—. „ 3 Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6duard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ieem Ta Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ine Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe i kitertegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. pr Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 W— Pf. — 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſiattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4. Der Jakobsſtern. Meſſiade von Ludwig Storch. Zweiter Theil. Des Sternes Wachsthum, oder der Märthrer. Frankfurt aum Main 1836. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer. Wo iſt der neugeborne König der Juden? Wir haben ſeinen Stern geſehen im Morgenland, und ſind gekommen, ihn anzubeten.. Bibel. Evangel. Matth. 2, 2. — Die Scheidung. Wenn Jemand ein Weib nimmt und ehe⸗ licht ſie, und ſie nicht Gnade findet vor ſeinen Augen, um etwa einer unluſt willen, ſo ſoll er einen Scheidebrief ſchreiben, und ihr in die Hand geben, und ſie aus ſeinem Hauſe laſſen. Bibel. Moſes 5, 24, 1. Tief im innerſten Meerbuſen von Smyrna, der Stadt und dem Hafen gegenüber, und von letzterem nicht weit entfernt, liegt eine kleine grüne Inſel, die den Namen Cordelio führt. Nur wenige Gebäude ſtehen darauf, und dieſe ſind nicht von großem Velang; aber von dem Ufer des umfangarmen Eilands genießt man einer der prächtigſten Umſichten des Orients. Vor dem ſtaunenden Beſchauer baut ſich nach Süden die bunte halb europäiſch, halb aſiatiſch geſtaltete Häuſermaſſe teraſſenförmig im weiten Halbkreis auf; unten am Ufer des Hafenbeckens erblickt er rechts das ſogenannte Schloß von Smyrna mit ſeinen weißen Mauern, umgeben von grünen Büſchen, Tamariskengeſträuch, Oliven⸗, Feigen⸗ und Nuß⸗ 1* bäumen, und unten, wo das Meer an den Fundamen⸗ ten der Feſtungswerke leckt, dichtes hochemporge⸗ ſchoſſenes Rohrgebüſch; unmittelbar hinter dem Schloſſe thürmen ſich ſteile, ſchwarze Hügel auf, deren Scheitel wiederum von grünem Wald bedeckt ſind. Weiter öſtlich liegen die Hafen⸗ und Rhede⸗ gebäude, und an ſie ſchließen ſich die breiten und bequemen Straßen der Frankenſtadt an. Am Hügel hinauf, je bauſchiger und höher er die Flügel aus⸗ dehnt, drängen ſich die Griechen⸗ Armenier⸗Juden⸗ und Türkenſtadt, nicht regelmäßig geſchieden, obgleich die Bekenner des Islam die höchſtgelegenen Gebiete einnehmen. Ihre Häuſer und Gärten ſind mit Stufen verſehen, die ſich, aus der Ferne betrachtet, höchſt maleriſch ausnehmen. Den Reiz des Anblicks erhöhen die zwiſchen die aufſteigenden Häuſerreihen teraſſenförmig eingeſtreueten grünen Gärten mit ihren zahlreichen Bäumen. Ueber der Stadt ziehen ſich gleichſam in Etagen die mit dunkeln Cypreſſenwäldern überſchatteten Begräbnißplätze am Berge hin, eine ernſte Schattirung in dem freundlichen Bilde, und über dem Ganzen erhebt ſich, auf des Berges Gipfel, die weitläufige Ruine eines mittelalterigen venetiani⸗ ſchen Schloſſes. Hinter ihm ſteigen in nebliger Ferne höher und höher kahle Berge zum Himmel empor, die gürtelförmig um ihren vornehmen Bru⸗ der, an welchem die Stadt liegt, gezogen, allmälig zu den Ufern des Meerbuſens herabſteigen, und je näher, deſto freundlicher und grüner werden, bis ſie in Oliven⸗, Nußbaum⸗, Pomeranzen- und Feigen⸗ wälder auslaufen. Links am Ufer, in Gebüſch ver⸗ ſteckt, liegt Burnubat, eine gute Stunde Wegs von Smyrna entfernt, aber durch einen höchſt angeneh⸗ men ſchattigen Weg am Ufer des bläulichen Golfs mit der Stadt verbunden. Wo die Berge in den Hintergrund zurücktreten, breitet ſich die mit mildem Grün übergoſſene Ebene, ein geſtickter Wieſentep⸗ pich zu den Füßen des hohen, ſtolzen Smyrna, aus, gleichſam um die majeſtätiſch auf ihrem Bergesthrone ſitzende Stadt, einzuladen, daß ſie beim Aufſtehen ihre Füße auf dieſe koſtbaren Teppiche ſtellen möge, bevor ſie in den prächtigen Meerkeſſel zum Bade hinabſteige. Wendet ſich der von all ſolcher Schönheit Be⸗ rauſchte auf dem niedlichen grünen Eiland rückwärts, ſo ſieht er den weiten großen Meerſpiegel des Vuſens — 5 vor ſich ausgebreitet, im Weſten mit felſigen grün⸗ haarigen Inſeln angefüllt, über welche das ſteinige Vorgebirge emporragt; weiter in blauer Ferne erglänzt das Silberſchild des Meeres, von hier aus unbeweglich ſcheinend, auf das die Sonne goldne Nägel heftet, und dem der Meerbuſen ſeine reinen Wellen, unſchuldige Bergkinder, zuführt, um ſein Metall ewig blank zu waſchen; an den beiden Ufern liegen einſame Schlöſſer und Dörfer, jedes durch einen Hain bezeichnet, aus deſſen grünen Umhägen die Häuſer hervorlauſchen; übrigens die Höhen nackt und dürr, gebrannt von Aſiens ſüdlichſter Sonne, die hier prall und ſelten von Wolken umſchleiert auf die ausgedörrte Erde herabglüht. Dies iſt das Pano⸗ rama des reizenden Aufenthaltes auf Cordelio, dem an hoher maleriſcher Schönheit ſchwerlich ein anderes gleichkommt.— Angezogen von der erhabenen Ausſicht, hatte Sab⸗ bathai Zewi das Inſelchen ſchon ſeit einiger Zeit zum Ziele ſeiner einſamen Meerwanderungen gemacht, und ſchon vor der Hochzeit manche Nacht in einem Hauſe auf Cordelio zugebracht, welches David Roſa⸗ nes, ſein Schwiegervater, erbaut hatte. Dem alten reichen Judenfürſten gehörte die ganze Inſel zu eigen; er hatte ſie der Sultanin Valide ſchon vor langer Zeit mit ſchwerem Gelde abgekauft, um ſie zu einer Niederlage ſeiner großen Waarenvorräthe zu benutzen, deren Stapelplatz Smyrna war, und die er von hier aus in die abendländiſchen Häfen verſandte. Der Transport dieſer Waaren in die ſteile Judenſtadt war ſtets mit unnöthigen Schwie⸗ rigkeiten verbunden geweſen; nun nachdem Roſanes die Inſel in ſeinen Beſitz gebracht, und daſelbſt mehre Gebäulichkeiten hatte aufführen laſſen, ließ er ſeine Schiffe dort beladen. Dem Nutzen war end⸗ lich das Vergnügen gefolgt, und in einem reizenden Garten erhob ſich ein ſteinernes Sommerhaus, von hohen Oliven⸗ und Orangenbäumen umrauſcht, nur wenige Schritte vom Ufer, das hier raſig und ſanft in das Meer hineinlief, ein kühler ergötzlicher Zufluchtsort vor dem ſengenden Glutſtrahl der Sonne. In dieſem Hauſe— ſo hatte es Sabbathai gewünſcht— wurde das zweite große Hochzeitmahl gegeben; denn die Feier der Hochzeit dauert dem Geſetze nach acht volle Tage, doch nur am Abend des erſten und letzten Tages ſieht ſelbſt der reiche vrientaliſche Jude eine große Anzahl von Gäſten bei ſich. Die dazwiſchen liegenden Tage ſind theils den Geſchäften, theils dem freundlichen Verkehr mit den nächſten Verwandten und Freunden gewidmet, und das junge Ehepaar iſt ſich während derſelben meiſt ſelbſt überlaſſen, um ſich ungeſtört dem erſten Rauſche beglückender und beglückter Liebe hinzugeben. Die Hochzeitfeier Sabbathai's und Thamar's hatte einen mehr düſtern als freundlichen Anſtrich gewonnen, die Braut war ſichtbar von einer trüben Gemüthsſtimmung ergriffen, welche aber ihre Ver⸗ wandten und Bekannten dem unglücklichen Ereigniſſe zuſchrieben, in Folge deſſen Rahel lebensgefährlich darnieder lag. Man hielt es allgemein für kein gutes Zeichen, daß die innige Freundin der Braut gerade in der Hochzeitnacht den ſchrecklichen zerſchmet⸗ ternden Sturz gethan, der ſie ſo plötzlich an die Pforten des Todes geführt, und Niemand tadelte die gefühlvolle Thamar, wenn ſie wegen dieſes böſen Zufalls tief erſchüttert und der unglücklichen Freun⸗ din, deren Krankheit allmälig bekannt wurde, mehr als gewöhnliche Theilnahme widmend, nicht das freu⸗ S* S* denſtrahlende ſehnſuchtbefriedigte Antlitz einer jungen Neuvermählten zeigte, ſondern ihrer Umgebung bleiche, gramentſtellte Züge, ein tieftrauerndes, von ſchmerz⸗ lichen Thränen erfülltes Auge zu verbergen ſuchte. Und doch ahnete Niemand den wahren Grund des bittern furchtbaren Seelenwehs, das ſich nur unvoll— kommen in Thamar's ſchönem Geſicht abſpiegelte, doch kam keinem Menſchen der Gedanke bei, daß die Reizende, die man jetzt Sabbathai's glückliche Gat⸗ tin nannte— der Name klang ihr wie hölliſcher Hohn in der Seele— noch eine unberührte Jung⸗ frau ſei. Denn wie in der erſten Nacht hatte ſie ihr Vermählter jede der folgenden Nächte, wie von einem böſen Geiſte getrieben, verlaſſen und war hin⸗ aus ins Freie geſchweift. Die einzige Vertraute ihres Kummers, das einzige Herz, an welches ſie das ihrige jammernd anlehnen konnte, die einzige Tröſterin war Mihurmah, die immer noch Alles zu vermitteln hoffte. Sie wußte nämlich durch Eliah Zewi, der ſie unabweißbar mit Anträgen ſeiner Liebe beſtürmte, daß Sabbathai jede Nacht mit dem Abgeſandten des reichen Lisbona zu Gaza an den Arzt Villegas, ſowie mit dem Letzteren, zubringe, daß 16— ſie meiſt in der Mitternacht, nachdem ſie gebadet, nach Cordelio überſetzten und dort in der tiefſten Einſamkeit, ohne Furcht von einem neugierigen Ohre belauſcht zu werden, große Pläne für die Zukunft entwürfen, indem Sabbathai zur vollkommenſten und feſteſten Ueberzeugung ſeiner Meſſiaswürde gelangt, öffentlich, ſobald Alles gehörig vorbereitet, als ſolcher aufzutreten gedenke, um ſeine göttliche Sendung jedermann kund zu thun. Der innere Jubel über die nahe Erfüllung ihrer ſchwärmeriſchen Wünſche verdrängte aus Mihurmah's Seele den Schmerz über das tiefe Elend der Freundin und über Sabbathai's mit nichts zu emſchuldigender Treuloſigkeit. Sie hoffte und verſprach Thamar, wenn Nathan Benja⸗ min wieder nach Gaza zurückgekehrt ſei, werde Sab⸗ bathai auch mit deſto größerer Zärtlichkeit in die Arme ſeines jungen Weibes eilen, und wirklich erhiel⸗ ten dieſe tröſtenden Verſprechungen die unglückliche Thamar allein noch aufrecht. Nebenbei tauchte wohl in Mihurmah's Herzen ein leiſer Schatten des Wun⸗ ſches auf, Rahel möchte von dem wilden Wundfieber, welches ſie ſtündlich aufzureiben drohete, nicht wie⸗ der erſtehen, und dadurch jedes Hemmende und Stö⸗ — — — — —=— rende zwiſchen Sabbathai und Thamar hinweggeräumt werden. Nicht ohne leiſe Vorwürfe zog durch ihre Seele zuweilen der beunruhigende Gedanke, ſie ſei doch eigentlich die Stifterin dieſer Verbindung, und das Bild der Hochzeitnacht mit ihren Begebenheiten am Meeresufer, die ihr von der blinden Hannah und von Eliah mitgetheilt worden waren, ragte wie ein drohendes Geſpenſt in ihr Leben herein. Uebrigens ruhete über jenem Vorfall ein ſchweres Dunkel, und Niemand, außer den dabei Betheiligten, wußte in welcher Beziehung Sabbathai zu Rahel's Unfall ſtand.— Endlich erfuhr Mihurmah durch den ihr getreu ergebenen Eliah, daß Nathan Benjamin wieder abge⸗ reist ſei, und ſie beſchloß, ſobald der letzte Hoch⸗ zeitstrubel vorüber, ſelbſt mit Sabbathai zu reden. Sie fühlte ſich berufen, da ſie nun einmal ohne Abſicht thätig und lenkend in die Schickſale der ihr ſo nah befreundeten Menſchen eingegriffen hatte, dies fernerhin mit Abſicht zu thun, und Alles, wo mög⸗ lich, zum Beſten zu leiten. Ihre Stellung zu den einzelnen Perſonen gab ihr gewiſſermaßen ein Recht dazu, aber auf der andern Seite war ſie ſelbſt von 12 den Bildern ihrer glühenden Phantaſie und einer bigotten Schwärmerei ſo befangen, daß ſie Eliah keinen Glauben geſchenkt und mit Verachtung von ſich geſtoßen haben würde, wenn ihr dieſer eine nüchterne und klare Einſicht in die von Villegas und Nathan Benjamin entworfenen Pläne hätte geben wollen. Sie war ſo in ihrem innerſten Weſen von Sabba⸗ thai's Meſſiaswürde überzeugt, dieſe Ueberzeugung war mit ihrer Seele ſo ganz eins geworden, daß ſie ihr nur mit dem Leben genommen werden konnte. War es ein Wunder, wenn ſie nicht anders glaubte und vorausſetzte, als daß ſeine Brüder, der Arzt Villegas, ſeine Schüler eben ſo von jener Ueberzeu⸗ gung durchdrungen ſeien, wie ſie dieſelbe auch an Rahel wahrgenommen, und daß der Bote von Gaza mit dem in ihm aufgegangenen Lichte der göttlichen Wahrheit in der Seele, an ſeinen Wohnort zurück⸗ gekehrt ſei, um dort mit begeiſterter Zunge zu ver⸗ künden, welches Heil Iſrael wiederfahren? Ihre von reiner Gottesglut erfüllte Seele hatte keine Ahnung, daß hier menſchliche Intereſſen und Leidenſchaften im Spiel ſein könnten. Eliah, ganz nur in ihrer Liebe lebend und von einem einzigen gütigen Worte ihres —— Mundes hochbeglückt, hütete ſich wohl, die Reinheit ihres Gemüthes auch nur mit einer Andeutung von der wahren Lage der Dinge zu trüben. Er ſah in Villega's und Lisbona's Plänen glänzende Hoffnungs⸗ ſterne ſeiner eigenen Zukunft. Mihurmah zu beſitzen, ſie, an der die übrigen Juden ſeines Stammes Anſtoß nahmen, im ſtolzen Triumph hoch über alle die ſogenannten Rechtgläubigen und ſtrengen Talmu⸗ diſten zu erheben, ſie mit Reichthum und Glanz zu umgeben, wozu ſie ſeiner liebeglühenden Einbil⸗ dungskraft geboren ſchien, das waren die hochfah⸗ renden Wünſche ſeiner Seele, die er durch jene Pläne zu verwirklichen hoffte. Dazu kam, daß Mihurmah's Begeiſterung für Sabbathai, die ſich oft in großen glühenden Wortſtrömen ergoß, auch ihn zuweilen hinriß und ihm der Glaube nicht ſel⸗ ten nahe trat, Sabbathai möchte wirklich der Meſ⸗ ſias und die klugen Entwürfe ſeiner blinden Ver⸗ bündeten, die jenen dazu ſtempeln wollten, was er doch wirklich ſei, eine Vorkehrung des allweiſen Gottes ſein, dem Könige der Welt die Bahn zu ebnen, und daß ſie mit ihren egviſtiſchen Abſichten dereinſt würden zu Schanden werden. So von — Zweifeln und Glauben hin- und hergezogen, bald irdiſchen Berechnungen ſich ergebend, bald fortge⸗ riſſen auf den gen Himmel ſtürmenden Fittich erha⸗ bener Bilder und Gedanken, die aus Mihurmah's Seele als glänzende Kinder geboren wurden, fand Eliah den einzigen feſten Haltpunkt in ſeiner Liebe zu der ſchönen Schwärmerin.— Der Tag nach Nathan Benjamin's Abreiſe war der achte Tag nach der Hochzeit, und der Abend deſſelben zu dem großen Feſtmahle beſtimmt. Die Sonne war hinter dem Vorgebirge verſchwunden, gleichſam, als ſei ihr Smyrna's Meerbuſen nicht groß genug, um ihre eigene Glut darin zu löſchen und zu kühlen, und ſie müſſe über die Gebirge, die von ihrem Schritte rauchten, hinab in das ägeiſche Meer ſteigen. Ein kühler Landwind, der ſich aus den hohen Gebirgen meerſehnſüchtig niederſenkte, um ſich auf den Wellen zu wiegen und zu ſchau⸗ keln, ſtreuete eine Menge buntgeſchmückter Varken auf dem dunkelblauen Gewäſſer des Golfes zwi⸗ ſchen der Stadt und der Inſel Cordelio aus; es waren die Fahrzeuge, welche das junge Ehepaar und die geladenen Gäſte zu Roſanes ſchöner Beſitzung —— hinüber trugen. Heute neigte die reizende Braut dem Meere ein bleiches, abgehärmtes Geſicht zu, um es den Gäſten zu verbergen, ihre leiſen, halb unterdrückten Seufzer verhallten im Geräuſche der Wellen, die ſich am Boote brachen, und im Getöne der Pfeifen und Hörner, die luſtige Weiſen auf⸗ ſpielten; die Thräne, die unbemerkt über die Wange rann, ſtahl ſich in den Schaum des Waſſers; die Wellen aber ſchienen ſich verwundert zu fragen: iſt das die glückliche Gattin? Es wäre ihr beſſer geweſen, ſie wäre bei uns geblieben, wie wir gewünſcht. Sabbathai zeigte dagegen ſeiner Umgebung die belebten Züge ſtolzer Hoffnungen, ſein Benehmen entwickelte jene feſte Sicherheit, die aus Ueberzeu⸗ gung und erlangter Gewißheit hervorgeht, und nicht ſelten nahm ſein Auge den ſchwärmeriſchen Aus⸗ druck an, der, ein Begleiter ſeiner begeiſterten Rede, ſonſt ſeine Schüler und Anhänger mit emporflügelte, nun aber ſeit geraumer Zeit an ihm vermißt wor⸗ den war. Die Gäſte nahmen dieſe Blicke für Beken⸗ ner hohen Liebesglücks, und ſcherzten über Tha⸗ mars Bläſſe. — 16— Der Abend, dieſe Wonne- und Segentzeit des Morgenlandes, legte ſich in die Büſche und Bäume des Gartens und entlockte ihnen ihr innerſtes Gut, die luſtberauſchenden Düfte, die er gierig ſchlürfte und auf ſeinem dunkeln Fittiche davon trug; mit den Düften aber brachen Chöre von Geſängen aus Buſch und Hecke hervor, die unter Begleitung von Harfe und Flöte Hochzeitlieder brachten, und das Lob des altteſtamentariſchen Gottes in frommen Pſalmen verkündeten. Schmelzende Mädchenſtim⸗ men prieſen bald einzeln, bald zuſammen das Glück der Ehe und Liebe und gewannen Thamar ein bit⸗ teres Lächeln ab. Die Güte ihres Vaters, der ſein Kind recht ehren wollte, und Alles aufgeboten hatte, um ihr Freude zu machen und ſeine Liebe zu erken⸗ nen zu geben, gemahnte ſie wie Hohn, und zum erſten Mal fühlte ſie ſchmerzlich die drückende Bürde des Reichthums. Wäre ſie arm geweſen, ſie hätte ſtill im einſamen Kämmerlein ihren Kummer unge⸗ ſtört ausweinen können, und die Thränen der lei⸗ denden Unſchuld hätten vielleicht das, auf Irrwe⸗ gen begriffene, Herz des Geliebten auf die rechte Bahn zärtlicher Liebe zurückgeführt; ſo mußte ſie — 17— ſich zwingen, den Gäſten ein heiteres Geſicht zu zei⸗ gen, während ihr die gewaltſam ins Herz zurück⸗ gedrängte Leidenslaſt die Bruſt zu zerſprengen drohete. Unter den Gäſten befand ſich wieder eine große Anzahl Gelehrter, und es war nicht undeutlich zu bemerken, daß die meiſten eben keine freundſchaft⸗ liche Stimmung gegen Sabbathai Zewi hegten. Einer derſelben, Simon Banbanaſti, Beiſitzer des Rab⸗ binertribunals, früher Sabbathais Lehrer und einer der kenntnißreichſten Rabbinen in Smyrna, leitete, ſobald die Tafel aufgehoben war, die Unterhaltung auf religiöſe Gegenſtände, und wandte ſich im Tone der Erbitterung an Sabbathai mit den Worten: „Du warſt mein beſter Schüler, Sabbathai, ich habe dich geliebt, wie keinen, und war ſtolz auf dich; ſeit du aber gegen den ehrwürdigen Chacham Halevi geäußert, du hielteſt nichts von den gelehr⸗ ten und heiligen Schriften unſerer ruhmgekrönten, gotterleuchteten Väter, auf denen der Friede ſei, ſeit du des Talmud hochgeſchätzte Geſetze, Vorſchrif⸗ ten und Lehren verworfen, von der Gematria ver⸗ ächtlich geſprochen, ſeit jener Zeit iſt mein Stolz II. 2 auf dich zu Schanden geworden, und ich ſchäme mich, dein Lehrer geweſen zu ſein.“ Sabbathai zog die Brauen finſter zuſammen, und verſetzte mit auffahrender Heftigkeit: „Weil ich viel gute und ſchöne Lehren in früher Jugend von Euch erhalten, Chacham Banbanaſti, ſo hielt ich Euch für einen hellen Kopf, für eine Fackel des Herrn, beſtimmt in der Nacht des Irr⸗ thums zu leuchten. Ich war ein Kind, als ich Eurer Lehre entlaſſen wurde; denn was ich ſpäter gelernt, kam mir nicht aus Menſchenmund, der goldne Schlüſſel hochheiligſter Wiſſenſchaft wurde mir nicht in Eurer Schule gereicht, Ihr Herren; ein Höherer, ein Erleuchteterer war's, der mich erleuchtete. Den ſchönen Wahn, hinſichtlich Eurer, nahm ich mit ins Leben herüber, und habe ihn bewahrt bis zu dieſer Stunde, Chacham Banbanaſti, wo Ihr ihn mir mit Gewalt entreißt. Nicht mit dem geiſtig Blinden habe ich zu verkehren, was hülfe ihm die Fackel, die ich ihm anzündete, er würde ihren Schein doch nicht ſehen, und ſich nur täp⸗ viſch an ihrer Flamme verbrennen. Erſpart mir des⸗ halb jede weitere Erörterung über meine Lehre. Getraut —— Ihr Euch zu beurtheilen, weß Geiſtes meine Vorträge ſind, wohlan, ſo miſcht Euch unter meine Zuhörer.“ „Du entkommſt mir nicht mit den hochfahren⸗ den Aeußerungen deines jugendlichen Stolzes. Immer⸗ hin magſt du mehr Schüler haben, als jemals irgend ein Lehrer unſeres Volks in dieſer Stadt, immerhin magſt du ſtolz auf dieſes Ergebniß ſein: ein Beweis für die Wahrheit deiner Lehre liegt darin nicht. Das Neue iſt's, das Ungewohnte, das Außer⸗ ordentliche, ausgeſchmückt mit der flimmernden Pracht deiner Rede. Mit zwei Worten will ich zeigen, wer du biſt. Verwirfſt du die mündlichen Ueberlie⸗ ferungen, wie du dich geäußert, ſo biſt du ein Karäer, verwirfſt du die ſchriftliche Auslegung der Thora, wie du dich gegen Chacham Halevi enthüllt, ſo biſt du ein Samaritaner.“ Sabbathai wechſelte die Farbe, ſein Auge glü⸗ hete zornig. „Wahrlich, wahrlich, ich ſage Euch!“ rief er mit bebenden Lippen,„Ihr ſollt es bald in vollſter Wahrheit erfahren, wer ich bin. Einſtweilen nur das, ehrwürdiger Chacham: Habt Ihr nie von einer Mutter aller göttlichen und menſchlichen Wiſſen⸗ 2 — 551— ſchaften gehört, die man Kabbahla nennt? Faſt fürchte ich, Ihr wißt nichts davon. Es ſteht man⸗ ches davon im Talmud, aber nicht Alles. PViel Tieferes liegt in ihr ſelbſt vergraben, was noch kei⸗ ner unſerer ehrwürdigen Väter erſchöpft, was aber vor den Propheten des alten Volks ſtand ein leuch⸗ tender Springbrunnen ſüßen Lebenswaſſers, aus dem ſie allem Volke ſpendeten. Aus dieſem Brun⸗ nen habe ich auch geſchöpft, er gießt ſeine Licht⸗ quelle über mich und erfriſcht mich, er fließt in meine Hand, daß ich damit Israel waſche und erquicke. Ihr, weiſer Mann, tappt im Dunkeln, habt den Lebensbrunnen nie gefunden, werdet ihn nie finden, und wenn er Euch in die Hand flöſſe, Ihr würdet ſeine göttliche Kraft nicht erkennen, ſondern ihn auf die Straße verſchütten, wie gemeines Waſſer.“ Nach dieſen Worten erhob ſich der Jüngling raſch und ging aus der Halle mit ſtolzen, ehrfurcht⸗ gebietenden Schritten, wie ein junger, ſich ſeiner Würde wohl bewußter König. Ihm folgte unver⸗ holen der Beifall der meiſten Anweſenden, und nur die gelehrten Rabbinen flüſterten feindliche Worte zuſammen. Auch David Roſanes ſah voll tiefen —— Mißmuths ſeinem davon gehenden Schwiegerſohne nach, und dann glitten ſeine ſchmerztrüben Augen nicht ohne den Ausdruck eines ſtillen Vorwurfes auf das bleiche Geſicht ſeiner Tochter, die ſtill und ver⸗ laſſen noch an der Lafel ſaß. Sie verſtand den Blick des greiſen Vaters, und er traf ſie tiefer und ſchmerzlicher ins innerſte Herz, als der Alte beab⸗ ſichtigt und gewünſcht hatte. Sie ſtand auf, zog Mihurmah an der Hand mit hinaus in den, von Abendſchleiern überhängten Garten, um an der Bruſt der Freundin auszuweinen. Sabbathai war vor ihr ſchon in den Garten geſtürmt. Seine Pulſe flogen, ſein Kopf glühete, ſeine Bruſt dehnte ſich mächtig aus, als ſei ſie beſtimmt, die Welt in ſich aufzunehmen, und ver⸗ edelt, verklärt wieder zu gebären. Das durchſich⸗ tige, zarte, ſchwimmende Dunkel, das jenen Brei⸗ ten ſo eigenthümlich iſt, lag über dem Streifen Meer, der ſich zwiſchen ihn und die Stadt drängte, und vom Berge herab glänzten die farbigen Lam⸗ pen, auf der Spitze der Moſcheen, wie freundliche Sterne. Sabbathai breitete die Arme aus; es waren die —— Arme ſeiner unaus ſprechlichen Sehnſucht, ſeines Lebens⸗ und Thatendurſtes, und die That war's, die rieſige, welterfüllende That, die er an ſein ſtür— miſch wogendes Herz reißen mochte. Er rief laut: „Du ewiger, unwandelbarer, herrlicher Gott Israels, der du zu Abraham geſprochen, der du dich Iſage verkündet und Jakob offenbaret haſt, du in deinem ewigen Sternentempel, den du dir ſelbſt erbaut, laß mich nicht länger harren, vergönne mir auf die Stufen deines Tempels zu treten und es laut zu verkünden, daß ich dein Hoherprieſter bin.“ Eine Hand berührte in dieſem Augenblicke die ſeinige; ſein Name wurde von einer männlichen Stimme genannt. Er wandte ſich um, und erkannte einen der Gäſte, einen jungen Mann, Namens Salomon Pechina, der durch ſeine Frau mit dem Hauſe Roſanes verwandt war. Obgleich Kauf⸗ mann, und als ſolcher meiſt auf weiten Reiſen begriffen, hatte ſich Pechina doch ſtets den Wiſſen⸗ ſchaften ſehr ergeben gezeigt und ſie waren ihm dafür wiederum hold geweſen. Er war der ſelte⸗ nen Kunſt mächtig geworden, das Wiſſen mit dem Leben in einer fruchtbringenden Vermählung zu ver⸗ einigen. Er kannte nicht nur alle bedeutenden Hafen⸗ und Börſenplätze Europas, alle Handelsſtraßen und Stapelplätze Aſiens, er kannte auch die Völker, die Län⸗ der, die er geſehen, die Künſte, die Wiſſenſchaften, die dort blüheten; ihm war weder die ſpaniſche Litera⸗ tur unbekannt— er leitete ſeinen Urſprung aus Spanien— noch war er unvertraut mit der Blü⸗ the des italieniſchen und des aufkeimenden franzö⸗ ſiſchen wiſſenſchaftlichen Geiſtes; aber auch die Schatz⸗ kammern des Orients hatten ſich ihm erſchloſſen, und ägyptiſche Weisheit ſich ihm zugänglich gemacht. „Sabbathai,“ ſprach Pechina feierlich,„ich bin dir in guter Abſicht gefolgt, und habe deine Worte vernommen. Iſt es dein heiliger Ernſt, wie ich glaube, Wahrheit auf Erden zu lehren, ſo ſollſt du bald vor aller Welt der Hoheprieſter ſein, und als ſolcher anerkannt werden, wie du wünſcheſt. Ich komme nicht in meinem Namen allein, mit dir zu reden, Sabbathai. Deine Aeußerungen gegen den Chacham Palevi im Hauſe deines Schwiegerva⸗ ters haben größeres Aufſehen unter Smyrna's gro⸗ ßer Judenſchaft gemacht, als dir vielleicht lieb iſt, ſie haben dir viel Feinde zugezogen, aber ſie haben — 24— dir auch mächtige Freunde erworben, die dir bis jetzt noch unbekannt ſind. Ja, junger Chacham, es gibt unter den Juden eine Anzahl, und ſie iſt gerade nicht ſo klein, die nur nach Wahrheit ſtrebt, und den Gott ihrer Väter, den ſie als den Gott der ganzen Welt erkennt, nicht nach den Vorſchrif⸗ ten der Rabbinen verehrt; die die Menſchenweisheit des Talmud verachtet, und allein die Thora in Ehren hält. Es gibt einen Vund, Sabbathai, deſ⸗ ſen Zweck iſt, die alten Formen zu zerbrechen, damit der Geiſt ſich verjünge, das Judenthum zu refor⸗ miren und von allen ihm anklebenden Schmuz und Schlacken zu reinigen. Du ſcheinſt uns der Mann zu ſein, der dies Alles vermag, und auf dich iſt unſer Vertrauen gefallen, Sabbathai. Du haſt einen ſehr großen Anhang unter der Jugend, deine Schü⸗ ler verehren dich, du biſt im Stande, einen großen Einfluß auf ſie auszuüben, und vereinigſt mehr Macht in dir, als du ahnen kannſt. Werde der Prieſter der Wahrheit, der Reformator der Juden; ſchließe dich uns an, und tauſend edle Männer in Natolien, Syrien, Paläſtina, Griechenland werden dir anhän⸗ gen und, dir vorarbeitend, dir die Bahn ebnen.“ „Ich kenne meine Macht, Salomon,“ ver⸗ ſetzte Sabbathai ſtolz lächelnd,„ich kenne auch meine Beſtimmung auf Erden. Klar im morgen⸗ rothen Glanze heiliger Anſchauung liegt das Ziel vor mir, ein ſtrahlender Tempel, herrlicher als er je auf dem Berge Moria ſtand. Ich weif es, daß die Tenne zu fegen mein Beruf iſt, und die Körner von der Spreu zu reinigen. Sage denen, die dich geſandt haben, daß meine Stunde bald kommen wird; ſchon keimen die Knospen, die die Frucht gebären werden.“ „Es iſt nothwendig, daß du dich erſt mit uns verſtändigſt, Sabbathai,“ fuhr der Kaufmann fort. „Wir müſſen über Vieles erſt einig werden, eh' du öffentlich auftrittſt, um dich als Reformator kund zu geben. Wir haben deine Vorträge beſucht, wir ſind deinem Wege mit ſcharfem Auge gefolgt. Du liebſt es, dich in die dunkeln Gewänder der Kabba⸗ lah zu hüllen, dich in ihren Irrgängen zu verſtecken. Dies iſt nicht der rechte Weg, unſere alte Reli⸗ gionsform zu verbeſſern. Wozu dies wunderliche Gewebe von wenig Wahrheit und viel Irrthum? Wozu dieſe Schleier, dieſe düſtern, ſeltſamen Behänge —— des Lichts, wenn es darauf ankommt, dem Volke ſeine weitſtrahlende Fackel zu entzünden, jene Fackel der Wahrheit, die aller Welt leuchten ſoll?“ „Wie?“ ſprach Sabbathai befremdet,„du ver⸗ achteſt die Kabbalah, du ſprichſt deine Verachtung ungeſcheut mir gegenüber aus, und ſtellſt mir doch die Aufgabe, mein Volk zu reinigen, und, befreit von allem thörichten Menſchenwerk, als ein durch mich neugebornes Gottesvolk in den neuen heiligen Tempel einzuführen, den ich ihm bauen werde? Womit anders kann ich das Volk taufen als mit dem Feuerwaſſer des Geiſtes, das in den tiefſten Tiefen der Kabbalah gequillt? Du haſt noch nicht von ihrer ſüßen Fluth gekoſtet, ſonſt würdeſt du nicht ſo nüchtern zu mir reden, den ſelige Gottes⸗ trunkenheit durchdringt, der heilige Geiſt Gottes, den die Schechina ihren Auserwählten einhaucht.“ „Meinſt du, ich kenne die Kabbalah nicht?“ fragte Pechina ironiſch.„Ich war in den Schu⸗ len zu Salonichi, zu Stambul, zu Zephath, zu Damask, Haleb und Jeruſalem. Ich habe die berühmteſten Lehrer der Kabbalah unſerer Zeit gehört, ich habe die vorzüglichſten Schriften derer — ſtudirt, die zu den Vätern gegangen ſind. Ich kenne die Wiſſenſchaft, die du ſo hoch hältſt; ſie kennen die meiſten Männer jenes Bundes, von welchem ich dir geſagt habe, und wir ſind alle über ihren Werth einverſtanden. Was iſt ſie weiter, als ein ſeltſames, abenteuerliches Gewand für das Licht der Wahrheit, künſtlich gewobene Schleier, um den Profanen abzuhalten, daß er nicht geblendet werde, ſich nicht verbrenne? Sie iſt der Vorhang vor dem Allerhei⸗ ligſten im Tempel, mit Abſicht ſo wunderbar gewirkt und geſtickt, daß nur ein Eingeweihter ihn lüften und hinein treten kann. Wohl denn, es mag eine Zeit gegeben haben, wo die Gelehrten unſres Volks, als dieſes ſelbſt im tiefſten Verfall war, für nöthig erachten mochten, eine myſtiſche Hülle um die große Wahrheit des Lebens, die Religion zu legen, damit die heiligen Brote des Tempels nicht Thoren und Aberwitzigen zum Spielwerk diene und das himmliſche Oel, beſtimmt die Könige des Geiſtes zu ſalben, nicht auf der Gaſſe verſchüttet oder in die Lampe des Blödſinnigen gegoſſen werde, einen Zaun um das Licht zu bauen, damit die Welt durch Unvor⸗ ſichtigkeit der Narren nicht in Brand gerathe. Alle — Religionen bedienten ſich dieſes Mittels, ſobald die Erleuchteten des Volks fürchteten, das Heilige möchte profaniſirt und Leichtſinn in göttlichen Dingen über⸗ hand nehmen. Ich will dich nur an die Myſterien der Aegypter und Griechen erinnern. So war auch die Kabbalah Mittel, die Flachheit und Seichtheit vom höhern Rufe zur Erkenntniß göttlicher Wahr⸗ heiten zurückzuhalten. Aber was iſt endlich daraus entſtanden? Die Kabbahliſten haben ſich allmählig mehr und mehr vom Volke der Juden abgeſchloſſen, und während ſie, die ſich die Lehnsträger des Gei⸗ ſtes und der Wahrheit wähnten, in leerem Formel⸗ weſen erſtarrten und zu wahnwitzigen Rechnern her— abſanken, verfiel das Volk, das aller verſtändigen Leitung entbehrte, in immer tiefere Dummheit. Magſt du auch die Kabbalah in ihrer urſprünglichen reinen Geſtalt aufgefaßt und dir angeeignet haben, was willſt du damit beim Volke? Wir ſind über das geheimnißvolle, verwickelte Formenweſen erha⸗ ben, und der Haufe verlangt eine einfache begreif⸗ liche Form. Es iſt ja ſchon erdrückt unter unpaſ⸗ ſenden Formen. Nimm ſie ihm ab, aber bürde ihm dafür keine neue auf. Belehre es über Gott, — 20— Glaube, Tugend, über die höchſten Intereſſen der Menſchheit, leuchte ihm mit der Fackel deiner jugend⸗ lichen Begeiſterung vor, und du wirſt es ſicher zu einem ſchönen Ziele führen. Werde deinem Volke ein zweiter Esra, gib ihm, wie dieſer, neue weiſe Geſetze, aber verſchone es mit den unverſtändigen, unbrauchbaren Acten. Sehnt ſich aber dein Herz, in den poetiſch dämmerigen Hainen heiliger Myſte⸗ rien zu wandeln, ich will dich einführen, wo deu⸗ tungsvolle Symbole zu dir reden, und du die myſti⸗ ſchen Gebräuche der Juden, Perſer und Aegypter vereint finden ſollſt, wo du die Weisheit des Men⸗ ſchen angedeutet findeſt in tiefſinnigen Zeichen.“ „Ich kenne nur einen Gott,“ ſagte Sabbathai mit höchſtem Stolze,„den Gott Iſraels, den Moſes verkündet und die Propheten, den David beſungen in hochherrlichen begeiſterungrauſchenden Pſalmen; ich kenne nur eine Weisheit, das iſt die ſeinige, eine gewaltige Sonne, die die Welt erleuchtet und erwärmt, die Mutter aller Dinge, deren Strahlen ſich brechen und aufgefangen werden in der Kabbalah, ihrem Spiegel. Und dieſen Spiegel allem Volke zu zeigen, das iſt mein heiligſter Veruf. Moſes, die Prophe⸗ — ten und alle frühern Lehrer der göttlichen Weisheit haben ſich in ihren Schriften oft uneigentlich aus⸗ gedrückt und deuten auf einen geheimen Sinn hin, den ſie unter ihre Worte gelegt haben. Dieſe Schrif⸗ ten gleichen einer verſcheierten Frau, die ihre hohe Schönheit nicht vor jedermann blosſtellt, ſondern von ihren Liebhabern ſtillſchweigend fordert und vorausſetzt, daß ſie ſich Mühe geben, ihren Schleier zu lüften. Eben ſo iſt auch über alle dieſe göttlichen Worte ein Schleier der Uneigentlichkeit gezogen, welcher auch mit dem größten Menſchenverſtande, der göttlichen Gnade, nicht gelüftet werden kann. Mir aber ward dieſe Gnade verliehen und mehr noch, was ſich in der Zeit offenbaren wird, und ich bin berufen, die göttliche Schönheit, die da verſchleiert war bis jetzt, dem armen bedrängten Iſrael zu ent⸗ hüllen. Es wird ein Tag erſcheinen, wo alle Weis⸗ heit der Kabbalah in jedes Haus dringen und es erleuchten wird, wie das Sonnenlicht; ja ich ſage dir, er wird kommen über Nacht, wie es der Pro⸗ phet geſagt hat in heiliger Vorſchau: die Weis ſagung wird gewiß noch erfüllt werden zu ſeiner Zeit, und wird endlich frei an den Tag kommen und nicht aus⸗ —— bleiben. Ob ſie aber auch verziehet, ſo harret ihrer doch; ſie wird gewißlich kommen und nicht ver⸗ ziehen.“ „Sprichſt du doch wie die alten Rabbinen,“ entgegnete Pechina ſpöttiſch lächelnd,„die den Meſſias in jeder Oſternacht erwarteten und ſeine Ankunft, freilich auf die verſchiedenſte Weiſe, aus⸗ rechneten bis zu Tag und Stunde.“ „Und warteſt du nicht auf des Meſſias Ankunft?“ fuhr Sabbathai empor. „Und warteſt Du auf ſie?“ war die ſcharfe Gegenfrage. „Ich bin gewiß, daß er kommen wird, der die Juden erlöſt vom Joche des Wahns und der Knecht⸗ ſchaft, der ſie reich und groß machen wird über alle Völker der Erde.“ „Das kannſt du glauben?“ fragte Pechina im Tone höchlicher Verwunderung. Dann ſetzte er kühl hinzu:„Führwahr, dann dauerſt du mich, und wir haben ferner nichts mehr miteinander zu reden. Wahrlich es gab Männer die eine große Meinung von dir hegten und die wünſchten, daß du dich auf die Höhe ihrer reinen Anſchauung erheben möchteſt, ₰ 3— um ganz zu ihnen zu gehören. Ich brauche dir nur Aaron de la Papa zu nennen. Um ihretwillen thut mir die Täuſchung leid.“ „Aaron de la Papa!“ rief Sabbathai eittiſtet. „Was hätte ich mit dieſem zu ſchaffen? Ich kenne ſeinen Unglauben. Hat er gewähnt, oder der Bund, zu dem er gehort und zu dem du dich ſelbſt beken⸗ neſt, mich am Gängelband zu leiten zu ſeinen got⸗ tesläſteriſchen Zwecken? Ihr irrt Euch. Ich ver⸗ abſcheue Euch. Ich werde meine Wege wandeln, wie ſie mir ein Höherer vorſchreibt und haſſe jede Bevormundung. Frei will ich meine Bahn gehen, und die Zeit wird enthüllen, was jetzt noch dunkel iſt. Geh' und ſage das denen, die dich ſchickten.“ und das ſchöne Haupt in den Nacken werfend, wandte er ſich und ſchritt über den vom Than befeuchteten Raſen des Gartens, bis er hinter den Kachtumhüllten Gebüſchen verſchwand. Nicht vergebens hatte der Chacham Halevi in dem Geſicht ſeiner ehemaligen Schülerin geforſcht; er hatte ja von früh auf dies offne freundliche Weſen in ſeiner Entwicklung belauſcht, er kannte das reine Gemüth, das in dieſer edlen Form ſich barg und wußte, daß Freude und Schmerz ſich gleich ſcharf in Thamars Zügen ausprägten.— Bald beſchlich ihn eine Ahnung, es möge zwiſchen den Neuvermälten nicht Alles ſein, wie es ſollte; er hatte deshalb ein bevbachtendes Auge auf die junge Frau gerichtet, und ihr geheimer Kummer entging ihm nicht. Der Wahn, als rühre Thamars Trübſinn von Rahels Unglück her, mußte bald verſchwinden, da die Letztere auf dem Wege der Geneſung war, und Thamar ihr keineswegs mehr die frühere innige Anhänglichkeit zeigte. Der ſchlaue Rabbi vermuthete, der Grund jenes geheimen Grams müſſe in den ehelichen Verhältniſſen ſeiner Schüterin liegen, und ſeine Seele begann mit einiger Freude zu ahnen, die Gelegenheit ſich ſeines ſtillgenährten Rachegefühls zu entäußern, möchte ſich mit umſichtiger Benutzung der Umſtände bald aus Thamars geheimen Leiden herausſpinnen laſſen. Vor allem mußte er auszu⸗ forſchen ſuchen, welches der Grund jener Leiden ſei, und dies war nicht leicht, indem Thamar ſie, wie ihm keines Wegs entging, jedem Auge zu verbergen II. 3 3—— trachtete. Des alten Roſanes Thätigkeit war wie⸗ der ganz auf den vielfach verſchlungenen Knäul ſei⸗ ner Geſchäfte gerichtet, er hatte kein Auge für das ſchmerzliche Lächeln ſeines geliebten Kindes, wenn es ihm wie ſonſt, entgegen kam, er ſah die verwein⸗ ten Augen nicht, die die Sanfte vor ihm zu Boden ſchlug, er ſchrieb ihre Bläſſe ihrem neuen Verhältniß zu, und wenn er ſie fragte:„Wie iſt dir, Thamar?“ und ſie antwortete mit abgewandtem Geſicht:„Wohl, mein Vater,“ ſo war er zufrieden, und glaubte ſie glücklich im Beſitze des Mannes ihrer Wahl. Halevi fürchtete, Thamar werde ihrem Vater ſtandhaft jede Mittheilung verweigern, ihn in der Täuſchung zu erhalten ſuchen und lieber dem Schmerze erliegen, als mit einem freien Bekenntniß hervortreten und den Mann anklagen, dem ſie ſich gegen den Willen ihres Vaters zu eigen gegeben hatte; er hielt es alſo für unangemeſſen, Roſanes Aufmerkſamkeit auf Thamars veinlichen Zuſtand zu lenken; an Mihurmah durfte er ſich nicht wagen, wohl wiſſend, daß ſie nicht ſeine Freundin war, und doch hatte der Gegenſtand ſeiner Nachforſchun⸗ gen keinen Umgang weiter. In dieſer Verlegen⸗ heit wandte ſich der beſorgte Rabbi an eine der ver⸗ heiratheten Schweſtern Thamars, Namens Zipora, welche ebenfalls ſeine Schülerin geweſen war. Der Mann derſelben, Juda Saphra war meiſt auf groſ⸗ ſen Handelsreiſen nach Syrien, Paläſtina und Aegypten begriffen, und ſo wurde das Hausweſen allein von Zipora geführt. Dieſer Umſtand hatte ihrem ohnedies feſten Charakter etwas Männliches, Herriſches verliehen. Die Schätze ihres Vaters hatten ihr von früh ſchon ein tüchtiges Selbſtver⸗ trauen, ein ſtolzes Selbſtbewußtſein eingeflößt. Sie war es auch, die bei Thamars Vermählung Mutter⸗ ſtelle bei derſelben verſehen hatte, und wirklich kamen ihr, die den ſchwächlichen Spätling, deſſen Geburt der Mutter letzte Lebenskraft aufgezehrt, gewartet und mit liebender Sorgfalt auferzogen hatte, gewiſſe Mutterrechte über die jüngſte Schweſter zu. Auch Zipora war mit Thamars Wahl nicht zufrieden geweſen; was durfte ſie aber dagegen einwenden, da der Vater, der ſich von Niemand Vorſchriften machen ließ, ſeine Einwilligung gegeben? Halevi machte Frau Zipora einen Beſuch und leitete die Unterhaltung auf Thamar.„Sie iſt 3* krank, die Arme,“ ſagte er bedauernd,„und ihr Alle ſeht es nicht; ein arges, faſt fürcht' ich tödtli⸗ ches Gift frißt an ihrem Herzen, ſie verzehrt ſich von Tag zu Tag mehr, und meine Liebe zu ihr, der ich mich nimmer abthun kann, hat entdeckt, wie ſehr ſie leidet, obgleich ihr Mund ſtumm iſt.“ „Krank?“ fragte Zipora mit Beſorgniß.„Ihr könnt recht haben, Chacham. Ich ſah ſie geſtern und ihre bleiche verwandelte Geſtalt fiel mir auf; ſie war einſylbig und theilnahmlos. Doch glaubte ich, der Herr habe ihren Schvos geſegnet, und die befruchtende Hand Gottes, die ſie berührt, ſolche Verwandlung hervorgerufen.“ „Entquellen dem jungen Weibe, das ſolche Hoffnungen hegt, auch Thränen auf Thränen, deren ſalziges Waſſer die ſchönſten Augen trübt? Glaub' ich doch faſt, ſie weint Nacht für Nacht. Mir will bedünken, als ſei es der böſe Geiſt Aſchmedai, der am erſten Tage der Hochzeit ſchon eingekehrt in dies Haus.“ „Nimmermehr! Wie liebt ſie Sabbathai und mit welcher hohen Glut wird ſie von ihm geliebt!“ „Und doch hat man von einer Nachtwandlerin —— gehört, die er in Mondnächten an der Meeresküſte begleitete und aus den Händen eines türkiſchen Aga befreiete, in deſſen Gefangenſchaft ſie gerathen war; doch hat jene Rahel— wie jetzt allgemein verlau⸗ tet, Sabbathais leidenſchaftlichſte Verehrerin— in der Hochzeitnacht einen lebensgefährlichen Fall von einem Felſen gethan, nachtwandelnd ſagte man; wer kann es beſchwören? Und Sabbathai, ſo ſagt ein dunkles Gerücht, ſoll dabei geweſen ſein. War er in jener Nacht nicht in der Brautkammer im Kiosk des Berggartens? Wer weiß, was darunter verborgen liegt? Das Ausſehen deiner Schweſter ſagt nichts Gutes.“ „Ihr ängſtiget mich, ehrwürdiger Chacham. Gebt mir auch Rath, was ſoll ich thun, um Tha⸗ mar zu helfen?“ „Suche ihr zuerſt vorſichtig ihr unſeliges Geheimniß abzugewinnen. Sind wir in deſſen Beſitz, läßt ſich handeln.“ Zipora begab ſich, ſobald es Abend geworden war, in ihres Vaters Haus. Sie fand weder Sab⸗ bathai noch Thamar oder Mihurmah gegenwärtig. Eine Dienerin ſagte ihr, daß die Letztere mit meh⸗ — 35— ren Frauen und Jungfrauen eine Luſtfahrt nach der Inſel unternommen, Thamar ſich aber ſtandhaft geweigert, dies Vergnügen zu theilen und ohnlängſt allein in den Berggarten gegangen ſei. Zipora er⸗ griff dieſe Gelegenheit begierig, um die Schweſter allein zu ſprechen und auszuforſchen. Sie wanderte aus der Stadt, die grüne Höhe hinan. Unhörbaren Schritts war ihr die Nacht vorangeeilt, und hatte die üppige Pracht des Bergreviers in dunkle ſchüz⸗ zende Hüllen gelegt. Als ſie durch die Orangengänge des Gartens ſchritt, vernahm ſie Harfentöne, und ließ ſich von denſelben zu einer Laube leiten, in wel⸗ cher Thamar allein ſaß, das ſchöne Haupt ſchwer⸗ müthig geſenkt, die Hand den Saiten ſchmerz⸗ liche Töne entlockend. Zipora ſtand lauſchend und vernahm die Seufzer der Schweſter, die wie düſtere Fragzeichen ſich an die Saitenklänge reiheten. Doch bald wurde der Schmerz der ſich einſam Wähnenden zu Worten; ſie mochte die Laſt des ſelben nicht ſtumm ertragen können. Es war nicht Rede, es war nicht Geſang, es war ein blutiges Weinen, in Worten ausgegoſſen, das unter dem Rauſchen herzzerſchneiden⸗ der Accorde aus der leidenbedrängten Bruſt hervorbrach. — „Wehe mir!