Die n 1 Ludwig Storch, Berfaſſer der Knospen und Bluͤthen u. ſ. w. weiter heil. pz i in der Engelmann'ſchen Buchhandlung. 1 8 2 3. Die Intrigur. Zweiter Theil. Hannover, am 1. September 18r9. Mur den kann ich glücklich nennen, der im Wech⸗ ſel der Schickſale, im Kampf und Sturm die Idee ſeiner Freiheit anſchauen lernt. Sie muß ihm ein leuchtender Stern ſein in allen Naͤchten, und nur wer verſtanden hat, daß er ein Freiet iſt, mag den harten Schlag ertragen koͤnnen, der den unfreien zerſchmettert. Wilhelm, Dich habe ich erkannt! Du haſt die Idee angeſchaut; keine Trugwolke darf Dir ihre Reinheit truͤben. So hoͤre denn, daß, indem ich dieſes ſchreibe, Anna Golding nicht mehr in unſerer Mitte iſt. Wo?— Wir wiſſen es leider! nicht. Wir haben nicht einmal eine Spur von ihr. Doch vernimm den nähern Hergang der Sache. In meinem letzten Briefe ſchrieb ich Dir, daß Dein Oheim, der alte Commerzienrath, ſelig entſchla⸗ fen ſei, und wir Kleefeld von ihm geerbt haͤtten. Vor drei Wochen ging ich mit Deinem Vater dahin, das Gut in Beſig und die Erbhuldigung anzu⸗ nehmen. Anna war nicht wohl und konnte nicht mitreiſen; auch hatte ſie eben, durch Deine Verſuche in der Malerei begeiſtert, bei einem hieſigen Ma⸗ ler unterricht genommen, den ſie nicht unterbrechen wollte, damit ſie Dir und dem Bruder Eduard, der ſo große Fortſchritte gemacht hat, auch darinne gleich kommen und auch als Malerin entgegen treten konne. Kaum waren wir einige Tage in Kieefeld, als ber alte Martin, der einzige von den Dienern, den wir zuruͤckgelaſſen hatten, traurig ankam, und uns erzählte, daß Annchen Tags vorher mit ihrem wie⸗ dergefundenen Vater eilig abgereiſ't ſei. „Es kamen zwei Maͤnner,“ erzählte der Al⸗ te,„von denen der eine ſchon etwas bejahrt war. Kaum hatte Anna ſich ihnen als die Pflegetochter des Pfarrers Golding zu erkennen gegeben, ſo ſtuͤrzte der ältere auf ſie los, ſchloß ſie entzuͤckt in ſeine Arme und rief einmal uͤber das andere ganz freude⸗ taumelnd: meine Tochter, meine innig geliebte Toch⸗ ter! Dann zeigte er ihr das Portrait ihrer Mutter, welches Anna'n ſehr aͤhnlich war. Darauf mußte ich die Lady Wilmeſon ſchnell herbei holen, da ging die Freude von neuem los: man fiel ſich in die Ar⸗ me, herzte und kuͤßte ſich. Anna und ihr Vater ſchrieben dann Briefe an Herrn Schmerzing und Golding, die ſie der Lady zur Beſorgung uͤbergaben⸗ Was ſie ſonſt noch mit einander ſprachen, weiß ich nicht; Alle waren aber in großter Freude. Nach drei Stunden fuhren ſie ſchon weg. Mir trug Aennchen 5 tauſend Empfehlungen an die ganze Familie auf, und ſie wuͤrde ſo bald als nur moͤglich ſchreiben, oder gar recht bald wieder kommen.““ So erzahlte der Alte. Male Dir das Erſtaunen, den Schrecken, der über meine Seele die ſchwarzen Fittige ausbreitete. Meine Anna fort; ihre Eltern gefunden, und mir nicht einmal geſchrieben? Ich konnte nichts begreifen. In der Angſt meines Her⸗ zens, in halber Verzweiflung uͤber das zweideutige Schickſal der geliebten Tochter, forſchte ich den al⸗ ten Martin wohl hundertmal aus; die kleinſten um⸗ ſtaͤnde mußte er mir erzahlen, jedes Wort, was er gehoͤrt haben wollte, wiederholen. Leider! hatte die Schicklichkeit ſowohl, als auch die Verrichtungen des Dieners ihn meiſt aus dem Zimmer entfernt gehalten. Er wußte nur unzuſammenhaͤngendes zu erzählen, aus dem ich kein Ganzes zuſammen bauen konnte. Doch konnte er nicht genug die edele Geſtalt der beiden Maͤnner, das Ehrfurchtsvolle in ihrem Rußeren, die Pracht ihrer Kleidung, die koſt⸗ bare Equipage ruͤhmen. Nach Martin's Erzaͤhlung ſetzte ich voraus, daß die Lady Wilmeſon, wie ich ſchon lange vermuthet, ja, gehoͤrt hatte, den Vater Anna's kenne, und hoffte von ihr einen Brief zu erhalten, den Anna vielleicht noch vor ihrer Abreiſe an mich geſchrieben. Ich wartete drei Tage vergebens auf eine Nachricht von ihr. Meine Angſt wurde zu groß; ich hatte nicht Ruhe noch Raſt, und meine Anna ſtand mir immer vor Augen; da ſchrieb ich an die Lady, ich bat, ich beſchwor ſie, mir uͤber Anna und ihre Fa⸗ milienverhaltniſſe dasjenige zukommen zu laſſen, was ſie davon wiſſe. Sie erwiederte mir trocken und kalt, daß ſie nicht die Ehre habe, Anna's Vater zu ken⸗ nen. Dieſelbe habe ſie ſchnell rufen laſſen und ſie gebeten, einige Briefe an Dich und Deinen Freund zu beſorgen. uebrigens habe ſie uͤber ihren Stand und Geburt ein geheimnißvolles Schweigen beobachtet. Die Beſcheidenheit habe ihr nicht erlaubt, in Anna deshalb zu dringen, weil ſie nicht undeutlich habe merken laſſen, daß es damit eine eigene Bewandtniß habe. Die Briefe werde ſie ſobald, als moglich be⸗ ſorgen. Muͤndlich habe ich die Wilmeſon uͤber dieſen hoͤchſt ſonderbaren, unwahrſcheinlichen Vorfall nicht geſprochen; ſie ſcheint mich zu vermeiden, denn ſie kommt wenig in die Stadt, ſondern treibt ſich auf allen Edelhoͤfen, Landſitzen und Schloſſern, im gan⸗ ten Lande herum. Anna's Verſchwinden iſt Stadtgeſpraͤch, und man glaubt allgemein, daß— ich ſchaudere bei dem Ge⸗ danken— daß ſie einem Betruͤger in die Haͤnde ge⸗ fallen ſei. Lady Wilmeſon, von der man Alles wiſ⸗ ſen will, weil ſie fruͤher gegen die Frau von Gro⸗ nau viel uͤber ihre Kenntniß der Familie Eduard's und Anna's geſprochen hat; Lady hüft ſich mit dem mir geſchriebenen Hiſtoͤrchen herrlich durch. Schon iſt es heute der ſiebzehnte Tag, daß An⸗ 4 na verſchwunden iſt. Schreibt ſie mir nicht bald, ſo verzweifle ich. Ach, mein Sohn, ich moͤchte Dich tröſten, moͤchte Dir Muth zurufen— und mir fehlt er ſelbſt, ich ſelbſt bedarf des Troſtes. Doch ſei ein Mann! Was auch uͤber uns verhaͤngt ſein mag, wir wollen es ertragen. Eile nur, daß wir ſie wieder⸗ finden. Eile in die Arme Deiner Mutter, damit wir zuſammen wirken koͤnnen. Sollteſt Du Anna's Brief von der Lady noch nicht haben, ſo wird Dein Freund ſolchen von der⸗ ſelben hier erhalten. Ich hoffe, er wird uns uͤber Al⸗ les Aufſchluß geben. Es kann vielleicht ſein, daß Anna ſich der Wilmeſon nicht vertrauen wollte, und legte deshalb das Geheimniß in die Briefe an Dich und Eduard nieder. In dieſer Vermuthung wurde ich dadurch beſtaͤrkt, daß, wie mir Martin ſagt, Anna's Vater ſelbſt an ſeinen Sohn geſchrieben habe. Es wird ſich Alles aufklaͤren, und ich harre deshalb Eu⸗ rer Ankunft mit Sehnſucht entgegen. Deine Mutter. Nachſchrift. So eben dringt das Geruͤcht zu uns, daß der Lady Wilmeſon ihre ſaͤmmtlichen Juwelen und Koſtbarkeiten, nebſt andern Sa⸗ chen von Werth aus ihrem Buͤreau entwendet worden ſind. Sie hat bei der Polizei den Scha⸗ den auf 50,000 Thaler angegeben. Halb erſtarrt ſtierte Wilhelm den Brief an, als muͤſſe er uͤber Anna's Schickſal mehr enthalten, als müſſe er das Geheimniß enträthſeln, das ſich eben erſt vor ſeinen Augen zuſammengebaut hatte. Gedankenvoll reichte er Eduard das ungluͤcksblatt. Dieſer durchflog es begierig ſchnell, ſtuͤrzte dann, oh⸗ ne ein Wort zu reden, zur Thuͤre hinaus und be⸗ ſtellte Extrapoſt. Zuruͤckrennen, Einpacken und Da⸗ vonfahren war das Werk einer halben Stunde. In raſender Eile ging es von dannen. Erſt als ſie ſchon drei bis vier Meilen zuruͤckgelegt hatten, erholte ſich Wilhelm, und jetzt erſt kam es zu einem gegenſeiti⸗ gen Austauſch der Ideen, uͤber die verwickelte Ge⸗ ſchichte. In Eduard lebte Freude uͤber die unver⸗ muthet gefundenen Eltern, Verzweiflung uͤber die ungewißheit, in der er noch war, geſpannte Erwar⸗ tung uͤber das zu Erfahrende. Wilhelm wurde von hundert Zweifeln beunruhigt, ob es auch wirklich Anna's Vater geweſen, ob vielleicht ein Wolluͤſtiing, ein Betruͤger, der ſie in's Elend geführt. So kamen ſie in Hannover anz ſie waren ge⸗ flogen. Die Freude des Wiederſehens wurde bald durch ein Fragen, Antworten, Wiederfragen, Erzaͤhlen und leidenſchaftliches Erforſchen der Begebenheiten, welche die urſache ihrer ſchnellen Ruͤckreiſe war, verdraͤngt. Man war ſo heftig, ſo beſtuͤrzt und aus aller Faſ⸗ ſung, daß Anfangs gar keine Klarheit gedeihen woll⸗ te. Endlich loſ'te ſich das Chaos und der Faden vegann ſich regelmaͤßig zu entwickeln. Aber kaum hatte die Hofraͤthin etwas vorgetragen, ſo gab es 9 ein neues Fragen und Vermuthen und oft wußte keins ſelbſt recht, was es ſprach. Der alte Martin mußte herbei und noch einmal Alles erzaͤhlen, mußte den Vater vom Kopf bis zum Fuß beſchreiben und ſollte immer mehr ſagen, als er wußte. Als er der Briefe erwaͤhnte, welche Anna und ihr Vater an die beiden Freunde geſchrieben, da ſprang Eduard auf, und rief, zur Hofräthin gewandt:„Ah, dieſe Briefe, die auch Sie in Ihrem Schreiben erwaͤhnten, wo ſind ſie? Hat ſie die Lady an Sie abgeliefert, oder iſt ſie noch im Beſitz derſelben? „Wie? Haben Sie noch keine Briefe empfan⸗ gen, die durch die Wilmeſon an Sie beſorgt worden ſind?“ fragte Wilhelms Mutter betroffen. „Keine Silbe!“ rief Eduard ahnungsvoll aus. „Nun, ſo muß die Wilmeſon ſie noch haben, allein da haͤtte ſie doch wohl gethan, mir ſolche zur Beſorgung zu uͤberſchicken.“ „Dieſe Wilmeſon, die ſich uͤberall in meine An⸗ gelegenheiten eindrängt, die ſich mir immer ſo unge⸗ rufen zu nahen ſucht, o wie verhaßt iſt mir dieſes Geſchopf!— Doch ich eile, um das Geheimniß von ihr zu erpreſſen und meine gluͤhende Sehnſucht zu befriedigen.“ So ſteuerte Eduard in groͤßter Schnelligkeit nach dem Garten zu, um der Lady ſeine Aufwartung zu machen. Er ließ ſich melden und mußte einige Augenblicke verziehen. Dann wurde er auf ihr Mor⸗ genzimmer gefuͤhrt. Sie empfing ihn im reizendſten 1** 10 — Regligee. Das zarte knappe Gewand verhüllte nur halb die Reize ihrer uͤppigen Formen. Aus ihren großen ſchwarzen Augen blitzte beim Anblick des ſcho⸗ nen kräftigen Juͤnglings ein ungezähmtes Verlangen. Einzelne ſchwarze Locken ſtahlen ſich aus dem nied⸗ lichen Häubchen hervor, um herabrollend die blen⸗ dende Weiße des entbloͤßten Nackens zu erheben. Sie erhob ſich bei Eduard's Eintritt vom Sopha und gruͤßte ihn aͤußerſt liebevoll. Eduard erkannte zwar in ihr die Schoͤpferin ſeiner verwickelten Lage, ſeines Ungluͤcks, Emmelinen verloren zu haben; aber er konnte ſich doch nicht verläugnen, daß ſie ſehr rei⸗ zend, ſehr liebenswuͤrdig ſei. So ſehr er fruͤher ſie gemieden hatte, ſo mußte er ſich jetzt geſtehen, daß in ihrer Geſtalt ihm etwas Anſprechendes, etwas Anziehendes entgegen trete. So ſehr er ſich erſt vorgenommen hatte, Freundlichkeit und Hoflichkeit ihr erheucheln zu wollen, ſo unvermerkt wurde ihm ſeine Rolle natuͤrlich, und, von der unwiderſtehlich⸗ keit ihres ganzen Weſens bezaubert, war er ſo unbe⸗ fangen freundlich, als ob nichts vorgefallen wäre. Sie ſchien ihren Triumph in ſeinen Blicken zu leſen, denn mit einer Anmuth ohne Gleichen freute ſie ſich, ihn ſo gluͤcklich und wohlbehalten wieder zu ſehen, erging ſich in Lobpreiſungen uͤber ſeine bluͤ⸗ hende Geſtalt, und wußte bald mit derjenigen Leich⸗ tigkeit, die die erfahrene und gewandte Menſchenken⸗ nerin verrieth, ihn zu noͤthigen, daß er ſich auf das Sopha niederließ. unvermerkt ſaß ſie ihm zur Seite 1T und verwickelte ihn in ein Geſpraͤch uͤber die Schön⸗ heiten der Rheingegenden, wobei ſie ſo begeiſtert ſprach, daß ſie, immer naͤher an Eduard anruͤckend, in der hoͤchſten Entzuͤckung uͤber die Pracht der Na⸗ tur, den Juͤngling in die Arme ſchloß, und an die entbloͤßte runde Schwanenbruſt druͤckte. Sie ließ ihn wenig zu Worte kommen, ſondern erzaͤhlte in der angefachten Glut immer weiter. Mit unendlicher Zartheit umging ſie jede Beruͤhrung mit der unwuͤrdigen Emmeline. Eduard wurde warm und waͤrmer, denn ſeine Augen waren diesmal Kam⸗ pfer gegen ſein Herz. Er hatte lange ſchon den Fa⸗ den anzuknuͤpfen geſucht, der ihn zu dem Gegenſtande fuͤhren ſollte, welcher die urſache ſeines Hierſeins war; aber mit der feinſten Gewandtheit ſprang ſie ſtets von dem Pfade ab, der ihn zum Ziele bringen follte. Endlich ermannte er ſich und frug ſie bei einer kleinen Pauſe entſchieden:„Ob ſeine Schweſter Anna nicht vor ihrer Abreiſe Beſtellungen durch ſie an ihn hinterlaſſen haͤtte?“ „Pa! mein liebſter Freund, herrlich! daß Sie mich daran erinnern, bald hätte ich es ſonſt vergeſ⸗ ſen. Ich habe mich ſehr bei Ihnen zu entſchuldigen, und wenn ich nicht Ihres guten Herzens ſicher wäte, mir wuͤrde bange vor dem Maͤnnerzorne.“ „Wie ſo?““ frug Eduard erſtaunt und nichts Gutes ahnend:„wie hatte die liebenswuͤrdege Lady 12 meinen Zorn zu befürchten? Trauen Sie mir keine Achtung gegen ſolche Reize zu?“ „Sie ſpotten meiner, beſter Golding! Ich war ja ſchon im Voraus von Ihrer Guͤte uͤberzeugt; des⸗ halb nahm ich auch die Sache, wie man zu ſagen pflegt, auf die leichte Achſel. Doch ich ſehe es Ih⸗ rem ganzen Geſichte an, Sie ſind geſpannt und har⸗ ren der Dinge, die da kommen ſollen. So wiſſen Sie, Ihre Schweſter gab mir allerdings einen Brief, den ich in Ihre Hand zu liefern verſprach; doch das Geſchick wollte leider! daß ich es nun nicht mehr vermag.“ „Wie? rief Eduard aufſpringend und unter⸗ druͤckte eine Aufwallung des heftigſten Unwillens, und ſchnell die Stimme bezaͤhmend wandte er ſich zu ihr:„Sie werden ſolch unwuͤrdigen Brief nicht zum Gegenſtande Ihres Scherzes machen? Geben Sie ihn mir, ohne Scherz; denn er wird mir, nach allem, was geſchehen iſt, großen Aufſchluß uͤber mei⸗ ne Familienverhaͤltniſſe geben, wird mir den Aufent⸗ halt und Namen meiner Eltern nennen, und mich, den Fremdling in dieſer Welt, an den heimiſchen Heerd weiſen.“ „Iſt das moͤglich! Ja, ja, Sie haben Recht! Ihre Schweſter, erinnere ich mich dunkel, ſagte mir etwas Ihnliches. O, wie bedaure ich ſo ſehr, daß ein ſo unerwartetes ſchlimmes Ereigniß den Brief verloren gehen ließ. Doch, bedenken Sie, daß das ungluͤck nicht ſo groß ſein wird, als Sie wohl glau⸗ 13 ben, und leicht können Sie ja Ihrer Schweſter Auf⸗ enthalt erfahren; ſie wird ſelbſt ſo bald als moͤglich Ihnen ſchreiben und Sie von Allem benachrichtigen. Sie ſind doch nicht unwillig, mein Trauter?“ „Wie aber, Lady, verloren ſie einen Brief, von dem ſo unendlch viel abhaͤngt?“ „Eben meine allzugroße Vorſicht, mit der ich ihn ſo emſig treu verwahrte, hat ihn meinen Hän⸗ den entwunden. Ich hielt ihn heilig in meinem Käſtchen verſchloſſen, welches alle meine Juwelen und Sachen von Werth enthielt, denn er trug Ih⸗ ren Namen und das gab dem Papier das Recht, unter meinen Perlen und Edelſteinen zu liegen. Als ich neulich von einer Luftfahrt zuruckkehre, iſt mir mein Buͤreau ausgeſtohlen. Das Käſtchen mit fuͤr 50,000 Thaler Werth, und mit ihnen der Brief iſt fort. Ich habe den Vorfall ſogleich der Obrigkeit gemel⸗ det, und dieſe hat mir die beſten Hoffnungen gemacht. Vielleicht haben wir das Gluͤck, den Brief wieder zu erhalten; denn ich muß Ihnen geſtehen, es liegt mir an ihm jetzt mehr, als an den Juwelen.“ Solch ſuͤße Worte machend, ſprach ſie eine Weile fort, und wußte ſchlau und vorſichtig jeden Gedan⸗ ken zu entfernen, als trage ſie ſelbſt die Schuld, oder als verhehle ſie den Brief von Anna mit Vor⸗ ſatz. Nachdem es ihr gelungen war, den armen, mit Vermuthungen und Forſchungen ſich herumquälenden Jüngling zu beſchwichtigen, ging ſie immer mehr in einen zaͤrtlichen Ton uͤber, und wandte alle buhls 14 riſchen Kuͤnſte an, den leicht zu reizenden empfaͤngli⸗ chen Eduard zu feſſeln. Aber zu ſehr beſchaͤftigt mit dem, was ſeinem Herzen naͤher lag, bemerkte er die eiteln Bemuͤhungen des Weibes nicht, ſondern fragte nur immer nach Anna und den naͤhern Um⸗ ſtäͤnden ihrer Abreiſe. Die Lady erzaͤhlte mit der groͤßten unbefangenheit, was er ſchon wußte und pochte ſehr auf ihre Beſcheidenheit, mit der ſie An⸗ na's Geheimniß geſchont haben wollte. „Ihr Vater muß ein großer Herr ſein, füg⸗ te ſie etwas ſpitzig hinzu, daß er in ſolch tiefem Incognito reiſ't, und ich ſehe Sie ſchon in einigen Wochen als Prinz oder des etwas davon fliegen, wie der Paradiesvogel aus ſeinem Kaͤfig. Dann werden Sie die arme Wilmeſon vergeſſen haben, die gern ihr Leben fuͤr das Ihrige dahingaͤbe. O, Golding, Sie ſind immer grauſam gegen mich geweſen; haben Sie kein Erbarmen mit meiner Schwaͤche?“ Eduard's Sinne waren nicht in Aufruhr zu brin⸗ gen. Er ſtierte vor ſich hin, eine Spur ſuchend, die ihm ein Licht in ſeiner jetzigen Lage verſchaffen konne, und antwortete auf der Englaͤnderin zaͤrtliche Fragen ziemlich verkehrt. „O gehen Sie nur hin!“ rief ſie endlich:„es iſt heute mit Ihnen nicht viel anzufangen; Sie ſchei⸗ nen auch von der Reiſe zu ſehr erſchoͤpft zu ſein. Gehen Sie, um recht bald, bald wieder zu kommen, meine Arme werden ſich Ihnen immer oͤffnen, um 15 Sie an ein Herz zu preſſen, das die treuſte Freund⸗ ſchaft fuͤr Sie fuͤhlt.“ Er riß ſich los und eilte zu Hofraths, die mit Sehnſucht ſeiner harrten. Mit offenem Munde hoͤrte Wilhelm Eduard's Erzählung an, und bemuͤhte ſich vergebens, Mittel zu erſinnen, die das Dunkel ſchnell klar machen koͤnnten. „Ich will um mein Leben wetten,“ rief er endlich aus:„die Lady iſt dennoch von Deinem gan⸗ zen Schickſal unterrichtet; mag ſie nun eine Abſicht haben, welche ſie will, ſie greift, wie das Rad des Geſchicks, in Dein Leben ein, und hat gewiß den Schluͤſſel zu Allem, was Dich angeht.“ „Du haſt Recht, erwiederte Eduard, wenn ich vom Anfang ihrer Bekanntſchaft an rechne, wie ſie ſtets ſich mir naͤherte, in das Geheimniß meiner Liebe eindrang, Emmelinen mit fortriß nach Muͤnchen und an jenen Wicht verkuppelte, wenn ich dieſe neue Be⸗ gebenheit uͤberdenke, wie durch ſie mir das Mittel entriſſen wird, mich ſchnell den Meinen naͤhern zu koͤnnen, und ihr ſonderbares Betragen hinzu thue, ſo weiß ich in der That nicht, was ich von ihr den⸗ ken ſoll.“ „Wenn ſie uͤbrigens in das Geheimniß Deiner Geburt mit eingeweiht iſt, ſo bin ich um ſo geſpann⸗ ter, welche Rolle ſie ferner gegen Dich ſpielen wird. Auf alle Fälle mußt Du außerſt vorſichtig gegen ein 6 Weib ſein, die alle ihre Abſichten hinter Masken verſteckt.“ „Du ſagſt mir, lieber Wilhelm, was ich längſt ſchon dachte, laͤngſt mir vornahm. Ich fuͤhle mich ſtark genug, ihren Angriffen Trotz bieten zu koͤnnen. Mag ſie alle ihre Weiberwaffen gebrauchen, ich wer⸗ de ihnen männlichen Ernſt und Kraft entgegenſetzen.“ Von dieſer Zeit an beobachtete Eduard die Wil⸗ meſon genauer und mied nicht ſo, wie fruͤher, ihre Annäherung. Sie ſuchte ihn nun uͤberall auf, wußte hundert Gelegenheiten zu machen, daß ſie mit ihm zuſammentreffen mußte, überraſchte ihn auf ſeinen einſamen Spaziergaͤngen und ſchloß ſich dann an ihn an, und ſchenkte ihm ihr ganzes Wohlwollen, die ausgezeichnetſte Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit. Sie war jetzt faſt eben ſo viel bei Hofraths als ſonſt, und wußte durch ihr ſanftes zuvorkommendes Betra⸗ gen die Hofraͤthin zu beſtechen. Sie ſprach mit ſo viel Ruͤhrung von Anna und machte ſo gewiſſe Hoff⸗ nung, daß ſie, nach ihrer eigenen Verſicherung, ge⸗ wiß recht bald wiederkommen wuͤrde, um den geheim⸗ nißvollen Schleier zu loͤſen, daß man allmaͤlig ſich daran gewoͤhnte, ſie fuͤr ganz unſchuldig zu halten. Eduard glaubte mehr und mehr eine immer groͤ⸗ ßere Zutraulichkeit von ihrer Seite zu bemerken, und er ſah ſich unvermerkt mit ihr in einem Verhaͤltniſſe, das keine geiſtige, wohl aber eine ſinnliche Tendenz hatte. Dies beſtätigte ſich, als er auf einem Balle, nach einigen erhitzenden Taͤnzen, ſich plotzlich mit ihr 17 auf dem Sopha eines kleinen Nebenzimmers allein ſah. Ihr Buſen hob ſich leidenſchaftlich; ihre Pulſe ſchlugen hoͤrbar, ihr Mund bebte, ſie konnte nicht ſprechen, ſondern druͤckte mit der Stärke leidenſchaft⸗ licher Glut Eduard an die heiße Bruſt. Er bebte innerlich vor ihr zuruͤck und erinnerte ſie ſchnell an den Ort ihres Aufenthaltes. Immer kalt jede ihrer Bewegungen beobachtend, harrte er nur des Augen⸗ blicks, wo ſie ihr geheimnißvolles Schweigen brechen wuͤrde. Aber ſie ſuchte einen andern Augenblick, den, wo ſie den Juͤngling uͤberraſchen koͤnne, wo ſeine Sinnlichkeit ihn endlich einmal hinreißen wuͤrde. Die gefaͤhrliche Stunde ſchlug. Der Sturm drohte uͤber Eduard's Haupt, doch ſein guter Genius wachte und ließ ihn nicht untergehen. Abend war's, und die Glut des Tages hatte ſich in eine kuhlende Daͤmmerung verloren, die den ermatteten Gliedern ſo wohl thut, aber auch zugleich dem Koͤrper leicht einen wolluͤſtigen Reiz gibt, da erhielt Eduard einen Zettel von der Wilmeſon, wor⸗ in ſie ihn bat, ſich bald in ihrem Gartenhauſe ein⸗ zufinden. Er ahnete nichts Arges darin und hatte ſich ſeit geraumer Zeit daran gewoͤhnt, gegen die Lady den gefaͤlligen entgegen kommenden Freund zu ſpie⸗ len; auch war er aͤhnlichen Einladungen oft ſchon unbefangen gefolgt. Heute war er uͤberaus ſchwer⸗ muͤthig, und dieſe Stimmung wirkte, ſeiner ſelbſt unbewußt, mit ſanfter Zaubergewalt auf ſeine Nerven. Er trat in das Gartenhaus; Blumenduͤfte wallten 18 ihm zu. Er oͤffnete das erſte Zimmer. Niemand trat ihm entgegen. Er ging weiter in das Neben⸗ zimmer, da— wer beſchreibt ſein Erſtaunen! Wohl⸗ geruͤche wehten ihn an und betäubten ſeine Sinne; ein verrätheriſches Halbdunkel umhuͤllte, wie mit einem Roſenſchleier, alle Gegenſtände des Zimmers, und ließ dieſelben mehr errathen, wirkte aber auch darum um ſo erhitzender auf die Sinne. Die wol⸗ luͤſtigſten Gemaͤlde zierten das Gemach und ſein irren⸗ des Auge fiel von der ſchlummernden Lady auf eine große herrliche Scene an der Wand, die das urtheil des Paris darſtellte, dem Kenner werth und theuer, dem Wolluͤſtling nur ein Mittel, die abgeſtumpften Sinne zu reizen. Noch einen Schritt naͤher, und vor ſeinen Augen matt und begehrlich lag, auf ein roſenfarbnes Lager hingegoſſen, Lady Fanny. Kaum waren die ſchoͤnſten uͤppigſten Formen von einer leich⸗ ten ſeidenen Decke nur etwas verhuͤllt. Der Hals war etwas zuruͤckgebogen und der kleine Venuskopf in die Fuͤlle der ſchwarzen Locken vergraben, daß nur das reizende Geſicht daraus hervorſah; der ala⸗ baſterne Buſen quoll unter der ſeidenen Decke her⸗ vor, als trotze er, ſeines Siegs gewiß, jedes Zwan⸗ ges; das nette, ſchoͤn geformte Knie war von der Huͤlle entbloͤßt, und feſſelte die geizigen Blicke, einen neuen Gegenſtand der Reizung zu ſuchen. Die gan⸗ ze Geſtalt des Madchens ſchien ſich in holden Zauber und Liebreiz aufloͤſen zu wollen. Wie angewurzelt ſtand der leicht erregbare Juͤngling und wollte mit 19 den Augen das herrliche Bild verſchlingen. Durch alle Sinneswerkzeuge ſog er ſtromwe ſe das ſuͤße Gift ein. Seiner nicht mehr maͤchtig, trat er zum Lager der Schlummernden, beugte ſich uͤber den wo⸗ genden Buſen hin und druͤckte ihr einen brennenden Kuß auf den uͤberpurpurten Mund. Sanft ſchlug ſie die Augen auf, und eine brennende Roͤthe, die ſich uͤber Mund und Nacken goß, verrieth die Schaam, welche ſich ihrer zu bemeiſtern ſchien. Der wonne⸗ trunkene Juͤngling beugte ſich noch mehr uͤber den duftenden Leib und fuͤhlte ſich bald von ihren weichen Armen umſchlungen. Ein Heer von Kuͤſſen brann⸗ te auf ſeinen durſtigen Lippen; er gab ſie bebend zurück.„Suͤßer Junge!“ lispelte ſie verlangend, und hoͤher wallte der nun ganz entbloͤßte Buſen. Die Gewänder flogen zurüͤck und in Mutter Evens reizendem Brautſchmuck lag die Holde vor ihm, da — im Augenblick der hoͤchſten Gefahr erwachte ſeine ſittliche Kraft und draͤngte die uͤberhand genommene Sinnlichkeit zuruͤck. Die Wuͤrde ſeines Lebens trat wie ein geharniſchter Ritter vor ihn hin; er ermannte ſich, ward Herr ſeiner Leidenſchaft und riß ſich aus den Armen des erſchrocknen Weibes los. „Ich verachte Sie!„rief er knirſchend und floh, wie Joſeph vor Potiphars Weib, und eilte in's Freie. Als ſein gluͤhendes Blut ſich etwas ge⸗ kaͤhlt, und ſeine aufgeregten Sinne ſich geſammelt hatten, ſah er mit Schaam und Schrecken auf den verfloſſenen Augenblick zuruͤck, der ihn vielleicht bald 20 in die Feſſeln eines verachtungswürdigen Weibes ge⸗ fuͤhrt hätte. Er dankte der waltenden Vorſehung fuͤr den erwachten Funken ſeines beſſern Selbſt's, und fuͤhlte ſich neugeſtärkt, ſo leicht und ſo froh, wie nach der Vollbringung einer edeln That. Wie ſchwarze Gewitterwolkenmaſſen lag es hinter ihm; ſie waren gluͤcklich an ihm voruͤber gezogen und er blickte mit frohem Muth in die vor ihm ſich ausbreitende heiter Bläue. Jetzt eilte er zu Schmer⸗ zing's, und theilte ſeinem Freund, den er ernſt und trubſinnig auf ſeinem Zimmer fand, die eben uber⸗ ſtandene Gefahr mit, und fragte ihn, was nun zu thun ſei? Wilhelm erſchrack vor dem unheil, welches über ſeinem Freunde geſchwebt hatte; denn welche Leiden, welche Verfolgungen und Verkettungen konnte dieſe einzige ſchwache Minute nicht nach ſich ziehen! „Nun wird mir klar, lieber Eduard,“ rief er: „was der Zweck ihres ganzen Strebens war; ich er⸗ kenne die Beweggruͤnde ihrer Handlungen: ſie hat Dich in ihrem Garne fangen wollen, um ſo durch Dich, Gott weiß! welches Ziel erreichen zu koͤnnen. Denn an der Verfuͤhrung eines Juͤnglings allein konnte ihr doch gewiß nicht ſo viel gelegen ſein, daß ſie ſo lange und beharrlich ihren Plan hätte verfolgen ſollen. Erſt mußte ihr Emmeline, dann Anna aus dem We⸗ ge, damit Dir kein weibliches Herz nahe ſtaͤnde und nun läßt ſie alle Minen ſpringen; denn ſie iſt noch nie Dir mehr entgegen gekommen, als ſeit unſerem 21 ierſein, und ich habe oft im Stillen fuͤr dich ge⸗ zittert. Darum alſo dieſes immer waͤhrende Annä⸗ hern, daher das liebevolle freundliche Weſen gegen meine Mutter— o dieſe Schaͤndliche! ſie hat mich gewiß um meine Anna gebracht! „Du ſcheinſt zwar Recht zu haben,“ erwieder⸗ te Jener: doch, wenn ich bedenke, daß es der höch⸗ ſte Triumpf einer Kokette oder wolluͤſtigen Frau iſt, einen Juͤngling, den ſie noch unverdorben weiß, in ihre Netze zu verſtricken, da kann ich den Ge⸗ danken nicht verdrängen, daß Du zu weit gehſt. Laß uns auch gegen ſie gerecht ſein! Vielleicht iſt ein zu feuriges Blut die Triebfeder aller ihrer Hand⸗ lungen hinſichtlich meiner.“ „Aber um des Himmels Willen! ſagte Wilhelm, warum denn gerade die wichtigen Briefe an uns entwenden laſſen? Warum die naͤhern Umſtände von Anna's Abreiſe abſichtlich verſchleiern, wobei ſie nach unſern Begriffen nichts gewinnt und verliert“ Eduard blickte ernſt vor ſich hin; ein ttiefer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt; dann fuhr er plotz⸗ lich mit der Hand uͤber das Geſicht und brach los: „„Ja, ich will mich ihrer entledigen; will mit ei⸗ nem male das verhaßte Joch abſchuͤtteln, was ſie liſtig und faſt ohne mein Wiſſen uͤber mich herge⸗ worfen hat! Jetzt gleich will ich ihr ſchreiben und ſie ſoll erfahren, daß ſie es mit einem entſchloſſe⸗ nen Juͤnglinge zu thun hat!“ 22 „Rühmlich wohl iſt Dein Entſchluß,“ entgeg⸗ nete Wilhelm dem Eifrigen:„aber haſt Du auch be⸗ dacht, daß Du noch nichts von thr herausgebracht, was vielleicht bald geſchaͤhe, wenn Du die Rolle des Lieb⸗ habers bei ihr fortſpielteſt. So wirſt Du ihre Ra⸗ che auf Dich laden, und ohne Dir etwas genutzt zu haben, wird Dir die Schändliche ſchaden. Beſ⸗ ſer wäre wohl, ferner Intrigue gegen Intrigue ge⸗ ſpielt.“ „Nimmermehr!“ rief Eduard wild:„Ich haſ⸗ ſe ſie von der einen Seite zu ſehr, um den Zaͤrt⸗ lichen weiter gut zu ſpielen, und zwaͤnge ich mich, ſo hat ſie auf der andern zu viel Reize, daß mei⸗ ne Sinne nicht in Bewegung geriethen, und ſo konn⸗ te in einer ähnlichen Stunde der Akteur meinen, er ſei der Heid ſelber. uebrigens habe ich ihr bei meiner Flucht auch ſchon geſagt, was ich von ihr halte, und ich eile, jenes Wort zu bekräftigen.“ Er ging auf ſein Zimmer und ſchrieb an die Lady Folgendes: „Ich habe endlich Ihre Maske durchſchaut. Der Himmel ſchuͤtzte mich in einer Gefahr, die gro⸗ ßer war, als irgend eine. Wie hatte ich die Stun⸗ de meiner Schwaͤche verfluchen muͤſſen, in der ich das Opfer einer wolluͤſtigen Kreatur geworden wäre. Ich verzeihe Ihnen die vornehme Schlechtigkeit, die Sie uͤbrigens in die Klaſſe der gemeinſten Weiber herabſetzt, erkläre Ihnen aber noch einmal, daß ich Sie, wie ſchon lange, herzlich verachte. Sie haben ſich unberufen zeither in alle meine Angele⸗ genheiten gemiſcht, ſind mir uͤberall unangenehm entgegen getreten und haben den Vorwurf auf ſich geladen, Emmeline von Gronau an einen Schurken verkuppelt und die Briefe der Meinigen an mich un⸗ terſchlagen zu haben. Nach Ihrem bisherigen Be⸗ tragen zu urtheilen, koͤnnen Sie uͤber meine Fami⸗ lienverhältniſſe Aufſchluß geben; es wird alſo nur von Ihnen abhaͤngen, den Vorwurf eines ſchlechten Herzens von ſich abzulehnen. Eduard Golding.“ Dieſen Brief ſandte er ſogleich an die Wilme⸗ ſon, und erwartete dann ruhig, was ein beleidig⸗ tes, jeder Rache fähiges Weib gegen ihn unterneh⸗ men wuͤrde. „„Wie wird ſie ſchaͤumen und ſchnauben, die⸗ ſe Englaͤnderin!“ rief Eduard, auf Wilhelms Zim⸗ mer kommend: wie wird ſie toben, daß ein Juͤng⸗ ling ſie verachten und ihren Plaͤnen und Verſu⸗ chungen Hohn ſprechen konnte! Nun ich den Brief weggeſchickt habe, bin ich wieder leicht und froh und hoffe ernſtlich, daß ſich mein verworrenes Schickſal der Aufloͤſung nahe.“ Fanny Wilmeſon ließ nichts von ſich hoͤren noch ſehen. Man vernahm, daß ſie mit einigen Mili⸗ tairs auf gutem Fuß ſtehe und ein freies Leben fuh⸗ re. Der Brief blieb unbeantwortet. Der Oktober war ſchon zu ſeiner Mitte ge⸗ diehen, und Anna hatte noch kein Wort geſchrieben. 24 Schmerzing's hatten nach allen Weltgegenden Er⸗ kundigungen ausgeſchickt; Wilhelm ſelbſt hatte meh⸗ re Streifzuͤge gemacht, aber nirgends war eine Spur zu finden. Man nahm zu oͤffentlichen Blät⸗ tern ſeine Zuflucht;— keine Antwort! Wilhelms Liefſinn nahm immer mehr uberhand und die Hof⸗ raͤthin ſah mit innerem Schmers ihr einziges Kind dahin welken, wie eine Blume, die des belebenden Sonnenſtrahles entbehren muß. Faſt ſechs Mona⸗ te hatte er ſchon ihrer Umarmung entbehren müſ⸗ ſen, kein verſchämter Kuß von den keuſchen Lippen hatte durch ſein Herz gebrannt, kein ſuͤßes Wort hatte ihm von ihr getont. Wie herrlich hatte er ſich die Scene des Wiederſehens geträumt, wie herrlich ſich die Tage ausgemalt, die ihm aufblühen wuͤr⸗ den. Als ſeine Braut hatte er ſie umfangen, als ſein Weib hatte er ſie bald an das Herz druͤcken wol⸗ len und nun— dieſe fuͤrchterliche Leere! Vergebens breitete er ſeine Arme in die Nacht hinaus, wenn er auf des Hauſes Altan ſaß, Anna kam nicht, ſich hinein zu legen; vergebens gab er den Winden ſei⸗ nen Kuß, er wußte ja nicht, wohin ſie ihn tragen ſollten. Es kam ihm Alles ſo nuͤchtern, ſo ſchaal vor, daß er ſich ſcheute aus ſeiner Stube zu treten⸗ es haͤtte denn zu einem Kreus⸗ und Querzug ſein muͤſſen, das Heil ſeiner Seele zu ſuchen⸗ Doch trauriger kehrte er wieder jedesmal zuruͤck, denn er hatte ſie ja nicht gefunden. So verlor er allmä⸗ tig alle Hoffnung unv verſiel in eine dumpfe Gleich⸗ gultigkeit. 