Leihbibliothek deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. . 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1W— 1N 2 W „„„„ 4„ 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Kyſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ieen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo it der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 6 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe —— S ——— * Ludwig Storch, Verfaſſer der Knospen und Bluͤthen u. ſ. w. E ſter h —— teipzig, in der Engelmann'ſchen Buchhandlung. 1 8 2 8. die Intrigur. Erſter Theil. — In ſchwarzen Bären zu Hannsverſch⸗Minden, vor dem Thore, ſaßen einige Zwanzig Goͤttinger Stu⸗ denten. Einige kamen von Kaſſel zuruͤck mit leeren Taſchen, denn ſie hatten dort die Reſte ihrer Wechſel verthan— es war naͤmlich hoch im Auguſt und die Herbſtferien vor der Thuͤre— Andere, die wegen einer Schlägerei das Conſilium erhalten hatten, wa⸗ ren im Begriff mit ſchlechtem Wind ad patres zu ſegeln, und die dritte und ſtärkſte Parthei waren be⸗ gleitende Leidtraͤger, die den guten Willen hatten, zur Ehre ihrer ſcheidenden Freunde, die letzten Tha⸗ ler, in herzſtärkende Fluͤſſigkeiten verwandelt, durch die Kehlen fließen zu laſſen. Da es nun keinem der Herren an dieſem guten Willen, wohl aber den mei⸗ ſten an Geld fehlte, ſo waren die wenigen beſpießten Soͤhne Apolls bald ſo leicht hinſichtlich der Taſchen, als ihre Herren Collegen; dafuͤr aber waren alle deſto ſchwerer hinſichtlich der Koͤpfe; und wenn man auf das Gewicht uͤberhaupt hätte gehen wollen, ſo wuͤrde man geſchworen haben, der Wirth haͤtte einen ſchlechten Tauſch gemacht, zumal, wenn man noch das große Vergnügen in Erwägung zoͤge, welches die Herren ob des Tauſches zu empfinden ſchienen. Das Blut war dabei auch ziemlich heiß gewor⸗ den, und aus den innern Hoͤhlen der Bruſt ſprudel⸗ 1 ten Dinge hervor, die wohl ſonſt nie das Tagslicht geſchaut haben wuͤrden. Vorzuͤglich einige Theologen, die in wenigen Wochen das Candidaten⸗Examen zu machen hofften, zogen durch ihren Streit die Aufmerkſamkeit der uͤbrigen bald auf ſich, und es dauerte nicht lange, ſo nahm der groͤßere Theil der Geſellſchaft an dem Streite Theil, und ſchied ſich in zwei Partheien, die in einzelnen Abtheilungen, hier heftig, dort gelaſſen, und bei der dritten wuͤthend, gegen einander ſtritten, indem die Nichtſtreitenden, einige Mediciner und Ju⸗ riſten, die Reſte der Flaſchen leerten, und ſich am Kegelſpiele beluſtigten. Die ſtreitige Frage betraf nichts Geringeres, als die Vorzuͤge, welche die evangeliſche Religion vor der roͤmiſch⸗katholiſchen, oder dieſe vor jener habe. Sonderbar genug war keiner der Anweſenden katholiſch, und doch fand dieſer Glaube einige Ver⸗ theidiger, die die eifrigſten Proteſtanten waren. „Hole der Henker noch heute alles katholiſche Pfaffengeſchmeis!⸗ ſchrie Wolframm, ein derber, breitſchultriger Heſſe, der dem ſeligen Herrn Dr. Luther in Wort, Manier und Geſtalt glich, und ſchon einigemal ſein einfach, aber kraͤftig gedachtes Wort kraͤftig von der Kanzel herab geſprochen hatte: „Hole der Henker! ſag' ich, den ganzen Katholicis⸗ mus! er hat unheil, Aberglauben, Finſterniß und Verderben uͤber die Welt gebracht; Argumenta non desunt.