“ ſo lauteten die Worte,„wehe mir, der unglücklichſten der Töchter Iſraels! Wenn Raphael, der heilige Fürſt der Racht, der mächtige Bruder und Beſchützer Kasriels, des Fürſten der Liebe, ſeine Voten ausſendet, die Engel der ſüßen Sehnſucht und des brünſtigen Verlangens, damit ſie dem Schiffer auf dem Meere, dem Jäger im Ge⸗ birge, dem Kameeltreiber auf mühevollem Wege ins Ohr flüſtern, es ſei nun Zeit heimzukehren, zum heimiſchen Heerde, in die wirthlichen Arme der liebenden Gattin, es harre ein weicher Mund ſeines heißen Kuſſes, eine ſorgende Hand habe ihm das erquickliche Mahl bereitet, eine ſchwellende Bruſt warte ſchon, das Ruhekiſſen ſeines theuern Hauptes zu ſein; dann ſendet derſelbe Engelfürſt meinem Gatten einen ſchwarzen Dämon, deſſen Namen ich nicht kenne, der ihn aber aus dem heimiſchen Hauſe peitſcht, bevor Raphael darin einzieht und mir den Geliebten verjagt von der Stätte, die ihm die Liebe ausgeſchmückt, von dem Bette, das ihm Zärtlichkeit mit duftenden Oelen begoſſen. O Fürſt der Racht, Andern ſo milde, mir ſo herbe, Andrer Freund, mein grimmiger Feind, womit hab' ich dich erzürnt, — 40— daß du den Mann meiner Seele mir ſtets entführſt, und ich die ſehnſüchtigen Arme ausbreite, ſtatt ſei⸗ ner, deine Schatten an mein wallendes Herz zu drücken? Rühren dich nicht die Thränen, womit ich während deiner Herrſchaft auf Erden mein einſa⸗ mes Lager bethaue? Du breiteſt deinen Mantel aus, und ſendeſt Kasriel, Sanſaniel und Azmiel, die Engel der Liebe, des Friedens und der Ruhe, um treue Herzen, die zuſammen liegen, damit zu decken; und die Boten lehren ihnen ſüßrauſchende Küſſe als Schlaflied, womit ſie ſich einſingen. Dann ſteigen ſechsmal zehntauſend Engel der Schläfer herab, an ihrem Bette zu wachen und die böſen Geiſter abzu⸗ wehren, die ſich herzudrängen, den Schlummernden zu ſchaden. Nur an mein ſchmerzenheißes Lager ſendeſt du keinen der drei Botenfürſten, an mein Bett tritt keiner aus den Engelſchaaren, zu mir neigt ſich Garſiel, der Schmerzensfürſt, und übergießt mich mit Thränenwaſſer. O milder Nachtfürſt, ſei auch mir mild; du tränkſt ja alle Blumen mit kühlem Thau, vo ſo erquicke auch mein von der Sonne des Schmerzes heißgequältes Herz mit deiner Labe; ſende mir Azmiel, den holden Ruheboten, daß er — mich berühre mit den äuſſerſten Fingerſpitzen ſeiner beſänftigenden Hand, und der ſäuſelnde Hauch ſei⸗ nes Odems mich einſchläfre! Wenn du aber meinen Geliebten auf einſamen Pfaden wandeln ſiehſt, ſo verſcheuche den Teufel, der ihn verfolgt, führe ihm meine Seufzer auf deinen Schwingen, den lauen Nachtlüften, zu, und ſag' es ihm, daß ich ſeiner mit Sehnſucht harre, ſag' ihm, daß ich ihn unaus⸗ ſprechlich liebe, daß ſein ſeufzendes Weib nur einen Sinn, einen Gedanken hegt, ihn mit Liebe zu beglücken. Nimm das Lied, gütiger Engelfürſt, das ich dir auf die Flügel lege, und führe es mit Blumendüften vermiſcht, meinem Geliebten zu.“ Und ſtärker in die Saiten greifend, erhob ſie jetzt die melodiſche Stimme zum wahren Geſang, aber ſie ſchmetterte ſo ſchmerz⸗ lich prächtig, ſo glänzend blutig roth gefärbt, die Töne ſprangen, wie herrlich geputzte Kinder, die der Moloch im Arm hält, aus der zerriſſenen Bruſt, es war ein köſtlicher Geſang, aber er klang, wie ein Schwanenlied der Verzweiflung. Und ſie ſang des königlichen Salomons Worte: „Auf meinem Lager Nachts ſucht' ich, den meine Seele liebt, ich ſucht' ihn, aber fand ihn nicht. Ich will doch aufſtehen und umhergehen in der Stadt, auf den Gaſſen und Märkten, ſuchen, den meine Seele liebt. Ich ſucht' ihn, aber fand ihn nicht. Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen. Habt ihr geſehen, den meine Seele liebt? . Ich ſchlief, aber mein Herz wachte. Die Stimme meines Freundes, welcher anklopfet! Thue mir auf, meine Schweſter, meine Freun⸗ din, meine Taube, meine Reine! Denn mein Haupt iſt voll Thaues und meine Locken voll Tropfen der Nacht. Ich habe meinen Rock ausgezogen: wie ſollt' ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaſchen: wie ſollt' ich ſie wieder beſudeln? 1 Mein Freund ſteckte ſeine Hand durchs Fenſter, und mein Herz wallete ihm entgegen. 3 Ich ſtand auf, meinem Freunde aufzuthun; meine Hände troffen von Myrrhen und meine Finger von flieſſender Myrrhe am Handgriff des Thürringes. 3 Ich that auf meinem Freunde; aber mein Freund 3 war fortgegangen, entwichen. „— Ich war nicht bei Sinnen, da er mit mir ſprach. Ich ſucht' ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief ihn, aber er antwortete mir nicht. Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umgehen, die ſchlugen mich, verwundeten mich; es nahmen mir meinen Mantel die Hüter der Mauern. Ich beſchwör' euch, ihr Töchter Jeruſalems: wenn ihr meinen Freund findet—— was ſollt ihr ihm ſagen? Daß ich vor Liebe krank bin. Was hat dein Freund voraus vor einem andern Freunde, Schönſte der Frauen? Was hat dein Freund voraus vor einem andern Freunde, daß du uns ſo beſchwöreſt? Mein Freund iſt weiß und roth, hervorglänzend vor Tauſenden; ſein Haupt das feinſte Gold, ſeine Locken ſchwankende Palmzweige, ſchwarz, wie der Rabe; ſeine Augen wie Tauben an Waſſerbächen, in Milch gebadet, in Fülle wohnend; ſeine Wangen, wie Balſam⸗Spaliere, wie Würz⸗Geländer; ſeine Lip⸗ pen Lilien, träufelnd von flüſſiger Myrrhe; ſeine Hände wie goldne Ringe, beſetzt mit Chryſolith; ſein Leib ein Kunſtwerk von Elfenbein, bedeckt mit Sapphiren; ſeine Schenkel Marmorſäulen, ruhend auf Geſtellen von Gold; ſeine Geſtalt, wie der Liba⸗ non, ein Jüngling, wie Cedern; ſein Gaumen Süßig⸗ keit, ſein ganzes Weſen Lieblichkeit: das iſt mein Geliebter, das mein Freund, Töchter Iſraels. O halte mich, wie ein Siegel an deinem Her⸗ zen, wie ein Siegel an deinem Arme! Denn ſtärker, wie der Tod, iſt die Liebe, feſt wie die Unterwelt ihr Eifer; ihre Gluthen Feuergluthen, Gottesflamme. Große Waſſer vermögen nicht zu löſchen die Liebe, und Ströme fluthen ſie nicht hinweg.“ Ihre Worte erſtickten zuletzt ſelbſt in einem Thränenſtrom, und laut jammernd, von einem tödt⸗ lichen Schmerze ergriffen, neigte ſie, wie eine ſchnell welkende Blume, ihr ſchönes Haupt auf die Harfe. Zipora trat in das Baumzelt und ergriff die Schwermüthige mit den Worten bei der Hand: „Beim Haupte unſres Vaters, Thamar, entdecke mir Alles, was dein Herz drückt; ich habe deine Klage vernommen. Ich bin zwanzig Jahre älter als du, ich könnte deine Mutter ſein, und wahrlich, ich bin dir mehr als Schweſter geweſen. Hab' ich dich nicht auferzogen, wie mein eigenes Kind, hab' ich dich mit meiner Liebe nicht umgeben, wie mit — Purpurhüllen? Bin ich nicht deine Mutter gewor⸗ den? Wohlan denn, ſo lege dein Tochter-Schwe⸗ ſterherz an mein Mutter⸗Schweſterherz, und enthülle mir all deinen Gram, wie du ihn jetzt dem Engel⸗ fürſten Raphael geklagt.“ Aber nichts als ein troſtloſes Weinen war Tha⸗ mar's Antwort. „Mein Leben,“ redete Zipora ſanft, die Unglück⸗ liche an ſich ziehend,„erleichtere die ſchwer belaſtete Bruſt. Mir will es bedünken, als ſei Mihurmah nicht mehr ſo deine Freundin, wie erſt, eh' du wein⸗ teſt. Nun da du der Freundſchaft mehr bedarfſt, denn je, verlaſſen ſie dich Alle, meine arme Taube, und du zuckſt allein in Todesqual. Komm, ich will einſtehen für Alle, wie ich ſonſt gethan, als du noch ein Kind warſt. Vertraue dich mir.“ Thamar weinte nur noch heftiger, doch ſchlang ſie den Arm um den Hals der Schweſter und preßte ihr Haupt an die Bruſt derſelben. „Ja, ſuche nur immer hier einen Zufluchtsort; hier iſt deine Stätte. Oeffne deinen Mund und entdecke mir Alles. Nicht wahr, du biſt bis jetzt nur Sabbathai Zewi's Gattin vor den Menſchen, nicht vor dem Angeſicht unſres hochgelobten Gottes?“ „So iſt's!“ ſchluchzte Thamar.„Doch verſprich mir, ihn nicht anzuklagen.“ „Und was verſcheucht ihn von deinem Lager?“ „Ich weiß es nicht. Ich lieb' ihn zu ſehr, um ihn mit dem leiſeſten Vorwurfe zu kränken, ich habe nicht den Muth, ihn zu fragen; nicht einmal meine Thränen darf er ſehen. Ich weine nur, wenn er fort iſt.“ „Und geht er jede Nacht?“ „Jede!— Doch ſollſt du ihn nicht anklagen, hörſt du, Zipora.“ „Und was treibt er am Tage?“ „Er ſtudirt unabläſſig in ſeinen Büchern, und oft iſt mir's, als halte er Zwiegeſpräche mit Gei⸗ ſtern; ich höre ihn heftige unverſtändliche Worte ausſtoßen, und mein Herz befällt Furcht und Grauen.“ „Arme Taube, welch ein Lvos iſt dir gefallen! Weiß Mihurmah um dein Geheimniß?“ „Sie weiß darum ſeit der erſten Hochzeitnacht.“ „Und wie benimmt ſie ſich?“ — „Sie tröſtet mich ſtets und gibt mir ſchöne Hoffnung, Sabbathai's Sinn werde ſich ändern.“ „Und ſo vergingen ſchon faſt drei Monden? Hat Mihurmah nichts über Sabbathai vermocht? Sie iſt doch ſeine Freundin?“ „Ich fragte ſie nicht darum. Meine Liebe war eine zarte Pflanze, die wie ein Geheimniß im wohl⸗ verwahrten Gärtlein meines Herzens blühete. Mit jedem Worte, das wie ein frecher Eindringling ver⸗ wüſtend in mein Herz fährt, welkt die Blume und zittert ſchmerzlich. Solche rauhe Hände taugen nicht für ſie. Ich kann mit Mihurmah nicht von meinem Liehesſchmerz reden; es ſchnürt mir die Kehle zu; es geht eine zitternde Empörung durch mein ganzes Weſen.“ „Daran erkenn ich dich!“ küßte Zipora die zarte Schweſter auf die Stirn.„Düſtre Ahnungen ſteigen in mir auf. Mihurmah— ich mag den Gedanken nicht ausdenken. Genug Aſchmedai, der böſe Geiſt waltet in deinem Hauſe, und der Engel Raphael iſt dir nicht ſo günſtig, wie dem jungen Tobias, ſonſt hätte er den Geiſt gebunden und in die Wüſte gebracht. Wir müſſen uns ſelbſt helfen. Sei getroſt und vertraue mir.“ Da hörten ſie Mihurmah's Stimme im Garten und gingen hinaus, ſie zu empfangen. Mihurmah trat am andern Morgen in fiebriſcher Aufregung in das unſcheinbare Haus Mardochai Zewi's, des Mäklers, um Jeruſa, Sabbathais Schweſter, zu beſuchen, die ihr ſo eben hatte ſagen laſſen, daß ſie krank darnieder liege. Als ſie die Thüre des Gemachs öffnete, ſah ſie Sabbathai am Bette des Mädchens ſtehen und ihr die Hände auf⸗ legen; zu Füßen des Polſters ſaß die blinde Hannah. „Ha, es iſt gut, daß ich dich finde, Sabbathai!“ ſagte die Eintretende mit beklommener Haſt. Der Jüngling bedeutete ſie mit der Hand zu ſchweigen, indem er auf Jeruſa zeigte, die eben, von der Berührung ſeiner Hände beſänftigt, einge⸗ ſchlummert zu ſein ſchien. Das Kind lag bleich und abgemagert ausgeſtreckt, ein wahres Bild des Todes. Eine leichte lächelnde Verklärung ſchwebte über dem in ihren Zügen ausgeprägten Schmerze. Mihurmah betrachtete ſie einen Augenblick voll Verwunderung. „Iſt ſie ſehr krank?“ fragte ſie dann leiſe. Sabbathai nickte wehmüthig. Da ſprach Hannah: „Sie wird nicht ſterben, ſondern noch weit geſün⸗ der werden, als erſt, wenn auch nicht an Leib. Ich ſeh ſie von der Schechina umfloſſen, heilige Worte redend, die ich noch nicht verſtehe. Mir iſt als wäre ſie eine Prieſterin geworden, eine Prophetin, wie Deborah.“ Dergleichen ſeltſame und unerklärliche Aeußerun⸗ gen waren die beiden Hörer ſchon an der Blinden gewohnt, und die zuletzt geſprochenen fielen ihnen deshalb nicht auf. „Haſt du mit mir zu reden,“ flüſterte Sabba⸗ thai Mihurmah zu,„ſo folge mir in das Hinter⸗ haus, dort ſtören wir nicht und werden nicht geſtört.“ Sie gingen; in dem kleinen Zimmer, worin Mihurmah zuerſt gewohnt, und an welches ſie tau⸗ ſend ſchöne Erinnerungen feſſelten, ließ der junge Chacham ſeine Augen mit ſchwermüthiger Zärtlich⸗ keit auf dem ſchönen Mädchen haften, und ſagte H. 4 — dann mit bewegter Stimme:„Sprich, was willſt du von mir?“ „Chacham,“ verſetzte ſie ehrerbietig,„haſt du ſeit geſtern Abend ein Wort mit Thamar oder ihrem Vater gewechſelt?“ „Nein! Und weshalb?“ „Rabbi, verzeihe, wenn ich zu dir zu reden wage, was ſich nicht für mich ſchickt. Die hohe Ehrfurcht vor dir hat mir bis jetzt den Mund geſchloſſen, aber die Angſt, daß dir Unangenehmes begegnen möchte, preßt mir heraus, was mir die Seele belaſtet.“ „So rede nur, ich weiß ſchon was du willſt.“ „Und wenn du es weißt, hoher Herr, ſo ſage mir nur das Eine: Liebſt du Thamar nicht, die Liebenswürdigſte ihres Geſchlechts?“ „Ich liebe ſie.“ „Wie? Und noch haſt du ihr Lager nicht berührt?“ „Welchen Glauben haſt du von meiner Beſtim⸗ mung auf Erden?“ „Kennſt du ihn nicht?“ gegenfragte Mihurmah verwundert.„Ich fühle ſtets die Wonneſchauer ſeliger Gewißheit, daß du die Krone des Meſſias tragen wirſt, meine Seele durchzittern.“ „Und meinſt du, daß der Meſſias dem Looſe der gemeinen Menſchheit verfallen ſoll? Was hätte er vor dem Knechte roher Sinnlichkeit voraus, wenn ihn des Blutes raſcherer Pulsſchlag beherrſchte? Wo irdiſche Flammen brennen, von groben Stoffen ſich nährend, da kann der Gottheit reines Feuer nicht gedeihen. Der Engel meiner Geburt iſt, wie ich dir ſchon früher vertrauensvoll enthüllt, der oberſten und reinſten Welt Azilah entſprungen; er iſt ganz Lichtgedanke, unmittelbare Ausſtrömung aus Enſoph, dem urheiligen Lichtquell Gott. Und keiner der auf Erden wandelt, hat außer mir einen azilalitſchen Genius. Darum auch bin ich der, welcher ich bin, und wofür du mich hältſt. Aber nimmer wird mein Engel dulden, daß die trüben und ſchweren Stoffe dieſer untern aſſiatiſchen Welt meiner Meiſter wer⸗ den. Vielmehr drängt mich mein Genius, mich der irdiſchen Dinge mehr und mehr zu entſchlagen, um mir dafür von ſeines Weſens Klarheit mitzutheilen⸗ Darum muß ich mich auch des Weibes enthalten, zu der mich nichts zieht, als irdiſche Liebe und Sinn⸗ 4½ —— lichkeit, damit ich immer mehr Pforten des Ver⸗ ſtandes und Wege der Weisheit erſtrebe; denn mir liegt ob, weiter zu dringen, als David und Moſes.“ „Was du ſagſt, Rabbi, iſt Wahrheit und Licht; denn du biſt der Weisheit hoher Meiſter. Laß mich nur beſcheiden fragen, wie ſoll es werden mit der Erfüllung der Weiſſagungen unſrer Propheten und der Berechnungen der Väter, die ſie uns in Schrift und Wort hinterlaſſen, daß des Meſſias Saamen herrſchen ſoll über das befreiete und beglückte Iſrael bis ans Ende der Zeiten, wenn du einſt ohne Nach⸗ kommenſchaft erhoben wirſt, wie Eliah, ſtatt ſeiner der Fürſt des Angeſichts und der göttlichen Herr⸗ lichkeit zu werden? Auch ſagt der Rabbi Elias Biſchitzy in ſeinem Buche Aſſarah Mamaroth, welches die Karäer gar hochachten, und in welchem ich in Rabbi Jvel Jemſels Hauſe in Gaza oft und viel geleſen: Du mußt wiſſen, daß der König Meſſias aus dem Hauſe David's ſein wird, ein Menſch, wie Andre. Er wird weder etwas zu dem geſchriebenen Geſetz hinzugeben, noch etwas davon wegnehmen. Auch wird er weder in der Schöpfung, noch in dem gewöhnlichen Naturlaufe das mindeſte ändern. Es iſt nicht nöthig, daß der Meſſias ſich durch Wunder oder Lebendigmachung der Todten auszeichne oder ankündige. Nur wird er die Zerſtreueten Iſtaels ſammeln, den Krieg Gottes führen, alle Völker umher beſiegen, den heiligen Tempel auf ſeiner vori⸗ gen Stelle erbauen, ſich mit Erfüllung der göttlichen Gebote, gleich ſeinem Stammvater David, beſchäf⸗ tigen, und ganz Iſrael zwingen, nach den Befehlen und Vorſchriften des Geſetzes zu wandeln.— Ich halte dies Alles für Wahrheit, was dieſer erleuchtete Chacham geſchrieben. Freilich biſt du höher, als er. Wenn du aber den gewöhnlichen Lauf der Natur nicht ändern, nicht Wunder thun willſt, wie kannſt du Nachkommen erzielen für den Thron Iſraels, den du erbauen wirſt, ſo du dich jeder irdiſchen Liebe enthältſt?“ „Gewiß,“ verſetzte Sabbathai,„werde ich einſt der Liebe eines Weibes mich erfreuen, und mit ihr Kinder erzielen, wie ein andrer Menſch. Aber ſie muß die mir vom Anfang Beſtimmte und Auser⸗ wählte ſein, die mir mein Genius bezeichnen wird. Und nur auf ſeinen Ruf werde ich ihrer ganz theil⸗ haftig ſein.“ —— „Und hältſt du Thamar nicht für die Auser⸗ wählte?“ „Nein; ſie iſt es nicht. Ich darf ſie nicht berühren. Mein Engel hat es mir verboten“ „Aber ſie iſt doch deine Gemahlin, Chacham.“ „Immerhin mag ſie es vor den Menſchen ſein.“ „Rabbi, ſie liebt dich und grämt ſich über deine Kälte.“ „Lieb' ich ſie nicht auch? Verlangt ſie nur Befrie⸗ digung ſinnlicher Triebe, wehe ihr dann! Mir würde vor ihr ſchaudern. Es gibt Höheres in mir, was ſie lieben ſoll, als das Geſchlecht. Aber ach! ſie glaubt ja nicht an meine göttliche Sendung; ſie hält mich ja nur für einen Mann, wie alle.“ Der Schmerz erſtickte ſeine Stimme. „Rabbi,“ ſagte Mihurmah gerührt und befan⸗ gen,„ich fürchte, du wirſt einen harten Auftritt mit dem alten Roſanes haben. Er hat dieſen Mor⸗ gen ſchon nach dir ausgeſchickt. Zweifelsohne iſt er mit deinem Verhältniß zu Thamar bekannt. Geſtern Abend fand ich Zipora bei Thamar, und ein einziger Blick auf ſie beim Schein des Lichts verrieth mir, wovon die Rede geweſen war. Das heftige Ver⸗ —— langen des Greiſes nach dir heute morgen mich in meinem Glauben.“ „Ha, ſo hat ſie mit frecher Hand den Schleier vom zarteſten Geheimniß geriſſen, den ein Weib auch nie nur lüften ſollte! Weh mir, ſo iſt ſie eine der widrigſten Gemeinheit Verfallene! Die Roſe des keuſchen Geheimniſſes liegt zerblättert und zerriſſen zu meinen Füßen. Thamar hat mich ihrem Vater verrathen und ſich dadurch jedes Theils an mir ver⸗ luſtig gemacht.“ „O Chacham!“ ſeufzte Mihurmah tief aus beklommener Bruſt,„wenn es mir möglich wäre zu glauben, daß du irren könnteſt, ſo würde ich ſagen, du irrſt dich in Thamar. Aber ich weiß nicht, was ich thun und ſagen ſoll. Sie iſt gut und edel; ſie verdient deine Liebe. Doch will mich wohl bedün⸗ ken, ſie paſſe nicht zu dir, und ich werfe mir es bitter vor, daß ich ſie dir in die Arme legte. Du haſt die höchſte Einſicht und biſt mein Meiſter und Herr, ich bin nur deine ſchwache und irrende Magd. Nur die eine Vitte höre von mir: Schone Thamar!“ Sabbathai's Mutter, Salome, trat in das Zim⸗ mer und berichtete, es ſei ſo eben ein Bote aus —— Roſanes Hauſe da geweſen, um Sabbathai dringend ſchnell in das Haus ſeines Schwiegervaters zu laden, der höchſt Nöthiges mit ihm zu ſprechen habe. „Ich weiß ſchon davon,“ verſetzte der Chacham ernſt und ging mit Mihurmah wieder hinab. Jeruſa ſchlief noch. Doch kaum waren die Bei⸗ den eingetreten, als die Kranke, ohne die Augen zu öffnen, langſamer, lauter und deutlicher, als ſie ſonſt wohl zu reden pflegte, und mit Feierlichkeit ſprach: „Sie wollen dich überreden, dir ſelber untreu zu werden; bleibe ſtandhaft, Sabbathai. Zerbrich die Feſſeln, laß dir keine neue anlegen. Sie kennen dich nicht und haben dich in gemeinem böſen Ver⸗ dacht.“ „Wen meinſt du?“ fragte Sabbathai verwundert. „Wen anders als die, von denen du eben mit Mihurmah ſprachſt und zu denen du auf ihren Ruf jetzt gehen wirſt.“ „Haſt du gehört, was ich mit Mihurmah geſpro⸗ chen?“ fragte Sabbathai noch erſtaunter. „War ich doch dabei. Aber auch in Roſanes Hauſe war ich jetzt und hörte, was Zipora zu ihrem Vater ſagte, als der Bote, der dich vorhin hier — 65— ſuchte, ankam und berichtete, wie ihm Hannah in Unſchuld geſagt, du ſeieſt mit Mihurmah allein im Hinterhauſe. Sie wolien dir Schlingen legen. Hüte dich!“ „Welch ein hohes Wunder!“ rief Sabbathai mit dem glühenden Erſtaunen der Begeiſterung. „Sie glauben dort nicht an deinen göttlichen Beruf auf Erden. Nur Mihurmah glaubt und Rahel, Hannah und Eliah. Die andern ſind die Sproſſen der Leiter, auf welcher du zum Königthum der Welt emporſteigſt. Aber frei mußt du ſein und meiner Liebe wieder ganz angehören. Sie ſind die Hoffärthigen und Hohen, von welchen du los ſein mußt und darfſt nicht liegen in ihren Banden. Durch dich ſoll der Herr ſie demüthigen nach des Propheten Wort. Ich aber werde dir die Stufen fegen, wenn du auf den heiligen Berg ſteigſt, das Haus Jakob's wieder zu erbauen. Darum mache dich los von denen, die wider dich ſind, und halte dich zu denen, die für dich ſind. So ſpricht der Herr aus meinem Munde.“ „Hört! hört die Stimme der Prophetin, die — Stimme in der Wüſte!“ rief die blinde Hannah jetzt in heiliger Verzückung. „Ich ſehe ſie dem voranwandeln, der der Er⸗ korne iſt, über Israel zu herrſchen und Juda zu beglücken für ewige Zeit. Jeruſa und Mihurmah, das ſind die zwei Zweige der Oelbäume, die da ſtanden an den zwei Schneuzen des goldenen Leuch⸗ ters, wie ſie Sacharja ſah, und von denen der En⸗ gel ſprach: Es ſind die zwei Oelkinder, welche ſtehen bei dem Herrſcher des ganzen Landes. Du aber, Herr, biſt der Leuchter und Herrſcher!“ „Herr Gott meiner Väter, du umwebeſt mich mit deinen heiligen Wundern!“ rief Sabbathai mit gefalteten Händen und frommem, zum Himmel gewandten Auge,„du ſendeſt mir durch den Mund der Schwachen und Blinden die Boten deines Wor⸗ tes, auf daß ich nicht zweifle, ſondern mehr und mehr erkenne, wozu du mich auf Erden berufen haſt. So lege deine höchſte Weisheit in meinen Mund, daß ich belehre, die dich lieben, ſo lege das Schwert in meine Hand, daß ich ſchlage, die dich haſſen, und dann gib mir David's Scepter, vaß ich dein Volk groß mache vor dir, zu deiner Ehre und Herrlichkeit.“ „Amen!“ ſprachen die Schlafende und Blinde wie eine Stimme. Mihurmah aber war von den Schauern göttlicher Gefühle ergriffen, auf die Knier geſunken und küßte den Saum des Kaftans. Er preitete die Hände über die drei Mädchen aus und ſegnete ſie. Dann wandelte er, ernſt und ſchwei⸗ gend, voll tief empfundener Kraft und Würde ſei⸗ nes Berufs und mit großen Vorſätzen beſchäftigt, hinaus, dem hohen, prächtigen Hauſe des alten David Roſanes zu. Der bekümmerte Greis ſaß in ſeinem reichen Lehnſtuhle, das Haupt ſinnend in die Hand geſtützt, die von den herabwallenden weißen Locken verhüllt war. Sein großes Auge ruhete ernſt auf dem her⸗ eintretenden Sabbathai. „Ihr habt nach mir verlangt,“ war des Letz⸗ teren kalte Anrede. „Junger Mann, ein Greis ſitzt vor Urh begann Roſanes feierlich,„der über viele Schätze —— zu gebieten hat, dir aber den größten Schatz ſei⸗ nes Hauſes in die Hand gab, ein Kleinod, mehr werth als alles Gold und Edelgeſtein in Smyrna, ein unſchätzbares Gut; und der Greis fragt dich ietzt: wie haſt du bis dieſen Tag mit dem dir anvertrauten Schatze verfahren, wie haſt du das Gut verwaltet, das ich in deine Hand gelegt?“ „Seltſame Rede!“ entgegnete Sabbathai fin⸗ ſter,„ich habe Euern Schatz weder verſchlemmt noch verſchenkt; er iſt noch ganz zu haben und unver⸗ letzt, und Euer Antheil daran noch eben ſo groß, wie ſonſt.“ „So kann mir nur Liebloſigkeit gegen meine Thamar antworten. Und ſo iſt es denn wahr, daß du die zärtliche Liebe der Armen verſchmähſt, daß du ihr deine Liebe entzogen haſt vom Hochzeittage an, daß du ſie noch nicht einmal als deine Gattin betrachtet haſt?“ „Ich ſagte Euch ja, daß Euer Schatz noch unverletzt und unberühat iſt. Was ſchmält Ihr alſo?“ „Ha, Unſeliger, ſo iſt es dein kalter Wille, dein ernſter, entſetzlicher Vorſatz, das arme ſchuld⸗ — 66— loſe, treue Herz meines vielgeliebten Kindes mit überlegter Grauſamkeit zu peinigen, zu verwunden, zu vernichten? Was that dir die fleckenloſe Unſchuld meiner Taube, daß du ihr ſo glühenden Schmerz bereiteſt? Was verſchuldete ich alter Mann an dir, daß du mir das Theuerſte meines Lebens nimmſt, um es vor meinen Augen boshaft in den Staub zu treten?“ „Welch ein Geiſt redet aus Euch?“ rief Sab⸗ bathai erſtaunt.„Seid Ihr bei Sinnen, ſolche Rede an mich zu richten? Hab' ich je ein anderes Wort, als Liebesworte zu ihr geſprochen, ſo will ich nicht Theil haben an der Varmherzigkeit unſeres Gottes. Hat ſie Euch geſagt, daß ich ihr je rauh begegnet, daß ich ſie mit einem Laute, mit einem Blicke gekränkt, ſo hat ſie Euch belogen und gefre⸗ velt an dem Schnee Eurer Haare.“ „Mein Kind hat mich nie belogen; ſtets ging die Wahrheit, wie ein klarer Bach aus ihrem ſüßen Munde. Ich habe mich vergeſſen, Sabbathai, ich bin zu heftig geweſen; ich ſollte nicht alſo zu dir reden. Es iſt wahr, Thamar hat nicht über dich —— geklagt, Thamar liebt dich, wie die Taube den Taubert, wie die Hindin den Hirſch; ſie liebt dich mehr, wie nur ein reines, jugendliches Weib ihren Gatten lieben ſoll, ſo liebt ſie dich und noch mehr; ich fürchte, ſie liebt dich zu ſehr, ſie vergöttert dich, ſie ſündigt durch ihre allzuheftige Liebe zu dir an Gott. Warum fliehſt du die Umarmung deines Weibes? Warum genießeſt du nicht die höch⸗ ſten Gaben des Glückes, das dir der dir ſo gnädige Gott Israels lockend und duftend in reicher Fülle in den Schooß ſchüttet?“ „Raf, ſeid ihr der Richter meiner Handlun⸗ gen? Bin ich Euch Rechenſchaft ſchuldig über mein Thun und Laſſen? Wurde ich Euer Sklave, als ich auf Euern Wunſch ein Ehebündniß einging mit Eurer Tochter? und da dies Alles wirklich nicht iſt, wie kommt Ihr zu dieſer empörenden Frage? Was ſoll ich von Eurer Tochter halten, die Euch zum Mitwiſſer eines ſolchen Geheimniſſes macht? Wie? wenn ich ſie nun hätte im Stillen prüfen wollen, ganz für mich, und ohne eines andern Menſchen Zuthun, wie weit ihre Liebe zu mir gehe, wie roß, wie aufopferungsfähig ſie ſeis wenn ich mich pätte überzeugen wollen, ob Thamar bie einzig wahre, tiefe, reine Liebe zu mir beſeſſen, die nichts verlangt und begehrt, die ſich ganz vergißt, die Alles leidet und duldet und ſich auflöſt im geliebten Manne, nur in ihm lebt, in ihm glücklich iſt, denn fürwahr das iſt des reinen Weibes Liebe! O wie ſchlecht hätte Eure Tochter die Probe beſtanden, ſo daß mir widert!“ „Sabbathai!“ rief der Greis, ſich ſchnell erhe⸗ bend, wie wenn ihm die Gluth der Jugendkraft noch durchfluthete,„du gibſt mir ein Licht! Wär⸗ es eine Prüfung geweſen meines Kindes, o, ſo beendige ſie! Laß dir ſagen, daß Thamar ſie gut beſtanden. Sie hat mir nichts entdeckt. Zipora hat es ihr entlockt. Laß dich umarmen, mein Sohn! Nimm mein ſchwergeprüftes Kind zum zweiten Male aus meinen zitternden Händen, umarme dein, dich liebendes Weib und laß die wogende Fülle des Glücks, des Genuſſes ihrer Zärtlichkeit dich umfangen, wie laue duftende Meerwogen, in denen du badeſt, damit ich bald einen Sproß meiner Thamar auf den Händen halte, bevor mein Haupt zur Grube führt.“ 2 —— Aber kalt trat Sabbathai zurück und wich der Umarmung des Greiſes aus. „Wie? du willſt nicht?“ fuhr dieſer jammernd fort.„Du willſt die üppig blühende, duftende Roſe, die ſich dir geöffnet, um dir, dir ganz allein, all ihre Schätze zu ſpenden, von dir ſtoßen, damit ſie ungenoſſen verwelke? Ach, ſie hat ja ſchon trau⸗ rig das kleine Haupt geſenkt! Sabbathai, du willſt mein Kind in Verzweiflung und Tod ſtürzen, du willſt auch mich morden? Sabbathai, habe Barm⸗ herzigkeit, ſtoße das edelſte, treueſte Frauenherz nicht von dir! Liebe meine Thamar, ſei ihr Gatte in der That. Nimm mein Haus, meine Waaren, meine Schätze, nimm alles, was ich habe, und gib mir nur Brod bis ans nahe Ende meiner Tage, aber liebe, liebe mein ſüßes, theures Kind, und halte dich nicht länger fern von ihrem bräutlichen Lager; Sabbathai, ich flehe dich an beim Gott Israels, der die Ehe eingeſetzt hat, bei unſern Vätern, auf denen der Friede Ganedens ſei, die uns gezeugt haben in keuſcher Ehe, verſchiebe das heilige Werk der Pflicht nicht länger, neige dich huldreich zu deinem Weibe, damit der Than deiner — Liebe die welkende Pflanze erquicke. Ich beſchwöre dich, ich flehe dich an! Sieh den ſchwachen Greis zu deinen, des Jünglings Füßen, und höre auf mein bittendes Wort. O, hat Israel ſchon ſolches geſehen?“ Und vor Sabbathai zu Boden ſinkend, umfaßte der ehrwürdige Alte deſſen Kniee weinend, aber in dieſem Augenblicke trat Zipora, vom Chacham Halevi gefolgt, hinter dem Teppichbehange des Hin⸗ tergrundes hervor, und rief zürnend:„Ha, ſoll ich das Haupt meines Vaters, das mit Ehren weiß geworden, wie der Schnee des Libanon, alſo gedeh⸗ müthigt ſehen vor dieſem Auswurfe der krummen Schlange, vor dem elenden Sohne Leviathans oder Behemoths?“ „Raf! Raf!“ ſchrie Halevi,„welcher Sünde macht Ihr Euch ſchuldig, zu knieen vor dieſem Teu⸗. felsſohne, der in Euer Haus gekommen, um es zu verderben! Da hilft kein Bitten und Flehen! der iſt hart, wie das Marmorweib zu Rom, und wer kann wiſſen, ob er nicht ihr Sohn, der Armillus iſt, von dem unſere Väter geweiſſagt haben, daß er ſich wird für den Meſſias ausgeben und von den II. 5 —— Juden verlangen, daß ſie ihn ſollen als Gott anbe⸗ ten? Hat er nicht ſchon beides gethan? Ich weiß es! Nehmt Euer Kind von ihm, Raf. Er hat ihres Leibes nicht theilhaftig werden können, weil dieſen keuſchen Leib noch keine Sünde befleckt hat. Wie leicht aber ſündigte ſie, von ſeinen Zauberkün⸗ ſten umſtrickt, und würde eines böſen Dämons Weib, und brächte Euch junge Dämonen zu Enkeln? Nehmt ſie von ihm, ich rathe Euch.“ „Freilich iſt er ein Teufel, oder böſer Geiſt,“ eiferte Zipora,„wie unzählige unſerer Leute in Smyrna und außerwärts behaupten. So wie mir ſolches hier zu Ohren gekommen, ſo hat es mein Mann auf ſeinen Reiſen oft ſchon gehört. Sie ſagen alle, ſeine Mutter habe mit einem Gvi geſün⸗ digt, einem Griechen, da, wo ſie gebürtig iſt; die Todſünde des Weibes aber iſt in ihren Sohn gefah⸗ ren, und er iſt unreiner teuſliſcher Natur gewor⸗ den. Das beweiſt ſeine gleiſende, ſchöne Geſtalt, wie ſie alle Dämonen haben ſollen, die armen Men⸗ ſchenkinder zu verlocken, das beweiſt, daß er nie⸗ mals ſchläft, ſondern Nachts ſtets im Waſſer und am ufer des Meeres mit andern und höheren Dä⸗ — 67— monen und Teufeln verkehrt— wie kann ein Menſch mit gemeiner menſchlichen Natur des Schlafes ent⸗ behren?— Das beweiſt, daß er wochenlang ſich aller Speiſe enthalten kann, ſolches iſt wiederum allein nur einer Dämonennatur möglich; das beweiſt endlich ſeine große und bewunderte Kenntniß der geheimſten Wiſſenſchaften, die er ganz allein für ſich gelernt haben ſoll. Ich will es Euch beſſer ſagen, die Teufel haben ihm dies Alles gelehrt in der Mitternacht, ihrer Stunde. Und dieſem Ver⸗ derber habt Ihr meine Schweſter zum Weibe gege⸗ ben, Vater? Das wird Euch der Herr ſchwer an⸗ rechnen.“ Sabbathai hatte weder bei Halevis noch Zipo⸗ ra's Schmährede ein Zeichen des Unwillens von ſich gegeben, noch machte er Miene, ſich mit einem Worte zu vertheidigen, Nur, als das wüthende Weih Schande auf das Haupt ſeiner Mutter wälzte, zuckte er heftig zuſammen und ſein Geſicht nahm einen bittern Ausdruck an; doch er bekämpfte augen⸗ ſcheinlich ſeinen Unmuth, und bald war Alles vorüber. „Ich habe mir nichts votzuwerfen,“ nahm 5* — Roſanes, als Gegenrede auf die Vorwürfe ſeiner Tochter, das Wort,„ich wollte nicht, daß Thamar ihn wählen ſollte, und ihre feſte Wahl erfüllte mein Herz mit ahnungsvollem Trübſinn. Ich rieth ihr ab, was ich vermochte, aber ſie blieb ſtandhaft, und ich war nur liebend ſchwach, ihr nachzugeben. Weiter trag' ich keine Schuld, das kann mir Mihurmah bezeugen.“ „Da habt Ihr ſeine Helferin und Theilnehme⸗ rin ſeiner Sünden genannt,“ fuhr Zipora in ihrem wilden Redeſtrome fort.„Sie iſt eine Dämonin, wie er ein Dämon. Sie iſt ſein wahres Weib, die er küßt und umarmt, wenn er vom reinen Bette meiner Schweſter getrieben wird. Habt Ihr nicht gehört, was der nach ihm ausgeſchickte Bote ſagte: Sabbathai ſei mit Mihurmah allein im Hinterhauſe geweſen? Dort alſo, in ſeines Vaters ſauberm Hauſe, wahrſcheinlich in den ehemaligen Wohnun⸗ gen des Federviehes, womit Mardochai ſonſt han⸗ delte, unter Aufſicht ſeiner edeln Mutter haben ſie ihre Zuſammenkünfte gehabt? Dort ſteht das Bett der Sünde? Dort hat er ſich ſtets mit der Dämonin vermählt? Woher kam ſie Euch? Aus Mordachais — 5— Hauſe! Wer iſt ſie? weß Landes Kind? Wer ſind ihre Eltern? Man hat es nie erfahren; denn was ſie erzählt, ſind lauter Fabeln und Lügen. Er hat ſie beſtellt und kommen laſſen, um die reine Tha⸗ mar, Euch und uns alle zu verderben. Mihurmah mußte Thamar und Euch bereden; es gelang ihr nur zu gut. Sie hat, wie Chacham Halevi verß⸗ chert, bereits Thamar gottesläſteriſche, karäiſche Grundſätze beigebracht—“ „So iſt's,“ beſtätigte Halevi, ſie unterbre⸗ chend.„Mihurmah iſt eine ſchändliche Karäerin, und will auch Thamar dazu machen.“ „Und, verantwortet ſich der treffliche Sabba⸗ thai, der große Chacham nur mit einem Laut?“ fuhr Zwora fort;„ein Beweis, wie Recht ich habe! Er kann ſich nicht vertheidigen.“ Da flog ein heiteres Lächeln über Sabbathai's Züge.„Mich gemein machen mit deiner Gemein⸗ heit, Weib? Nimmermehr!“ ſagte er ruhig.„Du kannſt das reine Kleid meiner erhabenen Tugend nicht beflecken. Irdiſcher Koth, den du ſchleuderſt, reicht nicht heran. Auch Salome und Mihurmah werden nur reiner durch deine Läſterung. Du haſt 6— keine Ahnung von Mihurmah's Größe. Und darum ſchweige ich.“ „Jetzt genug aller Worte!“ ſagte Roſanes weh⸗ müthig.„Wir ſind viel zu heftig an einander gera⸗ then, wir haben uns vergeſſen und zuviel gethan, als daß wir mit ruhiger Beſonnenheit dies Wirrſal löſen könnten. Ich habe dich zuerſt gereizt, Sab⸗ bathai, Zipora hat dich zuletzt beleidigt. Vergib uns beiden, und beſinne dich eines Beſſeren. Be⸗ denke, was deine Pflicht iſt, und ſiehe ein, daß du nur in gewiſſenhafter Erfüllung derſelben Ruhe und Zufriedenheit finden kannſt. Treibe nicht ferner, wie ein gekapptes Schiff, ohne Ruder und Steuer, zwecklys auf dem Meere der Leidenſchaften umher, lerne einſehen, daß das Haus ein ſicherer Hafen gegen die Stürme des Lebens iſt, und die liebende Frau ein Schatz, dem kein anderer an Werth gleich kommt. Höre auf zu vergeſſen, Sabbathai, daß du ein Menſch biſt, und ſuche die ſchönſte Blüthe, die herrlichſte Frucht menſchlichen Glücks an der Bruſt deines Weibes. Wir wollen die Worte ver⸗ geſſen, die hier gewechſelt worden ſind, und einen beſſern Tag abwarten. Jetzt gehe zu der armen — unglücklichen Thamar auf ihre Kammer, wo ſie in Thränen zerfließt. Rede mit meinem Kinde, tröſte die Arme, laß ſie nicht länger dein gattenloſes Weib ſein.— Und du, Zipora, lege deiner Zunge Zaum und Zügel an; ich werde es ſchwer zu ahnden wiſ⸗ ſen, wenn du einen Menſchen ſchmähſt, den ich liebe. Euch, Chacham Halevi, verbann' ich aus meinem Hauſe. Ihr habt verſucht, in Gemeinſchaft mit Zipora den Frieden deſſelben zu ſtören. Es ſoll aber nicht zu Eurer Freude zum Aeußerſten kom⸗ men. Ich kenne Euch!— Zipora, hüte dich, daß dir nicht gleiches widerfahre. Dies iſt mein feſter Wille!“ Der Greis entfernte ſich raſch, eben ſo Sabbathai und die beiden Zurückbleibenden machten ihrem Aerger gegenſeitig Luft. Nach dieſer merkwürdigen Unterredung verging wieder einige Zeit ſcheinbar ruhig. David Roſanes ſchien jede Erinnerung an ſie vermeiden zu wollen; Zipora betrat das väterliche Haus wenig und kam dann nie in Berührung mit Sabbathai oder Thamar; Halevi erſchien dort gar nicht mehr und beſuchte — ſeine Freundin Zipora deſto fleißiger. Das nächſte Neumondsfeſt feierte Roſanes mit alter fröhlicher Herzlichkeit, und nur Sabbathai, Thamar und Mi⸗ hurmah waren dabei um ihn verſammelt. Thamar ſchien ruhiger, über ihre bleiche Wange ſchwebte wieder eine Ahnung von Lächeln, ſie hielt ſich ſehr häuslich, ihr Auge hing an Sabbathais Zügen, um jeden ſeiner Wünſche zu errathen und als ſeine gehorſame Magd auszuführen, und nie mehr ent⸗ ſchlüpfte ihren Lippen eine Klage. Auch Sabbathai ſchien ſich geändert zu haben; obgleich er es nicht unterließ, ſich, nachdem er am Spätabend ſeine Lehr⸗ vorträge unter freiem Himmel gehalten, im Meere zu baden, ſo kehrte er doch zur Nachtzeit nach Hauſe zurück. Nur Mihurmah wurde von Tag zu Tag ernſter, ſchweigſamer, bleicher. Vor ihrem innern Auge zogen düſtre Wetter auf und überſchatteten ihre Seele. Roſanes überließ ſich dem ſüßen Glau⸗ ben, Sabbathai habe endlich in ſeines ſchönen lie⸗ benden Weibes beglückender Zärtlichkeit des Lebens blühende Krone gefunden. Durch dieſen Glauben ließ er ſich nach geraumer Zeit einmal, als er mit Tha⸗ mar allein war, und ihr liebkoſete, zu der vertrau⸗ — lichen Frage verleiten, ob ſie noch nicht Hoffnung habe, ihn mit einem Enkel zu beſchenken, wonach ſich ſein altes Herz ſehne. Ihr ſtummes Erröthen, die Thränen in ihrem Auge machten ihn aufmerk⸗ ſam, er fragte weiter, drang in ſie, und da nie eine Lüge über ihre Lippen gekommen war, und, den Vater zu belügen, ihr eine Todſünde galt, ſo wußte er bald, daß ſie noch immer Jungfrau ſei. Ent⸗ rüſtet über Sabbathais fortdauernde Kälte und Halsſtarrigkeit, wollte er ihn ſogleich aufſuchen und ſchon drängten ſich harte Worte in ſeiner Bruſt der Geburt entgegen. Doch Thamar umfaßte den erzürnten Greis mit Kindesarmen, ihre flehenden Worte ſchmeichelten ſich ſo ſanft und ſüß in ſeine Seele, ihre Thränen thauten ſo feucht und kühl auf ihn herab, ihre Bitte, den Mann ihrer Liebe zu ſchonen, nicht rauh zu behandeln, da er ſich gütig gegen ſie zeige, war ſo unabweislich, die Verſiche⸗ rung, ſie wünſche ferner in keinem andern als die⸗ ſem reinen Freundſchaftsverhältniſſe mit ihrem Gat⸗ ten zu ſtehen, klang ſo aufrichtig und wahr, daß Roſanes, dadurch friedlicher geſtimmt, ſanftere Wege einzuſchlagen beſchloß. Er entdeckte ſich dem Arste Villegas, und bat, auf die große Zuneigung dieſes Mannes zu Sabbathai vertrauend, denſelben, als Vermittler in dieſer Sache aufzutreten, und wünſchte zugleich durch ihn zu erfahren, ob bei Sabbathai vielleicht ein phyſiſches Hinderniß der ehelichen Ver— einigung im Wege ſtehe. Jakobben Eliah nahm ſogleich Gelegenheit, mit Sabbathai nachdrücklich zu reden, und es war diesmal ſein eigenes Intereſſe, das ſeinen Worten Kraft und Feuer lieh, indem er ſehr fürchtete, Sabbathai möchte durch eine Tren⸗ nung von ſeiner reichen Frau jede Stütze in Smyrna verlieren, den Verfolgungen ſeiner mächtigen Feinde blosgeſtellt und für den großartigen Plan ſeiner Rache verloren ſein. Sabbathai hörte ihn düſter an, und ſagte dann:„Du ſelbſt haſt mich als Meſſias aner⸗ kannt; der Gott Iſraels hat mir neue und ſtarke Beweiſe gegeben, daß ich's bin. Jeder Zweifel, den ich je an meinem göttlichen Veruf gehegt, iſt verſchwunden. Willſt du nun mir rathen, daß mich ein Weib mit den Banden gemeiner Sinnlichkeit umſtricke, mich an die Erde binde und von meinem kühnen Sonnenfluge zurückhalte? Soll ein ſchönes Weib die neue Verderberin Iſraels werden, indem es ſeinen Meſſias in den engen Kreis des Hauſes pannt und mit der ſüßen Koſt der Liebe erſchlaffen macht? Glaubſt du, ich habe nicht für die Schönſte der Frauen geglüht, als ſie, hingegoſſen in unaus⸗ ſprechlichen Zauberreü, ſchmachtend und ſehnſüchtig, mein köſtliches Eigenthum vor mir lag; Glaubſt du in des Meſſias Adern rollte nicht das heiße Blut ſeines Volkes, und ich habe nicht Theil an den Trie⸗ ben und Gefühlen der Menſchenbruſt? Aſa und Aſael waren Engel und entbrannten für die Leibes⸗ ſchöne der Erdentöchter, warum nicht ich, der ich, als Menſch geboren, erſt zum Engel erhoben wer⸗ den werde? Aber der Meſſias ſoll über den Engeln ſein, und wer die Macht ſeiner Sinne nicht bekämpft, dem wird ſich keine Pforte des Verſtandes, kein Weg der Weisheit öffnen. Ich habe mich beſiegt, und Iſrael wird frei ſein vvm tauſendjährigen Fluche ſeines Gottes. Drum ſchweige und verlange nicht, daß ich mich in die Bande, denen ich entronnen, mit allem Vorbedacht begebe. Gebietet mir einſt der Engel meines Lebens mich in Liebe mit einem Weibe zu vermiſchen, ſo werde ich ihm folgen, und es bedarf dazu nicht deines Rathes.“— — 56— Villegas konnte dem alten Roſanes nur ſchlech⸗ ten Troſt bringen. Vergebens war's, daß der Greis ſich abermals bittend an den ſtolzen Jüngling wandte, vergebens, daß Sabbathais Vater, Mardochai, von Roſanes dazu aufgefordert, mit ſeinem Sohne ſprach, alle Ermahnungen, ſeiner ſüßen Pflicht nachzuleben, ſcheiterten, wie Thamars ſtummer Schmerzensblick und die bittre über ihre bleiche Wange rinnende Zähre, an dem Wahne des jungen Volkslehrers, er werde durch Liebesgenuß in die Gemeinheit des Lebens hinabgezogen und gelähmt, hülflos an den Staub gebunden bleiben. Wie laut die Stimme ſeines verletzten Stolzes, der ſtets in ihm fortblu⸗ tende Schmerz, ſich von Thamar nicht als Meſſias anerkannt zu ſehen, in ſeinem Herzen gegen ſie ſprach, wußte von allen Mihurmah allein, und ſie auch war's, die dem alten Roſanes jegliche Hoffnung benahm, ihren Freund mit ſeiner Gemahlin zu ver⸗ einigen. Sie hatte die Verhältniſſe deutlich durch⸗ ſchaut, aber ſelbſt von der ſchwärmeriſchſten Vereh⸗ rung— die faſt zur Vergötterung wurde— für Sabbathai durchglüht, war ſie viel zu befangen, um den Knoten zu durchhauen. Und wenn ſich auch in ihrem Herzen eine mißbilligende Stimme erhob, daß Jeruſa, wachend in jenem ſtaunenerregenden ſelt⸗ ſamen prophetiſchen Schlafe, auf Thamar zürnte und Sabbathai dringend rieth, ſich von ihr zu tren⸗ nen und ganz wieder ihr, ſeiner einſamen, verlaſſe⸗ nen, Gottbegeiſterten Schweſter, anzugehören, ſeiner Vorläuferin und Verkünderin, wie ſie ſich nannte, ſo erlaubten doch die großen Wunder der in jenem Schlafe gethanen Aeuſſerungen keine kalte Prüfung, vielmehr wurde Mihurmah eben ſo gut hingeriſſen wie die Andern. Wenn ſie es ferner an Sabbathai tadelte, daß er zuweilen heimlich und meiſt im Dun⸗ kel der Nacht zu Rahel ging und ſtundenlang bei der langſam Geneſenden verweilte, ſo theilte ſie ja ſelbſt Rahels Begeiſterung für ihn, Rahel war ihr lieb wegen der wilden Schwärmerei ihrer glü⸗ henden Seele für den künftigen großen Erlöſer ihres Volks, und ſie wußte, daß Sabbathai nur auf Baruchs inſtändige Bitten zu der Kranken gegangen war, die ſeinem Beſuch lange entgegengeſchmachtet hatte, und nur erſt, ſeit ſie ihn geſehn, ſeine Stimme gehört, den Druck ſeiner Hand gefühlt, neue Kräfte gewann, um von ihrem Schmerzenslager zu erſtehen. Salome — 78— mit ihren Söhnen, Hannah Rahel, Villegas, Baruch und die vertrauteſten Schüler Sabbathais, waren theils aus Schwärmerei, theils aus Klugheit auf ſeiner Seite, ſelbſt Mihurmah fühlte ſich dorthin gezogen, und ſo hielt ſie es für das Beſte, aufrich⸗ tig mit Roſanes zu reden. In Folge dieſes Zwiegeſprächs, verklagte der Greis im Namen ſeiner Tochter Thamar Sabbathai wegen Nichterfüllung ſeiner ehelichen Pflicht beim Rabbinal⸗Gerichte, und der junge Chacham wurde vor das Forum desſelben beſchieden. Er war geſtändig, ſich ſeiner Gattin nie in keuſcher Liebe vereinigt zu haben und unbeſonnen genug, einige ſeiner Gründe mit diglectiſcher Virterkeit darzulegen. Doch der Vice⸗ präſident Aaron de la Papa ergriff das Wort gegen ihn und redete ſehr nachdrücklich wider ſeine Ueber⸗ ſpannung, ſeine unfruchtbare Schwärmerei, ſeinen kabbaliſtiſchen Aberglauben, und ſuchte ihn als einen Verführer des Volks darzuſtellen, der mit Hülfe der herrſchenden Macht zum Schweigen zu bringen ſei. Sabbathai vertheidigte ſich mit hinreißender Vered⸗ ſamkeit und entfaltete ſein großes Talent ſo poetiſch glänzend, daß ſelbſt ſeine größten Feinde, die doch —— hier verſammelt waren, ihm ihre Bewundrung nicht verſagen konnten. Das Rabbinal⸗Gericht fällte das Urtheil, Sab⸗ bathai ſolle ſofort ſeiner Pflicht als Ehegatte nach⸗ kommen oder ſeinem Weibe den Scheidebrief geben, und ſie der ehelichen Verbindung mit ihm entlaſſen. Er erklärte ſich gegen Roſanes bereitwillig, das Letztere zu thun. Mit unverhülltem Schmerz ging der nun hoffnungsloſe Greis, um ſein geliebtes Kind auf den nahen Schlag vorzubereiten und die zum Scheidungsact nöthigen Zeugen auf den folgenden Tag zu beſtellen. Die Friſche des Morgens wehete durch p. geöffneten Fenſter und führte Berg- und Meerluft in die Gemächer des großen Hauſes; Thamar lag matt von der durchweinten Nacht auf einer Otto⸗ mane hingeſtreckt, ein rührendes Bild des bekämpften Schmerzes, und der Morgenhauch kühlte mitleidig die fieberhafte Glut ihrer mit verrätheriſcher Röthe bemalten, ſonſt bleichen Wange. Die ſchwarzen Geflechte und Locken ihres glänzenden Haupthaares hingen verſtört und unordentlich auf Schläfe und Nacken herab, ihr Auge war matt, ſchläfrig und thränentrübe auf die Thüre gerichtet. Sie wurde unruhig, als ſie Schritte näher kommen hörte, ſie zitterte, als die Thüre geöffnet wurde, ſie erſchrack, als Sabbathai hereintrat. Seine hohe Stirn lag in düſtern Falten, ſein Auge blickte finſter. Das ihrige zitterte furchtſam vor dem Strahle desſelben zurück. Ihre Lippe bebte, als ſpräche ſie, aber ihre beängſtigte Seele vermochte ihren Worten nicht Laut und Schall mehr zu geben. Er zeigte keine Theilnahme mit ihrer ſichtbaren Qual, er ſchien keinen Sinn dafür zu haben. „Ich werde mich heute noch von dir trennen uh deines Vaters Haus wieder verlaſſen, ſeinem Willen gemäß,“ ſagte er eintönig. „Nicht meines Vaters Willen iſt es, ſondern der deinige,“ verſetzte ſie mit mühſam errungener Faſſung, doch zitterte ihre Stimme und verrieth ihre Seelenſtimmung nur allzudeutlich. „Wir ſind nicht von uns ſelbſt abhängig, uns gebieten Dämonen und gute Engel und ſie ſind Herrn unſrer Tage und Stunden,“ ſagte er, wie zu ſeiner —— Entſchuldigung,„mir verwehrte der Wille meines Genius, der ſich mir in einer Inſpiration*) kund gab, daß ich dich nicht berühren dürfe. Und dieſem meinem himmliſchen Führer bin ich ſtrengere und gewiſſenhaftere Folge zu leiſten ſchuldig, als irgend ein andrer Menſch dem ſeinigen.