— —S— * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für weeni 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mrk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Feſt der Laubhütten ſollſt du halten ſieben Tage, wenn du haſt eingeſammelt von deiner Tenne und von deiner Kelter; und ſollſt fröhlich ſein auf deinem Feſte, du und dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levit, der Fremdling, der Waiſe und die Wittwe, die in deinem Thore ſind. Bibel. 5. Buch Moſe, 16. Kapitel, 13, 14. Vers. Der Herbſt war eingezogen und lag zu Land, ein ſchätzeſpendender König. Und der Freude zu pflegen, die ihnen der Segen der Ernte gebracht, waren— wie ihnen ihr uraltes heiliges Geſetz gebot— die jüdiſchen Einwohner der alten mächti⸗ gen Handels⸗ und Hafen⸗Stadt Smyrna am fünf⸗ zehnten Tage des Monats Tifri, ſchon vor Sonnen⸗ aufgang ausgezogen, um auf einem in der Nähe gelegenen einſamen Hügel, der eine weite Ausſicht auf das Meer und den Hafen gewährte, eine andre“ leicht und ſchnell aufgebauete Stadt zu beziehen, und ſieben Tage darin zu wohnen, und das ſchönſte 1* und heiligſte Feſt des Volks zu begehen. Das war die Stadt der Laubhütten, in die ſie einwanderten unter fröhlichem Hörnerklang und Saitenſchall, Jubel und Geſang; das war das Laubhüttenfeſt, das große Ernte⸗ und Dankfeſt, das ſie feierten. Sobald die Sonne den erſten Glutblick in die bewegten Meerwellen warf und die Gipfel der Zelte und Lauben vergoldete, begrüßte ſie der Ober⸗Rab⸗ bine mit einem von Muſik begleiteten lauten Gebet. Die Nacht floh, und viele hundert zierliche Lauben wurden ſichtbar, geſchmückt mit dem leiſe angegilb⸗ ten Blatte des Lorbeer, von Pinienzweigen durch⸗ flochten, von Pomeranzen⸗ und Citronenlaub bedeckt, von Weinlaub durchrankt, mit Palmblättern geſtickt, von der Myrte gekrönt und der ſilberglänzenden Pap⸗ pel geziert; und reife Früchte lachten überall lockend, wie der Blick der Neuvermählten, durch das züchtig umſchleiernde Grün. Zwiſchen den Lauben prangten ſchneeweiße Zelte, mit grünen Büſchen am Firſt, mit Laubgewinden an der Thüre, heilige Wohnun⸗ gen der Prieſter, und durch ihr reines, blendendes Dach die glorreiche Herrlichkeit des Gottes Israels andeutend. Breite Gaſſen liefen durch die Laub⸗ hutten⸗ und Zelte⸗Stadt, in denen das leichtbewegte Volk des altteſtamentariſchen Glaubens im präch⸗ tigen Feſtſchmuck mit hallendem Feſtgetön einherzog, ſingend und ſchmauſend, koſend und ſich wohlbege⸗ hend, wie ihnen der Herr, ihr Gott, geboten hatte durch den Mund ſeines Knechtes Moſe. Dieſem Geſetze gemäß trug Jedermann beiderlei Geſchlechts einen Strauß in der Hand von Palmen⸗, Citro⸗ nen⸗, Myrten⸗ und Weidenzweigen; das jüngere PVolk hatte noch ein Enthrog, d. i. einen Paradies⸗ apfel oder eine Citrone, in der andern Hand. Der Zug mit den Sträußen aber hieß Lulabh, und machte einen Theil des feierlichen Gottesdienſtes aus, bei welchem die Sträuße geſchüttelt wurden, ſo oft der Rabbine den umſchreibenden Namen Gottes aus ſprach. Die Hütten und Zelte waren inwendig behan⸗ gen und ausgeſchmückt mit dem Theuerſten und Koſt⸗ barſten, was die Erbauer derſelben beſaßen; und reich war die vielzählige Judenſchaft zu Smyrna, wohlbegütert durch ihre Thätigkeit und den lebhaf⸗ ten Handel der Levante nach Europa, deſſen wich⸗ tigſter Stapelplatz die uralte Griechenſtadt mit Recht — 66— genannt wurde. Deßhalb ſah man ſo herrliche Fuß⸗ teppiche ausgebreitet, wie ſie nur in den Gemächern der Fürſten zu liegen pflegen; deßhalb hingen bunt⸗ ſeidene Stoffe, deren Glanz und Pracht das Auge entzückte, als Tapeten an den Wänden; deßhalb funkelten ſilberne Armleuchter von den Decken her⸗ nieder, und auf den Tiſchen ſtanden nicht minder prangende Gefäße von edelm Metalle. Aber ſchöner noch als die prunkenden Gewebe, lieblicher noch als die hellen Geräthe, waren die duftenden Früchte anzu⸗ ſchauen, welche Eingangs jeder Hütte zur ergötzen⸗ den Augenweide und zum labenden Genuſſe ausge⸗ ſtellt, Auge und Begierde reizten. Da lagen in fein⸗ geflochtenen Körben üppig gerundete, goldfarbige Pomeranzen, längliche hellgelbe Citronen, da winkte die kühlende Limonie, die aromatiſche Ananas, die ſüße Feige, die ſaftige Melone, der ſanft geröthete wollige Pfirſich mit der ſchweſterlichen Aprikoſe, und, in Maſſe aufgehäuft, die braune und gelbe Pracht wuchtiger Trauben, des Herbſtes köſtlichſtes Geſchenk. Kränze von ſtrotzenden Aehren ringelten ſich an den Säulen und äußeren Wänden der grünen und weiſ⸗ ſen Hütten empor, und was ſonſt noch Feld und S. Wald, Garten und Berg duftig darbieten zu des Menſchen Bedürfniß und Luſt, das war aufgeſpei⸗ chert in allerlei reichen und ſchönen Gefäßen, dem Geber zum Dank, den Empfängern zur Freude. Jung und Alt, Mann und Weib, Jüngling und Jungfrau zogen von Zelt zu Zelt, von Gaſſe zu Gaſſe, des ſüßen Moſtes voll, der überall verſchenkt wurde; denn das größte Feſt im Jahre, das Feſt der Feſte, das heiligſte von allen, die von den Vätern überkommen waren, erlaubte freiere Sitten und eine Annäherung der Geſchlechter, die ſelbſt den Juden des Morgenlandes fremd iſt. Sobald das große Frühgebet vorüber und das Hallel geſungen war, zerſtreuete ſich das Volk in der Hüttenſtadt oder im Walde des nahen Verges zu allerlei Vergnügung und Kurzweil; die jungen Leute ergötzten ſich mit Spielen, die älteren mit ernſter Unterhaltung, die Frauen bereiteten Speiſen, die Männer tranken gewürzten Wein: war doch alle Arbeit und Erwerbsgeſchäft erlaſſen— wenn auch erlaubt— ſieben Tage lang, die mehr der Freude, dem Genuſſe und dem heitern S Gottes geweiht ſein ſollten. Aus dem größten, reichſten und ſchönſten Zelte, das gleichſam mit perſiſcher Königspracht überladen war, ging ein junges Mädchen in der Mitte ihrer Geſpielinnen hervor, deren Anzug und natürliche Reize trefflich mit dem Glanze der Hütte überein⸗ ſtimmten; denn wie dieſe für einen König gebaut ſchien, ſo glaubte man in jener die Tochter oder die Geliebte eines Königs zu erblicken. Im koſtbar⸗ſtol⸗ zen Nativnalputz, ſo wie einſt die vornehmſten Hebräerinnen, zur Zeit der Römerherrſchaft, an den hohen Feſttagen, durch Jeruſalems Straßen gewandelt, erſchien auch jetzt noch, über anderthalb⸗ tauſend Jahre ſpäter, Thamar, die jüngſte und rei⸗ zendſte Tochter des Kaufmanns David Roſanes, des reichſten Juden in Smyrna. Sein war die köſtliche Hütte, ſein war der Verg und der Hain, auf und in welchem die Laubenſtadt erbaut war, ſein waren viele Schiffe, die den Archipel durchkreuzten und das italiäniſche Meer. Roſanes war ein Fürſt an Reich⸗ thum, ein König der Kaufleute; denn Schätze ſind eine Macht auf Erden, der Beſitz der gewaltigſte Herrſcher über die Gemüther der Menſchen. Tha⸗ mar, des reichen Mannes Lieblingskind, war als Spätling zur Welt gekommen, als die übrigen Kin⸗ der Davids bereits erwachſen und zum Theil ſelbſt ſchon verheirathet waren, er aber im höheren Man⸗ nesalter ſtand, wo bei vielen Andern bereits der Winter des Lebens begonnen hat. War doch die liebliche Blüthe in dem reichen Hauſe erſchienen, um den greiſen Beſitzer desſelben, je höher er in Jahren ſtieg, mit deſto köſtlichern Düften zu erquik⸗ ken, damit ihm, dem das Glück ſo viele Schätze beſcheert, auch am Spätabend ſeines Lebenstages der herrlichſte nicht fehle, eine reizende gute Toch⸗ ter, der friſche prangende Zweig eines alten Stam⸗ mes. Und ſo ſtand der ehrwürdige Roſanes, der ſein ſiebzigſtes Lebensjahr bereits zurückgelegt hatte, noch rüſtig wie ein Mann, als hätten die Jahre ihr volles Recht an ihm nicht auszuüben vermocht, in der Mitte ſeiner Kinder und Enkel, im Beſitz könig⸗ licher Schätze, ein beneidenswerther Sterblicher; und ſeinem glücklichen Haupte fehlte nicht die Krone, ſeiner Krone nicht die Perle, ſeiner ſchneeigen Locke nicht der friſche, grüne, duftende Kranz: Thamar, die Schöne, Thamar, das reizendſte Mädchen Smyr⸗ na's war ſeine Tochter. Faſt ſchien es, als habe der ſchaffende Gott ſich noch ein Wal der idealen Geſtalt erinnert, mit der er einſt ſein auserleſenes Volk geſchmückt, als er ſein Angeſicht noch nicht im Zorne von ihm abgewendet, und die Schönheit, die einſt Eſther zur mächtigſten Königsgeliebten erhoben, die verführeriſche Judith geziert, in jener zeugenden Rückerinnerung auf die liebliche Thamar ausgegoſſen, wie einen in Geſtalt gefeſſelten Duftſtrom. Noch hatte die Trägerin ſolch hoher Anmuth ihr ſechs⸗ zehntes Jahr nicht ganz zurückgelegt, und doch zeigte ihr ſchlanker Körper bereits die ausgegründeten, vollendeten Formen gereifter Frauenſchöne, doch wölbte ſich das bewundernswürdige Ebenmaas der ſchlanken Glieder, kaum der jugendlichen Zartheit entſtrebt, zu jener idealen Fülle ſtolzer Weiblichkeit, wie die bildende Kunſt ſie als Muſter liebt und auf⸗ ſucht. Das ſüße Gemiſch von erwachtem Bewußt⸗ ſein der ihr inwohnenden hohen weiblichen Würde, das ſich zuweilen noch wie ein Schlaftrunkner tau⸗ melnd bewegte und die Augen, vom grellen Lichte dargebrachter Huldigungen der ſie umgebenden Welt, geblendet, blinzelnd ſchloß, und von halbträumender kindiſch nachläſſiger Kindheit, die gerade nicht ſon⸗ 4— derlich auf höhere Dinge um ſich achtete, ſondern nach Blumen und bunten Steinen, nach Putz und Tand griff, dieß ſeltſame Gemiſch, zu welchem man noch die halb vrientaliſche, halb vccidentaliſche Natur rechnen muß— Smyrna hatte als Hafen⸗ ſtadt viel Europäiſches, und die handelnde Juden⸗ ſchaft kam mit den europäiſchen Kaufleuten am mei⸗ ſten in Berührung— und endlich ihre religiöſe und ſittliche Bildung, die auf der einen Seite ein zwei⸗ tauſendjähriges Gepräge trug, während die andere von geſtern ſtammte, verlieh der ſchönen Thamar einen ſo hohen und unwiderſtehlichen Reiz, deſſen junges Daſein allein die Schuld trug, daß er von Männern, die ihn zu würdigen verſtanden, noch nicht mit Entzücken bemerkt worden war. Die jun⸗ gen Kaufleute ihres Glaubens, die ſie umſchwärm⸗ ten, und in ihr der Lieblingstochter des alten Roſa⸗ nes huldigten, waren nicht fähig, jenes Entzücken zu fühlen, und ein Andrer war ihr bis jetzt nicht genaht. Keiner von Allen hatte Thamar's beſondre Aufmerkſamkeit erregt, und ſo war ihr denn auch nie eingefallen, ſich ſelbſt einem Manne bemerkbar zu machen; Alles war Natur und Kindlichkeit an ihr geblieben, jedoch mit der bereits angedeuteten punt ſchillernden Färbung; und nicht allein ihre herrlichen glänzendſchwarzen Augen, die von langbe⸗ franzten Vorhängen gar lieblich berſchattet wurden, gaben mit jedem Blicke den treueſten Ausdruck ihrer Seele, auch ihr zierliches, biegſames, zuweilen, nach Art ihres Volkes, etwas heftiges Gliederſpiel und alle ihre, nach chriſtlich- europäiſchen Begriffen, zu raſchen und leidenſchaftlichen Bewegungen, drückten eben ſo gut ihre geheimſten Empfindungen aus; und man konnte ſie aus Auge und Bewegung verſtehen, gleichſam als ſitze ihre Seele in dieſem wunderherr⸗ lichen Auge, oder auf der Hand, auf der Spitze des Fingers, wenn ſie dieſe eben bewegte, auf der Stirne, wenn ſie den niedlichſten Kopf zur Seite beugte und kleine Falten auf der Elfenbeinwölbung erſchienen, oder auf den weichen ſymmetriſchen Schultern, wenn ſie dieſelben faſt unmerklich in die Höhe zog, oder wohin ſie nur ſonſt ſich ſchnell ver⸗ ſetzen wollte, um auf dieſe Weiſe wirkſamer, aus⸗ drucksvoller zu ſprechen, als ein Wort vermag, um in einem Nu überzeugender zu beweiſen, als eine lange Disputation. So war Alles geiſtiges Wort, — 13— Muſik der Empfindung an ihr, und ſie ſprach mit hinreißender bezaubernder Beredſamkeit alle Spra⸗ chen der Welt, alte und neue, ſelbſt die noch erfun⸗ den werden ſollen, ohne nur ein Mal ihre friſchge⸗ ſchnittenen Lippen zu theilen. Ihr ſchwebender Gang, der halb dem Kinde, halb der Jungfrau angehörte, war die⸗Blüthe entfeſſelter Lieblichkeit, die eben duftend aufbricht, das lebende Bild des leichtbewegten Gedankens, der Ausdruck ſchnell wech⸗ ſelnder wogender Empfindung, die harmoniſche Muſik der Bewegung. Wenn aber zu Blick und Geberden, zu Haltung und Gang auch noch ihr rein und melv⸗ diſch tönendes Wort kam, wenn unter kindiſchen Einfällen hie und da ein tiefer Lebensernſt hervor⸗ leuchtete, wie unter Wieſenblumen eine Roſe, wenn ſie in lieber Einfalt ihres kindlichen Gemüths ſpie⸗ lend Räthſel löſ'te, an denen die Weisheit des geprüf⸗ ten Verſtandes ſcheiterte, dann fand man, daß Alles an ihr höchſte Harmonie war, und Klang und Sinn des Wortes zu Blick und Geberde, zu Haltung und Gang gehörten, um ein wunderbares Ganzes hervorzubringen, deſſen Zauber belehrte, daß die Natur im weiten Vereich ihrer Schöpfung nichts Schoͤneres als ſolch ein Mädchen zu erzeugen ver⸗ möchte. Aber zum vollendeten Bilde ihrer eigenthümlichen Lieblichkeit gehörte auch ihre beſondere Kleidung. Alſo geſchmückt und angethan hatten die reizenden Töchter Juda's einſt auf den Zinnen und Mauern Jeruſalems geſtanden, ſolche Gewänder hatten die lauen Lüfte des Thales von Hebron gebauſcht, ſolch reiche Sandalen die Wellen des Jordan an ſeinen blühenden ufern geküßt, ſolch blitzendes Geſchmeide hatte in den Bazars von Joppe und Gaza ſchon geglänzt, ſolch prächtige rabenſchwarze Lockennacht war zu Salomo's Zeiten ſchon von Narden und Ambra durchduftet worden. Die zierlich geflochtenen Zöpfe und Schlingen des Haars liefen in mannichfachen Windungen ſich durchkreuzend am Hinterkopfe in einen Knoten zuſam⸗ men, aus welchem ſie, theils in leichte ſchöngekrauste Locken aufgelöſt, theils in lockern neckiſchen Flechten und gefälligen Ringeln, ſich hinab auf den vollen Elfenbeinnacken tanzend ſtürzten und den Hals in muntern Spielen umgaukelten. Schläfe und Wan⸗ gen waren mit geſchickt gedreheten zopfartigen Locken, die ſich vom Vorderkopf herüberzogen, beſchattet. Die Flechten und Zöpfe wurden mit Streifen pur⸗ purfarbigen Bandes, die mit Gold durchwebt und mit Perlen beſäet waren, zuſammengehalten. Auf der Stirne waren die Haare ſorgfältig geſcheitelt, und die weiße Haut des Hauptes glänzte, wie ein Lichtſtreif in rabendunkler Nacht. Statt der Kämme waren Locken und Geflechte mit goldnen Nadeln von verſchiedener kunſtreicher Form beſteckt, und die Köpfe derſelben leuchteten durch jene Nacht, wie Sterne. Beim künſtlichen Flechten und Locken des Haares hatten die kunſtfertigen Dienerinnen dasſelbe mit Nardenöl, Myrrhen, Zimmt⸗ und Orangenblü⸗ thenöl geſalbt, als aber der Bau vollendet geweſen, war er noch beſonders mit Ambra, Biſam und Moſchus durchräuchert worden, ſo daß Ströme von ſüßen Wohlgerüchen den Lockenwellen bei jedem Schritte entquollen. Auf dieſem Haargeflecht ſaß der prächtige Tulbend, ein in ſchlangenförmigen umläufen aus den reizend geſchlungenen Binden vom zarteſten Milchflor wie ein abgeſtutzter Kegel, gebil⸗ deter Bund, der, um die einzelnen Fugen an den zuſammengehefteten Stellen geſchickt zu verbergen, — 16— mit einem, in zierlichen Abſtufungen nach entgegen⸗ geſetzter Richtung heruntergeſchlungenen ſeidnen Zeuge überdeckt und über der Stirne mit einer goldnen Spange vereinigt war. Dieſes Zeug wechſelte, um die glänzende Weiße des Tulbends auf eine ergöz⸗ zende Art zu heben, und die wellenförmig aufſtei⸗ genden Umläufe dem Auge im prunkendſten Farben⸗ ſpiele entgegen zu zaubern, hellblau, hellgrün, Pur⸗ pur und Roſenroth, goldgeblümt buntgewebt oder glänzend geſtickt. Zwiſchen dieſer das Auge berau⸗ ſchenden Farbenpracht funkelten in ſtufenweiſer Folge die koſtbarſten Edelſteine und die reizendſten Per⸗ lenſchnüre ſchlängelten ſich hindurch bis zu einer lieblichen Verſchlingung und Vereinigung auf der Krone des Tulbends. Mit dieſem ſtand das goldne Stirnſchild in Verbindung, welches mit geſchliffnen Edelſteinen aller Art, als Rubinen, Smaragden, Topaſen, Chriſolythen und Laſurſteinen eingefaßt, unter dem Haare am Hinterkopfe befeſtigt und mit einer Korallenſchnur verſehen war, welche um Schläfe und Wangen ſich unter dem Kinn hinzog. An dieſe Schnur ſchloß ſich die dreifache goldene Halskette an, deren Ringe nach unten zu bogiger und tiefer herabhingen, bis der dritte, an welchem ein aus Onyr geformtes mit goldnem getriebenen Deckel und Oehr verſehenes, zierlich ausgeſtochenes Fläſch⸗ chen voll koſtbaren Roſenöls hing. Die zweite Ket⸗ tenſchlingung beſtand aus Schlangen, die in ihren Mäulern Edelſteine hielten, auf welchen kabbaliſtiſche Zeichen eingegraben waren, die als Amulete für alle Uebel galten; die oberſte war aus goldenen Kugeln und länglichen Edelſteinen, mit Häckchen an einan⸗ der gehenkt, gebildet. Die unterſte, an der das herr⸗ lich duftende Fläſchchen befeſtigt war, blitzte von großen auf goldne Schnur gereiheten Perlen. Von der Höhe des Tulbends floß ein grünſeidner faltiger Schleier, mit weißen Blumen durchwirkt, bis faſt auf die Füße herab, doch war er jetzt zurückgeſchla⸗ gen und zeigte das reizende Geſicht. Die aufſtre⸗ benden Bruſthügel umſchloß in faltigen Buſen das am Halſe mit einer buntfarbigen Arabeskenkante gezierte weißſeidene Unterkleid, in welches hellgrüne Thiergeſtalten und farbige Blumen gewebt waren, durch die ſich wieder ein reiches Goldgeäder künſt⸗ lich hindurchſchlang. Dieß prächtige Kleid ſchwebte in weiter Fülle über die Mitte der Hand faltenreich I. 2 — nieder, und ließ kaum die Fußſpitzen durchblicken. Die Aermel desſelben waren in mehrfachen über⸗ einanderlaufenden Reihen mit zierlichen Falbeln beſetzt, und dieſe ſchmückte das reizendſte Bildwerk, das in den ſtrahlendſten Farben des Purpurs und des ſchar⸗ lachartigen Karmoſins aus den Händen der geübten Stickerin hervorgegangen war, wie mit einer prun⸗ kenden Malerei.— Die koſtbare Pracht, welche an dieſe Aermel verſchwendet war, ſah man doch noch durch den Aufwand übertroffen, welchen die den Saum des Gewandes in anmuthigen Falbeln umſpielende Beſetzung veranlaßte. Theils waren ſie in den brennendſten Purpur nach abwechſelnden Schat⸗ tirungen getaucht, theils hoben ſich auf hellſchim⸗ merndem Grunde die gefälligſten Blumenbilder zwi⸗ ſchen ſchön gerauteten und geäugelten Zierrathen, aus Goldfäden geſchickt eingefügt. Der äußere Rand ſelbſt, der die Ferſen bekleidete, glänzte von Gold⸗ blechen, die in langen Streifen aufgeheftet waren und mit goldnen Punkten, Sternen, und ähnlichen Flittern abwechſelten. Dieſes weite herrliche Gewand wurde über den Hüften durch einen aus der ayserleſenſten Seide — 1— gewebten prachtvollen Gürtel zuſammengehalten, und erſt dadurch erhielt der ganze Anzug ſeinen eigen⸗ thümlichen Glanz. An den Verzierungen dieſes Gür⸗ tels war der höchſte Grad verſchwenderiſcher Pracht vor den Blicken entfaltet. Drei Mal um die ſchmale Taille geſchlungen, lief er, vorn in einen leichten Knoten geſchürzt, in reiche goldne Quaſten aus, deren Knäufe von den auserleſenſten Edelſteinen fun⸗ kelten, zwiſchen deren lieblichem Farbenſpiel Perlen vom reinſten Schmelz und erſtem Waſſer hervor⸗ blickten. Glühende Farben wechſelten am Gewebe des Gürtels ſelbſt mit ſchimmernden Goldgebilden, und blendeten auf der reinen Farbe des Unterklei⸗ des, auf deſſen bauſchigten Falten ſich derſelbe glän⸗ zend enthüllte, das entzückte Auge.— Ueber dieſem Gewande floß in maleriſchen Wellen ein ungewöhn⸗ lich weites Prunkkleid bis auf die Fußſpitzen herab, das, von milchweißem Marliflor, wie gewebte Win⸗ deswogen, die ganze Geſtalt umſpielte, und in durch⸗ ſichtiger Klarheit von reinem Silberglanze ſtrahlte. Der Saum desſelben war mit goldenen und vivlet⸗ purpurfarbigen Zierrathen künſtlich durchwirkt. Vorn weit von einander fliegend und nur über der Bruſt 2* =— mit einer goldnen Agraffe zuſammengehalten, ließ das leichte Oberkleid die ganze Pracht des Unter⸗ kleides ſehen, und endete in einer langen Schleppe, die der ſchlanken Geſtalt des Mädchens ein majeſtä⸗ tiſches Anſehen gab. Die zierlichen durchbrochenen Schuhe, die, weit ausgeſchnitten und mit Bändern an Fuß und Bein befeſtigt, Sandalen glichen, zeig⸗ ten den kleinſten und niedlichſten Fuß in ſeiner vor⸗ theilhaften Geſtaltung. Ihm entſprach die kleine weiße Hand, an deren Fingern die theuerſten und koſtbarſten Ringe mit Brillanten glänzten. In der einen trug ſie einen kleinen runden, mit Edelſteinen garnirten Spiegel, in der andern einen von bunten prachtfarbigen Federn zierlich zuſammen geſetzten Wedel, deſſen hölzerner Griff ſtark vergoldet war. Thamar war von Freundinnen und Geſpielinnen umgeben, die, wenn auch minder reizend von Geſtalt und weniger koſtbar gekleidet, doch ſchön zu nennen waren, und in ihrem Putze viel Pracht und Reich⸗ thum zur Schau legten, und jede von ihnen mußte, wenn ihr Thamar nicht zur Seite ſtand, ein Män⸗ nerherz gewinnen. Die ſchönſte unter ihnen, Tha⸗ mar's innigſte Freundin, war Rahel, die einzige — Tochter Zadik's de Curbano, eines ebenfalls ſehr reichen Kaufmanns, wenn er ſich auch nicht mit Roſanes meſſen konnte, ſo wenig die Schönheit ſei⸗ ner Tochter mit der Thamar's. Rahel hatte vier Brüder und— wie ſeltſam ſpielt nicht die ſchaffende Natur!— auch ſie ſchien zu einem Manne beſtimmt zu ſein und nur einen weiblichen Körper erhalten zu haben. Der männliche Geiſt dieſes Mädchens that ſich mannichfach durch Form und Geſtalt des weiblichen Körpers kund; ſie war größer und ſtär⸗ ker gebaut, als die Frauen ihres Volks und über⸗ haupt Aſiatinnen zu ſein pflegen; aus ihrem großen ſchwarzen Auge blickte ein kühner, ſtolzer, unterneh⸗ mender Geiſt, ihre raſchen Bewegungen zeugten von Muth und Entſchloſſenheit. Ihre Figur war über allen Ausdruck edel, aber ſie entbehrte ganz des kind⸗ lichen Weſens, was Thamar ſo reizend machte; bei ihr war an die Stelle desſelben eine klare Beſtimmt⸗ heit und trotzige Herausforderung getreten, und wen ihr feuriger, durchdringender Blick traf, zog ſich entweder eingeſchüchtert zurück, oder, wenn er ihr eine gleiche Seele entgegen halten konnte, fühlte ſich an ſie gefeſſelt. Obgleich Rahel kaum um ein Jahr —— älter war als Thamar, ſo hatte ſie ſchon mit meh⸗ reren Männern Umgang gehabt, während dieſe noch zart erröthend ihr Auge vor jedem männlichen Blicke ſenkte, den ihres alten Vaters ausgenommen. Rahel fühlte ſich weniger zu Thamar hingezogen, als dieſe zu jener. Es war dem zarten Weſen Bedürfniß, ſich hülfe⸗ und ſchutzſuchend an ein ſtärkeres ihres Geſchlechts anzulehnen, ſo wie die ſchwache Wein⸗ pflanze die kräftige Ulme zur Stütze ſucht. Das zagende Mädchen konnte ſich ohne Rahel kaum öffent⸗ lich zeigen. Sie war ſo kindlich ſcheu und ſelbſt in ihren Vergnügungen und Spielen, ſobald ſie ſich dem Auge des Fremden ausgeſetzt ſah, ſchüchtern und furchtſam. Hatte ſie aber Rahel zur Seite, ſo gewann ſie plötzlich die Kraft, die ihr fehlte, dann war ſie unbefangen, herzlich, ſchalkhaft, ſelbſt in der fremdeſten Umgebung. So ſchien es, bilde Rahel gewiſſermaßen Thamar's Ergänzung und Vollendung. Der alte Roſanes hatte dieſes ſeltſamen Umſtandes wegen ſchon mehrmals gegen ſeinen Handelsfreund Curbano den Wunſch geäußert, Rahel ganz zu ſich in's Haus zu nehmen und als eigne Tochter anzu⸗ ſehen und auszuſtatten, doch hatte der ſcharfſichtige — 23— Zadik dieß Anerbieten jedes Mal beſtimmt abgelehnt; war doch Rahel die einzige Tochter ſeines Hauſes und genoß alle Vortheile einer ſolchen im reichſten„ Maße; war er doch auch ein vermögender Mann, und konnte aus eignen Mitteln das irdiſche Glück ſeines Kindes gar wohl begründen. Doch hätte er vielleicht den dargebotnen großen Vortheil nicht von der Hand gewieſen, wenn er nicht zu deutlich wahr⸗ genommen hätte, daß es nicht auf ſeiner Tochter, ſondern auf Thamar's Wohl abgeſehen ſei, daß Rahel nur als Mittel dienen ſolle, und jedenfalls eine kränkende Zurückſetzung erfahren werde. Er ver⸗ wehrte aber ſeiner Tochter nicht, die Einladungen Thamar's anzunehmen, und da dieſe faſt täglich erfolgten, ſo ſah man die beiden einander ſo unglei⸗ chen Mädchen meiſt, und an öffentlichen Orten, bei Feſten und Luſtbarkeiten, immer beiſammen. Und ſo gingen ſie auch heute, noch von andern Geſpielinnen umſchwärmt, von Dienerinnen, die ihres Winks gewärtig, gefolgt, durch die raſigen Straßen der Laubenſtadt, und ließen koſend ihre Blicke auf die große tiefe Meerbucht, die zu ihrer Rechten unter ihnen lag, und auf Hafen und Stadt in der —— ſüdöſtlichen Ecke derſelben, gleiten. Vor ihnen erhob das mächtige Vorgebirge Karaburnu ſeine waldbe⸗ kränzten Häupter, und verwehrte die Ausſicht auf den Waſſerſpiegel des Archipel. Sie wurden durch den Anblick auf den prächtigen, nicht inſelarmen Meerbuſen entſchädigt, an deſſen Eingang felſige Vorgebirge, mit zackigen Armen weit hereingreifend, Wache halten und am nördlichen Himmel fand das ſchweifende Auge an Mytilene's ſangreichen blaudäm⸗ mernden Bergen ſein Ziel. Ein ſchönes, neues Schiff, deſſen Maſt und Segel im Sonnenſchein funkelnd näher und näher herah kam, und dem Hafen zuſtrebte, lenkte bald die neugierige Aufmerkſamkeit der Mädchen auf ſich. „Dürft ich nur ein Mal auf ſolch ſtattlichem Meerſchiffe hinausfahren über jene Marken des Meer⸗ buſens,“ ſagte Rahel mit einem verlangenden Blick auf das ungeheure Waſſerbecken, der dann ſehnſüch⸗ tig über die ferne Fläche des Archipels hinſtreifte, „Stambul möchte ich ſehen, Venedig und Marſeille.“ „Deine Wünſche gehen ſtets über den Kreis unſres Wirkens hinaus,“ verſetzte Thamar,„mir grauſete vor ſolch weiter Meerfahrt. Das Waſſer —— iſt tückiſch; heute zeigt's dir ein freundliches Antlitz, und morgen begräbt es dich in ſeiner kalten, naſſen Tiefe.“ „Gerade einen Sturm auf dem Meere möchte ich erleben!“ rief Rahel begeiſtert.„Es muß wun⸗ derbar herrlich ſein, wenn Hardaniel, der Engel des Blitzes, auf ſeinem feuerblickenden Roſſe durch Wolken und empörte Waſſerwogen dahinſauſt, und der tauſendäugige Sammael, der Todesengel, mit ſeinem leuchtenden Schwerte die Waſſer durch⸗ ſchneidet.“ „Verwegner Wunſch!“ bebte Thamar zurück. „Chacham Joſeph Halevi, mein Lehrer, hat mir oft geſagt, das ſtille Harem ſei des Weibes Welt, darüber hinaus ſei ſie überall fremd, ein verſtoßenes unglückſeliges Weſen. Ich möchte nichts weiter, als immer im Hauſe meines Vaters bleiben, ſo lang mir zu leben vergönnt iſt, ruhig und geräuſch⸗ los, wie von Jugend auf, und täglich den weiſen Lehren des Chachams mein williges Ohr leihend, wenn er mir die heiligen Bücher unſrer Väter und das Geſetz des Herrn erklärt.“ „Ich möchte den alten Mann nicht zum Lehrer,“ — 6— nahm Rahel das Wort wieder,„mag er auch die Thora, Miſchna und Gemara noch ſo gelehrt erklä⸗ ren und die Kabbalah von Grund aus verſtehen. Er iſt ſo bedächtig, ſo ruhig, ſo gelehrt, daß mich ſchläfert, wenn ich ihn anſehe. Weit eher möcht' ich mich von dem jungen Sabbathai Zewi unter⸗ richten laſſen, von deſſen Lob und Bewunderung jetzt die ganze Stadt voll iſt, und den die verſam⸗ melten Rabbinen feierlich zum Chacham ernannt haben.“ 5„Ich habe davon gehört,“ entgegnete Thamar, ziemlich theilnamlos.„Es iſt in unſerm Hauſe von dieſem gelehrten Jünglinge die Rede geweſen. Haſt du ſelbſt mir nicht von ihm erzählt?“ „Ich nicht,“ ſagte Rahel leicht erröthend,„ich ſprach noch mit keinem Menſchen von ihm.“ „Kennſt du ihn denn?“ „Ob ich ihn kenne?“ fuhr Rahel, wie aus tie⸗ fem Nachdenken, empor.„Ich ſollte ihn nicht ken⸗ nen, auf den alle Kinder Juda's, die da unten in 3 der bergigen Hafenſtadt wohnen, mit Bewundrung und Hoffnung ſchauen? Ja ich kenne dieſen Jüng⸗ ling, ſchön, wie Sahariel, der Engel des Lichts, —— und feurigberedt, wie Ezechiel, der begeiſtertſte Pro⸗ phet des Alterthums.“ „Du haſt ihn alſo auch gehört?“ fragte Tha⸗ mar noch verwunderter.„Du mußt in ſeiner Schule geweſen ſein, Mädchen; denn wie mir mein Vater geſagt, lehrt er nur in ſeines Vaters Hauſe.“ „Sei doch nicht zu laut!“ warnte Rahel, „damit uns die Andern nicht behorchen.“ Und nach⸗ dem ſie den beredten Blick mißtrauiſch nach den Geſpielinnen zurückgeworfen und ſich überzeugt hatte, daß dieſe von ganz andern Dingen redeten, wandte ſie ihn mit dem Ausdruck eines ſüßen Geſtändniſſes, ihr vom Herzen geboten, auf Thamar:„Du ſollſt Alles erfahren. Aber verſprich mir Stillſchweigen beim Haupte deines Vaters.“ „Ich verſpreche,“ ſagte Thamar feierlich; in ihrem Auge, das ſich an Rahel's Blicken entzündet, glänzte es jetzt von hohem regen Leben, und mit ſteigender Spannung folgte ſie der Freundin, die, ſie an der Hand faſſend, ihre Schritte nach dem nahen Haine beflügelte. Vom kühlen Schatten hoher Bäume umwoben, ſuchte ſich Rahel ihren Standpunkt an einem Felſen, der ſich in teraſſen⸗ —— förmigen Vorſprüngen zur Meerbucht hinabſenkte und deſſen Fuß von ihren Waſſern genäßt wurde. Eine vielfach gewundene Schlucht bahnte von einer Teraſſe zur andern, von unten bis zur Höhe des Bergs, einen, wenn auch nicht bequemen Pfad. An dieſem Felſen, ohnfern der Oeffnung jener Schlucht, wo ſich eine natürliche Bruſtwehr gebildet hatte, lehnte Rahel und umſchlang Thamar, indem ſie erzählte:„Sabbathai's Ruf war ſchon lange in unſer Haus gedrungen. Meine Brüder hatten mit ihm die Schule beſucht und wurden nicht müde, von ſeinen bewundrungswürdig ſchnellen Fortſchritten in der Kenntniß des Geſetzes und ſeiner Auslegung zu erzählen, ſo daß er als Knabe ſchon alle ſeine Lehrer weit übertraf. Dieſe Reden hatten auf mich, damals noch ein Kind, einen tiefen unaus⸗ löſchlichen Eindruck gemacht. Doch wagte ich nicht, mit Jemand darüber zu ſprechen; auch weiß ich weder woher dieſe Furcht kam, noch kann ich ſie mir erklären. Lange, lange vernahm ich nichts von dem wunderbaren Knaben, aber meine Seele hörte nicht auf, ſich mit ihm zu beſchäftigen; oft erſchien er mir im Traume unter Sternen, leuchtend wie = 25— ein Engel, und ich hatte ihn doch nie geſehen. End⸗ lich wurde mir alles von ihm Gehörte ſelbſt wie ein nebelhafter Traum; oft ſtritt ich mit mir ſelbſt, daß je ein ſolcher Wunderknabe gelebt, daß ich je ein Wort über ihn vernommen; ich überredete mich, er ſei allein meinen bunten heißen Kinderträumen entſprungen. So laut und geſchwätzig ich in jeder andern Hinſicht war, ſo wenig ließ ich meine Gedan⸗ ken über meine vermeintlichen Träume laut werden. Ich fragte nicht, um Gewißheit zu erlangen, gerade die Ungewißheit that mir ja ſo wohl. Es war das einzige Geheimniß, das ich hatte, und es war mir unendlich lieb und theuer geworden. Ich glaube, ich wäre eher mit männlichem Muthe geſtorben, eh' ich es verrathen hätte. Es war das blumige ſonnige Feld, der eingefriedigte Garten meiner jungen ſtarken Sehnſucht, meiner unklaren, unbeſtimmten Wiünſche, meines unaus ſprechlichen Glücks. Denn je älter ich wurde, deſto lichter trat der Gedanke in mir hervor, nicht von ohngefähr ſei dieß liebliche Traumbild in meine Seele gezaubert, und beharre trotz der Jahre in hehrer Engelsgeſtalt darin, es müſſe einen ſolchen Knaben geben, der unterdeſſen auch zum Jüngling herangewachſen ſei in lichter göttlicher Reinheit, er müſſe leben zu meinem, zu meines Volkes Glück und— wiſſe Alles, was meine Seele, wie ein Meer von Wonne und Luſt, durchwogte und ſie im Jubeljauchzen in die Chöre der Seraphim emporriß— nichts geringeres könne dieſer Jüngling ſein, als der Meſſias!“ „Der Meſſias!“ ſchrack Thamar, von der Gewalt dieſes Wortes getroffen, zuſammen.„Mäd⸗ chen, welcher Engel hat ſich deiner Seele bemäch⸗ tigt! Mich durchrieſelt ein unheimliches Grauſen.“ „Höre weiter! Oft fuhr ich in ſtillen Mitter⸗ nächten von meinem Lager empor, als hätte mich Lilith, die düſtre Nachtfrau, oder Ofaniel, der Engel, der auf dem Mondſtrahl reitet, wach geküßt; da ſäuſelte es um mich, wie ſein Odem, da war mir's, als vernähm' ich ſeiner Stimme Schall in fernen ſeltſamen Klängen, die auf lauen Luftwogen zu mir ſchifften und kaum lebend noch mein Ohr erreichten; heilige Schauer durchflammten meine Seele, berauſcht kreiſ'te mein Auge in den Wundern der Schöpfung umher, mein Geiſt ſchwelgte in —— unausſprechlichen Gefühlen; ich ahnete, ich wußte, daß der hohe König meines Volks, der vor Jahr⸗ tauſenden verkündete Meſſias mir nahe ſei „Der Friede Gottes ſei mit dir!“ rief Thamar, vom höchſten Erſtaunen ergriffen.„Das ſind wun⸗ derbare Dinge! Ich fürchte, Rahel, du biſt von einem böſen Geiſte beſeſſen.“ „Nicht doch!“ lächelte dieſe zuverſichtlich.„Böſe Geiſter haben nichts mit dem Peſſias zu ſchaffen.“ „So glaubſt du wirklich, daß der verheißene Beglücker unſres Volkes bald erſcheinen werde?“ „Ich glaube nicht, daß er erſcheinen werdez ich weiß, daß er erſchienen iſt. Ja, Thamar, nimm die Jubel meiner Seele in die deinige auf, bebe mit mir vor Wonne und Entzücken; der Befreier Juda's iſt endlich erſchienen, die brünſtigen Gebete haben Frucht getragen, der Meſſias wandelt unter uns.“ „Du redeſt noch in Träumen. Wer ſollte der Auserkorne in Smyrna ſein?“ „Sabbathai Zewi iſt der Beglücker.“ „Der junge Chacham, von dem wir ſprachen?“ „Er iſt's, den Israels geſchlagenes Volk durch — — ½— die Reihe der Jahrhunderte hindurch mit glühender Sehnſucht erwartet. Freue dich, Mädchen, uns iſt das unermeßliche Glück zu Theil geworden, mit ihm zu gleicher Zeit, in einer Stadt zu leben, den Honig zu ſchlürfen, der von ſeinen Lippen fließt, ſeines Auges göttlichen Strahl in unſte Herzen aufzunehmen, ſeiner Herrſchaft erſte Dienerinnen zu ſein.“ „Aber woher weißt du, daß er der Meſſias ſei?“ fragte die kühlere Thamar zweifelhaft. „Gott hat es mir in heiligen Geſichten offen⸗ bart; ich bin gewürdigt worden, die Erſte zu ſein, die ſein Weſen in ſeiner Tiefe und Höhe begreift und ihn freudig anerkennt. Vielleicht hat mich der große Gott unſrer Väter, der wieder gnädig auf ſein lang verſtoßenes Volk blickt, zu noch Höherem auser⸗ ſehen. O könnt' ich, wie einſt Eſther, unſerm geſchlagenen gemißhandelten Volke zum Siege über ſeine Feinde verhelfen!“ „Mich hat immer geſchaudert vor Eſther, der blutigen, vor Jael und Judith. Mein Mund könnte ſo wenig einen Blutbefehl erbitten, als meine Hand einen Mord vollziehen, und wär' es mein ärgſter ——————— Feind. Doch erzähle mir, wie dir ſolche Offenba⸗ rung geworden. Du ſiehſt mein Staunen von Minute zu Minute wachſen.“ „Beſchäftigt mit den göttlichen Geſichten, wird plötzlich vor noch nicht langer Zeit von meinen Brüdern in meiner Gegenwart der Name Sabbathai Zewi genannt. Mich durchzuckt es, wie die Berüh⸗ rung eines Engels. Und meine Brüder erzählen, daß der hochbegabte Knabe, der in der Schule einſt ſo großes Aufſehen erregt, ſtill und unbemerkt zum Jüngling herangereift, forſchend und ſtrebend nach Weisheit und Licht, plötzlich aufgetreten ſei als ein Meiſter des Geſetzes, wie es noch keinen gegeben, und hoch erleuchtet in der geheimſten Wiſſenſchaft der Kabbalah, die er ohne Anleitung geſchöpft aus geheimen Bronnen. Und Wunder auf Wunder hör' ich von ihm. In einſamen Mitternächten wandelt er hier unter uns auf dem Felſenſtrande des Meers, und badet in ſeinen dunkeln Wellen; dann ſpricht er hohe Dinge mit den Engeln des Mondes, der Sterne, des Windes und der Fluth, und ſie lehren dem Jünglinge die Geheimniſſe der Kabbalah, die er dann im Hauſe ſeines Vaters ſeinen Schülern 3 —— entdeckt. Dort verſammeln ſie ſich jeden Abend, wenn es zu dämmern beginnt, und du findeſt bejahrte Greiſe darunter, die begierig aus des Jünglings Munde die Worte göttlicher Weisheit erfaſſen. Wie im Sturme reißt er die Gemüther fort; ſein ſind alle Herzen, und das heilige Erſtaunen, das die Schüler des jugendlichen Lehrers ergreift, löſ't ſich in Thränen der Freude und Liebe auf.“ „Du warſt ſelbſt dort, ihn zu hören?“ „Der Geiſt trieb mich; ich konnte nicht wider⸗ ſtehen. Ich weiß es, ich muß meine Beſtimmung erfüllen. Es iſt dir bekannt, daß ich Varuch, mei⸗ nem mittlern Bruder, ſehr ähnlich ſehe. So oft ſie heim kamen aus Sabbathai's Schule, verſchlang ich ihre Worte; endlich beredete ich Baruch, mich ein Mal ſtatt ſeiner hingehen zu laſſen. In ſeinen Kleidern war ich ihm zum Verwechſeln ähnlich. Ich ſah Sabbathai, ich hörte ihn. Er lehrte aus dem hohen Buche Sohar, und berauſchte mit dem Wein ſeiner Weisheit.“ „O ſo beſchreibe mir doch ſeine Geſtalt!“ rief Thamar begierig. „Wie du dir den Engel denkſt, der zu Simſon's —— Mutter, Manvah's Weib, erſt in die Hütte und dann auf's Feld kam, ſo denke dir Sabbathai. Seine Geſtalt iſt groß und ebenmäßig, ſein Antlitz edel und ſchön, und ein wunderbarer Glanz geht von ihm aus. Es hat die blendende Weiße des Schwans, wenn er über den Meerbuſen rudert, oder der Taube, wenn ſie über das Gebirge fliegt. Sein ſchwarzes glänzendes Haar fällt in leichten Lockenringen auf Nacken und Bruſt, ſeine Augen ſind groß und beredt, ihnen entſtrömt das Feuer prophetiſcher Begeiſtrung, und zuckt wie Blitze in die Herzen. Um ſeinen Mund ſpielt es wie Geſänge Davids und der Pro⸗ pheten; auf ſeiner hohen Stirn ſitzt majeſtätiſche Weisheit; Lieblichkeit und Anmuth ſind über ſeine Geſtalt ausgegoſſen, wie Bäche von Milch und Honig, aber auch ein hehrer Ernſt liegt auf ſeinen Augen⸗ lidern, wie man ihn nicht auf dem Antlitz eines Greiſes findet, und wahrlich, allein die jugendlichen Züge ſind's, die ſeine achtzehn Jahre verrathen.“ „Erſt achtzehn Jahre iſt er alt? Nur zwei Jahre älter als ich?“ „Die Zeit gibt keinen Maßſtab für des Meſſias göttliche Erleuchtung. Er iſt der Herr aller Weis⸗ 3* — 36— heit, der voffenkundigen und verborgnen, und eben weil er an Jahren noch ſo jung, iſt der Beweis ſeiner hohen Sendung. Kein Menſch, außer dem Meſſias, könnte in ſo kurzer Zeit das Alles lernen. Das iſt ein Geſchenk des großen Gottes; das iſt ihm angeboren, damit er dadurch ſeine hohe Würde kund thue und beweiſe.“ „Doch mit Wundern und Zeichen ſoll der Erlö⸗ ſer unſres Volks auf Erden erſcheinen, ſo lauten die alten Weiſſagungen und Schriften.“ „Glanbe mir, ſie werden nicht fehlen, wenn ſeine Zeit erfüllt und die Stunde gekommen iſt, die ihm die Krone des Meſſias auf das Haupt ſetzt. Iſt es nicht ſchon ein hohes Wunder, daß Gott ſich einer ſchwachen Jungfrau vffenbart? Aber auch die Zeichen werden nicht ausbleiben, und wenn es Gottes Wille iſt, ſo werden ſie kommen, wie Flam⸗ men plötzlich aus der Erde ſchlagen, wann und wo man's am wenigſten vermuthet. Sie können morgen beginnen, heute noch, in dieſer Stunde—“ Ein leichtes Geräuſch zog die Blicke der Jung⸗ frauen ſeitwärts nach der Felſenſchlucht. Dort —— tauchte in demſelben Augenblick eine ſchneeweiß geklei⸗ dete männliche Geſtalt auf. „Er iſt's!“ rief Rahel, von den heiligen Schauern einer Seherin ergriffen, und auch Thamar bebte beim Anblick des idealiſch ſchönen Jünglings, der ſeit einer Stunde der Gegenſtand ihrer Unter⸗ haltung geweſen war, und im Momente der höchſten Aufregung plötzlich vor ihnen ſtand, ſichtbar zuſam⸗ men. Sie fühlte ein noch nie gekanntes Etwas in ihrer Bruſt, dem ſie alſo auch keinen Namen geben konnte, aber es ſchien ihr, als ſie ihre Augen auf der ſchlanken Geſtalt ruhen ließ, daß die Gefühle, die Rahel vorhin beſchrieben und ihr unklar geblieben, ihr jetzt plötzlich ſo klar und verſtändlich, ja als ob es ihre eignen ſeien. Sabbathai trug ein weites faltiges Kleid von feiner weißer Leinwand, das ein purpurfarbiger Gürtel über ſeinen Hüften zuſammenhielt. Ein leichter weißer Tulbend wiegte ſich auf ſeinem über alle Beſchreibung edel geformtem Kopfe. Das war ſein einfacher Anzug; aber der Jüngling ſchritt darin ernſt und würdig einher, wie ein im Purpur gebor⸗ ner König. Sein Auge glühte mehr düſter als 38— freundlich, doch in ſeinen Zügen lag ein unaus⸗ ſprechlich ſchöner und milder Ausdruck. Die Farbe ſeines Geſichts, ſeines ſchlanken Halſes, Nackens und der obern Bruſt, die der Kaftan nicht bedeckte, glänzten wie zartes Elfenbein und nur die Wangen färbte ein leichtes durchſichtiges Roth.— Sein durchdringender Blick traf Thamars königliche Geſtalt und blieb einige Minuten auf der Fülle dieſer Reize hängen. Dann grüßte er die Jungfrauen beſcheiden, die ihre Schleier über das Geſicht zu ziehen vergeſſen hatten, und verlor ſich hinter den Bäumen des Haines. „Das war ein Zeichen von Gott!“ rief Rahel, „daß er der Meſſias iſt.“ „Es war es; ich glaube es ſelbſt,“ ſetzte Tha⸗ mar eben ſo hinzu, und verbarg ihre Unruhe an der Freundin Bruſt. Die Mädchen lagen hochglü⸗ hend von Gotttrunkenheit einander lange in den Armen, und die morgenröthlichen Roſen eines andern Gefühls, des mächtigſten in der Menſchen⸗ bruſt, knospeten und brachen auf und berauſchten ſie mit ſtarken göttlich ſüßen Düften. ——— — 65— Die untergehende Sonne warf die Schatten der Berge über den Meerbuſen von Smyrna und ver⸗ goldete— während die Stadt ſelbſt ſchon im Frie⸗ den des Abends lag— die grünen Firſten der Lauben⸗ ſtadt auf der die Bucht beherrſchenden Höhe. Die Familien hatten ſich in die Hütten zurückgezogen, und weilten fröhlich beim Abendmahl. Die dem Moſaiten angeborne Geſprächigkeit ſaß an jedem Tiſche, ein willkommner und erheiternder Gaſt.— Glänzend war die Tafel in David Roſanes fürſt⸗ lichem Gezelte. Hier waren die reichſten und vor⸗ nehmſten Juden im feſtlichen Schmucke verſammelt, ſo wohl Kaufleute, als auch Prieſter und Lehrer des Volks. Die erſten und angeſehenſten unter dieſen Gäſten waren die Vorſitzenden des Rabbinal⸗ gerichtes zu Smyrna, der Chef deſſelben, Maſſud Aſſulai, ein gelehrter Greis von großer Macht und Anſehen, deſſen Rechtsverfahren ſelbſt nicht vom Kadi der Stadt geſtört werden konnte, und der Viecepräſident jenes jüdiſchen Tribunals, Aaron de la Papa, ein nicht minder würdiger und angeſehener Mann. Es fehlten auch nicht die übrigen Rabbinen, welche das Gericht bildeten. Eben ſo waren die „ erſten Aerzte der Stadt eingeladen. Unter den letztern befand ſich Jakob ben Eliah de Villegas, ein Mann von großen Kenntniſſen und einer weit ausgebreiteten Praxis unter Juden, Türken und Rajahs. Ja er war ſogar auf Veranlaſſung des vorigen Kadi nach Smyrna gekommen, welches nicht ſeine Vaterſtadt war. Seine ärztliche Hülfe wurde meiſt von den vornehmſten Bewohnern der Stadt in Anſpruch genommen, doch entzog er ſich den Aermern keineswegs. So war er auch Hausarzt des alten Roſanes, ja er hieß ſogar Hausfreund, und hatte in häuslichen Angelegenheiten etwas mitzureden. Die Unterhaltung kam bald auf den achtzehn⸗ jährigen Chacham, der alle ſeine Zuhörer in Erſtau⸗ nen ſetzte. „Wißt Ihr auch, meine Freunde und Brüder,“ nahm einer der Rabbinen das Wort,„daß Sabba⸗ thai Zewi heute Abend zum erſten Mal unter freiem Himmel lehren wird? Die Zahl ſeiner Zuhoͤrer iſt zu groß geworden, ſo daß ſie das kleine und arm⸗ ſelige Haus ſeines Vaters nicht mehr faſſen kann.“ „Unter freiem Himmel?“ fragte der Vicepräſi⸗ dent nicht ohne Beſorgniß.„Der Kadi iſt, wie ihr — — 41— wißt, kein Freund von ſolchem Aufſehen; er könnte dem Sabbathai und uns Händel machen. Ich wünſche überhaupt nicht, daß der junge Mann es darauf anlegte, die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Ein Mal könnte die hohe Pforte es übel vermerken, dann paſſen auch dieſe rabbaliſtiſchen Lehren nicht für die Maſſe des Volks. Es verſteht ſie nicht, weiß ſie nicht zu würdigen und macht deßhalb ſtets einen verkehrten Gebrauch davon.“ „Ich weiß aus unſern frühern Tagen, mein Bruder,“ nahm der Arzt Villegas, mit einem ſtechenden Blick auf den zweiten Tribunalrichter das Wort,„daß du niemals ein großer Freund der Kabbalah warſt, und ſchwerlich wird der junge Sabbathai mit ſeinen außerordentlichen Lehren Gnade vor deinen Augen finden.“ „Nicht von meinen Anſichten ſprach ich, ſondern als Richter,“ verſetzte Papa ernſt und düſter, und warf dem Arzte einen ſtrafenden Blick zurück.„Die Handlungen und Thaten unſerer Jugend gehören nicht vor das Gericht des Alters, am wenigſten an die Tafel unſeres Freundes.“ „Ihr ſeid Jugendfreunde,“ vermittelte Roſa⸗ —— nes,„eure Weiber ſind die Töchter einer Mutter und eines Vaters, ihr ſolltet billig auch die beſten Freunde ſein.“ „Sind wir es nicht, Raf?“ verſetzte der Arzt mit einem geſchmeidigen Lächeln.„Unſere Weiber ſind Schweſtern und wir ſind Brüder. Iſt dem nicht alſo, Aaron?“ „Ich habe nie Feindſchaft im Herzen gegen dich gehegt,“ ſagte Papa,„denn der Herr ſpricht in ſeinen ſechshundert und dreizehn Geſetzen, die zu halten uns obliegt: Du ſollſt nicht rachgierig ſein, noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks; du ſollſt deinen Nächſten lieben wie dich ſelbſt; denn ich bin der Herr.“ „Hätteſt du doch immer nach dieſem Gebote gehandelt, mein Bruder,“ grinste der Arzt wieder. „Der junge Gelehrte,“ übertönte ihn Roſanes, „ſollte vielmehr unſerer aller Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen. Er könnte der Stolz unſeres Volks in Smyrna werden. Ich habe Luſt, ihn dieſen Abend zu hören, und ich lade euch ein, meine Freunde und Tiſchgenoſſen, mich zu begleiten. Zählen wir uns zu ſeinen Zuhörern, ſo hat ihm der Kadi nichts an. —— Wir ſchicken morgen dem Osmandi ein Geſchenk und Alles iſt abgemacht. Wo wird Sabbathai ſeine Vorträge beginnen?“ „Ohnfern von hier unter dem Felſen, den man den Schwanenhals nennt, auf der Fläche, die ſich vom Fuße des Felſens bis an die Meerbucht aus⸗ dehnt; bei hohem Waſſer iſt ſie überſchwemmt.“ „Eine einſame Stelle, die mir gefällt. Sie gehört vhnedies noch zu meinen Beſitzungen. Der Gedanke im Freien zu lehren, ſpricht mich an; ich habe noch nie davon gehört. Keiner unſerer Lehrer hat das je gewagt.“ „Verzeiht, Raf,“ nahm der Chacham Halevi das Wort,„Ihr könnt bei Euerm Geſchäft nicht in den Büchern unſerer Gelehrten ſo bekannt ſein, wie wir. Aber die zwei größten Lehrer unſeres Volks, die berühmten Männer, die leuchtenden Säulen unſe⸗ res Glaubens, die zwei Thürpfoſten des Geſetzes, Simon ben Jochai und Iſaak Luria, auf deren Gedächtniß der Friede Gottes ſei, auch ſie führten ihre Schüler auf das Feld und lehrten ihnen in der freien Natur die Herrlichkeit unſeres Gottes.“ „Nicht minder thaten es vor ihnen die großen Philoſophen Griechenlands,“ fügte Villegas hinzu, „Pythagoras und Plato lehrten, wie Sabbathai heute beginnt, und wahrlich der Ruhm dieſes Jüng⸗ lings wird größer werden, als der der Gojim, ja vielleicht größer noch als der Simon ben Jochai's und Iſaak Lurias.“ „Der Sabbathai ſcheint ſich Eurer beſondern Liebe zu erfreuen,“ ſagte Roſanes. „Er wird auch die Eure erwerben. Ich aber muß ihn hoch ſchätzen wegen ſeines tiefen Wiſſens in der Kabbalah. Zwar gibt es Leute, die ſolches Wiſſen verachten, und ſich allein an das Kleid des Geſetzes halten, an die Schale der göttlichen Frucht; aber ich habe während meines Lebens viel Zeit dem Studium der Kabbalah gewidmet und weiß, daß ſie der Schlüſſel aller Geheimniſſe iſt auf Erden und im Himmel. Sie iſt ein unerſchöpflicher Vorn voll klaren Waſſers, je tiefer man hinabſteigt, deſto ſüßer wird es; ſie iſt das Lebensmanna in der Wüſte. Was wäre meine Kunſt ohne Studium der Kabba⸗ lah? Wenn ich meinen Eifer belohnt ſehe in Erforſchung der menſchlichen Krankheiten und ihrer Heilung, ſo habe ich es allein der Mutter aller Wiſſenſchaften zu verdanken. Und deßhalb ſchätze ich dieſen wunderbaren Jüngling ſo hoch, weil er weiter gekommen iſt als ich, tiefer geforſcht hat als wir alle und unausſprechliche Geheimniſſe entdeckt hat. Aber ihm hat's der Herr in der Wiege gegeben.“ Es ſchien als habe Papa darauf wieder eine ſpöttiſche Antwort in Bereitſchaft, doch wurde er durch die Worte eines Dieners daran verhindert, der meldete, es ſei ſo eben ein Eilbote aus dem Hafen angekommen und frage nach dem Rabbi Jakob ben Eliah de Villegas, um deſſen Hülfe für eine Kranke anzurufen, die vor kaum einer Stunde auf einem griechiſchen Schiffe angekommen und ſich noch auf demſelben befinde. Der Arzt erhob ſich ſogleich, um ſeiner Pflicht zu genügen, grüßte die Geſellſchaft und folgte dem Boten mit eiligen Schritten den Berg hinab. Auf dem Hafendamme begegnete ihnen ein hoher ſtarker Mann, der an ſeiner Kleidung als Grieche zu erken⸗ nen war. Dieſe Kleider waren ſo koſtbar, als ihr Träger ſtattlich. „Dies iſt der Herr der kranken Sklavin, der — mich an Euch abgeſendet,“ ſagte der Vote zum Arzte.„Er kommt Euch ſchon ungeduldig entgegen; es ſcheint ihm viel am Leben des ſchönen Weibes zu liegen.“ Der Grieche war haſtig herangetreten und fragte mit unverholner Aengſtlichkeit:„Seid Ihr der Arzt Don Villegas, den man als den weiſeſten und geſchickteſten in Smyrna bezeichnet?“ „Der Name, den Ihr ausgeſprochen, Herr, iſt der meinige, und wenn ich einige Geſchicklichkeit beſitze, ſo wünſche ich ſie zur Hülfe Eurer Kranken am ſchnellſten und ſicherſten in Anwendung zu bringen.“ „Seid verſichert, daß ich mich Ench auf eine Weiſe erkenntlich zeigen werde, die Euerm großen Dienſte angemeſſen ſein ſoll. Doch muß ich Euch eine unerläßliche Bedingung machen, die Euch übri⸗ gens, meines Erachtens, ſehr leicht zu erfüllen ſein wird.“ „Nennt ſie Eutem Knechte, Herr!“ „Ihr dürft nur in meinem Beiſein mit meiner kranken Sklavin ſprechen, zu der ich Euch jetzt führen werde. Wenn ich nicht zugegen bin, ſo entfernt — 4— Euch ſogleich wieder, vhne Mihurmah geſprochen zu haben, und ſollte Euer Beſuch noch ſo nothwen⸗ dig ſein.“ „Ich verſpreche, Euer Begehr zu erfüllen, Herr.