* * ———— 5 „Recte dixisti riefen ſechs, ſieben weinrothe Geſichter:„hole ihn der Henker! „Beſter Wolframm⸗, rief Golding, ein Han⸗ noveraner, der bei Bouterweck die Aeſthetik, aber nicht mit vielem Wohlgefallen, orborr hatte:„Sie nehmen das Le1 Pro quo; Sie duͤrfen nicht berech⸗ n, welches Schädliche durch Schwaͤche, durch Bos⸗ heit, Eigennutz u. dgl. des Einzelnen aus Verdre⸗ hungen, Mißdeutungen, Zuſaͤtzen der katholiſchen Re⸗ ligion entſprungen iſt, ſondern Sie muͤſſen das Hohe und Herrliche betrachten, was der katholiſche Kultus mit ſich bringt; Sie muͤſſen ſich dieſe Religion in ihrer reinſten Form darſtellen, die vemuͤht iſt, uns Menſchen, die wir doch Alle mehr oder weniger durch⸗ aus nicht vom Sinnlichen abſehen koͤnnen, das Goͤtt⸗ liche in Bild und Schall den Sinnen) den Werkzeu⸗ gen unſeres Geiſtes, näher zu bringen. „Nun, nun, erwiederte Wolframm:„ich gebe zu, daß der katholiſche Kultus die Sinne mehr an⸗ ſpricht, als der evangeliſche, aber iſt denn die Reli⸗ gion von einer grobſinnlichen koͤrperlichen Art, daß man ſie ſehen, riechen und mit Haͤnden greifen ſoll? „Sie muͤſſen es ſehr weit in der Philoſophie ge⸗ bracht haben, lieber Wolframm„„ entgegnete Gol⸗ ding:„wenn Sie ſich ſo ganz alles Bildlichen und Sinnlichen entſchlagen koͤnnen; und doch haben es die groͤßten Philoſophen nicht zum reinen Anſchaun des Goͤttlichen bringen koͤnnen. Wenn Sie mir zu⸗ geben, daß der katholiſche Kultus das ſenſl Gemuͤth mehr anſpricht, ſo beduͤrfen wir keines wei⸗ tern Streites.„ „Gut, gut! rief Wolframm:„wenn nur die⸗ ſer gemuͤthanſprechende Kultus nicht ſo leicht ver⸗ dreht, verdorven, verfälſcht, und ſo zum gemuͤth⸗ abſtoßenden werden koͤnnte, und, wir dre Erfahrung lehrt, geworden iſt.⸗ „Freund, das Hoͤchſte und Schoͤnſte in der mög⸗ lichſt vollendeten Geſtalt iſt ſeiner Natur nach ſchon ſo bedingt, daß es leicht durch Mißverſtand zum Schlechtſten werden kann. Ein moraliſcher Boͤſewicht har einen kurzern Weg zur hoͤchſten Tugend, als der gewoͤhnliche Menſch, denn fuͤr dieſen iſt ſie un⸗ erreichbar. Alſo haben Sie in dem Verderben, das die katholiſche Religion geſtiftet hat, einen Beweis ihrer Herrlichkeit, die nur durch Mißverſtand und Bosheit der Welt zum Graäuel wurde. Sagen Sie ſelbſt, hat der evangeliſche Kultus etwas Erheben⸗ des, Ergreifendes? Ein nuͤchterner Geſang und eine ſchlechte Predigt ſind oft Alles, was einem gott⸗ ſuchenden, nach heiligem Gebet und begeiſterndem Anſchauen des Goͤttlichen duͤrſtendem Herzen geboten wird. Treten Sie hingegen in die majeſtätiſche Woͤl⸗ bung eines hohen Doms, aus dem Ihnen mit rau⸗ ſchenden Toͤnen das Hochamt entgegenſchallt, wie ganz anders wird da Ihr Gemuͤth bewegt, wenn es noch einer innigen ruͤhrenden Regung faͤhig iſt. Schon vorbereitet werden Sie, wenn des Doms uralte Rie⸗ ſengeſtalt ſo ernſt Sie anſchaut, als wolle er Ihnen — — —,——— — 7 Wundermaͤhren verkuͤnden von den Apcteln und den heiligen Maͤrtyrern aus lang' vergangnen Zeiten; treten Sie durch das hohe Portal und bicken Sie in den weiten Raum, der ſich noch mehr vor Ihren Blicken zu dehnen ſcheint; Weihrauchdifte wallen Ihnen entgegen; der Weihkeſſel an der Thure ladet Sie ein, ſich zu reinigen und zu heiligen, das Irdi⸗ ſche gleichſam abzulegen und mit Beſprengunz des geweihten Waſſers ſich empfänglich zu machen für das überirdiſche und Heilige; ſehen Sie den Schmuck der Prieſter, hoͤren Sie den Chorgeſang, beten Sie das Ave Maria der knieenden Menge mit; ſchauen Sie die Mater Dei an, mit dem Jeſuskinde auf dem Arm, welche Hoheit! welche freundliche Engels⸗ milde! trauren Sie vor dem Bilde der Mater do- lorosa, mit dem zweiſchneidigen Schwert durch die gottliche Bruſt, welcher Schmerz! welche himmliſche Ergebung!