der Stadt untergebracht und als es Nacht wurde, war Jedermann, der mit dem Könige in den Hafen eingelaufen war, unter Dach. Der König erkundigte ſich gleich an dieſem Abende bei ſeinem gefälligen Hauswirthe, ob nicht ein gutes und bequemes Schiff zu haben ſein möchte, auf dem er in einigen Tagen, ſobald er Nachricht von den übrigen Schiffen ſeiner Flotte erhalten, ſeine Reiſe ungeſäumt fortſetzen könnte. —„Ew. Majeſtät wird doch gewiß nicht unſere Inſel wieder verlaſſen wollen,“ verſetzte Trencherd, „ohne ihr Gelegenheit gegönnt zu haben, ſich der 172 Die Königskrone. hohen Ehre dieſes unverhofften Beſuchs gehörig zu er⸗ freuen, und dieſes kann unmöglich anders geſchehen, als wenn unſer König Euch in ſeinem Reiche begrüßen darf. Auch werdet Ihr gewiß Eurer hohen Gemahlin vergönnen, ihre bei uns als Mitglied unſeres königli⸗ chen Hauſes lebende Schweſter zu umarmen. Es iſt meine Unterthanenpflicht, daß ich morgen bei Zeiten eine Anmeldung von dem Glück, das uns leider durch Ew. Majeſtät Unglück widerfahren iſt, an unſern König abzuſenden, und ich bitte, Ihr wollet mir dazu die gnädigſte Erlaubniß nicht verſagen.“ Philipp dachte in dieſem Augenblick weder an den König von England, noch an die Prinzeſſin von Wales, ſondern an Luiſe, ſeine geliebte Luiſe. Ein unerwar⸗ tetes Schickſal hatte ihn an die Küſte Englands ge⸗ worfen; ſollte er ſie wieder verlaſſen, ohne die heiß Erſehnte geſehen zu haben? Ja, er ſchmeichelte ſich mit der leiſen Hoffnung, daß es ſeiner Ueberredungs⸗ kunſt gelingen würde, ſie zur Rückkehr nach Spanien auf ſeinem Schiffe und in ſeiner Geſellſchaft zu bewe⸗ gen. Wie reizend träumte er ſich die Reiſe an ihrer Seite! Wie ſüß däuchte ihm das Glück, König von Caſtilien zu ſein, wenn ſie an ſeinem Hofe lebte und den Zauber ihrer Gegenwart über ſeinen Purpur göſſe wie ein verklärendes Licht! Schon beſtimmte er ſie in Gedanken zur erſten Ehrendame der Königin. Er hatte alſo nichts dagegen, daß John Carous am folgenden „ Die Königskrone. 173 Morgen nach Windſor reiſe, um der königlichen Fa⸗ milie ſeine Ankunft in England zu melden; nachher erſt fiel ihm ein, daß er ja ſeine Schwägerin, die verwit⸗ wete Prinzeſſin von Wales, noch nicht perſönlich kenne und unmöglich ſo unhöflich ſein könne, weiter zu rei⸗ ſen, ohne ſie begrüßt und ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Ebenſo wenig kannte er den König und den Kronprinzen, Herzog von Cornwallis. Der Bote ging alſo nach Windſor ab und aus dem Hafen liefen eine Anzahl größerer und kleinerer Fahrzeuge aus, um im baltiſchen Meere und in den an demſelben gelegenen übrigen engliſchen und franzö⸗ ſiſchen Häfen die zur burgundiſch⸗caſtiliſchen Königsflotte gehörigen Schiffe aufzuſuchen oder Nachrichten über deren Schickſal zu erlangen. Schon nach wenigen Tagen er⸗ fuhr man auf dieſe Weiſe, daß zwei Schiffe mit Sol⸗ daten und Dienſtleuten des Hofs mit Mann und Maus zu Grunde gegangen ſeien, die andern, theilweiſe mehr oder minder beſchädigt, hatten weithin in den Buchten und Häfen der engliſchen Küſte Schutz geſucht und liefen allmälig, nachdem ſie erfahren hatten, was aus dem König geworden, im Hafen von Weymouth ein. König Heinrich VII. von England, einer der ſchlauen, verſchmitzten Fürſten, welche zu Ende des 15. Jahr⸗ hunderts zur Unterdrückung der frechen Macht des großen Lehnsadels jene Politik erfanden und in Anwendung brachten, deren Grundſätze ihr florentiniſcher Zeitgenoſſe . ₰ Die Königskrone. Nicolo Macchiavelli in ſeinem berüchtigten Lehrbuche „ll principe“ zuſammengeſtellt und verewigt hat, Hein⸗ rich ließ keinen Zufall unbenutzt, um ſich und ſeine Dynaſtie auf dem engliſchen Thron, auf den er nicht das entfernteſte hiſtoriſche Recht und nur das ſiegreicher Gewalt hatte, zu befeſtigen. Das Unglück Philipps, das ihn, gegen ſeinen Willen, nach England geführt, war dem Inſelkönig ein ſolcher willkommener Zufall, um für ſich Nutzen daraus zu ziehen. Am fünften Tage nach Philipps Landung erſchien in Trencherds Landhauſe eine glänzende Geſandtſchaft des Königs von England, aus mehreren Fürſten, Ba⸗ ronen und Räthen deſſelben beſtehend, welche das Kö⸗ nigspaar von Caſtilien im Namen ihres Königs feier⸗ lich bewillkommnete, nach Windſor an den Hof einlud und ſich als Ehrencomitat dorthin auswies. Der nächſte Morgen ſah den burgundiſch⸗eaſtiliſchen Hof in Beglei⸗ tung der engliſchen Hofherren und Großen ſchon auf der Reiſe und nichts war vom König Heinrich unter⸗ laſſen, ſie für Philipp und Juanna auf das ehren⸗ und prachtvollſte auszuſtatten. Alle Städte und Orte waren angewieſen, das Königspaar mit denſelben Ehrenbezei⸗ gungen und Auszeichnungen zu begrüßen, wie ihren eignen König. Eine Strecke vor der Stadt Windſor kam ihnen der Herzog Heinrich von Cornwall, der Son„damals vierzehn Jahre alt, mit der Witwe ſeines rubers Arthur, der Prinzeſſin Katharina von Die Königskrone. 175 Wales entgegen*). Donna Catalina, die jüngſte Toch⸗ ter Ferdinands des Katholiſchen von Arragon und Iſa⸗ bella's von Caſtilien, ſtand in ihrem einundzwanzigſten Jahre. Sie war von mittler Leibesgröße, ſehr ſchön und hatte nicht nur die unverkennbarſte Aehnlichkeit mit ihrem Vater, ſondern ſie beſaß auch ſeinen Geiſt und ſeine Verſchlagenheit. Die beiden fürſtlichen Schwe⸗ ſtern hatten ſich ſeit Juanna's Abreiſe aus Spanien und Vermählung vor neun Jahren nicht wieder ge⸗ ſehen und Katharina war damals noch ein Kind ge⸗ weſen. Um ſo rührender war ihre herzliche Um⸗ armung und Begrüßung und Beider Thränen floſſen reichlich. Lebten doch von den fünf erwachſenen Ge⸗ ſchwiſtern nur noch drei; Iſabella, die Königin von Portugal, die älteſte Schweſter, Don Juan, der ein⸗ zige Bruder, und auch die treffliche Mutter waren in der Zeit, während Johanna und Katharina ſich nicht geſehen, in den Tod gegangen, und Johanna's Geiſtes⸗ licht war verdüſtert worden. Grund genug zu ſchmerz⸗ lichen Erinnerungen und zu Thränen bei dieſem unver⸗ hofften Wiederſehn. König Heinrich, ein ſchwächlicher Mann, der da⸗ *) Es iſt bekannt, daß Prinz Heinrich von Cornwallis drei Jahre ſpäter ſeinem Vater als Heinrich VIII. folgte und ſeine Schwägerin Katharina von Arragon zu ſeiner erſten Ge⸗ mahlin machte, von der er ſich 1532 wieder ſcheiden ließ. 176 Die Königskrone. mals im funfzigſten Jahre ſtand, empfing ſeine hohen Gäſte am Thore des königlichen Palaſtes. Der ganze Hofſtaat war verſammelt und dem eaſtiliſchen Königs⸗ paar wurde jede erdenkliche Ehre erwieſen. Ihr Un⸗ glück und das drohende Verderben, das dicht über ihren Häuptern geſchwebt hatte, waren der Gegenſtand der allgemeinen Unterhaltung. Mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit muſterte Phi⸗ lipp die Hofdamen, um ſeiner unvergeßlichen Luiſe rei⸗ zendes Geſicht zu entdecken, und da die Königin von England zwei Jahre vorher geſtorben war, ſo mußte der anweſende weibliche Hofſtaat nothwendiger Weiſe der Prinzeſſin von Wales gehören, welche die Hon⸗ neurs im königlichen Hauſe zu machen hatte. Aber alle dieſe Geſichter waren ihm fremd. Seiner muntern Schwägerin ſchien dieſe Aufmerkſamkeit keineswegs zu entgehen und ein ſchalkhaftes Lächeln glitt einigemal über ihre feinen und reizenden Züge. Sie lud das Königspaar zum folgenden Tage in ihren eigenen Pa⸗ laſt ein, dazu den König und den Kronprinzen von England. So glänzend aber auch das Feſt war, das ſie gab— was Philipp ſuchte, fand er nicht. Am Abend war große Vorſtellung des ganzen Hofſtaats, ſowol des kö⸗ niglichen als deſſen der Prinzeſſin, und dann Bankett. Eine ihm der Geſtalt und dem Namen nach gänzlich fremde Dame wurde Philipp als Oberhofmeiſterin der Die Königskrone. 177 Prinzeſſin von Wales genannt. Er gab alſo dem Arg⸗ wohne in ſeiner Seele Raum, der Zigeuner, der ohne⸗ dies als ein Betrüger entlarvt worden war, möchte ihn auch in dieſer Beziehung betrogen haben. Um ſich je⸗ doch zu überzeugen, ſuchte und fand er in den nächſten Tagen Gelegenheit, ſeine Schwägerin unter vier Augen zu ſprechen. Bei einem Bankett, das der Prinz von Cornwallis gab, tanzte er mit Katharina. Während der Pauſe ſagte er:„Ich muß Ew. Liebden mit einer Frage beſchwerlich fallen, die mich ſchon ſeit einigen Tagen auf der Seele brennt.“ Sie lachte, als wüßte ſie bereits, was er fragen wollte, und zog ihn in eine Fenſterniſche.„So fragt mich denn!“ ſagte ſie muth⸗ willig.„Es liegt Euch doch daran, daß kein anderes Ohr als das meinige Eure Worte erreichen. Ich wette, Ihr wollt Euch nach irgend einer ſchönen Dame er⸗ kundigen, die Ihr bei Hofe geſehen, oder nicht geſehen habt. Hab' ich's errathen? O Euer Ruhm iſt auch nach England gedrungen! Und es iſt ein Glück für Ew. Majeſtät, daß die geduldige Donna Juanna und nicht die hitzköpfige Donna Catalina Eure Gemahlin geworden iſt. Nun ſo fragt doch und laßt mich nicht allein plaudern!“ —„Faſt möcht' ich nun ſchweigen, da Ihr's wirk⸗ lich errathen habt, ſchöne Schweſter. Aber ich ver⸗ traue auf Eure weibliche Nachſicht und ich will ja nach einer Dame fragen, die ich nicht im Hofſtaat, die Ein deutſcher Leinweber. IMl. 12 178 Die Königskrone. ich überhaupt nicht in England geſehen habe und die wahrſcheinlich gar nie hier geweſen iſt.“ —„Nun, ſo laßt hören, ſchöner, frauengefährlicher Bruder!“ —„Man hat mir vor kurzer Zeit erſt geſagt, Eure erſte Ehrendame ſei die verwitwete Herzogin von Najara, die auch Ehrendame Eurer Mutter war; und doch hab' ich ſie nicht unter Euerm Hofſtaate gefun⸗ den.“ —„Ei, ei, was hat Ew. Liebden doch mit dieſer ſchönen Frau?!“ drohte die Prinzeſſin ſchalkhaft mit dem Finger.„Das muß ja ein eigenthümliches Ge⸗ heimniß ſein! Ich ſag' Euch, Donna Luiſa war aller⸗ dings ſeit anderthalb Jahren meine Oberhofmeiſterin und ihr Gemahl Don Alonſo de Malaga mein Ehren⸗ eavalier; aber Beide haben mich plötzlich verlaſſen, es iſt heute der zehnte Tag. Denn kaum hatte ſich die Nachricht an unſerm Hofe verbreitet, daß Ew. Maje⸗ ſtät an der engliſchen Küſte gelandet ſei und uns einen Beſuch abzuſtatten gedenke, als Donna Luiſa und ihr Gemahl mich mit der äußerſten Unruhe um ihre Ent⸗ laſſung baten. Vergebens waren meine Bitten; mit einer ſteigenden Angſt, deren Grund ſie mir durchaus nicht entdecken wollte, beſtand die ſchöne Frau auf ihrem Willen und ſo mußte ich das mir ſo lieb gewordene Ehepaar gehen laſſen. Sie reiſten noch denſelben Tag nach London und haben, wie ich bereits in Erfahrung Die Königskrone. 179 gebracht, die Inſel zwei Tage darauf mit einem eng⸗ liſchen Schiffe verlaſſen.“ Der König war erblaßt.„Die Inſel verlaſſen!“ ſagte er mit bebender Stimme kaum hörbar.„Aber, mein Gott! weshalb dieſe Flucht?“ —„Wenn Ihr es nicht wißt, ich kann Euch nichts darüber berichten. Sie ſchien eine Furcht vor Euch zu haben, wie ſie ein Menſch nicht vor einem andern haben ſollte. Den Grund derſelben werdet Ihr beſſer kennen, als ich; denn Donna Luiſa hat mir nichts dar⸗ über vertraut.“ —„Ich ſchwör' Euch zu, mir iſt es ein unerklär⸗ liches Räthſel. Nie hab' ich etwas gethan, um der Her⸗ zogin Furcht einzuflößen.“ —„Ich glaub' es Euch wol. Ihr mögt vielmehr Alles gethan haben, um ihr das Gegentheil von Furcht einzuflößen.“ —„Und wer iſt dieſer ihr Gemahl, der das Räth⸗ ſel nur noch undurchdringlicher macht?“ —„Ein trefflicher, würdiger Mann, der meine ganze Hochachtung beſaß. Weiter weiß ich nichts von ihm. Er und ſeine Gemahlin brachten mir die beſten Empfehlungobriefe von Perſonen, auf deren Wort ich etwas halte. Auch war mir Donna Luiſa perſönlich vom Hofe meiner königlichen Eltern bekannt; ich hatte ſo viel von ihr gelernt, daß meine Dankbarkeit ſie meine Leh⸗ rerin nannte. Auch wußte ich, wie viel ſie bei meiner 12 180 Die Königskrone. theuern Mutter galt. Ich nahm ſie und ihren Gemahl alſo mit Freuden in meinen Hofſtaat auf und ich habe nichts mehr bedauert, als daß ſie daraus geſchieden ſind.“ —„So hab' ich Euch unſchuldig einen großen Ver⸗ luſt bereitet?“ —„Ich kann Eurer Unſchuld nicht darob zürnen. Seltſam iſt übrigens, daß ein Spanier, ein Sohn ihres erſten Gemahls, Don Antonio de Villaquiran, der ſich im vorigen Jahre eine Zeit lang am hieſigen Hofe aufhielt und, wenn ich nicht irre, vom Könige zu allerlei geheimen Geſchäften gebraucht wurde, zwei Tage nach der Abreiſe der Malagas hier erſchien und ſich mit einer Aengſtlichkeit nach ihnen erkundigte, die der Eu⸗ rigen gleichkam, ja daß er ihnen ſogleich nachgereiſt iſt, ſie aber nicht mehr in England getroffen hat, wor⸗ uber er, wie mir einer ſeiner Freunde ſagte, ganz un⸗ tröſtlich geweſen iſt. Vergebens hat er geforſcht, wo⸗ hin das Schiff, das ſie an Bord hatte, gegangen iſt.“ —„Don Antonio de Villaquiran!“ ſagte Philipp erſtaunt.„Ein kleiner dunkelbrauner Mann mit einer ſtarken Narbe auf der Stirn?“ —„Ei freilich derſelbe. Ihr kennt ihn.“ —„Und wo iſt dieſer Menſch?“ —„Ich hab' ihn nicht wieder geſehen, nichts von ihm gehört.“ —„Das Räthſel wird immer verwirrter, immer Die Königskrone. 181 dunkler. Ich ſtehe mitten in einem Labyrinth und habe keinen Ariadnefaden in der Hand, mir herauszuhelfen.“ Das trübſelige Geſicht, das er zu dieſen Worten machte, vermochte die Prinzeſſin ihm zuzurufen:„Ver⸗ liert nur, um aller Heiligen willen! dieſer Geſchichten wegen Eure gute Laune nicht. Kommt, kommt zum Tanze! Es wird Euch Alles klar werden, wenn Ihr fröhlich ſeid. Denn für vergnügte Leute gibt es kein düſteres Geheimniß!“ Und ſie zog ihn fort zum Tanz. Die Königskrone. Pierzehntes Rapitel. Jakob Fugger ſtand am Krankenbette ſeines Bruders Georg. Das Briſtleiden, an welchem der ſchwächliche Mann Jahre lang gelitten, war in das letzte Stadium getreten und ſeit Anfang dieſes Jahres hatte der Kranke das Lager ſelten verlaſſen. Er fühlte, daß es mit ihm zu Ende ging, und ſprach darüber ruhig und gottergeben mit dem jüngern Bruder. —„Ich habe wenig Wünſche, die ſich auf die Erde beziehen,“ ſagte er.„Du haſt unſerm Hauſe zu Ehre und Reichthum verholfen, du biſt meinen vier Kindern ein zweiter Vater geweſen und wirſt es ferner ſein, wenn ich nicht mehr bin. Gern hätte ich die Ausfüh⸗ rung deiner großen und ſchönen Pläne mit dem jungen i von Caſtilien erlebt; der Herr des Lebens und Todes hat es anders mit mir beſtimmt und ich 6 mich willig und gehorſam ſeinem Gebote. Rai⸗ mund und Anton werden dir bald von Nutzen ſein; ich betrachte ſie ganz als deine Söhne; ſie ſollen das Die Königskrone. 183 brüderliche Vermächtniß ſein, das ich dir hinterlaſſe. Anton, obgleich erſt dreizehn Jahre alt, zeigt doch viel Eifer und Trieb. Ich denke, er wird ein tüchtiger Ge⸗ ſchäftsmann werden. Raimund iſt mir zu hoffärtig; er weiß mehr, als mir lieb, daß wir reiche und ade⸗ lige Leute ſind. Er hat den Hochmuthsgeiſt von ſeiner Mutter, deren Liebling er iſt. Suche dieſen Geiſt ſo viel zu dämpfen, als du vermagſt. Laß dem Raimund und ſeiner Mutter den Zügel nicht ſchießen; halte Re ſtraff. Wir haben an den Fuggern vom Reh erlebt, was bei ſolcher Hoffart herauskommt. Du biſt der Mann dazu, der nie vergaß und nie vergeſſen wird, daß wir vom Webſtuhl abſtammen. Ich muß dir dieſe weltliche Fürſorge überlaſſen. Aber in Bezug auf mei⸗ nen Aelteſten hab' ich noch einen ſehnlichen Wunſch.“ —„So ſag' an, lieber Bruder; kann ich deinen Wunſch erfüllen oder zur Erfüllung deſſelben beitragen, ſo weißt du, daß ich nichts ſparen werde, weder Mühe, noch Zeit, noch Geld.“. 4.—„Nicht du kannſt ihn erfüllen, aber du wirſt dazu thun können. Ich möchte, ehe ich ſcheide, das heilige Zeichen des Prieſterthums von ſeinem Haupte leuchten ſehen. Er iſt zwar vor vier Monaten erſt ſie⸗ benzehn Jahr alt geworden und es fehlt ihm noch viel am canvniſchen Alter; aber du weißt es ſelbſt, daß er an Ernſt, Würde und Eifer für Gott und die Kirche keinem vierzigjährigen Prieſter nachſteht. Er wird ein 184 Die Königskrone. wahres Kirchenlicht werden, nicht ein flackerndes Irr⸗ licht, wie, Gott ſei's geklagt! jetzt die meiſten Cle⸗ riker. Jakob, ich möchte den Leib des Herrn von der Hand meines Sohnes empfangen, eh' ich hinübergehe zu Dem, der auf Erden einſt dieſen göttlichen Leib ge⸗ tragen.“ Jakob drückte des kranken Bruders Hand. Cine Thräne ſchimmerte in ſeinem Auge.„Dein Wunſch iſt ein ſo frommer, väterlicher, daß ich ſeine Erfüllung zu erlangen hoffe. Es iſt mir rührend, daß ſich unſere Wünſche in dieſer Hinſicht begegnen. Auch ich habe daran gedacht, unſerm Marx, in welchem ich unſern frommen verklärten Bruder wieder erſtehen ſehe, deſſen Namen er führt, die Prieſterweihe bald geben zu laſſen. Als ich vor drei Monaten von Wien kam und in Re⸗ gensburg an der Tafel des hochwürdigen Biſchofs ſaß, ging mich derſelbe an, meinen Reffen ſeinem Stifte anzuvertrauen, ſobald er ſeine thevlogiſchen Studien in Ingolſtadt vollendet habe. Dies würde nun freilich erſt zu Ende dieſes Jahres der Fall ſein. Ich wollte dich dann überraſchen, indem ich dir deinen Sohn als Clericus zuführte. Da du dich aber ſchwach fühlſt und Gottes Wille vielleicht eher über dein Leben ver⸗ fügen möchte, ſo will ich unverzüglich nach Ingolſtadt und mit Marx dann nach Regensburg reiſen und dem Biſchof die Umſtände mittheilen, welche unſere Bitte gar ſehr unterſtützen.“ Die Königskrone. 185 Georg ſegnete Jakobs Entſchluß und dieſer reiſte am folgenden Tage mit ſeinem Veit Schellenberg ab. Während ſeiner Abweſenheit wurde es mit dem Kran⸗ ken ſchlimmer. Die Stürme des ſcheidenden Winters ſchienen ſeinem Leben bald ein Ende machen zu wollen. Da wurde denn oft ein alter blinder Mann an ſein Lager geführt, mit welchem er ſich beſonders gern un⸗ terhielt. Dieſer Greis war Meiſter Bry, der Maler aus Antwerpen, der Vater der einſt ſo ſchönen und durch ihr Schickſal merkwürdigen Eleonore. Sie ſpra⸗ chen dann meiſt von vergangenen Zeiten und der blinde Maler wußte viel zu erzählen aus ſeinem Vaterlande, noch aus der Zeit Philipps des Guten und Karls des Kühnen. Er hatte die burgundiſche Marie als Kind gekannt und alle die ſchweren Kämpfe mit durchgemacht, welche ihre Verheirathung mit dem öſtreichiſchen Maxi⸗ milian unter den trotzigen Niederländern hervorgerufen. „Ach, hätte ich ahnen können,“ ſeufzte er einſt,„daß der Sohn der ſchönen Maria und des ſchönen Mar mich in meinem Alter aus dem Vaterlande vertreiben würde!“ —„Ihr dürft nicht ungerecht ſein, Meiſter Jo⸗ hannes,“ warf ihm Georg Fugger ein.„Nicht der Erzherzog Philipp hat Euch aus dem Vaterlande ver⸗ trieben, ſondern der gekränkte Stolz Eurer Tochter. Weltluſt und Hoffart brachten ſie zur Sünde und be⸗ reiteten ihren Fall Ihr mögt unſchuldig ſein an dem 186 Die Königskrone. böſen Handel, aber in ſolchen Dingen muß der Unſchul⸗ dige faſt immer mit dem Schuldigen leiden.“ —„Wenn ſie ſchwer geſündigt hat,“ ſagte der Blinde heftiger,„ſo hat ſie auch ſchwer gebüßt. Wer hat mehr gelitten, als ſie? Und leidet ſie nicht täg⸗ lich und ſtündlich? Niemand weiß beſſer als ich, welch ein großer und unauslöſchlicher Gram an ihrem Herzen frißt. Dieſes Herz hat aber kein Menſch erkannt und gewürdigt, als van der Voort, der arme, unglückliche Mann. Es iſt immer mit Füßen getreten worden.“ —„Ihr ſeid der Vater der Frau Eleonore und deshalb verzeiht man Euch, wenn Ihr ſo warm für ſie ſtreitet. Aber Ihr werdet nicht läugnen können, daß ſie ihr Herz nicht in Demuth gekleidet hat, wie es einer Chriſtin ziemt, die alſo vom Unglück heimgeſucht worden iſt. Sie beſucht niemals das Haus meines Bruders Jakob oder das meinige.“ —„Zürnt ihr deshalb nicht. Ein ſtolzes Gemüth, wie das ihrige, kann ſich nicht demüthigen. War ſie nicht eine hochbegabte Künſtlerin? Iſt ſie es nicht noch? War ſie nicht die Frau eines der reichſten Kaufherren und umgeben mit jeglicher Herrlichkeit des Reichthums? Meint Ihr, ſie ſollte nun Gnadenbrot eſſen und mich damit füttern? Nein, ſie arbeitet und ernährt mich und ihre Geſchwiſter. O Ihr ſolltet die Fülle von Liebe kennen, die in ihrem Herzen wohnt! Wie pflegt ſie mich, wie lauſcht ſie mir jeden Wunſch Die Königskrone. 187 ab, eh' er noch recht in mir erwacht iſt! Nichts iſt zu erdenken, womit ſie mir Freude machen könnte, das ſie nicht in's Werk ſtellt. Sie malt und ſpinnt und näht vom erſten Morgenſtrahl bis in die ſinkende Nacht. Und in der Nacht tritt ſie oft an mein Lager, um auf meine Athemzüge zu lauſchen, um zu forſchen, ob ich irgend eines Beiſtandes bedarf. Kann ein Herz, das nicht von der heißeſten Liebe erfüllt iſt, alſo handeln?“ —„Gott ſegne Eure Tochter für ſolche Liebe! Warum weiſet ſie aber jede Hülfe meines Bruders zu⸗ rück? Sie brauchte nicht zu arbeiten und könnte es gut haben. Noch im vorigen Sommer fragte der junge König von Caſtilien meinen Bruder Jakob, als dieſer in Antwerpen war, mit großer Theilnahme nach ihr und beſtimmte ihr ein reiches Jahrgeld. Sie hat es mit Entrüſtung zurückgewieſen. Wißt Ihr davon?“ —„Nein; ſie hat mir kein Wort von dieſem neuen Anerbieten des Königs geſagt. Aber ich glaube wol, daß ſie es mit Unwillen ausgeſchlagen, und ich muß ſie darum loben. Almoſen empfangen, zumal von ſolcher Hand, iſt nicht Jedermanns Sache. Man darf des jungen Königs niemals in Eleonorens Beiſein erwäh⸗ nen. Sie bekömmt meiſt Wein⸗ und Lachkrämpfe, wenn ſie an ihn erinnert wird. Ich bitt' Euch, laßt ſie in ihrer Weiſe gehen. Wir ertragen ja gern unſere Armuth. Gott ſchenk' Euch Geſundheit! Wenn ich der Hülfe und der Unterſtützung bedarf, werd' ich mich an Euch wenden.“ 188 Die Königskrone. —„Ich werd' Euch ſchwerlich helfen können. Gott helfe mir ſelbſt in meiner letzten Stunde, die nicht fern mehr iſt. Aber mein Bruder Jakob wird ſtets Sorge für Euch tragen.“ —„Könnt' ich doch für Euch ſterben,“ weinte der Greis.„Ich bin blind und lebensmüd' und zwanzig Jahre älter als Ihr. Was nütz' ich auf der Welt, wo ich nichts verrichten kann und meiner lieben Lore nur eine Laſt bin!“ —„Gott ſchenk' Euch, wie mir, Frieden!“ —„Den ewigen. Amen! Auf Erden iſt kein Friede. Ich bin dreiundſiebenzig Jahre alt und habe nichts als Hader und Streit erlebt unter Großen und Kleinen. Die Fürſten haben um Land und Leute ge⸗ hadert, die Ritter mit den Städten, die Städte mit den Bauern, die Pfaffen mit Allen, und um was? Um Herrſchaft, um Hab' und Gut, um Geld und Geldeswerth. Die Fürſten haben den Adel unterdrückt und ſind mächtiger geworden; hat's den Leuten ge⸗ frommt? Sie werden geſchunden und geſchoren nach wie vor. Der Kaiſer, ſagt man, iſt mächtig gewor⸗ den in deutſchen Landen; hat's dieſen gefruchtet? Der Pfaff iſt immer frecher geworden und treibt ſeine Sün⸗ den vor aller Welt und nennt ſich einen Diener Got⸗ tes. Ich war noch ein junges Blut und eben von der Gilde zum Geſellen geſprochen, da kam der Türk und nahm Konſtantinopel. Das war ein Zeter durch alle Die Königskrone. 189 Länder. Da wurde Geld geſammelt und gebetet, wenn das Türkenglöcklein geläutet wurde. Es hat Alles nichts gefördert. Der Türk iſt immer mächtiger geworden. Ein Räuber und Mörder ſaß auf St. Peters Stuhl und nannte ſich Gottes Statthalter auf Erden. Der Türk wird noch Alles verſchlingen ob der greulichen Sünden, welche die ganze Welt verderbt haben. Wohl mir, daß ich blind bin und die Schande nicht mehr ſehe! Wohl mir, daß ich bald eingehen werde zu Gottes Herrlichkeit!“ So ſprach der blinde Mann und ging mit geſenk⸗ tem Haupte, geſtützt auf den Arm ſeines Führers.— Nach ein paar Tagen ward die Thür aufgethan und Jakob Fugger führte ſeinen Neffen Marx herein. Der Jüngling trug das Prieſtergewand und auf ſei⸗ nem entblößten Haupte erblickte das frohe Auge des Vaters die Tonſur. —„Nimm ihn!“ ſagte Jakob mit Thränen, in⸗ dem er den jungen Prieſter in des Kranken Arme legte, „er iſt Baccalaurens des regensburger Stifts und ein geweihter Prieſter des Herrn.“ —„Sei geſegnet, ſei geſegnet, mein Sohn!“ weinte Georg, ſo ſchwach, daß er nur mit Mühe ſpre⸗ chen konnte. Marx, ein hoher, ernſter, bleicher Jüng⸗ ling, benahm ſich ſo würdig, daß Jakab vor Rührung hinausgehen mußte. Die Mutter, der ſtattliche Rai⸗ mund in der reichen Kleidung eines Junkers, der leben⸗ 190 Die Königskrone. dige Anton, die kleine hübſche Schweſter Regina traten um das Bett. Es war für Alle eine wehmüthig frohe Stunde, den älteſten Bruder, den Stolz des Hauſes, mit den Abzeichen des Prieſterthums geſchmückt zu ſehen. Georg hielt Marx' rechte Hand feſt und drückte ſie dann und wann an ſeine hochſchlagende Bruſt. Marx mußte umſtändlich von den Feierlichkeiten erzählen, die bei ſeinen Weihen ſtattgefunden hatten, und richtete Grüße des Biſchofs aus. Jakob hatte unterdeſſen zum Bruder Ulrich geſchickt und es dauerte nicht lange, ſo erſchien auch er mit ſeiner Ehewirthin und den fünf jüngeren Kindern. Die drei älteren Töchter waren auswärts verheirathet, Anna im vorigen Jahre an Georg Turzoin von Bethlehemfalva in Kremnitz, Ur⸗ ſula vor dritthalb Jahren an Philipp von Stain, einen bairiſchen Edelmann, und Veronica vor anderthalb Jah⸗ ren an den Gutsbeſitzer Walther Ehinger in Balzheim. Marr wurde auch von ſeinem Oheim Ulrich und deſſen Familie mit einer gewiſſen Ehrfurcht begrüßt und man verabredete für den folgenden Morgen die feierliche Handlung. Als am nächſten Tage in der Frühe Jakob mit ſei⸗ ner beleibten Ehehälfte in die Krankenſtube trat, war ſie in eine einfache Kapelle verwandelt. Ulrich war mit ſeiner Familie ſchon zugegen. Seine Kinder und Anton und Regina knieten am Altar nieder, an welchem Marr das heilige Meßopfer brachte; dann reichte er Die Königskrone. 191 ſeinem Vater, ſeiner Mutter, ſeinen beiden Oheimen und deren Frauen und ſeinem Bruder Raimund den Leib Chriſti und ſprach den Segen über ſie. Kein Auge blieb trocken und Georg blickte verklärt empor und liſpelte:„Herr, nun läſſeſt du deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben ihn als dei⸗ nen Prieſter geſehen.“ Nach der heiligen Handlung rief er ſeine vier Kin⸗ der heran.„Marx,“ ſprach er,„du biſt nun ein Sohn der heiligen Mutter Kirche und bedarfſt keines irdiſchen Vaters mehr. Freunde und Berather werden dir deine Oheime ſein; aber du, Raimund, du Anton, und du, Regina, mein liebes Töchterlein, ſeht hier Euern Vater Jakob, ſeid ihm brave, folgſame Kinder! Nimm ſie, Jakob, die theueren Pfänder! Ich brauche dich nicht zu bitten, ihnen ein braver Vater zu ſein. Ich kenne dein edles und großes Herz.“ Jakob umarmte die Kinder weinend. —„Und noch Eins, was dich allein angeht, mein lieber Bruder Jakob. Du biſt ſeit einiger Zeit mit dem ſchönen Gedanken umgegangen, in der St. Ja⸗ kobsvorſtadt eine Anzahl Häuſer für die Armen unſerer theuern Vaterſtadt zu erbauen, und du haſt ein paar Mal davon zu mir geſprochen. Ich bitte dich, laß die⸗ ſen gottſeligen Gedanken nicht fahren. Führe ihn aus zu Gottes Ehre und der Armen Hülfe! Geh' bald an's Werk! Der dritte Theil aller Koſten dieſes Un⸗ 192 Die Königskrone. ternehmens ſoll aus meinem Nachlaſſe bezahlt werden. Baue ſo viel Häuſer, als die Armuth bedarf, damit jeder Arme geſund und reinlich wohne und ſeine Arbeit ohne Hinderniß verrichte. Verſprich mir das! Ich werde dann ruhiger ſterben.“ —„Gott gebe dir eine fröhliche Urſtänd, herzlie⸗ ber Bruder,“ verſetzte Jakob.„Das fromme Werk ſoll meine erſte Sorge ſein.“ —„Es ſei eine Stiftung der Fugger'ſchen Familie, ein bleibendes Denkmal unſeres Hauſes,“ fuhr der Sterbende fort,„daran man in ſpäter Zeit erkenne, daß wir Gottes über den Mammon nicht vergeſſen, ſondern die irdiſchen Güter, die er uns geſchenkt, zum Beſten angewandt haben. Darum ſoll die Stiftung auch die Fuggerei heißen. Das iſt mein letzter Wille.“ —„Es geſchehe alſo! Amen!“ erwiderten die Brüder Ulrich und Jakob mit gefalteten Händen. —„Und das erſte, fertige Haus ſollſt du dem alten, blinden Maler aus Antwerpen und ſeinen Rin⸗ dern einräumen und ihnen die Nothdurft reichen in meinem Namen und als mein Vermächtniß.“ —„Amen! Amen!“ betete die Familie.— Zwei Tage ſpäter, am 14. März, übergab Georg Fugger ſeine Seele Gott, nachdem er ſeine Kinder noch einmal geſegnet hatte. Er ſtarb in den Armen ſeines treuen Weibes und ſeines Bruders Jakob. Er hatte ſein Alter nicht ganz auf dreiundfunfzig Jahre gebracht. Die Königskrone. 193 Von der ganzen Familie war Niemand durch dieſen Todesfall ſo ſchmerzlich angegriffen, als Jakob. Da ſeine beiden Brüder durch Kränklichkeit öfter von den Geſchäften abgehalten wurden, ſo waren ſie ſowol, als ihre Frauen und Kinder gewohnt, ihn als Familien⸗ oberhaupt, als Vater und Ernährer zu betrachten. Er war's ja, der nicht nur dem Hauſe zu ſo großem Reich⸗ thum und Ehre verholfen, ſondern der auch alle Kinder ſeiner Brüder mit einer Liebesfülle umfing, wie dieſe kaum ſelbſt. Das Herz dieſes in jeder guten Beziehung ausgezeichneten Mannes war ein unergründlicher Liebes⸗ born für alle Liebebedürftigen, deſſen ſegenvolle Aus⸗ ſtrömungen aber zunächſt ſeiner Familie zu Gute kamen. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe überreiche Spen⸗ dung daher entſtand, weil er ſelbſt keine Kinder hatte. Hätte ſeine Wirthin ihn mit Leibeserben beſchenkt, ſo würden natürlich dieſe vorzugsweiſe der Gegenſtand ſeiner Zärtlichkeit und der Kreis ſeiner Liebe enger gezogen geweſen ſein. Und wie die andern Glieder des Fugger'ſchen Hauſes, ſo betrachtete er ſich ſelbſt unwillkürlich als ihren Vater und er ſtand deshalb zu ſeinen Brüdern in einem innigern als blos brüder⸗ lichen Verhältniß. Georg aber war ihm an Alter der nächſte geweſen und hatte als der ſchwächlichſte und kränklichſte gleichſam die meiſten Anſprüche an Jakobs Liebe gehabt. Niemals war ihr herzliches Einverſtänd⸗ niß geſtört worden; ſie hatten in einer beneidenswerthen Ein deutſcher Leinweber. III. 13 194 Die Königskrone. Einigkeit miteinander gelebt. Seit dem Tode der El⸗ tern waren nur einige kleine Kinder Georgs und Ul⸗ richs geſtorben; Georgs Tod war der erſte bedeutende Sterbefall, ſeitdem die Familie in ſo hohes Anſehen* und ſo großen Reichthum gekommen war. Darum war Jakobs Herz von ſchier unbeſiegbarer Trauer erfüllt. An der Leichenbeſtattung nahm faſt ganz Augsburg Theil, die Herren des Raths, die Zünfte, die wenigen Geſchlechter, der Biſchof mit dem Kapitel umgaben die Leiche. Der Adel aus der Umgegend hatte ſich dazu eingeſtellt, der kaiſerliche Schultheiß trat, umgeben von ſeinen Schöffen, im Namen des Königs Maximilian ein⸗ her. Königliche Herolde eröffneten den Zug. Ein ge⸗ wappnetes Roß mit Harniſch und Schwert wurde vor dem Sarge geführt zum Zeichen des Adels des Ver⸗ ſtorbenen. Aber auf Jakobs ausdrückliche Anordnung ſchloß ſich die Weberzunft unmittelbar an den Sarg anz er ſelbſt ging an ihrer Spitze, ſeine beiden Neffen Raimund und Anton an den Händen führend. Er weinte dabei mit den Kindern um die Wette. Die Leiche wurde in dem von den drei Brüdern errichteten prachtvollen Familienbegräbniß in der von ihnen erbau⸗ ten und der heiligen Anna gewidmeten Kapelle an der Karmeliterkirche beigeſetzt, es war der erſte ſtumme Be⸗ wohner, welcher dieſe herrliche Gruft bezog. Der Bi⸗ ſchof hielt ſelbſt das Todtenamt mit großer Feierlich⸗ keit. Unter den Leidtragenden ging auch ein armer Die Königskrone 195 blinder Mann, auf deſſen kümmerlicher Geſtalt Jakobs ſchmerzumflorte Blicke mit großer Theilnahme ruheten; es war der Maler Bry. Jakob trat zu ihm, ergriff ſeine Hand und ſagte:„Meiſter, mein verſtorbener Vruder hat Euer mit Segen gedacht; er hat Euch als Liebeszeichen ein Erbe hinterlaſſen, das Eure letzten Tage vor jeder Sorge ſchützt.“ —„Gott wird ihm drüben dafür lohnen,“ ſtam⸗ melte der blinde Maler gerührt. Ein reiches und überſchwengliches Trauermahl, in mehreren Häuſern zugleich gehalten, weil ein einziges die Theilnehmer nicht alle faſſen konnte, beſchloß den Tag. Jakobs ſchmerzliche Trauer machte ihn zu den Ge⸗ ſchäften ſchier untüchtig; er hing ihr ſtets nach und ſeine Wirthin ſchüttelte darüber misbilligend den Kopf.