———— 3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeitneines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchenilich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — S——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 „ — 5. e Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Hohe ſtattliche Gemächer mit Spitzbogengewölben, aus deren Kreuz bunte, ſchön verzierte Lampen an maſſiven goldenen Ketten herabſchweben; kunſtvoll in Arabesken⸗ ſchmuck ausgeſchnittene eichene Thüren mit blanken, ciſe⸗ lirten Metallſchlöſſern; gothiſche Fenſter, an deren Mar⸗ morfries die brabantiſche Bildhauerkunſt zierliche Mei⸗ ſterwerke geliefert; auf dem getäfelten Fußboden große venetianiſche Teppiche, denen Schildereien aus der alt⸗ römiſchen Geſchichte in brennender Farbenpracht einge⸗ webt ſind; an den Wänden der einen Zimmer ſeidene Tapeten aus den Seidenwebereien Toscanas und Athens, ſchwer und faltig, bunt und glänzend, mit kunſtvollen Muſtern, von der Decke herabbauſchend bis zum Fuß⸗ boden, die Wände anderer aus Holzmoſaik in allerlei Bildern beſtehend; in jenen auf polirten Staffeleien große Oelbilder in vergoldeten Rahmen aufgeſtellt, in dieſen unmittelbar auf dem kunſtreichen Getäfel aufge⸗ hängt, das ihnen einen würdigen Hintergrund bereitet; denn es ſind die Meiſterwerke Jan's von Brügge, Ein deutſcher Leinweber. I. 1 2 Die ſchöne Kaufmannsfrau des genialen Schöpfers der Oelmalerei, und ſeiner Schüler. Schränke von herrlicher Holzſchnitzerei mit geſchliffe⸗ nen venetianiſchen Spiegelglastafeln und drinnen hin⸗ ter den glänzenden Scheiben dicht geſchart in prunken⸗ der Zuſammenſtellung goldene, ſilberne und kryſtallene Gefäße aus den Werkſtätten der Gold⸗ und Silber⸗ ſchmiede Angsburgs und Nürnbergs und der Stein⸗ ſchneider Lyons; Ringe, goldene Ketten, geſchnittene Steine, Alabaſtergeräth und Schmuck aus Oſtindien, prachtvolle Muſcheln von den Ufern der ſüdlichen, Bern⸗ ſteinſchalen und Zierrath von denen der nördlichen Meere. Und welch eine Pracht und Herrlichkeit zur Schau geſtellt auf den marmornen Kaminſimſen! Kleinere Oel⸗ und Waſſerfarbenbilder, Schnitzwerk und metallene Ge⸗ bilde, geſchmiedet und gegoſſen, und tauſenderlei koſt⸗ barer Tand. Zwiſchen dem Geräth hohe prächtige Spie⸗ gel, wie ſie im funfzehnten Jahrhundert nur Venedig zu liefern vermochte, dem es im ſechzehnten die Bra⸗ banter in dieſem wie in andern Stücken nachthaten und es übertrafen. Hier und dort und überall kunſt- und werthvolles Kleinod, maſſive, großartige Bauart, ſtei⸗ nerner Bildſchmuck, an Spitzbogen ſich aufrankend und in kunſtvoll durchbrochenen Roſen endigend. Aber auch belebt ſind dieſe mit Pracht und Lurus überladenen Räume. Hier kreiſcht ein gelbgehaubter Kakadu von den oſtindiſchen Inſeln ſeine wilden Töne und ſchüttelt von Antwerpen. 3 die blanken Metallſtäbe ſeines gegitterten Palaſtes, dort liebkoſen ſich auf den Kreuzſtäben eines Geſtells, an de⸗ nen ihre Füße mit langen ſilbernen Ketten befeſtigt ſind, zwei wunderſchöne grüne Inſeparabiles mit präch⸗ tig rothem Scheitel und Kehle und blauem Schwanze, und das Männchen präſentirt dem Weibchen mit ange⸗ borner Galanterie einen von ihm eben geſchälten Sa⸗ menkern; ein rother Lori ein buntſchillernder Arras tragen ihr prächtiges Gefieder zur Schau und ein aſch⸗ grauer, rothſchwänziger Sittig von der Elfenbeinküſte zankt ſich mit einem kleinen türkiſchen Affen, der aus ſeinem großen ſchönen Wandkäfig ſchreiend Nußſchalen nach ihm wirft. Der ſprachgewandte Papagei beehrt ſeinen Landsmann von der Goldküſte mit allerlei Eh⸗ rentiteln und ruft zuweilen dazwiſchen wie in lebhafter Freude:„Hoch lebe das Haus Burgund!“ —„Und Oeſtreich!“ ſetzt dann jedesmal aus ei⸗ nem daranſtoßenden Cloſet ein anderer Sittig hinzu. In der hohen und weiten, etwas düſtern Vorhalle ſteht und ſitzt männliche und weibliche Dienerſchaft des Hauſes; nicht allein nach Geſchlecht und Alter verſchie⸗ den, auch nach der Hautfarbe und Kleidung. Denn unter den breitſchultrigen Brabantern ſieht man den ge⸗ ſchmeidigen, zartgebauten afrikaniſchen Neger in reicher, goldgeſtickter Scharlachtracht und die ſchlanke Negerin von glänzender Ebenholzfarbe im weiten, faltigen, ſchnee⸗ weißen Neſſeltuchkleide, das ein blitzender Perlengürtel 1* 4 Die ſchöne Kaufmannsfrau zuſammenhält. Die kleinen aufgeputzten und aufgebla⸗ ſenen Geiſter langweilen ſich, wie gewöhnlich; es geht ſtill unter ihnen zu. Nur wenn ſie ſich zanken, unter⸗ halten ſie ſich gut; aber ſie zanken ſich eben nicht und ſind maulfaul, wenn ſie auch nicht friedlich gegen ein⸗ ander geſinnt ſind. Aus dieſem weiten alterthümlichen, im reinen gothiſchen Stil ausgeſchmückten Vorzimmer führt eine Thüre auf einen hellen Corridor und von dieſem eine breite Wendeltreppe von grauem, weiß ge⸗ ädertem Marmor mit einem vergoldeten Geländer in die Hofräume zur ebenen Erde hinab. Hier herrſcht ein wildes Treiben und reges Leben, das unaufhörlich ein⸗ und ausflutet. Und es iſt gerade nicht die feinſte Menſchenklaſſe, die ſich hier fluchend und ſcheltend breit macht; es ſind Schiffer und Matroſen, Schiffsoffiziere, Packknechte und Handlanger, Waaren- und Wechſel⸗ makler, kleine Kauf⸗ und Handelsleute, auch angeſehene Kaufherren und reiche Geſchäftsleute, Laufburſche und flinke Mädchen, die meiſten beſchwert mit Waaren oder Geld, und alle ſtrömen der Schreibſtube im Hofe oder den Packkammern und Schuppen und den Hofräumen zu, wo Waarenballen und Fäſſer gepackt und verladen werden unter Lärm und Geſchrei.— Ein Blick aus den hohen Fenſtern im erſten Stock zeigt, daß das große, prachtvolle Haus in einer Reihe ganz ähnlicher Hänſer an einem breiten Kai liegt, daß auf dem brei⸗ ten mächtigen Strome, ſo weit das erſtaunte Auge ihn von Antwerpen. 5 hinauf und hinab verfolgen kann, ſich Hunderte, ja Tau⸗ ſende ſtattlicher Kauffahrteiſchiffe mit den Flaggen aller Seehandel treibenden Völker wiegen und überall thä⸗ tige Krahne mit Ein⸗ und Ausladen der Fahrzeuge be⸗ ſchäftigt ſind. Das iſt ein Treiben und Drängen, eine haſtige Geſchäftigkeit, ein Rufen und Schreien, ein Gewühl und Gemiſch allerlei Volks, daß man denken ſollte, ſie wollten heute mit allen Geſchäften des Erd⸗ bodens fertig werden. Es iſt kein Fürſtenhaus, in welchem das bezeich⸗ nete Leben waltet, obgleich mehr fürſtliche Pracht ent⸗ haltend, als viele Fürſtenhäuſer zur ſelben Zeit; es iſt auch nicht die ſtolze Stadtwohnung eines Großen von Adel und Güterbeſitzers; es iſt das Haus des Kauf⸗ manns Peter van der Kapellen in Antwerpen, und der ſchiffbeſäete Strom die Schelde, damals noch eine freie, mächtig pulſirende Lebensader des großartigſten Welt⸗ verkehrs. Das ſechzehnte Jahrhundert, das größte und herrlichſte, das die Weltgeſchichte geboren, hat ſein er⸗ ſtes Jahr angetreten und ſein kühner, ſtarker Genius, der, vom ſinkenden funfzehnten Jahrhundert gezeugt, thatfordernd und willensgewaltig in das junge Säecu⸗ lum herüberſprang, regt ſich munter auf dieſer erſten Stufe und ſchreitet unaufhaltſam vorwärts, einem er⸗ habenen Ziele zu, das er— leider nicht erreichen ſollte und deſſen Erkämpfung wahrſcheinlich dem neunzehnten Jahrhundert noch bevorſteht. Die ſchöne Kaufmannsfrau Ein reichgekleideter blondgelockter Jüngling, in wel⸗ chem man auf den erſten Blick den gewandten fürſtli⸗ chen Pagen erkennt, drängt ſich plötzlich unter Matro⸗ ſen und Packknechten in das weite Thor des Hauſes; ſie würdigen ihn keines Blicks; nur Einer ruft dem ſchlanken Burſchen ein derbes Witzwort zu. Er erwi⸗ dert nichts, ſondern hüpft flink die Treppe hinauf und ſteht in zwei Minuten unter den weißen und ſchwarzen Dienſtgeiſtern in der Vorhalle, denen er kein unbekann⸗ ter Gaſt iſt; denn ſie erwidern ſeinen halb freundli⸗ chen, halb hochmüthigen Gruß auf die verſchiedenſte Weiſe; gleichgültig, hochmüthig, trotzig, freundlich, pfiffig lächelnd; am liebevollſten eine junge ſchöne Ne⸗ gerin. Und an dieſe wendet ſich der Page mit der Frage:„Iſt meine Frau van der Kapellen zu Hauſe und kann ich ſie ſprechen?“ —„Sie wird Euch nicht abweiſen laſſen,“ verſetzte die ſchwarze Dienerin mit einem ſchalkhaften Blick auf das Geſicht des ſchönen Knaben,„da Ihr jedenfalls vom Hofe in Brüſſel kommt.“ —„So iſt's. Ich bringe Botſchaft Seiner Hoheit des Erzherzogs. Geh, Matty, und melde mich meiner Frau.“ Die Schwarze ſchlüpfte nickend durch eine Thür, und der eitle Page ſchritt, den Kopf zurückgewor⸗ fen, klirrenden Spornſchritts durch das Zimmer auf und ab, ohne Jemanden weiter eines Wortes zu wür⸗ digen, zum großen Aerger der Leibdienerſchaft des Hau⸗ — * 1 5 von Antwerpen. 7 ſes, die, in Betracht der republikaniſchen Volksverfaſ⸗ ſung und des ungeheuern Reichthums ihres Gebieters, ſich weit mehr dünkte, oder wenigſtens im Trotz des verletzten Stolzes ſich anſtellte, als dünke ſie ſich mehr als der Page des Erzherzogs Philipp, des fürſtlichen Hauptes dieſes Landes, ſo überprächtig er auch geklei⸗ det war. Es wurden ſchon einige unwillige Töne ver⸗ nommen, ein herausforderndes Räuſpern, von einem trotzigen Blicke begleitet, oder ein freches Fluchwort grollend durch die halbgeöffneten Zähne gedrängt, und der Page, ſo hübſch und gutmüthig er auch ausſah, maß doch ſchon mit zornigem Erſtaunen die Geſichter, von welchen dieſe Töne ausgingen. Sicher würde es bald zu einem kleinen Wortwechſel gekommen ſein, wenn Matty nicht wieder erſchienen und den ſtolzen Pagen mit naiver Zutraulichkeit bei der Hand gefaßt hitte, um ihn dem Kreiſe ihrer geärgerten Standesge⸗ noſſen zu entführen. Ihr Weg ging durch die reich geſchmückten Zimmer, deren Herrlichkeit der Page kei⸗ nes Blicks würdigte, obgleich ſeine eigene, verſchwen⸗ deriſch reiche und ſchöne Kleidung erſt zu dieſer Umge⸗ bung in richtigem Verhältniſſe ſtand. Erſt als der graue Sittig beim Anblick des Pagen ſein:„Hoch lebe das Haus Burgund!“ hervorgurgelte und im nächſten Zimmer eine ähnlich kreiſchende Vogelſtimme: „Und Oeſtreich!“ hinzuſetzte, flog ein wehmüthiges Lächeln über das ernſte Geſicht des Jünglings und Die ſchöne Kaufmannsfrau man konnte nun innewerden, daß die ſtrengen Züge ſeines jungen, bleichen Geſichts, welche die Diener⸗ ſchaft des Hauſes für Ergebniß eines übermüthigen Stolzes genommen hatte, nichts als einen trüben, bit⸗ tern Ernſt bargen. Geknickte Lebenshoffnungen, erfro⸗ rene Jugendträume, ein ſchweres und unheimliches Un⸗ glück ſprachen aus den bleichen, ſchönen Zügen. Die Thür des Cloſets wurde von der ſchwarzen Dienerin, deren zärtliche, liebäugelnde Blicke ſogar keine Erwi⸗ derung fanden, geöffnet und der kalte, ſchmucke Jüng⸗ ling ſtand in einem kleinen Feentempel, zu deſſen phan⸗ taſtiſcher Ausſchmückung alle Reiche der Welt ihr Koſt⸗ barſtes geſchickt zu haben ſchienen, vor einem jungen Weibe, das als heiligſtes und höchſtes Wunder der Schönheit alle andern ſie umgebenden Wunder weit überſtrahlte. Es wäre verzeihlich geweſen, wenn man ſie für die Fee dieſes Zauberpalaſtes gehalten hätte. Ja, eine reizende Fee, in deren ſchönheitſtrahlenden Zügen, ſo weit ſie in des Dichters Phantaſie auch über das Maß menſchlicher Vollkommenheit hinausreichen, doch nicht die feuchte Verklärung des ſüßeſten Frauen⸗ gefühls, der ſchönen Schwäche, die das Weib erſt zum irdiſchen Engel macht, ſchwimmt und leuchtet. Ju⸗ gend und Anmuth, die edelſten Formen, die herrlichſte Geſtalt, ein tief blaues, beredtes, überredendes und bethörendes Auge waren Eigenthum der Frau van der Kapellen; ja ſie beſaß noch einen Reiz, wie hier kein — 8 — — von Antwerpen.. anderes Weib, ein langes, volles, prächtiges, gold⸗ blondes Haar, das in glänzenden Locken ihr faſt auf die Füße floß und einen Glanz von ſich warf, als ſei es der Widerſchein der Abendröthe, die ſich in den prächtigen Wellen ſpiegelte. Schön war dieſe Frau, liebreizend ihre Züge, und doch war über ſie nicht der ſüße Schimmer des edelſten Gefühls gebreitet, doch goß aus dieſem herrlichen, großen Auge nicht der feuchte Strahl ſanfter Empfindung ſeine warmen, beruhigen⸗ den Lichtwellen in die ſich ihr nähernde Menſchenbruſt. Wahrlich, ſie hatte mehr von einer Fee als von ei⸗ nem Weibe. Frau van der Kapellen ſaß auf einem ſeidenen Lot⸗ terbette; zu ihrer Rechten lag eine ſchneeweiße tibeta⸗ niſche Katze, zu ihrer Linken ein lombardiſcher Spitz⸗ hund von derſelben glänzenden Farbe, und ihre zarten Hände glitten abwechſelnd durch das ſeidene Haar die⸗ ſer wohlgepflegten Thiere. Neben dem Bette ſaß auf einer vergoldeten Stange in einer von Rohr geflochte⸗ nen Laube der kleine bunte, plauderhafte Lori, der ſein „und Oeſtreich!“ öfter und lauter wiederholte, als der Page, ſich verneigend, vor die ſchöne Frau trat. Ihr Auge erhob ſich von einem mit Heiligenbildern ge⸗ zierten Andachtsbuche, in koſtbarem, mit farbigen Edel⸗ ſteinen garnirtem Einbande, das vor ihr auf einem mit feinem Schnitzwerk verzierten Betpulte aufgeſchlagen war, und überflog den Pagen, der einen Brief aus 10 Die ſchöne Kaufmannsfrau der Bruſttaſche ſeines goldgeſtickten Rockes zog. Doch ehe er noch ein Wort geſagt, fragte ſie ihn:„Ihr ſeid ja wol ein Oeſtreicher, Junker Bübenhoven?“ —„Ich ſtamme aus den tyroler Bergen, meine Frau,“ verſetzte der Page, und ſein Geſicht verdü⸗ ſterte ſich immer mehr, als wenn die Erinnerung an ſein Vaterland ihn recht unangenehm berührt hätte. —„Nun ſeht, wie höflich mein holder Lori gegen Euch iſt, daß er, Euch zum Gruß, Euer ſchönes Va⸗ terland ſo eifrig leben läßt! In dieſen Vögeln ſtecken verzauberte Geiſter. Wie könnte Lori ſonſt wiſſen, daß Ihr ein Oeſtreicher ſeid?“ —„Der Gruß gilt jedenfalls meinem Rocke, oder vielmehr dem gnädigſten Herrn meines Rockes mehr als mir,“ entgegnete Bübenhoven,„und dieſer mein Herr, des Erzherzogs Hoheit und Gnaden, iſt es ja auch, der Euch dieſen Brief mit dem freundlichſten Gruße ſchickt.“ Die reizende Frau drohte dem Pagen lächelnd mit dem Finger und ihre geiſtreichen Züge drückten in die⸗ ſem Augenblicke die beruhigende Ueberzeugung aus, den Jüngling mit ſich im Einverſtändniß zu wiſſen und ſei⸗ ner Ehrenhaftigkeit jedes Vertrauen ſchenken zu dürfen. Und dieſe Meinung beſtätigte ſich im nächſten Augen⸗ blick, als der Page ihr, die eben im Begriff ſtand, den empfangenen Brief zu entſiegeln, mit zwei raſchen Schritten nahe trat und heſtig flüſternd ſagte:„Und von Antwerpen. 11 da ich Euch allein finde, ſo gebeut mir der empfangene heimliche Befehl, Euch auch dieſen zweiten Brief zu überreichen und auf Eure gütige Antwort zu warten.“ Dies zweite kleine Briefchen ergriff die Dame mit augenblicklicher Aufregung und verſenkte es im Nu in den Buſen des ſchweren grünen und mit Goldſtickerei umſäumten Sammtkleides, das ihre üppigen Formen in weichen Wellen umfloß. Dann erbrach und las ſie mit erkünſtelter Ruhe den zuerſt empfangenen Brief und ſagte endlich mit Würde:„Seine Hoheit der Erzherzog thut unſerem Hauſe viel Ehre an, indem er uns ſeinen hohen Be⸗ ſuch ankündigt, und wir werden dieſelbe zu ſchätzen wiſſen. Ich werde meinen Gemahl unterrichten und Euch dann die Antwort zuſtellen. Vorher jedoch“— und ſie legte die Hand auf den Buſen, drückte dann den Zeigefinger derſelben an den Mund und ſchien, durch eine hinter der ſeidenen Tapete verborgene Thür verſchwindend, dem Jünglinge mit dem vom Munde raſch entfernten Finger einen Kuß zuzuwerfen, der ihn hoch erröthen machte. Sein von Kummer ſichtbar ge⸗ trübtes Auge flog mit einem ſchwermüthigen Ausdrucke über die ungeheure Pracht des Gemachs hin, in wel⸗ chem er ſich jetzt mit den lärmenden Thieren allein be⸗ fand, dann kehrte er ihr ſchnell mit einer Miene voll Mismuth und Ekel den Rücken und ſchaute durch die hinteren Fenſter des Cloſets in den hinter dem Hauſe 12 Die ſchöne Kauſmannsfrau ſich weit ausbreitenden Garten hinaus, in welchem ein DOetoberſturm eben vergelbte Blätter von den ſtattlichen Lindenbäumen fegte. Dieſes öde Bild der hinſterben⸗ den Natur, dem kein menſchlicher Reichthum, keine ir⸗ diſche Macht neues grünes Leben und friſche Schönheit einzuhauchen vermochte, ſchien ſeiner Stimmung mehr zuzuſagen. In düſtere Gedanken verfinkend, lehnte er die Stirn an die runden Fenſterſcheiben, aber die Bit⸗ terkeit ſeiner Empfindungen hatte ihm unwillkürlich und ohne daß er es wußte, Thränen in die Augen getrie⸗ ben, welche Frau van der Kapellen ſogleich bemerkte, als ſie wieder neben ihm ſtand und mit bedeutſamer Geberde ein klein zuſammengefaltetes, verſiegeltes Blätt⸗ chen in ſeine Hand legte, das er ſogleich in der Bruſt⸗ taſche barg. —„Junker Bübenhoven, Euch drückt etwas ſchwer,“ ſagte ſie mit einem Tone, der zutraulich und her⸗ zengewinnend ſein ſollte, dem aber ein feines Gefühl, ein natürlicher Inſtinkt des Pagen das Gemachte und Unwahre anhörte,„ein Kummer, ein Geheimniß, das ſich nach Mittheilung und Enthüllung ſehnt. Ich ſchenke Euch ſo viel Vertrauen; Ihr ſolltet mir billig mit gleicher Münze zahlen. Oder verdiene ich Euer Vertrauen nicht? Traut Ihr mir nicht den beſten Willen zu, Euch zu helfen, wenn es in meiner Macht ſteht?“ Damit ſenkte ſie einen durchdringenden Blick in ſein Auge, ſo daß er es verwirrt zu Boden ſchlug. In von Antwerpen. 13 dieſem Augenblick war er unbeſchreiblich ſchön und ihre Blicke hingen mit ſchwelgeriſchem Wohlgefallen an ſei⸗ nen Zügen. Jetzt arbeitete ſich ein Entſchluß in ſeiner Bruſt herauf; er ſchien, trotz des empfangenen übeln Eindrucks, Muth zu ſchöpfen; er hob den Blick wieder mit einem ſüßen Feuer zu ihr empor und ſchon ſchwebte das vertrauende, bekennende Wort auf ſeinen Lippen, als ſie, von einem ſchmeichleriſchen Gedanken durchzuckt, ihm mit einem ermunternden Glutblick girrend zuflü⸗ ſterte:„Es ſcheint, daß ein warmer Frauenmund Euch das kalte Siegel von den Lippen wegſchmelzen muß.“ Und ſchon war ihr reizendes Lippenpaar den ſeinigen ſo nahe, daß ihr Hauch ſeine Locken fächelte. Aber kalt und ſchier erſtarrt in trübem, finſterm Ernſt verſetzte er:„Ich weiß nichts von Frauenliebe, meine Frau van der Kapellen, und Ihr habt mich da in ei⸗ nem falſchen Verdacht.“ Und wieder bleich und ſtumm ſtand er ihr gegenüber. Wie wenig kannte dieſe Frau das keuſche, ſtrengſpröde Herz eines Jünglings, der in ſeiner kalten und verdienſtloſen Tugend jedem ſüßen Angriffe unzugänglich, von ganz andern mächtigen Ge⸗ fühlen bewegt, ſich gewiß mit Abſchen von ihr gewen⸗ det haben würde, wenn er gewußt hätte, was in die⸗ ſem Augenblick in ihrer eitlen Seele vorging. Aber ſie nahm dieſes Verſtummen ſchon für Verachtung. Die ſchöne Frau hatte geglaubt, der Gegenſtand der gehei⸗ men Wünſche dieſes jungfräulichen Herzens zu ſein; es 14 Die ſchöne Kaufmannsfrau hatte ſie in einen augenblicklichen Rauſch verſetzt, ſich von dieſem friſchen und ſpröden Jüngling geliebt zu wiſſen, deſſen blühende Jugendkraft unverkennbar in noch unverletzter Schönheit— trotz dem üppigen bur⸗ gundiſchen Hofe— aus allen ſeinen Formen ſtrahlte, und ihr beleidigter Stolz erſchrak nun in der Meinung, dieſem unbedeutenden Junker eine Blöße gezeigt zu ha⸗ ben, ihm zu weit entgegengekommen zu ſein und ſich nun von ihm zurückgewieſen, verachtet und verſpottet zu ſehen. Sie glühte vor Zorn und Haß, und ſie hätte ihn durchbohren können, wenn ihr ein Dolch zu Händen geweſen wäre. So aber nahm ſie ihre ganze Verſtellungskunſt zuſammen und ſagte mit der größten Kälte, deren ſie fähig war:„In der That, Junker von Bübenhoven, Ihr müßt Euch nicht etwa einbilden, daß ich einen beſondern Antheil an Euch und Euern Geheimniſſen nehme! Ihr wißt, daß der Grund des Antheils, den ich Eurer Perſon überhaupt zu ſchenken veranlaßt worden bin, nicht in dieſer ſelbſt liegt, ſon⸗ dern ganz allein von den getreuen Dienſten abhängt, die Ihr einer andern hohen Perſon zu leiſten verpflich⸗ tet ſeid.“ Damit kehrte ſie dem Pagen, der nicht wußte, wie ihm geſchah, den Rücken und ſchellte ih⸗ rer ſchwarzen Zofe, der ſie zuherrſchte:„Wenn mein Gemahl einen Augenblick von den Geſchäften abbrechen kann, ſo laſſe ich ihn zu mir bitten, da ich eben eine auch ihn angehende wichtige Botſchaft des Erzherzogs von Antwerpen. 15 von Brüſſel erhalten habe, welche eine angemeſſene Antwort erfordert.“ Die Schwarze eilte, und der ſchöne Mund der Her⸗ rin war grollend aufgeworfen, ihr Auge ſchoß einen bitterböſen Blick auf den jungen Fürſtenknecht, der ganz gegen Pagenart in blöder Befangenheit daſtand und nicht wußte, wie ihm geſchah und womit er dieſen Zorn verdient hatte. In ſeiner argloſen Seele ſtieg keine Ahnung auf, welch ein wilder Haß in der Seele des reizenden Weibes ihm gegenüber aufgelodert war; viel⸗ mehr ſah er mit ſo treuherzigen, unſchuldigen Angen drein, deren früherer, ſchwermüthiger Ernſt jetzt von der Beſorgniß verdrängt war, Frau van der Kapellen gegen Wiſſen und Willen gekränkt zu haben, was ihm in Bezug auf den Erzherzog nicht gleichgültig ſein durfte. Die ſchöne Kaufmannsfrau Bweites Rapitel. Der Page wartete noch auf irgend ein mildes Wort aus dem Munde der grollenden Schönen, als die Thür haſtig aufgeriſſen wurde und ein junger Geiſtlicher in der auszeichnenden Kleidung ſeines Standes mehr her⸗ einſprang als trat. Auch zeigte ſein rundes, friſches Geſicht, von ſchwarzen blitzenden Augen außerordentlich belebt, etwas von der trotzigen und wilden Kühnheit, die man am Krieger, am Waidmann und am Schiffer mit Wohlgefallen wahrnimmt, als zu ſeinem Geſchäfte gehörig, daſſelbe fördernd und wieder daraus entſprin⸗ gend, die man aber in den Zügen eines Geiſtlichen wenigſtens auffallend zu finden berechtigt iſt. Derglei⸗ chen Gedanken ſchienen auch in der Seele des Pagen aufzuſteigen, der den Prieſter mit verwunderungsvollen Blicken anſtarrte. Dieſer, der kaum vierundzwanzig Jahre alt ſein konnte, nahm inzwiſchen nicht die min⸗ deſte Kenntniß von der Verwunderung, noch überhaupt von der ganzen Perſon des Junkers, ſondern rief mit heftiger Stimme und Haſt, ruckweiſe herausgeſtoßen, von Antwerpen. 17 als verhindere irgend ein organiſcher Fehler ihn mitten in der Rede am Sprechen und als ſprenge ſeine wilde Ungeduld dann das hemmende Band, ſo daß der Strom der Rede nur noch gewaltiger hervorſchoß, um gleich darauf wieder von neuem aufgehalten zu werden und auf dieſe Weiſe in kurzen Zwiſchenräumen herauszuſtür⸗ men und das Ohr des Hörers zu betäuben:„Ich finde es ſonderbar, ſchöne Baſe, daß Eure Papageien, ſo oft ich zu Euch komme, immer nur: Hoch lebe das Haus Burgund und Oeſtreich! ſchreien und niemals: es lebe der Papſt oder die heilige Kirche oder die Jungfrau Maria! und eben ſo wenig: es lebe die Re⸗ publik der Niederlande oder Batavia!“ —„Das Erſtere beſorgen die Diener der Kirche ſelbſt ſo häufig und mit ſolchem Nachdruck und ſchreien es mit ſolcher Staar- und Elſtergeläufigkeit in die Welt hinaus, daß es vom größten Ueberfluſſe wäre, auch noch oſtindiſche Vögel dazu abzurichten; die göttliche Jungfrau iſt mir viel zu erhaben, um ihren heiligen Namen in den Mund eines Thieres zu legen, obgleich Die, welche ihn am meiſten im Munde führen, es ſehr zweifelhaft laſſen, welchem Reiche der lebenden Weſen in der Naturgeſchichte ſie zuzuzählen ſind; und die Repu⸗ blik der Niederlande ohne das Haus Burgund und Oeſt⸗ reich iſt ein Ding, das man nicht ſieht, nicht hört, nicht riecht, nicht ſchmeckt noch fühlt. Wie können es meine Vögel leben laſſen?“ Ein deutſcher Leinweber. I. 2 18 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Ihr ſeid heute übler Laune, Muhme!“ lachte der junge Prieſter, wie wenn er ſich unbändig über dieſen Umſtand freuete,„und ich nehme deshalb meine Stadtgeſchichten wieder mit, obgleich einige voll Saft und Fett darunter ſind. Ihr würdet es mir ſchlech⸗ ten Dank wiſſen, wenn ich ſie auskramte.“ —„Als ob ich Eure Gefälligkeit, mich zu unterhal⸗ ten und mich mit Neuigkeiten zu verſorgen, jemals ſchlecht vergolten hätte!“ lenkte die Dame milder ein; denn ſie war neugierig wie alle vornehmen Frauen, die ſich langweilen, und ſeit einiger Zeit gewohnt, ſich Stadtgeſchichten mit boshaften Zuſätzen und Bemerkun⸗ gen von dem jungen Leutprieſter zutragen zu laſſen; und er war ganz der Mann, ihre eigenen Bosheiten und witzigen Einfälle über das Mitgetheilte anzuhören 2 und den mitgebrachten Stoff gehörig mit ihr zu verar⸗ beiten. Sie klatſchten weidlich zuſammen; denn zu al⸗ len Zeiten, in guten und ſchlechten, in großen und kleinen, im Alterthum, im Mittelalter und in der neue⸗ ren Zeit hat es in allen Ständen Weiber gegeben, die gern klatſchten, und Männer, die gern mit ihnen klatſch⸗ ten. Die Klatſcherei iſt für die meiſten Menſchen die eigentliche Lebenswürze, das Salz, womit ſie ſich friſch erhalten, und man ſollte deshalb dieſes Vergnügen, das ihnen zum Lebenselement geworden iſt, nicht ſo ſtreng beurtheilen, wie rigoroſe Sittenrichter in der Regel zu thun pflegen. Dreiviertel der Menſchheit — von Antwerpen. 19 würden vor Langeweile viele Jahre vor ihrem natürli⸗ chen Lebensziele dahinſchmachten und ſterben, wie die Fiſche ohne Waſſer, wenn ſie nicht klatſchen dürften; alſo laßt ſie doch ſchwimmen und baden und ſich ergötzen in der ſchlammigen und etwas übelriechenden Flut, und verſchmäht es nicht, bei Gelegenheit ſelbſt einmal mit einzutauchen in das freſſende Salzwaſſer, in die beißende Lauge. Frau van der Kapellen hätte um Alles die ihr ſo wichtigen Dienſte des jungen Prieſters nicht entbehren mögen, und deshalb bezähmte ſie ihren Groll, den er ja auch nicht erregt hatte, und zeigte ihm ein freund⸗ liches Geſicht. Aus Beſorgniß aber, der unbeſonnene Geiſtliche möchte im Beiſein des Pagen irgend eine Geſchichte auftiſchen, bei welcher der erzherzogliche Hof in Brüſſel betheiligt ſei, fand ſie es für nöthig, zuvor ſeine Aufmerkſamkeit auf den ſtillen Knaben zu lenken, der ſich in eine der tiefen Fenſterniſchen zurückgezogen hatte und unbekümmert um das Geſchwätz der Beiden, mit wehmüthig träumeriſchen Blicken die fallenden Blät⸗ ter im Garten verfolgte. Die ſchöne Hausherrin hätte hinſichtlich ſeiner ganz außer Sorgen ſein können: die pikanteſte geheime Hofgeſchichte würde ungehört an ſei⸗ nem Ohre vorübergerauſcht ſein. —„Es ſcheint mir,“ ſagte die Frau,„die bei⸗ den Herren hier kennen ſich nicht. Vetter, Ihr ſeht den Hofjunker Seiner Hoheit des Erzherzogs, von Bü⸗ 2* 20 Die ſchöne Kaufmannsfrau benhoven, vor Euch.— Junker, beliebt es Euch nicht, näher zu treten, damit ich Euch den Namen dieſes prieſterlichen Herrn nenne, obgleich ich nicht hoffen darf, daß ſeine Bekanntſchaft dem Heile Eurer Seele ſonderlich förderſam ſein dürfte.“ Der Prieſter lachte in ſeiner wilden Weiſe, der Junker erröthete. Jeder bezog den ſcharfen Stich auf ſich.„Es iſt Pater In⸗ nocenz— doch glaubt um des Himmels willen dieſem unſchuldigen Namen nicht!— Archidiakonus an der hie⸗ ſigen Domkirche und naher Verwandter unſeres Hauſes. Aber mein Gott, Vetter, wie ſind wir denn eigenklich verwandt? Habt Ihr mir das ſchon geſagt oder habe ich es wieder vergeſſen?“ —„Eures Mannes erſte Frau war meines Vaters Schweſter. Ihr ſeid alſo meine Tante, holde Frau.“ —„Ifui! bin ich meines Mannes erſte Frau? Wonn ich meine Jahre an den ſeinigen abmeſſe, wird es mir„ ſchwer, zu glauben, daß ich ſeine zweite Frau bin. ziemte mir beſſer, ſeine Tochter zu ſein.“ 6. —„Mir ſeid Ihr jedenfalls als ſeine Frau lieber.“ —„Warum?“ —„Weil ich Euch als ſolche in der Beichte habe,“ lachte der Pater boshaft. Sie ſchlug mit dem Gebetbuche nach ihm:„Ihr paßt zum Prieſter und Beichtvater, wie ich zur Fran Eures Ohms. In der That und Wahrheit, Junker, Bübenhoven, Ihr ſeht in dieſem geiſtlichen Manne denz von Antwerpen. 21 beſten Reiter, Jäger, Fechter, Raufbold, den galante⸗ ſten Courtiſan in ganz Brabant; ich glaube aber den ſchlechteſten Meſſediener und Prädicanten.“ —„Darin habt Ihr unrecht, Baſe. Es gehört nicht viel dazu und, wenn es mir nicht zu langweilig wäre, ich wollte bald genug in den Geruch der Heiligkeit kommen. Doch dabei fällt mir ein— habt Ihr ſchon die artige Geſchichte gehört von unſerem heiligen Probſt und der ſchönen Fiſchersfrau?“ —„Kein Wort! Erzählt!“ Die leichtfertige und dem Pagen nichts weniger als angenehme Unterhaltung wurde hier durch den Eintritt des Hausherrn unterbrochen. Herr Peter van der Ka⸗ pellen war ein beleibter Mann von mittler Größe mit einem breiten, verdächtig rothen Geſichte, das auf eine nähere Bekanntſchaft mit den edelſten Erzeugniſſen des eigentlichen Landes Burgund hindeutete— jedenfalls Er⸗ gebniß eines reinen und edeln Patriotismus— und ſchien den weißen Locken nach, die ſich unter ſeinem Baret hervorſtahlen, ein angehender Sechziger. Wie ſich in ſei⸗ ner Kleidung— und er kam doch von der Schreibſtube, wo Geſchäftsleute mehr Bequemlichkeit als Pracht im Anzuge lieben— durch Koſtbarkeit der Stoffe und der Ausſtattung ſich daſſelbe Beſtreben, wie in den Ge⸗ wändern ſeiner jungen Frau kundthat, den Glanz und die Ueppigkeit des Reichthums zur Schau zu ſtellen, ſo zeigte ſein nicht eben geiſtreiches Geſicht die unange⸗ 22 Die ſchöne Kaufmannsfrau nehmen Züge aufgeblaſenen Stolzes und ſchwer zu be⸗ friedigender Anſprüche. Die brabantiſche Handelsſtadt Antwerpen, von den Deutſchen damals mehr Andorf genannt, war gerade zu jener Zeit in einem merkwürdigen und außerordent⸗ lichen Aufſchwunge begriffen. Die Natur ſelbſt hatte die Bewohner dieſer fruchtbaren, an den Mündungen mehrerer Hauptſtröme Deutſchlands und Frankreichs und an der Nordſes gelegenen Niederungen zu einem zugleich Schifffahrk, Handel und Ackerbau treibenden Volke beſtimmt. Schon der Kampf, den ſie mit dem gewaltigen, an ſie herandrängenden Meere einzugehen gezwungen waren, um ihre Wohnſitze durch Dämme 3 und Teiche gegen das naſſe Verderben zu ſchützen, ja wol gar den Fluten ganze Küſtenſtriche zu entreißen, härtete ſie gegen die Gefahren und die Beſchwerden des Meeres und des Landes ab Ind ſchuf ſie zu betrieb⸗ ſamen, erfindungsreichen Menſchen. Die außerordent⸗ liche und unerſchöpfliche Fruchtbarkeit der fetten Marſch⸗ länder gab ihrer Thätigkeik eine feſte und reiche Grund⸗ lage und machte ſie zu den feinen Genüſſen des Lebens geſchickt, die ja von Kampf und Gefahren nicht nur unſchädlich gemacht, ſondern auch bei weitem erhöht werden. Und ſchon frühzeitig fanden dieſe Küſtenbe⸗ wohner Abſatz für die Erzengniſſe ihres Fleißes in den nördlicher gelegenen Ländern, zu welchen ſie auf dem kürzeſten Wege nur zur See gelangen konnten. Bald 5 * ——————— von Antwerpen. 23 geſellten ſich, wie es in der Natur der Sache lag, die friedlichen Künſte des Gewerbfleißes zu ihnen und die Küſtenſchifffahrt wurde durch ſie bald zum großartigen Seehandel erhoben. Von England brachten ſie Wolle zurück und der Leinweber wurde nun zum Tuchweber, deſſen tauſend Hände Frankreich und Deutſchland ſchon im zwölften Jahrhundert mit den geſuchten flandriſchen Tüchern verſorgten. Aber in zwei Jahrhunderten ſtieg der Reichthum der niederländiſchen Städte durch einen Zuſammenfluß der glücklichſten Umſtände auf eine frü⸗ her nie geahnte Höhe. Nicht nur, daß dieſe Handel treibenden Schiffer immer muthiger und unternehmen⸗ der wurden, je glänzender die Fülle des Glücks auf ſie herabſtrömte, ſo daß ſie ſogar ohne Kompaß, der noch nicht erfunden war, durch die Meere am Nordpol bis zur nördlichſten Landſpitze Rußlands zu ſegeln wagten, ſondern es wurden auch als nach den Kreuzzügen der vſt⸗ indiſche und levantiſche Handel nxch Eurvopa ſeinen Weg durch das Mittelmeer nahim und die Hanſe in's Leben rief, die mit den italieniſchen, Seehandel treibenden Städ⸗ ten wetteiferte, die niederländiſchen Häfen die Stapel⸗ plätze für das nördliche und mittlere Europa. Handel und Induſtrie ſtiegen mit jedem Jahre, mit ihnen der Wohlſtand, die Ueppigkeit und der republikaniſche Stolz des Volks. Vorzüglich die flandriſchen Städte waren es, welche ſich eines ungeheuern Reichthums erfreuten, und unter ihnen ſtrahlten Brügge und Gent hervor. 5 24 Die ſchöne Kaufmannsfrau Die burgundiſchen Fürſten, eine Zweiglinie des fran⸗ zöſiſchen Königshauſes Valois, durch Heirath und Erb⸗ ſchaft in Beſitz dieſer großen und herrlichen Länder ge⸗ kommen und aus den unfruchtbaren Bergen Pochbur⸗ gunds, ihres Stammlandes, herabgeſtiegen in die rei⸗ chen Riederungen, erkannten ihren Vortheil wohl und ſchützten und hoben den Handel durch die wichtigſten Privilegien und durch Verträge mit andern Mächten. Die ſteigende Großartigkeit des Verkehrs rief den Wech⸗ ſelhandel in's Leben und dieſer führte hinwiederum den Wohlſtand auf die glänzendſte Staffel kaufmänniſcher Betriebſamkeit. Die flandriſchen Kaufſente waren rei⸗ cher als Fürſten, ſie waren auch üppiger und ſtolzer; und der Fürſt dieſes Landes war reicher als alle Für⸗ ſten Europas zuſammen. Der Glanz, die Ueppigkeit, der Uebermuth dieſes Hofes machten die Ppeſien von vrientaliſcher Kalifenherrlichkeit äus den Märchen wahr. Und die italieniſchen Höfe waren doch berüchtigt wegen ihrer Verſchwendung. Philipp der Gütige, Herzog von Burgund und den Niederlanden, Karls des Kühnen Vater, war in Pracht, Mode, Wolluſt und Frivolität Sohn geber oder vielmehr Geſetzgeber für die übrigem euro⸗ päiſchen Fürſten, und die edle maleriſche Kleidertracht, die man ſpäter, als die öſtreichiſchen Erben der bur⸗ gundiſchen Herzogskrone Könige von Spanien geworden waren, vorzugsweiſe die ſpaniſche nannte, war ein Kind des niederländiſchen feinen Geſchmacks, des fabelhaften von Antwerpen. 25 Reichthums und der freien Sitte. Ueber Staat und Kirche hatten die flandriſchen Kaufleute die freieſten Anſichten und wenn die Reformation der letztern in ihrem Lande— trotz der Reformatoren, die unter ih⸗ ren Religivſen auftraten und gegen die ſchnöden Mis⸗ bräuche des römiſchen Papismus predigten— nicht zur Ausführung kam, ſo lag der Grund davon weder in ihrer Einſicht, noch in ihrem Willen, wohl aber in ih⸗ rem Reichthum und in ihrer Geſchäftigkeit. Sie hatten keine Zeit, ſich viel mit ſolchen Dingen abzugeben, und gönnten den Geiſtlichen, von denen ſie in ihren Genüſſen nicht geſtört wurden, gern einen Theil der⸗ ſelben; ohne Neid blickte ihre Betriebſamkeit auf die faulen Bäuche, die die Beſorgung der himmliſchen An⸗ gelegenheiten für ſie übernahmen. Man ſetzte ſich mit der Kirche auf einen bequemen Fuß und dieſe hat ſich ja zu allen Zeiten für Schätze, die in ihren Schoos fielen, jede Herabwürdigung gefallen laſſen. Man hörte wol den reformatoriſchen Eifer der redlichen, gewiſ⸗ ſenhaften und kühnen Männer, die gegen den Papſt ſprachen, an, man gab ihnen wol Recht, aber dabei blieb es auch. Man war viel zu reich, um etwas An⸗ deres zu betreiben, als Handelsgeſchäfte. Nur die Noth gebiert das Große und nur in der kalten Nacht der Armuth gehen die Geſtirne auf, welche neuen Zeiten und welterſchütternden Begebenheiten voranwandeln, Fackeln, die den Wahn beleuchten und morſch gewor⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau 26 dene Formen, aus denen der Geiſt entflohen, in Brand ſtecken. Der Reichthum erſchlafft und die Genüſſe ma⸗ chen den Geiſt träge. Die fruchtgekrönte geiſtige Thä⸗ tigkeit des Handels führt nur zum Stolz; erſt die Wiſ⸗ ſenſchaft gibt klare Begriffe und den Muth, ſie zu beleben. Darum iſt in den Niederlanden zur Zeit ih⸗ rer höchſten Ueppigkeit nichts Großes geſchehen; erſt als hundert Jahre ſpäter das eiſerne Scepter des ſpa⸗ niſchen Despotismus unerträglich auf ihnen lag, erſt als ſie die Wiſſenſchaften mit Erfolg gepflegt hatten, geſchahen unſterbliche Thaten in dieſen Ländern. Der Geiſt der Unabhängigkeit lärmte aber ſchon in der er⸗ ſten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts in dieſen über⸗ müthigen und unruhigen Köpfen. Dieſe Bürger waren die echten Zöglinge ihrer Fürſten und beugten ſich nicht demüthig vor ihnen. Gent und Brügge, voll des reich⸗ ſten und kräftigſten Bürgerthums, kündigten im ſtolzen Freiheitsſchwindel Philipp dem Gütigen den Gehorſam auf; die Freiheit führte zum Ueberfluß, der Ueberfluß zum Uebermuth, der Uebermuth zum Fall. Der Be⸗ herrſcher von elf Provinzen zerbrach den Bürgerhoch⸗ muth der beiden Städte, aber er vermochte nicht den Freiheitsſinn in ihnen zu vertilgen; er demüthigte ſie, nachdem er ſie beſiegt, äußerlich furchtbar und nahm ihnen die wichtigſten Privilegien, aber in ihren Herzen glühten Stolz und Freiheitsdurſt fort und erbten von Geſchlecht zu Geſchlecht. Denn vierzig Jahre ſpäter 6 von Antwerpen. 27 haderten ſie wieder eben ſo republikaniſch⸗übermüthig mit dem Erzherzog Maximilian von Oeſtreich, der nach dem Tode ſeiner Gemahlin, der ſchönen Maria, einzi⸗ gen Tochter und Erbin des letzten Herzogs Karls des Kühnen, Vormund ihres Sohnes, des jungen Herzogs Philipp, geworden war, und gingen in ihrem kühnen Bürgergefühl ſo weit, ihn in Brügge gefangen zu ſetzen und ſeine Freunde und Rathgeber vor ſeinen Augen hinzurichten. Und damals ward ihr Trotz gebrochen. Der deutſche Kaiſer Friedrich III., Maximilians Va⸗ ter, zog mit einem gewaltigen Kriegsheer heran, die ſeinem Sohne angethane Schmach an den flandriſchen Städten zu rächen, und ernannte den kriegeriſchen Her⸗ zog, Albrecht den Beherzten von Sachſen, zum Statt⸗ halter der Niederlande, der, ein wüthender Feind aller Freiheitsideen, ganz der Mann war, die übermüthigen Rebellen zu Paaren zu treiben. Aber das Jahrhundert verſtrich darüber und im letzten Jahre deſſelben ſtarb Albrecht, zum Erbſtatthalter von Friesland erhoben, immer noch im Kampfe gegen die empörten Frieſen. Der Glanz Flanderns hatte um dieſe Zeit ſchon zu er⸗ löſchen begonnen. Dadurch, daß Albrecht den Hafen von Sluis verſchloſſen und dieſe befeſtigte Stadt ein⸗ genommen hatte, war der Handel von Brügge und Gent tödtlich verletzt worden. Und dadurch wurde der Grund zur Blüte Antwer⸗ pens gelegt, die ſich außerordentlich ſchnell entwickelte 28 und entfaltete. Eiferſüchtig auf Brügges und Gents Reichthum und Glanz unterſtützten Antwerpen und Am⸗ ſterdam den Statthalter gegen ihre flandriſchen Schwe⸗ ſtern und Albrecht war nicht undankbar gegen die bra⸗ bantiſche Stadt. Der Hanſebund, ſchon lange beleidigt vom Stolze Brügges, verlegte ſeine Waarendepots nach Antwerpen. Die Italiener brachten ihre Seiden⸗ zeuge dahin zu Markt; ja die flandriſchen Tuchweber, welche ſich in England niedergelaſſen hatten, durch den anhaltenden Krieg des Statthalters Albrecht mit den empörten Städten behindert, ihre Waaren dort zum Verkauf auszuſtellen, brachten ſie ebenfalls nach Ant⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau werpen, deſſen Lage tief im Lande und doch an der breiten Schelde für Handel und Schifffahrt nicht glück⸗ licher ſein konnte. Zu ſeinem ſchnellen Emporkommen trug aber der kurz vorher von dem Portugieſen Vasquez de Gama entdeckte Weg nach Oſtindien um Afrika das Meiſte bei. Die italieniſchen Schiffe, welche ſonſt durch das Mittelmeer gegangen waren, um die durch Aegypten wandernden vſtindiſchen Waarenzüge weiter nach Europa zu fördern, waren gewohnt geweſen, in den flandriſchen Häfen zu landen; der Portugieſe, der jetzt einen bequemeren Weg gefunden hatte, warf ſeine Anker in der Schelde. Mit Brügges Reichthum kam aber auch Brügges Ueppigkeit nach Antwerpen und die Kaufleute von Bra⸗ bant waren bald eben ſo voll von bürgerlichem Selbſt⸗ S von Antwerpen. 2 gefühl, Stolz und Hochmuth, wie es die von Flandern geweſen waren. Nur vom Schickſale jener gewitzigt, banden ſie nicht mit dem ihnen angeſtammten Fürſten⸗ hauſe an; im Gegentheil fühlten ſie ſich, obgleich ihre Regierungsformen faſt republikaniſch waren und ihr Selbſtgefühl dieſen entſprach, doch von der Gunſt des Hofes geſchmeichelt, wenn ſie es auch nicht eingeſtan⸗ den. Sie liebten wol ihren jungen Herzog Philipp, aber ſie ließen ihn bei jeder Gelegenheit fühlen, daß er das reichſte Land Europas beherrſche, welches ſein Großvater, Karl der Kühne, zu einem Königreiche zu erheben Willens geweſen war, und daß ſie, die Bür⸗ ger, dies Land ſo reich gemacht, mit ſolchem Glanze erfüllt hatten. Herr Peter van der Kapellen war im Allgemeinen ein Kaufmann, wie die meiſten in der Welt ſind, und im Beſondern, wie die meiſten in den Niederlanden waren. Erwerb und Beſitz waren ihm nicht Mittel, ſondern Zweck des Lebens. Er hatte nur in ſofern Genuß von den Dingen, als ſie ſein Eigenthum wa⸗ ren und er ſie erworben hatte. Dabei voll Bürgerge⸗ fühl und Stolz, war er doch durch die unbedeutendſte Gunſtbezeigung des Hofes geſchmeichelt und hielt ſich für eine äußerſt wichtige Perſon, der ſolche Gunſt von Gott und Rechts wegen gebühre. Ein geborener Bra⸗ banter, war er jung nach Brügge gekommen, hatte ſich dort etablirt, war allmälig ſehr reich geworden, hatte 5 30 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſich verheirathet, ſeine Kinder groß gezogen und ſie mit Schätzen ausgeſtattet; dann war ihm die Frau ge⸗ ſtorben, und als er mit klugem Blick geſehen, daß es mit Brügge und deſſen Handel rückwärtsgehe, dage⸗ gen Antwerpen ſich emporhebe, hatte er den patrioti⸗ ſchen Wunſch, in ſeiner Vaterſtadt zu leben und zu ſterben, nicht länger unterdrücken können. Er hatte zu Anfang des Jahres 1500 ſein Geſchäft nach Antwer⸗ pen verlegt und ſein neues Haus auf das koſtbarſte eingerichtet. Von allen Schätzen, die der Handel an die niederländiſchen Küſten geführt, von allen, die Kunſt und Induſtrie im Lande ſelbſt erzeugt, mußte er die theuerſten haben. So kam er auch mit einem ihm em⸗ pfohlenen Maler in Berührung, der ihm die Zimmer mit den Meiſterwerken der damals im ſchönſten Auf⸗ blühen begriffenen niederländiſchen Malerkunſt ausſtaf⸗ firen mußte, und lernte bei dieſer Gelegenheit deſſen reizende Tochter kennen, welche für die größte Schön⸗ heit Brabants galt und vorzüglich wegen ihres unver⸗ gleichlich herrlichen blonden Haares von allen Malern und Dichtern vergöttert wurde. Herr Peter van der Kapellen wünſchte ſein neues prächtiges Haus auch mit dieſem Schatz zu ſchmücken, wie er es mit den beſten Bildern van Eyk's geſchmückt hatte; er trat, ſchon ein hoher Funfziger, in den Kreis der zahlreichen jungen Bewerber der reizenden Malerstochter und, in Allem gegen die Nebenbuhler zurückſtehend„bis auf den Reich⸗ von Antwerpen. 31 thum, trug er doch den Sieg über ſie davon. Elev⸗ nore van Bry wurde ſeine Frau und er führte ſie ganz mit demſelben Gefühle der Befriedigung in ſeinen Palaſt, mit dem er dort die Bilder aufgehängt, die ſilber⸗ nen und goldenen Gefäße aufgeſtellt hatte. Auch wußte Eleonore ſehr wohl, daß ſie ihrem Manne nicht mehr galt, als eine ſchöne Marmorſtatue oder ein theures Bild, und daß er ſie nur gewonnen, um den Kunſtwerken ſei⸗ nes Hauſes mit ihr die Krone aufzuſetzen; ſie wußte, daß er von der Liebe und dem Geiſte des Weibes ſo we⸗ nig verſtand, wie vom Geiſte der Kunſt, und daß kein an⸗ derer Trieb, kein anderes Bedürfniß dieſes Mannes ſie und alle andern koſtbaren Dinge in dieſem Hauſe verſam⸗ melt hatten, als die thörichte Eitelkeit des Reichthums, die prahleriſche Prunkſucht des republikaniſchen Bürgerthums. Aber Elevnore war ſtolz, hochſtrebend, genußſüchtig, und nur Reichthum, großer Reichthum konnte ihr die Mit⸗ tel gewähren, ihre kühnen und ungemeſſenen Wünſche zu befriedigen. Er verlangte von ihr weiter nichts, als Schönheit zum Schmuck ſeines Hauſes, und dieſe gewährte ſie in einem ſeltenen Grade; ſie verlangte dagegen von ihm weiter nichts, als Reichthum, und er überraſchte ihre kühnſten Wünſche durch kühnere Erfüllung. Dies waren die Verhältniſſe der Stadt und des Hauſes, in welchen dieſe Geſchichte beginnt; dies war der Mann, der auf die Einladung ſeiner Frau eben in ihr mit feenhafter Pracht ausgeſtattetes Zimmer trat. Die ſchöne Kaufmannsfrau Prittes Rapitel. Der Hausherr hielt einen nach der Sitte damaliger Zeit in ein großes Format gefalteten Brief in der Hand und erwiderte die Grüße des Prieſters und des Pagen mit einem hochmüthigen Nicken. —„Mein Herr Peter,“ redete ihn die Frau in einem Tone an, deſſen leiſen Spott nur der Diakonus verſtand,“ Seine Hoheit der Erzherzog hat mich als Eure Ehewirthin mit dieſem Briefe beſchickt, den Jun⸗ ter Bübenhoven ſo eben überbracht hat, und ſich bei uns zu Gaſte zu laden die Gnade gehabt. Seine Ho⸗ heit will vor ſeiner Abreiſe nach Spanien Abſchied neh⸗ men von den irdiſchen Ueberreſten ſeiner Mutter, wie er ſchreibt, und wird deshalb über Gent nach Brügge reiſen, wo ihr Gebein ſchlummert, auf der Heimreiſe sber die Fahrt über Antwerpen nehmen, wo das Herz der Erzherzogin aufbewahrt werde, wie Ihr wahrſchein⸗ lich beſſer wißt als ich; denn Ihr wißt ja alle dieſe Dinge wie ein Buch. Seine Hoheit will das ihm ſo von Antwerpen. 33 theure Herz noch einmal begrüßen,“ ſetzte ſie mit feinem Doppelſinn hinzu,„und dabei Euer Haus heimſuchen, mein Herr Peter.“ —„Wir werden die Ehre zu ſchätzen wiſſen,“ ver⸗ ſetzte der Kaufmann ſtolz und geſchmeichelt,„und ich hoffe, Ihr werdet des Erzherzogs Gnaden zu bewirthen wiſſen, wie es dem Fürſten dieſes Landes im Hauſe Peter van der Kapellen's geziemt, damit die Ehre mei⸗ nes Hauſes und die Ehre des Fürſtenhauſes in einem richtigen Verhältniſſe zu einander ſtehen. Denn ich und der Erzherzog haben gegen einander Rechte und Pflichten. Wenn ich ein Recht habe auf ſeinen Beſuch, ſo hat er ein Recht auf fürſtliche Bewirthung, und wenn es ſeine Pflicht iſt, mein Haus mit ſeinem Be⸗ ſuch zu ehren, ſo iſt es meine Pflicht, ihm Shie und Vergnügen zu bereiten.“ —„Was mich betrifft,“ antwortete die Frau,„ſo ſorgt nicht, mein Herr; ich werde gewiß Alles aufbieten, daß es Seiner Hoheit in Euerm Hauſe gefallen ſoll.“ Pater Innocenz lächelte zu dieſer Verſicherung ver⸗ ſchmitzt, und ſie fuhr fort:„Es macht ſich des Re⸗ ſpects halber nöthig, daß Ihr dem Erzherzog ſelbſt ſchreibt und Euch für die hohe Gnade bedankt, die er uns zugedacht, und ihn noch beſonders einladet.“ Da regte ſich der Stolz des Brabanters und halb unwillig fuhr er heraus:„Beſorgt das ſelbſt, meine Frau. Der Erzherzog hat un Euch geſchrieben, ſchreibt Ein deutſcher Leinweber. I. 3 Die ſchöne Kaufmannsfrau Ihr wieder an ihn. Ich bin von Euch überzeugt, Ihr werdet nichts verabſäumen, was der Ehre meines Hau⸗ ſes zuträglich iſt. Ich habe eine andere Einladung zu ſchreiben; denn ſonderbarer Weiſe trifft es ſich, daß ſich heute auch mir ein ſehr werther Gaſt angemeldet hat, ein Gaſt, der mir, unbeſchaͤdet der dem Fürſten dieſes Landes ſchuldigen Ehrfurcht, eben ſo lieb iſt, wie der Erzherzog. Mit der heutigen rheiniſchen Poſt iſt mir nämlich dieſer Brief des Herrn Jakob Fugger, meines vielwerthen Handelsfreundes, aus Augsburg zugegangen, worin er mir meldet, daß er in dieſer Woche noch hier eintreffen werde, um mit mir Rück⸗ ſprache über Geſchäfte zu nehmen. Da er mir nun aufgibt, ihm zehntauſend Goldgulden nach Brüſſel zu ſchicken, ſo daß er ſie bei ſeiner Ankunft dort vorfinde, ſo werde ich ihm eine freundſchaftliche Einladung bei⸗ legen, daß er in meinem Hauſe vorlieb nehme, ſo lange es ihm gefällt.“ —„Iſt das der Leinweber von Augsburg, von deſ⸗ ſen Wunderlichkeiten Ihr mir ſchon ſo viel erzählt habt, oder iſt es ein Anderer? Ihr erzählt mir im⸗ mer ſo viel und von ſo vielen Leuten, die Ihr kennt und nicht kennt, daß ich die Dinge und die Leute meiſt mit einander verwechſele,“ fragte Frau Elevnore mit einiger Geringſchätzung. —„Ja, meine Frau van der Kopellen,“ rief der bis jetzt ſtumm geweſene Page mit auffallender Heftig⸗ von Antwerpen. 35 keit,„das iſt der berühmte Leinweber von Augsburg. O ich kenn' ihn! Ich hab' ihn in Tyrol geſehen; da hat er in der Nähe von Insbruck Silberbergwerke, und er kommt oft von Augsburg herauf, ſie zu beſuchen. Da freuen ſich alle Bergknappen, die ſeine Gruben be⸗ fahren, und alle arme Leute, die ein paar Stunden weit zuſammenkommen, um ihn zu begrüßen, denn er ſchenkt Keinem unter drei Weißpfennigen; den Alten und Kranken aber gibt er einen halben, ja wol ei⸗ nen ganzen Gulden. Das iſt ein Mann wahrhaftig nach Gottes Wort!“ Die Frau ſah den plötzlich ſo beredt gewordenen Knaben mit Verwunderung an. Sein erſt ſo düſteres Geſicht leuchtete jetzt, als ob der Strahl eines im ho⸗ hen Grade freudigen Gedankens darüber hingezuckt wäre, und wirklich war vorhin der Page bei Nennung des Namens Jakob Fugger vor Frende zuſammengefahren, gleichſam als ſei dieſer Name das von ihm lange und ſchmerzlich geſuchte Wort, das ihn allem Trübſal und Kummer ſeines jungen Herzens entheben werde. —„Da habt Ihr wieder einen Beweis für das, was ich Euch von dieſem Ehrenmanne erzählt habe,“ fuhr der Kaufmann fort, von des Pagen begeiſterten Worten eben nicht überraſcht.„Dieſer Mann, der in ſeiner Jugend am Weberſtuhl ſaß, verdiente an einem Fürſtenſtuhle zu ſitzen oder vielmehr darauf. Er aber zieht es allewege vor, ein Kaufmann zu ſein, und das 5 36 Die ſchöne Kaufmannsfrau iſt er mit Leib und Seele ganz und gar. Darum be⸗ ſitzt er meine größte Achtung; denn der ächte Kauf⸗ mann iſt ſo viel Ehre werth, wie ein Fürſt. Nun hat ſich der Fürſt an Euch gewandt, mein Engel, und der Kaufmann an mich; darum überlaſſe ich Euch jenen, laßt mir dieſen.“ Er lachte über dieſen Einfall ganz unmäßig, als ob er wunder etwas Witziges enthielte; der Pater ſtimmte in das Gelächter ein, aber aus einem andern Grunde, als ſeinem Ohm damit einen Zoll der Be⸗ wunderung abzuſtatten, und Frau Eleonore lächelte bei⸗ fällig über die Güte ihres Ehewirths, ihr den jungen, ſchönen Fürſten allein überlaſſen zu wollen. Der Page lachte auch, aber voll ſüßer Hoffnung und Freudigkeit, und auf ſeinem blühenden Geſichte zeigte ſich allein die verklärte Schönheit eines unentweihten, unſchuldigen Herzens. —„Wißt Ihr uns nichts Neues vom Hofe zu be⸗ richten, Junker Bübenhoven?“ nahm die Frau wie⸗ der das Wort.„Was ſagt man von der neuen Ver⸗ mählung der Erzherzogin⸗Infantin Margaretha?“ —„Es wird Euch nicht unbekannt geblieben ſein,“ erwiderte der Page,„daß ſie und ihr Bruder, der Erzherzog, dem Herzog Philibert von Savoyen das Jawort ertheilt haben. Auch die Provinzen haben be⸗ reits ihre Zuſtimmung gegeben. Vor acht Tagen iſt nun auch der Conſens Seiner Majeſtät des römiſchen von Antwerpen. 37 Königs, ihres allerdurchlauchtigſten Vaters, von Wien in Brüſſel eingetroffen, der jedenfalls ſchon früher nach Chambery abgegangen iſt; denn vorgeſtern langte eine Geſandtſchaft des Herzogs Philibert an unſerm Hofe an, welche die erſten Brautgeſchenke überbrachte.“ —„Ah, ſo beſchreibt uns doch dieſe Herrlichkeiten alle, die Ihr ohne Zweifel genau in Augenſchein ge⸗ nommen habt!“ rief Elevnore lebhaft. —„Ach, meine Frau, es ſind viel ſchöne und koſt⸗ bare Sachen, aber ich habe ihrer wenig achtgehabt. Ein herrlicher Zelter iſt dabei von arabiſcher Zucht, Sattel und Zeug mit Goldplättlein künſtlich verziert, in die Purpurdecke die Wappen von Oeſtreich und Burgund, von Spanien und Savoyen geſtickt, und auf dem Kopfe trug er einen majeſtätiſchen Federſtrauß. Sein Fell aber glänzte wie der ſchönſte weiße Damaſt aus Florenz. Dazu gehörten zwei Edelfalken, die ſchönſten und ſtolzeſten, die ich noch je geſehen; die hat der Herzog aus Preußen kommen laſſen vom Deutſchordensmeiſter, wie mir der Falkenier erzählte, der ſie trug; denn in Preußen gedeihen die beſten. Die Erzherzogin übergab ſie mir mit den Worten: Büben⸗ hoven, pflegt ſie gut und laßt ſie zuweilen ſteigen⸗ Auch das Rößlein ſoll gut gewartet werden. Ich ſel⸗ ber werde ſie nicht brauchen; denn von Kindesbeinen an hab' ich einen Widerwillen gegen die Reiherbeize, ſeit meine gute Mutter durch ſie einen ſo frühen und Die ſchöne Kaufmannsfrau unglücklichen Tod fand. Ich war erſt zwei Jahre, fuhr die edle Frau fort, als jener gräßliche Sturz vom Jagdroß mir die Mutter raubte, ſo daß ihr ſchö⸗ nes Antlitz nicht in meinem Gedächtniſſe geblieben iſt; aber der tiefe Eindruck, den das furchtbare Unglück ſelbſt auf meine zarte Kindheit gemacht haben muß, iſt mir wie die Erinnerung an einen ſchrecklichen Traum geblieben. Vielleicht auch, daß er nachher erſt durch die Erzählung meiner Amme hervorgerufen worden iſtz genug, ich ſchaudere jedesmal, wenn ich einen Jagdzel⸗ ter und Jagdfalken ſehe, und ich erachte dies Geſchenk des Erzherzogs von Savoyen für eines von unglückli⸗ cher Vorbedeutung. Ach, ich bin ja ſchon zweimal eine unglücklich Verlobte geweſen. Sollten dieſe Unglücks⸗ vögel mir zum dritten Mal Jammer prophezeihen?— Und als die ſchöne milde Fürſtin dies zu mir ſprach, rannen ihr helle Thränen aus ihren herzgewinnenden blauen Augen.“ —„Ah, Junker Bübenhoven, Ihr ſeid verliebt in die Erzherzogin!“ raunte Frau van der Kapellen dem Pagen mit einem ſchadenfrohen Lachen, das ihn belei⸗ digte, zu, während die unzarten Worte ihm eine bren⸗ nende Purpurröthe in die Wangen trieb und ſeine Au⸗ gen in unausſprechlicher Verwirrung den Boden ſuch⸗ ten. Denn mit täppiſcher Hand hatte die ſchöne Kauf⸗ mannsfrau den dichten Schleier von einem dunkeln, ihm ſelber unbewußten Geheimniß ſeines jungen Her⸗ von Antwerpen. 39 zens geriſſen, von einem Geheimniſſe, ſo ſtill und heim⸗ lich und heilig, daß es noch nicht zu athmen gewagt hatte in ſeiner Bruſt, geſchweige, daß es die Augen auf⸗ geſchlagen hätte oder gar ſchon zum Bewußtſein gekom⸗ men wäre; nein, es war nur die Ahnung eines Liebes⸗ geheimniſſes geweſen, zuſammengefloſſen aus keuſcher, unverſtandener Sehnſucht, aus poetiſchem Drange der Jugend, aus ſtiller Wehmuth, die ſein Leben über⸗ ſchleierte, und aus den milden Augenſtrahlen, die von dem edlen, ſchönen, ſchwermuthlächelnden Antlitze einer jungen Fürſtin auf ihn niedergethaut waren; aber es war die ſüßéſte und herrlichſte Frucht einer Jünglings⸗ bruſt. Und nun riß dieſe Frau, gleichſam mit der Hand einer Mänade, ihm die Bruſt auf und deckte das werdende Geheimniß bloß vor dem gemeinen Licht des Tages und der rauhen Luft der Wirklichkeit. Er zuckte ſchmerzlich zuſammen.—„Getroffen!“ flüſterte Frau van der Kapellen, und ihre Augen hatten plötzlich den falſchen funkelnden Ausdruck von Katzenaugen; denn ſie glaubte nun zu wiſſen, weshalb ſie vorhin von ihm verachtet worden ſei.„Ihr ſeid ja ganz roth gewor⸗ den, Junker, und wißt vor Verwirrung nicht, wohin Ihr die Augen wenden ſollt. O, vor mir vermögt Ihr Euch nicht zu verbergen!“ Dieſe Worte wurden von dem lauten und geräuſch⸗ vollen Geſpräch überdeckt, welches der Hausherr mit ſeinem geiſtlichen Neffen führte und der Verlegenheit 40 Die ſchöne Kaufmannsfrau des Pagen, der ſich vor Zorn und Scham kaum zu faſſen vermochte, glücklich zu Hülfe kam. —„Ja, die Frau Erzherzogin hat recht, wenn ſie nicht auf ſolch eine Beſtie ſteigen und den Vögeln in der Luft nachjagen will!“ krähete der Hauswirth mit ſeiner feiſten Stimme; denn die Erwähnung des trau⸗ rigen Todes der ſchönen Erbfürſtin der Niederlande hatte ihn ſchnell auf ſeine Lieblingsbeſchäftigung ge⸗ bracht, auf das Erzählen.„Es war ein unſägliches Unglück. Es iſt mir noch wie heute, als uns der un⸗ erwartete Schlag traf, auf den in den ganzen Nieder⸗ landen kein einziger Menſch auch nur im mindeſten vorbereitet war, und der um ſo härter traf, weil Je⸗ dermann die ſchöne, treffliche Erzherzogin liebte und ver⸗ ehrte und ſtolz auf ſie war. War ſie ja doch die Er⸗ bin dieſer reichen Länder und der einzige Sproß eines ſo mächtigen und glanzvollen Fürſtenhauſes, mit dem unſere Vorfahren und wir dreihundert Jahre Freud' und Leid ertragen hatten und unter deſſen Herrſchaft wir reich und angeſehen geworden waren. Es iſt mir noch wie heute, und doch ſind es im März dieſes Jah⸗ res— nun wie lange iſt's her? Meine jüngſte Tochter wurde gleich darauf geboren und ich war denſelben Sommer zum letzten Male ſelbſt in Kopenhagen—— Richtig! neunzehn Jahre ſind's geweſen und jetzt gerade neunzehn und ein halbes. Es trifft; denn der Erzher⸗ zog Philipp war beim unglücklichen Ende ſeiner Frau — —— von Antwerpen. 41 Mutter drei und dreiviertel Jahre alt und ſeine Frau Schweſter, die Erzherzogin Margaretha, Infantin Witwe von Spanien, war zwei Monate zuvor zwei Jahre alt geweſen, der Erzherzog iſt aber am 23. Juni dieſes Jahres drei und zwanzig Jahre alt geworden und Frau Margaretha wird nächſten 10. Januar zwei und zwan⸗ zig alt. Was die Ehre und die Schickſale meines Hauſes und unſeres Fürſtenhauſes betrifft, da weiß ich Alles genau; denn ich ſehe das Fürſtenhaus auch mit als einen Theil meines Hauſes an. Der franzöſiſche König Ludwig der Elfte hatte, erbittert, daß ihm die reiche burgundiſche Herrſchaft entgangen war, viel Kriegs⸗ volk in die Riederlande geſchickt und meinte, die Pro⸗ vinzen zu erobern, auf die er kein Recht hatte, und den Erzherzog Maximilian, den jetzigen deutſchen Kai⸗ ſer(obgleich er nur römiſcher König genannt ſein will, weil ihm der Papſt die Kaiſerkrone noch nicht aufgeſetzt hat), nebſt deſſen Gemahlin Maria, der rechtmäßigen Erbin der Niederlande, zu verjagen, und in der That hatten die Franzoſen vielen Anhang hier gefunden, vor⸗ züglich in Holland. Aber der Erzherzog und ſeine An⸗ hänger unterdrückten die Aufrührer mit Pulver und Schwert und wurden der Franzoſen Meiſter. Es ging ſcharf zu in jenen Tagen; es ſind nun ein und zwanzig Jahre. Hernach, als Holland wieder unterworfen und beruhigt und von den Franzoſen gereinigt war, reiſete der Erzherzog nach Herzogenbuſch und hatte dahin zum ren wie Milch und Blut und hatte ſtrohgelbe Locken. 