Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 vvon S 2 Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. eiß und Teſebedingungen„ 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgube eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— W— 1W 2 n Monat: 5. Auswärtige ponhenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr fekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Philipp von Oeſtreich. Zweiter Theil. Erstes Rapitel. Das raſtloſe Beſtreben der bis zur tiefſten Verächtlich⸗ keit treuloſen Politik zu Ende des fünfzehnten und zu Anfang des ſechzehnten Jahrhunderts iſt maßloſe Ver⸗ größerungsſucht an Land und Leuten. Mit einer nim⸗ merſatten Gierde verſchlingen dieſe habſüchtigen Für⸗ ſten Länder auf Länder, nur um ſie zu beſitzen; denn ſie zu regieren verſtehen ſie nicht und noch weniger be⸗ greifen ſie den Geiſt, der in den Völkern ſich zu regen beginnt, das erſte Flügelzucken des Genius, der einſt mit ſeinen majeſtätiſchen Fittichen, auf ſeinem Flug über die Erde, die Fluren befruchtend beſtreifen und einem beſſern Menſchengeſchlecht Kraft und Begeiſte⸗ rung zuführen wird. Wir ſehen den tollkühnen Herzog Karl von Burgund ein armes Hirtenvolk bekriegen aus keinem Grunde weiter, als um es zu unterjochen, da⸗ mit er ſich ein Reich ſchaffe, ſo weit der Rheinſtrom ſeine Waſſer führt, von den Gipfeln der Schweizer⸗ alpen bis an die Ufer der Nordſee. Wir ſehen das Ein deutſcher Leinweber. I. 1 2 Die Reiſe habsburger Fürſtenhaus die verlangenden Arme nach reichen Ländererbinnen ausſtrecken und die Bande der Ehe zu Reifen ſchmieden, um Länder und Völker zu⸗ ſammenzuhalten, die nicht zu einander gehören. Es ſtößt in dieſen ſchlauen Beſtrebungen mit dem franzö⸗ ſiſchen Königshauſe zuſammen, das dieſelben Grund⸗ ſätze verfolgt. Die Erwerbung Burgunds und der Nie⸗ derlande durch das öſtreichiſche Fürſtenhaus, jener zwar deutſchen Länder, deren Beherrſcher aber einer Zweiglinie des franzöſiſchen Königshauſes entſproſſen waren, wurde die Quelle von Kriegen zwiſchen Frank⸗ reich und Oeſtreich, die dritthalbhundert Jahre die beſten Kräfte dieſer Länder verſchlungen und vielen Tau⸗ ſend Menſchen das Leben gekoſtet haben. Und ſchon griff derſelbe Habsburger mit der zuſammenraffenden Hand nach einer zweiten Länderperle an Frankreichs Bruſt, nach dem reichen Herzogthum Bretagne, als eine un⸗ erhört treuloſe Handlung des jungen Königs Karl des Achten von Frankreich dieſes Land dem franzöſiſchen Königshauſe ſicherte. Die heiligſten Eide, Gelöbniſſe und Verſprechungen waren zu nichts weiter da, als um ſchmählich gebrochen zu werden, ſobald dadurch ein Vortheil erlangt werden konnte. Ein neuer Gegenſtand der fürſtlichen Ländergier wurde zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts das Kö⸗ nigreich Neapel. Kaum hatte jener franzöſiſche Karl, voll ritterlicher Abenteuerlichkeit, aber ohne ritterliche —— —— nach Spanien. 3 Ehrenhaftigkeit, durch einen kühnen Gewaltſtreich das Herzogthum Bretagne mit deſſen Erbin an ſich geriſ⸗ ſen, als ihm auch ſchon nach einem andern, obgleich weit fernern Lande gelüſtete. Dieſes ſeltſame und kna⸗ benhafte Gelüſten hat auf das Schickſal und die Ge⸗ ſtaltung Europas einen großen und merkwürdigen Ein⸗ fluß ausgeübt und ſeine Folgen in den nächſten zwei Jahrhunderten überraſchen das in den Geſchichtsbüchern forſchende Auge. Seit der ruchloſe Herzog Karl von Anjon, der Sohn des Königs Ludwig VIII. und der Bruder Lud⸗ wig IX. des Heiligen von Frankreich, nach des deut⸗ ſchen Königs Konrad des Hohenſtaufen Tode, ſich vom Papſt Clemens IV. mit Neapel und Sieilien, dem Erbe des zweijährigen Konradin von Schwaben, Konrads Sohn, hatte belehnen laſſen, weil der Papſt den recht⸗ mäßigen Herrn dieſer Königreiche, jenen Konradin, als den Sohn eines im Kirchenbanne geſtorbenen Königs nicht anerkennen wollte; ſeit jenem ſchmachvollen Raub am letzten Hohenſtaufen, durch die Enthauptung Kon⸗ radins, der im Kriege gegen Karl von Anjon in deſ⸗ ſen Gefangenſchaft gerathen war, zum unauslöſchlichen Schandfleck in der Geſchichte geſtempelt, hatte das Haus Anjou den Königsthron von Neapel beſeſſen, es waren nun faſt dritthalbhundert Jahre. In Sieilien war Karl ſchon nach achtzehn Jahren(1282) durch die blutige ſieilianiſche Vesper vertrieben worden und das Reich 1* 4 Die Reiſe war an das Königshaus Arragonien durch Peter I. ge⸗ kommen, welchen Konradin auf dem Blutgerüſte zu ſei⸗ nem Erben erklärt hatte. Dagegen war das Haus An⸗ jou mit Karls Enkel Karl Martell auf den ungariſchen Königsthron gelangt. In Neapel hatte dieſes franzö⸗ ſiſche Herrſcherhaus die wildeſten Kämpfe zu beſtehen, hervorgerufen aus den heftigen Leidenſchaften der Par⸗ teien und aus der furchtbaren Sittenverderbniß der Zeit. Die merkwürdigſten Schickſale erlebten die bei⸗ den Königinnen Johanna I. und Johanna M., von de⸗ nen jene die vierte, dieſe die ſiebente Stelle in der Reihe der Könige aus dem Hauſe Anjou einnahm. In den wildeſten Wirren hatte Johanna l.(1380) den Her⸗ zog Ludwig von Anjou, zweiten Sohn des Königs Johann des Guten von Frankreich adoptirt, da ihre eigenen Söhne geſtorben waren; aber der Gemahl der Margaretha, Schweſtertochter Johanna's, Karl der Kleine von Durazzo, bekämpfte die Königin deshalb, weil ſie ſeine Gemahlin, ihre Nichte, früher zur Thronfolge⸗ rin beſtimmt hatte. Johanna gerieth in Karls Gewalt und wurde 1382 auf ſeinen Befehl erdroſſelt; Ludwig von Anjon ge⸗ langte nicht zum Throne, ſondern ſtarb im Kampfe um denſelben 1384. Karl, König von Neapel, erfuhr 1386 in Ungarn, wohin er gezogen war, um, nach ſeines Vetters Ludwig des Großen Tod(1382) dieſes Königreich ebenfalls in Beſitz zu nehmen, daſſelbe Schick⸗ nach Spanien. 5 ſal, welches er der Königin Johanna bereitet hatte; er ward ermordet. Seine Witwe Margaretha ließ ihren Sohn Ladislaus zum König von Negpel krönen und verwaltete als Vormünderin deſſelben die Regie⸗ rung; aber auch Ludwigs von Anjou Witwe, Marie von Bretagne, ließ ihren Sohn Ludwig II. vom Papſt in Avignon zum König von Neapel krönen, und der alte Kampf der beiden verwandten Häuſer dauerte in den Söhnen fort. Endlich entſchied der Papſt den Streit zu Gunſten Ladislaus', der 1400 Neapel einnahm, und Ludwig II. kehrte in die Provence zurück, als deren Herrn er ſich behauptete. Hier ſtarb er aber ſchon 1417 mit Hinterlaſſung zweier Söhne, Ludwig und Renatus(René). Der Erſtere führte als Ludwig lI. den Titel König von Neapel. Ladislaus hatte ſchon 1414 ſein wüſtes Leben beſchloſſen und ſeine Schwe⸗ ſter Johanng war ihm als Thronerbin gefolgt. Dies iſt die Königin Johanna II. So raffte der Tod die wilden und leidenſchaftlichen Spieler in dieſem ver⸗ wirrten Drama jung hinweg, aber ſie vererbten ihre Wünſche, Beſtrebungen und Leidenſchaften auf ihre Nach⸗ kommen. Nun ſtanden ſich Johanna Il. und Ludwig IMI. von Anjon feindlich gegenüber und dieſer belagerte jene in Neapel. In der Bedrängniß adoptirte Johan⸗ na, die, obgleich zwei Mal vermählt, keinen Thron⸗ erben geboren hatte, den König Alfons V. von Arra⸗ gonien und ernannte ihn zu ihrem Nachfolger. Ehe 6 Die Reiſe ſie dieſer aber befreien konnte, ſah ſie ſich genöthigt, ſich mit der Anjvuſchen Partei zu vergleichen. Alfons kam, trat ſiegreich in Neapel auf und gewann die ganze ehemalige Durazzo'ſche oder ungariſche Partei, als de⸗ ren Haupt er nun galt. Bald war er der mächtig ge⸗ bietende Herr, und die Königin, die ihn ins Land ge⸗ rufen, zog ſich aus Furcht vor ſeiner ſchnell wachſen⸗ den Macht in das Caſtell von Capua zurück, wo ſie von Alfons belagert, von der Anjou'ſchen Partei aber befreit wurde. Hierauf widerrief ſie die Adoption des Königs von Arragonien und adoptirte dafür Ludwig II. von Anjou, der auch die Hauptſtadt eroberte(1424), als Alfons, ſeiner häuslichen Angelegenheiten halber, nach Spanien gegangen war. Zehn Jahre ſpäter ſtarb Ludwig II. und hinterließ ſeine Anſprüche an die Krone von Neapel ſeinem Bruder René. Johanna ſetzte ihn zum Erben des Königreichs ein und ſtarb neun Wochen ſpäter 1435. Obgleich 1437 zum König von Neapel gekrönt, konnte ſich René doch nicht gegen den an⸗ drängenden Alfons behaupten, der ihn 1442 in die Flucht trieb und ſich im Beſitz des Königreichs behaup⸗ tete. Das Haus Anjon gab nun zwar ſeine Anſprüche an die Königskrone von Neapel nicht auf, aber es konnte ſich nicht wieder in Beſitz derſelben ſetzen. Im Jahre 1481 ſtarb mit Herzog Karl das Haus Anjou aus und vererbte ſeine Beſitzungen und Anſprüche an das königliche Haus von Frankreich. Auf dieſe Weiſe nach Spanien. 7 hielt ſich der junge König Karl VIII. für den recht⸗ mäßigen Prätendenten von Neapel. Alfons von Arragonien, auf ſo wenig rechtliche Weiſe im Beſitz des Throns von Neapel und Sieilien, ver⸗ erbte denſelben, da er keine eheliche Nachkommenſchaft hatte, auf ſeinen natürlichen Sdhn Ferdinand 1458. Wenn das Haus Anjou nun ſchon guten Grund hatte, den Vater als unrechtmäßigen Beſitzer darzuſtellen und zu bekriegen, ſo konnte es den unehelichen Sohn um ſo härter angreifen. Und König Karl VIII. von Frank⸗ reich glaubte ſich in ſeinem guten Rechte, als er um 1490 den Gedanken faßte, Neapel zu erobern und den unrechtmäßigen König Ferdinand zu vertreiben. Die⸗ ſen abenteuerlichen Gedanken verdankte er dem Her⸗ zog Ludwig Sforza, von ſeinem Sinnbilde, einem Maul⸗ beerbaume, il Moro genannt. Ludwig, der ſchlaueſte und ränkevollſte Fürſt ſeiner Zeit, von ſeiner eignen Klugheit ſehr eingenommen(weshalb er ſich auch gern der„Maulbeerbaum“ nennen ließ, der erſt blüht, wenn kein Nachtfroſt mehr zu fürchten iſt, aber dann ſchnell und üppig blüht und in kurzer Zeit reife Früchte bringt), Ludwig war der zweite Sohn jenes kühnen Condottiere Francesco Sforza, der, nichts weiter als der käufliche Anführer eines von ihm beſoldeten wilden Haufens Soldaten(meiſt Räuber), den letzten Herzog von Mai⸗ land aus dem Hauſe Visconti Philipp Maria vermochte, ihm ſeine natürliche Tochter Blanca Maria zur Ge⸗ ——— 8 Die Reiſe land emporſchwang. Karl von Orleans, ein Bluts⸗ verwandter des franzöſiſchen Königshauſes, war nämlich der Sohn von Valentina Visconti„Tochter des erſten Herzogs von Mailand, Johann Galeazzo Visconti's.— Es iſt bekannt, daß Francesco Sforza's Vater ein Bauer war, aber ein genialer, kraftvoller Menſch, der als Söldnerhauptmann(Condottiere) in Neapel unter Jo⸗ hanna II. Geſetze gab und als Graf von Catagnole ſtarb, nachdem er ſeinen ihm gleichen Sohn Francesco in ſeine Laufbahn eingewieſen hatte. Francesco's rit⸗ terliche Kraft hielt ihn auf dem mailändiſchen Herzogs⸗ ſtuhl und von ſeinen beiden Söhnen Galeazzv und Ludwig folgte ihm der Erſtere, ein grauſamer, wollüſti⸗ ger Thrann, der bald genug einem Mörderdolche als Opfer fiel. Ueber ſeine unmündigen Kinder Johann Galeazzv und Blanca führte ihres Vaters Bruder, je⸗ ner Ludwig il Moro die Vormundſchaft und für den Erſtern die Regierung. Ludwigs Schlauheit bot dem deutſchen Könige Maximilian eine ſehr beträchtliche Geldſumme, wenn er ſich mit ſeiner Mündel Blanca vermählen wollte, und der ſtets in Geldverlegenheiten ſteckende letzte Ritter erhob die zwar ſchöne, aber kalte und ungeliebte Fürſtin, Urenkelin eines gemeinen Bauers und Enkelin einer unehelichen Tochter des Hauſes Vis⸗ conti, zur Königin und Kaiſerin. Ja Mar ging für mahlin zu geben und ſich dann, trotz dem Widerſpruche des Herzogs Karl von Orleans, zum Herzog von Mai⸗ —,——————— nach Spanien. 9 mailändiſches Geld noch weiter. Das Herzogthum Mailand war ein Lehn der deutſchen Königskrone; denn Kaiſer Wenzel hatte Galeazzo Visconti zum Herzog von Mailand erhoben. Aber weder der trotzige Franz Sforza, noch ſein Sohn Galeazzo Maria hatten die Belehnung nachgeſucht. Auch Johann Galeazzo, des Königs Maximilian Schwager, ſuchte ſie nicht, als er mündig geworden war. Wohl aber ſuchte ſie deſſen Ohm und Vormund Ludwig, ſobald er durch Blanca mit Maxi⸗ milian in ſo nahe Verhältniſſe gekommen war; er ſuchte ſie— für ſich ſelbſt. Denn er hielt den jungen Her⸗ zog Galeazzo, den er für blödſinnig ausgab, und der es vielleicht wirklich war, von der Regierung zurück und verwaltete dieſelbe ferner, obgleich er kein Recht dazu hatte. Nun hatte ſich aber der junge, in ſolcher Abhängigkeit, ſchier Gefangenſchaft, gehaltene Herzog mit einer Tochter des Königs Ferdinand von Neapel vermählt und zeugte drei Kinder mit derſelben, wobei ein Sohn. König Ferdinand von Neapel beklagte ſich öffentlich bitter über die Gefangenſchaft und Zurück⸗ ſetzung ſeines Schwiegerſohns durch deſſen Oheim und drohete dem Letztern endlich mit Krieg. König Maxi⸗ milian war ſchwach genug, für ſchweres Geld den Oheim ſeiner Gemahlin mit dem Herzogthum Mailand zu be⸗ lehnen und ſeinen Schwager Galeazzo auszuſchließen, aber er vermochte den ſchlauen Ludwig nicht vor der gerechten Rache des Königs von Neapel zu ſchützen. 10 Die Reiſe Da wande ſich Ludwig an den abenteuernden König Karl von Frankreich, rief demſelben die alten und ver⸗ alteten Anſprüche des ausgeſtorbenen Hauſes Anjon auf den neapolitaniſchen Königsthron ins Gedächtniß und ſtachelte ihn zu jenem abenteuerlichen Ritterzuge auf, der in der zweiten Hälfte des Jahres 1494 zu Stande kam. König Ferdinand von Neapel erlebte denſelben nicht; denn er ſtarb ſchon im Januar dieſes Jahres und hinterließ die Kronen beider Sicilien ſeinem Sohne Alfons Il. Dieſer wurde aber von dem ſiegreichen König von Frankreich vertrieben und floh nach Siei⸗ lien, wo er, noch kein Jahr lang König, wenige Mo⸗ nate darauf vor Kummer ſtarb. Der unglückliche Al⸗ fons ll. hinterließ einen Sohn Ferdinand und einen Bruder Friedrich; der Erſtere vermochte als König von Neapel dem reißenden Glücksſtrom des franzöſiſchen Königs nichts entgegen zu ſetzen. Er mußte mit ſeinem Oheim Friedrich das ſchöne Neapel ebenfalls verlaſſen. Aber ſo ſchnell Karl VIII. Neapel gewonnen hatte, ſo ſchnell verlor er es wieder; denn der Herzog von Mai⸗ land Ludwig, der den franzöſiſchen König zu dem Er⸗ oberungszug nach Neapel vermocht, fürchtete jetzt das ſchnelle Glück deſſelben, fürchtete, daß der Herzog Lud⸗ wig von Orleans, der ſich beim franzöſiſchen Heere befand, ſeine gerechten Anſprüche an Mailand geltend machen werde, und brachte deshalb ein Bündniß gegen die Franzoſen zwiſchen dem Papſt und andern italieni⸗ 5 — nach Spanien. 11 ſchen Fürſten, die ihre Exiſtenz von den übermüthigen Franzoſen bedroht ſahen, zwiſchen dem ſpaniſchen Könige Ferdinand dem Katholiſchen von Arragonien, Neffen je⸗ nes Alfon's I., der Neapel erobert hatte, und Iſabella von Caſtilien, endlich auch dem deutſchen Könige Mari⸗ milian zuſammen und dieſe Verbündeten vertrieben den König Karl wieder aus Neapel. Jenes Bündniß brachte die berühmte und folgenreiche Doppelheirath der Kin⸗ der des ſpaniſchen Königspaars mit den Kindern Maxi⸗ milians zu Stande. Der junge König Ferdinand lI. von Neapel kam aber doch nicht in Beſitz ſeines Reichs; er ſtarb im October 1496 bei der Belagerung von Cajeta, einer der letzten Städte, welche die Franzoſen inne hatten, an einem hitzigen Fieber und hinterließ ſeine Krone ſeinem Oheim Friedrich. In dieſen Wir⸗ ren hatte alſo Neapel in drei Jahren fünf Könige, nämlich Ferdinand den Unehelichen(ſtarb 1494), deſ⸗ ſen Sohn Alfons II.(ſtarb 1495), deſſen Sohn Fer⸗ dinand II.(ſtarb 1496), Karl VIII. von Frankreich(ver⸗ trieben 1495) und endlich Friedrich, Ferdinands II. Oheim. Karl VIII. von Frankreich ſtarb 1498 eben⸗ falls; ſo hatte der Tod abermals raſch die Häup⸗ ter dieſes Kampfes im blühendſten Mannesalter ent⸗ fernt und es ſchien nun, als ſollte König Friedrich von Neapel, allein noch übrig, in Ruhe regieren. Aber der erſt ſo ſehr niedergehaltene Herzog Ludwig von Orleans, jetzt Plötzlich gegen alles Erwarten Kö⸗ 12 Die Reiſe nig von Frankreich, nahm nicht nur die Krone und die ſchöne Witwe ſeines Vorgängers in Beſitz, er betrach⸗ tete ſich auch als Erben der Anſprüche Karl's VIII. auf die neapolitaniſche Krone, ſowie er ſeine eignen An⸗ ſprüche auf das Herzogthum Mailand mit Kraft und Erfolg betrieb. Es hatte ſich nun einmal die Anſicht feſtgeſtellt, daß dieſe unechten Arragonier kein Recht auf Neapel hätten und König Friedrich vom Thron ent⸗ fernt werden müßte. In der That war Friedrich, wie ſeine Vorgänger, nur von Ferdinand's des Katholiſchen tapferm General, dem berühmten Großcapitain Gonſalvv Fermandez de Cordova, der auch Karl VIII. vertrieben hatte, geſchützt und gehalten. WVollte alſo König Lud⸗ wig KlI. ſeine Anſprüche auf Neapel geltend machen, ohne ſich dem ungewiſſen Looſe eines Kriegs mit Fer⸗ dinand dem Katholiſchen auszuſetzen, ſo mußte er die⸗ ſen auf friedlichem Wege zu gewinnen ſuchen. Und dieſen Weg ſchlug König Ludwig ein, als er ſich bald nach ſeiner Thronbeſteigung mit Ferdinands Schwieger⸗ ſohn, dem Erzherzog Philipp von Oeſtreich und Burgund auf das innigſte zu befreunden ſuchte. Seit zwei Jah⸗ ren hatten nun ſchon nachbarlich freundliche Beziehun⸗ gen zwiſchen dem franzöſiſchen und dem burgundiſchen Hofe ſtattgefunden, und ſchon waren von Seiten des erſtern Anträge geſchehen, die zweijährige Prinzeſſin Claude de France, die Tochter Ludwigs und Anna's von Bretagne, mit Philipps Sohne, dem Prinzen Karl „ — nach Spanien. 13 von Luremburg, zu verloben. Aber in dieſen zwei Jahren hatte König Ludwig auch Mailand erobert und den Herzog Ludwig Sforza, den Oheim der deutſchen Königin, den Freund des Königs Maximilian, gefan⸗ gen nach Frankreich geführt. Es mußte dem König Ludwig daran liegen, den dadurch bei Maximilian her⸗ vorgerufenen übeln Eindruck durch die Freundſchaft mit deſſen Sohn Philipp wieder zu verwiſchen und auf dieſem Grunde ſeinen Plan der Eroberung Neapels auszuführen. Ja über den Beſitz einiger Städte in Burgund, die Frankreich innebehalten, Maximilian aber für ſeinen Sohn ausgeliefert verlangte, war es ſogar zu einem kurzen Kriege zwiſchen Oeſtreich und Frankreich gekommen, den Ludwig beigelegt wünſchte, um ſeine Abſichten auf Mailand und Neapel ausführen zu können. König Ludwig hatte dem Erzherzog Phi⸗ lipp jenen Plan in Bezug auf Neapel entdeckt und deſſen Beifall gewonnen, ſodaß er, vom burgundiſchen Fürſtenpaar unterſtützt, vom franzöſiſchen Geſandten an den ſpaniſchen Höfen dem ſpaniſchen Königspaar in Vorſchlag gebracht werden konnte. Der Plan beſtand darin, den König Friedrich vom neapolitaniſchen Kö⸗ nigsthrone zu entfernen und das Königreich Neapel zwiſchen Ludwig von Frankreich und Ferdinand von Arragonien zu theilen, und zwar ſo, daß der Erſtere das eigentliche Königreich Neapel mit dem Königstitel und Abruzzo, Letzterer aber die beiden Calabrien und die 14 Die Reiſe Provinzen von Apulien haben ſollte. Sobald Ferdi⸗ nand der Katholiſche ſeinen Vortheil gewahrte, bot er gern die Hand, und ſo fand die merkwürdige und un⸗ erhörte Thatſache ſtatt, daß zwiſchen dieſen beiden Kö⸗ nigen im Herbſte 1500 der Theilungsvertrag über ein großes reiches Land zu Stande kam, deſſen rechtmäßi⸗ ger König noch lebte. Im Sommer des folgenden Jahres beſtätigte der Papſt dieſen Vertrag und nun drangen franzöſiſche Kriegsvölker in Neapel ein und der Großeapitain, der zeither den König Friedrich geſchützt, ſchickte ſich an, denſelben zu bekriegen und Calabrien und Apulien für ſeinen Herrn einzunehmen. Schon im Juli war das franzöſiſche Heer im Beſitz der Haupt⸗ ſtadt; der König Friedrich war vorher auf die Inſel Ischia entwichen; von hier aus unterhandelte er mit König Ludwig, trat demſelben das Königreich gegen eine jährliche Penſivn ab und begab ſich nach Frank⸗ reich; denn er wollte lieber unter dem Schutze dieſes Königs leben und ſterben, als unter dem ſeines treu⸗ loſen Vetters Ferdinand. Ganz zu derſelben Zeit nahm auch der Groß⸗ rapitain Beſitz von den an Spanien gefallenen Län⸗ dertheilen; aber bald entſtanden zwiſchen ihm und dem Oberbefehlshaber des franzöſiſchen Heeres, Her⸗ zog von Nemours, Spannungen über Landſtriche, welche die Franzoſen als zur Portion ihres Königs gehörig eingenommen hatten und welche die Spa⸗ — — „ nach Spanien. 15 nier als zum Antheil ihres Königs gehörig bean⸗ ſpruchten. So ſtanden die Angelegenheiten zwiſchen Frankreich und Spanien, als König Ludwig die nachbarlich freund⸗ ſchaftliche dringende Einladung an den Erzherzog Phi⸗ lipp und die Erzherzogin Johanna ergehen ließ, auf der Reiſe nach Spanien ihren Weg über Blois, die Reſidenz des Königs von Frankreich, zu nehmen. Eine reiche und prächtige Geſandtſchaft des Königs hatte das erzherzogliche Paar an der Grenze Frank⸗ reichs empfangen; in Paris hatte ihnen die reiche Kauf⸗ mannſchaft einen glänzenden Empfang bereitet, wobei man ſogar den Weg, welchen Philipp und Johanna zu gehen hatten, mit prächtigen Teppichen belegte, und im Parlament, das der Erzherzog als Graf von Flan⸗ dern und Zwölffürſt des Reichs beſuchte, war er mit der Präſidentenſtelle beehrt worden. Von Paris ging die Reiſe über Orleans nach Blois. Mehre Meilen vor der Stadt ſah ſich das hohe Paar von den fran⸗ zöſiſchen Prinzen vom Geblüt bewillkommnet und mit großen Feierlichkeiten eingeholt. Am Eingang des königlichen Palaſtes empfing der ſchöne und ritterliche König, der edelſte und ſtattlichſte Mann ſeines Landes, damals im vierzigſten Jahre ſtehend, das junge Fürſtenpaar, umarmte den Erzherzog und ließ die Erzherzogin durch die Herzöge ſogleich zur Königin geleiten, während er mit Philipp an 16* Die Reiſe zwei Stunden lang Arm in Arm im großen Saale auf⸗ und abſchritt, ein lebhaftes Wechſelgeſpräch un⸗ terhaltend. —„Laßt uns den alten Hader zwiſchen Oeſtreich und Frankreich auf ewig begraben“, ſagte der König. „Er hat beiden Ländern keinen Segen gebracht; es iſt wahrlich unſer beiderſeitiger Vortheil, Friede und Freundſchaft zu halten. Ihr ſeid in den Nieder⸗ landen geboren und aufgewachſen und ſeid nicht aufge⸗ füttert worden mit öſtreichiſchen Vorurtheilen gegen Frankreich; ich, vom herrſchenden Königshauſe nieder⸗ gehalten, gehaßt und ſchlecht behandelt, war nicht der Prinz, der in das alte franzöſiſche Schimpflied auf Oeſtreich einſtimmte, ja ich war der Freund und Bundesgenoſſe Eures Vaters, weshalb ich Gefangen⸗ ſchaft und Schmach vom König erdulden mußte. Aber nun bin ich König von Frankreich, nach Gottes Rath⸗ ſchluß, und Ihr ſeid der Erbe von Oeſtreich, ſeid jetzt ſchon Herr von Burgund und Niederland und wer⸗ det ohne Zweifel einſt deutſcher Kaiſer, werdet König von Arragonien, König von Caſtilien, König von Si⸗ eilien werden. Wir ſind die Männer, die den ewigen Frieden zu ſchließen berufen und geſchickt ſind. Euers Vaters Majeſtät hat mich mit den Haaren zu dem bur⸗ gundiſchen Kriege gezogen; ich weiß, Ihr habt dieſen Krieg nicht gebilligt. Und Ihr werdet Euch nicht daran ſtoßen, daß ich als rechtmäßiger Erbe von Mailand 17 mich in den Beſitz deſſelben geſetzt und den Schelm Sforza verdrängt habe.“ —„Ich biete Ew. königl. Würden zu dieſem Frieden mit Freuden die Hand,“ verſetzte der Erzherzog ge⸗ ſchmeichelt.„Niemanden iſt dieſes blutige Gezänke ver⸗ haßter geweſen, als mir, und die Verbindung meines Vaters mit dem Hauſe Sforza war nicht nach meinem Geſchmack. Meine Kindheit iſt mir verdorben worden durch die Zwiſtigkeiten in den Niederlanden„ welche Frankreich fort und fort erregte. Und hat je ein König treuloſer gehandelt als Euer Vorfahr an meinem Hauſe? Denkt an meine Schweſter, Sire, denkt an Eure Ge⸗ mahlin, die beſtimmt war, meine Stiefmutter zu werden.“ —„Die böſe Schuld Karls VIII. wird Ludwig XII. ſühnen. Das Herzogthum Bretagne, das dem öſt⸗ reichiſchen Hauſe durch jene Lreuloſigkeit entging, ſoll meine Tochter Claudia Euerm Sohne zubringen. Woran Anna von Bretagne durch Gewalt Karls VIII. verhin⸗ dert wurde, das ſoll ihre Tochter Elaude de France durch die Liebe Ludwigs Kll. ausführen, geſetzt, daß es Euer Wille noch iſt, auf meinen Euch gemachten Vor⸗ ſchlag einzugehen, unſere Kinder mit einander zu ver⸗ mählen. Und wenn mir meine Anna noch einen Dau⸗ phin ſchenkt und Gott läßt ihn leben, ſo wird eine Euerer Töchter einſt Königin von Frankreich.“ —„Dieſe Vermählung Karls mit der Prinzeſſin nach Spanien. Ein deutſcher Leinweber. I. 2 2 18 Die Reiſe Claude iſt und bleibt einer meiner eifrigſten Wünſche,“ verſetzte der Erzherzog,„und ich begrüße Ew. königl. Würden als Schwiegervater. Die zweite Vermählung mit dem zu erwartenden Dauphin müſſen wir Gott an⸗ heimſtellen.“ Die Fürſten gaben ſich die Hände mit der Verſicherung, dieſen Handſchlag als die ſtille Ver⸗ lobung ihrer Kinder anzuſehen. —„Und da ich zum Herrn der Niederlande, zum Er⸗ ben der öſtreichiſchen Lande geſprochen,“ fuhr der König fort,„ſo laßt mich nun zum Erben von Arra⸗ gonien und Sicilien reden. Ein merkwürdiges Schick⸗ ſal, dem die Könige ſchier noch mehr unterworfen ſind, als andere Sterbliche, hat Euch unvorhergeſehen auch zum künftigen Träger der ſpaniſchen Königskronen be⸗ ſtimmt; Ihr ſeid jetzt auf der Reiſe begriffen, um Euch als Thronerben in Caſtilien und Arragonien anerkennen zu laſſen. Iyr ſeid alſo auch der Fürſt, mit welchem der König von Frankreich den Vertrag erneuert und vekräftigt, durch welchen der alte Streit der Häuſer Anjou und Arragonien beigelegt wurde, und ich denke: Philipp von Burgund und Ludwig von Orleans wer⸗ den darüber nicht minder einig ſein, als über den Streit Oeſtreichs und Frankreichs.“ —„Wenigſtens hegt Philipp von Burgund die⸗ ſelben friedlichen und freundlichen Geſinnungen als Erbe von Spanien, wie als Erbe von Oeſtreich, und Karl von Luxemburgs Kinder ſollen— wenn's Gott nach Spanien. 19 gefällt— Euch einſt nicht minder Großvater nennen, wie mich.“ —„Ihr redet, wie ich es von Euch gewünſcht und von einem Erzherzog von Oeſtreich erwartet habe, und ich hege das feſte Vertrauen zu Euch, daß Eure Handlungen Euern Worten entſprechen werden. Ihr werdet den ehrenhaften Ruf bewähren, deſſen das Erz⸗ haus Oeſtreich ſeit alten Zeiten genießt.“ —„Sagt mir nur, Sire, was wünſcht Ihr von mir? Was ſoll ich thun in der neapolitaniſchen Angelegen⸗ heit? Man hat mir hinterbracht, es fänden Differen⸗ zen zwiſchen Euch und dem arragoniſchen Hofe ſtatt; aber ich kenne ihre Natur nicht. Beliebt's Ew. Wür⸗ den, ſo unterrichtet mich vom Stande der Dinge.“ —„Ew. Hoheit iſt bekannt,“ verſetzte der König, „daß das Haus Anjon dieſelben vollgültigſten Rechte auf das Königreich Neapel beſitzt, wie ſie das Haus Orleans auf das Herzogthum Mailand beſaß, nicht allein von jenem Karl von Anjon her, der die päpſt⸗ lichen Lehen empfing und über den letzten Hohenſtaufen triumphirte, während Peter von Arragonien ſich auf nichts berufen konnte, als auf ein zweifelhaftes Ver⸗ mächtniß jenes Konradin, welches dieſer auf dem Blut⸗ gerüſt ausgeſprochen haben ſoll, das Vermächtniß eines Landes, von dem der Unglückliche ſelbſt keinen Fuß breit beſaß; die Rechte des Hauſes Anjon ſind auch bewährt durch den Beſitz zweier Jahrhunderte, und 2 8 Die Reiſe endlich widerrief Johanna H. jene voreilige Adoption des Königs Alfons von Arragonien und adoptirte Lud⸗ wig MI. von Anjvu. Wenn ſich nun auch Alfons durch die Gewalt der Waffen behauptete, ſo war damit das Recht der Anjon nicht beſiegt, ſo wenig wie durch die Ufurpation der Sforza das Recht der Orleans auf Mai⸗ land; am wenigſten aber konnte, ihnen gegenüber, die unechte Nachkommenſchaft jenes Alfons' auch nur einen Schein von Recht gegen Anjon auf die Krone von Nea⸗ pel geltend machen. Es iſt demnach ſo klar, wie Son⸗ nenlicht, ich, als der Erbe der Anjon, bin auch der Erbe des ganzen ungetheilten Königreichs Neapel; doch biete ich mit meinem unbeſtreitbaren Rechte Euerm Schwie⸗ gervater die Hälfte des Königreichs an, der ohnedies Sieilien beſitzt, auf welches das Haus Anjon dieſelben Rechte hatte, wie auf Neapel. Ich trete ihm Apulien und die beiden Calabrien ab, um ſie mit Sicilien zu vereinigen, und will nur Neapel und Abruzzo für mich behalten. Ich thue das Alles, um endlich einmal den alten Hader zu beendigen, die Wirren zu löſen, und ich opfere die Hälfte des Landes, das mir ganz ge⸗ hört, um die andere Hälfte in Frieden und Ruhe zu. regieren. Und nun, nachdem ich das Alles gethan 1 und der Herzog von Nemours in meinem Namen den Theil des Landes, der mir nach dem klaren Theilungs⸗ vertrag zukommt, eingenommen und beſetzt hat, kommt Don Gonſolvo de Cordova, Euers Schwiegervaters * t N nach Spanien. 21 Feldherr, und verlangt, die Franzoſen ſollen ihm die Provinzen Capitanata und Baſilicata räumen, weil dieſe zu der arragoniſchen Landesportiyn gehörten. Nun haben aber ſeit uralten Zeiten, und ſo lang das Königreich beſteht, die Capitanata und die Baſilicata zu Abruzzo gehört, und nur weil es dem unrechtmäßigen Beſitzer Neapels, dem Eroberer Don Alfons von Arragonien, beliebt hat, die Baſilicata zu Apulien zu ſchlagen und ſeine unechten Nachkommen auch die Capitanata zu die⸗ ſer Provinz gerechnet haben, aus dieſem Grunde ſoll ich ſie an Don Ferdinand abgeben, ich, der ich ſie ſchon in Beſitz habe. Dies iſt eine ſo himmelſchreiende Un⸗ gerechtigkeit, daß ich mich ihr mit allen mir zu Gebot ſtehenden Mitteln widerſetzen werde, und ſollten es die Waffen ſein.“ —„Um Gott!“ rief Philipp, von der Heftigkeit des Königs beunruhigt,„es wird doch um ein Paar kleine Provinzen nicht zu neuem und blutigem Streit zwiſchen ein Paar Mächten kommen ſollen, die ſich eben auf das innnigſte befreundet haben?“ —„Dieſes Aeußerſte zu verhindern, ſoll eben Eure Sache ſein. Ueberzeugt Euern Schwiegervater, wie unrecht er hat, auf die Herausgabe der Capitanata und der Baſilicata zu beſtehen, und thut das Euere„den Vertrag zwiſchen ihm und mir aufrecht zu erhalten.“ —„Sire, ich verbürge mich mit meinem fürſtlichen Worte, ja mit meiner eigenen Perſon für Eure Zu⸗ 1 S. A — Die Reiſe friedenſtellung und für die Erhaltung des Friedens!“ ſagte Philipp leidenſchaftlich und voreilig, worauf ihn der König umarmte und Beide ſich die Hände reichten mit der Verſicherung, ſich ſtets treu bleiben zu wollen. Die drei oberſten Hofdamen der Königin, die Grä⸗ finnen von Nevers, Valentinvis und Candale, ließen ſich anmelden und traten herein, um den Erzherzog zur Königin zu führen. Anna, noch immer eine der größ⸗ ten Schönheiten Frankreichs, erhob ſich freundlich, trat dem ſich dreimal verneigenden jungen Fürſten mit Grazie entgegen, reichte ihm die Hand und küßte ihn mit müt⸗ terlicher Zärtlichkeit auf die Stirn. Die holde Erbin von Bretagne ſtand damals in ihrem neunundzwanzig⸗ ſten Lebensjahre und hatte ſich, obgleich ſchon die Gat⸗ tin des zweiten Königs von Frankreich und Mutter von vier Kindern(die drei Kinder aus ihrer erſten Ehe waren ſchon vor Karl VIII. geſtorben), jene anmuthvolle Schönheit bewahrt, die neben ihrem herrlichen Erblande König Maximilian ihren Verluſt ſo ſchmerzlich be⸗ dauern ließ. —„Das Glück, Ew. königl. Hoheit Mutter nennen zu dürfen, das mir ein grauſames Schickſal in dem Augenblicke verſagte, als ich es ſchon zu haben ver⸗ meinte, wird nun meinem Sohne zu Theil werden,“ ſagte der Erzherzog verbindlich.„Und wenn ich die überſchwengliche Fülle Eurer Liebenswürdigkeit gekannt nach Spanien. 23 hätte, wer weiß, ob ich nicht der Nebenbuhler meines eignen Vaters geworden wäre; und mir— ich ſchwör's!— hätte kein König von Frankreich Euch entreißen ſollen; denn ehe er daran gedacht, hätte ich Euch in meinen Armen gehalten und mit unzerreißbaren Banden an mich gefeſſelt.“ —„Ihr macht ſogleich Euerm Rufe Ehre, ein unwi⸗ derſtehlicher Held im ſüßen Kampfe gegen unſer ſchwaches Geſchlecht zu ſein,“ verſetzte die Königin,„und wie es ſcheint, kennt Ihr den Umfang Euerer Stärke und habt ein unbedingtes Vertrauen darauf. Nun da ich weder Eure Gemahlin, noch Eure Mutter ſein durfte, ſo habe ich als Schwiegermutter wenigſtens große Luſt, mich mit Eurer trefflichen Gemahlin zu verbinden, um Euern Eroberungszügen in das weibliche Gebiet alle mögliche Hemmniſſe in den Weg zu legen.“ —„O ich würde Eurer Hülfe gewiß bedürfen,“ ſagte die Erzherzogin,„aber dann müßtet Ihr uns be⸗ gleiten, Hoheit; denn ich allein bin nicht ſtark genug, um mich an ſeine Flügel zu hängen. Er ſchlendert mich ab und flattert, der bunte, ſtolze Schmetterling, von einer Blume zur andern.“ —„Wenigſtens am franzöſiſchen Hofe ſoll er ſich die küſſelüſternen Lippen nicht mit dem Blütenſtaub unſrer Blumen färben,“ ſcherzte die Königin weiter, ohne zu ahnen, daß ſie damit einen ſchmerzlichen Stachel im Herzen der Erzherzogin berührte und nur noch tiefer 1 24 Die Reiſe vrückte. Johanna wurde ſtill und hatte noch ſelbigen Tags Anwandlungen von ihrem krankhaften Tiefſinn, doch gelang es den abwechſelnden Zerſtreuungen und glänzenden Feſtlichkeiten, die das königliche Paar ſeinen Gäſten bereitete, dieſen Anfall der düſtern Geiſteskrank⸗ heit der Erzherzogin wieder aus dem Felde zu ſchlagen; und die Königin war um ſo mehr bemüht, die Infan⸗ tin zu erheitern, als ihr, Dank den burgundiſchen Hof⸗ damen, ja ſogar einigen Hofherrn und Begleitern des Erzherzogs, welche flüchtige Herzensverbündungen unter den reizenden Damen des franzöſiſchen Hofes angeknüpft hatten, die traurige Veranläſſung der momentanen Geiſtesverdüſterung Johanna's kein Geheimniß blieb. Am ſchlechteſten wurde die gütige und theilnehmende Königin in dieſen freundlichen Bemühungen von dem leichtſinnigen und flatterhaften Erzherzog ſelbſt unter⸗ ſtützt, der, hier in einen Luſtgarten von weiblicher Schönheit, Jugend, Liebreiz, Geiſt und Muthwillen verſetzt, auf den prachtvollen Feſten, nach dem bezeich⸗ nenden Ausdrucke ſeiner Gemahlin, recht wie ein duft⸗ trunkener Schmetterling von einer herrlichen Blume zur andern taumelte und ſich wenig um das Herz ſeiner Donna Juanna bekümmerte, das unter dem Biſſe des Giftzahns Eiferſucht blutete und zuckte. Von der Königin begab ſich das erzherzogliche Paar zu der kleinen Prinzeſſin Claudia, die von ihnen als Braut ihres Prinzen Karl begrüßt und von der Erz⸗ nach Spanien. 25 herzogin Johanna mit einem ſehr werthvollen und präch⸗ tigen Diamantringe beſchenkt wurde. Dann führte der König ſeine Gäſte in den großen Cvurſaal, wo bereits der Hof verſammelt war, um ihnen die Prinzen und Prinzeſſinnen des Hauſes und den vornehmen Hofadel vorſtellen zu laſſen. 26 Die Reiſe Bweites Rapitel. An der Spitze der Prinzeſſinnen vom Geblüt traten ein Paar höchſt reizende liebenswürdige Geſtalten Arm in Arm heran, jugendlichen Sylphenkindern oder ſelbſt ſüßen, wohlthätigen Feen vergleichbar, die durch den Zauber der Schönheit und Anmuth Alles beherrſchen, was in ihre Nähe kommt, und Philipps Augen glänz⸗ ten von wonniger Ueberraſchung bei ihrem Anblick. Als aber der Großceremonienmeiſter ihre Namen nannte: „die Gräfinnen Anna und Germaine von Fvir“, zuckte ein blitzheller Freudenſtrahl über das ſchon erſt ver⸗ klärte Geſicht des jungen Fürſten und zeigte es im herrlichſten Ausdruck ſeiner ganzen jugendlich männlichen Schönheit. —„O,“ rief er,„mir längſt bekannt, ja vertraut durch die begeiſterten Lobpreiſungen meiner Schweſter! Denn mein Gretchen und ich, wir ſind ein Herz und eine Seele, meine angebeteten Damen, und wen Gret⸗ chen liebt, den lieb' ich doppelt, einmal für ſie, ein⸗ nach Spanien. 2 mal für mich, und da ihr Herz euch, ſchöne Gräfinnen, mit unbegrenzter Anhänglichkeit zugethan iſt, ſo reichen die Huldigungen, die ich euch darbringe, ſogar über mein Leben hinaus. Ich habe den Augenblick mit un⸗ beſchreiblicher Sehnſucht herbeigewünſcht, euch von An⸗ geſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, und da er nun erſchienen iſt, ſtehe ich ſtumm und kann keine Worte finden, die Freude meines Herzens und die Anerken⸗ nung eueres hohen Liebreizes auszudrücken.“ —„ Nun wenn das Eure Stummheit iſt, mein Herr,“ rief die muthwillige Anna,„dann bin ich ſehr begie⸗ rig, Eure Beredtheit kennen zu lernen.“ —„Wenn etwas im Stande iſt, mir die Zunge zu löſen, ſo iſt es ein gütiger Blick Eures Auges, holde Gräfin. Iſt es meiner wonnetrunkenen Seele vergönnt geweſen, ſich einige Augenblicke in den ſüßen Seen dieſer Augen zu baden, dann liegt ſie geſtärkt auf mei⸗ nen Lippen, und was ſie da Begeiſtertes und Seliges ausſtrömt, das hat ſie Alles erſt von Euch empfangen.“ —„Die zärtliche Seele muß wirklich bereits dies Bad genommen haben,“ bemerkte die ruhigere, ſtolz blickende Germaine. —„Ich fühle ſelbſt an dem Entzücken, von dem ſie durchſtroͤmt wird, daß es ſchon geſchehen iſt,“ entgeg⸗ nete Philipp lachend.„Wie wäre es auch anders mög⸗ lich? Ihr wißt, wie der berühmte Magnetberg die Nägel meilenweit aus den Schiffen zieht, die in das 28 Die Reiſe zu ſeinem Bereich gehörige Meer kommen, und daß nichts ſeiner Kraft widerſtehen kann, was von Eiſen iſt, und zu ihm muß und von ihm feſtgehalten wird, es mag wollen oder nicht. So ſind Euere Augen die unwiderſtehlichen Magnete für ein zärtliches Herz.“ —„ Ihr ſeid ganz ſo, wie Euere Schweſter Euch uns beſchrieben hat,“ ſagte Germaine mit einem etwas ſpöt⸗ tiſchen Lächeln;„denn Ew. Hoheit muß wiſſen, daß Ihr uns auch kein unbekannter Mann ſeid; Margare⸗ tha's zärtliche Schweſterliebe hat uns in ihren Briefen ein treues Bild von Euch entworfen.“ —„Deſto beſſer, ſo brauche ich mir keinen Zwang anzuthun. Ich gebe mich immer am liebſten gleich, wie ich bin.“ In der Nacht, als der Erzherzog ſich mit ſeinen beiden Lieblingen, dem Pfalzgrafen Friedrich und dem Baron Philibert von Vere, nach dem glänzenden Hof⸗ banket auf ſeine Zimmer zurückgezogen hatte, rief er, berauſcht von ſtarken Empfindungen:„Hilf Gott, ich bin wie bezaubert von dieſen Huldinnen! Das iſt mir noch nicht begegnet, daß ich unter Dreien nicht weiß, welcher ich den Vorzug geben ſoll. Ich bin in die drei Geſchwiſterkindsmuhmen gleich verliebt; die ſchmach⸗ tenden ſanften Augen der Königin ziehen mich nicht min⸗ der an, wie die Schelmenaugen Annals und der ſtolze würdevolle Blick Germaine's. Wenn mich der ſpöttiſche Zug um den Mund der Letztern reizt, ſie durch Liebe— nach Spanien. 29 zu bezwingen und zahm zu machen, ſo möchte ich Annen im ſcherzenden Spiele die Lippen wund küſſen und end⸗ lich meinen Mund ſanft auf die lang befranſten Au⸗ genlider der Königin drücken, die ſo viel gefühlvolle Schwärmerei bedecken, damit ſie in der Nacht von mir träume.“ —„Aber unter dieſen Umſtänden werdet Ihr zu keinem Ziel kommen, gnädiger Herr,“ ſagte der Pfalz⸗ graf.„Ihr müßt Euch für Eine erklären, ſonſt ver⸗ zehrt Ihr Euch in nutzloſer Glut; wenigſtens gebt Einer um der Andern den Vorzug.“ —„Du haſt recht, Friedrich; ich muß mich entſchei⸗ den. Aber rathet mir! Laßt uns überlegen!— Die Königin? So ſehr mich das Verlangen quält, zu ihren Füßen zu ſinken und dann in ihre Arme, ſo mag ich doch dem König nicht zu nahe treten. Auch behandelt ſie mich etwas mütterlich. Ich will zwiſchen den bei⸗ den Gräfinnen wählen. Habt Ihr nicht ausgekundſchaf⸗ tet, was für Liebhaber ſie haben?“ —„Das ſollt Ihr morgen erfahren, gnädigſter Herr,“ ſagte Philibert.„Ich vermuthe, daß Germaine mit dem Grafen Armignae liirt iſt. Ueberhaupt würde ich mich an Euerer Stelle für Anna entſcheiden; ſie ver⸗ ſteht jedenfalls reizender zu lieben, wenn auch flüchtiger, als ihre Cvuſine. Germaine mag vielleicht tiefer, an⸗ haltender empfinden, aber was nützt Euch das für die kurze Zeit Eueres Aufenthaltes? Ihr würdet kaum 30 vermögen, den Grafen Armignac auszuſtechen. Anna will nicht mehr als die Blume vom Zephyr. Sie öffnet ihm ihren Kelch, wenn er daher fährt; er küßt ſie und fährt weiter, und ſie beklagt ſich nicht.“ —„Ich bin des Barons Meinung,“ fügte der Pfalzgraf hinzu.„Anna iſt liebenswürdiger als Ger⸗ maine und in ihrer Art eben ſo ſchön.“ —„Und ſie erinnert mich in ihrer äußern Erſchei⸗ nung an Luiſe von Maine, meine erſte Liebe. O Luiſel Luiſe! ſo hab' ich keine wieder geliebt. Ich werde dich in Spanien wieder finden. Mir zittert das Herz bei'm Gedanken, daß ich ſie wieder ſehen ſoll; denn ach! noch lieb' ich ſie ſtark und innig und ihr Anblick wird die alten Flammen anfachen.— Ja, Anna kam mir gleich bekannt vor; ich konnte mich nur nicht bei der erſten Begrüßung beſinnen; hernach fiel mir bei, daß ſie viel Aehnlichkeit mit Luiſen hat. Aber wie iſt ihr beizu⸗ kommen, dieſer ſchelmiſchen Anna? Die beiden Cvu⸗ ſinen Anna und Germaine erinnern mich an die beiden Inſeparabiles in den Zimmern der ſchönen Frau van der Kapellen in Antwerpen; man ſieht ſie ſtets zuſam⸗ men, als wären ſie unzertrennlich.“ —„Laßt mich dafür ſorgen,“ ſagte der Pfalzgraf. „Ich werde Germainen die Cvur machen.“ —„Und ich den Grafen Armignae eiferſüchtig,“ lachte Philibert.„Unſer altes Glück wird uns doch hier nicht ver⸗ laſſen, Ew. Hoheit zu einer ſüßen Stunde zu verhelfen?“ Die Reiſe nach Spanien. 31 Der Operationsplan war entworfen. Die Königin Anna, die Gräfin Anna und die Gräfin Germaine waren Kinder dreier Geſchwiſter aus dem Hauſe Navarra, dem königlichen Hauſe nahe ver⸗ wandt. Dieſe drei Geſchwiſter waren Margaretha, Jv⸗ hann und Katharina geweſen, Kinder Gaſtons von Foir und Levnora's, Tochter Johanns II., Königs von Na⸗ varra und Sicilien. Margaretha, an den letzten Her⸗ zog von Bretagne(Franz) vermählt, war die Mutter der Königin Anna von Bretagne; Jvhann, Fürſt von Narbonne, vermählt mit Maria von Orleans, Schwe⸗ ſter des Königs Ludwig XII. war der Vater Germaine's, und Katharina, an ihren Vetter Gaſton von Fvir ver⸗ mählt, war die Mutter Anna's. Germaine war alſo von mütterlicher Seite eben ſo gut Geſchwiſterkinds⸗ muhme des Königs, wie von väterlicher Seite der Königin. Anna und Germaine waren zuſammen am franzöſiſchen Hofe aufgewachſen; dann war Germaine, nach dem Tode ihres Vaters, ihrer Mutter an den navarreſiſchen Hof gefolgt, da das Haus Orleans von der königlichen Familie gehaßt und verfolgt war; als aber 1498 der Herzog Ludwig von Orleans unerwar⸗ tet zum Throne berufen war, hatte er ſeine Schweſter mit ihrer Tochter an den neuen Hof zurückgerufen. Anna's Aeltern lebten noch beide; ihr Vater diente als General im franzöſiſchen Heere in Neapel. Am folgenden Tage zeichnete der Erzherzog die 32 Die Reiſe ſchöne muthwillige Anna vorzüglich aus und ſie war an dieſem und den folgenden Feſttagen— denn Feſt reihete ſich an Feſt und eine Luſtbarkeit verdrängte die andere— ſeine auserkorne Tänzerin. Er hatte durch ſeine Günſtlinge erfahren, daß ſie keinen entſchiedenen Liebhaber beſitze, und ſo ſchmeichelte er ſich, unbeküm⸗ mert um ſeine ehelichen Bande, mit der ſüßen Hoff⸗ nung, ihr leichtes, flatterhaftes Herzchen auf die Dauer einer Woche zu gewinnen. —„Schöne Anna,“ flüſterte er ihr eines Abends bei'm Tanze zu, als er ihre zarte Geſtalt im Arm hielt, „hätte mein Vater mich nicht vor fünf Jahren an Spa⸗ nien verhandelt, ich würde mich heute ſelbſt an Frank⸗ reich verkaufen.“ —„Habt Ihr das Schickſal Euerer Schweſter vergeſſen? Zwiſchen Oeſtreich und Frankreich taugt ſolcher Handel nicht.“ —„Ihr würdet den ewigen Frieden zwiſchen beiden Häuſern hergeſtellt haben.“ —„Anna de Fvix wäre für den Sohn des deutſchen Königs, für den reichen Herzog von Burzund und Niederland nicht vornehm, nicht reich genug geweſen.“ —„Aber Anna de Fpir iſt mehr als reizend, mehr als liebenswürdig, um jenem deutſchen Königsſohn das Herz noch heute zu entflammen, wo er mit traurigen Banden ge⸗ feſſelt iſt. Ja ich vermag das Geſtändniß nicht zurückzuhal⸗ ten, daß ich der Sklave Euerer Schönheit geworden bin.“ nach Spanien. 5 33 —„Wenn ich Germaine wäre, ſo würde ich Euch ſtolz antworten, Ihr beleidigt mein Ohr mit dieſen Reden, denn in mir fließt das Blut des heiligen Lud⸗ wigs. Ihr, der Gatte der Erbin von Caſtilien und Arragonien, laßt mich nicht wieder ſolche Worte hören, oder Ihr werdet mit ihnen meinen Zorn und meine Rache aufrufen; denn nicht ungeſtraft beleidigt man eine Tochter der Könige von Frankreich! Da ich aber Anna bin, ſo ſage ich nur: Ihr ſeid ein liebenswür⸗ diger Sauſewind; ich kenne Euch wohl, der Geruch Eurer Heiligkeit iſt auch zu meiner Naſe gedrungen. Ihr habt der armen Luiſe von Maine, meiner lieben Jugendgeſpielin, das Köpfchen auch verdreht, und jede ſchöne Kaufmannsfrau ſetzt Euer Herz in Flammen, das fürwahr aus Zunder und dürrem Reisholz zu be⸗ ſtehen ſcheint. Darum bilde ich mir gar nichts drauf ein, wenn Ihr wirklich in mich verliebt ſeid. Sagt es mir aber nicht noch einmal, ſonſt kündige ich Euch den Krieg an.“ —„O ich merke, er iſt ſchon ausgebrochen,“ ver⸗ ſetzte der Erzherzog,„aber ich ſtrecke die Waffen, gebe mich Euch gefangen und küſſe meiner Beſiegerin hul⸗ digend die Füße. Und wenn Ihr mich zum Tode füh⸗ ren laßt, es liegt ein ſüßer unwiderſtehlicher Reiz da⸗ rin, Euch zu ſagen: ich liebe Euch.“ —„Wenn ich boshaft wäre, ich würde Euere Ge⸗ mahlin zur Bundesgenoſſin gegen Euch aufrufen; aber Ein deutſcher Leinweber. I. 3 8 4₰ 34„ Die Reiſe Galanterie des leichtherzigen Philipp von Oeſterreich.“ —„Und wollt mich mit einem Kuſſe begnadigen und mir dann erlauben, mit zehn Küſſen oder mehr den Friedensvertrag zu beſiegeln?“ —„Wer ſpricht von Gnade, von Frieden vder gar von Küſſen? Ihr macht ſeltſame Sprünge in Euern Verhandlungen. Sie ſchicken ſich nicht für einen Ehe⸗ gemahl und Vater von drei Kindern, der ſeinen Sohn bereits mit der Tochter des Königs von Frankreich ver⸗ lobt hat.“ —„Ach, Anna, mein Herz iſt erſt dreiundzwanzig Jahre alt! Soll es nicht ſüße Gefühle hegen? Soll es nicht der ſchönſten Prinzeſſin am franzöſiſchen Hofe huldigen? Soll es nicht für das muthwilligſte Elfenkind erglühen, weil die ſogenannte Staatsweisheit meine Hand an die Spanierin gefeſſelt hat? Nein, Gräfin, Ihr ſeid trotz dieſem Staatscvup nicht minder ſchön und mein Herz iſt nicht minder empfänglich für Eure Schönheit. Herz und Jugend folgen ihren eigenen Geſetzen, die mit denen der Politik nichts zu ſchaffen haben.“ —„Zu Euerm Glück kann man Euch nicht zürnen, wenn man Euch in Eurer„Stummheit“ hört.“ —„Soll der Friede geſchloſſen werden? Ihr habt mich an meine Kinder erinnert. Um nun als guter Oeſtreicher beim Friedensſchluß nicht aus der Art zu ich will die Sache für Das nehmen, was ſie iſt, für eine n n , 5 nach Spanien.„ 35 ſchlagen, nach welcher bekanntlich die Fürſten meines Hauſes ihre Kinder mit dem Gegencontrahenten ver⸗ loben, ſelbſt wenn ſie noch in der Wiege liegen, ſo wollen wir noch einen Schritt weiter gehen und unſre Kinder verloben, da die Eurigen noch gar nicht gebo⸗ ren ſind.“ —„Schämt Euch doch, einer Jungfrau von ſolchen Dingen zu reden. Ich werde mich nie vermählen.“ —„ O Ihr ſeid keine zimpferliche deutſche Prinzeſſin, ſondern eine Franzöſin. Und ſo viel Schönheit ſollte todtes Kapital bleiben? Nimmermehr! Ihr ſeid von der Natur beſtimmt, einen jungen Fürſten zum Gott zu machen. O wäre doch ich zu dieſer Götterſchaft auserleſen geweſen! Aber unſern Kindern wollen wir das Glück bereiten, das mir ſelbſt— ich wage nicht zu ſagen uns— verſagt iſt.“ —„Beliebt's Euch nicht, einen Ehecontract aufſetzen zu laſſen, den König und Königin als Zeugen unter⸗ ſchreiben?“ —„ Ein köſtlicher Einfall!“ jubelte der Fürſt.„Für⸗ wahr ich möchte dieſen Abend einen Blick in die Zu⸗ kunft thun können, um zu wiſſen, wer mein Schwie⸗ gervater wäre, da ich die Schwiegermutter glücklich ge⸗ funden. Nehmt nur keinen Alten, Gräfin, damit es Euch nicht ergehe wie der Aurora mit ihrem Litho⸗ nus. Denn Ihr werdet gewiß auch ſtets jung und ſchön bleiben, wie die roſenfingrige Aurvra; ich kann 36 Die Reiſe es mir wenigſtens nicht als möglich denken, daß der hohe Liebreiz Euerer Geſtalt jemals eine Umwandlung erfahren könnte. Und unſerm Vertrag muß die Mög⸗ lichkeit der Erfüllung bleiben. Wißt Ihr keinen Stern⸗ deuter oder Nekromanten, den wir befragen können? Ich möchte ſchon Allerlei wiſſen.“ —„Dieſem Euern Herzenswunſche kann vielleicht eher genügt werden, als dem erſtern.“ —„Wie? Ihr wißt einen guten Propheten?“ —„Solltet Ihr noch nicht von der ſchönen Prophetin gehört haben, welche geſtern hier angekommen iſt?“ —„Eine Prophetin? Eine ſchöne Prophetin? Kein Wort weiß ich!“ —„Und doch iſt keinem unſerer Hofherren ſeit heute Mittag die Sache ein Geheimniß mehr. Mich wun⸗ dert aber, daß die Eurigen Euch noch nichts mitgetheilt. Man muß es ihnen verſchwiegen haben.“ —„Nun ſo laßt mich aus Euerem ſüßen Munde zuerſt erfahren, was das für eine Prophetin iſt.“ —„Der Glanz der Feſte, welche Euch der König gibt und noch zu geben gedenkt, hat eine Zigeuner⸗ bande von Paris herbeigelockt, die hier Geſchäfte zu machen gedenkt, da die meiſten ihrer Glieder ſchon alte gute Bekannte unſrer Hofherren und Damen ſind. Es iſt aber ein neues Subjeet dabei, wenigſtens ein ſolches, welches unſern Hofherren noch nicht zu Geſicht gekom⸗ men iſt, und ſie haben gute Augen für ſolche Gegen⸗ 28 nach Spanien. ſtände. Dies iſt nämlich ein junges Mädchen, welches die Zigeuner für die älteſte Tochter ihrer Königin und alſo für ihre künftige Königin ausgeben. Sie ſollen nämlich die ſehr vernünftige Gewohnheit haben, ſich nur von einer Dame beherrſchen zu laſſen, der ſie in Herzensangelegenheiten ganz freie Wahl laſſen. Dieſe junge königliche Prinzeſſin nun ſoll von ausnehmender Schönheit ſein, ihre Sehergabe aber ſogar ihre Reize noch übertreffen; gewiß alſo ein ſehr intereſſanter Ge⸗ genſtand für männliche Nachforſchungen. Und ſo ha⸗ ben ſich denn geſtern und heute ſchon eine Menge un⸗ ſerer Hofherren, äußerſt wißbegierig in Betreff ihrer Zukunft, heimlich von unſern Feſten fortgeſtohlen, um ſich wahrſagen zu laſſen; ja die kleine vrientaliſche Prinzeſſin hat heute in der Dämmerſtunde bereits, wie mir auf's beſtimmteſte verſichert worden iſt, einen ſehr hohen, ihr ebenbürtigen Beſuch gehabt.“ —„Wie? Die Königin?“ —„Still! Ich will es Euch verrathen. Der König war bei ihr und hat ſie um den Ausgang der neapoli⸗ taniſchen Händel befragt, aber ſie ſoll ihm ſchlechte Dinge geſagt haben.“ —„Schlechte? Wißt Ihr etwa was? Ich bitt' Euch, verſchweigt mir nichts.“ —„Da Iyr ſo artig ſeid, ſollt Ihr's erfahren. Sie hat ihm geſagt, er werde vom ganzen Königreich Neapel nicht mehr davon tragen, als eine Mücke auf den Flügeln.“ 38 Die Reiſe —„Tolles Zeug! Der König iſt ja im Beſitz ſeiner Landesportion von Neapel.— Doch dieſer abgeſchmackte Ausſpruch ſoll uns nicht hindern, der Sibhlle einen Beſuch zu machen. Wir Beide gehen allein, verkleidet, als ein junges Ehepaar, als Pächtersleute. Das iſt köſtlich! Ja, Anna, Ihr müßt mein liebes Weibchen vorſtellen. Ihr die junge reizende Pächterin, ich ein hoffnungsvoller Pächter. O ich freue mich ſehr auf dieſen Scherz!“ —„Ihr bedenkt nicht, daß Ihr Gewißheit haben wollt über beſagten Ehecontract. Wie könnt Ihr da meinen Mann vorſtellen.“ —„Der Gedanke, eine Stunde lang für Euern Mann zu gelten, verdrängt alle andere. Ich will wenigſtens zum Schein das Glück genießen, das mir in Wahrheit verſagt iſt. Aber wie entſchlüpfen wir dieſen ewigen Feſtlichkeiten unbemerkt, Arm in Arm? O Anna, kein neidiſches, verrätheriſches Auge darf uns entdecken!“ —„Wohin denkt Ihr, Hoheit? Allein kan nich nicht mit Euch gehen. Auf keinen Fall allein mit Euch.“ —„Ach, liebſte Gräfin, dann betrügen wir uns ſelbſt um den Scherz. Darin liegt ja gerade der ſüßeſte Reiz, daß wir allein, als geringe Leute, das Orakel befragen. Laßt Euch erbitten.“ —„Nein, nein! Germaine muß dabei ſein. Ohne ſie gehe ich nicht mit Euch; das iſt unerläßliche Be⸗ dingung. Ein Zufall könnte uns verrathen. Welch — nach Spanien. 39 ein Eelat am Hofe! Und ſelbſt wenn wir ganz ſicher wären, würde ich vor mir ſelbſt mir nimmer einen ſolchen Schritt erlauben. Es iſt ſchon Leichtſinn genug, wenn wir zu Zwei Euch begleiten; aber mich reizt es ebenfalls, die ſchöne Aegyptierin auf die Probe zu ſtellen.“ —„Nun wol dennz ſo ſprecht mit Eurer Cvuſine. Sie wird doch einwilligen?“ —„Dafür laßt mich ſorgen.“ —„Wann gehen wir? Ich denke morgen Abend. Aber wie machen wir uns los?“ —„Der König gibt Euch morgen eine glänzende Jagd. Während Ihr das Wild verfolgt, werden die Damen ihre Falken nach den Reihern ſteigen laſſen. Es wird frühzeitig Nacht. Klagt alſo dem Könige Müdigkeit und eilt heim, bevor die Dämmerung eintritt. Dann zieht Euch unter dem Vorgeben, einige Stunden zu ruhen, in Eure Zimmer zurück, ſodaß es nicht auf⸗ fällt, wenn das Bankett Eures Ausbleibens wegen erſt ſpät eröffnet werden kann. Sorgt unterdeſſen für einen Anzug, in den Ihr Euch werfen könnt, wenn Ihr von der Jagd zurückkommt. Am Ende des Schloßgartens nach der Lvire zu, dicht am Abhange des Schloßberges ragt ein Pavillon über die Mauer. Ich werde ihn Euch morgen zeigen, wenn wir auf die Jagd reiten und Euch einen Schlüſſel dazun geben. Dort werde ich Euch mit Germainen erwarten. Wir haben von da nicht weit zur Brücke und berühren die Stadt nicht; 40 Die Reiſe denn wir müſſen über die Lvire hinüber. Die Zigen⸗ ner wohnen drüben in der Vorſtadt Vienne.“ Der Erzherzog drückte der heitern Freundin ver⸗ gnügt die Hand und zog ſie wieder zum Tanz. Er entzückte dieſen Abend den ganzen Hof durch ſeine köſt⸗ liche Laune. Wohl überlegend, wie er, trotz Anna's lobenswer⸗ ther Vorſicht, doch den meiſten Vortheil von dem kleinen Abenteuer ziehen könnte, entdeckte er ſich am andern Tage dem Pfalzgrafen Friedrich und forderte denſelben auf, ihn Abends zu begleiten. Er empfing den Schlüſ⸗ ſel und den Wink hinſichtlich des Zuſammenkunfts⸗ ortes; auch fand Anna während der Jagd Gelegenheit ihm zuzuflüſtern, daß Germaine zugeſagt habe. So prächtig nun auch das Jagdfeſt eingerichtet war, ſo hatte der Erzherzog doch nur Sinn für das Vergnügen, das ihm zum Abend bevorſtand und dem weder reiche Jagdbeute, noch ſchmetternde Hornmuſik, noch glänzende Aufzüge gleichkamen. Er hatte nicht einmal ein aufmerkſames Auge für die in Anmuth und Schönheit ſtrahlende Königin. nach Spanien.—— Drittes Rapitel. Junker Marx von Bübenhoven, der fromme Page, war, mit dem Einkauf von zwei männlichen Baueran⸗ zügen beauftragt, vom ganzen Hofſtaat des Erzherzogs allein im Schloſſe zurückgeblieben. Er hatte den er⸗ haltenen Befehl ausgeführt und ſaß nun, die erſten paar ruhigen Stunden, die ihm nach langer Zeit ge⸗ worden, benutzend und ſchrieb einen langen Brief an ſeine Mutter. Die Thränen liefen ihm dabei über die Wangen und mancher Sehnſuchtsſeufzer nach der Hei⸗ mat entſtieg unwillkürlich ſeiner Bruſt. Da trat plötzlich eine alte freundliche Frau von dunkelbrauner Hautfarbe und in einem ſeltſamen Anzuge herein. Von einem Kopſfputz, der einem Turban ähn⸗ lich ſah, hing ein ſchwarzer Schleier herab und ver⸗ hüllte zum Theil das runzelige Geſicht; eine ſpaniſche Mantilla überdeckte ein ſchweres, faltiges, dunkelrothes ueberkleid, unter welchem ein bunter kurzer Rock ſicht⸗ bar wurde. Die Füße waren unbekleidet. 42. Die Reiſe —„Schöner Knabe,“ ſagte ſie,„ich kenne dich; ich habe dich ſchon in Brüſſel geſehen und bin dir, ohne daß du es weißt, Verbindlichkeiten ſchuldig.“ —„Ihr— mir? Wer ſeid Ihr?“ fragte der Page nicht ohne Verlegenheit. —„Eine Frau, die dir wohlwill, die ſich ſtets dank⸗ bar gegen dich bezeigen wird; wofür? das ſollſt du ſpäter erfahren. Ich ſah dich heute in der Stadt und war ſehr erfreut, dich hier zu finden. Ich hatte es wohl vermuthet und deinetwegen eigentlich ſind wir von Paris hierher gekommen.“ —„Aber ſagt doch wer Ihr ſeid?“ —„Ich bin Karacha, die Zigeunermutter, die Erzie⸗ herin unſerer Königin und deren Tochter, der kleinen ſchönen Zaroya, die mit uns hierher gekommen iſt, und von der du heute oder geſtern gewiß gehört haben wirſt.“ —„Ei freilich hab' ich! Die franzöſiſchen Hofherren ſprechen ja alle von ihrer Schönheit und ihrem Witz.“ —„Nun ſei getroſt, Junkerlein; Zaroha ſoll dir wahrſagen. Du wrirſt doch gern wiſſen wollen, wie's eben deiner Mutter im Lande Tirol geht und ob ſie den unwirſchen Störenfried bald los ſein wird, der die arme Frau ſo ſehr plagt. Ich ſage dir im voraus, es wird ihr von ihm geholfen, eh' ſie ſich's verſieht. Wenn du nach Hauſe kommſt, dein Mütterlein zu be⸗ ſuchen, wirſt du den verruchten Bankert nicht mehr finden.“ nach Spanien. 43 Bübenhoven war aufgeſprungen und ſtand mit leuch⸗ tenden Augen vor der alten Zigeunerin.„Frau!“ rief er,„wenn Ihr wahr redetet! Das wäre meine größte Freude!“ —„Zarvya wird es dir beſtätigen und du ſollſt ein Pfand von uns haben, daß wir dir Wahrheit ſagen und dich, weil wir dir wohlwollen, in unſern Schutz genommen haben.“ Der Page klatſchte vor Freude mit den Händen und befand ſich in der größten Aufregung.„Aber wie ſoll ich zu Euch kommen?“ fragte er;„der Dienſt feſſelt mich.“ —„Biſt du nicht jetzt frei? Vor Abend kehrt der Erzherzog nicht zurück. Biſt du es nicht dieſen Abend, wann er zum Bankett geht? Biſt du es nicht morgen, wann der König deinem Herrn ein großes Stechſpiel gibt? Komm mit mir, ich will Dir den Weg zeigen.“ Der ſchöne Edelknecht, von der freundlichen Zigen⸗ nerin durch die Verheißungen gewonnen, die ſie ihm gemacht, zögerte keinen Augenblick, ihrer Aufforderung Folge zu leiſten, und wanderte an ihrer Seite aus dem hochgelegenen Schloſſe durch die engen Gaſſen dem ſchönen Flüſſe zu, der die Stadt beſpült, und über die große ſteinerne Brücke nach der Vorſtadt Vienne. Hier zog Karacha den von Neugierde und Erwartung heftig bewegten Junker durch ein altes dunkles Hofthor in einen weiten Hofraum, bis er ſich mit ihr in einem, * Die Reiſe an einem noch grünen Baumgarten gelegenen Hinterhauſe befand. In einem geräumigen Garten hauſte die Zigenner⸗ geſellſchaft, und es ſah bunt genug aus. Weiber und Kinder verſammelten ſich um den prächtig gekleideten Pagen, um ihn vom Kopf bis zum Fuß zu muſtern, und obgleich er ihre Sprache nicht verſtand, ſo vernahm er doch aus Ton und Geberden, daß ſie ſehr beifällige Aeuße⸗ rungen über ihn thaten. Karacha hatte ſich entfernt, aber nach wenigen Minüten trat ſie wieder durch eine Thüre herein und führte ein zweites weibliches Weſen, das ſie einen Augenblick darauf mit einem triumphiren⸗ den Lächeln vor den hocherröthenden Edelknaben hin⸗ ſtellte. Es war ein Mädchen von funfzehn oder ſech⸗ zehn Jahren, nicht hoch und ſchlank, nicht üppige volle Formen zur Schau tragend, nicht eine blendende Schön⸗ heit. Und doch war ihr Anblick über alle Beſchreibung reizend, berauſchend, ja ſchier bezaubernd. Ihre magere, leichte und gewandte Geſtalt und ihre raſche kurze Be⸗ wegung erinnerte an eine junge Hindin, eine Gazelle, aber auch an eine Tigerin und eine Schlange; und ihre dunkle Hautfarbe erhöhte das Ungewöhnliche ihrer Erſcheinung. In ihrem großen, äußerſt lebhaften und ſprechenden Auge funkelte ein wahrhaft blendender Glanz; es ſchien als wenn alle Wunder und Zauber des Morgenlandes in dies Ange verſenkt worden wären und aus ſeinen Tiefen heraus unſichtbare, aber feſte Netze zu ſpinnen geſchickt ſeien. Wenigſtens war es * n nach Spanien. 45 dem Junker Bübenhoven, als ſei ſein Herz plötzlich von ſolch einem Netze umſtrickt worden. Eine lange, ſpitze Naſe von der edelſten Form und ein kleiner lä⸗ chelnder, ſtreng keuſcher Mund von der Farbe einer friſch aufgegangenen Granatblüte waren mit dieſen Augen die ſchönſten Theile des liebreizenden Köpfchens; aber aus der ganzen flüchtigen, ſtets wie zum Sprunge bereiten Geſtalt erſt entwickelte ſich der Totalausdruck, jenes unbeſchreibliche Etwas, das fremd und verlockend, wie ein ſüßes Geheimniß, die Sinne der Männer ge⸗ fangen nahm. Unter ihrem Turban aus goldgeſticktem Neſſeltuch und Purpurbinden gewunden quollen glänzend ſchwarze Zöpfe mit eingeflochtenen Goldſtücken, Edelſtei⸗ nen und Perlen hervor, und an den Stufen des kurzen Röckchens und dem goldenen Gürtel hüpften flimmernde Troddeln und bunte Metallzierrathen. Goldne kunſtreich, gearbeitete Spangen und Bänder umfingen ihre bloßen Arme und ihre Beine über den zierlichen Knöcheln. Der kleinſte, niedlichſte Fuß, unbeſchuht wie die aller Uebrigen, entſprach der zierlichſten Hand. Um den Hals trug ſie eine Kette aus Goldperlen, Schlangen⸗ köpfen, Zähnen und kleinen Muſcheln zuſammengeſetzt, und an ihrem Gürtel glänzten myſtiſche Figuren. Es hätte nicht des Zauberſtäbchens in ihrer Hand bedurft, um den Pagen zu bezaubern; er ſtand regungslos ihr gegenüber und ſtarrte ſie an; Karacha aber winkte den Andern bedeutungsvoll lächelnd zu, als wollte ſie ſagen, . 46 daß ihr beabſichtigtes Werk wohl zu gelingen ſich an⸗ ſchicke. La Zaroyha ergriff des ſtummen Junkers Hand, drehete ſich um und ſchaute mit klugen Augen in die Fläche, die geheimnißvolle Schrift darin zu entziffern. Dieſe Berührung durchzuckte den Junker wie ein heißer Strahl. —„Ei, ſchöner Junge,“ ſagte die Zigeunerin ſchel⸗ Die Reiſe miſch,„du haſt Glück mit ſchönen Königstöchtern; zwei lieben dich oder werden dich lieben, jede auf andere Weiſe, und du liebſt ſie auch Beide, jede auf andere Art. Schau, ſchau, ſchmucker Bub', du wirſt ſogar der Vater einer Königin werden. Das iſt ein ſeltenes Glück. Und ein edler Fürſt wird dir begegnen, wann und wo du's am wenigſten vermutheſt, und du wirſt ſein Retter ſein aus großer Gefahr; daraus werden wichtige Folgen für künftige Zeiten erwachſen. Sei getroſt, wenn auch dein Vater nicht mehr lebt; du haſt einen zweiten Vater gefunden, der dich eben ſo liebt wie dein Erzeuger und der dein Schickſal freundlich machen wird. Alles, was dich drückt und kümmert, wird in kurzer Zeit verſchwunden ſein— die Wolken fliehen und eine heitre Sonne lacht auf deine ſpätere Lebensbahn.