“ „Nicht dein Genius iſt's,“ verſetzte Thamar gefaßter und mit feſter Stimme,„nein es iſt dein übergroßer Stolz, der dich von mir zurückgeſcheucht hat, der dir heute die Hand führt, mir den Schei⸗ debrief zu ſchreiben. Dieſer dein kalter Stolz iſt dein Gott, iſt deine Liebe, iſt dein Haus. Er, der dir ſtets zuflüſtert, du ſeiſt über alle Menſchen erhoben, ſeiſt zu den größten Dingen auserſehen, hat dein Herz verſteinert und unempfänglich gemacht für die reinen, ſtillen, menſchlichen Gefühle der Liebe, der Zärtlichkeit, des häuslichen Glücks. Er ver⸗ mag dich, ein Herz, das mit unſäglicher Liebe an dir hing, von dir zu ſtoßen, dem du lügenhaft Liebe und Glück verſprochen. Du willſt keine Liebe, du willſt kalte Bewundrung, ſchmeichelnde Verehrung. *) Ruach Hakodeſch. H. 6 Du biſt der Narr deines Stolzes geworden, der dir vorlügt, du ſeiſt der Meſſias, der Erlöſer Iſraels. Wahrlich! nicht der Meſſias biſt du, der, kommt er je, ein Fürſt der Liebe ſein wird. Aber es wird einſt die Stunde kommen, die mich an dir rächt. ſicht vergebens trittſt du ein Herz mit Füßen, das nichts verbrach, als dich über alle Worte innig und treu liebte, und nur den geliebten Mann in dir ſah, nie den Gottgeſandten, ſeit Jahrtauſenden erwarte⸗ ten und prophezeihten Erlöſer in dir erblicken konnte. Einſt wirſt du einſehen, daß du es nicht biſt, und die zu ſpäte Reue, mein Leben vergiftet zu haben, wie ein böſer Dämon, ein mitternächtiges Geſpenſt über dich kommen. Ich entbinde dich, da es dein fürchterlicher Wille iſt, deinem mir gegebenem Worte. Sei glücklicher, ohne mich, als du es mit mir warſt.“ Jetzt konnte ſie ſich nicht mehr halten; ſie brach in troſtloſes heftiges Weinen aus. „Du kannſt ja noch ſehr glücklich ſein,“ tröſtete er ſie,„du biſt jung und ſchön, reich und gut. Zahlloſe Freier werden wieder, wie erſt, in deines Vaters Haus ſtrömen, und dir freigeſtellt ſein, den Beſten, den Liebſten daraus zu wählen.“ — 83— „Ha Gräßlicher!“ weinte ſie laut auf,„daran erkenn' ich deine Gefühlloſigkeit, dein in Stolz ver⸗ härtetes Herz, den Mangel aller Liebe. Du haſt mich nie gekannt, nie verſtanden. Geh' ich vergebe dir““ Sabbathai ſtand einige Minuten regungslos mit zu Boden geſenktem Blick; ihre Worte hatten ihn mächtig ergriffen, und das natürliche Gefühl kämpfte mit dem angebildeten Stolze, mit Vorurtheil und Ueberſpannung in ſeiner Bruſt. Doch bald wurden draußen Stimmen laut, und in das Zimmer traten die geladenen Zeugen, der Arzt Rabbi Joſeph ben Eliah de Villegas, der Beiſitzer des Rabbinal⸗Gerichts Rabbi Simon Banbanaſti und der Chacham Joſeph Halevi. Mit ſchadenfrohem Grinſen machte ſich der Letztere breit und dankte dem alten Roſanes für die Ehre, ihm durch die an ihn ergangene Einladung eine glänzende Genugthuung für die früher erlittene Unbill gegeben zu haben. David Roſanes dankte mit zitternder Stimme den anweſenden Fremden, daß ſie ſeiner Einladung Folge geleiſtet, und bat ſie der Scheidung des Chacham Sabbathai Zevi von ſeiner Tochter Thamar als Zeugen heizuwohnen und den Scheidebrief als ſolche 6* —— zu unterſchreiben. Banbanaſti überreichte Sabbathai den zugerichteten Bogen und das Formular. Er ſetzte ſich nieder und ſchrieb mit feſter Hand. Die ängſtliche Stimmung während der Zeit wurde nur durch Thamars leiſes Schluchzen unterbrochen. Ro⸗ ſanes ſchickte nach Mihurmah; dieſe kam, doch bald zeigte ſich, daß ſie faſt noch troſtloſer war, als die Betheiligte. Laut aufweinend und von ungeheuerm Jammer überwältigt, ſtürzte ſie der Freundin in die Arme, und beide hielten ſich lange weinend um⸗ ſchlungen; es war ein herzzerreißender Anblick, und ſelbſt die Augen der Greiſe wurden vom lang ver⸗ trockneten Quell des Mitgefühls überfeuchtet. Nur Sabbathai ſchrieb ungerührt den Brief zu Ende. Dann traten die Zeugen herbei und unterſchrieben. Villegas war außer ſich vor Schmerz. Auf Banba⸗ naſtis Aufforderung las Sabbathai mit lauter feſter Stimme: „Am dritten Tag der Woche, am achtundzwan⸗ zigſten des Monats Tamuz im Jahre der Erſchaf⸗ fung der Welt Fünftauſend Vierhundert und Sechs, wie wir zählen hier in der Stadt Smyrna in Klein⸗ aſien, ich Sabbathai, Chacham und öffentlicher Lehrer 65— des Geſetzes, mit dem Zunamen Zewi, jüngſter Sohn des Mardochai Zewi des Moreoten, Feder⸗ viehhändlers und Mäklers hier in Smyrna, der ich hier in der Stadt Smyrna ſeß- und wohnhaft bin, habe den feſten Vorſatz gefaßt, freiwillig und unge⸗ zwungen zu verlaſſen, frei zu geben und von mir zu ſtoßen dich, mein Weib Thamar, mit dem Zunamen Roſanes, jüngſte Tochter des David Roſanes, anſehn⸗ lichen Kaufmanns und Schiffsherrn hier in Smyrna, die du bisher mein Weib geweſen biſt. Nun aber verlaſſe ich dich, gebe dich frei und ſtoße dich von mir, daß du dein eigen ſeieſt, und nach deinem freien Willen und Wohlgefallen hingehen mögeſt, wohin du willſt, und ſolches ſoll dir Niemand ver⸗ pieten von nun an bis in Ewigkeit. Du biſt alſo einem jeglichen andern Manne erlaubt. Und hier haſt du deinen Scheidebrief nach dem Geſetz Moſes und Iſraels. Sabbathai Zewi. Als Zeugen: Simon Banbanaſti. Joſeph Halevi. Joſeph ben Eliah de Villegas.“ Hierauf wurde das Dokument unterſiegelt, und Sabbathai reichte es Thamar mit den vorgeſchrie⸗ benen Worten:„Siehe, Weib, hier haſt du deinen = Scheidebrief; den nimm von mir! Damit biſt du von mir geſtoßen und einem andern Manne erlaubt.“ Thamar griff haſtig darnach, kaum aber hatte ſie das Papier erfaßt, als ſie mit einem dumpfen Schrei ohnmächtig zurückſtürzte. Mihurmah wollte ſie auffangen, doch auch ſie wurde von der Herr⸗ ſchaft über ſich verlaſſen, und fiel ohne Beſinnung neben die Freundin auf die Ottomane. Sabbathai wollte noch zu Roſanes Worte des Abſchieds richten, doch der Greis rief in Verzweiflung:„Weiche! weiche von hier, ſo ſchnell du kannſt! Du ſiehſt, Grauſamer, was du in meinem Hauſe geſtiftet. Du haſt mir mein Kind gemordet. Gott vergelte dir, was du an mir gethan! Geh'! wir haben nichts mehr mit einander zu reden.“ Und jammernd eilte er davon, Zipora zum Beiſtand der Ohnmächtigen herbei zu rufen. Sabbathai ging finſter und kalt aus dem Hauſe. — M ihurmah. Sie ſpricht zu ihm: Herr, ja⸗ ich glaube, daß du biſt Chriſtus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen iſt. Vibel. Evangel. Johannes 11, 27. Mihurmah fühlte ſich nach Sabbathai's Austritt aus Roſanes Hauſe nicht mehr glücklich darin. Obgleich als Tochter desſelben geſetzlich anerkannt, hatte ſie doch jeden innern Haltpunkt an die Glie⸗ der der Familie verloren; es war ihr fremd und unheimlich in dieſen Räumen, und jeder Tag, jede Stunde ſagte ihr, daß ſie nicht mehr hineingehöre. Thamars Glück war das Vand geweſen, das ſie an dieſe und die Uebrigen gefeſſelt; nun jenes Glück verſchwunden war, ſtand Mihurmah wieder allein. Wenn auf der einen Seite Thamar' trüber Schmers⸗ der ſich täglich erneuete und die tiefe Wunde aufriß, ihr herben Kummer bereitete, ſo konnte ſie ſich auf der andern nicht verhehlen, daß Sabbathai ſeinem großen Zilee nun ungehemmter und freier entgegen gehen werde; und der Umſtand, daß er, um die erha⸗ bene Würde ſeiner Beſtimmung auch nicht im ent⸗ fernteſten zu trüben, das ſchönſte und herrlichſte Weib ſtandhaft verſchmäht und jeder Lockung zu ſinn⸗ lichem Genuſſe widerſtanden, erhöhete nur ihre ſchwär⸗ meriſche Bewunderung ſeiner. Aber dadurch wurde ſie ein geſpaltetes Weſen und erfuhr alle Nachtheile desſelben. Es war ihr oft, als vermöge ſie es mit keinem der beiden nun ganz getrennten Theile auf⸗ richtig zu meinen, und dies unbehagliche Verhältniß ängſtigte ſie ſehr. Auch konnte ihr nicht lange ver⸗ borgen bleiben, welche Meinung Zipora und der Chacham Halevi von ihr hegten, da beide fortfuhren, ſie bei Jedermann eines verbrecheriſchen umgangs mit Sabbathai zu beſchuldigen, und als eine von allen Rabbaniten verabſchenete Karderin zu ver⸗ ketzern. Geſchäftige Zungen trugen ihr all die lieb⸗ loſen Urtheile zu, die ihre beiden Verfolger über ſie fällten, und dadurch ſtieg der Gram der armen Dulderin oft bis zur Verzweiflung. Thamar war viel zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt und hatte nur Sinn für ihren Schmerz— wie hätte Mihurmah — auch die ſchwer Leidende mit neuem Leid behelligen ſollen?— Roſanes lebte wieder für ſeine vielſeitigen Geſchäfte, und widmete ſeine freien Stunden dem Kummer ſeiner Tochter— wie hätte Mihurmah auch Zipora bei ihrem Vater anzuklagen vermocht? Von Beiden wurden über dies noch Anſprüche um Troſt und Zerſtreuung an ſie, die Troſtbedürftige, gemacht. So war ſie denn den Pfeilen des Haſſes und der Bosheit ganz blos geſtellt, und die Tage ſchlichen, mit bleiernen Füßen, in ſchwarze Gewän⸗ der gehüllt, an ihr vorüber. Wenn ſie ſah, daß alle Rechtgläubigen ihr auswichen und ſie flohen, wie eine Ausſätzige, eine Folge von Ziporas und Halevis Anſchwärzungen, ſo erkannte ſie dieſe empörende Behandlung mit blutendem Herzen als eine Strafe Gottes an, die ſie dadurch verwirkt, daß ſie die Verbindung zwiſchen Sabbathai und Thamar veran⸗ laßt und das Glück der Jugend, ja vielleicht des ganzen Lebens der Letztern vergiftet habe, ein quã⸗ lender Gedanke, der ſie nie verließ. Wohl mochte unter den vornehmen Juden in Smyrna ihre traurige Lage bekannt worden ſein; denn eines Tags erhielt ſie heimliche Votſchaft vom Vicepräſidenten Aaron de la Papa, mit der freund⸗ lichſten Bitte, ihn in ſeinem Hauſe baldigſt heimzu⸗ ſuchen, wo er ihr etwas Dringendes und ſehr Ange⸗ nehmes zu eröffnen habe. Obgleich mit Widerwillen gegen Aaron, kam ſie doch deſſen Wunſche nach, und verfügte ſich in ſeine Wohnung. Der mächtige Mann nahm ſie mit liebevoller Gütigkeit auf. „Ich kenne deine jetzigen Verhaͤltniſſe in Roſa⸗ nes Hauſe,“ ſagte er ihre Hand faſſend,„denn ich habe dich nie und zu keiner Zeit aus den Augen ver⸗ loren, ſondern deinem Schickſale ſtets meine volle Aufmerkſamkeit gewidmet. Schon ein Mal, als du kaum in unſre Stadt gekommen, redete ich dich freundlich an und öffnete dir mein Haus mit der bittenden Einladung, dein jungfräuliches Lager in demſelben aufzuſchlagen. Du gabſt meiner Bitte kein Gehör; denn du warſt ſchon an David Roſanes und deſſen jüngſte Tochter gebunden. Doch die glück⸗ lichen Verhältniſſe, unter denen du damals in jenes Haus tratſt, haben ſich in ihr Gegentheil verwan⸗ delt, und was dir den Aufenthalt dort ſonſt ange⸗ nehm machte, iſt verſchwunden, und andre Dinge haben die Stelle desſelben eingenommen, die dir — 6— Noth und Leid bereiten. Darum wiederhole ich jetzt jene meine Bitte: ſiedle dich in mein Haus über, werde meine Tochter, werde die Erzieherin meiner kleinern Kinder. Juſabit, meine treffliche Ehefrau, wird dich hocherfreut als Tochter aufnehmen und anerkennen. Geſtatte, daß ich ſie herbeirufe, damit ſie dich an ihr mütterliches Herz lege und dich ſegne!“ „Verzeiht mir, Rabbi, wenn ich Euch zurück⸗ halte!“ verſetzte Mihurmah ernſt und feſt.„Wie ich Euch damals für Euern gütigen Antrag dankte, ſo auch jetzt; mögen ſich meine Verhältniſſe geän⸗ dert haben, wie ſie wollen, in Euer Haus kann ich nicht eintreten.“ „Du ſcheinſt gegen mich eingenommen zu ſein, und ich wünſche von Herzen, jedes Vorurtheil, das du gegen mich hegen könnteſt, durch Handlungen aufrichtiger Liebe zu zerſtreuen. Gib mir nur Gele⸗ genheit dazu.“ „Ihr ſeid ſo hochgeſtellt, Rabbi, einer der Mäch⸗ tigſten unſres Volkes. Was könnte Euch kümmern, ob das unbedeutendſte Mädchen dieſer Stadt irgend ein Vorurtheil gegen Euch hegte? Doch in Wahrheit — 92— geſprochen, ich habe andre Gründe, die mir ſtreng verbieten, mich Eurer Familie jemals anzuſchließen.“ „Und doch drängt ſich mir die Vermuthung immer unabweisbarer als höchſte Wahrſcheinlichkeit auf, mein Weib hätte ein Recht Mutteranſprüche an dich zu machen, als gehörteſt du in ganz Smyrna keinem Hauſe näher an, als dem unſrigen. Und biſt du nicht meine Retterin aus der mörderiſchen Pand jenes rachſüchtigen fürchterlichen Kiaja des Kapudan Paſcha, jenes finſtern Mannes, der ſich ietzt Behadir Anuſcha nennen läßt, der aber ſonſt einen andern Namen führte? Sollte es ihm gelun⸗ gen ſein, den unauslöſchlichen Brand ſeiner Feind⸗ ſchaft gegen mich auch in deine zarte Bruſt zu ver⸗ pflanzen?“ „Ich habe mein eignes Urtheil und laſſe dasſelbe nie von einem Andern beſtimmen. Dies iſt nicht der Grund, weshalb ich mich weigre, von Eurer Güte Gebrauch zu machen. Genug ich kann nicht. Seid mit dieſer beſtimmten Erklärung zufrieden, und entlaßt mich.“ „Nicht eher, grauſames Kind, das jede Darbrin⸗ gung von Liebe mit ſo viel Härte und kaltem Trotz zurückweist, als bis du jene Vermuthungen, von denen ich vorhin ſprach, als nichtig ganz widerlegt, oder als helle Wahrheit beſtätigt haſt. Gewähre mir die einzige Bitte und mir deinen rechten Arm entblöst!“ „Kann ich Euch damit zufrieden ſtellen: mit Freuden. Dies Taubenbild wird Euch nicht mehr ſagen, als in meiner Bruſt verſchloſſen iſt.“ Mit dieſen Worten ſtreifte ſie das Kleid am Arm zurück, von deſſen obern Theil das in die Haut gebeizte rothe Bild einer fliegenden Taube mit einem Oel⸗ zweig im Schnabel, den geſpannten Blicken Paps entgegen leuchtete. „Du biſt's! Du biſt's, hoffnungtragende Taube, vom entdeckten Lande kundebringender Engel, Vater Noah's gefiederte Botin, die ich mit Ehrfurcht begrüße!“ rief Aaron freudig aus, indem er das Bild inbrünſtig küßte.„O Mihurmah, du darfſt nicht mehr aus meinem Hauſe, du biſt nicht allein durch die Vande der Liebe gefeſſelt, auch die Bande des Bluts halten dich hier, aber ſtärker noch als beide ſind die Vande des Geiſtes, den dies Sinnbild andeutet, die dich an mich ketten. Sich hier auf — meinem Arm dasſelbe Zeichen und erkenne daraus, daß wir einem heiligen Bunde angehören, einem Bunde, deſſen Glieder treu und feſt bei einander hal⸗ ten in Noth und Tod.“ „Ich weiß von keinem Bunde, zu dem ich gehöre,“ verſetzte Mihurmah kalt.„Man hat mir dies Bild eingeätzt, als ich noch ein Kind war.“ „Nichts deſtoweniger gehörſt du zu uns. Auch meine Kinder tragen dies Symbol am Arme. Es iſt unſer Erkennungszeichen. Komm, arme Ver⸗ ſtoßene, nun wird mir's leicht, deine Eltern aufzu⸗ finden, dich in ihre Arme zu führen. Die Schweſter meines Weibes iſt ohne Zweifel deine Mutter.“ „Gebt Euch keine Mühe, mir Aufſchlüſſe zu ver⸗ ſchaffen, ich weiß, wer meine Eltern ſind, ich kenne ihren Wohnort, ihre Verhältniſſe, ihre Verwandt⸗ ſchaften, aber ich will ſie nicht kennen. Ich bin ein abgerißner Zweig, der hülf⸗ und ſchutzlos auf des Lebens ſtürmiſchem Meere umhergetrieben wurde; er kann, er wird ſich nie mehr mit dem Stamme vereinigen, der ihn trieb. Dieſer Stern iſt für mich untergegangen auf ewig, ich habe mich einer andern Sonne zugewendet, die ihre Lichtfülle äber mich ergießt. Es wird Euch genügen, wenn ich Euch verſichre, daß mir Behadir Anuſcha bei ſeinem Hierſein jegliche von mir gewünſchte Nach⸗ weiſung über meine Familienverhältniſſe gab.“ „Ha! ſo hat er im Bunde mit Villegas mich bei dir angefeindet, und mir deine Liebe entzogen. Glaube dieſen Beiden nicht; ſie ſind parteiſch, ſie haſſen mich, Jeder von ihnen aus andern Gründen. Aber dein Vater liebt mich, deine Mutter kennt mich; ſie wiſſen, daß ich nicht der bin, für welchen mich jene Verläumder ausgeben. Ihnen will ich dich zuführen, zurückgeben in ihre hocherfreuten Arme, das lang entbehrte Kind.“ „Nicht doch! Hätte mich Verlangen getrieben, in das Haus meiner Eltern zurückzukehren, ſo hätte ich es den Tag nach Behadir Anuſcha's Abreiſe von hier gekonnt, nachdem ich am Morgen alle Auf⸗ ſchlüſſe von ihm empfangen, nebſt reichlichen Mitteln, eine Reiſe mit Vequemlichkeit zu machen. Und doch blieb ich in Smyrna. Erkennet daraus, daß meine Eltern ſeit jenem Tage mehr todt für mich ſind, als vor jenem Tage, da ich noch nicht wußte, wer ſie waren. Und was den Arzt Pillegas betrifft, ſo — habe ich eben ſo wenig die Verwandtſchaft mit ihm in Anſpruch genommen, wie mit Euch, Rabbi. Er weiß bis dieſe Stunde nicht, wer ich bin, und ich fühle ſo wenig Drang, es ihm zu ſagen, wie ich fühlte, es Euch mitzutheilen. Erkennet ferner aus dieſem, daß ich noch weniger Blutsverwandte, als Eltern haben will. Frei will ich ſtehen, ohne Bande, meine Herrin ſein und mir nur ſelbſt angehören.“ „Unbegreifliche!“ rief Aaron verwundert aus. „Und was hat die menſchliche Natur in dir ſo um⸗ gekehrt, daß du das Liebesgeheimniß des Blutes ver⸗ läugneſt, die erſten und heiligſten Bande des geiſtigen Menſchen muthwillig zerreißeſt, die zarten Stimmen der uns angebornen, tief ins Herz geſenkten ſchmerz⸗ lichſüßen Sehnſucht nach Vaterland, Vaterhaus, Vater⸗ und Mutterbruſt, trotzig unterdrückſt und geſchweigeſt, daß du die Liebe, die Freundſchaft, die ſich dir helfend naht, feindlich zurückſtößeſt? Ich kenne deine traurige Lage in Roſanes Hauſe, bin von deiner vielfachen Qual unterrichtet, weiß, wie du geläſtert, verfolgt wirſt, und du weiſeſt meine angebotene Hülfe von dir, du weißt, wer deine Eltern ſind, dein Herz muß dir ſagen, wie ſie jubeln —— werden, wenn du, die geraubte, verloren gegebene Tochter, dich ihnen zu erkennen gibſt, wie du hoch⸗ geſtellt werden wirſt von den Hochgeſtellten, wäh⸗ rend du hier nicht viel mehr biſt, als die dienende Magd— und dennoch bleibſt du! Dennoch! Du biſt mir ein Räthſel, wie ich auf Erden noch keins gefunden.“ „Vielleicht löſt es Euch die Zeit. Entlaßt mich, Rabbi.“ „Nicht eher, bis ich klar geworden bin in dei⸗ nem Weſen. Sieh, ich hätte Macht über dich; das Geſetz erlaubt mir, dich als Schweſtertochter meiner Frau, mit Gewalt in meinem Hauſe zu halten; ich könnte dich zwingen, die verſchmähete Wohlthat anzunehmen. Was wollteſt du dagegen thun? Du miſßteſt gehorchen.“ „Glaubt es nicht, Rabbi. Ein Sprung vom Molo würde all Eurer Macht über mich ſpotten.“ „Du biſt fürchterlich. Ich werde dir meine Liebe nicht aufzwingen, um dich in den Tod zu jagen. Doch, eh' du gehſt, enthülle dich mir. Was iſt's, das die Menſchennatur in dir ver⸗ kehrt hat?“ II. 7 — 98— „ Ueber den menſchlichen Geſetzen ſtehen die göttlichen, wie der Himmel hoch über der Erde ſich wölbt. Mir hat der Gott Israels geboten, der Dreimalheilige; er hat mich auserſehen zu ſeinem Werkzeuge, ich bin ein Stab geworden in ſeiner Hand. Ich bin des Herrn Magd, er gebietet über mich. Es iſt ein Ruf des Geiſtes an mich ergan⸗ gen, eine Stimme iſt mir erſchollen und ein Geſicht hat ſich zu mir gewendet. Nun bin ich der Ver⸗ heißung gewärtig, die mir geworden. Dem Herrn habe ich mich zugekehrt, dem hochgelobten Gott unſerer Väter, und mein Herz ihm zum Opfer gebracht, ihm jubelt es in Andacht und Begeiſte⸗ rung brennend zu, und hat ſich abgeriſſen von den Vanden, die es an den Staub gebunden. Wenn es aber von den Vergen raucht, wie heilige Feuer, dann fragen die Söhne des Thales ſtaunend: was iſt das?— der Herr unſer Gott, wird den alten Fluch vertilgen, der Jahrtauſende auf unſerem Volke geruht, und es wieder groß machen vor allen Völkern der Erde.“ „Das iſt die Sprache einer Seien ich erkenne Sabbathai's Schülerin in dir. Auch dich — 99— hat der Wahnſinn dieſes Ueberſpannten angeſteckt. Kehr' um, ich beſchwöre dich! Er verlockt dich in das ſinnverwirrende Gebäude ſeiner Kabbalah. Du biſt verloren.“ „Ha, ewig Blinder, verſtockt in der trockenen Weisheit der Welt, und unfähig, die Flamme Got⸗ tes zu ſchauen, mögt Ihr es denn wiſſen, daß er meine Sonne iſt, er mein Stern, nach deſſen Glanze ſich mein Auge wendet für und für. Er iſt in die Welt gekommen, ein Gottgeſandter, zum Heil Israels, und die Kabbalah iſt der Born, aus dem er die Heerden tränkt, die ihm folgen, dem getreuen Hirten, und die er auf fette Weide führt. Ihr aber verläugnet und verketzert ihn, der kein Geringerer iſt, als der Meſſias, der König des Himmels und der Erde.“ „uglückſelige, ja, du biſt wahnſinnig! Das alte Traumbild der Juden aus längſt vergangenen Zeiten hat dich verwirrt. Nicht doch, Kind, es wird, es kann kein Meſſias kommen, uns zu erlö⸗ ſen. Wahrheit, Licht, Liebe, die wir zu unſerem reinen Eigenthume zu machen uns beſtreben müſſen, das ſind die Grundlagen der Meſſiasidee, die nur * — 100— — ein beſſeres, edleres Daſein auf Erden bedeutet. Jene heilige Trias wird uns von den dumpfen Ban⸗ den, die unſern Geiſt noch drücken, befreien; wir werden geiſtig frei ſein. Dieſer junge, finſtere Kabbaliſt iſt kein Meſſias, er mag nicht Wahrheit, nicht Licht, nicht Liebe. Schon hat er an all die⸗ ſen drei reinen Engeln gefrevelt. Er iſt ein Ver⸗ führer, ein Betrüger! Er hat dich verlockt und ſtürzt dich ins Verderben.“ „Weh Euch und Allen, die zu Euerm Bunde gehören!“ rief Mihurmah begeiſtert.„Wohl hat mir Behadir Anuſcha geſagt, daß auch mein Vater ein Glied deſſelben iſt. Mit Menſchenweisheit er⸗ frecht ihr euch, Gott zu faſſen, und ihn zu euerm Knecht zu machen, während ihr nur das Wahnge⸗ bilde eurer Thorheit habt, und Gott in glanzvoller Herrlichkeit, aber ungeſehen von euch, über die Erde ſchreitet. Ihr wollt die Berge ebenen und die Thäler ausfüllen, aber der Herr, der in Flam⸗ men zu mir und ſeinen Erleuchteten redet, ſpottet eurer Klugheit. Doch, es wird der Täg kommen und die Stunde, wo Euch mit Schrecken offenbar wird, daß er, der Herr, viel höher über euerm, = euch ſelbſt geſchaffenen Gott iſt, wie der Himmel uber der Decke dieſes Zimmers. Ich gehe, Rabbi, haltet mich nicht länger. Ihr wißt nun Alles, was Ihr von mir zu erfahren begehrtet. Ihr werdet mich ſo wenig bekehren, wie ich Euch⸗ Wir haben demnach nichts mehr mit einander zu reden.“ „Geh hin, arme Verblendete,“ ſagte Aaron wehmüthig.„Du haſt mir prophezeiht, ich will dir viel Wahrſcheinlicheres vorausſagen: es wird die Stunde ſchlagen, wo dir mit Schrecken die Augen aufgehen. Ich bedaure dich, und werde dich nie aus den Augen laſſen, um dir Hülfe zu leihen, wenn du ſie bedarfſt. Leb' wohl und bleibe lich in deinem zauberbunten Wehne Mihurmah entfernte ſich eilenden Schrittes. Eines Abends ſagte Thamar in der Kammer zu Mihurmah:„Mein Schmerz wird täglich größer und mir um ſo unerträglicher, je mehr ich ihn meinem Vater verbergen muß. Wollt' ich ihn ent⸗ hüllen, wie mir's Noth thut, ſoll er mir nicht das Herz abfreſſen, ſo würde ſich der gute Greis zu Tode grämen. Es gibt nur ein Wittel, ihm und — 102— mir zu helfen: ich muß aus dem Hauſe. Hier in dieſen Räumen erinnert mich jeder Gegenſtand ieden Augenblick an mein grauſames Schickſal, und alle die Thränen, die in meinem Herzen geboren werden, muß ich meinen Augen zu weinen verweh⸗ ren. Ich kann es nicht länger aushalten, ich muß den Schmerz ausſchreien, die Thränen ausweinen.“ „Aber wohin willſt du aus deines Vaters Hauſe?“ fragte Mihurmah. „Höre, ich habe mir heute in meinem Jammer einen Plan ausgeſonnen. Unter dem Vorwande, daß ich zur Stärkung meiner Geſundheit häufiger Seebäder bedürftig ſei, erlangen wir vom Vater die Erlaubniß, den Kiosk auf der Inſel Cordelio zu beziehen. Dort begeben wir uns unter den Schutz des alten Faktors meines Vaters, Iſaak Roſo, und ſeiner gutmüthigen, trefflichen Haus⸗ frau, Lea. Dann ſind wir vor jeder übeln Deu⸗ tung dieſes Schrittes ſicher. Das Ehepaar iſt als ſehr brav bekannt und geſchätzt, und ich liebe das alte Mütterchen, Lea, wie wenn ſie mich geboren hätte. An ihrer noch unverheiratheten Tochter, Indith, die ein natürliches, williges Weſen iſt, — 103— finden wir Geſellſchafterin und Dienerin. Debri⸗ gens halten wir uns fern vom Geräuſche der Fak⸗ torei; die tiefe Einſamkeit des Gartens wird mei⸗ ner aufgeregten Seele wohl thun, und ſie allmäh⸗ lig beruhigen. Unſere Harfen begleiten uns, und du überſetzeſt mir aus den türkiſchen Dichtern, die dir Behadir Anuſcha geſchenkt hat.“ „Dein Plan iſt ſchön,“ verſetzte Mihurmah, „und mit Freuden helfe ich ihn dir ausführen.“— Schon in der Frühe des andern Morgens wurde Roſanes mit dem Entſchluſſe ſeines geliebten Kin⸗ des bekannt gemacht, das Haus auf einige Zeit zu verlaſſen. Zwar gingen ihm die Augen über, daß er ſich von ſeinem zweiten Herzen trennen ſollte, doch es war zu ihrem Beſten, und er willigte ein. Das Gartenhaus auf Cordelio wurde ſchön und bequem eingerichtet; der Greis ließ ſich ſelbſt hin⸗ überfahren, um ſich zu überzeugen, daß Alles gut ſei, und der Faktorsfamilie die ausgezeichnetſte Sorg⸗ falt für ſein ſchmerzenreiches Kind anzubefehlen. Als die beiden ſchweſterlichen Freundinnen am andern Abend auf der von Roſanes zu ihrer Ver⸗ fügung geſtellten Barke über den klaren Waſſerſpie⸗ — 104— gel des Hafenbeckens und durch die Menge der in demſelben vor Anker liegenden Schiffe hinfuhren, ſchmiegte ſich Thamar an Mihurmah an, und ſagte: „Gelobt ſei der Herr unſer Gott, daß ich die Stadt im Rücken habe! Wenn ich es irgend vermeiden kann, werde ich ſie nicht mehr betreten. Ich möchte mein müdes, zweckloſes Daſein auf dem grünen Fleckchen Erde beſchließen, das dort vom Duft des Abends überſponnen, freundlich und einladend aus dem Schvoße des Meeres emporſteigt.“ „Sprich doch nicht alſo!“ bat Mihurmah weh⸗ müthig.„Die Zeit, die Jugend und die Freund⸗ ſchaft ſind die beſten Aerzte; ſie heilen jegliche Wunde. Die Zeit wird auf dieſer Inſel beruhigend über deinen heißen Schmerz hinfluthen, wie kühles Meerwaſſer, und die Wunde rein waſchen; die Freundſchaft wird dann einen ſchützenden Verband daran legen und die Jugend ſie vernarben machen.“ „Zeit und Jugend ſind mir wohl gewiß,“ ent⸗ gegnete Thamar,„aber“— ſie ergriff Mihurmah's Hand und drückte ſie feſt ans Herz—„wird auch die Tröſterin Freundſchaft, die ſchweſterliche Treue meiner Mihurmah mir verbleiben?— Laß mich — 105— ausreden, Liebe! Sieh, ich weiß, wie meine Brü⸗ der und Schweſtern, vorzüglich Zipora, gegen dich geſinnt ſind. Ich kenne ihren Haß gegen dich, ihre Verläumdungen deiner; ich kenne Halevi's Bemü⸗ hungen, dich aus unſerm Hauſe zu vertreiben. Sie haben alle ihr Möglichſtes auch an mir verſucht, mich von dir loszureißen. Doch das iſt ihnen ſchlecht gelungen; ich habe dich— wenn dies möglich iſt— nur noch inniger geliebt. Aber dürfte ich dir unter ſolchen umſtänden zürnen, wenn du deinen Verfolgern entgingeſt und mich verließeſt? Der Kiaja hat dich ſo reich beſchenkt, du bedarfſt meines Vaters nicht, Villegas würde dich mit Freuden aufnehmen, wie er mir ſelbſt geſagt, Papas Haus ſteht dir offen und Sabbathai's Bru⸗ der, Eliah, wirbt ſchon lange um deine Hand. Ja, wenn mich nicht Alles trügt, ſchlägt auch des andern Bruders, Joſephs, Herz für dich.— Du würdeſt dich auch beſſer, als ich, zu Sabbathai's Weib paſſen“— hier zitterte ihre Stimme in ſchmerz⸗ lichen Schwingungen—„du ſtehſt geiſtig weit höher, würdeſt ihn eher befriedigen, du glaubſt an ſeine göttliche Sendung, obgleich du ſtets vermieden, dich — 106— darüber, mir gegenüber, deutlich zu erklären, du biſt welterfahrner und würdeſt ihn beglücken, was meine ſchlichte Natur nicht vermochte. Auch ver— ehrt er dich hoch, ja, ich glaube— er liebt dich! ———— Doch, ich wollte ja nur bemerken, daß dir genug Wege aufſtehen, auf denen du beſſer wandeln würdeſt, als auf dem, den du jetzt gehſt; die Wehmuth ſollte mich nicht übermannen. Aber ſieh', wenn auch du mich verließeſt, dann, ja dann wäre es aus mit mir. Du biſt der einzige Stab, auf den ich Wankende mich ſtütze. Entreiße ihn mir, und ich ſtürze zu Boden, um nie mehr zu erſtehen. Nicht wahr, Mihurmah, du willſt mich nicht verlaſſen? Mir grauſt bei dem Gedanken, daß du einem Freier folgen, daß du die unglückliche Thamar allein laſſen könnteſt. Verſprich mir hier unter dem ſchönen, glänzenden Sternenhimmel, daß du nicht eher von mir gehen willſt, bis ich deiner ſorgſamen Liebe nicht mehr bedarf. Beruhige mich, gib mir die Hand, verſprich es mir!“ Weinend reichte Mihurmah der Weinenden die Rechte hin, ſie ſanken einander an die Bruſt, ihre Thränen und Küſſe vermiſchten ſich, und:„ich —— verlaſſe dich nicht, ſo wahr mir Gott gnädig iſt,“ tönte es von den reizenden Lippen der Freundin. Thamar trocknete Wange und Aug'.„Nun bin ich weit getroſter, als erſt,“ ſagte ſie.„Es war auch ein Grund, weßhalb ich Cordelio zu unſerm künftigen Wohnorte gewählt, um dich dei⸗ nen Feinden und Haſſern aus den Augen zu rücken. In unſere ſtille Einſamkeit dürfen ſie nicht kom⸗ men. Doch auch den Hauptgrund meiner Entfer⸗ nung aus dem Vaterhauſe will ich dir nun nicht länger verhehlen, theure Seele. Du mußt Alles wiſſen; mein Herz ſoll vor dir ſtehen, wie eine aufgegangene Roſe.“ Und die Augen niederſchlagend, dann das errö⸗ thende Geſicht an der Schweſter Buſen bergend, flüſterte ſie zu dieſer hinauf:„O, Mihurmah, ſeit ſich Sabbathai von mir geſchieden, liebe ich ihn noch mehr, als ſonſt. Meine Seele iſt Tag und Nacht von ſeinem Bilde voll, alle meine Gedanken fliehen wie Tauben, die ich ihm entwendet, zu ihm zurück, und die Sehnſucht nach ihm glüht mir wie ein ſüßes, verzehrendes Feuer durch die Adern und das Mark meiner Gebeine.“ — 108— „Armes, armes Kind!“ rief Mihurmah. „Ich kann nicht leben mehr, ich muß ihn ſehen. Am Strahle ſeines Auges wird ſich die Flamme meines Lebens fort entzünden, der Klang ſeiner Stimme wird meiner Seele die bedürftige Nahrung ſein, die Luft, die er athmet, wird mich erquicken.— In Cordeliv weiß ich mir einen der armeniſchen Knechte meines Vaters ergeben, ihn hoffe ich zu gewinnen, daß er uns Abends hinüber rudert nach dem Schwanenhals, wo Sabbathai lehrt. Verhüllt miſchen wir uns unter ſeine Zuhörer. Und dich ſend' ich dann zuweilen zu ihm, damit du mir Kunde bringeſt von ihm. Du darfſt mit ihm reden, mit ihm verkehren, auf dir ruht ſein Auge mild und freundlich. So ſei du⸗ nun ſein ſichtbarer Schutzengel auf Erden; ich darf es nicht mehr ſein, ich durfte es nur kurze Zeit ſein, mich hat er verſtoßen. Und wenn du ſeine Gattin werden ſollteſt, wie ich wünſche und hoffe, ſo erlaube mir, daß ich ihn auch ferner liebe.“ „O du ſanftes, frommes Lamm, warum mußte er dich in deiner Unſchuld und Reinheit nicht erken⸗ nen!“ rief Mihurmah ſchmerzlich.„Aber wir dür⸗ — 109— fen nicht rechten mit dem Herrn unſern Gott. Wie er uns führt, ſo iſt's uns am Beſten, wenn wir Wankenden, Irrenden auch nicht begreifen können, warum es ſo rauhe Pfade ſind. Laß uns mit David ſingen: „Allgütig iſt der Herr und gnadenreich, und zeigt den Irrenden die rechte Steige. Die Hülfsbedürft'gen führt er treu und recht, Den Armen lehrt er ſeine Wege gehn. und denen, die des Bundes eingedenk Sein Zeugniß halten, ſind des Herrn Wege Nur lauter Liebe, lauter Güt' und Wahrheit.“ Bruſt an Bruſt ſchwammen ſie ferner ſchweigend über den mit Abendſchleiern überhangenen Meerſpie⸗ gel dahin, dem reizenden ufer der kleinen Inſel, ihrer künftigen Wohnſtätte, zu, und die Aeſte und Zweige der Oliven⸗ und Orangenbäume ſchienen ſich wie verlangende Arme auszubreiten, um die lieben Gäſte, die unter ihrem Laubdache wandeln wollten, grün und hoffnungsreich zu umfangen. Sie ſetzten den Fuß an das Land, und die Engel der Nacht und des Friedens küßten ihnen im küh⸗ len Dufthauch zum Empfang die ſchweſterlichen Stirnen. Der Ring Salvmo's. Dem Salomo unterwarfen wir einen ſtarken Wind, der, auf ſeinen Vefehl, das Land beſtrich, auf welches wir unſern Segen gelegt hatten. und wir wußten alle Dinge. Auch unterwarfen wir ſeiner Herrſchaft viele Dämonen, die da untertauchen, Perlen für ihn zu fiſchen, und ander Werk zu verrichten. und wir wachten über ſie. Koran, 21 Kapitel: Die Propheten. Salomo war Davids Erbe; und er ſprach: Die Sprache der Vögel iſt uns gelehret, und alle Dinge geoffenbaret worden. Dieſes iſt ſichtbare Gnade. und ſeine Heere wurden zu Salomo verſammelt, die aus Dämonen, Menſchen und Vögeln beſtanden ꝛc. ꝛc. Koran, 27 Kapitel: Die Ameiſe. Ein weites düſtres in den Berg gehöhltes Gewölbe im abgelegenen Hinterhauſe Mardochai Zewis, war jetzt Sabbathai's einſame Wohnung. Früher eine Waarenniederlage, zuletzt der Aufenthalt des Feder⸗ viehs, womit der dürftige Veſitzer dieſer Baulichkeiten gehandelt, ſtand es meiſt leer, ſeit ſich derſelbe dem Mäklergeſchäft mit beſſerm Erfolg zugewendet hatte. Obgleich kühl und ſchützend gegen die ſengende Sonne — 111— des aſiatiſchen Himmels, war dieſe Halle doch kein freundlicher Aufenthalt; denn hie und da baufällig und den Einſturz drohend, gewährte ſie Wind und Wetter jeglichen Durchgang; die rohen Steinwände, der erdige Voden, die dumpfe Oede, das ſpärliche Tageslicht, das vom Berge her hereinfiel, die ärm⸗ lichen Tiſche und Geräthe, bis auf das Allernoth⸗ dürftigſte beſchränkt, waren dem in den Propheten⸗ büchern der Juden angedeuteten Glanz des Meſſias keineswegs angemeſſen. Aber dieſelben Seher Israels hatten auch geweiſſagt, daß der Erlöſer des Volks vom Fluche Gottes und der Knechtſchaft der Men⸗ ſchen aus Armuth und Dürftigkeit hervorgehen ſolle, und Sabbathai ſchien abſichtlich jede Bequemlichkeit, die er ſich gar wohl hätte durch die Dankbarkeit ſeiner zahlreichen Schüler bereiten können, von ſich zu weißen und jeden Reichthum zu verachten. Die übrigen Vokslehrer ließen ſich den ertheilten Unter⸗ richt bezahlen, und geſtatteten Niemand den Zutritt in ihre Lehrſäle, der ſich nicht durch klingende Mit⸗ tel in die Zahl der Schüler eingekauft hatte: Sab⸗ bathai allein lehrte unentgeldlich unter freiem Him⸗ mel und lud jeden dazu ein. Selbſt von dem * — 112— engern Kreis ſeiner Schüler jener heiligen Zah der dreimal ſieben, die er ſich ſelbſt ausgewählt hatte, nahm er nie Belohnungen an. Was bedurfte er auch? Sein Kleid war, ſeit er ſich von Thamar getrennt, das billigſte und einfachſte aller Juden, er faſtete oft zwei, drei Tage, ja zuweilen von einem Sabbath zum andern, ſelbſt an den Tagen wo er aß, pflegte er nur eine einzige äußerſt kleine und frugale Mahlzeit zu machen, und nahm er am Sabbath die Einladung eines ſeiner Schüler an, ſo genoß er weniger als ein Kind.— Fragten ihn ſeine Schüler, weshalb er die irdiſchen Schätze ſo ſehr verachte, daß er ſogar Roſanes ungeheuern Reich⸗ thum verſchmäht, ſo antwortete er geheimnißvoll, es werde einſt eine Zeit kommen, wo Glanz und Pracht ihm nöthig, und dann werde ihn der Gott Israels mit irdiſchen Gütern überſchütten. Faſt mehr noch als ſeine abweichenden Lehreg, hatte ihn ſeine Uneigennützigkeit allen andern Chachams verhaßt gemacht, deren Lehrſäle ſeit Sabbathais Auftreten leer blieben.— Es war am Feſte des bürgerlichen Neujahrs der Juden, am erſten Tag des Monats Tisri, als Sab⸗ — 113— bathai ſeine Vorträge früher ſchloß, um ſeinen Zu⸗ hörern Gelegenheit zur Feier des Feſtes zu geben; er ſelbſt ſtieg einſam und in tiefſinnigen Betrachtungen verſunken, in die Gebirge hinauf, über die der Herbſt⸗ abend hereindunkelte; ſeine einundzwanzig Schüler aber begaben ſich in ſeine Wohnung, um dort von ſeiner Mutter ein Feſtmal bereiten zu laſſen und es nach ſeiner Rückkehr mit ihm zu verzehren. In der düſtern Halle verſammelt, in deren weite Räume ein kärgliches Lampenlicht nur matte Strah⸗ len verſandte, ſaßen ſie, des jungen Meiſters har⸗ rend, der der Gegenſtand ihrer Unterhaltung war. Auf Tiſchen, Fäſſern und Kiſten umher lagen große Bücher und Papierrollen, aus denen wunderbare Linienbilder und Figuren faſt unheimlich heraus⸗ glänzten. Da ſah man in geheimnißvollen Zeichen, unter denen die tiefe Kabbalah die gewaltigen über die Kräfte der Natur geſetzten Engelfürſten darſtellte, die, vom Kundigen gebraucht, die Wunder des Alls als geweihte Schlüſſel erſchloſſen und Gewalt aus⸗ übten über alle Geiſter der Erde. Blutig roth glü⸗ heten die heiligen in einandergeſchlungenen Dreiecke, das Symbol der mit der dreitheiligen Gottheit ver⸗ II. S — 114— einten dreitheiligen Welt, und andre unbegreifliche Lettern, an die der wahre Kabbaliſt ungeheure Kräfte gebunden hält, ſchimmerten in andern Far— ben. Hier blitzte der Dreizack, an deſſen mittlerem Theil eine Kugel iſt, das Bild Galganiels, des Für⸗ ſten der Sonne, dort der Vierzack mit den vier Kugeln an den Spitzen, das Bild Ofaniels, des Fürſten des Monds, und weiter hin andre, wie die Jehvels, des Fürſten des Feuers mit den Bildern ſeiner ſieben untergeordneten, ihm dienſtbaren Engel: Gabriel, Nitriel, Thumiel, Schamſchiel, Hadarniel und Sahariel. So das Bild des Waſſerfürſten ichael mit ſeinen Gehülfen Ramiel, Oriel, Malkiel, Chabriel, Miniel und Zoriel. Jedes Zeichen von mäch⸗ tiger Bedeutung, an jedes eine. Naturkraft gekettet! Als die Jünglinge, welche noch nicht in dieſe tiefen Geheimniſſe eingeweiht waren, die Bücher und Papiere theilweiſe mit ahnungsvollen Schauern betrachtet hatten, beſtürmten einige Baruch als den Gelehrteſten unter ihnen, dem der Chacham als ſei⸗ nen Liebling ſchon Vieles in der geheimen Wiſſen⸗ ſchaft erſchloſſen habe, was ihnen noch verborgen ſei, etwas davon zum Beſten zu geben. Baruch zeigte ſich auch bereitwillig dazu, den er that ſich gern etwas auf ſeinen vertrautern Umgang mit Sabbathai zu gut, und begann alſo:„Ich will Euch eine Geſchichte erzählen, die unſre Väter, auf denen das Paradies ſei, vom weiſen König Salomo aufgezeich⸗ net haben. Dieſer hat mit ſeinem Freunde Hiram, König von Tyrus, zuerſt die Kabbalah von den bei⸗ den Engeln Aſa und Aſael gelernt, nachdem dieſelben zur Strafe ihrer Sünden Menſchen geworden waren. So weit wie Salomo hat es kein Kabbaliſt wieder gebracht, bis auf einen, und das iſt unſer Chacham Sabbathai. Hört mir zu. Als Salomo, der Weiſeſte der Menſchen, dem Herrn ein Haus zu bauen begann und deshalb dem Hiram, dem König von Tyrus, anlag, ihm ſeine Bauleute zu ſchicken, erging ein Geſicht an ihn, er ſolle kein Hammer noch Beil oder ſonſtiges Eiſenwerkzeug zur Zurichtung der Bau⸗ ſteine brauchen; darüber gerieth der König in nicht geringe Verlegenheit, und berief ſeine Rabbinen und ſprach zu ihnen: Wie ſoll ich es machen, die Steine zu behauen ohne Werkzeug? Da verſetzte der Aelte⸗ ſten und Erfahrenſten einer: Es gibt einen geſchick⸗ ten Wurm, Namens Schamir, der die härteſten 88 — 116— Steine ſpaltet mi zurichtet, wie's der Baumeiſter begehrt; Moſes ließ ihn bringen und die Steine des Leibrocks zurichten. Und Salomo fragte weiter: Wo iſt der wunderbare Wurm Schamir zu finden? Die Rabbinen aber antworteten und ſprachen: Das wiſſen wir nicht. Dir iſt Macht gegeben über die Dämonen; ſo laß einen Dämon und eine Dämonin vor dir erſcheinen und zwinge ſie zuſammen; viel⸗ leicht wiſſen ſie des Wurmes Aufenthalt und vffen⸗ baren dir ſelbigen. Da drehete der König ſeinen Ring, auf welchem der Schem hammphoraſch und die mächtigſten kabbaliſtiſchen Zeichen eingegraben waren, und an welchen die Gewalt über die Geiſter gebunden war, am Finger, und befahl einem Dämon und einer Dämonin vor ihn zu kommen. Augen⸗ blicklich ſtanden ſie da auf ſeinen Ruf, und er zwang ſie zuſammen. Sie aber ſprachen: Wir wiſſen nicht, wo der Wurm iſt; vielleicht weiß es Aſchmedai, unſer König. Ueber den König der Dämonen hatte aber Salomo noch keine Gewalt, deshalb fragte er die Gefangenen: Wo iſt der Aſchmedai? Sie ant⸗ worteten: Er hat ſich auf dem Berge Libanon eine Grube gegraben, mit Waſſer gefüllt und mit einem — 117— Steine zugedeckt, dieſen aber mit ſeinem Siegelring verſiegelt. Er ſteigt alle Tage hinauf in das Fir⸗ mament und lernt in der hohen Schule des Firma⸗ ments, dann ſteigt er herab auf die Erde und lehret in der hohen Schule der Erde. Darnach kommt er, beſieht den Abdruck ſeines Petſchafts auf dem Siegel am Stein, öffnet die Grube und trinkt, deckt ſie zu, verſiegelt ſie wieder und geht von dannen.