— o welche Gefuͤhle werden durch Ihre Bruſt ſtuͤrmen, deren Herr zu werden, Sie ſich ver⸗ geblich bemühen werden; ergriffen von heiligen Schauern, werden Sie mit ſturmiſcher Begeiſterung ſich am Altare niederwerfen, vor der Jungfrau, der gottlichen Mutter des göttlichen Herrn, der unſer Kultus leider jeden Dienſt verſagt. „Soakrament! Golding, du wirſt uns doch nicht zu Proſelyten machen wollen,, rief Schmerzing, Goldings Landsmann und alter Bekannter„ als die⸗ ſer, ohne ſich unterbrechen zu laſſen, den Strom 3 ſeiner feurign Worte, von den heftigſten Gebehrden begleitet, hitte verrinnen laſſen. Wuͤthad ſprangen ein Paar Flachkoͤpfe hinter dem Tiſch hervor, die ihre Weisheit, aus Staͤud⸗ lins Dognatik und Moral geſchoͤpft, hier einmal geltend machen wollten, ſie ſchlugen auf den Tiſch, daß die Gläſer davon huͤpften, wie Graspferde, und die leeren Weinflaſchen ſich liebkoſend einander an die Bruſt fielen.„Donner und Doria! rief der Eine, ob er gleich Schillers Verſchwoͤrung des Fiesko kaum dem Namen nach kannte, und„ad molam! rief der Andere, weil uͤber ihn und ſeine Dummheit ſein alter Rector oft ſo gerufen hatte, ein Mann, der nie etwas anderes las und leſen wollte, als Plautus und Terenz.„Das ſind ZFeſuitergrundſätze! Die Welt, die Gott ſey Dank! etwas aufgeklart iſt, wird wieder, durch ſolche Lehren und Meinungen, in die alte Finſterniß ſtuͤrzen. Wir muͤſſen dagegen kämpfen!⸗ „Nicht ſo hitzig, meine Herren! rief Schmer⸗ zing;„damit die Sache nicht ernſthaft wird; ich bin überzeugt, daß Sie beide ächt⸗evangeliſch ſind, und einmal rechte Verfechter Ihres Glaubens werden moͤ⸗ gen. Wolframm, Sie wollten ſprechen! „Allerdings! und ich muß geſtehen, daß mich Goldings Beredſamkeit beſtochen hat. Es kommt mir allmaͤlich ſo vor, als haͤtte man in Hinſicht der Religion nur zwei Wege einzuſchlagen, die freilich die entgegengeſetzten ſind; wer den einen wandelt, 9 kann den andern nicht betreten. Man muß entweder die einfachſte Naturreligion oder Vernunftreligion an⸗ nehmen, d. h. den Ausſpruͤchen Chriſti allein folgen, ohne ſich an ſeine Perſon oder an ſonſt etwas zu kehren, was uns der Kultus und die Lehre bietet; kurz, alles Bildliche muͤſſen wir verwerfen, von al⸗ len Formen abſehen. Dies waͤre die Religion fuͤr den einfachen gewohnlichen Menſchen; fuͤrchte Gott, thue Recht, ſcheue Niemand, lebe fromm und gut, einen Tag wie den andern, das iſt Alles, was ſie uns reicht.„ „Aber leicht begreife ich, obgleich ich nichts we⸗ niger als ein poetiſches Genie bin, daß dieſe todte Einfoͤrmigkeit nicht dem aufflammenden Geiſte, der gluͤhenden Dichterphantaſie genuͤgen kann; fuͤr ſie iſt der Weg, auf kuͤhnen Schwingen emporzuſteigen zu dem Reich der Moͤglichkeit, zu träumen von andern herrlicheren Welten, ſich Bilder zu malen mit den brennendſten Farben, bald wieder ſich niederzuwerfen in der fuͤrchterlichſten Zerknirſchung und zu beten aus der Tiefe der Seele, wie der gewoͤhnliche Menſch kaum ahnen kann, ja das iſt nur das Eigenthum hoher Geiſter, das iſt die Religion entflammter See⸗ len, und eine ſolche iſt das Ideal des katholiſchen Glaubens.