“ Die Zigeunerin ſchwieg, aber der Junker hielt un⸗ bewußt ihre Hand feſt und ſah ihr unverwandt in das tiefe, ſchwarzglühende Auge, ohne ein Wort zu ſprechen. Endlich ſtammelte er:„Und mein Mütterlein?“ —„ Kinder,“ ſagte Karacha hinzutretend,„erzählt Euch das Uebrige auf Zaroya's Kämmerlein. Es wird nach Spanien. 47 bald andrer Beſuch kommen und der Junker darf hier nicht gefunden werden.“ Damit führte ſie den widerſtandloſen Pagen wie ein gehorſames Kind fort und Zaroha hüpfte leicht und anmuthig voran.— Der Erzherzog kehrte noch bei Tage von der Jagd zurück; er fand die beiden Bauernanzüge, aber nicht den Pagen, und Niemand konnte Rechenſchaft geben, wohin ſich Marr gewendet. Da dies die erſte Dienſt⸗ vernachläſſigung des ſonſt ſo dienſtſtrengen und pflicht⸗ getreuen Junkers war, ſo wurde der Erzherzog ſeinet⸗ wegen unruhig und beſorgt; denn er liebte ihn wegen ſeiner Unſchuld, Herzenseinfalt, Treue, Pünktlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit vor allen ſeinen Dienern. Die Abweſenheit Bübenhoven's änderte aber in der Ausführung des Plans nichts. Der Erzherzog und der Pfalzgraf kleideten ſich um und freuten ſich über ihr bäueriſches Ausſehen. Als die Dämmerung dichter geworden war, ſchlichen ſie vorſichtig nach dem Pavillvn und fanden wirklich die beiden Gräfinnen als allerliebſte Bäuerinnen gekleidet. Sie wollten zwar böſe thun, daß der Erzherzog noch einen Begleiter mitgebracht, aber dieſer wußte ſich ſo gut zu entſchuldigen und der Pfalzgraf machte ſich der ſtolzen Germaine gleich ſo liebenswürdig, daß der Friede ſchnell geſchloſſen war. Anna, die Abſicht des Erzherzogs klug durchſchauend, hatte auch nichts dagegen, daß das andere Pärchen, 48 Die Reiſe ſich nur mit ſich beſchäftigend, immer leiſer zuſammen⸗ flüſterte und auf dem Wege nach der Zigeunerherberge immer weiter zurückblieb; ſie ſetzte aber den feurigen Liebeswerbungen ihres Begleiters und angeblichen Man⸗ nes ſtets nur Schelmereien und Scherze entgegen, konnte jedoch nicht verhindern, daß Pbilipp ihr einen Kuß um den andern raubte, und ſie erzürnte ſich auch nicht über ſeine Piratentapferkeit. Mit kecker Zuverſichtlichkeit traten die beiden jungen Paare bei den Zigeunern ein; Anna kannte die Wege genau und machte die Führerin. Sie waren aber alle vier nicht wenig erſtaunt, ſich beim Eintritt in das nur von matter Dämmerung er⸗ füllte Zimmer von einer ſanften und äußerſt lieblichen Muſik begrüßt zu hören; erkennen konnten ſie die ſie umgebenden Gegenſtände nicht. Doch ſchon im nächſten Augenblick erfüllte eine blendende Helle das Gemach; weiße Flammen ſchlugen von Candelabern empor und zeigten die ganze Zigennergeſellſchaft in ihrem beſten vrientaliſchen Putz im Halbkreis auf den Knien liegen. Die Thüre öffnete ſich und Zaroya hüpfte in könig⸗ lichen Gewändern herein, legte die Arme kreuzweis über die Bruſt und ſprach, ſich dreimal verneigend, einen bombaſtiſchen Gruß, den die kniende Geſellſchaft Wort für Wort wiederholte. —„Niemals, ſeit unſer Stamm aus Aegypten aus⸗ gewandert iſt,“ ſagte Zaroya dann feierlich,„iſt ihm 49 ein ſo hoher und merkwürdiger Beſuch geworden, als dieſen Abend. Ich ſehe zwei künftige Könige und zwei künftige Königinnen vor mir, und jedes wird auf einem andern Throne ſitzen, im Oſten und Weſten, im Sü⸗ den und Norden. Heil den Königinnen, Heil den Kö⸗ nigen, die wir begrüßen!“ —„Heil den Königinnen und Königen, die wir begrüßen!“ rief die Bande. —„Laßt dies Poſſenſpiel!“ ſagte der Erzherzog är⸗ gerlich.„Wir ſind zwei Paar Pächtersleute, dieſe hier iſt meine Frau und die ſchlanke dort iſt meine Schweſter und der kecke Naſeweis ihr Mann; wir wollen uns von Euch wahrſagen laſſen, möchten aber nicht von Andern überraſcht werden. Drum ſchließt die Thüren und faſelt uns nichts von Königen und der⸗ gleichen.“ —„Die Thüren ſind bereits verſchloſſen,“ verſetzte Zaroha;„wir wiſſen, was wir Ew. Hoheit ſchuldig ſind. Was das Uebrige betrifft, ſo vermögt Ihr die Tochter Pharao's nicht zu täuſchen. Ihr eignes könig⸗ liches Blut begrüßt das verwandte in Euch.“ —„Nun wenn es Ew. königl. Hoheit durchaus ſo beliebt,“ ſagte der Erzherzog,„ſo mag es immerhin ſein; obgleich ich nicht zu begreifen im Stande bin, wie unſre vier Häupter hier zu Königskronen kommen ſollen. Doch laſſen wir dieſen Punkt auf ſich beruhen; wenn's Euch genehm iſt, ſo laßt uns etwas Einzelnes Ein deutſcher Leinweber. II. nach Spanien. 50 Die Reiſe über unſre Schickſale vernehmen. Fangt mit meiner Schweſter und ihrem Manne an.“ Germaine bot der Zigeunerin zuerſt die Hand und Philipp zog Annen bei Seite und flüſterte ihr zu: „Wenn ich erſt König von Caſtilien bin, ſo würde ich mich nicht zu Tode grämen, wenn der Himmel den Witwerſtand über mich verhängt hätte; ich würde viel⸗ mehr denſelben möglichſt abzukürzen ſuchen, indem ich eine gewiſſe Dame von franzöſiſchem Königsblut, in die ich ſterblich verliebt bin, ſobald als möglich zur Königin machte. Dann wäre ſchon für unſere zwei Kro⸗ nen geſorgt. Schwerer dürfte es mit den beiden andern dort halten und die Prophezeiung unſerer königlichen Schweſter aus Aegypten leicht zu Schansn werden.“ —„Schämt Euch Euerer Gottloſigkeit!“ verſetzte Anna.„Ihr ſeid werth, daß Euch Donna Juanna's Katzen das Schelmengeſicht zerkratzen.“ —„Erinnert mich nicht an dieſe Beſtien! Es ſind böſe Geiſter, mein Unglück zu vollenden.“ —„Wie boshaft und undankbar. Ein Ehewirth von Euerer Art ſollte froh ſein, wenn ſeine Wirthin ſolche animaliſche Sympathien hegte. Und es ſind ſo ſchöne Thierchen. Die Infantin wird mir ein Junges von Spanien ſchicken. Don Ceſar, der ſtattliche Cavalier, darf ſich ſogar in Bezug auf die Treue Euch gleichſtellen.“ Philipp verſchloß ihr den ſpottenden ſchönen Mund mit einem Kuß. nach Spanien. 51 Die Zigeunerin nahm Germaine's Hand.„Ihr ſeid weder die Schweſter jenes Mannes, noch die Frau dieſes; vielmehr werdet Ihr, um die Königskrone, die Euch beſtimmt iſt, zu erlangen, die Feindin des Man⸗ nes werden, der Euch heute für ſeine Schweſter aus⸗ gibt. Aber was Ihr auch thut, es wird ihm nichts ſchaden und Euch nichts helfen⸗ Denn wie es über den Sternen beſchloſſen iſt, ſo. erfüllet werden, und obgleich Ihr eine Königin über vier große und mächtige Königreiche werden werdet, ſo könnt Ihr doch nichts hinder in jenem Beſchluß.“ —„ Ihr ſeid nicht der Schwager jenes Mannes dort,“ fuhr Zaroha, in des Pfalzgrafen Hand ſchauend, fort; „aber Ihr werdet Euch mit ſeinem Blute verbinden. Auch liegt dicht neben dem Brautkranze Euerer künfti⸗ gen Gemahlin eine Königskrone für Euch, an die Ihr jetzt noch nicht denkt; Niemand ahnet, daß ſie einſt zu haben ſein wird. Doch läuft eine feine verrätheriſche Linie zwiſchen dem Brautkranz und der Krone hin, ſo⸗ daß die Krone Euch wol von Euerer Frau ſcheidet oder die Frau von der Krone. Auch liegen viel Waf⸗ fen um Euch und Ihr werdet manchen Krieg und har⸗ ten Strauß auszufechten haben.“*) *) Die ſpätern Schickſale dieſes jungen Pfalzgrafen liegen außerhalb der Grenzen dieſer Zeitbilder. Deshalb ſei hier nur ſo viel bemerkt, daß des Erzherzogs Philipp zweite Toch⸗ 1% Die Reiſe Anna kam jetzt an die Reihe; aber die Zigeunerin nahm zugleich auch Philipps Hand und ſchaute abwech⸗ ſelnd in die eine und die andere. —„Ihr ſeid nicht die Frau dieſes Mannes da, aber Euere Tochter wird die Frau ſeines Sohnes und ſeine Tochter wird die Frau Eueres Sohnes werden.“ —„Ach!“ rief der Erzherzog überraſcht,„das trifft ja herrlich zu, wie wir's verabredet haben. Weißt du uns denn aber gar nichts von dem Könige zu ſagen, der dieſe Dame zur Königin machen wird?“ —„Er iſt ein König zweier Königreiche.“ —„Du biſt freigebig mit deinen Kronen,“ lachte Anna,„meiner Freundin dort weiſeſt du vier zu, bei mir thuſt du's nicht unter zweien.“„ ter, welche in demſelben Jahre, in welchem die obige Scene ſpielt, geboren war und die bereits als Säugling im erſten Theile aufgetreten iſt, Iſabella, 1515 die Gemahlin des Königs Chriſtiern Il. von Dänemark, Schweden und Nor⸗ wegen wurde, mit welchem ſie 1522 in die Niederlande flüchtete und 1525 vor Kummer über die Entthronung ihres Gemahls ſtarb. Ihre 1518 geborne Tochter Dorothea, in Brüſſel bei ihrer Großtante, der Statthalterin Margaretha erzogen, wurde 1532 die Gemahlin des Pfalzgrafen Friedrich, ſie eine 14 jährige Prinzeſſin, er ein ſchon 5 Bähriger Prinz, der damals unter den Bewerbern der däniſchen Königskrone — eine kurze Zeit nicht ohne Glück auftrat, ſeine Bewerbung durch ſeine Heirath unterſtützte und ſich von ſeiner Umgebung den königlichen Titel beilegen ließ. Aber Karl V., deſſen Nefſe er durch dieſe Heirath geworden war, ließ ihn fallen und er ſtarb hochbejahrt in ſehr gedrückten Verhältniſſen. nach Spanien. 53 —„ Dagegen hat ſie die meinige zweifelhaft gelaſſen,“ ſagte der Pfalzgraf,„und wirklich bin ich ſelbſt ſehr zweifelhaft darüber.— Euch, Herr Schwager, wird ſie dagegen ein halbes Dutzend Kronen das Haupt ſetzen.“ —„ Du wirſt nur eine gngeche ſprach Zaroya ernſt und feierlich zum Erzherzog;„aber deine Söhne wer⸗ den Kronen haben ſo viele und ſo reiche, wie noch kein König auf Erden trug und kein König auf Erden wie⸗ der tragen wird. Durch deine Tochter, Anna von Foir, wird der Sohn des Erzherzogs Philipp reich und mäch⸗ tig werden und auf den Häuptern ihrer Nachkommen glänzen Kronen und Kronen eine unüberſehbare Reihe. In zwei Aeſte theilt ſich dein Stamm von dir aus, Philipp von Oeſtreich, beide Kronenträger, und in den Ländern, über die der eine wächſt und die er mit Recht ſein Eigenthum nennt, wird die Sonne niemals untergehen.“ Weder der Erzherzog, noch die Gräfin Anna konn⸗ ten ſich des ernſten Eindrucks erwehren, den dieſe Worte auf ſie machten, und ſie fanden es gleichſam in der Ordnung, daß die Zigeunerin ſie beim Namen genannt hatte; aber ihr Leichtſinn entledigte ſich des Ernſtes bald wieder. Der kühle Hauch des Schickſals aus Zaroya's Mund war bald überwunden und lachend ſcherzte Philipp, die Hand der ſchönen Gräfin zärtlich drückend:„Alſo mit dem Ehecontraet hat's ſeine Rich⸗ 7 54 Die Reiſe tigkeit. Ihr ſeht, holde Anna, daß ich auch eine pro⸗ phetiſche Ader an mir habe. Ich wette drauf, die ſchwarzäugige Sibylle beſtätigt auch meine zweite Pro⸗ phezeiung, die ich Euch gemacht.“ —„Welche? Was habt Ihr mir noch prophezeit, Herr Schwiegerpapa?“ —„Daß Ihr ſtets ſo ſchön und jung bleiben werdet, daß das Alter Euern Reizen keinen Eintrag thun wird.“ —„In der That,“ ſagte Zaroya, ihren Ernſt wo möglich noch ſteigernd,„Ew. Hoheit ſcheint ein Blick in die Zukunft vergönnt zu ſein. Auch mir wird aus einzelnen Zügen der Gräfin klar, daß das Alter ihren Reizen nichts anhaben kann; ſie wird ſtets ſo ſchön bleiben, wie ſie heute iſt. Aber an Euch, Herr Erz⸗ herzog, erblicke ich dieſelben Züge. Ihr werdet mit der Gräfin deſſelben Glückes theilhaftig werden. Ueber⸗ haupt ſehen ſich die Karten Eures Schickſals ſehr ähnlich. Ich ſeh' einen Stern fallen, der ſenkt ſich erſt auf Euern Pfad, ſchöne Dame, und nach wenig Wochen auf den Euern, ſchöner Herr; denn er gilt Euch Beiden.“ —„Habt Acht, mein ſüßes Augenlicht,“ flüſterte der Erzherzog Annen zu,„Ihr werdet noch meine Frau; darauf deuten dieſe verblümten Redensarten. Unſre Herzen bleiben dann jung und friſch in Liebe bis ins ſpäteſte Alter.— Aber kleiner Schelm,“ wandte er ſich liebäugelnd an die Zigeunerin,„was ſagt dein nach Spanien. 55 Orakel von all den Dingen, die ich jetzt vorhabe, hier und wohin ich zu gehen gedenke?“ —„Hütet Euch! Seht Euch vor! Wahrt Euch vor Schaden! Traut hier nicht und dort nicht! Auch der ſtarke und großmüthige Löwe kann in einer Schlinge gefangen werden.“ Die kleine Geſellſchaft trieb— da ſie ihr Ineognito verrathen ſah— noch allerlei Kurzweil und ſelbſt die kleine Zigeunerin ließ wieder von ihrem königlichen Ernſt nach und ging mit ihrem Beſuch wie mit ihres Gleichen um. Die Blicke des ſo leicht entzündbaren Erzherzogs hingen verlangend und flammend an der kleinen ſchmiegſamen Geſtalt, und Anna, die ihn auf dieſer Spur ertappte, ſagte mit lachendem Spott:„Ich glaube, Ew. Hoheit ſchnelles Herz hat Vernunft ange⸗ nommen und ſich einen ebenbürtigern und würdigern Gegenſtand erwählt und ſomit die Thorheit gebeſſert, die es vor ein paar Stunden noch feſthielt.“ Der junge Fürſt antwortete mit einiger Verwirrung und brach ſogleich auf. In die Hand der alten Ka⸗ racha glitt ein reiches Geſchenk; dann zogen die beiden Pärchen vergnügt ihres Wegs. Der Erzherzog mußte noch manche Spötterei hören, daß er ſich in das rei⸗ zende ägyptiſche Königskind verliebt habe, und je mehr er läugnete, deſto toller machten es die beiden Grä⸗ finnen mit ihm. —„Da ſie Euch nur eine Königskrone zugedacht * Die Reiſe hat, Hoheit,“ ſagte Germaine,„ſo werdet Ihr vielleicht Pharav von Aegypten werden und mich wird jedenfalls der Großtürk heirathen; dann führen wir Krieg mit einan⸗ der, weil ich denn doch einmal Eure Feindin werden muß.“ —„So wird ſich meiner ja wol ein Mohrenkönig erbarmen,“ meinte Anna.„Ich komme Euch dann mit meinem Gemahl zu Hülfe, Hoheit, und wenn wir über dieſe Perſon hier geſiegt haben, verheirathen wir in einem wahren Kreuzfeuer unſre Kinder, wie's im Buche des Schickſals geſchrieben ſteht.“ —„Ich weiß noch nicht, was ich thun werde, wenn mir erſt die verheißene Königskrone auf dem Haupte ſitzt,“ ſagte der Pfalzgraf;„aber jedenfalls werde ich ſie wie eine Nachtmütze über die Ohren ziehen und feſthalten. Denn in der That, das wäre mir nicht im Traume eingefallen, daß ich noch einmal König werden ſoll. Ueberhaupt, wer ſollte denken, daß in dieſer klei⸗ nen Stadt Blvis an der Loire heute ſieben königliche Häupter beiſammen ſind. Wir vier kommen vom fünf⸗ ten und gehen zum ſechſten und ſiebenten zu Banket.“ —„Ich werde es unſerm Vetter, dem König, ſtecken,“ lachte Anna,„damit er dieſe Merkwürdigkeit, wie ſie die franzöſiſche Geſchichte noch nicht erlebt hat, in die Reichsannalen eintragen läßt.“ So ſcherzten ſie fort, bis ſie ſich trennten, um ſich nach einer kleinen Stunde in fürſtlicher Pracht und jugendlicher Heiterkeit wieder in den hell erleuchteten nach Spanien. 5ñ Sälen des Königsſchloſſes zu begegnen und die unter⸗ brochene fröhliche Unterhaltung fortzuſetzen. —„Weißt du auch, Friedrich, daß die Gräfin Anna recht hat?“ flüſterte der Erzherzog dem Pfalz⸗ grafen zu.„Sie hat ſcharfe Augen, dieſe ſchelmiſche Franzöſin.“ —„Ich habe es wohl gemerkt,“ verſetzte der Andere; „Ihr habt der kleinen Zigeunerin zu tief in die ſchwar⸗ zen Augen geſehen.“ —„Ich brenne lichterloh. Nie hat mich der Anblick eines weiblichen Weſens mehr gereizt.“ —„Es ſollte mich wundern, wenn es anders wäre.“ —„Es iſt ſo etwas Ungewöhnliches und Delikates in dieſem magern, braunen, raſchen Mädchen, das mich wie eine ſtählerne Springfeder gemahnt.“ —„Ihr habt europäiſche Schönheiten aller Art geliebt und die fetten Niederländerinnen müßt Ihr überdrüſſig ſein. Das Gegentheil muß Euch deshalb ein außerordentliches Vergnügen gewähren. Wenn man alle Tage Schweinefleiſch ißt, ſchmeckt ein Stück Bären⸗ ſchinken gewiß unübertrefflich gut.“ —„Ich will mir noch einmal unter vier Augen von ihr wahrſagen laſſen, aber nicht in ihrer Spelunke. Du ſollſt ſie mir morgen Abend nach dem Stechen auf meine Zimmer bringen. Ein reiches Geſchenk wird ſie ſchon willig machen. Wir wollen die Zukunft ruhen laſſen; ich mag von all dem thörichten Zeug nichts Die Reiſe mehr hören und gedenke lieber die Geheimniſſe der Gegenwart mit ihr zu beſprechen.“ —„Was an mir liegt, gnädigſter Herr, ſo werde ich mich beſtreben, Euern ſchönen Wunſch in eine noch ſchö⸗ nere Wirklichkeit umzuſetzen.“ Die ſtets bereitwilligen Diener der erzherzoglichen Wünſche und Theilnehmer ſeiner galanten Abenteuer verabredeten am folgenden Tage einen Plan, die junge Zigeunerin für den Abend ihrem Herrn zuzuführen, der die geliebte Luiſe in Spanien und die geliebte Anna in Blois vergeſſen zu haben ſchien und weder mehr an Germaine, noch an die Königin dachte, ſondern von nichts als der reizenden Zaroya ſprach, in die er, allen Anzeichen nach, heftiger noch verliebt war, als wie vor vier Wochen in die üppige Elevnore van der Kapellen in Antwerpen. Auf Marr von Bübenhoven hatte man in dieſem haſtigen Treiben keine Acht; der Erzherzog hörte die Entſchuldigung über ſein Dienſtverſehen mit halbem Ohr und Niemand hatte ein Auge für die auffallende Verwandlung des Pagen, der aus einem Knaben plötz⸗ lich ein ſchöner ſtolzer Jüngling geworden war. In ſeinen Augen hatte ſich ein Feuer entzündet, wo ſonſt kaum ein Funke geleuchtet, und die kalte Sprödigkeit ſeines Herzens ſchien in der Glut dieſes Feuers er⸗ weicht worden zu ſein. Aber die Andern waren alle zu ſehr mit ſich ſelbſt, mit dem Erzherzog und den nach Spanien. 59 ſteten Feſtlichkeiten beſchäftigt, als daß ſie dem ſtillen Junker eine beſondere Aufmerkſamkeit hätten ſchenken können. Und ſo ſchlich er denn wieder unbemerkt nach der Vorſtadt Vienne, als der Erzherzog mit ſeinen turnierfähigen Rittern zu dem glänzenden Stechſpiel ritt, wo bereits alle Frauenaugen mit vergötternder Unge⸗ duld den ſchönen Fürſten erwarteten. Und wenn es möglich geweſen wäre, noch mehr Eroberungen zarter Frauenherzen zu machen, ſo würde es heute geſchehen ſein, wo Philipp, wie Perſeus, ſtrahlend in Jugend⸗ ſchöne und Kraft der gefeierte Sieger Aller war, die mit ihm in die Schranken ritten. Aber die flatternden Herzchen der franzöſiſchen Hofdamen waren ja ſchon alle ſein, und Perſeus, der Halbgott, konnte von den Griechinnen nicht ſo verehrt werden, wie Philipp von Oeſtreich von den Franzöſinnen. Die von ihm bevor⸗ zugte Anna von Fvir war der Gegenſtand des allge⸗ meinen Neides. Wenn ſie hätten ahnen können, daß ſein Herz heute nur mit der kleinen Zigeunerin beſchäf⸗ tigt war, die ſich nicht einmal unter der großen Maſſe der Zuſchauer befand, wie alle andere Glieder ihrer Bande, ſondern daheim in traulicher Einſamkeit dem Pagen den Vorzug vor dem Herrn gab, in ihren ECul⸗ tus würde ſich etwas franzöſiſche Schadenfreude ge⸗ miſcht haben. Nach Beendigung des Spiels erfuhr der Erzherzog vom Pfalzgrafen, daß die alte Zigeunerin gewonnen Die Reiſe ſei und ihr Pflegekind an ihn ausliefern werde, um es in's Schloß zu führen. Hierauf empfing er äußerſt heiter den Dank aus den Händen der anmuthigen Kö⸗ nigin, eine mit ſilbernen Lilien von ihrer eignen Hand geſtickte Schärpe, grüßte die Hofdamen mit Anſtand und eilte in das Schloß, ſeinen Beſuch mit Sehnſucht erwartend. Es dauerte auch nicht lange, ſo traten der Pfalzgraf und der Baron Vere in ihren Mänteln herein und führten ein tief verſchleiertes Weib, verbeugten ſich ſtumm und entfernten ſich. Die verliebte Ungeduld des Erzherzogs beeilte ſich, die neidiſchen Hüllen zu entfernen; der Gegenſtand ſeines Verlangens kam ihm aber zuvor, warf den Schleier ab und ſtand als alte Karacha lächelnd vor dem erſtaunten Fürſten. —„Es ſcheint,“ ſagte ſie liſtig,„als hätten Euch die Prophezeiungen meines Pfleglings nicht genügt; ſie iſt allerdings noch eine Anfängerin. Deshalb bin ich gekommen und ſchmeichle mir die Zufriedenheit Ew. Hoheit eher zu verdienen.“ Der Erzherzog faßte ſich und verſetzte:„Nicht ich bin's, der von deiner geheimnißvollen Kunſt profitiren will; ich gedenke vielmehr meine Leute durch das Ver⸗ gnügen zu überraſchen, ihnen von dir wahrſagen zu laſſen. Meine Pagen werden ſich ſehr freuen, deine Bekanntſchaft zu machen.“ —„Es ſollte mich ſehr wundern, wenn einer unter den Herren wäre, der mich noch nicht kennte.“ ——. — nach Spanien. 61 —„Deſto beſſer. Ihre Freude wird um ſo größer ſein.“ Er ſchellte und befahl dem eintretenden Leib⸗ diener, die Zigeunerin in das Pagenzimmer zu führen. Hernach ließ er den Pfalzgrafen und den Baron Vere holen und gab ihnen in heftigen Worten ſein Misver⸗ gnügen über den ihm geſpielten Betrug zu erkennen. Erſtaunt und erſchrocken hörten ſie ihn an und der Pfalzgraf rief:„dabei iſt Hexerei im Spiele. Nur mit des Teufels Beiſtand iſt das möglich geweſen. Die Alte hat uns die Junge an der Brücke zugeführt, wie ausgemacht war; wir haben die Junge in Empfang genommen und die Alte iſt fortgegangen. Begreif' es, wer kann! Das iſt pure Zauberei.— Doch getröſtet Euch, gnädigſter Herr, ich ſchaff' Euch morgen die Kleine herbei und mache allen Zauber zu nichte.“ Der Erzherzog ließ ſich dieſes Verſprechen gefallen; denn ſeine Wünſche waren durch den ihm geſpielten Betrug nur noch ungeſtümer geworden.— Deshalb weinte er ſchier vor Verdruß, als er am folgenden Tage erfuhr, die kleine Zigeunerin ſei am Morgen ab⸗ gereiſt. Auch ſeines Bleibens war nun nicht länger und er befahl ſeiner Umgebung zum Aufbruch zu rüſten. Die Reiſe Piertes Rapitel. Zehn Tage hatte das erzherzogliche Paar mit ſeinem zahlreichen Gefolge in Blois zugebracht, und der König hatte jeden dieſer Tage in ein glänzendes an Abwechs⸗ lung reiches Feſt verwandelt; nun ſchieden die beiden Fürſtenpaare im herzlichſten Einverſtändniß und mit den Verſicherungen ewiger Freundſchaft von einander. Der Erzherzog war von König Ludwigs vffenem, biederm, wahrhaft ritterlichem Weſen ſo eingenommen, daß er ſich und Andern das Wort gab, er werde die Intereſ⸗ ſen des Königs auf jede Weiſe fördern und die nea⸗ politaniſchen Angelegenheiten zu deſſen völliger Zufrie⸗ denheit ordnen und beilegen. Anna und Germaine übergaben dem ſcheidenden Erzherzog einen Brief und die Erſtere ſagte:„Wir bitten Euch, dieſes Schreiben unſter Jugendfreundin, der Herzogin von Najara, zu übergeben,“ und leiſe ſetzte ſie hinzu:„Erkennet daraus mein gutes menſchen⸗ freundliches Herz, das Euch auf dieſe Weiſe leicht zur 63 erwünſchten Erneuerung einer alten Flamme verhilft. Nehmt aber auch guten Rath an: brennt nur nicht gleich lichterloh; denn in Spanien werden ſo gut wie hier Feuerſpritzen und Augen auf Euch gerichtet ſein, aber wahrlich nicht mit ſo wohlriechenden Waſſern und ſo gütigen, harmloſen Blicken. Ich habe das an der Donna d'Ulloa, der Oberhofmeiſterin der Frau Erzher⸗ zogin bemerkt, die ſich keine Mühe hat verdrießen laſſen, Euch tüchtig zu beſpritzen. Und nun lebt wohl, reiſet glücklich und vergeßt unſre Fahrt zu der Zigeunerprin⸗ zeſſin nicht, die Euch, wie man ſagt, Donna dUllva gleichſam aus den Zähnen geriſſen hat. Leider habe ich erſt geſtern erfahren, daß dieſe würdige ſpaniſche Dame eine innige Freundſchaft mit der alten Zigeu⸗ nermutter unterhalten hat. Vielleicht iſt es nur lands⸗ mannſchaftliche Zuneigung geweſen. Hätte ich dieſen Umſtand früher gewußt, ich hätte Euch aus wahrer Freundſchaft gewarnt. Vielleicht könnt Ihr aber in Spanien noch von dieſem Winke Gebrauch machen.“ Philipp reichte der muntern, ihm wohlwollenden Prinzeſſin dankbar die Hand, dann rief er, Germai⸗ ne's Hand drückend:„Adieu, ſchöne Feindin! Ich bin ſehr begierig zu erfahren, wie ſich die Prophezeiungen erfüllen werden.“ —„Gott ſegne die Frau Erzherzogin und deren liebes Vieh noch ferner,“ verſetzte Germaine,„dann wird die Welt Könige und Katzen genug haben, um nach Spanien. Die Reiſe mit mir und Jedermann Feindſchaft und Streit anzu⸗ fangen.“ Der König begleitete ſeine Gäſte in eigner Perſon bis nach Ambviſe, wo ſie das erſte Nachtlager hielten; am folgenden Morgen verabſchiedete ſich der König und die Reiſe wurde in möglichſt kleinen Tagemärſchen, wie ſie die kurzen und ſtürmiſchen Decembertage ge⸗ boten, über Tours, Poitiers und Angouleéme fortge⸗ ſetzt. In der traurigſten Jahreszeit langten die hohen Reiſenden in der traurigſten Provinz Frankreichs an, in jenem nordweſtlichen Theile der Gascogne, der„ die Haiden“ heißt, deſſen unüberſehbare Ebenen von dür⸗ rem, trocknem Haidekraut, von Flugſand und Moräſten überdeckt ſind und wo man auf langen Tagereiſen kaum einen elenden Weiler findet. Die Reiſe ging ſo langſam, daß die Reiſenden erſt im Anfange des Jah⸗ res 1502 die Dordogne und Garonne paſſirten, um in jenen unglücklichen, öden Theil des Landes einzutre⸗ ten. Ueber Mont de Marſan gingen ſie am Adour hinab nach Bahonne. Die Gemüthskrankheit der Erz⸗ herzogin hatte ſich ſeit ihrem Abſchied von Blvis wie⸗ der eingeſtellt und verſchlimmerte ſich in dieſer von Nebeln und wilden Schneeſtürmen heimgeſuchten Ein⸗ öde von Tag zu Tag. Sie wechſelte mit ihrem Ge⸗ mahl oft Tage lang kein Wort und die Katzen waren ihre einzige Unterhaltung; dann ſuchte ſie ihn plötzlich nit einer fieberhaften Zärtlichteit hein, aber Philipp 5 nach Spanien. 65 wurde dadurch nicht freundlicher gegen ſie geſtimmt. Er blieb kalt und förmlich in ihrer Gegenwart. In den Nachtherbergen litt ſie nur ihre Oberhofmeiſterin um ſich und dieſer Umſtand war nicht geeignet, Phi⸗ lipps Herz der ungeliebten Gattin zuzuführen. In Bayonne wurden ſie vom Könige von Navarra begrüßt, der ihnen zu Ehren aus ſeinem Lande herübergekommen war und zwei Tage bei ihnen verharrte. Dann gingen ſie über St. Jean de Luz, die letzte franzöſiſche Stadt am gascogniſchen Meerbuſen, und betraten an demſelben Tage noch den ſpaniſchen Boden. In Fuent⸗ arabia, der erſten biseahiſchen Stadt, warteten der Hochmeiſter des St. Jago⸗Ordens mit ſeinem Sohne, dem Stadthalter von Granada nebſt einer großen An⸗ zahl ſpaniſcher Granden und Edelleute ihrer und hießen ſie im Namen der Könige von Caſtilien und Arragonien mit großen Ceremonien willkommen. Eine alte Be⸗ ſchreibung dieſer Reiſe, von einem Begleiter des Erz⸗ herzogs verfaßt, meldet, daß die Bewillkommnungs⸗ feierlichkeiten am 29. Januar ſtattgefunden haben. Von der Garonne bis nach Fuentarabia, ein Weg von un⸗ gefähr 24 deutſchen Meilen, hatten ſie alſo einen ganzen Monat zugebracht und noch dazu in einem der trüb⸗ und armſeligſten Landſtriche Europas. Der Connetable von Caſtilien holte die hohen Reiſenden in glänzenden Eauipagen ein und führte ſie auf ſeine Koſten bis nach Burgos, wo er dem Erzherzoge und ſeinen vornehmſten Ein deutſcher Leinweber. I. 5 66 Die Reiſe Begleitern koſtbare Geſchenke überreichte. Am 13. Fe⸗ bruar langten ſie in der Reſidenz Caſtiliens an. Der Erzherzog hatte ſtill gehofft, er werde hier den Ami⸗ rante von Caſtilien, den mächtigen Herzog von Na⸗ jara finden und die Gemahlin deſſelben werde eben⸗ falls nicht fern ſein; aber man ſagte ihm, daß der Amirante und deſſen Sohn ihn, auf Befehl der Königin, in Volladolid begrüßen würden. Die Reiſe wurde demnach fortgeſetzt und glich von nun an einem Triumph⸗ zuge. Der Ruf von der hohen Schönheit und Lie⸗ benswürdigkeit des Erzherzogs war ihm von Burgos vorausgeeilt; von allen Seiten ſtrömten Scharen von Menſchen herbei und vorzüglich die Frauen des Adels, der dort noch den ganzen Ritterſinn des Mit⸗ telalters bewahrt hatte, um den geprieſenen Fürſten, den einſtigen König dieſes Landes, anzuſtaunen. In Valladolid ſelbſt war eine große Menſchenmenge ver⸗ ſammelt und faſt kein Adeliger aus Aſturien, Leon, Valladolid, Zamora, Salamanca, Burgos und Se⸗ govia fehlte, um den Prinzen von Caſtilien, wie man den Erzherzog ſchon allgemein begrüßte, einzuholen und ſich an den Zug deſſelben nach Toledo anzuſchließen. Hier war es, wo der Amirante von Caſtilien an der Spitze der Präſidenten und Beiſitzer des hohen Raths von Spanien und der hohen Geiſtlichkeit das fürſtliche Paar bewillkommnete. Ein ſchöner Greis in edler, würde⸗ voller Haltung, in welcher ſich das Bewußtſein ſeiner 6 nach Spanien. 67 hohen Stellung ausdrückte, trat Don Ruy Gareias de Villaquiran dem Erzherzog entgegen, um demſelben ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. In einen ſtolzen Nacken ſiel ein ſchneeweißes Haar hinab, Scheitel und Stirn waren kahl. Seine Züge zeigten ſich von jener ruhigen Würde verklärt, in welche die gemeinen und kleinlichen Schickſale, mit denen ſich die meiſten Men⸗ ſchen niedern Standes zerquälen, keinen ſtörenden Schatten geworfen hatten; aber ſie waren auch frei von den Eindrücken, welche in den Seelen der Hochgeſtell⸗ ten zerſetzend raſen. Der Herzog von Najara war ein Spanier im edelſten Sinne des Worts und an ihm konnte man lernen, was die ſogenannte Grandezza eigentlich iſt und zu bedeuten hat. Man ſah es dieſer in ſich abgeſchloſſenen Ruhe an, daß der Statthalter der Königin oder vielmehr der Vollzieher ihrer Befehle — denn dies war der Amirante von Caſtilien— nicht in geſchäftiger Haſt und lärmender Thätigkeit ſeinem hohen Poſten vorſtand, vielmehr daß er mit einem Blick, ja eigentlich nur mit ſeiner impoſanten Hältung jedes Gemeine und Unwürdige von ſich fernhie und daß ein Wort hinreichte, ſeine Befehle auf das ſchleu⸗ nigſte zu vollziehen. Der Erzherzog konnte ſich einer gewiſſen Ehrerbietung gegen den Herzog nicht erweh⸗ ren. Es war ein Gefühl ähnlicher Art, wie er es beim Anblick Jakob Fugger's empfunden hatte, und doch war es wieder ſehr verſchieden von demſelben; denn für — 5* 68 Die Reiſe den ſchlichten beſcheidenen deutſchen Leinweber hatte er eine hochachtungsvolle Liebe empfunden, für den ſtolzen, würdevollen Amirante fühlte er eine ſcheue Ehrfurcht. Es war ihm klar, daß der Spanier eben auch große und ſchätzenswerthe Verdienſte haben müſſe, wie der augsburger Bürger, aber ſo ſehr Philipp auch geneigt war, dieſelben anzuerkennen, ſo fühlte er ſich doch eher von dem Amirante abgeſtoßen als angezogen, wenig⸗ ſtens war ihm in des Herzogs Nähe nicht behaglich. Er konnte, während Don Ruy mit ihm ſprach, den Gedanken nicht los werden, ob wol Luiſe mit dieſem Manne glücklich ſei. —„Ganz Spanien,“ ſprach der Amirante mit Sal⸗ bung,„blickt auf Ew. Hoheit mit freudiger Hoffnung; daß ich allein ſo glücklich bin, mit der Ueberzeugung, Oeſtreichs erhabener Sproß werde mein Vaterland einſt beglücken, auf Euch blicken zu können, verdanke ich meiner Frau, Eurer begeiſterten Lobrednerin.“ —„Und wo find' ich die edle Herzogin,“ verſetzte der Fürſt mit Wärme,„daß ich ihr für die gute Mei⸗ nung dauke, die ſie ſelbſt von mir hegt und Euch, Herr Herzog, ebenfalls beizubringen ſich bemüht hat?“ —„Als Ehrendame der Königin iſt ſie von ihrer Pflicht an ihren Platz gerufen worden. Sie wird in Toledo inmitten des glänzenden Hofſtaats Ihrer Ma⸗ jeſtäten die Ehre genießen, Ew. Hoheit zu ſehen. Alle Königreiche Spaniens rüſten ſich, ihren künftigen Herrn ee nach Spanien. 69 würdig zu empfangen; wie hätte Die zurückbleiben dür⸗ fen, der Pflicht und Verehrung gleich ſtark ihren Platz an der Seite ihrer großen Königin anweiſen?— Er⸗ laubt mir, gnädigſter Herr, Euch dagegen meinen Sohn Don Hernandez vorzuſtellen, der ſich der Gnade Ew. Hoheit zu empfehlen wünſcht. Seine Mutter war dem eaſtiliſchen Königshauſe verwandt.“ Ein ſchöner, aber finſtrer Mann, der die zwanziger Jahre ſchon hinter ſich zu haben ſchien, verneigte ſich ſtumm vor dem Erzherzog. Man ſah auf den erſten Blick, daß auf ſeiner Seele ein ſchwerer Kummer laſtete, der ſich, wie ein ätzendes Gift in ſeinen Zügen feſtge⸗ ſett und ihnen die Furchen des Alters eingegraben hatte. —„Vielleicht vermag Ew. Hoheit gnädige Ge⸗ ſinnung mehr über ihn, die Wünſche ſeiner Familie zu erfüllen, als die Bitten ſeines bekümmerten Vaters,“ fuhr der Amirante fort, während die Züge ſeines Soh⸗ nes ſich noch mehr verdüſterten. —„Und wohin zielen dieſe Wünſche?“ fragte der Erzherzog ungeduldig; denn Don Hernandez gefiel ihm nicht. —„Daß er ſich aus den Töchtern des hohen Adels eine Gattin wählen und meinen Stamm, der zu den älteſten und ehrenhafteſten dieſes Landes gehört, nicht abſterben laſſe, wie er willens zu ſein ſcheint.“ —„Seid Ihr denn ein Weiberfeind, Don Her⸗ nandez?“ 70 Die Reiſe —„Ich bin nur nicht Freund aller Weiber,“ erwi⸗ derte der Angeredete kalt,„und was man möchte, iſt nicht immer zu haben.“ —„Entſchließt Euch gleich mir, durch Euer ſchö⸗ nes Vaterland zu reiſen, um zu finden, was Ihr wünſcht und was zu haben iſt.“ Später ſagte der Amirante dem Erzherzog noch heimlich:„Es drückt meinen Sohn irgend ein Geheim⸗ niß, das wir ihin zu entlocken vergebens bemüht ge⸗ weſen ſind. Mir will faſt ſcheinen, als liebe er ein weibliches Weſen unter ſeinem Stand. Wenn er ſich doch mir vertrauen wollte! Vielleicht gelingt es Ew. Hoheit beſſer, ſein Vertrauen zu gewinnen.“ —„Ich will es verſuchen.“ —„Ihr würdet mich zu ewigem Danke ver⸗ pflichten.“ Philipp hatte wenig Luſt zu halten, was er eben verſprochen; er fühlte eine Abneigung gegen Don Her⸗ nandez und vermochte übrigens ſeinen Verdruß, daß er Luiſen nur im Beiſein des Hofes ſehen ſollte, ſchlecht zu verbergen. Er ſprach denſelben ſogleich gegen Philibert von Vere aus, als er die Großwürdenträger verabſchiedet hatte. —„Ich möchte ſchier vermuthen,“ verſetzte der Baron,„es iſt eine Erfindung des alten Herzogs, ſeine junge Frau Euern Blicken zu entziehen. Es ſollte mich wundern, wenn Euer Verhältniß mit ihr ihm 3 3 3 3 nach Spanien. 71 nicht bekannt wäre, und er fürchtet ii einen Rückfall von Eurer oder von ihrer Seite.“ —„Ich werde es in Toledo zu erfahren ſuhen 2 —„O, gnädigſter Herr, ich werde es ſchon hier zu erfehien ſuchen! Ich habe nämlich in Burgos die Bekanntſchaft eines jungen Biſchofs gemacht, eines Mannes ganz nach meinem Herzen. Er iſt Biſchof von Toro, einem der älteſten und berühmteſten Adels⸗ geſchlechter Alteaſtiliens entſproſſen, vier und zwanzig Jahre alt und ein Prieſter ſo galant, ritterlich und minneſüchtig, wie ſie Flandern und Brabant nur immer hervorbringen. Er iſt nämlich vier Jahre am päpſt⸗ lichen Hofe in Rom geweſen, da könnt Ihr denken, daß er die rechte Bildung mitgebracht hat. Lueretia Borgia iſt ſeine Lehrerin geweſen, Beweis, daß er eine vollkommene Schule hat. Er kennt alle vorneh⸗ men und geheimen Liebesgeſchichten in Alt⸗ und Neu⸗ eaſtilien und wahrſcheinlich auch einen guten Theil von Arragonien; denn er iſt Propſt in Saragoſſa geweſen. Er wünſcht ſehr, ſich Euch zu empfehlen, und es ſollte mich wundern, wenn wir über die Herzogin von Najara nicht Alles durch ihn erfahren könnten, was Ew. Hoheit wünſcht.“ —„Wohl, ſo befrage dich bei dieſem Prieſter über die Verhältniſſe im Hauſe des Amirante, doch mit Vorſicht, und wenn du merkſt, daß mir der Biſchof von Toro nützlich ſein kann und Luſt bezeigt, ſich mei⸗ nem Intereſſe zu widmen, ſo führe ihn mir zu.“ 72* Die Reiſe —„Es ſcheint mir, als ſei er mit dem Erzbiſchof von Toledo, dem Beichtvater der Königin, geſpannt; er hält es deshalb wol für gerathen, ſich dem in Spanien aufgehenden neuen Sterne anzuſchließen.“ —„Er thut wohl daran; es wird bald genug nöthig ſein, mir eine Partei in dieſem Lande zu bilden, und ich habe von der Strenge dieſes Erzbiſchofs und von ſeiner Gewalt über die Königin ſo viel mir Mis⸗ fälliges gehört, daß ich fürchte, ich und dieſer alte Prieſter werden nicht die beſten Freunde ſein.“ Die Stadt Valladolid gab dem erzherzoglichen Paar ein glänzendes Feſt, wobei Philipps Anmuth und Schönheit wieder alle Frauenherzen bezauberte und er zuerſt die beſte Gelegenheit fand, den ſpaniſchen Na⸗ tionalcharakter, der mit dem ſeinigen in ſo grellem Widerſpruch ſtand, näher kennen zu lernen. In der That verſchwand die Infantin Donna Juanna ganz neben ihrem Gemahl; das Volk jubelte nur dem„ſchö⸗ nen Oeſtreicher“ zu, der wie eine Erſcheinung aus einer vollkommneren Welt unter dieſe Spanier trat, und die Frauen gaben hier, wie überall und wie immer, den Ton an und ihre Stimmen führten die Entſchei⸗ dung herbei. Wenn Philipp ein ruhmgekrönter Sieger geweſen wäre, oder wenn ihm Spanien die Früchte einer langen ſegensreichen Regierung zu verdanken ge⸗ habt hätte, er würde ſchwerlich mit ſolchem Jubel em⸗ pfangen, mit ſolcher Begeiſtrung gefeiert worden ſein, ₰ nach Spanien. 2 73 als jetzt, da er nur als ein junger ſchöner Fürſt kam, ſich zum Thronerben ernennen zu laſſen. Er kam, ſah und ſiegte über die Frauen und Spanien lag ihm zu Füßen. So haben Jugend und Schönheit zu allen Zeiten und bei allen Völkern dem Verdienſte den Kranz entwunden, ja ſelbſt ein ſo ernſtes Volk, wie die Spanier, hat keine Ausnahme gemacht. Nach den Zerſtreuungen des Feſtes, in denen Phi⸗ lipps Eitelkeit, aber nicht ſein Herzensbedürfniß be⸗ friedigt wurde, war es ihm eine große Freude, don Philibert von Vere erwünſchte Nachrichten über die⸗ jenige Frau zu erhalten, nach welcher er ſich jetzt allein ſehnte. —„Wie ich vermuthet habe, ſo verhält ſich's,“ ſagte der junge Baron.„Der Biſchof von Toro hat es ſich in dieſen Tagen ſehr angelegen ſein laſſen, zu erforſchen, wie die Sachen im Hauſe des Amirante ſtehen, und ſeinem Eifer für die Perſon Ew. Hoheit ſind ſeine vielfachen Verbindungen, weltliche und geiſt⸗ liche, zu ſtatten gekommen.“* —„Und was haſt du erfahren? Wo iſt Luiſe?“ —„Die Herzogin ſitzt einſam auf einem abge⸗ legenen Bergſchloſſe in der Sierra Guadarama, nicht gar weit von Segovia, und wird entweder gar nicht bei Hof erſcheinen oder doch nur einen oder zwei Tage vor Eurer Ankunft. Der Biſchof vermuthet, daß ein ſtren⸗ ger Befehl der Königin an den Amirante gelangt ſein Die Reiſe muß, weil er Euch mit ſolcher Beſtimmtheit ſagte, Ihr würdet die Herzogin in Loledo ſehen.“ —„Unſere Reiſe geht über Segovia und durch das Gebirge Guadarama. Ich werde der Herzogin einen heimlichen Beſuch machen.“ —„Wie könnte Euch das gelingen, Hoheit, da ſtets Aller Augen auf Euch gerichtet ſind und nament⸗ lich der Herzog von Najara Euer Gefolge bis nach Toledo nicht verlaſſen wird? Ihr könnt keine Stunde abweſend ſein, ohne daß es ganz Spanien erfährt. Wir ſind nicht in den Niederlanden, gnädigſter Herr, wo Ihr Nacht für Nacht unbemerkt Euerm Vergnügen nachgehen konntet.“ —„Verwünſcht!“ rief der Erzherzog.„Ich komme mir in dieſem Lande wie ein Gefangener vor. Ich muß dieſer Kronen wegen viel ausſtehen. Aber laß mich nur erſt König ſein, dann ſoll es anders werden.— Weißt du, wie wir es am geſchickteſten anfangen, daß ich zu der armen Luiſe komme? Ich ſtelle mich krank, wenn wir in die Nähe des Gebirges kommen, und ſchicke den alten Herzog mit dieſer Botſchaft nach To⸗ ledo voraus. Der Arzt läßt Niemand zu mir, ſelbſt die Infantin nicht; denn es ſteht gefährlich mit mir. Wir beide reiten in der Nacht nach Luiſens Schloſſe und kehren in der folgenden Nacht zurück. Ich muß ſie ſehen, Philibert! Seit ich die ſpaniſche Luft mit ihr athme, ſind alle Träume meiner erſten Liebe wieder nach Spanien. 75 in mir erwacht. Ach, ich war ſo glücklich! Warum mußte ich aus dieſem Himmel geriſſen werden? Hätte Lulſe meine Gattin werden dürfen, ich wäre rein und keuſch geblieben; man hat mich an dieſe unliebenswür⸗ dige Spanierin gefeſſelt und ich bin den Lockungen der Sünde erlegen.“ Ein Wehmuththränenpaar ſchlich an den Wangen des jungen Fürſten herab. —„Laß' Ew. Hoheit ſich dieſe Sünden nicht an⸗ fechten!“ rief Vere lachend.„Das iſt die leichteſte Sorte, die es gibt. Der kleinſte Engel weht ſie mit ſeinem Flügelpaar im Nu hinweg. Jedes Pfäfflein vergibt ſie Euch ohne Buße. Euer allerdurchlauchtig⸗ ſter Herr Vater iſt doch gewiß einer der beſten und verehrteſten Fürſten, die jemals gelebt haben. Nun hat er die kalte Mailänderin zur Gemahlin, die er ſo wenig lieben kann, wie Ihr die Spanierin, und da hat er denn andere ſchöne Frauen lieb. Jedermann weiß es und Niemand rechnet es ihm zur Sünde. Wenn das eine Sünde wäre, die den Himmel ver⸗ ſperrte, ſo käme kein Pfaffe hinein. Quält's Euch, ſo laßt Euch abſolviren; Euer Beichtvater mag dann mit dem Himmel fertig werden. Was geht's Euch an? Es iſt ſeines Amts.— Wie Ihr aber ohne Aufſehen und Gefahr zu Eurer erſten Geliebten gelangen wollt, begreife ich doch nicht. Es iſt nicht der Sünde wegen, ſondern weil wir in Spanien ſind.“ —„Ich muß Luiſen unter vier Augen ſprechen, Die Reiſe 76 es gehe, wie es gehe. Ich würde vor Sehnſucht ver⸗ ſchmachten, wenn ich ihr nicht in das reine Auge ſehen könnte. Zu ihren Füßen muß ich ſitzen und mich noch einmal glücklich träumen. Dann mag ich ihr immerhin im Gepränge des Hofes begegnen, der Erzherzog von Oeſtreich der Herzogin von Najara. Aber erſt muß ſich Philipp mit ſeiner Luiſe verſtändigt, ihr ſein bittres Leid geklagt haben. Wir reiten nach ihrem Schloſſe!“ —„Wenn Ihr ſo feſt entſchloſſen ſeid, dann wer⸗ det Ihr wenigſtens wohlthun, die Gelegenheit erſt auskundſchaften zu laſſen, damit Ihr nicht in üble Hän⸗ del verwickelt werdet. Laßt die Herzogin erſt fragen, ob ſie Euch auch empfangen will, und ob es ohne alles Aufſehen geſchehen kann. Ich bitt' Euch dringend, han⸗ delt mit der größten Vorſicht; denn ich kann Euch nicht genug wiederholen, daß wir in Spanien ſind. Auch habe ich vom Biſchof von Toro noch Mancherlei er⸗ fahren, was zur äußerſten Vorſicht mahnt.“ —„Du haſt recht, Philibert! Ich muß die Her⸗ zogin erſt beſchicken. Du ſollſt heimlich zu ihr reiten und den Bübenhoven als Begleiter mitnehmen. Er iſt klug, ruhig und beſonnen und führt jederzeit meine Aufträge am geſchickteſten aus. Er iſt ein Glückskind. Auch hat er von euch Allen am ſchnellſten und geſchick⸗ teſten Spaniſch gelernt. Die Infantin verſicherte mir zu Hauſe ſchon oft, man höre ihm, wenn er Spaniſch ſpreche, kaum den Ausländer an. Jeder Spanier würde nach Spanien. 77 ihn nur für das Kind einer andern Provinz halten. Ihr kleidet euch als ſpaniſche Landleute und bringt der armen Luiſe einen Brief von mir. Du wirſt ſie dann ſchon überreden, in unſern Plan zu willigen.— Doch was haſt du mir noch über den Herzog von Najara mitzutheilen?“ —„Der Biſchof von Toro hat mir nicht undeut⸗ lich zu verſtehen gegeben, worin wol das Geheimniß des Don Hernandez beſtehen möchte. Er iſt, wie Ihr, in die ſchöne Herzogin, ſeine Stiefmutter, verliebt, und dies iſt der Grund, weshalb er ſich nicht vermäh⸗ len will. Ob es der Herzog weiß, iſt ungewiß, doch vermuthen es Diejenigen, welche dem jungen Herrn ſein Geheimniß abgemerkt haben. Wahrſcheinlich drängt der Herzog ſeinen Sohn nur deshalb ſo ſehr zu einer Heirath, um ſich dadurch den gefährlichen Nebenbuhler vom Halſe zu ſchaffen. Mein Freund, der Biſchof, hält es daher für nicht unwahrſcheinlich, daß der Her⸗ zog jeden Tritt und Schritt ſeines Sohnes ſcharf beob⸗ achten laſſe, und er ſcheint ſich dazu vorzüglich der in Caſtilien heimiſchen zahlreichen Zigeuner zu bedienen. Der mächtige Amirante iſt nämlich der erklärte Freund und Beſchützer dieſer Aegyptier; er hat ihnen von den Königen manche Gerechtſame und Freiheit verſchafft und ſie verehren ihn dafür wie einen Vater. Der witzige Biſchof behauptete etwas boshaft, dieſe Vater⸗ ſchaft ſei weder ein pvetiſches Bild, noch rein geiſtiger 78 Natur; vielmehr habe der ſtolze Herzog in ſeinen jungen Jahren ſich ſelbſt unter den Zigeunern lange herum⸗ getrieben und von ihren Töchtern eine weit beträcht⸗ lichere Nachkommenſchaft erzielt, als hernach aus ſeiner vornehmen Ehe. Die Wachſamkeit, die er— wie wahr⸗ ſcheinlich— ſeinem Sohne widmet, dürfte ſich aber auch auf Euch erſtrecken.“ Des Erzherzogs Leidenſchaft ſchien ſich nach dieſer Mittheilung nur noch zu ſteigern; er betrachtete den Herzog von Najara und deſſen Sohn mit gleich mis⸗ trauiſchen Augen und redete ſich ein, es ſei ein geheim⸗ niß⸗ aber bedeutungsvoller Zug ſeiner Seele geweſen, daß ſie ſich von Don Hernandez ſo ſehr abgeſtoßen ge⸗ fühlt habe. Die Reiſe wurde über Medina del Campo und Segovia fortgeſetzt, aber ein merkwürdiger Zufall führte wirklich aus, was der Erzherzog zu ſeinem Zwecke er⸗ heucheln wollte, er erkrankte plötzlich an den Kinder⸗ maſern, als er ſich eben anſchickte, ſich krank zu ſtellen, und mußte in einem Dorfe(Ollivs) am Fuße des Gua⸗ daramagebirges liegen bleiben. Es war Niemand wei⸗ ter in die heimliche Expedition nach dem Bergſchloſſe des Amirante eingeweiht, als der Pfalzgraf, und die⸗ ſer betrieb das Nöthige mit großer Umſicht. Da in dem Dorfe kein Raum für die zahlreiche niederländiſche und ſpaniſche Begleitung war, ſo gingen die Meiſten auf Befehl des Erzherzogs bis nach Madrid voraus, Die Reiſe nach Spanien. 79 wo man ſich nach erfolgter Geneſung des Fürſten zum prächtigen Einzug in Toledo zu ordnen gedachte. Der Amirante aber verfügte ſich nach Toledo, um den bei⸗ den Königen die Krankheit ihres Schwiegerſohnes zu melden. Die Erzherzogin konnte zwar nicht bewegt werden, ebenfalls nach Madrid zu gehen und dort ihres Gemahls Geneſung abzuwarten, ſo ſehr dieſer es auch wünſchte, aber ſeine nächſte Umgebung wußte ihre läſtige Zärtlichkeit doch in Schranken zu halten. Kaum ſah ſich der Erzherzog von den zahlreichen Späheraugen befreit, als er die beiden Boten mit einem zärtlichen Briefe an die Herzogin abſchickte. Sie ritten am frühen Morgen aus; man hatte die gewiſſe Nachricht einge⸗ zogen, daß das Schloß des Herzogs nur vier Meilen entfernt ſei und in einem ſchönen Gebirgsthale liege. Der Erzherzog hoffte am Abend deſſelben Tages auf ihre Rückkehr und war unruhig, als ſie nicht erfolgte. Erſt am folgenden Tage kehrte Vere allein zurück und begab ſich ſogleich zu dem kranken Fürſten. —„Trotz aller Vorſicht,“ berichtete er,„iſt unſre Expedition verunglückt, gnädigſter Herr. Der alte Herzog hatte ſeine Maßregeln beſſer genommen, als wir vermutheten, und die Beſorgniſſe des Biſchofs von Toro haben ſich leider als wohl begründet erwieſen.— Ein ſichrer Führer zeigte uns den Weg; wir ritten in einem köſtlichen Thale, über welches der Frühling ſeine Schönheit gebreitet hatte, an einem muntern, klaren 80 Bächlein hinauf immer tiefer in das Gebirge hinein. Es begegneten uns nur ſehr wenige Menſchen. Das Thal hatte mehrfache Krümmungen; bei einer derſelben ſahen wir plötzlich das ſtattliche mauriſche Schloß auf einem Bergvorſprunge vor uns liegen. Es hob ſich reizend von dem höhern und dunklern Gebirge im Hin⸗ tergrunde ab. Ein dichter Wald hüllte den ganzen Berg wie ein Mantel ein und ſeine Schleppe zog ſich auch noch eine Strecke über das Thal hin. Aus dieſer grünen Hülle ragte das Schloß wie ein mit einer Krone geſchmücktes Königshaupt hervor. Kaum waren wir in dieſen Wald eingetreten, als wir uns plötzlich von einem Zigeunerhaufen umringt ſahen, der mit Geſchrei auf uns eindrang. Die Männer, mit langen Flinten bewaffnet, ſahen verwegen genug aus. Der Bote war bei ihrem Anblick entwiſcht und ich verſtand aus dem wirren und wilden Gerede nur ſo viel, daß man wiſſen wollte, wer wir wären und was wir auf dem Schloſſe wollten. Nach Dem, was ich vom Biſchof vernommen hatte, brauchte ich nicht daran zu zweifeln, daß der Zweck unſrer Reiſe verfehlt ſei. Bübenhoven wechſelte mit den Zigeunern einige Worte, die ich nicht verſtand, worauf ſie ihn unwirſch ergriffen und tiefer in den Wald führten. Mich riſſen ſie ebenfalls vom Pferde, durchſuchten mich und nahmen mir den Brief ab. Ich lag den Tag über und die ganze Nacht in einer Erd⸗ Die Reiſe hütte ſtreng bewacht und ſah und hörte nichts wieder 1 nach Spanien. 81 von Bübenhoven. Dieſen Morgen wurde ich endlich losgegeben und bedeutet, ich ſollte mich nicht wieder dort ſehen laſſen, wenn mir mein Leben lieb ſei. Ich fragte nach meinem Begleiter, erhielt aber keine Ant⸗ wort, ſondern ſah mich genöthigt, allein fortzureiten; denn die Kerle legten ihre Flinten ſchon auf mich an.“ Der Erzherzog, ſehr ärgerlich und gänzlich rathlos, grollte, da er nichts weiter zu thun wußte, mit Vere und Allen, die um ihn waren. Am meiſten hatte die Infantin von ihm zu leiden, und oft vergoß ſie bittre Thränen bei ihrer Oberhofmeiſterin, deren feindſelige Stimmung gegen den Erzherzog dadurch nicht verſöhnt werden konnte. Bübenhoven kam nicht wieder und der Erzherzog wurde dadurch in peinliche Unruhe verſetzt. Er beſchloß in Toledo ſogleich nach ihm zu forſchen und Alles auf⸗ zubieten, um ihn auszukundſchaften. Zum Glück war der Brief an die Herzogin von Najara ohne Namen und in allgemeinen Ausdrücken gehalten. Er begriff, wie vorſichtig er ſein müſſe, um ſich nicht bloßzu⸗ ſtellen, und daß er ſelbſt den Pagen werde aufgeben müſſen, wenn die Grauſamkeit des Amirante ſeiner Eiferſucht ein ſolches Opfer zu bringen nicht anſtehe. In dieſer äußerſt verdrießlichen Stimmung überraſchte ihn der Beſuch ſeines Schwiegervaters, des Köni Ferdinand von Arragonien. Wenn ſchon die Mitthei⸗ lungen ſeiner Schweſter Margaretha nicht geeignet ge⸗ Ein deutſcher Leinweber. ll. 5 6 82 weſen waren, ihm Vertrauen zu dieſem gekrönten Haupte einzuflößen, ſo war die äußere Erſcheinung deſſelben ſehr geeignet, die empfangenen Eindrücke nur noch zu verſtärken. Man bewegte ſich gegenſeitig in der ſteif⸗ ſten Förmlichkeit; ſelbſt Donna Juanna, die ihren Vater nach fünf Jahren zum erſten Mal wieder ſah, und in dieſer Zeit viel erfahren hatte, was einen herz⸗ lichen Gefühlserguß ſelbſt unter Königen entſchuldigt hätte, erlaubte ſich nicht, dem Könige anders als mit der tiefſten Ehrfurcht zu nahen. Sie blieben ſo kalt gegen einander, als ob ſie ſich nur wenige Tage nicht geſehen hätten. Philipp ſah den gewaltigen Bezwinger von Granada vor ſich, einen Mann, der ſeinen finſtern Herrſcherblick mit grinſender Gleißnerei zu verdecken ſuchte, deſſen Augen lauernd auf ihm ruhten; ſein offenes deutſches Herz zuckte krampfhaft unter den Be⸗ rührungen dieſer Blicke und dieſer heuchleriſchen ge⸗ zwungenen Freundlichkeit. Der König reiſte am folgenden Tage wieder zurück und die Aerzte erlaubten dem Erzherzog ſeine Reiſe am zehnten Tage fortzuſetzen. Er that es mit einer ſo böſen Verſtimmung, wie er ſie noch nie empfunden und die im ſchneidendſten Widerſpruch mit der Natur ſtand, die die reichſten Schätze eines ſpaniſchen Früh⸗ lings auf ſeinen Pfad ſtreute. Die Reiſe nach Spanien. 83 cünftes Rapitel. Am ſiebenten Tage des Monats Mai fand der glänzende und feierliche Einzug des erzherzoglichen Paares in Loledo ſtatt. In Madrid hatte ſich verabredetermaßen der Zug geordnet; mehre Tauſende vom ſpaniſchen Adel aus den nördlichen Reichen und Provinzen hatten ſich der Ehrenbegleitung des jungen Fürſten angeſchloſſen. Der König Ferdinand zog ihm eine halbe Meile ent⸗ gegen in ritterlicher, königlicher Pracht; ihn umgaben die Großmeiſter und Beamten der drei großen ſpaniſchen Ritterorden von St. Jago, Calatrava und Alcantara, nachfolgten alle geiſtlichen und weltlichen Fürſten, Grafen und Herren der hiſpaniſchen Königreiche und die Botſchaften der Städte, die Stände des Königreiche Caſtilien, zuſammen an ſechstauſend Mann, mit lautem Getöne zahlreicher Trompeten und Heerpauken. Da ſah man jene ruhmgekrönte Blüte der ſpaniſchen Rit⸗ terſchaft, die die ewig denkwürdigen Schlachten gegen die Mauren von Granada gefochten, die ſtarken 84 Die Reiſe Feſtungen dieſes Königreichs erſtiegen und mit dem Kreuzeszeichen die Fahnen von Caſtilien und Arragonien auf den Zinnen und Thürmen aufgepflanzt hatte. Es gab auf der weiten Erde keine ſtolzere Schar Krieger, als die man hier verſammelt ſah, ihren künftigen König zu begrüßen. Sobald der Erzherzog des Königs anſichtig wurde, ſtieg er vom Pferde und nahete ſich ehrerbietig dem mächtigen Herrn, ihm die Hand zu küſſen; aber Fer⸗ dinand weigerte ſich, ihm die Hand zu reichen, bevor er nicht wieder das Pferd beſtiegen habe. —„Ich füge mich,“ verſetzte der Erzherzog,„nicht aber, weil es mein geliebter Schwiegervater wünſcht, ſondern weil es der König von Arragonien befiehlt, deſſen Befehlen zu gehorchen meine erſte Pflicht iſt.“— Nachdem er alſo zu Pferde dem Könige die Hand ge⸗ küßt, thaten dies alle niederländiſchen Herren ſeiner Be⸗ gleitung ihm nach, die jedoch zuvor alle von den Pferden geſtiegen waren. Hierauf ritt der Erzherzog zur Rech⸗ ten, die Erzherzogin auf prächtig angeſchirrtem Zelter zur Linken des Königs und je zwei ſpaniſche Herren nahmen einen niederländiſchen mit höflichem Gruß in die Mittte; alſo ſetzte ſich der lange Zug wieder in Bewegung, von Tauſenden und aber Tauſenden aus dem Volke umſchwärmt. Am Stadtthor angelangt, wurden ſie von den Stadtobern mit einem goldnen Himmel empfangen, unter welchem die drei königlichen Perſonen nach Spanien.„ 85 in die Stadt ritten. Bei der Hauptkirche ſtiegen ſie ab. Vor dem Portal derſelben ſtand ein langer hagerer Mann in der einfachen, unſcheinbaren Ordenskutte der Franziskaner, eine impoſante Geſtalt, ein ausdrucks⸗ voller, eigenthümlich gebildeter Kopf mit einer Adler⸗ naſe und Adleraugen, über denen ſich eine hohe, ma⸗ jeſtätiſche Stirn wölbte. Von prächtig gekleideten Bi⸗ ſchöfen und Prälaten umgeben, war er doch auf den erſten Blick als ihr Fürſt und Herr zu erkennen. Der Erzherzog Philipp ahnte, wer dieſer Mann war, und fühlte ſich von der geiſtigen Ueberlegenheit deſſelben überraſcht; er verneigte ſich tief und ehrerbietig vor dem ihn Begrüßenden, gleich dem Könige und der In⸗ fantin. Und Philipps Ahnung hatte ihn nicht betrogen; der hohe Prieſter im einfachen Mönchsgewand war Don Franzescv Fimenes des Cisneros, der Erzbiſchof von Toledo, der Beichtvater der Königin Iſabella von Caſtilien, der erſte Miniſter der beiden Königreiche, der wahre Begründer der ſpaniſchen Macht, der Schöpfer der ſpaniſchen Inquiſitivn, Spaniens größter Mann, gleich ausgezeichnet als Prieſter, als Staatsmann und als Feldherr, der vornehmſte Kirchenfürſt der iberiſchen Halbinſel, der Inhaber des reichſten Erzbisthums in der ganzen Chriſtenheit, das ihm ein jährliches Ein⸗ kommen von dreimalhunderttauſend Dukaten brachte. Da ſtand er in ſeiner groben Kutte und darunter ſein häretes Hemd, die er nie ablegte, ſelbſt bei den feierlichſten 86 Die Reiſe Hoffeſten nicht, ein Mann groß im Vollbringen, groß im Entſagen und mit eiſerner Conſequenz den Triumph des chriſtlichen Glaubens und die Größe Spaniens verfolgend, einer der außerordentlichſten Menſchen, wie nicht jedes Jahrhundert einen hervorbringt. Nach dem kurzen und feierlichen Gruße führte der prieſterliche Greis(imenes war damals ſchon 64 Jahre alt) den König und deſſen Kinder in die Kathedrale an den Hochaltar. Hier ſchien ſeine hohe Geſtalt, an der die Bundesgenoſſin des Alters, die Schwäche, ver⸗ gebens ihre zerſtörende Gewalt verſucht hatte, noch zu wachſen. Ein hoher heiliger Ernſt legte ſich um ſeine Stirn, in ſeinem Auge glühte die Begeiſtrung ſeines erhabenen Berufs. Er forderte die drei vor ihm Knien⸗ den auf, mit ihm zu beten und Gott und den Heiligen zu danken für die glücklich vollbrachte Reiſe, und er ließ ſich ebenfalls auf die Knie nieder und ſprach lang⸗ ſam und feierlich das Gebet; dann erhob er ſich, legte die Hände auf ihre Häupter und gab ihnen den Segen. Hierauf begleitete er ſie wieder bis zur Kirchenthüre und ſchloß ſich zu Fuße mit ſeinen Prieſtern dem Zuge an. In kurzer Zeit war der königliche Palaſt erreicht. Die Thürhüter riefen den Wachen auf den Treppen und dieſe denen in den Vorgemächern und ſo weiter die Namen der Angekommenen entgegen. Der König führte ſeine Kinder bis in den Kronſaal, wo die Königin auf dem Throne ſaß; auf der oberſten Stufe der Kö⸗ nach Spanien. 87 nigin zur Rechten hatte auf einem thronartigen Seſſel Donna Juanna von Arragonien, des Königs natürliche Tochter, Gemahlin des Don Bernardin de Velasco, Connetables von Caſtilien, erſte Ehrendame der Kö⸗ nigin, ihren Sitz; auf der linken Seite Donna Luiſe de Maine, Gemahlin des Amirante von Caſtilien, zweite Ehrendame der Königin, und ringsum an den Stufen des Throns ſtanden die Hof⸗ und Ehrendamen, die Frauen und Töchter der vornehmſten und reichſten Ge⸗ ſchlechter aller ſpaniſchen Königreiche. Sowie das erz⸗ herzogliche Paar in den Saal getreten war, erhob ſich die Königin und ging ihm entgegen. Zum erſten Male ſtanden ſich Iſabella von Caſtilien und Philipp von Oeſtreich einander gegenüber; ſie eine wenig ſchöne Frau von mittler Größe, er der ſchönſte Prinz Eu⸗ ropas. Mit königlichem Anſtand reichte ſie dem Erz⸗ herzog die Hand und küßte ihn auf die Stirn, dann umarmte ſie ihre Tochter und küßte ſie auf den Mund. Philipp führte ſeine Schwiegermutter mit den artigſten Worten zum Throne zurück und begrüßte die Hofdamen, die ſich tief vor ihm verneigten. Sein Auge traf auf das ſchöne ſeelenvolle Auge der Herzogin von Najara; er ſah die Jugendgeliebte ſeines Herzens ſchöner und lieblicher vor ſich, als ſeine Phantaſie ſie ſich gemalt, und alle Wonnen und ſeligen Schmerzen der Liebe ſchauerten durch ſeine Seele. Hoch erröthend ſchlug ſie den Blick zu Boden; in ſüßer Verwirrung wandte 88 Die Reiſe er ſich wieder zur Königin, küßte die Hand derſelben und trat zur Seite, um den niederländiſchen Herren Platz zu machen, welche ſich ehrerbietigſt nahten, der Königin ebenfalls die Hand zu küſſen. Der König trat zum Erzherzog, um mit ihm zu ſprechen, aber dieſer war ſo befangen, daß er anfangs kein Wort hervor⸗ bringen konnte. Immer ſuchten und fanden ſeine Augen Luiſens herrliche Geſtalt, verklärt im Zauberſchein der Liebe; ach, er hätte ihr zu Füßen ſtürzen, ſie jauchzend mit ſtarken Armen an ſeine ſtürmiſch wallende Bruſt preſſen mögen, und hier ſtand er feſtgehalten von den furchtbaren Ketten der Ceremonie!— Während er ſich bemühte, die gleichgültigſten und unbedeutendſten Worte zu ſprechen, ſprang ſeine Seele beflügelt auf den Berg⸗ ſpitzen ſeiner erſten Liebe, wie ſie leuchtend im Mor⸗ genroth ſeiner Erinnerung ſtanden, von einer zur andern, und mit ihr Arm in Arm, flügelverſchlungen, das ſüße, milde, holde Antlitz ihm ſelig lächelnd zuge⸗ wendet, flatterte ein Genius, ſein guter Genius in Luiſens reizender Geſtalt; und wenn er nun aus dieſen heißen Träumen emporfuhr und die Augen aufſchlug, ſo ſtand ſein Genius dort leibhaftig, menſchlich, er⸗ röthend vor ſüßer Scham und göttlicher Luſt, das aller⸗ herrlichſte Weib. Es war ihm ſeltſam zu Muthe; zu⸗ weilen ſchien es ihm, als ſchwebe er oder als ſei er berauſcht; auch dünkten ihm Minuten lang all' dies königliche Gepränge umher, dieſe Menſchen in Schmuck 1 — — nach Spanien. 89 und Pracht Traumſchemen und nur Luiſe und er wirk⸗ liche Menſchen, von einem Zauberbann befangene Träu⸗ mer. Er war herzlich froh, als die Begrüßungsſcene vorüber war und der König ſeiner Tochter den Arm reichte, um ſie in die innern Gemächer zu führen; er eilte, ſeiner Schwiegermutter daſſelbe zu thun, da begegneten noch einmal ſeine Augen Luiſens Augen und ihre Seelen ſprachen zuſammen; aber Philipp er⸗ ſchrak gleichſam vor dem hohen, ernſten Ausdruck edelſter Frauenwürde, der wie ein Heiligenſchein Luiſens Ge⸗ ſtalt zu unfließen ſchien. Noch nie war ſie ihm ſo ſchön erſchienen, aber auch noch nie ſo erhaben, ſo edel, ſo heilig. Die Herzogin von Najara war keine durch Leibes⸗ größe und Majeſtät imponirende Geſtalt; zierliche, ſchmächtige, zarte Formen waren die ihrigen, überhaucht vom ſüßen Liebreiz der Anmuth, vom Ausdruck einer tieffühlenden, mächtig bewegten Seele. Jeder Zug, jede Bewegung, jeder Blick, jedes Wort an dieſer ſel⸗ tenen Frau hatte die Weihe des Edeln, Ungemeinen erhalten; aus ihrem reinen braunen Auge leuchtete eine ſchöne große Seele im verklärenden, aus ihrem innerſten Leben hervorſtrahlenden Lichte der Poeſie. Auf ihrer Stirn lag die träumeriſche Schwermuth, der ſchwär⸗ meriſche Ernſt einer dichteriſch bewegten Seele. Sie war ein ungewöhnliches Weib. Kaum war der Erzherzog in den ihm angewieſenen 90 Die Reiſe Zimmern angelangt und hatte ſich, um einige Augen⸗ blicke zu raſten, in einen Stuhl geworfen, als er zu ſeiner angenehmen Ueberraſchung den Pagen Büben⸗ hoven raſch hereintreten ſah. Der Junker hatte ein heitres und vergnügtes Anſehen und begrüßte ſeinen Herrn mit einer ſchier verſchmitzten Gewandtheit, die etwas ganz Ungewohntes an ihm war. Auf die Frage des Erzherzogs nach dem jüngſten Schickſal des Pagen, verſetzte dieſer geheimnißvoll, er werde Seiner Hoheit am Abend, wenn ſie ganz unbeachtet und ungeſtört ſein könnten, höchſt merkwürdige Eröffnungen machen. Vor der Hand könne er ſchon verrathen, daß er bei der Herzogin von Najara ſehr wohl aufgehoben ge⸗ weſen ſei. Der Erzherzog warf einen eiferſüchtigen Blick auf den Sprecher und bemerkte plötzlich, daß der⸗ ſelbe kein Knabe mehr ſei; auch hatte die fromme Ein⸗ falt, die ſonſt in ſeinen Zügen gelegen, dem Ausdruck eines befriedigten Bewußtſeins Platz gemacht, das der Erzherzog gar wohl zu verſtehen meinte. Unter dem Vorwande, ſich einige Stunden Ruhe zu gönnen, ent⸗ fernte der auf die Mittheilungen ſeines Edelknaben äußerſt begierige Fürſt alles Störende und Unbequeme aus ſeiner Nähe und forderte dann Bübenhoven mit durchblitzender Leidenſchaft auf, ſeine Geheimniſſe zu enthüllen. —„Als uns die Zigeuner im Walde unter der Burg umzingelten und ich mich in Lebensgefahr ſah,“ — nach Spanien. 91 begann der Junker ſeine Erzählung,„ſiel mir bei guter Zeit ein, daß mir eine Zigeunerin in Blois einen Talisman geſchenkt hatte, der, ihrem Verſprechen nach, mich nicht nur gegen alle Gewaltthätigkeiten ihres Volks ſchützen, ſondern mir ſogar deſſen Zuneigung er⸗ werben ſollte; ich eilte natürlich in der höchſten Noth davon Gebrauch zu machen.“ —„Einen Talisman?— von einer Zigeunerin?— und in Blois?“ fragte der Erzherzog verwundert und mit einer neuen Beimiſchung von Argwohn und Eifer⸗ ſucht.„Wie biſt du denn dort zu einer Zigeunerin gekommen?“ —„Ei, Ew. Hoheit hat ja die alte Wahrſagerin ſelbſt auf unſer Zimmer geſchickt, um uns ein Ver⸗ gnügen zu machen,“ entgegnete der Page erröthend. —„Es iſt wahr!“ ſagte Philipp mit einiger Be⸗ ſchämung.