42 Die ſchöne Kaufmannsfrau 6 5. Mai 1481 als Ordensmeiſter des güldenen Vließes ſein zweites Ordenscapitel berufen. Das war eine ſchlimme Ritterverſammlung. Denn da wurden alle Ritter des Vließes, welche vom Erzherzog abgefallen waren und zum König von Frankreich gehalten hatten, der Untreue und des Meineids beſchuldigt und ihre Wappenſchilde in ernſter feierlicher Procedur von der Wand des Capitelſaales abgenommen und an deren Statt ſchwarze Tafeln aufgehängt, auf welchen Grund und Urſache aufgeſchrieben waren, weshalb man ihnen den Orden wieder genommen. Das waren ſehr ange⸗ ſehene Edelleute aus den Niederlanden und darunter Johannes von Neufchatel, Herr von Montaigu, Phi⸗ lipp Pot, Herr von Rahe⸗Noulah, Johannes von Do⸗ mas, Herr von Cleſſy und Jakob von Lützelburg, Herr von Richebourg; der größte Schimpf widerfuhr aber Philipp von Crevecveur, Herrn von Esquerdes, in⸗ dem deſſen Wappenſchild als eines Verräthers umge⸗ kehrt über die Thüre der Hauptkirche angeheftet wurde. Als dieſes traurige Geſchäft abgethan war kam die Frau Erzherzogin auch nach Herzogenbuſch und hatte ihren jungen Prinzen bei ſich, unſern Herrn und Her⸗ zog Philipp, auf deſſen Haupte wir einſt die Kronen der ſpaniſchen Königreiche und des deutſchen Kaiſer⸗ thums vereinigt ſtrahlen ſehen werden. Nun, damals war er ſchon ein wunderſchönes Herrlein von drei Jah⸗ — von Antwerpen. 43 Er wurde an einem jener Feſttage— es war ein ſon⸗ nenheller Maitag und der ganze Buſchwald um die Stadt, von dem ſie den Namen hat, ſtand im jungen lichten Laubgrün, das Tags vorher aufgegangen war gleichſam zum feſtlichen Empfange der jungen Herr⸗ ſchaft und der Ritter— an jenem hellen grünen Tage wurde Prinz Philipp von Oeſtreich und Burgund, Graf von Charolvis mit noch ſieben andern vornehmen Her⸗ ren an die Stelle der aus dem Orden geſtoßenen Rit⸗ ter zu neuen Rittern des Vließes erwählt und geſchla⸗ gen und dabei ereignete ſich mit ihm eine artige Be⸗ gebenheit. Als er nämlich im Beiſein des Ordensca⸗ pitels vor dem Grafen Adolf von Cleve, der ihn zum Ritter zu ſchlagen erwählt war, niederknien mußte, um den Ritterſchlag zu empfangen, hatte man ihm ei⸗ nen kleinen Kinderdegen angehängt. In dem Augen⸗ blick nun, als er das Schwert des Grafen über ſich gezückt ſah, ſprang er hurtig auf und riß ſein kleines Schwert aus der Scheide, um ſich damit gegen den Grafen von Cleve zur Wehre zu ſetzen, wodurch die ganze Ritterverſammlung zum heitern Lachen, aber auch zur Bewunderung des Muthes in einem dreijährigen Prinzen bewegt wurde, ſo daß alle dem Erzherzog Marimilian zu einem ſolchen Sohne Glück wünſchten, der ſich einſt gegen ſeine Feinde zu wehren wiſſen werde, und mit Thränen der Rührung hing ihm der älteſte Ordensritter die güldene Kette um, die bekanntlich ab⸗ . 44 Die ſchöne Kaufmannsfrau wechſelnd Feuerſtähle und Feuerſteine, aus denen das Feuer ſprüht, vorſtellt, indem er ſagte: Mein Prinz⸗ lein, Ihr werdet ein ſcharfer Stahl und ein harter Stein ſein und viele Funken und Flammen in die Welt hinausſprühen. Wie nun dieſes Ereigniß von guter Vorbedeutung war, ſo begab ſich nicht minder ein an⸗ deres von ſchlimmer.— Ich war auch nach dem Buſch gereiſt, in Geſchäften auf dem Rittertage und der Huldigung; denn der Krieg und die Empörung hatte dem Handelsweſen im Lande Abbruch gethan und die Kaufleute freueten ſich männiglich, daß dem nun ein Ende war. Da wäre nun der Feſttag damals ſchon faſt in einen allgemeinen Trauertag verwandelt worden. Es war nämlich auf dem Markte eine große Schau⸗ bühne aufgezimmert worden, auf welcher der Erzherzog mit ſeiner Gemahlin die Huldigung einnahm. Das Ge⸗ pränge war groß und viele Ritter und Frauen waren ne⸗ ben der Herrſchaft auf der Bühne Lerſammelt. Noch war die feierliche Handlung nicht ganz vorüber, als plötz⸗ lich ein Theil des Gezimmers zuſammenbrach und die meiſten zwiſchen den Balken und Bretern herabſtürz⸗ ten, darunter auch unſere junge Erzherzogin. Der Erz⸗ herzog und einige um ihn ſtehende Ritter und Gefolge ſtanden allein feſt auf dem ganz gebliebenen Theil des Gerüſtes. Nun war zwar Niemand ſonderlich ver⸗ letzt von dem Sturze, aber der Schrecken war groß; die Erzherzogin wurde ohnmächtig in das Rathhaus von Antwerpen. 45 getragen. Die ganze Huldigungsfeier ward durch den obgleich gnädig abgelaufenen Unglücksfall widerwärtig geſtört, alle Welt war verſtimmt und hielt den Bruch der Bühne und Fall der Erzherzogin für ein ſchlim⸗ mes Vorzeichen. Und wahrlich, als ſolches hat er ſich gar ſehr bewährt! Denn zehn Monate ſpäter ritt die hohe Frau in Brügge mit einem kleinen Gefolge auf die Reiherbeize, an welcher ſie als eine gar muthige Jägerin ein ſonderbares Belieben hatte. Man nannte ſie mit Recht wegen ihrer hohen Schönheit die belgi⸗ ſche Venus und wegen ihrer Jagdluſt die burgundiſche Diana, während der Erzherzog, ihr Gemahl, wegen der Gabe der Dichtkunſt, die er in ſo hohem Grade empfangen, der öſtreichiſche Apollo genannt wurde. Der furchtbare Unglückstag war der 16. März des Jahres 1482. Man erzählte ihren Fall auf zweierlei Art, und da ich nicht dabei geweſen bin, ſo kann ich nicht be⸗ ſtimmen, welches die rechte geweſen iſt; genug, daß dadurch die herrliche Fürſtin aus dem reichen Leben in blühender Jugendſchöne in den Tod geriſſen wurde. Einmal ſagte man, ſie ſei auf ihrem wilden Klepper ihrem aus der Luft herabſchießenden Falken zugerennt, da ſei plötzlich der Gurt am Sattel zerſprungen und die Fürſtin hinterrücks zur Erde geſtürzt, wobei ſie ſich an den Lenden und Hüften gar übel verletzt habe. Andere erzählten, das Pferd habe ihr im ſchnellſten Laufe den Zaum abgenommen und ſei mit ihr durchge⸗ 46 Die ſchöne Kaufmannsfrau gangen; der Graf von Bergen, ihr Begleiter, ſolches wahrnehmend, ſei herangeſprengt, um ihr zu Hülfe zu kommen; dadurch ſei ihr Rößlein aber nur noch wilder und toller geworden, habe ſie abgeworfen und ausſchla⸗ gend mit den Hinterhufen an dem ſchamhafteſten Theil ihres Leibes gar übel zugerichtet. Die Unglückliche ver⸗ biß den Schmerz und machte ſich einige Tage über ſtär⸗ ter als ſie war, um den geliebten Gemahl nicht zu be⸗ trüben. Auch war ſie aus allzu großer weiblicher Scham⸗ haftigkeit nicht zu vermögen, ihren Schaden von einem Wundarzte aufdecken und verbinden zu laſſen; ja als ihr der Erzherzog und die Hofleute ſolches mit ernſt⸗ lichen Bitten und Vermahnungen vorſtellten, erklärte ſie feſt, ſie wolle lieber ihren Geiſt aufgeben, als ſich von einem fremden Manne an dieſer Stelle berühren laſſen. Deshalb ſchlug am neunten Tage ein Fieber dazu, das von Tag zu Tag gefährlicher wurde. Die ganze Stadt ſchwebte in banger Angſt und ſchier athem⸗ loſer Erwartung des Ausganges, bis am 28. März Abends ſich die Trauerbotſchaft verbreitete, daß die ge⸗ liebte Herrin dieſes Landes verſchieden ſei. Es erhob ſich ein Heulen und Wehklagen auf allen Straßen, in allen Häuſern um die holdſelige Frau, welche, der Stolz aller Niederländer, ſechs Wochen vorher erſt fünf und zwanzig Jahre alt geworden und ſeit drei Monaten geſegneten Leibes geweſen war.— Es war rührend anzuſehen, und kein Auge blieb trocken, als von Antwerpen. 47 der Erzherzog, deſſen drei und zwanzigſter Geburtstag ſechs Tage vor dem Todestage ſeiner Gemahlin gefal⸗ len war, an den Händen ſeine ſchönen Kinderlein, das noch nicht vierjährige Herrlein und das zweijährige Prinzeßlein, in tiefen Trauergewändern an der könig⸗ lich geſchmückten Leiche ſtand, welche zwei Tage lang allem Volke gezeigt und dann einbalſamirt wurde. Dien⸗ ſtags vor Oſtern am 4. April wurde ihr in der Kirche Unſerer lieben Frau das Beſenkniß mit dem herrlich⸗ ſten Leichengepränge gehalten, ihr Herz aber kam hier⸗ her in ihrer Mutter Begräbniß zu St. Michael. In der Trauerprozeſſion gingen erſtlich die Obſervanzen, da⸗ nach die Bettelmönche, ferner die Kleriſei von Brügge, wiederum einhundert und funfzig Arme in Schwarz ge⸗ kleidet, dann fünf Herolde; hierauf folgte die Leiche, auf welcher ein mit Edelſteinen köſtlich verzierter Erz⸗ herzogshut lag, und ward ſelbige von vier Landherren, den Grafen und Herren von Fiennes, Horn, Lannoh und Lalain, getragen. Nach der Leiche ſchritt der tief betrübte Erzherzog von fünf anverwandten hohen Her⸗ ren umgeben und von eben ſo vielen anverwandten Großfrauen, jede von zwei Herren geführt, worauf der Hofſtaat ſammt den Bürgern die Ordnung beſchloſſen.“ Die lange Erzählung des Kaufherrn, in der er ſich ganz behaglich zu ergehen ſchien, machte auf ſeine Zu⸗ hörer einen ſehr verſchiedenen Eindruck. Seine junge Frau langweilte ſich augenſcheinlich bedeutend; denn 48 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſie ſchloß die Augen, zeigte ein um's andere Mal gäh⸗ nend ihre herrlichen Zähnereihen und lächelte dann wieder vor ſich in Gedanken mit ganz andern und an⸗ genehmern Dingen beſchäftigt, als ihr Eheherr vor⸗ führte; man ſah es ihr an, daß ſie gewohnt war, ſich von ihm die Erinnerungen aus ſeinem ihr viel zu lan⸗ gen Leben auftiſchen laſſen zu müſſen; aber nicht min⸗ der konnte man auch ihm abmerken, daß ihm die Auf⸗ nahme ſeiner Geſchichte von ihrer Seite nichts Frem⸗ des war. Er war einer von den unverwüſtlichen Er⸗ zählern, die ſich nicht an die Zeichen des Miofallens ihrer Zuhörer kehren, zumal wenn dieſe zu ihrer eige⸗ nen Familie gehören oder von ihnen abhängig ſind, und friſch drauf los erzählen, angefeuert, wenn auch nur ein einziges Haupt von der Zuhörerſchaft ihnen Theilnahme zeigt oder zu zeigen ſcheint. Es war Herrn Peter deshalb auch ſehr gleichgültig, daß ſein geiſtli⸗ cher Neffe wie toll im Zimmer umherſchoß und dann und wann etwas durch die Zähne murmelte, das man verſucht geweſen wäre für einen chriſtlichen Fluch zu halten, wenn dieſer Mund nicht verpflichtet geweſen wäre, nur Segnungen auszuſprechen; der redſelige Kaufmann richtete ſeine Worte an den Pagen, in deſ⸗ ſen Gemüthsſtimmung er durch den umſtändlichen Be⸗ richt vom Tode der jungen und ſchönen Erzherzogin Maria eine gänzliche Umwandlung bewirkt hatte. Denn das in Thränen ſchwimmende, große, treuherzige Auge von Antwerpen. 49 des Knaben hing mit geſpannter Aufmerkſamkeit an den Lippen des Erzählers und bei den verhängnißvollen Stellen der Erzählung entfuhr ihm ein Schmerzenslaut, gleichſam als ſei ihm die ganze Geſchichte etwas Neues. —„Wißt Ihr auch, Herr Ohm,“ nahm jetzt der Archidiakvnus in ſeiner, die Worte ſchußartig, heftig herausſtoßenden Redeweiſe das Wort,„welch einen gottloſen Spuk— der Erzherzog und jetzige Kaiſer— mit ſeiner verſtorbenen Gemahlin— vorgenommen hat — einen Frevel an Gott und der Kirche?“ —„Was? Nichts weiß ich davon!“ rief van der Kapellen erregt und in höchſter Neugierde, welche ebenfalls zu ſeinen Eigenſchaften gehörte.„Sagt an, Neffe, was iſt geſchehen? Vielleicht erinnere ich mich. Ich will hoffen, es iſt nichts gegen die Ehre unſeres Fürſtenhauſes.“ —„Wie man's nimmt.— Ich kann's nicht loben.— Man ſagt, der König habe ſeiner geliebten Maria— niemals gedenken können— ohne in Thränen und Seufzer auszubrechen.— Ja, die übermäßige Liebe und der grauſame Schmerz über ihren ſchrecklichen Ver⸗ luſt— habe ihn verleitet— den berühmteſten Schwarz⸗ künſtler unſerer Zeit— den Euch gewiß bekannten Abt zu Spanheim— Johannes Trithemius, zu ſich zu be⸗ ſcheiden— und das dringende Begehren an denſelben zu ſtellen— daß er ihm die Verſtorbene in ihrem dermaligen Zuſtande zeige— das heißt, ihren Geiſt Ein deutſcher Leinweber. I. 4 50 Die ſchöne Kaufmannsfrau eitire.— Der Abt hat ſich deſſen lange geweigert— aber den Bitten des betrübten Königs endlich nachge⸗ geben— und ihn in einen großen Spiegel ſchauen laſ⸗ ſen— in welchem die Geſtalt der Erzherzogin— in Lebensgröße erſchienen— aber in einem ſo jammer⸗ vollen und gräßlichen Zuſtand— daß der vorwitzige König vor Entſetzen ohnmächtig zu Boden geſtürzt iſt.“ Hul risf Herr Peter, ſich ſchaudernd, aus, auch der Page war bleich geworden; nur Eleonvre lã⸗ chelte; denn ſie hielt die Schwarzkünſtlergeſchichte für eine Erfindung des jungen verſchmitzten Prieſters, um ſich an dem langweiligen Erzähler zu rächen. —„Wie mag der Geiſt ausgeſehen haben, Neffe?!“ rief der Kaufmann mit unterdrückter furchtſamer Stimme, ſich abermals ſchüttelnd. —„Das weiß ich nicht, Ohm.— Aber das weiß ich— doß Ihr Eure verſtorbene Ehewirthin— meine gute Frau Baſe— gewiß nicht im Spiegel zu ſchauen begehrt hättet.— Mich wundert's nur, daß ſie Euch nicht ungerufen— und von freien Stücken erſchienen iſt— aus purer Liebe und Anhänglichkeit an Euch.“ —„Schweigt! ſchweigt!“ rief van der Kapellen ängſtlich,„und reizet die Todten nicht muthwillig. Es iſt nicht zu ſcherzen mit ihnen. Es war dies ein Grund mit, weshalb ich in Brügge mein Haus ver⸗ kaufte und hierherzog; denn die Geiſter der Todten ſollen vorzüglich an die Stätte gebunden ſein, wo ſie von Antwerpen. 51 verſchieden ſind, und es wollte mich bedünken, es ſei nach dem Tode meiner Frau allerdings in dem Hauſe nicht recht geheuer mehr. Man ſagte zwar, wenn man die Schwelle neu überkleiden oder den Fußboden neu dielen läßt, dann können ſie nicht herein und müſſen draußen bleiben, denn ſie vermögen nur auf den Bre⸗ tern zu wandeln, die ſie auch im Leben betreten haben; aber es war doch noch geſcheidter, ich ging ihr ganz aus dem Wege. Nicht wahr? Aber ſprechen wir nicht von ſolchen Dingen! Ihr wißt, Neffe, ich kann es nicht vertragen.“ —„Beſter Herr Ohm,— es iſt aber doch des ewi⸗ gen Heils wegen gut,— ſich der Todten und des To⸗ des zu erinnern— und daß wir alle ſterben müſſen— und auch Ihr über kurz oder lang—“ Der Kaufherr war entſetzt aufgeſprungen und wehrte gleichſam mit Händen und Füßen ab, dann hielt er ſich wieder die Ohren mit beiden Händen zu und kreiſchte zur Beluſtigung der Zuſchauer:„Ich will nichts da⸗ von hören, und wenn Ihr wollt, daß wir gute Freunde bleiben ſollen, Neffe, ſo ſchweigt mir von dieſen Din⸗ gen ſtill.“ Den Pagen dauerte die Todesfurcht des Kaufmanns, die ſich allzu leſerlich in ſeinen plötzlich entſtellten Zügen ausgeprägt hatte, und er fragte gutmüthig:„Kennt Ihr denn das ſchöne Gedicht, welches die Frau Erzherzogin⸗ Infantin auf den Tod ihrer Frau Mutter gedichtet hat?“ 4* 52 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Iſt denn die Erzherzogin⸗Infantin auch eine Dichterin?“ fragte der Prieſter ärgerlich. —„Und das wißt Ihr nicht, Neffe?!“ krähte van der Kapellen mit wahrer Entrüſtung über die unpa⸗ triotiſche Unwiſſenheit des geiſtlichen jungen Herrn „Schämt Euch! Ihr ſeid ein Brabanter, ſeid ein Schrift⸗ gelehrter und wißt nicht, daß die Prinzeſſin von Bur⸗ gund und den Niederlanden den dichteriſchen Geiſt ih⸗ res Vaters, des Kaiſers Marimilian, empfangen hat? Habt Ihr nie etwas von der artigen Grabſchrift ge⸗ hört, die ſie ſich in ſchlimmer Lebensgefahr auf der Meerreiſe nach Spanien zur Vermählung mit dem In⸗ fanten Don Juan von Arragonien dichtete? Nun, das will ich Euch erzählen und zugleich den Vers erklären, denn Ihr ſeid in der vaterländiſchen Geſchichte ſchlecht bewandert; ich wünſche, daß Ihr es beſſer in der Bi⸗ bel und im Meßbuche ſein möget.“ Des ungeſtümen Prieſters erſte Bewegung war der Thüre zu; er ſchien aber von den Blicken der ſchönen Frau feſtgebannt zu ſein, und ſo entſchloß er ſich denn wieder zu ſeinem komiſch⸗verzweiflungsvollen Umlaufe im Zimmer, während Elevnore ihn auslachte und die Papageien gleichſam ihn verhöhnend kreiſchten:„Hoch lebe das Haus Burgund! Und Oeſtreich!“ Van der Kapellen faltete die Hände über ſeinem Bauche und begann in gewohnter Ruhe und Behaglich⸗ keit ſeine Erzählung:* — — von Antwerpen. 53 —„Ich hab' Euch ſchon geſagt, daß der franzöſi⸗ ſche König Ludwig der Elfte ſich ganz ungeberdig ſtellte, daß ihm die reiche burgundiſche Erbſchaft entgangen war, und unſer Land mit Krieg überzog und Aufruhr anſtiftete, wo er nur konnte und wußte. Es half ihm Alles nichts. Die Franzoſen bekamen zuletzt überall Schläge und die Aufrührer mußten vor dem Erzherzog zu Kreuze kriechen. Kaum hatte nun König Ludwig vom Tode der Erzherzogin Maria die ihm gar erfreu⸗ liche Kunde vernommen, als ſeine Argliſt einen Plan entwarf, zu deſſen Ausführung er unverzüglich ſchritt. Er wollte nämlich den ihm verhaßten Erzherzog Mari⸗ milian von der Vormundſchaft ſeiner beiden Kinder Philipp und Margaretha ausgeſchloſſen und ganz von der Herrſchaft in den Niederlanden verdrängt ſehen, und zu dieſem Behufe fertigte er eine Geſandtſchaft an Brügge und Gent ab, die die Hauptrollen in den Nie⸗ derlanden ſpielten, und bot ihnen Frieden an unter der Bedingung, daß die Prinzeſſin Margaretha mit ſei⸗ nem Dauphin Karl, damals zwölf Jahre alt, verlobt und ihm ausgeliefert würde. Die Städte nahmen die dargebotene Hand mit größten Freuden an; denn es lag ganz in ihrem Plan, den Erzherzog Maximilian aus den Niederlanden für immer zu entfernen und mit den fürſtlichen Kindern nach ihrem Belieben zu ſchal⸗ ten, als gingen ſie ihn nichts an. Nun wie geſagt, die Städte und der König wurden eins, und wenn die ——— 54 Die ſchöne Kaufmannsfrau Sache ſo zur Ausführung gekommen wäre, wie ſie's zuſammen abgekartet hatten, ſo wäre jetzt, wo nun auch jener Dauphin Karl als König Karl der Achte von Frankreich todt iſt— ſind auch ſchon volle drei Jahre verſtrichen, ſeit er, noch nicht ganz acht und zwanzig Jahre alt, den Weg alles Fleiſches gegangen— ſo wäre jetzt, ſag' ich, noch mancher hübſche Landſtrich, der zu uns gehört, an Frankreich gelangt. Der lang⸗ müthige Gott hat den Greuel nicht haben wollen. Der Erzherzog Maximilian war damals gezwungen, Ja und Amen zu dem böſen Handel zu ſagen. Sein dreijäh⸗ riges Prinzeßchen wurde ihm vor der Naſe an ſeinen Todfeind verkauft und das ſüße Kind von einer franzöſiſchen Geſandtſchaft aus Brügge abgeholt und nach Blois an den franzöſiſchen Hof geſchleppt. Der ſchlaue König Ludwig lachte ſich in die Fauſt und dachte: Nun hab' ich vor dir Ruhe, Oeſtreich; ich kann thun und laſſen, was ich will, ihr deutſchen Hunde dürft mir nicht mehr in die Beine fahren, denn ich habe eine Geißel von euch in der Hand, ein koſtbares Kleinod, das meinem Sohne dermaleinſt noch manche niederländiſche Stadt einbringen ſoll, wenn nicht gar die ganze reiche burgundiſche Herrſchaft. Denn wenn der Prinz Philipp unverehelicht oder ohne Leibeserben verſtorben wäre, ſo würde Prinzeſſin Margaretha die ganzen Niederlande geerbt und auf ſolche Weiſe an die franzöſiſche Krone gebracht haben. An das Vaterherz —. von Antwerpen. 55 des Erzherzogs Maximilian dachte Niemand, oder noch ſchlimmer, ſie ließen es ſich recht angelegen ſein, es zu verhöhnen und zu quälen. Er mußte eine Geſandt⸗ ſchaft nach Blvis ſchicken, um den König und den Dau⸗ phin zu beglückwünſchen; er hatte erſt in der St. Jo⸗ hanniskirche zu Gent in Gegenwart Philipp's und Mar⸗ garetha's, ſeiner Kinder, auf das Evangelienbuch ſchwö⸗ ren müſſen, daß er dieſe Heirath für gültig halte, die Friedensbedingungen annehme und ihnen jederzeit ge⸗ treulich nachkommen wolle. Mit was für einem Her⸗ zen er das Alles mag gethan haben, kann man ſich wol denken.— Die Prinzeſſin Margaretha wurde im Monat Juli deſſelben Jahres zu Ambviſe, wo die vor⸗ nehmſten Herren des Königreichs verſammelt waren, mit dem Dauphin durch eine ordentliche Trauung ehe⸗ lich verbunden. Der ſchlaue und böſe König Ludwig erntete keine Früchte von ſeiner Liſt. Er welkte hin und ſchwand wie ein Schatten; ſchon acht Wochen nach Margaretha's Ankunft in Blois ſtarb er, nachdem er eben erſt ſechzig Jahre alt geworden. Unſere dreijährige Margaretha war nun Königin von Frankreich und lebte als ſolche bis in ihr dreizehntes Jahr am franzöſiſchen Hofe.— Es iſt Euch bekannt, Vetter, daß der Erz⸗ herzog Maximilian erſt volle neun Jahre nach dem Tode ſeiner erſten Gemahlin ſich wieder zu vermählen gedachte. Er war nun römiſcher König geworden, und Kaiſer Friedrich, ſein Vater, hatte mit dem letzten — ———— 56 Die ſchöne Kaufmannsfrau Herzog von Bretagne, Franz, der nur eine einzige Tochter, Anna, hatte, Erbin des ganzen Landes, ge⸗ rade wie Maria die Erbin der Niederlande geweſen war, eine Heirath ihrer Kinder verabredet und die Prinzeſſin Anna war dem Könige Maximilian verlobt worden. Im Jahre 1491 ſtarb der Herzog Franz und Maximilian beſchickte ſeine Braut im Anfang des Win⸗ ters mit der Frage: ob ſie ihres Vaters Willen und Zuſage erfüllen und des römiſchen Königs Gemahlin werden wolle? Die Geſandten brachten nicht nur das Jawort, ſondern einen eigenhändigen zärtlichen Brief der jungen ſchönen Herzogin an den König. Dieſer ſchickte dann gleich im Anfang des folgenden Jahres den Prinzen von Oranien und Wolfgang von Polheim mit 2000 deutſchen Fußknechten zu ihr nach Rennes, der Hauptſtadt und herzoglichen Reſidenz von Bretagne. Der Prinz wurde hier im Namen des Königs, nach Fürſtenſitte, mit der Herzogin getraut und hielt öffent⸗ liches Scheinbeilager mit ihr, indem er, halb ge⸗ harniſcht, das entblößte linke Bein zu ihr in's Bett ſteckte. König Karl von Frankreich, obgleich mit Mar⸗ garetha von Oeſtreich und Burgund ehelich verbunden, hatte ebenfalls um die Erbin von Bretagne werben laſſen; denn es war ihm unerträglich, auch dieſes reiche Land und auf dieſelbe Weiſe an Oeſtreich gelangen zu ſehen, wie die Niederlande. Und da er, wie na⸗ türlich, eine abſchlägliche Antwort erhielt, überzog er von Antwerpen. 57 die junge Herzogin mit Krieg. Die Herzogin oder vielmehr nun römiſche Königin machte ſich aber auf den Weg, um nach Wien zu ihrem Gemahl zu gelangen. Unterwegs ließ ſie der franzöſiſche König nach Tours einladen, wo er ſich befand. Sie wollte nicht, da brauchten ſeine Abgeſchickten Zwang. Und in Tours ließ er ſich mit ihr trauen, allen göttlichen und welt⸗ lichen Geſetzen zum Hohn,— denn ſie war ja ſo gut mit König Maximilian verehelicht, wie er mit deſſen Tochter,— und machte ſie zur Königin von Frankreich. Nun, Gott hat ihn auch dafür geſtraft; er hat das Le⸗ ben ſo jung verlieren müſſen ohne Leibeserben und hat das ſchöne Land und die ſchöne Frau ſeinein Vetter, dem Herzog Ludwig von Orleans, überlaſſen müſſen, der ſich mit Beiden wohl bethut. Es drohte damals ein neuer Krieg zwiſchen Oeſtreich und Frankreich aus⸗ zubrechen, aber es kam bald zum Frieden und nach dem Friedensſchluſſe kehrte Prinzeſſin Margaretha, eine von ihrem Gatten grauſam verſtoßene Königin, eine ſchöne dreizehnjährige Jungfrau, in ihre heimiſchen Niederlande zurück. Jedermann war entzückt von ihrer Schönheit und Güte, und überall kam man ihr mit ungeheuchelter Liebe entgegen und bedauerte ſie wegen ihres in ſo jungen Jahren ſchon erduldeten böſen Schick⸗ ſals. Ihre Schönheit entfaltete ſich immer herrlicher und man durfte den Fürſten glücklich preiſen, der dieſe holde Blume gewinnen würde, die der treuloſe Karl 58 ſo verächtlich behandelt hatte.— Drei Jahre ſpäter geſchah es, daß der Papſt, das ſpaniſche Königspaar, Oeſtreich und mehre italieniſche Fürſten, vorzüglich der Herzog Ludwig von Mailand, in Venedig ſich gegen den König Karl von Frankreich verbündeten, der ſich des Königreichs Neapel ſiegreich bemächtigt hatte, in⸗ dem ſie fürchteten, er möchte ganz Italien ſich unter⸗ werfen. Dieſer Bund führte das öſtreichiſche und ſpa⸗ niſche Herrſcherhaus näher zuſammen und König Maxi⸗ milian— er war das Jahr zuvor nach ſeines Herrn Vaters Tode regierender römiſcher und deutſcher König geworden, oder Kaiſer, wie wir zu ſagen pflegen, ob⸗ gleich ihn der Papſt bis dieſe Stunde noch nicht ge⸗ krönt hat— und König Ferdinand von Arragonien und Königin Iſabella von Caſtilien, ſeine Gemahlin, ver⸗ abredeten eine Doppel⸗ und Kreuzheirath ihrer Kinder zuſammen. Es wurde nämlich die Erzherzogin Mar⸗ garetha mit dem ſpaniſchen Infanten Don Juan, Er⸗ ben aller ſpaniſchen Königreiche, verlobt, ihr Bruder, der Erzherzog Philipp, dagegen mit deſſen zweiter Schweſter, der Infantin Donna Juanna, ſeiner jetzi⸗ gen Gemahlin, unſerer Frau Erzherzogin ⸗„Infantin. Erzherzog Philipp hatte eben die Regierung der Nie⸗ derlande angetreten, das war Anno 1496, und reiſete nach Wien zu ſeinem Herrn Vater.“ —„Da kamen ſie zuſammen nach Insbruck,“ fiel hier der aufmerkſame Page dem Erzähler in's Wort, Die ſchöne Kaufmannsfrau von Antwerpen. 59 „und blieben faſt drei Wochen daſelbſt und gingen zu⸗ ſammen auf die Geisjagd; da waren ſie auch duf mei⸗ nes Vaters Burg, und der Erzherzog Philipp warb mich zum Pagen; ich war ein elfjähriger Bub'; es ſind nun fünf Jahre. Ich vergeſſ' es all mein Lebe⸗ lang nicht, welch einen Reſpect ich vor dem Kaiſer hatte; ich und meine Geſchwiſter wären gern aus lau⸗ ter Ehrfurcht vor ihm in die Erde gekrochen oder hät⸗ ten ihm zum Fußſchemel gedient.“ —„Einen ſolchen Wunſch wird kein niederländiſches Kind hegen!“ rief van der Kapellen ſchier erzürnt. „Wer wird ſolche Abgötterei mit einem Menſchen trei⸗ ben? Der Fürſt iſt nichts weiter, als der Vollſtrecker des Geſetzes, das er in Verbindung mit dem Volke gegeben hat.— Nun laßt mich die Geſchichte von der Erzherzogin Margaretha erſt zu Ende bringen. Ihr Bruder hatte eine Geſandtſchaft nach Spanien geſchickt. Dort war die Infantin Donna Jüanna mit dem Ge⸗ ſandten des Erzherzogs getraut worden und mit einer Flotte von 135 Schiffen und 3000 Mann Kriegsvolk, in einer Umgebung mehrer Herren vom vornehmſten Adel nach den Niederlanden abgereiſt. Von einem Sturme in einem engländiſchen Hafen aufgehalten, tra⸗ ten ſie erſt am 20. September zu Middelburg in See⸗ land an unſere Küſte. Nahe beim Lande daſelbſt ſchei⸗ terte noch ein genueſer Schiff, das die Garderobe und beſten Sachen der Infantin mit 700 Menſchen trug; 60 Die ſchöne Kaufmannsfrau und ob man wol mit Barken und kleinen Schiffen Leute und Gut zu retten trachtete, ſo iſt doch das Meiſte verſunken und ertrunken. Aus Seeland brach die Infantin mit den Vornehmſten aus ihrer Geleit⸗ ſchaft(die Soldaten und Bootsleute bei den Schiffen auf der Inſel Walcheren hinterlaſſend) hierher nach Antwerpen auf und wurde hier von den Kaufleuten und Schifffahrern aller Nationen mit höchſter Ehren⸗ pracht empfangen. Aber hier erkrankte ſie an einem dreitägigen Fieber, in Folge der auf dem Meere ausge⸗ ſtandenen Drangſale. Unterdeſſen kamen Prinzeſſin Margaretha und ihre Taufpathe, unſers Herzogs Karl Witwe, von Namur, die Infantin zu bewillkommen, und die beiden Bräute, die faſt in einem Alter waren, beglückwünſchten ſich gegenſeitig auf das herzlichſte. Den Erzherzog traf die Nachricht von der Ankunft ſei⸗ ner Braut in Linz; er eilte alſo nach den Niederlan⸗ den. Die Infantin erwartete aber ſeine Ankunft nicht in Antwerpen, ſondern zog ihm noch zwei Meilen bis nach Lier entgegen. Hier empfing ſich das fürſtliche Paar am 21. Oectober. Der Biſchof von Camerich, Herr Heinrich von Bergen, verrichtete die Tranung und das Beilagerfeſt wurde erſt in Lier mit kleinem Gepränge, hernach aber in Brüſſel mit wahrhaft kö⸗ niglicher Pracht gefeiert.— Die ſpaniſche Flotte hatte nicht nur die Beſtimmung, eine fürſtliche Braut aus Spanien nach den Niederlanden zu bringen, ſondern von Antwerpen. 61 auch eine zweite fürſtliche Braut aus den Niederlanden nach Spanien. Spanien gab uns ſeine Tochter und nahm die unſrige dafür; es war ein ſehr artiger Braut⸗ austauſch.— Nach den Hochzeitfeſtlichkeiten, worauf Prinzeſſin Margaretha mit einem ſpaniſchen Granden aus dem Gefolge ihrer Schwägerin, als Bevollmäch⸗ tigten des Infanten Don Juan, getraut und ein Scheinbeilager gehalten hatte, nahm ſie Abſchied vom Vaterlande, geſegnet von Allen, die ſie kannten. Ihr Bruder begleitete ſie bis nach Middelburg, wo er ſo lange bei ihr blieb, bis günſtiger Wind ſich einſtellte und die ſpaniſche Flotte die Segel zur Heimkehr flie⸗ gen laſſen konnte. Der Erzherzog kehrte nach Brüſſel zu ſeiner jungen Gemahlin zurück; die Erzherzogin Margaretha fuhr getroſten Muthes über's Meer. Kaum aber hatte die Flotte die weißen Felſen Englands er⸗ blickt, als ſie im Canal von einem ſo furchtbaren Sturme überfallen wurde, daß die erfahrenſten Schiffer Alles verloren gaben und Jedermann ſich auf ſein vor Augen habendes letztes Stündlein vorbereitete.“ —„Es iſt gut,— daß Ihr nicht auf einem der ſpaniſchen Schiffe wart,— Herr Ohm,“ unterbrach der Archidiakonus den Erzähler. —„Schweigt! Ich mag nichts davon wiſſen! Laßt mich in Ruhe fertig erzählen. Ich befand mich zu je⸗ ner Zeit in Brüſſel und machte ein gutes Handelsge⸗ ſchäft mit der Erzherzogin Johanna. Aber wenn ich 62 Die ſchöne Kaufmannsfrau auch auf der Flotte geweſen wäre, nun ſo wär' ich ſo gut wie alle Andern mit dem Leben davon gekom⸗ men. Es ging aber ſchlimm zu, und es wurde Jedem, nach Schiffgebrauch, ein Stück Geld in die Hand ge⸗ bunden, damit, wenn er ertrunken und todt an's Land geworfen würde, die Uferbewohner ihn für das Geld ehrlich möchten begraben laſſen. Die ſtandhafte Braut und ihre innige Freundin, eine junge Gräfin von Maine, wie man ſagte, ein unechter Sproß der Familie Anjou, die unſerer Margaretha aus lauter Anhänglichkeit von Frankreich in die Niederlande gefolgt war und nun auch mit ihr nach Spanien ging— ſie liebten ſich mehr als Schweſtern und waren ſchier unzertrennlich— die bei⸗ den Freundinnen alſo hatten ſich in einem inbrünſtigen Gebete bereits mit der Erde abgefunden und ſahen dem Ende mit Seelenruhe entgegen. Ja, da zeigte ſich Margaretha's hohes fürſtliches Gemüth; während ihre Frauen am Boden lagen und verzweiflungsvoll die Hände rangen und wanden, dichtete ſie ſich ſelbſt eine Grabſchrift und ließ ſie, auf ein Stück Pergament ge⸗ ſchrieben, ſich mit mehren Goldſtücken in die Hand — r Dann ſprach ſie mit der Gräfin Maine, die nur zwei Jahre älter war als ſie, ruhig von ihrem be⸗ vorſtehenden Tode und von Chriſti Erlöſungswerk und der Unſterblichkeit der menſchlichen Seele durch die Gnade Gottes. Es mag rührend geweſen ſein, die beiden vornehmen jungen Damen alſo reden zu hören von Antwerpen. 63 im Angeſicht des Todes.— Jene Grabſchrift nun iſt das kurze, aber berühmte Gedicht der fürſtlichen Dich⸗ terin, das wol werth iſt, von Euch, Neffe, und von Jedermann gemerkt zu werden. Es heißt: Ci git Margole, noble Damoiselle, Deux fois mariée, et morte pucelle.*) He, wie gefällt Euch das? Iſt es nicht vortrefflich? Hätte ſie ihren ganzen Lebenslauf wol ſchöner und kür⸗ zer geben können? Hat ſie mit ihrer großen Seelen⸗ ruhe und dieſen zwei Zeilen nicht den Beweis geliefert, daß ſie in der That und Wahrheit in ihrem ſiebzehn⸗ ten Jahre eine große Dichterin war?— Na, zum be⸗ ſten Glück wurde die Grabſchrift nicht gebraucht. Die Erzherzogin lief glücklich in den Hafen der engliſchen Stadt Hampton, ward vom König Heinrich auf's beſte empfangen und drei Wochen lang herrlich bewirthet, ſegelte dann mit günſtigem Wind weiter und landete endlich nach langer Meerfahrt in Gallizien. Im Mo⸗ nat April in Burgos, der Hauptſtadt von Caſtilien, angekommen, wurde ſie ſogleich mit dem Erben der ſpaniſchen Kronen verbunden. Jedermann weiß, daß alle die böſen Anzeichen und ſchlimmen Vorbedeutungenz ₰ nicht gelogen haben, Gott ſei's geklagt! Noch war das junge Fürſtenpaar nicht volle fünf Monate verbun⸗ den, als der Infant Juan in Salamanca an einem *) Hier ruht Gretchen, das edle Fräulein, Zweimal vermählt und als Jungfrau geſtorben. Die ſchöne Kaufmannsfrau hitzigen Fieber erkrankte, das ihm am dreizehnten Tage das Leben nahm. Er ſtarb am 2. Oetober 1497, erft 19 Jahre alt, gerade als der ſpaniſche Hof das Bei⸗ lagerfeſt ſeiner älteſten Schweſter Iſabella mit dem König von Portugal, Emanuel, feierte. Das war eine betrübte Hochzeit, zum klarſten Beweis, daß auch die mächtigſten Könige nicht erhaben ſind über das gemeine Schickſal der Sterblichen. In der tiefſten Trauer hoffte man doch auf den geſegneten Zuſtand unſerer Erzher⸗ zogin⸗Infantin, der jungen, tiefbetrübten Witwe; denn ſie ſchien beſtimmt, Spanien einen Thronerben ſchenken zu ſollen. Aber auch dieſe Hoffnung trog, und das Leid ſteigerte ſich, als ſie, von Schrecken und Kummer über den frühen Tod ihres Gemahls gemar⸗ tert, nach einer Woche zu Alcala de Henarez von ei⸗ ner viermonatlichen todten Leibesfrucht entbunden wurde. So hat nun die beklagenswerthe Witwe drei Jahre bei ihren Schwiegereltern in Spanien zugebracht, bis ſie wieder in die liebe Heimat zurückgekehrt iſt. Aber noch hat ſie nicht zwei Jahre am Hofe des geliebten „Bruders und unter ihren ſie liebenden Landsleuten Pieder verlebt, als ſie uns der Herzog Philibert zum vritten Mal entführt. Möge ſie diesmal glücklicher ſein im Eheſtande als die beiden erſten Male! Sie verdient es, die treffliche Frau. Man ſagt, der Herzog von Savoyen ſei ein ſchöner und liebenswürdiger Mann. Ihr müßt ja das wiſſen, Junker.“ von Antwerpen. 65 —„So iſt's, mein Herr van der Kapellen,“ ent⸗ gegnete der Page mit gedämpfter Stimme und ſchier betrübt.„Er iſt einer der ſchönſten und liebenswür⸗ digſten Männer, hoch und ſchlank, von herrlichſtem Anſtand und ritterlichem Weſen. Und die Poeſie liebt er und übt ſie aus, wie Frau Margaretha. Auch iſt er erſt 21 Jahre alt.“ —„Ganz in einem Alter mit ihr. Und wie ſie ſchon einen Gatten durch den Tod verloren hat, ſo er eine Gattin. Er ſoll die erſte Gemahlin ſehr geliebt haben, ſie war eine franzöſiſche Prinzeſſin und eine Freundin Margaretha's, mit der ſie am franzöſiſchen Hofe aufgewachſen war. Man ſagt, ſie habe ſterbend ihrem troſtloſen Gemahl Margaretha als zweite Ge⸗ mahlin empfohlen. Nun, ſo ſteht zu hoffen, daß er die zweite ebenfalls liebe. Sie iſt ja ſo ſchön und ſo gut.“ —„Ja, ſo ſchön und ſo gut!“ ſagte der Page wie im Traume.„Doch ich wollte Euch ja ihr Gedicht vom Tode ihrer Mutter vorleſen. Seht, ich habe mir alle ihre Gedichte abgeſchrieben und ergötze mich in einſamen Stunden daran. Ich liebe die Poeſie über Alles.“ Und er blätterte in ſeinem Taſchenbuche. Der Prieſter, den die langen Erzählungen ſeines Oheims nicht aus dem Bereich der ſchönen Augen der Frau Elevnvre zu vertreiben vermocht hatten, wurde nun doch noch von der peinlichen Ausſicht, ein Gedicht Ein deutſcher Leinweber. I. 5 66 Die ſchöne Kaufmannsfrau mit anhören zu müſſen, aus dem Felde geſchlagen. Er empfahl ſich kurz und haſtig, wie Alles, was er that, und murmelte im Weggehen in abgeriſſenen Sätzen Verwünſchungen über Dichter und Erzähler beiderlei Geſchlechts, dumme Pagen, liſtige Weiber und ſchreiende Vögel; denn die Papageien ließen ein gewaltiges Hohn⸗ gelächter hinter ihm drein erſchallen. von Antwerpen. 67 Piertes Rapitel. Im Vorzimmer traf der flüchtige Leutprieſter einen ihm wohlbekannten jungen Mann, der eben im Begriff ſtand, ſich bei der Hausfrau anmelden zu laſſen. Es war dies der Capitain eines portugieſiſchen Schiffes, das ſchon ſeit zwei Monaten auf der Schelde lag, eine gedrungene, magere, ſüdliche Geſtalt, die nur aus Haut, Sehnen und Knochen zu beſtehen ſchien, mit ei⸗ nem ſehr ausdrucksvollen Kopfe, den ein Kranz ſchlicht und gerade herabhängender, harter, pechſchwarzer Haare umgab. Ein Paar ſtechende ſchwarze Augen ſchleuder⸗ ten Blicke daraus, die— zumal einem guten flandriſch⸗ oder brabantiſch-deutſchen Gemüth— durch Mark und Bein, Geiſt und Seele gingen. Es ſchien faſt unmög lich, den Blitzſtrahl dieſes Kraft und Entſchloſſenheit verkündenden Auges ertragen zu können, wenigſtens lenkte Pater Innocenz, deſſen Augen es doch nicht an Frechheit fehlte, ſie bei Seite und ging mit einem kal⸗ ten, ſtolzen Gruße, der noch hochmüthiger erwidert 8 2 68 Die ſchöne Kaufmannsfrau wurde, an dem reich und phantaſtiſch⸗ſeemänniſch ge⸗ kleideten Portugieſen vorüber. Dieſe zwei jungen Män⸗ ner, Beide wilde und unzähmbare Naturen, ſtolz, trotzig, gebieteriſch, raſch und heftig und doch wieder vielfach verſchieden, nicht allein dem Stande, ſondern auch der Lebensweiſe und der Nativnalität nach, haßten ſich un⸗ ausſprechlich, und mußten ſich haſſen, und zwar einer Frau wegen, von der der Eine kam und zu der der Andere ging. Der Schiffscapitain warf dem Prieſter einen giftigen Blick nach und fuhr dann fort, mit der gegen ihn überaus freundlichen Dienerſchaft zu ver⸗ handeln. Während er nämlich an der Reihe männli⸗ cher und weiblicher Faullenzer vorüberging, befruchtete er jede Hand mit einem goldenen Saatkorn, dem das Bruſtbild ſeines großen Königs Emanuel aufgeprägt war, ein Samen, von dem er ſicherlich eine gute Ernte erwartete; denn kein Säemann ſäet aus ohne Hoffnung auf reiche Früchte, und keine Saaten gedeihen beſſer als die goldenen. Die ſchwarze Matty allein war nicht ſo freundlich mit dem Capitain wie mit dem Pagen, obgleich in ihre Hand, von den Uebrigen un⸗ bemerkt, zwei Goldſtücke fielen und dieſe Liebesgabe ſchon öfter von dem Portugieſen ausgetheilt worden war, der arme Page ihr aber noch nichts gegeben hatte. Die reiche Spende war kaum in Sicherheit gebracht, als Herr Peter und der Page aus der Thüre traten; denn die Vorleſung des Gedichts war eben vorüber von Antwerpen. 69 und der empfindungheuchelnde Kaufherr hatte ſich ſo ent⸗ zückt davon geſtellt, daß er den bis zu Thränen ge⸗ rührten Junker gebeten hatte, ihm eine Abſchrift davon auf der Schreibſtube zu machen. Und dahin waren ſie auf dem Wege. Van der Kapellen und der Schiffs⸗ capitain bekomplimentirten ſich ſehr ceremoniös; dann ſetzte jede Partei ihren Weg fort. Als der Portugieſe in das Cloſet der ſchönen Haus⸗ frau trat, zuckte ſein ganzes Weſen wie eine raſche und wilde Flamme mächtig empor. Sein gieriges, im unheimlichen Feuer ſüdlicher Sinnlichkeit glühendes Auge durchbohrte ſie, verſchlang ſie, und ſeine ganze zähe, ſtraffe, dunkelgefärbte Geſtalt hatte in dieſem Augen⸗ blick den Ausdruck des afrikaniſchen Tigers, der ſich eben auf die Beute zu ſtürzen anſchickt. Alle ſeine Nerven fibrirten ſichtbar; es war, als ob ihm kleine Schlangen unter der braunen Haut hinliefen, ſo raſch hob und ſenkte ſie ſich an vielen Stellen. Seine Lip⸗ pen waren ſo ſtraff nach hinten geſpannt, daß ſie die glänzend weiße Doppelreihe der ſchönſten Zähne voll⸗ kommen zeigten, die, wie zum blutigen Biß halb ge⸗ öffnet, ſich nach der Stelle zu ſehnen ſchienen, die das in Leonvrens Reizen wühlende Auge ſuchte, um ſich tief in ihr weiches, üppiges, roſenfarbenes Fleiſch ein⸗ zuſenken. Was brauchte dieſer junge Mann mit Wor⸗ ten zu reden, was er von dieſer Frau wollte? Deut⸗ licher als alle Worte ſprachen Auge, Mund, Hand, Die ſchöne Kaufmannsfrau die ganze Geſtalt. Auch verſtand Frau van der Ka⸗ pellen dieſe lautloſe Sprache vollkommen, und ſie ſchien ihr zu gefallen und Freude zu machen. Sie lächelte ihm geſchmeichelt und ſelbſtgefällig entgegen; aber die ſpöttiſchen Züge um ihren Mund traten ſtärker hervor und ſie ſprach in dem Tone, der zu dieſen Zügen ge⸗ hörte:„Ah, Capitain Magelhaens, Ihr kommt, um mir Lebewohl zu ſagen. Ihr habt endlich Eure La⸗ dung vollſtändig gelöſcht und gedenkt, bevor es böſes Herbſtwetter bei uns gibt, in Euer ſchönes Vaterland zurückzukehren, um mit dem neuen Frühling die neu⸗ entdeckte Waſſerſtraße nach Indiens Wunderlande zu ziehen. Wie beneidenswerth ſeid Ihr doch aus drei Gründen: erſtens, weil Ihr ein Mann überhaupt ſeid, zweitens, weil Ihr ein Portugieſe ſeid und drittens, weil Ihr ein portugieſiſcher Seefahrer ſeid.“ —„Grauſames Weib!“ rief der Seemann mit ei⸗ 3 ner Stimme, in der ſich Liebe und Grimm gleich lei⸗ denſchaftlich paarten.„Warum mir auch noch dieſer Hohn? Hütet Euch, daß er nicht Euch und mir zum Verderben werde!“ —„Wie? Ihr droht mir, Capitain!“ ſagte ſie ent⸗ rüſtet, und ihr Geſicht war plötzlich von einer düſtern Wolke überſchattet. —„O verzeiht, Donna!“ ſchmeichelte er augen⸗ blicklich umgewandelt mit ſüßer Stimme.„Ich weiß nicht mehr, was ich ſpreche, was ich thue vor Leiden⸗ von Antwerpen. ſchaft und Liebesglut zu Euch, grauſam ſchöne, unver⸗ gleichlich reizende, angebetete Frau! Ihr ſelbſt treibt mich ja auf's Aeußerſte. Ich werde faſt toll vor Liebe zu Euch und Ihr weiſet mich immer lächelnd zurück. Niemand weiß beſſer als Ihr,— denn ich hab' es Euch mehr als ein Dutzend Mal geſagt,— weshalb ich hier zwei Monate vergeblich liege und Geſchäfte heuchele, die längſt abgemacht ſein könnten, nur um vor den Au⸗ gen der Welt noch einen Anhaltepunkt zu haben, einen Entſchuldigungsgrund für mein langes Bleiben, damit man nicht im Hafen und auf dem Markt, auf den Straßen und in den Häuſern hier und in Liſſabon ſage: er liegt zu den Füßen der ſchönen Frau des Kaufmanns van der Kapellen, von ſüßen Banden feſt umſtrickt, und kann nicht fort. Und meinetwegen möchten ſie es ſa⸗ gen, wenn nicht Jeder mich glücklich prieſe und mich um ein Glück beneidete, danach ich bis jetzt vergeb⸗ lich geſtrebt habe, um ein Glück, während ich unaus⸗ ſprechliche Martern leide, um ein Glück mich, der ich auch nicht der kleinſten Gunſt von Euch mich er⸗ freue.“ —„Capitain, Ihr führt wieder die alte leiden⸗ ſchaftliche Sprache, die ich mir ſchon mehrmals von Euch verbeten habe, die ich als die Gemahlin Peter van der Kapellen's nicht anhören darf,“ verſetzte die Sirene halb ſtreng, halb lockend und darum doppelt verführeriſch. — 72 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Sagt nur das nicht!“ fiel ihr der Portugieſe in's Wort.„Nennt Euch nur nicht ſo pretiös die Gat⸗ tin dieſes Mannes. Es iſt unausſtehlich!“ —„Uund bin ich es denn nicht?“ lachte ſie. —„Spielt doch nicht Verſteckens mit mir, wie mit einem Kinde! Ihr wißt, ich bin nicht ſo dumm, wie manche Eurer— Landsleute; und da Ihr das wißt, ſo müßt Ihr auch wiſſen, was ich von Eurer Ehe mit Herrn Peter van der Kapellen zu halten habe. Das iſt und kann der Grund nicht ſein, weshalb Ihr meine heißen, ſtürmiſchen Bewerbungen ſtets mit lä⸗ chelnder Kälte zurückweiſet.“ —„Ich habe keinen andern, als meine eheliche Treue“— —„Ihr lügt, Ihr liebt einen Dritten“— —„Mein Herr, welche Unverſchämtheit! Ich ſag' Euch“— —„Ruhig, ſchöne Frau, und hört mich an!— Ich kam vor drei Monaten hierher; es war mein er⸗ ſter Ausflug an dieſe niederländiſchen Küſten; ich hatte viel von der Schönheit der Frauen dieſes Landes ge⸗ hört, und ich war begierig, ſie zu ſehen. Es ahnete mir, daß ich eine davon lieben würde; ich hatte ja noch kein Weib geliebt. Ich kam, ich ſah Euch und war im Augenblick bezaubert von Eurer Schönheit. Sie war über alle Beſchreibung, über alle Erwartung hinaus herrlich und verführeriſch. Euch galt die erſte auflo⸗ ——— von Antwerpen. 73 dernde Flamme meines Herzens und ich geſtand Euch meine Liebe. Ihr erwidertet: ich bin Euch nicht gram, Capitain Magelhaens, ich würde Euch wahrſcheinlich lieben, wenn ich nicht die Frau eines braven Mannes wäre, den ich nicht betrügen kann, nicht betrügen will. Erſpart meiner ehelichen Treue alle fernern Demonſtra⸗ tionen.— So voder ohngefähr ſo lauteten Eure öl⸗ ſanften und ölkühlen Worte, aber ſie floſſen auch recht wie Oel in meine Flammen und fachten ſie zu raſen⸗ den Rieſen an. Eleonore, Ihr liebt Euern Mann nicht; Ihr könnt ihn nicht lieben, und er würde auch dieſe Liebe nicht verdienen. Ich habe Euch beobachtet. Trotz der Leidenſchaft, die es durchfiebert, hat mein Auge doch Schärfe genug behalten, die Verhältniſſe um Euch zu ſehen, wie ſie ſind. Was ſag' ich! Das Auge der Eiferſucht ſieht doppelt ſcharf. Und mein Herz wird von den Qualen der Eiferſucht verzehrt. Dieſer Pater Innocenz, Euer Beichtvater“— 3 —„Sprecht das unwürdige Wort nicht aus, Ca⸗ pitain! Es iſt ein ſcheußlicher, erbärmlicher Verdacht von Euch. Ich gab Euch kein Recht, alſo mit mir zu reden, und ich will Euch nicht länger anhören.“ Dieſe Worte ſprach ein ungeheuchelter Zorn, eine wirk⸗ liche Entrüſtung aus Frau van der Kopellen. —„Laßt mich ein letztes Wort zu Euch reden!“ begann der Seemann mit gedämpfter, ſchier unheimlich klingender Stimme.„Ich kann ohne Euern Beſitz nicht 74 Die ſchöne Kaufmannsfrau leben. Jagt mich nicht in den Tod. Flieht mit mir aus dieſem Hauſe, wo Euch aus all' dem gleiſenden Hageprunk nur der Ekel und die Langeweile eines ſchläfrigen, reizloſen Eheſtandes angähnt. Wandelt mein Schiff durch Eure Gegenwart zum Feentempel der Liebe um. Seid die wohlthätige Fee dieſes Tem⸗ pels! Unſichtbare Liebesgötter ziehen es nach den fer⸗ nen, blühenden Geſtaden des Ganges. Dort, Elev⸗ nore, dort unter einem reinern und ſchönern Himmel, auf einem reichern und reizendern Boden will ich dir einen Palaſt bauen, wie das Schloß einer Königin, mitten in ein Paradies hinein und angefüllt mit allen Schätzen, die Kunſt und Natur ſpenden. Du ſollſt nichts, gar nichts entbehren, was du hier haſt, du ſollſt tauſendmal mehr haben, und die Liebe wird dort erſt über Alles ihre zauberhaften Tinten ausgießen. Sei meine Göttin, Elevnore! Dein Haus ſei ein Tem⸗ pel und auf dem Altar deſſelben, deinem Herde, lo⸗ dere die heiße, nie verlöſchende Flamme meiner Liebe und verkläre unſer Leben.— Nein, unterbrich mich nicht! Ich weiß, was du ſagen willſt. Laß mich dei⸗ nen Einwürfen begegnen und ſie heben, eh' ſie ausge⸗ ſprochen ſind. Du wirſt meine Gemahlin, mein eheli⸗ ches Weib. Meine Familie iſt reich, vornehm und an⸗ geſehen; ſie iſt eine der erſten des Landes und gilt viel beim Könige. Und der König wird auf ihren Be⸗ trieb beim heiligen Vater in Rom die nöthigen Schritte von Antwerpen. 75 thun, daß dieſes dir widerwärtige Eheband aufgelöſt und dafür das unſrige geknüpft werde. Mein Schiff liegt ſegelfertig; es wartet nur darauf, dich aufzuneh⸗ men, um ſogleich die Anker zu lichten. Elevnore, laß dich erbitten! Folge mir zu Glück und Liebe!“ Der junge, feurige Mann hatte in der Begeiſterung alle Tonarten der Bitte und Ueberredung, vom rüh⸗ rendſten, weichſten Flehen, wie man es ihm kaum zu⸗ getraut hätte, bis zur ſtürmiſchen, wilden Beſchwörung, bis zur Gewalt der Leidenſchaft, die ſeinem Weſen angemeſſener war, abwechſelnd angeſchlagen und heftete nun das düſter glühende Auge mit geſpannter Erwar⸗ tung auf die lächelnden Züge des reizenden Gegen⸗ ſtandes dieſer Bewerbungen. Aber dieſe eitle Frau verſetzte mit der alten, glatten, lächelnden Ruhe:„Ca⸗ pitain, ich werde Euch nicht folgen. Gott Lob! daß mir Ueberlegungskraft geblieben iſt, einzuſehen, daß das, was Ihr mir als Glück ſo reizend ſchildert, gar leicht mein größtes Unglück werden könnte. Nein, nein! Ich bin die Frau Peter van der Kapellen's und will es bleiben.“ —„Iſt das Euer letztes Wort?“ fragte der See⸗ mann mit wildaufkochendem Zorne. —„Es war mein erſtes auf Euer verführeriſches Minnewerben; es iſt auch mein letztes.“ Die Wuth des Tigers blitzte wieder aus Magel⸗ haens' Augen; ſeine Fäuſte ballten ſich krampfhaft; es 76 Die ſchöne Kaufmannsfrau war einen Augenblick, als wollte er ſich auf ſie ſtür⸗ zen, um ſie zu zerfleiſchen, aber im nächſten Augenblick ſtand er ſchon, keines Wortes fähig, in der Thüre und war den Augen der unbeſorgten Frau entſchwunden, ehe ſie ſich's verſah. Sie trillerte ein leichtfertiges Liedchen, warf Hund und Katze übereinander, fütterte die Papageien mit Ho⸗ nigbrot und machte ſich mit ihren Blumen in iſchen, die ihre Fenſter ſchmückten, zu ſchaffen. von Antwerpen. 77 Cünftes Rapitel. Einige Minuten darauf ſprang der Archidiakonus wie⸗ der, nach Art ungezogener Buben, durch die ſchnell aufgeriſſene Thür in's Zimmer. —„Na, endlich iſt's leer bei Euch, ſchöne Baſe!— Aber der portugieſiſche Galgenſtrick— ärgert mich noch mehr— als der alberne tyrvler Bub“— —„Ihr braucht Euch über keinen zu ärgern, mein Vater“— —„Gebt mir nicht dieſen Namen— wenn wir unter vier Augen ſprechen.— Ich mag ihn nicht hö⸗ ren aus Euerm Munde.— Gebt mir einen zärtlichern, — einen ſüßern.— Bitte— einen Kuß, Eleonore!“— —„Ich will nicht! Laßt die Kindereien, Innocenz! Aber hört, ich will Euch einen Auftrag geben.“ —„Sag' an, vergötterte Frau— um deren Beſitz ich zum Antichriſt ſchwören würde.— Sag' an, ich renne durch's Feuer für dich um einen ſündhaften Kuß von deinen Purpurlippen.“ Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Geht und faßt das Schiff dieſes portugieſiſchen Narren in's Auge. Ich hoffe und wünſche, er wird nach der heutigen Lectivn die Segel deſſelben ſogleich dem Tajo zufliegen laſſen. Geht und bringt mir ſofort Kunde, wenn er die Anker gelichtet hat und die Schelde hinabfährt.“ —„Ha, alſo fort muß er, unerhört, unbegün⸗ ſtigt?!— Das iſt Engelsgeſang für mich!— Ihr liebt ihn nicht, dieſen ſchwarzen, ſchönen Teufel?— Keine Botſchaft bring' ich Euch lieber— und ich will eine Meſſe mehr leſen— wenn mir das ſtolze Schiff — mit ſeinem unausſtehlichen Herrn— aus den Au⸗ gen iſt.— Wahrlich, ich dachte ſchon daran— das verdammte Schiff in Brand zu ſtecken— und den dür⸗ ren Waſſerhund— drauf zur Kohle zu brennen— wenn ich nur dran gekonnt hätte.“ —„Chriſtliche Geſinnung eines chriſtlichen Prie⸗ ſters!“ ſpottete Elevnore. „Aber nun ſpielt auch nicht länger die Spröde gegen— Eleonore, du weißt, wie ich dich liebe! — Mach' mir den abgeſchmackten Einwulf von Sünde nicht— und halte mir nicht kalte, thörichte Märchen als Schild entgegen— wenn ich dir ein glühen⸗ des Herz an die Bruſt werfe.— Narrheiten!— Ich kann dir— kraft meines Amtes— alle und jede Sünde vergeben— noch eh' ſie begangen iſt— und den Prieſter lieben— heißt die Kirche lieben— denn von Antwerpen. 79 der Prieſter iſt die Kirche.— Auch iſt dem Himmel— wie du weißt— ein reizendes, verlornes und wieder⸗ gefundenes Schäfchen lieber— als die ganze Heerde dummer Schafe— von der kein's jemals Veranſtal⸗ tung traf— auch ein Mal verloren zu gehen.— O, dies ſich Verlieren iſt ſo ſüß!— Es gibt nichts Süßeres und Schöneres im Himmel und auf Erden.“ —„Chriſtliche Geſinnung eines chriſtlichen Prie⸗ ſters!“ höhnte Eleonore noch ein Mal. —„So wahr mir der Herr helfe, ich will nicht länger Beichtvater und wohlbeſtallter Archidiakonus an der Domkirche ſein, wenn Ihr mir nicht lieber ſeid, reizende Frau, als das ganze Chriſtenthum!“ rief der Prieſter trunken von Leidenſchaft, und ſeine Zunge war plötzlich ſo geſchmeidig geworden und ſeine Rede ſo fließend, daß er auch nicht ein einziges Mal ſtockte oder ſtammelte.„Für die Menge der Pfaffe— für dich, Eleonvre, der Menſch, der liebende, geliebte Menſch, entkleidet all' des Firlefanzes und der geiſtlichen Schel⸗ lenkappe, die ich wenigſtens bei dir nicht raſſeln hö⸗ ren mag: das wäre ein unausſprechliches Glück für mich. Aber nicht wahr,“ fuhr er ſchneidend fort und fing wieder zu ſtammeln und zu ſtocken an—„dazu müßte ich ein ſchönerer Mann ſein— ein ſchönerer— als ich bin.— Den kleinen ſchwarzen Portugieſen— ſchickt man wol fort— aber nicht den ſchönen, großen, ſtolzen— Erzherzog“— 80 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Innocenz“— —„Denkſt du, ich wüßte nicht— wie verliebt er in dich iſt?— Ha— als er das letzte Mal hier war— hab' ich Euere Augen beobachtet.— Jeder ſei⸗ ner Blicke forderte Liebe von dir— jeder der dei⸗ nigen gewährte ihm Liebe.— Ein ſchmachtender Minne⸗ knab— der ſchönſte Jüngling ſeines Landes.— Pah— und Ihr ſeht die Gefahr nicht— die Euch umlauert — Euch erwartet— Euch verderben wird— wenn Ihr nicht einen Freund— einen Beſchützer des heim⸗ lichen Minnedienſtes habt— und wer iſt dazu geeig⸗ neter als ich— Euer Beichtvater?— Unter meinem Schirme wärt Ihr vor jedem Verrath geſichert— jede Entdeckung wäre unmöglich.— Und was verlang' ich denn für ſo wichtigen und verſchwiegenen Dienſt? — Darf und kann er im Ernſt Treue von Euch verlangen— er, der alle ſchöne Frauen liebt und jede küßt, deren Mund er haben kann?— Und endlich: kann ich Euch nicht die Sünde vergeben— die Ihr mit ihm begeht?— Ja, iſt ſie nicht ſchon dadurch vergeben, daß Ihr den Prieſter des Herrn die Lippen küſſen und dadurch wieder reinigen und heiligen laßt, auf denen noch das unlautere Feuer ſeiner Küſſe brennt? Was bedenkt Ihr Euch noch? Schlagt ein und macht mich zu Euerm Beſchützer und Verbündeten!“ Der liſtige Verſucher hielt ihr die Hand hin. Sie hatte ihm aufmerkſam und nachdenkend zugehört. Der von Antwerpen. 81 Vorſchlag ſchien ihr nicht zu misfallen. Aber ſie zö⸗ gerte noch einen Augenblick— und Matty öffnete die Thüre und ließ einen bleichen, blonden, jungen Mann hereintreten oder vielmehr hereinſchlüpfen; denn es war, als betrete er kaum den Boden. —„Ha, hier kommt Meiſter van der Voort,“ nahm der Prieſter ärgerlich das Wort,„gewiß um Euch Unterricht zu geben. Ihr werdet noch eine große Ma⸗ lerin werden.“ —„Das leidet keinen Zweifel,“ ſagte der Meiſter ſanft und weich mit einem ſeelenvollen und gutmüthi⸗ gen Lächeln,„denn ſie iſt es ſchon, und ihre Bilder werden einſt eine Zierde der niederländiſchen Maler⸗ ſchule genannt werden.“ —„Ei, Meiſter Martin,“ ſagte Eleonore ver⸗ weiſend,„aus Euerm Munde befremdet mich die Schmeichelei. Wenn mein Vater früher behauptete, ich werde einſt eine genannte Malerin werden, ſo be⸗ ſtach ihn die väterliche Eitelkeit zu dieſem unreifen Ur⸗ theil. Aber was könnte Euch wol beſtechen?“ In das bleiche Geſicht des Malers ſtieg eine flüch⸗ tige Röthe; er heftete ſchweigend und verlegen das Auge an den Boden. —„Wir ſprechen von der verhandelten Angelegen⸗ heit ein ander Mal,“ ſagte der Archidiakonus jetzt ungeduldig und empfahl ſich mit ſeiner gewohn⸗ ten Haſt. Ein deutſcher Leinweber. I. 6 82 Die ſchöne Kaufmannsfrau Eleonore trat mit dem Meiſter durch die Thüre, hinter welcher ſie vorher den kleinen Brief des Erz⸗ herzogs geleſen und die Antwort darauf geſchrieben hatte. Und ſie ſtanden in einem ſehr ſchön eingerichte⸗ ten, mit Bildern und Skizzen der mannigfachſten Art behangenen Maleratelier, das zugleich Schlafzimmer der Künſtlerin und, wie es ſchien, das Allerheiligſte im Hauſe war; denn hier empfing ſie keine Beſuche. Ein Paar Staffeleien ſtanden umher, auf ihnen ange⸗ fangene Bilder; eine Harfe lehnte an der Wand, zum Beweiſe, daß die Hausfrau auch die edle Muſica pflege. Der Maler ſtellte die Staffelei zurecht und rückte den Seſſel für ſeine Schülerin. Dazu lächelte er im⸗ 1 mer ſtill und ſchmerzlich in ſich hinein. —„Euch iſt heute etwas Angenehmes begegnet, Meiſter Martin. Ihr ſeht ſehr vergnügt aus.“ —„Angenehmes?“ fragte der Maler, und die Frage klang faſt wie ein Vorwurf, und zwiſchen durch ſtahl ſich ein Seufzer aus ſeiner Bruſt und ſein rei⸗ nes, ſchönes, blaues Auge füllte ſich mit Waſſer. Dazu lächelte er aber immer noch.„Mir begegnet auf Er⸗ den nichts Angenehmes mehr. Ich dachte nur über Eure letzten Worte nach.“ —„uUeber meine Worte? Was hab' ich geſagt, das Euch ſo heiter ſtimmen kann, Euch, der immer ſo traurig iſt? Ich will in dem Kapitel fortfahren. Helft mir nur wieder auf die Sprünge.“ von Antwerpen. 83 —„Ihr fragtet, was mich wol beſtechen könnte, Euer Malertalent für ein bedeutendes zu erklären 2 Wenn ich mich irren ſollte, ſo wäre es mir noch weit eher zu verzeihen, als Euerm Vater. Und dieſe Be⸗ trachtung zwingt mir dies bittere Lächeln in's Geſicht, ein heiteres iſt es nicht.“ —„Ach, Ihr könnt gar nicht bitter lächeln, dazu ſeid Ihr zu gut, lieber Martin. Aber laßt das! Ich verſtehe ſchon. Es iſt das alte, traurige Lied wieder. Ihr müßt das vergeſſen, Martin.“ —„Vergeſſen! Ja, wer vergeſſen könnte! O, ſagt mir, wer mich dieſe Kunſt lehrt, und ich will auf den Knien zu dieſem größten Wohlthäter der Menſchheit rutſchen und wenn er tauſend Meilen von hier wohnt, damit ich ſeines Segens theilhaftig werde und mein todtkrankes Herz geneſe, indem es vergißt!“ —„Ihr dauert mich,“ ſagte ſie leichtſinnig,„aber ich kann Euch nicht helfen.“ —„Freilich konnteſt du das nur, als es noch Zeit war,“ ſagte der Maler flüſternd, und der reſignirende Schmerz in ſeinen Zügen nahm einen poſitiven und entſchloſſenen Charakter an.