25 guͤltigkeit. Sein Freund war der einzige Menſch, außer ſeiner Mutter, mit dem er umging. An ih⸗ rer Bruſt weinte er ſich oft aus und ihre Thränen vermiſchten ſich zuſammen. Eduard hatte ſelbſt ſo viel zu kaͤmpfen und zu leiden, denn zu großes Ungemach war uͤber ihn herein gebrochen;„ſein Herz erlag faſt dem einſtuͤrmenden ungluͤcke und ei⸗ ne tiefe Schwermuth verbreitete ſich auch uͤber ſein Weſen. Der natuͤrliche Ernſt ſeines Charakters war groͤßer geworden und ſeine Lebensanſicht wurde durch dieſe Schwermuth immer herber und verzweifelnder. Hier einige Blätter aus ſeinem Tagebuch! „„Es iſt Nacht, und Finſterniß umhuͤllt mich! Die Wolken fliegen ſo ſcheu und ſchnell am Himmel hin, und nur hin und wieder flimmert ein Stern aus dem truͤben Gewolk hervor. Treues Bild mei⸗ nes Lebens! Nacht war es immer um mich. Der Sturm trieb ewig Wolken uber mir hin, und nur ſelten und nur auf kurze Zeit leuchtete mir ein Sternlein. RKeinen ſichern Haltpunkt zeigt die Nacht! Auch ich, ein Spiel des Schickſals, bin an mich ſelbſt gewieſen. Duͤſter liegt die Vergangenheit hinter mir; ſchwar⸗ zer Schleier deckt die Zukunft.— Alles dunkel!— d! Alles Nacht!— Wie war ch gluͤcklich, als Em⸗ meline mir noch nicht den ſchoͤnen Traum entriß! Einen Himmel in ihren Augen, eine Welt in mei⸗ nem Buſen wäre ich auf einer Sennhuͤtte glucklich Die Intrigue. 11. 2 26 mit ihr geweſen. Wo jetzt mir Troſt hernehmen, wo Ruhe finden in dem Kampfe meines Lebens, das von allen Qualen durchſchnitten iſt?“— ——————— „Welche unruhe! welches Toben in meiner Bruſt. In's Freie war ich geeilt, um das ſtuͤrmi⸗ ſche Blut wieder zur Ruhe zu bringen; vergebens! Ich kehre unruhiger zuruͤck, als ich ging⸗ Ich moͤch⸗ te mich mit der Menſchheit hadern, daß ſie mich un⸗ ter ſich geduldet hat. Mir wäre wahrlich beſſer un⸗ ter dem Raſen. Warum iſt meine Seele nicht in einen Tiger gefahren, damit ich die Bitterkeit, die mir die grellen Widerſpruͤche in Natur und Leben einfloßt, in Blut ertränken konnte.— Wer ſoll mir helfen? wer mich retten? Ich bin immer und im⸗ mer an mich ſelbſt gewieſen. Wie Blaſen auf dem Waſſer, die, vom Winde erſchuͤttert, wieder zer⸗ platzen, ſo ſteigen in mir Gedanken auf, die mich aus dem Chaos herausreißen ſollen, aber ſie zer⸗ ſtäuben an der ſchrecklichen Gegenwart.“ „Emmeline von Gronau— Fanny Wilmeſon — dieſe zwei feindlichen Geſtirne meines truͤben Himmels, ſie haben mich zerknirſcht und den männ⸗ lich trotzigen Sinn, der mich ſo wohlgeruͤſtet im Kampfe erſcheinen ließ, zur ohnmaͤchtigen Wuth ver⸗ wandelt. Fuͤrchterlich!— Ich wuͤhle in meinem 27 eigenen Fleiſche, und zehre mich auf in dem ewigen Wechſel der Empfindungen. Bald bin ich geneigt, ihr zu vergeben, ſie zu entſchuldigen, ſie vor jedem Tadel ſelbſt zu retten, bald ſehe ich in ihr das ge⸗ meine Weib, die ſchonungslos mich einem Buben aufopferte, der ihr eine ſchoͤnere Geſtalt und eine Hand voll Gold entgegen trug. O daß doch Alles verſchachert wird!—— ———————— „Und auch du biſt von meiner Bahn geſchieden, ſanfte Anna, Gefaͤhrtin meiner Jugend. Soll ich denn Alles verlieren? Lachen die Himmliſchen mei⸗ ner Hohn, daß ſie mir jedes Gluck vorſpiegeln, und, wenn ich darnach haſche, mich ein Nichts umarmen laſſen? Wie konnte das ſuͤße Girren dieſer Taube meine Schmerzen einlullen! wie konnte ich das Toben meiner Bruſt vergeſſen, wenn ich in die reine Lie⸗ fe dieſer klaren Seele ſah, worin ſich der Himmel mit ſeiner ätheriſchen Bläue ſchoͤner abſpiegelte! Sie fuͤhrte den Fluͤchtling zur heimiſchen Huͤtte zuruͤck und lehrte mich, der ich das All durchflog, mir den Gott zu ſuchen, an dem Heerde fromm beten zu den haͤuslichen Laren. und nun fort von mir! Losge⸗ riſſen von dem darangewachſenen Herzen! Soll ich mich da nicht verbluten!“ ————— „Ich habe in dieſen Tagen mit den fuͤrchter⸗ lichſten Schmerzen die Wahrheit uͤber mein Selbſt 7 geboren. Da liegt es vor mir, eine Grimaſſe, das kruͤppelhafte, mißgeſtaltete Kind. Jetzt erſt fuͤhle ich die furchtbare Schwere meines Schickſals; es hat mir den friſchen Lebenshauch, die Jungfräulich⸗ keit meiner Gefuhle getoͤdtet. Im raſenden Wirr⸗ warr hat mich's durch's Leben geriſſen; doch dieſes Leben nicht nach Ideen geſtaltet. Gelänge es mir nur erſt, dieſen unbändigen Lowen in mir zu zäu⸗ men, daß ich ihn leiten koͤnnte zum ſichern Ziele, das ich wohl winken ſehe, aber ſo nicht erreichen kann. Dort nur kann ich geneſen; ſonſt bin ich ewig krank und zerriſſen.“ „Es iſt ſo leer in mir, als waͤre eine ganze Welt aus meiner Bruſt gewichen. So hohl und dumpf hallt jeder Ton des Lebens in mir nach, daß ich es recht deutlich fuͤhle: es iſt nichts in mir. Nur das unendliche Gefuͤhl, geliebt zu ſein, konnte mein Ganzes ausfuͤllen; nun dieſes geflohen iſt, iſt Alles geflohen. Soll wieder ein Menſch aus mir werden, ſo muß ich mit der begeiſtertſten Glut einer weiblichen Seele geliebt werden; ich muß bald ein Maͤdchen finden, die mit reiner unſchuldiger Seele mich verſteht und liebt. Liebe, die hochſte Liebe be⸗ darf mein Herz; ohne ſie gehe ich zu Grunde. Wo wird mir der heilige Heerd der Veſta brennen?“— * 29 Dies waren die Gefuͤhle des edeln Juͤnglings, die immer duͤſterer wurden, je länger ſich die Nach⸗ richt von ſeinen Angehoͤrigen verzoͤgerte. Beide Freun⸗ de litten und wußten, daß die Mittheilung nur den Schmerz erhöhen werde, darum blieben ſie ſtumm und mieden einander, um nicht die Herzen ſich noch ſchwerer zu machen. Ein Jeder war ſich bewußt, in ſeiner Liebe nicht nachgelaſſen zu haben. Wilhelm insbeſondere, deſſen ſanftes, liebevolles Gemuͤth ohnedies ſo leicht Theil nahm am Schmerze Anderer, und beim ungluͤcke ſei⸗ ner Mitbruͤder tief mitfuhlte, Wilhelm litt doppelt. Ein Mal erfaßte ihn die lange Entfernung von ſei⸗ ner geliebten Anna auf die ſchmerzhafteſte Weiſe, dann nagte der tiefe Kummer ſeines Freundes mit an ſeinem Herzen. Im Schmerzing'ſchen Hauſe war eine Trauer, eine Stille, die ein allgemeines Leiden verkuͤndete. Der alte Hofrath, der ſich durch nichts teicht aus ſeinem behaglichen Pflegma bringen ließ, fing an, da er von Allem unterrichtet war, immer mehr an dem Truͤbſinn der Andern Antheil zu nehmen. Stunden⸗ lang ſprach er jetzt kein Wort und bließ den Dampf ſeiner Tabackspfeife vor ſich hin, als wolle er aus den Figuren deſſelben das verhaͤngnißvolle Geſchick entraͤthſeln. Sonſt wußte er, zumal bei Tiſche, durch einige derbe Scherze, über die er zuerſt und am mei⸗ ſten lachte, die Andern leicht zu erheitern, und ſeine joviale Laune hatte etwas ſo Heimiſches und Herz⸗ liches, daß das Gemuͤth in ſeiner Gegenwart froh und heiter wurde. Seitdem aber Alles ſich zur Trauer hinneigte, und ſeitdem ihm ſein geliebtes Rnn⸗ chen nicht mehr die einſamen Stunden ausfuͤllte mit ihrer liebevollen Gegenwart, war er in einen Ernſt verfallen, der ſein ganzes Weſen umkehrte. Mehr, ihrer innern Bedingung nach, litt die tieffuͤhlende Mutter, die das Leben von ſeiner hoͤch⸗ ſten und klarſten Seite angeſchaut, die die Hochpunkte erfaßt hatte, die der Blick des gewoͤhnlichen Menſchen nicht erreicht, ſie litt natuͤrlich unbeſchreiblich. Sie hatte ſich ſo in die gleichgeſtimmte Anna hineingelebt, daß ſie nur verſchiedene Saiten eines Inſtrumentes zu ſein ſchienen, aus deren Einklange die wahre Har⸗ monie hervortoͤnt. Nun fehlten jene Saiten und die ihrigen gaben nur immer den einen Ton des ver⸗ zweifelten Schmerzes. Dabei konnte nur ſie Gol⸗ ding's Gram nach ſeiner ganzen Groͤße ermeſſen, nur ſie die Tiefe ſeines Leidens ſchätzen, und— ſie that es. Wie unendlich ſchmerzte ſie ſein Kummer; und doch unternahm ſie Alles, ihn zu troͤſten; vergebens! alle ihre Bemuͤhungen ſcheiterten an der duͤſter um⸗ woͤlkten Stirn des Juͤnglings. Vor Allem aber ging ihr der Kummer des einzigen Kindes, des ge⸗ liebten Sohnes nah. Sie hatte fruh das ſchone Ver⸗ haltniß der be den Liebenden ſich entwickeln geſehn⸗ ehe ſie ſelbſt ſich deſſen deutlich bewußt wurden, und war entzuͤckt daruͤber geweſen. Es war ihr ſchoͤnſter Gedanke, ihr heißeſter Wunſch geweſen, die beiden 31 Kinder auf ewig verbunden zu ſehen. Und nun ſchien das Geſchick jenes Band ſo grauſam zerriſſen zu ha⸗ ben. Keine Klage glitt uͤber ihre Lippen, und die des Troſt's ſelbſt zu ſehr bedurfte, ſuchte den trau⸗ renden Sohn zu troſten und zu erheitern. Sie be⸗ ſchloß, die Gemuͤther der jungen Leute auf einen äu⸗ ßeren Gegenſtand zu lenken, damit der innere Gram einmal einen Ableiter faͤnde, und ſie dachte an die Herbſtjagd auf ihrem Gute Kleefeld und an den lieben Foͤrſter Reinhard, der mit ſeinem einfach herzlichen Ton die Sohne gewiß gut unterhalten, vielleicht auf⸗ heitern wuͤrde. Sie ſelbſt ſehnte ſich aus dem Ge⸗ wuͤhl der Stadt, wo die Geſichter ſo untheilnehmend waren, auch konnte ſie ſich jetzt gerade nicht von den Beiden trennen. Der Alte ließ ſich in dieſer Stim⸗ mung auch leichter von ihr bereden, aus ſeinen Pa⸗ pierſtoͤßen hervor zu gehen; und ſo fuhr denn die ganze Familie nach Kleefeld. Das Gut lag ſehr ſchoͤn, am Ausgange eines kleinen Doͤrfchens, und hatte eine ziemlich große Waldung in der Rahe. Man wollte ſo einfach landlich leben, als nur moͤg⸗ lich, weil ſolche Einfachheit den guten Menſchen um ſo mehr zuſagte, ſo unertraͤglich ihren bekuͤmmerten Herzen das ſtädtiſche Getriebe geweſen war. „Man kann,“ ſagte die Mutter:„einfach und natuͤrlich leben, ohne in Narrheit auszuarten, ich meine damit, daß man nicht gleich, wie die meiſten Menſchen, in die Karrikatur des Landlebens verfaͤllt. Da waren vor einigen Jahren hier in der Rähe 32 einige Fraͤulein auf dem Gute Grasdorf wohnhaft, die eine Menge Fante und Romanenſchreiber um ſich herum verſammelt hatten, um ein idylliſches Leben zu fuͤhren. Bald kamen mehre Koketten hinzu, die ihren ſinnlichen Lebenswandel hinter den Rollen der Schaͤferinnen verſteckten. Man las Theokrit in fran⸗ zoͤſiſchen ueberſetzungen und lernte Geßners Idyllen auswendig, damit man immer einen Schwall einfach⸗ klingender Redensarten bei der Hand haben wollte. Ein Strohhut, wie ihn die Schweizerdirnen tragen⸗ hing nur auf der Seite des Kopfes; das Haar wur⸗ de geloͤſ't und fiel in langen Locken herab; ein bun⸗ tes Leibchen umguͤrtete den Leib, und ein kurzes Roͤck⸗ chen verhullte kaum die verborgenen Reize und machte das Maͤnnerauge nur gieriger. Dazu ein Schaͤfer⸗ ſtab mit Bändern geziert und eine Hirtenfloͤte, jede der Damen ein Paar Lämmer um ſich herum, und die Arkadierinnen waren fertig. Die Herren erman⸗ gelten nicht, in der edeln Einfachheit nachzufolgen, und ich glaube, wenn der Winter nicht gekommen waͤre, ſie waͤren alle in den Stand der Unſchuld zu⸗ ruͤck gekehrt. Man machte Verſe und ſprach zuletzt in Verſen. Das Landleben wurde in den ſchlechte⸗ ſten Jamben hochgeprieſen. Dies dauerte ſo lange, bis einige von den idylliſchen Holdinnen fur nöthig fanden, gewiſſer urſachen wegen, ſich, um kein Auf⸗ ſehen zu erregen, heimlich zu entfernen. Es druckte ſich ſtill eine um die andere ab, und man wußte nicht, wohin ſie kamen. Das erregte nun erſt rech⸗ 33 tes Aufſehn. Der Schreck daruber und das ſchlechte Wetter, das ploͤtzlich eintrat, vertrieb die andern.“ „Ein Pasquill auf die Menſchheit!“ rief Eduard lebhaft aus.„Schiefe Bildung, mißverſtan⸗ dene Schwaͤrmerei, verkruͤppelte Ideen bringen wohl ſolche Karrikaturen hervor. Daß ſie ſchlechte Verſe machen, mag noch gehen, das iſt ja jetzt an der Ta⸗ gesordnung; man zwängt die aus Dichtern und Pro⸗ ſaiſten zuſammen geſtohlene Glut in Jamben und Trochäen und flucht darauf, daß man ein Dichter ſei. Daß aber alle dieſe Menſchen das Leben ſo we⸗ nig verſtehen, daß die hohe Poeſie des Landlebens lautlos an ihren Ohren voruͤberzieht, und ſie ſtatt deſſen mit Puppenroͤcken ſich anputzen, wie der Schau⸗ ſpieler mit einer Ruͤſtung von Pappe, das— das iſt empoͤrend!“ „Ich wuͤrde,“ ſprach Wilhelm,„„wenn ich zu⸗ fällig in ihre Geſellſchaft gekommen waͤre, gewaͤhnt haben, in eine Heilungsanſtalt fuͤr Wahnwitzige ge⸗ rathen zu ſein.“ Der Hofrath lachte herzlich uͤber die naͤrriſchen Menſchen und konnte durchaus nicht begreifen, wie ſie auf die tolle Idee gekommen wären, ſo kurze Roͤcke anzuziehen. So ſprach man lange und viel über die Art und Weiſe des einfachen Landlebens und die Familie richtete ſich nach dem Reſultate ſolcher Geſpräche ein. Des Morgen lebten die beiden jungen Leute den ſchoͤnen Wiſſenſchaften. Eduard trieb Poeſie, 34 Muſik und Malerei. Wilhelm malte oder ſchrieb be⸗ ſtändig. Eduard blies die Floͤte gut und ſpielte mit Gewandtheit, wenn auch nicht mit Anna's unendli⸗ cher Zartheit, auf dem Fluͤgel. Hier leiſtete ihm die Hofräthin oft Geſellſchaft. Der Hofrath unterhielt ſich mit dem Foͤrſter Reinhard, der alle Morgen mit da fruhſtuͤckte. Mittags verſammelte man ſich zur Mittagstafel, die einfach und gut gewaͤhlt war. Nachmittags gingen die drei Maͤnner mit dem Fdor⸗ ſter auf die Jagd, und die Hofräthin in das Dorf zum Pfarrer, oder nahm von dort Beſuche an. Der weitlaͤuftige Forſt bot jenen ein großes Feld fuͤr ihr Vergnugen und der alte Reinhard verfehlte nicht, ſie auf die ſchoͤnſten Punkte zu fuͤhren und ſie mit der ganzen Waldung auf's beſte vekannt zu machen. Eduard's raſcher gluͤhender Sinn riß ihn bald fort in den Tempel der großen Natur, und er ſuchte durch groͤßere Anſtrengung ſeinen Schmers zu betaͤu⸗ ben. Es gelang ihm. Sein Herz oͤffnete ſich den großen Eindruͤcken der Natur. Aber ſpaͤt in der Nacht kehrte er auch oft erſt nach Hauſe und ſein ermuͤdeter Koͤrper forderte dann Ruhe. Wilhelm dagegen ſchwärmte und traͤumte von ſeiner Anna fort. Jedes romantiſche Plaͤtzchen ent⸗ riß ſeiner Bruſt einen tiefen Seufzer, denn er dachte ſie darauf und ſich an ihrer Bruſt; jedes gruͤne ſchat- tige Thal, jeder Felſen, von Gebuͤſch und weichem Moos umgeben, ließ ihn ſeine verlorene Geliebte her⸗ deiwunſchen. Oft wenn ſich beide im Walde trenn⸗ 35 ten und der eine nach dieſer und der andere nach je⸗ ner Seite hineilte, um dem Waidwerke nach zu ja⸗ gen, und Wilhelm ſich nun allein befand, da uͤber⸗ ließ er ſich der Schwermuth ganz, und ſtarrte, an ſeine Doppelflinte gelehnt, vor ſich hin, nichts den⸗ kend und nichts traͤumend, als die Verſchwundene. Der Foͤrſter hatte die Herren ſchon mehremale gebeten, ihn zu beſuchen; es war in den erſten Ta⸗ gen nicht daran gekommen. Eduard ſtieß waͤhrend des Jagens auf das Forſthaus. Die romantiſche Lage deſſelben im Gebüſch gefiel ihm ungemein und er ſchlenderte behaglich darauf zu. An der Seite des Hauſes war ein kleiner Garten, einfach aber geſchmack⸗ voll eingerichtet. Er erblickte durch die Hecken in demſelben eine weibliche Geſtalt auf und abgehend. Ihr Wuchs war ſchlank, ihre anmuthige Haltung ungeswungen. Ein knappes Mieder umſch oß die ſchoͤne Form der Bruſt, ein einfaches Kleid ſloß in Wellen von den Huͤften herab. Das nußbraune glaͤnzende Haar ſier auf die Achſeln hernieder; doch das Geſicht konnte er immer nicht gewahren. End⸗ lich drehte ſie ſich huͤpfend herum, und Maria— er erkannte ſie gleich— die niedliche Geſundheits⸗ goͤttin ſtand vor ihm. Sie hatte ihn am erſten ſchoͤnen Fruͤhlingstage dieſes Jahres empfangen, jetzt ſollte ſie daſſelbe beim letzten ſchoͤnen Herbſtta⸗ ge thun. Dieſer Gedanke machte ihm viel Freude. Er bog leiſe die Zweige von einander, ſprang uber die niedere Befriedigung des Gartens und ſtand„loͤtz⸗ 56 lich vor der uͤberraſchten Marie. Sie verbeugte ſich anſtandig und erwiederte verſchämt ſeinen Gruß. „Wie herrlich!“ rief Eduard:„daß ich Sie ſo wieder finde in Ihrem Gotterſitz. Jetzt muß ich im Olymp ſein. O erlauben Sie, daß ich mich hier niederlaſſen darf, ein Stuͤndchen mit Ihnen zu ver⸗ plaudern.“ „Sie haben mich uͤberraſcht, Herr Golding,“ lispelte das Mädchen und ſchlug die Augen nieder: „doch ſind Sie mir herzlich willkommen und ich freue mich, daß Sie hier ſind.“ „Wirklich? Thun Sie das?“ rief Eduard ent⸗ zuͤckt:„O Sie begluͤcken mich durch dieſe natuͤr⸗ liche Aeußerung Ihres reinen Herzens. Doch, ich vitte!— ſchon einmal reichten Sie mir als Hygiea den herrlichen Trank,— jetzt reichen Sie ihn mir als Hebe. Ich habe mich durſtig gelaufen, und wuͤnſche einen Trunk kuͤhler Milch aus Ihren Händ⸗ chen.“ „Ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten,“ erwie⸗ derte die Holde und mit einem leichten Knir ſchluͤpfte ſie in das Haus. Eduard war durch den freund⸗ lichen Empfang des Maͤdchens ſo wunderbar erhei⸗ tert, daß er unbewußt ein froͤhliches Jägerlied zu trillern anfing. So wohl war ihm lange nicht ge⸗ weſen. Die muntere Jagd, der ſchoͤne Oktobertag, das romantiſche Forſthaus und vor Allem das rei⸗ zende Waldkind hatten ihn ganz umgeſchaffen. Aber was auch dieſen Fruͤhling nur noch Knospe geweſen 37 war, das hatte ſich im Herbſte jetzt zur herrlichſten Blume entfaltet. Das niedliche Maͤdchen hatte ihn ſchon damals intereſſirt, aber ſie war ſo ſchnell wie⸗ der fort und ſeit der Zeit hatte er ja Jahrhunderte durchtebt, und die Maſſe der Begebenheiten hatte das braune Foͤrſterkind aus ſeinem Gedaͤchtniß ver⸗ drängt. Jetzt aber mußte er ſich geſtehen, nie ein intereſſanteres Madchen geſehen zu haben. Ein zier⸗ liches Ebenmaaß der Glieder ſchmuͤckte die etwas vollen Formen, und ihr Auge ſtrahlte von einem hoͤheren Feuer; ihre Stimme war ſo ſonoro und gefaͤllig, daß ihr Eduard ſtundenlang zugehört hätte, nur um zu hoͤren. Er war noch in Betrachtungen uͤber ihre Reize verſunken, als ſie wiederkehrte und ihm mit dem Anſtand einer Grazie die beſtellte Milch darreichte. „Sie waren uns damals zu ſchnell entſchlupft,“ begann Eduard:„und feierten die Freuden des Ta⸗ ges nicht mit uns, die Sie doch herbei gefuͤhrt hatten.“ „Ich bin gewohnt, den Befehlen meines Vaters nachzukommen,“ erwiederte ſie mit holder Ratuͤr⸗ lichkeit:„und er hatte mir aufgetragen, Abends wieder hier zu ſein. Ich entfernte mich daher heim⸗ lich, um die Freude der Geſellſchaft nicht zu ſtoͤren, ſodann auch recht, wie eine Goͤttin, wieder vor Ihren Augen verſchwunden zu ſein.“ Das Letzte ſagte ſie mit einem ſo ſchelmiſchen Laͤcheln, daß Eduard beinahe ſie umarmt hätte. „Sie haben keine Mutter mehr? frug er nach einigen Pauſen, in denen ſeine Augen ſich ergotzt hatten. „Nein; ich verlor ſie ſchon vor ſieben Jahren. Sie liegt im Doͤrfchen begraben, gleich an der Kir⸗ che. Ich war damals zehn Jahre alt, erinnere mich aber ihrer ſanften Zuge noch ſehr lebhaft, gleich⸗ ſam, als ſei ſie erſt vor einigen Tagen geſchieden. Sie ſtarb an einem hitzigen Nervenfieber. Als ſie ſich dem Tode nahe fuͤhlte, rief ſie mich und mei⸗ nen Vater an's Bett und ſprach lange und ruͤhrend zu uns.„Sei Du ihr Vater⸗ ſagte ſie zu ihm, wie ich ihr eine Mutter war, und Du, indem ſie ſegnend ihre Hände auf mein Haupt legte, werde ei⸗ ne gute Tochter. Habe ſtets Gott vor Augeu und im Herzen, und huͤte Dich, daß Du niemals ſuͤndi⸗ geſt.“ Nach dieſen Worten ſchlummerte ſie ſanft ein, um nie wieder zu erwachen. Der Eindruck, den ihr Tod auf mich machte, iſt unausloſchlich; ſie ſteht mir immer vor der Seele mit ihrem bleichen, ſanften Leidensgeſicht. O⸗ ſie war gut, himmliſch gut, und ich hätte ihrer Lehren und Ermahnungen noch lange, lange bedurft.“ Sie trocknete ſich ſchnell die Thraͤnen ab, die unwillkuͤhrlich ihren Ku⸗ gen entrollten und bat dann mit halb lächelndem, halb noch vom Weinen getruͤbten Geſicht um Ver⸗ zeihung, ihn mit einer Krankengeſchichte unterhal⸗ ten zu haben. Eduard hatte mit Entzuͤcken den Silbertonen 39 ihrer Stimme gehorcht, er war erſtaunt uͤber dieſe kindliche Natuͤrlichkeit, die er noch an keinem weib⸗ lichen Weſen gefunden zu haben meinte; er war be⸗ geiſtert von der Zartheit ihrer Empfindungen. Je⸗ des ihrer Worte war bis in das Innerſte ſeiner Seele gedrungen und er bewahrte es dort auf, als einen heiligen Schatz. Hingeriſſen von der Fuͤlle himmliſch ſuͤßer Gefuͤhle, ſprang er auf, umfaßte die bluͤhende Jungfrau und drückte ihr einen war⸗ men Kuß auf die edele Stirne. „Sie muͤſſen ein gutes Mädchen ſein,“ rief er aus:„und verrathen ein Herz, deſſen Freund zu heißen, mir Stolz und Entzuͤcken ſein wuͤrde.“ Purpur faͤrbte plotzlich die Wangen Marie's, Eduard's Kußerung machte ſie etwas betreten. Er bemerkte es, drum fuhr er ſchnell fort und ſprach die Gefuͤhle aus, welche ihre ſanften Toͤne in ihm angeklungen hatten. *„D es muß ſchoͤn ſein, die Liebe einer Mutter, einer ſolchen Mutter zu beſitzen, oder doch wenigſtens beſeſſen zu haben; es muß himmliſch und das Herz erhebend ſein, die Zärtlichkeit einer ſolchen Mutter zu verdienen!“ „Wie? hätten Sie nie dies Gluͤck ſelbſt erfah⸗ ren?“ „Nein!— Nein!“ rief Eduard von der gan⸗ sen ſchmerzlichen Gewalt dieſer kindlichen theilneh⸗ menden Frage ergriffen:„mir ward vom Geſchick nicht beſchieden, eine Mutter zu kennen, dieſes 40 Haupt, wenn es muͤde war, an die Mutterbruſt zu lehnen, dieſes Herz, wenn es ſtuͤrmte, wenn es litt, auszuſchuͤtten vor der Mutterliebe. O, wer noch eine Mutter hat, der ſchlinge ſeine Arme lie⸗ bend um den Leib, der ihn trug, und auf ihn wird der Segen traͤufen. Des Vaters Gemuͤth erſchließt ſich nie dem Kinde, ſo wie die zarte Mutterſeele. Sie nimmt an Freude und Leid des Kindes Theil, ſie fuhlt Alles ſelbſt. Ach! und ich habe keine Mutter!“ Marie war ſo vom Schmerze Golding's ergrif⸗ fen, daß ihren dunkeln Augen ein Thraͤnenſtrom ent⸗ quoll. Sie ſchluchzte laut; denn auch ſie hatte ja keine Mutter mehr. Sie war durch Golding ſo ſchmerzlich und doch ſo ſuͤß an die geliebte Geſchie⸗ dene erinnert worden, daß ihr das Herz in unendli⸗ cher Wehmuth zerfließen mochte. Eine lange Pauſe entſtand; Jedes fuͤhlte ſeinen Schmerz und war mit ihm beſchäftigt. Endlich er⸗ mannte ſich Eduard, er ſah das ſchone Maͤdchen noch ſchoner in ihrem Schmerz. Sie mußte unendlich tief fuͤhlen, und die Ratuͤrlichkeit dieſes tiefen Ge⸗ fuhls war noch durch keine großtonige Erziehung verkruͤppelt, das Bruͤnnlein ſprang rein und ſilber⸗ klar aus der ſchoͤnen Quelle, es war noch nicht in künſtliche Rohren gefaßt, die dem Waſſer einen Nach⸗ geſchmack geben. Er bat mit lispelnder Stimme das holde Kind bald wieder kommen zu duͤrfen, und ihre ungezwungenheit ſagte ihm, daß ſie ihn zu jeder Zeit recht gerne ſähe, daß ſeine Geſellſchaft ihr angenehm 41 ſei. Sie erbot ſich zugleich, ihm den Weg nach dem Gute zu zeigen, und ſie gingen ſelbander im vertrau⸗ lichen Geſpraͤche begriffen, durch den Wald. Ihre Hand ruhte in der ſeinigen, ihr Athem ſpielte oft mit ſeinen Locken. Ihr ganzes reiches Herz oͤffnete ſich dem jungen Waidmann und legte unbewußt die koſtbarſten Schaͤtze heraus. Eduard fand einen Tem⸗ pel der unſchuld, der Liebe zu Gott und Menſchen und des tiefſten Gefuͤhls. An einer Waldecke nahm ſie Abſchied; Eduard konnte ſich nicht enthalten, ihr einen Kuß zu geben. Wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte es ihn, als er die vollen wuͤrzigen Lippen beruͤhrte, und mit die⸗ ſem Kuſſe war eine freudige Unruhe in ſein Herz ge⸗ zogen, die ſich bald kund that. Er verſprach ihr ſchon morgen wieder zu kommen. Als er allein war, fing er unvermerkt an, eine Vergleichung anzuſtel⸗ len zwiſchen Emmelinen und Marianen. Jetzt ſprang Emmelinens kalter Verſtand, die Geſchraubtheit ih⸗ rer Reden, das Polirte ihres Kußeren mehr hervor als je. Er mußte ſich geſtehen, das urlebendige des Menſchen, die friſche innere Lebensfulle, habe ihr ge⸗ mangelt; er nur habe ihr das Phantom ſeiner Traͤu⸗ me untergeſchoben. Ihr zur Seite nun dieſes bluͤ⸗ hende Naturkind, unbekannt mit dem Tone der Welt, ohne Ahnung, daß man Herzen taͤuſchen koͤnne und wolle; im Walde erzogen, ſo friſch, ſo gruͤnend wie er, ſprudelte die Lebenskraft gleichſam in ihr über. Jedes ihrer ungekuͤnſtelten Worte hatte viel in ſich 42 und der Ton ihrer ſchoͤnen Stimme legte noch mehr hinein. Von ihr geſprochen, ſchienen die Worte einen tieferen! Sinn zu haben. Dieſe unſchuld und Sanft⸗ muth, der unausſprechliche Liebreiz und die unnach⸗ ahmliche Bewegtheit, erhoben ſie zu einer Zierde ih⸗ res Geſchlechts. Emmeline trat in den Hintergrund zuruͤck. Er wollte ſich ſelbſt nicht geſtehen, daß er das Maͤdchen liebe und erſchrack, als er zum erſten Male daran dachte; er wollte ſeine Neigung ſich ſelbſt weglaͤugnen, aber ſie kehrte immer und ver⸗ ſtäͤrkt wieder und verbreitete eine Heiterkeit uͤber ſein ganzes Weſen, deren er ſich ganz entwoͤhnt hatte. Als er etwas ſpaͤt in den Kreis der Familie trat und jener Frohſinn ſein ganzes Geſicht verklaͤrt hatte, ſah ihn Wilhelm mit Verwunderung an; denn das konnte er ſich kaum erklaͤren. Der tiefſinnige Ernſt, welcher zeither Eduard's Geſicht beherrſcht hatte, war ſo zur Gewohnheit geworden, daß die ploͤtzliche Hei⸗ terkeit um ſo mehr abſtach, und die Hofräthin ſelbſt aufmerkſam machte. Eduard ſcherzte und lachte und verfiel dann plotzlich in ein minutenlanges Rachben⸗ ken, wo er mit der ganzen Glut ſeiner Phantaſie an Marie'n dachte. Dann plauderte er wieder leb⸗ haft und erzaͤhlte von ſeinen Reiſen. So ließ er den ganzen Abend uͤber ſeiner Phantaſie den Zuͤgel ſchießen und ließ Wilhelm und deſſen Mutter in Un⸗ gewißheit uͤber ſein Betragen. Lange verweilte er noch auf ſeinem Zimmer und ſchaute in die lautloſe ſternenhelle Nacht hinaus, un⸗ 43 vermerkt nach der dunkeln Eichenwaldung zu, we jetzt gewiß Marie den ſuͤßen Schlummer der unſchuld ſchlummerte. Mit dem Gedanken an ſie ſchlief er ein; bunte Traumbilder umgaukelten ihn. Er ſah ſich im Traume auf einem ſchroffen Felſen; bebend ſchaute er in die furchterliche Tiefe, da nahte ihm von hinten eine ſchoͤne weibliche Geſtalt; er wollte ſich an ſie ſchmiegen, aber— da erkannte er Em⸗ melinen— ſie ſturzte ihn ſchonungslos in die Tiefe hinab; da lag er verzweifelnd und huͤlferufend, und ploͤtzlich von Wohlgeruch und freundlich⸗ mildem Glanze umgeben, erblickte er einen Engel vor ſich, der ihm die Hand reichte und ihn aus dem Gewirre herauſzog und in lächelnde Fluren fuͤhrte. Da ſah er dem Engel in das Geſicht und er war— Foͤr⸗ ſters Marie.— Er erwachte von Schweiß durch⸗ näßt. Die Sonne war ſchon hoch geſtiegen und ſtrahlte in ſein Zimmer. Raſch kleidete er ſich an, und eilte — da die geſtrige unruhe in ihm erwachte— in den Garten hinab. Der Traum ſtand noch lebhaft vor ſeiner Seele und er gedachte der ſinnvollen Bedeutung deſſelben. Daß Marie'ns Eindruck die Leidenſchaft gegen Emmelinen geſchwaͤcht hatte, war ihm ſchon geſtern Abend klar geweſen, daß Emmeline ganz aus ſeinem Herzen verdrängt war, hatte der Traum be⸗ wirkt. Ihre Vergehung an ihm, die kaltſinnig voll⸗ brachte untreue, traten hervor, ſie ihm als Schänd⸗ liche darzuſtellen, um dieſes einfache Naturkind nur noch mehr zu heben. Wie wurde es ihm jetzt zur Gewißheit, daß Emmelinen's untreue ſein groͤßtes Gluck geweſen ſei! Wie elend wuͤrde er ſich gefuͤhlt haben, wenn ſie ſpa⸗ ter, vielleicht in einer näheren Vereinigung mit ihm, dieſen Charakter der Gemeinheit geaͤußert haͤtte. Waäͤhrend dieſer Betrachtungen war er dem alten Gärtner nahe gekommen, der ſein Tagewerk ſchon lange ruͤſtig begonnen hatte. Er war bemuͤht, das gefallene Laub aus den buſchigten Laubgängen zu ſammeln, um daſſelbe zu ſeinen Miſtbeeten fuͤr den Lommenden Fruͤhling zu benutzen. Eduard hatte faſt täglich mit dem Alten geſprochen⸗ denn er dachte ſich gern in die verſchiedenſten Menſchen hinein, ſuchte ihre Welt zu verſtehen und ſich mit ihnen in derſel⸗ ven zu bewegen. Er beſaß die ſeltene Fähigkeit, nach einer kurzen unterredung, die verborgenſten Falten eines jeden Herzens klar zu durchſchauen. Den Gaͤrt⸗ ner hatte er als einen eiſenfeſt braven Mann er⸗ kannt, der ohne rechts noch links zu ſehen, mit glei⸗ chem Schritte ſeine gerade Straße fortſetzte. Auch heute redete er ihn an.. „Jakob, wie lange ſeid ihr nun im Dienſte?“ „Funfzig Jahre, Herr Golding.“ „Habt Ihr Familie?“ „Nein, meine Frau, mit der ich dreißig Jahre ein einiges, friedſames Leben führte, modert ſchon längſt in der Erde und ich wackele noch allein darauf herum. Ich hatte zwei Kinder, ſie ſind geſtorben, und Niemand iſt auf der Welt, den ich mein nennen 45 koͤnnte. Ich denke, wenn das Lauh wieder faͤllt, wird auch welches auf meinen Grabhuͤgel fallen.“ „Ihr muͤßt ein ruhiges und gluͤckliches Leben fuͤhren, daß Ihr ſo gelaſſen und ernſt dem Tode ent⸗ gegen geht?“ „Was ich bedarf, mein lieber Herr, erhalte ich für meine Arbeit; mehr brauche ich nicht. Meine häuslichen Geſchäfte, meine Wäſche und dergleichen, beſorgt mir Forſters Marie, die mich einen Tag um den andern beſucht.“ „„Die Tochter des Foͤrſters Reinhard? Das muß doch ein recht gutes Maͤdchen ſein.“ „Die Guͤte ſelbſt! Sie iſt aber nicht des Foͤr⸗ ſters Tochter, ſondern nur ſein Pflegekind.“ „Ja ich erinnere mich, davon gehoͤrt zu haben. Sagt einmal, Alter, kennt Ihr das Maͤdchen ge⸗ nauer?“ Der Gaͤrtner hatte die gutgemeinte Frage miß⸗ verſtanden; denn er hielt mit der Arbeit inne und maß Eduard mit mißtrauiſchen Blicken. Dann fragte er mit verbiſſenem Unwillen:„Kennen Sie denn das Maͤdchen nicht?“ „Sie iſt mir recht wohl bekannt; ich fragte aber nach ihrem Innern.