“ Der Grieche führte den Arzt ehrerbietig in die enge Kajüte des Schiffes. Auf einer harten Matrazze hingeſtreckt, mit einem dürftigen Lacken umhüllt, lag ein weibliches Geſchöpf, das, beim Eintritte des Arztes dieſem den Kopf zuwendete. Villegas, obgleich ein Mann ſchon in den hohen vierziger Jahren, wo der Sinn für Frauenſchöne nicht mehr jene friſche lebendige Ent⸗ zündbarkeit hat, die die Jünglingsjahre zu den ſchönſten des Lebens macht, ſtand doch einige Augen⸗ blicke wie geblendet von den eigenthümlichen Reizen dieſes Weſens. Sein vielbewegtes Leben hatte ihn weit in Aſien, Afrika und Europa umhergeführt, und er hatte auf ſeinen wiſſenſchaftlichen Wanderun⸗ gen, wie in dem von den verſchiedenſten Volksſtäm⸗ men hewohnten Smyrna, Gelegenheit gehabt, die ſchönſten Formen der Armenierinnen, Türkinnen, Griechinnen, Aegyptierinnen, Jüdinnen und der Frankenfrauen zu ſehen— denn vor dem zu Rathe 48— gezogenen Arzte mußte der morgenländiſche Schleier fallen— er hatte die ſchönſten Weiber ärztlich behandelt, und doch mußte er ſich jetzt geſtehen, nichts ſeltſam Schöneres je erblickt zu haben. Es war nicht die materielle Form, die dieſen ungewohn⸗ ten Eindruck auf Jakob ben Eliah machte, ſondern der ideele Gehalt derſelben, der Geiſt, der gewiß höchſt vriginelle Geiſt, der aus dieſen Formen ſprach und ſie aus ſich herausgebildet hatte. Das Auge lag tief unter einer hohen Stirne und hatte einen düſtern melancholiſchen Ausdruck, einen faſt unheim⸗ lich flirrenden Glanz, und ſelbſt die Krankheit, die es mit einer brennenden Mattigkeit umhüllte, hatte doch die Blitze wilder Leidenſchaftlichkeit, die aus ihm hervorzuckten, nicht dämpfen können. Eine ſchön gebogne Habichtsnaſe, wie aus dem reinſten Alabaſter geſchnitten, verrieth einen ſcharfen Geiſt, um den Mund lagen hingegen alle Zauber weiblicher Liebenswürdigkeit, und wenn Stirn und Auge ein ercentriſches, die Naſe ein tiefernſtes Weſen verkün⸗ deten, ſo zeugte der Mund von weiblicher Flatter⸗ haftigkeit. Und doch bildeten dieſe Widerſprüche ein herrliches Ganzes, doch ſprang aus dieſen Unregel⸗ — 45— mäßigkeiten ein unwiderſtehlicher Reiz hervor. Die regelmäßige Form mag ſchöner ſein, aber geiſtlos iſt ſie faſt immer und läßt den Beſchauer kalt; aus den kleinen Abnormitäten entwickeln ſich die höchſten Reize, denn in ihnen wohnt Geiſt und Leben. Villegas ſchätzte die reizende kranke Sklavin auf zwanzig Jahre.— Sie lag in heftiger Fieberhitze, ihre Wangen glüheten und die Pulſe ſchlugen hörbar. Der Arzt nahm ihre Hand, es war die ſchönſte, die er je gefaßt, um ſich über einen Krankheitszu⸗ ſtand zu unterrichten. Er redete ſie griechiſch an, doch ihr Herr bedeutete ihn, daß ſie beſſer türkiſch ſpreche, und Jakob ben Eliah lieh ſeiner Sprache dieſe Laute, um ſie über die Dauer und die Symp⸗ tome der Krankheit auszufragen. Der Grieche ſchien über dieſe Fragen ängſtlich zu werden, und kam ihrer Beantwortung mit ſeiner gewandten Zungen⸗ fertigkeit zuvor. Die Kranke ließ ſich jedoch dadurch nicht abhalten, ſeine Reden zu verbeſſern und zu berichtigen, und Villegas bemerkte dabei, daß ſie ihm, ſobald ſie ſich nur einen Augenblick von ihrem Herrn unbemerkt ſah, einen bedeutungsvollen flehen⸗ den Blick zuwarf. Der Ausdruct ihrer Augen war I. 4 — zu lebhaft, als daß der kluge Arzt nicht ſogleich hätte merken ſollen, daß ſie ihm heimlich etwas an⸗ zuvertrauen habe. Hätte er doch dergleichen etwas aus dem Verbote des Griechen abnehmen können. Er gab ihr alſo wieder mit Blicken zu erkennen, daß er ſie verſtanden habe. „Eure Sklavin leidet an einer gefährlichen Ent⸗ zündung des Blutes, Herr,“ wandte er ſich dann zu dem griechiſchen Kaufmanne.„Die Krankheit hat einen hohen Grad erreicht, und meine Kunſt darf Euch nicht ſehr viel verſprechen. Doch Jeder thut ſein Möglichſtes. Und ſo will auch ich eilen, ihr einen Becher Blut abzuzapfen, wodurch ſich das Toben des Fiebers vor der Hand mildern wird. Hernach werde ich ihr die nöthigen Medikamente bereiten.“ Mit dieſen Worten griff er nach einem thöner⸗ nen Napfe, der an der Erde ſtand, faßte die rechte Hand der Kranken, löste den Aermelbund am Hand⸗ gelenk und ſtreifte das Gewand hinauf. Als er eben im Begriff war, einen Schurz aus dem weitfaltigen Aermel zu winden, um den Arm oben zu unterbin⸗ den, bemerkte er im ungewiſſen Zwielicht einige — rothe Striche auf dem höhern Theil des Oberarms. Neugierig ſchob er den Wulſt noch etwas weiter hinauf und erblickte die ſehr künſtlich in das Fleiſch gebeizte Zeichnung einer fliegenden Taube, die einen Oelzweig im Schnabel hielt. Betroffen taumelte der Jude zurück, dies Zeichen ſchien ihm bekannt zu ſein. Zum Glück bemerkte der Grieche die heftige Bewegung des Arztes nicht, der ſich ſogleich mög⸗ lichſt zu faſſen ſuchte, das Kleid wieder raſch über die Figur ſchob, und, obgleich mit zitternden Hän⸗ den, das Band anlegte. Nicht eines Wortes mäch⸗ tig, mußte er ſtumm einige Minuten verziehen, und überſchleierte ſeine große Befangenheit durch Betaſten des Armes. Nichtsdeſtoweniger konnte ſie den Falken⸗ augen des Griechen entgehen. „Ihr ſcheint nicht an das Blutvergießen gewöhnt zu ſein, Don Villegas,“ ſagte er höhniſch lächelnd, „Euch wird ſelber ſchwach, wie ich ſehe, bevor Ihr das blutige Werk beginnt.“ „Es iſt gleich vorüber,“ entgegnete dieſer, froh, daß der Späher die urſache ſeines Schreckens nicht entdeckt,„und hat ſeinen Grund mehr in der Eile, mit welcher ich den langen Weg hierher gemacht.“ 4* = 5— Und ſomit zog er raſch den kleinen ſcharfen Dolch aus ſeinem Gürtel, der zu dieſem Geſchäfte beſtimmt war, und ritzte mit der Spitze deſſelben die aufge⸗ ſchwollne Ader am vollen weißen Arme, daß der heiße ſchäumende Blutſtrahl hoch empor ſprang. Die Fieberkranke fühlte Augenblicks Erleichterung und athmete tief auf, als der Napf bis zur Hälfte gefüllt war, und Villegas die Oeffnung zudrückte und den compreſſen Verband darum legte.„In drei Stun⸗ den werde ich wieder hier ſein, um die Arznei zu pringen,“ wandte er ſich zu dem Kaufmann.„Bis dahin gönnt Eurer Sklavin Ruhe.“ Zu ihr gekehrt ſagte er:„Ich verſpreche Euch eine gute Nacht. Sobald Ihr die Arznei genommen, werdet Ihr ruhig ſchlafen.“ Eine leiſe Kopfbewegung und die Blicke ſeines Auges ſagten ihr aber, daß er in weit kürzerer Zeit zurück ſein werde. Die nun plötzlich mit Gewalt hereinbrechende Nacht verhinderte jede fernere Augenſprache. Der Grieche begleitete den Arzt mit freundlichen Geberden und Worten. „Wenn Euch am Leben der Kranken liegt;“ ſagte Jakob ben Eliah ſchlau,„ſo vermeidet jegliche Störung oder Unruhe. Am beſten, Ihr begebt Euch ſelbſt vom Schiffe hinweg und laßt einen einzi⸗ gen Eurer Leute darauf, der Jedermann den Eintritt in daſſelbe verweigere. Wenn Ihr Euch aber für dieſen Abend zu langweilen fürchtet, ſo könnte ich Euch wohl in gute Geſellſchaft führen. Seid Ihr bekannt in Smyrna?“ „Wie ſollte ich nicht!“ verſetzte der Grieche. „Seit fünfundzwanzig Jahren befahre ich dieſe Meere und durchziehe dieſe Länder, und war jedes Jahr wenigſtens ein Mal in Smyrna. Mancher Handelsfreund lebt mir in dieſer Stadt.“ „So kennt Ihr gewiß auch die vornehmſten Kaufleute meines Volks. Ich will nur David Roſa⸗ nes nennen.“ „Hab' ich doch genug Geſchäfte mit dem Alten gemacht, und bin immer gut mit ihm gefahren.“ „So kommt und nehmt meine Stelle bei ihm als Gaſt ein. Wir feiern das Laubhüttenfeſt und Ihr ſeid willkommen. Ihr werdet viele Freunde beiſammen finden, und es wird Euch nicht an anzie⸗ hender Unterhaltung fehlen. Sobald ich mit der Zubereitung der Arzneien fertig bin, hole ich Euch — bei Roſanes ab, um mit Euch gemeinſchaftlich nach Euerm Schiffe zurückzukehren.“ Der Grieche überlegte einige Augenblicke; doch gewann die Ausſicht auf Unterhaltung im Vergleich mit der Ausſicht auf tödtliche Langeweile auf dem Schiffe, wo er ſich ganz ruhig verhalten ſollte, die Oberhand über alle Bedenklichkeiten; er gab ſeinen Leuten den Befehl, bis zu ſeiner Rückkehr das Schiff zu verlaſſen, außer einem, dem er die tiefſte Ruhe bei ſchwerer Strafe gebot. Dann wandelten beide durch die bereits zur Nacht verdichtete Dämmerung wieder dem Berge zu, von welchem ihnen der viel⸗ bewegte Schein von einer Menge Lichter entgegen⸗ leuchtete. Moncherlei Geſpräch hatte den Weg verkürzt, aber noch waren ſie in einer nicht geringen Ent⸗ fernung von dem grünen Lager, als ſie eine Reihe Fackeln nach den Uferfelſen wanken und unten am Strande des Meerbuſens unter dem Verge ebenfalls Lichter entſtehen ſahen, die ſich in kurzer Zeit ſehr vermehrten und in den ruhigen Gewäſſern widerſpie⸗ gelten. Bald zogen ſich hüpfende Flämmchen von der Höhe des Bergs durch die Felſenſchlucht herab und ſetzten ſich mit dem großen Haufen in Verbin⸗ dung. Der Hauch des Herbſtes, kühl und doch lieb⸗ lich, ſlog vom Meerbuſen herüber, und warf die maleriſch ſich bewegenden Fackellichter bei Seite. Je mehr die Nacht Berge und Meer verhüllte, um deſto glänzender trat das wandelnde Heer der Lich⸗ ter hervor, ein ergreifender Anblick. Der Grieche fragte den Juden verwundert nach der Urſache die⸗ ſer Erſcheinung. „Ich vergaß Euch zu ſagen,“ erwiederte Ville⸗ gas,„daß wir jetzt keinen Eurer Freunde in den Hütten treffen. Sie ſind alle an das Meerufer herabgezogen, um die Vorträge eines jungen Lehrers mit anzuhören, der ſeit einiger Zeit großes Auf⸗ ſehen in Smyrna macht, und, als ein wahres Wun⸗ der in Kenntniß und Erforſchung geheimer Wiſſen⸗ ſchaft, zu großen Dingen auserleſen zu ſein ſcheint. Heute Abend ſpricht er zum erſten Male unter freiem Himmel zum Volke; deßhalb die Menge Lichter, die zum Platze eilen, wo er ſeine Schüler verſammelt hat, und zu welchem uns ebenfalls zu wenden, wir am beſten thun.“ Der Grieche befragte ſich mit der ſeiner Nation —— eigenthümlichen Neugierde nach dem Namen und Stand des jungen Gelehrten, von welchem der Arzt ſo großes Aufhebens machte. „Er iſt der Sohn eines unbemittelten Mannes, der ſich und ſeine Familie lange Zeit kümmerlich genug durch einen Kleinhandel mit Federvieh genährt hat. Wohl mag der Vater mit beſſern Hoffnungen nach Smyrna eingewandert ſein, aber es hat ihm nicht geglückt. Seit einigen Jahren gibt er ſich auch mit Mäklergeſchäften für fremde Kaufleute, vorzüglich für Engländer, ab; doch auch damit ſcheint er kein ſonderlich Glück zu haben. So iſt dieß Wunderkind, das jüngſte von drei Brüdern und einer Schweſter, in Armuth, Dürftigkeit und Ent⸗ behrung aufgewachſen. Deſto mehr geiſtige Schätze ſammelte er, und ſo emſig, daß er noch ſo jung der Reichſte geworden iſt.“ „Den Namen habt Ihr mir noch nicht geſagt.“ „Sabbathai Zewi heißt der Sohn, Mardochai Zewi der Vater.“ „Mardochai Zewi?“ fragte der Grieche auf⸗ merkſam.„Iſt er nicht aus Anaboli in Morea gebürtig?“ „Er iſt ein Moreote, das weiß ich.“ „Seine Frau iſt groß und ſchlank; ihre präch⸗ tigen ſchwarzen Zöpfe reichen bis auf die Erde; ſie hieß die ſchöne Salome. Ihr Vater wurde von einem Türken erſchlagen und all ihr Gut ihnen genommen.“ „Es iſt dieſelbe. Ich bin ihr Hausarzt, und die Frau hat mir ihr Schickſal erzählt. Ihr Mann mußte mit ihr, jenes Streites wegen flüchten, der ſich ihretwegen entſponnen.“ „Ganz recht. Hat ſie Euch keine Namen genannt? War nicht ein Grieche dabei im Spiele?“ „Davon erzählte ſie nichts.“ „Ich glaub' es ſelbſt.— Und der Sohn dieſer Frau iſt der gelehrte Sabbathai?“ „Derſelben. Kennt Ihr ſie, Herr?“ „Nicht näher. Ich habe ſie früher in Anaboli geſehen und von ihrem böſen Geſchick gehört. Und wer hätte ſie nicht bemerken wollen, die zu den ſchönſten Mädchen im Peloponnes gezählt wurde!— Laßt uns eilen; ich möchte auch etwas hören von den Lehren des jungen Mannes!“ Und raſcheren Schritts ſtrebten ſie dem abge⸗ ſchloßnen Platze am Ufer zu, von wo ihnen der Glanz unzähliger Fackeln entgegen leuchtete. Auf einer erhabenen Felſenplatte, deren Fuß die Welle des Meers plätſchernd küßte, ſtand der Jüng⸗ ling, deſſen begeiſtertes Wort tauſende ſeiner Glau⸗ bensgenoſſen hier verſammelt hatte. Dicht um ihn war ein enger Kreis von ſprühenden Fackeln gebil⸗ det, aber ſie überglänzten mit ihrem röthlichen Scheine nur ſein weites, faltiges, ſchneeweißes Gewand, während ſein von ſchwarzen Locken umwall⸗ tes Haupt in Dämmrung und Nacht emporragte. Wenn er ſich eine Zeitlang ſprechend niedergebengt hatte, dann erhob er dieß ſchöne Haupt wieder einige Minuten ſchweigend und wandte es, gleichſam lauſchend, dem Meere zu, ſo daß ſeine Züge unſicht— bar wurden. Da war es, als horche er auf die geheimſten Stimmen der Nacht und des Meers, die von keinem andern Sterblichen vernommen würden, als ließe er ſich neue unerforſchte Geheimniſſe zuflü⸗ ſtern, um dann davon ſeinen Zuhörern kund zu thun, was für ſie verſtändlich und tauglich ſei.— Und iſt denn nicht die Nacht die Mutter aller Geheimniſſe? Aus ihrem unerhellten Schvoße iſt das All hervorgegangen, wie eine Sonnenblume aus der ſchwarzen Erde, wie eine Waſſerlilie aus der dunkeln Meerfluth, und nun erfüllt ſie auch die ver⸗ borgenſten Winkel und Falten der Welt, und wohin niemals ein Lichtſtrahl durchzudringen vermag, da waltet ſie mit nrangeſtammter Heimlichkeit und Macht. Die Geheimniſſe aber— gleich die des Lebens und des Todes— ſcheuen das Licht, in den Tiefen, wo ſich das Leben erzeugt, im Bauche der Erde, wo die Stoffe gähren und ſich ſcheiden, herrſcht die königliche Allmutter, die ernſte Nacht, dort ſitzt ſie emſig ſchaffend, die uralte unentſchleierte Göttin, am Webſtuhle, Schleier webend für das ſterbliche Auge, in welche ſie geheimnißvolle Hieroglyphen ſtickt. Dabei ſingt und ſurrt ſie wunderbare Lieder, in deuen ſie die Hieroglyphenſchrift erklärt, die Geheimniſſe ausſpricht, und wem's gegeben war, dieſe Lieder zu verſtehen, dieſe Töne zu deuten, dem werden ſich die Geheimniſſe bald in ſüßen, bald in qualvollen Ahnungen erſchließen. Das älteſte Kind der Nacht iſt das Meer. Ihm hat es die Gabe — 66 aufgeerbt, die Geheimniſſe der Welt zu erlauſchen, ihm hat es die älteſten und heiligſten in den tiefen unergründlichen Schooß geſenkt; da liegen ſie ſtill webend im kryſtallnen Schloß, und die Waſſer fluthen darüber als Hüter und Wächter des ihnen anver⸗ trauten Schatzes. Von den Bergen herab durch die Länder und Stiädte ſtürzen die Quellen und bringen alle Kunde dem Vater Ocean, was ſie in der Gebirge Bauch geſehen und gehört, was ſie auf Bergeshöhn erfahren, was ſie in den Städten erlebt, Alles, Alles muß er wiſſen, der die Welt umſpannt. Wenn nun die Nacht ſich auf ihn niederſenkt und ſich mit ihm vermählt, dann tauſchen ſie im vertraulichen Gekoſe ihre Erfahrungen aus, und das Meer ſtimmt ſeine Wellenharfe und begleitet den heiligen Geſang ſeiner Mutter und Gattin. Das ſind die Töne, die über die Waſſerwüſte fliegen in der Mitternachts⸗ ſtunde, das iſt das leiſe Plätſchern der Wellen am Ufer. Der Menſch ſoll nichts hören und erfahren, von dem ernſten Brautlied; es taugt nicht für ſeine Ohren; darum ward ihm der Schlaf zur Nachtzeit geſetzt, ein mächtiger Tyrann, der bindet ihn und hält ihn gefangen und drückt ihn nieder; nur zuwei⸗ — 61— len läßt er ihn durch den Zauberſpiegel des Traums eins der Geheimniſſe in bunten phantaſtiſchen Bildern ſchauen. Aber es ſoll auch Einzelne geben, Bevor⸗ zugte, Geheiligte, über die der Schlaf keine Macht hat, die die Mutter Nacht freigegeben von ſeiner Gewalt, damit ſie wachenden Augs in den Buſen ſchauen, an welchen ſie ſie gezogen, wachenden Ohrs die Stimmen vernehmen und deuten lernen, die durch das verhüllte Meer klingen, und ſie ſo allmä⸗ lig eingeweiht werden in ein Geheimniß ums andre. Man ſagte, daß Sabbathai Zewi nicht ſchlafe, wenigſtens nie zur Zeit der Mitternacht. Zu dieſer Stunde war er ſtets abweſend in ſeines Vaters Hauſe und man wollte ihn dann zuweilen einſam am ufer des Meers wandeln, auch wohl in demſel⸗ ben baden geſehen und ſeltſame Worte, auch Geſänge von ſeinen Lippen gehört haben. Verſpätete Schiffer waren von ſeinem blendend weißen Leibe erſchreckt worden, wenn er in dieſer ſchauerlichen Stunde plötzlich vor ihren Augen aus den Wellen aufge⸗ taucht war, und es hatten ſich ſchon mancherlei wunderliche Gerüchte über ihn verbreitet. Die Engel der Nacht und des Meers, hieß es, unterrichteten — 6 ihn dort in den tiefſten Geheimniſſen der Kabbalah, und deßhalb habe er keines menſchlichen Lehrers bedurft, und es doch weiter gebracht in der Wiſſen⸗ ſchaft aller Wiſſenſchaften, als je ein Chacham oder Rabbi. Es ſchien dieſe Gerüchte zu beſtätigen, daß Sabbathai zu nächtlicher Weile einen vom Meer beſpülten Stein zum Lehrſtuhl gewählt und ſeine Schüler am Ufer verſammelt hatte. Tiefe Stille herrſchte ringsumher, und der eintönige Laut des Nachtwindes, vereint mit dem Klange der Wellen, die ſich am Ufer brachen, waren, wenn Sabbathai ſchwieg, faſt die einzigen Laute, die vernommen wurden, und die über den Fackelſchein nur düſter ergrollende Nacht und der dunkle geheimnißvolle Waſſerſpiegel, über den einzelne Lichtſtrahlen leiſe hinzuckten, erfüllten das Herz der Hörer mit ſtillen Schauern. Die meiſten derſelben waren tiefverhüllt, theils um ſich vor der feuchten Nachtluft zu ſchützen, theils um nicht erkannt zu werden. Sabbathai ſchwebte wie ein ſegnender Engel über der Menge, und die hohe edle Schönheit ſeiner Geſtalt, die milde Heiligkeit ſeiner Züge, ſein begeiſtert ſtrahlen⸗ des Auge, ſein ſchwanenweißes Kleid„das wie Flü⸗ — gel um ihn flatterte, waren lauter Attribute, mit denen man die Engel auszuſtatten pflegte. Vielleicht waren ſeine ſchönen Worte noch mehr geeignet, einen ſolchen Wahn zu beſtärken: „Vevor der Pulsſchlag der Schöpfung durch den endloſen Raum zitterte, wie ein heißer Wind über den Sand der Wüſte fährt, war Gott allein von Urewigkeit, die keinen Anfang hat, ein Licht⸗ ſtrom, klar und prächtig, end- und ſchrankenlos, wie der Raum, den er erfüllte; er war die Urquelle alles Lichts, alles Seins und Werdens, alles Geiſtes und Lebens, der in ſich verſchloßne Born der künf⸗ tigen Welten, in ihm lag Alles, was werden ſollte, er war der Urälteſte in der verborgenſten Verborgen⸗ heit ſeines Weſens. Und der unendliche Gott dachte, endliche Dinge zu ſchaffen, nicht um ſein eigent⸗ liches Weſen zu offenbaren, welches allen Geſchöpfen, ſelbſt den allerheiligſten verborgen bleibt, ſondern ſeine über Alles erhabnen Eigenſchaften thätig zu zeigen. Aber jeder Gedanke Gottes wird zu That und Werk, und ſein erſter auf die Schöpfung der Welt gerichteter Gedanke wurde der Logos, das geſchaffne Wort Memra, die Weisheit des Perrn die Urkraft der Zeugung und der Empfängniß, oder Vater und Mutter in Vereinigung. Dieſer erſte Ausfluß aus der Gottheit iſt die Idealwelt, das Vorbild, nach welchem die Körperwelt ſpäter geſchaf⸗ fen wurde, es iſt der Urmenſch, jener Adam Kad⸗ mon, den der göttliche Seher Ezechiel auf dem ſapphirnen Thronwagen über dem Himmel ſah. Donnernd ſchallte das geſchaffne Wort, das nun wieder ſchaffen ſollte, durch die Unendlichkeit des Raums, und ſein göttlicher Name war Jah, wie Jeſaias bezeugt: durch Jah ward Gott Schöpfer der Welten. Die Gotteskraft dieſes Erſtgebornen der Gottheit reicht in alle Grade des Lichts, in alle Stufen der Geiſter, und in alle Arten des Lebens von dem Reinſten und Höchſten bis zum und Niedrigſten. „Mit dieſem Gedanken zog ſich Gott in ſich ſelbſt zurück, damit er Raum gewinne für die Welt. Wie nun das Licht zuſammenfluthete, hinterließ es zu allen Seiten Spuren ſeines Weſens, wie die kreis⸗ förmigen Wellen auf der Oberfläche eines ſtillen Waſſers, wenn man einen Stein hineinwirft. So wie dieſe Wellen, je weiter ſie von der Stelle, wo — 65— der Stein in das Waſſer fiel, allmälig ſich verlieren, eben ſo jene Spuren des Zurückziehens des Urwe⸗ ſens, die ſich um ſo mehr der Natur ihrer Urquelle nähern, je weniger ſie im Raume ſich davon ent⸗ fernen, und um ſo mehr ſich davon entfernen, je weniger nahe ſie der Urquelle ſind. „Dieſe Lichtkreiſe, von Gott auswallend in den unendlichen Raum hinaus, ſind die göttlichen Sephi⸗ roth, zehn an der Zahl. Die drei erſten um den in ſeine eigne Weſenheit ſich zurück gezogenen Gott Wdem Enſoph, der als Lichtborn in der Mitte erhaben und gleich nach allen Seiten überwallend) geſchlungnen Kreiſe bilden zuſammen das ſchaffende Weſen in Gott, die Memra oder den Logos, ſie ſind vereint in Adam Kadmon und doch einander unter⸗ than. Die oberſte Kraft iſt die Krone, die zweite die Weisheit, die dritte der Verſtand. Dieß ſind die drei oberſten Sephiroth. Ihnen untergeben ſind ſieben andre: die Gnade, die Stärke, die Schönheit, die Ewigkeit, die Majeſtät, der Urgrund und die Macht. Die Fülle des Lichts ruht in den drei oberſten, und von da ſtrömt es ſeine Strahlen auf die andern aus. Und als ſie nun ihre leuchtenden, flammenden I. 5 — Kreiſe ſchlugen um den Urborn des Lebens, über⸗ ſtrömend von dem aus ihm auf ſie hervorbrechenden Glanze, da erfüllte den Raum die urheilige Zahl Zehne mit Donnerſchall. Nach der Zahl Zehne wurde die Welt geſchaffen, und wie zehn lichte Sephi⸗ roth ihre flammenden Kreisbahnen um Gott ziehn, ſo wurden zehn Gebote das Urgeſetz der Welt, ſo gab ſich Gott zehn herrliche Namen, ſo entſtanden im Himmel zehn Engelorden, ſo beſteht der Menſch aus zehn Haupttheilen, ſo ſind uns zehn Finger an die Hände, zehn Zehen an die Füße gegeben, damit wir ſtets eingedenk ſein ſollen des erſten Schöpfungs⸗ gedankens Gottes. Und wie die Sephiroth ſich thei⸗ len in drei obere und ſieben untere, ſo theilt ſich die heilige Zahl Drei und Sieben. Drei iſt die heiligſte und im Dreieck wird die Gottheit ſelbſt dargeſtellt. Drei Himmel gibt's und ſieben Planeten; aus drei Theilen beſteht der Menſch, aus Geiſt, Seele und Körper, und ſieben Tage bilden den Kreislauf der Woche. „Die Sephiroth ſind Ausflüſſe des Enſoph und ſtehen durch Kanäle mit ihm in Verbindung, wodurch die ewigen Ausflüſſe der Gottheit vom höchſten S Weſen bis zum niedrigſten Geſchöpfe der unterſten Welt herabgeführt werden. Dieſe Kanäle leiten die Wirkung der erſten Urſache durch die ganze Schöpfung und vereinigen ſie zu einem regelmäßigen Ganzen, im Zuſammenhange mit allen Weſen in der geſamm⸗ ten Natur. Vom unendlichen Weſen Enſoph geſche⸗ hen die Ausflüſſe in die obern drei Sephiroth durch zwei und zwanzig Kanäle, nach der Zahl der hebräi⸗ ſchen Buchſtaben. Von der oberſten Sephirah, der Krone, gehen drei Kanäle aus; der auf der rechten Seite führt zur zweiten Sephirah, der Weisheit, der auf der linken Seite zur dritten Sephirah, dem Verſtande, der mittlere zur vierten, der Gnade. Unter der Krone liegt die Welt in ihrem urbilde, die von Gott gedachte Idealwelt, die Memra oder der Logos, der Adam Kadmon, von dem ich ſchon vorhin ſprach. Der vierte Kanal fließt zwiſchen der zweiten und dritten Sephirah und iſt beiden gemein. An demſelben befinden ſich zwei und dreißig Wege der Weisheit und funfzig Pforten des Verſtandes. Dieſe Wege und Pforten ſind aber mit Hinderniſſen und Schwierigkeiten, Hülſen genannt, umgeben, welche nur durch vielfache ſtrenge Vorbereitungen 5* — 5— und Kämpfe, beſonders durch Abtödtung des Flei⸗ ſches, durch die ſtrengſte Enthaltſamkeit aller ſinn⸗ lichen Genüſſe zugänglich gemacht werden können. Zwar kann man es durch unabläſſige Strenge gegen ſich ſelbſt weit bringen, aber bis zur funfzigſten Pforte hat es noch kein Menſch gebracht. Selbſt Moſes konnte nur bis zur neun und vierzigſten gelangen, Joſua aber nur zur acht und vierzigſten, ja ſogar König Salomon als der weiſeſte aller Men⸗ ſchen, konnte die funfzigſte Pforte nicht erreichen. „Die zehn Sephiroth bilden zugleich vier Welten in verſchiedenen Abſtufungen; ihre lichtflammende Kraft wirkt in allen dieſen Welten, von der ober⸗ ſten bis zur unterſten, doch in einem abnehmenden Grade, wie dieß Fackellicht auf das Meer je weiter je ſchwächer ſtrömt, bis es in Dämmrung und Nacht verſchwindet. Dieſe vier Welten ſind eben ſo viele Stufen des Geiſtes, Lichtes und Lebens, in allmälig abſteigender gröberer Bekleidung oder Verkörperung. Die vier Welten heißen von oben herab: Azilah, Beriah, Jezirah und Aſſiah. Die azilatiſche oder ausgeſtrömte Welt, als die nächſte zur Gott⸗ heit, enthält die zehn Sephiroth in der höchſten — Potenz, d. h. in ihrer ganzen flammenden Lichtkraft, und iſt daher unmittelbar an das unausſprechliche Weſen Gottes angränzend und unmittelbar aus ihm ausgeſtrömt. Sie iſt die höchſte und vollkommenſte Offenbarung Gottes, ohne Mangel, Veränderung und Wechſel, ſondern ſich immer gleichbleibend, und heißt darum die edelſte Welt, weil die in ihr ent⸗ haltenen Weſen unmittelbare Ausflüſſe des Adam Kadmon vder des Logos, und daher gleicher Natur mit ihm ſind.— Die beriatiſche oder erſchaffne Welt iſt der nächſte Ausfluß der azilatiſchen. Die zehn Sephiroth walten in ihr in verminderter Potenz, ihre Lichtſtrahlen ſind ſchon gedämpfter; ſie iſt nied⸗ rer und beſchränkter als jene. Doch ſind die Weſen und Subſtanzen, welche ſie in ſich begreift, noch immer ohne alle Materie und rein geiſtiger Art. Nur ſind ſie nicht durch und durch Licht, und ſo wie ſie ihre Quelle in der azilatiſchen Welt haben, ſo ſind ſie wieder die Quelle der folgenden unteren und geringern Welten.— Die jeziratiſche, geformte oder gebildete Welt iſt der nächſte Ausfluß aus der beriatiſchen. Ihre Weſen und Subſtanzen unterliegen ſchon der Individualität, aber aus Mate⸗ — rie, nach unſerm Begriffe, beſtehen ſie noch nicht. Das Licht ihrer Sephiroth iſt ſchon mit Dämmrung vermiſcht und mit einem Anflug von Stoff getränkt. Sie iſt die Welt der Engel, der verſtändigen und zugleich unkörperlichen Weſen, die mit einer leuchten⸗ den Bekleidung oder Hülle umgeben ſind, und, wenn ſie dem Menſchen erſcheinen, eine noch mehr von Stof⸗ fen geſättigte und verdichtete Geſtalt annehmen.— Die aſſiatiſche oder gemachte Welt beſteht aus den gröbſten Theilen der drei oberen Welten, aus dem Niederſchlag derſelben, der ſich ſeiner materia⸗ liſtiſchen Schwere wegen in dieſe untre Welt herab⸗ geſenkt hat. Ihre Weſen und Subſtanzen beſtehen aus einer in Räumen beſchränkten Materie, die für ihre gröbern Sinnen unter den verſchiedenſten For⸗ men wahrnehmbar ſind, und einem unaufhörlichen Wechſel und einer immerwährenden Unbeſtändigkeit des Entſtehens und Vergehens, des Zu⸗ und Abneh⸗ mens und allmäliger Umformung unterliegen. Dieß iſt die Welt der Geburt und des Todes, des Scheins und Trugs. Die Nacht kämpft in ihr mit dem letz⸗ ten Licht, ſie beſiegt dasſelbe und verdichtet es zum groben Stoffe, der die Materie ausmacht. Darum —— iſt alles Weſen hier in Nacht gehüllt und aus ihrem Geſchöpf, der Materie, muß man die in ihr gefan⸗ genen letzten Lichtſtrahlen der Gottheit ſchöpfen, um weiter zu dringen in die höhern Lichtwelten. Aus jener Zuſammenſetzung iſt es auch zu erklären, daß in dieſer unterſten Welt nichts Einfaches und Untheil⸗ bares beſteht, ſondern lauter Zuſammenſetzungen, die ſich jeden Augenblick im Innern und Aeußern umgeſtalten.— „Die azilatiſche Velt, als ein reiner Ausfluß des Urweſens, bei dem keine Theilung ſtattfindet, hat weder Subjectivität noch Individualität; ſie iſt der reinſte, lichteſte Ausdruck Gottes, und Weſen ſind in ihr nicht und können nicht in ihr ſein. In der beriatiſchen Welt findet zwar keine Individualität, aber doch Subjektivität ſtatt, und darin weben und fluthen die reinſten, dem göttlichen Weſen am näch⸗ ſten kommenden Geiſter, die Lichtweſen ohne Stoff und Form, die immer Lebenden, die unendlich Herr⸗ lichen, gleich unanſchaubar und undenkbar, wie Gott ſelbſt. Die Geſchöpfe der jeziratiſchen Welt haben Individualität und Subjectivität, aber noch keine grobe Materie, ſie ſind die Engel und Dämonen unter verſchiedener Geſtalt und Rangordnung, welche die Himmelskörper, die Elemente und Naturkräfte regieren. Sie ſind die Diener des Herrn und Poll⸗ zieher ſeines Willens, ſie erhalten die Erde im Gange und jede Kraft der Natur in Thätigkeit. Die aſſiatiſche Welt, die entfernteſte vom Urweſen, iſt mit den verſchiedenſten Thieren, als dem letzten geiſtigen Ausfluſſe, mit den Menſchen, aber auch noch mit andern materiellen Geiſtern bevölkert, die, weniger fein als reine Geiſter, und weniger grob als eigentliche Materie, nur die Hülſen oder das abgefallene gröbere Weſen der höhern Ausflüſſe und von ihrer materiellen Schwere bis zur tiefſten Tiefe herabgezogen worden ſind. Dieſe beſtreben ſich zu den höhern Geiſtern ſich aufzuſchwingen und ſich an dieſelben anzuſchließen oder die reinen Geiſter zu ſich herabzuziehen in ihre eigne Unreinigkeit. Die ganze untre Welt iſt mit ihnen angefüllt. „Dies iſt die Ausſtrömung der Welten und ihrer Geſchöpfe aus Gott; das iſt das erſte Kapitel der hochheiligen Weisheit vom Urgrund aller Dinge. Da nun die Mitternachtsſtunde herangenaht iſt, und ich ſeit lange gewohnt bin, dieſelbe im Gebet zu —— vollbringen, ſo ſchließe ich heute die Lehre, um morgen darin fortzufahren. Wer aber mit mir nach den Pforten des Verſtandes dringen, und eine um die andre erreichen will, ſo weit unſre Kräfte gehen, um immer mehr Licht zu erlangen, der verhülle ſich mit mir in die Nacht; denn nur durch Nacht ſtrebt man zum Licht! Der tauche ſeine Glieder mit mir in die heilige Meerfluth, um reiner und beſſer daraus hervorzugehen, der faſte und bete mit mir, daß er geſchickt werde zum höchſten Werke. Auf euch Alle aber ſenke ich die Schechina, die leuchtende Herr⸗ lichkeit des Herrn, die jetzt noch gefangene oberſte Mutter, wie ſie Ezechiel frei ſah im göttlichen Geſichte!“ Der begeiſterte Redner ſchwieg, indem er ſeine Hand ſegnend über das Volk ausbreitete, ſein Auge ſenkte ſich, er ſtieg von der Felſenplatte; ſeine getreueſten Anhänger und Schüler drängten ſich um ihn, um den Platz mit ihm zu verlaſſen und nach ſeinem Willen zu thun. Kein Fackelſchein begleitete ihren Weg. Als Sabbathai an einem Baume vor⸗ überſchritt, der ſeine Zweige dem Meere entgegen ſenkte, gewahrte er zwei tiefverhüllte Geſtalten an —— den Stamm desſelben gelehnt und hörte plötzlich eine weibliche Stimme raſch flüſtern:„Da iſt er!“ Sein Blick traf in leuchtende Augen, er glaubte die hohen herrlichen Jungfrauen wieder zu erkennen, deren Anblick auf der Höhe des Felſens ihn heute ſchon ſeltſam überraſcht hatte. Einen Augenblick ſtand er, wie angefeſſelt, doch die Fackeln zogen ab, die beiden Geſtalten, die ſeine Aufmerkſamkeit in ſo hohem Grade erregt, verſchwanden in Nacht und Ferne, und lange noch ſtarrte der Jüngling dem Lichtſtrahle nach, der ihren Pfad bezeichnete. Vom Arzt Jakob ben Eliah und deſſen Diener — der die vorleuchtende Fackel und die Arznei für die Kranke trug— begleitet, ſchritt der Grieche, von ſeinen jüdiſchen Handelsfreunden als ein allbe⸗ kannter ſpeculativer Kaufmann, Namens Philippos Zadukkis, begrüßt und eingeladen, ſtumm und in ſich gekehrt, nach dem Hafen zurück, um die unterdeſſen bereiteten Medikamente bei ſeiner Sklavin anwenden zu laſſen. Auf Villegas wortreiche Fragen, wie ihm der junge Lehrer und ſein Vortrag gefallen, gab Zadukkis allerdings ſeinen vollen Beifall zu erken⸗ nen, aber nur mit kargen Worten. Ein mächtiges Gefühl ſchien ſein Herz zu bewegen, aber ſeine Lippen zu verſchließen. Und ſo langten ſie unter dem alleinigen Geſpräch des Juden wieder im Hafen an. Lautlos und friedlich lag die Nacht auf dem Waſſer, kein Lüftchen regte ſich mehr. Der vom ufer losgebundene Kahn trug ſie nach wenigen Ruderſchlägen an das Schiff. Sie ſtiegen hinein. „Der Schurke ſchläft!“ ſagte der Grieche ärger⸗ lich, als ihm der Wächter nicht entgegen kam. „Sprecht nicht zu laut und tretet leiſe auf,“ ermahnte der Arzt.„Vielleicht genießt die Kranke auch eines ſüßen Schlafs, und der wirkt heilſamer als alle Arznei.“ Auf den Zehen ſchlichen ſie hinein. Zadukkis hatte dem Diener die Fackel abgenommen und leuch⸗ tete in alle Ecken, aber nirgend war ein menſch⸗ liches Weſen zu ſehen. „Er wird doch nicht etwa—“ murmelte der Grieche, in plötzlichen Zorn aufglühend und ſchritt raſch auf die Kajüte zu, riß die Thüre auf und — ſtand ſprachlos vor— dem leeren Lager ſeiner kran⸗ ken Sklavin. „Was iſt das?“ rief der Jude maulfertiger. „Die Stätte iſt leer, der Wächter iſt fort, beim Gott meiner Väter! Eure Sklavin iſt mit ihrem Wächter davon geflohen.“ Da löſete ſich das ſtarre Entſetzen des Griechen in einem Ausbruche der wildeſten Wuth. Wie ein Raſender warf er ſich zu Boden, raufte ſich das Haar und heulte und ſchrie jämmerlich dazu. Mit ſeinen Nägeln krallte er ſich in den Fußboden und eine Fluth gräßlicher Flüche und Verwünſchungen ſtrömte von ſeinen ſchäumenden Lippen. Jakob ben Eliah wollte erſchrocken einige Troſtgründe vorbrin⸗ gen, aber nun richtete ſich die Wuth des Griechen gegen ihn.„Hund von einem Juden,“ ſchrie er fürchterlich,„du haſt mich verleitet, das Schiff zu verlaſſen, du haſt mich beſchwatzt; du biſt der Ver⸗ bündete der treuloſen Schurken, und dich treffe meine Rache!“ Mit dieſen Worten wollte er den Arzt faſſen, aber die natürliche Behendigkeit desſel⸗ ben, durch Angſt und Schrecken noch vermehrt, ent⸗ zog ihn den Händen des tobenden Mannes. Auch kamen ihm die Nacht, die ſeinen eiligen Rückzug in das Boot verhüllte, und die Entſchloſſenheit ſeines Dieners, der die für die Kranke beſtimmte Arznei dem Griechen ins Geſicht warf, ſehr zu Statten. Die narkotiſchen Dünſte der ihres Bannes entledig⸗ ten Flüßigkeit raubte dem Verfolger eine Zeitlang den freien Gebrauch ſeiner Sinne, und als er wieder ſehen und hören konnte, war der pfiffige Arzt mit ſeinem verſchmitzten Diener ſchon am Ufer. Ville⸗ gas drückte ſeinen ſpöttiſch verzognen Mund in den mächtigen grauen Bart und murmelte:„der Streich iſt glücklich gelungen; Herr, Herr Gott ſei geprie⸗ ſen!“ Und freudigen Schritts dahin wandelnd war er in ein eifriges Selbſtgeſpräch gekommen, aus dem ihn der Diener mit dem Zuruf riß:„Rabbi, das Schiff des Griechen brennt!“ Villegas ſah ſich beſtürzt um; aus dem Schiffe, das er ſo eben ver⸗ laſſen, ſchlugen hohe Flammen und erhellten das Becken des Hafens. „Hat der dumme Menſch doch die Fackel am Bette niedergeworfen und nicht wieder aufgehoben,“ fuhr der Diener fort.„Die hat gezündet und das —— ganze Schiff in Brand geſteckt. Die Hand des Herrn iſt über dem böſen Gvi.“ Jetzt wurde es lebendig im Hafen. Ein Kanv⸗ nenſchuß krachte über dem Waſſerſpiegel hin, ein zweiter und dritter folgten. Die Nothſignale weckten Menſchenſtimmen; Hülfsgeſchrei ertönte von allen Seiten, aber die Flammen fuhren knatternd an den Maſten empor und verſchlangen gierig die getheerten Segel als willkommne Beute. Villegas floh, wie von geheimer Angſt getrieben, den Berg hinauf und wagte nicht mehr, das Haupt zu wenden. Nur der erſte und letzte Tag des Laubhüttenfeſtes wurden ganz heilig gehalten, an den übrigen betrieb man manches Geſchäft, wenn auch nicht mit dem Eifer der Werkeltage; meiſt benutzte man ſie zum Abſchluſſe großer Käufe der eingeernteten Waaren. Als daher am zweiten Tage der große Umzug und das Gebet gehalten waren, zerſtreueten ſich theils die Männer, um ihrem Geſchäft nachzugehen, theils traten ſie zuſammen, um ſich über Handelsangele⸗ genheiten zu beſprechen. Vor und in Roſanes — 79— prächtigem Gezelte war die größte Verſammlung und der Hauptgegenſtand ihrer Unterhaltung das in der verwichnen Nacht verbrannte Schiff des Griechen, von dem gar nichts hatte gerettet werden können. Der Name Zadukkis' flog von Mund zu Munde; viele der anweſenden Juden hatten ihn Abends am Meerufer bei Sabbathais Vortrage geſehen und geſprochen. Manche wollten wiſſen, es ſei ein beträchtlicher nach Trieſt beſtimmter Waarenvorrath auf dem Schiffe geweſen. Mitten im Geſpräche darüber begriffen, ſahen die jüdiſchen Kaufleute den Griechen auf ſich zu kommen. Er ſah bleich und verſtört aus, ſeine Kleider hingen zerfetzt und unor⸗ dentlich um ihn. Er fragte nach Roſanes, und der Alte faßte den Unglücklichen mitleidig bei der Hand, und führte ihn in das Innere ſeiner Hütte, wo Thamars reine Hand ordnend waltete. Es ward Zadukkis vergönnt, ſie in der vollen Pracht ihrer Schönheit zu ſehen; denn ihre Dienerinnen waren eben um ſie verſammelt, ihr das köſtliche Haar zu ſtrählen, und das Auge des Griechen, obgleich vom Unglück getrübt, hing doch bewundernd an ihren ungewöhnlichen Reizen. — 6— „Ihr ſeid ein glücklicher Mann,“ redete Zaduk⸗ kis zu Roſanes,„Ihr habt Mittel und Reichthümer, ein großes Geſchäft zu betreiben, doch der koſtbarſte Schatz Eures Hauſes iſt Eure Tochter, ein ſtrah⸗ lender Diamant. Wohl Euch, Don Roſanes! und wehe mir, der ich in der letzten Nacht alle meine Habe und meinen beſten Schatz, meine Tochter, verloren habe.“ „Iſt Euch eine Tochter mit auf dem Schiffe verbrannt?“ rief Roſanes beſtürzt, und die ſchönen Augen ſeines Kindes hingen ängſtlich fragend an den Zügen des Griechen. „Nicht verbrannt iſt ſie, ſondern geſtohlen von einem ſchändlichen Räuber. Sie lag ſchwer krank darnieder, und iſt gewaltſam entführt worden.“ „Man ſagte mir geſtern, daß die Kranke auf Euerm Schiffe Eure Sklavin ſei.“ „Ich gab ſie bei dem Arzte dafür aus, um ihre Heilung billiger zu haben. Aber ſie iſt in Wahrheit meine Tochter. Ihr Verluſt machte mich wahn⸗ ſinnig, als ich in der Nacht von Euch heimkehrte, und ich kam nicht eher zur Beſinnung, als bis mir das Schiff über dem Kopfe brannte, da ſtürzte ich — 8— mich ins Meer und ſchwamm ans Ufer, das ich als ein ganz armer Mann betrat. Ich habe außer meiner Tochter zwanzigtauſend Piaſter verloren, und ſtehe als ein Bettler vor Euch.“ Thamars Augen hatten ſich mit Thränen gefüllt; ſie nahete ſich leiſe ihrem Vater und flüſterte ihm flehend zu:„Gebt ihm mein Erſpartes und meinen Schmuck dazu. Ihr habt noch eine Tochter, die Euch liebt; er nicht.“ Roſanes drückte ihr gerührt die Hand, dann wandte er ſich zu Zadukkis:„Eure Tochter kann ich Euch nicht wieder geben, aber da ſie nicht ver⸗ brannt iſt, ſo habt Ihr immer noch Hoffnung, ſie wieder zu finden, und ihrem Entführer zu entreißen. Was Euer verlornes Gut betrifft, ſo erlaubt mir, Euch wieder zu einem Anfang zu verhelfen. Meine Tochter hat Euch bereits ein kleines Kapital beſtimmt, ich lege dazu, und die reichern meiner Glaubens⸗ brüder werden ſich von einer guten Beiſtener nicht losſagen.“ Der Grieche nahete ſich dankend der reizenden Jungfrau und ergriff, ſich tief beugend, ihr weites Gewand, um auf den Saum deſſelben einen Kuß zu I. 6 —8— preſſen. Während er ſprach, wühlte ſein Auge gierig in ihren Reizen und ein unheimliches Feuer leuchtete daraus hervor. Roſanes verkehrte mit ſeinen verſammelten Freun⸗ den, und in kurzer Zeit hatten die Juden für den Chriſten eine anſehnliche Summe zuſammengeſchoſ⸗ ſen; und man verabredete ſich, ſie ihm am folgen⸗ den Tage zu überreichen. Zadukkis fand dadurch Gelegenheit, von Hütte zu Hütte zu gehen, unter dem PVorwande, ſeinen Dank abzuſtatten, und verfehlte nicht, mit Adleraugen alle Winkel zu durchmuſtern. Als am Abend dieſes Tages das jüdiſche Volk wieder zu Sabbathai Zewi's Lehrplatz ſtrömte, ſchlich der Grieche nach der Stadt hinab und trat in einer der engen bergigen Gaſſen des Judenviertels in ein dürftiges Haus. Eine Frau empfing ihn an der Schwelle mit den Worten:„Seid Ihr der Fremd⸗ ling, der mir heute ſagen ließ, daß er dieſen Abend nothwendig mit mir zu ſprechen habe?“ „Ich bins,“ verſetzte Zadukkis mit bebender Stimme.„Führt mich an einen Ort, Frau, wo ich mich ungeſtört Euch mittheilen kann.“ 1 „Meine Söhne ſind in den Laubhütten und meinen Mann halten ſeine Geſchäfte noch auswärts. Doch kehrte er auch zurück und fände Euch hier, was könntet Ihr mir zu ſagen haben, das er nicht wiſſen dürfte?“ „Salome,“ verſetzte der Grieche darauf,„ſollteſt du den dir ſonſt angenehmen Ton meiner Stimme ſo ganz vergeſſen, ſollten ſich meine Züge ſo ganz ver⸗ ändert haben, ſo wirſt du der grünen Thäler Moreas doch noch gedenken und eines Jünglings, der mit dir im Mondſcheine darin wandelte, und der im Begriff ſtand, dir ſogar ſeinen Glauben zu opfern. Der Himmel hat mich behütet, daß ich noch Chriſt bin, aber dein Bild iſt mir eben ſo feſt im Herzen geblieben, wie das der heiligen Jungfrau.“ „Philippos!“ rief die Frau überraſcht.„Seid Ihr es wirklich? Ja, es iſt noch der Ton Eurer Stimme. Nach fünfundzwanzig ſchweren Leidens⸗ jahren muß ich Euch wieder ſehen!“ „Und ich war unterdeſſen ſo oft in Smyrna, ohne nur zu ahnen, daß du in dieſer Stadt wohn⸗ teſt, du, die ich im fernen Perſerreiche auf verſchie⸗ denen Reiſen geſucht, als noch die friſche Kraft der — 8— Jugend mir die Adern und heißes Verlangen nach dir mir das Herz ſchwellte.“ „Es iſt gut, Philippos, daß du nicht geahneh ich ſei dir ſo nahe; die ſchwererrungene, mühſam behauptete Ruhe meines Herzens wäre dann für ewig verloren geweſen. Das Weib eines Inden konnte, durfte dir nie angehören; mein Glaube, ſo wie der deinige verdammen einen ſolchen Schritt gleich ſtark, unſere eigenen Herzen hätten ihn ver⸗ dammt; ich war auch Mutter. Und doch, ich fühle es jetzt noch, hätte ich dir ſchwerlich widerſtehen können. So haben mich Gottes Engel vor dir verborgen.“ „Und was hielt dich ab, nach Perſien zu gehen, woher deine Väter waren, die, wie mir oft erzählt worden, von jenen Fürſten der Gefangenſchaft dort ſtammten, die Davids Geſchlecht noch fortführen ſollen? Dort hätteſt du doch gewiß Reichthümer und Ehren gefunden; denn an Ort und Stelle hab', ich erkundet, daß alle Nachkommen jener Fürſten ſehr hoch von den Juden gehalten werden, und ihrer ſind noch viele.“ „Wir waren im Beſitz nur ſehr geringer Mittel, — 85— als wir nach jenen unſeligen Ereigniſſen Anaboli verlaſſen mußten, und langten mit genauer Koth hier an. Mardochai, mein Gatte, ſuchte hier Hülfe bei unſern Glaubensgenoſſen, aber ſie war nur ſpär⸗ lich; man kannte ihn nicht. Ich aber erkrankte, von all zu vielen Schlägen des Schickſals getroffen, und lag lange Zeit hart und ſchwer darnieder, bis ich eines Söhnleins genaß. In dieſer drangvollen böſen Zeit lernte ich meinen Mann lieben und ſchätzen, da ich ihn mit unermüdeter Thätigkeit ſelbſt die gemeinſten Arbeiten verrichten ſah, um unſern Unterhalt zu erwerben. Als ich wieder genaß, hatte er Bekannte und Freunde hier gefunden, und nährte ſich, wenn auch kümmerlich, von einem Handel mit Federvieh. Doch zogen wir dieſe kleine ſichre Exi⸗ ſtenz einer ungewiſſen größern vor. Die Reiſe nach Perſien war ſehr weit und höchſt beſchwerlich, und ich immerfort ſo ſchwächlicher Natur, daß wir einen Rückfall in die Krankheit hätten befürchten müſſen, wenn wir ſie dennoch angetreten hätten. Wir blieben alſo, richteten uns hier immer mehr häuslich ein, und lebten in Armuth und Verbor⸗ genheit.“ — S— „Und haſt du meiner vergeſſen, meiner, der ich die Länder Aſiens durchſtreift bin, um eine Spur von dir aufzufinden?“ „Ich dein vergeſſen! Vor mir ſtand ſters ein Engel, der mir dein Bild entgegenhielt, ich glaube, es war der Engel der Liebe. Aber ich hatte die große Liebe meines Mannes zu mir erkannt, und ſein Fleiß, ſeine Zärtlichkeit bewirkten, daß ich ihm von Jahr zu Jahr gewogner wurde. Gott gab uns Kinder und ſtille Freuden, und ſo heilte allmälig die Wunde, die mir ein ſtrenges Schickſal geſchlagen.“ „Ich habe einen von deinen Söhnen geſehen und bewundert, dieſen jungen begeiſterten Lehrer eures Glaubens. Er iſt dein Ebenbild, Salome. Sein Anblick erinnerte mich lebendig an deine Jugend⸗ ſchönheit.“ „Sabbathai iſt mein Stolz und die Hoffnung meines Lebens. Er wird mich entſchädigen für die großen Verluſte, die ich erlitten. Mir träumte, als ich mit ihm ſchwanger war, es wuchs ein dichter herrlicher Baum aus meinem Leibe empor, und alle zerſtreueten Stämme unſeres Volkes kamen ſich unter dem Schatten deſſelben zu verſammeln.“ — — „Gott ſchenke deinen Hoffnungen Gewähr! Auch ich hatte eine Tochter, ein einziges Kind. Sie war ſchön und klug. In der vorigen Nacht iſt ſie mir geſtohlen worden.“ „Unglücklicher! Des Einzigen beraubt!“ „Dieſer Raub iſt's, der mir eine Bitte an dich abdringt, ſo gewichtig und inhaltſchwer, daß ich ſie nur meiner heißgeliebten, noch immer geliebten Jugend⸗ freundin vorlegen kann. Ein andrer Menſch würde kein Ohr dafür haben.“ „Dein Vertrauen ſchmeichelt mir. Du ſollſt dich nicht getäuſcht haben.“ „Ich bin nie beweibt geweſen. Du oder keine war früh mein Entſchluß; ich habe ihn gehalten. Eine flüchtige leidenſchaftliche Verbindung ſchenkte nir eine Tochter, ſchön und hold, eine Blume des Gartens, eine Perle des Meers. Ich ließ ſie in ihrer frühen Jugend von einem Juden erziehen, der ſich mir als Freund bewährt hatte. Aber wie er auch als Kaufmann redlich an mir gehandelt, als Erzieher meiner Mihurmah war er treulos; denn ohne mein Wiſſen erzog er ſie als Jüdin, obgleich ſie als Chriſtin getauft war, und wußte durch ſchlaue Künſte ihrem empfänglichen jugendlichen Gemüth eine ſo tiefe Vorliebe für das moſaiſche Geſetz und Eure Religivnsgebräuche einzupflanzen, daß keine Mühe ſpöter dieſen Eindruck wieder vertil⸗ gen konnte. Das unglückliche Kind hielt ſich ſtets für eine Jüdin und mich für den Feind ihres Glau⸗ bens, für ihren Unterdrücker und Peiniger. Von Conſtantinopel, wo ſie zeither gelebt, wollte ich ſie auf meiner jetzigen Reiſe mit heimführen, um ſie ſtrenger in meinem Glauben unterrichten zu laſſen, als es zeither geſchehen, ich wollte, des Herumirrens müde, mich nun in Ruhe ſetzen und mich ganz des Glückes freuen, ein Kind, ein geliebtes Weſen, das ich mein nennen konnte, zu beſitzen. Ich hatte mir die Freude, mich meiner Mihurmah als Vater zu erkennen zu geben, bis auf die Ankunft in Anaboli aufgeſpart. Ich wollte ſie mit Feſten der Liebe überraſchen, und mit all meinen im Ausland ſtehen⸗ den Schätzen beladen, die ihr das Leben verſüßen ſollten, eilte ich auf meinem Schiffe der Heimath zu. Da erkrankt ſie unterwegs, und dieſer Umſtand veranlaßt meine beſorgte Vaterliebe, im Hafen von — 89— Smyrna einzulaufen. Als den geſchickteſten Arzt der Stadt nennt man mir den Juden Villegas. Ich laſſe ihn rufen, er ſieht und ſpricht die Kranke in meinem Beiſein, und geht dann wieder, um die Arz⸗ neien zu bereiten. Mich aber beredet er, mit nach den Laubhütten zu gehen. Ich höre deinen Sohn und die Erinnerung an dich ergreift mein Herz mäch⸗ tig. Als ich mit dem Arzte wieder auf das Schiff komme, finde ich es leer, Mihurmah iſt geraubt, mein Schmerz grenzt an Wahnſinn, und in dieſem Zuſtande ſtecke ich mein Schiff unwiſſend in Flam⸗ men. Ich habe Alles verloren, meine Tochter und meine Schätze. Das Schickſal hat dich an mir gerächt. Ich war die Veranlaſſung, daß du, die Tochter eines ſo reichen Mannes, als eine Bettlerin aus Anaboli flüchten mußteſt, ſieh, ich ſtehe dir eben ſo arm, ja noch ärmer gegenüber. Denn du haſt Kinder, ich habe keine, und bin einſam in der Welt. Nicht allein um die Geſchlechtsliebe, auch um die Kindesliebe bin ich furchtbar betrogen.“ „Armer, unglücklicher Mann!“ weinte das Mit⸗ gefühl der Jüdin.„Doch nenne mir nun deine Vitte; mein Herz drängt mich um ſo gewaltiger, —— ſie dir zu erfüllen, wenn ich es vermag, je bedauerns⸗ würdiger du mir erſcheinſt.“ „Du vermagſt es. Höre mich an. Wenn ich nicht zugegen geweſen wäre, als der Arzt mit Mihur⸗ mah ſprach, ſo würde ich glauben, er habe ſie geraubt. Ich kann es dem einfältigen Bootsmanne, den ich zu ihrer Wache auf dem Schiffe zurückließ, nicht zutrauen, daß er ihr Räuber ſei, und wenn er's iſt, ſo hat ihn gewiß nicht die Liebe, für die er keinen Sinn hat, ſondern die Ausſicht auf Gewinn verführt, dann iſt er beſtochen worden, ſei es von ihr oder einem andern Menſchen. Vielleicht iſt es ihr gelungen, ſich irgend einem andern Juden zu offenbaren, der den Bootsmann oder ſogar mehre meiner Leute gewonnen, genug, ich habe Gründe zu glauben, daß mein Kind, das ſich noch immer für eine Jüdin hält, von einem Juden geraubt worden iſt, und hier unter den Juden verborgen gehalten wird. Da kommt denn der arme troſtloſe Vater zu dir, auf deren Herz er noch immer eine kleine Anſprache zu haben glaubt, und bettelt um deine Theilnahme. Einſt galt ich dir Alles, und gewiß gelte ich dir noch immer viel. Wenn ich fort bin, ——————— — 9— wird man das Mädchen nicht mehr ſo verborgen halten aſei es nun hier, ſei es in der Umgegend, du wirſt gewiß von ihr hören; denn mir iſt wohl bekannt, daß Alles, was die Inden angeht, in jedem Hanshalte Eures Volks beſprochen wird. So ver⸗ hilf denn dem beraubten Vater wieder zu ſeinem Kinde. Dein Geliebter fleht dich um ein Werk der Liebe an. Spähe umher, erkundige, befrage dich; du wirſt ſie entdecken. Und wenn du ſie gefunden haſt, tritt ihr bei als Freundin, als Mutter. Sie bedarf der Stütze, die Arme, Verlaßne. Sobald der Winter vorüber iſt, komme ich wieder hierher, wenn mich unterdeſſen der Gram nicht aufgezehrt. Dann gib mir Kunde von meinem Kinde, führe es mir in die Vaterarme und ich will dein Andenken zwiefach ſegnen.“ „Du ſollſt deine Tochter wieder haben, Philip⸗ pos,“ ſagte die Frau mit Beſtimmtheit, und reichte ihm die Hand als Pfand ihres Verſprechens.„Doch eine Bedingung muß ich dir machen?“ „Welche?“ „Daß du dich nicht rächeſt an denen, die dir dein Kind geraubt.“ — 96— „Es ſei, wenn ich die Tochter wieder habe, will ich die Rache vergeſſen.