„Das hatte ich ganz vergeſſen.— Aber wie kamſt du zu der Auszeichnung, den Talisman von ihr zu erhalten? oder hat ſie etwa mehre ſolche Ge⸗ ſchenke unter euch ausgetheilt?“ —„Ich war allein der Glückliche, der Beſitzer eines ſolchen Kleinods zu werden„ und der Grund dieſes Vorzugs beſtand darin, weil die Alte den Stall⸗ meiſter Ihrer Hoheit, der Erzherzogin Margaretha, in mir wieder erkannte. Sie gab ſich mir nämlich als die Mutter jenes Antoniv Cebes, des Kunſtreiters, zu er⸗ kennen, welchen die Frau Erzherzogin als Stallmeiſter 92 Die Reiſe mit von Paris gebracht hatte und welcher mit dem burgundiſchen Heere in die Schweiz gezogen und von dort nicht wiedergekehrt war. Als Großmutter des kleinen wilden Antony, den Herr Jakob Fugger von Augsburg zum Leinweber zuſtutzen ſoll, war die alte Zigeunermntter in Brüſſel geweſen und ich erinnerte mich nachher wohl, ſie dort im Stalle bei ihrem Enkel geſehen zu haben. Weil ich ihr Enkelkind nun gut be⸗ handelt und ſeine ausgelaſſenen Streiche nicht alle ſcharf gerügt, ja weil ich mich ſonſt um den unbändigen Rangen bemüht hatte, ihm etwas Gutes und Nützliches beizu⸗ bringen, ſo wollte ſich ſeine Großmutter mir nun dank⸗ bar bezeigen und ſchenkte mir das Amulett, das ſie mir heimlich um den Hals hing und das mich nicht nur gegen alle böſen Dinge ſchützen, ſondern auch, wie ich Euch ſchon geſagt, mir, wenn ich einmal unter Zigen⸗ ner geriethe, von großem Vortheil ſein ſollte.“ —„Und hat ſich die verſprochene Kraft wirklich bewährt?“„ —„Auf das vollkommenſte, gnädigſter Herr, wie Ihr an meinem Wohlbefinden ſehen könnt und das Weitere an meinem Schickſale unter den Zigeunern ſogleich hören möget. So ſeltſame und unerwartete Früchte trug die menſchliche Behandlung, die ich dem durchtriebenen Zeterbalg in Brüſſel hatte angedeihen laſſen.“ —„Eh' du weiter erzählſt,“ unterbrach ihn der — — nach Spanien. 93 Erzherzog haſtig,„ſage mir vorab, iſt die Herzogin von Najara durch dich von meinem Wunſche, eine Un⸗ terredung unter vier Augen mit ihr zu haben, unter⸗ richtet worden?“ —„Es war meine Pflicht, ſie davon in Kenntniß zu ſetzen, und ſie hat ſich mir bereitwillig erklärt, Euch die gewünſchte Unterredung— verſteht ſich mit der größten Vorſicht— zuzugeſtehen.“ —„Ha, mein Junge!“ rief der Erzherzog ent⸗ zückt,„das will ich dir Dank wiſſen. Nun fahre fort! Ich werde deinen Worten mit freudiger Begierde lauſchen.“ —„Kaum hatte ich meine Bruſt entblößt und den mich umringenden wilden Männern das Amulett ge⸗ zeigt, als ſie plötzlich lammfromm wurden, mich mit ehrerbietigen Blicken betrachteten, den Talisman küßten und mich nach meinen Befehlen befragten. Sie führ⸗ ten mich zu ihrem Anführer und als ich dieſem die Geſchichte des Talismans erzählt hatte, fiel es mir nicht ſchwer, ſogleich auf die Burg zur Herzogin ge⸗ führt zu werden. Aber nur mir allein konnte dieſe Begünſtigung widerfahren, nicht meinem Begleiter. Der Zigeunerhauptmann ſchwur mir zu, daß er die ſtrengſten Befehle habe, nichts Lebendes, was auf zwei Beinen gehe und keine Flügel habe, in das Schloß zu laſſen, und daß nur eine höhere Pflicht ihn zwinge, mit mir eine Ausnahme zu machen, aber dieſe könne Die Reiſe ſich nie auf einen Andern erſtrecken. Vergebens forſchte ich auch, von wem dieſe ſtrengen Befehle herrührten; der Hauptmann wich jeder Erklärung aus, indem er„ mich nach eingebrochener Dunkelheit ſehr heimlich— als fürchte er einen Verräther— auf das Schloß bringen ließ. Das Erſtaunen der edeln Herzogin, einen Fremden bei ſich anlangen zu ſehen, wurde erhöht, als ich mich als Euern Sendboten zu erkennen gab.“ —„Was ſagte ſie von mir, die unvergleichliche Luiſe? Liebt ſie mich noch? O Marx, ſie iſt ſchön, himmliſch ſchön! Weit reizender und herrlicher, als ich ſie mir gedacht! Ach, als ich ſie vorhin ſah, ver⸗ gingen mir faſt die Sinne; ich taumelte wie ein Trun⸗ kener! Aber was ſagte ſie von mir? Sie will mich ſprechen? Verhehle mir nichts! Ich befehle es dir! Jedes Wort, das ſie geſprochen hat, beichte mir wieder.“ —„Ich berichtete der Frau Herzogin über den Zweck meines Erſcheinens in ihrer Einſamkeit, und vb⸗ gleich ich Ihr Euern Brief nicht einhändigen konnte, ſo hat ſie denſelben doch am folgenden Tage durch die Zigeuner erhalten. Dieſe Leute ſcheinen ihr überhaupt ſehr ergeben zu ſein. Sie will dies aber nicht merken laſſen und behauptet, ſie ſeien ihre Wächter und Auf⸗ paſſer; inzwiſchen ſah ich tiefer, als ihr lieb war. Die Zigeuner mögen wol von ihrem Gemahl beſtellt ſein „zum Schutz und Schirm“ ſeiner erlauchten Gemahlin, — nach Spanien. 95 wie es heißt, und er mag ihnen den heimlichen Befehl ertheilt haben, jeden männlichen Beſuch vom Schloſſe abzuhalten, mindeſtens zu überwachen; aber im Grunde dienen ſie der Herzogin treuer als ihrem Gemahl, und ſie auch iſt's, die ſie auf jenem Wachpoſten feſthält.“ —„Wie kann aber die junge und liebenswürdige Frau ſelbſt wünſchen und dazu thun, eine Gefangene zu ſein? Wie iſt es möglich, daß ſie ihre eignen Wächter begünſtigt und feſthält?“ —„Ein drückendes, ja peinigendes Verhältniß nöthigt ſie dazu. Es iſt wol keinem Zweifel unter⸗ worfen, daß ſie ſich dem Herzog nicht aus Liebe ver⸗ . bunden hat. Auf die junge Blüte ihrer Liebe, ſagte 5„ ſie mir ſelbſt, ſei ein giftiger Nachtthau gefallen und habe ſie für immer verderbt. Doch der Herzog iſt ein höchſt ehrenwerther Mann, der erſte Grande des Kö⸗ nigreichs Caſtilien und auf ſeinem Namen haftet nicht der kleinſte Makel. Die Herzogin hält ihren Gemahl in hoher Achtung und ſeine Ehre iſt natürlich die ihrige geworden Sie ſpricht mit Bewunderung von ſeinen ritterlichen Eigenſchaften und, wenn man ſie über ihn reden hört, ſollte man meinen, ſie liebe ihn dennoch. Jenes ſchlimme Verhältniß nun hat mir die edle Frau zwar nicht anvertraut; im Gegentheil ſprach ſie zu mir mit großer Zurückhaltung davon und behandelte es als ein trübes Geheimniß„das ſie nur Euch, gnädigſter Herr, in der von Euch gewünſchten geheimen Unter⸗ 96 redung enthüllen könnte, weshalb ſie dieſe heimliche Zuſammenkunft eben ſo ſehr wünſcht, wie Ihr ſelbſt.“ —„Das iſt ein herrlicher Umſtand! Und haſt du ihr nicht abgemerkt, daß ſie mich noch liebt? Sie ſehnt ſich nach mir, nicht wahr, Junge? Ich las ihr Ge⸗ heimniß heute in ihren liebetrunkenen Augen, im ver⸗ rätheriſchen Purpur ihrer Wangen. Das iſt ihr Ge⸗ heimniß, nicht wahr? Und deshalb wünſcht ſie das Stelldichein eben ſo ſehr wie ich ſelbſt.“ —„Verzeiht, Hoheit, dies iſt wenigſtens nicht das Hauptgeheimniß, von dem die Herzogin mit ſo großem Kummer ſprach und das ich doch von einer ihrer Frauen erfuhr, obgleich ſie ſelbſt es mir ſo ſtreng verſchwieg. Es bezieht ſich auf ein Glied ihres eignen Hauſes.“ —„O ich weiß, ich weiß!“ rief der Erzherzog ärgerlich.„Ihr Stiefſohn hat ſich in ſie verliebt. Dieſer finſtere Spanier hat einen verzweifelt guten Geſchmack.“ —„Ihr wißt es ſchon?“ fragte Bübenhoven erſtaunt. —„Freilich weiß ich's. Doch das iſt eine Neben⸗ ſache. Ich gedenke mich dieſes Don Hernandez' auf eine ſchickliche Weiſe zu entledigen. Was haſt du mit der Herzogin abgemacht in Bezug auf unſre Zuſam⸗ menkunft? Wann und wie ſoll ſie ſtattfinden?“ —„Die Herzogin iſt nun eine Zeit lang an die Die Reiſe Königin und den Hof gefeſſelt und will die ſchickliche „ — —— — nach Spanien. 97 Gelegenheit erſehen und Euch durch mich wiſſen laſſen. Sie iſt noch zweifelhaft, ob die Zuſammenkunft mit Hülfe der Zigeuner, die ebenfalls hierher kommen, zu bewerkſtelligen iſt, weil ſie einen Verräther darunter fürchtet und doch die äußerſte Vorſicht dabei beobachtet werden muß.“ —„Es iſt wahr, Vorſicht iſt nöthig in dieſem Lande.— Warum kehrteſt du aber nicht am folgenden Tage zurück, als du deinen Auftrag ausgerichtet atteſ —„Eben aus Vorſicht entließ mich die hohe Frau nicht eher wieder, als bis die Zigeuner abgezogen waren. Der Hauptmann wurde beſtimmt, ſeinen Leuten zu er⸗ klären, ich ſei in derſelben Nacht wieder zurückgekehrt. Die Herzogin ſchien zu fürchten, daß Don Hernandez Anhang unter den Zigeunern habe und mein Leben dadurch in Gefahr ſei. Genug, ich mußte auf ihren Befehl bleiben.“ Dem Erzherzog ſchienen dieſe Gründe nicht ſattſam einleuchten zu wollen; auch trug ſie der Page mit ſo unſichrer Stimme und einem ſo ſcheuen Blick vor, daß der Fürſt neuen Argwohn ſchöpfte, der Page möchte ihm etwas Wichtiges in dieſer Angelegenheit verbergen, und er beſchloß ſeine Maßregeln klug und fein zu nehmen, um hinter das ganze Geheimniß zu kommen. Seine Leidenſchaft für die Herzogin verleitete ihn im Augenblick zur Eiferſucht auf ſeinen Pagen. Seine aufgeregte Phantaſie ſpiegelte ihm vor, Luiſe habe ſich Ein deutſcher* II. 7 98 Die Reiſe ſchnell in den ſchönen Jüngling verliebt und ihn auf dem Schloſſe behalten, um in ſeinen Armen ein Glück zu ſuchen, das ſie bis jetzt entbehrt und deſſen ihre Jugend und Schönheit gleich würdig ſeien. In einer unedlen Aufwallung ſchwur er im Stillen den ihm bis jetzt ſo lieb geweſenen Edelknaben zu verderben, wenn ſich der ihm ſo wahrſcheinlich dünkende Argwohn als wahr beſtätigen ſollte. nach Spanien. 99 Sechstes Rapitel. Donna Francesca dulloa hatte die erſte ſchickliche Ge⸗ legenheit benutzt, ihr Herz bei der Königin Iſabella leichter zu machen, und ihr Bericht hatte dagegen das Herz der hohen Frau mit ſchwerem Kummer erfüllt. Donna Iſabella, eben ſo ausgezeichnet durch ihre großen Herrſchertugenden und glönzenden Eigenſchaften wie durch weibliche Anmuth und Majeſtät, die große Kö⸗ nigin Caſtiliens, die einen muthigen Helden, einen weiſen Staatsmann, einen unſichtigen Eroberer und einen ſcharfſinnigen Geſetzgeber mit königlicher Grazie und weiblicher Liebenswürdigkeit in ſich vereinte, Iſa⸗ bella war doch in einem Punkte ein ſchwaches Weib: ſie war über die Maßen eiferſüchtig auf Don Fer⸗ nando, ihren Gemahl, ſodaß ſie demſelben ſogar das feierliche Verſprechen abgenommen haben ſoll, ſich im Fall ihres frühern Todes nicht wieder zu vermählen. Schon waren dunkle Gerüchte von des Erzherzogs Ga⸗ anterien an den ſpaniſchen Hof gelangt und hatten die * — 5 100 Die Reiſe Königin um das Wohl ihrer Lieblingstochter beſorgt gemacht, aber jene Nachrichten waren zu unbeſtimmt, die Entfernung von Toledo und Brüſſel zu groß, die Verbindungsſtraße zwiſchen den beiden Höfen noch zu ſchwierig, und Donna Juanna's Briefe an ihre Mutter machten ſich ſo ſelten und enthielten ſo ganz und gar keine Klagen über ihren Gemahl, daß Donna Iſabella in Ungewißheit geblieben war, ob ſie jene Gerüchte nicht für das müßige Gerede nehmen ſollte, welches ſtets bemüht iſt ausgezeichnete Menſchen mit dem Schmutze der Gemeinheit zu bewerfen. Jetzt war ihr aber die Wahrheit unter die Augen getreten; der erſte Blick auf den ſchönen Erzherzog hatte ſie belehrt, daß jene Gerüchte nicht gelogen, und nun hatte die Ober⸗ hofmeiſterin ihrer Tochter dieſen Gerüchten Form und Geſtalt gegeben und dem unbeſtimmten Gerede feſte Thatſachen untergelegt. Ja ſelbſt wenn die Königin noch geneigt geweſen wäre, manche allzulebhafte Schil⸗ derungen der Donna Francesca auf Rechnung eines perſönlichen Haſſes gegen den Erzherzog und deſſen Land zu ſetzen, den dieſe würdige Dame wider ihren Willen aus ihren Reden hervorleuchten ließ, ſo beſtä⸗ tigte doch die unverkennbare Geiſteszerrüttung der Erz⸗ herzogin Infantin nur zu ſehr die grauſame Behand⸗ lung, welche Philipp ſeiner Gemahlin hatte angedeihen laſſen. Und das Alles war einer Kaufmannsfrau wegen geſchehen! Wenn es noch eine Herzogin, Gräfin oder nach Spanien. 101 Marquiſe geweſen wäre, ſo hätte ſich die Geſchichte noch bemänteln laſſen; aber daß der leichtſinnige Schwie⸗ gerſohn in bürgerliches Blut entbrannt war, konnte ihm die Königin von Caſtilien nicht verzeihen. Ihr Herz wurde von Gefühlen des Unmuths, der Bitterkeit und des Zorns gegen den ſchönen Oeſtreicher und des Mitleids, des Kummers und der trauernden Liebe gegen ihre unglückliche Tochter erfüllt. Nie hatte die Königin mehr gelitten, als in dieſer Zeit, die ihr Tage der Freude hatte bringen ſollen, und als ſie ſich erſt von der Geiſteskrankheit Juanna's vollkommen überzeugt und mit eigenen Augen geſehen hatte, wie gleichgültig der Erzherzog ſeine durch ihn ſo unglücklich gewordene Ge⸗ mahlin behandelte und ſich leichtſinnig und fröhlich den Huldigungen hingab, die ihm die von ſeiner Schönheit und Anmuth gleichſam bezauberten Damen ihres Hofes und des höchſten Adels darbrachten, da kam ein Jam⸗ mer über die hohe Frau, der ſie ſchier niederwarf. Gern hätte ſie dem Erzherzog jeden andern und ſchlim⸗ mern Charakterzug verziehen als den Leichtſinn in ſeiner ehelichen Treue, und nichts entſchuldigte ſie an ihrer Lochter mehr als die Eiferſucht und die aus derſelben entſprungene Grauſamkeit gegen die buhleriſche Kauf⸗ mannsfran, welche an den ehelichen Rechten der In⸗ fantin ſo ſchändlich gefrevelt hatte. Den Kummer der Königin zu vermehren, langte um dieſe Zeit die Trauer⸗ botſchaft von dem unerwarteten Abſterben des jungen 102 Die Reiſe Prinzen von Wales, Arthur, Kronprinzen von Groß⸗ britannien und Gemahls der vierten Tochter der Kö⸗ nigin, Katharina's, in Toledo an. Nach einer fünf⸗ monatlichen Ehe war die ſiebenzehnjährige Katharina ſchon Witwe. Dadurch wurde der Hof in Trauer ver⸗ ſetzt. Auf das heftigſte aber wurde die Königin er⸗ griffen, als die Erzherzogin Juanna, von ihr mütterlich vertraulich über ihr ſchlimmes Schickſal befragt, Alles leugnete und ihren Gemahl von jeder Schuld freiſprach, ja mit wahrhaft rührender Liebe und Zärtlichkeit ſich über ihn und ſeine trefflichen Eigenſchaften ausſprach. Erſt dem Erzbiſchof Pimenes, den die Königin beauſtragt hatte, ihrer Tochter ins Gewiſſen zu reden, gelang es, durch väterliche Ermahnungen, religiöſen Zuſpruch und Androhung kirchlicher Strafen ſie zum Geſtändniß zu bringen, und nun hatte ſie es auch gegen die Mutter nicht länger hehl, zu welcher Marter der Eiferſucht ſie durch ihres Gemahls Leichtfertigkeit verdammt ſei, weil ſie ihn grenzenlos liebe und nur in ſeiner Gegenwart Glück und Beruhigung fühle, ſelbſt wenn er ſie gleich⸗ gültig und hart behandle. In dieſem mit Thränen untermiſchten Bekenntniß that ſie ſo viel kindiſchthö⸗ richte Aeußerungen, daß dieſe allein ſchon ihre Geiſtes⸗ verwirrung bekundet hätten, wenn ſie auch nicht noch andere Proben davon gegeben hätte. Die Königin hielt über dieſe wichtige Angelegenheit, welche Tag und Nacht ihren Kummer nährte, geheimen nach Spanien. 103 Rath mit ihrem Beichtvater und Miniſter, ohne wel⸗ chen ſie nichts unternahm; das Herz ihres königlichen Gemahls wollte ſie, ſo lange es nur anging, mit die⸗ ſen Widerwärtigkeiten verſchonen. Timenes rieth, dem Erzherzog vor der Hand nicht mit Vorwürfen über das Vergangene zuzuſetzen, da eine ſolche Behandlungsart leicht zum Uebelſten ausſchlagen könne. Der Erzherzog ſei ſelbſtſtändiger Regent eines reichen und mächtigen Landes; er werde alſo höchſt wahrſcheinlich einem bit⸗ tern Vorwurfe nur ſtörriſchen Trotz entgegenſetzen und es der Erzherzogin entgelten laſſen, die doch in ihrem traurigen Zuſtande der größten Schonung bedürfe. Es ſei beſſer, dem Erzherzog merken zu laſſen, daß man um ſeine Heimlichkeiten wiſſe, ihn aber nichtsdeſtowe⸗ niger mit Milde und Liebe zu behandeln, ſodaß er ſich ſeines Leichtſinns zu ſchämen anfange; dann wollte er, der Erzbiſchof, es auf ſich nehmen, ihm bei paſſender Gelegenheit ins Gewiſſen zu reden und ihn auf andere Gedanken bringen. Die Art und Weiſe dieſer Zu⸗ ſprache werde natürlich von dem Betragen des Erz⸗ herzogs in Spanien abhängen. Man müſſe ihn des⸗ halb ſtreng im Auge behalten; laſſe er ſich auch hier neue Leichtfertigkeiten gegen die leider von ihm ſo ent⸗ zückten Schönen zu Schulden kommen, ſo glaube er, ximenes, ſich erlauben zu dürfen, ein ſehr ernſtes Wort mit dem jungen Fürſten zu reden, und die Königin möge dann immerhin mit einer zweiten * 104 Die Reiſe Strafpredigt ſeinen Worten den weltlichen Nachdruck geben. Iſabella beſchloß, nach langer Ueberlegung, dieſen Rath zu befolgen, und den Erzherzog mit allem nur möglichen königlichen Glanz zu ehren und auf jede Weiſe zu erfreuen, um ihn dadurch zu beſchämen und zur Er⸗ kenntniß ſeiner Sünde gegen die arme Donna Juanna zu bringen. Er wurde deshalb mit ſeiner Gemahlin von den beiden Königen in einem feierlichen Act zu Erben des Königreichs Caſtilien erklärt und von den in To⸗ ledo zuſammenberufenen Ständen als ſolche anerkannt; auch erhielten ſie den Titel königlicher Prinz und Prin⸗ zeſſin von Caſtilien. Wenn auch bei dieſer Gelegenheit wegen der Hoftrauer keine Feſte gegeben werden konnten, ſo wurden dem erzherzoglichen Paare doch die größten Ehren erzeigt. Donna Juanng ſollte einer geſchickten ärztlichen Behandlung unterworfen werden und die Königin ſchrieb deshalb an den Papſt, ihr ſchnell einen Arzt aus Rom zuzuſchicken, von deſſen großer Geſchick⸗ lichkeit ihr viel Rühmens gemacht worden war. In der That ſchien Donna Iſabella der Hülfe eines ſol⸗ chen bald ebenſo ſehr zu bedürfen, als ihre Tochter; denn ihr Herzeleid über das um ſo ſchwerere Unglück, je unerwarteter es gekommen war, drohete ſie aufzu⸗ reiben, und es gehörte die ganze moraliſche Kraft einer ſo ſtarken Seele dazu, wie die ruhmgekrönte Königin von Caſtilien beſaß, um ſich aufrecht zu erhalten und — nach Spanien. 105 mit heiterm Geſicht und ſüßen Worten bei Hofe zu erſcheinen. Aber je mehr ſie ſich Gewalt anthun mußte — ein Kunſtſtück, in deſſen Ausführung gekrönte Häupter in der Regel größere Uebung haben als andere Sterb⸗ liche— je mehr wurde auch von ihrer Kraft aufgezehrt und die Folge dieſes Proceſſes zeigte ſich bald in ihrer Geſtalt und in den Zügen ihres Geſichts. Die Kö⸗ nigin war am letztverwichenen 23. April 51 Jahre alt geworden und ſie hatte bis jetzt einer auffallenden Jugendlichkeit in ihrer äußern Erſcheinung ſich zu er⸗ freuen gehabt, ganz gegen die Gewohnheit des Landes, deſſen Frauen in der Regel früh zu altern pflegen. Aber nun brach auch auf einmal das Alter über ſie herein und ſie glich nach wenigen Wochen einer Greiſin. „Das iſt das Werk des ſchönen Oeſtreichers,“ pflegte ſie mit Wehmuth und Ironie zu ihren Frauen zu ſa⸗ gen, wenn ſie ſich ſchmücken ließ und ihre Hinfälligkeit im Spiegel wahrnahm;„alle andere Spanierinnen er⸗ blühen reizender und werden ſchöner durch ihn, und nur die königlichen Frauen häßlicher.“ Der Erzbiſchof von Toledo hatte den Erzherzog ſo genau und ſorgſam umſtellt, daß dieſer kaum einen Schritt thun konnte, ohne beobachtet zu ſein, und ſo künſtlich war das Spionennetz um ihn geſtrickt, daß weder er, noch ſeine nächſte Umgebung auch nur die leiſeſte Ahnung von dieſer Ueberwachung hatten. Es war nur wenige Tage nach der geheimen Unter⸗ 106 Die Reiſe redung, welche die Königin mit dem Erzbiſchof ge⸗ pflogen hatte, als Don Hernandez de Villaquiran Abends ſpät, dicht in ſeinen Mantel gehüllt und den breiten Hut tief ins Geſicht gedrückt, mit einem brau⸗ nen ſtämmigen Burſchen in bunter Zigeunertracht, in den erzbiſchöflichen Palaſt ſchlüpfte und mit ſeinem Be⸗ gleiter unverzüglich zu dem mächtigen Kirchenfürſten geführt wurde. —„Eminenz,“ ſagte der Edelmann,„die Nach⸗ richt, die ich Euch überbrachte, hat ſich als wahr und richtig beſtätigt, der Page des Erzherzogs iſt wirklich zwei ganze Wochen heimlich auf dem Schloſſe Villa⸗ quiran bei der Herzogin von Najara geweſen; die Thatſache unterliegt ferner keinem Zweifel. Er hat jedenfalls Aufträge des Erzherzogs an die Herzogin gehabt, und es iſt mir gelungen, durch die dritte Hand von einem Hofherrn des Erzherzogs zu erfahren, daß die Herzogin am burgundiſchen Hofe im vertrauten Minnebund mit dieſem Fürſten geſtanden. Doch hört über das Ereigniß den Burſchen ſelbſt.“ —„Du ſtehſt im Solde des Don Hernandez?“ fragte der Erzbiſchof den Zigeuner.„Dies darf dich nicht verleiten, Unwahrheiten zu ſagen, die dieſer Herr vielleicht gern hörte. Bei der Strafe des Fegefeners befehle ich dir, mir die reine Wahrheit zu ſagen.“ —„Ich habe ſie geſagt und werde ſie ſagen,“ nach Spanien. 107 verſetzte der Zigenner trotzig;„und gar nicht wegen des Soldes, ſondern aus ganz andern und höhern Rückſichten. Denn Ihr müßt wiſſen, Eminenz, daß ich Jahme, der zweite Sohn der Karacha bin.“ —„Ich verſtehe nicht, was du damit ſagen willſt, Jayme. Wer iſt die Karacha, deine Mutter?“ —„So will ich Euch ſagen, daß ich der jüngere Bruder jenes Antonio Cebes bin, den Ew. Eminenz vor funfzehn Jahren in geheimen Aufträgen nach Rom ſchickte.“ —„Ha, und der mich an den Papſt verrieth und für alle Wohlthaten, die ich ihm erwies, ſo ſchändlich betrog! Ein verſchmitzter, heuchleriſcher Burſche das! Seine Bruderſchaft kann dir unmöglich bei mir zur Empfehlung dienen. Aber ich verſtehe deine Worte nun vollkommen und freue mich, dich zugleich auf einem beſſern Wege zu finden, als dein Bruder ein⸗ geſchlagen hat.“ —„Eminenz, er iſt dafür aus unſrer heiligen Ge⸗ noſſenſchaft geſtoßen worden und darf nie wieder unter uns erſcheinen, will er nicht den Fluch verwirklicht ſehen, der über ihn ausgeſprochen worden iſt, daß jeder Zigeuner ihm den Dolch ins Herz ſtößt. Er wagt es auch niemals, Spanien zu betreten. Als vor ſechs Jahren die Erzherzogin Margaretha von Oeſtreich aus den Niederlanden hierher kam, um die Gemahlin des Kronprinzen Don Juan zu werden, brachte ſie meines 108 Bruders Antoniv Frau und Kinder mit und wir haben ſie als Unſchuldige in Ehren gehalten; er ſelbſt war in Brüſſel zurückgeblieben, obgleich es ſeine Pflicht als Stallmeiſter der Erzherzogin geweſen wäre, ſie zu begleiten.“ —„Es iſt gut, mein Sohn,“ unterbrach der Erzbiſchof den geſchwätzigen Zigeuner;„dieſe vergan⸗ genen Dinge ſind begraben und wir wollen ſie ruhen laſſen. Erzähle mir dagegen ausführlich, was du von dem heimlichen Beſuche des erzherzoglichen Pagen bei der Herzogin von Najara weißt. Ich bin nun von deiner Wahrhaftigkeit überzeugt, nachdem du mir ge⸗ ſagt haſt, wer du biſt.“ —„Vom Herzog von Najara, unſerm Schützer und Wohlthäter, beauftragt, lagen wir am Fuße des Schloſſes Villaquiran im Eichenwalde, zum Schutz der Herzogin, wie es hieß; wir wußten aber Alle, was dies zu bedeuten habe. Es war keinem von uns ein Geheimniß, wie eiferſüchtig der alte mächtige Herr auf ſeine junge ſchöne Gemahlin ſei, und wir waren ihm alle treu ergeben. Es durfte keine Katze auf's Schloß, geſchweige denn ein Menſch. Eines Tags ſtieß ein Haufe der Unſrigen zu uns, der aus Frank⸗ reich kam. Die älteſte Tochter unſrer Königin und meine Mutter, ihre Erzieherin, waren dabei. Sie vereinigten ſich mit uns, um mit uns gemeinſchaftlich Die Reiſe nach Toledo zu gehen, wo unſre Königin ſich bereits 3 nach Spanien. 109 befand und wo wir um ſo einträglichere Geſchäfte zu machen hofften, da der Tod des Kronprinzen Arthur von England, den wir einige Tage zuvor auf unſern geheimen Wegen erfahren, alle öffentlichen und lärmen⸗ den Feſte zu Ehren des erzherzoglichen Paares verbot. Wir haben uns in dieſer Beziehung auch nicht getäuſcht. In ſolchen Fällen, wo es gilt, den Hofleuten die lange Weile zu vertreiben, iſt das Zigeunervolk ſtets will⸗ kommen. Wir warteten nun ſtündlich auf den Befehl des Amirante zur Abreiſe. Statt deſſen erhielten wir die Nachricht von der Erkrankung des Erzherzogs in unſrer Nähe. Am folgenden Tage erſchienen zwei ſei⸗ ner Hofjunker, zwar verkleidet und ſich für Bauern ausgebend, und wollten zur Herzogin. Sie wurden ſogleich feſtgenommen und getrennt, um ſie auszufor⸗ ſchen, wie es unſer als gut bewährter Gebrauch iſt. Der Jüngere ſprach ſo fertig ſpaniſch, daß wir faſt verſucht waren, ihn für einen Aſturier zu halten. So⸗ bald er uns als Zigeuner erkannt hatte, riß er die Kleider auf ſeiner Bruſt auf und zeigte uns zu unſerm größten Erſtaunen unſer heiliges Pentalpha von purem Golde mit dem geheimnißvollen Namenszuge unſter Königin, ihm an einer zarten, aber koſtbaren goldnen Kette am Halſe hängend. Wir verbengten uns ehr⸗ furchtsvoll vor ihm, wie es unſtre Pflicht gebot; denn dieſes Kleinod, das er nur von unſrer Königin oder von der älteſten Prinzeſſin, die beſtimmt iſt, einſt unſre * 110 Die Reiſe Königin zu werden, haben konnte, verpflichtet uns, ſeinen Beſitzer als ein Glied der königlichen Familie zu ehren und ſeinen Befehlen unbedingt zu gehorchen. Nur wenig Sterbliche mögen im Beſitz dieſes gewal⸗ tigen Zeichens ſein, und ich kenne nur Einen noch, das iſt der Herzog von Najara. Wir führten den jungen ſchönen Edelmann ſogleich in das Zelt der Prinzeſſin Zarvha, deren Frauen ihn freundlich bewillkommten. Sie ſelbſt war mit meiner Mutter auf dem Schloſſe bei der Herzogin; er verlangte ebenfalls dorthin ge⸗ bracht zu werden und der Hauptmann führte ihn ſelbſt. Am folgenden Tage hieß es, er ſei in der Nacht wie⸗ der zum Erzherzog zurückgekehrt, und auch der Andere wurde entlaſſen; ich erfuhr aber durch meine Geliebte, welche zur nächſten Umgebung der Zarvoya gehört, Alles genau. Der Junker iſt der Geliebte der Prinzeſſin, aber auch die Herzogin hat ihn lieb. Er hat ihr einen wichtigen Brief gebracht, den ſie immer und immer lieſt, und dann hat ſie ſich mit dem hübſchen jungen Blut eingeſchloſſen und hat ihn verſteckt gehalten bis zu ihrer Abreiſe. Die kleine Zaroya war mit meiner Mutter Tag für Tag auf dem Schloſſe. Man ſieht's auch der Prinzeſſin an, daß ihre Liebe ſchon Früchte getragen; das ſtammt von Blois in Frankreich, wo meine Mutter als gute Amme und Erzieherin der Za⸗ roya ihr den Junker zugeführt hat. Das iſt Alles, was ich von der Sache weiß.“ 5 nach Spanien. 111 —„Es iſt genug, mein Sohn,“ entgegnete der Erzbiſchof.„Behalte den Junker hier fein im Auge und berichte mir oder Don Hernandez ſchnell, wenn er zu der Zaroya oder zur Herzogin gegangen iſt. Suche auch durch deine Geliebte zu erfahren, was ſie zuſammen verhandeln. Ich gebe dir meinen Segen, mein Sohn, und mein Schatzmeiſter wird dir noch eine andere Belohnung von weltlichem Werthe zukom⸗ men laſſen.“ Als der Zigeuner ſich entfernt hatte, ſagte Don Hernandez mit einem düſtern und bittern Unwillen: „Die Herzogin, meine Mutter, ſteht mit dem Erz⸗ herzog noch in einem Verhältniß; ihre Blicke verriethen es bei der erſten Begrüßung im Palaſt. Ich habe ſie Beide ſcharf beobachtet. Und der Erzherzog iſt ein leichtfertiger Lüſtling, dem ſelbſt die Ehre des Herzogs von Najara nicht heilig iſt.“ —„Iſt es allein die Ehre Eueres Vaters und Eueres Hauſes, welche Euch dieſen lobenswerthen Eifer einflößt?“ fragte der Erzbiſchof mit einem durchdrin⸗ genden Blicke auf den finſtern Mann, der dieſem das Blut in die Wangen trieb. Er wendete das, Auge ſcheu ab und wagte nicht, die Frage zu beant⸗ worten. Der Erzbiſchof erhob warnend die Hand gegen ihn und ſagte:„Sehet Euch vor, daß Ihr nicht ſelbſt in die Fallſtricke des Böſen fallet, während Ihr Andere Die Reiſe davor ſchützen wollt!“ Und indem er die Hand ſeg⸗ nend auf das Haupt des befangenen Mannes fallen ließ, ſetzte er hinzu:„Der Herr behüte Euch vor böſen Gedanken!“ Damit wurde Don Hernandez de Villaquiran von dem Kirchenfürſten entlaſſen. nach Spanien. 113 Siebentes Rapitel. Die geheimen Anſtalten des Erzbiſchofs, der Königin Iſabella und des Don Hernandez in Bezug auf den Erzherzog Philipp und die Herzogin von Najara wur⸗ den alle durch die Gegenanſtalten der Zigeuner ver⸗ eitelt. Wie den Letzteren nichts verborgen blieb, was zur Ueberwachung dieſer beiden Perſonen diente, ſo be⸗ folgten ſie dagegen nur die Befehle ihrer Königin und der Prinzeſſin Zaroha; dieſe lauteten dahin„ dem Erzherzog und der Herzogin von Najara zu einer ge⸗ heimen Zuſammenkunft auf jegliche Weiſe behülflich zu ſein und ſie gegen jeden Verrath zu ſchützen. Selbſt Jahme durfte nicht wagen, von dieſer Verordnung ſei⸗ nem Freunde, dem Don Hernandez, etwas mitzutheilen, wenn er nicht das Schickſal ſeines ältern Bruders fürchten wollte. Zaroya's Befehle waren aber nur der Widerhall der Wünſche ihres geliebten Marco„wie ſie den Junker Marx von Bübenhoven umgetauft hatte, und ſo geſchah es, daß der beſcheidene Page aus Tyrol in gewiſſer Hinſicht in Spanien mächtiger war, als Ein deutſcher Leinweber. II. 8 Die Reiſe die beiden katholiſchen Könige des Landes. Aber der Junker war weit entfernt, dieſe ſeine Macht zu be⸗ nutzen; ihm war das Leben erſt zur Wahrheit gewor⸗ den, ſeit ihn la Zaroha's Liebe beglückte, und er be⸗ gehrte nichts, als ſich mit der Geliebten dieſer neu er⸗ fundenen Wahrheit zu erfreuen. Seine Tage glitten wie ein ſchneller Strom dahin, auf deſſen Wellen er ſich mit der kleinen Prinzeſſin Arm in Arm ſchaukelte; zuweilen ſchlugen die Wellen rauſchend über ihren Häuptern zuſammen und ſie vergaßen die Welt um ſich in dieſer Taufe. Sie waren ohnſtreitig unter der großen Menſchenmenge in Toledo die Glücklichſten. Waren ſie nicht beneidenswerth? Marr und Zaroya hatten der Herzogin von Najara verſprochen, ihr eine ſichere geheime Unterredung mit dem Erzherzog zu ver⸗ ſchaffen, und ſeit der Page dieſe Dame auf ihrem ein⸗ ſamen Schloſſe kennen gelernt hatte, ſtimmte er hin⸗ ſichtlich ihrer und des Erzherzogs nicht mehr in die Befürchtungen der Erzherzogin Margaretha ein. Er wußte, wie eine ſolche Unterredung für den Begehren⸗ den ausfallen würde und daß ihr in jeder Art Vor⸗ ſchub leiſten ſeinem Gebieter und ſeiner hohen fürſt⸗ lichen Gönnerin, der Herzogin von Savoyen, in wür⸗ diger Weiſe dienen heiße. So beſtimmt er entſchloſſen war, ſeit er auf dem Schloſſe Villaquiran eine ſo köſt⸗ liche Gefangenſchaft geduldet, dem Erzherzog durch ſeine allzugehorſamen Dienſte zu deſſen gemeinen Lie⸗ 2 —— nach Spanien. 115 besabenteuern nicht mehr behülflich zu ſein, ſo ſehr drängten ihn Verſtand und Gefühl, den Fürſten mit deſſen erſter Geliebten zuſammenzubringen. Die Zigenner bewohnten ein halb verfallenes, ödes, weitläufiges, ſteinernes Gebäude, deſſen beſtes Zimmer für die Königin und ihre Lochter hergerichtet war. Hier ſollte das Stelldichein ſtattfinden. Da die langen Frühlingstage gar keinen Abend duldeten und weder der Erzherzog noch die Herzogin während der Nacht den Palaſt verlaſſen konnten, im Palaſt ſelbſt aber gar keine Möglichkeit für ſie vorhanden war, ſich unter vier Augen zu ſprechen, ſo mußte die Zuſammenkunft am Tage ſtattfinden. Dies wurde auf folgende Weiſe bewerkſtelligt: Da die Hoftrauer alle Feſtlich⸗ keiten bei Hofe verbot, ſo ſah man es gern, wenn die Zigeuner etwas zur Unterhaltung der vornehmen ſich langweilenden Leute beitrugen. Die Aeghptier veran⸗ ſtalteten deshalb öfter Schauſpiele, d. h. ſie tanzten auf dem Seile, führten Reiterkunſtſtücke aus, hielten Eier⸗ und Schwertertänze, brannten Feuerwerke ab und hielten poſſenhafte Umzüge in der Stadt. Ein ſolcher Tag wurde zur Ausführung des Plans gewählt. Die Herzogin erhielt durch Karacha den vollſtändigen Anzug einer Zigeunerin mit einem dichten Schleier; darüber warf ſie ein ſeidnes Oberkleid und ritt mit einer ihrer Kammerfrauen, die ihr getreu war, zu dem Schauſpiel. Der Erzherzog war ſchon dort; auch er 116 Die Reiſe hatte einen Anzug erhalten. Das Schauſpiel war noch lange nicht beendigt, als er mit Bübenhoven aufbrach, vorgebend, er habe ſeiner Schwiegermutter, der Königin, die ſich krank hatte melden laſſen, einen Beſuch zu machen. Er bat ſein Gefolge, ſich im Genuß nicht ſtören zu laſſen; es durfte ihn alſo keiner ſeiner Leute weiter begleiten. Deshalb bemerkte faſt Niemand ſein Verſchwinden aus dem Circus. Toledo liegt am Ab⸗ hange eines Berges, auf deſſen Gipfel der königliche Palaſt, einſt von mauriſchen Königen erbaut und Al⸗ eazar genannt, thront. Der Tajo rauſcht am Fuße dieſes Bergs durch hohe Felſenufer. Jenſeits deſſelben und nahe dem Fluſſe ſtanden die Ruinen römiſcher Ge⸗ bäude. Dorthin nahm der Erzherzog den Weg. Hin⸗ ter einer dieſer Mauern kleidete er ſich um und eilte nach der Stadt zurück; der Page blieb, um ſeinen Gebieter wieder mit den Pferden zu erwarten. Die Herzogin verließ, nachdem das Schauſpiel be⸗ endigt war, den Cireus, um noch einen Spazierritt zu machen, wie ſie oft zu thun pflegte und faſt jedesmal in Begleitung ihrer Vertrauten. Sie lenkten bald in eine der vielen engen, krummen und ſteilen Straßeß ein; die volkreiche Stadt hatte damals immer noch über hunderttauſend Einwohner, obgleich ſie zwei Jahrhun⸗ derte früher, als ſie noch von mauriſchen Königen be⸗ herrſcht wurde, mehr als noch einmal ſo viel gezählt hatte. Aus dieſem Grunde gab es auch eine Menge nach Spanien. 117 ganz einſamer, wenig bewohnter Straßen; dies waren meiſt die unbequemſten, ſteilſten, unfreundlichſten, und in dieſen ſtanden viele mauriſche Gebäude gänzlich leer, waren dem Einſturz nah' oder ſchon verfallen, ein ſchauerlicher Aufenthalt von Ratten und Nachtgevögel. Am Eingang eines ſolchen hohen und düſtern Hauſes ſtand Karacha, faßte die Zügel des Pferdes der Her⸗ zogin und zog es raſch hinein. Dann winkte ſie einem Zigeuner, der der Herzogin ſpähend gefolgt war, ob vielleicht ein anderes Auge ſie verfolge. Jetzt kam er zum Schutz der Kammerfrau herbei. Wenige Augen⸗ blicke ſpäter ſchritt die Herzogin als niedliche Zigen⸗ nerin an Karacha's Hand aus dem Hauſe und Beide eilten flüchtigen Schritts einem ähnlichen Gebände in einer benachbarten Straße zu, der unheimlichen Reſi⸗ denz der Zigeunerkönigin. Die Herzogin trat allein in das Zimmer; der Erzherzog erwartete ſie ſchon. Er trat ihr raſch entgegen, aber zwei Schritte vor ihr blieb er ſtehen und heftete den erſtaunten und von Liebestrunkenheit glänzenden Blick auf ſie. Ach, ſie war unbeſchreiblich ſchön in der Zigennertracht, dieſes Kreid lieh ihr in ſeinen überquellenden Augen neue Reize; es war ihm, als hätte er ſie noch nie ſchöner geſehen, als hätte er überhaupt noch nie ein reizende⸗ res Weib geſehen, ein geliebteres gewiß nicht. Er hatte alle andere Frauen vergeſſen, mit denen er je Minnehändel gepflogen, er hatte nur eine geliebt und Die Reiſe dieſe ſtand vor ihm. Die Summe ſeines Daſeins ging auf in ihren ſüßen ſchwermüthigen Augen. Endlich ſtreckte er die Arme nach ihr aus, um ſie an ſeine Bruſt zu ziehen, und wie traumbefangen rief er ſchwer⸗ athmend:„Luiſe! Meine Luiſe!“ Aber ſie ſtand feſt; ſie ſank nicht an ſein wogendes Herz. Ihre ruhigen, ernſten Züge ſchmolzen nicht im Feuer ſeiner Leidenſchaft. Er wäre faſt wieder zurück⸗ gewichen vor dieſer reinen, ruhigen Erhabenheit. Sie ſah nicht ſtreng aus, vielmehr mild und ſanft, ja ſie lächelte ſogar. Aber es war der höhere Glanz einer Abendröthe, oder die ruhige Herrlichkeit des Sternen⸗ himmels, nicht der Widerſchein eines irdiſchen Feuers in ihrem Antlitz. Auch in ihren Augen glänzten Thrä⸗ nen, aber es waren nicht die Tropfen eines berauſchten Entzückens, deſſen Pulſe einem geliebten Herzen ent⸗ gegentaumeln; es waren die Perlen aus der Ziefe des Herzens, die Früchte des überwundenen Schmerzes, die Kleinode einer durch Kämpfe errungene Ruhe; es waren Thränen der Wehmuth und der Freude zugleich, Thränen über ihre hingegangene Jugend, Thränen über den fürſtlichen Jüngling, der vor ihr ſtand, den ſie einſt geliebt, ach, für den nicht alle Stimmen ihres Herzens verſtummt waren! —„Ihr habt eine Unterredung mit mir gewünſcht, Hoheit,“ ſagte ſie ſanft,„und ich hatte triftige Gründe Euern Wünſchen entgegenzukommen.“ — — nach Spanien. 119 —„Ach, Luiſe, nicht dieſe kalte Sprache! Sie zerſchneidet mir das Herz. Bin ich dein Philipp, biſt du meine Luiſe nicht mehr? Hier in dieſem ſtillen Gemach, jetzt in dieſer traulichen Stunde laß die eiſigen Formen der Welt ſich nicht zwiſchen uns drängen. Sei wieder mein, ganz mein, Luiſe, wie du vor ſechs Jahren ganz mein warſt, und vergiß in dieſer Stunde wenigſtens alles Bittere und Böſe, was wir in der langen Zeit unſrer Trennung haben erfahren müſſen. Laß uns we⸗ nigſtens heute das neidiſche Schickſal um jenen grau⸗ ſamen Sieg über unſre Herzen verhöhnen; laß ſie an einander ſchlagen, die für einander geſchaffen ſind; laß uns heimlich vom Geſchick, das ſeinen eiſernen Arm auf unſern Nacken gelegt hat, einen reichen Glückszoll rauben, den es uns freiwillig ſo karg ſpendet, und laß uns den Neid betrügen, in dem wir in heimlich ſüßer Umarmung die Entſchädigung für ein freudloſes Leben erzwingen.“ —„Ihr ſeid im Irrthum, Don Philipp,“ ver⸗ ſetzte die Herzogin ruhig.„Nicht die kalte, herzloſe WVelt drängt ſich in dieſem Augenblick zwiſchen uns, ſondern eine weit höhere Macht, eine unbeugſame, eiſerne Gewalt, der wir uns zu fügen haben, wo wir auch ſtehen; es iſt die Pflicht. Ihr ſeid der Gemahl der Erbin von Caſtilien und Arragon; ich bin die Gemahlik des Herzogs von Najara, eines Edel⸗ manns von reinſter Ehre und höchſtem Edelſinn. Ihr 120 Die Reiſe habt irdiſche und göttliche Pflichten gegen Euere Gemahlin— und ich wollte, Ihr hättet ſie nie ver⸗ letzt; ich habe dieſelben Pflichten gegen meinen Ge⸗ mahl, und, Gott Lob! ich habe ſie noch nie verletzt, und es iſt mein heiligſter Vorſatz, ſie niemals zu ver⸗ letzen.“ —„Sprich nicht von Pflicht, Luiſe, wo das Herz keine Rechte hat. Pflichten und Rechte bedingen ſich gegenſeitig. Nur die Liebe hat Pflichten, weil ſie Rechte hat an ein geliebtes, liebendes Herz. Wärſt du mein Weib geworden, Luiſe, ich hätte meiner Pflicht gegen Dich nie etwas vergeben. Wer fragte mich denn, als ich an dieſe Spanierin verkauft wurde, die ich nicht kannte; und nun ſoll ich gegen ſie handeln, als hätt' ich ſie geliebt, wie dich? Nein, Luiſe, ſprich nicht von Pflichten zu meinem gemarterten Herzen, das nur dich liebt, nur dich geliebt hat! Es erkennt nur eine Fflicht, vich zu lieben, ganz dein eigen zu ſein. Es kennt nur ein Glück, dich im Rauſche un⸗ ausſprechlicher Gefühle zu umarmen und an deinen Lippen hangend den ganzen Kram, der mich ängſtigt, zu vergeſſen.“ —„Ihr werdet die Pflichten nicht wegſtreiten, die Ihr übernommen habt. Gelten Euch denn heilige Eid⸗ ſchwüre, vor Gottes Angeſicht an ſeinem Altar und ſeinem Prieſter in die Hand geleiſtet, ſo gar nichts? Ihr habt der Infantin von Spanien Liebe und Treue nach Spanien. 121 geſchworen; weh' Euch, wenn Euer Herz die Laute Euerer Lippen Lügen ſtrafte!“ —„Ja, ich log, als ich ſchwur, denn ich liebte dich.“ —„Aber was hattet Ihr mir geſchworen, eh' wir uns trennten? Was flüſterte mir Euer Mund noch zu, als ich den Fuß in Middleburg auf das Schiff geſetzt hatte, das mich mit Euerer Schweſter nach Spanien tragen ſollte? O Philipp, wie haſt du dieſen Schwur gehalten? Gib mir Rechenſchaft in dieſer ernſten Stunde: wie haſt du den Schwur gehalten, den du mir ſcheidend ſchwurſt?“ Der Fürſt verhüllte ſein Geſicht und weinte. —„Ja, Philipp, ich liebte dich. Du warſt meine erſte, du biſt meine einzige Liebe geweſen. Die Blume kann nur einen Frühling erleben, das Herz nur eine Liebe. Alles Andere iſt Sinnenrauſch, nicht tiefes heiliges Gefühl, nicht aus der Seele heraus⸗ quellender, nicht von der geliebten Seele herabſon⸗ nender Frühling. Mit der Glut einer reinen, keu⸗ ſchen, von den Wonneſchauern der Poeſie erfüllten, jungfräulichen Seele liebte ich dich. O es war eine ſchöne Zeit, als es in mir maite und grünte, blühete und duftete, als der ſchöpferiſche Drang der Natur in mir nach Leben und Geſtaltung aufjauchzte! Und du warſt mein Gott; denn ein wahrhaft liebendes Weib erkennt keinen andern. Aber weil ich dich wahrhaft 122 Die Reiſe liebte, konnte ich dir auch ſtandhaft entſagen. Nur irdiſche Liebe fordert unbedingten Beſitz und geberdet ſich übel, wenn dieſer ihr verſagt wird; die reine Liebe, die vom Himmel ſtammt, verſteht allein zu entbehren und zu entſagen. Das macht, weil ſie eigentlich nicht entbehrt; denn der Geliebte bleibt ihr jung, ſchön, göttlich, in alle Zeit. Er altert nicht, er bleibt frei von allen Schwächen der Menſchheit und ſie trägt ihn im Herzen mit ſich herum; keine frevelnde Hand taſtet ihn an, Niemand raubt ihn ihr. Sie darf ihn lieben, ewig, unveränderlich. Kann ein ſehnſüchtiges Herz jemals die Sterne beſitzen? Und doch liebt es die goldnen Gefährten einſamer Nächte und fühlt ſich zu ihnen gezogen und gehoben mit unzerreißbaren Ban⸗ den. Du konnteſt nicht mein Eigenthum werden Phi⸗ lipp, und ſo ſollteſt du mein Stern ſein, mein Stern am Himmel meines Lebens, mein Stern in meiner Bruſt, ewig rein geliebt, unerreichbar meinen Wünſchen, wenn die Schwäche des ſterblichen Weibes je ſolche Wünſche hegen ſollte. Da ſprach ich zu mir: Er ſoll dein Heiliger ſein und du willſt ſeine Heilige ſein. Wie er in dein dunkles Leben als heller Stern leuchten wird, ſo willſt du ihn umſtrahlen, und er ſoll ſeine Augen fromm zu dir erheben können, wie du zu ihm. Du willſt ihn kräftigen und begeiſtern zu jeder großen Königsthat; die Nachwelt ſoll ihn ſegnen als einen Stern, der befruchtend über die Erde gewandelt iſt. nach Spanien. 123 Und Niemand ſoll es ahnen, daß das dein Werk iſt, Luiſe. Das aber ſei dein Lohn, daß du in deinen ſtillen Nächten das Auge ſehnſüchtig, thränenſelig zu ihm aufſchlägſt und es an ſeinen Strahlen labſt. Und zu dir ſprach ich: Philipp, du mußt deiner Königs⸗ pflicht gehorchen; es iſt ein großes Lovs, ein König zu ſein, und wenn der gemeine Sterbliche durch ſtrenge Pflichterfüllung ſich wie ein König erhebt über die in thieriſcher Sinnlichkeit hinträumende Menge, ſo wird ein pflichtgetreuer König zum Gott. Philipp, ſprach ich, werde ein Gott und mein Stolz. Mir kann nicht das Glück werden dich zu beſitzen, ſo ſchenke mir das noch reinere Glück, dich groß zu ſehen. Der Philipp, den Luiſe liebt, verfalle nicht dem Lvoſe gemeiner Sterblichen. Gezwungene Entbehrung erhebt über den Staub; freiwillige Entſagung hebt zum Himmel empor. Entſage und ſei groß. Steige auf dem ſteilen Pfade der Tugend zur Sonnenhöhe der Unſterblichkeit. Schwöre es mir, Philipp, bei der reinen und keuſchen Flamme unſrer Liebe, ſchwöre mir, ſtets ſo rein und keuſch zu ſein, wie ſie. Und du legteſt die Hand auf mein Herz und ſchwurſt. Bei dem allwiſſenden Gott, der ihn ge⸗ hört, wie haſt du dieſen Schwur gehalten, Philipp?“ Und der Fürſt ſchluchzte heftiger und ſchwieg wieder. —„Ihr ſeid mir kein Sündenbekenntniß ſchuldig, durchlauchtiger Herr,“ fuhr die Herzogin kälter fort. „Ich ging nach Spanien mit Euerer Schweſter, die Die Reiſe ich liebte, wie ich Euch lieben durfte, und auf ihren Wunſch gab ich meine Hand dem Herzog von Najara, dem erſten Granden des Reichs. Und weil ich einen alten Mann geheirathet, habt Ihr geglaubt, ich würde mich freudig beeilen, die Zahl Euerer Buhlerinnen zu vermehren. Ich hatte gehofft, Ihr würdet wenigſtens nicht klein von mir denken; denn ich gab Euch wahrlich keinen Grund, mich mit der Frau des Kaufmanns van der Kapellen in Antwerpen gleichzuſtellen; nichtsdeſto⸗ weniger ſeid Ihr gekommen, Luiſen von Maine die Schmach einer gemeinen Buhlſchaft anzumuthen und das Ehebett des edlen Herzogs von Najara zu ver⸗ unehren.“ Schluchzend ſtürzte der Erzherzog zu ihren Füßen. „Du biſt eine Heilige, Luiſe,“ ſtöhnte er,„und ich bin ein elender Sünder. Ach, an deiner Hand wär' ich nicht gefallen! Du hätteſt mich zu deiner Höhe emporgehoben.“ —„Ihr könnt, Ihr müßt Euch wieder erheben.“ —„Nicht ohne deine Liebe, Luiſe! Aber du verachteſt mich.“ —„Erwerbt Euch meine Achtung und Ihr ſeid meiner edelſten Liebe ſicher.“ —„Zeige mir den Weg, den ich wandeln ſoll; ich bin zerknirſcht und ſchwech, ich ſehe ihn nicht.“ —„Ihr ſeid ein Mann, zehn Königreiche bieten Euch ihre Kronen; beginnt damit, Euch ſelbſt zu be⸗ nach Spanien. 125 herrſchen. Richtet die niedern begehrlichen Wünſche nicht auf jedes Weib, ſie ſei Königin oder Zigeunerin; vergendet Euere Jugendkraft nicht in den Armen eitler und gefallſüchtiger Frauen, Ihr bedürft dieſer Kraft, um Völker zu beglücken, die hoffend und vertrauend auf Euch ſchauen. Im Namen von ganz Spanien tret' ich vor Euch und flehe Euch an: Betrügt unſre Hoff⸗ nungen, unſer Vertrauen nicht!“ —„Nein! nein, Luiſe! Spanien hat einen Engel an mich abgeſandt, der ferner mein eigner Schutzgeiſt ſein ſoll. Nur verlaß mich nicht. Ach, und wenn ich auch unwürdig deiner Liebe geworden bin, ich liebe dich dennoch unausſprechlich. Luiſe, kannſt du mir vergeben, daß ich meine Schwüre brach?“ —„Zieht einen neuen Adam an und der Segen meines liebenden Herzens wandle auf Euerer Bahn Euch voran. Entfernt jene allzeit willigen Sklaven Euerer Begierden von Euch; ſucht Euch würdigere Ver⸗ traute. Dieſe Menſchen, die man Euere Freunde nennt, verderben Euch. Fangt damit an, Euch ihrer zu ſchämen.“ —„Wer deinen Scharfblick hätte, dein ſicheres Gefühl! Wo find' ich ein männliches Herz, das mei⸗ nes Vertrauens würdig wäre, das mit mir den neuen Weg wandle?“ —„Ihr habt es ſo nahe und ſucht es fern; es ſteht bei Euch und Ihr erkennt es nicht.“ S———— —— —— Die Reiſe Wer är es —„Marx von Bübenhoven. Ein Jüngling von dem trefflichſten Herzen.“ Ein zuckender Schmerz ging durch des Erz⸗ herzogs Seele. Er war ſchon zu verdorben, um ſich auch nur einige Augenblicke auf der ſittlichen Höhe zu erhalten, auf die ihn Luiſens Strenge emporgeflügelt. Das eine Wort„Marx von Bübenhoven“ ſtürzte ihn wieder herab. Sein böſer Dämon flüſterte ihm zu: „Marx iſt ihr Geliebter! Sie iſt ein Weib, wie alle. Marr hat dich ihr verrathen. Woher wüßte ſie alle deine Minneabenteuer?“ Aber er wagte nicht ein Wort von dieſen ſchlimmen Gedanken laut werden zu laſſen. Dagegen ſah er in dieſem Augenblick nur noch das reizende Weib in ihr und ſeine Sinnlichkeit er⸗ wachte mit verſtärkter Leidenſchaft. Der Augenblick ſeiner Rettung war für immer vorüber. —„Marx iſt ein wackrer Junge,“ ſagte er ſchlau, „aber ohne deine Hülfe wird es ihm nicht gelingen. Du mußt mich leiten; ich bin ein Kind, das man am Gängelbande führen muß. Sei du meine Amme. Liebe mich, Luiſe, und laß dich von mir lieben. Spanien wird es dir einſt Dank wiſſen.“ Und er ſchlang ſeinen Arm um ſie und ehe ſie es wehren konnte, hing ſein heißer Mund Küſſe gebend und fordernd an dem ihrigen. —„Philipp! Philipp!“ rief ſie warnend hund nach Spanien. 127 wand ſich nur ſchwach widerſtrebend aus ſeinen Armen los,„du mußt entſagen, wie ich. Du mußt dein Liebſtes meiden, willſt du groß werden.“ —„Ich vertauſche die ganze Größe, die du mir zeigſt, für einen Kuß von deinen Lippen, für ein paar ſelige Augenblicke in deinen Armen. Aber du haſt mich nie geliebt, ſonſt könnteſt du mich nicht kalt auf eine Größe verweiſen, die nichts weiß vom war⸗ men Pulsſchlag des Lebens, nichts von der Gefühls⸗ ſeligkeit eines in Liebesglut ſchlagenden Herzens, das am geliebten Herzen erſt zum wahren Daſein geboren wird. Deine Gefühle mochten einem Andern gehören, nie liebteſt du mich.“ —„Grauſamer, den ich vergötterte, an deſſen Bruſt mir der erſte Tropfen Unſterblichkeit auf die Zunge fiel—“ —„So liebſt du mich jetzt nicht mehr; du liebſt einen Andern—“ Sie zitterte heftig und hob das ſchöne, angſtvolle, thränenſchwere Auge flehend zu ihm empor. Er um⸗ faßte ſie; aber in demſelben Augenblick ſtürzte ſie vor ihm auf die Knie und ſchrie händeringend:„Sei ſtark, Philipp, und laß mich nicht ſchwach ſein! Schone mich, Philipp! Ich bin ein Weib. Laß dich, laß mich nicht von einem andern edeln Weibe beſchämen, von deiner eignen Schweſter Margaretha!“ Dieſer Name hatte auf den ſinnlich aufgeregten 2. Die Reiſe Erzherzog eine überwältigende Wirkung. Er ſtand einen Augenblick wie vernichtet. —„Was willſt du mit meiner Schweſter?“ fragte er endlich kleinlaut.„Hat ihre Marmorbruſt jemals geliebt?“ —„Sie liebte tief und wahr, heiß und gewaltig, wie du und ich, und ſie bezwang ihr liebendes Herz und entſagte ihrer Liebe.“ —„Gretchen, meine Schweſter?!“ rief der Erz⸗ herzog erſtaunt. —„Sie ſelbſt. Ihre Bruſt hat die Gefühle ſüße⸗ ſter Schwärmerei gehegt.“ —„Und für wen? Wer war der Glückliche, den ſie liebte?“ —„Ein mauriſcher Prinz, der den Chriſtenglauben angenommen, ein naher Verwandter der letzten Könige von Granada, der Infant Alnahar oder wie er mit ſeinem chriſtlichen Namen heißt: Don Alonzo de Gra⸗ nada, Admiral von Spanien.“ —„Muß ich dieſen Namen ſchon wieder hören!“ ſagte Philipp mit wachſendem Erſtaunen.„Doch wahr⸗ lich in Verbindung mit dem meiner Schweſter hätte ich ihn nicht zu hören geglaubt.“ —„Ja, Euere Schweſter liebte dieſen unglücklichen Prinzen, und als ſeine Beſcheidenheit ſich ihr näherte, als ihre Liebe Leidenſchaft und ihr gefährlich zu werden drohete, floh ſie aus Spanien. Denn dieſe aufkeimende nach Spanien. 129 Liebe war es, die ſie aus einem Lande trieb, wo ſie als Witwe des Kronprinzen in der höchſten Achtung ſtand. Sie wußte, daß der arme Prinz aus mauri⸗ ſchem Stamme niemals der Gemahl der Infantin Witwe von Spanien, der Erzherzogin von Oeſtreich, der Toch⸗ ter des deutſchen Königs werden könne. Alſo bekämpfte ſie heldenmüthig ihr eignes Herz und riß ſich los, ehe es noch zu einer Erklärung zwiſchen ihr und Prinz Alnayar gekommen war. Ueberzeugt Euch ſelbſt aus einem Briefe Euerer Schweſter, daß ich die Wahr⸗ heit rede.“. Und aus ihrem Buſen zog ſie den Brief der Her⸗ zogin von Savoyen, welchen ihr Bübenhoven überbracht hatte, ſchlug ihn von einander, zeigte ihm die Hand⸗ ſchrift und las dann:„So oft das ſchwermüthige Auge dieſes ſchönen, unglücklichen Jünglings das meine traf, zuckte mir jedesmal ein jäher Schmerz durch die Bruſt. Ich empfand, wie bodenlos ſein Unglück ſein müſſe, und ich begriff nicht wohl, wie er nur noch leben konnte. Er trug ſo große Schuld am Fall Granadas und an der Unterjochung der Mauren unter meine kö⸗ niglichen Schwiegereltern, und doch war er wieder ſo ſehr zu entſchuldigen. Er war ja von ſeinem Vater, dem Fürſten Cidi Jahhe von Almeria verleitet worden, ſich zu den Spaniern zu halten, zum Verräther an ſeinen Glaubens⸗ und Vaterlandsgenoſſen zu werden und ſich taufen zu laſſen. Zu dem letztern Schritt Ein deutſcher Leinweber. II. 9 130 Die Reiſe ſcheint ihn eine— ich weiß nicht in wie weit begrün⸗ dete— Hoffnung auf die Hand der Infantin Donna Juanna, meiner jetzigen Schwägerin, und dadurch auf die Statthalterſchaft oder die Belehnung mit dem König⸗ reiche Granada gebracht zu haben. Wer kann denn wiſſen, was und wie viel ihm Don Fernando, der große katholiſche König von Arragonien, verſprochen hat; denn im Schmeicheln, Verſprechen und Hoffnungen machen iſt dieſer Monarch vorzüglich ſtark, ſobald es ſich bei ihm darum handelt, irgend ein Ziel zu errei⸗ chen. Genug, Alnahar war in all ſeinen Hoffnungen betrogen worden; die katholiſchen Könige hatten ihn mit der Befehlshaberſtelle über ihre Flotte abgefunden und ſo lebte der Unglückliche mit dem nagenden Wurm im Herzen entweder auf ſeinem Schiffe oder auf ſei⸗ nem einſamen Schloſſe und vertrauerte ſeine Tage. Ich hatte ihn kaum zum erſten Mal geſehen, als das heftigſte Mitleid mit ihm mein Herz erfüllte. Als ich ihn wieder ſah, hatte ich bereits einige ſeiner ſchwer⸗ müthigen Lieder geleſen. Großer Gott! die Chriſten mistrauten ihm, die Mauren verachteten ihn, er floh die Menſchen und erſchien nur am Hofe, wenn er es nicht umgehen konnte. Noch war ich mir nicht klar über meine Gefühle für ihn— aber ich hatte Scheu, ſie Dir, meine ge⸗ liebte Luiſe, mitzutheilen, und das war ſchon ſehr be⸗ denklich— da las ſein ſcharfes Auge Mitgefühl in nach Spanien. 131 dem meinigen und ſein warmer dankbarer Blick erſchreckte mich; denn er ſagte mir ja, daß Alnayar mich verſtan⸗ den hatte. Am folgenden Tage brachte mir Claire— Du weißt wie geſchickt ſie in der Ausrichtung ſolcher Aufträge war, und Du hatteſt ſie mir eigentlich um dieſer Geſchicklichkeit halber zum Geſchenk gemacht— wie zufällig ein Blatt, das ſie gefunden haben wollte. Ich las und mein Herz ſchlug hörbar; alles Blut ſchien mir in die Wangen zu treten, es war ein Gedicht von Alnayar an mich. Zwar war weder er noch ich ge⸗ nannt, aber ich fühlte aus jedem Worte heraus, wer hier ſprach und wer angeredet wurde. Es war eine zartgefühlte Dankſagung für ſchönes Mitgefühl mit einem unausſprechlich Unglücklichen. Ich vergoß Thrä⸗ nen der Rührung, des tiefſten Mitgefühls, der poeti⸗ ſchen Trauer. Aber noch andere Gefühle miſchten ſich ein, die mir nicht ſo klar waren; es bemächtigte ſich meiner eine unbeſtimmte Sehnſucht, eine Unruhe und ein träumeriſches Weſen. Ich ſaß ſtets in tiefen Ge⸗ danken und ertappte mich oft darauf, daß dieſe Gedan⸗ ken auf Alnahar gerichtet waren. Durch dies Alles fühlte ich mich poetiſch ſo angeregt, daß ein Gedicht an ihn entſtanden war, ich wußte nicht wie. Ich war weit entfernt, ihm dieſen pvetiſchen Ausdruck meines Mitleids mit ſeinem Unglück zu überſchicken; aber denke Dir, Luiſe, vor ihrem Tode hat mir Claire noch ge⸗ ſtanden, daß ſie, von Alnahar's Bitten beſiegt, ihm Die Reiſe dieſes Gedicht heimlich übergeben hat. Claire ſprach nun oft von ihm und bald ſprach ich ebenfalls mit ihr oft von ihm; ich erhielt wieder ein Gedicht durch ihre Hand und dann wieder eins, und ſie verhehlte mir nicht, daß er ihr die Gedichte für mich gäbe. Er verließ einige Zeit darauf den Hof wieder; ein halbes Jahr ſpäter ſah ich ihn in Granada, wohin ich mit der Kö⸗ nigin gereiſt war. Hier hatte mich meine Aufregung meiner Schwiegermutter verrathen. Sie warnte mich freundlich, mütterlich. Ich erſchrak. Von dieſem Augen⸗ blicke an war es mir klar, daß ich Alnayar liebte, und ich vermuthete, daß ich ebenſo von ihm geliebt werde. Aber ſogleich ſtand auch mein Entſchluß feſt, Spanien eheſtens für immer zu verlaſſen, ohne von dem Prin⸗ zen Abſchied zu nehmen. Ich fühlte, daß längerer Verzug oder der Abſchiedsgruß mir Gefahr bereiten würde. Der Admiral Don Alonzo de Granada konnte nimmermehr mein Gemahl werden. Das ging nicht nach deutſchen Begriffen, geſchweige nach ſpaniſchen. Aber ich durfte ihn nicht wiederſehen; denn ich bin ein Weib. Ich bezwang mein Herz und daß Alles vor⸗ über iſt, mag Dir das Geſtändniß nach zwei Jahren beweiſen. Lange hab' ich getrauert; wie vft iſt er mir bittend im Traume erſchienen! manche ſtille Thräne iſt dem geliebten Mauren gefloſſen. Endlich hat die Poeſie mir überwinden helfen, mein Schmerz hat ſich poetiſch verklärt; ich habe ihn in Liedern bezwungen und ohne 14 1 nach Spanien. 133 Vorwurf reich' ich dem Herzog von Savoyen Hand und Herz.“ —„Edle Siegerin!“ fügte die Herzogin hinzu. „Ich ſah ihren Kampf, ich kannte ihn; ich hatte ihn ja in Brüſſel ſelbſt gekämpft, ich war ſelbſt Siegerin geweſen. Grauſamer Philipp, warum ſeid Ihr gekom⸗ men, mir noch einmal den Sieg ſtreitig zu machen?“ Der Erzherzog, in Nachdenken verſunken über das ihm unerwartete Geſtändniß ſeiner Schweſter, ſchien die letzten Worte Luiſens überhört zu haben, ſonſt hätte er gewiß Nutzen aus ihnen zu ziehen geſucht; denn ſie ſtellten ja ihren Sieg in Frage und waren ein Ge⸗ ſtändniß ihrer Schwäche. Er fragte nach einigen Augen⸗ blicken, wie aus einem Traum erwachend:„Und Al⸗ nayar? Wie hat er die Trennung ertragen?“ —„Wer kann es wiſſen? Er lebt nach wie vor auf ſeinem Admiralsſchiffe oder auf ſeinem Schloſſe bei Malaga und kommt nur zu Hofe, wenn er eingeladen wird, und dann nicht immer. Er iſt finſter und ver⸗ ſchloſſen, wie er ſtets war, und hat, meines Wiſſens, nur einen Freund. Und von dieſem Freunde Alnahar's eben wollte ich zu Euch reden, gegen ihn Eure Hülfe anrufen.“ —„Gegen Alnayar's Freund?“ fragte der Erz⸗ herzog verwundert.„Wer iſt er und was habt Ihr mit ihm zu ſchaffen?“ Die Reiſe —„Es iſt Don Hernandez de Villaquiran, der Sohn meines Gemahls.“ Philipp zuckte zuſammen.„Ha, dieſer finſtere Schleicher paßt gut zum Freunde des Mauren, wie Ihr mir den⸗ ſelben beſchrieben habt.“ —„Gleiche Geiſter finden ſich immer zuſammen und gleiche Schickſale verknüpfen ſie feſter.“ —„Ich verſteh' Euch. Man hat mir geſagt, daß Don Hernandez in ſeine Stiefmutter entbrannt iſt. Es empört mich, aber wundert mich nicht.“ —„Weh, ſo iſt es nicht einmal mehr ein Ge⸗ heimniß!“ ſchrie Luiſe aufgeſchreckt.„ Ihr wißt ſchon von der unſeligen Leidenſchaft des Unglücklichen.“ —„Ja, der Unglückliche! Kann ein fühlendes Männerherz ſo viel Schönheit, Anmuth und Liebreiz um ſich ſehen, ohne ſeine Selbſtändigkeit zu verlieren?“ Luiſe hatte ſich ſchmerzlich abgewandt. —„Und kann einem Menſchen ein größeres Un⸗ glück begegnen,“ fuhr der Fürſt fort,„als die Frau ſeines Vaters zu lieben? Es iſt begreiflich, daß der Prinz Alnayar und Don Hernandez Freunde ſind: ſie liebten und lieben die innigſten Freundinnen hoffnungslos.“ —„Aber Don Hernandez iſt nicht gewillt, zu dul⸗ den und zu entſagen, wie ſein Freund Don Alonzo de Granada,“ ſagte die Herzogin mit krampfhaftem Weinen. —„Wie? Er muthet der Gemahlin ſeines Vaters— nach Spanien. 135 —„Ich beſchwör Euch, Herr Erzherzog, ſucht durch Euern Einfluß den fürchterlichen Mann aus mei⸗ ner Nähe zu entfernen! Befreit mich von dieſer gräß⸗ lichen Qual! Denkt Euch meine Lage! Einen ſtolzen, eiferfüchtigen Gatten, der den bloßen ihm kund ge⸗ wordenen Gedanken an die Unehre ſeines Bettes mit zehnfachem Tod beſtrafen würde, und ſeinen Sohn, der mich mit der düſtern Glut einer wilden verbrecheriſchen Leidenſchaft verfolgt! Und der Vater darf nichts ahnen von den wahnſinnigen Wünſchen des Sohnes, ſonſt iſt dieſer verloren, der einzige Erbe des Namens und der Güter ſeines Hauſes. Und ich wäre die Verderberin dieſes Geſchlechts. Denkt Euch meine ſtete Angſt, die ewige Folter, auf der ich liege! Aus jedem Blick Hernandez' lodert mir ſeine Leidenſchaft entgegen und keiner Seele darf ich's klagen; er wäre ja dem furcht⸗ baren Gerichte der heiligen Ingquiſition verfallen.“ —„Ihr ſollt von dieſem läſtigen Liebhaber befreit werden. Der König ſoll ihn nach Neapel ſchicken. Habt keine Sorge um ihn; er ſoll weder der Rache ſeines Vaters, noch dem Schrecken der Inquiſitivn verfallen.“ —„Ich dank' Euch, Hoheit! Und nun lebt wohl. Wir dürfen uns nicht wieder ohne Zeugen ſprechen. Ihr ſeid für mich von heute der Prinz von Spanien; laßt mich nur die Gemahlin des Herzogs von Najara und die Ehrendame der Königin ſein.“ Die Reiſe —„Nicht alſo! Willſt du dem Bettler, den du mit einem Zauberworte zum Kröſus machen könnteſt, nicht einmal die kleinſte Münze ſchenken und ihn grauſam verſchmachten laſſen? Ich bin der Bettler, der umkom⸗ men muß, wenn du ihm auch den letzten Troſt verſagſt. Du biſt mein einziger Stern in dieſem finſtern Spa⸗ nien und nicht einen Strahl deines Lichts willſt du mir gönnen?“ Und eh' ſie ſich's verſah, hatte er ſie an ſeine Bruſt gezogen und merkte an der Art, wie ſie ſeine Küſſe duldete, wohl, daß auch ſie ein ſchwaches Weib war. Sie riß ſich los und rief nach Karacha. Glühend vor Verlangen nach ihrer Liebe und den Kopf voll Pläne, wie er ſie doch gewinnen wollte und werde, verließ er nach ihr das düſtere Haus. nach Spanien. 137 Achtes Rapitel. Marx von Bübenhoven hatte gute Sorge getragen, daß ſein Gebieter nichts von der Anweſenheit der kleinen Zarvya in Toledo erfuhr; auch war der Erzherzog viel zu ſehr mit ſeiner neuerwachten Leidenſchaft für die Herzogin von Najara beſchäftigt, als daß er an die Zigeunerin hätte denken können. Nun beſtärkte aber des Pagen ganzes Benehmen ſeinen Herrn fort und fort in dem Glauben, daß der junge Menſch durch die Liebe eines Weibes beglückt werde und verwandelt wor⸗ den ſei, ja das Zuſammentreffen mancher Umſtände erhöhete des Erzherzogs Verdacht, Luiſe möchte die Beglückerin des ſchönen Pagen ſein. Sein Herz brannte vor Eiferſucht und er beauftragte den Pfalzgrafen Friedrich und Philibert von Vere insgeheim, Büben⸗ hoven nicht aus den Augen zu laſſen und ihm nachzu⸗ ſchleichen, wenn er ſich aus dem königlichen Schloſſe entferne. Auf dieſe Weiſe erfuhr der Erzherzog bald, daß der Page wöchentlich einige Male ſo vorſichtig als Die Reiſe möglich zu den Zigeunern gehe. Nun galt es die Her⸗ zogin zu derſelben Zeit ebenfalls zu beobachten. Ueber ſie konnte jedoch keine Gewißheit erlangt werden; bald war ſie zu dieſer Zeit nicht in ihrer Wohnung, bald wurde ſie zu der gedachten Stunde in ihren Gemächern oder bei der Königin oder in Geſellſchaft anderer Da⸗ men geſehen. Zu anderer Zeit wurde ſie wieder mit Zigeunerinnen verkehrend beobachtet. Dieſe Umſtände vermehrten die Unruhe des jungen Fürſten auf's äußerſte und er verlor ſo ſehr alle Herrſchaft über ſich, daß er ſich in den Hofzirkeln, wo die Herzogin jedesmal zu⸗ gegen war, faſt immer verrieth. Einmal ſuchte er ſie mit einer fieberhaften Haſt auf und unterhielt ſich faſt nur mit ihr, ein anderes Mal mied er ſie abſichtlich; er erröthete oder erblaßte jedesmal, ſo oft er ſie zu⸗ erſt erblickte, und ſeine Augen ſuchten ſie immer mit dem ſchwärmeriſchen Ausdruck ſüßer Wonne und ver⸗ loren ſich in ihrem Anblick. Auch wußte ſchon nach vier Wochen jede Kammer- und Gürtelmagd am Hofe zu Toledo, daß die Herzogin von Najara einſt die Geliebte des Erzherzogs geweſen ſei und daß er ſie bis zu dieſer Stunde lieber habe als ſeine Gemahlin. Die unvorſichtige, an den König geſtellte Bitte des Erz⸗ herzogs, Don Hernandez de Villaquiran mit einer Be⸗ fehlshaberſtelle in Sicilien zu betrauen, verrieth nur zu ſehr die Abſicht, den jungen Mann aus dem Hauſe zu ſchaffen, und im geheimen Rath der Könige wurde ——— —— nach Spanien. 