„Und als ich nach dem Kranz griff, der deiner Verſicherung nach für mich gewunden war, als ich ſeligen Herzens die Hand da⸗ nach ausſtreckte, um mir die liebeglühenden Schläfe damit zu kühlen, da gabſt du ihn dem reichen Manne, der dir Geld dafür bot, kein Herz, keine Seele, nicht 6* Die ſchöne Kaufmannsfrau einmal einen heißern, raſchern Pulsſchlag; nein, kal⸗ tes, todtes, elendes Geld und erbärmlichen Flitter und Tand. Und den alſo erkauften Kranz hing er prunkend in ſeinem Hauſe auf. Das war Alles. Iſt's ein Wun⸗ der, wenn er dürr und welk geworden iſt und ſeine Blätter unangenehm raſcheln? Ich hätte ihn an mei⸗ nem Herzen gepflegt und grün erhalten, o wie lange! Aber der arme Maler mag hingehen und ſich verzeh⸗ ren in Liebesgram und Schmerz, was kümmert das meine Frau van der Kapellen?!“ Der unglückliche junge Mann brach hier in ein lau⸗ tes Schluchzen und Weinen aus, das er vergebens be⸗ müht geweſen war, zu unterdrücken. Eleonore betrachtete ihn ſchweigend mit mitleidigen Blicken. Als er wieder gefaßter ſchien, ſagte ſie ru⸗ hig:„Ihr habt die Bedingung nicht erfüllt, Meiſter Martin, unter der allein ich Euch zum Lehrer annahm. Es war Euer Wunſch, nicht der meinige, mich zu un⸗ terrichten. Bedenkt das wohl!“ —„Ich weiß, ich weiß! Weil ich ſterben muß, wenn ich ganz von dir verbannt bin, grauſames, ge⸗ liebtes Weib! So komm' ich doch in den Bereich dei⸗ ner Zauberblicke, ich kann doch den Athem einſchlürfen, den du aushauchſt, ich kann meine Augen an deiner göttlichen Geſtalt weiden. Deshalb bat, beſchwor ich dich um dieſe einzige Gunſt. Du gewährteſt ſie unter der Bedingung, dir nie von meiner Minnebrunſt zu von Antwerpen. 85 reden. Ich verſprach Alles, nur um wöchentlich ein Mal eine einzige— ach wie flüchtige!— Stunde um dich zu ſein. Aber ich kann mein Verſprechen nicht halten; es iſt unausſprechliche Wonne, um dich zu ſein, Eleonore, und eben ſolche Qual, dir nicht ein⸗ mal ſagen zu dürfen, was ich für dich fühle.“ —„So kann ich ferner Euern Uaterricht nicht mehr benutzen.“ —„Grauſame! Entſetzliche!“ rief der Maler er⸗ ſchrocken.„Ich will ja ſchweigen, ſchweigen bis mir das Herz bricht, nur verbanne mich nicht! Barmherzi⸗ ger Gott, nur das nicht! Ich muß ja vergehen und ſterben an dieſer Liebe, ob ſo oder ſp. Nun, ſo will ich wenigſtens im keuſchen Minnedienſt das langſam tödtende, ſüße Gift aus Deinen Blicken trinken und vor dir hinwelken, wie eine Blume im heißen Son⸗ nenſtrahl ohne einen Tropfen Regen oder Thau.“ —„Martin, laßt mich ein ruhiges, ernſtes Wort zu Euch reden! Ich würde es nicht, wenn Ihr mir nicht werth wäret. Ihr ſeid der Schüler meines Va⸗ ters und mein Jugendbekannter„und Ihr wünſchtet, daß ich Euer Weib werden möchte. Ich war auch gar nicht abgeneigt, dieſen Euern Wunſch zu erfüllen; aber wohl gemerkt! es war nicht mein Wunſch. Ich glaube, daß Ihr mich liebt, aber die Gefühle, die Ihr mir ſchildert, hatte und hat mein Herz nicht für Euch. Ich war Euch gut, aber ich liebte Euch nicht. Meine Auf⸗ 86 richtigkeit thut Euch weh, ich weiß es, aber ich kann doch nicht lügen. Ihr macht mir zum Vorwurf, daß ich einen reichen Mann geheirathet habe, der mich nicht liebt, den ich nicht liebe; aber iſt es nicht an und für ſich beſſer, als wenn ich Euer Weib geworden wäre, ohne Eure Liebe erwidern zu können? Mein Gemahl verlangt keine Liebe von mir, aber Ihr hät⸗ ket ſie verlangt; mein Gemahl iſt nicht unglücklich dar⸗ über, daß ich ihn nicht liebe, aber Ihr wäret es in dieſem Falle geworden. Und nun bedenkt, was ich meinem armen Vater ſchuldig war, der meine Verbin⸗ dung mit Herrn Peter van der Kapellen wünſchte und deſſen Alter dadurch in eine glückliche, ſorgenfreie Lage verſetzt worden iſt. Bedenkt, daß das Augenlicht die⸗ ſes Mannes erliſcht, daß er faſt blind iſt und— arm, wie er ſtets war— nichts mehr durch ſeine Kunſt er⸗ werben kann, und daß ich noch jüngere Geſchwiſter habe, die auch erzogen ſein wollen! Welch großer Nutzen iſt aus meiner Verheirathung dieſen meinen Geſchwiſtern erwachſen! Doch Ihr wißt ja das Alles, was brauch' ich es Euch zu ſagen. Und nun ſeid bil⸗ lig und gerecht. Quält mich nicht länger. Beſucht nach wie vor unſer Haus; mein Ehewirth heißt Euch gern willkommen; ich ſchätze in Euch den werthen Ju⸗ gendfreund, den Künſtler, den Lehrer und erfreue mich Eures Unterrichts. Verlangt nicht mehr von mir, als was ich gewähren kann; denn das, was ich kann, ge⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau von Antwerpen. 87 währ' ich Euch ja gern mit Wohlwollen und Freund⸗ lichkeit.“ —„Ich erkenne dankbar Eure Güte und werde nicht wieder gegen Euer Gebot ſündigen,“ ſagte der Maler gefaßt und mit Reſignativn. Er reichte ihr Palette und Pinſel und ſchob das in Arbeit befindliche Bild in die rechte Stellung auf der Staffelei. Die Schilderei ſtellte Erzherzog Philipp's Uebernahme der Regierung der Niederlande vor, wie ſie 1494 zu Lö⸗ wen in der Hauptkirche zu St. Peter ſtattgefunden hatte, und man ſah darauf den König Marimilian, den ſechzehnjährigen Erzherzog Philipp, ſeine Schweſter Margaretha, die hohe Geiſtlichkeit, die Abgeordneten der Städte und das Hofgefolge. Das Meiſte war noch in der Anlage und nur die Figur des Erzherzogs, wie er eben vor dem Hochaltar den Eid ſchwört, mit großer Liebe in ſeiner jugendlichen Schönheit vollſtän⸗ dig ausgearbeitet. —„Ich bringe Euch heute die Conterfeis vom kurzweiligen Rath des Königs, Kunz von der Roſen, und vom jungen Pfalzgrafen Friedrich, obgleich, wie ich auf das genaueſte erkundet habe, dieſer Herr vor ſieben Jahren noch nicht am burgundiſchen Hofe war, ſondern erſt ſeit fünf Jahren der Freund und Hofherr des Erzherzogs iſt.“ —„Dies hält mich nicht ab, ihn dennoch auf dem Bilde als Anweſenden darzuſtellen,“ verſetzte Eleonore. 88 Die ſchöne Kaufmannsfrau „Er iſt dem Erzherzog der liebſte und theuerſte Be⸗ gleiter und treueſte Freund, und es wird Seiner Ho⸗ heit gewiß Freude machen, ihn auf dem Bilde zu fin⸗ den. Er wünſcht es ſogar.“ —„Er wünſcht es? Alſo weiß der Erzherzog von Euerm Gemälde, das Ihr vor aller Welt verborgen haltet?“ —„Nun ja; ich habe ihm davon geſagt,“ entgeg⸗ nete die Malerin verlegen.„Zeigt her, die Cynter⸗ feis! Sie ſind trefflich. Kunzens Schalksnarrengeſicht werd' ich mit größtem Fleiß malen. Er gefällt mir baß, der luſtige Schellenkönig.“ —„Elevnore,“ ſagte der Maler ernſt,„Ihr wollt mir ausweichen. Aber glaubt mir, ich habe Euch er⸗ rathen, als Ihr das Bild des ſchönen Erzherzogs ſo trefflich maltet. Es gibt kein beſſeres Conterfei von ihm. Solch ein Bild kans nur Liebe malen, und wenn es eine Frau malt, dann braucht man zur Erklärung keines Wortes.“ —„Ei, Meiſter Martin van der Voort,“ ſagte die Frau trotzig und den Kopf ſtolz in den Nacken werfend,„Ihr erlaubt Euch, mir den Text zu leſen, als wäret Ihr mein Ehewirth oder Beichtvater, oder als ſtände Euch ſonſt ein Recht zu, mit mir zu mau⸗ len über dies und das, was Euch nicht an mir gefällt. Waos ging' es Euch an, mein geſtrenger Meiſter, wenn mir der Erzherzog beſſer gefiele als Ihr, obgleich ich von Antwerpen. 89 nicht weiß, wie Ihr das aus dieſem Bilde ſchließen wollt.“ —„Euer aufbrauſender Zorn würde mir die Wahr⸗ heit meiner Annahme verrathen, wenn es nicht das Bild gethan hätte,“ entgegnete der Maler ruhig. „Doch habt Ihr vollkommen recht; es geht mich nichts an und Ihr werdet mir nicht einmal die Stimme ei⸗ nes warnenden Freundes zugeſtehen wollen. Und den⸗ noch treibt mich mein Herz, Euch zu warnen. Ich kann's nicht unterlaſſen, ſelbſt auf die Gefahr Euers größern Zorns. Hört auf die Stimme des Jugend⸗ freundes: laßt Euch nicht von der Schönheit und Zier⸗ höfelei des Erzherzogs bethören.“ —„Behaltet Eure gutgemeinte Warnung für Euch, Meiſter! Eine Frau von reiner Tugend und ſtrenger Sitte, wie ich mich rühmen darf zu ſein, bedarf ſol⸗ cher Ermahnungen und Lehren nicht. Doch wenn Ihr den Rath nicht bei Euch behalten könnt, ſo geht und ſucht leichtfertige Weiber ufz es iſt in Antwerpen kein Mangel daran.“ —„Nein, Euch gilt er, Elevnore; keiner Andern. Ein merkwürdiger, bedeutungsvoller Traum hat mich erſchreckt. Hört ihn an; ich will ihn Euch erzählen und kein Wort weiter hinzufügen. Thut dann, was Ihr nicht laſſen könnt. Wenn Euch hernach ein Un⸗ glück begegnet, ſo hab' ich mir keinen Vorwurf zu machen, als hätte ich die geheimnißvolle, höhere 90 Die ſchöne Kaufmannsfrau Stimme, die an mich ergangen iſt, nicht an Euch ge⸗ langen laſſen.“ —„Ein Traum! O erzählt!“ rief Frau van der Kapellen wieder munter.„Ich höre Träume und Ge⸗ ſpenſtergeſchichten gern; mein würdiger Ehegeſpons hat mich angeſteckt.“ —„Ich ſchlief geſtern mit bekümmerten Gedanken an Euch ein. Ihr ſeid ja Abends mein letzter, früh mein erſter und den Tag über ſchier mein einziger Ge⸗ danke. Nun begegnet es mir gar oft, daß ich in der Nacht von Euch träume und mich eines unausſprechlich füßen Glücks erfreue, dem die Wirklichkeit grauſamen Hohn ſpricht. Diesmal erſchien mir aber Euer liebli⸗ ches Bild in anderer Bedeutung. Ich ſah Euch in ei⸗ nem hohen, fürſtlichen Zimmer prächtig geputzt an der Staffelei vor dieſem Bilde ſitzen und emſig malen. Es ſchlich aber eine große, buntgefleckte Katze, ein tückiſches, abſcheuliches Thier, um Euch herum und betrachtete Euch neugierig. Plötzlich ſaht Ihr das Con⸗ terfei des Erzherzogs im Bilde mit liebeleuchtenden Aügen an und lächeltet ihm ſelig zu und beugtet Euch nieder, das Bild inbrünſtig auf den Mund zu küſſen. Und ſiehe, von Euerm heißen Kuſſe belebt, trat der gemalte Fürſt aus der Leinwand heraus und war der wirkliche, lebendige Erzherzog, warf ſeine Arme Euch um Hals und Hüften und herzte und küßte Euch innig⸗ lich. Darüber löſte Euer blondes Haar ſich aus dem von Antwerpen. 91 Knoten und ſtürzte in prächtigen Lockenwellen hinten hinab bis zur Erde. Die Katze ſprang hinzu und hä⸗ kelte an dem Haare und krallte ſich darin feſt und klet⸗ terte daran empor, bis ſie auf Eurer Schulter ſaß. Da war der Erzherzog im Augenblick wieder in der Leinwand und die Katze ſprang Euch auf den Buſen und hieb Euch mit beiden Vorderpfoten in's Geſicht. und grub ihre ſcharfen, ſpitzen Krallen tief in das Fleiſch Eurer Wangen, in Naſe und Mund, daß es fetzenweiſe herabhing und das Blut ſtromweiſe auf Eure Kleider rann. Ihr aber ſchrieet ganz jämmerlich dazu, daß ich darüber erwachte.“ Eleonore war unruhig geworden.„Und was ſoll mir der Traum? Was hab' ich mit einer böſen Katze zu ſchaffen?“ Mit nachdrucksvoller Stimme ſagte der Maler: „Die Katze trug unverkennbar die Züge der Erzherzo⸗ gin⸗Infantin Johanna, der Gemahlin des Erzherzogs Philipp, und ich wußte des Traumes, daß ſie es ſelber war.“ —„Poſſen!“ rief die erbleichende Hörerin, aber das Wort wollte ihr nicht recht aus dem Munde. ſeid auch bei Nacht ein düſterer Träumer, wie bei Tage. Geht mir doch mit der dummen Katzengeſchichte und ſagt mir lieber ernſtlich und feſt, wann werdet Ihr endlich Euer Verſprechen erfüllen und die Außen⸗ wand unſeres Hauſes mit Eurer kunſtfertigen Hand — 92 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſchmücken? Mein Gemahl mahnt mich faſt täglich, Euch anzutreiben. Das ganze Haus iſt fertig und glänzt von Pracht und Herrlichkeit. Herr Peter hat kein Geld geſpart, ſich aus allen Weltgegenden das Beſte und Köſtlichſte zu verſchaffen, um es in ſeinen Wän⸗ den aufzuſtellen, und gerade nach der Straße zu, wo er ihm den höchſten Glanz geben will, ſieht es noch immer unſchimmer aus, und ein ſchlechtes Bild von der Geburt unſeres Erlöſers verunſtaltet die Wand. Ihr habt andere Häuſer in Antwerpen und Brüſſel mit köſtlichen Schildereien bemalt und das muß noch immer auf Euern Pinſel warten.“ —„Habt Ihr Euch denn entſchloſſen, welch eine Schilderei am Hauſe prangen ſoll? In der That, die* Verzögerung hat mehr an Euch als an mir gelegen.“ —„Wir ſind des einig geworden, Herr Peter und ich, und ich hab' Euch deshalb einen Abriß unſerer Gedanken auf ein Blatt gezeichnet. Seht hier, Mei⸗ ſter! Wir wollen keine Geburt Chriſti oder ſonſt eine bibliſche Geſchichte wieder am Hauſe haben, wie man ſie jetzt an allen Wänden ſieht. Wir haben uns etwas Neues und Abſonderliches ausgedacht. Es iſt die Ent⸗ deckung der neuen Welt durch den Genueſer Cvlombv. Das iſt eine Sache, von der jetzt Jedermann ſpricht, die alle Herzen bewegt und die an das Haus eines Kaufmanns gehört, der ſeine Schiffe bald in die neue Welt zu ſchicken gedenkt. Das Schickſal hat es wun⸗ von Antwerpen. 93 derlich gefügt, daß unſer Erzherzog König von Spanien werden wird. Mein Gemahl baut darauf große Pläne und gedenkt ſeinen Reichthum in der neuen Welt noch beträchtlich zu vermehren, wenn Philipp erſt die ſpa⸗ niſche Krone auf dem Haupte haben wird. Darum ha⸗ ben wir dieſe Schilderei gewählt, die dem Erzherzog gefallen muß. Auf das rechte Wandfeld kommt das Meer mit dem Schiff des Colombo; man ſieht ihn und ſeine trotzigen Gefährten auf dem Verdeck; in der Ferne erblickt man das Land der neuen Welt. Auf dem lin⸗ ken Felde ſoll man die Königin Iſabella von Caſtilien, die hohe Beſchützerin Colombo's, und den König Fer⸗ dinand von Arragonien, ihren Gemahl, das königliche Elternpaar unſerer Erzherzogin, auf dem Throne bei⸗ ſammenſitzen ſehen; an den Stufen des Thrones den heimgekehrten Chriſtophoro Colombo, wie er eben dem ſpaniſchen Königspaar die Karte des neuen Landes überreicht. In das Giebelfeld malt Ihr die heilige Jungfrau Maria, Colombo's Patronin, wie ſie ihm den Weg nach Weſten über das Meer zeigt.“ —„Der Gedanke iſt vorzüglich ſchön!“ rief der Maler und ſeine Augen ſtrahlten vom Feuer künſtleri⸗ ſcher Begeiſterung.„Und wahrlich, wenn er es nicht ſchon zur Genüge darthäte, daß Ihr eine tüchtige Künſtlerin ſeid, der Aufriß hier würde Jeden davon überzeugen. Ich habe eine Arbeit vor, die ich dieſe Woche noch zu beendigen hoffe; dann ſchlage ich ſo⸗ 94 Die ſchöne Kaufmannsfrau gleich das Gerüſt an Euerm Hauſe auf, meine Frau, und ich werde mit zwiefacher Liebe ausführen, was Ihr entworfen.“ Sie reichte ihm die Hand, die er inbrünſtig küßte; dann nahm ſie Palette und Pinſel und trug die Far⸗ ben, die er ihr miſchte, auf die Leinwand; während ſie malte, hing ſein Auge verklärt und wonneſtrah⸗ lend an ihren reizenden Zügen. von Antwerpen. 95 Sechstes Rapitel. Es waren noch wenige Tage über eine Woche verſtri⸗ chen ſeit dem Vormittage, an welchem jene Geſpräche im Hauſe des reichen Kaufherrns Peter van der Kapel⸗ len zu Antwerpen geführt worden waren, als um die⸗ ſelbe Tageszeit in das geräumige und hohe Vorzimmer der erzherzoglichen Gemächer in der ſtattlichen und prächtigen herzoglichen Hofburg zu Brüſſel ein langer, ſchlicht gekleideter Mann mit ſeinem Knecht eintrat und ſich beſcheiden gegen die anweſenden Hofherren, Offi⸗ ziere, Edelleute, junge Pfaffen und Pagen verneigte, die theils in der freundlichen Herbſtſonne an den hohen Spitzbogenfenſtern, theils um das Kaminfeuer ſchwaz⸗ zend lungerten vder ſich die Zeit— das einzige koſt⸗ bare Gut, das ſie im Ueberfluß beſaßen— mit Bret⸗ und Kartenſpiel vertrieben. Der Fremde war ein Mann in den angehenden vierziger Jahren, doch hatte die letzte Blüte männlicher Jugend, welche in dieſen Jah⸗ ren zu treiben pflegt, ihm ſchon Valet geſagt, und die 96 Die ſchöne Kaufmannsfrau dunkelblonden Haare, die ſchlicht unter ſeinem unſchein⸗ baren, mit Marderpelz verbrämten Tuchbaret am Ko⸗ pfe herabhingen, hatten ſchon eine ſtarke graue Bei⸗ miſchung. Auch das Geſicht trug Spuren von ſchwe⸗ ren Leiden oder ſchweren Mühen; es war bleich, ein⸗ gefallen und ſtarkhervortretende Backenknochen beherrſch⸗ ten daſſelbe. Man mußte es unſchön nennen, es hatte unbedeutende Züge dieſes Geſicht, ſtark markirte und verzwickte, Zeit und Charakter hatten darin ihre Pflug⸗ ſchar auf⸗ und abziehen laſſen. Die lange, dürre, ſtarkknochige Geſtalt neigte ſich etwas vorwärts und der Kopf ſenkte ſich der Bruſt zu, wodurch der ganze Mann einen Ausdruck von Beſchränktheit erhielt. Die⸗ ſem aber widerſprachen die kleinen, funkelnden Augen, von großer Geiſtesbeweglichkeit zeugend, und um den breiten Mund ſpielte ein äußerſt gutmüthiger Zug, ein ſtilles, freundliches Lächeln, geſchickt, mit dem Eindruck zu verſöhnen, den die übrige Erſcheinung des Mannes hervorgerufen hatte. Wie ſein ganzes Weſen ſchlicht, einfach, anſpruchslos, ſo war auch ſeine Kleidung. Sie beſtand aus einem dunkelgrünen Tuchwamms, braunge⸗ färbten Lederhoſen, blauen wollenen Strümpfen und ziemlich plumpen Schuhen; über dem Wamms trug er eine ebenfalls dunkle Pelzſchaube von derſelben Pelz⸗ art, mit der ſein Baret verziert war. Das war nicht der hageprunkende Anzug eines niederländiſchen Bür⸗ gers, der in die Hofburg kam, um mit ſeinem Fürſten ——— — von Antwerpen. 97 zu ſprechen; ein brabanter oder flandriſcher Bauer wäre in größerem Staate in dieſem Vorzimmer erſchienen. Der Mann hatte nicht für einen Pfennig Werth Sammt oder Seide, Gold oder Silber an ſich. Es war Alles an ihm von Wolle, Linnen, Leder und Pelz, wie ſie das liebe Vaterland lieferte. Und der Knecht ſah auch nicht aus wie der Eigenhold eines vornehmen Mannes. Ein ſchaflederner Reiterwamms, keineswegs neu und funkelnd, Lederhoſen und hohe Reiterſtiefeln von brau⸗ nem Rindsleder machten ſeinen ganzen Staat aus. Dafür ſah ſein grobes Geſicht deſto unwirſcher und bärbeißiger drein, und eine große, eckige Klumpnaſe, die ſich ausnahm, als kreiſe ſie eben mit Jungen, ga⸗ ben ihm etwas Abſchreckendes und Fürchterliches. Der Knecht trug, wie es ſchien, ziemlich ſchwer einen klei⸗ nen, in Schweinsleder genähten Kaſten unter dem lin⸗ ken Arm und hielt neben ſeiner ſchmierigen Hundsgu⸗ gel noch ein braunledernes Futteral in der rechten Hand, in welchem man, der äußern Form nach zu ſchließen, einen Hut vermuthen durfte. Dieſe beiden ſonderbaren Geſtalten waren den im Vorzimmer verſammelten, meiſt jungen und witzigen Herren in farbenprächtigen, ſeidnen und ſammtnen, auch goldgeſtickten und auf allerlei Art verzierten und betroddelten Kleidern erſt eine auffallende und dann natürlich ſehr willkommene Erſcheinung. Es ſchien bald, als hegten die üppigen Bewohner des Vorzimmers die Ein deutſcher Leinweber. l. 7 98 Meinung, die beiden Fremden ſeien zu keinem andern Zweck hierhergekommen, als um zum Gegenſtand fader Witzeleien, Spöttereien und Neckereien zu dienen. —„Es ſind gewiß Bewohner der neuen Welt,“ ſagte ein luftiger Hofjunker und dehnte ſich übermüthig in ſeinem goldgeſtickten Sammtrocke,„und wollen dem Erzherzog, als ihrem künftigen Herrn und König, die Aufwartung machen. In der That, ſie haben ein men⸗ ſchenfreſſeriſches Ausſehen.“ —„Dann gibt es Arbeit für unſer einen,“ be⸗ merkte ein junger, hochmüthiger Pfaffe;„ich werde die armen Heiden zur alleinſeligmachenden Kirche bekehren und lade Euch alle zu Taufpathen ein.“ —„Ah, ſchwatzt nicht ſo gottlos!“ rief ein Page. „Die beiden Herren ſind gute Chriſten. Sie ſtammen aus dem Lande Dänemark und ſind ehrliche Mäuſe⸗ und Rattenfänger, die das Schloß von allem Ungezie⸗ fer reinigen und dem Erzherzog ihre nützlichen Dienſte anbieten wollen. In dem wohlverwahrten Schreine iſt das Rattengift und in dem Futteral die Mäuſefalle.“ —„O wie todt und ſtill würde es in dieſen Räu⸗ men ſein, wenn hier alles Ungeziefer vertilgt würde!“ lachte ein vorzüglich vornehm gekleideter, zarter Jüngling. —„So rechnet Ihr Euch wol ſelbſt dazu, Durch⸗ laucht?“ fragte ein älterer Hofherr. —„Warum nicht? Wir bilden hier einen ſtattli⸗ chen Rattenkönig. Doch laßt Euch nicht bange ſein, N Die ſchöne Kaufmannsfrau — von Antwerpen. 9 daß es Euch an Hals und Kragen geht. Dieſe Leute ſehen nicht aus wie Mörder und Todtſchläger. Ich wette, es ſind Handſchuhmacher vom Rhein, die eine neue Art, das Leder gar zu machen, erfunden haben und nun gekommen ſind dem Erzherzog Proben ihres Fleißes vorzulegen.— Nicht wahr, guter Freund, Ihr ſeid ein braver Bürger einer deutſchen Reichsſtadt, deſ⸗ ſen ehrlicher Sinn nicht höher ſteht, als auf das täg⸗ liche Brot, wenn's auch hart und ſchwarz, wenn's auch Haferbrot und ſchimmelig iſt.“ —„Ihr habt's endlich getroffen,“ verſetzte der lange, ſchlichte Mann.„Ich bin ein braver Bürger einer freien deutſchen Stadt und mein ehrlicher Sinn ſteht nur auf mein tägliches, ſelbſterworbenes Brot. Der Erzherzog wird Euch das beſtätigen, denn der kennt mich genau.“ —„Ei, was Ihr doch für vornehme Bekannt⸗ ſchaften habt!“ höhnte die Durchlaucht.„Ihr habt wol ſchon aus einer Salzmetze mit ihm gegeſſen?“ —„Auch diesmal habt Ihr recht. Ihr rathet beſ⸗ ſer als die andern Herren. Mehr als ein Mal ſchöpfte ich mit Seiner Hoheit und deſſen glorreichem Vater Seiner Majeſtät dem König aus einer Schüſſel und trank mit ihnen aus einer Flaſche.— Still, Veit!“ wandte er ſich zu dem Knechte mit einem drohenden Tone. Denn dieſer gromelte und brummte vernehmbar böſe Dinge und warf wüthende Blicke umher, aus de⸗ „ 100 Die ſchöne Kaufmannsfrau nen zur Genüge erhellte, daß er bedeutende Luſt in ſich verſpürte, mit geballten Fäuſten drein zu ſchlagen. Und er hatte fürchterliche eiſerne Fäuſte und zeigte ſie den übermüthigen Hofherren. Auf den Befehl ſeines Herrn ſchwieg er unwillig. —„Da Ihr gewohnt ſeid, an fürſtlichen Tafeln zu ſitzen,“ fuhr der junge Fürſt fort,„ſo werdet Ihr doch wol auch ſchon mit mir geſpeiſt haben. Beſinnt Euch nur, ich bin der Pfalzgraf Friedrich, der zweite Prinz des regierenden Pfalzgrafen bei Rhein.“ —„Mit kleinen Fürſten hab' ich noch wenig ver⸗ kehrt. Doch Euern Vater kenn' ich, durchlauchtiger Herr. Als vor zwei Jahren der ſchwäbiſche Bund von. † den Eidgenoſſen die argen Schläge bekam, hab' ich ihm auf der Flucht beigeſtanden und durchgeholfen.“ Der Pfalzgraf wandte ſich zu ſeinen, dem treffen⸗ den Stich Beifall lachenden Kumpanen und gab ihnen durch Worte und Zeichen kund, dem Manne rappele. es offenbar im Kopfe. In dieſem Augenblick trat der Page Bübenhoven aus einer Thüre in das Vorzimmer und ließ einen Laut der angenehmſten Ueberraſchung hören, als er die Fremden erblickte. Er ſtand einige Augenblicke ſchier regungslos und heftete ſeine Augen. voll froher Erwartung und Hoffnung auf den langen, ſchlichten Mann, als ſei ihm derſelbe die liebſte Er⸗ ſcheinung, der langerſehnte Gegenſtand ſeiner heiligſten Wünſche. Er wollte ſich ihm nähern, aber ſcheue Ehr⸗ von Antwerpen. 101 furcht hielt den Knaben zurück. Dann eilte er wieder fort und kehrte nach einigen Minuten mit dem Ober⸗ kämmerer des Erzherzogs zurück, der dann auch reſpect⸗ voll zu dem Fremden trat. Dieſer bat mit flüſternden Worten, indem er ganz heimlich ſeinen Namen nannte, ihn dem Erzherzog zu melden. —„Es iſt nicht nöthig, daß ich Euch zuvor melde,“ verſetzte der Oberkämmerer,„Seine Hoheit erwartet Euch heute und hat befohlen, Euch ſogleich, wie Ihr anlangt, zu ihm zu führen. Habt demnach die Gewo⸗ genheit, mir zu folgen.“ Und ſie gingen in des Erz⸗ herzogs Gemächer. Bübenhoven hatte unterdeſſen dem Knechte einen Schemel hingeſtellt, auf den dieſer ſeinen ſchweren Ka⸗ ſten ſtellen möchte, wodurch er ſich ſchnell die Gunſt deſſelben erwarb. Der wild ausſehende Mann dankte freundlich und ſagte:„Es will mich bloß bedünken, Herrlein, als ob Ihr uns beſſer kenntet wie die An⸗ dern hier.“ —„Gewiß,“ verſetzte Bübenhoven;„ich bin ja ein Tyroler aus dem Oberinnthal, wo ihr die Silber⸗ bergwerke habt, und habe deinen Herrn dort öfter geſehen.“ —„So iſt doch éin Chriſt unter dieſen Heiden,“ ſagte der Knecht grob und nickte dabei dem Pagen freundlich zu. Der Pfalzgraf hatte natürlich nichts Eiligeres zu thun, als den Pagen zur Seite zu nehmen und heim⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau lich zu befragen, wer der lange fremde Schlagtodt ſei, vor dem er und der Oberkämmerer ſo viel Reſpect gezeigt. —„Das iſt der weltberühmte, reiche Jakob Fug⸗ ger von Augsburg, der heute dem Erzherzog die Späne zur ſpaniſchen Reiſe bringt, und zweifelsohne liegt in dem ſchweren Käſtlein dort der goldne Schatz begraben.“ Der Pfalzgraf machte ein langes Schafsgeſicht und theilte den Uebrigen die unangenehme Entdeckung mit. Er ſelbſt wußte ja am beſten, wie gut dieſer Jakob Fugger beim König und Erzherzog angeſchrieben ſtand. Die meiſten der jungen Herren wurden blaß vor Schrecken und kratzten ſich bedenklich hinter den Ohren. Die jungen Plattköpfe von der Kleriſei und die ſonſt noch auf Beſuch hier waren, nahmen eiligſt den Ab⸗ marſch; die Hofherren, Junker und Pagen, die ihre Dienſtpflicht hier feſthielt, ſahen zitternd und bebend nach der Thüre, welche in die erzherzoglichen Zimmer führte, und erwarteten jeden Augenblick, daß ſie ſich öffnen und ein arges Donnerwetter daraus über ihre Köpfe hervorbrechen würde, und in der Herzensangſt ſchob Einer die Schuld auf den Andern. Am Ende wollte Keiner etwas geſagt, ja nicht einmal gelacht ha⸗ ben; im Gegentheil verſicherten Manche, ſie hätten es dem Manne gleich angeſehen, was hinter ihm ſtecke, und Andere machten Bübenhoven Vorwürfe, daß er nicht gleich mit der rechten Farbe herausgegangen ſei, —,— —— von Antwerpen. obgleich er bei ihren Ungezogenheiten nicht zugegen ge⸗ weſen war. Er lachte ſie aus, nicht ohne einen An⸗ flug von Schadenfreude, als er erfuhr„was ſie ange⸗ ſtellt hatten. Alle ſtimmten darin überein„es ſei ſehr unrecht vom Herrn Fugger, nicht ſeinem Reichthum an⸗ gemeſſen einherzuſchreiten; wie den Vogel an den Fe⸗ dern, ſo pflege man den Menſchen an den Kleidern zu erkennen.— Veit trat nun keck und triumphirend auf und warf ſeinerſeits den Junkern höhniſche Blicke zu, indem er übermüthig murmelnd mit der Fauſt auf die Geldkiſte ſchlug; die goldbetreßten Herrlein waren aber plötzlich ſo demüthig geworden, daß ſie dem ge⸗ meinen Knecht im ſchlichten Lederkoller einen Stuhl rückten, ein Anderer eine Flaſche Wein hervorzog und dem ungeleckten Bären kredenzte, und ein Dritter ein höfliches Geſpräch mit ihm beginnen wollte, um ihn zu verſöhnen; aber Veit ſah nur um deſto hochmüthi⸗ ger über Alles weg, ging brummend und lachend ſei⸗ nen Schritt und gab nur Bübenhoven die Ehre, dann und wann ein paar Worte an ihn zu richten. Fugger trat in die prachtüberladenen Gemächer des Erzherzogs ſo ruhig und unbefangen, als ſei er ſelbſt hier zu Hauſe. Der Oberkämmerer erſuchte ihn, in einem derſelben zu warten, und ging, um den Erzher⸗ zog herbeizuholen. Es dauerte auch nur wenige Mi⸗ nuten, als die gegenüberliegende Thüre haſtig geöffnet wurde und der Fürſt raſch hereintrat. Die ſchöne Kaufmannsfrau Philipp, Erzherzog von Oeſtreich, Herzog von Burgund und den Niederlanden, Graf von Tyrol und Lützelburg, ſtand in ſeinem vier und zwanzigſten Le⸗ bensjahre und war einer der ſchönſten, anmuthigſten und jugendkräftigſten Männer ſeiner Zeit. Seine Kör⸗ performen waren ſo edel und liebreizend, ſeine Bewe⸗ gungen, ſein ganzes Weſen ſo gewinnend und einneh⸗ mend, daß man ihn allgemein nur Philipp„den Schö⸗ nen“ oder den„ſchönen burgundiſchen Herrn“ nannte. Er war hoch und ſchlank, von auffallender Leibeslänge, doch ſtanden die einzelnen Theile des Körpers alle in einem richtigen Verhältniß zu einander. Die Anmuth nd Majeſtät ſeines Weſens ließen beim erſten Blick den gebornen Fürſten in ihm erkennen. Vorzüglich ſchön gebaut war ſein Kopf; hellblonde, dichte Locken wallten ihm bis auf die Schulter; auf ſeiner herrlich gewölbten Stirn thronten Hoheit und Liebreiz vereint; aus ſeinen großen, glänzenden, blauen Augen loderten die Fackeln ſcheluiſcher Liebesgötter, um alle Frauen⸗ herzen in Brand zu ſetzen. Seine Züge trugen unver⸗ kennbar große Aehnlichkeit mit denen ſeines Vaters, des öſtreichiſchen Max, den die„burgundiſche Maria“ einſt ſeiner Schönheit wegen zum Gemahl gewählt hatte; aber Philipp hatte nicht die große Naſe Maxi⸗ milian's, über welche der König ſtets ſo anmuthig zu ſcherzen pflegte und die oft genug das Stichblatt ſei⸗ nes Hofnarren Kunz von der Roſen war. Die Phi⸗ ℳ — von Antwerpen. 105 lipp's hielt ſich in der ſtrengſten Schranke männlicher Schönheit. Das Reizendſte an ihm war aber ſein zar⸗ ter, leichtgeſchwellter Mund; es war, als hätte der Gott der Liebe ſich den ſeinigen dazu abformen laſſen. Philipp trug keinen Bart; denn dieſe Sitte brachte erſt zwanzig Jahre ſpäter ſein Sohn Karl auf. Auf ſeinen Wangen ſchimmerte das zarteſte Roth durch das lieblichſte Weiß einer feinen, ſchier mädchenhaften Haut. Und war es ein Wunder, wenn Philipp und ſeine Schweſter Margaretha das ſchönſte, liebreizendſte Menſchenpaar in allen niederländiſchen Provinzen wa⸗ ren, ſie, die den ſchönen öſtreichiſchen Apoll und die reizende burgundiſche Venus zu Eltern gehabt hatten? —„Ihr ſeid pünktlich, Herr Fugger; das muß ich loben,“ empfing der Fürſt den augsburger Bürger. „Hättet Ihr mir die Stunde dieſes Vormittags in Euerm Briefe angegeben, ich glaube, Ihr wäret mit dem Glockenſchlage der Schloßuhr bei mir eingetreten.“ —„Pünktlichkeit muß die Seele des Kaufmanns ſein, gnädigſter Herr,“ verſetzte Fugger, ſich verneigend. „Was wollte aus meinen vielſeitigen und mannichfachen Geſchäften werden, wenn nicht jedes Ding zur rechten Stunde, ja Minute verrichtet werden müßte! Das iſt halbe Arbeit. Und wenn ich ſtreng gegen mich bin, darf ich's auch gegen meine Leute ſein.“ —„Ja, Ihr ſeid ein wackerer Mann, Herr Ja⸗ kob Fugger, vor dem ganz abſonderliche Ehrfurcht zu 6 106 Die ſchöne Kaufmannsfrau — haben, ich gern bekenne. Fürwahr, als ich vor ſieben Jahren mit meinem Vater zuerſt nach Augsburg kam, das er vor allen deutſchen Städten liebt und hochhält, da war ich auf nichts ſo begierig, als Euch kennen zu lernen, von dem mir ein römiſcher Kaiſer und ein deutſcher König nicht Rühmens genug hatten machen können; denn nicht nur König Maximilian, auch Kai⸗ ſer Friedrich war Euers Lobes voll und lenkte meinen jugendlichen Sinn auf Euch, als einen der beſten Män⸗ ner im heiligen römiſchen Reich.“ —„Solch Lob könnte mich ſtolz machen, wenn ich eine Anlage dazu hätte,“ entgegnete Fugger lächelnd. „Ich habe mich der Gnade meines gnädigſten Kaiſers und Königs ſtets nach Kräften würdig zu machen ge⸗ ſucht. Ich habe mir's ſauer werden laſſen in meinem Leben erſt hinter dem Webſtuhl, dann auf Fahrten hin und her durch manches Herrn Land, um mit dem Gro⸗ ſchen zu wuchern, den mir mein braver und thätiger Vater hinterlaſſen. Dabei hab' ich Gott und die Hei⸗ ligen nicht minder fleißig angerufen, habe die heilige Mutter Kirche und ihre Diener hoch und werth ge⸗ Palten. Ich gab dem Kaiſer, was des Kaiſers, und Gott, was Gottes iſt. Ein wenig Glück, womit Gott meinen Fleiß ſegnete, kam dazu, das aber den Leinweber nicht hoch⸗ und übermüthig machte, und ſo iſt der Jakob Fugger von Augsburg geworden, wie er vor Euch zu ſtehen die Ehre hat.“ von Antwerpen. —„Ihr ſeid alſo wirklich ein gelernter Leinweber? Man hat es mir ſchon ein Mal geſagt, aber ich hab⸗ es nicht glauben wollen. Ich meinte, man verwechſele Euch mit Euerm Vater.“ —„Ich bin es, wie es mein Vater war, gnädig⸗ ſter Herr, und gedenk' es zu bleiben all mein Lebtag. Ich ſitze im Rath meiner lieben Vaterſtadt von Zünf⸗ ten als Webermeiſter und halte den Webſtuhl dort und überall in Ehren. Es wird Euch bekannt ſein, Hoheit, daß Augsburg ein zünftiges Regiment hat und die Geſchlechter ſchon über hundert Jahre im Hit⸗ tergrund haben ſtehen müſſen, weshalb ſie gar ſehr in Abnahme und Verfall gerathen ſind. Auch hab' ich noch etliche dreißig Webſtühle in meinem Hauſe gehen und laſſe auf ihnen fleißig Leinwand, Drillich und Bar⸗ chent weben. Am Webſtuhl ſitzend von früh bis ſpät haben mein Vater und Großvater durch Fleiß, Ord⸗ nung, Demuth und Gottesfurcht den Grund zum Fug⸗ gerſchen Hab und Gut gelegt; das Weberſchiffchen, das ſo hurtig hinüber und herüber flog, hat uns auch etwas eingebracht, wenn auch nicht ſo viel, wie die Schifffahrt der ſtolzen Kaufherren von Flandern und Brabant, die den Reichthum aller Länder heimführen; es war ja auch klein und kam nicht auß unſerer Stube. Dafür ſind wir auch nicht übermüthig geworden und haben uns nicht überhoben und empört gegen die uns von Gott geſetzte und verordnete Obrigkeit.“ 108 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Da habt Ihr recht, Herr Fugger. Der Kai⸗ ſer erkannte aber auch Euer ſtilles und ſicheres Ver⸗ dienſt. Mein Großvater folgte der Leiche Euers Va⸗ ters zu ihrer Ruheſtatt, als er eben in Augsburg ge⸗ genwärtig war, und begabte Euch und Eure beiden Brüder mit einem adligen Wappen. Ihr führt die drei Lilien mit Ehren im Wappen. Der Kaiſer wollte jedenfalls damit andeuten, daß er euch drei Brüder ſo werth halte, wie die koſtbarſte Blume des Gartens. Wie lange führt Ihr das Wappen ſchon?“ —„Es ſind nun acht und zwanzig Jahre; denn es war im Jahre 1473, als des Kaiſers Majeſtät uns damit begnadigte. Ich hatte es wol am wenigſten oder eigentlich noch gar nicht verdient; ich war damals erſt ein Bub' von vierzehn Jahren. Doch hat es mich gar ſehr angeſpornt.“ —„Ihr ſeid wol der jüngſte von Euern Brü⸗ dern?“ —„So iſt's, gnädigſter Herr; von den elf Kin⸗ dern, die meine Mutter geboren, bin ich das zehnte und der ſiebente Sohn; das letzte Kind war ein Mägd⸗ lein, das nach zehn Monaten wieder dahin ging, woher es gekommen war. So iſt's gekommen, daß mein Bruder Ulrich, das älteſte von allen Kindern, in vori⸗ ger Woche ſeinen ſechzigſten Geburtstag gefeiert hat und mein Bruder Georg im neun und vierzigſten Jahre ſteht, ich aber erſt zwei und vierzig Jahre alt bin.“ „ * von Antwerpen. 109 —„Fürwahr, ein reicher Eheſegen, deſſen ſich Eure Eltern erfreuten! Und daß ſich dabei dennoch das Gut Euers Vaters durch Fleiß und Thätigkeit mehrte, macht ihm die größte Ehre.“ —„O wenn's ſeine Kinder allein geweſen wären, die er verſorgte,“ rief Fugger mit leuchtenden Augen. „Nein, er ließ keinen Armen unbeſchenkt, keinen Kum⸗ mervollen ungetröſtet— nicht mit Worten, ſondern durch Thaten der Liebe getröſtet— keinen Bedürftigen ohne Hülfe von ſich. Und es waren harte und böſe Zeiten, die er mit durchmachte, eh' noch der ſchwäbi⸗ ſche Bund beſtand gegen die rohe Anmaßlichkeit der adligen Wegelagerer, Schnapphähne und Raufritter, die unſere Stadt fort und fort drangſalten. Und die Baiernherzöge waren die ſchlimmſten, die uns nimmer Ruhe ließen. Da war ſtets zu geben und zu helfen; denn die Noth kam immer wieder. Aber er war un⸗ ermüdlich im Geben und Helfen; doch bewährte ſich Gottes Spruch an ihm: Gebet, ſo wird euch gegeben. Und ſein Gut wuchs wunderbar, wie das Oel im Krüg⸗ lein der Witwe, bei der der Prophet Elias gehauſet.“ —„Und Ihr ſeid in ſeine Fußtapfen getreten, wackerer Mann!“ ſagte der Erzherzog gerührt und die Hand des Leinwebers ergreifend, während ſein Auge feucht ſchimmerte.„Eure Vorfahren waren alle Lein⸗ weber? Wie ſind ſie nur zu dem großen Reichthum gekommen, den Euer Haus jetzt beſitzt?“ 110 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Wir kennen Niemand von unſerem Stamm weiter hinauf als unſeren Urgroßvater. Er war ein Weber und Bauer vor hundert und funfzig Jahren im Graben, einem Dorfe an der ſogenannten Straße im Lechfelde bei Augsburg. Er hieß Hans Fugger und ſeine Ehewirthin Anna Meißner war von Kirchheim. Er ſoll ein fleißiger und gottesfürchtiger Mann gewe⸗ ſen ſein. Ob er ſeinem Sohne etwas hinterlaſſen, wiſſen wir nicht, ſchwerlich iſt's viel geweſen. Dieſer hieß ebenfalls Hans und war mein Großvater. Durch ſeine Verheirathung mit Katharina Widolph erlangte er Bürgerrecht in Augsburg im Jahre 1370. Nach dem Tode dieſer ſeiner Wirthin ſchloß er 1382 einen zwei⸗ ten chriſtlichen Ehebund mit Eliſabeth Gfattermann, deren Vater einer des Raths war. Dieſer mein Groß⸗ vater war unter der Zunft der Weber und von derſel⸗ ben im Rathe. Auch war er Freiſchöff des weſtphäli⸗ ſchen Gerichts auf der rothen Erde, alſo ein ſehr an⸗ geſehener und geachteter Mann. Neben ſeinem Hand⸗ werke trieb er Leinwandhandel in die ſchwäbiſchen und baieriſchen Städte und erwarb ſich dadurch ein in je⸗ ner Zeit anſehnliches Vermögen von dreitauſend Gold⸗ gulden. Der Ruf ſeines Fleißes und ſeiner Recht⸗ ſchaffenheit hat ſi ich erhalten, obgleich er ſchon als ein angehender Funfziger im Jahre 1409 verſtorben iſt. Er hinterließ zwei Söhne, Andreas und Jakob„welche beide zünftige Weber waren. Dieſer Jakob„ der jün⸗ —— von Antwerpen. 111 gere Sohn, war mein Vater, deſſen Andenken ich ſegne, ſo oft ich ſeinen Namen ausſpreche. Sein Bruder Andreas war ein Mandel Jahre und noch mehr älter und ſchon lange ein Mann mit eigenem, blühendem Geſchäft, als mein Vater noch ein Schulknäblein war. Andreas hatte ſich mit Barbara Stammler, aus dem anſehnlichen Geſchlechte der Stammler vom Aſt, ver⸗ heirathet und groß Geld und Gut mit ihr erworben. Mit abſonderlichem Glück trieb er Handelſchaft auf der einen Seite mit Venedig und Genua, auf der andern mit der Hanſa und den flandriſchen Städten, und er gewann in reißender Schnelle viel Geld. Was er an⸗ griff, glückte ihm über die Maßen, und als mein Va⸗ ter als Lehrburſche an den Webſtuhl trat, war mein Ohm Andreas ſchon ein ſteinreicher Handelsherr. Da⸗ her gab man ihm in Augsburg allgemein den Namen der„reiche“ Fugger, den er auch mit Recht bis an ſein Ende geführt hat. Aber Glück und Geld machten ihn übermüthig; er verachtete den Webſtuhl und dul⸗ dete ihn nicht mehr in ſeinem Hauſe. Niemand durfte ihn daran erinnern, daß er ein gelernter Leinweber war; er ſtolzirte in ſeidenen Wämmſern einher und hatte güldene und ſilberne Kleinodien an ſich hangen wie ein Reichsfürſt. Und wie er„ſo ſeine Frau, ſeine Kinder. Er hatte fünf Söhne und drei Töchter und alle wetteiferten, es dem Vater und der Mutter nach⸗ zuthun, ja ſie zu überbieten in Hoffart und Hage⸗ 112 prunk. Andreas Fugger's Schreibeſtube zeigte ſich präch⸗ tiger hergerichtet als ein fürſtlich Gemach; alles Holz⸗ werk war darin von künſtlichen Holzſchneidern ausge⸗ ſchnitten und vergoldet, ſo daß man ſie nur ſchlecht⸗ weg„die goldene Schreibeſtube“ nannte und Jeder⸗ mann wußte, was damit gemeint war. Er that es den reichſten und älteſten Geſchlechtern zuvor, und weder die Herwart, die Welſer, Rehlinger, noch die Langenmantel, die Hofmaier, Stauenburger und Ill⸗ ſung, als die letzten acht Geſchlechter, konnten in Staat und Pracht mit ihm gleichen Schritt halten. Nun, er wenigſtens hat das Ende dieſer Herrlichkeit nicht zu ſehen brauchen; er iſt reich und angeſehen ge⸗ ſtorben, aber ſeine Kinder und Enkel haben dem einſt vollen und überſtrömenden Faſſe auf den Boden geſe⸗ hen; ja ſie haben den Boden dieſes Faſſes vollends herausgeſchlagen und das ganze Faß zertrümmert. Sie hatten ſich frühzeitig in die vornehmſten Geſchlechter verheirathet und erhielten von Ew. Hoheit Großvater, der Majeſtät des Kaiſers Friedrich, ein Wappen mit einem Reh im blauen Felde, wovon ſie die Fugger vom Reh genannt wurden. Zwei von den Söhnen und gerade die ſtolzeſten und reichſten waren nämlich gewaltige Waidmänner. Sie fuhren einher auf präch⸗ tigen Roſſen mit Knechten und Hunden, mit Wapp⸗ nern und Waidgeſellen, und wenn ein Fugger vom Reh auf der Straße einherzog mit ſeinem Gefolge, ſo Die ſchöne Kaufmannsfrau von Antwerpen. 113 meinte man nicht anders, als es ſei ein Bayernherzog, der zur Stadt fahre. Auch legten ſie's geradezu dar⸗ auf an, die Herzöge, an deren Hof ſie oft waren und die wiederum in Augsburg bei ihnen einkehrten, in Prunk und Pracht und adligem Thun und Weſen aus⸗ zuſtechen. Wenn man aber zu Waidwerk und Bankett, zu Hof und Feſtei fährt, hat man weder Zeit noch Luſt, ſich um Handel und Gewerbe zu bekümmern. Das überließen die Herren Fugger vom Reh ihren Leuten und Dienern, von denen ſie betrogen und ge⸗ fälſcht wurden. So ſind die fünf Fugger vom Reh in Saus und Braus dahingefahren und meiſt arm ge⸗ ſtorben in ihren beſten Jahren. Ihre Söhne haben aber wenig oder nichts mehr vom Reichthum der Väter, wohl aber deren Prunk⸗ und Prahlſucht. Einige haben Handwerker werden müſſen, andere treiben noch Han⸗ del, aber mit wenig Glück; ſie haben's erzwingen wol⸗ len und deshalb große und thörichte Dinge unternvm⸗ men, von denen ſie ſich wunder einen Gewinn verſpra⸗ chen. Mehre ſind ſo arm geworden, daß ſie von un⸗ ſerer Unterſtützung leben; denn wir können ſie doch als unſere Vettern nicht darben laſſen, obgleich ihre Väter uns gar ſehr verachtet und nicht als Verwandte ange⸗ ſehen haben. Einige davon ſind in unſerem Dienſte, und den beſten, einen tüchtigen Geſchäftsmann, habe ich mit hierhergebracht, eines Unternehmens wegen, wovon ich Ew. Hoheit nachher berichten will. Er iſt Ein deutſcher Leinweber. I. 8 2 114 Die ſchöne Kaufmannsfrau zwar auch ein Junker Prahlhans und Zierbengel, aber ſonſt ein pünktlicher, verſtändiger und thätiger Burſche, und zu dem Geſchäft, wozu ich ihn brauchen will, iſt mir's gerade recht, wenn er mit St. Urban's großem Meſſer ſchneidet.“ —„Dieſe Fugger vom Reh haben als rüſtige Waidmänner nichts als Böcke geſchoſſen,“ lachte der Erzherzog.„Und es iſt ſchon recht, daß ſie ein Reh⸗ böcklein im Wappen führen. Nun laßt hören, wie's die Fugger von den Lilien getrieben haben.“ —„Wie jene Böcke geſchoſſen, ſo haben dieſe Li⸗ lien gepflückt, gnädigſter Herr. Mein Vater kümmerte ſich nicht um das Herrnweſen ſeines Bruders und ſei⸗ ner Neffen. Er webte und ließ weben und verkaufte ſeine Waare, that den Armen nach Kräften Gutes, wie ich Euch ſchon geſagt, und erzog ſeine Kinder zu Fleiß und Frömmigkeit. Und wie's dort weniger ward, ſo mehrte ſich's bei uns. Ich bin als Knab' manch⸗ mal faſt von einem Fugger vom Reh überritten wor⸗ den, wenn ich in meinem linnenen Jüplein durch die St. Annengaſſe zu den Barfüßern in die Schule lief. Sie ſind vom Pferd herabgekommen, aber Gott ſoll mich bewahren, daß ich darauf ſtiege! Ein Leinweber ſoll kein Ritter ſein. Wem Gott gnädig iſt, dem halte er Hoch⸗ und Uebermuth aus dem Leibe, er ſei ein König oder Zünftler. Ich hab' immer Hochmuth vor dem Fall einherſtolziren ſehen. Als mein Vater ein⸗ von Antwerpen. 115 ging zu Gottes ewiger Herrlichkeit, war ich erſt zehn Jahre alt. Ich war ſchier das einzige noch unerzo⸗ gene Kind; denn meine Schweſter Waldburg, die vor mir kam, war zwölf Jahre alt und groß und verſtän⸗ dig; ich aber noch ein gar dummer Bub'. Jakob, ſagte der todtkranke Mann zu mir, der Herr unſer Schöpfer, der mir das Leben gegeben hat, ruft mich jetzt wieder ab; ich kann dich nicht großziehen, mein Sohn. Verſprich mir, daß du ein Leinweber werden und wenn du zu Reichthum kommen ſollteſt, den Web⸗ ſtuhl nicht verachten willſt, wie deine Vettern, die Fugger vom Reh. Bet' und arbeit', ſei wach allzeit! Arbeit' und bet' früh und ſpät. Bekümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen. Bedenk“ ſtets, daß du ein Leinweber oder Handelsmann biſt, ſo wird dich der Teufel des Hochmuths nicht verſuchen.— Ich ſchrieb mir die guten Lehren in's Herz, ging fleißig zu den Barfüßern zur Schule, ſetzte mich zwei Jahre ſpäter hinter den Webſtuhl und ließ mein Schifflein fliegen wie ein Vöglein in der Luft und ſah mich nicht um, nicht links, nicht rechts, bis ich mein Handwerk verſtand. Dann ging ich als rüſtiger Geſell fünf Jahre auf die Wanderſchaft, nicht nur in deutſchen Landen; ich ſah mir auch Venedig an und Genua, Rom, Lyon und Paris. Ich beſuchte die Seidenwe⸗ ber in Italien und in Südfrankreich und lernte viel in aller Welt Gegend, was mir nachher im Handel 8 7 116 Die ſchöne Kaufmannsfrau und Wandel gar ſehr zu Nutz und Statten gekom⸗ men iſt.“ —„Aber Euer Vater hinterließ Euch ſchon ein ſtattliches Vermögen?“ —„Der Herr hatte ſeinen Fleiß geſegnet, wie ich Euch ſchon bemerkt habe. Auch hatte ihm meine Mut⸗ ter Barbara Bäſinger, eines Münzmeiſters Tochter, einen hübſchen Erbſchilling zugebracht. Namentlich hat er mit ihr das Haus am Göginger Thore geerbt, welches mein Bruder Ulrich noch bewohnt. Ich habe mir ein Haus am Weinmarkt gekauft. Mein Vater war ein Zwölfer der Weberzunft, auch einer des Raths davon, dabei ein ſtattlicher Handelsmann und trieb Geſchäft mit Venedig und der Hanſa. Er hat über dreihundert Weber in der Stadt und Umgegend be⸗ ſchäftigt und alle ſegneten ihn als einen billigen und braven Mann. Er hatte auch einen ſeiner Söhne zum Dienſt des Herrn und der heiligen Kirche beſtimmt. Das war mein Bruder Marx, der ein gar angeſehe⸗ ner und würdiger Prieſter geworden war. Er ſtarb — es ſind nun ſchon drei und zwanzig Jahre— als Kanonikus der augsburger Kathedrale zu Rom, wohin er in geiſtlichen Geſchäften gereiſt war, ein dreißig⸗ jähriger Mann. Ihm hat meine Jugend viel zu dan⸗ ken; denn er unterrichtete mich nebenbei nicht nur im Schreiben und Rechnen, ſondern auch im chriſtlichen Glauben und allerlei Wiſſenſchaft. Sein Andenken iſt von Antwerpen. 117 uns erneuert in einem Sohne meines Bruders Georg, den wir nach dem verſtorbenen Bruder wiederum Marx haben taufen laſſen und zum Geiſtlichen beſtimmt ha⸗ benz er iſt jetzt dreizehn Jahre alt, ein tüchtiger Kopf, zeigt viel Eifer für ſeinen Beruf und macht wackere Fortſchritte.“ —„Und wie ſtark iſt Euer eigener Eheſegen? Habt Ihr keine Söhne, um einen davon der Kirche zu ſchenken?“ —„Ich habe mich ſpät verheirathet, gnädigſter Herr; denn ich ſtand ſchon im neun und dreißigſten Jahre, als ich meine Wirthin heimführte; wir ſind nun drei Jahre zuſammen, aber ſie hat mir noch kein Kind geſchenkt und es will mich faſt bedünken, als ſei dazu auch wenig Hoffnung vorhanden. Sibylla iſt ſchon acht und zwanzig Jahre alt geweſen und nährt ſich ſo gut, daß ſie das Gegentheil von mir bildet. Fette Frauen werden aber nur ſelten Mütter.“ —„Wie aber kam's, daß Ihr ſo ſpät zum heili⸗ gen Eheſtand ſchrittet?“ —„Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, Hoheit, ſo haben mich die überhäuften Geſchäfte nicht dazu kom⸗ men laſſen. Als ich von der Wanderſchaft heimgekehrt war, fand ich meine beiden Brüder kränklich und ich mußte mich dem Geſchäfte mit allem Eifer unterziehen, ſollte es nicht den Krebsgang gehen. Da ſaß ich denn gleich mitten drinnen und hatte alle Hände voll zu thun. 118 Die ſchöne Kaufmannsfrau Ich durfte mich nicht umſehen von früh bis ſpät. Wie hätt' ich da an ein Weib denken können! Der Handel trieb mich auf neue Reiſen; bald war ich in Wien, bald in Hamburg, Frankfurt und Leipzig; das Tyrol und die Schweiz bin ich gar oft durchwandert. Dann fand ich Geſchmack am Bergbau und brachte von Eures verſtorbenen Vetters, des Erzherzogs Sigismund Ho⸗ heit, einige Silberbergwerke in Throl und vom König Wladislaus von Ungarn und Böhmen das Goldberg⸗ werk in Kremnitz in Ungarn an mich. Da ſteckte ich Wochenlang unter der Erde, bald in Tyrol, bald in Ungarn und durfte doch meine Handelsgeſchäfte und meine Webſtühle über meinem Steckenpferde nicht ver⸗ geſſen. Denn Weberei und Handel mußten die Haupt⸗ geſchäfte bleiben.“ —„Das Steckenpferdchen hat Euch aber etwas Erkleckliches in's Haus getragen und höchſt wahrſchein⸗ lich mehr als der Webſtuhl.“ —„Gott hat's gegeben und ich hab's dankbar an⸗ genommen. Man ſoll aber das Kleine über dem Gro⸗ ßen nicht verachten. Und wenn ich goldene Berge be⸗ ſäße, wie einſt der König Kröſus, ich würde den Web⸗ ſtuhl daraufſtellen, um dadurch erſt des Goldes würdig zu ſein. Aber ſeht, gnädigſter Herr, über all' dieſe Dinge war ich hart an die Vierzig gekommen und hatte noch kein Weib; da haben denn endlich meine Brüder mir nicht Ruhe gelaſſen und gleichſam für mich gefreit, von Antwerpen. 119 eine wackere Tochter des angeſehenen Arztiſchen Ge⸗ ſchlechts, mit der ich gar wohl zufrieden bin und glücklich lebe, wenn ſie mir auch keine Kinder bringt.“ —„Ihr müßt kein ſonderlicher Frauenfreund und Minnewart ſein, ſonſt hättet Ihr wol früher dazu gethan.“ —„Ihr könnt recht haben, gnädigſter Herr,“ lachte Fugger.„Nie hab' ich die jungen Mägdlein länger angeſehen als ich mußte, und da mich doch Nie⸗ mand dazu zwang, ſo ſah ich ſie gar nicht an. Des⸗ halb war ich immer ſehr verwundert, wenn meine Ge⸗ ſellen die Schönheit dieſes oder jenes Jüngferleins rühmten, das mir doch bekannt war, weil ich ihre Schönheit niemals bemerkt hatte. Ich hatte eben kein Auge dafür. So bin ich denn nie ein Dirnenjäger geweſen oder einem Mägdlein zu Hof gegangen und hab' um Minneſold gebuhlt; ich war blöd' und ſcheu im Beiſein eines hübſchen Frauengeſichts, konnte kein Wort vorbringen vor Aengſten und Verlegenheit und war froh, wenn ſie mir wieder aus den Augen war. Ich, der ich in den ſchwierigſten Handelsgeſchäften die größte Ordnung zu halten gewohnt war, hätte die gräulichſten Albernheiten und Verwirrungen angerich⸗ tet, wenn hübſche Dirnen um nich geweſen wären; deshalb hielt ich mich ſo fern als möglich von ihnen, um nur mein Geſchäft nicht zu ſchädigen.“ 120 Die ſchöne Kaufmannsfrau Der Erzherzog brach in ein lautes und muthwil⸗ liges Lachen aus und beluſtigte ſich ungemein über die treuherzigen Geſtändniſſe des augsburger Bürgers. —„Den Minnedienſt hab' ich ſtets für Sache gro⸗ ßer Herren gehalten,“ ließ ſich Fugger weiter verneh⸗ men,„die haben Zeit und Luſt dazu. Und ſicher habt Ihr mehr Glück bei Frauen gehabt als ich, gnädigſter Herr, dafür ſeid Ihr aber auch einer der ſchönſten Männer und ich bin einer der häßlichſten. Die Frauen begehren aber allzeit Körperſchönheit vom Manne. Mich hat niemals ein Weib in Verſuchung geführt, in Euch ſind ſie alle vernarrt.“ Und er lachte ſelbſt aus vollem Herzen mit. —„Uebrigens,“ fuhr der Leinweber in ſeiner gutmü⸗ thigen Plauderei fort,„liebe ich die Kinder meiner Brüder, als ob es meine eigenen wären. Und die ha⸗ ven dafür geſorgt, daß das Fuggerſche Haus nicht aus⸗ ſtirbt. Ulrich's Frau hat ihm zehn Kinder geboren, wo⸗ von noch acht leben, ſechs wackere Mädchen und zwei Buben. Der jüngſte iſt erſt zwei Jahre alt. Die Mä⸗ del ſind von allen Sorten zu haben; das älteſte iſt zwanzig, das jüngſte vier Jahre alt. Meinem Bruder Georg leben noch vier Kinder und iſt nur ein Mägd⸗ lein darunter. Dafür ſind die Buben deſto beſſer ge⸗ rathen. Ich hab' einen Liebling darunter, heißt An⸗ ton, ein rothbäckiger, achtjähriger Burſche, der ſoll mir— will's Gott!— wieder ein Leinweber werden. von Antwerpen. 121 Kommt mir die Luſt an, mit Mägdlein zu ſpielen, geh' ich zu meinem Bruder Ulrich; will ich mich mit Buben balgen, ſprech' ich beim Bruder Georg vor. Und überdies, gnädigſter Herr, denk' ich, die Kinder meiner armen Weber und meiner Bergknappen und die Kinder armer Witwen und alter, armer Leute die ſind auch meine Kinder und ich habe die Pflicht, ſie zu ſpei⸗ ſen und zu kleiden. O, Ihr ſolltet ſie ſehen, wenn ſie ihre Händlein nach mir ausſtrecken und mich ihren Vater nennen, da würde Euch das Herz weich werden wie mir! Ich bin ein Kindernarr, wie mich meine Sibylle oft ſchilt. Nun, es hat jeder Menſch ſeine Narrheit, der Eine an Roſſen, der Andere an Hunden, der Dritte an Falken; ich habe ſie an Kindern und zwar an armen Kindern, und mit den Worten des göttlichen Herrn ſag' ich: Laſſet die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihnen iſt das Himmelreich.“ Dabei lächelte der lange Mann ſo ſe⸗ lig verklärt und über die hohle Wange ſchlich eine ſtille Thräne. Der Erzherzog ergriff abermals des Augsburgers Hand und ſprach:„Ihr bringt den Kindern Segen, Herr Fugger, wie ihn einſt unſer Herr und Meiſter ihnen gebracht hat. Ich bitt' Euch, ſegnet auch meine drei Kinder! Legt die Hände auf ſie und ſprecht Euern frommen Spruch über ihre Häupter!“ Und er griff nach der Glocke und befahl dem eintretenden Pa⸗ 122 Die ſchöne Kaufmannsfrau gen, die Ammen mit den erzherzoglichen Kindern her⸗ beizuholen. —„Unterdeſſen erlaubt, gnädigſter Herr, daß wir das Geſchäft abmachen, um deſſetwillen ich eigentlich gekommen bin. Wenn's Euch genehm iſt, ſo zähl' ich Euch das Geld zu. Es ſind feine niederländiſche Gold⸗ gülden mit dem Gepräge Karls des Kühnen, Eures Großvaters und Eurer durchlauchtigſten Eltern.“ —„Warum bringt Ihr mir nicht Geld von Euerm eigenen Gepräge aus Euern Münzſtätten in Kremnitz oder Insbruck?“ —„Dann hätt' ich mich mit dem Metall ſchleppen müſſen und wär' am Ende gar einem Schnapphahn in die Hände gefallen. Ich habe das Geld erſt hier auf Wechſel erhoben.“ —„Hier in Brüſſel?“ —„Nein, gnädigſter Herr, in Antwerpen bei Pe⸗ ter van der Kapellen, meinem alten Handelsfreunde.“ —„Ah!“ rief der Herzog überraſcht.„Der Mann iſt mir auch befreundet; ich pflege zuweilen bei ihm Einkehr zu nehmen. Er war früher in Brügge und ei— ner der wenigen angeſehenen Kaufherren, die ſich heim⸗ lich zur Partei meines Vaters hielten, als ihn das un⸗ verſchämte Bürgerpack vor dreizehn Jahren aus tollem Uebermuth gefänglich hielt und ſeinen Räthen und Mi⸗ niſtern die Köpfe abſchlug.— Ich hätte ja die Anleihe bei einem dieſer brabanter Wecholer machen können und von Antwerpen. 123 Peter van der Kapellen wäre ſtolz darauf geweſen, wenn ich bei ihm geborgt hätte; aber ich will und mag keinem dieſer aufgeblaſenen Niederländer Verbindlich⸗ keiten ſchulden. Keiner— und wäre er mir unzweifel⸗ haft ergeben— ſoll ſagen dürfen, er ſei mein Gläu⸗ biger. Ich glaube, ſie platzten vor Uebermuth und Hoffahrt, wenn ſie mir das Geld vorgeſtreckt hätten zu meiner Fahrt nach Spanien. Der tolle Trotz die⸗ ſer flandriſchen Prahlhänſe ſtimmt ſich zwar jetzt ſchon bedeutend herab, ſeit ich Antwerpen begünſtige, aber dieſe jetzt noch höflichen und geſchmeidigen Brabanter werden bald genug eben ſo grob und hochnaſig einher⸗ ſtolziren, wie die Flamänder thaten. Das leicht und in Maſſe gewonnene Geld macht dieſe Menſchen zu halb verrückten Narren und ſie meinen dann mit ihrem Landesfürſten ſpielen zu dürfen wie die Katze mit der Maus.— Aber laßt mich nur erſt König von Spa⸗ nien und— will's Gott— deutſcher König ſein, dann ſollen die falſchen und ſtolzen Katzen in den bunten Fellen zu ihrem Schrecken wahrnehmen, daß ich nicht die kleine Maus, ſondern der große Hund bin.“ Der junge Fürſt glühete von edlem Zorn und Eifer, ſeine Augen ſprüheten Blitze und ſeine Fauſt war geballt. Fugger ſah den Erzherzog lächelnd an und ſagte: „Erlaubt, gnädigſter Herr, daß ich meinen Diener mit der Geldkiſte hereinrufe.“ 124 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Das ſoll ein Page, nicht Ihr.“ Und die Glocke ertönte. Draußen zitterte Alles; man hatte den lauten Zorn des Erzherzogs vernommen, ohne die Worte zu ver⸗ ſtehen; und die bleichen Geſichter kannten alle die Aus⸗ brüche dieſes Zorns. Keiner getraute ſich hinein. Bü⸗ benhoven ging mit gutem Gewiſſen und kehrte mit ru⸗ higem Antlitz wieder, Veit mit der Kiſte beordernd. Der Knecht warf ſich in die Bruſt und folgte mit dem ihm anvertrauten Gute beſchwert dem Pagen. Drinnen kratzfüßelte er vor dem Erzherzog, ſetzte Kiſte und Futteral auf den ihm angewieſenen Tiſch und ſchob ſich hinterrücks wieder zur Thüre hinaus. Während Fugger das Käſtchen öffnete und die Gold⸗ rollen herausnahm und auf dem Tiſche ausbreitete, fuhr der Fürſt in dem angeſchlagenen Tone fort: —„Sie haben Glück, dieſe niederländiſchen Kauf⸗ herren, lächerliches Glück. Kaum hat der Portugieſe den neuen und leichten Seeweg nach Indien entdeckt, ſo ſchickt er ebenfalls ſeine Schiffe hierher und Ant⸗ werpen ſcheint für Liſſabon werden zu wollen, was 3 Brügge für Venedig und Genua war. Es lagen die⸗ ſes Jahr über in der Schelde ſo viel Schiffe, wie ſonſt niemals in Sluis und Oſtende. Und welch einen goldenen Gewinn verſprechen ihnen die Länderentdeckun⸗ gen Colombo's und Cabral's! Und von der Größe und Wichtigkeit der letztern hat man noch nicht einmal ge⸗ von Antwerpen. 125 wiſſe Nachrichten. Aber es muß ein ungeheueres und reiches Land ſein, jedenfalls die Weſtküſte von Indien und deshalb nennen ſie's in Portugal, wie mir portu⸗ gieſiſche Seefahrer erzählt, Weſtindien. Das Alles ſtrömt hier zuſammen. Dieſe brabanter Kaufleute wer⸗ den bald reicher ſein, als alle Fürſten Eurvpas. Und Glück macht ſtolz und übermüthig. Aber ſie ſollen mir die Fauſt nicht zeigen. Auch ich habe Glück. Sie ſind vom Leben begünſtigt, ich vom Tode.