“ „Ich werde während der Zeit ihre Mutter ſan. Reiſe getroſt; dein Kind iſt dir unverloren.“ „So weißt du wohl ſchon von ihr und ihrem Raube?“ fragte der ſchlaue Grieche geſpannt. „Ich weiß nichts weiter, als was ich von dir weiß. Aber ich ſchwöre dir, dies Mal beſſer Wort zu halten, als einſt, wo ich dir Treue gelobte. Du ſollſt deine Tochter wieder erhalten durch mich, ich ſchwöre dir's beim Barte memes Vaters, dem das Paradies ſei!“ „So geh' ich ruhig von dannen und küſſe ſo oft ich deiner gedenke, deinen Namen mit dem Namen meines Kindes in Segen.“— Noch hatte ſich ihr Geſpräch eine Zeitlang fort⸗ geſponnen, als ein ſchöner ernſter Mann hereintrat. Die Laſt großer Leiden ſchien ihn gebeugt und ver⸗ duſtert zu haben, doch zuckte noch ein Strahl von Milde durch ſeine gealterten Züge. „Mardochai,“ redete ihn die Frau an,„dies iſt der Kaufmann, deſſen Schiff in der vorigen Nacht verbrannt iſt, wovon du mir erzählt haſt.“ — „Ich bin gekommen, Eure Hülfe in Anſpruch zu nehmen,“ ſetzte der Grieche ſchnell hinzu.„Schiff und Gut ſind mir verbrannt, doch hat mir die Güte meiner Freunde wieder etwas aufgeholfen, und ich trachte mit dem empfangnen Gelde einige Waaren einzukaufen, um mein Glück von neuem zu verſuchen. Man hat mir geſagt, daß Ihr Geſchäfte als Mäkler vermittelt, beſonders mit engliſchen Kaufleuten, die hier ihre Niederlagen haben. Ich nehme Eure Ver⸗ mittlung in Anſpruch.“ Mardochais Auge wurde freundlicher; ſie ſprachen über Art und Preis der Waaren und Salome ver⸗ ſank in ſtille Träume. Als der Grieche ſich entfernt und Mardochai, müde von den mannichfaltigen Geſchäften des Tags, ſein Lager geſucht hatte, ſchlich die Hausfrau leiſe über den hügeligen Hof nach einem halbverfallenen abgelegenen Hintergebäude, deſſen Vorderraum zum Aufbewahrungsort alter leerer Kiſten und Fäſſer diente. Im Dunkeln fand ſie den niedrigen verſchloſ⸗ ſenen Eingang, den ſie geſchickt zu öffnen verſtand, und den labyrinthiſchen Weg durch jene aufgethürm⸗ ten Gefäße, bis ſie an eine feſtverſchloſſene Thüre gelangte. Ein Schlüſſel, den ſie unter der Mauer hervorzog, öffnete auch dieſe, und ſie trat in einen ſchmalen Gang, der zu verſchiedenen Zimmern führte. An einem derſelben pochte ſie leiſe, man that von innen auf. Das Gemach war ſehr klein und äußerſt ärmlich; ein ſpärliches Lämpchen warf einen melancholiſchen Schein umher. Vor der Ein⸗ tretenden ſtand ein junges Mädchen mit engelmilden Zügen, von bleichem kränklichen Anſehen und zartem Körperbau, auf einem Bette lag eine zweite Mäd⸗ chengeſtalt. Außer einem Seſſel und einem Tiſche, auf welchem Medikamente ſtanden, war nichts weiter in dem unfreundlichen Gemach. „Schläft ſie?“ fragte Salome auf die Liegende deutend. „Ach, Mutter!“ ſeufzte das blaſſe Kind,„Mihur⸗ mah iſt ſehr krank. Sie erzählte mir aus ihrer Kindheit, von Vater und Mutter und dem argen Schickſal, das ſie von denſelben geriſſen„da ſprach ſie plötzlich wunderbare, mir unverſtändliche Dinge, die mich aber ſeltſam ergriffen und durchſchauerten. Ich weiß nicht, welch ein Geiſt ſie ergriff, ob es der Geiſt Gottes war, mir bebte ob dieſer Worte das Herz in der Bruſt.“ „Du biſt ein thörichtes Mädchen, Jeruſa,“ ſagte die Mutter beruhigend und ſtrich ihr über die matten faſt glanzloſen Augen hin.„Fürchte dich nicht, die Engel des Herrn ſind auf deinen Wegen, und die Kranke wird ſchon wieder geneſen.“ Die Sorgſame trat an das Lager. „Ihr ſagt, es ſei ein brennendes Schiff,“ rief die Kranke,„Ihr ſeid mit Blindheit geſchlagen; die Feuerſäule iſt's, die Herrlichkeit des Herrn, die vor uns einherzog Nachts durch die Wüſte. Ueber nackte Berge tragt ihr mich, geröthet vom Wider⸗ ſcheine der Flammen, ſo kommen wir wohl in die Wüſte, wo der Engel des Herrn als Feuerſäule auf⸗ lodert bis an die Sterne, den in aller Welt zer⸗ ſtreueten Völkern Israels zu verkünden, daß die kacht angebrochen iſt, die dem großen Tage der Erlöſung vorangeht! Wir ſehen die Säule, wir werden uns, verſammeln und ihr nachziehen durch die Wüſte.“ „Hörſt du's, Mutter?“ bebte Jeruſa.„Sie ſpricht wunderbare Dinge.“ „Du ſollſt nicht mehr allein bei ihr bleiben, armes Kind,“ verſetzte die Mutter, und zog das blaſſe zitternde Mädchen an die Bruſt. „Ich kenne dich wohl,“ ſprach die Kranke im Fieber weiter.„Du biſt einer der Engel, die dem Sammael dienen. Dein Antlitz iſt ſchrecklich anzu⸗ ſchauen, wie Blitzes ſchein, dein Schwert zuckt vom Aufgang bis zum Niedergang, wie ein Sonnenſtrahl, du willſt mich hinwegreißen aus Gan Eden und ſchleudern in das furchtbare Thal Gehinnom. Du willſt mich verſetzen auf den Berg Seir und ich ſoll wandeln unter den Töchtern Eſau's. Aber der Herr errettet mich aus deiner Hand. Zwei Engel des Lichts ſind erſchienen, die laden mich auf ihre küh⸗ lenden Schwingen und tragen mich in Abrahams Schooß.“ „Ich glaube, ſie ſpricht von meinen Brüdern und hält ſie für Engel,“ bemerkte Jeruſa. „Ihre Worte klingen ſeltſam. Wir wollen ihr Arznei eingeben.“ „Rabbi Villegas will ſelbſt kommen mit meinen Brüdern, wenn Sabbathai ſeinen Vortrag geſchloſ⸗ ſen hat.“ —— „So müſſen ſie bald hier ſein; denn faſt iſt Mitternacht vorüber.“ Salome gab dem düſtern Lampenlicht einiges Oel, zupfte das Docht und beleuchtete das glühende Geſicht Mihurmah's. Ihr Athem war ſchnell und heiß. Sie ſchien zu ſchlafen. Doch ſagte ſie leiſe: „Du biſt meine Mutter, ein heller Stern glänzt in deiner Hand; deine Blicke ſind Thautropfen, die den Brand meiner Stirne kühlen, dein Mund iſt ein Blumenkelch, der mich anduftet. So ſtandeſt du vor mir, als ich krank in der Wiege lag; ich kenne dich wohl noch. Hernach kamen die wilden Männer mit den krummen blitzenden Säbeln und riſſen mich von dir weg. Der mich forttrug, ſagte mir, er ſei dein Bruder. Oft und viel hab' ich mich nach dir geſehnt und immer gebetet. Nun endlich hab' ich dich wieder gefunden, nun laß mich nicht wieder von dir, ich bitte dich.“ Dabei erhob ſie flehend die Hände, ohne die Augenlider zu öffnen. Salome konnte ſich der Thränen nicht enthalten. Sie ſetzte ſich am Bette nieder, entfernte die Lampe und ver⸗ ſank in tiefes Nachdenken. Jeruſa hatte ſich am Fuße des Bettes niedergekauert. I. 7 — 98— ach einiger Zeit wurde draußen der Schlüſſel gedreht und gleich darauf an die Thüre des Gemachs gepocht. Jeruſa fuhr empor und öffnete. Drei in Mäntel gehüllte Männer traten herein, deren älteſter der Arzt war. Die Jüngeren ſtellten ſich als kräf⸗ tige Jünglinge von munterm, unternehmendem Aus⸗ ſehen dar, und gaben ſich durch Gruß und Wort als die beiden erwarteten Söhne des Hauſes kund. Villegas befragte ſich nach dem Befinden der Kran⸗ ken und wurde von Jeruſa und ihrer Mutter genau unterrichtet. „Jakob ben Eliah,“ nahm dann Salome allein das Wort,„und ihr meine Söhne, Joſeph und Eliah, ich habe mit euch zu rechten, daß ihr mich hintergangen und falſch berichtet habt, als ihr dieſe Kranke in der vorigen Nacht heimlich in unſer Haus brachtet. Nicht eine unglückliche Verirrte iſt ſie, die ihr aufgefunden; nein, ihr habt ſie geraubt von dem Schiffe des Griechen, der dadurch ſeiner Habe verluſtig worden iſt. Was ſoll ich von mei⸗ nen Söhnen halten, daß ſie zu Mädchenräubern werden? Und wenn ihr noch eine Tochter Jakobs eingeführt hättet bei uns und den Gojim entriſſen, — o9— aber ſo iſt es ein Kind Eſau's, ein Sproß der alten Schlange, die auf dem Berge Seir wohnt.“ „Frau,“ ſprach der Arzt mit Ernſt,„da man Euch ein Mal davon geſagt hat, ſo mögt Ihr die ganze Wahrheit wiſſen. Dieſe Jungfrau iſt aller⸗ dings vom Schiffe des Griechen befreit worden, und Eure tapfern Söhne waren ihre Erretter aus der Hand eines Goi, der ſie verderben wollte. Ich aber bin's, der Eure Söhne dazu aufgefordert und ihnen die Wege angeſagt hat, wie ſie ſolches zum Ruhme unſtes Gottes glücklich ausführen möchten, und alle Schuld, die Eure Söhne treffen könnte, nehme ich auf mich. Was Ihr aber ſagt, daß die⸗ ſes Mädchen keine Tochter Israels ſei, ſo irrt Ihr. Sie iſt von unſerm Volke und hat es freudig bekannt. Ja, Ihr würdet Euch ſogleich durch ihre eignen Worte überzeugen, wenn ihr das Fieber nicht die Beſinnung geraubt hätte.“ „Aber ich ſchwore Euch zu, Jakob ben Eliah, Ihr ſeid im Irrthum, nicht ich. Mihurmah iſt die Tochter des griechiſchen Kaufmanns, den Ihr durch Eure Thorheit um Schiff und Gut gebracht habt. Das Kind eines der Gojim iſt ſie, die den Gekreu⸗ 7* — 100— zigten anbeten, und ſie ſelbſt iſt als Chriſtin getauft, aber aufgewachſen bei einem jüdiſchen Freunde ihres Vaters. Dort hat ſie unſern Glauben kennen gelernt, dem ſie nicht angehört. Ihr habt demnach eine große Sünde gethan, indem Ihr dem Vater ſein einziges Kind rauben ließet, und habt meine Söhne zu dieſer Sünde verlockt.“ „Sie keine Tochter unſres Volks!“ rief der Arzt entrüſtet.„Wer Euch auch dieß geſagt, er hat Euch belogen. Ich habe die vollgültigſten Beweiſe, daß Mihurmah eine Jüdin iſt, und wahr⸗ lich, nicht ohne dieſe würde ich ſie von dem Schiffe ihres Herrn haben befreien laſſen, deſſen Sklavin, nicht deſſen Tochter ſie war.“ „Nicht ſeine Tochter bin ich! Nicht ſeine Skla⸗ vin!“ ſtöhnte jetzt die Kranke, und Alle wandten ſich zu ihr hin. Sie hatte die Augen offen und ſah verſtändig drein. Das Fieber war im Abnehmen. „Der Schreckliche iſt der Knecht eines Franken, der mich gekauft hat,“ fuhr ſie fort.„Er war weder mein Herr, noch mein Pater.“ „Aber wer biſt du denn, Räthſelhafte?“ fragte Salome. — 101— „Eine Tochter Israels, gleich dir. Darum ver⸗ ſtoßet mich nicht! Bringt mich nicht wieder zu dem böſen Manne. Ich beſchwör' Euch bei unſern Erzvä⸗ tern, gönnet mir ein Plätzchen in Euerm Hauſe!“ „Sei ruhig, Mihurmah,“ ſprach Joſeph, der ältere Bruder.„In meinem Arme hab' ich dich aus dem Schiffe des Griechen getragen, und mein Arm ſoll dich beſchützen gegen jede Unbill. Du biſt ſicher in dieſem Hauſe.“ „Und ich will dir Speiſe und Trank bringen, und Kleider und eine Harfe, wie ich dir verſprochen habe,“ fügte Eliah hinzu.„Würde die Mutter dich verrathen, ſo würde ſie einem ihrer Söhne das Leben rauben, denn nur über meine Leiche dürften ſie dich fortführen. Darum ſei getroſt.“ „Liebe mich, wie dein Kind,“ bat die Kranke, und Salome reichte ihr die Hand, obgleich wider⸗ ſtrebende Gefühle ihre Bruſt durchzogen. Der Arzt gab der Kranken Heilmittel und die Verſichrung, daß die Gefahr vorüber ſei. Lange nach Mitternacht ließ ſich wieder ein lei⸗ ſes Klopfen hören. Man that auf, und Sabbathai trat in das Zimmer. Er wußte nichts von Mihur⸗ — 102— mah's Raube, aber er fragte auch nicht. Schwei⸗ gend ſetzte er ſich zu ihr, und ſie lispelte:„Biſt du der Engel, der aus Gan Eden herabſtieg, die Gluth meines Hauptes zu kühlen?“ Da legte er ſeine Hände ſegnend auf ſie, und ſie entſchlummerte ſanft. Eliah heftete noch Blicke voll Leidenſchaft und Zärtlichkeit auf die Kranke, eh er das Gemach verließ. Jeruſa war am Boden eingeſchlafen, der Arzt hatte ſich entfernt und Salome ihr Lager geſucht. Sabbathai wachte mit ruhigem Blick am Lager der Fremden. Mihurmah war geneſen, und ſaß neben Jeruſa, deren Blicke an den Zügen des wieder herrlich auf⸗, blühenden Mädchens hingen. Vor ihnen nutni Salome und Sabbathai. Die Andern waren in die Laubhütten hinausgezogen; denn es war heute der letzte und feierlichſte Tag des großen Feſtes. Sab⸗ bathai ſcheuete das Geräuſch des Tages, und ſein ſchönes Werk begann erſt mit einbrechender Nacht. „Erzähle uns nun,“ bat ſie der Jüngling,„was du von deiner Jugend weißt. Die Krankheit iſt von dir gewichen, ſeit ich an deinem Bette gebetet habe. — 103— Jedes meiner Worte trug ein Engel durch die Wel⸗ ten hindurch bis zum rubinenglänzenden Thron des Herrn. Wir haben dich glücklich verborgen. Der Grieche iſt mit neuen Waaren abgereiſ't, ſelbſt Mardochai, mein Vater, hat bis jetzt nichts von deiner Anweſenheit im Hauſe erfahren. Morgen wollen wir dich bei ihm einführen, damit du ferner ganz als unſre Schweſter gelteſt, und, unſerm Volke wiedergeſchenkt, ruhige Tage in dieſem Hauſe ver⸗ lebeſt. Darum, daß wir ganz vertraut ſind mit dir und du mit uns, ſo ſage uns, wie du gelebt bis auf dieſen Tag.“ Und Mihurmah's Auge blitzte; dann hob ſie es fromm empor und ſprach:„Der Herr hat mich errettet aus der Hand meiner Feinde, darum will ich ihn loben mit Hanna's Mund: Er erhebet den Niedrigen aus dem Staube, den Dürftigen aus der Tiefe, daß er wohne unter des Volkes Edeln, und erbe den Thron der Ehre; denn des Herrn ſind die Stützen der Erde und auf ſie hat er den Kreis der⸗ ſelben gegründet.— Lange, ihr Lieben, hat ſich mein Herz geſehnt, wieder zu wohnen unter meinem Polke, frei von Zwang und Gefahr, und dem Herrn, — 104— meinem Gott, ohne Furcht zu dienen nach rechter Weiſe. Wenn der Engel des Morgenroths ſein licht⸗ ſtrahlendes Schwert auszog und damit den Mantel der Nacht zerſchnitt, fuhr ich weinend von meinem Lager empor und flehte zu ihm: Bring Botſchaft meinen Vätern von meiner Pein und bitte, daß ich erlöſ⸗t werde. Wenn die Sonne des Tags das Dach des Harems brannte, ſeufzete ich zu meiner Väter Gott; wenn der Thau der Nacht an den ver⸗ ſchloßnen Fenſtern rann, ſchrie ich zu ihm aus tie⸗ fer Noth. Meine Zeit iſt gekommen und meine Stunde, und ich freue mich. Aber es wird noch mehr in Erfüllung gehen, was ich gebetet. Die Zeit iſt nahe, wo Israel wieder ein Volk ſein wird. Die Gerechten werden ſich verſammeln unter dem Schatten der Palmen.“ Ihr volles tiefes Auge glühte wunderbar am Strahle der Gottbegeiſterung und Sabbathai's Blick entzündete ſich daran. „Soviel mir Erinnrung geblieben, bin ich das Kind eines reichen Hauſes, in welchem der Gott Israels mit hoher Andacht täglich verehrt wurde. Mein Pater war ein ſtattlicher Mann mit einem — 105— dichten braunen Barte und ging ſtet, in einem ſchönen grünſeidnen Kaftan gekleidet; meine Mutter war jung und ſchön und hatte viele Dienerinnen. Ich lag auf weichen purpurnen Decken von Baum⸗ wolle und Wolle; ſilbernes und goldnes Spielzeug blitzte um mich. So mochte ich etwa drei Jahre alt geworden ſein, als meine Mutter eine Reiſe mit mir machte. Das Schiff, auf welchem wir fuhren, wurde überfallen, wilde Moslemin drangen herein und einer riß mich trotz ihrem Flehen und meinem Geſchrei hohnlachend aus den Armen meiner Mutter. In dem Hauſe des wilden Räubers wurde ich erzogen. Es lag in einem Gebirge und wir hat⸗ ten weit dahin zu reiſen. Ich weinte viel, und die Sklavinnen, die mir zugeordnet waren, vermochten mich nicht zu tröſten. Oft war mein Herr lange verreiſtt, ich glaube, dann zog er auf Raub aus. Zuweilen kamen auch ſehr vornehm gekleidete Osma⸗ nen in unſer Haus. Mein Herr hatte drei reiche Frauen, aber es kümmerte ſich keine um mich, und ſo wurde ich auch in nichts unterrichtet. Aber tief in meiner Seele lebte der Glaube meiner Väter fort, und die erſten Samenkörner, die in mein jun⸗ — 106— ges Gemüth gefallen waren, wucherten und grünten auf. Je einſamer ich war, um ſo mehr beſchäftigte ich mich mit den glänzenden Erinnrungen meiner erſten Kindheit. Vielleicht in meinem zehnten Jahre war's, als die Ankunft meines Herrn große Beſtür⸗ zung im Hauſe erregte. Ein Molla, ein Kadi und viele Soldaten begleiteten ihn. Die Frauen und Sklavinnen verließen das Haus, theils weinend, theils gleichgültig; ich konnte nicht erfahren weßhalb. Die beiden Gerichtsmänner packten alles ein, was von einigem Werth war. Zuletzt war ich noch allein übrig, ſaß in einer Ecke und weinte. Da bemerkte mich Behadir Anuſcha— ſo hieß mein Herr— und zog mich hervor an ſeine Bruſt. Ich ſah ein Paar große Thränen über ſeine braunen Wangen rinnen; ſein Mitgefühl that mir unausſprechlich wohl. Es war ſeit den Liebkoſungen meiner Mutter das erſte Mal wieder, daß mir ein menſchliches Weſen Liebe erzeigte. Ein neues herrliches Gefühl entglomm in meiner Bruſt, ich weinte heftig und mochte doch jauchzen. Er nannte mich ſein armes Kind, das er nicht mit in ſein Verderben ziehen könne, und ſprach dann mit dem Molla. Ich hatte — 107— das Türkiſche verſtehen und ſprechen gelernt, und ſo ward ich bald inne, daß mein Herr verſicherte, ich ſei ein jüdiſches Kind, die Tochter ſeiner Schweſter, und ſehr für mich bat. Der Molla willigte endlich in ſein Geſuch und am andern Morgen wurde ich vor Tagesanbruch in einer von Maulen getragnen Sänfte aus dem Hauſe gebracht. Am Abend des zweiten Tags langte ich mit meinem Begleiter, einem Sklaven, in einer Stadt an; erſt ſpäter habe ich erfahren, daß es Gaza war. Man brachte mich in das Haus eines vornehmen Juden und dort wurde ich als Kind behandelt. Alle heiligen Lehren unſres Geſetzes kehrten mit ihrer göttlichen Kraft in meine Seele zurück. Ich athmete auf und erhob mich, eine gebeugte Pflanze, im Thau des lebendigen Wor⸗ tes. Die Wunderſagen aus unſrer Väter glorreichen Zeit umflatterten mich wie ſilberweiße Tauben und bauten ſich ihr Neſt in mir. Ich durfte Gott, unſerm Herrn dienen. So vergin en ſechs glückliche Jahre. Da erſchien eines Tags derſelbe Sklave, der mich in des Rabbi Jemſel's Haus gebracht hatte, überreichte demſelben einen Brief, wie damals, und ich hörte zu meinem Schrecken, daß ich wieder — 108— abgeholt werden ſollte. Der Rabbi mußte ſich dem Befehle fügen, deſſen Urheber mir nicht genannt wurde, und auch mir blieb weiter nichts übrig. In der Sänfte wurde ich bis ans Meer gebracht, dort nahm mich ein Schiff auf, das nach einigen Wochen in Pera landete. Bald nach unſrer Ankunft kam ein Mann in reicher Kleidung auf das Schiff, mich zu begrüßen. Ich erkannte den Molla in ihm, deſſen Gnade für mich Behadir Anuſcha angefleht hatte. Er verſicherte mir, daß ich ſeine Sklavin ſei und ihm mein Glück zu danken habe. Ich war ſcheu, wie eine Taube, die aus den Felſenritzen, in denen ſie geniſtet, hervorgelockt und gefangen zur Stadt gebracht wird, um Kindern als Spielzeug zu dienen. Vor ihm in die Kniee geſunken, weinte ich, wie jenes Tags, als Behadir Anuſcha für mich gebeten. Lächelnd hob er mich auf, betrachtete mich mit Wohlgefallen, und gab ſich mir als Molla von Galata zu erkennen. Prächtig gekleidete Sklaven und Sklavinnen kamen, ſchmückten mich eben ſo koſtbar und führten mich nach Iſtambol, in das Harem ihres Herrn. Dort blieb ich über zwei Jahre. Der mächtige Großwezier Muſtapha ſtürzte — 109— den Molla. Die Sklavinnen ſeines Harems wurden verkauft, ich unter ihnen. Ein reicher Jude kaufte mich als ſeine Glaubensgenoſſin für einen ſehr hohen Preis. Ich glaubte nun wieder frei meiner Väter Gott und ſeinem heiligen Geſetze dienen zu können, aber mit Schaudern ſah ich bald, wozu ich verdammt war. Ein Franke aus Wien, der bei der Pforte als Geſandter war, hatte mich geſehen, und weil er ſelbſt nicht bieten konnte oder wollte, hatte er den Juden, ſeinen Freund, beauftragt, mich für ihn zu kaufen. Er ſelbſt mußte Iſtambol bald verlaſſen, ich ſollte voraus geſchickt werden. Der Grieche Zadukkis ſchien im Solde des reichen Franken zu ſtehen und kam oft zu dem Juden. Ihm wurde ich übergeben, damit er mich nach Wien bringe, weil der Graf Kynsky(dieß iſt des Franken Name) ſeiner Verhältniſſe halber mich nicht auf demſelben Schiffe, deſſen er ſich bediente, mit ſich nehmen konnte. Ich war alſo weder Tochter noch Sklavin des Griechen, und es iſt kein Schade durch meinen Verluſt entſtanden, als daß ihm das Schiff abbrannte. So bin ich endlich zu euch gekommen, ihr Theuern, und bete in eurer Mitte entzückt wieder zu unſerm Gott.“ „Der Herr iſt mit dir geweſen, die du ſeine — 110— fromme Magd warſt,“ ſprach Sabbatha.„Er wird auch ferner mit dir ſein, ſo du ihm immer fromm und beſcheiden dieneſt.“ Mihurmah's Augen troffen vom Thau des Gefühls. Jeruſa umſchlang ſie ſchweſterlich und küßte ſie auf die hohe edle Stirn; auch Salome war ergriffen, doch ſchien es, als ſchüttle ſie immer noch zweifel⸗ haft das Haupt. Die feierlichen Poſaunenklänge verhallten mit den letzten Tönen des Opfergeſangs des Prreſters. Die Gemeinde verneigte ſich, ſang im Chor das Hallel nach und warf die grünen Büſche in ihren Händen auf einen Haufen, dem Herrn zum Opfer. Der Prieſter trug Feuer hinzu, bald verzehrte ſie eine mächtige Flamme. Das Feſt war beendigt; die Geſänge verſtummten, die Laubhütten wurden abgebrochen, und in tiefer Nacht zog das Judenvolk mit Fackeln entweder heim in die Stadt, oder zu Sabbathai's Vorträgen an das Meerufer hinab. David Roſanes wählte das erſtere. Sein alter Körper bedurfte der Ruhe. Ihm zur Seite ging Jakob ben Eliah de Villegas, der Arzt. „Ihr habt oft gewünſcht,“ ſagte dieſer,„Cur⸗ —„ banv's Tochter in Euer Haus zu nehmen, damit ſie Thamar's Geſellſchafterin ſei.“ „Es iſt noch mein Wunſch, aber er wird ſchwer⸗ lich erfüllt werden. Thamar iſt klug und verſtändig, oft überraſcht mich die Feinheit ihres Geiſtes, der ihren Jahren voraus geeilt zu ſein ſcheint, und doch iſt ſie dem Fremden gegenüber und außer dem Hauſe von einer unüberwindlichen Schüchternheit befangen. Bin ich ihr zur Seite, oder Rahel, ſo iſt ſie ſicher, voll Leben und Liebenswürdigkeit; allein— ein blödes Kind.“ „Vielleicht könnte ein andres weibliches Weſen von höhern als gewöhnlichen Eigenſchaften Rahel's Stelle bei ihr erſetzen.“ „Wenn es derſelben gelingen ſollte, Thamar's Vertrauen zu gewinnen. Schon lange hab' ich mich nach einer Geſpielin für ſie umgeſehen, die ſtets um ſie ſei. Doch iſt die Wahl ſchwierig und der Erfolg zweifelhaft. Ich kenne keine Tochter unſres Volks, die ſich ſo wie Rahel für Thamar eignete.“ „Ich kenne ein Mädchen von unſerm Glauben, die mir als Thamar's Geſellſchafterin noch Vorzüge vor Rahel zu haben ſcheint. Es iſt eine Verwandte — 112— von mir, ein hochbegabtes, vielerfahrnes Weib, kaum einige Jahre älter als Thamar, gebildet und liebenswürdig im Umgang. Es wird ihr ſchwerlich fehlen, Euers und Thamars Vertrauen im höchſten Grade zu gewinnen; denn weſſen Herz hätte ſie nicht ſchon gewonnen? Sie redet nicht nur unſre Landesſprache, ſondern auch das Griechiſche, Tür⸗ kiſche und Armeniſche, ja ſie iſt ſogar in der uralten heiligen Schriftſprache unſres Volks nicht unbewan⸗ dert. Sie kennt die Thora und ihre Auslegung und ſpricht mit hoher Begeiſtrung, gleich einer Prophe⸗ tin, davon. In der Muſik iſt ſie Meiſterin; ihr Harfenſpiel entzückt und ihr Geſang berauſcht.“ „Eure Beſchreibung iſt lockend. Lebt dieſe ſeltne Blüthe in Smyrna?“ „Sie lebt hier ſeit einiger Zeit unter meinem Schutze.“ „So bringt ſie mir, und läßt ſie ſich in meinen Garten verpflanzen, ſo werd⸗ ich ihrer gut warten und pflegen.“— Am andern Morgen wurde Mihurmah von Vil⸗ legas in das Haus des reichen Roſanes geführt. —— — 113— Der Chacham. Mein Freund iſt weiß und roth, hervor⸗ glänzend vor Tauſenden; ſein Haupt das feinſte Gold, ſeine Locken ſchwankende Palmzweige, ſchwarz, wie der Rabe; ſeine Augen wie Tau⸗ ben an Waſſerbächen, in Milch gebadet, in Fülle wohnend; ſeine Wangen wie Balſamſpaliere, wie Würzgeländer; ſeine Lippen Lilien/ träu⸗ ſelnd von flüſſiger Myrrhe; ſeine Hände wie goldne Ringe, beſetzt mit Chryſolith; ſein Leib ein Kunſtwerk von Elfenbein, bedeckt mit Sap⸗ phirn; ſeine Schenkel Marmorſäulen, ruhend auf Geſtellen von Gold; ſeine Geſtalt wie der Libanon, ein Jünglins wie Cedern; ſein Gau⸗ men Süßigkeit, ſein ganzes Weſen Lieblichkeit: das iſt mein Geliebter, das mein Freund, Töch⸗ ter Israels! Das hohe Lied Salomons, 5. Kapitel, 10— 16. Vers. Das junge Haar des Frühlings troff von Bal⸗ ſam; die Knospen⸗ und Blüthen⸗Augen weinten duftende Thränen der Luſt; das Meer blickte neidiſch und ſehnſüchtig nach dem Lande, wo ſolche Schätze geboren wurden, und ſchickte ſeine dienſtfertigen Boten, die Abendwinde aus, etwas davon zu ent⸗ I. 8 — 114— wenden und ihm zuzuführen. Und die ſchelmiſchen Kinder regten die Schwingen, ſtahlen Düfte, Blät⸗ ter und Blüthen und führten ſie im leichten Tanze ihrem ernſten Gebieter zu; der ſog gierig die Düfte ein und wälzte die Blüthen und Blätter, mit ihnen ſpielend, wie ein kindiſch gewordener Greis, auf ſeinen Wellen dahin, und leckte am Ufer empor, um ein Gräschen zu rauben oder eine Blume zu küſſen. Die Roſe öffnete zuerſt ihren Kelch, bunte Träume quollen heraus, duftige Küſſe, erlöſ't von langem Bann, und flatterten zum Meer hinab, wo Nenuphar ihrer ſehnſuchtsvoll harrte, oder zu dem Wyrtenge⸗ büſch hinauf, wo Sproſſer ſaß, ſie aufnahm in der lie⸗ derreichen Bruſt, und ſie als Töne wieder ausſtrömte. Verduftend und verhallend wogten ſie weiter in die azurblaue Luft hinaus und ſtarben im Abendgewölk. Aber einen Augenblick ſpäter wurden ſie als Mond⸗ ſtrahlen wieder geboren, und wiegten ſich auf den Blättern des Palmbaumes und gaukelten in den Büſchen des Pomeranzenhains, mit ihren jüngern Schweſtern, den eben gebornen Düften, ſcherzend, und lauſchten durch das Laubendach und zitterten ver⸗ glimmend in den ſchönen dunklen Augenſternen zweier — 115— holder Mädchen, die Arm in Arm dort ſaßen. Solche Augen ſind das koſtbarſte ſüßeſte Grab der zu Tönen und Strahlen umgebornen Roſenkinder. Werden ſie raſten und Ruhe finden in der Wonnegruft? Nicht doch! Sie ſteigen in das Herz hinab und flattern von da in neuer Umwandlung als ſüße Sehnſuchtsſchmer⸗ zen, als heiße unausgeſprochne Wünſche, als ſtumme noch nicht ganz verſtandne Liebesgrüße hinaus. Von da ſuchen ſie ein andres Herz, das eines edeln hoch⸗ begabten, begeiſterten Jünglings; neuer Tod, neue Geburt. Hier werden ſie endlich zum Liede, zum Gedicht, und das iſt ihre höchſte Vollendung. Alles was ſie früher einzeln waren, das ſind ſie hier ver⸗ einigt. Denn das Lied iſt duftend, wie der Hauch der eben erſchloßnen Roſe, es webt ſo todesſüß, wie ein lächelnd ſterbender Traum, es tönt ſo wun⸗ derbar, wie Sproſſer's Frühlingsgeſang, ſo thränen⸗ auellend, ſo ſchmerzenblutend, ſo luſtberauſcht; es zittert wie Mondſtrahl ruhig und mild in die Seele; es drängt ſo ſehnſuchtsvoll heiß, wie der erſte Lie⸗ besgedanke in eines Mädchens Bruſt. Duft, Ton, Strahl, Gefühl, ihr ſeid Eins im Liede!— Jene Jungfrauen, die einander ſo ſehnſuchtsvoll 8* — 116— in die Augen ſahen, waren Thamar und Mihurmah, von der Pracht des Lenzes in den herrlichen Berg⸗ garten geladen, wo Roſanes für ſein geliebtes Kind einen Kiosk gebaut hatte, klein und wohnlich, aber reich und köſtlich, wie das Prunkgemach einer Köni⸗ gin. Auf vier Säulen von Lapislazuli ruhete das von ſeidnen, wollnen und baumwollnen Stoffen mehr⸗ fach übereinander gelegte bunte Zeltdach; die Wände waren künſtlich von Rohr geflochten und mit reichen buntgewirkten Teppichen überhängt. Ringsum lief ein Geländer von Zimmtholz geſchnitzt, und vorn wölbte ſich die Laube von Weinlaub, Roſen und Lorbeern, die vom Garten heraufgezogen waren. Durch dieſe dunkle, blühende Laube ging der Ein⸗ gang in den Kiosk, und hier ſaßen die Mädchen. Ihre Augen ſuchen bald die reinen Sterne am dun⸗ kelblauen Himmel, bald ſchwelgen ſie im Lichtmeer des Mondes, das dieſer auf die Laube ausgießt, bald horchen ſie den klagenden Tönen der Nachtigall und ahnen, daß ihre erwachenden träumeriſchen Gefühle mit jenen verwandt ſind. Sie treten Arm in Arm auf den Altan heraus und ſchlürfen die warme, ſchwellende, üppige Frühlingsluft. — 117— „Wie ſchön iſt die Welt!“ ſeufzt Thamar won⸗ netrunken auf,„und wie glücklich bin ich, daß du ſie mir kennen gelehrt haſt. Ich wandelte, eine Augenblöde, unter dieſen Schätzen und was mir nicht Rahel zeigte, ſah ich nicht. Ich war klug und mein Vater lobte mich; ich war auch zufrieden mit mir. Aber ſeit ich dich habe, iſt Alles anders; ich ſehe mit hellen Augen, ich fühle mit offner Bruſt. Das Alles hab' ich dir zu verdanken.“ „Du liebes Täubchen, du ſchreibſt mir zu viel zu. Du haſt einen andern Lehrer gehabt, glaub' ich.“ „Meinſt du den Chacham Halevi?“ lachte Tha⸗ mar,„dann irrſt du ſehr. Von dem lernt man nichts als die Lehren der Miſchna und Gemarra, und die vergeß ich ewig wieder.“ „Ihn mein' ich nicht. Einen Andern. Und wenn du auch nur wenig Worte von ihm vernom⸗ men, ſo haſt du doch ſehr viel von ihm gelernt.“ „Wen könnteſt du meinen?“ fragte Thamar erröthend. „Faſt glaub' ich, du weißt es.“ Thamar wendete ſchweigend das Geſicht ab. „Stieg nie der Wunſch in dir auf, einen andern — 118— Lehrer zu haben, als den alten Halevi?“ fragte Mihurmah mit drängender Bedeutung. Thamar antwortete noch nicht. „Du liebſt die Poeſie, und unſere Religion mit ihren heiligen Satzungen und Sagen iſt durch und durch pvetiſch. Aber wahrlich es bedarf eines rein geſtimmten hochpvetiſchen Gemüths, eines Zauberers, der die Schätze zu heben verſteht, eines Auserwähl⸗ ten, der, wie ein begeiſterter Prophet, die Herrlich⸗ keit unſeres Gottes in flammenden Zügen malt, eines Hohenprieſters, der mit geiſtigem Auge das Allerheiligſte des Tempels geſchaut hat, des prächti⸗ gen Tempels, der in ſeiner leuchtenden Herrlichkeit nie zerſtört ward und nie zerſtört werden wird, jener dreimal heiligen Schechina, der jetzt in Gefangen⸗ ſchaft liegenden Lichtmutter, ſelbſt. Die Andern, die den Tempel wegen ihrer blöden Augen nicht geſchaut haben, denen jenes Licht nie geleuchtet hat, ſchlagen ſich ewig mit todten Worten herum, nagen an der Schale und können den Kern nicht finden, und wollen lehren, was ſie ſelbſt nicht empfangen haben. Ein ſolcher Mann iſt der Chacham Halevi. Hätteſt du dich nie geſehnt, lebendige lichtſtrahlende — 119— Worte aus dem Munde eines Auserwählten zu trin⸗ ken? Durch ſein Auge die Herrlichkeit des Herrn zu ſehen?“ „Es gibt nur Einen ſolchen,“ ſagte Thamar ſchen, über und über glühend. „Ja, Mädchen, du haſt recht: es gibt nur Einen unter den Lebenden, und du hätteſt nicht glühend gewünſcht, den Durſt der Seele am ſüßen Lebensborn, der aus dem Munde des Einen quillt, zu löſchen?“ „Du quälſt mich, Mihurmah.“ „Es iſt deine Freundin, deine Schweſter, die dich ganz glücklich wiſſen, jeden deiner geheimſten Winſche erfüllt ſehen möchte. Vertraue mir! Sieh die duftende Frühlingsnacht ladet die Herzen ein, ſich zu nähern, ſich gegenſeitig aufzuſchließen und alle Wünſche und Neigungen mitzutheilen.— Ich will den Namen des Einen nennen: Sabbathai Zewi, war er nie der Gegenſtand deines brünſtigen Verlangens?“ „Du haſt mich ja lang ſchon errathen. Er war's,“ flüſterte Thamar und verbarg ihr Geſicht an der Bruſt der Freundin.„Seit mir nicht mehr vergönnt iſt, mit Rahel verhüllt zu ſeinen Lehrvor⸗ — 120— trägen zu ſchleichen und jedes ſeiner Worte zu ver⸗ ſchlingen, hab' ich eine ſtille Sehnſucht im Herzen genährt, Sabbathai möchte ſtatt Halevi's mein Leh⸗ rer ſein; aber ich wagte nie, dieſen Wunſch laut werden zu laſſen. Schon der Gedanke daran trieb mir das Blut in die Wangen.“ „„„Und auch mir durfteſt du dich nicht vertrauen?“ „Es war mir unmöglich.— Wenn dein Mund von Sabbathai's Lob überſtrömte, fühlt ich mich ſeltſam beklommen. Ich konnte kein Wort darauf erwiedern. Auch mit Rahel habe ich nicht wieder von ihm geſprochen; ſie ſchien es ſelbſt zu vermeiden.“ „Und du wußteſt doch, daß ich zuweilen in Zewi's Hauſe war.“ „Du biſt Sabbathai's Freundin, hörte ich. Ich fürchtete, dir zu mißfallen, wenn ich meine Wünſche laut werden ließe.“ „Unſchuldiges Herz! Liebe Taube! Ja, ich bin ſo glücklich, die Freundin dieſes trefflichen Jüng⸗ lings zu ſein. Er iſt es werth, daß er dein Lehrer werde, daß er dein Herz mit dem Hauche ſeiner Begeiſterung erfülle, und du biſt vor allen erkohren, ſeine Schülerin zu ſein.“— — 121— Am andern Morgen ſprach Mihurmah mit dem alten Roſanes, und er, der ſeinem Kinde keinen Wunſch verſagen konnte, ſchickte nach Sabbathai. Halevi wurde abgedankt und der junge Chacham Thamar's Lehrer. Prief des Arztes Joſeph ben Eliah de Pillegas in Smyrna an den Chacham Samnel Lisbona in Gaza. Es gehet bereits ins ſiebente Jahr, daß ich nichts von dir vernommen, und ich weiß nicht, ob der Herr deine Tage gezählt hat bis zu dem heutigen. Das Leben verrinnt wie ein ſeichter Bach im Kieſelge⸗ rölle, und die Jahre ſind wie Thautropfen der Nacht, welche die Frühſonne aufleckt, einen nach dem andern, ſo daß keiner mehr da iſt, wenn der Mittag kommt. Aber der Herr hat geſchworen, daß der Tag der Rache kommen werde, und ich habe durch vielfache Berechnungen gefunden, daß er nicht fern mehr iſt. Darum hoffe und glaube ich, daß du noch lebſt, wenn gleich dein Alter um zwanzig Jahre höher iſt, als das meinige, und mir Bart und — 12— indeß groß und mächtig geworden und haben ſtarken Anhang gefunden. Aaron de la Papa hat ſich hier beim Kadi in hohe Gunſt geſetzt, und da unſere Stadt, wie du vielleicht weißt, keinem Paſcha unter⸗ geben iſt und der Sultain Valide eigenthümlich gehört, ſo iſt Aaron dieſer hohen Frau durch den mächtigen Kadi aufs nachdrücklichſte empfohlen wor⸗ den. Es wird ihm demnach nicht entgehen, daß er nach dem Tode des bereits hochbejahrten Chef unſe⸗ res Rabbinertribunals, Maſſud Aſſulai, zum Haupte dieſes Gerichts erhoben werden wird. Schon jetzt übt er große Macht aus über unſer Volk in Smyrna. Er hat uns an die Moslemin verrathen und ver⸗ kauft; das wird ſich noch deutlicher zeigen, wenn er allein an das Ruder kommt. Du weißt, daß die Karäer vom Anbeginn der osmaniſchen Herrſchaft in Aſien von den Erobern dieſer Länder den Thal⸗ mudiſten und Rabbaniten vorgezogen worden ſind und ſich immer eines größern Schutzes zu erfreuen gehabt haben, als die Rechtgläubigen. Am wenigſten haben aber die Türken die Kabbaliſten leiden können, weil das tiefe Wiſſen derſelben ihnen zu aller Zeit ein Haare ſchon lange grau ſind. Unſere Feinde ſind — 13— Dorn im Auge geweſen und ſie ſtets befürchtet haben, daß aus unſerer Mitte der Meſſias hervorgehen werde, woran auch kein verſtändiger Kabbaliſt zweifelt. Im Gegentheil beweiſen tauſend und abertauſend der ſcharf⸗ ſinnigſten Berechnungen dieſe unumſtößliche Wahr⸗ heit. Mag nun Aaron ein geborner Karäer ſein, was er ſonſt ſtets vor uns verborgen hat, oder ſich erſt, als es zwiſchen uns zur Feindſchaft kam, zu den ſchändlichen Grundſätzen jener Gottloſen bekannt haben, genug, es zeigt ſich immer klarer, daß er nicht an die heiligen Traditionen glaubt, welche Gott dem Moſes mündlich auf Sinai übertrug, und daß er, der Gottverräther, ſich allein an das geſchriebene Geſetz hält. Daher kommt es denn auch, daß ihn die Moslemin ſo hoch achten. Ich will dir noch mehr und Seltſameres entdecken, was, wenn wir die Spur verfolgen, uns zur Rache verhelfen könnte; denn der Herr iſt gewaltig in den Schwachen, und der Tag der Vergeltung nicht mehr fern. Im Hauſe des reichen David Roſanes hier lebt ein Mädchen unſeres Volks, welches durch wunder⸗ bare Schickſale hierher verſchlagen worden, und von Karäern in ihrem Irrglauben in Gaza erzogen wor⸗ — 124— den, vielleicht gar karäiſchen Urſprungs iſt. Sie nennt den Mann, bei dem ſie dort aufwuchs, Chacham Joel Jemſel. Schreibe mir, wer dieſer Mann iſt, und ob er vielleicht in Verhältniſſen mit Aaron ſteht. Die Sache iſt von Wichtigkeit. Kaum hatte näm⸗ lich Aaron von dieſem Mädchen, welches Mihurmah heißt, gehört, als er nach ſeiner Art ſehr freundlich und liebreich mit ihr geſprochen, ſie über ihre Erleb⸗ niſſe ausgefragt und dann von ihr begehrt, ſie ſolle in ſeinem Hauſe wohnen, er wolle ſie an Tochter Statt annehmen. Mihurmah hat ſolches Anſinnen abgelehnt, weil ſie in Roſanes Tochter eine innige Freundin gefunden und von dem Alten geliebt wird, der ſie gerichtlich zur Tochter ernannt. Von dieſer Mihurmah wollte ich noch beſonders zu dir reden. Du wirſt dich wohl erinnern, daß in Jeruſalem unter uns oft das Gerücht ging, jene geheimen Schüler des unerklärlichen Huſſein Damad, der ſich bald für einen Juden, bald für einen Chriſten, bald für einen Türken gab, und in jeder Geſtalt ein Räthſel blieb, jene Schüler, die man nicht kannte, und zu denen manche von unſeres großen Rabbi Chagis Schülern gehörten, ohne daß wir es wußten, wie mein edler — 125— Schwager, Aaron de la Papa, trügen ein geheimes Zeichen an ſich und theilten dieſes zur Erkennung auch ihren Kindern mit, und dieſes Zeichen ſei eine Taube. Daß Aaron eine ſolche Taube auf ſeinem rechten Arm eingebeizt trägt, habe ich mit Hülfe meiner Frau erkundet, welche, auf mein Geheiß, ihre Schweſter zu ſolchem Geſtändniß überredete. Alſo gelangte ich zur Gewißheit, daß Aarvn zu jenem geheimen Vunde gehöre, deſſen Daſein wir wohl, deſſen Zwecke wir aber nicht kennen. Nun denke dir, daß ich auf dem rechten Arme der erwähnten Mihurmah ebenfalls eine ſolche eingebeizte Taube entdeckt habe. Was hat es doch mit dieſer Taube zu bedeuten? Ich will dich nur an unſern geheiligten Thalmud erinnern, und es wird dir ſogleich beifallen, daß darin an mehren Stellen von einem Taubenbilde die Rede iſt. Im Traktate Chulin heißt es nämlich, daß der Grund des großen Haſſes zwiſchen den Kin⸗ dern Israel und den Samariten, welche wir Sama⸗ ritaner zu nennen pflegen, unſere Väter aber Cuthäer nannten, wegen ihrer heidniſchen Abkunft, der ſei, daß man im Tempel der Letztern auf dem Verge Gariſim das Bildniß einer Taube gefunden habe, — 126— welches ſie angebetet hätten. Dasſelbe wird noch an einer andern Stelle des Thalmud erzählt. Wenn dir eben nicht Alles gegenwärtig ſein ſollte, ſo erwähne ich nur noch die Ausſage des Misraſch, daß jene Taube eins der Götzenbilder geweſen, welche unſer Erzvater Jakob, auf deſſen Gedächtniß der Friede ſei, unter der Eiche bei Sichem vergrub und die Samariten aufgefunden haben. Der R. Aſarias hält in ſeinem Buche Meor Enaim dafür, daß— da die Cuthäer urſprünglich Aſſyrer geweſen ſeien— jenes Bild der Taube ein Andenken an die berühmte aſſhriſche Königin Semiramis ſei, von welcher die Fabel ſagt, ſie wäre in ihrer Jugend durch eine Taube genährt worden, und daher auch die aſſyri⸗ ſchen Könige eine Taube in ihren Wappen führten. Es wäre demnach jenes Götzenbild ein ſymboliſches Zeichen ihres Urſprungs. So ſtellt auch der Prophet Jeremias das aſſyriſche Reich mehrmals unter dem Sinnbilde einer Taube vor, und dienet Obigem zum Beweis. Ich habe mit einem Handelsmanne unſe⸗ res Volks von hier geſprochen, den ſeine mancherlei Geſchäfte auch nach Sichem geführt, wo die Sama⸗ ritaner bis auf dieſe Stunde ihren Haupitz haben, — und der in ihrer Synagoge geweſen war und den Sabbath mit ihnen gefeiert hatte. Dieſer Mann erzählte mir, daß ſich über dem Pulte, auf welchen ſie die Thora legen, an der Decke die Geſtalt eines ſchwebenden Vogels befände, welcher mit einer Taube die meiſte Aehnlichkeit gehabt. Dies Bild haben ſie die ſichtbare Schechina genannt. Ferner befinde ſich in ihrer Synagoge eine ebne Stelle, worauf ſie ihre Thora legten, die hinter einem Vorhang verborgen ſei, welchen allein der Chacham wegziehen dürfe. Beim Anblick des Geſetzes, auf welchem das Bild einer Taube eingegraben ſei, ſtehe die ganze Gemeinde auf.— Nun wirſt du dich wohl noch erinnern, daß während unſerer Lehrzeit zu Jeruſalem Aaron de la Papa zuweilen geheime Reiſen machte und ich ihm einſt auf die Spur kam, daß er in Sichem geweſen. Sollte man nicht faſt glauben, wenn man das Zei⸗ chen der Taube auf ſeinem Arme bedenkt, daß er gar ein Samaritaner ſei, die an keine Auslegung des Geſetzes glauben, weder mündliche noch ſchriftliche und nur allein die Thora gelten laſſen, die ſie noch dazu verfälſcht beſitzen? Ich halte dieſen frevelhaften Menſchen ſolcher Gottesläſterung für fähig; nur — 128— möchte ich, daß ſeine Schande an den Tag käme, und er der öffentlichen Verachtung aller Juden, ſowohl der Rabbaniten, zu denen er ſich äußerlich bekennt, als der Kabbaliſten, die er haßt, und ſogar der Karäer, mit denen er doch am meiſten gemein hat, blos geſtellt würde. Doch wir können noch weiter ſchließen. Die Gojim, die ſich nach dem Gehenkten nennen, in welchem der Eſau war, jene Kinder Edoms vom Berge Seir, welche in Europa jetzt das Schwert der Macht haben, verehren in ihren Kirchen eben⸗ falls das Bild einer fliegenden Taube, und ſagen, ſie ſei das Sinnbild des heiligen Geiſtes Gottes, und in einem ihrer Bücher ſteht, daß, als jener abtrünnige Jeſus, des Zimmermanns Sohn, ſich im Jordan von dem wahnwitzigen Johannes, des Hohenprieſters Zacharias Sohn, taufen laſſen, ſei der Geiſt in Geſtalt einer weißen Taube auf ihn hernieder geflo⸗ gen. Iſt vielleicht Aaron de la Papa nun ein gehei⸗ mer Chriſt, und Mihurmah eine Chriſtin? Was ſoll man davon denken? Ich bitte dich, mich darüber zu pelehren. Vielleicht vermag es deine Weisheit. Doch beſonders liege ich dir an, daß du dich in Gaza nach dem genannten Mädchen befragſt. Sie kennt weder — 129— Vater noch Mutter, und iſt ihren reichen Eltern von einem vornehmen Türken geraubt worden. Dieſer hat ſich ihr ſpäter als Bruder ihrer Mutter zu erken⸗ nen gegeben. Nun ſind zwar ſeit einem Menſchen⸗ alter viel räudige Schaafe unter der gläubigen Heerde geweſen und ſind abtrünnig geworden, indem ſie zu Mahomeds falſchem Glauben geſchworen, und mein Herz hat ſich oft gegrämt und Buße gethan, wenn ich von einem neuen Abfall vernommen. So vft nun auch leider ſolch Werk dem Belial, dem Sohne der Schlange, gelungen iſt, ſo kann ich doch eine ſeltſame Vermuthung, die in mir aufgeſtiegen, dir nicht verſchweigen. Sollte der Räuber und Mutter⸗ bruder dieſes Mädchens nicht etwa gar Jehuda ben Aſſar ſein, deſſen türkiſchen Namen ich niemals erfah⸗ ren habe? Und Chanania ben Jakir gehörte auch mit zu Huſein Damad's geheimen Schülern. Ich bitte dich, erkundige dich nach allem genau, und melde mir mit eheſtem, was du erfahren. Auch habe ich dir noch etwas ſehr Erfreuliches zu melden, zum Beweis, daß der Herr mit uns iſt, und uns beiſpringt in der Noth; denn der Born ſeiner Gnade iſt unerſchöpflich. Es iſt nämlich hier— I. 9 — 130— ein junger Mann aufgetreten, der die älteſten Lehrer des Geſetzes an tiefer Weisheit weit übertrifft. In der Kunſt der Kabbalah beſitzt er eine bis jetzt unge⸗ ahnete Kenntniß; ſein Wiſſen iſt wahrhaft wunder⸗ bar und erſtaunenswürdig. Deshalb hat ihn auch die hieſige Synagoge, obgleich er erſt neunzehn Jahre alt geweſen, doch ſchon im vorigen Jahre zum Chacham erhoben, ich geſtehe mit auf meinen Betrieb. Die Zahl ſeiner Schüler beläuft ſich in die Tauſende, vorzüglich hängt ihm die Jugend ſehr an, die er mit glühender Begeiſterung, wie ein Prophet, hin⸗ reißt. Er ſetzt Alles in Verwunderung, und es iſt fortwährend viel von ihm und ſeinen Lehren die Rede. Sein Name iſt Sabbathai Zewi, und er iſt der dritte Sohn eines armen Federviehhändlers aus Morea. Auch von Geſtalt iſt er der ſchönſte junge ſann in ganz Smyrna. Durch ſeinen Feuereifer hat er ſchon Viele für die Kabbalah gewonnen, und der Thalmud zählt, ſeit er lehrt, tauſende von Leſern mehr als früher. Auch gibt er manches von ſeinen geheimen Wiſſenſchaften zum Beſten, und das zieht immer mächtiger an. Er iſt ein ſtarker Hort für unſere Sache; und ich hoffe, er ſoll es künftig noch * — 131— mehr werden. Aaron de la Papa hat ihn, wie du dir wohl denken kannſt, ſchon verfolgt, und den Kadi aufgehetzt, um ihn zu unterdrücken. Aber der reiche Roſanes hat den jungen Chacham in Schutz genommen, nicht minder Zadik de Curbano und andere reiche Kaufleute. Der Präſident des Rab⸗ binalgerichtes iſt dem trefflichen Jünglinge ſelbſt ſehr gewogen und hat ihm ſeinen Schirm zugeſagt. Des⸗ halb wagt weder Aaron, noch der Kadi öffentlich und mit Gewalt gegen ihn aufzutreten; ſo ſpinnen ſie denn heimlich Tücke und Bosheit. Da Sabba⸗ thai im Freien lehrt, haben ſie den türkiſchen Pöbel gegen ihn aufgereizt, und ſo werden ſeine herrlichen Vorträge oft vom Lärm eines rohen Haufens unter⸗ brochen. Doch auch daran kehren wir uns nicht. Er verſammelt ſeine getreueſten Schüler zur Mitter⸗ nacht um ſich, und ſpricht mit ihnen von göttlichen Dingen. Dann baden die jungen Leute im Meer, und faſten Tage lang. Noch ein Mal ſage ich dir: Der Tag der Rache kommt und unſre Feinde wer⸗ den in unſre Macht gegeben. Lebe wohl und gib mir bald Antwort. 9* — 132— Die Glut des Tages verglomm ermattet in der Kühle des Abends, wie ein feuriges Auge in den Wonneſchauern der Wolluſt. Die Abendröthe ſtickte Kränze von allerlei Roſen in das tiefe Azurblau des Himmels, goldne Wölkchen ſegelten über das Luftmeer, wie Herolde ſtillerer Freuden, die im freundlichen Nachtmantel geheimnißvoll, wie alles Süße, aber doch als liebe Bekannte, am Horizonte heraufſtiegen, die holden koſigen Abendſtunden, die einen goldnen Zauberſchlüſſel im Munde tragen, mit dem ſie jedes warme Menſchenherz zu öffnen wiſſen. Wen die Laſt des Tags gedrückt, wen der Kampf der heißen Stunden hart berührt, wem das Elend, das das Licht beleuchtet, wehe gethan, dem legen ſich die ſüßen Abendſtunden, gleich traulichen Freundinnen kühlend, labend um die Bruſt, die von ihrem Schlüſſel aufſpringt, und ſiehe, es ziehen heitre Gefühle hinein, Liebe und Freundſchaft treten durch das geöffnete Thor, beſiegen den Erdenſchmerz und lächeln dem Dulder ſelige Ruhe zu. Die heimlichen Abendſtunden führen die Menſchen unter ihrem pur⸗ vurgeränderten, goldgeſtickten Nachtgewand näher zuſammen und öffnen Gefühlen den Mund, die der — 153— Tag ewig verſchweigt, und reichen über die beglück⸗ ten Kinder der Erde, ihren Schweſtern, den bunt⸗ gekleideten Träumen, die Hand, damit dieſe ihr angefangnes Werk vollenden.— Mihurmah weilte allein im Berggarten; des Vaters Wille hatte Thamar in die Stadt gerufen. Mit ſehnſüchtigen Augen ſah ſie über die im Abend⸗ duft verſchwebende Thalferne und auf das weiterhin mit jenem zarten Nachtſchleier ſich vermälende Meer hinaus. Die Spitzen der Berge glüheten noch, der Wald rauſchte über ihr ſo wunderbar und ſchien ſich mit dem Meere zu unterhalten, welches berg⸗ aufwärts ähnliche Töne ſandte. Mihurmah lauſchte hierhin und dorthin, als verſtände ſie beide. Das Abendroth, das über dem Gipfel des weſtlichen Vor⸗ gebirges hing, warf eine glänzende Feuerſäule über die dunkle leisbewegte Fläche des Meerbuſens hin, während der Wald auf der Höhe von ihm durch⸗ glüht, wie mit tauſend feurigen Liebesaugen auf den Waſſerſpiegel herabſah. „Hah!“ rief Mihurmah entzückt,„das muß ich in menſchlichen Lauten ſingen, wie ich es in der Seele erfaßt habe.“ — 134— Und aus dem Kiosk holte ſie eine prächtige Harfe. Auf dem Altan ſich niederſetzend, ließ ſie ihre zar⸗ ten Finger durch die glänzenden Saiten irren, und ſchon klangen ſie ſehnſüchtig ſüß, wie Waldes⸗ und Meeresrauſchen. Sinnend horchte ſie den Tönen, bis ihr Auge ſich gleichſam tiefer ſenkte und in unausſprechlich ſchönem Ausdruck dichteriſcher Begeiſt⸗ rung dunkelte und ſchwamm, bis der ſchönſte Mund ſich öffnete, bis durch den Zaum glänzender Zähne hindurch die ſtarke Glockenſtimme drang, und Wort an Wort klingend ſich reihete, wie Perle an Perle zu einer koſtbaren Schnur. Denn das Lied ſtiller wehmüthiger Sehnſucht iſt eine ſchillernde Perlen⸗ ſchnur, die ſich durch die dunkeln Locken eines herr⸗ lichen Weibes ſchlingt. Mihurmah ſang: „Im Waldgeheg, von grüner Nacht durchdüſtert, Erwacht ein Lied, von Blättern leis geflüſtert, Von Zweigen und von Wipfeln laut gerauſcht, Dem ſtill entzückt die Fluth des Meeres lauſcht. Es ſingt der Wald: Bei Tages heißem Prangen Zieht mich zu dir ein dürſtendes Verlangen; Gern küßt ich dich, du ſüße Wellenbraut, Auf die mein Auge glühend niederſchaut. — 135— Doch thaut der Abend auf mein Haupt hernieder, Durchſäuſeln meine Locken Liebeslieder, Ein flammendes Begehren füllt mein Herz; Ich beuge meine Wipfel niederwärts, Damit ich ſchaue dir in's dunkle Auge, Damit dein Liebesodem mich umhauche. Ach, nie berührt mein liebedurſt'ger Mund Den deinen küſſend in dem kühlen Grund! Doch ſend' ich liebend dir dann meine Zungen, Die einen Sommer dir mein Leid geſungen, Das Leid, das ich, auf Bergeshöh' gebannt, Noch deine Schönheit brünſtig nie umſpannt. Wenn ſanft des Sommerabends Purpurgluten Ihr flüſſig Gold in meine Locken biuten, Wenn rother Glanz durch alle Zweige bricht Uund einen Kranz für meinen Scheitel flicht: Dann ſchmück' ich bräutlich dich mit jenem Golde, Ein ſchimmernd Halsband web' ich dir, du Holde, Und manche Blüthenzweige brech' ich los, Und werfe ſie hinab in deinen Schoos. Du dunkle Braut mit den Korallenſpangen, Wann wird mein Sehnen doch zum Ziel gelangen? Wann führſt du mich ins bräutliche Gemach? Wann faß' ich dich mit Armen tauſendfach? — 136— Darauf das Meer: Nicht minder iſt mein Sehnen; Wie oft verſucht' ich, meinen Arm zu dehnen, Daß ich dich liebend faßte, feucht und warm, Doch nie erreichte dich mein Wellenarm. Ach, nur dein treues Bild darf ich umfangen! Dem küß' ich liebevoll die grünen Wangen. Mein Auge richt' ich ſtets zu dir empor, Und deinen Liedern lauſcht mein Wellenohr. O wie entzückt mich deines Schmuckes Glänzen! Wie zier' ich mich mit deinen Blätterkränzen! Wie hallet deiner Lieder Zauberwort In meiner Sehnſucht tiefſten Tiefen fort! Auch heg' ich hoffend ſtill die dunkle Sage: Einſt bricht nach einem flammenheißen Tage Die längſt erſehnte ſüße Nacht herein, Die bringt uns beiden ewigen Verein. Dann wirſt du ſchnell mit deinen tauſend Zweigen In meinen grünen Schoos herniederſteigen; Dann ruhſt du ſelig kühl im tiefen Grund, Und keine Schöpfung mehr trennt unſern Bund.