— Als der König Salomo dieſe Rede der Dämonen vernom⸗ men, befahl er dem Benaja, dem Sohne Inhojada, nach dem Libanon aufzubrechen, und gab ihm eine Kette, auf welcher der Schem hammphoraſch geſchrie⸗ ben ſtand, nebſt ſeinem Ringe, auf welchem derſelbe heilige Name eingeſchnitten war, ſammt einigen Bündeln Wolle und ein Paar Schläuchen Wein. Da nun Benaja zu Aſchmedais Grube kam, höhlte er eine zweite Grube unterhalb der erſten, bohrte dann ein Loch in dieſe und ließ das Waſſer heraus⸗ laufen, ſtopfte das Loch mit Wolle wieder zu und grub ſofort eine dritte Grube überhalb der erſten, in die er den Wein ſchüttete, bohrte ein Loch und ließ den Wein in des Aſchmedai's Grube laufen. Nun deckte er ſeine beiden Gruben ſorgfältig mit — 118— Steinen und Erde zu und ſtieg auf einen Baum. Als nun Aſchmedai gekommen, ſein Petſchaft beſich⸗ tigt, die Grube geöffnet und ſtatt Waſſer Wein gefun⸗ den hatte, ſprach er: Es ſtehet geſchrieben: Der Wein macht böſe Leute und ſtark Getränke macht wild; wer dazu Luſt hat, wird nimmer weiſe. So ſtehet auch ferner geſchrieben: Liebe, Wein und Moſt rauben den Verſtand. Und der ſchlaue Dämo⸗ nenfürſt trank lange nicht. Doch der Durſt über⸗ mächtigte ihn, er konnte nicht mehr widerſtehen, trank und wurde ſo betrunken, daß er ſich niederlegen mußte und einſchlief. Sobald dieſes geſchehen war, ſtieg Benaja vom Baum herab, ging zu dem ſchlafenden Aſchmedai, warf ihm die Kette über und ſchloß ſie feſt um ſeinen Hals. Darüber erwachte der Dämo⸗ nenkönig, ſtelite ſich ganz ungeberdig und wollte die Kette abreißen, doch Benaja ſprach zu ihm: Der Name deines Herrn iſt auf dir! denn dieſer ſtand, wie ſchon gemeldet, auf der Kette. Benaja führte den durch Liſt Gefangenen nach Jeruſalem zu. Sie kamen aber an einen Dattelbaum, an dieſem rieb ſich Aſchmedai und warf ihn um, dann kamen ſie an ein Haus, das warf er auch um, endlich an die Hütte — 119— einer armen Wittwe, die trat heraus und bat ihn flehentlich, daß er ihre Wohnung verſchonen möchte, und als er ſich auf die andre Seite wenden wollte, zerbrach er ein Bein und ſprach, wie geſchrieben ſtehet: Ein ſanftes Wort bricht Hartnäckigkeit. In Salomo's Pallaſt angekommen, brachte man ihn erſt am dritten Tage vor den weiſen König. Am erſten Tage ſprach der gefangene Dämonenfürſt zu Salv⸗ mo's Dienern: Warum läßt mich euer König nicht vor ſich führen? Sie antworteten ihm: Er hat zu viel getrunken. Da nahm er einen Backſtein und ſetzte ihn auf einen andern. Sie aber gingen zum Salomo und ſagten es ihm an; der ſprach zu ihnen: Er hat damit ſagen wollen: Gehet hin und gebt ihm wieder zu trinken. Des andern Tags ſagte Aſchme⸗ dai wieder zu den Dienern: Warum läßt mich der König nicht vor ſich kommen? Sie antworteten ihm: Er hat zu viel gegeſſen; da nahm der Dämon den Vackſtein von dem andern, und ſetzte ihn auf die Erde. Und ſie gingen zum Salomo und ſagten es ihm an; der ſprach zu ihnen: Er hat ſagen wollen: Gebt ihm nur wenig zu eſſen. In der Frühe des dritten Tags wurde Aſchmedai vor den König geführt, und nahm — 120— dort eine Elle und maß am Boden vier Ellen lang, und warf ſie vor Salomv nieder und ſprach zu ihm: Wann du geſtorben biſt, ſo kannſt du von die⸗ ſer Erde nicht mehr als vier Ellen behaupten. Nun haſt du die ganze Welt bezwungen und biſt doch nicht damit zufrieden geweſen, bis daß du auch mich bezwungen und dir unterworfen haſt. Salomo aber ſprach zu ihm: Ich begehre nicht viel von dir; ich will einen Tempel bauen, dazu hab' ich den Schamir nöthig; gib mir den Wurm. Da antwortete der Dämonenfürſt: Schamir iſt nicht mir, ſondern dem Fürſten des Meers übergeben, und dieſer vertraut ihn Niemand anderm an, als dem Auerhahne, der ihm getreu iſt, wegen des ihm geleiſteten Eides.— Und was thut der Auerhahn mit dem Wurme? fragte Salomv.— Er nimmt ihn mit ſich auf die höchſten Berge, wo weder Kraut noch Baum wächſt, und hält ihn an die Felſen; da ſpaltet Schamir die Felſen der Berge. Dann trägt ihn der Auerhahn wieder zurück, nimmt darnach Samen von Kräutern und Bäumen und wirft ihn dorthin, ſo gibt es einen fruchtbaren ſchattigen Ort daſelbſt. Deswegen wird er auch Naggar tura, d. i. der Vergkünſtler, genannt. — 121— — und Salomo ſchickte den Benaja wieder aus, das Neſt des Auerhahn zu ſuchen; und als dieſer es gefunden hatte und Junge darin liegen ſah, bedeckte er dasſelbe mit einem hellen weißen Glaſe. Der Auerhahn kam, wollte zu ſeinen Jungen und konnte nicht, da flog er von dannen, holte den Schamir und ſetzte ihn auf das Glas, damit er's zerbreche. Benaja aber brach aus ſeinem Verſteck hervor, ſchrie den Vogel überlaut an, ſo daß dieſer den Schamir vor Schrecken fallen ließ, den Benaja ſchnell aufhob und davon trug. Der Auerhahn ging hin und erwürgte ſich ſelbſt wegen ſeines Eidbruchs. Der Schamir aber richtete dem Salomo alle Steine des Tempels zu.— Unſre Rabbinen, geſegneten Anden⸗ kens, haben gelehret, der Schamir ſei von der Größe eines Gerſtenkornes geweſen und kein hartes Ding habe vor ihm beſtehen können, und ſei am erſten Sabbathabend in der Dämmerung erſchaffen worden; ſeit der Zeit der Verwüſtung des Tempels wird er aber nicht mehr auf Erden gefunden.— Kraft ſeines Ringes zwang Salomo nun alle Dämonen, ihm beim Tempelbau zu helfen. Damals war der Mond noch in ſeiner Vollkommenheit und das Gute hatte Macht —— über das Böſe. Nachdem aber Salomo geſündigt hatte, fing der Mond an abzunehmen, und die Dä— monen entzogen ſich ſeiner Gewalt.— Aſchmedai verblieb in Gefangenſchaft, lange nach Vollendung des Tempels. Da trat er eines Tags vor Salomo und ſprach: So du mir die Freiheit verſprichſt, will ich dir ein großes und wichtiges Geheimniß entdecken. Salomo verſprach das Begehrte; und der Dämv⸗ nenfürſt fuhr fort: Erſt mußt du mir die Kette abnehmen. Es geſchah.— Nun bedarf ich zur Ent⸗ hüllung des dir ſo förderlichen Geheimniſſes auch deines Ringes. Und Salomo gab ihm auch dieſen; denn alle Weisheit war von ihm genommen, ſeit er geſündigt hatte. Und alſogleich verſchlang der freie Dämonenfürſt den König, und ſetzte den einen ſeiner Füße an das Firmament des Himmels und den andern auf die Erde und warf den König Salomo vierhundert Meilen weit von ſich in die Länder der Heiden. Er ſelbſt verſenkte den Ring in das Meer, und ſetzte ſich dann in der Geſtalt Salomo's auf deſſen königlichen Thron und herrſchte über das Reich; Salomv aber ging betteln vor den Thüren, und wohin er nur kam, ſprach er: Ich, Prediger, war — 123— König über Iſrael zu Jeruſalem. Die Leute aber ſpotteten ſeiner wegen dieſer Rede, und ſagten: Sollte ſolch ein König vor den Thüren betteln? Und er verblieb in ſolch ſchmerzlichem Zuſtande drei Jahre, die weil er drei Gebote des Geſetzes übertreten hatte: Er ſoll nicht viel Roſſe halten, er ſoll auch nicht viele Weiber nehmen, und ſoll auch nicht viel Silber und Gold ſammeln. Als nun die drei Jahre ver⸗ floſſen waren, wollte ſich Gott über ihn erbarmen, wegen ſeines Knechtes David; und damit die Naama, die Tochter des Königs der Ammoniter gerecht gemacht würde, und der Meſſias, der Sohn David's, aus ihm herkäme, und er ſich mit ihr vermählete, ſie auch mit ihm in das Land Iſrael zöge, ſo führte ihn Gott in das Land der Ammoniter. Und als er in der königlichen Reſidenzſtadt, Namens Maſchke⸗ mem, angelangt war und auf der Gaſſe ſtand, kam der Küchenmeiſter des Königs, der dem König die Speiſen zubereitete und kochte, dasjenige einzukaufen, deſſen er zur Verrichtung ſeines Dienſtes vonnöthen hatte, und fand den Salomo daſelbſten ſtehen, und zwang ihn, das Gekaufte zu tragen, und führte ihn in die Küche und ſahe zu, was er that. Salomo — 124— aber ſprach zu dem Küchenmeiſter, er wolle bei ihm bleiben und ihm dienen um nichts weiter als die Koſt. Und als es der Küchenmeiſter zufrieden war, blieb Salomo bei ihm und diente ihm, und half ihm. Einige Tage darnach ſagte Salomv zum Küchenmei⸗ ſter, er wolle dem König einmal einige Speiſen nach ſeiner Art kochen, und als jener damit zufrieden war, richtete er die königlichen Speiſen gar köſtlich und lecker zu, wie er ſie ſelbſt ſonſt gegeſſen hatte; denn er verſtand ihre Zubereitung ſehr wohl. Als nun der König von dieſen herrlichen Speiſen gegeſſen, fragte er: Wer hat dieſe Gerichte zubereitet, wie ich ſie zuvor noch nie genoſſen? Da erzählte der Küchen⸗ meiſter Alles, wie es ſich zugetragen hatte. Darauf befahl der König ſeinen Knechten, daß ſie den fremden Mann rufen ſollten. Und als Salomo vor den König kam, fragte ihn dieſer: Willſt du mein Küchenmeiſter ſein? Und er antwortete: Ja! Darnach gab der König ſeinem Küchenmeiſter den Abſchied und ſetzte Salomo an deſſen Stelle, daß er ihm alle ſeine Spei⸗ ſen zurichten ſolle. Es begab ſich aber nach dieſem Allen, daß des Ammoniterkönigs Tochter Naama den Salomo ſah und zu ihrer Mutter ſprach: Ich möchte — 125— dieſes Mannes Frau ſein. Da gab ihr ihre Mutter einen Verweis und ſprach zu ihr: Viel treffliche Für⸗ ſten ſind in deines Vaters Reich, und du kannſt wäh⸗ len, welcher dir gefällt. Die Tochter aber gab zur Antwort: Ich begehre keinen als den Küchenmeiſter. Kein Zureden der Mutter half, und dieſe mußte das Begehr der Tochter dem Könige, ihrem Gemahl, ent⸗ decken. Als der König ſolches hörte, wurde er ſehr zornig und wollte ſie erſt beide umbringen. Es war aber nicht Gottes Wille, daß unſchuldiges Blut flöße, vielmehr, daß ſich der König ihrer erbarme. Deshalb rief er einen ſeiner Knechte und befahl ihm, ſeine Tochter mit dem Küchenmeiſter in die Wüſte zu füh⸗ ren, damit ſie dort von ſelbſt ſterben ſollten. Und der Knecht that alſo, wie ihm der König befohlen hatte, und ließ ſie in der Wüſte, und ging ſeinen Weg zum König, ihm zu dienen, wie zuvor. Sie aber begaben ſich von dannen hinweg, Speiſe zu finden, ihr Leben zu erhalten, und kamen in eine Stadt am Meere. Und als Salomo ging, Speiſe zu ſuchen, traf er Fiſcher, welche Fiſche verkauften, und kaufte einen von ihnen, und brachte den Fiſch ſeiner Frau, damit ſie ihn koche. Indem ſie nun des Fiſches Bauch — 126— aufſchnitt, fand ſie einen Ring darin, auf welchem vieles geſchrieben ſtund, und ſie gab den Ring ihrem Mann. Dieſer aber erkannte alſobald ſeinen Ring, ſteckte ihn an ſeinen Finger und ſprach den darin eingeſchnittenen Schem hammphoraſch aus. Da kam ſein Geiſt wieder zu ihm und ſeine Macht und Stärke, und ſein Gemüth wurde froh. Und er ging nach Jeruſalem, vertrieb den Aſchmedai vom Throne und nahm ſeinen königlichen Platz ein, und ſetzte die könig⸗ liche Krone auf ſein Haupt und nahm ſein Weib als Königin an ſeine Seite. Darnach ſandte er Boten zu ihrem Vater und ließ ihn herbeiholen, und ſprach zu ihm: Du haſt ohne Scheu zwei Menſchen umge⸗ bracht. Der Ammoniterkönig antwortete: Das ſei ferne; ich habe ſie nicht umgebracht, ſondern in die Wüſte vertrieben, und weiß nicht, was ſich mit ihnen zugetragen hat. Drauf fragte ihn der König Sa⸗ lomo: Wenn du ſie ſäheſt, würdeſt du ſie wohl wieder erkennen? Wiſſe, daß ich der Küchenmeiſter bin, und deine Tochter iſt die Königin, meine Frau. und er ließ ſie rufen, und ſie kam, und küßete ihres Vaters Haͤnde. Er aber frenete ſich ſehr und begab ſich wieder in ſein Land. Was nun Salomo's Ring — 127— angehe, an welchem ſo große Kräfte gebunden, ſo ward derſelbe nach des Königs Tode aufgehoben für den Würdigſten, der aus dem Blute Salomo's und der Naama entſpringen würde, ein Sproß, der rein ſei von aller Sünde, welchen der Gott Iſraels zu großen Dingen auserſehen und auf den er den Glanz ſeiner Herrlichkeit zurückſtrahlen wird. Und ſo iſt denn der Ring verborgen geweſen, und keiner hat ihn getragen und keinem hat ſeine Macht zugeſtan⸗ den bis auf unſre Tage, denen das Heil zugedacht iſt.“ „Wie?“ rief Simcha Sebulon, der Aelteſte aus Sabbathai's engerm Schülerkreis, ein Mann, der ſich durch ſeine Körpergröße und Stärke aus⸗ zeichnete, und ſeines Gewerbes ein Schächter war, „Salomo's Ring iſt endlich gefunden? Und wer anders könnte in ſeinem Beſitz ſeir, als unſer Chacham!“ „So iſt's“ verſetzte Varuch feierlich.„Sabbathai Zewi trägt Salomo's Ring an ſeinem Finger, und iſt Herr der Geiſter der Dämonen und der Vögel geworden, wie es der weiſe König war. Auch er verſteht die Sprache der Vögel, und wenn er im Walde geht, jliegen ſie auf ſeinen Befehl herbei, ihm ihre Geheimniſſe zu offenbaren.“ — 128— Ein maßloſes Erſtaunen ging durch den Kreis der Schüler. Ihre Augen glänzten von bewundernder Begeiſterung, ihr Mund ſprach kurze, aber inhalt⸗ ſchwere Worte. „Und erzähle, ſo du's weißt, da du doch des Meiſters Liebling biſt, wie ihm der mächtige Ring zugekommen!“ redete Schimcha wieder zu Baruch. „Noch inniger vertraut geworden mit der geiſter⸗ beherrſchenden Kraft der Kabbalah, hat Sabbathai zeither in jeder Nacht mit Engeln und Geiſtern ver⸗ kehrt und ſie haben ihm geſagt, daß er der Meſſias der Sohn David's oder vielmehr der David ſelber ſei, wie geſchrieben ſtehet, aber die Stunde ſeiner größten Macht ſei noch nicht gekommen, daß er ſich enthülle, über Iſrael herrſche und deſſen Feinde ver⸗ tilge. Da hat er verlangt, einſtweilen bis zur Stunde ſeiner Macht, Salomo's Ring zu beſitzen, und zu verſchiedenen Malen hat er die Geiſter und Dämonen gezwungen, ihm den Ring zu bringen⸗ Endlich als er die rechten und gewaltigſten Zeichen gebraucht, flog plötzlich ein Rabe durch dieſes Fen⸗ ſter vom Verge her, der trug den Ring im Schna⸗ bel, legte ihn vor Sabbathai nieder und rauſchte — 129— wieder davon. Da ſah Sabbathai zuerſt den Schem hammphoraſch, den urheiligen Namen Gottes, den ſonſt nur der Hoheprieſter gewußt und jährlich nur einmal ausſprechen durfte im Allerheiligſten des Tem⸗ pels, den aber unſer Volk verlernt hat. Sabbathai weiß den Namen nur allein auf Erden wieder, und er wird ihn ausſprechen, wenn's Zeit iſt.“— In dieſem Augenblick ſtand plötzlich Sabbathai mitten unter den ſtaunenden Schülern und grüßte ſie, eine ernſte, ſchöne, ehrfurchtgebietende Geſtalt. Keiner hatte ihn kommen ſehen, und heilige Schauer rieſelten durch ihre Gebeine bei ſeinem Friedensgruß. Scheu blickten ſie an ihm empor, der ſelbſt wie ein Geiſt unter ihnen ſtand, und es war allen, als müſſe er gleich den wiedergefundenen dreimal urheiligen Got⸗ tesnamen ausſprechen, und ſie, zerſchmettert von deſſen Gewalt, erblindet von deſſen flammender Herr⸗ lichkeit, zu Boden ſtürzen. Aber Sabbathai ſagte: „Ihr habt mir ein Feſtmahl zubereitet! Wohlan, ſo laßt uns das Feſt begehen! Ich wünſche euch Allen Glück zum neuen Jahre. Der Herr unſer Gott möge alle eure Sünden des vergangenen Jahres gnädig von euch genommen haben, und wie ihr geſtern II. 9 — 130— aus dem Bade am Leibe rein geſtiegen ſeid, ſo möge auch eure Seele geſtern fleckenlos geworden ſein, und wie ihr heute neue und gute Kleider angelegt habt, ſo mögt ihr Tugenden und geiſtige Vorzüge angezogen haben. Verlaſſet immer mehr die geiſtige Dumpfheit eurer Väter und ziehet an das neue Kleid des Lichts, das ich euch webe gleich den Engeln, die, nach der ſchönen Dichtung, heute im Himmel neue Kleider anthun, gemacht aus dem glänzenden Scheine, der unter dem Throne der Herrlichkeit liegt, nachdem ſie ſich zuvor im Feuerfluß Dinur gebadet haben. Daniel, der Prophet, ſah in ſeinem heiligſten Geſichte Gott ſitzen auf dem Throne, und der Stuhl war eitel Feuerflammen und die Räder desſelben brannten wie Feuer. Und von dem Throne ging aus ein langer Feuerſtrom. Unſre Väter aber haben geſagt: Der Feuerſtrom, der unter dem Throne der Herrlichkeit hervorfließt, wird vom Schweiß der Thiere gebildet, welche den Thron tragen und aus ewiger Furcht vor dem heiligen gebenedeieten Gott immer Feuer ſchwitzen. und wenn die Engel, auf Gottes Ruf, zum Gericht kommen, ſo müſſen ſie in Dinur baden und ſich erneuern, damit durch das Feuer jeglicher unreine Stoff, der — 131— ihnen angeflogen wäre, von ihnen genommen werde, bevor ſie vor des Herrn Angeſicht erſcheinen. Auch alle Gerechten, die da ſterben, müſſen im Feuerfluſſe geſäubert werden, ehe ſie zum höchſten Glanze ein⸗ gehen. Darnach fließet der Feuerſtrom weiter und ſcheidet feurige Kohlen aus, und wirft ſie auf die Häupter der Gottloſen in der Hölle.— So ſehet denn, meine Freunde, im Fluſſe Dinur das Bild mei⸗ ner Lehre. Sie leuchtet wie Feuerflammen, und geht aus von Gottes Thron. In ihr müſſen Alle, die nach Wahrheit dürſten, die Feuertaufe erhalten, müſ⸗ ſen die Lüge, die Heuchelei, den Unverſtand, den Trotz, die Vosheit abwaſchen und als neue Menſchen aus dem Feuerbade derſelben hervorgehen. Auf die, ſo in Thorheit verharren, und mit Fleiß Nacht und Irrthum verbreiten, wirft ſie die feurigen Kohlen, die ſie in ihrem Schooſe verbirgt, um ſie zu verderben die gottloſen Verächter. Und der Strom meiner Lehre wird ſich ein Vett graben trotz aller Hinder⸗ niſſe. Der Herr ſegne ſeine Flammen in dieſem neuen Jahre! Der Herr ſegne euch, meines Wortes Boten und Verkünder!“ Uund er nahm die bleiche Jernſa, die unterdeſſen 95 — 132— gekommen war, küßte ſie auf die Stirn, und ſetzte ſie zu ſeiner Rechten, Baruch ſaß zur Linken, zu beiden Seiten ſeine Brüder, und dann die übrigen Schüler. Und er nahm das Brod, ſegnete es und brach's, und nahm den Becher, ſegnete ihn, trank und reichte ihn den Uebrigen. Vom Neujahrsfeſte bis zum Verſühnfeſte der Juden ſind zehn Tage, die zehn Tage der Buße genannt. Sie beten während denſelben vom frühe⸗ ſten Morgen an, faſten viel und hüten ſich ſtreng vor der kleinſten Uebertretung des Geſetzes. Am neunten Tage gehen ſie früh in die Schule, und wenn ſie heim kommen, ſchlachtet jedes männliche Familienglied einen Hahn, und jedes weibliche eine Henne zu ſeiner Sühne, gleich wie ſonſt, als noch der Tempeldienſt zu Jeruſalem beſtand, der Hohe⸗ prieſter an dieſem Tage den Sündenbock ſchlachtete, der durch ſeinen Tod das ganze Volk von aller Schuld reinigte. Abends baden ſie, ſpeiſen gut und legen ſchneeweiße Kleider oder linnene Hemden über die übrigen Kleider an, Gewänder der Unſchuld. — 133— Der folgende eigentliche Feſttag iſt der ſtrengſte Faſttag der Juden, den ſie, wo möglich, ganz in ihren Tempeln und Schulen zubringen. Sabbathai hatte die Tage der Buße faſtend ver⸗ lebt, nur ein klein wenig Brod und Waſſer war zur Erhaltung des Lebens über ſeine Zunge gekom⸗ men. Er war ſichtbar abgeſpannt, als er am Abend vor dem Feſte lehrte; ſeine Augen glüheten düſter in ihren Höhlen und ſchoſſen zuweilen unheimliche Blitze, wie eine ſchwarze Gewitterwolke, die ſich unbemerkt hinter den lichtweißen Wolken des Weſt⸗ himmels nach Sonnenuntergang gebildet. Sein Geſicht bleicher, als jene Wolken, war doch von einer blaßrothen Fieberfarbe übertuſcht. Er war nicht Herr des Wortes, wie gewöhnlich, und der Strom ſeiner Rede, ſonſt feurig leuchtend, wie Dinur, ſchimmerte kaum von ſchwachem Glanze. Zuweilen verwirrten ſich ſeine Blicke, dann ſtockte er mitten in der Rede und ſchwieg eine Weile. Während deſſen ſtützte er ſich auf Baruchs Schul⸗ ter, der neben ihm ſtand. Er ſprach vom Ver⸗ ſöhnungsfeſte.„Laßt die eitle Thorheit, Hähne zu ſchlachten. Wahrlich ſie können eure Sünden — 134— nicht auf ſich nehmen. Lernet die kindiſche Form verachten; ihr ſeid Männer geworden. Sühnt Gott durch ein reines Herz, durch edle Thaten, durch Frömmigkeit und wahres Gebet! Nicht der Hahn kann es, nicht das Geblärr der Schule. Statt der Hemden und weißen Kleider, die ihr überzieht, ſchmückt euch mit dem Kleide des Lichts und der Wahrheit. Glaubet, was ich euch ſage; denn mich hat Gott geſandt, euch zu belehren. Wahrlich nicht den Hahn verlangt Gott zum Opfer, ſo wenig er ſonſt den Farren verlangte und den Bock, und mit Hoſea, dem Propheten, rufe ich euch zu: Bekehre dich, Israel, zu dem Herrn, deinem Gott; denn du biſt gefallen um deiner Miſſethat willen. Neh⸗ met dieſe Worte zu Herzen und bekehret euch zum Herrn, und ſprecht zu ihm: vergib uns alle unſre Sünde und thue uns wohl, ſo wollen wir opfern die Farren unſerer Lippen. Ihr ſollt ſanftmüthig ſein und euern Zorn dämpfen; denn Zorn iſt die Wurzel eines Baumes, der lauter giftige Früchte trägt. Ihr ſollt barmherzig ſein, wie Gott barm⸗ herzig iſt gegen alle Menſchen; denn die Barmher⸗ zigkeit iſt ein Mantel, gleich dem Mantel des Eliah. — 135— Ehret Vater und Mutter, wie euch Moſes geboten hat. Das iſt der Hahn, den ihr dem Herrn zur Sühne geben ſollt: ſeid ſtets gerecht und wahr gegen Gott, gegen eure Nebenmenſchen, gegen euch ſelbſt. Zum Beſchluß hört einige Beiſpiele: „Unter dem König der Inden, Herodes, den man den Großen nennt, lebte ein weiſer Mann unſeres Volkes, ein Lehrer, Namens Hillel. Es begab ſich, daß ein Heide zum Rabbi Schammai kam, der eben finſter und mürriſch ſeines Wegs dahin wandelte. Der Heide ſprach zu ihm: Ich will ein Inde werden, wenn du mir das ganze Ge⸗ ſetz lehren kannſt, ſo lange ich auf einem Bein ſtehe. Schammai aber entbrannte ob ſolchen Hohnes, und trieb mit ſeinem Stabe den Spötter hinweg. Die⸗ ſer ging nun zu Hillel und ſagte ihm daſſelbe. Freundlich erwiederte der Lehrer: Du ſollſt nicht Andern thun, was dir mißſfiele, wenn man es dir thäte. Dies iſt das ganze Geſetz, und alles Andere dient nur zu ſeiner Erklärung. So gehe denn hin und thue alſo.— Der Heide aber dankte und ward ein frommer Mann. Run geſchah es auch, daß ein Mann mit einem andern eine Wette einging, daß — 136— er den Rabbi Hillel zum Zorn reizen wolle. Und ſie ſetzten beide hundert Seckel an die Wette. Und der Erſtere ging zum Hauſe Hillel's, der damals, nächſt dem Könige, der Vornehmſte in Israel war, und rief mit grobem Ungeſtüm: Wo iſt Hillel? ohne dem Namen einen Ehrentitel beizufügen. Hil⸗ lel kleidete ſich eben zum Sabbath an, und ohne die Unart des Fremden zu beachten, that er nur ſeinen Mantel um; dann fragte er den Fremden, was ihm gefällig ſei? Ich möchte doch gern wiſſen, verſetzte Jener, weßhalb die Babylonier runde Köpfe haben? Wahrlich eine wichtige Frage! ſagte Hillel. Der Grund mag ſein, daß ſie keine geſchickte Weh⸗ mütter beſitzen. Der Mann ging hinweg und kam nach einer Stunde wieder, laut ſchreiend: Wo iſt Hillel?— Der Weiſe that wieder ſeinen Mantel um, und fragte: Was willſt du, mein Sohn?— Ich wollte gern wiſſen, verſetzte der Fremde, warum die Termudier ſo böſe Augen haben? Hillel belehrte ihn: weil ſie in ſandigen Gegenden leben und der Sand ihnen in die Augen fliegt und ſie entzündet. Der Mann wollte nun noch einen Verſuch machen, ob er Hillel zum Zorn bringen könnte, und er kam — 137— und rief: Wo iſt Hillel? Und wiederum fragte ihn dieſer freundlich: was willſt du jetzt? Ich will wiſ⸗ ſen, warum die Afrikaner ſo breite Füße haben? eiferte jener.— Weil ſie auf weichem Boden wan⸗ deln, war Hillel's Antwort.— Ich möchte dir wohl noch manche Frage vorlegen, ſprach der Fremde, aber ich fürchte, du wirſt böſe werden.— Sei ohne Sorgen, erwiederte der ſanfte Lehrer. Frage ſo viel du willſt, und ich werde antworten, ſo ich kann. Erſtaunt über Hillel's nicht zu ſtörende Ge⸗ laſſenheit, und voll Furcht, ſein Geld zu verlieren, glaubte der Mann, ſein einziges Rettungsmittel ſei nun nur, dem Lehrer Bitterkeiten ins Geſicht zu ſagen. Er fragte alſo trotzig: Biſt du Hillel, den man den erſten der Israeliten nennt?— Ich bin Hillel! entgegnete der Sanftmüthige.— Nun ſo gebe der Himmel, rief der Fremde, daß Israel keinen Mann mehr hervorbringe, der dir gleich ſei! — und warum? fragte Hillel.— Weil ich durch dich hundert Seckel verloren habe.— Dein Geld iſt nicht ganz verloren, tröſtete ihn Hillel lachend, denn es wird dir eine Lehre ſein, in Zukunft vor⸗ ſcchtiger zu werden, und keine ſo thörichten Wetten — 138— einzugehen. Auch iſt es viel beſſer, als daß Hillel'n die Geduld verlaſſen hätte.“— „Zum Verſühnfeſte ein Beiſpiel edler Barmher⸗ zigkeit,“ fuhr Sabbathai nach einiger Zeit fort. „Mar Ukba war einer der Erſten Israels, reich, weiſe und wohlthätig. Den Tag vor dem Verſühn⸗ feſte pflegte er ſtets einem Manne hundert Kronen zu ſchenken. Einſt hatte er die Gabe durch ſeinen Sohn überſchickt, und als dieſer heimkehrte, ſprach er zu ſeinem Vater: Du vergeudeſt dein Almoſen an einen unwürdigen Mann.— Wie ſo? fragte der Vater.— Ich fand den Mann, den du für arm hältſt und der ſich nicht ſchämt, deine reichen Ge⸗ ſchenke anzunehmen, mit ſeiner Familie in großem Wohlleben, und köſtlichen Wein trinkend.— So laß dir ſagen, mein Sohn, daß dieſer Unglückliche einſt beſſere Tage geſehen hat. Ich wundre mich, wie er, gewöhnt an ſolche, mit der kleinen Gabe auskommt, die wir ihm reichen. Trage dies Geld noch zu ihm hin, und laß Almoſen für ihn in Zukunft verdoppelt ſein.— „Uund endlich laßt euch wie Damah, ein Heide in Askalon, gegen ſeine Eltern handelte. — 139— Seine Mutter, Nethina, war nicht recht bei Sin⸗ nen, ſchlug ihn oft und ſchalt ihn, wenn ſeine Freunde zugegen waren. Doch der gehorſame Sohn widerſetzte ſich nicht, und ließ kein böſes Wort über ſeine Lippen kommen. Einſt ſaß er zu Gericht, da kam Nethina, zog ihren Pantoffel aus und ſchlug ihren Sohn vor allem Volke. Und ſie ließ den Pantoffel zu Boden fallen. Da hob ihn Damah dienſtfertig auf und reichte ihn ihr dar, damit ſich ſeine Mutter nicht zu bücken brauche.— Einſt war einer der koſtbaren Steine verloren gegangen, die des Hohenprieſters Kleid zierten. Die Prieſter aber wußten, daß der Sohn der Nethina einen ſolchen Stein beſitze, und gingen hin und boten ihm viel Geld dafür. Er war auch mit der gebotenen Summe zufrieden, und ging in ein Nebengemach, um den Stein herbeizuholen. Als er jedoch ſah, daß ſein Vater in der Kammer, wo der Stein war, ſchlief, blieb ſein Fuß auf der Schwelle derſelben, und wandte ſich und ſagte den Prieſtern, wie er den Gewinn müſſe fahren laſſen, denn ſein Vater ſchlafe in der Kammer. Die Sache war dringend, und da die Prieſter glaubten, er ſpräche blos ſo, um — 140— einen höhern Preis zu erhalten, ſo boten ſie ihm noch mehr. Nein, entgegnete der fromme Sohn, ich möchte nicht auch nur einen Augenblick meines Vaters Ruhe ſtören, und könnte ich alle Schätze der Welt gewinnen.— Da harrten die Prieſter, bis der Vater erwacht war, und Damah brachte ihnen den Stein, und ſie wollten ihm geben, was ſie zum zweiten Mal geboten hatten; der fromme Mann aber ſchlug es aus, indem er ſprach: Ich will nicht die Freude, meine Pflicht gethan zu haben, verfeilſchen. Gebt mir, was ihr zuerſt botet. Und ſie thaten alſo, und gaben ihm ihren Segen. Wenn ein Heide ſo handelte, was müſſen wir thun, die durch die heiligſten Geſetze dazu entboten werden? So gehet denn hin, meine Freunde, und thut des⸗ gleichen. Der Herr aber erleuchte ſein Antlitz über euch, und gebe ench ſeinen Segen!“— Erſchöpft ſank er in Baruchs Arme zurück. „Du biſt glühend heiß, Chacham,“ ſagte dieſer beſorgt.„Du biſt krank, ich hörte es ſchon an dei⸗ ner Rede. Du wirſt den beabſichtigten Gang in dieſer Nacht nicht machen können. Laß uns nach Hauſe gehen!“ — 141— „Nimmermehr!“ verſetzte Sabbathai heftig. „Ich muß hinauf in die Höhle. Ich muß! Mein Genius treibt mich. Ich kann, ich darf nicht wi⸗ derſtehen. Rede nicht dagegen. Wir gehen. Der Ring brennt wie glühendes Metall an meiner Hand. Ich muß hinauf. Schauder durchrieſeln meine Ge⸗ beine, aber ich muß doch! Laß uns baden.“ Sie entkleideten ſich und ſtiegen ins Meer. Eine dunkle Geſtalt war ihnen nachgeſchlichen und hatte Baruch etwas zugeflüſtert. Dieſer trat bald wie⸗ der aus dem Waſſer. Die verhüllte Geſtalt huſchte hinter dem Felſen hervor zu ihm und verkehrte mit ihm. Bald verſchwand ſie wieder hinter den Büſchen in der Nacht. Als Sabbathai das Meer verließ, war Baruch ſchon vorausgegangen. Er fand ihn, ſeiner harrend unter dem Felſen. Sabbathai ſtützte ſich auf ſeinen Arm, und beide ſtiegen einſylbig durch den Olivenhain, zwiſchen Felſen bergauf, höher und höher bis in das kahle, ſteinigte, unfrucht⸗ bare Gebirge. Felſen griffen in einander über, wie in Umarmung verſteinert. Hier ſtarrte das gewal⸗ tige Werk der Schöpfung in erdrückender, erſchre⸗ ckender, grauſenhafter Urmaſſe als fahle Felſen⸗ — 142— welt empor, wie am erſten Schöpfungstage, als des ſchaffenden Gottes Hand ſeinen zur That gewor⸗ denen Gedanken noch nicht mit der ſüßen, holden Farbe ſeiner Milde überkleidet, und die Schrecken der Schöpfung mit dem grünen Teppich ſeiner Liebe überdeckt hatte. Hier hauſte kein Leben; nur wo die Welt grün iſt, da baut ſich das hoffende, vertrauende Geſchlecht ſeine Hütte, ſein Reſt, und nur an das grüne Feld, an die grüne Wieſe, au den grünen Wald ſpinnt es die weißen, zarten Som⸗ merfäden ſeines Glücks. Schweigend, todt lagen die Felſenkegel, Zinkenſtücke, Zacken und Hörner, abſchüſſige Grate thürmten ſich auf, und die Nacht, hier zwiefach ſchauerlich, kroch, wie eine ungeheure endloſe Schlange auf weichem Bauche, durch die Steinritzen und Spalten, und niſtete in den Höh⸗ len und Klüften. In dieſer Gegend befand ſich eine große dunkle Felſenhöhle, ſchon am Tage unheimlich und abſchre⸗ ckend, und von Türken und Juden gemieden, unter denen die uralte Sage ging, dieſe Höhle ſei die Wohnung von Geiſtern und Dämonen. Sabbathoi kannte die Höhle und ihren unbequemen Zugang⸗ — 143— Er hatte ſie früher oft ſchon auf ſeinen einſamen Streifereien beſucht. Als die beiden ſeltſamen Berg⸗ wandrer ſich jetzt in der Nähe derſelben befanden, ſprach Sabbathai zu Baruch:„du verharrſt hier in dieſer Felſenwand, bis ich wiederkehre oder dich rufe. Deine Gegenwart möchte ſtörend ſein. Darum folge mir nicht. Es könnte dein Leben koſten.“ Zitternd plieb der Schüler ſtehen, und der Rabbi ging ernſt und ſchweigend den mühſamen Pfad weiter, bog um die ſcharfe Felſenecke und ward den ihm nachgeſand⸗ ten ängſtlichen, ſehnſüchtigen Blicken entrückt. Es war Mitternacht, als Sabbathai erhitzt und auf's Aeuſſerſte erſchöpft in die düſtre Höhle trat. Die Nachtluft flüſterte geheimnißvoll an ihren zacki⸗ gen feuchten Wänden hin, fallende Tropfen klangen wie leiſe Seufzer. Ein kalter Hauch blies in ſein heißes Geſicht, ſeine zarten Glieder bebten; unſicher und brennend irrte ſein Auge in den dunkeln Räu⸗ men umher, als ſuche es gierig nach einer Erſchei⸗ nung, vor der es ſich doch fürchte. Sabbathai fal⸗ tete die Hände, unwillkührlich ſank er auf die Knie; 144— ein Gebet lispelte wie Flammen von ſeinen Lippen, aber bald wurde das Lispeln zum lauten gewaltigen Wort, das dröhnend an den Felſenwänden wieder⸗ hallte, wie die Flamme, mächtiger geworden, laut praſſelnd emporſchlägt.„Herr, Herr Zebaoth, Urewiger, Anfangloſer, Unendlicher, du, der große Eine, der in ſich vereint die Drei, die du ſelber biſt, Allerweiſeſter, der du durch dich ſelbſt lebſt und biſt, heiliger Enſoph, Urborn alles Geſchaffenen, Wer⸗ denden und Vergehenden, alles Lebens und Seins, du dir ewig ſelbſt gleicher Gott, Allervollkommenſter, Schöpfer der Welt, Allgütiger, Höchſter, Reinſter, Allgegenwärtiger, in dir ſelbſt Abgeſchloſſener, der du dich zuerſt vffenbaret durch Memra, dein geſpro⸗ chenes Wort, die Weisheit, wodurch die Welt erſchaf⸗ fen wurde! Höre mich, Herr, ſieh auf mich! Ich liege hier im Staube vor dir, ein Stein, den du geſchnellt aus deiner Schleuder! Du haſt mich beſtimmt, daß ich der Grundſtein werden ſoll deines neuen Tempels, wie du geſprochen durch des Propheten Mund: Siehe ich lege in Zion einen Grundſtein, einen bewährten Stein, einen köſtlichen Eckſtein, der wohl gegründet iſt. Du haſt mich guserkohren, daß — 145— ich deiner wieder würdig machen ſoll dein auserwähl⸗ tes Volk, das du einſt geliebt, wie ein Vater ſein Kind, und dem du gezürnt und geflucht, weil es deine Liebe von ſich geſtoßen. Du haſt mich aus⸗ erſehen, daß ich die Hoffnungen der Jahrhunderte, die ſich zu Tauſenden reihen, erfüllen ſoll. Du haſt mir unverkennbare Zeichen gegeben, daß ich's bin, der Iſrael erretten wird. Dn haſt durch heilige Geſichte zu mir geredet, du haſt mich mit Wundern umwoben, du haſt mir Stimmen geſendet und Boten, und haſt dich groß und herrlich offenbaret in meiner Seele. Denn war dieſe meine Seele nicht von meinen früheſten Tagen voll tönender Bilder, voll farbiger Lie⸗ der, deren Keime du hineingeſenkt, wie in Davids Seele, treue Spiegel von Luſt und Schmerz, Frühling und Jugend, Sehnſucht und Abendroth; und wähnte ich nicht erſt zum Sänger meines Volkes von dir berufen zu ſein, deinen Ruhm zu feiern, deinen Namen zu ver⸗ herrlichen! träumte ich nicht den heißen Jugendtraum, Smyrna, die erhabene, die einſt den Homeros gebo⸗ ren, habe in mir einen Seher erweckt, wie ihn; und auch auf mich, mit gleichem unſterblichen Ruhm geſchmückt, wie er, werde meine Vaterſtadt ſtolz II. 10 — 146— ſein, wie auf ihn! Aber zu unendlich Höherem haſt du mich berufen, Herr, mein Gott! Nicht den grü⸗ nen zum Kranz verſchlungenen Zweig der mich zum Dichterfürſten erhöbe, willſt du mir in das Haar flechten, nein, die unverwelkliche Sternenkrone des Meſſias drückſt du mir auf die duftenden Locken! Du haſt des Liedes Funken mir zuerſt in der Bruſt entzündet, daß er allmählig zur Glut der Begeiſtrung werde und mich die heilige Lohe deiner Göttlichkeit — ſo ſie plötzlich hereinbräche in das ſchwache ſterb⸗ liche Haus— nicht verzehre und vernichte. Nun bin ich ein würdiges Gefäß des großen Königthums geworden und flammend, wie das Feuer der Vulkane, ſchlagen Begeiſtrung und Sehnſucht nach der Erfül⸗ lung meines Looſes aus meinem Herzen gen Him⸗ mel empor. Ja, mein Vater, ich lechze nach der Stunde, wo du mir gebieteſt, mich der Welt zu enthüllen, wie der Tiger in der Wiſte nach friſchem Waſſer. Wohl erkenne ich die Größe der Laſt, die du auf meine Schultern legſt. Eine Welt ſoll ich tragen, wie Atlas; aber die Laſt wird auch meine Krone ſein. Ha! aber glüht mir nicht die Seele vor Verlangen, die Schmach meines Volks, die es — 147— ſich ſelbſt aufgehäuft in Trotz und Thorheit, zu til⸗ gen, und das beſchmutzte Kleid ſeiner Gottesliebe wieder ſo rein zu waſchen, wie es war, als du es einführteſt in das Land deiner Verheiſſung! ſchlägt mir das Herz nicht kühn und ungeduldig, der Ret⸗ ter Israels zu ſein und die Weiſſagungen deiner Propheten und Seher zu erfüllen! Herr, Herr, laß mein Lied nun zur That werden, mein Wort zum Werke! geſtatte der Flamme meiner Liebe, daß ſie über die Erde fahre mit Sturmes Brauſen und verzehre deine Feinde, wie das Feuer, das vom Him⸗ mel fiel und den abtrünnigen Korah fraß mit ſeiner Rotte, und daß ſie erwärme und verkläre, die dich lieben, und ihnen vorleuchte, wie die Feuerſäule bei Nacht unſern Vätern in der Wüſte.— Du willſt deine Tochter Zion verjüngen und ſchmücken wie eine rechte königliche Braut, und ſie wieder auf den Thron erheben, von dem ſie dein Zorn geſtürzt, da ſie dein vergeſſen in ihrer Eitelkeit; und mich haſt du zu ihrem Bräutigam und König erleſen; Herr, ſo ſchaffe, daß ich meine Hochieit mit ihr halte und ſie umarme! Iſt aber meine Stunde noch nicht da, die du mir beſtimmt haſt, daß ich die Fackel, 10 — 148— die Welt zu erleuchten, anzünden ſoll an dem mor⸗ genrothflammenden Saume deines Kleides, ſo ver⸗ gönne mir jetzt nur, den Abglanz deiner Herrlich⸗ keit zu ſchauen. Gib mir die Macht, Herr, die mir zuſteht, über die Geiſter und Dämonen. Zwar haſt du mir ſchon deine Engel geſandt in meine einſamen Stunden, aber nicht immer erſchienen ſie, wenn ich ſie rief. Ich bitte, ich fordre von dir, daß du mir deine Engel ſendeſt, wenn ich ſie begehre, daß du mir Gewalt giebſt über die Geiſter, wie du ſie dem Salomo gegeben. Du haſt mir auf wunderbare Weiſe einen Ring in die Hand gelegt; iſt es nun wirklich Salomos Ring, an welchen die Herrſchaft über Geiſter und Dämonen gebunden iſt, ſo offen⸗ bare dich mir, indem ich deinen urheiligſten Namen, den Schem hammphoraſch aus ſpreche, der faſt zwei Jahrtauſende über keine ſterbliche Lippe gekommen. Offenbare dich mir ſichtbar, wie du dich dem Abra⸗ ham vffenbart, zu dem du in heiligen Geſichten geſprochen, dem du deine Engel ins Haus geſchickt, wie dem Iſaak, dem du erſchienen und ihm Saamen verſprochen, wie die Sterne am Himmel, wie dem Jakob, mit dem du gerungen, wie dem Moſes im — 1401— feurigen Buſche, wie dem David in ranſchenden Lie⸗ dern und Pſalmen, die du ihm zugeflüſtert, wie dem Salvmo durch deine göttliche Weisheit, wie deinen Propheten durch ſelige Entzückungen und Geſichte. — Auf Bergen haſt du dich am liebſten offenbart, und auf Höhen am größten gezeigt; denn die Berge ſind die Säulen deines Ruhms, die dampfenden Altäre deiner Herrlichkeit. Im Haine Mamre zu Hebron ſah dich Abraham, Moſes ſah dich zuerſt auf deinem Berg Horeb, wo er die Schaafe hütete, dann auf dem Berg Sinai, als er die Kinder Israel führte. Salomo baute dir deinen Tempel auf den Verg Moria, wo ich ihn dir neu errichten werde. Alſo bin auch ich heraufgeſtiegen auf den einſamen Berg, dieweil deine Herrlichkeit auf den Spitzen der Berge ruhet, wie die Schechina auf den Spitzen der Finger des Prieſters, wenn er ſegnet.— So höre mich denn, Gott, mein Gott, und laß mich nicht zu Schanden werden; denn ich hoff' auf dich. Ich ſchreie zu dir, Herr Zebavth, und ſpreche den urheiligen Namen und rufe deine Geiſter, daß ſie mir dienen!“—— und nit glühender Hand ergrif er den Ring und drehete ihn, daß das eingeſchnit⸗ — 150— tene Wort nach oben kam, und brachte es vor ſeine Augen; ſie brannten, wie Kohlen in ſeinem Kopfe, es ſauſte und brauſte wie Meeresbrandung darinn. Plötzlich ſah er grüne und blaue Flammen aus den Felſenwänden herausſchlagen und ſich nach ihm her dehnen, um ihm zu leuchten, daß er die geheimniß⸗ vollen Zeichen des hochheiligen Namens erkenne. Und er ſprach das Wort mit lauter Stimme, aber es ſchlug als allgewaltiger Donner an die Felſen, und hallte grauſenhaft kräftig fort, dröhnend und ſchal⸗ lend, als wolle es die Grundfeſten der Erde erſchüt⸗ tern. In demſelben Nu drang unausſprechlich kla⸗ rer Lichtglanz um Sabbathai, feurige Lohe wallte und wogte wie ungeheure Meereswellen, Sonnen und Sterne rollten heran und ſtellten ſich in ihren Strah⸗ lengewändern um ihren Meiſter, und wurden zu Engeln, deren Haupt in die oberſten Regionen ragte, während ihre Füße auf der Erde ſtanden. Ihr Haar waren Sonnenſtrahlen, ihre Augen Sonnen, ihr Gewand Glanz der Morgenröthe, ihr Antlitz die wandelnde Pracht des Tags. Und feuriger rollten die Kreiſe um Sabbathai, und Geiſter drängten ſich hinein von allerlei ſeltſamer Geſtalt, und Dämonen, — 151— geſchmückt mit der heimlichen Schönheit der Nacht. Und feuriger rollten die Kreiſe, und Schaaren auf Schaaren ziſchten herein und umzingelten ihren Beſchwörer, ſeines Winks gewärtig, und wie die rothen Flammen des Abgrunds mit dem reinen licht⸗ hellen Feuer der Höhe wogte es neben einander, das dämoniſche und engliſche Element. Und feuri⸗ ger rollten die Kreiſe, da kamen die Vögel ſchreiend, die Adler des Gebirgs, die Eulen der Klüfte, gehor⸗ ſam der ſie bindenden Macht, und die wilden Thiere der Wälder liefen herbei und ſchaueten herein mit ihren klugen dämoniſchen Augen, und der Leu und der Tieger harrten auf Befehle. Und feuriger roll⸗ ten die Kreiſe, da ſtimmten alle an:„Heilig, heilig, heilig iſt der Herr Zebaoth, alle Lande ſind ſeiner Ehre voll. Halleluja! Ein Kind iſt uns geboren, ein Sohn iſt uns gegeben, der trägt auf ſeiner Schulter die Herrſchaft; und er heißt: Wunderbar, Rath, Kraft, Held, Ewig⸗Vater, Friedefürſt. Auf' daß ſeine Herrſchaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Throne Davids und ſeinem König⸗ rreich. Halleluja, Halleluja!“ — 152— „Todt! todt!“ kreiſchte eine helle weiche Stimme in der düſtern Höhle, in welche die unterdeß am Himmel emporgeſtiegene Mondſichel einen melanchv⸗ liſchen Strahl warf. Ihr grünliches Licht zitterte über Sabbathais bleiches Geſicht, das ſein Begleiter von vorhin mit Blicken der Verzweiflung anſtarrte. Und den am harten Voden liegenden kalten Körper, deſſen Glieder konvulſiviſch zuſammengezogen waren, an ſich reißend, an die ängſtlich laute Bruſt preſſend, bedeckte der Jüngling jammernd den erſtarrten Mund mit heißen Küſſen, und verſuchte, ihm ſeinen Athem einzuhauchen. Was nur unausſprechliche Angſt dem Erſchreckten eingab, das verſuchte er, an Sabbathai ein Lebenszeichen hervorzurufen. Es war ein ver⸗ zweifeltes Ringen, eine nach einem Schein von Troſt und Hoffnung haſchende Eile, ein Kind des wüthendſten und doch noch zurückhaltenden Schmer⸗ zes. Noch wollte das raſch pochende Herz das Gräßlichſte nicht glauben, daß das ihm gegenüber, das theuerſte auf Erden, zu ſchlagen aufgehört, und das angeſpannte Ohr horchte nach dem Wellenſchlage des Bluts in Sabbathais Bruſt. „O wäre das das Ende meiner Träume!“ weimte —— die Stimme dazwiſchen.„Sollte die kalte Hand des Todes die Kränze zerreißen, die ich aus den duftenden Blumen meiner Phantaſie, meiner Liebe, meiner Wünſche und Hoffnungen geflochten! Sam⸗ mael, furchtbarer Todesengel, hätteſt du mit deinem Schwerte Israels Heil vernichtet, ſpottend der Sehnſucht unſres Volks, deſſen Feind du biſt? Nein, nein! Es iſt unmöglich! So gräßlich kann nicht ich, kann nicht die Welt betrogen werden!