„ Sie haben mir aus der Seele geſprochen, beſter Wolframm,„ rief Golding entzuͤckt:„Ich habe den Sieg gewonnen, denn der Proteſtantismus iſt keines von beiden; er hat von dem Bildlichen und Foͤrm⸗ 10 lichen zu viel, um das kindliche Gemuth zu befrie⸗ digen; er hat zu wenig Begeiſterndes und Herrliches, um dem gluͤhenden Geiſte genug zu ſeyn. Kein Ra⸗ phael wuͤrde aus den Evangeliſchen erſtanden ſeyn und eine Madonna hingezaubert haben; kein Taſſo haͤtte unter Evangeliſchen geſungen. Nur die katho⸗ liſche Religion iſt die Mutter und Pflegerin der gott⸗ lichen Kuͤnſte, die das nuͤchterne Leben heben und ſchmuͤcken; nur die katholiſche Religion giebt der flie⸗ genden Phantaſie Zielpunkte, an denen die kuͤhnſte ihre grellen Farben verſchwenden, ihre rauſchendſten Toͤne ausſtromen kann. Jenes Bildliche und Foͤrm⸗ liche und dieſe Phantaſie bedingen ſich wechſelſeitig; denn ſo wie dieſe unerſchöpflich iſt im Reiche der Dichtung, ſo feuren jene die Phantaſie zu immer kuͤhnerem Fluge an. Und nur aus dieſer Wechſel⸗ wirkung kann das Hoͤchſtherrliche hervorgehen. Dicht⸗ kunſt, Malerei und Bildhauerei ſind, ſo heterogen dies auch klingen mag, Toͤchter der Religion, ſind aus dieſer Wechſelwirkung entſprungen, und, je mehr ſie der Phantaſie freien Spielraum giebt, um deſto ſchoͤner werden jene drei erbluͤhen, um deſto Herr⸗ licheres, die Religion wieder Erhebendes, wird durch ſie dargeſtellt werden. Den Beweis zu dieſer Be⸗ hauptung giebt Ihnen die altgriechiſche Religion oder die Mythologie; durch ſie wurde die hoͤchſte Kunſt und Poeſie geweckt, die unuͤbertreffbar ſind und blei⸗ ben werden, und dieſe Kunſt und dieſe Poeſie erho⸗ ben die altgriechiſche Religion zur herrlichſten, die 11 ich kenne; denn, was mich betrifft, ſo gilt mir der griechiſche Mythus, d. h. der Mythus, wie ihn So⸗ krates verſtand, als die ſchoͤnſte Religion. „Das iſt zu arg! bruͤllte der eine Steudlianer und warf den Tiſch um, daß der Wirth, Jammer und Zeter ſchreiend, mit tauſend Buͤcklingen herein⸗ trippelte, und die Herren mit den hoͤflichſten Worten bat, ſeiner Geräthſchaften zu ſchonen. „Das iſt die großte Bornirtheit!⸗ balgte der andere mit vollen Backen heraus, als wolle er einem, eben unten auf der Weſer abgehenden, Schiffe guten Wind zublaſen.„Das iſt baarer unſinn!„ donner⸗ ten beide in einem Ton, und ploͤtzlich, wie vom elektriſchen Schlage getroffen, ſprangen alle von ihren Sitzen auf, die Kegelnden ſtuͤrzten herbei und rann⸗ ten Einen um den Andern mit der Frage an, was es denn gabe? Alle liefen verſtort durcheinander und »geſtuͤrzt! grob geſtuͤrzt! waren die einzigen Worte, die man vernehmen konnte.„Sie Beide ha⸗ ben mich perſoͤnlich auf's groͤblichſte beleidigt, nahm Golding endlich das Wort: und, ſo wenig ich auch vom Duell halte, als Student, als Vorſteher mei⸗ ner Landsmannſchaft, bin ich es mir und meinen Landsleuten ſchuldig, mich mit Ihnen zu ſchlagen. WMorgen um 9 uhr hoffe ich Sie mit Ihren Sekun⸗ danten auf dem Eichenkrug zu finden.„ „Dictum est! Provocatum est! Die Paucke⸗ rei iſt fertig!