„Was ſoll das geben,“ ſagte ſie,„du greinſt, wie ein Kind, dem die Katze das Honigbrot genommen. Ich fürchte, wenn es ſo fortgeht, dich wird ſelbſt ein ſchlimmes Gebreſte darniederwerfen. Dein Bruder ulrich iſt ſelbſt ein alter und breſthafter Mann, die Neffen ſind noch nicht alt genug, um dem Geſchäft vorzuſtehen; Alles ruht auf deinen Schultern und du läßt dich von der Trauer daxniederdrücken, daß du erliegen mußt. Jakob, reiße dich aus dieſer Betrübniß!“ —„Du haſt Recht, Sibylla,“ antwortete Jakob gutmüthig.„Aber wie fang' ich's an, um mich 13* 196 Die Königskrone. deſſen, was mich ſchmerzt und quält, zu entſchla⸗ gen?“ —„Wollteſt du doch in ein paar Monden eine Fahrt nach Kremnitz thun; was hindert dich, ſie jetzt auszuführen? Das wird dich zerſtreuen und tröſten. Nimm den Marx und den Raimund mit dir und zeig ihnen die Welt draußen. Das wird dir Alles gut thun.“ —„Du haſt gut und verſtändig geſprochen!“ ſagte der Mann lebhaft.„Wohl dem Manne, dem der Herr eine verſtändige Hausfrau gab! Ich werde die Reiſe nach Ungarn beſchicken.“ Und er küßte die dicke, gemüthliche Frau herzinnig und dankbar auf Mund und Wange. —„Und dem wilden Toni ſollſt du mir einen feinen Wecken mitnehmen,“ lachte ſie nun.„Ich kann den Buben nicht vergeſſen; hat er mir doch manche fröhliche Kurzweil bereitet.“ Einige Tage darauf ſaß die Familie in ſtiller Be⸗ trachtung beiſammen. Jakob nahm das Wort:„Meine Lieben, ich muß fürchten, daß dieſer Schmerz, der ſo grauſam an meiner Seele frißt, mich für lange arbeits⸗ untüchtig machen würde, und noch nie hab' ich meinen Kopf nöthiger gebraucht als jetzt, wo ich die Ausfüh⸗ rung der großen Pläne, die ich, wie ihr wißt, mit dem jungen Könige von Caſtilien vorhabe, vorbereiten muß. Es kann ſich fügen, daß ich in dieſem Jahre noch nach — Die Königskrone. 197 Spanien zu reiſen genöthigt bin, und wie viel hab' ich bis dahin zu ſchaffen! Ich muß Zerſtreuung ſuchen und habe mich auf guten Rath meiner Sibylla ent⸗ ſchloſſen, die Reiſe nach Kremnitz, die ich erſt in eini⸗ gen Monaten zu machen gedenke, in kürzerer Zeit an⸗ zutreten. Ich will unſerer guten Anna Turzoin ſelbſt die Trauerkunde vom Tode ihres Ohms überbringen und mit ihrem Manne über die ſpaniſchen Angelegen⸗ heiten reden. Wir müſſen uns zuſammen über des Landes Gelegenheit und ſeine metallreichen Berge un⸗ terrichten, ehe wir dahin abreiſen. Auch drohet König Maximilian den Ungarn mit Krieg. Sie ſind ihm nämlich auf ihrem letzten Landtage im vorigen Herbſt wortbrüchig geworden, indem ſie die ihm zugeſagte Erbfolge aufgehoben und beſchloſſen haben, niemals wieder einen Ausländer zum Könige zu wählen. Unſer König Mar will ſie aber mit den Waffen an ihr Ver⸗ ſprechen erinnern. Es iſt alſo nöthig, daß ich ſelbſt in Kremnitz bin, wenn der Krieg entbrennt, um nicht zu Schaden zu kommen. Wenn ich ſelbſt die Hand über mein Eigenthum halte, wird es von Marx und ſeinen Söldnern reſpectirt werden. Ich wünſche, daß ihr mich begleitet, Marx und Raimund, damit ihr ebenfalls von Euerm Schmerze geneſet und die Länder kennen lernt, durch die wir reiſen. Auch damit ich im Kriegsfalle nicht allein ſei. Ich will euch die Donau hinabführen nach Wien, nach Preßburg, nach Peſth 198 und Ofen. Und du, Raimund, ſollſt mir den Berg⸗ bau kennen lernen und bei Georg Turzoin in die Lehre gehen, damit du die Leitung unſerer Bergwerke über⸗ nehmen kannſt, wenn ich mit Turzoin nach Spanien und vielleicht gar nach Weſtindien reiſe. Macht euch alſo zur Reiſe fertig. In Regensburg werd' ich dir, Marx, Urlaub vom hochwürdigen Biſchof erbitten.“ Dieſer Befehl erfreute die beiden Brüder in ihrer Trauer gar ſehr und, gleichwie ſie ſich auf die Reiſe ſchickten, ſo ſchafften Ulrich, deſſen Frau und ihre Kinder allerlei Geſchenke für bald zu erwartenden klei⸗ nen Hausſegen der Tochter im fernen Ungarland, um ſie den Reiſenden mitzugeben. Die Königskrone. — Die Königskrone. 199 cunßehntes Rapitel. Die Straße zwiſchen den beiden Königsſtädten Ofen (Buda) und Warſchau führt durch ein wildes gebirgi⸗ ges und unwirthbares Stück Land. Es iſt dies derje⸗ nige Theil des Weges, der zwiſchen Kremnitz in Un⸗ garn und Krakau liegt, die wilden Karpathen mit ihren nach Niederungarn hinabgreifenden Vorgebirgen. Im ſechzehnten Jahrhundert war dieſe Gebirgsſtraße noch weit übler beſtellt; es war ein Weg durch Wildniſſe und voller Schrecken, von Räubern und wilden Thie⸗ ren bedroht, der ſchlimmſte Weg weit und breit. Und doch hatten den polniſchen und den ungariſchen Königs⸗ thron zu Anfang des genannten Jahrhunderts zwei Brüder inne und doch waren Ungarn und Polen hun⸗ dert Jahre zuvor unter einem Könige vereint geweſen, unter einem der größeſten, weiſeſten und wohlthätigſten Herrſcher, die je gelebt, unter Ludwig dem Großen, der Ofen zu ſeiner Reſidenz erhoben hatte. Aber hun⸗ dert Jahre iſt eine lange Zeit und die königlichen Die Königskrone. Herren Brüder, welche jetzt die Throne von Ungarn und Polen innehatten, waren in allen Stücken das Gegentheil ihres berühmten Vorgängers. Niemals waren Ungarn und Polen in ſchlechterer Verfaſſung geweſen; die Kö⸗ nige waren wenig mehr als Schatten und Wladislav von Ungarn und Böhmen wegen ſeiner beiſpielloſen Schwäche, Unthätigkeit und Liebe zu Ruhe und Pfaffen das Geſpött der damaligen Welt. Im Lande die wil⸗ deſten Parteikämpfe, der hohe Adel gegen die Geiſt⸗ lichkeit, die über die Hälfte des Landes ihr Eigenthum nannte; der kleine Adel gegen den hohen, von welchem er auf's furchtbarſte unterdrückt war, Räuberbanden und Einfälle der Nachbarn über die Grenzen; Verwirrung und Unordnung überall. Es war alſo kein Wunder, daß der Weg von Ofen über die Karpathen nach Warſchau ein ſo ſehr ſchlech⸗ ter und gefährlicher war. Einige Meilen vor Krem⸗ nitz mündete in ihn auch die Straße, welche von Preß⸗ burg nach Kremnitz führte. Hier am Ausgange des Krem⸗ nitzer Thales in das Thal der Gran lag ein elender, arm⸗ ſeliger Flecken, Heiligekreuz; und wie der Ort ſelbſt, ſo war ſeine Herberge beſchaffen, ein altes, trübſeliges Haus, in welchem Wind und Wetter mehr Einkehr nahmen, als Menſchen. Der Wirth, ein alter Stelz⸗ fuß, der die Schlachten des tapfern Königs Matthias Corvinus mitgefochten und ſich von den Türken ein Bein hatte nehmen laſſen, ſchwatzte wol wie eine Elſter Die Königskrone. 201 in allen Mundarten, die in Ungarn gäng' und gebe waren, auch wol etwas türkiſch und etwas deutſch, aber er verſtand kein Sterbenswörtchen von der fran⸗ zöſiſchen oder ſpaniſchen Sprache. Noch viel weniger hatte ſich ſeine böſe und zänkiſche Frau, die den alten Kriegshelden jetzt eommandirte, ſolcher Sprachſtudien befliſſen. Und doch lag nun ſchon ſeit mehrern Tagen eine vornehme kranke Dame in dem einzigen Raume ſeiner Spelunke— dem man, mit Nachhülfe von etwas Phantaſie, außer der ſchwarzgeräucherten Wirthoſtube, den Namen einer Stube oder einer Kammer zugeſtehen konnte und welcher zur Aufnahme ungewöhnlicher Gäſte beſtimmt war— und dieſe und die einzige flinke Die⸗ nerin, welche ſie hatte, ſprachen nur die genannten Sprachen. Der kranke Gaſt mit der Zofe und das wirthliche Ehepaar konnten ſich alſo nur nothdürftig durch Zeichen verſtändigen. Die Schlauheit der Wir⸗ thin hatte aber doch begriffen, daß die vornehme Dame ſchlecht mit Geldmitteln verſehen war, und überdies lehrte der Augenſchein, daß ſie ihrer Niederkunft täg⸗ lich und ſtündlich entgegenſah. Ein Mann, der mit ihr gekommen und den man wol für ihren Gemahl hatte halten können, war, als ſie vom Gebirge herab angekommen, Tags darauf nach Peſth und Ofen zu mit ſeinem Diener zu Pferd weiter gereiſt. Er hatte auch nur Sprachen geſprochen, die die Wirthsleute nicht verſtanden, und dieſen war nur nothdürftig klar ge⸗ Die Königskrone. worden, die Reiſenden ſeien von Räubern ausgeplün⸗ dert, die Frau darüber vor Schrecken krank gewor⸗ den und der Mann wolle nun ſchnell nach Ofen, wo ſich eben der königliche Hof aufhielt, um dort Hülfe zu ſuchen. Die Wirthin glaubte nicht daran; ſie arg⸗ wohnte, der Mann habe die kranke, hochſchwangere Frau ihnen auf dem Halſe ſitzen gelaſſen, und machte deshalb ihrem Manne die Hölle heiß, gleichſam als habe er irgend eine Schuld dabei. —„Girſchi,“ keifte ſie,„du haſt dir das Weib aufbinden laſſen. Die Heiligen mögen wiſſen, was für eine verlaufene Perſon dies iſt! Jetzt ſchaffſt du ſie mir aus dem Hauſe, eh' ſie ſich verdoppelt. Du mußt aufſitzen und hinauf nach Kremnitz reiten und die Sache beim Geſpann anzeigen, ſonſt müſſen wir Frau und Kind behalten und Gott mag wiſſen, was daraus werden ſoll.“ —„So laß mich gewähren, Frau!“ rief der Stelz⸗ fuß grimmig und drehte den ungeheuern grauen Knebel⸗ bart.„Erſt müſſen wir abwarten, ob der Mann nicht wiederkommt.“ —„Da iſt was zu warten! Schaff' Geld von ihr, dann wollen wir warten, ſo lang dies ausreicht. Ich ſage dir, es gibt ſonſt ein Unglück.“ Der gehorſamne alte Krieger rückte gegen die ara⸗ biſch gekleidete Zofe an und wußte ihr ſehr deutlich zu machen, daß er Geld wolle; ſie ihrerſeits verfehlte —— —— Die Königskrone. 203 nicht, ihm eben ſo gut zu verſtehen zu geben, daß ihre Herrin kein Geld habe und daß er warten müſſe, bis der Herr zurückgekehrt ſei. Der Wirth, damit ſchlecht zufrieden, wollte nun die Stube der Kranken ſtürmen; aber die Zofe ſchrie und drohte, bat und weinte in einem Athem und die Kranke ſtöhnte in der Kammer, ſodaß der bärbeißige Mann wieder abzog. Dieſe traurige Seene wiederholte ſich aber am fol⸗ genden Tage, als der Gemahl der Kranken noch nicht wiedergekehrt war, und nun lief die böſe Wirthin ſelbſt Sturm. Der aufgeregte Zuſtand der jungen und ſchö⸗ nen kranken Frau war im höchſten Grade beklagens⸗ werth. Die Hoheit ihres Weſens machte inzwiſchen auf die Wirthin Eindruck und die geſchlechtliche Kriſis, der die Fremde entgegenging, rief in dem Herzen der Frau eine Stimme des Mitleids wach, eine Stimme der Natur, der ſich kein Weib gegen ein anderes in ſolchen Umſtänden entziehen kann. Nun ſtellte ſich aber der alte Knebelbart um ſo wilder und eiſenfreſſeriger an, um ſich die Anerkennuug der Macht, die ſeine Ehehälfte über ihn beſaß, wegzulärmen. Die Wein⸗ gäſte, die ob des außerordentlichen Ereigniſſes häufiger kamen, als ſonſt, nahmen Partei für und wider, und ſo war das ganze Haus in Aufruhr von oben bis unten. Das Wetter außer dem Hauſe war nicht freund⸗ licher. Kalte und rauhe Aprilſtürme fegten vom Ge⸗ 204 Die Königskrone. birge herab durch das Thal und trieben Schneewolken vor ſich her. Die Lage der verlaſſenen Kranken und ihrer Zofe wurde von Stunde zu Stunde bedenklicher. Es ſchien faſt, als wollten die hartherzigen Wirthsleute ihnen jede Nahrung verweigern, und an eine ſo ſehr nöthige ärztliche Hülfe war gar nicht zu denken. Das Schlimmſte war ohnſtreitig, daß ſich die Unglücklichen nicht mit Worten verſtändlich machen konnten; denn dem Zauber des menſchlichen Wortes weichen faſt immer alle feindliche Dämonen. So mislich ſtanden die Sachen, als Nachmittags plötzlich die Muſik einer am Hauſe vorüberziehenden Zigeunerbande vernommen wurde. Die Dorfleute lie⸗ fen neugierig zuſammen, um das braune Nomadenvolk und den Bären und die Aeffchen, die es mit ſich führte, anzuſtaunen und ihm Lebensmittel zuzuſtecken, um ſich dafür wahrſagen zu laſſen. Die Zigeuner hielten ſich aber nicht auf, ſondern ſetzten ihren Weg mit Spiel und Geſang fort, ohne das baufällige Wirthshaus ihrer Aufmerkſamkeit zu würdigen. Es waren gegen hun⸗ dert Köpfe, Männer, Weiber, Burſche, Mädchen, Kin⸗ der. Außer dem Bären und den Affen und mehreren großen Hunden gingen an zwanzig ſchwerbepackte Maul⸗ thiere und Eſel in ihrem Zuge; auf den Laſten ſaßen noch Kinder, hochthronend, oft drei bis fünf auf einem Thiere. In der Mitte des Zugs leiteten zwei ſtämmige Knaben ein ſtattliches Maulthier mit reichem Die Königskrone. 205 Geſchirr und mit allerlei buntem Zierrath behangen, auf welchem eine junge wunderſchöne Frau in koſtbarem, morgenländiſchem Kleiderſchmuck ſaß. An ihrer Bruſt ruhte ein Säugling und neben ihr auf einem kaum minder ſchönen und phantaſtiſch aufgeputzten Thiere ritt ein kleines allerliebſtes Mädchen mit lachenden Augen und fliegenden Locken. Die Kranke im Kruge, die ſich eben allein in ihrem armſeligen Zimmer befand, hatte kaum die einfachen Töne der Muſik vernommen, als ihre von Schmerzen und Kummer abgeſpannten Geſichtszüge ſich plötzlich belebten, in ihrem Auge ein Feuer der Freude, Ueber⸗ raſchung und Unruhe entglomm und ſie ſich aufrichtete, um mit ängſtlich froher Haſt ihre Zofe herbeizurufen. Aber dieſe ſtürmte ſchon herein, noch weit aufgeregter als ihre Herrin. Dieſe Zofe war nämlich in Kleidung, dunkler Hautfarbe und eigenthümlichem Geſichtsausdruck den Zigeunern ähnlich und doch hatte ſie in ihrem We⸗ ſen etwas Edles und Stolzes, welches ſie merklich von jenen unterſchied. Sie war ein Mädchen von vier⸗ bis fünfundzwanzig Jahren und wetteiferte mit ihrer Herrin an Reiz der Schönheit in Formen und Bewe⸗ gungen. Man konnte ſie der purpurnen Granatblüte vergleichen, die Herrin mit der ſanftern Roſe. Als die Zofe haſtig in das Zimmer trat, blitzte ihr Auge in freudigſter Ueberraſchung, ihr Buſen flog, ihre Glieder überlief ein leiſes Zittern und ihr bebender Die Königskrone. Mund ſtammelte kaum die Worte in ſpaniſcher Sprache hervor: —„Andaluſiſche Zigeuner!“ —„Auch ich habe ihr Lied erkannt!“ rief die Kranke.„Ich habe es ja oft in Caſtilien gehört. Lauf ſchnell hinab, Aha, und hole mir eine ihrer Frauen herauf. Sie werden uns Hülfe leiſten.“ Aya flog die wankelmüthige Stiege hinab und über die Straße. Bald hatte ſie die muſicirenden Lands⸗ leute eingeholt und erfaßte eine Alte. Kaum hatten ſich ihre Blicke gegenſeitig berührt, als ſie ſtaunend ausriefen:„Karracha!“—„Aha!“— Wie kommſt du hierher, Aya?“ —„Meine Herrin liegt krank und hülflos in jenem Hauſe. Wir ſind von Räubern geplündert—“ Die Zofe hatte noch nicht ausgeredet, als die Zi⸗ geunermutter in möglichſter Eile auf dem Wege nach dem dürftigen Schankhauſe war. Der Zug machte Halt, Weiber und Männer zerſtreuten ſich in die Häu⸗ ſer, jene um wahrzuſagen und Heilmittel für Menſch und Thier zu verkaufen, dieſe um als Keſſelflicker, Hufſchmiede und Thierärzte ihre Dienſte anzubieten. Karracha trat, von der Zofe gefolgt, in die ſchlechte, faſt von allem Geräth entblößte Stube, die Kranke hatte ſich auf ihrem ſchmutzigen elenden Lager erhoben und ſtarrte mit fiebernder Erwartung der Eintretenden entgegen. Mit einem Schrei der Ueberraſchung rief „— — —.——————— Die Königskrone. 207 ſie:„Karracha, Karracha, dich ſendet mir die heilige Jungfrau in meiner höchſten Noth!“ Die Zigeunermutter ſchritt in großer Gemüthsbe⸗ wegung auf das Bett zu und rief erſchüttert:„Donna Luiſa, Excellenza, ſeid Ihr's wirklich? Oder äfft mich ein Trugbild?“ —„Ich bin's, Karracha, von Unglück ſchwer ge⸗ troffen und in der höchſten Noth. Tritt näher! Ich bin krank, von Allem entblößt, von grauſamen Räu⸗ bern im Gebirg geplündert und im Hauſe der harther⸗ zigſten Menſchen. Mein Gemahl iſt nach Ofen zur Königin von Ungarn; aber er iſt ſchon zwölf Tage fort und noch nicht wiedergekehrt. Auch ihm muß noch ein anderer Unfall zugeſtoßen ſein in dieſem ſchrecklichen Lande.“ Die Zigeunerin kreuzte die Arme auf der Bruſt, kniete ehrerbietig am Bette nieder und ſagte:„Er⸗ laubt mir, Excellenza, daß ich vor allen Dingen für das Nothwendigſte ſorge.“ Haſtigen Schritts ging ſie von dannen und rief einigen ihrer Leute wenige Worte zu, die wie ein Zauber auf ſie wirkten. Schnell ſchar⸗ ten ſie ſich zuſammen und zogen mit ihren Eſeln nach dem Wirthöhauſe, deſſen Räume ſie, ohne viel zu fra⸗ gen, in Beſchlag nahmen. Die abergläubiſchen Wirths⸗ leute, die, wie alles andere Volk, die größte Furcht vor Zigeunern hatten, wagten nicht, ſie daran zu hin⸗ dern. Die Eſel wurden eiligſt abgepackt und koſtbare 208 Die Königskrone. Decken von Wolle und Seide hervorgezogen. Zaroha, die Zigeunerkönigin— denn ſie war die reizende Rei⸗ terin in mauriſchen Kleidern— eilte mit Karracha in die Stube der Kranken und begrüßte dieſe ebenfalls auf das ehrerbietigſte.„Hier iſt mein Bett, edle Frau, und alle meine Bequemlichkeiten,“ ſagte die Liebliche;“ auch habe ich befohlen, daß in wenig Minu⸗ ten Euch Erfriſchungen bereitet werden, und Karracha wird unverzüglich für Arzneien ſorgen, die für Euern Zuſtand geeignet ſind.“ —„Ich danke dir, Zaroya,“ liſpelte Luiſe.„Euch haben die Heiligen im Himmel dieſen Weg geführt. O, laßt mich ihnen danken!“ Und gerührt faltete ſie die Hände zum Gebet. Karracha war unterdeſſen zum Wirth hinabgegangen und gab ihm einige Goldſtücke mit den Worten:„Hund, du haſt dieſe Frau ſchlecht behandelt! Das wird dir übel bekommen. Sie iſt eine Baſe des Königs von Ungarn. Die Peſt auf deinen Kopf! Dir wird wer⸗ den, was du verdient haſt.“ Da ſie dies Alles ſehr geläufig ungariſch ſprach, ſo blieben dem beſtürzten Wirthe nicht die mindeſten Zweifel über den Sinn ihrer Rede. Er fiel auf die Knie, wies das Geld zurück und jammerte:„ Gnade! Gnade! Mein böſes Weib iſt daran ſchuld. Ich hätte wahrlich der hohen Frau kein Strohhälmchen in den Weg gelegt.“ hhc— Sc— Die Königskrone. 209 —„Lügenkopf!“ ſchrie die Frau wüthend.„Glaub' ihm nicht, weiſe Frau! Er iſt ein Narr!“ Und da⸗ mit nahm ſie der Zigeunerin das Geld aus der Hand. „Wir ſind arme Leute und konnten die Dame nicht ſo pflegen, wie ich wol gewünſcht hätte. Nun ſoll es ſchon anders werden.“ Der Stelzfuß hatte vor dem gegen ihn anrückenden Geſchütz die Flucht ergriffen, ſeine Feindin verfolgte ihn aber bis auf den Hof, wo ſie ihn einholte. —„St. Urban hat dir das Gehirn verdüſtert, Alter,“ höhnte ſie.„Von jeder ſchlauen Zigeunerin läßt du dir die ſchönſten Lügen aufbinden und glaubſt daran, wie an das heilige Brot. Mir ſoll die alte Hexe wahrlich nicht kommen und mich verblüffen wol⸗ len. Die Frau oben ſoll eine Baſe des Königs ſein! Wie dumm! Zu uns kommen ſolche Baſen! Ein ver⸗ laufenes Weib iſt's, die böſen Handel mit den Zigen⸗ nern getrieben hat, daher kennen ſie ſich. Was haben Zigeuner mit der Baſe des Königs zu ſchaffen? Wes⸗ halb kümmert ſich der König nicht um ſeine Baſe? Das weiß ich beſſer. Der feine Herr, der mit ihr gekommen, hat ſie ſatt gehabt und deshalb ſitzen laſſen. Sie mag nur immer mit den Zigeunern weiterziehen, wenn ſie geneſen iſt.“ Dem Manne leuchteten die Gründe ſeiner Frau ein; er ärgerte ſich, daß er ſo dumm geweſen ſei, und nahm ſich vor, ſeinen Fehler bald wieder gut zu Ein deutſcher Leinweber. MI. 14 210 Die Königskrone. machen. Die feindlichen Parteien traten verſöhnt in das Haus. Hier kehrten die Zigeuner das Unterſte zu oberſt, um der kranken Frau alle mögliche Bequemlichkeiten und Erfriſchungen zu verſchaffen. Schreiende Eſel und Kinder, ſchwatzende, ſingende und ſchmauſende Men⸗ ſchen, dudelndes Muſikanten, heulende Hunde, Alles durch einander. Luiſa aber lag im prächtigen Bette Zaroya's, auf's beſte bedient, und Aha ſprang ſeelen⸗ vergnügt um das Bett, vor welchem die Zigeunerköni⸗ gin und Karracha auf Polſtern ſaßen und der Erzählung der Kranken horchten: —„Es blieb uns nichts übrig, als aus England ſo ſchnell als möglich zu fliehen, um nicht in die Hände des Königs von Caſtilien zu fallen. Furcht und Schrecken verwirrten uns. Mein Gemahl hatte am engliſchen Hofe einen polniſchen Ritter kennen gelernt. Es lag uns daran, uns in einem entfernten Lande zu verbergen, wo uns die Macht des öſtreichiſchen Hauſes nicht auf⸗ zufinden vermochte. Mein Gemahl verſchaffte ſich von dem Polen einen Brief an ſeinen König und wir rei⸗ ſeten zur See durch den Sund bis zur Mündung der Weichſel. Den Strom hinauf gehend, gelangten wir in die polniſche Königsreſidenz. Schon hatten wir Hoff⸗ nung, daß mein Gemahl eine Anſtellung im Hofſtaate des Königs, der uns gnädig aufnahm, erhalten würde, als unſer feindliches Geſchick uns von neuem verfolgte. Die Königskrone. 211 König Alexander erkrankte heftig und die Aerzte zwei⸗ felten an ſeinem Aufkommen*). Dadurch ſchwand unſere Hoffnung, man rieth uns nach Ofen zu gehen, wo der König von Ungarn und Böhmen, der Bruder des Kö⸗ nigs von Polen, eben Hof hält. Ich ſelber beſtand auf der Reiſe, um bei meiner lieben Jugendfreundin und Geſpielin, der Königin Anna, Schutz, Hülfe undn Unterkommen zu ſuchen. Wir machten uns eilig auf den Weg, damit wir die ungariſche Königsſtadt bald erreichen möchten, wo ich mein Wochenbett zu halten gedachte. Kaum aber hatten wir die ungariſche Grenze oben im Gebirg erreicht, als wir von einer Räuber⸗ ſchar überfallen und aller unſerer Habe beraubt wur⸗ den. Mit Mühe brachten wir es dahin, daß ihr Mit⸗ leid mit meinem Zuſtande uns ein Pferd und ein Maul⸗ thier ließ, womit wir die Reiſe fortſetzen konnten. So kam ich denn als eine flüchtige Bettlerin in das Land, in welchem meine Ahnen einſt als Könige geherrſcht hatten, ja deſſen jetziger König mir auch verwandt iſt; denn das Haus der Jagellonen, welches Polen und Ungarn die jetzt regierenden Könige gegeben, ſind ja durch ihre Stammmutter ebenfalls Nachkommen des einſt ſo mächtigen Hauſes Anjou, das in Neapel und in *) Alexander, König von Polen, ſtarb im Auguſt deſſel⸗ ben Jahres, vierzig und einige Jahre alt. 212 Die Königskrone. Ungarn auf den Königsthronen ſaß. Die Mühſelig⸗ keiten der Reiſe, die Rauhheit des Wetters und un⸗ wegſamen Gebirges, der Schrecken des Ueberfalls, Angſt, Kummer, Sorge und mein Zuſtand legten den Keim einer Krankheit in mich und bildeten ihn ſo raſch aus, daß ich kaum dieſen Ort erreichen konnte. Meine Gebeine waren wie zermalmt und die Sinne vergin⸗ gen mir, als ich dieſes Haus erreicht hatte. Ich glaubte zu ſterben. Mein Gemahl war troſtlos. Kaum hatte ich mich etwas erholt, als er mit ſeinem Diener aufbrach, um nach Ofen zu eilen. Seit vorgeſtern er⸗ warte ich ſtündlich ſeine Rückkehr. Meine Lage war ſchrecklich, als ich die Töne eurer Inſtrumente ver⸗ nahm; ſie dünkten mir Engelsmuſik. Nun ſagt mir, wie kommt ihr in dies ferne, fremde Land?“ —„Ungarn iſt uns nicht ſo fremd, als Ihr glaubt, Senjora,“ verſetzte Karracha.„Es iſt unſere zweite Heimat und von früher Jugend bin ich dieſes Land oft und viel durchwandert. Ich habe ſogar einſt glück⸗ liche Jahre in Kremnitz, das nicht weit von hier iſt und durch das ihr gereiſt ſeid, verlebt und einer mei⸗ ner Söhne iſt dort geboren. Diesmal trieb uns aber noch ein beſonderer Grund hierher. Ein Enkelſohn von mir arbeitet nämlich als Knappe in dem Goldberg⸗ werke zu Kremnitz und mein Herz trieb mich an, den muntern Buben einmal zu ſehen. Es war manches Jahr verſtrichen, ſeit ich ihn zum letzten Mal auf die Die Königskrone. 213 Stirn geküßt. So ſind wir hierher gezogen; denn wir ſind, wie Ihr wißt, überall zu Hauſe. Nun aber ſind wir auf dem Heimwege nach Spanien begriffen. Und nun ſagt mir, hohe Frau, iſt keine Nachricht vom Kö⸗ nige von Arragonien zu Euch gelangt?“ —„Keine,“ entgegnete Luiſe.„Welche Nachricht könnte mir auch von Don Fernando von Arragon kommen?“ —„So wißt, daß er Euch und Euern Gemahl aufſuchen läßt, um Euch zurückzurufen und Euch in Euer Beſitzthum, in Eure Würden und Ehrenſtellen wieder einzuſetzen; denn er hat ſich mit ſeinem Schwie⸗ gerſohne, dem Könige von Caſtilien, entzweit.“ —„O mein Gott!“ rief Luiſe freudig überraſcht. „So werden wir endlich in's Vaterland zurückkehren und der höchſte Wunſch meines Lebens wird erfüllt. Sei geſegnet, Karracha, für dieſe Kunde! Sobald ich entbunden und geneſen bin, wollen wir unverzüglich aufbrechen. Welch' eine Wonne werd' ich mit dieſer Kunde meinem edlen Gatten bereiten!“ Und ſie weinte ſtill vor Freude.— Das Wetter wurde wilder und ſtürmiſcher, jemehr der Tag ſeinem Ende zueilte. In Wind und Schnee⸗ geſtöber ritten von Presburg her vier Reiter in den Flecken und erreichten das menſchen⸗ und geräuſchvolle Wirthshaus. Es war Jakob Fugger mit ſeinen beiden Neffen Marx und Raimund und ſeinem Reitknecht Veit Schellenberg, auf der Reiſe nach Kremnitz begriffen 214 Die Königskrone. und von den Unbilden des Wetters aufgehalten. Veit ſprang vom Pferde und half ſeinem Herrn herab; die beiden jungen Männer hatten ihre Thiere ſchon unter einen Schoppen gezogen und entledigten ſich der naſſen Mäntel. Der Wirth war unterdeſſen herbeigehinkt und hatte kaum das ihm gar wohl bekannte Haupt der kleinen Reiſegeſellſchaft erblickt, als er vor ungeheuerm Reſpeet ein gewaltiges Zetergeſchrei erhob: —„Grüß Euch Gott und St. Stephan, der Schutz⸗ heilige dieſes bedrängten Landes, Herr Fugger! Kommt Ihr einmal, den goldenen Bergſegen zu holen, der für Euch in Kremnitz zu Tage gefördert worden iſt? Ihr kommt zur rechten Zeit, hochedler Herr, um den Krieg von Ungarn abzuwenden, mit dem uns der deutſche Kaiſer an der Grenze droht. Jedermann weiß ja hier im Lande, wie gut Ihr beim Kaiſer Maximilian ſteht. Ja wenn ich nicht alt geworden wäre und dahier ein paar Knochen zu wenig hätte, wollt' ich's immerhin noch einmal mit den Deutſchen aufnehmen.“ —„Bleib' du nur in Ruh', Alter,“ verſetzte Fugger,„der Strauß wird auch ohne dich ausgefoch⸗ ten werden. Schaff' uns dafür gut Logement in dei⸗ nem Kruge; denn wir gedenken die Nacht bei dir zu herbergen, da uns das Wetter die Bergſtadt nicht mehr erreichen läßt. Es geht luſtig in deinem Neſte zu; ich glaube, die Zigenner, die ich herumſchleichen ſehe, ſpielen den Dörflern zum Tanze auf.“ Die Königskrone. 215 Der Wirth kratzte ſich vor Verlegenheit hinter den Ohren.„Freilich,“ ſprach er, einige unverſtändliche Flüche grommelnd,„die ganze Spelunke iſt ſo voll ge⸗ ſtopft, daß die Tänzer ſich mit Armen und Beinen durcharbeiten müſſen. Aber was frag' ich danach. Das Volk muß Euch Platz machen, Herr Fugger.“ Sie traten in die Gaſtſtube. Ein heißer Brodem ſchlug ihnen entgegen. Die Zigeuner ſtrichen die Fi⸗ deln und ſpielten jene wehmüthig wilden ungariſchen Volkstänze, die jedes Ungarherz zu raſender Luſt ent⸗ flammen. Der Weinkrug ging von Mund zu Mund; der Jubel überkreiſchte, wie in ſchmerzlichen Tönen, den Schrei der Fideln. Alles war in Bewegung, ſo dicht gedrängt auch die Menge war, und die Ankömmlinge fanden kaum Platz zum Stehen. Der Wirth wollte dazwiſchenfahren, um Zigeuner und Tänzer zu ver⸗ treiben, aber Jakob hielt ihn davon ab und erklärte, er wolle ſich mit ſeinen Begleitern in eine Kammer oder ſonſt ein Gemach einlogiren, um die Leute in ihrer Luſt nicht zu ſtören. „Da hat ſich's was!“ lärmte der Wirth. „Heute iſt der Teufel los. Aber ich will Euch Platz verſchaffen, Herr Fugger. Geduldet Euch nur ein klein wenig.“ Damit rannte er die Stiege hinauf und brach grob und unwirrſch bei der Kranken ein. —„Ihr müßt ſogleich die Stube räumen,“ pol⸗ terte er dieſer zu.„Es ſind vornehme Gäſte ange⸗ 216 Die Königskrone. kommen, die mir die Zeche gut bezahlen und die ich Euretwegen nicht abweiſen kann. Packt Euch auf! Fort, fort ohne Verzug!“ Luiſe erſchrak vor dem grimmigen Geſichte des Mannes und verſtand ſeine Geberden, wenn auch ſeine Worte nicht. Karracha aber fuhr empor, wie eine ge⸗ reizte Ligerkatze:„Was ſagſt du, ungeſchlachter Töl⸗ pel! Wohin ſoll die hohe Frau?“ —„Das gilt mir gleich. Ihr könnt ſie auf den Heuboden bringen, da ſteckt ſie warm und weich, ich weiß keinen andern Platz. Und wenn ihr nicht frei⸗ willig geht, ſo hol' ich meine Bauern herauf und werf⸗ euch hinaus.“ —„In die Hölle ſollſt du, Galgenbraten!“ Der wüthige Stelzfuß ergriff, um ſeinen Worten Nachdruck zu geben, Zaroya's Töchterchen, um es vor die Thüre zu ſchleudern. Das ſchreiende Kind biß ihn aber ſo derb in die Hand, daß er es wieder fahren ließ. —„So recht, Sonaca!“ rief Karracha.„Dieſer räudige Hund muß erfahren, daß wir uns ihm zu wi⸗ derſetzen verſtehen. Wenn du zwei Augen zu viel haſt, alter Sündenbock, ſo rühre noch eine Hand an uns und ſie ſollen dir abhanden kommen, wie dein Bein, es bedarf dazu keiner Türkenſchlacht.“ Der Wirth ließ von fernern Verſuchen ab, erklärte aber jetzt beſtimmt, er werde ſeine Frau rufen, die * Die Königskrone. 217 ſolle mit ihnen fertig werden; denn aus der Stube müßten ſie ohne Gnade und Barmherzigkeit. .—„Wo ſind die angekommenen Herrſchaften?“ fragte Karracha. —„In der Gaſtſtube.“ Die Zigeunermutter faßte des Wirths Arm und zerrte ihn aus dem Gemach; er mußte ſie zu den neuen Gäſten führen. —„Ei, Herr Jakob Fugger,“ ſagte ſie in gebro⸗ chenem Deutſch,„ſeid Ihr's, der eine kranke Frau aus ihrem Bette und Kämmerlein vertreiben will?“ Sie hatte den augsburger Kaufherrn ſogleich erkannt.„Man rühmt doch ſonſt in Ober⸗ und Niederdeutſchland Euern milden und hochherzigen Sinn; wie reimt ſich nun da⸗ mit zuſammen, daß Ihr ein ſchwaches Weib, das ſei⸗ ner Niederkunft jede Stunde entgegenſieht, auf die Straße in Regen und Schnee, Sturm und Wind hin⸗ auswerfen laſſen wollt?“ —„Da ſei Gott vor, daß ich ſolcher Sünde mich jemals theilhaftig machte,“ verſetzte Fugger gutmüthig. „Lieber wollt' ich ſelbſt auf der Straße in Sturm und Regen übernachten. Ich habe nichts gewußt von ei⸗ ner kranken kreiſenden Frau. Der Wirth iſt ein Faſel⸗ hans. Sagt der Kranken, daß ſie vor mir Ruhe habe, und ich laſſe ihr eine glückliche und geſegnete Stunde wünſchen. Mögen ihr alle Heiligen beiſtehen in der Noth!“ —„Ich danke Euch in ihrem Namen und Gott 218 Die Königskrone. geſegne Euer frommes Wort. Ich wußt' es ja, daß Meiſter Jakob Fugger, der geprieſene Leinweber von Augsburg, nicht alſo grauſam ſein könnte.“ —„Ihr kennt mich, Alte, und fürwahr auch Ihr kommt mir bekannt vor. Seid Ihr's nicht, die im vorigen Jahre in Antwerpen bei mir war und ſich nach dem Aufenthaltsorte der Witwe des Kaufmanns Peter van der Kapellen erkundigte?“ —„Ich bin's,“ erwiderte Karracha,„und werde allezeit Eure Güte zu rühmen wiſſen.“ Eh' er Zeit gewann zu neuen Fragen, war ſie ſchon wieder die Stiege hinauf. Fugger, der Kinderfreund, liebkoſete die kleine Sonaca, welche ihrer Erzieherin nachgelau⸗ fen war und ſich ihm zuthunlich zeigte. Er hob das Kind auf den Arm, küßte es auf die Stirn, fragte ihm den Namen ab und freute ſich ſeiner muntern und klugen Antworten. Da weiter nichts übrigblieb, ſo entſchloß ſich der reiche Mann kurz und lachend, ſeine Herberge auf dem Heuboden aufzuſchlagen, und Veit Schellenberg erhielt Befehl, dort das Lager für ihn und ſeine Reffen herzurichten. Für ſich ſelber machte der treuherzige Knecht das Bett von Stroh in dem Pferde⸗ ſtall. Pfeifend und brummend kehrte er zurück, um ſein Abendbrot mit einigen Schoppen Ungarwein anzu⸗ feuchten. Er hätte auch gern mit der kleinen Sonaca geſpielt, die mit den Fuggern ſpeiſte, aber das Kind fürchtete ſich vor ſeiner ungeheuern rothen Naſe und Die Königskrone. 219 ſchrie laut auf, wenn er ihm zu nahe kam. Die Tafel der reichen Herren wurde ſehr beſcheiden in einem Winkel der Hausflur gehalten mitten unter wein⸗ und tanzerhitzten, lärmenden Dörflern und wildblickenden Zigeunern. In der Gaſtſtube tobte der Tanz immer ausgelaſſener und das ganze Haus glich einem Amei⸗ ſenhaufen oder einem Bienenſtock, nur daß in dieſem nicht muſicirt, gelärmt und Wein getrunken wird. Fugger begab ſich mit ſeinen Neffen in das duf⸗ tende Heu zur Ruhe. Schellenberg trieb ſich noch unter dem loſen luſtigen Geſindel herum und machte mit den Zigeunern Bekanntſchaft. Bald ſaß er mit Jayme, Karracha's jüngerm Sohne, zuſammen beim Weinkrug und erfuhr zu ſeiner Verwunderung und Freude, daß dieſer der Ohm des wilden Toni war, für den Veits Gutmüthigkeit immer noch eine ſtille Zuneigung trug. Thränen der Rührung liefen dem alten Knaben über die grauen Backen, als er dem Zigeuner ſeine Fahrten mit dem Buben in Brüſſel und Augsburg erzählte; dann umhalſte er ſeinen Zuhörer in froher Weinlaune und Beide ſchloſſen den Freundſchaftsbund. Allmälig nahm das Toben ab; die Tänzer verlie⸗ fen ſich, die Zigeuner ſtreckten ſich auf den Boden nie⸗ der, wohin ſie eben zu liegen kamen, und Veit bettete ſich zu ſeinen Pferden. Im Gemach der Kranken wollte es aber nicht Ruhe werden die ganze Nacht. — Die Koͤnigskrone. Sechzehntes Rapitel. Die reichen Herren hatten im Heu köſtlich geſchlafen. Veit hatte nur ihr Erwachen abgewartet, um mit Re⸗ ſpect zu vermelden, daß in der Nacht neben an ein Bub' zur Welt gekommen ſei und ſein Daſein bereits mit Trompeterſtimme verkünde.