“ Ihr Auge hing noch feucht und ſinnend mit dem ihm eigenthümlichen tiefen Ausdruck der Begeiſt⸗ rung an dem verglimmenden Abendroth, und ihre Hand ſchlich träumeriſch noch in den Saiten, als — 137— ein warmer Athem ihren Nacken ſtreifte, und indem ſie ſich wandte, ein noch wärmerer Mund ihre Lip⸗ pen preßte. Ihr Wahn, als ſei es Thamar, die ſie belauſcht, wich ſchnell; denn Sabbathai Zewi ſtand vor ihr und hielt die Beſtürzte im Arm. „Dein Lied hat mich entzückt,“ ſagte er feier⸗ lich bewegt.„Es war eine Leiter von Tönen und Klängen, auf welchen unzählige Engel der Dicht⸗ kunſt, des Geſanges, der Liebe und Begeiſtrung im punten Gedränge zum Himmel ſtiegen. Und ſo muß ich dich auch als Dichterin kennen lernen, die, wie Deborah, heilige Lieder aus der begeiſterten Seele ausſtrömt? Du haſt mir die höchſte Gabe, womit der Himmel dich ausgeſchmückt, verborgen; warum hörte ich noch keins deiner Lieder?“ „Wie könnten meine ſchwachen Verſuche vor dir, ven Miſter, beſtehen?“ verſetzte ſie, die Augen ſchamhaft zu Boden ſchlagend.„Meinſt du, es wäre mir nicht bekannt, wie du, gleich dem könig⸗ lichen Dichter David, hohe, unſterbliche Lieder dich⸗ teſt? Auch du verbirgſt die ſchönſte Blüthe deines Geiſtes allem Volke.“ „Das Edelſte gehört nicht auf den Markt. Dir — 138— aber ſei es dargebracht, wie ein König ſeiner Köni⸗ gin das Koſtbarſte reicht, was ſeines Landes Gren⸗ zen in ſich faſſen, und nicht duldet, daß das Auge des großen Volks darauf hafte. Dir will ich die Lieder weihen, die, wie Harfenklänge, in einſamen Mitternachtsſtunden meine Seele durchrauſchen, von deinen Lippen will ich ſie ſingen hören, du, und kein andrer Menſch, wirſt die rechte Tonweiſe dazu finden.“ „Ich kenne ihrer viele, und mit manchen haben ſich ſchon die Töne verſchwiſtert und vermält. Deine Schweſter hat ſie mir gelehrt. Noch vor Kurzem erhielt ich ein Lied von ihr, das du erſt gedichtet, und noch denſelben Abend ſang ich es in der von mir erfundenen Tonweiſe meiner Freundin Thamar vor. Und glaubſt du wohl, daß ich es ihr räglich mehrmals vorſingen muß? Sie kann es nicht genug hören, und ſo oft der erſte Laut davon erſchallt, glänzt ihr ſchönes Auge noch herrlicher und nicht ſelten ſendet dieſe reiche Schatzkammer zum Lohn für ſolche hohe Liedesgabe, ihr Koſtbarſtes aus, ein Paar Perlen von unſchätzbarem Werthe. Fürwahr menn dein Lied das Reichſte iſt, was du zu geben vermagſt, ſo iſt ihnen auch in ſolchem Perlenſchatz — 139— der Lohn angemeſſen; aber die ganze Schatzkammer ſteht dir zu Gebot, und wie das Volk dich mit Recht den Fürſten der Geiſter nennt, ſo kannſt du Fürſt des ſchönſten Herzens werden.“ Ohne auf ihre letzten Worte zu hören, fragte Sabbathai mit Haſt: „Welches Lied meinſt du?“ „Es iſt ein Liebeslied.“ „Wie? Das hätte mir Jeruſa abgelauſcht! Und dir, dir hat ſie es gegeben; du haſt eine Weiſe dazu erſonnen? Ich bitte dich, ſinge mir das Lied!“ — Seine Stimme bebte bei dieſen Worten. Mihurmah griff raſch in die Harfe, und wie die Quelle melodiſch rauſchend aus dem von Moſes Stabe berührten Felſen ſprang, ſo ſchoß der Strahl des Geſanges aus ihrem Munde. „Dir, tiefes dunkles Herz, dir gilt mein Lied, Das Nitternacht am Meeresſtrand gebar, Das nächtlich ſcheu zu ſeiner Wiege flieht, Und bringt dir dort ſein reines Opfer dar. O laß mich ſchlürfen deiner Blüthe Kuß, Du Roſe Sarons, Lilie im Thal! Laß baden mich in deiner Düfte Fluß, Wenn ihn durchwellt des M ondes Silberſtrahl! Duft iſt der Hauch, der deinem Mund entblüht, und Sternenglanz ſind deiner Blicke Pracht. Tief, ſchweigſam, wunderreich iſt dein Gemüth, Wie, die auf Bergen ruht, die heil'ge Nacht. Scheu, wie das Reh, das auf den Bergen ſpringt, Scheu wie die Taube, die in Felſen baut Und leicht empor ſich in die Lüfte ſchwingt, Wenn ſie den Jäger, Netze ſtellend, ſchaut: So fliehſt du, meiner Augen ſüße Luſt, Du, meines Herzens überſchwenglich Glück, Dir deiner eignen Schönheit unbewußt, Vor meines Blickes Liebesflehn zurück. Wie duftend Hel, wie Nardentropfen, fließt Von deinem Mund der Rede ſüßer Ton; Doch des Geſanges Silberklang ergießt Sich, wie ein junger Bach vom Libanon. Ein Garten biſt du, dem der Würze Kraut, Dem Zimmt und Alve und Wein entſproß, Auf den des Abends Odem niederthaut, Der des Gebirges Scheitel erſt umfloß. O laß mich wandeln in der Abendluft In dieſes Gartens grünem Luſtgebiet, Und Früchte koſten, trinken Blüthenduft, Und bringen dir dafür mein leuchtend Lied!“ — 141— „Ha, du haſt mich verſtanden!“ rief Sabbathai, mit Leidenſchaft zu ihren Füßen ſtürzend,„das beweiſen die Töne, die du zu meinem Liede ſchufſt, du tiefes ſeltenes dunkles Gemüth!“ Und indem ſein Auge von wunderbarem Glanze einer in Flam⸗ men glühenden Seele widerleuchtete, zog er ihr Haupt zu ſich herab und hauchte einen zweiten Kuß auf ihre Lippen. Die Harfe, die ſeine Hand leicht geſtreift, ſang einen leis verhallenden Ton dazu. Erſchreckt riß ſich das Mädchen empor und rief: „Sabbathai, was thuſt du? Du biſt wie verwan⸗ delt; ich kenne dich nicht mehr. Was willſt du bei mir mit dieſer Leidenſchaftlichkeit?“ Er ſchüttelte die Fülle ſeiner ſchwarzen glänzen⸗ den Locken und ſagte:„Du weißt es ja, daß du es biſt, der ich dies Lied gedichtet, du, zu der die Gedanken meiner Seele fliegen, wie die wilden Tau⸗ ben des Gebirgs nach ihren Felſenritzen, wo ihre Neſter ſtehen, du, deren Reize mich mit den Won⸗ neſchauern nie gekannter Seligkeit erfüllen, du, Mäd⸗ chen meiner erſten, meiner heiligen Liebe!“ „Ich?“ rief Mihurmah im ſchmerzlichen Erſtau⸗ nen.„O Sabbathai! nicht ich kann der Gegenſtand — 142— deiner hohen heiligen Liebe ſein. Nicht mich kannſt, nicht mich dartſt du wählen. Ich bin deiner Wahl, deiner Liebe unwürdig. Dem Höchſten gebührt das Höchſte, dem Reinſten das Reinſte. Du, ein zu hohen Dingen geweihter Jüngling, das heilige Gefäß, in das der hochgelobte Gott unſrer Väter den äther⸗ reinen Flammengeiſt in vollendeter Fülle goß, der in den großen Propheten unſres Volks nur theil⸗ weiſe und unvollkommen geleuchtet, du darfſt nur Reines, Unentweihtes lieben; das Weib, das dich beglücken ſoll, muß unberührt ſein, wie die Apfel⸗ blüthe, wenn ſie die Knospe geſprengt. Ich, deren Blüthe der begehrliche Moslemin in ſeinem Harem brach, ich kann Sabbathai's Weib nicht mehr ſein. Mein Leib iſt nicht heilig mehr, den Fürſten der Geiſter in höchſter Liebeswonne zu umfangen; die Entwürdigte kann nicht die Theilerin deiner ſeligſten Stunden ſein.“ Sabbathai war aufgeſprungen und hatte das Geſicht im höchſten Schmerze verhüllt. Wie Dolch⸗ ſtiche hatte jedes ihrer Worte in ſeine Seele getroffen. „Eine reine Jungfrau unſres Volks iſt beſtimmt, dir des Lebens prachtvollſte Herrlichkeit zu erſchließen,“ — 143— fuhr Mihurmah tröſtend fort,„ein Engel an Leib und Seele, die reizendſte, die edelſte der Töchter des Landes. Für dich hat unſer Gott das Schönſte geſchaffen, und die ſchönſte Jungfrau iſt Thamar, meine Freundin. Sie liebt dich, ich weiß es, aber noch iſt ihre Liebe in ihrer Bruſt verſchloſſen, wie die Quelle im Fels; rühre daran und ihr Strahl wird dir leuchtend entgegen ſpringen. Hebe kühn deine Augen zu ihr empor; ſie trägt Schätze in ihrer Bruſt, die dich beglücken müſſen; ihr gelte dein Lied, ihr deine Liebe!“ Sabbathai verharrte noch immer im düſtern Schweigen.„Du liebſt mich nicht!“ ſagte er end⸗ lich ſchmerzlich. „Sprich nicht alſo, Sabbathai. Ich liebe, ich verehre dich. Es gibt kein Gefühl ſtärkerer Zunei⸗ gung, mit welchem Namen du es auch benennen magſt, wie es in meiner Bruſt für dich lebt. Aber nimmer kann ich dein Weib ſein. Frage dich ſelbſt, ob ich es ſein kann. Biſt du von deinem hohen Berufe ſo ganz erfüllt, wie ich, ſo wirſt du fühlen, was ich meine. Wäreſt du Moſes, ich wollte dein Weib ſein, wäreſt du David, ich wollte dir ange⸗ — 144— hören, wäreſt du ein Prophet, ich wollte dein Bett mit dir theilen; aber der, der du biſt, darf nicht Mihurmah's Gatte ſein. Nenne mich Freundin, ich bin es mit heißem Herzen; nenne mich ſo und das Entzücken meiner Seele jubelt Adlersfittigen empor.“ „Und wer bin ich denn? Wofür hältſt du mich, ſo du mich höher ſtellſt, als Moſes, David und die Propheten?“ fragte der Jüngling mit ſtaunendem Befremden. „Wie, Herr? Du ſollteſt es nicht wiſſen, wer du biſt? Du ſollteſt es nicht ahnen, wozu dich unſer Gott erkoren? Dir ſollte die Heiligkeit deines Berufs nicht früh ſchon in der Seele wie eine flammende Sonne aufgegangen ſein?“ „Du wirſt mir immer unbegreiflicher, Mihur⸗ mah. Sei deutlich, daß ich dich verſtehe. Sag', wofür du mich hältſt, was ich dir bin.“ „So hat mich Gott der hohen Gnade gewür⸗ digt, es dir zu verkünden!“ rief Mihurmah begei⸗ ſtert, und wie er vorhin vor ihr gekniet, ſo ſank ſie jetzt vor ihm in die Kniee und ſagte feierlich mit emporgehobenen Händen:„Herr, der Meſſias — 145— biſt du, der auserwählte Fürſt der Herrlichkeit, die Sehnſucht unſeres Volks, der König von Zion.“ Sabbathai bebte zuſammen. Ihm war, als hätte ſich der Himmel plötzlich vor ihm aufgeriſſen und er hätte den höchſten Glanz erſchaut, wie er die oberſte Welt durchfluthet. Wie ein mächtiger Schlag hatte das eine Wort ihm jede Nerve, jede Fiber durch⸗ zuckt, ſein Athem ſtockte, ſeine Bruſt hob ſich müh⸗ ſam, ſein Auge drohete, von jenem Glanze geblen⸗ det, zu verlöſchen. Es dauerte lange, eh' er ſich zu erholen vermochte; endlich blickte er, wie trunken umher, er mußte ſich beſinnen, die Gegenſtände um ihn waren ihm fremd. Die Nacht hatte unterdeſſen die Fackel des Abendroths ausgelöſcht und den Ber⸗ gen ein düſtres Kleid gewoben. Mihurmah ſtand an ihrer Harfe gelehnt ernſt und ſchweigend. „Der Meſſias?!“ wiederholte jetzt Sabbathai mit leiſer zitternder Stimme.„Mädchen, wer hat dir das geſagt?“ „Thamar!“ verſetzte Mihurmah feierlich.„Von ihr weiß ich's; ſie hält dich dafür und ihre Seele jubelt in reiner anbetender Liebe dir zu, dem Erlö⸗ ſer unſeres Volks. Vor wenigen Tagen erſt hat ſie . 10 — 146— es mir in heiliger Stunde der Freundſchaft entdeckt, und die Waohrheit ihres Wortes hat mich mit Schauern durchbebt. Tauſend Stimmen riefen ſogleich in mir: Ja, er iſt's! er iſt der Erſehnte, die Wonne der Völker, der Held Israels! Und tauſend Stimmen wiederholten es beſtätigend, und wie ſie mir, ſo rufe ich dir zu: Du biſt's! Du biſt der Retter meines Volks! Heil dir, Gotterkohrner, großer König!“ „Ja, ich bin's!“ ſprach Sabbathai mit Sicher⸗ heit.„Jetzt verſteh' ich euch erſt recht, ihr Geiſter der Nacht, ihr Engel, die ihr mich umrauſcht. Wer war's denn, der mir das große Wort zugeflüſtert, der mir das tiefe Geheimniß verrathen, der das Räthſel meines Lebens gelöſ't? Thamar, Thamar, du! Durch die Nacht hör' ich deiner Stimme Klang. Du ſtehſt mit den Engeln im Bunde, du biſt ihre Königin!“ Und mit ſtolzen Schritten ſtieg er hinab aus dem Garten und wandelte dem Ufer des Meeres zu. Sein Auge funkelte, ſeine Bruſt hob ſich, wie noch nie. Dort flüſterte er ſeltſame geheimnißvolle Worte, die kein Menſch verſtanden, den Wellen zu, bis ſich ſeine Schüler um ihn verſammelt und noch nie waren — 147— ſeinem Munde höhere flammendere Worte entfloſſen, als in dieſer Nacht. Seine Rede war ein heiliges Gedicht, glühend in den Farben des Morgenlandes und erfüllt mit ſeinen Wundern. Dann ging er wieder einſam und träumend in die Nacht hinaus bis zu einer verſteckten Bucht. Dort löſ'te er ſein weißes Gewand und ſtieg in das dunkle Meer hinab, ſich ſchaukelnd auf ſeinen Wellen. Die rauſchten ihm huldigend zu:„Du biſt's! du biſt der Meſſias, der große König!“ Aus den Tiefen herauf tönte es und die Stimmen klangen über den Waſſerſpiegel hin; die Bäume rauſchten es von den Höhen herab und die Laute durchzitterten die Luft; Erde und Meer neigten ſich vor dem Jüngling in der Fluth, und riefen huldigend:„Heil dir, großer König!“ Wieder neigte ſich der Tag. Aus ihrem Gemach traten Thamar und Mihurmah in koſtbaren Feier⸗ kleidern, der Eintritt des Sabbaths hatte ſie früher als gewöhnlich in das Haus zurückgerufen, damit ſie es zum würdigen Empfang des heiligen Tages ſchmük⸗ ken könnten, während der Vater in der Synagoge zum 10* — 148— Gebet war. Mit königlichem Gepränge ſollte nach der Vorſchrift der Rabbinen das Ruhe⸗ und Freu⸗ denfeſt empfangen werden, das ſie eine Königin nennen, eine freudenſelige Hochzeiterin, die den Frohſinn und die Luſt mitbringt in das ihrer harrende, für ſie feſtlich geſchmückte Haus. Mit feierlicher Würde ſchafften die Mädchen. Unter ihrer Leitung kehrten und fegten die Mägde das Haus und bereiteten die ſchmackhaften Feſtſpeiſen; denn am Sabbath ſei jedes Juden Tiſch beſſer beſtellt als an den übrigen Tagen der Woche. Der große eichene Tiſch in der Mitte des Familienzimmers wurde mit ſchneeigen Linnen bedeckt und in den blankgeputzten ſilbernen Tellern, die aufgeſetzt waren, ſpiegelten ſich bald die Lichter des großen Bronzeleuchters, der mit zehn Ampeln über dem Tiſche hing, von Thamar aus einem mar⸗ morweißen Kruge mit kryſtallreinem Oel getränkt, mit friſchen Dochten verſehen und angezündet, da es dem Weibe oder der Tochter des Hauſes obliegt, die Lichter für den Sabbath zu beſorgen. Die Vor⸗ hänge wurden dicht vor die Fenſter gezogen, damit die letzte Helle des Tages nicht mehr hereindringe, Weihrauch dampfte von zierlichen Kohlenbecken und — 149— ſendete ſeine Düfte durch alle Räume des Hauſes und die, wenn auch minder köſtlichen, doch gewiß noch reizendern Gerüche der Speiſen vermiſchten ſich mit ihnen. Und wie den Fußboden heute ein ſchöne⸗ rer Teppich als gewöhnlich bedeckte, ſo waren auch über die Polſter des Ruhebettes und der Seſſel bro⸗ katne Stücke gebreitet von ſeltnem Werth, und wohin das Auge ſich wandte, verweilte es mit Ergötzen auf Geräthſchaften und Gefäßen von Silber und Gold, von andern glänzenden Metallen, edlem Holz und Stein, vor Allen aber auf dem Schönſten, einem großen goldnen Familienbecher von künſtlich getrieb⸗ ner Arbeit mit Edelſteinen beſetzt, der in der Mitte des Tiſches gerade unter dem Leuchter ſtand. Am Boden daneben hatte der große, ſilberne Weinkrug ſeinen Platz, gefüllt mit feinduftendem Cyperwein und auf dem Tiſche zur Rechten und Linken des Bechers lagen zwei Laibe Brot mit weißen Tüchern überdeckt, an jedem ein wohlgefülltes goldnes Salzfäßlein; alles nach Sitte und Vorſchrift. Als die beiden Mädchen ſich draußen Hände und Geſicht mit friſchem Waſſer gewaſchen, da klopfte es drei Mal an die Thüre. Thamar öffnete und der — 150— Ausrufer der Schule, Scheliach tzibbur genannt, rief mit lauter Stimme herein:„Stehet ab von aller Arbeit und rüſtet euch, den heiligen Sabbath zierlich und ehrlich zu empfangen, welcher ſogleich herein⸗ tritt als eine in Schönheit ſtrahlende Braut.“ Thamar verſetzte:„Wir ſind gerüſtet und empfangen die Braut des Herrn mit Freuden.“ Und raſch entfernten die Mägde alles Feuer, Tha⸗ mar öffnete die Thüre des Zimmers und verneigte ſich mit Mihurmah tief, ein Gebet zur Begrüßung des Feſtes lispelnd, das ſo eben eingezogen war. Dann koſeten die Mädchen, den Vater erwartend, zuſammen. „Du ſcheinſt mir heute beklommen und ängſtlich, als drücke dich in deinem Gemüth etwas?“ fragte Mihurmah theilnehmend. „Ich weiß nicht, woher es kommt, mich ängſtigt des Vaters Wort von geſtern, daß er mir heute etwas Wichtiges zu ſagen habe. Er ſah dabei ſo ernſt und feierlich aus, als könne es eben nichts Erfreuliches für mich ſein.“ „Dann würde er dir die Kunde davon nicht bis zum Sabbath verſpart haben, an welchem nur Licht — 151— und Freude um uns walten ſollen. Ein heiteres Wort iſt es, das er zu dir reden will, damit er dir die Wonne des Feſtes vermehre.“ „Du weißt, daß er, die Woche über nur mit ſeinen Handelsangelegenheiten beſchäftigt, die müßi⸗ gen Stunden des Sabbaths wählt, ſich über ſein Hausweſen mit uns zu unterhalten, und nicht immer kommt dabei Angenehmes zur Sprache.“ „Dein Vater liebt dich viel zu ſehr, um dich auch nur mit einem Worte zu betrüben. Darum hoffe das Beſte.— Sahſt du heute Sabbathai?“ „Er gab mir Unterricht. Seit einigen Tagen bemerke ich eine ſeltſame Veränderung an ihm. Sein Auge gluͤht zuweilen mit einem unaus ſprechlichen Aus⸗ drucke auf mir, ſeine Hand zittert, wenn er die mei⸗ nige berührt, er ſpricht nicht mehr zu mir, wie zu einem Kinde, wie er früher gethan. Dann ſitzt er auch wieder tief in ſich ſelbſt verſunken, wie ein Träu⸗ mender, lange, lange und ſcheint mich nicht zu bemer⸗ ken und nichts, was um ihn vorgeht. Er war im Unterricht bei der Lehre von der ſeltſamen Verſetzung der Buchſtaben, um den geheimen Sinn des Geſetzes zu entziffern, aber er brach in den letzten Tagen davon — 152— ab, und erzählte mir ſchöne ſchauerliche Geſchichten, wie die Engel einſt auf Erden gewandelt unter den Sterblichen und mit ihnen verkehrt, daß ſie aber die Töchter derſelben geliebt und über ihnen den Him⸗ mel vergeſſen hätten. Da ſprach er ſo dichteriſch ſchön, wie Salomon im hohen Liede. Was mag er vorhaben? was ihm fehlen?“ „Verſtehſt du ihn nicht, unſchuldige Taube?“ fragte Mihurmah.„Er liebt dich! drei Mal glück⸗ ſelige Jungfrau, der hohe Jüngling, der zum Beglük⸗ ker, zum Befreier deines Volks erkoren iſt, beſchenkt dich mit ſeiner Liebe. Heil dir, du wirſt dem Meſſias Kinder gebären und dein Geſchlecht wird über das freie Israel herrſchen bis in die ſpäteſten Zeiten. Lerne die Ueberfälle der Wonne ertragen, daß ſie dich nicht vernichte!“ Thamar war mit dem Purpur jungfräulicher Schaam überglüht; aber kaum hatte Mhurmah aus⸗ geredet, als die Thüre des Hauſes geöffnet und des. alten Davids Stimme vernommen wurde. Die Mäd⸗ chen ſprangen auf und ihm entgegen, und:„Geſeg⸗ neter Sabbath!“ lautete der wechſelſeitige Gruß. Der Greis warf ſeine Augen mit freundlichem — 153— Wohlbehagen im Zimmer umher, verneigte ſich gegen Tiſch und Leuchter und ſprach feierlich:„Zwei Engel begleiten einen jeglichen Sohn des Geſetzes am Sabbath⸗Abend aus der Synagoge in ſein Haus, ein guter und ein böſer. Wenn ſie eintreten und finden die Sabbath⸗Lichter wohl brennend, den Tiſch weiß gedeckt und mit aller Nothdurft zugerichtet, das Bett rein und weiß angemacht, ſo ſpricht der gute Engel:„Gott wolle, daß es allhie am nächſten Sabbath auch ſo ſtehe! Dann muß der böſe Engel wider ſeinen Willen Amen darauf ſagen. Und ſo ſage auch ich mit meinem Willen und mit Luſt und Freude: Amen!“ Und die Mädchen erhoben ihre Stimmen und riefen freudig:„Amen! Amen!“ „Iſt es aber das Widerſpiel, ſo ſagt der böſe Engel:„Es ſoll auch am nächſten Sabbath ſo hier ſtehen!“ Da antwortet der gute Engel gleichfalls wider ſeinen Willen:„Amen!“ Ich aber wünſche euch einen fröhlichen Sabbath!“ „Er ſei es auch Euch!“ Nachdem er den Mädchen den Kuß des Friedens auf die Stirne gedrückt, nahm er den Gebetmantel — 154— ab und die Tephillin vom Kopf und Bruſt, bedeckte dann ſein Haupt wieder, trat an den Tiſch, füllte den Becher aus dem hohen ſilbernen Kruge mit Wein, ergriff ihn mit beiden Händen, verneigte ſich drei Mal und ſegnete den Sabbath ein mit den Worten: „Am ſechsten Tage waren vollendet der Himmel und die Erde mit ihrem ganzen Heer. Denn Gott hatte alle ſeine Werke vollbracht, und ruhete am ſiebenten Tage von allen ſeinen Werken, welche er gemacht hatte. Und Gott ſegnete den ſiebenten Tag und hei⸗ ligte ihn, darum, daß er an demſelben geruhet hatte von ſeinem ganzen Werk, welches er erſchaffen und gemacht hatte.“ Und nach abermaligen drei Ver⸗ neigungen fuhr er fort:„Gelobt ſeiſt du, Gott, unſer Herr, König der Welt, der du erſchaffen haſt die Frucht des Weinſtocks! Gelobt ſeiſt du, Gott unſer Herr, König der Welt, der du uns geheiligt haſt durch deine Gebote, und uns gegeben den heili⸗ gen Sabbath, und ihn mit gutem Willen und Liebe uns zum Erbe gelaſſen, zu einem Gedächtniß der Werke der Schöpfung! Denn er iſt ein Anfang zur Verſammlung der Heiligen, ein Gedenkzeichen des Ausgangs aus Aegypten. Du haſt uns auserwählet — 155— und geheiliget aus allen Völkern, haſt uns den Sab⸗ bath deiner Heiligkeit mit Liebe und Willen zum Erbe überlaſſen. Gelobet ſeiſt du, Gott, der du den Sabbath heiligeſt!“ Hierauf trank er aus dem Becher, reichte ihn Thamar und dann Mihurmah zum Trinken, ſetzte ſich, enthüllte die Brote und ſprach:„Gelobet ſeiſt du, Gott unſer Herr, König der Erde, der du das Brot aus der Erde hervor⸗ zeugſt!“ Nachdem er ſie angeſchnitten, dunkte er ein Stücklein in Salz und aß davon, dann reichte er jedem der Mädchen ein Stück. Nun wurden die Speiſen aufgetragen, und der Greis überließ ſich mit froher Laune dem Genuſſe der edlen Gaben. Ueber dem Eſſen ſelbſt wurden wenig Worte gewech⸗ ſelt, aber ſobald Roſanes geſättigt war, that er noch einen kräftigen Zug aus dem von neuem gefüllten Becher und begann dann heitern Mundes:„Zweier⸗ lei habe ich mit dir zu reden, Thamar, und nach dem Aus ſpruche des Rabbi Abika, auf deſſen Gedächt⸗ niß der Friede ſei, ſoll man von zwei Dingen immer das Wichtigere zuerſt vornehmen. So magſt du denn wiſſen, daß mir ehrenvolle und vortheilhafte Anträge gemacht worden ſind, dich zu verheirathen.“ Und als ob er Thamar's Erblaſſen nicht bemerke, fuhr er nach einigen Augenblicken fort:„Die Zeit iſt allmä⸗ lig herangerückt, wo das Geſetz von dir fordert, daß du eines Mannes Weib werdeſt, und ich darf die Wünſche und Anerbietungen mehrer meiner Freunde nicht länger zurückweißen. Ich ſelbſt ſehne mich nach einem Schwiegerſohn, der dich beglücke und in mei⸗ nem Hauſe wohne, bis ich zu meinen Vätern gegan⸗ gen bin. Mein Handelsfreund Moſes Haligua hat für ſeinen zweiten Sohn Hannia um dich angehal⸗ ten, auch Zadik de Curbanv hat mir den Wunſch ausgeſprochen, dich zur Schnur zu beſitzen, der Arzt Juda Saithon trägt dir ſeine Hand an, der Chacham Hasdai Cohen hat ſeinen reichen Vetter Moſes Hajim an mich abgeſchickt. Doch auch von auswärts begehrt man dich zur Ehe.“ „Genug, mein Vater! genug!“ rief das Mäd⸗ chen mit wenig verhehlter Beſtürzung;„es ſind ihrer ſchon zu viel.“ „Wohlan, ſo lies dir einen aus von den Söh⸗ nen unſerer Stadt, prüfe ihn ſo lange du wilſſ, und dann wähle oder verwirf ihn.“ „Ich mag weder prüfen noch wählen. c ver⸗ — 157— werfe ſie Alle im Voraus,“ verſetzte Thamar mit ängſtlicher Haſt. „Es nimmt mich Wunder, daß dich eine ſo frohe Botſchaft nicht erfreut. Du ſiehſt eine Schaar junger Männer ſich um dich bewerben und wendeſt dich von ihnen. Deine Schweſtern wählten mit Freuden, als ſich Freier meldeten. Willſt du auch darin eine Aus⸗ nahme machen?“ „Mein Vater, ich wünſche keines Mannes Weib zu ſein, ſondern ganz bei Euch zu bleiben, Euch mit Liebe anzuhängen, Euch zu warten und zu pflegen.“ „Du ſollſt auch mit deinem Manne in meinem Hauſe wohnen, dich nicht von mir trennen; auch ich könnte keine Trennung von dir ertragen. Aber mein höchſter Wunſch iſt, einen Enkel von dir auf meinen Armen zu wiegen und mein Geſchlecht noch ein Mal durch dich verjüngt zu ſehen. Verſage mir dieſen Wunſch nicht, mein liebes Täubchen! dein alter Vater bittet dich darum; wirſt du ihm dieſe Bitte gewähren?“ „O, mein Vater!“ rief Thamar weinend,„von dieſen Männern kann ich keinen wählen.“ „Von dieſſen keinen? Alſo einen Andern! — 158— Wäre vielleicht deine Wahl ſchneller S0efin als mein Wunſch?“ Thamar ſchlug erröthend die Augen nieder und beobachtete ein ſchamhaftes Schweigen. „Mihurmah, erkläre mir die Rede meines Kin⸗ des. Du biſt ihre Freundin und haſt ihr Herz in Händen, wie einen Spiegel. Einem Geſtändniß pflegt die Stimme gern den Dienſt zu verſagen, darum enthülle helfend das Wort der Schweſter, was zu wiſſen mir Noth thut.“ „Sie liebt,“ verſetzte die Gefragte. „Und wen?“ Mihurmah warf einen forſchenden Blick auf Tha⸗ mar, die herrlich glühete, wie eine Roſe in vollſter Pracht, und:„Sabbathai Zewi,“ lispelte ihr Mund. Thamar zuckte zuſammen. „Sabbathai?!“ rief Roſanes nicht ohne Unmuth. „Wird er meines Kindes Glück zu machen im Stande ſein? Er lebt viel zu ſehr ſeinen geheimen düſtern Wiſſenſchaften, er verkehrt viel zu viel mit Geiſtern und erforſcht von ihnen die Geheimniſſe der Dinge, als daß er an den Freuden der Liebe und des eheli⸗ gen Glůcks beſondern Geſchmack finden könnte. Wahr⸗ — 159— lich ſein düſtres träumeriſches Brüten weiß nichts von den Liebkoſungen des zärtlichen Bräutigams und Gatten, die das ſüßeſte Glück der Braut und Neu⸗ vermälten ſind und die ich mein theures Kind nicht entbehren ſehen möchte.“ „Ich fürchte, Ihr verkennt Sabbathai, mein Vater,“ verſetzte Mihurmah.„Wohl führt er mehr ein inneres Leben, aber er liebt Thamar, er hat es mir geſtanden, er liebt ſie mit einer Glut der Lei⸗ denſchaft, deren kein anderer Menſch fähig iſt. Und wahrlich in Thamar's Herzen flammt gleiche Liebe für ihn.“ „Ihn oder keinen Andern!“ ſagte Thamar heſtimmt.„Ihr wißt noch nicht, Vater, was in dieſem Jüngling liegt, aber die Binde wird bald von Euern Angen fallen.“ „Er iſt hochbegabt von Gott und viele Engel ſind ihm dienſtbar; er kann es weit bringen und großen Ruhm erlangen auf Erden. Glaubſt du, daß du glücklich mit ihm leben wirſt, wohlan, ſo geb' ich meinen Segen dazu. Dich glücklich will ich ſehen und von wem du das reinſte Glück hoffſt, der ſei mir willkommen! Ihm ſei meine Liebe. Ich werde — 160— morgen Sabbathai zum Sabbathmale bitten laſſen und mit ihm reden. Nun ſei gutes Muths und hoffe das Veſte!“ Thamar hing, Freudenthränen weinend, an des Vaters Halſe und er küßte ihre Stirn. „Das Zweite iſt,“ fuhr Roſanes fort,„daß Curbano mich gebeten hat, mit Sabbathai zu ſpre⸗ chen, damit er Rahel an deinem Unterricht Antheil nehmen laſſe. Sie wünſcht ſehr, ihn zum Lehrer zu haben. Möge ihr Wunſch nicht gleiche Folgen haben, wie der deinige!“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Du warſt zuerſt am Platze und trägſt den Preis davon.“ Lange verkehrten ſie noch im freundlichen Geſpräch; denn Thamar's Zunge war nun gelöſst und ihr Auge blitzte. Endlich ſprach David das Nachtgebet und beſtieg ſein ſchneereines duftendes Lager. Thamar und Mihurmah kosten noch zuſammen, und das liebe⸗ ſelige ſchüchterne Mädchen horchte entzückt den begei⸗ ſterten Prophezeihungen ihrer Freundin, bis Engel Träume um ihre Stirne woben, zart und duftig, wie Liebesgeſänge zum flüſternden Saitenklange der Harfe gehaucht. Eine ſüßbeklemmende Unruhe, ein ihr unbekanntes — 161— Drängen und Bangen trieb Thamar am folgenden Tage hin und her. Sie war mit Mihurmah in der Synagoge, aber ſie betete nicht mit Andacht. Heute mehr als je that ihr die Freundin Noth, und kaum vermochte dieſe ſie etwas zu beruhigen, als ſie ihr Sabbathais glühendes Liebeslied vorſang. Endlich prachte ihr eine Dienerin die Nachricht, daß der Chacham in des Paters Zimmer gegangen ſei. Sie bebte zuſammen; ihr Buſen flog, und ſie legte die glühende Wange an Mihurmah's theilnehmende Bruſt. „Glücklichſte der Töchter Israels!“ rief dieſe, ſie feſter umfaſſend,„die Stunde deiner Wonne ſchlägt. Die Traube iſt reif und der Herr unſer Gott drückt ſie in eine goldne Schaale und reicht ſie ſeinem Volke zu trinken, zum Zeichen, daß ſein Zorn vorüber und der große Tag der Liebe und Verſöhnung gekommen ſei. Du aber biſt die Schaale, dreimal Glückliche, in welcher der koſtbarſte Wein ſchäumen wird, und mit ſeinem Namen wird Israel den deinigen ſegnen.“ Sie küßte die Glühende mit Liebe und Ehrerbietung. Da trat Sabbathai an Davids Hand herein. Sein Auge ſtrahlte Wonne, Thamar ſenkte das ihrige bebend zu Boden. I. 11 — 162— „Reich ihm deine Hand, Thamar,“ ſagte der Greis feierlich.„Sabbathai begrüßt dich als ſeine Braut.“— Und ihre Hände zuſammenfügend, ſprach er mit emporgehobenen Augen das Glückwünſchende: „Maſſal tobh!“ und:„Maſſal tobh!“ tönte es von allen Lippen nach. „Der Herr, unſerer Väter Gott,“ redete David weiter,„der die Ehe unſerer Erzväter und vor allem die Jakobs ſegnete, zeige ſich auch Euerm Bunde gnädig! Sabbathai, küſſe ſie als deine Braut!“ Und auf der wonneſeligen Jungfrau Lippen brannte des angebeteten Jünglings erſter Kuß. „Laßt es uns aber noch verſchwiegen halten,“ erinnerte der Greis,„bis du, Sabbathai, dein zwan⸗ zigſtes Jahr angetreten haſt. Ich habe viele Gründe dazu; der vorzüglichſte aber iſt, weil ich dich erſt den Verfolgungen deiner Feinde entziehen will. Ich weiß, der Viecepräſident unſeres Gerichts, Aaron de la Papa führt Vöſes gegen dich im Sinn. Ich will ihm erſt das Maul ſtopfen. Auch wünſche ich im Laufe dieſes Herbſtes und Winters die Umſtände deines Vaters allmälig, und ohne daß es auffiele, zu verbeſſern. Sodann muß ich die übrigen Freier mit 0 —— guter Art heimſchicken, ohne daß ſie mir zürnen und ſagen, ich habe dich ihnen vorgezogen. Endlich möchte ich nach meinem Oſterlamme euern Hochzeitſchmaus halten, beide Feſte nach einander. Darum haltet Alles geheim, bis wir öffentliches Verlöbniß feiern.“ Und ſie gaben ſich gegenſeitig das Verſprechen der Verſchwiegenheit. Trüb und düſter hing die Nacht über Gebirge und Meer, wie eine Wittwe, die die verweinten Augen hinter dem Trauerſchleier verbirgt. Aus dem Walde rauſchten ſchon die gelben Todtengeſänge des Herbſtes, fallende Blätter klangen ſchauerlich darein, und einzelne Regentropfen ſeufzten dazwiſchen, wie ſtilles aber troſtloſes Weinen. Das Laubhüttenfeſt war wieder vor der Thüre, doch nicht ſo günſtig mit blauem Himmel und heiterm Sonnenſchein, wie im verwichnen Jahre, zeigten ſich die Tage. Die Nächte waren ſchwül und regnerig. Heute dunkelte es frü⸗ her, als ſonſt, geſpenſtig geformte Wolkenmaſſen hatten ſich vor die matte Abendröthe geballt, die ſich bald furchtſam und ſchen hinter die Berge verkroch, — 164— bedroht von der fürchterlich ernſten Königin Nacht, und ihr das weite Feld der Erde zur unumſchränkten Herrſchaft überlaſſend; dieſe aber fuhr nun mit finſter⸗ faltiger Stirn und düſtern unheimlichen Blicken zür⸗ nend einher, und ihre ſchwarzen Gewänder und Schleier ſausten, wie Rabenflügelſchlag, durch die feuchtwarmen Lufträume dahin. Das Meer ſtöhnte auf unter ihrem Tritt, und von den Bergen ließen ſich zuweilen knarrende Töne vernehmen, wie wehmiü⸗ thiges Aechzen; durch die Luft zog es auf düſterm Grund noch ſchwärzer, maſſenweis in fratzenhafter, abenteuerlicher Bildung, wie Heere böſer Geiſter. In den Hafengebäuden flimmerte nur noch hie und da ein Licht durch die neblige Finſterniß, dahinter lag die ungeheure Stadt ruhig, lautlos, wie ein ſchla⸗ fender Rieſe, und nur im Frankenviertel pulſirte noch das Leben laut. Am Felſenpfad hinab, dem innerſten Becken des Meerbuſens zu, gingen zwei Männer. Weite dunkle Kaftane umſchatteten ihre Geſtalt, ihre Häupter wa⸗ ren mit leichten Turbanen bedeckt. Ihr Schritt war eilig, ihr Geſpräch eifrig. Von den Thürmen, der dem Hafen zunächſt gelegenen Frankenſtadt, hallte — 165— der zwölffache Schlag der Mitternachtsſtunde her⸗ über. „Und meinſt du wirklich und mit deiner beſten Ueberzeugung,“ ſagte der Eine,„daß es auch mir gelingen würde, eine der deinigen ähnliche Herrſchaft über die Geiſter ausüben zu lernen? Oder iſt dein Glaube, Sabbathai, daß du allein berufen biſt, die Engel des Herrn, jene gewaltigen Fürſten des glanz⸗ vollen Stuhles der Herrlichkeit, zu deinem Willen zu bringen?“ „Mein Freund,“ verſetzte der Andere,„deinen Eifer wird der Herr belohnen, ſo wie den meinen. Glaube mir, Metatron, der heiligſte und gewaltigſte Engel Gottes, der König der Engel, der große Fürſt des Angeſichts, in deſſen Hände alle Weisheit der Welt niedergelegt worden, und der deshalb auch den Namen Seganſagel führt, ſiehet gnädig auf uns herab und hat uns zu großen Dingen gewürdigt. Wie er der Anfang der Weisheit Gottes iſt, ſo hat er mich in ſeinen beſondern Schutz genommen, und wird mit dir dasſelbe thun, wenn du mit mir faſteſt und beteſt. Drei Engel ſind es, die die Gebete der From⸗ men und Gläubigen empfangen und wie friſche Zweige — 166— und Blumen, duftig und farbig, vor Gottes Thron tragen. Dort winden ſie Kronen daraus und ſetzen ſie dem ewigen Vater auf ſein lichtlockiges Haupt. Dieſe Engel ſind Metatron, Achtariel und Sandal⸗ fon. Sie ſind die Fürſten des Gebets. Wenn aber ich bete, flammen die Kränze, die aus meinem Her⸗ zen aufblühen, wie narkotiſche Kaktusblüthe, brennend roth, und wie das prächtige Laub und die weichen Blätter des Jakobsſtabes und der duftende Strauch der Roſe von Jericho, und dieſe meine Kränze win⸗ det Metatron, und der Herr der Herrlichkeit drückt ſie ſich tiefer auf den Scheitel, damit die Pracht ihrer Farben ſein Auge labe, und die Wolluſt ihrer Düfte ſeine Naſe.“ „So biſt du würdiger denn Andere, und dein Gebet gilt mehr als das meinige? Läugne es alſo nicht länger, du beherrſcheſt die Geiſter, die Engel gehorchen dir und erſcheinen auf deinen Ruf, dir zu dienen. Meine Schweſter hat es mir ſchon lange geſagt, daß es ſo iſt, ich aber war ein Ungläubiger. Nun aber laß ich dich nicht! Weihe mich ein in die tiefen Geheimniſſe des Lebens, denen du gebieteſt, laß mich einen Blick thun in die Wunder deiner —— — 167— Macht; ich will dir dafür ergeben ſein und dienen mein Lebenlang. Nur ſtille den glühenden Durſt meiner Seele!“ „Baruch, du biſt mein Freund, die einzige Seele, die mich ganz zu verſtehen fähig iſt,“ erwiederte Sabbathai weich;„vor dir hab' ich kein Geheimniß. Sieh, der Menſch iſt nur ſcheinbar Herr ſeines Lebens und Willens. In Wahrheit beherrſcht jede ſeiner Stunden ein mächtiger Geiſt, und ihm ſelbſt zugege⸗ ben iſt ein Engel, der ihn Schritt vor Schritt durchs Leben begleitet. Jedes Wort, welches der Herr unſer Gott ausgehen läßt vom Throne ſeines Glan⸗ zes, wird ſchnell zu einem Engel, und wer vor ihm wandelt in der Reinheit des Gebets, deſſen duftende Kränze locken dem Vater große helle Worte ab, das werden die guten Engel, die des Beters Stunden beherrſchen. Wer in Weltluſt und Thorheit dahin⸗ taumelt, über deſſen Leben flüſtert der Herr dunkle ſchattige Worte hin, das werden die böſen Engel, die dem Gottloſen Fallſtricke legen. Dem Guten aber öffnet der Herr eine Straße der Weisheit, eine Pforte des Verſtandes um die andere. Doch das iſt gewiß, daß Einer berufen iſt vor dem Andern, — 168— weiter zu dringen in der Erkenntniß der Dinge. Der Engel des Lebens ſtammt bei dem Einen aus der niedern Welt, der aſſiatiſchen, der die groben Stoffe angehören, und verdammt iſt der, gleich dem Thiere, auf der Erde zu kriechen, vhne Ahnung und Schauen eines höhern Lichts; bei dem andern iſt der Genius, wie die Römer den Engel der Geburt nannten, ein Sprößling der jeziratiſchen Welt, und höher wird der Menſch von ihm getragen der Erkenntniß der Weisheit und Gotteswahrheit zu. Aber es gibt auch hochbegnadigte auserwählte glückliche Menſchen, deren Lebensengel ein Kind der beriatiſchen Welt. Dieſe dringen weiter als alle Andern, das ſind Gottesſöhne, ihr Pfad iſt Licht und ihre Seelen ſind Röhren der Weisheit. Sie ſind beſtimmt, mit ihrem Verſtand die Erde zu beherrſchen, und eingeweiht in die Ge⸗ heimniſſe der Kabbalah und der in derſelben enthalt⸗ nen Magie, wozu ſie geboren ſind und die ihnen von ſelbſt zufällt. Sie können, wenn ihre Stunde ſchlägt, die der rechte Engel, entſtanden aus dem Worte der Erlaubniß Gottes, beherrſcht, Gewalt erlangen über Engel und Geiſter und große Dinge ausrichten. Einer aber iſt auf Erden, deſſen Schutzgeiſt iſt der azilati⸗ — 169— ſchen, der oberſten Welt entſprungen, die uumittel⸗ bar von Gott ausfloß. Dieſer Engel iſt eins der höchſten Weſen, die aus Memra hervorgegangen ſind, ein Lichtgedanke. Dieſer Eine— denn nur Einer hat den azilatiſchen Führer— iſt denn auch zum Höchſten auf Erden berufen, und wenn aus Gottes Mund das Wort der Erfüllung als morgenrothleuch⸗ tender Engel der rechten Stunde hervorwandelt und ſich vor ſeinem azilatiſchen Bruder vereinigt, dann iſt der Augenblick der Erlöſung gekommen, dann wer⸗ den dieſe beiden Engel ſich vor dem Einen verneigen, der größer iſt geworden als ſie; denn er wird ſein der Engel des Bundes, des Angeſichts Gottes, der Fürſt der Geiſter, der König der Welt. Und die Tage der Wonne werden kommen über das auser⸗ wählte Volk Gottes.“ „Du ſprichſt vom Meſſias,“ ſagte Baruch.„Er iſt freilich über Alle erhaben.“ „Ich ſprach von ihm,“ verſetzte Sabbathai feierlich. „Doch ich möchte wiſſen, wie weit deine Macht ginge über die Geiſter, wie weit du vorgedrungen wäreſt auf den Straßen der Weisheit; ich möchte — 170— den gewaltigen Drang meiner Bruſt von dir nicht allein mehr durch Lehre, ſondern durch That geſtillt ſehen. Die Lehre reizt mich nur mehr und mehr und macht mich begieriger auf die Erfüllung des Wor⸗ tes. Rufe die Geiſter, daß ſie dir dienen; laß mich ſchauen die Früchte der Wiſſenſchaft, in deren Schacht du ſo tief geſtiegen, und dann will ich niederfallen und anbeten.“ „Noch iſt meine Stunde nicht gekommen, Baruch; der Engel meines Lebens harrt mit Sehnſucht des Tages, wo ihn der Engel der rechten Stunde begrü⸗ ßen werde. Ich ahne, er wird bald kommen und mir Macht geben über die Geiſter.“ „So haſt du noch keine Herrſchaft über ſie? Koch kein Engel erſchien auf deinen Ruf?“ fragte Baruch kleinlaut. „Doch! ich will es dir geſtehen. Wenn ich eine ganze Woche gefaſtet, und mich in jeder Mitternacht im Meere gebadet hatte, da geſchah es zuweilen, daß auf mein ſehnſüchtiges zerknirſchtes Gebet ſich Engel um mich verſammelten„die über die Waſſerfluth ſchritten und hohe Dinge mit mir ſprachen. Einſt trat Hadarniel zu mir, ſein Haupt reichte über die — 171— Sterne hinaus, ſeine Füße wühlten den tiefſten Grund des Meeres auf, daß ſich die Wellen hoch bäumten, die Blicke ſeiner Augen waren Blitze, Donner ſeine Worte. Hinter den ſchwarzen Wolken, die ſich um ihn gelagert hatten, ſtand Galizur, der Engel des Schreckens, mit der Schaar ſeiner Diener. Da ent⸗ ſetzte ich mich und bat Hadarniel, er möchte mir ein anderes Mal in einer menſchlichen Geſtalt erſcheinen.“ „Und hat er es verſprochen?“ rief Baruch begierig. „Er neigte bejahend ſein Haupt.“ „O ſo bitte ihn heute, daß er uns erſcheine.“ „Noch hab' ich keine Macht über ihn.“ „Doch vielleicht gewährt er dir die Bitte, wie früher. Ich will mit dir beten.“ „Laß es uns verſuchen. Wie lange haſt du gefaſtet?“ „Drei Tage.“ „Ich vom letzten Sabbath. Wenn du dich ent⸗ kleidet haſt, wollen wir beten. Setze dein Gebet aber auch im Waſſer fort.“ Sie waren an der von Bäumen und Büſchen ein⸗ gefaßten Bucht angelangt, welche einen bequemen Ein⸗ — 172— ſteigeplatz in das Meer gewährte. Ohnfern davon ragte die äußerſte Spitze der Felſenplatte, von welcher Sabbathai zu ſeinen Schülern zu reden pflegte, hoch empor und weit über die Waſſerfläche hinaus. Die Jünglinge warfen die dunkeln Uebergewänder ab, und Sabbathai's weißes Gewand leuchtete durch die Nacht. Die Gürtel wurden gelöst und ihre Leiber entwanden ſich der Hülle. Sie knieten nebeneinander am ufer nieder, falteten die Hände und ſandten heiße Gebete aus den Herzen empor. Unbemerkt von ihnen hatten die ſchwarzen Wol⸗ ken am Himmel ſich dichter zuſammengeſchoben, und hingen, wie Gebirge, drohend herab. Der Wind hatte ſich gelegt, und eine noch wärmere Luft hauchte von den Bergen. Die Stille auf Land und Meer wurde faſt ängſtlich. Die Finſterniß war furchtbar. Sabbathai ſtand auf, ergriff Baruch bei der Hand und führte ihn die natürlichen Stufen bis zum Rande des Waſſers hinab.„Folge mir und bete weiter!“ flüſterte er ihm zu und ſprang in das Waſſer. Bald tauchten ſeine ſchneeigen Glieder wieder aus der dunkeln zur Mitternachtszeit zwiefach heiligen Meer⸗ fluth empor. Es war als ob ein Schwan über die —— — 173— Fläche dahin ruderte. Baruch's Bruſt wurde einen Augenblick ſpäter ebenfalls von den Wellen geküßt. Und ſeltſame Gebete murmelnd, wälzten ſie ihre Lei⸗ ber auf dem geheimnißvollen Waſſerſpiegel dahin; die Nacht ſah dunkeläugig wie ſtaunend auf die bei⸗ den abenteuerlichen Bader, und hielt gleichſam den Athem an ſich. Es war, als drängten ſich ſchwarze Geſtalten mit ungeheuern Schleppgewanden und lan⸗ gen Nebelarmen, gehüllt in trügeriſche Schleier, vom Himmel zum Meere herab, um die Kühnen zu ſchauen, die es wagten, um dieſe Stunde, deren Schlüſſel der Sterbliche nicht beſitzt, ſich in ein Element zu bege⸗ ben, das ihm feindlich iſt, die ſchauerliche Werkſtatt der Natur zu betreten, wo Alles Geheimniß iſt, und Alles Nacht. Plötzlich ſchoß aus dieſen Gebilden der Finſterniß ein gewaltiger Lichtſtrahl, feuerroth, wie ein glühender Pfeil, und beleuchtete einen Augenblick lang die wilden grotesken Wolkenformen mit einem blaurothen Widerſchein. Es war als ob die Geſtal⸗ ten im Nu Augen bekommen hätten, unheimlich flam⸗ mende, mit den ihnen ein einziger aber entſetzlicher Blick zu thun vergönnt geweſen ſei. Baruch, der, ſobald er ſich im Meere befunden, — 174— von einem unbeſchreiblich wunderbaren Gefühle ergrif⸗ fen worden war und mit ſteigender Beklommenheit die drohenden Wolkenmaſſen betrachtet hatte, zuckte bei dem Blitzſtrahle zuſammen und erbebte im tief⸗ ſten Herzen. „Sabbathai!“ rief er nicht allzulaut, denn die Stimme verſagte ihm faſt.„Hadarniel ſteht über uns und hat uns angeblickt.“ „Er iſt mit den Schaaren ſeiner Engel,“ ver⸗ ſetzte Sabbathai begeiſtert.„Unſer Gebet iſt erhört; ſei ſtill und bete weiter.“ Ein furchtbarer Donnerſchlag verſchlang das letzte ſeiner Worte und hallte an den das Hafenbecken ein⸗ ſchließenden Vergen wider, ſo daß es wie zehnfacher Donner klang. Faſt hätte der Schrecken Baruch's Haupt unter das Waoſſer gedrückt. Froſt durchzuckte ſeine Glieder; es flirrte ihm vor den Augen; ihm war es, als vernähme er eine herrliche himmliſche Muſik. Sein bebender Mund vermochte nicht mehr zuſammenhängende Gebete zu ſagen; er ſtammelte nur noch einige Ausrufungen des Erſtaunens, der Furcht und des Entzückens. Da er ſich ſeines kraft⸗ loſen Zuſtandes noch bewußt war, ſo beſtrebte er ſich, — 175— obgleich mit der größten Anſtrengung, das Ufer zu erreichen. Unterdeſſen ſpielten die zackigen Blitze um die Häupter der Wolkenthürme und Berge, und ziſch⸗ ten als glührothe Schlangen zuweilen in das Meer, das kochend aufſprudelte, und von ihrem Widerſchein in wunderbaren Streiflichtern flammte. Theilweiſe beleuchteten ſie auf kurze aber ſchöne Momente die im Hintergrunde an den Bergeshöhen hingeſtreckte Stadt, umkreisten vorn das Kreuz auf den Kirchen der Franken, Armenier und Griechen, ſpiegelten ſich hinten im blanken Halbmond auf den Minareten der türkiſchen Moſcheen, und beleuchteten oben am Berge die Kuppeln der Synagogen der Juden. Zwei wilde Herbſtgewitter hatten ſich in die Berge hineingeſenkt, welche den vielbuchtigen Meerbuſen umlagern und die tobenden Wolkenmaſſen hingen gefangen über der Bai. Wie wuthentbrannt hoben ſie die mächtigen Häupter im Kampfe gegeneinander und ſandten ſich verderbliche Blitze, zündende Pfeile zu. Dazwiſchen das unaufhörliche Rollen des Donners, in kurzen Zwiſchenräumen von ohrenzerreißenden Schlägen unterbrochen. Bald waren es nicht einzelne Blitze mehr, die, wie Schwertſtreiche, den dunkeln Mantel — 176— der Nacht durchſchnitten; Feuermaſſen ſtürzten unauf⸗ hörlich aus den Wolken und verjagten die mächtige Königin Nacht von Meer und Land. Beſiegt von ſonnenglänzenden Lichtſtrömen, floh ſie in die fernſten Winkel der Erde. Sabbathai's ſchwanenweißer Leib, der auf der immer höher ſteigenden und mächtigen bewegten Fluth hin und her wogte, hatte, rothangeſtrahlt vom Bliz⸗ zesſchein in ſeiner Erſcheinung etwas Ueberirdiſches. Seine Blicke flogen begeiſtert, wie die eines Sehers, in das ſchauerlich herrliche Schauſpiel der Natur. Auch er ſah Hardaniel, den Fürſten des Blitzes, mit dem Flammenſchwerte, das den Himmel ſpaltet, im Kampfe mit Gabriel, dem Engel des Feuers, und die Wolkenberge und ſchwarzen Nebelformen, die raſtlos über den Himmel hintrieben und zum wechſelſeitigen Kampfe aufzogen, galten dem hocherregten Jünglinge für die Heerſchaaren der Geiſter unter dem Befehle ihrer mächtigen Fürſten. Baruch's umherirrende Augen trafen vom Ufer aus auf des Freundes geiſter⸗ haft angeſtrahlte Geſtalt, und ſeine erhitzte Phantaſie, geſteigert durch die Einwirkungen eines mehrtägigen Faſtens, des ſchwärmeriſchen Geſprächs mit dem 2 — 177— gelehrten hochpoetiſchen Freunde, des kalten Bades zur Mitternacht im ſchauerlichen Meere, des krampf⸗ haften Gebets, das eine leidenſchaftliche Gotttrun⸗ kenheit in ihm aufgepeitſcht, und endlich die zur Herbſtzeit ungewöhnliche Erſcheinung des heftigen Gewitters, des Kampfes der beiden Engelfürſten, den er mit heiliger Scheu für Folge des inbrünſtigen Gebets anſehen mußte, dieſe auf ſolche Weiſe bis zum Delirium erhitzte Phantaſie, erblickte auch in Sabbathai jetzt ein Weſen höherer Art, das mit den Elementen des Waſſers und Feuers in außerordent⸗ licher Verbindung ſtehe und durch ſeine Willenskraft Gewalt über ſie auszuüben vermöge. Sabbathai's Haupt erſchien Baruch vom Lichtſchein umwoben, und des Letztern Herz erfüllte unbegrenzte Ehrfurcht, und ein fremdes ihn beunruhigendes Etwas trat zwi⸗ ſchen ihn und den Jugendfreund. So heftig der Kampf des Wetters geweſen war, ſo ſchnell hatte er ſich ausgetobt. Das Feuer des Himmels lag bald darauf wieder in den Banden der Nacht gefeſſelt, aber ſie ſollte ſich ihres endlichen Siegs nicht lange erfreuen; denn ein milderes, aber, wie der Augenſchein lehrte, anhaltenderes Licht ſtrömte I. 12 — 178— aus den Wolken, die ihre grauenhafte Färbung ver⸗ loren— und, wie von einem Lichthauche überfächelt, klarer und durchſichtiger ſtrahlten, bis ſie zuletzt im Lichtſtrome zerronnen und dem tiefblauen Himmel ſeine urangeſtammte Macht, die Welt umſpannt zu halten, ohne fernern Widerſtand überließen. Aber hinter einer der letzten in eiliger Flucht davon ſegeln⸗ den Wolke trat die abnehmende Mondſcheibe in hei⸗ term Glanz hervor, wie ein fröhlicher Herr, den viel Lärm und Gezänk des Geſindes aus ſeiner Mit⸗ tagsruhe geſtört, und der nun ob der Furcht des ſchwatzhaften Volkes lacht, das bei ſeinem Erſcheinen ſchen durch alle Thüren flieht, und auch keinen Laut mehr hören zu laſſen wagt. Eben hatte noch der wüthende Sturm getobt, und jetzt ſchon lag die Natur wieder in tiefer heiliger Ruhe, kaum daß man am ſtärkern Wellenſchlag und der Brandung an dem nahen Felſen wahrnahm, daß nicht Alles ein Traum geweſen war. Schimmernde Streiflichter hüpften weit her— muntre Kinder der Mondſtrahlen— ber den Meerbuſen, deſſen gegenüberliegende Ufer in dämmernder Ferne verſchwammen; ein duftiger Rebel dehnte weiche flockige Flügel über die Berge — 179— aus, und umarmte die Stadt, deren Giebel ſich los⸗ rangen und frei dem Gruße des geiſterbleichen Mond⸗ ſtrahls entgegenſtrebten. Nach dem Sturme feierte die Ruhe ihr Feſt, und wie ſeine Herolde Blitz und Donner geweſen waren, ſo waren die ihrigen Mond⸗ ſchein und Stille. Der Sturm iſt ein wildaufbrau⸗ ſender Mann, die Ruhe eine mildbeſänftigende Frau, und wie Herr und Frau, ſo ſind ihre Diener und Mägde. Von den Strahlen des Mondes, wie mit einem Zaubernetz umſponnen, ſchwamm Sabbathai durch die lichtglänzende Fluth nach dem Ufer zurück, wo Baruch ſeiner mit ehrfurchtsvollem Staunen harrte. Sie wechſelten nur wenig Worte zuſammen, indem ſich Sabbathai ankleidete. Plötzlich ſielen Baruchs Augen auf die Spitze der nahen Felſenplatte, und ein Laut der Ueberraſchung entfuhr unwillkührlich ſeinen Lippen und lenkte Sabbathai's Blicke eben⸗ falls auf den Gegenſtand dieſer lautgewordnen Ge⸗ müthsbewegung. Auf dem äußerſten Rande der Felſenkuppe, wo ſie wie eine ausgeſtreckte Hand über das Meer hinragte, ſtand vder ſchweöte vielmehr ein Weſen in menſchlicher Geſtalt, in deſſen weitfaltigem 12* — 180— blendend weißen Gewande des Mondes klarſte Sil⸗ berſtrahlen ſich zu fangen ſchienen, und ein ſolcher Lichtſchimmer ging davon aus, daß man glauben konnte, das ganze Kleid ſei aus Mondſtrahlen gewebt. Die Geſichtszüge waren nicht deutlich zu erkennen, doch lieh ihnen das phantaſiereiche Auge der ſtau⸗ nenden Jünglinge einen himmliſchen Glanz. Die Erſcheinung winkte mit der Hand in das Meer hinaus. „Sabbathai!“ ſtammelte Baruch kaum hörbar, „es iſt Hadarniel in einer unſerm Auge erträglichen Geſtalt.“ Sabbathai antwortete nicht; ſein Auge glühte, ein leiſes Zittern flog über ſeine Glieder. „Dein Gebet iſt ganz erhört,“ fuhr Jener fort. „Du biſt mächtig über die Geiſter. Darum gehe nun auch du, mit dem Engel des Herrn zu reden, der dir winkt. Nicht mich meint er, und ich würde vor Furcht ſterben in ſeinem Angeſicht. Du aber biſt mit ihm vertraut; dir gilt ſein Wink.“ „Ja mir gilt ſein Wink!