139 beſchloſſen, zwar Don Hernandez nach Sicilien zu ſchicken und dort feſt zu bannen, aber auch die Her⸗ zogin vom Hofe zu entfernen. Die ſchickliche Gelegen⸗ heit zu der letztern Maßregel wollte man von der bevorſtehenden Reiſe des Königs nach Saragoſſa neh⸗ men. In dieſe Hauptſtadt von Arragon wurden nämlich die Stände des Königreichs vom Könige zuſammenbe⸗ rufen, damit ihnen dieſer die Bitte vortrüge, den Erz⸗ herzog von Oeſtreich als Kronerben anzunehmen. Auf dieſer Reiſe ſollte der Herzog von Najara den König begleiten und die Herzogin mitnehmen. Sodann ſollte ſie auf ihr Bergſchloß zurückgeſchickt werden. So geheim man dieſen Beſchluß hielt, ſo erfuhr doch der Erzherzog durch den Pfalzgrafen davvn. Die⸗ ſer hatte nämlich der Donna Juanna dArragon, der natürlichen Tochter des Königs, Gemahlin des Conne⸗ table von Caſtilien und erſter Ehrendame der Königin, zu gefallen gewußt und unterhielt mit dieſer vornehmen Dame ein heimliches Liebesverhältniß. Donna Juanna d'Arragon war aber die Vertraute ihres Vaters; denn ſie war ſcharfſinnig und voll guter Rathſchläge. Es ging demnach nichts von Wichtigkeit vom Könige aus, wovon ſie nicht erſt erfahren und wozu ſie ihre Bei⸗ ſtimmung nicht gegeben hätte. Aber auch dieſe Frau hatte die Liebe ſchwach gemacht. Der Pfalzgraf erfuhr von ihr Alles, was er wiſſen wollte. Auf demſelben Wege erhielt der Erzherzog Kenntniß von der genauen Die Reiſe Beaufſichtigung, der er unterworfen war, und von der bittern Stimmung der Königin gegen ihn. Dieſe Ent⸗ deckung verſchlimmerte ſeine Laune weit mehr; er ſah in allen Spaniern, die ihm nahekamen, geheime Kund⸗ ſchafter der Königin, ihn zu belauern; in der ſtaats⸗ klugen Königin aber erblickte er nur ſeine eigene Ver⸗ derberin, denn ihm war nicht unbekannt, daß ſie ſeine Verheirathung mit ihrer Lieblingstochter zuerſt auf das Tapet gebracht hatte, und um ſo mehr verdroß es ihn, daß er von ihr zur ehelichen Treue angehalten und gezwungen werden ſollte. Alle dieſe Eindrücke ſtürm⸗ ten auf den jungen Fürſten ein und weder die Lieb⸗ koſungen ſeiner Gemahlin, denen er nothgedrungen und pflichtſchuldigſt ſich nicht entziehen durfte, wollte er nicht Alles auf's Spiel ſetzen, noch der Leichtſinn der Jugend und die Flatterhaftigkeit ſeines Herzens konnten ſie alle beſeitigen.* Der Drang, einem geliebten Herzen ſeinen Kum⸗ mer zu klagen, war eben ſo ſehr bei den Bitten be⸗ theiligt, mit welchen et die Herzogin brieflich um eine neue Zuſammenkunft beſtürmte, wie die ſtills leiden⸗ ſchaftliche Glut, das ſchöne Weib zu umarmen. Er ſehnte ſich ebenſo, ſich an der Bruſt der Freundin aus⸗ zuweinen, als dieſe Bruſt mit den wilden Küſſen einer verbotenen und ſündhaften Liebe zu überdecken. Beide Wünſche floſſen ſo in einander und waren ſo zu einem Ganzen geworden, daß er ſie nicht von einander zu nach Spanien. 141 ſcheiden vermochte; ſie waren ja beide Ergebniſſe ſeiner Liebe zu der ſchönen Herzogin. Da er ſich unmöglich entſchließen konnte, Bübenhoven ferner zum Boten feiner Liebeswerbungen zu machen, ſo verkehrte er viel mit der Zigeunermutter Karacha, welche die Briefe zwiſchen ihm und der Herzogin beſorgte. Am unglück⸗ lichſten machte ohnſtreitig den Erzherzog der Zwieſpalt in ſeiner Seele, daß er gezwungen war die Herzogin zu lieben und ſich doch nicht zu der moraliſchen Ueber⸗ zeugung von ihrer hohen, reinen, weiblichen Würde emporzuſchwingen vermochte. Es war ihm unmöglich an die ſittliche Größe einer Frau zů glauben, und dieſe Schwäche, von ſeinem Charakter und ſeiner Erfahrung erzeugt, ſtachelte immer nür ſeine Sinnlichkeit zu leiden⸗ ſchaftlichem Begehren. Die troſtloſe Langweiligkeit des ſpaniſchen Hofceremoniels, die läſtige Förmlichkeit in den unbedeutendſten Pingen, das Mistrauen, mit dem er ſich umlauert ſah, nähkten natürlich die unkeuſche Flamme ſeines Herzens ungemein und hauchten ſeinen Briefen an die Herzogin eine Keidenſchaftlichkeit ein, die ſie erbeben machte. Er wußté ſo gut, wie ſie ſelbſt, daß ſie bei einer zweiten Zuſammenkunft nicht ſtark genug ſein würde, ſeinen ſtürmiſchen Wünſchen zu wider⸗ ſtehen, und deshalb wandte er alle ihm möglichen Mit⸗ tel an, ſie zu einer ſolchen Zuſammenkunft zu bewegen, und ſie widerſtand aus demſelben Grunde ſo lange, als ihrer moraliſchen Kraft möglich war. Die Unruhe, in Die Reiſe welche die edle Frau durch dieſes Verhältniß verſetzt wurde, war ſo groß, daß ſie ihre phyſiſchen Kräfte aufzureiben drohete. So ſaß ſie eines Tages in einem der Zimmer der Königin; die Hitze des Junitages hatte die Letztere auf das Polſterlager in einem möglichſt kühlen Gemach gezogen; die dienſtthuenden Hoffrauen hatten ſich in entferntere Zimmer verfügt, um ſich ebenfalls nöthiger Ruhe hinzugeben. Luiſe ſaß allein; ſie konnte nicht ſchlafen, denn heißer als die Glut der Sonne brannte die des Schmerzes in ihrer Bruſt, und wenn jene ſie ermatten wollte, ſtachelte ſie dieſe wieder empor. Sie gedachte ihrer ſchönen Jugend in Frankreich, die immer lebendiger werdende Phantaſie führte ihr die reizenden Ingendgeſpielinnen vor die Seele; dann ging in ihrer Erinnerung ihr noch einmal in Brüſſel die Sonne der Liebe auf. Sie weinte vor ſchmerzlicher Seligkeit. Die Stunde der Entſagung ſchlug und ein ſtolzer Schmerz war nun der Vater noch heftigerer Thränen. Die Liebe war auf ewig für ſie abgeblüht; aber auf dem Altare der Freundſchaft wollte ſie nun keuſche und reiche Opfer bringen. Sie flog durch Noth und Tod auf ſchwankem Schiff mit der fürſtlichen Freundin nach Spanien und hier wurde ihr Pfad dunkel und dunkler. Sie ward die Gemahlin eines ſtolzen Mannes, deſſen ins Vaterhaus zurückgekehrter, ihr unleidlicher Sohn ſie mit einer ſchmählichen Leidenſchaft verfolgt; die 143 Freundin ſcheidet von ihr, um einer entſtehenden Liebe auszuweichen, und nun kommt Der, den ſie im Herzen noch immer mit ſanften, aber gewaltigen Trieben liebt, nach Spanien. „ den ſie unter allen Sterblichen nicht wieder hätte ſehen ſollen, obgleich ihr Herz ſich ewig nach ihm ſehnt, und wirbt um ihre Liebesgunſt mit unwiderſtehlicher Heftig⸗ keit. Sie muß ihn verdammen und liebt ihn doch; ſie möchte ihn fliehen und ihr Herz gehört ihm; ſie möchte ſich todt weinen und ihm zu Füßen fallen und ſich ihm mit Leib und Seele für ewig zu eigen geben; ſie möchte ihm zürnen und die Thräne des Unmuths von ſeinen Wimpern küſſen. Von allen Seiten ſieht ſie Wetter gegen ſich aufſteigen. Die Königin, der ſie ſich dank⸗ bar verpflichtet fühlt, weiß um ihre Leidenſchaft; ihr Gemahl, den ſie hochachten muß, ſcheint unterrichtet zu ſein; denn er hat nur ein ſtolzes, gemeſſenes Beneh⸗ men für ſie; Don Hernandez'finſtre, argwöhniſche Blicke bohren ſich ihr ſchmerzlich in's Herz und weiſſagen ihr Unglück und Verderben. Sie zittert für den geliebten und gefürchteten Erzherzog; ſie zittert für ſich, für ihren Gemahl, für die angebetete Königin; eine ungeheure Angſt vor einem ihr finſter drohenden entſetzlichen Schick⸗ ſal zermartert ihre Bruſt und, ohne daß ſie es weiß, iſt ihr ſtilles Weinen in ein heftiges und krampfhaftes Schluchzen übergegangen. Sie hat ſich und den Ort vergeſſen, wo ſie ſich Jo rückſichtslos ihrem großen Schmerze hingibt. Plötzlich fühlt ſie ſich von einer 144 Die Reiſe ſanften Hand an der Schulter berührt; ſie wendet er⸗ ſchrocken das Haupt, ihr Schrecken wächſt im Nu zum Rieſen, die Königin ſteht hinter ihr und heftet einen Blick voll Staunen, Rührung und Mitgefühl auf ſie. Luiſe vermochte kein Wort hervorzubringen, ſie war ſo verwirrt, daß ſie nicht wußte, was ſie that; aber ſie fiel, im unbewußten Gefühl ihrer Schuld, der hohen Herrin zu Füßen. —„Mag Euch Reue wegen eines Fehltritts oder Furcht vor einem ſolchen dieſe ſchmerzlichen Thränen entlocken und an dieſe Stelle führen, in jedem Falle ſeid Ihr mir hier willkommen, Herzogin,“ ſagte die Königin mit mildem Ernſt und ruhiger Würde,„und ich habe ſeit einer Viertelſtunde, während welcher ich Euch beobachtet, die Ueberzeugung gewonnen, daß Ihr nicht ſo ſchlimm ſeid, als ich mit Andern geglaubt. Aber eben ſo wahr beweiſen mir Eure Thränen, daß Ihr an einem ſchwindelnden Abgrund ſteht, in welchen Ihr, wenn Ihr auf dem zeitherigen Wege fortwandelt, unrettbar ſtürzen müßt.“ Ein Strom von Thränen, auf die Hand der Köni⸗ gin geweint, welche die unglückliche Herzogin feſthielt, und von lauten Schmerzenstönen begleitet, war die Antwort. —„Faßt Vertrauen zu Eurer Königin, die Euch ſtets wohlgeſinnt geweſen iſt,“ fuhr Iſabella gnädig und ſanft fort.„Erinnert Euch, daß ich dieſes Ver⸗ nach Spanien. 145 trauen verdient habe und deſſen nicht ganz unwürdig bin. Iſt es nöthig, Euch ins Gedächtniß zurückzurufen, daß ich die verwaiſte Luiſe von Maine wie eine Mut⸗ ter geliebt habe, daß mein Herz ihr Kindesrecht ein⸗ räumte, daß ſie mir unter allen Frauen, die um mich ſind, die liebſte war? Iſt es nöthig?“ —„Nein! Nein!“ rief die Herzogin zerknirſcht. „Ew. Majeſtät ſoll nicht Urſache haben, mich eine Undank⸗ bare zu nennen. Ich weiß, daß es in meiner Noth nur einen beruhigenden Platz für mich gibt, zu den Füßen meiner gnädigen, gütigen Königin, und ich würde ihn ſchon früher geſucht haben, um mein bedrängtes Herz auszuſchütten, wenn nicht der Streit der Pflich⸗ ten in meiner Bruſt, den ich nicht ſchlichten und been⸗ den kann, mich davon abgehalten hätte.“ —„Ueberlaßt mir die Schlichtung dieſes Streits, mein Kind,“ ſagte die Königin engelmild und küßte die geängſtigte Frau auf die hohe reine Stirn, während ſie eine Thräne darauf fallen ließ.„Sieh mich als deine Mutter an und vertraue mir, daß ich für dein Beſtes ſorgen werde. Laß mich den Streit wiſſen, der dich quält und den ich ahne.“ —„Es verlangte mich Schutz zu ſuchen an der Bruſt der höchſten und edelſten Frau dieſes Landes gegen die Leidenſchaft des Erzherzogs; aber die Köni⸗ gin von Caſtilien iſt die Mutter der Erzherzogin In⸗ fantin, und mein Schutzflehen erſchien mir als Anklage 10 Ein deutſcher Leinweber. II. 146 Die Reiſe gegen den Sohn und Thronerben. Ich möchte den leidenſchaftlichen Dränger von ſtärkerer Hand als die meinige in die Bahn der Pflicht zurückgeführt ſehen, aber ich möchte nicht den Apfel der Eris in das Königs⸗ haus werfen, dem ich zu ſo großem Dank verpflichtet bin.“ —„Ich verſtehe: du liebſt mich, du haſt den Erz⸗ herzog geliebt und haſſeſt ihn heute noch nicht; du ver⸗ ehrſt deinen Gatten und möchteſt um Alles nicht den Frieden aller Betheiligten geſtört ſehen. Tröſte dich, ich werde allein mit dem Erzherzog reden.“ —„Weh mir!“ klagte die Herzogin,„das ſieht aus wie ſchwarzer Verrath an ſeinem Vertrauen.“ —„Ihr ſeid mehr für den Erzherzog eingenom⸗ men, als ich vermuthete, Frau Herzogin,“ ſagte die Königin ſtreng. —„Nein!“ jammerte dieſe.„Ich beſchwöre Ew. Maijeſtät, keinen ungerechten Verdacht auf mich zu wer⸗ fen. Ich liebte einſt den Erzherzog und er fand mich ſeiner Liebe würdig. Ich möchte nicht, daß auf meinem Andenken in ſeiner Seele ein⸗ Schatten läge.“ Die Königin ſann einige Augenblicke nach; dann ſprach ſie wieder ruhig:„Ich ſetze voraus, daß Eure Aufrichtigkeit Euerm Vertrauen zu mir gleichkommt.“ —„Sie ſind beide unbegrenzt, Majeſtät.“ —„Wolan denn, ſo antwortet mir wahr und aufrichtig: habt Ihr den Erzherzog ſeit ſeinem Hierſein ſchon allein geſprochen?“ nach Spanien. 147 —„Ein einziges Mal, um ihn an ſeine Pflicht zu erinnern und ihn um Schutz gegen die ſündhafte Leidenſchaft des Don Hernandez, des Sohnes meines Gatten anzuflehen.“ —„Ihr habt ſehr unrecht gethan. Streng mußtet Ihr jede Bitte des Erzherzogs um eine heimliche Zu⸗ ſammenkunft zurückweiſen, und gegen Don Hernandez konnte Euch Niemand beſſer ſchützen als ich. Doch es iſt geſchehen.— Habt Ihr ihm eine zweite Zuſammen⸗ kunft verſprochen?“ —„Noch nicht; aber er beſtürmt mich, daß ich mich kaum zu retten weiß.“ —„Wol, ſo ſagt ihm die zweite Zuſammenkunft zu; beſtimmt den Pavillon der Königin, der an den Sternenthurm des Alcazar ſtößt, zum Ort und beſtellt ihn auf die nächſte Nacht zwiſchen elf und zwölf Uhr.“ —„Barmherziger Gott!“ ſchrie Luiſe.„Was ſoll geſchehen?“ Uund ſtürzte abermals der Königin zu Füßen, ihre Hände flehend emporſtreckend. —„Iſt das Euer Vertrauen?“ fragte Iſabella mit Misbilligung.„Ich werde ſtatt Eurer den Erz⸗ herzog im Pavillon empfangen.“ —„Es wird mein Tod ſein,“ wimmerte die zart⸗ fühlende Dichterin.„Das war's, weshalb mir un⸗ ſägliche Angſt die Bruſt zuſchnürte und den Mund verſchloß. Ich bin in ſeinen Augen eine ſchändliche Verrätherin, die er verachten muß.“ 148 Die Reiſe —„Herzogin, Ihr habt nie aufgehört, den Erz⸗ herzog zu lieben; ja Ihr liebt ibn heute mehr als je.“ Luiſe brach in ein heftiges Weinen aus. —„Ihr mögt ihn dieſe Nacht ſelbſt empfangen, aber ich werde Euch überraſchen. So will ich es und ſo befehle ich es Euch. Ihr werdet ſogleich den Schlüſſel zum Pavillon von mir in Empfang nehmen und dem Erzherzog ſchicken. Ich werde dafüt Sorge tragen, daß Eure Ehre glänzend gerechtfertigt werde.“ Die Herzogin zerfloß in Thränen. Eine ſchier unerträgliche Angſt wälzte ſich wie ein Berg auf ihre Bruſt. Ihre fein organiſirte Seele ahnete einen ſchlimmen Ausgang dieſer Maßregel. Aber ſie mußte jetzt gehorchen; ſie konnte nicht mehr zurück. Die Königin beabſichtigte jedes Mistrauen des Her⸗ zogs von Najara gegen ſeine Gemahlin, falls er ein ſolches ſchon gefaßt haben ſollte, zu erſticken, und hielt es deshalb für das Beſte, ihn in das Geheimniß ein⸗ zuweihen, indem ſie ihm den Edelſinn und die Tugend der Herzogin mit den lebhafteſten Farben ſchilderte. Auch hoffte ſie von Don Ruy's ernſtem Benehmen und kräftiger Sprache einen ſtarken Eindruck auf den Leicht⸗ ſinn des Erzherzogs und glaubte gar wol, dieſer werde durch den beleidigten Herzog von allen derartigen Ver⸗ irrungen auf immer geheilt werden. Ebenſo gedachte ſie durch die Maßregel, daß ſie Luiſens ehrwürdiger und ſtrengen Gatten mit in die Scene zog, die Liebe nach Spanien. 149 dieſer Frau zu dem ſchönen Oeſtreicher bis auf den letzten Funken auszutilgen. Die Königin befahl alſo dem Herzog, ſie in der folgenden Nacht über den Hof und durch den Garten zu dem abgelegenen Pavillon zu begleiten. Die Herzogin ſchickte nach Karacha und übergab dieſer den Schlüſſel, um ihn dem Erzherzog mit der Beſtellung zu überbringen. Die Alte bezeigte ſich über dieſen Auftrag ausnehmend vergnügt; aus ihren fun⸗ kelnden Augen leuchtete die Bosheit höchſter Schaden⸗ frende. Sie hatte ſchon lange alle Verführungskünſte angewandt und die minneſchmachtende edle Frau mit Bitten beſtürmt, den minneſchmachtenden Erzherzog nicht ſo grauſam zurückzuweiſen. Als ſie dem entzückten Erzherzog den Schlüſſel mit einem Glückwunſch über⸗ reicht hatte, eilte ſie mit faſt jugendlich raſchem Schritt in die Zigeunerherberge auf das Zimmer ihrer braunen Königin. —„Endlich!“ rief ſie dieſer zu,„endlich ſchlägt die Stunde meiner Rache an Don Ruy. Die Herzogin hat dem Erzherzog für dieſe 30 eine Zuſammenkunft zugeſagt.“ —„Du biſt boshaft und rachfüchtig,“ ſagte die Zigeunerfürſtin tadelnd.„Der Herzog iſt unſer Wohl⸗ thäter und Beſchützer; du ſchmeichelſt ihm ins Geſicht und hegſt doch ſeit einer langen Reihe von Jahren unverſöhnlichen Groll im Herzen gegen ihn.“ —„Ja, bis er durch Falſchheit und Betrug ſeiner jungen ſchönen Frau ſo elend geworden iſt, wie er mich ſelbſt gemacht hat. Es muß ſtets Jedem mit dem Maße wieder gemeſſen werden, mit dem er ſelbſt ge⸗ meſſen hat. Ihr wißt es nicht und könnt es kaum ahnen, mit welcher kalten und berechneten Grauſamkeit dieſer ſtolze Mann, als er noch ein Jüngling war, mein zuckendes Herz in den Staub getreten hat. Was wißt Ihr denn, was weiß das junge Volk um mich von meinen Leiden? Die Alten unter uns wiſſen ja wenig davvn. Ich habe geſchwiegen und getragen. Ihr ehrt den alten Herzog als unſern Beſchützer in dieſem Lande und er trägt das heilige Pentalpha auf der Bruſt; wie er an mir gefrevelt, danach fragt Niemand. Er hat meinem Volke wohlgethan um meinetwillen; er wollte an Allen gut machen, was er an mir allein ge⸗ ſündigt. Ihr habt von meiner Schmach ſüße Früchte genoſſen; was ich Allein litt, iſt Allen zu gut gekommen. Nnn iſt aber auch mein Freudentag erſchienen; der Tag meiner Rache an dem ſtolzen Manne. Ich habe ſie nicht herbeigerufen, dieſe Rache, aber als ich ſie kommen ſah, hab' ich ihr den Weg gerbnet. Und nun ſoll mich kein Menſch abhalten, ſie in vollen Zügen zu genießen. Und aus meinem eignen Munde ſoll er erfahren, es wie ſüß dieſe Rache für meine lechzende Seele iſt.“ Die Zigeunermutter glühte wie Purpur und ihre nach Spanien. 151 ſchwarzen Augen ſchoſſen Blitze; ſie ſchien ſich um zwanzig Jahre verjüngt zu haben. —„Du biſt fürchterlich, Karacha,“ ſagte die Zigeunerkönigin ſchaudernd,„und ich danke den Heili⸗ gen, daß die Zaroya nicht deinen Charakter hat.“ —„O ich war auch ſanft und gut, ich war jung und ſchön, wie Zaroya, ſonſt hätte ja der ſtolze Ca⸗ ſtilier nicht Vaterhaus und Freunde meinetwegen ver⸗ laſſen, wäre mir nicht nachgezogen durch weite Länder und hätte ſich zu unſerm Volke bekannt. Ach, er war ein ſchmucker Zigeuner und alle meine Geſpielinnen beneideten mich um ſeine Liebe!“ Und in ſchönen Erinne⸗ rungen verloren lächelte ſie ſelig vor ſich hin. —„Wie kann man haſſen, wenn man ſo geliebt hat, von wem man ſo geliebt worden iſt?“ —„Haſſen? Nein, ich haſſe ihn nicht; ich will mich nur an ihm rächen. Ich habe ihn immer geliebt und lieb' ihn heute noch; aber ich muß ihn elend ſehen, wie er mich elend gemacht hat.“ —„Ich begreife dich nicht, Karacha.“ —„Ich will dir meine Geſchichte erzählen.— Als ich ſechzehn Jahr alt war, nannte man mich die ſchönſte Gitana*) in Andaluſien und keine von unſerm oder einem andern Stamme tanzte den Eiertanz und die Carucha wie ich. Ich hatte viele Liebhaber unter *) Zigeunerin. Die Reiſe unſerm Volke und mancher mauriſche und chriſtliche Jüngling flüſterte mir Liebesworte zu. Mein Herz blieb lange ungerührt. Eines Tages— es war in Burgos— trat ein junger verhüllter Mann in unſere Herberge, um ſich wahrſagen zu laſſen. Sein ſcheues Weſen, ſein unſicherer Blick ließen vermuthen, daß er nicht auf guten Wegen wandele. Er ſchien mit den Ausſprüchen, die er erhalten, zufrieden zu ſein, denn am folgenden Abend brachte er ein wunderſchönes weib⸗ liches Weſen mit und ließ ſich die Prophezeiung wieder⸗ holen. Dieſe lief dorauf hinaus, daß Beide ein Liebes⸗ paar ſeien, deren Vereinigung aber ein anderer Liebhaber der Donna im Wege ſtehe, und daß dieſer entfernt werden müſſe. Die beiden Liebenden wechſelten be⸗ deutungsvolle Blicke miteinander und mein ſcharfes Ohr fing das leiſe Wort auf, welches er ihr zuflüſterte: „Er muß ſterben.“ Ich erſchrak und zitterte vor einem Verbrechen, das zu verhindern ich zu verſuchen beſchloß. Ich ging vor dem einverſtandenen Paare hinaus und, in einen Winkel der Hausflur verſteckt, belauſchte ich ein kurzes Zwiegeſpräch, aus welchem mir klar wurde, daß Der, welcher den Liebenden im Wege ſtand, der Bruder des jungen Mannes und die Dame die ver⸗ lobte Braut dieſes Bruders war. Sie flehete:„Denke, daß er dein einziger Bruder iſt!“ Der finſtere Menſch ſchwur aber bei ſeinen Heiligen:„Jener muß ſterben.“ Ich ſchlich ihnen ſchaudernd nach und merkte mir die nach Spanien. 153 Häuſer, in welche ſie gingen. Am folgenden Tage erfuhr ich ohne ſonderliche Mühe, daß Don Ruy und Don Henriquez de Villaquiran Brüder und Söhne eines reichen und vornehmen Hauſes ſeien und der Erſtere ſich mit Donna Ines de Cardona verlobt habe. Die Hochzeit ſollte in den nächſten Tagen ſtattfinden. Raſch eilte ich zu Don Ruy, um ihm meine unheilvolle Entdeckung mitzutheilen. Ich fand den herrlichſten Jüngling, der mich ſprachlos anſtarrte. Anfangs ſchien er keiner Ueberlegung, geſchweige einer Handlung fähig, und ich ſah mich genöthigt, ihm Rathſchläge zu geben, wie er ſich von der Treuloſigkeit ſeiner Braut und ſeines Bruders überzeugen könne. Mit Hülfe der Unſrigen, denen er große Belohnung verſprach, gelang dies voll⸗ kommen. Die Folge war ein Zweikampf der beiden Brüder. Don Ruy war mir nicht gleichgültig mehr; ſein Unglück hatte meine ganze Theilnahme erregt. Die Angſt um ihn trieb mich zwiſchen die Schwerter der feindlichen Brüder. Aber ſie ließen ſich nicht abhalten, mit unerhörter Hitze fortzukämpfen, und ich mußte Zeugin dieſes ſchrecklichen Kampfes ſein. Beide trugen mehrere lebensgefährliche Wunden davon und ſtürzten, von Schmerz und Blutverluſt geſchwächt, zu Boden. Don Ruy taumelte auf mich los; ich fing ihn ſchreiend in meinen Armen auf und ſetzte mich an einen Raſen⸗ rain, ſein ſchwergetroffenes, blutendes Haupt in meinen Händen haltend und meine Lippen an die klaffenden 7 154 Die Reiſe Wunden drückend, damit ſeine geliebte Seele nicht dar⸗ aus entfliehe. So fanden uns unſre Leute und trugen ihn in unſere Lagerſtätte, wo er durch meine ſorgſame Pflege und unſere heilſamen Kräutertränke allmälig genas. Sein Bruder war ſchon am Tage nach dem Zweikampfe geſtorben, wie man ſagte, mit einem gräß⸗ lichen Fluch: wie er ſelbſt, Don Henriquez, ſo müſſe auch Don Ruy von der Hand ſeines nächſten Bluts⸗ verwandten fallen. Als Don Ruy geneſen war, ſchwur er hoch und theuer, nicht wieder unter die falſche Menſchenbrut zurückzukehren, die er ſeine Standes⸗ genoſſen genannt hatte, ſondern als Zigeuner unter uns zu leben und zu ſterben. Seine Liebe wandte ſich mir zu mit jener ſtolzen Heftigkeit, die nur dem vornehmen Spanier eigen iſt. Wir machten bald darauf einen großen Zug über die Pyrenäen durch Languedve und die Provence, über die Alpen durch Piemont und die Lombardei nach Ungarn; dort waren kurz vorher die Goldbergwerke in Kremnitz entdeckt worden, welche jetzt Herr Jakob Fugger in Angsburg beſitzt, und wir mach⸗ ten gute Geſchäfte. Don Ruy begleitete uns, und in Ungarn ward ich ſein Weib und wurde die Mutter zweier Söhne, die er damals ſehr liebte. Wir lebten vier Jahre in Ungarn, wa er einen innigen Freund in einem edlen jungen Ungar, Johann Turzoin, der beim Bergweſen in Kremnitz angeſtellt war, fand. Als wir zuruckgerufen wurden, wollte mein Gemahl nicht wieder nach Spanien. 455. nach Spanien, ſondern in Ungarn bei Turzoin bleiben, der ihm ebenfalls eine einträgliche Stelle bei dem Berg⸗ werke verſchafft hatte. Nur meinen Bitten gelang es endlich, Ruh zur Rückkehr zu vermögen. Es war zu meinem Unglück. Kaum in Spanien angelangt, ward er von ſeinen Standesgenoſſen entdeckt, und er war treulvs genug, um mich los zu ſein, ein abſcheuliches Spiel mit mir zu treiben. Der Zigeuner Nunjo Cebes erhielt Geld von ihm, daß er mich überraſche und nach⸗ her ſollte ich der Untreue angeklagt werden. Pfui! es gibt nichts Schlechteres als einen treuloſen vornehmen Mann, der ſein geringes Weib überdrüſſig iſt. Ruy ſchämte ſich meiner, ſowie ſeines zeitherigen Lebens, und verließ uns endlich. Er vermählte ſich mit einer reichen und vornehmen Erbin; um die unglückliche Zigeunerin bekümmerte er ſich nicht mehr. Ja er ward unſer Wohl⸗ thäter und Beſchützer, aber er hat nicht wieder nach ſeinen Söhnen gefragt; es hat ihm keiner vor die Augen kommen dürfen. Ich verſtand ihn wohl; der mächtige und vornehme Mann wollte nicht Vater ge⸗ meiner Zigeuner ſein. Ich hätte meine eignen Söhne zu meinen Rächern an ihrem Vater erziehen können; ich that es nicht. Aber als der älteſte einſt vor den mächtigen Mann trat, ohne mir davon zu ſagen, und zu ihm ſprach: ich bin dein Sohn, handle wie ein Vater an mir— da verkaufte er den kecken Burſchen an das heilige Inquiſitivnsgericht und der Erzbiſchof von Toledo 156 Die Reiſe ſchickte ihn nach Rom. In Rom ward er ſchlecht und verkaufte ſich dem Papſt, der ihn als Spion in Frank⸗ reich verwendete. Und als Spion des Papſtes war er in Brüſſel und iſt jetzt in Innsbruck, ein verworfener und ſchlechter Menſch, ſeinem Volke untreu und von allen unſern Leuten verdammt und verflucht, nur vom Mutterherzen nicht, weil ich weiß, daß allein ſein Vater an ſeinem Verderben ſchuld iſt. So ward„unſer Be⸗ ſchützer und Wohlthäter“ zum Verderber ſeines Sohnes. Hier habt ihr meine Geſchichte.“ Dieſes Zwiegeſpräch hatte eine Magd der Zigeuner⸗ prinzeſſin Zaroya belauſcht, welche die Geliebte Jayme's, des zweiten Sohnes der Karacha war. Dieſes Mädchen war von ihrem Liebhaber angewieſen, ihm Alles zu hinterbringen, was ſie in der Umgebung der Königin und Prinzeſſin erlauſchen konnte, vorzüglich was das Verhältniß des Erzherzogs von Oeſtreich und der Her⸗ zogin von Najara betraf. Sie ging alſo hin und meldete Jayme, daß ſeine Mutter den Erzherzog zu einer heim⸗ lichen Zuſammenkunft mit der Herzogin in den Pavillon eingeladen habe. Sobald die vornehmen Liebenden ſich nicht unter den Schutz der Zigeuner ſtellten, brauchte Jayme keine Rückſichten auf ſie zu nehmen. Im Pa⸗ villon glaubte er ſie ſeinem Gönner und vornehmen Bruder Don Hernandez verrathen zu dürfen. Und er eilte und verrieth ſie. In Hernandez' Augen blitzte ein wildes Feuer; er drückte dem ihm ſo nah' verwandten nach Spanien. 157 Zigeuner eine volle Börſe in die Hand und nahm dann ſtill und düſter ſeine Maßregeln. Der Abend kam und die beſtimmte Stunde ſchlug vom hohen Thurme des Alkazar. Drei verhüllte Män⸗ ner ſchritten über den Hof nach der Thüre des Pa⸗ villon. Der Eine öffnete ſie und trat hinein; die beiden Andern zogen ſich nach dem Gebüſch des nahen Gar⸗ tens zurück. Kaum war das Feld leer, ſo erſchien ein vierter Verhüllter und näherte ſich der Thür, an die er abwechſelnd Ohr und Auge legte. Er entfernte ſich wieder und kehrte mit einem Manne zurück, der mehrere Gegenſtände trug, die wahrſcheinlich zur gewaltſamen Oeffnung der Thüre benutzt werden ſollten. Auch Fackeln zogen ſie unter den Mänteln hervor und waren eben beſchäftigt, dieſelben zu entzünden, als abermals neue Perſonen in dem Hofraum erſchienen. Eine hohe Männergeſtalt führte eine tiefverhüllte Frau und zwei Diener folgten. Jetzt traten auch die beiden Erſten aus dem Garten heran, offenbar die Thür zu vertheidigen; denn ſie nahmen eine drohende, wenn auch ſtumme Stellung an. Im Nu waren die Schwerter bloß; die Frau wich raſch zurück, aber ihr Begleiter ſtürmte mit gezücktem Schwerte zuerſt auf den Verhüllten ein, welcher ſeine Fackel anzuzünden im Begriff ſtand. Die Fackel in ſeiner Hand hatte ſich aber in ein Schwert verwandelt, mit dem er ſich ſo kräftig ertheidigte, daß er alsbald zum Angreifer ward und ſeinen Gegner mit — 158 einigen Streichen ſo ſtark an das Haupt traf, daß die⸗ ſer taumelte und zu Boden ſtürzte. Während des kurzen Kampfes und Waffengeräuſches war die Pavillon⸗ thüre wieder geöffnet, der Eingetretene ſtürzte eben⸗ falls bewaffnet heraus und aus dem Garten eilte eine zweite weibliche Geſtalt herbei. Die Erſtere mit den begleitenden Dienern war ganz vom Platze wieder ver⸗ ſchwunden. In dieſem Augenblicke entzündete ſich die Fackel und beſtrahlte zuerſt das Geſicht Deſſen, der ihre Flamme ins Leben gerufen hatte. Es war der Zigeu⸗ ner Jayme. Zu ſeinen Füßen lag der ſtöhnende, ver⸗ wundete Mann, deſſen blutendes Haupt die neben ihm kauernde, eben aus dem Garten gekommene Frau in den Händen hielt. Jahme beleuchtete die Beiden und erkannte mit Schrecken ſeine Mutter und ſeinen— Vater. Aber noch größer war der Schrecken des ſtum⸗ men leidenſchaftlichen Kämpfers, der als Don Hernandez erkannt wurde und mit dem Tone der Verzweiflung aufſchrie:„Weh mir! ich habe meinen Vater erſchla⸗ gen!“ Während er verzweiflungsvoll an der Seite des Sterbenden niederſtürzte, ſtarrten die drei Uebrigen einen Augenblick auf die Gruppe. Es war der Erzherzog, der Pfalzgraf und de Vere. Dann waren ſie im Nu von der Nacht verſchlungen und wurden nicht mehr geſehen. —„Rette dich!“ röchelte der Herzog Don Hernandez zu.„Mein Schickſal hat es ſo gewollt; der Fluch Die Reiſe nach Spanien. meines Bruders mußte in Erfüllung gehen. Ich den Zuſammenhang. Fort! fort!“ Don Hernandez drückte ſeines Vaters erkaltende Hand; er erhob ſich, und mit dem kaum gehauch⸗ ten Worte:„Vatermörder!“ ſtürzte auch er in die Nacht. —„Ruy!“ flüſterte die alte Zigennerin,„ich bin Karacha. So mußte es kommen. Mir haſt du zuerſt gehört, mir gehörſt du zuletzt. Was dazwiſchen liegt, iſt nur ein böſer Traum; ich bin verſöhnt mit dir. Und der neben dir kniet, iſt mein jüngſter Sohn; er will die Hand ſeines ſterbenden Vaters küſſen. Segne ihn! Er iſt dein Kind ſo gut wie Jener, deſſen Stahl dich ſchlug.“ Der Herzog hob die Hand und ließ ſie auf des Zigeuners Haupt nieder.„Ja, ſp mußte es kommen,“ murmelte er,„damit ich geheilt würde von meinem unſeligen Stolz. Der Himmel hat dich an mir gerächt, Karacha. An der Schwelle des Hauſes ſchwinden die thörichten Vorurtheile, die man darin gehegt.— Und wie wunderbar! Da liege ich wieder mit blutendem Haupte in deinem Schooſe, wie vor vierzig Jahren, als ich an der Treuloſigkeit meines Bruders und meiner Braut zu ſterben wähnte und du meine Liebe gewannſt. Und weil ich gegen dich ſo treulos war, wie Jene gegen mich geweſen, deshalb lieg' ich wieder an derſelben Stelle, aber diesmal ſterbend und an den Anfang reiht ſich 160 Die Reiſe das Ende.“— Er zog mühſam einen koſtbaren Ring vom Finger und fügte einen kleinen Schlüſſel hinzu, den er bei ſich trug, und ſagte, beides der Zigeunerin übergebend:„Was in meiner Spinde ſich findet, iſt dein und deinen Söhnen. Der Ring wird dir Glauben verſchaffen, ſollte dir Jemand wehren wollen, dein Eigen⸗ thum an dich zu nehmen.— Und nun betet und laßt mich die Seele Gott und den Heiligen übergeben!“ Es wurde kein Laut mehr geſprochen. Als nach einigen Minuten vertraute Diener der Königin kamen, um dem Herzog beizuſtehen, war er bereits verſchieden; ſie konnten nur ſeine Leiche entfernen, welcher die Zigeunerin und ihr Sohn mit gefalteten Händen folgten. Der ſtrengſte Befehl der Königin hielt die Todes⸗ art des Herzogs geheim; doch da Don Hernandez ſich aus der Stadt entfernt hatte und nicht wiederkehrte, ſo vermuthete man die Auch erfuhr man, daß die ſchöne Witwe einem oſtloſen Schmerze ver⸗ fallen ſei und nur die Königin bei ſich ſehe, welche ihr mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit begegne. Der letztere Umſtand hielt den Verdacht nieder, als habe Donna Luiſe den Tod ihres Gatten verſchuldet, und vermehrte das Räthſelhafte des Ereigniſſes. Drei Tage ſpäter wurde die Leiche des mächtigen Amirante mit ſchier königlicher Pracht beigeſetzt. Der Erzherzog Philipp ſchloß ſich mit ſeinem ganzen Hof⸗ ſtaate dem Trauerzuge an, den der König in eigner nach Spanien. 161 Perſon eröffnete. Der große Zug wurde eben geordnet, als Aller Augen auf eine unerwartete und auffallende Erſcheinung gelenkt wurden. Unter den Tönen eines ſeltſamen Trauermarſches ſchritten mehrere hundert Zigeuner beiderlei Geſchlechts in ihrem ſchönſten Putze mit fliegenden Fahnen heran, um ihrem Beſchützer die letzte Ehre zu erzeigen. Am meiſten zog die Zigeuner⸗ konigin mit ihren Kindern die Aufmerkſamkeit auf ſich und unter den Letztern war es wieder die kleine, nied⸗ liche Zaroya, welche am meiſten gefiel. Als ſie nicht weit von der Stelle vorüberſchritt, wo der Erzherzog ſtand und er ihre reizende Geſtalt erblickte, durchbebte ihn plötzlich die wildauflodernde Liebesflamme, die er ſchon einmal für dieſes ſeltene Weſen in ſeiner Bruſt gefühlt hatte; ja die kleine Zigeunerin kam ihm noch reizender vor als in Blois, und eine ſüße Schwer⸗ muth ſchien auf ihren Augenlidern zu liegen, die ſie in verſchämter Befangenheit über die ſtrahlenden Augen geſenkt hatte. Vergeſſen war die ſchöne Herzogin von Najara, verwiſcht der ſchmerzliche Eindruck, welchen der Tod des Herzogs auf ihn gemacht und als deſſen mittelbare Urſache er ſich hatte anklagen müſſen; der leichtſinnige Fürſt dachte nur daran, wie er die reizende Zigeunerprinzeſſin bald gewinnen möchte, und zu Hauſe angelangt, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als Bübenhoven über dieſen Punkt zu conſultiren und ihm zweckmäßige Maßregeln anzubefehlen. Ein deutſcher Leinweber. II. 11 162 2 Die Reiſe Das waren die Früchte der herzergreifenden Er⸗ mahnungen, welche die Herzogin von Najara in der Unterredung mit ihrem Jugendgeliebten an ihn hatte ergehen laſſen. — 163 nach Spanien.„ Meuntes Rapitel. Der ſchöne Abend eines warmen prachtvollen Früh⸗ ſommertags ſenkte ſich auf die reizenden Thäler des Lech und der Wertach, beide aus den tyroler Alpen herabbrauſend, über den Hochwald der Berge, welche in der Gegend, wo die Wertach in den Lech mündet, die linke Thalwand des erſtern Fluſſes ausmachen und zu der holz⸗ und wildreichen Markgrafſchaft Burgau ge⸗ hörten, zog ein Gewitter auf und ging über den engen Schmuttergrund, um, wie es ſchien, im Wertachthale ſich zu entladen. Ein Wanderer, welcher das kleine Flüßchen der Schmutter überſchritten hatte und die Höhe auf dem Wege erſtieg, welcher von Ulm nach Augsburg führt, förderte ſeine Schritte mit ſteigender Eile, um ſich nicht von dem Wetter erreichen zu laſſen, und trocknete ſich oft den rinnenden Schweiß von der Stirn. Dieſer ſchlichtgekleidete Fußgänger war der niederländiſche Malermeiſter Martin van der Vvort, 118 164 und obgleich der raſche Gang bergauf den Künſtler un⸗ gewöhnlich aufgeregt hatte, ſo merkte man es ſeinem verfallenen und kummervollen Geſicht doch an, daß es im ruhigen Zuſtande eben ſo bleich und krankhaft aus⸗ ſehen mochte, wie im Winter zuvor in ſeinem Vater⸗ lande. Trotz der Eile hatte der Meiſter ein Auge für die reinliche Schönheit der Landſchaft, und zuweilen ſandte er den Blick in das idylliſche Schmutterthal zurück und ließ ihn ein wenig auf den Meierhöfen, Weilern und Dörfchen ruhen, die ſich ihm entgegen⸗ boten. Dann ſtieg wol ein tiefer Seufzer aus ſeiner Bruſt, als wolle ſie die gewaltige Laſt des Kummers, die auf ihr wuchtete und ſeinen Zügen einen ſo peinlichen Ausdruck aufprägte, von ſich abwälzen. Bald bog er vom Wege ab und verfolgte einen wenig betretenen Fußpfad durch den Wald, und als die erſten fallenden Tropfen ihn berührten, hatte er den Wald hinter ſich und ſah auch ſchon ein einfaches Haus mit daran gehängten Wirthſchaftsgebäuden vor ſich liegen. Die runden Glasſcheiben glitzerten, wie Sterne, von den Strahlen, welche die untergehende Sonne ſchräg unter den ſchwarzen Gewitterwolken hin auf die Wand warf, deren geſchwärzte, zierlich ausgeſchnittene Balken grell von dem weißgetünchten Kalk abſtachen, der die Fächer füllte. Ein Blumengärtchen vor den Fenſtern und ein üppiger Weinſtock, der ſich am Spalier dicht an der Thüre hinaufrankte, erhöhten das Friedliche und Die Reiſe nach Spanien. 165 Wohnliche dieſes Hauſes. Es war der Fuggeriſchs Wellenhof, welcher in einer ſpätern Zeit abgetragen und an deſſen Stelle das große und ſchöne Schloß Wellenburg errichtet wurde, in welchem die Fuggeriſchen Familienbilder und andere als Erinnerungsgegenſtände dienende Effecten aufbewahrt wurden, eine Zierde des Berges. Eine Strecke hinter dem Hofe, nach dem Schmutterthale zu, erhob ſich aus Bäumen und Ge⸗ büſch das ſtattliche und reiche Frauenkloſter Ober⸗ Schönfeld Ciſtereienſer Ordens. Der zottige Hofhund ſprang dem eiligen Maler wedelnd entgegen und kaum hatte dieſer die Thür erreicht, qls ein heftiger Gewitter⸗ regen aus der ſchwarzen Wolke hervorbrach und Blitz und Donnerſchlag den Luftkreis erſchütterten. In der weiten Hausflur fand der Maler ſeinen Gönner, den ehrenwerthen Jakob Fugger ſehr geſchäftig die Eier zählend, die Butterwecken überſchauend und die Fauſt⸗ käſe prüfend, welche die rüſtige Wirthſchafterin des Hofes vor ihm auf langen rohen Liſchen ausgebreitet hatte; denn auf dem Wellenhofe wurde eine im Ver⸗ hältniß zum Grundſtück nicht unbedeutende Viehzucht getrieben und am folgenden Tage war Markttag in Augsburg, wohin dieſe Vietualien zum Verkauf gebracht werden ſollten. Meiſter Jakob nickte dem Meiſter Martin flüchtig zu, ließ ſich aber weder von dieſem noch von Blitz und Donner und ſtrömenden Regen⸗ güſſen abhalten, ſein Geſchäft zu vollenden. Erſt als 66 Die Reiſe er fertig war, bot er dem Maler die Hand, hieß ihn willkommen und führte ihn in die Stube. —„Das Gewitter hat Euch faſt erwiſcht,“ ſagte er dann mild lächelnd,„dankt Gott, daß Ihr das Haus glücklich erreicht habt. Es zieht ſich hinauf nach Bobingen und wird den Flachsfeldern an der Wertach ſehr zu ſtatten kommen.“ Der Maler lächelte, daß der reiche Leinweber nur an den Flachs dachte. —„Ihr bauet wol ſelbſt vielen Flachs, Meiſter Jakob?“ fragte er dann. —„Nur einige Morgen. Aber in all' den Thälern da hinüber, wo ihr herkommt, in der ganzen Mark⸗ grafſchaft Burgau und im Untercillgau, an der Schmutter, an der Zuſam, am Haſelbach, an der Mindel, an der Kamb, an der Günz, bis zur Iller und noch drüber hinaus, duftet alles Waſſer, das der Donau zuſtrömt, nach den Flachsröſten, die ihre Waare an die Gebrüder Fugger in Augsburg liefern. Daher meine große Be⸗ kanntſchaft unter den Bauern in der bergigen Mark⸗ grafſchaft und des Unterallgaues, die mir in den Angelegenheiten Euerer Frau ſehr zu ſtatten kam. Nun, wie habt Ihr ſie gefunden? Iſt ſie geſund? Erwartet ſie bald ihre Stunde? War ſie erfreut über Euern Beſuch? Wie hat ſie ſich in ihre neue Lage geſchickt?“ —„Ihr fragt mich viel auf einmal,“ antwortete der Maler, jedoch nicht mit der Heiterkeit, welche der nach Spanien. 167 Leinweber wol erwartet haben mochte.„Ich will Euch's der Reihe nach zu beantworten verſuchen, ſo gut ich vermag. Ich habe Eleonoren nicht anders gefun⸗ den, als wie ſie ſich in Augsburg auch. gegeben hat, finſter, verſchloſſen, mürriſch, mit ſich, Gott und der Welt grollend. Man muß ihr noch immer die Worte abkaufen; ſie iſt eben ſo fleißig, aber immer noch von jenem tollen krankhaften Fleiße, deſſen ſich kein Menſch erfreuen kann, weder Andere, noch ſie ſelbſt; wie ſie in Augsburg vom erſten Frühſtrahl bis in die ſinkende Nacht malte und ſich kaum Zeit vergönnte einen Biſſen zu eſſen, ſo ſpinnt ſie jetzt unter den Bauerweibern in Burtenbach, welchen noch keine ihres Geſchlechts vorgekommen, die im Sommer ſo viel Stränge Garn geſponnen, und ſie fragen ſich verwundert, was das im Winter erſt geben ſoll.“ Fugger ſchüttelte misbilligend und bedenklich den Kopf.„Das iſt mir nicht lieb zu hören,“ ſagte er ernſt.„Ich hatte gehofft, dieſe böſen Grillen ſollten ſich unter den Bauersleuten geben. Die Frau iſt aber gemüthskrank und Ihr dauert mich ſehr, Meiſter Martin. Ihr habt für Eure Liebe und Aufopferung einen ſchlechten Lohn erworben und hättet doch wahr⸗ lich einen ſo guten verdient.“ Van der Voort lächelte bitter und ſchwieg; aber es war, als wenn ſein kummervolles Antlitz noch bläſſer und eingefallener würde, ſeit ſich die Aufregung des 168 Marſches gelegt hatte. Die Aufregung ſeines Gemüths war geblieben; das ſah man an ſeinem zuckenden Blick, an ſeinen bebenden Mienen. —„So hatte die Frau wol auch keine ſonder⸗ liche Freude, als Ihr unverhofft zum Beſuche bei ihr ankamt?“ fragte Fugger weiter. —„Ich darf Euch nichts verſchweigen, Meiſter Jakob,“ verſetzte der Niederländer mit unruhiger Haſt. „Meine Frau hatte nichts weniger als eine Freude, als ſie mich in Burtenbach bei ſich ankommen ſah; Ihr werdet gleich hören warum. Ich hatte aber auch, trotz meiner großen Liebe zu ihr, nicht Urſache, mich über ihr Thun und Treiben zu freuen. Sie hat zwar fleißig für Euch Flachs geſponnen, und ſo ſehr ſie's auch über⸗ trieben, ſo wollte ich doch, ſie wäre dabei geblieben Aber hört zu, was ſich begeben hat! Da hat ein Bauer im Kloſter Edelſtetten eine Schweſter am Rhein im Speiergau verheirathet; der iſt dieſen Sommer, da er all ſein Feld beſtellt, hinübergegangen, dieſe Schweſter zu beſuchen, und iſt nun vor etlichen Tagen wieder heimgekehrt und hat eine ſchlimme Neuigkeit mitgebracht. In Untergrünbach, einem Dorfe im Speiergau, haben zwei Bauern durch liſtige Worte die ganze umliegende Bauernſchaft wider den Biſchof und das Kapitel von Speier aufgewiegelt. Das Landvolk hat ſich zu großen Haufen heimlich zuſammen verſchworen, wie vor drei⸗ zehn Jahren die Käſebröder in Friesland. Die Ver⸗ Die Reiſe nach Spanien. 169 ſchwörung ſoll ſich weit am Rhein verbreiten. Aber einer der Bündler hat ſie dem Pfaffen in der Beichte verrathen und nun ſteht das Volk auf und hat ſich bewaffnet, wie es eben gekonnt, mit Spießen und Schwer⸗ tern, mit Senſen und Dreſchflegeln, auch theilweiſe mit Kugelbüchſen und langen Meſſern, und ſo erwarten ſie im Lande die Heerſcharen des Adels. Auf einer Stange laſſen ſie ſich eine Fahne mit einem gemalten Bundſchuh vortragen, als Abzeichen ihres Aufſtandes gegen Gott und die Obrigkeit, und nennen ihr abſcheuliches Bünd⸗ niß oder den Aufſtand ſelbſt danach den Bundſchuh. Sie haben eine Loſung, daran ſie ſich erkennen, indem der Eine fragt: Was iſt das nur für ein Weſen? Worauf der Andere antwortet: Män kann vor Pfaffen und Adel nicht geneſen. Und danach halten ſie zu⸗ ſammen. In einem Buchenwald am Rhein haben ſie einen Verſammlungstag gehalten und in kurzer Zeit ſind ihrer etliche Tauſende zuſammengelaufen; das Unheil wird alle Tage größer. Ihr Vorhaben iſt: ſie wollen gleich den Helvetiern das Joch der Dienſtbar⸗ keit abwerfen, Fürſten und Adel ausrotten, die ganze Pfaffheit umbringen oder verjagen, das Regiment und die Religion erneuern und die geiſtlichen Güter Jeder⸗ mann gemein machen. Unterthan wollen ſie allein dem römiſchen Kaiſer ſein.“ —„Daß Gott ſich erbarme und dem Unheil ſtenere!“ rief Fugger entſetzt.„Das iſt wieder eine 170 Die Reiſe Bauernbosheit, wie vor zehn Jahren in Schlettſtadt im Elſaß, wo ſie die Fahne mit dem Bundſchuh zuerſt aufbrachten, und wie vor ſechsundzwanzig Jahren im Würz⸗ burgiſchen, wo ich kurz vorher als ein ſiebenzehnjähri⸗ ger Webergeſell eingewandert war. Da war ein Bänkel⸗ ſänger und Pfeifer, ein junger Kerl, Namens Hans Böheim in Niklashauſen, den Wirth und Gäſte in allen Weinſtuben und Schenken im ganzen Bisthum gern ſahen, weil er ſo hübſche Lieder ſang, die Pfeife blies und die Pauke ſchlug zum Tanz. Es läßt ſich aber der Bub' nicht genügen mit dem Verdienſt, den ihm ſeine Stimme und ſeine Pfeife abwirft, und fängt plötzlich an und predigt in den Schenken und Herbergen wunderliches Zeug. Er gab vor, die Mutter Gottes ſei ihm zu wiederholten Malen erſchienen und habe ihn beauftragt und aufgefordert, bekannt zu machen, daß in kurzer Zeit aller Standesunterſchied unter den Menſchen aufhören werde; denn Alle würden ſich einer allgemeinen Freiheit und Gleichheit zu erfreuen haben. Jegliche Obrigkeit, weltliche wie geiſtliche, würde gänzlich aufhören und man würde nichts mehr wiſſen von Kaiſer und Papſt, von Fürſten und Grafen, Biſchöfen und Prälaten; die ganze Erde würde allen Menſchen gemeinſam ſein und Keiner mehr für einen Andern zu arbeiten brauchen, Felder und Wälder, Weiden und Gewäſſer würden zu Jeder⸗ manns Nutzen und Vergnügen dienen. Das waren denn lauter Dinge, die die Bauern gern hörten„ und nach Spanien. 171 nicht lange Zeit verging, ſo war das ganze Land in Aufregung. Die Bauern zogen dem Pfeiferhänslein zu Hunderten, ja zu Tauſenden nach, von einem Dorfe zum andern, wo er predigte, und nach ſechs Wochen ſtröm⸗ ten ſie aus Franken, Schwaben, Bahern und vom Rhein⸗ ſtrom herbei; es war ein Laufens und Rennens und eine Menſchenmenge auf allen Wegen und Stegen, daß man ſagte, es wären eines Tags Vierzigtauſend um den Freiheitsprediger in Niklashauſen geweſen. Da befahl Pfeiferhänslein, dem der Kamm geſchwollen war, ſie ſollten an einem beſtimmten Abend zu ihm kommen, aber keiner unbewaffnet, und ſollten keine Weiber und Kinder mitbringen. Am folgenden Tag ließ ihn der Biſchof beim Kragen nehmen und in Gewahrſam brin⸗ gen; ſeine Zuhörer kamen aber am beſtimmten Tage und als ſie die Gefangenſchaft ihres Hänsleins erfuhren, rückten ſechsundvierzigtauſend Mann vor das Schloß in Würzburg und begehrten mit argen Drohungen die Freiheit ihres Freiheitspredigers. Der Biſchof ließ ſie durch ſeinen Marſchall zur Ruhe vermahnen, aber ſie hätten dieſen mit Steinen todt geworfen, wenn er ſich nicht eiligſt zurückgezogen hätte. Erſt als Donnerbüch⸗ ſen aufgefahren und vor Aller Augen ſcharf geladen wurden, zog ſich das tolle Volk zurück. Die Rädels⸗ führer wurden ergriffen und der Biſchof ließ ihnen und ihrem Lügenpropheten die Köpfe vor die Füße legen. Das war das Ende vom Lied und vom Lieder⸗ „ 172 Die Reiſe ſänger Hans Böheim. Das dumme Volk kam damals gnädig davon, ſchlimmer ging es den Empörern vor zehn Jahren im Elſaß, wo ſie geköpft und geviertheilt wurden, und doch ſcheint das Bauernvolk die Geſchichte vergeſſen zu haben und fängt das alte Lied wieder zu ſingen an. Aber Ihr wollt mir ja noch von Eurer Frau erzählen. Wie hängt denn ihr toller Trotzkopf mit dem gottloſen Aufſtand verrückter Bauern im Speier⸗ gau zuſammen?“ —„Wie ich Euch ſchon ſagte, der Bauer aus Edelſtetten hat die Kunde mit vom Rhein gebracht; die Kloſterfrauen in Edelſtetten haben aber alsbald ein großes Geſchrei erhoben, gleichſam als ſeien ihnen die Bauern der ganzen Markgrafſchaft Burgau auch ſchon auf dem Dache, und ſo iſt's denn gekommen, daß ſich die Nachricht wie ein Lauffeuer an der Kamlach und Mindel verbreitet hat. Und ſo iſt ſie denn auch nach Burtenbach gekommen und hat die Leute auf dem Schloſſe in Schrecken gejagt. Kaum hat aber Frau Eleonore davon gehört, ſo iſt gleichſam ein böſer Dä⸗ mon in ſie gefahren. Sie hat ſich alsbald aufgemacht und iſt hinüber nach Kloſter Edelſtetten gegangen, hat den Bauer umſtändlich über den Bauernaufſtand im Speiergau ausgefragt und hat ſodann, nach Burtenbach zurückgekehrt, unter den Bauern des Fleckens Aufruhr zu predigen angefangen gegen Fürſten und Pfaffen und Adel.“* nach Spanien. 173 —„Herr Gott, ſteh' uns bei!“ rief der Leinweber erſchrocken.„Das iſt ja ganz entſetzlich!“ —„Ja wol entſetzlich!“ ſeufzte der Maler.„Ich bin faſt vergangen in meinem Leide über die Thorheit dieſer Frau.“ —„Nun ſagt nur ſchnell, was iſt weiter gewor⸗ den? Ich zittere vor und Furcht, das Ende zu hören.“ —„Sie hat eben 3 alle Obrigkeit und Pfaff⸗ heit gewüthet und dieſelben Dinge gepredigt, wie das Pfeiferhänslein; ſie hat aber auch die Bauern auf⸗ gefordert, ihre weltlichen und geiſtlichen Herren todt zu ſchlagen. Erſt hat ſie die Weiber für ſich gewon⸗ nen, hernach auch die Männer, und wie erſt das Malen und Spinnen, ſo hat ſie nun das Aufruhrpredigen be⸗ trieben, raſtlos und unermüdlich. Und in dieſer heil⸗ loſen Beſchäftigung fand ich ſie denn, ſo daß Ihr Euch wol erklären könnt, weshalb ſie keine Freude über meine Ankunft und ich keine über ihr Beginnen hatte.“ —„Wol glaub' ich es Euch, armer Mann!“ ſagte Fugger und reichte dem betrübten Künſtler die Hand voll Mitleids. Dann fuhr er, wie entſchuldigend fort:„Ich kann mir's ja wol erklären. Sie iſt von einem Fürſten und von einem Pfaffen ſchwer gekränkt worden und der Adel hat ſich übermüthig gegen ſie gezeigt.— Und die Markgrafſchaft Burgau iſt Eigen⸗ thum unſers gnädigſten Kaiſers und Herrn.“ 174 Die Reiſe —„Wenn ſie das Letztere etwa noch nicht gewußt hätte, ſo würde ſie es bald genug erfahren haben. Der Schloßherr, gegen deſſen Frau ſich Eleonore vorher ſchon ſtolz benommen— o ich kenne ihre Art!— iſt von den Kloſterfrauen in Edelſtetten, die ſich hinter die Schloßfrau geſteckt, beſtürmt worden und ließ ſie am zweiten Tage meines Dortſeins feſtnehmen und nach Burgau in kaiſerliche Haft bringen. Vergebens nannte ich Euern Namen, Meiſter Jakob. Es hätte nicht viel gefehlt, ich wäre ſelbſt mit abgeführt worden. Sie ging ruhig und ſtolz, wie eine Königin, und verwies mir meine Verzweiflung. Ich richtete zu ihrer Be⸗ freiung nichts aus, denn die Kloſterfrauen zu Ober⸗ Schönfeld hatten an die zu Edelſtetten einen gehäſſigen Bericht über Eleonore gemacht, den dieſe vorgelegt.“ —„Hätte ſie ſich nur mit den Nonnen hier ver⸗ tragen können!“ rief Fugger erzürnt,„dann hätten wir ſie doch in der Nähe und ſie konnte uns kein ſolches Unheil anrichten. Ich wollte, ich hätte ſie hier in den Wellenhof geſteckt, als ſie ſich drüben mit den Nonnen überworfen; aber ſie hätte uns am Ende hier auch nicht gut gethan.“ —„Ach, ihre hohe Seele voll Stolz und Zorn wird ſich nie mit den Menſchen und Verhältniſſen ver⸗ tragen, wie ſie ſind!“ ſeufzte der Maler.„Ich allein kenne ſie, und weil ich ſie kenne, liebe und ſchätze ich ſie. Ihre Seele voll ungewöhnlicher Kraft und Schön⸗ nach Spanien. 175 heit iſt jetzt nur von Unmuth und Schmerz verdüſtert. Aber ich hoffe, es wird wieder ſonnenlichter Tag in ihr werden und die heilige Kunſt wird ihr als Morgen⸗ röthe dienen. Laßt nur dieſe Periode erſt vorüber.“ —„Ihr ſeid ein ſeelenguter Mann!“ ſagte Fugger gerührt.„Ihr habt immer etwas für Frau Eleonorens Entſchuldigung. Na, Gott laſſe Eure Hoffnung in Er⸗ füllung gehen! Ihr müßt ja genug Herzleid und Trüb⸗ ſal dieſer Frau wegen ausſtehen. Ich verſprech' Euch, all meinen Einfluß bei des Kaiſers Gnaden anzuwen⸗ den, damit ſie bald wieder auf freien Fuß geſetzt wird.“ —„Ihr vermehrt das Kapital Eurer Wohlthaten für uns dergeſtalt, daß wir mit den dankerfüllteſten Herzen die Zinſen nicht babzutragen vermögen!“ rief der Maler mit Thränen in den Augen und drückte Fugger's Hand, die er in der Begeiſterung ergriffen hatte, an's Herz. —„Nehmt jetzt einen Imbiß und Vespertrunk mit mir. Wir wollen von unſrer friſchen Butter und Käſe verſpeiſen, beides hat meine alte Kunkellene hier auf dem Wellenhofe vortrefflich. Unterdeſſen hat ſich das Wetter ganz verzogen und wir gehen dann ſelbander nach der Stadt, wenn wir auch etwas ſpät dort an⸗ kommen. Eure Nachricht aus dem Speiergau iſt mir zu wichtig, als daß ich mich nicht morgen gleich dar⸗ über mit meinen Freunden beſprechen möchte.“ Fugger holte ſelbſt einen Krug Wein aus dem 5 . 176 Die Reiſe Keller; die Schaffnerin trug die frugalen Speiſen auf. Der Maler aß wenig, verſchmähete aber den dargebo⸗ tenen Becher nicht und leerte denſelben haſtig nach einander, ſo daß der Inhalt der Flaſche verſchwunden war, eh' der mäßige Fugger ſeinen erſten Becher aus⸗ getrunken hatte. Als ſie endlich gingen und wieder eine Strecke durch den vom Gewitterregen erfriſchten Wald dem Berghange zuſchritten, nahm Fugger nach langem Schweigen das Wort:„Nehmt die Erinnerung eines Freundes für Das, was ſie iſt und ſein ſoll, Meiſter Martin, für eine gut gemeinte Warnung vor Schaden. Es iſt mir nicht angenehm geweſen zu bemerken, daß Ihr ſeid einiger Zeit die Gaben des Bacchus mehr liebt, als Eurer Natur zukräglich ſein dürfte. Ihr nehmt wenig Speiſe und trinkt deſto mehr. Das iſt kein rechtes Verhältniß.“ Der Maler war roth geworden und ſtammelte etwas von ſeinen Sorgen, die er zuweilen im Wein zu er⸗ tränken verſuche. —„Lieber Meiſter,“ fuhr der Leinweber fort, „dieſe Frau iſt Euer unglück. Ihr liebt und verehrt ſie und beſchönigt alle ihre Fehler. Und dabei werdet Ihr ihrer nicht froh. Ich ſah' es Euch an, Ihr grämt Euch über ihr gleichgültiges und wunderliches Weſen und entſchuldigt ſie doch in Euerm Herzen auf alle Weiſe. Aber Euer Gram behält Euerm Herzen gegen⸗ über doch recht, ſonſt griff' er nicht nach der Weinflaſche. ———— nach Spanien. 177 Hütet Euch wohl, den Wein als Sorgenbrecher anzu⸗ ſehen! Die Sorge kommt immer wieder, wenn der Geiſt des Weins gegangen iſt; dieſer bricht aber endlich das Leben.“ —„Und iſt denn das ein ſo großer Verluſt?“ fragte der Maler bitter. —„Nehmt mir's nicht übel, das iſt die Frage eines muthloſen Mannes. Das muß anders mit Euch werden! Ihr müßt Euch wieder von dieſer Frau tren⸗ nen, die in keinerlei Weiſe für Euch paßt. Was ſoll Euch ein Eheweib, das nicht vergeſſen kann, daß ſie des ſteinreichen Peter van der Kapellen Ehewirthin und Pantoffelkönigin, ja, daß ſie die ſchönſte Frau in den Niederlanden war und ſich dadurch zu einer Sünde ver⸗ leiten ließ, die ihr Gott vergeben möge? Während ſie das Bewußtſein dieſer Sünde hat und vft zerknirſcht iſt, ſolche Fehltritte gethan zu haben, iſt ſie doch wie⸗ der ſtolz darauf, die Geliebte des ſchönen Erzherzogs geweſen zu ſein; und wenn ihre Seele voll Haß und Zorn gegen ihn iſt, ſo iſt ſie's wahrlich nicht deswegen, weil er ſie ihrer ehelichen Pflicht untreu gemacht hat, ſondern weil er ſie verlaſſen und nicht wieder nach ihr gefragt hat. Ihr müßt Euch Eures eignen Heils wegen von dieſer Frau trennen, die Euch nie geliebt hat.“ —„Wohin denkt Ihr, Meiſter Jakob!“ rief der Maler mit den Händen abwehrend.„Mein Muth war ſchon gebrochen, eh' ich ſie die Meine nennen durfte, Ein deutſcher Leinweber. 1. 12 178 Die Reiſe und ihr Beſitz allein iſtes, der mich noch erhält. Tren⸗ nung von ihr würde mein baldiger Tod ſein. O Ihr wißt nicht, wie ſie mich liebt. Ihr beurtheilt ſie nur nach ihren Fehlern; ihre großen Vorzüge habt Ihr nicht Gelegenheit zu bemerken. Aber ſelbſt ihre Fehler ſind keine gemeine; ſie entſpringen aus ihren Tugenden.“ —„So behaltet ſie in Gottes Namen; aber dann grämt Euch auch nicht und macht den thörichten Ver⸗ ſuch, Euch guten Muth zu trinken. Nehmt Euch dann ein Beiſpiel an Meiſter Albrecht Dürer in Nürnberg, der ſich's nicht anfechten läßt, ſein böſes Weib mag reden was ſie will, und lebt ganz allein Eurer Kunſt, wie er.“ —„Dürer's Frau iſt gemein, keifig, unluſtig; Eleonore iſt edel, großherzig und kühnen Geiſtes. Das iſt ein Unterſchied wie faules Waſſer aus einem Düm⸗ pfel und ein firner Wein aus Euerm Keller.“ —„In Gottes Namen denn, Mann! So iſt Euch nicht zu helfen. Ihr müßt mit dieſer Frau leben und auskommen, nicht ich. Ich werde kein Wort wieder darüber an Euch verlieren.“ Und ohne ſich ſeine Ver⸗ ſtimmung nur im mindeſten merken zu laſſen, fragte Fugger den Maler ſogleich über andere Gegenſtände und Beobachtungen auf der kleinen Fußreiſe deſſelben. Unter ſolchen Geſprächen waren ſie am Berghange aus dem Walde getreten und ſahen jetzt plötzlich in der ſchönſten Abendbeleuchtung die majeſtätiſche Stadt mit nach Spanien. 179 ihren vielen hohen und ehrwürdigen Thürmen auf der Bergzunge zwiſchen dem Wertach⸗ und dem Lechthale zu ihren Füßen liegen. Sie konnten das ganze lang⸗ geſtreckte, etwas unregelmäßige Viereck der Stadt bis auf die Vorſtadt überſehen, denn die letztere lag nach dem Lech zu in der Liefe, doch ihre Blicke ſchweif⸗ ten noch weiter in den beiden Flußthälern und, nach der Vereiſiigung beider, noch eine Strecke im breiten tethe fort und überflogen die zahlreichen wohlhabenden Dörfer zu beiden Seiten des Stroms. Jakob Fugger, der dieſen Weg von früher Jugend auf ſo oft gewandelt war, blieb doch in der Regel an die⸗ ſer Stelle ſtehen und begrüßte die geliebte Vaterſtadt mit leuchtenden Blicken. Auch diesmal hielt er die Schritte an, wie überraſcht von dem prächtigen Anblick, und ließ das heitere Auge von den herrlichen Zwillings⸗ thürmen der Domkirche auf den ſchlanken, einzeln ſtehen⸗ den Perlachthurm und das ſtattliche Rathhaus mit zwei Thürmen daneben gleiten. Dann muſterte er ebenſo mit innerlichem Wohlbehagen die Thürme von St. Ulrich und St. Afra, von St. Moritz, des heiligen Kreuzes und der andern Kirchen und Klöſter, die biſchöfliche Pfalz und die Thore und manches liebe Haus, deſſen Giebeldach er zu unterſcheiden vermochte. Das imigſte Vergnügen über dieſen Anblick ſprach aus ſeinen Blicken, über ſeine ſonſt fahlen Wangen flog eine leichte Röthe und er ſprach vor ſich hin:„Gott und alle Heiligen 2. — 180 Die Reiſe mögen dich behüten und bewahren vor jeglichem Un⸗ glück und Schaden, du meine liebe Vaterſtadt! Und wie man deinen Anfang nicht kennt, und du ſchon groß und prächtig geweſen biſt zu der Römer Zeiten, ſo mögeſt du auch nicht eher ein Ende nehmen, als bis Himmel und Erde im Feuer des Herrn aufgehen am Tage des Gerichts. Und dann noch mögen deine Kinder wohl beſtehen!“ Dann wandte er ſich zum Maler:„Ihr habt ſchöne Städte in den Niederlanden und ich bin mein Lebelang viel gewandert ſchier in aller Herren Ländern und habe manche feine Stadt geſehen; aber das müßt Ihr mir doch zugeben: es wird ſchwerlich eine ſchöner gelegene gefunden werden, ſo voll ſtattlicher Bauten zu Gottes Ehr' und der Menſchen Nutzen und Vergnügen, als mein liebes Augsburg. Wie ſie ſich von ihrem Hügel herabſenkt, das Haupt ſtolz empor⸗ getragen, von den beiden Flüſſen recht minniglich umarmt! Ja es iſt ein Paradies, dies kleine Land, grüne duftende Wieſen, reiche Triften von Bächen durchſchnitten, fruchtbares Ackerfeld, angenehme Berg⸗ gärten, Berge mit köſtlichem Wald und die beiden Flüſſe, die hier zu einem werden. Wie lieblich iſt's doch an ihren Ufern! Welch ein ſchattiger Baumſchlag! Und Kapellen und Kirchen in den Thälern und auf den Bergſpitzen, und geſchäftige Menſchen überall, wohin man das Ange wendet! Für mich kein lieber Stück Erde als dieſer Berggipfel zwiſchen der Wertach und —, nach Spanien. 181 dem Lech, eine Landzunge und der beſte Leckerbiſſen auf ihr; und wenn mir nur die eine Wahl bliebe, ſo wollte ich doch lieber in Augsburg der ärmſte, als in einer andern Stadt der reichſte Mann ſein. Es könnte Manches anders und beſſer ſein in ihrem zünftigen Regimente, aber ich bin ein ſo eingefleiſchter Augsbur⸗ ger, daß mir auch die Fehler und Mängel meiner Vaterſtadt wohlgefallen. Werden wir doch nicht von hochmüthigen Geſchlechtern geplagt und geärgert, wie unſere Nachbarſtädte Regensburg und Nürnberg, und jeder ehrliche und fleißige Handwerksmann hat die Aus⸗ ſicht in den Rath gewählt zu werden und am Regimente ſeiner Vaterſtadt theilzunehmen. Wir ſind eine freie Reichsſtadt und erkennen keinen weltlichen Herrn, als unſern gnädigſten Kaiſer, der uns bei unſern Freiheiten und Privilegien ſchützt und, wenn's nöthig iſt, uns neue verleiht. Kaiſer Max, oder vielmehr König Mar, wie er nur genannt ſein will, liebt ſein treu ergebenes Augsburg, wie keine Stadt im ganzen Reiche weiter und iſt ſeiner ſtolzen Auguſtusburg ein gnädig geſinn⸗ ter Auguſtus, Handel und Wandel blühen, die Zünfte ſind wohlbeſtellt und Gott meint's allewege gut mit den braven Augsburgern.“ —„Ihr ſeid ein wohlberedter Lobredner Eurer Vaterſtadt,“ ſagte der Maler wehmüthig.„So lang' ich Euch kenne, hab' ich Euch noch nicht mit ſolcher Begeiſterung ſprechen hören. Wahrlich, ſelig zu preiſen 182 Die Reiſe iſt der Mann, dem vergönnt iſt, in ſeiner Vaterſtadt zu leben und zu ſterben und ſeine Kräfte ihrer Wohl⸗ fahrt und ihrem Ruhme zu widmen. Es iſt ein uner⸗ gründlicher Zauber, der ein wackeres und edles Gemüth anſpornt, die Stelle, wo ſeine Wiege geſtanden, mit guten Werken zu ſegnen und in ſolcher Thätigkeit ſelbſt luſtig zu grünen und zu blühen und Früchte zu tragen, gleichwie ein Baum auch nur in dem Boden am beſten bekleibt und gedeiht, aus welchem er aus dem Samen⸗ korn emporgeſchoſſen iſt. In fremder Erde kränkelt der Baum und das Menſchenherz.“ Der augsburger Bürger überhörte über die Freude an den erſtern Worten die ſchmerzliche Betonung, mit welcher die letztern geſprochen wurden. In frommer Vaterlandsbegeiſterung rief er aus:„Ja wahrlich ein Zauber iſt's, der mich an mein liebes Augsburg feſſelt, und wenn mir's Gott vergönnt, gedenk' ich noch viel zu ſeinem Nutzen und Frommen zu vollbringen und zu ſeinem Ruhme ein Scherflein beizutragen. Darum noch einmal und noch tauſend und abertauſendmal: Gott ſegne die Stadt und den Kaiſer ihren Beſchützer bis in die ſpäteſte Zeit und halt' uns Bauern vom Leibe!“ —„Und Gott ſegne Euch und Euer ganzes Haus, Meiſter Jakob Fugger, und laß es, wie daſſelbe es verdient, zu immer größerm Anſehen, Si und Würden gelangen!“ — nach Spanien. 183 —„Amen!“ fügte der Leinweber mit gefalteten Händen dieſem herzlichen Wunſche des Malers hinzu und ſein auf die ſchöne reiche Vaterſtadt gerichteter, ver⸗ klärter Blick brach ſich im reinen Waſſer einer Thräne.— Dann gingen die beiden Männer weiter, jeder mit andern Gefühlen in der Bruſt, der Leinweber mit freu⸗ digen, hoffenden, auf ſein Glück und ſeine Kraft ver⸗ trauenden; der Maler mit wehmüthigen, ſchmerzlich trauernden, an ſeinem Glück und ſeiner Kraft verzwei⸗ felnden. Fugger erzählte, wie er in ſeiner beſten Laune faſt immer zu thun pflegte, aus ſeiner Jugend, von den Kämpfen Augsburgs mit den Bayernherzögen, vom ſtädtiſchen Regiment, Zunftweſen und dergleichen, und unter dieſem Geplauder waren ſie den Berg hinab⸗ gekommen. 6 —„Wenn Ihr nicht zu ermüdet ſeid, Meiſter Martin,“ ſagte plötzlich Fugger,„ſo möchten wir den kleinen Umweg nach Oberhauſen nicht ſcheuen. Ich vermuthe Herrn Bartholomäus Welſer auf ſeinem Land⸗ hauſe im Dorfe und ich möchte ihm die Nachricht von der böſen Bauernverſchwörung im Speiergau dieſen Abend noch überbringen.“ Der Maler hatte nichts dagegen und ſie bogen links vom Wege ab in einen Pfad, der ſie bald in das große und ſtattliche Dorf brachte. Fugger ließ den an der Thüre eines von andern eben nicht ſonderlich unterſchiedenen Hauſes angebrachten eiſernen Klopfer 184 Die Reiſe erſchallen. Es wurde geöffnet, und ſie erfuhren von der Magd, daß Herr Welſer zugegen ſei, aber eben im Begriff ſtehe, ſich zur Ruhe zu begeben. Der Haus⸗ herr hatte Fugger ſchon an der Stimme erkannt und rief den Eingetretenen zu, in die Stube zu kommen. Hier trat er ihnen mit freundlichem Gruße entgegen, ein hoher ſtarker Mann, um einige Lahre älter als Jakob Fugger und in ſeiner äußeren Geſtalt mehr Bürgerſtolz und Selbſtbewußtſein eines Freireichsſtäd⸗ ters und Geſchlechters kundgebend, als jener. Ein großes blitzendes Auge verrieth das Feuer, das in die⸗ ſes Mannes Seele glühte. Nach flüchtiger Begrüßung erzählte Fugger die er⸗ haltene Kunde und gab ſie als wichtige Urſache ihres ſpäten Beſuchs an. —„Es hat mich wundergenommen, daß nicht ſchon längſt dergleichen wieder geſchehen iſt,“ verſetzte Bartholomäus Welſer.