“ und den da Liegenden wieder mit dem angſtbrennen⸗ den Hauch ſeiner Lippen überglühend, mit ſtürmi⸗ ſchen Küſſen überfluthend, fühlte der ſeltſame Jüng⸗ ling plötzlich ein leiſes Regen in dem Körper des Rabbi. Er horchte einen Augenblick; es war der einer Entſcheidung für die Ewigkeit; lange ſtockte der Athem in ſeiner eignen Bruſt. Er hatte ſich nicht getäuſcht: Sabbathais Herz ſchlug in langen Zwi⸗ ſchenräumen einzelne leiſe Schläge. Ungeſtüm jubelnd ſchloß er den Meiſter in die runden weichen Arme und ſog nur noch gieriger an den warm werdenden Lippen, hauchte nur noch heißer in den ſich regenden Buſen. Sabbathai öffnete die Augen. „Rahel!“ ſprach er mit ſchwacher Stimme. — 154— „Dein Geiſt hat mich erkannt!“ rief die Ver⸗ kleidete feierlich. „Warum ſtörſt du meine Rede mit Gott und den Engeln?“ fragte er. „Chacham, deine menſchliche Natur erträgt es noch nicht. Ich fand dich für todt auf dieſer Stelle, als mich Furcht und Angſt, und der draußen heulende Sturm hereintrieben.“ „Wvo iſt Baruch?“ „Er iſt nicht hier, Rabbi. Ich beredete ihn, daß ich dir in ſeinen Kleidern folgte, um dir ſtets nahe zu ſein, um Zeugin zu ſein deiner göttlichen Macht. Die Felſen haben mir von dir geſprochen und der Sturm von dir geredet, daß mir die Seele bebte. Ich betete an im Staube.“ „Rahel, dich hat Gott mit mir geſendet. Erquicke mich mit dem Kuß deiner Lippen, mit dem Hauche deines Mundes. Wahrlich, wahrlich, ich ſage dir, du biſt auserwählt und keine weiter!“ Und ihre Lippen vereinigten ſich zu einem langen Kuſſe, ihre Glieder verſtrickten ſich zu einer langen Umarmung. „Laß uns hinab nach der Stadt,“ bat Rahel, — 155— „ſchon beginnt der Tag ſich zu röthen und du ſcheinſt mir krank, hoher Herr!“ Aber er wankte, wie ein Trunkener, und nur ihr ſtarker Arm, auf den er ſich ſtützte, der ihn feſthielt, leitete den Erſchöpften den Berg hinab. Das Geſtirn des Tags ſpiegelte ſich ſchon im Meerbuſen, als ſie unten ankamen. Sabbathai's Mund brannte fiebriſch beim Abſchiedskuß auf Rahels Lippen. Mühſam erreichte er ſeines Vaters Haus. Die Kunde, daß Sabbathai Zewi durch ein hohes Wunder in Beſitz von Salomo's Ring gekommen, deſſen alte Kraft er bereits mit dem glänzendſten Erfolge erprobt, war durch ſeine Schüler bald unter die ungeheure Zahl ſeiner Zuhörer verbreitet und von dieſen auf die verſchiedenartige Bevölkerung der ganzen Stadt übergegangen. Juden und Türken ſprachen davon, und Griechen und Armenier erzähl⸗ ten ſich bereits, zu wechſelſeitigem ſchauerlichen Er⸗ ſtaunen und Ergötzen, umſtändlich die unerhörteſten Zaubereien, die der junge jüdiſche Rabbi durch den Ring vollbracht, wie er die Sprache der Vögel ver⸗ — 156— ſtehe und den Thieren des Waldes befehle. Selbſt der gleichgültige, den Juden tief verachtende Mos⸗ lemin fand hier plötzlich einen Anſtoß, der ſein ganzes Intereſſe in Anſpruch nahm und lebhaft beſchäftigte; denn Salomo iſt ihm eine durch den Koran mit dem Nimbus der Heiligkeit und hoher Wunder umgebene theuere, ehrwürdige Geſtalt, der weiſeſte König des Alterthums, der Freund ſeines Propheten. Während aber bei der übrigen Bevölkerung Smyrna's der Ein⸗ druck, welchen dieſe Neuigkeit hervorbrachte, höchſt verſchieden war, ſo hatte derſelbe bei den Bekennern des Islam eine entſchiedene Phiſiognomie, die des höchſten Zorns und der Erbitterung über einen Hund von Juden, der mit frecher Stirne ſolche Lügen vor⸗ brachte und ſo heilige Dinge mit ſeinen unreinen Händen beſudelte. Die Entrüſtung über den jüdi⸗ ſchen Scheik ging von Ulema's bis zum unterſten Prieſter und von den Dienern der Religion über alle Klaſſen des Volks. Größer indeß, als unter den Moslemin, war die Erbitterung unter den Juden, welche Sabbathai's Meinungen nicht anhingen, d. h. unter den Rabbinen und den altgläubigen Rabbani⸗ ten. Die alten ſtrengen Rabbinen hielten Verſamm⸗ — 157— lungen, ſich zu berathen, wie der abtrünnige Zweig ihres Stammes, der ſo üppig emporſchieße, zu ver⸗ derben ſei, und der Chacham Halevi war in dieſen Tagen beſonders geſchäftig. Man ſah ihn aus der Synagoge in das Rabbinalgericht gehen, und von da in die Häuſer des Präſidenten und Vicepräſidenten wandern. Ja eines Tages ſtieg er ſogar in Geſell⸗ ſchaft Aaron de la Papa's an das Ufer herab, um ſich in das Schloß des Kadi zu verfügen. Inzwi⸗ ſchen beruhte die Sache zu ſehr auf märchenhaften Erzählungen und Uebertreibungen, als daß ſie beſon⸗ ders glaubwürdig erſchienen wäre; ſie mochte der türkiſchen Behörde viel zu unwichtig erſcheinen, als daß ſie ſich deshalb in Bewegung ſetzen ſollte, zumal Sabbathai als ſehr arm bekannt war. Daß es jedoch nicht an heftigen Anreizungen fehlte, zeigte ſich bald. Fünf Tage nach dem Ver⸗ öhnfeſt tritt das Laubhüttenfeſt ein. Sabbathai, der ſich von den Anſtrengungen ſeiner abentheuer⸗ lichen nächtlichen Bergreiſe noch nicht ganz wieder erholt hatte, vermied es, ſich unter das fröhliche Volk ſeines Glaubens zu miſchen, und brachte die feſtlichen Tage einſam über ſeinen Büchern oder im — 68— Kreiſe ſeiner Schüler zu. Seit dem Verſöhnungs⸗ feſte hatte er keinen öffentlichen Vortrag halten kön⸗ nen; er hatte ſich zu krank, zu ſchwach dazu gefühlt. Doch kaum rang ſich Jugendkraft wieder mit neu⸗ befiederten Fittichen in ihm empor, als er auch dem Verlangen, öffentlich zu lehren, nicht widerſtehen konnte. Auf ſeinen Wunſch ladeten die Schüler alle Anhänger und Zuhörer ihres Meiſters auf den Abend des fünften Tages des Feſtes ein. Schon vor Beginn des Feſtes hatte ſich Salome, Sabbathai's Mutter, in ſeinem Beiſein oft ängſtlich und unruhig gezeigt, gleichſam, als habe ſie etwas auf dem Herzen, womit ſie ſich nicht herauswage; er aber, der für die wirkliche Welt jetzt kein Auge mehr hatte, bemerkte ihre Befangenheit nie und for⸗ derte ſie alſo auch nicht zur Mittheilung auf, was ſie vielleicht erwartet hatte. Die Scheu vor ihm und ſeinem ernſten Weſen hielt ſie zurück, und ſo verging ein Tag nach dem andern. Die Freuden des Feſtes lockten alle Bewohner des Hauſes in die Laubhüttenſtadt, nur Sabbathai blieb in ſeiner Halle ſitzen, trübe, nachdenkend und umgaukelt von phan⸗ taſtiſchen Bildern. Doch war's ihm zuweilen, als — 159— ſchwebe eine Geſtalt durch die Räume des Hauſes, als flüſtere eine liebliche Stimme ſeinen Namen, als umhauchten ihn Seufzer der Sehnſucht. Er war wie in einem ſchönen Traume befangen. Da trat Baruch zu ihm herein. Auch des geliebteſten Schülers Blick war ſeit einigen Tagen verdüſtert und verſtört. Traurig ließ er ſich jetzt neben dem Rabbi nieder und fragte: „Chacham, gib mir einen Rath. Entſcheide mit deiner hohen Weisheit über den Fall, den ich dir vorlegen will. Ein jüdiſcher Kaufmann lernt auf ſeinen Reiſen einen Araber kennen, der ihm im Sterben ein ſehr koſtbares Pferd vermacht. Der Jude wird durch das edle Thier vermocht, ein Rei⸗ ter zu werden, und bringt es bald ſehr weit in dieſer Kunſt, ja ſie wird fortan ſeine Hauptbeſchäftigung, ſein Vergnügen, ſeine Arbeit, ſein Alles. Er fühlt ſich, ſeit er ſich ihr ergeben, weit geſünder, hei⸗ terer, kräftiger, glücklicher als ſonſt. So kehrt er heim in ſeine Vaterſtadt. „Sein Vater lobt das Roß, lobt die Kunſtfertig⸗ keit, die ſein Sohn erlangt hat, und ſcheint es ganz zu überſehen, daß derſelbe die ehemaligen Geſchäfte — 160— ganz verabſäumt und dem Hauſe dadurch mancher Schaden erwächſt. Der Reiter aber wird bekannt, berühmt, der Paſcha macht ihn zum Stallmeiſter, man ſpricht ſchon davon, daß ihn der Padiſchah zu dem ſeinigen machen werde; da befiehlt der Vater dem Sohne, das arabiſche Roß zu tödten, ſeine reichlohnende, bequeme und ehrende Stellung aufzu⸗ geben, und ſich wieder dem beſchwerlichen, ihm fremd gewordenen, früheren Geſchäft zu widmen. Der Sohn ſieht ein, es wird ſein, ja ſehr wahrſcheinlich auch ſeines Vaters Verderben ſeyn, wenn er deſſen Befehl befolgt. Nun ſage, Rabbi, iſt der Sohn in dieſem Falle auch Gehorſam ſchuldig?“ „Du ſollſt deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebeſt in dem Lande, das dir der Herr dein Gott gibt!“ verſetzte Sabbathai feierlich. „Gut; iſt aber Gehorſam und Ehre eins?“ „Durch Gehorſam erwirbſt du die Ehre!“ „Auch wenn mein Vater Thörichtes, Schäd⸗ liches von mir begehrte, wie die Tödtung des edelſten Thieres, die Aufgebung des einträglichen Amtes?“ „Das Begehr des Vaters läuft nicht gegen das Geſetz. Er wird ſeine wohlerwogenen Gründe haben, — 161— die er nicht ſchuldig iſt, dem Sohn zu offenbaren, und dieſer iſt zu gehorchen ſchuldig?“ „Auch wenn das feurige Roß die Lehre des Heil wäre, die du verkündigſt, Rabbi? die mich empor trägt zum OQuell der Wahrheit, zum unſicht⸗ baren Tempel des reinen Gottes, zu Ehre und Ruhm. Auch dann, Rabbi?“ Auch dann, Varuch. Erſt warſt du deines Vaters Sohn, eh' du mein Schüler, mein Freund wurdeſt, und die Pflichten gegen deinen Vater ſind tauſendmal größer und heiliger, als die Pflichten gegen mich.“ „Ich will nicht von den Pflichten gegen dich reden, Rabbi, aber von denen gegen deine Lehre. Dieſe ſind himmliſche, göttliche Pflichten, jene nur irdiſche, menſchliche.“ „Und brauchſt du jenen himmliſchen untreu zu n wenn du dieſen irdiſchen ein ſtrenges Genüge leiſteſt? Was hat die erkannte Wahrheit in deiner Seele, die in dir licht und feſt gewordene Ueberse⸗. gung von der Heiligkeit meiner Lehre mit dem Be⸗ fehle deines Vaters zu ſchaffen? Gehorche deinem Vater und meide mich, meine Vorträge. Das iſt, was du thun kannſt. Wahrheit für Lüge zu halten, II. 11 — 162— vermagſt du nicht, und als der gehorſamſte Sohn, bleibt dein Auge doch dem neuen Lichte zugewandt, deſſen Leuchter und Träger ich bin. Gehe in Frie⸗ den und folge deinem Vater!“ „Chacham, es iſt mir unmöglich, mich von dir zu trennen!“ rief der Jüngling weinend,„ich werde ſterben, ſo ich dich meiden muß.“ „So rede mit deinem Vater und bitte ihn, ſeinen Befehl zurück zu nehmen.“ „Er wird es nicht thun; er iſt zu erbittert auf“ dich— ach! und ich trage einen Theil der Schuld.“ „Und weshalb?“ „Ich kann, ich darf dir nichts verhehlen. Jener unglückliche Sturz meiner Schweſter hatte ſie wohl von ihrer unheimlichen Krankheit, dem Somnambu⸗ lismus geheilt, aber nicht von einer verzehrenden Leidenſchaft, die wir Brüder erſt jetzt allmälig inne wurden. Wir konnten die Arme nur bedauern⸗ Es kann dir längſt kein Geheimniß mehr ſein, Rabbi, daß du der hohe Gegenſtand ihrer glü⸗ henden Liebe warſt. Sie konnte nicht eher wieder geneſen, bis du ſie, auf meine dringenden Bitten, einige Male im Geheimen beſucht, aber erſt, als du — 163— dich von deiner Gemahlin wieder geſchieden hatteſt, erwachte ihre frühere Lebensluſt in aller Kraft, ja noch verdoppelt, ihre blühende Geſundheit zeugte von derſelben. Seit jener Zeit hat ſie jeden deiner Vor⸗ träge, verhüllt oder verkleidet, beſucht. In ihrer Seele ſind die kühnſten Plane zu deiner irdiſchen Erhöhung erwacht, und ſie hat ſie mit Begeiſtrung gepflegt und ausgebildet. Sie iſt voll deiner hohen Sendung und deines Ruhmes. Durch mich hatte ſie nun auch von dem wunderbaren Ring gehört, der dir auf ſo geheimnißvolle Weiſe zugekommen; und als ich ihr ſagte, ich würde mit dir in der Mitter⸗ nacht nach der Dämonenhöhle gehen, wo du zuerſt die Kraft des Ringes erproben wollteſt, da ließ ſie nicht nach, mich zu bitten und zu beſtürmen, daß ich ſie ſtatt meiner gehen ließe: Ach, ich liebe ſie nur zu ſehr! wir ſind uns nicht allein in den Geſichts⸗ zügen ſo ſehr ähnlich, auch unſte Seelen haben dieſe überraſchende Aehnlichkeit. Sie ſind nicht nur ver⸗ ſchwiſtert, ſie ſind verwachſen, ſind eins. Ich gab ihr nach, und ſie begleitete dich auf deinem Gange. Ich weiß von ihr, daß du ſie erkannt haſt. Du haſt vermieden mit mir darüber zu ſprechen, und ſo hatte 11* — 164— ich keine Gelegenheit, dir die unſeligen Folgen mei⸗ ner liebenden Schwäche und ihrer Wandrung zu mel⸗ den; auch hoffte ich, es ſolle Alles noch gut ablaufen. Dem iſt aber nicht ſo. Rahel wurde am Morgen vermißt, mein Vater erkundete bald, daß ſie in der Nacht nicht im Hauſe geweſen war. Er, die Mut⸗ ter und die Brüder glaubten nicht anders, als ſie ſei wieder von ihrer Krankheit hinausgetrieben wor⸗ den und verunglückt. Mich durchbebte eine unaus⸗ ſprechliche Angſt, mein Vater fragte mich nach ihr, ich konnte ihn nicht belügen, ihm die Wahrheit nicht verhehlen; ich ſtürzte zu den Füßen meiner Eltern und geſtand, was ich wußte. Ergrimmt über mich und Rahel, ſandte mein Vater meine Brüder nach ihr aus. Sie kehrten bald mit ihr zurück: Es gab einen harten Auftritt, und wir hatten viel zu leiden vom Zorn unſres Vaters. Er that Rahel ſchmerz⸗ liches Unrecht, indem er ihre Tugend in Verdacht zog. Da er ſich ſehr wild und ungeberdig ſtellte, ſo erfuhren die Nachbarn davon; durch Dienſtleute, vielleicht durch meine Mutter ſelbſt, war die Veran⸗ laſſung bekannt geworden, und wenige Tage darauf erſchien der Chacham Halevi in unſerm Hauſe — 165— Mein Vater war gerade außerhalb und der gute Mann erwartete ſeine Heimkehr, und ſprach lange mit unſrer kränklichen ſchwachen Mutter, die ihn nachher beim Vater unterſtützte. Der Erfolg dieſer Unterhaltung wurde uns bald bekannt, und wir konn⸗ ten daraus auf ſie zurückſchließen. Mein Vater kündigte uns drei Brüdern an, daß wir niemals mehr deine Vorträge beſuchen und jedwede Berüh⸗ rung mit dir ſtreng vermeiden ſollten. Rahel aber wurde bei harter Strafe anbefohlen, das Haus nicht wieder zu verlaſſen, und da ſie darüber in wilde Verzweiflung gerieth, erſchien am andern Tage der Chacham Halevi, um ſie von dem dämoniſchen Zau⸗ ber zu befreien, in welchen du ſie, ſeinem Vorgeben nach, durch teufliſche Künſte gelegt. Am Abend war ſie aus unſerm Hauſe verſchwunden und hat bis jetzt nicht wieder aufgefunden werden können. Halevi behauptet, ſie habe ſich unter deinen Schutz begeben und du halteſt ſie hier in deines Vaters Hauſe ver⸗ vorgen.“ „Ich“ rief Sabbathai entrüſtet.„Geh und ſage deinem Vater, daß, möge er halten von mir, was er wolle, er wenigſtens keinen Frevler an den heiligſten Geboten des Geſetzes in mir ſehen ſolle. Sag' ihm, daß ich dich zum unbedingten Gehorſam ermahnt, ſag' ihm, daß ich Rahel liebe, und nichts heißer wünſche, als ſie mein Weib zu nen⸗ nen, daß ich ſie aber ſtets von meinem Herzen und in ſeine Vaterarme legen werde, wenn er's verlangte. Und nun geh', deinen Vater zu beruhi⸗ gen. Du darfſt fortan nicht bei mir weilen.“ „So verſtößt du mich?“ „Ich kette dich nur feſter an mich, indem ich dich zur Erfüllung deiner heiligſten Pflicht anhalte.“ Der Jüngling faßte des Meiſters Hand und weinte bittere Thränen darauf; dann riß er ſich los und ging.— Als Sabbathai am Abend des folgenden Tages auf dem Verſammlungsplatze angelangt war, und in Nachdenken verſunken an einen Baum gelehnt, ſtand, erblickte er ohnfern davon ſeine Schweſter, ſeine Mutter, die blinde Hannah und einige ihrer Geſpielinnen, ja er glaubte, trotz der Dämmerung, Mihurmah in der Mitte ſeiner Brüder zu erkennen. Ehe ſie ſein Kommen bemerkt hatten, ſtand er mit⸗ ten unter ihnen und grüßte ſie mit dem Gruße des — 167— Friedens. Doch mit Erſtaunen erblickte er Rahel ſich gegenüber, die ihre hohe edle Geſtalt züchtig vor ihm verbeugte.„Wie?“ redete er ſie an. „Uebertrittſt du ſo deines Vaters Befehle, daß du dich aus ſeinem Hauſe entfernſt und hierher kommſt? Wo biſt du geweſen, ſeit du ſo unkindlich deine bekümmerten Eltern verlaſſen?“ „Ich habe Schutz geſucht und gefunden bei dei⸗ nen Eltern, Sabbathai,“ verſetzte ſie erröthend und mit einigem Unwilien,„und ſie ſind die meini⸗ gen geworden.“ „Ihr habt nicht wohlgethan, dies mir zu ver⸗ heimlichen,“ ſagte Sabbathai finſter und wandte ſich zu Mihurmah.„Geſegnet ſei dein Anblick!“ ſprach er faſt wehmüthig.„Du haſt meinen Augen lange das Glück mißgönnt, wie meinem Herzen den Troſt, ſich mit dir zu beſprechen.“ „Du weißt, Sabbathai, wem ich meine Sorge widmen muß,“ verſetzte ſie. „Ach, ſie will ſich durch nichts in der ſtrengen Ausübung dieſer Pflicht hindern laſſen,“ miſchte ſich Eliah ein.„Vergebens beſtürm' ich ſie, meine Gattin zu werden, ſie weiſt mich Verzweifelnden — 168— mit dem Beſcheide zurück, ihr Leben gehöre ſo lange einer Unglücklichen, bis dieſe ſelbſt ſie entlaſſen werde.“ „Der Herr wird dich für dieſe edle That beloh⸗ nen!“ ſprach Sabbathai feierlich, ſeine Hand auf ihre Stirn legend.„Träumte doch auch ich einſt einen bunten warmen Traum von Liebesglück, und du führteſt den Träumer auf der Himmelsleiter em⸗ por, ſtatt dich mit ihm, wie er begehrte, auf den Blumen der Erde zu lagern. Als wir dort beide irrten, da war's Gottes Wille. Bleibe deinem Vorſatz getreu, edles Herz. Tröſte die Arme! Gott ſegne dich!“ Er wandte ſich ab; ſein Auge erglänzte in Thränen. Unterdeſſen hatte ſich der Platz ungewöhnlich an⸗ gefüllt und noch immer zogen Schaaren heran; die Dämmerung hatte ſich verdichtet und die Fackeln wurden angezündet. Bald ſah man auch Andere mit Fackeln die Bergpfade herab kommen. Das Meer glänzte vom Widerſcheine wandelnder Lichter. Sabbathai hatte bereits ſeinen Stand eingenommen und ſeinen Vortrag über einen Abſchnitt des Sohar begonnen, an welchen er ſich ſeit einiger Zeit ſtren⸗ — 169— 6* ger hielt, als früher, da drängte ſich einer ſeiner Schüler heran und flüſterte ihm zu:„Rabbi, wir ſind ganz von Türken umringt. Noch nie war der türkiſche Pöbel in ſolcher Maſſe hier, und aus ihren drohenden Blicken und Worten läßt ſich ſchließen, daß ſie Böſes gegen dich in Sinn haben.“ „Laß ſie!“ verſetzte Sabbathai ruhig.„Wir ſtehen in Gottes Hand.“— Er ſprach weiter. Doch kaum hatte er wieder begonnen, als ſich plötz⸗ lich ein wilder Ruf erhob:„Greift ſie! Hier iſt ſie! Die Bethörte! Die Bezauberte!“ Der Schrei einer weiblichen Stimme durchſchnitt die Luft. Eine Verhüllte drängte ſich mit ſtarkem Arme durch die Maſſe. Man machte ihr Platz, doch auch den Ver⸗ folgern, die hinter ihr waren. Einen Augenblick ſpäter ſtürzte die Flüchtige zu Sabbathai's Füßen. „Rette mich! Ich beſchwöre dich bei der Gnade unſeres Gottes!“ rief ſie verzweifelt. Es war Rahel. Sabbathai wollte reden, doch die Verfol⸗ ger überſchrieen ihn, unter denen ſich Halevi be⸗ merklich machte.„Seht,“ rief dieſer aus Leibes⸗ kräften,„wie er das arme Schlachtopfer bezaubert und verführt hat! Sie hört weder die Stimme der — 170— Natur, noch die des Geſetzes; ſie kann nicht aus ſeinen Teufelsſchlingen los; er hat ſie mit dämoni⸗ ſchen Mächten zu feſt umſtrickt.“ „Meine Tochter! Meine verblendete Tochter, kehre in meine Arme zurück!“ weinte Zadik de Curbanv. „Folge deinem Vater! Gehorche deinem Vater!“ herrſchte ihr Sabbathai zu. Doch ſie rief:„Ich kann nicht! Ich kann nicht von dir laſſen!“ „Pört ihr ſie!“ ließ ſich Halevi vernehmen. „Reißt ſie weg!“ „Nieder mit dem Verräther!“ wurden hinten andere Stimmen vernommen.„Nieder mit dem Lügner! Er muß heute noch ſeine Strafe haben!“ — Es entſtand ein wirres, wildes Sprachgemenge von jüdiſch-ſpaniſch, türkiſch, griechiſch. Von Flu⸗ chen und Toben kam es ſchon zu Thätigkeiten; Hand⸗ gemenge, wüthendes Geſchrei aus tauſend Kehlen! Die Fackeln verlöſchen! Mord iſt die Loſung. Hun⸗ dert Arme dringen auf Sabbathai ein; er erkennt nicht Freund, nicht Feind. In dieſer Noth ge⸗ denkt er ſeines Ringes; er dreht ihn, er murmelt — 171— den Schem hammphoraſch, er ruft die Geiſter zu ſeiner Hülfe an. In demſelben Augenblicke fühlt er einen Schmerz am Kopfe, übermächtige Geiſter⸗ arme erfaſſen ihn, Flammen lodern auf, Sonnen⸗ glanz umwallt ihn; er ſieht ſich auf Engelsfittichen davon getragen und fliegt über das Meer der Mor⸗ genröthe, aus dem tief unter ihm die letzten Spitzen der Berge ragen.——— „Hierher! hierher!“ flüſtert's am Ufer, und Männer, die einen Andern tragen, folgen eilig dem heimlichen Rufe des Weibes und ſtürzen nach dem Meere. Dort hält ein Mann in einem Kahn. Die zwei Männer treten raſch hinein, ein dritter zarter Jüngling folgt, ein verhülltes Mädchen an der Hand führend. Das Weib, das den Trägern vor⸗ hin die Richtung angab, macht eilig den Beſchluß. Der Ruderer ſtößt ab; die andern Männer greifen zu den übrigen Ruderſtangen und ſchnell, wie ein Seevogel, fliegt das Schifflein über die Wellen. Kein Wort wird gewechſelt. „Wer ſeid ihr?“ fragte das Mädchen, welches der Jüngling in das Boot geführt hatte,„und wohin bringt ihr mich, Unglückliche?“ — 172— „Sei ruhig, Rahel, du biſt gerettet und deinen Verfolgern entrückt,“ flüſterte ihr der Jüngling ins Ohr. „Um Gottes Barmherzigkeit, welche Stimme! Du biſt—“ „Still! daß uns Sabbathai nicht hört!“ „Wo iſt er?“ „Dort bei Jakob ben Eliah, der ihm mit ſei⸗ nem Bruder Eliah dem Getümmel entriß.“ „Er hört euch nicht!“ ſagte der Arzt, hinzu⸗ tretend.„Er liegt in einer tiefen Ohnmacht.“ „Ohnmacht!“ riefen beide beſtürzt. „Er hat entweder einen Schlag voder Wurf erhal⸗ ten, oder der Schrecken hat ſich mit ſeiner Schwäche verbrüdert, ihm das Bewußtſein zu rauben. Er holt leiſe Athem und regt ſich nicht.“ „Er iſt doch nicht etwa verwundet!“ rief der Jüngling ſchmerzlich.„Mihurmah, überzeuge dich.“ „Beruhige dich!“ ſagte Villegas.„Ich habe ihn unterſucht. Er hat keine Wunde. Aber laßt uns eilen, daß wir nach Cordelio kommen, wo ich ihm Hülfe reichen kann.“ Er ruderte eifriger. — 173— „Und du, unſere Retterin!“ ſprach Rahel mit einem Tone, in welchem ſich Bewunderung und Hochachtung gleich ausprägten, und drückte des Jünglings Hand. Dann ſchwiegen wieder alle, bis das nachtumſponnene Inſelufer ihrer Fahrt ein Ziel ſetzte. Die Meſſiasbraut. Siehe, ſchön biſt du, meine Freundin, ſchön biſt du! Deine Augen Tauben hinter deinem Schleier: dein Haar wie eine Heerde Ziegen, die ſich lagern am Verge Gi⸗ lead; deine Zövpfe wie eine Heerde geſchorner Schafe, die aus der Schwemme hervorſteigen, alle Zwillingsmüt⸗ ter, keine kinderlos darunter; wie eine Purpurſchnur deine Lippen; dein Mund lieblich; wie eines Granatapfels Hälfte deine Wangen hinter deinem Schleier; wie Davids Thurm dein Hals, erbaut für Waffen: tauſend Tartſchen hängen daran, alle Schilder der Helden; deine zwei Brüſte wie zwei Zwillings⸗»Gazellen, die unter Lilien weiden. Wenn der Tag ſich kühlt, und die Schatten fliehen, will ich gehen zum Myrrhen⸗Berg und zum Weihrauch⸗Hügel. — Ganz ſchön biſt du, meine Freundin, und kein Fehl iſt an dir!— Mit mir vom Libanon, Braut, mit mir vom Libanon ſollſt du kommen, herabblicken vom Gipfel des Amana, vom Gipfel des Senir und Hermon, von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Parther. Du raubſt mir das Herz, meine Schweſter, Braut, du raubſt mir das Herz durch einen Blick deiner Augen, durch ein Kettchen an deinem Halſe! Wie ſchön iß deine Liebe, Schweſter, Braut! Wie viel kößtlicher ſind deine Liebkoſungen, als Wein, und der Duft deiner Salben, als aller Balſam! Honigſeim träufeln deine Lippen, Braut! Honig und Milch iſt unter deiner Zunge, und der Duft deiner Kleider, wie der Duft des Libanon. Ein verſchloſſener Garten biſt du, meine Schweſter, Braut⸗ eine verſchloſſene Quelle, ein verſiegelter Born. Deine N — 175— Sprößlinge ſind ein Luſthain von Granatäpfeln mit köſt⸗ licher Frucht, Covhern und Narden, Narde mit Saphran, Kalmus und Zimmet, mit allerlei Weihrauchſtauden⸗ Myrrhe und Aloe, mit allen köſtlichen Würzen⸗ ein Quell im Garten, ein Vorn lebendigen Waſſers, und ein Bach, der vom Libanon rieſelt. Bibel. Das hohe Lied Salomo's, 4. Die See lag eingeſponnen in ſchwermüthigen Mond⸗ glanz; Ofaniel ſchaukelte ſich träumend auf den Wellen. Herbſtliche Klagelaute, die Seufzer der ſterbenden Natur, ſäuſelten über den leis bewegten Waſſerſpiegel, nicht vernommen vom menſchlichen Ohr, nur empfangen vom ahnungsvollen Gemüthe. Die Bäume hatten ſchon angefangen, ihren zacki⸗ gen Schmuck abzulegen, die am ufer vertrauten ihn dem Meere an, welke Leichen der grünen Früh⸗ lingsherrlichkeit, dem großen Sarge der Dinge und ihrer Wiege. Sabbathai ſaß am ſchwarzfelſigen Ufer, dicht am Meerbuſen, unter einem breiten Feigenbaume, der erſt den Schatten ſeiner Blätter, dann ſie ſelbſt auf ihn warf; er hatte ſich in ſeinen Mantel gehüllt, denn die Nacht war kühl. Rings um ihn, auf Meer und Land, lag die ſtarre Einſamkeit, die hehre ſchweigſame Tochter des Morgenlandes, und ſah ihn an mit tauſend ernſten Augen, ihren Zög⸗ ling, ihren Freund. Und in ſeinem glänzenden Ant⸗ litz thronte ihre Schweſter, jene heilige Schwer⸗ muth, die der Abendländer auch nicht kennt. Sein Geiſt aber ſchwang ſich auf rauſchenden Engelsflü⸗ geln empor, durch deren weißen, flockigen Schleier die Morgenrothgluth der Begeiſterung golden her⸗ vorſtrahlte, deren ſchneeiges Schwanengefieder die Thräne der Sehnſucht bethaut hatte. Sabbathai dachte erhabene Dinge. Es war eine Quelle in ihm aufgeſprungen mit ſüßen Schmerzen, eine heiße Quelle, ein zweites Herz, das ſtatt des Blutes, Lieder ausſtrömte und große Bilder. Es war eine Sonne in ihm aufgegangen, die ihm ſonſt ſchon geleuchtet, ihn erwärmt und Blumen und Früchte getrieben aus dem empfänglichen Boden ſeines Her⸗ zens; zwar war ſie zuweilen von Nacht und Wol⸗ ten umhüllt geweſen, doch ſtets ſiegreich hindurch geſtrahlt; das war die Sonne der Poeſie. Und auch jetzt ſandte ſie rings nach allen Seiten Strahlen aus; die wurden für Sabbathai zu Leitern, die er mit Kränzen und Blumen ſeines Herzens behing, auf denen ſein Geiſt gedankenſchnell in alle Reiche — 177— der Schöpfung ſtieg, um auf den Altären der Liebe und Andacht Brandopfer zu bringen, die lodernde Gluth ſeiner Gefühle. Das Haupt auf die Hand geſtützt, deren Arm auf dem Felſen ruhte, begannen ſeine bebenden Lippen bald ein Lied halb zu ſprechen, halb zu ſin⸗ gen, wie es ihm eben aus der Seele friſch her⸗ vorquoll. „Hoch ſteht eine Blume am Felſenrand, Ein brennender Stern in Mittagsgluth, Wohl blicket ſehnſüchtig nach ihr das Land Ausſtrecket das Meer nach ihr die Hand, Die Erde begehrt ſie, es wünſcht ſie die Fluth. Du duftende Blume am Felſengrat, Was blühſt du ſo prächtig am ſonnigen Tag? Hinauf zu der Höhe führet kein Pfad, Der einſamen Blume kein Wandrer naht, Der genießen und pflücken dich mag.— und ſteh' ich hier einſam im Tageslicht, Erſchloſſen allein dem Sonnengruß: Für den Wandrer der Verge blüh' ich auch nicht, Der die Blumen mit frevelndem Finger bricht, und ſie wegwirft nach flüchtigem Kuß. II. 12 — 178— Wann aufzieht das blumige Sternenheer und im Kelch ſich mir ſchaukelt des Mondes Strahl, Dann ſteigen die Schlangen herauf aus dem Meer, Es kommen die Adler der Felſen her, und erfreuen ſich meiner allzumal. Doch nicht für des Meeres gewundenes Thier, Nicht für den Lüfte durchſchneidenden Aar, Steh' ich einſam duftend und blühend dahier: Der Löwe der Wüſte verlangt nach mir, Der Löwe Juda's mit goldgelbem Haar. Ich träumte von dir, gewaltiger Leu, und erzählte von dir dem rauſchenden Meer; Nun fragen die Wellen mich täglich auf's Neu: Wann kommt der König, dir lohnend die Treu, Der Löwe der Wüſte, wann kommt er daher?“ Ein Geräuſch weckte den Sänger aus ſeinen Träumereien; ein Mann ſtand hinter ihm. „Biſt du's, Jakob ben Eliah?“ fragte Sab⸗ bathai. „Ich bin's,“ verſetzte der Arzt. „Und was für Nachrichten bringſt du aus der Stadt?“ — 179— „Böſe oder gute.“ „Laß hören! die böſen zuerſt.“ „Die Erbittrung gegen dich iſt bei Türken und Inden gleich groß; deine Anhänger dürfen nicht mehr wagen, dich zu vertheidigen; es hat deinetwe⸗ gen ſchlimme Händel gegeben, blutige Händel, und du biſt wahrlich deines Lebens nicht ſicher, ſobald du dich öffentlich zeigſt. Unter den Inden ſind es zwei Parteien, die dich mit wüthendem Haß verfol⸗ gen, die eine iſt die der ſtrengen gläubigen Rabba⸗ niten, an deren Spitze Halevi ſteht; ſie iſt die öffentlich wirkende, welche überall Truppen wirbt und in den Häuſern, in den Synagogen, auf den Gaſſen gegen dich ſchreit; die andre wirkt vorſichtig im Geheimen, aber um ſo ſichrer, um ſo gewaltiger gegen dich, ſie predigt nicht, ſie flüſtert nur; ſie donnert dir keinen Bannfluch zu, aber ſie verdirbt dich gewiſſer. Es iſt dies die Partei jener Licht⸗ pündler, deren Stärke und Größe man nicht einmal kennt, die aber in deinen Angelegenheiten Aarvn de la Papa anführt. Er hat den Kadi und alle Beam⸗ ten auf dich gehetzt, die vornehmſten Moslemin 12* — 180— in der Stadt haben erſt durch ihn Nachricht von dir erlangt, und er verſichert ihnen, du ſtrebeſt nach der Oberherrſchaft Smyrna's und der natoliſchen Küſte, vielleicht noch mehr. Du biſt des Todes, wenn du jenen geheimnißvollen Ring, der ſo viel Lärm angerichtet, nicht von deiner Hand entfernſt, wenn du in der nächſten Zeit wieder etwas von deiner hohen Würde verlauten läßt.“ „Genug davon!“ unterbrach ihn Sabbathai,„und ſchweige nicht länger über jenes, was meinem Her⸗ zen noth thut, wonach es verlangt, wie das Wild der Wüſte nach friſchem Waſſer, nach Nachricht aus Zadik de Curbanos Hauſe.“ „Und das iſt das Gute, was ich dir bringe. Zadik hat, auf eindringliches Bitten ſeines Weibes und ſeiner Söhne, Rahel wieder freundlich und väterlich in ſein Haus aufgenommen; aber er hält ihre Ehre für verletzt, ihren jungfräulichen Ruf für befleckt durch dich, und er wird dein bittrer Feind ſein und bleiben, ſobald du nicht ernſte Schritte thuſt, Rahel wieder zu Ehren zu bringen.“ „Und welche Schritte verlangt er von mir? — 181— Ich bin zu allen bereit, was ſich mit meiner eignen Ehre verträgt.“ „Er verlangt nichts; er überläßt es dir ſelbſt, wozu dich dein Edelſinn treibt. Doch ich will dir den geheimen Sinn ſeiner Andeutungen erklären. Ich habe lange mit ihm geſprochen; ich habe ihn erforſcht. Von der Albernheit, die ihm Halevi und Genoſſen beigebracht, als ſeiſt du ein Dämon, ein vöswilliger Zauberer, der Rahel mit argen Mitteln verlockt und verführt, haben ihn ſeine Söhne, vor⸗ züglich der treffliche Baruch befreit; er glaubt nicht mehr daran und fühlt Mitleid mit ſeiner armen Tochter. So laß mich nun auch freundlich zu dir reden, Sabbathai. Viemand iſt mehr, iſt inniger von deiner göttlichen Sendung überzeugt, als ich; ja, ich geſtehe dir, daß ich mich ſogar für einen Propheten deines Meſſiasthums halte. Aber zum Heil des Göttlichen darf man das Menſchliche nicht verſäumen. Wir bedürfen des Beiſtandes, des Schutzes der Menſchen; der Herr hat uns deshalb einen hellen Verſtand gegeben; einen erleuchteten Geiſt, daß wir bedenken und berechnen, was uns frommt. Wir müſſen klug ſein, wie Schlangen, — 182— wollen wir unſer Ziel nicht verfehlen. Der Herr ſchüttet es uns nicht in den Schoos; wir ſollen darnach ſtreben.— Sieh, Sabbathai, bei deiner Trennung von Roſanes Tochter gabſt du den mäch⸗ tigen Stab aus der Hand, der dich, gleich dem Stabe, den Moſes und Aaron trugen und der auf David kam, zum Fürſten Israels erhoben hätte; es war die Macht des Reichthums, des Einfluſſes auf alle Juden im Orient. Du haſt dies Mittel verſchmäht, du haſt das ſchönſte Weib unberührt von dir gege⸗ ben, und biſt dadurch allerdings in den Augen deiner Anhänger um ein Bedeutendes geſtiegen; und für⸗ wahr, wer ſeine Sinne alſo beherrſchen kann, der muß zu den höchſten Dingen erwählt und auserleſen ſein. Doch der Schaden, den dir die Scheidung gebracht, hat ſich auch bedeutend gezeigt. Du biſt ohne mächtige Stütze den Verfolgungen deiner Feinde Preis gegeben. Als Roſanes Schwiegerſohn wagte ſich weder Halevi noch Papa an dich, kaum biſt du geſchieden, ſo erheben ſie wie Schlangenbrut ihre ziſchenden Häupter gegen dich und ſuchen dich zu verderben. Aber noch einmal zeigt ſich dir das Glück günſtig, noch einmal geht die Sonne reicher — 3 Hoffnungen und Verheißungen glänzend vor dir auf, uns, deinen Anhängern, ein Beweis, wozu der Herr unſer Gott dich auserkoren. Zadik de Cur⸗ banv iſt nicht viel minder reich als David Roſanes, Zadik hat faſt eben ſo viel Einfluß, ſeine Handels⸗ verbindungen ſind, wenn auch nicht ſo ausgedehnt, doch groß und gewinnbringend, er iſt der Zweite unſres Volks in Smyrna, und guch ſein Name wird an allen bedeutenden Plätzen und Häfen der Welt mit Achtung genannt. Rahel iſt eine ſtolze Schön⸗ heit; ſie gleicht der ſchlanken Gatzelle, die auf den Bergen hüpft, ſie gleicht dem prächtigen Panther⸗ thier, das durch die Wüſte ſtreift: Thamar war die ſcheue Taube im Felſenneſt, das weiße Lamm auf der Weide. Rahel iſt kühn, unternehmend, ſie iſt voll deiner Herrlichkeit, ſie glüht für deinen Beruf, ſie liebt dich, wie eine wahrhaftige Meſſiasbraut. Was aber eine Verbindung mit Zadik für dich weit wichtiger macht, als die mit Roſanes war, das iſt, daß Jadicks drei Söhne deine wärmſten Anhänger ſind, daß Baruch dein ergebenſter Schüler, der begei⸗ ſterte Verkünder deines Ruhms, daß ſelbſt Zadiks Weib, von ihren Kindern gewonnen, dir angehört, — 184— und alſo der Vater ſelbſt leicht für dich zu gewin⸗ nen iſt, während Thamars Geſchwiſter dich im ſtil⸗ len als einen armen Eindringling in ihre reiche Familie haßten, nie an dich glaubten, Thamar dich nur für ihren Gatten, nie für den Erretter unſres Volkes hielt, und Roſanes dich mehr duldete, als liebte. Du mußt um Rahel werben; Rahel muß deine Gattin werden; Rahel iſt für den Meſſias geſchaf⸗ fen. Damit iſt dein Beruf erfüllt, daß du ein ſtarkes Geſchlecht zeugen ſollſt, das über Iſrael herrſche bis in die fernſten Zeiten; Rahel wird eine würdige Stammmutter ſein der künftigen Könige Israels. Damit ſtellſt du Zadik zufrieden, und verwandelſt ihn aus einem Feind in einen Freund. Damit krönſt du der liebenden Rahel heißeſte Wünſche. Damit erfüllſt du die ſchönſten Hoffnungen ihrer Brüder und ketteſt ſie mit den heiligſten Vanden auf ewig an dich. Damit endlich erlangſt du den feſte⸗ ſten Schutz und ſchwächſt deine Feinde, zwingſt deine Verfolger zum Schweigen, und erfaßeſt wieder den alten Stab der Königsmacht, der von Moſes ſtammt, und der mit Davids Krone geziert iſt.“ „Du haſt mir aus der Seele geſprochen, Jakob — 185— ben Eliah,“ ſagte Sabbathai feierlich.„ Es war mein heißeſter Traum, mein glühender Wunſch, ſelbſt als ich Thamars Gatte war, Rahel zu beſitzen. Und war ſie es denn nicht, die mit prophetiſchem Sehermund zuerſt Israels Retter in mir verkündet? War ſie es nicht, die meine ſehnſuchtbangen Nächte als lachendes Ahnungsbild bunt färbte? Von ihr, von ihr hat meiner Jugend geträumt! Sie iſt die ſtolze prächtige Blume, die für keinen Wandrer blüht; an ihrer Herrlichkeit laben ſich nur die Adler des Gebirgs und die Ungeheuer des Meers. Beſitzen aber kann ſie nur der Löwe Inda's, der König der Wiüſte, und ſie will nur ihm angehören. Sie iſt die rechte und ächte Meſſiasbraut, ſie die von Anbeginn erle⸗ ſene Mutter des neuen Königgeſchlechts. Meine Seele glüht, ſie als Weib zu umfaſſen.“ „Wohlan, ſo will ich dich morgendes Tages in Zadik's Haus führen, mit dir um Rahel werben und Zeuge deiner Verlobung ſein! Doch nun höre noch, was ich dir im heiligſten Intereſſe unſrer Sache ſage, nimm dir meinen Rath wohl zu Her⸗ zen und befolge ihn um Gotteswillen!— Die Zeit, wo du dich allem Volke als der enthüllen kannſt, — 186— der du biſt, iſt noch nicht gekommen. Viel muß erſt im Stillen gewirkt und geſchafft, unſre Feinde irre geleitet werden. Wir haben ihre Aufmerkſam⸗ keit durch unvorſichtige Aeußerungen ſchon allzuſehr erregt, dieſe müſſen wir erſt wieder einſchläfern; ſie dürfen nicht viel mehr an uns denken. Vermeide alſo vor der Hand öffentlich von deinem Berufe zu ſprechen, laß dich ſelbſt im Kreiſe deiner Schüler nicht viel darüber aus. Man wird dich mit Spio⸗ nen umgeben. Es würde dein Tod ſein, wenn du dies Gebot der Klugheit überſchritteſt. Verbiete auch deinen Schülern davon zu ſprechen; wehre ab, wo du kannſt. Die Stunde deiner Enthüllung muß über ſie kommen, wie ein Dieb in der Nacht. Jetzt laß uns zehnfache Schleier werfen über deinen Zweck.“ „Du haſt Recht; ich ſtimme dir bei. Es wäre unklug uns zu verrathen und unſern Feinden in die Hände zu geben. Laß uns im Stillen wirken. Ich thue den heiligen Ring von mir und verſuche nicht mehr ſeine erprobte Kraft; nur zur rechten Stunde ſoll er mir dienen.“ „Geſegnet ſei dein Wort! In Gaza wie hier — 187— wird dir vorgearbeitet; wir weben den Teppich und breiten ihn aus, auf welchem du einhertreten wirſt.“ Uund am ufer hinwandelnd unter Oliven⸗ und Feigenbäumen, kamen ſie nach Burnabat, Sabbathais heimlichen Aufenthalt. Zadik de Curbanv beſaß einen Garten mit einem ſchönen Kiosk auf dem ſchattenreichen Wege von Smyrna nach Burnabat. Aus dem leichten reizen⸗ den Sommerhauſe hatte man eine entzüͤckende Aus⸗ ſicht auf den öſtlichen Theil des Meerbuſens. Auf dem Altane ſaßen Rahel und die blinde Hannah. Die Finger der Letzteren glitten durch die Saiten der vor ihr ſtehenden Harfe, ihr ſchöner Kopf, deſ⸗ ſen Ausdruck das Ideal reinſter Kindlichkeit war, lehnte am Inſtrumente, gleichſam als ſei ſie in tie⸗ fes Nachdenken verſunken; Rahel ſtickte. Plötzlich verklärte ſich Hannahs Geſicht, ſie hob es empor, als ſtröme ihr von oben Lichtglanz zu; ihre Finger griffen rauſchende feierliche Accorde und ihre Stimme brach jubelnd in die Worte aus: — 188— „Dem Herrn gehört die Erde und was drinnen iſt, Sein iſt der Erdkreis, ſein was darauf wohnet. Denn er hat ausgehöhlt der Meere Keſſel, Und hat mit Waſſern ihren Bauch gefüllt. Sagt, wer wird gehen auf den Berg des Herrn? Und wer wird ſtehn an ſeiner heil'gen Stätte? Deß Hand voll Unſchuld glänzt, der, reines Herzens, Nicht Luſt zu übler Lehre hat, nicht fälſchlich ſchwört, Der wird empfangen von dem Herrn den Segen, Ihm wird Gerechtigkeit vom Gotte ſeines Heils.— Ha! das iſt das Geſchlecht, das nach ihm fraget, Dies, das dein Antlitz ſuchet, Jakobsſtern! Baut weit die Thore, machet hoch die Thüren, Damit des Ruhmes König zieh herein! und wer denn iſt des Ruhmes König? Der Herr, der Mächtige, der Starke iſt's, Der Hochgewaltige im Streite iſt's! Baut weit die Thore, machet hoch die Thüren, Damit des Ruhmes König zieh herein! Und wer denn iſt des Ruhmes Koönig? Er Der Herr, der Gottgeſandte, iſt der Ehrenfürſt!“ Rahel hatte ihr mit ſtrahlendem Auge zugehört. „Und wie kommſt du darauf, plötzlich Davids alten prophetiſchen Pſalm zu ſingen?“ fragte ſie die Blinde. — 189— „Weil er, von dem dies Lied ſpricht, heute noch einziehen wird in dieſes Haus, wie ich im Geiſte vorgeſchaut,“ verſetzte Hannah. „O daß du wahr ſprächeſt!“ „Und glaubſt du nicht meinen entzückten Ge⸗ ſichten?“ „Ich zittere vor Wonne ihnen glauben zu dürfen.“ „Auch Jeruſa hat es geweiſſagt, daß du des Meſſias wahrhaftige Braut ſeiſt.“ „Ja, Hannah!“ rief Rahel überwallend von Gefühl, die Blinde umarmend und ſtürmiſch an das Herz preſſend:„Ich fühl' es, ich weiß es! Es ſteht feſt in mir, wie die Felſen des Urgranits, auf denen der Bau der Welt gegründet iſt: ich bin die dem Meſſias beſtimmte Braut! Und ſieh, dies ausgeſprochene Wort, dieſe Geburt meiner heilig⸗ ſten Ueberzeugung, tönt jubelnd in meiner Seele fort und fort. Ich bin die Schaale des Oels, womit er geſalbt werden wird zum König der Welt; ich bin die Leuchte, worin die Flamme ſeines reinen Lichtes allen Völkern ſtrahlen wird; ich bin die Wolkenſäule bei Tag und die Feuerſäule bei Nacht, — 190— die ihm voranwandeln wird auf ſeinem ſiegreichen Königsgange. Er iſt das prächtige Tempeldach auf dem Verge Gottes, blitzend im Sonnenglanz, bedek⸗ kend die ſichtbare Herrlichkeit des Herrn; ich aber bin die Säule, auf die es gegründet iſt, auf der es feſtruht, und an mich werden ſich die Völker lehnen, die da kommen, anzubeten, vom Morgenland und vom Abendland. Und wie ein üppiges Schlingkraut, ringt ſich meine grünende Liebe, meine blühende Verehrung an der Säule empor, um das Dach zu küſſen und zu ſchmücken und die Krone ſeines Ruh⸗ mes, die Krone des Lebens, die darauf ruht, ſeine Krone, ſein Königthum zu umſchlingen. Wenn er auszieht in die Welt, ein Schwert Gottes, die Feinde des Herrn zu ſchlagen und den Erdkreis zu erobern, ſo bin ich der Träger des Schwerts, die Scheide, die es begleitet und in der es ruht.“ „Heil! Heil dir, Königin Judas!“ rief die Blinde.„Er kommt, er kommt auf einem Eſel reitend, wie ihn die Propheten verkündigt, die Krone des Meſſias ſtrahlt von ſeinem Haupte. Rahel! Rahel, ich ſegne dich! das Heil Israels an deine Pforte.“ — 191— „Baut weit die Thore, machet hoch die Thüren, Damit des Ruhmes König zieh' herein!“ Ein Geräuſch weckte die Mädchen aus ihren Phantaſien. Rahel ſchaute über die Bruſtwehr hinab. Und ſiehe, Sabbathai ritt auf einem Eſel herein, begleitet vom Arzte Villegas, und ehrerbietig empfin⸗ gen ihn ihr Vater und ihre Brüder an der Pforte, hoben ihn vom Rücken des Thieres und führten ihn zuerſt zur Hausfrau. Rahel preßte die Blinde wild⸗ ſtürmiſch an die Bruſt und rief:„Heil dir, Seherin! Heil mir, Glücklichen! Er iſt's auf einem Eſel rei⸗ tend und alle Prophezeihungen werden wahr!“ In dieſem Augenblick trat Sabbathai mit den Uebrigen herein. „Geſegnet ſei die Schwelle, Herr, die du beſchrei⸗ teſt! Geſegnet das Haus, das dich beherbergt!“ rief Hannah, und neigte ihr Antlitz zur Erde. Der Arzt brachte die Werbung in Sabbathai's amen in herkömmlicher Form vor, und Zadik ver⸗ lobte ſeine Tochter in Beiſein der Zeugen. Rahel ſank an Sabbathai's Bruſt; ihr Auge hing ſchwär⸗ meriſch an dem ſeinigen; die Bläſſe ihres Geſichts war hoher Glut gewichen. Sie prangte wie die koſtbare Blüthe des Purpurkaktus auf den Felſen. „Stern Jakobs,“ lispelte ſie ihm zu,„glänzen⸗ der Stern meines Lebens, laß mich die Nacht ſein, die dunkellockige, in der du wandelſt, in der du leuch⸗ teſt, die deinen Glanz nur höher hebt: laß mich die Morgenröthe ſein, die deinen Sonnenaufgang ver⸗ kündigt; laß mich der Tag ſein, an dem du Segen ausſtrahlſt über die Erde!