„Die Zigeuner ſind ſehr geſchäftig,“ fuhr er fort.„Die alte Karracha hat die Hebamme gemacht. Es iſt ihr Amt oder Dienſt bei ihrem Volk; aber ſie ſieht aus, als wären ihr auch die Geſchäfte einer Todtenfrau übertragen. Die kleine hübſche Frau, welche die Zigeuner ihre Königin nen⸗ nen, iſt auch nicht zur Ruhe gekommen, auch noch ein halbes Dutzend anderer Weiber nicht, und da haben ſie denn den jungen Menſchen und ſeine Mutter zum Beſten beſorgt. Jetzt brauen ſie ihr Arzneien, denn es ſoll ſchwach mit ihr gehen. Sie rennen hin und her, als ob ihnen die Köpfe brennten, und plappern wie Elſtern und Staarmatzen ihr verdammtes Kauder⸗ wälſch.“ Die Königskrone. 221 —„Bruder Marx,“ ſagte Raimund lachend, wäh⸗ rend er dieſem die Heuhalmen aus dem Haare zupfte, „hier haſt du plötzlich Gelegenheit, deine erſte Taufe zu verrichten; denn es iſt ſchwerlich ein Prieſter in dieſem unglücklichen Eulenneſte.“ —„Und du,“ antwortete der junge Kleriker,„zum Erſtenmale Gevatter zu ſein; denn es iſt ſchwerlich ein vornehmer Mann in dieſer Bauernreſidenz und die Kindbetterin ſoll doch eine vornehme Frau ſein.“ —„Wir ſind ihr vielleicht nicht vornehm genug. Wer iſt denn eigentlich dieſe Frau?“ wandte ſich Rai⸗ mund an Schellenberg.„Haſt du nichts darüber er⸗ fahren, Veit? Es ſollte mich wundern, wenn du nicht ſchon Alles wüßteſt; denn du pflegſt dich doch ſonſt ſehr angelegentlich nach ſolchen Dingen zu erkundigen.“ —„Eine ſehr vornehme Spanierin,“ flüſterte der Reitknecht mit geheimnißkrämeriſch verzogenen Mund⸗ winkeln und weit aufgeriſſenen Augen, eine Baſe des Königs von Ungarn! Fürſtliches Blut! So ſagen die Zigeuner.“ Raimund ſchlug eine helle Lache auf, der Jakob beiſtimmte, ſelbſt der ernſte Marr lächelte.„Da haſt du dir wieder einmal eine Schnurre aufbinden laſſen, Alter. Wann wirſt du klug werden?“ —„Ich weiß, was ich weiß,“ brummte Veit ver⸗ drießlich und alle Vier begaben ſi ch in die um das Frühſtück einzunehmen. 222 Sie waren eben noch damit beſchäftigt, als Kar⸗ racha ernſt und feierlich hereintrat, auf Jakob Fugger losſchritt und ihn mit gemeſſenen Worten alſo anredete: „Die hohe Frau, welche ich in dieſer Nacht von einem Knäblein entbunden habe, läßt Euch, Herr Jakob Fug⸗ ger, ehrerbietig und in Züchten erſuchen, ihr einen Beſuch zu ſchenken. Da ſie ſich ſehr ſchwach fühlt und das Zeitliche zu geſegnen vermeint, ſo will ſie Euch, als einem Ehrenmanne, ein Geheimniß anvertrauen. Bedenkt alſo, es iſt die Bitte einer Sterbenden, und habt die Güte, mir zu folgen.“ Jakob Fugger ſtand ſogleich auf und erklärte ſich bereitwillig, die Bitte der Kindbetterin zu erfüllen. Kaum war er mit Karracha durch die Thür verſchwun⸗ den, als auch Veit aufbrach, auf den das Wort Geheim⸗ niß eine ſehr aufregende Wirkung hervorgebracht hatte. Schon am früheſten Morgen hatte er von den oberen Räumen des Pferdeſtalls, welche ummittelbar an die Kammer ſtießen, eine Spalte in der Wand entdeckt, durch welche er Beobachtungen angeſtellt und wichtige Entdeckungen gemacht hatte. Jetzt verfügte er ſich wie⸗ der an dieſen Platz, in der Meinung, ein für die Ohren ſeines Herrn beſtimmtes Geheimniß hätte eben ſo gut auch in den ſeinigen Platz und für ihn ſelbſt paſſe ein Geheimniß weit beſſer, da er den größten und lebhaf⸗ teſten Antheil an dieſen nehme, als für Herrn Fugger, der ſich aus dergleichen niemals etwas zu machen pflege. Die Königskrone. Die Königskrone. 223 Die beiden Brüder blieben in ernſtem Schweigen zurück und leerten die Flaſche Ruſter Ausbruch, die ihnen der Wirth vorgeſetzt hatte. Auch dem ſonſt ſo geſprä⸗ chigen Stelzfuß und ſeiner plauderhaften Ehehälfte, ſo⸗ wie den anweſenden Zigeunern hatte ſich eine ernſte und gedrückte Stimmung mitgetheilt, als ſie vernom⸗ men, die Kindbetterin ſei ſo gefährlich krank, daß ihr der Tod näher ſtehe als das Leben. Der Tod übt auf die roheſten Gemüther ſtets eine erſchütternde und bezwingende Macht aus. Es wurden wenige Worte in der Stube gewechſelt. Eine halbe Stunde mochte auf dieſe Weiſe verſtri⸗ chen ſein, als Karracha wieder hereintrat, wo möglich noch ernſter und feierlicher als das erſte Mal, und ſich an Marr wandte:„Ehrwürdiger Herr, meine Herrin verlangt nach dem Brote des Lebens und geiſtlichen Zuſpruch; ſie läßt Euch bitten, ihre Beichte zu hören und ihr den Zehrpfennig zu reichen.“ —„Im Namen der heiligen Dreifaltigkeit,“ erwi⸗ derte Marx und folgte der Zigeunerin mit geſenktem Blick und gefalteten Händen. Die Zigeuner hatten ſich alle ſtill aus der Stube entfernt, die Wirthin kniete vor einem kleinen hölzernen Erueifir und betete ihren Roſenkranz ab; der Stelzfuß ſtarrte mürriſch vor ſich hin und trank zuweilen in lan⸗ gen Zügen aus der vor ihm ſtehenden Flaſche, als wolle er mit dem Rebenbſute Gewiſensbiſe hinweg⸗ 224 Die Königskrone. ſpülen; Raimund dachte mit Wehmuth an ſeinen todten Vater. Da kam Karracha zum dritten Mal und den Jüngling bei der Hand nehmend, ſprach ſie:„Meine hohe Herrin läßt Euch bitten„bei ihrem jungen Herr⸗ lein Gevatter zu ſtehen und ſtatt ſeiner das Sakrament der Taufe zu beſchwören, welches Euer geiſtlicher Bru⸗ der ſogleich an ihm vollziehen wird.“ Raimund ging, ohne ein Wort zu erwidern, mit der Alten; er fühlte ſeine Bruſt ſeltſam beklommen und gepreßt, daß ihm ſchier das Athmen ſchwer wurde, und ein leiſes Zittern lief über ſeine Glieder. Er trat nur mit den Fußſpitzen auf, als ſich die Thür des Gemachs vor ihm öffnete. Sein Auge flog nach dem Bette und es war ſchier geblendet von der Schönheit der bleichen Frau, die dort lag und ſeinen befangenen Gruß mit einer leichten, aber anmuthigen Handbewegung erwiderte. Sein Ohm ſaß an dem Bette mit ſo hoher und ernſter Feierlichkeit und Würde in den Zügen, wie ſie Raimund kaum in dieſer ergreifenden Ausprägung bei ſeines Vaters Tode dort erblickt hatte. Der ge⸗ liebte Mann kam dem Jünglinge in dieſem Augenblicke wie ein über die Menſchennatur erhabenes Weſen vor; die marmorbleiche junge Frau gemahnte ihn gar ein Engel. Marr ſtand mit gefalteten Händen an dem mit weißen Decken behangenen und zum Altar umgewan⸗ delten Tiſche, den die Zigeuner herbeigeſchafft hatten. Ein zinnernes Becken mit Waſſer deutete auf die vor⸗ Die Königskrone. 225 zunehmende heilige Handlung. Karracha nahm den in ſchneeige Linnen gehüllten Täufling aus Zaroya's Ar⸗ men, winkte Raimund herbei und legte ihm das Kind in die Hände. Jakob Fugger trat hinzu, um als Mi⸗ niſtrant ſeinen Neffen zu bedienen, und Marx erhob ſeine wohltönende Stimme, die Worte des Sakraments zu ſprechen. —„Wie ſoll das Kindlein heißen?“ fragte der junge Prieſter. —„Raimund,“ ſagte ſein Bruder. —„Moro,“ flüſterte die Mutter. —„Raimund Mohr,“ ſprach Jakob Fugger mit feſter Stimme und das Kryſtall der Flut benetzte die Stirn des kleinen Weltbürgers, während der junge Prieſter ihm den Namen zurief. Dann empfing er aus Karracha's Hand das Fläſchchen mit dem heiligen Chrisma, welches die Zigenner mit ſich führten, und zeichnete mit dem duftenden Oele das Kreuzesbild auf die Stirn des Knaben, die heiligen Gebete dazu ſprechend. —„Nun Euern letzten Dienſt, ehrwürdiger Herr,“ lispelte die verklärt lächelnde Frau.„Reicht auch mir das Oel des Lebens.“ Und alle Anweſenden ſanken auf die Knie. Zaroya hatte dem Neugeborenen ihre Bruſt gereicht und faltete kniend die Hände im Gebet über ihm. Karracha ent⸗ blößte die Füße der Sterbenden. Marx ſalbte ihr Ein deutſcher Leinweber. UI. 15 226 Die Königskrone. Stirn, Hände und Füße, indem er der vom Leben Scheidenden das Kreuzeszeichen aufdrückte, wie er es dem kaum in's Leben Getretenen an das kleine Haupt geſchrieben hatte. Und er ſtimmte den ſchwermüthigen Geſang an, womit der Prieſter das Sakrament der letz⸗ ten Oelung begleitet. Aha weinte troſtlos. Raimund entfernte ſich ſtill weinend; er war von der erlebten Scene ſo mächtig ergriffen, die verklärte Schönheit der Sterbenden hatte einen ſo ſtarken Eindruck auf ihn ge⸗ macht, daß es ihn nicht im Hauſe litt. Er eilte hin⸗ aus und erkletterte einen Berg, durchſtreifte den Wald, der ſich anſchickte, die Knoſpen zu entfalten, und ſtieg dann wieder gedankenvoll in das Thal hinab, um ſeine Blicke von den flüchtigen Wellen des Waldſtroms mit forttragen zu laſſen. Es war ihm ſo weh zu Muth und er konnte nicht Meiſter ſeiner Stimmung werden. Als er nach einigen Stunden in das Wirthshaus zu⸗ rückkehrte, wartete Marx ſeiner in der Hausflur, nahm ihn bei der Hand und führte ihn— Beide ſchwei⸗ gend— in das Gemach hinauf. Da lag eine ſchöne Leiche auf dem Bette, ein herrliches, marmorgleiches Engelsbild, ein ſeliges Lächeln, feſtgebannt in den er⸗ kalteten Zügen. Das ſchöne milde Auge voll ſüßen Liebeszaubers war für immer geſchloſſen. Die von Kindesbeinen an gewohnt geweſen war, nur in königli⸗ chen Paläſten zu wohnen, war in der elenden Herberge eines armen, ungariſchen Fleckens geſtorben; die Freun⸗ — — —— —— — Die Königskrone. 227 din von Königinnen und Fürſtinnen hatte ihren letzten Hauch unter Zigeunern von ſich gegeben. Aber das verſöhnte Geſchick hatte ihr einen der edelſten Män⸗ ner an das Sterbelager geſandt und er hatte ihr einen zwar jungen, aber frommen Prieſter mitgebracht, der ihr mit begeiſterter Rede die Tröſtungen der Religion gereicht. Aya, die treue Dienerin, kniete vor dem Bette und verbarg ihr weinendes Geſicht in die Falten des Gewandes der Todten. Die Zigeuner ſammelten ſich vor der Kammer, auf der Stiege, in der Hausflur; die Glocke ertönte, Alle knieten nieder und Marr begann das Todtenamt. Raimund weinte mit den Andern. Als die Feierlichkeit vorüber war, führte Marx den Bruder zu dem neben der Leiche ſchlummernden Säugling.„Ich vermuthe mit gutem Grund,“ ſagte er leiſe,„daß dies Knäblein unſer Kind ſein wird. Es wird ſich bald enthüllen. Ich werde mit dem Ohm im Auftrage der Verſtorbenen morgen, wenn wir ſie begraben haben, nach Ofen reiſen. Du wirſt bei dem Kinde hier bleiben.“ Jakob Fugger beſtellte in ernſter Stimmung das Begräbniß. Am folgenden Morgen las Marx erſt eine Todtenmeſſe, dann wurde die Verſtorbene von den Zi⸗ geunern zu Grabe getragen. Und ſie erwieſen ihrer Hülle alle die Ehrenbezeigungen, die ſie einer Fürſtin darzubringen pflegten. Marx weihete die Erde und 15* 228 Die Königskrone. ſprach die Gebete über der Gruft. Aha zerfloß ſchier in Thränen und nur Jakobs mildes Wort und ſein Verſprechen, für ihre Rückkehr in's Vaterland Sorge 5 zu tragen, gaben ihr einigen Troſt.— Nach der Be⸗ erdigung wurden die Pferde geſattelt, für Aha ein Maulthier der Zigeunerkönigin. Die ſchmerzensvolle Zofe ſchrie laut auf, als ſie von dem nengeborenen Knäblein Abſchied nahm. Raimund blieb bei den Zi⸗ geunern und ſeinem Pathchen zurück. Er vertrieb ſich die Zeit, indem er ſich von Zaroya erzählen ließ, wer die Verſtorbene geweſen und in welchen Beziehungen ſie zu ihr geſtanden; dann ſpielte er mit der kleinen niedlichen Sonaca, oder er horchte, mit Thränen im* Auge, auf die wehmüthig wilden Lieder der Zigenner und ging dann mit Zaropa hinaus, um Blumen auf das friſche Grab zu pflanzen. So vergingen die Tage und der Frühling zog im Thale der Gran ein und ſchmückte die Bergwände. Endlich kehrten Ohm und Bruder mit Veit zurück. Jakob ſprach feierlich zu Raimund, indem er den Säug⸗ ling von Zarvyn's Bruſt nahm und ihm in die Arme legte:„Ein ſeltſames Schickſal hat dich zum Vater dieſer Waiſe beſtimmt. Aber niemals darf ein Menſch„ erfahren, wer dieſes Kind iſt. Dieſes Verſprechen habe ich ſeiner Mutter in die erkaltende Hand geloben und ſeinem Vater, den ich krank in Ofen gefunden, wiederholen müſſen. Wir wollen es jetzt mit nach Die Königskrone. 229 Kremnitz führen und ihm dort eine Amme ſuchen. Es gilt für das Kind eines verunglückten Bergmannes, deſſen Witwe hier geſtorben iſt, und der wir verſpro⸗ chen haben, es nicht zu verlaſſen.“ Raimund drückte das Knäbchen an's Herz und küßte es auf die Stirn, ſtill bei ſich das Gelübde thuend, ihm ein treuer Verſorger und Führer ſein zu wollen. Jakob hatte der kleinen Sonaca mehrere Geſchenke mitgebracht und erfreute dadurch Mutter und Töchter⸗ lein. Es ſchien, als wenn er das kleine Mädchen be⸗ ſonders liebgewonnen habe. In der Frühe des nächſten Tages brachen die Rei⸗ ſenden auf. Die liebliche Zarvya hatte an jeder Bruſt ein Knäbchen liegen. Karracha ritt neben ihr mit So⸗ naca. Veit, der ſtets merkwürdig weinerlich geſtimmt war, erzeigte ihnen alle nur erdenkliche Aufmerkſam⸗ keiten und ſorgte für ihre Bequemlichkeit, ſoviel er nur immer vermochte. Jakob Fugger ritt, in Gedan⸗ ken vertieft, voran; es glänzte von ſeiner gedanken⸗ reichen Stirn wie eine höhere Weihe, ſeit er das Ge⸗ heimniß von den ſchönen Lippen vernommen, die nun der Tod für immer verſiegelt. Zuweilen glänzte es feucht in ſeinen Augen; Marx und Raimund wechſelten nur ſelten ein leiſes Wort. Ueber Allen lag eine wehmüthige Stimmung, wie ein dunkler Schleier. Auf dieſe Weiſe erreichten ſie die tief im Thal liegende, von mächtigen waldigen Bergen umgebene Bergſtadt, 230 deren dampfende, geräuſchvolle Hüttenwerke ſogleich verriethen, welche Adern im Schvoſe ihrer Höhen bluteten. Die Reiſenden zogen durch das Thor und ritten durch die bergigen Straßen, bis ſie vor einem ſtatt⸗ lichen Hauſe hielten. Veit ſtieß Raimund an und zwin⸗ kerte pfiffig lächelnd und verſtohlen auf das Haus den⸗ tend mit den Augen.„Das iſt die Fugger'ſche Münz⸗ ſtätte,“ flüſterte er.„Da wohnen wir.“ Er hatte noch nicht ausgeredet, da wurde die Thür geöffnet und die Baſe Anna eilte mit freudigem Aus⸗ rufe heraus, ein junges, blühendes Weiblein, deren Ge⸗ ſtalt ihre bald zu erfüllenden Mutterhoffnungen ver⸗ rieth, und hinter ihr kam ein feines Mägdlein, das eben in der Entwicklung zur Jungfrau begriffen war, eine kleine, niedliche, freundliche Geſtalt, die verſchämt von fern ſtehen blieb und die ſchönen Augen ſittig zu Boden ſchlug. Anna begrüßte den Ohm und die Vettern mit herz⸗ lichen von Freude überquellenden Worten, bis ſie die Trauerkleider an ihnen gewahrte und den Tod ihres Ohms Georg erfuhr. So wurde der helle Strom der Freude auf einige Minuten getrübt. Aber die Luſt des Wiederſehens ſchlug doch wieder durch und ſie rief: „Ach, wie wird mein Mann ſich freuen über den un⸗ verhofften Beſuch! Er iſt draußen in der St. Joſephs⸗ grube und ich beſchick' ihn ſogleich.— Komm' doch Die Königskrone. Die Königskrone. 231 heran, Katharina!“ rief ſie dem holden Mägdlein hin⸗ ter ihr zu.„Es iſt Katharina Turzvin, die Schweſter meines Mannes,“ ſagte ſie dann zu den jungen Vet⸗ tern.„Ihr, Ohm, kennt ſie ja; aber als ihr ſie zu⸗ letzt geſehen, war ſie noch ein Kind. Sie konnte nicht mit gen Augsburg zu meiner Hochzeit kommen, weil ſie eben krank war.“ Und nun nahm die frendeſelige junge Frau Raimunds Arm und flüſterte ihm, während ſie in's Haus gingen, zu:„Katharina würde ſich treff⸗ lich zu deiner Frau ſchicken, Raimund.“ Und Raimund ſah nun plötzlich die hübſche Katharina mit ganz ande⸗ ren Augen an. Zarvha und Karracha mit den Kindern waren auf Jakobs Wort gefolgt. Drinnen im Gaden des Hau⸗ ſes ſprach jetzt Jakob zu ſeiner Nichte:„Wir bringen dir außer der Trauerbotſchaft auch die freundlichſten Grüße von deinen Eltern und Geſchwiſtern, die alle wohlauf ſind. Aber auch einen Zuwachs zu deiner Familie haben wir dir mitgebracht, bevor du noch ſelbſt dafür geſorgt. Der Himmel hat deinen Schvos geſegnet und wird dir bald ein liebes Kind ſchenken, ſo bitt' ich fein, du wolleſt dich einer armen Waiſe erbarmen und ſie in dein Haus aufnehmen. Wir haben unterwegs eine arme Bergmannsfrau in Kindesnöthen getroffen und ſie hat uns ſterbend ein Knäblein ge⸗ ſchenkt, das Marx getauft und Raymund aus dem Becken gehoben und ihm ſeinen Namen gegeben hat. 232 Die Königskrone. Dadurch iſt uns das Kindlein gar lieb und werth ge⸗ worden. Und ſo ſteht an dich unſere freundliche An⸗ ſprache, du wolleſt das Kind mit deinem eignen, ſo ihnen Gott das Leben läßt, aufziehen.“ Anna nahm gerührt die kleine Waiſe aus Zaroya's Händen, küßte ſie und ſprach:„Ja, lieber Ohm, das will ich mit Freuden. Kann ich doch dadurch einen ganz kleinen Theil der großen Schuld der Dankbarkeit abtragen, die ich Euch zolle, und mein guter Mann wird mir mit Frenden beiſtimmen. Ich werde das arme Büblein halten, wie mein eigenes Kind. Sieh doch, Katharina, es lächelt mit mir. Es iſt ja ein herziger Engel.“ —„Und es heißt Raimund?“ fragte Katharina erröthend. —„Wär' es Euch vielleicht dadurch auch werth, ſchönes Bäschen?“ fragte ſie Raimund Fugger. —„Ich liebe Kinder gar ſehr.“ —„O ſo theilt Euch doch mit meiner Baſe Anna in die Mutterſorgen für den Kleinen, den ich ſo gern als mein Eigenthum betrachte! Wie ſehr würdet Ihr mich zu Dank verpflichten!“ —„Gott ſegne den Knaben! Wir wollen ihn lieben und pflegen.“ Anna machte ihm mit mütterlicher Geſchäftigkeit ein Betichen, Katharina legte ihn hinein. Beide be⸗ riethen ſich über ſeine Nahrung und Pflege und es — —— —— Die Königskrone. 233 fiel Katharinen ein, daß eine geſunde Bergmannsfrau vor einigen Wochen ein Töchterlein geboren, die ihre Bruſt gewiß auch dem kleinen Raimund reichen würde. Und ſo waren zwei junge edle Frauenherzen bemüht, dem kleinen Ankömmling ein günſtiges Geſchick zu ſtel⸗ len und ihm das Loos der Liebe zu weben. Unterdeſſen trat der Bergmeiſter Georg Turzvin, Anna's Gatte, ein kräftiger Magyare mit ſchwarzem Schnurrbart, haſtig herein und umarmte die lieben Verwandten. Auch er begrüßte den kleinen Fremdling mit herzlicher Liebe und gelobte dem Ohm Jakob und den Vettern Marx und Raimund, für ihn zu ſorgen wie ein Vater. Die Geſchenke wurden ausgepackt und übergeben. Nun kam auch der Kammerrath Johann Turzvin, Georgs Vater, ein würdiger Herr, und begrüßte ſei⸗ nen Freund Jakob Fugger und deſſen Neffen als liebe Verwandte gar herzlich. Veit Schellenberg aber ſchlich ſchmunzelnd im Hauſe herum und erneute alte Bekannt⸗ ſchaften. Plötzlich erhob ſich ein Getümmel auf der Hausflur; Veit ließ ein helles Gelächter erſchallen. Die Thür ging auf und Toni, der Bergknappe, ſchlug Purzelbäume, wieherte wie ein Pferd, jauchzte, jodelte wie ein Tyroler, küßte Herrn Jakob Fngger's Rock und die Hände der Neffen, umarmte ſeine Großmutter Karracha, die mit dem Kammerrath, als ihrem alten Bekannten und Freund aus der Zeit ihrer Iugendliebe, 234 Die Königskrone. ſich unterhielt. Jakob langte den Wecken hervor, den ſeine Ehewirthin dem loſen Rangen ſchickte, und er machte dafür allerhand tolle Streiche. Kaum hatte der ſchwarze Burſche, der ziemlich emporgewachſen war, von dem kleinen Raimund gehört, als er hinzulief, ihn küßte und rief:„Den will ich halten wie meinen Augapfel. Ja ich will ſein Knecht ſein und von mir ſoll er reiten und ſchwimmen, fechten und ſingen lernen, wie Ihr, Herr Raimund, es von der Schwammnaſe, dem alten Veit gelernt habt. Hurrah, Raimund Mohr!“ So heiter und ſchön war das Familienbild, welches ſich um den kleinen Weltbürger gruppirte, den ein merkwürdiges Geſchick in Windeln hierher verſchlagen. Die Liebe trat ihm aus allen Herzen als ein helfender Engel entgegen. Jakob Fugger entließ die beiden Zigeunerinnen reich beſchenkt; Zaroha erhielt einen werthvollen goldenen Ring von ihm, die kleine Sonaca ein goldenes Cru⸗ eifir, das er ihr mit den Worten an den Hals hing: „Mögeſt du bei ſeinem Anblick immer fromm und gut bleiben und dich Jakob Fugger's erinnern!“ Die Zigennerfamilie verließ, von Toni begleitet, Kremnitz. Raimund Fugger ſtand mit Katharina Turzoin oft an des kleinen Pathen Wiege, den die Bergmannsfrau nährte.„Er ſoll unſer Sohn ſn flüſterte er der er⸗ richerden Jungfrau zu. Die Königskrone. Siebenzehntes Rapitel. Faſt waren drei Monate ſeit der Landung des eaſtili⸗ ſchen Königspaars an der engliſchen Küſte vergangen und noch verweilten Philipp und Juanna am königli⸗ chen Hofe in Windſor. Alle erdenkliche Luſtbarkeiten waren vom König Heinrich angeſtellt und Ritterſpiele und Banketts, Feſte zu Land und zu Waſſer mit dem höchſten Glanze ausgeführt worden, um den jungen, vergnügungsſüchtigen König angenehm zu unterhalten und zu beſchäftigen; eine reizende Hofdame hatte ihn, wie man wiſſen wollte, auf König Heinrichs Befehl zu feſſeln verſtanden und Philipp und ſeine Günſtlinge erwachten kaum aus dem Taumel der Ergötzlichkeiten, um gleich wieder von neuerem und ſchönerem Rauſche befangen zu werden. Ein großes Kapitel des Hoſen⸗ bandordens war gehalten und Philipp mit ſchier uner⸗ hört prachtvoller Feier zum Ritter deſſelben ernannt worden. Er hatte dagegen den jungen Herzog Hein⸗ rich von Cornwallis zum Ritter des goldenen Vließes 236 Die Königskrone. geſchlagen. Der alte Freundſchaftsbund zwiſchen den Kronen England und Caſtilien ward mit großer Cere⸗ monie erneuert und ein neuer Bundesbrief ausgefertigt und von beiden Königen unterſchrieben und beſiegelt. Ebenſo wurde eine Doppelheirath zwiſchen ihnen ver⸗ abredet. König Heinrich hielt nämlich bei Philipp um die Hand der Erzherzogin⸗Statthalterin Margaretha, verwitweten Herzogin von Savoyen an, die ihm mit Freuden zugeſagt wurde, und Philibert von Vere und ein engliſcher Hofherr wurden als Geſandte nach Brüſſel an die Statthalterin geſchickt, um ſie mit ihrem neuen glänzenden Looſe bekannt zu machen. Es ſchien, als ſolle dieſe ausgezeichnete Frau, trotz aller unglück⸗ lichen Hinderniſſe, dennoch einen Königsthron beſteigen. Auf gleiche Weiſe wurde die Verlobung des jungen Prinzen Karl, Herzogs von Luxemburg und Infanten von Caſtilien, Philipps älteſten Sohnes und Nachfol⸗ gers mit der kleinen Prinzeſſin Margaretha von Eng⸗ land, Heinrichs VII. Tochter, verabredet, da die Ver⸗ lobung dieſes Prinzen mit der Prinzeſſin Claudia von Frankreich durch die feindlichen Schritte ihres Vaters, des Königs Ludwig Kll., gegen Philipp ſich wieder zerſchlagen hatte. Trotz aller dieſer Herrlichkeiten gab es in Philipps nächſter Umgebung ſcharfe Augen, die ſich von König Heinrichs feſtlicher Prachtausſtellung nicht verblenden ließen und durch den glänzenden Schimmer fürſtlicher Die Königskrone. 237 Luſt und Freundſchaft hindurch die Zweideutigkeit die⸗ ſer geräuſchvollen Gaſtfreundſchaft und deren Gefähr⸗ lichkeit für Philipp erkannten. Ein Paar ſolcher ſcharf⸗ ſehender Augen gehörten Don Manuel, deſſen eigene Schlauheit von der des Königs Heinrich nicht getäuſcht werden konnte. So oft er zur Abreiſe trieb— und ihm lag Alles daran, den leichtſinnigen König bald nach Caſtilien zu führen, ſollten nicht die koſtbaren Früchte ſeiner Pläne und Machinativnen in's Ungewiſſe geſtellt werden, ja vielleicht ganz verloren gehen— immer ſah er zu ſeinem größten Verdruſſe ein neues glänzen⸗ des Hinderniß vom König Heinrich in den Weg geſcho⸗ ben; immer mußte er hören, wie dieſer kluge Monarch und bewundernde Freund Ferdinands des Katholiſchen ſich Philipp zum Vermittler zwiſchen ihm und ſeinem Schwiegervater anbot, ja aufdrängte und dem Könige von Arragonien in jeder Weiſe das Wort redete, ſo daß es endlich dem ſcharfſichtigen Caſtilier kein Geheim⸗ niß bleiben konnte, welch eine Rolle eigentlich ſein junger König am engliſchen Hofe ſpiele. Die Schiffe waren längſt wieder hergeſtellt, die Soldaten, die un— tere Bedienung, das Gepäck war allmälig— ein Schiff nach dem andern— nach Caſtilien abgegangen, das Königspaar wurde immer mit neuen Feſtlichkeiten zu⸗ rückgehalten. Viele von den flandriſchen Herren mach⸗ ten lange Geſichter und man ſah ſie oft zuſammen⸗ flüſtern und mistrauiſche Blicke auf die engliſchen Gaſt⸗ 238 Die Königskrone. freunde werfen. Philibert von Vere kehrte von Brüſſel mit einer kühlen diplomatiſchen Antwort der Erzher⸗ zogin⸗Statthalterin zurück, die weder zu, noch ab⸗ ſagte; es liefen mahnende Boten von Caſtilien ein; Alles drängte zur Abreiſe und doch war kaum von die⸗ ſer die Rede. Endlich verabredete ſich Don Manuel mit dem Pfalzgrafen Friedrich, ihrem Könige die Augen zu öffnen. Da er ſtets von einem Gliede der engliſchen Königsfamilie oder von einem Großen des Inſelreichs umgeben war, ſo benutzten ſie eine große Falkenbeize, an der die Königin, die Prinzeſſin von Wales und die Hofdamen Theil nahmen. Philipp verfolgte einen Reiher auf flüchtigem Roſſe und kam dadurch weit von der Geſellſchaft ab; Don Manuel und der Pfalzgraf ritten ihm ſchnell nach und, als ſie ihn erreicht hatten, nahm der Erſtere ſogleich das Wort.„Ich wollte, Ew. Majeſtät Schiff liefe ſo ſchnell den Küſten Caſtiliens zu, als Euer Pferd dieſem Reiher nach; denn fürwahr, wenn Ihr hier auch die ſtattlichſten Vögel beizt, dort gibt es doch für Euch köſtlichere Beute zu erjagen.“ —„Ihr habt recht, Don Manuel,“ verſetzte der König;„wir müſſen fort von dieſer Inſel, auf der wir eigentlich nichts zu thun haben, und fürwahr wir ſind ſchon länger geblieben, als ſich ziemt und unſerer Sache dienlich iſt. Ich bitt' Euch, beſtellt die Ab⸗ reiſe.“ 3 Die Königskrone. 239 —„Wenn es am Beſtellen läge,“ entgegnete der Spanier bedenklich; aber—“ —„Aber? Warum ſtockt Ihr?“ —„Wenn wir nur fort könnten,“ fügte der Pfalz⸗ graf hinzu.„An unſerm Willen ſollte es nicht liegen; aber—“ —„Auch du ein Aber ohne Folge? Was bedeutet das? Warum ſollen wir nicht fortkönnen? Was hin⸗ dert uns an der Abreiſe?“ —„Ich fürchte, der Wille Sr. Hoheit des Königs von England,“ verſetzte Manuel. —„Dieſer freundſchaftliche Wille iſt mit Ernſt zu beſiegen. Wir haben ſeine Gaſtfreundſchaft ſchon mis⸗ braucht.“ —„Glaubt Ew. Majeſtät wirklich an einen freund⸗ ſchaftlichen Willen von dieſer Seite?“ fragte der Pfalzgraf. —„Scheint es doch, als glaubtet ihr Beide an einen feindſeligen? Erklärt euch deutlicher!“ —„Nun denn, da Ew. Majeſtät befiehlt, ſo wollen wir unſere Meinung nicht verſchweigen,“ ſagte Manuel,„wir haben triftige Gründe anzunehmen, daß Ew. Majeſtät vom Könige dieſes Landes als Gefangener betrachtet und gehalten wird zu Gunſten des Königs von Arragonien.“ Der König erſchrak, ein dunkles Gefühl, das er ſeit einiger Zeit gehegt, wurde ihm plötzlich klar und ſagte 240 ihm, daß dem wirklich ſo ſei. Doch verſuchte er zu widerſprechen. Aber ſeine beiden Begleiter zählten ihm alle Gründe her, wodurch ſie ſich zu ſolcher Annahme berechtigt glaubten, und Philipp überzeugte ſich nur zu gut, daß ſie recht hatten. —„Wir müſſen fort!“ rief er ſtürmiſch.„Näch⸗ ſten Montag müſſen wir abſegeln. Ich werde es heute noch dem Könige ſagen.“ Es geſchah; aber an König Heinrichs ſchmeichleri⸗ ſchen Antworten erkannte König Philipp nur zu gut, daß es nicht weit mehr zu einer ernſtlichen Erklärung ſeines Gaſtfreundes ſei. Er wurde von großer Zag⸗ haftigkeit und Muthloſigkeit befallen und ſah mit Schau⸗ dern ſeine Lage für noch weit ſchlimmer an, als ſie wirklich war. Heinrich ſagte:„Es iſt ja noch Vieles zwiſchen uns zu beſprechen und abzumachen, und ich glaube, ich habe Euch noch nicht genug Beweiſe meiner Freundſchaft und Zuneigung gegeben und noch nicht jeden unfreundlichen Gedanken in Eurer Seele gegen mich zerſtreut und in ſein Gegentheil verwandelt.“ —„Hätt' ich je einen unfreundlichen Gedanken gegen Ew. Hoheit gehegt?“ fragte Philipp betroffen. —„Ich weiß es nicht und glaub' es nicht“, verſetzte der ſchlaue König von England,„aber Ihr würdet mich ſehr zu Dank verbinden, wenn Ihr mir den Herzog von Suffolk, der ſich in Eurer Gewalt befindet, ausliefertet.“ Die Königskrone. Die Königskrone. 241 Philipp erkannte mit großer Beſtürzung, daß der König Alles wußte, was in Bezug auf Suffolk in den Niederlanden geſchehen war, und er dachte ſogleich, daß Antonio Cebes an ihm zum Verräther geworden ſein dürfte. —„Aber Ihr würdet dem armen Manne an's Leben kommen,“ erwiderte er kleinlaut. —„Nicht doch!“ ſagte Heinrich.„Ich geb' Euch mein königliches Wort zum Pfande, er ſoll nicht an Leib und Leben geſchädigt werden, ſondern ebenſo ehr⸗ liches Gefängniß haben, wie Ihr ſelbſt ihm gegeben. Ich kann unmöglich dulden, daß man in einem Nachbar⸗ lande daran denkt, den durch mich beſchwichtigten Bürger⸗ krieg in dieſem meinem Lande wieder wach zu rufen und mir einen Gegenkönig auf den Hals zu ſchicken. Wenn es die Beſtimmung Eurer ſchönen Schweſter iſt, Königin von England zu werden, ſo will ich ſie lieber ſelbſt dazu machen, wie ich mich Euch ſchon erklärt, und es mögen zur Verwirklichung dieſes ſchönen Plans Ströme vyn Wein, aber kein Tropfen Blut in England fließen. Ihr ſeht, daß ich ſchon Eurer Schweſter den Herzog von Suffolk haben muß.“ —„O er würde ſo gern in England leben, er hegt die größte Sehnſucht nach dem Vaterlande, es iſt ſein höchſter Wunſch dahin zurückkehren zu dürfen!“ —„Wolan, ſo laßt ihm ſagen, daß ich Euch für ihn ein ruhiges und bequemes Leben zugeſichert. Er Ein deutſcher Leinweber. IM. 16 242 Die Königskrone. ſoll es beſſer haben als ich in England.— Genug, ich erachte dieſe Sache als abgemacht zwiſchen uns. Doch auch den bereits beſprochenen Handelsvertrag zwiſchen England und Niederland haben wir abzu⸗ ſchließen, eh' Ihr reiſt. Und wollt Ihr denn end⸗ lich jede Vermittlung zwiſchen Euch und dem König von Arragonien zurückweiſen? Eure Jugend, die das Land, zu deſſen Beherrſcher Ihr berufen ſeid, noch ſo wenig kennt, würde wohl thun, ſich von der Er⸗ fahrenheit und weiſen Mäßigung Eures Schwiegervaters leiten zu laſſen.“ —„Wenn mich König Ferdinand Caſtilien regieren läßt“, entgegnete Philipp unmuthig,„ſo will ich meine Perſon immerhin von ihm leiten laſſen. Auf dieſe Bedingung mag Ew. Hoheit Güte zwiſchen ihm und mir vermitteln, aber durchaus auf keine andere.“— Philipp berieth ſich mit ſeinen Vertrauten; er war entſchloſſen, Opfer zu bringen, um wieder aus der mit Blumen verdeckten Falle zu kommen, in die ihn ein ſehr unzeitiger und widerwärtiger Seeſturm getrieben, und er war ſchwach genug, den edeln unglücklichen Suffolk zu einem dieſer Opfer zu beſtimmen. Er ſchrieb an den Herzog, der König Heinrich ſei zu jeder Aus⸗ ſöhnung mit ihm bereit und verſpreche ihm ein ſorgen⸗ freies, glückliches Loos im Vaterlande; er möge alſo unverweilt herüberkommen. Dieſen Brief legte er dem König Heinrich vor, zugleich aber auch einen heimlichen Die Königskrone. 243 Befehl an Chièvres, falls der Herzog ſich nicht frei⸗ willig nach England einſchiffe, ihn mit Gewalt nach London führen zu laſſen. Der ſchlaue Eigennutz des Königs von England war inzwiſchen damit noch nicht befriedigt. Er drängte ſeinem Gaſtfreunde die Unterſchrift eines Handelsver⸗ trags zwiſchen Flandern und England ab, der ſo große Nachtheile für Philipps Stammland zur Folge hatte, daß er hier nur„die böſe Dazwiſchenkunft“ genannt wurde, auf des jungen Königs unbeabſichtigte Landung in England hindeutend. Philipp unterſchrieb, um nur loszukommen, und gab durch dieſe beiden Zugeſtändniſſe der Welt Gelegenheit, ſowol an ſeiner Ehre, als an ſeiner Staatsklugheit zu zweifeln. Fürwahr die Auslieferung des Herzogs von Suffolk iſt ein unvertilgbarer Flecken in Philipps Leben. Bald nach ſeiner Abreiſe von England langte der Herzog dort an, getrieben von Liebe und Sehnſucht zum Va⸗ terlande. Ein Gefängniß erwartete ihn. So lange Heinrich VII. lebte, hielt er zwar ſein dem Könige von Caſtilien gegebenes Wort; als er aber drei Jahre ſpäter in männlichem Alter ſtarb, hatte ſein charakterloſer, von zügelloſen Leidenſchaften beſeſſener achtzehnjähriger Sohn und Nachfolger Heinrich VIII. nichts Eiligeres zu thun, als zur Sicherung ſeiner Herrſchaft den alten, ruhigen, unſchuldigen Herzog Suffolk enthaupten zu laſſen. 