„Die Sachen ſind durch kaum glaubhafte Unvernunft der weltlichen und geiſtlichen Herren, durch übermüthigen Adel und ſittenloſe Pfaff⸗ heit dahin gediehen, daß Mord und Brand, Raub und Unzucht in Maſſe endlich als ſaubere Früchte der ſaubern Saat reif geworden ſind. Aber nicht die 6 tragen die Schuld dieſes Greuels, ſondern ihre veit ſchlechtern Zwingherren mit bewachſener und geſchorner Platte. Was war der Bundſchuh von Schlettſtadt vor zehn Jahren anders als die Nothwehr des guf den Tod gepeinigten nach Spanien. 185 Thiers? Der Bauer iſt nichts als der fruchtbare Bo⸗ den für die ſchlechte Ausſaat; die Herren haben das Unkraut geſäet, mögen ſie nun auch der Früchte genießen.“ —„Sprecht Ihr doch, als wäre das gottloſe Bauernvolk in ſeinem vollen Rechte, wenn es ſich mit den Waffen in der Hand gegen ſeinen rechtmäßigen Herrn auflehnt und jeglichen Greuel verübt,“ ſagte Fugger mit einiger Empfindlichkeit. —„Nicht dieſer Sinn liegt in meinen Worten.“ Aber ich frage Euch, wer hat das Bauernvolk ſo weit gebracht, daß es zur Waffe und Brandfackel greift? Und hat es nicht an der Schweizer Eidgenoſſenſchaft ein aufmunterndes Beiſpiel? Die Schweizer haben ihre Dränger abgeſchüttelt und ihnen mit den Schwertern zum blutigen Tanze aufgeſpielt. Sollen es die Andern nicht auch wagen?— Das Volk hat endlich durch frei⸗ ſinnige gelehrte Männer davon erfahren, vielleicht auch eine ſchwache Erinnerung in ſich ſelbſt fortgepflanzt, wie es mit ſeinen Vätern vor vier⸗ und fünfhundert Jahren beſtellt geweſen iſt, und hält dagegen, wie ganz natür⸗ lich, ſeinen eignen elenden Zuſtand. Jene waren freie Männer und eigne Beſitzer des Grundes und Bodens, den ſi S ſie hatten Sitz und Stimme im Volks⸗ rathe, und es“ anke nichts vorgenommen werden ohne ihre Zuſtimmung; denn ſie waren eben das Volk, der große Nährſtand, die wichtigſten und zahlreichſten Be⸗ ſtandtheile der menſchlichen Geſellſchaft. Und was iſt 186 Die Reiſe der Bauer jetzt? Unter das Vieh iſt er herabgewürdigt. Bald ſteht er dem Schafe gleich, dem man die Wolle jährlich ſcheert, bald dem Rind„das den FPflug zieht und dem man nur deshalb ein Maul voll Heu gönnt, um es bei den zur ſchweren Arbeit nöthigen ⸗ zu erhalten; aber man ſchindet und quält ihn mehr äls SSchaf und Rind, und wenn er ſich ja einmal einfallen läßt, daß er ein Menſch iſt, ein Abbild Gottes ſo gut wie ſein Peiniger, und ſetzt der unmenſchlichen Gewalt etwa ein Murren, oder auf's Aeußerſte gebracht, die kräftige Fauſt entgegen, ſo wird er mit des gnädigen Herrn Hunden zu Tode gehetzt oder mit der Geißel ſo lange blutig geſchlagen, bis er wie ein Vieh verreckt. Und kein Hahn kräht danach. Will er nur halbweg in Ruh und Frieden— ſchöner Friede!— leben, ſo muß er das ſaure Erwerbniß ſeines Schweißes zwiſchen dem Edelmann, dem Richter und dem Pfaffen theilen; wenn jene in den üppigen Früchten ſeines Fleißes praſ⸗ ſen und ſchlemmen und er ſelbſt am ſchimmeligen Brote ſich begnügen mußt, was ihm ſeine Herren übriggelaſ⸗ ſen haben, ſo muß er ihrer von Ueppigkeit und Wohl⸗ leben hervorgerufenen Geilheit ſeine jungen Weiber und Töchter zuführen; denn ſie ſind ſeine Herren von Got⸗ es Gnaden und der Bauer hat kein Eigenthum, keine Ehre, kein Gefühl. Adel und Pfaffen ſind Götter und der Bauer iſt— Vieh.“ n —„In der That, dann wären wir Bürger ja die —————————————————————— nach Spanien. 187 einzigen noch übrigen Menſchen!“ meinte Fugger lachend. —„Fürwahr und es iſt im Ernſt ſo, wie Ihr im Scherz gemeint,“ verſetzte Welſer.„Im Bürgerthume hat ſich die Menſchlichkeit erhalten und wird von hier aus friſche Sproſſen treiben. Und wer hätte unter uns Allen wol gegründetern Anſpruch auf den Ehrennamen eines echten und rechten Menſchen, als Meiſter Jakob?“ —„Die Beſchwerden, die Ihr im des Bauernſtandes führt, ſind nicht ganz ungegründet,“ fuhr der wackere Leinweber fort, die Schmeichelei nicht be⸗ achtend, welche ihm der reiche Kaufmann ſagte,„aber die Sache iſt nicht ſo ſchlimm, wie Ihr ſie darſtellt. Ihr habt ein heißes, raſches Blut, das Euch nicht Ruhe läßt zur rechteik Betrachtung und Würdigung der Dinge. Der Bauer ſoll kein Herr ſein. Ihr kennt doch das alte gute Sprichwort: Wenn der Bauer auf's Pferd kommt, reitet er Bürger und Edelmann todt? Wenn in deutſchen Landen ſo arge Ungerechtigkeiten ſtattfän⸗ den, wie Ihr angebt, wozu hätten wir unſern gnädigſten Kaiſer und Herrn, der überall und ſtets beſſert und alte Uebelſtände abſtellt?“ —„Ich will Eurer Treue und Verehrung gegen den Kaiſer Max nicht zu nahe treten; auch ich verehre ihn als einen weiſen, gerechten und thätigen Herrn und bin ihm treu und gehorſam. Aber, ſagt ſelbſt, Die Reiſe was kann er denn mit dem beſten Willen gegen die Fürſten, den Adel und die Geiſtlichkeit durchſetzen? So⸗ bald es den zeitlichen Vortheilen dieſer Herren gilt, und wenn es die ſchreiendſte Ungerechtigkeit wäre, ſind ſie taub für ſeine Ermahnungen und ſetzen ſeinen Drohun⸗ gen Hohn und Trotz entgegen. Soll ich Euch etwa an die Verweigerung der nothwendigſten Hülfe von Seiten der deutſchen Stände gegen auswärtige Feinde erinnern? Ihr wißt's ſo gut wie ich. Wenn's den Herren ſelbſt an Hals und Kragen ging, beſannen ſie ſich noch, ob ſie dem Kaiſer gehorchen ſollten oder nicht; wie ſollten ſie ihm gehorſamen, wenn er etwas gegen ihren Vor⸗ theil von ihnen verlangte? Nehmt mir's nicht übel, aber der König ſollte ſich mehr zum Volke halten, zum gemeinen Mann; er würde in dieſen verwirrten und betrübten Zeiten mehr ausrichten.— Und wenn Euer edles Herz Euch einreden will, die Dinge wären nicht ſo ſchlimm, wie ich ſie ſchildere, ſo geht doch von der Donau über die ſchwäbiſche Alp hinüber in's Neckarthal und verfolgt es bis an den Rhein, oder ſchlagt Euch nördlich, an dem Main hinauf und wandert durch Fran⸗ ken und fragt überall in den Dörfern und Flecken, in den Weilern und Höfen, wie der arbeitſame deutſche Bauer geſtellt iſt gegen den Edelmann, den Richter und den Pfaffen und wie man ihn für die ſchönen Früchte ſeines Fleißes belohnt; wenn Ihr nicht bekehrt wie⸗ derkommt, ſo will ich mich ſelbſt zum Pfaffen ſcheeren ———— 2 nach Spanien. 189 laſſen und meinen ein gottgefälliges Werk zu thun, wenn ich die Bauern bis auf's Blut ſchinde. Freilich in die Dörfer dürft' Ihr nicht gehen, wo Ihr Flachs bauen und ſpinnen laßt; da geht's dem Bauer durch Eure Thätigkeit erträglicher und der deutſche Bauer hat ein zähes Leder; es läßt ſich über allen Glauben ſtoßen und ſchlagen, rupfen und dehnen, eh's reißt. Erſt muß ihm das Waſſer in die Ohren kommen, eh' er ſchreit. Um ſo unverzeihlicher von den Edelleuten und Pfaffen, daß ſie auch nicht die mindeſte Rückſicht ein⸗ treten laſſen und dem unglücklichen Laſtthiere immer mehr aufladen und immer mehr entziehen und immer mehr drauf los ſchlagen, hauenund ſtoßen. Endlich zerreißt der Gedulds⸗ faden, und wär' er ſo ſtark wie ein Schiffstau; den Aus⸗ ſchlag muß endlich die läſterliche Unzucht der Pfaffen und Mönche geben. Jeder faule nichtsnutzige Gauch wird ein Kleriker; wohin man auch den Fuß ſetzen mag, man tritt einem Mönch oder Pfaffen auf die Zehen; wenig⸗ ſtens thut der Plattenkönig ſo und ſchreit: man ſei ihm zu nahe getreten. Und das treibt aus Müßiggang und Wolluſt alle erdenklichen Schandthaten. Alles, verſteht ſich, zur größern Ehre Gottes. Wenn das ſo fort⸗ geht, ſo muß ein Drittel Menſchen, und zwar die beſten, für die andern zwei Drittel, und zwar die ſchlechteſten, Tag und Nacht arbeiten und, während die fleißigen Arbeiter hungern, verpraſſen die Faulpelze jener ſauern Schweiß und Blut. Dafür wollen denn die guten 190 Herren für die ewige Seligkeit der braven hungernden Arbeiter gehörig Sorge tragen und wenn dieſe Leute ſich ſo väterlicher Fürſorge der geſchornen Köpfe und gemäſteten Bäuche nicht unterwerfen wollen, ſo werden ſie in den Abgrund der Hölle hinein verdammt. Die Pfaffen wiſſen vor Ueppigkeit und Wohlleben nicht, was ſie für Unzucht und Narrheit treiben ſollen, und der Bauer nagt am Hungerlappen und verdirbt vor Noth und Elend. Iſt das Gottes Gebot, iſt das Gottes Wille, Meiſter Jakob?“ —„Es muß doch ſein, ſonſt würde er es nicht zulaſſen!“. —„Nun, ſo wird er es auch zulaſſen, wenn die Bauern, der ewigen Plackerei endlich überdrüſſig, die Junker ſpießen und die Pfaffen würgen. Wundern darf man ſich wahrlich nicht, wenn ſie den Spieß einmal herumdrehen und die Geißel, womit ſie blutig geſchla⸗ gen wurden, zum Aufknüpfen ihrer Quäler benutzen.“ —„Es wird ſich wol ein Mittelweg auffinden laſſen, den Uebelſtänden abzuhelfen. Unſer Kaiſer hat den beſten Willen und Adel und Geiſtlichkeit ſind ja nicht Heiden und Türken,“ meinte Fugger lächelnd über Welſer's Hitze. —„Mittelweg?! Alle Mittelwege taugen nichts, denn ſie führen zu keinem Ziele. Entweder man muß den Bauer todtſchlagen, dann mögen die Herren zu⸗ ſehen, wer ſie füttert, oder der Bauer ſchlägt die Herren Die Reiſe nach Spanien. 191 todt. Glaubt Ihr, die Pfaffheit werde um ein Haar breit nachgeben? O, ſie wird von ihrem Oberhaupte in Rom gelobt und geſchützt, welches mit ſeinen beiden Kindern Ceſare und Lueretia Borgia das wahre hölliſche Kleeblatt ausmacht. Habt Ihr je von größern Schänd⸗ lichkeiten gehört, als von dieſem Papſt und ſeinen beiden wohlgerathenen Sproſſen begangen werden? Mord und Unzucht ſind da Kinderſpiele; den Dolch handhabt man wie ein Schlächtermeſſer und der Gifttvpf broddelt ſtets am Feuer, wie bei uns der Hafen mit der Bettel⸗ ſuppe. Der Statthalter Chriſti auf Erden, der Nach⸗ folger des heiligen Petrus treibt Blutſchande mit ſeiner eignen Tochter! Die Sonne wird roth vor Scham, daß ſie ſolche Schande beleuchten muß. Und wenn das Haupt alſo beſtellt iſt, was kann man von den Glie⸗ dern erwarten? Betrachtet doch das Thun und Trei⸗ ben der meiſten Pfaffen! Freſſen„ ſaufen, huren, faullenzen, tanzen und ſpielen, reiten und jagen, alle erdenkliche Nichtswürdigkeiten und Schlechtigkeiten trei⸗ ben; das iſt die Summe ihres Lebens. Und treiben's die Junker und Herren mit ihren Amtleuten und Rich⸗ tern etwa anders? Sie ſind die treuen Kumpane und Kalandsbrüder der Pfaffen, und wohin der Bauer ſich wendet, er wird geſchunden. Wie der himmliſche Va⸗ ter noch länger ruhig die Bübereien mit anſehen kann, begreife ich nicht; ich werde ganz irre am göttlichen Regiment. Aber ich hoffe, die Dinge ſind am längſten 192 Die Reiſe in dieſem troſtloſen Zuſtande geweſen und die Bauern werden ihm ein Ende machen.“ —„So wünſcht und begünſtigt Ihr wol gar den Aufſtand der rohen Rotten, der Empörer, Plünderer und Mordbrenner?“ rief Fugger mit Unwillen. —„Ich will Euch meine Meinung darüber ſagen, Meiſter Jakob. Es können Zeiten im Leben der Men⸗ ſchen kommen, wo die Luft ſo dick und ſchwül wird, daß man kaum mehr zu athmen vermag. Da wünſcht man denn um jeden Preis, daß das unabwendbare, nothwendige und heilſame Wetter losbrechen möchte, und wenn es Einem auch den Giebel über dem Kopfe anzünden ſollte. Eine ſolche Zeit ſteht jetzt an unſerer Thüre. Der Menſchengeiſt drängt und treibt nach einer Entſcheidung; die alten gebrechlichen, vielfach geflickten Formen halten nicht mehr. Da die hochweiſen Herren, welche oben ſchwimmen— leider wie leichte Spreu!— nicht dafür Sorge getragen haben, zur rechten Zeit neue Gefäße für den neuen brauſenden Wein, der in den Geiſtern gährt, anzuſchaffen; ſo müſſen die alten geſprengt werden, es mag hernach auch d'raus werden, was da will. Es muß reißen und brechen. Das iſt meine Meinung, Meiſter Jakob.“ Gott kehre und beſſere ſie!“ verſetzte Fugger. Sonß. mt Ihr zuſehen, daß das Feuer, das Ihr ſo lobt, nicht ſelbſt verſchlinge.“ „Beſſer im Nu von den Flammen gefreſſen, . nach Spanien. 193 als von den kleinen Welt⸗ und Kirchenlichtern Jahre lang gemartert!“ Welſer war von der erhaltenen Nachricht ſo auf⸗ p geregt, daß er mit den beiden Andern noch nach der Stadt aufbrach. Ein deutſcher Leinweber. I. 13 194 Die Reiſe Pehntes Rapitel. Als die eben aufgegangene Sonne am folgenden Mor⸗ gen ihren erſten Strahl in den großen Steintrog des Springbrunnens vor dem Fuggerſchen Hauſe am Wein⸗ markte warf, ſaß Meiſter Jakob ſchon in ſeinem bür⸗ gerlich behaglichen Wohnzimmer in ſeinem alten braunen„ Lederſtuhl mit der hohen Lehne am großen Weißahorn⸗ tiſch neben ſeiner Ehewirthin, Frau Sibylla, die in einem gleichen, wo möglich noch älter ausſehenden Stuhle Platz genommen hatte. Beide waren in ein⸗ fache, weißleinene Schauben gekleidet, die leichteſte, rein⸗ lichſte und billigſte Sommertracht, welche erfunden wer⸗ den kann. Frau Sibylla, in der äußern Erſcheinung ziemlich das Gegentheil ihres Mannes, erfreute ſich einer derben und kräftigen Wohlbeleibtheit, ihr Geſicht ſchien nicht allein die Form, ſondern auch den Ausdruck der Ruhe und den Glanz der Häbigkeit vom Voll⸗ monde entlehnt zu haben. In dieſen Zügen war nie⸗ mals die Pflugſchar der Leidenſchaft, des Kummers nach Spanien. 195 oder der Sorge auf⸗ und abgegangen, aus dieſem Auge ſprachen nur Güte und eine vollkommene Zufriedenheit mit Gott und der Welt; dieſe fleiſchigen Hände ſchienen nur da zu ſein, um einem ganz ausgezeichneten Gebiß Zähne gute Biſſen zuzuführen, und alle Organe zur Förderung einer guten Verdauung und einer reichlichen Nahrung des umfangreichen Körpers gemacht. Die beiden Eheleute waren eben damit beſchäftigt, ihre Frühſuppe von gebranntem Mehl mit Brotſchnitten zu ſich zu nehmen. Sie aßen aus ein paar zinnernen Näpfen mit zinnernen Löffeln— der Beſitzer eines großen und ergiebigen Silberbergwerks!— ein friſcher Butterweck mit ſchwarzem Brot ſtand daneben auf dem blütenweißen, an Rand und Zipfeln roth geſtepp⸗ ten Tiſchtuche und neben dem Teller des Hausherrn äugelte aus einem ſilbernen Becher ein heller leichter Wein. Ihre Bedienung beſtand in einer alten, tauben Magd, einem Inventarſtück, wie es ſchien, und nur der größten Beſcheidenheit genügend. Alles Uebrige in dem hohen getäfelten, aber mit der Zeit gedunkelten Zimmer trug das Gepräge äußerſter Einfachheit. Man ſah eine Spinde von Eichenholz mit einigen werthloſen Zierrathen beſtellt, ein Faulbett mit dunkeln Lederpolſtern, einen Gewürzſchrank und einen Schreibtiſch. Auf dem letztern lagen Bücher und Papiere in der größten Ordnung. Wer hätte im Bewohner dieſes Zimmers, in dem Manne im ſchlichten Leinwandkleide, dem Erzeugniß ſeiner Web⸗ 13* 196 Die Reiſe ſtühle, den Beſitzer eines der größten Goldbergwerke in Ungarn, eines der reichſten Silberbergwerke in Tyrol vermuthet? Wer den Herrn und Eigenthümer des reich⸗ ſten Handlungshauſes in der freien Stadt Augsburg und eines blühenden Geſchäfts in der Stadt Antwerpen, deſſen Waarenzüge über die Alpen gingen und deſſen Schiffe die oſt⸗ und weſtindiſchen Meere befuhren? Wer den Mann, deſſen Wechſelbriefe in Venedig und Genua, wie in Frankfurt und Leipzig, und in Gent und Antwerpen geſucht und von jedem Kaufmann honorirt wurden? Wer endlich den hochangeſehenen Freund Maximilians, des deutſchen Königs? Hier ſaß ein ein⸗ facher Leinweber; aber er war's, jener Jakob Fugger, der reichſte Kaufmann Augsbzrgs, der berühmteſte Name an allen Wechſelplätzen, der Freund und Beſchützer der Gelehrten und Künſtler, der Vater der Armen, der edelſte und trefflichſte Menſch. Meiſter Jakob hatte ſeiner lieben Ehewirthin eben von der Verſchwörung der Bauern im Speiergau und von der tollen und verwegenen Malersfrau erzählt, die es gewagt, mitten in der Markgrafſchaft ſolche gottes⸗ läſteriſche Dinge zu predigen, ſo daß ſie in kaiſerliche Haft gekommen ſei, und er ſich genöthigt ſehe, die Gnade des Kaiſers zu ihrer Befreiung anzurufen, und die dicke Sibylla hatte den Kopf— wenn auch nur ſehr wenig, um ſich nicht anzuſtrengen— misbilligend geſchüttelt, auch dann und wann ein Wörtchen der Ver⸗ 37 nach Spanien. 197 wunderung und des Tadels laut werden laſſen; denn viel und ſchnell ſprechen war ihre Sache auch nicht, als ihr bei Erwähnung des Kaiſers plötzlich etwas einfiel. —„Heilige Urſula!“ rief ſie mit ungewöhnlicher Heftigkeit, ſo daß ihr Ehewirth vom Napf auf- und ihr ins Geſicht ſah, begierig auf Das, was nachfolgen würde.„Da fällt mir ein: es iſt geſtern eine Geſandt⸗ ſchaft des Kaiſers an dich hier angelangt.“ —„Eine Gefandtſchaft des Kaiſers an mich?!“ rief der Leinweber verwundert. —„Jo, der Herr von Dietrichſtein war hier, um dich aufzuſuchen, und hernach kam dein Bruder Georg und meinte, die Sache ſei von der äußerſten Wichtig⸗ keit, die Eröffnung werde heute auf dem Rathhauſe geſchehen, und alle Zünfte würden dahin beſchieden wer⸗ den. Ich ſollte gleich einen Boten nach dem Wellen⸗ hofe ſchicken, aber ich verſicherte, du kämſt Abends oder heute früh ſchon von ſelbſt. Sie kannten ja deine Pünktlichkeit.“ —„Eine Geſandtſchaft des Kaiſers!“ ſagte Fugger in Gedanken verloren vor ſich hin.„Und der Herr von Dietrichſtein! Du meinſt doch den Sigismund von Dietrichſtein, den Freund des Kaiſers„der am letzten Reichstage mit ihm hier war und den du kennſt?“ —„Ei freilch, derſelbe. Und er ſagte mir, der Katſer habe die Gnade gehabt, ihn zu dieſer Geſandt⸗ 198 Die Reiſe ſchaft an dich oder vielmehr an das Fugger'ſche Haus zu erwählen, was ihm abſonderliche Freude mache, da er dich hochſchätze, auch in einer beſondern Angelegen⸗ heit, in welcher du dich an ihn gewandt, mit dir zu reden habe.“ —„Ach, er meint die Sache des Marx von Büben⸗ hoven, des feinen Junkerleins, des Pagen des Erz⸗ herzogs Philipp— du weißt ja— von dem ich dir erzählt, der ſeine Mutter ſo herzig liebt und ſich härm⸗ daß ſie einen ſchlechten Geſellen zum Manne hat, 3 bat den Dietrichſtein, ſich der armen Frau anzunet und ihr, wo möglich, von dem Strolch zu helfen. 5 wird's ſein! Was aber die Geſandtſchaft des Kſers an mich ſoll, begreif' ich nicht. Wenn er Geld ſo macht er's doch ſonſt ſtill ab und ſchickt nicht prut kende Geſandtſchaften, die das Regiment auf das Rathhaus zuſammenrufen. Ich will doch zuſehen, was es iſt.“ Während er beſchäftigt war, ſich zum Ausgehen um⸗ zukleiden, wozu es nicht vieler Umſtände bedurfte, trat der Stuhlmeiſter der Weberwerkſtatt, die ſich im Hauſe befand, in die Stube, ein Mann älter als Fakob Fugger, grüßte mit ehrerbietiger Vertraulichkeit und meinte, er hätte etwas anzubringen. —„So laßt hören, Chriſtophel,“ ſagte Fugger zu dem Aufſeher und Dirigenten der Weberſtube;„iſt dir ein ſchlechter Faden in den Aufzug gekommen, mit dem nach Spanien. 199 du nicht fertig werden kannſt, vder will einer der Burſche deinem Regiment nicht pariren?“ —„Meiſter, mit dem Zigeunerbuben iſt's nicht mehr zu ertragen. Ich dachte mir's gleich, als Ihr den Rangen mit aus den Niederlanden brachtet; aber Ihr wolltet, daß er an den Stuhl geſtellt werden ſollte, und es iſt geſchehen. Nun, er hat in dem halben Jahre verteufelte Streiche genug gemacht und es iſt ſchwer⸗ lich ein Tag vergangen, wo nicht gerechte Klage über en braunen Pankert eingelaufen iſt. Einen faulern, naeſchicktern, untüchtigern Lehrjungen habe ich noch nicht in der Werkſtatt gehabt; aber er iſt auch boshaft, händelſüchtig und hat nichts als arge Dinge im Kopfe. aßt Ihr ihn länger am Stuhle, ſo nimmt die Sache üter lang oder kurz ein ſchlechtes Ende; denn er rich⸗ tet Euch gewiß ein großes Unglück an, zumal ſeiner Tefelei leider Gottes mancher Vorſchub geleiſtet wird.“ —„Was hat er denn wieder angeſtellt, der Wetter⸗ junge?“ ftagte Meiſter Jakob, indeß Frau Sibylle verlegen die Augen auf die Suppenſchüſſel heftete. —„Mit dem Elſaßergörgl ſpinnt er ſchon lange Werg von einem Rocken und will ſich weder von dieſem, noch von einem andern Geſellen als Lehrjunge behandelu laſſen; denn er beſitzt einen verteufelten Bettelſtolz und gibt Einem bei jeder Gelegenheit anzuhören, er ſei Stallknecht und Reiterbub' der Erzherzogin von Oeſt⸗ reich geweſen und ſei auch hier nicht ohne Anſpruch 200 auf Frauenſchutz. Nun verſteht er allerlei vertrackte Teufelskünſte, die ihm kein Menſch nachmachen kann. Geſtern hat ſich der Görgl kaum an ſeinen Stuhl ge⸗ ſetzt und den erſten Tritt gethan, ſo ziſcht etwas unten, wie eine junge böſe Katze. Der Geſell ſchaut hinab und ſieht nichts, aber es riecht wie Schießpulver; er arbeitet weiter. Da ziſcht's noch viel toller und er gewahrt eine Flamme. Entſetzt ſpringt er auf, da fährt ihm ein feuriges Ding, wie ein kleiner Knäuel in die Beine. Görgl ſchreit, was aus dem Halſe will, alle Andern ſpringen herzu, kaum aber ſehen ſie die ziſchende, puſtende, lebendige Feuerkrabbe am Boden herum ren⸗ nen, ſo nehmen ſie Reißaus, der hölliſche Wurm hinter⸗ her, es iſt als wenn Alle⸗ toll geworden ſind. Der Toni aber will ſich ausſchütten vor Lachen. Als ich wieder in die Werkſtatt kam, war der Spuk verſchwun⸗ den und der Junge läugnet Stein und Bein und be⸗ hauptet, er wiſſe nicht, was es geweſen und wohin es gekommen ſei. Man roch aber noch den Pulverdampf, obgleich er die Fenſter geöffnet hatte.“ —„Du biſt alſo auch vor dem Teufelswurm aus⸗ geriſſen, Chriſtophel?“ lachte der Meiſter, während Frau Sibhlla ſich ausſchütten wollte.„Ei, ſolch ein alter Burſche und fürchtet ſich vor ſolch einem kleinen Ungethüm!“ —„Ich leide den Jungen nicht länger in der Stube; denn er ſteckt Euch den rothen Hahn auf's Die Reiſe v— —,——— —,——— nach Spanien. 201 Dach. Wenn aus dieſem Teufelsbraten ein Weber wird, ſo mache ich aus Eurem Kettenhund auf dem Wellen⸗ hofe auch einen. Er will auch gar nicht bleiben, ſon⸗ dern legt's recht drauf an, fortgejagt zu werden. Er denkt an nichts als Pferde, Hunde, Nichtsthun und tolle Schwänke.“ —„Ja, ja!“ rief die Frau,„wir kennen das ſchon. Ihr bürdet der armen Waiſe alles Mögliche auf. Der Junge ſoll Alles gethan haben, an Allem ſchuld ſein. Aber ich werde mich nicht irre machen laſſen, mich ſeiner anzunehmen.“ —„Beruhige dich, Chriſtophel,“ fiel ihr Meiſter Jakob in's Wort,„du ſollſt den böſen Buben los wer⸗ den. Ich ſehe ſelbſt ein, daß es thöricht war, dieſe Brut zu einem rechtſchaffenen Leinweber zu machen.“ Der Stuhlmeiſter entfernte ſich und Frau Sibylla mußte ſich abermals den Bauch halten vor Lachen über den loſen Buben, der Lehrjungen und Geſellen, Alt⸗ geſellen und Stuhlmeiſter aus der Weberſtube gejagt hatte. Meiſter Jakob entfernte ſich aus dem Hauſe und Frau Sibylla beauftragte ihre alte Magd, ihr den Toni, den Lehrjungen, zur Stelle zu ſchaffen. Der ſchwarzbraune Bube trat bald darauf ein, empfing ein Glas Wein und Näſchereien und ſchmeichelte dafür um die dicke Frau herum.„Du haſt wieder ſchlimme Streiche gemacht,“ ſagte ſie.„Ich werde dich bald *. „ Die Reiſe nicht mehr ſchützen können.— Du wirſt fortgejagt werden und das geſchieht dir ſchon recht.“ —„Der Veit Schellenberger, der arge Gauch, macht alle dieſe Dinge, wie ich Euch ſchon mehrmals geſagt, und ſchiebt ſie dann auf mich, weil er in Brüſſel Schläge bekommen hat, wie er ſagt, meinetwegen, was aber auch nicht wahr iſt. Er iſt mir auf dem Dache und will mich aus dem Hauſe verdrängen, weil ich beſſer reiten kann als er. Zu dieſem Zweck hat er mit dem Stuhlmeiſter gemeinſame Sache gemacht.“ So log der Junge friſch weg, ohne ſich zu beſin⸗ nen, und wenn ihm ſeine gütige Herrin auch nicht Alles glaubte, ſo bezeigte ſie ihm doch ihr Wohlwollen. „Höre, Toni,“ ſagte ſie, dann,„du mußt meiner Schwägerin Regina einen luſtigen Schwank ſpielen; du bekömmſt dafür einen guten Lohn von mir. Sie thut gar zu klug und will Alles beſſer verſtehen als ich. Beſinne dich doch auf eine Schelmerei, die ihre Klug⸗ thuerei zu Schanden macht.“ —„Es wird mir ſchon etwas einfallen,“ lachte der wilde Burſche, ſchlug ein paar Räder um den Tiſch herum, voltigirte über einen Stuhl, ſchnitt Grimaſſen, lief auf den Händen, die Beine in die Luft geſtreckt, balancirte den Weinbecher auf der Naſe und trank ihn zuletzt aus, Alles zum großen Vergnügen und zur beſten Unterhaltung der Frau Sibylla, ſo daß, als er ſich endlich entfernen durfte, ein blankes Silberſtück aus nach Spanien. 203 ihrem Wetſcher in ſeine Taſche wanderte, wofür er ihr einen herzhaften Kuß auf die fleiſchige Hand gab. Trotz all ſeiner Tollheiten und wol gerade durch ſie hatte ſich der wilde Zigennerjunge auch in die Gunſt dieſer Frau zu ſetzen gewußt, wie einſt in die der Erzherzogin Margaretha. Aus der Stube lief er in den Pferde⸗ ſtall und dachte nicht an den ihm widerwärtigen Web⸗ ſtuhl; die Pferde wieherten ihm freudig entgegen und er liebkoſete ſie dafür, nannte ſie einzeln beim Namen, putzte ſie und eh' man ſich's verſah, ſprengte er auf einem jungen feurigen Hengſt über die Straße und hinab durch die Vorſtadt und aus dem Jakober Thore, hin⸗ über zum Lech, um ſich in ſeinen Fluten zu tummeln und dabei den Streich auszuhecken, den er der Frau Regina Fugger ſpielen ſollte. Nach ein paar Stunden, während welcher Frau Sibylla die ganze Geſandtſchaft, den Kaiſer und was ſonſt noch, abermals gänzlich vergeſſen und ſich allein mit ihrem Hausweſen beſchäftigt hatte, kam ihr Ehe⸗ wirth mit eiligen Schritten und wichtiger Miene nach Hauſe und erſuchte ſie dringend und nachdrücklich, un⸗ verzüglich ihren allerbeſten Staat anzulegen und ſich ſo prächtig herauszuputzen, wie ſie nur vermöchte, da ſie Schlag zehn Uhr mit ihm auf dem Rathhauſe in einer höchſt wichtigen Angelegenheit zu erſcheinen habe. Die Frau ſah ihren Mann mit großen, verwundrungsvollen Augen an und ſchüttelte ſchweigend den gewichtigen 204 Die Reiſe Kopf; denn in der That hatte ſie ihn in den vier Jah⸗ ren ihrer glücklichen Ehe noch nicht ein einziges Mal auf dieſe Weiſe ſprechen hören. Noch nie hatte er ſich um ihren Staat bekümmert, noch nie ſie aufgefordert, ſich zu putzen; ſie war ſogar überzeugt, er wiſſe gar nicht, was ſie für Kleider und Schmuck beſitze. Und was ſollte ſie endlich mit ihm im Staate auf dem Rathhauſe? Jedoch nicht gewohnt, über Dinge, die ſie nicht ver⸗ ſtand, lange zu grübeln, im Gegentheil, ihrem Ehewirth, vor deſſen Geiſtesgaben ſie allen möglichen Reſpeet hatte, unbedingt zu gehorchen, rief ſie ihre alte Magd herbei, um mit Hülfe derſelben den Wunſch ihres Ge⸗ ſpons auszuführen. Dieſer hatte ſich ſogleich wieder entfernt und Frau Sibylla merkte bald, daß auch er dazu ſchreite, eine Umwandlung ſeiner äußern Geſtalt vorzunehmen. Nach einer Stunde trat er dann, auch äußerſt ſtatt⸗ lich mit ſeinem Bräutigamskleide angethan und mit einer goldnen Gnadenkette, die er vor einigen Jahren vom Kaiſer zum Geſchenk erhalten hatte, behangen, wieder bei ihr ein. Sie war dagegen noch nicht fertig; denn es ging Alles langſam bei ihr und der Magd von ſtatten. Da kamen denn endlich auch nacheinander die beiden ältern Brüder Fugger mit ihren Frauen und Kindern, zuerſt Herr Ulrich mit ſeiner Wirthin Frau Veronika. Ulrich war ein Mann von mittler Größe und ebenſo magerer Leibesbeſchaffenheit wie ſein jüng⸗ . nach Spanien. 205 ſter Bruder; auch er hatte ſo eckige und ſpitzige For⸗ men, die am ſchärfſten in ſeinem kleinen, bleichen, runz⸗ lichen Geſicht hervortraten, nur nicht in der wuchtigen Maſſenhaftigkeit wie bei Jakob. Aber Herr Ulrich ſah nicht ſo gutmüthig aus wie Jakob. Seine tiefliegen⸗ den kleinen Augen funkelten argwöhniſch aus ihren Höhlen. Aus derſelben Tiefe ſtieg die ſcharf und ſpitz hervortretende Naſe heraus und gab in Verbindung mit der hohen und krauſen Stirn dem kleinen Geſicht einen höchſt eigenthümlichen, aber nicht herzengewinnenden Ausdruck. Er war nahe daran, in's dreiundſechzigſte Jahr zu treten, ſah aber kränklich und deshalb um zehn Jahre älter aus. Seine Frau, Veronika, aus dem angeſehenen Geſchlecht der Lauginger, war eine lange, hagere ſehr dunkel gefärbte Frau, unſchön, aber von einem Stolze und einer Hoffart beſeſſen, wie man ſie einer Fürſtin kaum verziehen haben würde. Sie trat ge⸗ ſchmückt, ja wahrhaft mit Putz überladen einher, wie ein Pfau und des Goldes in Ketten, Ringen und Spangen hatte ſie ſo viel an ihrem Leibe, daß man hätte glauben können, ihr Schwager Jakob habe ihr die Ausbeute des Kremnitzer Bergwerks einige Zeit lang zu ihrem eigenen Gebrauch überlaſſen. Da ſie achtzehn Jahre jünger war als ihr Ehewirth, ſo machte ſie auch noch auf Jugend und Schönheit Anſpruch, und ihr jüngſtes Söhnlein, das ihr nachgetragen wurde, Hieronymus, war noch nicht volle drei Jahre alt. Und P 206 Die Reiſe doch hatte ſie ſchon drei erwachſene Böchter, die mit größerem Recht ſolchen Anſpruch erheben konnten, Anna, einundzwanzig Jahre alt, eine zarte Blondine mit den Fugger'ſchen Zügen, munter und ruhig; Urſula, ſieben⸗ zehn Jahre alt, lang und braun wie ihre Mutter, doch mit den veredelten Zügen derſelben, und Veronika, ein ſchelmiſches, gutmüthiges Kind mit hellblauen Augen, von ſechzehn Jahren. Sie hatten alle drei Kleider von florentiniſcher Seide an, ein ungeheurer Staat für jene Zeit, aber nur Urſula nahm ſich gleich ihrer Mut⸗ ter würdig darin aus. Die andern Beiden wußten nicht!“ recht, wie ſie ſich in dem ungewohnten Staate beneh⸗e men ſollten. Ein zwölfjähriger Bube, Ulrich, ſprang der Hauskatze nach und beſchmutzte ſich die ſchön gebür⸗ ſteten Sonntagshoſen, und die Magd, welche den klei⸗ nen Hieronymus trug, führte noch die neunjährige Si⸗ bylla, ein ſtilles frommes Kind, die ſiebenjährige Felicitas, welche kränklich, bleich und ernſt ausſah, und endlich die fünfjährige Suſanna, welche wieder ein Wildfang zu ſein ſchien. Das war der achtköpfige Kinderſegen des alten Ulrich Fugger, alle rein gewaſchen und ge⸗ kämmt und beſtens geſchmückt, um in möglichſter An⸗ ſtändigkeit mit Eltern, Oheimen und Tanten auf dem Rathhauſe zu erſcheinen. Bald darauf rückte denn auch der mittlere Bruder Georg Fugger mit ſeiner Ehehälfte Regina, gebornen Imhof, und ſeinen noch lebenden vier Sproſſen in's brüderliche Haus ein. Georg war ein nach Spanien. 207 kleiner, bis zum Anbrennen dürrer und ſchwindſüchtiger Mann, in einen prächtigen Marderpelz gehüllt und doch blan und froſtig ausſehend im warmen Sommer. Mit einem Auge ſchielte er vor Schwäche. Seine Frau war aber ein keckes, geſundes Weib, die gern viel ſprach und ſich äußerſt wichtig machte. Vorzüglich wollte ſie für eine ganz beſonders gute und ſparſame Wirthin gelten. Auf die Behaglichkeit, Bequemlichkeit und un⸗ erſchütterliche Ruhe ihrer Schwägerin Sibhlla pflegte ſie meiſt zu ſticheln. Der älteſte Sohn Marx, ein ſerzehnjähriger, lang aufgeſchoſſener Burſche, trug, zum veiſtlichen beſtimmt, ſchon das Ordenskleid der Karme⸗ liter und war ihr gelehriger Schüler. Er hatte ein bleiches, kleines, kränkliches Geſicht, wie ſein Vater, und ſchritt abſonderlich pedantiſch und in Betracht ſeiner Jugend lächerlich ernſthaft einher, ſich zur Freude ſeiner Mutter geberdend, als wenn er ſchon Archi⸗ diakonus wäre. Auch ſchenkte ihm ſein Ohm Jakob ganz beſondere Aufmerkſamkeit und ſchien den künftigen Stolz der Familie in ihm zu erblicken. Wer die Ge⸗ danken des thätigen Mannes hätte errathen können, wenn er ſeine Augen freundlich, ja ſchmunzelnd auf dem jungen Kirchenlichte ruhen ließ, der würde kühne Bilder der Zukunft dort entdeckt haben; denn Meiſter Jakob ſah auf dem Haupte ſeines Reffen nichts Geringeres als den rothen Hut des Biſchofs und zuweilen wol eine noch bedeutſamere Bedeckung. Der darauf folgende 208 6 Knabe Raimund, zwölfjährig, munter und luſtig, hatte etwas Nobles und Zierliches in ſeiner Erſcheinung und war überhaupt ein ausgezeichnet ſchöner Knabe. Auf ihn folgte der neunjährige Anton mit etwas ſtrengern und ernſtern Zügen und einem faſt altklugen Weſen. Er ſchien bei der Baſe Sibhlla ſehr gut zu ſtehen; denn ſie ſtreichelte und liebkoſete ihn allein und, als ſie 3 gebacknen Ingwer austheilte, erhielt er das größte Stück. Georgs jüngſtes Kind, ein achtjähriges Mädchen, hieß Regina wie ihre Mutter und ſchien ihr auch in den übrigen Stücken gleich werden zu wollen. Dies war die ganze Fugger'ſche Familie am 13. Juni 1502, als ſie eben im Begriff ſtand, ſich auf das Rathhaus zu verfügen, zuſammen ſiebenzehn Köpfe, drei paar Alte und elf Kinder, fünf Knaben und ſechs Mädchen. Um Jakobs Mund zuckte es einen Augenblick wie wehmüthi⸗ ger Schmerz, als er allein ohne Kinder den verhäng⸗ nißvollen Gang thun mußte; denn er wußte bereits, was die kaiſerliche Geſandtſchaft zu bedeuten hatte, aber er ſprach nicht davon. Es blieb ungewiß, ob ſeine Brüder auch unterrichtet waren, oder ob die Eröffnung für ſie wie für die Weiber und Kinder eine Ueber⸗ raſchung bleiben ſollte. Man ſprach deshalb nur von der Bauernverſchwörung im Speiergau, von welcher ₰ am Tage zuvor auch noch durch andere Botſchaften Kunde nach Augsburg gelangt war. Die Familie nahm noch einen kleinen Imbiß, trank einen Becher Wein und Die Reiſe nach Spanien. 209 ſchritt dann paarweiſe nach dem Alter, erſt die Eltern, dann die Kinder, jedesmal ein Knabe und ein Mädchen, bis die Magd zuletzt den kleinen Hieronymus trug und die drei jüngſten Mädchen führte. Auf ihren Geſichtern lag etwas Geheimnißvoll⸗Würdiges und Erwartungs⸗ volles. Dieſe ehrenwerthe Familie, Nachkommen eines fleißigen Leinwebers, ging eben einen ernſten und merk⸗ würdigen Weg. Ihr Schickſal führte ſie einer höhern Beſtimmung zu. Es war ſchier rührend anzuſehen, wie ſie einträchtig dahin ſchritten über den geräumigen Weinmarkt, ihrer Zukunft entgegen. Meiſter Jakob ſtill und ſinnend; all ſein Thun feierlich und gemeſſen. Auf dem Rathhauſe fanden ſie ſchon den ganzen, aus allen Zünften beſtehenden Rath verſammelt; Jakob Fugger war ſelbſt von den Webern des Raths, wie man ſich damals auszudrücken pflegte, d. h. er war von der Weberzunft erwählter Rathsherr und beordert, neben den allgemeinen ſtädtiſchen Angelegenheiten die ſeiner Zunft noch insbeſondere zu vertreten. Unter dem für den Kaiſer beſtimmten Thronhimmel ſtand Siegmund von Dietrichſtein, ein ſchöner kräftiger Mann in den beſten Jahren, in vollem ritterlichen Schmuck, um ihn einige kaiſerliche Räthe. Die ehrerbietige Be⸗ grüßung des kaiſerlichen Geſandten von Seiten der drei Gebrüder Fugger, ihrer Frauen und Kinder war kaum vorüber, als die Thüre wieder aufging und die ganze große Weberzunft mit ihrer Fahne, ein paar luſtig Ein deutſcher Leinweber. M. 14 „ 210 Die Reiſe aufſpielende Stadtpfeifer voran, hereinzog. Dieſen ſchloſſen ſich endlich alle Geſellen der Jakob Fugger'ſchen Werkſtatt, ihren Stuhlmeiſter an der Spitze, an, alle feſtlich gekleidet. Die Frauen blickten mit verwundrungs⸗ und erwartungsvollen Augen um ſich und wußten gar nicht, was ſie von allen dieſen außerordentlichen An⸗ ſtalten denken ſollten.— Endlich ſchlug der Bürger⸗ meiſter an die vor ihm ſtehende Glocke und erklärte die Rathsverſammlung der freien kaiſerlichen Stadt Augsburg für eröffnet. Hierauf verkündete er, daß es Sr. Majeſtät dem römiſchen Könige Maximilian, ihrem gnädigſten Herrn, in Gnaden gefallen habe, die ihm werthe und theure Stadt mit einer außerordent⸗ lichen Geſandtſchaft in der Perſon des Ritters Siegmund von Dietrichſtein zu beſchicken, welche vor eröffnetem Rath und gleichſam im Angeſicht der ganzen Stadt Augsburg den ſämmtlichen Gliedern des Fugger'ſchen Hauſes eine gnädigſte königliche Entſchließung und huld⸗ reiche Verleihung mitzutheilen und zu übergeben habe.— Der Bürgermeiſter ſchwieg und der Herr von Dietrich⸗ ſtein nahm das Wort: —„Se. kaiſerliche Majeſtät, unſer gnädigſter König und Herr, Herr Maximilian, dermalen zu Insbruck im Lande Tyrol reſidirend, hat in Betracht der viel⸗ fachen Verdienſte, welche die drei Gebrüder Fugger ulrich, Georg und Jakob, ſo wie ihr verſtorbener Vater, Jakob Fugger zu Ausgsburg, ſich ſowol um die hohe nach Spanien. 211 Perſon des Königs ſelbſt, ſowie ſeiner beiden hohen Kinder, des Erzherzogs Philipp von Oeſtreich, Herzogs von Burgund und Niederland, königlichen Prinzen von Spanien, und der Frau Erzherzogin Magaretha von Oeſtreich, regierenden Herzogin von Savoyen, als auch um die getreue Stadt Augsburg und endlich um das ganze Reich und das allgemeine Beſte erworben haben, beſonders aber in Betracht der Thätigkeit, Treue, Un⸗ eigennützigkeit, Dienſtbefliſſenheit und Menſchenfreund⸗ lichkeit des jüngſten der Brüder, des Webermeiſters und Rathsherrn Jakob Fugger, die gnädigſte Ent⸗ ſchließung gefaßt, die drei Gebrüder Fugger mit ihren Frauen und Kindern und deren Nachkommen auf ewige Zeiten und ſo lange, als noch ein männlicher Sproß dieſes Hauſes auf Erden lebt, in den Erbadelſtand des heiligen römiſchen Reichs zu erheben, ſie mit allen Vortheilen, Privilegien und Begünſtigungen der alt⸗ adligen Geſchlechter zu begnadigen und zu begaben und ihnen darüber die nöthigen Adelsbriefe auszuſtellen. Dieſe drei königlichen Gnadenbriefe werden die könig⸗ lichen Räthe der Verſammlung vorleſen.“ Dieſe zogen aus koſtbar verzierten hölzernen Kapſeln die Pergament⸗ rollen hervor, an welchen das große königliche Siegel hing, entrollten ſie und laſen mit lauter und feierlicher Stimme den Willen und Befehl des Königs, die Er⸗ hebung der Brüder Fugger in den Reichsadelſtand be⸗ treffend, vor. Sobald dieſes geſchehen war, trat 14* 212 Die Reiſe Sigismund von Dietrichſtein zu den von Rührung er⸗ griffenen Brüdern, um ihnen ſeinen Glückwunſch dar⸗ zubringen, und der Bürgermeiſter, die königlichen Räthe, die Stadtſchreiber und die Rathsherren folgten ſeinem Beiſpiel. Der Ritter von Dietrichſtein wandte ſich hierauf wieder an den Bürgermeiſter und die Rathsherren:„Es iſt mir von Sr. kaiſerlichen Majeſtät der weitere Befehl ertheilt worden, Namens meines gnädigſten Herrn des Königs an den Bürgermeiſter und Rath der freien Stadt Augsburg den Antrag zu ſtellen, daß ſie den gegenwärtigen Herrn Jakob von Fugger aus ihrer Mitte als Rath von Zünften entlaſſen und ihn als Webermeiſter ſeines Zünfte⸗ und Steuereids entbinden möchten, da ein Edelmann des deutſchen Reichs nicht auch Zunftgenoß ſein kann und darf.“ Jakob Fugger, erſt ſchon von ſichtbarer Wehmuth ergriffen, zuckte ſchmerzlich zuſammen. Daran hatte er nicht gedacht, daß er ferner nicht mehr Leinweber ſein dürfe. Er hätte in dieſem Augenblick dem Kaiſer gern das Adelsdiplom zurückgegeben, wenn es nur irgend angegangen wäre, um Mitglied des Stadtraths und Leinwebermeiſter bleiben zu dürfen. Und als nun der Bürgermeiſter das Wort nahm und, mit Zuſtimmung der Rathsglieder der Zünfte, ihn aus ihrem Kreiſe mit großen Lobſprüchen entließ und ihn losſprach von der Pflicht des der Weberzunft geleiſteten Eides, da konnte nach Spanien. 213 er die Thränen, die ihm aus dem Herzen in die Augen drängten, nicht zurückhalten. Er ſah ſich nach den We⸗ bern um und erblickte faſt alle die Männeraugen feucht. Sie traten einzeln heran, um ihm die Hände zum Danke zu reichen und ihm den Scheidegruß aus ihrem Verbande zu ſagen. —„Liebe Meiſter und Zunftgenoſſen,“ redete er ſie mit bewegter Stimme an,„ich weiß die hohe Gnade unſers allerdurchlauchtigſten Königs zu ſchätzen und bin ihm zeitlebens dankbar dafür; aber mein gnädigſter Herr wird und kann es nicht übel vermerken, wenn ich mit großem Schmerze aus Euerm ehrenvollen Verbande ſcheide. Jakob Fugger von Augsburg iſt der Sohn, Enkel und Urenkel von ehrlichen Leinwebern, er ſelbſt hat als Leinweber gelernt, iſt als Leinweber gewandert, iſt Meiſter geworden und hat Eurer Zunft angehört bis zu dieſer Stunde. Er gedachte auch als ein Lein⸗ weber zu ſterben. Gott hat es anders beſchloſſen, und des Königs Majeſtät hat befohlen, daß ich von Euch trete. Es thut mir weh; es iſt mir ſchier unerträglich. So lang' ich lebe, bin ich gewohnt das Sauſen des Webſtuhls in meiner Nähe zu hören und das Klappern des hurtig fliegenden Schiffleins. Soll's nun ferner ſtill und ſtumm in den Räumen meines Hauſes ſein? Der Webſtuhl iſt der Altar geweſen, auf dem die Fugger das tägliche Opfer ihres frommen Fleißes ge⸗ bracht, und der Herr des Himmels und der Erde hat 214 Die Reiſe ſie dafür geſegnet. Ihr ſeht hier alle lebenden Häup⸗ ter des Fugger'ſchen Hauſes beiſammen; was ſie ge⸗ worden ſind, ſind ſie durch den Webſtuhl geworden. Wenn ſie ſich der hohen Gnade ihres allerdurchlauch⸗ tigſten Königs erfreuen dürfen, ſo haben ſie's dem Web⸗ ſtuhl zu verdanken, an welchem ſie und ihre Vorfahren redlich ſchafften und wirkten. Soll ich nun den mir heiligen Webſtuhl aus dem Hauſe werfen, als ein un⸗ nützes Geräth, weil die Fugger durch des römiſchen Königs Gnade Edelleute geworden ſind? Oder ſoll ich ihn ſtehen laſſen in meinem Hauſe, ohne daß eine ge⸗ ſchäftige Hand, ein rühriger Fuß ihn in Bewegung ſetzt? Soll mein alterndes Ohr ſeine geräuſchvollen Töne nicht mehr vernehmen, für mich die liebſte Muſik? Soll das Schifflein nicht mehr hin und her fliegen, wie eine Honig eintragende Biene? Sollen die Spinnen ihre Netze an die vier Pfoſten des Gebäudes hängen, das ich als einen Tempel des deutſchen Fleißes zu be⸗ trachten gewohnt bin, und ſoll ich ſeufzend und traurig daran vorübergehen, weil ich keinen Gottesdienſt mehr darin halten darf? Darum, liebe Meiſter und Freunde, wollet mir eine Bitte geſtatten, einen Wunſch erfüllen, den ich Euch aus dem Herzen an's Herz lege! Erlaubt mir, daß ich bis zu meinem Tode die Stühle, welche in meinem Hauſe im Gange ſind, fortarbeiten laſſen darf. Ich verzichte auf jegliches Meiſterrecht; denn ich weiß es wohl, ein Edelmann darf kein Zunftmeiſter ſein. nach Spanien. 215 Kein Lehrjunge ſoll bei mir lernen und die Geſellen ſollen allein meinen Stuhlmeiſter anerkennen. Geſtattet nur, daß in meinem Hauſe gewebt werde und ich auch ferner noch mit Stolz ſagen darf: Jakob Fugger von Augsburg iſt ein Leinweber!“ Ein allgemeiner Beifallszuruf war die Antwort auf Jakob Fugger's treffliche Rede; dann riefen und ſprachen alle Verſammelten gerührt durcheinander, belobten und ſegneten ihn, die Leinweber aber ſtimmten ein Triumph⸗ geſchrei an und der Ritter von Dietrichſtein umarmte den beſcheidenen Mann mit den Worten:„Wohrlich, wer ſolche Geſinnungen hegt, verdient die höchſten Wür⸗ den, und wenn Euch der König ſeinen Freund nennt, ſpricht er damit nur die gerechte Anerkennung Eures Werthes aus. Er konnte Euch nur den äußern Adel verleihen; den innern, werthvollern habt Ihr, wie unſer edler Max ſelbſt, von Gott empfangen. Und da ich ihn, den trefflichen König und Menſchen, auch Freund nennen darf, ſo bitt' ich auch um Eure Freundſchaft, edler Fugger. Wahrlich, es wird allen Adligen des heiligen römiſchen Reichs zur Ehre gereichen, einen ſolchen Leinweber zu ihren Standesgenoſſen zu zählen, und wenn Eure Nachkommen einſt Fürſten werden ſollten, ſie werden mit vollſtem Recht ſtolz ſein dürfen auf ihren Ahn, den Leinweber.“ Die Gewährung der Bitte Jakob Fugger's wurde ſofort einmüthig vom Rath und der Weberzunft be⸗ 216 Die Reiſe k ſchloſſen und die Verſammelten wurden entlaſſen. Die Weber aber begleiteten die Fugger'ſchen Familien nach Hauſe, voran die aufſpielenden Pfeifer, die Fahne und die Obermeiſter der Zunft, hinterdrein die Meiſter und die Geſellen. Nach einer Stunde liefen aber ſchon einige Feſtbitter durch die Stadt und luden den Adel, die hohe Geiſtlichkeit und die übrigen Honvratioren zu einem Bankett auf das Tanzhaus auf den Abend des folgenden Tags von den drei Gebrüdern Fugger ein, die Weber aber zu einem Eſſen und Tanz auf ihre Trinkſtube. Die kaiſerliche Geſandtſchaft ward zur Mittagstafel von Ulrich Fugger gebeten, wozu auch der Biſchof und die vornehmſten Geſchlechter die Einladung annahmen. — ———————— 10 — — nach Spanien. Elftes Rapitel. So unſcheinbar von außen ſich auch das Haus Ulrich Fugger's am Göginger Thore dem Auge darſtellte, ſo prächtig waren einige Gemächer deſſelben eingerichtet. Da Herr Ulrich es ſich nicht hatte nehmen laſſen, das Haus ſeiner Eltern zu bewohnen, und feſt erklärt hatte, er wolle darin ſterben, wie ſie; ſo hatte ſich dagegen ſeine ſtolze Ehewirthin auch nicht hindern laſſen, darin den Prunk ihres Reichthums zur Schau zu legen. Und in dieſen Gemächern verſammelten ſich die zum Ehren⸗ mahl geladene vornehme Geſellſchaft. Da ſah man den würdigen Biſchof von Augsburg, Friedrich Graf von Zollern, einen ſchon hochbejahrten Mann; dann den Domprobſt Mathäus Lang, einen augsburger Geſchlech⸗ ter, kaiſerlichen Kanzler und früher Statthalter in Italien; ebenſo fand man den berühmten Prediger und Doctor der Theologie Johann Geiler von Kaiſersberg von Straßburg, der, vom Biſchof Friedrich berufen, vor fünfzehn Jahren einige Jahre Prediger in Augsburg 2¹18 Die Reiſe geweſen, dann aber, von den Straßburgern auf das ehrenvollſte zurückberufen, wieder dorthin zurückgekehrt war. Er hatte ſich durch ſeine witzigen und freiſinnigen Kanzelreden in dem freiſinnigen Augsburg eine Menge Freunde erworben und war auf ihre Einladung in die⸗ ſem Sommer gekommen, ſie noch einmal zu ſehen. Unter den anweſenden Geſchlechtern war der wackre und hochgeſchätzte Bartholvmäus Welſer ausgezeichnet, ein langjähriger Freund des Fugger'ſchen Hauſes, wenn auch in ſeinen Anſichten vom Regiment in Staat und Kirche nicht mit Jakob Fugger übereinſtimmend, wie die Unterredung beider Männer in Welſer's Landhauſe in Oberhauſen gezeigt hat. Dagegen ſtimmte Doetor Geiler mit Bartholomäus Welſer mehr überein und Beide ſchienen innige Freunde zu ſein. Endlich verdient unter der zahlreichen Geſellſchaft noch würdig hervor⸗ gehoben zu werden der berühmte augsburgiſche Stadt⸗ ſchreiber Dr. Konrad Peutinger, eine edle Geſtalt mit einem offenen liebreichen Geſicht, ein Mann in den mittlern Lebensjahren. Frau Veronika hatte all' ihre eulinariſche Geſchick⸗ lichkeit aufgeboten, um Ehre einzulegen, und der Ritter von Dietrichſtein erklärte ihr zu ihrer Befriedigung, daß dieſe Zimmer, dieſe Speiſen und dieſe Weine wür⸗ dig ſeien, den Kaiſer ſelbſt zu vergnügen, und daß er dies bei Sr. Majeſtät zu rühmen wiſſen werde. Nach der Tafel trat Jakob Fugger zu Dietrichſtein nach Spanien. 219 und zog ihn in ein Fenſter.„Ich habe bis jetzt noch nicht Zeit gefunden,“ redete er ihn hier an,„Euch über den Erfolg der Bitte zu befragen, die ich durch meinen Bergmeiſter in Insbruck an Euch richten ließ.“ —„Ach, Ihr meint den Auftrag hinſichtlich des Wilhelm von Lannoy, des zweiten Mannes der Wittwe Bübenhoven,“ verſetzte der Andere. —„So iſt's. Habt Ihr Gelegenheit gefunden, etwas für das arme Weib zu thun? Oder ſoll ich vor⸗ her fragen: Iſt dem wirklich ſo, wie mir hinterbracht worden, daß dieſer Menſch ſeine Ehewirthin, in wel⸗ cher das Blut der Habsburger fließt, wie in unſerm König, ſo ſchlecht behandelt, daß ſie ſchier verkümmert?“ —„Leider iſt dem ſo, wie ich aus guter Quelle weiß. Die Frau hat ſich von dieſem ſchlauen Menſchen hintergehen laſſen. Aber ich kann Euch keine Hoffnung machen, daß ſie gebeſſert wird. Es iſt nämlich dieſem Lannoh durch ſeine ausgezeichnete Reiterkunſt, die frei⸗ lich an's Fabelhafte grenzt, gelungen, ſich bei Sr. Majeſtät unſerm Könige einzuſchmeicheln, und ich darf Euch nicht verhehlen, daß König Max ganz beſondere Stücke auf den Menſchen hält. Ihr kennt die Vorliebe des Königs für alles Ausgezeichnete in körperlicher Gewandtheit und ritterlicher Uebung, in welcher er ſelbſt es zu einem ſo hohen Grade gebracht hat; Ihr kennt aber auch ſeine Schwäche für alle Leute, die ſich in dieſer Hinſicht hervorthun. Auf dieſe Weiſe iſt es dem 5 220 Die Reiſe zweideutigen Menſchen geglückt, ſich in ganz beſondere Gunſt des Königs zu ſetzen, der ihn zu ſeinem Stall⸗ meiſter gemacht hat. Endlich wird es Euch nicht un⸗ bekannt ſein, wie ſehr der König gegen alle Eheſcheidung eingenommen iſt. Er ſelbſt lebt in keiner glücklichen Ehe. Als ich es dennoch wagte, ihm die Noth ſeiner Verwandtin der Frau von Lannoy zu ſchildern, verſetzte er kalt: Sie ſoll ſich mit mir tröſten. Der Lannoy iſt ein ſchmucker Kerl, der mir gefällt, und wenn er ihr nicht auch gefallen, ſo hätte ſie ihn nicht geheirathet. Er wird nun nach der Pfeife ihrer Weiberlaune tanzen ſollen und, da er dazu ſich zu gut fühlt, ſo möchte ſie ihn wieder los ſein. Ich kenne das. Der Lannoy iſt der beſte Reiter, der mir vprgekommen, und deshalb braucht er nicht der beſte Ehemann zu ſein. Sie ſoll ſich fügen und mit ihm fertig werden, wie ſie kann. Damit war Alles aus und ich darf natürlich nun nicht wieder von der Sache anfangen, wenn ich nicht ein hartes Wort des Herrn hören will, das ſeinen Aus⸗ ſpruch nur bekräftigt.“ —„Das iſt mir leid um des hübſchen Junkers Bübenhoven wegen, der als Page des Erzherzogs Philipp jetzt mit in Spanien iſt. Es iſt rührend, wie das ſchmucke Herrlein ſeine Mutter liebt und über ihr böſes Geſchick trauert.“ —„Es thut mir ſelber leid,“ ſagte Dietrichſtein, „zumal ich den Argwohn nicht loswerden kann, der ———————— nach Spanien. 21 Lannoy iſt ein Betrüger. Er will ein Franzoſe aus Artois ſein und dort könnte wol ſein niederländiſcher Name vorkommen; auch ſpricht er das Franzöſiſche ſehr geläufig, aber ich möchte wetten, er iſt kein Franzoſe, ſondern ein Spanier, oder Portugieſe, oder wol gar ein vertriebener Maure. Mir ſind ſchon allerhand Ge⸗ danken über ihn gekommen. Aber man darf dem Kaiſer dergleichen nicht ſagen, ſobald er für einen Menſchen eingenommen iſt, ohne Beweiſe beizubringen. Und wo⸗ her ſollt' ich dieſe nehmen? Der Menſch hat ein ſo lauerndes Auge, ein ſo katzengeſchmeidiges und dabei doch verſtecktes Weſen, daß mir oft für den König bange wird.“ —„Ihr macht mir die Sache noch bedenklicher,“ verſetzte Fugger,„und ich werde nicht anſtehen, ſelbſt mit dem Könige zu reden. Es ziemt ſich, daß ich mich in Perſon bei Sr. Majeſtät für meine Brüder und mich bedanke. Sie können, wie Ihr ſelbſt ſeht, wegen Kränklichkeit die Reiſe nicht machen; ich habe aber außer⸗ dem noch mancherlei Geſchäfte in Tyrol und muß ein⸗ mal in meinem Silberbergwerke ſelbſt nachſehen.“ Bartholomäus Welſer geſellte ſich darauf zu Jakob Fugger.„Ihr habt mir vorgeſtern eine ſchlimme Kunde gebracht,“ ſagte er ſcherzend,„und waret etwas ange⸗ ſtochen, daß ich nicht auch auf die Bauern drauf ſchlug, ſondern vielmehr meine Streiche auf die Herren mit und ohne Platte richtete; heute will ich Euch mit mir 222 Die Reiſe ausſöhnen und Euch zum Recompenz eine angenehme Nachricht bringen, die Euch erfrenen wird, wie ſie mich erfreut hat. Mein Bruder Hans iſt dieſen Morgen von Antwerpen zurückgekehrt. Er hat den Widerſtand der befehlenden Herren eben ſo glücklich beſiegt, wie Ihr, und des Erzherzogs Statthalter, der Ritter Wil⸗ helm von Croy, Herr von Chievres, iſt auf unſrer Seite. Unſre Aufnahme in den Bürgerverband bedarf demnach nur noch der Beſtätigung des Erzherzogs, die natürlich nach ſeiner Rückkehr aus Spanien ſogleich er⸗ folgen wird, da er ſie, nach der Lage der Dinge, nicht verſagen kann. Mein Bruder hat bereits ein Haus gekauft nicht weit von dem Eurigen und mit Hülfe Eures Vetters Leonhard Fugger das Geſchäft einge⸗ richtet. Er rühmt Leonhards Kenntniſſe und Dienſt⸗ willigkeit ſehr. In der That ſind wir Euch den größten Dank ſchuldig in dieſer Angelegenheit, denn ohne Euch wär' es den Welſern nicht eingefallen— wenigſtens jetzt noch nicht— eine Zweighandlung in Antwerpen anzulegen. Und während ein Andrer gewiß Alles auf⸗ geboten haben würde, mein Unternehmen zu hintertrei⸗ ben und mit Neid und Scheelſucht zu betrachten, habt Ihr als ein ächter und wahrer Freund mir nicht nur den vortheilhaften Vorſchlag gethan, ſondern mich auch auf jegliche Weiſe unterſtützt. Wahrlich, Jakob, ich werd' Euch das gedenken, ſo lange mir der Athem ein⸗ und ausgeht.“ nach Spanien. 223 —„Macht doch davon kein Redens, Freund Bar⸗ tholomã,“ verſetzte der beſcheidene Fugger,„und be⸗ denkt doch nur, daß es mein eigner Vortheil war, Euch dort an der Seite zu haben. Es iſt gar viel werth, wenn im fremden Lande ein Freund ſich auf den andern ſtützen kann, und vereinte Kräfte richten mehr aus als ein Einzelner. Auch werden ſich unſere Leute dort gegen⸗ ſeitig im Auge haben und es einander zuvorthun wol⸗ len. Laßt uns nur feſt zuſammen halten; es müßte nicht gut ſein, wenn wir nicht das Heft in die Hand bekommen wollten.“ —„Ihr ſollt' nicht wähnen, daß ich mich von Euch an Offenheit, Ehrlichkeit, redlichem Eifer und aufrich⸗ tiger Freundſchaft beſchämen laſſe. Unſer Vortheil geht dort Hand in Hand.“ —„und laßt uns die neue weſtindiſche Welt im Auge behalten. Eine Handelsniederlaſſung an jenen reichen Küſten muß, geſchickt geleitet, von den allerwich⸗ tigſten Folgen ſein.“ —„Das iſt auch meine Meinung und ich bin bereit, das Geſchäft mit Euch in Compagnie zu unter⸗ nehmen. Fünfzigtauſend Goldgulden ſetz' ich daran als erſten Wurf.“ —„Topp!“ ſagte Jakob Fugger erfreut.„Ich gebe die gleiche Summe und mit hunderttauſend Gul⸗ den läßt ſich ſchon etwas anfangen. Meine Brüder brauchen vor der Hand noch nichts davon zu erfahren. 224 Die Reiſe Ihr kennt ſie ja; ſie ſind ängſtlich und wunderlich. Glückt unſer Unternehmen, ſo haben ſie den Vortheil davon; mißglückt's, ſo trag' ich den Schaden allein.“ —„Ihr ſeid immer der brave Jakob Fugger, der edle Mann, ob Edelmann oder Leinweber.— Wie weit ſeid Ihr mit der weſtindiſchen Angelegenheit?“ —„Wenn ich nicht irre, ſagte ich Euch ſchon, daß mir unſer nürnberger Freund Jakob Beheim in Liſſabon auf meinen Brief geantwortet und mich ſeines ganzen Einfluſſes beim Könige von Portugal verſichert hat. Er hat auch bereits mit dem Könige geſprochen und ſie erwarten dort nur die nach Weſtindien geſandten Schiffe zurück, um mir dann Näheres zu melden. Dar⸗ auf habe ich wieder an Beheim geſchrieben und Vor⸗) ſchläge gethan, die ich Euch in Abſchrift mittheilen werde. Ich werde aber nächſtens mich auch an den Kaiſer wenden mit der Bitte, daß er mein Geſuch beim König von Portugal unterſtütze.“ —„Was Ihr auch thut in dieſer Angelegenheit, handelt mit in meinem Namen. Ich werde Euch Voll⸗ macht geben, daß Ihr das Geſchäft mit als das meinige betreiben könnt. Auch gedenk' ich in dieſem Jahre ſelbſt noch nach Antwerpen zu gehen, um die Schiffe auszu⸗ rüſten, welche mit nächſtem Frühjahr in See gehen ſollen.“ —„Glück auf!“ rief mit funkelnden Augen Jakob Fugger, ſich vergnügt die Hände reibend.„Die Welſer nach Spanien. 225 und Fugger von Augsburg ſollen, denk' ich, auf den niederländiſchen Märkten und in den Häfen der alten und der neuen Welt, in Oſt⸗ und Weſtindien, floriren.“ —„Glaubt mir, Freund Jakob,“ ſagte Welſer feierlich,„uns treibt ein höherer Geiſt, als der unſrige, und ich fühle in einſamen Stunden ſein Drängen und Treiben in mir; es gemahnt mich wie das göttliche Sauſen eines neuen Schöpfungsmorgens. Und Ihr ſeid vom vorſorgenden Himmel noch mehr als Werkzeug auserſehen, als ich ſelbſt. Ihr ſeid ein rechter Mann des jungen Jahrhunderts, der neuen Zeit. Als beim Scheiden des alten Jahrhunderts die Glocken von unſern Thürmen ertönten, haben ſie einer großen, einer gewal⸗ tigen Zeit zu Grabe geläutet. Die Blüte des deut⸗ ſchen Ritterthums iſt verwelkt, die Frucht dieſer Zeit verfault; aber aus ihren Kernen ſchießt ein neues Ge⸗ wächs, eine neue Zeit, ein neues Leben hervor. Und das Pflänzlein wird groß und ſtark werden, ein mäch⸗ tiger Baum, der ſein Geäſt und Gezweig über alle Länder breitet. Wir aber ſind zu Pflegern des Keims und des jungen Reiſes berufen. Nicht mehr Burgen ſollen die Menſchen bauen und nicht mehr Dome; Ritter und Pfaffen haben ſich ſelbſt geſchändet in den Augen der Welt; die große, ſchöne, ſtolze Herrlichkeit des deutſchen Reichs und der Kirche iſt vorüber. An uns iſt eine andere, eine höhere Aufgabe geſtellt; nicht vergebens haben kühne Seefahrer neue Welten entdeckt. Ein deutſcher Leinweber. H. 15 226 Der Handel wird das neue Band der Völker. Im Kaufmann wirkt und webt der heilige Geiſt der neuen Zeit. Wie die Taube mit dem Oelzweig im Schnabel, fliegt er über die Meere und trägt den Samen der Geiſtesbildung für kommende Jahrhunderte. Nicht der Ritter, nicht der Pfaff' ſollen ferner mehr Herren der Welt ſein, ſondern die ſchaffende, die bildende Hand des Bürgers, der kühne Geiſt des Kaufmanns, der Fleiß des Bauers ſollen obenan ſtehen von Gottes⸗ und Rechtswegen. Und deshalb hat der gedrangſalte Bauer ein Recht, ſich gegen ſeinen thranniſchen Herrn zu erheben und ihm mit der plumpen Waffe in der Hand den Gehorſam aufzuſagen. Denn all' das iſt Menſchenſatzung, Menſchenwerk— und die von Menſchen geſchmiedete Kette kann wieder von Menſchen geſprengt werden. Der Bauer iſt im Recht, wenn er den üppi⸗ gen, gleißneriſchen Pfaffen, wenn er den übermüthigen Edelmann nicht mehr füttern will; er iſt im Recht, ſag' ich Euch, wie wir im Recht ſind, wenn wir auf unſern Schiffen nach der neuen Welt fahren. Er dient dem Zeitgeiſt, wenn er auf die faulen Gäuche losſchlägt, die ihn zum Vieh herabwürdigen wollen, wie wir dem Zeitgeiſt dienen, wenn wir die Schätze Oſtindiens auf die Märkte Europa's führen, und der heilige Geiſt der Zeit ſauſt und brauſt in ihm, wie in uns, und drängt und treibt ihn einem unbekannten, aber großen Ziele zu, wie uns ſelbſt.“ Die Reiſe w— nach Spanien. 227 —„Wenn man Euch ſo reden hört,“ ſagte Jakob Fugger mild lächelnd, wie es ſeine Art war,„ſo ſollte man ſchwören, Ihr hättet vollkommen recht. Ich aber halte es mit dem Gehorſam gegen die Obrigkeit und mit der Ehrfurcht gegen die heilige Mutter Kirche. Mag es immerhin ſchlechte Edelleute und noch ſchlechtere Pfaffen geben; das Regiment iſt ein heilig, unantaſt⸗ bar Ding, das Zucht und Ordnung auf Erden erhält. Die heilige Religion ſteht noch höher, denn ſie ſchließt uns den Himmel auf.“ —„Ja der Glaube an Chriſtus, aber nicht der Glaube an den Papſt und die Pfaffen. O Freund, lernt Beide wohl von einander unterſcheiden! Und ein weltlich Regiment ſoll gerecht ſein und den Bauer als Menſchen behandeln, wie ihm zukommt und wie er vor⸗ mals behandelt worden iſt. Dort ſteht Doetor Peutinger, ein gelehrter und hochſinniger Mann; fragt ihn doch, ob ein Menſch allein Pflichten auf der Welt habe und nicht auch Rechte. Dort ſteht Doctor Geiler, der treffliche Kanzelredner; laßt Euch belehren was den Menſchen vor Gott erlaubt iſt, wenn Willkür und Tyrannei die Menſchenwürde in ihm verſpotten.“ —„Lieber Freund Bartholomä, ich ſag' Euch das: ich bin ein Leinweber und ein Kaufmann; ich warte meines Geſchäfts und laß für das Andere Gott ſorgen und die Leute, welche davon mehr verſtehen als ich ſelbſt. Und ich will bei dem Spruche leben und ſterben: 228 Gebet dem Kaiſer was des Kaiſers iſt und Gott was Gottes iſt. Und damit Amen!“ So brach der wackre Mann das Zwiegeſpräch ab und geſellte ſich zu andern Gäſten. Der Abend führte die ganze vornehme Welt Augsburgs in dem großen Saale des Tanzhauſes zuſammen. Das Feſt hatte auf Jakob Fugger's Bitte der Maler van der Vvort angeordnet und ausgeſchmückt und es machte ihm und den Feſtgebern Ehre. Die Anordnung auf der Webertrinkſtube hatte Jakob Fugger ſelbſt getroffen, aber ſeine rechte Hand war dabei der ſeelenvergnügte Veit Schellenberger, der wohl wußte, daß hier eben ſo wenig, wie auf dem Tanzhausbankett Geld geſpart wer⸗ den durfte. Und fürwahr, die ärmſten Weber tranken hier denſelben guten alten Wein, den der Biſchof auf dem Rathhauſe im goldenen Becher belobte. Jakob Fugger hatte die Anordnung getroffen, daß je eine von den drei Fugger'ſchen Familien auf der Webertrinkſtube unter den fröhlichen Leuten zubringen mußte, und ſie löſten ſich nach einer Stunde immer einander ab. Er ſelbſt machte mit ſeiner Sibylla den Anfang und die dicke gemüthliche Frau gefiel ſich ſo wohl, daß ſie gar nicht große Luſt bezeigte, auf das Tanzhaus zurückzu⸗ kehren. Nicht gleiche Zufriedenheit zeigten Frau Vervnika und Frau Regina mit dieſer Anordnung. Doch war die Erſtere klug genug, es ſich nicht merken zu laſſen. Frau Regina ließ aber, wie immer, ihren Unmuth über Die Reiſe nach Spanien. 229 die Zunge ſpringen und ſprach ſich bei Frau Sibylla, die ſie ablöſen ſollte, bitterbös aus, daß ſie hier unter dem Geſindel verweilen ſolle und dort die ihr eben⸗ bürtige Geſellſchaft meiden müſſe. Sie ſchalt Veit Schellenberger, der ihr zutrinken wollte, einen Tölpel, und meinte, der Kaiſer habe ſie doch wahrlich nicht in den Adelſtand erhoben, damit ſie ſich mit zünftigen Leinwebern gemein machen ſolle. Auf dieſe unverſtän⸗ dige Rede gab Frau Sibylla dem Toni, der ſich in ihrer Nähe aufhielt und ſie mit ſeinen ſchelmiſchen, aus⸗ drucksvollen Augen fragte, einen zuſagenden Wink. Der Knabe flüſterte hierauf mit Veit Schellenberger und entfernte ſich. Frau Regina kürzte ihre Zeit bedeutend abz als ſie aber wieder auf dem Tanzhauſe erſchien und mit einem vornehmen Geſchlechter zum Tanz an⸗ trat, entſtand ein leiſes Kichern und Lachen, welches bald um ſich griff und lauter wurde. Die Urſache deſ⸗ ſelben konnte nicht lange verborgen bleiben. Frau Regina trug hinten an ihrem koſtbaren ſeidenen Kleide einen dicken Büſchel Leinweberzettel, wie einen Pferde⸗ ſchweif, der bei jedem Tanzſchritt luſtig hüpfte. Die ſtolze Frau wurde bleich vor Zorn und Aerger und brach in ein heftiges Weinen aus, als ihr Frau Sibylla den häßlichen Büſchel mit den Worten unter die Augen hielt:„Man will Euch bemerklich machen, daß Ihr niemals vergeſſen ſollt, die Fugger ſtammen vom Web⸗ ſuhl her 4 230 Die Reiſe Der kleinen, eiteln Frau war die Freude des Abends verdorben. Jakob Fugger drohete ſeiner ſchalkhaft lächeln⸗ den Wirthin und ſagte:„Das hat der Toni gethan und kein Menſch weiter, und ich will nicht wiſſen, mit weſſen Verlaub und Zuſtimmung. Ich weiß aber, was ich mit dem Buben zu thun habe. Er dürfte ja doch nicht in meiner Werkſtatt auslernen, da ich das Meiſter⸗ recht verloren habe. Er ſoll mir in die Silberberg⸗ werke in Tyrol. Unter der Erde wird er zahm wer⸗ den.