“ ſagte Sabbathai mit dem feierlichen feſten Tone der Ueberzeugung, und ohne Zaudern ſchritt er am ufer hin und bog um den Felſen. — 181— Der Platz, den jene ſeltſame Geſtalt eingenom⸗ men hatte, mußte ſelbſt einem kältern Beſchauer eine Bürgſchaft für ihre übermenſchliche Natur abgeben; denn auf den äußerſten Rand dieſes Felſenkegels konnte ſich kein ſterblicher Fuß wagen, ohne jeden Augenblick den Tod in der aufgähnenden Meertiefe zu finden. Wie vielmehr mußten die begeiſterten Schwärmer von der Ueberzeugung durchdrungen ſein, jenes Lichtgewand umfließe einen jener Himmelsfür⸗ ſten, deren Daſein der religiöſe Glaube und die hei⸗ ligen Urkunden ihres Volks außer allen Zweifel ſetzten! Mit einem von banger Erwartung, hoher Gott⸗ begeiſtrung und Stolz gemiſchten Gefühle trat Sab⸗ bathai auf die Felſenplatte, auf der er ſchon ſo oft geſtanden, um zu dem Polke zu reden; und ſah mit ſteigender Verwundrung, wie das Weſen, welches ſein höchſtes Intereſſe erregt hatte, leicht und ſchwe⸗ bend über den hohen Felſenkamm ſchritt, auf welchem jeder Fußbreit Raum durch Zacken, Riſſe und Kan⸗ ten verderbenbringend war. Näher und näher kam die Geſtalt, Sabbathai ſah, daß es eine weibliche war. Sie kam langſam an ihn heran und der Jüng⸗ ling erkannte erſchreckt Varuchs Schweſter, Rahel. — 182— Sie aber ſchien ihn nicht zu ſehen und ſtrich dicht an ihm vorüber, ſo daß er nicht ohne Grauſen ihre ſtarren Augenſterne ſehen konnte, denen das Licht des Mondes, nach welchem ſie gerichtet waren und das ſich in ihnen abſpiegelte, einen höchſt unheimlichen Ausdruck verlieh. Auch ihr ſchleichender geſpenſter⸗ hafter Gang vermehrte das Grauſige dieſes eben ſo unerwarteten als befremdenden Anblicks. Sabbathai ſtand ſprach⸗ und regungslos; er wußte nicht, was er von dieſer Erſcheinung halten ſollte, und er war zweifelhaft, ob er ein lebendes Weſen, oder einen Geiſt, der Rahels hohe ſchöne Geſtalt angenommen, vor ſich ſähe. Endlich auf der Stelle angekommen, wo Sabbathai zu ſtehen pflegte, wenn er öffentlich lehrte, breitete Rahel die Arme aus, als wolle ſie einen geliebten Gegenſtand umfangen, und Sabba⸗ thai hörte tief erſchüttert ſeinen Namen von ihren Lippen beben. Sie ſprach leiſe brünſtige Worte, und den Jüngling, der keine Ahnung von ihrem Zuſtande hatte, und ſich aus den Unbegreiflichkeiten nicht herausfinden konnte, zog es mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt zu ihr hin, um ſie zu belauſchen. Mit ſchauerlicher Eintönigkeit ſagte Rahel vor ſich hin: —— — 1— „Du wirſt den Tempel bauen, und ſeine Säulen errichten, wie David; du wirſt die heiligen Bäume hineinpflanzen, die goldne und ſilberne Früchte tra⸗ gen. Schon ſeh' ich ſeine Kuppel ſich wölben, und unter ſeinen Grundmauern den Strom des Friedens hervorbrechen. Den Stab ſeh' ich in deiner Hand zum zweiten Male grünen, der einſt in Aarons Hand ſich umlaubte, und wie er in Moſes Hand zur Schlange ward, ſo wird er in der deinigen zum Seepter wer⸗ den, womit du dein Volk beherrſcheſt, du König der Könige, du Heiland der Welt, langerſehnter Stern Jakobs, von dem ſchon Bileam geweiſſagt. Ich beuge meine Knle vor dir, Gebenedeiter, dich lieb⸗ ich, dich verehr' ich, und in mein Herz fiel dein erſter Strahl, glänzender Jakobsſtern.“ Pierauf verſank ſie wieder in ein regungsloſes Brüten. Sabbathai wurde durch die gehörten Worte in den tiefſten Gründen ſeiner Seele aufgeregt, auf⸗ gerüttelt, und die Welt war plötzlich vor ihm voll heiliger Wunder geworden. Seine Schülerin ſtand nach Mitternacht auf einem einſamen Felſen am fernen Meerufer vor ihm, richtete die hohen Ver⸗ kündigungen ſeiner Meſſiaswürde an ihn, und ſah — 184— ihn doch nicht, ja ſie ſchien in Bewegung, Haltung, Sprache mehr der Geiſter⸗ als der Körperwelt anzu⸗ gehören. Gedanken außerordentlicher Art kreisten durch ſeinen Kopf; bald glaubte er, die Zeit könne nicht mehr fern ſein, wo ihm die göttliche Kraft und die Macht des Meſſias verliehen würde, und die in dieſer Nacht erlebten Zeichen deuteten auf die baldige Erfüllung ſeiner göttlichen Berufung; bald meinte er, Rahel ſei vielleicht in dieſer Nacht geſtorben, und ihr Geiſt wandele vor ihm, beauftragt von Gott, ihm ſeine heilige Beſtimmung zu offenbaren. Um über den letztern Gedanken jedem Zweifel enthoben zu ſein, trat er dicht an die Schweigende heran und berührte ihre Hand mit der ſeinigen. Er betaſtete ein körperliches Weſen, das zuſammenſchauerte. „Rahel!“ flüſterte er faſt unwillkührlich, aber in demſelben Augenblick ſtürzte ſie, wie von einem Blitz getroffen, zuſammen, und fiel, nicht anders als wäre ſie eine Todte, auf den harten nur dürftig mit Moos bewachſenen Steinboden nieder. Grauſiger Schrecken brannte durch des Jünglings Mark und Bein. Zitternd beugte er ſich nieder, ein leiſes Wimmern drang aus ihrem ſchönen Munde. Ihre — 185— Augen waren geſchloſſen.„Rahel! Rahel!“ rief er mit beſtürzter Stimme. Sie ſchüttelte ſich, wie eine Schlaftrunkene.„Rahel!“ wiederholte er, und ſie ſchlug die Augen auf, und ſah ihm mit ſtarrer Ver⸗ wundrung ins Geſicht. Ihr Geiſt ſchien ganz abwe⸗ ſend zu ſein, und es dauerte lange, eh' ſie ſich zu dem ängſtlichen Ausruf:„Wo bin ich! Was iſt mit mir vorgegangen?“ ſammeln konnte. Dann ſprang ſie ſchnell auf ihre Füße, warf furchtſame Blicke umher, und als ihr Auge wieder auf Sabbathai traf, ſtarrte aus jedem Zuge ihres bleichen ſchönen Geſichts der verſteinernde Meduſen⸗Ausdruck unſäg⸗ lichen Entſetzens.„Gott der Gnade und des Erbar⸗ mens!“ ſchrie ſie mit den zerrißnen Tönen höchſter Verzweiflung, indem ſie zitterte und bebte.„Ich bin bezaubert und ein Geiſt ſteht vor mir, der böſe Macht über mich ausübt.“ „Ich bin kein böſer Geiſt, kein arger Zauberer,“ milderte Sabbathai ihre bis zum höchſten Grade angeſpannte Aufgeregtheit mit tröſtender Stimme, „ſondern dein Lehrer, dein Freund Sabbathai Zewi. Faſſe meine Hand vertrauensvoll und ſage mir, wie du hierher kommſt an das öde Meergeſtad zur Nachtzeit?“ — 186— Bei Nennung ſeines Namens war ſie abermals zuſammengebebt, doch nun blickte ſie ihn mit weniger wildſcheuem Weſen an, und antwortete weinend: „O Sabbathai, ich weiß nicht, wie ich hierher gera⸗ then bin. Ich habe mich in meiner Kammer zu Bette gelegt und bin jetzt vom Rufe deiner Stimme erwacht. Einem furchtbaren Zauber bin ich verfal⸗ len, meine Haare ſträuben ſich, das Herz im Leibe zittert mir; ich fürchte, der Wahnſinn zerrüttet mir die Seele.“ „Faſſe dich, Rahel. Durch Faſten und Gehet läßt ſich jeder Zauber löſen. Man ſagt, der Engel Ofaniel breche im bleichen Lichte jenes Geſtirnes, deſſen Fürſt er iſt, ſilberne Blüthen von den Bäu⸗ men des Paradieſes, wie ſie auch einſt im Tempel Salomons üppig grünten, und beſtreue damit das Haupt mancher Schläfer, und führe ſie dann hinaus in die Lichtwogen des Mondſtrahls. Vielleicht hat dich jener lichtglänzende Engel zu einem ſeiner Lieb⸗ linge auserkohren. Weißt du nicht, ob du ſchon mehrmals bei nächtlicher Weile, wenn der Mond am Pimmel war, ſchlafbefangen und ohne Bewußtſein umhergewandelt biſt 2“ — 187— „Ich weiß von nichts,“ verſetzte Rahel in Nach⸗ denken verſunken. „So geſtatte mir, daß ich dich zu deinem Bru⸗ der Baruch führe, der ohnfern von hier am Ufer meiner harrt, und mit mir gebadet hat.“ „Zu Baruch!“ rief das Mädchen von neuem zuſammenſchreckend.„Nein! nein! ich beſchwöre dich, Sabbathai, zu ihm führe mich nicht. Er würde mich ſchelten, mich verdammen, und ich würde mich ſtets vor ihm ſchämen. Gott hat dich auf wunder⸗ bare Weiſe zum Herrn eines Geheimniſſes gemacht, vor deſſen düſterm Abgrund ich ſchaudere. Ver⸗ ſprich mir, Niemand, wer es auch ſein möge, zu entdecken, daß du mich hier gefunden.“ „Ich gelobe es dir!“ „Nun geleite mich nach der Stadt zurück ui laß meinen Bruder warten bis du wiedergekehrt. Ich werde unbemerkt in meines Vaters Haus zu gelangen ſuchen. Der Herr gebe, daß es gelinge! Erfülle meine Bitte, edler Chacham!“ Sabbathai konnte nicht widerſprechen; ſie flehete ſo rührend. Und ohne viel Worte zu wechſeln— denn er dachte jenen nach, die er von ihren Lippen — 188— ertönen gehört, bevor ſie zum Bewußtſein gekommen war— gingen ſie ſelbander den minder beſchwer⸗ lichen Weg nach dem Hafen zu, und der Mond beſtreuete ihren einſamen Pfad mit ſeinen geheimniß⸗ vollen Strahlenblumen. Sie waren eben um den Hügel gebogen, ſo daß ſie die vom Mondesglast überſilberten Hafengebäude vor ſich liegen ſahen, da eilten plötzlich von der Höhe herab zwei Männer auf ſie zu, und ſchrieen, ſo bald ſie in die Nähe gekommen waren, übernöthig laut und befehlend:„Halt! halt! Keinen Schritt weiter! Da iſt ſie, die uns ſeit vier Nächten äfft, und die wir auf Befehl des Reis der türkiſchen Schiffe im Hafen ſuchen. Jetzt wirſt du uns nicht mehr ent⸗ ſchlüpfen.“ Die von gleichem Schrecken wie Erſtaunen befal⸗ lenen Wandrer erkannten in den beiden jetzt heran⸗ gekommenen Männern griechiſche Wachter des Hafens, zu einem Corps gehörig, welches in ganz Smyrna von Türken, Chriſten und Juden wegen ſeiner rohen Verworfenheit verabſcheut war. — 189— Mit drohend geſchwungner Waffe ſtanden ſie vor dem beſtürzten Paare und der Eine ließ ſich mit übermüthigem Hohnlachen weiter vernehmen:„Folg' uns ſogleich, Dirne! Der Burſche da mag eilig ſeine Ferſen nach der Stadt tragen, ſonſt wollen wir ihm mit unſern Säbeln den Weg weiſen.“ „Was wollt ihr von mir?“ fragte Rahel, geſam⸗ melt von der erſten größten Beſtürzung. „Wir dürfen weiter nichts wollen, als daß du mit uns gehſt; nachher werden höhere Leute ſchon mehr von dir wollen. Doch das kümmert uns nicht. Wir ſind ſchon froh, daß es unſerm großen Muthe und unſrer erſtaunten Furchtloſigkeit gelungen iſt, dich endlich glücklich aufgefunden zu haben. Du haſt mehre Nächte manchem braven Wächter den Schlaf geraubt. Nun hurtig folg' uns zum Reis der Schiffe!“ „Ich euch den Schlaf geraubt ſeit mehren Näch⸗ ten!“ rief Rahel.„Ihr irrt, ich habe euch nichts zu Leide gethan. Ich ſelbſt bin bezaubert.“ „Ich werde nicht zugeben, daß ihr dieſe Jung⸗ frau fort führet!“ ſagte Sabbathai entſchloſſen. „Sie gehört meinem Schutze an, und ich werde die Unglückliche nach Hauſe bringen.“ — 190— „Hund von einem Juden!“ polterte der Grieche. „Wir werden dich wahrlich nicht erſt um Erlaubniß fragen, ob wir die Befehle des Reis ausführen ſol⸗ len oder nicht. Und wenn es mit dem Befehle auch nicht ſo ſchlimm wäre, ſo würden wir uns von dir wahrlich nicht um den guten Lohn für unſern Fang betrügen laſſen.“ „Schweig doch, Dmitri,“ ſagte der Andre, „vielleicht bezahlt uns der Jude beſſer, wenn wir das Mädchen laufen laſſen, als der Reis, wenn wir ſie ihm bringen. Sag' an, Jude, wie viel willſt du geben, wenn wir dich mit deinem Schätzchen ruhig ziehen laſſen?“ „Nennt das Löſegeld.“ „Fünfzig Sultania's!“ rief der Erſtere unver⸗ ſchämt. „Gut, ihr ſollt ſie haben.“ „Wvyhlan, ſo zahle!“ „Ich habe kein Geld bei mir.“ „So wollen wir dir in dein Haus folgen. Aber das Mädchen geben wir nicht eher frei, bis wir bezahlt ſind.“ „O Gott!“ ſeufzte Sabbathai,„ich habe nicht — ſo viel Geld im Beſitz, und ſchwerlich auch mein Vater.“ „Willſt du Geſpött mit uns treiben, Jude!“ brüllten die Wächter, und erhoben ihre Schwerter, ihn zu ſchlagen, doch Rahel hielt ihre Arme zurück, rufend:„Bei der Barmherzigkeit des Herrn, legt eure Hand nicht an dieſen Auserwählten Gottes! Ich will euch zu dem Aga folgen, von dem ihr redet, und ihm entdecken, wer ich bin. Wenn er den Namen meines Vaters vernommen hat, wird er mich freigeben.“ „Ich verlaſſe dich nicht, Rahel!“ tröſtete ſie Sabbathai. Und die rohen Geſellen ſteckten mit unverkennbarer Scheu ihre Säbel ein, und duldeten es auch, daß der Jüngling mit nach den Hafenge⸗ bäuden ging. Kaum waren ſie in eines derſelben getreten, als die Hafenwächter, ermuntert durch das Jubelgeſchrei ihrer beiden ankommenden Kamraden, ſich ſchnell um die Gefangne verſammelten, ein Haufe gemeiner Ge⸗ ſichter, in denen furchtſames Staunen mit grinſen⸗ der Schadenfreude abwechſelten. „Seht ihr den Geiſt, ihr Narren, der euch Alle — 192— ſo ſehr in Schrecken geſetzt hat?“ rief Dmitri. „Ich ſagte es euch gleich, es iſt ein Geiſt mit Fleiſch und Bein bekleidet, wie wir auch Geiſter ſind, aber eure kindiſche Furcht wollte geſehen haben, daß der Mond durch die Geſtalt hindurch geſchienen habe. Seht her, ob dies ſtattliche Judenmädchen ſo mir nichts, dir nichts einen Mondſtrahl durch ſich hin⸗ durch laſſen wird.“ Ein widriges Gelächter erſcholl. „Führt uns zum Reis!“ herrſchte Sabbathai den beiden Führern zu.* „Er kommt ſchon,“ ſagte ein griechiſcher Ma⸗ troſe,„wir haben ihm den glücklichen Fang des Geiſtes gemeldet.“ In dieſem Augenblick trat ein hoher ſtolzer Mann herein, deſſen Turban, Kaftan und Juba Reichthum und Anſehen verriethen. Sein faſt hochrothes Geſicht hatte erwas Erſchreckendes; düſter und forſchend glü⸗ hete ſein ſchwarzes Auge umher, trotzig hing ſein glänzend ſchwarzer Schnurrbart über die aufgeworf⸗ nen Lippen. Die Naſe und ſtark markirten Züge des Geſichts verleugneten die türkiſche Herkunft und ſprachen eher für die arabiſche. Die Jugend, — 193— ſelbſt die ſpätere, hatte dieſen Mann ſchon verlaſſen, und wie ſie ihn gebildet, war ſie gewiß eine vielbe⸗ wegte geweſen. Er war eine ernſte, faſt finſter dro⸗ hende Männergeſtalt voll markiger Kraft, und in Müh' und Anſtrengung geſtählt. Der Blitz ſeines Auges traf Rahel ſtolze Erſcheinung, und ein Lächeln der Huldigung, wie ſie der freie Sohn der Wüſte der herzengewinnenden Schönheit eines Weibes dar⸗ bringt, ſchwebte um ſeinen bärtigen Mund. „Hier iſt das weiße Geſpenſt, Aga,“ nahm Dmitri das Worhh das meine heldenmüthigen Kame⸗ raden ſchon mehre Mitternächte in Todesangſt gejagt hat, wenn es in der Nähe des Hafens von Fels zu Fels hüpfte und ſich wunderlich geberdete. Unſre Mühe, mit der wir ihm zeither erfolglos nachgeſpürt, iſt endlich belohnt. Ich und Girſchi haben es glück⸗ lich eingefangen, und noch ein andres dazu, wie ihr ſeht.“ „Die verſprochne Belohnung iſt dir Ro⸗ meys,“ verſetzte der Osmanli verächtlich und wandte ſich dann an Rahel mit den verbindlichen Worten: „Ich begehre nicht in deine Geheimniſſe zu dringen, ſſchöne Jungfrau, und was dich alle Mitternächte I. 13 — 194— ſchleierlos heraustreibt aus dem ſichern und beque⸗ men Garten, deſſen ſchönſte Blume du biſt, an das gefährliche und unfreundliche Meer; ich will auch nicht wiſſen, ob du dich mit Fleiß dieſer blendend weißen Kleidung bedient haſt, um den Geſpenſter⸗ glauben der Hafenwächter zu deinem Vortheil zu benutzen; ſage mir vielmehr, womit ich dir dienen kann, holde Schöne?“ Einer der Hafenwächter, der zum Dollmetſcher beſtellt war, überſetzte dem Mädchen die Worte des Türken, und durch ſeine Vermittlung wurde die Un⸗ terhaltung fortgeführt. „Großmüthiger Aga,“ entgegnete Rahel ein Knie vor dem hohen ſtolzen Manne beugend.„Ihr ſeht eine Unglückliche in mir, die von einem böſen Zau⸗ ber beherrſcht, nicht weiß, was ſie gethan hat und was ſie von ihren eignen Handlungen denken ſoll; indem ich Euch zugeſchwöre, daß ich erſt ſeit einer halben Stunde zum Bewußtſein gekommen und mich mit Schrecken am öden Meerſtrande geſehen habe, dieſen jungen Mann in meiner Nähe. Daß ich aber ſchon mehre Nächte hier geweſen, habe ich erſt durch Euern und den Mund dieſer Leute erfahren.“ — 195— Der Osmanli lächelte ungläubig, indem er ſeine peredten Blicke von ihr auf Sabbathai gleiten ließ. „Dem ſei, wie ihm wolle;“ erwiederte er,„dieſe Leute behaupten, du ſeiſt ſchon mehre Nächte von ihnen bemerkt worden, und es iſt ihnen wegen deiner räthſelhaften Erſcheinung keine geringe Furcht ein⸗ gekommen. Sie wollen dich von Fels zu Fels hüpfend geſehen haben, wie die Gazelle der Wüſte. Du mußt am beſten wiſſen, an welchem Punkte der Begeben⸗ heit die ausſchmückende Uebertreibung dieſer Erzäh⸗ lung beginnt. Die Muthigſten verfolgten dich, aber du entgingſt ihren Nachſtellungen glücklich. Heute liefen meine Schiffe in dieſem Hafen ein, und ich hörte von nichts als dem weißen Geſpenſt reden. Du ſchwebteſt auch dieſe Nacht vorüber, wurdeſt bemerkt und mir gezeigt. Da ſetzte ich eine Veloh⸗ nung darauf, wer dich einfinge. Dieſe beiden Wäch⸗ ter haben ſie verdient. Nenne mir nun dein elter⸗ liches Haus, damit ich demſelben unter gutem Schutze die Perle ſeines Glanzes und ſeiner Herrlichkeit wie⸗ der zuführe.“ „Geſegnet ſei Eure Großmuth, mächtiger Aga. Wollt Ihr aber das Maaß derſelben bis zum Ueber⸗ 13* — 196— laufen voll machen, ſo laßt ein einziges Wort der Gnade noch aus Euerm Munde erblühen, und erlaubt mir mit dieſem jungen Chacham, der mein Lehrer iſt, nach der Stadt zurück zu kehren.“ Bei der Erwähnung Sabbathai's in ſeiner Eigen⸗ ſchaft zuckte der Mundwinkel des türkiſchen Schiffs⸗ herrn, noch ein Mal traf den Inden ſein flammen⸗ der forſchender Blick, dann ſagte er mit veränder⸗ tem Tone:„Ihr ſeid beide vom Volke der Israeliten?“ „Dein Mund ſagt die Wahrheit, Aga,“ verſetzte Sabbathai.„Ich bin ein Lehrer des unglücklichen Volks, das du nannteſt, und dieſe arme Kranke iſt die Tochter eines Kaufmanns dieſer Stadt, der ſich um ihre Abweſenheit, ſo bald er ſie bemerkt, ſehr bekümmern wird, da ſie die einzige und ſehr geliebte Tochter iſt.“ „Iſt ſie das?“ fragte der Schiffs⸗Aga ſchier hämiſch mit einem böſen Blick auf das Mädchen. „Wie aber wagt ſie's, du junges Gefäß jüdiſcher Weisheit, in der Nacht nach dem Meere zu laufen, da doch die Geſetze genug bekannt ſind, nach welchen kein Weib, ſei ſie die Tochter eines Römer's, Arme⸗ —— nier's oder Inden, nach Sonnenuntergang ihr Stadt⸗ viertel verlaſſen darf?“ „Herr, es ſcheint mir, als ſei ſie eine Nacht⸗ wandlerin und Mondſüchtige, die in den hellen Nächten, die der Glaſt des Mondes ſchmückt, unbe⸗ wußt ihr Lager und Haus verläßt und umherwan⸗ delt; daher weiß ſie auch nicht, daß ſie die Furcht und Neugierde der Hafenbewohner gereizt hat.“ „Gut erſonnen,“ verſetzte der Reis.„Doch, du wirſt mich dadurch nicht täuſchen, ſchlauer Kihvur. Du biſt es, der die Jungfrau zur Uebertretung des Geſetzes verführt hat, und du haſt es dir ſelbſt zuzu⸗ ſchreiben, wenn ich ſie als Beute betrachte und mor⸗ gen mit dem erſten Sonnenblick auf meinem Schiffe nach Istambul führe. Denn wiſſet, ich bin der Kiaja des Kapudan Paſcha.“ „Herr!“ rief Sabbathai,„wenn du mich für ſtrafwürdig hältſt, ſo lege mir die Buße der Geſetzes⸗ verletzung auf; ſei ſie, welche ſie wolle, ich werde mich ihr willig unterziehen. Aber verſchone dieſes unſchuldige Mädchen; ihr reines Haupt iſt frei von aller Fehl, und ſie iſt ſchon genug zu beklagen, daß eine unſelige Krankheit in ihrem Gehirn brennt, und — 198— ſie auf Pfade treibt, die ihr Fuß wachenden Auges nimmer betreten würde. Sie wäre ja zwiefach von böſem Geſchick geſchlagen, wollteſt du, mächtiger Aga, ſie um Uebertretung des Geſetzes ſtrafen, von dem ſie nur im bewußten Zuſtande wiſſen kann. Den Schlafenden und den Todten gilt kein Geſetz; und Rahel war eine arme Schläferin, als ſie die Stadt verließ. Du würdeſt ihrem Vater den Becher ewigen Grams vollſchenken, der ſein Leben bald verzehrte.“ „Und weißt du wohl, elender Sohn der Hündin, daß mir das eben recht iſt! Ich haſſe euch Juden mehr als irgend einen Volksſtamm der Ungläubigen. Es reicht ſchon hin, ein Jude zu ſein, um mich zu ſeinem unverſöhnlichen Feinde zu machen. Darum geh' aus meinen Augen, Doluuz, oder ich laſſe dich ins Meer werfen.“ „Thu' mit deinem Sklaven, wie du willſt; nur gib dieſe frei; laß ſie nach der Stadt zurückkehren und gib mir dann den Tod!“ rief der Jüngling von ſeinem Gefühl hingeriſſen. „Nicht alſo, hoher Kiaja,“ fiel ihm Rahel ins Wort.„Ich folge dir willig auf dein Schiff, nur verſchone dieſen Auserwählten des Herrn. Was liegt — 199— an mir, und mein Vater wird ſich tröſten. Doch auf dieſem Jünglinge ruhen glänzende Hoffnungen. Sabbathai, du magſt es vielleicht nicht wiſſen, wozu du berufen biſt, aber gib meinen Bitten nach, gehe heim und überlaß mich meinem Schickſal, wozu der Engel meines Lebens mich hierher geführt hat.“ „Weißt du es, wozu ich berufen bin?“ fragte Sabbathai. „Ich weiß es, hoher Chacham; mir hat es der Engel einer lichten Stunde vertraut. Herr, gehe und laß mich zurück.“ „Ich gehe,“ ſagte der Jüngling in dem über ihn gekommenen Gefühl ſeiner Würde;„doch glaube nicht, weil ich gehe, daß ich dich auch verlaſſe.“ Er eilte davon und ſtürmte den Weg nach der Juden⸗ ſtadt hinauf, während der Kiaja Rahel's reizende Geſtalt mit verlangenden Blicken muſterte.„Du ſollſt die Blume meines Paradie ſes werden; ich will dich Mahomeds goldne Liebesſprüche lehren, und mein Mund ſoll nicht allein durch Worte, ſondern viel⸗ mehr noch durch Küſſe dich überzeugen, daß er, der Geber ſolcher ſüßen Geſetze, der alleinige große Pro⸗ phet iſt.— Doch du wirſt der Ruhe bedürfen, holde — 200— Taube; das ſchönſte Gemach im Hauſe ſei für dich, und ich will in dieſer Nacht dich nicht ſtören. Gräme dich nicht um den bleichen Burſchen, den du deinen Lehrer nannteſt. Der kann nicht lieben, wie ich. Hätte er dich geliebt, er wäre wahrlich nicht davon gegangen. Und wozu ſoll er beſtimmt ſein, als den Thalmud zu leſen? Lege dich ſchlafen, weißes Lämmchen!“ So koſete der erſt ſo finſtre Mann freundlich und liebreich und that durch dieſe Wortfülle ſchon kund, daß er kein geborner Türke ſei; doch Rahel blieb ſtumm und ſetzte ſeinen ſüßen Schmeichelreden nichts weiter entgegen, als einen ſtechenden Blick. Da aber noch kein Mann mit ſolchen zärtlichen Wor⸗ ten zu ihr geſprochen hatte, blieben ſie nicht ganz ohne Wirkung auf ihr Herz. Die ſtolze männliche Schöne ließ ſich leicht von ihrer Eitelkeit bereden, es ſei die unwiderſtehliche Kraft ihres Liebreizes, der hier einen ſo glänzenden Sieg davon getragen; und wenn in ihrer Bruſt noch ganz andere Gefühle wohn⸗ ten, die ſich noch nie in ein hörbares Wort hervor⸗ zutreten gewagt hatten, ſo fand ſie deſſen ohngeach⸗ tet doch, daß der Kiaja zwar kein blutjunger, aber — 201— doch auch kein alter, und dabei ein ſehr ſtattlicher, ja kräftig ſchöner Mann ſei, und ſie beſchloß demnach, ſich in ihr Schickſal zu fügen, möge es kommen, wie es wollte; wiſſe ſie doch den geliebten und hochver⸗ ehrten Sabbathai gerettet.— Der Jüngling war in der Unſchuld ſeines Herzens auf den Gedanken gekommen, den alten Roſanes in das Geheimniß zu ziehen, weil ihm dieſer als künfti⸗ ger Schwiegervater zunächſt ſtand, weil er den größten Einfluß unter den Juden Smyrna's hatte, und end⸗ lich weil er Curbano's Freund war und Rahel als Tochter zu ſich ins Haus hatte nehmen wollen. Uebri⸗ gens drängte der Augenblick und, wenn etwas für Rahel's Befreiung geſchehen ſollte, mußte raſch gehan⸗ delt werden. Die friedlichen Bewohner des ſtillen Hauſes wa⸗ ren nicht wenig erſchrocken, mehre Stunden nach Mitternacht ein lärmendes Pochen an der Thüre des Hauſes zu hören, und als geöffnet wurde, Sabba⸗ thai verſtört und bleich hereintreten zu ſehen. Aber des alten Roſanes Erſtaunen ſtieg noch höher, als der Chacham in ſein Schlafgemach getreten war, und die auf Rahel bezügliche Erlebniſſe dieſer Nacht —— erzählte. Schweigend aber kopfſchüttelnd hörte der Greis zu und eine ſtrenge Mißbilligung drückte ſich in den gefurchten Zügen ſeines Geſichtes aus. Auch er ſchien die Angabe, daß Rahel aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach eine Mondſüchtige ſei, durchaus keinen Glauben ſchenken zu wollen und ſie für eine wohl⸗ erſonnene Geſchichte zu halten.„Wenn ſie eine Nachtwandlerin wäre, was denn triebe ſie an das Meerufer gerade an die Stelle, wo du allnächtlich deine Andacht zu verrichten und dich zu baden pflegſt? Sollteſt du eine Untreue an meinem geliebten Kinde begehen, Chacham, ſo wäre es beſſer, du entſagteſt jetzt noch ihrer, damit nicht ſpäteres Unglück über mein Haupt komme und es vor Schmerz und Kum⸗ mer in die Grube drücke. Ich würde einen Betrug von deiner Seite an meiner Taube nicht überleben; ſie iſt die Unſchuld, das reinſte Vertrauen, die innigſte Liebe ſelbſt zu dir. Darum tritt jetzt zurück und hebe die Täuſchung auf, ſo du Rahel mehr liebſt, als Thamar.“ „Raf,“ ſagte Sabbathai ernſt und ſtolz,„jeden Andern würde ich auf dieſe Rede mit Verachtung ſtrafen und keines Lautes Antwort würdigen; Euch — 203— verzeih' ich ſie. Aber wenn Ihr Euch überzeugt, daß Sabbathai Zewi in Wort oder That unwahr geweſen, dann werft mich vor Eure Thüre, wie man das Unreine aus dem Hauſe wirft.“ Dieſe Worte und der Ton, mit welchem ſie geſpro⸗ chen wurden, beruhigten auf der einen Seite den bekümmerten Greis, auf der andern beſchämten ſie ihn, und mit einem um Verzeihung bittenden Blick reichte er dem finſter gewordnen Jüngling die Hand. „Es iſt recht von dir,“ ſagte Roſanes nun, „daß du es vorgezogen haſt, lieber mich in Kennt⸗ niß des unglücklichen Vorfalls zu ſetzen, als Curbanv. Seine Vaterliebe würde dem tödtlichſten Schrecken ausgeſetzt geweſen ſein. Wenn es möglich iſt, ſoll er auch nicht eher davon erfahren, bis das wunder⸗ liche Mädchen gerettet iſt. Doch nun ſchnell in den Hafen hinaus! Ich will ein anſehnliches Löſegeld mitnehmen. Mihurmah ſoll uns begleiten; ſie iſt der türkiſchen Sprache ganz mächtig und kann am beſten mit dem übermüthigen Osmanli unterhandeln, dem wir uns allein oder durch einen Dollmetſcher nie recht verſtändlich machen könnten. Auch halte ich es für ſehr zweckdienlich, daß uns ein Beiſitzer unſe⸗ — 204— res Tribunalgerichts begleite, um unſern Vorſtel⸗ lungen mehr Nachdruck zu geben. Aaron de la Papa iſt von Allen bei den Bekennern des Koran am beſten angeſchrieben, und wenn Einer einen günſtigen Er⸗ folg zu bewirken im Stande iſt, ſo iſt er's allein. Ich werde ihn mit mir zu gehen, auffordern. Doch möchte ich nicht, daß Aaron etwas von deinem An⸗ theil an dieſer Sache erführe. Er iſt nicht dein Freund, wie du weißt, und ich möchte den Schein, der ſelbſt in meinen Augen auf dich fiel, nicht in Andern auf dich fallen ſehen. Ich bedarf auch dei⸗ ner Begleitung nicht. Geh' nur ruhig nach Hauſe und ſei verſichert, daß ich nach beſten Kräften Alles thun werde, was zu Rahel's Befreiung nöthig iſt.“ Sabbathai folgte dem Rathe; doch nicht das Vaterhaus war ſeines Weges Ziel, den Gebirgpfad ſchlug er wieder zur Meerbucht ein. Haſtig ſchritt er über die Höhen; kalt wehete ihm der Morgen aus dem ungeheuern Waſſerkeſſel an. Schon flatter⸗ ten die erſten lichtgrauen Fahnen des ſiegreich her⸗ aufrückenden Tags am Oſthimmel, als er an der Badeſtelle anlangte. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Noch lag Baruch da, wo er ihn verlaſſen — hatte, mit dem Geſicht der Erde zugekehrt. Es koſtete Sabbathai Mühe, den Jüngling aus einer tiefen Be⸗ täubung aufzurütteln. Seine Glieder waren ſtarr vor Kälte. Für die Länge der Zeit, welche Sabbathai abweſend geweſen war, hatte er kein Maaß. „Nicht du allein biſt des hohen Glücks gewürdigt worden, dein Gebet erfüllt zu ſehen,“ ſprach er ent⸗ zückt, als er wieder zu ſich gekommen war,„auch mit mir hat Hadarniel geſprochen, auch ich habe ihn geſehen in ſeiner glänzenden Pracht und Herrlichkeit, und um ihn verſammelt die Heerſchaaren der ihm untergebnen Engel. Der mächtige Himmelsfürſt hat mir vertraut, daß du ein Liebling Gottes ſeiſt und einſt noch Wunder und Zeichen thun würdeſt. In dieſer N acht haſt du mich von der hohen Kraft dei⸗ ner Worte überzeugt, Sabbathai, und noch wonne⸗ trunken von all' dem Geſehenen und Gehörten, küſſe ich den Saum deines Kleides, und begrüße dich als meinen Herrn und Meiſter.“ Schweigend ging Sabbathai neben dem von ſei⸗ nen Geſichten Berauſchten. Er konnte ihm die Wahr⸗ heit nicht ſagen; es war ausdrücklich Rahel' Wunſch, daß Baruch nichts von ihrer Nachtwanderung erfahre. — 206— Auch ſchloß ihm noch ein anderes ihm ſelbſt unkla⸗ res Gefühl den Mund. Es war der Stolz. Baruch ergoß ſich in einen Strom von Reden über die Wun⸗ der dieſer Nacht und ehrte Sabbathai's Schweigen, als das Geheimniß des Höhern und Auserwählten. Der Morgen warf ſchon Roſen mit vollen Hän⸗ den am Horizonte aus, als ſie von einander ſchieden. Unterdeſſen war David Roſanes, Aaron de la Papa— der dem reichſten Manne ſeines Volks in Smyrna die erbetne Begleitung und Hülfe nicht abzu⸗ ſchlagen gewagt hatte— und Mihurmah nach dem Hafen gewandert. Die Letztere war in lange Schleier gekleidet. Der Kiaja ging noch ſchlaflos durch ſeine Gemächer. Tobend befahl er die Juden hinaus zu werfen, als man ihm anſagte, ſie ließen ihn um eine Unterredung bitten, und erſt als Roſanes einen ſtrotzenden Beutel voll Zechinen geſchickt hatte, beſänf⸗ tigte ſich ſein Zorn in ſo weit, daß er die Demüthi⸗ gen eintreten ließ. David verneigte ſich tief, und ſprach in herzlichen ergreifenden Worten zu dem ſchweigenden Beamten, von der Krankheit des gefang⸗ nen Mädchens als einem bekannten Uebel, von den Hoffnungen ihres Vaters, der das ihn betroffene — 207— unglück noch nicht ein Mal kenne, und ließ ſtets durchblicken, daß er als Freund des genannten Vaters gern ein gutes Löſegeld zahlen werde. Mihurmah überſetzte die jüdiſche Landesſprache in das Türkiſche, doch der Kiaja fiel ihr mit dem Bemerken ins Wort, daß er die Sprache des alten Inden vollkommen ver⸗ ſtehe, eine Eigenſchaft, die bei einem gebornen Tür⸗ ken faſt nie vorkommt, und die er vorhin verläug⸗ net hatte. Sogleich miſchte ſich nun auch Aaron de la Papa mit in das Geſpräch und gab ſich als einen Freund des Kadi von Smyrna und als Vicepräſident des jüdiſchen Gerichtshofs zu erkennen. Beim Tone ſei⸗ ner Stimme ſchien der Osmanli aufzuhorchen und ſchritt aus dem Hintergrunde des Zimmers, wo er ſchweigend auf und ab gegangen war, hervor auf den Sprechenden zu. Kaum aber hatte er deſſen Züge erkannt, als er in der Mundart der Juden, wie ein Orkan wild und furchtbar ausbrach:„Ha, müſſen meine Augen dich wiederſehen, Elender, Verworfner, Pundeſohn! Einſt als ich vor deiner Rache Vater⸗ haus, Heimath und Alles fliehen mußte, was mir . heilig und theuer war, ſchwor ich dir im Stillen — 208— beim Haupte meines Vaters zu, dich abzuwürgen, wo ich dich auch wieder treffen würde. Du läufſt mir in das Meſſer, Bube! Fahr' hin, Verruchter!“ Mit dieſen Worten wollte er über den todtenbleichen zitternden Aaron herſtürzen, doch in demſelben Au⸗ genblick warf ſich Mihurmah, die ſchnell ihre Schleier zurückgeſchlagen hatte, zwiſchen den wüthenden und den todtesbangen Mann, mit lauter, entſchloſſener Stimme rufend:„Behadir Anuſcha, bei der Liebe, die du mir einſt gezeigt, als du mich deine Tochter nannteſt und in deinem Hauſe groß zogſt, beſchwöre ich dich, ſchone das Blut dieſes Mannes!“ Dieſe Anrede gab der Gemüthsbewegung des Tür⸗ ken plötzlich eine andere Richtung. Er blieb einen Augenblick wie gebannt ſtehen, und ſchaute dem reizenden Mädchen ins Geſicht; dann rief er mit freudebebender Stimme:„Allah ſei geprieſen! Mi⸗ hurmah, mein Kind, meine geliebte Tochter, biſt du es? Wie biſt du nach Smyrna gekommen? Iſt dieſer— er deutete auf Aaron— jetzt dein Vater?“ und ohne ihre Antwort abzuwarten, ſchloß er ſie in die Arme. Als er hernach die letztere Frage wiederholte, —,— — 209— ſchüttelte ſie anmuthig mit dem kleinen Haupte, und ſagte:„Jener würdige Greis iſt mein liebevoller Vater geworden; ſeiner Güte verdank' ich ein glück⸗ liches Lvos. Doch auch Aaron de la Papa hat mir viel Gutes erwieſen, und meine erſte Bitte, die ich an dich richte, mein theurer Vater, iſt, Aaron's zu ſchonen.“ „Packe dich fort aus meinen Augen, Wicht!“ donnerte der Osmanli,„und danke dein Leben dieſem lieben Kinde.“ Aaron machte ſich ſo eilig er konnte davon. „Und willſt du dieſen edlen Greis, dem ich ſo viel verdanke, unerhört davon gehen laſſen?“ fragte Mihurmah weiter mit dem unwiderſtehlichen weichen liebreizenden Ton ihrer Stimme.„Er bittet um die Zurückgabe der einzigen Tochter ſeines beſten Freun⸗ des, die in böſer Krankheit gegen das Geſetz frevelte. Ich füge meine Bitten hinzu; denn Rahel iſt meine innige Freundin, und außer ihr beſitzt nur noch ein weibliches Weſen meine Liebe, das iſt Thamar, die⸗ ſes Greiſes leibliche Tochter. Wir drei lieben uns, wie Schweſtern, noch inniger und ſtärker, und du wollteſt das Band zerreißen? Nicht doch, mein Pater. Schenke mir Rahel wieder!“ I. 14 „Der Alte mag ſie nehmen und in ihres Vaters Haus zurückführen, um deiner Bitte willen. Hab' ich dich doch wieder, mein Kind, nach dem ſich oft mein Herz geſehnt, ich bin reich und mächtig gewor⸗ den, Mihurmah, und brauche dich nun nicht mehr von mir zu thun. Du ſollſt die Erbin meiner Schätze ſein, ſollſt die Frau eines Großen werden; ich will dich glücklich machen, Mihurmah.“ „Erlaube mir, dich daran zu erinnern, daß mein Glaube mir über Alles geht. Zürne mir nicht, mein Vater, aber unter keiner Bedingung würde ich den Glauben meiner Väter verlaſſen, und auf den Koran ſchwören. Mir leuchtet ein hellaufgehender Stern, der aus ſeinen Strahlen diamantene Ketten für mich flechtet, mit denen ich an Moſes uraltes Geſetz gebunden bin.“ „Ich verſtehe dich,“ verſetzte Behadir,„du liebſt einen deiner Glaubensgenoſſen und wirſt von ihm geliebt. Es wäre grauſam, den ſchoͤnſten Traum dei⸗ nes Lebens ſtören zu wollen. Bleibe und ſei glücklich! Wohl mir, ich beſitze Mittel, dich auch hier in Smyrna reich zu machen. So gehe, alter Mann!“ wandte er ſich zu Roſanes.„Mihurmah wird in dein Haus zurück⸗ kehren, wie Rahel in das deines Freundes. Ich will — 211— keinen Raub an euch begehen. Du aber, Mihurmah, verharre noch einige Stunden bei mir, und erzähle mir deine Schickſale von der Zeit an, wo du als ein armes Kind von mir geriſſen wurdeſt. Auch mich drängt es, dir Aufſchlüſſe uͤber deine Abſtammung und früheſte Kindheit zu geben, die du eben ſo begierig ſein wirſt, von mir zu hören.“ Er reichte ihr die Hand, und Roſanes empfahl ſich. Ehe noch Curbano die nächtliche Abweſenheit ſeiner Tochter bemerken konnte, war ſie bereits in ſein Haus zurückgekehrt, und erſt ſpäter erfuhr er durch Davids freundliche Mittheilung einen Theil des Abenteuers, damit er Obacht auf ihre Krankheit habe. Reich beſchenkt mit Fülle von Gold und Pretio⸗ ſen, und von einer Ehrenwache des Kiaja des Kapu⸗ dan Paſcha begleitet, zog Mihurmah am Morgen in die Stadt ein. Die türkiſchen Kriegsſchiffe lichteten die Anker und ſetzten ihren Lauf im Peloponnes fort, wo Behadir Anuſcha im Namen des Kapudan Paſcha die der Pforte ſchuldigen Steuern eintrieb. Ein Theil davon floß in ſeine Taſche. Die Hochzeit⸗ Deine Kleider ſind eitet Myrrhen, Alob und Kazia, wenn du aus den elfenbeinern Palläſten daher trittſt in deiner ſchönen Pracht. In deinem Schmucke gehen der Könige Löchter; die Braut ſteht zu deiner Rechten in eitel köſtlichem Golde. Bibel. Pſfalm 45, Kapitel 9 u. 10. Das Paſſahfeſt war vor der Thüre, unmittelbar darauf ſollten Sabbathai und Thamar verbunden werden; denn auf dem Feſte ſelbſt Hochzeit zu hal⸗ ten, verbietet dem Juden das Geſetz. Die Heilig⸗ keit des Feſtes ſoll nicht durch eine andre Feier beeinträchtigt werden. In David Roſanes Hauſe wurden große Vorbereitungen getroffen; denn viel Gäſte waren zur Hochzeit geladen, und viel mehr noch— die ganze arme Judenſchaft in Smyrna— hoffte bei der Vermählung von Davids Lieblings⸗ tochter auf deſſen beſondre Mildthätigkeit, und er war nicht der Mann, der ſolche Hoffnungen zu betrü⸗ gen wünſchte. Vielmehr trachtete er dahin, recht — 213— viele ſeiner Glaubensgenoſſen froh zu machen an ſeinem frohen Tage, und es durfte zum Ankauf von Lebensmitteln kein Geld geſpart werden. Aber die Hochzeit war es nicht allein, die die Mildthätigkeit des reichen Mannes gegen ſein Volk in Anſpruch nahm, auch das vorangehende Nationalfeſt führte eine Menge armer Juden über die gaſtfreie Schwelle ſeines Hauſes. Seit vielen Jahren ſchon hatte Roſanes jedem Bekenner des Moſaiſchen Geſetzes, der ſich keinen Waizen zu dem nothwendigen unge⸗ ſäuerten Brote, kein Lamm oder Zicklein zum hei⸗ ligen Oſterlamme kaufen konnte, erlaubt, ſich ſeinen Bedarf in des begüterten Kaufmanns Hauſe zu holen, und Vielen noch, denen Verhältniſſe nicht erlaubten, ihre Armuth offen an den Tag zu legen, ſchickte Roſanes das Bedürfniß zu Feſtbrot und Feſtmahl in reichlicher Fülle heimlich ins Haus; denn er hielt es für eine ſchwere Sünde am Geſetz, daß irgend ein Jude in Smyrna am Errettungsfeſte der Uhr⸗ ahnen nicht die gebotnen Speiſen genießen ſollte. Es waren aus dieſem Grunde kurz vorher die weit⸗ läufigen Speicher Davids mit einer großen Menge von Ankäufen gefüllt worden, Heerden von Schaaf⸗ — 214— und Ziegenvieh hatte man in ſeine Ställe getrieben, und in ſeinen großen Kellern war kein Raum mehr für ein einziges Stückfaß Wein. Die Geſchäfte, welche mit dieſen Einkäufen, mit der Aufſpeicherung und der theilweiſen Abgabe dieſer Lebensmittel an die Armen verbunden waren, und daneben ſein weit ausgebreitetes vielverzweigtes Handelsgeſchäft, wel⸗ ches von jenen dennoch nicht beeinträchtigt werden durfte, die Einrichtung des Hauſes zur Aufnahme ſo vieler Gäſte, das ceremonielle Einladen dieſer ſelbſt, die Rüſtung zur Hochzeit, welche ſich unmittelbar an das Paſſahfeſt anſchließen ſollte: Alles dies nahm nicht nur des greiſen Hausvaters, ſondern aller Be⸗ wohner des Hauſes und der Glieder der Familie in Anſpruch, daß Niemand die Veränderung bemerkte, welche ſeit einiger Zeit mit Sabbathai Zewi vorge⸗ gangen war. Nur Mihurmah's geiſtreichem tief⸗ blickenden Auge, oder mehr noch ihrem ahnenden Gemüth als ihrem ſchauenden Sinn, war ſie nicht entgangen, und auch die Urſache derſelben hatte ſich allmälig ihrem forſchenden Blicke enthüllt. Doch als tiefſtes Geheimniß ruhete in ihrer Bruſt, was ſich ihr allein offenbart hatte. Die Andern, ſelbſt — 215— Thamar, waren alle zu ſehr von ihrem überhäuften Tagewerk befangen, das lärmende Schaffen um ſie her ließ keine andern Gedanken in ihnen aufkommen, als die auf das nächſte Ziel gerichteten, auch ging ihnen mehr oder minder der tiefere Beobachtungs⸗ ſinn ab, der Mihurmah eigen war. Was dieſe in ihrem reichen Gemüth erfaßte, blieb auch Thamar fremd, wenn ſie es ihr nicht freundlich mittheilte. So wußte denn auch Niemand weiter als Mihurmah, daß Sabbathai, je näher die Hochzeit herranrückte, von einem immer bängern Gefühle bedrückt wurde. Nicht die ſonnigverklärte Freude des beglückten, dem ſeligen Ziele ſeiner höchſten Wünſche ſo nahen Bräu⸗ tigams erglänzte auf ſeinem bleichen Geſicht, es war ein wehmüthiges Lächeln, welches darüber hinzuckte, wie die matte Herbſtſonne auf Augenblicke aus trü⸗ bem Gewölk hervortritt und die hingewelkte Pracht des Jahrs übertrifft. Lange, oft ſtundenlang konnte er die blühende Schöne ſeiner Braut ſchweigend, in tiefe Gedanken verſunken, betrachten, wie man ſich wohl in die meiſterhafte Schönheit eines Bildes verſenkt, aber es ſchien, als blieb er nur ein kalter Bewundrer, ein ſtaunender Verehrer der hohen Reize, — 216— welche Jugend und Anmuth über dieſes einzige We⸗ ſen ausgegoſſen hatten, ohne von ihnen erwärmt, zu ſtürmiſchem Umfangen, zu leidenſchaftlicher Glut, die ſeinen Jahren angemeſſen geweſen wäre, hingeriſſen zu werden. Sabbathai war ſeit dem Herbſt ein Träumer, wenn er allein war, und ein ſich zur Hei⸗ terkeit zwingender, wenn er ſich in Geſellſchaft Andrer befand. Doch floh er dieſe Geſellſchaft, ſo viel als möglich, und mehr als je brachte er im erwachenden Frühling die Nächte in den Gewäſſern des Meerbu⸗ ſens und am Ufer desſelben zu. Es war durch Baruchs Vorſorge längſt kein Geheimniß unter Sab⸗ bathai's Schülern mehr, daß ihr junger Chacham dort mit Engeln und Geiſtern verkehre, eine heilige Scheu entfernte die Gemüther ſeiner ehemaligen Freunde immer mehr von ihm, und ſein verſchloſſe⸗ nes träumeriſches Weſen war ganz geeignet, dieſe Scheu zu vermehren und ihn in den Augen der Menge immer höher zu ſtellen. Seine eignen Brüder hiel⸗ ten ſich von ihm fern und erzählten ſeltſame Dinge von ſeinem Leben und Treiben. In ſeiner Lehre wurde er mit jedem öffentlichen Vortrage vriginel⸗ ler. Er verwarf die Ausſprüche gelehrter Rabbinen, — 217— verbeſſerte und veränderte Sätze des Vuches Sohar, welches die Kabbaliſten zeither heilig gehalten hatten, und begann allmälig ein eignes Syſtem aufzuſtellen, welches eine Miſchung von jüdiſchen Ueberlieferungen, kabbaliſtiſchen Seltſamkeiten, Philoſophie, meiſt ſpä⸗ tern griechiſchen Urſprungs, und vrientaliſcher Poeſie war. Seine eignen Forſchungen wußten dieſe hete⸗ rogenen Elemente auf geniale Weiſe zu verbinden und dem Ganzen ein glänzendes Kleid umzuwerfen, welches die Augen aller Zuhörer blendete. Sein Anhang hatte ſich vermehrt und oft waren Tauſende um ihn verſammelt, die dem melodiſchen Klange ſeiner Worte lauſchten, und ſeinen Lehren Beifall zollten. Er galt unter Allen als ein von Gott inſpi⸗ rirter Mann. Es geſchah nicht ſelten, daß er jetzt auch am Tage lehrend auftrat, und der türkiſche Pöbel der ungeheuern Handelsſtadt ſtrömte zuweilen in Schaaren zu, um die Juden während Sabbathais Vortrag zu beläſtigen. Da er ſeinen Zuhörern aber ſtreng befahl, ſich trotz aller erfahrnen Kränkungen jeglicher Feindſeligkeiten gegen die Türken zu enthal⸗ ten, ſo kam es nie zu Händeln, ſo ſehr dies auch der Kadi wünſchen mochte. — 218— Es war am Rüſttage des Paſſah. Sabbathai hatte fur dieſen Tag, wo die Häuſer der Juden von oben bis unten gefegt und geſcheuert, die ſüßen Brote gebacken und die Lämmer und Zicklein geſchlach⸗ tet werden, ſeinen Vortrag ausgeſetzt. Er hatte Roſanes geräuſchvolles Haus verlaſſen, und wandelte einſam über die Vergeshöhen, die der neue Frühling mit ſeiner duft- und glanzvollen Farbenherrlichkeit bereits ausſchmückte. Der Abend überraſchte ihn auf ſeiner träumeriſchen Wanderung, als er eben lauf dem PVorgebirge zwiſchen dem Meere und dem Meer⸗ buſen ſtand. Zu ſeiner Rechten dehnte ſich die mächtige an den Bergen hingelagerte Stadt und vor ihr das weite Becken des Golfes aus, zur Linken verwölbte ſich die Unendlichkeit des Meeres mit dem von leichtem Gewölk überkräuſelten Himmel. Aus jenen finſtern Tiefen zog die Nacht ihre grauen im⸗ mer dunkler gewebten Schleier hervor, gleichſam aus einem ungeheuern Keſſel, in welchem ſie ſie getaucht und wieder von neuem ſchwarz gefärbt, während über den Vergen hinter der Stadt die halbe Mond⸗ ſcheibe auftauchte und in das noch über die Welt hinzitternde letzte Tageslicht ſeine matten geiſterhaf⸗ — 219— ten Glanzwellen goß. Sinnend ſtand der Jüngling, ſeine Bruſt hob ſich; er blickte bald auf das Meer, bald auf die Stadt, athmete balſamiſche Düfte in die Tiefe der Bruſt hinab, und ſprach dann zu ſich ſelbſt:„Was hebt denn meine Bruſt ſo unruhig? Was ſind das für Gefühle, die mich wie ein langer Wehlaut durchzittern, als liege tief in meiner Seele ein ungeheurer Schmerz gefeſſelt und ſtrebe verge⸗ bens ſich loszuringen und ein nächtiges Wolkenheer über meine ſonnigen Tage heraufzuführen? Sonſt durchwehete wohl, wie ein warmer Abendhauch, Sehnſucht meine Bruſt, wenn ich auf dieſen Bergen ſtand, und die fernſte Ferne des Meers mit ihren blau umwobnen Inſelgruppen oder das duftig um⸗ ſchleierte Gebirg mir geheimnißvolle Zeichen zuſandte, ungeſprochne aber wohl verſtandne Worte; da brei⸗ tete ich die Arme aus und gab ihnen dafür meine heiligſten Liedergrüße, meiner Seele wuchſen Schwin⸗ gen, die mich auf Bergeshöhe trugen, Segel, die mich über das Meer führten, Sanſaniel, der Engel des Friedens, durchſtickte meine Träume mit golde⸗ nen Bildern; er kleidete mir die bräutliche Erde in buntes Prachtgewand und wob einen breiten Purpur⸗ — 220— ſaum an ihren lichtflammenden Königsmantel, er ſchmückte meinen Pfad mit Blumen; um meine Stirn, durch meine Locken fächelte ſein Athem ſelige Ruhe, durch die Räume meines Hauſes flüſterten ſeine leiſen Worte, die allein die Kinder verſtehen und die ich beſſer verſtand, als jedes Andre; er bet⸗ tete mir weich und wollig auf würzhauchendem Lager, und drückte mir zärtliche Küſſe auf Mund und Wan⸗ gen und Augenlid, bis ich in ſeinen Armen entſchlum⸗ merte. Dann zogen ſie vor mir auf die Heerſchaa⸗ ren des Himmels, die Engel der Freude, der Luſt, der Unſchuld, gekleidet in den glänzenden Schnee, der unter dem Throne der Herrlichkeit Gottes liegt, und ich durfte mit ihnen ſpielen auf blumendurch⸗ wirkter grüner Au, durfte baden mit ihnen in Licht⸗ flüſſen, durfte ſchaukeln mit ihnen auf Roſenzweigen, durfte ein Engel ſein unter Engeln. Wenn ich da⸗ mals in jener ſüßen Zeit auf den Bergen ſtand, und der Mond, wie jetzt, dort hinter der letzten Höhen⸗ kette aufging, dann feierte die Natur mit mir einen heiligen Sabbath. Mein Auge war heller als jetztz es ſah die Decke des Himmels im reinſten Azurblau prangen, es ſah die Enden desſelben in Purpur und — 22— Gold, den königlichen Farben glänzen, und der Mond ſteckte ſein freundliches greiſes Königsgeſicht aus dem lichtblauen Unterkleid und dem goldgeränderten Pur⸗ purmantel, ſeine Krone war aus Sternen geflochten, die drückte dem bleichen von Königsſorgen müden Schläfer das träumeriſche Haupt auf die flockigen Wolkenkiſſen, die weiß und weich ineinander fluthe⸗ ten, rothangeſtrahlt von der dienſtfertigen Abendröthe. Da fühlt ich, der alte königliche Träumer in all ſeiner Herrlichkeit ſei wieder zum Kinde geworden und mir gleich; er ſchlage zuweilen die ſchlaftrunknen Augen auf und ſchaue verlangend nach mir herab und lächle mir zu, und ſehne ſich mit mir zu ſpie⸗ len, wie ich mich mit ihm zu ſpielen ſehnte; nachher ſchlief er wieder ein, berauſcht von den himmliſchen Melodien, die die Luft durchzogen, unaus ſprechlich ſüße Klänge, die auch ich vernahm, aber tief in meinem innerſten Herzen, während das äußere Ohr nur ihre flüchtigſten Schatten erhaſchte. Das war Sanſaniels Geſang, mit dem er die Welt in Schlaf wiegte. Ofaniel aber küßte die Blätter der Bäume, die Felſen, das Meer und auch mich; und Blätter, Felſen und Meer ſtimmten leiſe mit ein in Sanſa⸗ — 222— niels Lied, und auch ich verſuchte es, bis mich ſüßer Schlummer bezwang. O wie iſt das Alles anders geworden! Die Engel ſind von mir gewichen und neigen ſich nicht mehr mit lächelndem Nicken in meine Träume, all mein Bitten und Beten, wie verzweif⸗ lungsvoll es auch iſt, wie ich mir auch die Hände wund ringe in troſtloſem Jammer, ruft ſie nicht wieder zurück— ach! und die bethörte Menge wähnt, ich verkehre täglich und ſtündlich mit ihnen. Weh mir, daß ich es nicht über mich vermag, ihnen, die mich anſtaunen, die Wahrheit zu geſtehen! Immer hoff⸗ ich, immer erſehn' ich die Stunde, wo es mir gelingen ſoll, ſie zu mir herab zu rufen mit meinem ſtarken Gebet. Jetzt ſiehſt du mich ſo trübſelig an, alter Mond, mit halb abgewandtem Geſicht, als hätten dich die rauhen Winterſtürme aus deinem träumeriſchen Schlaf geweckt, und die Lieder des Frühlings hätten dich noch nicht wieder einzulullen vermocht. Sehnſt dich wohl auch nach Sanſaniels weichen Schlummerliedern? Ach, wie lange iſt's, daß ich ſeine ſüßen berauſchenden Töne nicht mehr vernommen! Sie klingen mir nur noch aus der Erin⸗ nerung auf, wie verwehete vergeßne Träume. Alter — 223— königlicher Träumer, noch trägſt du die funkelnde Sternenkrone, noch den lichtblauen Seidenkaftan, noch den goldgeſäumten Purpurmantel, wie damals, als wir noch Geſpielen waren; ſieh, auch ich habe unterdeſſ en einen ſeltſamen Königstraum geträumt, und noch umgaukeln mich ſeine prächtigen Bilder. Auch ich ſah eine Sternenkrone über meinem Haupte ſchweben, ein Purpurmantel rauſchte um meine Schultern, meine Lenden waren mit Davids heiligem Schwerte umgürtet und in meiner Hand hielt ich Moſes Zauberſtab; ich ſah mein Haupt in den Him⸗ mel erhoben und um mich die Millionen Engelſchaa⸗ ren, die die goldnen Locken ſchüttelten, triefend von Glanzmeer, aus dem ſie auftauchten, mich zu begrü⸗ ßen, und mir zujauchzend: Heil dir, König der Herr⸗ lichkeit! König des Himmels! Und die Erde erblickt' ich zu meinen Füßen und knieend die Millivnen Menſchen, die mir zuriefen mit Jubelgeſchrei: Heil dir, König der Macht! König der Erde! Und die Todten ſtanden auf aus ihren Gräbern, eine unüber⸗ ſehbare Zahl, und ſtimmten ein: Heil dir, König der Zeit!— Hört, auf das wir Jahrtauſende geharrt. Die Flüſſe blieben ſtehen in ihrem Lauf — 224— und erzeigten mir königliche Ehre, die Berge neigten ihre nralte Häupter vor mir, die Bäume ſangen einen Hymnus, das Meer wälzte ſich gehorſam an den Fuß meines Throns, auch du alter König mit der ſtolzen Frau Sonne biücktet euch vor mir, dem Höheren. Ich aber neigte meinen Stab, da grünte er, wie Aarons Stab, und ſeiner ſchneeweißen Blüthe entquoll ein Duftſtrom, den goß Sanſaniel auf mei⸗ nen Befehl über die Welt aus; es war der Strom des Friedens. Und Alles erglänzte im neuen ſchönern Licht, der Streit lag gefeſſelt, die Hölle war ver⸗ nichtet, Sammael war wieder ein Engel des Lebens und Lichtes geworden, ein Seraph, wie er vor ſei⸗ nem Falle war; die krumme Schlange, das alte Ungeheuer war verſchwunden, Metatron, des Him⸗ mels größter und prächtigſter Fürſt, ſtand mir zur Seite und half mir Salomons Tempel wieder auf⸗ bauen, in welchen, von meinem Rufe angelockt, alle Völker ſtrömten, um Gott anzubeten in ſeiner höch⸗ ſten Herrlichkeit.— Sage mir, alter Träumer Mond, was hältſt du von dieſem meinem Traume? Soll ich daran glauben? Mir iſt's, als dehnte ſich Davids Seele in meinem Leibe und drohete, als — 225— wäre ihr das Gefäß zu enge, ihn zu zerſprengen, oft durchkreiſen Gedanken mein Haupt, wie ſie nur der Meſſias denken kann; es durchfluthet mich eine Kraft, die zur rechten Stunde Berge verſetzen muß, es durchwallt mich ein glühendes Entzücken und ein unerſchöpflicher Born von Liebe öffnet hundert ſprin⸗ gende Röhren in meiner Bruſt; ich fühl' es dann, ich bin der Weltbeglücker, und die Erde ſoll reich werden durch meine Liebe, mächtiger Stolz rauſcht auf Adlersflügeln um mein trunknes Haupt und fittigt meine ſchwelgende Seele zu den Sternen, meiner Krone, empor. Aber es kommen auch Stun⸗ den des Zweifels an meinem Berufe zum Heiland der Welt, an meiner Kraft das große Werk auszu⸗ führen; wenn Alles nur der Traum einer vom Wahn⸗ ſinn berührten Stunde wäre? wenn mich Lilith, die entſetzliche, berückt oder Machalath, ihre ſchlimme Nebenbuhlerin, bethört hätte, und ich wäre nichts, als ein Menſch wie Alle? O ihr Berge, dann ſtürzet über mich! Meer, wälze in der nächſten Nacht noch deine furchtbarſten Wellen über mich und begrabe mein heißes Herz in deiner kalten Fluth! O Gott meiner Väter, warum gibſt du mir nicht Gewißheit, . 