“ „Und du haſt nicht zuerſt mich verkündigt?“ fragte Sabbathai, ſie küſſend.„Ging von dieſem Munde aus nicht die erſte Kunde, die dir in glanz⸗ vollen Jugendträumen geworden, von meiner Herr⸗ ſchaft künftiger Größe? Heil dir, du würdige Meſ⸗ ſiasbraut!“ „Gelobet ſei Gott!“ rief Rahel.„Wer iſt glücklicher als ich in Iſrael?“— Nach einigen Tagen wurden eine Menge Juden, Alt und Jung, zur feierlichen Verlobung in Zadiks Hauſe in der Stadt zuſammengebeten. An der Thüre desſelben wurde jedem Eintretenden ein neuer irdener Topf gereicht, der zur Form der Feier nöthig iſt. Mardochai Zewi, Salome und ihre Kinder — 193— waren feierlich eingeholt worden. Man ſah Sabba⸗ thai heute zum erſten Mal wieder geſchmückt. Baruch verlas den Heirathsbrief. Zadik hatte ſeiner Tochter darin ein großes ſchönes Haus, das ihm gehörte, im freundlichſten Theil der Judenſtadt, nebſt einer glänzendreichen Mitgabe verſchrieben; noch mehr aber als dies ſetzte die Morgengabe alle Anwe⸗ ſenden in Erſtaunen, welche Mardochai Zewi, deſſen große Armuth allgemein bekannt war, im Namen ſeines Sohnes der Braut im Heirathsbrief zuſicherte. Sobald der Brief verleſen war, drängten ſich die Zeugen hinzu, riefen ihr„Maſſaltobh!“ und zer⸗ ſchmetterten die Töpfe auf dem Boden. „Mach es beſſer mit ihr, als mit Thamar!“ ermahnte Mardochai ſeinen Sohn. „Woher habt ihr die Morgengabe?“ fragte Sabbathai. „Frage nicht und nimm es als ein Geſchenk des Herrn!“ Doch die Mutter vermochte des geliebten Sohnes Bitten nicht zu widerſtehen, als er ſie heimlich drängte. „Ein unbekannter Bote hat uns heute das Geld in plankem Gold ins Haus gebracht mit der Angabe II. 13 — 194— ſeiner Beſtimmung,“ berichtete ſie,„wir wiſſen nicht, von wem es kommt. Aber gewiß iſt es ein Segen unſres Gottes, damit du der reichen Braut nicht wieder arm gegenüber ſtehen ſollteſt, wie es zu meinem Verdruß bei dem übermüthigen Roſanes der Fall war.“— Im Verlauf des Tages forſchte Sabbathai auch an Jeruſa. Sie konnte ihm nichts verſchweigen und beichtete Alles.„Des Vaters Geſchäfte gingen ſehr ſchlecht, ſeit du dich von Thamar getrennt; denn Roſanes wieß ſeine Hülfe ab, und bald auch deſſen großer Anhang. Wir wären faſt in Noth gerathen, wenn nicht regelmäßig jede Woche, ſeit du wieder bei uns wohnteſt, bedeutende Geldmittel uns zugekommen wären; wir erfuhren niemals von wem. Der Rabbi Meier war es, der das Geld meiner Mutter jedes⸗ mal brachte, mit der Bitte, dir nie etwas davon zu ſagen. Wir nahmen es dankbar an als den himm⸗ liſchen Segen deines Gebets. Und das iſt auch die reiche Morgengabe, die für dich geſchickt wurde.“— Sabbathai's Züge verfinſterten ſich; ſein Auge blickte düſter und thränenſchwer; ein tiefer Seufzer rang ſich aus ſeiner Bruſt los. Er beachtete die Braut nicht, die lockend, reizend, verführeriſch ſchön neben ihm ſtand, und ging hinaus, um zu weinen. Es war eine wahrhaftige Ahnung über ihn gekom⸗ men, weſſen Hand ihm die Geſchenke gereicht. Die Vorbereitungswoche verſtrich den beiden Ver⸗ lobten auf eine ſehr verſchiedene Weiſe. Zwar waren Sabbathai's Schüler um ihn verſammelt, aber er zog es diesmal vor, dem Gebrauch zu huldi⸗ gen, und Geſang und Spiel ertönten in den Räumen des neuerworbenen Hauſes, welches Sabbathai bereits bezogen hatte, und in ruhigern Stunden ſprach er, eingedent der Warnung PVillegas, kein Wort von. ſeinem Meſſiasthum, ſondern ermahnte ſeine Umge⸗ bung vielmehr in dunkeln unbeſtimmten Ausdrücken, ſich ruhig zu verhalten und bei Jedermann über ſeine Perſon ein tiefes Schweigen zu beobachten. Dies Verlangen des Meiſters, vorzüglich da es ohne Erklärung blieb, regte die Schüler auf und ließ ſie an einen wichtigen verſchleierten Hintergrund glauben. In dieſer Annahme wurde mancher durch das geheimnißvolle Treiben in Zadik de Curbanos Hauſe 13* — 196— beſtärkt. Wohl waren hier auch Brautjungfern ver⸗ ſammelt, wohl erſchallten auch hier die Saitenklänge der Harfe und der Laute, untermiſcht vom ſchmerz⸗ lich ſüßen Geflüſter der Flöte, wohl ſangen, tanzten und ſpielten reizende, leichtfüßige Mädchen, aber das Alles war nur die bunte phantaſtiſche Hülle einer weit ernſtern und wichtigern Geſchäftigkeit. Rahel ſendete Boten aus und empfing Botſchaften; finſter blickende Männer, worunter ſogar Griechen waren, hatten vorzüglich bei Nacht Zutritt; Rahels Brüder wurden raſtlos umhergetrieben, und machten Reiſen in die Umgegend; Zadik ſelbſt zählte und theilte Geld ab. Dem gleichgültigen Auge konnte dies Alles als Anſtalten zur Hochzeit gelten, die, nach Zadiks Ver⸗ ſichrung nicht weniger glänzend werden ſollte, als Sabbathai's erſtes Hochzeitfeſt, und wirklich hatte auch Niemand ſonderlich acht auf die Bewegungen, deren Mittelpunkt das jüdiſche Haus war; ein ſchar⸗ fer aufmerkſamer Blick hätte lehren können, daß es ſich hier noch um ganz andre Dinge handle, als um Vorbereitungen zu einem Feſte. Rahel, nur ſchein⸗ bar der Luſt und Freude hingegeben, war die Seele des Ganzen; ſie verkehrte heimlich mit dem Vater, — 197— der Mutter, den Briüdern und den Fremden; ihr großes ausdrucksvolles Auge ſtrahlte ſtolz im Feuer kühner Unternehmungen, ihr Gang rauſchte majeſtä⸗ tiſch durch das Haus, ihr Wort hallte befehlend in den Räumen desſelben wider.— Der Hochzeittag erſchien. Rahel duftete noch lieblich von den koſtbaren Bädern, aus welchen ſie Abends vorher geſtiegen; Frauen und Jungfrauen ſammelten ſich zahlreich um ſie her, ihr das Haar zu ſtrählen und zu flechten, ſie anzukleiden und zu ſchmücken, und ihr die üblichen Hochzeitlieder vorzu⸗ ſingen. Das Zimmer wurde geöffnet, worin der Brautſchmuck aufbewahrt war. Berauſchende Wohl⸗ gerüche zogen heraus; die Brautjungfern durften dem Schatze nahen. Ihr ſtaunender Fuß trat in das Prunkzimmer einer vrientaliſchen Königin. Sind das die Brautgewänder einer jüdiſchen Kaufmannstoch⸗ ter? Iſt das der Schmuck eines Kindes jenes Vol⸗ kes, das verſtoßen, unterdrückt, gemißhandelt in allen Landen, nirgend eine feſte Heimath hat, belaſtet von einem göttlichen Fluche? Nein, das ſind die unſchätz⸗ baren Kleider einer Favoritin des Padiſchah zu Stam⸗ hul! Das iſt der prachtvolle Schmuck einer Königin — 198— von Perſien! Oder vielmehr in ſolchen purpurnen und goldnen Hüllen waren die Frauen und Töchter der jüdiſchen Könige auf die Söller ihrer Palläſte getreten, um des Volkes Huldigungen zu empfangenz mit ſolcher Zierrath hatte das ſiegreiche königliche Geſchlecht der Makkabäer ſeine Töchter zur Hochzeit geſchmückt. Die Hände der Brautjungfern vergaßen ſtaunend ihr Amt beim Anlegen der Kleider und es dauerte lange, bis die hohe ſtolze Geſtalt fertig ange⸗ legt, ſich der Bewundrung aller Zuſchauer erfreuete. Und wahrlich ſie war eine Königin! Voll hoher Maje⸗ ſtät, ſtolz blickenden Auges, angeborne Würde in Haltung, Gang, Miene und Wort, in Beſitz ent⸗ zückender Schönheit, und herablaſſend lächelnd im klaren Bewußtſein aller dieſer Vorzüge, rauſchte ſie durch ihre Gemächer und nahm die Glückwünſche ihrer Verwandten und Geſpielinnen entgegen. Der Abend nahete; er war nicht freundlich. Winterſtürme brachen aus den Schluchten der Berge hervor, finſtre Wolken trieben über den Himmel. Die Natur zuckte in Todeskämpfen. Der Brautzug ſetzte ſich nach dem Garten in Bewegung; denn dort ſollte, wie es Gebrauch iſt, unter freiem Himmel — 19— die Trauung vollzogen werden. Von vier Knaben wurde ein prächtiger Chuppah über der verſchleierten Braut getragen, Eymbeln, Metallbecken und Caſtag⸗ netten erklangen in den Händen der ſie umtanzenden Brautjungfern, deren Mund in lieblichen Geſängen ſie glücklich pries.— Auch Sabbathai war, auf erhaltene Botſchaft, mit ſeinen Gefährten aufgebrochen, um die Braut einzuholen. Er ſchien nicht fröhlich. Der koſtbare Tulbend, der ſeine Stirne beſchattete, der bunte, reiche Kaftan, der ſeine Glieder umfloß, ſtachen ſelt⸗ ſam von dem bleichen düſtern Geſicht ab, einer wol⸗ kenumhüllten Winterlandſchaft, dem heutigen Abende vergleichbar. Er war ſich ſelbſt ein Räthſel. Das luſt⸗ und glückverſprechende Ziel aller ſeiner Wünſche, ſeiner Sehnſucht, lag dicht vor ihm, ein Schritt noch, und er hatte es erreicht, und er umfaßte das herr⸗ lichſte Weib, nach deſſen Veſitz ihn heiße Wünſche beſchlichen, als er mit Thamar zur Trauung gegan⸗ gen, das er in ſeinen einſamen Nächten erſehnt, die erſte Verkünderin ſeiner hohen Würde, deren begei⸗ ſtertes Seherwort ihm Klarheit gegeben über ſich ſelbſt, von der er ſich geliebt, verehrt, angebetet — 200— wußte, ſie harrte ſeiner, die Reizende, in Wonne⸗ trunkenheit; ſie ſollte heute noch ſein Weib werden! Und doch war er nicht froh! Es hing ihm wie näch⸗ tige Ahnungsſchleier vor ſeinen innern Augen; er vermochte ſie nicht zu entfernen; und immer und immer drängte ſich ein Bild in ſeine Seele, ein weh⸗ muthbleiches, ſchwermuthlächelndes, thränenreiches Bild, und immer und immer zuckte ein Gedanke durch ſeinen Kopf, ein beängſtigender, trauriger, unſeliger Gedanke: es war Thamars Bild; es war der Gedanke an ihren Schmerz. Der lärmende Zug war nicht weit mehr von ſei⸗ nem Ziele, als ihm ein Mann haſtigen Schritts entgegen kam, hineindrang und den Bräutigam zu ſprechen begehrte. Sabbathai erkannte Jakob ben Eliah de Villegas an der Stimme.„Folge mir bei Seite; ich habe dir Wichtiges zu ſagen,“ flüſterte der Arzt verſtört und augenſcheinlich in der heftig⸗ ſten Gemüthsbewegung. Sabbathai trat, von der Störung unangenehm berührt, aus der Reihe ſeiner Begleiter, welche unterdeſſen Halt machten, und ver⸗ fügte ſich mit dem Arzte hinter ein Tamariskengebüſch. „Biſt du wahnſinnig,“ redete hier der Letztere — g— auf Jenen ein,„von meinen Bitten und Vorſtellun⸗ gen, deren Zweckmäßigkeit du doch einſaheſt, gerade das Gegentheil zu thun und mich zu hintergehen! Ich ſchwöre dir zu, daß du verloren biſt, wenn du auf der Ausführung deines tollen Planes beharrſt. Wayrlich, ich ſage dir, wenn die Sonne morgen auf⸗ geht, wird ſie deinen auf dem Thore des Schloſſes aufgeſpiesten Kopf beleuchten!“ „Ich muß dir die unbeſonnene und beleidigende Frage zurückgeben,“ verſetzte Sabbathai finſter; „denn wahrlich deine Reden zeugen von Wahnſinn. Ich verſtehe kein Wort davon. Sage, was willſt du von mir, daß du mich auf meinem Brautgange mit ſo widrigem Gekrächze ſtörſt?“ „Wie? ſo wäre es nicht wahr, was man mir ſo eben verſichert hat?“ „Und was hat man dir hinterbracht?“ „Du würdeſt dich dieſen Abend noch in der Mitte deiner Schüler und Anhänger für den Meſſias erklä⸗ ren, die Krone Davids auf dein Haupt ſetzen, den Stab Moſes in deine Hand nehmen und das Volk zur Empörung gegen die hohe Pforte aufrufen.“ „Wer dir das geſagt, iſt ſelbſt wahnſinnig!“ — 202— rief Sabbathai entrüſtet.„Meine Seele hat keinen Gedanken an ſolches gehabt.“ „Aaron de la Papa ſoll bereits unterrichtet ſein, und jedenfalls ſind Anſtalten zu deinem Untergang getroffen. Ich beſchwöre dich, Sabbathai, bei dem Gott unſrer Erzväter und ſeinen heiligen Engelſchaa⸗ ren, laß dich nicht von der Hölle blenden, die dich nur ins Verderben lockt!“ „Sei unbeſorgt!“ verſetzte der Chacham lächelnd, „noch iſt meine Stunde nicht gekommen. Geh' ruhig, alter Freund, zu meinen Hochzeitgäſten zurück.“ Der Zug bewegte ſich unter Hörner und Saiten⸗ klang wieder vorwärts, aber Sabbathai langte ſicht⸗ bar verſtimmt im Garten an, wo ſchon Alles zur Zeremonie bereit war. Bäume und Büſche, Haus und Gänge erglänzten von tauſend Lichtern, die ſich in Schimmer und Pracht hier ausgeſtellter orienta⸗ liſcher Herrlichkeit brachen, und ein tauſendſtimmiges freudiges„Baruch habba!“ ſchallte dem Eintre⸗ tenden entgegen. Rahel nahte ſich dem Verlobten; er erſchrak vor ihrer majeſtätiſchen Schönheit, obgleich ſie tief verſchleiert war. Dreimal wurde ſie von ihrer Mutter um ihn herum im Kreiſe geführt und — 203— das Volk warf Korn und Waizen, mit Geld unter⸗ miſcht, auf ſie. Die Feierlichkeiten wurden unter dem Zujauchzen der Menge beendigt, und die Ein⸗ geſegneten zuerſt von den Glückwünſchen ihrer Eltern, dann der andern Verwandten und endlich der übrigen Gäſte begrüßt. Die Tafel war unterdeſſen im Hauſe der Neuvermählten bereitet und dorthin ſollte der Zug zurückgehen. Vorher wurde erſt Wein, Kuchen und Geld unter die ungeheure Menſchenmaſſe ver⸗ theilt, die ſich am ganzen Meeresufer verſammelt hatte, obgleich die Windsbraut das Land fegte und das Meer peitſchte. Rahel faßte Sabbathai's Hand und zog ihn in den Kiosk. „Folge mir!“ flüſterte ſie ihm fiebriſch glühend zu, und ihre Stimme zitterte. Sie führte ihn in ein Zimmer, das durch einen großen faltigen Vor⸗ hang von einem andern getrennt war. Beide Gemä⸗ cher glänzten von hellem Kerzenlicht. Kaum waren ſie hier allein, als Rahel vor Sabbathai auf die Knie ſtürzte und ausrief:„Gegrüßet ſeiſt du, Meſ⸗ ſias, König der Juden, Heiland der Welt! Von mir zuerſt gegrüßt, die dich zuerſt erkannt und verkündet!“ — 204— „Was iſt das?“ fragte Sabbathai verwundert. „Was willſt du damit?“ „Die erſte Nacht deiner Herrſchaft iſt herein⸗ gebrochen, und mit mir haſt du dir die Krone Juda's erworben. Die Stunde deiner göttlichen Macht hat geſchlagen! Purpur und Krone, Schwert und Scep⸗ ter liegen für dich bereit, und Tauſende ſtehen hier unten, um dir zu huldigen, und drängen ſich, begie⸗ rig, die Erſten zu ſein, die ſich deiner Herrſchaft unterwerfen.“ Und den Vorhang zurückreißend, deutete ſie auf eine Trophäe, welche mitten im Zimmer, im Kreiſe flackernder Lichter aufgeſtellt war. Auf dem Geſtelle funkelte ein hellblau feidener Kaftan mit Silber und Edelſteinen geſtickt, ein Königsmantel, der prächtigſte Purpur mit goldenen Blumen und Sternen beſäet, floß faltig zum Boden; eine künſtlich gearbeitete, reiche goldne Krone ruhete auf violetblauem Samt⸗ kiſſen, und rechts und links lagen ein goldenes Scep⸗ ter und ein blankes Schwert mit reichem Griff. Aus einer goldbeſchlagenen kunſtreichen Onyrſchale duftete ein Gemiſch der wohlriechendſten Oehle und Salben. Rahel erfaßte dieſe Schale und fuhr in begeiſterter Aufregung fort:„Beuge dein Haupt, Meſſias, daß ich das heilige Oehl auf deine Locken gieße, und dich ſalbe zum König der Könige, ich, deine Prophetin, dein Weib, deine Königin! Dann nimm die Krone von meiner Hand auf dein könig⸗ lich geſalbtes Haupt, nimm den Purpur um deine Schultern, nimm Scepter und Schwert in deine Hände und tritt hinaus auf den Altan, den im Nu tauſend Fackeln erhellen werden. Rufe dem Volke zu: Ich bin der Meſſias, der gottgeſandte Retter Iſraels! Ich bin der Sohn David's, von dem alle Propheten geweiſſagt haben! Ich bin euer König! Auf, folgt mir!— Und ſie werden dir zujauchzen und dir folgen. Die meiſten ſind bewaffnet und har⸗ ren deines Wortes. Juden, Armenier und Griechen fallen dir zu, die ſorgloſen Türken werden überfal⸗ len, der Kadi erſchlagen und eh' die Sonne aufgeht, iſt Smyrna dein! Auf Adlers Fittichen ſtürmt dein Ruhm durch Natolien, Syrien, Paläſtina, Aegyp⸗ ten, Griechenland. Alle Juden ſtrömen unter deine Fahnen, alles Land fällt dir zu; unſre Feinde und Unterdrücker flichen, von Gottes Hand geſchlagen. Dein Zug nach Paläſtina iſt ein Triumphäug, Jeru⸗ — ſalem thut dir, ſeinem Jahrtauſende erſehnten Könige, die Thore auf, und bald ſtrahlt der neue Tempel Gottes von deines Ruhmes Herrlichkeit, und alle Völker ſtrömen herzu, wie prophezeihet iſt, und rufen anbetend im Staube: Heil dir, Meſſias! Heil dir, großer König!“ Sabbathai ſtand wie in den Boden gewurzelt; ſein Auge war mit grauſig finſtern Ernſt ſtarr auf die prächtigen Inſignien der Königswürde gerichtet, ſein Mund ſchmerzlich zuſammengepreßt; ſein Ohr ſchien ihren Worten verſchloſſen zu ſein. „Du zauderſt, Sabbathai?“ fragte ſie ängſtlich verwundert.„Eile, eile! Der Augenblick iſt koſtbar, laß ihn nicht ungenützt entfliehen!“ Er ſchüttelte ſchweigend das Haupt. „Wie?— Du willſt nicht? Unerklärlicher, was ficht dich an, in dieſer wichtigen Stunde? Was haſt du vor? Warum nimmſt du nicht Krone und Pur⸗ vur? So ſprich doch! beim Gott unſrer Väter, ſo rede doch! Dein entſetzliches Schweigen tödtet mich!“ „Thörin!“ ſagte Sabbathai kalt,„was haſt du gethan? Ich bin kein Spielzeug in deiner Hand. Laß ab von deinen Verſuchungen; ſie bereiten mir — 207— nur Schmerz, und ich kann ihnen nicht folgen. Ende dies Spiel, und laß uns gehen!“ „Sabbathai!“ rief Rahel wild.„Beim hoch⸗ gelobten Gott, höre auf meine Worte! Nicht ich bin es mehr, die vor dir liegt im Staube, nein! ein ganzes Volk iſt's, ein unglückliches, getretenes, geſchlagenes, verſtoßenes Volk, überall fremd, wo es haust, ſelbſt in ſeinem Vaterlande, ein Volk von elenden Knechten, von Knechten verfluchter Barba⸗ ren, die uns verhöhnen, die uns nur„Hunde“ nen⸗ nen, die wir uns einſt ausſchließlich das„Volk Gottes“ nannten. Dies gedrangſalte Volk fleht dich an durch mich um ſein verloren gegangenes National⸗ gefühl, um ſeine verſchwundene reine Religion, um ſein Vaterland, um ſeine Freiheit. Es erkennt durch mich dich als ſeinen ihm lang verheißenen Erretter; es ſetzt dir die Krone auf, gibt dir das Schwert in die Hand, und ſchwört dir zum Sieg zu folgen; die entſcheidende Stunde iſt da, und du willſt dies jammernde Volk um ſeine Hoffnungen betrügen, willſt das flehende mit eiſiger Kälte von dir ſtoßen, willſt alle Verheißungen zu Schanden machen? Nimmer⸗ mehr! Sabbathai, wenn du der Meſſias biſt, ſo — 208— wirf den Purpur um, ſetze die Krone auf, ergreife das Scepter und tritt hinaus unter den Sternen⸗ himmel, und bezeuge es deinem harrenden Volke und verkünde es ihm laut, daß du es biſt. Dann erfaſſe das Schwert und ſtelle dich an der Juden Spitze, wie jener hoch begeiſterte Judah Makkabi, der gefeierte Jüngling unſres Volks, der die Syrer ſchlug, ſieg⸗ reich in Jeruſalem einzog und dem Herrn die von den Heiden geſtürzten Altäre wieder aufbauete? Biſt du nicht mehr und größer als der Prieſter Mata⸗ thias Hasmoni, der ſich zuerſt gegen die Tyrannei empörte, und ſeinen Söhnen den Kampf für das Geſetz hinterließ? Auf, auf! Hier iſt das Schwert der Makkabäer, hier iſt der Stab Moſes, die Krone Davids! Schlage die tyranniſchen Moslemin, jage die Ohnmächtigen nach Aſien zurück; denn mit dir ſtreitet Gott! Ziehe nach Jeruſalem, baue das Haus des Herrn wieder auf, und beſteige den Thron der alten Könige, der dir gebührt!“ „Schweige, Verſucherin! Alle deine Worte ſind vergebens. Ich kann, ich werde nicht thun, was du mir räthſt, was du ſo gebieteriſch verlangſt. Niemand kann wiſſen, wann die Frucht reif iſt, denn ich — 209— allein.— Komm, die Gäſte warten unſer! Verflucht ſei der lockende Prunk, den du mir bereitet!“ Und die Lichter umwerfend und auslöſchend, zog er den Vorhang vor. Die Krone fiel klirrend zu Voden, der Glanz des Purpurs erloſch. „Ha, feiger Schwächling!“ wüthete Rahel, nicht Herrin mehr ihrer Sinne, ihrer Worte im blutigen Krampf der Verzweiflung.„Du biſt nicht der Meſſias! Thamar hatte Recht!“ Wie von einer Schlange gebiſſen, fuhr Sabba⸗ chai zurück; er hatte einen mörderiſchen Dolchſtich in ſeiner Seele empfangen. „Sagſt du ſo?“ ſprach er endlich mit überflie⸗ ßender Vitterkeit.„Nein, du biſt eine Betrügerin, die ich nun erkenne. Deine Abſicht wird mir klar; ich habe dich durchſchaut; du biſt mir verächtlich.“ Und mit Abſcheu in Wort und Blick, wandte er ſich, um zu gehen; da kehrte ihre Beſinnung zurück, mit ihr die Erkennung ihrer troſtloſen Lage. Und aber⸗ mals zu ſeinen Füßen ſtürzend und ſeine Knie um⸗ faſſend, jammerte ſie:„Beim Haupt unſrer Väter! bei allem, was dir heilig, Sabbathai, verlaſſe mich ſo nicht! Ich war wahnſinnig, als ich das Wort II. 14 — 210— ſprach. Ich liebe dich, ich erkenne dich an, Sab⸗ bathai!“ „So folge mir!“ verſetzte er froſtig. Wankend an ſeinem Arm trat ſie in den Garten unter die harrenden Gäſte. Verwundert blickten ſie Zadik und deſſen Söhne an, wie mancher Andre. Ungeſtört ordnete ſich der Zug, und langte im Hauſe an. Hier hatte man kaum an das Mahl gedacht; die Beſorger desſelben hatten andre Dinge erwartet. Rahel wurde ohnmächtig und mußte hinweg getragen werden. Eine allgemeine Verſtimmung bemeiſterte ſich der Gäſte, und viele entfernten ſich, eh' das Mahl begonnen hatte. Alle Förmlichkeiten mußten wegfallen; mit bangen Gefühlen ſtand Einer nach dem Andern von der Tafel auf und ſchlich davon. Auch Zadik und ſeine Söhne waren verdrießlich gegangen. Eine Stunde ſpäter war das Hochzeit⸗ haus leer, und auch Sabbathai ging ernſt und brütend in der Sturmnacht an das Meerufer hinaus, ſein junges Weib der Pflege ihrer Dienerinnen überlaſſend. Erſt nach einigen Stunden kehrte er beruhigt zurück und ſchickte die Dienerinnen ſchlafen. Auch Rahel ſchlief; er betrachtete ſie einen Augenblick; — 211— ihre Züge kamen ihm entſtellt vor. Dann verfügte er ſich in ſein Gemach und begann, da ihn der Schlaf floh, zu ſtudiren. Plötzlich ſprang die Thür auf, Rahel trat mit aufgelöstem Haar, im weißen Nacht⸗ kleid, bleich und in der einen Hand eine Kerze hal⸗ tend, die nicht brannte, in der andern einen langen Dolch, langſam herein. Ihre Augen waren zwar weit geöffnet, ſtarrten aber glanzlos und unbeweg⸗ lich, wie das gebrochene Auge eines Todten, vor ſich hin; die Augäpfel waren ſchauerlich herausgetreten, anzuſehen wie erloſchene Sterne. Sie gaben dem Marmorgeſicht, in welchem nicht die leiſeſte Nerven⸗ regung zuckte, einen unbeſchreiblich grauſenhaften Ausdruck geſpenſtiſchen Todes, den ihr langſames Fortbewegen noch erhöhete. Sabbathai bebte in ſtillem lautloſen Entſetzen. Sein Auge ſchauete von der geiſterhaften Nachtwandlerin zurück, die Gefühle ſeines Herzens waren beim erſten Blick erſtarrt, den er auf die in ihre alte Krankheit Verfallene gewor⸗ fen hatte. „Du haſt mich betrogen,“ ſagte ſie mit hohler ſchauerlicher Grabesſtimme,„du verſprachſt mir mit Blicken, wie Blitze des Meers, und mit Worten, wie 14* — 212— die Donner der Berge, mich zur Königin der Erde zu machen! Wollteſt du nicht Felſen auf Felſen thür⸗ men und mir einen Thron davon bauen? Wollteſt du nicht mir aus Sternen eine Krone flechten? Und nun haſt du mich betrogen und hintergangen. Du biſt kein König, kein Fürſt, biſt nicht der Meſſias, der Sohn Davids! Der Nebel gerinnet und ich erkenne dich als einen Vetrüger, der mich um meines Lebens Glück und Hoffnungen beſtohlen. Dafür ſollſt du unter meinen Rächerhänden verbluten.“ „Rahel!“ rief Sabbathai außer ſich.„Rahel, du biſt wahnſinnig! Dein getäuſchter Stolz hat dich zur tollen Furie gemacht.“ Von ſeiner Hand an die Bruſt geſtoßen, taumelte ſie zurück und erwachte am Boden mit einem ſchwe⸗ ren Seufzer aus der Befangenheit ihres widernatür⸗ lichen Zuſtandes. Sabbathai war mit geſträubtem Haar aus dem Zimmer entwichen. Nach vier trüben Wochen, die Sabbathai meiſt außer dem Hauſe zugebracht und wahrend derſelben er einige harte und ſtürmiſche Wortwechſel mit Zodik — 213— und deſſen Söhnen, ja mit Rahel ſelbſt gehabt, ließ dieſer ſeinen Schwiegerſohn vor das Rabbinalgericht vorbeſcheiden aus demſelben Grunde, aus welchem David Roſanes dasſelbe gethan hatte, ihn anzuhal⸗ ten, daß er der Liebe und Ehe ſüße Pflichten erfülle, oder Rahel den Scheidebrief gebe. Auch ſie, die Reizende, Stolze, die königliche Geſtalt hatte er nicht berührt; ihr Lager war einſam geblieben, wie das Thamars. Ihre Wange war fahl und eingefallen; von der ſchwindelnden Höhe ihrer ſtolzen Pläne herab⸗ geſtürzt, war ſie zerſchmettert. Sie verzog keine Miene, ihr Auge hatte keine Thräne, ihr Mund keinen Klagelaut, als ihr Sabbathai den Scheide⸗ brief gab. Sie fragte nicht nach ihm, als er das Haus verlaſſen hatte, aber allnächtlich wandelte ſie, wie eine mit geſpenſterhaftem Leben auf Augenblicke erfüllte Leiche, in den Räumen dieſes Hauſes und beklagte mit ſchauerlichen Tönen ihr verlornes König⸗ thum, daß ihren Wächtern in der Seele grauste. Oft auch ſchmückte ſie ſich in ſolchen Nächten mit der Krone, dem Mantel und dem Scepter, die er ſo verächtlich von ſich geſchleudert, und gebot der Erde und dem Meer, dem Mond und den Sternen — 214— als Königin, als Auserwählte des Meſſias, zuweilen auch ergriff ſie das Schwert, das man ihr nicht nehmen durfte, und zog damit aus, die Welt für den feigen Meſſias zu erobern, wie ſie ihn nannte, um ſich dann mit ihm in ihre Herrſchaft zu theilen. Meiſt brach ſie aber zuletzt in ein troſtloſes, mark⸗ erſchütterndes Jammergeſchrei aus, das ſie in gänz⸗ liche Apathie verſenkte, und aus dieſem gelangte ſie erſt ſchwach und abgeſpannt, wieder zum freudeloſen Bewußtſein. Stets waren die Glieder ihrer Familie voll Furcht, daß ihr in gänzlichen Wahn⸗ ſinn übergehen werde. Der Schem hammphoraſch. — Dies iſt der Schem hammphoraſch, den unſer Lehrmeiſter Moſes, auf dem der Friede ſei, zuerſt im feurigen Buſche gelernt. ueber einen Teufel ausgeſprochen, wird derſelbe in die Flucht geſchla⸗ gen; über eine Krankheit, wird ſie geheilt; über einen Herrſcher, wird er dich lieben. Hüte dich aber, ihn auszuſprechen, wenn du nicht rein und frei biſt von aller Sünde; denn ein Unreiner, der ihn ausſpricht, muß ſicherlich ſterben. Vuch Raſiel, neujüdiſches Religionsbuch. Es ſchien, als ſei Sabbathai der Rache ſeiner Feinde nun unerrettbar verfallen. Jener Edelſinn des alten Roſanes, der den würdigen Greis von jeder leidenſchaftlichen Verfolgung Sabbathais abge⸗ halten, war Curbanv fremd, und je troſtloſer der Zuſtand ſeiner Tochter war, um ſo furchtbarer wüthete der rachſüchtige Inde gegen den Urheber deſſelben. Die Familien Roſanes und Curbano, ſeit geraumer Zeit ſchon einander feindlich gegen⸗ über ſtehend, fanden ſich jetzt wieder zuſammen, und wenn auch Roſanes keinen Antheil an den Ver⸗ — 216— ſchwörungen gegen den jungen, vhnmächtigen Rabbi nahm, ſo waren ſeine Kinder— Thamar ausge⸗ nommen— und vorzüglich Zibora dabei am thä⸗ tigſten, und bald beſtand ein inniges Bündniß zwiſchen ihr und Zadik. Der Chacham Halevi fand ſich dazu, und in ſeinem Gefolge trat man⸗ cher der hochmüthigſten Rabbinen in das Haus, das er kurz vorher, wegen der Verbindung deſſel⸗ ben mit dem verhaßten Sabbathai, verflucht hatte. So waren die zwei reichſten Judenfamilien Smyr⸗ na's, nebſt ihrem ſehr großen Anhange, Sabba⸗ thai's mächtige und einflußreiche Haſſer und bitter⸗ ſten Verfolger; dies waren ferner faſt alle ältern gelehrten Rabbinen; dies waren endlich jene Licht⸗ brüder, die in ihren geheimen Sitzungen ſchon lange den Bannfluch über ihn ausgeſprochen hatten. Doch gerade, als der Verfolgte alles Schutzes zu entbehren ſchien, hatte er ſchon einen ſehr mächtigen Beſchützer gefunden. Dies war der hochbetagte Vorſitzer des Rabbinalgerichts, Maſſud Aſſulai. Dieſer Mann war durch ſeine Werkzeuge genau unterrichtet wor⸗ den, daß der Plan und die Anſtalten, Sabbathai zum König auszurufen und die Fahne des Aufruhrs — 217— zu erheben, allein das Werk Curbanvo's und ſeiner Kinder geweſen, und Sabbathai ſelbſt der lockenden Ausführung deſſelben männlich widerſtanden ſei. Die⸗ ſes Venehmen des jungen Mannes gefiel dem Greiſe ſehr, zerſtreute früher gefaßte Vorurtheile und er⸗ weckte günſtige Meinungen für den verketzerten Leh⸗ rer in ſeiner Seele. Er ließ denſelben zu ſich kom⸗ men, und unterhielt ſich lange mit ihm. Maſſud Aſſulai theilte die Anſicht vieler gelehrten Juden, daß eine Reformation ihrer Religion nothwendig ſei, und Sabbathai, der ſich wohl hütete, von etwas Anderem zu ſprechen, hatte den Greis mit ſcharfer, blühender Veredſamkeit bald für ſich ein⸗ genommen. Der Präſident verſprach ihm ſeinen Schutz, und beſuchte ſogar mehrere Abende im Geheim Sabbathai's Vorträge. Nach dieſem trat der mächtige Mann öffentlich als Vertheidiger und Beſchützer des jungen Chacham auf, beſtrafte einige, demſelben zugefügte Beleidigungen ſchwer, und ſchüch⸗ terte damit plötzlich alle hinterliſtigen Unterneh⸗ mungen gegen Sabbathai dergeſtalt ein, daß Nie⸗ mand mehr wider denſelben aufzutreten wagte. Man ſagte ſogar, der freundliche Greis ſei in dieſem Ver⸗ — 218— fahren für den angefeindeten Rabbi von einer Seite durch Lobſprüche und Dankſagungen ermuntert wor⸗ den, von welcher man es am wenigſten erwartet hatte, und gewiß war, daß man Thamar ſeit die⸗ ſer Zeit öfter in Aſſulais Hauſe ſah; und dies war das Einzige, das ſie beſuchte. Sabbathai ſeinerſeits war vorſichtig genug, Vil⸗ legas und ſeiner Brüder Rath zu befolgen, und in ſeinen öffentlichen Vorträgen nichts zu ſagen, was auf ſeine Meſſiaswürde anſpielte; er beſchränkte ſich auf geſchichtliche, moraliſche und allgemeine re⸗ ligiöſe Gegenſtände. Uebrigens lebte er in der tief⸗ ſten Zurückgezogenheit und Einſamkeit im finſtern Hinterhauſe ſeiner Eltern, ſah nie Jemand, außer ſeinen Schülern und nächſten Freunden, genoß von den einfachſten Nahrungsmitteln nie mehr, als zur Erhaltung des Lebens unumgänglich nothwendig war, und badete faſt jede Mitternacht, ſelbſt zur Zeit der Winterſtürme, im Meere. Je weniger er aber öffentlich von ſich ſprach, deſto eifriger, raſtloſer war er mit ſeinem hohen Ziele beſchäftigt. Seine zurückgezogene Lebensweiſe, Entbehrungen, das ein⸗ ſame Durchwachen der Nächte, wo er nur mit den — 219— tiefſten kabbaliſtiſch-magiſchen Studien beſchäftigt war, unterhielten den früher empfangenen Ueber⸗ reiz ſeiner Nerven, und es vergingen wenig Nächte, in welchen er nicht Viſionen hatte, wie in der Dã⸗ monenhöhle. Engel und Dämonen, Geiſter Abge⸗ ſchiedener traten aus ſeiner überſpannten Phantaſie heraus, Phantome, denen ſeine Geiſtesrichtung Le⸗ ben und Worte lieh, und die er für wirkliche Er⸗ ſcheinungen hielt, ſeiner über ſie erlangten Macht gehorſam. Wunderbar war es dabei, daß er ſol⸗ chen körperlichen und geiſtigen Anſtrengungen nicht erlag, im Gegentheil blühete er männlich und kräf⸗ tig, und zeigte ſelten Schwäche oder Kränklichkeit. Seine einzige Gefährtin in der Einſamkeit war Jeruſa, die oft, von ſeinen Händen berührt, aus denen eine wunderbare und betäubende Kraft ſtrömte, in jenen prophetiſchen Schlaf verfiel, worin ſie Raum und Zeit überflügelnd, hohe und heilige Worte ſprach.— Jakob ben Eliah und die beiden Brüder Jakob und Eliah Zewi waren ihrerſeits ſtets in dicht überſchleierter Thätigkeit begriffen, ihre geheimen Zwecke zu verfolgen. Die letzteren mach⸗ ten große Reiſen, angeblich Handelsreiſen, in Wahr⸗ — 220— heit, um überall zu werben und ſich zu verſtärken. Sie waren einige Male in Gaza, im Hauſe Sa⸗ muel Lisbona's und Nathan Benjamins, doch ſtets in der undurchdringlichſten Hülle des Geheimniſſes; ſie durchzogen einen großen Theil Vorderaſiens, Syrien, Aegypten und Griechenland, ſie ſandten vertrauete Boten nach Portugal, Spanien, Frank⸗ reich und Deutſchland, ſie waren durch Agenten ſogar in Polen und Rußland thätig. Alles wurde mit Lisbona's Mitteln betrieben. Zwar gelang es anfangs ſelten, an einem Orte geheime Verbindun⸗ gen anzuknüpfen, und mit der Farbe herauszugehen, war nirgends rathſam, weil die Juden überall Rab⸗ baniten waren, und die Rabbinen gegen jede Neue⸗ rung feurig eiferten. Man mußte ſich alſo damit begnügen, die baldige Ankunft des Meſſias überall zu verkündigen, und die Kabbaliſten in den bedeu⸗ tenderen Schulen zu Berechnungen anregen, aus welchen das nahe Erſcheinen des Erretters hervor⸗ ging. Die Stürme des dreißigjährigen Krieges, der damals kaum beendigt war, die Kämpfe zwi⸗ ſchen Portugal und Spanien, aus welchen das erſtere ſich bereits als ſelbſtſtändiger Staat empor⸗ — 221— gerungen hatte, Spaniens inneres Zerwürfniß und unaufhaltſames Sinken unter Philipp W., die aus⸗ zuſtehenden Verfolgungen und Bedrückungen des Kar⸗ dinals Richelien in Frankreich, machten in den ge⸗ nannten Ländern und in Deutſchland die Juden für die Aufnahme der neuen Meſſiasidee ſehr geneigt, das Korn fiel hier auf einen fruchtbaren Boden; weniger war dies in Paläſtina, Aegypten und Grie⸗ chenland der Fall, wo die Juden zwar hart be⸗ ſteuert und niedergehalten, aber doch weit ſelbſt⸗ ſtändiger waren, als ihre Brüder in den chriſtli⸗ chen Staaten. Inzwiſchen fand die Verkündigung des Meſſias auch hier manchen Anklang, regte hier und da die Gemüther auf, und gab Gelegenheit zu förderlichen Verbindungen. Im Ganzen ſtießen die Emmiſſäre auf mehr Lauheit und auf größere Schwie⸗ rigkeiten, als ſie früher erwartet hatten, und ſie ſahen ein, daß Jahre dazu gehören würden, dieſe Blüthe zur Frucht zu bringen, daß dazu noch gans andere Maſchinen in Bewegung geſetzt werden müß⸗ ten, und daß auch dann noch viel von Glück und Zufall abhaͤngen würde. In dieſen verſchiedenen Beſtrebungen waren zwei — 222— Jahre verſtrichen, und die Unternehmer am Ende derſelben eben nicht muthiger geworden. Samuel Lisbona, ſo wenig Erfolg ſehend, ſchien des Geld⸗ gebens müde zu werden, und von andern Seiten trat Lauheit ein; Villegas und Joſeph Zewi waren ſchier allein noch thätig; Eliah hatte, mit ſeiner Bewerbung von Mihurmah zurückgewieſen, faſt alle Thatkraft verloren, verzweifelte ganz am Gelingen des ungeheuern, weit ausgreifenden Planes, und that faſt nichts weiter, als den andern zu rathen, daß auch ſie von der weiteren Verfolgung deſſelben abſtehen möchten. Villegas hielt jedoch das Bünd⸗ niß immer noch zuſammen. Um dieſe Zeit begab ſich mit Sabbathai, der nun das vierundzwanzigſte Jahr erreicht hatte, etwas höchſt Merkwürdiges und Sonderbares, welches aber⸗ mals die Aufmerkſamkeit nicht nur der jüdiſchen, ſondern auch der übrigen Einwohnerſchaft Smyr⸗ na's auf den berühmten Rabbi zog. Einige ſeiner vertrauteſten Schüler bemerkten nämlich, wenn ſie ſich mit badeten, einen ſtarken Wohlgeruch, der ſei⸗ — 223— nem Körper entquoll und dem gemiſchten Dufte von Roſen, Lilien und Veilchen glich, doch noch weit lieblicher und labender war. Die Luft wurde in ſeiner Nähe von dieſem Aroma erfüllt. Bald ent⸗ deckten ſie die Quelle deſſelben, doch ſprach der Meiſter geheimnißvoll und zurückhaltend davon. Einer der Schüler theilte Tags darauf Jakob ben Eliah ſeine Wahrnehmung mit, der ſeit kurzem einen ähnlichen Duft in Sabbathai's Nähe eingeſogen zu haben ſich erinnerte. Der Arzt nahm Gelegenheit, ſich auch mit Sabbathai zu baden, und überzeugte ſich von dem Ausſtrömen jenes ſeltſamen Wohlge⸗ ruchs aus des Rabbi Körper. Auf ſein Befragen entdeckte ihm Sabbathai, daß in einer der kürz⸗ lich verwichenen Nächte Moſes und Elias, die bei⸗ den Propheten des Alterthums, bei ihm geweſen und ihn zum Meſſias geſalbt hätten mit der Ver⸗ kündigung, die Stunde ſeiner Enthüllung werde bald erſcheinen; ſeit jener Nacht entquelle der Duft ſei⸗ nem geſalbten Körperz auch habe er mehrere Unter⸗ redungen mit dem Engel ſeiner Geburt gehabt, der ihm die Votſchaft gegeben, noch in dieſem Jahre werde er die Verheißung der Propheten erfüllen. — 224— Der Arzt wurde durch dieſe beſtimmten Aeußerungen in kein geringes Staunen verſetzt; doch kannte er Sabbathai zu gut, als daß er einem Verdacht in ſeiner Seele hätte Raum geben dürfen, und plötz⸗ lich erfaßte ihn ſelbſt der Glaube, den Eliah frü⸗ her ſchon gehegt, Sabbathai möge wirklich der Meſ⸗ ſias und ihre Schlauheit mit dem Willen Gottes zuſammengefalleu ſein, der ſich ihrer als Werkzeuge bediene. Genug, er gab ſich dem vorhandenen unbe⸗ ſtreitbaren Wunder gefangen, und wurde deſſen lau⸗ teſter Verkünder. Bald überzeugten ſich alle Schü⸗ ler und Zuhörer, die ſich mit Sabbathai badeten, von der Wahrheit des ſeltſamen Gerüchts, und gewahrten, daß der Duft weit ſtärker war, wenn Sabbathai nach ſorgfältiger Abwaſchung aus dem Bade ſteige, als bevor er in das Meer gehe. Die Geſchichte ſeiner Salbung verlautete ebenfalls und vermehrte die Anzahl ſeiner Anhänger um ein ſehr Bedeutendes, während ſie den Fanatismus der älte⸗ ren nur zu verſtärken geſchickt war. Aber ſie ver⸗ urſachte auch ein neues Erheben ſeiner Feinde. Nach einigen Wochen erſchien plötzlich in Smyrna ein Vorſteher der Schule zu Konſtantinopel und Beiſitzer des dortigen Rabbinengerichtes, Namens Elieſer ben Azaria, einer der gelehrteſten Juden und ausgezeichneter Redner, der im Disputiren ſeines Gleichen ſuchte in der ganzen jüdiſchen Welt. Dieſer Mann, offenbar auf Veranlaſſung der Smyr⸗ naer Rabbinen erſchienen, die ſich, Sabbathai ge⸗ genüber, ihrer Schwäche wohl bewußt waren, kam eines Abends mit zahlreichem Gefolge und großem Geräuſche auf den Verſammlungsplatz der Sabba⸗ thianer und miſchte ſich unter ſie. Er berührte Punkte, welche mit den Lehren des Talmud im Widerſpruche ſtanden, ſogleich erhob Elieſer ben Azaria die Stimme, und verlangte das Wort. Sab⸗ bathai erſuchte ihn, heraufzuſteigen und zu reden. Eine herkuliſche Geſtalt erſchien neben dem ſchlan⸗ ken zarten Jünglinge, und begann mit heftigen Geberden und donnernden Worten den gelehrten Angriff auf den jungen Rabbi. Dieſer aber ließ kluger Weiſe den wilden Redeſtrom ſeines Gegners verrinnen, und antwortete dann mit der größten Ruhe in gemäßigten Ausdrücken. Der ganze Streit lief darauf hinaus, daß Elieſer die Lehrſätze Sab⸗ vathais mit dialektiſcher Spitzfindigkeit beſtritt, und II. 15⁵ — 226— ſich auf Argumente des Talmud und der Schriften der alten Talmudiſten bezog, zuweilen auch ein kab⸗ baliſtiſches Kunſtſtück beibrachte, und den jungen Meiſter zu überliſten ſuchte. Dieſer berief ſich auf den Sohar, auf die Geheimlehre der Kabbalah, und endlich, da jener ihm immer heftiger zuſetzte, auf ſeine eigene Autorität. Kaum hatte er dies Wort fallen laſſen, ſo erhob Elieſer, der nur darauf ge⸗ wartet zu haben ſchien, ein tolles Geſchrei:„Und, wer biſt du denn, daß du dich unſern berühmten Rabbinen, auf denen der Friede ſei, die Alles mit Weisheit bedacht, eh' ſie's niedergeſchrieben haben, entgegen ſtelleſt, und die hocherleuchteten Männer Lügen ſtrafeſt? Hat man nicht vom Rabbi Iſaak Lurja geſagt, daß er der Propher Elias, oder auch, daß er der Meſſias, der Sohn Joſephs geweſen ſei; ſage, wer denn biſt du, daß du dich über die⸗ ſen heiligen Mann erhebſt, ſeine Ausſagen verwirfſt und von deiner eigenen Autorität zu reden wagſt? Was biſt du weiter, als ein junger Menſch, der mit frecher Anmaßung von dem, was er flüchtig gelernt und nur halb verdaut hat, den ſchlechteſten Gebrauch macht, ein Sklave deiner thörichten Eitel⸗ — 227— keit, der, um zu glänzen und groß zu thun, alle alten Satzungen hochweiſer Rabbinen umwerfen möchte, der ihre Schrifterklärungen lächerlich zu machen ſucht, um ſeine eigene Narrheit an deren Stelle zu thun? Wayrlich, du biſt einer der auf⸗ geblaſenen Schriftgelehrten, von denen der Herr durch des Propheten Mund ſpricht: Warum geht das Volk irre für und für? Sie halten halsſtar⸗ rig an dem falſchen Gottesdienſte und wollen ſich nicht abwenden laſſen. Ich ſehe und höre, daß ſie nichts rechtes lehren. Wie möget ihr doch ſagen: wir wiſſen, was recht iſt, und haben die heilige Schrift vor uns? Iſt es doch eitel Lüge, was die Schriftgelehrten ſetzen. Darum müſſen ſolche Leh⸗ rer zu Schanden, erſchrecket und gefangen werden; denn was können ſie Gutes lehren, weil ſie des Herrn Wort verwerfen?— Und ſo miüſſeſt auch du zu Schanden werden, Sabbathai Zewi, Falſch⸗ lehrer, Volksverführer, Gottesläſterer, und ver⸗ flucht ſein bis in Scheol, die ſiebente Wohnung von Gehinnom, und der Engel der Hölle dich dort vom Feuer in den Hagel und vom Hagel ins Feuer treiben!“ 15* — 228— Ein Geſchrei des Unwillens erhob ſich über die⸗ ſen Fluch unter Sabbathais Anhängern. Dieſer winkte zum Zeichen, daß er reden wolle. Augen⸗ blicklich trat Ruhe ein; aber er ſtand noch eine Zeit⸗ lang ſinnend, und höher und höher verklärte ſich ſein Geſicht, ſo daß es endlich wie von überirdi⸗ ſchem Glanze ſtrahlte. „Er weiß mir nichts zu erwiedern!“ trium⸗ phirte Elieſer, und ſeine Begleiter erhoben ſchon zubelnd die Stimmen über den Sieg ihres Günſt⸗ lings.. Da ſprach Sabbathai:„Mit jenem Manne habe ich nichts mehr zu ſchaffen; denn wahrlich, ich ſage euch! er iſt einer derer, von welchen der Herr durch Jeſaias geredet hat: Dieweil ſie mich denn ehren nach Menſchen⸗Geboten, die ſie lehren, ſo will ich auch mit dieſem Volke wunderbarlich um⸗ gehen, aufs wunderbarlichſte und ſeltſamſte, daß die Weisheit ſeiner Weiſen untergehe und der Ver⸗ ſtand ſeiner Klugen verblendet werde.— An jenem Manne ſehet ihr die untergegangene Weisheit und den verblendeten Verſtand. Genug aber, er hat mich vor euch, meine Freunde, gefragt, wer ich — 229— ſei, daß ich mich über die alten Rabbinen ſtelle. Ihr ſollt nicht irre an mir werden. Gönnt mir dieſe eine Nacht noch; ich will mit mir ſelbſt zu Rathe gehen, will mich berathen mit mir befreun⸗ deten Weſen. Und wird es für gut befunden, und iſt die rechte Stunde gekommen, daß ich euch ſage, wer ich bin, wahrlich, ſo will ich es euch morgen verkünden an dieſer Stelle.