— Ihr ſeht mich bedenklich an, Herr Fugger? Ja, ſo iſt's; der Tod iſt mein beſter Freund und meint's ganz abſonderlich gut mit mir. Ich will's Euch beweiſen. Wem anders hab' ich die ſpaniſchen Kronen, die einſt mein und mei⸗ nes Sohnes Haupt ſchmücken werden, zu verdanken, als dem mir gütig geſinnten Tode? Als ſich mein Vater mit Venedig und den italieniſchen Fürſten gegen die wahnſinnige Eroberungsluſt des jungen und über⸗ müthigen Franzoſenkönigs Karl verband und die beiden mit einander verehelichten ſpaniſchen Majeſtäten dem Bunde beitraten, weil Karl große Luſt bezeigte, das ganze Königreich Neapel dem König von Arragonien vor der Naſe zu verſchlucken, da hätte man freilich nicht denken können, daß dieſer franzöſiſche Appetit nach Neapel mir die ſpaniſchen Königreiche einbringen würde. Und doch iſt's ſo; und auf dieſe Weiſe wird der alte und tiefgewurzelte Haß zwiſchen Oeſtreich und Frank⸗ reich mir die reichſten Früchte tragen. Damals ver⸗ 126 ſprach mein Vater meine Schweſter Margaretha dem ſpaniſchen Königspaar für ihren einzigen Prinzen, den Infanten Don Juan, und Gretchen war auserſehen, die ſpaniſchen Kronen mitzutragen und dieſen herrlichen Ländern den Erben zu ſchenken. Das Bündniß der Eltern gegen Frankreich ſollte durch dieſe Heirath der Kinder unzertrennlich werden. Da fiel es während der mündlichen Verhandlung der Königin Iſabella von Ca⸗ ſtilien ein, zur Bedingung zu machen, daß ihre zweite Tochter Juanna mir als Gemahlin zugelegt würde. Nun, ſie war eben nicht hübſch, dieſe Donna Juanna, aber ſie war das Lieblingskind ihrer Mutter, vielleicht gerade deshalb, weil ſie die häßlichſte von ihren vier Schweſtern war, und ihre ſchlaue Mutter machte dieſe Bedingung, weil ſie wohl fürchtete, das Kind auf an⸗ dere Weiſe nicht an den Mann zu bringen. Ich ward zum Opfer auserſehen. Ihr lacht, Freund Fugger. Ich werde freilich mit einem andern Manne nicht dar⸗ über ſcherzen; Euch aber, dem ich wie einem Vater vertraue, mag ich ſchon dergleichen ſagen. Ich bin mit meinem Looſe vollkommen zufrieden, wenn ich es auch nicht von Anfang war; denn dies Lvos hat mir unver⸗ ſehens und gegen alle Erwartung die Anwartſchaft auf die ſpaniſche Doppelkrone gebracht.— Nun hört: Gret⸗ chen ging nach Spanien und ward des Infanten Frau; nach fünf Monaten war er todt. Jetzt war ihre Leibes⸗ frucht Erbe von Spanien. Aber ſie brachte zu frühzeitig Die ſchöne Kaufmannsfrau von Antwerpen. 127 ein todtes Kind zur Welt. Dadurch wurde die erſte Prin⸗ zeſſin von Spanien, die älteſte Schweſter meiner Frau, Iſabella, Thronerbin. Dieſe war vor elf Jahren an den Infanten Alfonzv von Portugal vermählt. Aber Alfonzo ſtarb ſchon vor ſeinem Vater, dem König Johann III., und hinterließ Iſabellen keine Kinder. Die portugie⸗ ſiſche Krone kam an ſeinen Vetter Emanuel, und die⸗ ſer erhob die junge Witwe Iſabella zur Königin. Wäh⸗ rend des Hochzeitfeſtes ſtarb der Infant Juan, mein Schwager, und als meine Schweſter dem Grabe eine todte Frucht ſchenkte ſtatt dem Throne einen lebendigen Erben, hatte König Emanuel plötzlich die Gewißheit vor ſich, daß ihm ſeine Fran die ſpaniſchen Kronen zu ſeiner portugieſiſchen bringen und er einſt König und Herr der ganzen Halbinſel werden würde. Ein Jahr darauf ſtarb aber auch ſeine Königin Iſabella im er⸗ ſten Kindbette; doch ſie hinterließ einen Sohn, den Infanten Michael, der nun Erbe von Spanien und Portugal war. Doch ſeht, im vorigen Jahre nimmt der Herr auch dieſen zweijährigen Kronerben zu ſich und nun wurde endlich meine Juanna Erbin Spaniens; auf meinem und meines Sohnes Haupte werden nun einſt die Kronen von Spanien, Sicilien, Burgund und— ich hoffe— des deutſchen Reichs vereint wer⸗ den. Da ſeht Ihr, daß der Tod mein beſter Kund⸗ mann iſt.“ —„Und fürchtet Ihr nicht dieſen gefährlichen 128 Freund?“ fragte Fugger bedenklich und gleichſam von einer böſen Ahnung durchſchauert. —„Nicht doch!“ lachte der Erzherzog.„Der es ſo gut mit mir meint, wird nicht plötzlich das Rauhe gegen mich herauskehren. Und ſeh' ich etwa aus wie zum Sterben? In meinen Adern glühen Leben und Jugendkraft. Die Habsburger haben ein zähes Leben. Zum Sterben hat's Zeit, wenn ich ein halbes Jahr⸗ hundert die Welt beherrſcht haben werde.“ Die ſchöne Kaufmannsfrau von Antwerpen. 129 Siebentes Rapitel. In dieſem Augenblick meldete der Kämmerer die fürſt⸗ lichen Kinder mit den ſie führenden und tragenden Am⸗ men und Hoffrauen. Der Erzherzog öffnete ſelbſt die Thüre und winkte ihnen herein. Mit den Kindern und deren Wärterinnen ſchoß auch der Leibhund des Erz⸗ herzogs, ein großer, prächtiger Waſſerhund, in das Zimmer. Prinz Karl von Luxenburg, wie er genannt wurde — denn ſein Vater hatte ihm in der Taufe die Graf⸗ ſchaft Lurenburg geſchenkt— ein Jahr und ſieben Mo⸗ nate alt, aber ungewöhnlich groß und ſtark für ſein Alter, ſchritt an der Hand ſeines Hoffräuleins ſtattlich einher und rief, ſeinen Vater erblickend und auf den Hund deutend:„Papa, Packan, reiten!“ Der Hund Pockan ſchmiegte ſich ſchmeichelnd zu den Füßen des Prinzen und ließ ſich von ihm an den langen Ohren zauſen. —„Reiten! reiten, Papa!“ ſchrie der Knabe un⸗ geduldig.„ Ein deutſcher Leinweber. I. 9 130 Die ſchöne Kaufmannsfrau Der Erzherzog hob ihn auf den Hund, an deſſen Ohren er ſich feſthielt und der mit ihm durch das Zim⸗ mer trabte, während der Prinz freudig aufjauchzte. —„Er wird ein guter Reiter werden,“ ſagte Fugger. —„Und die ſtolzen Waſſerhunde zu dreſſiren wiſ⸗ ſen,“ fügte der Erzherzog doppelſinnig hinzu. Dann hielt er das zappelnde Kind gegen den Bürger empor und ſagte:„Da ſeht, Meiſter Fugger, den Erben Burgunds, der Niederlande und Spaniens. Ich hab' ihn nach meinem Großvater, dem tapfern und kühnen Herzog dieſes Landes, Karl genannt. Möge mit dem Namen auch Karl's Geiſt auf ihn gekommen ſein.— Karl, gib dieſem Manne deine Hand! Und Ihr, Herr Fugger, gebt ihm Euern Segen.“ —„Ihr wollt es, gnädigſter Herr! So erlaubt, mir, daß ich freimüthig ihm das Beſte wünſche, was man einem Fürſten wünſchen kann.“ Und indem der würdige Mann einen ehrerbietigen Kuß auf die Stirn des lebhaften Knaben hauchte und deſſen kleine Hand feſt in der ſeinigen hielt, ſagte er ernſt und feierlich: „Gott geb' Euch ſeinen reichſten und beſten Segen, Herrlein! Er geb' Euch Weisheit und Mäßigung. Wie der König des Himmels, unſer Herr Heiland Je⸗ ſus Chriſtus, beim himmliſchen Vater für ſeine Feinde bat, die ihn verhöhnt, gegeißelt und an's Kreuz ge⸗ ſchlagen hatten, ſo mögt Ihr als ein mächtiger König von Antwerpen. 131 der Erde Eure Widerſacher nicht mit Schwert und Feuer verfolgen, ſondern mit Liebe und Barmherzig⸗ keit. Die chriſtliche Demuth wohne ſtets in Euerm Herzen; je höher der Menſch auf Erden geſtellt iſt, deſto ſchöner ziert ſie ihn. Und Gott behüte Eure Seele vor Unterdrückung der Unſchuld, vor Unterjo⸗ chung der Kleinen und Schwachen und vor allen Rache⸗ gedanken! Amen! Amen!— Und zum Andenken an dieſe Stunde erlaubt, gnädigſter Herr Erzherzog, daß ich Euerm Prinzlein dies Kleinod überreiche.“ Mit dieſen Worten zog er einen ſchweren goldenen Ring mit einem großen funkelnden Rubin aus dem Geldka⸗ ſten hervor und gab ihn dem Grafen von Luxenburg. „Seht! im Edelſtein dieſes Ringes glänzt das bur⸗ gundiſche Wappen. So mögt Ihr denn wiſſen, daß dies der Siegelring Euers Großvaters, des Herzogs Karl des Kühnen von Burgund, iſt. Nach jener un⸗ glücklichen Schlacht, in welcher er ſein Leben gegen die ſchweizer Bauern bei Nancy verlor, kehrte ich als Webergeſelle aus Paris durch die Schweiz heim und, da ich von der ungeheuern Beute vernahm, welche die Schweizer ein Jahr zuvor in der Schlacht bei Granſon von dem geſchlagenen burgundiſchen Heere gemacht, legte ich mich darauf, Manches davon einzuhandeln. Ich machte gute Einkäufe und ein Stück davon iſt dieſer Ring, der heute wieder an den rechten Herrn kommt. Möge Karl des Kühnen Muth und Tapferkeit auf Euer 9* 132 Die ſchöne Kaufmannsfrau Prinzlein kommen, Hoheit; möge er aber damit König Maximilian's Mäßigung verbinden. Die Worte, welche dieſer glorwürdige König auf ſeinen Münzen prägen läßt: Tene mensuram et respice finem! ³0) möchte ich Euerm Söhnlein zurufen. Möchte dies weiſe Fürſten⸗ wort der Wahlſpruch ſeines Lebens ſein! In Wahr⸗ heit, gnädigſter Herr, ich wünſch' Euch, dem Prinzen und der Welt, daß er mehr Euerm Vater, als Euerm mütterlichen Großvater gleiche, obgleich er deſſen Na⸗ men führt. Er ſei mehr ein deutſcher Habsburger, als ein franzöſiſcher Burgunder!“ —„Ich verſteh' Euch,“ ſagte Philipp ſchier be⸗ ſchämt. 3 —„Und nun laßt mich auch die Fräulein ſegnen und beſchenken!“ Und er nahm zwei reiche goldene Ketten aus dem Schrein, beugte ſich zur Prinzeſſin Eleonore herab, welche, das älteſte Kind des Erzher⸗ zogs, im nächſten Monat ihrem dritten Geburtstag entgegenging, hing ihr eine derſelben um, die andere aber dem Prinzeßchen Iſabella, welches noch ein Säug⸗ ling von drei Monaten in Windeln in den Armen der Amme lag, und ſagte:„Auch dieſe Ketten wurden auf dem Schlachtfelde bei Granſon erbeutet; es ſind nun Ofünf und zwanzig Jahre. Sie gehörten zum burgun⸗ diſchen Schatze, der den armen Schweizern in die *) Halt' Maß und bedenke das Ende. von Antwerpen. 183 Hände fiel. Mögen ſie Euch, Fräulein, ſtets daran erinnern, daß fürſtliche Größe nicht in reichen Schätzen beſteht! Gott erhalte Eure Herzen rein und demüthig. Ihr werdet, wenn Euch Gottes Erbarmen das Leben läßt, einſt große Königinnen werden. Aber auch Kö⸗ niginnen ſind dem Wechſel des Menſchengeſchicks un⸗ terworfen. Mögen Euch dieſe Ketten Wahrzeichen ſein, Euch im Glück nicht zu überheben. Der Herr ſegne Euch, wie ich!“ Und er küßte ſie auf die Stirne. Die Kinder wurden wieder entfernt und Fugger fuhr fort:„Auch Euch, gnädigſter Herr, habe ich ein Andenken an jene drei verhängnißvolle Schweizerſchlach⸗ ten bei Granſon, Murten und Nancy mitgebracht, in denen der Stern des burgundiſchen Löwen unterging und er ſelbſt zuletzt erlag. Ich brachte damals in der Schweiz Herzog Karl's Strohhut an mich, der mit zur Beute gehört hatte, und ich hab' ihn als ein Heilig⸗ thum aufbewahrt bis zu einer günſtigen Stunde. Als Ihr mir nun Botſchaft thatet, daß Ihr zur königlichen Nachfolge in Spanien erwählt worden wäret und dem⸗ nächſt die Reiſe über Meer anzutreten gedächtet, da dachte ich, es ſei wol jetzt die rechte Stunde gekom⸗ men, Euch den Hut Euers Großvaters zu überreichen, der, der reichſte und ſchier mächtigſte Fürſt Europas, ein armes Hirten⸗ und Bauernvolk unter die Füße treten wollte und in drei Schlachten ſeine mächtigen Heere von dieſem armen, verachteten Volke geſchlagen Die ſchöne Kaufmannsfrau ſah und das Leben laſſen mußte. O, mein gnädigſter Herr, als Herzog Karl von Burgund Händel mit den Schweizern ſuchte, da ſchickten ſie ihm Geſandte, die baten ihn flehentlichſt, ihr armes bergiges, aber freies Land in Ruh' und Frieden zu laſſen, und als er ſie unwirſch anfuhr, ſagte einer der Schweizer im linne⸗ nen Jüplein: Was wollt Ihr bei uns ſuchen, Herr Herzog? Und indem er ſich in dem mit königlicher Pracht ausgeſchmückten Zimmer umſah, ſprach er wei⸗ ter: In dieſem einen Gemach iſt mehr, als Ihr in der ganzen Schweiz findet. Was kann Euch daran lie⸗ gen, arme, freie Hirten zu unterjochen? Aber Herzog Karl hörte nicht auf dieſe Mahnung und bei Granſon, Murten und Nancy ward ihm die bittre Lehre. Ich bitt' Euch, Hoheit, nehmt meine Kühnheit nicht übel auf, aber erlaubt einem dem großmächtigen Hauſe Habsburg treu ergebenen Herzen, Euch zu ſagen: Er⸗ innert Euch in Spanien, in Burgund und wo Ihr ſonſt herrſchen mögt, bei dieſem Hute, daß Uebermuth und Rachedurſt den Königen nicht fein anſtehet und daß der König der Könige die übermüthigen Erdenkönige zu Schanden macht, wie er den König Saul zu Schanden machte. Werdet kein Saul, gnädigſter Herr, werdet ein David! Hört auf die Stimme eines deutſchen Lein⸗ webers und nehmt dieſen Hut von ihm!“ Der Erzherzog griff haſtig nach dem Hute, den Fugger aus dem Futteral hervorgezogen hatte, und * F von Antwerpen. 135 ſagte:„Ihr ſeid ein edler, trefflicher Mann! Wahr⸗ lich, nie hab' ich vor einem Manne, außer meinem Vater, ſolche Hochachtung gefühlt, wie vor Euch, Ja⸗ kob Fugger. Ihr habt mir eine gute Lehre gegeben. Ich ſprach zu Euch, wie ich die übermüthigen Nieder⸗ länder züchtigen wollte, wenn ich erſt König von Spa⸗ nien ſei, und Ihr ſchenkt mir dieſen Hut als bedeu⸗ tungsvolles Warnungszeichen. Ich dank' Euch, Fug⸗ ger! Dieſer Hut iſt mir ſo werth, wie eine Krone. Er ſoll kein Zeichen der Knechtſchaft werden, wie einſt der öſtreichiſche Hut in der Schweiz.“ —„Dann ſegnet Euch Gott! Sind dieſe nieder⸗ ländiſchen reichen Bürger hoch⸗ und übermüthig, ſo ſtrafen ſie ſich ſelbſt. Denn Hochmuth gräbt ſich im⸗ mer die eigene Grube. Wer ſich grün macht, den freſſen die Ziegen. Euer Vater war's, dem die Brüg⸗ ger und Genter die Schmach der Gefangenſchaft an⸗ thaten, und als er wieder auf freiem Fuß war, rächte er ſich nicht an ihnen, obgleich ſein Vater, Kaiſer Friedrich, und der Sachſenherzog Albrecht und andere Reichsfürſten, die ein mächtiges Heer zu ſeiner Be⸗ freiung herbeigeführt, in ihn drangen, wenigſtens den Rädelsführern die Köpfe vor die Füße legen zu laſſen und ihnen auf ſolche Weiſe nur die eigene Münze zu⸗ rückzuzahlen. Aber er bezwang ſich ſelbſt, indem er das Schwert der Macht in der Hand hielt, und vergab ſeinen Beleidigern. Das war der größte Sieg, der 136 ihm je burger Leinwe nen de ehre!“ herren gekomn —„Wie vergelt' ich Euch, edler Fugger! Mehr noch als Euer Geld wird mir Euer Wort nützen. Aber mein ganzer Hofſtaat ſoll es ſehen, wie ich Euch Die ſchöne Kaufmannsfrau gelungen. Gnädigſter Herr, wollet ein Habs⸗ ſein und kein Burgunder!“ Der tief ergriffene Fürſt umarmte den ſchlichten ber, während beider Männer Augen von Thrä⸗ r Rührung feucht wurden. Und die Glocke ertönte wieder.„Alle Hof⸗ und Pagen ſollen hereinkommen!“ befahl er dem Eingetretenen zu Fugger's ſteigender Verwunderung. Jetzt war für die Schranzen im Vorzimmer nichts Gewiſſeres, als der böſe Augenblick der Vergeltung en. Der Eine und der Andere machte in der verzwe derten laſſen. Hofmarſchall und ihre gegenſeitige Eiferſucht verhin⸗ Armenſündermienen traten ſie paarweiſe herein, um das unvermeidliche Strafgericht über ſich ergehen zu Erzherzog an,„iſt Herr Jakob Fugger von Augsburg, der nichts weiter ſein und heißen will, als ein deut⸗„ ſcher Leinweber, obgleich er ſich der höchſten und aus⸗ gezeichnetſten Freundſchaft und Gönnerſchaft Seiner Majeſtät des deutſchen Königs erfreut, der, wie Ihr wißt, aus ſeinen Freunden Edelleute, Grafen und Für⸗ feltſten Angſt Miene zu entwiſchen, aber der es. Bleich und zitternd und mit jämmerlichen „Dieſer Mann hier vor Euch,“ redete ſie der — von Antwerpen. 137 ſten machen kann. Ich will, daß dieſem Ehrenmanne an meinem Hofe von Jedermann auf das ehrerbietigſte begegnet werde und daß Ihr alle ihm Eure Hochach⸗ tung bezeiget, wie ich vor Euern Augen thue.“ Er trat hinzu und umarmte den gerührten Fugger.„Je⸗ der von Euch ſoll ihm die Hand küſſen, ſo iſt mein Wille, und Ihr, Pfalzgraf Friedrich, als der Vor⸗ nehmſte, mögt den Anfang machen!— Aber Ihr zit⸗ tert ja alle und ſeht bleich und beſtürzt aus. Was iſt geſchehen? Seid Ihr etwa von ihnen beleidigt wor⸗ den, Herr Fugger, und ſie fürchten die Strafe?“ —„Daß ich nicht wüßte,“ verſetzte der Angere⸗ dete gleichmüthig und unbefangen.„Ein verſtändiger Mann nimmt keinen Scherz für Beleidigung.“ —„Ich verſtehe. Hofmarſchall, was iſt vorge⸗ fallen?“ Dieſer berichtete treu die Ungezogenheiten, die ſich die jungen Leute gegen Fugger erlaubt hatten. Des Erzherzogs Auge entflammte in drohendem Zorn. —„Gnädigſter Herr Erzherzog, erzeigt mir eine einzige Gnade!“ rief Fugger.„Schlagt mir dieſe Bitte nicht ab. Es iſt die erſte, die ich an Euch wage.“ —„So nennt ſie!“ —„Verzeiht dieſen jungen Herren, wie ich ihnen verzeihe. Laßt mich nicht das bittre Gefühl aus Eu⸗ rer Hofburg mit hinwegnehmen, daß meiner Perſon wegen hier Strafen verhängt worden ſeien. Um Chriſtt 138 Die ſchöne Kaufmannsfrau willen nicht! Ich habe mich von den ſcherzhaften Re⸗ den nicht beleidigt gefühlt, alſo iſt auch keine Buße nöthig.“ —„Seht, wie Euch dieſer Mann beſchämt,“ rief der Erzherzog den zu Boden ſtarrenden Hofjunkern zu. „Um ſeinetwillen, nicht um Euretwillen ſoll ſeine Bitte gewährt ſein. Küßt ihm die Hand und bedankt Euch für ſeine warme Fürſprache.“ Wer war froher, als die Junker! Wie innige Küſſe drückten ſie auf die harte Hand des Leinwebers! Wie ehrerbietig verneigten ſie ſich vor ihm, als ſie wieder gehen durften. Fugger zählte nun dem Erzherzog das beanſpruchte Darlehen von zehntauſend Goldgulden zu und empfing dafür die bereits ausgefertigte Verſchreibung. —„Es wird die Zeit kommen,“ nahm der Fürſt das Wort,„wo ich Euch die vielen und mannichfachen Dienſtleiſtungen und Gefälligkeiten vergelten kann, die Ihr ſtets dem Habsburger Hauſe erwieſen habt. Sagt, kann ich Euch vielleicht auf meiner Reiſe nützlich ſein in Frankreich, am Hofe des Königs Ludwig, der mich dringend eingeladen, oder in Spanien an den Höfen meiner Schwiegereltern oder wo es ſonſt ſei? Ich werde es mit Freuden thun.“ —„Wenn Eure fürſtliche Geſinnung ſich mir gnä⸗ dig erzeigen will,“ verſetzte Fugger, ſo brauchen wir diesmal die Gelegenheit weder in Frankreich, noch in von Antwerpen. 139 Spanien zu ſuchen. Sie dürfte in der Grafſchaft Bra⸗ bant ſchon aufgefunden ſein.“ —„Sagt mir ohne Rückhalt, was Ihr wünſcht, und ſeid im voraus meiner uneingeſchränkten Gnade gewiß.“ —„Eure fürſtliche Einſicht iſt bemüht, die Stadt Antwerpen immer mehr emporzuheben, und der neue Handelsweg, den die Portugieſen nach Indien entdeckt haben, ſo wie die neuen und großen Länder, welche aufgefunden worden ſind, werden einen großen, jetzt noch gar nicht zu berechnenden Einfluß auf Handel und Schifffahrt ausüben. Ein thätiger und bemittelter Kaufmann wünſcht natürlich an der Quelle zu wohnen. Augsburg iſt zu weit entfernt vom Weltverkehr, doch kann ich mich nicht entſchließen, meine geliebte Vater⸗ ſtadt zu verlaſſen, an die mich tauſend unzerreißbare Bande knüpfen. Aber die Ausſichten ſind lockend. So hab' ich denn den Plan gefaßt, in Antwerpen ein Fug⸗ ger'ſches Handlungshaus zu begründen und ſomit auch Euer Unterthan zu werden, gnädigſter Herr. Ich habe zu dieſem Behufe den Vetter mitgebracht, jenen Fug⸗ ger vom Reh, von dem ich mit Euch vorhin ſchon ſprach. Er befſitzt meiner Brüder und mein Vertrauen und hat Kenntniſſe, Verſtand und Geſchicklichkeit, ein ſolches Geſchäft gut zu leiten. Auch würde ich dann von Zeit zu Zeit die Reiſe hierher machen, um ſelbſt nachzuſehen, wie die Sachen ſtehen und gehen. Wir 140 Die ſchöne Kaufmannsfrau würden uns von hieraus der Schifffahrt vorzüglich be⸗ fleißigen und mit den Portugieſen und Spaniern in Handelsverbindung treten. Wenn Ihr dann König von Spanien und der neuen Welt ſeid, Hoheit, gedenkt das Haus Fugger unter Euerm gnädigſten königlichen Schutze auch manches Handelsgeſchäft hjenſeit des at⸗ lantiſchen Meeres zu machen. Wir ſind dann doch gleich zur Hand in Euern Niederlanden, das Haus iſt be⸗ gründet und das Geſchäft im Gange.“ —„Euer Plan iſt vortrefflich!“ rief der Erzher⸗ zog mit ſtürmiſcher Erregtheit.„Ihr hättet nichts Beſ⸗ ſeres erſinnen können. Das muß in Euern Händen zu großen und ſchönen Zwecken führen.“ —„Und deshalb bin ich perſönlich vor Ew. Ho⸗ heit erſchienen, um Eure Gnade, Euern Schutz, Eure Unterſtützung für das neue Unternehmen zu erbitten, und, wenn ich ſo glücklich geweſen bin, die Conceſſion zu dem Fugger'ſchen Handlungshauſe in Antwerpen zu erlangen, ſogleich das Geſchäft zu begründen und ein⸗ zurichten und einige Schiffe mit unſern Waaren aus⸗ zurüſten.“ —„Seid meiner fürſtlichen und freundſchaftlichen Unterſtützung in jeder Beziehung, in aller Ausdehnung gewiß. Was Ihr auch in dieſer Hinſicht von mir ver⸗ langen mögt, haltet Euch meiner ausgedehnteſten Gnade gewärtig. Wendet Euch ſofort an das Stadtregiment in Antwerpen, dem ich morgen ſchon eine Zufertigung von Antwerpen. 141 hinſichtlich Euers Unternehmens zugehen laſſen werde. Die Herren werden es ſich zweifelsohne zur größten Ehre gereichen laſſen, das Haus Fugger bei ſich auf⸗ zunehmen. Ich werde dieſe Angelegenheit betreiben, als wäre ſie meine eigene.“ —„Unſer lebenslänglicher Dank wird Euch bewei⸗ ſen, daß Ihr Eure Gnade an keine Unwürdigen ver⸗ ſchwendet.“ —„Wer wäre jeder Gnade würdiger, als Jakob Fugger? Und überdies trag' ich Euch damit nur einen Theil der Schuld meiner eigenen Dankbarkeit ab. Auch Fürſten können dankbar ſein, ich werd' es Euch be⸗ weiſen.“ —„So wäre für heute mein Geſchäft bei Ew. erzherzoglichen Gnaden beendigt; doch bitte ich, nicht eher mich beurlauben zu dürfen, bis Ihr mir die Er⸗ laubniß ertheilt habt, der gnädigſten Erzherzogin⸗In⸗ fantin und der Erzherzogin⸗Braut meine Aufwartung zu machen.“ —„Ihr kennt meine Gemahlin noch nicht?“ fragte Philipp, indem eine leichte Wolke über ſeine Stirn lief. —„Nie ward mir die Gnade zu Theil, ſie zu ſe⸗ hen. Ich war noch nicht in den Niederlanden, ſeit ſie mit dem Beherrſcher derſelben vermählt iſt.“ —„Euer Wunſch iſt billig; ich hab' Euch die Kin⸗ der vorgeführt, ſo mögt Ihr auch die Mutter ſehen. Und doch— Ihr werdet Euch getänſcht ſehen. Meine „ 142 Die ſchöne Kaufmannsfrau Frau iſt eine wunderliche Perſon und nicht geeignet, Männer Euers Verdienſtes zu würdigen.“ —„Ich will ja ihr meine Ehrerbietung bezeigen.“ —„Gut, Ihr ſollt ſie ſehen. Ich will Euch ſelbſt zu ihr führen. Auch zu meinem lieben Gretchen, deren ſtille Trauer jetzt wieder von bräutlichen Hoffnungen verklärt wird. Meine Schweſter wird ſich ſehr freuen, Euch kennen zu lernen. Sie iſt ein herziges Weſen und ächt habsburgiſches Blut.“ —„Geſtattet mir auch, gnädigſter Herr, den bei⸗ den hohen Frauen ein paar kleine Geſchenke überrei⸗ chen zu dürfen. Es iſt ein verzeihlicher Wunſch von mir, daß jedes Glied Euers fürſtlichen Hauſes irgend ein Andenken an Jakob Fugger bewahren möchte.“ —„Ihr macht das ganze Haus Habsburg⸗Bur⸗ gund zu Euerm Schuldner. Wir werden ſehr ernſtlich bedacht ſein müſſen, das Alles wett zu machen.“ Der Erzherzog ließ ſich und Herrn Jakob Fugger durch einen Kammerherrn bei den beiden Fürſtinnen melden. Als ihm Bericht erſtattet war, ſagte er zu Fugger:„Meine Schweſter macht meiner Frau gerade einen Beſuch und wir finden ſie Beide beiſammen. Kommt!“ von Antwerpen. Achtes Rapitel. Im Vorzimmer der Erzherzogin Johanna wartete ih⸗ rer eine ältliche, geſpreizte Dame im ſteifeſten Putz in der Mitte von zwei Kammerherren. Die Dame ſchickte ſich an, den Erzherzog, wie es ſchien, nach einem be⸗ ſtimmten vorgeſchriebenen Ceremoniel zu bekomplimen⸗ tiren, ohne von Fugger die kleinſte Kenntniß zu nehmen. —„Donna Francesca,“ redete ſie der Erzherzog mit ſchelmiſchem Pathos an, ſich in die Bruſt werfend, „ich erlaſſ' Euch diesmal Eure umſtändliche Pflicht in Bezug auf meine Perſon in Gnaden und bitte Euch, Eure gewogentliche Aufmerkſamkeit dafür um deſto mehr dieſem hochverehrten Herrn zuzuwenden.— Herr Fug⸗ ger, ich ſtell' Euch in dieſer Dame Donna Francesca dulloa, Gräfin von Leon und Olmedo erſte Ehren⸗ dame und Oberhofmeiſterin ihrer königlichen Hoheit der Frau Erzherzogin Donna Juanna, Infantin von Spa⸗ nien, Herzogin von Burgund und den Niederlanden u. ſ. w. vor.— Donna Francesea, ich bitt' Euch höf⸗ 144 Die ſchöne Kaufmannsfrau lichſt, ſteigert Eure Aufmerkſamkeit; denn ein ſehr be⸗ rühmter und hochangeſehener Mann ſteht vor Euch, ein Freund meines Vaters, Seiner Majeſtät des römiſchen und deutſchen Königs, und ich gebe mir die Ehre, ihn Euch zu nennen. Es iſt Meiſter Jakob Fugger, ein x Leinweber von Augsburg.“ Die Ehrendame fuhr entſetzt zurück und kam aus aller Faſſung, und ihr ohnedies kupferröthliches, auf⸗ gedunſenes Geſicht bekam eine bläuliche Färbung. Der Erzherzog, dieſe Wirkung ſeiner Worte auf die ſteife Hofdame mit ſcharfem Auge beobachtend, brach in ein helles, muthwilliges Lachen aus, ergriff den verlegenen Fugger bei der Hand und führte ihn neben der vor Zorn zitternden Dame und den gleich⸗ ſam verſteinerten Kammerherren vorbei in das Em⸗ pfangszimmer ſeiner Gemahlin. Hier trat ihnen ein äußerſt anmuthiges und liebli⸗ ches Frauenbild entgegen, in deſſen ſchönen, dem Erz⸗ herzog ſo ähnlichen Geſichtszügen Fugger ſogleich Phi⸗ lipp's Schweſter, die Erzherzogin Margaretha, erkannte. Die Bewegungen ihres hohen, ſchlanken Körpers wa⸗ ren die einer Grazie. Ihre Kleidung, fürſtlich reich und doch einfach und im höchſten Grade geſchmackvoll, ſchmiegte ſich leicht und zart an die edelſten Formen. Obgleich Margaretha ſchon Mutter geweſen war, trug ſie doch noch das Gepräge der Jungfrau, es war nur, als habe die Zeit einen flüchtigen Kuß darüber hinge⸗ von Antwerpen. 145 haucht. Die Jugendblüte der einundzwanzigjährigen Fürſtin ſtand eben in vollſter Friſche und Pracht, die jener Kuß erſt hervorgerufen zu haben ſchien, und ih⸗ ren Reiz erhöhte oder vollendete vielmehr dex leichte Schatten einer pvetiſchen Schwermuth, der ſich auf ih⸗ rer majeſtätiſchen Stirn gelagert und als ſtiller Ernſt in ihre Züge geſenkt hatte, der Widerſchein einer weh⸗ müthig ſüßen Schwärmerei, der ihr Auge umſchleierte und ihren üppigen Mund umſpielte. Dieſen bezaubernd anmuthigen Mund und die edle, in der Form vollen⸗ det ſchöne Naſe hatte ſie von ihrer Mutter, Augen und Geſichtsform von ihrem Vater. Sie war eine der rei⸗ zendſten Frauen; aber es war nicht die heiße Schön⸗ heit der Sonne, es war die ſanfte Lieblichkeit des Mondes, die über ſie ausgegoſſen ſchien. Sie lächelte ſo gewinnend freundlich und doch lauſchte hinter dieſem Lächeln ein thränenfeuchter Blick, und die Wehmuth dichteriſcher Verklärung wob um ihr Haupt den zarten Silberſchleier eines Heiligenſcheins. Wer hätte die gefühlvolle Dichterin mit dem von deutſchen Schmerzen erfüllten Herzen, ſchwelgend in ſüßer Schwermuth, in ihr verkennen können? Man ſah es dieſem gedämpften, etwas müden Auge an, daß es in ſtillen Mondnächten den thränenſchweren Blick träumeriſch dem Himmel zu⸗ wandte und bei den ewigen Sternen Befriedigung der Sehnſucht ihres Buſens ſuchte, die ihr die vergäng⸗ liche Erde nicht bieten konnte. Dieſe ſtolze Stirn ließ Ein deutſcher Leinweber. I. 10 146 Die ſchöne Kaufmannsfrau keinen Zweifel übrig, daß hinter ihr große Gedanken wohnten, und mit klaren Zügen ſtand das Geſetz des Herrſchens auf ihr ausgeprägt, aber der milde Mund und das ſanft blickende Auge lehrten, daß die Beſitze⸗ rin keinen Gebrauch davon zu machen pflege„und hin⸗ wiederum lag in dem ganzen Weſen dieſer fürſtlichen Frau etwas ſanft Gewinnendes und ſüß Bezwingendes, dem ſich Niemand entziehen konnte, dem ſich Jeder in ihrer Nähe freiwillig unterwarf. Und ſo herrſchte ſie, Herrſchaft vermeidend, ſo gewann ſie Alle durch Sanftmuth, die ſie durch Entſchiedenheit nicht gewin⸗ nen wollte, und indem ſie das Scepter geiſtiger Ueber⸗ legenheit von ſich warf, ward der Lilienſtengel ſanfter Gefühle in ihrer Hand zum Zauberſtabe der ihr alle Herzen unterthan machte. Wie ſie jetzt neben ihrem Bruder ſtand und er ſie liebevoll auf die Stirn küßte und ſie ihm die kleine, weiße Hand bot, überzengte man ſich, daß es kein ſchöneres Geſchwiſterpaar geben konnte; man ſah mit lächelnder Verwunderung, wie ähnlich ſie einander waren, ſo daß man ſie als Ge⸗ ſchwiſter erkennen mußte, ſelbſt wenn man nicht wußte, wer ſie waren; aber man gewahrte auch zugleich ihre Charakterverſchiedenheit. Der flatterhafte Leichtſinn, die unbedachtſame, glühende Lebensluſt, die regelloſe Unbeſtändigkeit, verbunden mit Geiſt, Witz und Gut⸗ müthigkeit, leuchteten aus jedem ſeiner Züge, während in den ihrigen der beſonnene Ernſt, ſicherer Takt, ru⸗ von Antwerpen. 147 higes und richtiges Ahnungsvermögen, ſanfte Entſchloſ⸗ ſenheit und feſte Treue wohnten. Man hätte ſie ſei⸗ nen guten Engel nennen können, und ſie liebte ihn als ſolcher und er liebte ſie als ſolchen. Jakob Fugger, der ernſte und milde Geſchäftsmann, der nie die bezwingende Gewalt einer bevorzugten Weiblichkeit über ſich empfunden hatte, verneigte ſich tief und verwirrt vor der erhabenen Fürſtin, und als ſie ihre melodiſche Stimme, dieſen Saitenklang ihrer Seele, an ihn richtete, wußte er nicht, wie ihm ge⸗ ſchah; er fühlte den ganzen mächtigen Zauber edler Schönheit, weiblicher Milde und huldvoller Erhaben⸗ heit auf ſich eindringen, ohne daß er ihm zu widerſte⸗ hen nur im mindeſten vermocht hätte. —„Ihr ſeid ein ehrenwerther Mann, Herr Fug⸗ ger,“ ſagte ſie,„von dem ich nur Lobenswerthes— und ſo viel!— gehört habe, daß ich Euch hochſchätze, wie Euch mein Vater hochſchätzt.“ —„Hoheit,“ verſetzte der Leinweber gerührt,„wenn ich irgend in meinem Leben etwas Lobenswerthes ge⸗ than hätte oder es wäre mir etwas das Wohl der Menſchheit Bezweckendes gelungen, fürwahr, ich wäre in dieſem Augenblick überſchwenglich belohnt. Denn kann es wol einen ſchönern Lohn auf Erden geben, als Lob aus Euerm Munde?“ —„Ei, ei, Herr Fugger!“ drohete ſie ihm ſchalk⸗ haft lähelnd mit dem Finger,„klingt das doch faſt, 10* 148 Die ſchöne Kaufmannsfrau als wärt Ihr am burgundiſchen Hofe aufgewachſen oder wenigſtens bei unſern Hofherren in die Schule ge⸗ gangen.“ —„Gnädigſte Frau, Ihr habt den ſichern Blick, um Wahrheit von Schmeichelei zu unterſcheiden; Ihr habt das Herz, um die Stimme des Herzens zu ver⸗ ſtehen. Aber ſelbſt jede Schmeichelei wird vor Euch zur Wahrheit. Das falſche, prunkende Metall, womit Euch ein Schmeichler zu beſtechen bezweckte, würde doch vor Euch als ächtes Gold niederfallen, verwan⸗ delt nicht durch den Willen des Ausgebers, ſondern durch die unwillkürliche hohe Macht der Empfängerin.“ —„Ihr ſeid bei Frauen beredter, Herr Fugger,“ lachte der Erzherzog,„als ich Euch nach einer von Euch vorhin gethanen Aeußerung geglaubt hätte.“ —„Es iſt plötzlich über mich gekommen, wie der heilige Geiſt. Meine Ehewirthin wird erſtaunen, wenn ich ihr von dem Wunder erzähle, das jetzt an mir of⸗ fenbar worden iſt. Ich halte mich überzeugt, es iſt doch etwas Wahres daran, daß in manchen Frauen et⸗ was Göttliches liegt, das uns mächtig ergreift.“ —„Du mußt dir von ihm erzählen laſſen, Gret— chen,“ ſagte der Fürſt,„das ſind lauter Dinge für dich. Von ſeiner Hausfrau, ſeinen Brüdern, deren Kindern, von ſeinen Eltern und von den in bra⸗ ven Leuten in der guten und lieben Stadt Augsburg. Wo iſt Juanna?“ von Antwerpen. 149 —„Sie füttert noch ihre Lieblinge und wird gleich erſcheinen,“ verſetzte Margaretha mit einer bekümmer⸗ ten Miene, die ſich ſogleich dem Erzherzog mittheilte. —„Ja, Herr Fugger, erzeigt mir die Liebe und er⸗ zählt mir, zuerſt von Eurer lieben Wirthin, dann— was Ihr wollt. Ich laſſe mir gern erzählen. Ihr wer⸗ det eine dankbare Zuhörerin an mir haben.“ Fugger's Aufmerkſamkeit wurde plötzlich durch einen Gegenſtand abgelenkt, den er hier zu ſehen, nicht er⸗ wartet hatte; nämlich durch mehre Katzen, welche ein⸗ zeln aus der angelehnten Thüre eines Nebenzimmers ſich herausarbeiteten, immer eine nach der andern, und ſich's auf den Polſterbetten und Stühlen ringsum be⸗ quem machten. Es waren meiſt mehrfarbige, große, wohlgenährte Thiere. Als er jetzt den Mund öffnen wollte, wurde jene Thüre von einem jungen Hoffräu⸗ lein weit aufgethan und eine Dame in reichen und prächtigen Gewändern wackelte oder ſchlumpfte vielmehr herein, welche die entſprechende Geberde des Erzher⸗ zogs dem augsburger Bürger als das ſpaniſche Kö⸗ nigskind bezeichnete. Sie war von mittler Statur, nicht gerade häßlich gebaut, aber von einer auffallend nachläſſigen Haltung. Ihr Gang war in der That dem einer Gans ähnlich. Ihre Kleidung war in ziemlicher Unordnung, oder es ſtand ihr nichts an, ſo ſchimmernd auch die Gewänder ſein mochten, auf denen man Schmutzflecke leicht erkennen konnte. Man brauchte ſich Die ſchöne Kaufmannsfrau auch nach der Urſache dieſer Unreinlichkeit nicht lange umzuſehen; denn ſie hielt einen ungewöhnlich großen und dicken Kater, deſſen Fell viererlei Farben zeigte, zärtlich in den Armen, wie Frauen ſonſt ihre Kinder zu tragen pflegen. In Donna Juanna's Geſicht be⸗ merkte man zuerſt die ſtark hervortretenden Backenkno⸗ chen, von denen an der untere Theil bis zum Kinn ungewöhnlich abfiel und ſpitz zulief. Der Mund aber war groß und entbehrte aller Anmuth; das kleine ſchwarze Auge ſpielte in's Graue, wodurch es einen falſchen und lauernden Ausdruck erhielt, die Ränder deſſelben waren krankhaft geröthet. Die Stirn war niedrig, die Naſe groß, aber ohne Majeſtät. Trotz dieſer Unregel⸗ mäßigkeiten konnte man die ganze Erſcheinung der Spa⸗ nierin nicht häßlich nennen, und die dunkeln Locken ih⸗ res, wenn auch nicht reichen Haares, die, unter der mit Perlen und Edelſteinen geſtickten Haube hervor⸗ ringelnd, ſich um ihr Geſicht legten, gaben im Verein mit der dunkeln Bronzefarbe demſelben einen ſüdlichen, nicht unangenehmen Charakter. In der That war man geneigt„dieſe Fürſtin eher für ein Kind zu halten, als für eine Frau, die ſchon drei Kinder geboren hatte; aber ihre Erſcheinung, ihr Benehmen, ihr ganzes We⸗ ſen waren mehr kindiſch als kindlich. Für den Liebha⸗ ber konnte dies Geſicht mit den lebhaft blitzenden Au⸗ gen und dem leidenſchaftlichen Zucken der Züge ſogar etwas Reizendes haben. Es war eben das ächte Ge⸗ — von Antwerpen. 151 präge einer Spanierin, die freilich neben der ruhigen, würdevollen, deutſchen Schönheit Margaretha's dem Deutſchen gegenüber Alles verlieren mußte. Man konnte keine ſchneidendere Gegenſätze weiblicher Eigenthümlich⸗ keit und nationaler Formbildung ſehen, als dieſe bei⸗ den verſchwägerten Fürſtinnen, die ſich auch im Alter ſo nahe ſtanden; denn Juanna war nur zwei Monate älter als Margaretha. Aber trotz ihrer zwei und zwan⸗ zig Jahre glich die deutſche Erzherzogin einem ernſten, holden Schutzgeiſt, voll hoher Einſicht und Würde, zur Erde herabgeſtiegen, um über das Wohl des ge⸗ liebten Bruders zu wachen, und die ſpaniſche Infantin einem eigenſinnigen und verzogenen Kinde voller Lau⸗ nen und Verkehrtheiten, von Spanien hergeſandt, um dem jungen Fürſten, mit welchem ſie treuloſe Fürſten⸗ politik verbunden, das Leben zu verbittern. Der Erzherzog ſetzte ihr mit kargen verdrießlichen Worten auseinander, daß der Mann, der ihr die Auf⸗ wartung mache, ein ſehr reicher und angeſehener Bür⸗ ger der freien Reichsſtadt Augsburg und ein treuer Anhänger des Hauſes Habsburg ſei; ſie lachte kindiſch und erwiderte Fugger's ehrerbietigen Gruß linkiſch. —„Die deutſchen Bürger ſind lauter gute Leute, die ihre Fürſten recht lieben und verehren,“ ſagte ſie mit einer weichen, metallloſen Stimme,„und deshalb ſind ſie ſehr lobenswerth. Es iſt recht ſchön von Euch, daß Ihr auch ſo ein guter Mann ſeid.— Don Ceſar,“ 152 Die ſchöne Kaufmannsfrau wandte ſie ſich jetzt mit erhobener Stimme und komi⸗ ſchem Pathos an den feiſten, ſich behaglich ſtreckenden Kater in ihren Armen,„mach' dem Herrn Fugger von Augsburg dein Compliment. Er iſt ein deutſcher Eh⸗ renmann. Willſt du gleich folgen, ungehorſamer Schlingel! Don Ceſar, gehorche!“ Aber Don Ceſar, Gewaltthätigkeiten fürchtend und trotzdem in ſeinem faulen Ungehorſam verharrend und der deutſchen Bürgertreue ſeine Ehrerbietung verwei⸗ gernd, machte ſich mit einem gewaltigen Satz davon und ſuchte ſich auf dem ſchönſten Polſterbett das be⸗ quemſte Plätzchen unter ſeinen Frauen, deren Zahl ſich wol über ein Dutzend belaufen mochte. —„Don Ceſar ſcheint vor deutſchen Ehrenmännern ſo wenig Reſpect zu haben, wie vor Euern Befehlen, Hoheit,“ ſagte Fugger, und der Ton ſeiner Stimme hatte die Färbung beleidigten Erſtaunens über die un⸗ erwartete Scene. Die Erzherzogin⸗Infantin hörte aber nicht auf ihn, ſondern fuhr zornentbrannt auf den dicköhrigen Don Ceſar los, um ihm eine Lection zu geben. Die Katzen ſtoben kläglich ſchreiend auseinander und die Fürſtin folgte ihnen ſchinähend in das Nebenzimmer, wohin ſie ſich geflüchtet hatten. In des Erzherzogs Geſicht zuckte peinlicher Un⸗ muth; er war im Begriff, ihr nachzugehen, aber ein bittender Blick, ein Wort ſeiner Schweſter hielt ihn — —— von Antwerpen. 15 zurück.„Laß ſie!“ flüſterte ſie, und zu Fugger ſich wendend, fuhr ſie entſchuldigend fort:„Nicht wahr, das iſt ſpaniſch?“ Dieſer zog ſtatt aller Antwort eine kleine rothle⸗ derne Kapſel hervor, öffnete ſie und ließ der Erzher⸗ zogin einen brillanten Schmuck entgegenblitzen, den er ihr mit den Worten darbot:„Gnädigſte Frau, mit dem herzlichſten Glückwunſche zu Eurer nahe bevorſte⸗ henden Vermählung wollte ich mich unterfangen, Euch ein kleines Brautgeſchenk zu überreichen. Ich bitte, Ihr wollet es nicht verſchmähen als die Gabe eines deutſchen Bürgers und Leinwebers.“ Hocherröthend vor freudiger Ueberraſchung nahm Margaretha die Kapſel mit dem Schmucke und ſagte: „Wenn der Herzog von Savoyen dies Geſchenk eines deutſchen Leinwebers ſieht, ſo wird er ſich wundern, daß derſelbe kein Reichsfreiherr oder Graf iſt.“ —„Was nicht iſt, kann werden,“ bemerkte Phi⸗ lipp bedeutungsvoll. Indem die Erzherzogin ihren Dank abſtattete, trat auch die Infantin wieder hinzu, welcher Margaretha den Schmuck zeigen wollte. Aber Fugger kam ihr zu⸗ vor, indem er der Donna Juanna einen ganz gleichen Schmuck als Geſchenk übergab. Auffallend zeigte ſich die Temperamentsverſchieden⸗ heit der beiden jungen Frauen. Während Margaretha's Blicke nur in ſtiller Freude leuchteten und ihr Auge — 154 Die ſchöne Kaufmannsfrau mehr ſprach, als ihr Mund, brach Juanna in einen wilden und tollen Jubel aus. Sie umhalſte ihren Ge⸗ mahl im ſtürmiſchen Entzücken und preßte ihm leiden⸗ ſchaftliche Küſſe auf Stirn, Wange und Mund, ſo daß er ſich ihrer erwehren mußte; dann betrachtete ſie wie⸗ der den Schmuck, ſtieß abgeriſſen Freudentöne aus, tanzte wie ein Kind, dem das größte Glück begegnet iſt, ſie, die Königstochter zweier Königreiche, die Ge⸗ mahlin des reichen Herzogs der Niederlande, die Schwiegertochter des deutſchen Königs, die ſolches Schmucks in Fülle beſaß. Es hätte nicht viel gefehlt, ſie hätte den freigebigen augsburger Bürger, den ſie vorhin kaum eines Blicks gewürdigt, jetzt umarmt und geliebkoſet. —„Nun werd' ich Euch ſehr gefallen,“ jubelte ſie ihrem Gemahl zu,„wenn ich dieſen Schmuck trage, und werde Eure ganze Liebe beſitzen, Don Philipp. Ich werde ihn nicht ablegen, damit Ihr mich nur recht liebhaben ſollt. Nicht wahr, Herr Fugger, in dem ſchönen Schmuck iſt ein Talisman, der mir die Liebe meines Gatten ſichert? O, ich lieb' ihn unbeſchreiblich, aber ich bin auch eiferſüchtig auf ihn, und ſolch einen Talisman hab' ich mir längſt gewünſcht.“ Und neue Umarmungen, neue Küſſe, bis ſie der Erz⸗ herzog ſanft zurückdrängte und ſich unmuthig abwandte. Die Prinzeſſin Margaretha verſtand ſeine Blicke und ſagte zu Fugger:„Ihr werdet mir eine Liebe er⸗ — von Antwerpen. 155 weiſen, wenn ich Euch in meinen Gemächern empfan⸗ gen darf. Ich habe Euch ohnedies noch etwas anzu⸗ vertrauen und an's Herz zu legen.“ Fugger wollte ſich zurückziehen, aber Donna Juanna wandte ſich plötzlich mit heftigen Geberden an ihn: „Ihr habt mich und meine Kinder und meine Schwe⸗ ſter Gretchen ſo ſchön beſchenkt, alle mit koſtbarem Schmuck, ſo laßt doch meine Kätzchen nicht leer aus⸗ gehen! Don Ceſar wird ſchon höflich gegen Euch wer⸗ den, wenn Ihr ihm ein ſchönes goldenes Halsband ſchenkt. Und er verdient's; er iſt ein herrlicher Bur⸗ ſche. Ich kann Euch ſeine geſelligen Tugenden nicht genug rühmen.“ —„Ihr habt nun genug gehört, Meiſter Jakob,“ ſagte der Erzherzog unwillig und ergriff des Bürgers Arm, um ihn fortzuführen. —„Nein, nein!“ rief Donna Juanna zornig und ſtampfte den Boden mit den Füßen.„Ich will auch ein Geſchenk für meine Katzen!“ —„Ich habe mich auf unvernünftiges Vieh nicht eingerichtet,“ verſetzte Fugger, vom Unwillen des Erz⸗ herzogs angeſteckt.„Doch ſo Ihr es wünſcht, werd⸗ ich jeder ein Halsband und eine Kette ſchicken.“ —„Thut es ja und haltet Euer Wort.“ Damit ging ſie wieder den Katzen nach, um ihrem geliebten Don Ceſar den ſchönen Schmuck zu zeigen 156 Die ſchöne Kaufmannsfrau und ihm die Verſicherung zu geben, daß er nächſtens ein ähnliches Prachtgeſchenk vom Herrn Fugger erhal⸗ ten werde, wie ihr derſelbe eben verſprochen, obgleich er ſich ſehr ungezogen gegen dieſen freigebigen und löblichen Mann aufgeführt habe. —¹ von Antwerpen. 1 Meuntes Bapitel. „Ihr kennt nun die Erbin von Caſtilien und Arrago⸗ nien, Leon, Granada und Siecilien,“ ſagte der Erz⸗ herzog ſpöttiſch, als ſie wieder in ſeinen Zimmern wa⸗ ren,„und Ihr werdet ſchwerlich Verlangen tragen, ihr noch ein Mal aufzuwarten. Man thut auch beſſer, ſie mit ihren Beſtien verkehren zu laſſen.“ —„Und doch liebt ſie Euch ſo ſehr, Herr Erzher⸗ zog,“ entgegnete Fugger ernſt und milde, und im Tone ſeiner Stimme klang ein leiſer Vorwurf durch. —„Ich verkenne das nicht. Ich weiß, daß ſie mich liebt, leidenſchaftlich liebt,“ ſagte der Fürſt zum Beweis, daß er den Bürger verſtanden hatte. —„Und ſie iſt ſo fern vom Vaterlande und den Ihrigen, ſie iſt ganz auf Euch gewieſen, auf Eure Liebe, auf Eure Nachſicht.“ —„Euer edles Herz hat recht,“ verſetzte der junge Fürſt mit einem Anfluge von Rührung.„Man muß Geduld und Nachſicht mit ihr haben. Und ich habe 158 Die ſchöne Kaufmannsfrau beide. Sie wird als die Fürſtin dieſes Landes gehal⸗ ten. Niemand darf ſie kränken, und mein liebes Gret⸗ chen verſüßt ihr das Leben, wie ſie nur weiß und kann.“ Fugger wurde zur erzherzoglichen Tafel gezogen, wo die beiden fürſtlichen Frauen ihn zu erfreuen ſuch⸗ ten, jede auf ihre Weiſe, um ſich ihm dankbar zu be⸗ zeigen. Er genoß die Verehrung aller hochgeſtellten Hofherren und ſah ſich lächelnd von den Pagen bedient, die erſt über ihn gewitzelt hatten. Aufgefordert von Frau Margarethen, mußte er aus ſeinem Leben und aus ſeiner Umgebung erzählen, und er that es gern, da er eine aufmerkſame und theilnehmende Zuhörer⸗ ſchaft fand. Nach aufgehobener Tafel wurde er von einem Kammerherrn zur Audienz bei der Erzherzogin Margaretha geführt. Sie empfing ihn mit der herz⸗ gewinnenden Anmuth ihres Weſens. —„Herr Fugger,“ ſagte ſie,„Ihr habt Euch ſtets ſo freundlich und ergeben gegen unſer Haus ge⸗ zeigt und Eure treue Geſinnung heute abermals ſo ſchön bethätigt, daß ich dadurch ermuntert worden bin, Euch mit einer Bitte zu behelligen, die Ihr gewiß erfüllen werdet, da Ihr ſie erfüllen könnt.“ —„Ihr beglückt mich durch Euer Vertrauen, hohe Frau. Nennt mir die Bitte, damit ich ſogleich alle Kräfte aufbiete, Euch die Gewährleiſtung derſelben ſo ſchnell als möglich zu Füßen zu legen.“ —„Als ich in Frankreich erzogen wurde, war un⸗ von Antwerpen. 159 ter meiner Dienerſchaft eine flinke Gürtelmagd, eine hübſche Dirne, die ich wohl leiden mochte. Sie war werkſtellig, gefällig und mir ſehr ergeben, und mein offenes Herz kam jedem freundlichen Menſchengeſichte, das ſich mir liebend nahte, vertrauensvoll entgegen. Lieber Gott, ich war ja ein Kind von zwölf Jahren! Claire— ſo hieß die Magd— war mir aber um deshalb ſo lieb, weil ſie mir von einer gar lieben Freundin, der Gräfin Luiſe Maine, abgelaſſen worden war. Claire war auf dem Gute der Gräfin geboren und hatte ihr treu und ergeben gedient. Die Gräfin machte mir Clairen zum Geſchenk und, weil ſie eben ſo große Anhänglichkeit an mich bewies, wie gegen ihre frühere Herrin, und wie dieſe gegen mich, ſo war ſie mir doppelt lieb. Ich wußte mich geliebt von Claire, wie von der Gräfin, und deshalb ſah ich Beiden Manches nach, was außerdem ſchwerlich geſchehen ſein würde. Aber, wie ſchon geſagt, ich war ja noch ein Kind. Und noch als ſolches kam ich wieder in meine heimiſchen Niederlande, aber die beiden treuen Seelen, die Gräfin und Claire, hatten ſich nicht von mir zu trennen vermocht, ich nicht von ihnen, und ſie waren mir nach Brüſſel an den Hof meines Bruders gefolgt. Doch Claire war es nicht mehr allein; ſie hatte ſich in Blois mit meiner Erlaubniß verheirathet und ich brachte ihren Mann und ihren einjährigen Sohn mit in die Niederlande. Dieſer ihr Mann gefiel mir nun 160 keineswegs, aber was wollte ich thun? Sie liebte ihn heftig, ſtürmiſch, wie die Franzöſinnen zu lieben pfle⸗ gen, und ſie weinte und klagte, wie auch die zö⸗ ſinnen thun, als ich von der Heirath nichts wiſſen wollte. Ihr Mann war nämlich ein wilder, dunkel⸗ brauner Spanier, ein verwegenes Geſicht und, wie ſie mir ſpäter geſtanden hat, von der verrufenen und ge⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau heimnißvollen Nation der Zigeuner. Er hatte mit an⸗ dern ſeines Volksſtammes in den franzöſiſchen Städten ſich als Kunſtreiter für Geld ſehen laſſen und zeigte ſeine halsbrechenden Kunſtſtücke auch vor dem franzöſi⸗ ſchen Hofe. Hier hatte er die Bekanntſchaft meiner Claire gemacht, war heimlich von den Seinigen ent⸗ wichen und Claire hatte ihn lange, ohne mein Wiſſen, verſteckt gehalten. Nachher mußte ich Ja und Amen zu der mir misfälligen Geſchichte ſagen; denn Claire hatte ſich hinter die Gräfin Maine geſteckt, die unterdeſſen meine Ehrendame geworden war und von der Claire wohl wußte, duß ich ihr nichts abſchlagen konnte, weil mein Herz mit den unzertrennlichen Banden jugendlich ſchwärmeriſcher Freundſchaft an das ihrige gefeſſelt war. Genug, der Kunſtreiter Antonio Cebes kam als mein Stallmeiſter in meine Dienſte und Claire wurde ſeine Frau. Claire genas nachher noch mehrer Kinder; als ich aber fünf Jahre darauf als Braut des Infanten von Aragonien nach Spanien ging, erhob ſich ein merkwürdiger Zwieſpalt zwiſchen den beiden ſonſt ver⸗ —ů ˙ ˙ ˙“““ von Antwerpen. N 161 träglichen Eheleuten. Antonio weigerte ſich nämlich entſchieden, mir nach Spanien zu folgen, und machte ſo ungeſchickte Ausflüchte, daß man deutlich genug mer⸗ ken konnte, er fürchte ſich vor ſeinem Vaterlande, in welchem er irgend ein Verbrechen begangen haben mußte, deſſen Beſtrafung ihn dort bedrohte. Seiner Frau fiel es aber unmöglich, ſich von mir zu trennen, und ſie verließ lieber ihren Mann und ging mit mir, ebenſo wie ihre ehemalige Herrin, die Gräfin Maine, welche mir jetzt wiederum nach Burgos folgte, wie ſie mir erſt nach Brüſſel gefolgt war. So viel Liebe und An⸗ hänglichkeit rührten mich tief. Antonio blieb in den Dienſten meines Bruders, ihre Kinder mitzunehmen, mußte ich der treuen Claire erlauben. Als wir vor zwei Jahren wieder nach Brüſſel zurückkehrten, ich und Claire— die Gräfin Maine hatte ſich in Spanien verheirathet— fanden wir Antoniv nicht mehr. Er war ein halbes Jahr zuvor mit den burgundiſchen Rei⸗ tern, welche mein Bruder unſerm Vater zur Hülfe ge⸗ gen die Eidgenoſſen geſchickt, in die Schweiz gezogen und dort wahrſcheinlich in einem Treffen gefallen. Ihr wißt, wie unglücklich der ſchwäbiſche Bund gegen die Eidgenoſſen war. Wir haben nichts wieder von An⸗ tonio gehört und er iſt jedenfalls todt. Claire krän⸗ kelte ſeit der anſtrengenden Seereiſe, wurde ſchwächer und elender und iſt im letzten Frühjaht ebenfalls ge⸗ ſtorben, mir ihre drei noch lebenden Kinder hinterlaſ⸗ Ein deutſcher Leinweber. I. 11 162 ſend, für die ich natürlich ſorgen würde, ſelbſt wenn ich es ihr nicht auf dem Todtenbette feierlich in die erkaltende Hand gelobt hätte. Durch dieſes Verſpre⸗ chen beruhigt, ſtarb ſie ſanft mit einem dankbar zärtli⸗ chen Blick auf mich. Nun hab' ich einen wilden un⸗ bändigen Buben, der im zwölften Jahre ſteht, das Ebenbild ſeines Vaters in allen Stücken, ein Mägd⸗ lein von zehn Jahren und einen Knaben von neun Jahren. Es liegt mir ob, auf's redlichſte für ſie zu ſorgen. Aber des älteſten Buben(auch wieder Anto⸗ nio geheißen, wie ſein Vater) kann ich nicht mehr Herrin werden; ich bin zu gut für ihn. Der Junge würde mir bald Alles abtrotzen, was ihm beliebte, zu ſeinem eigenen Verderben. Er muß zu ſeinem Heile in eine ſtrenge männliche Zucht. Dem Herzog von Savvoyen, meinem künftigen lieben Ehegemahl, kann ich ohnmöglich zumuthen, ſich mit der Erziehung des Sohnes meiner verſtorbenen Gürtelmagd zu befaſſen, und meinem Bruder kann ich den wilden Burſchen eben⸗ falls nicht überlaſſen; er würde ganz verwildern und zu Grunde gehen. Wer ſollte, wer würde ſich um ihn bekümmern? Da kommt Ihr, wie von Gott ge⸗ ſchickt, mir eine ſchwere Sorge abzunehmen. Ihr ſeid ein Mann ganz zur Zucht Antoniv's geſchaffen. Nehmt ihn mit Euch und macht einen tüchtigen Leinweber aus ihm. Niemanden vertraue ich ihn lieber an, als Euch, Herr Fugger; ich weiß, er iſt in Eurer Zucht beſſer Die ſchöne Kaufmannsfrau E— 4 von Antwerpen.. 163 aufgehoben, als in der meinigen und jeder andern, und indem ich ihn Euch übergebe, erfülle ich auf die beſte Weiſe den Willen ſeiner ſterbenden Mutter.“ —„Ihr ehrt mich ſehr, gnädigſte Frau, durch Eure vertrauensvolle Bitte, die ich als Befehl betrachte. Ich habe ſchon manchen unbändigen Rangen hinter dem Webſtuhl zahm werden ſehen; denn da gilt's, ſtillſitzen und ausharren, und ſo ſoll's— denk' ich— mit die⸗ ſem auch gelingen. Wir wollen ihn ſchon coram neh⸗ men, wie mein verſtorbener Bruder Marr zu ſagen pflegte.“ —„Wie lange werdet Ihr bei uns verweilen, Herr Fugger?“ —„Je nachdem das Hauptgeſchäft, um deswillen ich gekommen bin, ſich abthun läßt. Doch werde ich die Rückreiſe keineswegs unter einigen„ antre⸗ ten können“ „Dann kann ich den Buben behan bis zu meiner ne nen Abreiſe nach Chambery, die, nach den Briefen meines Verlobten, noch in dieſem Monat ſtatt⸗ finden wird. Doch Ihr ſollt ihn jetzt erſt ſehen. Er iſt Roßbube in meinem Stalle; aber ich liebe die Pferde nicht und reite nur, wenn ich es nicht vermei⸗ den kann. Das unglückliche Schickſal meiner Mutter ſchweht mir ſtets vor Augen. Ich habe auch keinen Stallheiſter mehr; ein Page meines Bruders führt die Aufſicht über meine paar Pferde. Mein künftiger 11* — 8 164 Die ſchöne Kaufmannsfrau Gatte wird mir neue Bedienung beſtellen.“ Sie ſchellte und befahl der eintretenden Kammerfrau, den Junker von Bübenhoven herzubeſcheiden. Der junge hübſche Edelknabe trat bald darauf mit verklärtem Antlitz herein; ſein Auge ſuchte mit begei⸗ ſterter Haſt ihren ſanften Blick und blieb dann ſchwel⸗ gend daran hängen. Ueber ſein ſchönes Geſicht brei⸗ tete ſich ihm unbewußt der purpurne Verrath ſeines Herzensgeheimniſſes. Fugger betrachtete den Jüngling mit Wohlgefallen. —„Junker,“ redete die Prinzeſſin zu ihm, und ihre Stimme klang zwiefach, wohllautend und beſeli⸗ gend, und er ſchien es zu ahnen oder gar zu wiſſen, daß dieſer erhöhete Zauber die heimlich ſüße Auszeich⸗ nung für ihn ſei, die ihr Herz unbewußt ihm angedei⸗ hen laſſe; denn ſein Auge ſtrahlte von ſeliger Liebes⸗ trunkenheit, während ſein entzücktes Ohr hingebend der Muſik ihres Mundes lauſchte.„Junker, ich habe end⸗ lich ein gutes Unterkommen für den Anton gefunden, deſſen künftiges Lvos uns Beiden oft Kummer gemacht hat.— Der Burſche ſteht nämlich unter dieſes gefäl⸗ ligen Junkers Aufſicht,“ wandte ſie ſich freundlich er⸗ klärend an Fugger;„der Junker meint es gut mit ihm, aber der Junge hat ihm manchen Aerger bereitet.“ — Und wieder zu dem ſelig lauſchenden Bübenhoven gewandt:„Herr Jakob Fugger wird ihn mit nach ugs⸗ burg nehmen und einen tüchtigen Handwerker aus ihm von Antwerpen. 165 bilden. Ihr ſeid alſo die Sorge um das unbändige Kind los.“ —„Er wird Euch viel zu ſchaffen machen,“ ſagte der Page zu dem Bürger. —„Ihr habt Mittel, die wildeſten Pferde zu bän⸗ digen, und ich Menſchen von ſolcher Eigenſchaft,“ ver⸗ ſetzte Fugger. —„Holt ihn herbei, Junker. Wir wollen ihn ſei⸗ nem künftigen Herrn vorſtellen.“ Bübenhoven eilte, dem empfangenen Befehl ſchnell nachzukommen, und an ſeinen Schritten konnte man abnehmen, daß ihnen das Herz ſeine Flügel lieh. Er blieb auch nicht lange und ihm folgte ein merkwürdig ſtämmiger Burſche mit Augen ſchwarz und feurig wie Kohlen, unter dicken ſchwarzen Braunen und langen Wimpern aus tiefen Höhlen herauslauernde, verſchla⸗ gene Blicke ſchießend, mit einer kecken, aufgeſtülpten Naſe, in deren Form ſich alle mögliche Liſt ausſprach, mit einem wulſtigen Munde, der Wolluſt und Trotz verkündete und an deſſen verwegener Oberlippe bereits ein ſchwarzer Flaum ſproßte. Pechſchwarzes Haar hing ihm ſtraff am Kopfe herab, wie Draht, und ſeine ſchwarzbraune Geſichtsfarbe bildete einen ſchroffen Ge⸗ genſatz zu den beiden Reihen elfenbeinweißer, ſchöner Zähne, die er fletſchte. Sein ledernes Gewand war unſauber und verbreitete einen unangenehmen Pferde⸗ duft. 166 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Antonio,“ redete ihn die Prinzeſſin ſanft an, „ich muß, ehe ich Brüſſel verlaſſe, darauf denken, daß du etwas Tüchtiges lernſt, worauf du einſt dein Unter⸗ kommen findeſt. Und ich habe in dieſem braven Manne hier einen Lehrmeiſter für dich gefunden, bei dem du es gut haben wirſt, wenn du es gut machſt.“ Der Bube warf einen mistrauiſchen Blick auf Fug⸗ ger und ſagte dann trotzig:„Wollt Ihr mich denn nicht mitnehmen, gnädige Frau?“ —„Was ſollte ich mit dir machen? Der Herzog von Savoyen hat mir bereits eine zahlreiche Diener⸗ ſchaft angeordnet, die mich hier abholen wird. Und du ſollſt mir etwas Beſſeres werden, als ein Pferdeknecht. Das bin ich dem Andenken deiner Mutter ſchuldig.“ —„Und was ſoll ich denn werden?“ —„Ein Leinweber.“ —„Ein Leinweber!“ rief der Junge entſetzt und ſchnitt eine teufliſche Fratze.„Das werd' ich nicht. Ich will bei den Pferden bleiben.“ —„Na, ſtille nur,“ ſagte Fugger,„das wird ſich finden. Ich habe einen ganzen Stall voll Pferde und drei davon mit hier, die kannſt du dir gleich in mei⸗ ner Herberge beſehen. Mein Reitknecht Veit Schellen⸗ berger, mit dem du Bekanntſchaft machen ſollſt, iſt auch ein gelernter Leinweber. Der wird dir ſchon ge⸗ fallen. Iſt ein tüchtiger Reiter und Pferdekenner. Wenn du am Webſtuhl deine Arbeit gethan, kannſt du von Antwerpen. 167 im Stall verkehren und die Pferde ausreiten, und Sam⸗ ſtags und Sonntags Nachmittags kannſt du ſo viel rei⸗ ten, wie du willſt.“ —„Hm! das ließe ſich hören,“ meinte Anton. „Aber woher ſeid Ihr, Herr?“ —„Aus Augsburg. Haſt du ſchon von der ſe5 nen Stadt im ſchönen Schwabenlande gehört?“ —„Ob?“ lachte der Junge frech.„Davon er⸗ zählen alle meine Kameraden. Dahin möchte ich wol. Ich habe ſchon längſt davonlaufen wollen, um die Welt zu ſehen. In Augsburg wohnen die reichen Fug⸗ ger, die ſollen ſchöne Pferde haben.“ Die Prinzeſſin lächelte:„Das iſt ja Herr Fugger ſelbſt, Antoniv, der dich mitnehmen will.“ —„Seid Ihr's? O dann habe ich Eure Pferde ſchon geſehen! Ein dicknaſiger Knecht ritt ſie vorhin in die Schwemme. Es iſt ein herrlicher Schweißfuchs dabei. Auch der Apfelſchimmel iſt nicht zu verachten. Aber die Perlſtute taugt nichts; ſie iſt plump und alt und wird nicht lange mehr mitgehen.— Nun, wenn mich die Erzherzogin nicht mehr haben will, ſo will ich mit Euch gehen.“ Den Leinweber ſchien er ganz vergeſſen zu haben und trollte ſich ohne Umſtände fort. —„Es wird ſich ſchon etwas aus ihm machen laſ⸗ ſen,“ meinte Fugger.„Wenn man ihn Abends eine Stunde zu den Pferden läßt, ſo ſitzt er den ganzen Tag fleißig hinter dem Webſtuhl.“ 168 Die ſchöne Kaufmannsfrau Die Angelegenheit wurde alſo näher verabredet und Fugger empfahl ſich, von Bübenhoven begleitet. Als der Bürger dem hübſchen Junker ſcheidend die Hand reichte, faßte ſich dieſer ein Herz und ſagte:„Hert Fugger, auch ich habe Euch eine Mittheilung zu ma⸗ chen und bitte Euch herzlich, mir ein paar Minuten in Eurer Herberge zu ſchenken. Leiht mir ein geneigtes Ohr, dann mögt Ihr entſcheiden, ob Ihr mir will⸗ fahrten könnt oder wollt, und ich will mich unbedingt Euerm Ausſpruche unterwerfen.“ —„Ich helfe überall gern, wo ich kann,“ ver⸗ ſetzte Fugger gutmüthig lächelnd; denn er wähnte, der Junker habe einige leichtfertige Schulden gemacht und werde nun um Bezahlung gedrängt.„Ich werde Euch in der Herberge erwarten.“ von Antwerpen. 169 PBehntes Rapitel. Dort trat dem ſo vielfach in Anſpruch genommenen“ Bürger von Augsburg der unbehülfliche Reitknecht ſchmunzelnd entgegen:„Unter den hoffärtigen Krähen⸗ köpfen war doch ein feines und höfliches Herrlein, das mir baß gefallen. Hat mir erzählt, daß er ein Tyro⸗ ler iſt aus dem Oberinnthal und hat Euch dort geſe⸗ hen und hochgehalten. Hat nachher auch die dummen Stelzenjunker verlacht, als ſie zu Kreuze kriechen muß⸗ ten. Ah, und die jungen Plattenmeiſter hättet Ihr ſollen ausziehen ſehen! Die hoben den geiſtlichen Rock, um beſſer laufen zu können! Das ſchmucke Junkerlein aber trat zu mir und hat ſich nicht geſchämt, mit ei⸗ nem Knechte freundlich zu koſen. Ich meinte, Ihr ſolltet ihm eine Verehrung machen.“ —„So!— meinſt du? Weil ein Schlaukopf ſich an dich gehängt, ſoll ich ihm Bezahlung dafür rei⸗ chen?“ lachte Fugger. —„Das iſt kein Schlaukopf!“ rief Veit mit drol⸗ 170 Die ſchöne Kaufmannsfrau liger Entrüſtung.„Ein feines, frommes Geſicht iſt's. Sieht gar nicht ſo toll und ungeſchickt aus, wie die Uebrigen.“ —„Wie heißt denn dein Schützling, dem du ſo warm das Wort redeſt?“ —„Marx von Bübenhoven.“ —„Ah, ſieh doch, derſelbe, der auch bei Frau Margaretha einen Stein im Brete hat. Nun, er hat mir ſelbſt gefallen. Wir wollen halt ſehen, wie's um ihn ſteht.