16 Die Königskrone. * Achtzehntes Rapitel. Am 28. April landete das Königsſchiff mit Philipp und Juanna in Cornnja, einem kleinen Hafen im nordweſtlichen Winkel Galiciens. Die Fahrt war glück⸗ lich von Statten gegangen, aber ſeit zwei Wochen ſchon hatten ſie die ſpaniſche Küſte im Auge und waren in keinen der eaſtiliſchen Häfen eingelaufen, denn Don Manuel hatte Nachricht erhalten, daß König Ferdinand in Burgos, der Hauptſtadt Alteaſtiliens, ſeine Kinder erwarte; aber nach Manuels ränkevollem Plan, dem Philipp nur allzuſehr beiſtimmte, mußte vor der Hand jede Zuſammenkunft der beiden Könige vermieden wer⸗ den, bevor nicht die Stimmung des Volks genau er⸗ forſcht und erprobt war. Zeigte ſie ſich Philipp gün⸗ ſtig und Ferdinand abgewandt, ſo war im Rath des Königs von Caſtilien beſchloſſen, ſich keineswegs an die mit dem Könige von Arragonien abgeſchloſſenen Verträge zu binden, ſondern die alleinige Herrſchaft zu beanſpruchen und zu behaupten. Don Manuel hatte Die Königskrone. 245 aus dieſem Grunde den König Philipp ſogar beredet, in Portugal an's Land zu gehen. Schon war ein Bote vorausgeſandt, um dem portugieſiſchen Könige, Philipps Schwager, die Ankunft deſſelben zu melden, und König Emanuel hatte bereits große Anſtalten zum Empfang des Königs von Caſtilien getroffen. Von Portugal aus ſollten dann die Nachforſchungen und Werbungen zu Gunſten Philipps auf eaſtiliſchem Grund und Bo⸗ den betrieben werden. Das widerwärtige Ränkeſpiel begann alſo ſchon, eh' der junge König nur einen Fuß an das Land geſetzt hatte. Das Schiff wurde inzwi⸗ ſchen von ungünſtigen Winden verhindert, um das Land⸗ ende von Galicien zu ſegeln und die ſüdliche Richtung nach der portugieſiſchen Küſte einzuſchlagen, und war ſonach endlich genöthigt, im von Corunja die Anker auszuwerfen. Und wirklich hatte König Ferdinand ſich durch ſeine neue, ſechs Wochen vorher geſchloſſene Heirath um alle Volksgunſt gebracht. Die ſchöne und junge Braut, die ſtolze Germaine de Fvir, hatte zu Anfang des Monats März, zu der⸗ ſelben Zeit, als Philipp England verließ, ihre Reiſe nach Spanien unter Begleitung des Grafen Cifnentes, der ihr von Ferdinand als Ehrencavalier zugeſchickt war, und mit einem glänzenden Gefolge franzöſiſcher und neapolitaniſcher Edelleute angetreten. An der Grenze zu Fuentarabia wurde ſie vom Erzbiſchof von S 246 Die Königskrone. Saragoſſa, natürlichem Sohne des Königs Ferdinand, mit einem zahlreichen, meiſt aus arragoniſchem und eataloniſchem Adel beſtehenden Gefolge empfangen(die Caſtilier hielten ſich fern) und mit vieler Feierlichkeit nach Duenjas geführt, wo ſie mit dem Könige zuſam⸗ mentraf. In dieſem Orte, wo Ferdinand dreißig Jahre zuvor mit Iſabella ehelich verbunden worden war, führte er ihre junge und ſchöne Nachfolgerin am 18. März ebenfalls zum Altare und dieſer Umſtand verbitterte die Erinnerungen des Volkes an ſeine große Königin noch mehr. Es erſchien Jedermann als eine rohe Lieb⸗ loſigkeit des Königs und als Mangel aller der ruhm⸗ gekrönten Verſtorbenen ſchuldigen Pietät, daß er ſo ſchnell nach ihrem Abſcheiden und gegen ſein ihr gelei⸗ ſtetes feierliches Verſprechen(die Sage war allgemein verbreitet, er habe Iſabellen gelobt, ſich nach ihrem Tode nicht wieder zu vermählen) in ihrem eigenen König⸗ reiche Caſtilien und an demſelben Orte, wo er ſich mit ihr verbunden, eine neue, leichtſinnige und unnatür⸗ liche Verbindung ſchloß. In Eaſtilien wurde Iſabella's Andenken ſchier abgöttiſch verehrt und ihre Aſche ſo heilig gehalten, wie ihre Perſon zu Lebzeiten, und hier ſollte das Volk eine neue Königin begrüßen, einen Sproß des franzöſiſchen Königshauſes, dem die Caſtilier nie hold geweſen, und eine blutjunge, ſtolze Dame, von der man nichts Gutes wußte, ſich nichts Gutes verſprach. Dieſes Verhältniß machte die Gemüther dem Die Königskrone. 247 Könige Philipp geneigter, als alle Ränke Don Juan Manuels. Ferdinand hatte ſeine junge Gemahlin verlaſſen und war unverzüglich nach Burgos geeilt, um Philipp und Juanna zu empfangen. Er hatte einen Eilboten vor⸗ ausgeſandt, in der feſten Vorausſetzung, das eaſtiliſche Königspaar werde in einem alteaſtiliſchen Hafen landen, um den Ort der Zuſammenkunft mit Philipp zu be⸗ ſtimmen, und da er hier die Landung in Corunja er⸗ fuhr, ſo brach er ohne Argwohn nach Leon auf. In dieſer Stadt erteichte ihn aber die Nachricht von den unzweideutigen, feindlichen Schritten, welche Philipp ſo⸗ gleich nach Betretung des ſpaniſchen Bodens gegen ihu unternommen hatte, und vom Zuſtrömen des caſtiliſchen Adels zu ſeinem Schwiegerſohne. Er blieb alſo in Leon liegen, um Unterhandlungen mit Philipp anzu⸗ knüpfen. Dieſer hatte Sendſchreiben an die vornehm⸗ ſten Ritter und Edelleute Caſtiliens abgeſandt, worin er ſie mit freundlichen Worten aufgefordert, ſich für ihn zu erklären und mit ihrer Streitmacht zu ihm zu ſtoßen. Sogleich brach der ganze Adel mit ſeinem be⸗ waffneten Gefolge auf, den jungen König zu bewill⸗ kommnen und ihm die Aufwartung zu machen; aber zugleich liefen zahlreiche Ergebenheitserklärungen von allen Ständen und aus faſt allen Städten ein. Ganz Caſtilien trat auf Philipps Seite. Der Muth des jungen Königs wuchs mit jedem neuen Anhänger, der ſich ihm 248 in Corunja vorſtellte, aber in demſelben Grade ward er mehr und mehr abhängig von den Häuptern ſeiner Partei und vor allen von ſeinem Günſtling Don Juan Manuel. Jeder ſchmeichelte ſich, ſeine Wünſche und Hoffnungen von der neuaufgehenden Sonne verwirklicht zu ſehen, und wandte ſich von der untergehenden ab, die ihn getäuſcht; die Mächtigern ſtellten dem jungen Könige ſogar Bedingungen, die ihr Egvismus dietirte, und er ſah ſich genöthigt zuzugeſtehen, was Manuel für gut und zweckdienlich fand. Die erſten der eaſtiliſchen Granden, wie der Mar⸗ quis von Villena und der Herzog von Najara, führten ihm wohlgerüſtete Scharen zu, die ſie ſelbſt unterhiel⸗ ten, und zu den dreitauſend Mann deutſcher Lanz⸗ knechte, welche Philipp mitgebracht, hatte ſich bald ein Heer von ſechstauſend eaſtiliſcher Soldaten geſellt, ſo⸗ daß ſich der König von einer impoſanten Macht umge⸗ ben ſah. Und immer neue Scharen zogen ihm zu; der Adel des Königreichs ſchien mit ſeinen Söldnern auf der Wanderung nach dieſer nördlichſten Provinz des Königreichs; alle Ergebenheitserklärungen„alle Huldigungen, alle Schmeicheleien, womit der Adel zu allen Zeiten, wann es galt, ſich Vortheile zu verſchaffen und Vorrechte zu ſichern, die Könige für ſich gewonnen hat, wurden dem jungen Oeſtreicher dargebracht und bald war er berauſcht von dem ſüßen und gefährlichen Becher der Macht und des Glücks. Waren doch ſeine Die Königskrone. — Die Königskrone. 249 kühnſten Erwartungen weit übertroffen und gerade Fer⸗ dinands neue Vermählung, von der Philipp am meiſten für ſich gefürchtet, war ihm gerade zum größten Vor⸗ theil ausgeſchlagen. Die gewaltige Leidenſchaft des Ehrgeizes, die ihn beherrſchte wurde auf die glän⸗ zendſte Weiſe befriedigt und er nahm dieſe Befriedi⸗ gung als einen gerechten und ihm gebührenden Tribut des Schickſals an, als eine ihm ſchuldige Entſchädigung für den ihm aufgelegten Zwang, mit einer ungeliebten Frau verbunden zu ſein und ſein liebebedürftiges Herz dieſer politiſchen Verbindung zum Opfer gebracht zu haben. War es ein Wunder, wenn er mit dieſer An⸗ ſicht der Dinge ſeinem angeborenen Leichtſinne, ſeiner Prachtliebe, ſeiner Vergnügungsſucht den Zügel ſchießen ließ? An ſeinem überaus prächtigen Hoflager gab ein Feſt dem andern die Thür in die Hand und der ihn umgebende niederländiſche Adel, ſo leicht von Blut und Sitten, wurde gar bald zum Lehrmeiſter des jun⸗ gen eaſtiliſchen Adels, ſo bedenklich auch die Aelteren, die unter ihrer ſittenſtrengen Königin Iſabella gegen die Mauren gefochten hatten und in der ganzen keuſchen Strenge und feierlichen Förmlichkeit des ſpaniſch⸗chriſt⸗ lichen Ritterthums aufgewachſen waren, die Köpfe zu ſolchem Gebaren ſchüttelten. In der That bot der Hof von Corunja eine der merkwürdigſten Erſcheinungen dar, eine Zuſammenſetzung aus zwei ſo äußerſt verſchiedenen Theilen, wie ſie in der Geſchichte ſchwerlich noch ein⸗ 250 Die Königskrone. mal ſtattgefunden hat. Allen andern Völkern Europas waren die Niederländer,„die flandriſchen Herren“, wie ſie faſt immer genannt wurden, in Entwicklung und Fortſchritt zu neuer Lebensgeſtaltung weit voraus, ein Reſultat ihres Welthandels, ihrer freien ſchier re⸗ publikaniſchen Verfaſſung, des üppigen und ebenen Bo⸗ dens, den ſie bewohnten, und der Prachtliebe und Verſchwendungsſucht ihrer Herzöge. Das Ritterthum war bei ihnen ſchon längſt abgeblüht und an ſeine Statt jenes aufgeputzte, ſchimmernde Kunſterzeugniß, das Cavalierthum, getreten, welches im folgenden Jahr⸗ hundert alle europäiſche Höfe mit ſeinem egviſtiſchen, leichtſinnigen, ſittenverderblichen Gifte durchdrungen und alles friſche, wahre Leben zerſtört hat. Für„die flan⸗ driſchen Herren“, dieſe Pflanzſchule der Cavaliere, gab es nichts Heiliges mehr. Die Spanier dagegen waren in der Entwicklung des Völkerlebensprozeſſes ſchier um drei Jahrhunderte zurück. Das romantiſche, natur⸗ wüchſige Ritterthum, das in Frankreich und Deutſch⸗ land im dreizehnten Jahrhundert von der Religions⸗ ſchwärmerei und deren Kindern, den Kreuzzügen, in's Leben gerufen worden, war in Spanien aus denſelben Urſachen erſt im funfzehnten Jahrhundert zur üppigen Blüte gediehen, und zu einer üppigern, als in andern Ländern; denn der morgenländiſch⸗romantiſche Geiſt der ſpaniſchen Araber, das reizendſte Kind des europäiſchen Mittelalters, hatte, vom Hauche der Poeſie erfaßt, —— Die Königskrone. 251 viel Samen an die chriſtlichen Helden abgegeben. Die Kreuzzüge gegen Ungläubige fanden hier in derſelben Halbinſel ſtatt, aber dieſe Ungläubigen waren das ge⸗ bildetſte und liebenswürdigſte Volk der Welt. Der Kampf war kein leichter geweſen und es gab kein eaſti⸗ liſches Adelshaus, das nicht von ſeinen Söhnen darin verloren hatte; nur die rauhe und tugendſtrenge Be⸗ geiſterung für die Lehre des Kreuzes hatte den Sieg über die Ritter des Halbmondes davongetragen. Dieſe keuſche Religionsſchwärmerei hatte ſich in den eaſtili⸗ ſchen Bergen erhalten, auf den ſchier unzähligen ein⸗ ſamen, ſtarkbefeſtigten Ritterburgen und Schlöſſern, die dem ganzen Lande den Namen gegeben*). Der kalte, in der gemeſſenſten Steifheit der Form ſich gefallende, außerordentliche Stolz des eaſtiliſchen Adels hielt mit unerbittlicher Strenge auf Würde, Anſtand, Tugend und verehrte deshalb das Andenken ſeiner großen und edlen Konigin wie das einer Heiligen. Und dieſe bei⸗ den Völker, die äußerſten Extreme Europas kamen in ihrem Adel hier am Hofe Philipps, des leichtſinnigſten Fürſten, zuſammen. Er war Beider König; Beide hul⸗ digten ihm, Beide erſtrebten Vortheile von ihm und es konnte ihm nicht zur Laſt gelegt werden, daß er ſich am meiſten zu Denen hingezogen fühlte, denen er durch Geburt, Erziehung und gemeinſame Sitten angehörte. *) Castilia von castellum Burg. 252 Die Königskrone. Wer vom jungen eaſtiliſchen Adel ihm alſo gefallen wollte, mußte ſich der freien Lebensweiſe der Flanderer anſchließen, und ſie war ſo verlockend, ſo verführeriſch! Die alten Granden, jene mächtigen Ricos⸗Hombres, mußten ſchweigend zugeben, was ſie nicht ändern konn⸗ ten; ſahen ſie doch dafür im Geiſte ihre alten Privi⸗ legien wieder beſtätigt, welche ihnen Ferdinand und Iſabella ſo ſehr geſchmälert, und da ſie für die Todte ſchwärmten, ſo trugen ſie dafür allen Groll auf den Lebenden über. Indem ſie ſich von dem ſpaniſch⸗ tugendſtrengen Ferdinand losſagten und zu dem leicht⸗ ſinnigen Philipp hielten, mußten ſie wohl oder übel auch ſeine und der Niederländer bunte, federleichte Le⸗ bensweiſe mit in den Kauf nehmen und ſie thaten es, wenn auch mit leiſem Murren, ihres Vortheils wegen. Philipp war übrigens freigebig mit Zuſagen und Verſprechungen und glich dad manchen übeln Ein⸗ druck aus, den die flandriſche Leichtfertigkeit auf die eaſtiliſch⸗ſtolze Sittenkeuſchheit machte. Die Meiſten gewann er durch den ſchönen Eifer, mit welchem er ſich gegen die Inquiſition ausſprach, und ganz Caſtlien hoffte mit Zuverſicht, er werde dieſes die abſolute mo⸗ narchiſche Macht des Königs ſo ſehr fördernde Glau⸗ bensgericht, welches ſchon ſo unſagliches Unglück ge⸗ ſtiftet, ſogleich aufheben, ſobald er alleiniger König ſei. Wirklich war Philipps innerſtem Weſen und dem fröhlichen Geiſt der Niederländer ſolche Glaubenswuth — ,— —— ———————— Die Königskrone. 253 ein Greuel. Das edle deutſche Gemüth im jungen Könige verſprach jedem wahren Verdienſt ſeine Krone, jeder Tugend Anerkennung, und die ſtolzeſten, finſter⸗ ſten Granden hofften Glück und Segen von der neu aufgegangenen Sonne, wenn ſie ihnen auch grell in die Augen ſchien. Unter dieſen Umſtänden erklärte Philipp nach drei Wochen öffentlich, daß er nicht geſonnen ſei, ſich von dem Vertrage von Salamanca binden zu laſſen, und daß er nie in ein Uebereinkommen willigen werde, das ſeinen und ſeiner Gemahlin ausſchließlichen Beſitz der eaſtiliſchen Krone im Mindeſten beeinträchtige. Ganz Caſtilien rief dieſer Erklärung Beifall zu. Während der lärmenden Luſtbarkeiten an Philipps Hoflager, verweilte Ferdinand, nur noch von wenigen Anhängern umgeben, ſtill und einſam in Leon. Ihm reiften jetzt die Früchtg ſeiner Kunſt an dem Baume, den er ſelbſt gepflanzt und gepflegt. Von allen eaſti⸗ liſchen Granden waren ihm allein der Herzog von Alva und der Graf Cifuentes treu geblieben; ſein eigner Schwiegerſohn, der Conſtabel von Caſtilien hatte ihn verlaſſen. Es war ein trauriges Schauſpiel, einen noch geſtern allmächtig geweſenen König wie einen Land⸗ ſtreicher durch ſein eigenes Reich ziehen zu ſehen, dem ſogar der Anblick und die Umarmung ſeiner eignen geiſteskranken Tochter verweigert wurde. An ihm ging das altdeutſche Sprichwort:„Untreu' ſchlägt den eignen 254 Die Königskrone. Herrn!“ in Erfüllung. Er nahm zu Unterhandlungen und der alten Liſt ſeine Zuflucht und beſchickte zuerſt heimlich Don Juan Mamel, als die Hauptperſon in dieſem Drama, das eine ſo ungünſtige Wendung für ihn genommen hatte, und machte demſelben die glän⸗ zendſten Anerbietungen, wenn er die eaſtiliſche Partei verlaſſen und zur arragoniſchen übergehen werde. Aber was konnte Ferdinand bieten, was den unumſchränkten Einfluß aufgewogen hätte, den dieſer ſchlaue Günſtling über ſeinen jungen Herrſcher ausübte! Nun ſandte er den berühmten Geſchichtſchreiber Peter Martyr, der, mit hohen Würden bekleidet, ſtets um ſeine Perſon war, als Geſandten an Philipp ſelbſt ab, um Vereini⸗ gungspunkte feſtzuſtellen, oder wenigſtens den Ort der Zuſammenkunft mit König Philipp zu verabreden. Phi⸗ lipp hörte den gelehrten Geſchichtſchreiber, dem wir die Darſtellung dieſer Begebenheiten verdanken, mit Höflichkeit an, gab aber nicht einen Finger breit von ſeinen Forderungen nach und wich einer beſtimmten Er⸗ klärung hinſichtlich einer perſönlichen Zuſammenkunft mit ſeinem Schwiegervater aus; denn Manuel fürchtete von Ferdinands überlegener Gewandtheit und Scharf⸗ ſichtigkeit bei einer ſolchen Zuſammenkunft Alles für Philipps jugendliche Unerfahrenheit und weichherzige Nachgiebigkeit. Martyr kehrte unverrichteter Sache nach Leon zu⸗ rück und Ferdinand ſandte endlich den Mann, welcher —— Die Königskrone. 255 an Geiſt, Einſicht und Willenskraft der bedeutendſte, ſeiner Stellung nach der nächſte nach ihm ſelbſt in Spanien war, den greiſen Erzbiſchof von Toledo, Fran⸗ eisco Limenes, an Philipp. Er hoffte, Timenes' groß⸗ artige Erſcheinung, die erhabene und ſtrenge Würde ſeines Amtes würden dem jungen König imponiren. Aber Philipp hatte vor dem Prieſter keine Ehrfurcht; er war in Glaubensſachen, wie in allen andern Dingen, ein Niederländer. Auch Limenes ſprach vergebens und, als er zu Ferdinand zurückgekehrt war, erkannte dieſer mit Schrecken, daß in Caſtilien ſein Stern untergegangen ſei. 256 Die Königskrone. Ueunzehntes Rapitel. Unter den zahlreichen adeligen Herren, welche das junge Königspaar von Caſtilien in Corunja begrüßten, wurde eines Tages der Adelantado*) Don Bartolomev Co⸗ lombo als Abgeſandter ſeines Bruders des Amirante (Admiral) Chriſtofero Colombo gemeldet. Mit freu⸗ diger Ueberraſchung rief Philipp dem Pfalzgrafen Fried⸗ rich, der ſich eben bei ihm befand, zu:„Ha, ich habe dieſer Tage an den Admiral Colombo gedacht! Mir träumte, Jakob Fugger ging in einem düſtern, hohen Gewölbe an meiner Seite und mahnte mich mit ein⸗ *) Eine Amtswürde von ſehr unbeſtimmtem Charakter, ſo⸗ bald ſie nicht bloßer Titel war. Der Adelantado ſcheint in frühern Zeiten über eine Grenzlandſchaft geſetzt geweſen zu ſein und beſaß ausgedehnte richterliche Gewalt darin, ſowie den Oberbefehl des Heeres im Kriege. Doch haben ſeine Befug⸗ niſſe mit den Zeiten ſehr gewechſelt. Endlich ward das Wort zum Ehrentitel, wie bei Bartolomeo Colombo. Die Königskrone. 257 dringlichen Worten zur Eile in den wichtigen Angele⸗ genheiten, die ich mit ihm beſprochen. Da nahm ich mir gleich am frühen Morgen vor, den berühmten Admiral an meinen Hof einladen zu laſſen, um ihm alles ſchmähliche Unrecht, das er von meinem durch⸗ lauchtigſten Schwiegervater hat erdulden müſſen, zu vergüten und ihn in alle Ehren und Würden einzu⸗ ſetzen, die ihm einſt Iſabella feierlich verſprochen und verbrieft hat. Von Don Manuel erfuhr ich aber, der Admiral liege krank in Valladolid. Ich willhoffen, ſein Bruder bringt mir die Nachricht von ſeiner baldigen Geneſung.“ Der Adelantadv trat herein, ein hoher, kräftiger Mann in den höheren funfziger Jahren, gebräunt von der glühenden Sonne Weſtindiens. —„Seid mir willkommen, edler Herr!“ rief ihm der König mit frohem Wohlwollen entgegen.„Euer gefeierter Name erinnert mich an eine heilige Pflicht. Ich bin von aller Kränkung unterrichtet, welche Euer Bruder für ſeine der Krone Caſtilien geleiſteten un⸗ ſchätzbaren Dienſte von des Königs Ferdinand Undank und Falſchheit hat ertragen müſſen; aber deutſche Treue ſoll ihm würdig vergelten. Ich bin zur rechten Zeit als König und Herr in dieſes Land gekommen, um je⸗ des Unrecht wieder gut zu machen; und wem wäre größeres Unrecht geſchehen, als Chriſtopherv Colombo?“ —„Ew. Majeſtät Huld und Gnade rührt mich Ein deutſcher Leinweber. M. 17 258 Die Königskrone. faſt zu Thränen,“ verſetzte der Adelantaddo.„Hätte mein armer Bruder Ew. Majeſtät königliche Worte vernommen, ich glaubr, er würde davon geneſen.“ —„Iſt er noch immer krank, der wackere Ad⸗ miral?“ —„Der Gram frißt an ſeinem Herzen. Aber nun wir die Verſicherung aus Euerm Munde haben, daß ihm Gerechtigkeit werden wird, hoff' ich ihn bald geſund vor Ew. Majeſtät ſtehen zu ſehen, um Euch ſeinen Dank abzuſtatten. Da er nicht ſelbſt kommen konnte, an ein für ſeine Thätigkeit peinliches Kranken⸗ lager gefeſſelt, ſo hat er mich als ſeinen Stellvertreter geſandt, Ew. Majeſtät die Aufwartung in ſeinem Na⸗ men zu machen, Euch ſeine Ehrfurcht zu bezeigen und ſeine Dienſte anzubieten.“ —„Ich nehme ſie mit Freuden an, Don Bartv⸗ lomev. O ich habe große und herrliche Pläne mit Euerm Bruder vor und auch Ihr, der Theilhaber ſei⸗ ner Mühen und ſeines Ruhms, werdet dabei vielfach thätig ſein. Seht, ich habe in Antwerpen einen Unter⸗ than, den ich wegen ſeiner Eigenſchaften gar ſehr ſchätze. Es iſt Jakob Fugger von Augsburg, den man in der ganzen Welt gern den„Augsburger Leinweber“ nennt, weil er dies liebt und wirklich ein gelernter Leinweber iſt. Vielleicht habt Ihr auch von ihm ge⸗ hört?“ —„Wie ſollt' ich nicht, die Wechſel des Jakob — Die Königskrone. 259 Fugger gelten in Spanien und in Italien wie baares Geld und Genua, meine Vaterſtadt, müßte nicht eine der erſten Handelsſtädte ſein, wenn es den Namen Fugger nicht zu den gefeiertſten zählen ſollte.“ —„Ja, ja, und wenn irgend ein Menſch auf der Welt, ſo verdient der liebe, beſcheidene Mann dieſen weitverbreiteten Ruhm. Er hat es weitgebracht, dieſer Leinweber, in ſeiner Art, ſchier ebenſo weit, wie Euer Bruder, der weltberühmte Admiral und Länder⸗ entdecker.“ —„Es iſt ein artiger Zufall,“ berichtete Bartolv⸗ meo Colombo lächelnd,„daß auch Chriſtopherv Co⸗ lombo's Aeltervater, unſer Ahn Colombo in Genua, ein Leinweber war.“ —„Ah, ſeht doch!“ rief der Konig.„Geſegnet ſei der Webſtuhl, von dem ſolche Männer ausgehen! Nun hört! Ich werde dieſe Leinweberſöhne mit ein⸗ ander bekannt machen. Sie ſind einander würdig. Und daß ſie dann die beſten Freunde werden, dafür brauch' ich nicht zu ſorgen. Ihre Geiſter werden ſich ſchnell verſtehen, achten und liebgewinnen; und aus dieſer Vereinigung wird die Welt mit Staunen große und un⸗ ſterbliche Dinge hervorgehen ſehen. Jakob Fugger iſt der beſte Bergmann in Eurvpa und ein Kaufmgnn wie wenige noch. Er ſoll mit Chriſtophero und Whr tolomev Colombo die unterirdiſchen Schätze Indiehs heben. Er ſoll mit euch den Handel Caſtiliens und 260 Die Königskrone. der Niederlande mit der neuen Welt ordnen. Was meint Ihr zu dieſem Plane?“ —„Es iſt einer der erhabenſten Gedanken, die jemals aus einem menſchlichen Geiſte hervorgingen, und würdig des Ruhms, der Ew. Majeſtät vorausgeeilt iſt. Wie wird mein Bruder jubeln, wenn er ihn ver⸗ nimmt! Wie wird er alle Qual der Krankheit mit ſtarkem Geiſte von ſich abſchütteln, um neu verjüngt ſeine Kräfte dem Dienſte Ew. Majeſtät zu weihen! Mit leichterm Herzen übergebe ich Euch nun ſeinen Brief. Wollet daraus ſeine Ergebenheit erkennen!“ Philipp empfing das Schreiben des Admirals, wel⸗ ches an ihn und die Königin Juanna gerichtet war, und enffaltete es mit einer gewiſſen Ehrfurcht. Er las es laut. Der Admiral ſprach zuerſt ſeinen Verdruß aus, daß ſeine Krankheit ihn verhindere, ſich in Per⸗ ſon zu den durchlauchtigſten Herrſchern Caſtiliens zu verfügen, um ihnen ſeine Ergebenheit zu bezeigen, und bat ſie dann, ihn unter die Zahl ihrer getreueſten Unterthanen zn zählen. Dann drückte er ſeine Hoff⸗ nung aus, ſich bald durch ſie in ſeine Würden und Güter eingeſetzt zu ſehen, und gab ihnen die heiligſte Verſicherung, daß er, obgleich in dieſem Augenblick ein Raub der grauſamſten Martern, dennoch im Stande ſein werde, ihnen Dienſte zu leiſten, gegen welche alle ſeine früheren nichts ſein würden. —„Ja,“ rief Philipp feurig und eine ſchöne und Die Königskrone. 261 erhabene Begeiſterung ſtrahlte aus ſeinen edlen Zügen, „und dieſe Dienſte werden ferner nicht mit ſpaniſcher Königstreue vergolten werden. Sagt Euerm Bruder, daß ein Habsburger gekommen iſt, ihn zu belohnen, und wißt Ihr nicht, was das heißt, ſo fragt Männer aus Oeſtreich und Tyrol. Und dieſer Sohn Habs⸗ burgs wird ihm einen Bürger Augsburgs zuführen und wir Drei wollen mit Gott die herrlichſten Dinge aus⸗ richten; dies Kleeblatt ſoll eine Blume treiben, wie noch keine geblüht und von der man nach Jahrtauſen⸗ den noch reden und ſingen wird!“ Es waren dem hochherzigen Könige Thränen in die Augen getreten, und ſeine blühende, ſchöne Geſtalt war gleichſam höher gehoben und leuchtete getragen und durchblitzt von kühnen, großen Gedanken. Er ergriff des Adelantadv Hand und ſprach feierlich:„Mit Chriſtophero Colombo und Jakob Fugger will ich meines Namens Unſterblich⸗ keit begründen!“ —„Heil Euch, mein König!“ rief der Adelan⸗ tado.„Endlich iſt die Schmach vom Namen Colombo in Caſtilien genommen. Wir brauchen nicht mehr zu beklagen, daß Iſabella zu früh für uns ſtarb. Chri⸗ ſtopherv wird Gerechtigkeit am Throne finden; er wird ſeine Würden und Güter wieder erhalten, um die ihn die Bosheit ſeiner Feinde gebracht!“ —„Und die Treuloſigkeit eines wortbrüchigen Königs!“ Die Königskrone. —„Sechs Jahre ſind's, ſeit wir von dem ſchänd⸗ lichen Bovadilla in Ketten nach Spanien gebracht wurden.“ —„Und was wurde dem edeln Dulder, dem un⸗ ſchuldigen Helden von den beſchämten Königen Alles verſprochen! Und was iſt davon gehalten worden!“ rief Philipp im gerechten Zorn.„Ich weiß Alles! Ich kenne die Treuloſigkeit und Falſchheit, womit Kö⸗ nig Ferdinand den verehrungswürdigen Admiral hinhielt und mit verächtlicher Zweizüngigkeit wol Colombo's Unſchuld anerkannte, aber ihn nicht wieder in ſeine Würden einſetzte, weil der große Mann ihm unbequem war. Aber es gibt noch Könige, die menſchliche Größe zu ſchätzen und Männer nach Verdienſt zu belohnen wiſſen. Seht, wie weit es der ſchlaue Ferdinand mit ſeinen Künſten gebracht hat! Ein armſeliger, verach⸗ teter Menſch iſt er. In Caſtilien gebeut jetzt Philipp von Oeſtreich und einer der Erſten an ſeinem Throne wird Chriſtopherv Colombo ſein!“ Der Adelantado küßte des Königs Hand, auf die er eine Thräne fallen ließ, und beurlaubte ſich, um auch der Königin die Aufwartung zu machen. Philipp umarmte den Pfalzgrafen.„Fritz!“ rief er,„es iſt doch ein großes Lovs, König zu ſein und die geſchmähte Größe zu ſich emporzuziehen, die ge⸗ läſterte Unſchuld vor aller Welt anzuerkennen, das un⸗ dankbar behandelte Verdienſt öffentlich und glänzend zu Die Königskrone. 263 belohnen. O wie zuckt nir das Herz vor Freude, die⸗ ſem von feiger, gleißneriſcher Königsliſt ſchwergekränk⸗ ten Helden den ſtrahlenden Kranz des Verdienſtes auf das Haupt zu drücken! Dieſes einzigen gemishandelten Mannes willen danke ich Gott, daß ich König von Caſtilien bin; aber wahrlich kein feiner, ſtaatskluger Ferdinand ſoll mir ein Wort in mein Regiment reden dürfen. Colombo und Fugger ſollen die Säulen mei⸗ nes Thrones werden und durch ſie will ich den Lohn ernten, den mein zertretenes Herz als Juanna's Ge⸗ mahl verdient und beanſprucht.“— Einige Tage ſpäter brach der eaſtiliſche Hof mit großer Begleitung auf, um ſich in das innere Land zu begeben; um aber Leon, wo Ferdinand noch verweilte, zu umgehen, wurde die Reiſe über San Jago de Compoſtella und Orenſe genommen. In jeder Stadt verweilte das Herrſcherpaar einige Tage, um die Hul⸗ digung anzuehmen; in der erſtern, um am Grabe des ſpaniſchen Apoſtels zu beten. Dann gingen ſie über die Grenze Galiciens und verweilten in Puebla de Senabria. Hier wurden ſie von neuem mit Botſchaften und Briefen Ferdinands beſchickt, die alle ſehr höflich waren und durchaus auf eine perſönliche Zuſammen⸗ kunft drangen. Philipp trieb dagegen zur Weiterreiſe; er wollte ſchnell über Benavente nach Valladolid, um mit dem Admiral Colombo zu ſprechen, hierauf einige Wochen in Burgos verweilen und dann ſollte die 264 Die Königskrone. Reiſe über Segovia und Madrid nach Toledo fortge⸗ ſetzt werden. Von da gedachte Philipp nach Cor⸗ dova und Granada zu gehen. Don Juan Manuel ſah inzwiſchen ein, daß es ein allgemeines Aergerniß geben würde, wenn man die Bitte des Königs Ferdinand um eine perſönliche Zuſammenkunft mit Philipp gänzlich unberückſichtigt ließe, da ſich beide Könige jetzt ſo nahe waren, und ſo beſchloß er die Verhandlung fortzuſetzen, vielleicht mit der geheimen Abſicht, ſie in die Länge zu ziehen und dabei einen ſchicklichen Grund aufzufinden, ſie abzubrechen und die Zuſammenkunft zu verweigern. Philipp, über dieſen Aufenthalt ärgerlich, ſagte eines Abends zum Pfalzgrafen:„Wir ſind nicht weit mehr von Valladolid; ich glaubte, wir würden ohne weitern Aufenthalt dahin gelangen. Mich verlangt's über die Maßen mit dem Admiral Colombo zu reden. Unſer Hof koſtet viel Geld und ich will meine Freunde und Anhänger königlich belohnen. Die Schätze der neuen Welt ſollen mir dazu die beſten Mittel abgeben. Gold iſt der Grund und Eckſtein aller großen und aus⸗ gezeichneten Werke und ich brauche viel Gold zu den Dingen, die ich zu erſtreben und auszuführen gedenke. Und dieſes Gold ſollen und werden mir Colombo und Fugger verſchaffen. Ich kann die Zeit nicht erwarten, dem ruhmreichen Admiral, der mir Dienſte zugeſagt, welche die meinen Vorgängern geleiſteten ganz in Schatten ſtellen ſollen, meine Pläne vorzulegen. Wer Die Königskrone. 265 weiß, wie lange mich dieſe widerwärtigen Unterhand⸗ lungen mit dem alten, ſchlauen Fuchs von Arragon hier zurückhalten! Darum möchte ich heimlich mit dir und Bübenhoven hinüberreiten nach Valladolid und mich bei dem Admiral als mein eigner Geſandter ein⸗ führen. Kein Menſch außer Euch und dem Grafen von Benavent, den wir in das Geheimniß ziehen müſſen, darf ahnen, wohin unſere Reiſe geht, und der Admiral ſoll ſelbſt nicht wiſſen, wer ich bin. Um ſo angeneh⸗ mer wird er ſpäter überraſcht ſein, wenn ich ihn als König beſuche und ihm alle ſeine Würden und Ehren⸗ ſtellen übergebe und neue, größere hinzufüge.“ —„Majeſtät,“ verſetzte der Pfalzgraf,„wie wollte verſchwiegen bleiben, wenn Ihr eine Reiſe von meh⸗ rern Tagen machtet? Könnte ſie nicht Eurer Perſon Gefahr bringen? Irgend ein Verräther könnte die Nachricht dem Könige von Arragonien zutragen.“ —„Der Ritt muß ſchnell ausgeführt werden. Be⸗ navente iſt die Hälfte des Wegs nach Valladolid. Dort übernachten wir. Der Graf begleitet uns bis in ſeine Stadt. Am andern Tage ſtehen wir an Colombo's Bette; ich denke, er ſoll von Dem geneſen, was ich ihm ſagen werde. Ebenſo raſch ſind wir zurück. Eh' die Gefahr eintreten könnte, bin ich ihr ſchon ent⸗ gangen. Selbſt der Adelantado, der ſich's an mei⸗ nem Hofe wohl ſein läßt, darf nichts davon erfah⸗ ren.“ 266 Die Königskrone. —„Ew. Majeſtät weiß, daß ich vor keinem küh⸗ nen Wagſtück zurückſchrecke.“ —„So geh' und rüſte heimlich die Reiſe. Mor⸗ gen in der Frühe reiten wir unter dem Vorwande, uns die portugieſiſche Grenze zu beſehen.“ Der Pfalzgraf ging. Aber ſchon nach einigen Stun⸗ den trat er beſtürzt und bleich in das Schlafkabinet des Königs.„Majeſtät!“ rief er mit zitternder Stimme, „ich bin leider der Bote einer traurigen Nachricht. Die Reiſe iſt überflüſſig, denn der Admiral Colombo iſt todt.“ —„Todt!“ rief der König erſchrocken. O mein Gott, das iſt ein harter Schlag für mich!“ —„Sein Bruder, der Adelantado, hat mir die Trauerkunde ſoeben mit der Bitte überbracht, ſie Ew. Majeſtät zu melden. Der große Weltentdecker iſt vor⸗ geſtern, am 20. Mai, geſtorben. Während wir vorhin von ihm ſprachen, iſt der Bote, den ſein Sohn Diego an den Adelantado abgeſchickt, bei dieſem eingetroffen.“ —„O trauriges Loos, das mir nicht vergönnt, dieſem Ehrenmanne die Unbill zu vergüten, die ihm der treuloſe Ferdinand zugefügt! Fangen meine ſchö⸗ nen Pläne alſo an in Erfüllung zu gehen? Wehe! Ich habe oft den Tod als meinen Freund gerühmt; beginnt er nun in Spanien ſich mir feindlich zu zeigen?“ Dieſe Todesbotſchaft machte auf den jungen König einen ungewöhnlich ſtarken Eindruck. Es ſtieg wie eine dunkle Ahnung in ihm auf, daß der Tod des Mannes, Die Königskrone. 267 auf den er zur Ausführung ſeiner glänzenden und ehr⸗ geizigen Pläne ſo ſtark gezählt, von ſchlimmer Vorbe⸗ deutung für dieſe hochſtrebenden Entwürfe ſein möchte, und er überließ ſich einer tiefen und aufrichtigen Trauer. 268 Die Königskrone. Bwanzigstes Rapitel. Im grünen, bergigen Allgau, wo die Waſſer entſprin⸗ gen, die nach der Donau hinabrinnen, wo die Berge höher und höher ſich gipfeln, bis die Grenzſcheide des Tyrolerlandes über ihre kahlen Häupter hinläuft, da oben auf einer hohen ſonnigen Alp wirthſchaftete eine geſchäftige Frau und ein faſt blinder Greis mit der muntern Sennin. Dieſe Frau war Eleonore, die Witwe des ſtolzen antwerpner Kaufmanns und des beſcheidenen Malers; der Greis war ihr Vater. Wer hätte ſie wieder erkannt, die einſt als herrlichſte Schön⸗ heitsblume der Niederlande in königlichen Gewändern einhertrat, um deren Gunſt Fürſten gebuhlt, wer hätte ſie wieder erkannt mit ihrem von Narben entſtellten, von Gram und Leidenſchaft durchfurchten Antlitz und in der einfachen linnenen Tracht einer Alpenbäuerin! Sie war im Aeußern durch nichts unterſchieden von der Sennin, bei der ſie Quartier genommen, und ſie ſtand ——— —————— Die Königskrone. 269 dem kräftigen Weibe ſchweſterlich bei in der Abwartung des die Alp beweidenden Viehes. Die milden und wonnigen Lüfte des Heumonds fächelten belebend über die grüne Alp und lockten die duftenden heilſamen Kräuter hervor, die nur da oben gedeihen vom Wol⸗ kenkuß und Sonnenſtrahl und dem ſtärkenden Bergthau. Wenn der erſte Lichtglanz des jungen Tags durch die Klinſen der breternen Sennhütte drang, erhob ſich Eleonore vom harten, armſeligen Lager und eilte auf die grünen Bergmatten hinab, den Thau von den Kräu⸗ tern und Gräſern zu ſtreifen, eh' ihn die Sonne auf⸗ ſog; dann pflückte ſie ſolche Kräuter oder grub ihre Wurzeln aus und preßte in der Hütte die Säfte dar⸗ aus. Nun harrte ſie mit kindlich liebender Sorgfalt an des Vaters Bett, bis er erwachte, um ihm ſogleich die Augen mit dem Than zu waſchen und ſeinen Lippen die Kräuterſäfte varzubieten. Und wenn ihr der Alte mit einem Händedruck verſicherte, er habe ſchon wieder etwas mehr Licht und könne ſchon den oder jenen Ge⸗ genſtand ziemlich deutlich unterſcheiden, da flog es wol wie ein Lächeln über ihre verwelkten Züge, aber ſelbſt dieſes Lächeln war ein ſchmerzliches. War ſie doch dem blinden Vater zu Liebe mit ihm hier heraufgezogen in die ewig ſtille Einſamkeit der Alpenhöhen, damit er hier geheilt werde von ſeinem Gebreſte. Denn dieſe Kur hatte ihm ein berühmter augsburger Arzt ver⸗ ordnet. 