„ riefen Alle wild durcheinander, und die wohlbeleibte Hausehre und Ehehaͤlfte des Wirths 2 ſchwitzte Tropfen Angſtſchweiß ob des gräulichen Spektakels, denn ſie meinte nicht anders, als den Herren rappelte es auf einmal in den Koͤpfen, und ſie ſann hin und her, was wohl ihr Verſtandeslicht moͤchte ausgeblaſen haben, bis ſie mit nicht geringer Angſt zu argwohnen anfieng, der Schwefel, mit dem ſie den ſchlechten Wein, den die Herren Studioſi zu⸗ letzt erhalten, wieder gut zu machen verſucht hatte, habe in ihren Gehirnkaſten ſolche verderbliche Wir⸗ kungen hervorgebracht. Wer war froher, als ſie, da Schmerzing, der Nuͤchternſte, zu ihr auf die Hausflur trat und ihr anſagte, die meiſten von der Geſellſchaft wurden die Nacht uͤber hier bleiben, um Morgen mit dem fruͤ⸗ heſten in einem Ritt nach dem Eichenkrug zu traben. Die dicke Frau brach ſchnell das Geſpraͤch mit einem Herrn Studioſus ab, der nicht mit zur Geſellſchaft gehoͤrte, ſondern eben erſt gekommen zu ſeyn ſchien. Schmerzing maß ihn mit fluͤchtigem Blick; doch konnte er ſich einer unangenehmen Empfindung nicht erweh⸗ ren, die er ſchon einmal beim Anblick deſſelben Men⸗ ſchen gehabt zu haben glaubte. Der Neuangekom⸗ mene drehte ſich nach der Thuͤr, und ſtieg langſam die Stiegen hinab nach der Straße; Schmerzing folgte ihm mechaniſch bis dahin; da ſchwang ſich je⸗ ner ſchon auf's Pferd und ſprengte im Galopp den Huͤgel hinauf nach Dransfeld zu. Der Menſch hatte etwas Auffallendes für Schmerzing, ob ſich dieſer gleich nicht klar machen konnte, worin ſolches be⸗ * —— ——— — ¹3 ſtände. Eine eble große Geſtalt, kräftig gebildete Formen, deren Stärke faſt ans Ungewoͤhnliche grenzte, eine anmuthige Haltung, die meiſt nur den gebilde⸗ ten und hoͤhern Ständen eigen zu ſeyn pflegt, der gewählteſte Anzug, der eher den Junker aus dem furſtlichen Kabinet, als den Studenten verrathen hätte, dies mochte wohl ſchon Aufmerkſamkeit erre⸗ gen, aber mehr als dies Alles waren es ein Paar duͤſter gluͤhende Augen, die argwoͤhniſch unter koh⸗ lenſchwarzen Augenbraunen lauerten, wie ein Paar Banditen in den dunkeln Straßen Venedigs, ein glänzend⸗ſchwarzes, in Wellen auf die Schultern flie⸗ ßendes Haar, und eine faſt fremdartige Geſichtsbil⸗ dung, dieſes war es, was Schmerzing's Blicke auf ihn zog, die ihn bis uͤber den Huͤgel hin verfolgten. Als er wieder in die Stube trat, hatte ſich die Maſſe in zwei Partheien getheilt, wovon die eine eben im Begriff war, ein anderes Zimmer zu beziehen. Gol⸗ ding ſtuͤrzte aus dem Zimmer, erhitzt und mit fun⸗ kelnden Augen.„Wohin? fragte Schmerzing theil⸗ nehmend. 6 „Pinaus in's Freie!/ war die Antwort;„hier iſt meines Bleibens nicht länger, mein Blut wallt ſiedend⸗heiß, meine Phantaſie ſpringt kuͤhn von grel⸗ len zu den grellſten Bildern. Komm mit mir, daß ich meine Gluth etwas an deiner Sette abkuͤhle. Alle dieſe Menſchen kommen mir jetzt wie die aͤrgſten Gri⸗ maſſen vor. Tauſende von dieſen Kerlen kann ein Augenblick dahin raffen, und die Welt hat Nichts an 14 Ihnen verloren, indem ihre Klage um einen ein⸗ zigen Genius wie ein Donner Gottes an die Wolken ſchlagen ſollte. O haben dieſe Geſchoͤpfe, die mir den Namen Menſchen zu entwuͤrdigen ſcheinen, haben ſie je geahnet, was leben heißt? haben ſie, den Zweck ih⸗ res Lebens zu erfuͤllen, Geiſt und Willen gehabt? In ihrer Seele iſt es ſchwarz, wie Mitternacht; fie iſt weder empfänglich fuͤr den heiligen großen Schmerz, noch fuͤr den göttlichen Jubel. Sie werden am Apoll von Belvedere voruͤbergehen, wie an dem nußbaum⸗ nen Heilandsbilde, das in unſerer Kirche zu Hauſe hinter dem Altare ſtand; ſie werden Goͤthe's Taſſo und Schillers Jungfrau mit demſelben und vielleicht mit weniger Vergnuͤgen leſen, als einen Geiſterroman von Spieß oder eine ſuͤße S von La⸗ fontaine.