“ Nach einer halben Stunde trat Veit wieder zu ſei⸗ nem über Rechnungen ſitzenden Herrn, blinzelte ſchel⸗ miſch vertraulich, deutete mit dem Daumen rückwärts über die Achſel und flüſterte:„Er iſt draußen und will mit Euch reden.“ —„Wer?“ —„Das hübſche Junkerlein. Ich bitt' Euch, thut mir's zu Lieb' und entlaßt ihn nicht ungetröſtet.“ —„So werd' ich deinetwegen ſchon ein Uebriges thun müſſen,“ verſprach der treffliche Mann mit der gewohnten Gutmüthigkeit dem bittenden Knecht. Veit ging und flüſterte dem verlegenen Pagen ein ermuthigendes Wort zu, der nun in das Gemach trat. —„Eröffnet mir ohne Scheu und Rückhalt Euer Herz,“ ſagte Fugger mild und ließ den Pagen neben ſich Platz nehmen.„Frau Margaretha iſt Euch gewo⸗ gen, wie ich bemerkt habe, und das wäre allein ſchon von Antwerpen. 171 ein Empfehlungsbrief für Euch an mich, wenn Ihr auch nicht ein ſo ehrliches und offenes Tyrolergeſicht —„Ich will Euch Alles ſagen, was mich drückt,“ verſetzte der Junker.„An der Bergſcheide zwiſchen dem Inn und dem Lech, oben bei Naſſereit, wo die Straße von Augsburg nach Innsbruck heraufkommt, da liegt meines Vaters Gut, er ſelber aber liegt bei Waldshut und zwar unter der Erde; denn er wurde vor zwei Jahren, als der König Maximilian mit dem ſchwäbiſchen Bunde gegen die Eidgenoſſen zog, als Hauptmann im königlichen Heere dort von den Schwei⸗ zern in einem Treffen erſchlagen und meine Augen ha⸗ ben ihn nicht wiedergeſehen, den mein Herz ſo innig liebte. Ach, Ihr könnt nicht glauben, wie ſehr mich ſein Tod betrübt hat!“ Er trocknete ſich die rinnenden Thränen und Fug⸗ ger betrachtete den ſchmerzenreichen Knaben mit Rüh⸗ rung und Mitleid. —„Nachher betrübte mich zumeiſt das Schickſal meines Mütterleins,“ fuhr der Junker fort.„Sie ſtand nun allein, hatte keinen Freund, keinen Ver⸗ wandten und noch drei unerzogene Kinder; denn ich bin das älteſte von meinen Geſchwiſtern. Ihr müßt nämlich wiſſen,“ flüſterte er heimlich und zutraulich, „daß Mütterlein keinen Vater hat, oder— wie ſoll ich ſagen— ſie iſt eine Tochter des verſtorbenen Erz⸗ 172 herzogs Sigismund, des Herrn von Tyrol, und der iſt, wie Ihr wohl wiſſen werdet, ein gar fröhlicher Herr geweſen und hat viele Kinder gehabt. Sie haben ihn aber nicht Vater nennen dürfen, obgleich er gar wohl für ſie geſorgt.“ —„Mir iſt das gar wohl bekannt,“ nickte Fug⸗ ger.„Ich habe manches Geldgeſchäft mit dem Erz⸗ herzog gemacht und ſeine Schwächen waren mir ſo wenig ein Geheimniß, wie ſeine guten Eigenſchaften, deren er ſo viele hatte.“ —„Nun, er hat redlich auch mein Mütterlein be⸗ dacht, die er gar ſehr geliebt, und hatte ſie mit mei⸗ nem Vater verheirathet, der ſein Eigenhold war. Aber als der Erzherzog todt war und Throl an den König Mar fiel, da waren auch alle Verwandte meiner Mut⸗ ter todt. Mich nahm der Erzherzog Philipp mit in die Niederlande und verſprach meinem Vater, für mich zu ſorgen. Ach, und als nun mein Vater auch nicht mehr unter den Lebenden wandelte, da war ja lieb Mütterlein ganz verlaſſen! Ich war erſt ſchon vor Heimweh und Sehnſucht nach Mutter und unſern Ber⸗ gen faſt geſtorben und nun weinte ich mir die Augen faſt aus dem Kopfe. Da hat mich allein die Frau Erzherzogin Margaretha getröſtet, die mildgütige Frau, der ich mein gebranntes Herzeleid klagen durfte. Und die hohe Frau hat ſelbſt einen Brief an meine tiefbe⸗ trübte Mutter geſchrieben, der ihr großen Troſt ge⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau von Antwerpen. 173 bracht.— Dann hat ſich bald ein Junker bei meiner Mutter eingefunden, ein arger Gleißner und Prahl⸗ hans, von dem hat ſie ſich leider Gottes nur zu bald tröſten laſſen. Er hat ſie beſchwatzt und berückt, und ſo iſt ſie denn ſeine Frau geworden; der fremde Herr hat ſich in mein Erbe geſetzt und bereits gar übel darin gewirthſchaftet. Ich erfuhr's erſt, als es ſchon geſchehen war; ich hätt's ja auch nicht hindern können, wenn ich's früher erfahren hätte. Ich kenne den Jun⸗ ker nicht; er nennt ſich Wilhelm von Lannoy, will ein franzöſiſcher Edelmann und im perſönlichen und ſehr vertrauten Dienſte des letztverſtorbenen Königs Karl von Frankreich geweſen ſein und als ſolcher den Haß des Herzogs von Orleans auf ſich gezogen haben, vor dem er, als er ſo unerwartet König geworden, ſich habe flüchten müſſen. Er habe ſich nach Oeſtreich ge⸗ wendet und im Heere gegen die Eidgenoſſen Kriegs⸗ dienſte genommen. Hier ſei er mit meinem Vater ver⸗ traut geworden; dieſer ſei im Treffen neben ihm ge⸗ fallen. Und der Sterbende, den er bis zur letzten Minute gepflegt, habe ihn beauftragt, die Trauerbot⸗ ſchaft meiner Mutter zu überbringen. Auf dieſe Weiſe iſt der verdammte Franzoſe in's Haus gekommen. Ge⸗ nug, als Mutter ihn nun hatte und nicht wieder los⸗ werden konnte, da ſah ſie erſt, was ſie an ihm hatte. Und das iſt der guten, lieben Frau zum ſchlimmen Handel ausgediehen. Sie klagt mir in ihren Briefen 174 Die ſchöne Kaufmannsfrau Gott und die Noth und ihr ſchlimmes Herzeleid ſteigt von Tag zu Tag. Ihr Ehewirth hält ſie ärger, als eine Magd, ſie, die Tochter eines Erzherzogs von Oeſtreich; er fröhnt allen Soldatenlaſtern, iſt ein Sauf⸗ aus und Raufbold, hält Gelage mit ſchlimmen Geſel⸗ len und liederlichen Weibsbildern zu Innsbruck und ver⸗ thut meines braven Vaters Habe. Wenn das arme Mütterlein aber etwas dagegen einwenden will, ſo mishandelt ſie der arge Kriegsknecht.“ Ein edler Zorn glühte im Auge des Jünglings und aus ſeinen Augen ſchoß ein Thränenſtrom über die höher gerötheten Wangen, ſo daß er ſich abwenden mußte. Seine Fauſt war krampfhaft geballt und ſein ganzer Körper bebte in fieberiſcher Aufregung. Fugger betrachtete ihn mit der größten Theilnahme. —„Seht, wenn ich nach Hauſe dürfte,“ ſtöhnte der Page,„ich würde dem ehrloſen Pankert mit dem Schwerte zu Leibe gehen. Einer von uns dürfte nicht lebendig von dannen. Aber mein Dienſt bindet mich feſt und nun muß ich mit dem Erzherzog nach Spa⸗ nien. Da iſt mir der Gedanke ganz unerträglich, daß ich mein lieb Herzensmütterlein in ſolcher Noth und Be⸗ drängniß dort im fernen Tyrol laſſen muß. Es muß der armen Frau geholfen werden; es gehe auch, wie es gehe; denn ſie thut ſich ſonſt ein Leid an. Und Ihr wißt nicht, wie ich ſie liebe. Es wäre mein eigener von Antwerpen. 175 Tod. Es iſt mir jetzt zuweilen ſchon, als müßte ich ſterben vor Jammer und Elend.“ —„Ihr ſeid ein guter und edler Sohn,“ belobte Fugger den ſchmerzvollen Jüngling und wiſchte ſich die Augen.„Aber ſagt, wie ſoll Eurer Frau Mutter ge⸗ holfen werden?“ —„Ach, das hat mir ſchier das Herz abgefreſſen! Sie hat dem Lannoy abgemerkt, daß er wol ein Stück Geld nähme; denn er braucht ſtets Baares zu ſeinem wüſten Leben. So würde er wol in die Schei⸗ dung der Ehe willigen, wenn man ihm eine Summe in die Hand gäbe, und der hochwürdige Biſchof von Innsbruck würde all' ſeinen prieſterlichen Einfluß an⸗ wenden, um die unglückliche Frau von dem böſen Schelm zu befreien. Aber er hat ja ſchon Alles auf⸗ gezehrt; woher ſoll Mütterlein das Geld nehmen? Sie hat ja keinen ihr nahe ſtehenden Menſchen. Ja, wenn der Erzherzog Sigismund noch lebte! Auch muß ein geſetzter, tüchtiger Mann perſönlich mit dem Böſewicht handeln und dingen. Da war mir's denn in meiner großen Noth, als ich von Herrn Peter van der Ka⸗ pellen in Antwerpen erfuhr, Ihr würdet in die Nie⸗ derlande kommen, als ſchicke mir Gott in Euch einen rettenden Engel; denn ich kenne Euch und Euern fei⸗ nen Ruhm aus meinem lieben Vaterlande, und ich beſchloß, mit Euch zu reden und Euch herzlich zu bit⸗ ten, Ihr möget Euch meines Mütterleins in Treuen 176 Die ſchöne Juufmannsfrau annehmen und ſie von dem hölliſchen Plagegeiſt be⸗ freien.“ —„Und Ihr ſollt nicht vergebens auf mich gehofft und vertraut haben, Junker Bübenhoven,“ ſagte Fug⸗ ger ernſt.„Hier habt Ihr meine Hand darauf, ich will in Eurer Mutter Sache thun, was ich vermag.“ Ein neuer Thränenſtrom ſchoß aus des Pagen ſchö⸗ nen Augen, aber diesmal waren es Freudenthränen, und jubelnd preßte er ſeine Lippen auf die dargebv⸗ tene Hand und rief:„Das geſegn Euch Gott und die heilige Jungfrau und die vierzehn heiligen Nothhelfer, zu denen ich allnächtlich aus tiefer Bruſt geſchrien und die mein inbrünſtig Gebet erhört und Euch hier⸗ her geſandt haben. Denn ohne Euch wär' Mütterlein und ich verloren und meine Geſchwiſter dazu. O Ihr himmliſcher Mann, Ihr ſollt mein Lebelang an mir ein dankbares Gemüth gefunden haben.“ —„Ich rechne niemals auf Dank,“ entgegnete Fugger,„und thue Euch die Liebe, weil Ihr mir ge⸗ fallt. Und ſchon weil Ihr Marr heißt, bin ich Euch gewogen; denn das war der Name meines lieben ſeli⸗ gen Bruders, der mich fleißig in allerlei nützlichen Dingen unterwies, die mir von gar großem Vortheil geweſen ſind. Und Marr heißt auch meines Bruders Georg Aelteſter, ein wackerer Junge, der wiederum ein Prieſter des Herrn werden wird. Und ſo ſollt Ihr denn der dritte Marr ſein, der mir lieb und werth.“ von Antwerpen. 177 —„O laßt mich erſt dieſe Güte verdienen! Und dies Uebermaß. Ich könnte mich ja durch die beſten Thaten derſelben nicht werth machen.“ —„Habet ſtets Gott vor Augen und im Herzen; thut Gutes, wo Ihr Gelegenheit dazu habt, und bleibt ein braver Menſch, wie Ihr ein edler Sohn ſeid, dann will ich mich belohnt wiſſen.“ —„Das ſollt Ihr an mir erleben!“ rief der Page und legte betheuernd die Hand auf's Herz.„Ich be⸗ trachte Euch von dieſer Stunde an als meinen zweiten Vater und liebe Euch, wie ich meinen Erzeuger geliebt habe, wie ich mein Mütterlein noch liebe. Und ich geize nach Euerm Lobe; ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um mir daſſelbe zu verdienen.“ —„Gott ſegne Euch und Eure guten Vorſätze, mein Sohn. Er gebe Euch Kraft und Ausdauer da⸗ mit Ihr Eure Entſchlüſſe in Thaten umwandeln mögt!“ —„O ſegnet mich! Legt Eure Hand auf mein Haupt und gebt mir Euern väterlichen Segen!“ Und der Jüngling beugte weinend das Knie vor dem gerührten Manne, der ihm die Hand auf den Scheitel legte und ein frommes Gebet ſprach. Dann zog er ihn empor und an die Bruſt, küßte ihn auf die reine, ſchöne Stirn und nannte ihn noch ein Mal ſei⸗ nen Sohn. Ein deutſcher Leinweber. I. Die ſchöne Kaufmannsfrau Elftes Rapitel. Es iſt anzunehmen, daß Jakob Fugger als ein erfah⸗ rungsreicher Mann, der bereits ſehr viel mit Fürſten und großen Herren in Geſchäften verkehrt hatte, recht wohl wußte, was von Fürſtenverſprechungen und Ge⸗ löbniſſen zu halten ſei, zumal wenn der Ausſteller der⸗ ſelben das vier und zwanzigſte Jahr noch nicht zurück⸗ gelegt hat, leichtſinnig, lebensluſtig, genußſüchtig und ein verliebter Minnewart iſt, wie der ſchöne Erzherzog von Oeſtreich und Burgund. Wenn er es aber noch nicht wußte, ſo hatte er in Antwerpen, wohin er von Brüſſel gereiſt war, bald genug die beſte Gelegenheit, es auf das vollſtändigſte zu erfahren. Und da er, ſelbſt mit all ſeiner Klugheit und Erfahrung, den ob⸗ waltenden Umſtänden nach, nicht darum zu verdenken geweſen wäre, wenn er an Philipp's Verſprechungen in Bezug auf das Fugger'ſche Etabliſſement in Ant⸗ werpen geglaubt hätte, ſo wäre es nun zwiefach ſchmerz⸗ lich für ihn geweſen, daß nach einer ganzen Woche ——— von Antwerpen. 179 auch nicht das Geringſte dafür geſchehen war, was er nicht ſelbſt gethan hatte. Er ſtieß aber auf ſo bedeu⸗ tende Schwierigkeiten und Hinderniſſe, die ihm gerade nicht unerwartet kamen, daß er ſeine frühere Meinung, er werde ſeine Abſicht ohne perſönliche Unterſtützung des Erzherzogs nicht durchſetzen, ſich bald genug be⸗ ſtätigen ſah. Der Magiſtrat und die Kaufmannſchaft der Stadt waren gegen die Errichtung eines Fugger'ſchen Han⸗ delshauſes in Antwerpen, der erſtere aus einer nie ganz verlöſchenden Abneigung gegen das öſtreichiſche Haus, die andere, weil ihre Glieder durch die außer⸗ ordentlich großen Mittel und die glückliche und groß⸗ artige Handelsſpeculativn Jakob Fugger's in Schatten geſtellt zu werden fürchtete. Man wußte auf der ei⸗ nen Seite nur zu gut, wie hoch König Maximilian die Gebrüder Fugger in Ehren hielt, ſie ſeine Freunde nannte und in ununterbrochenem Geſchäftsverkehr mit ihnen ſtand; man hatte bereits durch die Plaudereien der Hofherren erfahren, daß der Erzherzog das Geld zu ſeiner Fahrt nach Spanien bei Jakob Fugger ge⸗ borgt hatte, um nicht zu befürchten, daß die Fugger, ſäßen ſie einmal in Antwerpen feſt, öſtreichiſche In⸗ tereſſen auf jede Weiſe vertreten und begünſtigen wür⸗ den, und dagegen ſträubte ſich der Stolz der Nieder⸗ länder mit empörter Hartnäckigkeit. Sie hätten hun⸗ dert Mal lieber franzöſiſche Intereſſen im Lande ge⸗ 180 Die ſchöne Kaufmannsfrau fördert, von denen ſie jeglichen Schaden bereits erfah⸗ ren hatten(und es wäre nicht das erſte Mal geweſen, daß ſie ſie förderten), als öſtreichiſche, von denen ſie ſich doch nur Gutes zu verſehen hatten. So handelt eigenſinniger republikaniſcher Trotz. Auf der andern Seite ging man offenbar zu weit, wenn man annahm, die Fugger würden, vom öſtreichiſchen Hauſe allzuſehr begünſtigt, allmälig den ganzen niederländiſchen See⸗ handel an ſich reißen. Die antwerpener Kaufleute glaubten ſich zu ſolcher Annahme durch folgende Schlüſſe berechtigt: Die Portugieſen und die Spanier ſchienen die vorzüglichſten Handelsvölker des Erdbodens werden und die italieniſchen Seeſtädte ganz vom Weltmarkte verdrängen zu wollen. Die erſtern hatten den wichti⸗ gen Seeweg nach Oſtindien gefunden und machten eben die glücklichſten und erfolgreichſten Anſtrengungen, ſich dort feſtzuſetzen; ſie hatten Länderentdeckungen gemacht, unter denen die von Braſilien im vorigen Jahre die merkwürdigſte war. Die letztern waren durch Colom⸗ bo's Entdeckungen Herren der damals ſogenannten neuen Welt geworden. Der König Emanuel von Portugal war ein Schwager des Erzherzogs Philipp(er hatte nach dem Tode Iſabella's, der älteſten Schweſter Juan⸗ na's, die dritte, Maria, geheirathet) und über Spa⸗ nien und die Niederlande ſollte ferner ein Oeſtreicher herrſchen. Die niederländiſchen Kaufleute waren ſich aber bewußt, keineswegs ſo gegen das öſtreichiſche von Antwerpen. 181 Haus gehandelt zu haben, daß ſie beſondere Privile⸗ gien und Bevorzugungen vor dem Fugger'ſchen Hauſe erwarten durften. Was war alſo natürlicher, als ihre Befürchtung, die von den Habsburgern hochgehaltenen Fugger würden von den Kronen von Burgund, Spa⸗ nien und Portugal die ausgedehnteſten Vergünſtigungen auf den Seehandel mit Oſt⸗ und Weſtindien und der neuen Welt erhalten und die Antwerpener würden das Zuſehen haben. Kaum war daher in Antwerpen be⸗ kannt worden, welchen Zweck die Anweſenheit Jakob Fugger's habe, als auch ſchon eine Deputation des Stadtraths nach Brüſſel abging, um auf ſichern Schlumpf⸗ und Schleichwegen die Errichtung eines Fuggerſſchen Handelshauſes in Antwerpen zu hintertreiben. Küm⸗ merte ſich doch der junge Erzherzog faſt nicht um die Regierung, lief mit ſeinen Günſtlingen dem Vergnü⸗ gen und den ſchönen Weibern nach und überließ die Sorgen um Land und Leute gern ſeinen Miniſtern und Räthen, die meiſt Niederländer oder den niederländi⸗ ſchen Intereſſen ergeben waren. Dagegen war aber Jakob Fugger auch nicht der Mann, der ſich durch ſolche Hinderniſſe abſchrecken ließ und einen ſo wohl durchdachten und vortheilhaften Plan aufgab, weil der Neid ſich dagegen auflehnte. Klug und fein, wie er war, ließ er ſich nichts von dem Unwillen merken, den die Wortbrüchigkeit des Erz⸗ herzogs in ihm aufrief, und ſobald er eine klare Ein⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau ſicht in das Getreibe des Widerſtandes erlangt, ſchickte er ſeinen Vetter, den jungen Leonhard Fugger, den er von Augsburg mitgebracht, um ihn zum Vorſteher des neuen Etabliſſements in Antwerpen zu machen, mit ei⸗ nem Briefe an den Erzherzog nach Brüſſel und unter⸗ richtete den Boten genau, ſich an den Pagen Marr von Bübenhoven zu wenden, um durch denſelben zur günſtigſten Stunde Eintritt beim Erzherzog zu erlan⸗ gen. Aber am dritten Tage kehrte Leonhard mit dem Beſcheide zurück, daß der Erzherzog nach Gent und Brügge verreiſt ſei, vor ſeiner Abreiſe aber ſeinen niederländiſchen Miniſtern und den antwerpner Depu⸗ tirten das Verſprechen gegeben habe, daß er das Fug⸗ ger'ſche Etabliſſement in keiner Weiſe unterſtützen wolle. Dieſe genauen Nachrichten hatte Bübenhoven eingezo⸗ gen. Fugger, weit entfernt, die Sache deshalb verlo⸗ ren zu geben, betrieb ſie nur mit deſto größerer Vor⸗ ſicht, die ſchon deshalb nöthig war, weil er anfangs nicht wiſſen konnte, wem er Vertrauen ſchenken ſollte. Nicht einmal ſeinen Gaſt⸗ und Handelsfreund Peter van der Kapellen durfte er als ſich ergeben betrachten; er mußte ihn vielmehr als ſeinen natürlichen Feind anſehen. Er ſpielte in dem reichen und ſchönen Hauſe, welches er bewohnte, den ſtillen Beobachter, und ſo wenig er ſonſt ſich aus den Frauen machte, ſo zeigte er ſich doch gegen ſeine ſchöne Wirthin ſehr galant, war oft in ihrer Geſellſchaft und hatte es ihr bald ab⸗ von Antwerpen. 183 gemerkt, daß der Erzherzog Philipp ihrem eiteln Her⸗ zen nicht gleichgültig war. Noch war er nicht einig mit ſich, wie er dieſen Umſtand am geſchickteſten und vortheilhafteſten für ſeine Angelegenheit benutzen ſollte, als der Erzherzog mit einem kleinen Gefolge in Ant⸗ werpen ankam. Fugger war natürlich von Herrn Pe⸗ ter und Frau Elevnoren von der angeſagten Ankunft des hohen fürſtlichen Gaſtes, zu deſſen würdigem Em⸗ pfang ſo glänzende Vorbereitungen getroffen wurden, unterrichtet worden, und er hatte ſeinerſeits nicht ver⸗ fehlt, ſich auf eine Audienz beim Erzherzog vorzube⸗ reiten. Seine übrige Zeit hatte der umſichtige Mann dazu angewendet, eine Menge Bekanntſchaften mit Schiffseignern und Capitainen aller Nationen, mit ein⸗ heimiſchen und auswärtigen Kaufleuten, Künſtlern und Gelehrten zu machen. Unter den erſtern befand ſich der portugieſiſche Schiffscapitain Fernando de Magel⸗ haens, unter den letztern der Maler Martin van der Voort. Der Erzherzog war kaum im Schloſſe abgeſtiegen, als er auch ſchon mit ſeinen beiden vorzüglich begün⸗ ſtigten Lieblingen, dem Pfalzgrafen Friedrich und einem jungen talentvollen Edelmann Philibert von Vere, ei⸗ nem Oeſtreicher, in van der Kapellen's Hauſe erſchien. Dieſer Philibert von Vere war erſt einige Tage zuvor aus Spanien angelangt, wohin ihn der Erzherzog an ſeine königlichen Schwiegereltern als außerordentlichen 184 Geſandten geſchickt hatte, um ſein langes Ausbleiben zu entſchuldigen. Elevnore ſtrahlte im höchſten Liebreiz der Jugend, Schönheit und Toilette. Sie war ſo reich gekleidet, wie eine Königin an einem großen Feſttage, aber was waren dieſe koſtbaren und glänzenden Stoffe, dieſe Edelſteine, dieſe goldnen Ketten und Spangen; was waren ſie gegen den königlichen, grazienhaften Wuchs, gegen die ſtraffen und weichen Formen, gegen die Wel⸗ lenbiegungen dieſes Leibes, gegen dies bezaubernde Auge und die Fülle des blonden Haares, das den herr⸗ lichen Kopf umwogte; was war das Alles gegen die reizendſte Frau Antwerpens, die die gütige Natur mit Geiſt und Schönheit verſchwenderiſch ausgeſtattet hatte! Es war ja doch nur die Faſſung des ſtrahlenden Dia⸗ manten, mit dem Herr Peter van der Kapellen als mit ſeinem Eigenthum prahlte. Der Erzherzog vergaß ſich und Alles vor liebendem Entzücken, verſunken in ihrem Anblick. Erd' und Himmel vergingen ihm vor den Augen und er ſah nur einen, für ihn den ſchön⸗ ſten Gegenſtand auf der Welt; die Seele trat ihm in die Augen und mit den Augen ergriff, erfaßte, um⸗ ſchlang er ſie, raſend vor Liebe, und zog ſie, ganz wie ſie war, die Göttergeſtalt, in ſeine Seele hinein, um ſie in Seele einzuhüllen, mit Seele zu überfluten, ſie in Seele aufzulöſen und ſich ſo ganz zu eigen zu machen. So liebestrunken, ſo toll vor Liebe war er. Die ſchöne Kaufmannsfrau „ * ———— —— von Antwerpen. 185 Er ſtand ihr gegenüber; er hatte erſt einige gebräuch⸗ liche Worte abgeriſſen, unvollendet, geſtammelt, aber er war verſtummt und redete ſchweigend mit ihr. Das waren hohe, göttliche Reden, Gedichte dithyrambij ſchen Flugs, für die die Luuſprace keine Worte hat. Aber Elevnore verſtand ſie und lächelte, neuen Zauber zum alten fügend; die eitle Frau freute ſich ihres Trinmphs über den ſchönſten Mann, der zugleich der ſtolze und mächtige Fürſt dieſes Landes war. Es ſchmeichelte ihr, dieſen Sproſſen alter, hochberühmter Fürſtenge⸗ ſchlechter an ihren Siegeswagen zu ketten, dem die Königreiche Spaniens ihre Kronen zuggrfen, dem ſich die neue Welt huldigend zu Füßen legte. Während beide ſo Auge in Auge, Seele in Seele tauchten, ſich ihrer Liebe ſelig bewußt, und nur die Lippen beweg⸗ ten, ſo die Worte, die es nicht gab für unausſprech⸗ bare Gefühle, andeutend, beſchäftigten die beiden Be⸗ gleiter des Erzherzogs, für ſolche Fälle ſchon einge⸗ lernt, den ruhmſüchtigen Kaufmann in einem Kunſtge⸗ ſpräch, zu dem ihnen die umherſtehenden und hängen⸗ den Bilder genug Veranlaſſung und Stoff gaben. Wer weiß, wie lange die Liebenden einander ſo ge⸗ genüber geſtanden hätten und vb Herrn Peter nicht end⸗ lich doch aufgefallen wäre, daß ſie kein Wort zuſammen ſprachen, wenn nicht der Lori plötzlich gerufen:„Hoch lebe das Haus Burgund!“ und der kleine Papagei im Cloſet hinzugefügt hätte:„Und Oeſtreich!“ 186 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Ihr ſeht, Hoheit, welches Haus Ihr mit Eu⸗ rer Gegenwart beglückt!“ ſagte die Frau mit der klin⸗ genden Anmuth ihres Tons.„Es kann keins auf der Welt geben, das Euch inniger zugethan wäre; denn ſelbſt die Thiere deſſelben gewinnen Sprachen, um Euch die Gefühle der Huldigung und Ergebenheit zu⸗ zurufen.“ Ueberraſcht hatte ſich der Fürſt nach den Vögeln hingewendet, dann ſagte er, wieder zu der Geliebten gekehrt:„Und doch ſind die Dinge, die ich nicht höre und die ich nicht ſage, die ſchönſten. Ihr ſpielt ja Harfe, meine Frau. Ich möchte Euerm Spiele lau⸗ ſchen. Wie beneid' ich Euch! Ich habe mir noch nie gewünſcht, Meiſter der Harfe zu ſein, als heute, um ihre Saiten zum Organ meines Herzens zu machen, da ihm die Zunge den gewohnten Dienſt verſagt.“ —„Ja, das iſt das Göttliche der Muſik,“ ver⸗ ſetzte ſie,„daß ihre Sprache da anfängt, wo die der Zunge aufhört. Alle Seligkeiten des Gefühls gibt die Harfe wieder. Und Ihr ſollt mich ſpielen hören.“ —„Ich halt' Euch beim Worte.“ Und er ergriff ihre Hand, beugte ſich auf ſie herab und preßte ſeine heißen Lippen darauf. Ein Feuerfunke durchzuckte Bei⸗ der Herzen und ihr Blut in fieberiſche Wal⸗ ing. —„Erlaubt, mein Herr van der Kapellen,“ wandte ſich der Fürſt artig an dieſen,„daß ich Eure von Antwerpen. iebwerthe Frau erſuchen darf, ihr Harfenſpiel bewun⸗ dern zu können.“ —„Ha!“ rief der reiche, hochgeſchmeichelte und ebenfalls in Wonne ſchwimmende Peter,„ſie ſoll ſo⸗ gleich ſpielen und all' ihre Kunſt aufbieten, um Euch zufrieden zu ſtellen, gnädigſter Fürſt, zur Ehre mei⸗ nes Hauſes.“ Auf ſeinen Wink brachte ein von Scharlach und Gold ſtrotzender Neger die Harfe und Elevnore griff in ihre Saiten. Und dieſe rauſchten dem Erzherzog die ſüßbebende Sehnſucht, das ſanfte Schmachten, das ſteigende Verlangen, die tobende Glut der Leidenſchaft, das wilde Jauchzen der liebetrunkenen Sinne zu. Sie verſprachen ihm Erhörung, irdiſche Seligkeit, himmli⸗ ſche Genüſſe. Wie kochende Blutstropfen fielen die Töne von den Saiten, jauchzende Herzensſtimmen, auf ſein eigenes brennendes Herz und er zuckte wie im Schmerz zuſammen; aber es war der ſüße, wilde Schmerz der Sinnentrunkenheit, die ſchwelgeriſche Wol⸗ luſt der Empfindung. Und Philipp verſtand jeden Tonz er wußte Alles, was ſie ihm ſagte, und ſein in Thrä⸗ nen des Entzückens funkelndes Auge ſprach ihr Dank. Aber Herr Peter ſaß dabei und ärgerte ſich, daß ſie gerade heute nicht ſo ſchön ſpiele, wie ſonſt, ſo daß der Fürſt kaum aus Artigkeit gegen ſie ein kleines Bei⸗ fallszeichen von ſich gebe. Und im Aerger befahl er ihr, ein ſchönes Lied zu ſingen; denn dieſes Geklimper 188 Die ſchöne Kaufmannsfrau könne unmöglich Seine Hoheit befriedigen und der Ehre ſeines Hauſes förderlich ſein. Und lächelnd ſang ſie: „Am Kreuzweg ſteh' ich und ſchau' in den Wald. O, ſchmucker Jäger, kommſt du nicht bald? Da ſteigt der Falk in die luftige Höh' Und mir iſt im Herzen ſo weh', ſo weh'. Auf'm Berge ſteh' ich und ſchau' in das Thal. O, ſchlanker Ritter, wann kommſt du zumal? Auf ferner Straße wirbelt der Staub Und mein Herz iſt glühender Sehnſucht Raub. Im Thale ſteh' ich und ſchau' in die Höh'. O, lieber Wandrer, daß ich dich ſäh'! Da wandelt ein Schatten im Abendglaſt Und es zuckt mein Herz in ſtürmiſcher Haſt. Am Ufer ſteh' ich und ſchau' in die See. O, theurer Schiffer, ade! ade! Und die Segel ſchwellet ein günſtiger Wind, Doch am Ufer jammert ein einſames Kind.“ Der Erzherzog drückte ungeſehen die Hand der Sängerin, als ſie ſie langſam mit einem Blicke von den Saiten gleiten ließ; dann brach e einen ſtürmiſchen Applaus aus, um auch den ehr gen Gatten ſeiner Schönen zu befriedigen, und ſeine van der Kapelleflberlietend. Nun glänzte Herrn Pe⸗ ter's feiſtes Geſicht und ſchmunzelnd bedankte er ſich für den Beifall, gleichſam als habe er ihm gegolten“ Wenn aber auch der reiche und eitle Kaufherr die Begleiter ſtimmten ein, ſich in Lobpreiſungen der Frau ℳ ** von Antwerpen. 189 Sprache nicht verſtand, die zwiſchen ſeiner Frau und dem Erzherzog ſo angelegentlich geführt wurde, es war im Saale doch ein Paar Augen, welches die Lieben⸗ den ſcharf beobachtete und dem kein Blick und ſeine Bedeutung entging, welchen ſie mit einander wechſel⸗ ten. Dieſes Augenpaar gehörte dem Neger an, der als Herrn Peter's Leib⸗ und Kammerdiener in reich⸗ ſter Gala im Hintergrunde an der Thüre ſtand, ſtets des Winks ſeines Herrn gewärtig. Wie Matty (Matthea), die Negerin, das unumſchränkte Vertrauen ihrer Herrin beſaß, ſo Rony(Hieronymus), der Ne⸗ ger, das ſeines Herrn. Rony und Matth waren aber ſtille und bittre Feinde; denn Matty hatte Ronh ver⸗ ſchmäht und ſah die hübſchen weißen Jungen lieber, als Rony's häßliches ſchwarzes Geſicht. Aber Rony war ſchlau, pfiffig, gewandt wie eine Schlange und rachſüchtig wie ein Tiger. Heute ließ er das wonne⸗ ſelige Liebespaar nicht aus den Augen und dieſe un⸗ heimlich glühenden Augen folgten ihren leiſeſten Bewe⸗ gungen, den Zuckungen ihrer Muskeln; ſie laſen aus ihren Blicken, was in den verliebten Seelen vorging, ſie verſtanden die ungeſprochenen Worte, welche auf ihren Lippen lagen. Dieſem Afrikaner von der Elfen⸗ beinküſte blieb von der heutigen innekh Geſchichte des ſchönen Paares nichts verborgen. Der Hausherr wandte ſich an den jungen Fürſten mit breiter, umſtändlicher, weitſchweifiger Rede, dankte 190 Die ſchöne Kaufmannsfrau 4 zuvörderſt für die Ehre, die derſelbe ſeinem Hauſe durch dieſen Beſuch erzeige, rühmte dann mit republi⸗ kaniſchem Stolz die Dienſte, die er dem Vater des Erzherzogs zur Zeit der Noth in Brügge erwieſen ha⸗ ben wollte, und bat endlich um die Erlaubniß, zur würdigen Feier des heutigen Tages und zur Ehre ſei⸗ nes Hauſes einige Freunde und Bekannte zur Lafel ziehen zu dürfen.„Sie ſind ſchon benachrichtigt, gnä⸗ digſter Herr; aber erſt bedarf es Eurer Zuſtimmung und Bewilligung, eh' ich ſie einladen laſſen kann.“ —„In Gottes Namen,“ verſetzte der Erzherzog verdrießlich, aber wohl wiſſend, daß er dieſe Bitte nicht abſchlagen durfte.„Wenn es Euch Vergnügen macht, mein Herr, und die Ehre Eures Hauſes för⸗ dert, ſo ladet ein, wen Ihr wollt. Mir iſt Jeder⸗ mann von Euern Freunden und Bekannten recht. Es genügt mir, wenn Ihr die Leute ſo nennt; denn dann ſind ſie auch meine Freunde. Zwar bin ich nach Ant⸗ werpen gekommen, um von einem mir unausſprechlich theuern Herzen Abſchied zu nehmen, bevor ich die ver⸗ hängnißvolle Reiſe nach Spanien antrete.— Ihr wißt, welches Herz ich meine“— der Kaufmann nickte be⸗ jahend—„und ich hätte die Stunden hier gern in ſtillem Genuß zugebracht; doch mag und will ich Euerm Wunſche nicht entgegen ſein. Schickt aus und laßt Eure Freunde benachrichtigen, daß ich ſie erwarte.“ Herr Peter wandte ſich, Befehle zu geben, und von Antwerpen. 191 Rony trat mit einem goldenen Bret voll Erfriſchun⸗ gen heran, dem Erzherzog aufzuwarten. Dieſer hatte ſich aber flüchtig ſeiner Angebeteten zugewendet und flüſterte ihr zu:„Die Nacht muß uns entſchädigen.“ Und Rony's ſcharfem Ohre waren dieſe Worte nicht entgangen. Die Boten flogen und Herr Peter ließ ſich wie⸗ der nieder und begann aus ſeinem Leben zu erzählen. Da wußte er von Philipp dem Gütigen und deſſen Sohn Karl dem Kühnen zu berichten, und wieder von deſſen Tochter Marie und deren Gatten, und von Krieg und Frieden⸗mit Frankreich und dem Papſt, von Han⸗ del und Schifffahrt, vom Häringsfang und der Wall⸗ fiſchjagd, und jemehr er erzählte, deſto redſeliger und vergnügter wurde er, und je behaglicher er ſich fühlte, deſto breiter und umſtändlicher floß der Strom ſeiner Rede. Die beiden Begleiter des Erzherzogs, jung und lebensluſtig, wie er ſelbſt, waren zur Qual ver⸗ dammt, glle dieſe Mittheilungen anzuhören und ſich anzuſtellen, als nähmen ſie den größten Antheil daran. Zuletzt reizten ſie den langweiligen Erzähler in toller ironiſcher Laune durch übertriebene Beifallsbezeigungen, durch Lobſprüche, erheuchelte Zweifel und Bitten um Belehrung und prieſen die Ehre ſeines Hauſes mit vollen Backen. Und er gerieth in Eifer, tiſchte immer mehr Geſchichten auf und beobachtete weder den Erz⸗ herzog, noch ſeine Frau, die in ſüßem Liebesgeflüſter Die ſchöne Kaufmannsfrau zuſammen verkehrten. Dafür wurden ſie von Rony deſto ſchärfer beobachtet. So verſtrich die Zeit beiden Ehegatten höchſt an⸗ genehm, bis der Saal ſich mit Gäſten zu füllen be⸗ gann. Jetzt mußte Herr Peter ſeine Freunde empfan⸗ gen und ſie dem Erzherzog vorſtellen; dieſer ſah ſich endlich genöthigt, auf die ausſchließliche Unterhal⸗ tung mit Frau Elevnoren zu verzichten und mit Dem und Jenem, nach Fürſtenart, ein paar Worte zu wech⸗ ſeln. Der Eintritt Jakob Fugger's jagte ihm eine flüchtige Schamröthe auf die Wangen. Was hatte er dieſem Ehrenmanne Alles verſprochen und wie hatte er ihn gänzlich vergeſſen, als er ihm aus den Angen ge⸗ weſen war! Wie hatte er ſelbſt Fugger's Gegnern Vor⸗ ſchub geleiſtet! Er machte ſich im Stillen Vorwürfe; entſchuldigte ſich aber gleich wieder bei ſich ſelbſt, daß er ja doch nicht anders gekonnt habe. Alle ſeine Sinne und Gedanken, ſeine Wünſche und Hoffnungen waren auf die ſchöne Elevnore van der Kapellen gerichtet ge⸗ weſeg; er hatte zu nichts Anderem Zeit und Luſt ge⸗ habt; die ganze Welt dieſer göttlichen Frau gegenüber war ihm ſchal, langweilig und erbärmlich vorgekom⸗ men. In der That hatte er außer ihr in der letzten Zeit nur noch an einer Sache wahren Antheil gezeigt, an der ihm eröffneten Ausſicht auf die ſpaniſchen Kö⸗ nigskronen. Die ehrenhafte Erſcheinung Fugger's im brüſſeler Schloſſe hatte ihn im Augenblick ergriffen ——— ——— 193 und eingenommen, gerührt und zu guten Entſchlüſſen begeiſtert, aber ſo wie der Mann fortgeweſen war, hatte Eleonore wieder ſein ganzes Herz erfüllt.— Nicht ohne Verlegenheit erwiderte er jetzt des Augs⸗ burgers Gruß; er war noch nicht alt genug, um jene fürſtliche Feſtigkeit erlangt zu haben, die den gerechte⸗ ſten Anſprüchen mit kalter Gleichgültigkeit und höhni⸗ ſcher Verneinung entgegentritt, die mit einem ſtolzen Blick jeden bittenden Blick, mit einem barſchen Wort jedes mahnende Wort zurückweiſet und der lauten Em⸗ pörung des gekränkten Menſchenrechts das Majeſtäts⸗ verbrechen aufheftet. Fugger, viel zu fein und zu beſcheiden, um hier eine Bitte oder wol gar eine Beſchwerde laut werden zu laſſen, half dem jungen Fürſten ſelbſt über die Be⸗ ſchämung hinüber, indem er von ganz andern Dingen ſprach und namentlich die außerordentliche Gaſtfreund⸗ ſchaft des van der Kapellen'ſchen Hauſes rühmte und des Lobes der Wirthin gar kein Ende finden konnte. Erſt ſpäter fragte er den Fürſten, wie lange er in Ant⸗ werpen zu verweilen gedenke? —„Ich werde morgen nach Brüſſel zurückkehren,“ verſetzte der Erzherzog.„Jeden Tag erwarte ich die Geſandtſchaft des Herzogs von Savoyen, welche die vorläufige Vermählung mit meiner Schweſter vollziehen und ſie mir entführen wird. Ihr zu Ehren werde ich noch einige Feſtlichkeiten veranſtalten. Und dann gilt Ein deutſcher Leinweber. I. 13 von Antwerpen. 194 Die ſchöne Kaufmannsfrau es, meine Abfahrt zu rüſten; denn wenige Tage nach dem Abſchied meines Gretchen's gedenke ich meine große Reiſe mit der Erzherzogin anzutreten. Und mor⸗ gen muß ich erſt noch eine Geſandtſchaft nach England ſchicken zur Beglückwünſchung des Kronprinzen Arthur, der ſich in den nächſten Tagen mit der jüngſten Schwe⸗ ſter meiner Frau, der Infantin Katharina, vermählen wird. Meine Zeit iſt daher ſo in Anſpruch genom⸗ men, daß ich kaum begreife, wie ich fertig werden will.“ —„Kaum wage ich daher, Ew. Hoheit um eine kurze Audienz zu bitten, morgen bevor Ihr abreiſt.“ —„Wir wollen ſehen, wenn es möglich iſt,“ ver⸗ ſetzte Philipp ausweichend. Und um das Kränkende in dieſen Worten zu verſüßen, ſetzte er hinzu:„Euch eher, als jedem Andern.“ Fugger trat zurück; er hoffte jetzt nicht viel mehr für ſeine Angelegenheit. Unter den Gäſten befanden ſich die vornehmſten Magiſtratsperſonen und Kaufleute der Stadt mit ihren Frauen. Eine ungeheuere Pracht in Kleidung und Schmuck war entfaltet. Der ſchlichte Leinweber nahm ſich ſeltſam unter ihnen aus. Und doch fürchteten dieſe ſtolzen Herren den einfachen Mann ſo ſehr. Sie wa⸗ ren alle ſeine Gegner, wie ſie einhertraten in Sammet und Seide, und Fugger ſah es an ihren Mienen, hörte es ſogar in ſeine Ohren, wie ſie gegen ihn intriguir⸗ ten und wenige Schritte von ihm den Erzherzog be⸗ von Antwerpen. 195 ſtürmten, ihm nicht etwa noch Zugeſtändniſſe zu ma⸗ chen; aber der ruhige Mann that, als bemerke er nichts; er war und blieb gegen alle gleich höflich und beſcheiden, und nur geiſtiger Scharfſinn hätte es aus ſeinem und ihrem Benehmen herauszufühlen vermocht, daß er der Klügſte und Reichſte von Allen war. So wenig wie die erſten Geiſtlichen der Stadt un⸗ ter den Gäſten fehlten und der Archidiakonus Inno⸗ cenz als Verwandter des Hauſes und Beichtvater der Wirthin mit den Prälaten und Pröbſten aufzog, ebenſo wenig vermißte man den ausgezeichneten Künſtler und Maler Antwerpens Meiſter Martin van der Voort und dieſer ſtille, beſcheidene Künſtler wurde dem Für⸗ ſten als Lehrer der Frau Eleonore vorgeſtellt. Auch einige ausländiſche Schiffsherren und Kaufleute, vor⸗ züglich Portugieſen, durchſchritten im ſtolzen Selbſtbe⸗ wußtſein den Saal und neue Nachrichten aus Oſt⸗ und Weſtindien flogen von Mund zu Mund. Der kecke, junge Capitain Magelhaens führte zumeiſt das Wort. Er hatte die Hausfrau nur flüchtig begrüßt; er hatte dem Erzherzog einen Augenblick mit Würde gegenüber geſtan⸗ den, aber als er an dem Neger Rony vorübergegangen war, hatte er dieſen mit den Augen bedeutungsvoll ge⸗ fragt und dieſer hatte ebenſo bejahend geantwortet. Dieſe Beiden waren in heimlichem Einverſtändniß mit einander. Oefter noch im Verlaufe der Tafel begegneten ſich ihre Augen und der Eine verſtand immer den Andern. 196 Die ſchöne Kaufmannsfrau Die Gäſte wurden durch ein Trompetenſignal, das Rony gab, in den Speiſeſaal gerufen. Hier glänzte Alles in einem Lurus, den kaum ein größerer europäi⸗ ſcher Fürſt und ein Privatmann nur in Venedig aufzu⸗ weiſen hatte. Und die berühmten Kaufleute der mäch⸗ tigen, damals in ihrem höchſten und letzten Glanze ſtrahlenden Republik waren das Vorbild, welches die niederländiſchen Kaufleute zu erreichen ſtrebten. Nur wer Venedigs übermüthige Ueppigkeit kannte, fand in Peter van der Kapellen's Speiſeſaal gerade nichts Auf⸗ fallendes; allen Andern mußte er wie das Zauberſchloß einer Feenkönigin erſcheinen. Selbſt der Erzherzog war einen Augenblick überraſcht von der Ueberfülle des Reichthums und der Pracht, die ihm hier ſiegend ent⸗ gegentrat, und Herrn Peter's feiſtes Geſicht ſtrahlte im Glanze des Triumphes und der befriedigten Eitel⸗ keit. Die zahlreiche Dienerſchaft in ſchier mit Gold⸗ treſſen und Stickereien überladener Kleidung ſtand im Halbkreis vor dem Büffet und der Haushofmeiſter ſchritt mit einem ſilbernen Stabe einher, jedem Gaſte ſeinen Platz anzuweiſen. Sobald alle ſaßen, entfernte ſich die Dienerſchaft mit ihrem Anführer, um gleich darauf unter dem Schalle der aus einem Nebenzimmer ertönenden Muſik in Reih' und Glied unter Vortra⸗ gung des ſilbernen Stabes aufzumarſchiren, Jedes eine große maſſive ſilberne Schüſſel tragend, in welchen der erſte Gang der Speiſen angerichtet war. Die Schüſ⸗ von Antwerpen. 197 ſeln wurden auf die Tafel geſetzt und der vornehmſte Prälat ſprach das Tiſchgebet. Dann theilte der Haus⸗ hofmeiſter die Speiſen aus und ſchickte ſie den Gäſten durch die Diener. Ebenſo wanderten nun aus dem Büffet, wo der Kellermeiſter ſeinen Platz hatte, große ſilberne Krüge und Kannen voll köſtlich duftenden Weins auf die Tafel, woraus die Diener die goldenen und kryſtallenen Becher füllten. Der Erzherzog hatte natürlich den Ehrenplatz in der Mitte der Tafel, ne⸗ ben ihm ſaß die reizſtrahlende Eleonore; Beide un⸗ terhielten ſich lebhaft zuſammen. 198 Die ſchöne Kaufmannsfrau Bwölftes Rapitel. Jakob Fugger hatte ſeinen Platz fern von den Leuten erhalten, die ihm nicht freundlich geſinnt waren; die Hausfrau hatte ihn wohlmeinend zu zwei Bekannten gebracht, von denen ſie Unterhaltung für ihn hoffen durfte. Er ſaß zwiſchen dem Capitain Magelhaens und dem Maler van der Voort, und war mit dieſer Nach⸗ barſchaft ſo wohl zufrieden, daß er ſich bald der mun⸗ terſten Geſprächigkeit mit dem einen oder dem andern Nebenmanne hingab. Wenn auch der portugieſiſche Schiffscapitain zuweilen zerſtreut antwortete, während ſeine Augen„vom Zorn der Eiferſucht funkelnd, tödt⸗ liche Blitze auf das ſchöne Liebespaar in der Mitte der großen Tafel ſchoſſen, ſo ging er doch dann wieder um ſo eifriger auf die beſprochenen Gegenſtände ein. Dieſe betrafen die wichtigen Länderentdeckungen der jüngſten Zeit und den Zuſtand der portugieſiſchen Angelegen⸗ heiten in Indien; dann aber wandte ſich das Geſpräch ausſchließlich dem erſt im vergangenen Jahre entdeck⸗ von Antwerpen. 199 ten Weſtindien zu, lauter Dinge, die für den ſpecula⸗ tiven Augsburger vom größten Intereſſe waren. —„Ich habe noch ſo wenig Sicheres über das neuentdeckte Land gehört,“ ſagte Fugger,„und den⸗ noch brenne ich vor Begierde, mich darüber zu unter⸗ richten.“ —„Niemand kann Euch beſſern Aufſchluß geben, als ich,“ verſetzte der Portugieſe;„denn Petro Alva⸗ rez de Cabral, der Erſte, welcher nach Vasquez de Gama nach Indien um die Spitze von Afrika fuhr und, durch einen Sturm verſchlagen, an der bis jetzt unbekannten Küſte von Weſtindien landete, iſt ein ver⸗ trauter Freund meines elterlichen Hauſes, und ich habe ihn vor meiner Abreiſe die Schickſale ſeiner vorjähri⸗ gen Seefahrt in unſerm Familienkreiſe ausführlich er⸗ zählen hören. Ihm verdanke ich es, daß meine El⸗ tern endlich meinem Wunſche, mich dem Seedienſte zu widmen, nachgaben. Habt die Güte, mich morgen mit Euerm Beſuche zu beehren; ich will Euch gern Alles mittheilen, was ich ſelbſt von dem neuen großen Lande weiß.“ —„Habt Ihr ſchon etwas über die Erzeugniſſe des Landes vernommen und in wiefern ſich dieſe für den europäiſchen Handel eignen möchten?“ —„Cabral ſprach von außerordentlicher Frucht⸗ barkeit des Bodens; auch hat er goldene Waffen von den indianiſchen Häuptlingen eingetauſcht. Vorzüglich 200 Die ſchöne Kaufmannsfrau berichtete er von einer herrlichen Holzart, welche in großer Menge dort wachſen ſoll und welche ihm die Eingebornen Braſil nannten, ſo daß er dieſer Land⸗ ſchaft davon den Namen Braſilia beigelegt hat. Er entwirft eine ſo herrliche und vortheilhafte Schilderung des Landes, daß ich darob den Entſchluß gefaßt habe, im nächſten Jahre ſelbſt die Seefahrt dorthin zu ma⸗ chen; denn mich beſeelt ein glühender Drang, alle dieſe Länder zu ſehen und zu beſuchen.“ —„Capitain,“ flüſterte ihm Fugger nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens zu,„wenn Ihr nicht abgeneigt ſeid, ſo machen wir ein Geſchäft zuſammen. Es gilt den Verſuch, ein Fugger'ſches Handelshaus in Weſtindien zu gründen, und ich habe große Luſt, Euerm Könige ein Stück fruchtbares Land an der Meeresküſte in der Nähe eines bequemen Hafens abzukaufen, wor⸗ auf ich mein Etabliſſement gründen könnte.“ —„Euer Plan iſt großartig und trefflich und würde Euch gewiß große Vortheile bringen. Ich biete Euch gern die Hand zur Ausführung deſſelben.“ —„Doch erſt muß ich meinen hieſigen Plan durch⸗ ſetzen. Erſt muß ich über Schiffe verfügen, um nach Weſtindien ſegeln zu können. Und Schiffe kann ich nicht in Augsburg haben. Unſer Lech trägt nur Kähne und läßt ſein Waſſer von der Donau in's ſchwarze Meer tragen. Mit den Türken mag ich aber nichts zu ſchaffen haben. Ich bin ihnen ſchon in Ungarn allzu nahe.“ N von Antwerpen. 201 —„Sprechen wir morgen ausführlicher über Euern ſchönen Plan!“ ſagte der Seefahrer und warf wieder flammende Blicke auf die glückſelige Elevnore, die ihn in ihrer Wonnetrunkenheit gar nicht beachtete. Fugger wandte ſich zu ſeinem, in tiefe Gedanken verſunkenen Nachbar zur Linken. —„Ihr werdet mit Eurer kunſtfertigen Hand auch das Haus meines werthen Gaſtfreundes verzieren? Und zwar in Bälde, wie mir Frau Eleonore geſagt hat?“ —„Ich werde morgen in erſter Frühe das Gerüſt aufſchlagen laſſen,“ verſetzte der Maler. —„Und was für ein Bild, ich meine, welchen Ge⸗ genſtand wird man an der Wand des Kopellen'ſchen Hauſes ſehen?“ fragte der Portugieſe den Maler. —„Die Entdeckung der neuen Welt durch Chri⸗ ſtoph Colombo, von Frau Eleonore ſelbſt erfunden und ſtizzirt.“ —„Ein ſchöner Gedanke!“ rief Magelhaens. —„Wahrlich, ich möchte ihn auch an meinem Hauſe am Weinmarkt in Augsburg ausgeführt haben!“ ſagte Fugger, ebenfalls von der Idee ergriffen. —„Und Ihr ſollt erſt den Entwurf, den mir Frau van der Kapellen übergeben, bewundern! Es iſt eine Erfindung und Zuſammenſtellung, des größten Künſt⸗ lers würdig. Und die Krone derſelben iſt die heilige Mutter Gottes im Giebelfelde, welche dem Colombo das neue Land in der Ferne zeigt und den Weg andeutet.“ 202 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Ah, das iſt vortrefflich!“ ſagte der fromme Fugger.„Meiſter, wenn Ihr hier mit dem Bilde fer⸗ tig ſeid, ſo müßt Ihr zu mir nach Augsburg kommen und es ebenfalls an mein Haus malen. Ich werde Eure Kunſt zu würdigen wiſſen und die Reiſekoſten erſtatte ich Euch ebenfalls. Und ſeid Ihr erſt einmal in Augsburg und man hat geſehen, was Ihr zu leiſten vermögt, ſo werdet Ihr mit Aufträgen überhäuft und weit beſſer bezahlt werden, als hier; denn man iſt bei uns in der Malerei auf feuchten Kalk noch nicht ſo weit, als hier zu Lande. Wir haben in Augsburg zur Zeit keinen einzigen Maler, der ſich auch nur im ent⸗ fernteſten mit Euch meſſen könnte. Herr Peter hat mich in hieſiger Stadt umhergeführt und mir an ver⸗ ſchiedenen Häuſern Kunſtwerke Eurer Hand gezeigt, die Euch meine ganze Achtung erworben haben. Ihr ſeid ein ſehr begabter Künſtler, aber es gibt deren hier mehre, die Euch gleichſtehen. Kommt nach Augsburg, um dort der Erſte zu ſein.“ —„Euer Vorſchlag läßt ſich hören,“ entgegnete van der Voort.„Ich bin ſchon ſeit einiger Zeit mit dem Entſchluſſe umgegangen, mein Vaterland zu ver⸗ laſſen, wo mir die Luft nicht zuſagt. Doch fürchte ich nachher die Entbehrung alles anregenden und bele den Umgangs mit Kunſtgenoſſen.“ —„O, dann geht Ihr alle Monate ein paar Tage nach Nürnberg oder, wenn es Euch gefällt, noch öfter. — von Antwerpen. 203 Dort gibt es ſehr geſchickte Maler und unter ihnen iſt ein junger Mann aufgetaucht, ein nürnberger Stadtkind, vielleicht ein paar Jahre älter, als Ihr, mir perſönlich bekannt. Ein ebenſo tüchtiger Kopf, wie geſchickter Maler; iſt mehre Jahre auf der Wander⸗ ſchaft geweſen, hat ſich die Welt angeſehen und die Kunſtwerke älterer Meiſter und iſt vor ſieben Jahren wohlunterrichtet wieder heimgekehrt. In ſeiner Werk⸗ ſtatt ſieht man treffliche Kunſtwerke. Mit dieſem Mei⸗ ſter werd' ich Euch bekannt machen; er heißt Albrecht Dürer.“ —„Ihr macht mir wahrlich große Luſt, auch auf die Wanderſchaft zu gehen und in Augsburg Euern Auftrag auszuführen. Von Nürnberg hab' ich ſchon viel Gutes gehört. Ich möchte die Stadt und ihre Kunſtſchätze ſehen und den wackern Meiſter Dürer, den Ihr ſo ſehr rühmt, kennen lernen.“ —„Kommt nur erſt. Es ſoll Euch ſchon gefal⸗ len, und ich zweifle nicht, daß es uns Augsburgern gelingen wird, Euch eine Zeit lang bei uns zu feſſeln. Ihr wohnt bei mir und ich ſtell' Euch eins meiner Pferde zur Verfügung, ſo daß Ihr nach Nürnberg rei⸗ ten könnt, wann Ihr wollt. Und des ernſten, geſchick⸗ ten Dürer's Umgang wird Euch ſchon ſo anziehen, daß Ihr den Weg öfter macht.“ —„Dieſe Stadt Nürnberg muß viele gelehrte und tüchtige Männer hervorbringen,“ nahm der Seecapi⸗ 5 1 204 Die ſchöne Kaufmannsfrau tain wieder das Wort.„Mein Lehrer in Liſſabon in den mathematiſchen Wiſſenſchaften und in der Geogra⸗ phie und Schifffahrtskunde war ebenfalls ein Nürnber⸗ ger, ein von unſerm Könige und allen Seefahrern hochgeſchätzter Mann, dem Portugal in Bezug auf die neueſten Entdeckungen viel zu verdanken hat.“ „Ha, das iſt mein wackerer Freund Martin Be⸗ heim!“ rief Fugger erfreut.„O, ein hochzuverehren⸗ der Mann! Eh' er nach Portugal ging, haben wir oft zuſammen an einem Tiſche geſeſſen.“ —„Es freut mich ſehr, daß mein berühmter Leh⸗ rer Euch perſönlich bekannt, ja befreundet iſt.“ —„Ihr müßt ihn von mir grüßen, Capitain! Nein, Ihr müßt mir einen Brief an ihn beſtellen!“ Und plötzlich von einem Gedanken durchzuckt, neigte er 5 e ch zu Magelhaens:„Wir werden Martin Beheim für unſern Plan gewinnen. Das iſt herrlich!“ Der Portugieſe ſchnellte auf:„Da Beheim Euer Freund iſt, ſo iſt Euer Plan ſo gut, wie ausgeführt. Niemand kann Euch den König beſſer gewinnen, als Beheim; und welche Unterſtützung, welchen Nutzen habt Ihr außerdem von dieſem kenntnißreichen Manne zu erwarten!“ —„Er wird blühen und Früchte tragen dieſer Plan!“ rief Fugger begeiſtert.„Und nun laßt uns anſtoßen, Ihr werthen Nachbarn rechts und links auf das fröhliche Gedeihen unſerer Pläne!“ von Antwerpen. 205 Und ſie leerten die Becher bis auf den Grund. Das Mahl ging in heiterer Weiſe zu Ende und ſchon ſtrahlte hundertfältiges Kerzenlicht in den blanken Prunkgefäßen wider, die hereingebrochene Nacht er⸗ hellend, als der Erzherzog mit einem bedeutungsvollen lächelnden Blick auf ſeine ſchöne Nachbarin, den ihr Auge auffing und erwiderte, ſich erhob und damit das Zeichen zum Aufbruch gab. Er beurlaubte ſich ſchnell, warf ſich mit ſeinen beiden Begleitern auf die bereit⸗ ſtehenden Pferde und trabte dem Schloſſe zu. Die Gäſte, welche theilweiſe des Guten zu viel gethan hatten, ſtoben auseinander. Der Bürgermeiſter ſagte triumphirend zu van der Kapellen:„Ihr habt dem Erzherzog einen koſtbaren Abſchiedsſchmaus gegeben und uns einen glänzenden Feſttag bereitet. Dafür wird Euer ehrenwerther augsburger Gaſt niemals Bürger von Antwerpen. Deſſen ſind wir“ nun gewiß.“ Und dem Beſprochenen höhniſch freundlich eine gute Nacht wün⸗ ſchend, ſchob er ſich mit ſeiner Ehehälfte, ſie draußen in ſeine Sänfte hebend und im Taumel neben ihr Platz nehmend. Capitain Magelhaens verließ ebenfalls ſchnell den Saal. Draußen ſtreifte er an Rony vorbei.„Es iſt gewiß,“ flüſterte dieſer ihm zu.„Punkt zwölf Uhr. Matty wird ihn führen. Die Thüre meiner Stube iſt auf. Verſchließt ſie hinter Euch. Ihr findet eine voll⸗ ſtändige Kleidung.“ —— 206 Die ſchöne Kaufmannsfrau Der Portugieſe ſtürmte fort. Aber unten in der Hausflur ſah er ſich um und ſchlüpfte dann, ſich un⸗ bemerkt wiſſend, raſch in den großen Hof, glitt am Hinterhauſe hin und verſchwand am Ende deſſelben, wo es an den Garten grenzte, in eine Thüre. Während der Hausherr die Gäſte hinausbekompli⸗ mentirte, ſtand ſeine Ehehälfte mehre Augenblicke mit ihrem jungen Beichtvater in einer Fenſterniſche. Beide führten ein ſehr leiſes, kurzes, aber angelegentliches Zwiegeſpräch miteinander. Pater Innocenz lächelte pfiffig bejahend und trieb ſich dann im Saale herum, bis er der letzte der Gäſte war. Herr Peter knüpfte noch ein Zwiegeſpräch mit ihm an und that ſich auf ſeine Gaſterei viel zu gut. Der Archidiakonus lobte Alles mit vollen Backen und ſchwur hoch und theuer bei ſeinen geiſtlichen Würden, ſo ſei noch kein Landes⸗ fürſt in Antwerpen fetirt worden, und bezweifelte, vb irgend ein Kaufherr der Republik Venedig es dem wer⸗ then Ohm gleichthun könne. Die Ehre des van der Kapellen'ſchen Hauſes habe heute ihren Gipfelpunkt er⸗ reicht. Der ſchlaue Schmeichler erreichte ſeinen Zweck. Der im Entzücken ſchwelgende Kaufherr bat ihn, noch zu verweilen, da er zu aufgeregt ſei, um ſchon zu ſchlafen. —„Recht gern!“ polterte der Prieſter.„Aber hier iſt's nun öde.— Laßt uns auf Euer Zimmer gehen.— Ihr legt Euch zu Bett.— Ich ſetze mich —— von Antwerpen. 207 davor.— Wir ſchwatzen zuſammen, bis Ihr eingeſchla⸗ fen ſeid.“ —„Das iſt ſehr brav von Euch,“ ſchmunzelte Herr Peter, von dieſer außerordentlichen Güte über⸗ raſcht.„Ihr habt recht, der Kopf iſt mir doch ſchwer von Wein und Ehre, die ich heute beide zu viel ge⸗ noſſen.— Ich will mich zu Bette legen. Habt Ihr geſehen, wie wacker ich, zur Ehre meines Hauſes, dem Erzherzog zugetrunken? Aber er verleugnet den Deut⸗ ſchen, er thut nicht Beſcheid. Ein Schwächling iſt er, kann nicht trinken.— Er bleibt in der Art. Sein Vater Max war in ſeinen jungen Jahren auch ſo ein zimpferliches Jungfergemüth. Hielt auch nichts vom Bürſten, mochte keinen ehrlichen Mann leiden, der ſich einen Rauſch getrunken. Und gar Philipp's mütterli⸗ cher Großvater, unſer Herzog Karl von Burgund, der trank weiter gar nichts, als in Eis gekühlte, mit Waſ⸗ ſer gemiſchte Milch, Limonienſaft in Waſſer und ſon⸗ ſtige von den Aerzten bereitete kühlende Getränke, alle mit Eis verſetzt, konnte nie einen Tropfen Wein ver⸗ tragen, ſo hitzig und toll war ſein Blut. Hernach aber, als ihn die verfluchten ſchweizer Kuhhirten bei Granſon ſo arg geklopft, war ihm plötzlich alle Hitze ſo ganz und gar aus dem Leibe gefahren, daß er nun fort und fort fror und ſchauerte, ein kräftiger Mann von drei und vierzig Jahren, und nun trank er täglich Humpen voll der ſtärkſten gewürzten Weine aus Nea⸗ 206 Die ſchöne Kaufmannsfrau pel und Sicilien und Hispanien, und vermochte doch das einſt ſo hitzige Blut nicht wieder zu erwärmen. Und ein Jahr darauf war's ihm bei Nanch gar zu Eis gefroren. Es iſt alſo kein Wunder, wenn der Erz⸗ herzog Philipp beim Weinkruge nicht fortkann. Wir haben ihn zur Ehre meines Hauſes heute beſchämt.“ Herr Peter war nun im Zuge und überließ ſich ſeiner Hauptleidenſchaft, obgleich mit ſchwerer Zunge. — Frau Eleonore hatte ſich, über große Müdigkeit klagend, bereits in ihr Schlafzimmer begeben, und Pa⸗ ter Innocenz führte den Hausherrn auf deſſen Zim⸗ mer. Rony ſtutzte einen Augenblick, als er den Pater Anſtalten machen ſah, ſich noch hier niederzulaſſen; doch entkleidete er den Herrn unbefangen und brachte ihn zu Bett. Der Leutprieſter ſetzte ſich vor daſſelbe und hörte geduldig den Erzählungen und Verſicherun⸗ gen ſeines Ohms zu, was er Alles zur Ehre ſeines Hauſes gethan habe. Auch Fugger hatte ſich auf ſeine Zimmer begeben, die im erſten Stock vorn heraus lagen, rechts von der großen Treppe, während die Prachtzimmer mit dem Cloſet der Hausfrau ſich auf der linken Seite an ein⸗ ander reiheten. Er hatte durchaus nur zwei Zimmer angenommen für ſich und eine Kammer auf dem Hofe für ſeinen Knecht; denn ſeinen Vetter Leonhard hatte er in der Herberge einquartiert. Er ſchritt noch, ſeine Pläne vielfach erwägend, auf und ab, als die Thurm⸗ von Antwerpen. 209 glocken der Stadt die Mitternachtsſtunde verkündeten. Im Hauſe ſelbſt war die tiefſte Ruhe eingekehrt. Alle Bewohner ſchienen in den Armen des Schlafs zu lie⸗ gen und doch ſchlief kein Einziger. Aus dem linken Hintergebäude, deſſen erſtes Zim⸗ mer im erſten Stockwerk Eleonorens Atelier und Schlafgemach ausmachte, ſenkte ſich eine Treppe mit einer von innen verſchloſſenen Thüre in den Garten. Dieſer war auf der nördlichen Seite mit einer Mauer umſchloſſen, durch welche eine Thür in einen nur von Mauern und Zäunen eingefaßten, nach der Schelde hinlaufenden Fahrweg führte. Sobald die zwölfte Stunde geſchlagen hatte, huſchte eine verhüllte weib⸗ liche Geſtalt die Treppe hinab, durch den Garten nach der Mauerthüre, die ſie leiſe mit einem Schlüſſel öff⸗ nete. Draußen ſtanden drei verhüllte Männer. Sie flüſterten miteinander. Das Weib war Matty, die ſchwarze Gürtelmagd der Frau van der Kapellen; die Männer waren der Erzherzog, der Pfalzgraf Friedrich und der Baron Philibert von Vere. Die beiden Letz⸗ tern nahmen an der Gartenthüre eine feſte Stellung ein; der Erzherzog folgte der Mohrin in den Garten, die Treppe hinauf. Der Pfalzgraf hatte aber im Rücken ſeines Herrn dem ſchwarzen Mädchen einen ver⸗ ſtändigenden Wink zu geben verſtanden, der ſich auf frü⸗ here Verabredung bezog, und ſie hatte gewährend ge⸗ nickt. Statt nun an der Treppe im Garten Wache zu Ein deutſcher Leinweber. I. 14 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſtehen, wie ihr befohlen war, ſchlich ſie, als ſie den Fürſten im Finſtern hinaufgeleitet und einen heißen Kuß auf die üppigen Lippen von ihm empfangen hatte, wieder durch den Garten zu den beiden Wächtern. Ihre flüſternde Unterhaltung ließ ſie nicht bemerken, daß ſich in ihrer Nähe eine Anzahl von ſechs Män⸗ nern befand, von denen ſie genau beobachtet wurden. So wie Matty aus der Treppenthür gehuſcht war, traten aus dem dunkeln Hintergrunde des Hpofs eben⸗ falls mehre Männer. Es waren Diener des Hauſes, von Rony und dem Capitain Magelhaens geführt, der ganz wie ſie gekleidet war. Einige von ihnen beſetz⸗ ten die Treppe. —„Jetzt iſt er glücklich gefangen,“ ſagte Rony zu dem Portugieſen.„Aber abfaſſen können wir ihn durchaus nicht eher, als bis der Pfaffe fort iſt.“ —„Teufel!“ knirſchte der Capitain.„Derweil ſchwelgt er in allen Seligkeiten, die mein glühendſter Wunſch waren, und meine Phantaſie bereitet mir Höl⸗ lenqualen. Ich ertrag' es nicht, Rony! Ich kann ihn dies Glück nicht genießen laſſen. Er muß jetzt gleich gefaßt werden.“ —„Es geht unmöglich, Herr!“ verſetzte der ſchwarze Kammerdiener.„Der Pfaffe verdürbe uns Alles. Wer wüßte, was er anſtellte. Wir dürfen den Erzherzog und die Herrin auch nicht vor dem Pfaffen bloßſtellen. Das wäre ſehr thöricht und könnte uns von Antwerpen. 211 die Köpfe koſten; denn der Pater iſt auch verliebt in ſie. Käme er nun hinter das Geheimniß, wer weiß, was ſeine Rachſucht ausheckte, und wir müßten nach⸗ her dafür büßen.“ —„Ich habe dir geſchworen, daß ich dich mit nach Portugal nehme. In zwei Tagen reiſe ich ab, bis da⸗ hin kannſt du dich verbergen.“ —„Ja, wenn ich ſchon fort wäre! Beſſer iſt's, ich bleibe hier. Wartet geduldig. Der Fürſt iſt uns ſicher und die Ehebrecherin wird mit ihm ertappt. Weiter wollt Ihr ja nichts. Die kleine Freude könnt Ihr ihnen erſt gönnen. Das Schlimmſte kommt nach.“ Der Portugieſe ging wie ein blutlechzender Tiger leiſe auf und ab, Flüche murmelnd, die Fäuſte grim⸗ mig geballt, und ſeine Wuth ſteigerte ſich von Minute zu Minute bis zur ſtillen Raſerei. Und ſie warteten und warteten, aber der Prieſter ging nicht; Magel⸗ haens' Augen glühten zuletzt wie feurige Kohlen. Dieſem unnützen Warten verdankten die Liebenden unbewußt die ſeligſte Stunde. Der Erzherzog ſaß ne⸗ ben dem reizenden Weibe, Wonne gebend, Wonne empfangend, und ſein Mund, der nun auch die Laut⸗ ſprache gefunden, vermochte doch anfangs nur ſehr un⸗ vollkommenen Gebrauch davon zu machen; er ſtammelte nur einzelne Worte, die ſüßeſten Namen für ſie, ſchmeichelhafte Zeugniſſe ihres hohen Liebreizes und der Seligkeit, die ſie ihm bereitete. Erſt, als der 14* 212 Die ſchöne Kaufmannsfrau erſte Taumel ſeiner Gefühle verrauſcht war, flüſterte er ihr, immer noch trunken von Luſt, zu:„Ach, wie ſchön biſt du! Und mehr als ſchön! Was ſind Göt⸗ tinnen, was ſind Engel, die die eines Ausdrucks be⸗ dürftige Phantaſie des Menſchen erfunden hat, gegen dich, lebenglühendes, herrliches Weib! Göttinnen ſind kalt und Engel ſind nüchtern, weſenloſe Geſtalten. Du biſt das Meiſterſtück der Schöpfung, der Gipfelpunkt der warmen, lebenden, nach vollendeter Schönheits⸗ form emporringenden Natur. Und du biſt mein! ganz mein! Ich kann die Seligkeit dieſes Beſitzes nicht mit Gedanken faſſen; ich fühle ſie nur.