“ „So, ſo“ brummte der eifrige Mann in den Bart, ſprach aber kein Wort weiter, ſondern ſetzte den Beſen ſo ruͤſtig in Bewegung, als wolle er heu⸗ te das Laub des ganzen Harzes zuſammenkehren. Eduard lächelte; er hatte wohl verſtanden, was des Alten Blick geſagt hatte, ungefaͤhr: wenn Du das Mädchen kennſt, ſo frage mich nicht weiter nach ihr, denn das verräth andere Abſichten. Ich kenne die jungen Fante ſchon. Doch dazu iſt das Maͤdchen zu edel, zu tugendhaft. Eduard demonſtrirte ſich noch manches aus Jakobs Geſicht hinſichtlich Marie⸗ ens heraus, begann noch einmal mit ihm zu ſpre⸗ chen und ging, da der Gaͤrtner muͤrriſch blieb, auf ſein Zimmer zurück. Mit Wilhelm verabredete er die heutige Jagdpartie etwas fruͤher und ging daun mit ihm zur gemeinſchaftlichen Tafel, wo ſie eine ziemlich ſtarke Anzahl von Fremden aus der Nach⸗ varſchaft trafen. Die Hofräthin neckte Eduard während des Eſſens mit ſeiner heiteren Laune und zog dadurch die Aufmerkſamkeit der ganzen Ta⸗ felgeſellſchaft auf ihn. Es waren die Toͤchter eini⸗ ger der reichſten Gutsbeſiter aus der Nähe da, die von den jungen Herren gehoͤrt hatten und auf ſie Jagd machten. Sie hatten ſich in Pracht und Auf⸗ wand uͤberboten und gewiß ihre ganze Garderobe aus⸗ gepluͤndert, um ſich mit Putz und Schmuck zu be⸗ häͤngen. Ihr ſteifes Benehmen⸗ ihre gedrechſelten Worte ſagten den ſinnigen Juͤnglingen nicht zu⸗ und Eduard in's beſondere fuhlte ſich uͤber die Unterhaltung der gelben Schoͤnen empoͤrt, welche mit ſchonungs⸗ loſer Zunge einige Nachbarinnen durchhechelten. So⸗ bald es die Schicklichkeit nur einigermaßen erlaubte, erhoben ſich Beide von der Tafel und eilten auf das Forſthaus zu/ den alten Reinhard abzuholen. Ein 47 knappes Jägerkleid ſchmiegte ſich wohlgefällig an Eduards kraͤftige Formen; ein ſchneeweißer Hemdkra⸗ gen war uͤber die gruͤne Jacke oben hergeſchlagen und zeigte vorn die offene Bruſt; ein kleiner Hut hing mehr auf dem einen Ohr, und von ihm ragte eine dicke Strausfeder bis in den Nacken herab. „Du ſiehſt ja ſo jugendlich kuͤhn aus, wis ein Ritter, der auf Abentheuer ausziehen will,“ ſprach Wilhelm laͤchelnd:„ Sieh doch nur, wie die Damen hinter uns aus dem Schloß ſich die Hälſe bald abdehnen, um Dich nur recht in Augenſchein nehmen zu koͤnnen. Es iſt nicht fein von uns, daß wir ſie ſo allein zuruͤck laſſen.“ „Immerhin!“ und ſingend: Im grünen Holze iſt mein Haus; Ich muß in die weite Welt hinaus!“ krabte er im Sturmſchritt davon„ daß Wilhelm ihm keuchend nachrief: „Du jagſt ja, als wolleſt Du heute noch ales Wild im Forſte erlegen.“ Eduard beſann ſich, daß er auf dieſe Weiſe nur Verdacht erregen werde und antwortete daher ſo gleichgültig, als moͤglich: „Es iſt kalt; der Oktober gibt ſich zu erken⸗ nen.“ Doch wie er auch ſtrebte eine Unbefangen⸗ heit zu erheucheln, es gelang ihm nicht; ſeine Mie⸗ nen, Sprache, Gebehrden verriethen Wilhelm deut⸗ lich genug, daß in ſeinem Freunde etwas Beſonderes 48 vorginge, was mit der heutigen Jagd in Beziehung ſtand. Wohl machte ſich Eduard Vorwuͤrfe, ſeinem Wil⸗ helm nichts von der geſtrigen Begebenheit und der ge⸗ machten Bekanntſchaft geſagt zu haben; aber er wuß⸗ te ja ſelbſt nicht recht, was er wollte. Solche Ge⸗ heimniſſe ſind ſo ſuͤß, man moͤchte ſie ſich ſelbſt nicht geſtehen, geſchweige denn einem Andern. Wilhelm überließ ihn ſeinen Traͤumereien und wandelte ſtill an ſeiner Seite hin. Sie kamen an das Forſthaus. Eduard lugte durch die Zweige, Wilhelm trat in die Thuͤr. Der Foͤrſter empfing Beide ſehr freund⸗ lich, und als er hoͤrte, daß ſie heute ſchon ſo bald jagen wollten, fing er an ſich anzukleiden. Eduard durchſtrich die Hausflur, durchlief den Garten, Ma⸗ rie war nicht da.„Das iſt doch entſetzlich ſchel⸗ miſch von der kleinen Bruͤnette“ dachte er;„ſie weiß doch, daß ich heute kommen will,“ und ſchmollend ging er wieder in die Stube. Reinhard ſprach mit Wilhelm, dem kuͤnftigen Erben des Gutes, uͤber den Forſt und den Wildſtand, uͤber Holzvermehrung und Erſparung, uͤber die rechten Schlagholzer, uͤber die Behandlung des Nadelholzes, uͤber Wildpflege und dergleichen mehr. Eduard horchte nur mit halben Ohren ſeinen belehrenden Worten, er ſaß, wie auf Kohlen, und harrte mit Sehnſucht auf den Gegen⸗ ſtand ſeiner geſtrigen und heutigen Träume. Doch ſie erſchien nicht. Fragen wollte er nicht; denn mit der entfernteſten Frage glaubte er ſein Geheimniß verrathen. ℳ — verrathen. Der Alte war fertig, man griff zu den Flinten und Eduard mußte mit, ſo mißmuthig er auch daruͤber war. Seine Stimmung hatte ſich ſchnell geaͤndert und er ſchlich wieder eben ſo grillenhaft neben Wilhelm her, als ſonſt, ſein Geſicht hatte wie⸗ der die alten Falten, und dieſer wußte daher durchaus nicht, wie er mit ihm daran war. Eduard ſchoß alle Kugeln in den Wind und Reinhard ſchuͤttelte den Kopf; er mußte heute Alles allein machen. Eduard wuͤnſchte endlich zurück zu kehren. „Ich wuͤrde Sie gerne einladen, meine Herren, dieſen Abend mit Waidmannskoſt vorlieb zu nehmen, wuͤßte ich gewiß, ob meine Marie zuruͤckgekehrt ſei. Doch, wir koͤnnen ja zuſehen!“ „Wo iſt die freundliche Göttin meiner Gene⸗ ſung?,, fragte Eduard ſchuͤchtern. „Sie iſt in das Dorf;“ erwiederte der Foͤrſter gleichgiltig,„dort beſucht ſie einen armen Kranken. Sie bringt ihm oft Erfriſchungen, und da er Rie⸗ mand hat, der ſich ſeiner Hilfloſigkeit annimmt, ſo pflegt ſie ihn, ſo gut es ihre ſchwachen Kraͤfte er⸗ lauben.“ „Wieder ein Werk eines Gottvollen Herzens? dachte Eduard entzückt.„Doch wie?“ fiel er ſich ſelbſt ſchnell ein, ſie, das ſchoͤne ſiebzehnjaͤhrige Mädchen beſucht einen Kranken allein, wartet und pflegt ihn,— wenn dieſer Kranke—— ein huͤb⸗ ſcher, junger— wenn er ein Liebhaber waͤr?“ Der Gedanke fuhr ihm wie ein Stich durch's Herz; ohne Die Intrigue,. 50 daß er es recht wußte, wüthete Eiferſucht in ihm, ſie ſchlug die ſpitzen giftigen Krallen in ſeine Bruſt, daß er kaum athmen konnte. Kein Woͤrtchen wei⸗ ter vermochte er zu fragen, denn er fuͤrchtete, der Blitz moͤchte herabfahren und ſein Haupt zerſchmet⸗ tern; er bebte, ſein Todesurtheil zu horen. Als haͤtte der Foͤrſter ſeinen jungen Jagdgenoſſen durch⸗ ſchaut, und in ſeinem Innern geleſen, ſetzte er nach einigen Minuten der Angſt und Qual hinzu: „Der alte Michel, eben jener Kranke, iſt ein Holshacker meines Reviers. Er verlor vor einigen Jahren ſeine Frau und in dem Kriege ſeine beiden Söhne, die als Soldaten dienen mußten. Er war ſonſt immer auf dem Gut beim alten Gaͤrtner Ja⸗ kob, und gleiche Schickſale und gleiche Geſinnun⸗ gen hatten ſie zu den beſten Freunden gemacht. Die Beiden haben mir die Marie erziehen helfen und in allerlei Gutem unterrichtet. Nun da der Michel krank iſt, iſt Marie das einzige Geſchoͤpf, das ihm in ſeinem Elende beiſteht.“ Ein ſuͤßtdnenderes Wort hatte Reinhard nicht ſagen koͤnnen; wonnige Schauer durchrieſelten Eduard's Gebeine. Die Reinheit und die Tugend des Mäd⸗ chens ſtanden in rieſiger Herrlichkeit da. Sie traten in das Haus. Marie war noch nicht da. Eduard hatte eine ſchreckliche unruhe in ſich. Der Boden brannte unter ihm. „Der alte Michel muß kränker geworden ſein,“ 13 51* ſagte Reinhard,„ſonſt waͤre Marie gewiß da; ſie verſprach hier zu ſein um dieſe Zeit.“ „Gewiß deinetwegen,“ dachte Eduard, denn geſtern war er gerade um dieſe Zeit dageweſen. Er konnte unmoͤglich länger bleiben; und er trieb Wilhelm zum Aufbruch. Kaum waren ſie zu Hauſe angekommen, ſo ſchlenderte Eduard, als wie von ohngefaͤhr, zum Doͤrfchen hinein. Mit unverwandtem Auge ſah er die Straße hinab, ob er ſie nicht erblicken wuͤrde. Endlich fragte er nach des Polzhackers Michel Woh⸗ nung. Man wies ihn in eine ärmliche Huͤtte. Sei⸗ ne Erwartung ſteigerte ſich von Minute zu Minute. Er bebte, als er die Thuͤre oͤffnete. Alles ſtill! „Marie!“ lispelte er halblaut. Da oͤffnete ſich die Stubenthuͤre und der Gaͤrtner Jakob trat heraus. „Ei, Herr Golding, wie haben wir hier die Ehre?“ ſprach der Alte mit einem grimmigen Ge⸗ ſicht:„Wollen Sie nicht naͤhet treten?“ Eduard war vor dem Alten herzlich erſchrocken; warum, wußte er nicht. Es fiel ihm ſchwer auf's Herz, daß Jakob glaubte, er habe ſchlechte Abſichten auf Marie, und doch mußte ſein jesiges Zuſammen⸗ treffen mit ihm, dieſen Glauben beſtaͤrken. Verle⸗ gen trat er in die niedrige Stube. Da ſtand ſie verſchämt vor ihm mit allen Reizen edeler Jung⸗ fräͤulichkeit herrlich geſchmuckt. Freundlich blickte ſie den Hereintretenden an. „Sie verſprachen geſtern, liebe Marie——“ 3* 52 Schweigend zeigte ſie auf das Lager in der Ecke, und jetzt erſt bemerkte er den alten Michel. Er war hin⸗ ubergeſchlummert und der Gott, zu dem er noch zu⸗ letzt gebetet, hatte ihm einen Engel geſandt, der ihm die letzten Stunden mit Kuͤhlung wuͤrzen, der mit ihm beten, der ihm die Augen zudruͤcken ſollte. Marie, die holde, hatte ihm dieſen letzten Dienſt erwieſen. Er war eben entſchlafen, und eine Thraͤ⸗ ne leuchtete noch aus des Engelmaͤdchens Augen. Eduard ward tief ergriffen, und eine Thräne, der Tribut, den er als Menſch der Menſchheit zollte, perl⸗ te auch aus ſeiner Wimper herab. „Friede ſei mit ihm! Sein Tagewerk iſt voll⸗ bracht; er wird den Lohn empfangen!“ ſprach Eduard im feierlichen Ton und faltete die Hände.„ Laßt uns beten! Der Geiſt Gottes iſt uͤber uns gekom⸗ men.“ und Martin, der alte Bediente Schmerzings⸗ der auch zugegen war, und Jakob und einige Bau⸗ ern, nahmen ihre Kaͤppchen ab und legten die Haͤn⸗ de andächtig zuſammen und Eduard ſprach das Ge⸗ bet. Marie ſchluchzte laut von tiefem Gefuhle uber⸗ wältigt. und als der gleichſam verkläͤrte Juͤngling nun geendet und ſeine Haͤnde ſegnend ausgebreitet hat⸗ te uͤber die Ueberreſte Michels, da beſorgten ſie noch das Noͤthige zum Begräbniß. Jakob blickte jetzt mit Ehrfurcht auf Golding hin; ſein jinſteres Geſicht hatte ſich in ein heiliges Staunen verzogen. „Ein verehrungswerther Herr,“ raunte er 53 Marien in's Ohr:„ich graubte, er habe es boͤſe mit Dir vor, aber nun glaube ich es nicht mehr. Sol⸗ che Gottesfurcht trifft man jetzt ſelten unter den jun⸗ gen Leuten.“ Und als nun der Abend ſeine kuͤhlige Ruhe her⸗ abgoß, und Marie mit Aengſtlichkeit des lieben Va⸗ ters gedachte, da bat Eduard, ſie nach Hauſe beglei⸗ ten zu duͤrfen. Sie reichte ihm mit Wohlwollen die Hand, und, vertraut, wie ein Paar Kinder, wandelten ſie dem Walde zu. Er hatte ſich gefaßt gemacht auf eine Anrede, er hatte ihr ſagen wollen von all den Gefuͤhlen in ſeinem Herzen, von dem Gluͤck einer reinen Liebe, aber er, der doch kein Neu⸗ ling in der Welt Ton und Weſen war, die ſtets ein Schwall von Redensarten vorräthig hat, die leicht aus allen Verlegenheiten reißen, er war durch das Verſinken in den Anblick des wunderlieblichen Natur⸗ kindes, und durch ihr ſchaͤmiges Erroͤthen, das der Wiederſchein in der Abendglut noch mehr erhoͤhte, ganz aus der Faſſung gekommen. Doch ihre Kind⸗ lichkeit ſchien bald auch auf ihn uͤbergegangen zu ſein, und er plauderte mit einer Herzlichkeit, die er lan⸗ ge an ſich vermißt hatte, daß er auf das Forſthaus gekommen und zu ſeinem großen Leid ſie nicht ge⸗ troffen habe, daß er dann vom Vater Reinhard ge⸗ hoͤrt, wohin ſie gegangen, und daß er nun gekom⸗ men ſei, ſie aufzuſuchen. Marie war nicht ſo freu⸗ dig, wie geſtern, denn Michel's Tod und Eduard's feierliche Worte hatten einen tiefen Ernſt uͤber ihr 54 ganzes Weſen gegoſſen. und doch rief ſie, als Eduard geendet, froͤhlich aus!„O, wie freue ich mich, daß Sie mir ſo gut ſind!“ Wie eine himmliſche Muſik klangen dieſe Wor⸗ te in Eduard's Ohren. Auch uͤber ihn war eine heilige Gottesglut gekommenz er hatte an der Schwel⸗ le des Lebens geſtanden, und alle Empfindungen, welche Tod und Sterblichkeit in einem hochbegabten Geiſte wecken koͤnnen, ſtroͤmten abwechſelnd mit dem Entzuͤcken der Liebe durch ſeine Seele. „Marie, liebe, beſte Marie;“ rief er:„Sie ahnen gewiß, was in mir vorgeht; nein! Sie fuͤh⸗ len alles das reiner, herrlicher und erhabener, als ich es je im Stande bin.“ „Ich verſtehe Sie,“ lispelte das Maͤdchen und ihr Blick ſchwamm in Thräͤnen. „Ja, Du, Du allein verſtehſt mich auf der Erde. Du biſt die Erwählte oder keine ſonſt. O tomm an meine Bruſt, holder Engel, und hauche die Reinheit deiner unſchuld in ſie. Komm und thei⸗ le mein Entzuͤcken!“ „Herr Golding, ſchonen Sie meinerz ich bitte, bitte!“ rief beſtuͤrzt das ſchoͤne Kind, uͤber das eben die Grazien ihren Roſenſchleier geworfen hatten. „Weg mit dieſer kalten Sprache der Welt. Laß das Herz reden, himmliſches Maͤdchen, Marie, ſuͤße Marie, liebſt Du mich?“ und ſie legte das Koͤpfchen an die knappe Jägerjacke, unter der das Herz ſo ſtuͤrmiſch ſchlug, daß die braunen Locken auf die offene Bruſt niederwallten, und lispelte kaum hörbar:„Ja ich liebe Dich!“ Da neigten ſich die Straͤuche uͤber ihnen und ſtreuten ihre Blaͤtter auf die Seligen herab; die letz⸗ te Abendroͤthe gluhte noch einmal dunkel empor und umhuͤllte ſie mit Roſenſchein, die Herbſtluͤfte wehten ſo milde, und die ganze Natur ſchien ihre letzte Schoͤn⸗ heit zu ſammeln, um das holde Brautpaar zu be⸗ gruͤßen. Der Mond ſtieg von der anderen Seite herauf und beleuchtete ihren einſamen Pfad. und er faßte ihre Hand und preßte ſie an die entzuͤckte Bruſt, dann ſchlichen ſie, wie die Elfen uͤber die Blumen hin, den Wald entlang. „Als ich Dich, theures Maͤdchen, geſtern durch die Zweige in deinem Gärtchen erblickte, da war mir's, als haͤtte der Himmel alle ſeine Wonnen über mich ausgegoſſen. Süße Erinnerungen an die erſte Bekanntſchaft mit Dir, ſtiegen, wie Geiſterſtimmen, in mir auf. Du hatteſt, als freundliche Goͤttin mei⸗ ner Geneſung einen ſo wunderlieblicheu Eindruck auf mich gemacht, den nur ſchreckliche Stuͤrme meines Lebens verwiſchen konnten, der aber bei Deinem An⸗ blick nur deſto ſtärker erwachte. Da fuͤhlte ich deut⸗ lich, daß ich Dich lieben muͤſſe, ich ahnte, daß auch Du mich lieben wuͤrdeſt. Ich hoͤrte geſtern und heu⸗ te ſo viele Beweiſe Deines trefflichen Herzens, daß ich mich entſchloß, Dir heute mein Herz und meine Hand anzubieten. Marie, willſt Du, mit Gottes 56 und des Heilands Gnade, mein treues redliches Weib ſein und bleiben, Dein Lebenlang?“ „So war mir Gott helfe! will ich das,“ er⸗ wiederte Marie ernſt und feierlich und reichte dem hochgeſtimmten Juͤnglinge ihre kleine Hand hin. „Dank Dir, guͤtiger Himmel, daß du mir rei⸗ chen Erſatz gabſt fuͤr ſo unzählige Leiden! Ach, Ma⸗ rie, ich habe ſchon viel gekaͤmpft und geduldet. Die⸗ ſes Herz ward ſchon an manche Klippe des Lebens geſchleudert und tief verwundet. Sieh, Marie, ich habe ſchon ein Maͤdchen geliebt; ſie war vielleicht auch ſo huͤbſch, wie Du— aber ſie hat mich betro⸗ gen, ſie iſt mir untreu geworden, ſie hat mich ei⸗ nem reichen Wicht aufgeopfert. Nicht wahr, Du willſt mir treu ſein?“ „Ewig,“ fluͤſterte Marie;„Ewig,“ rief Eduard und ſie umſchlangen ſich und der Kuß der Treue, das Siegel ihres Bundes, rauſchte auf den Lippen. Thränen der hoͤchſten Wehmuth und des hochſten Entzuͤckens floſſen von beiden Seiten. und begeiſtert rief Eduard: „Pier in der Natur ewig heiligem Tempel, der deine frommen Gebete und Handlungen ſo oft ſah, hier ſchwore ich, als ein freier Mann, daß ich es ehrlich mit Dir meine und nichts Hoͤheres kenne und wuͤnſche, als deinen Beſitz.“ Kuͤſſe lohnten ihm. Weiche Arme umſchlangen den Gluͤcklichen. Der Himmel goß ſeine Weihe auf das unſchuldige Paar. —— „Sieh,““ lispelte Marie:„nun vermag ich Dir ſo recht frei und froh unter die Augen zu ſehen, was ich geſtern, wo wir uns noch ſo vornehm gruͤß⸗ ten, durchaus nicht im Stande war zu thun.“ „Ach, als Du mir geſtern die Milch gabſt, da mochte ich ſchon Dir an die Bruſt ſinken und um Liebe flehen.“ „Und jetzt muß ich Dir geſtehen, erwiederte er⸗ roͤthend das glückliche Maͤdchen, daß ich Dich ſeit dem Mai geliebt habe. Als ich auf dem Altan ſtand, Dir die Weingabe zu reichen, als Du mir entgegen⸗ wankteſt, die Wange noch bleich von der Krankheit, aber das Auge durchſtrahlt von einem hoheren Licht, da fiel Dein Blick in mein Herz, und weckte dort ſchlummernde Gefuͤhle. Ach! und ſeitdem habe ich immer Dein gedacht, habe immer den alten Martin gefragt, wie Du Dich auf der Reiſe befaͤndeſt, und habe Deine Leidensgeſchichte wohl erfahren.“ „O ich Uebergluͤcklicher!“ jauchzte Eduard und ſchloß ſie in die Arme. „Und als ich horte, Du ſeieſt wieder da, Du ſeieſt ſo trubſinnig und menſchenfeindlich, da wurde ich auch traurig und mußte oft recht herzlich wei⸗ nen.“ „Suͤßes, theilnehmendes Maädchen!“ „Aber als ich vernahm, daß Du hierher kom⸗ men wuͤrdeſt, da war mir's, als flüſtere eine Gei⸗ ſterſtimme mir zu, Du—— Du—— 3** 58 „Ich wuͤrde, ich muͤßte Dich lieben, nicht wahr, war es nicht ſo, geliebte Marie?““ „Nein, nein, du biſt ein Schelm! als muͤßteſt Du hier geſunden und auch ich wieder froͤhlich wer⸗ den.“ „Immer daſſelbe, nur mit anderen Worten.“ So plauderten die Uebergluͤcklichen fort, und ihre himmliſche Hingebung, ihre unſchuld und die Zutrau⸗ lichkeit ihres argloſen Gemüthes ließen ihn bis auf den klaren Grund ihrer Seele ſchauen. Es trat ein zartſuͤßes Verhältniß zwiſchen ſie, wie es unter En⸗ geln ſein muß, und ſie meinten, es muͤſſe ſchon lan⸗ ge unter ihnen beſtanden haben. Alle Aengſtlichkeit und Schuͤchternheit war verſchwunden, alles Fremd⸗ artige von Marie gewichen; ſie kuͤßte mit herzlicher Natuͤrlichkeit und ließ ſich ungehindert von ihm lieb⸗ koſen. Als der erſte Rauſch des Entzuͤckens voruͤber war, kam allmaͤlich das Geſpraͤch auf ihre Familien⸗ verhältniſſe. Eduard erzählte ihr ſein Leben und machte ſie mit dem Dunkel ſeiner Geburt bekannt. Dann bat er ſie, ihm von ihren Eltern etwas Nä⸗ heres zu ſagen. „Ich bin,“ begann das unſchuldige Mädchen mit der Silberglockenſtimme,„ich bin nicht aus der hieſigen Gegend, ſondern aus dem Heſſenlande gebuͤr⸗ tig, wie auch mein Pflegevater, der eigentlich mein Oheim, der Bruder meiner Mutter iſt; die väterli⸗ — che Sorge fuͤr mich und die Liebe, mit der er mich erzog, gaben ihm das Recht des Vaternamens. Mein Vater war Pfarrer in Roſenau, einem heſ⸗ ſiſchen Dorfe. Er ſtarb leider! noch ſehr jung, und hinterließ meiner ſeligen Mutter nichts als zwei un⸗ erzogene Kinder, von denen. ich eins bin. Die gute Mutter war in Verzweiflung uͤber die Zukunft. Da nahmen meines Vaters Eltern in Fulda meinen zwoͤlf⸗ jaͤhrigen Bruder zu ſich. Er beſuchte dort die hohe Schule. Die Mutter und ich fanden offene Arme und liebevollen Aufenthalt hier in dem Hauſe meines Oheims. Er hatte nicht geheirathet und nahm mich an Kindes Statt an. Wir erlebten hier gluͤcktiche Tage, bis auch meine Mutter hinuͤber ging zum Frie⸗ denshaus.“ „Und der Name Deines Vaters?““ „Wolframm; mein Bruder ſtudirte in Goͤttin⸗ gen.“ „Wie? Wolftamm? Wunderbares Geſchick! Wolframm Dein Bruder! Wir haben in Goͤttingen zuſammen ſtudirt; er war mein Bekannter, mein Freund. Der Sturm meiner ungluͤcksfälle hat mich von ihn geriſſen, daß ich ſeiner nicht mehr dachte und ſo weiß ich nicht, wo der viedere Teutſche hauſt.“ „Er iſt gegenwaͤrtig mit dem jungen Grafen Semlin auf Reiſen. Jetzt wird er in Italien ſein. Aus der Schweiz habe ich ſeinen letzten Brief em⸗ pfangen.“ Eduard konnte nicht genug die ſonder⸗ baren Fuͤgungen des Geſchickes bewundern, und Bei⸗ 60 de freuten ſich herzlich uͤber die Entdeckung, die ſie gleichſam noch enger zuſammen zu knuͤpfen ſchien. Sie hatten das Forſthaus erreicht. Eduard ver⸗ ſprach, morgen zu kommen und den alten Vater Rein⸗ hard mit ihrem Bunde bekannt zu machen. Immer noch hatte er ihr etwas Suͤßes zu ſagen, immer noch eine Kleinigkeit zu erinnern, immer noch einen Kuß auf die friſchen Lippen zu druͤcken. Marie drang endlich ernſtlich auf Trennung und er riß ſich mit Muͤhe aus ihren umarmungen los. Sie ſchlüpfte wie ein Schatten durch die Thuͤre und er ſtand noch lange und ſtierte das Haus an, das ſeine Seligkeit umfaßte. Er haͤtte den Hirſchkopf kuͤſſen moͤgen, der uͤber der Hausthuͤre aus der Wand guckte und ſein ſechzehnendiges Geweih bis zu den Dachziegeln ſtolz emporhob; er haͤtte die Trittſteine umarmen moͤgen, uͤber die ihr Fuͤßchen geglitten war. End⸗ lich wankte er wie ein Trunkener den Pfad nach dem Gute zu. Sittſame Haͤuslichkeit, ſtiller Tugendſinn, from⸗ mes tiefes Gefuͤhl und die reinſte unſchuld, das wa⸗ ren die reizenden Eigenſchaften, die, zum Kranze ge⸗ wunden, das Mädchen ſeiner Wahl zierten. Alle die großen Tugenden, die die Goͤtter vom Himmel ſandten, das Menſchenleben zu ſchmuͤcken und zu be⸗ glüͤcken, und ihm eine Ahnung zu verleihen vom un⸗ endlichen und ueberirdiſchen, alle dieſe Tugenden hatte das einfache, anſpruchloſe Naturkind in ſich verſammelt, um— ein Engel zu ſein. und dazu 61 nun dieſe liebenswürdige Geſtalt, das kleine runde Geſichtchen, die ſchelmiſchen Gruͤbchen auf den Wan⸗ gen, die feurig⸗freundlichen ſchwarzen Augen, die friſchen roſigen Wangen; das braune glänzende Lok⸗ kenhaar, der ſchlanke Wuchs— Alles, Alles zum Entzuͤcken ſchoͤn. So ſchwärmte der Selige in buntfarbigen Bil⸗ dern hin, bis er vor dem Gute ſtand. So kurz war ihm der Weg noch nicht geworden. Man hatte ihn ſchon lange erwartet; denn es war ſpaͤt. Die Mutter Schmerzing hatte ſich den Kopf zerbrochen, wohin er wohl gegangen und was uͤberhaupt die Ur⸗ ſache ſeiner Gemuͤthsveränderung ſei? Nur Wilhelm hatte etwas geahnet, da er aber in Ungewißheit war, ſo ſchwieg er. Als Eduard in das Zimmer trat, war er ſichtbar verlegen; die Hofraͤthin zog ihn mit ſeinen einſamen Wanderungen auf und meinte, daß er ſein Leben nach zu tiefliegenden Ideen geſtalte, als daß es ihr moglich wäre, nur einer derfelben auf die Spur zu kommen. Eduard vertroͤſtete ſie, eben⸗ falls ſcherzend, auf morgen, wo er ihr den Reich⸗ thum aller ſeiner Lebensideen an den Tag legen wolle. Er haäͤtte dieſen Abend noch gebeichtet, aber der ſcherzende Ton der Hofräthin hielt ihn davon ab; die Sache war, ſeiner Meinung nach, zu heilig, um auch nur den geringſten Scherz vertragen zu koͤnnen. und doch war ſein Herz zu voll von der Wonne dieſes Abends; es ſehnte ſich nach Mitthei⸗ lung. Seinem Freunde wenigſtens konnte und durfte 62 er nicht länger verhehlen, daß er gefunden habe, was mehr auf ſeine Geneſung wirke, als alle Doktoren, Medikamente, Reiſen u. ſ. w. Als ſie ſich daher von der Hofraͤthin empfahlen, begleitete Eduard ſei⸗ nen Freund auf deſſen Zimmer. „Beſter Wilhelm“ begann er dort etwas zau⸗ dernd:„ich habe Dir eine Entdeckung zu machen, die Dich nicht wenig in Erſtaunen ſetzen wird.“ „Du machſt mich begierig, die geheime Geſchichte Deiner letzteren Tage zu hoͤren.“ „Nun ſo vernimm denn, daß ich mit der glu⸗ hendſten Leidenſchaft liebe und ebenſo wieder geliebt werde.“ 6 „Iſt es moͤglich!— und wer iſt der gluͤckliche Gegenſtand Deiner Zuneigung?“ „Foͤrſters Marie.“ „Um Gott! dieſes Engelskind? Laß Dich um⸗ armen, Freund! Deine Wahl iſt gluͤcklich. Ja glück⸗ licher haͤtte ſie nicht ſein koͤnnen. Mir iſt die Him⸗ melsreinheit dieſes Maͤdchens betann⸗ Und ſie liebt Dich wieder?“ „Denke Dir, das holde Kind hat mir im Rauſch des Entzuͤckens geſtanden, daß ſie mich ſeit der Be⸗ gruͤßung auf dem Altan geliebt hat.“ „Fuͤrwahr, Du biſt zu beneiden,“ rief Wilhelm, bei des Freundes Gluͤck ſeinen Gram vergeſſend. Lange koſeten ſie noch mit einander bis in die ſpäte Nacht hinein und Wilhelm faßte wieder den Glau⸗ ben an eine leidenloſe Zukunft; er fing, durch Eduard's Entzuͤcken erhoben, wieder zu hoffen an, daß er ſeine Anna gewiß bald finden werde. Beide uͤberließen ſich dann dem Schlummer, um die Bilder des Lebens, im Traum noch ſchoͤner umſchmuͤckt, um ſich ver⸗ ſammelt zu ſehen. Beim Fruͤhſtuͤck uͤbernahm es Wilhelm, das neue frohe Ereigniß den geliebten Eltern mitzutheilen. Die Hofraͤthin war eben ſo uͤberraſcht als freudig. Ihr ganzes Weſen ſchien ſich zu verjuͤngen, und wie eine Braut am Hochzeittage den Erwählten, ſo ſchloß ſie entzuckt den Freund in die Arme. „Gott ſeg'ne Sie! Er ſeg'ne den Engel, der Sie durch's Leben fuͤhren wird. Sie werden, Sie muͤſſen mit ihr glücklich ſein. Ich habe das Foͤrſter⸗ kind lange im Stillen beobachtet und die herrlichſten Eigenſchaften an ihr entdeckt. Wie preiße ich des Dimmels Fuͤgung, der Sie hierher gefuͤhrt hat, um Ihnen Ihr Gluͤck in die Arme zu legen.“ Der Hofrath gratulirte einmal uber das andere, und nannte mit einem Wortſpiel, das er fuͤr ſehr ſcharfſinnig hielt, Golding immer Hetr Goldkind, und war zulezt ſo bewegt, daß er ſich vom Sopha erhob, die Tabackspfeife wegſetzte, was nur bei außerordent⸗ lichen Begebenheiten geſchah, und Eduard recht herz⸗ lich auf Mund und Naſe kuͤßte. Er fing bei Tiſche ſchon wieder zu ſpaßen an und war in ſeiner Seele vergnuͤgt. Die gute Mutter begann nun eine lange Bera⸗ chung, an der die ganze Familie gleich großen Anthe 64 nahm, und man entwarf Plaͤne, die Wuͤnſche des begeiſterten Juͤnglings recht bald zu erfuͤllen. „Unſer Pfarrer im Dorfe iſt ein alter ſchwacher Mann,“ redete die frohe geſchwaͤtzige Mutter:„er kann den Dienſt nur mit großer Muͤhe noch verſe⸗ hen und hat vor einiger Zeit den Wunſch gegen mich geaͤußert, daß wir ihm einen Subſtitut beiſetzen moͤch⸗ ten. Sie nehmen die Stelle an, lieber Golding; er tritt Ihnen den dritten Theil ſeiner Beſoldung ab, die Gemeine verſteht ſich gern zu einer Zulage, und wir geben auch noch etwas zu; Sie ſelbſt haben ei⸗ niges Vermoͤgen und ſind deshalb die erſten Jahre, hinſichtlich Ihres Auskommens hinläͤnglich gedeckt. Sobald der Paſtor in ſeine Ruhe eingeht, haben Sie die Stelle, die nicht unbedeutend iſt.“ „Guͤtige, vortreffliche Frau!“ rief Eduard, vom Gefuͤhl des Dankes uͤberwaͤltigt aus:„wie ſoll ich Ihnen fuͤr Alles das danken? Sie machen mich zum glucklichſten Menſchen im ganzen Kreiſe.“ „Sie werden mit der lieben Marie recht artig leben. Vor der Hand raͤumen wir Ihnen das rechte Seitengebaͤude am Gute ein, und wenn Sie dann Paſtor werden, ſo werden Sie ſich in der wohleinge⸗ richteten Pfarrwohnung recht wohl befinden. Marie iſt und bleibt im Kreiſe ihres Gluͤcks; ſie hat ihren Vater in der Naͤhe und kann ihn pflegen, wie vorher.“ „Sie uͤberſchuͤtten mich mit unendlichen Wohl⸗ thaten! Mein Herz vermag die Wonne nicht all zu faſſen! Es muß zerſpringen vom ueberfluß.“ „Und dabei bleibt's,“ ſprach der Hofrath im gemäßigten Baß.„Sie werden pastor loci, fuͤh⸗ ren Ihr Mariechen heim, und wir kommen alle Som⸗ mer, Sie zu beſuchen, und da will ich kuͤnftigen Sommer gleich Gevatter ſtehen. Ha, ha, ha! das bitte ich mir von Ihrer Hochwuͤrden ganz beſonders aus.“ „Nein, nein!“ rief die Mutter ſcherzhaft: „ das ſoll ja nicht mit Courierpferden gehen; wir wollen dieſen Winter uͤber das Maädchen erſt in die Stadt zu uns nehmen, damit ſie von der großen Welt auch etwas zu ſehen bekommt. Sie weiß ja noch weiter nichts, als was hier im Dorfe vorgeht. Lernen ſoll ſie dieſen Winter über brav, damit ſie als chne tuchtige Hausfrau dem wuͤrdigen Herrn Pa⸗ ſtor ihre Hand reichen kann. Sie kann ſich immer⸗ hin unter uns gewoͤhnliche Menſchenkinder wagen, da ſie einen ſo ehrenwerrhen Verfechter ihrer hetrigen WMenſchenrechte gefunden hat.“ „Beſte Mutter,“ ſprach Wilhelm:„Sie wer⸗ den durch die Ausfuͤhrung dieſes Vorſchlages unſern Freund mehr als gluͤcklich machen, werden unſeren einſamen Zirkel beleben und die reizende Tochter der Natur fuͤr ihren neuen Stand herrlich vorbereiten.“⸗ „Das werde ich!“ ſagte die Hofraͤthin:„Ich bin es ja, die das Maͤdchen ihm zugefuͤhrt hat; ich veranſtaltete die Geſundheitsfeter, und ich will Hun⸗ dert gegen Eins wetten, das zaͤrtliche Verhaltniß ſchreibt ſich von damals her.“ 66 „Getroffen!“ rief Eduard und küͤßte ihr die Hand.„Ich will vor Allem an meinen Freund und hoffentlich bald naͤher mir verbuͤndeten, biedern Wolframm ſchreiben, und um ſeine Einwilligung bit⸗ ten, und noch heute will ich mit ihrem Pflegevater, dem wackern Reinhard ſprechen.“ So verflogen die Stunden im ſuͤßen Plaudern, bis Eduard ſeinen Wilhelm aufforderte, ihn zum Forſthauſe zu begleiten. Der Hofrath und ſeine Frau baten, das Kind mit dem Foͤrſter ja ſogleich mitzu⸗ bringen, damit man in Freude den Tag gemeinſchaft⸗ lich zubringen koͤnne. Der Gluͤckliche machte ſich mit dem Traurigen auf den Weg. Vor dem Hauſe wollte ſich Wilhelm trennen und einen andern Weg einſchlagen; denn das Geſtaͤndniß, meinte er, welches er dem Foͤrſter zu machen habe, ſei von der Art, daß es nicht ſo recht herzlich von ſtatten gehen wuͤrde, wenn ein Unberu⸗ fener ſich dazu draͤnge. Doch Eduard gab es nicht zu.„unter Freunden muß Alles gemeinſchaftlich ſein,“ ſprach er:„und uͤberdieß uͤberzeugt ſich der Alte am erſten von der Lauterkeit meiner Abſichten, wenn ich Dich, den jungen Herrn, ſogleich mit bringe.“ Marie, die mit aller der zarten Sehnſucht des jungfraͤulichen Herzens, das von dem Fruͤhlingshauch der Liebe uͤberfluͤgelt worden iſt, des geliebten Freun⸗ des gedacht hatte, zaͤhlte heute aͤngſtlich jede Minute. Sie war am Abend ungemein befangen in das Haus getreten, und hatte verwirrt und mit Thränen ihrem 67 Vater den Tod des alten Michel's kund gethan. Der tiefgeruͤhrte Foͤrſter hatte nicht bemerkt, daß noch etwas ganz Anderes in dem Herzen ſeines Pfleg⸗ lings vorgehen muͤſſe, was eine ſo große Bewegung in ihr hervorbrachte, als des Holzhackers Tod. Er ſchrieb die Glut ihres Geſichts, die trunkenen Augen, aus denen. Thraͤnen hervorquollen, die mehr dem Entzuͤcken, als dem Schmerz ihrer Seele galten, dem Anblick des Sterbenden zu. Sie meinte aber, ihr Pflegevater muͤſſe es ihren Augen, ihren Mienen, jeder ihrer Bewegungen anſehen, daß eine ſo unend⸗ lich große Veraͤnderung mit ihr vorgefallen ſei. Noch nie hatte ſie etwas auf ihrem kindlichen Herzen ge⸗ habt, das ſie ihm nicht ſogleich mitgetheilt haͤtte; noch nie war eine Luͤge uber ihre Lippen gekommen. und nun ſollte ſie ihm das ſuͤßeſte, das ſchoͤnſte Geheim⸗ niß verbergen, bis morgen? das ſchien ihr eine Ewig⸗ keit; es ſchien ihr eine Suͤnde an dem alten guten Vater. Ach, da wurde es ihr ſo bange, und ſie mußte wieder weinen. Nicht in das Geſicht ver⸗ mochte ſie ihm zu ſehen, und ſie ſchlug die Augen nieder, wenn er ſie anredete. Ihr Herz klopfte hoͤr⸗ bar unter dem engen Leibchen, und drohte die Nähte deſſelben zu zerſprengen. und als ſie ihm nun eine gute Nacht wuͤnſchte und, wie ſonſt immer, ihm einen herzlichen Kuß auf die gewekte Wange druͤckte, da ſprach er beſorgt: „Kind, Du gluͤhſt ja über und über, wie eine Kohle! Du haſt Dich doch etwa nicht zu ſtark heute 68 angegriffen? Der Anblick des Sterbenden hat doch nicht einen zu großen Eindruck auf Dich gemacht, daß Du mir wohl gar erkrankteſt?“ „Ach nein, liebes Vaͤterchen, ich befinde mich wohl. Seid nur unbeſorgt und ſchlaft ruhig; mor⸗ gen will ich euch noch recht viel erzaͤhlen.