“ Das Volk jauchzte ihm zu; die Gegner aber führten Elieſer ben Azaria, der ihrer Erklärung nach, den Sieg davon getragen hatte, im Triumph nach Hauſe. Sabbathai wandelte allein, in tiefes Sinnen verſunken, am felſigen Meerufer, dann knieete er, betete feierlich und ſtieg in die Fluthen hinab. Es war ſchon Mitternacht, als er nach Hauſe zurückkehrte. In ſeiner Halle angelangt, ſchlug er ſeine Bücher auf, ergriff den Ring und ſprach das urheilige Wort. Und eine Verzückung kam über ihn in Morgenrothglanz und Sonnenklar⸗ heit, ein wunderbares Kind heilig einſamer Mit⸗ ternacht; mit Glorie füllte ſich die Halle und Engel⸗ geſtalten tauchten aus dem Goldgrunde empor, lächelten ihn an mit ſternaugigen Blicken, und ſchüt⸗ — 230— telten ihre, von Lichtfluth träufenden Locken. Er ſah den Glanz vom Angeſichte Gottes, das nP Feuer der oberſten Welt. Und ſeine Stimme erklang, hell, wie Silber⸗ glockenton, zum Rauſchen der begeiſtert ergriffenen Harfenſaiten:„Ein Glanzſtrom, glühender denn Morgenrothpracht, umwebt mich in dieſer heiligen Nacht, mich hat Azitatiſches Feuer umloht, aus⸗ gehend von dir, Herr Zebaoth! Abglanz deines hochheiligen Angeſichts, Enſoph und Urborn des ewigen Lichts, auf Bergen niederwallend, geſam⸗ melt in Thalen, aufgefangen in goldenen Schaalen, und der dürſtenden Menſchheit dargebracht, daß ſie durchdringt deines Wortes Macht! Mein Antlitz taucht' ich in dieſe Fluth, ich hab' es gebadet in Glanzes Gluth, wie Moſes, der auf des Sinai's Höhe, dich, furchtbarer Gott, im Feuer geſehn. Wie du ihm, ſo haſt du dich mir gezeigt, ich habe, wie er, mich zur Erde geneigt; an mich auch erging dein Ruf, wie an ihn, dein Volk aus dem tiefſten Verderben zu ziehn. Der Fluch, den du über das Volk geſprochen, er werde, du willſt es, durch mich gebrochen, und was du gelobt vor zweitauſend . k. 5 — 231— Jahren durch deiner Seher prophetiſchen Mund, das ſollen die Völker durch mich erfahren; du gibſt mich als deinen Geſalbten kund. Und iſt die rechte Stunde gekommen, wohlan, ſo gib deinen Engeln Befehl, damit ſie um mich verſammeln die From⸗ men, und mich groß machen vor Israel! Herr, ich liege vor dir gebeuget tief im Staube, doch fühl ich es klar, daß ich die Schaale des Lichtborns bin, und dein Wort, das mir es bezeuget, rollt über meinem ſträubenden Haar, wie ein Donner der Berge hin. Und zum Engel iſt es erblühet, lichtlockig im jungen Frühlingsglanz, der reicht mir von Ster⸗ nenſtrahlen durchglühet, der Verkündung heilſpen⸗ denden Kranz. Es iſt des Meſſias himmliſche Krone! Dein König wartet an deinem Thor, Je⸗ ruſalem, und zu David's Throne heben mich die⸗ nende Engel empor.“ In der Frühe des folgenden Morgens,— es war Sabbath— erhielt Mihurmah einen Boten von Jeruſa, die ſie dringend zu ſich entbieten ließ, um ihr ſehr Wichtiges mitzutheilen. Mihurmah beurlaubte . „ ½ — 232— ſich von Thamar und deren Vater, der jetzt, von allen Geſchäften zurückgezogen, ganz ſeinem Kinde lebend, auch auf der Inſel Cordeliv wohnte, und ließ ſich in die Stadt überſetzen. Sie fand Jeruſa blendend weiß gekleidet auf dem Lager und Sabbathai, prächtig geſchmückt, zu ihren Füßen ſitzen. An ſeinem Tulbend war die Pracht köſtlicher Farben verſchwendet, ein koſtharer Gürtel hielt die buntſeidenen Gewänder, die ſeinen ſchlanken Leib umfloſſen, zuſammen. Sein Auge ſtrahlte, wie von überirdiſchem Feuer erleuchtet, und über ſeine Wan⸗ gen hin hatte Begeiſtrung ihre duftige Röthe gehaucht. Er war ſchön, wie das Bild eines Engels, das der glühenden Phantaſie einer ſchwärmeriſchen Jungfrau entſprungen iſt. Und durch die Gewänder hindurch drang jener wunderbare Blüthenduft ſeines Körpers, der die Sinne berauſchte und gefangen nahm. So freundlich er auch lächelte, als Mihurmah hereintrat, ſo ſchien er ihr doch noch weit feierlicher und ern⸗ ſter als je. „Mihurmah, liebe Schweſter,“ ſprach er,„Je⸗ ruſa hat dich zu uns bitten laſſen, es geſchah in meinem Namen. Es iſt ein wichtiger Tag gekom⸗ — 233— men, Mihurmah, der wichtigſte meines Lebens! Der Herr hat ſich mir offenbart und mir durch ſeine Engel verkünden laſſen, daß die Zeit erfüllet ſei und mein ſichtbares Reich auf Erden beginne. Ich werde, auf des Herrn Befehl, mich dieſen Abend dem Volke enthüllen. Jeruſa, meine Prophetin, hat beigeſtimmt und mir ihren Segen gegeben; aber mich verlanget auch nach dem deinigen. Auch du biſt eine Seherin, die mich erkannt und bekannt hat, und Schmach gelitten um meinetwillen. Wahrlich, du mußt, du ſollſt Theil haben an meinem König⸗ reich. Mihurmah, keine iſt des Meſſias wahre Braut als du! dich hat mir der Herr über Meere zugeſandt. Das hatte ich früh erkannt in meiner Seele, aber du machteſt mich irre an mir ſelbſt. Zwei unglückliche Wahlen haben mich belehrt; zu dir trug ich ſtets heiße Liebe im Herzen. Keine jener beiden hatten mich erkannt, du allein haſt es. Nur du verſtehſt mich, nur in dir leb' ich, nur du kannſt mich beglücken. Und biſt du nicht mehr im Beſitz des heiligen Jungfrauthums, ſo wird meine Liebe dich reinigen und heiligen, und die Gattin des Meſſias, die Königin ſeines Reichs, wird rein und — 234— heilig ſein vor allen. Mihurmah, eh' ich den ent⸗ ſcheidenden Schritt thue und mich enthülle, reiche mir deine Hand und gib mir das Eheverſprechen, damit ich von deiner Liebe geſtärkt, von deinen Küſſen überglüht, von deinem Segen durchdrungen, meine Beſtimmung erfülle.“— „Herr,“ verſetzte Mihurmah, ſich verneigend, „ich bin nur deine Magd, kaum würdig, daß ich dir diene. Wenn du als der prächtige Stern Jakobs einſam und flammend über den Himmel dahin ziehſt, ſo bin ich nichts als die Wolke, die dein Licht leicht beſtrahlt und mit einem Hauch von Röthe beſäumt. Der Stern wandelt vorüber, der Schein der Wolke verglüht und ſie ſelbſt zerfließt und verrint im wei⸗ ten Himmelsraume. Während die Völker den heil⸗ bringenden glückflammenden Stern anſtaunen in allen Zeiten, weiß Niemand, daß das die Wolke geweſen, die er einſt geküßt.— Doch du haſt mich deiner Liebe gewürdigt, Herr; du willſt mich hoch ſtellen vor unſerm Volke. Nimm meinen heißgefühlten Dank, aber vergönne mir, daß ich mich bis morgen bedenke. Nicht, daß ich deine Liebe nicht erwie⸗ derte, Rabbi: ich bete dich an; aber laß mich mit — mir ſelbſt einig werden bis morgen. Geh hin, Meiſter, deinem großen Beruf entgegen; erfülle Gottes Willen! Meine Gebete ſind für dich und bei dir! Ich ſegne dich!“ Sabbathai verſank in Sinnen; ein trüber Schat⸗ ten flog über ſeine erſt heitre Stirn; doch er ſchwieg und ließ die beiden Mädchen bald allein. Gegen Mittag kamen Joſeph und Eliah mit ihrem Vater von ihren Geſchäftsgängen zurück. Sabbathai war einſam in die Gebirge gegangen und faſtete. Mihur⸗ mah bat Eliah unbemerkt um ein Wort unter vier Augen. Er führte ſie in den Hofraum. „Eliah,“ ſprach ſie mit bebender Stimme,„ich wieß dich einſt mit deiner Werbung um mich zurück. Du haſt dir kein andres Weib gewählt und mich zeither oft merken laſſen, daß du mir ſtets deine Liebe bewahrt haſt. Jeruſa hat alles an mich aus⸗ gerichtet, was du ihr aufgetragen. Biſt du nun noch gewillt, mich als Weib in das Haus deiner“ Eltern zu führen, ſo biete ich mich dir hiermit an. Die Umſtände haben ſich geändert. Thamar bedarf meiner nicht mehr ſo nöthig, wie damals. Die Zeit hat ihren Schmerz gemildert, und ihr Vater iſt zu ihr hinaus nach Cordelio gezogen— wie dir — 236— bekannt ſein wird— und hat ſich ihr ganz gewid⸗ met. Sie wird mich nun nicht mehr mit Unwillen und Traurigkeit entlaſſen; ich aber kehre gern in das Haus zurück, das ich gewohnt war, als mein elter⸗ liches in Smyrna anzuſehen; denn hier war ich zuerſt und wurde in dieſen Räumen gleichſam neu geboren, dir aber gehöre ich mit Freuden an, denn du haſt mich vom Schiffe des betrügeriſchen Grie⸗ chen gerettet.“ „Der Herr hat dein Herz gewandt. Geſegnet ſei die Rede deines Mundes!“ rief Eliah überraſcht und entzückt.„Nun wird mein trübes trauriges Leben wieder Farbe und Luſt gewinnen. Ach, ich habe mich deinetwegen ſehr gehärmt! Nun, ſo komme, geliebte Braut, daß ich mein unausſprechliches Glück meinen Eltern verkündige.“ „Gewähre mir die Bitte, dies bis auf morgen zu verſparen; ich habe meine wichtigen Gründe dazu. Morgen ſoll es Jedermann erfahren.“— „Ich gebe mich ganz in deinen Willen, du lich⸗ ter Stern meines Lebens, der ſo plötzlich aus nächt⸗ lichem Gewölk hervorbricht, das mir ſeine Strahlen ſo lange entzogen. Sei gegrüßt in deinem Glanze, — — 237— Glücks ſpender, Freudenverkünder, du Herold meiner grünenden und blühenden Liebe, Frühlingsbote, Taube mit dem Oelzweig!“ Er ſchloß ſie in die Arme und drückte glühende Küſſe auf Stirn, Wangen und Mund des reizenden, lieblichen Mädchens; dann führte er ſie, ſtill ſein Glück im Herzen tragend, zu den Seinigen zurück, und in ſüßen Liebesträumen verſtrich der Tag. Der Sommerabend regte das Leben wieder auf, das die heiße Kraft des Tages in ſchläfrige Starr⸗ heit gebannt hatte und ſeine Kühle labte und er⸗ friſchte die mattgewordene Welt. Ueber die Felſen⸗ pfade hinter den Hafengebäuden und dem Schloße zogen laute Schaaren, wie zu einem Feſte, und der Jüngling, der ſchon Jahrelang der Gegenſtand der öffentlichen Aufmerkſamkeit geweſen war, gab auch heute den Stoff ihrer lebendigen vielbewegten Unter⸗ haltung ab. Auf allen Geſichtern war eine gewiſſe Anſpannung ausgedrückt, und nicht in den Reden allein that ſich eine marternde Ungeduld kund; die große Anzahl der Kommenden lehrte ſchon, daß man allgemein etwas Augerordentliches erwarte. — 238— Das Abendroth zuckte eben noch ſchmerzlich ver⸗ ſcheidend am weſtlichen Himmel hin und goß noch einmal die Fülle ſeines Purpurſcheins auf das rück⸗ ſtrahlende Meer aus, als Sabbathai in der Mitte ſeiner feſtlich gekleideten Schüler erſchien. Noch nie hatte man an ihm an dieſer Stelle ſolche Pracht bemerkt. Gold und Purpur prangten an den Hül⸗ len ſeines Körpers, und waren ihm ſo kleidſam, als ſei er ſtets in ſolch glänzenden Gewändern gewandelt, als habe der goldgeſtickte Purpurmantel ſchon ſeine Wiege gedeckt, und er ſei zeither nur zum Schein der Sohn der Niedrigkeit geweſen. Sein Gang war das majeſtätiſche Fortbewegen eines Königs. Auf ſeiner Stirne thronten geheimnißvoller Ernſt und liebende Milde; ſein tiefſchwarzes Auge blickte mit erhabener Schwärmerei über die zahlreiche Ver⸗ ſammlung hin. Seine Schüler umſtanden ihn dicht, wie immer, aber auch ſeine übrigen Anhänger dräng⸗ ten ſich näher und feſter heran, gleichſam als woll⸗ ten ſie ihn vor einem feindlichen Angriff ſchützen, und wehrten Jedem, den ſie nicht als erklärten Sab⸗ bathianer kannten, den Zutritt in ihre enggeſchloſſene Kreiſe. —.———— — 239— „Bevor ich heute zu euch ſpreche, meine Freunde,“ begann Sabbathai,„laßt mich niederknien und ein ſtummes Gebet ſagen. Betet mit mir um ausdau⸗ ernde Kraft zu dem Werke, deſſen Vollendung von mir gefordert wird.“— Dieſe einfachen Worte machten einen unbeſchreiblichen Eindruck auf die Menge. Jedermann wußte, was Sabbathai meinte, und ſo ſank der größte Theil der ungeheuern Men⸗ ſchenmaſſe mit dem verehrten Meiſter lautlos auf die Knie, und alle trugen die Zizis und die Hand⸗ und Haupttiphillin— denn es war Sabbath und die Schüler hatten ihnen ſolches geheißen. Der Engel ſtiller Andacht wandelte über den Häuptern der Knienden und ſammelte ihre Gebete; es war ſo feierlich ruhig, daß man das Rauſchen ſeiner Flügel zu vernehmen glaubte. Selbſt Sabbathais Wider⸗ ſacher, die ſich wieder eingefunden hatten, wagten die ernſte heilige Ruhe dieſer Augenblicke nicht zu ſtören. Sabbathai erhob ſich; alle Blicke waren in erwar⸗ tungsvoller Begeiſtrung auf ihn gerichtet. Da glü⸗ hete plötzlich die Fackel der Abendröthe noch einmal auf, als wenn die Sonne, zurückkehrend, ihr neue — 240— Glut zugehaucht hätte. Der ganze Weſthimmel fluthete von purpurnen Glanz und die Berge glühe⸗ ten und das Meer. Sabbathais marmorweißes Antlitz aber wurde von der himmliſchen Röthe angeſtrahlt; er kam ſeinen Anhängern wie ein Verklärter vor. „Ich verſprach euch geſtern,“ begann er lang⸗ ſam und feierlich,„euch heute zu enthüllen, welche hohe Pflichten der hochgelobte Gort Israels mir aufer⸗ legt, und zu welchem Zweck er mich in dieſe Welt geſandt hat, wenn mir dazu eine höhere Erlaubniß wurde. Dieſe iſt in der verwichenen Nacht erfolgt.“ Und er erhob die Stimme:„So wiſſet denn, meine Freunde, ſo wiſſe es, bedrängtes Israel, daß ich der Meſſias, der Sohn Davids bin, den dir dein Gott verkündet, von dem alle deine Propheten geweiſ⸗ ſagt, von dem deine Weiſen geſchrieben haben. Der Tag deines Heils iſt gekommen, Israel! Ich bin dein Retter! Ich bin dein Meſſias!“— Er ließ das prächtige Ueberkleid fallen und legte den koſtba⸗ ren Tulbend ab; da ſtand er im ſchneeweißen Ge⸗ wande und ein grüner Kranz deckte die duftend um ſeine Schultern fliegenden Locken. Das Abendroth flocht Roſen und Küſſe hinein; er breitete die Hände — 241— ſegnend aus, da erloſch plötzlich der Glanz des Himmels, die Nacht brach mit ſchneller Gewalt über die Berge in die Thäler, wie eine düſtre Lawine, und von Sabbathai ſah man in geringer Ferne nichts weiter als das Gewand, glänzend wie Schwa⸗ nenflügel. Immer düſtrer wurde der Himmel, es flog wie Rabenzüge heran und bedeckte ſchwarz und drohend die Wölbung des Firmaments. Die ver⸗ ſammelte Menge bemerkte daran nichts, ihre Seele war in wilder Spannung. Erſt feſſelte die heilige Gewalt ſtaunenden Schauers alle Gemüther mit eiſernem Schweigen, doch plötzlich brach, wie aus einem Munde, das tauſendfache Geſchrei hervor: „Heil dir, Meſſias, Sohn David's! Heil dir, Hei⸗ land! Heil dir, Retter! Heil dir, König der Juden!“ Und wie ſtürzende Gewäſſer unterirdiſcher Berg⸗ ſchlünde brauſte und tobte die Begeiſtrung durch die bewegten Kreiſe. Doch kaum hatte ſich das Zujauchzen ein weniges gedämpft, als es von der Seite aus dem Schatten der Bäume erſcholl:„Du lügſt, Chacham, wenn du nicht zur Stelle beweiſeſt, was du geſpro⸗ chen.— Gib Beweiſe deiner Macht! Gib Beweiſe deines Meſſiasthum! Gib Zeichen! gib Beweiſe!“ II. 16 — 242— Sabbathai erwiederte:„Ich will ſie geben!— Mir als dem Meſſias iſt der Schem hammphoraſch, der urheilige Name Gottes geoffenbart worden, und kein Sterblicher außer mir weiß ihn, keiner hat ihn gewußt von unſern Vätern. Mir, dem Meſſias iſt nicht nur erlaubt, ſondern geboten, den Schem hammphoraſch vor euch auszuſprechen, zum Zeichen, daß ich's bin, den der Herr geſandt hat. Höre Israel den Namen deines Gottes!“— Die Verſammlung ſtand verſteinert; keine Spur von Leben entdeckte Auge und Ohr in Tauſenden; das Fächeln des Athems hielt der in ſtummer Erwar⸗ tung bebende Mund zurück; es war ein über Alles feierlicher merkwürdiger Augenblick, die Natur ſelbſt ſchien ſeiner heiligen Wichtigkeit zu huldigen: kein Blättchen bewegte ſich an einem Baume, das Meer lag wie ein düſtrer Metallſpiegel, kein Thierlaut ſchrillte durch die Luft. Da tönte Sabbathai's Stimme ſtark und gewaltig, aber melodiſch und klar durch die Luft, und er ſprach das gewaltige Wort, den urheiligen Namen, den geheimnißvollen Schem hammphoraſch. Aber noch hatte er nicht vollendet, als der Himmel in Flammen glühete und gezackte — 243— Blitzes ſchlangen nach allen Seiten liefen, feuergeflü⸗ gelte Boten Gottes. Und alles Volk ſah den Meſ⸗ ſias ſtehen, umfluthet von der Lohe des Himmels, ſein Kleid war das eines Engels, gewoben aus dem glänzenden Schnee, der unter dem Thronwagen der Herrlichkeit lagert, und ſein Haar troff von der Glanzfluth Dinurs, des Feuerſtroms, der aus jenem Schnee entſpringt. Sein Mund tönte das Geheim⸗ niß des Namens noch fort; und als er geendet, verloſch der Glanz, aber die Donner Gottes rollten in den Bergen, als verſtärkten ſie des Namens himm⸗ liſche Gewalt. „Chardaniel, feuerflammender Fürſt des Blitzes, des Blickes des Herrn, Gabriel, ſprachgewaltiger Fürſt des Donners, des Wortes Gottes, ihr bezeugr mir, daß ich's bin, auf den die Völker geharrt, der Iſrael retten wird aus der Schmach, ihr habt den Namen der Namen des Herrn der Herrn bekräftigt!“ So rief Sabbathai in höchſter Begeiſtrung, als der Donner verrollt war, und heilige Entzückung ergriff Alle und ging, ein unwiderſtehlicher Sieger, durch die Reihen; die Andern aber flohen, wie vom flam⸗ menden Schwerte eines Cherubs vertrieben. Laut 16* — 244— und lauter erſchallte der Ruf:„Hoſiannah! gelobt ſei der Meſſias des Herrn, der Bote ſeiner Gnade! Hoſiannah in der Höhe! Heil dir, Iſrael! und Heil dir, Juda! Die Tage deiner Schmach ſind vorüber, und die Tage deines Glanzes beginnen! Heil Sabbathai, unſerm König.“ Männer redeten das Volk an in gewaltiger Begei⸗ ſterung, Frauen ſtürzten zu Boden mit convulſiviſchen Bewegungen und redeten wunderbare heilige Dinge; prophetiſcher Wahnſinn ergriff die Häupter, Weiſſa⸗ gungen ſtrömten von bebenden Lippen, und auf ſeinem mächtigen Wolkenwagen zog der Herr vorüber in Blitzes⸗ ſchein und Donnerſchall, und Engelſchaaren drängten um ſeine Glorie, angeſtaunt und angejauchzt von der Volksmenge, die am Ufer des Meeres ſtand. Die Waſ⸗ ſer der Wolken ergoſſen ſich in das Meer, das Land blieb trocken. Da zog das Volk heim und trug den Meſſias auf ſeinen Schultern und ſang freudige Lieder ob ſeiner endlichen Erſcheinung. — 245— Die Flucht. Zur Zeit, wenn der Sohn Davids kommt, wer⸗ den ſich die Weiſen vermindern, die Augen der Uebrigen aber blöde werden vor Schmerz und Trau⸗ rigkeit, ſo daß, wenn das Eine noch nicht vorbei iſt, das Andre zu kommen eilen wird. 8 Talmud. Tractat Sanhedrin. Am andern Morgen ſprach man in ganz Smyrna von nichts weiter, als von Sabbathai's merkwürdi⸗ ger Erklärung. Unter ſeinen Anhängern war eine große Bewegung ſichtbar, und man hörte allgemein, daß ſie ſich rüſteten. Das Rabbinalgericht wurde zu einer großen Sitzung zuſammenberufen, die übrigen Rabbinen verſammelten ſich in ihren verſchiedenen Synagogen. Vor dem Tri⸗ bunal klagte der öffentliche Ankläger den Chacham Sabbathai Zewi der Gottesläſterung im Angeſicht alles Volks, des Hochverraths und der Anreizung zum Aufruhr an, doch der Rabbi fand auch jetzt — 246— noch an dem Präſidenten einen gelinden Richter. Man beſchloß, ihn nur zu warnen, daß er ſich nicht für den Meſſias ausgebe und den Namen Gottes nicht unnütz führe, im Weigerungsfalle ihm aber mit der Todesſtrafe zu drohen. In den Schulen ſpra⸗ chen die Rabbinen den Bannfluch über ihn aus, als einen Gottesläſterer und Religionsſchänder, ſo daß er ferner aus ihrer Gemeinſchaft ausgeſchloſſen, ſeines Ehrentitels und des Rechts zu lehren verluſtig, und männiglich, der ihm ferner anhinge, ebenfalls in ſeinen Bann verfallen ſei. Das Tribunal ſandte zwei Gerichtsdiener an Sabbathai ab, die ihm den Willen und Beſchluß des Gerichts kund thaten. Von mehren ſeiner Schüler umgeben, erklärte Sabbathai:„Sagt denen, die euch geſchickt, daß ich der wahre Erlöſer, und mir als ſolchem das Heiligſte auszuſprechen erlaubt ſei; ſagt ihnen, daß nicht ich ihnen, ſondern ſie mir zu gehor⸗ chen hätten, und die Endſchaft ihrer Macht herran⸗ nahe.“— Stolz und ruhig ſetzte er dann die Unter⸗ haltung mit ſeinen Schülern fort. Kaum aber waren die Gerichtsboten hinaus gegangen, als Eliah und WMihurmah Hand in Hand hereintraten. — — 247— „Rabbi,“ ſagte das Mädchen,„wir kommen, um deinen Seegen für unſre Verbindung zu erflehen; wir haben uns heute verlobt.“ Sabbathai erbleichte; ſein Auge irrte verlöſchend über das Paar hin, doch erhob er die Hand und legte ſie zitternd auf ihre Stirnen; er wollte ſpre⸗ chen, aber er vermochte es nicht; ſeine Lippen beb⸗ ten; er winkte den Verlobten, ſich zu entfernen. Als ſie fort waren, verhüllte er das Geſicht mit der Arba⸗Kanphos; ſeine Kraft war gebrochen. Stumm in einem Winkel ſitzend, kümmerte er ſich nicht mehr um ſeine Schüler und deren Anordnungen. Mitten in der wichtigſten Thätigkeit war er erſtarrt. In die üppig prangende Blüthenwelt ſeiner Hoffnungen und Entwürfe war ein verderblicher Blitz gefahren und hatte ſie vernichtet. Er antwortete auf keine Anrede, er nahm nicht Speiſe noch Trank, und gab kaum ein Lebenszeichen von ſich. Entmuthigt durch ſolch ſeltſames Beginnen, und geſtört im großen Werke, das ſie vorhatten, zerſtreueten ſich die Schü⸗ ler, da alle Mittel, den gewitterſchwarzen Schmerz aus des Meiſters Bruſt zu entfernen, und ihn dem Leben und der großen umfaſſenden That, die ſeiner — 248— harrend vor ihm ſtand, wieder zu gewinnen, verge⸗ bens angewendet worden waren, als ſelbſt Mihurmah ohne Erfolg zu ihm geſprochen und ihn erinnert hatte, daß der günſtigſte Augenblick ungenützt verrauſche, daß ſein faſt erreichtes Ziel verſchwinde, wenn er nicht heute handle, in dieſer Stunde, und mit dem Schwerte in der Hand ſich an die Spitze des muthi⸗ gen Haufens ſeiner Anhänger ſtelle, den Kadi ver⸗ jage und Beſitz von der Stadt nehme. Vergiftet vom ungeheuern Schmerz war er unfähig zu h deln; ſein ganzes Weſen war durch das Läuterungs⸗ feuer des Schmerzes, wie es ausgezeichneten Geiſtern ergeht, in einen wilden Seelenkrampf gerathen; von der Flamme ergriffen, ſtürzte er zuſammen, und ver⸗ mochte ſich nicht ſogleich wieder auf den Zuruf ſeiner Freunde zu erheben. Die Kunde ſeiner Verwand⸗ lung verbreitete ſich ſchnell unter ſeinen Anhängern, die eben alle in Begriff waren, ſich zu bewaffnen, und nur auf die Befehle ihres Meiſters warteten, um ſich zuſammen zu ſchaaren, und unter ſeiner Anführung den Kampf gegen ihre Widerſacher und Unterdrücker zu beginnen. Es war die ganze that⸗ begierige jüdiſche Jugend Smyrna's, es war die — 249— mächtigſte Begeiſterung für eine große heilige Sache, die als Sabbathai's unbezwingliche Kampfer in die Schranken zu treten bereit ſtanden, aber wie ſich ein tödtender Nachtfroſt über die junge friſch empor⸗ ſtrebende Blüthenwelt legt, und ſie mit ſeinem Eis⸗ hauch vergiftet, ſo hemmte die Nachricht von Sab⸗ bathai's geiſtiger Niederlage die edelſte Thätigkeit in ihrem Beginn. Die Begeiſterung iſt die zarteſte FPflanze des Seelengartens, ein aus ätheriſchen Stof⸗ fen gewebtes Sonnenkind; ein kalter Hauch, eine machen ihre Blüthe welken, und nimmer gedeiht ſie dann zur Frucht. Aengſtlich fragten die Jünglinge nach den Befehlen und Anordnungen des Meiſters, und als ſie hörten, was ihm begegnet war, liefen ſie, von plötzlicher Furcht ergriffen, auseinander. Nachmittags ſtürzte Villegas voll Verzweiflung in Sabbathai's Halle.„Um Gottes Gnade willen! was iſt das?“ rief er außer ſich.„Iſt es Wahr⸗ heit, was ich höre?“ Mihurmah und Jeruſa erzählten weinend, was geſchehen war. Sabbathai war fort in die Gebirge, — 250— keiner ſeiner Schüler hatte ihn begleitet, Niemand kannte ſeines Weges Spur. „So iſt Alles verloren, was ſo glücklich begon⸗ nen war!“ kreiſchte der Arzt und zerriß ſein Kleid. „Das Rabbinalgericht iſt wieder verſammelt, die Schergen des Kadi rennen durch die Stadt. Alle unſre Kräfte erſchlaffen, alle Mittel ſchlagen fehl. Verflucht ſei die unglückſelige Stunde, die ihn ſo darnieder warf!“ „Ich wollte es gut mit ihm machen; Gott, dir liegt mein Herz offen!“ ſeufzte Mihurmah.„Erhe⸗ ben über den Schmerz der Erde wollt' ich ihn zu einem großen ſchmerzgehärteten König; denn nur der iſt wahrhaft groß, der ſein Edelſtes von ſich gethan und in den Kauf gegeben, und ſich ſelbſt bezwungen im blutigen Kampf. Wehe! er iſt dem Schmerze erlegen, doch ich bin frei von der Schuld.“— Gegen Abend erklärte das Gericht Sabbathai für vogelfrei, ja es verſprach den an ihm vollzogenen Todſchlag dem Thäter als ein gottgefälliges Werk anzurechnen, und die nach den türkiſchen Geſetzen auf den Mord eines Juden geſetzte Strafe zu bezah⸗ len; denn Sabbathai ſei eines doppelten Todes ſchul⸗ — — — 251— dig, einmal, weil er ſich lügenhafter Weiſe für den Meſſias ausgegeben, ſodann, weil er vorgegeben, den wahren Namen Gottes zu wiſſen, und dieſen vor dem Volke ausgeſprochen. Dieſer Beſchluß wurde in den Synagogen bekannt gemacht, und es fehlte nicht an gedungenen Mördern, welche Sabbathai ſuchten. Er aber ging jlüchtig im Gebirge, ein blei⸗ ches Schattenbild, und kehrte weder in der Nacht, noch am folgenden Tage nach Hauſe zurück. Die Stätte ſeiner Lehre blieb öde und leer; keiner ſeiner Schüler wagte, ſich dort zu zeigen; ſie wußten, daß auch für ſie der bezahlte Dolch des Griechen geſchlif⸗ fen war. Einſam plauderten die Wellen am Felſen hinauf und fragten nach dem Meſſias, den ſie in ſeiner Herrlichkeit erwartet; aber er war nirgend zu finden. Ritternacht ſchauerte über Smyrna. Durch die einſamen Straßen der Judenſtadt glitten, Schatten gleich, geheimnißvoll verhüllte Geſtalten und verſchwan⸗ den alle in der Pforte eines düſterlaubigen Berggar⸗ tens, deren Hütern ſich jeder Eintretende durch ein leisgeflüſtertes Wort und einen Händedruck zu erken⸗ — 252— nen gab. Am untern Gemäuer des im Garten lie⸗ genden Kiosks waren Steine herausgenommen, ein düſtrer Eingang gähnte auf, und auf einer von der dichteſten Finſterniß verhüllten Treppe ſtiegen die ſtummen Männer ſicher und gewandt in den Bauch der Erde hinab. Am Ende eines Ganges wurden ihnen abermals geheime Kennzeichen abverlangt, und, ſobald ſie dieſe von ſih gegeben, öffnete ſich die Thüre, und ſie traten in ein erleuchtetes hohes und weites Steingewölbe. Es war der geheime Verſamm⸗ lungsort der Lichtbrüder, und ſie die Verhüllten, welche herein traten. Sobald alle beiſammen waren, reiheten ſie ſich um die in der Mitte des Raums ſtehende vvalrunde, weißgedeckte Tafel, beſtellt mit Todtenköpfen und mehren koſtbaren Vaſen. Aaron de la Papa beſtieg an dem einen Ende einen höhern mit königlichen Inſignien und geheimen Charakteren ausgeſchmückten Thronſeſſel. Auf ein Zeichen, das er mit einem hölzernen Hammer an eine vor ihm auf der Tafel ſtehende Glocke gab, ließen die Bun⸗ desbrüder ihre dunkeln Leibeshüllen fallen, und ſaßen in lichtweißen glänzenden Gewanden und um ihre Päupter ſchlangen ſich grüne Kränze. Aus den — 253— Vaſen auf der Tafel ſchlugen ätherreine blendendhelle Flammen hoch empor und verbreiteten einen dem Sonnenlichte klaren Glanz in dem weiten und hohen Gemache. „Brüder!“ redete Aaron die Verſammlung feier⸗ lich an,„das Licht ſtrahlt und ſchlingt ſeine magi⸗ ſchen Bande um unſern Verein: die Lichtſchule iſt eröffnet.“ „Seid gegrüßt im Lichte, das die Mitternacht erhellt!“ ſprachen die Brüder, wie aus einem Munde, ſich gegeneinander verneigend. Aaron gab ein zweites dumpf ſchallendes Zeichen an der Glocke, da öffnete ſich eine Thüre, und ein Mann trat herein. Es war Salomo Pechina. „Wächter der Nacht,“ fragte Aaron,„was iſt draußen an der Zeit?“ „Mitternacht iſt vorüber,“ verſetzte Pechina, „der Morgenſtern neigt ſeine Stirn dem Horizonte zu, um die leis gerötheten Berge zu küſſen, ein Strahl iſt im Oſten aufgeſchoſſen, der die Morgen⸗ röthe verkündet, der Hahn hat ſchon einmal gekrä⸗ het, und der Hauch des Morgens wehet ſchneidend ſcharf und ſchmerzlich über die Welt.“ — 254— „Was haſt du für Kunde von den Bergen und aus den Thälern?“ fragte Aaron weiter im feier⸗ lichſten Tone. „Die ausgeſandte Taube brachte einen friſchen Oelzweig zurück zum Zeichen, daß die Waſſer ver⸗ rinnen, und die Welt neu und verjüngt aus den trüben Fluthen emportauchen wird.“ „Gegrüßt hoffnungbringende Taube, heiliges Bun⸗ desbild!“ riefen die Brüder alleſamt, entblößten ihre Arme und küßten einer dem andern das dort ein⸗ geätzte Symbol. Dann erhob Papa ſeine Stimme wieder und fragte:„Wächter der Nacht, was haſt du weiter wahrgenommen?“ „Eine finſtre Wolke iſt aufgeſtiegen, die ſich vor die Morgenröthe legen und das Licht des Tages ver⸗ finſtern will, und ſich in neuen verderblichen Fluthen zu ergießen droht, die Verg und Thal wieder begra⸗ hen. Brüder des Lichts, ſeid auf der Hut!“ „Wie heißt die thörichte ſchwarze Wolke?“ „Sabbathai Zewi. Er hat behauptet, er ſei der Meſſias, von dem die Propheten geweiſſagt haben. Er iſt ein Betrüger, ein Sohn der Nacht, um ſo gefährlicher, da er ſich in die Farbe des Lichts kleidet und Licht zu bringen verſpricht. Nie wird ein Meſſias kommen, außer dem Lichte des Geiſtes, das endlich die Welt beherrſchen wird.“ „Brüder des Lichts,“ fragte der Meiſter des Stuhls weiter,„was ſoll werden aus Sabbathai Zewi, dem Sohne der Nacht, der unſer Kleid trägt und unſern Kranz?“ „Er verſinke in Nacht zurück, die ihn geboren, niedergeſchleudert von den Strahlen des Lichts! Fügt er ſich dem weichen Strahle nicht, ſo treffe ihn der harte! Unſer Vater Huſein Damad hat uns gelehrt, daß der Strahl zum Stahl wird.“ „Ihn treffe der Strahl! Er verſinke in Nacht!“ ſagten Alle ernſt. „Verlöſchen ſoll nach unſerm Willen Sabbathai Zewi, wie dieſe düſter brennende Fackel!“ ſprach der Präſident, indem er aus der Hand eines Die⸗ nenden eine Pechfackel nahm und ſie zur Erde kehrte, ſo daß ſie verlöſchte.„Ihr Träger des Strahls, ſenkt ihn in ſeine Bruſt, erſt den weichen und hilft es nicht, den harten!“ „Er bekehre ſich vder ſterbe, der Feind des Lichts!“ murmelten Alle vor ſich hin. Die Glocke tönte dumpf durch die Räume und die Flammen in den Vaſen erloſchen. In Roſanes Hauſe auf Cordelio waren die Brautjungfern um Mihurmah verſammelt. Thamar leiſtete der bräutlichen Schweſter die Dienſte, die ſie einſt von derſelben empfangen hatte. Aber als ihr greiſer Vater gutmüthig freundlich ſagte:„So wähle dir doch auch einen Gatten aus deinen zahl⸗ reichen Bewerbern und bringe mir noch einen Enkel, eh' ich zu meinen Vätern gehe! Mußt du denn ewig dem Schmerze nachhängen, daß du ein Mal getäuſcht wurdeſt?“ da wandte ſie ſich bitter lächelnd ab zu der Braut, und flüſterte mit Thränen im Auge: „Ach, wenn es die Täuſchung allein wäre!“ Und als Roſanes ſich entfernt hatte, fragte ſie haſtig: „Haſt du durch Jeruſa keine Nachricht von ihm? Wo iſt er? Hat ihn vielleicht der Stahl des Mörders ſchon erreicht? O großer Gott, auch das noch zu meinem Herzeleid! Auch das noch, um das Maas meines Jammers voll zu machen!“ — 257— „Er iſt noch nicht nach Hauſe zurückgekehrt, wie mir Jeruſa geſagt, die ſo eben angekommen iſt,“ verſetzte Mihurmah, ſelbſt angſtbeklommen und keineswegs in bräutlich froher Stimmung. Der Geſang und Tanz der Vrautjungfern bildete einen ſchneidenden Gegenſatz zur bangen, fleberhaften Un⸗ ruhe der beiden Schweſtern. „Die Angſt tödtet mich!“ ſeufzte Thamar; „o, nie hab' ich ſtärker gefühlt, wie ſehr ich ihn liebe, als jetzt, da ich ſein Haupt dem Mordſtahle anheim gegeben ſehe! Ich muß fort, muß ihn ſelbſt ſuchen, muß ihn ſchützen gegen die ausgeſandten Mörder!“ „Du?!“ fragte Mihurmah erſtaunt.„Du allein? Ich darf ja das Haus nicht verlaſſen.“ „Indith begleitet mich; wir laſſen uns in männ⸗ lichen Kleidern nach dem Schwanenhals überſetzen. Judiths Bruder und unſer Knecht rudern. Wider⸗ ſprich mir nicht. Du kennſt mich. Ich würde vor Angſt ſterben, wenn ich gar nichts zu ſeiner Ret⸗ tung beitrüge. Es treibt mich mit Ungeſtüm fort; es zieht mich mit Allgewalt, ich kann nicht wider⸗ II. 17 — 258— ſtehen. Kaum kann ich den Abend erwarten. Bete für mich, daß ich ihn finde, oder mit ihm ſterbe!“ Sabbathai hatte ſich endlich wieder gefunden und ſtieg, ſeines Schmerzes Meiſter, in der Nacht des andern Tages aus dem Gebirge herab, den Geiſt voll kühner Plane und großer Entwürfe. Aber die Zeit ihres Gedeihens war vorüber. Am Fuße des Schwanenhalſes, an der Lehrſtätte, hoffte er einige ſeiner Schüler ſich badend, unterhaltend, ſeiner har⸗ rend zu finden; er wußte nichts von dem über ihn ausgeſprochenen Bann und Todesurtheile. Die Nacht iſt die Mutter der Kraft; ſie gebiert das Ungeheure, aber auch das Große, der Mord ſchleicht unter ihrem Mantel, aber auch das Leben quillt aus ihrer Bruſt. Wenn dich der Tag ermat⸗ tet mit Sorgen und Werken, die Nacht ſtählt und kräftigt dir Muth und Glieder wieder, wenn der Tag unbarmherzig die Wunde deines Jammers auf⸗ deckt und den entſetzten Blicken bloß gibt: die Nacht umhüllt mitleidig das blutige Mal und tröſtet das Auge und erquickt es; wenn der Tag dich verfolgt — 259— mit heißer Leidenſchaft, die Nacht entwaffnet den gehobenen Arm und legt kühlen Frieden um dein Herz. Der Schmerz iſt des Tages Sohn, Ruhe das Kind der Nacht; Ruhe und Kraft ſind Geſchwi⸗ ſter, ſind Feinde des Schmerzes, ſind ſeine Sieger. Beruhigt, gekräftigt kam Sabbathai aus den Bergen. Unten zur Rechten lag die große Stadt, eine an den Höhen lehnende Königin; ſie ſchlum⸗ merte. Und wie das Geheul des Raubthiers von oben allein die tiefe Stille ſtörte, ſo klang von unten herauf der melancholiſche Ruf der Muczzin, die von den Mineraten der Türkenſtadt herab die Stunden des Gebets verkündigten. Das Meer warf trübe, ſchlaftrunkene Augen herauf, weiter hinab lag es ſtarr in der Umarmung der Nacht. Alles war erhaben, Alles feierlich. Langſam ſtieg Sab⸗ bathai auf dem gewundenen Felſenpfad hernieder, und mit jedem Schritte wuchs ſein Muth, erſtarkte ſeine Kraft, erglühete ſeine Begeiſterung. Jetzt war Mihurmahs große Abſicht erreicht, jetzt war Sabbathai gereinigt durch das Feuer des Schmer⸗ zes gegangen, jetzt war er ſtärker und reicher als je, jetzt war er würdig, der Meſſias ſeines Vol⸗ 17* — 260— kes zu ſein. Große Gedanken gingen durch ſeinen Geiſt, wie geharniſchte Heerſchaaren; er fühlte die Kraft in ſich, die Welt zu erobern. Mit der Ueber⸗ zeugung, daß Mihurmah's Verluſt die letzte Probe für ſein Meſſiasthum geweſen ſei, die letzte Ver⸗ ſuchung, ihn in die Schranken gemeiner Gebrech⸗ lichkeit zurückzureißen, und daß er Probe und Ver⸗ ſuchung glücklich beſtanden, fühlte er ſich ein Phö⸗ nix, der aus den Flammen ſteigt, das Wort der Begeiſterung, die Poeſie der That über die Welt zu bringen. Seine Bruſt ſchwoll mächtig, es war ihm, als müßten Schwerter ſeinen Armen entwach⸗ ſen, Flügel ſeinen Füßen; und nicht mehr die Ah⸗ nung künftiger Größe war's, die ihm die Seele ſo weit, das Herz ſo voll machte, es war die Gewiß⸗ heit, daß er ſein Ziel erreicht, daß die Tage ſei⸗ nes Glanzes und ſeiner Herrlichkeit mit morgen beginnen mußten. Er zweifelte nicht mehr, daß dieſe Nacht die letzte ſei, die er in Niedrigkeit ver⸗ bringe, die folgende, das wußte er, werde ſein Lager mit dem Purpur decken. Und wie ein Kö⸗ nigsſohn, der einſam an der Leiche ſeines Vaters in der Krönungshalle ſteht, blickte ſich Sabbathai — 261— fragend um nach der Stadt hinab, nach den Ber⸗ gen hinauf, nach dem Meere hinüber, als wollte er ausrufen: Was zögern meine Diener, mir das Diadem zu bringen, den Scepter und den Mantel und mein königliches Roß, das ich beſteigen will, um mich dem ſtaunenden, huldigenden Volke zu zeigen? Er langte auf dem Platze an und trat hinter Bäumen und Büſchen hervor; die kleinen Meeres⸗ wellen plätſcherten am Ufer empor, das erſte Mondviertel hing ſchwermüthig leuchtend über der Scene, und Bäume und Felſenkegel warfen nur un⸗ gewiſſe Schatten. Aber aus dieſen tauchten dunkle Geſtalten auf und bewegten ſich bald langſam, bald ſchnell über den freien, matt erhellten Raum und verſchwanden wieder hinter Gebüſch und Felſen. Uebrigens alles leer, öde, ruhig. Sabbathai trat auf die Felſenplatte und blickte ſinnend in das Meer hinab; es ſlog ihn plötzlich an, wie eine un⸗ heimliche Ahnung. Er gewahrte ein Bvot unten in der Bucht und einen Ruderer aufs Ruder gelehnt darin. Schiff und Schiffer kamen ihm bekannt vor; das Bild einer ſchweren Lebensgefahr, in wel⸗ — 262— cher er an dieſer Stelle geſchwebt, und woraus er durch jenes Bvot gerettet worden, ſtand plötzlich farbig hell vor ſeiner Seele, und es erfaßte ihn alſobald, nicht wie Ahnung, ſondern wie Ueberzeu⸗ gung, er müſſe ſogleich dieſelbe Gefahr noch ein⸗ mal beſtehen, Dolche müßten noch einmal nach ſei⸗ ner Bruſt zucken und das Schifflein da unten ihn noch einmal retten. Und kaum war dieſes ſeltſame Ge⸗ fühl in ihm zum Leben gekommen, als ein Mann hinter dem Felſen hervortrat und zu ihm heraufſtieg. An ihn herangetreten, ſchaute ihn der Fremde mit ſcharfem Blicke an und rief triumphirend:„Er iſt's!“— Sabbathai erkannte den Chacham Halevi. „Er iſt's!“ rief dieſer noch einmal, eilte raſch hinab, und rief Namen laut aus. Es wurde rege in den Büſchen, am Fuße der Felſen. In demſel⸗ ben Augenblicke ſprang raſch und flüchtig, wie eine Gazelle, ein ſchlanker Jüngling auf den Felſen zu Sabbathai heran und raunte ihm haſtig zu:„Rette dich ſchnell in das Schiff hinab! Du biſt von Mör⸗ dern umgeben. Das Rabbinalgericht hat das Todes⸗ urtheil über dich ausgeſprochen! Eile, rette dich!“ Es nebelte vor Sabbathais Augen; ohne zu denken, — 263— folgte er unwillkürlich der dringenden Mahnung, und todeskühn von Felſen zu Felſen ſpringend, er⸗ reichte er in wenigen Augenblicken das Boot, deſſen Führer ſogleich vom Lande ſtieß.—„Wen ſucht ihr? was wollt ihr?“ rief der zurückgebliebene Jüngling den auf ihn eindringenden Männern zu. „Sabbathai Zewi.“ „Der bin ich!“ Dolche blitzten im Sternenſtrahl; eine hohe Bruſt bot ſich frei ihren Stößen dar, ein ſchönes Auge blickte fromm gen Himmel. „Halt! halt! er flieht!“ rief Halevi unten. „Er ſpringt in das Boot! Ihm nach! ihm nach!“ „Nein! nein! wir haben ihn!“ entgegnete einer der Mörder. Halevi ſtürzte athemlos herbei.„Er iſt es nicht!“ kreiſchte der rachſüchtige Rabbi. „Dieſer hat ſich ſelbſt als Sabbathai Zewi bekannt.“ „Er iſt es dennoch nicht!— Wer biſt du, Toll⸗ kühner, der du für den ſchändlichen Betrüger ein⸗ trittſt und dein Leben bieteſt, um das des feigen Schurken zu retten? Wer biſt du?“— — 264— „O, wäret ihr einen Augenblick ſpäter gekom⸗ men!“ ſeufzte der Jüngling. Die Stimme war dem Chacham bekannt; er faßte des Jünglings Schultern und ſtarrte ihm ins Geſicht. Und wie vom Blitze getroffen, fuhr er zurück und rief wild:„Thamar!“ Eliah's und Mihurmah's Hochzeit war vorüber, und die junge Frau wohnte bei ihrem Gatten in ſeines Vaters Hauſe. Im Hinterhauſe aber ſaß Sabbathai von ſeiner weinenden Mutter behutet und eingeſchloſſen; nur ſeine vertrauteſten Schüler ließ ſie zu ihm. Er aber weilte mit hohem Muthe in ihrer Mitte und lehrte ſie tiefe Weisheit, wahre Gottesfurcht und reine Tugend. Da ſprach er zu⸗ weilen:„Sie verfolgen mich und ſuchen meinen Tod, damit erfüllet werde die Weiſſagung der Pro⸗ pheten; denn es ſtehet geſchrieben, daß zur Zeit des Meſſias die Weisheit der Vornehmen zur Narr⸗ heit, und der Verſtand der Lehrer zur geiſtigen Blindheit werden wird. Es ſtehet ferner geſchrie⸗ ben, daß die gelehrten Thoren den Meſſias nicht — 265— anerkennen werden, aber ſie werden den Schmerzen deſſelben nicht entgehen. Ich werde eine Zeitlang von euch ſcheiden, meine Freunde, und in andern Ländern mein Reich verkündigen und begründen. Aber ich werde wiederkehren in Pracht und Herr⸗ lichkeit, und ausgerüſtet mit Macht und Kraft, ſo wahr die Sonne morgen wiederkehrt, die heute ver⸗ ſchwindet, ſo wahr Gott mich auserkohren hat zu ſeiner Pflugſchaar, die das Land locker mache!“— Die Tage vergingen eintönig und träge; Eliah's Glück trübte Mihurmah's Schwermuth. Es fehlte nicht an Nachforſchungen und Nachſtellungen nach Sabbathai, aber liebende Augen wachten ſorgſam über ihm, liebende Arme waren ſtets bewaffnet, ihn zu beſchützen. Es war der Plan ſeiner Eltern und vorzüglich Salome's, ihren Liebling, den glanzvollen Stern ihres Hauſes, nach Morea, ihrer Heimath zu ſen⸗ den, wo ihnen noch viele, zum Theil reiche und mächtige Verwandte lebten, bei denen er ſich ſo lange aufhalten ſollte, bis die Verhältniſſe ſich gün⸗ ſtiger für ihn geſtaltet haben würden, und Jakob ben Eliah de Villegas, mit in den Familienrath — 266— gezogen, billigte dieſen Plan. Man that ſich alſo ganz im Stillen nach einem ſicheren Schiffe um, welches den verfolgten Märtyrer nach der Halbinſel überſetzte. Da meldete eines Abends einer von Sabbathai's Schülern Salome, es ſei ein morev⸗ tiſcher Schiffer im Hafen eingelaufen, der ſich bereit zeige, Sabbathai heimlich mit zu nehmen, aber vor⸗ her erſt mit Salome zu ſprechen wünſche, die er zu kennen vorgebe. Er ließ ſie deshalb erſuchen, zu ihm in den Hafen hinabzukommen. Salome er⸗ glühete bei dieſer Nachricht, von einer Ahnung er⸗ griffen, und machte ſich eilig auf den Weg; der Schüler begleitete ſie, und zeigte ihr das neue Schiff des Griechen. Sie trat hinein, der Hauptmann begrüßte ſie, ihr entgegengehend, und ſie rief, weniger überraſcht, als befangen:„Philippos Za⸗ dukkis!“ und freudiger ſetzte ſie hinzu:„Dich ſen⸗ det Gott zur Befreiung meines Sohnes aus Fein⸗ des Hand! Wem vertraute ich ihn lieber an, als dir, dem Freunde meiner Jugend? Du wirſt ſein Haupt ſchützen, bis es geborgen iſt.“ „Ich werde ihn ſicher bringen, wohin du niuſt.⸗ verſetzte der Schiffskapitän.„Doch Salome,— —— ich bin deinetwegen hier— haſt du auch dein Ver⸗ ſprechen gehalten, hinſichtlich meiner Tochter? Haſt du ſie ausgekundſchaftet und wirſt ſie mir wieder zuführen?“ „Sie iſt aufgefunden, Philippos, aber ich kann ſie dir nicht wieder zurückgeben!“ „Wie? Warum? Iſt ſie todt?“ „Todt für dich! Sie iſt meines Sohnes Eliah Weib, eine feſt an unſerm Glauben hangende Jü⸗ din. Zürne nicht auf Gottes Fügung; wir erle⸗ ben in unſern Kindern die liebende Vereinigung, die uns auf Erden grauſam verſagt wurde. Störe ihr ſtilles Glück nicht! Segne ihren Bund. „Gut denn!“ ſagte der Grieche nach einigem finſtern Nachſinnen.„Aber ſage mir das Eine, weßhalb wurde ich meines Kindes auf eine ſo ſchänd⸗ liche Weiſe beraubt?“ „Der reiche David Roſanes hatte ein verzärtel⸗ tes, verzogenes, eigenſinniges Töchterlein—“ „Die ſchöne Thamar?“ fragte der Grieche auf⸗ merkſam. „Dieſelbe. Er ſuchte eine gebildete Geſellſchaf⸗ terin, eine liebenswürdige Sklavin für ſie, die den — 268— mannichfachen Launen des ſchönen Kindes fröhnen möchte. Der Arzt, den du zu Mihurmah rufen ließeſt, war beauftragt, ein ſolches Subjekt herbei⸗ zuſchaffen. Er war darüber in Verlegenheit, und hatte in der kranken Mihurmah, die ſich ihm als Jüdin entdeckt, kaum eine taugliche Perſon zu er⸗ kennen geglaubt, als er Roſanes davon benachrich⸗ tigte. Und auf des alten David Anordnung wurde Mihurmah geraubt, die ſich für eine verkaufte und mißhandelte Jüdin ausgab; Roſanes nahm ſie in ſein Haus, geſtand ihr Kindesrechte zu, und gab ihr die Ausſteuer, als mein Sohn ſie heimführte.“ „Alſo Roſanes ihr Räuber!“ knirrſchte Zaduk⸗ kis.„Derſelbe, dem ich meinen Jammer klagte! Wo iſt denn Roſanes geliebtes Töchterlein, Tha⸗ mar?“ „Sie lebt mit ihrem Vater einſam und zurück⸗ gezogen auf der ihm gehörigen Inſel Cordeliv. Er hat ſich all' ſeiner Geſchäfte abgethan, um ganz dem lieben Kinde anzugehören, und ſo ſoll ſie ſeine einzige Freude ſein.“ „Wirklich ſeine einzige?