“ —„Redet Ihr doch, als hättet Ihr noch nie ein ſchönes Weib geküßt.“ —„So ſchön, wie du, noch keine.— Aber laß mich doch das trauliche Du auch von deinen Lippen Pr Vergiß es doch, daß ein Fürſt an deinem wo⸗ genden Herzen liegt! Vergiß die ganze Welt, wie ich. Ich will nur dein Geliebter, dein beglückter Geliebter ſein. Oder erwiderſt du meine Glut nicht mit derſel⸗ ben Schwärmerei?“ —„Zweifelſt du, mein Philipp? O, könnteſt du den Jubel meines Setn vernehmen, den es dem gütigen Geſchick darbringt, daß es meine kühnſten Wün⸗ ſche erfüllt hat, deren Inbegriff nur du, nur du allein warſt, du würdeſt anders von mir urtheilen.“ —„Vergib, mein füßes Leben!— Sieh', ſchon von Antwerpen. 213 ſeit Jahren hab' ich die unbewußte Ahnung in mir ge⸗ tragen: die Sehnſucht meines Herzens nach dem lie⸗ benden Beſitz eines ſchönen Weibes, ſo ſchön, ſo an⸗ muthig, ſo liebreizend, wie Wunſch und Phantaſie mir vormalten, werde bald erfüllt und geſtillt werden. Und als ich dich am Maifeſt in Brüſſel zuerſt ſah, wie du eben in die Schranken der Stechbahn trateſt, um deinen Platz einzunehmen, als ſich unſere Blicke begegneten und ſich gegenſeitig auftranken, da jubelte mein Herz plötzlich mit tauſend Stimmen: ſie iſt's! ſie iſt die Er⸗ ſehnte, die Geträumte! Aber wie weit übertraf deine Erſcheinung das Traumbild! Wie ließ ſie Alles zurück, was Kunſt und Poeſie je geſchaffen haben! Und es ſtand in meiner Seele feſt: ſie iſt mein! Wir ſind für einander geſchaffen! und ich will mein Eigenthum er⸗ ringen, es ſei in welchen Händen es wolle. Keiner vermag es ſo zu ſchätzen, ſo zu lieben, wie ich; und wer weiß, welche plumpe, gemeine Hand mein Heilig⸗ thum entweiht!— Das waren meine Gedanken.“ —„Wie wahr ſprach dein ahnendes Herz, mein herrlicher Philipp! Wie demüthigt der Gedanke, das Weib dieſes Mannes ſein zu müſſen, das ſtolze Ge⸗ fühl, daß ich befähigt bin, einen Philipp zu be⸗ glücken!“ —„Tröſte dich mit meinem Schickſal, meine ſüße Taube! Das traurige Lvos der Fürſten hat mich an ein unliebenswürdiges Weib geſchmiedet. Die kalte, 214 Die ſchöne Kaufmannsfrau herzloſe Politik warf mir dieſe Spanierin in die Arme, die ich kaum dem Namen nach kannte.“ —„Man ſagt, du ſeiſt erſchrocken und erblaßt, als du ſie in Lier zuerſt erblickt.“ —„Und man hat nicht gelogen. Hätt' ich ſie erſt geſehen, ich hätte ſie nicht gewählt, ich hätte mich dem Willen meines Vaters widerſetzt. Ich war eben in Oeſtreich, als mir ihre Ankunft gemeldet wurde. Von Neugierde getrieben, eilte ich in die Heimat. Juanna war mir bis Lier entgegengereiſt. Als ſie mir in der Mitte ihrer Frauen entgegentrat, die Unſchönſte von Allen, war mir's, als würde mir ein Meſſer in's Herz geſtoßen.“ —„Ihr ſeid ſehr undankbar, Herr Erzherzog. Man weiß, daß Eure hohe Gemahlin Euch auf das zärtlichſte liebt.“ —„Ja, geliebte Schelmin, ſo iſt es. Und gerade dieſer Umſtand würde mein Unglück verdoppeln, wenn du mir es nicht ſo herrlich zu verſüßen verſtändeſt. Sie liebt mich, wie toll, dieſe Juanna; ſie iſt ſo arg in mich verliebt, wie es nur ein Weib ſein kann, aber bis dieſe Stunde iſt es mir noch nicht klar geworden, ob ihre größere Zuneigung ihrem Kater Don Ceſar oder mir gilt, oder ob wir beide Dons uns zu glei⸗ chen Theilen derſelben erfreuen. Wenigſtens möchte ſie mich ebenſo wenig von ſich laſſen, wie dieſen ſchö⸗ nen vierbeinigen und vierfarbigen Herrn. In der That, 1 1 1 von Antwerpen. 215 es liegt mir auch blutwenig daran, dies zu wiſſen, zu⸗ mal wenn ich an deiner Seite ſitze, die du mich ſo leicht meine Frau mit allen ihren Katzen und ihren ei⸗ ferſüchtigen Launen vergeſſen machſt. Aber ſieh', biſt du nicht glücklicher, als ich? Dein Mann liebt dich doch wenigſtens nicht, verfolgt dich nicht mit ſeinen Zärtlichkeiten.“ —„Nein; Gott Lob, das iſt nicht der Fall! Seine Liebe, vorzüglich wenn ſie der der Erzherzogin ähnlich wäre, würde mir das Leben unerträglich machen.“ —„Ich würde es dir verſüßen, wie du mir es thuſt.— Liebteſt du mich denn gleich, als wir uns am Maifeſte ſahen?“ —„O, ſchöner, theurer Philipp, ich hatte dich früher geſehen und geliebt, lange vorher, eh' dein Auge mich erblickte. Schon vor vier Jahren ſah ich dich in Gent, als ich zu meinem Vater, der dort malte, gereiſt war, um ihm zu helfen, und mein klei⸗ nes armes Herz flatterte dir gleich zu, aber du ſtolzer Knabe hatteſt deſſen keine Acht. Man ſagte damals, du trauerteſt um eine ſchöne Franzöſin, die mit deiner Schweſter nach Spanien gegangen war.“ —„Ja, es war die Gräfin Luiſe Maine, meine erſte Liebe. O, hätte ich ahnen können, daß du mir ihren Verluſt tauſendfach erſetzen würdeſt! Doch laß uns deshalb nicht trauern. Wir haben noch nichts ver⸗ ſäumt. Wir ſind noch jung und werden uns viele 216 Die ſchöne Kaufmannsfrau Fhar⸗ lieben, immer feurig, immer ſtark, immer un⸗ ausſprechlich glücklich.— Ich werde noch oft zu dem mir ſo theuern Herzen in Antwerpen wallfahrten. Aber nicht das todte, in Staub zerfallene Herz meiner Mut⸗ ter iſt es, das mich hierherzieht zu ſolchem Prieſter⸗ dienſt, nein, dein lebendiges, ſchlagendes, glühendes, mich beſeligendes Herz iſt's, das ich anbete, zu dem ich nach Antwerpen wallfahrte.“ —„Ach, Fürſtenſohn!“ ſeufzte Eleonore.„Du wirſt nach Spanien gehen, wirſt ſchöne Spanierinnen ſehen und lieben, wirſt die ſchöne Luiſe wiederfinden und die trauernde Freundin im Vaterlande vergeſſen.“ —„Nimmermehr! Ewig bleibſt du meinem Herzen theuer, ſo wahr der Himmel“— —„Schwöre nicht! Liebe mich, ſo lang' du kannſt und willſt, ohne Schwur. Ich werde ſtets glücklich ſein ndeiner Liebe und ſtolz auf ſie.“ —„Ich eile in die Niederlande zurück, ſo ſchnell ich vermag. Die Sehnſucht nach dir wird mich in Spanien nicht raſten laſſen. An Luiſe denk' ich nicht mehr; ſie iſt die Frau eines Spaniers geworden. Und Juanna laſſ' ich dort, ein, zwei Jahre, ſo lang' es geht, damit wir von dieſer Seite ungeſtört das höchſte Glück unſerer Liebe und Jugend genießen können. Ich bereite dir ein anderes Loos. Du mußt von dieſem Manne, damit ich mich nicht wie ein Dieb in der Nacht zu dir zu ſchleichen brauche.“ — — von Antwerpen. 217 —„Süßer Philipp, wie gern folg' ich dir, wohin du mich führſt! O, könnte dieſe Hand mich durch's Leben führen!“ —„Mein Vater war glücklicher, als ich. Die ſchönſte Frau in den Niederlanden war ſeine Gemah⸗ lin; ſeinem einzigen Sohne und Erben darf die ſchönſte Frau in den Niederlanden leider nur Geliebte ſein. Aber wahrlich, Mar konnte Marien nicht ſtärker lie⸗ ben, als Philipp Eleonoren liebt.“ —„Und Marie konnte Maxen nicht ſo lglühend lieben, wie Elevnore ihren Philipp liebt. Bethöre mich nicht noch mehr, holder Schwätzer. Schon haſt du mich zur pflichtvergeſſenen Frau gemacht“—— Er verſchloß ihr den Mund mit Küſſen. Sie hatte einen alabaſterweißen, vollen, entblößten Arm um ſeinen Nacken geſchlungen und ihre Finger ſpielten mit ſeinen blonden Locken, während ſeine linke Hand laß und ermüdet in den Schlingen ihres Haa⸗ res hing ohne ſich zu regen, ein ſchöner, willenloſer Gefangener, der ſich freiwillig in das ſüße Joch beugt. Seine Lippen, nicht mehr ſo gierige Räuber, hefteten ſich ſanft auf die Lider ihrer von Entzücken feuchten Augen. Da horchte er ſcharf auf. —„Was iſt's, Geliebter?“ —„War mir's doch, als vernähm' ich fernes Ge⸗ ſchrei und leiſe Schritte auf dem Hofe.“ —„Du irrſt. Bei'm geringſten verdächtigen Ge⸗ 218 Die ſchöne Kaufmannsfrau räuſch würde uns Matty warnen. Sie hat das feinſte Ohr, das ſchärfſte Geſicht und unterſcheidet in der dunkelſten Nacht die Gegenſtände wie am Tage.“ —„Biſt du auch ihrer Treue ebenſo gewiß?“ —„Ich wollte, du wärſt der Treue des Pagen Bübenhoven ſo ſicher, wie ich der der ſchwarzen Matth. Aber dieſer junge Menſch iſt falſch.“ —„Du irrſt, mein Täubchen! Bübenhoven iſt die treueſte Seele. Schlicht und einfältig, gottesfürchtig und mir ganz ergeben, wie keiner weiter von meiner zahlreichen Bedienung. Er iſt der einzige von den Pa⸗ gen, der noch keinen Liebeshandel gehabt hat; er mei⸗ det die Frauen unſeres Hofs und iſt verſchwiegen wie das Grab. Alle Künſte der Verführung ſind an ihm zu Schanden geworden und deshalb gibt es keinen beſ⸗ ſern Boten meiner eigenen Liebe, als ihn.“ —„Ein verſteckter Heuchler iſt er, der dich be⸗ trügt. Wol liebt er eine Frau am Hofe. Und von ihm droht uns Verrath.“ Durch die Thüre herein glitt es dunkel und ſchnell, wie ein ſchwarzer Schatten, und Matty ſtand vor den Liebenden⸗ —„Wir ſind verrathen!“ flüſterte ſie haſtig.„Der Hof iſt voll bewaffneter Männer. Sie haben die Hin⸗ tertreppe ſchon beſetzt.“ —„Meine Ahnung geht aus. Bübenhoven iſt der Verräther!“ rief Eleonore erſchrocken. „ von Antwerpen. 219 Der Erzherzog ſprang auf und griff nach ſeinem Degen. In dieſem Augenblicke pochte es leiſe an die Thüre und Matty legte das Ohr an das Schlüſſelloch und erwiderte das Zeichen.„Pater Innocenz!“ flü⸗ ſterte es herein. —„Es iſt der Pater,“ ſagte ſie zur Herrin. Oeffne Der Prieſter ſchlüpfte wie ein Aal herein. ₰ 2* „ P 220 Die ſchöne Kaufmannsfrau Dreizehntes Rapitel. Als die ſchwarze Zofe eifrig bemüht war, die Küſſe der beiden jungen Hofherren mit derſelben Innigkeit zurückzuzahlen, mit der ſie ſie empfangen hatte, und die drei verliebten Leute dieſen Wechſelhandel ſchon eine geraume Zeit getrieben hatten, wurden ſie in der ſüßeſten Beſchäftigung durch einen derben portugieſi⸗ ſchen Matroſenfluch geſtört. Einer der jungen und kräftigen Matroſen, vom Capitain Magelhaens hierher poſtirt, um Jedermann feſtzuhalten, der aus der Gar⸗ tenthüre herauswollte, hatte es nicht länger ertragen können, ſtummer und unthätiger Zeuge ſolcher Liebko⸗ ſungen zu ſein. Seine wilde Natur brach aus und als er ſich einmal unwillkürlich verrathen hatte, griff er nach dem ſchwarzen Mädchen, um ſie ihren Liebha⸗ bern als Beute abzujagen. Die derben Fäuſte der an⸗ dern Matroſen faßten nach den Hofherren; dieſe hat⸗ ten aber flink und entſchloſſen ihre Degen gezogen und zeigten ſich jetzt gegen ſechs Männer ebenſo tapfer, 8 1 . † von Antwerpen. 221 wie vorhin zärtlich gegen ein einziges Weib. Im Au⸗ genblick lagen zwei Matroſen ſchreiend am Boden und die beiden Hofherren verſchwanden in der Nacht, um nicht von einer vielleicht noch im Hinterhalt liegenden Uebermacht überwältigt und erkannt zu werden. Matty war in der Verwirrung des Kampfes den feiſten Hän⸗ den ihres neuen Liebhabers entſchlüpft und lief mit der Geſchicklichkeit und Behendigkeit einer Katze an der Gartenmauer hinauf, glitt auf der andern Seite hinab und wand ſich, auf allen Vieren kriechend, behend durch die ihr bekannten abgelegenen Gänge des Gar⸗ tens ſo leicht, leiſe und ſicher, daß auch die ſchärfſten Sinne nichts von ihr gewahr worden wären. Die Ei⸗ genthümlichkeiten ihrer afrikaniſchen Natur waren noch nie ſo ſtark hervorgetreten, als in dieſen kritiſchen Au⸗ genblicken. Sie war jetzt mehr ſchlanke, behende, ſchlaue Tigerkatze als Menſch. Das Geſchrei der verwundeten Matroſen war im Hofe vernommen worden und Magelhaens und Rony begaben ſich ſchleunigſt an die entfernte Gartenthüre. Matty's Ohr erkannte Beide an den einzelnen Worten, die ſie ausſtießen, und nun mußte ſie im Augenblick den ganzen Zuſammenhang des Verraths. Die Trep⸗ penthür ſah ſie ſchon von weitem beſetzt. Sie über⸗ legte. Ihre Blicke ſchweiften an der ſchwerfälligen Ar⸗ chitektur des ſteinernen Hinterhauſes empor, das mit ſeinen unförmlichen Maſſen unheimlich in den dunkeln — 222 Die ſchöne Kaufmannsfrau Nachthimmel emporragte. Einem abgelegenen und dü⸗ ſtern Theile des Hauſes zugekehrt, war hier im zwei⸗ ten Stock das Fenſter ihrer Kammer. Der unterſte Stock hatte nach dieſer Seite heraus keine Oeffnung. In das Fenſter mußte ſie hinauf; auf welche Weiſe und wie unbemerkt von den nur wenige Schritte von ihr an der Treppenthür ſtehenden Männern, in wel⸗ chen ſie Hausdiener erkannte, das war der Gegenſtand ihrer Ueberlegung. Ihr Entſchluß war ſo raſch, wie ſeine Ausführung. Sie eringerte ſich, am verwichenen Abend mitten im Gedränge des Feſtes Leute bemerkt zu haben, welche die Stangen, Leitern und Breter des Gerüſtes gebracht hatten, das am frühen Morgen vom Maler van der Voort am Hauſe aufgeſchlagen werden ſollte. Dieſe Dinge waren durch die hintere Garten⸗ thüre und den Garten getragen worden, um die ab⸗ und zugehenden Gäſte nicht zu beläſtigen, und weil im Hofe die Senftenträger ſtanden, ſo waren dieſe Be⸗ ſtandtheile des aufzubauenden Gerüſtes in dieſen abge⸗ legenen Theil des Gartens verwieſen worden und la⸗ gen knapp an der Wand des Hinterhauſes; Matty ju⸗ belte innerlich. Sie fand, was ſie ſuchte, und leiſe, wie die Nacht ſelbſt, hob ſie eine Leiter, lehnte ſie an und huſchte hinauf. Das Fenſter war, wie alle im ſechzehnten Jahrhundert, ein Schiebefenſter, aus run⸗ den, in Blei gefaßten Scheiben beſtehend. Man ſchob dieſe Fenſter ebenſo leicht von außen auf, wie von in⸗ von Antwerpen. 223 nen. Katzenartig wand ſich die ſchlanke Geſtalt durch die Oeffnung. Sobald ſich Magelhaens überzeugt hatte, was vor der Gartenthür geſchehen war, drang er mit dem hef⸗ tigſten Ungeſtüm darauf, nun keinen Augenblick länger zu warten, und Rony begriff, daß es für ihn ſelbſt gefährlich ſei, dem wüthenden Portugieſen noch länger zu widerſprechen; denn er ſah die blanke Waffe be⸗ denklich in der Hand deſſelben blitzen. Er ging alſo eilig, ſeinem Herrn die nöthige Anzeige zu machen. Als er die Thüre des Schlafgemachs öffnen wollte, trat ihm der Archidiakonus mit einem Lichte entgegen und fragte ihn leiſe mit durchbohrendem Blicke:„Was gibt's?“ Der Neger kam ſchier aus aller Faſſung über dieſe unerwartete Begegnung, dieſen Blick und dieſe Frage. Verlegen ſtammelte er:„Ich muß den Herrn Princi⸗ pal ſprechen.“ —„Er ſchläft und darf nicht geſtört werden. Iſt etwas geſchehen, ſo ſag' es mir.“ —„Nein, nein! Ich muß ihn durchaus ſelbſt ſprechen.“ Der Neger gewann wieder einigen Muth; denn ſeine Schlauheit ahnete, welch eine Rolle der Prieſter hier ſpiele. Sie wollte ſich wenigſtens überzeugen, ehe ſie ſeiner Schlauheit das Feld räumte. Er ver⸗ ſuchte, neben Innvcenz hin in das Gemach zu ſchlü⸗ 224 Die ſchöne Kaufmannsfrau pfen, aber dieſer vertrat ihm entſchloſſen den Weg. „Ich will doch ſehen, ob du mir nicht ſagen wirſt, welche Wichtigkeit dich mitten in der Nacht, wo du ſchlafen ſollteſt, hierhertreibt.“ —„Vielleicht dieſelbe Urſache, die Euch veranlaßt hat, mitten in der Nacht, wo auch Ihr ſchlafen ſolltet und zwar zu Hauſe in Euerm Bette, wie Ihr ja ſonſt thut, hier zu wachen. Ich will und muß meinen Herrn ſprechen, und was ich ihm zu ſagen habe, geht Euch nichts an.“ Der Schwarze hatte ſeine Stimme bis zum krei⸗ ſchenden Schreien erhoben; der Pater war von der Bemerkung ſeines Gegners betroffen zurückgewichen und folgte nun dem in das Zimmer eingedrungenen Diener. Herr Peter, von dem Geſchrei und Geräuſch ge⸗ weckt, taumelte, ſeinerſeits ebenfalls ſchreiend, vom Bette empor:„Was iſt geſchehen? Brennt das Haus?“ —„Ich muß Euch melden, mein Herr, daß eine verhüllte Geſtalt, aus dem Garten kommend, die Hin⸗ tertreppe zu den Gemächern Eurer Frau hinaufgeſtie⸗ gen iſt. Wir haben ſie alle geſehen, alle Diener mei⸗ nes Herrn.“ —„Eine verhüllte Geſtalt?“ —„Ja, eine männliche nämlich, von einer weib⸗ lichen geführt. Und ich vermuthe nicht ohne Grund, daß die Letztere Matty war. Als ſie den Mann hin⸗ —,ÜYF˖ —— von Antwerpen. 225 aufgeleitet, ging ſie wieder und verkehrte mit zwei an⸗ dern Männern an der Gartenthüre, die dort auf ſie warteten. Aber wir haben ſie ausgeſperrt und die Treppe beſetzt. Sie ſteckt draußen, der verhüllte Mann aber drinnen. Und ſo mögt Ihr ihn nun ſelbſt fan⸗ gen, mein Herr; ich und die Andern wollen Euch zu Euerm Schutze begleiten. Er ſoll uns nicht entgehen.“ —„Was?“ ſchrie der Kaufmann wie toll.„Ein fremder Mann in der Nacht zu meiner Frau! Ha, das iſt gegen die Ehre meines Hauſes und muß furchtbar geahndet werden! Geh' und rufe die Andern, Rony, und bewaffnet euch!“ Mit einem teufliſch grinſenden Triumphblick auf den Pater ſprang der Neger fort. Jetzt war für Innocenz der entſcheidende Augen⸗ blick gekommen; jetzt galt es, zu zeigen, was er ver⸗ mochte. Und mit einem beſtürzten, tief bekümmerten Geſicht wandte er ſich zu dem aufgeregten Hausherrn: „Wenn es nur nicht etwa ein Geiſt, ein Geſpenſt ge⸗ weſen iſt!“ Herr Peter fuhr entſetzt zurück, als ob ihn eine Schlange gebiſſen hätte:„Ein Geiſt! ein Geſpenſt!“ —„Ja, und wer kann wiſſen, was ſein Erſchei⸗ nen bedeutet!“ —„Neffe,“ ſagte der Erſchrockene bleich und zit⸗ zernd und ſetzte ſich wieder auf das Bett,„was meint Ihr, könne es bedeuten?“ Ein deutſcher Leinweber. I. 15 22⁵ Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Sagte nicht Rony, eine weibliche Erſcheinung habe die männliche Geſtalt die Treppe hinaufgeleitet und ſei dann im Garten verſchwunden?— Es iſt mög⸗ lich, daß dies der Geiſt Eurer verſtorbenen Frau ge⸗ weſen iſt.“ —„Und der männliche der meinige— ja das iſt mein Geiſt geweſen.“ —„Möglich, daß, während Ihr geſchlafen, Euer Geiſt ſich vom Körper getrennt— und mit dem Geiſt Eurer Frau die Treppe hinaufgegangen iſt. Man hat mehre ſolcher Beiſpiele.— Habt Ihr denn nichts ge⸗ träumt?“ —„Ja, ja!“ heuchelte der Kaufmann,„ich habe von meiner verſtorbenen Frau geträumt. Jedenfalls bedeutet dies etwas Schlimmes.“ —„Ihr dürft vor allen Dingen Euch nicht ſelbſt der Gefahr ausſetzen, daß Euch das Geſpenſt aufſtieße. — Ihr könntet den Tod davon haben.“ —„Ach, den Tod! den Tod!“ —„Ich dagegen bin mit geiſtlichen Waffen aus⸗ gerüſtet.— Mir kann das Geſpenſt nichts anhaben.— Ich gehe im Schutze der heiligen Mutter Kirche.— Ich werde die Zimmer unterſuchen und Euch getreuen Bericht erſtatten, Ohm. Bleibt Ihr im Bette. —„O, du himmliſcher Innocenz, ich werde dir's Dank wiſſen! Nimm aber die Leute mit, falls dir et⸗ was begegnen ſollte.“ ₰ von Antwerpen. 22 —„Die Weihen meines Amts ſchützen mich beſſer gegen Geiſter, als alle Waffen und Diener Eures Hauſes. Die Leute ſollen zu Euerm Schutze hier blei⸗ ben, falls Euch das Geſpenſt unterdeſſen einen Beſuch machen ſollte. Ihr dürft nicht allein bleiben.“ Herr Peter kroch, von Froſt und Furcht geſchüt⸗ telt, wieder in das Bett und jammerte nach ſeinen Dienern.„Es bedeutet mein Ende, winſelte er da⸗ zwiſchen.„Ich war geſtern zu eitel und hoffärtig auf die Ehre, die der Erzherzog meinem Hauſe anthat. Dafür werde ich geſtraft. Meine verſtorbene Frau iſt gekommen, mich abzuholen. O weh' mir! Ich muß ſterben!“ Weinend bedeutete er die eingetretenen Diener, ihm die Geſtalt der Geiſter ganz ausführlich zu be⸗ ſchreiben, und als ihm Rony bemerklich machte, daß hier von Erſcheinungen mit Fleiſch und Bein die Rede ſei, wurde er wild und gebot dem Reger zu ſchweigen und den Zorn der Geſpenſter nicht wach zu rufen. Als Ronh den Pater Anſtalten treffen ſah, zu ge⸗ hen, machte er Miene, ihn zu begleiten.„Du bleibſt bei deinem Herrn!“ herrſchte ihm der Prieſter zu. „Sind noch Wachen im Hofe an der Treppe?“ —„Drei Mann. Und hier ſind auch genug, ich kann abkommen. Ihr müßt doch eine Begleitung haben.“ —„Ich bedarf deiner nicht!“ Er ging. 228 Die ſchöne Kaufmannsfrau Ronh bedachte, daß das Spiel eigentlich ſchon ver⸗ loren ſei, da Herr Peter nicht mitgehe. Denn was ſollte er, der Sklave, dem mächtigen Fürſten gegen⸗ über beginnen? Er hoffte nur, ſich ſein Schweigen gut bezahlen zu laſſen. Und dieſe Hoffnung gab er auch jetzt noch nicht auf; denn er hatte den Schlüſſel zur Hausthüre in der Taſche. Nur ein wirklicher Geiſt konnte ohne ſeine Hülfe hinaus. Seinen Vortheil überlegend, fand er jetzt zweckmäßig, Herrn Peter in dem Glauben zu beſtärken, die verhüllten Geſtalten ſeien geſpenſterhafter Natur geweſen, und als er ein⸗ mal begriffen hatte, wo hinaus die Todesfurcht des zitternden Principals wollte, machte er ihm die thö⸗ richten Einbildungen ſehr wahrſcheinlich. Die Uebrigen bejahten und beſtätigten Alles. Und ſchluchzend verſi⸗ cherte ihnen Herr Peter zu wiederholten Malen, daß er bald ſterben werde. Der Pater ſchlüpfte mit einer dünnen Kerze in der Hand über den glatten, kühlen Marmormoſaik des Cor⸗ ridors ſelbſt wie ein Geiſt und ſein rieſiger Schatten glitt in den Stirnen der hohen, maſſiven Kreuzwölbun⸗ gen wie ein böſer Gedanke hin. Am großen Treppen⸗ platz wandte er ſich nicht links nach den Gemächern der Hausfrau, ſondern rechts, und nach wenigen Au⸗ genblicken legte er das lauſchende Ohr an Jakob Fug⸗ ger's Thür; als er die leichten Tritte deſſelben ver⸗ nahm, klopfte er mit leiſem Finger an. Augenblicklich von Antwerpen. 2 ward ihm aufgethan und der Pater ſtand vor dem ver⸗ wunderten Augsburger. —„Herr Fugger,“ flüſterte er, ſo gut es ſein unbehülfliches Sprachorgan geſtattete,„Ihr müßt den Erzherzog augenblicklich aus einer großen Gefahr ret⸗ ten, indem Ihr ihn hier in Euerm Zimmer verbergt!“ —„Den Erzherzog?“ —„Fragt nicht, werther Herr— ſondern gebt dem Drange der Umſtände ſchnell nach.— Der Fürſt wird es Euch lebenslänglich Dank wiſſen.— Er wird in ein paar Augenblicken bei Euch ſein.— Nur Ihr könnt ihn retten— und bei Euch iſt ſeine Perſon und ſein Geheimniß am ſicherſten.“ Ehe Fugger ſich beſinnen und den Zuſammenhang dieſes nächtlichen Abenteuers zu ahnen vermochte, war der Prieſter wieder fort. Pater Innocenz trat nun in das Atelier der Dame vom Hauſe. Hier erfuhr er von Matty, was er ſchon vermu⸗ thet hatte, daß Capitain Magelhaens perſönlich bei dem Plane, den Fürſten bei Frau Elevnoren zu über⸗ fallen, betheiligt ſei; aber kaum hatte er vernommen, durch welches Mittel die ſchlaue Schwarze aus dem Garten in ihre Kammer gelangt war, als er freudig rief:„Jetztſeid Ihr gerettet, gnädigſter Herr.— Ihr ſollt aus dieſem Hauſe verſchwinden— wie ein Ge⸗ ſpenſt— für das Ihr bei Herrn Peter durch meine Hülfe ſchon geltet.— Kommt und vertraut Euch mir 230 Die ſchöne Kaufmannsfrau an.— Seid ohne Sorgen.— Alles iſt zum Beſten eingeleitet.— Der Portugieſe glaubte Euch ſchon zu haben— nicht Euretwegen— ſondern meines ſchönen Beichtkindes wegen— aber er iſt betrogen.“ Mit dem Verſprechen, ſogleich wieder hier zu ſein, zog er den verhüllten Fürſten vorſichtig im Dunkeln mit ſich fort, ihm unterwegs leiſe den Rettungsplan für den nächſten Morgen mittheilend, und ſchob ihn dann durch Fugger's Thüre. Die Schritte des Prie⸗ ſters gingen nun ebenſo ſchnell als leiſe wieder zurück. Herrin und Dienerin wurden von ihm ermahnt, ſich zu Bett zu verfügen und ſich ſchlafend zu ſtellen; dann ſchwang er ſich gewandt durch das Fenſter der Magd auf die Leiter hinaus und ſtieg in den Garten hinab. Denn die ſtehende Leiter mußte um jeden Preis wie⸗ der gelegt werden, und Innocenz fand dazu keinen an⸗ dern Weg, als den er einſchlug. Sobald er dies Ge⸗ ſchäft abgemacht hatte, bog er in den Hof ein und ſtand plötzlich vor dem verkleideten Portugieſen, wie ein aus der Erde geſtiegener Geiſt. —„Ei, Capitain Magelhaens, treff' ich Euch hier als Ehrenwächter des Hauſes und in dem ſchlichten Rocke eines ſeiner Diener? Ich bin ſehr begierig, zu erfahren, ob Euch Herr Peter van der Kapellen zu dieſem beſchwerlichen Dienſte in Sold genommen hat.“ Der Portugieſe konnte vor Beſtürzung und Wuth erſt keine Silbe vorbringen; dann ſchrie er:„Und was von Antwerpen. 26 habt Ihr hier zu ſchaffen? Eure Anweſenheit hier iſt verdächtiger, als die meinige.“ —„Seid nicht thöricht, Capitain! Wir ſind Beide auf den Fang ausgegangen, doch mir iſt der meinige beſſer geglückt, wie Ihr ſeht. Aber ich will Groß⸗ muth an Euch üben und mein Glück nicht benutzen. Mein Ohm ſoll nicht erfahren, wer an der Hinter⸗ treppe ſeines Hauſes den Ehrenwächter ſeiner Frau macht. Aber merkt Euch, Capitain: um Geſpenſter zu fangen, muß man mehr können, als ein Matroſe.“ Lachend ging er. Weder der Schiffscapitain, noch einer der Diener um ihn konnte begreifen, wie der verſchmitzte Pfaffe in den Hof gekommen war, und Magelhaens ſchwur Stein und Bein: der Teufel, mit dem ſich der Pater gut verſtehe, müſſe hier ſelbſt im Spiel ſein. Ebenſo erſtaunt war Ronh, als Imocenz in Herrn Peter's Schlafzimmer berichtete, daß in allen Gemä⸗ chern nichts Verdächtiges ſei und ſowol Frau Eleo⸗ nore als Matty ſich des beſten Schlafs in ihren Bet⸗ ten erfreuten, daß alſo die wahrgenommenen Erſchei⸗ nungen unfehlbar ſpukhafter Natur geweſen ſein müßten. —„Matty im Bett?!“ rief Rony.„Es iſt nicht möglich.“ —„Ueberzeuge dich ſelbſt, guter Burſche, und auch Ihr, lieber Ohm, kommt und ſeht zu, damit nicht irgend ein böſer Verdacht Euer Herz beſchleiche.“ 232 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Es bedeutet meinen Tod; ich bin zu eitel und hoffärtig geweſen,“ wimmerte der Kaufherr und be⸗ zeigte wenig Luſt, den Gang durch's Haus mit dem drängenden Neffen zu machen. Aber dieſer ließ nicht nach, und ſo wanderten ſie zu Drei noch ein Mal durch die Prunkgemächer. Frau Elevnore fuhr wie aus tiefem Schlaf empor. —„Mein liebes Kind,“ ſagte ihr Mann ſanft und weinerlich zu ihr,„du wirſt bald Witwe ſein. Mein naher Tod iſt mir verkündet worden.“ Die Frau ſchien von dieſer Nachricht nicht ſonder⸗ lich gerührt zu ſein; ſie empfahl dem geängſtigten Manne Ruhe und legte ſich ſelbſt wieder, um ſich von ſüßen Gedanken an genoſſene Seligkeit in den Schlaf lullen zu laſſen. In Matty's Kammer überzeugte ſich Rony auf jeg⸗ liche Weiſe, daß ſie es ſelbſt ſei, die im Bette feſt ſchlafend liege. Dann ſchüttelte er den Kopf und glaubte ebenfalls an des Teufels Mitwirkung in die⸗ ſer Sache. Der angſtvolle, von Todesgedanken gequälte Haus⸗ herr entließ den Prieſter für dieſe Nacht nicht. Erſt gegen Morgen konnte Pater Innocenz das Haus ver⸗ laſſen, von den wachſamen Augen des ſchwarzen Die⸗ ners argwöhniſch begleitet. Sein Weg ging in der gewohnten haſtigen Weiſe oder vielmehr noch haſtiger, als ſonſt, nach der Wohnung des Malers van der von Antwerpen. 233 Voort, den er noch im Bette fand, und beim Oeffnen der Augen höchlichſt verwundert, einen Beſuch vor ſich zu ſehen, den die Wände dieſes Zimmers noch nicht kannten. —„Was iſt geſchehen?“ rief der Meiſter erſchreckt aufſpringend. 5 —„Ich muß Euch in ein unglückliches Geheimniß ziehen,“ polterte der Prieſter.„Ich weiß— für die Ehre und den guten Ruf der Frau Eleonore van der Kapellen— würdet Ihr jedes Opfer bringen“— —„Jedes— Ihr habt recht— mein Leben. Aber was iſt geſchehen? Sagt— ſagt und martert mich nicht.“ —„Nicht Euer Leben— kein Opfer verlang' ich für ſie.— Nur eine kleine Gefälligkeit, aber ſchnell. — Laßt ſo raſch als möglich das Gerüſt an Kapel⸗ len's Hauſe aufrichten und ſtellt zehn oder zwölf Leute mehr dazu an— als Ihr gewohnt ſeid.— Es ſoll Euch vergütet werden.— Ihr aber nehmt die Klei⸗ dung eines ſolchen Handlangers in ein kleines Bündel und werft dieſes— ſobald das Gerüſt ſo hoch iſt— in ein offenes Fenſter der Zimmer, welche Herr Fug⸗ ger bewohnt.— Dann haltet Euch mit ein paar Far⸗ bentöpfen am Fenſter— es wird ſich Jemand, den Ihr kennt, das Geſicht bemalen.— Helft ihm her⸗ aus auf's Gerüſt— verſtanden?— und die Leiter hinab mit ſeinem Bündel.— Flucht und lärmt dazu 234 Die ſchöne Kaufmannsfrau — und werft Alles, was da iſt, durch einander.— Verſtanden?“ —„Vollkommen!“ verſetzte der Maler ſchmerzlich und war ſchon in den Kleidern. So ſchwermüthig auch ſein Auge blickte, ſo ſicher und beſtimmt führte er das Nöthige aus. Eine Menge Arbeiter wurde in Thätigkeit geſetzt, als gälte es, das Bild noch an dieſem Tage fertig zu machen, und eh' noch die klare Herbſtſonne die Wand des Kapellewſchen Hauſes beſtrahlte, war das Gerüſt ſchon bis zum er⸗ ſten Stock fertig. Der Maler warf ſein unſcheinbares Bündel durch das offene Fenſter und ſtellte ſeine Far⸗ bentöpfe in die Brüſtung deſſelben. Nicht lange dar⸗ auf ſprang ein junger Arbeitsmann mit Farbenkleckſen und Strichen im Geſicht, das blonde Haar unter ei⸗ ner Kappe verſteckt, keck aus dem Fenſter auf das Ge⸗ rüſt und miſchte ſich einen Augenblick unter die An⸗ dern, nahm dann das Bündel wieder aus dem Fenſter, lief die Leiter hinab und war im Nu dem Meiſter aus dem Geſicht. Niemand hatte ihn unter der Menge Leute bemerkt, von denen er ſich durch nichts ausge⸗ zeichnet hatte. Drinnen an den Treppen hielten die Diener, von Magelhaens' Gold angefeuert, der ſich noch immer unter ihnen befand, die genaueſte Wacht. Das ſcharfe Auge des Portugieſen hing trotzig an den Thüren und muſterte jedes paſſirende Geſicht; aber außer den Arbeitsleuten des Malers war Niemand zu von Antwerpen. 235 ſehen. Herr und Frau van der Kapellen, wie Herr Fugger genoſſen noch des ſüßeſten Schlafs; das innere Haus ſah ſo ruhig und unſchuldig aus, als wäre nie etwas Ungewöhnliches darin geſchehen. Selbſt an der Außenwand bauten die Leute nur ſtill und emſig. Das Fenſter war ſchnell wieder geſchloſſen und die Vorhänge vorgezogen. Ruhig verlief eine Stunde; die Handlungsdiener kamen und begannen ihre Arbeit, dann die Abläder und Handlanger, die Schiffer und Bootsknechte, Alles ging ſeinen gewohnten Gang. Die Vorzimmer füllten ſich mit der Dienerſchaft; für Herrn Peter wurde der Hausarzt geholt, denn er fühlte ſich krank, und Herr Fugger und ſpäter Frau Elevnore machten ihm einen Beſuch. Der portugieſiſche Schiffscapitain lauerte immer noch in ſeinem Verſteck und ſchien entſchloſſen, den Ausgang ſeines begünſtigten Nebenbuhlers zu ertrotzen; denn als Rony kam, um ein paar Augenblicke mit ihm zu plaudern, ſagte er ſchadenfroh:„Und ich erwiſche ihn doch noch. Wir machen ihn ſicher. Er muß heute nach Brüſſel, die Geſandtſchaft an den Prinzen Arthur nach London wartet auf ihn. Und durch die Luft kann er mir nicht entfliegen.“* —„Mein Herr,“ verſetzte Rony bedenklich,„ſo wie die Matty dieſe Nacht aus dem Garten in ihre Kammer gekommen iſt, ohne die Treppe zu paſſiren, * 236 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſo wie der Pater plötzlich im Hofe ſtand, ohne durch Thür und Treppe gekommen zu ſein, ſo kann Der, von dem wir reden, auch aus der Kammer in den Garten gelangt ſein ohne Treppe und Thüre.“ —„Sprich nicht ſolche Albernheiten“— Pferdegetrabe und der Lärm mehrer Stimmen un⸗ terbrachen ihn.„Der Erzherzog! der Erzherzog!“ hieß es. In demſelben Angenblick hüpfte ein glänzender Page leicht und flink durch die Hausflur und fragte den er⸗ ſchrocken vortretenden Schwarzen:„Iſt deine Herrſchaft munter? Seine Hoheit der Erzherzog läßt ſich erkun⸗ digen, wie mein Herr und meine Frau van der Kapel⸗ len geſchlafen, und will ſich ſchönſtens empfehlen.“ Rony blieb das Maul weit offenſtehen, und ſtatt dem Pagen zu antworten, rannte er wie toll nach der Hausthüre und der Portugieſe folgte ihm unvorſichtig mit ähnlichen Gefühlen. Hier hielt denn ſchmuck und ſtolz in fürſtlicher Pracht und ſtrahlender Jugendſchöne, lachend vor Luſt und Muthwillen, der Erzherzog Philipp zu Pferde, umgeben von ſeinem berittenen glänzenden Gefolge, und ſein prächtig geſchirrtes Roß biß muthig in die Zäume und wühlte mit dem Hufe den Boden auf. Das unverkennbare Geſicht des Portugieſen hatte ſich kaum auf der Straße gezeigt, als ihm der Fürſt zunickte und rief:„Ei, ei, Ihr habt die Seemanns⸗ W w von Antwerpen. 237 jacke mit der Dienerſchaube vertauſcht! Ich lob' Euch drum, daß Ihr mein Unterthan und Herrn Peter's Diener geworden ſeid. Ihr werdet ihm die Ehre ſei⸗ nes Hauſes trefflich behüten.“ Der Schiffscapitain ſprang zurück, ſchier vernichtet vor Schreck und Wuth. —„Ich ſagt' es Euch, es geht mit dem Teufel zu,“ raunte ihm Rony in's Ohr. —„Ja, mit dem Teufel!“ knirſchte Magelhaens, ſtürzte durch Hof und Garten und kletterte über die Mauer, da er die Thüre verſchloſſen fand. Auf die⸗ ſem Wege ſchwur er dem Erzherzog und Frau Eleo⸗ noren furchtbare Rache, und er war der Mann, der fein Wort hielt. Jakob Fugger und Frau Eleonore erſchienen ſofort an der Thüre, um dem huldvollen Fürſten zu danken und den Hausherrn als unwohl zu entſchuldigen. —„Ich konnte nicht reiſen, ohne Euch noch zu grüßen,“ ſagte Philipp, ſich zu ſeiner erröthenden Ge⸗ liebten herabbeugend.„Ich komme ſo eben aus der Kirche, wo ich vom Herzen meiner Mutter mich ver⸗ abſchiedet. Nun bitt' ich auch das Eure um Urlaub, ſchönſte Frau. Lebt wohl und ſagt Herrn Peter mei⸗ nen Dank noch ein Mal. Ich hoffe, ihn geſund wie⸗ derzuſehen. Herr Jakob Fugger, Ihr werdet in den nächſten Tagen von mir hören.“ Das ſtattliche Häuflein ſprengte davon, den ſchön⸗ 238 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſten Mann an ſeiner Spitze, und Eleonore ſah ihm lächelnd nach. Jakob Fugger machte an dieſem Vormittage dem portugieſiſchen Schiffscapitain auf deſſen Schiffe ſeinen Beſuch und fand ihn mit den Vorbereitungen zur bal⸗ digen Abreiſe ſehr beſchäftigt. Beide Männer ſaßen ſich ruhig gegenüber und beredeten einen weitſehenden Plan, und da Magelhaens die Ausſicht auf einen glän⸗ zenden Gewinn erhielt, ſo verſprach er, Fugger's kühne Entwürfe auf alle Weiſe zu unterſtützen. Fugger legte den Brief an Beheim, den er in der Nacht ge⸗ ſchrieben, in ſeine Hand. An demſelben Tage noch drückte der Archidiakonus, als er ſeinen Ohm beſuchte, dem verdrießlichen Rony ein paar Goldſtücke mit den Worten in die Hand: „Von Frau Elevnore für die treuen Dienſte, die du in verwichener Nacht dem Hauſe geleiſtet haſt.“ Der Schwarze ſah verblüfft vor ſich hin; aber ſein Geſicht erheiterte ſich und er nickte, als habe er den Sinn dieſer Gabe verſtanden. Auch hielt er richtig reine Bahn, als das Geſpenſt bis zur Abreiſe des Erz⸗ herzogs noch zwei Mal in weniger dunkeln Nächten den Weg durch den Garten und über die Hintertreppe fand, und obgleich er es jedes Mal bemerkte, ſo er⸗ fuhr doch weder ſein furchtſamer Principal, noch ſonſt eine ängſtliche oder abergläubiſche Seele etwas davon. In dieſen beiden Nächten ſah man aber auf dem von Antwerpen. 239 Wege zwiſchen Brüſſel und Antwerpen einen Reiter, den man wegen des ungewöhnlich wilden Rittes— denn er flog gleichſam— leicht für ein Geſpenſt hätte hal⸗ ten können. Der Erzherzog legte ſich in dieſen Näch⸗ ten zu Brüſſel im Schloſſe ſchlafen und ſtand am Mor⸗ gen zu Brüſſel im Schloſſe etwas ſpät wieder auf. Auch Frau Elevnore van der Kapellen ſchlief an dieſen beiden Morgen etwas länger und ſtrahlte dann im Glück befriedigter Liebesſehnſucht. 240 Die ſchöne Kaufmannsfrau Pierzehntes Rapitel. Die Morgenſonne des folgenden Tages nach jenem Abenteuer im Kapellenſchen Hauſe ſah das Schiff des jungen Portugieſen ſchon weit von der Stadt Antwer⸗ pen in vollem Fluge den majeſtätiſchen Strom hinab⸗ gleiten, um ſich von ihm dem deutſchen Meere zutra⸗ gen zu laſſen; aber ſein Befehlshaber befand ſich nicht am Bord deſſelben. Dieſer ſtand zu derſelben Zeit in einem Zimmer der Donna Francesca dUllva, Ober⸗ hofmeiſterin der Erzherzogin⸗Infantin, im Schloſſe zu Brüſſel und wartete ungeduldig, bis dieſe wichtige Dame, der er ſich bereits hatte anmelden laſſen, ſich aus dem Bette erhoben und Toilette gemacht haben würde, um ihn zu empfangen. Endlich trat die ckre⸗ moniöſe Dame herein, rauſchend in ſeidenen Gewän⸗ dern und mit goldenen Ketten und Spangen beladen —„Es muß keine gewöhnliche Urſache ſein, Ca⸗ vitain,“ ſſagte ſie nach der umſtändlichen Begrüßung, die mir heute ſo früh ſchon die Ehre verſchafft.— In von Antwerpen. 241 der That, ich vermuthe, daß Ihr mir etwas Wichtiges zu ſagen habt, wichtig für mich und meine gnädigſte Infantin, die Beide— Gott ſei's geklagt— ein bö⸗ ſer Geiſt in dieſes abſcheuliche Land geführt hat. O, Capitain, ſollte ſich Euer mir entdeckter Argwohn be⸗ ſtätigt haben! Das wäre vortrefflich— erſchrecklich wollte ich ſagen. Ach, meine arme Donna Infantin! Wie glücklich ſind ihre Schweſtern gegen ſie! Donna Maria iſt Eure Königin, Capitain, und Donna Ka⸗ tharina wird Königin von England. Prinz Arthur ſoll ein vortrefflicher Herr ſein, und daß dies der König Emanuel von Portugal iſt, weiß Jedermann. Aber dieſer Don Philipp! O, heilige Kunigunde, iſt das ein leichtſinniger und— ungezogener Herr!— Was verſchafft mir die Ehre, Euch ſo früh bei mir zu ſe⸗ hen, Capitain? Ihr trinkt doch ein Glas Feres ſeccv mit mir? Er erinnert an's Vaterland.“ Ihr Wink bedeckte bald den Tiſch mit den Ingre⸗ dienzien eines leckern Frühſtücks und in den gläſernen Pokalen perlte der köſtliche Wein, mit dem die Ober⸗ hofmeiſterin liebäugelte. Ihre ſtark geröthete Naſe gab 3 Zeugniß von Kennerſchaft und Liebhaberei des feurigen Rebenſaftes. —„Ich bin gekommen, mich von Euch zu verab⸗ ſchieden, Donna Francesca, und will mit Euch auf Euer ferneres Wohlſein anſtoßen und a Eure glück⸗ liche Reiſe nach Spanien.“ Ein deutſcher Leinweber. I. 16 242 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Ach, was lechzt mir die Seele nach dem ge⸗ liebten Lande!“ rief die Ehrendame mit wahrer Be⸗ geiſterung und entlockte ihrem Glaſe an dem des Por⸗ tugieſen einen vollen, hellen Klang.„Fünf Jahre, fünf ewige Jahre ſchmacht' ich nun in dieſem verwünſch⸗ ten Lande. Endlich, endlich ſoll ich mein geliebtes Spanien wiederſehen! Das Herz zittert mir vor Freude. Ach, wie will ich der Königin meine Noth klagen! Sie war mir immer gnädig geſinnt, weil wir an ei⸗ nem Tage geboren ſind. Wie will ich ihr klagen, welch' ein gottloſer Herr dieſer Erzherzog iſt, der mich verhöhnt und verſpottet, ſo oft er mich ſieht! O, es iſt unerträglich! Und die arme Donna Infantin! Wenn ich ſie nicht liebte, als wenn ich ihre Mutter wäre, ich wäre ſchon längſt davongelaufen. Aber dann wäre ja die Aermſte von aller Welt verlaſſen. Niemand meint es ehrlich mit ihr in dieſem Lande, als ich. Von Allen wird ſie belogen und betrogen und am meiſten von ihrem eigenen Gemahl.“ —„Leider iſt dem ſo, Donna Francesea!“ —„Richt wahr, Ihr beſtätigt es? Habt Ihr Be⸗ weiſe? Hat ſich Euer Argwohn bewährt? Die Köni⸗ gin ſoll Alles erfahren, wenn ich nach Burgos und Toledo komme. Trinkt, Capitain! Meine Schweſter ſitzt in einem Roſengarten in Liſſabon gegen mich. Der Erzherzog iſt ein ſchändlicher Verräther, der mich bis auf's Blut quält.“ von Antwerpen. 243 —„Ihr gebt mir doch einen Brief mit an Eure Schweſter?“ —„Er iſt ſchon geſchrieben. Ich hoffe, wir wer⸗ den uns ſprechen, in Spanien, in Portugal oder an der Grenze; denn die fürſtlichen Schweſtern, unſere Herrinnen, werden ſich jedenfalls ein Rendezvous ge⸗ ben. Da werden Klagen und Thränen von meiner ar⸗ men Donna Juanna fallen! Ja, Euer König iſt frei⸗ lich ein anderer Mann, als dieſer abſcheuliche Erzher⸗ zog. Und gerade er ſoll König von Caſtilien und Ar⸗ ragonien werden! Können das die Heiligen im Him⸗ mel dulden?— Doch er war ja in Antwerpen. Habt Ihr nichts entdeckt? Mir nichts zu berichten, Capi⸗ tain? Ihr ſpracht das letzte Mal, als Ihr mich be⸗ ſuchtet, einen Argwohn gegen den Erzherzog aus, als habe er einen Minnedienſt in Antwerpen. Erinnert Euch doch! Ich habe das nicht vergeſſen.“ —„Auch ich nicht, Donna Francesca.“ —„Und habt Ihr Euch überzeugt, Capitain?“ —„Vollkommen. Der Erzherzog lieht die ſchöne junge Frau des reichen Kaufmanns Peter van der Ka⸗ pellen und wird von ihr geliebt.“ —„Aber Beweiſe! Beweiſe, Capitain!“ —„Ich habe ihn mit meinen eigenen Augen ge⸗ ſehen, als er Nachts durch eine Hinterthüre in ihr Schlafzimmer ging. Darauf verpfände ich mein Eh⸗ 244 Die ſchöne Kaufmannsfrau renwort als portugieſiſcher Edelmann und Schiffseapi⸗ tain meines Königs.“ —„Ha, wie obſcheulich!— O, darauf ein Glas! Eine Flaſche!“ rief die Ehrendame entzückt und ergriff jubelnd den Pokal.„So iſt es doch wahr, was ich immer geargwohnt habe. Der nichtswürdige Verräther und Ehebrecher!— Ein gottloſer Herr iſt er, ein Teufelsbraten. Es wird einer frommen und ehrbaren Frau vom älteſten kaſtiliſchen Adel bange, an ſolch ei⸗ nem verderbten Hofe leben zu müſſen. Erzählt mir, beſter Capitain! Erzählt! Ich brenne vor Verlangen, die nähern Umſtände dieſes niederträchtigen Handels aus Euerm Munde zu vernehmen.— Und ſolche heuch⸗ leriſche, verderbte Weiber beſcheint hier die Sonne! O, dieſes ganze Land iſt ſo ſündhaft und gottvergeſ⸗ * 1 ſen, wie Sodom und Gomorra, und werth, wie dieſe von der Erde verſchlungen und vyn einem Salzſee, der die Sünden abwäſcht, überflutet zu werden!“ Und in frommer Begeiſterung ließ ſie die Küglein ihres Roſenkranzes, ſeufzend und die Augen der Decke zugekehrt, durch die fleiſchigen Finger laufen, dann belohnte ſie ſich für dieſe Anſtrengung mit einem vol⸗ len Glaſe. Der Capitain berichtete nun ausführlich von der Gaſterei, die der antwerpner Kaufmann zu Ehren des Erzherzogs angeſtellt, und von den daratf folgenden Ereigniſſen. Er befleißigte ſich bald großer Umſtänd⸗ — von Antwerpen. 245 lichkeit, bald bedeutender Abkürzungen und verſchwieg Manches ganz, was für die Oberhofmeiſterin kein In⸗ tereſſe haben konnte. Dieſe hörte ſeine Rede mit funkelnden Augen an und unterbrach ſie je zuweilen durch einen jubelnden Ausruf oder einen Fluch und eine Schmähung auf den Erzherzog und deſſen Ge⸗ liebte. 2 Als der Seemann fertig war, ſtürzte ſie mit der Haſt einer Bacchantin noch ein Glas hinab, im grell⸗ ſten Widerſpruch mit ihrer ſonſtigen Weiſe und ober⸗ hofmeiſterlichen Würde, und ſagte dann rachelechzend: „Die Donna Erzherzogin⸗Infantin wird Euch eben⸗ falls einen Brief an ihre Schweſter, Eure Königin, mitgeben; Ihr hättet Euch ohnedies bei ihr beurlaubt. Ich gehe, Euch zu melden. Wenn ſie Euch über dieſe ſaubern Geſchichten fragt, ſo verſchweigt ihr nichts. Es iſt meine Pflicht, ihr Alles mitzutheilen. Es muß endlich ein Lichtſtrahl in dieſen finſtern Sündenpfuhl fallen. Vor dem Erzherzog ſeid Ihr ſicher. Er kommt nie unaufgefordert in die Gemächer ſeiner Gemahlin, am wenigſten um dieſe Zeit.“ Und wieder im ſteifen, ſpaniſchen Schritt ihrer Würde entfernte ſie ſich. Magelhaens lachte ihr tük⸗ kiſch nach. Es ging Alles, wie er es gewünſcht hatte. Ueber eine halbe Stunde verſtrich, ehe Donna Francesca wieder in der Thüre erſchien und ihm gra⸗ vitätiſch winkte. In ihren Augen funkelte eine teufli⸗ 246 ſche Freude.„Die Infantin iſt etwas aufgeregt von der empfangenen Mittheilung. Laßt Euch nicht anfech⸗ ten, wenn ſie vielleicht etwas heftig wird. Es iſt noth⸗ wendig, daß ſie Alles erfahre! Die Weiber dieſes Lan⸗ des ſind ein verworfener Menſchenſchlag. Ich habe das längſt gewußt; aber mir allein hat es die Infan⸗ tin nicht glauben wollen. Euch aber glaubt ſie unbe⸗ dingt und mit dem größten Vertrauen, weil die Köni⸗ gin von Portugal, die ſie unter ihren Geſchwiſtern am meiſten liebt, in dem Briefe, welchen Ihr mitgebracht habt, Euch ſehr empfohlen hat. So beweiſet Euch denn durch Aufrichtigkeit dankbar.“ Die edle Oberhofmeiſterin ahnte nicht, wie viel dem Schiffscapitain daran lag, die ausgedehnteſte Aüf⸗ richtigkeit gegen die Erzherzogin an den Tag zu legen. Donna Juanna trat dem Portugieſen mit einem feſtern und raſchern Schritte entgegen, als ſie gewöhn⸗ lich pflegte, aber als ſein Blick ihrem Auge begegnete, wäre er faſt vor der Wildheit deſſelben erſchrocken. Ihre Geſtalt ſchien größer geworden zu ſein und hatte einen impoſanten Ausdruck, den Magelhaens mit Er⸗ ſtaunen zuerſt an ihr bemerkte. Es ſchien, als ſei ſie plötzlich ſich ihrer hohen königlichen Abkunft bewußt* geworden und habe in demſelben Augenblick die Würde ihres Bluts und ihrer Stellung gefunden. Sie war nicht nur das tief gekränkte Weib, ſie war auch die verletzte Herrſcherin, und der bis jetzt an ihr vermißte Die ſchöne Kaufmannsfrau — W von Antwerpen. 247 Stern der Majeſtät blitzte nun durch die Wolkennacht des verhaltenen Zorns auf ihrer Stirne. —„Ich bin gekommen, um Ew. königliche Hoheit ehrfurchtsvollen Dank für die hohe Huld zu ſagen, wo⸗ mit ich während meines kurzen Aufenthaltes in den Niederlanden beglückt worden, und den Brief an Ihre Majeſtät die Königin von Portugal in Empfang zu nehmen, den zu ſchreiben Euer hoher Wille war.“ —„Ich habe nicht Muße gefunden, zu ſchreiben,“ verſetzte die Erzherzogin.„Sagt meiner Schweſter, daß ich ſie bald von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen gedenke.“ Die Stimme zitterte und wurde noch unſi⸗ cherer, als ſie fortfuhr:„Ihr habt Euch wohl befunden in Antwerpen, Capitain? Die Stadt hat ſchöne und umgängliche Frauen.“ —„Ich habe mich davon überzeugt, Hoheit.“ —„Ihr wart oft, wie man mir geſagt hat, im Hauſe des Kaufmanns van der Kapellen. Die Frau deſſelben ſoll eine ausgezeichnete Schönheit ſein?“ —„Ich müßte kein Mann ſein, um dieſe Wahr⸗ nehmung nicht gemacht zu haben, und ich müßte ein Lügner ſein, um es anders zu ſagen.“ —„Worin beſteht denn die vorzügliche Schönheit dieſer berühmten Frau?“ —„Sie hat einen herrlichen Körper und einen le⸗ bendigen Geiſt; ihr Auge iſt bezaubernd, aber die Krone ihrer Reize iſt ihr unübertrefflich ſchönes Haar, 248 Die ſchöne Kaufmannsfrau das ihr wie Wellen geſchmolzenen Goldes vom Haupte wallt. Ich hatte ſolches Haar früher für ein Märchen gehalten, womit die Dichter die Feen und Nixen aus⸗ ſtatten. In ganz Portugal und Spanien hat kein Weib ein ſolches Haar.“ —„Ihr ſeid ein begeiſterter Lobredner ihrer Reize. Die Dame ſcheint aus dieſem Haar urzerreißliche Netze und Schlingen für Männerherzen zu flechten. Selbſt der Erzherzog ſoll“—— Sie vermochte nicht auszureden. Die Vibration der Stimme hatte ſich ängſtlich geſteigert; aber kaum hatte ſie ihren Gemahl genannt, als ein wilder, furcht⸗ barer Schrei, ähnlich dem Tone eines hungrigen Raub⸗ thiers, aus ihrem verzerrten Munde hervorſchoß. Ihr Auge funkelte dazu, wie das einer Löwin, deren Jun⸗ ges, von einem mörderiſchen Geſchoß durchbohrt, zu ihren Füßen ſtirbt. An dieſen Schrei, der dem Schiffs⸗ capitain durch Mark und Bein fuhr, ſchloß ſich ein dumpfes Heulen. Sie ſtürzte auf das nächſte Polſter⸗ bett los, auf welchem mehre ihrer Katzen in fauler Ruhe lungerten, ergriff eine derſelben und würgte ſie. Das Thier ſchrie jämmerlich und biß um ſich; die Für⸗ ſtin brach in ein ſchauderhaftes Hohngelächter aus und rief dazwiſchen mehrmals in einem von Schmerz und Wuth gemiſchten Tone:„O, dAlnahar! d'Alnayar! du haſt es mir erſt geſagt!“ Die Oberhofmeiſterin war herzugeeilt, um die un⸗ —— —— — — von Antwerpen. 249 glückliche Fürſtin in ein anderes Zimmer zu bringen, und winkte dem vor Entſetzen ſchier verſteinerten See⸗ mann, ſich zu entfernen. Er eilte haſtig von dannen; aber noch im Vorzimmer ereilten die Jammertöne Juanna's ſein Ohr. Sie peitſchten ihn, wie Geißeln der Furien, von dannen und er verließ die Stadt mit der Haſt eines Verbrechers. 250 Die ſchöne Kaufmannsfrau Funfzehntes Rapitel. Am zweiten Tage der dritten Woche des Oetobers langte in Brüſſel die zahlreiche und prächtige Geſandt⸗ ſchaft des Herzogs von Savoyen an, beſtimmt, die Erzherzogin Margaretha mit bräutlichem Pomp abzu⸗ holen und ihrem Verlobten zuzuführen. Man zählte über zweihundert und funfzig Berittene, und ihr An⸗ führer war der ſchöne und ritterliche Graf Wilhelm von Savoyen, natürlicher Bruder des Herzogs, be⸗ kannt unter dem Namen des tapfern Baſtard von Sa⸗ voyen. In ſeiner Umgebung glänzten die Söhne aller Adelsfamilien des ganzen Herzogthums. Der Erzher⸗ zog ließ ſie durch einen nicht minder prächtigen Reiter⸗ haufen einholen, angeführt von Wilhelm von Croy, Herrn von Chièpres, dem tapferſten und ritterlichſten jungen Manne in ſämmtlichen niederländiſchen Provin⸗ zen. Der Einzug bot den Brüſſelern ein impoſantes Schauſpiel. Auf einer Bühne vor dem Schloſſe, de⸗ ren Boden mit Scharlach und deren Bruſtwehr mit von Antwerpen. 257 goldenem Stück belegt war, ſtand der Erzherzog mit ſeiner Schweſter, das ſchönſte Geſchwiſterpaar im Lande, vielleicht das ſchönſte unter allen Lebenden, und von aller Pracht und fürſtlichen Herrlichkeit kehrte das er⸗ müdete Auge immer wieder zu ihnen zurück, um ſich von neuem zu erlaben und zu erfreuen. Wer hätte ſie nicht mit Luſt betrachtet, den Stolz des reichſten Lan⸗ des in Europa! Wie freiheitliebend und republika⸗ niſch geſinnt der Niederländer immer ſein mochte, er fühlte ſich geſchmeichelt, ſolch ein Fürſtenpaar zu be⸗ ſitzen. Wie Peter van der Kapellen ſeine Frau wegen ihrer Schönheit als die Perle ſeines Hauſes hochhielt, ohne ein tieferes Gefühl für ſie, ſo hielten die Nie⸗ derländer Philipp und Margaretha als die Perlen ih⸗ res Landes hoch, ohne ihnen eine wärmere Zuneigung zu ſchenken. Der Niederländer liebte die fürſtlichen Geſchwiſter ſeinetwegen, nicht ihretwegen, und aller Glanz, der ſie umgab, alle Ehren, die ihnen erwieſen wurden, bezog er auf ſich. Denn der Bürger war ei⸗ gentlich Herr des Landes und ließ den Fürſten nur re⸗ gieren, weil er ſelbſt keine Zeit dazu hatte. Aus die⸗ ſen Gründen nahm das Land und vorzüglich die Stadt Brüſſel den lebhafteſten Antheil an der dritten Ver⸗ mählung der jungen Erzherzogin, und die Freude ſprach ſich allgemein aus, daß die Fürſtin einen ſo ſchönen, jungen und edlen Gemahl erhielt, wie der Herzog von Saboyen bekannt war. Wer ihn kannte, lobte ſeine 252 Die ſchöne Kaufmannsfrau Schönheit und Milde und behauptete, daß ſie der ſei— ner Braut gleichkomme. Philipp prangte in der über⸗ aus prachtvollen Kleidung des Oberhauptes des Or⸗ dens vom güldenen Vließ und hinter ihm ſtanden die Ritter des Ordens, die in Brüſſel wohnten oder der Feſtlichkeiten wegen dahin gerufen worden waren, alle in voller Ordenstracht. Um Margaretha's majeſtätiſche Geſtalt floß ein weites, mit Blumen durchwirktes und mit Hermelin ausgeſchlagenes Gewand von goldenem Stück. Der Gürtel deſſelben war ein maſſiv goldener Reif mit Hunderten großer Edelſteine beſetzt. Um Schultern und Hals liefen vierfache breite Bänder aus Diamanten und Perlen zuſammengeſetzt, die Zwiſchen⸗ räume zwiſchen den Reihen waren mit goldenen Ara⸗ besken ausgefüllt, ſo daß der ganze Hals bis unter das Kinn damit bedeckt war. Auf dem Haupte trug ſie eine violette Sammthaube, die zu beiden Seiten und hinten über den Hals herabfiel, über der Stirne aber einen purpurnen Ueberſchlag hatte, auf welchen Kronen von biewen Gvelſrinen eingeſtickt waren. Darunter ſah man eine Spitzenhaube„die wiederum Perlenreihen zur Schau trug. All' dieſer Perlen⸗ und Steinglanz wurde vom Glanze ihres gütigen, lachen⸗ den, beredten Auges verdunkelt und von der Freund⸗ lichkeit ihrer edlen Züge überſtrahlt. Wie der Mond unter den Sternen, ſo ſtand ſie unter ihren Frauen, auf den erſten Blick als Herrin und Fürſtin erkenübat. von Antwerpen. 253 Es mag wol wenig Fürſtinnen gegeben haben, denen ſo wie ihr der ächte und wahre Stempel weiblicher Majeſtät, d. h. jener der liebreichſten Güte, der rein⸗ ſten, ſittlichſten Menſchlichkeit, auf die Stirne gedrückt war. Ihr Hofmeiſter, der würdige Heinrich von Verrh, hatte unfern von ihr Platz, ihres Winks gewärtig. Als nun der prächtige Zug unter dem betäubenden Schalle der Trompeten, Poſaunen und Heerpauken her⸗ angekommen war, begrüßten alle Ritter das Fürſten⸗ paar mit geſenkten Fähnlein und Degen und der ganze Haufe brach in ein Jubelgeſchrei aus, unterſtützt vom Schmettern der Inſtrumente, und die Zuſchauer ſtimm⸗ ten ein in den lange anhaltenden Freudengruß. Der Baſtard ſtieg mit ſechs jungen Adligen vom Pferde und nahte der Bühne. Sein Gefolge trug in ſchön verzierten Kapſeln das Brautkleinod, welches er, oben angekommen, enthüllte und, ein Knie vor der holdſeli⸗ gen Braut beugend, mit einer kurzen Anrede überreichte. Es beſtand in einem aus Diamanten von allen Größen zuſammengeſetzten Herzen, an deſſen Spitze eine große hochgeſchätzte Perle als Sinnbild des Namens der Braut hing, und in einem aus Goldfäden künſtlich ge⸗ wirkten Gürtel mit ſechs und zwanzig Diamanten, zehn großen Karfunkeln und vielen Perlen künſtlich verziert. — Hierauf ging der Zug durch die Stadt in das Schloß, wo ſich eine große Anzahl Bürger verſammelt hatte, um ſich die Savoyarden als Gäſte zu erbitten 254 Die ſchöne Kaufmannsfrau und in ihre Häuſer zu führen. Der Baſtard und ſein nächſtes Gefolge traten als Gäſte des Erzherzogs in das Schloß und machten der Erzherzogin⸗Infantin die Aufwartung, welche ſich unwohl befand. Doch ließ ſie ſich von den Bitten der Gäſte bewegen, an der Tafel Theil zu nehmen. Hier ſaß der Baſtard zwiſchen ihr und der Braut und neben dieſer hatte der Erzherzog ſeinen Platz. Der Baſtard verſicherte mit viel ritterlicher Galanterie, er ſei von der hohen Schönheit der Prinzeſſin ſo geblen⸗ det geweſen, daß er alle geiſtige Kraft habe aufbieten müſſen, um ſeine Worte nicht zu verwirren. —„Man hat mir oft geſagt, in den Niederlanden ſeien die ſchönſten Frauen zu finden; jetzt weiß ich, daß die ſchönſte derſelben des Herzogs von Savohen, mei⸗ nes fürſtlichen Bruders, köſtliches Eigenthum wird. —„Das würden Euch die niederländiſchen Frauen nicht zugeben,“ verſetzte Margaretha anmuthig,„und Eure Ritterlichkeit würde ihren Reizen gegenüber mit dieſem Ausſpruch ſehr in's Gedränge kommen, denn die Provinzen ſind ſo reich an Schönheiten, daß man mich wahrlich nicht vermiſſen wird.“ —„Du magſt die ſchönſte ſein oder es mag ſchö⸗ nere geben,“ ſagte Philipp,„das Bruderauge kann darüber nicht entſcheiden; aber das weiß ich, daß kein beſſeres und edleres weibliches Herz in meinem Lande ſchlägt, als das meines lieben Gretchen's.“ Er beugte ¹ —— von Antwerpen. 255 ſich gerührt auf ihre Hand und hauchte einen Kuß rein⸗ ſter Bruderliebe darauf. Dann wandte er ſich an den Baſtard:„Euch aber, mein werther Graf, werde ich Gelegenheit geben, Gretchen's Beſcheidenheit zu prü⸗ fen und die Blüte der weiblichen Schönheit der Pro⸗ vinz Brabant zu bewundern.“ —„Mein Gemahl iſt ein Kenner und Verehrer der Schönheit,“ ſagte die Infantin Juanna.„Ich wette, er hat die Liſte der ſchönen Frauen, die er Euch vorzuführen gedenkt, Graf von Savoyen, im Kopfe und ihm fehlt nicht eine einzige, obgleich ihre Anzahl nicht gering ſein dürfte.“ —„Wer ſo wie er nur von ſchönen Frauen um⸗ geben iſt, ſchärft ſein Auge für die richtige Beurthei⸗ lung der Meiſterwerke Gottes, wie dem Gelehrten leicht wird, die ſchwierigſten Sätze fremder Sprachen zu entziffern, weil er ſtets in ihnen ſtudirt,“ verſetzte der Baſtard mehr galant, als wahr. —„Er muß das Auge außer dem Hauſe ſchärfen, vorzüglich wenn Ihr uns Gretchen entführt habt,“ ver⸗ ſetzte Juanna flüſternd.„Ich möchte aber wol wiſſen, welche Dame in den Provinzen er für die ſchönſte er⸗ klärt. Man hat mir geſagt, eine Kaufmannsfrau in Antwerpen laufe allen Andern den Rang ab. Ob wol der Erzherzog dies allgemeine Urtheil beſtätigt? Fragt ihn doch!“ Der Baſtard ging arglos in die Falle, indem er 256 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſich mit der Frage an den Erzherzog wandte:„Auch ich bin ein großer Verehrer ſchöner Frauen, Hoheit, und ſo möchte ich wol wiſſen, welcher Dame außer Euerm Hauſe Ihr den Preis der Schönheit in Euerm Lande zuerkennt?“ —„Meinem Urtheile nach iſt dies die junge Frau des Kaufmanns Peter van der Kapellen in Antwer⸗ pen,“ verſetzte der Fürſt unbefangen;„ſie iſt die Toch⸗ ter eines Malers, und man möchte glauben, ein ho⸗ hes Meiſterwerk ſeines Pinſels, der Inbegriff und die Vollendung aller weiblichen Schönheit habe ſich von der Leinwand abgelöſet und Fleiſch und Blut, Leben und Geiſt gewonnen, wie die Elfenbeinſtatue des ey⸗ priſchen Königs Pygmalivn. Schon allein ihres herr⸗ lichen, goldenen Haares wegen möchte ich ihr den Vor⸗ zug vor allen andern ſchönen Frauen geben; denn eine ſolche Fülle und Pracht des Haares hat keine Lebende 3 weiter; ich möchte bezweifeln, daß das Haar der ägyp⸗ tiſchen Königin Berenice, das wegen ſeiner Schönheit, wie ein ſchmeichelnder Aſtronom vorgab, von den alten Göttern unter die Sterne verſetzt wurde, ſchöner als das der Frau Elevnore van der Kapellen war.“ Unbedachtſam und leichtſinnig, wie der junge Fürſt war, hatte er ſich in eine ſo leidenſchaftliche Wärme hineingeſprochen, daß ſelbſt die Prinzeſſin Margaretha davon unangenehm berührt wurde. Aengſtlich ſchaute ſie nach ihrer Schwägerin hin und ſah in ein bleiches —— ,— von Antwerpen. 