“— Zu dem niederländiſchen Maler ſagte er denſelben Abend:„Meiſter Martin, rüſtet Euch mit mir nach Insbruck zu reiſen. Es wird Eilch gut thun, und Ihr ſollt ſelbſt mit dem Kaiſer wegen Eurer Wirthin reden.“ — nach Spanien. 231 PZwölftes Rapitel. An einem ſchönen Sommermorgen in der thauigen Frühe ritten vier Reiter aus dem Thore der heitern Bergſtadt Insbruck dem hüpfenden Inn entgegen durch die perlen⸗ blitzenden Wieſen im Thal den höheren Gebirgen zu; zwei voran, zwei hinterdrein. Die Erſteren waren die Herren, die Letzteren die Knechte. In der Kleidung hatten aber Jene nicht viel vor Dieſen voraus. Schlichte, dunkle Kleider von Kopf bis zu Fuß, in nichts aus⸗ gezeichnet vom einfachſten Bürger. Und doch waren es zwei der merkwürdigſten und außerordentlichſten Men⸗ ſchen ihrer Zeit, der Eine der deutſche König Maximilian, der Andere Jakob Fugger von Augsburg. Das derbe, fröhliche Geſicht hinter ihnen war das Veit Schellen⸗ berger's, der, im Gefühl ſeines Werths und ſeiner Bedeutung unbefangen und ſicher mit dem kaiſerlichen Reitknecht plauderte. Maximilians edle herrliche Geſtalt, die noch immer in der vollen, kräftigen Blüte männ⸗ 232 Die Reiſe licher Schönheit ſtand, einer Schönheit, die, in Ver⸗ bindung mit ſeiner Dichtergabe, ihm zwanzig Jahre früher den Namen des öſtreichiſchen Apolls erworben, hob ſich zwar auffallend vor Fugger's unſchönem Aeußern hervor, aber aus dem Auge des Leinwebers ſprach die⸗ ſelbe Herzensgüte, derſelbe Edelſinn, dieſelbe Gemüths⸗ klarheit, wie aus denen des Königs, und daß Beide nur auf das Innere des Menſchen, auf die That, Werth legten, deutete die Einfachheit ihres Anzugs hinlänglich an. Wie befreundet dieſe beiden ausgezeichneten Men⸗ ſchen waren, ging aus ihrer zwangloſen, unbefangenen Unterhaltung hervvr. Auch darf nicht unbemerkt bleiben, was auf ihr gegenſeitiges, ſchier inniges Verhältniß jedenfalls nicht ohne Einfluß geblieben war, daß ſie Beide in einem und demſelben Monat, im März 1459, geboren waren und Jakob Fugger nur wenige Tage älter war als Maximilian. Dieſe Altersgleichheit hatte ſie ſchon früh zuſammen geführt, als Maximilian mit ſeinem Vater zum Erſtenmal in Augsburg geweſen war, und ihr freundſchaftliches Verhältniß war in einer lan⸗ gen Reihe von Jahren nicht nur durch nichts geſtört worden, es hatte ſich im Gegentheil nur noch mehr be⸗ feſtigt. Maximilian kannte noch nicht jene kalte glatte Freundlichkeit gegen den ausgezeichneten Unterthan, die wie ein Lufthauch die Oberfläche des Waſſers nur das Geſicht bewegt, ohne in der Tiefe eine Veränderung zu bewirken; er wußte nichts von jener treuloſen Heuchelei, nach Spanien. 233 die erß— ſm Entel und Nachfolger Karl V. auf den deutſchen Thron kam und ſeitdem zu den unent⸗ behrlichen fürſtlichen Eigenſchaften zu gehören ſcheint, ja die gewiſſermaßen für eine Lebensbedingung des fürſtlichen Weſens gilt. Maxiſilians Freundlichkeit gegen Jakob Fugger war ächt, biederherzig und offen; aus ſeinem Benehmen konnte man unmöglich den großen Standesunterſchied, der zwiſchen beiden Männern lag, wahrnehmen, und wenn man es nicht an der Ehreybie tung, welche Fugger gegen ſeinz Kaiſer nicht einen Moment aus den Augen ſetzte, gemerkt hätte, welcht verſchiedene Erdenlooſe den beiden Reitern gefallen wären, man würde ſie für ein Paar kleine Gutsbeſitzer oder Pächter aus der umgegend gehalten haben. —„Tröſt' Euch St. Afra und wer ſonſt wil!“ lachte der König.„Wie in aller Welt kommt Ihr nur dazu, guter Jakob, der Fürſprecher für zwei leichtfer⸗ tige Weiber zu werden, Ihr, der die Frauen wie böſe Geiſter gefürchtet hat bis in's neununddreißigſte Jahr? Seid Ihr denn nun noch ein Weiberhöfler und Minne⸗ wart geworden und brecht Eurer Ehewirthin die kaum gelobte Treue? —„Fürwahr, es macht ſich ſeltſam,“ verſetzte Fugger ebenfalls lachend,„daß ich Ew. Majeſtät gerade um ein Paar Frauen mit dringender Bitte angehe, die doch eigentlich mich nichts angehen, und ich wundere mich baß ſelber, wie ich plötzlich und gegen Luſt und 234 Die Reiſe Willen zum Weiberbeſchützer geworden bin. So machen Einen die Umſtände oft zu Etwas, an das man gar nicht gedacht hat. Aber wozu Einen das Schickſal ſtempelt, das ſoll man auch mit ganzer Seele und allen Kräften ſein. Und deshalb will ich mit Bitten nicht ablaſſen, bis mir Ew. Majeſtät Gnade für die beiden unglück⸗ lichen Frauen zugeſagt hat.“ —„Ich werde Euern übertriebenen Eifer für ein Paar Unterröcke Eurer ehrbaren Wirthin verrathen, damit Ihr für ſolche Allotria die gerechte Strafe be⸗ kommt. Miſcht Euch nur erſt in Weiberhändel, werdet Frauenvogt und Treuenmund, dann ſagt nur gleich zu Euern guten Tagen Ade! und jagt Ruh' und Frieden aus dem Hauſe. Ihr ſpannt Euch muthwillig ſelbſt auf die Marterbank und ſetzt Euch mit abgezogenen Hoſen in einen Ameiſenhaufen.“ —„Gnädigſter Herr, ich will mit ihnen fertig werden. Für die Eine bitt' ich um Ihres Mannes willen, der ein braver und geſchickter Meiſter und— weil ich ihr Gaſt geweſen bin und ſie mich gut ge⸗ halten hat, als ſie noch in beſſern Umſtänden war. Laßt Gnade für Recht an ihr ergehen und gebt ſie frei; die Lehre wird bei ihr angeſchlagen haben. Für die Andre bitt' ich um ihres Sohnes, eines frommen und gutherzigen Junkerleins, wegen. Helft ihr von dem Manne, damit die gedrangſalte Frau wieder des Lebens froh werde. Ich war geſtern bei ihr auf ihrer nach Spanien. 235 Burg und ſchwöre Ew. Majeſtät zu, die Frau, die noch vor kurzem hübſch geweſen ſein muß, iſt abgehärmt wie ein Schatten. Was hindert Euch doch, mein gnädigſter König, die Frau, die ja doch eines öſtreichiſchen Herzogs Tochter iſt, von ihrem Plagegeiſt zu befreien und dieſen dann immer noch zum Dienſt Eurer Pferde beizubehalten?“ —„Was mich hindert?“ ſagte der König unluſtig. „Du fragſt mich keck, Jakob Fugger; aber weil du es biſt, will ich dir antworten. Mein Stallmeiſter Lannoy hindert mich ſelbſt. Er iſt mit ſeiner Frau gar wohl zufrieden, er liebt ſie und verlangt nicht von ihr ge⸗ trennt zu ſein. Was will denn die Greinerin? Ich kenne ſie noch von ſonſt, als der Bübenhoven noch lebte. Der war eine lammfromme Seele und tanzte fein lieblich und gehorſam nach dem Pfeiffchen ſeiner Frau; jedoch war ſie auch mit ihm nicht zufrieden. Kaum meldet ihr Lannoy ihres Mannes Tod, ſo herzt ſie den Boten im Arm, und weil dieſer ein luſtig Blut iſt und lieber zu Roß ſitzt, als in der Kunkel⸗ ſtube, ſo will ſie ſich von ihm ſcheiden. Aber der Lannoy iſt mir lieb; er iſt ein kecker und netter Edel⸗ mann und mir in vielen Dingen treu und dienſtbar, pünktlich und verſchwiegen, wozu ich einen Andern nicht gebrauchen kann. Und in dieſen betrübten Zeiten, wo das ganze Reich gegen mich iſt, wo die Stände mich zu ihrem Affen und Narrnhanſen haben wollen, wo ſo⸗ gar den Bauern der Satan im Kopfe ſpukt, thun mir 236 Die Reiſe treue Leute gar noth. Ich ſag' Euch, Jakob, der Lannoh hat ſich große Verdienſte um meine Perſon er⸗ worben; es iſt mir lieb, daß er mein Vetter iſt, denn dadurch iſt er nur noch feſter an mich gebunden, und ſo werde ich nimmer zugeben, daß er von ſeinem Weibe geſchieden werde. Und darum kein Wort weiter in dieſer Sache! Um mich Euch aber doch gnädig zu er⸗ zeigen, ſo will ich die Niederländerin freigeben, obgleich ſie nichts weniger als mene Gnade verdient; denn den ge⸗ meinen Mann aufwiegeln gegen Gott und Obrigkeit, iſt eins der ärgſten Vergehen. Ich mag Euch aber nicht ganz abweiſen. Erkennt daraus, wie lieb und werth Ihr mir ſeid.“ Und wieder ſcherzend ſetzte er hinzu:„Wir wollen uns dem⸗ nach in die beiden Weiber theilen, damit Jeder von uns ein Stück davon trage; nehmt Ihr die Niederländerin und laßt mir meine Baſe.“ —„Ihr werdet mit dieſer ſo wenig ein Vergnügen haben, wie ich mit jener,“ ſetzte Fugger den Scherz fort, „und doch wollte ich, Ihr überließet ſie mir Beide. Ihre Männer wollt' ich Euch gern gönnen. Kann doch der Kaiſer nur Männer, nicht Weiber zu ſeinem Dienſt gebrauchen.“ —„Vorzüglich, wenn die Weiber Aufruhr gegen mich und mein Regiment predigen. Aber Euern Maler mag ich nicht. Er hat mir ein triſtes und kümmerliches Anſehen und ich liebe frohe Leute. Der Stallmeiſter iſt nach meinem Sinn. Ihr habt mir noch nicht geſagt, wie er Euch gefallen hat.“ ——— — nach Spanien. 237 —„Ich habe meine abſonderlichen Gedanken über ihn, die ich Ew. Majeſtät morgen zu eröffnen gedenke, wenn wir wieder in der Stadt ſind. Er mag immer⸗ hin einer der geſchickteſten Reiter ſein; was mich aber betrifft, ſo konnte ich ſeinen Kunſtſtücken nicht das Maß von Bewunderung zollen, das Ihr vielleicht, als habe ich ſo etwas noch nicht geſehen, von mir erwartet habt; denn in Wahrheit, ich habe einen Leinweberlehrjungen, der noch geſchickter reitet und mit noch größerer Leich⸗ tigkeit waghalſige Kunſtſtücke auf Pferden ausübt, als Ew. Majeſtät gerühmter Stallmeiſter.“ —„Ihr wollt Scherz mit mir treiben, Jakob! Ein Lehrjunge vom Webſtuhle und der geſchickteſte Kunſt⸗ reiter! Er ſoll das Reiten wol auf dem Webebaum gelernt haben?“ —„Ich werde mich nicht unterfangen, mit Ew. Majeſtät einen unziemlichen Scherz zu treiben. Die Sache verhält ſich wirklich ſo, wie ich angegeben habe. Und zum Glück kann ich morgen ſchon den Beweis meiner Ausſage liefern. Denn da ich mein Meiſter⸗ recht als Leinweber verloren habe, ſo ſoll mir der Junge ein Bergmann werden; ich habe ihn deshalb mitgebracht, um ihn in einen Schacht zu ſtecken.“ —„Aber was treibt Ihr für Poſſen? Wenn der Junge nur halb ſo gut reitet, wie Ihr ſagt, was ſoll er da am Webſtuhle und im Schacht? Setzt ihn auf's Pferd und Ihr habt ihn verthan.“ Die Reiſe —„Es iſt der Wille ſeiner hohen Gönnerin, daß er ein tüchtiges Handwerk erlerne, und er muß gehorchen. Dieſe Gönnerin, die ihn mir übergeben, iſt Ew. Ma⸗ jeſtät eigene Tochter, die durchlauchtigſte Erzherzogin Margaretha.“ —„Nun dann übergebt mir den geſchickten Bur⸗ ſchen, ich will's bei meiner Tochter verantworten.“ —„Ihr werdet ihm ſchwerlich Eure Gnade ſchen⸗ ken, wenn ich Euch ſage, daß er der Sohn eines Zi⸗ geuners iſt, da ich Ew. Majeſtät Abneigung gegen dieſe fremde Volksrage von ſonſt her kenne.“ —„Ein Zigeuner?!“ rief der König.„Rein, dann mag ich ihn nicht und wenn er wirklich ſo reitet, wie Ihr angebt. Es iſt ein ſchmutziges, arbeitſcheues, treuloſes Volk, das am beſten thäte, wenn es wieder dahin ginge, woher es gekommen iſt. Ich würde nie einen Zigeuner in meinem Dienſt dulden. Schon mein Vater hatte dieſelbe Abneigung gegen dies fremde Volk wie ich. Es durfte ihm nie ein Zigeuner nahe kom⸗ men bei Todesſtrafe. Dies Gefühl ſcheint ſich nicht auf meine Tochter vererbt zu haben. Nun reiten ſehen will ich Euern Burſchen doch.“ In allerlei Zwiegeſpräch erreichten ſie endlich das Fugger'ſche Bergwerk, wo die Knappen den König mit einem fröhlichen„Glückauf!“ begrüßten. Auch der Maler Martin van der Voort ſtimmte mit ein in dieſen Zuruf. Sie hatten ſich mit ihrer Fahne und Berg⸗ nach Spanien. 239 muſik vor dem großen Zechenhauſe aufgeſtellt und die⸗ ſes nebſt den naheliegenden kleinen Häuſern der Vor⸗ geſetzten und Knappen freundlich mit Laubgewinden und Blumenkränzen ausgeſchmückt. Die ganze Knappſchaft mit ihren Obern war im Staat; die Bergpfeifer ſpiel⸗ ten luſtige Weiſen. Eine ſchöne Jungfrau im bunten, kurzen Gewand und dem rothen ſilbergeſchnürten Bruſt⸗ latz der Oberinnthalerinnen, die Tochter eines Ober⸗ ſteigers, trat hervor und kredenzte dem Könige einen ſilbernen Becher mit köſtlichem Wein, den er erfreut annahm. Als er ihn an die Lippen ſetzte, wurden mehrere Böller auf der nahen Berghöhe losgebrannt, die Muſik ſchmetterte einen Tuſch und die Knappſchaft trank mit Jubelgeſchrei auf des Königs Ge ſundheit. Der König ſchien ſehr angenehm überraſcht und reichte dem vergnügt lächelnden Fugger den halbgeleerten Becher mit freundlichſtem Danke. Dann winkte er den Maler van der Voort herbei und ſagte zu ihm:„Be⸗ dankt Euch bei Euerm Freunde und Gönner Jakob Fugger; denn ich habe ſeiner Fürbitte nachgegeben und ihm die unverzügliche Freigebung Eurer Frau bewilligt. Die aufrühreriſchen Bauern im Speiergau ſind bereits zu Paaren getrieben und die Anführer und Aufwiegler um einen Kopf kürzer und für ewig ruhig gemacht wor⸗ den. So will ich denn auch mit Eurer Frau nicht weiter rechten, zumal ſo gute Fürſprache für ſie ein⸗ gelegt worden iſt. Schärft es ihr aber ein, daß meine 240 Die Reiſe Gnade nicht unerſchöpflich iſt und daß ich eines Auf⸗ rührers Kopf von Gottes und Rechtswegen ſpringen laſſe ohne Anſehen, ob er auf einem zarten Frauennacken oder ein Paar derben Männerſchultern ſitzt. Denn Jedermann, aber auch jede Frau ſei Unterthan der von Gott eingeſetzten Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, und wer es wagt, ſich gegen ſie aufzulehnen, der iſt des Todes ſchuldig. Und ſo gern ich als Mann ſchönen Frauen huldige, ſo ſtreng bin ich als König und Herr auch gegen ſie, wenn ſie ſich in die Dinge miſchen, von denen ſie nichts verſtehen und die ſie nichts angehen. Mulier taceat in ecclesia gilt auch vom weltlichen Re⸗ giment. Prägt das Eurer Wirthin tief ein, damit ſie ſich vor Schaden hüte.“ Der Maler war in die Knie geſunken und küßte den Saum an des Königs Rock, ſeinen Dank in un⸗ zuſammenhängenden Worten ſtammelnd. —„Ihr ſeid mir gar keinen Dank ſchuldig, ſondern Herrn Fugger“ fuhr Marimilian leutſelig fort. —„Hoher Herrk“ rief der Maler weinend,„ge⸗ währe mir Ew. römiſche Majeſtät die gnädigſte Ver⸗ günſtigung, daß ich die Befreiungsbotſchaft, Ew. Ma⸗ jeſtät Befehl, ſelbſt nach Burgan bringen darf. Kein anderer Bote wird ſo ſcharf reiten wie ich.“ —„Wohl!“ entgegnete der König mild lächelnd und nickte Fugger, der eben ſo freundlich gerührt auf den Maler ſah, gewährend zu.„Ihr mögt den Befehl nach Spanien. 241 morgen bei früher Stunde in unſrer Kanzlei in Insbruck in Empfang nehmen.“ —„Wenn Ew. Majeſtät Gnade mir zwei Zeilen in die Feder ſagen wollte, bemerkte jetzt Fugger mit Beſcheidenheit und lächelte wieder durch die Thränen, die an ſeinen Wimpern hingen, ſo würden wir oben im Zechenhauſe Papier, Feder und Dinte finden und Eure Unterſchrift würde dem Befehl dieſelbe Kraft geben, als wenn ihn ein kaiſerlicher Rath abgefaßt hätte. Euer Schwertknauf vollendet als Petſchaft die Urkunde. Dann könnte der frohbewegte Mann ſogleich von hier aus ſeine Reiſe antreten; ich gäb' ihm ein ſchnelles Rößlein und ich wette, er wäre morgen bei guter Zeit in Burgau.“ —„Was iſt da zu thun?“ ſcherzte der König in ſeiner milden leutſeligen Art.„Ich ſeh' mit Schrecken, in welche Hände ich gefallen bin und daß ich ihnen nicht entrinnen kann, ohne mein Regiment heute nach Herrn Jakob Fugger's Wünſchen einzurichten. Nun muß doch jede Urkunde von einem königlichen Rathe mit unterzeichnet ſein. Um alſo dem Maler ſchnell fortzuhelfen, muß ich Euch wol zum königlichen Rath ernennen, damit das Dveument ſeine volle, unantaſtbare Gültigkeit habe.“ —„Es lebe unſer trefflicher König, der edelſte aller Fürſten!“ rief Fugger; die Bergleute ſtimmten ein und die Muſik ſchmetterte. Die Befreiungsurkunde Ein deutſcher Leinweber. II. 16 Die Reiſe wurde im nahen Zechenhauſe ausgefertigt und Jakob Fugger ſchrieb ſeinen Namen als königlicher Rath unter den des Königs. Fünf Minuten ſpäter ſprengte der dankbare Maler die Berghöhe hinab durch die Wälder und Thäler des Oberallgaues der Markgrafſchaft zu. —„Verſteht es Einer, glückliche Menſchen zu machen, ſo ſeid Ihr es, Freund Fugger,“ ſagte der edle König, als er vom Fenſter zurücktrat, von welchem er dem Maler nachgeblickt hatte,„und wenn ich der Welt und Euch ſelbſt nicht mehr zu ſchaden fürchtete, wenn ich Eure Kraft Eurem Geſchäft entzöge, ſo möchte ich Euch wol zu meinem Rath behalten, um von Euch zu lernen.“ —„Und doch ſeid Ihr der Meiſter in der ſchweren und leichten Kunſt, Menſchen zu beglücken, und Niemand übt ſie freudiger und unverdroſſener als Ihr. Die Menſchen beſſern und veredeln, die natürlichen Anlagen, die ihnen der Schöpfer gegeben, ausbilden, ſie über ihr wahres Heil aufklären, heißt ſie wahrhaft beglücken. Das größte Unglück in der Welt iſt mehr aus Dumm⸗ heit, denn aus Booheit entſtanden, ja ich behaupte, die letztere iſt ſelbſt ein Kind der erſteren.“ —„Dies iſt mir aus der Seele geſprochen,“ ent⸗ gegnete der König.„Wenn man das Volk mit einem Zauberſchlage aus den dumpfen, thieriſchen Banden der Dummheit befreien und ihm richtige Begriffe vom Glauben an die heilige Dreifaltigkeit, an die heiligen — nach Spanien. 243 Fürbitter und an die ewige Seligkeit beibringen könnte, wenn man ferner alle Leute bis zum gemeinſten Bauer hinab über weltliches und geiſtliches Regiment aufklä⸗ ren könnte, ſo daß Jeder wüßte, was er zu thun und zu laſſen hat, fürwahr, ſo wäre die Welt mit Einem⸗ male beglückt. Da aber die Zauberer ausgeſtorben ſind und von ihrer Kraft und Kunſt auch nicht das kleinſte Theilchen auf die deutſchen Kaiſer und Könige vererbt haben, ſo muß man natürliche Mittel anwenden, um das nach und nach zu erſtreben, was man auf ein⸗ mal nicht erreichen kann. Deshalb beſtreb' ich mich nach Kräften, die Wiſſenſchaften, welche von Italien zu uns herübergekommen ſind, zu hegen und zu pflegen, und fürwahr, ein deutſcher gelehrter Mann iſt mir hundertmal lieber als ein roher deutſcher Fürſt, und eine gutbeſetzte Liberei iſt ein größerer Schatz als das reichſte Silberbergwerk; ſie iſt ein Schacht der Wiſſen⸗ ſchaft, aus welchem das unvergängliche Metall des Lebens zu Tag gefördert wird.“ —„Ich kann auch mit ſolchem Bau dienen,“ ver⸗ ſetzte Fugger.„Obgleich ich nur ein Leinweber bin, ſo hab' ich doch meine große Freude an Büchern und habe deshalb die Liberei meines verſtorbenen Bruders Mar an mich genommen und durch die Buchhändler und Buchdrucker in Augsburg und Frankfurt jährlich zur Meßzeit anſehnlich vermehren laſſen, ſo daß ſie wol ſo ſtark wie die des hochgeehrten Doctor Reuchlin zu 16* 244 Die Reiſe Tübingen ſein mag, wenn auch nicht ein ſo löblicher Gebrauch davon gemacht wird, wie von der ſeinigen Ich denke aber, mein Neffe Mar ſoll auch ein gelehr⸗ ter Mann werden, und ſo mag er einſt die Liberei von mir erben.“ —„Ich weiß es wohl, daß Ihr in allen Dingen ſtill und geräuſchlos die rechte Bahn wandelt,“ ſagte der König und legte die Hand vertraulich auf Fugger's Schulter.„Wahrlich, hätt' ich in jeder Stadt des Reichs hundert Bürger wie Ihr, Jakob, ich wollte mei⸗ nes Regiments baß froh werden und der Teufel ſollte mir nimmer einen Strich durch die Rechnung machen. Denn das iſt mir klar: nicht vom tollen Heer der deutſchen Reichsfürſten, nicht vom heuchleriſchen Heere der Pfaffen und Mönche kann die Beſſerung des Lebens und der Landesverfaſſung ausgehen, die wir alle für nothwendig erachten, nach der wir alle verlangen. Am allerwenigſten kann ich dem dummen, groben Bauer zu⸗ geſtehen, daß er's nach ſeinem Kopfe mit Heugabel und Dreſchflegel einrichte. Aber im Bauer iſt ſo gut der Drang nach einer Umgeſtaltung der Dinge, wie in uns. Jedermann fühlt, daß etwas geſchehen muß, und weil der Bauer am meiſten zu leiden hat, ſo mag er ſich für berechtigt halten, ſein ungewaſchenes Maul am erſten aufzuthun. Aber man muß ihn derb drauf ſchlagen und ſollte der Kopf vom Schlage herabfliegen. Die aufgeblaſenen Stände, die allein regieren wollen und 3 ₰ nach Spanien. 245 den Kaiſer für ganz übrig erachten, oder für die Draht⸗ puppe, hinter welche ſie ſich verſtecken und die ſie am Leitſeil bewegen wollen, eracht' ich nicht für beſſer. Nein, vom Kaiſer und vom Bürger und nur vom Kaiſer und vom Bürger allein kann und muß das neue Licht ausgehen; im Kaiſer liegt das ſittliche Verſtändniß, im Bürger die ſittliche Kraft. Der Kaiſer und der Bürger müſſen zuſammenhalten; dann werden die Willigen und Verſtändigen vom Adel ſchon zum Kaiſer ſtehen, und die Klugen und Einſichtsvollen vom Bauernſtande zum Bürger. Und dann müßte es nicht mit guten Dingen zugehen, wenn wir vereint nicht die anmaßende und unbillige Gewalt der Stände und der Pfaffheit in ihre Schranken verweiſen könnten.“ —„Könnte der heiligen Mutter Kirche mehr An⸗ ſehen beim Volke verſchafft werden,“ ſprach Fugger ernſt,„ſo wäre das Schwerſte gethan. So lang aber Jedermann des Prieſters ſpotten darf und der Prieſter ſich danach aufführt, daß er ſolchen Spott verdient, iſt allweg an keine Beſſerung zu denken.“ Gott beſſer's!“ ſagte der König;„ich glaube aber, Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen.“ Nachdem Fugger den König mit einem Imbiß be⸗ wirthet hatte, führte er denſelben in alle Schmelz⸗ und Saigerhütten, in die Streck⸗ und Pochwerke und befuhr endlich die Gruben mit ihm. Im hohen Grad befriedigt durch die Zweckmäßigkeit 246 Die Reiſe aller Anſtalten trat der König wieder in das Zechen⸗ haus.„Ich werde in meinen Bergbauen Vieles von Euern Einrichtungen benutzen laſſen,“ ſagte er huld⸗ reich.„Ich ſage es ja, daß ich immer zu Euch in die Schule gehen kann. Vor Allem beichtet mir, wie fangt Ihr es an, lauter geſunde, fröhliche Geſichter zu machen; ſo viel ich hier Menſchen ſehe vom jüngſten bis zum älteſten— lauter heitere Mienen, lachende Angen. Und Ihr habt doch wahrlich viel Volks hier beiſammen.“ —„Es iſt ein kleines Geheimniß und ich will es Ew. Majeſtät herzlich gern verrathen: man muß Jeden nach ſeinen Kräften beſchäftigen und ihm nie mehr zu⸗ muthen, als er leiſten kann. Hernach, wenn er ſeine Sache gut gemacht, muß man ihm immer etwas mehr Lohn geben, als man mit ihm ausbedungen. Dies Mehr ſoll und darf nicht immer in Geld beſtehen. Nein, ein paar freundliche, anerkennende, lobende Worte, ein gütiger Blick, ein Händedruck, ein Becher Wein, ein Imbiß, ein klein Geſchenk an Kleid und Schmuck oder ſonſt etwas thun in der Regel noch größere Wirkung als baares Geld. Dadurch erweckt Ihr im Menſchen das Gefühl vollbrachter Pflicht und ſpornt ihn zu neuer Thätigkeit. Jenes Gefühl und dieſer Eifer— ſie ſind es, die den Menſchen geiſtig und körperlich geſund und glucklich machen. Jeder thut hier ſeine Pflicht, Alle arbeiten nach Kräften und Alle lieben mich wie Kinder ——— — nach Spanien. 247 einen Vater, vom kleinſten Kinde bis zum Greis lüfe Jeder für mich durch's Feuer und doch habe ich an ihnen weiter nichts erfüllt als die Gebote der chriſt⸗ lichen Liebe.“ —„Segen auf Euer Haupt und auf Euer Ge⸗ ſchlecht!“ rief der König tief ergriffen.„Ich habe in dieſer Stunde erſt regieren und meinen Herrn und Heiland verſtehen gelernt. Ihr ſeid wahrlich ein beſſe⸗ rer Chriſt als der Papſt in Rom. Segen auch auf mein liebes Augsburg, deſſen freie Verfaſſung ſolche Männer hervorbringt!“ Als der König aus dem Hanſe auf den grünen Platz trat, um ſein Pferd wieder zu beſteigen, ſah er einen braunen, artig gekleideten Knaben auf einem Pferde ſtehen welcher ſogleich einen Luftſprung that, ſich in der Luft überſchlug, beim zweiten Satz ſich wie ein Kreiſel drehete, beim dritten ein Rad machte, während das Pferd im ſchnellſten Galopp im weiten Kreiſe herum rannte. Der König blieb im ſprachloſen Er⸗ ſtaunen ſtehen. —„Es iſt der verwetterte Zigeunerjunge,“ ſagte Fugger.„Er wird uns begleiten, um morgen vor Ew. Majeſtät mit Euerm gerühmten Stallmeiſter ein Wettrennen zu halten. Einſtweilen will er Euch ein Pröbchen ſeiner Kunſt ablegen.“ —„Und das iſt allerliebſt! Schade, daß der Junge ein Zigeuner iſt! Aber merkwürdiger Weiſe ſieht er 248 Die Reiſe meinem Stallmeiſter Lannoy ſehr ähnlich. Das iſt ein ſeltſamer Zufall!“ —„Findet Ihr dieſe Aehnlichkeit auch, mein gni⸗ digſter Herr?“ fragte Fugger mit bedentungsvollem Lächeln.„Sie fiel mir auf, als ich Herrn von Lannoy zuerſt ſah, und ich denke, morgen wird ſie ſich noch auf⸗ fallender herausſtellen.“ Toni erhielt vom Könige ein kleines Geldgeſchenk und ſchloß ſich an den ſchmunzelnden Veit Schellenberger an, der immer eine Art Stolz auf den wilden Bulen beſaß, man konnte freilich nicht begreifen weshalb. So erreichte der kleine Zug, dem kein Menſch anſah, daß ein römiſcher König und einer der größten Kaulleute des deutſchen Reichs ſeine Hauptbeſtandtheile ausmach⸗ ten, in der ſpäten Nacht die ſchöne Hauptſtadt Wrols wieder, und Jakob Fugger war ſeines edeln Königs Gaſt. Am folgenden Morgen war der Stallmeiſter Lannoy bei guter Zeit in die Reitbahn beſtellt. Mit dem keck⸗ ſten Muth ſprengte er auf die Minute herein und grüßte den König und deſſen zahlreiche adelige Ungebung, unter welcher ſich auch Fugger befand, mit Anſtand und Ehrfurcht. Toni hielt auf ſeinem Pferde in einem Stalle, aus welchem eine Thüre in die Areng mündete. Auf ein Zeichen von Fugger öffnete Schellenberger dieſe Thüre und der wilde Knabe raſtte heraus, begrüßte den König und den Adel mit einem Luftſprung und hielt im Nu an der Seite des erſtaunten Stallmeiſters, um auch nach Spanien. 249 dieſen zu begrüßen. Aber kaum hatte er dieſen in's Auge gefaßt, als er laut aufſchrie:„Vater! mein Vater! Oder iſt's dein Geiſt?“ —„Toni!“ rief der Stallmeiſter ebenſo.„Ich bin's ſelbſt!“ In dieſem Augenblick kam aber das Bewußtſein über den Stallmeiſter, daß er ſich verrathen habe und jedenfalls verloren ſei, wenn er auch nur noch eine Minute länger hier verweile. Statt alſo auf den Knaben loszueilen und ihn an's Herz zu drücken, wie dieſer zu erwarten ſchien, ſprengte er an ihm vor⸗ über und zum Thore hinaus, ſo eilig, als wenn ſein Pferd Flügel entfaltet hätte. 4 —„Was iſt das?“ fragte der König erſtaunt und beſtürzt zu Fugger gewendet. —„Eine unſaubere Geſchichte, Majeſtät, wie ich ſie ſeit vorgeſtern geahnt habe, als ich dieſen Stall⸗ meiſter zuerſt ſah. Ein ſchlechter Zigeuner iſt er und ich vermuthe noch etwas Schlimmeres. Da er übrigens zwei Weiber zugleich gehabt hat, ſo hat er das Leben verwirkt und ſeine zweite Ehe iſt ungültig. Ich bitte Ew. Majeſtät, ihn raſch verfolgen und ſogleich Beſchlag auf all' ſeine Effecten hier und auf dem Schloſſe ſeiner Frau legen zu laſſen, denn ich glaube nicht ohne Grund, daß dadurch wichtige Entdeckungen gemacht werden.“ Da trat der Ritter Dietrichſtein aus den übrigen Edeln hervor und ſprach zum König:„Meine Be⸗ fürchtung hinſichtlich dieſes Menſchen, wie ich ſie in 250 Die Reiſe Augsburg gegen den edlen Fugger ausſprach, ſind leider eingetroffen. Herr von Fugger, alle Freunde Sr. Ma⸗ jeſtät können es Euch nicht genug Dank wiſſen, daß Ihr die Entlarvung dieſes Betrügers herbei geführt habt. Ich halte ihn für einen Spion entweder des Königs von Frankreich, oder, was noch wahrſcheinlicher, des Papſtes oder Venedigs und erbitte mir die Gnade, ihn verfolgen zu dürfen.“ —„Ein Zigeuner?! Ein Spion?!“ rief der König ſchmerzlich.„So wär' ich abermals von einem Men⸗ ſchen betrogen?— Dietrichſtein, thut, wie mir Fugger angerathen. Laßt Alles durchſuchen und ſchafft mir den niederträchtigen Menſchen zur Stelle, der mich durch Reiter⸗ und andere Künſte ſo für ſich einzunehmen ge⸗ wußt hat.“ Der König begab ſich ernſt und nachdenklich in ſeine Gemächer und erwartete ungeduldig Dietrichſteins Zurück⸗ kunft. Aber ſo ſpät dieſe auch erfolgte, der angebliche Herr von Lannoy war wie von der Erde verſchwunden. Man hatte nicht einmal eine Spur von ihm entdecken können. Seine Reitergeſchicklichkeit hatte ihn gerettet. Dagegen wurden in ſeinem verſchloſſenen Zimmer auf dem Schloſſe ſehr wichtige Papiere gefunden, näm⸗ lich Briefe und Inſtructionen von Ceſare Borgia, welcher kurz vorher von ſeinem Vater, dem Papſte Alexander VI., zum Herzog von Romagna ernannt worden war und das Fürſtenthum Piombinv an ſich geriſſen hatte. Aus nach Spanien. 251 dieſen Papieren ging klar hervor, daß der Zigeuner Antoniv Cebes ein Spion des Ceſare Borgia und ſei⸗ nes Vaters zugleich zuerſt am burgundiſchen Hofe zu Brüſſel und dann am königlichen zu Insbruck geweſen war, um dem habſüchtigen und intriguanten Ceſare jeden Schritt, welche König Marimilians Politik nach außen thun würde, zu berichten. Gleich darauf beging dieſer Ceſare eine der größten und nichtswürdigſten Treuloſigkeiten, welche in der Geſchichte vorgekommen ſind. Er forderte nämlich von Guidobaldo von Mente⸗ feltro, Herzog von Urbinv, Soldaten und Geſchütz, um, wie er vorgab, damit Camerino anzugreifen. Der Herzog von Urbino ſchickte aus Furcht vor dem Papſte die verlangte Waffenmacht, und mit ihr vertrieb Ceſare den Herzog und nahm Urbino. Augenſcheinlich ging dieſer treuloſe Böſewicht damit um, ſich zum König von Romagna zu machen; da mußte es ihm daran liegen, ſtets zu wiſſen, wie der deutſche König in Bez zug auf dieſe weitausgreifenden Pläne geſinnt ſei, und er hatte deshalb dieſen Spion mit vielem Gelde unterhalten. Denn gerade um dieſe Zeit ging König Maximilian damit um, nach Rom zu ziehen und ſich vom Papſt zum Kaiſer krönen zu laſſen. Des Königs Wuth über dieſen ihm geſpielten Be⸗ trug wurde nur durch ſein Dankgefühl gegen Jakob Fugger überboten, daß dieſer ihn von einem ſo gefähr⸗ lichen Betrüger befreit habe. „ 252 Die Reiſe Gleichen unbegrenzten Dank erntete Fugger aber von der edlen Frau, die durch ihn von ihrem Plage⸗ geiſt ſo plötzlich befreit worden war. Sie erhielt die königliche Erlaubniß, wieder den Namen Bübenhoven führen zu dürfen, und als Fugger auf der Heimreiſe den Weg über ihr Schloß nahm, benetzte ſie ſeine Hand mit Freudenthränen und dankte ihm als ihrem Retter aus höchſter Noth mit rührenden Worten. Mit einem ſchönen Selbſtgefühl verließ der edle Leinweber das tyroler Land; ein herzinniger Blick, den er zum Himmel richtete, war ein Dankgebet zu Gott, daß er ihm Kraft und Gelegenheit gegeben, überall Gutes zu ſtiften. Und er gelobte dem Herrn uner⸗ müdlich zu ſein im Fördern guter Werke und bat de⸗ müthig:„Mache mich, v Gott, auch ferner zum Werk⸗ zeug deines Willens; erwähle mich zu einem deiner Boten, zu einer Hand, den Samen auszuſtreuen auf Erden für dein ewiges Himmelreich. Amen.“ ——— nach Spanien. 253 Dreizehntes Rapitel. Der Herbſt war faſt bis zur Mitte des Monats October vorgerückt, als den noch immer in Saragoſſa verſam⸗ melten Ständen der ſämmtlichen ſpaniſchen Königreiche von dem in ſeiner arragoniſchen Hauptſtadt verweilen⸗ den Könige Ferdinand die Kunde zuging, die Khnigin und der Erzherzog nebſt Gemahlin würden am 28. ein⸗ treffen. Die Ankunft der hohen Gäſte war durch die anhaltende Kränklichkeit der Königin ſo ſehr verzögert worden. Die Stände, welche bereits ihre Bereitwillig⸗ keit gegen den König ausgeſprochen hatten, ſeine Toch⸗ ter Donna Juanna und deren Gemahl, den Erzherzog Pbilipp von Deſtreich, zu Erben aller ſpaniſchen Kronen anzuerkennen, trafen glänzende Anſtalten zum Empfang der Königin und des künftigen Königspaars und zogen 3₰ ihnen, der König an der Spitze, eine Viertelmeile ent⸗ gegen, um ſie mit Pomp einzuholen. Die Bevölkerung von Saragoſſa und der Umgegend, welche zuſammen⸗ geſtrömt war, verwunderte ſich nicht wenig, in dem „ — 254 Ehrenzuge, dicht hinter dem Wagen, welcher die drei königlichen Perſonen barg, einen andern voll der ſchön⸗ ſten Katzen zu ſehen, auf welche bei der Ankunft vor dem königlichen Reſidenzſchloſſe die ganze Sorgfalt der Donna Juanna gerichtet war. Erſt erkundigte ſie ſich, wie ihren Lieblingen die Reiſe bekommen war, und dann mit dem ſtattlichen Don Ceſar im Arm, der ſich in Spanien wie ein Mönch gemäſtet hatte, nahm ſie die Bewillkommnungsgrüße des Volks an. Den Großen des Königreichs Arragon, die ſich ihr vorſtellen ließen, zeigte ſie ihren ſtolzen Katzenflor, erzählte wie viel Junge die Mütterchen geheckt, welche Streiche die Kater geſpielt n. ſ. w., und war vorzüglich unerſchöpflich in Don Ceſars Lob. Während die Stände des Reichs damit umgingen, die Erzherzogin Infantin als Erbin von Caſtilien und Arragonien und aller dieſen einver⸗ leibten übrigen ſpaniſchen Königreiche öffentlich in feier⸗ licher Sitzung anzuerkennen und Jedermann mit einer gewiſſen Spannung dem Tage dieſer wichtigen Hand⸗ lung entgegenſah, kümmerte ſich Donna Juanna um nichts weiter, als um den Tiſch ihrer Katzen, den ſie ſelbſt beſorgte. Sie kochte, briet und buk in der Küche mit eigner Hand die delikateſten Gerichte für ihre Vier⸗ Die Reiſe füßler und weinte troſtlos, wenn es einem derſelben nicht ſchmecken wollte. Für dieſe und ähnliche Fälle hatte ſie ſtets eine kleine Handapotheke voll der wirk⸗ ſamſten Arzneien in Bereitſchaft und auch ein Thier⸗ nach Spanien. arzt, ausſchließlich für die Katzen beſtimmt, befand ſich in ihrem Gefolge. Dieſe Beſchäftigungen waren für die Infantin mit einer Unſauberkeit verbunden, die die herrlichſten Gewänder in wenigen Tagen unkenntlich machte. Beſuchte ſie Jemgnd, ſo plapperte ſie in der heftigſten Aufregung, aber monoton wie das Geklapper einer Handmühle, das ungereimteſte Zeug und verband ohne Abſatz Dinge, welche in gar keinem Zuſammen⸗ hange mit einander ſtanden. Auf dieſe Weiſe fuhr ſie oft eine Viertelſtunde lang zu ſprechen fort, ohne nur abzuſetzen, und auch dann hörte ſie nicht auf die Ein⸗ würfe und Gegenreden ihrer Umgebung. Ein anderes Mal beobachtete ſie wieder ohne alle Veranlaſſung tage⸗ lang das hartnäckigſte Schweigen und gab durchaus auf keine Frage Antwort; dann ſchloß ſie ſich wol halbe Tage und länger mit ihren Katzen ein, ſpielte, jagte ſich mit ihnen durch die Zimmer. Man hörte ſie weit durch die Gemächer unbändig über die poſſierlichen Sätze und Sprünge der Thiere lachen und wiederum weinte ſie ſtundenlang troſtlos und verzweiflungsvoll vor ſich. In der heftigen Liebe zu ihrem Gemahl blieb ſie ſich aber gleich, und wenn ſie ihn einmal zufällig einen Tag über nicht geſehen hatte, ſo durfte ihr Nie⸗ mand wehren, ihn auf ſeinen Zimmern aufzuſuchen⸗ Dann warf ſie ſich lachend vder weinend an ſeinen Hals oder auch zu ſeinen Füßen, umſchlang ſeine Knie, liebkoſete ihn, nannte ihn mit den ſüßeſten Schmeichel⸗ 255 Die Reiſe namen und überhäufte ihn mit den zärtlichſten Vor⸗ würfen. Auch Philipp hatte mehr Mitleid mit ihr als früher und wies ihre ihm freilich meiſt ſehr läſtigen Liebkoſungen nicht mehr ſo barſch zurück, ſeit man wußte, daß ſie wieder geſegneten Leibes war. Uebrigens ſchien ſich der Erzherzog nichts weniger als in Spanien zu gefallen. Die Spannung mit ſeiner Schwiegermutter hatte ſich nach dem Tode des Herzogs von Najara eher vermehrt als vermindert, und die Unterredungen, welche er einigemal mit dem Erzbiſchof von Toledo gehabt, waren keinesweges geeignet ge⸗ weſen, eine freundliche Ausſöhnung der Königin mit ihrem Schwiegerſohne herbeizuführen. Auch hatte ſich der Erzherzog in der letzten dieſer von ihm nicht ge⸗ wünſchten, aber auch nicht gemiedenen Zuſammenkünfte mit dem ſtrengen Kirchenfürſten auf eine Weiſe benom⸗ men, die ſelbſt dem furchtloſen Rimenes alle Luſt zu ferneren Verhandlungen mit dem künftigen König dieſes Landes verleidet hatte. So groß der Unterſchied der Jahre zwiſchen dem niederländiſchen und dem ſpaniſchen Fürſten warz ſo hatte ſich der Erzherzog, trotz ſeiner Jugend und ſeiner Schuld, dem Erzbiſchof doch mit der entſchiedenſten Heftigkeit und Bitterkeit gegenüberge⸗ ſtellt und den ganzen trotzigen Stolz eines regierenden Herzogs, eines deutſchen Königſohnes und eines künft⸗ gen Königs blicken laſſen. Der crz 3 Königin nur bei der Tafel und bei öffentlichen Gelegen⸗ 4 nach Spanien. 257 heiten; da ſie aber ihrer Kränklichkeit wegen oft tage⸗ lang das Zimmer nicht verließ und er Ausflüge in das Land machte, ſo wurden die Gelegenheiten, ſich zu ſehen, noch ſeltener. Ließ er ſich bei ihr zu einem Beſuch anmelden, ſo nahm ſie ihn meiſt nicht an und das war ihm eben recht. Fand er Zutritt, ſo unterhielten ſie ſich zehn Minuten lang im förmlichſten ſteifſten Hofton, von den gleichgültigſten Dingen. Bei dieſen Beſuchen war die Herzogin von Najara nie zugegen, auch hatte Philipp ſonſt keine Gelegenheit, die Herzogin zu ſehen, geſchweige ſie zu ſprechen, und er wußte nur durch ſeine Vertrauten, Luiſe ſei in ſolche Gunſt der Königin ge⸗ kommen, daß ſie ſtets um die hohe Kranke ſein müſſe und dieſe von keiner Andern aus ihrer Umgebung Liebes⸗ und Pflegedienſte annehme. Philipp erfuhr, daß die Königin ſich des Abends meiſt mit der Herzogin ein⸗ ſchließe und ſich von ihr vorleſen oder auf der Man⸗ doline vorſpielen laſſe. Die Schwierigkeiten, die ſeinem immer heftiger glühenden Wunſche nach dem Beſitz der kleinen ſchönen Zigeunerprinzeſſin von allen Seiten ent⸗ gegentraten, beſchäftigten ihn indeſſen ſo, daß ſeine Leidenſchaft für die Herzogin in den Hintergrund ſeiner Seele trat. Er hoffte inzwiſchen auf der Reiſe nach Saragoſſa wieder mit ihr in Berührung zu kommen; j dieſe Berührung war unvermeidlich, da Luiſe, wie allgemein behauptet wurde, der Königin auf der Reiſe unentbehrlich ſein werde. Aber die Hoffnung trog den Ein deutſcher Leinweber. II. 17 258 Erzherzog. Die Herzogin reiſete nicht mit und er konnte nichts Gewiſſes über ſie erfahren. Manche be⸗ haupteten, ſie ſei bereits voraus gereiſt, Andere; ſie werde nachkommen, Dritte: ſie werde gar nicht kom⸗ men. Philipp verſtand es, ſich über ihren und der Zigeunerprinzeſſin Verluſt zu tröſten. Er hatte wieder kleine pikante Einverſtändniſſe mit ein paar Hofdamen angeknüpft, und als dieſe von der Königin nicht mit nach Saragoſſa genommen wurden, fand er dort für ſie leicht Erſatz in einigen vornehmen und heißblütigen Damen der Hauptſtadt Arragoniens. Seine Vertrauten ſorgten ſtets dafür, daß ſein Herz nicht unbeſchäftigt war. Den ernſten ſpaniſchen Granden gefiel dies leicht⸗ ſinnige Leben ihres zukünftigen Königs und ſeiner Um⸗ gebung keineswegs, denn ſchier noch ſchlimmer als er trieben es ſeine Freunde und Genoſſen und in das ſteife und einförmige Leben dieſes Adels war plötzlich eine Frivolität gekommen, welche zwar den meiſten Frauen zum größten Ergötzen gereichte, dagegen alle Ehemänner zum äußerſten Zorn reizte. Es kam zu einigen ernſthaften Auftritten; die ſchönen und von den Frauen begünſtigten Niederländer benahmen ſich über⸗ Die Reiſe müthig gegen die Männer, und der Erzherzog, welchem 4 einigemal Klagen über ſeine Leute zugekommen waren, hatte dieſe nicht nur nicht beſtraft, ſondern— wie das allgemeine Gerücht behauptete— mit ſeinen verklagten Dienern die betrogenen Ehemänner verlacht, Die nach Spanien. 259 Bitterkeit der Königin war durch ſolche Vyrfälle erhöht worden, auch der König, der endlich von dieſen Mis⸗ . verhältniſſen erfahren mußte, ſah eben nicht freundlich drein; die Urſache vom Wahnſinne der Erzherzogin war allgemein bekannt worden und ſo ſehr man die unglück⸗ liche Fürſtin, die Landeskönigstochter und Erbin der ſpaniſchen Krone, bedauerte, ſo heftig tadelte man den deutſchen Erzherzog, der, der ſchmählichen Behandlung derſelben ungeachtet, durch ſie König von Spanien werden ſollte. Und ſo begegnete der lebensluſtige Erzherzog lauter finſtern Geſichtern, die einiger ſchönen Frauen ausgenommen. Es war natürlich, daß er dieſe letztern um ſo eifriger aufſuchte, je ſaurer man ihm von jeder 6 andern Seite das Leben machte. All dieſes heimlichen Grolls und dieſer Verſtim⸗ mungen von beiden Seiten ungeachtet ernannten die Stände der Königreiche mit glänzenden Feierlichkeit den Erzherzog und die Erzherzogin von Oeſtreich zu Thron⸗ erben von Caſtilien und Arragonien, falls das regierende Königspaar vhne männliche Leibeserben mit Tod ab⸗ gehen ſollte, und beſtätigten ihren von den beiden Köni⸗ gen bereits in Loledo ertheilten Titel eines Prinzen 1 und einer Prinzeſſin von Spanien. Beide wurden in prächtigen Kleidern auf einen offenen, mit ſechs weißen Pferden beſpannten Wagen geſetzt und durch die Stadt gefahren. Herolde ritten voraus und riefen ſie als das künftige Königspaar aus. Das Volk lief in großer 17*. 260 Die Reiſe Maſſe herbei und küßte den Saum ihrer Mäntel; die Prinzeſſin von Spanien weinte aber, daß ſie nicht ein⸗ mal ihren Don Ceſar mit in den Wagen habe nehmen dürfen. Der Wahnſinn der hohen Frau ſtimmte die Menge wehmüthig und mancher ſtille Fluch gegen den Erzherzog glitt über trotzig aufgeworfene Lippen. Als ſie zum königlichen Palaſt zurückkehrten, be⸗ merkte der Erzherzog einen ſchönen, aber finſtern jungen Mann von gedrungener Geſtalt, brauner Geſichtsfarbe, orientaliſchen Zügen, edler Haltung und vornehmer Kleidung am Portale ſtehen und ehrerbietig grüßen. Die Prinzeſſin eilte ſogleich nach ihrem Zimmer, um nach ihren Katzen zu ſehen, und Philipp ſah mit einem einzigen Blick, daß der Fremde in derſelben Richtung ging. Nach einer halben Stunde— der Tag begann eben ſich zu neigen— trat Bübenhoven herein und meldete den Don Alfonzo de Granada, Admiral der Könige von Caſtilien und Arragonien. —„Ha, endlich!“ rief Philipp.„Das iſt der Prinz Alnahar, der Maure, den ich ſchon längſt kennen zu lernen wünſchte. Er iſt mir willkommen.“ Der Fremde, der am Portal des Schloſſes geſtan⸗ den hatte, trat mit einer kalten und ſtolzen Verbeugung herein, welche die deutſch⸗gemüthliche Freundlichkeit, mit welcher der Erzherzog ihm entgegen zu treten im Be⸗ griff war, verletzte. Noch mehr geſchah dies durch den finſter grollenden Ausdruck im Geſicht des Mauren. „ 3 „ „ 1 3 nach Spanien. 26 1 Es lag ein hochmüthiger, kalter, verbiſſener Schmerz in den Zügen dieſes Mannes, der faſt wie Wuth aus⸗ ſah und den Erzherzog entſchieden anwiderte. Er blieb alſo ſtehen und empfing den Admiral mit einer ſtolzen Bewegung der Hand. —„Ew. Hoheit verweilt ſchon ſeit fünf Monaten am Hofe der Könige von Spanien,“ begann Alnayar mit gedämpfter Stimme,„und noch hat der Admiral derſelben ſeinem künftigen Könige nicht die Ehre ent⸗ boten. Dies würdet Ihr mir nicht verzeihen dürfen, wenn Euch nicht— wie ich hoffe— bekannt wäre, daß mich meine Pflicht im Meere von Neapel zurückgehalten.“ —„Ich weiß,“ verſetzte Philipp kalt,„und Ihr ſeid entſchuldigt.“ —„Ich habe der Königin meine Aufwartung bereits gemacht; ſie iſt heute wieder leidend. Ich finde ſie ſehr verändert, ſeit ich ſie nicht geſehen.“ —„Das iſt kein Wunder. Die Königinnen beſitzen trotz ihrer Macht nicht das Geheimniß, Göttinnen zu ſein. Frau Iſabella von Caſtilien unterliegt dem Looſe der Menſchheit, wie andere Frauen auch.“ —„Zumal wenn ſo ſchwerer Kummer an ihrem Herzen nagt, wie an dem der Königin.“ —„Ach, ſie thut nicht wohl daran, ſich Kummer zu machen. Wer heißt ihr das? Königinnen brauchen ſich um nichts zu kümmern. Es wird auch nicht ſo ſchlimm ſein. Die Menſchen vergrößern gern Alles an 262 Die Reiſe fürſtlichen Häuptern, ihre Tugenden und ihre Laſter, ihre Leiden und ihre Freuden; ja Manches, woran ſie gar nicht gedacht, wird ihnen geradezu angedichtet. Ihr müßt ja das ſo gut aus der Erfahrung wiſſen wie ich; Ihr ſtammt ja auch aus einem Königshauſe.“ —„Eure Scherze paſſen nicht zu meiner Stim⸗ mung,“ verſetzte Alnayar heftig,„und wahrlich ſie vertragen ſich ſchlecht mit den unglücklichen Verhältniſſen in dieſem Königshauſe, deren ſchlimmſte durch Eure Schuld hervorgerufen worden ſind.“ Der Erzherzog trat einen Schritt zurück und ſagte: „Don Alfonzo de Granada, Ihr führt hier eine ſelt⸗ ſame Sprache, die ich mir verbitten muß.“ —„Sie mag Euch misfallen, wie die Sprache der Wahrheit immer den Königen misfällt; das weiß ich aus Erfahrung. Aber ich komme ſo eben von Donna Juanna, Eurer Gemahlin, und mein Herz blutet aus tauſend Wunden, die mir der Anblick dieſer unglück⸗ lichen Frau geſchlagen. Euer Benehmen gegen ſie iſt mir kein Geheimniß; ich kenn' Eure ganze Schuld. Ich weiß von meinem Freunde Don Hernandez de Villaquiran, wie Ihr Euch gegen die arme Infantin verſündigt, die Euch die ſpaniſchen Kronen in den Schoos wirft, und ich bin zu Euch gekommen, Euch in's Ge⸗ wiſſen zu reden. Mein fürchterlicher Schmerz kann nicht die Worte abwägen, ob ſie Euch gefallen oder nicht; denn ich liebte dieſe Donna Juanna, ich hätte ſie ₰ 4 * — 6 . nach Spanien. 263 beglückt und wäre durch ſie ein glücklicher Mann ge⸗ worden, Ihr aber habt ſie ſchmählich behandelt und an ſchrie der Erzherzog zornglühend. im Augenblick, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch lfurch meine Leute hinauswerfen laſſen —„Hinauswerfen?!“ ſchäumte der Maure.„Alſo auch feige biſt du, gleißende Schlange? Vertheidige dich, Elender! Es gilt um Tod und Leben!“ Und eh' der Erzherzog ſich deſſen verſah, hatte der Aniral den Degen gezogen und drang wüthend und 1 mit mörderiſcher Abſicht auf ihn ein. Eh' Philipp ſeine Waffe gezogen hatte, ſprang Bübenhoven durch die raſch aufgeriſſene Thür herein, fiel den Mauren von hinten an und entriß ihm den Degen mit den Worten: „Unglücklicher, Euer Haupt iſt dem Henker verfal⸗ len!“— Der Erzherzog rief nach Hülfe und in wenigen Augenblicken erſchallten die Gemächer vom Mord⸗. geſchrei der herbeieilenden Leute. Bübenhoven zerrte den Mauren, der ſich jetzt der Gefahr bewußt zu wer⸗ den ſchien, in die er ſich geſtürzt, aus der Thüre auf den Corridor.„Flieht!“ raunte er ihm hier zu,„ich will thun, als verfolgte ich Euch. Die einbrechende Nacht hilft Euch vielleicht zur Flucht. Fort!“ Alnayar ſtürzte mit wilden Sätzen vorwärts, der Page ihm nach. In dieſem Augenblick wurde eine auf 264 dieſen Corridor führende Thür von innen geöffnet und eine Frauengeſtalt erſchien in derſelben. Die Nacht ließ ihre Züge nicht erkennen. Der Page mußte aber doch wiſſen, wer ſie war, denn er faßte den Mauren im Nacken, ſchleuderte ihn mit der Kraft ſeines Arms in die Thür und raunte der Frau zu: 5 Verſteckt ihn! Rettet ihn!“ Die Thür ſchloß ſich im Nu und ward von innen verriegelt; Bübenhoven ſtürmte mit Mord⸗ geſchrei weiter, die Andern ihm nach, das ganze Schloß wurde lebendig; man ſperrte die Thore, Fackeln wur⸗ den angezündet, Pagen, Hofherren, Soldaten, Pfoͤrtner und anderes Volk lärmte und ſuchte durch alle Räume. Der König erſchien ſelbſt unter ihnen und verſprach Demjenigen, welcher den Verbrecher auffinden und ge⸗ fänglich einliefern würde, tauſend Silberrealen. Da man ungewiß war, ob ſich der Maure im Schloſſe ver⸗ borgen oder aus dem Thore entkommen war, ſo zer⸗ ſtreuten ſich Viele in der Stadt, um die Spur des Flüchtigen aufzufinden, Andere durchſtöberten das ganze Schloß, aber Don Alfonzo wurde nicht gefunden und Niemand konnte ſich erklären, wie er in der Schnelle ſich habe retten können. Viele glaubten deshalb an Zaubermittel, deren Kenntniß und Gebrauch überhaupt den überwundenen Mauren allgemein zugeſchrieben wurde. Der Erzherzog Philipp ſetzte fünftauſend Realen auf den Kopf Don Alfonzo's und zehntauſend auf den lebenden Mann; man glaubte nun allgemein, der Un⸗ Die Reiſe —* nach Spanien. 265 glückliche werde verrathen werden, da man nicht daran zweifelte, daß er ſich noch in der Stadt verborgen halte; aber es verging ein Tag um den andern und nicht die leiſeſte Spur von Alnahar konnte entdeckt wer⸗ den. Da ließ der König Bildniß und Namen des Admirals an den Galgen ſchlagen und ihn aller Ehren und Würden verluſtig erklären, zugleich wurde Jeder⸗ mann verpflichtet, ihn, wo er ihn finde, als einen vogel⸗ freien Mann zu tödten oder gegen die feſtgeſetzte Belohnung lebendig einzuliefern. Jedermann aber, wel⸗ cher dem Majeſtätsverbrecher Feuer und Waſſer, Salz und Brot, Luft und Boden geſtatte, ſollte des Leibes und Lebens verluſtig gehen und von Henkers Hand ſter⸗ ben, wie jener ſelbſt. Auch dieſe Bekanntmachung hatte keinen Erfolg, zu des Erzherzogs größtem Verdruß; denn noch nie hatte ſein Herz ein ſo mächtig loderndes Rachegefühl gegen einen Menſchen durchdrungen, wie gegen den verhaßten Mauren, und Niemand durfte in ſeiner Nähe auch nur den Namen deſſelben ausſprechen, bei der ſchwerſten Ungnade des Prinzen. Im Geheimen ſchickte er aber Späher nach dem Flüchtling aus und bot Summen auf Summen, um ſeiner habhaft zu werden. Es war Alles vergebens und die Laune des Erzherzogs färbte ſich täglich dunkler. ——— 266 Die Reiſe Pierzehntes Rapitel. Einige Tage nach dieſem Ereigniß erſchien für den Erz⸗ herzog ſehr unerwartet— auf einem Hoffeſte, welches zur Feier der Anerkennung und zu Ehren des neuen Prinzen von Spanien von den Königen den Ständen gegeben wurde, Donna Luiſa, die verwitwete Herzogin von Najara, an der Seite der Königin. Zwar war ſie noch in die tiefſte Trauer gekleidet, aber ihr Auge, ihre Züge gingen in ruhiger Heiterkeit einher. Es war augenſcheinlich eine große Veränderung mit der Her⸗ zogin vorgegangen; der Erzherzog erkannte dies auf den erſten Blick und ſein jugendlicher Egvismus deutete dieſen Umſtand gleich zu ſeinen Gunſten. Sie war in der faltenreichen, koſtbaren Trauerkleidung unbeſchreiblich reizend und der ſtets verliebte Prinz von Spanien ſchwur ſeinem Freunde Philibert von Vere mit auf⸗ glühender Begeiſterung in's Ohr: ſie ſei noch nie ſo reizend geweſen und vereinige die ſüße mädchenhafte Schönheit mit der üppigen und lockenden Reizfülle einer jungen Witwe; ſie ſei ganz unwiderſtehlich und er 5 * —— nach Spanien. 267 müſſe ſie küſſen, ſollten auch alle Hoffnungen auf die ſpaniſchen Kronen darüber verloren gehen. Niemand wußte, ob die Herzogin an dieſem Tage oder ſchon früher angekommen ſei; Niemand wollte ſie ankommen geſehen haben. Sie war plötzlich erſchienen wie ein ſchönes Räthſel und Alle beeiferten ſich daran zu rathen. Sie hielt ſich ſtets in der nächſten Nähe der Königin; Iſabella richtete faſt immer Worte an ſie und Jedermann bemerkte, mit wie viel Huld und Gnade ſie begleitet waren. Die Prinzeſſin von Spanien wich aber gar nicht von Luiſens Seite und überhäufte ſie mit den ſeurrilen und ſeltſamen Freundlichkeiten, welche aus ihrem unglücklichen Zuſtand hervorgingen. Der Erzherzog ließ ſich indeß dadurch nicht abhalten, die Herzogin zu begrüßen, ſich nach ihrem Befinden zu er⸗ kundigen und ſie zu fragen, wann ſie angekommen ſei.— Sie wich ihm nicht aus, ſie war nicht verlegen; ihr Auge glitt ruhig und unbefangen über das ſeinige hin und ſo entgegnete ſie: für die Geſellſchaft ſei ſie erſt heute angelangt, für ihre hohe Gebieterin aber ſchon vor einigen Tagen. Philipp mußte wieder zurücktreten, denn Aller Augen waren auf ihn gerichtet und auf der Stirn der Königin zogen ſich Wolken zuſammen. Aber er hatte den Wohllaut jener Stimme wieder vernvm⸗ men, die das erſte Entzücken der Liebe in ihm wach gerufen, und ſein Herz erlag dem Zauber deſſelben abermals ſo ganz, daß er des Pfalzgrafen Friedrich 268 Die Reiſe Hand ſchier krampfhaft ergriff und ihm in's Ohr flüſterte: „Wenn ich ſie ſehe und noch mehr wenn ich ſie höre, begreife ich keinmal, wie ich nur je ein anderes Weib habe lieben können. Sie iſt die Sonne meines Lebens; alle Andern ſind nur kleine unbedeutende Sterne gegen ſie. Und es macht mich noch ſo verrückt, wie meine Ehehälfte, daß ich mir das Licht dieſer mir beſtimmten Sonne entziehen und eine häßliche Nachtlampe in mein Schlafzimmer ſtellen ließ. Aber wahrlich, ich will nicht länger dulden, daß neidiſche Wolken mir meine Sonne verhüllen. Gott Lob! ich habe nichts mehr zu fürchten von einem alten, eiferſüchtigen Eheherrn, nichts mehr von einem tollen, verliebten Stiefſohn. Sie iſt frei und ſie muß mein werden, trotz allen Königen von Spanien, ſo wahr Maria von Burgund meine Mutter war!“ Dieſe Worte waren nicht vorſichtig genug, ſie waren vielmehr mit ſolcher Leidenſchaft geſprochen, daß ſie auch ſpaniſche Ohren erreichten, für die ſie nicht beſtimmt waren. Der Pfalzgraf machte ſeinen Gebieter darauf aufmerkſam, der Erzherzog verſetzte aber trotzig:„Mich ſticht der Kitzel, mit einem Schlage dem ganzen trüb⸗ ſeligen Mummenſchanz ein Ende zu machen. Hätt' ich nur erſt noch einmal unter vier Augen mit ihr geſpro⸗ chen. Sie muß fort mit mir aus dieſem Lande, in welchem ich wahrlich nur als König leben mag. Du mußt mit ihr reden, Friedrich, daß ſie mir ein Stell⸗ dichein bewilligt.“ ——— nach Spanien. 269 Und wenn dieſe Worte nicht alle gehört und ver⸗ rathen wurden, ſo verriethen die Blicke und die Unruhe des Erzherzogs dem verſammelten Hofe genug, um Jedermann begreiflich zu machen, daß die Leidenſchaft des Prinzen für die Herzogin von Najara keineswegs mit ihrem Gemahl geſtorben ſei. Aber mit Verwunde⸗ rung ſah man, daß die Erzherzogin Infantin von gleich heftiger Neigung für die Herzogin eingenommen ſchien. Der König Ferdinand trat zum Erzherzog. —„Dieſen Abend, eh' ich aufbrach,“ ſagte er, „traf ein Courier aus Blvis ein, der auch einen Brief des Königs von Frankreich an Euch gebracht hat. Ich kann Euch aber ſchon jetzt mit einer merkwürdigen Nach⸗ richt von dort überraſchen. Der König von Ungarn und Böhmen hat durch eine glänzende Geſandtſchaft um die Gräfin Anna von Fvix, Nichte des Königs Ludwig, anhalten laſſen und dieſer hat ihm das Ja⸗ wort gegeben. In kurzer Friſt ſchyn wird die Braut nach Preßburg oder Prag abgeholt und die Vermählung vollzogen werden.“ —„Der alte König Wladislaus, dieſer ſchläfrige Betbruder, wird die junge, lebhafte, muthwillige Anna von Foix heirathen?!“ rief der Erzherzog erſtaunt. „Mein Gott, wie ſind denn dieſe beiden Leute zuſammen⸗ gekommen?“ —„Durch einen Vetter der Gräfin, der eine Hofcharge am polniſchen Hofe bekleidet. Der König 270 Die Reiſe von Polen vermag bekanntlich Alles über ſeinen Bru⸗ der, den König von Ungarn und Böhmen; ſo hat er ihm auch die Gräfin Anna von Foir vorgeſchlagen und Wladislaus hat, um nur endlich einmal eine Frau zu bekommen, ſogleich eingewilligt. So ſchreibt man mir vom franzöſiſchen Hofe.— Uebrigens hat König Ludwig, von unſerm Waffenglück in Neapel unangenehm berührt, ſehr ernſtlich auf Abſchluß des Friedens und Feſtſtellung der Landesportivn gedrungen.“ Philipps Züge verfinſterten ſich. —„Dieſer Friede und dieſe Theilung hätten ſchon lange vollzogen ſein ſollen,“ entgegnete er unmuthig. „Ich verbürgte mich dem König Ludwig mit meinem fürſtlichen Worte, ja mit meiner Perſon für ſeine Zu⸗ friedenſtellung und er ſchickte darauf ſeinen Geſandten.“ —„Wer hat Euch einen ſolchen Auftrag gegeben?“ fragte der König.„Unſere Waffen ſind ſiegreich ge⸗ weſen in Neapel; der Großcapitain verweigert geradezu einen Frieden anzuerkennen, der uns die beiden ſchönſten Provinzen, die Capitanata und Baſilicata raubt.“ —„Und doch werdet Ihr auf dieſe Bedingung Frieden mit Frankreich machen, wenn Ihr Frieden mit mir ſelbſt haben wollt.“ Der könig lächelte über den bittern Ernſt ſeines Schwiegerſohnes und verſicherte, dieſer Friede ſolle durch ſeine(Philipps) Hand geſchloſſen werden, da er ſo ſtarke Vorliebe für den König Ludwig habe. Und da ſie ſich nach Spanien. 271 ſo eng verſchwagert, ſo ließe ſich ſchon ein ſchicklicher und bequemer Ausweg treffen, die beiden ſtreitigen Provinzen doch den ſpaniſchen Kronen zu erhalten.„Ich werde Euch meine Gedanken und Anſichten nächſtens bei paſſenderer Gelegenheit mittheilen,“ ſchloß der ſchlaue König und der Erzherzog entfernte ſich übelgelaut. Er ſuchte den Pfalzgrafen wieder auf, um ihm die neue Mähr aus Frankreich unverzüglich mitzutheilen.„Selt⸗ ſam!“ rief er,„die Prophezeiung der kleinen Zigeuner⸗ prinzeſſin geht an Anna von Fvir ſchon in Erfüllung. Zwei Königskronen hat ſie ihr geweiſſagt und ſieh', Wladislaus ſetzt ihr die Kronen von Ungarn und Böhmen auf das niedliche Haupt. Und unſere Kinder ſollen ſich vermählen— war's nicht ſo?— mein Sohn ihre Lochter, ihr Sohn meine Lochter. Fürwahr, die Kinder des Königs von Ungarn und Böhmen werden den Kin⸗ dern des Königs von Spanien ebenbürtig ſein und Ungarn hat ſchon einmal öſtreichiſche Herren gehabt.— Aber ich ſoll nur eine Krone tragen? Und jung ſollen wir Beide bleiben ein Stern fällt auf unſere Bahn—— Die letzten Worte ſprach er düſter in ſich hinein und es war ihm wunderlich dabei zu Muthe. Der Pfalzgraf unterdrückte dieſe ernſte Stimmung gber ſchon im Entſtehen, indem er lachend ausrief:„Mir macht dies Eintreffen ganz tollen Muth und der Kamm ſchwillt mir gewaltig. Sie hat mir ja auch eine Königskrone zugeſagt und, da Ihr nur eine haben ſollt, gnädigſter 272 Die Reiſe „ Herr, ſo werdet Ihr wol König von Caſtilien und ich König von Arragonien werden. Wie's zugehen ſoll, begreif' ich freilich nicht. Doch bei Gott iſt kein Ding unmöglich.“ Der Erzherzog eilte zur Königin und zur Herzogin von Najara, um mit dieſen über die neue Heirath zu ſprechen. Luiſe war bereits durch einen eigenhändigen Brief Anna's unterrichtet.„Sie iſt die vierte aus unſerm innigen Mädchenbunde auf Frankreichs ſchönem Boden,“ ſagte ſie,„welche ihr Haupt unter das Ehe⸗ joch beugt. Sie war die heiterſte, die fröhlichſte von uns; möchte ſie auch die glücklichſte ſein! Nun iſt Germaine noch übrig. Eins von dieſen fünf Kindern, denen ich durch Bande des Bluts, Jugend und Neigung angehörte, iſt ſchon die dunkle Straße des Todes ge⸗ gangen. Es wurde uns einſt von einer Zigeunerin prophezeiet, drei davon würden nicht alt werden, ſondern jung ſterben; welche werden wol die beiden Andern ſein?“ Eine Thräne hatte ſich in ihren dunkeln Wim⸗ pern verhängt; ihr Mund zuckte ahnungsvoll wehmüthig; ein leichter Schatten glitt über ihre Züge. Der Erz⸗ herzog war aber erblaßt; es fiel ihm in dieſem Augen⸗ blicke ſchwer auf's Herz, daß die Prinzeſſin Zaroha ihm und Anna Fvir geweiſſagt hatte, ſie würden jung blei⸗ ben. Wie, wenn Anna eine von den beiden dem frühen Tod Beſtimmten wäre? k Er eilte zum Büffet, um ſich die Todesgedanken zu 4 nach Spanien. 273 vertreiben, und Frohſinn und Lebensluſt lachten bald wieder aus ſeinen ſchönen und evlen Zügen.—— Einige Tage darauf gab die Erzherzogin⸗Infantin eine Abendgeſellſchaft. Die Königin hatte ſich entſchul⸗ digen laſſen. Die anweſenden Damen beſchäftigten ſich, der unglücklichen Wirthin zu Liebe, mit den Katzen der⸗ ſelben. Die ganze Garderobe der wohlgepflegten Thiere wurde herbeigeholt und man beeiferte ſich ſie auf das ſtattlichſte herauszuputzen. Es wurde ein Souper für ſie ſervirt und ſie ſpeiſten in großer Gala. Nur die Herzogin von Najara berührte keine Katze. Ernſt und wehmüthig blickte ſie auf das Treiben der Erzherzo⸗ gin; wenn dieſe ausgelaſſen lachte und der geliebten vierbeinigen Geſellſchaft die wunderlichſten Dinge vor⸗ plauderte, zuckte ein tiefer Schmerz um die Lippen der Herzogin. Die oft ſtürmiſchen Liebesbeweiſe der Erz⸗ herzogin ertrug ſie mit würdiger Haltung. Der Erzherzog trat zu ihr und erſuchte ſie um einige Worte. Sie folgte ihm ohne Erröthen und ohne Ziererei in ein Fenſter des nächſten Zimmers. Jedermann, der vorüberging, konnte ſie ſehen, der Prinz ſchien mit Ab⸗ ſicht dieſen Standpunkt gewählt zu haben. —„Luiſe,“ ſagte er leiſe mit zitternder Stimme und zurückgehaltener Wärme,„du biſt von allen Ban⸗ den, die dich an Spanien feſſelten, befreit—“ —„O, auf welche ſchreckliche Weiſe!“ ſeufzte ſie auf und verhüllte das Geſicht. Ein deutſcher Leinweber. II. 18 274 Die Reiſe —„Sprich ein Wort, Luiſe, ich beſchwöre dich bei den ſeligen Tagen unſrer jungen Liebe! Sprich es aus, dieſes Wort— und auch ich zerreiße alle Bande, die mich an dieſes unſelige Land binden; ich werfe ihnen ihre Kronen zu Füßen und in wenigen Monden biſt du— —„Um aller Heiligen willen, ſchweigt!“ flüſterte die Herzogin.„Die ſpaniſchen Ohren reichen weiter, als die deutſchen und die franzöſiſchen. Das wißt Ihr ja von der heiligen Inquiſition.“— Sie wollte ſich entfernen. Er hielt ſie feſt. —„Du mußt mich hören. Ich liebe dich wahn⸗ ſinnig; du mußt die Meine werden! Ich flehe dich an um eine Zuſammenkunft. Luiſe, ſei barmherzig!“ —„Morgen Abend. Den Ort werd' ich Euch morgen brieflich angeben,“ hauchte ſie, riß ſich los und war wenige Augenblicke darauf aus dem Saale ver⸗ ſchwunden. Er blieb im Fenſter ſtehen und hätte weinen mögen vor Entzücken und vor Verdruß. Seine Schläfe glühten; er wollte ſich freuen und konnte es nicht, die Bruſt war ihm wie zugeſchnürt; er grollte mit Gott und der Welt. Plötzlich ſah er ſeine Gemahlin heran eilen; er wollte Ihr ausweichen, aber ſchon fühlte er ſich von ihren Armen umſtrickt, von ihren heftigen Küſſen überdeckt. Unwillig, ja ärgerlich ſtieß er ſie zurück, vielleicht heftiger als je. Da ſtürzte ſie heulend zu ſeinen Füßen, umſchlang ſeine Knie und jammerte und ——————— ——— nach Spanien. 275 flehte in den rührendſten Tönen um ſeine Liebe. Mit zornigen Worten befahl er ihren Frauen, ſie zu ent⸗ fernen, und er ſelbſt verließ mit haſtigen Schritten die Zimmer, um ſeine Freunde und Günſtlinge aufzuſuchen und die Nacht mit ihnen beim Becher zuzubringen. Der Erzherzog hatte aus Luiſens Weſen etwas ſo Ungewöhnliches und Fremdes herausgefühlt, das keine ächte Freude über ihre Zuſage in ihm aufkommen ließ, ſelbſt als der goldhelle Dinto Feuer in ſeine Adern goß. Er war mit ſich in ſo argem Widerſpruch und in ſolcher Spannung, daß er kaum darauf hörte, als Vere zu ihm ſprach:„Die Zigeuner ſind auch hier; wenigſtens iſt mir gegen Abend die alte Mutter be⸗ gegnet, die wir in Blois ſtatt der kleinen Prinzeſſin einfingen. Sie lief zwar vor mir fort, aber ich hatte ſie ſchon erkannt. Auch fehlt Bübenhoven heute ſchier den ganzen Tag; wenn dies der Fall iſt, kann man mit Beſtimmtheit annehmen, daß die Zigeuner in der Nähe ſind. Sie haben's ſeit unſerm Ritt in's Ge⸗ birge nach dem Schloſſe Villaquiran dem armen Jungen angethan.