270 Die Königskrone. —„Geſegnet ſei das Andenken meines edeln ver⸗ ſtorbenen Freundes Georg Fugger!“ ſprach dann wol der blinde Maler mit Inbrunſt.„Er hat mir ſo viel Erbe vermacht, daß wir hier ohne Sorge leben kön⸗ nen, und ſo werd' ich mit Gottes Hülfe auch wieder geſunden.“ —„Ihr mögt den geſtorbenen Fugger immer ſeg⸗ nen,“ verſetzte Eleonore.„Er hat uns der Demü⸗ thigung überhoben, von dem Lebenden etwas annehmen zu müſſen. Dünkt mich doch dieſe Erbſchaft ſelbſt eine Demüthigung.“ —„Geh' nicht zu weit in deinem Stolze, Lore. Auch Jakob Fugger hat es ſtets gut mit uns gemeint.“ —„Es mag ſein; aber es iſt mir unerträglich, von ſeiner Gnade zu leben. Er iſt ein Freund des ſtolzen Knaben, der mich zu Grunde gerichtet, und ich argwohne ſtets, Alles, was uns von Fugger kommt, fließt aus der Rentkammer des verbuhlten Fürſten, der jetzt durch Minnekunſt und Gleißnerei die Frauen in Caſtilien verführt. Und ich würde eher Hungers ſter⸗ ben, als die kleinſte Gabe von Philipps Großmuth empfangen. Ihr wißt, ich liebte ihn, wie ich noch keinen Menſchen liebte; Ihr wißt auch, ich haſſe ihn, wie ich noch keinen Menſchen haßte. Und deshalb mag ich nichts von der zweideutigen Freundſchaft Jakob Fug⸗ ger's wiſſen.“ —„Gott heile mit geſunder Alpenluft dein Herz, ————— Die Königskrone. 271 wie meine Augen mit Alpenthau und Kräuterſaft!“ ſeufzte der Greis.— Eines Nachmittags kam die Sennin ſchier athem⸗ los die Berghalde heraufgerannt auf die Matte, wo Elevnore eben beſchäftigt war, Heu zu machen, wäh⸗ rend ihr Vater ſich, an einen Heuhaufen gelehnt, ſonnte und alte Geſchichten plauderte, unbekümmert, ob ſeine fleißige Lochter ihn anhörte oder nicht. —„Frau,“ keuchte die Sennin,„es kommen vier Männer den Berg herauf, zwei davon reiten auf Maul⸗ thieren und davon iſt einer ein Prieſter, der andere ein ſtattlich gekleideter, vornehmer Herr. Die andern beiden mögen die Diener ſein; ſie führen zwei bepackte Maulthiere und der eine iſt ganz ſchwarz im Geſicht und ſieht aus wie— Gott ſteh' uns bei!— der Teufel ſelbſt. Ich habe ſie ziemlich nahe geſehen und bin vom grauen Stock ſchnell über die Blümlismatte ge⸗ ſprungen, doch werden ſie bald an der Hütte ſein.“ Eleonore war von dieſer Nachricht betreten. Ver⸗ gebens ſann ſie nach, wer es ſein könnte, wenn ihr dieſer Beſuch gelten ſollte, vergebens ſuchte ſie von der Sennin Näheres über das Aeußere der Männer zu erfragen. Einen Augenblick dachte ſie daran, ſich vor ihnen zu verbergen und— wenn ſie nach ihr fragen ſollten— ſich von der Sennin verläugnen zu laſſen. Aber dieſe Schwäche war kaum über ſie gekommen, als ſie auch ſchon überwunden warz erfüllt von dem trotzi⸗ 272 Die Königskrone. gen Muthe vergangener Tage ging ſie entſchloſſen und keck zur Hütte hinab, wo ſie die Fremden bereits an⸗ langen ſah. Aber dieſer Muth verwandelte ſich plötz⸗ lich in ein Gefühl ganz andrer Art, als ſie, nur noch in geringer Entfernung, in dem FPrieſter den Pater Innocenz aus Antwerpen erkannte. In den Tagen ih⸗ rer größten Schmach hatte ſie dieſer Pfaffe auf die treuloſeſte Weiſe verlaſſen; ſie hatte deshalb ſchlimme Drohungen gegen ihn ausgeſtoßen, wenn er es je wagen ſollte, ihr wieder unter die Augen zu kommen. Fünf Jahre waren ſeitdem verfloſſen, aber der Groll über Innocenz' Verworfenheit trat ſo friſch und lebendig in ihre Seele, als ſeien kaum fünf Wochen ſeit ſeinem letzten Beſuche bei ihr verfloſſen, und ihre Augen ſchoſ⸗ ſen wüthende Blicke auf den Gegenſtand ihres Haſſes. Eh' aber ihre zuſammengepreßten Lippen Zeit fanden, ein ſtolzes Wort zu entſenden, wurden ſie von einer nnerwarteten Dazwiſchenkunft an der Entledigung des in ihrem Herzen aufkochenden Zorns verhindert. Pfeil⸗ ſchnell ſchoß ein Menſch ihr entgegen— ſie ſah, es war ein Neger— warf ſich ihr zu Füßen und ſtieß, den Saum ihres Linnenrockes küſſend, ein wildes Freu⸗ dengeſchrei aus. Mit Staunen ſah ſie Rony, den Die⸗ ner ihres erſten Gemahls, vor ſich. Das ſcharfe Auge des Mohren hatte ihre edle und herrliche Geſtalt von fern erkannt, eh' er ihre entſtellten Geſichtszüge und ihre ärmliche Kleidung hatte unterſcheiden können; oder Die Königskrone. 273 er hatte vielmehr von Beidem nichts geſehen. Die un⸗ geheuchelte, wahrhaft herzliche Freude in ihrer natürlich heftigen Aeußerung ergriff Leonoren mit ſolcher Rüh⸗ rung, daß dadurch ihrem Zorne der Stachel geraubt wurde.„O meine Frau, meine theure Frau!“ rief Rony zu wiederholten Malen,„wie bin ich glücklich, Euch endlich wieder zu ſehen! Aber nun, da wir Euch gefunden, ſollt Ihr es wieder gut haben. Ihr ſeid nun wieder reich und angeſehen wie erſt; Ihr tragt nun wieder ſeidne Kleider und goldne Ketten und ich bin wieder Euer treuer Diener.“ —„Faſelſt du, Ronh?“ fragte Elevnore.„Hat dir die Freude, mich wieder zu ſehen, den Verſtand verwirrt, daß du ſolche tolle und unmögliche Dinge ſchwatzeſt?“ —„Er ſpricht die Wahrheit, liebe Baſe,— ich beſtätige ſie,“ polterte der Pater Innocenz, der unterdeſſen hinzugekommen war, mit grinſender Katzen⸗ geſchmeidigkeit und dem vertraulichſten Tone, gleich⸗ ſam als hätten ſie ſich ſeit geſtern nicht geſehen und als wäre nie etwas Feindſeliges zwiſchen ihnen vor⸗ gefallen. Elevnorens Züge verfinſterten ſich wieder und ernſt und würdig fragte ſie mit gemeſſenen Worten:„Was wollt Ihr von mir, Pater Innoeenz?“ —„Euch zu Glanz und Reichthum zurückführen— und vor Allem— zur Rache an Euerm Todfeind— Ein deutſcher Leinweber. U1 18 274 Die Königskrone. Euerm größten Beleidiger— an dem nichtswürdigen König Philipp von Caſtilien.“ Frau van der Voort begriff dieſe Worte nicht.„Ich verſteh' Euch nicht,“ ſagte ſie mit einem verächtlichen Blick auf den Sprecher,„und Ihr ſeid wahrlich nicht der Mann, dem ich in irgend einer Sache Glauben zu ſchenken mich gedrungen fühle, geſchweige in einer ſo fabelhaften und unerhörten, wie Ihr hier vor mir auskramt.“ mein Frau, er ſpricht die Wahrheit!“ rief Rony eifrig.„ Gla bt es mir! Ich belüge Euch nicht. Ihr ſollt Euch rächen an dem Könige, der Euch in's Elend ſtieß.“ Ihre Augen funkelten wieder unheimlich, ihre blei⸗ chen Lippen bebten und kaum hörbar glitten die Worte über ſie:„Rächen an Philipp?— Wer ſagt das?“ fragte ſie laut.„Wer bürgt mir, daß ich nicht ge⸗ täuſcht werde?“ —„Ich ſag' es, liebe Muhme— ich verbürge mich“ — ſtieß der Pater ruckweiſe her o„Aber hier iſt noch ein wichtigerer Bürge— des Königs von Arragonien an Euch, Baſe— ja der mächtige König Ferdinand ſchickt Euch einen eigenen Geſandten— es iſt Don Hernandez de Villaquiran— ein caſtiliſcher Grande. — Erkennt daraus, welch eine wichtige Perſon Ihr ſeid! — Der König läßt Euch einladen, nach Spanien zu kommen— dieſer Senjor wird Euer Ehrenbegleiter ſein — und ich werde als Euer geiſtlicher Beiſtand mit Euch 1 Die Königskrone. 275 reiſen.— Wollt Ihr Gold? Don Hernandez wird es Euch im Namen des Königs überreichen— wollt Ihr prächtige Kleider— wollt Ihr Geſchmeide— wollt Ihr Tand— Alles ſollt Ihr haben, ſchöner, prächtiger, als Ihr es jemals beſeſſen.— Und was Euch mehr werth iſt— Ihr ſollt die vollkommenſte Rache an König Phi⸗ lipp haben, Ihr ſollt allem Volke erzählen, wie er Euch verführt und elend gemacht— wie Donna Juanna Euere Schönheit geſchändet— wie er ſie in Euerm Beiſein geſchlagen und mit Füßen getreten—“ —„Das that er nicht.“ —„Ihr müßt es aber behaupten— Ihr müßt es ihm in's Geſicht ſchleudern; mit Füßen blutig getreten — ſag' ich— und daß ſie von dieſer Behandlung den Verſtand verloren hat.— Sie hat auf dem Boden liegend ſeine Knie wimmernd umklammert— und ihn um Liebe und Barmherzigkeit angefleht— und er hat ſie angeſpieen und mit Fäuſten in's Geſicht geſchlagen, daß ſie aus Naſe und Mund geblutet— dann hat er ſie getreten, wie einen Hund— ärger noch; ſo müßt Ihr ſagen.— Und die Caſtilier werden ihn zum Teufel jagen.— Verſteht Ihr— das iſt eine Rache— wie ſie Euch nicht wieder geboten wird.“ Eleonore ſtieß ein ſchadenfrohes, krampfhaftes Hohn⸗ gelächter aus.„Teufel!“ knirſchte ſie,„du haſt mir da herrliche Dinge zugeflüſtert.— Ich will mich dir ergeben. Ich will mich rächen an dem fürſtlichen Buben. 18* 276 Die Königskrone. — Du weißt nicht, welch ein gräßlicher Rachedurſt mich quält. Ich lechze nach ſeinem Blute.“ —„Ihr ſollt es haben, Baſe.— Laßt Euch meine Worte von Don Hernandez beſtätigen.“ Dieſer nahete der Frau jetzt mit dem förmlichen Weſen ſpaniſchritterlicher Galanterie und ließ ihr alle Höflichkeitsbezeigungen angedeihen, die in ſeinem Va⸗ terlande eine adelige Dame von einem adeligen Herrn erwarten durfte. Auf Eleonoren machte dies Benehmen den günſtigſten Eindruck; ſie hatte ſeit ihrem Unglücks⸗ tage die huldigenden Auszeichnungen von Seiten vor⸗ nehmer Männer entbehren müſſen, die ſie erſt in ſo unbeſchränktem Maße genoſſen, und ſie hätte kein Weib ſein müſſen, wenn nicht in ihrer Seele das Begehren danach geſchlummert hätte und wenn nicht jetzt die Stimme der Galanterie und Schmeichelei ihr Ohr und ihr Herz offen gefunden hätte. —„Edle Frau,“ ſagte der Spanier,„ich geb' Euch nicht nur die Verſicherung auf mein adeliges Ehren⸗ wort— und es wird Euch nicht unbekannt geblieben ſein, was einem ſpaniſchen Grande dieſes gilt— ſondern ich kann es Euch auch durch Brief und Siegel Sr. Ma⸗ jeſtät des Königs von Arragonien beweiſen, daß man Euch dort gleich einer der erſten Edeldamen zu halten verſpricht. Es ſteht ganz in Euerm Willen, ob Ihr unter die Zahl der Hofdamen der jungen Königin Germaine wirklich aufgenommen ſein wollt. Der König ſichert Die Königskrone. 277 Euch außerdem einen beträchtlichen Jahrgehalt zu und er verlangt dafür nichts weiter, als daß Ihr den eaſti⸗ liſchen Ständen, und wer ſie ſonſt hören will, die Ge⸗ ſchichte Eueres Misgeſchicks erzählen ſollt.“ —„Und gerade dieſe Erzählung iſt das Racheſchwert — womit Ihr dem König Philipp die Krone vom Haupte ſchlagt—“ fügte Pater Innocenz hinzu. —„Ein ſtattliches Maulthier,“ fuhr Hernandez fort,„trägt Euch von hier in unſerer Geſellſchaft nach Caſtilien. Wir reiſen durch Frankreich. Rony iſt wieder Euer Diener. Ich habe ihn allein zu dieſem Zweck in Antwerpen geworben. Zwei Kammerfrauen ſollen zu Euerm Befehl ſein.— Jayme,“ wandte er ſich jetzt zu dem vierten Mann, welcher wirklich der Zigeuner, Karracha's zweiter Sohn und Hernandez' Bruder war, „Jahme, packe die Maulthiere ab und laß uns die Geſchenke ſehen, die ich der Senjora mitgebracht habe und ſogleich überreichen werde.“ Der Zigeuner führte den erhaltenen Befehl aus und Eleonore verfolgte ſein G ſchäft mit glühenden Blicken, die ſie zuweilen dem Spanier und ihrem ehe⸗ maligen Beichtvater zuwandte. Der Letztere umwedelte ſie mit hündiſchen. Schmeicheleien, aber obgleich ſie ihn noch eben ſo tief verachtete, wie erſt, ſo war ihr ſein kriechendes Benehmen doch nicht mehr unangenehm. Sie war gänzlich umgewandelt. Innorenz hatte ihr Rache an Philipp und daneben wieder Glanz und Reichthum 278 Die Königskrone. verſprochen und dieſer Ausſicht wegen war ihm Alles verziehen.— Nun wurden koſtbare Gewänder und Decken vor ihr ausgebreitet, goldnes und ſilbernes Geſchmeide aus den augsburger Werkſtätten ſtrahlte ihr entgegen; ſie wühlte und muſterte in den Schätzen und vergaß ganz die Entſtellung ihres Geſichts. Entzücken malte ſich in ihren Zügen und ſie ſagte Alles zu, was die beiden Männer von ihr verlangten. Die Reiſe ſollte ſogleich an⸗ getreten werden. Sie lief alſo hinauf zu ihrem Vater, der immer noch im Heuhaufen ſaß, und ſagte:„Vater, ich muß Euch auf einige Zeit verlaſſen, zu unſerm Glück, das wieder zu blühen beginnt. Wenn ich wiederkomme, will ich Euch Alles erzählen. Die Männer ſind Bekannte von mir, die mir ein vortheilhaftes Anerbieten gemacht haben.“ —„Wie, Lore?“ rief der Blinde erſchrocken. „Du willſt von mir gehen und mich allein auf der Alp zurücklaſſen? Wie iſt dir das möglich? Wie kannſt du's über dein kindliches Herz bringen? Und nicht einmal ſagen willſt du mir, wohin deine Reiſe geht?“ Vergebens berief ſich der arme Greis auf ihr kind⸗ liches Herz. Stolz und Rachſucht hatten ſchon alle Stimmen deſſelben erſtickt. —„Ich ſag' Euch ja,“ rief ſie ärgerlich,„daß Ihr Alles erfahren ſollt, wenn ich zurückkomme. Ich gehe, einen Lieblingswunſch erfüllt zu ſehen, und Ihr werdet Euch darüber freuen. Die Sennin wird Euch abwarten, wie ich ſelbſt, und es Euch an nichts fehlen laſſen.“ —— Die Königskrone. 279 —„Lore, Lore,“ weinte der Alte,„es ahnt mir, du gehſt jetzt nicht auf guten Wegen und fürchteſt meinen Tadel; deshalb verſchweigſt du mir, wohin du willſt und wer dieſe Männer ſind. Gib Acht, Lore, du wirſt mich nicht wieder finden, wenn du heimkommſt, und du wirſt bereuen, daß du mich verlaſſen haſt. Die Welt verlockt dich auf's neue und wird dir keinen Segen bringen.“ —„Lebt wohl! Ich bleibe nicht lange aus,“ log ſie und entzog ihre Hand der ſeinigen, ſtürmte die ſteile Matte hinab und war bald wieder bei den Män⸗ nern, die eben einen Imbiß nahmen. Eleonore dachte nicht einmal daran, ihrem Vater einen Becher Wein zu bringen; ſie gab nur der Sennin hinſichtlich ſeiner einige Verhaltungsregeln. Dann ergötzte ſie ihr Auge wieder an den Herrlichkeiten und ſchwelgte im Vor⸗ genuß der Rache und des Zierprunks, die ihr in Aus⸗ ſicht geſtellt waren. Nach einer Stunde ſchon ritt ſie heiter und ſcher⸗ zend inmitten der Männer den Berg hinab. Sie hatte ihrem Vater kein letztes Lebewohl geſagt. Alle Dä⸗ monen des Stolzes, der Glanzſucht und der Hoffart, die ſie einſt beſeſſen, waren plötzlich aus dem fünf⸗ jährigen Schlummer erwacht, in welchen ſie ſie mühſam gewiegt, und der noch wildere und fürchterlichere Dä⸗ mon der Rache hatte ſich zu ihnen geſellt und ſie nahmen ihre ganze Seele in Beſchlag; wie hätte eine 280 Die Königskrone. edlere Regung oder das Gefühl einer heiligen Pflicht darin aufkommen können! Das Unglück beſſert nur weiche, edle Seelen; den harten, granitnen Gemüthern entlocken ſeine Schläge Funken und Feuer, die die Welt in verderliche Flammen zu ſetzen geſchickt ſind. Die Königskrone. 281 Einundzwanzigstes Rapitel. Die beiden an Schlauheit einander gleichen Haupt⸗ ſpieler in dem großen Intriguenſtück in Spanien, König Ferdinand und Don Juan Manuel(denn König Philipp ſchien nur eine der Hauptperſonen, war es aber in der That nicht, ſondern nur die Puppe, welche Manuel am Draht leitete), waren endlich durch eine langſame, geſchäftig ſcheinende und mit einer ſchier lächerlichen Anzahl Briefe und Botſchaften betriebene Verhandlung dahin gelangt, daß die beiden Könige eine perſönliche Zuſammenkunft haben ſollten. Ferdinand hatte unab⸗ weisbar darauf beſtanden und Manuel durfte nicht länger ausweichen, wollte er nicht ſeine und ſeines Königs Sache bei Adel und Ständen bloßſtellen. Denn ſchon hatten ſich unglückprophezeiende Spuren von Eifer⸗ ſucht und Haß zwiſchen den flandriſchen und eaſtiliſchen Edelleuten in der Nähe des Königs gezeigt und der ſich einander ſo ſchroff entgegengeſetzte Charakter beider Volker hatte bereits Reibungen erzeugt, die leicht bei einer 282 Die Königskrone. Veranlaſſung Flammen hervorrufen konnten. Namentlich wurde die Bevorzugung der Flandrer bei jeder Gele⸗ genheit den Caſtiliern unerträglich. Der König von Arragonien hoffte von einer per⸗ ſönlichen Unterredung mit ſeinem Schwiegerſohne Alles für ſich. Er kannte ſowol ſeine geiſtigen Mittel, als Philipps lenkbaren und leichten Sinn zu gut, der alle ernſten Regierungsgeſchäfte ſcheute, als daß er nicht feſt auf einer ſolchen Zuſammenkunft hätte beſtehen ſollen; aber er wußte nicht, wie trefflich Don Mamuel ſeinen Schüler unterrichtet und welche Rieſenfortſchritte dieſer gemacht hatte. Man kam überein, einen Platz zwiſchen Leon und Puebla de Senabria und näher dem letztern Orte zum Zuſammenkunftsorte zu beſtimmen. Es war dieſes eine Ebene mit einem Meierhofe, Remeſſal genannt, in deſſen Nähe ſich ein kleiner Eichenhain befand. Am Rande deſſelben lag eine kleine zu dem Meierhofe ge⸗ hörige Einſiedelei, die faſt von allen Seiten geſehen werden konnte. In dieſem Häuschen wollten ſich die Könige mit einander beſprechen. Nun verbreitete ſich in Puebla de Senabria an Philipps Hofe das Gerücht, der König Ferdinand ſtehe im Begriff, eine beträchtliche Streitmacht in Arragonien und Catalonien auszuheben, auch ſtelle der Herzog von Alva ſeine Anhänger und Lehnsträger in Leon auf. Manuel fand es alſo für nöthig, ſich auf jeden Fall vorzuſehen, und es wurden — Die Königskrone. 283 deshalb zu der Zuſammenkunft von eaſtiliſcher Seite große Vorkehrungen getroffen. Man war eben damit beſchäftigt, als Manuel eines Morgens beim König eintrat.„Ich habe einen kleinen, aber guten Fang in dieſer Nacht gemacht,“ ſagte er. „Ew. Majeſtät weiß, daß ich die Oberhofmeiſterin der Königin ſtets im Verdacht gehabt, als conſpirire ſie abermals heimlich mit der arragoniſchen Partei. Auch kann ich Ew. Majeſtät nicht verhehlen, daß ſich bereits in Neucaſtilien Bewegungen unter dem Adel gezeigt haben zu Gunſten der Königin. Man will dort ſichere Nachrichten haben, Donna Juanna werde von Euch in unwürdiger und harter Lage gehalten; ſie müſſe von Euch und ihrer flandriſchen Umgebung Mishandlungen erdulden und es ſei Pflicht jedes eaſtiliſchen Edel⸗ mannes, ſie, als ihre rechtmäßige und angeſtammte Königin, aus Euern Händen zu befreien. Dieſe Dinge können nur von der Donna d'lUllva ausgehen—“ —„Jagt den alten Drachen fort! Schickt die Närrin dem König Ferdinand!“ rief Philipp unwillig. —„Damit würden wir nichts beſſern, Majeſtät; denn dann würde das Weib erſt recht zu ſchreien be⸗ ginnen und Euch halb Caſtilien auf den Hals hetzen. Ihr wißt, je lauter Einer ſchreit und lärmt, deſto mehr glaubt man ihm, und wenn einem Schreier gar Ge⸗ walt geſchehen iſt— auch nur ſcheinbar— ſo glaubt man ihm doppelt und dreifach. Sobald Donna Francesca 284 Die Königskrone. öffentlich gegen uns aufträte und zwar als Märthrin für die Königin, würde ſie eine höchſt gefährliche Feindin für Euch werden. Nein, nein, wir müſſen ſie mit dem ſanfteſten Fliegenwedel behandeln und alles arrago⸗ niſche Geſchmeis, das Honig und Gift von dieſer alten Blume zu holen kommt, von ihr abhalten. Ich habe deshalb immer ein ſcharfes Auge auf ſie gehabt und bin endlich zu einer Entdeckung gelangt.“ —„Hat ſie wieder eine Verſchwörung gegen mich angezettelt, ſo laſſ' ich ſie ſo lange einſperren, bis ich alleiniger König bin und mein Schwiegervater über die Grenze iſt.“ —„Sie iſt vorſichtiger geweſen. Man hat ſchon einige Male ein Bürſchchen in Bauerntracht bei ihr geſehen, das ihr Früchte zuträgt. Geſtern begegnet dieſem verſchmitzten Geſicht ein Edelknabe des Marquis von Villena und erkennt in ihm einen Pagen des Kö⸗ nigs Ferdinand.“ —„Ha, dacht' ich's doch!“ rief Philipp ärgerlich lachend.„Habt Ihr ihn aufgreifen und unterſuchen laſſen? Habt Ihr etwas bei ihm gefunden? Laßt ihn ausſtäuben und ſchickt ihn mit ſolchem Denkzettel ſeinem Herrn zurück.“ —„Wir würden damit nichts gewinnen. Der Bube hat ſich äußerſt ſchlau und gewandt benommen. Der Edelknabe des Marquis redete ihn als einen Be⸗ kannten mit dem Namen an—“ ——————— Die Königskrone. —„Wie heißt er?“ —„Inigo Loyola; ſo ſagt der Edelknabe Alvaro Quevara. Nach des Letztern Ausſage ſind ſie Beide Basken; Quevara iſt aus Viscaya, Loyola aus Gui⸗ puzeva. Sie haben ſich Beide gut gekannt und loſe Streiche zuſammen ausgeführt. Aber der Page ſpielte ſeine Rolle gut; keine Miene ſeines Geſichts verzog ſich, er behauptete, Quevara nicht zu kennen; er ſei ein Pächtersſohn, drei Leguas von hier, und verkaufe den Hofdamen Früchte. Der Edelknabe kam in Ver⸗ legenheit, aber er kannte den Loyola zu genau, beſon⸗ ders an einer kleinen Warze über der linken Augenbraue. Seinerſeits machte er nun wieder den verſchmitzten Pagen ſicher und ſagte treuherzig, er ſehe wohl, daß er ſich geirrt und reichte dem angeblichen Bauern⸗ burſchen ein kleines Geldgeſchenk, welches dieſer mit wortreicher Dankbarkeit annahm. Quevara meldete die Sache aber ſeinem Herrn und der Marquis ſetzte mich in Kenntniß. Ich ließ den Burſchen beobachten und brachte durch unſere verſchmitzte Verbündete„die ſchwarze Matty, heraus, daß er im Gemache der Oberhofmei⸗ ſterin zugebracht und in der Nacht eine Unterre⸗ dung mit der Königin gehabt hat, die Matty an der Thür belauſchte. Loyola hat der Königin keine gerin⸗ gern Anträge gemacht, als ſie heimlich zu ihrem Vater zu bringen, d. h. zu entführen. Sie hat es aber aus Liebe zu Euch beſtimmt abgelehnt. Ich ließ ihn feſt⸗ Die Königskrone. nehmen; aber er läugnete mit der größten Dreiſtigkeit Alles. Nie hab' ich ein durchtriebeneres Geſicht geſehen. Unterdeſſen hat aber QOuevara noch zwei andere junge Edelleute, ebenfalls Basken, aufgetrieben, die den Loyola auch kennen und ihn im akragoniſchen Hofſtaate mehrmals geſehen haben. Ja zufällig iſt geſtern Abend der Sohn des verſtorbenen Admirals Colon“) hier angekommen, Namens Diego, um ſich der Gnade Ew. Majeſtät zu empfehlen, und dieſer war ebenfalls Page des Königs Ferdinand.“ —„Bringt mir den ſchlauen Bauerjungen und haltet auch die andern bereit, um ihn zu überführen, falls er läugnet.“ Nach einer Viertelſtunde wurde ein ſtämmiger, ge⸗ ſchmeidiger Burſche in galiciſcher Bauerntracht mit äußerſt klugen, aber frechen Augen und höchſt aus⸗ drucksvollen Geſichtszügen in das Zimmer des Königs geführt. Don Manuel begleitete ihn. —„Wie heißt du?“ fragte ihn der König. —„Juan Bravv.“ —„Woher biſt du?“ —„Aus Fuentahermoſa, einem kleinen Dorfe in Galicien, drei Leguas von hier. Dort iſt mein Vater ein armer Pächter.“ —„Und doch kann er die baskiſche Mundart nicht *) Spaniſche Benennung Colombo's. Die Königskrone. 287 verläugnen, ſo. ſich auch bemüht,“ bemerkte Manuel. —„Mein Vater iſt ein Baske,“ ſagte der Burſche keck;„er hat ſich nach Galicien verheirathet.“ —„Wie alt biſt du?“ —„Funfzehn Jahre.“ —„Was bewog dich, in einem Zimmer der Donna Francesca dUlloa zu ſchlafen?“ —„Dieſe hohe Dame iſt meine Gönnerin, weil ich ihr immer die ſchönſten Früchte bringe. Sie weiß, daß ich ſehr arm bin, und ſie wollte mir eine Ausgabe erſparen.“ —„Du hätteſt doch noch nach Hauſe gehen können.“ —„Es war ſpät und Donna d'Ullva gab mir zu eſſen. Ich mußte lange darauf warten und heute wollte ich einige kleine Einkäufe für meine Mutter machen.“ Das Alles ſprach der Burſche mit der größten Treuherzigkeit. —„Ich weiß aber,“ donnerte ihn jetzt ver König plötzlich an,„daß du Inigo Loyola heißt, aus Gui⸗ puzeva gebürtig und ein Page des Königs von Arra⸗ gonien biſt, ſowie daß du in der vorigen Nacht die Königin haſt beſchwatzen wollen, mit dir zu ihrem Vater zu fliehen.“ Nicht das leiſeſte Zucken, kein Farbenwechſel war im Geſicht des Burſchen bemerkbar.„Wär' ich's doch!“ verſetzte er ruhig und gleichgültig. Der König 288 Die Königskrone. winkte und vier junge Leute traten herein. Ein hoher ſchlanker Jüngling ging auf den Gefangenen los und ſagte:„Ei, Inigo, macht Ihr hier auch Euere Streiche? Fürwahr Ihr haltet etwas auf den Ruhm, der verwe⸗ genſte von allen Pagen des Königs Ferdinand zu ſein. — Ich bin Diego Colon, der Sohn des verſtorbenen Admirals,“ wandte ſich der Sprecher an den König, „und mit Lohola zugleich Page am arragoniſchen Hofe. Wir waren über ein Jahr Stubengenoſſen, aber ich konnte ſeinen Liſten nichts entgegenſetzen.“ Die andern Drei erkannten den Gefangenen eben⸗ falls für den jüngſten Sohn eines Edelmannes in der Provinz Guipuzeva. —„Nun ja, ich bin's,“ ſagte dieſer endlich mit derſelben Ruhe, als er ſah, daß Läugnen nichts mehr half.„Was iſt's nun weiter?“ „Was haſt du hier und bei Donna dUllva und der Königin zu ſchaffen?“ fragte der König zornig. „Mich trieb die Sehnſucht hierher, meine ange⸗ ſtammte Königin zu ſehen und zu verehren.“ „Du lügſt abermals. Du biſt ein Bote des Königs Ferdinand, um die Königin zu entführen.“ —„Ich bin es nicht. Mein Vater lehrte mich Ehrfurcht vor meinem König. Donna Juanna iſt mein König. Es ließ mir nicht Ruhe; ich mußte ſie ſehen. Iſt das ein Verbrechen?“ —„Wepum kamſt du in dieſer Verkleidung?“ Die Königskrone. 289 —„Wär' ich als Page gekommen, wär' es mir noch ſchlimmer ergangen. Ich habe die Königin geſehen und bin glücklich. Mögt Ihr nun mit mir machen, was Ihr wollt.— Wenn ich der Königin verſprach, ſie zu ihrem Vater zu führen, wollte ich ihrem Herzen eine Ritterpflicht erweiſen. Ich würde mein Leben für ſie hingeben, wenn es ihr nützt.“ In dieſem Augenblick trat die Königin haſtig ein. Sie war in ihr altes, dunkles, unſchimmerndes Kleid gekleidet, das man ſie nie vermögen konnte abzulegen. Loyola warf ſich vor ihr nieder. Die andern jungen Edelleute beugten das Knie. Inanna umarmte ihren Gemahl mit rührender Zärtlichkeit und ihr Auge haftete mit jenem ſüßen flammenden Ausdruck leidenſchaftlicher Liebe auf ſeiner reizenden Geſtalt, der ſich ſtets darin zeigte, wenn ſie ihn ſah.„Thu' ihm nichts zu Leide, Philipp!“ bat ſie rührend,„er iſt ſo ein artiges Kind. Thu' ihm nichts, ich beſchwöre dich bei meiner Liebe!“ —„Er hat Euch Briefe von Euerm Vater ge⸗ bracht, Juanna,“ ſagte der König mit einer Strenge, die von ihrem kindlich rührenden Tone ſtark abſtach. —„Nein, nein, Philipp; er hat mir nichts ge⸗ bracht. Er hat nur meinen Rock geküßt. O mein geliebtes Herz, laß dich erbitten!“ Und ſie ſank in die Knie und hielt ihn umarmt. —„Welch ein unwürdiges Benehmen!“ rief der König mit Verdruß.„Ihr ſeid ſtrafbar, hinter meinem Ein deutſcher Leinweber. 1II. 19 290 Die Königskrone. Rücken ſolche Beſuche anzunehmen. Stets redet Ihr von Euerer Liebe zu mir und ſtets thut Ihr Dinge, die ſich ſchlecht mit ſolcher Liebe vertragen.“ —„O zürne mir nicht! Zürne mir nicht, geliebter Gatte!“ Und ſie drückte Küſſe auf ſeine Hände. —„Geht!“ herrſchte ihr der ſchöne und kaltſinnige Gegenſtand dieſer Zärtlichkeit zu.„Euer Schützling ſoll frei ſein.“ Und zu Lohola gewandt:„Du haſt es in der Schule, in der du aufgewachſen biſt, ſchon weit gebracht. Fahre nur fort und du wirſt die ſpa⸗ niſche Kunſt zu Ehren bringen*). Geh' und ſag' deinem Lehrmeiſter, ich verachte dieſe Kunſt und deutſche Treue werde dennoch über ſie ſiegen.“ Loyola entfernte ſich. Die Königin wurde hinweggeführt, die Andern ver⸗ abſchiedet und Diego Colombo überbrachte dem Könige ſeines Vaters letzte Grüße und Ehrfurchtsbezeigung. Philipp unterhielt ſich lange mit dem jungen verſtän⸗ digen Manne und verſprach ihm, daß alle Würden, Ehren und Beſitzthümer, auf die ſein Vater vollgültigen Anſpruch gehabt, auf ihn übergehen ſollten.— Manuel ſprach nach dieſem Vorfall gegen den König *) Es iſt weltbekannt, daß Inigo Loyola ſeinen Lehrmeiſter Ferdinand in der Ausübung der ſpaniſchen Kunſt noch weit über⸗ traf, als er dreißig Jahre ſpäter Stifter des Jeſuitenor⸗ dens wurde. „—— Die Königskrone. 291 die Beſorgniß aus, es möchte wol Ferdinands Plan ſein, die Königin Juanna— und vielleicht gerade während der Zuſammenkunft und Unterredung— rauben zu laſſen und der Herzog von Alva dürfte gerade zu dieſem Zwecke ſeine Anhänger verſammelt haben. Es lag viel Wahrſcheinliches in dieſem Argwohn und gewiß wäre Philipps Königsrolle ſchnell ausgeſpielt geweſen, wenn Juanna in ihres Vaters Hände ge⸗ kommen wäre. Die Königin wurde alſo mit ſtarken Schutzwachen umgeben und eine ganze Reiterſchar zu ihrer Hut beordert. Der zur Zuſammenkunft feſtgeſetzte Tag erſchien endlich— es war der dreiundzwanzigſte Juni— und auf ſehr verſchiedene Weiſe naheten die beiden Könige dem Platze. Philipp zog heran, als wolle er ſeinem Schwie⸗ gervater die eaſtiliſche Krone in einer Schlacht abge⸗ winnen. Voraus kamen die wohlgerüſteten deutſchen Speermänner in Schlachtordnung; dann die glänzenden Reiterſcharen der eaſtiliſchen Ritterſchaft mit ihrem großen bewaffneten Gefolge. Dieſen folgte der junge König auf ſeinem Streitroſſe, umringt von ſeinen be⸗ waffneten Günſtlingen flandriſchen und eaſtiliſchen Bluts und ſeiner prächtigen Leibwache; die Nachhut endlich beſtand aus einer langen Reihe Bogenſchützen und leichten Reiterei des Landes. In Betracht der verlaſſenen und hülfloſen Lage Fer⸗ dinands erſchien dieſer krie geriſche Aufzug faſt komiſch. 19* 292 Die Königskrone. In der That ritt der König von Arragonien dagegen höchſt einfach in einem kurzen ſchwarzen Rocke und mit der Landesmütze bekleidet auf einem Maulthiere in der Mitte von ohngefähr zweihundert arragoniſchen und neapolitaniſchen Edelleuten, von denen die meiſten auch nur auf Maulthieren ſaßen. Weder der König, noch einer ſeiner Begleiter war weiter bewaffnet, als mit dem gewöhnlichen Schwerte. Kein Schießgewehr ward auf ſeiner Seite geſehen. Es war ein Häuflein, das kaum Widerſtand gegen einen Angriff hätte leiſten können. In dieſem einfachen Auftreten lag ein Triumph des über⸗ legenern Geiſtes und die eaſtiliſchen Granden fühlten dies nicht ohne Beſchämung. Es war damit die Be⸗ hauptung ausgeſprochen: der König vertraue der Würde ſeiner Perſon, dem Ruhme ſeiner Regierung und dem Edelmuthe des eaſtiliſchen Adels, der ſie anerkennen und ſchätzen müſſe. Und in der That grüßten ſämmt⸗ liche eaſtiliſche Ritter ihren ehemaligen König mit den Zeichen tiefſter Ehrfurcht. Er redete Einzelne auf ſeine gewöhnliche herablaſſende und anmuthige Weiſe an und rief ihnen manches launige Scherzwort zu, das ſie in Verlegenheit ſetzte. Es war Mancher darunter, den er mit Wohlthaten überhäuft hatte. Und doch hatte Fer⸗ dinand kurz vorher auf dieſer Reiſe die ärgſte Demü⸗ thigung erfahren; auf Befehl des Marquis von Aſtorga und des Grafen von Benavente war ihm der Eintritt in dieſe Städte ausdrücklich verweigert worden; ja dieſe — 1 293 caſtiliſchen Herren hatten eine Bekanntmachung erlaſſen, wodurch jedem ihrer Lehnsmannen verboten wurde, den arragoniſchen Anhängern Ferdinands weder Hülfe zu leiſten, noch ſie zu beherbergen. Ferdinand ließ lächelnd den ganzen Heereszug an ſich vorüber paſſiren. Endlich nahete Philippz ſeine Züge zeigten eine ängſtliche und verlegene Geſpanntheit, während über die Ferdinands ein anmuthiges Lächeln ſchwebte. Man ſah wol auf den erſten Blick, welcher von Beiden der Meiſter in der ſchweren Königskunſt war. Sie begrüßten ſich gegenſeitig und ſtiegen ab; dann lud Ferdinand ſeinen Schwiegerſohn mit den höf⸗ lichſten Worten ein, mit ihm in die nahe Einſiedelei zu treten. Sie gingen nebeneinander und an der Thüre wollte Ferdinand Philipp gleichſam als ſeinen Gaſt in Spanien den Vortritt überlaſſen, doch dieſer nahm die Ehrenbezeigung nicht an und der ältere König trat würdevoll zuerſt ein. Dem Könige von Caſtilien folgte allein Don Juan Manuel, dem von Arragonien nur der Erzbiſchof von Lledo. Sobald ſich alle Vier im engen Raume der Einſiedelei befanden, wandte ſich Limenes mit dem ganze wicht n 1 Die Königskrone. — Euere Einſcht wird 6 e, daß es für uns Beide nicht ſchicklich ie perſönlichen Angelegenheiten unſerer * 294 Die Königskrone. Gebieter einzudrängen, und was deshalb der Anſtand von uns fordert—“ Mit dieſen Worten ergriff der ge⸗ waltige Greis Manuels Arm, führte ihn vor die Thür und ſchloß dieſe ruhig hinter ihm zu.„Ich will zum Thürhüter dienen,“ ſagte er dann fein lächelnd,„und wenn die Könige von Caſtilien und Arragonien da drinnen verhandeln, ſo kommt wol dem Erzbiſchof von Toledo und keinem Andern dieſes Amt zu.