“ Als ſie aber auf ihrem Kaͤmmerchen allein war, überließ ſie ſich dem gluͤhenden Strome der Wonne⸗ gefuͤhle, welcher auf ihre Bruſt einſtuͤrmte. Sie ließ ihrem Entzuͤcken freien Lauf. Ach, und ſie hatte kein Herz, dem ſie ſich mittheilen konnte, ſie, die der Mittheilung jetzt ſo ſehr bedurfte. In den Hof hätte ſie hinabſpringen moͤgen, um es ihren Huͤhnern, ihren Tauben, ihren Blumen zu ſagen; jedem Strauch, je⸗ dem Baum im Walde hätte ſie die Seligkeit verkuͤn⸗ den moͤgen, daß ſie geliebt werde, daß Eduard der Ihre ſei. Wer rein und ungetruͤbt das Gluͤck je em⸗ pfand, geliebt zu ſein, und ſich dem freudig ſtolzen Gefuͤhle ganz hingab, der nur kann wahrhaft faſſen⸗ welche Wonnen in ihrer Bruſt erbluͤhten. Bald ſprang und huͤpfte ſie umher, bald verfiel ſie in eine ſuße ſtumme Wehmuth; die unendlichen Gefuͤhle beengten ihre Bruſt und drohten ſie zu zerſprengen; ſie muß⸗ te nach friſcher Luft ſchoͤpfen und das Fenſter oͤffnen; bald fuͤllten ſich ihre Augen mit Thraͤnen und ſie lis⸗ pelte, die Arme in die Nacht hinaus breitend: Eduard, mein Eduard, und blickte dann entzuckt zu der Bläue des Himmels hinauf.— So trieb ſie es faſt die balbe Nacht hindurch, bis des Schlafes Gewalt ſie 62 bezwang und ſie in ſeine weichen Arme legte und ihr das Bild des geliebten Juͤnglings wieder vor die freudetrunkene Seele zauberte. Am Morgen begann ſie das ſinnige Spiel von neuem, und der alte Foͤrſter, dem die Unbefangen⸗ heit ſeiner Pflegetochter gleichſam zur Natur gewor⸗ den war, ſchuͤttelte den Kopf und wußte die ploͤtz⸗ liche Veränderung mit ihr ſich nicht zu erklaͤren. Er liebte Marie'n unbeſchreiblich und ſchätzte ſie als ein gutes Kind, aber von der unendlichen Zartheit ihrer Seele, von all den Himmeln, die darin wohn⸗ ten, hatte er freilich keine Ahnung. Als des Tages Haͤlfte verſtrichen war und die Stunde immer naͤher ruͤckte, wo ihr Eduard kommen wollte, da wurde ihre Unruhe immer ſtaͤrker. Sie eilte in die obern Zimmer uͤber dem großen Hirſchkopf, wo ſie die Gegend uberſehen und den Weg nach dem Gute eine Strecke verfolgen konnte; doch wie ſie auch ſchaute und ihre Augen anſtrengte, ſie ſah ihn nicht kommen. Aber es war ja auch noch ſo bald; und konnte ihn denn nichts abgehalten haben? Dann nahm ſie ihr Strickzeug und ſchlenderte, in Gedanken verſunken den Weg hin, dem Geliebten entgegen. Wenn ein duͤrres Blatt vom Baume fiel, erſchrack ſie und meinte, Eduard ſtände vor ihr, wenn der Herbſthauch in dem Laube raſchelte, erhob ſie ſchnel das Lockenkoͤpfchen, ihn zu begruͤßen; wenn die Jagd⸗ hunde bellten, klopfte ihr Herzchen hoͤher, denn ſie glaubte, ſein Hund ſei ihm vorangeeilt. Wie ſie des — 70 Rachts der phantaſtiſche Traumgott mit bunten Bil⸗ dern umgaukelt hatte, ſo neckte ſie mit tauſenderlei Spielen ihre vewegte Einbildungskraft. Ach, wie lang wurde ihr jede Stunde, wie zählte ſie jeden Schlag der alten Pendeluhr in des Vaters Stube, und doch ſchien ihr ſeit geſtern Abend erſt eine klei⸗ ne Zeit verſchwunden zu ſein. Endlich, als ſie ſich auf eine Bank vor der Thuͤre geſetzt hatte, ſchoß Bianko, Eduards Jagdhund, um die Waldecke, wie ein Pfeil auf Marie zu, ſprang an ihr hinauf und leckte ihr freudig Haͤnde und Geſicht. Gleich darauf erſchienen die beiden Freunde. Wie verlegen ſtand das unſchuldige Mädchen da, als ſähe ſie den gelieb⸗“ ten Juͤngling zum erſtenmal. Sie blieb verſchämt ſtehen, und erwartete erroͤthend die Ankunft der Bei⸗ den. Bald erhob ſie den Fuß, ihm entgegen zu ei⸗ len, bald zuckte es ihr in der Hand, ſie gegen ihn auszuſtrecken, und doch that ſie nichts; denn Schmer⸗ zing war ja dabei; und konnte ſie wiſſen, daß Eduard ſo ſchnell mit der Entdeckung des ſchoͤnen Geheimniſ⸗ ſes geeilt ſei? Doch Eduard eilte ſtuͤrmiſch auf ſie zu, umſchlang das ſich ſanft ſträubende Mädchen und kuͤßte ſie feurig auf Mund und Wangen. „Gott gruͤß Dich, meine inniggeliebte Marie!“ Haſt Du auch recht an mich gedacht?“ Nur ein Gedanke war in meiner Seele, und der warſt Du,“ lispelte verſchaͤmt das Raturkind und ſchlug ſittſam die Augen nieder. Da ſtand ſie in der Verklärung der erſten Lie⸗ 71 be und alle Himmliſchen hatten ſie mit ihren Reizen überſchuͤttet. Sie machte ſich ſanft los, und gruͤß⸗ te dann ſittſam und hoͤflich den jungen Herrn, wie die Dorfbewohner Wilhelm zu nennen pflegten; und nothigte dann Beide, in das Haus zu treten. Der alte Foͤrſter, der im Hinterhauſe beſchäf⸗ tigt geweſen war, und alſo die trauliche Bewillkom⸗ mungsſcene nicht mit angeſehen hatte, woruͤber er ſich gewiß hoͤchlichſt verwundert haben wuͤrde, kam jetzt freudig geſprungen, noͤthigte die Herrn in die Stube und befahl einige Flaſchen alten Wein, um ſeinen Gaͤſten und Waidgenoſſen den Aufenthalt im gruͤnen Forſthaus recht angenehm zu machen, und das, was er geſtern Abend durch Marie's Ausblei⸗ ben verſaͤumt hatte, deſto beſſer heute beizubringen. Er fullte die Gläſer und begann ſein Lieblingsge⸗ ſpraͤch wieder von Holz und Wild, und breitete ſich gemachlich darin aus. Als aber Wilhelm, der im⸗ mer meinte, ſeine Gegenwart verhindere die Unter⸗ redung uͤber den eigentlichen Gegenſtand ihres Her⸗ kommens, die erſte Gelegenheit ergriff, um ſich zu ent⸗ fernen, da nahm ihn Eduard bei der Hand, um ihn von ſeinem Vorhaben zuruͤck zu halten, und ſprach: „Bleibe zugegen, lieber Wilhelm; was ich mit dem Herrn Forſter abzumachen habe, iſt kein Ge⸗ heimniß und ſcheut nicht die offene Unterhaltung. Mein lieber Herr Foͤrſter, Sie werden ſich gewiß uͤber die Urſache verwundern, die mich heute zu Ihnen hergefuͤhrt hat; es iſt keine geringere, als die Hand 72 Ihres liebenswürdigen Pfleglings. Ich habe Marie'n nur dreimal in meinem Leben geſprochen, aber den ganzen Werth ihres Charakters erfaßt, und komme nun, Sie um die Einwilligung zu bitten, Marie'n ganz die Meine nennen zu duͤrfen. Ich ſehe Ihren Mienen an, wie Sie uͤberraſcht ſind und nicht be⸗ greifen koͤnnen, daß ich ſo ſchnell mich entſchloſſen habe; doch dieſe reine klare Seele zu erkennen und zu durchſchauen, bedarf es nicht langer Zeit; ſie iſt ohne Fehl und Falſch und reich mit herrlichen Tu⸗ genden ausgeſtattet, und jedes Herz muß ſie liebge⸗ winnen.“ „In der That, Herr Golding,“ erwiederte der Alte:„ich bin uͤberaus verwundert; denn Ihr Antrag hat mich uͤberraſcht. Wenn Sie das Herz des Maͤdchen haben, und meinen, daß Sie durch ihren Beſitz gluͤcklich werden koͤnnen, ſo habe ich nichts dagegen und wuͤnſche Ihnen Heil und Segen dazu⸗ Ich kann nicht laͤugnen, daß meine Marie eins der beſten Maͤdchen in der Runde iſt. Sie iſt nicht reich an Gold, aber an Tugend. Haben Sie Brod fuͤr Sie und ein Herz, das ſie ſchaͤtzt, ſo nehmen Sie ſie in Gottes Namen hin.“ „Der Herr Hofrath hat mich zum Subſtitut des Paſtors hier beſtellt, und die Stelle iſt mir ſchon zugeſichert.“ „Nun dann habe ich doch einigen Erſatz fur meinen großen Verluſt,“ entgegnete geruͤhrt der Al⸗ te:„Denn glauben Sie, es wird mir hart vor⸗ kom⸗ 73— kommen, nun wieder ſo allein in der Welt dazuſte⸗ hen. Nun, da ich mich ſeit zehn Jahren an das Madchen gewoͤhnt, ſoll ich wieder hinaus in den Wald ohne das Bewußtſein, daß daheim Jemand lie⸗ bend an mich denkt, und wenn ich heimkehre Abends wird Mariechen mir nicht mehr entgegen huͤpfen und mir Alles bereitet haben zu meiner Bequemlichkeit. Doch ich werde ja ſo lange nicht mehr jagen, da wird der Tod, der beſte Schuͤtz unter allen Waidmaͤnnern, mich auf's Korn nehmen und mich erlegen. Wenn ich nur die letzte Freude habe, daß ich ſterbend weiß, lieb' Mariechen wird mir die Augen zudruͤcken.“ Reinhard hatte die letzten Worte mit einer Ruͤh⸗ rung geſprochen, die Alle tief ergriff. Marie beſon⸗ ders, die in aͤngſtlicher Bewegung an der Stuben⸗ thuͤr gehorcht hatte, fing bitterlich zu weinen an, da ihr Vater vom nahen Tode ſprach. Sie ſchluͤpf⸗ te herein, hing ſich an ſeinen Hals und bedeckte ihn mit Kuͤſſen. Da nahm er ihre Hand und fuͤhrte ſie zu Eduard; nahm auch die ſeine und fuͤgte beide in einander, nahm dann andaͤchtig das ſchwarzſammtene Kaͤppchen ab, breitete ſeine Haͤnde uͤber ſie aus und brach mit feierlichem Tone in die Worte aus: „„Des Herrn Wille geſchehe; er ſei gebenedeit in Ewigkeit! Amen. Ich ſegne euch, meine Kin⸗ der; ich ſegne Dich, liebe Marie! Der Herr ſei mit euch, und der Himmel gebe euch ſeine ſchoͤnſten Ga⸗ ben zur Begleitung durch das Leben. Amen. Amen.“ Marie's Augen ſtroͤmten von hellen Thraͤnen Die Intrigue. 11. 4 —— über; auch Eduards Wangen waren feucht. Wil⸗ helm hatte ſich in die Fenſtervertiefung gelehnt und zwei große Tropfen hingen an ſeinen Wimpern. Durch die Thuͤr hatte Jakob der Gaͤrtner den Kopf geſteckt, und der alte Mann ſchluchzte laut. Als die Scene voruͤber war, ſprang er herein, faßte Marie'n beim Kopf und kuͤßte ſie auf die Wange, dann reichte er Eduard die Hand, und ſprach:„Nehmen Sie es nicht uͤbel, beſter Herr Golding, ich komme da zu ei⸗ ner ſo unvermutheten Freude, daß ich mich gar nicht behelfen kann. Sie ſehen, ich bin in Trauertracht; denn ich bin gekommen, zur Leiche des alten Michel zu bitten, und kann nun hier gleich den Hochzeitbit⸗ ter machen. Nichts fuͤr ungut von geſtern fruͤh, aber ich hielt Sie fuͤr einen Modeherrn, die, wie Bienen, den Honig aus der Blume ſaugen und dann davon fliegen. Nun bin ich von Herzen froh und wuͤnſche Heil und Segen!“ Marie, uͤberwaͤltigt von der Feier und der Freu⸗ de des Augenblicks, weinte und lachte zugleich, um⸗ armte Alle und kuͤßte Alle. „Aber, lieb' Väterchen, ſprach ſie dann, ſprecht mir nicht wieder von Eurem Tod; Ihr macht mir ſonſt das Herz gar zu weich. Ihr ſeid noch ſo ruͤ⸗ ſtig und ſtark; warum denn da vom Tode reden, der Trauer und Truͤbſinn uber Eure Tochter bringen wuͤrde? „und ſind Sie nur darum bekuͤmmert, ſagte Eduard, daß Sie der Abwartung entbehren muͤßten, 25 daß Sie allein, ohne Pflege in Ihren alten Tagen jedem uͤberraſchenden ungemach Preis gegeben wären, ſo glauben Sie nicht, daß ich den Mann in der Noth verließe, der mir das Liebſte auf der Welt ſo ſorglich pflegte und erzog. Doch genug davon, warum ſchla⸗ gen wir uns am Tage der Freude mit traurigen Gedanken herum; laſſet uns frohlich ſein und uns der genußreichen Stunden erfreun! Der Herr Hofrath wartet mit ſeiner theuren Frau Gemahlin ſchon lan⸗ ge auf uns. Laßt uns deshalb eilen, um auch ihre Gluͤckwuͤnſche zu empfangen.“ und Alle machten ſich auf den Wege nach dem Gute zu. Wilhelm ging in Gedanken an ſeine An⸗ na verſunken voran, dann folgten Reinhard und Ja⸗ kob, freundlich mit einander koſend, und leiſe hinter⸗ drein ſchlich das gluͤckliche Paär. Marie, die geſtern kaum eine Ahnung von der Seligkeit der Liebe gehabt hatte, ſchwamm in einem Wonnemeer. Wenn ſie den geliebten Bräutigam an⸗ ſah, huͤpfte ihr das Herz und ſie konnte nicht genug des Himmels wunderſame Fuͤgung preiſen, die ihr den Gegenſtand ihrer erſten, ihrer himmliſchen und hoffnungsloſen Liebe zugefuͤhrt hatte. Oft kamen ihr die Begebniſſe des geſtrigen Abends und des heutigen Tags wie ein ſußer Traum vor, und ſie haſchte gleich einem Kinde, das ſich nur durch das Taſtgefuͤhl von der Wahrheit einer Sache uͤberzeugt, nach den Ge⸗ genſtaͤnden ihres vermeintlichen Traums. Aber ihr Gang war ſtolzer geworden, ihre Stirn war erha⸗ 4 76 bener und von einem Glanze umſtralt; in ihren Be⸗ wegungen war etwas Hochjungfraͤuliches; ſie war nicht mehr das Kind, das ſpielend das Gute gethan, ſie wußte jetzt, daß das Leben eine hohe Bedeutung habe, und eine Ahnung war durch ſie geklungen von jenem Raͤthſel. Eduard ging mit einem ruhigen Selbſtgefuͤhl ne⸗ ben ihr, wie er noch nie beſeſſen zu haben meinte. Kein kuͤhner Aufflug ſeiner regen Phantaſie war es, die ihn durchgluͤhte, nicht der Dichtung hohe Gedan⸗ ken durchſtroͤmten jetzt ſeinen Geiſt; es war ein Schweigen nach langen Stuͤrmen, eine wohlgefaͤllige, dem Herzen angenehme Empfindung, des Gluͤckes hoͤchſten Gipfel nun erreicht zu haben. Ihm war es jetzt einerlei, ob ſein Vater Kaiſer von Marokko oder von China war; er wollte Paſtor in Kleefeld wer⸗ den und in Marie's Armen das haͤusliche Gluͤck, die Krone des Lebens, genießen. Er umfaßte das freund⸗ liche Maͤdchen, und im wahren Vorgefuͤhle ſeines ehe⸗ lichen Gluͤckes, nannte er ſie ſein theures Weibchen. Sie kamen auf dem Gute an. Vor der Thuͤre empfing der Hofrath das Brautpaar und legte nach aller Form ſeine ellenlange Gratulation ab. Die Hofraͤthin herzte unterdeſſen das braune Foͤrſtermäd⸗ chen und nannte ſie ihre Tochter. Als der Hofrath geendet hatte, riß ſie Eduard an ihre Bruſt und ſegnete das junge Paar. „Machet die Thore auf und die Thuͤren weit, damit die Geſegneten des Herrn eingehen!“ jubelte ——— der Hofrath und ſchuͤttelte dem Forſter die Hand da⸗ bei kräftig. Des Kellers beſtes Getränk ſtand bald auf dem Tiſche, und Heiterkeit verbreitete ſich uͤber die Verſammlung, zu der noch die gebetene Pfar⸗ rersfamilie gekommen war, um ſich mit dem neuen Subſtituten zu begruͤßen. Nur Einer war nicht froh, und ſo ſehr er auch verſuchte, ſich ſelbſt zu beluͤgen, es gelang ihm nicht und die Natur behauptete ihre heiligen Rechte. Wilhelm dachte an Anna. Die Hofraͤthin beredete ſich nun mit dem Foͤr⸗ ſter, und ſie kamen uͤberein, daß Marie vom heutt⸗ gen Tage an als Mitglied der Schmerzingſchen Fa⸗ milie gelten, auf dem Gute wohnen, und bei der Ruͤckkehr der Familie mit in die Stadt gehen ſolle. „Ich mache es mir zur Bedingung,“ ſagte ſie:„daß ich Marie's Bildung im hoͤheren Ton ſelbſt uͤbernehme. Ich ſelbſt werde ſie dieſen Winter in die glanzenden Zirkel unſerer Hauptſtadt einfuͤhren, um— ſetzte ſie laͤchelnd hinzu— um ihrer Tugend den Probirſtein anzulegen. Bisher war die Einſam⸗ keit die Schuͤtzerin derſelben, jetzt muß die Liebe und die eigene Kraft ſie ſchuͤtzen.“ 8 Marie neigte ſich verſchaͤmt auf der Hofräthin Hand, preßte einen innigen Kuß darauf und lis⸗ pelte:„o wie gluͤcklich vin ich, daß ich auch wieder eine Mutter gefunden habe!“. Dem alten Reinhard that die Hofraͤthin den Vor⸗ ſchlag, ſein Amt niederzulegen, und mit Genuß ſei⸗ 78 ner vollen Beſoldung ſeine letzten Tage bei Marie'n zuzubringen. „O herrlich!“ rief Eduard;„gehen Sie mit uns nach Hannover, beſter Vater, und auf das Fruͤhjahr ziehen Sie wieder mit heraus nach Klee⸗ feld, da wollen wir dann immer zuſammen wohnen.“ Aber Reinhard ſchüttelte wehmuͤthig laͤchelnd den Kopf und ſagte:„Wer im Dienſte grau geworden iſt, der kann nicht von der Beſchaͤftigung laſſen. Der Wald iſt meine Welt; und bin ich nicht mehr im Walde, ſo bin ich auch nicht mehr in der Velt. Ich will Waidmann bleiben, bis mich die Beine nicht mehr tragen, und meinem guten Herrn Hof⸗ rath dienen bis an's Ende meiner Tage.“ Es half keine Einwendung bei ihm und man mußte es dem Geſchicke uͤberlaſſen, wie es die Din⸗ ge ſpäter geſtalten wuͤrde. Die gluͤcklichen Menſchen lebten einen frohen Tag zuſammen. Marie nahm am folgenden Tage Anna's Stelle ein, und ſie machte ihr keine Schan⸗ de. Hatte ſie auch nicht das ſanft hinſchmelzende Gemuͤth Anna's, die himmliſche Ergebung, den from⸗ men Taubenblick, ſo war ſie im Gegentheil eine friſch aufſtrebende Natur, Alles mit Blitzes Schnelle in ihrer ewig regen, von heiliger Glut durchſtroͤm⸗ ten, Seele auffaſſend und zu Eigenem in ſich geſtal⸗ tend. Und an unendlicher Herzensguͤte gab ſie An⸗ na nichts nach. Sie war alſo ihrer innren Bedingung nach ganz fuͤr Eduard geſchaffen, und er, der tiefe 29 Kenner der menſchlichen Geſichtszuͤge, der treue Ver⸗ kuͤnder des inneren Lebens, er hatte beim erſten Blick in Marie's roſiges Geſicht ſie erkannt. Wenn Eduard mit ihr die Umgegend durchwandelte, und in hoͤchſter, uͤberſchwenglicher Begeiſterung ſich auf den Fluͤgeln ſeiner gluterfuͤllten Phantaſie uͤber Zeit und Raum hinwegſchwang, da ſchmiegte ſich Marie, von dem gewaltigen Strome ſeiner Bilder innig ergriffen und mit fortgeriſſen zu den Hochpunkten der Dichtung, an den geliebten Juͤngling, und in ihrer Bruſt klan⸗ gen die vollen Toͤne eben ſo kräftig wieder, und in ihrer reinen Seele ſpiegelte ſich jede ſeiner männlichen Tugenden. Das freundlich ſchoͤne Maͤdchen, unſchuld und Natur in Blick und Anſtand, neben der edeln maͤnnlichen Juͤnglingsgeſtalt, mit der wuͤrdevollen Haltung, gegen den die Zierbengel und in Fiſchbein eingeſchnuͤrten Modejunker, wie Drahtpuppen im Schatten ſtanden— ſie ſtand ihm zur Seite, wie eine duftende Blume, die ſich am kraͤftigen Eichſtamm emporrankt. Der November war ſchon weit vorgeruͤckt; die Luͤfte ſtrichen rauh und kalt, und die Hofräthin ver⸗ kuͤndete die Ruͤckreiſe nach der Stadt. Wilhelm wuͤnſchte den Winter uͤber in Kleefeld zu bleiben, weil die Einſamkeit ſeiner ſtillen Trauer mehr zuſagte; auch ſchien es, als würde in Eduard's und Marie's Anſchauen ſein Schmerz ſtaͤrker, aber die Mutter fuͤrchtete fuͤr ſeine Geſundheit. Menſchen, wie Wilhelm, ſind leicht zur ausſchweifendſten Freu⸗ 30 de, aber auch zu einer melancholiſchen Stimmung geneigt, die bei laͤngerer Dauer in einen zehrenden Schmerz uͤbergeht. Er ſprach wenig, was er aber ſprach, zeugte von dem Zuſtande ſeines Innern. Die ſtumme Ergebung in Alles, der weiche Ton ſeiner Stimme, das Aufſuchen der dunkelſten und abgele⸗ genſten Orte, die er zu ſeinen Spaziergaͤngen waͤhl⸗ te, Alles dies zeugte von der Groͤße ſeines Schmer⸗ zes. Die Mutter wandte Alles an, was ihn zer⸗ ſtreuen konnte, und als eine erfahrene Menſchenken⸗ nerin beobachtete ſie die Augenblicke, wo ſie ruhig mit ihm von Anna ſprecheu konnte. Dann bewies ſie ihm, wie es nothwendig ſei, daß ſie noch einmal wiederkehren muͤſſe, da ja die Liebe zu ihrem Bruder, zu ihm und der ganzen Familie ſo groß und rein ge⸗ weſen ſei.„Vergeſſen kann uns Anna nicht haben, davon bin ich uͤberzeugt, wie von meiner Seligkeit. Ich kenne ſie zu genau; keine Falte ihres Herzens iſt mir verborgen geblieben. Es waͤre ein reiner Widerſpruch in ihrem Charakter, und er kann nicht ſtatt finden. Wer kann wiſſen, welch ein unver⸗ muthetes Hinderniß ihr in den Weg getreten iſt, das ſie zu dieſer Handlungsweiſe zwingt; wie ihre äuße⸗ ren Verhältniſſe bedingt ſind, daß ſie ſich vor der Hand nicht an uns wenden kann. Sie wird gewiß eben ſo trauren, wie wir Alle, und wird eben ſo oft den fliehenden Wolken ihre Gruͤße zurufen und ſehnſuͤchtig nach der Gegend hinblicken, wo ſie den Wohnſitz ihrer theuerſten Freunde weiß.“ 81 So ſprach troͤſtend die Mutter; doch immer hatte Wilhelm noch etwas dagegen einzuwenden, und beſonders ergriffen ward er, wenn ihn der Gedanke uͤberflugelte, daß es vielleicht ihr Vater nicht war, der ſie ſo ſchnell hinweg gefuͤhrt hatte. „Das iſt nicht meine Meinung, lieber Sohn; wohl mag er ihr Vater geweſen ſein. Aber nach Allem, was mir Anna von ihren Jugendjahren, von dem Beſuche ihres Onkels erzaͤhlt hat, nach dem, was wir aus des Pfarrers Golding Teſtamente wiſ⸗ ſen, muß Anna von hoher Geburt ſein, und ihr Vater iſt vielleicht ein eiteler, ahnenſtolzer Mann, der durch ſeine Geburt ſich weit uͤber uns erhaben fuͤhlt, und nun das Mädchen abhaͤlt, ſich uns wie⸗ der zu naͤheren. und deshalb, lieber Wilhelm, bangt mir fuͤr deine Ruhe. Zeige Dich ſtandhaft, als ein Mann, der im Leben des hoͤchſten Gutes ent⸗ ſagen lernen muß. Werde Herr deiner Gefuͤhle; und ſchicke Dich an, auf das Mädchen Verzicht zu leiſten, wenn es ſein muß. Es bedarf eines einzi⸗ gen ſtarken Kampfes, und Du wirſt als Sieger her⸗ vorgehen.“ „So zermalmend auch der Schmerz fuͤr mich ſein wird, Anna'n zu entſagen, ſo will ich das un⸗ vermeidliche Gewiſſe immer ertragen, und ſollte ich auch zuſammenbrechen unter der Laſt des Geſchicks. Ich will kämpfen, will alle meine Kraͤfte zuſam⸗ menraffen, um als Mann zu beſtehen; aber daß wir in der peinigendſten Ungewißheit leben, daß ich we⸗ 4* 82 der weiß wer Anna, noch wo ſie iſt, daß wir kein Sterbenswoͤrtchen Nachricht von ihr haben, das frißt, gleich einem wuͤthenden Geier, mir am Her⸗ zen. Die ungewißheit iſt mein Tod. Wäre uns nur nicht durch Eduard's Begebenheit mit der Wil⸗ meſon auch dieſer Weg, der einzige, der noch zu etwas Licht fuͤhren konnte, gaͤnzlich abgeſchnitten. So intriguant und ſchaͤndlich ſie immer war, wir haͤtten ſie noch feiner umſpinnen muͤſſen, und ſie wäre doch endlich im Netze gefangen worden. Denn das iſt doch unter uns Allen ausgemacht, daß ſie in jene Geheimniſſe eingeweiht iſt, ſie hat ſich ja ſelbſt oft genug verrathen. Eduard iſt jetzt gluͤcklich; er kuͤmmert ſich weder um Geburt noch Stand, aber ich— ich werde in dieſer quaͤlenden Ungewißheit zu Grunde gehen.“ Ach! die erfahrene Mutter wußte ihm nicht viel entgegen zu ſetzen; ſie ſchwieg bekuͤmmert und ver⸗ ſchloß den eigenen Gram in ihrer Bruſt, viel zu edel denkend, als daß ſie Golding etwas davon mitge⸗ theilt haͤtte, der jetzt ſo gluͤcklich war, und den die Beruͤhrung dieſer Saite den ſuͤßen Wonnerauſch ver⸗ gällt haben wuͤrde. In ſolcher Stimmung fuhr man nach Hannover zuruͤck. Marie's Abſchied von ihrem alten Pflegva⸗ ter entlockte Allen Thraͤnen. Dem Forſter war eine gute Haushälterin beſtellt und Alles auf's beſte ein⸗ gerichtet worden. Wilhelm erkundigte ſich in Hannover ſogleich nach der Wilmeſon, denn er konnte noch immer nicht die Hoffnung aufgeben, aus ihrem Betragen Etwas zu entraͤthſeln. Sie hatte ſich ſeit ihr Eduard das Billet geſchrieben, nicht wieder um Schmerzings be⸗ kuͤmmert, und lebte luſtig in ihrem Kreiſe fort. Sie bewohnte ein Haus in der Stadt, und ſollte, laut der Sage, einen unſittlichen Lebenswandel mit einem gewiſſen Baron von Loͤben fuͤhren, der als Haupt⸗ mann im Regimente ſtand, und als Spieler und roher Wolluͤſtling erſter Groͤße bekannt war. Doch hatte die Lady den Umgang mit ihm heimlich gehal⸗ ten. Sobald aber Marie an der Hand der Hofraͤ⸗ thin in den gebildeten Zirkeln erſchien, und dieſe das wunderliebliche Maͤdchen, das Aller Blicke auf ſich zog, als Herrn Golding's Braut vorſtellte, da trat die Lady oͤffentlich am Arme des Barons einher, und ſchoß bald giftige, bald hoͤhniſche Blicke auf das unſchuldige Waldkind herab. Der eitle Hauptmann bruͤſtete ſich mit ſeiner neuen Eroberung nicht wenig, machte mehr Aufwand, als ſonſt, ſpielte hoch, lebte prachtvoll, und hatte keinen Hehl, wodurch er eine ſo ſchnelle Inderung in ſeinen Gluͤcksumſtaͤnden herbeigefuͤhrt hatte. Einſt, als Eduard auf einem Kaffeehaufe ſich befand, wo der Hauptmann Loͤben zugegen war, ereignete ſich etwas, woraus man ſchließen konnte, daß die Wilmeſon wieder thaͤtig war, und neue Plä⸗ ne verfolgte. Loben verrieth durch die Heftigkeit ſei⸗ ner ſinnloſen Ausbruͤche, durch ſein gemeines Betra⸗ — gen, daß die Wirkung des Weins, den er in großen Maſſen zu ſich nahm, einen mächtigen Einfluß auf ſeine Gehirnnerven hervorgebracht hatte. Er trank immer mehr und ſuchte ſeine Bravour durch poltern⸗ de, beleidigende, oft hoͤchſt ſchmutzige Worte zu erhoͤ⸗ hen, und ſich ſo ein Gewicht vor der Geſellſchaft zu geben. Er ſchalt, tobte, fluchte, ſchlug auf den Tiſch, daß die Glaͤſer davon fielen, ſtampfte mit den Fuͤßen, daß das Haus erbebte, und Niemand wußte warum. Mehr als einmal flog dem dienfifertigen Marqueur ein Glas an den Kopf, wenn er fuͤr eine ausgeleerte Flaſche nicht augenblicklich eine gefuͤllte an deren Stelle ſetzte. Die Geſellſchaft war nicht in großer Anzahl vorhanden; Alle waren erbittert uͤber die Flegeleien des Trunkenbolds. Eduard, der mit dem groͤßten Widerwillen dem Toben des Wein⸗ helden zuſah, und vor der Niedrigkeit der Wilmeſon, die mit dieſem Wichte vertraut leben ſollte, einen tiefen Abſcheu bekam, hoͤrte mehremal unter dem Schwall von unvernuͤftigen Redensarten ſeinen Na⸗ men, gemiſcht mit niedrigen, beſchimpfenden Beiwoͤr⸗ tern, oder von derben Fluͤchen gefolgt. Ohne es zu beachten, hielt er es endlich fuͤr das Gerathenſte, dem tollen Menſchen aus dem Wege zu gehen. Er griff daher nach ſeinem Hut, um ſich zu entfernen⸗ fuhlte ſich aber ploͤtzlich von hinten her ſo unſanft gefaßt, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor, und mit der groͤßten Gewalt ſich losreißen mußte. Der Hauptmann war der Thäter, der, jetzt noch mehr 85 Trunkenheit erheuchelnd, mit wilder Stimme rief: „Herr, nicht einen Schritt aus dieſem Zimmer, bevor wir uber gewiſſe Dinge nicht in's Reine mit einander ſind. Merken Sie was? Ha! ha! Sie ſind ein feiner Spuͤrhund, und hatten den Braten gewittert, der Ihnen, hole mich der Teufel! ſchlecht bekommen ſoll. Ich habe es mit Memmen und Männern zu thun gehabt. Donner und Teufel! hier gilt es eine Ehrenſache! Marqueur, eine Flaſche Wein!— Herr, haben Sie fechten gelernt? Sind Sie eine Memme? Schwerenoth! Wenn Sie ein Gedächtniß im Kopfe haben, ſo werden Sie ſich ei⸗ ner gewiſſen Dame von Range erinnern, die Sie wuͤthend beleidigt haben. Herr! ich ſage Ihnen⸗ Sie haben ſie malitios beleidigt. Ich kenne die Da⸗ me, ſie geht mich an, ich bin ihr Freund, und beim Himmel! kein Kaiſer in der Welt ſoll mich ab⸗ halten, als ihr Raͤcher aufzutreten und ihr Genug⸗ thuung zu verſchaffen!“ Eduard, der auf einmal eine Sache oͤffentlich zur Sprache gebracht ſah, die er aus Zartgefuͤhl ſo gern unterdruͤckt wünſchte, bändigte die Aufwallung ſeines Zorns und ſuchte durch beguͤtigende Worte den Trunkenbold zu beſaͤnftigen. „Herr Hauptmann, wenn Ihnen Ihre Ehre und Ihr Dienſt lieb ſind, ſo beſchwoͤre ich Sie, mich uͤber eine Sache nicht ferner zu koramiren, die Sie auf Gottes Welt nichts angeht. Habe ich die Dame beleidigt, ſo hatte ich gute Gruͤnde dazu, die 86 ich Ihnen vorzulegen am wenigſten ſchuldig bin. Haben Sie aber etwas Gegruͤndetes gegen mich, ſo wird Ihnen die Obrigkeit die Hand reichen. Schla⸗ gen thue ich mich nicht mit Ihnen. Ich bin in ei⸗ nigen Monaten Prediger einer Gemeine und werde mich nicht ſo vergeſſen, das Schwert jetzt in die Hand zu nehmen. und wenn auch das nicht, ich wuͤrde mich doch nicht mit Ihnen ſchlagen.“ „Donner und Teufel! mit mir nicht. Was? Ich bin von meinem Koͤnig zum Hauptmann beſtellt, ich habe zehn Schlachten mit gefochten. Schwere⸗ noth! So ein Schulfuchs will ſich nicht mit mir ſchlagen. Warte, Bube!“ und mit dieſen Worten, die er wie ein ſchaͤumender Eber herauskeuchte, woll⸗ te er Eduard bei dem Genick faſſen, zog mit der andern Hand den Degen, um handgreiflich den Juͤngling ſo zur Verantwortung zu ziehen. Mehre aus der Geſellſchaft ſprangen hitzig auf den Haupt⸗ mann los, um den tollen Wicht zuruͤck zu reißen, er aber ſchlug rechts und links um ſich und ſtürzte ſo auf Eduard los. Der kraͤftig gebaute Juͤngling, deſſen Arm noch von keiner Leidenſchaft geſchwaͤcht war, ſah ſich in Noth; hochauf loderte die Flamme des Zorns in ihm; er war nicht mehr Herr ſeiner ſelbſt. Mit der Gewandtheit eines Fechtmeiſters griff er dem Hauptmann in den Degenkorb, wand ihm das Gewehr aus der Hand und ſchleuderte es durch die geoͤffnete Stubenthuͤr in die Hausflur, daß die Spitze tief in die Erde fuhr und der Degen oben ———— * —— abbrach, dann packte er mit Loͤwenſtaͤrke den tau⸗ melnden Hauptmann bei der Bruſt und ſchleuderte ihn in eine Ecke, daß er ſich uͤberſchlug uud betaͤubt eine Weile am Boden lag. Eduard entſchuldigte ſich hierauf bei der Geſellſchaft mit der Nothwendig⸗ keit und bemerkte, daß er die Sache ſogleich dem General anzeigen wolle, entfernte ſich dann ſchnell, um fernerer Stoͤrung vorzubeugen. Im Freien kuͤhlte er erſt ſeine Hitze ab, eilte dann nach Hauſe, erzaͤhlte aber, um Unruhe zu verhuͤten, nichts von dem Vorfall. Am andern Morgen fruh ſchon erhielt er einen Zettel vom Hauptmann Loͤben, worin ihn dieſer demuͤthig kriechend um Verzeihung bat, und ſein Betragen als Wirkung des ſtarken Rauſches ent⸗ ſchuldigte. Er bat dringend, die Sache auf ſich be⸗ ruhen zu laſſen, und wenn er ſie etwa ſchon ange⸗ zeigt, doch ja ſogleich zu revociren. In einer Zeile verſicherte er Eduard dreimal ſeiner groͤßten Hoch⸗ achtung und Ergebenheit und wuͤnſchte ſchließend nichts ſehnlicher, als daß der widrige Vorfall Ge⸗ legenheit gegeben haben moͤchte, daß ſie Beide kuͤnf⸗ tig die beſten Freunde wuͤrden; er von ſeiner Seite werde Alles aufbieten, um ſich dieſer Freundſchaft wuͤrdig zu zeigen. Eduard laͤchelte uͤber die Niedrig⸗ keit des Menſchen, und hielt die Sache fuͤr beigelegt. Er ließ den Hauptmann muͤndlich verſichern, daß er gar nichts gegen ihn unternehmen werde. Erſt jetzt wagte er es ſeinem Freunde und der geliebten Marie etwas von dem Vovrfalle zu ſagen. 83 Die Aengſtlichkeit, mit der Marie der Erzählung zuhoͤrte, die geſpannte Aufmerkſamkeit, mit der ſie ihm jedes Wort von den Lippen ſog, die Thraͤnen, die ihr aus den Augen quollen, bewogen Eduard, nur das Weſentliche zu erwaͤhnen. Wilhelm aber hatte boͤſe Ahnungen und bat ihn im Geheimen in⸗ ſtaͤndig, auf ſeiner Hut zu ſein, weil des Haupt⸗ manns Gewiſſenloſigkeit bekannt ſei. Auch ließ ſich leicht vermuthen, daß die einmal ausgebrochene Rach⸗ ſucht der Wilmeſon es nicht bei dem erſten mißgluck⸗ ten Anfalle bewenden laſſen wuͤrde. Auf jeden Fall hatte ſich der Hauptmann zu plump benommen, und ſo, wie die Scene ſich ereignet hatte, lag ſie gewiß nicht in ihrem Plane. Die Woche verging ruhig. Auf den Sonntag hatte Eduard dem Pfarrer eines benachbarten Dor⸗ fes die Predigt zu halten verſprochen. Er wollte ſich zu ſeinem bald anzutretenden Amte tuͤchtig ma⸗ chen und ſich durch oͤfteres Predigen zum Stuhle vorbereiten. Sonnabend ſchon am ſpaͤten Rachmit⸗ tag machte er ſich auf den Weg. Wilhelm und Marie begleiteten ihn eine Strecke. Marie war heu⸗ te ſo ernſt, ſo wehmuͤthig und wollte ſich nicht von dem Geliebten trennen. Doch der Tag war rauh; die Herbſtluft ſtrich unſanft und einzelne Regentrop⸗ fen fielen; da ſchieden ſie. Eduard ſetzte allein rü⸗ ſtig ſeinen Weg fort. Schon dunkelte der Novem⸗ bertag. Plotzlich erhoben ſich aus einer Vertiefung am Wege zwei Vermummte, und griffen mit bloßen 39 Degen den Unbeſorgten wuͤthend an. Er floh uͤber⸗ raſcht, da er aber einen zu kleinen Vorſprung hat⸗ te, kehrte er ſich ſchnell um, ſchlug ſeinen Mantel um den Arm und vertheidigte ſich mit Geſchicklich⸗ keit. Dabei unterließ er nicht, mit voller Stimme um Huͤlfe zu rufen, hoffend, es werde vielleicht noch Jemand in der Naͤhe ſein. Dem Einen hatte er den Degen gluͤcklich gefaßt und war eben im Be⸗ griff, ihn zu Boden zu werfen, da fuͤhlte er ſich durch den Anderen von hinten verwundet. Schnell riß er dem ſchon Sinkenden den Degen aus der Hand, kehrte ſich raſch um und drang auf den an⸗ dern Moͤrder ein. Da hoͤrte er Menſchenſtimmen ſich nahen, aber ein Schlag auf den Hinterkopf ſtuͤrzte ihn zu glei⸗ cher Zeit zu Boden und umhuͤllte ſein Auge mit Finſterniß. Als er aus der Betaͤubung erwachte, befand er ſich auf dem Zimmer des Paſtors, wo er hatte pre⸗ digen wollen, den Hausarzt zur Seite, der den Puls pruͤfte, und im Halbzirkel um das Bette her⸗ um ſtanden Marie, die Hofraͤthin, der Hofrath, Wilhelm, der Paſtor mit ſeiner Frau und mehren Kindern. Alle weinten, und ihre Blicke hingen an ſeinem Geſicht; Marie rang die Haͤnde, und wim⸗ merte vom fuͤrchterlichſten Schmerz durchbohrt. „Gottlob!