“ —„Die Zigeuner!“ murmelte endlich der Erz⸗ herzog, wie aus einem ſchweren Traume erwachend. „Jo, mit ihrer Hülfe muß es gelingen. Ich will ſie morgen aufſuchen.“ Er dachte daran, die Herzogin zu entführen. Am folgenden Tage gegen Mittag verbreitete ſich 18* 276 Die Reiſe das Gerücht: die Herzogin von Najara werde vermißt. Ihr Zimmer ſei leer, ihr Bett unangerührt. Sie ſei von dem Augenblick, wo ſie die Gemächer der Erz⸗ herzogin verlaſſen, nicht wieder geſehen worden und nirgend eine Spur von ihr aufzufinden. Dieſe Nach⸗ richt erfüllte den Erzherzog mit der größten Beſtürzung, die ſich allmälig, als er von allen Seiten⸗ die Beſtä⸗ tigung der Unglückskunde vernahm, in Zorn verwandelte und zur Wuth ſteigerte. Die Ueberzeugung ſtand ſo⸗ gleich in ihm feſt, daß ſeine Unterredung mit der Her⸗ zogin der Königin verrathen worden ſei und daß die ſchlaue und intrigante Monarchin die unglückliche Frau, vielleicht mit Hülfe des Erzbiſchofs von Toledo, der in Saragoſſa zugegen war, zum Geſtändniß gebracht und ſogleich habe heimlich entfernen laſſen. Das Herz voll bitterem Groll ließ er ſich bei der Königin melden, mit dem Vorſatze, ſie nicht zu ſchonen und das Geheimniß des Ortes, wohin ſie die ſchöne Witwe habe hinbringen laſſen, von ihr heraus zu preſſen. Iſabella lag bleich und leidend auf einem Polſter⸗ bette, und zu ihren Füßen ſaß die Erzherzogin weinend, als Philipp haſtig hereintrat. Die Königin winkte ihm ſtumm und kalt nach einem Seſſel, er war aber viel zu unruhig, um ſich zu ſetzen; er ſtellte ſich gerade vor ſeine Schwiegermutter und heftete das Auge ſtarr auf ſie. Beleidigt von dieſem Blick, ſoe ſie bitter:„Ich —— ——— nach Spanien. 277 glaube, Ihr weidet Euch auch noch an dem Zuſtande, in den Ihr mich verſetzt habt, edler Prinz von Spanien, und ſeid gekommen, um zuzuſehen, wie mir Eure Ver⸗ fügungen von der verwichenen Nacht bekommen ſind. Nun ich ſag' Euch zum Troſt, daß dieſer Handſtreich ein tüchtiger Nagel zu meinem Sarge iſt und Ihr die beſte Ausſicht habt, demnächſt den Thron von Caſti⸗ lien zu beſteigen. Uebrigens handelt Ihr ja ſo, als ob Ihr bereits unbeſchränkter Herr in dieſen Ländern wär't.“ —„Wovon ſpricht Ew. Majeſtät?“ fragte Philipp beſremdet.„Auf welche Verfügungen, auf welchen Handſtreich von mir deuten Eure beleidigenden Worte hin? Helft mir auf die Sprünge; ich weiß bei Gott und Ehre nicht, was Ihr meint.“ —„Das Läugnen und Frommthun ſteht Ew. Ho⸗ heit fein,“ verſetzte die Königin,„und ich habe es ſchon nicht anders von Euch erwartet. Wenn man aber den Fürſten eines Hauſes, das ſtets auf Gott und Ehre gehalten, ſolche Schwüre ſprechen hört, um eine Schuld abzuläugnen, dann möchte man vor Kummer und Zorn blutige Thränen weinen.“ —„Wie, Donna Iſabella?“ rief Philipp entrüſtet und todtbleich,„Ihr zaudert nicht, mich eines falſchen Schwurs zu zeihen?“ —„Und wähnt Ihr, Don Philipp,“ fuhr die Köni⸗ gin mit erhöhter Stimme fort,„Ihr wollet mich durch 5 Die Reiſe dies Alles glauben machen, Ihr ſeid nicht der Entfüh⸗ rer der Herzogin von Najara?“ —„Ich?!“ ſchrie der Erzherzog auf und ſtand dann einige Augenblicke wie verſteinert. Dann fuhr er grauſig lachend fort:„Fürwahr, das iſt ja recht ſpaß⸗ haft von Euch, allergnädigſte Frau Mutter, daß Ihr mir die Entführung der Herzogin zuſchiebt. Dieſer Zug ſetzt Eurer Meiſterſchaft in der Staatsklugheit eine Krone auf, wie Ihr ſelbſt ſie nicht beſſer tragt. Und ich geſtehe aufrichtig, darauf war ich nicht vor⸗ bereitet.“ —„Eure Schlangenwindungen helfen Euch nichts,“ fuhr die Königin in immer ſtrengerm Tone fort, und eine unheimliche Röthe zeigte ſich auf ihren Wangen, während ihr Auge einen unbeſchreiblichen Ausdruck von unwilliger Verachtung annahm.„Ich kenne Eure Leiden⸗ ſchaft für die Herzogin und auch die ihrige für Euch blieb mir nicht verborgen. Man kennt auch die Verab⸗ redung, die Ihr geſtern Abend, dem ganzen Hofe gleich⸗ ſam zum Hohn, mit ihr im Angeſicht Aller genommen; man hat unter den Reitern, die in der Mitternacht aus der Stadt geritten ſind, Leute aus Euerm Dienſt er⸗ kannt. Und Ihr wagt es noch zu läugnen, daß Ihr die Schändliche entführt habt, die Schlange, die ich in meinem Buſen erzog?— Seht, ſeht hier, Unſeliger, dies bejammernswerthe Weib, das Thränen über Euch vergißt und Thränen über Eure j die ſie liebte, nach Spanien. 279 wie ſie Euch libt! Ihr Irrſinn iſt Euer Werk. Und während ſie wieder Mutterhoffnungen hegt, begeht Ihr einen neuen Frevel an ihr. Ihr werdet ſie und mich in die Grube ſtürzen, dann, ſchöner Philipp von Oeſt⸗ reich, habt Ihr freie Macht, Euch im chriſtlichen Staat Caſtilien, der immer fromme und gottesfürchtige Be⸗ herrſcher hatte, einen mauriſchen Harem anzulegen und wie der weiſe König Salomo durch ſchöne Weiber zum Narren zu werden.“ Die Erinnerung an ſeine Schuld dämpfte in etwas die Flamme von Philipps Zorn.„Treibt mich nicht auf die äußerſte Spitze, Majeſtät!“ ſagte er.„Wozu dies Poſſenſpiel, ich glaube es Euch doch nicht, und wenn Ihr Eure Rolle noch natürlicher ſpieltet. Ihr habt die Herzogin fortſchaffen laſſen und gebt mir es ſchuld, um mir jede Nachfrage nach ihr vom Munde wegzuſchneiden. Ich erkenne meine Meiſterin in Euch. In der That, man muß nach Spanien gehen, um zu lernen, was zu einem Könige gehört. Wir draußen in den deutſchen Ländern haben davon keine Ahnung.“ —„Ihr beweiſ't das durch die That; denn ſo lang' die Erde ſteht, hat es keinen Fürſten gegeben, der die Verſtellungskunſt meiſterlicher geübt hätte, als Ihr! und in ſolcher Jugend, Ihr könnt' es als König von Spanien weit bringen. Es iſt der größte Meiſter⸗ ſtreich von Euch, mir die Entführung der Herzogin auf⸗ zubürden, während ſie auf dem Wege nach den Nieder⸗ 280 Die Reiſe landen iſt, Euch die einſamen Stunden dort bald zu verſüßen.“ —„Dies Intriguenſpiel wird mir verächtlich,“ verſetzte der Erzherzog kalt und ging nach der Thüre. „Doch geb' ich Euch mein Wort, Ihr mögt reden und thun, was Ihr wollt, Ihr werdet mir die Ueberzeugung nicht nehmen, daß Ihr die Herzogin entführt habt. Ich ſehe, daß ich Eurer Macht weichen muß, und bedaure die Unglückliche, die das Opfer dieſer Ränke gewor⸗ den iſt.“ Damit entfernte er ſich; die Königin hatte ſich aber dermaßen über ihn. geärgert, daß ſie in Krämpfe ver⸗, fiel und die Leibärzte ſchnell herbeigeholt werden muß⸗ ten. Die hohe Frau erkrankte ſelbigen Tages noch ſo heftig, daß man für ihr Leben beſorgt war und die ganze Stadt in Beſtürzung gerieth. Sie durfte ſich nicht beklagen. Die böſen Erfah⸗ rungen, die auf ſie einſtürmten, waren nichts als die Früchte ihrer eignen ſchlauen Politik. Sie hatte Philipps Jugend zertreten; darf man ſich wundern, wenn dieſe ſich an ihr rächte? nach Spanien. 281 Fünßehntes Rapitel. Seit jenem Tage war die Kälte zwiſchen Philipp und ſeinen Schwiegereltern und ſeiner Gemahlin ein finſtres „Geſpenſt, das nicht weichen wollte und jede Freude im Keim verdarb. Die Verdrießlichkeiten mehrten ſich mit jedem Tage und wurden vorzüglich durch die rückſichts⸗ loſe Aufführung der Begleiter des Erzherzogs gegen die Eingebornen und die daraus entſtandenen Händel ver⸗ ſchlimmert. Um ſich wenigſtens jeder perſönlichen Ver⸗ wickelung zu entziehen, reiſte der Erzherzog mit nur kleinem Gefolge nach Granada, vorgeblich um ſich die berühmte Maurenſtadt zu beſehen, eigentlich, um eine Spur zu verfolgen, die er von der Herzogin von Najara erhalten hatte. Die Königin begab ſich, ſobald ſie nur einigermaßen das Reiſen vertragen konnte, nach Madrid, wo die eaſtiliſchen Stände verſammelt waren, um ſich mit ihrer Herrſcherin zu berathen. Im Anfang des December kam der Erzherzog ebenfalls dahin. Er war drei Wochen lang umhergeirrt, aber er hatte nichts 282 Die Reiſe von der geliebten Frau entdeckt und war deshalb nahe daran ſich darüber zu grämen. Kleine Zufälligkeiten brachten ſeine Günſtlinge auf den Gedanken, die Herzogin möchte nach Frankreich, ihrem Geburtslande, wohin ſie ſich ſtets geſehnt, übergeſiedelt ſein, und kaum hatten ſie ihrem Gebieter dieſe Vermuthung mitgetheilt, als er ſogleich ſeine Abreiſe beſchloß und dem Könige und der Königin anzeigte. Beide waren ſehr erſtaunt darüber, da die Rede unter ihnen geweſen war, daß das prinz⸗ liche Paar nicht vor der Entbindung der Erzherzogin im Frühjahr reiſen werde; inzwiſchen verſuchte bei den obwaltenden Verhältniſſen Niemand ernſtlich den Prin⸗ zen zurückzuhalten, zumal man von ſeiner aufbrauſenden Heftigkeit die Vereitelung jedes derartigen Verſuchs fürchten mußte. Auch war die Stimmung der Familien⸗ glieder des Königshauſes ſo geſpannt und ſchroff, daß man Urſache hatte, über die Erklärung des Erzherzogs froh zu ſein, da durch ſeine Abreiſe jeder fernere Aus⸗ bruch verhütet wurde. Von der Mitreiſe der Erzher⸗ zogin war bei keiner Partei die Rede, weil keine ſie wünſchte. Man nahm gleichſam ſtillſchweigend an, daß die im fünften Monate ſchwangere Frau die Reiſe im Winter nicht machen können würde, und ſo rüſtete ſich der Erz⸗ herzog allein zum Aufbruch. Alles wurde in finſtrer, ſchweigend⸗grollender Haſt betrieben. In einer erbete⸗ nen Privataudienz beim Könige verlangl. Philipp noch nach Spanien. 283 einmal klare uuzweideutige Feſtſtellung der Verhältniſſe hinſichtlich Neapels mit dem Könige von Frankreich und unbedingte Abtretung der beiden Provinzen Baſilicata und Capitanata. —„In der That,“ verſetzte der König, während ſein ſterevtypes Lächeln einen Augenblick zum Grinſen wurde,„Ew. Hoheit iſt ſehr freigebig mit Ländern, die weder Euer Muth erobert, noch Eure Staatsklug⸗ heit gewonnen hat. Ich dächte, Ihr ſolltet mir dank⸗ bar ſein für ein Paar reiche Provinzen mehr, die ich Euch und Euern Kindern einſt hinterlaſſe.“ —„Mir gilt die unbefleckte Ehre meines Namens mehr, als ein ganzes Königreich,“ verſetzte Philipp ernſt und feſt. —„Niemand kann uns beweiſen, wie ich Euch ſchon mehrmals verſichert habe, daß die beiden Provinzen zur franzöſiſchen Landesportion gehören.“ —„Aber, Sire, ich verſprach den König zu⸗ frieden zu ſtellen— ich verbürgte mich mit meinem Worte——“ —„Und der Großcapitain hat die Franzoſen ge⸗ ſchlagen. Wo in der Welt und wann iſt es Gebrauch geweſen, daß der Sieger die eroberten Länder heraus⸗ gibt, um den Beſiegten zufrieden zu ſtellen?“ —„Aber mein Wort, Sire! Denkt Ew. Majeſtät nicht an das feierlich eingeſetzte Wort des Prinzen von Spanien, des Erben dieſer Länder?“ 284 Die Reiſe —„Iſt Euer Wort das meinige? Hattet Ihr Vollmucht von mir, Euer Wort zu geben?“ —„Bei allen vierzehn Nothhelfern, nein!“ rief Philipp grimmig.„Aber Ihr werdet mich zwingen, mich dem König von Frankreich als Gefangener zu ſtellen, bis ich als König von Spanien im Stande ſein werde, ihm mein Wort zu löſen.“ —„Ihr verſteht ſo wenig von der Regierungs⸗ kunſt, daß mir vor Spaniens künftigem Schickſale grauſt.“ —„Die Königin hat mir gerade das Gegentheil geſagt, aber ſie hat ſo wenig recht als Ihr. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Wäre dies nicht der Fall, ich würde Euch nicht jetzt ſchon verlaſſen. In meiner Bruſt ſchlägt ein redliches, deutſches Herz.“ —„Das habt Ihr durch Eure Unbeſonnenheit mit der Najara bewieſen.“ —„So glaubt auch Ihr, Sire, daß ich ſie ent⸗ führt?“ —„Wer glaubt es nicht? Meint Ihr, daß der König der einzige Geiſtesſchwache am Hofe ſei?“ —„Aber ich ſchwör' Euch bei Ritterwort und Treue, beim Haupte meines Vaters und bei den heiligen Sakramenten, daß ich die Herzogin weder entführte, noch entführen ließ, noch überhaupt etwas von ihrer Entweichung weiß.“ Der König ſchüttelte lächelnd und ungläubig den Kopf. ——„— nach Spanien. 285 —„Ew. Majeſtät glaubt meinen heiligſten Schwü⸗ ren nicht?“ rief der Erzherzog mit zornbebender Stimme. —„Laſſen wir das!“ verſetzte der König geſchmei⸗ dig.„Mag die ſchöne Herzogin ſein in welchen Händen ſie will, was geht das unſern Frieden mit Frankreich an? Hört meine Vorſchläge an, die Ihr dem Könige Ludwig thun ſollt. Ihr werdet meinem Scharfſinne, mit dem ich den Streit ſchlichte, Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen und meine Billigkeit beloben müſſen. Euer Sohn, mein lieber Enkel, Don Carlos, Prinz von Luxemburg und die Tochter des Königs Ludwig von Frankreich ſind Verlobte. Sucht alſo den König dahin zu bewegen, daß er die Eroberung und Einnahme des Königreichs Neapel als für dieſe beiden Verlobten geſchehen betrachte. Das Land ſoll ihr Heirathsgut ſein, ihnen von den Königen von Spanien und Frank⸗ reich dargebracht, und ſie ſollen vom Abſchluß des Friedensvertrags ſogleich den Titel König und Königin von Neapel, Herzog und Herzogin von Apulien und Calabrien führen. Bis zur Volljährigkeit Karls ſollen die beiden Landesportionen von Statthaltern verwaltet werden, die beiden ſtreitigen Provinzen ausgenommen, die wir Beide, ich und der König von Frankreich, Euch als Eigenthum abtreten; Ihr könnt ſie dann Euerm Sohne übergeben oder ſie bis zu Euerm Abſterben be⸗ halten, wie es Euch beliebt. Zum Statthalter der ſpaniſchen Landesportion ernenne ich Euch; wenn * 286 Die Reiſe 8 König Ludwig Euch ſo ſehr gewogen iſt und den Frieden mit Spanien und Oeſtreich ſo ſehr liebt, wie er ſich anſtellt, ſo hoff' ich, er wird Euch ebenfalls zum Statt⸗ halter der franzöſiſchen Landesportivn ernennen. Ihr mögt dann das Land für Euern Sohn beſtens regie⸗ ren.— Dies iſt mein Vorſchlag, auf den Ihr mit König Ludwig unterhandeln und nicht ein Haar breit davon abgehen ſollt.“ Nach manchen vergeblichen Widerreden und Demon⸗ ſtrationen zeigte ſich endlich der Erzherzog bereit, auf dieſe Bedingungen den Frieden mit Frankreich abzu⸗ ſchließen. Da er aber in den zehn Monaten ſeines Aufenthalts in Spanien hinlänglich Gelegenheit gehabt hatte, die gerühmte Staatskunſt ſeiner Schwiegereltern kennen zu lernen, ſo drang er auf eine geheime Staats⸗ zuſammenkunft, an welcher auch die Königin und die Miniſter Theil nehmen mußten. Durch Rechtlichkeit und entſchiedenes Weſen war es ihm gelungen, trotz ſeiner Jugend und ſeinem flatterhaften Leichtſint dem Könige und der Königin zu imponiren. Die aalglatte, öldurchweichte Geſchmeidigkeit des Königs entſprang ebenſo wie die verſtummende Unthätigkeit der Königin ihm gegenüber aus einer zwar nicht eingeſtandenen, aber nichts deſtoweniger vorhandenen Furcht vor ihm. Die Vorwürfe, die er als Antwort auf die ihrigen ihnen mit wilder, jugendlich⸗aufſprudelnder Heftigkeit gemacht, hatten den König zurückgeſchreckt und die Köni⸗ nach Spanien. 287 gin eingeſchüchtert. Man wagte es alſo in der gehei⸗ men Rathöſitzung nicht, wo er mit klaren Worten ver⸗ langte, daß König und Königin ihm eine Vollmacht ausſtellen ſollten, um auf die ausgeſprochenen Bedingun⸗ gen den Frieden mit dem Könige von Frankreich zu ſchließen, ihm zu widerſprechen. Ja, als er ſich nun nicht einmal mit der Vollmacht begnügte, ſondern den Erzbiſchof mit Ernſt aufforderte, dem königlichen Paare in ſeinem Beiſein das feierliche Verſprechen auf das Evangelium und den Leib Chriſti abzunehmen, daß ſie die gemachten Bedingungen halten und nichts mehr gegen den Friedensſchluß einwenden wollten, ſelbſt jetzt ver⸗ mochte man ſein Begehren nicht zurückzuweiſen, ſo be⸗ leidigend ſein dadurch an den Tag gelegtes Mistrauen war. König und Königin ſchwuren ihm den Eid und empfingen dann mit ihm und der Erzherzogin das hei⸗ lige Nachtmahl auf denſelben. Eine ſolche Gewalt hatte ſeine Offenheit über ihre Verſtecktheit erlangt. Hierauf erbat er ſich zwei gleichfalls mit Vollmachten verſehene königliche Räthe kzur Begleitung nach Frankreich, um den Friedensvertrag mit zu unterſchreiben. Sobald er mit dieſer Angelegenheit in's Reine war, reiſte er mit einem kleinen, nur aus ſeinen vertrauten Freunden und ſeinen Miniſtern beſtehenden Gefolge ab. Die übrigen niederländiſchen Edelleute ſollten theils bei der Erz⸗ herzogin bleiben, theils in einzelnen Abtheilungen zu Land und zu Waſſer heimreiſen. Der Abſchied von 288 Die Reiſe Schwiegereltern und Gemahlin war kurz und lau, und es rührte ihn nicht, daß die unglückliche Juanna ver⸗ zweiflungsvoll weinend an ſeinem Halſe hing. Auch das Ehrengeleite, das ihm ein Theil des eaſtiliſchen Adels gab, war ſteif und förmlich; er nahm den Groll faſt aller Männer mit. Nur manches dunkle Frauen⸗ auge blickte dem ſchönen blonden Fürſten ſehnſüchtig und verlangend nach. Es war am 19. December, als Philipp von Madrid, wohin der ganze ſpaniſche Hof ſich begeben hatte, ab⸗ reiſte. Er ging wieder über Saragoſſa, wohin ihn die leiſe Hoffnung zog, dort, wo die geliebte Frau verſchwunden war, um ſo leichter auf ihre Spur kom⸗ men zu können, da ſeine Naochforſchungen nicht vom Hofe behindert waren. Zu dieſem Zwecke blieb er in der arragoniſchen Hauptſtadt bis zum 3. Januar. Seine Getreuen durchforſchten die Stadt und Umgegend in allen Richtungen nach den Zigeunern; denn es war dem Erzherzog zur Gewißheit geworden, daß er durch ſie am leichteſten ſichere Rachrichten über den Aufenthalts⸗ ort der Herzogin erhalten würde; aber ſelbſt Bübenhoven vermochte die hie und da ſich zeigenden Spuren nicht weit zu verfolgen. Nicht mit beſſerm Erfolge wurden die Nachrichten auf der langſamen Weiterreiſe durch F Spanien fortgeſetzt. Dieſe ging über Lerida in Cata⸗ lonien und Barcelona. Von hier blieb der Erzherzog an der Küſte, hielt ſich mehre Tage in Gerona auf und ———— nach Spanien. 289 fuhr zu Schiffe bis nach Perpignan, wo er am 8. Fe⸗ bruar anlangte. Ehe er aber noch Spanien verließ, ſtieß der Abt von St. Michael zu Cujan, Bernhard von Boil, zu ihm und forderte ihn im Namen des Kö⸗ nigs, für deſſen Geſandten er ſich ausgab, auf, den mkreich nicht unter den angegebenen Bedingungen zu ſchließen, ſondern vielmehr die beiden Provinzen Baſilicata und Capitanata als zur ſpaniſchen Landesportion ohne alle Zugeſtändniſſe zu behaupten. Der Erzherzog lachte bitter:„Zeigt mir Euere vom König und der Königin unterſchriebene Vollmacht vor, Herr Abt.“ —„Ich habe eine ſolche nicht,“ verſetzte dieſer; „aber meine geiſtliche Würde wird Ew. Hoheit genug ſein, um mir Glauben zu ſchenken.“ —„Mit nichten,“ ſagte Philipp.„Hat Euch der König wirklich mir nachgeſandt mit dieſem Befehl, ich habe leider keinen Grund es nicht zu glauben, ſo werde ich doch demſelben ohne ſeine und der Königin Namensunterſchrift keine Folge leiſten, ſondern mich an die erhaltenen unterſchriebenen und auf Evangelium und Krucifix beſchworenen Inſtructionen halten.“ Mit diefem beſtimmten Beſcheid verabſchiedete er den geiſtlichen Herrn und ſchenkte den Einwendungen deſſelben nicht die mindeſte Berückſichtigung. Die Reiſe ging weiter über Salces in Languedoc nach Synan. Hier begrüßten ihn aus Brüſſel ange⸗ Ein deutſcher Leinweber. II. 19 290 Die Reiſe langte Edelleute, welche ihm die Nachricht überbrach⸗ ten, daß drei vornehme Adelige als Leibbürgen für ſeine, des Erzherzogs, Sicherheit in Frankreich, vom Könige Ludwig dorthin geſchickt, angelangt ſeien. Phi⸗ lipp ſandte die Niederländer ſogleich mit dem Befehle zurück, die franzöſiſchen Leibbürgen unverzüglich und reich beſchenkt wieder zu entlaſſen. Hierauf zog er über Narbonne und Beziers nach Montpellier, wo er von den Geſandten ſeines Vaters, des Königs Maxi⸗ milian, dem Grafen von Fürſtenberg, dem Dompropſt von Utrecht und dem Herrn von Foy bewillkommt wurde, die auf die Nachricht von ſeiner Abreiſe in Spanien ſogleich von Blois aufgebrochen waren. Am 10. März war er in Avignon, am 14. in Orange und am 16. in Pont de St. Esprit. Hier erreichte ihn ein ſpaniſcher Courier mit der Nachricht, daß am 10. März die Erzherzogin Infantin zu Alcala de Henarez im Königreich Caſtilien von einem Prinzen glücklich entbunden worden ſei, welchen der Erzbiſchof von To⸗ ledo getauft und der König Ferdinand über das Tauf⸗ becken gehalten, ihm auch ſeinen Namen Ferdinand ge⸗ geben habe. Der Cyurier hatte den Weg in fünf Ta⸗ gen zurückgelegt, zu welchem der Erzherzog drei Mo⸗ nate gebraucht hatte. Die Reiſe ging nun an der majeſtätiſchen Rhone hinauf über Valence und Vienne und 22. März hielt Philipp ſeinen Einzug in Lhon, wo ihn ſein Schwager, der junge Herzog Philibert von W nach Spanien. 291 Savohen begrüßte, der von ſeiner nahen Reſidenz Bourges, damals zu Savoyen gehörig, herabgekom⸗ men war. In allen franzöſiſchen Städten war der Erzherzog auf Befehl des Königs mit großen Feierlichkeiten ehr⸗ erbietigſt eingeholt und empfangen worden; in Lyon waren aber die Anſtalten zu ſeinem Empfang wahrhaft königlich prachtvoll. Die ganze Bürgerſchaft in Zünf⸗ ten, jede mit ihrer Fahne und beſondern Pfeifern, der Stadtrath an der Spitze, holten ihn unter Glockenge⸗ läut und Kanonendonner ein; die Kaufleute trugen den Thronhimmel, unter welchem er ritt. Am andern Tage nach ſeiner Ankunft langte der König Ludwig mit der Königin Anna ebenfalls in Lhon an und gab dem Erzherzog ein glänzendes Bankett auf dem Schloſſe. Aber der ſchöne Oeſterreicher zeigte nicht die fröhliche Munterkeit, mit der er funfzehn Monate zuvor alle Frauenherzen in Blois entzückt hatte, und er mußte von der Königin und von der Gräfin Germaine von Foir manche Neckerei ausſtehen, als ſei die Abweſen⸗ heit der ſchönen und muthwilligen Anna von Foir Schuld an ſeinem Trübſinn. —„Ah, ſie wird ſich einſam und verlaſſen genug fühlen bei ihrem alten, langweiligen König von Ungarn und Böhmen!“ ſeufzte Germaine.„Der König ſoll ein recht häßlicher Mann ſein und die Zeit, die ihm Eſſen und Trinken übrigläßt, verſchlafen oder ver⸗ 19* 292 Die Reiſe beten. Aber der gute Herr iſt faſt immer krank und bringt die meiſte Zeit ſeines Lebens im Bette zu. Eine ſchlechte Unterhaltung für eine junge lebensluſtige Kö⸗ nigin. Und die mürriſchen Ungarngeſichter mit den großen ſchwarzen Schnurrbärten ſehen auch nicht aus, als ob ſie viel zur Erheiterung meiner armen Anna beitragen würden. Sie dauert mich. Hat ſie deshalb einen König mit zwei Kronen geheirathet, daß ſie ſich zu todt langweilen und grämen ſoll? Wenn ſie wüßte, daß wir hier zuſammen ſind, ich glaube, ſie weinte Thränenſtröme; denn ſie war Ew. Hoheit gar ſehr ge⸗ wogen. Ich bitt' Euch, reiſet nach Ungarn, um ihr ein paar heitere und glückliche Tage zu machen. Ihr werdet gewiß nicht viel umreiſen, denn ihr ſeid ja auch der Herr eines ſolchen barbariſchen Landes. Die lie⸗ gen ja alle beiſammen hinten an den türkiſchen Gren⸗ zen. Und wenn nun die ſchrecklichen Türken in das Land fallen und männiglich ohne Anſehen der Perſon den Kopf abſchneiden, was wird da meine arme Anna für Angſt um ihren Kopf auszuſtehen haben! Ich bitte Euch, ſchützt ſie ja, da ihr ſchläfriger Betkönig unver⸗ mögend iſt, ſie zu ſchützen.“ Lächelnd über die geographiſchen Kenntniſſe der ſchönen Gräfin verſprach der Erzherzog ihre Wünſche in Bezug auf die arme Conſine zu erfüllen und meinte, es könne ſogar zu ſeiner Reiſe nach Ungarn oder Böh⸗ men, wo nun eben der Hof ſich aufhalten werde, Rath 8 — nach Spanien. 293 werden, obgleich dieſe Länder etwas weit von dem ſeinigen lägen. Dabei erkundigte er ſich vorſichtig, ob ſie oder die Königin von Ungarn in der letzten Zeit mit der Herzogin von Najara, ihrer Jugendfreundin, im Briefwechſel geſtanden. Daß die Königin der Her⸗ zogin ihre Vermählung brieflich angezeigt, habe er aus dem Munde der letztern. —„Sie haben allerdings Beide häufig Briefe ge⸗ wechſelt,“ verſetzte Germaine.„Auch an mich ſind manch⸗ mal ein paar Zeilen angekommen. Aber auch Euere Schweſter hat von Luiſe in der jüngſten Zeit mehre Briefe erhalten, die erſt an Anna und, als dieſe nach Ungarn abgereiſt war, an mich beigeſchloſſen waren, die wir weiter nach Savoyen beſorgten.“ —„Und habt Ihr die Herzogin jüngſt geſprochen?“ Die Gräfin ſah den Erzherzog verwundert an.„Bin ich denn in Spanien geweſen?“ —„Aber war denn die Herzogin nicht in Blvis?“ —„Keineswegs. Doch erklärt mir Euere räthſel⸗ hafte Frage.“ —„Iſt Luiſe von Maine nach dem Tode ihres Gemahls wirklich nicht nach Frankreich zurückgekehrt?“ —„Wenigſtens nicht, daß ich davon wüßte. Iſt ſie denn nicht mehr am ſpaniſchen Hofe?“ Der Erzherzog erzählte und Germaine's ſteigende Verwunderung beeilte ſich das eben Gehörte der Kö⸗ nigin mitzutheilen. Dieſe rief den König herbei und 294 Die Reiſe aus der Beſprechung des ſonderbaren Vorfalls ſah Philipp zur Genüge, daß die Herzogin nicht nach Frank⸗ reich gekommen war. Die abermals getäuſchte Hoff⸗ nung vermehrte ſeinen Unmuth. Die Königin und Ger⸗ maine ſprachen die Vermuthung aus, daß die ſo ſelt⸗ ſam Verſchwundene höchſtwahrſcheinlich nach Ungarn gegangen ſei; ja die Königin war ſogar der Meinung, daß ſie von der jungen Königin von Ungarn und Böh⸗ men jedenfalls heimlich eingeladen worden ſei; denn Anna habe ſich vor nichts mehr gefürchtet als vor Lan⸗ geweile. Und die Herzogin habe am ſpaniſchen Hofe deshalb Alles ſo heimlich betrieben, um von Seiten der Königin Iſabella nicht an der Abreiſe verhindert zu werden. Germaine wollte ſich ſogar erinnern, daß, als ſie mit der bereits verlobten Anna von der ver⸗ witweten Luiſe geſprochen, jene geäußert habe, die Herzogin von Najara, ihre liebe und getreue Jugend⸗ freundin, ſei die beſte und erwünſchteſte Geſellſchafterin für ſie, wenn jene nur zu beſtimmen ſein möchte ihr zu folgen. Dieſe Aeußerungen und Beſprechungen mach⸗ ten es dem Erzherzog ſelbſt glaubhaft, daß die ſchöne Frau, die mehr als je der Gegenſtand ſeiner heißeſten Sehnſucht war, aus Großmuth gegen die königliche Familie in Spanien, ihr Herz bezwungen und eine Zu⸗ flucht vor ſeiner ſtürmiſchen Leidenſchaft bei der könig⸗ lichen Jugendfreundin im fernen Ungarlande geſucht und gefunden habe. Er hoffte darüber bei ſeiner Schwe⸗ S. — — nach Spanien. 295 ſter Margaretha, die er ohnedies beſuchen wollte, nä⸗ here Auskunft zu erhalten, indem er nicht ohne Grund vermuthete, daß Margaretha von Luiſen— da Beide die innigſten Freundinnen waren— in das Geheimniß ihrer Flucht eingeweiht worden ſei. Nach einigen Tagen führte der König ſeinen Gaſt in Begleitung des ganzen Hofes nach Pleſſis les Tours, jenem königlichen Luſtſchloſſe auf einer von der Lvire und dem Cher gebildeten Inſel, nur eine Viertelſtunde von Tours gelegen, der reizenden Schöpfung Ludwig des Elften, wo dieſer König auch geſtorben war. Hier begann eben der Frühling ſeine bunten, duftenden Fah⸗ nen aufzuſtecken. Alle Hofleute, Gefolge und Begleiter, die nicht zum engſten Hofeirkel gehörten, wurden nach dem nahen Blois geſchickt und nur wenige Perſonen blieben um die fürſtlichen Häupter. Keine rauſchenden Feſte wurden gegeben; man fand hohen Genuß an ſtillen, ländlichen Vergnügungen. Eine Waſſerfahrt auf der Loire, ein Spazierritt, ein Tanz mit den Bauern von Pleſſis war ganz nach des Erzherzogs Geſchmack, der ſich nch uhe geſehnt hatte. In dieſer Zurückgezogen⸗ heit verhandolte er als Bevollmächtigter der ſpaniſchen Kronen den Frieden mit König Ludwig und brachte ihn auf die vorgeſchlagenen Bedingungen glücklich zu Stande. Seit des Erzherzogs erſter Anweſenheit am fran⸗ zöſi iſchen Hofe auf der Hinreiſe nach Spanien war das Verhältniß zwiſchen den beiden Mächten, welche das 296 Die Reiſe Königreich Neapel unter ſich getheilt hatten, immer feindſeliger geworden. Zwar hatte König Ludwig den Erzherzog im vorigen Jahre einen Geſandten an den arragoniſchen König nach Toledo nachgeſchickt, um über die beiden ſtreitigen Provinzen ein Abkommen zu tref⸗ fen, aber König Ferdinand hatte dieſem ſo zweideutig und ausweichend geantwortet und ſich auf ein dem Papſt zu übertragendes Schiedsgericht berufen, daß der fran⸗ zöſiſche Geſandte unverrichteter Sache wieder hatte ab⸗ reiſen müſſen. So oft nun auch der Erzherzog bei ſei⸗ nem Schwiegervater dieſe Angelegenheit in Erinnerung gebracht hatte, immer hatte er beſchwichtigende und ausweichende Antworten erhalten; ſpaniſche Große hat⸗ ten ihm ſogar nicht undeutlich zu erkennen gegeben, er möchte, um ſeine Schwiegereltern nicht zu erbittern, ſich nicht in ihre Regierungsangelegenheiten miſchen. Der Streit mit Frankreich werde auch ohne ſein Zu⸗ thun zur Ehre und zum Vortheil Spaniens beigelegt werden. Philipp hatte ſich immer mehr überzeugen müſſen, daß an Treu' und Glauben, guten redlichen Willen und an ein offenes Handeln von Seiten der beiden katholiſchen Majeſtäten nicht zu denken ſei, daß vielmehr Alles auf krummen und verdeckten Wegen durch Liſt, Betrug und Intrigue bekrieben werde, und dieſer Umſtand hatte gar viel zur Verſtimmung ſeines offenen deutſchen Gemüths beigetragen Unterdeſſen waren die beiden Heere in Neapel, 6 aniſche unter dem Groß⸗ nach Spanien. 297 capitain Gonſalvv de Cordova und das franzöſiſche unter dem Herzog von Nemours immer feindſeliger an einan⸗ der gerathen und hatten ſich das ganze Jahr hindurch mit wechſelndem Glück und Nachtheil bekämpft. Zwar waren einige Mal, vorzüglich auf des Erzherzogs Betrieb, Verſuche zur Ausgleichung des Streits ge⸗ macht worden und die beiden Generäle Nemours und Cordova waren ſogar perſönlich zu Friedensverhandlun⸗ gen zuſammengekommen. Da aber keine Partei auf die beiden Provinzen verzichten wollte, ſo griff man immer wieder zum Schwerte und vergoß unnützer Weiſe Menſchenblut. Zu der Zeit nun, als Philipp im höch⸗ ſten Verdruß wieder aus Spanien abreiſte, drohte ein ernſtlicher Krieg zwiſchen Frankreich und Spanien aus⸗ zubrechen; man rüſtete ſich in beiden Ländern und verſtärkte die Grenzfeſtungen zu beiden Seiten der Py⸗ renäen. König Ludwig war über die treuloſe Handlungs⸗ weiſe des Königs Ferdinand auf's äußerſte aufgebracht, fühlte ſich aber vom Vertrauen des Erzherzogs Philipp, der trotz der drohenden Verhältniſſe und trotz der Ab⸗ mahnungen ſeiner Schwiegereltern doch wieder nach Frankreich gekommen war, um den Frieden zu vermit⸗ teln, und die Sicherheitsbürgen zurückgeſchickt hatte, ſehr geſchmeichelt. Er ſchwur dem Erzherzog zu, daß nur perſönliche Liebe zu ihm und keineswegs Rückſichten auf den König von Arragonien ihn vermöchten die vor⸗ geſchlagenen Bedingunger ugehen. Philipp erhielt 298 durch den abgeſchloſſenen Frieden die beiden Provinzen Baſilicata und Capitanata als erbliches Eigenthum und wurde Statthalter der ſpaniſchen Portion; König Lud⸗ wig ernannte einen andern Statthalter für den franzö⸗ ſiſchen Antheil und ſo ſollte das Land bis zur Ver⸗ heirathung und Großjährigkeit des Prinzen Karl von Luxemburg und der Prinzeſſin Claudia von Frankreich verwaltet werden. Sobald die Friedensvertragsinſtru⸗ mente unterſchrieben und unterſiegelt waren, ſchickte der König und der Erzherzog Geſandte nach Neapel an die beiderſeitigen Heerführer mit dem Befehl, alle Feind⸗ ſeligkeiten gegen einander ſofort einzuſtellen. Philipp reiſte hierauf nach Savoyen, wo er das Oſterfeſt bei ſeiner lieben Schweſter Margaretha, der er in Lyon ſchon ſo nahe geweſen war, ohne ſie zu ſehen, und bei deren Gemahl zuzubringen, ſowie ſeine geheimen Nachforſchungen nach der Herzogin von Na⸗ jara fortzuſetzen gedachte. Er verſprach nach den Feſt⸗ tagen an den franzöſiſchen Hof zurückzukehren„um im Verein mit dem Könige die weitern nöthigen Schritte zur Beruhigung und Verwaltung Neapels zu thun. Die Reiſe nach Spanien. 299 Sechzehntes Rapitel. Wieder waren Philipps Hoffnungen vernichtet. Er lag an der Bruſt ſeiner Schweſter und weinte. Sie konnte ihm nichts von Luiſe von Maine ſagen und hatte ſeiner Erzählung von ihrem Verſchwinden mit geſpann⸗ ter Theilnahme zugehört. Die ſanfte Margaretha weinte mit dem geliebten Bruder. Aber ſie fragte und forſchte weiter und ihr, der einzigen Seele, die ihm in treuer Liebe angehörte, in die er die ſeinige verwachſen fühlte, ihr vermochte er nichts zu verbergen. Das Bekenntniß ſeiner Schuld floß von ſeinen Lippen.„O, ich habe dieſe Spanier kennen gelernt!“ ſeufzte er,„und ich habe oft an dich gedacht, Gretchen. Ich habe es empfunden und erlebt, was du in dieſem ſcheinheiligen, treuloſen Königshauſe haſt leiden müſſen. Nur eine ſo ſanfte weiche Seele wie die deinige konnte das er⸗ tragen. Aber wie viele Thränen magſt du in dieſen ſtolzen mauriſchen Paläſten, die ſie bewohnen, vergoſſen 300 Die Reiſe haben! O, ich habe dich und deinen Schmerz erſt recht verſtanden, als ich dieſen kaltlächelnden ſtaatsklugen Ferdinand, dieſen Meiſter aller Ränke und Verſtellung, als ich dieſe ritterliche, hochherzig geprieſene Iſabella, dieſe gleißneriſche Lügnerin, die würdige Gemahlin Ferdinands, kennen lernte! Dieſe katholiſchen Könige! Dieſe gefeierten Säulen der Kirche! Die in Liedern verherrlichten Eroberer Granadas und Beſieger der Mauren! Ja, man muß ſie nur kennen lernen, wie wir; man muß nur mit ihren Kindern vermählt ſein, wie wir. Glaube mir, Gretchen, für dies ſtolze und berühmte Königspaar ſind die Tugenden nur da, damit ſie den Schein derſelben ſtudiren und ſich aneignen können. Sie ſind ſo in Schein und Lüge verſunken, die Verſtellungskunſt iſt ihnen ſo zur Natur geworden, daß ſie Gott und die Heiligen belügen, ja ſich ſelbſt, indem ſie ſich glauben machen, ſie ſeien fromm und tugendhaft, da ſie ſich doch nur ſo ſtellen und ihr Herz voll böſer Geſinnung iſt.— Unſre redlichen öſtreichi⸗ ſchen Herzen hätten nicht an dieſe ſpaniſchen Heuchler verſchachert werden ſollen; wir ſind doppelt verrathen und verkauft in dieſem Spanien. Das treue haböbur⸗ giſche Blut, das ſich bis jetzt ſo rein erhalten hat, wie es unter den redlichen Schweizerhirten gelebt, wi⸗ derſtrebt der Vermiſchung mit dieſem katholiſch⸗arrago⸗ niſchen Blute, das ſich nur von Mord und Verrath, Lug und Betrug genährt hat. O ich fürchte, meine — — nach Spanien. 301 Kinder werden nicht mehr ſo treue redliche Habsburger ſein; der Geiſt ihres mütterlichen Geſchlechts wird Ge⸗ walt über ſie bekommen haben und dieſer Gedanke macht mich ſehr unglücklich!“ —„Du ſiehſt zu ſchwarz, Philipp!“ tröſtete die Herzogin und ſtrich ihm mit ihrer ſchmalen weichen Hand über die hohe umwölkte Stirn.„Aber du haſt viel gelitten in Spanien; ich ſehe es dir an, du ſiehſt krankhaft angegriffen aus. Gönne dir bei mir— Ruhe und Erholung und ziehe deine Gedanken ab von un⸗ ſerer gemeinſchaftlichen Freundin, die wahrſcheinlich auch Ruhe geſucht und gefunden hat, der ſie ſo ſehr be⸗ durfte.“ —„Gewiß hält ſie die Königin in einem ihrer Schlöſſer eingeſperrt und martert die Unglückliche; denn ſonſt hätteſt du oder Germaine von Fvoix irgend Nachricht von ihr erhalten.“ —„Die Königin Iſabella iſt nicht grauſam gegen Luiſe. Aber es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe, von deinen neuen ſtürmiſchen Bewerbungen erſchreckt und von Anna von Fvir nach Ungarn eingeladen, heimlich die Reiſe gemacht hat, um nicht von deiner Leiden⸗ ſchaft verfolgt zu werden. Gönn' ihr Frieden und ſuche ihn ebenfalls zu gewinnen; denn auch dir thut er noth, mein lieber Bruder.“ Die räthſelhaft verſchwundene Herzogin von Na⸗ jara blieb noch lange der Gegenſtand der Unterredung 302 Die Reiſe der beiden fürſtlichen Geſchwiſter. Es gewährte dem ſehnſuchtsvollen, weichmüthigen Erzherzog wenigſtens eine Art Befriedigung und ſeligen Genuß, von der Geliebten zu ſprechen und von ihr ſprechen zu hören. Lächelnd lauſchte er den Erzählungen der Schweſter aus vergangenen Zeiten, wo ſie alle Drei im ſchönſten Verein in Brüſſel gelebt, oder von früher, wo ſich in Frankreich der Bund der Mädchenſeelen geſchlungen und ſie zuſammen Lieder gedichtet hatten. Und wenn er auch Alles ſchon wußte, Margaretha mußte es doch wieder und wieder erzählen, und ſie that es gern, um ihren traurigen bleichen Philipp zu erheitern und zu beglücken. Sie holte ihre Papiere herbei und kramte die Verſe heraus, die Luiſe geſchrieben, ſowie alle Briefe derſelben. Philipp las und las und ver⸗ ſchlang die niedlichen Buchſtaben mit den Augen und die ſchönen, gefühlvollen Gedanken mit der Seele. Und ſeine Augen füllten ſich wieder mit Thränen und er ſeufzte wehmüthig:„Und ich Unglücklicher bin an dieſe wahnſinnige Spanierin gefeſſelt!“ —„Ich wurde vor kurzem recht lebhaft an Luiſe erinnert,“ fiel Margaretha ſogleich ein, um ihm die düſtern Gedanken zu verſcheuchen;„mein ehemaliger Stallmeiſter in Frankreich und den Niederlanden, der Antoniv Cebes, der Zigeuner, der Mann meiner treuen Claire, die mir Luiſe geſchenkt— du erinnerſt dich doch des dunkelfarbigen Antonio, den ich mit von Frank⸗ 8 nach Spanien. 303 reich brachte und der nicht mit mir nach Spanien ging—“ —„Gewiß,“ verſetzte der Erzherzog aufmerk⸗ ſam;„er zog dann mit dem Heere, das ich unſerm Vater und dem ſchwäbiſchen Bunde zuſchickte, gegen die aufrühreriſchen Schweizer und iſt dort in einer Schlacht gefallen.“ —„Mit nichten. Er iſt von einem Schweizer gefangen genommen worden und hat, ſtreng bewacht, dieſem als Viehhirt in einer Sennhütte auf einer hohen Alp dienen müſſen. Erſt im verwichenen Herbſt iſt es ihm geglückt zu entfliehen und nun hat er mich wieder aufgeſucht und fragt nach ſeinen Kindern, nach denen ſich ſein Herz geſehnt hat. Er iſt noch hier. Und er hat mir viel erzählt von Luiſen, was ich noch nicht wußte; denn ihrer Fürbitte verdankte er es, daß ich ihm Claire zum Weibe gab. Sie hat ihn oft für kleine Dienſte, zu denen ſie ihn gebraucht, beſchenkt und es iſt ihm geglückt ihr Vertrauen zu gewinnen.“ —„Dieſen Mann muß ich für meine Dienſte ge⸗ winnen!“ rief der Erzherzog.„Er ſoll mein Stall⸗ meiſter werden. Laß ihn mir ab, Gretchen. Es thut meinem Herzen wohl, ihn„der ihr gedient, um mich zu wiſſen. Ich möchte all' ihre Leute um mich verſam⸗ meln und nur immer von ihr hören.“ —„Du kannſt ihn haben,“ entgegnete die Herzogin von Savoyen lächelnd. 9 304 Die Reiſe Der Herzog Philibert trat in das Zimmer ſeiner Gemahlin, um dem Schwager die Gelegenheit der her⸗ zoglichen Reſidenz zu zeigen. Sobald ſich Beide ent⸗ fernt hatten, ſchellte Margaretha und befahl den Pa⸗ gen ihres Bruders, Marx von Bübenhoven, hereinzu⸗ führen. Das milde gütige Auge der hohen Herrin ruhete einige Augenblicke mit dem Ausdrucke des edel⸗ ſten Wohlwollens auf der ſchönen ſchlanken Geſtalt des Jünglings, die ſich männlicher ausgebildet und in Blick, Haltung und Mienen ein gewiſſes für ſie anziehendes Etwas gewonnen hatte, das ihr deutlich verrieth, dies ſei nicht mehr der ſchüchterne, befangene, harmloſe Knabe, der vor anderthalb Jahren in Brüſſel vor ihr geſtanden hatte, um ihre Auſträge an die von Najara in Empfang zu nehmen. Bübenhoven beugte in ſüßer Verwirrung das Knie vor der hochverehrten Fürſtin und drückte einen Kuß auf eine bauſchige Falte ihres Gewandes. —„Junker von Bübenhoven,“ redete ſie ihn mit freundlichſter Anmuth an,„wenn ich Euern Blick vor⸗ hin verſtanden habe, ſo iſt das Verſchwinden der Her⸗ zogin von Najara für Euch kein Geheimniß.“ —„Ich bin ſo glüchlich von Ew. Hoheit verſtan⸗ den zu werden, ſelbſt wenn ich nicht mit dem Munde rede,“ verſetzte der Page ehrfurchtsvoll.„Nicht nur kein Geheimniß liegt für mich in dieſer auffallenden und vielbeſprochenen Begebenheit, ſondern ich bin ſogar — nach Spanien. 305 auf das innigſte dabei betheiligt, und es hätte ohne meine Mitwirkung niemals ſtattfinden können. Da ich mich nun in Bezug auf dieſe Angelegenheit als in Euerm Dienſte ſtehend betrachten mußte(denn Ihr hat⸗ tet mir die geheimen Aufträge an die Herzogin von Najara ertheilt und mich dieſer edeln Frau auf das gnädigſte empfohlen), ſo habe ich in der ſchwierigſten. Lage und in den verwickeltſten Verhältniſſen nur in Euerm Sinne, wie Ihr mir denſelben geoffenbart, und in Eurer Treue zu handeln geglaubt; hiermit gebe ich mir die Ehre, Euch meine Rechtfertigung und die um⸗ ſtändliche Erzählung des Verlaufs der Begebenheiten in einem Briefe der Herzogin von Najara zu überrei⸗ chen.“ Mit dieſen Worten zog er aus der Bruſttaſche ſeines Wamſes einen Brief hervor„kniete nieder und übergab ihn der Herzogin von Savohen. In großer Bewegung löſte ſie das Siegel und überflog mit ſchnellen Augen die Zeilen. Sie las und las, ihr liebliches Geſicht röthete ſich höher, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, ſie trocknete ſie und las weiter. Endlich ſtand ſie raſch auf, in ihren Zügen ſtrahlten Begeiſterung, Ueberraſchung, Freude, Bewunderung. Ein Thränenſtrom entquoll ihren Rugen, aber man ſah, es waren Freudenthränen.„Junker von Bübenhoven,“ ſprach ſie und hielt ihm die ſchöne Hand hin,„ich er⸗ laube Euch meine Hand zu küſſen; denn Ihr ſeid ein edler, hochherziger, trefflicher Jüngling. Ihr habt in Ein deutſcher Leinweber. 1I. 20 4 2 306 Die Reiſe dieſer äußerſt ſchwierigen Lage Euch benommen, wie nur ein ritterlicher Held von reinſter Ehre und zarte⸗ ſtem Gewiſſen ſich benehmen konnte, und Ihr habt mich Euch für die Dauer meines Lebens ſo verpflichtet und verbunden, daß ich's Euch zu vergelten nicht im Stande bin.“ —„Ew. Hoheit ſchlagen meine geringen Dienſte zu hoch an,“ verſetzte der Page beſcheiden.„Ich that nur Das, was ich als heiligſte Pflicht gegen Euch er⸗ kannte; wenn ich auch oft zagte und bebte, daß ſich das nicht mit der Pflicht gegen meinen gnädigſten Herrn vereinbaren ließe, ſo glaubte ich doch ſtets Euch, der hohen, reinen, tugendhaften Frau, folgen zu müſ⸗ ſen, wollte ich nicht vom rechten Wege abirren. Und ſo ſtand Euer leuchtendes Bild immer vor meiner Seele als Wegweiſer und Leitſtern durch die Nacht der Zweifel und Ungewißheit. Aber auch ein Vorbild männlicher Tugend und Rechtſchaffenheit lebte in mir, das dank⸗ bare Andenken an einen Mann, den ich Vater nennen darf, ich meine Herrn Jakob Fugger in Augsburg. Und ich handelte nicht eher, als bis ich mit mir einig geworden, daß Ihr, gnädigſte Frau, und Herr Fugger meine Handlung gut heißen würdet.“ —„O, ſeid unbeſorgt, Junker!“ ſagte Marga⸗ retha mit leuchtenden Blicken.„Ihr habt auch nach der ſtrengſten Pflicht, die Ihr meinem Bryuder ſchuldig ſeid, gehandelt. Das Recht und die Tugend kennen nur ————— e— 3*— nach Spanien. 307 einen Weg und den ſeid Ihr gewandelt. Es iſt wahr, mein Bruder würde Euch heftig zürnen, er würde Euch vielleicht einen Treuloſen ſchelten, wenn er wüßte, was Ihr gethan habt. Aber er iſt jetzt ein Kranker, über ſich ſelbſt Verblendeter. Es würde die Zeit kommen, wo er Eure That loben und preiſen und Euch dafür belohnen müßte. Und ſie wird kommen, dieſe Zeit, und er wird dann einſehen, daß Ihr der Treueſte ſeiner Treuen geweſen ſeid, wenn auch dem Scheine nach un⸗ getreu. Einſtweilen begnügt Euch mit meiner Aner⸗ kennung Eurer edeln und hochherzigen Handlungsweiſe und mit meinem wärmſten Danke.“ Mit dieſen Wor⸗ ten trat ſie zu ihrem Schmuckſchrein und zog eine ſchwere goldne Gnadenkette mit einem brillantbeſetzten Medaillon hervor, hing ſie über des Junkers Bruſt und ſprach:„Es iſt mein Bild, das ich Euch ſchenke. Ihr habt Euch ſelbſt zu meinem und der Tugend und Ehre ritterlichen Diener geweiht. So tragt denn das Bildniß der ſchwächſten und unwürdigſten dieſer Eurer drei Herrinnen. Möge es Euch immer an die hohen Pflichten erinnern, die Ihr den beiden andern erhabenern ſchuldig ſeid, und Euch im Kampfe für das Gute, Rechte und Wahre ſtärken.“ —„Es iſt das Bild der Tugend und Ehre,“ rief der Junker begeiſtert;„denn beide ſeid Ihr in ver⸗ körperter menſchlicher Geſtalt, in der edelſten und herr⸗ lichſten Erſcheinung. Mein Leben gehört Euch, hohe — 0 308 Die Reiſe Frau, und jeder Hauch deſſelben iſt Dankbarkeit und Ehrerbietung.“ Sie winkte anmuthig mit der Hand, ihn zu ent⸗ laſſen:„Ihr mögt mir dieſen Abend in meinem Cloſet, wo wir ungeſtört plaudern können, alle dieſe ſeltſamen und außerordentlichen ſpaniſchen Geſchichten ausführlich erzählen. Euer lebendiges Wort wird ſie mir anſchau⸗ licher machen, als der todte Buchſtabe meiner Luiſe, und dann wißt Ihr gewiß Manches genauer als ſie und gebt es umſtändlicher, als ſie mit der Feder ver⸗ mochte.“ —„Ich harre Eures Befehls, Hoheit,“ ſagte er wonnetrunken und ſchritt hinaus, um die heiße Stirn und Bruſt den friſchen Berglüften Savoyens zu bieten. Ein flüchtiges Roß trug ihn durch das Thal der Reiſ⸗ ſouſe der Rhone und den blauen Felſenbergen zu, die jenſeit des majeſtätiſchen Stroms das eigentliche ſavoyiſche Gebirgsland krönen. Der Erzherzog, ſeit er in Bourges war, ſo weich und weh geſtimmt wie noch nie und oft in ein ihm ſelbſt unerklärliches träumeriſches Sinnen verloren, war dadurch für die zarten und innigen Beweiſe der Liebe und Freundſchaft, die ihm Schweſter und Schwager entgegentrugen, nur um ſo empfänglicher und das Geſchick erwies ſich ihm ſo günſtig, daß er hier für all' die Entwürdigungen und Unbilden, die er hatte erfahren müſſen, reichlichen Erſatz erfuhr. Herzog — 2 — —— nach Spanien. 309 Philibert von Savoyen, ihm im Alter gleich und eben⸗ falls ein ſehr ſchöner, aber ſchlank und ſchmächtig ge⸗ bauter Mann, ſchien faſt mehr eine Frauennatur zu ſein. Ein gutmüthiger, liebevoller Träumer hatte er in der ihm gleichgeſinnten edeln und gefühlvollen Mar⸗ garetha gleichſam die irdiſche Löſung ſeiner Lebensauf⸗ gabe gefunden; aber die Enden des zarten Bandes, welches dieſe beiden trefflichen Seelen aneinanderkettete, verloren ſich in die Unendlichkeit des Jenſeits. Phili⸗ bert, zart und ſchwächlich gebaut, war von einer an einem Manne merkwürdigen Empfindlichkeit und Ner⸗ venreizbarkeit; ein heftiges Gefühl konnte ihn ſo er⸗ ſchüttern, daß er ſich unwohl fühlte. Er vergötterte ſein Gretchen und ſie, die ſanfte Dichterin, fühlte ſich, nach ſo frühen und heftigen Stürmen in den Hafen der Ruhe und des Glücks eingelaufen, ſelig in dem Beſitze dieſes Mannes. Oft war Philipp der Gegen⸗ ſtand ihrer Unterhaltung geweſen und Philibert hatte dem Schwager die innigſte Theilnahme geſchenkt; nun aber Philipp's edle, kräftige Geſtalt mit dem herzenge⸗ winnenden, ſeelenvollen Blicke vor ihm ſtand, als er, von Philiberts Mitgefühl und zarter Freundſchaft auf's angenehmſte berührt, an ſeinem Arme hängend und der Mittheilung bedürftig, den Schwager glücklich pries, daß er im Beſitz einer ſo trefflichen Herrin ſei, und Philibert einſtimmte in die Lobpreiſung ſeines Glücks und Margarethen gleichſam mit jubelndem Herzen er⸗ — 310 Die Reiſe hob, da warf ſich Philipp an ſeine Bruſt und weinte heftig und verzweiflungsvoll. Dann ſtrömte ſein Mund über in Klagen über das tiefe Unglück ſeines Herzens, das um ſeine Liebe und ſein Lebensglück betrogen wor⸗ den ſei, daß die fürchterliche Leere in ſeiner Bruſt ihn in die Arme ſchöner Frauen treibe, die ſich ihm freu⸗ dig und zärtlich öffneten, daß er aber nie die Befrie⸗ digung finde, die er ſo ſehnlichſt ſuche, und ſich nachher nur noch troſtloſer und unglücklicher fühle.„O, barm⸗ herziger Gott!“ ſeufzte er auf,„in meinem fünfund⸗ zwanzigſten Jahre Herr eines der ſchönſten und reich⸗ ſten Länder der Erde, körperlich geſund, von nicht un⸗ vortheilhafter Geſtalt, fühle ich mich doch unausſprech⸗ lich elend, zumal ich in Spanien geweſen bin. Aber zum erſten Male fließt das Geſtändniß von meinen Lip⸗ pen, mir aus dem Herzen gelockt durch dein brüderliches Mitgefühl. Sieh, ich weiß es, ich habe ſchwer geſün⸗ digt, aber mein Unglück hat mich dazu getrieben, und ich werde in das Bodenloſe verſinken, wenn Luiſe mir nicht die rettende Hand bietet. Nur in ihr iſt noch Rettung und Glück für mich, das habe ich erſt einge⸗ ſehen, ſeit ſie verſchwunden iſt. Ach, auch ſie— ich geſtehe es dir mit Schamröthe auf den Wangen— auch ſie wollte ich mit der unlautern Flamme, die mich durchraſ't, umarmenz ſie iſt mir entzogen und nun er⸗ tenw ich, je länger ich ſie miſſe, deſto klarer, daß ich den Engel, der beſtimmt iſt die faſt erloſchene Opfer⸗ nach Spanien. 311 flumme meines Herzens mit reiner Hand wieder anzu⸗ fachen und das heilige Feuer zu nähren, daß ich dieſen herrlichen Engel in den irdiſchen Staub ziehen wollte. Aler ich will ſuchen und ſuchen, bis ich ſie finde; ich wil ihr dann zu Füßen fallen und weinend um ihre Vetzeihung und um ihre Liebe flehen, bis ſie mich wieder zu Gnaden angenommen.“ Der Herzog umarmte den Erzherzog, ſehr ergriffen von dieſer Mittheilung und zitternd. Er eilte zu ſei⸗ ner Margaretha, welche ihm den Brief der Herzogin von Najara überreichte. Dieſer Brief regte ihn aber noch gewaltiger auf und wol einſehend, das es unmög⸗ lich ſei dem geliebten Schwager auch nur das Geringſte aus dieſem Schreiben mitzutheilen, fühlte er ſich vom heftigſten Widerſtreit der Gefühle krank. Der Erzherzog hatte unterdeſſen den Zigeuner An⸗ tonio Cebes aufgeſucht. Die verſchmitzte Unterwürfig⸗ keit dieſes Menſchen für wahren Dienſteifer haltend und den wortreichen Verſicherungen deſſelben Glauben ſchenkend ſprach er:„Du kannſt mir allerdings einen großen Dienſt erweiſen und ich werde dich dafür reich belohnen, ſo reich, als wenn ich ſchon König von Spa⸗ nien wäre.“ Der Zigeuner ſchwur hoch und theuer für ihn in den Tod gehen zu wollen ohne alle und jegliche Beloh⸗ nung; und kaum hatte Philipp Luiſens Namen genannt, als Antonio, ſogleich merkend, auf was es abgeſehen 312 war, in ungemeſſene Lobpreiſungen dieſer Dame aus⸗ brach und nicht Worte genug finden konnte, die Wohl⸗ thaten zu rühmen, die er und ſeine Familie von ihr genoſſen. Wenn es ihr gelte, betheuerte er, würde er mit Jubel tauſendmal den Tod leiden. Der Erzherzog theilte, hocherfreut dieſen Minn gefunden zu haben, den Tauglichſten für ſeinen Zneck, dem Zigeuner mit, um was es ſich handle, und forderte ihn auf, ſogleich unter fremdem Namen an den königlichen Hof nach Prag oder Preßburg zu gehen und auszukundſchaften, ob die Herzogin von Najara ſich dort aufhalte, und, wenn er ſie dort nicht finde, ganz Spanien zu durchforſchen. Der Zigeuner verſprach Alles, erhielt bedeutende Geldmittel vom Erzherzog nebſt Anweiſungen, wie er ſich noch größere Summen verſchaffen könnte, und rüſtete ſich ungeſäumt zur Abreiſe. Am andern Morgen in der erſten Frühe ſandte er einen geheimen Boten ab nach Rom mit einem Schreiben an den Kardinal⸗ Seeretair des Papſtes und verließ an demſelben Tage noch Bourges mit des Erzherzogs beſten Wünſchen. Dieſer machte mit dem Herzog einen Ritt in die gebirgigen Jagdreviere an der Rhone, aber Beide kamen unwohl nach Hauſe. Und wirklich lagen Beide am fol⸗ genden Tage auf dem Krankenlager und die erſchreckte Herzogin eilte vom Gatten zum Bruder und von dieſem zu jenem. Die Schwermuth des Erzherzogs hatte end⸗ Die Reiſe nach Spanien. 313 lich den Ausbruch gefunden und der Herzog war aus Mitleidenheit und zu heftig angegriffen von Philipp's troſtloſen Klagen mit erkrankt. Das Oſterfeſt, von dem ſich die verwandten fürſtlichen Herzen ſo großen Genuß verſprochen hatten, wurde zu Tagen der Be⸗ ſorgniß, der Angſt und des Schmerzes, und die Aerzte, von denen einige ſogar ſchnell aus Lyon herbeigeholt worden, waren die einzigen Gäſte des Schloſſes. Die Reiſe Siebzehntes Rapitel. Arg⸗ und ahnungslos lenkte Erzherzog Philipp, von ſeinen Treuen gefolgt, ſein Roß in den weiten Hof des Schloſſes Pleſſis; aber er war verwundert, als ihm nur einige Hofdiener entgegenkamen und weder der König noch irgend einer der Prinzen des Hauſes, wie er gewohnt war und erwarten durfte, ihn bewill⸗ kommte. Noch war er bleich und nicht wieder im Be⸗ ſitz ſeiner vollen Jugendkraft; es überfiel ihn ein ſtar⸗ kes Zittern, als auf ſein befremdetes Fragen einer der Diener antwortete: Seine königlichen Würden ſeien allerdings zugegen. Er faßte ſich ſo gut er konnte über dieſen unerwarteten und unhöflichen Empfang und ließ ſich, um ſich ſo ſchnell als möglich Licht darüber zu verſchaffen, ſogleich bei dem Könige melden. Er wurde angenommen und ſchritt, ſich keiner Schuld be⸗ wußt, aber doch mit heftig klopfendem Herzen, über die Schwelle der königlichen Zimmer. nach Spanien. 315 Ludwig trat ihm raſch und heftig entgegen mit dem ganzen imponirenden Anſtande ſeines ritterlichen Weſens und ſeiner königlichen Würde. Seine Züge waren fin⸗ ſter und drohend, aus ſeinen großen braunen Augen ſprühete Zorn. Die Verbeugung des Erzherzogs er⸗ wiederte er mit einer ſtolzen Bewegung der Hand, ohne das Haupt im mindeſten zu verneigen. —„Ihr ſeht mich erſtaunt, Ew. Hoheit wieder in meinen vier Pfählen zu ſehen,“ redete er den beſtürz⸗ ten Erzherzog rauh und hart an. —„Hab' ich Euch nicht mein Wort verpfändet, Sire, von Bourges zu Euch zurückzukehren?“ verſetzte Philipp mit zitternder Stimme. —„Nach den neueſten Erfahrungen war ich nicht mehr berechtigt an Euer Wort zu glauben.“ Philipp erblaßte.„Ihr glaubt nicht an die Wahr⸗ haftigkeit meines Wortes?“ —„Wer Eid und Unterſchrift misbraucht zu ſelbſtiſchen Zwecken, hat den Glauben Anderer ver⸗ ſcherzt.“ —„Ew. königliche Würde ſpricht in Räthſeln. Wo hab' ich je Eid und Unterſchrift misbraucht?“ —„Ihr narrt mich, Prinz von Spanien, indem Ihr Euch ſtellt, als wüßtet Ihr nichts von den Vorfällen in Neapel.“ —„So mir Gott und die heilige Jungfrau helfen ſollen, ich weiß von nichts! Ich habe in Bourges an 316 Die Reiſe einem heftigen Fieber krank gelegen und keine Zeitung iſt in mein ſtilles Krankenzimmer gelangt. Was iſt geſchehen?“ —„Was Ihr gewiß voraus gewußt habt. Sicher gemacht, eingelullt bin ich durch Euch und die Frie⸗ densverhandlungen mit Euch geworden. Don Gonſalvv de Cordova hat die Nachricht vom Friedensſchluß ver⸗ höhnt und Euern Befehl, die Waffen niederzulegen, verlacht. Er hat einen Befehl des Königs, Eures Schwiegervaters, auf keine Friedensnachricht zu achten, ſondern den Krieg gegen mich mit aller Strenge fort⸗ zuſetzen. Und ſo, erſt getäuſcht, ſind die Franzoſen auf allen Punkten mehrmals geſchlagen und ſchier aus dem ganzen Königreich Neapel verdrängt bis auf einen kleinen Strich Landes und einige feſte Punkte. Euer Ziel iſt faſt erreicht: Neapel in den Händen Ferdinand's von Arragonien. Ihr werdet einſt ein Königreich mehr erben und ich war der leichtgläubige Thor Eurer Vor⸗ ſpiegelungen.“ —„Ha, Schmach ohne Gleichen! Unauslöſchliche Schmach!“ rief Philipp zähneknirſchend und ſo heftig zitternd, daß er, um nicht umzuſinket ſich an der Lehne eines Stuhles halten mußte. Dann ſank er in den Stuhl und bedeckte ſein todtenbleiches Geſicht mit bei⸗ den Händen. Der König ſah ihn betroffen und zwei⸗ felhaft an. Endlich ſagte er weicher:„Ich werde meinen Leibarzt rufen laſſen.“ * . —— nach Spanien. 317 —„Euer Arzt vermag mir nicht zu helfen,“ verſetzte Philipp.„Wenn er königliche Heuchelei, gleißneriſche Wortbrüchigkeit, prunkende„frömmelnde Scheintugend heilen könnte, wir wollten ihn nach Spa⸗ nien ſchicken, er würde dort zwei ſchlimme Kranke fin⸗ den, die die Welt als Muſter von wahrer Tugend und Frömmigkeit preiſet. Ihr verſteht, wen ich meine, den angeſtaunten, ſtaatsklugen, katholiſchen König von Arra⸗ gonien, die hochgefeierte, ritterliche Königin von Caſti⸗ lien. Nicht Ihr, Sire, ſeid der Narr in dieſem Han⸗ del, ich bin's, ich bin's, deſſen ehrliches deutſches Herz die ſpaniſchen Majeſtäten am Narrenſeil geführt. Aber bei der heiligen Dreifaltigkeit! ich werde dieſe mir an⸗ gethane Schmach nicht dulden; ich werde ſie zurück⸗ ſchleudern auf die königlichen Hände, die ſich nicht ge⸗ ſcheut haben, ſie auf mich zu häufen.“ —„Ew. Hoheit ſetzt mich auf's neue in Erſtaunen. Ihr hättet nichts gewußt, daß man dieſen Frieden mit mir nur zum Schein geſchloſſen, um mich deſto gewiſſer zu übervortheilen? Der König von Arragonien hätte ſeinen eignen Schwiegerſohn hintergangen und betrogen, hätte ihn zum blinden, unwiſſenden Werkzeug ſeiner ſchlauen, lügneriſchen Pläne herabgewürdigt und bloß⸗ geſtellt vor der ganzen Welt? Es iſt unglaublich! Es iſt nicht möglich!“ —„Ich kann Euere königliche Würde nicht des Verdachtes wegen tadeln, den Ihr nicht loswerden 318 Die Reiſe könnt; denn, Ihr habt Recht, es iſt unglaublich, und doch iſt es wahr. Aber ich werde mich von dieſem Ver⸗ dacht glänzend vor Euch zu befreien wiſſen. Ihr ſollt mich gerechtfertigt ſehen, Sire, und ſollte ich dieſe mir verſprochenen, aber ſchon verhaßt gewordenen ſpaniſchen Königskronen den unwürdigen, falſchen, heuchleriſchen Trägern derſelben vor die Füße werfen. Ich bin Euer Gefangener, Sire, bis die Bedingungen, auf welche ich im Namen Ferdinand's von Arragonien und Iſabel⸗ la's von Caſtilien den Frieden mit Euch geſchloſſen, zum letzten Buchſtaben erfüllt ſind. Und wenn die katholiſchen Könige ſich dagegen ſträuben, ſo bleibe ich als Euer Gefangener in Pleſſis oder wohin es Euch mich zu führen beliebt, bis ich der Erbe dieſer ſchmach⸗ voll ergaunerten Provinzen bin, um ſie Euch vor aller Welt zurückzugeben.“ Der König lächelte:„Ich merke jetzt, wir ſind Beide betrogen. Daß mich die ſpaniſche Staatskunſt betrügt— ei nun, man kann es kaum anders von ihr erwarten; daß ſie aber Euch als Werkzeug benutzt, Euch betrügend, in der That, das iſt ihr Meiſterſtück.“ „Erlaubt mir in Euerm Beiſein einen Brief an die ſanſchen Majeſtäten zu ſchreiben, worin ich ihnen meine derbe deutſche Meinung ſage und meine freiwillige Gefangenſchaft ankündige. Ich muß ihnen doch meinen Dank abſtatten für die Achtung, die ſie dem künftigen Könige von Spanien erweiſen. Und —— S.———— nach Spanien. 319 was ihnen dieſer ſchuldig bleiben dürfte, das ſoll der Herzog von Burgund und Niederland drauf zahlen, der Erbe Karl des Kühnen, der ſo kühn war ſeine Länder zu einem Königreiche erheben zu wollen. Auch meinem Vater will ich ſogleich ſchreiben, damit er ſchnell erfährt, wie ſpaniſcher Schleichhandel mit deut⸗ ſcher Treue ſchachert, wie ſpaniſche Praktiken ſeinen Sohn und Erben hinter das Licht geführt und welchen Werth das Kaufgeld hat, wofür er mich an die Spa⸗ nier verkauft hat. Prahleriſche Falſchmünzer ſind ſie, heuchleriſche Betrüger, gleißneriſche Schlangenbrut, die an meinem Herzblut ſaugt!“ —„Beruhigt Euch! Mäßigt Euch!“ ſagte der König beſorgt; denn in der That flog es wie convul⸗ ſiviſche Zuckungen über des Erzherzogs Geſicht und Glieder. Er wurde erdfahl, ſeine Züge erſchlafften, ſein Auge, das kaum in einem unheimlichen Feuer ge⸗ glüht, trübte ſich mehr und mehr und drohete zu er⸗ löſchen. Der König führte ihn ſelbſt auf ſeine Zim⸗ mer, ließ die Aerzte rufen und verordnete die ſorg⸗ ſamſte Pflege für ihn. Aber ſchon nach einigen Stun⸗ den ließ der Erzherzog den König wieder um einen Beſuch bitten und überreichte ihm die beiden Briefe an die Könige von Spanien und an den deutſchen König. Schon ſtanden der Pfalzgraf Friedrich und der Page Bübenhoven bereit, der Eine, um ſogleich als Bote nach Toledo aufzubrechen, der Andre nach Innsbruck. 320 Die Reiſe Der König las mit ſteigendem Erſtaunen.„Wahr⸗ lich!“ ſagte er endlich,„Ihr ſeid nicht ſchonend mit dieſen hohen Majeſtäten umgegangen und habt ihnen bittre Pillen gereicht, die ſie in dieſer Weiſe ſchwer⸗ lich ſchon gekoſtet haben. Ihr fordert ihren Zorn heraus.“ —„Was kümmert mich ihr Zorn! Ich will ihnen die Klaue des Löwen zeigen, der der Enkel des bur⸗ gundiſchen Löwen iſt. Genugthuung will ich, glän⸗ zende Genugthuung, meine ſchändlich verletzte Ehre will ich hergeſtellt ſehen, oder wir werden Feinde auf ewig.“ Die Briefe wurden geſiegelt und die Boten beſtie⸗ gen die Pferde. Bübenhoven ſprengte leuchtenden Blicks aus dem Hofe. Er ging in ſeine langerſehnte bergige Heimat, in's ſchöne Land Tyrol, zur geliebten Mutter. Der Erzherzog lebte ſtill und meiſt auf ſein Zim⸗ mer beſchränkt; dann und wann machte er der Königin oder dem Könige einen Ehrenbeſuch. Die Gräfin Ger⸗ maine von Fvir ſuchte er nicht, er vermied die Hof⸗ feſte und war zum größten Bedauern aller Hofdamen ein ganz verwandelter Mann. In der That benahm er ſich ganz wie ein Gefangener, obgleich er vom König durchaus nicht als ſolcher betrachtet und behan⸗ velt wurde. Der Gram über ſeine ſchmählich verletzte Ehre und die Sehnſucht nach der verlornen Geliebten fraßen an ſeinem Leben. Auf die Einladung des Königs nach Spanien. 321 beſuchten ihn der Herzog und die Herzogin von Sa⸗ vohen, aber ſeine Frende darüber war auch nur eine matte Winterſonne. Deshalb konnte ſich auch Mar⸗ garetha nicht ſo herzinnig freuen, wie ſie gewünſcht hatte, als ſie die ſchönen Plätzchen aufſuchte und die lieben Wege wandelte, auf denen ihre fröhliche Kind⸗ heit ſo glücklich geweſen war.. Von ihren theuern Ge⸗ ſpielinnen war nur noch Germaine da und dieſe, die Stolzeſte und Kälteſte von Allen, war gerade die we⸗ niger Geliebte. Es waren nicht Tage der Freude und ſeliger Erinnerung, welche die hohe Dichterin am fran⸗ zöſiſchen Hofe verlebte, ſondern der dunkeln Wehmuth, in welche die Erinnerung nur hie und da eine lichte Blume ſtickte. Sie kehrte mit dem geliebten Gat⸗ ten bald wieder in die heimiſchen ſavoher Berge zurück. In der dritten Woche der eigenthümlichen Gefan⸗ genſchaft des Erzherzogs langten endlich zwei ſpaniſche Geſandte in Pleſſis an. Es waren der Marquis Don Diego de Mendoza, einer der verſchmitzteſten Hofleute vom eaſtiliſchen Hofe und ein heftiger Feind der Nie⸗ derländer, bon denen er mit Geringſchätzung behandelt worden war, und der Doetor der Rechte Ignigo Riney⸗ ra, ein berüchtigter Anwalt und Rechtsgelehrter. Statt aber in der Audienz beim Könige den abgeſchloß ſenen Frieden zu beſtätigen, wie der Erzherzog erwartet hatte, kündigten ſie dem Könige Ludwig in aller Form Ein deutſcher Leinweber. II. 21 322 Die Reiſe dieſen Frieden wieder auf und bekräftigten dieſen Akt durch Ueberreichung ihrer Vollmachten. Ludwig, einen Angenblick überraſcht von dieſer un⸗ erwarteten Erklärung, ließ ſogleich den Erzherzog rufen, an welchen die Geſandten weder eine ſchriftliche noch mündliche Mittheilung von Seiten des ſpaniſchen Kö⸗ nigspaares zu machen hatten.