“ Der ſchlaue Manuel war verblüfft; er mußte gute Miene zum böſen Spiel machen und ſah nun mit ängſt⸗ licher Erwartung dem Ausgange des merkwürdigen Zwiegeſprächs entgegen. Er traute Philipps Feſtigkeit nicht. Doch er hätte keine Beſorgniß zu hegen ge⸗ braucht; Philipp war feſt in ſeiner Rolle und ſein Ehrgeiz machte ihn unbeſiegbar. Nun waren wenige Tage zuvor Nachrichten aus Neapel an Ferdinands Hofe eingelaufen, welche die Gährung dort ſo gefährlich ſchilderten, daß ein allge⸗ meiner Aufſtand zu befürchten war und nichts noth⸗ wendiger erſchien, als des Königs perſönliche Anwe⸗ ſenheit, um die Flamme in der Geburt zu erſticken. Ferdinand war dadurch in eine verzweifelte Lage verſetzt. Caſtilien war von ihm abgefallen; Neapel vr Abfall, ebenfalls zu Philipps Gunſten; ja we dafür, daß nicht der„große Feldherr“ Gonſal ſich zum König von Neapel erhob? Es gehör nnübertreffliche Meiſterſchaft ſeiner Kunſt f Die Königskrone. 295 dazu, ſeine Unruhe und Bitterkeit unter der glatten, ruhigen, lächelnden Oberfläche zu verbergen, die er zur Schau trug. —„Ihr habt mich lange auf Euern Anblick warten laſſen, mein Sohn,“ redete Ferdinand zuerſt,„und nun habt Ihr mich gezwungen, mit Euch in einer Weiſe zuſammenzutreffen, die ſehr verſchieden iſt von der, die ich, auf die heiligſten Verträge geſtützt, von Euch hoffte und erwartete. Statt daß wir in Friede und Freundſchaft dieſes Land zuſammen beherrſchen ſollten, ſtehen wir uns gleichſam als ½ gegenüber. Ihr zieht mit Tauſenden bewaffneter Leute heran; allein ich hege keine Feindſchaft gegen Euch und liebe dieſes Land viel zu aufrichtig und innig, um darein zu willigen, daß es mit dem Blute ſeiner Kinder getränkt werde. Auch habe ich die Hoffnung noch nicht fahren laſſen, Ihr werdet beſſerer Einſicht Raum geben und Euer wahres Heil, ſowie das Caſtiliens bedenkend, zu Euerer Pflicht zurückkehren.“ —„Ich kenne mein und meines Königreichs wahres Heil nur zu gut,“ entgegnete Philipp,„als daß ich in eine Doppelherrſchaft willigen könnte, die mir und dem Lande verderblich ſein müßte. In Caſtilien kann nur ein König herrſchen, wenn Segen aus der Herr⸗ ſchaft ſprießen ſoll, und dieſer König bin ich!“ —„Ihr habt den Vertrag e der uns Beiden das gemeinſchaftliche Regiment zuſichert, 296 Die Königskrone. unterſchrieben und unterſiegelt, wie ich ſelbſt, und ſchon Euerer königlichen Ehre wegen dürft Ihr nicht wortbrüchig werden. Bedenkt, was Euch bevorſteht, wenn Euere erſte Handlung auf caſtiliſchem Boden ein ſchändlicher Treu⸗ und Wortbruch iſt! Daraus könnte Euch nimmer Gutes erwachſen.“ —„Als ich den Vertrag von Salamanca mit Euch abſchließen ließ und unterſchrieb, zwang mich die Noth dazuz denn Ihr hattet mich dadurch uberliſtet, daß Ihr mir urch Euere Vermählung mit Germaine von Fvir meinen Bundesgenoſſen, den König von Frankreich, ab⸗ ſpenſtig. Was man aber von der äußerſten Noth gezwungen thut, hat keine bindende Kraft und, wenn ich den mir ſchädlichen und mich demüthigenden Vertrag jetzt nicht anerkenne, ſo bin ich weder wortbrüchig, noch trenlos, ſondern handle nur nach den Grundſätzen der Staatskunſt, die Ihr täglich befolgt und in welcher Ihr es zur weltberühmten Meiſterſchaft gebracht habt. Ich thue nicht ein Haar anders wie Ihr hinſichtlich Neapels, das Ihr ja auch, durch die heiligſten Verträge gebunden, zur Hälfte gn den König Ludwig überlaſſen und nachher doch gan hmt; und Euch hatte keine Noth zu jenen Verträgen getrieben wie mich. Euch ſelbſt aber erwachſen jetzt die bittern Früchte Euerer eigenen Treulvſigkeit und Wortbrüchigkeit. Wer war es denn, der wlch vor vier Jahren beauftragte, mit dieſem Könige on Frankreich einen neuen Vertrag über 4 „ Die Königskrone. 297 Neapel und Frieden abzuſchließen und mir auf Hoſtie und Meßbuch ſchwur, dieſen Friedensaet gut zu heißen, und wer war es wiederum, der mich vor dieſem Könige von Frankreich bloßſtellte wie einen Schulknaben? Glaubt Ihr, ich könne je die Schande vergeſſen, die Ihr mir angethan?“ ⸗ —„Ihr waret über Euere Vollmacht hinausge⸗ gangen; Ihr hattet unbeſonnen abgeſchloſſen,“ ſagte Ferdinand mit verbiſſenem Aerger, aber immer lächelnd. —„Es iſt nicht wahr. Ich hatte ganz Euern mündlichen und ſchriftlichen Anfträgeniß geſprochen und gehandelt!“ rief Philipp heftig. E —„Ihr hattet Euch vom König Ludwig umgarnen laſſen und hieltet mehr zu ihm, als zu mir.“ —„Und nun wollt Ihr mich glauben machen, ich hätt' Euch dadurch zum Bund mit Frankreich und zur zweiten Vermählung getrieben. In der That, Ihr ſeht mich immer wie einen Knaben an; denn nur einem Kinde mögt Ihr dergleichen weiß machen. Nein, Ihr habt Euch mit jenem Könige, mit dem Ihr erſt Neapel theiltet, auf welches keiner ein wahres Recht hatte, mit dem Ihr dann aus cigef hadertet, einen langen und blutigen Krieg führtet— Ihr habt Euch mit ihm verbunden, um ihn, meinen Bundesgenoſſen, mir abſpen⸗ ſtig zu machen; Ihr habt Germaine von Foix gefreit, um mir die Krone von Caſtilien zu entreißen, die nicht Euch, ſondern mir von Gott und Rechtswegen gebührt.“ C 298 Die Königskrone. —„Ich bin Statthalter von Caſtilien nach dem Teſtamente ſeiner verſtorbenen Königin und ich habe aus Liebe und Gutmüthigkeit Euch die Hälfte des Re⸗ giments abgetreteu, aus dem Ihr mich nun ganz ver⸗ drängen wollt. Iſt das der Dank, den Ihr dem An⸗ denken der großen Iſabella und mir ſchuldig ſeid?“ —„Sprecht nicht von dieſem Teſtamente; ſprecht nicht von Dankbarkeit, dem Andenken Iſabella's ſchuldig! Jedermann weiß, wie die Königin zu den mir feind⸗ ſeligen Punkten des Teſtaments beredet worden iſt. Sie konnte i mehr in dieſer Weiſe über die Re⸗ gierung Caſtiliens verfügen; denn ich war von ihr, von Euch, von den Cortes als ihr Nachfolger feierlich anerkannt und mein Recht auf die Krone ſtand feſt. Und wie dankbar Ihr das Andenken Euerer erſten Ge⸗ mahlin ehrt, habt Ihr zur Genüge durch Euere zweite Vermählung bewieſen, der Ihr doch nöthiger hättet, dankbar gegen ihr Andenken zu ſein, als ich. Iſt nicht ganz Caſtilien entrüſtet über Euere Dankbarkeit? Doch das iſt Euere Sache; die meinige: auf meinem guten Rechte zu beſtehen und weder das Teſtament, noch den Vertrag von Salamanca als für mich bindend anzuer⸗ kennen; denn das Teſtament iſt aus einer gehäſſigen Geſinnung gegen mich, die man der Königin eingeflößt, hervorgegangen— d rWVertrag von mir aus Noth abge⸗ ſchloſſen worden.“ —„Niemand brauchte Iſabellen gegen Euch ein⸗ * —— Die Königskrone. 299 zunehmen, Ihr habt es ſelbſt gethan durch Euere Auf⸗ führung!“ ſagte Ferdinand mit kalter, boshafter Be⸗ rechnung. —„Darf Ew. Majeſtät mir deshalb Vorwürfe machen? Seid Ihr etwa der ſchönen und geiſtrei⸗ chen Iſabella treu geblieben? Habt Ihr nicht vier natürliche Kinder anerkannt, jedes von einer andern Mutter?“ —„Ihr vergeßt Euch! Ihr ſprecht mit Euerm Vater —„Der König von Caſtilien ſpricht mit dem Könige von Arragonien.“ —„Wolan denn! Es handelt ſich jetzt allein darum, den Vertrag von Salamanca anzuerkennen. Euer eigener Vortheil erheiſcht es, mich an der Re⸗ gierung theilnehmen zu laſſen.“ —„Ich weiß beſſer, was mein Vortheil erheiſcht. Die Großmeiſterſchaft der drei Kriegerorden*) mit ihren Einkünften geſteh' ich Euch zu und die Einkünfte, welche Euch Iſabella's Teſtament zuſichert. Nichts weiter, bei allen Heiligen, nichts weiter!“ —„Wollt Ihr leichtſinnig einen Bürgerkrieg in Spanien hervorrufen?“ —„Caſtilien iſt auf meiner Stite Ihr habt ge⸗ S ich bin vohlh Wollt Ihr Krieg anfangen *) St. Jago, Calatrava und Alkantara. 300 Die Königskrone. auf Euer Scheinrecht hin, die Verantwortlichkeit auf Euer Haupt! Wollt Ihr Euch auf den König von Frankreich verlaſſen? Ihr wißt am beſten, welch ein zweideutiger Bundesgenoß er iſt. Frankreich liegt zwi⸗ ſchen meinen Niederlanden und Caſtilien und der rö⸗ miſche König iſt mein Vater.“ —„Noch einmal ermahne ich Euch väterlich, nicht bei Euerm Starrſinn zu beharren; Ihr möchtet es ſpäter bitter bereuen!“ —„Spart Euere Ermahnungen wie Euere Dro⸗ hungen. Ich weiche nicht ein Haar breit von meinem Recht. Ich bin König von Caſtilien und niemals, ſo lang ich lebe, geſtatte ich Euch den geringſten Antheil am Regiment.“ —„So haben wir nichts weiter mit einander zu reden.“ Ferdinand machte eine verabſchiedende Bewe⸗ gung mit der Hand und Philipp ſchritt raſch nach der Thüre und rief dem Erzbiſchof zu, zu öffnen. So wenig gegenſeitiges Vertrauen herrſchte zwiſchen den beiden Königen, daß nicht einmal Juanna's Name, die doch die Hauptperſon war und die ihr Vater ſo ſehr zu ſehen wünſchte, in der ganzen Unterredung erwähnt worden war. Philipp zog nach Puebla de Senabria, Ferdinand nach Aſtorga zurück, wo ihn der Marquis auf Philipps Befehl aufnehmen mußte. — ů Die Königskrone. 301 Bweiundzwanzigstes Rapitel. König Ferdinand ſchritt mit dem Erzbiſchof Limenes im Zimmer auf und ab. —„Ew. Majeſtät verlangt meinen Rath,“ ſagte der mächtige, charakterſtarke Prieſter,„und ich gebe ihn mit der alten unwandelbaren Treue. Hier wird ſchein⸗ „„— bares Unterliegen zum wahren Siege führen. Ueberlaßt ihm jetzt die Krone ganz und in kurzer Zeit wird ſie Euch ganz zufallen, ohne Krieg, ohne Anſtren⸗ gung; ſie wird in Euern Schoos fallen wie eine reife t Citrone.“ —„Ein gefährliches Spiel,“ verſetzte der König bedenklich.„Es könnte uns betrügen.“ 3—„Ich täuſche mich nicht, Majeſtät. Ich kenne die Caſtilier, ich kenne auch Don Philipp nun zur Genüge. Sein Leichtſinn, ſeine Vergnügungsſucht fliehen alle Geſchäfte; Don Manuel iſt Regent und ſchon fängt dieſer an, ſeine Privatzwecke zu verfolgen. Schon 302 Die Königskrone. murren die von ihm gehaßten Familien. Aber damit noch lange nicht genug. Philipp will nichts als Geld verſchwenden und verwendet mit unerhörter Willkür die Einkünfte der Krone für ſich und ſeine Günſtlinge. Dieſen hat er alle Ehrenämter, unermeßliche Einkünfte, Städte und Schlöſſer verſprochen. Das Alles wird noch weit ſchlimmer werden, wenn ihm die caſtiliſche Königskrone unbeſtritten gehört. Dann werden die flandriſchen Edelleute die erſten Würden und Ehren⸗ ämter, die beſten Einkünfte in Caſtilien beſitzen und neben ihnen nur die wenigen von Don Mamel be⸗ günſtigten Eingebornen. Philipp wird nie Sitte und Charakter der Caſtilier kennen und ſchätzen lernen. Er und ſeine Lieblinge wollen flandriſche Unzucht in dieſen Bergen einführen. Das wird die Caſtilier mit Unluſt, Unzufriedenheit erfüllen. Aber er wird ihnen endlich nicht halten, nicht halten können, was er ihnen ver⸗ ſprochen. Er wird ihre Privilegien nicht wieder er⸗ neuern und ſich zum Schattenkönig herabwürdigen. Und wenn er ſo unklug wäre, die Räthe ſeines Vaters würden es nicht zugeben. Denn es iſt ſo gut Maxi⸗ milians kluge und zeitgemäße Aufgabe, den ſtolzen Adel zu demüthigen, wie es die Eurige war. Er hat es im deutſchen Reiche ſchon weit damit gebracht und wird wahrlich in Caſtilien Euere guten Vorarbeiten nicht muthwillig vernichten. Da ſeht Ihr: Der eaſti⸗ liſche Adel wird nichts vom jungen Könige gewinnen . Die Königskrone. 303 und ſich getäuſcht ſehen; Philipp wird ſich den Ständen durch Willkür, dem ſittenſtrengen Adel durch Leichtfer⸗ tigkeit, dem Volke durch Unehrerbietigkeit vor Glauben und Religion verhaßt machen; denn er geht damit um, das Glaubensgericht aufzuheben. Bald werden alle Flandrer und Burgunder ſammt ihrem Herzog hier mit Wuth und Haß betrachtet werden, wie einſt die Fran⸗ zoſen in Sieilien, und es kann ihnen auch hier die Vesperglocke läuten. Und das Ende des Liedes wird ſein, daß man Ew. Majeſtät die Krone zu übernehmen anfleht und Diejenigen demüthig zu Kreuze kriechen, die jetzt Euere ärgſten Widerſacher ſind.“ —„Euer Bild iſt lebendig und wahr. Ich werde Euern Rath befolgen.“ —„Was bleibt Ew. Majeſtät jetzt auch weiter übrig? In Neapel droht Aufſtand; er würde ſogleich zu Philipps Gunſten ausbrechen, wenn Ihr Krieg gegen ihn begannet. Ihr habt jetzt keine Anhänger in Caſtilien. Die Mauren in Granada würden ſich ſogleich gegen Euch, als ihren Unterdrücker, erheben. Wie ſchnell würde jener Prinz Alnahar, der bedeutungsvoll Don Alfonzo de Granada heißt, an ihrer Spitze ſtehen! Die Niederlande haben ungeheuere Hülfsquellen und ſie würden ſie erſchöpfen, wenn es gälte, die Ehre ihres Herzogs als Königs von Caſtilien zu retten. König Maximilian war noch nie ſo mächtig, als jetzt; er iſt mit dem Papſt ſehr befreundet und geht damit um, ſich 304 Die Königskrone. die Kaiferkrone in Rom aufſetzen zu laſſen. Frankreich würde Euch nichts helfen; ſeine Freundſchaft iſt zwei⸗ deutig. Ihr müßt alſo nachgeben und es iſt beſſer, Ihr gebt mit vollen Händen, um bald mit vollen Händen wieder zu empfangen.— Habt Ihr noch keine Nachricht über die flandriſche Frau, die die Geiſtes⸗ zerrüttung der Donna Iuanna veranlaßt hat?“ „Sie iſt aufgefunden, und Don Hernandez de Vil⸗ laquiran wird ſie hierher bringen.“ —„Das wird von großem Vortheil für Euere Sache ſein. Ja ſie allein kann Euch ſchon die Re⸗ gentſchaft von Caſtilien wieder erwerben. Sie ſoll offentlich reden und ſchon ſorgen Philipp und Ma⸗ nuel dafür, daß ſie willige Ohren bei Adel und Stän⸗ den findet.“ —„So mögt Ihr denn in Gottes Namen mit Philipp abſchließen. Geſteht ihm zu, was er fordert. Ich will nach Neapel, um Ruhe zu ſtiften; dann will ich mich mit dem Könige von Frankreich beſprechen, um zu hören, wie groß die Hülfe ſein wird, die er mir gewähren kann. Wenn die flandriſche Sünderin kommt, ſo thut mit ihr, was Euch gut dünkt.“ —„Und ſo hoff' ich Ew. Majeſtät bald als Re⸗ genten von Caſtilien zu begrüßen“ In Folge des erhaltenen Auftrags begab ſich der Erzbiſchof an Philipps Hof nach Puebla und willigte in die Uebereinkunft auf den vom Könige von Caſtilien Die Königskrone. 305 vorgeſchlagenen Grundlagen. Das Geſchäft war bald abgethan; denn bereits am ſiebenundzwanzigſten Juni unterzeichnete und beſchwor König Ferdinand feierlich den Vertrag, durch den er die ganze Oberherrſchaft Caſtiliens an Philipp und Juanna abtrat, ſich ſelbſt aber nur die Großmeiſterſchaften der drei Kriegerorden und die ihm von der verſtorbenen Königin teſtirten Einkünfte vorbehielt. Aber Philipp zeigte ſich damit noch nicht zufrieden geſtellt. Die Gerüchte, daß unter dem eaſtiliſchen Adel eine Bewegung zu Gunſten der Königin ſtattfinde und daß man daran denke, ſie aus der Lage, in welcher ſie ihr Gemahl hielt und die man geradezu Gefangen⸗ ſchaft nannte, zu befreien und nur ſie allein als Kö⸗ nigin anzuerkennen, vermehrten ſich. Aber er ging auch ernſtlich mit dem Gedanken um, ſie wirklich ein⸗ ſperren zu laſſen, um ſich den ſtürmiſchen Ausbrüchen ihrer Zärtlichkeit, die ihm zuwider war, zu entziehen und mit Muße dem Minnedienſt nachzuhängen, der ihn ſchon wieder an eine ſchöne feurige Galicierin feſ⸗ ſelte. Deshalb erſchien Don Juan Mamuel als Phi⸗ lipps Geſandter und Bevollmächtigter in Aſtorga und ſeiner ſchlauen Beredtſamkeit, unterſtützt von Ferdinands großer Bedrängniß, gelang es, dieſen zur Vollziehung einer höchſt merkwürdigen Urkunde zu vermögen. In derſelben geſtand er nämlich die geiſtige Unfähigkeit ſeiner Lochter Juanna zur Regierung ein und machte Ein deutſcher Leinweber. III. 20 306 Die Königskrone. ſich anheiſchig, Philipp gegen jede Einſchreitung zu ihren Gunſten, ſie komme woher ſie wolle, beizuſtehen und denſelben, ſoviel es in ſeiner Macht ſtehe, in der alleinigen, ausſchließlichen Gewalt der Krone Caſtiliens aufrecht zu erhalten. Mit dieſer Erklärung wollte Fer⸗ dinand den Verdacht von ſich wälzen, als habe er Ju⸗ anna entführen und als alleinige Königin anerkennen laſſen wollen. Bevor er jedoch dieſer Schrift durch Unterzeichnung ſeines Namens Gültigkeit verlieh, ließ er den Erzbiſchof von Toledo, den Herzog von Alva, den Grafen Cifuentes und noch einige Granden aus ſeiner nächſten Umgebung zu ſich entbieten und in ihrem Beiſein als Zeugen heimlich eine Verwahrung aufſetzen, daß Dasjenige, was er ſpeben zu thun im Begriff ſei, nicht aus ſeinem eigenen freien Willen, ſondern aus Noth geſchehe, um ſich aus dieſer gefahr⸗ vollen Lage zu ziehen und um das Land vor dem dro⸗ henden Unglück eines Bürgerkriegs zu bewahren. Er gab dabei die Verſicherung ab, daß er nicht nur weit entfernt, ſeine gerechten Anſprüche auf die Regent⸗ ſchaft Caſtiliens aufzugeben, ſondern ſogar feſt ent⸗ ſchloſſen ſei, ſie mit den Mitteln der Macht zu er⸗ zwingen und ſeine Tochter aus ihrer ſchmählichen Ge⸗ fangenſchaft zu befreien, ſobald er dazu im Stande ſein würde. Damit lieferte Ferdinand wieder einen wunderlichen Akt ſeiner Kunſt; während er mit unbegreiflicher Nach⸗ — Die Königskrone. 307 giebigkeit dem ihm verhaßten Philipp Alles zugeſtand, was dieſer von ihm forderte, ſogar Juanna's Unfähig⸗ keitserklärung, verwahrte er ſich heimlich gegen die Folgen dieſes Schrittes, um ſich dadurch einen Vor⸗ wand für ſpätere Zeit und günſtigere Verhältniſſe zu ſichern, mit welchem er ſeine Anſprüche an die Regie⸗ rung geltend machen könnte. Doch ſeine Verſtellungs⸗ kunſt blieb auch dabei nicht ſtehen; er häufte noch mehr Widerſprüche, die nur aus ſeiner Charaktereigenthüm⸗ lichkeit einigermaßen zu erklären ſind. Er hegte nämlich den lebhaften Wunſch, ſeine Niederlage nach ſo wichtig thuendem Auftreten mit einer ſchimmernden Farbe zu überpinſeln und dadurch das eaſtiliſche Volk und die Welt zu täuſchen. Denn auf Täuſchung und immer nur auf Täuſchung hatte es ſeine Verſtellungskunſt abgeſehen; er war ſo daran gewöhnt, in jeder Sache Winkelzüge zu machen und krumme Wege einzuſchla⸗ gen, daß er es auch da that, wo er mit Offenheit und auf geradem Wege viel ſchneller und ſicherer zum Ziele gelangt wäre. So ſtark iſt die Macht der Gewohnheit. Auf dieſe allgemeine Täuſchung war es alſo abge⸗ ſehen, als er ein am erſten Juli ausgeſtelltes Umlaufs⸗ ſchreiben in die verſchiedenen Theile des Königreichs erließ, worin er bekannt machte, er habe die Regierung Caſtiliens den Händen Philipps und Juanna's über⸗ tragen und erkläre, dieſen ſeinen freiwilligen Akt habe 26 308 Die Königskrone. er ſchon vorher, ehe ſeine Kinder noch den Fuß auf ſpaniſchen Boden geſetzt, bei ſich beſchloſſen und zur Ausführung beſtimmt, obgleich er gar wol das Recht und die Macht für das Gegentheil beſeſſen. Er täuſchte Niemand mit dieſem ſeltſamen Briefe und machte ſich mit dieſen heilloſen Widerſprüchen ſogar bei ſeinen Freunden lächerlich und verächtlich. Timenes ſchüttelte wol zu dieſen ſonderbaren Schritten bedenklich das Haupt, aber es ſtand nicht in ſeiner Macht zu helfen und ſo ſchwieg er lieber und erwartete mit prophetiſchem Blicke in die Zukunft von dieſer allein Heil für den ſchwer gedemüthigten König. In dieſem großen Staatsmanne ſtand nun einmal die Ueberzeu⸗ gung feſt, je größer die Zugeſtändniſſe wären, welche Ferdinand ſeinem Schwiegerſohne machte, deſto ſchneller würden ſie das Verderben des jungen unvorſichtigen und leichtſinnigen Fürſten herbeiführen. Dieſe Anſicht gründete ſich auf die genaueſte und ſcharfſinnigſte Kennt⸗ niß der Verhältniſſe und der Perſonen und Timenes hatte ſeinen König dafür zu gewinnen gewußt. Aber auch außer ihnen gab es an beiden Höfen und im Lande noch ſcharfſichtige Männer genug, welche aus den finſtern Zeichen, die ſich in Philipps Nähe und von ihm hervorgerufen kundthaten, reichliche Vorbe⸗ deutung einer ſchnellen Umwälzung der Dinge laſen. Es fehlte ſchon jetzt nicht viel an der allgemeinen Ueberzeugung aller klugen Köpfe, daß das flandriſche ——.— Die Königskrone. 309 Regiment und der eaſtiliſche Volkscharakter ſich nicht lange mit einander vertragen würden. Am fünften Juli fand noch eine zweite Zuſammen⸗ kunft zwiſchen den beiden Königen in der Kirche des Dorfes Renedo ſtatt. Philipp erſchien mit dem ſtolzen Lächeln des Siegers, Ferdinand mit dem feinen Lächeln der Diplomatie, die ſich den Umſtänden fügt. In dieſer anderthalbſtündlichen kalthöflichen Unterredung erſuchte der König von Arragonien ſeinen Schwiegerſohn, auf Anſtand und Schicklichkeit im Betragen gegen ihn ſo viel als nur immer möglich Rückſicht zu nehmen und vor der Welt ſo viele äußere Zeichen einer herzlichen Verſöhnung zu geben, wodurch, wenn auch das Volk nicht gänzlich getäuſcht, doch über ihre bevorſtehende Trennung ein geziemender Schleier geworfen würde. Es ſei zu ihrem und des Landes Heil nothwendig, we⸗ nigſtens die beſten Freunde zu ſcheinen. Es war dieſem gekrönten Haupte auch jetzt an Schein und Täuſchung Alles gelegen. Auch diesmal hielt ihn gerechter Stolz ab, um eine Zuſammenkunft mit ſeiner Tochter zu bitten, und Philipp war ebenſo ſtolz, ſie ihm nicht anzubieten. Während aller dieſer ihm ſchmerzlichen Auftritte und Handlungen behauptete er jene ſtets lächelnde glatte Selbſtbeherrſchung, die er der Würde eines Königs angemeſſen hielt und die auffallend gegen das Beneh⸗ men ſeiner Gegner abſtach. Kein wahrnehmbares Zei⸗ chen des Misvergnügens verrieth ſeinen Unmuth über Die Königskrone. die Abtrünnigkeit eines ganzen Königreichs, das unter ſeiner Regierung länger als dreißig Jahre den Segen des Friedens und der Sicherheit genoſſen hatte; nur wenn er unter ſeinen vertrauteſten Dienern und Freun⸗ den war, überließ er ſich den Ausbrüchen des Schmerzes und dann wurde klar, wie er in ſeinem innerſten Weſen auf's tiefſte verletzt war. Von den verſam⸗ melten eaſtiliſchen Granden nahm er mit mannichfa⸗ chen Achtungsverſicherungen Abſchied, erwähnte mit Güte ihrer ihm geleiſteten frühern Dienſte und bemühte ſich augenſcheinlich einen guten Eindruck bei ihnen zu hinterlaſſen. Sein Auge war eben ſtets auf die Zu⸗ kunft gerichtet und in Hinblick auf kommende Ereigniſſe ſpielte er ſeine ſanfte Rolle als ein vollkommener Schau⸗ ſpieler. Ohne die unglückliche Juanna geſehen und umarmt zu haben, reiſte er nach Saragoſſa ab, wohin er ſeiner herrſchſüchtigen jungen Gemahlin ſchlechten Troſt brachte. In der That zuckte Germaine's ſtolzes Herz, als ſie die ſchmähliche Niederlage ihres bejahrten Herrn und den Sieg ſeines jungen Gegners erfuhr, im wüthendſten Haß gegen Philipp und ſie wurde ſeine Todfeindin. So ging Zarvha's Prophezeiung auch an ihr in Erfüllung. Philipp von Oeſtreich war jetzt Beſitzer der ea⸗ ſtiliſchen Königskrone und das Gefühl dieſes Beſitzes berauſchte ihn mit dem ganzen Uebermuthe befriedigten jugendlichen Ehrgeizes. Er brach mit ſeinem unge⸗ „— 2 Die Königskrone. 311 heuern Gefolge nach Valladolid auf, um ſich von den zuſammenberufenen Cortes des Reichs huldigen und krönen zu laſſen. Seine wahnſinnige Gemahlin führte er nicht beſſer als eine Gefangene mit ſich, den Plan hegend, ſich ihrer Geſellſchaft bald gänzlich zu entledigen. 312 Die Königskrone. eie Dreiundzwazigstes Rapitel. Eines Abends in der letzten Woche des Junimondes ſaß im geräumigen Zechenhauſe der Mariahilf⸗Grube am Goldberge zu Kremnitz die Familie des königlichen Kammerraths Turzvin mit den drei Fuggern beim Veſper⸗ und Valettrunk zuſammen. Denn in der erſten Frühe des folgenden Morgens wollte Jakob Fugger mit ſeinen beiden Neffen wieder in die Heimat auf⸗ brechen. Draußen am Berge unter den grünen Bäumen vor dem Hauſe machten die Bergleute luſtige Muſik und Veit Schellenberg trieb ſich, wacker mit ihnen 3 zechend, unter ihnen herum und neckte die Dirnen 7 und erſchreckte ſie mit ſeiner ungeheuern Naſe, wenn er ihnen Küſſe rauben wollte. Jakob war noch im eifrigen Geſpräch mit ſeinem Bergmeiſter Georg Tur⸗ zoin; obgleich zwiſchen ihnen Alles zur ſpaniſchen Reiſe und zum Betrieb des dprtigen Bergbaues abge⸗ macht war, ſo gab es doch noch Vielerlei zu reden und zu beſtimmen, was ſich ſowol auf das in Ausſicht geſtellte —,. — Die Königskrone. 313 Geſchäft in Caſtilien, als auch auf die Anordnung des hieſigen bezog, ſobald Georg ſeiner neuen Beſtimmung folgen würde.„Wenn ich heimkomme,“ ſagte Jakob, „werde ich Nachricht vom Könige finden, oder doch bald erhalten und dir ſogleich mittheilen. Je nach den Umſtänden brechen wir dann dieſen Herbſt noch auf, oder zum nächſten Frühjahre. Wirſt du auch die Trennung ertragen, Anna?“ fragte er ſchelmiſch lä⸗ chelnd ſeine Nichte,„und wirſt du mir nicht zür⸗ nen, daß ich dir den Ehewirth auf eine geraume Zeit entführe?“ Die junge ſchöne Frau wandte ſich von ihrem Vetter Marx ab, dem ſie mancherlei Beſtellungen und Auf⸗ träge an liebe Jugendgeſpielen und Freundinnen im ſchönen Augsburg gegeben, und horchte der Rede des verehrten Ohms. Sie war noch ſchöner und friſcher geworden; die Roſe ihrer lieblichen Geſtalt hatte ſich ganz entfaltet und an jeder Bruſt lag ihr ein holder Säugling. Vor wenigen Wochen hatte ſie ihrem Ge⸗ mahl ein Töchterlein, ihr liebes kleines Ebenbild ge⸗ ſchenkt und Jakob Fugger war demſelben Gebatter geworden. Das ältere Knäblein auf der andern Seite war Raimunds Pathe, der kleine Raimund Mohr. Die Bergmannsfrau, die ihn genährt, war nämlich erkrankt; da hatte es ſich Anna nicht nehmen laſſen, ihm mit ihrer kleinen Regina zugleich die mütterliche Bruſt zu reichen, und da ſie geſund und ſtark war, 314 Die Koͤnigskrone. und die Natur ihr gütig den ſüßen Nahrungsſtoff in Fülle verliehen hatte, ſo blieb Raimund an der Quelle liegen, die ſie ihm geöffnet, ſelbſt als ſeine Amme wieder geneſen war. Sie hatte ja den ſchönen Kna⸗ ben ſo liebgewonnen und theilte ihre Mutterliebe nun treu zwiſchen beiden Kindern. Nicht anders war es mit ihrem trefflichen Gatten; auch er liebte das fremde Kind ſo väterlich, als wenn es ſein eigenes wäre. Aber in der Liebe zum kleinen Raimund übertraf die beiden Eheleute noch gar ſehr Georgs Schweſter, die ſanfte ſchwarzäugige Katharina Turzvoin. Sie war des ſtattlichen Bübchens unermüdete Pflegerin, herzte und küßte es ab und war ſchier den ganzen Tag damit be⸗ ſchäftigt. Alle Andern lachten heimlich darüber und deuteten dieſe Liebe auf die rechte Weiſe. Man hatte ja mit Wohlgefallen bemerkt, wie ſehr ſich während des zweimonatlichen Aufenthaltes des jungen Augs⸗ burgers in Kremnitz Raimund Fugger's und Katharina's Herzen ſich einander genährt hatten. Auch jetzt ſaßen ſie heimlich flüſternd zuſammen und Katharina hatte rothgeweinte Augen, während Raimund ſchwermüthig zu Boden ſah. Die junge, von ihrem Ohm angeredete Frau ver⸗ ſetzte:„Ich müßte nicht meinem Georg mit der herz⸗ innigſten Minne anhangen, wenn es mir gleichgültig ſein ſollte, daß er ſo weit und auf ſo lange Zeit von mir ziehen wird; aber ich bin auch eine Tochter des —,——— —————— ————— Die Königskrone. 315 Hauſes Fugger und weiß deshab gar wohl, daß der Mann ſeinem Geſchäft nachgehen und die Frau ſich darein ſchicken muß. Iſt doch meine Baſe Sibyhlla in Augsburg noch ſchlimmer daran; denn Ihr ſeid ja mehr auswärts als zu Hauſe und ihr hat der Himmel den Eheſegen verſagt; mir aber hat er ein liebes Kind ge⸗ ſchenkt, ja, was ſag' ich, zwei ſind es ja, die meine Mutterliebe umfaßt und die mich tröſten werden, wenn mein Georg fern von mir iſt.“ —„Lieb' Aennle, ich laß dich bald nach Spanien nachkommen, wenn wir eingerichtet ſind,“ ſagte der junge Turzvin, ſchlang den Arm um ſein blühendes Weib und preßte ihr einen Kuß auf die friſchen, wür⸗ zigen Lippen. Sie ſtand auf, um ihrem Ohm den Becher wieder zu füllen, und ſogleich nahm ihr der braune Toni, der zur Muſik ſeiner Gefährten ſeine bekannten Bocksſprünge bald draußen, bald im Zim⸗ mer gemacht hatte, die Kinder ab, herzte ſie und tanzte, in jedem Arme eins, nach dem Takte der Pfeifen, Hörner und Geigen mit ihnen durch die weite Stube, daß ſie hell auflachten. Aber nun ſprang Katharina herzu und entriß ihm den Buben und trug ihn zu ſeinem Gevatter, damit er ihn auf die⸗ ſelbe Stelle küſſe, wohin ſie ihn eben ſelbſt geküßt hatte. Hinten aber ſtand Veit, halb benebelt, denn er hatte dem Tokaier die größte Ehre angethan und glotzte mit gutmüthigen Augen auf das Kind und 316 Die Königskrone. haſchte ſogar danach, um ihm ſeine Naſe auch koſten zu geben. —„Ihr ſeid alle vernarrt in den Buben,“ ſagte Jakob ſchmählend.„Uebertreibt es nicht und verzieht und verhätſchelt mir nicht etwa das Kind.“ —„Aber iſt es nicht unſer Eigenthum?“ fragte Katharina kindlich naiv.„Habt Ihr uns nicht ſelbſt verſichert, es ſei ganz und gar unſer und kein Menſch auf der Welt werde je nach ihm fragen? Alſo müſſen wir es wol lieben und werden es thun, damit es nie fühle, daß es keine Eltern mehr hat.“ „Und Ihr werdet mir oft ſchreiben, liebe Baſe, wie ſich das Knäblein befindet und wie es größer und ſtärker wird und laufen und ſprechen lernt,“ flü⸗ ſterte ihr Raimund zu.„Der Kleine gehört uns Beiden ganz allein, Euch und mir. Wenn Ihr ihn abküßt, ſo denkt dabei an mich.“ —„Werdet Ihr denn aber auch an mich denken?“ fragte ſie ganz leiſe und treuherzig mit einer Thräne im Auge. —„Alle Tage, alle Stunden, jeden Augenblick,“ entgegnete er;„ich glaube, ich bring' Euch gar nicht mehr aus den Gedanken.“ Sie reichten ſich die Hände und gingen dann hinaus, ſie mit dem Knaben auf dem Arm, der an ihrer Bruſt entſchlummerte, in die ſchöne duftende Nacht unter die Eichen und Buchen hinaus. Der Mond und die Sterne zu —— —— Die Königskrone. 317 waren aufgegangen, die Nachtigall flötete in dem fernen Buſch ihr letztes Lied und die Bergleute ſpielten eine ſanfte, wehmüthige Weiſe. —„Laßt ſie nur gehen,“ ſagte Jakob zum Kam⸗ merrath und deſſen würdiger Wirthin.„Sie ſind jung und haben edle Herzen, die einander verſtehen. Laßt ſie das ſüße Glück der Jugendliebe genießen. Sie ahnten kaum, welch eine Freude ſie uns bereiten. Sie geben ein ſtönes Paar.“ —„Auf die neue Verbindung der Häuſer Fugger und Turzvin!“ ſagte der Kammerrath tief bewegt, hob ſein Glas und ließ es mit den Gläſern der Andern zuſammenklingen. Es gab einen ſchönen Klang. Dann tranken ſie den feurigen Ungarwein. —„Und nun zum Valet den letzten Trunk,“ rief Jakob ernſt,„und auf ein fröhliches Wiederſehen!“ Sie leerten die Gläſer und gaben ſich Kuß und Handſchlag. Draußen aber fiel die erſte Purpurblüte jugendlich keu⸗ ſcher Herzen von zwei Lippenpaaren, die ſich während des Sehnſuchtsliedes der Nachtigall unbewußt zuſam⸗ mengefunden hatten, und„Leb wohl! Gedenke mein! Ich bin ganz dein in Ewigkeit! Kehre bald wieder! Bleib mir treu!“ flüſterten die Lippen, wie ein leis⸗ plätſchernder Nachregen. unter Vortritt der Muſikanten mit luſtigem Getön kehrte die Geſellſchaft in die Stadt zurück. Veit Schel⸗ lenberg ſchüttelte Allen die Hände, ſeine Naſe glühte 318 Die Königskrone. wie ein rother Stern und ſein Mund floß von Späßen über, während er ſich vor Rührung über den Abſchied oft die Augen wiſchte. Am andern Morgen, eh' noch die Sonne aus dem Bett ſich erhob, zog ſchon eine Reihe mit dem Segen des kremnitzer Goldbergwerks und den Effekten der Reiſenden bepackten Maulthiere, umgeben von einem bewaffneten Reiterhaufen, die drei Fugger an der Spitze durch das Thal. Toni und Veit führten die Schutz⸗ wache an und der Erſtere machte poſſierliche Reiter⸗ kunſtſtücke. Georg Turzoin gab den Vettern das Geleit bis zur Stadtgrenze. Dann ſetzten die Augsburger den Weg nach der alten Königsſtadt Ofen fort, wo Jakob Fugger dem Könige das Lehngeld des Bergwerks von den mitgeführten Schätzen, lauter blanken kremnitzer Dukaten, zu entrichten gedachte. In Heiligenkreuz kehrten ſie ein. Alle gingen in das Wirthshaus, den Wein des alten Stelzfußes zu koſten; nur Raimund ſtahl ſich ſchweigend hinweg und wandelte einſam nach dem Friedhofe am Berghange, wo er Luiſens Grab aufſuchte. Die Blumen, die er darauf gepflanzt, blüheten ſo freundlich. Schon ſproßten junge Gräſer aus dem Hügel. Raimund kniete nieder und aus ſeinem Herzen floß ein inniges Gebet für die Ruhe der Todten. Eine Thräne der Theilnahme floß ihrem Schickſal auf den Hügelz die Liebe hatte ſein Herz weich und empfänglich gemacht; ſie hatte es dem „ Die Königskrone. 319 zarteſten Mitgefühl für ein liebendes Herz erſchloſſen, das nun nicht mehr ſchlug, aber deshalb ſeine Weh⸗ muth deſto ſtärker wach rief. —„Nimm meinen Schwur, verklärte Seele!“ flüſterte er dann.