“ rief der Medicinalrath Fruͤhauf: „nun iſt die Gefahr voruͤber; der ſtarke Blutverluſt Le war allein an der tiefen Ohnmacht Schuld. Die Wunden ſind nicht toͤdtlich.“ Da ſank Marie auf die Kniee und betete leiſe. Die Blicke der umſtehenden erheiterten ſich. Jetzt erſt gewahrte Eduard, daß er am rechten Schenkel und am Hinterkopf verbunden war, und er frug, wie er hierher gekommen und was mit ihm vorge⸗ gangen ſei? 3 „Stille, ſiuet Freundchen,“ rief Fruͤhauf: „jetzt müſſen Sie den Papageno ſpielen; denken Sie ſich nur das Schloß an den Mund. Ruhe iſt jetzt ͤußerſt nothwendig.“ Durch des geſchickten Arztes Bemuͤhen gelang es, daß der Verwundete wieder ſchmerzlos in einen ſanften Schlummer verſank. Marie wich nicht von dem Bette und hing mit der aͤngſtlichſten Sorgfalt an jeder ſeiner Bewegungen. Die Liebe iſt bekanntlich der beſte Arzt in der Welt, und an weſſen Bette ein Paar Augen wachen, wie Marie's Augen, der wird vom bloßen Sehen ge⸗ ſund. Ein Kuß, ein Händedruck, der warme Hauch des wuͤrzigen Athems ſind wahre Kuren der Sym⸗ pathie und ſchlagen mehr an, als alle des Theophra⸗ ſtus Paracelſus. Am andern Tage fuͤhlte ſich Ctuard ſchon recht geſtärkt und konnte nun den Zuſammenhang des un⸗ gluͤcklichen Vorfalls von geſtern Abend mit anhoͤren. Die liebe Marie erzählte ihm unter Liebkoſen, daß einige Bauern von dem Dorfe, wo ſie ſich befanden, 91 noch am Abend aus der Stadt zuruͤckkehrend, das Hilferufen aus der Ferne vernommen haͤtten und ſtark darauf zugeeilt waͤren. Bei ihrem Annä⸗ heren haͤtten ſich die Moͤrder ſchnell entfernt, und die Leute ihn im Blute ſchwimmend gefunden, auf ihre Schultern geladen und nach dem Dorfe zur Wohnung des Pfarrers gebracht. Dieſer hätte ſo⸗ gleich einen reitenden Boten nach der Stadt ge⸗ ſchickt, worauf ſchnell, halb todt vor Schrecken und Schmerz, die ganze Familie mit dem Obermedicinal⸗ rath hierher gefahren ſei. Er haͤtte beinahe drei Stunden in einer ſtarken Ohnmacht gelegen. Marie konnte nicht genug die fuͤrchterliche Angſt, den To⸗ desſchrecken und die Verzweiflung ſchildern, die ſie vom Empfang der Nachricht, bis wo er die Augen wieder aufgeſchlagen, gefoltert haͤtten; und ein Kuß der zaͤrtlichſten Liebe lohnte ihr dafuͤr. Nach einiger Zeit traten Gerichtsperſonen in das Zimmer, die den Thatbeſtand zu Protokoll nah⸗ men, um die Thaͤter gerichtlich zu verfolgen. Als Eduard alles, was er wußte, angegeben hatte, wur⸗ den auch die beiden Bauern verhoͤrt, und mußten die kleinſten umſtaͤnde ausfagen. Eduard erinnerte ſich deutlich, den Degen eines Offiziers in der Hand gehabt zu haben. Die Wunde in den Schenkel war ganz unbedeutend; die Degenſpitze hatte nicht einmal den Knochen beruͤhrt; die am Hinterkopf war jeden⸗ falls durch einen Stein, den der Entwaffnete ihm in das Genick geſchleudert hatte, bewirkt. Eduard's kraͤftige, ſtarke Natur erholte ſich bald und die unverdorbenen Säfte befoͤrderten ſeine Heilung gar ſehr; und Marie's Pflege vor Allen be⸗ wirkte Wunder. Nach einigen Tagen kehrte er mit Hofraths zuruͤck, nachdem er zuvor die Bauern, die ihn gerettet, reichlich beſchenkt hatte. Die Gerichte hatten die Ausſage Eduard's, der ſeinen Verdacht gegen Hauptmann Loͤben und die Lady Wilmeſon unverholen ausgeſprochen hatte, ſchnell benutzt und dem Erſtern Arreſt zuerkannt. Er wuͤthe⸗ te und tobte, nannte ſich Golding's beſten Freund und Bruder, vermehrte aber dadurch den Verdacht noch mehr. Als die Gerichtsperſonen nach dem Hauſe der Lady kamen, um auch ihr, bis nach ausgemach⸗ ter Sache Stadtarreſt anzulegen, hatte ſie ſich noch in der Nacht eiligſt entfernt, um nie wieder eine Stadt zu betreten, wo jeder ihrer Plane fehl ſchlug. Ihr zuruͤckgebliebenes Kammermaͤdchen ſag⸗ te gerichtlich aus, daß der Hauptmann Loͤben die Nacht bei ihr zugebracht, aber erſt ſpaͤt gekommen ſei, daß die Lady eine große Unruhe gezeigt und in aller Stille haͤtte anſpannen laſſen. Jedermann war uͤberzeugt, daß der Anſchlag auf Eduard's Leben nur von ihr allein ausgegangen war. Bald meldeten ſich eine große Anzahl Schul⸗ dener, die große Summen an ihr zu fordern hatten, und als man ihre Nachlaſſenſchaft in Beſchlag nahm, fand man, in einem Kaſten verborgen, ihr Schmuck⸗ kaſichen, worin ſich ihre, als geſtolen angegebenen 035 Juwelen befanden, zwar nicht von dem großen Werth, wie ſie ausgeſagt, aber doch als Beweis dienend, daß ſie die Obrigkeit belogen hatte, um, wie man im Schmerzingſchen Hauſe leicht einſah, Eduard hinſichtlich des Briefes von den Seinen zu taͤuſchen. Ihre Papiere hatte ſie entweder mitge⸗ nommen oder vernichtet; es war nichts davon vor⸗ handen. Die Gerichte ließen ſogleich oͤffentliche Ver⸗ folgungen gegen ſie ergehen, und ihr Name prang⸗ te gebrandmarkt in den Tagesblaͤttern. In der unterſuchung gegen den Hauptmann konnte man ihn zwar nicht geradezu als ſchuldig erkennen, weil er hartnaͤckig läugnete, und als ſich Eduard ſeiner annahm und ihn ſogar freiſprach, blieb der Verdacht doch auf ihm haften, ob man gleich dadurch die ganze unterſuchung niederſchlug. Bei der Gelegenheit aber war die Scene auf dem Kaffee⸗ hauſe wieder zur Sprache gekommen, und Loͤben ſah ſich genoͤthigt, wenn er einer oͤffentlichen Be⸗ ſchimpfung zuvorkommen wollte, ſeinen Abſchied zu nehmen. Eduard war wieder geneſen; der Hauptmann fort. Das Weihnachtsfeſt war vor der Thuͤre, und uͤber die Vorbereitungen dazu, vorzuglich über die Geſchenke, die man Marie machen wollte, hatten Alle den Vorfall vergeſſen. Nur Wilhelm, der nun auch die letzte Hoffnung entſchwunden ſah, nur er war in eine geiſtige Erſtarrung verſunken. Ihm hatte man kein Weihnachtsgeſchenk bereitet, denn er hatte ja an nichts Freude mehr. Und doch bekam er ein Geſchenk, das tauſendmal mehr werth war, als Marie's Zobelpelz, Schawls, Federhut u. ſ. w.⸗ ein Geſchenk, das, wie eine Zauberruthe ihn plotzlich umſchuf; und doch war es nur ein kleines Stuͤck Papier. Am Weihnachtsmorgen, als kaum die Freude uͤber die reiche Beſcherung voruͤber war, und Marie noch an der Mutter Hals hing, um ihr kindlichen Dank zu ſagen; da brachte ein Gerichtsdiener einen offenen Brief, der von Anna an die Wilmeſon ge⸗ richtet war. Der Poſtmeiſter hatte, wie in ſolchen Fällen gewoͤhnlich iſt, Befehl erhalten, Alle Briefe an die Lady den Gerichten abzuliefern, damit man ihr auf dieſem Wege vielleicht auf die Spur kommen konne. und ſo kam man zu einer Entdeckung, die Freude und Entzuͤcken uͤber die ganze Familie ver⸗ breitete. Alle ſturzten mit Jubelgeſchrei auf den Brief los, und Eduard, trunken von Entzuͤcken, las Folgendes: An Lady Wilmeſon in Hannover. London, am 28. November 1819. Theure Muhme! Mit dem Schmerze eines Verzweifelten ergreife ich die Feder, Ihnen, ach! fur eine Nachricht zu danken, die mir und den lieben Eltern das Herz zerriſſen hat. Wie ein Wurm frißt es mir am Le⸗ ben, daß ich ſo leichtſinnig ſein konnte, das Schmer⸗ zingſche Haus, wo ich ſo unendlich viel genoſſen, wo mir die gluͤcklichſten Tage meines Lebens gebluͤht, ſo eilig zu verlaſſen, ohne der ſeligen Frau Hofräthin noch einmal an die Bruſt zu fallen und ihr meinen gluͤhenden Dank zu ſtammeln, ohne den guten Vater Schmerzing, deſſen Aſche ich noch ſegne, noch ein⸗ mal zu liebkoſen und von ihm Abſchied zu nehmen fuͤr dieſes Leben. O iſt es denn nur moͤglich, Beide, Beide todt? und ſo allein, ohne den geliebten Sohn, ohne die Tochter, die ſie ſo ſehr verehrte, allein den Weg angetreten in's dunkele Jenſeits? Alle meine Puiſe ſtockten, als ich Ihren Brief durchlaufen hat⸗ te, alle meine Lebensgeiſter waren gewichen und in den erſten Tagen hatte ich keine Thraͤnen. Nun ha⸗ be ich geweint und die Augen ſind mir wund, und ich muß doch immer weinen, ſo oft ich an das Schreckliche denke, ach! und ich denke unaufhorlich daran. Ich habe nun einige Faſſung gewonnen, und wuͤnſche gern die naͤheren umſtaͤnde über den Tod der geliebten Pflegeeltern zu erfahren. Zwar haben Sie mir geſchrieben, daß der Herr Hofrath von ei⸗ nem Schlagfluß plotzlich getroffen worden ſei, der ſeinem Leben ein Ende gemacht habe, daß die theu⸗ re Mutter daruͤber vom fuͤrchterlichſten Schmerz be⸗ fallen worden, der die Grundpfeiler ihres Lebens erſchuͤttert habe, ſo daß ſie im Gram uͤber meim und Wilhelms Entfernung dem geliebten Gatten nach einigen Wochen gefolgt ſei, aber von allen näheren —— umſtaͤnden, von der Krankheit ſelbſt, von ihren letz⸗ ten Aeußerungen haben Sie mir nichts geſchrieben. Ich zerknirſche mich faſt vor Schmerz, wenn ich be⸗ denke, daß die Frau Hofraͤthin vielleicht aus Gram üͤber meinen ſchrecklichen Undank ihrem Tode ſchneller entgegen gegangen ſei. Ich bitte Sie herzlich, er⸗ zeigen Sie mir den Freundſchaftsdienſt und erkundi⸗ gen Sie ſich nach der kleinſten Kleinigkeit, um ſie mir umgehend zu melden. Fragen Sie die Kranken⸗ waͤrter, die Bedienung im Hauſe, fragen Sie den Arzt aus und berichten Sie mir Alles treulich wieder, damit ich meinen Schmerz daran weiden kann. Schreiben Sie mir Stunde und Minute ihres Todes, die Begraͤbnißfeierlichkeiten und ihre Ruheſtelle. Ich werde mich dann im Geiſte dorthin verſetzen und trauren. Daß Sie die Briefe an meinen Bruder ſogleich beſorgt, iſt mir ſehr lieb, doch iſt zu befuͤrchten, daß ihn ſolche nicht getroffen haben, da, wie Sie mir ſchreiben, die beiden Freunde, ſogleich nach Empfang der Trauerpoſt eine weite Reiſe nach Ita⸗ lien unternommen haben, um ſich Zerſtreuung zu machen. Es iſt ein hoͤchſt ungluͤcklicher Zufall, daß ſie bei dem Tode der theuren Eltern nicht zugegen geweſen ſind. und da ſchon uͤber drei Monate ver⸗ floſſen ſind; ohne daß ich Nachrichten von ihnen ha⸗ be, ſo ſind entweder die Briefe nicht in ihre Hände ninen, oder das Ungluͤck iſt auf einmal mit ſeiner ganzen Gewalt uͤber mich hereingebrochen und auch ſie 97 ſie— ſchrecklicher, quaͤlender Gedanke!— auch ſie ſind nicht mehr unter den Lebenden. Vielleicht eilen ſie mit dem Fruͤhling von der italieniſchen Kuͤſte zu Waſſer hierher in meine Arme; bringt aber der Fruͤh⸗ ling meinem Herzen keine Ruhe, ſo haben auch Sie mich zum letztenmal geſehen, denn wenn Sie unſer Vaterland betreten werden, iſt die Blume meines Lebens verbluͤht und ich ſchlummere in dem Boden, den ich ſeit meiner fruͤhſten Kindheit nicht wieder be⸗ trat. Dann kommen Sie und ſein Sie der guten Mutter, die Sie recht herzlich liebt, eine Lochter; auch der vortreffliche Vater wird Ihnen nicht abge⸗ neigt ſein. Eilen Sie ja, in den Schoos einer Fa⸗ milie zuruͤck zu kehren, der Sie angehoͤren. Lieben⸗ de Arme werden Sie umfangen. Sie werden, wenn ich vielleicht nicht mehr bin, in dem großen Hauſe, in das ich mich anfaͤnglich nicht hinein wohnen konnte, ein kleines Stuͤbchen finden, das ich mir gerade ſo habe umſchaffen laſſen, wie mein Zimmerchen in Hannover war. Durch meinen Vater habe ich mir dieſelben Gemälde ver⸗ ſchafft, die dort die Waͤnde zierten, nur daß die jetzigen nicht Eduard und Wilhelm gemalt haben. Mein Fluͤgel ſteht an derſelben Stelle; aber ach! er tont jetzt nur Klagelieder, nur Ausbruͤche meines tiefen verzehrenden Schmerzes. Vater und Mutter trauren mit mir, und ob wir gleich Alles haben, was der gewoͤhliche Menſch ſich wuͤnſcht, ſo fehlt uns doch das urweſentliche des Menſchenlebens, ich Die Intrigue II. 5 93 meine die freudige innere Thatkraft, der Jubel der Seele. Die Guten ſehnen ſich nach der Umarmung ihres Sohnes, ich verlange nach Freund und Bruder. So leben wir einſam und ſtill zuſammen und ich weiß kaum, daß ich in dem geräuſchvollen London bin. Schreiben Sie ja recht bald und, ich bitte nochmals, erfuͤllen Sie die Wuͤnſche Ihrer Anna Wilmeſon. Alle waren erſtarrt, als Eduard geendigt hatte und der graͤßlichſte Betrug enthuͤllt war. So ſtand denn die entſetzliche Fanny Wilmeſon als die ſchaͤndlich⸗ ſte Betruͤgerin, als die ſchwäͤrzeſte Verrätherin, die ſich die lebhafteſte Phantaſie kaum fuͤrchterlich genug denken kann, da. Sie hatte nicht nur die Briefe der guten Anna und des Vaters unterſchlagen; ſondern ſie war auch fortgefahren in dem abſcheulichen Be⸗ trug, und hatte das arme, von Sehnſucht gefolterte Mädchen, ſo wie deren Eltern, die gewiß jede Mi⸗ nute zaͤhlten, bis wann ſie den geliebten Sohn um⸗ armen konnten, auf das Niedertraͤchtigſte mit der er⸗ lognen Nachricht von dem Tode der Eltern Schmer⸗ zing hintergangen. Man konnte ſich anfaͤnglich gar nicht vom Erſtaunen erholen; nur Abſcheu gegen die Verruchte brachte die vor ſich hin ſtierende Ge⸗ ſellſchaft wieder zu ſich. So klar nun auch das Ver⸗ brechen der Lady vor Augen lag; ſo konnte man ſich doch die Zwecke nicht enthuͤllen, die ſie bei dieſer die 90 Menſchheit entwurdigenden Handlungsweiſe verfolgt haben mochte, und man mußte die voͤllige Aufklaͤ⸗ rung uͤber vieles Dunkele noch der Zukunft uͤberlaſſen. Das war ein Weihnachtsfeſt in Hofraths Hau⸗ ſe! Der alte Foͤrſter Reinhard kam dazu, ſein Toͤchterlein zu beſuchen; und der Jubel dauerte bis in die ſpaͤte Nacht. In dieſe Freude miſchte ſich aber Eduard's Ernſt, der in dem Briefe den Ge⸗ ſchlechtsnamen„Wilmeſon“ neben dem Namen ſeiner Schweſter und Beruͤhrungen verwandtſchaftlicher Verhaͤltniſſe gefunden hatte. So war er denn mit dieſem ungeheuer ſo nah verwandt, ſo ſtammte er aus derſelben Familie, die ein ſo entſetzliches Weſen aus ihrer Mitte hervorgehen ließ. Wilhelm hatte den Brief, in welchem ſeiner ſo liebevoll gedacht war, wohl hundertmal durchgeleſen und immer wie⸗ der etwas Neues, mehr Entzuͤcken Erregendes ge⸗ funden. Immer hatte er etwas zu fragen, und bat um Erklaͤrungen, die ihm Niemand geben konnte. Sein Auge hing mit Begeiſterung an jedem Worte, an jeder Spur ihrer Hand. Sie hatte ja dieſe Zei⸗ len gemalt; ſie dies Blatt in den Haͤnden gehabt; ihr Auge hatte auf dieſem Papiere verweilt. Marie, welche Anna fruher mehremals geſehen hatte, freute ſich wie ein Kind, und theilte das Entzuͤcken ihres Geliebten. Ihre Geiſter ſtrebten in ſeliger Wonne vereint, auf kuhnem Fittig zum ur⸗ quell der Freude auf. Was man noch nicht wußte, rieth man, vaute 5* 100. luſtig zuſammen, ſchmiedete Plane fuͤr die Zukunft, die bunt gaukelnd die Phantaſie noch im Schlummer veſchäftigten, und die ſchoͤne Traumwelt reichte Al⸗ len jetzt ſchon in reichlicher Fulle, was die ſtrenge Wirklichkeit noch karg verſagte. Am andern Morgen, als die ausgelaſſenſte Freu⸗ de vertobt war, ſchrieben Eduard und Wilhelm ſo⸗ gleich an Anna und enthuͤllten ihr den ſchaͤndlichen Betrug. Eduard erzaͤhlte ihr alle Ereigniſſe ſeit ih⸗ rem Verſchwinden umſtändlich und beruhigte ſie uber ihren Schmerz; er ſchilderte ihr ſein Gluͤck durch Marie's Beſitz und legte tauſend Gruͤße von ihr bei. Marie ſchrieb ſelbſt einige Zeilen an Anna und die unbekannten Eltern unter den Brief, und verſicher⸗ te Alle ihrer innigſten Liebe. Wilhelm ſchrieb mit gluͤhenden Zugen der langverhaltenen⸗ ihn faſt verzeh⸗ renden Sehnſucht, die gluͤcklich nun ihren Gegenſtand gefunden. Sein ganzer Brief war reges Leben, Lie⸗ be, Begeiſterung. Auch die Hofraͤthin ſchrieb noch ein Briefchen an die geliebte Tochter voll zarter herzinniger Theilnahme und der Hofrath ſchrieb ſei⸗ nen langen Gruß eigenhaͤndig dazu, um lieb' Inn⸗ chen von der Wohlbeſtelltheit ſeiner koͤrperlichen und geiſtigen Exiſtens durch den Augenſchein zu uͤberzeu⸗ gen. Er wollte ſich anfangs zu todt lachen, daß die Lady Wilmeſon ihn ſchon hatte begraben laſſen und meinte, er werde der ſchlauen Englaͤnderin den Gefallen ſo vald noch nicht thun. Nun fing man an, ſich uͤber die Reiſe nach 101 England zu bereden. Mutter Schmerzing und Ma⸗ rie wollten, die Freunde ſollten damit warten bis zu Ende Maͤrz, wo der Winter doch voruͤber und keine Stuͤrme mehr zu befuͤrchten ſeien. Aber Wil⸗ helm wollte nicht Wind noch Wetter ſcheuen, wollte lieber heute, als morgen fort und konnte gar nichts von Aufſchub der Reiſe hoͤren. Auch Eduard mein⸗ te, da das Wetter ſehr gelinde und doch eigentlich kein rechter Winter ſei, koͤnnten ſie die Reiſe im⸗ merhin unternehmen; denn auch ihn, der ſo lange der Eltern umarmungen entbehrt hatte, auch ihn trieb die Sehnſucht nach dem heimiſchen Heerd, nach den Erzeugern und der theuren Schweſter. Es half alſo kein Einreden, und als man das neue Jahr ge⸗ meinſchaftlich angetreten hatte, ließen ſich die Freun⸗ de nicht länger zuruͤckhalten. So ungern auch die Mutter die Reiſe jetzt zugab, ſo ſah ſie doch ein, daß ſie fuͤr die Ruhe und Geſundheit ihres Sohnes durchaus nothwendig ſei. Marie hatte ſeit einiger Zeit ſchwermuͤthige Gedanken; ihr bangte vor der Scheideſtunde gar ſehr, und mit Schrecken dachte ſie daran, daß Eduard, gewiß der Sohn eines reichen Lords, ihr durch die Standesverſchiedenheit entriſſen werden koͤnnte. Doch kein Wort daruͤber wagte ſich uber ihre Lippen, nur in einſamen Stunden wurde ſie von ſolchen unheimlichen Gedanken beſchlichen. Indeß wurden die Anſtalten zur Abreiſe getroffen; ſie wur⸗ den betrieben von Wilhelms Sehnſucht und Eduards Verlangen, jeder auf andere Art von gluͤhendem Dran⸗ 102 ge beſeelt. Hundertmal fiel die traurende Marie dem Geliebten um den Hals, und immer hatte er ihr noch etwas Suͤßes zu ſagen. Sie bat mit liebender Sorgfalt, ſeiner doch ja zu ſchonen und wenn dem Waſſer nicht zu trauen ſei, doch die Reiſe lieber nicht zu unternehmen. Sie trug ihm Grüße auf an Anna und die Eltern; ſie flehte mit wehmuͤthi⸗ gem Blicke ihrer nicht zu vergeſſen. „Wir werden uns recht einſam fuͤhlen, wenn unſer Haus abermals ſo leer wird, und kein theurer Freund, kein lieber Sohn die Stunden uns erheitert“ ſprach die zaͤrtliche Mutter. „Unſere Gedanken werden immer bei Ihnen ſein; und wenn der Fruͤhling kommt, dann kommen auch wir gewiß, und legen Ihnen die Tochter, die lang entbehrte Anna in Ihre muͤtterliche Arme,“ ent⸗ gegnete Eduard:„Vielleicht bringe ich dann eine Mutter mit, die Ihnen fuͤr die zaͤrtliche Liebe dankt, die Sie ſtets ihren Kindern geſchenkt haben.“ „Reiſet mit Gott!“ rief der Hofrath„und kommt fein mit den Sommervoͤgeln wieder; Du, Wilhelm, bring Dir das Weibchen mit und baut Euch dann alle zuſammen Neſter in meinem Hauſe; ich will gern mit meiner Arbeitsſtube zufrieden ſein.“ Noch einmal fiel die Mutter dem Sohn, die Braut dem Braͤutigam an die Bruſt, und die Rei⸗ ſenden ſprangen in den Wagen. Die Reiſe ging ſchnell und ungeſtoͤrt von ſtatten. Trotz der Jahres⸗ zeit war das Wetter ſchoͤn und zum Reiſen bequem. 103 Und die Freunde hatten ſich jetzt wieder ſo viel zu ſagen; die verfloſſenen Begebenheiten ſowohl, als die mancherlei Erwartungen von der Zukunft gaben ihnen ſo reichlichen Stoff zur Unterhaltung, daß ſie faſt unvermerkt den ewig langen Weg uͤber die Luͤ⸗ neburger Heide zuruͤckgelegt hatten. ueber Zelle und Luͤneburg eilten ſie unaufhaltſam nach Hamburg, wo ſie ſich einige Tage aufhielten und den Abgang eines Schiffes nach England erwarteten. Ihre Wuͤn⸗ ſche wurden bald befriedigt. Obgleich die Seereiſe nicht angenehm war, ſo hatten ſie doch keinen widri⸗ gen Wind, und die Sehnſucht nach Anna, die Neu⸗ gierde, wie ſich ihre Verhaͤltniſſe in London bilden, in welchen umſtaͤnden ſie Eduards Eltern finden wuͤr⸗ den, ließen ihnen alles unangenehme vergeſſen. Wil⸗ helms Laune, nun wieder ſo freundlich geweckt, war unerſchoͤpflich in Aufbauen ſonderbarer Vermuthun⸗ gen, in Suſammenfetzen, Schlteßen, Luftſchloſſer Er⸗ richten; und Eduard mußte oft herzlich uͤber ſeine wunderlichen Einfälle lachen. Je naͤher ſie London kamen, um deſto mehr bemaͤchtigte ſich ihrer eine druͤckende Bangigkeit und Wilhelms Scherze waren verſtummt. Der Geiſt ſteigerte ſich zu den edelſten Empfindungen hinauf. So wie der Menſch gleich⸗ ſam von unſichtbarer Hand ergriffen wird, und aus der tobendſten Freude in den fuͤrchterlichſten Ernſt und Schmerz verſinkt, wenn er die Naͤhe der Gott⸗ heit plotzlich inne wird, die gewaltig in das Menſchen⸗ leben eingreift, ſo ſteht er auch bang erwartend vor 104 dem Vorhange, der ihm ſein Geſchick enthuͤllt. Da tritt der heilige Ernſt in ſeine Rechte. Der Finger hebt ſich keck, den Vorhang zu luͤften, aber das Herz klopft in banger Erwartung, was dahinter hervortreten werde. „Wie wird meine Mutter ausſehen? wie mein Vater? Was werden ſie fuͤr Menſchen ſein, in Be⸗ zug auf ſich und auf Andere? Welche moͤgen die Gruͤnde ſein, die ſie beſtimmen konnten, mich und Anna'n ſo fruͤh und ſo lange von ſich zu entfernen?“ ſo fragte ſich Eduard immer mehr, und unter ſol⸗ chen Betrachtungen erreichten ſie die Hauptſtadt des geſegneten Albions. Sie traten in einem Gaſthauſe ab, brachten ihren Anzug einigermaßen in Ordnung und ließen ſich von einem Lohnbedienten nach dem Hauſe des Lorbs Wilmeſon bringen. Sie kamen vor einen Pa⸗ laſt, der ihnen„inen hohen Bogriſf von dem Relch⸗ thum des Lords beibrachte. Mit hochklopfendem Herzen traten ſie in das Haus. Still blickten Beide vor ſich hin, jeder von unbeſchreiblichen Gefuͤhlen durchſtroͤmt. Sie ließen ſich melden und wurden in das Fremdenzimmer gefuͤhrt. Eine Schaar von Die⸗ nern eilte in praͤchtig geſtickter Kleidung auf und ab; einer bat die Fremdlinge hoͤflich, einige Minuten noch zu verziehen, der Lord werde gleich erſcheinen. Die Pracht des Zimmers, mit den ſchoͤnſten Geraͤ⸗ then und den koſtbarſten Tapeten ausgeſchmuͤckt, war wohl fuͤrſtlich zu nennen und zog die Aufmerkſamkeit 105 der Freunde auf ſich. Aber ſie waren ſo beklemmt, die Bruſt war ihnen zu enge, ſie konnten kaum ei⸗ nige von den herrlichen Gemaͤlden betrachten, welche an der Wand aufgehaͤngt waren; doch plotzlich ſtand Eduard tief ergriffen vor einem Gemälde ſtill; er war wie vom Blitze getroffen. Es war die erhabe⸗ ne Scene aus Koͤnig Lear, daſſelbe Stuͤck, das er in Muͤnchen geſehn und angeſtaunt hatte. „Wir ſind auf bekanntem Boden!“ rief er mit zitternder Stimme; und Eichlers Erzaͤhlung ſeiner Jugendjahre, die Beſchreibung der ſchoͤnen Mary Wilmeſon— Ewald— eine dunkele Ahnung durch⸗ gluͤhte ihn und ſchnuͤrte ihm faſt die Bruſt zu; da oͤffneten ſich die Fluͤgelthuͤren und herein trat in ein⸗ facher, aber gewaͤhlter, geſchmackvoller Kleidung⸗mit dem gewohnten wuͤrdevollen Anſtand— der Ma⸗ ler Ewald. „Mein Sohn! mein geliebter Sohn! mein Eduard!“ rief er, den Juͤngling mit hoher Begei⸗ ſterung in die Arme ſchließend:„ſei mir tauſendmal willkommen!“ und verklärt von der Wonne des Augenblicks ſtrahlte ſein Geſicht. „Sie mein Vater?“ jauchzte Eduard, ſich an ihn preſſend.„O wunderbare Fuͤgung des Schick⸗ ſals! Wir hatten uns gefunden und erkannt, wir hatten uns verſtanden und an einander geſchloſſen, ohne zu ahnen, Bande uns zuſammen knuͤpf⸗ ten.“ „Jetzt mir zweifach Theurer! Ja Du warſt 106 mir in Muͤnchen ſchon unendlich werth, und ich ſchätzte Dich, wie keinen Menſchen. In deine Bruſt hatte ich geſehen und eine Welt trat mir entgegen, reicher und herrlicher noch, als die meinige. Ich beſchloß ſchon damals, ohne zu wiſſen, wer Du mir ſeiſt, mein Leben in deiner Naͤhe zuzubringen. Eich⸗ ler ſollte Dich mit hierher bringen und hier wollten wir zuſammen der Kunſt leben.— Aber auch in Ihnen, theurer Schmerzing, auch in Ihnen begruͤße ich einen Bekannten aus alter Zeit. Laſſen Sie ſich auch als meinen Sohn umarmen. Der Maler Ewald bewunderte in Muͤnchen ſchon Ihre reine Lie⸗ be zu Anna; Sie gaben mir oft Gelegenheit, dieſe Liebe recht zu beobachten und zu pruͤfen. Anna's Vater hat nun auch ihre Liebe zu Ihnen geſehn und geprüft, und ich rufe entzuͤckt Ihnen zu: das Mad⸗ chen iſt Ihrer wuͤrdig! Großer Gott! wie habe ich ſolch uͤberſchwengliches Gluͤck auf einmal verdient? Das iſt des dunkelwaltenden Schickſals weiſe, große Fuͤgung! Wir Alle mußten buͤßen fuͤr meine ein⸗ zige unthat. Wir mußten die ernſte Schule eines ernſten Lebens durchwandern, um als wuͤrdige Kin⸗ der der reinen Welt die Blume der Freude und des Friedens zu brechen. Doch nun kommt! kommt! Noch weiß, noch ahnet meine Mary, Eure Mutter, nichts von dem unverhofften Gluͤcke; noch traͤumt Anna von Euch, als an Teutſchlands Kuͤſten; denn Eure Briefe ſind erſt vor Kurzem angekommen⸗ 107 Die Guten haben keinen Gedanken an die Wonne, die Ihnen bevorſteht.“ Und mit der Schnelligkeit eines Juͤnglings eilte der Lord die breiten Stufen hinauf, ihnen voran. Die Juͤnglinge folgten freudetrunken. Ewald riß die Thuͤre eines Zimmers auf, ſtieß haſtig die Jüng⸗ linge hinein und rief:„Hier, theure Gemahlin, iſt dein Sohn, dein Eduard!— und ſieh, lieber Eduard, in ihr deine Mutter!“ Eine ſchlanke Geſtalt erhob ſich mit der Maje⸗ ſtät einer Goͤttin von einem Seſſel. Das Geſicht einer Grazie, nur von der Zeit und dem Schmerze angehaucht, doch hätte man ſtreiten moͤgen, daß dieſe Schmerzenszuͤge das Geſicht noch mehr zierten, noch mit einem hoͤheren Reiz, gleichſam dem Abſtrahl des Goͤttlichen, verſchoͤnten; das Auge, von tiefer Klarheit durchſtrahlt, beurkundete als der Spiegel der Seele, ihre innere Welt; der Wuchs einer Ju⸗ no!— Ein langverhaltenes Feuer blitzte plötzlich aus ihren Augen hervor; ſie ſturzte mit Leidenſchaftlich⸗ keit auf den Juͤngling zu, der taumelnd ſeine Ar⸗ me nach ihr ausbreitete; und die Kraft des Mutter⸗ gefuͤhls flammte empor; ſie preßte den Sohn an ih⸗ re wogende Bruſt, ſie kuͤßte den Wiedergefundenen mit groͤßter Innigkeit, und ein Strom von Thränen ſchoß ihr aus den Augen. Wie mögen die Himmli⸗ ſchen, die waltenden Genien der Menſchen in reiner Geiſterfreude jauchzen, wenn ihre Schuͤtzlinge, die 108 Kinder des Staubs, einen Anklang vernehmen von der Wonne der unſterblichen? wenn ihnen fuͤr Au⸗ genblicke vergoͤnnt iſt, den Himmel in ihre Bruſt ein⸗ zuſchließen? Kein Laut hatte noch die Feier des Augenblicks unterbrochen. Da riß ſich Mary los und betrachtete erſt jetzt mit unendlichem Entzuͤcken die Zuͤge des Sohnes. „Das ſind der Mutter theure Zuͤge,“ ſagte der Lord auf Eduard deutend:„dieſe hohe ſchoͤne Stirn, das tiefe vielſprechende Auge, die wehlgefaͤl⸗ lige Anmuth um den Mund. Daher erklaͤre ich mir auch jetzt die unwiderſtehliche Gewalt, mit der es mich in Muͤnchen zu Dir hinriß.“ Wilhelm betrachtete indeß mit ſtummer Freude, ſich ſelbſt vergeſſend, die Scene des hoͤchſten Entzuͤk⸗ kens; nur ſtreifte ſein Auge manchmal nach der Thuͤ⸗ re, ob nicht das, was ihm das Theuerſte auf Er⸗ den war, bald erſcheinen wuͤrde. Da faßte ihn der Lord bei der Hand und fuͤhrte ihn aus dem Hinter⸗ grund hervor, der Lady Mary entgegen. „Und in dieſem jungen Mann erkenne Wilhelm Schmerzing, von dem deine Anna Dir ſo viel—“ Da wurde die Thuͤr raſch geoͤffnet, und herein ſtuͤrzte Anna, dem Bruder in die Arme; von ſeiner Bruſt warf ſie ſich dem Juͤnglinge entgegen, der in ihr die ſchoͤnen Tugenden der Weiblichkeit geliebt und geehrt hatte, da ſie noch Waiſe war. Welche Scene des Wiederſehens! So muͤſſen die ſelig Verſchiede⸗ 109 nen, nach langer, langer Trennung jenſeits ſich wie⸗ derfinden, ſo ſich umſchlingen und aufjauchzen! Die Freude hatte die gluͤcklichen Menſchen mit ihrer ganzen magiſchen Kraft erfaßt; ſie weinten und lach⸗ ten; ſie umfingen ſich, ließen ſich los um ſich anders zu umfangen. Lady Mary konnte nur einzelne Worte hervorbringen, ſo ſehr hatte ſie das Entzuͤk⸗ ken uͤberwaͤltigt, doch faßte ſie Eduards und Wil⸗ helms Haͤnde und preßte ſie an ihr Herz. Anna hing an Wilhelms Munde, und hatte tauſenderlei zu fragen und erwartete nie die Antwort. Der Lord hatte ſeine Arme uͤber Gattin und Sohn ausgebrei⸗ tet und ſo war die herrliche Scene geſchloſſen. Es koͤnnen Jahre dahin ſchleichen des alltäglichen Wirkens und Waltens und man hat nicht in ihnen gelebt. Da kriecht der Menſch am Boden hin und durchwuͤhlt, gleich dem Wurm, die Erde; er begreift nicht das urweſentliche, die goͤttliche Kraft. Aber plotzlich greift dieſe in ſein armſeliges Schaffen her⸗ ein, kaum geahnet, kaum verſtanden; und der Er⸗ den Sohn ſteht von ihrem Glanze geblendet, erſchuͤt⸗ tert. Sei es nun der goͤttliche Schmerz, ſei es der gottliche Jubel, der ſeinen Scheitel triſſt, er weiß die Gottheit ſich nahe und lernt die hohe Bedeutung ſeines Lebens verſtehen. Das ſind Stunden des Le⸗ bens. Jahre des alltäglichen Seins ſind nichts ge⸗ gen eine ſolche Stunde, wo dem Menſchen leuchtend in die Seele der hohe Gedanke tritt, daß er ein Menſch iſt. 110 Der Rauſch der Wonne ſollte ganz vollkommen werden; der Becher der Freude ſollte uͤberſprudeln, des Herzens Wuͤnſche ſollten heute alle in Erfuͤllung gehen. Wo Elternliebe, Kindesliebe, reine Liebe der Geliebten, hohe Liebe der Gatten ihre Tempel ſich erbaut hatten, in dieſem heiligen Kreiſe wollte auch die Freundſchaft ihren Altar errichten, um dem waltenden Gott das Opfer erhabener Geſinnungen darzubringen; denn als die himmliſche Bewegung noch alle Herzen umfaßt hatte, als das Entzuͤcken immer noch Worte gab und ſie ſchnell wieder ver⸗ drängte, Jedes etwas erzaͤhlte, Jedes etwas fragte, und in abgebrochenen Säͤtzen nichts Zuſammenhaͤn⸗ gendes hervorkam, da kam mit Sturmes Eile Eich⸗ ler, der biedere Freund, herein und flog beiden erſtaunten Juͤnglingen an die Bruſt. „All ihr Heiligen!“ rief Eduard:„Welcher Genius fuͤhrt auch Dich zu uns? Das iſt des Ent⸗ zuckens zu viel! Das Herz iſt mir zu voll! Ich taumele wie ein Traͤumender; meine Sinne ſind mir verwirrt. Alles was ich anſehe, iſt mir ein Räthſel.“ „Die Raͤthſel werden auch Dir ſich loͤſen, wie all unſere Schmerzen und Leiden in Freude ſich auf⸗ geloͤſt haben,“ erwiederte der Lord.„Groß und hart war die Probe; ſie iſt glucklich uͤberſtanden und mit vollen Zuͤgen laßt uns nun den Becher der Freu⸗ do ſchluͤrfen!“ „Komm an meine Seite, mein langentbehrter, mein geliebter Sohn, du Kind meiner Schmerzen, mei⸗ 111 ner Sehnſucht. Drei und zwanzig Jahre hat dieſes Herz nach deiner umarmung geſeufzt, haben meine Arme ſich ausgebreitet, Dich zu empfangen, ſie ſind zuſammengedraͤngt in dieſen goͤttlichen Augen⸗ blick; alle Schmerzen ſind vergeſſen, alle Schuld iſt abgebuͤßt und ich halte Dich in meinen Armen.