“ lachte der Grieche teufliſch.—„Mag denn Mihurmah deines Sohnes — 269— Gattin bleiben! Ich will ſie nicht wieder ſehen; die Jüdin kann nicht mehr die Tochter eines guten Chriſten ſein. Sende mir deinen Sohn Sabbathai in dieſer Nacht aufs Schiff; ich gedenke, da die Winde günſtig ſind, morgen mit dem Früheſten aufzubrechen.“— Sabbathai war in der Nacht glücklich an Vord des Griechenſchiffes gelangt und im untern Raum deſſelben wohl verborgen worden; aber Zadukkis lichtete am folgenden Morgen nicht den Anker Schon Abends vorher hatte er auf einem Boote die Gelegenheit um Cordelio erſpäht, und war dort ans Land getreten. In der Stadt hatte er Sab⸗ bathais Geſchichte erkundet, und theils von Salome, theils von Andern deſſen Verhältniſſe zu Thamar erfahren, ja es war dem ſchlauen Griechen nicht unbekannt geblieben, daß Thamar ihren ehemaligen Gemahl noch liebe und ihn zuletzt noch aus der dro⸗ hendſten Lebensgefahr gerettet habe. Auf dieſe Um⸗ ſtände bauete er ſchnell einen Plan. Am Abende des zweiten Tages trat er aus ſeinem Boote wieder — 270 auf Cordelio ans Land. Einſam und ſchweigend lag der grüne Garten vor ihm; er durchſtrich ſeine ſchattigen Gänge nach allen Seiten, bis er aus einer Laube einen wehmüthigen Geſang, von einer weiblichen Stimme vorgetragen und von Harfen⸗ ſpiel begleitet, vernahm. Zadukkis lauſchte durch die Zweige. Thamar war allein; er erkannte ſie. Er trat hinein. „Schöne Donna,“ ſagte er,„ich komme als der Vote eines Mannes, der Euch nicht gleichgültig iſt, und dem auch Ihr es nicht ſeid, ſonſt hätte er mir nicht ſo dringend angelegen, mich hierher zu verfügen.“ „Wen meint Ihr? Nennt den Namen!“ „Sabbathai Zewi.“ „Iſt er nicht dieſen Morgen auf einem griechi⸗ ſchen Schiffe geflohen? Man hat es mir ſo ge⸗ meldet.“ „Ich bin der Kapitän jenes Schiffes, Euch vielleicht von ſonſt nicht unbekannt. Es war meine Abſicht, in der Frühe dieſes Tages den Hafen von Smyrna zu verlaſſen, Sabbathais rührende Bitten haben mich noch einen Tag zurückgehalten. Wer — 271— könnte den reuigen Thränen dieſes Mannes ein ſol⸗ ches Begehr abſchlagen?— Philippos, ſprach er zu mir, ich kann mein Vaterland nicht eher, ach! vielleicht auf ewig verlaſſen, bis ich die Eine noch einmal geſehen und geſprochen habe, die ich ſo tief gekränkt, und die mir nur mit Wohlthaten erwie⸗ dert hat. Ich muß von Thamar Abſchied nehmen, ich muß zu ihren Füßen ſinken, ihre Hand ergrei⸗ fen und gleichſam als ein Sterbender von ihr Ab⸗ ſchied nehmen; ich muß das Wort der Verzeihung aus ihrem ſüßen Munde hören. Setze mich nach Cordelio über, ſobald der Abend dunkelt.— Ich erwiederte: Sabbathai, ich habe deiner Mutter, deinen Freunden heilig und theuer verſprochen, dich zu verſtecken, und morgen mit dir aufzubrechen; wie leicht erſpähte dich ein Lauſcherauge und ver⸗ riethe dich deinen Feinden! wie leicht könnte Cor⸗ delio dein Grab werden! Ich kann, ich darf dich nicht überſetzen.— O, ſo verſuche wenigſtens, flehte er weiter, daß mir das Herz brechen mochte, verſuche, ob es dir nicht gelingt, ſie zu bewegen, daß ſie dir am Abend auf das Schiff folgt und ich hier mein wundes Herz vor ihr ausſchütte. Rudere — 272— hinüber nach ihrem ſtillen Ruheſitz, ſuche ſie allein zu ſprechen, und ſchildere ihr meine Pein, meine Verzweiflung. Beſchwöre ſie in meinem Namen, bei ihrer ſtets heißen Liebe zu mir, zu kommen; ſag', ich ſei ein Scheidender, ein Sterbender, der ſie um den letzten Troſt bitten laſſe.— Werdet Ihr ihm die Bitte abſchlagen, gute Frau?“ „Ich gehe mit Euch!“ rief Thamar tief erſchüt⸗ tert.„Laßt uns eilen, daß Ihr mich zurückbrin⸗ gen könnt, eh' mein Vater meine Abweſenheit be⸗ merkt.“ „In einer halben Stunde ſeid ihr wieder hier,“ verſetzte der Grieche boshaft lächelnd. Und ſich plötzlich beſinnend, fügte er hinzu:„Sabbathai iſt arm, ſehr arm; ſeine Eltern haben ihm nur ein knappes Zehrgeld mitgeben können. Wollt Ihr ihn nicht mit etwas unterſtützen? Doch verrathet mich nicht. Er würde ſehr ungehalten auf mich ſein, wenn er erführe, daß ich Euch dieſe Entdeckung ge⸗ macht hätte.“ „Er ſoll nicht arm ſein,“ verſetzte Thamar tief bewegt,„geht derweil zu Eurem Boot, ich bin gleich bei Euch.“ — 273— Wie ein Weſtwind flog ſie leicht dahin, und ſchon nach Minuten kehrte ſie wieder, ein ſchönes Käſtchen in der Hand, das ihren koſtbaren Schmuck enthielt. Raſche Ruderſchläge entführten ſie der Inſel, und wenige Minuten darauf ſtieg ſie in das Schiff. Zadukkis führte ſie zu Sabbathai hinab, der ſie mit erſtaunten Blicken bewillkommte, und ließ beide allein. Gerührt küßte Sabbathai die Liebliche auf die Stirn, als er erfuhr, daß ſie gekommen war, ihm auf ewig Lebewohl zu ſagen, und ihm ihren ganzen Reichthum zum Geſchenk einzuhändigen. Es ent⸗ ſtand ein großmüthiger Streit zwiſchen ihnen, und es dauerte lange, bis ſie ſich verſtändigten, daß die Sendung des Griechen eine Lüge war. Unterdeſſen waren aber die Anker gelichtet und das Schiff lief mit vollen Segeln, ein eiliger Räuber, über den Meerbuſen, deſſen Ausgang zu.— Thamar ſtürzte, von angſtvoller Ahnung überflügelt, der Fallthüre zu: ſie war verſchloſſen, und ihr Geſchrei verhallte dumpf im Gebrauſe der ſie umfluthenden Waſſer. Sie war allein mit dem Manne ihrer Liebe, der ſie verſtoßen, in einer ſeltſamen Lage, und jede II. 18 — 274— Stunde trug ſie weiter und weiter von ihrer Vater⸗ ſtadt fort. Doch wie ſüß that ihr Sabbathais trö⸗ ſtendes, beruhigendes Wort! Sie wäre ſicher ein Opfer der Verzweiflung geworden, wenn nicht gerade er ihr Begleiter und Gefährte geweſen wäre. Und ſo ſaßen ſie und koſeten und ruhten dann bei⸗ ſammen und in Sabbathais Herz ſtahl ſich allmäh⸗ lig ein ſüßes Gefühl für Thamar, das er früher nicht empfunden hatte. In Roſanes Hauſe auf Cordeliv ſchlugen in dieſer Nacht die Qualdämonen der Menſchheit: Angſt, Schrecken und Verzweiflung ihre Wohnſtätte auf und ſchwangen wüthend grauſige Schlangengei⸗ ſeln. Troſtlos rannte der Greis am Ufer umher, nachdem er ſein geliebtes Kind auf der ganzen Inſel hatte ſuchen laſſen, und raufte ſich in dem dürftigen Silberhaar; ſeine klagende Stimme fuhr über die Waſſer hin, ein herzzerreißender Wehlaut. Schiffe gingen nach der Stadt, die Vermißte wurde bei allen ihren Geſchwiſtern, bei Freundinnen und Be⸗ kannten geſucht, alle kehrten ohne Troſt zurück. End⸗ — 275— lich blieb nichts weiter übrig, als ſie an den Küſten der Inſel im Meere zu ſuchen. Fackeln wurden an⸗ gezündet, und trocknen Aug's, mit verſteinertem Geſicht beugte ſich das Jahre⸗ und Sorgenbelaſtete Greiſenhaupt zu der dunklen Meerfluth hinab und fragte ſie um den Troſt ſeines Alters, um das ſüße Herz ſeiner Liebe, und bot ihr all' ſeine Güter, ſeine Haufen Goldes, ſeine lockenden Schätze dafür. Ach, keine der kommenden und gehenden Wellen gab ihm Antwort, und ſchon legte der Wahnſinn ſeine glühende Eiſenhand auf des jammernden Greiſes kahlen Scheitel. Jede Stunde brachte ihn um Mo⸗ nate dem Grabe näher, und der aufgehende Mor⸗ gen beleuchtete gleichgültig das bleifarbige Antlitz eines Sterbenden. Da legte ein kleines Boot am Garten an, und ein Hafenwächter brachte einen Brief an den Hausherrn. Zitternd griff die erkal⸗ tende Hand des Greiſes danach und mit dunkelnden Augen las er:„David Roſanes, du haſt mir mein Kind geſtohlen, ich dir das Deinige; Auge um Auge, Zahn um Zahn. Philippos Zadukkis.“ Das Blatt entſank der Hand; ein ſchneller Tod hatte den unausſprechlichen Jammer geendet, der letzte 18* — — 276— Seufzer des armen reichen Mannes war:„Thamar,“ dann lag das Auge ſtarr und gebrochen. Seine Kinder, die mit dem früheſten Morgen aus der Stadt herbeigeeilt waren, umſtanden die Leiche, und der älteſte Sohn goß die Waſſerkrüge aus, worin Sam⸗ mael, der Todesengel, ſein Schwert wäſcht, von deſſen Spitze zwei Gifttropfen in den Mund des Sterbenden rinnen, deren erſter ſie tödtet, deren zweiter ihnen die blasgraue Farbe des Todes gibt. Alle zerriſſen ihre Kleider und bedeckten des Todten Angeſicht mit ſeinem Gebetmantel, dann betete der Aelteſte das Gebet Kadiſch, das große Gebet genannt, deſſen Kraft dem Verſtorbenen die Pforten des Himmels öffnet. Endlich begannen Alle die große Klage durch das Haus, welche ſieben Tage währete. Zipora forſchte fleißig nach dem Schiffe, das ihre Schweſter davon geführt hatte, und ſie erfuhr, daß Sabbathai auf demſelben Schiffe geflohen ſei. Ihm legte ſie die Schuld des ſchnöden Raubes bei, und ſchwur an der Leiche ihres Vaters, den Vergifter ſeines Alters, den Verderber ſeiner Lieb⸗ lingstochter zu verfolgen und Rache an ihm zu neh⸗ men im Namen des Dahingeſchiednen. Mihurmah, — 5 die als Leidträgerin im Hauſe erſchien, wurde mit böſen Schmähreden hinausgeſtoßen. Als David beerdigt war, rüſtete ſich Zipora mit dem Chacham Halevi die Spur der Geraubten und des Flüchtlings aufzuſuchen, und ihr Gemahl durfte ſie nicht von dem heilig geachteten Werke der Kin⸗ despflicht zurückhalten. Was war doch für ein minniglich holdes Leben im untern Raum des kleinen Griechenſchiffs erblüht, bunt und duftig und ſo wehmüthig heiter, wie Blu⸗ men, die im Herbſte noch einmal die freundlichen Augen aufthun, die duftſtrahlenden Augen, die im Frühling ein nordiſcher Sturm getrübt oder mit giftigem Thränenthau gefüllt. Hier waren die Engel wirklich eingekehrt, nicht Viſionen, Erzeugniſſe einer erhitzten ſtolzen Phantaſie, nein! unſichtbare Genien umgaukelten hier zwei Herzen, die ſich nach böſer Trennung wiedergefunden, inniger gefunden und durch das Glück, das ſie geflohen, durch die Liebe, die Sabbathai noch nicht gekannt, vereint hatten. Wie ſaßen ſie ſo traulich zuſammen, Hand in Hand, — 278— Blick in Blick getaucht! Sie klagte ihm ſo innig und rührend, ſo thränenlächelnd ihre unſägliche Schmer⸗ zen um ihre Liebe, und erzählte von den trüben, wolkenſchweren Tagen ihres Leids, und ſie weinte Thränen der Erinnerung an ſeiner Bruſt, und lachte und jubelte wieder, von ſeinen Küſſen beſeligt; denn alles Leid war ja nun vorüber— ſo meinten ſie— und Sabbathai, der geliebte Sabbathai, ganz ihr Eigenthum. Er aber hatte ſeinen Stolz vergeſſen, die kalte Würde ſeiner Heilandsbeſtimmung war wie Eis unter Sonnenküſſen dahingeſchmolzen, und zum erſten Mal ſchien er unbewußt zu ahnen, daß der Menſch in einfacher Natürlichkeit, hingegeben den ſüßeſten Freuden der Natur und des Herzens, ergrif⸗ fen von den berauſchenden Gefühlen der Jugend, und ohne Zwang ſchwelgend in ihrer Wonne, glücklicher iſt als im Beſitze einer ehrfurchtgebietenden Hoheit, und ſollte es ſelbſt die eines Meſſias ſein. Deutlich wurden ihm inzwiſchen dieſe Schlüſſe nicht, er dachte nicht an ſeine Meſſiaswürde, er hatte ſie ganz ver⸗ geſſen; ſchwamm er doch, ein ſeliger Bader, im Meer des Liebesglücks und die rauſchenden Wogen waren ihm über dem Haupte zuſammengeſchlagen. Eben — 279— ſo wenig kam einem von Veiden der Gedanke in die Seele, zu welchem Zwecke wohl Zaduktis Thamar auf das Schiff gelockt; genug ſie hatten ſich, ſie ruheten einander am Herzen, ſie waren überſchweng⸗ lich glücklich, und außer dem düſtern Plätzchen, das ſie einnahmen, gab es für ſie keine Welt. Das Meer aber umbrauſte und umwogte ſie, und klopfte ängſt⸗ lich an die Blanken, als wolle es die Glücklichen erinnern, daß es das Schiff näher und näher dem Hafen trage, und unter die Brautlieder die es ſang, miſchte es manchen Schmerzenston, mancher Weh⸗ laut ſchrillte dazwiſchen, aber die ſelig Umfangenen hörten es nicht, bis der Anker im Hafen von Nauplia hinabrollte, gleichſam das eiſerne Schickſal, das ſich zwiſchen ſie warf und ihr Glück verhöhnte. Zadukkis trat zu ihnen und ſprach kalt: „Wir ſind in Nauplia, wohin ich dich zu brin⸗ gen, deiner Mutter verſprach. Mache dich auf und gehe!“ „Ich allein?“ fragte Sabbathai Unglück ahnend. „Du allein! Wer ſonſt noch?“ „Dieſe hier! Meine Thamar.“ — 280— „Deine Thamar!“ lachte der Grieche.„Die ſoll ich dir mitgeben? Biſt du verrückt geworden? Dieſen unvergleichlichen Schatz, dieſe koſtbare Perle, die du verächtlich von dir geworfen und in den Staub getreten, die ſoll ich dir an den Hals hän⸗ gen? Ich glaube, daß du ein Narr biſt! Fürwahr, Thamar iſt zu beſſerem Lvoſe beſtimmt, als die Sclavin deiner hirnloſen Launen zu ſein. Es leben Leute in der Welt, die Schönheit beſſer iu würdigen verſtehen, als du.“ „Wehe mir! Du willſt mich von ihr ſcheiden!“ jammerte Sabbathai. „Haſt du dich nicht ſelbſt von ihr geſchieden, du Thor? Sieh doch zu, ob ſie deinen Scheidebrief nicht noch bei ſich trägt. Was willſt du nun von ihr? Dieſe herrliche Blume, die du ſtolz und über⸗ müthig von dir geſchleudert, blüht nun nicht mehr für dich!“ „Ich beſchwöre dich, Menſch!“ rief Sabbathai verzweifelt,„was ſoll aus Thamar werden! Was haſt du mit ihr vor? Wohin willſt du ſie bringen?“ „Was geht das dich an, ihrem abgeſchiedenen — 281— Manne, der ſie verſtoßen? Fort! fort! und gehe deine Wege, und laß mich die meinigen gehen!“ „Unmenſch! Gräßlicher! ich gehe nicht ohne ſie!“ „So werd' ich dich hinauswerfen laſſen.“ Thamar, die bisher heftig geweint hatte, rief jetzt Händeringend:„Habe Varmherzigkeit und laß mich mit meinem geliebten Manne ziehen. Nimm meinen Schmuck, er iſt ſehr viel werth! Nimm ihn und laß uns arm gehen!“ „Du weißt nicht, was du begehrſt, ſchöne Tha⸗ mar. Dein Schmuck gehört ohnedies mein und ich ſehe ihn als Entſchädigung für mein verbranntes Schiff an. Dir aber werde ich ein weit glänzenderes Loos bereiten, als du mit dieſem wunderlichen Ge⸗ ſellen haben würdeſt, wenn du bettelnd das Land durchzögeſt.“ Die Liebenden lagen troſtlos weinend Bruſt an Bruſt, der tückiſche Grieche riß ſie mit kaltem Hohne auseinander und trieb den unglücklichen Rabbi vom Schiffe. Thamar konnte ihm nicht einmal die kleinſte Habe reichen, nur ihre Thränen waren ſein Geleit. Am ufer fiel er auf ſein Angeſicht und weinte lange, das war der größte, der wüthendſte Schmerz, der — 282— noch über ihn gekommen war, aber ſchon war ſeine Seele ſtandhafter, ſchon vermochte ſie das Ungeheure eher zu tragen. Der Gedanke blitzte nun in ihm auf, auch dieſes Leid habe ihm Gott als Prüfung geſchickt, um ihn immer tüchtiger und geſchickter zu machen für ſeinen erhabenen Beruf. Seine Seele war betrübt bis in den Tod, aber ſie lobte Gott mit einem ſchmerzli⸗ chen Jubel und immer heiligere Vorſätze entquollen ihr, unverrückt ſein hohes Ziel vor Augen zu behal⸗ ten und alle Hinderniſſe beſiegend, ſeinen Weg zu wandeln.„Israel ſei meine Geliebte und mein Weib!“ ſagte er ſchmerzlich.„Eine andre ſoll ich nicht berühren! Das Volk, das arme, getretene, iſt mir angetraut, das ſoll ich glücklich machen; irdiſche Liebe ſoll mir nicht blühen, ſoll mich nicht erfreuen auf meinem ſchweren Weg. Dafür bin ich der Meſ⸗ ſias. Wer die göttliche Blume pflückt, darf ſich der irdiſchen nicht erfreuen. Thamar, Thamar, fahre wohl!“ Er verharrte im Hafen, aber Thamar durfte nicht ans Land ſteigen, und ſchon am andern Tage lief der Grieche wieder in See, und Sabbathai ſtand am ufer und blickte mit blutendem Herzen den ſchwin⸗ denden Wimpeln nach, die den reichen Schatz davon trugen, den— nachdem er ihn einmal von ſich gewor⸗ fen— er jetzt erſt hatte würdigen und lieben lernen. Durch die Schläge des Schickſals wird der große Menſch größer und größer, und auch aus dieſem neuen Kampfe ging Sabbathai geſtählter hervor.— Jetzt beherrſchten nicht mehr der Zufall und ſeine Freunde, jetzt beherrſchte ſein ſtarker Wille ſein Leben. Kaum hatte er ſich in Nauplia genannt, als ihm ſeine Glaubensgenoſſen zuſtrömten, ihm ihre Ehrfurcht, ihre Bewunderung zu weihen. Der Ruf ſeiner auſſerordentlichen Gelehrſamkeit war ihm lange vorangegangen; man empfing ihn wie einen Fürſten; und war er nicht ein Fürſt des Ruhms? Seine öffent⸗ liche Vorträge, um die ihn die Jugend erſuchte, wurden zu Feſten. Bald ſagte man ihm allgemein, Nauplia ſei zu klein für ſeine Wirkſamkeit; ſeine Verwandten und Zuhörer, viele Studenten von Salvonichi beredeten ihn, ſich nach dieſer Stadt zu begeben. Zu Salonichi war zu jener Zeit die größte Schule der Juden im gan⸗ zen öſtlichen Europa; ſie faßte an zehntauſend Schü⸗ ler, die ihr aus allen Gegenden zuſtrömten, und —— ihre Lehrer waren die gelehrteſten Talmudiſten und Kabbaliſten der Welt. Sabbathai überzeugte ſich, daß dort ſein Feld ſei, und von einer Menge neuer Schüler und Anhänger umgeben, begab er ſich zu Land auf den Weg. Seine Reiſe durch Morea und Theſſalien glich einem Triumphzug; in allen Städ⸗ ten kamen die Juden zuſammen, bezeigten ihm ihre Ehrfurcht und brachten ihm Geſchenke dar; ſein Name war ſchon Jedem bekannt und Jeder nannte ihn mit Stolz den berühmteſten Rabbi ſeines Volkes. Sein Empfang in Salonichi war glänzend; man bot ihm ſogleich einen der erſten Lehrſtühle an; doch er zog es vor, frei und unabhängig zu lehren, und hier, wie in Smyrna, ſuchte er ſich eine ſchöne Stelle am ufer des Meerbuſens, woran die alte Haupt⸗ ſtadt Theſſaliens liegt, und lehrte unter freiem Him⸗ mel. Tauſende von Schülern verſammelten ſich täg⸗ lich um ihn. Doch bald erregte das Abweichende ſeiner Lehre vom Talmudis neues Aufſehn. Es wur⸗ den Disputationen veranſtaltet, in denen Sabbathais Gelehrſamkeit, der faſt nichts gleich kam, verbunden mit ſeiner hinreißenden Beredſamkeit, die eben ſo bewunderungswürdig war, immer die meiſten der in großer Menge verſammelten Zuhörer gewann. Eines Tages wurde ein ſolches gelehrtes Gefecht von beiden Seiten mit großer Hitze gekämpft, und Sabbathai ſprach von den hohen Tugenden der Men⸗ ſchenliebe, die höher ſtünden als alle Geſetzesformen, und daß jene Tugenden das veraltete Geſetz erneuen und verjüngen müßten. Da erſchallte plötzlich eine laute zornzitternde Stimme:„Du biſt der größte Heuch⸗ ler in Israel, Chacham, und deine Thaten ſtrafen deine Worte Lügen.“ Alle Köpfe wandten ſich nach dem Sprecher, und Sabbathai erkannte nicht ohne Veben den Chacham Halevi, und an deſſen Seite Zipora. Er erblaßte. „Seht den Böſewicht erbleichen!“ fuhr Ha⸗ levi fort. „Glaubt ihm nicht, Männer von Salonichi! Er hat aus Smyrna flüchten müſſen, ein entlarvter Be⸗ trüger. Schon hat er zwei edle Frauen, die er gefreit, hintergangen und verſtoßen, und als er ſich von der zweiten geſchieden, hat er die erſte wieder aus ihres Vaters Hauſe geraubt, daß der Schrecken den alten Mann getödtet— ihr kennt ihn gewiß —— Alle, es war der reiche David Roſanes!— und hat ſie heimlich von dannen geführt auf einem Schiffe und gewiß ermordet; denn er hat ſie nicht mit hierher gebracht. Er hat ferner das Volk zum Aufruhr angereizt und ſich für unſern Meſſias ausgegeben; er hat zum Beweis, daß er es ſei, vorgebracht, er beſitze Salamos Zauberring und hat vor allem Polk den heiligen Schem hammphoraſch, der darauf ſtehen ſoll, und den er zu wiſſen behauptet, ausgeſprochen. Ein böſer Zauberer iſt er, ein Verführer, ein Be⸗ trüger!“ „Ein Mörder!“ kreiſchte Zipora.„Der Mör⸗ der meines Vaters und meiner Schweſter; denn ich bin Roſanes Tochter, deren Schweſter dieſer Dämon ſo ſchändlich betrogen, verſtoßen, geraubt und gemor⸗ det hat.“ Die Rabbinen hatten große Mühe die Ruhe wie⸗ der herzuſtellen, welchen dieſer ſtürmiſche Auftritt ſo ſehr geſtört hatte. Sabbathai hatte in der erſten Ueberraſchung und von der furchtbaren Größe dieſer Anklage beſtürzt, die Faſſung verloren, doch trug dies Ereigniß nur bei, die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit auf ihn zum höchſten Grad zu ſteigern. Zu ſei⸗ — 287— nen nächſten Vorträgen verſammelte ſich die ganze Stadt, und da ihn nicht alle hören und verſtehen konnten, ſo flogen ſeine Aeußerungen von Mund zu Mund, und vorzüglich die Frauen prieſen begei⸗ ſtert den ſchönen Mann. Zipora und der Chacham Halevi boten dagegen Alles auf, ihn in der öffent⸗ lichen Meinung herabzuſetzen. Es gab Spaltungen und Parteien. Die große Maſſe der ſtudirenden Jünglinge ſtand auf Sabbathai's Seite. Da ließ er ſich, von ihnen befragt, ob er wirklich der Meſ⸗ ſias, der Sohn Davids ſei, und ſich in Smyrna dafür erklärt habe, im Gefühle ſeiner Kraft und guten Sache, hinreißen, ſich auch hier für den Er⸗ retter und Erlöſer Israels zu erklären, und auch vor ihnen ſprach er zum Beweis ſeiner Behauptung den geheimen Namen Jehovas aus. Dieſe Erklä⸗ rung brachte ganz Salvnichi in Gährung, und ſetzte die dortige Rabbinerſchaft in Flammen, die Halevi nicht unterließ fleißig anzufachen. Das Rabbinertribu⸗ nal trat zuſammen, und ließ ihm die Weiſung geben, die Stadt unverzüglich zu verlaſſen, im Weigerungs⸗ falle aber den Tod ſicher zu gewärtigen. Halevis und Ziporas Verläumdungen fanden bei ſehr Vielen — 288— guten Eingang; bald war Sabbathai als ein dämo⸗ niſcher Zauberer, als ein Dämon, ein Teufel ſelbſt verſchrieen, man ſtritt für und gegen ihn, es drohte ein Aufſtand unter den Juden auszubrechen, und ſchon hinterbrachten Sabbathai ſeine treugeliebten Freunde, es ſeien Mörder gegen ihn ausgeſendet. Da fand er es für gerathen, ſich dem Befehle des Rabbinalgerichts zu fügen; er floh in der Nacht, aber der heftig entbrannte Zorn der Rabbinen war dadurch nicht geſtillt; auf Halevis und Ziporas Betrieb wurden Briefe an alle Judengemeinden in Griechenland geſendet, und Sabbathai als ein, mit dämoniſchen Kräften begabter, Betrüger geſchildert. Halevi und Zipora machten ſich ſelbſt auf den Weg, ihn zu verfolgen. Sabbathai wendete ſich nach Mo⸗ rea zurück; doch die Boten ſeiner Feinde kamen ihm bald zuvor; das Gerücht vergrößerte dienſtfertig die Laſter und Verbrechen, die ihm Verläumdung und gekränkter Rabbinenſtolz angedichtet, und ſchon nach einigen Monaten konnte er auf der Halbinſel keine bleibende Stätte mehr finden. Verſtoßen, verhöhnt, ſtets mit dem Tode bedroht, irrte er von Stadt zu Stadt, und was er an Mitteln beſeſſen, war bald — 289— aufgezehrt; die Juden, die ihm, wenige Monate vorher, wie einem Fürſten entgegen gekommen waren, verſagten ihm jetzt ein Obdach; man floh den Geäch⸗ teten, man verabſcheute ihn, man verſchloß ihm die Thüre, ſeine Verwandten verleugneten ihn. Der ſtolze Meſſias der Juden ging bettelnd durch das Heimathland ſeiner Eltern, und chriſtliches Mitleid friſtete ihm das Leben. Um unerkannt zu bleiben und den wüthendſten Verfolgungen zu entgehen, mußte er ſogar den Juden verleugnen. So war er wieder nach Nauplia gekommen, entkräftet von den Anſtrengungen einer großen mit Entbehrungen und Unbequemlichkeiten verbundenen Fußreiſe, krank, ohne Mittel, im tiefſten Elend. Da ſtand er an der Stelle wo er Thamar's entei⸗ lendes Schiff zum letztenmal geſehen, und die Weh⸗ muth griff ihm in's Herz. Er weinte bitterlich. Zum erſtenmal kam ihm ſeine Meſſiasbeſtimmung traurig vor, aber der Gedanke erhob ihn aufs neue, daß er, den alten Prophezeihungen zu Folge, durch Leiden und Trübſale in das Reich ſeiner Herrlich⸗ keit eingehen müſſe. In Griechenland war ſeines Bleibens nicht, das ſah er wohl ein, und er war II. 19 — deshalb nach Nauplia gekommen, um ein Schiff zu ſuchen, welches ihn mit nach Paläſtina oder Aegyp⸗ ten nähme. Seine Sehnſucht ging nach Jeruſalem. Dort, ſo verkündete ihm ſeine Hoffnung, im Lande der Verheißung, in der Stadt der Könige und des Tempels werde ſich ſeine göttliche Sendung glän⸗ zend offenbaren. Auch wußte er ja ſich getreue und ergebene Anhänger in Gaza leben. Aber er fand nur ein Schiff nach Aegypten ſegelfertig. Auch in dieſem Lande blüheten große Judenſchulen. Von Aegypten war Israels Größe ausgegangen, dort wurzelte der geheimnißvolle Stamm des jüdiſchen Glaubens. Sabbathai hatte ſich ſchon lange geſehnt, das wunderreiche Thal des Nils zu ſehn; er bat den griechiſchen Schiffsherrn um Aufnahme. Doch dem berühmten Rabbi war nichts, gar nichts von Werth geblieben, was er dem Schiffer als Lohn hätte bieten können, ſelbſt ſeinen Ring Salomos vermißte er ſeit l troſtloſen Tagen, hatten, er wußte das Fleinod war. Und inz jenem ninig Solomo der nd bettelnd die R zage gleich,. am u — 291— Welt durchziehen mußte, bis er den Ring wieder fand, und mit dem Ringe ſeine Macht. Eben ſo hoffte Sabbathai, auch ihm werde einſt der Ring wieder zukommen und dann werde auch die Stunde ſeiner Königsmacht gekommen ſein. Der griechiſche Schiffsherr zeigte keine Luſt den ärmlichen Juden umſonſt mit nach Alexandrien zu nehmen. Sabbathai war kraftlos niedergeſunken. „Es iſt heute ein reiches Judenſchiff eingelau⸗ fen,“ ſagte der Grieche,„der Beſitzer iſt ſelbſt dar⸗ auf und, ſeinem Anſehen nach, gewiß ein ſehr bemit— telter Mann; geh' und bitte ihn, daß er mir das Ueberfahrtsgeld für dich bezahle.“ Sabbathai war es nicht vermögend. Da ſchickte der Schiffsherr einen ſ Knechte auf das Juden⸗ ſchiff mit der Anſprache für einen kranken Glau⸗ den pedurftigſte n 1 Schiffsherr kam ein ſchönes F dem Kranken, de Doch kaum ha ſich verwandelnd ausrief: — Dieſer ſchlug die Augen auf, und wehrte mit den Händen ab; Zadik de Curbano und Rahel ſtanden vor ihm. „Da ſieh nun den ſtolzen König der Juden, den Herrn der Engel und Geiſter!“ höhnte Curbano, zu ſeiner Tochter gewandt;„ſieh das Bild deiner Ju⸗ gendträume, das Ziel deiner Wünſche, den erhabe⸗ nen Inbegriff all deiner Liebe, da, ſieh den Beſitzer von Salomos Ring, den hochfahrenden Planeſchmied, den du zum Meſſias machen wollteſt, da liegt er, ein elender Bettler!“ Sabbathai hörte nicht all den Hohn des beleidigten Vaters; er war ohnmäch⸗ tig zurückgeſunken. Rahel wollte ihm weinend zu Hülſe eilen, aber Zadik riß ſie zürnend fort, be⸗ zahlte dem Griechen die Ueberfahrt, und ließ dem Gegenſtande ſeiner nun geſättigten Rache noch ein anſehnliches Geldgeſchenk zuſtellen. „Fürwahr,“ ſagte er befriedigt zu der ſtill ne⸗ ben ihm wandelnden Tochter,„als ich die Reiſe zu deiner Beruhigung und Aufheiterung mit dir antrat, glaubte ich nicht, daß dir unſer Gott ein ſo kräf⸗ tiges Heilmittel auf dieſem Wege im fremden Lande zuſchicken würde, wie den elenden Anblick dieſes — 293— Mannes, der dich krank gemacht und ſo viel an dir verſchuldet hat. Gelobt ſei der allmächtige Gott dafür! Geſund und heiter wirſt du nun mit mir in unſre Vaterſtadt zurückkehren.“ Rahel ſeufzte tief auf, ſtatt der Antwort. Und auch Aegypten hatte Sabbathai durchzogen, hatte in den Schulen mit wechſelndem Glücke gelehrt, hatte auch dort verkündet, daß er der erwartete Meſſias ſei, und war auch dort von der ihn, wie ein Rachegeiſt verfolgenden Zipora und den erbit⸗ terten Rabbinen vertrieben worden. Schon war die ganze jüdiſche Welt voll ſeines Namens, überall, wohin er kam, ging ihm ein großer Ruf voraus, meiſt aber getheilt in zwei ſchroff entgegengeſetzte Ausſagen, er ſelbſt aber floh unſtät und flüchtig, ein Gehaßter, Verfolgter, ein Märtyrer für ſeine Lehre von Land zu Land.— Es war im Anfange des Jahres 5413 nach jüdi⸗ ſcher Zeitrechnung— alſo im Herbſte des Jahres 1652 nach chriſtlicher— als Sabbathai auf ſeiner Reiſe von Alexandrien nach Jeruſalem begriffen, — 294— in Gaza anlangte. Schon von Aegypten aus hatte er ſich mit Nathan Benjamin in Verbindung geſetzt. Dieſer gelehrte Rabbi, ſonſt voller Scherz und Fröhlichkeit, hatte ſich ſeit ſechs bis ſieben Jahren ſo ganz umgeändert, daß er neben dem Rufe ſei⸗ ner großen Gelehrſamkeit auch in den einer großen Heiligkeit gekommen war. Von dieſer Zeit an hatte Nathan Benjamin die baldige Ankunft des Meſſias nicht nur in Gaza, ſondern in allen Städten Palä⸗ ſtinas verkündigt und das Volk zur Vuße ermahnt. Jetzt, als Sabbathai nach Gaza kam, verfügte er ſich— nach genommener Verabredung beider— nicht zu Nathan, ſondern in die Synagoge. Nathan aber rief plötzlich auf den Straßen, nicht anders, als ſei eine Verzückung über ihn gekommen:„Die⸗ ſer Sabbathai Zewi, der in unſerer Stadt erſchie⸗ nen, iſt der Heiland Israels, von deſſen baldigem Erſcheinen ich euch geweiſſagt; dieſer iſt der Ge⸗ ſalbte unſeres Gottes! er iſt der Stern Jakobs! außer ihm iſt keiner, und auf ihn haben alle Pro⸗ pheten gedeutet.“ Die Juden liefen mit großem Geſchrei zuſam⸗ men, und hinterbrachten Sabbathai, der unterdeſ⸗ — 295—* ſen in der Synagoge lehrte, die wunderbare Ver⸗ kündigung Nathans. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte der junge Rabbi, ſich verwundert ſtellend. Aller Mund ſtrömte über von Nathans Lob, und Sabbathai ſchickte Voten nach ſeinem Verkündiger, und ließ ihn zu ſich bit⸗ ten. Nathan verfügte ſich ſogleich nach der Syna⸗ goge, und warf ſich beim Eintritte in das Zimmer, in Gegenwart einer großen Menge, auf das Ange⸗ ſicht zur Erde, ohne daß er im Stande war, ein einziges Wort hervorzubringen. Sabbathai befahl ihm aufzuſtehen, und ſprach dann:„Was haſt du von mir geſprochen und wer hat dir geſagt, daß ich der Heiland Israels ſei?“ Jener erwiederte mit Zittern, im Angeſichte alles Volkes:„Ich ſchwöre beim allmächtigen, gro⸗ ßen und furchtbaren Gott, daß ich ihn, den Herrn des Himmels und der Erde, auf ſeinem Thronwa⸗ gen, wie einſt der Prophet Ezechiel geſehen habe, und die zehn Sephiroth, wie Meereswogen, um ihn braußen. Und aus der Herrlichkeit dieſes Ge⸗ ſichts hörte ich eine Stimme hervorgehen, die mir zurief: So ſpricht Jehova: gekommen iſt euer Heiland! Er heißt Sabbathai Zewi. Er wird wie ein Held auftreten, wie ein Kriegsmann von Rache entflammt; er jauchzt, brüllt ſchrecklich, und iſt ſeinen Feinden überlegen. Siehe, er iſt mein Knecht, ich erhalte ihn, und mein Auserwählter, an wel⸗ chem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geiſt gegeben.— Aber nicht nur gehört habe ich dieſe Prophezeihung, ſondern ſie ſtand auch vor mir geſchrieben mit feurigen Buchſtaben. Darum, Rabbi, begruße ich dich als Meſſias und verkünde es aller Welt, daß du es biſt und kein Anderer.“— Sabbathai lehrte vor dem Volke, allein die beab⸗ ſichtigte Begeiſterung für ihn und ein bewaffneter Aufſtand zu ſeinen Gunſten, an deſſen Spitze er ſich dann, nach Nathan Benjamins Abſicht, ſtellen ſollte, wollte ſich nicht einfinden; auch zeigte Sabba⸗ thais friedliche Natur zum Letzteren nicht die geringſte Luſt. Nathan ſchickte zwar einen Brief an alle Judengemeinden in ganz Paläſtina, worin er Sab⸗ bathai als Meſſias ausſchrieb, aber um die Juden dort in ſo hohem Grade für ſich zu begeiſtern, daß ſie die Waffen ergriffen und verſucht hätten, das türkiſche Joch abzuſchütteln, dazu fehlte es Sabba⸗ thai an Glanz und Pracht. Auch beſaß er viel zu wenig Schlauheit, um willig auf alle Kunſtſtücke Nathans einzugehen, war zu innig von der Wahr⸗ heit und Heiligkeit ſeiner göttlichen Sendung über⸗ zeugt, als daß er als gemeiner Schauſpieler, wie Nathan, vor dem Volke hätte auftreten ſollen. Dieſer mußte ſich ſelbſt wohl vorſehen, ſich gegen Sabbathai nicht zu verrathen und ihm merken zu laſſen, daß er nur geſonnen ſei, den laut ausge⸗ ſchrieenen Meſſias zum Werkzeug ſeiner Abſichten zu machen. Er klagte oft, daß ſein Schwiegervater, Samuel Lisbona, in ſeinem Alter geitzig geworden ſei, und er ſelbſt kein Vermögen habe, um dem Meſſias Glanz zu verleihn, und wirklich hatte Sab⸗ bathai einige Unterredungen mit Lisbona, die dieſe Ausſage Nathans beſtätigten. Die Wahrheit war, daß der reiche Greis bereits ſehr beträchtliche Summen an Jakob ben Eliah de Villegas und Sabbathais beide Brüder gezahlt, um dieſem ihrem Werkzeuge einen glänzenden Weg zu bahnen, und daß er ſo ſchlechten Erfolg und ſo geringe Hoffnungen für die Zukunft ſah. Dazu kam, daß die wüthenden Verfolgungen der griechiſchen Rabbinen, Halevi und Zipora an — 298— der Spitze, auch nach Paläſtina drangen, und Na⸗ than Benjamin jeden Plan verdarben. Auch die Brüder des Lichts, die eifrig im Geheim gegen Sab⸗ bathai wirkten, hatten an dieſen Mißlingen vielen. Antheil. Nathan rieth daher Sabbathai ſelbſt, ſich nach Jeruſalem zu verfügen, dort Unterricht zu er⸗ theilen, und ſich eine Zeitlang ſo ruhig als mög⸗ lich zu verhalten, bis die Ausſichten auf ſeine Er⸗ höhung ſich günſtiger zeigen würden. So wanderte Sabbathai, abermals getäuſcht, der heiligen Stadt zu. Nie war ſein ſo glänzend aufgegangener, ſo herrlich an wunderbarem Lichte gewachſener Stern trüber und wolkenumhüllter, als an dem Tage, wo er auf Judäas Höhen ſtand, und unter ſich die Stadt ſeiner Väter erblickte, die uralte ergrauete Königsgeliebte, das in Trümmern geſtürzte Zion; faſt ſchien es, als ſollte der präch⸗ tige Jakobsſtern hier unbemerkt und unbetrauert un⸗ tergehen. Anders freilich hatte ſich der, von den Flammen der Gottbegeiſterung und der Poeſie durch⸗ glühete, Jüngling ſeinen Einzug in Jeruſalem ge⸗ dacht, aber noch durchflammte ihn die ſtarke Sonne der Hoffnung, noch erfüllte ihn der unerſchütterliche — 299— Glaube au ſeinen heiligen Beruf und ſeine einſtige Erhebung, und auf ſein Angeſicht ſich niederwerfend rief er aus: „Gegrüßet ſei mir heilige Stadt! Davidsburg! Salomos Tempel! Prophetenhaus! Gegrüßet mit tau⸗ ſend gewaltigen Liedern meiner Bruſt! Siehe dein König kommt zu dir, arm und elend, aber er wird reich und groß werden und dich wieder reich und groß machen vor aller Welt! Ihr Berge redet zu mir, und ihr Steine nennt mir eure Namen! Ihr Lüfte Zions kühlt mir die berauſchten Schläfe! An mein Herz, Stadt meiner Väter! Wiege und Grab der Blüthe meines Volkes! Königsſitz! Du ſollſt mir wieder jungfräulich aufblühen, Mutter und Schwe⸗ ſter der Könige! Erwache aus dem ſteinernen Schlaf, der dir Jahrtauſende die Augen zugedrückt! Erwarme in meinen Armen! An mein Herz, reizende Toch⸗ ter Zion!“ In demſelben Verlage ſind folgende empfehlenswerthe Schriften erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle Buchhand⸗ lungen zu beziehen. Victor Hugo's FRä m mn t i Were D e ſch von Adrian, Veurmann, G. Büchner, E. Duller, H. Fournier, F. Freiligrath, Ph. H. Kulb, H. Laube, A. Lewald, W. Wagner, O. L. B. Wolff und Andern. tebſt einleitender Biographie und Charakteriſtik von Dr. Adrian. Mit dem Bildniß des Verfaſſers. Wohlfeile Taſchenausgabe in 15 Bänden.— Subſcriptions⸗ preis Rthlr. 5. 15 ggr. fl. 9. Rhein. fl. S. 6 kr. C. M. Die deutſche Sprache ſoll einen neuen Criumyf feiern!. Weltbezwingend, univerſelt ſind die Werke des Genies; das Vaterland hat den Stolz eines ſolchen Veſitzthumes, aber den Gewinn der Ideen, die Kunſt und das Unvergängliche theilen vlle Natidnen. Shaksveare, Calderon, Byron ſind durch klaſſiſche Uebertragungen in Deutſchland eingebürgert. Noch aver entbehren wir eines Denkmals, das aus Frankreich zu uns heruberverpflanzt, ſich jenen Meiſterwerken an die Seire ſellen darf. Wer verdiente mehr, als Victor Huao, in deutſchen Metalllanten dem Gedachtniſſe der Nachwelt über⸗ liefert zu werden? Dieſer junge Titan hat den Perrückenpar⸗ naß der alten franzöſiſchen Literatur erſtürmt. Er hat ſeiner Nation gezeigt, daß nichts ſo ſchön iſt, als die Natur, und nichts ſo erhaben, als die Leidenſchaft. Schöpferiſch formt er das zähe Material ſeiner Mutrerſprache in unſterbliche Ge⸗ ſtalten, welche neu gedacht mit gleich kühner Neuerung von ihm belebt wurden. Gothiſchen Domen gleichen ſeine Romane, Laokoonsgruppen ſeine Dramen, öſtlichen Nächten mit Stern⸗ geflimmer, Palmenſäuſeln und den taufend Zaubern der Wüſte ſeine lyriſchen Ergüuſſe. Nach Göthe und Byron iſt Victor Huno der einzige jetzt lebende Dichter, der Europäiſche Aner⸗ kennung hat. Schon lange unſer Unternehmen im Stillen vorbereitend, treten wir jetzt damit freudig an das Licht; wir geben keine improviſirte Arbeit der Induſtrie, ſondern das Erzeugniß heiliger Weiheſtunden. Victor Hugo ſelbſt hat unſerm unternehmen ſeine Theil⸗ nahme zugeſagt; ein koſtbarer Stahlſtich wird den Dichter phyſiognomiſch, Adrian's Einleitung, fein Leben und den Geiſt ſeiner Schriften biographiſch⸗kritiſch zur Anſchauung bringen. Nichts iſt von uns übergangen worden, um das Ganze in einem geſchmackvollen Gewande erſcheinen zu laſſen. Von drei Hauptabtheilungen, in welche wir Victor Hu⸗ go's ſämmtliche Werke ſcheiden, umfaßt die erſte deffen Romane: Der letzte Tag eines Verurtheilten;— Vug Jargal;— Han von Island;— Notre Dame in Paris; die zweite deſſen dramatiſche Werke: Cromwell;— Marion de Lormez— Hernani;— der König amuſirt ſich;— Lucrezia Borgia;— Maria Tudor;— Angelo, der Tyrann von Padua; die dritte deſſen lyriſche Poeſien und vermiſchte Schriften: Herbſtblätter;— Vermiſchte Gedichte:— Hrientalen und Balladen;— zur Literatur und Philoſophie. Der iſte bis 10te, 13te und 14te Band ſind erſchienen, und durch alle Buchhandlungen zu beziehen. Die bis jetzo erſchie⸗ nenen ſämmtlichen Werke geben in dieſer vollſtändigen deutſchen Ausgabe 15 Bände; der 1ite und 12te Band, lyriſche Dichtungen enthaltend, ſind in der Ueberſetzung noch nicht vollendet, werden aber beſtimmt mit dem 15ten Vande dieſen Herbſt noch ausgegeben. Zum Schluß erwähnen wir noch, daß wir Pictor Hugo's Fämmtliche Werke geben, und ſchon deshalb mit den in Stuttgart erſcheinenden ausgewählten Schriften in keinerlei Verwechſelung gerathen dürfen, da dieſe Ausgabe nicht nur in der äußeren Ausſtattung der unſrigen nach⸗ ſteht, ſondern auch in den bereits ausgegebenen Bändchen ſowohl einzelne Stellen, als auch ganze Seiten, ja ſogur ganze Kapitel des Hriginals ausgelaſſen ſind. Adrian, Pr., neueſtes Gemälde von London und ſeinen Umgebungen. Handbuch für Rei⸗ ſende nach London. Mit einem Wegweiſer von am Main über Mainz, Coblenz, röln, Nymwegen und Rotterdam nach London, ſodann von London über Harwich nach Ham⸗ burg, über Oſtende nach Brüſſel und über Dower und Calais, Brighton und Dieppe nach Paris.— Beigegeben iſt: Eine Reiſekarte, der Plan und das Panorama von London, ſowie eine Karte der Umgebungen von London. In Etui geb. Rthlr. 3. 4 gr. fl. 5. 30 kr. Adrian, Pr., Bilder aus England. Zwei Theile mit 6 Kupfern. Rthlr. 3. 12 gr. fl. 6. —— Skizzen aus England. Zwei Bände. Rthir. 3. gr. fl. 6. Adrian, Reiſe⸗Scenen aus Amerika. 1r Theil Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 24 kr. Die Halliſche, Jenaiſche und Leipziger Litera⸗ ur„ Zeitungen, das Berliner Converſations⸗ latt, die Vlätterfür literariſche Unterhattung, Heſperus u. A. haben ſich über dieſe Werke auf das Vor⸗ cheilhafteſte ausgeſprochen. Das ausgezeichnete Darſteller⸗ Talent, die leichte, lebendige Schilderungsgabe des Verfaſ⸗ ſers, der reizende Wechſel der Gegenſtände, das Intereſſe, das den Leſer vom Anfang bis zum Ende feſſelt, und der ele⸗ gante Styl ſowie die Wahl der Gegenſtände, die treue, ſtets aus dem Leben gegriffene Darſtelung des anziehenden Landes, in welches uns der Perfaſſer einführt, in welchem er uns hei⸗ miſch macht, die liebenswürdigen und wunderlichen Charak⸗ tere, mit denen er verkehrt und die er ſo treffend ſchildert,— alles das ſind Vorzüge, welche die eben ſo unterhaltenden, als lehrreichen Bilder und Skizzen aus England aus⸗ zeichnen und ihnen in gebildeten Kreiſen einen ſo großen Bei⸗ fall gewonnen haben. Beaulies, the, of Shakspeare. Muſterſtücke aus Shakſpeare's Dramen. Engliſch und deutſch. 2 Bände. 12. Rthlr. 2. fl. 3. 30 kr. Bechſtein, Ludwig, Luther. Ein Gedicht. S. Geb. 21 gr. fl. 1. 30 kr. —— der Fürſtentag. Hiſtoriſch⸗romantiſches Zeitbild aus dem ſechszehnten Jahrhundert. 2 Bände 8. Rthlr. 3. fl. 5. 24 kr. Bechſtein, Ludwig, Gedichte. gr. 8. Geheftet Rthlr. 2. fl. 3. 30 kr. Ludwig PBechſtein wurde bei ſeinem erſten Auftreten in der literaxiſchen Welt vom deutſchen Publikum als einer der liebenswürdiaſten jungeren Dichter begrüßt; man fand in ſeinem Todtentanz, in ſeinem Fauſt, in ſeinem Luther Adel der Geſinnung mit Wohllaut des Ausdrucks, Wahrheit der Empfindung mit lieblicher Natürlichkeit der Darſtellung gevaart, und erkannte als Charakteriſtiſches des Dichter einen friſchen Schmelz des Fruhlings, der alle ſeine Dich⸗ rungen wie eine arte Laſur überhaucht. Alle dieſe Vorzüge, welche ſeine größeren Dichtungen auszeichnen, finden ſich in weit höherem Grade in ſeinen kleineren Gedichten, welche hier zum erſtenmal geſammelt erſcheinen, ia es läßt ſich vielleicht ſogar behaupten, daß in dem einfachen herzlichen Leoe, in der heimiſchen Sage die Eigenthumlichkeit unſeres Dichters ſich in den lebhafreſten Farben zeigt. Die zahlreichen Freunde Bechſteins werden durch dieſe ſorgfälrig ausgewählte Sammitung ſeiner Dichtungen gewiß vermehrt werden. Biedenfeld, Freiherr von, Novellen und bunte Blätter. 2 Theile. S. Rthlr. 2. 18 gr. fl. 4. 30 kr. Belani, H. C. R., Romantiſche Erzählungen aus Portugal's Geſchichte. S. Rthlr. 1. 12 gr. ſ. 2. 42 kr. —— der Heimathloſe. Roman in Zeitbildern. 3 Theile. Rthlr. 4. fl. 7. —— der Premierminiſter. Geſchichtliches Volks⸗ und Sittengemälde. 4 Theile. S. Rthlr. 4. 18gr. l. 8. 24 kr. —— der Geächtete. Geſchichtlicher Roman aus dem Anfange des ſechszehnten Jahrhun⸗ derts. 3 Theile. S. Rthlr. 4. fl. 7. Belani iſt ſchon in ſeinem„Heimathloſen“ und ſeinem „Premierminiſter,“ in denen er merkwürdige Zeitabſchnitte durch iebendige Vorführung großer handelnder Charaktere, welche die Seele ihrer Zeit waren, childerte, in die Reihe der deutſchen hiſtoriſchen Romanſchriftſteller ehrenvoll einge⸗ treten. Er verfolat dieſe Vahn mit Ernſt auch in dem„Geäch⸗ teten,“ der ein charakteriſtiſches Zeirbild vom Anfang des rechszehnten Jahrhunderts vorführt. Die herrlichen Geſtalten, Georg von Frundsberg, der„Vater der frommen Lands⸗ knechte,“ und Karl von Bourbon, von Franz I. und dem Pabſt geächter, im Dienſt des deutſchen Kaiſers, ſind der Mitteiwunkt, um den ſich die andern Figuren in manniafal⸗ tigen Geſtaltungen herumgruppiren. Bald vefinden wir uns mitten in Kamvf und Sieg, dor Rom und Pavia, bald im Lager, bald im häuslichen Stillleben. Aber überalt wird man gefeſſelt durch die lebendtaſte treuſte Schilderung jener ritter⸗ lichen abentheuerlichen Zeiten. LL6 S1EMdE