„Ich will deinem Kinde ein treuer Vater und meine geliebte Katharina will ihm eine treue Mutter ſein. Sie hat mir gelobt und mir Grüße an dein Grab aufgegeben und die Fflicht ihr Gelöbniß hier dir zu wiederholen. Wir wollen ihn zu einem guten und braven Menſchen erziehen. Schlaf wohl in deiner Truhe, du edle Dulderin, und gib uns und unſerer Liebe deinen Segen!“ Ein gewaltiges Schluchzen in ſeiner Nähe zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Er wendete ſich um und ſah nicht ohne Erſtaunen den poſſierlichen Reitknecht ſeines Ohms hinter ſich, der ebenfalls die Hände gefaltet hatte und wie ein Kind laut weinte und ſtöhnte. Auch ihn, den rauhen Knecht, hatte ein Seelenbedürfniß zu dem Grabe der fremden Frau geführt.„Recht ſo, Herrlein!“ ſchluchzte„Man muß die Todten ehren und ihnen die Pflicht Wfllen; denn ſie ſind bei Gott, wohin wir Alle zu kommen hoffen.“ Raimund ſchenkte Veit ſeit dieſem Angenblick eine Zuneigung, die faſt wie kindliche Liebe ausſah. Nach ein paar Stunden zogen ſie wieder weiter, erreichten ohne Gefährde die beiden ungariſchen Schwe⸗ ſterſtädte zu beiden Seiten des prächtigen Donauſtroms 320 Die Königskrone. und bezogen in der Königsſtadt eine ſichere und be⸗ queme Herberge. Tags darauf ließ ſich Jakob Fugger bei dem Kö⸗ nige anmelden, um ſich den Befehl an den Schatzmeiſter zu erbitten, daß derſelbe die Dukaten und Abrechnung in Empfang nehme. Der König ließ ihn ſogleich ein⸗ laden; denn es war bekannt, daß Jakob Fugger nie mit leeren Händen kam, und nichts konnte der König von Ungarn und Böhmen nöthiger brauchen, als Gold. Der Hof befand ſich nicht ſelten in Lagen, wo er an den unentbehrlichſten Lebensbedürfniſſen geradezu Mangel litt. Auch war, was Fugger brachte, keineswegs der Betrag einer fällig gewordenen Schuld— er hatte die Lehngelder ſchon auf zwei Jahre vorausbezahlt— ſon⸗ dern eine neue Pränumerativn. Es war nämlich kaum auf der hohen Hofburg in Ofen bekannt geworden, daß der reiche Fugger von Augsburg ſich im Lande befinde, als er auch von Seiten des nothleidenden Königs be⸗ ſtürmt wurde, neue Vorſchüſſe zu machen. Und ſo trabte denn Veit Schellenberg mit dem wohlbekannten Kaſten in der ſchweinsledernen Decke, ſchwer tragend und ſchwitzend, hinter ſeinem Herrn her den ſteilen Berg hinauf, auf deſſen Felſenſtirn das große und prächtige Königsſchloß ſich erhebt, und murmelte allerlei Tadelndes in den Bart; da er keineswegs damit ein⸗ verſtanden war, daß der Ungarkönig ſo viel Geld im voraus erhielt. 2 „ Die Königskrone. 321 Die Vorzimmer und Gemächer der Hofburg boten wenig königlichen Glanz, dafür deſto mehr lungernde Pfaffen und dürftig ausſehende Schranzen. Es ſah Alles ſo trübſelig, ſo ſchläfrig, ſo ſtaubig aus, wie im Märchen vom Dornröschen. Ein Kämmerer führte den augsburger Bürger in des Königs Cloſet. Wla⸗ dislav ſaß auf einem Polſterbette in einen großen Bä⸗ renpelz gehüllt, obgleich die junge Sommerſonne heiß an die Fenſter prallte; in das Zimmer war ihr der Zugang durch verſchoſſene ſeidene Vorhänge verſpertt. Die Luft im Gemach war dick und verdorben. Vor dem Bette ſaß ein feiſter Pfaffe im prächtigen vivletten Cardinalsgewande; es war der Biſchof von Gran und hinter ſeinem bequemen Stuhle ſtanden zwei jüngere geiſtliche Diakonen in einfacher Tracht. Die alten, ſchlaffen, erdfahlen Züge des Königs ſchienen bei Fug⸗ ger's Eintritt einen Anſatz zu machen, ſich beleben zu wollen; aber ſie ſanken augenblicklich wieder in ihre ausdrucksloſe Starrheit zurück. Die Augenlider, kaum emporgezogen, bedeckten wieder über die Hälfte das graue, geiſtloſe Auge. Die ganze Erſcheinung war ein Bild ſchlaffer Trägheit und Abſpannung, einer geiſtes⸗ armen, langſamen Lebensthätigkeit, die nur in Ruhe und Schlaf Befriedigung fand. Dieſer ſchläfrige König hatte das Anſehen eines dem Tode nahen achtzigjäh⸗ rigen Greiſes, obgleich er damals erſt zweiundfunfzig Jahre alt war, und erinnnerte an den verzauberten Ein deutſcher Leinweber. UI. 21 Die Königskrone. Kaiſer Friedrich Barbaroſſa im Kyffhäuſer Berge, der alle hundert Jahre einmal aus dem Schlafe auf⸗ fährt, um zu fragen, ob die Raben noch um den alten Thurm fliegen, und dann wieder in den Zauber⸗ ſchlummer verſinkt. Ohne ſich zu erheben, denn er litt ſchon ſeit vielen Jahren am Podagra und andern langwierigen Krank⸗ heiten, dankte der König Fugger's ehrerbietigem Gruße mit einer leichten Handbewegung. —„Ew. königlichen Hoheit gnädigſtem Befehl nachzukommen, werde ich fünftauſend Dukaten in Dero Schatz liefern,“ begann Fugger.„Außerdem bitte ich unterthänigſt, dies kleine Handgeſchenk huldvoll von mir anzunehmen.“ Damit zog er eine große Rolle neugemünzter Du⸗ katen hervor. Der König entfaltete die Hände und ſtreckte die Rechte nach dem Gelde aus.„Ihr ſeid ein frommer Mann,“ ſagte er dazu langſam und mit weicher Stimme.„Ihr vergeßt den König von Un⸗ garn nicht, wie die meiſten ſeiner Unterthanen, Gott ſei's geklagt. Die fünftauſend liefert nur auch an mich ſelbſt ab. Gott und die Heiligen lenken's immer zum Beſten.“ Auf Fugger's Wunſch führte der Kämmerer den Reitknecht mit dem Geldkaſten herein, den ſein Eigen⸗ thümer öffnete und die Rollen auf einen Tiſch zählte. Der Prälat befahl einem der jüngern Geiſtlichen eine Die Königskrone. 323 Quittung zu ſchreiben, die der König und er ſelbſt un⸗ terzeichneten. Als das Geſchäft abgemacht war, ſagte Fugger:„Auch wollte ich Ew. königlichen Hoheit meinen Glückwunſch abſtatten wegen des bevorſtehenden neuen Wachsthums Eueres königlichen Hauſes. Der Herr gebe, daß Euch ein Prinz geſchenkt werde!“ —„Ich dank Euch, Herr Fugger. Gott hat's wunderbar gefügt, daß er mir in meinem Alter noch Kraft beſcheert und ſolches Heil mir widerfahren laſſen. Und gerade zur rechten Zeit. König Maximilian ſtand ſchon mit Heeresmacht an den Grenzen, um ſein Erb⸗ recht auf die ungariſche Krone geltend zu machen, das ihm die Magnaten umgeſtoßen. Ich war unſchuldig an dem Handel. Die ungariſchen Herren fragen nicht uͤach mir. Marimilian und ich ſind die beſten Freunde und mir war's recht und lieb, daß einſt nach meinem Ableben Max oder ſein Sohn, der König von Caſti⸗ lien, König von Ungarn werde. Aber da iſt der Graf Hans von Zips, der meint die vom Himmel gefallene Krone*) paſſe auf ſeinen Tollkopf beſſer als auf das fürſtliche Haupt eines Habsburgers. Deshalb wollte Maximilian mit den Ungarn Krieg führen, während er und ich die beſten Freunde ſind. Der geſegnete Leib der Königin hat ihn davon abgehalten und er iſt *) Bekanntlich wurde von der ungariſchen Königskrone behauptet, ſie ſei vom Himmel auf die Erde gefallen. 21* 324 Die Königskrone. nach Wien zurückgekehrt, um die Entbindung meiner Gemahlin abzuwarten. Gott gebe, daß ſie mir einen Prinzen ſchenkt, den die Magnaten ſogleich zu ihrem Könige wählen wollen. Ihr ſeid in hoher Gunſt beim deutſchen Könige, Herr Fugger, ſo ſagt ihm denn, daß ich täglich zweimal für ihn bete. Wenn's aber wie⸗ derum eine Prinzeſſin wird, ſo trägt der Graf von Zips die Schuld des Kriegs. Gott und der heilige Stephan werden mich nicht verlaſſen und Mar und ich bleiben doch die beſten Freunde.“ —„Gott wird Alles zum Beſten fügen,“ ſagte Fugger, dem es etwas unheimlich in der königlichen Geſellſchaft wurde. Er fügte alſo kurz hinzu:„Ich bitte Ew. Hoheit um gnädigſte Erlaubniß, der Königin aufwarten zu dürfen.“ —„Ja, ja, geht mit Gott!“ verſetzte Wladislav. „Ihr habt ſie durch Euern Beſuch vor acht Wochen und die prächtige Goldkette ſehr erfreut, die kleine leb⸗ hafte Franzöſin. Sie läßt ſich gern etwas ſchenken, aber es kommt nicht viel an ſie, die arme Kleine. Habt Ihr vielleicht wieder etwas mitgebracht?“ —„Wenn Ew. königliche Hoheit erlaubt, werd' ich ihr einen Ring überreichen, der nicht ganz ohne Werth iſt und den der geſchickteſte augsburger Gold⸗ ſchmied gefertigt.“ —„Zeigt her, laßt mich den Ring ſehen!“ Fugger öffnete ſeinen Kaſten wieder und holte Die Königskrone. 325 eine Kapſel hervor, die er öffnete und dem Könige hinhielt. —„Ah, das iſt ein böhmiſcher Saphir, ein präch⸗ tiger Rubin!“ rief Wladislav lebhafter als gewöhnlich. „Ja, ja, in unſerm Böhmerlande werden koſtbare Edelſteine gefunden, aber ſie kommen nicht in unſere königliche Schatzkammer, und in Augsburg wohnen die geſchickteſten Steinſchleifer und Goldſchmiede, aber ich beſitze wenig von ihren Meiſterwerken. Ein ſchöner Ring! Ich will Euch meinen königlichen Willen offen⸗ baren, Herr Fugger. Als Ihr vor acht Wochen hier waret, war ich eben in Waradein beim Biſchof als Gaſt, wie Ihr gehört haben werdet, und ich bin da⸗ durch um Euern Beſuch und das Geſchenk gekommen, welches ihr mir jedenfalls zugedacht hattet. Ich will den Ring dafür annehmen; Ihr mögt der Königin eine weniger werthvolle Gabe verehren, oder ſie mag dies⸗ mal leer ausgehen, wenn Ihr nichts Anderes bei Euch habt; ſie hat ja vor kurzem erſt die koſtbare Kette von Euch erhalten.“ —„Wenn es Ew. Hoheit ſo beliebt,“ verſetzte Fugger etwas ärgerlich, obgleich wenig erſtaunt, da ihm die Armuth des Königs nicht unbekannt war. Hatten ihm ſeine Verwandten in Kremnitz doch vor wenigen Wochen erſt erzählt, wie der Haushofmeiſter und Küchenmeiſter des Königs von Ungarn und Böh⸗ men gar oft den Unterhalt für die königliche Familie Die Königskrone. bei den reichen, im Ueberfluß ſchwelgenden Magnaten zuſammenbetteln müßten und die Fleiſcher in Ofen den Braten nicht borgen wollten für die königliche Tafel. Der Cardinal beſah ſich den Ring mit ſchmun⸗ zelndem Behagen und ſchien denſelben als ſeine Beute zu betrachten. —„Gott ſchenk' Euch Frieden und Freudigkeit!“ ſprach der König mit gefalteten Händen und entließ mit dieſem Segensſpruch den augsburger Bürger, der ſich, von ſeinem brummenden Reitknecht gefolgt, nach den Gemächern der Königin begab. Ein junger ſchöner Geiſtlicher im rothen Ornat mit dem Biſchofskreuze trat raſch und keck heraus. Sein blitzendes Auge über⸗ flog Fugger's einfache Geſtalt und lächelnd erwiderte er deſſen Gruß. Auch Fugger lächelte ſtill in ſich hinein, als der Prälat aus ſeinem Geſichtskreis war und er von dem ebenfalls bedeutungsvoll lächelnden Kämmerer der Königin, einem Franzoſen, erfuhr, der geiſtliche Herr ſei der hochwürdige Biſchof von Wa⸗ radein und Beichtvater der Königin. Der ehrliche Jakob dachte an dies und das und auch an das ge⸗ prieſene Wunder, welches der Kränklichkeit, Kraftlo⸗ ſigkeit und Hinfälligkeit des Königs ſchon den zweiten Leibeserben erweckt habe. Die leichte und zierliche Geſtalt der jungen lieb⸗ reizenden Königin trat dem deutſchen Handelsherrn in unverkennbar großer Aufregung entgegen, ihr drei⸗ —,——— —— — —,—— —— 327 jähriges Töchterchen an der Hand, das, wie ſie, Anna hieß. Ach, es war aber nicht mehr jenes ſüße friſche Feenkind, die holde Grazie des franzöſiſchen Hofes, die vor vier Jahren den leichtempfänglichen Philipp von Oeſtreich entzückt und bezanbert hatte. Unaus⸗ ſprechlicher Verdruß und Ekel, Langeweile, Aerger und Zorn hatten mit ihren grauſamen Pflugſcharen die lieb⸗ lichen, jugendreizenden Züge durchwühlt und ihren ver⸗ derblichen Samen hineingeſtreut. Welch ein verbiſſener Ausdruck des höchſten Mismuths trat aus dieſen blei⸗ chen, abgeſpannten Zügen hervor! Der geiſtige Einfluß, den ihr frommer Gemahl auf ſie gehabt, war in ihrem Geſicht nicht zu verkennen; von welcher lähmenden, ver⸗ zaubernden Kraft mußte dieſer Einfluß geweſen ſein, daß die heiterſte, lebensluſtigſte, ſchalkhafteſte Prinzeſſin in ſo wenigen Jahren ihm erlegen war! Es war ihr ein trauriges Königslvos gefallen, der holden Sylphide, der leichtblütigen Tochter des ſchönen Frankreichs; an den häßlichen, kraft⸗ und willenloſen, ſtets kranken und ſchläfrigen Wladislav, den erbarmungswürdigſten aller Menſchen im öden Ungarlande geſchmiedet, hatte ſich ihrer Seele eine ſtille Wuth und Reizbarkeit bemächtigt, die gegen Land und Leute um ſie gerichtet war und ſich vft in Schmähworten, öfter in bittern Thränen Luft machte. Alſo geſchändet war die herrliche Blume, ſo der Flügel der ſchönen Pſyche grauſam geknickt! —„Ich bin Euch ſehr verbunden, Herr Fugger,“ Die Königskrone. 328 Die Königskrone. ſagte ſie mit einem Anfluge von anmuthigem Lächeln, das an ihre beſſern Tage erinnerte,„daß Ihr Euer Verſprechen, mich vor Euerer Abreiſe aus Ungarn noch einmal zu beſuchen, nicht vergeſſen habt. In der That, man pflegt der Königin dieſes Landes wenig zu ver⸗ ſprechen und dieſes Wenige ſogar nicht zu halten, daß es mich faſt rührt, Euch bei mir zu ſehen.“ —„Königliche Hoheit, ich bin ein Deutſcher und halte die deutſche Treue hoch in Ehren. Ihr erſtes Erforderniß aber iſt, daß man hält, was man ver⸗ ſprochen hat.“ —„Ach, Deutſchland iſt ſchön!“ ſeufzte die junge Königin,„aber ſchöner noch iſt Frankreich, mein ge⸗ liebtes Frankreich. Glaubt mir, werther Herr, ich ſterbe noch vor Sehnſucht nach Frankreich.“ —„Es ſcheint Euch in Ungarn nicht ſonderlich zu gefallen, Madame,“ ſagte Fugger treuherzig und gut⸗ müthig, von Mitleid mit der traurigen Lage der jungen ſchönen Frau ergriffen, und der Ton der herzlichſten Theilnahme in ſeiner Stimme wirkte mächtig auf Anna's ſchwer belaſtetes Gemüth. Sie brach in Thränen aus. —„O mein Gott!“ weinte ſie,„wie kann es mir in einem Lande gefallen, wo man mich ohne Scheu ſchmäht und geringer achtet, als das gemeinſte Weib! Ihr findet mich in großer Beſtürzung. Kaum kann ich Euch entdecken, welch eine Schmach mir heute ange⸗ droht worden iſt, und ich habe keigen Schirm, keinen — Die Königskrone. 329 Schutz gegen dieſe übermüthigen, unritterlichen Mag⸗ naten. Mein natürlicher Beſchützer, mein Gemahl und noch dazu der König dieſes Landes, kann ſich— Gott ſei's geklagt!— ſelbſt nicht ſchützen gegen die Frech⸗ heit des Adels und die Habgier der Geiſtlichkeit; er iſt ein armer Spielball in ihren Händen. O, es iſt unverantwortlich, daß mein Vetter Ludwig von Frank⸗ reich mich als Opferlamm in dieſes wüſte Land, unter dieſe herzloſen Barbaren ſchickte, um mir eine doppelte Königskrone aufſetzen zu laſſen, unter der ich— hun⸗ gern muß!“ Fugger machte eine abwehrende Bewegung des Schreckens mit der Hand. Da es ihr wohlzuthun ſchien, ſich einmal gegen ein edles Herz auszuſprechen, ſo fuhr ſie fort:„Ich weiß, Ihr nehmt Theil an meinem Schickſal, das Ihr ja doch noch lange nicht zur Hälfte ſeiner Erbärmlichkeit kennen könnt, und es iſt wenigſtens ein Troſt, ſein Leid einem würdigen Manne klagen zu können. Auch ſteht Ihr ja, wie Ihr mir ſelbſt geſagt, in Gunſt bei meiner lieben Ju⸗ gendfreundin, der Erzherzogin Margarethe von Oeſt⸗ reich; ich bitt' Euch, ihr meine Noth zu klagen und ſie in meinem Namen zu warnen, daß ſie nicht, wie das Gerücht geht, den alten König von England heirathet. Es iſt ein Unglück, die Gemahlin eines alten Kö⸗ nigs zu ſein; meine Muhme Germaine hat auch die Thorheit begangen, ſich mit dem alten Könige von 330 Die Königskrone. Arragonien zuſammenſchmieden zu laſſen. Sie wird es auch ſchon bald genug bereuen.— Am ſchlimmſten bin ich aber angekommen. Denn wahrlich, mein Herr und Gemahl, der König zweier Königreiche, iſt ſo arm, daß er mich gar vft nicht anſtändig zu ernähren ver⸗ mag.“ Und wieder weinte ſie und drückte ihr Töch⸗ terchen an's Herz. —„Ew. Hoheit iſt heute in einer ſehr betrübten Stimmung,“ ſagte Fugger, indem er es auch in ſeinen Augen feucht werden fühlte,„jedenfalls Folge der böſen Mähr, die man Euch hinterbracht hat.“ —„Ja eine böſe Mähr! Was würde meine Muhme, die Königin Anna von Frankreich, zu ſolch einem Anſinnen ſagen, wie mir es heute gemacht worden iſt! Aber ihr Gemahl iſt der Beherrſcher geſit⸗ teter Menſchen, der meinige die ohnmächtige Drahtpuppe wilder Barbaren.“ —„Laßt mich die Urſache Eueres Kummers wiſſen, hohe Frau, damit ich ihn theilen, di den Grund deſſelben ſogar beſeitigen kann.“ —„Das vermögt Ihr nicht, lieber Herr; aber Euere Theilnahme thut mir ſchon wohl. Dieſe über⸗ müthigen Magnaten, der freche Graf von Zips an ihrer Spitze, verlangen, daß einige von ihnen bei meiner bevorſtehenden Entbindung gegenwärtig ſeien und der über meine neuen Mutterhoffnungen aufge⸗ brachte Graf, der ſich ſchon als König von Ungarn — —————— 4 Die Königskrone. 331 ſieht und betrachtet, hat heute ſchon das Schloß be⸗ zogen, um ſtets in meiner Nähe zu ſein, obgleich ich meine Stunde erſt in acht bis zehn Wochen erwarte. Und dieſen brutalen Menſchen ſoll ich in den ſchweren Augenblicken um mich ſehen! Der Gedanke iſt mir un⸗ erträglich und empört mein Herz. Eine Königin und muß mir ſchamloſe Dinge anmuthen laſſen, die ſich das Weib eines Stallknechts nicht gefallen laſſen würde.“ —„In der That, es iſt unerhört. Aber zu wel⸗ chem Zwecke will Euch denn der Graf läſtig fallen?“ —„Begreift Ihr nicht: damit ich oder der König ihnen nicht etwa einen Knaben unterſchöbe, wenn ich 5 ein Mägdlein gebäre; als wenn es irgend ein Glück wäre, König von Ungarn zu ſein.“ 6 —„Fürwahr, jetzt wird mir Euere ſchlimme Lage erſt recht klar. Ihr genießt bei dieſen mächtigen un⸗ gariſchen Herren keines ſonderlichen Vertrauens und ſeid wahrhaftig zu bedauern. Das thu' ich auch von ganzem Herzen; denn Euch zu helfen ſteht freilich nicht in meiner Macht.“ —„Ach wäre nur meine liebe Jugenfreundin Luiſe nicht auf dem Wege zu mir geſtorben!“ weinte die Königin;„dann hätte ich in dieſer Noth doch eine befreundete Seele um mich, die mit Hoheit und Würde die Anmaßung des Grafen von Zips zurückwieſe. Wie glücklich würde ich in ihrem Umgange ſein und ihr all' mein ſchlimmes Herzeleid klagen! Aber muß ich ſie 332 Die Königskrone. ſelbſt nicht glücklich preiſen, daß es Gott alſo mit ihr gefügt? Was hätte meine Armuth, meine Hülfloſigkeit ihr und ihrem Gemahl bieten können! Ihr ahnet es nicht und kein Menſch in der übrigen Welt ahnet es, wie es bei uns zugeht. König von Ungarn und Böhmen! Das klingt groß und prächtig. Aber dabei abhängig von einem reichen, mächtigen, übermüthigen Adel auf der einen Seite und einer reichen, üppigen Geiſtlichkeit auf der andern, die ſich ſtets mit wilder Leidenſchaft⸗ lichkeit bekämpfen und ſich nicht an ihren ſchwachen und kranken König kehren, den ſie darben laſſen; das iſt erbärmlich, und ich würde darüber lachen, wenn ich nicht ſelbſt im Elend ſteckte. Darum hat es der Himmel wohl mit Luiſen gemacht; ſie hätte ja mit mir hungern müſſen. Auch hat ihr Gemahl wohlgethan, ſchnell wieder von hier abzureiſen, und es war nur gut, daß ihr ihm die Mittel dazu bei Euerm Hierſein gewährtet; denn weder ich, noch der König hätten ſie ihm ver⸗ ſchaffen können.“ —„Gott tröſte Ew. Hoheit! Mir aber erlaubt, gnädigſte Frau, daß ich Euch einen kleinen Beweis meiner Ergebenheit überreiche. Der Zeitpunkt, dem Ihr entgegengeht, bringt ungewöhnliche Bedürfniſſe. So bitte ich Euch zum höflichſten, Ihr wollet von mir dazu eine kleine Beiſteuer von fünfhundert Dukaten annehmen.“ —„Ich erkenne Euere Güte und Ihr erfreut mich —— . Die Königskrone. mit Euerm neuen Geſchenke. Es iſt wol traurig für eine Königin, ſolche Geſchenke annehmen zu müſſen, aber der hohe Edelmuth des Gebers lindert meinen Schmerz. Gott wird es Euch vergelten.“ Und abermals trug Veit Schellenberg den Kaſten in Schweinsleder herbei, der wieder um einige Rollen leichter wurde. Zugleich nahm Fugger eine ſchöne goldne Armſpange und reichte ſie der kleinen Prinzeſſin Anna mit den Worten dar:„Auch möchte ich, daß Euer ſchönes Prinzeßlein ein Andenken von Jakob Fugger in Augsburg trüge und ſich in ſpäterer Zeit meiner dabei erinnerte. Nehmt es an in ihrem Namen.“ —„Ich danke Euch in ihrem und meinem Na⸗ men,“ ſagte die Königin freundlich.„Wir werden es Euch nimmer vergeſſen. Wann gedenkt Ihr Euere Reiſe in die Heimat fortzuſetzen?“ —„Ich habe zwei junge Neffen mitgebracht, denen ich erſt Ofen und Peſth zeigen will. Hernach habe ich nichts mehr hier zu ſchaffen, als den Brief an die Erzherzogin Margaretha in Brüſſel, den Ihr mir an⸗ vertrauen wolltet, in Empfang zu nehmen.“ —„Noch hab' ich ihn nicht geſchrieben; aber Ihr ſollt ihn morgen haben.“ Fugger beurlaubte ſich und hatte ſeine beſonderen Gedanken über königliches Elend. Das heiterſte Sommerwetter vermochte ihn am fol⸗ genden Tage mit ſeinen Neffen eine Donaufahrt zu 334 Die Königskrone. machen. Auf der Rückkehr wurden ſie von Kanonen⸗ ſchüſſen überraſcht, welche auf der hochgelegenen Hofburg ſchnell hintereinander gelöſt wurden. Beim Ausſteigen aus dem Boote erfuhren ſie von der zuſammengelau⸗ fenen Volksmenge, die Königin habe einen Prinzen ge⸗ boren, er ſei aber zu frühzeitig zur Welt gekommen und nicht größer als ein Handſchuh, auch habe er keine Haut mitgebracht; die Aerzte ließen Schweine in der Stadt holen, in deren aufgeſchnittenen Bauch der un⸗ zeitige Prinz geſteckt werde, um ihm dadurch Lebens⸗ wärme und eine Haut zu verſchaffen. In ihrer Her⸗ berge angelangt, erfuhren die Fugger vom Herbergs⸗ vater die betrübende Nachricht, die Königin ringe mit dem Tode, und ſchon nach einer Stunde verbreitete ſich die Trauerkunde, ſie habe den Geiſt aufgegeben. Man erzählte nun offen, der Graf von Zips habe die hohe Frau dermaßen geärgert, daß ihre Leibesfrucht von dieſer Gemüthsbewegung zwei Monate zu früh von ihr gegangen; dann ſei der Graf mit der Wehmutter zugleich in das Cloſet der Königin gedrungen und während dem Kreiſen nicht gewichen. Darüber hätten ſich alle anweſende Frauen der Königin bis zum äußer⸗ ſten erzürnt und zwiſchen einer franzöſiſchen Kammerfrau und dem Grafen ſei es zu einem heftigen Auftritt ge⸗ kommen. Dadurch ſei das verdroſſene Gemüth der gebärenden Königin noch heftiger angegriffen worden und wahrſcheinlich hätten die Frauen och vazu in der „ Die Königskrone. 335 Beſtürzung irgend etwas bei ihr verſehen. Die unglück⸗ liche Königin habe nur noch mit ſchwacher Stimme den Wunſch ausgeſprochen, daß der Prinz nach ihrem Vetter, dem Könige von Frankreich, Ludwig getauft werden möge, den der König, ſein Vater, habe Julius nennen laſſen wollen, weil ſein Geburtstag der erſte des Mo⸗ nats Juli war. Dann habe ſie nur ſo viel Zeit ge⸗ habt, das Saerament zu empfangen, und ſei plötzlich unter den Händen ihres Beichtvaters verſchieden. Noch an demſelben Abend ertönte das Trauergeläute von den Thürmen der beiden Schweſterſtädte. Am nächſten Morgen reiſten die Fugger ab. Es grauſte Jakob, länger an dieſer Stätte zu verweilen. 336 Die Königskrone. Pierundzwanzigstes Rapitel. Es war eine ſchwüle Sommernacht, doppelt fühlbar unter dem ſpaniſchen Himmel. Die Sterne leuchteten drei in ſeidne Mäntel gehüllten Wanderern, welche ernſt und ſchweigend auf das Kloſter des heiligen Fran⸗ ciscus in Valladolid zuſchritten. Auf ein Zeichen mit der Glocke öffnete ſich die Pforte. Sie traten ein und ein Pater leitete ſie nach der Kirche. Hier wartete der Prior mit einigen Mönchen, der Adelantado Bar⸗ tolomev Colombo und der junge Diegv Colombo, ſein Neffe. Alle beugten ſich ehrerbietig vor den eingetre⸗ tenen drei jungen Männern, die als der König Philipp, der Pfalzgraf Friedrich und der Baron Philibert von Vere erkannt wurden. Die Mönche trugen düſter brennende Fackeln, deren Schein in der hohen Kirche das Ernſte und Schauerliche der Handlung, welche die kleine Geſellſchaft vorzunehmen im Begriff ſtand, ver⸗ mehrte. Der König war bleich und ſeine Züge zeigten einen an ihnen ungewohnten Ausdruck von Spannung und Trübſinn. 5 *. Die Königskrone. „Es iſt Ew. Majeſtät hoher Wunſch und Befehl geweſen,“ redete ihn der Adelantado an,„die ſterb⸗ lichen Ueberreſte meines Bruders zu ſehen.“ —„Da mir nicht vergönnt war, die Bekanntſchaft des lebenden großen Mannes zu machen, ſo will ich ſeine ehrwürdige Geſtalt wenigſtens im Tode ſehen und ihr meine Ehrfurcht bezeigen.“ Die Gruft der Kirche war bereits geöffnet und die Mönche ſchritten mit den Fackeln voran. Der König ſtützte ſich auf den Arm des Pfalzgrafen beim Hinabſteigen; er zitterte leiſe, indem ſie zwiſchen den Särgen hinwandelten. Sie langten vor einem großen, ſchönverzierten Sarge an. Der Prior ſprach ein kurzes Gebet, während deſſen die Mönche niederknieten und das Antlitz tief zur Erde neigten. Nun nahm der Erſtere den Wedel aus der Hand eines Mönchs, tauchte ihn in den Weihkeſſel, den ein Anderer trug, und be⸗ ſprengte, Gebete murmelnd, den Sarg. Auf ſeinen Wink hoben die Mönche den Deckel und hielten die Fackeln nahe an die Leiche. Der König trat mit ſeinen Günſtlingen heran. Da lag die große, ehrfurchtge⸗ bietende Geſtalt des Weltentveckers, das ſchöne Bild eines wahren Helden. Sein ſtarkes Haupt zierte ein Lorberkranz; ſeine edle Adlernaſe ſah gebietend aus. In den gefalteten Händen hielt er ein Erucifir. Zu ſeinen Füßen lag ein Bund eiſerner Ketten. In ſeine Züge war der Ausvruck eines ſchmerzlichen Lächelns Ein deutſcher Leinweber. IMI. 22 338 Die Königskrone. gebannt, vermählt mit dem Frieden Gottes, der nur aus dem Leichenantlitz edler und großer Dulder leuchtet. Der König betrachtete die Leiche lange ſtarr und ſchweigend; er ſchien in ein tiefes, gedankenloſes Ge⸗ fühl verſunken, in eine ſchauerliche Ahnung. Endlich wandte er ſich an den Adelantado mit den Worten:„Ich ahne, was dieſe Ketten bedeuten. Sind ſie auf Befehl des Admirals mit ihm in den Sarg gelegt worden?“ —„Ja, Majeſtät, es ſind die Ketten, in welchen er von Hiſpanivla nach Spanien geführt wurde; ſie hingen ſtets ſeinem Bette gegenüber, ſodaß ſeine Augen, ſo oft er ſie aufſchlug, darauf fielen, und es war ſein letzter Wille, daß er auch im Tode nicht von ihnen getrennt würde.“ —„Fürwahr, ſie ſind ihm ein Ehrengeſchmeide, köſtlicher als die Ordensketten aller drei ſpaniſchen Krie⸗ gerorden, und ſie ſind ein Schanddenkmal Ferdinands, des Großmeiſters dieſer Orden. Wenn dieſe Hülle in Staub zerfällt, wird ihr Geklirr Vergeltung fordernd zum Himmel ſchreien!“ Er wandte ſich von dem Todten ab.„Es iſt meine Sache, dem Helden Colombo ein herrliches Denkmal zu errichten und an ſeinen Nachkommen zu vergüten, was Ferdinand an ihm verſchuldet hat. Don Diegv, Ihr ſollt der Träger aller Würden Eueres Vaters ſein und Euch, Don Bartvlomeo, lade ich nach Burgos ein, wohin ich mich von hier begeben werde. Dortr Die Königskrone. will ich mich mit Euch über meine Plane beſprechen; denn ich gedenke in dieſem Herbſt noch den ehrenwerthen Jakob Fugger von Augsburg nach Caſtilien zu berufen. Wir müſſen eilen, etwas Tüchtiges auszuführen, damit uns nicht etwa der Tod einen neuen Strich durch die Rechnung macht. Zwar war er ſeither mein wohlge⸗ ſinnter Freund, aber ſeit er Euern Bruder hinweg⸗ gerafft, iſt er mir untreu geworden und ich trau' ihm nicht mehr.“ In ernſter Stimmung und tiefem Nachdenken kehrte der König in ſeinen Palaſt zurück.— Die Stände des Königreichs waren in Valladolid verſammelt, um dem jungen Königspaare ihre glänzende Huldigung darzubringen. Aber der Empfang war be⸗ trübend geweſen. Juanna in ihrer unſcheinbaren ſchwarzen Kleidung, die eher zu einer Trauer, als zu einer Freudenfeier paßten, und vom tiefſten Trübſinn befallen, hatte alle Feſtlichkeiten, zum großen Verdruß ihres Gemahls, abgelehnt und ſich in ihre Zimmer im Palaſt zurückgezugen, Niemanden Zutritt zu ſich geſtattend. Die Stände waren darüber in Beſtürzung gerathen und Philipp nahm davon Gelegenheit, ſich auf den letzten öffentlichen Erlaß ſeines Schwieger⸗ vaters berufend, ſie bei ihnen für gänzlich wahnſinnig zu erklären und im Stillen darauf anzutragen, ſie für immer in ein Kloſter einzuſperren und ihm die Regie⸗ rung allein zu übergeben. 340 Die Königskrone. In dieſen treuloſen Bemühungen wurde er vom Erz⸗ biſchof von Toledo eifrig unterſtützt; aber er ahnte die Gründe nicht, welche Timenes leiteten, in dieſer An⸗ gelegenheit auf ſeiner Seite zu ſein. Ebenſo ſtimmten Manuels Anhänger für die Einſperrung der Königin als einer Wahnſinnigen. Aber eine ſo unwürdige Be⸗ handlung ihrer eigenen„natürlichen Herrſcherin“ ſagte dem geſunden Sinne der Gemeinen nicht zu. Sie wollten ſich wenigſtens erſt überzeugen, ob eine ſolche Einſperrung auch unumgänglich nöthig ſei. Deshalb beauftragten ſie den Admiral von Caſtilien, Don Fe⸗ drique Enriguez, einen Granden vom höchſten Einfluß, der Königin einen Beſuch zu machen und ihren Zuſtand in einer Unterredung genau zu erforſchen. Dieſem konnte die Königin die Audienz nicht verſagen, denn er war's, der ſie vor zehn Jahren mit einer prächtigen Flotte nach Flandern geführt; auch war er mit dem königlichen Hauſe verwandt. Er blieb über zwei Stun⸗ den bei ihr und wußte ihr ganzes Vertrauen zu ge⸗ winnen. Am folgenden Tage erklärte er in der Stän⸗ deverſammlung:„Er habe die heiligſte Ueberzeugung gewonnen, daß die Königin nicht wahnſinnig, nicht geiſteszerrüttet ſei, ſondern nur an einer krankhaften Liebesreizung für ihren Gemahl und daraus entſprin⸗ genden Eiferſucht leide. Ihr tiefer Trübſinn komme daher, daß ſie für dieſe Eiferſucht ſtets neue Nah⸗ rung ſuche und finde, und er habe davon Gelegenheit —— —ĩ— —— Die Königskrone. genommen, ernſtlich mit dem Könige zu ſprechen und ihm das Gewiſſen zu ſchärfen.“ Dieſe wenigen Worte vereitelten Philipps eigen⸗ nützigen, zügelloſen Plan. Die Stände erkannten nicht einmal den Erlaß des Königs Ferdinand an, worin er ſeine Tochter für wahnſinnig erklärte und die Krone auf Philipp allein übertragen wiſſen wollte. Philipp mußte ſein Vorhaben, der moraliſchen Kraft der Volks⸗ vertreter gegenüber, aufgeben und ſich mit einem An⸗ erkennungsakte, gleich dem zu Toro, begnügen. Die gebräuchlichen Huldigungseide wurden Juanna als Kö⸗ nigin„Eigenthümerin des Königreichs,“ Philipp als ihrem Gemahle und endlich ihrem älteſten Sohne, dem Infanten Karl, als muthmaßlichem und geſetz⸗ lichem Thronfolger, auf den Todesfall ſeiner Mutter, geleiſtet. Es ſchien ſogar, als wenn Juanna ſich der Regierungsangelegenheiten ſelbſt annehmen wollte; denn ſie war bei dieſer Gelegenheit ſorgfältig bedacht, die Vollmachten der Abgeordneten ſelbſt zu prüfen, um zu ſehen, ob ſie auch alle die gehörige Beglaubigung hätten, und dieſe verſtändige Handlungsweiſe erregte ſo viel Freude bei den Ständen, daß ſie auf die Abfaſſung des Huldigungseides, wonach Juanna mit der gewöhn⸗ lichen Gewalt bekleidet wurde, großen Einfluß ausübte. Aber die unglückliche Königin erfuhr, welch einen Antrag ihr Gemahl ihretwegen den Ständen geſtellt. Donna Francesca dullva, immer noch nicht gewitzigt, Die Königskrone. hatte ihr kaum das letzte Wort davon geſagt, in der Hoffnung, endlich Haß und Abſcheu in ihrem Herzen gegen Philipp zu erregen, als die Unglückliche auch ſchon mit beflügelten Schritten nach den Gemächern ihres treuloſen Gemahls eilte. Es war zu Ende mit aller Beſonnenheit. Mehrere ſeiner Günſtlinge waren zugegen; ſie ſah nur ihn, den grauſamen, heißgeliebten Mann. Und mit dem Angſtgeſchrei:„Philipp, ach Philipp, verſtoße mich nicht!“ ſtürzte ſie vor ihm nieder, unſchlang ſeine Knie und vergrub ihr Antlitz in den Falten ſeines Mantels.„Vergönne mir nur, bei dir zu ſein und dich zu lieben,“ jammerte ſie wieder,„ich verlange ja nichts weiter. Ich weiß, daß du die Marquiſe von Tuy liebſt und von ihr erhört wirſt, aber ich will es zu ertragen ſuchen. Nur ver⸗ banne mich nicht von dir! Nein, nein, du kannſt, du darfſt es nicht; denn ich hege wieder Mutterhoffnungen. Das Leben deines ſechſten Kindes bildet ſich unter meinem Herzen aus und ſchon ſeinetwegen darfſt du ſeine arme Mutter nicht von dir entfernen und ins Elend ſtoßen.“ So flehte hängeringend die Eigenthümerin der reich⸗ ſten und mächtigſten Krone Europas, die Beſitzerin der neuen Welt, die Königin von Caſtilien und Leon, daß Allen, die es hörten, das Herz bewegt und eine Thräne des Mitleids in's Auge gelockt wurde. Nur Philipp ſagte kalt zu ihr:„Steh' auf und entferne Die Königskrone. dich! Es wird dir nichts geſchehen. Du wirſt Kö⸗ nigin bleiben.“ Er winkte dem Pagen Bübenhoven, auf deſſen Arm geſtützt ſie hinauswankte, um eine Woche und länger, eingeſchloſſen in ihre verhängten Gemächer, in ihrem dumpfen, thränenloſen Schmerze zu brüten.. —„Und Don Enriquez behauptet, ſie ſei nicht verrückt!