“ Unter dieſen heftigen Worten waren ſie der Landſtraße nach der Stadt zu, faſt ungeſtuͤm ſchrei⸗ tend, hinabgezogen. Jetzt rollte plotzlich ein Wagen uͤber die Weſerbruͤcke, ihnen entgegen. Raſch trab⸗ ten die Pferde an ihnen voruͤber. Golding warf ei⸗ nen fluͤchtigen Blick in den nur an der Seite geöff⸗ neten Wagen, und— er war voruͤber. Golding blieb wie angewurzelt ſtehen. „Nun, was iſt dir aufgeſtoßen?“ fragte Schmerzing lächelnd:„Du haſt dich doch in keine von den reiſenden Schoͤnen verliebt?“ 15 „Haſt du nicht in den Wagen geſehen?“ frag⸗ te Golding leiſe. „Beim Himmel! als ich hinſehn wollte, war er ja voruͤber. Doch, daß Frauenzimmer darin ſa⸗ ßen, habe ich in der großten Eile bemerkt, denn eine Dame zu bemerken, brauche ich nicht eine halbe Sekunde.“. „Haſt du keine der Damen gekannt?“ „Mein Gott! wie waͤre das moͤglich! deine Phantaſie macht dir oft dumme Streiche und zau⸗ bert jeder Tochter Eva's das reizende Geſicht deiner Emmeline an, welches ihr unter den jetzigen Um⸗ ſtänden gewiß ein federleichtes Spiel geweſen iſt.“ „Bei Gott! wenn ich mich jetzt getaͤuſcht habe, ſo traume ich wachend. Ihre Augen waren es, denn als ich hineinblickte, war ich nicht mehr auf dieſer Welt. Himmliſcher Zauber, in die Tiefe ſol⸗ cher Augen zu ſchauen, und ſich ſo ganz vergeſſen, ſo ganz aller korperlichen Bande entſtrickt, ploͤtzlich oben zu ſeyn, am Quell der hoͤchſten Wonne!“ und die Sonne war in ihrem Kuͤcken hinter dem Huͤgel hinab geſunken und vergoldete mit den letzten Strahlen die herrliche, zu ihren Füßen gele⸗ gene Stadt; rechts kam die Fulda langſam heran⸗ gezogen, wie die Traäume ſeliger Vergangenheit, links ſtürzte ſich die Werra aus den ſchwarzen Thälern heraus durch die hohen Bruͤckenbogen jugendlich⸗friſch, wie die eilende Gegenwart, ſich mit der bedaͤchtigern Fulda paarend, und vereint zogen ſie dahin vom 16 Abendroth durchpurpurt, ein Feuerſtrom, gluͤhend und doch feucht, wie die ewige Sehnſucht zugleich in Flammen gluͤht und in Thraͤnen ſchwimmt. unendliche Wehmuth hatte die beiden Freunde ergriffen, und uͤber Golding's bleichende Wange ſtahl ſich eine Thraͤne, vom Abendroth vergoldet. Sanfte Kuͤhle durchfluthete die Luft nach dem ſchwuͤlen Tag, leiſe ſtieg die Daͤmmerung hernieder, aber feuriger flimmerte das Spaͤtroth am Weſthim⸗ mel. Da toͤnte die Abendglocke aus der Stadt her⸗ uͤber, und unten herauf von einem Kahn, der auf der Weſer hinabſchwamm, hallte ein Lied, von Flo⸗ ten begleitet: Woher die Purpurfluth? Woher die Abendglut? Dort oben dort kommen Die Gluten gezogen, Da unten die Wogen So leiſe geſchwommen; Woher, ach woher? Wohin, du kuͤhle Fluth? Wohin, du Purpurglut? Die Glut iſt verglommen, Der Glanz iſt entflogen, Voruͤber geſchwommen Sind Wellen und Wogen; Wohin, ach wohin? 