257 Geſicht, aus dem ein Paar ſchwarze Augen unheimlich herausglühten. Juanna's Lippen zuckten gichtiſch, doch war keine äußere Bewegung weiter an ihr bemerkbar. Die Braut, obgleich auf glühenden Kohlen ſitzend, da ihr Juanna's wüthende Eiferſucht nur zu wohl bekannt war, verhielt ſich, um kein Aufſehen zu erregen, eben⸗ falls ruhig, flüſterte aber ihrem Bruder zu, ſich doch in dem Lobe der ſchönen Frau aus Gründen etwas zu mäßigen. Philipp erſchrak im Bewußtſein ſeiner Schuld und brach deshalb kurz ab, als ihm der Baſtard be⸗ merkte, er ſei nach dieſer begeiſterten Beſchreibung ſehr neugierig auf die ſchöne Frau:„Ihr werdet ſie mor⸗ gen ſehey. Margaretha's Gutmüthigkéit wandte ſich nach der Tafel an Juanna, um durch liebevolle Worte den Ein⸗ druck zu verwiſchen, welchen Philipp's rückſichtsloſer Leichtſinn hervorgerufen. Bei ähnlichen Veranlaſſungen war Juanna ſtets gereizt, heftig und zänkiſch geweſen und hatte das ſanfte Gretchen viel erdulden laſſen, das dann auch immer willig die Schuld des geliebten leichtſinnigen Bruders gebüßt und den Ausbruch des Sturms von ſeinem Haupte ab und auf das ihrige ge⸗ leitet hatte. Diesmal war die Infantin aber merkwür⸗ dig ruhig und gefaßt und erwähnte des der Kaufmanns⸗ frau von ihrem Gatten ſo leidenſchaftlich geſpendeten Lobes mit keinem Worte, ſo daß ſich die Prinzeſſin dem guten Glauben hingab, die Aufregung ihrer Schwä⸗ Ein deutſcher Leinweber. I. 173 258 Die ſchöne Kaufmannsfrau gerin ſei nur eine ſchnell vorübergehende geweſen. Wie ſchlecht hatte ſie in den beiden Jahren, während wel⸗ cher ſie mit Juanna nun zuſammengelebt, das Herz dieſer Spanierin kennen gelernt! Wie wenig wußte ſie von der gräßlichſten aller Leidenſchaften, von der Ei⸗ ferſucht! Margaretha theilte den Fehler aller edlen, großmüthigen Seelen: alle Andere unbewußt nach ſich ſelbſt zu beurtheilen. Wie in ihrem reinen Gemüthe auch nicht der kleinſte Flecken zu finden war, ſo war es ihr unmöglich, an den Schmutz einer andern Seele zu glauben. Dieſe heiligen Gemüther ſind auf die Erde gekommen, um ſich an ewigen Täuſchungen ſchmerzlich zu verbluten. Als der Abend anbrach, ſtrömte der Hofadel und die ſavoyiſchen Edeln nach dem Schloſſe, um dem glänzenden Scheinbeilager des Baſtards und der Prin⸗ zeſſin Margaretha beizuwohnen. Nachdem man weidlich banketirt und einige Tänze ausgeführt hatte, zog man in die mit Kerzen luſtig erhellte Kapelle, wo der Bi⸗ ſchof von Lüttich den Baſtard von Savoyen als Stell⸗ vertreter ſeines Bruders, des Herzogs, mit der Erzher⸗ zogin Margaretha einſegnete und ſie die Ringe wech⸗ ſeln ließ. Dann ging der Zug mit Fackeln in den großen Ritterſaal, wo unter einem mit Purpurſammet und Hermelin ausgeſchlagenen Thronhimmel ein ſeide⸗ nes Bett ſtand. Die Braut wurde von den adeligen und Hoffrauen des Oberkleides entledigt und in das von Antwerpen. 259 Bett gelegt; der Baſtard aber legte mit Hülfe der ſa⸗ vohiſchen Herren zur Hälfte einen ſilbernen Harniſch an, d. h. das rechte Bein, der rechte Arm und die Bruſt wurden mit dem Silberpanzer bedeckt, dann wurde er zum Bette der Prinzeſſin geführt, in welches er das linke unbeharniſchte Bein ſteckte. Nachdem er mit üblichen Scherzreden die Braut eine Zeit lang un⸗ terhalten hatte, erhob er ſich wieder und bat ſie zum Lohne ſeiner Bemühungen um einen Kuß. Als ſie ihr anmuthiges Haupt vorneigte, um ſeine Bitte zu ge⸗ währen, warf er ſich vor dem Bette auf die Knie, em⸗ pfing ſo den Kuß und ſchwur dann, als ihr Diener zu leben und zu ſterben. Margaretha hieß ihn aufſtehen, zog einen koſtbaren Diamantring vom Finger, über⸗ reichte ihm denſelben zum Geſchenk und wünſchte ihm gute Nacht. Die Anweſenden führten unn noch unter ſanfter Muſik einen kurzen Fackeltanz vor dem Bette auf und verließen dann ſtill den Saal. Die Morgenſtunden des folgenden Tages waren der großen Beglückwünſchung gewidmet, wobei Margare⸗ tha nun die Ehren und den Namen der regierenden Herzogin von Savoyen erhielt und von der neuen ſa⸗ vohiſchen Dienerſchaft zum erſten Mal bedient wurde. Die ſavohiſchen Edelleute, hingeriſſen von der Huld und Anmuth ihrer jungen Herrſcherin, weiheten ſich alle in ſtürmiſcher Begeiſterung ihrem Dienſte und ſchwuren, für ſie in den Tod zu gehen. 1 260 Die ſchöne Kaufmannsfrau Margaretha ſah bleich und ernſt aus, ja in man⸗ chen Augenblicken flog wieder jener ernſte, ſchier trübe Zug um ihren Mund, den man ſonſt gewöhnlich an ihr zu bemerken pflegte, der aber ſeit einiger Zeit den bräutlichen Gefühlen gewichen war. Es wurde einem aufmerkſamen Beobachter nicht ſchwer, wahrzunehmen, daß ſie ſich zwang, heiter zu ſcheinen, und daß ihr dies nur unvollkommen gelang; dieſer Beobachter war Marx von Bübenhoven. Sein Auge hing faſt nur an ihren Zügen und verdüſterte ſich allmälig, als es jene umwölkt ſah, aber eine leichte Freude verklärte plötzlich ſein Geſicht, als ihn die vertraute Kammerfrau der Herzogin benachrichtigte, ihre Gebieterin wünſche ihn nach der Ceremonie allein zu ſprechen. Unter dem Vor⸗ geben, daß ſich die Herzogin angegriffen fühle und ſich auf die Feſtlichkeiten des Nachmittags zu ſammeln wün⸗ ſche, wurde jene abgekürzt und der Page trat nach we⸗ nigen Minuten in das Cloſet, das ſtille Heiligthum der Fürſtin. — von Antwerpen. 261 Sechzehntes Rapitel. Die hohe, milde Frau hatte ſich aller Pracht entledigt und ſaß in einem ganz einfachen Gewande ernſt und ſinnend in einem Polſterſtuhle an dem einzigen Fenſter des kleinen, traulichen Gemachs, welches der Page nie ohne eine ſtarke Herzbeklemmung betreten konnte. Auch diesmal verſagte ihm der Athem, zumal er mit Be⸗ ſtürzung bemerkte, daß die angebetete Frau geweint hatte. Der Schleier der Schwermuth, der über ihrer hohen, reinen Stirne hing, wurde zum eiſernen, been⸗ genden Geflecht für ſein eigenes Herz, über deſſen Ge⸗ fühle für Margaretha ihn Frau Eleonore van der Ka⸗ pellen in's Klare gebracht hatte. Er zitterte heftig, als ſie ihn zu ſich heranwinkte, und ſein Schritt war unſicher, als er dem Winke gehorchte. —„Junker,“ ſagte ſie,„der Tag naht mit ſtar⸗ ken Schritten heran, wo ich dieſes Land meiner Ge⸗ burt verlaſſe, zum dritten Mal verlaſſe, um das Schick⸗ ſal der Frauen zu erfüllen. Vielleicht hat dieſes Schick⸗ 262 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſal mich als Herzogin von Savoyen glücklich machen wollen und zertrümmerte deshalb in Frankreich und Spanien mein gehofftes Glück; vielleicht hat es mich zu ferneren ſchweren Leiden beſtimmt.“ —„Das wolle Gott verhüten!“ rief der Page aus gepreßter Bruſt.„Nein, hohe Frau, Ihr werdet des Glückes reichſtes Maß genießen, wie Ihr verdient.“ —„Kein ſterbliches Auge durchdringt den Schleier der Zukunft; aber die Seele hat oft ein dunkles Vor⸗ gefühl von kommenden Schickſalsſchlägen, auch lieben es die verhüllten Mächte, denen Gott Gewalt über unſere Tage gegeben hat, in Zeichen und Andeutungen auf ihr künftiges Wirken hinzuweiſen. In Träumen, Geſichten und Ahnungen ſtellen ſie, ob zu unſerer War⸗ nung— ob zu ihrer eigenen Genugthuung?— dunkle Bilder böſer Stunden auf, deren Schreckgeſtalten noch im Schvoſe der Zukunft ſchlummern; es iſt, als ob ſie Boten an uns abſendeten, Herolde, ihr unheil⸗ volles Erwachen und Kommen uns voraus zu verkün⸗ digen.“ —„Ihr erſchreckt mich, gnädigſte Frau! Ich will uicht hoffen, daß Euch etwas Unheimliches begeg⸗ net iſt?“ —„Und doch iſt's ſo, mein lieber Bübenhoven. Ich wollte es verſchweigen und Niemanden ein Wort davon ſagen; denn mit Euch wollte ich ja jetzt ganz an⸗ dere Dinge reden. Aber unwillkürlich bin ich. darauf — von Antwerpen. 263 gekommen und ſo mögt Ihr denn wiſſen, was mir be⸗ gegnet iſt. Wem ſagte ich es lieber, als Euch, der Ihr mein volles Vertrauen beſitzt, von dem Euch ei⸗ nen andern Beweis zu geben ich Euch eben zu mir habe beſcheiden laſſen.“ Der Jüngling griff erröthend und die Augen voll Thränen unbewußt nach der ſchönen Hand, deren vol⸗ ler Arm ſich aus dem Moufſelin des Kleides hervor⸗ ſtahl, und ſenkte die Lippen auf ſie; doch wagten ſie faum, das zarte Fleiſch zu berühren. Sie überließ ſie ihm, ſie zog ſie nicht zurück; ihr Auge hing mit ſtil⸗ lem Wohlgefallen an ſeinen Zügen. Erſt als er das Haupt wieder erhob, errötheten ſie Beide und Marr ſchlug den Blick verwirrt zu Boden. —„Es drängt mich gleichſam zur Mittheilung,“ fuhr ſie raſch fort,„aber ich mag meinem Bruder die Freude nicht ſtören, auch hat er wenig Empfänglichkeit für die leiſen Gefühlsregungen und Ahnungen eines ſtillen Frauengemüths, und meine Schwägerin hat, außer für ihre Katzen und ihren Ehegemahl, wenig Sympa⸗ thien für lebende und fühlende Weſen. Sie hat nie mein Herz verſtanden, weil ſie keine Befähigung hat, Herzen zu verſtehen. Sie liebt meinen Bruder heftig, leidenſchaftlich und iſt wie raſend eiferſüchtig auf ihn, aber Herz und Gemüth haben nichts mit dieſer Liebe zu ſchaffen, denn ſie beſitzt nicht Herz und Gemüth. Doch Ihr kennt ſie ja und könnt Euch leicht denken, 264 Die ſchöne Kaufmannsfrau daß ich in ihr keine ſchweſterliche Freundin gefunden habe, der ich mein innigſtes Vertrauen ſchenken könnte. Sie liegt ganz in den Händen ihrer alten, eiteln, ſtol⸗ zen Haushofmeiſterin, die bei uns Alles ſchlecht und tadelnswerth findet. Und auch unter meinen Frauen iſt keine, zu der es mich hinzöge, von der ich ein Ver⸗ ſtändniß meines ſtillen Seelenſchmerzes erwarten dürfte. Ach, ich hatte eine Freundin, eine innig geliebte, in⸗ nig liebende Seele, ein ſüßes Beſitzthum meines Her⸗ zens, deſſen Schuldnerin es doch war. Ja, indem ich ihr Alles gab, gewann ich Alles von ihr; wir wa⸗ ren die zwei getrennten Hälften eines Herzens, die ſtets ſich wieder zu vereinigen ſtrebten und nur ſich glücklich fühlten, wenn ſie ſich ſo nahe als möglich wa⸗ ren. Und uns mußte ein grauſames Geſchick trennen! Ihretwegen iſt's, weshalb ich Euch zu mir bitten ließ, Junker; denn meine Luiſe lebt in Spanien, wohin Ihr nächſtens mit meinem Bruder geht, und ich will Euch bitten, meine Aufträge an ſie zu übernehmen.“ Der Page verneigte ſich wieder und die Herzogin fuhr fort:„Euch habe ich unter Allen dazu erleſen; denn nicht nur, daß Euer beſcheidenes, ſittiges Weſen Euch vortheilhaft an dieſem Hofe auszeichnet, ich las auch in Euerm Auge ſtets ein tiefes Mitgefühl für mich und mein Geſchick. Jetzt, da ich zu ſcheiden im Be⸗ griff ſtehe, fühle ich es klar, daß ich Niemanden hier weiter Vertrauen ſchenken kann, als Euch.“ von Antwerpen. 265 Ueberwältigt vom heftigen Strom der Gefühle, ſank Bübenhoven vor ihr in die Knie und hob das Auge in ſchwärmeriſcher Begeiſterung zu ihr empor: „O, gebt mir Gelegenheit, Euer Vertrauen zu verdie⸗ nen, erhabene Frau! Ihr werdet mich dann vor mir ſelbſt erheben, mich mir ſelbſt achtungswerth machen.“ Sie berührte mit der Hand ſeine Stirne und ſagte: „Wer weiß, wie bald ich eines treuen Freundes be⸗ darf! Ach, es können ja noch ſchlimmere Geſchicke über mich kommen, als ich bereits erlebt habe; es kön⸗ nen mir verhängnißvolle Stunden ſchlagen, wo mir ein Herz noththut, das, mir ergeben, zu Kampf und That für mich freudig bereit iſt.“ —„Gebietet über mein Leben, Herrin, und es wird der köſtlichſte Augenblick deſſelben ſein, wenn ich, mein Blut verſtrömend, es für Euch verhauchen kann. Aber jede böſe Stunde ſei und bleibe von Euch fern! Ueber einen Engel haben finſtere Mächte keine Gewalt. Gebt Euch nicht ſo trüben Gedanken hin. Erheitert Euer Gemüth zu den Freuden des Feſtes.“ —„So hört denn, was mich ſo ernſt und nach⸗ denklich geſtimmt hat! Mir träumte nämlich in dieſer Nacht, ich ging Arm in Arm mit einem ſchönen jun⸗ gen Manne über ein blumiges Feld, das recht wie ein freundlicher Garten anzuſchauen war. Wir waren Beide in fürſtlicher Gewandung und mein Begleiter war mein Gemahl, der Herzog von Savopen. Ich fühlte mein 266 Die ſchöne Kaufmannsfrau Herz von großer Liebe zu ihm bewegt und ſah mich von ihm mit der ſüßeſten Zärtlichkeit geliebkoſet. Aber er wurde plötzlich müde und in dieſem Augenblick kam ein ſchwarzer Wagen, ganz geformt wie der Leichen⸗ wagen, auf welchem die Leichen der Könige von Frank⸗ reich zur Gruft gefahren werden. Sechs ſchwarze Roſſe waren vorgeſpannt, die gingen langſamen und gemeſſe⸗ nen Schritts und auf dem Wagen ſtanden zwei junge Männer in königlichen Kleidern. Ach, ich erkannte ſie nur zu bald, und noch jetzt, indem ich es Euch erzähle, läuft mir ein Schauder durch die Gebeine. Es waren zwei Verſtorbene und ich mit Beiden vermählt geweſen. Karl war's, der König von Frankreich, und Don Juan, der da König von Spanien werden ſollte. Sie hiel⸗ ten ſich ernſt umſchlungen und Juan reichte dem müden Herzog von Savoyen die Hand und zog ihn auf den Wagen, auf dem er den dritten Platz einnahm und der nun langſam weiterfuhr. Trotz dem war er mir bald aus den Augen und ich ſtand einſam in dem Garten, der, wie ich mit Schrecken bemerkte, in ödes, ſteini⸗ ges Feld verwandelt war. Ich härmte mich ſehr und erwachte darüber.“ —„Der Traum iſt Folge der Aufregung dieſer Tage,“ ſagte der Page betreten.„Ihr habt bei Eu⸗ rer dritten Vermählung zweifelsohne der beiden frü⸗ hern gedacht und dadurch ſind die Geſtalten der bei⸗ den verſtorbenen Fürſten in Eurer Seele wach gerufen — von Antwerpen. 267 worden. Laßt Euch dieſen Traum nicht anfechten, hohe Frau.“ —„Es iſt noch nicht genug, Junker. Hört wei⸗ ter! Als ich dieſen Morgen mich zum Empfange der ſavoyiſchen Herren und des Hofes ſchmückte, wollte ich das vom Herzog von Savohen empfangene Brautklei⸗ nod anlegen. Aber in dem Augenblick, als ich das diamantene Herz auf der Bruſt befeſtigen wollte, fiel die koſtbare Perle von demſelben herab und rollte durch das Zimmer. Das goldene Kettchen, an welchem es mit dem Herzen zuſammenhing, hatte eines ſeiner Glie⸗ der aufgethan. Das Herz bedeutet den Herzog, die Perle mich, wie mir mein Gemahl durch ſeinen Bru⸗ der hat melden laſſen. Mein Name Margaretha ſoll ja Perle heißen. Die Perle hat ſich vom Herzen ge⸗ löſet und Perlen bedeuten Thränen. Ich habe einen thränenreichen Namen.“ Und zwei helle Thränenperlen glitten langſam über ihre bleichen Wangen herab. —„O, wie mögt Ihr einen Zufall doch ſo ſchmerz⸗ lich deuten!“ rief Bübenhoven auf das tiefſte bewegt. 8 „Ich beſchwör' Euch, hohe Frau, entſchlagt Euch die⸗ ſer traurigen Gedanken. Freuet Euch mit den Leben⸗ den und laßt die Todten ruhen. Vergönnt den Herzen, die Euch in Treue und Ergebenheit ſchlagen, Eure kleinſten Wünſche Euch von den Augen zu leſen, und geht mit Frohſinn dem Glücke entgegen, das Eurer als angebetete Herrin eines ſchönen Landes wartet.“ 268 Die ſchöne Kaufmannsfrau Die Herzogin ſchüttelte leiſe und wehmüthig das ſchöne Haupt, als falle es ihr ſchwer, an ein dauern⸗ des Glück zu glauben.„Ich habe dieſer Tage, von ſo vielfachen Gefühlen bewegt, eine unbeſchreibliche Sehnſucht nach der lieben Freundin meiner Jugend empfunden. Ach, ich hätte auf Windesflügeln zu ihr in die eaſtiliſchen Berge, in denen das alte mauriſche Schloß ihres Gemahls liegt, hinüberſtürmen mögen, um ihr an's Herz zu ſinken und mich dort ein Mal recht ſatt zu weinen. Ihr könnt nicht glauben, Jun⸗ ker, welch ein heiliges Bedürfniß es für mein Herz iſt, an der Bruſt der Freundin zu weinen, ſo recht, was man ſagt, ſich todtweinen. Das erleichtert die bedrückte Seele und heilt das von Schmerzen kranke Herz. Ach, und ich bin ſchon zwei Jahre von ihr fern und habe all' die Thränen, die ſich nur am Herzen der Freundin löſen, auf der Bruſt behalten müſſen und da laſten ſie mir ſo ſchwer.— Weil ich nun nicht ſelbſt zu meiner Luiſe konnte, ſo habe ich den weſtwärts ziehenden Wol⸗ ken Grüße und Lieder mitgegeben an ſie. Ja, ich habe in dieſen zwei Jahren manches Lied der Sehnſucht an die Freundin meines Herzens gedichtet und das allein machte mir die Trennung von ihr erträglicher. Dieſe Lieder und einen großen Brief, den ich in dieſen Ta⸗ gen geſchrieben habe, ſollt Ihr der Herzogin von Na⸗ jara, Donna de Villaquiran, überbringen. Euch al⸗ lein hab' ich zu meinem Boten gewählt, zu meinem —— ,——————— von Antwerpen. 269 verſchwiegenen Boten; denn Ihr müßt dieſe Bot⸗ ſchaft geheimhalten und am wenigſten darf mein Bru⸗ der, Euer Herr, davon erfahren. Sein Auge darf die für meine Luiſe beſtimmten Papiere nicht ſehen. Ver⸗ ſprecht mir das! Ich habe meine guten Gründe zu die⸗ ſer Verfügung.“ Der Page gelobte das verlangte Verſprechen in die Hand der holden Fürſtin und ſie fuhr fort:„Ihr werdet es mir Dank wiſſen, daß ich Euch Gelegenheit gebe, dieſe liebenswürdige Dame kennen zu lernen. Die Herzogin iſt eine der trefflichſten unſeres Ge⸗ ſchlechts.“ —„Wenn ſie es nicht wäre, würde ſie nicht Eure Freundin ſein und ſich ſolcher Liebe von Euch erfreuen.“ —„O, und wie verdient ſie dieſe Liebe! Wär' ich der ihrigen ſo würdig, wie ſie der meinigen!— Als ein Kind von drei Jahren von dieſen mitleidsloſen Flamändern nach Frankreich verkauft, hatte ich bald jede Erinnerung an die Heimat verloren. Sie lag hin⸗ ter mir, wie ein ſchöner, vergeſſener Traum, von dem man nur noch ein dunkles, angenehmes Gefühl bewahrt. Frankreich wurde mein Vaterland, das ſchöne Frank⸗ reich! Es iſt das ſüße Paradies meiner Jugend. In ſeinem reizgeſchmückten Boden ſchlug mein junges Le⸗ ben Wurzel, trieb Blätterſchmuck und die erſten Blü⸗ ten, die ſchönſten und reichſten, die mir geworden; denn alle ſpätern waren taub und vergiftet. Die Kränze, Die ſchöne Kaufmannsfrau die ich mir in den Zaubergärten der Kindheit gewun⸗ den, hängen noch immer friſch und leuchtend in mei⸗ ner Erinnerung und ihre Blumen wandeln ſich allmä⸗ lig zu Sternen, die hell und heller leuchten, je weiter ich mich von ihnen entferne, und nach denen ich fort und fort mein ſehnſüchtiges Auge rückwärts wende, träumeriſch verſunken in ihr ſüßes Licht. Die verklä⸗ rende Kraft der Erinnerung, doppelt ſtark, wenn ſie aus der frühen Jugend herüberleuchtet, überhaucht alle Geſtalten und Dinge, die mich damals umgaben, mit ihren Zaubertinten. Der König, deſſen Namen ich führte, zwar nur zehn Jahre älter als ich, war doch zu alt zum Geſpielen für mich. Es wird Euch bekannt ſein, daß ſeine Schweſter Anna und deren Gemahl, der Herzog Peter II. von Bourbon, die Regierung des Landes leiteten, zum großen Verdruß des Herzogs Lud⸗ wig von Orleans, des jetzigen Königs. Meine Schwä⸗ gerin Anna verſah Mutterſtelle an mir und wählte meine Geſpielinnen aus der Familie des franzöſiſchen Königshauſes. Da war ihres Gemahls Schweſter, Margaretha von Bourbon, Gräfin von Montpenſier, nachher erſte Gemahlin des Herzogs von Savoyen, ein Jahr jünger als ich; ferner zwei Gräfinnen von Fvix, Geſchwiſterkindsmuhmen und Couſinen · des Königs, Anna und Germaine, Beide faſt in einem Alter, und endlich Luiſe, Gräfin von Maine, eine natürliche Toch⸗ ter des letzten Herzogs von Anjou, welcher zwei Jahre * von Antwerpen. Nl vor meiner Ankunft in Frankreich geſtorben war und Anjou und Maine als heimfallende Lehne der Krone Frankreich verlaſſen hatte. Luiſe war drei Jahre äl⸗ ter als ich. Dieſe vier Sproſſen des königlichen Hau⸗ ſes waren meine täglichen Geſpielinnen; wir waren unzertrennlich; wir konnten nicht leben, wenn wir nicht beiſammen waren. Am meiſten fühlte ſich aber mein Herz zu der verwaiſeten Luiſe hingezogen. Auch ihre Mutter war nicht mehr am Leben. Sie ſtand einſam und verlaſſen in der Welt, und ſo jung ſie war, ſo ernſt und überlegſam war ſie, und deshalb paßten wir am beſten zuſammen; denn auch ich war ſchon früh ſtill und beſchaulich. Dann ſtand uns Margaretha am nächſten mit ihrer ſtillen, ſinnigen Gemüthswelt und wir Drei bildeten ein hübſches Kleeblatt verwandter Herzen. Anna von Fvir war flatterhaft und leichtſin⸗ nig, erkannte aber willig Luiſens Ueberlegenheit an und entzog ſich den kleinen Verweiſen nicht, die ihr die ältere und verſtändigere Freundin dann und wann zu geben für nöthig hielt. Beide liebten ſich aufrich⸗ tig, wenn auch nicht mit der Schwärmerei, wie das Kleeblatt, ich ſtand zu Anna in demſelben Verhältniß, wie Luiſe. Germaine dagegen war von heftiger Ge⸗ müthsart, ſtreit⸗ und zankſüchtig und lehnte ſich gegen Luiſens Obergewalt auf. Wir genoſſen gemeinſamen und ganz gleichen Unterricht; Luiſe war uns andern Vieren aber weit voraus und trat deshalb oft mit Die ſchöne Kaufmannsfrau Glück als unſere Lehrerin auf. Ich lernte am geſchick⸗ teſten und beſten von ihr und viel mehr, als von je⸗ der andern Lehrerin oder einem Lehrer; was ſie mir ſagte, das flog mir an und blieb feſt bei mir hängen. Nach mir lernten Margaretha und Anna viel von ihr, aber Germaine durchaus gar nichts. Dieſe hatte nur für Glanz, Putz und Flitter Sinn und ihr größtes Glück als achtjähriges Kind war, ſich bei Hoffeſten im großen Staat zu zeigen und von jungen Hofherren becvuren zu laſſen. Auf dieſe Weiſe theilten wir fünf Geſpielinnen Freude und Leid, Arbeit und Vergnügen zuſammen, glückliche Kinder! Und welch ein anderes Leid wol hätte uns treffen können, als wenn Germaine ein Mal unartig war und uns das Spiel verdarb! Wir wuchſen mit einander auf, ich die Königin, ſie meine Hofdamen, und der Hof von Blois war Zeuge unſeres ſchweſterlichen Glücks. Alle dieſe Tage der harmloſen, ſeligen Kindheit ſtehen noch immer leuch⸗ tend vor dem Auge meiner Seele und oft tanzen die roſigen Mädchen mit verſchlungenen Armen und flat⸗ ternden Gewändern ſingend und ſcherzend an dieſem ſehnſuchtvollen Auge vorüber und machen mich auf Minuten das ſchwere Leid vergeſſen, das ich nachher ertragen habe.— Ach, Junker, welch eine glückliche Jugend habe ich mit dieſen meinen kleinen Freundin⸗ nen im ſchönen Frankreich verlebt! O, Frankreich! Frankreich, Land meiner Sehnſucht und Träume! Du von Antwerpen. 273 haſt mich verſtoßen und mir unſäglichen Schmerz be⸗ reitet, aber größer iſt doch das Glück, das du mir erſt gabſt; du haſt mein Leben mit der glänzenden, bunten Morgenröthe der Poeſie, der Freundſchaft, der unſchuldigen Kinderfreude geſchmückt!— Als ich nun eben zum vollſten Bewußtſein dieſes Glücks aus der unklaren Traumbefangenheit der erſten Jugend erwacht war, als ich eben herausgetreten war aus der Mor⸗ gennebelſchicht der Kindheit in das volle, klare Son⸗ nenlicht des Jungfrauenalters, als ich mein Glück mit ſelbſtbewußter Empfindung, mit mir eben klar gewor⸗ dener Wonne zu ſchmecken begonnen hatte, da zuckte auch gleich der erſte Blitzſtrahl aus heiterm Himmel auf dieſes harmloſe Glück herab, um es zu zertrüm⸗ mern. Wehe mir! Welch eine höhere, unerforſchliche Macht war doch neidiſch auf die unſchuldigen Genüſſe eines eben zur Jungfrau reifenden Kindes! Es war mir nicht vergönnt, die Königin des ſchönen Landes meiner Jugendſeligkeit zu werden, die ich neun Jahre lang geheißen hatte. Ach, es ward ein grauſames Spiel mit meinem Herzen getrieben! Der ſeltene, fünf⸗ gliedrige Verein fürſtlicher Kinder wurde ſchnell von einander geriſſen, aber die beiden am innigſten ver⸗ bundenen Herzen blieben doch beiſammen. Als der treuloſe König Karl die Braut meines Vaters, Anna von Bretagne, zwang, ſich mit ihm zu vermählen und die Stelle einzunehmen, die mir nach göttlichen und Ein deutſcher Leinweber. 1. 18 274 Die ſchöne Kaufmannsfrau menſchlichen Geſetzen gebührte, war ich zwar noch nicht zwölf Jahre alt, aber einſichtsvoll und ſtarkfühlend ge⸗ nug, um die ganze Größe des Unglücks und der Schmach zu erkennen, die von einem jungen, alle Sitte und alles Recht mit Füßen tretenden Könige auf mich gehäuft wurde. Was half ihm dann die Kränkung, die er mir anthat? Fünf Jahre darauf war er eine Beute des Todes.— Ich wurde vom Hofe entfernt. Es war grauſam, aber es würde noch grauſamer geweſen ſein, mich dort zu laſſen, wo ich eine Andere meine Stelle einnehmen ſah. Die größte Grauſamkeit des Königs Karl beſtand offenbar darin, daß er mich überhaupt nicht ſogleich in die Niederlande zurückſchickte, mich vielmehr über ein Jahr noch als Geißel in Frankreich zurückhielt; denn zwiſchen Oeſtreich und Frankreich dro⸗ hete Krieg auszubrechen wegen der Schmach, die Karl meinem Vater und mir zugefügt, und ich lebte wäh⸗ rend dieſer Zeit auf einem einſamen königlichen Schloſſe mit meinen Lehrerinnen und meiner Dienerſchaft. Nur mein Luiſe wurde mir als Geſpielin und Freundin gelaſſen„während Margaretha von Bourbon und Anna und Germaine von Fvir am Hofe blieben. Die Letz⸗ tere verließ aber Frankreich kurze Zeit vor mir. Ihr Vater Johannes, Fürſt zu Narbonne, ſtarb nämlich in dieſem Jahre 1493 und ihre Mutter Marie, Prinzeſſin von Orleans, Schweſter des jetzigen Königs von Frank⸗ reich, verließ wegen der feindlichen Spannung, in wel⸗ — von Antwerpen. 275 cher die beiden verwandten Familien Bourbon und Or⸗ leans mit einander lebten, den franzöſiſchen Hof und begab ſich mit ihrer Tochter an den ihr ebenfalls nahe verwandten Hof von Navarra. Ich wurde wenige Wo⸗ chen darauf, ſobald der Friede zwiſchen Oeſtreich und Frankreich abgeſchloſſen war, in mein Geburtsland zu⸗ rückgebracht; aber nicht allein brauchte ich zu gehen. O, ich hatte ein treues Herz gefunden, welches nicht von meinem Herzen laſſen konnte, ſo wenig, wie ich von ihm! Nein, Luiſe und ich, wir vermochten uns unmöglich zu trennen. In der ſtillen Einſamkeit unſe⸗ res abgeſchiedenen Aufenthalts war das Bedürfniß der Freundſchaft nur noch ſtärker in unſeren jungen See⸗ len geworden; das Unglück, das mich betroffen, hatte es noch mehr geſteigert und ſeine Befriedigung noch ſüßer gemacht! Wir waren keine Kinder mehr; der Ernſt des Lebens, der mich plötzlich aus den heitern Tänzen einer königlich reich gepflegten Jugend heraus⸗ geriſſen, hatte mich vor der Zeit zur Jungfrau gezei⸗ tigt und mich Luiſen gleichgeſtellt, die, ohne Eltern und nahe Verwandte, auch ſchon viel Trübes erfahren hatte. Der Schmerz über mein bitteres Geſchick hatte ihr Herz ſo tief verwundet, wie das meinige, und als ſie ſich weinend an einander drückten, wuchſen ſie des⸗ halb auch ganz in einander und zuſammen. In dieſen Tagen des Leids und der innigſten Theilnahme und der daraus entſpringenden wehmüthigen hohen Seelen⸗ 18* — 276 Die ſchöne Kaufmannsfrau freude ſprang auch zuerſt der Born der Lieder aus un⸗ ſerer Bruſt, geweckt und hervorgerufen von thränen⸗ reicher Freude, von Lieb' und Leid und der Freund⸗ ſchaft heiligen Ahnungen. Luiſe, ſelbſt ein ſtill dich⸗ teriſches Gemüth, entzündete jene ſchmerzlich ſüße Flamme in mir, die uns mit dem wonnereichſten Leid und den ſchwermüthigſten Seligkeiten erfüllt. Marga⸗ retha von Bourbon brachte uns nämlich einſt Lieder von Clotilde de Vallon Chalys*) mit, dieſer hochbe⸗ gabten Dichterin, voll ver zarteſten Anmuth und tiefer, lebendiger Gefühle, die, faſt neunzig Jahre alt, in Languedve lebte und erſt vor vier Jahren als dreiund⸗ neunzigjährige Greiſin geſtorben iſt. Ach, dieſe ſinni⸗ gen, tief empfundenen, unvergleichlich herrlichen Lie⸗ der— Schöneres und Zarteres hat nie eine Seele geſungen— fielen wie Sternfunken in unſere jungen Herzen. Luiſe und ich ſchwärmten für Clotilde; ſie ward unſer Vorbild und unſere erſten Lieder wurden geboren.— Margaretha beſuchte uns, ſo oft ſie nur konnte, und ſchwärmte mit uns in den zauberiſchen Blütengärten der Ppeſie; ſie ſelbſt glich ja einer ſol⸗ chen zarten Blüte. Anna beſuchte uns zwar auch ei⸗ nige Mal, weinte ein paar Augenblicke mit uns und *) Margutrite Eleonore Clotilde de Vallon Chalys, geb. 1405 in Languedoc, iſt die zartfühlendſte, innigſte, anmuthigſte Dichterin, welche Frankreich je gehabt. Ihre Dichtungen wurden erſt 1803 durch den Druck veröffentlicht. ——— — ——— von Antwerpen. 277 lachte uns dann muthwillig aus, wie es ihre Art war, aber wir fühlten, daß wir ſie entbehren konnten. Luiſe und ich, wir waren uns genug. Ach, wie liebten wir uns! Wie umſchlangen wir uns und hefteten un⸗ ſere nach Schweſterliebe ſtets durſtigen Lippen in lan⸗ gen Küſſen an einander! Und ſo oft wir auch dieſen Durſt löſchten, immer war er wieder in unſeren See⸗ len. Der Himmel hatte jeder von uns eine Schweſter verſagt, die Liebe und die Poeſie machten uns zu Schweſtern, zu mehr noch, zu Freundinnen; ich möchte ſagen, wir waren nur körperlich zwei verſchiedene We⸗ ſen, unſere Seelen waren eins.— Da Luiſe nur ent⸗ fernte Verwandte und der Hof kein beſonderes Inter⸗ eſſe an ihr hatte, ſo ſetzte man ihrer Erklärung, daß ſie mit mir nach Brüſſel gehen werde, keine Schwie⸗ rigkeiten entgegen. Das Jahrgeld, welches ihr der König zu zahlen verpflichtet war, konnte ſie verzehren, wo es ihr beliebte. Ich war damals faſt vierzehn Jahre, Luiſe hatte ſchon das ſechzehnte Jahr zurückge⸗ legt, aber ich war größer und ſtärker als ſie. Sie war eine zarte, ſchmächtige Franzöſin; die feine und ausgeſuchte Blüte ihrer Schönheit ſtand eben, als wir in Brüſſel ankamen, in der herrlichſten Entwickelung. Es ſind nun acht Jahre geweſen, aber die Erinnerung an jene Tage ſteht mir noch ſo lebendig und friſch in der Seele, als wenn ſeitdem erſt acht Wochen ver⸗ ſtrichen wären. —— 278 Die ſchöne Kaufmannsfrau Von St. Quentin, wo mich eine niederländiſche Geſandtſchaft in Empfang nahm, gingen wir nach Ca⸗ merich, wo uns mein Bruder begrüßte, den ich noch nicht kannte. Hier entließ ich meine franzöſiſchen Die⸗ nerinnen bis auf eine Magd, welche mir Luiſe ge⸗ ſchenkt. Ihr wißt, es war Claire, Antonio's Mutter. Philipp und Luiſe ſtanden in einam Alter, in dem Alter, in welchem das erwachte Herz am empfänglich⸗ ſten iſt, das ſüße Geheimniß der Liebe in ſich aufzu⸗ nehmen, und wo es, wenn es befruchtet iſt, von dieſer Himmelsgabe, von ungeahnten Wonnen und Seligkei⸗ ten ſchwillt. Kaum hatte Philipp Luiſen geſehen, als die Liebe in ihrer ganzen trunkenen Gewalt in ſeinem Herzen erwachte. Meine Freundin ward ſeine erſte Flamme; ihr holdes Weſen verſetzte ihn zuerſt in den ſeligen Rauſch, der den von uns ſcheidenden Lebens⸗ morgen mit den höchſten Reizen ſchmückt. Wie hätte die holde Luiſe, die für die zarteſten Empfindungen der Liebe ſo hoch empfängliche Dichterin, die ſchüch⸗ ternen Liebesbewerbungen des ſchönen fürſtlichen Jüng⸗ lings hören können, ohne ihr Herz an ihn zu verlie⸗ ren! Ach, ſie liebte ihn bald genug mit ſteigender Schwärmerei und mit einer um ſo gewaltigeren Stärke, als auch ihr Herz noch für keinen Mann geſchlagen hatte! So ſtürzten dieſe jungen reinen Herzen an ein⸗ ander und loderten in keuſcher Glut ſeligſter Gefühle empor. Ich war natürlich die Vertraute dieſer Liebe von Antwerpen. 279 und wir Drei bildeten einen Bund, den Jugend, Schönheit, Poeſie, Liebe und Freundſchaft nicht herrli⸗ cher hervorbringen können. Dies ſchöne Verhältniß dauerte leider nur ein Jahr. Denn die Eroberung des Königreichs Neapel durch den franzöſiſchen König Karl rief jenes Bündniß zwiſchen dem Papſt, dem Herzog Ludwig von Mailand, dem ſpaniſchen Königspaar und meinem Vater im Jahre 1494 hervor, in welchem ich mit dem Infanten Don Juan und Philipp mit deſſen Schweſter, der Infantin Donna Juanna verlobt wurde. Luiſe brachte ihre Liebe zum Opfer dar; ſie trug über ihr eigenes Herz einen großen Sieg davon und wies den in jugendlicher Verzweiflung auftobenden Erzher⸗ zog an ſeine fürſtliche Pflicht. Wäre ſie weniger edel geweſen, ſie würde jetzt die Herrin dieſes Landes und alle Betheiligten glücklicher ſein, als ſie ſind. Luiſe, zu ſtolz, um die Geliebte eines verlobten Fürſten zu ſein, ſo ſehr ſie ihn auch liebte, riß ihr blutendes Herz von ihm und weihete es mir allein wieder. Sie ſchwur mir zu, daß ſie mich nicht verlaſſen, ſondern nach Spanien begleiten werde, wie ſie mir in die Nie⸗ derlande gefolgt war. Und ſie hielt Wort; unbewegt von Philipp's leidenſchaftlichen Bitten, blieb ſie ſich treu und mir. Der leichtſinnige, flatterhafte Prinz vergaß die unglückliche Franzöſin bald in den Armen anderer ſchöner Frauen. Ihre Herzenswunde ver⸗ harrſchte nicht ſo bald. Ohne Liebe gab ſie in Burgos 250 Die ſchöne Kaufmannsfrau auf meinen und den Wunſch der Königin Iſabella, die ſie bald ſehr liebgewonnen hatte, dem vornehmen und mächtigen Admirante von Caſtilien, Don Ruy Gar⸗ eias de Villaquiran, Herzog von Najara, einem wür⸗ digen und ſchon bejahrten Herrn, ihre Hand, um da⸗ durch immer an mich, die künftige Konigin dieſes Lan⸗ des, gebunden zu ſein. Und gerade dieſer Schritt, zu dem ich ſie veranlaßte, mußte uns trennen! Wer konnte ahnen, daß ich wenige Monate darauf Witwe ſein würde? Das ging wider den Lauf der Natur. Ich blieb noch drei Jahre in Spanien, zurückgehalten von der Liebe zur Freundin; ich hoffte im Stillen, ihr alter und kränklicher Gatte würde auch ſie zur Witwe machen; dann wollten wir zuſammen ein Land verlaſ⸗ ſen, in welchem es Jeder nur der Andern wegen ge⸗ fiel; aber ich mußte endlich doch allein gehen. Die ſtärkſte Sehnſucht zog mich in's Vaterland; ich erfuhr Zurückſetzungen am eaſtiliſchen Hofe, die mich tief ver⸗ letzten, und ich ſah mit Bedauern, daß Luiſe Pflichten übernommen hatte, die heiliger waren, als die der Freundſchaft.— Dies iſt das ſeltene Weſen, von dem ich nun ſeit faſt zwei Jahren getrennt bin, deſſen An⸗ denken aber täglich von liebender Sehnſucht in mir aufgefriſcht wird. Ihr, Junker, ſollt ſie einladen, zu mir nach Chamberh zu eilen, ſobald ihr Gemahl ge⸗ ſtorben iſt; dann werd' ich als Herzogin von Savoyen noch ein Mal ſo glücklich ſein.— Doch begreift Ihr —* von Antwerpen. auch nun, weshalb ich nicht wünſche, daß der Erzher⸗ zog in Berührungen mit Luiſen kommen möchte? Ich fürchte mit Grund, ſein leichtentzündbares Herz möchte in neuen Flammen für die ſchöne Frau aufſchlagen und ſeine Leidenſchaftlichkeit ihr und ihm von übeln Fol⸗ gen ſein.“ Der von dem Vertrauen der geliebten Fürſtin hoch beglückte, liebeſelige Page verſprach, die ihm aufge⸗ gegebene Rolle nach beſten Kräften auszuführen, und beugte eben wieder das Knie, um die Papiere an die Freundin in Spanien in Empfang zu nehmen, als plötzlich ein furchtbares Weh⸗ und Klagegeſchrei, von mehren Stimmen ausgehend und die Gänge des Schloſ⸗ ſes durchhallend, an ihr Ohr ſchlug und ſie mit ſol⸗ chem Entſetzen erfüllte, daß ihr Blut nach dem Her⸗ zen floh und ſie Marmorbildſäulen glichen. Nur ein ſchreckliches Unheil konnte dieſe ungewöhnlichen und furchtbaren Töne hervorgerufen haben. Die Herzogin ſtieß ſelbſt einen Schreckensſchrei aus und eilte mit entſtellten Zügen nach der Thüre; der Page wollte ſie zurückhalten und flehete, ihn allein gehen zu laſſen. Aber ſie hörte nicht auf ihn und ſtürzte mit fliegenden Locken hinaus. Bübenhoven verbarg die Papiere auf ſeiner Bruſt und eilte ihr nach. Die ſchöne Kaufmannsfrau Siebzehntes Rapitel. Den ganzen Morgen über waren zahlreiche Bewohner der benachbarten Städte und Ortſchaften aus allen Klaſ⸗ ſen, theils vom Erzherzog eingeladen, theils freiwillig kommend, in die Stadt geſtrömt, und es ſchien, als ob der reiche Adel und die noch reichere Kaufmannſchaft wetteifern wollten, ſich in venetianiſchem Glanz bei den Feſten zu Ehren der hohen Braut zu zeigen. Ganze Züge ſchöner Frauen zu Pferde mit ihren Mägden und Begleitern paſſirten durch die Thore, andere Geſell⸗ ſchaften kamen in ſchwerfälligen Wagen, wie ſie jene Zeit nicht beſſer kannte, und das Landvolk wogte zu Tauſenden herbei; denn die Ernte war überall gänz⸗ lich geheimſt und das freundlichſte Octoberwetter ver⸗ lockte. Alle Herbergen waren bald überfüllt und die Privathäuſer ermangelten nicht, ihre Pforten ganzen Scharen von Gaftfreunden aus naher und ferner Um⸗ gegend aufzuthun. Auf dem Marktplatz wurden Schran⸗ ken, Bühnen und Geſtühle errichtet und Sand dick ge⸗ 5 von Antwerpen. 283 ſtreut, Vorkehrungen zu einem Renn⸗ und Stechſpiel und zu einer Mummerei, einem Schauſpiel im Ge⸗ ſchmacke der Zeit. Alles war Leben und Bewegung auf den Straßen und Plätzen, in den Häuſern und Hö⸗ fen; Alles war Freude und Luſt und überall ſah man die Pracht und Ueppigkeit des reichen Landes. Schon Tages vorher hatte ſich ein Diener der Erz⸗ herzogin Juanna im Hauſe des Kaufmanns du Bray am Michaelisplatze erkundigt, ob es wahr ſei, daß der Kaufmann van der Kapellen aus Antwerpen hier zu wohnen pflege, und hatte zur Antwort erhalten, daß ſich derſelbe bereits mit ſeiner Frau und Herrn Jakob Fugger von Augsburg zu den bevorſtehenden Feſtlich⸗ keiten habe anſagen laſſen. Der Hofdiener hatte hier⸗ auf einen Diener des Hauſes du Bray gewonnen, ihm ſogleich Meldung in's Schloß zu machen, wann die Antwerpener angekommen ſein würden. Die Erzherzogin war den ganzen Morgen über ſehr unruhig. Bald lag ſie auf den Knien an ihrem Bet⸗ pulte und flehete die Jungfrau und alle Heiligen in⸗ brünſtig an, ihr Vorhaben zu ſegnen, bald ſprang ſie auf, warf Gebetbuch und Roſenkranz von ſich und lief im Zimmer auf und ab, dies und jenes vornehmend und eben ſo ſchnell wieder verwerfend, bald zankte ſie mit ihren Frauen um nichts und dann verkehrte ſie wieder viel, aber meiſt heimlich flüſternd, mit ihrer Oberhofmeiſterin, die noch ein Mal ſo würdig und ge⸗ 284 Die ſchöne Kaufmannsfrau wiegt einhertrat, das Doppelkinn gravitätiſch heraus⸗ drückte und die rothe Naſe wie einen Kometen leuchten ließ. Donna Francesca's Mund grommelte in einem fort leiſe Flüche und Verwünſchungen; ihr falſches Auge glänzte von boshafter Schadenfreude und dann und wann lachte ſie teufliſch in ihren Buſen. Auch ihre Katzen liebkoſete heute die Erzherzogin nicht, noch zankte ſie mit ihnen, noch ſchlug ſie; Don Ceſar rieb noch vergeblich ſeinen Pelz ſchnurrend an ihren Gewändern und ſah ſie verwundert an, denn ſo wenig Aufmerk⸗ ſamkeit war ihm noch nicht von ſeiner Herrin geſchenkt worden, ſo lange er ſich des Daſeins erfreute. Und doch hatte Donna Juanna ſelbſt noch niemals einer Katze ähnlicher geſehen, als gerade an dieſem Morgen. Ihre Hauptaufmerkſamkeit war heute einer mittelgroßen blanken und ſcharfen Scheere mit zwei feinen Spitzen zugewendet, die ihr Donna Francesca dUllva hatte ſchleifen und zurichten laſſen, an der ſie ſich nicht ſatt ſehen konnte und deren Schärfe ſie auf alle mögliche Art und an den verſchiedenſten Gegenſtänden verſuchte. Dann trieb ſie ungeduldig die Oberhofmeiſterin wieder an und dieſe ſandte den Diener— zum dritten oder vierten Mal— aus, während die Fürſtin, die Scheere noch in der Hand, wieder an dem Betpult nieder⸗ kauerte und krampfhafte Gebete murmelte. Eben hielt Herr Peter van der Kapellen mit ſeiner ſchönen Ehewirthin auf ſtolzen Zeltern ſeinen Einritt —, von Antwerpen. 285 in das Haus des Gaſtfreundes. Es war eine zahl⸗ reiche Geſellſchaft; denn außer Jakob Fugger und dem Archidiakonus Innocenz waren noch drei Diener des Kaufmanns, zwei Zofen der Frau und Fugger's Reit⸗ knecht im Gefolge. Der Leutprieſter verabſchiedete ſich vor der Thüre, um ſich bei einem Standesgenoſſen einzulegen. Frau Eleonore zog die Blicke aller Vor⸗ übergehenden auf ſich und in der That zeigte ſie als Reiterin nur neue Reize. Sie glich den Bildern der Amazonen oder einer fürſtlichen Jägerin, welche eben auf die Reiherbeize ausreitet. Sie blühete in einer Friſche und Ueppigkeit, daß ſie ſelbſt ältern Verehrern Bewunderung abgewann und jeden neuen— und das war wol jeder Mann, der ſie ſah— zum Entzücken hinriß. Es ſchien, als habe die Natur kurz vorher die vollendende Hand an ihr Meiſterwerk gelegt, als ſei der ſchönen Frau der letzte und höchſte Reiz der Weiblichkeit verliehen, jene Sättigung der Reife, über die der heiße Sommerhauch hingeſtreift iſt und die in ihrem innerſten Leben wieder den ſchwellenden Samen⸗ kern birgt. Genug, Eleonore war noch nie ſchöner geweſen als heute und ihr Eheherr dachte mit ſich ſelbſt ſchmeichelnder Eitelkeit daran, welch ein Aufſe⸗ hen ſie heute beim Tanz, wozu ſie der Erzherzog ein⸗ geladen, machen und wie man ſie allgemein als die Schönſte des Feſtes preiſen werde. In Gedanken feierte er ſchon dieſen Triumph, nach dem er ſich längſt ge⸗ 286 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſehnt, und labte ſich am ſüßen Vorgeſchmack ſeines neuen, ehrenvollen Glücks. Er ſelbſt hatte dagegen von der frühern Stattlichkeit ſeiner Geſtalt gar Vieles verloren und ſah verfallen und kränklich aus. Das Alter war plötzlich mit ſeiner vernichtenden Gewalt bei ihm eingekehrt und hatte im Verein mit Gram und Krankheit tiefe Furchen in ſein ſonſt gleißendes Antlitz gegraben; das Haar hing ihm dürftig um den Kopf und er ſteckte in der reichen Schaube, die noch für ſein einſt wohlgemäſtetes, nun aber ſchlotteriges Bäuch⸗ lein gemacht war, wie geborgt. Der Contraſt zwi⸗ ſchen den beiden Eheleuten war durch die Vollendung der Schönheit, die der Frau geworden, und die Ab⸗ nahme, die der Mann erfahren hatte, wahrhaft er⸗ ſchreckend geworden. Der Hofdiener der Erzherzogin Johanna hatte nicht ſobald ſich überzengt, daß die erwarteten Gäſte endlich angekommen ſeien, als er mit gleißneriſcher Freund⸗ lichkeit zu Frau Eleonoren trat und ſie im Namen ſei⸗ ner Herrin ſogleich zu derſelben einlud.„Die durch⸗ lauchtigſte Frau hat mich beauftragt, Euch zu ſagen, meine Frau, daß ſie das heftigſte Verlangen verſpüre, Euch bei ſich zu ſehen, und zwar noch an dieſem Mor⸗ gen. Sie habe ſo viel Gutes und Liebes von Euch gehört, daß ſie ſicherlich vor ihrer Abreiſe nach Spa⸗ nien zu Euch nach Antwerpen gekommen wäre, wenn ihr der Herr Erzherzog nicht verſprochen hätte, daß von Antwerpen. 287 Ihr zu den Feſtlichkeiten der Frau Herzogin von Sa⸗ voyen hierher kommen würdet. Ihr habt des Erzher⸗ zogs Hoheit bei ſeiner letzten Anweſenheit in Antwer⸗ pen ſo gut bewirthet, daß die Donna Infantin Euch perſönlichen Dank zu ſagen ſich gedrungen fühlt.“ Frau Eleonore machte zu dieſer ungewöhnlichen Einladung ein verlegenes Geſicht; es durchbebte ſie, wie eine böſe Ahnung. Herr Peter aber rief geſchmeichelt:„Ich bedanke mich zum ſchönſten für die Ehre, welche die königliche Hoheit meinem Hauſe zugedacht hat, und werde ſie zu würdigen wiſſen. Sagt Eurer hohen Herrin, daß Pe⸗ ter van der Kapellen's Frau nicht ſäumen werde, ihr die Aufwartung zu machen.“ Die thörichte Eitelkeit ihres Mannes weckte Em⸗ pfindungen gleicher Schwäche in Elevnorens Bruſt, zu denen ſie ja ohnedies ſo ſehr geneigt war. —„Du biſt die ſchönſte Frau in den Niederlan⸗ den, mein Kind,“ ſagte er mit Selbſtzufriedenheit, „was Wunder, wenn die Erzherzogin⸗Infantin nicht die Zeit erwarten kann, dich zu ſehen. Von allen den hundert, ja wol tauſend Frauen und Jungfrauen aus den reichſten und vornehmſten Geſchlechtern, die heute zum Feſte nach Brüſſel gekommen ſind, hat die erha⸗ bene Fürſtin nach keiner weiter geſchickt, als nach dir, und ich bin dankbar für die Ehre, die ſie mir anthut. Wer weiß denn, wie lange ich ſie noch zu genießen habe!“ 288 Die ſchöne Kaufmannsfrau Und Eleonore dachte:„Es iſt wahr, ich bin die ſchönſte Frau; die Hofherren werden mich ihr gerühmt haben, vielleicht Philipp ſelbſt. Und wenn ſogar eine Kunde zu ihrem Ohr gelangt wäre, daß mich Philipp liebt, was könnte mir ihre Eiferſucht ſchaden? Der Erzherzog würde mich vor jeder Beleidigung von ihrer Seite ſchützen. Es iſt ja bekannt, welch eine armſe⸗ lige Rolle ſie hier ſpielt. Ich will ihr zeigen, daß ich der Liebe Philipp's würdiger bin, als ſie.“ Der prunkende, herzloſe Dämon der Eitelkeit und Gefallſucht erfüllte ſie nun mit einem gewiſſen Trotz auf Vorrechte, die ihr Philipp's Zärtlichkeit vor ſeiner Gemahlin eingeräumt hatte, und ſie war entſchloſſen, dieſe im äußerſten Falle geltend zu machen. Sie war ſich mit Stolz bewußt, den ſchönen Fürſten wie kein Weib weiter beglückt und ſich dadurch das größte Ver⸗ dienſt um ihn erworben zu haben, während der con⸗ ventionelle Beſitz Juanna's ihn unglücklich gemacht habe. Inzwiſchen wäre ſie doch ſchwerlich zu der In⸗ fantin gegangen, wenn ſie den Erzherzog nicht im Schloſſe gewußt hätte. Nachdem ſie von ihren Zofen in glänzenden, ſchier fürſtlichen Staat gekleidet worden war und am Bet⸗ ſchemel der Hausfrau ihr Gebet zur heiligen Jungfrau verrichtet hatte, ließ ſie ſich von der ſchwarzen Matty zu der Senfte geleiten, welche ſie in's Schloß bringen ſollte. Sie hatte ſich mit ihrem ganzen weiblichen — von Antwerpen. 289 Stolze gewappnet und doch ſah ſie ernſt, faſt trübe aus; ſelbſt Matty vermochte ihr durch ein paar zuge⸗ flüſterte ſchalkhafte Worte kein Lächeln abzugewinnen. Die beiden Mägde ſchloſſen ſich der Senfte an, um der Herrin in jedem nöthigen Falle zu Dienſten zu ſein. Sie folgten ihr dann auch auf dem Fuße nach den Gemächern der Erzherzogin⸗Infantin, wohin der Diener die ſchöne Frau unverzüglich führte. Eleonore fühlte auf dem Wege über die Treppen und durch die Corridore des Schloſſes, wo überall ein ungewöhnliches Menſchengedränge war, eine düſtere Beklemmung, daß ſie ihre zitternde Hand, um ſich zu ſtützen, mehre Male auf Matty's Arm legte. Im Vorzimmer angelangt, mußte ſie nach Faſſung ringen und Luft ſchöpfen; es ſchien, als habe ſich ihr das Bewußtſein ihrer Schuld trotz allen Abwehrungen ihrer Selbſtſucht aufgedrängt; aber es wurde ihr nicht lange Zeit vergönnt, über dieſe Regungen ihres Ge⸗ wiſſens nachzudenken. Die Flügelthüren wurden geöff⸗ net, die Oberhofmeiſterin erſchien in der Thüre und winkte Eleonoren vornehm; ſie nahm ihren ganzen Muth zuſammen und trat mit erzwungenem feſten Schritt in das Zimmer. Von der ſchweigenden Donna Francesca durch zwei Zimmer geleitet, fand ſie erſt im dritten die Fürſtin, vor der ſie ſich tiefer verneigte, als es vielleicht ihr Wille geweſen war. Juanna trat ihr zwei Schritte entgegen und p Ein deutſcher Leinweber. 1. 19 290 ſie mit ſcharfen Blicken an; es ſchien, als ob in die⸗ Die ſchöne Kaufmannsfrau ſem Augenblick Neugierde die vorherrſchende Thätigkeit ihrer Seele ſei. Aber als ſie nun die ſtrahlende Schönheit ihrer Feindin gleichſam mit den Augen gie⸗ rig verſchlungen hatte, ſchauderte ſie plötzlich zuſammen und nur die beredten Blicke und ein paar ermuthigende ſpaniſche Worte der Oberhofmeiſterin vermochten ihr ihre Haltung ſogleich wiederzugeben. Dieſe Einleitung diente der Kaufmannsfrau keineswegs zur Beruhigung. Da die Fürſtin offenbar unfähig war, zu ſprechen, ſo nahm die Oberhofmeiſterin mit ſpaniſcher Würde das Wort:„Ihre königliche Hoheit die Donna Juanna, Erzherzogin⸗Infantin, hat ſo viel von Eurer Schön⸗ heit und Anmuth gehört, Frau van der Kapellen, daß ſie ſich den Wunſch nicht hat verſagen können, Euch in ihren Gemächern zu ſehen, um ſich Euch gnädig zu erweiſen.“ Eleonore verneigte ſich abermals und ſprach einige Worte von der hohen Ehre, die ſie zu ſchätzen wiſſe, doch kamen ſie ihr nicht aus der Seele. Die Erzherzogin hatte ſich unterdeſſen geſammelt und ſagte:„Ihr ſeid von allen Männern, die Euch kennen, als die ſchönſte Dame der Niederlande ge⸗ rühmt und nun, da ich Euch ſehe, muß ich, um gerecht zu ſein, ſelbſt als Frau dieſen Ausſpruch beſtätigen. Wie alt ſeid Ihr denn?“ —„Zwei und zwanzig Jahre, durchlauchtigſte Frau.“ ——— ,— — von Antwerpen. 291 —„Alſo gerade ſo alt, wie ich ſelbſt. Und nicht allein ſo außerordentlich ſchön ſeid Ihr, ſondern, wie man ſagt, auch geiſtreich und geſchickt. Ihr übt Muſik und Malerei aus und laßt das Haus Eures Mannes mit einem Bilde Eurer eigenen Erfindung ſchmücken.“ —„Es ſind nur Verſuche, königliche Hoheit.“ —„Aber Ihr habt einen alten und häßlichen Mann, wie man mir erzählt hat; liebt Ihr denn die⸗ ſen Mann?“ Eleonore, auf dieſe naive und undelicate Frage durchaus unvorbereitet, ſchlug die Augen erröthend zu Boden, dann ſagte ſie leiſer als früher:„Ich bin ſeine Ehewirthin und es iſt meine Pflicht, ihn zu lieben.“ —„O, Ihr ſeid ſchlau! Aber alle Männerherzen fliegen Euch zu. Es kann nicht fehlen, daß Ihr viele Verſuchungen zu beſtehen habt. Hat ſich Eure Tugend ſtets als Siegerin bewährt?“ Dieſe noch plumpere und kindiſchere Frage gab Eleonoren ihren ganzen Stolz wieder. Mit emporge⸗ richtetem Haupte ſagte ſie:„Es wäre gegen die Ehr⸗ furcht, die ich Euch ſchuldig bin, hohe Frau, wenn ich auf dieſen Scherz eingehen wollte.“ Die Erzherzogin zuckte zuſammen. Dann fuhr ſie mit zitternder Stimme fort:„Das Schönſte an Euch ſoll Euer langes, goldblondes Haar ſein. Der Erz⸗ herzog ſprach mit hohem Entzücken davon und hat in mir den lebendigſten Wunſch erregt, dies Wunder von 6 19* 292 Die ſchöne Kaufmannsfrau Haaren zu ſehen. Ich bitte Euch, vergönnt mir, die Bande deſſelben zu löſen und es frei herabwallen zu laſſen.“ Eleonorens geſchmeichelte Eitelkeit gewährte dieſe Bitte gern; jede ängſtliche Regung war jetzt aus ihrer Seele verbannt und mit einem Triumphblick neigte ſie das ſtolze Haupt, um mit dem unvergleichlichen Schmucke deſſelben die hohen Rechte der Schönheit einer unſchö⸗ nen Fürſtin gegenüber geltend zu machen. Die ge⸗ ſpreizte Oberhofmeiſterin ließ ſich ſogar herab, ihr die perlengeſtickte Haube abzubinden, die Erzherzogin löſete das Band und Beide trennten mit geſchäftigen Händen die Geflechte, ſo daß ſich Welle um Welle der glän⸗ zenden Locken entfeſſelt auf Schultern und Rücken der ſchönen Beſitzerin herabſtürzten. Dieſe wußte nicht, wie ihr geſchah, und niemals hatten wol bei einer Frau ihres Standes ſo hohe Hände Zofendienſte ver⸗ richtet. Als ſie das Haupt wieder emporrichtete, ſtand die Oberhofmeiſterin dicht vor ihr und ſchleuderte ihr einen Blick voll teufliſchen Hohns und Bosheit zu, vor dem ſie erbebte. In demſelben Augenblick fühlte ſie ihr Haar von hinten gefaßt und dicht am Kopfe den Schnitt einer Scheere in demſelben. Donna Juanna hatte mit zitternder Begierde ihre ſcharfe Scheere mit der Rechten gefaßt, während ihre Linke ein Bündel Haare zuſammenhielt, welches ſie mit ra⸗ ſchem Schnitt vom Haupte trennte. Ihre Augen hat⸗ ten jetzt wieder den glühenden Tigerkatzenblick und ihr von Antwerpen. 293 verzerrter Mund ſtieß kurze unarticulirte Töne bald leiſer, bald lauter aus. Aus Elevnorens Bruſt riß ſich ein Schrei des Ent⸗ ſetzens empor; unwillkürlich wollte ſie ſich nach der grauſamen Zerſtörerin ihres natürlichen und herrlich⸗ ſten Schmuckes wenden, aber in dieſem Augenblick fühlte ſie ſich von Donna dülloa's kräftigen Fäuſten an den Schultern gefaßt und feſtgehalten.„Halt, Männerverführerin! Ehebrecherin!“ rief die Oberhof⸗ meiſterin und die Scheere wüthete fort in dem ſchön⸗ ſten Haare. Die Töne der Fürſtin wurden lauter und wüthender. Verzweiflung gab Eleonoren ungewöhn⸗ liche Kraft. Mit neuem Geſchrei entriß ſie ſich den Händen der ſie mit den gemeinſten Schimpfnamen be⸗ legenden Spanierin, ſtieß dieſe vor die Bruſt, daß ſie einen Schritt zurücktaumelte und drehete ſich inſtinkt⸗ mäßig um, zu ihrem noch größeren Unglück. Denn die Erzherzogin, ſchäumend vor Wuth, gleich einer Furie, ſtieß ihr in demſelben Augenblick die ſpitze Scheere mit einer unglückſeligen Haſt drei, vier Mal und noch mehr und mit der Stärke eines Raubthiers von oben herab in beide Wangen, Naſe und Mund tief hinein und riß ihr ganze Fetzen Fleiſch aus dem Geſicht, indem ſie ſchrie:„Gleißende Schlange, ſieh nun, ob du Philipp ferner gefällſt! Sieh nun, ob du ihn ferner zum Ehebruch verführſt. Verruchtes Weib! Teufelin aus der Hölle!“ 294 Die ſchöne Kaufmannsfrau Eleonore brach in ein verzweifeltes Jammergeſchrei aus, ſo laut, ſo entſetzlich, ſo furchtbar und ſeelener⸗ ſchütternd, daß den Hörern im Vorzimmer das Blut zu Eis zu erſtarren drohete. Sowol die Erzherzogin, als die Oberhofmeiſterin ſtimmten in dieſe verzwei⸗ flungsvollen Laute ein und ſelbſt die Katzen kreiſchten, wild in den Zimmern umher rennend, ein gräßliches Concert. Im Augenblick ſtürmten Diener und Diene⸗ rinnen, Eleonorens Zofen, Hoffunker und Pagen, Hof⸗ herren und Hofdamen und wer ſonſt in der Nähe war, herbei; aber Donna Francesca hatte in weiſer Vor⸗ ſicht die Thüre des Zimmers von innen verſchloſſen. Drinnen kämpfte die gräßlich verwundete Frau mit dem Muth und dem fürchterlichen Geſchrei einer Wahn⸗ ſinnigen gegen ihre beiden blutgierigen Verfolgerinnen. Ein Page lief, den Erzherzog von dem unerklär⸗ lichen Vorfall zu benachrichtigen. Bei dieſem hatte eben Jakob Fugger Audienz und bedankte ſich für die hohe fürſtliche Gnade, mit welcher Philipp allen Wi⸗ derſachern in Antwerpen zum Trotz ihm die gewünſch⸗ ten Bewilligungen und Privilegien zur Anlegung des neuen Fugger'ſchen Handelshauſes und mehr noch, als r gewünſcht und erwartet, zugeſtanden hatte. Der junge Fürſt verſetzte ſcherzweiſe, er habe doch unmög⸗ lich ſeinem gefälligen Kumpan in einer ſo drangvollen Macht, der ihm ſo willig das eigene Bett geräumt, ei⸗ nen billigen Wunſch verſagen können, da doch eine von Antwerpen. 295 Liebe der andern werth ſei, als der entſetzenbleiche Page eintrat und den böſen Bericht anſagte. —„Heiliger Joſephus!“ rief Fugger,„Frau Eleo⸗ nore van der Kapellen iſt bei der Frau Erzherzogin. Sie hat ſie vorhin rufen laſſen.“ —„Eleonore?!“ ſchrie Philipp auf und ſtürzte davon, Fugger ihm nach. Schon tönte ihnen das Ge⸗ ſchrei entgegen; denn auch alle Weiber im Vorzimmer ſchrien, und Matty geberdete ſich, wie eine Be⸗ ſeſſene. Der Erzherzog riß an der Thüre und da ſeinem donnernden Befehle, zu öffnen, nicht ſogleich genügt wurde, ſprengte er das Schloß mit einem kräftigen Fußtritt. Welch ein unſeliger Anblick bot ſich ihm! Zerfleiſcht und blutend floh ihm das geliebte Weib ent⸗ gegen, das er nur noch an der herrlichen Geſtalt er⸗ kannte. Ihre Kleider waren zerriſſen und von Blut überſtrömt, ihr blutiges Haar lag verwirrt am Boden; ſie deutete erbarmungsvoll ſchreiend auf Juanna, die immer noch drohend das gräßliche Werkzeug ihrer Rache in der Hond hielt, und ſtürzte dann ohnmächtig zu Bo⸗ den. Dem Erzherzog war im Augenblick der Zuſam⸗ menhang dieſes fürchterlichen Auftritts klar. Vom hef⸗ tigſten Zorn übermannt und ganz außer ſich, ſprang er auf ſeine Gemahlin los und verſetzte ihr einen ſol⸗ chen Schlag mit der rechten Hand an die Wange, daß ſie ebenfalls ſogleich zu Boden fiel. 296 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„D'Alnayar! dAlnayar!“ ſchrie ſie und ſchloß die verlöſchenden Augen. Der wüthende Fürſt wollte im Ausbruch ſeiner Leidenſchaft fortfahren, ſie zu züch⸗ tigen, als ihm ſeine Schweſter Margaretha laut jam⸗ mernd in die Arme fiel und ihn mit Thränen beſchwor, ſich zu mäßigen. Der Anblick der geliebten flehenden Schweſter brachte ihn bald wieder zur Beſinnung und ſo wie er ſich wieder gefunden hatte, befahl er ſtreng allen An⸗ weſenden, ſich zu entfernen.„Ihr, Herr Fugger, bleibt mit den Mägden der Unglücklichen. Euch über⸗ geb' ich ſie. Sorgt, daß ſie ſchnell aus dem Schloſſe entfernt werde und ärztliche Hülfe genieße. Ihr ſeid ihr Freund und der meinige.— Ihr, Donna Fran⸗ cesca, verfügt Euch auf Eure Zimmer. Ihr ſeid meine Gefangene; ich werde Euch dort als eine Lolle bewachen laſſen. Die Erzherzogin bringe man zu Bette und rufe ihren Leibarzt; denn ſie iſt krank! Komm', mein Gretchen, aus dieſem Schlächterhaus, wo Harpyen neidiſch gegen Jugend und Schönheit ge⸗ wüthet haben! Wir müſſen an dein Feſt denken; denn dieſe Schändlichkeit ſoll uns keine Störung bereitet haben.“ „O, Philipp, philp, ich ahne, du trägß hier die größte Schuld.“ —„Ach, Gretchen, das iſt der Fluch per Fürſten, — von Antwerpen. 297 die die ſogenannte Staatsweisheit mit Weſen zuſam⸗ menſchmiedet, für die ſie kein Herz haben! Unſere Ju⸗ gend, deine wie meine, blutet unter den Stichen die⸗ ſes Fluchs, wie dieſe Frau, der mein Herz gehört!“ Und er umarmte ſie troſtlos weinend. Die ſchöne Kaufmannsfrau Achtzehntes Rapitel. Die Fürſten müſſen nur zu oft den Schauſpielern gleichen, von denen ſie dargeſtellt werden. Mit zer⸗ riſſenem Herzen ſind ſie genöthigt, vor der Menge die heiterſte Rolle zu ſpielen. So jung Philipp war, ſo hatte er es doch in der fürſtlichen Leſt ſchon zur Meiſterſchaft gebracht.. Wenige Augenblicke darguf, nachdem der von den heftigſten und verſchiedenartigſten Gefühlen durchſtürmte Erzherzog in ſeine Gemächer getreten war, rief der Hofmarſchall die ganze Hofdienerſchaft beiderlei Ge⸗ ſchlechts zuſammen und legte ihr mit Androhung der ſchwerſten Strafen das tiefſte Stillſchweigen über den unangenehmen Vorfall auf; wer aber einem Andern beweiſen werde, daß dieſer das Exeigniß ausplau⸗ dere, der ſolle einer reichen Belohnung gewärtig ſein. Dann ließ er den Schloßcaplan mit dem Merheilig⸗ ſten kommen und jeden Einzelnen, vom Höchſten bis zum Niedrigſten, auf die geweihete Hoſtie ſcwörn ——— von Antwerpen. 