“ So ſprach die Lady Mary und zog Eduard zu ſich auf eine Ottomanne. Wilhelm war ſtiller geworden; er ſchaute mit Beben und Beſorgniß auf die Geliebte, die Tochter des reichen Lord. Sie war ſchoͤner ge⸗ worden; ihr Anſtand war erhabener, wuͤrdevoller, als ſonſt. Alle ihre Formen hatten ſich ausgebildet. Die Hoheit ihres Standes ſpiegelte ſich in ihrer ganzen Geſtalt ab; die ſanften Augen hatte die Freude ver⸗ klaͤrt; ſie leuchteten lebhaft aus der blonden Locken⸗ fulle hervor, wie ein Paar Sterne aus goldblaſſem Gewoͤlk. Doch die Anmuth, der Liebreiz, die ſchä⸗ mige unſchuld ihres ganzen Geſichtes verkuͤndeten deutlich, daß ſie noch die vorige Anna ſei. Der Lord, welcher in der Seele des beſorgten Juͤnglings geleſen hatte, unterhielt ſich mit ihm, waͤhrend ſei⸗ ne Gemahlin mit Eduard und Anna ſich beſchaͤftigte. Er ließ ihn ganz ſeine Zufriedenheit und Liebe em⸗ pfinden. Dann ging er zu ſeiner liebenswuͤrdigen Tochter, nahm ſie bei der Hand und fuͤhrte ſie Schmerzing zu. „Es ſind nun vier Monate, liebe Ana, ſeit wir das Gluͤck haben, Dich als unſere Tochter zu umar⸗ men; aber ſo groß auch deine Freude ſein mochte, 112 deine Eltern in uns zu finden, ſo hat doch immer ein heimlicher Gram an deiner Seele genagt. Ich habe wohl bemerkt, daß du krank ſeiſt, und du haſt mit kindlicher Offenheit die Quelle deines uebels der theinehmenden Mutter entdeckt. Hier fuͤhre ich Dir den Arzt deiner Unruhe zu. Du wirſt ihm Vieles zu erzaͤhlen haben, damit er die rechten Mittel fin⸗ de, die Dich uns geſund und froh wiederſchenken.“ Anna blickte mit unendlicher Freundlichkeit und doch verſchaͤmt den ſcherzenden Vater an, und als er lächelnd ſie an Wilhelms Bruſt legen wollte, da warf ſie ſich erſt an die ſeinige, und rief:„Beſter Vater, wo ſoll ich Worte hernehmen, Ihnen zu danken? Tief im Herzen gluͤht das Gefuͤhl, aber Worte vermag es nicht zu finden. Was ſoll ich es laͤugnen, meinem vollkommenen Gluͤcke fehlte nichts, als—“— und ſie warf einen zaͤrtlichen Blick auf Wilhelm, der ihm alle Himmel oͤffnete. In ſtum⸗ mer Entzuͤckung hatte er dageſtanden, jedes holde Wort von ihren Lippen verſchlingend, und von un⸗ widerſtehlicher Gewalt hingeriſſen, umfing er das liebreizende Maͤdchen und druͤckte ihr einen langen, langen Kuß, den Kuß der Weihe reiner himmliſchen Liebe, der Heiligung eines ewigen Bundes auf die roſigen Lippen. Jetzt trat Eduard mit ſeiner reizenden Mutter hinzu, und im Anſchaun der Gluͤcklichen vertieft, ge⸗ dachte er ſeiner geliebten Marie.„O wenn ſt jetzt in der Mitte dieſer guten Menſchen wäre,“ dachte 113 er bei ſich.„Wenn meine Eltern in dieſer feierli⸗ chen Stunde ihren Segen auch uͤber uns ausſprä⸗ chen! Dann waͤre das Maaß meiner Freude voll; dann waͤren alle meine Erdenwuͤnſche erfuͤllt.“ Sol⸗ che Empfindungen durchkreuzten Eduards Seele, und von der Gewalt derſelben hingeriſſen, trat er zu ſei⸗ nem Vater und ſprach:„Ich ſehe das Entzuͤcken, das Ihnen das ſchoͤne Pärchen macht, und das läßt mich hoffen, daß Sie meine Liebe zu einem holden Maͤdchen billigen, die Ihrer Achtung und väterlichen Zuneigung werth ſein wird. Schon ſind Sie durch meinen Brief davon unterrichtet; ſie ſelbſt hat Ihnen ja geſchrieben.“ „O Kinder, Kinder!“ rief der Lord:„macht mich auf einmal nicht zu reich; ich erliege ſonſt den Wirkungen einer ſo ſegenreichen Stunde. Hier, mein Eduard, meine teutſche Rechte! Wenn ſie rein und tugendhaft iſt, ſo iſt ſie mir als Tochter willkom⸗ men, welcher Abkunft ſie auch ſei. Anna hat uns ſchon viel Gutes von ihr erzaͤhlt, auch wiſſen wir durch deinen Brief, daß ſie die Pflegetochter des Foͤrſters zu Kleefeld iſt; aber den Geſchlechtsnamen deiner Braut haſt Du uns noch nicht genannt.“ „Sie heißt Marie Wolframm; ihr Vater war Pfarrer in Roſenau, einem heſſiſchen Dorfe.“ „Wolframm?“ rief der Lord, und in ſeinen Geſichtszuͤgen konnte man deutlich leſen, daß Erin⸗ nerungen in ihm aufſtiegen.„Pfarrer in Roſen⸗ au?“ wiederholte er noch einmal gedehnt. 14 „Derſelbe!“ erwiederte Eduard geſpannt. „Beim Himmel! das iſt hoͤchſt wunderbar. Der Pfarrer war ein Jugendfreund von mir; wir waren in Caſſel zuſammen auf der Schule. Als wir uns einſt zuſammen badeten, verſank ich, der unge⸗ ubte in eine Tiefe und waͤre ohne Rettung ertrunken, wenn nicht der wackere Wolframm, ein guter Schwimmer, mich aus dem Waſſerſchlunde gezogen haͤtte. O daß er noch lebte, damit ich ihm die edle That lohnen koͤnnte! Nun— ſo will ich ſeinem Kinde vergelten, was ich an ihm nicht vermag. Lebt ſeine Frau noch?“ „Nein, auch ſie iſt ihm in's Schattenreich ge⸗ folgt. Aber einen Sohn hat er hinterlaſſen, einen braven Juͤngling. Er hat mit mir ſtudirt und iſt gegenwaͤrtig mit einem ruſſiſchen Grafen Semlin auf Reiſen.“ „Mit dem Grafen Semlin?“ fragte abermals der Lord geſpannt.„Wo halten ſie ſich jetzt auf?“ „Ich denke in Italien; wenigſtens hat meine Marie verfloſſenen Herbſt von dorther die letzten Nachrichten ihres Bruders.“ „Ich kannte in Rom einen Grafen Semlin, der ein großer Verehrer der Kunſt war,“ ſetzte der Lord gleichguͤltig hinzu.„Vielleicht ein Verwandter von dieſem.“ Und die Mutter trat hinzu, und ließ ſich viel von Marie erzaͤhlen, die ſie bald als Tochter zu umarmen hoffte. Man ſing nun an, ſich allmaͤlich 115 in weitläuftigeren Geſprächen zu ergehen; die Scene veraͤnderte ſich immer bunt, denn Jedes hatte dem Anderen etwas zu ſagen. Ein ſolcher Austauſch fro⸗ her Ideen, die von heiterer Luſt geweckt, als friſche duftende Blumen in das Leben traten, mußte ſeiner Natur nach hoͤchſt wohlthaͤtig auf Geiſt und Gemuͤth wirken, und die ganze Familie empfand dieſe Wir⸗ kung ſo innig und tief, daß ein Fruͤhling über ſie Alle ausgeſchuͤttet zu ſein ſchien, und der Lord im Stillen beſchloß, mehre Scenen zu Gemaͤlden zu be⸗ nutzen, um den Eindruck dieſer gluͤcklichen Stunde zu verewigen. Er beobachtete daher Alles genau, damit ihm keine Gruppe entging, die er der Natur abzuſtehlen gedachte. Wie ein Augenblick waren die Stunden des Nachmittags verſchwunden. Der Lord hatte mehren Bedienten heimliche Befehle ertheilt, ohne daß einer von den Freunden darauf geachtet haͤtte. Als man zum Abendtiſche gehen wollte, bemerkte er, daß noch einige Fremde ihnen Geſellſchaft leiſten wuͤrden. Die beiden Freunde wurden in ein koͤſtliches Zimmer ge⸗ fuͤhrt, wo die Freuden der Tafel ſchon ihrer war⸗ teten. Alles war fuͤrſtlich eingerichtet. Der Lord ging mehremal unruhig an's Fenſter. Endlich fuhr ein Wagen vor; zwei ſchwarzgekleidete Herren wur⸗ den herausgehoben. Die Thuͤren oͤffneten ſich, und der Graf Semlin mit Wolframm verneigten ſich vor dem Lord, Eduard und Wilhelm hatten ſich im 120 freudigen Erſtaunen nicht geruͤhrt; Keiner hatte ei⸗ nen Laut von ſich gegeben; als aber Wolframm nach der Verbeugung vor dem Lord und der Lady ſich zu den Andern wenden wollte, um auch ſie nach guter Form zu begruͤßen, hob er ſeine Augen in die Hoͤh', fuhr ſchnell zuruͤck und rief: Sancta trinitas! ſind meine Augen behert? Was ſeh' ich? Meine Herren Gonfratres? Schmerzing— Golding— Mein Gott! wie treffen wir uns hier wieder?“ „Ja, beſter Bruder Wolframm, rief Eduard entzuͤckt und druͤckte ihn an ſich.„Was machen Sie mir fuͤr eine ungeheure Freude!“ „Sagen Sie mir nur,“ fiel Wilhelm ein, „wie kommen Sie ſo ſchnell nach London. Wir glaubten Sie in Italien.“ „Großer Gott! wenn das Marie wuͤßte,“ rief Eduard dazwiſchen. „Welche Marie?“ frug haſtig Wolframm. „Ihre Schweſter; meine Braut.“ Was? Bin ich verwirrt? Meine Schweſter Marie ſei Ihre Braut? Sagten Sie nicht ſo? Nun— wo iſt denn Marie?“ „In Hannover bei meinen Eltern,“ erwieder⸗ te Wilhelm haſtig. „Marie— Ihre Braut— in Hannover— bei Ihren Eltern. Da werde der Henker klug dar⸗ aus. Nun wie kommen Sie denn aber hierher?“ fragte wiederum der wohlbeleibte Wolframm und rieb ſich die Stirn. 517 „Ich bin der Sohn dieſes Hauſes; der Sohn des Lords hier und der Lady.“ „Pah!“ fuhr Wolframm heraus;„wollen Sie mein Bischen Hirn herum ruͤhren. Ich weiß ſchon den Anfang nicht mehr. Alſo meine Schweſter meinten Sie, Schmerzing, ſei Ihre Braut und hal⸗ te ſich in Hannover im Hauſe Ihrer Eltern auf?“ „Bitte gehorſamſt um Verzeihung,“ entgegne⸗ te dieſer, meine Braut iſt die Tochter dieſes Hauſes, die Tochter des Lords und der Lady hier.“ „Ich bin verruͤckt!“ rief Wolframm halb ver⸗ zweifelt aus. Neues Fragen; neue Verirrungen; neues Staunen. Man ſprach, fragte, antwortete und wuß⸗ te am Ende nicht, was man geſprochen, gefragt und geantwortet hatte. Der Graf Semlin wollte befrie⸗ digt ſein; Wolframm konnte anfaͤnglich gar nichts begreifen und nur mit Muͤhe brachte man ihm einen klaren Begriff von dem ganzen Verhaͤltniſſe bei. Die Lady Mutter wollte das Nähere uͤber Wolframm wiſſen; Anna fragte ihren Wilhelm aus; Eichler horchte uͤberall hin und ſetzte ſich das Einzelne zu einem wohlgeordneten Ganzen zuſammen, ſo daß er buletzt von Allem das Meiſte wußte. Eduard und Wilhelm erfuhren nun, daß der Graf und Wolframm ſchon im Herbſt von Rom weg⸗ gereiſt waren, um den Winter in London zuzubringen. Wolframm hatte alſo den Brief, welchen ihm Eduard nach Rom geſchrieben, nicht erhalten koͤnnen, weil er zu der Zeit ſchon auf dem Waſſer geweſen war. In Rom hatte der Graf von einigen Meiſtern vernommen, daß der Meiſter Ewald, ein vertrauter Freund ſeines Vaters, zum Lord Wilmeſon in Lon⸗ don ernannt worden ſei, und ſo ſuchte er ſein Haus auf und hatte mit Wolframm ſchon mehremal Zutritt bei dem Lord gehabt; doch war natuͤrlich von naͤhe⸗ ren Familienverhaͤltniſſen nichts erwaͤhnt worden. Als Wolframm erſt wußte, woran er war⸗ und von der lieben Schweſter Marie und dem guten Onkel Reinhard, den er als Student mehremal be⸗ ſucht, ſo viel Gutes erzählen hoͤrte, als er ver⸗ nahm, daß der reiche Lordsſohn ſein Schwager ſei, da wurde er ganz ausgelaſſen luſtig, ſturzte ein Glas Wein um das andere hinab und ſprach zuletzt in einem fort Lateiniſch, ſo daß Niemand recht zum Vorte kommen konnte, oder ihn überſchreien mußte. „Freundchen,“ rief er endlich:„Beſte Gold⸗ bruͤderchen, wißt ihr noch, wie der Golding— der Lord wollt' ich ſagen— der Bruder da uns in Münden im ſchwarzen Bären Alle katholiſch machen wollte. S'iſt mir ewig unvergeßlich und ich habe dem Grafen oft davon erzählt. Wenn ein Weihbi⸗ ſchoff da geweſen waͤre, ich glaubte, ich hätte mich auf der Stelle firmeln laſſen, ſo weit hatte er mich herum gekriegt;— und nun mein Schwager, und nun gar ein Lord! Ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht!— Aber am andern Morgen gab's auch Blut auf dem Eichenkrug. Dein Serundant, Bruͤ⸗ derchen, kam am ſchlimiſten dabei weg.“ 119 „Seit jener Zeit haben wir uns nicht wieder geſehen, lieber Wolframm,“ ſprach Wilhelm. „Richtig, richtig! Denn ich wollte doch nicht katholiſch werden, und da meinte ich, es ſei beſſer mich zu huͤten.“ So koſeten die frohen Menſchen fort und uͤber⸗ ließen ſich ganz den Eindruͤcken der Freude. Der Lord hatte in den Blicken ſeines wiedergefundenen Sohnes lange die Sehnſucht geleſen, etwas Naͤheres uͤber ſein Leben und ſeine Schickſale zu hoͤren, und als Eduard ſogar um Mittheilung bat, ſo begann er beim Nachtiſche zu erzaͤhlen. „Mein Vater, der Landkammerrath Ewald in heſſiſchen Dienſten, ſtarb, als ich die hohe Schule in Caſſel beſuchte. Häͤtte er laͤnger gelebt, ſo wäre ich Juriſt geworden; denn das war ſein Wille, und ich war gewohnt, ihm in jedem Stuͤcke unbedingt zu folgen. Sch war der einzige Sohn, und er hinter⸗ ließ mir ein großes Vermogen. Fruͤh ſchon hatte er mir eine ſorgfaͤltige kräftige Bildung geben laſſen, und ich hatte in der Kenntniß der alten und neueren Sprachen einen ſehr guten Grund gelegt. Spaͤter ſuchte ich dieſelben auszubilden und verhalf mir durch ſie zu jener klaſſiſchen Bildung, die mich den Geiſt des Alterthums gut auffaſſen und darſtellen ließ. Ich las vorzuͤglich gern die Dichter, und die griechi⸗ ſchen Tragiker konnte ich faſt auswendig. Schon in meinen kindlichen Spielen hatten meine Lehrer ein gutes Talent zum Zeichnen entdeckt: es war nichts 120 verabſäumt worden, daſſelbe auszubilden. Bald er⸗ griff mich eine unbeſiegbare Liebe fuͤr die Malerei und alle Stunden, die nicht fuͤr die Schule beſetzt waren, widmete ich dieſer freien Kunſt. Damals war Ihr verſtorbener Vater, Herr Wolframm, mein erwaͤhlter Freund. Obgleich er nichts weniger als ein Maler war, ſo zog mich doch die Einfachheit und Geradheit ſeines Weſens an; und als er mich einſt vom Ertrinken rettete, da waren wir dann un⸗ zertrennlich.“ „O ich erinnere mich,“ rief Wolframm, ganz außer ſich vor Freude:„ich erinnere mich ſehr gut daran, daß mein ſeliger Vater oft von Ihnen ſprach, und mir jene Errettungsſcene beſchrieb.“ Wer hat⸗ te glauben ſollen, daß ich mit Ihnen in ſo nahe Beruͤhrung kommen wuͤrde!“ „Leider!“ fuhr der Lord fort,„hat mein ſpaͤteres Leben mich ganz von ihm geriſſen und un⸗ ſere Wege ſo ganz getrennt. Erſt heute habe ich durch meinen Sohn erfahren, daß er ſchon lange ſchlummert und daß Sie ſein Sohn ſind. Als ich meinen Vater verloren hatte, wurde es mir bald klar, daß die Malerkunſt das Ziel meines Lebens ſei, und ich widmete mich ihr mit aller Kraft mei⸗ nes Geiſtes. Ich ging in meinem achtzehnten Jahre nach Dresden und ſtudirte dort, und gedieh trefflich in meiner Kunſt. Als ich mich ziemlich ausgebildet hatte, trug ich Verlangen, aus der Quelle ſelbſt zu ſchopfen und die Antike in Rom zu ſtudiren⸗ Mein Ver⸗ 721 Vermoͤgen bot mir Mittel genug, meine Wuͤnſche zu realiſtren. Ich ging nach Italien und verweilte vier Jahre in Rom. Dort lernte ich bald ein Paar hohe Kunſtfreunde kennen, die der Wiſſensdurſt nach der klaſſiſchen Stadt gezogen hatte, ſie waren der Graf Semlin, Ihr Vater, Herr Graf, und der junge Lord Wilmeſon, euer Onkel, liebe Kinder.“— „Iſt das der Fanny Wilmeſon Vater?“ frag⸗ te Eduard geſpannt. „Derſelbe.— Er war ein trefflicher Juͤng⸗ ling; der ſich ſeines hohen Standes nicht bewußt war, und ſein Vermoͤgen nur benutzte, die Kunſt zu heben. Semlin, Wilmeſon, auch ich waren bald vertraute Freunde und manche ſchoͤne Blume ſtieg aus dieſer Vereinigung hervor. Wir hatten zuſam⸗ men eine Kunſtſchule gebildet, wo in jeder talentvol⸗ le junge Künſtler aufgenommen und unterſtuͤtzt wur⸗ de. Der Graf und der Lord verwendeten große Summen darauf; mir blieb es aufbehalten, die Preiſe zu vertheilen. Daher ſchreibt ſich meine aus⸗ gebreitete Bekanntſchaft mit faſt allen Kuͤnſtlern Italiens und Teutſchlands. Als ſeine Familie den Lord zuruckrief, da ließ er mir keine Ruhe, ich muß⸗ te mit ihm nach London reiſen, wo er mich in dem Kreis ſeines Hauſes einfuͤhrte. Der alte Lord Wil⸗ meſon war ein herzensguter Mann, der alles Schoͤne und Gute liebte, doch den einen Fehler hatte, daß er einen zu großen Werth auf ſeine Geburt legte. Dieſen Flecken loſchte er dagegen faſt wieder durch Die Intrigue. 11. 6 122 eine Menge anderer ſchoͤner Tugenden aus. Der junge Lord und ich ſetzten unſer Kuͤnſtlerleben fort; bald war ich in der Familie heimiſch und durfte mich als Hausfreund betrachten. Aber ſo nah ich auch immer dem Lord ſtand, ſo war es doch nicht jener heilige Bund der Seelen, jene gemeinſame aufſtrebende Glut nach dem Hoͤchſten, in eine Flamme vereinigt, die uns zuſammenkettete. Ich hatte fuͤr das Ideal von Freundſchaft, das in meiner Bruſt lebte, noch keinen Gegenſtand gefunden. Da brachte der Lord einen teutſchen Kuͤnſtler, ei⸗ nen Inſtrumentenmacher und Muſiker, Namens Eichler, zu mir. Ein finſterer, verſchloſſener Mann, dem das Leben ſchon die ſchoͤnſten Bluͤthen geknickt hatte. Aber er trug eine unendlich reiche Welt in ſeiner Bruſt und ließ mich nur nach und nach die friſche Fuͤlle ſeines Innern ſchauen. Wir erkannten uns; wir wurden die innigſten Freunde. Mein Geiſt ſtieg auf der Leiter der Empfindungen von Stufe zu Stufe weiter, und ich ward endlich ſo reizbar, daß ich bei der geringſten Ruͤhrung Stroͤme von Thraͤ⸗ nen vergießen konnte. So war mein Herz unbemerkt fuͤr des Lebens hoͤchſte Seligkeit, fuͤr die Liebe em⸗ pfänglich geworden. In des Lords Hauſe ging mir der Stern meiner Liebe auf. Es war die Schweſter meines hohen Freundes, die Lady Mary— eure theure Mutter hier!— Du brauchſt nicht zu errd⸗ then, liebe Mary; wenn wir damals fehlten, ſo buͤßten wir durch jahrelanges Leiden einen einzigen 193 Fehler ab, und das Schickſal zeigt ſich uns auf ein⸗ mal ſo guͤnſtig, daß ich nicht anders glauben kann, als daß wir des Himmels Sorn nun verſoͤhnt haben. — Wir hatten uns erkannt und verſtanden, ohne ein Wort uͤber unſern Zuſtand gewechſelt zu haben. Da verlangte der alte Lord einſt von mir, ich ſollte ſeine Tochter malen, welche damals in der hoͤchſten Bluͤthe ihrer Reize ſtand. Ich bebte bei dem Antrag; und doch fuͤhlte ich Staͤrke genug in mir, eine Goͤt⸗ tin auf die Leinwand zu zaubern, denn in meiner Seele gluͤhte ja ihr Bild ſchon lange mit hoͤherem Glanze umſtrahlt, als mein Pinſel es je zu ſchmuͤcken vermochte. Aber als ich allein mit ihr war, als ich hinter der Staffelei ſaß, und mein gieriges Auge in der Fuͤlle der namenloſen Reize ſchwelgte, als ich jeden dieſer himmliſchen Zuͤge auf der Leinwand wie⸗ dergebaͤren ſollte, da erfaßte mich ein Zittern und krampfhaft hielt ich den Pinſel in meiner Hand. Ich warf ihn zur Erde und ſprang ſtuͤrmiſch von meinem Sitze auf, um das Zimmer zu verlaſſen; denn ich war noch Herr meiner ſelbſt, und wollte die Achtung, die ich im Hauſe genoß, nicht mit Undank vergelten. Ich wollte ſchweigen und lieber in meinem furchterlichen Schmerz vergehen. Da winkte ſie mir freundlich und fragte mich ſo theil⸗ nehmend, was mir ſei— und ich vergaß Pflicht und Kampf, ſturzte zu Mary's Fuͤßen und that ihr das Geſtändniß meiner gluͤhenden Liebe mit einer ſol⸗ chen Leidenſchaft, daß ſie erſchrocken und freudig 6* 124 zugleich mir in die Arme ſank und durch ſanfte Hin⸗ gebung unſern Bund fuͤr Ewigkeiten beſiegelte. Die⸗ ſe Zeit war der Hochpunkt meines Lebens und damals ſchopfte ich mit ungeſchwaͤchter Kraft aus ſeinen Tie⸗ fen. Mein Freund Eichler war natuͤrlich mein in⸗ nigſter Vertrauter, kein Geheimniß war in unſerer Seele, was nicht klar dem Andern vorgelegen hätte. Er erſchrak, als ich ihm das Geſtändniß meiner Lie⸗ ve entdeckte und weiſſagte mir ungluͤckliche Tage dar⸗ aus. Sein prophetiſcher Geiſt hatte ihn nicht betro⸗ gen. Auch er hatte ja die Tochter eines vornehmen Standes geheirathet, auch er hatte ſie unendlich ge⸗ liebt, und doch war dieſe Liebe die urſache ihres fruͤ⸗ hen Todes geweſen. Doch dafuͤr hatte ich keine Oh⸗ ren und er erkannte leicht, daß mir guter Rath hier nichts helfen wuͤrde, denn ſein Herz war mit der Heftigkeit der erſten Liebe zu bekannt, um nicht zu verſtehen, daß ich nicht ablaſſen wuͤrde, um Mary's Beſitz zu käͤmpfen. Ich und Mary ſahen uns von nun an täͤglich allein; wir lebten und athmeten nur im Gluͤck unſerer Liebe. Je verborgener unſere Zu⸗ ſammenkuͤnfte waren, deſto gefahrlicher waren ſie. Die Glut meiner Begeiſterung, das Schwelgen mei⸗ ner Phantaſie in den kuͤhnſten Bildern, wenn ich in den Armen des reizendſten Madchens lag, riſſen mich uͤber alle Schranken der beſtehenden Ordnung hinaus. Die Gleichgeſtimmte widerſtand nur wenig; ich foder⸗ te wonnetrunken immer mehr; wir ergaben uns zu⸗ letzt dem hochſten Genuß der Liebe, und ſo kam es, 125 daß wir nach einer ſchwachen Stunde zu bereuen an⸗ fingen, was nicht mehr zu aändern war. Vor dem Allmächtigen galt ſie als mein Weib; mochte ſie auch die Welt nicht dafur anſehen. Aber der Ahnen⸗ ſtolz und die Strenge des alten Lords, der ſeine Familie auf's graͤßlichſte beſchimpft geglaubt hätte, ließen uns das Schlimmſte befuͤrchten. Eichler war wie zernichtet, als ich mich ihm entdeckte; er drang darauf, daß der junge Lord mit in das Geheimniß herein gezogen wuͤrde, denn nur von ihm ſei Huͤlfe zu erwarten. Endlich, als die Gefahr und mit ihr die Angſt auf die fuͤrchterlichſte Hoͤhe geſtiegen war, beſchloß ich und Mary dem Bruder die Sache vorzu⸗ legen, und erſt dann, wenn er nicht helfen wollte, entſchloß ſie ſich zur Flucht mit mir. Eichler uͤber⸗ nahm es, dem jungen Lord ruhig und klar das Ver⸗ haltniß vorzuſtellen und um ſeinen Beiſtand zu bit⸗ ten. Da zeigte ſich, daß der Lord nicht der Freund geweſen war, fuͤr den er ſich immer ausgegeben hat⸗ te. Er vergaß, was wir uns geweſen; er war wuͤthend. Haͤtte Eichler nicht Alles aufgeboten, ihn zu beſaͤnftigen, er wäre in der erſten Aufwallung ſeines Zorns einer Unthat faͤhig geweſen. Doch mein ſeliger unvergeßlicher Eichler, den ich noch in ſeinem Sohne ſchätze, wußte den ſchwachen Mann ſo zu len⸗ ken und zu leiten, daß er vald verſprach, Alles was in ſeinen Kraͤften ſtehe, fuͤr die ungluͤckliche Schweſter zu thun. Doch nur unter der Bedingung wollte er helfen, daß wir uns unbedingt ſeinen Verfuͤgungen 126 unterwerfen ſollten. Ich und Mary ſprachen ihn am Abend.„Gelobt mir Beide, ſagte er, gelobt mir eidlich, nie an eine Verbindung zu denken, euch nie um einander zu bekuͤmmern, bis meine Eltern nicht mehr leben. Dann will ich Euch ſelbſt zur Ehe behuͤlflich ſein. Wenn Du, Mary, einen Funken Kindesliebe beſitzeſt, ſo ſchwoͤre mir, nie an Ewald zu ſchreiben, nie nach der Frucht dieſer verbotenen Liebe zu fragen, nie zu thun, als ſei nur etwas vor⸗ gefallen ſo lange, bis ich es fuͤr gut finden werde, Dich dieſes Eides zu entbinden. Und wenn Sie ei⸗ ne Idee von Freundſchaft und Pflicht in ſich haben, wie ich doch äberzeugt bin, ſo ſchworen Sie mir bei Gott, nie an Mary zu ſchreiben, nie ihr unter die Augen zu treten, es ſei unter welcher Geſtalt es wolle, nie nach Ihrem Kinde zu fragen, ſo lange bis ich Sie ſelbſt davon benachrichtigen werde. Wenn meine Eltern todt ſiind, ſteht Euch kein Hinderniß mehr im Wege.““ Noch immer toͤnen die ſchreck⸗ lichen Worte in meinen Ohren wieder; aber ach! wir waren zu bedraͤngt, wir gingen gern Alles ein, was wir in den damaligen umſtaͤnden als nothwen⸗ dig einſahen. Die Punkte der Bedingung waren hart und ſchrecklich, doch wir legten Beide den Eid ab. Ich mußte London auf der Stelle verlaſſen und meine geliebte Mary der Willkuͤhr ihres Bruders uͤberlaſſen. Eichler war unzertrennlich von mir; er beſchloß, mit mir nach Teutſchland zuruͤck zu kehren. Durch ihn verſprach der Lord mir von Zeit zu Zeit —.—— ——— 127 Rachrichten zukommen zu laſſen. Doch in des Lords Hauſe lebte ein alter Kammerdiener, der Ma⸗ ry mit erzogen hatte und der mit beiſpielloſer Liebe an ihr hing. Ihn hatten wir zu unſern Vertrauten gemacht, und durch ihn erhielt ich ſpaͤter immer Nachrichten aus Wilmeſons Hauſe. Ich theilte mit Eichler mein betraͤchtliches Vermoͤgen, oder vielmehr, wir betrachteten es Beide als ein gemeinſchaftliches Gut. Sein Sohn war ja auch der meine; er iſt es noch und in jenem braven Juͤnglinge ſeht ihr den Nachkommen meines unvergeßlichen Freundes. Wir gingen nach Eichlers Vaterſtadt, nach Muͤnchen, weil ich da mehr fuͤr meine Kunſt zu leben hoffte, als an jedem andern Ort. In Muͤnchen kauften wir uns an und machten ein angeſehnes Haus. Ich vergrub mich in Arbeiten; große Unternehmungen kamen zu Stande, und mein Name wurde bald be⸗ kannt. Dies war mir einiger Erſatz fuͤr den namen⸗ loſen Kummer meines Innern. Mein ganzes Stre⸗ ben ging dahin, den hoͤchſtmöglichen Gipfel der Kunſt zu erreichen, und den jungen Eichler, deſſen tiefes Gemuͤth ſich mir herrlich erſchloß, zum Kuͤnſtler kraͤftig heran zu bilden. Seine Muͤhe iſt uͤber die Maßen belohnt worden. Von dem getreuen Kam⸗ merdiener erfuhr ich nach einiger Zeit, daß der jun⸗ ge Lord mit Mary, wegen ihrer ſchlechten Geſund⸗ heitsumſtände eine Reiſe in die weſtlichen Provinzen unternommen hatte, wo anſehnliche Beſitzungen des Wilmeſonſchen Hauſes lagen. Auf einem einſamen 128 Schloſſe hatte ſie Zwillinge geboren, die in der Tau⸗ ſe den Namen Eduard und Anna erhalten hätten. Auf jenem Schloſſe wurden ſie auch erzogen. Die Lady ſei wieder im elterlichen Hauſe und befinde ſich wohl. Dieſe Nachricht goß einige Tropfen Balſam in meine brennende Wunden. Der Lord ſchrieb et⸗ was ſpäter ſelbſt an Eichler, worin er ihm kund that, daß er geſonnen ſei die Kinder nach Teutſchland zu einem univerſitätsfreund von ſich zu bringen, damit ſie als Teutſche und als Proteſtanten erzogen wuͤrden, weil ihr Vater ein Teutſcher und Proteſtant ſei. So ſehr mich dieſe zarte Aufmerkſamkeit uͤber⸗ raſchte und dem Lord ſeine Strenge vergeben ließ⸗ ſo unzufrieden war ich damit, daß ich den Aufent⸗ halt meiner Kinder nicht erfuhr. Jahre verfloſſen und kein troͤſtendes Wort kam fuͤr mich. Die Zeit ging mit bleiernen Fuͤßen; ich ſuchte vergebens ſie durch die angeſtrengteſte Beſchäftigung zu beflügeln. Der immer friſche Schmerz verzehrte mich faſt. Je⸗ den Abend, wenn die Spaͤtroͤthe meine Sehnſucht weckte, weinte ich Thraͤnen der Liebe und des Schmerzes; ſie galten meiner Mary und meinen Kindern. Ich wußte ſie in meinem Vaterlande und konnte ſie nicht an die väterliche Bruſt druͤcken. Da beſchloß ich zu reiſen. Ich durchzog Teutſchland kreuz und guer. Ach! wie oft habe ich Stundenlang Kinder beobachtet, die im gleichen Alter zu ſein ſchienen; wie oft, mich ſelbſt täuſchend, Thnlichkeiten in ihren Zuͤgen zu finden geglaubt, bis ich mich end⸗ 129 lich vom Spiel meiner Phantaſie tuͤckiſch betrogen ſah. Sechzehn Jahre hatte ich in ſolchem Schmerze zuruͤck gelegt; da ſchrieb mir der alte ſchwache Kam⸗ merdiener mit ſeiner letzten Kraft, daß die Kinder auf jedem Fall bei einem Pfarrer im Hanndoͤverſchen waͤren, denn der junge Lord ſei dort geweſen, habe ſie geſehen und der ungluͤcklichen Mutter Gruͤße mit⸗ gebracht. Auch habe er ihr, der ſtuͤrmiſch Bittenden, verſprochen, ſie kunftiges Jahr ſelbſt zu ihren Kin⸗ dern zu bringen. Mein Gluͤcksſtern ſchien aufzuge⸗ hen; ich bebte freudig ſchon vor der anbrechenden Roͤthe. Aber o weh! wie ſehr hatte ich mich ge⸗ täuſcht. Das folgende Jahr, das mir vielleicht Er⸗ fullung meiner heißeſten Wuͤnſche bringen ſollte, brachte die franzoͤſiſchen Kriege mit den nordiſchen Maächten. Aller Verkehr Teutſchlands mit England war abgeſchnitten. Jahre des Schmerzes verſtrichen abermals; da brachen die Freiheitskriege aus und mit Teutſchlands Befreiung erwachten in mir neue Hoffnungen. Da erſchien plotzlich die junge Fanny Wilmeſon, die Tochter des Lords, in Muͤnchen, die ich als ein Kind in London verlaſſen hatte. Ich wußte nicht, warum ſie nach Muͤnchen kam; ich weiß es noch nicht. Anfaͤnglich glaubte ich, ſie wuͤrde mir mein ſehnlichſt erwartetes Gluͤck bringen; ich wurde getäuſcht. Sie brachte nichts als die Nachricht von ihres Vaters Tode, der, von einem Pferde geſturzt, plotzlich verſchieden ſei; auch berich⸗ tete ſie, daß ihre Großmutter heimgegangen, und 6** 150 der Großvater, der alte Lord, nicht lange mehr leben koͤnne. Bald, bald hoffte ich meines ſchrecklichen Schwures entbunden zu ſein, den ich auch dem tod⸗ ten Lord noch ſchuldig zu ſein glaubte. Ich ſchrieb an den treuen Kammerdiener nach London und er⸗ kundigte mich nach der urſache des Aufenthaltes der Lady in Teutſchland; aber ich erhielt keine Antwort. Auch er, der Brave, war, wie ich ſpäter erfuhr, zu ſeinen Väͤtern eingegangen. Mary hatte den Brief erhalten, hatte ihn verſchlungen, und doch band auch ſie der Schwur noch, der ihr um ſo feſter duͤnkte, weil ſie ihn dem todten Bruder ſchuldig war. Sie durfte mir nicht antworten. Ich bemerkte bald deutlich, daß Fanny Wilmeſon ſehr verſchlöſſen gegen mich war, und mich doch ſtets mit laurenden Blik⸗ ken beobachtete. Es ſchien mir ſehr wahrſcheinlich, daß ſie in die Geheimniſſe ihres Vaters eingeweiht ſei, und doch ließ ſie nie ein Wort davon gegen mich fallen. Das Maͤdchen war mir mit ihrem tuk⸗ kiſchen Weſen zuwider und ich zog mich ganz aus ihrer Geſellſchaft zuruͤck. Zu jener Zeit litt ich un⸗ endlich viel; ach! und das Maß meiner Leiden ſollte uͤberfließen. Ich mußte meinen einzigen Freund auf der Welt, meinen geliebten Eichler begraben, der mir jedoch in ſeinem Sohne ein theures Vermaͤcht⸗ niß hinterließ. Da nahm ich den Wanderſtab wieder zur Hand; ich wollte meinen Sohn und Lehrling in die Welt fuͤhren. Wir zogen die alten, wohlbe⸗ kannten Wege uͤber die Alpen. Ich ſchien wieder 131 — mit meinem jungen Freunde aufzubluͤhen; in alle Heiligthuͤmer der alten und neuen Welt fuͤhrte ich ihn ein und ſah mit freudigem Staunen, wie er alle dargebotenen Schaͤtze zu ſeinem Eigenthum machte. Wir kehrten nach einigen Jahren zuruͤck. Ich hielt es nun fuͤr nothwendig, daß er einige Zeit von mir getrennt lebe, damit er mich auch entbehren lerne. Er ging ungern von mir nach Dresden, und nur weil ich es wuͤnſchte. und dort hatte er das Gluͤck, Dich, lieber Eduard und Sie, mein theurer Wilhelm, kennen zu lernen, und ward vom Schickſal beſtimmt, mir die Meinigen unerkannt zu zufuͤhren. Erſt von Euch erfuhr ich, daß Fanny Wilmeſon ſich oft und viel in Hannover aufhalte. Sie hatte ein ſehr raͤth⸗ ſelhaftes und dabei nicht unbeſcholtenes Leben ge⸗ fuͤhrt. Ich hatte nie erfahren können, wo ſie ſich waͤhrend ihrer Abweſenheit von Muͤnchen aufhielte; auch hatte ich mich nie recht darum bekuͤmmert. Nur erſt Eure Verichte von ihr, die ebenfalls raͤth⸗ ſelhaft genug waren, und beſonders ihr Aufenthalt in Hannover, wo ja auch meine Kinder ſein ſollten, gaben mir eine dunkele Ahnung ein. Ich ſchrieb noch in der Nacht des Tages, an welchem ihr bei mir angekommen waret, nach London an den Kam⸗ merdiener, den ich noch lebend glaubtt. Ich beſchwor ihn Alles aufzubieten, um zu erfahren, aus welchen Gruͤnden die Fanny ſich in Hannover aufhalte; ob ſie vielleicht Kenntniß des Aufenthaltes meiner Kin⸗ der habe, und wie es mit meinen Hoffnungen im 132 Wilmeſonſchen Hauſe ſtehe. Einige Wochen darauf er⸗ hielt ich— o uebermaß des Entzuͤckens!