“ ſagte er verächtlich zu ſeiner Umgebung. „Nun, wie ihr geſehen, ſorgt ſie ſchon ſelbſt dafür, daß den Herren Cortes die Augen aufgehen werden.“ Dieſer und ähnliche Auftritte zwiſchen dem Königs⸗ paare wurden im Volke bald ruchbar und erzeugten nicht ſowol unter dem eigenſüchtigen Adel als viel⸗ mehr unter der großen Maſſe eine allgemeine Mis⸗ ſtimmung. Man ſah die angeſtammte Königin von einem Fremdling gemishandelt; dies kam den patriotiſch geſinnten Caſtiliern unerträglich vor. Aber es geſchahen bald noch andere Dinge, welche dieſes Misvergnügen mehr und mehr zu ſteigern geſchickt waren. Kaum war nämlich der Huldigungseid der Stände geſchworen, als der König, die Faſſung deſſelben gänzlich unbeachtet laſſend, mit unerhörter Willkür die Zügel der Regie⸗ rung allein ergriff und ſeine Gemahlin von jeder Theilnahme daran gänzlich ausſchloß. Was man ge⸗ fürchtet und der König Ferdinand mit dem Cardinal ximenes im Stillen gehofft, traf pünktlich ein. Ja die Handlungen des Königs überboten beiweitem all' 344 Die Königskrone. dieſe Befürchtungen und ſtillen Hoffnungen. Eine förmliche Umwälzung in allen Regierungsfächern war das Werk weniger Wochen. Die meiſten der alten Beamten und Staatsdiener wurden ohne alle Umſtände abgeſetzt, um den Günſtlingen des Königs, Don Ma⸗ nuels und einiger andern dem Könige blind ergebenen Granden Platz zu machen. Beſonders waren es die Flamänder, welche in alle bedeutende Poſten und Aemter eingeſchoben wurden, unbekümmert, ob ſie ſich dazu eigneten oder nicht. Ohne Kenntniß der Sprache, der Volkseigenthümlichkeiten, der Sitten, ja des Landes und der Geſchäfte ſelbſt, ſollten ſie den wichtigſten und einflußreichſten Stellen im Heere wie in der Re⸗ gierung und Verwaltung des Landes vorſtehen; faſt alle Feſtungen wurden ihnen eingeräumt und ſie behan⸗ delten Caſtilien wie ein erobertes Land. Was bei dem Könige aus Leichtſinn, Gutmüthigkeit, Geſchäftsſcheu und Vergnügungsſucht geſchah, bildeten ſie zum Syſtem aus. Sie ſtellten wieder ihre Creaturen an und in kurzer Zeit waren Bedrückungen, Gelderpreſſungen aller Art an der Tagesordnung. Der junge Habsburger, der nach Caſtilien gekommen war, die Ungerechtigkeiten ſeines Schwiegervaters wieder gut zu machen, beging durch jugendliche Sorgloſigkeit, Ehrgeiz und Schwäche in wenigen Wochen mehr Ungerechtigkeiten„als Fer⸗ dinand während ſeiner ganzen Regierungszeit. Don Juan Manmuel wurde von ſeinem königlichen Ge⸗ Die Königskrone. 345 bieter mit verſchwenderiſcher Großmuth bedacht und mit Ehrenſtellen und Gütern wahrhaft überhäuft. Obgleich die letzten Cortes, um ſich dem neuen Könige willfährig zu zeigen, bedeutende ungewöhnliche Geldbewilligungen für ihn gemacht hatten, ſo reichten die öffentlichen Einkünfte doch lange nicht aus für die unſinnigſten Verſchwendungen am Hofe, und um das Fehlende zu erſetzen, wurden bald die Aemter an den Meiſtbietenden verkauft. Selbſt an Einkünften, die dem König Ferdinand gehörten, vergriff ſich Philipp, gab aber in dieſer Beziehung den ernſten Vorſtellungen des Erzbiſchofs imenes nach. Nichts war für Philipp wünſchenswerther, als das Gold der ſpaniſchen Gebirge bald zu gewinnen; Jakob Fugger ſollte noch vor dem Winter kommen, ein vom Könige heiß erſehnter Mann. Es war ein merkwürdiger, den Caſtiliern nichts weniger als zuſagender Anblick, den König und ſeine Günſtlinge nicht aus dem Taumel des Wohllebens herauskommen zu ſehen, während die Königin in ihren verſchloſſenen Zimmern, deren Fenſter ſogar gegen den freundlichen Strahl des Sonnenlichts verhängt waren, in der ſchwermüthigſten Trauer des tiefſten Trübſinns ſchmachtete und jede andere Unterhaltung als die mit ihren Katzen floh. Die Stimmen des Unwillens, erſt leiſe und einzeln, wurden bald lauter und vermehrten ſich; die Gerüchte 346 von einer Verſchwörung des andaluſiſchen Adels zur Befreiung der Königin ließen keinen Zweifel an der Wahrheit der Sache mehr zu; in allen übrigen Theilen des Königreichs kamen die beunruhigendſten Zeichen von Ungehorſam zum Vorſchein. Unter allerhand Vorwänden entfernte ſich ein Adliger um den andern vom Hofe und es fehlte nicht viel daran, ſo war Philipp mit ſeinen flämiſchen Landsleuten in der fünften Woche ſeiner Regierung allein. Er hatte keinem der Granden Wort gehalten und die alten Privilegien beſtätigt. Aber auch bei dem Volke gelang es ihm nicht, ſich beliebt zu machen, und leider erregte er deſſen Mistrauen durch Aeußerungen ſeiner Hochherzigkeit, wie den Unwillen des Adels durch Handlungen ſeiner Schwäche. Zu der⸗ ſelben Zeit wüthete nämlich das Ketzergericht zu Cordova mit abſcheulicher Strenge ſelbſt gegen ausgezeichnete Fa⸗ milien und warf Mitglieder derſelben, ohne Unterſchied des Geſchlechts, als der Ketzerei verdächtig, in's Gefäng⸗ niß. Dadurch entſtanden Aufſtände und Reibungen. Die Angelegenheit wurde vor Philipps königlichen Rath zur Entſcheidung gebracht und der König ſprach ſich ſo ent⸗ Die Königskrone. ſchieden unwillig gegen das ganze Ketzergericht aus und deutete auf deſſen gänzliche Aufhebung hin, daß das ſtreng⸗ gläubige Volk auch in ihm einen Ketzer und Glaubensfeind erblickte und ſich mit Schmähungen von ihm abwandte. Es ſchien in der That, als ſollte Ferdinands und ximenes' geheimer Plan auf natürlichem Wege ſchneller Die Königskrone. zur Ausführung kommen, als ſie ſelbſt vermuthet hatten; denn ein allgemeiner ſchrecklicher Ausbruch des über das ganze Königreich verbreiteten Misvergnügens ſtand bereits vor der Thüre. Während ſich dieſe Gewitterwolken am politiſchen Himmel Caſtiliens dichter zuſammenzogen, verließ Phi⸗ lipp zu Ende des Auguſtmonats Valladolid und ging langſam wie ein Triumphator mit unerhörter Pracht nach Burgos. Der Wechſel der Reſidenz brachte keine Veränderung im Leben des Königspaares und des Hofes hervor. Juanna wurde in dieſem Bachantenzuge als eine lebende, unheimliche Leiche mitgeſchleppt. Am 19. September nach der Tafel lud Don Ma⸗ nuel ſeinen königlichen Herrn zu einem von ihm auf der Schloßterraſſe veranſtalteten Ballſpiel ein. Der Tag war heiß und der König gab ſich mit gewohnter Leidenſchaftlichkeit dem Vergnügen des Spiels hin. Da⸗ durch erhitzte er ſich ungemein und, als ſein Blut in der höchſten Wallung war, befahl er einem Pagen, ihm ein Glas friſches, kaltes Waſſer zu bringen. Er leerte es auf einen Zug, um ſich abzukühlen. Schon nach wenigen Minuten fühlte er eine Verſtimmung, die ihn veranlaßte, in's Schloß zu gehen und von einem Fenſter aus den fernern Verlauf des Spiels mit anzuſehen. Noch ſtand er nicht lange hier, als er ſich ernſtlich unwohl fühlte und ſich auf ſein Zimmer begab. Schon vor Nacht trat Fieber bei ihm ein. Seine flamän⸗ 348 diſchen Aerzte nahmen die Sache leicht. Am folgenden Tage wurde aber auch ein italieniſcher Arzt, Ludovico Marliano, einer der vorzüglichſten Heilkünſtler, als ihr Beiſtand gerufen; er drang auf Aderlaß, aber Philipp ſcheute ſich davor und die Flamänder hielten es nicht für nöthig. Das Fieber wurde ärger, der König redete irre. Die Königin wich vom erſten Augen⸗ blick der Krankheit nicht vom Lager des von ihr ſo heftig geliebten Gatten. Sie reichte ihm die Arzneien ſelbſt; ihr Ange fand keinen Schlaf, es bewachte mit der ängſtlichſten Spannung jeden ſeiner Züge. Die Krankheit nahm mit jedem Tage einen beun⸗ ruhigendern Charakter an und wurde von den Aerzten als ein höchſt gefährliches, anſteckendes Fieber erkannt, das zu der Zeit in Caſtilien graſſirte; ſie ſchritten nun zu Aderlaß und andern herviſchen Mitteln, aber die begangenen Fehler waren nicht wieder gut zu machen. Am fünften Tage lief eine Depeſche aus den Nieder⸗ landen ein. Der König war um Mittag ruhiger und der Pfalzgraf überreichte ihm den Brief der Erzher⸗ zogin. Er erbrach und las ihn. Plötzlich ſeufzte er tief auf:„Großer Gott, Loniſe von Maine iſt todt! Anna von Fvir iſt todt! Fritz, auch ich muß ſterben! Erinnere dich der Prophezeiung der Zigeunerprinzeſſin. Jetzt verſteh' ich ſie ganz. Sie hält mir getreulich Wort. Ach und welch ein ſeltſames Geheimniß muß ich aus dieſem Briefe erfahren! Rufe mir den Bübenhoven.“ Die Königskrone. Die Königskrone. Der Page war über eine Stunde allein bei ſeinem todtkranken Herrn. Als er wieder aus dem Zimmer trat, weinte er heftig. Der König beſchied einen Schreiber zu ſich und dictirte ihm mehrere Verfügungen. Gegen Abend überſiel ihn das Fieber mit furchtbarer Gewalt und ſtieg die Nacht über noch. Er phantaſirte fort und fort von Luiſen, mit der er ſich von ihrer Jugendliebe mit rührenden Worten unterhielt. Als der Tag anbrach, traten die Anzeichen des nahenden Todes ein und die Aerzte machten den Prieſtern Platz. Aber der Sterbende hatte bis ein Uhr Mittags zu kämpfen, wo er die Seele aushauchte. Die Beſtürzung, der Schrecken im Schloſſe, die Verwirrung der Hofleute und Günſtlinge waren unbe⸗ ſchreiblich. Die Königin ſaß ſtarr an der Leiche, ſelbſt wie ein lebloſes Bild. Sie weinte nicht, ſie ſeufzte nicht, ſie regte ſich kaum; es war ein entſetzlicher An⸗ blick. Die verwöhnten Günſtlinge, die erſt zwei Mo⸗ nate die Süßigkeit des Herrſchens genoſſen hatten, fielen wie betäubt am Bette nieder„auf welchem der entſeelte achtundzwanzigjährige König lag. Einige weinten heftig, Andere konnten ihres dumpfen Schmerzes nicht Meiſter werden; Mamuel geberdete ſich wie un⸗ ſinnig. Es kamen und gingen immer andere Männer; die Königin nahm von keinem die mindeſte Kenntniß. Endlich traten auch einige Hofdamen herein und nahten weinend der Leiche. Da fuhr Inanna wie eine Furie 350 Die Königskrone. empor mit wild drohenden Geberden und Geſchrei: „fort! fort!“ auf die erſchrockenen Frauen los und verjagte ſie aus dem Zimmer. Jetzt ſtellte ſich heraus, daß ihre Eiferſucht zum Wahnſinn geworden war; denn ſie zeigte ſich auf die Leiche ſchier noch eiferſüchtiger als ſie auf den lebenden Gatten geweſen war. Kein weibliches Weſen außer der ſchwarzen Matty durfte ihr nahen. Und ſo ſaß ſie wieder in ihrem gedanken⸗ loſen ſtarren Trübſinn und hielt ihre glanzloſen Augen auf das bleiche Todtengeſicht geheftet, gleichſam als erwarte ſie die Farbe und Bewegung des Lebens wieder in daſſelbe zurückkehren zu ſehen. Als es Nacht geworden war, duldete ſie nicht mehr als ein Licht im Gemach, ein ſchwaches Lämpchen, das ſie ſelbſt anzündete und zu Häupten des Todten ſtellte. Nun nahm ſie wieder ihren Platz am Bette ein, unbe⸗ kümmert um die kommenden und gehenden Männer. Es war grauenhaft, ſie in der Dämmerung vor der Leiche ſitzen zu ſehen, deren weißes Antlitz mit den hellblon⸗ den Locken geſpenſterhaft leuchtete. Es war ſchon ſpät, als Matty einen Mann herein⸗ führte, der ſich tief in den Mantel gehüllt hatte. Die blonden Locken fielen ihm über die Stirn. Er wankte und zitterte heftig, als er näher trat. Dann faltete er die Hände und kniete am Bette nieder, die Augen auf den Todten gerichtet. Ein Strahl der Lampe überdämmerte ſein Geſicht und der Blick der Königin Die Königskrone. folgte ihm unwillkürlich. Sie ſah da mehrere rothe Narben und ein glühendes Ange. Eine dunkle Erin⸗ nerung ſchien in ihr aufzuleben, aber ſie gewann keine beſtimmte Geſtalt in ihrem zerrütteten Geiſte. Sie wurde unruhig und fragte Matty leiſe:„Wer iſt der Mann?“ —„Ein flandriſcher Edelmann,“ verſetzte dieſe,„in deſſen Dienſt ich einſt geſtanden. Er bat mich, ihm ſeinen geliebten König noch einmal zu zeigen.“ —„O ihr heiligen Fürſprecher!“ murmelte der Kniende wie in Verzweiflung,„ſo ſollte es ja nicht kommen. Wer Das geahnt hätte!“ —„Ihr vergeßt Euch!“ flüſterte ihm Matty zu. „Nicht ſprechen war die Bedingung. Kommt! Mir wird bange.“ Aber der heftig bewegte Beter erhob ſich nicht. Er war wie an die Stelle gebannt. —„Entfernt Euch!“ befahl ihm die Königin. Matty riß ihn empor. Er machte eine drohende Be⸗ wegung auf die Königin zu, aber die Schweze drängte ihn nach der Thüre. Draußen ſagte ſie:„Was thut Ihr, meine Frau! Welch ein Unglück hätte aus Euerer Unbeſonnenheit entſtehen können!“ —„O Himmel!“ ſtöhnte Elevnore— denn ſie war es—„das iſt alſo das Ende des ſtolzen Traumes! Grauſamer Philipp, du haſt mich um meine Rache be⸗ trogen, wie um meine Liebe. Todt, todt— und ich trage 352 Die Königskrone. nun die Schmach eines Lebens, das keinen Mittelpunkt mehr hat, denn all' mein Thun und Sinnen war nur auf dich gerichtet; wie ich dich haßte, ſo glühend liebte ich dich. Nur wen man gewaltig liebt, den kann man gewaltig haſſen, und wen man haßt, den liebt man. Ich wollte ihm die Krone rauben aus Liebeshaß; es war eine herrliche Aufgabe für mich und ich lechzte danach, ſie zu löſen. Der neidiſche Tod hat meine Rolle übernommen. Wehe mir! Wehe mir!“ Und ſie ſtürzte verzweiflungsvoll in die Nacht hinaus. Die Königskrone. 353 ünfundzwanzigstes Rapitel. Im Vorzimmer der Erzherzogin⸗Statthalterin in der Hofburg zu Brüſſel, lehnte Marx von Bübenhoven in einer Fenſterniſche und nahm keinen Theil an der Un⸗ terhaltung der Hofherren. Er und alle Andere bis auf die Diener herab waren in Trauerkleidern. Dann und wann ließ er den ſchwermüthigen Blick über die Baum⸗ wipfel draußen hingleiten, von denen Herbſtſtürme das gilbende Laub herabfegten. Da kam ihm in die Erin⸗ nerung, wie er vor fünf Jahren zu derſelben Jahreszeit aus einem Fenſter des Kapellen'ſchen Hauſes in Ant⸗ werpen demſelben Spiel der Blätter zugeſehen wie jetzt, und eine Thräne ſchlich ihm die Wange herab. Wohin war all' die Herrlichkeit, Jugend, Schönheit, WMinneglut, Reichthum und fürſtliche Pracht? Geſtorben und verdorben! Das Schickſal hatte die Sünde furcht⸗ bar gerächt. Aber aus dem Wirrwarr all' der unbe⸗ ſtändigen grellen Bilder hob ſich eine einfache, ehr⸗ würdige Geſtalt hervor, die in ihrer ſchlichten Tugend, Ein deutſcher Leinweber. II. 23 354 Die Königskrone. in ihrer ſegensvollen Thätigkeit, in ihrem frommen und reinen Sinn, trotz dem tollen Wechſel der übrigen, dieſelbe geblieben war, ein leuchtendes Bild deutſcher Treue und Ehrenhaftigkeit, ein Vorbild für kommende Geſchlechter. Es war das Bild Jakob Fugger's. Der Jüngling verfolgte in Gedanken die angenehmen Erin⸗ nerungen an den trefflichen Mann, als dieſer ſelbſt in ſeiner beſcheidenen Bürgertracht in das Zimmer trat. Marx eilte mit freudiger Bewegung auf ihn los und begrüßte ihn herzlich. —„Ich habe Euch in Euerer Wohnung auf Be⸗ fehl der durchlauchtigen Frau aufgeſucht, werther Herr,“ ſagte er,„ſie wollte Euch mit dem Prinzen Alnahar zuſammen die Abſchiedsaudienz geben, aber Ihr waret nicht aufzufinden.“ —„Ich hatte noch Geſchäfte abzuthun,“ verſetzte Fugger.„Wo iſt Alnayar?“ Der Page deutete auf die Flügelthüre zu den Ge⸗ mächern der Statthalterin. Dann flüſterte er:„Sie ſchien es gern vermeiden zu wollen, ihm allein unter vier Augen Lebewohl zu ſagen; ſie wollte Euch dabei haben. Aber ſie mochte ihn nicht länger warten laſſen. Er iſt ſchon faſt eine Stunde bei ihr; noch eine harte Stunde für ſie.“ —„Für Beide, mein Sohn. Aber es iſt gut, daß ſie allein mit einander ſprechen. Da werden ſie das Herzeleid los.“ — ,— Die Königskrone. —„Werdet Ihr und der Prinz meiner Mutter heute die Ehre ſchenken, ihre Gäſte zu ſein? Ich weiß, ſie hat Euch dringend erſuchen laſſen.“ —„Wir haben uns ſchon bei ihr entſchuldigen laſſen. Alnayar hat nicht Ruhe und Raſt; es treibt ihn über das Weltmeer. Es iſt Alles zu unſerer Ab⸗ reiſe fertig und in ſpäteſtens zwei Stunden ſind wir auf dem Wege nach Antwerpen. Dort hat Bartolomä Welſer die letzte Ausrüſtung der Schiffe beſorgt und da der Wind günſtig iſt, werden ſie morgen unter Segel gehen.“ —„Und wohin wird der unglückliche Prinz ſeine erſte Meerfahrt für Euer Haus machen?“ —„Nach Oſtindien. Später wird er als unſer Handelsagent mit Gottes Hülfe auch die neue Welt beſuchen. Mit des Königs Tod ſind freilich die ſchön⸗ ſten Pläne geſcheitert. Doch wir dürfen das Vertrauen auf Gott nicht verlieren. Alnayar iſt ein geſchickter Seemann; er wird uns von Nutzen ſein.“ —„Und er hegt eine große Verehrung für Euch, die der meinigen gleichkommt. Er ſchwur mir zu, daß er ſein Leben ferner nur Euerm Dienſt weihen werde.“ —„Sein Entſchluß iſt löblich. Er will ferner nur Kaufmann und Seefahrer ſein und nichts ſoll ihn an ſeine frühere Laufbahn erinnern. Er legt heute ſogar den Namen Alfonzo de Granada ab, wie er 356 Die Königskrone. früher den Namen Alnayar ablegte; er will weder für einen Mauren, noch für einen Spanier gelten.“ —„Wie wird er ſich nennen?“ —„Noch weiß ich es nicht. Er erbittet ſich ſeinen neuen Namen von der Erzherzogin.“ In dieſem Augenblicke wurden die Thürflügel ge⸗ öffnet und der Gegenſtand dieſes Zwiegeſprächs trat heraus. Er war einfach ſchwarz gekleidet und die tiefſte Trauer lag in ſeinen bleichen, ſchönen Zügen. Dem Edelknaben die Hand reichend, ſagte er bewegt:„Lebt wohl, mein junger Freund, mein Lebensretter! Gott geb' Euch Freuden in Fülle!“ —„So hat denn auch unſere gnädigſte Frau Euch nicht bewegen können, in's Vaterland fragte Marx bekümmert. —„Ich habe kein Vaterland mehr,“ entgegnete der Maure.„Ich will mir erſt wieder eins erwerben, das Meer. Ich bin das vom Sturm entwurzelte Schilfrohr, das unabläſſig auf den Wellen treibt.“ Es lag eine Welt voll Schmerz in dieſen wenigen Worten. Ein Kämmerer meldete, daß die durchlauchtigſte Frau Erzherzogin⸗Statthalterin Herrn Fugger zu em⸗ pfangen bereit ſei, und geleitete denſelben nach der Thüre, die er vor ihm öffnete. Die Erzherzogin ſtand mitten im Zimmer, in ſchwarze Schleier und Gewänder gekleidet, umgeben Die Königskrone. 357 von den drei älteſten Kindern ihres verſtorbenen Bru⸗ ders, der achtjährigen Eleonore, dem faſt ſiebenjäh⸗ rigen Karl und der fünfjährigen Iſabella. Die Kinder ſpielten mit allerlei Spielgeräth am Boden. Die Erz⸗ herzogin hatte verweinte Augen und ſchien ſehr ange⸗ griffen. —„Ihr kommt, mir Lebewohl zu ſagen, Herr Fugger,“ begann die ſchöne Fürſtin mit jener ſüßen Milde in Wort und Blick, die ihr alle Herzen ge⸗ wann, doch zitterte die Stimme, wie von innern Thrä⸗ nen belaſtet. —„Don Alfonzo wird Ew. Hoheit berichtet haben, daß ich morgen mit ihm nach Antwerpen gehe, um ihn auf das Schiff zu bringen, deſſen Führer er ferner ſein wird.“ —„Ich weiß es,“ flüſterte ſie wehmüthig. —„Von Antwerpen kehre ich ſogleich nach Augs⸗ burg zurück, wo mich dringende Geſchäfte erwarten.“ —„Euch rufen auch dort Pflichten und wahrlich Ihr habt denen treueſter Ergebenheit hier im vollſten Maße genügt. Ich werde es meinem Vater zu rühmen wiſſen, wie troſtreich Ihr Euch mir in dieſer ſchreck⸗ lichen Zeit erwieſen, wo die Schläge des Schickſals ſo furchtbar auf mich regneten, daß ich es als ein Wunder göttlicher Barmherzigkeit betrachten muß, ihnen nicht erlegen zu ſein.“ —„Ihr habt zu viel Güte für mich, durchlauch⸗ 358 Die Königskrone. tigſte Frau. War ich's denn nicht, der Euch eine jener ſchlimmen Trauerbotſchaften überbrachte, womit Euer edles Herz heimgeſucht worden iſt?“ —„Beſſer Ihr, als ein Fremder. Auch von Ca⸗ ſtilien war der Junker Bübenhoven der Ueberbringer der ſchrecklichen Todesbotſchaft und durch den Mund ſeiner Mutter wurde mir die Kunde meines Verluſtes mitgetheilt. Dadurch wurde ſie wenigſtens nicht ver⸗ nichtend für mich. Ich habe es jetzt erſt recht em⸗ pfunden, welch einen Engel mir der Himmel in der Gräfin von Tyrol zugeſchickt hat. Und wem anders verdank' ich dies, als eben Euch, edler Mann?“ —„So hat doch Gott Euer Herz dem Troſte geöffnet.“ —„Ich habe mich in Demuth der Hand gebengt, die mich ſo hart geſchlagen. Alles, was mir einſt lieb und theuer war, hat nun ein unerbittlicher Tod dahin⸗ gerafft. Drei junge Männer, mit denen mich der Segen der Kirche nach einander verbunden, der einzige Bruder, die geliebteſte Freundin, die Geſpielinnen meiner Kindheit, alle, alle ſind ſie dem unerbittlichen Geſchick als Opfer gefallen, ſodaß ich mir in meinem ſiebenundzwanzigſten Lebensjahre oft wie eine Greiſin vorkomme, die Alle überlebt hat, die einſt mit ihr denſelben Weg gingen. Kaum kann ein Herz härter geprüft werden als das meinige. Aber ich habe den Schmerz überwunden; heute habe ich den letzten Kampf . „ „— „ —— Die Königskrone. 359 beſtanden und Ihr ſeht mich als Siegerin. Gott hat mich meine neuen Pflichten erkennen laſſen, dieſen armen Waiſen hier Mutter und Erzieherin zu ſein. Ihr Vater iſt dahin, ihre Mutter— v Gott!— iſt ihr Leben nicht ſchlimmer als Tod? Ich muß ihnen jetzt Alles ſein und ich will's. Aber auch dieſes Land bedarf des Regenten und der Himmel hat mich dazu auserſehen. Ich erkenne meine Aufgabe, Mutter und Herrſcherin zu ſein. Es iſt mein Vaterland, das Land meiner Liebe, und es ſind ſeine und meine Kinder, es iſt der künftige Herr dieſes Landes. Und ſo will ich ihm nicht nur dieſen Prinzen zu einem tüchtigen Herrſcher erzie⸗ hen, ich will meinem Karl auch das Land mit Segen verwalten, ſodaß ich es ihm einſt, wenn Gott will, in ſchöner Blüte übergeben kann. So nehmen mich Mutter⸗ und Regentenpflichten gleich ſtark in Anſpruch und die Sorge, ihnen würdig zu genügen, kämpft den Schmerz in mir nieder und raubt ihm die vergiftete Spitze. Ich habe in der Noth die ſchwere Kunſt gelernt, mein Herz zu bezwingen.“ —„Heil Euch, hohe und edle Frau!“ rief Fugger begeiſtert,„Euere thätige Tugend wird dieſen Kindern und dieſem Lande von größtem Segen ſein. Wir müſſen dem Tode ſeinen Raub laſſen und unſere Kräfte dem Leben zuwenden; weihen wir den Geſtorbenen ein ſtilles Andenken, den Lebenden unſere Thätigkeit! So er⸗ füllen wir alle Pflichten. Gott ſtärke Ew. Hoheit auf 5 360 Die Königskrone. dem wichtigen Wege, den Ihr mit ſo viel Tugend vor allem Volke wandelt!“ —„Ich werde ſtets nach Euerm Beifall ſtreben als nach dem eines Mannes, deſſen ganzes Leben Thä⸗ tigkeit und Menſchenliebe iſt. Ich habe vor wenigen Minuten wieder ein neues Beiſpiel von Euerer Hoch⸗ herzigkeit erfahren. Kinder!“ rief ſie jetzt ihren Pfleg⸗ lingen zu,„Herr Jakob Fugger will nach Augsburg, ſeiner Vaterſtadt, zurückreiſen. Gebt ihm die Hand, wünſcht ihm Lebewohl und bittet um ſeinen Segen. Fürwahr, der Segen eines Ehrenmannes hat größere Kraft, als der eines ſchlechten Pfaffen.“ Prinz Karl ſprang herzu und befolgte den Befehl; munter ſagte er, indem er ſeine kleine Hand in die des augsburger Bürgers legte:„Tante Gretchen erzählt uns oft von Euch, was Ihr für ein guter und braver Mann ſeid. Ich will auch ſo werden.“ —„Gott gebe Euerm löblichen Vorſatz Kraft und Gedeihen, Herrlein! Ihr ſeid zu wichtigen Dingen auf Erden berufen, da thut's fürwahr noth, daß Ihr ein guter und braver Mann werdet. Von Allem, was ein Fürſt ſein kann, iſt gut und brav ſein das Beſte. Ich bitt' Euch, vergeßt niemals Euer Verſprechen und ſorgt dafür, wenn Ihr groß geworden ſeid, daß ich Euch niemals daran zu erinnern brauche.“ —„Herr Fugger,“ ſagte die Erzherzogin,„Euch eine Gnadenkette umzuhängen, dünkt mir eine Anmaßung Die Königskrone. 361 von mir, ich will es meinem königlichen Vater über⸗ laſſen, und doch möchte ich Euch ein Zeichen meiner Verehrung geben. So bitt' ich Euch, nehmt mein Bild und bringt es Euerer Hausfrau als das Conterfei einer ſchwergeprüften Fürſtin, die die Tugend eines Mannes zu ſchätzen weiß.“ —„Ew. Hoheit beglückt mich durch dieſes Ge⸗ ſchenk— mir das theuerſte, was es geben kann— daß ich es nicht mit Worten auszuſprechen vermag. Dies Bild ſoll der thätigſte und menſchenfreundlichſte meiner Neffen einſt von mir erben als meinen koſt⸗ barſten Schatz; er ſoll mit Freuden daran erkennen, daß nichts belohnender und erhabener iſt als die Gnade und Gunſt eines geliebken Fürſten, wahrhaft beſeligend aber die einer verehrten Fürſtin. Und nun lebt wohl, Hoheit! Gott geb' Euch Frieden und Freude!“ Die Königskrone. Sechsundzwanzigstes Rapitel. Die uralte Stadt Augsburg hat nur eine einzige Vor⸗ ſtadt, die St. Jakobsvorſtadt genannt. Sie ſenkt ſich hinab nach dem Lech zu und iſt den vierten Theil ſo groß, wie die Stadt ſelbſt. Dort war eine geräumige Strecke mit einer Menge ½ elender Häuſer be⸗ ſtanden; viele der armſeligen Baulichkeiten verdienten nicht einmal dieſen Namen. Es waren die Wohnungen der ärmſten Leute in Augsburg und der Ort hieß der Kappenzipfel. Schon ein Jahr zuvor war Jakob Fugger mit ſeinen beiden Brüdern Ulrich und Georg einig ge⸗ worden, dieſe ſämmtlichen ſchlechten und baufälligen Häuſer auzukaufen, ſie niederreißen zu laſſen und dafür neue und zweckmäßige Wohnungen für die Armuth zu bauen. Hier war im Spätherbſt die emſigſte Thätigkeit zu ſehen. Der Ankauf der meiſten Häuſer war geſche⸗ hen und zehn davon waren bereits abgeriſſen; die erſten beiden neuen erhoben ſich aber ſchon wieder aus 363 den Trümmern. Die ganze Anlage ſollte nach einem feſten Plane ausgeführt werden. Nach des verſtorbenen Georgs Wunſche ſollte ſie den Namen Fugger in der Stadt Augsburg bis zu den ſpäteſten Zeiten erhalten. Und es iſt bekannt, daß dieſe Häuſerinſel bis heute den Namen„die Fuggerei“ führt und ihn gewiß führen wird, ſo lange Augsburg beſteht*). Hier unter den Werkleuten ſchaltete und waltete Jakob Fugger täglich ein paar Stunden in ſeiner be⸗ kannten emſigen und liebreichen Weiſe, die ſo leicht alle Menſchen, ſchier gegen ihren Willen, ihm dienſtbar machte und die es ihm ermöglichte, Alles durchzuſetzen, Die Königskrone. was er wollte. Hier war er nun erſt recht in ſeiner arbeitfrohen Stimmung, denn er wollte den Aermſten ſeiner geliebten Vaterſtadt Hütten bauen. Sein Auge funkelte mit jener edeln Menſchenfreundlichkeit, die das Lebenselement großer und reiner Herzen iſt, und er gewann hier durch einen Blick, feuerte dort durch ein Wort an, belohnte hier und dort durch einen Hände⸗ druck oder leichten Schlag auf die Schulter; dann ließ er wieder einmal den Becher kreiſen, nachdem er zuvor ge⸗ trunken, und in den Fugger'ſchen Kellern lagerte kein ſchlechter Wein. So wurde die Arbeit wie durch Zauberei gefördert und Maurer und Zimmerleute ſtaunten ſich ſelbſt *) Die Fuggerei wurde erſt im Jahre 1519 von Jakob Fugger vollendet und beſtand damals aus 106 kleinen Häuſern. 364 Die Königskrone. einander an. Die erſten oder die Muſterhäuſer, nach welchen die andern gebaut werden ſollten, gingen ihrer Vollendung mit raſchen Schritten entgegen. Frau Sibyhlle liebte es, ihren Ehegemahl auf die Bauſtätte auf dem Kappenzipfel zu begleiten und ihm guten Rath zu geben, wol auch ſelbſt anzuordnen, und er war gutmüthig genug, oft ihrem Wunſche nachzu⸗ geben und die baulichen Einrichtungen nach ihren An⸗ gaben zu treffen. Auch theilte das Ehepaar täglich hier Wecken und Geld unter die armen Kinder aus, welche alle beim Bauen beſchäftigt wurden. Eines Tages ſtanden ſie in traulichem Zwiegeſpräch zuſammen und betrachteten mit Wohlgefallen das erſte nun bald fertige Häuslein; da wankte eine zerlumpte Bettlerin auf ſie zu. Jakob fuhr raſch in die Taſche, um ihr ein Almoſen zu verabreichen; in demſelben Augenblick fiel das Weib mit einem dumpfen Schmer⸗ zensruf ohnmächtig zu Boden und lag regungslos vor den Füßen des erſchrockenen Ehepaares. Jakob ſprang hülfreich hinzu, um das arme erſchöpfte Weib aufzu⸗ richten, er hatte aber kaum Hand an ſie gelegt, als er ſeiner Wirthin mit wahrem Entſetzen zuraunte: „Steh' uns Gott bei und alle heiligen Nothhelfer! Es iſt ja die Frau Eleonore van der Voort.“ —„Schnell laß ſie in das Häuslein tragen und verhüll' ihr das Geſicht, damit ſie Niemand weiter erkennt!“ ſagte Sibylle beſorgt.„Wenn's Nacht ge⸗ ———— 2 Die Königskrone. 365 worden, wollen wir ſie durch unſere Leute heimlich heimſchaffen laſſen.“ ² Die Ohnmächtige wurde in das neue Gebäude ge⸗ bracht und hier ſo gut gebettet, wie es eben anging. Frau Sibylle ſchickte eiligſt nach Wein und Brot und ließ ihrer alten, tauben Magd anſagen, daß ſie ſchleu⸗ nigſt eine ſtärkende Suppe bereiten ſolle. Erſt nach Stunden und nicht ohne ärztliche Hülfe gelang es, die unglückliche Frau wieder zum Bewußt⸗ ſein zu bringen; aber ſie war ſo ſchwach, daß ſie nicht zu ſprechen vermochte. Ihr Aeußeres war nicht minder in einem ſehr übeln Zuſtand. Sie war barfuß und ihre Füße ſchwielig und blutig von einer langen Fußwanderung; ihre Kleider hingen zerfetzt um ſie, ihre Haut, von der Sonne Spaniens verbrannt, hatte nun auch den letzten Reſt von Schön⸗ 3 heit verloren. Wangen und Augen waren tief eingefal⸗ len, ihre Züge hatten Schmerz und Verzweiflung zer⸗ wühlt; ſie war ein Schreckbild geworden. Jakob konnte ſie nicht genug betrachten, denn ſeine Phantaſie ſtellte ihm ihr reizendes, verführeriſches Bild daneben, wie er ſie vor fünf Jahren im höchſten Glanz jugendlicher 6 Schönheit und unermeßlichen Reichthums zuerſt geſehen hatte. Es war ihm wie ein unbegreifliches Wunder, daß dieſe häßliche Bettlerin dieſelbe Frau ſein ſollte, die vor ſo kurzer Zeit— denn was ſind fünf Jahre in den Gedanken eines Menſchen!— den reichen Herzog * 366 Die Königskrone. von Burgund und Niederland königlich bewirthet und zum zärtlichen Minnewart gehabt hatte. Gegen Abend ließ ſie Jakob in einer Sänfte in ſein Haus bringen, wo Frau Sibylle bereits gute Ein⸗ richtung für ſie getroffen hatte. Sie verbrachte die Nacht ſehr unruhig und am andern Morgen lag ſie ſchon im heftigen Fieber. Sie phantaſirte furchtbar und ſtritt ſich oft in ihren heißen Fieberträumen mit dem Pater Innocenz, den ſie nur in der Geſtalt des Teufels ſah. Dann hatte ſie es wieder mit Phi⸗ lipps Leiche, mit der wahnſinnigen Königin und mit der ſchwarzen Matty zu thun. Drei Wochen lang ſchwebte ſie zwiſchen Leben und Tod. Aber der Tod verſchmähte die arme Frau, er, der ſo gierig in jüngſter Zeit nach hohen, jugendlichen Häuptern gegriffen hatte. Sie genas. Eines Tages machte ihr Jakob einen Beſuch. Sie ſah ihn lange und ſchweigend an. Endlich fragte ſie mit gepreßter Stimme:„Wo iſt mein Vater?“ —„Todt!“ verſetzte er kalt.„Ihr habt ihm das Herz gebrochen, als Ihr ihn verlaſſen und fortge⸗ zogen ſeid, keinem Menſchen ſagend wohin.“ Sie verhüllte das Haupt und ſchluchzte krampfhaft. —„Wo ſeid Ihr denn geweſen?“ fragte Fugger ernſthaft. —„Fragt nicht! Laßt mich ſchweigen!“ fuhr ſie auf.„Ich bin abermals von Königen und Pfaffen — Die Königskrone. 367 betrogen und hintergangen und jetzt ſchändlicher als das erſte Mal. Fluch über alle Fürſten und Pfaffen!“ —„Ihr ſeid durch Euer Unglück um nichts ge⸗ beſſert, Frau!“ ſprach Fugger verdrießlich.„Ich will nicht in Euer Geheimniß dringen, auch kann mir gleich⸗ gültig ſein, wo Ihr Euch ſeit einem halben Jahre herumgetrieben habt; aber ich wollte jede Wette ein⸗ gehen, daß Eitelkeit, Rachſucht und anderes böſes Gelüſt mehr an Euerm jetzigen Elend ſchuld iſt, wie alle Fürſten und Pfaffen. Und ſo habt Ihr all' Euer unglück ſelbſt verſchuldet. Deshalb wollt' ich, Ihr ginget in Euch und bliebet nun ruhig hier in Augs⸗ burg, wo Ihr zum Leben genug habt und Euch Nie⸗ mand ein Haar krümmt.“ —„Ich will es,“ ſagte ſie weinend.„Nun, da der König Philipp todt iſt, will ich von Euerer Unter⸗ ſtützung leben, weiß ich doch nun, daß dieſe nicht von ſeiner Gnade kömmt.“ —„Ihr braucht auch nicht von meiner Gnade zu le⸗ ben, noch von der eines andern lebenden Menſchen. Mein Bruder Georg hatte Euerm Vater, wie Ihr wißt, ein hübſches Legat ausgeſetzt und Ihr ſeid die Erbin; denn für Euere Geſchwiſter hat mein ſeliger Bruder noch beſonders geſorgt. Es war der Wille meines guten Georg, daß eins der erſten neuen Häuſer, die die Fug⸗ ger in der Jakobsvorſtadt bauen, Euerm Vater und Euch zur Wohnung angewieſen werden möchte. Euer 368 Die Königskrone. Vater hat hoch oben auf der Blümlisalp ſein eigen Käm⸗ merlein bezogen und bedarf unſeres Baues nicht mehr. Für Euch aber ſteht das Häuslein bereit und Ihr könnt es mit dem kommenden Frühjahr beziehen.“ Und ſo geſchah's. Nach dem Oſterfeſte zog die ſchwer Gedemüthigte in die kleine reinliche Wohnung und ward die erſte Inſaſſin der Fuggerei. Ende des dritten Theils. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ——— —