15 — 226— ob ich es bin vder nicht? Warum ſendeſt du deine Engel nicht, mich zu erheben zum König des Him⸗ mels und der Erde, oder mich hinab zu ſtürzen in das tiefſte Verderben des ewigen Todes? Gib mir ein Zeichen, ich ſchmachte darnach. Ich faſte und bete, wochenlang kommt keine irdiſche Speiſe über meine Zunge und meine Worte ſind nur Gebet und Lehre, alles Verherrlichung deines Namens. So erbarme dich endlich meiner und laß mich ein Wort der Beſtätigung hören, damit dieſe Wolke der Nocht von meiner Seele gehoben werde!— Wie? und hab' ich nicht ſchon ein Zeichen? Sprach nicht Mi⸗ hurmah ich ſei's? Hat ſich Gott nicht meiner Tha⸗ mar vffenbart? Sprach er nichs durch Rahels ſchla⸗ fenden Mund zu mir? Mihurmah!— Thamar!— Rahel! Woher mochte es Thamar wiſſen, daß ich der Meſſias ſei? Noch nie wagte ich, ſie darüber zu befragen. Ich weiß nicht, welche Scheu mich ſtets davon abhielt, mit ihr darüber zu ſprechen. und Rahel wußte auch wachend davon. Woher ihr wohl die Offenbarung gekommen? Ich muß ſie fra⸗ gen. Ein unwiderſtehlicher Drang tretht mich. Wie? Ich ſtehe an der Schwelle des höchſten — die reizendſte Tochter meines Volks breitet ihre bräut⸗ lichen Arme verlangend nach mir aus, Reichthum und Ueberfluß winken mir, aber unzufrieden wende ich mich ab, ich kann mich deſſen nicht freuen. Was ſind Schönheit des Weibes und Fülle des Reichthums für mich? Sie können mich nicht locken. Mir winkt ein höheres Ziel, und ich muß trachten, mich deſſen würdig zu machen. Jetzt bebt nur ein Verlangen durch meine Seele, wie der halb verſchmachtete Wandrer in der Wüſte nur einen Wunſch hat: Ge⸗ wißheit muß ich haben über Thamars und Rahels Offenbarung!“— und eilig lenkte er ſeine Schritte, unbekümmert um des Frühlings lockende Pracht, um des Mondes ruhigen Schein, um die kryſtallreine den Berg umfluthende Luft, abwärts, dem Meerbu⸗ ſen zu, deſſen Gewäſſer bald ſeine glühende Bruſt umwellten. Geſäubert war das Haus und ſeine Geräthe, aller Sauerteig war aufgeſuchtk Krume und verbrannt, Thamar hatte mit and die dünnſcheibigen durchlöcherten en, das 5 Oſterlamm war zugerichtet, un rothe Würzwein — 228— ſchäumte in den ſilbernen Kannen; Feſtgerüche durch⸗ flutheten das Haus, und der mächtige Tiſch, über⸗ hängt mit ſchneeweißem Lacken, erglänzte von ſilbernen und goldenen Geſchirren, in denen ſich die zehn hell⸗ ſtrahlenden Lichter des Armleuchters widerſpiegelten. In getriebenen Vaſen, Augsburg kunſtvoller Arbeit, prangte auf jeder Tiſchecke eine Fülle der ſchönſten Blumen, von Thamars erfahrner Hand geordnet, auf einem goldnen durchbrochenen Teller lagen über⸗ einander drei ungeſäuerte Brote, vor jedem Gedeck ſtand ein ſilberner Becher, und in der Mitte der prächtige Goldkelch des Hausvaters. So wie der Tiſch, ſo waren auch die Lehnſtühle umher mit far⸗ benreichen venetianiſchen Teppichen behängt, aber des Hausvaters Stuhl war an der Rückwand für dieſes Feſt mit einem ſammtnen Kiſſen gepolſtert und hinten herab wallte der ſchimmernde Seidenpurpur, hervorgegangen aus den großen Seidenwebereien Athens. Nicht minder floſſen an den Wänden und Fenſtern herab koſtbare Stoffe, der Fuß ſchlüpfte auf weichen wollenen Zeugen, das Auge ſprang, von königlicher Pracht geſättigt, von einem Gegenſtand Jum andern über, die Naſe ſog die dampfenden Weih⸗ — 229— rauchdüfte, Arabiens ſonnengeborne Geſchenke, ein, und Speiſe und Trank verſprachen noch größere Genüſſe. Der Paſſahabend war in ſeiner erhabnen Feier⸗ lichkeit eingekehrt in Roſanes Haus, und ein Frem⸗ der, der jetzt darin erſchienen wäre, würde geglaubt haben, drei ſchönheitſtrahlende Engel hätten das hei⸗ lige Feſt vom Himmel herabgebracht in die licht⸗ und prachterfüllten Räume dieſes Hauſes; denn die drei hochgeſchmückten Mädchen, jede in eigenthüm⸗ lichen Reizen blühend, die durch das große Familien⸗ zimmer, Arm in Arm wandelten, konnten gar leicht für Engel gehalten werden. Dieſe holdſeligen, freund⸗ lich mit einander plaudernden Weſen waren Thamar, Mihurmah und Rahel. Die Letztere war von den beiden Erſtern zum Feſtmahl des Oſterlammes gebe⸗ ten worden. Es war nämlich herkömmlich— und Roſanes hielt viel auf die alten Herkommen, auf Sitten und Gebräuche der Väter— daß jedes Glied des Hauſes einen Gaſt zum Feſtmahle bat, Thamars und Mihurmahs Wünſche hatten ſich aber in Rahel vereinigt. Der Männer harrend, die noch in der Synagoge — 230— verweilten, unterhielten ſich die drei Freundinnen eifrig mit einander, und der Gegenſtand ihres Ge⸗ ſpräches war— Sabbathai. Rahels großes ſpre⸗ chendes Auge blitzte in prophetiſcher Begeiſtrung, als ſie, Thamar faſt ſtüͤrmiſch umfangend, ſprach:„Glück⸗ lichſte unſeres Volks! Du haſt ſeine Liebe gewonnen, der als Stern Jakobs glänzen wird, bis in die fernſte Zukunft. Wenn man einſt, wie jetzt ſagen wird: Moſes würdiges Weib war Zippora und Davids heißgeliebtes Weib war Michal, dann wird man hin⸗ zuſetzen: Sabbathai's glückſeliges Weib war die ſchöne Thamar, und ſie beglückte ihren Gatten, wie Moſes und David von Zippora und Michal beglückt wurden.“ „So glaubſt du noch immer an ſeine einſtige Er⸗ hebung und Größe in unſerm Volke?“ fragte die Braut faſt zagend und ſchüchtern. „Und glaubſt du nicht daran?“ gegenfragte Rahel erſtaunt und maß die Freundin mit einem ſcharfen Blick. Thamar ſenkte das Auge zu Boden.„Ich kann es nicht verhehlen,“ flüſterte ſie,„mich erfüllt der Gedanke, daß Sabbathai der langgehoffte Meſſias Iſraels ſei, überraſcht er mich zuweilen mitten in — 231— meinen häuslichen Beſchäftigungen, mit Schrecken und Grauen. Denke ich nicht daran, ſo fliegt ihm mein Herz entgegen, wenn er in unſer Haus tritt, hat mich aber die Größe jenes Gedankens zuvor überwältigt, ſo kann ich ihm kaum ſcheu entgegen ſehen, ich ertrage den Blick ſeines Auges nicht, es ſchnürt mir die Bruſt zuſammen, ich zittre und ver⸗ mag ihm auf ſeine Fragen kaum eine Antwort zu geben.“ „So wünſchteſt du wohl lieber, daß er nicht der auserſehene Heiland wäre?“ fragte Rahel unruhig bewegt. „Ich habe vor euch, meine Schweſtern, meine Freundinnen, keine Geheimniſſe, und ſo mögt ihr immerhin in meinem Herzen leſen, daß ich es weder wünſche, noch glaube. Alle meine Wünſche gehen dahin, daß er der ſtille geſchätzte Lehrer bliebe, der er jetzt iſt, und wir unſre Tage in ungetrübter Ruhe, in einem mir heilſamen und bedürftigen Frieden ver⸗ lebten. Wie glücklich kann ich mich träumen, wenn er heimkehrt aus der Schule und ich eile ihm ent⸗ gegen, unſre Lippen ruhen aufeinander, wir kennen, wir haben kein Bedürfniß, als unſre beſcheidene —— Liebe, und unſere Zufriedenheit bekränzt unſern Pfad mit Blumen.“ „O daß deine Wünſche in Erfüllung gingen, gutes glückliches Kind!“ rief Mihurmah mit thränen⸗ feuchten Augen und drückte die ſchweſterliche Freun⸗ din ans Herz. „Gvott beſcheer' es ihr!“ ſetzte Rahel hinzu, und im Tone ihrer Stimme lag eine Beimiſchung ſpöt⸗ tiſcher Bitterkeit.„Aber das Große verlangt Großes zur wahren innigen Genoſſenſchaft, und nur auf den Gipfeln der höchſten Bergeshäupter glüht die Strah⸗ lenpracht der Sonne in den Farbenfeuern des herr⸗ lichſten Purpur. Schön iſt das Leben in ſeiner Beſchränkung, und wer ſich ſelbſt Grenzen ſetzt, mag wohl im engen Raume, den ihm die Natur beſtimmte, heiter und glücklich leben. Ein ſtilles beſcheidnes Gemüth findet im ruhigen Schaffen der Alltagswelt Ziel und Befriedigung ſeines Lebens; es mag behag⸗ lich und heimiſch in ſolcher kleinen Ruhe ſein, wie in den wohnlichen Räumen eines gutgebaueten Hau⸗ ſes; man iſt darin ſicher vor Sonnenbrand und Stürmen; die ſorgſame Schwalbe klebt ihr Neſt an den Balken unter dem ſchützenden Dache, der wirth⸗ ſchaftliche Sperling baut ſich im Giebel des Hauſes an; der geſchwätzige Haushahn mit ſeiner Henne findet darin ein weiches Plätzchen; das unſchuldige Taubenpaar ſitzt ſchnäbelnd auf dem Firſt; ſie woh⸗ nen alle in Ruhe und Frieden unter einem Bau. Aber der Adler, der König der Lüfte, horſtet nicht in des Sperlings Neſt, im Taubenhaus; auf dem höchſten Gipfel des Felſen, den die Wolke küßt, und um deſſen zackige Spitzen der reinſte Hauch der höhern Lüfte balſamiſch fluthet, hoch über tauſendjährigen Eichen und nur leis begrüßt vom Donner der Wald⸗ waſſer, die unten am Fuße des rieſigen Geſteins ſich brechen, da iſt des Adlers Horſt. Das Große, das Ungeheure mag der Schönheit entbehren, aber es iſt erhaben, ergreifend und erfüllt die Seele mit einem wonnigen Rauſche, mit wollüſtigen Schauern.“ „Du haſt ſtets das Außerordentliche geliebt,“ erwiederte Thamar;„ich dagegen beſcheidete mich mit dem Gewöhnlichen und Natürlichen. Der Engel mei⸗ nes Lebens hat mir ein ſtilles zufriedenes Herz in die Bruſt gelegt und eine verſchämte Scheu hineinge⸗ pflanzt, die mich kindiſch erröthen macht, wenn ich aus den gewohnten Kreiſen meiner glücklichen Häus⸗ — 234— lichteit heraustreten ſoll. Nicht auf Adlersfittichen rauſchen meine Wünſche durch die Welt; nein, von bunten Schmetterlingsflügeln werden ſie auf einer grünen Au von Blume zu Blume getragen. Und wie mein Herz iſt und ſeine Wünſche, ſo iſt auch meine Liebe. Nur Menſchliches vermag es zu lieben, nur das mir gleiche Weſen, mit den Mängeln der Menſch⸗ lichkeit behaftet, wie ich; das Uebermenſchliche, das Göttliche, von deſſen hoch über dem meinigen erhab⸗ nem Weſen ich nichts kennen kann, das mir fremd iſt und kalt, in keiner Beziehung mit mir verkettet und verwandt, das kann ich nur verehren, anbeten tief im Staube, dem kann ich mich nur in Entfer⸗ nung nahen mit ſcheuer bebender Ehrfurcht, und wenn es mir näher tritt, als ich mich ihm zu nahen wagte, dann erfullt mich die Größe des Gottes mit kaltem Schrecken, mit erdrückender Furcht, mit zer⸗ malmendem Grauſen. Die warme Liebe umſchlingt nur das ſchwache, leichtfehlende irrende Herz, und ſie verzeiht ſo gern den Fehl, den Irrthum des geliebten Herzens; und, weil ſie ſo gern verzeiht, eben deshalb iſt ſie die Liebe. Dem Gott aber, dem Meſſias, dem Engel iſt nichts zu verzeihen; ſie, die — 235— ewig Reinen, ſind ja unendlich erhaben über aller menſchlichen Schwäche.“ „Mädchen!“ rief Mihurmah überraſcht.„Du ſprichſt ja von Liebe und ihren Wundern, als hätteſt du bereits ihre heißeſte Seligkeit in trunkner Wolluſt aus dem tiefſten duftendſten Lebenskelch ausgeſchlürft, als hätten alle Zauber ſprühender Leidenſchaft dich in ihre goldglitzernden Fäden geſponnen, als ſei dei⸗ nem Herzen ſchon ein Flügelvaar gewachſen, das es durch alle Wunderländer der Poeſie getragen.“ Und mit wonnetrunknen Blicken ſie meſſend, und ihr in das glänzende Auge ſchauend, küßte ſie die Hocher⸗ röthende auf die Marmorſtirn. „Auch ich habe von Liebe geträumt,“ verſetzte Thamar mit Selbſtgefühl.„In einer lauen Früh⸗ lingsnacht hat es mir ein Schmetterling ins Ohr geflüſtert, der Duft der Roſen wurde mir zu ver⸗ ſtändigen Worten, des Abends Goldgewölk hatte für mich einen klaren Sinn. Das Geſchwätz des Bachs, das Flöten der Nachtigall, das Rauſchen der Bäume, Alles erzählte mir, was Liebe iſt. Eine Zauberin gebot mit ihrem Stabe allen Dingen, mir ihr Liebes⸗ geheimniß zu enthüllen; ſie war mir ſo bekannt. Als — 236— ich erwachte, lag ich neben dir; ich war in deinen Armen entſchlummert, Mihurmah. Da fiel mir auch ein, daß du die mächtige Frau geweſen. Du haſt mich gelehrt, was Liebe iſt, und wenn ich es auch noch nicht genau weiß, ſo ahne ich es doch; es däm⸗ mert mir in der Seele. Seht, und weil ich Sab⸗ bathai liebe, deshalb glaub' ich auch nicht, daß er der Meſſias iſt. Fällt mir bei, er könne es dennoch trotz meiner Zweifel ſein und plötzlich ein Mal vor mir ſtehen im überirdiſchen Glanze des gehofften und erſehnten Königs von Zion, im Sternenmantel der Herrlichkeit, mit der lichtfunkelnden Krone der Gnade auf dem Haupte, dann erſtarrt das herzige Koſen, mit welchem ich mich ihm nahen will, auf meinen ſchon geöffneten Lippen, das ſüße Plaudern, das aus meinem Herzen aufblühete, wird im Munde zum ſchmerzlichen Seufzer, die vertrauliche Rede der Liebe, mit der ich ihn umſchlingen mochte, zum ſtummen Gebet. Denn nur beten kann ich zum Meſſias, dem Erlöſer, aber die Worte der Liebe ſind heißer als das innigſte Gebet.“ „Ich wünſche dir herzlich,“ nahm Rahel wieder das Wort,„daß Sabbathai der ſei, für den du ihn „ — 237— hältſt, und der zu ſein du von ihm wünſcheſt. Aber dieſer Wunſch, ein Schmeichler deiner Liebe, wird zum Verräther an unſerm Volk. Doch Sabbathai wird ſich als der enthüllen, der er iſt, zur rechten Stunde, auch ohne deine Liebe und meinen thörich⸗ ten Wunſch, ſo wahr die Sonne zur rechten Zeit aufgeht. Aber du biſt nicht geſchaffen, den Meſſias zu lieben. Meinſt du, Zippora habe gebebt, als Moſes vor Pharav die heiligſten und größten Wun⸗ der verrichtete, als er unſere Väter durch das Meer führte, als er unter Blitz und Donner auf den Sinai ſtieg? Oder Michal habe gezittert, als an David Gottes Herrlichkeit kund ward, und er ihren Vater ſchlug und ſich ſelbſt auf den Königsſtuhl ſetzte? Haſt du nicht von Deborah gehört, der begeiſterten Pro⸗ phetin? Hinauf ſich ſchwingen, wie ſie, zum Gött⸗ lichen, es umfaſſen mit der heißeſten Liebe, aufgehen und verglühen in unausſprechlich erhabner und tiefer Liebe zu Gott, Meſſias und Engeln, das iſt des Lebens höchſter und ſchönſter Glanz, der ſüßeſte Ge⸗ nuß, der ſterblichen Lippen zu koſten vergönnt iſt.“ „Wie ganz anders iſt mein Gefühl, als das dei⸗ nige!“ entgegnete Thamar wiederum.„Fürchten in — 238— tiefſter ſcheueſter heiligſter Ehrfurcht, kann ich die Engel wohl, Wonneſchauer durchrieſeln, unausſprech⸗ liche Empfindungen durchbeben mich, ich fühle mich zerknirſcht, in Nacht geſtürzt, in Nichts aufgelöſtt, den himmliſchen Weſen gegenüber; aber lieben mit warmem luſtſprudelnden Herzen kann ich ſie nicht. Liebe erfordert von beiden dabei betheiligten Weſen Selbſtgefühl, Bedeutendheit, Selbſtſchätzung, dann ein gegenſeitiges Ineinanderfluthen und ein In⸗ einanderaufgehen; wo aber der eine Theil ſich in zer⸗ knirſchter Ohnmacht als Nichts fühlt, gegenüber unge⸗ heurer erdrückender himmliſcher Größe, da kann keine Liebe walten, nur heiligſte Anbetung ſchauert durch das Herz. Und ihn, der höher und größer ſein ſoll, denn alle Engel, den auserwählten Fürſten des Ange⸗ ſichts Gottes, den König des Himmels und der Erde, ihn könnte ich nicht lieben, ſelbſt wenn Gottes Gnade mich beſtimmt hätte, ſein unglückliches Weib zu ſein. — Darum iſt jetzt mein Troſt, daß ich nicht an Sabbathai's Meſſiasthum glaube.“ „Und warum zweifelſt du an ſeinem hohen Be⸗ rufe?“ fragte Rahel pikirt.„Weil er der Sohn eines armen Federviehhändlers iſt? David war ein — 239— Hirtenknabe, der ſeines Vaters Schaafe hütete, als Samuel, der gottgeſandte Prophet in Iſai's Haus trat, und doch wurde er Israels größter König, der Vorläufer des Meſſias, der aus ſeinem Stamm ent⸗ ſpringen ſoll, nach Moſes, der zweite große Auser⸗ wählte des Herrn. Auch David war der jüngſte Sohn ſeines Vaters, wie Sabbathai, auch David war nicht anſehnlich von Körper und ein ſtiller Träu⸗ mer wie Sabbathai.“ „Nicht deshalb iſt's, weshalb ich zweifle. Es liegt mir in Sabbathai's ſanfter weicher Perſönlich⸗ keit, die ſich zuweilen des männlichen Charakters ganz entäußert, etwas, was mir die Ueberzeugung unab⸗ weisbar aufdringt, er könne nicht der hochgelobte König des Lebens und Todes ſein. Dann gibt es wohl noch andere Gründe für meine, der Liebe ent⸗ ſprungnen Zweifel. Reden denn nicht die uralten heiligen Weiſſagungen unſeres Volks, die Propheten⸗ lieder und Ausſprüche der Rabbinen von großen Wun⸗ dern und Zeichen, die die Ankunft des Meſſias ver⸗ künden werden, und die unſere Väter die zehn Zei⸗ chen des Meſſias genannt haben? Was mir der Chacham Halevi über den Meſſias, ſeine Ankunft, — 240— ſein Thun und Walten geſagt hat, weiß ich noch Alles, ſo viele ſeiner Lehren ich auch ſonſt vergeſſen habe; denn mein Herz wurde zum Ohr, ſobald er vom Meſſias ſprach. Verkünden nicht alle unſere Propheten und ihre gottbegeiſterten und erleuchteten Ausleger, ungeheure Drangſale der Zeit, in der er kommen wird, Krieg und Peſt, Feuer und Schwert, Hungertod und Blutthau, wüthenden Sonnenbrand, verheerende Waſſerfluthen und alle die unſäglichen Lei⸗ den, die unſere gelehrten Väter die Schmerzen des Meſſias genannt haben? Soll nicht Gog und Magog in wildem Krieg, von welchem Ezechiel geweiſſagt, entbrennen gegen Edom, ehe denn er kommt? Soll nicht das mächtige Rom fallen durch die Hand der Ismaeliten und verwüſtet werden, vor ſeiner Ankunft? Sollen Krieg und Trübſal nicht vierzig ganzer Jahre dauern, ehe er in der Mitte ſeines Volks erſcheint? und welcher Meſſias ſollte denn Sabbathai ſein? Sprechen nicht unſere Gelehrten von einem Meſſias dem Sohne Joſephs und einem Meſſias dem Sohne Davids? Heißt es nicht ausdrücklich in hundert und aber hundert Schriften, daß der Meſſias ben Joſeph im Kriege gegen den Armillus, den Sohn des ſteinernen — 241— Weibes in Rom, getödtet werden ſoll, ehe der Meſ⸗ ſias ben David auf einer feurigen Wolke zur Erde fahren ſoll, um ihr den ewigen Frieden zu bringen? Hätteſt du vergeſſen oder nie gehört, daß der wahr⸗ haftige und rechte Meſſias, der Sohn Davids, ſchon zur Zeit der Zerſtörung Jeruſalems dort geboren worden iſt und ſich lebendig im Paradies aufhält, bis ſeine Zeit gekommen iſt, daß er zur Erde nieder⸗ fahre?— Sagt mir, ihr Freundinnen, welches von all dieſen Zeichen hätte uns durch ſein Eintreffen das Recht gegeben, Sabbathai Zewi für einen der beiden Meſſias zu halten? wo und wie wäre eine der heiligen auf die Perſon des Meſſias bezüglichen Prophezeihungen eingetroffen, die wir auf Sabbathai deuten könnten? Auch ich theiltedeinſt euern Wahn, daß er's ſei; ſeit ich ihn aber näher kenne, ſeit er mein Verlobter iſt, ſeit ich ihn liebe, weiß ich, daß er's nicht iſt, nicht ſein kann.“ „Ungläubige! Unglückſelige!“ rief Rahel mit nicht länger zurückgehaltener Heftigkeit.„Du ver⸗ gifteſt dir durch deinen Unglauben die Blüthe deines Lebens, die der Glaube an ihn zur ſchönſten Frucht gezeitigt hätte.“ I. 16 — 242— „Alles, was du angeführt haſt,“ nahm Mihur⸗ mah das an Thamar gerichtete Wort,„beweiſt noch keineswegs, daß er's nicht iſt. Noch iſt ſeine Zeit nicht gekommen, in welcher ihn die höchſte Herrlich⸗ keit Gottes erfüllt und zum größten Werke beruft. Einſt, wann die Stunde erſcheint, wird es die Welt durchleuchten, wie Blitzesſchein, und die Schechina, die dreimal heilige Mutter des himmliſchen Lichts, wird von ihm aus der Gefangenſchaft erlöſ't, auf ſeinem Haupte ſitzen, wie eine aus Flammenglanz gebildete Taube, und der überwallende Lichtausſtrom der zehn Sephiroth wird ſich um ſein Haupt zu einem leuchtenden Kranze ſchlingen. Die Schmerzen des Meſſias werden aber alle erſcheinen und jede Stunde kann ſie bringen. Glaube mir, die Zeit geht ſchwanger mit großen Dingen. Wer aber kann mit Gewißheit behaupten, daß ſie vierzig Jahre währen ſollen? Du vertraueſt viel zu ſehr auf die Ausſprüche und Verechnungen früherer Rabbinen, die wahrlich nicht zu Propheten berufen waren, und vielerlei Ver⸗ kehrtes über den Meſſias gefaſelt haben. Schon oft hab' ich dir geſagt, der Thalmud iſt keine Quelle der Wahrheit, wie ſehr ihn auch Chacham Halevi —— und andere Anhänger jenes Buches als ſolche anprei⸗ ſen mögen. Und doch ſteht auch im Thalmud ein Verbot, man ſoll die Ankunft des Meſſias nicht durch thörichte Schlüſſe und Berechnungen im Voraus beſtim⸗ men wollen. Jene Rabbinen, die es dennoch thaten, handelten alſo gegen ihr eignes Geſetz. Aber es gibt nur eine Wahrheit und das iſt die der Thora.“ „Hat man dich doch auch ſchon oft beſchuldigt, du habeſt früher zu den Karäern gehört, die unſere Lehren verdammen, weil ſie nur an den einfachen Wortſinn der Thora glauben und nicht an ihre geheime Auslequng.“ „Daß ich auch an die letztere glaube, mag dir meine feſte Anhänglichkeit und Ergebenheit an Sab⸗ bathai's Lehre beweiſen. Aber der Auserwählte des Herrn gehört dazu, dem die Lichtquelle, die einſt ein Strom, ein Meer von Licht werden ſoll, in der rei⸗ nen geweiheten Seele ſpringt, nicht jene düſtern ver⸗ worrnen Rabbinen, die die Blödigkeit ihrer Augen an abenteuerlichen Bildern, Geſchöpfen ihrer unrei⸗ nen Phantaſie erhitzen, und die Ausſtrömungen der⸗ ſelben für wahres Licht ausſchreien; Niemand als Sabbathai iſt berufen, das Geſetz zu erklären, Nie⸗ 16* — 244— mand als er, es zu erfüllen, und auch über dich, meine Taube, wird die Meberzeuzung⸗ wie heiltene Gottesnähe, kommen.“ Beſänftigend ſchloß Mihurmah die ſchöne Braut noch einmal an das Herz; Rahel aber wandte ſich grollend ab, und über ihr, ſeit ihrer ſeltſamen Krank⸗ heit immer mehr erbleichendes Geſicht rollten ein Paar Thränen. In dieſem Augenblicke traten Roſa⸗ nes, Halevi und Sabbathai herein. Sabbathai hatte ſich, von unruhigen Gefühlen getrieben, früher aus der Synagoge entfernt und war in das Haus ſeines künftigen Schwiegervaters geeilt. Vielleicht verſprach ihm eine geheime Stimme in ſeiner Bruſt, die ſich aber nur in dämmernden Ahn⸗ dungen kund that, daß er Rahel dort finde, von deren Einladung er unterrichtet war, und an die er, ſeit jener merkwürdigen Nacht, in der er ſie mondſüchtig am Meeresſtrand gefunden hatte, ſtets und unwill⸗ kührlich denken mußte, ſo ſehr er auch dieſe locken⸗ den Gedanken, die bald zur verführeriſchen Bilder⸗ malerei wurde, im innerſten Schreine ſeines Herzens zu verſchließen bemüht war⸗ — 245— Unbemerkt war er in das Haus gekommen und in die Vorhalle vor dem Familienzimmer gelangt, deſſen Thüre er nur angelehnt fand. Angezogen von den lebhaften lauten Geſprächen der drei Freundin⸗ nen, öffnete er die Thüre noch weiter, und wurde Zuhörer ihrer Herzensergüſſe. Als er Roſanes und Halevi— der vom Hausherrn als Gaſt gebeten war — kommen hörte, ging er ihnen entgegen und ſuchte den finſtern Ernſt zu verbergen, der ſich auf ſeiner Stirn gelagert hatte. Die Nacht war unterdeſſen ganz hereingebrochen und führte auf ihren narden⸗ träͤufenden Schwingen die jungen Lenzesdüfte mit, die ſie als Weihgeſchenk zum Feſte ſpendete. Sabbathai ſah geiſterhaft bleich, faſt krank aus, und die drei Mädchen erſchracken vor ſeinem Anblick. Halevi warf finſtere Blicke auf ihn, und Roſanes war feierlich und abgemeſſen. Es wurden wenig Worte gewechſelt und auf Mihurmah's zartfühlende Seele wälzte es ſich wie eine große Laſt. Nachdem ſie ſich, wie es Gebrauch und Vorſchrift wollten, die Hände gewaſchen aus dem ſilbernen Zu⸗ ber, der am Eingange des Zimmers ſtand, und mit den feinſten Linnen wieder abgetrocknet hatten, nah⸗ — 246— men ſie Platz um dem Tiſche, und, das Feſt einſeg⸗ nend, ergriff Roſanes das oberſte der Brote, brach es, gab jedem ein Stücklein, und ſprach weiter:„Wie unſere Urväter, auf denen der Friede Gottes ſei, als ſie aus der ägyptiſchen Knechtſchaft befreit waren, ungeſäuertes Brot aßen, alſo auch wir bis auf den heutigen Tag; und wie ſie ihrer Freiheit ſich freue⸗ ten, die kaum noch Knechte geweſen waren, ſo freuen wir, ihre in Knechtſchaft lebenden Nachkommen, uns auch heute, gleichſam als freie Herren und mächtige Gebieter. Darum, weil ich heute ein Freiherr bin, ſollen mich meines Hauſes Knechte bedienen.“— Auf dieſe Worte traten zwei Diener in ſtolzen Klei⸗ dern herein, und ſchenkten die Becher voll. David ergriff den Seinigen, ſegnete ihn und die andern, und trank ihn aus; und Jeder leerte ſeinen Becher bis auf den Boden, ohne ihn vom Munde abzuſetzen. kach dieſem erſten Paſſahbecher nahm der greiſe Hausvater von dem aufgeſtellten Sallat, aus aller⸗ lei bittern Kräutern bereitet, tunkte denſelben in ein mit Eſſig angefülltes Gefäß und aß ihn; die Andern thaten's ihm nach. Auf dieſes nahm Roſanes das zweite Brot, brach es und reichte es herum, legte — 217— dann ſeine Hand an die Schüſſel, worin der Lamm⸗ praten und ein hart geſottenes Ei lagen, und Alle am Liſche thaten ein Gleiches, mit lauter Stimme folgenden Geſang anſtimmend: „So war das Vrot der Armuth und des Elends, Das unſte Väter aßen auf der Flucht Aus harter Sklaverei Aegyptenlands, Geführt von Noſes, dem gewalt'gen Herrn. Nun komme Jedermann, der hungrig iſt, und thue gütlich ſich an unſerm Tiſch, Nun komme Jeglicher, der es bedarf, Und ſpeiſ⸗ vom Opfer mit des Oſterlamms, und trinke die vier Oſterbecher mit. Dies Jahr noch weilen wir in dieſem Land; Das künftige, will's Gott, in Kanaan. Dies Jahr noch ſind wir Sklaven fremder Herrn; Das künftige, will's Gott, gefreite Herrn. Meſſias komm, erlös uns aus dem Joch, und führ' ins Land der Väter uns zurück!“ um Sabbathai's Mund zuckte es gichteriſch bei den letzten Worten; ſeine Stimme wankte, und ſein Auge glühete düſter vor ſich hin und bemerkte kaum, . daß Rahels und Mihurmahs Blicke heilverkündend — 248— auf ihm ruheten. Die Diener füllten die Becher zum zweiten Male und Roſanes ſtimmte den zweiten Geſang an, in welchen die andern einfielen, beſchrei⸗ bend die Erlöſung der Kinder Israel aus Aegypten. Bei der Erzählung der zehn Plagen, welche Gott über das Land des hartnäckigen Pharao geſchickt, ward der Geſang langſamer und feierlicher, und Jeder ſpritzte mit zwei Fingern Wein aus ſeinem Becher, anzuzeigen, daß dieſe Plagen aus dem Hauſe entfernt und über deſſen Feinde kommen möchten; das Ende des langen Geſanges wurde mit erhöheter Stimme geſungen und lautete alſo: Drum ſind wir ſchuldig, dankerfüllten Munds Zu loben und zu preiſen, zu erheben den, Der unſern Vätern Wunderzeichen that, Und uns noch täglich Wunderzeichen thut, Aus Sklaverei zur Freiheit ſie geführt. Und gnädig uns aus Leiden Freuden ſchafft, Der Traurigkeit zu Feiertagen wandelt, Wie aus der Finſterniß das goldne Licht. Drum rufen Hallelujah! wir vor ihm. Meſſias komm, erlös uns aus dem Joch, Und führ' ins Land der Väter uns zurück! Hallelujah! Hallelujah!“ — 249— Der Hausvater wuſch nun die Hände zum zwei⸗ ten Male, ſprach das gewöhnliche Gebet darüber, nahm das oberſte der drei ungeſäuerten Brote aus der Silberplatte und rief:„Gelobet ſeiſt du Gott, unſer Gott, König der Welt, der du das Brot aus der Erde hervorbringſt.“ Und den früher gebrochnen halben Kuchen ergreifend, fuhr er fort:„Gelobet ſeiſt du Gott, König der Welt, der du uns durch deine Gebote geheiliget haſt, und uns geboten ſieben Tage ungeſäuerte Brote zu eſſen.“ Und gebrochen theilte er das Brot aus, nahm Salat und ſprach: „Gelobet ſeiſt du Gott, König der Welt, der du uns geboten haſt, bittre Kräuter zu eſſen, daß wir gedenken ſollen, beim Brot des Elends und bei der Kräuter Bitterkeit der Drangſale unſrer Väter in Aegyptenland.“ Hiermit war der geſetzliche Vorbereitungsact zum rechten Paſſahmal vorüber, und die Diener trugen nun die köſtlichſten Speiſen und Wein in Fülle auf, und Roſanes gemahnte mit heitrer Stimme zum fröhlichſten Genuſſe der Gaben Gottes. Aber ein finſtrer Geiſt hatte ſeine tühlen Fittiche über der Geſellſchaft ausgebreitet, und die Freude, — 250— die dem kleinen Kreiſe nahen wollte, floh, von jenem zurückgeſcheucht, aus dem Hauſe. Statt der Freude machte ſich bald der Haß am Tiſch breit; denn der Chacham Halevi redete Sabbathai mit grinſender Freundlichkeit alſo an:„Man ſpricht davon, edler Chacham, daß ihr allmälig in Euern Lehrvorträgen anfinget, auch von den Ausſprüchen und Vorſchrif⸗ ten der Kabbaliſten, zu denen Ihr Euch doch beken⸗ net, abzuweichen. Ihr ſelbſt nennt Euch einen Lehrer der Kabbalah, und doch ſollt Ihr viele Satzun⸗ gen berühmter Meiſter, durch die Gematria erforſcht, verwerfen?“ „Edler Chacham, ich läugne nicht, was Ihr ſagt,“ verſetzte Sabbathai feſt und kurz;„ich ver⸗ werfe viele Albernheiten ſogenannter Kabbaliſten, mag mit ihnen nichts gemein haben und am wenig⸗ ſten auf ihr Wort ſchwören, wie Viele vor mir gethan, und Viele wünſchen, daß auch ich thun möchte.“ „Wie? So verwerft Ihr die Gematria?“ rief Halevi. „Wer ſagt, daß ich ſie verwerfe? Aber ſie iſt ein gefährliches Licht, das man nur mit ehrfürch⸗ tiger Scheu gebrauchen ſoll, um einen dunkeln Gegen⸗ — 251— ſtand zu beleuchten; ſie iſt ein heiliges Opferfeuer auf einem unſichtbaren geheimnißvollen Altar, das nur von reinen Händen gepflegt ſein will. Unter der Hand des Frevlers, des blinden Narren wird jenes göttliche Licht, jenes wunderbare Feuer zur verderblichen Flamme, die Gott ſchändet, das Hei⸗ ligſte beſudelt und das Gehirn des frechen Thoren, der ſich mit ihr befaßte, verbrennt. Seht, zur Zeit der Blüthe unſres Volks durfte nur der Hoheprie⸗ ſter in das Allerheiligſte des Tempels treten und dort opfern; die Gematria iſt das Allerheiligſte unſtes unſichtbaren Tempels, und den Vorhang dieſes Hei⸗ ligthums reißt jeder dünkelvolle Rabbine mit unver⸗ ſchämter Hand hinweg und trägt das himmliſche Licht auf die ſtäubige Gaſſe. Dafür rächt ſich die hochheilige Wiſſenſchaft an den unberufenen vom Weisheitsdünkel aufgeblaſenen Männern, ſo daß ſie an ihr zu Narren werden, Gottes Größe durch Zah⸗ len beſtimmen, den Himmel ausmeſſen, die Fußlänge der Engel angeben, das Jahr der Ankunft des Meſ⸗ ſias ausrechnen und dergleichen gottesläſteriſchen Un⸗ ſinn mehr, ſo daß ſie wirklich dem Teufel dienen, während ſie Gott angenehm zu ſein wähnen.“ — 252— Halevi hatte die Augen weit aufgeriſſen und das Meſſer niedergelegt.„Ihr ſprecht kühn, ſehr kühn über die heiligſten Dinge,“ ließ er ſich vernehmen. „Und ſo glaubt Ihr nicht, was unſre hocherleuch⸗ teten Rabbinen über Gottes Weſen geſagt haben? Glaubt nicht, was vom weiſen und berühmten Rabbi Ismael ben Eliſcha in dem Buche Raſiel, welches vom Engel Raſiel dem erſten Menſchen Adam gege⸗ ben worden iſt, geſagt wird? daß ihm nämlich Me⸗ tatron, der große Fürſt des Zeugniſſes, ſelbſt berichtet und geſchworen hat: Ich zeuge dieſes Zeugniß vom Gott Israels, dem lebendigen und beſtändigen Gott, unſerm Herrn und Herrſcher, daß von dem Hauſe des Sitzes ſeiner Herrlichkeit aufwärts hundert und achtzehnmaltauſend Meilen, und von dem Hauſe des Sitzes ſeiner Herrlichkeit abwärts hundert und acht⸗ zehnmaltauſend Meilen ſind. Seine Höhe beträgt zweihundert und ſechs und dreißigmal zehntauſend Meilen. Die Entfernung von ſeinem rechten bis zu ſeinem linken Arm iſt ſieben und ſiebenzigmal zehn⸗ tauſend Meilen, und vom rechten Augapfel bis zum linken macht der Raum dreißigmal zehntauſend Mei⸗ len. Die Hirnſchale an ſeinem Haupte hat einen — 253— Umfang von dreimal zehntauſend Meilen. Auf ſeinem Paupte hat er ſechzigmal zehntauſend Seelen Israels; und deshalb wird er auch der große gewaltige und furchtbare Gott genannt. Und an einer andern Stelle des Buches ſteht: Der Rabbi Ismael hat geſagt: Ich habe den König der Könige aller Könige geſehen; er ſaß auf einem hohen und erhabnen Throne und ſeine Herrſcherſchaaren ſtanden vor ihm zu ſeiner Rechten und Linken. Da ſprach der Engel, der Fürſt des Angeſichts, der da Metatron genannt wird, zu mir: Ismael, ich will dir die Größe des heiligen und gebenedeiten Gottes offenbaren, die allen Ge⸗ ſchöpfen verborgen iſt. Seine Fuß ſohlen erfüllen die ganze Erde, wie es auch der Prophet*) geſagt hat: Der Himmel iſt mein Stuhl und die Erde mein Fußſchemmel. Die Höhe ſeiner Fußſohlen iſt dreimal zehntauſend Meilen. Von den Fuß ſohlen bis zum Knöchel iſt die Entfernung tauſendmal zehn⸗ tanſend und fünfhundert Meilen, von dem Knöchel bis zur Knieſcheibe neunzehnmal zehntauſend und vier Meilen Höhe. Von den Knieſcheiben bis an die „ Feſaias 66, V. 1. — 254— Hüften ſind zwölfmal zehntauſend und tauſend und vier Meilen an der Höhe. Von den Hüften bis zum Halſe beträgt die Höhe vierundzwanzigtauſend⸗ mal zehntauſend Meilen. Sein Hals iſt dreizehnmal zehntauſend und achthundert Meilen und ſein Bart elftauſend und fünfhundert Meilen lang. Jeder Augapfel hat einen Umfang von elftauſend und fünf⸗ hundert Meilen, und jede Hand hat die Länge von zweiundzwanzigmal zehntauſend Meilen. Zwiſchen ſeinen Schultern mißt er ſechszehntauſendmal zehn⸗ tauſend Meilen, zwiſchen den Armen zwölftauſendmal zehntauſend, und jeder Finger iſt zwölftauſendmal zehntauſend Meilen lang.“ Der hochweiſe Chacham holte Athem, die unge⸗ heuern Zahlen hatten ihn erſchöpft. Sabbathai, der ihm bitter lächelnd zugehört hatte, erhob jetzt ſeine klare Stimme:„Ich habe Euch ruhig die Probe Eures guten Gedächtniſſes ablegen laſſen, ſehr wür⸗ diger Meiſter, und wahrlich, Ihr habt das Maaß Gottes gut gemerkt. Meinetwegen hättet Ihr Euch nicht alſo anzugreifen gebraucht, denn ich kann Euch verſichern, daß mir alle Bücher unſrer Rabbinen bekannt ſind. Ich könnte Euch ſchon mit dem klein⸗ — 255— lichen und erbärmlichen Grunde ganz widerlegen, daß der Rabbi Akiba, berühmten Andenkens, von Gott ein ganz andres Maaß genommen hat, als der Rabbi Ismael, ja in den beiden von Euch eben angeführten Angaben des Letztern, die er vom Erz⸗ engel Metatron ſelbſt zu haben vorgibt, ließe ſich leicht eine ſich widerſprechende Verſchiedenheit auf⸗ finden. Doch ich will Euch des Rabbi Akiba Maaß herzählen, damit Ihr ſeht, daß auch ich nicht unbe⸗ wandert bin in den Büchern unſrer ſehr weiſen Lehrer und Meiſter. Der Genannte aber ſpricht in ſeinem Buche Othioth: Die Seraphim ſtanden über ihm(mimmaal lo), wo das Wörtchen lo durch die Gematria ſechsunddreißigtauſend an der Zahl macht. Dies lehrt uns erſtens, daß die Engel ſechsunddrei⸗ ßigtauſendmal zehntauſend Meilen von Gott entfernt ſind, zweitens, daß der Leib der göttlichen Majeſtät zweihundertundſechsunddreißigmal zehntauſend Meilen lang ſei. Von ſeinen Lenden abwärts und aufwärts ſind jedesmal hundertundachtzehnmal zehntauſend Mei⸗ len. Dieſe Meilen ſind aber nicht nach unſern Mei⸗ len, ſondern nach ſeinen(Gottes) Meilen zu rechnen. Denn ſeine Meile iſt tauſendmaltauſend ſeiner Ellen — 5— lang, ſeine Elle aber enthält vier Spannen und eine Hand breit; und jede ſeiner Spannen reicht von einem Ende der Welt zum andern, wie geſchrieben ſtehet*): Wer miſſet die Waſſer mit ſeinem Schritt und wer umfaſſet die Himmel mit ſeiner Spanne? — Ihr ſeht, ſehr würdiger Meiſter, wie verſchiede⸗ nerlei das Maaß der beiden gelehrten Rabbinen iſt, die ſich unterfangen haben, Gott zu meſſen. Aber der Rabbi Abika hat dabei noch einen wunderlichen Feh⸗ ler gemacht. Ihr wißt ſo gut, wie ich, daß das Wörtlein lo gematriſch nur ſechsunddreißig heißt, wie hat doch der Rabbi daraus ſechsunddreißigtauſend machen, und davon Gottes Größe zu zweihundert⸗ undſechsunddreißigmal zehntauſend Meilen anſchlagen können?— Doch ich will dieſen Beweis ganz ver⸗ ſchmähen; denn er röche nach derſelben Werkſtätte, worin Eure Anführungen geſchmiedet ſind. Ich würde Euch nur mit Euern eignen Waffen ſchlagen. Und fürwahr, es gibt heiligere, herrlichere, von mir gegen den Aberwitz unberufener Narren, die ſich frech und vorlaut in das Heiligthum der Kabbalah *) Jeſaias 40, P. 12. —— gedrängt und es mit ihrer Gemeinheit befleckt und entweiht haben, erwählt. Aber nein, ſie haben es nicht entweiht. Rein und glänzend in ewiger Gei⸗ ſtesfriſche öffnet ſich der Tempel nur den wahren Schülern, die Unberufenen ſind niemals hineingekom⸗ menz ſie haben ihr Unweſen nur in den ſtaubigen Vorhöfen getrieben. Verloren haben dieſe Rabbinen den ſtarken und gewaltigen Geiſt der Propheten, ihren Frevel hat Gott gezüchtigt und ſie dafür mit Blindheit geſchlagen. Wenn Jeſaias ſpricht: Der Himmel iſt mein Thron und die Erde mein Fuß⸗ fchemmel, ſo ſpricht der Herr! oder: Wer miſſet die Waſſer mit dem Schritt und faſſet den Himmel mit der Spanne, und begreift die Erde mit drei Fingern, und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Wage? Lodert aus dieſen hochherrlichen Worten nicht die mächtige Flamme dichteriſcher Begeiſtrung? Und was der prophetiſche Sänger in ſeinen pvetiſchen Geſichten erſchaut, das nimmt der nüchterne Schwarm erklärender Rabbinen, die blind geboren ſind für das Licht, das die Welt durchſtrahlt, für gemeine Wirklichkeit und Plattheit. Die Unendlichkeit des uranfänglichen Geiſtes, des . 1ꝰ — 2— undenkbaren Weſens, den unergründlichen Born aller Dinge, den wir allein im Geiſte anbeten ſollen, den wollen ſie meſſen, die Thoren! Aber wahrlich, es muß anders werden unter uns! Der Tempel des Herrn muß wieder erſtehen, aber die Lügner und Narren, die ſich hocherleuchtete Rabbinen nennen, ſie dürfen nicht hinein, denn ſie würden ihn wieder für den Marktplatz ihrer Verkehrtheiten halten. Hin⸗ aus mit ihnen und eine reinere Lehre von Gott und dem Glauben erfriſche die Herzen des Volks! Wahr⸗ lich, ich muß mit Jeremias klagen: Die edeln Kinder Zions, dem Golde gleich geachtet, wie ſind ſie nun den irdnen Töpfen verglichen, die ein Töpfer macht? — Was weiß denn das Volk von ſeinem Gott; die Lehrer haben ihn ihm geſtohlen und entwendet; das Volk iſt erſoffen in Verkehrtheit durch ihre Schuld. Aber hinaus mit dem alten Sauerteig bis auf die letzte Krume, hinaus aus dem Hauſe Israel! Wir wollen ihm ſüße Brote backen. Wahrlich, auch an mich iſt eine Stimme ergangen, wie an Ezechiel, und der Geiſt eines der Propheten glüht und tobt in mir gegen den Unflath, den ich überall erblicke.“ Die edle Röthe des Zorns war endlich über des — 259— Jünglings bleiches Geſicht heraufgeſtiegen, eine heil⸗ verkündende Aurora, und ſeine Augen flammten, wie der aufgehende Tag. Der alte Roſanes ſah ſauer und mürriſch drein, und ſchien von Sabbathais Eifer unangenehm berührt worden zu ſein, und der Chacham Halevi lächelte ſpöttiſch, indem er recht kühl und bitter ſprach: „Demnach erachtet Ihr all unſre Rabbinen, hoch⸗ weiſen Angedenkens, die die Thora ausgelegt, für nichts, und Euch hoch über alle gelehrten und gott⸗ begeiſterten Männer unſres Volks, wie ſie auch gelebt und gelehrt haben. Ihr ſagt ſelbſt, Ihr habet die Seele eines Propheten in Euch, und ſeid alſo über alle Weiſen erhaben. Sagt mir doch, ſo es Euch gefällig iſt, welches Propheten Seele in Euch wohnt, und ob Ihr ſie durch den Gilgul empfangen und ſie demnach Eure eigne geworden iſt, oder ob Gott Euch durch den Ibbur jene Prophetenſeele noch zu der Eurigen gegeben hat, damit Ihr ein großes Werk — vielleicht die Beßrung und gänzliche Umkehrung des Volks Israel— bewirken möget, wozu vielleicht Eure Seele allein zu ſchwach ſein dürfte.“ „Ja oft iſt es mir, als ob zwei Seelen in mei⸗ 17* — 260— ner Bruſt ſich ſtritten,“ ſagte Sabbathai, nicht auf Halevis Spott achtend, mehr in ſich hinein, als zu den Andern.„Da hebt ſich die eine, wie auf Ad⸗ lersſchwingen empor und reißt die andre mit ſich fort; da hör' ich das Flügelrauſchen der Cherubim, wie es Ezechiel vernommen hat in ſeinen göttlichſten Geſichten, ich habe den Wagen der Herrlichkeit erſchaut mit ſeinen glühenden Rädern voll tauſend Augen, und auch mir hat der Seraph die glühende Kohle vom Altar des Herrn auf die Zungenſpitze gelegt und mich damit gereinigt. Aber auch eine Seele der Wehmuth, des Jammers, des Zorns wohnt in mir, und ſie möchte zuweilen laut aufſchreien mit dem Propheten: O wehe des ſündigen Volks, des Volks voll arger Miſſethat, des boshaften Saamens, der ſchandlichen Kinder, die den Herrn verlaſſen, den Heiligen in Israel läſtern.— Und todtweinen „ möchte ſich dieſe Seele über mein Volk mit ſeinem Bücherkram, ſeinem Talmud und ſeiner thörichten Rechenkunſt.“ „So verachtet Ihr auch den Talmud?“ rief Halevi, und warf einen triumphirenden Blick auf Roſanes. ———— —— „Was iſt daran? In eeieen Ge⸗ miſche von Meere Thorheit und einigen Bechern Weisheit, liegt wahrlich Israels Heil nicht begraben. Wenn ein Buch gelten ſoll, wohlan, ſo nehmt den Sohar. Zwar iſt ſein Verfaſſer Rabbi Simon ben Jochai auch in manchen Irrthum verfallen, aber er hat doch das tiefe Weſen der Kabbalah am würdig⸗ ſten ergriffen und redet vom göttlichen Weſen, ſeinen Eigenſchaften und Ausflüſſen als ein wahrer Lehrer.“ „Wahrlich, es kann nicht anders, Ihr müßt ein Heiliger, ein Prophet oder des Etwas ſein!“ lachte Halevi.„Ihr verachtet Rabbi Abika, den unſre Väter dem Moſes vorgezogen haben. Ihr ſprecht von Rabbi Ismael ben Eliſcha als von einem Nar⸗ ren und unnützen Schwätzer und vor Rabbi Simon ben Jochai habt Ihr auch nicht ſonderliche Ehr⸗ furcht. Der Talmud iſt Euch das Werk hirnver⸗ rückter Köpfe und Alles, was unſre Väter gelehrt, wahnwitziges Gewäſche. Ihr dagegen habt die Che⸗ rubim gehört und mit dem Seraphim verkehrt. Gott ſtärke Euch in Euerm Hochmuthe, daß Ihr nicht ſelbſt ein Narr werdet.“ „Es mißfällt mir ſehr von dir, Sabbathai,“ — 262— nahm jetzt Roſanes das Wort,„daß du Schande auf die Häupter unſrer hocherleuchteten Väter, auf denen der Friede ſei, zu häufen verſuchſt, und Alles, was ſie gelehrt, für eitel Thorheit erklärſt. Wahrlich, in ſolcher Geſtalt haſt du dich noch nicht gezeigt! Ich muß denken, der ſüße Wein des Feſtes, von dem du voll geworden, ſpricht aus dir; denn ich mag nicht glauben, daß deine Seele von einem Teufel oder einer Teufelin beherrſcht werde und irgend der Lilith, dem Weibe des Sammaels, der furchtbaren Nacht⸗ frau, unterthan ſei. Zwar könnte man wegen deiner ſteten Nachtfahrten faſt auf ſolche Gedanken kommen, und in deinen unbeſonnenen Reden, worin du alles Alte und Ehrwürdige herabſetzeſt, eine Beſtätigung derſelben finden.“ „Vater!“ bat Thamar mit weicher zärtlicher Stimme, und der eindringliche Ton war von einem Blicke begleitet, dem der Alte nicht zu widerſtehen vermochte und vor deſſen Sonnenwärme das Eis ſeines Zorns ſchnell dahin ſchmoli. „Wir wollen hoffen,“ redete Mihurmah begüti⸗ gend,„daß die Zeit nicht allzufern mehr iſt, wo der unter uns ſich enthüllen wird, auf den wir — 263— hoffen, wie unſre Ahnen auf ihn gehofft haben. Dieſer Auserwählte des Herrn wird uns das Rechte bringen und alle falſchen Lehren vernichten.“ „Ja er wird bald kommen!“ rief jetzt Rahel, „und den Tempel wieder aufbauen. Die aufgeblaſenen Götzendiener, die ſich für wahrhaftige Lehrer des Herrn ausgeben, werden vor ihm zerſteuben, wie Spreu vor dem Winde.“ „Du haſt das Rechte geſagt!“ rief Sabbathai begeiſtert.„Er wird kommen und die Tenne des Herrn fegen und ſeine Scheuer kehren. Da werden der Körner gar wenig und der Spreu gar viel ſein. Und wahrlich, ich ſage Euch, Chacham Halevi, auch Ihr werdet nicht ſchwer wiegen in ſeiner Wurf⸗ ſchaufel. Er wird bald kommen— denn der Narr⸗ heit und des Unverſtandes Maaß iſt übervoll und die höchſte Zeit, daß es ausgegoſſen werde an den Boden und im Sande ſpurlos verrinne. Er wird ein neues Volk Israel machen und wenig dazu vom alten brau⸗ chen können. Er wird kommen, aber wahrlich nicht zu Euerm Heil!. Ich erinnere dich,“ warf Roſanes mit ſtrengem Ernſte die Stimme auf,„daß der hochehrwürdige — 264— Chacham mein Gaſt iſt, und jede Beleidigung, die du ihm anthuſt, ich auf mich beziehen werde.“ „Nicht doch!“ wehrte Halevi.„Er wird Euer Schwiegerſohn, Raf, und deshalb verzeih' ich ihm die thörichte Rede.— Laßt uns von andern Dingen ſprechen und fröhlich ſein!“— Aber das Mahl der Freude war verſalzt und verbittert. Sabbathai verſank wieder in düſtres Schweigen. Dann und wann glitten ſeine Augen über die drei plaudernden Mädchen, und dann blie⸗ ben ſie wohl am längſten auf Rahels ſtolzem Geſichte hängen. Das Mahl war zu Ende und der Hausvater zog unter der linnenen Hülle die andre Hälfte des Brots hervor, brachs und reichte den Tiſchgenoſſen davon. Die Diener aber ſchenkten ein, und mit Feierlichkeit wurde der dritte geſegnete Becher geleert. Endlich, nach Waſchung der Hände und dem zweiten Tiſch⸗ gebet, wurde der vierte heilige Paſſahbecher herum⸗ gereicht. Roſanes ergriff den ſeinigen und ſprach: „Herr Gott, unſer Gott, König der Welt, ſchütte deinen Zorn auf die Völker, die dich nicht erken⸗ nen, und auf die Königreiche, die deinen heiligen — 265— wamen nicht anrufen. Gieße deine Ungnade auf ſie; verfolge ſie mit deinem Grimme und tilge ſie hinweg unter deinem Himmel!“ Er trank den Becher aus und ſprach weiter:„Du haſt in der heiligen Oſternacht ſtets große Wunder gethan an deinem Volke, du haſt dich unſern Patriarchen geoffenbaret in dieſer Nacht, haſt unſre Väter in Aegyptenland erlöſet in dieſer Nacht, haſt den Propheten Elias geſandt in dieſer Nacht, haſt immer Varmherzigkeit gethan an deinem Volke in dieſer Nacht. So ſende uns nun deinen Propheten, den Erlöſer, den Heiland, auf den wir hoffen, in dieſer Nacht, daß er uns befreie aus dem Elende, gleich wie Moſes unſre Väter erlöst hat aus der ägyptiſchen Knechtſchaft in dieſer Nacht.“— Thamar öffnete auf des Vaters Wink ſchnell die Thüren des Zimmers und des Hau⸗ ſes, und ihr Vater fuhr fort:„Meſſias, gnaden⸗ gekrönter König der Welt, verziehe nicht länger, die Thüren des Hauſes ſtehen auf, tritt herein und beglücke deinen Knecht.“ Und alle fielen ein und beteten mit:„Allmächtiger Gott, nun baue deinen Tempel bäld, in unſern Tagen zunächſt. Nun baue deinen Tempel in Kurzem. Barmherziger Gott, — 6— großer Gott, ruhmreicher Gott, erhabner Gott, feiner Gott, ſüßer Gott, Gott Israels, baue deinen Tem⸗ pel bald, in Kurzem, in unſern Tagen. Kräftiger Gott, lebendiger Gott, mächtiger Gott, königlicher Gott, reicher Gott, nun baue deinen Tempel gar bald, in Kurzem, in unſern Tagen. Amen.“ Hiermit war die Feierlichkeit beendigt, und Ro⸗ ſanes zog ſich mit Halevi zurück. Auch Sabbathai wollte ſeine trübe Schwermuth an das Meergeſtade tragen; denn die Mitternachtsſtunde hallte eben von den chriſtlichen Thürmen der Stadt, aber Mihurmah hielt ihn zurück, flüſternd:„die Blinden! Sie reißen die Thüren auf und bitten Gott im brünſtigen Ge⸗ bete, ihnen den Retter zu ſchicken, der doch mitten unter ihnen weilt und den ſie im thörichten Haſſe vor die Thüre werfen möchten. Aber Herr, nicht Alle haben blöde Augen und viele erkennen, wer du biſt.“ „Du mit deinem Seherauge,“ verſetzte er.„Doch⸗ auch Thamar?“ Sie ſchlug die Augen erröthend zu Boden. Sabbathai faßte Thamar's Hand und führte ſie bei Seite.„Liebe,“ ſagte er ſanft,„erlaube dei⸗ * nem Verlobten eine Frage in dieſer für unſer Volk ſo hoffnungsreichen Nacht. Du weißt, daß in ihr alle Israeliten den Meſſias erwarten. Einſt ſagte mir Mihurmah, du habeſt in mir den Retter Israels erkannt. Stieg dieſe Erkenntniß in deinem eignen Herzen auf, oder kam ſie dir von Jemand anders zu?“ Thamar glühete wie Purpur; doch über ihre Lippen, die noch nie gelogen, flüſterten die Worte: „Herr, von Rahel hatte ich's, die dich früher ſchon in wunderbaren Träumen als Meſſias geſchaut haben will.“ Ein tiefer Seufzer entwand ſich Sabbathai's Bruſt. „Ich danke dir!