— den erſten Brief von meiner ewig geliebten Mary. Sie ſchrieb mir, daß ſchon vor einem halben Jahre ihr Vater auch entſchlafen ſei, daß ſie aber nicht gewußt habe, wohin ſie ſich an mich wenden ſolle, weil ſie von Fanny erfahren, daß ich ſchon vor mehren Jahren nach Italien gegangen ſei. Ich ſchrieb dieſes der unbekanntſchaft der Lady Fanny mit meinen Verhaͤlt⸗ niſſen zu. Zugleich bemerkte mir meine Geliebte, daß ſie Fanny'n ſchon vor geraumer Zeit den Auf⸗ trag ertheilt habe, die Kinder auszuforſchen, weil ſie durchaus im Hanndverſchen ſein muͤßten; haͤtte ich nicht geſchrieben, ſo ſei ſie ſelbſt nach Berichtigung aller Erbſchaftsangelegenheiten bald nach Hannover gegangen, um die Kinder aufzuſuchen. Sie beſchwor mich, auf den Fluͤgeln der Liebe zu ihr zu eilen, und in ihren Armen die ewig lange ſchmerzliche Trennung zu vergeſſen. Schon am andern Tage ſaß ich, wie ihr wißt, im Wagen, und eilte mit Sturmeseile nach London, wo ich die alte Liebe, die alte Zaͤrtlichkeit wiederfand, nur gemaͤßigter, nur mehr auf Achtung gegruͤndet. unſere Verbindung wurde ſchnell vollzo⸗ gen; wir wären ganz gluͤcklich geweſen, wenn wir unſere Kinder in unſerer Mitte gehabt haͤtten. Ich nahm den Lordstitel und den Namen Wilmeſon an, damit dieſes große Haus nicht ganz ausſterben und verloͤſchen ſollte, und trat in alle Rechte meines verſtorbenen Schwiegervaters.“ 153 „Ehe du weiter fortfährſt, mein Theurer,“ fiel hier die Lady Mary ein„„ſo erlaube mir, daß ich das Wenige meiner Lebensgeſchichte, was zur Auf⸗ klaͤrung des Ganzen noͤthig iſt, hier einſchalte. Ich ubergehe alle früheren Ereigniſſe, und ſchweige von der jahrelangen Trauer und der Verzweiflung, die um ſo furchterlicher war, weil ich nie durch eine Silbe oder Handlung verrathen durfte, was in mir vorging. Ich ſchlug alle Heirathsantraͤge hartnaͤckig aus; und ſo ſehr ich auch von Liebhabern umlagert war, ſo ſehr meine Eltern und ſogar mein Bruder eine Verbindung mit einer angeſehenen Partie wuͤnſch⸗ ten, ſo wußte ich doch durch mein feinkaltes Betra⸗ gen alle Bewerber zuruͤck zu ſchrecken, ſo daß ich nichts mehr zu befuͤrchten hatte. Des Lords, mei⸗ nes Bruders Tochter, Fanny, wuchs unterdeſſen her⸗ an; ſie zeigte einen ſehr aufgeweckten Geiſt, aber auch fruͤh ſchon viel Verſchlagenheit und ein ver⸗ ſchloſſenes Weſen. Ihr fehlte die Mutter, die allein im Stande iſt, die weibliche Seele zu lenken und zu bilden. Ihr Vater hing mit ungewöhnlicher Liebe an ihr, die zuletzt in Schwaͤche ausartete. Ihre Prachtliebe und Verſchwendungsſucht ſtieg mit den Jahren; mein Bruder war unmännlich genug, ihr immer nachzugeben, ihren kleinſten oft kindiſchen Wuͤn⸗ ſchen ungeheure Summen zu opfern, und naͤhrte ſo den Eigenſinn und die Herzloſigkeit ſeines Kindes. Sie wurde zuletzt Herr ſeiner, denn was ſie wollte, geſchah; hatte er gegen Manches etwas, ſo behandelte 134 ſie ihn unzart, und er ſchwieg. um jene Zeit reiſete er nach Teutſchland. Als er zuruͤckkehrte, brachte er mir Gruͤße von meinen Kindern; und in einer Stunde, wo unſere Herzen ſich näherten, erfuhr ich von ihm, daß die Kinder im Hanndverſchen und bei einem Pfarrer wären. Der Krieg, wie ſchon be⸗ merkt, hinderte uns, ſie zu beſuchen. Zwei Jahre darauf ſtuͤrzte mein Bruder von einem wilden Pferde auf das Pflaſter und brach den Hals. Die ſchleu⸗ nigſte Huͤlfe vermochte dem Tode nicht eine Stunde abzukaufn; als„ vor Schrecken außer mir, in ſein Zimmer trat, war er ſchon verſchieden. Eine ſchreck⸗ liche Angſt druͤckte mich faſt zu Boden. Ich forſchte nach ſeinen Papieren; vergebens ſuchte ich nach Nach⸗ richten uͤber meine Kinder, es war keine Spur zu entdecken. Mein Bruder mußte zu vorſichtig gewe⸗ ſen ſein und Alles, was mich betraf, vernichtet ha⸗ ben; ſo glaubte ich damals. Fanny erhielt ihres Vaters Vermoͤgen und lebte nun ausſchweifender, als je. Ich horte oft, daß ſie mit einem jungen Teut⸗ ſchen auf einem ſtraͤflichen Fuß lebe; um mich be⸗ kuͤmmerte ſie ſinicht mehr. Endlich ſagte man, daß ſie denſelben strathen werde, und wirklich ging ſie mit ihm nach Teutſchland. Lange hoͤrte ich nichts von ihr; endlich ſchrieb ſie mir den zaͤrtlichſten Brief⸗ benachrichtigte mich, daß e in Muͤnchen bei Eichler und Ewald lebe und † ein hoͤchſt gluͤckliches Leben fuhre; ſie werde vielleicht bald als Frau eines jun⸗ gen Mannes, Namens Golding, in ihr Vaterland zuruͤckkehren.“ 135 „Ha!“ rief Eduard,„jetzt daͤmmert's in mir!“ „Doch bat ſie mich um Geldunterſtuͤtzung. J ſchickte ihr eine anſehnliche Summe und verſprach ihr, ſie noch mehr zu unterſtutzen, doch ſollte ſie auch et⸗ was fuͤr mich thun. Ich entdeckte ihr mein Geheim⸗ niß; ich erſuchte ſie Alles aufzubieten, um meine Kinder ausfindig zu machen. Von Hannover aus ſchrieb ſie mir wieder; ihr Brief war voll von Er⸗ ſtaunen uͤber meine Verhältniſſe, von denen ſie noch nichts gewußt zu haben ſchien. Horzuͤglich bute ſie ſich, daß ſie mit Ewald ſo nahe verwandt ſei, was ſie nie geahnet haben wuͤrde, und machte mir gewiſſe Hoffnungen, mir nach meines Vaters Tode die Kinder zufuhren zu koͤnnen. Eher wollte ich ſie ja ſelbſt nicht ſehen; das glaubte ich den Manen meines Bruders noch ſchuldig zu ſein. Ich ſchickte ihr neue Summen, ich ließ ihr mein ganzes Wohl⸗ wollen empfinden. ueber Ewald konnte ſie mir nichts berichten. Mein Vater ſtarb und ich wollte nun ſelbſt nach Teutſchland gehen, da erhielt ich Nachricht von meinem Geliebten; bald lag elbſt an meiner Bruſt.“ Die liebenswuͤrdige Mutter ſchwieg und der Va⸗ ter nahm das Wort wieder. „„Die Sehnſucht mein: geliebten Weibes nach ihren Kindern, die Sehnſuch meiner eigenen Bruſt, trieben mich wieder nach Teutſchland zuruͤck. Ich flog nach Muͤnchen und ſuchte meinen Eichler aufz 136 auch Fanny glaubte ich dort zu finden. Ich fand ſie nicht. Von Eichler erfuhr ich, daß eine Hanno⸗ veranerin in Muͤnchen an jenen Lord Weir verheira⸗ thet ſei, der mit Fanny dorthin gekommen war. Ich wußte ſchon durch meine Gemahlin, daß es jener Teutſche war, mit dem Fanny ſchon in London nicht vom Beßten gelebt hatte. Ich ließ mich bei dem be⸗ trogenen Weibe melden, die, wie ich von Eichler weiß, Deine erſte Liebe geweſen iſt, mein Sohn. Sie ſchien gluͤcklich zu ſein und es war ferne von mir, ihr die Augen zu offnen. Von ihr erfuhr ich, daß Fanny in Hannover ſei. Da ich keine Gelegenheit unbe⸗ nutzt laſſen wollte, etwas von meinen Kindern zu erfahren, ſo fragte ich ſie, ob ſie nicht vielleicht je gehoͤrt, daß ein Zwillingspaar, Eduard und Anna benahmt, bei einem Pfarrer im Hanndͤverſchen er⸗ zogen worden ſei. Ein guter Geiſt mußte mir die Frage eingeben, und ſo unwahrſcheinlich es immer⸗ hin war, daß ſie etwas davon wiſſen konnte, ſo maß ſie mich doch nach meiner Frage mit großen Augen, welche nicht undeutlich die Begierde verriethen, zu wiſſen, was mich zu dieſer Frage veranlaßte. „„Wohl,““ erwiederte ſie endlich,„„kenne ich dieſes Zwillingspaar genau,““ und ihr Blick füllte ſich mit Thräͤnen.„„ Im Hauſe des Hofrath Schmerzing in Hannover werden Sie Eduard und Anna, die Pflegekinder des Pfarrers Golding, fin⸗ den.““„Schmerzing?“„Golding?“ rief ich⸗ wie vom Blitze getroffen; und in leuchtender Gewiß⸗ — heit ſtand es vor meiner Seele, daß Du mein Sohn ſeiſt. Ich kam mir wie ein Blinder vor, der ploͤtz⸗ lich ſehend geworden iſt; denn Deine Zuͤge waren ja Mary's Zuͤge geweſen, und ich wette, wenn Du mir in Muͤnchen Deine Lebensgeſchichte erzaͤhlt haͤt⸗ teſt, ich haͤtte Dich da ſchon erkannt. Ohne mich näher zu erklaͤren, verließ ich die ungluͤckliche Frau. Mit Extrapoſt langten wir in Hannover an. Wir eilten nach Schmerzing's Haus; Anna trat mir ent⸗ gegen; ich erkannte ſie, Mary's treues Abbild. Sie lag an meiner Bruſt, ich hatte eins meiner geliebten Kinder.“ „Laß mich, lieber Vater,“ nahm hier Anna das Wort,„laß mich jetzt Dich ein wenig unter⸗ brechen. Seit Fanny mit der Frau von Gronau von Emmelinens Hochzeit zuruͤckgekehrt war, kam ſie faſt täglich in unſer Haus. Sie nahte ſich mir mit einer Aufmerkſamkeit, mit einer ſo zarten Liebe, daß ich mich ganz zu ihr hingezogen fuͤhlte. Sie lebte ſo ſtill und eingezogen, hatte nie andere Ge⸗ ſellſchaft um ſich, als mich und die liebe Frau Hof⸗ räthin, und widmete ihre Zeit unſerem Vergnuͤgen und unſerer Unterhaltung. Sie wußte mir mit der liebenswuͤrdigſten Feinheit alle kleine Wuͤnſche abzu⸗ ſtehlen, und uͤberraſchte mich mit der ſchoͤnſten Er⸗ fuͤllung derſelben. Sie malte mit mir, ſpielte mit mir auf dem Fluͤgel, begleitete mich auf allen Spa⸗ ziergängen, und umarmte mich oft in der hoͤchſten Begeiſterung, Thraͤnen in den Augen und nannte mich ihre ewig geliebte Anna. In ihrem umgange enthuͤllte ſie immer mehr alle weiblichen Tugenden und ihr empfindſames Weſen zog mich vorzuͤglich ſo an ſie, daß ich keinen Tag, ja keine Stunde mehr leben konnte, wo ſie nicht um mich war. Einſt ſa⸗ ßen wir in der Abendſtunde auf dem Altan des Hau⸗ ſes, da eroͤffnete ſie mir alle Tiefen ihres Gefuͤhls und geſtand mir endlich unter Thraͤnen ihre gluͤhende Liebe zu meinem Bruder Eduard. Ich erſtaunte. Aber ſie litt ſo ſehr durch das Feuer dieſer Leiden⸗ ſchaft, daß ſie mich in der Seele dauerte; und es kam mir vor, daß Eduard nie ein herrlicheres Maͤd⸗ chen lieben koͤnne, als ſie. Ich beſchloß daher bei mir, ſobald er zuruͤckgekehrt ſein wuͤrde, ihn auf ihre hohe Tugenden aufmerkſam zu machen und ihm Liebe zu der Liebenswuͤrdigen einzufloͤßen. Ich gab ihr das zu verſtehen und ſie lag vor mir auf den Knieen, nannte mich ihren Genius, und weinte Thränen der Freude. Einige Tage darauf erſchien mein geliebter Vater. Hofraths waren nach Kleefeld gefahren. Ich war außer mir vor Entzuͤcken, vorzuͤglich da ich von ihm vernahm, daß er meinen Bruder und meinen Geliebten ſchön kannte. Ich ließ Fanny rufen. Neue Scene des entzuͤckenvollen Wiederſehens. Sie fiel ihm um den Hals, nannte ihn ihren theuren Onkel, und bedauerte, daß ſie dieß nahe Verhaltniß erſt kuͤrz⸗ lich von der Lady Mary, meiner Mutter, erfahren und ihn alſo fruͤher nicht mit gleicher Liebe behandelt habe. Zugleich geſtand ſie mir in den zartlichſten 6— 139 Ausdruͤcken, obgleich etwas verwirrt, daß ihr mein Vater nur zuvorgekommen ſei, daß ſie ſchon ſeit ei⸗ niger Zeit im Beſitz des ſchoͤnen Geheimniſſes unſerer nahen Verwandtſchaft ſei und mich deßhalb mit ſo unendlicher Liebe geliebt habe. Nur Eduards Zu⸗ ruͤckkunft haͤtte ſie abwarten wollen, um uns Beide dann mit der großen Freude zu uberraſchen und uns unſerer Mutter zuzufuͤhren. Mein Verlangen, die ſo lang entbehrte Mutter an mein Herz zu druͤcken, war unbeſchreiblich; ich konnte keine Stunde ruhen. Auch der Vater hatte große Eile, und im Taumel der Freude ließ ich mich leicht von Fanny uͤberreden, daß ich die Frau Hofraͤthin nicht erſt aufzufuchen brauche. Ich ſolle ihr brieflich die Nachricht zukom⸗ men laſſen. Kleefeld lag zu ſehr außer unſerm Weg. Ich ſchrieb alſo an die lieben Pflegeeltern, an Eduard und Wilhelm, und uͤbergab ihr alle Brie⸗ ſe zur Beſorgung. Ich eilte mit dem Vater hierher an das liebende Mutterherz. Der Freudentaumel jener Stunden wird ewig friſchgruͤnend vor meiner Seele ſtehen, wo ich an der Bruſt lag, die mich ge⸗ tragen hatte. Ach die Freude war zu groß, ſie ſollte bald furchterlich geſtoͤrt werden. Schon nach einem Monat erhielt ich einen Brief von Fanny, der mich in Verzweiflung ſtuͤrzte. Er enthielt die fuͤrchterliche Nachricht von dem Tode meiner Pflegeeltern. Der Hofrath, ſchrieb ſie, ſei in Kleefeld von einem Schlag⸗ fluſſe getroffen worden und auf der Stelle geſtorben. Der Schmerz uͤber den unerſetzlichen Verluſt, ſo wie 140 die tiefe Trauer uͤber meine Entfernung und das Entbehren ihres geliebten Sohnes haͤtten ſo an ihrem Leben gezehrt, daß ſie dem Gatten bald in die Gruft nachgefolgt ſei. Die Briefe von mir habe ſie nach Koͤln abgeſandt. Wie kann ich jetzt meine Trauer, meinen Schmerz beſchreiben, da mich Freude und Wonne fuͤllt! Einige Wochen darauf erhielt ich wieder Briefe von ihr, worin ſie berichtete, daß Nach⸗ richten zu Folge, welche Wilhelm Schmerzing an ſeine Verwandte gegeben, er, um Troſt und Zer⸗ ſtreuung fuͤr ſeinen Schmerz zu ſuchen, ſeine Reiſe verlaͤngert habe und mit meinem Bruder nach Ita⸗ lien gegangen ſei. Das Letztere machte mich ſtutzig. Sollte Wilhelm ſeine Anna vergeſſen haben? Wußte er und Eduard mich nicht in London? Doch ent⸗ ſchuldigte ich Beide und hoffte immer Briefe von ih⸗ nen zu empfangen. Nie hatte ich Ahnung davon, daß Alles dieß die graͤßlichſte Luge ſei. Ich ſchrieb der Lady; ich aͤußerte ihr meine Bedenklichkeiten daruͤber, daß ich noch keine Nachrichten von meinen Lieben empfangen, daß ſie wahrſcheinlich meine Briefe nicht erhalten haͤtten. Dieſer Brief iſt in eure Hän⸗ de gefallen, und hat den ſchrecklichſten Betrug ent⸗ huͤllt.“ Alle ſtarrten vor ſich hin, in mancherlei Betrach⸗ tungen verſunken, über das, was ſie gehoͤrt hatten. Wolframm ſchuͤttelte einmal uͤber das andere den Kopf und fragte nach einer minutenlangen Pauſe: „Wer aber hat denn den Schluͤſſel nun zu all' die⸗ 141 ſen Räthſeln? Wer gibt die Gruͤnde an„die jenes Weib zu ſolchen Niederträchtigkeiten fuͤhren konn⸗ ten?“ S „Dieſes läßt ſich vielleicht ahnen, wenn ich er⸗ zaͤhlt haben werde, was zwiſchen mir und Fanny Wilmeſon vorgefallen iſt,“ erwiederte Eduard. und er begann hierauf Alles zu berichten, wie er ſie in Hannover gefunden bei ſeiner Heimkehr aus dem Feldzuge, wie ſie ſich auf tauſenderlei Art an ihn gedraͤngt und wahrſcheinlich Emmelinen von ihm ent⸗ fernt habe. Er erzählte genau ihr uͤberzaͤrtliches Benehmen gegen ihn nach der Ruͤckkehr von ihrer Reiſe und die buhleriſchen Verſuche zuletzt, ſeine Un⸗ ſchuld in ihr Netz zu garnen. Dann die Geſchichte mit dem Hauptmann Löben und den Anfall auf ſein Leben. „Es iſt mir nun klar,“ rief der Lord, als Eduard geendet:„was die liederliche Metze gewollt hat. Sie hat wahrſcheinlich eure Abkunft ſchon ſehr fruͤh gekannt, aber meiner Mary und meine Unkennt⸗ niß von eurem Aufenthalt und Namen ſich ſo zu Nutze machen wollen, daß ſie nach dem Tode meiner Mary das ganze Vermoͤgen des Wilmeſonſchen Hau⸗ ſes an ſich reißen konnte. Denn das Vermoͤgen ih⸗ res Vaters hat ſie durch ihr unbändiges Leben ſchon lange zu Grunde gerichtet, und von meiner Gemah⸗ lin bedeutende Summen gesogen. Ihr Beſtreben, euch zu unterdruͤcken, wurde, wie es ſcheint, durch eine Leidenſchaft unterbrochen, die fuͤr Eduard in 142 ihrem verdorbenen Herzen erwacht war. All ihr Trachten ging nun dahin, ihn an ſich zu ketten, weil ſie wohl ahnen mußte, daß ich und Mary uͤber lang oder kurz unſere Kinder aufſuchen wuͤrden. Dann trat ſie als Deine Geliebte, als Dein Weib auf und theilte mit Dir ein Vermoͤgen, was groß genug war, alle ihre Leidenſchaften zu befriedigen. Sie mußte erſt die Nebenbuhlerin bei Seite ſchaffen, mußte ſich dann das Herz Anna's verſichern, um bei Deiner Zuruͤckkunft Dich ganz zu umſpinnen. und wer weiß, ob ſie ihr Ziel nicht erreicht haben wuͤrde, waͤre ich nicht durch mein Erſcheinen in Han⸗ nover dazwiſchen getreten und hätte mit einem Schla⸗ ge alle ihre feinangelegten Pläne zernichtet. Denn als ſie mich erblickte, war ſie ſehr verwirrt und be⸗ treten; aber ſie wurde augenblicklich Herr ihrer Af⸗ fekten, nahm eine neue Larve vor, und erheuchelte mir die groͤßte Freundſchaft. Ich ſelbſt habe mich von ihr täuſchen laſſen, ich ſelbſt wurde durch ihre Reden und Benehmen uͤberzeugt, daß ſie mein Ver⸗ haͤltniß zu ihrer Tante und zu Anna fruͤher nicht gekannt. Sie wußte mich durch ihre Serenenſtimme ſo einzulullen, daß ich ihr die Briefe anvertraute und allen ihren Worten glaubte. Der letzte Aus⸗ wurf ihres Netzes nach Eduard, beweiſ't, daß ſie durch die Luge, mit der ſie uns Alle ſo ſehr betruͤbt hat, nur Zeit hat gewinnen wollen, um Eduard ſicher zu fangen. Ließ er ſich von ihren Reizen hinreißen, ſo war ſie in einigen Wochen ſein Weib, und wer —— — 143 weiß, welche neue Raͤnke ſie ſchon ausgeſonnen hat, um jene Luge entweder zu einem Scherz, zu unter⸗ geſchobnen Briefen, die ſie nicht geſchrieben, zu dre⸗ hen, uns Allen Sand in die Augen zu ſtreuen und als Gemahlin des jungen Lords Eduard zu trium⸗ phiren.“ „Dieß Alles iſt mehr, als wahrſcheinlich,“ fuhr Eichler fort:„und als ſie ſich nun von Eduard ge⸗ täuſcht ſah, als Marie, als Eduards Braut, in Han⸗ nover auftrat, da erwachte in ihr die furchterlichſte Rachſucht eines wolluͤſtigen, in ihren ſchaͤndlichen Plänen ſich betrogenen Weibes. Auf jeden Fall ſollte unſer Freund mit dem Leben buͤßen, eine Metze verabſcheut zu haben. Haͤtte ich doch nie geglaubt, daß die Geſpielin meiner fruͤhſten Jugendjahre in un⸗ ſerem Familienleben einſt eine ſo verwirrende Rolle ſpielen wuͤrde.“ „Sie war ein gutes Kind,“ ſetzte geruͤhrt die Lady Mary hinzu:„aber die grenzenloſe Schwäche ihres Vaters, ihr Reichthum und eine verkehrte Er⸗ ziehung, von Fremden geleitet, haben ſie verdorben.“ Eduard begriff jetzt erſt ganz, welcher entſetzli⸗ chen Gefahr er ausgeſetzt geweſen war, und ſtierte gedankenvoll vor ſich hin. Da rief ihm Wolframm zu und erhob das Glas:„Auf Marie's Wohl und ein froͤhliches Wiederſehn!“ und alle griffen mun⸗ ter nach den Glaͤſern und man trank auf das Wohl⸗ ſein der fernen Lieben. Wie man ſich froh und leicht fuͤhlt nach einem boͤſen ſchweren Traume„und 144 ſich freut, daß man erwacht iſt, und doch das Herz noch aͤngſtlich klopft und die Phantaſie die ſchreckli⸗ chen Bilder noch ein Mal der Seele vorfuͤhrt, ſo empfanden die gluͤcklichen Menſchen Freude uͤber die uͤberſtandenen Drangſale, und doch bebte ihre Bruſt noch, wenn ſie derſelben gedachten. Aber die Angſt wich mehr und mehr, die Freude verdraͤngte das Schattengeſpenſt und warf ihren duftigen Schleier uͤber die Familie; immer enger zog ſich das ſchoͤne Band, je naͤher ſich die Hausgenoſſen kennen lern⸗ ten. Lady Mary war in jeder Hinſicht ein vollkom⸗ menes Weib. Sie war ſehr gebildet, und anſpruch⸗ los ſtreute ihr Geiſt Bluͤthen umher, die Alle ergotz⸗ ten; der anhaltende Kummer hatte keine derſelben vernichtet. Ihr Auge leuchtete rein, die innere reine Welt verkuͤndend; eine angenehme Geſichtsfarbe be⸗ lebte ihre Mienen. um den Mund ſchwebte ein ſanf⸗ ter ſchwermuͤthiger Zug, den ihr die unausſprechli⸗ chen Leiden eingegraben hatten.— Der Lord war der Maler Ewald geblieben. Doch hatte ſein Gluͤck eine neue reizende Huͤlle uͤber ihn geworfen. Er hatte ſich in Mary's Naͤhe verjungt; der duͤſtere Ernſt war von ihm gewichen und in heiterer Klar⸗ heit ſtrahlte ſein großes maͤnnliches Auge.— Anna begann an Wilhelms Seite ein neues Leben zu leben und er richtete ſich auf, wie die Sonnenblume der Sonne entgegen. Eduard umfaßte mit dem ewig regen ſtarken Gefuͤhl ſeiner Bruſt alle die neuen lie⸗ bevollen Verhaͤltniſſe, nur Marie fehlte, um ihn zum 145 zum Gott zu machen. Eichler, der von dem Lord und der Lady ganz als Kind betrachtet wurde, ſchloß ſich mit der Innigkeit ſeiner zarten Seele an die Ge⸗ ſchwiſter an und in der Werkſtatt ſprang, durch des Lords und ſeine Hand beſchworen, manch Meiſterſtuͤck aus der blaſſen Leinwand hervor. Gebannt durch Pinſel und Palette waren die fluͤchtig voruͤbergeſchwundenen Scenen des wonnigen Wiederſehns. Dort ſah man, wie Mary ihren Sohn umfing und Anna ihrem Wil⸗ helm die Arme entgegen breitete; dort, wie Alle in bunter Verwirrung durcheinander liefen, dort, wie Wolframm erſtaunt vor den Bruͤdern Studio ſtand. Noch zieren jene Gemaͤlde die Zimmer der einzelnen glucklichen Familien, und die ſpäten Enkel werden ſich dabei lebhaft der wunderbaren Schickſale ihrer Vorfahren erinnern. Der Lord bot Alles auf, den Aufenthalt ſeiner Kinder bei ihm recht angenehm zu machen, und be⸗ ſtimmte bald einen Tag dazu, an welchem er und Mary ſie Beide gerichtlich und oͤffentlich fuͤr ihre Kinder erklaͤren wollten. Man hatte damit immer bis auf Eduard's Ankunft gewartet. Der Tag er⸗ ſchien und ward durch eine wahrhaft furſtliche Pracht zur glaͤnzenden Feier erhoͤht. Es waren Glieder aus den reichſten Häuſern Londons zugegen. Der Akt ſelbſt war ſehr feierlich. Eduard erhielt nun Zutritt in den vornehmſten Familien und uͤberall beeiferte man ſich um ſeine Gunſt. Der junge kraͤftige Lord, deſſen Reichthum unermeßlich war, mit ſeiner bluͤhen⸗ Die Intrigue. II. 7 146 den ſchoͤnen Geſtalt, der wohllautenden Sprache, der angenehmen Leichtigkeit ſeines Benehmens, der Fuͤlle ſeiner Ideen und beſonders mit dem ſchwaͤrmeriſch Schoͤnen in ſeinem Anlitz hatte bald alle Herzen mit Leichtigkeit gewonnen. Vorzuͤglich die jungen Lords⸗ toͤchter behandelten ihn mit großer Aufmerkſamkeit. Er war bald das Geſellſchaftsgeſpraͤch der Damen. Auf allen Baͤllen, in allen glaͤnzenden Zirkeln mußte er ſein; und trat er mit dem wuͤrdevollen Anſtande herein, ſo flogen gleich alle Blicke nach ihm. Er war die Seele der Geſellſchaft. Aber in ſeinem Her⸗ zen gluͤhte das Bild ſeiner unſchuldigen anſpruchloſen Marie; ſie galt ihm tauſendmal mehr, als alle die prachtliebenden, unter ihrem Putze faſt erliegenden Lady's, die in ihm blos die kraͤftige Maͤnnlichkeit und den großen Reichthum liebten. Wenn er ſie ſich dachte, die Erwaͤhlte, unter den Hunderten ih⸗ res Geſchlechts, die ihn umſchwaͤrmten, da ſah er nur ſie, und alle andere ſchwanden, wie Schatten. So war der Mai herbeigekommen, und mit der Fruͤhlingsluſt war in den Herzen des ganzen Hauſes die Sehnſucht nach dem lieben Teutſchland aufgegan⸗ gen. Der Lord hatte mit ſeiner Gemahlin lange uͤber⸗ legt, ob es nicht beſſer ſei, ihre Guͤter zu Geld zu machen, und nach Teutſchland zu ziehen, um unge⸗ trennt von den kaum gefundenen Ihrigen ruhig die Tage ihres Lebens hinzubringen. Sie war bereitwil⸗ lig, das kleine Opfer zu bringen; und kam den Wuͤn⸗ ſchen ihres Gatten und ihrer Kinder gern nach. Alle 147 verkaͤuflichen Guter wurden in Geld umgewandelt. Die ſieben Menſchen, die nun zuſammengehoͤrten, traten auch zuſammen die Reiſe an. Der Graf Sem⸗ lin begleitete ſie. Er wollte ſein edeles Herz auch an den Freudenſcenen in Teutſchland weiden. Ein Wagen, wie die Arche Noa, umfaßte ſie Alle, und brachte ſie bis an's Meer. Es nahm ſie auf ſeinen Ruͤcken und trug ſie glucklich an die teutſche Kuͤſte. Sie kamen am Morgen in Hamburg an. Mehre Geſchaͤfte hielten ſie den Tag auf, und erſt am an⸗ dern Morgen wollte man weiter reiſen. Am Abend beſuchten ſie das Theater, wo die beiden Klingsberge, dieſes unmoraliſche Stuͤck Kotzebue's, gegeben wurden, in welchem das Laſter ſo ungeſcheut im verſchoͤnerten Lichte dem Auge blosgeſtellt wird. Während der Vor⸗ ſtellung kämpfte Eduard mit ſich ſelbſt; er ſchuͤttelte den Kopf beſtändig. Wilhelm rückte unruhig hin und her. Wolframm langte eine Lorgnette heraus, lugte lange damit auf das Theater und brummte dazu. Eichler ſtand auf und ſagte dem Lord etwas in's Ohr. Als der erſte Akt voruͤber war, ſprangen Alle zugleich auf und rannten zuſammen. „Gott ſtrafe mich! rief Wolframm:„der Kerl, der den jungen Klingsberg da vorſtellt, iſt dein Se⸗ kundant vom Eichenkrug, Bruͤderchen.„Arnsberg. Er iſt's wahrhaftig!⸗ ſagte Wilhelm und Eduard zugleich. „Der Lord Weir!⸗ rief Eichler dazwiſchen. Alle hatten ihn erkannt. Die Neugierde ließ ihnen faſt 7* 148 keine Minute Ruhe. Der Zettel fuͤhrte den Namen Walther. Von einigen Herren in der Nebenloge er⸗ fuhr man, daß er einer der geſchickteſten Schauſpie⸗ ler ſei. So unangenehm auch ſich Eduard durch den Anblick des ihm verhaßten Menſchen beruͤhrt fuͤhlte, ſo wuͤnſchte er doch, wie alle Anderen, ihn aufzuſu⸗ chen, um vielleicht uͤber Vieles, was ihnen hinſicht⸗ lich der Fanny Wilmeſon noch dunkel war, Nachrich⸗ ten zu erhalten. Noch denſelben Abend kundſchafte⸗ ten ſie ihn aus. Aus ſeiner Wohnung und allen ſei⸗ nen umgebungen erkannten ſie, daß er ſich in aͤrm⸗ lichen umſtaͤnden befand. Er war nicht im gering⸗ ſten beſtuͤrzt uͤber den unerwarteten Beſuch, obgleich er wohl ſich geſtehen mußte, daß man nicht aus freund⸗ ſchaftlichen Abſichten in ſeine Klauſe kam. Augenblick⸗ lich erkannte er Alle wieder und bewillkommte ſie recht freundſchaftlich. Gern nahm er auch eine Ein⸗ ladung an in das Hotel, wo die Lordsfamilie ſich auf⸗ hielt. Hier, in Gegenwart ſeiner Eltern und Anna's, forderte ihn Eduard auf, ſich uͤber ſein Verhaͤltniß mit der Lady Wilmeſon näͤher zu erklaͤren. „Ich leſe in Ihren Geſichtern, meine Herren,“ begann er gleichguͤltig:„daß Sie gerne wiſſen moͤch⸗ ten, wie ich zu dem Stande eines Prieſters der Tha⸗ lia gekommen bin. Noth bricht Eiſen, und leben will man doch.— unſer zufaͤlliges Zuſammentreffen in fruͤhern und anderen Verhaͤltniſſen, die damals fuͤr Sie nicht die angenehmſten ſein mochten, giebt Ihnen ein Recht, das fuͤhle ich wohl, uͤber manche 149 Dinge von mir Erklärung zu fordern. Da ich nun durch die Trennung von einer Yerſon, welcher ich nur ſo lange angehoͤrte, ſo lange mir ihr Leib und ihr Geld zu Gebote ſtanden, mich jeder Verpflichtung gegen ſie entbunden fuͤhle, in Dingen geheim zu thun, welche Sie, Herr Golding, ſo nah' angehen: ſo hängt es nur von Ihnen ab, daß ich eine genaue Erklärung alles deſſen gebe, was ich von der Lady weiß. Ich bin vereit dazu. Eins nur will ich vor⸗ her erinnern. Machen Sie mir keine Vorwürfe uͤber Dinge, die einmal geſchehen; denn wir haben jeden⸗ falls in unſern Grundſätzen eine eben ſo große Ver⸗ ſchiedenheit, als in unſeren Handlungen.“ Eduard hatte ihn verſtanden und bemerkte, er woll eihm nichts nur nicht ubel nehmen, ſondern auch die Muͤhe des Erzaͤhlens ihm reichlich vergelten, da er dieſes zu thun, jetht in den Stand geſetzt ſei. Auf dieſe Verſicherung, vie dem Schauſpieler ſehr angenehm zu klingen ſchien, ſturzte er froh ein Paar Glaͤſer Wein hinunter und begann zu erzahlen: „Ich bin von Geburt ein Hamburger und heiße Walther. Mein Vater war ein Kieper geweſen. Ich habe weder ihn noch meine Mutter gekannt. Als Knabe von zehn Jahren entlief ich der unmäßi⸗ gen Strenge meines Vormunds, und verdung mich als Schiffsjunge. So kam ich nach allen Welttheilen, und, da ich kein Dummkopf war, ſo erwarb ich mir einige Kenntniſſe. Doch die ſtrenge Behandlung miß⸗ fiel mir abermals und ich entging auf dem ſchon ein⸗ 150 mal verſuchten Wege einer zu erwartenden Zuͤchtigung. Als Küchenjunge kam ich in das Haus des jungen Lords Wilmeſon. Ich war damals ſechzehn Jahr alt, und ſpielte keine uͤbele Figur. In das Herz der jungen Fanny war ſchon ein Funken boͤſer Be⸗ gierde gefallen; ſchlechte, das Blut erhitzende Lektuͤre hatten ihn zur Flamme angefacht, und es fehlte ihr nur an Gelegenheit, ihre heftige Leidenſchaften zu befriedigen. Sie wurde von zu viel Augen außer dem Hauſe bewacht und konnte alſo nie ihrer Begier⸗ de den Zugel ſchießen laſſen. Da fiel ihr Auge auf meine ſchlanke Geſtalt, mein jugendliches Geſicht und das Feuer meiner Augen. Ich war im Gebiete der Liebe kein Fremdling mehr, und hatte das verlangende Maädchen ſchon lange verſtanden. Einſt war ihr Va⸗ ter abweſend: da gab ſie mir einen Wink. Ich eilte auf ihr Zimmer, uud bald wurde ich von der Glut ihrer Kuͤſſe vedeckt. Sie ließ mich alle ihre Reize genießen. Von nnn an brachte ich faſt alle Naͤchte bei ihr im ſchwelgenden Genuſſe zu. Bald wußte ſie es durch verſtelltes Mitleid bei ihrem Vater dahin zu bringen, daß er mich aus dem Staube erhob, und mir eine gute Bildung geben ließ. Nach dem Tode des Lords war ich ihr erklaͤrter Liebhaber. Sie gab mir ſo viel Geld, als ich nur immer haben wollte, und machte mich dadurch zum Verſchwender und Spie⸗ ler. Der hoͤchſt unſittliche Lebenswandel mit ihr er⸗ ſtickte das wenige moraliſche Gefuhl, das ich noch be⸗ ſaß, und da ich einmal die ſchluͤpfrige Bahn mit 151 Gluͤck betreten hatte, ſo wurde ich nun das, was ich zeither aus Leichtſinn geweſen war, aus Grundſatz, und erſtickte mit Sophismen, die letzten Angriffe mei⸗ nes Gewiſſens. Die Lady wurde immer ausſchweifen⸗ der, und wäre der Lord, ihr Vater, durch einen un⸗ glucklichen Zufall nicht zeitig genug von der Welt ge⸗ ſchieden, ſie hätte ihr und ſein ganzes Haus in die durftigſten umſtände verſetzt. Bald beſaß ich ihre Gunſt nicht mehr allein; neue Liebeshaͤndel verlang⸗ ten neue, groͤßere Opfer. Sie ſcheute ſich nicht, mich zu ihrem postillon d'amour zu gebrauchen, und weil ich zu träge war, mir meinen Unterhalt auf eine rechtliche Weiſe zu verdienen, und ſie mir ihre Liebesbezeigungen nicht ganz entzog, ſo fand ich mich auch gern in die neue Rolle. Einige Zeit nach ihres Vaters Tode erkannte ſie, wohin ihre Luͤderlich⸗ keit ſie gefuͤhrt hatte; doch ſchon neue Pläne hatte die Liſtige erſonnen. So ſehr war ihr Herz verdor⸗ ben, daß, indem ihr Vater mit dem Tode kaͤmpft, ſie eilt, ſeiner Papiere ſich zu verſichern. In ihnen hatte ſie gefunden, daß, was kein Menſch wußte, Lady Mary Mutter zweier Kinder ſei. Ich war der Mitwiſſer aller ihrer Geheimniſſe; ich wurde es auch von dieſem. Sie hatte bisher geglaubt, ſie werde die einzige Erbin des ganzen großväterlichen Vermo⸗ gens ſein; ihre Hoffnungen waren dadurch zernichtet. Wir brachten aus den Briefen und uͤbrigen Papie⸗ ren bald heraus, daß dieſe Kinder bei einem Pfar⸗ rer Golding im Hanndverſchen waren, daß der Lord, 152 ihr Vater, ſie dort erhalten, daß Lady Mary, ſo wie Herr Ewald, nichts von dem Aufenhalt der Kinder wußten. Sie unterſchlug ſchnell die Papiere und als die Lady darnach fragte, waren ſie nirgends zu fin⸗ den. Nun wurde der Plan zuſammengebaut, das Zwillingspaar zu unterdruͤcken, damit ſie nie zu dem Beſitz ihres Vermoͤgens gelangen konnten. Dieſes ſollte ihr zuſtroömen; um ſie in den Stand zu ſetzen, ihre Lebensweiſe ungehindert fortzufuͤhren. Ich machte mich anheiſchig, zur Ausfuͤhrung alle meine Kraͤfte anzuwenden. Sie verſprach mir dagegen, fortgeſetzten vertrauten Umgang und Mitgenuß ihrer Gelder. Zuerſt mußten wir nun gewiß wiſſen, ob Lady Mary und Herr Ewald durchaus unbekannt ſeien mit Namen und Aufenthaltsort ihrer Kinder. Von der unwiſſenheit der Laby waren wir bald uͤber⸗ zeugt; um es ebenſo hinſichtlich des Herrn Ewald zu ſein, gingen wir nach Muͤnchen. Wir wußten naͤmlich aus den Briefen eines Herrn Eichler, eines Freundes des Lord, daß jener ſich dort aufhalte. Die Freundſchaft des verſtorbenen Vaters gab uns hinlaͤng⸗ liche Gelegenheit, Zutritt in ſeinem Hauſe zu ſuchen. Wir fanden Herrn Ewald dort; wir beobachteten ihn genau, aber wir konnten nie recht klug aus ſei⸗ nem Benehmen werden. Er war vorzuglich gegen die Lady verſchloſſen. Ich ging unterdeſſen nach Hannover; ich ſuchte das benannte Dorf auf, und erfuhr dort, daß der Pfarrer Golding geſtorben ſei, und Eduard und Anna ſich im Hauſe des Hofraths —5— Schmerzing in Hannover aufhielten. Mit dieſer Nachricht eilte ich zuruͤck. Sogleich beſchloß die Lady nun, nach Hannover zu gehen. Doch ihr fehl⸗ ten Empfehlungsbriefe dahin. Ich mußte alſo auf der Stelle, mit ihren Briefen beladen, nach London zuruͤck, um Empfehlungsſchreiben an einige vornehme Familien in Hannover und neue Summen auszuwir⸗ ken; denn