(Auch der Pfalzgraf war ohne allen Beſcheid an den Erzherzog und ziem⸗ lich ſchnöde in Toledo entlaſſen worden.) Kaum war Philipp mit der Botſchaft der Geſand⸗ ten bekannt gemacht worden, als er wie ein gehemmter Bergſtrom ausbrach, Zorn und Wuth in Blick und Wort. Er verfluchte den Tag, an welchem er Spanien betreten, er verwünſchte das Bündniß, das ihn mit dieſem ehr- und treuloſen Königsgeſchlecht verbunden und ließ dem Groll ſeiner jugendlichen Leidenſchaft in jeder Hinſicht freien Lauf. Dem Anſchein nach ruhig und lächelnd hörten ihn die Spanier an. —„Wenn Ew. Hoheit auch die Ehrfurcht vergißt, die Ihr unſerm durchlauchtigſten Königshauſe ſchuldig ſeid,“ verſetzte endlich Don Diego de Mendoza,„ſo werden wir, als Stellvertreter unſrer allergnädigſten Könige, doch nicht die Ehrfurcht vergeſſen, welche wir Euch, dem Erben der ſpaniſchen Kronen, ſchuldig ſind. Doch dürfen wir Euch nicht verhehlen, daß die Ver⸗ legenheit, in welcher Ihr Euch Sr. königlichen Würde gegenüber beſindet, nicht das Werk unſrer Könige, —— nach Spanien. 323 ſondern Eurer eignen Voreiligkeit und unbeſonnenen Handlungsweiſe iſt, zu welcher Ihr nicht ermächtigt und beauftragt wurdet.“ —„Mäßigt Eure Zunge, Herr Marquis, und dankt es der Gegenwart des Königs von Frankreich, daß ich Euch nicht anders als mit dem Munde ant⸗ worte!“ —„Ew. Hoheit beanſprucht Mäßigung, Ihr, der alles Maß ſoweit überſchreitet, daß Ihr die gemein⸗ ſten und heftigſten Schmähungen auf die Häupter unſe⸗ rer Könige häuft, die noch dazu Euere Schwiegereltern ſind, ja die Euch ihre eignen Kronen als Erbe ver⸗ macht haben. Ihr ſchmäht ſie uns maßlos in's Ange⸗ ſicht, die wir hier in ihrem Namen und als ihre Stell⸗ vertreter ſtehen.“ —„Wie könnt Ihr Euch erfrechen mir iws Geſicht zu ſagen, meine Voreiligkeit und Unbeſonnenheit habe den Frieden mit Sr. königlichen Würde geſchloſſen, wozu ich nicht beauftragt geweſen? Der König und die Königin haben mir Vollmacht und Auftrag mit Unter⸗ ſchrift und Siegel gegeben, haben mir auf Evangelien⸗ buch und Crucifir geſchworen, haben mir zwei Geſandte zur Vollziehung des Friedensinſtruments mitgegeben— und doch ſoll ich nicht beauftragt geweſen ſein? Iſt dieſe Behauptung nicht die niederträchtigſte Lüge, welche jemals einem Menſchen in's Geſicht geſagt wurde?“ —„Dieſe Aufträge ließ Se. katholiſche Majeſtät 21* 324 Die Reiſe von Arragonien, unſer allerdurchlauchtigſter und gnädig⸗ ſter Herr, aber wieder durch den Ew. Hoheit nachge⸗ ſchickten Abt Boil widerrufen und aufheben,“ ſagte der Doctor des Rechts bedächtig.„Ein widerrufenes Wort hat keine Geltung mehr.“ —„Ihr lügt, Mann, wie Euer Spießgeſelle dort. Ein geſchworner Eid kann nicht wieder zurück⸗ genommen werden.“ —„Ich will Euch das aus unſern Geſetzbüchern beweiſen.“ —„Was Geſetzbücher! Ich halte und verſtehe nichts davon. Ich urtheile und handle nach dem Rechts⸗ gefühl, das in meiner Bruſt lebt. Ihr aber verdreht das Recht und ſtempelt das Unrecht zum ſogenannten Recht. Und endlich hatte der Abt Boil keine Voll⸗ macht, keinen Ausweis vom König.“ —„Er iſt ein Kirchenhaupt und Prieſter des Herrn. Er bedarf nicht des Geſchrifts. Ihr müßt ihm auf's Wort glauben.“ —„Steht das auch in Euern Geſetzbüchern, Mann des Rechts?“ —„Es ſteht Euch nicht fein an,“ ſprach jetzt der Marquis heftiger und bitter,„uns ſo zu höhnen und zu ſchelten. Noch ſitzen die ſpaniſchen Kronen nicht auf Euerm Haupte; noch leben Don Fernandv und Donna Iſabella, die Ihr mit ſchmählichem Undank belohnt — — — — nach Spanien. 325 und beleidigt, nur es ſteht in ihrer Macht, Euch das verſprochene Erbe wieder zu entziehen.“ —„Ja freilich!“ verſetzte Philipp grimmig,„was ihnen Verſprechungen und Eide gelten, hab' ich erlebt. Aber hier im Angeſicht des Königs von Frankreich verzichte ich auf Euere ſpaniſchen Kronen und will nichts zu ſchaffen haben mit dem Lug und Trug Eurer from⸗ men katholiſchen Könige.“ Auf dieſes Wort brachen die beiden Spanier, ihre Mäßigung vergeſſend, ebenfalls in Heftigkeit aus und der Zank wurde ſo wild, daß der König nach ſeinen Trabanten rief, um die Spanier abführen zu laſſen. In demſelben Augenblick fiel aber der Erzherzog ohn⸗ mächtig zu Boden und ſeine Glieder wurden von con⸗ vulſiviſchen Zuckungen hin⸗ und hergeſchleudert. Schaum ſtand vor ſeinem Munde, fahle Bläſſe überzog ſein Geſicht und ſein Auge ſtarrte gläſern. Der König und ſeine Diener trugen ihn ins Nebenzimmer auf ein Lager und die Aerzte wurden herbeigeholt. Der König kehrte zu den Geſandten zurück und machte nun ſeinem eignen Zorn gegen die Wortbrüchigkeit und Treuloſig⸗ keit der ſpaniſchen Könige Luft und gebot ihnen binnen vierundzwanzig Stunden Frankreich zu verlaſſen. Wäh⸗ rend er noch ſprach, ſtürzte der Erzherzog wieder in das Zimmer. Sowie er zu ſich gekommen war, halte er ſich nicht zurückhalten laſſen.„Sagt Euern Köni⸗ gen,“ rief er zornſchnaubend,„daß ich Frankreichs 326 Die Reiſe Bundesgenoſſe bin und die Schmach, die ſie mir an⸗ gethan haben, mit dem Schwerte tilgen werde. Sie ſollen ihre Tochter behalten und ſie einſt zur Königin machen Sſe ich verlange und begehre ſie nicht wieder.“ —„Nachdem ſie durch Euere Schuld wahnſinnig geworden und eben auch durch Euere Schuld unſre Königin ſelten mehr vom Krankenlager erſteht,“ giftete der Marquis dagegen. —„Hinaus mit euch aus dieſem Palaſt, damit ich Euch draußen mit dem Schwerte züchtige!“ kreiſchte Philipp. Aber der König nahm die Geſandten unter ſeinen Schutz und ließ ſie abführen; der Erzherzog wurde krank auf ſeine Zimmer geleitet. Schon am Abend deſſelben Tages zeigten ſich die bedenklichſten Vorboten eines neuen Fiebers, der Prinz konnte in der Nacht ſkein Auge ſchließen und noch ehe der Morgen graute, ſprach er irr und tobte bald in den wildeſten Fieberphantaſien. Die Krankheit ſtieg ſo ſchnell und wurde ſo heftig, daß die Aerzte am dritten Tage der königlichen Familie die Eröffnung machten: ſie zweifelten, daß der Erzherzog den folgenden Tag erleben werde. König und Königin und Jedermann, der zum Hauſe und Hofe gehörte, geriethen darüber in die äußerſte Beſtürzung. Die Königin beſuchte den unglücklichen Kranken ſelbſt mehre Male und ließ ſich alle Viertelſtunden Bericht über ihn erſtatten; der König nach Spanien. war ſtundenlang bei ihm und Germaine von Foir wich nicht von ſeinem Lager. Die Angſt um Philipp's Leben raubte der ſchönen Gräfin alle bis jetzt künſtlich be⸗ wahrte Herrſchaft über ſich ſelbſt; ſie verrieth durch ihre Thränen, ihre ſieberhafte Angſt, ihren Eifer um den Kranken eine tiefe Leidenſchaft für ihn und, dar⸗ über von der Königin befragt, der dieſer merkwürdige Umſtand nicht verborgen bleiben konnte, geſtand ſie mit Thränen— die kalte ſtolze Prinzeſſin— ſie habe ſich ſehr unglücklich gefühlt, daß der Erzherzog ihre Baſe Anna ihr vorgezogen und ſie vernachläſſigt habe. Nach langer Berathung der königlichen Familie, ob man die Gefahr, in welcher das Leben des Erzherzogs ſchwebte, an den ſavoyiſchen Hof melden ſollte, entſchied ſich endlich der König, dies zu unterlaſſen, um der her⸗ zoglichen Familie den Schrecken zu erſparen. Sechs Tage ſchwebte der Kranke zwiſchen Leben und Tod; am ſiebenten brach ſich die Hartnäckigkeit des Fiebers. Die Jugendkraft hatte über die Gewalt der Krankheit geſiegt. Die Geneſung ging äußerſt langſam von ſtatten. Der Geneſende ſehnte ſich nach ſeiner Schweſter und ſeinem Schwager und trug dem Könige die Bitte ſchüchtern vor, ob er ihn nicht auf Ehrenwort bis zu ſeiner völligen Geneſung nach Bourges entlaſſen wolle. Hernach werde er ſich als ehrlicher Gefangener wieder ſtellen. 328 Die Reiſe —„Ew. Hoheit iſt nicht mein Gefangener,“ ver⸗ ſetzte Ludwig,„und nichts ſteht Eurer Abreiſe zu Euern Lieben im Wege. Es bedarf deshalb Euers Ehrenworts zu Eurer Rückkehr nicht. Eure eigenen Länder verlangen nach ihrem Herrſcher. Ihr ſeid über Jahr und Tag ſchon abweſend, wollt Ihr aber an meinen Hof zurückkehren, ſo werdet Ihr ſtets als mein geehrter Gaſt betrachtet werden. Ihr habt jeden Ver⸗ dacht gegen Eure Rechtlichkeit aus meiner Bruſt ent⸗ fernt und Euch gänzlich gerechtfertigt. Deshalb ent⸗ binde ich Euch jedes mir gegebenen Wortes. Schon rüſte ich den Krieg gegen Spanien und meine Truppen ziehen nächſter Tage den Pyrenäen zu. Euch aber rathe ich, verfeindet Euch nicht gänzlich mit Euern Schwiegereltern. Man findet die Königskronen nicht auf allen Wegen und vor Allem laßt es Eurer unſchul⸗ digen Gemahlin nicht entgelten, ſie iſt ja ohnedies un⸗ glücklich genug. Was Ihr im Zorn und Leidenſchaft geſprochen, werden prüfender Verſtand und menſchliches Gefühl verwerfen. Zieht mit Gott und erhaltet mir Eure Freundſchaft. Ich und die Königin wir haben Euch wahrhaft ſchätzen und lieben gelernt.“ Der Erzherzog beugte ſich gerührt auf die Hand des Königs, um ſie dankbar zu küſſen; es fielen ein Paar Thränen darauf. Das ſchöne und tiefe Gefühl der Jugend war wieder in ihm mächtig und ſein edles deutſches Herz floß über in tief empfundene Dankſagun⸗ nach Spanien. 329 gen. Er bewährte ſich als Maximilian's Sohn, als würdiger Sproß des habsburgiſchen Geſchlechts. Sein Abſchied von Pleſſis war rührend. Der König umarmte ihn, die Königin küßte ihn auf die Stirn; Germaine lag einen Augenblick an ſeiner Bruſt, alle Andern drückten ihm herzlich die Hand. Alle weinten, es war, als ob ein geliebter Bruder von ihnen ſchiede. Die Reiſe Achtzehntes Kapitel. Es war am 6. September deſſelbigen Jahres 1503 Vor⸗ mittags, als ein heller, ſchön geputzter Zug ſtattlicher Männer mit Pfeifern und fliegenden Fahnen vom Rath⸗ haus der freien Reichsſtadt Augsburg ſich unter großem Zulauf des Volks nach der biſchöflichen Pfalz begab, um den Sohn ihres geliebten Königs, den Erzherzog Philipp von Oeſtreich, Herzog von Burgund und Nie⸗ derland, königlichen Prinzen von Spanien, zu begrüßen, der Abends vorher auf ſeiner Heimreiſe hier angelangt war. Er war von Savoyen über Hochburgund gereiſt, meiſt in einer Sänfte„ dann durch den Suntgau, bei Breiſach über den Rhein, weiter über den Schwarz⸗ wald und Sigmaringen an der Donau. In Burgund hatte er eine Geſandtſchaft ſeines Vaters empfangen, die ihn nach Innsbruck eingeladen. Den Feſtzug in Augsburg bildete der Stadtrath der weitberühmten trefflichen Stadt, Bürgermeiſter und 331 Stadtſchreiber und die ehrenwerthen, geſinnungstüchtigen Räthe von den Zünften, jene markigen und trotzig ſchauenden Geſtalten, ſchlicht und recht, ehr⸗ und arbeitliebend, feſt am Kaiſer hangend als ihrem Be⸗ ſchützer gegen den neidiſchen und habſüchtigen Adel, aber noch feſter an ihrem guten Rechte und ihrem Ge⸗ meinweſen; Männer, wie ſie nur das blühende Städte⸗ weſen des deutſchen Mittelalters erzeugte. Die kann⸗ ten noch die echte und rechte Bedeutung des herrlichen Wortes:„Ein freier deutſcher Bürger!“ die ſich ihre Nachkommen von ſelbſtſüchtigen Fürſten ſo ſchmählich haben rauben laſſen. Voll ſtolzen Selbſtgefühls rich⸗ teten ſie ihre Blicke auf das Banner mit dem Zunft⸗ zeichen, das über ihrem Haupte rauſchte, und traten mit jener Ehrerbietung, die ſich ſelbſt achtet, vor den Fürſten, nicht mit kriechenden Schmeichelworten. Und in der Mitte dieſer Männer gediehen durch ſie Ge⸗ werbe und Handel, Kunſt und Wiſſenſchaft, ja Alles, was dem deutſchen Namen Ehre gemacht hat; und niemals iſt die Schande deſſelben von ihnen ausge⸗ gangen. Als ſich der augsburger Stadtrath beim Erzherzog anmelden ließ, ſaß dieſer eben mit Jakob Fugger im eifrigen und traulichen Zwiegeſpräch, das der Fürſt mit den Worten abbrach:„Wahrlich, Ihr habt mich durch die Erzählung von den Unbeſonnenheiten dieſer Frau nicht ſonderlich erfreut, Herr von Fugger; doch dazu nach Spanien. 332 könnt Ihr nichts. Ich will hoffen, das Beſte kommt nach, und ich bin auf den weitern Verlauf ſehr begierig. Doch jetzt erlaubt, daß ich Eure ehrenwerthen Mit⸗ bürger empfange, und macht mir die Freude, mein Gaſt an des Biſchofs Tafel zu ſein. Hernach, wenn ich wieder mir ſelbſt gehöre, können wir ungeſtört weiter plaudern. Jetzt muß ich erſt den Pflichten des Fürſten genügen, hernach bin ich ganz wieder Euer dankbarer Freund.“ Fugger empfahl ſich und der Stadtrath ward herein⸗ geführt. Der Bürgermeiſter überreichte nach der Sitte der Zeit dem Erzherzog das Ehrengeſchenk, welches in einer ſilbernen vergoldeten Schale beſtand, und hielt dazu eine kurze herzliche Anrede, worin er die Stadt, die ſich der beſondern Liebe des allerdurchlauchtigſten römiſchen Königs mit Recht rühmen dürfe, auch ſeiner Wohlwollenheit und Gnade empfahl. Der Erzherzog dankte ſichtlich gerührt, fragte nach dem Gemeindeweſen der Stadt, nach dem zünftigen Regiment, nach Handel und Wandel, Gewerbe und Kunſt, nach ihren Verhältniſſen mit den Nachbarſtädten und mit den ihr meiſt feindlich geſinnten Bahernherzö⸗ gen, drückte jedem Einzelnen die Hand und verſicherte ſie ſeiner Gnade.— Nach dem Stadtrath ließen ſich mehre der vornehmſten Geſchlechter melden, um dem Erzherzog ihre Ehrerbietung zu bezeigen, und er unter⸗ Die Reiſe hielt ſich mit ihnen freundlichſt über ſtädtiſche und ihre — d. nach Spanien. 333 Familienangelegenheiten und dankte ihnen huldreichſt für ihre ihm erwieſene Aufmerkſamkeit. Sobald der Letzte abgefertigt und gegangen war, trat Jakob Fugger wieder in das Zimmer. Der Erz⸗ herzog ergriff die Hand deſſelben, führte ihn zum Pol⸗ ſter und ſagte:„Nun bin ich wieder der Euere, mein werther, väterlicher Freund. Sagt mir zuvörderſt ſchnell, wie iſt es der unglücklichen Frau nach dieſer Kataſtrophe in der Ehe ergangen und wie geht es ihr jetzt?“ 3. —„Es iſt ihr trübſelig genug ergangen, mein gnädigſter Herr,“ verſetzte Fugger.„Nach langem und ſchmerzvollem Krankenlager iſt ihr Mann zu An⸗ fang dieſes Frühjahrs geſtorben.“ —„Wie? Sie iſt ſchon wieder Witwe?“ —„Es iſt beſſer für ſie und für ihn. Sie konnte dieſen Mann niemals lieben, obgleich ſie ſeine auf⸗ opfernde Liebe für ſie wohl erkannte und würdigte. Aber man ſagt ja, Liebe ließe ſich durch nichts erkaufen, ſelbſt durch die größten Opfer nicht; ſie müſſe ein freies Geſchenk ſein. Frau Elevnorens Seele war finſter und hat ſich nicht wieder erhellt. Sie war des guten ſchwa⸗ chen Mannes Unglück und Tod. Sie war launiſch, heftig, herriſch; er ſanft, hingebend, gutmüthig, das beſte Herz, das je in eines Mannes Bruſt geſchlagen. Er liebte ſie über alle Beſchreibung und über allen Glauben; aber ſie ſprach oft Wochen lang kein Wort, 334 er mochte ihr noch ſo liebevoll begegnen. Da mußte denn der arme Mann endlich einſehen, daß er mit all ſeiner Liebe keine Gegenliebe erwerben konnte. Der Gram darüber fraß an ſeinem Herzen. Um dieſen ſchlimmen Gaſt zu verſcheuchen, griff er zur Weinflaſche. Er wurde ein Trinker. Der Bekämpfer des Feindes Die Reiſe wurde bald genug zum zweiten Feinde ſeines freudloſen Lebens. Sie warfen ihn auf's Krankenlager, von dem er nicht wieder erſtand. Eine ſchreckliche Schwindſucht zehrte ihn aus bis zum Skelett. Er hat viel leiden müſſen. Doch hat ihn Frau Eleonore getreulich und unermüdlich gewartet und gepflegt und ihm ſo vergol⸗ ten, was er einſt an ihr in Brüſſel gethan, als ſie krank war. Schien es doch, als wenn zuletzt, als es mit ihm zu Ende ging, der Born der Liebe in ihrem Herzen zu quellen beginne. Sie ſaß Tag und Nacht an ſeinem Lager, verrichtete alle Dienſte allein bei ihm und erfreute ihn ſo noch durch ihre Theilnahme. Und ſo iſt er auch froh und zufrieden in ihren Armen ver⸗ ſchieden. Ein guter Menſch und ein ausgezeichneter Künſtler, der ein beſſeres Loos verdient hätte. Ein anderes, zu ihm paſſendes Weib hätte ihn zu einem glücklichen Manne gemacht.“ —„Sei ihm die Erde leicht!“ ſagte Philipp mit einer Thräne im Auge und ſtarrte tiefſinnig vor ſich hin. Auch er litt ja noch geiſtig und körperlich an den Folgen der furchtbaren Krankheit und war deshalb oft 3 nach Spanien. 335 weich und ſchwermüthig geſtimmt.„Ich bereue meine Verirrungen mit dieſer Frau von Herzen,“ ſagte er dann leiſe.„Wenn ich ſie ungeſchehen machen könnte, ich weiß nicht, was ich darum gäbe.— Und wo iſt ſie jetzt? Was hat ſie für Pläne für ihre Zukunft?“ —„Sie war dieſen Sommer auf dem Lande, wo⸗ hin ſie das Mutterherz zieht. Ein Weib ſoll ja dieſe Gefühle nie verläugnen können. Vermöchte es Elev⸗ nore, ſie thäte es gewiß. Ich habe ſie beobachtet, ich kenne ſie. Seit einigen Wochen iſt ſie wieder in der Stadt, aber ich habe ſie, ſobald ich Euern Brief mit der Meldung erhielt, daß Ihr nach Augsburg kom⸗ men würdet, auf den Wellenhof, eines meiner Land⸗ häuſer, geſchickt. Ihre heftige Gemüthsart hätte Euch vielleicht eine Unannehmlichkeit bereiten können.“ —„Ihr habt ſehr wohl gethan. Ich mag ſie nicht ſehen, ihr Anblick würde mir peinlich ſein. Die Leiden des letzten Jahres haben mich gebeſſert, darum könnte ich unmöglich die Theilnehmerin meiner Vergehungen, die ſo ſchlimme Folgen gehabt haben, hier begrüßen. Ich wünſche ihrem Gemüth Frieden. Für ihren, ihres blinden Vaters und ihrer Geſchwiſter anſtändigen Un⸗ terhalt ſorgt Ihr ja beſtens und meine Schatzkammer erſtattet Euch alle Unkoſten und Auslagen. Und hat ſie noch nicht an ihre Zukunft gedacht?“ —„Ich that ihr den Vorſchlag in eines der hie⸗ ſigen Frauenklöſter zu treten, aber ſie zeigte dazu wexig 336 Die Reiſe Luſt. Sie ſcheint nicht viel von der Frömmigkeit zu halten; doch hat ſie jetzt die Entſchuldigung, daß ſie ſich nicht von den ihrigen trennen könne. Nun viel⸗ leicht beſinnt ſie ſich noch eines Beſſern; ſie hat eine beſondere Neigung, ſich unter dem gemeinen Volke her⸗ umzutreiben, und hat mir damit ſchon manchen Aerger bereitet. Uebrigens malt ſie fleißig, vobgleich ſie in der Regel kein Bild fertig macht. Geduld und Ausdauer j ihr dazu.“ „Seid nachſichtig mit ihren Schwächen und aß ſie eine Unglückliche iſt!“ „Sie hat ſich ſtets der beſten Behandlung von mir den Meinigen zu verſehen.“ —„Das lohn' Euch Gott!“ Der Fürſt drückte des Kaufmanns Hand und Beide gingen bald darauf zur Tafel. Am Nachmittag machte der Erzherzog mit Fugger einen Gang durch die Stadt und beſuchte das Rath⸗ haus, die Geſchlechterſtube und die vorzüglichſten Kir⸗ chen. Mit Stolz führte Jakob Fugger den verehrten Fürſten in die Kirche der Karmeliter, an welche er in Verbindung mit ſeinen beiden Brüdern eine herrliche Kapelle gebaut hatte. Zum Behuf dieſes Baues hatten ſie einen augsburger Baumeiſter auf ihre Koſten nach Jeruſalem geſandt, damit er dort ein genaues Modell der heiligen Begräbnißkapelle verfertigte, und nach die⸗ ſem Modell war die Kapelle an der Karmeliterkirche ——— nach Spanien. 337 hergeſtellt, der heiligen Anna gewidmet und zur Grab⸗ ſtätte der Fugger'ſchen Familie geweiht worden. Dieſer Tempel, erſt im Laufe des Sommers vollendet, war wegen ſeiner außerordentlichen Pracht das ſchönſte Ge⸗ bände der Stadt. —„Hier hab' ich mir die Ruheſtätte bereitet, 4 ſagte Fugger ernſt. —„Sie iſt eines Königs würdig,“ terſez der Erzherzog,„und Ihr ſeid ja der König der Kauf⸗ leute.“ —„Wollt Ihr damit einen Tadel der Herrlichkeit ausſprechen, mit welcher die Gebrüder Fugger ihr Grab umgeben, ſo bedenkt, daß es zur Ehre Gottes geſchieht. Will ich doch lebend nichts ſein als ein ſchlichter Lein⸗ weber, ſo mag man mir immerhin gönnen, daß ich todt in dieſem ſchönen Tempel ruhe.“ —„Ich wollte nicht tadeln,“ verſetzte Philipp und reichte dem väterlichen Freunde die Hand.— „Mein Vater wird ſich über dieſen Prachtbau freuen, wie ich, und ich werde, wenn ich jetzt nach Innsbruck komme, ihm dies kleine Gotteshaus zu rühmen wiſſen. O, ich ſehne mich, an der Bruſt des geliebten beſten Vaters nach ſo langer Fahrt und ſo ſchweren Leiden zu ruhen, und in wenigen Tagen werde ich das Ziel er⸗ reicht haben!“ —„Ihr habt einen großen Umweg gemacht, gnä⸗ digſter Herr, um nach Innsbruck zu reiſen. Durch die Ein deutſcher Leinweber. II. 22 338 Schweiz hättet Ihr den kürzern Weg gehabt, auch über Mailand wäret Ihr näher gekommen.“ —„Durch die Schweiz reiſt kein rehe Prinz gern; auch mußte ich Burgund beſuchen und überdies führte mich eine Angelegenheit, die mein Herz angeht, dieſen Umweg. Ihr werdet lachen, wenn ich Euch ſage, daß ich die Spur einer Zigeunerbande ver⸗ folgt habe, die mich gleichſam neckte, denn ich habe ſie nicht erreicht, obgleich ihre Lagerſtätte, wie ich lei⸗ der ſtets zu ſpät erfuhr, oft in meiner Nähe war.“ Fugger ſah den Erzherzog mistrauiſch an. Dann ſagte er ängſtlich:„Gnädigſter Herr, ſehet Euch wohl vor, daß Ihr nicht in die Fallſtricke des Böſen fallet. Man ſagt, daß die Zigeuner lauter Teufelskinder ſind, und Euer gnädigſter Vater kann ſie auch nicht leiden.“ —„Habt keiue Sorge!“ lächelte Philipp.„Wer wie ich, ſeine Seele ſchon in die Hände des himmli⸗ ſchen Vaters befohlen hat, fürchtet ſich nicht mehr vor dem Teufel. Als ich am Tode danieder lag, hab' ich oft an Euch gedacht, und dieſe Grabſtätte ruft mir jene Gedanken wieder lebendig in die Seele zurück. Ihr deutetet in Brüſſel meinen jugendlichen Uebermuth auf den Tod hin; ich lachte damals über Eure Worte, die wie eine prophetiſche Ahnung klangen, und wie nah ſtand mir der grimmige Feind des Lebens! Ich werde nie wieder über den Tod ſpotten und ihn meinen guten Die Reiſe — nach Spanien. 339 Freund nennen, wie ich je zuweilen that. Glaubt mir, ſo jung ich auch noch bin, mein Leben iſt ſchon fürch⸗ terlich ernſt geworden.“ —„Ein um ſo gerechterer und beſſerer Herrſcher werdet Ihr werden; denn nur Der wird das Seepter würdig führen, der den Wermuthbecher der Leiden ge⸗ leert hat.“ Der Erzherzog fühlte ſich angegriffen und ſchlug einen Geſellentrunk der Geſchlechter auf ihrer Stube aus, um zu ruhen, damit er in der Frühe des folgen⸗ den Morgens geſtärkt die Reiſe nach Tyrol fortſetzen könne. Er nahm herzlich von Fugger Abſchied und zog ſich, ſobald der Herbſtabend über die Stadt her⸗ eindunkelte, in ſeine Gemächer zurück. Einige Augenblicke darauf meldete ihm der dienſt⸗ thuende Page, es ſei ein Mann im Vorzimmer, der da vorgebe, er müſſe den Erzherzog in deſſen eignen geheimen Angelegenheiten ſprechen; er brauche ſeinen Namen nicht zu nennen, der Fürſt kenne ihn genau. —„Ha, endlich!“ rief Philipp erfreut, warf einen Mantel über und befahl den Mann hereinzuführen. Der Erzherzog hatte nämlich von Antonio Cebes einen Brief aus Ungarn erhalten, worin derſelbe ihm geſchrieben, daß die Herzogin von Najara nicht am königlichen Hofe lebe, die Königin ihren Aufenthalt auch nicht kenne, daß aber von der Zigeunerbande, die ſich am Oberrhein und im ſüdlichen Deutſchland her⸗ 2* 340 Die Reiſe umtreibe, jedenfalls Nachrichten von der verſchwundenen Herzogin zu erhalten ſein müßten, was er aus An⸗ deutungen mit Zuverſicht ſchließe, die er ihm mündlich mittheilen werde; denn er hoffe ihn noch auf ſeiner, des Erzherzogs, Heimreiſe zu treffen. Dieſer Brief hatte den Fürſten vermocht, der Zigeunerbande nach⸗ ſpüren zu laſſen und ihr auf dem großen Umwege durch Frankreich über den Rhein und durch den Schwarzwald nachzureiſen. Jetzt glaubte er mit Gewißheit, Antvnio werde bei ihm eintreten. Aber ein fremder Mann ſtand vor ihm, der ihn mit einer Stimme, die ihm nicht unbekannt klang, kurz und barſch fragte:„Kennt Ihr mich nicht?“ —„Nein!“ verſetzte der Erzherzog ſtolz.„Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr von mir?“ —„Ha!“ rief der Andre mit zornigem Schmerz, „bin ich entweder ſo ganz aus deinem Gedächtniß verwiſcht, oder haben dieſe unſeligen Narben, die ich um deinetwillen trage, mich ſo unkenntlich gemacht, oder willſt du mich nicht kennen?“ —„Elevnore!“ ſagte Philipp erbleichend und ſchien zum Tod erſchrocken. —„Endlich fällt es dir ein, daß dies Weſen dir nicht fremd iſt. Aber welch einen Schrecken be⸗ reitet dir dein Gedächtniß! Stehſt du nicht vor mir wie ein armer Sünder vor ſeinem Richter? Es gab eine Zeit, und ſie iſt noch nicht lange vor⸗ —— nach Spanien. 341 über, wo mein Anblick dir andere Gefühle ein⸗ flößte.“ Der Erzherzog ermannte ſich. Der brutale höh⸗ niſche Ton der Witwe gab ihm ſeinen ganzen Stolz wieder. —„Wer räumte der Frau van der Voort ein Recht ein, mit dem Herrn von Burgund und Nieder⸗ land in dieſem Tone zu ſprechen?“ —„Ihr ſelbſt habt es mir aufgezwungen, Erz⸗ herzog von Oeſtreich,“ rief ſie noch erbitterter.„Nicht zum Herzog von Burgund rede ich; ich ſpreche zum ſchönen Philipp von Oeſtreich, dem Frauenverführer; ich ſpreche zum Urheber meines Unglücks, mit dem ich ein Geſchäft abzumachen habe. Jedenfalls hat Euch Herr Jakob Fugger unterrichtet, daß—“ —„Ich weiß, ich weiß,“ fiel ihr Philipp unge⸗ duldig in's Wort.„Aber jedes Geſchäft der Art habt Ihr mit Herrn von Fugger, dem wohlbeſtallten Rath meines königlichen Vaters, zu bereden und zu verhan⸗ deln. Er hat unbedingten Auftrag dazu von mir und weder Ihr noch Eure Familie ſoll ſich über meine Munificenz zu beklagen haben dürfen.“ —„Ha, ſeht doch, wie mein ſüßer Minneknab, mein heiß ſehnſüchtiger Philipp ſeiner angebeteten Elev⸗ nore von fremder Hand den Groſchen hinwerfen läßt, daß ſie nicht verhungert, die überläſtige Bettlerin! Und meine Familie! Wie zart Ihr andeutet, was Ihr. . 342 Die Reiſe nicht ausſprechen wollt. Du ſchämſt dich der häßlichen Frau. Aber— hörſt du, Philipp— die Eiferſucht deiner Gemahlin hat ihre Schönheit gemordet. Ich ward elend und arm durch dich.“ —„Erſpart Euch alle dieſe Bemerkungen. Ich kann und will nichts mehr mit Euch zu ſchaffen haben und erinnere Euch nochmals allen Ernſtes, zu bedenken, daß Ihr mit einem mächtigen Fürſten redet. Trotzt nicht auf meine Langmuth und auf die Rückſicht, die ich— Eurer Meinung nach— Verhältniſſen vergan⸗ gener Zeiten ſchuldig ſein ſoll. Entfernt Euch!“ —„Ha, Elender, mir das! Ich verachte deine Macht und deine edle Langmuth——“ Die Wuth erſtickte ihre Stimme: ſie brach in ein dumpfes Heulen aus, das mehr dem heißhungrigen Schrei eines wilden Raubthieres als einer menſchlichen Stimme glich. Ihre haſtig in den Buſen vergrabene Hand kam mit einem Dolche bewaffnet wieder zum Vorſchein. Aber die Wuth, von der dieſe leidenſchaftliche Frau überwältigt worden war, machte ſie blind und ohnmächtig. Sie ſank auf einen Seſſel, nicht mehr Herrin ihrer Glieder, und ſchrie wie wahnſinnig. Der Erzherzog rief den Pagen herein, um ſie fortführen zu laſſen. Er war ſelbſt in der heftigſten Aufregung. Wider Erwarten ließ ſie ſich ohne Widerſtand fortführen; ſie weinte verzweiflungsvoll, und jeder Ton, den ſie ausſtieß, ſchnitt ihm durch die Seele. Aber er fühlte, daß er nicht nach Spanien. 343 ½ anders gegen die unbeſonnene, rachſüchtige Frau han⸗ deln könne. Ihre geſteigerte Kraft ſchien plötzlich ge⸗ brochen. In der Thüre wandte ſie ſich aber noch ein Mal zurück:„Ich wollte dich ermorden, ich kann es nicht. Aber ich werde eine andere Hand erziehen und, wenn ſie ſtark genug iſt, gegen dich bewaffnen. Du weißt welche; ſie ſoll dich auch auf deinen ſpaniſchen Königsthronen zu finden wiſſen.“ Der Erzherzog ließ ſogleich Jakob Fugger zu ſich entbieten und hielt über zwei Stunden geheime Zwie⸗ ſprache mit ihm. Fugger kehrte in großer Bewegung nach Hauſe zurück; der Erzherzog konnte die ganze Nacht über kein Auge ſchließen und verließ noch vor Tagesanbruch die Stadt, um den tyroler Bergen zu⸗ zueilen. Die Reiſe Meunzehntes Rapitel. Eine bittre Täuſchung wartete in Innsbruck auf den Erzherzog. Allzuſehr mit ſeinen eignen Angelegenheiten beſchäftigt, hatte ſeine Jugend kein Auge für die An⸗ gelegenheiten ſeines Vaters gehabt oder ihnen nicht die Wichtigkeit beigelegt, die ſie wirklich beſaßen. Philipp war viel zu leichtſinnig, viel zu flatterhaft, ein viel zu leidenſchaftlicher Verehrer des ſchönen Ge⸗ ſchlechts und vor Allem: er war erſt vier und zwanzig Jahre alt, um ſchon jetzt ein umſichtiger, ſtaatskluger Regent zu ſein. Die Unruhen in den Niederlanden und Holland, ſein Augenmerk auf Frankreich und Spa⸗ nien, die neapolitaniſchen Händel der beiden Höfe und das vielfache Unangenehme und Schmerzliche, das er auf ſeiner langen Reiſe hatte erfahren müſſen, dies Alles hatte ihn den deutſchen Angelegenheiten ſeines Vaters entfremdet. Mit dem vollen, ſchwerbedrängten Herzen, an Ehre und Liebe auf das tiefſte gekränkt, umarmte er den Vater und weinte an deſſen Bruſt. nach Spanien. 5 Maximilian ließ den geliebten Sohn gewähren; er hörte ruhig die Klagen deſſelben an; er ließ ihn den ganzen Unwillen ſeiner empörten Seele über die heuch⸗ leriſche Unwürdigkeit des ſpaniſchen Königspaares aus⸗ ſprechen. Dann nahm er im milden und väterlichen Tone das Wort: —„Mein lieber Sohn, ich habe dich ruhig und ununterbrochen angehört; vergilt mir jetzt Gleiches mit Gleichem. Bereits zwei Jahre vor meiner Geburt gingen dem Hauſe Oeſtreich die beiden ſtattlichen Kro⸗ nen von Ungarn und Böhmen, die Herzog Albrecht, ſpäter deutſcher Kaiſer, ihm zwanzig Jahre vorher erworben hatte, und die es bereits als ſein feſtes Eigenthum anzuſehen gewohnt war, verloren. Ich wuchs in harten und ſchier kümmerlichen Umſtänden auf; meine erſten Erinnerungen ſind ſchreckliche. Bru⸗ derhaß, Bruderkrieg wütheten in unſerm Hauſe und droheten die Säulen deſſelben umzuwerfen, die unſer ruhmgekrönter Ahn, jener aus ſeinen Schweizerbergen herabgeſtiegene Rudolf von Habsburg, neben dem deut⸗ ſchen Kaiſerthrone aufgerichtet hatte. Ich war noch nicht vier Jahre alt, als ich mit meinem Vater und mit meiner Mutter in der Burg in Wien von meinem unruhigen, habſüchtigen Oheim, dem Herzog Albrecht und den aufrühreriſchen Wienern belagert wurde. Sie beſchoſſen uns in der Burg mit ſchwerem Geſchütz, ja ſie waren ſo grauſam, ihre großen, furchtbaren Kanonen 346 auf die Fenſter der Zimmer zu richten, welche die Kai⸗ ſerin, eine ſchwache Frau, und ich, ein hülfloſes Kind, bewohnten. Eine Kanonenkugel fiel nicht weit von mir nieder; ſie hätte mich faſt getödtet. Nun, dann hätte das Haus Oeſtreich ſchnell ſein Ziel erreicht, und Alles wäre gut geweſen. Das Peinliche und Gräßliche dieſes erſten Eindrucks iſt mir bis jetzt geblieben, und ich werde es einſt mit in's Grab nehmen. Ich kann des⸗ halb die aufrühreriſchen, ungehorſamen Wiener nicht leiden. Die Hälfte jener Aufrührer lebt ja heute noch. Doch weiter! Ich war zehn Jahre alt, als jener fürch⸗ terliche Feind der Chriſtenheit, der ſeine Reſidenz in der alten vſtrömiſchen Kaiſerſtadt aufgeſchlagen hat, zum erſten Mal die deutſchen Grenzen überflutete. Neun ſolcher Ueberfälle der Türken haben bis zu meines Vaters Tod ſtattgefunden, du haſt die letzten derſelben ſelbſt ſchon erlebt. Der Schade, den ſie den öſtreichi⸗ ſchen Landen zugefügt, iſt unberechenbar. Kennten wir ſeine ganze Größe, wir würden uns entſetzen. Aber damit noch nicht genug, du kennſt die Verwickelungen, durch welche dein Großvater in Krieg mit dem kühnen König Mathias Corvinus gerieth, du weißt, welch' herr⸗ liche Stücke dieſer„Rabe“ von den öſtreichiſchen Län⸗ dern abriß, wie er ſelbſt Wien eroberte und es ſechs Jahre bis zu ſeinem Tode behauptete. Du weißt das Alles, denn du haſt es erlebt. Philipp, ich habe mei⸗ nen Vater geſehen, des römiſchen Kaiſers Majeſtät, Die Reiſe — ————————. —————— ——— —.— 347 ein edles, würdiges, menſchenfreundliches Haupt, als er auf einem elenden, mit einam Paar Oechslein beſpann⸗ ten Leiterwagen ſaß und von einem Kloſterſtift zum andern im kleinen Lande, das ihm geblieben war, um⸗ herzog, um ſich um Gottes willen von den Mönchen ſpeiſen zu laſſen; er, der deutſche Kaiſer, das Haupt des öſtreichiſchen Hauſes; ich habe es geſehen und durch meine junge Bruſt iſt ein zweiſchneidiges Schwert ge⸗ gangen. Damals habe ich Gott und der gebenedeiten Jungfrau geſchworen, dem in den Staub getretenen Hauſe Oeſtreich neuen und größern Glanz zu verleihen und alle Kraft meines Lebens daran zu ſetzen oder unterzugehen in dieſem Streben. Hier haſt du den Schlüſſel zu allen meinen Handlungen, er heißt: Macht und Glanz für Oeſtreich! Ich habe redlich gehalten, was ich gelobt; das Glück iſt mir günſtig geweſen, ich bin noch im Streben nach meinem Ziele begriffen; es wird unverrückt mein Ziel bleiben bis an den letzten meiner Tage. Und ich habe mein Herz nie gefragt, wenn es Oeſtreichs Glanz und Größe galt. Ich war der einzige Träger dieſes unſers Hauſes; meine Vet⸗ tern ſtarben kinderlos und vererbten ihre Länder auf mich. Du biſt mein einziger Sohn; für wen hab' ich denn geſorgt und geſchafft, für wen gearbeitet und ge⸗ ſtrebt? Für dich und deine Söhne, die Erben des Na⸗ mens und des Glanzes von Oeſtreich. Als ich nach den Niederlanden ging, um die burgundiſche Maria, nach Spanien. Die Reiſe deine Mutter, zu freien, kannte ich ſie noch nicht, wußte nicht, ob mein Herz auch eine Anſprache an ſie finden würde. Daß es ſo kam, war Zufall und Glück. Ich habe dies Glück kurz genug genoſſen, es war bald wie ein Traum entſchwunden. Und welche Demüthi⸗ gungen mußte ich mir von dieſen trotzigen Niederlän⸗ dern gefallen laſſen! Ich ſaß ſechzehn Wochen in ihrer Haft; ſie enthaupteten meine treueſten Diener und Freunde vor meinen Augen. Ich ertrug Alles; wes⸗ halb? um Oeſtreich groß und reich zu machen. Ich wollte mich mit der Erbin von Bretagne vermählen, ein tückiſcher Feind vereitelte dieſen herrlichen Plan. Hab' ich damals mein Herz befragen dürfen? Es galt Oeſtreichs Vergrößerung und das Herz mußte ſchwei⸗ gen. Als ich dich und Gretchen an die ſpaniſchen Kin⸗ der vermählte, geſchah es, um Oeſtreichs Glanz und Macht feſter zu begründen; dieſe Spanier ſind die mächtigſten Fürſten Europa's. Und wie wendete das Schickſal auf eine wunderbare, nie geahnete Weiſe mei⸗ nen Plan zu Glück und Ruhm, zu Reichthum und Macht Oeſtreichs! Es macht dich zum König von Spanien. Und du haderſt mit dieſem Schickſal, weil dein Herz nicht gefragt wurde; du weinſt wie ein thö⸗ richter Minneknabe, weil du dein Schätzchen nicht zum Weibe erkieſen durfteſt; du entzweiſt dich mit dem ſpa⸗ niſchen Königspaar, weil es die in Neapel gemachten Eroberungen nicht unſerm alten Erbfeind, dem fran⸗ nach Spanien. zöſiſchen König herausgeben will. Du willſt Ferdinand und Iſabellen die Anwartſchaft auf die ſpaniſchen Kro⸗ nen vor die Füße werfen, weil ſie nicht deinem kindi⸗ ſchen Eigenſinn nachgeben! Thor, haſt du vergeſſen, weshalb ich Krieg gegen dieſen Ludwig führte? deiner burgundiſchen Städte wegen. Es ſind erſt fünf Jahre und du haſt ein kurzes Gedächtniß. Weißt du, wer der Erbe von dieſem Königreich Neapel ſein wird, von dieſem ganzen ungetheilten Neapel, wie es der tapfere Gonſalvo de Cordova jetzt den Franzoſen abgenommen? du wirſt es ſein, der Stammhalter des Hauſes Oeſt⸗ reich. Du wirſt Kaſtilien und Arragonien erben, du die Königreiche der Mauren; für dich hat Colomb die neue Welt entdeckt und kühne Spanier ziehen hinüber, dir ungeheure Schätze und Königreiche zu erobern. Oeſtreichs langverhüllte Sonne ſteigt endlich ſtrahlend am Himmel empor; Kronen auf Kronen warten, ſich auf dein Haupt niederzuſenken, und du thörichtes Kind willſt einer Grille wegen ſie von dir werfen, willſt mit eignen Füßen das glänzende Panier Oeſtreichs in den Staub treten, willſt, daß ich vergebens gearbeitet, ver⸗ gebens gelebt habe!?“ Die Stimme des Königs war zuletzt weich und zitternd geworden. Als er ſchwieg, verhüllte er weinend das Haupt. Philipp hatte ſeinen Vater noch nicht weinen geſehen; dieſe Thränen fielen wie glühende Tropfen auf ſein Herz. Er ſchwieg lange beſtürzt und 350 Die Reiſe mit den ſchmerzlichſten Gefühlen kämpfend; endlich ſagte er mit leiſer Stimme:„Aber die Ehre! die Ehre, mein Vater!“* —„Glaubſt du, ein übereiltes und ſchier kindiſches Verſprechen halten ſei Pflicht der Ehre? König Ludwig hat dir geſchmeichelt, um wegen ſeines Raubes von Mailand Ruhe vor Oeſtreich zu haben. Es hat dir am franzöſiſchen Hofe gefallen, die ſchönen Prinzeſſin⸗ nen haben nicht ſpröde gegen dich gethan. Die Kö⸗ nigin iſt eine reizende, freundliche Dame(wie beſſer wäre es für uns alle, ſie wäre deutſche Königin!), alle Annehmlichkeiten des Lebens ſind dir dort entgegen⸗ gekommen und ſo thatſt du mehr als dir zuſtand; du ließeſt dich fangen, mein Sohn, und wußteſt es nicht, und nicht allein die Eroberung von Mailand ſollte in Blois mit ſüßen Worten und zärtlichen Blicken befeſtigt, auch die Provinzen Baſilicata und Capitanata ſollten hier ſo leicht und anmuthig erobert werden. Du warſt ſchwach und willſt es nicht eingeſtehen; aber du wirſt nicht von Ferdinand und Iſabella verlangen, daß ſie deiner Schwäche Opfer bringen ſollen zu deinem eignen Schaden! Du wirſt nicht ſo wahnſinnig ſein, die ganze Zukunft Oeſtreichs deinem kindiſchen Eigenſinn dieſen von Spanien verlangten Opfern hinzuzufügen! Beſtehe nur auf deinem Kopf, die ſpaniſchen Könige laſſen dich fallen. Zur rechten Zeit hat ihre Tochter einen Prin⸗ zen auf ſpaniſchem Grund und Boden geboren, den ſie müſſen; ja, vielleicht iſt mir dies traurige Lvos ſelbſt nach Spanien. 351 ſchlau genug wieder Fernando genannt haben. Sie werden dies Kind ſich zum Erben ihrer Kronen erziehen und nichts darnach fragen, daß du der Vater deſſelben biſt. Sie werden dieſen Zweig vom öſtreichiſchen Stamme losreißen und in ihren Boden verpflanzen. Nach uns werden ſie nicht mehr fragen, denn ſie brau⸗ chen uns nicht mehr, und ſo kannſt du einſt die Freude haben, dich vor deinem eignen Sohne demüthigen zu noch beſchieden, denn ich muß dich zuletzt einen Blick in meine Verhältniſſe als deutſcher König thun laſſen.“ Maximilian machte eine Pauſe und trocknete ſich den Schweiß von der Stirn, während ſein trübauflodernder Blick auf den ſchmerzlich geſpannten Zügen des Sohnes wie fragend umherirrte. Philipp hielt das thränen⸗ gefüllte Auge auf den Boden geheftet. —„Es geht ein großer Drang durch das ganze deutſche Volk nach Verbeſſerung des Reichs und Regi⸗ ments, nach richtigerer Einſicht in menſchliche und gött⸗ liche Dinge und nach Reinigung und Säuberung der Mutterkirche von allen Schmutzflecken, die ſich ſeit ſchier tauſend Jahren an ſie geheftet haben. Die Zeit will ſich neu gebären; das neue Jahrhundert will nicht mehr— 4 in der engen Schraube ſeines Vaters und Vorgängers einhergehen, es will ſich ein neues und weiteres Kleid ſchaffen. Da meinen denn nun die deutſchen Reichs⸗ ſtände, ſie ſeien die rechten Weber und Schneider für 352 dieſes Kleid und ich, ihr König, ſei zu nichts gut, als ihnen das Garn auf den Stuhl zu ziehen oder die Nadeln einzufädeln. Nachher wollen ſie mich bei Seite ſchieben, wie ein altes Möbel, das man nicht mehr braucht. O, ich durchſchaue ſie! Ich weiß, was dieſer alte ſchlaue Henneberger, der mainzer Kurfürſt, will, und er ſchreitet wacker fürbaß ſeinem Ziele zu, die andern Stände hinterdrein wie die Heerde hinter dem Leithammel; auch der pfälzer Kurfürſt iſt mein bitterer Feind; während du ſeinen Sohn ſtets um dich haſt und mit deiner Freundſchaft beehrſt, trachtet mir der Alte die Krone vom Haupte zu holen. Deshalb ſetzten ſie mir das Kammergericht hin. Auf dem letzten Augs⸗ burger Reichstage hat ſich's gezeigt, was ſie wollen. Und einen Tag ſchreiben ſie aus nach Gellnhauſen und als ich's nicht verhindern kann und ſelbſt dorthin gehen will, ſchreibt der Pfälzer den Andern den Tag ab. So ſpielen ſie mit mir, dem Könige, dem Reichs⸗ oberhaupt; das iſt das Loos deines Vaters. Ich will es dir ſagen mit Einem Worte: abſetzen wollen ſie mich, ich ſoll die Schande erleben, wie der verſoffene Wenzel vor hundert Jahren, daß ſie mich vom Regi⸗ ment bringen und mir die Krone vom Haupte nehmen, und der Mainzer und der Pfälzer ſind die Büttel da⸗ bei. Ja, toll genug, ſelbſt den Bauern fällt ein, daß ſie mit ihren täppiſchen Händen berufen ſeien, der Zeit Die Reiſe 1 das neue Kleid anzumeſſen; überall, in ſchier 3 nach Spanien. 353 Gauen, geht eine Tollheit durch ihre Köpfe, ſie wollen nicht mehr weltliches, nicht mehr geiſtliches Regiment dulden. So iſt Feindſchaft zwiſchen Bauer und Fürſt, zwiſchen Fürſt und König, und es gährt und tobt wie in einem Faſſe voll Weinmoſt. Wärſt du nicht der Schwiegerſohn und Erbe der ſpaniſchen Könige, mich hätte ſchon Wenzels Schickſal betroffen; ſie fürchten ſich nur vor der Macht. Wärſt du nicht Herr von Burgund und Niederland, ſie ſpielten mit mir, wie die Katze mit der Maus. Da ſieh, wie richtig mein ſtets verfolgter Plan war, dem Hauſe Oeſtreich zu Macht und Reichthum zu verhelfen. Nur der Reiche und Mächtige iſt der Angeſehene und Gefürchtete. Nur Gold und Schwert im Verein vermögen Großes zu wirken; darum höre nun mein Schlußwort und nimm es dir wohl zu Herzen: Verzichteſt du heute auf die ſpaniſchen Kronen, ſo verzichte ich morgen auf die deutſche. Mit der Hoffnung auf die ſpaniſche Erbſchaft weicht der Boden unter unſern Füßen, und ich habe nicht Luſt zu warten, bis mir die Kurfürſten die Krone vom Haupte ſchlagen; ich will ſie ihnen ſelbſt vor die Fiße ſchleudern. Gibſt du aber den kindiſchen, tollen Gedanken auf, ſo geſtaltet ſich im Nu Alles anders. Der Papſt iſt todt; man ſagt, der alte Giftmiſcher habe aus Verſehen einen Giftbecher geleert, den er für einen Cardinal bereitet. Der neue Papſt wird mir den Zug nach Rom leicht machen. Die Franzoſen haben Ein deutſcher Leinweber. II.. 23 354 mit den Spaniern vollauf zu thun und können mich nicht ſtören. Ich hole mir die Kaiſerkrone, dann ſchlag' ich dich den Kurfürſten zur Königswahl vor. Ich weiß, ſie fürchten ſich jetzt ſchon vor dieſem Vorſchlag; leh⸗ nen ſie die Wahl ab, ſo erheb' ich dich zum Kurfürſten des Reichs, und biſt du dann König von Spanien, ſo ſtehen wir ihnen mit impoſanter Macht gegenüber und treiben ſie zu Paaren. Die neue Welt muß uns ihre Schätze ſenden, man ſagt, ganze Gebirge ſeien dort von Gold. Dann Oeſtreich über Alles! Sie müſſen dich zum deutſchen König wählen, wir jagen die Tür⸗ ken aus Europa hinaus, und wenn ich am errungenen Ziel mein Haupt niederlege, biſt du deutſcher Kaiſer, König von ſechs ſpaniſchen Königreichen, König von Sicilien, König von Neapel, König der neuen Welt, Herzog von Burgund und Niederland. Und ich hoffe zu Gott, du ſollſt auch morgenländiſcher Kaiſer werden und Konſtantinopel deine Reſidenz ſein. Wer darf ſich dann dir gleichſtellen auf dem ganzen Erdball?!— Und das Alles ſollte in Rauch und Dampf aufgehen vor dem Strohfeuer deines liebeſehnſüchtigen Herzens? Philipp, zieh' die Knabenſchuhe aus! Dein Vater fleht dich an, beſchwört dich! Laß die thörichten Poſſen fahren!“ Der Erzherzog ſank heftig weinend an die Bruſt des Vaters, deſſen Auge vom Strahl pvetiſcher Be⸗ geiſterung erglühte; die Phantaſie, ſeine Herrin, hatte Die Reiſe nach Spanien. 355 den edeln König weit fortgeführt in ihre prächtigen Gefilde; er war in dieſem Augenblicke der nach den ſchimmernden Kränzen des Ruhms ſtrebende Dichter, er war der kühne, thatendurſtige Ritter, der das Schwert des Mars mit dem Lorberzweig des Apollo umwand. Am folgenden Tage brachte Philipp ſeinem Vater drei Briefe, an den König Don Fernando von Arragon, an die Königin Iſabella von Caſtilien und an die Erz⸗ herzogin Infantin Donna Juanna von Burgund und Niederland, Prinzeſſin von Spanien. König Maximi⸗ lian durchlas ſie mit großer Aufmerkſamkeit, dann um⸗ armte er ſeinen Sohn inbrünſtig und beſorgte ſelbſt eine ſtattliche Geſandtſchaft nach Spanien. Philipp weinte auf ſeinem einſamen Zimmer und der Name „Luiſe“ glitt leiſe gehaucht über ſeine ſchmerzlichzucken⸗ den Lippen. 23* Die Reiſe Pwatzigstes Rapitel. Die Sehnſucht und das brünſtige Verlangen der gei⸗ ſtesſchwachen Erzherzogin Infantin war für ihre Um⸗ gebung peinigend und rührend zugleich. Nach ihrer Entbindung hatte ſich dieſe Sehnſucht ſchier mit jedem Tage geſteigert. All' ihr Denken und Fühlen, ihr Dich⸗ ten und Trachten war auf den heißgeliebten Gatten gerichtet. Sie erinnerte ſich wenig ihrer in Brüſſel zurückgelaſſenen Kinder, ſie erzeigte ebenſowenig dem neugebornen Prinzen Fernando große mütterliche Zärt⸗ lichkeit, ſie fragte nur nach ihrem Gemahl, ſie klagte ſich nur an, daß ſie ihn nicht zärtlich genug liebe, ſie jammerte nur, daß er ſie nicht mitgenommen habe. Wer irgend ein tadelndes Wort über den Erzherzog in ihrem Beiſein geſprochen, auf den warf ſie einen un⸗ auslöſchlichen Haß; ihre Oberhofmeiſterin Donna Francesca d'Ulloa mußte aus dieſem Grunde von ihr entfernt werden, zu nicht geringer Unluſt der alten nach Spanien. 357 3 Dame, welche geglaubt hatte, die Prinzeſſin werde ihr ein williges Ohr leihen, wenn ſie weidlich über Don Philipp losziehe.. Selbſt gegen ihre Mutter benahm ſich die Erzherzogin kalt und zurückhaltend, da ſie ver⸗ nommen hatte, ihr Gemahl ſei von der Königin ge⸗ kränkt worden. Endlich vernachläſſigte ſie ſogar ihre Katzen, was die Aerzte als den höchſten Grad von Verlangen anſahen, von dem bei ihrem ohnedies geiſtes⸗ ſchwachen Zuſtande bis zum vollſten Wahnſinn nur noch ein kleiner Schritt ſei. So vft die unglückliche Frau ihre Mutter erblickte, beſchwor ſie dieſelbe unter Thrä⸗ nen, ſie ihrem Gemahl nachzuſchicken, und die Königin vermochte ſie nicht mehr mit leeren Tröſtungen hinzu⸗ halten. Endlich weinte und ſchrie ſie tagelang und magerte zuſehends ab, ſodaß ſich die Königin genöthigt ſah, ſie vom Hofe zu entfernen. Sie wurde nach Medina del Campo gebracht, deſſen geſunde, friſche Luft man ihr zuträglich erachtete. Das königliche Schloß daſelbſt war nebſt einem kleinen Garten von hohen Graben und Mauern umzogen; man umgab die geiſtesſchwache Fürſtin mit einem ſichern Gefolge und beſorgten Prieſtern, welche ihr täglich und ſtündlich die Tröſtungen der Religion zuwenden ſollten. Wöchentlich beſuchte ſie abwechſelnd der Biſchof von Cordova und der Erzbiſchof von Toledo; aber alle dieſe Diener der Kirche mußten die Erfahrung machen, daß ein liebe⸗ ſehnſüchtiges krankes Frauenherz ſelbſt für die erhaben⸗ Die Reiſe ſten Wahrheiten der Religion nur taube Ohren hat. Wenn ſie ihr von den göttlichen Eigenſchaften des Er⸗ löſers ſprachen, begehrte ſie ihren Gatten, und wenn ſie ihr ein Bild von den himmliſchen Freuden der Re⸗ ligion zu entwerfen ſich bemühten, verlangte ſie wie⸗ derum nach ihrem Gatten; und da ſie ihr denſelben nicht verſchaffen konnten, ſo weinte und tobte ſie und ſtieß gegen Prieſter und Kirche die gottloſeſten Ver⸗ wünſchungen aus. Ihre Dienerſchaft ſuchte ſie auf jegliche Weiſe zu zerſtreuen, nichts deſto weniger war ihr Leben ein höchſt einſames, trauriges und ödes. Eines Tages, als ſie im Schloßgarten allein wan⸗ delte und im kindiſchen Spiele die vom begonnenen Herbſt gegilbten und gepflückten Blätter vom Boden auflas, nahte ihr aus einer Laube tretend ein einfach gekleideter Mann, den ſie anfangs für einen ihrer Die⸗ ner hielt. Der Fremde trat ehrerbietig heran und flüſterte mit eigenthümlicher, weicher Betonung:„Donna Juanna!“ Verwunderungsvoll blickte ſie auf; ein leichtes Lä⸗ cheln, wie es ihrem Antlitz fremd geworden war, ſpielte leicht um ihre Lippen, ihre Augen nahmen einen Aus⸗ druck freudiger Verklärung an, indem ſie dieſelben mit einem langen und innigen Blick auf das Geſicht des vor ihr ſtehenden Mannes heftete. Dann ſagte ſie ebenfalls weich und zärtlich:„Alnayar!“ —„O warum nennt Ihr mich bei dieſem Namen,“ nach Spanien. 359 rief der dem Glauben ſeiner Väter untreu gewordene Maure ſchmerzlich.„Müßt Ihr es ſein, die mich jett gerade daran erinnert, daß ich Euretwegen die heiligſten und tiefſten Gefühle, die der Menſchenbruſt innewohnen, verläugnete und zu einer Religion ſchwur, für die ich kein Gefühl weiter hatte, als das des Be⸗ ſiegten gegen ſeinen Sieger! Ja, Euretwegen verbannte ich mich aus den Tempeln meines Volks, das mir fluchte, und trat in die Tempel Eures Volks, das mich nicht ſegnete. Ihr ſeht einen elenden, vom härteſten Schick⸗ ſal grauſam verfolgten, mit Gott und ſich zerfallenen Menſchen vor Euch, der ſich den Tod geben würde, wenn ihn nicht ein Band— ach, ein ſanftes, ſüßes Band!— an das Leben feſſelte.“ —„Ihr habt Don Philipp, meinen Gemahl, er⸗ morden wollen, und ich liebe ihn doch ſo unausſprech⸗ lich,“ ſagte die Fürſtin mit umdüſterter Stirn und ſchwermüthigem Auge, aber mit wehmüthiger Stimme. —„Ich wußte nicht, was ich that.— Es geſchah Euretwegen.— Noch war mir nicht bekannt, wie ſehr Don Philipp von Euch geliebt wird. Ihr kennt mein Unglück; ich bin vogelfrei erklärt. Wollt Ihr meinen Tod, ſo ruft Eure Diener. Eine reiche Belohnung iſt Dem zugeſagt, der mich lebend einliefert; laßt mich auf dem Blutgerüſt ſterben zur Sühne meiner Schuld!“ Juanna ſchauderte.„Nimmermehr!“ rief ſie ent⸗ ſchloſſen.„Ihr ſollt gerettet werden, Ihr ſollt glück⸗ 360 Die Reiſe lich ſein; denn ich war Euch im Herzen gewogen, eh' ich Don Philipp's Gemahlin wurde. Ich wär' auch gern die Eurige geworden, wenn es meine Mutter zugegeben hätte; aber ſie iſt eine ſtrenge Frau. Spgt mir, was kann ich für Euch thun, Don Alfonzo?“ Der Verfehmte bog das Knie vor der Fürſtin und ſagte:„Dank Euch, edle Infantin! Ich habe mich nicht in Eurem Herzen geirrt, als ich vertrauensvoll meine geheimgehaltenen Schritte hierher lenkte, um Euch um Hülfe und Rettung aus meiner ſchweren Noth anzu⸗ rufen. Es iſt mir bis jetzt geglückt, mich mit Hülfe und Aufopferungen einer ſchönen theuern Seele zu ver⸗ bergen; aber ich muß daran denken, mir für die Zu⸗ kunft ein Loos zu gründen. In Spanien kann ich nicht bleiben, mein Leben ſchwebt in ſteter Gefahr, und ich, der Sproſſe eines ruhmſtrahlenden Königsge⸗ ſchlechts, müßte mich, um dies Leben zu friſten, zu den niedrigſten und unwürdigſten Arbeiten hergeben. Das werdet Ihr nicht wollen, Donna Juanna. Nach Afrika, zu meinen Stammgenoſſen, darf ich nicht. Ich habe ihren Glauben abgeſchworen, darum muß ich fort in andere Länder. Ein Schiffscapitain, der nach den nie⸗ derländiſchen Häfen ſegelt und dem ich einſt als ſpa⸗ niſcher Admiral wohl gethan, will mich mitnehmen bis an die engliſche Küſte. Ich will in England Kriegs⸗ dienſte ſuchen, darum bitt' ich Euch inſtändigſt, gebt mir einen Empfehlungsbrief an Eure Schweſter, Donna —— „ nach Spanien. 361¹ Catalina, die verwitwete Kronprinzeſſin von Groß⸗ britannien. Man ſagt, ſie gelte viel beim Könige, und er beabſichtige ſie mit dem jetzigen Kronprinzen Hein⸗ rich zu vermählen. Jedenfalls wird es ihr leicht wer⸗ den, es beim Könige dahin zu bringen, daß ich eine meinem Stande und meinen Talenten angemeſſene An⸗ ſtellung erhalte. Ihr rettet mich mit ſolch einem Briefe aus einer troſtloſen Lage. O, Ihr rettet mich nicht allein! Zwei Herzen, die Euch verehren, werden Euch Zeit ihres Lebens dankbar ſchlagen.“ —„Ihr ſollt den Brief an Catalina haben!“ rief die Erzherzogin und ſchlug die Hände zuſammen vor kindiſcher Freude.„Ich werde ihn heute noch ſchreiben und morgen mögt Ihr ihn abholen.“ Der Leibarzt und die Kammerfrauen der Erzher⸗ zogin, die mit dem edlen Flüchtling im Einverſtändniß waren, hatten nicht vergebens darauf gerechnet, daß dieſes Ereigniß ihre unglückliche Gebieterin lange Zeit angenehm beſchäftigen werde. Sie ſchrieb an dieſem und an den beiden folgenden Tagen, ſie brachte eine Menge verwirrter Dinge zu Papier, aber ſie wurde dadurch von ihren traurigen und kummervollen Gedan⸗ ken abgezogen. Selbſt als ſie endlich den großen Brief einer ihrer Frauen zur Beſorgung an Don Alfonzo de Granada übergeben und demſelben eine glückliche Reiſe hatte wünſchen laſſen, erkundigte ſie ſich noch lange nach ihm und erfuhr nicht ohne freudige Befriedigung, 362 Die Reiſe daß er den ſpaniſchen Boden glücklich verlaſſen und ſich nach England eingeſchifft habe. Die eingetretene trübe Herbſtzeit mit Sturm und Regen führte aber die Schwermuth und krankhafte Sehn⸗ ſucht der geiſtesſchwachen Königstochter nach ihrem fer⸗ nen Gatten in ſteigender Verſtärkung zurück; ſie weinte troſtlos ganze Tage, ſie heulte und ſchrie. Endlich ſchwur ſie ihren in Herzeleid faſt verkommenden Frauen zu, ſie werde, da ſie doch von ihren Eltern ſo grauſam und unmenſchlich zurückgehalten werde, wie jedes andere Weib in die Arme ihres Gemahls eilen und zu Fuß durch die Länder wandern, bis ſie nach Brüſſel komme. Mitleidige Seelen würden ihr wol als der Erzherzogin von Oeſtreich Speiſe und Trank geben. Die Frauen bewachten ſie ſeit dieſer Erklärung nur noch ängſtlicher und dieſe geſteigerte Vorſicht war nicht umſonſt. Eines Tages bemerkten ſie, daß die hohe Frau heimlich ein kleines Päcktchen mit einigen nothdürftigen Kleidungs⸗ ſtücken zuſammenſchlug. Gleich darauf nahm ſie den Kater Don Ceſar in den Arm und eilte die Treppe hinab aus dem Thore über den Schloßhof. Ein Leib⸗ diener begegnete ihr und fragte ſie verwundert: wohin ſie wolle?—„Zu meinem Gemahl!“ rief ſie und eilte haſtig weiter. Der Diener benachrichtigte ſchnell einige Frauen und es entſtand ein Geſchrei auf dem Hofe. Man rief der Wache an der Zugbrücke zu und dieſe zog raſch die Brücke auf, ſodaß die flüchtige Fürſtin nach Spanien. 363 nicht aus dem Bezirk des Schloſſes konnte. Sie rang die Hände verzweiflungsvoll und jammerte wie ein Kind. Unterdeſſen waren ihre Frauen, der Arzt, der Haushofmeiſter und einige Cavaliere hinzugekommen und baten ſie mit den ſanfteſten Worten und mit Thrä⸗ nen zurückzukehren und ſich durch ſolch Beginnen nicht in Noth zu ſtürzen. Stumm ging ſie zwar nach dem Schloſſe zurück, aber dort trat ſie im Erdgeſchoß in die Küche und war weder durch Bitten noch durch Dro⸗ hungen zu vermögen, dieſen Raum wieder zu verlaſſen. Nicht Froſt, nicht Unbequemlichkeit brachten ſie dazu, ihre Zimmer wieder zu beziehen. Man mußte ihr in dieſer Küche ihre Speiſe reichen, man mußte ihr das Nachtlager hier bereiten. In ſich gekehrt und jammernd ſaß ſie ganze Tage und nur dann und wann glitt Phi⸗ lipp's Name über ihre welken Lippen. Ihre Bedienung machte davon Anzeige bei der Königin, die ſich eben in Segovia aufhielt, aber wie gewöhnlich krank danie⸗ derlag. Donna Iſabella ſchickte ſogleich den Erzbiſchof von Toledo und den Biſchof von Cordova, aber noch nie hatte der geiſtige Zuſpruch bei der Geiſteskranken weniger vermocht als jetzt. Sie gab zwar den beiden Kirchenfürſten Andienz, ſo oft ſie wünſchten, jedoch ſtets in der Küche auf den harten und kalten Steinen des Fußbodens. So groß auch die Ehrfurcht war, welche ſie ſtets dem ehrwürdigen Fimenes erwieſen, er konnte ſie durch kein Mittel bewegen, ihren unfreundlichen 364 Die Reiſe Aufenthaltsort zu verlaſſen und ihre hellen und beque⸗ men Zimmer wieder zu beziehen. Sie ſchrie und be⸗ klagte ſich über Betrug und Falſchheit, ja ſie behauptete endlich, ihr Gemahl ſei ermordet worden und man ſuche es ihr zu verbergen. Ihr Zuſtand verſchlimmerte ſich ſo, daß der Leibarzt das Aergſte befürchtete. Es gin⸗ gen Boten auf Boten an die Königin ab und dieſe, erſchreckt von ſolchen Nachrichten, erhob ſich vom Kran⸗ kenlager und ließ ſich in einer Sänfte nach Medina del Campo tragen. Das Wiederſehen der beiden un⸗ glücklichen Fürſtinnen war ein ſehr trauriges. Die ſchwache, fiebernde Königin wurde dergeſtalt vom ſchmerz⸗ lichſten Muttergefühl überwältigt, daß ſie auf dem rau⸗ hen Steinpflaſter der Küche heftig weinend in die Knie ſank und die Arme krampfhaft um die Hüften der Toch⸗ ter ſchlang, die ſich von ihr abwandte. Da lag die große Königin von Caſtjlien, deren ſtarker Geiſt Spa⸗ nien zu ſeiner zeitigen Höhe gebracht, auf den feuchten Steinen eines düſtern Gemachs und flehete jammernd um ein Liebeswort, einen Liebesblick ihrer geiſteswirren Tochter, der ſie die geerbten und erworbenen Kronen hinterlaſſen ſollte; da lag ſie krank, elend und heim⸗ geſucht von der mitleidwertheſten menſchlichen Bedürf⸗ tigkeit! Welch ein Bild irdiſcher Größe und Herrlich⸗ keit! Das war nun das Ziel eines ſtolzſtrebenden Lebens, großer Kriegsthaten, hochgeprieſener Staats⸗ klugheit, ſieglächelnder Berechnungen! Das war das nach Spanien. 365 Glück, das mit raſtlos aufgehäuften Kronen errungen worden war! Ihre Seelenſtärke verließ ſie ſo ganz, daß ſie untergegangen wäre in Jammer und Verzweif⸗ lung, wenn Pimenes' hoher Geiſt ihr nicht rettend zur Seite geſtanden hätte. Aber er, der die Genüſſe der irdiſchen Größe und den Glanz der Macht ſtets verachtet, der allein mit bewundernswürdiger Strenge und Ausdauer den Ruhm und die Herrlichkeit des Got⸗ tesreiches im Auge gehabt, er war jetzt der rechte Mann für die Königin. Mit ſanften, ernſten Worten lenkte er ihren Blick von der irdiſchen Unvollkommen⸗ heit auf die göttliche Gnade; er träufelte in ihre wunde Bruſt den milden Balſam der Religion; er erſchütterte ihre Seele, indem er ſie auf Augenblicke dem kalten und ſchneidenden Sturme der Wirklichkeit preisgab, um ſie mit liebenden Armen dann in die warmen Re⸗ givnen des gottbegeiſterten Glaubens emporzuheben. Erſt durch die heiligſten Verſprechungen gelang es der Königin ihre Tochter etwas zu beruhigen. Sie mußte der Armen auf eine geweihte Hoſtie ſchwören, ſogleich und unverzüglich Befehl zur Ausrüſtung einer Flottille zu geben, auf welcher ſie, die Erzherzogin, mit dem erſten Frühlingstage des nächſten Jahres die ſpaniſchen Küſten verlaſſen könnte. Den Verdacht der Kranken, als lebe der Erzherzog gar nicht mehr, wi⸗ derlegte die Königin dadurch, daß ſie ihr Philipp's Brief übergab, der kurz vorher von der Geſandtſchaft die Ree iberbracht worden war, den ſie aber bis jetzt gezogert hatte ihrer Lochter zu überreichen, um die Sehnſucht derſelben nach dem Gemahl nicht noch höher zu ſteigern. Der Brief brachte die günſtigſte Wirkung auf das Ge⸗ müth der Leidenden hervor. Sie las ihn wiederholt, küßte ihn, überſtrömte ihn mit Thränen, jubelte über die Liebesverſicherungen, die derſelbe enthielt, und ließ ſich nun leicht bewegen ihre Zimmer wieder einzuneh⸗ men. Die Königin und der Erzbiſchof blieben einige Zeit bei ihr, bis die erſtere ſich wieder etwas von den erfahrenen Erſchütterungen und dem Krankheitsanfall erholt hatte. Juanna brachte den Winter damit zu, ihrem Ge⸗ mahl lange Briefe zu ſchreiben; durch die Geiſtesver⸗ wirrung, die ſich darin in jeder Zeile kundgab, ſchim⸗ merte ſtets die füßeſte, rührendſte Zärtlichkeit. Auch nahm ſie ſich ihrer Katzen wieder mit der alten Liebe an, fütterte, kleidete, wartete ſie und reichte ihnen Arzneien, wenn ſie krank waren. Außerdem zählte ſie jeden Tag und freute ſich kindiſch am Abend, daß ſie nun ihrer Abreiſe wieder einen Tag näher ſei. In der Mitte des Februar langten auf ihr dringendes Bitten ihre Eltern in Medina del Campo an, um von ihr Abſchied zu nehmen, und am 1. März fand ihre Ab⸗ reiſe ſtatt. Iſabella hielt ſie lange umarmt und wollte ſie nicht laſſen.„Ich ahne,“ ſprach ſie,„daß ich dich nicht wiederſehe, mein unglückliches Kind. Wehe mir, nach Spanien. 367 daß ich alle von mir geben muß, die meinem Herzen lieb und theuer ſind! Ich werde einſam ſterben müſſen.“ Die Erzherzogin reiſte über Valladolid und Burgos und begab ſich in Laredv an Bord. Drei Wochen dar⸗ auf betrat ſie die niederländiſche Küſte. Das Königspaar blieb in Medina del Campo; die Königin hoffte ſich hier erholen zu können. Am fünf⸗ ten April wurde Spanien aber von einem entſetzlichen Erdbeben heimgeſucht, welches die gräßlichſten Ver⸗ wüſtungen anrichtete und den Zuſtand Iſabella's wieder verſchlimmerte. Es kamen ihr neue Todesahnungen. Sie ließ einen Courier nach den Niederlanden mit der Bitte an den Erzherzog abgehen, er möchte ihr ſeinen älteſten Sohn, Don Carlos, nach Spanien ſchicken, damit er als ihr Erbe unter ihren Augen erzogen und mit ſpaniſcher Sitte vertraut würde. Philipp und ſein Vater wollten ihr willfahren, aber der Plan wurde durch die nachfolgenden Ereigniſſe vereitelt. Denn zu Anfang Juli erkrankten beide Könige von Spanien in Medina del Campo ſo heftig, daß Jedermann fürchtete, Spanien werde ſein Herrſcherpaar mit Einem Schlage verlieren. Ein zweiter Courier ging nach Brüſſel, um den Erzherzog mit ſeiner Gemahlin zur möglichſchnell⸗ ſten Reiſe nach Spanien zu vermögen. Aber Philipp war eben in einen Krieg mit dem Herzoge von Geldern verwickelt und hatte auch ohnedies wenig Luſt, unter dieſen Umſtänden Spanien wieder zu ſehen. 368 Die Reiſe nach Spanien. Der König erholte ſich inzwiſchen wieder, mit der Königin ward es dagegen ſchlimmer. Sie brachte jedoch noch vier volle Monate auf einem ſchmerzlichen Kran⸗ kenlager zu, das ihr Timenes allein durch ſeinen troſt⸗ reichen Zuſpruch zu verſüßen vermochte. Am 26. No⸗ vember endlich gab ſie dem Schöpfer ihren Geiſt zu⸗ rück. Sie war nicht älter als 53 Jahre geworden, eine Frau von großen Eigenſchaften und entſprechenden Fehlern, die Begründerin der Größe Spaniens und vom Gram über das Schickſal der Ihrigen dahin gerafft. Sie behauptet für alle Zeiten in der Geſchichte einen ehrenvollen Platz.. Ende des zweiten TDheils. Druck von F. I. Brockhaus in Leipzig. — — 6 ——* Se 2 2 * S—— —— S—