17 Woher, du Sehnſuchtsdrang? Woher, du inn'rer Klang? Es zittert ein Sehnen Durch fuͤhlende Herzen; Es fließen die Thraͤnen Der wonnigen Schmerzen, Wohin, ach wohin? Eben zuckte noch das letzte Spätroth, in dun⸗ keln Carmin verwandelt, an einer großen ſchwarz⸗ blauen Wolkenmaſſe herauf und ſtrahlte noch ein Mal in Golding's Geſicht wieder, der da ſtand, wie vom Glanze einer hoͤhern Welt umſchimmert, mit verklärtem Antlitz, die großen blauen Augen hinauf⸗ ſchlagend zur ewigen Blaͤue, wo ſie das Ideal zu ſchauen hofften, das in dieſes ſinnigen Juͤnglings Seele in Roſenlicht gehullt auftauchte, das ſeine Traume belebte und ihn ſelbſt hoch uͤber der gemei⸗ nen Wirklichkeit Schranken emporhob. Da ahnete auch Schmerzing, daß es Stunden der Weihe gebe im Leben, daß uns das Göttliche oft umwehe mit Fruͤhlingshauch, daß das Leben eine hohe Bedeutung habe, die bis jetzt ſpurlos an ihm voruͤbergegangen war. Schweigend ſank er in Golding's geoͤffnete Arme und fuͤhlte in dieſem Augenblick den gottlich⸗ tiefen Sinn der Worte: Freundſchaft, Liebe. Gefuͤhle, die ihn nie beſchlichen hatten, ſtuͤrmten jetzt, eins das andere verdrängend, durch ſeine Bruſt und ein neues Leben war ihm aufgegangen. Kein entheiligendes Wort ſtoͤrte die Feier dieſes Augenblicks, 13 —— nur ein feuriger Kuß beſiegelte den Bund, der fuͤr Ewigkeiten geſchloſſen war. Still war der Mond aufgegangen und beleuchtete freundlich die Scene; ſchraͤg uͤber ihnen glaͤnzte der Stern der Liebe. Warme Sommerduͤfte umwogten ſie, und zu ihren Fuͤßen hin glitt der dunkele Strom, auf deſſen Ruͤcken das Schifflein voll munterer Sänger ſchaukelnd zu⸗ ruͤckkehrte zur heimiſchen Stadt, und als es naͤher und naͤher kam, vernahmen ſie die Worte: Durch Kaͤmpfen und Ringen Mit Allerlei Boſen Muß doch es gelingen, Das Räthſel zu loͤſen. Wir werden's erfahren, wir werden es ſchaun! Nur Muth und Vertraun! „Ja, Theurer,“ rief Golding begeiſtert aus: „wir werden es loͤſen das dunkele Raͤthſel des Le⸗ bens! Nur Muth und feſtes Vertrauen! und ſchon morgen muß ich kämpfen fuͤr die ewige Wahrheit, fuͤr das hohe einfach Schoͤne, das, ein Lebenshauch, durch das All weht, und von tauſend Geiſtern ver⸗ kannt wird. Guter Gott! warum ſchufſt du ſo Viele, die blind bleiben fuͤr deine Schonheit? Doch du ließeſt mich ja ſchauen und auch dieſem hier haſt du die Augen geoͤffnet.“ „Nun komm, geliebter Freund, wir wollen nach Goͤttingen zuruͤck; ich muß noch heute Abend meine Waffen beſorgen, um der verhaßten Convenienz mor⸗ 40 gen ein, meinem Herzen ſchweres Opfer zu bringen. Unſere Pferde werden geſattelt ſeyn und auf dem Wege will ich dir die einfache, aber fuͤr dich nun nicht mehr unintereſſante Geſchichte meines Lebens erzählen, oder vielmehr, da du ven Vielem ſchon unterrichtet biſt, nur das Fehlende hinzuthun.“ Schmirzing konnte dem, ihm in dieſer Stunde ſo unendlich theuer gewordenen Menſchen nur mit einem ſtummen Haͤndruck antworten, ſo ſehr hatte die Ruͤhrung ihn ubermannt. und ſchweigend, Arm in Arm, ſtiegen ſie hineuf auf die Straße, begruß⸗ ten mit ihren thranender Blicken noch einmal die monderhellte Stadt und wendelten durch die freund⸗ liche Nacht dahin nach dem ſchwarzen Bären, ſchwan⸗ gen ſich auf die Miethgaͤule, und dahin flogen die ſporngewoͤhnten Klepper. „Ich hatte das Gluͤck,“ begann Golding nach einigen Minuten, als die Pferde ruhig neben einan⸗ der hinſchritten:„dich zuerſt auf der Schule zu Han⸗ nover kennen zu lernen, und ich erinnere mich noch ſehr lebhaft des Eindruckes, den dein ganzes