unſere Kaſſe war ziemlich geſchmolzen. Ich zog ihre Wechſel, eilte nach Muͤnchen und beglei⸗ tete ſie nach Hannover. Dort wollte ſie, um kein Aufſehen zu erregen, allein agiren, und ich mußte* mich von ihr trennen, um den Spion in London und München zu machen. Mein Geld eroͤffnete mir viele Wege, und ich wußte immer Alles, was bei Herrn Ewald und Lady Mary vorging. Ich hatte mich einmal ſo an den umgang Fanny's gewoͤhnt, meine Rolle war mir ſo zur Luſt und Natur geworden, daß ich mich in keine andere Verhaͤltniſſe ſehnte. Als ſie mich nach einem halben Jahre unterwegs wieder zum erſtenmal ſprach;— ſie hatte mich nämlich nach Goͤt⸗ tingen beſtellt, von wo aus wir nach Muͤnchen reiſe⸗ ten— entdeckte ſie mir die gluͤhendſte Leidenſchaft fuͤr den aufgefundenen Sohn ihrer Tante Mary, fuͤr Sie, Herr Golding. Dieſe Leidenſchaft hatte einen Grad der Schwaͤrmerei erreicht, den ich ihr nicht zu⸗ getraut hätte. Obgleich ſie auf der Reiſe in jeder Hinſicht als mein Weib galt, ſo beſchwor ſie mich doch bei Allem, ihr zum Beſitz des Juͤnglings zu ver⸗ helfen, ohne welchen ſie das unglücklichſte Geſchoͤpf 154 zu ſein vorgab. Mit dem Zweck, ihre Liebe befrie⸗ digt zu ſehen, verband ſie natuͤrlich den Hauptzweck ihres ganzen Strebens, in den Beſitz des Vermoͤgens zu kommen; und dieſes konnte nicht leichter, als durch eine Verbindung zwiſchen ihr und Ihnen be⸗ werkſtelligt werden. Sie gelobte, mir nie ihre Gunſt zu entziehen und ich verſprach abermals das Meinige bei der Sache zu thun. So leitete mich dieſes Ge⸗ ſchoͤpf an einem Gängelband, und ich fuͤhlte nicht einmal die unwürdigen Feſſeln. Sie berichtete mir nun, daß ihrer Liebe eine Nebenbuhlerin im Wege ſtehe. Dieſe bei Seite zu ſchaffen, war nun unſere erſte Sorge. Wir begannen nun allmählich an dem großen Plane zu arbeiten. Sie verließ mich, um in Hannover weiter zu wirken; ich ſetzte meine auswaͤr⸗ tigen Geſchaͤfte fort und war immer darauf bedacht, ihr von London aus Wechſel zuzuwenden. Sie ging behutſam, um ſicher zu gehen. Sie hatte die Frau von Gronau und Emmelinen bald erkannt; in jener ſah ſie die geld⸗ und ranggierige Frau, die mit ihrer Tochter hoch hinaus wollte, in dieſer das gehorſame Kind, die Sie als edelen jungen Mann liebte, aber fur Leidenſchaft und Begeiſterung unempfänglich war. Sie arbeitete nun darauf hin, Sie aus Emmelinens Herzen zu verdraͤngen. Zuerſt ſuchte ſie der Frau von Gronau den Wahn zu benehmen, daß Sie von hoher Geburt ſeien, welcher ſich durch einige Ausdruͤcke in dem Leſtament des Pfarrers Golding verbreitet hatte. Es gelang ihr, durch Vorſpiegelungen Sie zu 155 ͤberzeugen, daß Sie der Sohn eines geringen Buͤr⸗ gerlichen und einer Baronsfrau waͤren, und nie auf ein größeres Vermoͤgen, als Sie ſchon beſaͤßen, An⸗ ſpruch zu machen hätten. Die eitele Frau verbot ihrer Tochter nun den Umgang mit Ihnen. Emme⸗ line liebte Sie wahrhaft, und war nicht ſo leichten Kaufs zu gewinnen. Lady Fanny ſchloß ſich nun in⸗ niger an Sie an, begleitete jeden Ihrer Schritte und trat immer wie ein boͤſer Geiſt zwiſchen Sie und Emmelinen. Zugleich ſuchte ſie Alles auf, Sie in des unbefangenen Madchens Augen zu verkleinern. Ihre großen Tugenden, die ich zu verehren Gelegen⸗ heit gehabt habe, mußten ihr Stoff werden zu Ver⸗ ſchmähungen. Ihre poetiſche Begeiſterung machte ſie zur Phantaſterei, ihr tiefes Gefuͤhl und ihre edele Handlungsweiſe zur Sucht, den Sonderling zu ſpie⸗ len. Das leichtglaͤubige Mädchenherz glaubte das Alles zuletzt ſelbſt zu bemerken, und wurde zuruͤckhal⸗ tend gegen Sie. Dieß mußte Sie befremden und auch Sie— das war ja berechnet— zogen ſich zu⸗ ruͤck. Nun hatte Fanny gewonnenes Spiel. Die Entfernung, die Ihre Studien in Eoͤttingen Ihnen auflegte, gaben ihr vollen Spielraum, jeden Funken Liebe fuͤr Sie in Emmelinens Herzen, wie ſie meinte, zu erſticken. Um nun auch Sie von Emmelinen im⸗ mer mehr zu entfernen, mußte ich nach Goͤttingen. Meine Studien waren nur Vorwand, mich an Sie zu draͤngen. Ich beſuchte alle Collegia, in die Sie gingen; ich ſuchte mich Ihnen zu nähern, aber 156 Sie ſchienen mich nicht zu bemerken. Ich beobach⸗ tete jeden Ihrer Schritte; doch ich geſtehe, Ihr duͤſt⸗ rer Ernſt, die Charakterfeſtigkeit, die mir Ihr Ge⸗ ſicht, ihre Reden und Handlungen bewieſen, ſchreckten mich zuruͤck. Mein Spiel gelang mir nicht ſo, wie der Lady das ihrige. Im Anfang Auguſt erhielt ich Briefe von der Lady, worin ſie mir den guten Fort⸗ gang ihrer Geſchaͤfte kund gab, und mir zugleich an⸗ zeigte, daß ſie mich zu Emmelinen's Gemahl auser⸗ ſehen habe. Sie wuͤrde, ſchrieb ſie, bald eine Luſt⸗ reiſe mit Emmelinen nach Caſſel machen. In Gböt⸗ tingen wollten ſie mich abholen. Auf dieſer Reiſe ſollte ich Emmelinen's Herz als Lord Weir, als wel⸗ cher ich in Muͤnchen immer gegolten hatte— einneh⸗ men. Sie kamen. Emmeline gefiel mir. Ich ſpielte den Zaͤrtlichen gegen ſie mit möglichſter Lebhaftigkeit. Fanny half mir durch Vorſpiegelungen von meinem⸗ unermeſſenen Reichthum und machtel ſie au fdie klein“ ſten meiner Vorzuͤge aufmerkſam, die ſie ihr durch ein Prisma zeigte. Der Aufenthalt einer Woche in Caſſel brachte das Geſtändniß meiner Liebe und ihre Gegenerklaͤrung. Nun verabredete ich heimlich mit Fanny, wenn ich in ihre Armen glucklich war, daß ſie mit Emmelinen nach Muͤnchen gehen ſollte, ich wollte ihr bald nachfolgen, um das Eiſen fertig zu ſchmieden. In Göttingen wollten wir Ihrer Liebe zu Emmelinen den Hauptſtoß geben und zugleich wollte Fanny ſich Ihnen naͤhern. Ich ſprengte am Tage unſerer Abreiſe voran, Sie, wo moöglich vor⸗ ——— —— zubereiten. Denn noch war ich mit Ihnen nicht näher bekannt geworden. Der Zufall fuͤhrte mich im ſchwar⸗ zen Baͤren in Muͤnden mit Ihnen zuſammen. Ich hoͤre Ihren Streit; ich hoͤre, daß Sie ſich morgen duelliren wollen. Das war ein fataler Streich, und paßte nicht in unſere Rechnung. Doch ich wußte mir zu helfen. Ich ſah gleich ein, daß ich unter ſolchen umſtaͤnden in Muͤnchen nicht an Sie kommen wuͤrde. Ich eilte nach Gottingen. Gegen Abend erwartete ich Sie am Grohnder Thore. unterdeſſen waren meine Reiſegefaͤhrten angekommen. Ich berichtete Fanny kurz, was ich wußte. Lange ſtand ich am Thore, bis Sie kamen; ich wollte Ihnen in Ihre Wohnung folgen, um mich Ihnen als Sekundant anzubieten. Sie kamen mit Herrn Schmerzing; ſtiegen ab, und gingen uͤber den Wall. Mein Plan gelang, aber am Abend erwarteten wir Sie vergeblich in der Krone. Und darauf war ja ſo ſehr gerechnet. Doch benutzte Fanny Ihr Nichtkommen, um Emmelinen ganz zu überzeugen, wie gleichguͤltig Sie gegen ſie ſeien. Der Schlag wirkte. Die Damen reiſten am andern Morgen ab, und ich wurde gefaͤhrlich verwundet. Das Fieber warf mich auf das Lager; die Krankheit wurde ſchlimmer, als ich vermuthet hatte. In Ih⸗ rer zarten Sorge fuͤr mich, in Ihrer Pflege und al⸗ len Freundſchaftsbezeigungen, die Sie mir erwieſen, erkannte ich Ihr großes treffliches Herz. Ich lernte Sie ſchätzen. Der Funke des Beſſern erwachte wie der in mir ſelbſt und ich fing an, mich meiner nie⸗ 138 dertraͤchtigen Rolle zu ſchämen. Sie dauerten mich in der Seele, und es kam mir immer unmoͤglich vor, Sie betruͤgen zu koͤnnen. Da beſchloß ich, Ihnen Alles zu entdecken, und von Ihnen dann mein kuͤnf⸗ tiges Geſchick zu erwarten. Schon war der Tag be⸗ ſtimmt, wo ich mich Ihnen mittheilen wollte, da er⸗ hielt ich von Fanny einen Brief. Sie waren eben zugegen. Sie machte mir Vorwuͤrfe uͤber mein lan⸗ ges Auſenbleiben; ſie wußte natuͤrlich nicht, was vor⸗ gefallen war.„„Haſt du deine Fanny vergeſſen, die dir immer in Liebe ergluͤhte?— ſchrieb ſie mir— Eile zu neuen Genuͤſſen in meine Arme; komm, ich will dir Wonne an meiner Bruſt zaubern! Fanny wartet deiner mit brennendem Verlangen; Emmeline, die reizende Emmeline wartet deiner mit Sehnſucht. Beide wollen mit dir der Liebe ſuͤße Fruͤchte brechen. Eile! eile, uns Beide zu befriedigen Reizt es dich nicht, auf einem noch unbefleckten ſchoͤnen Altare der Liebe zu opfern?„. So ſang die Sirenenſtimme. Die Glut der un⸗ baͤndigen Leidenſchaft erwachte in mir; ſie warf alle guten Vorſaͤtze uͤber den Haufen und riß mich wie⸗ der zu meiner Schlechtigkeit herab. Ich wurde wie⸗ der der alte Betruͤger. Schlau wußte ich Ihren Be⸗ ſuch am andern Tag zu vermeiden, und in der Nacht verließ ich mit Extrapoſt Goͤttingen, und flog nach Muͤnchen. Zaͤrtliche Arme emfingen mich. Mit den Reſten von Fanny's Vermoͤgen wußte ich in Muͤnchen den Lord trefflich zu ſpielen. Sie hatte kurz vorher 159 von Lady Mary den Auftrag erhalten, Ihre Kinder aufzuſuchen, große Summen hatten ihn begleitet. Aus bieſer Quelle hoffte ſie immer zu ſchöpfen; denn ſie kannte das Herz ihrer Tante. und doch ſollte das edle Weib betrogen werden. Von unſeren Spio⸗ nen in Hannover erfuhren wir, daß Sie ſehr krank waͤren. Fanny konnte nicht hin; denn noch war ja Emmeline nicht mein Weib, obgleich ich mit ihr auf demſelben Fuße lebte, wie mit Fanny. Dieſe hatte das reine Mädchen verdorben. Ihr ungezugeltes Leben, ihre freie Denk⸗ und Redeweiſe, die Leichtig⸗ keit, mit der ſie ſich über alle beſtehende Formen hinwegſetzte und das urtheil der Menſchen verachtete, hatten in die ſchmiegſame Seele des Fraͤuleins den Feuerbrand wilder Begierden geworfen; meine Rolle war, ſie im Brande zu uͤberraſchen. „Hoͤll und Teufel! habt ihr eure Geiſter aus⸗ geſpieen, das Mädchen zu verderben? rief Eduard ietzt aus, der immer unruhig hin und her ruͤckend, waͤhrend der Erzählung große Tropfen Angſtſchweiß geſchwitzt hatte.„ Herr, Sie haben den Galgen ver⸗ dient!⸗ „Stille! ſtille! riefen Eichler und Wolframm. „Das iſt gegen die übereinkunft. Nicht wieder un⸗ terbrochen! Erzählen Sie nur weiter!“ „Ich werde gleich fertig ſein, doch bitte ich noch⸗ mals hoͤflichſt, mich mit allen Vorwuͤrfen zu verſcho⸗ nen. Ich hatte zur Trauung mit Emmelinen wenig Luſt; aber die Lady drohte mir ihre ganze Ungnade; 160 auch machten es bald natuͤrliche umſtände nothwen⸗ dig, wenn Emmeline nicht der Schande Preis gege⸗ ben und Alles verrathen werden ſollte. Frau von Gronau erſchien mit dem Fruͤhling, und unſere Ver⸗ bindung wurde vollzogen. Gleich darauf reiſte die Lady mit der Mutter meines ſjungen Weibes wieder nach Hannover zuruͤck. Ihre unterſtuͤtzungen wurden ſparſamer, aber ſie dauerten doch bis in den Spät⸗ herbſt des vorigen Jahres fort. Da blieben ploͤtzlich alle Briefe von ihr aus. Meine Caſſe ſchwand von Tag zu Tag. Meine Frau, die ſchon im Auguſt von einem Knaben entbunden worden war, fuͤhlte zum zweitenmale ſich befruchtet. Ich machte Schul⸗ den. Ich ſetzte allen Geldeswerth in Baarſchaft um. Zu Ende des Jahres konnte ich mir nicht mehr ra⸗ then und helfen. Da las ich Steckbriefe in den Zei⸗ tungen, welche die Lady verfolgten. Ich glaubte mich keine Stunde mehr ſicher. Am Abend ſchrieb ich Emmelinen einen Brief, worin ich ihr die Wahr⸗ heit entdeckte. Ich verlaͤugnete ihr gar nichts, ſelbſt ihre Huͤlfloſigkeit nicht. Ich legte den Brief auf meinen Schreibetiſch, und ſprengte in der Nacht mit meinem beßten Ren⸗ ner davon. So ſehr ich auch anfangs Emmelinen geliebt hatte, ſo wurde ſie mir doch langweilig und endlich verhaßt. Ihre Verſtandesoperationen, ihre Tadelſucht, die Vorwuͤrfe über mein Spielen und ſonſtiges Leben behagten mir nicht mehr. Ich war in Fanny's Armen mehr Feuer gewohnt. Es zog — 161 mich nach meiner Vaterſtadt, und da ich hier keinen Nahrungszweig fand, der mir mehr angeſtanden hätte, ſo wurde ich Schauſpieler. Weder von Fanny noch von Emmeline habe ich wieder etwas gehoͤrt; auch laſſen mich meine hieſigen Verbindungen kein Verlan⸗ gen tragen, je einer von ihnen wieder nahe zu kom⸗ men. „Ungeheuer! knirſchte Eduard.„Sie konnten ſo leichtſinnig Ihr armes Weib verlaſſen? und Sie erzaͤhlen es mit ſolch' teufliſcher Kälte? „Bitte nicht zu vergeſſen, daß, wie ſchon be⸗ merkt, wir ganz verſchiedene Handlungsprincipe ha⸗ ben. Dieſe Fragen kommen Ihnen nicht zu.“ Es wurde Allen unheimlich in des charakterloſen Menſchen Nahe. Der Lord erhob ſich und gab ihm einige Guineen.„Wir danken Ihnen fuͤr Ihr offe⸗ nes Bekenntniß, nehmen Sie dieſes als Belohnung. Walther dankte knechtiſch kriechend, und empfahl ſich. Nun wußte man, welch' ein abſcheuliches, menſch⸗ heitentwuͤrdigendes Geſchöpf Fanny war. Ihre ganze Niedertraͤchtigkeit ſtand Allen vor Augen, und Jeder ſchauderte, ob des graßlichen Bildes. Die heitere Stimmung der ganzen Familie war vergiftet, und nur erſt auf der Reiſe ſchlich ſich nach und nach wieder ein froher Geiſt ein. Eduard's Sehnſucht ſtieg, je naͤher ſie Hannover kamen. Bald hoffte er, das geliebte Mädchen zu umfaſſen. Er hatte ihr von London aus geſchrieben; ſie ihm mehremale Beweiſe ihrer tiefen Liebe geſandt. Aus ſeinem letzten Briefe 162 wußte ſie, wann er ungefähr kommen wuͤrde. Von ſeiner Geſellſchaft hatte er nichts geſchrieben. Auch Wilhelm hatte ſeine Eltern nicht davon benachrichtiget. Man war ſo uͤbereingekommen, um die gute Familie recht freudig zu uͤberraſchen. Die Hofraͤthin ſtudirte an ihres Sohnes Briefen; ſie waren ſo allgemein; ſo gleichguͤltig, Anna'n nur obenhin erwaͤhnend, daß die gute Frau ſich bald den Kopf zerbrach. Mit Eduard's Briefen an Marien ging es ihr nicht beſſer. Sie enthielten nichts, als Zaͤrtlichkeiten, Verſicher⸗ ungen ſeiner Liebe und Sehnſucht nach ihr. Sie wußten in der That nicht, woran ſie waren. Die Tage erſchienen, wo Eduard kommen wollte. Da hob ſich Marien's Buſen ſtuͤrmiſcher; ſie hatte nir⸗ gends Ruhe. In Traͤumereien verſunken, ſtand ſie ſtundenlang am Fenſter und blickte bald ſehnſuchtig in die Himmelsblaͤue, bald die Straße entlang, wo er herkommen mußte. Dann nahm ſie ihr Tuch, ſchlich ſich zum Hauſe, zum Thore hinaus, und wan⸗ delte die Landſtraße hin. Ach, wie ſie auch die Blicke in die Ferne ſchickte, wie ſie auch manchen Fremdling gruͤßte: ihr Eduard kam nicht. Dann kehrte das ſinnige Mädchen traurend zuruͤck. Sie ſchlief nicht, ſie betete nicht, ſie aß und trank faſt nicht, ſie bemerkte nicht, was um ſie vorging. So innig fuhlte Marie. Seit die Liebe in ihre Bruſt eingezogen war, war ihr Gemuͤth tiefer, ihre Lebensanſichten großher⸗ ziger geworden. über den gewoͤhnlichen Menſchen⸗ ſinn erhaben, ſtand ſie mit ihrem Eduard auf der Sonnenhoͤhe der Begeiſterung und ahnete die ewige Liebe, das Triebrad der Natur, das die Welten mit geheimer Kraft zuſammen hält und ſie verbindet zum ewigen All. Ihre Bruſt belebte der Strahl die⸗ ſer gottlichen Gefuhle. Schon drei Tage hatte die Sehnſuchtige geharrt; da raſſelte der zwanzig Ellen lange Reiſewagen vor die Thuͤr. Marie und die Hofräthin eilten erſchreckt an's Fenſter. Da quoll's heraus, und ſtieg heraus, und wollte kein Ende nehmen, wie das Oel in der Witwe Kruglein. Der Hofrath fuhr behend aus ſei⸗ nem Schlafrock, rief nach ſeiner Staatslivree und rannte wie beſeſſen durch die Stube. Die Hofräthin machte Schachteln auf, griff nach Kiſten, lief zu Schränken, um ein ſchoͤnes Kopfaufgeſetz zu ſuchen, ergriff in der Angſt eine alte Muͤtze und brachte ſie verkehrt auf das Haupt. Marie lief mit einem Freu⸗ dengeſchrei die Stufen hinab und ſtuͤrzte ihrem Eduard in die Arme. Der Lord und Lady Mary weideten ſich an dem Entzuͤcken des ſchoͤnen Maͤdchens und ihres Sohns. Da trat der Hofrath aͤngſtlich gravi⸗ tätiſch heraus, hinter ihm die theure Ehehaͤlfte, mit dem modiſchen Kopfputze. Anna hing an ihrem Hals, weinte an ihrem Buſen. Der Hofrath machte einen Buͤckling um den andern und konnte keinen zuſam⸗ menhaͤngenden Satz hervorbringen. Wilhelm ſchob die ganze Armee zum Hauſe hinein, trieb ſie zur Treppe hinauf, brachte ſie in das Beſuchzimmer. Da kam es nun zu Erklaͤrungen. Wilhelm uͤbernahm 164 es, die Perſonen der Reihe nach vorzuſtellen.„Der Herr Lord Wilmeſon, genannt Ewald, nebſt ſeiner Frau Gemahlin, Lady Mary Wilmeſon, die theuren Eltern Anna's und Eduard's. Die Lady iſt die Tante von Fanny Wilmeſon.“— Verbeugungen von bei⸗ den Seiten. Man freut ſich, daß man die Ehre hat, ſpricht von hoher Gnade, murmelt durch die Zähne, da tritt der Lord Hofraths an und ſagt ihnen in ein⸗ fachen kurzen Worten die Gefuͤhle der Dankbarkeit und ewigen Ergebenheit, die ſeine Bruſt bewegen; da umfaͤngt Lady Mary die Hofraͤthin und nennt ſie die vielgeliebte Mutter ihrer Kinder. „Der Herr Graf Semlin aus Petersburg, Haus⸗ freund des Herrn Lord!,— Abermals Verbeugun⸗ gen.— Wieder große Ehre— Gnade— Gluͤck. „Der Herr Lord Wilmeſon, genannt Golding!“ Eduard umarmt lachend Hofrath und Hofräͤthin zu⸗ gleich. „Der Herr Lord Wilmeſon, genannt Eichler, Adoptivſohn des Herrn Lord Vater! Eichler verbeugt ſich beſcheiden.— Der Hofrath macht einen devoten Kratzfuß, die Hofräthin einen unterthaͤnigen Knix. „Nun, wo ſteckt denn unſer—? Ah, dort kuͤßt er das Schweſterlein ab! Rur immerhin! Man muß auch ihn erſt kennen.— Der Herr candida- tus theologiae Wolframm, Reiſegeſellſchafter de⸗ Herrn Grafen Semlin, und Bruder unſerer Marie.⸗ — Der Hofrath gibt ihm einen derben Kuß auf die 165 Wange, die Hofräthin ſchuttelt ihm die Hand. Der dicke Theolog lacht aus vollem Halſe. „Die Lady Anna Wilmeſon, genannt Golding, Tochter des verehrten Paares und Braut des Regie⸗ rungsſecretairs Schmerzing.“ Anna verneigte ſich hold lächelnd und ſanft erroͤthend. Das Wort Braut erhob den Hofrath in den Pimmel; denn uͤber die entſetzliche Lordſchaft war ihm aller Muth vergangen. Er vergaß das ſteife Compliment, vergaß die Staats⸗ lioree und druͤckte Anna an ſich. Die Hofraͤthin wußte vor Freude nicht, was ſie anfangen ſollte, gab ijedem die Hand, kuͤßte wer ihr vorkam und gratulirte an einem weg. Wolframm wollte ſich ausſchuͤtten uͤber ihren wunderlichen Kopfputz, ſo daß Marie dar⸗ auf aufmerkſam wurde, und ſie der Coiffure entle⸗ digte. Man fing nun an, ſich auszubreiten. Der alte Martin keuchte ſich faſt zu todt; er lief Trepp auf, Trepp ab und ihm folgte die ganze Dienerſchaar. Alle Zimmer wurden ſo ſchnell und ſo gut es ſich machen ließ, zurecht gemachtjund in einigen Stunden war Hofraths ganzes Haus beſetzt. Am anderen Tage, als ſich die Geſellſchaft einigermaßen ausge⸗ ruht hatte, kam es an das Erzählen. Die Mutter Schmerzing wollte ein wenig ſchmollen, daß ihr Wil⸗ helm ſogar nichts von den Verhältniſſen geſchrieben hatte, aber man ſah bald, daß es ihr Ernſt nicht war. Ihre Freude war zu groß; ihre Neugierde noch groͤßer. Sie hatte zu viel zu horen und zu er⸗ fahren. Da wurde denn nun Alles genau und um⸗ 166 ſtaͤndlich berichtet, was man in London und Hamburg erfahren hatte, und die gefuͤhlvolle fromme Frau kreuzigte und ſegnete ſich. Aber auch ſie hatte zu erzählen, auch ſie hatte zu berichten, was in die Ge⸗ ſchichte mit eingriff und von ihr vernahm die Geſell⸗ ſchaft, daß Emmeline von Gronau bald nach Eduard's und Wilhelm's Abreiſe an ihre Mutter geſchrieben und ihr enthuͤllt habe, wie graͤßlich ſie betrogen ſei. Die ſtolze Frau, die ſich in ihren ſchoͤnſten Hoffnun⸗ gen ſo fuͤrchterlich getaͤuſcht ſah, war vor Schrecken geſtorben. Ihre Verwandte hatten den Brief bei ihr gefunden, aber die Sache geheim gehalten. Erſt als vor zwei Monaten der Landkammerrath von Wild⸗ dorf, der Gemahlinn Geſchwiſterkindsmuhme von Emmelinen, ſie aus Muͤnchen abgeholt und große Summen fuͤr ſie bezahlt, die die ſaͤmmtlichen Ver⸗ wandten zuſammen geſchoſſen hatten, da war die Sache ruchtbar geworden. Emmeline befand ſich mit ihrem Kinde auf Wilddorfs Gut und ſah dort ihrer baldigen Riederkunft entgegen. „In jeden Trunk Freude einen Tropfen Wer⸗ muth!“ ſprach Eduard, Thraͤnen im Auge.„Laßt uns einen Schleier werfen uͤber die Vergangenheit!“ ſprach der Lord.„Wendet die Blicke in die ſonnige Zukunft! Hier ſteht deine Auserwaͤhlte.“ und er nahm Marien's Hand, nahm Anna's Hand und fuͤhrte ſie zu Eduard und Wilhelm. Er fuͤgte ihre Hände in einander; richtete dann den Blick nach oben und vetete ſtill. Da falteten ſich alle Hände und Thrä⸗ 167 nen ſtiegen in manche Augen. Lady Mary umfing die Hofräthin, und beide neigten ſich ſanft weinend auf ihre Kinder herab. Der Hofrath trocknete ſich den Schweiß von der Stirne.— Der Geiſt Gottes ruhte auf dieſer Minute; und Alle fuͤhlten, tief er⸗ griffen, ſeine Naͤhe. Ein hohes Leben ging nun in dem Kreiſe dieſer Menſchen auf; denn aus ihrer Bruſt heraus geſtalte⸗ ten ſie daſſelbe nach Ideen. Der Lord, Mary, Eduard und Eichler, ſie waren es, die den tiefen Sinn des Menſchenſeins verſtanden, und von ihren Sternen floß das klare Licht auf die übrigen, um auch ſie zu erhellen. Ihnen ſtanden Wilhelm, Ma⸗ rie, die Hofraͤthin und Anna zunaͤchſt; in ihrer Bruſt war die Ahnung deſſen aufgegangen, was vor Jener Blicken klar und unumhullt lag. und wenn auch der Graf, Wolframm und der Hofrath nicht jene Strahlen zu faſſen vermochten: ſo daͤmmerte doch ein mattes Licht in ihrer Bruſt, das ſolche Menſchen in einer ſchoͤnen gleichfoͤrmigen Sphaͤre läßt. Sie leb⸗ ten gemuͤthlich ein heiteres Leben hin. Wenn die Er⸗ ſteren auf ihrer Sternenhoͤhe, vom unendlichen Ju⸗ bel der Seele durchgluͤht, zu der urſchoͤnheit aufjauchz⸗ ten, ſo wandelten dieſe in einer frohen Behaglichkeit ihre ebenen Wege. Nach einigen Wochen dachte man ernſtlich an die Verbindung der beiden Brautpaare. Die Hof⸗ rathin that den Vorſchlag die Hochzeit in Kleefeld zu feiern„Da kann,⸗ ſetzte ſie ſcherzend hinzu:„der 168 junge Herr Lord, als Subſtitut, ſeine Probepredigt thun.“ Der Vorſchlag wurde mit allgemeinem Jubel aufgenommen. Man wollte den alten Vater Rein⸗ hard uͤberraſchen. Er wußte noch nichts von der Anweſenheit der hohen Gaͤſte. Die Vorkehrungen zu der Abreiſe und zu dem feierlichen Tag brachten das ganze Haus in Aufruhr. Schon war die Stunde beſtimmt, wann man abfahren wollte. Da reichte das Schickſal Eduard noch ein⸗ mal den Becher des Schmerzes. Die Geſellſchaft war froͤhlich beiſammen; er erhielt einen ſchwarzge⸗ ſiegelten Brief. Kaum hatte er ihn ahnungsvoll er⸗ brochen und die Hand erkannt, ſo erblaßte er. Als er ihn durchleſen, ſtuͤtzte er ſchwermuͤthig das Haupt auf den Arm und zwei bittere Thränen zitterten auf den bleichen Wangen herab. Er reichte Marie'n den Brief, und ſie las mit gedaͤmpfter Stimme: Mein Eduard! Erlauben Sie einer Sterbenden dieſe holde An⸗ rede, die Sie ſonſt aus ihrem Munde ſo gern hoͤr⸗ ten. Ach! der Tod rinnt ſchon in meinen Adern. Ich fuͤhle es, daß ich in einigen Stunden nicht mehr bin, und doch— doch fuͤhle ich, daß ich nicht eher ſterben kann, bis Sie mir ein Wort der Verzeihung verkuͤndet haben. Ich habe Sie tief, unendlich tief gekränkt; das Graͤßliche meiner That gegen Sie tritt in ſeiner wahren furchtbaren Groͤße jetzt klar vor meine meine Seele. Wie ein verheerender Blitzſtrahl fuhr meine Untreue in den Bluthenkreis Ihres Lebens. Ich habe ſchwer dafuͤr gebuͤßt. O ich bitte, ich be⸗ ſchwoͤre Sie, verdammen Sie mich nicht ganz. Leſen Sie dieſe Zeilen! hoͤren Sie meine letzten Worte! Es iſt die Bitte einer Sterbenden. Ein ungluͤckbrin⸗ gender Stern ging an Ihrem Horizonte auf; den reinen Starken mußte er verſchonen, mich, die Schwache, riß der zerſtorende Komet zum Verderben. Er heißt Fanny Wilmeſon. Schon bei dieſem Na⸗ men zucken krampfhaft alle meine Nerven. Wenn ich mich auch nicht zu dem Anſchaun Ihres Sonnen⸗ glanzes erheben konnte; ach! ſo wurde ich doch ſo ſchoͤn von ſeiner Waärme durchdrungen! Ich war ſo gluͤcktich in Ihrer Liebe! Aber da ſandte die Hoͤlle ihre Tochter herauf. Sie warf die Netze aus nach dem Sohn des Lichts. Meine Augen wußte ſie mit Trug zu umhuͤllen, alle teufliſchen Kuͤnſte wandte ſie an, meine Sinne zu betaͤuben. Der Trug gelang ihr fuͤrchterlich. Ach! warum kamen Sie an jenem Abend in Goͤttingen nicht? Schon hatte mich der Betrüger, ihr treuer Knecht, der Ausfuͤhrer ihrer Pläne, umgarnt, ſchon hatte er in Caſſel mich ein⸗ genommen, aber eine duͤſtere Ahnung ſtieg in mir auf, und ſie brachte eine große Sehnſucht nach Ihnen mit. Waren Sie gekommen, ich weiß es, ich waͤre den Teufeln entgangen. So riß mich nun mein Schickſal fort. Ich mußte in den Abgrund hinab. Auch meine Mutter war mit Blindheit geſchlagen, Die Intrigue. M. 8 170 auch ſie ſtieß mich mit in den Schlund. Wehe! mein Fall hat auch ſie mit hinabgeriſſen. Sie iſt mir vorangegangen; bald folg' ich nach. Ich vin zerknirſcht an Leib und Seele. O haͤtte ich die Treue nie gebrochen, die ich Ihnen gelobt! Das iſt die boͤſe That, die fortzeugend Boͤſes mußte gebären. Das iſt ihr Fluch. Er liegt ſchwer auf mir. Der Betruͤger iſt von mir gewichen; er hat mich meinem Elende, meiner Verzweiflung uͤberlaſſen. Ach! ich hatte ihn nie beleidigt. Fuͤr Liebe ward mir Schmach. Run hab' ich von der Großmuth kalter Menſchen abgehangen. Sie brachen Hohn⸗grinzend den Stab uͤber mich. Das hat mir das Herz zerfleiſcht. Gott hat furchtbar gerichtet. Ich habe das zweite Kind geſtern zur Welt geboren. Meine armen Geſchoͤpfe haben keinen Vater. Bald haben ſie keine Mutter mehr. Sie haben keinen Freund, keinen Verſorger. Ich höre, der Himmel hat ſie fuͤr Ihre Tugend be⸗ lohnt. Sie haben an der Bruſt eines beſſeren Mäd⸗ chens, als ich, das Gluck des Lebens gefunden. Der Zufall hat Ihnen hohen Stand und Glucksguͤter ge⸗ geben. Sein Sie der Vater meiner Kinder. Da⸗ durch werden Sie mir vergeben und mein Geiſt wird Sie ſegnend umſchweben. Ich habe nicht vergeblich gebeten. Ich ſterbe mit dieſer Gewißheit. Noch jenſeits Ihre Enmeline. Thraͤnen floſſen aus Aller Augen und die Geſell⸗ ſchaft brachte der Menſchheit das ſchoͤne Opfer des Herzens. In einer halben Stunde ſaß Eduard mit Marie'n im Wagen. Sie flogen nach dem Schloſſe, wo Emmeline ſich aufhielt. Als ſie in das Haus traten, kam ihnen weinend ein Madchen entgegen. Es war Emmelinen's Kammerjungfer.„Sie ſtirbt“, ſchluchzte ſie im großten Schmerz und offnete leiſe eine Thuͤr. Eduard und Marie traten ſchaudernd hinein. Da lag die unglücktiche und rang mit dem Tode. Ihr Auge war gebrochen. Kalter Todes⸗ ſchweiß ſtand auf ihrer Stirne. Betend ſtanden einige Hausbewohner um das Sterbebett, und vor ihr ein munterer ſchoͤner Knabe, der ihr die kalte Wange ſtreichelte. Marie weinte Stroͤme von Thraͤnen; Eduard wollte vor Schmerz vergehen. Er trat leiſe an das Lager und faßte ihre Hand.„Emmeline, dein Eduard fluͤſterte er ihr zu, und ſeine Thränen benetzten ſie. Da glimmte das Lebensdocht noch ein⸗ mal auf; ſie wandte ſich zu ihm hin, faßte mit bei⸗ den Händen ſeine dargebotene Rechte, wies auf das Knaͤblein, das vor ihr ſtand und auf die Wiege, worin das neugeborene Kind ſchlummerte, und blickte ihn bittend an. Sprechen konnte ſie nicht mehr. Da rief Eduard mit weicher Stimme, von tiefer Wehmuth uͤberwältigt:„Ja, ja, geh' getroſt in deine Fruͤhlingswelt! Ich will ihr Vater ſein und hier iſt ihre Mutter. und Marie nahm das Knaͤbchen auf den Arm, das ſich um ihren Hals ſchlang, beugte 172 ſich auf die Sterbende herab und ſprach:„Ich will ihre treue Mutter ſein!, Da verklaͤrte ſich das Ant⸗ lis der Scheidenden in himmliſchen Glanz. Sie laͤ⸗ chelte, ſank zuruͤck und war nicht mehr. und Eduard faltete die Haͤnde und betete, und Marie ſtand neben ihm und betete mit, wie einſt bei der Leiche des alten Dolzhackers. Dann beſorgten ſie das Begräbniß und eilten mit ihrem theuren Vermaͤchtniß nach der Stadt zuruͤck. Welche Freude fuͤr das ganze Haus, als der muntere Junge aus dem Wagen ſprang und Alle nach der Reihe mit Kuß und Handſchlag herz⸗ lich begruͤßte, und Marie das dreitägige Mädchen an Linnen und Windeln wohl verwahrt der Lady Mary in die Arme legte. Noch an dem Tage fand man eine Amme fuͤr das Kind. Alle wetteiferten mit einander in der Liebe und Zaͤrtlichkeit zu den Kindern. Eine Woche darauf fuhr das ganze Haus⸗ perſonal mit dem neuen Zuwachs nach Kleefeld. Der kleine Theodor jauchzte auf Eduard's Schoos; er wollte gar nicht von ihm. Marie hatte die kleine Ida in den Armen. Die Amme ſaß neben ihr. Der alte Reinhard war vor Freuden außer ſich uͤber das Gluͤck ſeiner Marie. Am Neffen Wolframm fand er vorzuglich ſeinen Mann; ſie waren unzer⸗ trennlich— der Hochzeittag erſchien. Reinhard war Marie's, der Hofrath Anna's Brautfuͤhrer; Eduard fuͤhrte die Hofraͤthin, Wilhelm die Lady Mary zur Kirche. Dort wurden die glucklichen Paare auf ewig vereint. 175 Voriges Jahr kehrte ein Bekannter von mir in Wien gegen Morgen erſt aus einem muntern Jugend⸗ gelage nach Hauſe zuruͤck. In einer etwas abgelege⸗ nen Straße kroch eine von den ſchmutzigen Prieſterin⸗ nen der Venus auf dem Pflaſter. Sie hatte die Nacht da zugebracht. Er ſchauderte, und doch regte ſich in ihm die Stimme der Menſchlichkeit. Sie bat nur um einige Kreuzer. Der anbrechende Tag ließ ihm Zuͤge erkennen, die nicht gemein waren. Indem er ihr ein Silberſtuͤck reichte, bemerkte er dies mit einigen Worten. Da erfuhr er von der Erſchoͤpften, daß ſie die Tochter eines der reichſten Lords ſei. Es war Fanny Wilmeſon. Mehr Intereſſe an ihr ge⸗ winnend, ließ er ſie in ein Gaſthaus bringen, und hoͤrte hier aus ihrem Munde das Geſtaͤndniß ihrer Sünden. Sie war von Stufe zu Stufe gefallen; zuletzt hatte man ſie aus einem Freudenhauſe ver⸗ wieſen. Doch ſie zeigte Reue und das bewog den edeln Menſchenfreund an ihre angeblichen Verwandte im Königreich Hannover zu ſchreiben. Da erhielt er eine bedeutende Summe zu ihrer unterſtutzung mit dem Verſprechen, noͤthigenfalls ſie ofter zu wie⸗ derholen. Er kaufte ihr eine kleine Beſitzung auf dem Lande, legte das uͤbrige Geld gerichtlich nieder, ſo daß Fanny von der Ortsobrigkeit monatlich eine beſtimmte Summe erhält. Sie hat einen ſiechen Koͤrper, einen abgeſtumpften Geiſt. Einige Monate ſpaͤter fuͤhrte ſein Beruf ihren Retter in das noͤrdliche Teutſchland. Er machte ei⸗ nen kleinen umweg und ſuchte die Lordsfamilie auf. Er trat in den Kreis des Gluͤcks. Marie hatte ſchon zwei holde Pfaͤnder ihrer Liebe; Anna druͤckte einen Saͤugling an die Bruſt. Man empfing ihn ſehr freund⸗ ſchaftlich, und als er ſchied, gab man ihm noch be⸗ deutende unterſtuͤtzungen fuͤr Fanny mit; ja er erhielt den Auftrag, ſie zu bewegen, daß ſie in die Fami⸗ lie zuruͤckkehren mochte.— Sie war nicht dazu zu bereden; die Laſt ihrer Schuld druͤckte ſie zu ſehr. Durch jenen Edlen wurde mir die Kenntniß dieſer Familiengeſchichte. Er verſicherte mich, nie gluͤcklichere und frohere Tage als in Kleefeld verlebt zu haben. ——— ———————