299 ½ dieſes Geheimniß nicht über ſeine Lippen kommen laſ⸗ ſen zu wollen. Es fiel weder dem Erzherzog, noch ſeinem Hofmarſchall auch nur im entfernteſten ein, zu glauben, daß auch nur eine einzige Perſon von Allen, die den Eid geſchworen, ihn halten würde; es ſollte nur der laute und offene Scandal dadurch unterdrückt werden. Es durfte doch nun Niemand wagen, an ei⸗ nem öffentlichen Orte von dem Vorfalle zu ſprechen, und da die Hofleute am burgundiſchen Hofe ſich ebenſo gut unter einander haßten, anfeindeten und verfolgten, wie an jedem andern, ſo rechnete der Erzherzog nicht vergeblich darauf, daß immer Einer des Andern Auf⸗ paſſer und Angeber ſein werde. Jakob Fugger ließ die unglückliche, ohnmächtige Elevnore verhüllt in der Senfte aus dem Schloſſe zu einem geſchickten Wundarzt bringen, die Erzherzogin wurde ohnmächtig in ihr Bett gelegt, die Oberhofmei⸗ ſterin in ihrem Zimmer eingeſchloſſen, Blut und Haare ſchnell entfernt und eine Viertelſtunde darauf ging Al⸗ les wieder den alten Gang. Fremde und Einheimiſche drängten durch die Gänge und die Tafel wurde zugerich⸗ tet, bei welcher bald darauf der Erzherzog, ſeine Schweſter an der Hand führend, erſchien, lächelnden Antlitzes und die ſavohiſchen Gäſte mit gewohnter Huld begrüßend. Auch langten während der Tafel die alte Herzogin Margaretha, hinterlaſſene Witwe des Her⸗ zogs Karl des Kühnen von Burgund, Taufpathin, und 300 Die ſchöne Kaufmannsfrau der Prinz von Oranien, Taufpathe der Braut, an und die heiterſte Stimmung beherrſchte, wie es ſchien, alle Perſonen. Unterdeſſen ſtrömte die Menge nach dem h Markte, um die Ritterſpiele anzuſehen; die Bühnen und Geſtühle füllten ſich mit dem Glanze des Hofs und der Adelsblüte des Landes und Tauſende und aber Tauſende aus dem Volke drängten an den Schranken. Plötzlich erhob ſich der Jubel der Menge und hallte an den Häuſern wider; er begrüßte die heranreitende fürſtliche Familie. Der Erzherzog ritt neben ſeiner Stief⸗ großmutter, der Baſtard neben der Herzogin Marga⸗ retha und der Prinz von Oranien folgte. Nicht allein die Reiter, auch die Pferde trugen die koſtbarſten An⸗ züge aus weißem, rothem und grünem Damaſt; die Geſchirre beſtanden aus Gold und Silber und waren von der künſtlichſten und zierlichſten Arbeit. Der Erz⸗ herzog war in der Tracht des Ordensmeiſters vom gül⸗ denen Vließ und auf den Bühnen des Adels ſah man mehre Ritter dieſes Ordens in der Ordenstracht. Die Pracht und Ueppigkeit in dieſer Verſammlung ſchien wunderbar, aber ſie war in Wahrheit niederländiſch und konnte mit nichts Anderem verglichen werden. Sobald die fürſtlichen Perſonen auf der für ſie er⸗ richteten Bühne ſichtbar wurden, erſchallte ein großes Getön von Trompeten und Heerpauken und vier He⸗ rolde verkündeten nach den vier Weltgegenden mit lau⸗ 8 von Antwerpen. 301 tem feierlichen Rufe die Eröffnung des Renn⸗ und Stechſpiels. Sechzehn niederländiſche und ſavoyiſche Edle ritten paarweiſe, wie ſie ſich als Stechgeſellen erkieſet, mit ihren Ehrenholden in die Bahn, hielten unter Trom⸗ peten⸗ und Paukenſchall einen Umzug zur Begrüßung der Feſtkönigin und wählten aus dem hohen Adel Kampfrichter, welche ſofort zuſammentraten. Auf ein Zeichen des erwählten Stechgrafen luden Trompeten⸗ ſtöße zum Beginn des Kampfes, in welchem zwei Rit⸗ ter über eine niedrige Schranke hin ſich mit hölzernen Lanzen, Glenen genannt, aus dem Sattel zu heben ſuchten und darüber meiſt die Lanzen zerbrachen. Das Zerſplittern einer Lanze und der Sturz eines Ritters in den Sand wurde ſtets von den Zuſchauern mit lau⸗ ten Beifallsäußerungen begleitet. Am gewandteſten und kräftigſten unter Allen zeigte ſich der junge niederländiſche Baron Wilhelm von Croy, Herr von Chievres, Sproß eines der vornehmſten Ge⸗ ſchlechter, im Lande und bei Hofe hohe Achtung genie⸗ ßend als Beſitzer und Ausüber jeder ritterlichen und adligen Tugend. Der Erzherzog zeichnete ihn bei je⸗ der Gelegenheit aus und hatte ihn auch dieſes Mal an die Spitze des jungen niederländiſchen Adels ge⸗ ſtellt, um die Savoyarden zu begrüßen. Und Wilhelm von Croy bethätigte in dem Ritterſpiele, daß er die⸗ ſes V Vorzugs würdig war. Die Kampfrichter erkannten 302 Die ſchöne Kaufmannsfrau ihm den erſten Preis zu.— Während hierauf mehre Ritter ein Wettrennen hielten, verließen andere die Bahn, um ſich in einem nahegelegenen Hauſe zur Mummerei umzukleiden. Dieſer Theil der Spiele be⸗ ſtand darin, daß die edeln Herren mythologiſche vder allegoriſche Perſonen vorſtellten und in dem angenom⸗ menen Charakter pantomimiſche Handlungen zu Pferde und zu Fuß aufführten, meiſt aber waren ſie nur dar⸗ auf berechnet, geſchickte Reiterkünſte zu zeigen. Zu Ehren des burgundiſchen Fürſtenhauſes, deſſen Haus⸗ orden das güldene Vließ war, wurde der Argonauten⸗ zug zu Pferde dargeſtellt. Wilhelm von Croy machte den Jaſon. Die Gefahren und Abenteuer zur Erlan⸗ gung des Widderfells wurden gegeben, ſo gut man vermochte. Jaſon zeigte ſich als der geſchickteſte Rei⸗ ter und erntete allgemeinen Beifall, der, als der Rit⸗ ter endlich mit dem eroberten Vließ von dannen ritt, in einen wahren Sturm losbrach. Das Spiel war damit beendigt, die Zuſchauer im Begriff, aufzubrechen, als plötzlich zu Jedermanns Er⸗ ſtaunen ein phantaſtiſch gekleideter Reiter auf zwei herrlichen Pferden ſtehend, je mit einem Fuße auf ei⸗ nem Pferde, nicht anders, als wie der Gott des Win⸗ des ſelbſt, in die Bahn hereinſtürmte. Er war klein und ſchmächtig von Geſtalt und trug eine leichte ſei⸗ dene orientaliſche Kleidung. Sein Kopf ſteckte ganz in einer grünen Kappe, deren Lappen er unter dem Kinn 8 von Antwerpen. 303 zuſammengebunden hatte; das blühend weiße und rothe Geſicht war von blonden Locken umwallt. Er ritt aber ſo ſchnell, daß man ſeine Geſichtszüge nicht deutlich unterſcheiden konnte. Ein Ruf der Ueberraſchung ent⸗ fuhr jedem Munde. Niemand hatte noch ſolche Kunſt⸗ fertigkeit geſehen. Aber er wußte das Erſtaunen zu ſteigern und auf den höchſten Punkt zu treiben; denn bald ſprang er abwechſelnd im ſchnellſten Lauf der Pferde mit zauberhafter Gewandtheit von einem auf das andere, bald vorwärts, bald rückwärts, ja er führte endlich einen förmlichen Tanz auf. Dann hing er plötz⸗ lich zwiſchen beiden Pferden an den Händen und Fü⸗ ßen, umhalſete das eine mit den Armen, das andere mit den Beinen, ſtellte ſich auf der Kruppe des einen Pferdes auf den Kopf und ſchlug einen Purzelbaum hinüber auf das andere, auf welchem er mit den Fü⸗ ßen zu ſtehen kam, und ſprengte nun ebenſo im vollſten Galopp wieder aus der Bahn hinaus. Ehe ſich die Zuſchauer von ihrem Erſtaunen erholen konnten, war er verſchwunden, Niemand wußte, wohin. geſſen war Wilhelm von Croy als Sieger im Stech⸗ ſpiel, vergeſſen war er als Eroberer des güldenen Vließes; dieſes Mal brauchten die Kampfrichter nicht zu entſcheiden, die ganze Zuſchauerſchaft verlangte mit ſtürmiſchem Rufe nach dem keckſten Reiter, der je ein Pferd beſtiegen, um ihm Dank zu ſagen; aber er er⸗ ſchien nicht wieder und ſo entſtand ein allgemeines 304 Die ſchöne Kaufmannsfrau Nachfragen, wer er ſei und warum er nicht komme, die Huldigung der Menge anzunehmen? Die Nieder⸗ länder hielten ihn für einen der ſavoyiſchen Edelleute, die Savoyarden für einen Niederländer und bald zeigte ſich's, daß Niemand wußte, wer er war und woher er gekommen, wohin er gerathen ſei. Wilhelm von Croy, in hohem Grade mismüthig, weil er, ſtolz und ehrgei⸗ zig, ſich von einem unbekannten Abenteurer um Frucht und Ruhm des Sieges gebracht ſah, wollte ſich eben entfernen, als ihn der Erzherzog rufen ließ und ihm auf der Bühne vor allem Volke den Auftrag ertheilte, unverzüglich mit allen Mitteln den kühnen Reiter aus⸗ zukundſchaften, der ſich auf ſo auffallende Weiſe dem Danke entzogen habe. —„Man hat trotz der Verkleidung die beiden Pferde, welche der Poſſenmacher brauchte, als Eigen⸗ thum der Erzherzogin Margaretha, unſerer gnädigſten Frau, erkannt, königliche Hoheit,“ verſetzte der Rit⸗ ter ſo laut, daß es die hohe Braut hören mußte, „und ſo wird ſie ja wol die Gnade haben, ihrem Stallmeiſter, dem Marx von Bübenhoven, zu befeh⸗ len, daß er uns ſage, wer der Dollkühne war; denn er muß es wiſſen, da die Pferde zu dieſen Kunſtſtücken zugeritten und abgerichtet werden mußten.“ Die Erzherzogin ſah unruhig auf den erbleichenden Pagen.„Weißt du, wer der ſeltene Reitkünſtler iſt?“ fragte dieſen der Erzherzog. von Antwerpen. 305 Zitternd verſetzte der Junker:„Wol hab' ich ihn trotz ſeiner Vermummung erkannt. Auch kann es kein Anderer ſein; denn ich habe ihn dieſe halsbrechenden Stückchen oft genug einüben ſehen. Es iſt der Stall⸗ junge meiner gnädigſten Frau.“ —„Der Stalljunge?!“ riefen der Erzherzog und von Croy zu gleicher Zeit.„Woher hat er die fremd⸗ ländiſchen prächtigen Kleider, der verwegene Burſche?“ fragte der Fürſt weiter. —„Das weiß ich nicht. Er hat ſich auch das Geſicht unkenntlich gemacht und ſeine dunkle Zigeuner⸗ farbe mit weißer und rother Schminke übermalt. Ebenſo wenig ſind die Locken auf ſeinem Kopfe gewachſen, denn er hat Haare wie ein Rappe.“ —„Ich will nicht hoffen, daß mein Gretchen et⸗ was von dieſem Streiche weiß, wodurch die edelſten Männer ihres alten und neuen Vaterlandes beſchimpft werden?“ fragte Philipp ernſt. —„Wie kannſt du mir eine ſolche Bosheit oder wenigſtens Unklugheit zutrauen?“ verſetzte ſie em⸗ pfindlich. —„Du haſt dieſen frechen Buben durch allzu viel Gnade verwöhnt. Ritter Croy, folgt meinem Pagen und ſucht den Wicht auf, um ihn durchpeitſchen zu laſ⸗ ſen. Er muß doch des Danks theilhaftig werden.“ Der Ritter und der Page entfernten ſich ſchnell; über die Wangen der jungen Herzogin glitten ein paar Ein deutſcher Leinweber. I. 20 306 Thränen.„Statt der Freude,“ ſagte ſie zu ihrem Die ſchöne Kaufmannsfrau Bruder,„erfahre ich heute nur Schrecken, Verdruß, und Kummer und gerade durch Die, welche ich liebe. Ich bitte dich, mir den Schmerz zu erſparen, daß der Junge gezüchtigt wird. Er iſt das Kind meiner treue⸗ ſten Dienerin und in ihre ſterbende Hand hab' ich ge⸗ lobt, ihn vor jedem Unfall möglichſt zu ſchützen. Auch iſt er ſchon Herrn Fugger's von Augsburg Lehrjunge und ich will nicht, daß an meinem Ehrentage die Seele meiner Magd und der wackere Mann beleidigt werden.“ Der Erzherzog ſchwieg betroffen und gab dann ei⸗ nem andern Pagen leiſe Befehle. Die Kunde, wer der geſchickte Kunſtreiter ſei, flog von Mund zu Mund und das Volk verlief ſich lachend. Der frühe Herbſtabend war bereits hereingebrochen und die Pagen und Hofjunker entzündeten ihre Fackeln, um den fürſtlichen Herrſchaften vorzuleuchten. Bübenhoven führte den Ritter zu dem Stalle der Herzogin Margaretha; es war bereis dunkel, als ſie im Hofe ankamen. Die Thüre war innen verriegelt; ein Lichtſtrahl und lautes Gelächter drangen durch eine Spalte. —„Du haſt deine Sache vortrefflich gemacht, mein Junge,“ ſagte eine grobe Stimme,„und dn erhältſt noch einen blanken Chremnitzer von mir aus unſeres Herrn ungariſchen Bergwerken für den Spaß, den du mir dadurch bereitet, daß du die ſaubern Hofherren an 5 von Antwerpen. 307 der Naſe geführt haſt. Nun endlich hab' ich Genug⸗ thuung für den Schimpf, den ſie mir und meinem Herrn angethan haben. Trink, Toni! Hätten ſie uns nicht verhöhnt im Vorzimmer des Erzherzogs, ſo hätte ich ſie heute nicht verhöhnt in der Stechbahn. Wurſt wider Wurſt.“ —„Du? du, alter Fettwanſt?“ fragte Antoniv, der Stallbube, lachend und leerte das Glas.„Sprichſt du doch, als hätteſt du den Ritt gemacht. Bei St. Veit, dem Tanzmeiſter! du müßteſt dich mit deinen Weifenbeinen auf den Pferden gut ausgenommen haben.“ —„Na, Junker Mondkalb,“ verſetzte der Andere, „war ich's nicht, der dich mit Worten, Geld und Wein zu dem Ritt gewann, der ſich's ſein Baares koſten ließ, um dich ſo prächtig herauszuſtaffiren, daß du wie ein blanker mauriſcher Prinz ausſahſt? War ich's nicht, der dir das Geſicht malte und dir durchhalf? Es ſoll dir in Augsburg ſchon zu gut kommen, daß du den Streich ausgeführt. Es labt mir die Seele vom Kopfwirbel bis in die Fußzehe, daß die Schnurre ſo gut gelungen iſt und die hageprunkenden Junker ſich nun die Köpfe zerbrechen, wer der Teufelsjunge war. Sie mögen's ahnen, daß es unadelige Leute gibt, die mehr Geld haben, und auch welche, die beſſer reiten können, als ſie. Und wenn ihnen gelüſten ſollte, Einen kennen zu lernen, der auch beſſere Fäuſte zum Zuſchlagen hat, als ſie, ſo werde ich ihnen mit meinen eigenen aufwarten.“ 205 * 308 Die ſchöne Kaufmannsfrau —„Es iſt gut für dich, daß dich kein adeliges Ohr weiter hört, als die der Pferde hier, Junker Prahlhans!“ lachte der Stallbube.„Es möchte dir ſonſt keine Rippe in deinem faulen Bauche ganz blei⸗ ben und dein dicker Kopf leicht durchlöchert werden, wie ein Erbſenſieb.“ —„Dieſer junge Schuft ſoll zum Propheten an dem alten werden,“ rief Croy,„aber ich denke, es iſt am beſten, ich brauche ihn ſelbſt als Stock, um dem Andern damit ſein Recht anzuthun. Aufgemacht, ihr Halunken!“ Im Augenblick war das Licht im Stalle verlöſcht und nichts regte ſich darin. —„Wartet, ihr Schandbälge!“ fluchte Croy.„Der Teufel ſoll euch doch das Licht halten.— Bübenhoven, holt eine brennende Fackel herbei. Wir wollen ihnen das Bad geſegnen und ich will nicht vom beſten Adel dieſes Landes ſein, wenn ich dieſem verwetterten Schandſack nicht alle Reiterkünſte für immer aus dem Leibe dreſche.“ Der Page entfernte ſich; kaum aber waren ſeine Schritte auf dem Hofe verhallt, als die Thüre raſch geöffnet wurde und Antonio hervorſtürzte. Der Ritter griff nach ihm, aber der Bube entſchlüpfte ſeinen Hän⸗ den wie ein Aal und ließ im Laufen ein ärgerliches Hohngelächter erſchallen. Der unedle Rachedurſt des Edelmanns kehrte ſich nun mit verdoppelter Wuth ge⸗ von Antwerpen. 309 gen das augsburger Stadtkind, das aus Angſt vor dem ihm ahnenden Geſchick und im ſtarken Gegenſatz zu ſei⸗ nen vorherigen Großſprechereien leiſe zu wimmern an⸗ fing. Dieſe Töne gingen, ſobald das angelangte Fak⸗ kellicht eine ſtarke Helle im Stalle verbreitete, in lau⸗ tes Jammern und Gnadeflehen über. Dieſe erbar⸗ mungswürdigen Aeußerungen ſeiner Angſt waren mit Betheuerungen vermiſcht, ſich nichts wieder gegen ei⸗ nen adeligen Herrn zu Schulden kommen laſſen zu wollen, aber alle dieſe Anſtrengungen wurden umſonſt von dem bebenden Reitknecht verſucht, Erbarmen in des Ritters Bruſt zu wecken. Das Sonderbarſte in dieſer Scene war, daß alle dieſe Bitten von Veit Schellenberg rücklings an ſeinen Feind gerichtet wur⸗ den; denn nach Art des Vogels Strauß hatte er Ge⸗ ſicht und Vordertheil in einen Winkel gedrückt und gab ſomit diejenigen Körpertheile preis, an welchen dem Ritter zu ſeinem Zwecke am meiſten gelegen war. Die⸗ ſer hatte denn auch bald ein paſſendes Inſtrument ge⸗ funden, womit er dieſe Theile nach Kräften bearbei⸗ tete und die flehenden Töne des Knechts in ein furcht⸗ bares Heulen und Schreien verwandelte. Schmerz und Verzweiflung trieben endlich den geprügelten Mann aus ſeinem Verſteck hervor, und was keine Bitte, kein Verſprechen zu erzielen vermochten, das gelang jetzt plötzlich ſeiner— Naſe. Denn als er das von o viel Qualen geröthete Geſicht dem arbeitenden Ritter 310 Die ſchöne Kaufmannsfrau zukehrte, entſetzte ſich dieſer dergeſtalt vor dem unge⸗ heuern, unförmlichen Gewächs in demſelben, daß ihm der Stock entftel und Veit dadurch Gelegenheit fand, fernern Mishandlungen, nach Art ſeines jüngern Ver⸗ bündeten, zu entgehen. Croy rief ihm nach, er möge dem Stallbuben nur ſagen, daß dieſem der Dank für die Reiterſtückchen keineswegs geſchenkt ſei. Alſo zer⸗ droſchen fand Veit Schellenberg ſeinen Weg. von Antwerpen. 311 Meunzehntes Rapitel. Die beiden Zofen der unglücklichen Kaufmannsfrau hatten dieſe theils aus Anhänglichkeit, theils auf Fug⸗ ger's Befehl in das Haus des Wundarztes begleitet, wo ſie beim Verbande derſelben hülfreiche Hand gelei⸗ ſtet. Hier hatten ſie die beſte Gelegenheit, zu ſehen, wie ſchrecklich die Wunden und die dadurch bewirkte Entſtellung des erſt ſo reizenden Geſichts waren. Elev⸗ norens Schmerzen waren ſo groß, daß der Arzt ihr betäubende Arzeneien reichte, wodurch ſie bald in ei⸗ nen tiefen Schlaf verſetzt wurde. Kaum ſahen ſich die beiden Mägde dadurch ihrer Dienſtleiſtungen enthoben, als ſie mit beflügelten Schritten in die Herberge ihrer Herrſchaft eilten und der männlichen Dienerſchaft der⸗ ſelben die ſchauderhafte Mähre mit beliebten Ueber⸗ treibungen hinterbrachten. Ronh ſeinerſeits hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als ſeinen Herrn, der, aus dem langen Ausbleiben ſeiner Ehehälfte auf einen gro⸗ ßen Zuwachs von Ehre ſchließend, ſchmunzelnd mit 312 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſeinem Gaſtfreunde beim Frühſtück ſaß und der Fami⸗ lie deſſelben außerordentlich lange Geſchichten erzählte, auf das Zimmer zu rufen und ihm das Ereigniß in ſeiner ganzen nackten Schrecklichkeit mitzutheilen. Herr Peter van der Kapellen ſtarrte ſeinen ſchwarzen Leib⸗ diener mit geſpenſtigen Augen an, wankte plötzlich und fiel dem zum zweiten Male heftig erſchrockenen Rony in die Arme, indem er ein unverſtändliches Lallen hö⸗ ren ließ. Hierauf folgte eine große Verwirrung auch in dieſem Hauſe und auch hier holte man einen Arzt herbei. Dieſer erklärte, daß der antwerpener Kauf⸗ mann von einem Schlagfluſſe getroffen worden ſei. Es wurden geeignete Mittel angewandt, die, wie gewöhn⸗ lich, nichts halfen, und als Fugger nach einigen Stun⸗ den kam, um ſeinen antwerpener Handelsfreund mit der größten Vorſicht auf ſein Unglück vorzubereiten, fand er denſelben, von dieſem Unglück niedergeſchmet⸗ tert, bereits todkrank im Bette und den Pater Inno⸗ cenz mit geiſtlichem Zuſpruch an ſeiner Seite.— Zu den beiden Schreckniſſen des augsburger Leinwebers kam Abends das dritte, als Veit in einem ebenfalls jammervollen Zuſtande heimkam, der die Hülfe des Arztes nicht minder erheiſchte, als die Umſtände von Herrn und Frau van der Kapellen. Die nächſtfolgenden Tage beſſerten in dieſen Ange⸗ legenheiten nichts und Fugger konnte faſt nichts weiter verrichten, als von einem Krankenbette zum andern von Antwerpen. 313 wandern. Die mangelnde Hülfe ſeines Knechts wurde ihm durch den pfiffigen und gewandten Antonio erſetzt, der, aus Furcht vor den Hofherren und Rittern, ſeine Zuflucht bei ihm ſuchte und als Lehrjunge ſeinen Schutz anſprach, den der gutmüthige Mann dem verwegenen Burſchen, nach einer Strafpredigt, auch ſo weit zu⸗ ſagte, als er in ſeinen Kräften ſtand. Die unglückliche, ſchwer beſtrafte Kaufmannsfrau lag die erſten Tage auf ihrem Schmerzenslager in der ſtummen Betäubung der Verzweiflung. Welch eine Nacht in dieſer Seele, die erſt nur vom falſchen Schim⸗ mer der Hoffart und Eitelkeit erfüllt geweſen, von kei⸗ nem innern Stern der Tugend und moraliſchen Kraft, der wahren Liebe und der reinſten Weiblichkeit erhellt worden war! Welche finſtere, ſchwüle Nacht nun, wo jener Glanz ſo plötzlich gewichen! Und wie gährten und kochten böſe Gedanken und bittere Gefühle frag⸗ mentariſch und chaotiſch in dieſer heißen Finſterniß durcheinander! Mit fieberhaftem Verlangen erwartete ſie einen Beſuch des Erzherzogs, für deſſen Liebe ſie — ihrer Meinung nach— dies Martyrium erlitten; ſchlaflos und in großen Schmerzen brachte ſie die Nacht zu und nur neue Hoffnung auf ſein Kommen bewahrte ſie vor Wahnſinn; als er aber auch am folgenden Tage nicht kam, da wurde ihr das Lager zum glühenden Lau⸗ rentiusroſt und ſie ſtieß dann und wann einen kurzen, wilden, verzweiflungsvollen Schrei aus, der dem Arzte 314 als Vorbote der nahenden Geiſteszerrüttung galt. Auf ihren heißen, verwundeten Lippen bebte fort und fort unhörbar der Name Philippz weiter ſprach ſie nichts. Die ſchöne Kaufmannsfrau Die wildeſte Verzweiflung blies ihren Samumhauch über ſie hin und drohete ſie zu erſticken. Endlich ge⸗ gen Abend fuhr ſie empor und fragte mit ſtarrem Auge Matty, ob der Pater Innocenz noch nicht dageweſen ſei. Auf die Verneinung der Schwarzen ſagte ſie mit wildbitterm Tone:„Auch er nicht! O, ich ahne, wo hinaus das will!“ Nach einer Stunde ſagte ſie ſtreng: „Matty, ſchaff' mir den Pater herbei! Ich ertrage das nicht länger! Ich muß ihn ſprechen! Er muß kommen! Hörſt du, er muß kommen! Ich will mein Todesur⸗ heil aus ſeinem Munde hören. Es iſt mir tauſend Mal lieber, als dies qualvolle Schweigen, dieſe ent⸗ ſetzliche Ungewißheit. Hol' ihn herbei, den abſcheuli⸗ chen Menſchen!“ Matty ging, aber ſie kam nach einer Stunde allein zurück. Der Pater hatte ihr verſprochen, zu kommen; aber die Nacht ſchritt langſam und trägen Schritts vorwärts, der Prieſter erſchien nicht in der ſtillen Kran⸗ kenſtube. Eleonore brachte eine fürchterliche Nacht zu. Die Qualen des Gewiſſens, der getäuſchten Liebe, der wüthende Schmerz der Schande und der brennende Durſt nach Rache machten ihr das Daſein unerträglich. Sie fühlte, wie tief ſie plötzlich von der ſchwindelnden Höhe ihres Stolzes herabgeſtürzt war, aber ihrer Seele — von Antwerpen. 315 fehlte die Kraft, ſich zu erheben; ſie wandte ſich den düſtern Mächten der Tiefe zu. Kaum nach Tagesanbruch rief ſie Matth zu ſich. „Geh' und ſage dem falſchen Pfaffen, wenn er nicht käme, würde ich ihn ſogleich aufſuchen, wo er auch ſei; ich würde vor ſeinen Augen mir das Leben neh⸗ men, aber vorher dem Erzherzog ſein Betragen gegen mich ſchildern.“ Die weinende Schwarze fand den Archidiakvnus im Begriff, abzureiſen; ſie ſprach ſo eindringlich, daß ſich Innocenz, obgleich widerſtrebend, entſchloß, ihr zu folgen. Mit wie ganz anderer Miene trat er jetzt bei Frau Eleonoren ein, als noch vor wenigen Tagen! Wie hatte eine einzige unglückliche Stunde ihn verän⸗ dert und alle Verhältniſſe! Schweigend ſtand er vor ihrem Bette, ſchweigend ſah ſie ihn an.„Was wollt Ihr von mir?“ fragte er endlich kurz und froſtig. Empört über dieſe herzloſe Frage antwortete ſie mit dem alten Stolze:„Euch ſagen, daß Ihr der elendeſte und ſchlechteſte Wicht ſeid, den Gottes Sonne beſcheint.“ —„O, Ihr ſeid noch nicht gedemüthigt!— Doch es wird ſchon kommen.— Euer Spiegel wird Euch ferner lehren, daß Euerm Stolz das Fundament unter den Füßen weggeſchnitten iſt.— Ja, dieſe Schee⸗ renſchnitte werden ſich Euch ſchon in die Seele wüh⸗ 316 Die ſchöne Kaufmannsfrau len.— Wenn Ihr nicht den Troſt der Religion ver⸗ langt— ſo hab' ich nichts bei Euch zu ſchaffen.“ —„Von Euch den Troſt der Religivn? Macht mich nicht lachen in meinem Schmerz. Das Wort Religion wird Läſterung in Euerm Munde. Und vol⸗ lends mir gegenüber! Ich hab' Euch für klüger gehal⸗ ten, als daß Ihr mir ein ſolches Wort ſagen könntet.“ —„Nun, was wollt Ihr denn?— Meine Zeit iſt gemeſſen.“ —„Ei, welche Eile plötzlich, Pater Innocenz! Iſt das der Mann, der um jede Minute, die ich ihn länger duldete, wie ein Kind bettelte?“ —„Ihr ſcheint ganz zu vergeſſen, was mit Euch vorgegangen iſt!“ —„Nein, Menſch, ich weiß es nur zu gut. Zum Glück hab' ich dich erſt verachtet, Pfaffe, ſo tief, daß ich dich jetzt nicht tiefer verachten kann. Und das iſt gut für mich.— Aber ich will Euch ſagen, was ich von Euch will. Noch habt Ihr ja keinen Lohn für die wichtigen Dienſte empfangen, die Ihr dem Erzherzog erwieſen habt. Ich möchte Euch gern als Probſt oder Prälat ſehen. Fügt dem großmüthigen Fürſten alſo noch einen Dienſt zu den erſtern. Geht und ſagt ihm, daß ich ihn erwarte, daß ich ihn zu ſprechen wünſche, ihn ſprechen müſſe. Er wird es Euch Dank wiſſen.“ —„Wohin denkt Ihr, Frau?— Gebt dieſen Auf⸗ trag, wem Ihr wollt, nicht mir. Der Erzherzog hat von Antwerpen. 317 Herrn Fugger aufgetragen, für Euch zu ſorgen. Er⸗ öffnet alſo dieſem Eure Wünſche in Bezug auf den Fürſten. Aber vergeßt nicht, daß es Eure Schönheit war, die ihn zu Euern Füßen zog.“ —„Teufel! Ihr, Ihr ſollt ihm ſagen— nichts! Geht, entfernt Euch! Euer Anblick iſt mir unerträglich! Und laßt Euch nie wieder vor mir blicken, Nichtswür⸗ diger!t oder ich thue Euch, wie mir widerfahren iſt. Ihr ſeid's, der meine Tugend zuerſt durch das Gift bethörender, verlockender Reden wankend machte, Ihr ſeid mein Verführer! Ihr habt mich dem Erzherzog in die Arme geliefert! Ungeheuer! Fort! Dir folgt mein Fluch!“ —„Närrin!“ lachte der Pfaffe.„Was ihr eit⸗ les Herz gethan, ſchiebt ſie mir zu.— Dieſe Wuth wird ſich legen.— Ich werde Euch in mein Gebet einſchließen.“ Mit dieſen Worten verließ er die Unglückliche, die nun plötzlich aus einem krampfhaften Hohngelächter in lauten, wilden Jammer ausbrach. Ihr Trotz zerbarſt, wie eine ihr Herz umgebende Metallhülle, und die feueraugige Verzweiflung ſchwang ihre Fittiche über dem bloßliegenden Herzen, ein glühend heißer Odem. Es ſchrumpfte zuſammen von dieſem Blicke, von die⸗ ſem Hauche der Hölle.—„Ja, er hat recht!“ raſete ſie.„Nur meine Schönheit liebte Philipp, nur meine Schönheit liebte Peter, nur meine Schönheit liebten Die ſchöne Kaufmannsfrau alle. Fluch über dieſe Fürſten, dieſe Pfaffen, dieſe Männer! Fluch über das ganze treuloſe, ſinnlich be⸗ gehrliche, verabſcheuungswürdige Geſchlecht!“ Und ein entſetzlicher Gedanke brannte durch ihr Gehirn. Sie griff nach einem ſeidenen Tuche, drehete es ſchnell zu⸗ ſammen, ſchlang es ſich um den Hals und ſchaute ſich nach dem nächſten Haken um.— Da wurde die Thüre aufgethan und an Matty's Seite trat Meiſter Martin van der Voort raſch in's Zimmer, eilte mit ausgebrei⸗ teten Armen auf Elevnoren zu und ſank weinend mit dem Ausrufe:„O, der ſchrecklichen Erfüllung meines Traumes!“ vor dem Bette in die Knie. Kaum war nämlich die Kunde von dem ſchrecklichen Ereigniß, welches Frau Eleonore zu beſtehen gehabt, von Brüſſel nach Antwerpen gelangt, wo der fleißige Meiſter an van der Kapellen's Hauſe emſig ſchaffte, als er Pinſel und Palette erſchrocken von ſich warf, ein Pferd beſtieg und in liebender Haſt nach der Für⸗ ſtenſtadt eilte. Und am Bette der grauſam behandel⸗ ten, furchtbar enttäuſchten Frau, deren Eitelkeit mit Männerherzen ſo freventlich geſpielt hatte, entfaltete ſich nun, gleichſam zum Gegengewicht der Leiden, die mit ſo gräßlicher Gewalt über ſie gekommen waren, die Blume einer innigen und treuen Liebe, wie ſie ſolche nicht verdient hatte, und ein Herz, das ſie ge⸗ kränkt und zurückgeſtoßen, wurde ihr in ihrem ſchmach⸗ vollen und tiefen Unglück zur tröſtlichen Stütze. Die von Antwerpen. 319 umſichtigſte und ſorgſamſte Pflege, die ein Geſunder einem Kranken angedeihen laſſen kann, wurde der Un⸗ glücklichen von ihrem Freunde bei Tag und Nacht er⸗ wieſen; unverdroſſen ertrug er ihren Eigenſinn, ihre böſen Launen, und wenn ſie in verzweifeltes Schreien und Jammern ausbrach, bengte er ſich mit ſanftem Tröſtungsworte zu ihr herab und gab ihr die Verſiche⸗ rung, daß er ſie nie verlaſſen werde. Wie lauſchte er auf jeden ihrer Athemzüge! wie ſuchte er ihr jeden Wunſch an den Augen abzuleſen! wie forſchte er ängſt⸗ lich nach ihrem Befinden! Sie wurde übrigens von Tag zu Tag kränker und ihr Wunſch nach dem Tode ſchien in Erfüllung gehen zu wollen. Die fürſtliche Anſtifterin all' dieſes Unheils befand ſich in einer nicht minder troſtloſen Lage. Donna Juanna war zwar aus ihrer langen und tiefen Ohn⸗ macht wieder zum Bewußtſein gekommen, aber ſie ſtarrte mit einem unheimlichen Blick, den man früher nicht an ihr bemerkt hatte, ſprachlos vor ſich hin und gab auf keine Frage ihrer Umgebung eine Antwort. Ihre Frauen, von dieſem ſeltſamen Benehmen beun⸗ ruhigt, riefen die Herzogin Margaretha herbei; aber Juanna nahm von der Anweſenheit derſelben ſo wenig Kenntniß, wie von der aller Andern. Der ſtarre Blick ihrer Augen nahm keine andere Richtung und ihr Mund bewegte ſich ebenſo wenig, Margaretha mochte ſagen, was ſie wollte. Der Erzherzog, von dieſem ſehr be⸗ 320 Die ſchöne Kaufmannsfrau denklichen Zuſtande unterrichtet, kam nun ebenfalls her⸗ bei und redete der Kranken mit ſanften Worten zu. Dies brachte einen Eindruck auf ſie hervvr. Sie ſah ihn plötzlich mit einem ſcheuen Blick an, ſtreckte die Hand nach ihm aus und als er ſich zu ihr niederbeugte, umarmte und küßte ſie ihn mit der leidenſchaftlichſten Heftigkeit und ſchrie dazu:„O, d'Alnayar! d'Alnayar!“ Dann ſank ſie wieder in die frühere dumpfe Theil⸗ nahmloſigkeit zurück. Philipp, ſich erinnernd, dieſen ihm unbekannten Namen ſchon in dem Augenblick aus ihrem Munde gehört zu haben, als er ihr den unſeli⸗ gen Schlag verſetzt hatte, fragte:„Was iſt das mit dieſem dAlnayar? Was wollt Ihr damit, Juanna?“ Und da ſie ihm nicht antwortete, wandte er ſich zu ih⸗ ren Frauen mit dem Befehl, ihm darüber Aufſchluß zu geben; aber keine vermochte ſeinem Willen zu genügen. Das Geſicht der Herzogin Margaretha war aber bei Nennung jenes Namens mit Purpurfarbe übergoſſen und ihr Auge hatte ſich mit einer ſeltſamen Ueberra⸗ ſchung auf die Kranke gewandt. Als ſie ſich von ih⸗ rem Bruder über dieſem Blicke betroffen ſah, ſenkte ſie das Auge verlegen zu Boden. 4. —„Weißt du etwas über dieſen Namen, Gret⸗ chen?“ fragte ſie der Erzherzog.„Gewiß, du kannſt mir Aufſchluß geben; deine Züge, deren Sprache ich ſo gut kenne, verrathen mir, daß er dir nicht ſo un⸗ bekannt iſt, wie mir.“ von Antwerpen. 321 —„Was ich davon weiß, ſollſt du unter vier Au⸗ gen erfahren,“ verſetzte ſie noch befangener.„Hier kommt Doctor von Smiſſen. Hören wir ſein Urtheil über Juanna's Krankheit.“ Nach langem Zögern und nur auf des Erzherzogs ſtrengen Befehl erklärte der Leibarzt endlich, daß die Erzherzogin unverkennbar an Geiſtesverwirrung und zwar an Tiefſinn leide und daß er ſie für bezaubert halte. Philipp erſchrak und führte ſeine Schweſter in ſeine Zimmer. —„Ach, Philipp, welch ein Unglück hat dein Leichtſinn hervorgerufen!“ weinte Margaretha, um⸗ ſchlang aber zu gleicher Zeit ſeinen Hals, gleichſam um ihrem gerechten Vorwurfe den herben Stachel zu nehmen, und drückte ihm Küſſe ſchweſterlicher Zärtlich⸗ keit und ſanften Mitgefühls auf die von Schmerz und Beſchämung höher geröthete Wange. Er ſchwieg einen Augenblick beſtürzt und in ſeinem Auge lag etwas, wie der Vorbote eines Thränenſtroms, der gewaltſam hervorzubrechen drohte; dann wandte er ſich ab, fuhr mit der Hand über das Geſicht und ſagte; „Du wollteſt mir ja erzählen, wer dieſer d'Alnayar ſei, deſſen Juanna auf ſo merkwürdige Weiſe gedenkt.“ —„Ich habe Don Alfonzo de Granada, genannt dAlnayar, perſönlich am Hofe zu Toledo kennen gelernt,“ verſetzte die Herzogin mit etwas weniger Befangenheit; „wenigſtens kann ich richt glauben, daß Juanna einen Ein deutſcher Leinweber. 1. 21 Die ſchöne Kaufmannsfrau Andern dieſes Namens im Sinne hätte, auch zweifle ich ſehr, daß außer ihm noch ein Mann lebt, der die⸗ ſen Namen führt.“ —„Aber in welcher Beziehung ſteht Juanna mit dem deſſelben?“ „Dieſe Frage zu beantworten, ne außer dem Lereich meines Wiſſens. Ich kam ja erſt nach Spa⸗ nien, als Juanna ſchon hier war. Ich kann dir alſo nur über die perſönlichen Verhältniſſe des Don d'Al⸗ nayar berichten, über die man zuweilen bei Hofe ſprach, deren genaueres Verſtändniß ich aber einer meiner ſpa⸗ niſchen Kammerfrauen verdanke.“ —„Und von welcher Art mögen ſie ſein, mein Gretchen, daß du bis jetzt vermieden haſt, mir auch nur die geringſte Mittheilung über eine jedenfalls in⸗ tereſſante Perſon zu machen, obgleich deine Güte mir ſo oft und viel von jenen ſpaniſchen Höfen erzählte, die ich bis jetzt nur aus Hörenſagen kenne?“ Jene ſüße Verwirrung machte ſich wieder in Mar⸗ garetha's Weſen bemerkbar, welche bei der erſten Nen⸗ nung jenes Namens ſie überraſcht hatte, und ſie ver⸗ ſetzte etwas beklommen:„Ich kann nicht ſagen, wie es gekommen iſt, daß weder Juanna noch ich dir jemals von dieſem jungen Manne erzählt haben; auch kann ich mich nicht erinnern, daß er zwiſchen ihr und mir er⸗ wähnt worden ſei. Der Grund liegt wahrſcheinlich darin, weil, wie mir geſagt worden iſt, dem Don dAl⸗ ——+ von Antwerpen. 323 nayar manches Unrecht an den Höfen von Toledo und Burgos geſchehen iſt und es unvermeiblich ſcheint, ſei⸗ ner zu erwähnen, ohne dieſes Unrechts zu gedenken. Ich möchte aber weder unſere Schwiegereltern mit Ta⸗ del bei dir herabſetzen, noch Gerüchten, deren Wahr⸗ heit ich ja nicht verbürgen kann, durch Weitererzählen einen Schein von Wahrſcheinlichkeit geben.“ —„Wohl weiß ich, daß an den ſpaniſchen Höfen nicht Alles iſt, wie es ſein ſollte, und du ſiehſt mich deshalb ſehr begierig, deine Aufklärung zu empfangen.“ —„Don Alfonzo de Granada iſt von Geburt ein Maure aus dem königlichen Geſchlecht von Granada und ein naher Blutsverwandter der beiden letzten Sultane Abdallah el Zagal und Abdallah el Zaquir, auch Bvabdil el Chikv genannt, die, wie du weißt, Oheim und Reffe, in ſo mörderiſchen Streit mit einander gerathen waren, daß dem König von Aragonien, unſerm Schwiegervater, da⸗ durch die Beſiegung Beider und die Eroberung Granadas ſo ſehr erleichtert wurde. Der mauriſche Name des In⸗ fanten war Sidi Selim Aben Muhamedz er war der älteſte Sohn des Wali von Baza Sidi Muhamed Aben Yahze Alnayar und ein Enkel des Sidi Yahze Alnayar Aben Selim, erblichen Walis von Almeria. Als Abu Hacen, der vorletzte Sultan von Granada, verzweifelnd, je Herr der Wirren zu werden, die im Reiche ausgebrochen wa⸗ ren und die ſonſt ſo tapfern Mauren in Parteien ge⸗ ſpalten hatten, zu Gunſten ſeines jüngern Bruders Ab⸗ 2 d Die ſchöne Kaufmannsfrau vallah el Zagal, eines feſten und männlichen Charakters, abdankte, überging er bekanntlich ſeinen Sohn Abdallah el Zaquir, deſſen weiches, poetiſches Gemüth ihm noch viel weniger, als er ſelbſt, geeignet ſchien, die ſchwie⸗ rige Aufgabe des Throns von Granada zu löſen. Aber Abdallah el Zaquir oder, wie ihn die Caſtilier lieber nennen, Boabdil ließ ſich dennoch von einer Partei ver⸗ leiten, ſich mit dem Schwerte des Sultans umgürten zu laſſen, und, um ſich gegen ſeinen Oheim zu behaupten, hielt er es mit den Chriſten. Dadurch wurde natürlich die Verwirrung noch ärger. Zagal wurde von ſeinem Neffen und dem aragoniſchen Heere geſchlagen, Granada verſchloß dem flüchtigen Könige, dem es erſt gehuldigt, die Thore und erkannte Bvabdil als Sultan an. Zagal wandte ſich an ſeinen Blutsverwandten und Schwager, den Wali Jahze von Almeria, und deſſen Sohn, den Wali Muhamed von Baza; ſie nahmen ihn gütig auf und hielten zu ihm, als ihn alle Audere verlaſſen hatten. Der Sultan Boabdil fiel, ſobald er die Chriſten nicht mehr brauchte, von dieſen ab und beleidigte den König Ferdinand, unſern Schwiegervater, in der Meinung, ſeine Macht ſei nun befeſtigt und er vermöge auf ei⸗ genen Füßen zu ſtehen. Auf dieſes wandte ſich der Sultan Zagal und die beiden Walis Yahze und Mu⸗ hamed an die beiden chriſtlichen Könige, unſere Schwie⸗ gereltern, und kämpften unter caſtiliſchen Fahnen gegen Boabdil. Auf dieſe Weiſe war Muhamed's Sohn Sidi — — von Antwerpen. 325 Selim an die Höfe von Toledo und Burgos gekom⸗ men und ſein edler, pvetiſcher Sinn hatte Wohlgefal⸗ len an chriſtlicher Sitte und Art gefunden. Jung und feurig, kehrte er nach der Einnahme Granadas durch die Chriſten nach Burgos zurück und wurde Chriſt. Unſere Schwiegereltern waren ſeine Taufpathen; er er⸗ hielt den Namen Alfonzo de Granada und ward Ad⸗ miral der Flotte zu Malaga. Man behauptet aber, der König von Aragonien habe ihm nicht nur Hoffnung, ſondern ſogar das Verſprechen gegeben, ihn zum chriſt⸗ lichen König von Granada zu machen. Ich weiß nicht, was davon wahr iſt; jedenfalls zeugte Don dAlnayars Schwermuth, wenn ich ihn während meiner Anweſen⸗ heit in Spanien ſah, von großen Seelenleiden. Er kam nur ein Mal an den Hof von Burgos in einer Geſchäftsangelegenheit, ein ander Mal ſah ich ihn in Granada und zuletzt beſuchte ihn die Königin Iſabella in Malaga und nahm mich mit. Er war ein ſanfter, ſchöner Mann und ein Dichter. Die Mauren ſollen ſeine ſchwermüthigen Lieder in Spanien und Afrika ge⸗ ſungen haben. Er lebte ſtill und unvermählt und war ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt. Dies iſt Alles, was ich von ihm weiß.“ Philipp ſah ſeine Schweſter mit einem Blicke an, als glaube er ihr die letzte Behauptung nicht; dann ſagte er mehr vor ſich, als zu ihr:„So hat ihn Juanna jedenfalls geliebt. Es wäre beſſer geweſen, 326 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſie wäre ſeine Gemahlin geworden und ich hätte das theure Weſen als Gattin an's Herz ſchließen dürfen, welches meine erſte Liebe beſaß und das ich leider! auch an Spanien habe verlieren müſſen. Ach, können mir ſeine Kronen erſetzen, was ich ihm gevpfert habe?“ Er weinte und Margaretha vermiſchte, indem ſie ihn abermals umarmte„ihre Thränen mit den ſeinigen; dann entfernte ſie ſich ſtill, um ſich, mit blutendem Herzen, wieder zu einem neuen Feſte ſchmücken zu laſſen. Dieſe Feſtlichkeiten nahmen ein Ende und am Mor⸗ gen des 23. October verließ die Herzogin von Sa⸗ voyen an der Seite des Baſtards und in der Mitte ihrer neuen Landsleute Brüſſel, begleitet von einer großen Anzahl niederländiſcher Edelleute, welche Wil⸗ helm von Croy abermals anführte. Mit wahrem Schmerz riß ſie ſich aus Philipp's Armen los und ſelbſt Juanna ſchenkte ihr einige Aufmerkſamkeit beim Abſchiede und wünſchte ihr wohl zu leben. Seit dieſem Tage beſſerte ſich der Zuſtand der Erz⸗ herzogin etwas; ſie fand wieder Wohlgefallen an ihren Katzen und auch mit ihren Kindern beſchäftigte ſie ſich, wenn ſie ihr gebracht wurden. Der Arzt und die Kam⸗ merfrauen nahmen aber bald wahr, daß nichts einen wohlthätigern Einfluß auf die Geiſteskranke ausübte, als der Beſuch ihres Gatten, und der Erſtere rieth dieſem, ihr Zärtlichkeiten wie einem geliebten Kinde zu erweiſen, als das einzige zu ihrer Herſtellung wirk⸗ von Antwerpen. 327 ſame Mittel. Philipp, im Gefühl ſeines Unrechts, that ſich Zwang an und widmete ihr täglich einige Stunden, in denen er ſich freundlich mit ihr unterhielt und ihre Liebkoſungen erwiderte. Die ihrigen verloren in der That nichts an ihrer faſt rührenden Heftigkeit. Sie ſchlang jedes Mal ihre Arme um ihn, zog ſeinen Kopf zu ſich herab und erſtickte ihn faſt mit Küſſen. Dazu weinte und lachte ſie in einem Athemzuge wie ein thörichtes Kind. Obgleich ſie nun Stunden lang heiterer war und anfing, ſich zur Reiſe zu rüſten, auf welche ſie ſich ganz abſonderlich freuete, ſo wurde ſie doch von dem Ziefſinn, der ſich ihrer bemächtigt hatte, durchaus nicht gänzlich verlaſſen. Deshalb wurde ihr auch Donna Francesca dUlloa, nach der ſie großes Verlangen äußerte, wieder zurückgegeben. Aber auch durch dieſes Mittel wurde der gehoffte Zweck nicht er⸗ reicht. Der Arzt verſprach dem Erzherzog endlich von der Reiſe und dem Aufenthalte in Spanien eine voll⸗ ſtändige Heilung der unglücklichen Fürſtin vpgndieſer Geiſteskrankheit und Philipp beſchleunigte 6 die Abreiſe, ſo ſehr er vermochte. Dieſe fand No⸗ vember mit einem glänzenden Gefolge ſtatt. Außer ſeiner und der Erzherzogin zahlreichen Bedienung ſah man von geiſtlichen Großen den Erzbiſchof von Biſanz, Aegidius Buslidius, den Biſchof von Camerich, Hein⸗ rich von Bergen, Kanzler des güldenen Vließes, den Probſt zu Aras, Karl von Rancicvurt; dann die Ritter 328 Die ſchöne Kaufmannsfrau des Vließes: Johannes von Bergen, Johannes von Lützelburg, Philipp von Burgund und Hugo von Me⸗ lun, die Hofherren und Günſtlinge aus des Erzher⸗ zogs nächſter Umgebung und adligen Bedienung: Pfalz⸗ graf Friedrich, Markgraf Bernhard von Baden, Graf Heinrich von Naſſau, Balduin von Burgund, Floren⸗ tius Buranus, Herr von Iſelſtein, Antonius von Maillh, Claudius von Pontailleu, Philipp von Boſſu, Phili⸗ bert von Vere, Johannes von Halwin, Antvnius von Balain, Herr zu Montigny, Graf zu Hochſtraaten, Karl von Poupert, Johannes von Trazigni, Euſtach von Brimeu, Herr zu Wezemal, Adrian von Longe⸗ vall, Maximilian von Horn, Marx von Bübenhoven und ſonſt noch eine große Anzahl von Adel. Es war eine lange Reihe von Reitern und Wagen und in ei⸗ nem derſelben wurden die Katzen der Erzherzogin ge⸗ fahren. Don Ceſar allein hatte die Ehre, bei ſeiner Gebieterin verweilen zu dürfen. Reiſe ging über Hennegau, wo die Erzherzo⸗ ie geweſen war und wo ſie von der Stadt ich peſchenkt wurde. Ihre Heiterkeit über pfang ließ das Beſte hoffen und Philipp ließ es nich an zarten Aufmerkſamkeiten für ſie fehlen. So läſtig ihm ſein mochte, er duldete, daß ſie ihr Haupt im Wagen an ſeine Bruſt lehnte und ihn küſ⸗ ſend und mit den ſüßeſten Namen belegend hier ent⸗ ſchlummerte. Das Entzücken über die Beweiſe ſeiner ———— von Antwerpen. 329 Liebe ſtrahlte ihr dann, wenn ſie wieder erwachte, aus den Augen. Dann liebkoſete ſie vor Freuden den fet⸗ ten Kater und erzählte ihm, wie glücklich ſie ſich in Philipp's Liebe fühle und wie noch weit glücklicher ſie erſt in Spanien ſein werde. So glich ſie in allen Stücken einem verhätſchelten Kinde, das man über ei⸗ ner Ungezogenheit ein Mal hart beſtraft hat und das darüber krank geworden iſt, ſo daß man ihm nun wie⸗ der allen ſeinen Willen thut, um ihm nur wieder zur Geſundheit zu verhelfen. 330 Die ſchöne Kaufmannsfrau PBwanzigſtes Rapitel. Jakob Fugger hatte am Tage vor der Abreiſe des 3 Erzherzogs noch eine geheime Audienz bei demſelben gehabt, worin er ihm Bericht über den Zuſtand der Frau van der Kapellen abſtatten mußte und der tief ergriffene Fürſt dem edlen Bürger die Unglückliche noch ein Mal auf das nachdrücklichſte empfahl. Einige Tage ſpäter eilte Fugger nach Antwerpen, da er ſeine Schutzbefohlene in den beſten Händen wußte. In Antwerpen fand Fugger ſeinen Gaſt- und Handels⸗ freund zwar in ſofern in einer beſſern Verfaſſung, daß er die Sprache wieder erlangt hatte, aber Fugger überzeugte ſich auf den erſten Blick, daß er vor einem Manne des Lodes ſtehe. In der That war Peter van der Kapellen mit einem Schlage um ſeine beiden köſt⸗ lichſten Güter gebracht worden, um die Ehre ſeines Hauſes und die Schönheit ſeiner Frau. So ſehr er ſich ſonſt vor dem Tode gefürchtet hatte, jetzt war er ſo weit gebracht, daß er denſelben mit aufrichtigem von Antwerpen. 331 Herzen herbeiwünſchte. So war er ein gänzlich um⸗ gewandelter Mann geworden. Seinem Leben war ja Blüte und Frucht geraubt und er fühlte, daß er die Schande nicht überleben könne, welche die von ihm ſo hochgehaltene Frau über ihn gebracht hatte. Die Kin⸗ der ſeiner erſten Ehe waren, auf die Nachricht ſeiner ernſtlichen Erkrankung, nach Brüſſel geeilt und hatten ihn dann, ſeinem Wunſche gemäß, nach Antwerpen ge⸗ bracht, damit er, wie er begehrte, in ſeinem Hauſe ſterben könne. Hier hatten ſie ihn denn vermocht, daß er die ihnen verhaßte Stiefmutter in einer letzten Ver⸗ fügung von jeder Miterbſchaft als eine Ehebrecherin, die Gottes Gericht ereilt habe, ausſchloß. Niemand war ihnen dabei behülflicher geweſen, als der Archi⸗ diakonus Pater Innocenz, welcher ein Verdammungs⸗ urtheil über das andere auf die abweſende Sünderin ſchleuderte und das Herz des leidenden Kranken auf's äußerſte gegen ſie erbitterte. Obgleich nun Herrn Pe⸗ ter kein Geheimniß geblieben war, aus welchen Grün⸗ den die Erzherzogin⸗Infantin ſich auf eine ſo grau⸗ ſame Weiſe an ſeiner Frau vergriffen hatte, ſo blieb er doch dabei, daß ſeine ſelige erſte Frau in jener Nacht nach dem dem Erzherzog gegebenen Banket ihm durch ihre Erſcheinung ſeinen nahen Tod angezeigt habe, und weder Pater Innocenz, noch der ſchwarze Leibdiener Rony fanden es ihrem Intereſſe angemeſſen, ihn dieſem Irrthum zu entreißen. Jakob Fugger be⸗ 5 332 Die ſchöne Kaufmannsfrau griff ſchnell, daß hier kein Feld der Wirkſamkeit für ihn ſei und daß er in dieſem Hauſe nichts Beſſeres zu thun habe, als dem Tode ſeinen Raub zu überlaſſen. Er wandte deshalb ſeine ganze geiſtige Kraft der mit ſo vielen Schwierigkeiten verknüpften Einrichtung des neuen Handlungshauſes zu und dieſes Geſchäft nahm all' ſeine Umſicht und Thätigkeit in Anſpruch, ſo daß er bald die Freude hatte, behaupten zu können, durch dieſe, von der weitgreifenden Großmuth des Erzher⸗ zogs trefflich unterſtützte Thätigkeit ſei die Sache ſo weit gediehen, daß man ihr glückliches und fruchtver⸗ ſprechendes Aufblühen nun mit Beſtimmtheit vorausſa⸗ gen könne. Die antwerpener Kaufleute lernten allmä⸗ lig den einfachen, beſcheidenen und unermüdlichen Mann achten und hochſchätzen und Viele, welche erſt ſeine Gegner geweſen waren, wurden nun ſeine Freunde; Andere gewann er durch den mächtigſten Hebel im ir⸗ diſchen Daſein, durch ſein Geld, und die Ausſicht auf reichen Gewinn verſchaffte ihm ſo viel Verbindungen, wie er wünſchte. Als er nun eben im Begriff ſtand, die letzte Hand an das neue Geſchäft zu legen und dann nach ſeinem geliebten Augsburg zurückzukehren, ſtarb Peter van der Kapellen an einer Wiederholung des Schlagfluſſes plötzlich und Jakob Fugger ging in dem pomphaften Leichenzuge deſſelben mit eigenthümli⸗ chen Gefühlen. Seltſam überraſcht war er aber nach einigen Tagen, als die Kinder des Verſtorbenen, von * von Antwerpen. 333 denen keines in Antwerpen wohnte, ihm das Haus und das ganze Geſchäft ihres verſtorbenen Vaters zum Kauf anboten. Fugger ſäumte keinen Augenblick, auf dieſes für ihn vortheilhafte Anerbieten einzugehen, und da er Alles mit baarem Gelde zu bezahlen verſprach, ſo wurden beide Parteien bald handelseinig. Am 1. December trat Jakob Fugger als Herr und Prineipal in das ſchöne Haus und auf die Schreibſtube und em⸗ pfing die Glückwünſche der Handlungsdiener. Die übri⸗ gen unnützen Leute waren früher ſchon von den Erben verabſchiedet worden. Das Geſchäft der„Gebrüder Fugger in Antwerpen, früher Peter van der Kapellen“ ſollte aber erſt mit dem 1. Januar 1502 eröffnet werden. Bis dahin traf Fugger Aenderungen nach ſeiner Einſicht, ließ die alten Schiffe ausbeſſern und neue erbauen und ſchaffte und ordnete mit ſeiner gewohnten Thätigkeit und herzgewinnenden Menſchen⸗ freundlichkeit, die die Elemente ſeines Lebens waren. Auch übergab er einedn portugieſiſchen Kauffahrer, der noch in der Schelde zurückgehalten worden war, Briefe an Fernando Magelhaens und Jakob Beheim nach Por⸗ tugal, worin er den glücklichen Fortgang ſeiner Ange⸗ legenheiten meldete und ſeine weitern Pläne auf Weſt⸗ indien verfolgte. Während dieſer Geſchäfte fand der thätige Mann Zeit, dann und wann der unglücklichen Kranken in Brüſſel einen Beſuch abzuſtatten, und wenn er nicht 334 Die ſchöne Kaufmannsfrau ſelbſt kommen konnte, ſo ſchickte er Antonio. Der Tod ihres Mannes und ihre Enterbung erſchütterte Frau Eleonoren ſehr, aber ſie war keines von den weibli⸗ chen Gemüthern, welche durch Unglücksſchläge zu ſanf⸗ ten Empfindungen und frommen Vorſätzen geſtimmt werden. Es ſchien im Gegentheil, als erbittere ſich ihr Charakter, vorzüglich durch die getäuſchte Hoffnung auf des Erzherzogs Beſuch vor deſſen Abreiſe. Sie erwähnte ſeiner nie wieder. An die Stelle des eiteln Stolzes trat nun harter Trotz und Groll mit ihrem Geſchick. Als das Gerücht von der Geiſtesverwirrung ihrer grauſamen Feindin zu Eleonorens Ohren drang, flog ein Lächeln befriedigter Rache über ihre entſtellten Züge Nur Martin's ausdauernder Treue zeigte ſie dankbare Anerkennung. Ja, die Handlungsweiſe die⸗ ſes trefflichen Mannes und ſchon ſeine bloße Gegen⸗ wart hatte einen beruhigenden und wohlthätigen Ein⸗ fluß auf dieſes mit der Welt verfeindete Frauenherz und man konnte mit Erſtaunen wahrnehmen„ daß ſie gut und mild war, ſo lange er um ſie ſchaltete und waltete. Ihre Wunden waren geheilt und es ſtand ihrer Abreiſe von Brüſſel nichts mehr im Wege, aber ſie zögerte damit von einem Tage zum andern. Mar⸗ tin, ſtets ſanft und gut und ihr ergeben, wie ein frommes Kind, hatte, um ſie über ihre Entſtellung im Ungewiſſen zu laſſen, Alles, was an einen Spiegel er⸗ innerte, ſorgfältig von ihr entfernt; aber ſie hatte von Antwerpen. 335 ſeine Abſicht durchſchaut, ohne es ſich merken zu laſſen. Einſt, als er von einem Freunde zu ihr zurückkehrte, fand er ſie ohnmächtig auf dem Lager und neben ihr einen kleinen Spiegel, der ihrer Hand entglitten war. Als die Bande der Ohnmacht wichen, bemerkte Mei⸗ ſter Martin mit Schrecken, daß ihr Geiſt in andere und ſchlimmere gefallen war. Sie ſprach irre und ſchauderte ſtets vor einem Scheuſal zurück, das, ohne zu weichen, vor ihrer Phantaſie ſtand und in welchem ſie ſich ſelbſt erkannte. Sie hatte ſich durch Matty von einer Magd im Hauſe den Spiegel zu verſchaffen gewußt und der Eindruck, den ihre ſo ſchrecklich ver⸗ änderte Geſichtsbildung auf ſie gemacht hatte, war ein ſchier vernichtender geweſen. Sie fiel in ein hitziges Fieber und ſchwebte mehre Wochen zwiſchen Leben und Tod. Der Maler bewährte abermals ſeine tiefe und klare Treue an ihr. In der Obhut dieſes jetzt heitern und glücklichen Mannes, von welchem ſeit Elevnorens Unfall alle Schwermuth und Traurigkeit, die ihm ſonſt das Leben verdüſtert, gewichen waren, lag ſie wie un⸗ ter den ſchützenden Fittichen eines guten Genius und Fugger ſorgte gewiſſenhaft dafür, daß ihr nichts ab⸗ ging. Und ſo genas ſie abermals. Der ſonſt ſo grauſame Tod war mitleidiger gegen ſie, als das Leben. Schweigend und in ſich gekehrt ſaß ſie eines Tages, während der Winter draußen ſtürmte, da und ſchien 336 für die ſie umwaltende Liebe des Malers kein Auge zu haben. Der von fern ſtehende, ſtill ſelige Meiſter glaubte zu bemerken, daß ſie etwas bewege; er nä⸗ herte ſich ihr, um ſie nach ihren Wünſchen zu be⸗ fragen. Sie ſah ihn lange forſchend an, endlich fragte ſie: „Sagt mir, Martin, was iſt aus meinem blinden Vater, was aus meinen Geſchwiſtern geworden?“ Es war das erſte Mal, daß ſie ihre Familie er⸗ wähnte. —„Beruhigt Euch darüber, meine Frau,“ ver⸗ ſetzte der Maler,„es iſt ihnen nichts abgegangen; ſie haben in ihrer gewohnten Lebensweiſe gelebt und wer⸗ den ferner ſo leben.“ —„Aber von welchen Mitteln? Wer ernährt ſie? wer mich? Verhehlt mir nichts! Ich will es wiſſen!“ Ihre Stimme war unſicher und ſchwankend geworden. —„Bedenkt, daß Ihr zwei Freunde habt, die Euch mit jeglicher Hülfe, die Ihr und die Eurigen bedürfen, beiſpringen, und daß der Eine davon der reiche Fugger von Augsburg iſt!“ —„Alſo wir leben Alle von der Gnade eines Fremden!“ Sie verhüllte ihr ſchmerzlich zuckendes Ge⸗ ſicht. Als ſie wieder aufblickte, fuhr ſie ernſt und ge⸗ ſetzt fort:„Das kann ferner nicht ſo ſein, Meiſter. Ich darf Eure und Herrn Fugger's Wohlthaten nicht Die ſchöne Kaufmannsfrau von Antwerpen. 337 länger annehmen. Nur um Eines bitte ich noch: ſchafft mich fort aus dieſem Lande; dann will ich Ar⸗ beit ſuchen und die Meinigen ernähren, wie es mir zukommt.“ —„Eleonore,“ ſagte van der Voort gerührt und ergriff ihre Hand,„hört mich an und gebt mir Be⸗ ſcheid auf Das, was ich Euch zu ſagen habe. Euer Wunſch, ferner nicht in den Niederlanden zu leben, iſt billig und gerecht und er ſoll erfüllt werden, ſobald es Eure wiedergewonnenen Kräfte erlauben. Ich habe Herrn Fugger zugeſagt, mit ihm nach Augsburg zu gehen und dort Aufträge auszuführen, die er mir theils ſelbſt gegeben hat, theils von ſeinen Freunden ver⸗ ſchaffen wird“— —„Nun, ſo nehmt mich mit nach Augsburg. Das iſt weit, ſehr weit von hier und das iſt mir gerade recht. Je weiter vom Schauplatz meines Unglücks, deſto lieber. Dort kennt mich Niemand. Ich will für einen Mann gelten; ich werde nie wieder Frauenklei⸗ der tragen, nie ſoll dies unglückſelige Haar wieder wachſen. Laßt mich darum an Euern Arbeiten Theil nehmen als Euer Geſelle; ich will ſehr fleißig ſein.“ —„Ihr kommt meinen und Herrn Fugger's Wün⸗ ſchen entgegen, werthe Frau. Aber nicht als mein Geſelle, nicht als mein Arbeiter ſollt Ihr in Augs⸗ burg leben; nein, Elevnore, als mein Weib, mein ge⸗ Ein deutſchet Leinweber. I. 22 338 Die ſchöne Kaufmannsfrau liebtes Weib. Ihr ſeid frei. Erfüllt nun den heiße⸗ ſten Wunſch meines Lebens. Gebt mir Eure Hand und Euer Herz!“ Erſtaunt, ſchier erſchrocken ſah ſie ihn an und ſtarrte dann lange vor ſich hin, als müſſe ſie ſich be⸗ ſinnen, ob ſie auch recht gehört.„Wie?“ ſagte ſie endlich.„Iſt das möglich?— Geht, Martin, Euer gutes Herz ſpielt Euch da einen ſchlimmen Streich! Ihr habt einſt das ſchönſte Weib in den Niederlanden geliebt und werdet nun nicht das häßlichſte Scheuſal in den Provinzen heirathen wollen.“ Zum erſten Mal ſprach ſie von ihrer Verunſtaltung und ſie beſaß nicht Herrſchaft genug über ſich, ihre Faſſung zu behaupten; denn ſie brach, als ſie das letzte Wort mit Mühe ausgeſprochen hatte, in ein dumpfes Schluchzen aus. Martin ergriff wieder ihre Hand, bedeckte ſie mit Küſſen und ſagte:„Ich habe Elevnore Bry geliebt von Jugend an und ich liebe dieſe Eleonore bis dieſe Stunde und werde ſie lieben, ſo lange ein Athemzug aus meinem Munde geht. Sieh', das iſt ja die wahre Liebe, die nicht an die flüchtige Schönheit der Geſtalt gebunden iſt. Deine Schönheit ſteht unverwelklich in meiner Seele, dort kann ſie keine grauſame Hand ver⸗ wiſchen. Und aus meiner Seele wird ſie fort und fort auf die Leinwand quellen und dort der Zeit trotzen. von Antwerpen. 339 Ich habe alſo deine Schönheit unvergänglich, unver⸗ wüſtlich; ſchenke mir dazu dein Herz, dich ſelbſt und laß uns zuſammen in friedlicher Eintracht leben und hohe Kunſtgebilde ſchaffen. Sei nicht grauſam, Elev⸗ nore, und werde mein Weib.“ —„Du täuſcheſt dich ſelbſt, Martin,“ verſetzte ſie kopfſchüttelnd,„das iſt die Eleonore nicht mehr, die einſt mit dir zuſammen in ihres Vaters Werkſtatt an der Staffelei ſaß. Ich bin ein geſchändetes, in den Staub getretenes Weib. Ich bin gemisbraucht vom eigenſüchtigen Männergeſchlecht, von dem du die ein⸗ zigſte Ausnahme biſt. Aber gerade deshalb möchte ich dich nicht unglücklich machen. In meiner Seele wach⸗ ſen fort und fort Fluch und Rache gegen Fürſten und Pfaffen, gegen alle eiteln, begehrlichen Männer. Laß mich mein verdientes Unglück allein tragen und mein Schickſal erfüllen! Es wäre mehr, als grauſam von mir, wenn ich dir eine Strafe aufbürden wollte, da du doch keine Schuld verwirkt. Du biſt ein edler, großmüthiger Menſch, aber ich kann nur als dein Ge⸗ ſell arbeiten. Sieh', ich will dich lieben; ich will dein Knecht ſein; ich will zu deinen Füßen liegen; ich will arbeiten, bis mir die Augen erblinden, wie die meines Vaters, aber dein Weib kann ich nicht werden, dazu biſt du mir zu lieb und theuer. Nein, Martin,„ ein ſchönes Weib muß dich beglücken. Auch ihr will an ich dienen; ich will ſie erfreuen, wie ich kann ein 22* 340 Die ſchöne Kaufmannsfrau ich will ihre Magd ſein.“ Thränen erſtickten ihre Stimme. Martin umſchlang die Unglückliche zitternd; es war das erſte Mal, daß er ſie umarmte. Auch er weinte. —„Es wird ſich Alles finden, ſagte er dann. „Wir wollen die Reiſe rüſten, damit wir ſie antreten können, wenn du erſtarkt biſt. Wenn du auch hier meinen Bitten zu widerſtehen vermagſt, wo dich Alles an die Vergangenheit erinnert, in Augsburg beginnt ein neues Leben für dich; dort wirſt du bald die geach⸗ tete und bewunderte Künſtlerin ſein. Und dieſe Be⸗ wunderung wird eine dauerndere ſein, als die frühere; ſie wird auch eine edlere und reinere ſein. Dann dünkt dir leicht, ja nothwendig, was jetzt unmöglich, und du wirſt mein liebendes und geliebtes Weib.“ —„Umgaukle nicht dich, nicht mich mit trügeri⸗ ſchen Hoffnungsbildern. Ich muß dir noch Eines ſa⸗ gen, aber ich vermag es nicht laut; ich fürchte mich vor dem Schall meiner eigenen Worte bei dieſem Ge⸗ ſtändniß.“ Und ſie zog ihn hocherröthend und die Augen vor Scham niederſchlagend zu ſich und flüſterte ihm etwas in's Ohr. Martin ſchien einen Angenblick betroffen, dann aber jüßte er ſie auf die Stirne und ſagte:„Nichts vermag — 4 — —— 1=— von Antwerpen. 341 meine Liebe zu vertilgen, meinen Vorſatz umzuſtoßen. Das ſchwere Unglück iſt für dich ein heißes, heilſames Bad geweſen; es hat dich von aller Schuld und von allen Fehlern gereinigt. Du biſt jetzt wieder Eleonore Bry und bleibſt ewig meine geliebte Elevnore.“ Nach dieſer Unterredung zog eine ſtille Heiterkeit bei dem Künſtlerpaar ein. Elevnore brachte Tage lang an der Staffelei zu und machte bewundernswerthe Fort⸗ ſchritte in der Kunſt, wie ſie an Körperkräften zunahm. Sie war meiſt ſchweigſam; von den Gefühlen, die ſtill in ihr glühten, ließ ſie ſich nichts abmerken; aber ihr Charakter bildete ſich in dieſer Ruhe zu einer ſtähler⸗ nen Feſtigkeit aus. Nach Antwerpen zurückzukehren, verweigerte ſie. Sie wollte die Heimat nie wiederſe⸗ hen. Die Abreiſe wurde von allen Betheiligten betrie⸗ ben. Fugger ging mit Veit voran, um in Augsburg den Empfang ſeiner Gäſte vorzubereiten. Es war verabredet, daß Niemand dort erfahren ſollte, wer ſie ſeien. Der gewandte Antonio blieb bei Martin und Eleonvre als Bedienung; dagegen war die ſhgz Matty in andere Dienſte getreten. An einem heitern Wintertage fuhr ein verſchloſſe⸗ ner Wagen nach Süden dem Rheine zu, deſſen ſtolze Pferde ein dunkelfarbiger Zigeunerburſche mit geſchick⸗ ter Hand lenkte. Drinnen ſaß ein alter, blinder Mann und ein junger in verſtändigem Kunſtgeſpräch, 342 Die ſchöne Kaufmannsfrau dritter lehnte ſchweigend in der Ecke. Zwei muntere Mädchen und ein kecker Junge nahmen die vordern Sitze ein. Es war die Familie Bry und Martin van der Voort. In dem ſchweigenden Jüngling hätte Nie⸗ mand die ſchönſte Frau Antwerpens wieder erkannt. Ende des erſten Theils.