“ ſagte er kurz und biß die Lippen zuſammen. Er konnte das düſtre Auge nicht wieder losreißen von der königlichen Rahel. Die Geſell⸗ ſchaft trennte ſich, und er ging hinaus an den Meer⸗ buſen mit langſamen ſchwermüthigen Schritten, und miſchte dort das bittre Waſſer, das ſeinen Augen unaufhaltſam entſtrömte, mit der Fluth, in der er badete. Hart war der Kampf, den er zu beſtehen hatte in dieſer Nacht, und viel der Thränen, die er weinte. ——— . — 268— Ein uraltes Geſetz gebietet den Moſaiten, ſich in der Zurückgezogenheit des Hauſes acht Tage lang auf den Schritt zur ehelichen Verbindung vorzubereiten. Sowohl die Braut als auch der Bräutigam verlaſ⸗ ſen in dieſer Zeit die elterliche Wohnung nicht und ſehen ſich nicht; ſeine Freunde machen ihm Beſuche, und beſtreben ſich, ihm den durch die Sehnſucht gehemmten Stundengang mit kurzweiliger Unterhal⸗ tung wieder zu beflügeln; gebetene Brautjungfern umſchwärmen ſeine Geliebte. Sabbathai war von ſeinen eifrigſten Anhängern umgeben, eine Auswahl herrlicher Jünglinge, die, mit ihm über den tiefen Verfall des jüdiſchen Glau⸗ bensritus einverſtanden, theils durch eigene An⸗ ſchauung, theils durch ſeine Lehre es eingeſehen hat⸗ ten, daß die veraltete und meiſt verunſtaltete Form dieſes Glaubens, alles Geiſtes ermangelnd, jedem wahren religiöſen Gefühl Hohn ſpreche, die die Ueber⸗ zeugung hegten, daß ihrem Religionsweſen eine Reform höchſt nöthig thue, ſollre das ganze Volk nicht unter⸗ gehen in ſchmachvoller Geiſteserniedrigung, und die endlich in Sabbathai den kühnen Reformator erblick⸗ ten, der das morſche Gebäude ſtürzen und an deſſen — 269— Stelle auf den alten Grund— das moſarſche Geſetz — einen neuen ſchimmernden Bau aufrichten werde. Es war ihr heiliger Wille, ihn, den ſie alle liebten und verehrten, bei ſeinem ſegenvollen Werke nach Kräften zu unterſtützen. Auch mochte wohl in man⸗ chem von ihnen ſchon die Idee aufgeſtiegen ſein, Sabbathai ſei der erſehnte und prophezeite Erlöſer der Juden aus körperlicher und geiſtiger Knechtſchaft, und noch mehr hatten dieſe unklaren Bilder durch Baruch's geheimnißvolle Worte, die er, mit jener Idee durch ſeine Schweſter und ſeine eignen wunder⸗ baren Erlebniſſe ſchon vertraut, zuweilen mit Bedeu⸗ tung hinwarf, an Beſtimmtheit und Farben gewon⸗ nen, ſo daß man annehmen konnte, alle innigſten und ſchwärmeriſchſten Anhänger und Schüler Sabbathai's hielten ihn für den Meſſias den Sohn Davids, oder deſſen Vorläufer den Meſſias den Sohn Joſephs, wenn ſich ihre ſie beſeligende Vermuthung oder Ueberzeu⸗ gung auch nicht gerade in nackten Worten ausſprach. Zwar war nun Mardochai Zewi's Haus, in welchem, durch Roſanes Fürſorge, Wohlhabenheit und Ueber⸗ fluß an die Stelle der Armuth und Dürftigkeit getre⸗ ten waren, nicht vom lauten Uebermuth ſchmauſender —— und zechender Jünglinge erfüllt, wie es Sitte und Gebrauch mit ſich brachten, ja gewiſſermaßen erheiſch⸗ ten, dafür ertönte Sabbathai's kühne Begeiſterung für das Unternehmen, zu dem er den heiligſten Beruf in der Seele fühlte, in glänzenden Worten ſeinen für dieſelbe Idee entflammten Freunden zu, und ſein Plan, ſo wie er ſich in der letzten Zeit ſelbſt leuch⸗ tender und beſtimmter in ſeiner Seele gebildet, ent⸗ hüllte ſich den Unterſtützern deſſelben in ſchärfern umriſſen. Baruch wurde dabei gewiſſermaßen der Erklärer von Sabbathai's nicht ſelten myſtiſchen Wor⸗ ten, und was dieſer nur andeutete, ſprach jener aus. So wurde dieſe merkwürdige Woche, ſtatt eine fröh⸗ liche Vorbereitung auf Sabbathai's Hochzeitfeſt zu ſein, eine ernſte Vorbereitung für das wichtige Werk, das er bald, von heiliger Gottbegeiſterung trunken, mit Hülfe ſeiner Freunde zu vollbringen gedachte. Die Zweifel an ſich, die ihn zeither oft heimgeſucht, die düſtern Gedanken, ob er wirklich zum Retter ſei⸗ nes Volks berufen ſei, und alle die Schatten, die ſeine Seele, wenn er einſam und mit ſich ſelbſt beſchäf⸗ tigt war, umzogen hatten, waren durch das tagelange und anhaltende Zuſammenleben und den ununterbroche⸗ — 271— nen geiſtigen Verkehr mit ſeinen Anhängern verſchwun⸗ den und in felſenſtarkes Selbſtvertrauen, in ſonnen⸗ lichtes Erkennen ſeines hohen Zieles und in ſtraffen hochbegeiſterten Muth, es zu erreichen, verwandelt worden. Sein liebenswürdiges Weſen, ſeine ſchöp⸗ feriſche Phantaſie, ſein glühender Jünglingsmuth für Recht und Wahrheit, ſein heiliger Eifer für ſeine Sache, hatten ſich noch nie in ſo glänzender Ent⸗ wicklung gezeigt, und ketteten die jungen Männer, die er um ſich verſammelt ſah, mit unzerreißbaren Banden an ihn. Als ſeine Freunde und Anhänger waren ſie zu ihm gekommen, als ſeine glühendſten Verehrer, als fanatiſche Schwärmer für ſeine Lehre verließen ſie ihn, bereit Gut und Blut für ihn auf⸗ zuopfern, und ihre geſchloſſene Zahl— ein und zwanzig, die ihnen von hochheiliger Bedeutung war: aus drei mal ſieben!— nannte ſich von dieſen Tagen ausſchließlich die heilige Zahl ſeiner Schüler. Das ſtete Beiſammenleben, das gegenſeitige innige Verſtändniß, das unwillkührlich eintretende immer engere Aneinanderſchließen dieſer Schüler unter ſich und wieder ihrer und Sabbathai's, hatten den Letz⸗ tern unvermerkt weiter geführt, als er wohl die Ab⸗ — 272— ſicht gehabt. Vielleicht hatte ſeinem Handeln auch nicht einmal eine deutliche Abſicht vorgeſchwebt; die Begeiſterung, das poetiſche Feuer in ſeiner Seele riß ihn unaufhaltſam hin, und ſo war das Bild ſeiner Braut in den tiefſten Hintergrund ſeiner Seele zurück⸗ gedrängt worden. Höhere Dinge erfüllten ſeinen Geiſt ſo durch und durch, als daß er Muße gehabt hätte, ſich viel mit Gedanken an Thamar zu beſchäf⸗ tigen, aber auch das bange Gefühl, das ihn vor kur⸗ zem noch gequält, war verſchwunden, und nur Rahels Bild tauchte, wie ein Engelsgeſicht, aus ſeinen meta⸗ phyſiſchen Träumen zuweilen lächelnd auf. So überraſchte ihn der Tag der Hochzeit, ihn aus ſeiner bilderglühenden Ideenwelt in die Welt der Wirklichkeit reißend, die ihn kalt und unfreundlich anwehete, und die ſelbſt Thamars engelreizendes We⸗ ſen ihm nicht zu erwärmen vermochte. Statt trun⸗ ken zu ſein von der nahen Erfüllung blendender Hoff⸗ nungen und ſüßer Wünſche, fühlte er ſich wie von einem Rauſche ernüchtert. Je lichter in der ver⸗ wichnen Woche durch den Umgang ſeiner Freunde die Ueberzeugung ſeines hohen Berufs, wie ein glänzen⸗ der Sternenhimmel in ihm aufgegangen war, um ſo — 273— finſtrer gähnte ihn jetzt die Nacht an, die ihn aus Thamar's beſtimmt ausgeſprochnem Zweifel an dieſem Berufe umdüſterte und jenen Sternenhimmel zu ver⸗ hüllen drohete. Aber durch dieſe trübe Nacht leuch⸗ tete auch jetzt noch das Engelshaupt, aus deſſen Son⸗ nenaugen ihm der Glaube an ſeine göttliche Würde entgegen glänzte, aus deſſen holden Mienen ihm die begeiſternde Veberzeugung ſeines Berufes prophetiſch zulachelte. Es war wieder Rahel's Bild. In Roſanes Hauſe ſchwang dagegen in der Vor⸗ bereitungswoche leichtfüßiger Mädchentanz in rhytmi⸗ ſchen, grazienvollen Bewegungen die ſchnellen Sohlen. Sanfte Muſik zog in ſchmeichelhaften Tönen durch die Zimmer oder hüpfte, wie ein neckiſches Kind in leichten Sprüngen, und ihr geſellte ſich der Geſang als munterer Geſpiele, als geflügelter Tänzer. Tha⸗ mar's Freundinnen waren als Brautjungfern um ſie verſammelt, tanzten, ſpielten auf Harfen und ſangen fröhliche Lieder. Das ganze Haus glich einem Harem voll der reizendſten Mädchen, und wohin das Män⸗ nerauge fiel, ſprang ihm ein in Lieblichkeit ſtrahlen⸗ des Kind entgegen, wie ein verkörpertes Gedicht, wie eine in plaſtiſcher Schönheit gefeſſelte Harmonie. I. 18 — 274— Das war eine Lebensfülle, ein munteres Aufſprudeln junger in die Bande zarter weiblicher Natur geleg⸗ ter Kraft, das war eine ganze, von allen Strahlen der Grazie und Luſt durchglühete und geſättigte Welt in freudeſchwingender Bewegung! Thamar, die rei⸗ zendſte von Allen, ſchien faſt ihrem Volke und ihrer Zeit entrückt und dem klaſſiſchen Griechenboden, der ſie geboren, ſo wie der ſeligen Zeit griechiſcher Mythe anzugehören, die ihre klangreichen Saiten über den Archipel gezogen und in Griechenland und Kleinaſien befeſtigt, jene Rieſenlyra, deren Klangboden die ſegen⸗ reichen Inſeln waren und auf der die uralte ewig junge Poeſie unſterbliche Weiſen ſpielte; ja die wun⸗ derſchöne Braut, deren Augen von Liebe und Ver⸗ langen glänzten, glich in der Mitte ihrer Freundin⸗ nen und Brautjungfern der Liebesgöttin Venus, die eben von den Grazien und Nymphen bedient wird. Denn die Einen ſtrählten und ſalbten ihr das duf⸗ tende Haar, die Andern beſchäftigten ſich mit ihrem Schmucke; hier legte ihr ein niedliches Kind Ringe und Spangen an, dort hatte eine Huldin etwas an ihrem Kleide zu ordnen, eine gaukelnde Sylphenge⸗ ſtalt hielt ihr den reichen blanken Spiegel vor; dieſe — 275— ſpielten auf Saiteninſtrumenten, und jene tanzten it entzückenden Bewegungen vor der glücklichgeprieſenen Braut, und alle ſangen in luſtathmenden Liedern das hohe Glick der Liebe und der Zärtlichkeit. Und doch waren unter dieſen leichtbewegten Mäd⸗ chengruppen einzelne, denen es mit der Fröhlichkeit nicht aufrichtig von Herzen ging. Vorzüglich war dies mit Rahel der Fall. Seit einiger Zeit ſchon hatte ſie viel von ihrem muntern kühnen Weſen ver⸗ loren, ſie war ſchweigſam geworden, ſchien gedrückt und befangen, auch hatte ſich ihr krankhafter Zuſtand verſchlimmert. Mihurmah ahnete wohl die Urſache dieſer Veränderung und überraſchte oft die hohe Jung⸗ frau mit Thränen im Auge; doch hütete ſie ſich wohl, ſie darüber zu befragen. Rahel bot inzwiſchen alle Kraft ihrer Seele auf, ihren Zuſtand nicht merken zu laſſen; wie aber hätte ſie ihn mit aller Verſtellungs⸗ kunſt Mihurmah's ſcharfem Auge verbergen wollen? Und gerade dieſer Umſtand war es, welcher auch Mihurmah's Seele die Schwingen der Freude lähmte. In ihren Ahnungen ſtiegen drohende Wetter über den Häuptern derer, die ſie liebte, auf, und ſie vermochte das unſichtbar einherſchreitende Unglück nicht aufzu⸗ 18* — 276— halten, nicht zu beſchwören; ja, was ſie am meiſten ängſtigte, war die unſelige Ueberzeugung, daß ſie allein ſehend ſei, während die nebrigen in blinder Sorglo⸗ ſigkeit ihrem Verderben entgegen gingen. Ein drittes Mädchenherz, welches nicht in lauter Freude aufjubelte, war das Jeruſa's, Sabbathai's Schweſter. Dies kränkliche Mädchen war überhaupt ſtiller Natur; ihr Leben beſtand gewiſſermaßen nur in der Liebe zu ihrem jüngſten Bruder. Ihre ſchwäch⸗ liche Geſundheit hatte ſie von früh an das Haus gefeſſelt, und dort war ſie mit Sabbathai ſtets zuſam⸗ men geweſen, und hatte gleich ihm die alten und neuen Bücher ihres Volks geleſen; über das, was ſie nicht verſtanden, hatte ſie Sabbathai liebevoll belehrt, und ſo war ſie mehr als eine Andere in den heiligen Schriften des Geſetzes, der Propheten, der Geſchichtſchreiber und deren Ausleger bewandert. Die veiden ältern Brüder hatte der Erwerb und ihr Wille früh ſchon aus dem Hauſe getrieben, und ſo waren ſie Jeruſa fremder geworden; in Sabbathai, der allmälig ihr Geſpiele, ihr Freund, ihr Lehrer gewor⸗ den war, hatte ſie ſich ganz hineingelebt, und der ſtete Umgang mit ihm war ihr Erſatz für vielfache —— Entbehrungen, die ihr jedoch in der Lange der Zeit zur Gewohnheit geworden waren. Mardochai's große Armuth hatte ihm nie erlaubt, ſeine Tochter in die Reihen der vornehmen Jüdinnen Smyrna's eintre⸗ ten zu laſſen, und da er ein Fremdling in dieſer Stadt war, der ſich nur kümmerlich nährte, ſo kam ihm und noch weniger ſeinem Kinde ein Herz freund⸗ lich und liebevoll entgegen. Dazu war Jeruſa bleich und zart, ihr Körper nicht ganz ausgebildet und ſie glich deshalb eher einem Kinde, als einer Jungfrauz ſie hatte ein ſchwaches Auge, der Blick desſelben trug blos einige Schritte und dieſe nicht mit Sicherheit. Ihre ſtete Zurückgezogenheit, ihr ununterbrochenes Leſen und die Dürftigkeit ihrer Eltern hatten ſie der Welt ganz entfremdet; in ihrem Bruder fand ſie das Ziel ihrer Wünſche, den Gipfel ihres Glücks. So lange ſie noch innerhalb der ſtillen Räume des Hintergebäudes ihres väterlichen Hauſes in ihren gewohnten Beſchäftigungen gelebt hatte, war ſie von der Außenwelt wenig berührt worden und hatte ſich froh und glücklich gefühlt; jetzt ſah ſie ſich durch die Vermählung des geliebten Bruders mit der Tochter des reichſten Juden in Smyrna aus ihren ihr lieb⸗ — 5— gewordnen Verhältniſſen herausgeriſſen und in eine ihr fremde Welt gedrängt, mit der ſie ſich nicht befreunden konnte. Sie fühlte ſich in der neuen umgebung gedrückt, der ſie blendende Reichthum übte einen erkältenden Einfluß auf ſie, ihr kam Sabbathai verrathen und verkauft unter dieſen Menſchen vor, und ſie fühlte, daß ihre Liebe zu ihm, ſelbſt die der Braut, nur Tropfen ſeien gegen das Meer von Liebe, das ſie in ihrer Bruſt zu ihm trug, und daß aller Glanz und Reichthum ein armſeliger Tand ſei gegen ſolche Liebesfülle und ſie nun und nimmer auf⸗ zuwiegen vermöge. Auch hatte ſie Sabbathai bisher allein geliebt, hatte ihn ganz als ihr ausſchließliches Eigenthum betrachten gelernt und es ſchmerzte ſie, daß er es nun nicht mehr bleiben ſollte; es war ihr, als würde er ihrer Liebe nun geraubt, als dürfe ſie ihn nun nicht mehr mit ſo ſchrankenloſer Hingebung lieben, wie ſonſt. 3 Dies Alles beſchwerte das Herz des armen Kindes und wurde ihm feindlicher, je näher der Zeitpunkt rückte, wo ſie, ihrer Meinung nach, Sabbathai verlieren ſolte; und dieſe Gedanken vergällten ihr alle Freude. Auch war unter der fröhlichen Mädchengeſellſchaft — 279— noch ein Kind von zwölf Jahren, die Tochter eines reichen Mäklers, Namens Hannah, ſchön von Geſtalt aber blind ſeit ihrem erſten Lebensalter. Um der »Armen Freude zu machen, nahm man ſie meiſt in heitre Kreiſe mit, und ſo war ſie auch von der gut⸗ müthigen Thamar zur Brautjungfer gewählt worden. Der Himmel, der ihr das Licht der äußern Augen verſchloſſen hatte, ſchien ihr zur reichen Entſchädi⸗ gung ihrem geiſtigen Blicke eine wunderbare Licht⸗ fülle zugeführt zu haben; denn wenn ſie ſtill allein ſaß, erlauſchte man oft gar ſeltſame geheimnißvolle Worte von ihr, die auf wunderbare, ihrem innern Auge vorübergeführte Geſichter hindeuteten; doch gab ſie davon höchſt ſelten mit Willen einem andern Ohre etwas Preis, und nur ſeit einiger Zeit fühlte ſie ſich innig zu Mihurmah hingezogen und ſprach viel heimlich mit ihr. Doch Niemand anders erfuhr etwas von ihren Unterredungen. Hannah war kein Kind mehr, faſt ſchien es, als ſei ſie nie eins gewe⸗ ſen, vbgleich ihr Körper noch im Werden begriffene Formen zeigte; ihr Geiſt war in eigenthümlicher Entwicklung— da ſie ſich faſt immer ſelbſt über⸗ laſſen geweſen war und ſich dem kühnen Fluge ihrer — 280— gewaltigen Phantaſie ungeſtört hatte hingeben können — ihren Jahren weit vorangeeilt und beſchäftigte ſich mit Dingen, deren hohe Wichtigkeit ihnen den Zutritt in den Kreiſen ſelbſt älterer Mädchen ver⸗ wehrte. An Mihurmah hatte ſie aber endlich die langerſehnte gleichgeſtimmte Seele gefunden, und ſeit dieſer Zeit ſah man die Blinde oft am Arme der reizenden Fremden durch die vom jungen Frühling aufgeküßten grünen Büſche und Laubengänge des Berggartens wandeln. Auch Hannah war in dieſer Woche während des Zuſammenlebens mit den übri⸗ gen Mädchen, deren jüngſte ſie war, ſtiller und in ſich gekehrter, als ſonſt. Sie ſaß horchend und auf der Harfe ſpielend, deren Meiſterin man ſie nannte, auch zuweilen mit ſchöner klangreicher, etwas tiefer Stimme ein Lied ſingend, aber immer war es, als miſchten ſich in die hüpfenden Laute der Freude ſchwermüthige Seufzer, als zittre der niedergedrückte und halb erſtickte Schmerz in leisklagenden Tönen durch die Seitenſchwingungen, die allein der Freude gelten ſollten. In ſolcher lauter Luſt und leiſem Schmerze, in ſolchem Hoffen und Fürchten kam der Abend vor dem — 281— Tage der Hochzeit heran, und die Brautjungfern führten die Braut mit lärmender Muſik an den Meerbuſen hinaus, wo, unter Büſchen verſteckt, die Judenbäder lagen. Neben dem gemeinſamen Bade, einem großen ſteinernen Hauſe, hatten die reichſten Juden für ihre Familien und Freunde beſondre klei⸗ nere Badehäuſer erbaut, und das ſchönſte gehörte David Roſanes, womit er einſt ſeinem Weibe ein Geſchenk gemacht. Dorthin waren ſchon den ganzen Tag über die feinſten Leckereien gebracht worden, feurige Weine und ſüße gebrannte Waſſer, einge⸗ machte Früchte, Mandelbrote, Marzipan und Zucker⸗ güſſe; hinter Büſchen und Felſen lagen Muſikchöre verſteckt. Im Innern des Hauſes führten Marmor⸗ treppen in das friſche ſandige Meerwaſſer hinab Oben ſtand in einem koſtbaren Marmorbecken der Abſud der duftendſten Kräuter. Greller Fackelſchein, von beſondern Fackelträgerinnen ausgehend, ſpottete des aufſteigenden Mondes und das ſtolze jubelnde Gepränge, das eine unüberſehbare Maſſe Volks aus Smyrna, Juden, Griechen, Armenier und Türken im bunteſten Gemiſch umwogte und umdrängte, deu⸗ tete eher auf den nächtlichen Zug einer vrientaliſchen — 282— Fürſtin, als auf den Gang zum Bade einer Juden⸗ braut. Aus der Mitte der wandelnden Brautjung⸗ fern, erhob ſich, auf einer Eſelin reitend, die mit goldnen Zäumen und geſtickten Decken geziert war, Thamar, in einen ſternenfunkelnden Schleier gehüllt, und rechts und links und vorn und hinten boten ihr die muthwilligen Mädchen duftende Blumen in zier⸗ lichen Körben entgegen, ſo daß ſie reizend, wie Alpiel, der Engel der Blumen und Blüthen, in Duftwogen einherzog. An den Bädern angekommen, wurde die Liebreizende vom Thiere gehoben und von üppigen Mädchenarmen mehr in das Haus getragen als geführt, ſo daß ihre zarten Fußſpitzen kaum den Voden berührten. Das ganze Badehaus ſchwamm in Lichtglanz, auf dem Meere hüpften Lichter wie in taumelnder Freude, und das Waſſer empfing Blu⸗ menſträuße, um ſie der Holden zuzuführen, wenn ſie hinter der bergenden Wand in die Wellen ſtiege. Auf den Blättern der Büſche vereinigte ſich der Strahl der Fackeln mit dem Mondglanze, und zu dieſer zauberhaften Beleuchtung paßte der Klang⸗ ſturm, der hinter den Felſen und Boskets hervor⸗ brach, die Fürſtin der Schönheit zu begrüßen. Ihr —— Auge lächeltt wonnetrunken, ſüße Befriedigung, nych ſüßere Erwartung malte ſich in den reizendſten Zü⸗ gen, und willig überließ ſie ſich im wohlverſchloßnen Gemach den ſie entkleidenden Händen der vertraute⸗ ſten Freundinnen. Während nun in dem verſchwieg⸗ nen Kreiſe, jedem Männerauge verborgen, ein Reiz köſtlicher als der andre unter den bewundernden und ihres Geſchäfts fröhlichen Händen der Mädchen auf⸗ blühete, wie die herrlichſten Frühlingsblumen, und weich und farbig aufquvll ſo über allen Ausdruck ſchön, daß jeder Vergleich— und wär' es das herr⸗ lichſte aller Bilder— neben dem Gegenſtande erblaſ⸗ ſen und unſcheinbar werden muß, erſchallten draußen frohe Geſänge zum Preis des ſchönſten Bräutigams und der ſchönſten Braut, die Inſtrumente raſeten und das Volk begleitete den künſtlichen Tanz der Mädchen mit ungemeßnem Jauchzen; denn Roſanes ließ unter Alle, ohne Anſehen der Perſon, Genüſſe vertheilen. Das Meer aber ſtaunte, als es das reizendſte Weib in unentweiheter vollendeter Jugend⸗ ſchönheit in ſeinen Schoos herabſteigen ſah, und ſchmiegte ſich an die gerundeten zartgefärbten For⸗ men, und leckte gierig an den ſchwellenden Gliedern⸗ — 284— Aus ſeinen vom Mondſtrahl durchzitterten hellgrünen Tiefen zog es wie klingende Erinnrungsträume an die Mutter der Schönheit und Liebe, die einſt ſich ſeinem Schvoſe entwunden, und die die unſterbliche Sage ewig aus dem Meerſchaume reizſtrahlend her⸗ vorruft; ein Wonneſchauer lief über den geheimniß⸗ vollen Spiegel, eine luſtbange, athemanhaltende Erwartung, ein unterdrücktes Jauchzen, daß Aphro⸗ dite, die Meergeborne, jetzt endlich nach Jahrtauſen⸗ den zurückkehre in ihr Element; aber der Frühling umſpielte, leiſen Widerſpruch über die gekräuſelte Fläche hinflüſternd, die Badende mit duftenden Küſ⸗ ſen als die Seinige, und die ſchwimmenden Blumen drängten ſich an ſie, als das ſchönſte Kind der Erde, um ſie in Schutz zu nehmen gegen die Anmaßung des alten Meers. Am Ufer widerſtritten die Blü⸗ thenbume und die duftenden Gräſer, die ſich alle mit Thamar gar nah verſchwiſtert fühlten, und es entſtand ein Zank zwiſchen ihnen und dem Meere, der ſo lange dauerte, bis die Liebliche, die der Ge⸗ genſtand desſelben war, dem kühlen Vade entſtieg und der jungen Blüthenwelt dadurch den Sieg zuſprach, der, von rauſchender Muſik gefeiert, der Erde ein — 5— triumphirendes Wonnelächeln ablockte. Thamar begab ſich nun in das duftende Kräuterbad, und die Freun⸗ dinnen rieben die zarten üppigen Formen, die ſchlan⸗ ken Glieder mit feinen Waſſern und Salben, trock⸗ neten ſie dann mit weichen Linnen und legten ihr neue Kleider an. Hierauf wurde ſie unter Jubel und Geſang herausgeführt in die Halle des Hauſes, man reichte ihr Erfriſchungen und ſtreuete ihr Blumen. Die Muſikchöre ſtimmten ihre ſchmeichelndſten Melv⸗ dien an, die Mädchen tanzten die ſchönſten Tänze, der Mond übergaukelte die maleriſchen Maſſen mit ſeinem phantasmagoriſchem Lichte, die Frühlingsnacht führte ihre berauſchendſten Entzückungen herbei, und das Meer ſeufzte ſchwermüthig am Ufer herauf, daß es um ſeine ſüßeſten Hoffnungen betrogen worden, daß ſein wollüſtiger Traum von Aphrodites Wieder⸗ kehr es getäuſcht, und blickte mit ſeinen tauſend feuch⸗ ten Wellenaugen ſehnſuchtsvoll nach dem herrlichen Weibe, das es für ſeine Tochter gehalten.— Spät ging der Zug nach der Stadt zurück, und das Volk zerſtreute ſich nur mit dem Vorſatze, ſich morgen, am Hochzeitstage der hochreizenden Jüdin, zu noch ſchönern Genüſſen wieder zu verſammeln. —— Von ſüßen Ahnungen umwispert, die vergebens nach dem klaren Worte rangen, von chaotiſchen bun⸗ ten brennenden Farbenmaſſen umwogt, die nicht zu deutlich begrenzten Bildern werden konnten, von luſtbangen Gefühlen durchbebt, ſchloß Thamar end⸗ lich die Augen, und Engelsköpfchen, aus einem Glanzmeer auftauchend, umrauſchten ſie mit melo⸗ diſchem Flügelſchlag und umhingen ihr Brautbett leuchtenden Kränzen eines ewigen Frühlings.— er Hochzeittag that ſeine hellblauen Lenzesau⸗ und mit ihm öffneten ſie viel tauſend Blü⸗ then und Blumen, neugierig, die ſchöne Braut, ihre Schweſter zu ſehen. Auch viele Menſchen theilten dieſe Neugierde und von früh an war vor Roſanes Haus ein Gedränge, das neidiſch auf die hineintre⸗ ₰ Schaar der geſchmückten Gäſte blickte. Die Braüngfern begrüßten in koſtbaren Anzügen den Tag und die Braut mit einer Hymne, und der ſtrah⸗ lende Kranz holder reiz⸗ und prachtgezierter Mädchen ſchlang ſich in bunten ergötzlichen Schlingungen um die herrliche Roſe, die üppigprangende Blume, die heute dem von Aller Mund glücklich geprieſenem Sabbathai zum köſtlichen Eigenthume werden ſollte. — 287— Thamar wurde unter Jubel und Geſang, unter Saitenſpiel, Flötengetön und Hörnerklang zum Feſte geſchmückt, und hundert Hände beeilten ſich in fröh⸗ licher Geſchäftigkeit, ſie zu bedienen. Umſloſſen und umhaucht von Wohlgerüchen, die die Salben, Oele und Specereien des arabiſchen und indiſchen Him⸗ mels über die liebliche Braut ausgegoſſen, ausſtröm⸗ ten, bekleideten die Freundinnen ſie mit den mitge⸗ brachten koſtbaren Brautgewändern, die Roſanes gekauft und zu denen weite Länder ihre Stoffe hatten liefern müſſen. In die aufgelockerten Haare floſſen und drangen aus Eſſenzenfläſchchen und dampfenden Pfannen Myrrhen, Roſenöl, Narde und Rauchwol⸗ ken von Alve, Ambra und Koſtus, bevor ſie von der prüfenden Sorgfalt der geſchäftigen Mädchen mit goldnen Kämmen geſtrählt und in zierliche geflochten wurden. Als das anmuthige Haa vollendet war, wurden die Augen mit der glänzenden Schwärze der Purpuranemone umkreist und die Nägel mit dem glühenden Roth der Henna gefärbt. Nun nahmen die ſchimmernden Zierrathen von Gold, Perlen und Edelſteinen ihre Stelle an Stirn, Hals, Bruſt, Armen und Händen ein. Duftende Gewän⸗ — 288— der vom zarteſten Gewebe und reichen Stoffen, deren Glanz vom entzückendſten Farbenſpiel gehoben war, umfloſſen von den geübten Händen der ſorgſamen Freundinnen geordnet, in bauſchenden Falten den ſchönſten Körper und maleriſche Schleppen bewegten ſich langſam hinter Thamars feierlichen Schritten. Zu⸗ letzt ſchlang ſich, von Mihurmahs Hand angefügt, der künſtlich gewebte bedeutungsvolle Gürtel, in neckiſchen Verſchlingungen und Schürzungen um den ſchlanken Leib, der nur in der nahenden Weiheſtunde bangſeligen Liebesglücks von Sabbathai's Hand mit einiger Mühe wieder gelöst werden ſollte. Dieſer Gürtel und der langherabfließende Schleier, die beiden weſentlichen Theile des bräutlichen Schmuckes einer Jüdin, zeich⸗ neten ſich durch hohen Glanz und Pracht vorzüglich aus. Und einher trat ſie in fürſtlicher Herrlichkeit, ie Reizendſte der Töchter Juda's, ihre Augen aber übertrafen im ſonnenhellen Glanze der Erwartung alle Edelſteine an ihrem Geſchmeide. Unter dieſen Beſchäftigungen war der Tag ver⸗ gangen und der Abend ſendete ſeine Voten, da erſchallte plötzlich der Jubelruf durch das Haus:„Der Bräu⸗ tigam kommt!“ Hochauf wogte Thamars Bruſt; — 289— Mihurmah trat zu ihr heran, drückte ihr den aus den edelſten Blumen gewundenen Brautkranz in die Locken und küßte ſie glückwünſchend auf die reine Stirn. Sogleich ordnete ſich der Zug der Geſpie⸗ linnen um ſie, eine ihrer ältern Schweſtern warf ihr einen karmoſinrothen Schleier über das Geſicht. Die Brautjungfern zündeten ihre Fackeln aus Kienholz an und eilten hinaus, Thamar in der Mitte ihrer Schweſtern und nächſten Blutsverwandtinnen nach. Draußen erwartete ſie ein prachtvoller von allen Seiten ſorgfältig mit geſtickten Teppichen verdeckter Himmel, den vier Dienerinnen des Hauſes trugen. Gäſte, Freundinnen und Dienerinnen ſchloſſen ſich dem lärmenden Zuge an, von der harrenden Menge jauchzend begrüßt. Und entgegen kam mit Jubel⸗ ſchall der Zug des Bräutigams. Sabbathai ſchritt in der Mitte ſeiner Freunde in einem prachtvollen grünſeidnen Kaftan, unter welchem ein weißſeidnes goldgeſticktes Unterkleid hervorſchimmerte. Sein bunt⸗ farbiger Tulbend war mit Perlen und Edelſteinen überſäet, alles Geſchenke von Roſanes, und ſo erſchien er, ſchön wie ein Engel, in einem ſeiner Braut würdigen Glanze. Ein ſchwermüthiges Lächeln ſpielte I. 19 — 2550— um ſeinen reizenden Mund und erhöhete den Antheil, den jedes Herz an ihm zu nehmen gezwungen war. Unter dem lärmenden Freudengeſchrei der Muſik und der Menſchenſtimmen begrüßte er die Braut und nun ging der Doppelzug im raſenden Toſen der umgebung nach Roſanes Hauſe zurück. Dort erſchall⸗ ten die jauchzenden Bewillkommnungen der zahlreichen Gäſte, die den leiblichen Genüſſen ſchon wacker zuge⸗ ſprochen hatten, und jetzt fertig ſtanden, ſich dem Zuge anzuſchließen. Denn als an der Schwelle des Hauſes die beiden Väter des Brautpaars, Mar⸗ dochai Zewi und David Roſanes, ihre Hände ſegnend auf die Häupter desſelben gelegt hatten, bewegte ſich der nun bedeutend verlängerte Zug, an welchem alle Gäſte Theil nahmen, von tauſend hellleuchtenden Fackeln umſprüht, weiter durch die liebliche Dämmernacht dem Berggarten zu. Uunterdeſſen erſchallten Jubelgeſänge aus dem Munde der weiblichen und männlichen Chöre zu Ehren und Preis des Bräutigams und der Braut, und das den Zug begleitende Volk tobte in unſinni⸗ ger Freude. Vom Verggarten ſtrömte neuer Licht⸗ glanz aus, der Kiosk war mit unzähligen buntfarbigen Ampeln erleuchtet. Auf dem freien Platze unterhalb —— desſelben war ein prächtiger Thronhimmel errichtet, purpurſammtne Decken, in welche die zehn Gebote mit Gold geſtickt waren, erglänzten, von der Höhe herabwehend, im Scheine der Ampeln und Fackeln. Vier in herrliche Stoffe gekleidete Knaben ſtanden an den vier Säulen des Thronhimmels, gleichſam als hielten ſie ihn, wie die Sitte iſt. Das Braut⸗ paar ſetzte ſich darunter auf den zweiſitzigen Stuhl, die Braut zur Rechten, und Sabbathai's Mutter, ſo wie Thamars ältere Schweſter, an der Stelle der verſtorbnen Mutter, bedeckten den Kopf des Bräuti⸗ gams und der Braut mit dem Taled, den härnen Betſchleier, dann wurden beide noch zuſammen in einen großen ſchwarzen Schleier gehüllt. Hierauf reichte ihnen der Rabbine eine mit dunkelrothem Weine gefüllte goldne Schale und ſprach:„Gelobet ſeiſt du Gott, unſer Gott, König der Welt, daß du Mann und Weib geſchaffen und die Ehe befohlen haſt!“ Der Bräutigam trank und reichte das Gefäß der Braut, die es leerte. Nun empfing der Rabbine den goldnen Ring, der keinen Edelſtein haben darf, aus Sabbathais Händen, zeigte ihn den Umſtehenden vor und ſteckte ihn dann an den Finger der Braut. 19* 7 — 292— Das Brautpaar erhob ſich, und der Rabbine verlas beim Lichte zweier Fackeln laut und vernehmlich den Heirathsbrief, und ſprach ſeinen Segen über ſie. Sabbathai reichte dem neben ihm ſtehenden Roſanes die Hand, dann den Schweſtern ſeiner Braut und deren Männern. Der Rabbine füllte eine irdene Schale mit Wein, geformt wie die goldne, aus der zuerſt getrunken worden, und reichte ſie abermals dem Brautpaar. Sobald beide getrunken, warf Sabbathai das Gefäß zur Erde, daß es in Scherben zerbrach, alles nach Gebrauch und Vorſchrift. Zuletzt wurden die ſechs herkömmlichen Gebete von allen Anweſenden laut geſprochen. Als ehelich Verbundene traten ſie unter dem Thronhimmel hervor, und die Verwandten und Gäſte warfen aus zierlichen Säcken, die ſie anhängen hatten, Waizen und Korn, welches mit Geldſtücken gemiſcht war, über ſie mit dem Geſchrei:„Seid fruchtbar und mehret euch!“ Mardochai ergriff Sabbathai bei der Hand und ſprach:„Du biſt der jüngſte meiner Söhne und der erſte, den ich meinem Hauſe entlaſſe, um ihn an der Seite eines edeln Weibes glücklich zu ſehen. Der Herr, der Gott unſrer Väter, ſegne dich, wie er * — den David geſegnet, der auch der jüngſte ſeiner Brü⸗ der zuerſt das Vaterhaus verließ! Schätze das Glück, daß David Roſanes dir ſeine engelſchöne Tochter zum Weibe gegeben. Aus dem Staube unſrer Nie⸗ drigkeit hat er dich gehoben, und dich in das Haus des Vornehmen geſetzt, die Hülle der Armuth hat er von dir genommen und dir das Kleid des Reich⸗ thums angezogen. Vergiß es nie; ſei ſtets dankbar gegen ihn.“— 6 Vielleicht hätte er ſeinen Sohn noch weiter in dieſer Art ermahnt, aber Salome, ſein Weib, unter⸗ brach ihn heftig mit den Worten:„Wahrlich nicht zu ſchämen hat ſich Rabbi David Roſanes meines Sohnes. Denn ſo Thamar auch reich iſt und Sab⸗ bathai arm, ſo iſt er doch vornehmer, denn ſie. Wir ſind zwar Fremdlinge in Smyrna, aber wer kann ſagen, wie ich mit Stolz, daß er abſtamme aus dem Geſchlechte Davids? Ihr ſtaunt mich an; aber wahr⸗ lich, ich ſage euch, mein Vater war Joſaphia Trika, der reichſte Jude in Anaboli, wie ihr dort noch täg⸗ lich hören könnt. Ein großes Unglück hat uns um unſern Reichthum gebracht, aber um den Stolz und den uralten Ruhm unſtes Geſchlechts hat uns kei⸗ „ — 294— nerlei Unglück bringen können. Und mein Vater ſtammte aus dem Blute der Fürſten der Gefangen⸗ ſchaft in Perſien, in welchem Reiche uns noch nahe und reiche Verwandte leben. Daß aber die Fürſten der Gefangenſchaft vom großen König David ent⸗ ſprungen waren, iſt eine unter allen Juden bekannte Sache. Darum will ich mir hier meinen Sohn nicht demüthigen laſſen, der ein Nachkomme Davids, ein Erbe fürſtlichen Blutes iſt.“ „Wir ſchätzen und lieben ihn auch ohne dieſes,“ ſagte Roſanes, ihr die Hand reichend,„und mein gutes Kind würde ihn ſchwerlich zärtlicher lieben, wenn er eines Königs Sohn ſelbſt wäre. Mein Reichthum ſoll dazu dienen, ihm noch mehr Glanz zu verleihen.“ Zufrieden mit dieſem Ausſpruche folgte Salome dem Zuge, der nun wieder nach Roſanes Hauſe zurückging. Dort war unterdeſſen die Hochzeitmahl⸗ zeit bereitet. Dem Gebrauche nach hätte dies in Mardochais Hauſe geſchehen müſſen, da aber Sab⸗ bathai ſeine junge Frau nicht in ſeines Vaters Haus führte, ſondern, nach Roſanes ausdrücklicher Bedin⸗ gung, mit ihr in ſeinem Hauſe wohnen ſollte, ſo — 295— wurde auch die Hochzeit hier ausgerichtet. Während ſich die arme Judenſchaft um das Geld balgte, wel⸗ ches in den über das Brautpaar geſtreueten Waizen gemiſcht war, ſetzte ſich die reiche an die koſtbar aufgeſchmückten Tafeln. Das Brautpaar ſaß oben an unter einem prächtigen Thronhimmel, zur Rechten und Linken ihre nächſten Verwandten. Sabbathai ſtimmte das geſetzliche Brautlied an, ein langes Gebet, welches der Bräutigam allein zu ſingen hat. Der reine ſchwermüthige Klang ſeiner Stimme flog, wie helle Glockentöne, durch den Saal und alle horchten mit Wohlgefallen auf den ſchönen Geſang. Das Eſſen begann und die Fröhlichkeit ſchwang ihre bunt⸗ fedrigen Flügel rauſchend durch den Sagl. Aber Sabbathai ſaß meiſt ſtill und nur dann und wann die träumeriſchen Augen, mit denen er die Scene überblickte, ſeiner reizenden Braut zuwendend, und ihr einige Worte zuflüſternd. Der Arzt Jakob ben Eliah de Villegas kam ſogar und fragte ihn leiſe: „Biſt du krank, Sabbathai? Soll ich dir ſchnell noch ein Heilmittel reichen, ehe du mit deiner eng⸗ liſchen Braut in die Brautkammer gehſt?“ Sabbathai ſchüttelte bitter lächelnd das Haupt und verſetzte:„Ich bin geſund und bedarf deiner Medicin nicht.“ „So will ich dir morgen einen luſtigen Geſell⸗ ſchafter mitbringen, der dich erheitre, wenn es deiner Braut in dieſer Nacht nicht ganz gelingen 4. „Wen meinſt du?“ „Ich habe heute einen Beſuch erhalten aus Gaza, der mir Briefe gebracht von meinem alten Freunde Lisbona; der Ueberbringer iſt Lisbonas Schwieger⸗ ſohn, ein ausgelaßner über alle Maßen luſtiger Geſell, der dir Freude machen wird.“ „Er ſoll mir willkommen ſein!“— Das Mahl war zu Ende, und Sabbathai's Brü⸗ der und innigſten Freunde, ſo wie Thamars Schwe⸗ ſtern und auserwählteſten Freundinnen rüſteten ſich, das Brautpaar nach dem Kiosk zu führen, wo ihnen die Brautkammer fürſtlich bereitet war. Mihurmah ſuchte Rahel, die ſich, trüb geſtimmt und dem An⸗ ſchein nach ſehr ſchläfrig, ſchon vor einiger Zeit von der Tafel entfernt hatte. Die ſcharfſichtige Mihur⸗ mah hatte ſie den ganzen Tag über nicht viel aus den Augen gelaſſen und ſie ſehr zerſtrent, bewegt und — 297— in ſich verſunken geſehen. Die blühende Farbe ihres Geſichts hatte ſchon ſeit einem halben Jahre einer kränklichen Bläſſe Platz gemacht, heute aber hatte ein fahles Gelb ihre Wangen überzogen. Sie, die ſonſt gern und viel ſprach, hatte heute wenig Worte aus ihrem Munde gehen laſſen. Mihurmah fürchtete, ſie werde einem ungeheuern innern Schmerze erliegen müſſen, der um ſo fürchterlicher in ihr zehre, als ihr Stolz ihr keine Mittheilung erlaube. Aengſtlich ſuchten ſie die Geſpielinnen und fanden ſie endlich in einem entfernten Gemach des Hauſes auf einem Ruhebette, der Gewalt des Schlafes erlegen. Man ließ ſie ruhig ſchlummern und der kleine Zug brachte das von den Eltern noch ein Mal geſegnete Braut⸗ paar, ohne ſie nach dem Berggarten. Die ſchönſte Frühlingsnacht hing träumeriſch über dem Garten, ihr warmer Athem ging in ſo leiſen lang gehaltnen Zügen und führte ſo berauſchende Düfte mit ſich, ein wollüſtiges Zittern fuhr über die Blüthenbäume, auf deren Blättern und in deren Blüthenkelchen die geheimnißvollen Lichter des Mon⸗ des tanzten. Blüthenzweige badeten in den Wellen des Mondſcheins, Blumen hingen das ſchlaftrunkne — 298— Haupt und ſprachen irr in Düften; die Nachtigall war zur Nachtwandlerin geworden und ſang verträumte Liebesſehnſucht aus den horchenden Büſchen heraus, und blaßgelbe Wölkchen tanzten um die halbe Mond⸗ ſcheibe wie von Luſt getrieben. Alle Wonneſchauer der Liebe und des Verlangens ſeufzten durch die Stille der Natur, und wie über die Berge ein mond⸗ lichtes ausgeflüſtertes Sehnen ging, ſo lag es in den Thälern, noch mit Schatten zugedeckt, als ſchlum⸗ merndes Geheimniß. Aber auch die Bäume an den Höhenabhängen thaten das Ihrige, damit jenes ſelige Liebesgeheimniß nicht allzukühle ausgeſprochen werde, und kämpften gegen den luſternen verrätheriſchen Mond mit ihren Schatten, aus dem ſie bergende Schleier woben, und mit ihren Düften, aus denen ſie einen berauſchenden Zaubertrank braueten, daß, wer ihn gekoſtet, nur ahnen, nicht rathen konnte; aber gerade die Ahnungen ſind es, die das Herz mit zehnfach größerer Seligkeit erfüllen, als die Rervenbehung befriedigender Gewißheit. Thamar's reizende Bruſt wogte von den ſißeſten Ahnungen; hinter dem Schleier der nächſten Stunde quoll goldner Lichtglanz hervor und der Gedanke durch⸗ — 299— rieſelte ſüßſchauerlich ihre Seele: welche Bilder wirſt du ſchauen, wenn der Vorhang zerreißt? Ihre Hand zitterte, als ſie dieſelbe in Sabbathai's Hand legte, und er ſie die Stufen zum Kiosk hinaufführte. Die Begleitung blieb unten zurück, bis auf Baruch und Mihurmah, die als dem Bräutigam und der Braut am innigſten befreundet, erleſen waren, ihnen in zwei durch koſtbare von der Wand herabhängende Teppiche gebildeten Seitengemächern die letzte Hand⸗ leiſtung bei'm Entkleiden zu thun, und ſie in das von einem Leuchter dämmrig erhellte Brautgemach zu führen. „Entferne dich nicht!“ brach Sabbathai, zu Baruch gewendet, das lang beobachtete Schweigen. „Ich glaube in dieſer Nacht des Freundes mehr zu bedürfen, als der Braut. Das Herz droht mir zu zerſpringen.“ „Wie du befiehlſt,“ entgegnete Baruch, den Chacham verwundert anſehend. „Du geheſt doch nicht zur Stadt zurück?“ fragte * Thamar die ſchweſterliche Freundin erroͤthend. „Ich halte Wacht draußen in der warmen Blü⸗ — 300— thennacht,“ verſetzte Mihurmah, und ein dankender Kuß lohnte ihr. Das Haargebäude war zirtegh und die entfeſſel⸗ ten Locken ſtürzten ſich, gierig, nach ſo langer Ent⸗ behrung das herrlichſte Fleiſch zu küſſen, ſich auf dieſer warmen Lebensfriſche zu wiegen, auf den ſanft rothangehauchten wogenden Buſen, auf den leuchten⸗ den Marmor des Nackens herab; der meiſte Schmuck war von Mihurmah's Hand entfernt und die üppige Schönheit der Roſe ſtrahlte ohne Blätterzier. Ein ſüßes Beben ging durch Thamar's Glieder, ihr Auge thränte in unaus ſprechlicher Ahnung, als Mihur⸗ mah's Hand das reiche Gewebe des Teppichs hob und ſie in die dämmernde Klauſe führte, wo das duftende Lager in ſinniger prachtvoller Verzierung winkte. Von der andern Seite trat Sabbathai an Baruch's Hand herein. Ein leiſer Glückwunſch floß über die Lippen der Begleiter und die Teppiche rauſch⸗ ten wieder zu. Vom Altan des Kiosks flüſterte einige Augenblicke darauf das Saitengetön einer Harfe, vom melodiſchen Hauche einer Flöte begleitet, eine von liebeſeliger Schwermuth ſeufzende Weiſe. Es waren* Mihurmah und Baruch. Auf dem blühenden Citro⸗ — 301— nenbaum, der mit ſeinen Armen herüberreichte, ſchlug eine Nachtigall die Laute desſelben ſchwermuthtrun⸗ kenen Entzückens an. Mihurmah wollte eben ein achrlied ſingen, als Schritte ſie aufſchreckten. In demſelben Augenblicke ſtand Sabbathai bleich und verſtört vor ihr. Seine Augen waren faſt glanzlos, in ſeinen Zügen zuckte ein namenloſer Jammer. „Gib mir die Harfe!“ ſprach er eintönig, faſt rauh. Mihurmah bebte zurück und überließ ſie ihm. Sabbathai ſetzte ſich und ſtützte den Kopf in die Hand, deren Arm auf dem Geländer ruhete. Baruch ſtand unſchlüſſig von fern; keins der Beiden wagte zu ſprechen. Mihurmah eilte in die Brautkammer. Thamar ſaß weinend auf einem Stuhle, ungelöst war der Gürtel, unberuͤhrt der Torus. „Was fehlt dir?“ fragte Mihurmah ſie bebend. — Verzweifeltes Schluchzen war die Antwort. „Ich beſchwöre dich, Schweſter, eröffne mir dein Herz. Welch ein Unglück iſt dir begegnet? Wes⸗ halb flieht dich Sabbathai in dieſer Stunde?“ „Ich weiß es nicht!“ ſtöhnte Thamar, in Thrã⸗ nen zerfließend.„Er nmarmte mich, drückte einen — 302— wilden ſchier krampfhaften Kuß auf meine Lippen; doch plötzlich, als wir die Töne eurer Muſik vernah⸗ men, riß er ſich, wie von einer Schlange gebiſſen, von mir los, und horchte einige Augenblicke mit ſchmerzlich verzogenem Geſicht den ſüßen Weiſen, die ihm das Herz zu zerſchneiden ſchienen, uß ſtürzte dann, wie in wilder Verzweiflung hinaus, mich einem namenloſen Schmerze zurücklaſſend. Ich kann nicht begreifen, was ihm fehlen mag.“ „Armes Kind!“ flüſterte Mihurmah, die Wei⸗ nende in ihre Arme ſchließend. Sie wußte wohl, was Sabbathai fehlte. Da ſchlugen wilde Harfenklänge an ihr Ohr. Aus der troſtloſen Erſchlaffung auffahrend, hatte Sabba⸗ thai in die Saiten gegriffen und ſeine Hand irrte, wie im wahnſinnigen Schmerz, durch die tönenden Metalldrähte. Die Klagelieder des Jeremias wim⸗ merten durch ſein Herz, all die tiefe Verworfenheit, das namenloſe Elend, die Verkehrtheit ſeines Volks ſtürmten in dieſer Stunde auf ſein weichgeſchaffenes ſchwärmeriſches Herz ein; es zuckte im Verzweif⸗ lungskampfe. Die göttlichen Geſichte Ezechiel's braus⸗ ten in wirbelnden Bildern durch ſeinen Kopf, und — 303— dazwiſchen blitzte der Gedanke, wie helles Wetter⸗ leuchten:„Du biſt zum Retter deines Volks aus Gei⸗ ſtesnacht und Sklaverei berufen, du biſt der Refor⸗ mator ſeines alten Geſetzes, du biſt der Meſſias. Und ſie, die dich durch feurige Liebe erheben, die dich zuerſt begrüßen ſollte als gottgeſandten Retter, ſie zweifelt an dir! Weh dir! Sie wird dich herabziehen, ſtatt dich zu erheben; ſie wird dich im Staub zurückhal⸗ ten. Sie iſt unwürdig, des Meſſias Weib zu ſein.“ Dies waren ohngefähr die düſtern Gedanken, die die hellen Bilder ſeiner Seele mit Schatten umhüll⸗ ten, und ihm einen wilden Seelenkampf bereiteten. Mihurmah hatte die unglückliche Braut aus dem Gemach gezogen und ihr manchen Troſt zugeflüſtert. Jetzt ſahen ſie Sabbathai vor ſich ſitzen. Der Glaſt des klaren Mondes erhöhete die Bleiche ſeines von Schmerzenszügen überſchriebenen Geſichtes zu einem wunderbaren Ausdruck; der halben Mondſcheibe ſelbſt war es vergleichbar, und die Lockenfülle ſeines Haup⸗ tes hing wie ſchwarze Wolken darüber. Nach lan⸗ gem Umherirren ſeiner Finger in den Saiten erhob er die Stimme mit einem unbeſchreiblich wehmüthi⸗ gen Ton, und ſang folgendes Lied nach einer Weiſe, * — 304— und mit einem Ausdruck, die wie blutige Thränen der Verzweiflung an der Menſchheit aus dem edelſten zerfleiſchten Herzen quollen. „Aus der beglückten Erde Mutterſchoos Wandt ſich, geſchmückt mit goldnen Sonnenſtrahlen, Ihr ſchönſtes Kind, der heitre Frühling los, um Berg und Thal mit Farbenpracht zu malen. Die Erde lag im grünen Feierſchein, Die Blumen ſetzten bunte Lichter drein,„ und Alles ſeufzt in ſüßen Liebesqualen. Entzückender in dieſen Frühlingsau'n, Als aller Blumen wunderreiches Prangen, Sind doch der Menſchen Töchter anzuſchaun Mit friſchen Jugendroſen auf den Wangen. In ihnen iſt der Zauber all vereint, Der einzeln an den Blumen nur erſcheint, und alle Reize halten ſie umfangen. Doch die ſo ſchön, vergaßen den Befehl„ Des Herrn und des Geſetzes weiſe Lehren; Da traten Aſa einſt und Aſael, Zwei Engelfürſten, aus des Himmels Chören Vor Gottes Thron, und ſprachen: Herr der Welt⸗ Send' uns hernieder, ſo es dir gefällt, und laß die ſünd'ge Menſchheit uns bekehren.— — 305— In ſieben Tagen ſei das Werk gethan! Kein Engel darf auf Erden länger weilen, Sonſt hängt ſich ihm des Stoffes Schwere an und er muß Luſt und Qual der Menſchheit theilen; So ſprach der Herr mit ſeiner Gnade Blick, Drum kehret zur beſtimmten Zeit zurück, Soll nicht ein böſes Schickſal euch ereilen. Die Engel ſteigen in die untre Welt Und wandeln, angethan mit Leibesſchöne, Durch das mit Blumen überſäte Feld, Zur Stadt der gottvergeßnen Menſchenſöhne. Da nehmen ſie ein lieblich Mädchenpaar In einem königlichen Garten wahr Und hören ihrer Stimme Silbertöne. Und Aug' und Ohr verſchlingt mit trunknem Geiz⸗ Was jene unbefangen heiter geben; Betäubt von der Genüſſe ſüßem Reiz, Erſchlafft der Himmelsfürſten hohes Streben, Und in des Gartens Räume tritt ihr Fuß, Den holden Mädchen gilt ihr warmer Gruß, Die ihnen leicht und froh entgegen ſchweben. Es wird um Gunſt und Gegengunſt gefleht; Aus Seufzern, die die Königstöchter ſchicken, Iſt bald ein unſichtbares Netz gedreht, Aus abgebrochnen Worten, ſüßen Blicken. 1. 20 — 306— Und die, von Sündenbanden zu befrein, Hernieder kamen, Engel hehr und rein, Sieht man in ſolchem Netze ſich verſtricken. Bezwungen von der Liebe Allgewalt Entfernen ſie ſich ganz von ihrem Ziele; Vom Arm der Erdenkinder ſehn ſie bald Verſchlungen ſich in heitre Jugendſpiele. Die Tage fliehen raſch und leicht bewegt, und wie die Zeit die Schwingen ſchneller regt, Erliegen mehr und mehr ſie dem Gefühle. Des Erdewallens kurze Friſt verſtrich, und ſieben Tage flohn, wie ſieben Stunden. Der letzten Sonne letzter Strahl verblich, Die Engel hält ein ſchöner Arm umwunden. Da wächſt in ihrer Bruſt ein menſchlich Herz— Sie merken's nicht— erfüllt mit Luſt und Schmerz, Nit Liebe, wie kein Engel ſie empfunden. Nun webet dichter ſich von Stoff der Leib, In dem des Blutes heiße Triebe ſchäumen; Das Mädchen wird in ihrem Arm zum Weib.— Sie fahren plötzlich wie aus ſchweren Träumen. Die Zeit iſt um! ruft Aſael erſchreckt, Doch nimmer Gutes haben wir bezweckt, Auf, Aſa, auf! gen Himmel ohne Saäumen! — 3— Der heilige Schem hamphoraſch ertönt, Doch ſind es nicht des Wortes rechte Zeichen. Der dichte Stoff des Erdenkörpers höhnt Den Engelſpruch, den ſie nicht mehr erreichen. Vergebens iſt's; verronnen iſt die Zeit, Verbannt ſind ſie durch Erdenſeligkeit, Auf ewig aus des Himmels lichten Reichen. Und die gekommen zu der Menſchen Glück, Sind ſelbſt nun an das Menſchenlvos gebunden, Sie können zu dem Himmel nicht zurück, Von Staubes Banden vielfach feſt umwunden. Zur Erde drücket ſie der Sünde Wucht und wie ſie auch das Loöſungswort geſucht, Sie haben nie den rechten Laut gefunden.“— „Er iſt David mit der Harfe!“ rief Mihurmah ihrer Freundin zu, und hatte in der Begeiſterung, die ſie ergriffen, den Schmerz derſelben vergeſſen. „Er iſt David, Pſalter ſingend; und iſt nicht das Lied von Aſa und Aſael ein herrlicher Pſalm? Haſt du ihn verſtanden, Thamar?“ „Ich habe,“ verſetzte dieſe wehmüthig nickend. „Er ſoll nicht durch mich an die Erde gebunden ſein.“ 20* — 36— Sabbathai hatte nach Beendigung des Geſanges die Harfe von ſich geſtoßen, daß ſie klirrend zu Bo⸗ den gefallen war. Seines Schmerzes nicht mehr Herr, war er aufgeſprungen und hinab in den Gar⸗ ten geeilt. Baruch folgte ihm beſtürzt.„Geh' mit mir!“ flehete ihn Sabbathai an.„Ich muß ims Meer, um die glühende Qual meiner Bruſt zu küh⸗ len!“ Schweigend ſchritt Baruch an ſeiner Seite uf dem Felſenpfade, der zur Meeresküſte hinablief. Die Nachtigall weinte über dem Kiosk ihr weh⸗ müthiges Lied und die Blüthenaugen der Bäume perl⸗ ten ſchmerzliche Thränen. Der Lärm des erſten Hochzeittages verhallte all⸗ mälig; die Gäſte begannen ſich zu zerſtreuen. Da trat Joſeph Zewi zu ſeinem jüngern Bruder Eliah und flüſterte ibm bedentungsvoll zu:„Jakob ben Eliah hat mir eben geſagt, daß et etwas Wichtiges mit uns zu ſprechen habe. Sei meines Winks gewär⸗ tig; wenn er aufbricht, wollen wir ihn begleiten.“ Eliah ſtreifte verdrießlich mit ſcharfem Auge über die Geſichter der noch anweſenden Mädchen und ließ den Blick verlangend an der Thüre hängen; er erwar⸗ — 309— tete ungeduldig Mihurmah's Wiederkehr. Doch bald rief ihm ſein Bruder zu, und ſichtlich verſtimmt, folgte er demſelben aus dem Hochzeithauſe. Der Arzt harrte ihrer ſchon vor der Thüre.„Meine Freunde,“ ſagte er mit ſchmeichelndem gewinnenden Ton,„ich habe Euch erſucht, mich zu begleiten. Laßt die Gäſte drinnen zechen und ſchmauſen; ich denke, wir haben Wichtigeres zu verrichten.“ „Habt Ihr vielleicht wieder ein Mädchen zu ſtehlen?“ fragte Joſeph lachend. „Wenn auch das nicht; aber die Bereitwilligkeit, womit Ihr damals auf meinen Plan eingingt, der Eifer, mit welchem Ihr mir denſelben ausführen halft, als wir Mihurmah befreieten, läßt mich auf Eure eben ſo thätige und verſchwiegene Theilnahme bei einem weit größern und folgenreichern Unterneh⸗ men zählen.“ „Noch folgenreicher? für mich ſchwerlich,“ ſagte Eliah;„denn ich lebe und webe nur in Mihurmah, und hätte mir der Chacham Halevi nicht zugeſchwo⸗ ren, ſie ſei eine Karäerin, ſo würde der heutige Tag auch mein Hochzeittag geweſen ſein. Doch ich bin dahin gekommen, mich auch darüber hinaus zu ſetzen⸗ — 310— und ſie zu meinem Weibe zu machen, ſollte mich auch die Verachtung aller unſerer Glaubensgenoſſen treffen.“ „Sie ſoll dein Weib werden und über alle Ver⸗ achtung ſiegen,“ ſagte Villegas ſchlau lächelnd,„ſo daß alle Juden, die es wagen ſollten, dich deshalb zu verachten, weil du eine vermeintliche Karäerin geheirathet, bald vor dir im Staube kriechen und demüthigſt um deine Gunſt lehen ſollen. Doch Mihur⸗ mah iſt eine rechtgläubige Talmudiſtin; habe keine Sorge.“ „Aber was ſoll Eure Rede von Denüthigung e Feinde bedeuten?“ „Das iſts eben, wovon ich mit Euch ſprechen wollte, meine jungen Freunde. Ich kenn' Euch ſchon lange, faſt von Kindesbeinen an; ich weiß, welch ein hochfahrender unternehmender Geiſt in Euch wohnt. Du Eliah biſt geſchickt in Entwerfung kühner Plane, du Joſeph in kräftiger Ausführung derſelben. Doch Eure Talente ſind bis jetzt noch an Eurer Armuth geſcheitert. Ihr habt noch nichts Bedeutendes aus⸗ gerichtet, theils weil Euch die Mittel fehlten, theils weil Euch kein beſtimmtes Ziel vorſchwebte. Du, Joſeph, wollteſt dich herausreißen und Rebekka, die — 311— Tochter Salomon ben Simons, auf dem der Friede ſei, heirathen, aber Aaron de la Papa, der gericht⸗ liche Verwalter ihres Guts, verweigerte dir ihre Hand, und ſchickte dich mit Hohn von der Schwelle ſeines Hauſes.“ „Ha, woran erinnert Ihr mich!“ rief Joſeph zähneknirſchend und ſtreckte die geballte Fauſt drohend in die mondlichte Nacht hinaus.„Kein Anderer als Ihr, dörfte ungeſtraft die böſen Geiſter meiner Schmach wieder in mir wach rufen.“ „Narr,“ verſetzte der Arzt,„wahrlich nicht der verdient Strafe, der dich an die erlittene Kränkung erinnert, ſondern der, welcher ſie dir zugefügt. Wo und wann denn hätte Joſeph Zewi ſich an ſeinem übermüthigen Beleidiger gerächt, ihm Schmach mit Schmach vergolten, ſo daß die empfangene durch die wiedergegebene vertilgt und verwiſcht ſei von der Erde, und er den ſtrafe, welcher den Laut ihres Namens wieder im Munde belebe? Oder wäre mir die Kunde deiner Rache an Aaron de la Papa, dem ſtolzen Vicepräſidenten unſeres Gerichts, nicht zu Ohren gedrungen? Wohlan, ſo belehre mich!“ Schmerzlich und tief aufſeufzend, faſt weinend „ — 312— rief Joſeph:„Rein, ich habe mich noch nicht an ihm gerächt; noch hatte ich keine ſchickliche Gelegen⸗ heit, noch waren mir Zeit und Stunde nicht günſtig dazu. Aber das Antlitz meines in ſeiner ſtolzen Sicher⸗ heit ſich aufblähenden Feindes hat mich heute auf der Hochzeit meines Bruders wieder in neue Wuth geſetzt. Ich brenne vor Vegierde, mich an ihm zu rächen und ich ſchwöre beim Teufel Verdagon, den ich ſchla⸗ gen will, ſo ich meinen Schwur nicht halte.“ „Ich lobe deinen Eifer und ich will ihn unter⸗ ſtützen, indem ich dir gute Gelegenheit zur glänzen⸗ den Rache an Aaron verſchaffe. Wie ich ſchon vor⸗ hin geſprochen, kriechen ſoll er vor dir im Staube ſammt ſeinem Günſtling Levi Arſaces, dem er deine reiche Geliebte zur Frau gegeben, und Levi ſoll ſich von Rebekka ſcheiden und ſie dir zuführen, dich bit⸗ tend, daß du ſie zum Weibe annehmeſt, mit all ihrem Gut und ihm nur das Leben laſſeſt.“ „Seid Ihr noch bei Verſtand oder macht Euch der Hochzeitwein irre reden?“ fragte Joſeph.„Be⸗ denkt, daß kein Jude von allen, die da leben, zu hal⸗ ten vermag, was ihr in wenigen Worten verſprochen.“ „Und doch kann ich's, wenn Ihr mir beiſteht. „ — 313— Wir müſſen ganz vffen mit einander reden; wir müſ⸗ ſen unumſchränktes Vertrauen in einander ſetzen. Eure Armuth hat mich oft ſchmerzlich gedauert; ich wußte, was Ihr Großes ausrichten würdet, wenn man Euch Mittel und Gelegenheit verſchaffte. Wohlan, es iſt ein großes Ziel vorhanden, erſtrebt es mit mir gemeinſchaftlich, und Ihr ſeid die reichſten und ange⸗ ſehenſten Männer unſeres Volks. Heute ſind wir dieſem Ziele ſchon um ein Bedeutendes näher gerückt. 2 „Heute?“ fragte Joſeph.„Meint Ihr etwa durch die Verbindung Sabbathai's mit Roſanes Tochter? Ihr irrt, Jakob ben Eliah, wenn Ihr glaubt, mein Stolz könne jemals vom Gelde des alten Roſanes den mindeſten Gebrauch machen. Hab ich doch meinen Vater genug getadelt, daß er Ge⸗ ſchenke von ihm angenommen.“ „Ich kenne dich, und deine ſtolze Seele, Iv⸗ ſeph,“ erwiederte der Arzt,„und eben weil ich dich kenne, würde ich dir nie eine ſolche Zumuthung ma⸗ chen, nie einen Vorſchlag thun, der keine beſſere Stützen hätte, als die Geldkaſten des alten Roſanes. Nicht doch, mein Streben geht weiter und höher. Und wenn ich von heute ſprach, dachte ich nicht an — 314— die Hochzeit Eures Bruders, ſondern an einen mir lieben Gaſt, der heute auf einem türkiſchen Schiffe im Hafen eingelaufen iſt und ſich noch auf demſel⸗ ben befindet, morgen aber ſeine Wohnung in meinem Hauſe nehmen wird.“ „Wer iſt der Fremde und von S großen Plane ſprecht Ihr, dem Ihr ſo viel glänzende Ver⸗ heißungen beilegt? Erklärt Euch deutlicher!“ rief Joſeph drängend. „Und doch muß ich, to Eurer Ungeduld Cuch zuvor Manches erzählen, mit verſchiedenen Verhält⸗ niſſen bekannt machen, eh' ich mich deutlicher erklä⸗ ren kann; denn Ihr würdet trotz aller Mühe mich nicht verſtehen. Wir ſind ohnedies den Weg nach dem Hafen eingeſchlagen, laßt uns hinabgehen; mein Freund und Gaſt wartet meiner auf dem Schiffe, worin er gekommen; denn ich habe ihm verſprochen, ihn in dieſer Nacht noch mit Euch bekannt zu ma⸗ chen. Er gedenkt ſich nämlich nur einige Tage hier aufzuhalten, und wir müſſen die Nächte, wo wir vor allen jüdiſchen und türkiſchen Lauſchern ſicher ſind, zu unſern Zuſammenkünften wählen, um die nöthigen Vorbereitungen dazu zu machen. Unter⸗ — 315— wegs will ich Euch erzählen, was Euch vorher zu wiſſen noth thut.“ Die beiden Brüder ſchloſſen ſich dichter an die Seiten des Arztes an, der, nach kurzem Schweigen alſo fortfuhr: „Als ich in Jeruſalem beim en Meiſter Chacham Jakob Chagis ſtudirte, war Aaron de la Papa, ein junger ſpaniſcher Jude, und derſelbe, der jetzt hier eine ſo bedeutende Rolle ſpielt, mein Mit⸗ ſchüler. Wir waren auch anfangs Freunde; aber mancherlei Ereigniſſe, deren Erzählung nicht hierher gehört, trennten uns, ja wir wurden endlich die bitterſten Feinde. Dies kam daher, weil Aaron unſerm Glauben ungetreu wurde.“ „Unſerm Glauben ungetreu?“ riefen die beiden Zuhörer faſt zu gleicher Zeit, Joſeph mehr unwillig, Eliah mehr erſtaunend. „Hört mich an, und Ihr werdet mir beiſtimmen,“ fuhr der Arzt fort.„Neben dem Lehrſtuhl des großen Meiſters in der Kabbalah, Jakob Chagis, beſtanden zu jener Zeit in Jeruſalem noch andre Schulen; ſie waren alle öffentlich bis auf eine, von deren Daſein Viele gar nichts wußten. Und doch war ſie die — 316— merkwürdigſte, ſo viel ſich aus Andeutungen und Zeichen ſchließen ließ; denn ihr innerſtes Weſen habe ich niemals kennen gelernt. Nur ſo viel war unter rechtgläubigen gottesfürchtigen Juden bekannt, daß es eine Schule der Gottesläſterung, ein Lehrſtuhl teufliſcher Weisheit war. Ihr Begründer war ein gar ſeltſamer abentheuerlicher Mann; ich habe nie den Glauben los werden können, er möchte ſelbſt ein Teufel ſein. Nur ein Mal, ſo lang ich auch in Jeruſalem lebte, habe ich ihn geſehn, aber ſeine Erſcheinung hat einen unauslöſchlichen Eindruck auf mich gemacht, und jetzt noch, nach faſt dreißig Jah⸗ ren ſteht mir ſeine wunderbare Geſtalt deutlich vor der Seele. Man nannte dieſen Mann Huſein Da⸗ mad, der Sage nach ſollte er aus Aegypten ſtam⸗ men, und in ſeinem Vaterlande im Schooſe der Pyramiden, von Prieſtern in die geheimnißvollen Wiſſenſchaften des Hermes Trismegiſtus, den ſie für ihren Stammvater ausgaben, eingeweiht worden ſein. Ich kann nicht wiſſen, was an dieſem Gerede wahr war: denn was mich betraf, ſo hielt ich, wie ſchon geſagt, dieſen Huſein Damad, für einen gelehrten Teufel, der die Menſchen verlockte. In meinem — 317— Glauben wurde ich durch Manches beſtärkt. Er lebte ſehr zurückgezogen in einem ganz abgeſonderten unzugänglichen Hauſe, das er mit hohen Mauern hatte umgeben laſſen. Am Tage ging er nie aus, und wer ihn, außer ſeinen Schülern, ein Mal geſe⸗ hen hatte, ſah ihn ſchwerlich zum zweiten Mal. Er mußte ſehr reich ſein; denn nicht nur, daß er, gegen allen Gebrauch, von ſeinen Schülern gar keine Bezah⸗ lung nahm, ſondern er erhielt noch die ärmern derſel⸗ ben ganz aus ſeinen Mitteln, wie meinen Sub Schwager Aaron de la Papa.“ „Aaron war ſeiner Schüler einer?“ rief hier Joſeph faſt freudig. „So iſt's! Eben darum iſt Aaron ein Abtrünni⸗ ger vom Glauben. Ihr ſollt Alles erfahren, was ich darüber weiß. Wes Glaubens Huſein Damad eigentlich war, darüber konnte kein Menſch Gewiß⸗ heit erlangen und ſeine Schüler beobachteten gegen Andre das tiefſte Schweigen über ihn. Einer der⸗ ſelben ſollte einſtmals gegen einen ihm verwandten Juden im Weinrauſche manches Wunderbare von Huſein Damad geplaudert haben, am folgenden Morgen fand man ihn todt auf ſeinem Lager.— * — 318— Zwar gab ſich Huſein Damad für einen Muhame⸗ daner aus und ſein Name deutete auf arabiſchen Urſprung; auch ſoll er die äußern Formen des Islam beobachtet haben, aber die Osmanlis in Jeruſalem ſelbſt waren nicht über ihn einig, und gaben ihm ſchuld, er gehöre irgend einer von den Rechtgläubi⸗ gen verdammten Secte an, die, da dieſer Secten viele ſind, ſie bald ſo, bald ſo nannten. Die in Jeruſalem lebenden Chriſten nannten ihn einen der Ihrigen, beſchuldigten ihn aber, er ſei ein Ducho⸗ borzy, eine Secte, die ſie ſehr verabſcheuen. Unter den Juden ging eben ſo die Meinung, Huſein Damad gehöre unſrem Volke an, aber er ſei ein abſcheulicher Samarit, oder ein ſchändlicher Karäer. Manche behaupteten, er habe gar keinen Glauben, ſondern ſei ein Zauberer, und die Klügſten hielten ihn für einen Teufel. Seine Schüler beſtanden aus Juden, Griechen, Arabern, Türken; aber nicht alle nahm er an, die ſich bei ihm meldeten. Gewiß iſt, daß in ſeiner Schule Abgöttereien und Gottesläſterungen vorgingen. Man erzählte die wunderbarſten Ge⸗ ſchichten, doch alle liefen darauf hinaus, daß ſie einen Teufel anbeteten, und ich laſſe mir's nicht — 319— abſtreiten, daß dies Huſein Damad ſelbſt war. Viel⸗ leicht wurde Aaron durch ſeine Armuth verlockt, vielleicht durch andres Blendwerk des Teufels, genug, er wurde einer der geheimnißvollen Schüler Huſein Damads. Es zeigte ſich bald, daß er und alle Juden, welche zu jener Schule gehörten, vom reinen Glau⸗ ben abgefallen waren. Zwar wollten ſie ſolches nie eingeſtehen, aber manche Zeichen ſtraften ihre Reden Lügen. So reiſete Aaron oft nach Sichem, dem Sitze der Samaritaner, und verkehrte heimlich mit ihnen.— Zu jener Zeit, als wir in Jeruſalem ſtudirten, lebte dort auch ein jüdiſcher Gelehrter, der zwar noch ein Mal ſo alt, wie ich— ich war, damals ſechszehn, er zweiunddreißig Jahre alt— aber mir ſehr gewogen und freundlich geſinnt war. Er war noch ein Schüler des hochberühmten Chacham Aſſar Gaon, des Vaters meiner Frau und Vorgän⸗ gers des Rabbi Jakob Chagis und Stifters jener philoſophiſchen Schule, der vor meiner Ankunft in Jeruſalem zu ſeinen Vätern gegangen war. Jener Gelehrte hieß Samuel Lisbona und war ein ſehr reicher portugieſiſcher Jude. Als eifriger Talmudiſt und Kabbaliſt haßte er die Neuerer, ſo wie die irr⸗ — 3— gläubigen Karäer, und die Samaritaner waren ihm ein Gräuel. Er hatte allen Schülern Huſein Da⸗ mads den Untergang geſchworen und nannte ſich Aaron de la Papa's erbitterſten Feind. Dieſer Sa⸗ muel hat ſein Leben der reinen Auslegung der Thora gewidmet und ſich unabläſſig den Forſchungen der Kabbalah hingegeben. Irrlehrer hat er ſtets nach Kräften verfolgt und vertilgt, und mancher Sieg iſt ihm gelungen. Dieſer hochweiſe und eifrige Mann iſt ſtets mein Freund geweſen und wir haben unſre Verbindung unterhalten. Seit langen Jahren wohnt er in Gaza und iſt in jener Stadt einer der reich⸗ ſten Männer. „Dieſer mein alter Freund nun iſt's, der mir heute Botſchaft geſchickt hat, und der Bote iſt ſein eigener Schwiegerſohn, ein deutſcher Jude, Namens Nathan Benjamin. Der Letztere ſtudirte ebenfalls in Jeru⸗ ſalem bei meinem nun betagten Lehrer Jakob Chagis, da er aber ſehr arm war, ſo empfahl ihn der Cha⸗ cham, weil Nathan einer der eifrigſten Stützen des Talmudismus zu werden verſprach, an Samuel Lis⸗ bona, deſſen einzige einäugige Tochter— ſie hatte in ihrer Kindheit ein Auge verloren— er heirathete⸗ — 321— Dieſer Nathan Benjamin, ein heitrer fröhlicher Mann, voll Lebhaftigkeit, Witz und Scherz, iſt es, der noch auf dem Schiffe weilt und dem ich verſpro⸗ chen habe, Euch hinabzubringen noch in dieſer Nacht, damit wir gemeinſchaftlich unſern großen Plan beſpre⸗ chen können. Die wichtigen Nachrichten nämlich, die ich durch ihn und von Samuel Lisbona erhalten habe, ſind folgende. Seit einigen Jahren bemühen ſich ehemalige Schüler des teufliſchen Zauberers Hu⸗ ſein Damad, junge Juden in Paläſtina zu verführen und der Lehre unſrer Väter, auf denen der Friede ſei, abwendig zu machen. Sie verbreiten mit Glück eine Verachtung der mündlichen Auslegung des Ge⸗ ſetzes, ſetzen den Werth der ſchriftlichen herunter, ſchreten die göttliche Weisheit der Kabbalah als eine arge Thorheit aus und ſetzen an ihre Stelle ihre eigne Auslegung des Geſetzes, das ſie im frevelhaf⸗ ten Wahnſinn ſogar ändern und verfälſchen ſollen. Dazu kommt, daß ſie überall, wo ſie auftreten, von den Osmanlis geſchützt werden, wie Ihr auch hier an Aaron de la Papa und ſeinen Freunden und Anhängern ſehet, die vom Kadi und allen vornehmen Türken geſchätzt werden, da die Bekenner der Lehre I. 21 — 3— Muhameds uns doch ſonſt haſſen, verachten und ver⸗ folgen. Dieſe neuen Lehrer ſind verworfene Karäer oder gar gottverfluchte Samaritaner. Es leidet keinen Zweifel, daß Aaron de la Papa mit ihnen in enger Verbindung ſteht; wie ſehr er den Talmud und die Kabbalah haßt, kann man ja ſchon allein aus den Verfolgungen ſehen, die er gegen Euern Bruder Sabbathai angeſtellt. Ja wäre Sabbathai nicht Roſanes Eidam geworden und durch deſſen Macht geſchützt worden, Aaron hätte ihn ſchon längſt aus der Stadt jagen laſſen. Jene Irrlehrer gehen offen⸗ bar damit um, unſern Glauben zu unterdrücken, die Stützen desſelben zu ſtürzen, den Talmud zu ver⸗ nichten und uns alle in die Gewalt des Teufels zu bringen, den ſie anbeten. Aber fürwahr, es ſoll ihnen nicht gelingen! Wir wollen uns rüſten gegen ſie; wir wollen ihnen eine unüberwindliche Macht ent⸗ gegenſtellen; wir wollen den Kampf gegen die Feinde unſres Glaubens beginnen und, ich denke, den Sieg davon tragen. Wir hier in Smyrna ſind nämlich in Beſitz eines Mittels, das uns den Gottesläſtern furchtbar machen muß, wenn wir es richtig anwen⸗ den; wir haben die Macht, ſie zu ſtürzen, und außer — 323— mir, ſcheint es keiner zu wiſſen; unter uns lebt ein Mann, der uns zum Sieg, zur Rache, zu Reichthum und Größe verhelfen kann, wenn wir ihn gut leiten, und zu unſern Zwecken gebrauchen, ja durch den wir die gebietenden Herrn dieſes Landes werden können, deſſen Knechte wir jetzt ſind.“ „Und wer wäre dieſer Wundermann?“ fragte Joſeph erſtaunt. „Wer anders, als Euer Bruder Sabbathai?“ „Sabbathai?!“ riefen beide Brüder überraſcht. „Er und kein Andrer! Hört mich ruhig weiter an.— Seine hohe Gelehrſamkeit erleidet keinen Zweifel; ſeine Lehren haben nicht nur in Smyrna, ſondern bereits in ganz Natolien, Karamanien und Syrien Aufſehen gemacht; ja, man ſpricht, wie ich aus ſichern Nachrichten weiß, in Griechenland und Paläſtina davon. Euch iſt ferner nicht minder bekannt, als mir, daß ſich ſeit einiger Zeit unter Sabbathais Schülern der Glaube verbreitet hat, er ſei der Meſſias, obgleich es noch Niemand laut zu ſagen wagt und auch Keiner anzugeben weiß, ob er der Sohn Joſephs oder Davids ſein ſoll. Laßt uns aber dieſes nicht kümmern. Genug für uns, daß 21* —— ihn Viele dafür halten. Wie, wenn wir nun dieſen Umſtand benutzen und die Meinung, daß er der Meſ⸗ ſias ſei, in der Stille immer weiter auszubreiten ſuchen, nicht nur hier, ſondern in allen Städten Aſiens, wo Juden wohnen; wenn wir ſie nach Per⸗ ſien trügen, um die zehn Stämme aufzuregen, daß ſie mit uns gemeinſame Sache machten, in Griechen⸗ land, Deutſchland, Frankreich, Spanien, Portugal und Aegypten bekannt machten, die Ankunft des Weſſias ſei vor der Thüre; er lebe ſchon in Smyrna, als ein hochweiſer hochberühmter Chacham, und werde nächſtens auftreten, das auserwählte Volk Gottes aus der Knechtſchaft zu führen. Wenn wir dies Alles mit planmäßiger Klugheit thäten, würden wir nicht unſre Feinde zu Boden ſchmettern, zu Macht, Größe und Reichthum gelangen?“ „Ihr habt da einen kühnen Plan entworfen!“ rief Joſeph mit leuchtenden Augen.„Er iſt ſchön, herrlich; aber er bedarf Mittel, baarer Mittel, einen großen Aufwand, um ihn glücklich auszuführen. Woöher ſollen wir dieſe nehmen?“ „Dafür iſt geſorgt,“ verſetzte der Arzt lächelnd. „Samuel Lisbona beſitzt einen ungeheuern Reichthum. —. Er hat mir durch ſeinen Eidam alles Geld zuge⸗ ſichert, das wir zur Ausführung unſres Plans brauchen.“ „Damit ſind noch nicht alle Schwierigkeiten geho⸗ ben,“ erinnerte der überlegſamere Eliah.„Wie wollen wir uns überall bei den Juden Glauben ver⸗ ſchaffen, daß Sabbathai der Meſſias iſt? Geld iſt dazu kein Mittel. Die Prophezeihungen vom Meſ⸗ ſias und ſeiner Ankunft ſind bekannt. Der Talmnd ſelbſt, dem wir den Sieg über ſeine Verächter ver⸗ ſchaffen wollen, iſt's, der ausführlich von den Schmer⸗ en des Meſſias und ſeinen Zeichen berichtet. Wie wollen wir nun ohne dieſe Zeichen und Schmerzen dem Volke glauben machen, daß der Erlöſer da ſei?“ „Ei, du Thor!“ entgegnete Villegas,„wenn die Zeichen und Schmerzen des Meſſias da wären, dann bedürfte es unſter Klugheit nicht, deinen Bruder für den Erretter auszugeben; man würde ihn von ſelbſt dafür halten. Denn wahrlich, er hat außerdem alle Erforderniſſe. Iſt ſeine Geſtalt nicht die ſchönſte und edelſte, die man je an einem Manne erblickt, ſo daß man ihn eher für einen Engel, als einen Menſchen halten könnte? Beſitzt er nicht neben ſeiner — 326— großen und tiefen Gelehrſamkeit eine ausgezeichnete Beredſamkeit, geſchmückt mit der blühenden kräftigen Sprache unſrer Propheten? Strömt es von ſeinem Munde nicht wie Milch und Honigſeim, und fließt es nicht berauſchend in alle Herzen? Wer iſt fröm⸗ mer und gottesfürchtiger denn er? Wer faſtet mehr, oft von einem Sabbath zum andern? Wer badet alle Nacht in den Fluthen des Meers? O hätten wir nur einige uns prophezeite Zeichen, ich wäre der Erſte, der ihn mit freudiger Zunge nicht nur für den Meſſias ausgäbe, ſondern als ſolchen anerkennte. Und wer kann denn wiſſen, ob nicht der Gott unſerer Väter, anſehend unſer Elend und müde desſelben, jene Zeichen ſchickt? Doch wenn dies auch nicht der Fall iſt, wir dürfen uns dadurch nicht von unſerm herrlichen Plane abſchrecken laſſen. Sind Sabbathai und ſeine Schüler, ſind Samuel Lisbona, Nathan Benjamin, ihr und ich, ſo wie viele unſrer Freunde nicht Ausleger des Talmud? Verſuchen wir's die Zeichen zu deuten und auf Sabbathai anzuwenden; ich wette, es geht. Schon hat mir Nathan heute einen Wink gegeben. Samuel hat berechnet, daß die Ankunft des Meſſias vor der Thüre ſei. Man ſpricht, —— daß zwiſchen den Chriſten und Türken ein großer Krieg entbrennen werde. Schlaue Auslegung der Worte und feurige Rede thue das Uebrige, den gemeinen unwiſſenden Juden zu überzeugen, für uns zu gewinnen und zu entflammen. Was weiß der große Haufe viel von Zeichen und worin ſie beſte⸗ hen? Er wird die dafür halten, die wir ihm geben.“ „Ihr habt recht!“ rief Joſeph jauchzend.„Nur Kraft und Muth, und ſind erſt unſre Feinde geſchla⸗ gen und eingeſchüchtert, wer darf es dann wagen, uns zu widerſprechen? Ha, ich fühle die Seele mir ſchwellen. Gebt mir ein Schwert, ich bin zum Feld⸗ herrn geboren. Laßt mich mein Volk für den Meſ⸗ ſias begeiſtern und ich will es, wie Judas Makka⸗ bäus zu Schlachten und Siegen führen. Es braust mir, wie Schlachtengeſänge, wie das Schmettern der Kriegstrompete, wie Zinken und Pauken durch mei⸗ nen Kopf. Jakob ben Eliah, Ihr habt mich glück⸗ lich gemacht mit Euerm Plane. Laßt uns keine Stunde verlieren. Auf! an das Werk!“ „So recht! ſo recht!“ jubelte der Arzt.„Wir bedürfen deines Feuereifers. Aber laß dich nicht vom tollen Roſſe deiner Begeiſtrung in die Witte deiner — 328— Feinde tragen. Bezähme deinen Muth! Verſchließe dein Feuer tief in der Bruſt. Sei ein Heuchler! Verrathe dich mit keiner Silbe, mit keiner Miene. Die Blüthe muß erſt zur Frucht werden, und die Frucht reifen, ehe denn wir ſie pflücken können. Vorſicht iſt die erſte Erforderniß bei unſerm Werke, mein junger Freund. Wir müſſen uns mit genauer Ueberlegung zu verſtärken ſuchen, doch unſer Geheim⸗ niß keinem anvertrauen, den wir nicht durch und durch geprüft und tüchtig befunden haben. Bei den Wenigſten dürfen wir Sabbathai nur für den Meſ⸗ ſias ausgeben, den Meiſten muß er es wirklich ſeint „Aber woher habt Ihr denn die Gewißheit, daß Sabbathai die Rolle ſpielen wird, die Ihr ihm vor⸗ ſchreibt?“ erinnerte Eliah wieder.„Ich fürchte, Ihr gründet Euern Plan auf Vorausſetzungen, die Euch trügen werden. Ich glaube meinen Bruder zu kennen. Dieſe reine Seele iſt keines Lugs, keines Betrugs fähig. Er wird Euern Antrag, den Meſ⸗ ſias zu ſpielen, damit Ihr Euch an Euern Feinden rächet, mit Abſcheu zurückweiſen.“ „O du kurzſichtiger Schwätzer!“ ſtrafte ihn der Arzt.„Meinſt du, wir wollten gleich hingehen — 30— morgen in der Frühe und zu Sabbathai ſagen: komm, ſpiele den Meſſias, wir wollen dich unterrich⸗ ten, was du zu thun haſt? Halte mich doch für klüger, mein Sohn. Wir müſſen zuſammen unſer Spiel ſo fein und berechnet ſpielen, wollen wir es anders gewinnen, daß Sabbathai bald die heiligſte und unerſchütterlichſte Ueberzeugung in der Seele hegen muß, daß er wirklich der Meſſias ſei. Dieſer Glaube muß ihn in Blut und Saft übergehen, muß ſo mit ſeinem Leben verwachſen, daß er ſich nicht mehr davon trennen kann. Und dazu iſt Euer ſchlaues Wirken unerläßlich. Irre ich nicht ganz, ſo hat ſein eigner Stolz uns ſchon trefflich vorgear⸗ beitet. Ihr kennt ihn und ſeinen Ehrgeiz, wie ich. Der Stolz ſich in ſolchen Jahren ſchon ſo hoch. geſtellt, geehrt und berühmt zu ſehen, iſt ihm ſchon zu Kopf geſtiegen und treibt ihn weiter und weiter. Dazu kommt, daß er den tiefen Verfall unſres Volks erkannt hat und ſich zum Schöpfer eines neuen Judenthums berufen glaubt. Er hält ſich für einen zweiten Moſes; das hat er mir ſelbſt geſtanden. Wie klein iſt der Schritt von dieſem zum Meſſias? Daß er ihn thue, das iſt unſre Sache.“ „ „Und doch fürchte ich, er wird ſchwerlich ſo Euer Werkzeug werden, daß er Eure Zwecke ver⸗ folge, und nicht die ſeinigen. Seine Zwecke ſind aber keineswegs Erlangung von Macht, Größe und Reichthum; er will ja nur den verderbten Glauben unſres Volks verbeſſern, will Irrthum und Aber⸗ glauben verbannen, will eine edle und würdige Got⸗ tesverehrung einführen, ja er will Manches bekäm⸗ pfen und ſtürzen, wo Ihr kämpfen wollt. Ihm iſt der Talmud nicht heilig, er verwirft die meiſten Schriften unſrer Rabbinen, und die Kabbalah will er als ein tiefſinniges Geheimniß angeſehen wiſſen, das man nicht auf der Gaſſe ausſchreit. Ihr kommt alſo von vorn herein mit ihm in Widerſpruch. Und wahrlich, faſt glaube ich, die Schüler Huſein Damads, die Karäer und Samaritaner, wie Ihr ſie nennt, werden ihn eher für ſich gewinnen, als Ihr.“ „Du wirſt mich das menſchliche Herz nicht ken⸗ nen lehren wollen, junger Mann,“ lächelte der Arzt. „Die Größe hat einen verführeriſchen Glanz; wer einmal ihre lockenden üppigen Pfade betreten hat, der kann nicht mehr zurück und opfert ihr Ueberzeu⸗ gung und erkannte Wahrheit. Laß nur Sabbathai —— erſt von der ſüßen Frucht des Meſſiasthums koſten, laß es durch alle Länder ſchallen: Er iſt der lang⸗ erſehnte König, der Retter Judas, und er wird nicht ſtarr an ſeinem Wahne hangen; er wird nachgeben und ſich den Umſtänden fügen. Und wenn er dann auch manches im Talmud für unrichtig erklärt und anders gibt, wenn er die zehn Zeichen abändert und Andres zu ſeinen und unſern Gunſten auslegt, hat er als Meſſias kein Recht dazu? Daß er unſern Feinden nicht in die Hände falle, iſt eine Aufgabe unſrer Klugheit. Glaubt mir, Sabbathai hat nicht einen ſo männlich feſten Charakter, daß er ſich von klugen Köpfen nicht leiten laſſe. Freilich darf er das nie merken. Wir müſſen fein und verdeckt mit ihm ſpielen. Er iſt ein Dichter, und die Dichter ſind wie leicht bewegtes Rohr. Mit Vorſicht können wir ihn bewegen und biegen nach unſerm Gefallen. Sein Stolz iſt ſeine Schwäche. Faßt ihn ſtets bei dieſer. Vor Allem vergeßt nie, daß ein unüberſehbares Glück vom Gelingen unſres Plans abhängt. Seid Ihr nun mit mir einverſtanden, ſo reicht mir Eure Hände und ſchwört mir bei unſern Erzvätern, auf denen der Friede Gottes iſt, mit Verſchwiegenheit, Vorſicht, *. — 332— Eifer und Treue gemeinſam mit mir, Samuel Lis⸗ bona und Nathan Benjamin den ausgeſprochnen Plan zu verfolgen.“ „Ich ſchwöre!“ Joſeph.„Mich begei⸗ ſtern Rache, Ehrgeiz und Thatendurſt.“ „Auch ich ſchwöre,“ ſagte Eliah.„Mich begei⸗ ſtert allein die Liebe.“ „Dort liegt das Schiff, worin ſich Nathan befin⸗ det,“ fuhr Villegas fort.„Ich werde den Kahn, der hier ans ufer gebunden iſt, beſteigen, Joſeph, rudere mich hinüber. Du, Eliah, warte unſer. Wir wollen zuſammen ein einſames Plätzchen aufſuchen, wo wir uns mit Nathan beſprechen können. Auf dem Schiffe geht es nicht. Ich denke, wir führen ihn an Sabbathai's Lehrſtuhl unter den Schwanen⸗ hals.“ Sie ſtießen ab, und der Mond, der die WMeerfläche verſilberte, zeigte ihnen den Weg. Eliah wandelte, in Nachdenken verloren, an dem ufer; ſeine Seele war bei Mihurmah. Erſt das Geräuſch des die Fluth durchſchneidenden rückkehrenden Kahns ſchreckte ihn aus ſeinen heißen bunten Liebesträumen auf. Das Fahrzeug landete und mit dem Arzt und Joſeph ſtieg ein kleiner wohlgenährter Mann ans —— Land, deſſen rundes Geſicht Frohſinn lachte. Doch erhellte der Mondſtrahl auch Liſt, Unternehmungs⸗ geiſt und Beharrlichkeit in dieſem heitern Geſicht. „Wir ſind alſo einverſtanden?“ fragte Nathan nach der erſten Begrüßung mit Eliah. „Wir ſind's,“ verſetzte Joſeph. „Fürwahr eine wunderliche Narrenfahrt nach Mitternacht im Mondſchein wie dünnleibige Geſpen⸗ ſter, um uns einen Meſſias einzufangen!“ lachte der Ankömmling,„einen Meſſias, den wir uns erſt friſch backen müſſen, wie die ſüßen Brote. Nur gut, daß der Teig dazu gemengt iſt.“ „Ei Rabbi,“ nahm Eliah Zewi pikirt das Wort, „Ihr ſcheint die Sache ſehr ſpashaft zu nehmen. Unſer Bruder iſt uns ſehr lieb und wir begehen einen Perrath an ihm. Wenigſtens möchte ich darüber nicht ſcherzen hören.“ „O junger Freund!“ lachte Nathan,„Ihr ſeid ſehr ſauertöpfig. Gerade das iſt ſehr ſpashaft, daß Ihr Beide, die Ihr bei weitem nicht ſo gelehrt ſeid, wie Euer hochweiſer Bruder, dieſen doch an der Naſe führt, und das Luſtigſte iſt, daß, wenn Ihr es — 3— klug anfangt, der erleuchtete Chacham es nicht ei⸗ mal merken, ſondern ſtets meinen wird, er ſtolzire aus eignem Antrieb ſeine Wege.— Ich vernehme ſchon aus den paar Worten, die Ihr geſprochen, daß Ihr die Dinge dieſer Welt noch gar nicht vom rech⸗ ten Geſichtspunkt aus zu betrachten gelernt habt. Ich will Euch in die Schule nehmen, Ihr Herrn, und ich wette, Ihr werdet bei mir mehr profitiren, als in der Schule Eures ſehr gelehrten Bruders. „Laßt uns gleich beginnen. Die Welt iſt ein großes Narrenhaus voller Naaren der allverſchiedenſten Art und Gattung. Diejenigen Narren, welche lachenden Mundes und fröhlichen Herzens die Narrheiten der Andren zu ihrem eignen Vortheil benutzen, ſind die klügſten. Hat man das Narrenſeil hübſch in der Hand und lenkt die weiſen, ernſten, wichtig thuenden Leute, ſo kann man wohl ein Schnippchen ſchlagen, in die Fauſt lachen und ein ſchnurriges Lied ſingen.“ „Ihr gefallt mir, Rabbi,“ ſagte Joſeph ver⸗ gnügt, und reichte dem Deutſchen die Hand, die dieſer herzlich drückte und fortfuhr:„Wir werden ſchon gute Freunde werden, wenn Ihr mich erſt — näher kennen lernt. Ich trage halb ſo leicht an meiner Laſt, wenn ich ſingend und ſcherzend meine Straße ziehe und die Narrheit der Welt mir durch meine bunten Brillengläſer betrachte. Sagt mir, wenn Ihr nicht von altem Sauerteig befangen ſeid, ob ich nicht recht habe? Die Juden, die einen Meſ⸗ ſias erwarten, ſind Rarren; denn wenn er hätte kommen wollen, ſo wär' er längſt gekommen; der iſt ein Narr, der ſich dafür hält. Wir, die wir lachend die Narrheit beider liſtig benutzen, ſind wir nicht die Klügſten von Allen?“ Eliah ſchüttelte mißbiligend den Kopf, während Joſeph lachte. Jakob ben Eliah ſagte:„Ihr treibt den Scherz etwas weit, Nathan.“ „Daran iſt die laue Mondnacht ſchuld; in der Sonnenhitze des Tags ſollte es mir vergehen. Doch wir ſind daran, eine große Narrenkomödie autzufüh⸗ ren, und ich als Kundiger des Geſetzes und ſeiner Auslegung, bin unter Euch erſchienen, die Rollen zu vertheilen und ſie Euch einzuſtudiren.“ Unter dieſen und ähnlichen Reden waren ſie an die Felſenplatte gekommen und ſetzten ſich unter einen blühenden Baum, der von dem Vorſprunge des Fel⸗ ſen herab ſeine Aeſte und Zweige dem Meere zuneigte, und die Luft umher mit dem balſamiſchen Geruche ſeiner Blüthen würzte. Der Mond hatte ſich hinter den ihnen gegenüber liegenden Felſenkoloß verkrochen, der nun einen ungeheuern Schatten auf die Scene warf, während ſich die Lichter der Mondſtrahlen, wie flatternde Schmetterlinge auf den nahen Blättern und Blüthen ſchaukelten, das Moos am Felſen über ihnen lichter färbten und das Silber aus der Ader des Geſteins blitzend hervor lockten. Die Wellen ſangen am Ufer anſchlagend, dem neugebornen ſchla⸗ fenden Frühling ein zärtliches Wiegenlied, indem ſie die Wiege ſchaukelten, worin er auf duftigem Nebel⸗ bette lag, das grüne Meer, die uralte Wiege des Alls. Bunte Vögel ſaßen ſingend oder ſchlaftrunken in den Zweigen und regten zwitſchernd die vom Nachtthau und Blüthenhonig feuchten Flügel, leuch⸗ tende Käfer zogen wie Sterne durch die warme Luft; alles athmete Wolluſt und Entzücken. Nur die Männer unter dem Blüthenbaum ſchienen nichts von der hehren Feier der Natur zu gewahren; ſie verkehrten eifrig über den Plänen ihrer Klugheit. Da wurden ſie plötzlich auf herannahende Schritte — 337— aufmerkſam. Verwundert, wer zu dieſer Zeit wohl dieſen abgelegenen Ort beſuchen möchte, reckten ſie, im Schatten, der ſie barg, die Köpfe empor und ſandten die ſcharfen ſpähenden Blicke den Kommen⸗ den entgegen. Es waren zwei Männer, die anfangs ſchweigend neben einander gingen. Nun werden Angſt und Schmerz von mir wei⸗ chen,“ ſagte der Eine.„In meinem ſtillen Gane⸗ den flüſtert mir die Wehmuth beſänftigende Weiſen ins Ohr. Zürne meiner Heftigkeit nicht, mein Lie⸗ ber! Ich glaube, böſe Geiſter hatten Gewalt über mich erlai ngt; hier in dieſem Tempel der Futs wei⸗ chen ſie von mir.“ „Chacham,“ ſprach der⸗ Andere,„wie kannſt du ſagen, daß ich dir nicht zürnen ſoll! Ich bin der Knecht deines Willens. Thue mit mir, was dir beliebt.“— „Es iſt Sabbathai und Baruch,“ flüſterte Jo⸗ ſeph ſeinen Gefährten unter dem Baum zu.„Sie laufen uns recht zur guten Stunde ins Netz.“ „Sabbathai?“ fragte der Arzt zweifelhaft. „Sabbathai in ſeiner Brautnacht am Meergeſtade? Wie ſoll ich das verſtehen?“ l. 22 — „Er iſt's mit ſeinem treueſten Schüler,“ beſtä⸗ tigte Eliah. „So ſchickt ihn uns der Gott Israels zum Zei⸗ chen, daß unſer Plan gelingen ſoll,“ ſprach Villegas feierlich;„denn nimmermehr hätt' ich ihn in dieſer Nacht hier erwartet. Auf, ihr Freunde, ihn wür⸗ dig zu begrüßen!“ Sie tauchten aus dem Schatten empor und Ja⸗ kob ben Eliah rief wie in frommer Begeiſterung: „Heil dem gottgefälligen Chacham, der ſelbſt in der Brautnacht ſein junges Weib verläßt, um Gott zu dienen. Du biſt größer als ich geglaubt, Sabbathai, und der Beſcheidenheit, in welche du deine Größe hüllſt, zolle ich meine bewundernde Verehrung.“ „Ha, du biſt't, Jakob ben Eliah!“ ſprach Sab⸗ bathai überraſcht.„Und welche ſeltſame Veranlaſ⸗ ſung führt doch dich aus dem fröhlichen Hochzeit⸗ hauſe an dieſen ſtillen Ort?“ „Der Gaſt, von welchem ich dir ſchon ſagte, den du in dieſem Manne hier vor dir ſiehſt, wünſchte ſehr, erfüllt von deiner jetzigen Größe und aus un⸗ trüglichen Verechnungen der Gematria, ſo wie in prophetiſchen Geſichten vorſchauend deine künftige —— Herrlichkeit auf Erden, dich kennen zu lernen, aber er konnte, vom innern Geiſt getrieben, den Tag nicht erwarten, um Näheres von dir zu ſehen und zu hören. Dich ſelbſt in der geſchmückten Brautkam⸗ mer wähnend, machte ich ihn einſtweilen mit deinen Brüdern bekannt und er zollte ihnen als ſolchen bereits ſeine Verehrung; ich mußte ihn beim ſanften Mondlicht herausführen auf die Stelle, wo du zu lehren pflegſt, und von heiligen Schauern durchdrun⸗ gen, hat er den Boden berührt, den deine Füße ſo oft betraten.“ „Was Landes ſeid Inr, Rabbi?“ fragte Sabba⸗ thai geſchmeichelt, Nathan. „Mein Wohnort iſt Gaza in Paläſtina, wo man viel von Euerm Namen redet, edler Chacham,“ ver⸗ ſetzte dieſer.„Das gelobte Land unſerer Väter iſt voll Eures Ruhms; man ſpricht in Aegypten und Syrien von Euerer tiefen Gelehrſamkeit und treff⸗ lichen Lehre.“ Sabbathai ſchwieg einige Augenblicke, wiret welcher die düſtern Schatten von ſeiner Stirn wichen und ſein Auge freundlich zu leuchten begann. Na⸗ than Benjamin betrachtete ihn aufmerkſam, und die 22* — 310— ſektene ausdrucksvolle Schönheit des Jünglings ſchien ſelbſt auf den frivolen Juden einen ſtarken Eindruck zu machen. „Ihr ſollt ein heiterer unterhaltender Mann ſein, wie mir Rabbi Jakob ben Eliah geſagt hat,“ begann Sabbathai wieder.„Euer Frohſinn wird an mei⸗ ner Hochzeittafel willkommen ſein. Ihr ſeid jeden Tag eingeladen.“ „Ich pflege die Welt in den Farben zu betrach⸗ ten, die ſie wirklich trägt. Und ſind dieſe nicht grün und heiter, bunt und fröhlich? Ich lache nicht nur gern ſelbſt; ich liebe es auch, wenn Andere lachen und thue nach Kräften ſie dazu zu bringen. Blühen doch die Blumen auch für ſich ſelbſt und zum Anderer.“ „Wohl iſt die Erde mit fröhlichen Farben geſchmückt,“ ſeufzte Sabbathai,„aber ſie ſind nur ihr äußeres Kleid, ihre dürftige Hülle. Eine Hand breit tiefer und ihr düſterer Ernſt gähnt Euch in dunkeln Farben an. So auch das Menſchenleben; nur ſein Schein trägt ein heiteres Weſen, ſein Sein iſt ewig ernſt. In ſeinen Tiefen klaffen ſchauerliche Abgründe.“. — — — 341— „Rabbi, Ihr habt ein wahres Wort geſprochen; ich habe mich bisher nur am bunten Tand der Welt. und des Lebens ergötzt, wie ein Kind. Aber ich ahne, daß mir die Stunde geſchlagen hat, in der mir durch Euch ein tieferes Verſtändniß aufgeht. Ihr ſteht ſo weit erhaben über mir, ich bin ſo ergriffen von der Heiligkeit Eures Weſens, daß ich mich unwerth fühle, Euch den Staub von den Schuhen zu küſſen.“ „Ihr ſcheint mir ein Mann von Einſicht und Verſtand; hört meine Vorträge an; vielleicht gefällt Euch Manches davon. In dieſer Nacht bin ich nicht geſchickt, mich über unſere höchſten Intereſſen aus⸗ zuſprechen. Die Bruſt iſt mir eng; mancher Schmerz blutet darin aus friſcher Wunde; ich bin verwirrt vom Lärm des heutigen Tages. Unterhaltet Euch mit meinem Baruch, während ich in das Meer ſteige. Er kennt und liebt mich, wie kein Anderer.“ Er wollte bei Seite treten, um ſich zu entklei⸗ den, als die Aufmerkſamkeit der Männer von zwei weiblichen Stimmen in Anſpruch genommen wurde, die aus der Höhe herabzukommen ſchienen. Verwun⸗ dert erhoben ſie die Häupter und erblickten, nicht ohne zu erſchrecken, auf dem Vorſprung des Felſens, „ —— dicht über dem Baume, unter deſſen Blüthendache ſie geſeſſen hatten, zwei Geſtalten, die eine hoch und ſchlank, die andere zart und klein. „Es ſind ein Paar Engel!“ bebte Baruch's WMund in ſcheuer Ehrfurcht. Die oben ſprachen wieder mit einander und die regungsloſen Zuhörer verſtanden bald das wunder⸗ bare Zwiegeſpräch. „Sind wir endlich am Ziel?“ fragte die zar⸗ tere Stimme. „Wir ſind's,“ verſetzte die Andere eintönig. „Aber ich höre noch nichts,“ ſagte die Klei⸗ nere wieder. „Wie? Du hörſt es nicht? Verſtehſt du den Käfer nicht, der dort ſurrt, den Vogel nicht, der da zirpt? Jetzt fangen auch die Bäume an zu ſchwatzen, der Fels ſtöhnt ſchauerliche Klagen aus, die Erde ſeufzt, die Blumen weinen, das Meer ächzt. O über den Wirrwarr von Stimmen!“ „Du biſt ſeltſam, Rahel. Faſt fürchte ich mich vor dir. Was hörſt du denn Alles?“ „Sie ſingen dem Meſſias ein Klagelied zu ſeiner Brautnacht. Es ſollte die große Nacht der Erlöſung — 343— Iraels werden, ſo war es beſchloſſen von Anbeginn der Welt, und Alles, was da kreucht und fleucht, in Luft, Erde und Waſſer wollte Lebenswolluſt trinken aus dem ſchäumenden Becher der Liebe, wann der große König der Welt, der Meſſias in die ſüßen Arme an die wogende Bruſt ſeiner Königin ſänke. Von Sternen war ſchon ihr Brautkranz geſchlungen, von roſenrothen Wolken ihr duftendes Brautlager bereitet, die Sonne und der Mond waren zu Wäch⸗ tern beſtellt, und unverlöſchbarer Glanz ſollte aus⸗ gehen von dieſem Bette in dieſer Wonnenacht in alle Welt bis zu den fernſten Meeren, und durch alle Zeiten bis zur fernſten Zukunft. Aber ein Schmerz⸗ ſchrei durchzuckt plötzlich die Welt und das Firma⸗ ment erbebt. Der König verſchmäht die ihm ſeit Erſchaffung der Welt beſtimmte Königin, und wählt eine Andere, die ihm nicht gehört. Nun trauert alle Kreatur, das All wird von Schmerz durchwühlt, Blumen und Bäume weinen und das große Klagelied zur Brautnacht des unglücklichen Meſſias zittert in langen Seufzern durch die Luft.“ „Rahel! Rahel!“ rief die Kleinere,„was iſt mit dir? Mir bebt das Herz in der Bruſt. Du — 344— verſprachſt mir, ich ſolle hören, was ich oft in mei⸗ nen ſeligen Stunden ſehe. Aber meine Geſichte ver⸗ laſſen mich, ich höre nichts, und du biſt wahnſinng. Führe mich zurück! Wo bin ich? Du verläßt mich! Weh mir!“ Während die blinde Hannah verzweiflungsvoll jammerte, fuhr Rahel in immer lautern Tönen fort, unbeküͤmmert um ihre hülfloſe Begleiterin:„Ach, ich liebte ihn, wie noch kein Weib einen Mann, denn ich wußte, daß ich ſeine Königin war. Hatte es mir doch der Engelfürſt Gabriel offenbart in einer heiligen Nacht. Du ſollſt herrſchen über Israel und deine Kinder Könige ſein, ſprach er zu mir. Weh mir! Die Flamme meiner unbändigen Liebe hat mich verzehrt, ich bin verſtoßen, die Krone des Meſſias zertrümmert; Israel, du bleibſt in ewiger Schmach. O Sabbathai, warum haſt du meiner Liebe ſo vergolten?“ Der, deſſen Name zuletzt dem ſchönen Munde der Jungfrau entſchlüpfte, war, von dem Augenblick an, wo er ſie geſehen und erkannt von einer immer heftigern Aufregung ergriffen worden. Sein gierig glühendes Auge verſchlang ſie, ſeine Arme breiteten ——— ——— — 345— ſich unwillkührlich aus, ſie zu umfangen, ſein Mund bebte, und bei ihren herzzerſchneidenden Klagen die Welt um ſich vergeſſend, rief er mit einem blutigen Schmerzenſchrei:„Rahel! meine Rahel!“ Aber kaum hatte dieſer entſetzliche Ton das Ohr der mondſüchtigen Nachtwandlerin erreicht, als ſie von der Höhe des Felſenkopfs herabſtürzte und mit zerſchmetterten Gliedern blutend zu den Füßen der aufſchreienden Männer fiel. „Meine unglückliche Schweſter!“ rief Baruch und wollte ſie umfaſſen. „Meine heißgeliebte Rahel!“ jammerte Sabba⸗ thai, ſtieß Baruch zur Seite, umſchlang die Blu⸗ tende und preßte glühende, wahnſinnig wilde Küſſe auf ihren bleichen Mund. ——— — In demſelben Verlage ſind folgende empfehlenswerthe Schriften erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle Buchhand⸗ lungen zu beziehen. Büchner, Georg, Danton's Tod. Dramatiſche Bilder aus Frankreichs Schreckenszeit. 18 gr. fl. 1. 12 kr. Byron, Lord, ſämmtliche Werke, herausgege⸗ ben von Dr. Adrian. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers, einem Faeſimile ſeiner Handſchrift und einer Anſicht von Newſtead⸗Abteh. 12 Bände. Geh. Auf geglättetem Velinpapier Rthlr. S. 12 gr. fl. 14. Auf weißem Druckpapier Rthlr. 6. 18 gr. fl. 11. Dieſe Ausgabe iſt vollſtändiger, als irgend eine bis jetzt in engliſcher Sprache erſchienene, und mit der größten Sorgfalt, mit Sachkenntniß und Geſchmack von einem Ver⸗ eine rühmlichſt bekannter Männer ausgeführt; keinerlei Rück⸗ ſicht konnte das Auslaſſen auch nur einer einzigen Stelle be⸗ dingen. Obgleich nun dieſelbe um 15 Octavbogen ſtärker wurde, wird dennoch vorerſt der äußern villige Subſcriptionspreis beibehalten.. 3 Die vorzüglichſten kritiſchen Blätter haben ſich über dieſe Ausgabe auf das Portheilhafteſte ausgeſprochen. Eine aus⸗ führliche Beurtheilung in der Halliſchen Lit. Zeitung [1832. 195) beginnt: „Wir ſehen hier ein unternehmen vollendet, in welchem die univerſalität des Geiſtes unſerer Sprache einen ihrer glänsendſten Triumphe feiert. Wie möchte auch der Franzoſe öder der Italiener die kühne Kraft des engliſchen Dichters wiederzugeben vermögen, wie den freien Schwung ſeines Ge⸗ ſanges, die Ciefe zerreißender und verſöhnender Gefühle, die verwegene Bildung der Sätze und einzelner Worte, die tau⸗ ſend bedeutungsvollen Nüahcen, welche Byron gleichſam tändelnd, aber nie ohne Abſicht und Bewußfſeyn, binwirft?“ Cooper's ſämmtliche Werke, 93 Bändchen. Geh. Ausgabe auf Druckvelinpap. Rthlr. 17. 4 gr. fl. 26. 48 kr. Auf Druckpapier Rthlr. 11. 8 Zr. f 18 12 k Dieſelben enthalten: Der Spion.— Der Letzte der Mo⸗ hikaner.— Die Anſiedler,— Der Lootſe.— Lionel Lincbln.— Die Steppe.— Der rothe Freibeuter.— Die Nordamerikaner.— ie Grenzwohner.— Die Waſſernixe.— Der Bravo.— Sie Heidenmauer.— Der Scharfrichter von Bern.— Die Monikins. — Ausfluge in die Schweiz. Döring, Georg, Stimmen des Lebens. Drei Erzählungen. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr. —— Sonnenberg. Eine Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. S. 24 kr. —,— der Hirtenkrieg. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. S. 24 kr. —— die Mumie von Rotterdam. Eine Novelle. 2 Theile. Geh. Rthlr. 3. 4 gr. fl. 5. 30 kr. ieitet Speyk. Ein Heldengedicht. Geh. 9gr. — Erzählungen. 4 Theile. Rthlr. 5 8 gr. —— Novellen. 4 Theile. Ausgabe auf Velin⸗ papier Rthlr. 6. ſt. 10. 48 kr. Ausgabe auf Druckpapier. Rthlr. 5. fl. 9. —— das Opfer von Oſtrolenka. Novelle in 3 Theilen. Gey. Rthlr. 4. 20 gr. fl. S. 24 kr. —— Roland von Bremen. Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— Phantaſiegemälde. 5 Jahrgänge 1829 bis 1831 und 1833. Jeder Jahrgang mit einem Titelkupfer von Fleiſchmann. Geb. 16 gr. fl. 1. 12 kr. —— dramatiſche Novellen. 4 Theile. Rthlr. 5. S gr. fl. 9. —— Tage der Vorzeit. Dramatiſches Gedicht in vier Darſtellungen, aus der Geſchichte der freien Stadt Frankfurt. 1. Die Gründung. 2. Der Kaiſerſitz. 3. Die Wahlſtadt. 4. Guſtav Adolphs Abſchied von Frankfurt. Cartonirt. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 15 kr. 2 * Döring, Georg, das Kunſthaus. Nobelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr 4. 20 gr. fl. S. 24 kr. —— die Geiſelfahrt. Eine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert. 3 Bände. Rthlr. 4. 20 ge. fl. S. 24 kr. Dieſe Dichtungen des berühmten Herrn Verfaſſers haben ſich des außerordentlichſten Beifalls nicht allein von Deurſch⸗ land, ſondern auch theilweiſe von England und Frankreich, wohin ſie talentvolle Uebertetzer veryflanzt, zu erfteuen. Mit Recht nennen ihn kritiſche Blätter den dentſchen Coover; denn wie er gleich dieſem genialen Schriftſtelter einen Reich“ thum der Erfindnng entfaltet, eine ſcharfe Charakteriſtrung in allen Individuen auſſtellt, ſo gelingen ihm auch ebenfo die Schilderungen von Naturſcenen, die Darſtellungen reizen⸗ der und romantiſcher Lokalitäten, mit alen dichteriſchen De⸗ tails, welche dazu beitragen, ein Vild zum Kunſtwerke zu erheben. Daß die reinſte Pralität in allen ſeinen Dichtun⸗ gen vocherrſche, und ſie deshalb ohne Anſtand jeder Inngfrau in die Hand gegeben werden können, iſt allgemein aſerkannt. Duller, Eduard, Franz von Sickingen. Dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Abtheilungen. S. Geh. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 20 kr. —— Erzählungen und Phantaſiſſtücke. Zwei Theile. S. Nthlr. 3. fl. 3. —— die Feuertaufe Eine Erzählung. Zwe Theile. S. Rthlr. 3. fl.. —— Kronen und Ketten. Ein hiſtoriſcher Ro⸗ man. 3 Theile. 8. Rthlr. 4. 21 gr. fl. S. 24 kr. —— Phantaſiegemälde für 1835. Mit einem Kupfer von Fleiſchmann. 8. Elegant gebun⸗ den. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. —— Phantaſiegemälde für 1836. Mit einem engliſchen Stahlſtiche. S. Elegant gebunden. Rehlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. Der geiſtreiche Verfaſſer zeigt in dieſen ſeinen neueſten Werken den freundſichen Leſern eine Fülle der bunteſten Aus⸗ und Anſichten. Ein friſcher Hauch des Lebens und der Phan⸗ taſte befeelt ſeine Erzählungen und Phantaſieſtücke. Der Leſer findet darin bald ein freundlich gemüthliches Genrebild, bald ein Nachtſtück à la Höllenbreughel. Der reiche Stoff und die gelungene Behandlung berechkigen uns, dieſe äußerſt inte⸗ reſſanten Schriften allen Freunden einer geiſtreichen unter⸗ haltungslekture zu empfehlen. Duller, Eduard, Loyola. Drei Bände. 8. Geheftet. Rthlr. 4. 21 gr. fl. S. 24 kr. Es iſt der Stifter des Jeſuiteno rdens, der in dieſem neueſten Werke Duller's die Aufmerkſamkeir der Leſewelt auf eine Zeit kenkt, welche wichtig in die Intereſſen der neueſten Zeit dinwirkt. Dieſe einfache Andeurung dürfte, da überdem der Name des Verfaſſers in der deutſchen Literatur bereits eingebüraert iſt, zur vollgültiaen Emvfeblung wohl genügen. Cullerie zu Byron's Werken. Zweite Lieferung in 7 Blättern. 20 gr. fl. 1. 30 kr. Gutzkow, K., Soireen. 2 Theile. Rthlr. 3. fl. 5. 24 kr. Heeringen, Guſtav von, Fränkiſche Bilder aus dem ſechszehnten Jahrhundert. 4 Theile. S. Rthlr. 5. fl. S. 30 kr. —— der Courier von Simbirsk. Novelle. S. Rthlr. 2. fl. 3. 30 kr. Der reichbegabte Verfaſſer entwirft in dieſer Novelle ein Gemälde des rulſiſchen Volks⸗, Hot⸗ und Cabinetslebens aus der Zeit einer Frau, an deren Namen ſich ſtets das lebhafteſte Inttreſſe knüpfen wird, der Kaiſerin Katharina⸗ Intrigue und Liebe ringen um den Ppreis, doch die letztere ſiegt; dieſe verſöhnende Tendenz wird den intereſſanten Combinationen der Novelle gewiß viele Freunde verſchaffen. Irving, Waſhington, ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen überſetzt. 56 Bändchen. Geh. Auf Velinpapier Rthlr. 10. 6 gr. fl. 17. Auf Druckpapier Rthlr. 7. 4 gr. fl. 11. 54 kr. Dieſelben enthalten: Das Skißzenbuch.— Erzählungen eines Reiſenden.— Bracebridge⸗Hall.— Eingemachtes.— Die Geſchichte des Lebens und der Reiſen Chriſtoph's Columbus.— Die Eroberung vön Granada.— Humpriſtiſche Geſchichte von Rew⸗York.— Reiſen der Gefährten des Columbut.— Die Alhambra, oder das neue Skizzenbuch.— Die Reiſe auf den Prairien.— Abbotsford und Newſtead Abtey.— Erzählungen von der Eroberung Spaniens. König, H., die Wallfahrt. Eine Novelle. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 24 kr. Nänn9, J. C., Gedichte. Rthlr. 1. 6 gr. fl. 2. Der Name des Herrn Nänny iſt den Freunden der Dicht⸗ eunſt aus Taſchenbüchern und Zeitſchriften ein erfreulicher Klang geworden, der immer ikaend ein aus der Liefe der Gemüths⸗ und Phantaſiewelt geſchöpftes Product ankündigt. Vorzüglich aber ſind es heitre, liebliche Melodieen, die irgend eine gefühlvolle Anſchauung, eine poetiſche Erkenntni des Lebens und der Ratur enthalten, weiche der Muſe des Herrn —— Nänny gelingen. Sie iſt ein reiches Kind, aber ihr Reich⸗ thum beſteht in Blumen und dieſe ſind wiederum einfache Blumen der Wieſe, traulich dem Herzen, wie dem Vater⸗ lande, ein ſinniger Strauß für ſinnige Freunde der Poeſie. Oefele, Freiherr von, Bilder aus Italien. 2 Bände. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. fl. 4. 48 kr. Wir dürfen dieſe Bilder, hauptſächlich der Wahrheit und Lebensfriſche wegen, die ſie karakteriſiren, empfehlen. Es ſind Erfahrungen, die der Verfaſſer unter dem reizenden Hin⸗ melsſtriche Heſperiens geſammelt, es ſind Jeine oft höchſt eigenthümliche Anſichten, in denen uns ſo Vieles ſchon viel⸗ fach Beſprochene wiederum neu erſcheint, es ſind Ergebniſſe heitrer und romantiſcher Natur, welche hier in kecken Zügen, in warmen Localfarben zu Gemälden vereinigt werden, die den Beſchauer anziehn, belehren und ergötzen. Offen und ein⸗ fach, wie Yorick, erzählt der Verfaſſer, unabſichtlich zur auptfigur ſeiner Bilder werdend, in deren Weſen ſich die denſchlichkeir mit ihren tauſendfachen Schattirunaen ſpiegelt. Platen, Graf von, Geſchichten des Königreichs Neapel von 1414 bis 1443. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr. —— die Liga von Cambrai. Geſchichtliches Drama in 3 Akten. Geh. 12 gr. 54 kr. Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine indi⸗ ſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 2. 48 kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich bekann⸗ ten Dichter Rückert, mit aller ihm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie unverſtändliche vermieden iſt, ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblichfüßer Duft ausbreiter und ſie umweht. Das Mythologiſche, völlig verſtändlich, er⸗ ſcheint in der Figur, welche am bedeutendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens, welches in unſrer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaubernder Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, ünd wem Sinn für Sprachſchönheit und Ausdruck einwohnt, wird an ie Berſen ein Vergnügen genießen, wie es ſelten ge⸗ oten wird. Scävola, Emerentius, die Kreolin und der Neger. Galerien romantiſcher Bildwerke. Erſte Galerie in 3 Theilen: Der Königsenkel.— Die Kreolin.— Desſalines.— Zweite Ga⸗ lerie in 3 Theilen: Die Blutsfreunde.— Die Kaperbeute.— Hayti. 6 Theile. S. Geh. Rthlr. 9. fl. 15. rhein. fl. 13. 30 kr. G. M. * E. Scävola nimmt unter den neueſten dentſchen Roman⸗ Dichtern einen hohen Rang ein; ſeine unerſchöpfliche Com⸗ binationsgabe, ſeine viychologiſche Virtuoſität, ſeine Kunſt, das Intereſſe des Leſers wie durch magiſche Kraft zu feſſeln und zu leiten, der tiefe Fond ſeiner ernſten Lebensanſichten, das fociale Element, auf welchem er alle ſeine Romane auf⸗ daut, haben ihn zu einem Lieblingsſchriftſteller der aebildeten Welt gemacht. Sein neueſter Roman ſpieit auf einem Terrain und in einer Evoche, welche einem uns noch nahe liegendes geſchichtuches Intereſſe die Folie eines poetiſchen und poli⸗ riſchen unterbreiten. Die angeborne Freiheit mit dem Schlag⸗ ſchatten der Sclaveret, Barbarei und Humanität im Kamvf, und über allen die Liebe, wie ein Seraph ſchwebend, bilden das Grundthema Storch, Ludwig, der Diplomat. Novelle. S. Rchlr. 1. 18 gr. fl. 2. 48 kr. —— die Intrigue. Eine Novelle in 2 Dheilen. Zweite verbeſſerte Auftage. Rthlr. 1. 18 gr. fl. 3. —— der Karikaturiſt. Novelle. 2 Theile. Rthlr. 3. 8 gr. fl. 5. 48 kr. —— Erzählungen. 4 Theile. Rthlr. 5. Sgr. fl. 9. —— die Beguine. Hiſtoriſcher Roman aus der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. 3 Theile. Rthlr. 4. 20 gr. fl. S. 24 kr. — Malers Traum. Novelle. Rthlr. 1. 16 gr. fl.3. Die Leſewelt erbält in dieſen Erzählungen des allgemein vekaunten und beliebten Verfaſſers eine reiche Gallerie von Darſtellungen, welche durch ihre Lebendigkeit und innere Wahrheir, ſowie durch ihre gelungene Form und treffliche Behandlung gewiß das Intereſſe zu feſſeln vermögen. Der Perfaſſer hat es in den kleineren Novellen, wie in ſeinen größeren Romanen, verſtanden, den Leſer geiſtreich zu unter⸗ halten; und wir hoffen, daß Riemand unbefriedigt dieſe Er⸗ zählungen aus der Handlegen wird, in welchen ſich eine tüchtige Lebenskenntniß, ein ſicherer Takt, die Spannung vom Anfang bis zum Ende rege zu erhalten, ſowte überhaupt alle wackeren Sigenſchaften, wodurch ſich der Verfaſſer die Gunſt des Pu⸗ viikums erworben, aufs Neue vortheilhaft dargerhan finden. Volff, O. L. B., Novellen. Fremd und eigen. Nthlr. 1. 9 gr. fl. 2. 24 kv. Bieſe Sammlung enthält eine der intereſſanteſten Erzäh⸗ lungen nach Charles Nodier:„Das Fräulein von Marſan,“ in der Form von Memoiren, weiche auf den Boden der Ge⸗ heimgeſchichte der neueren Zeit verlegt ſind. Die Hriainal⸗ erzätziungen des Verfaſſers räthen ſich den beſten belletriſtiſchen Leiſtungen an. 578 e1s vencne n