Aeußere damals auf mich machte, als ich in die Klaſſe ein⸗ gefuͤhrt wurde, und es hätte mir ſicher keine groͤßere Freude widerfahren koͤnnen, als daß mir unſer wuͤr⸗ diger Direktor meinen Platz neben dir anwies. Der Bund, den wir heute heiliger und in hoͤherer Be⸗ deutung erkennend, feſter geſchloſſen haben, wurde ſtillſchweigend, aber mit Innigkeit, ſchon damals un⸗ ter uns geflochten; wenigſtens kann ich mit dem 20 Entzuͤcken der Gewißheit dich verſichern, daß ich ſchon damals— es werden nun ſechs Jahre ſeyn— dein Freund von ganzer Seele wurde. Ich trat da zu⸗ erſt in das Leben und die ungewohnten Geſtalten machten einen Eindruck auf mich, der mir vielleicht zeitlebens eine gewiſſe Schuͤchternheit nochgelaſſen. haͤtte, waͤre ich nicht an deine Seite gekommen, und haͤtte in dir einen Haltpunkt gefunden, in dem wo⸗ genden Leben, das mich faſt ſcwindelnd machre. In der romantiſchen Einſamkeit meines Doͤrfchens auf⸗ gewachſen und begabt mit ener lebhaften, ich mochte ſagen, ſchwaͤrmeriſchen Wantaſie, die in der Stille aus den herrlichen Natirumgebungen und den Dich⸗ tern meines Pflegevocers mehr als zu viel Nahrung eingeſogen hatte, lebte ich nur in der Welt meiner Ideen. Fruͤh hatte mein Herz verſtanden, was Liebe iſt, denn Hoͤlty's Traumbild malte ich mit allen Reizen einer ergluͤhten Phantaſie aus und formte mir ſelbſt eine Geliebte, fuͤr die ich mit aller Innig⸗ keit der Schwaͤrmerei eines ſich ſelbſt uͤberlaſſenen phantaſtiſchen Gemuͤths lebte./ „Die Reizbarkeit meiner Stimmung wurde etwas fruͤher, ehe ich nach Hannover kam, noch durch einen eigenen Vorfall in unſerm Familienleben ſehr geſtei⸗ gert, ja auf die hoͤchſte Spitze getrieben. Einſt, es war mein und meiner S Anna ſechszehntes Geburtsfeſt, ein herrlicher Sommertag, den der theure Vater Golding mit einem laͤndlichen Feſte noch verſchoͤnte, fuͤhrte er einen Mann bei uns ein, deſſen Geſichtszuͤge mir nicht ganz unbekannt zu ſeyn ſchie⸗ nen. Doch ſchwebten ſie mir nur vor, wie einſt ſe⸗ lig geträumte Träume. Er ſchloß mich und meine Anna in die Arme, preßte uns an ſein Herz und nannte uns ſeine Kinder. Der vielgeliebte Pfarrer, deſſen Namen ich fuͤhre, nahm darauf das Wort und redete zu uns Beiden mit vieler Ruͤhrung: daß wir nicht ſeine eigenen Kinder waͤren, wie wir bis⸗ her geglaubt, ſondern daß dieſes Mannes Schweſter unſere Mutter ſey, er aber uns nur erzogen habe. „Ihr ſeht in dieſem Manne euren theuren Oheim, den ihr uͤber Alles lieben muͤßt, denn er iſt euer Wohlthaͤter, euer Erhalter, er liebt euch ſo ſehr, als ich. Wir lernten uns auf der Univerſitaͤt zu Goͤttingen kennen und ſchloſſen den innigſten Bund der Freundſchaft, und ob wir gleich ſpater weit von einander lebten, ſo hat doch weder Raum noch Zeit unſere Herzen getrennt. Vor jetzt ſey euch genug dieſes zu wiſſen; in kurzer Zeit ſollt ihr eure Mut⸗ ter ſehen, euren wahren Namen erfahren und uͤber alle Verhaͤltniſſe naͤher unterrichtet werden.“ „Der Tag verging unter froͤhlichen Spielen, aber ich nahm wenig Theil daran, denn das Neue meiner Lage hatte meine Phantaſie ſo ſehr angeregt, daß ich von verwuͤnſchten Prinzen und geraubten Prinzeſſinnen träumte. Ich wäre fuͤr die Welt ver⸗ loren gegangen, wäre mein Aufenthalt nicht einige Monate ſpäter nach Hannover verlegt worden. Mein Oheim hatte uns fruher verlaſſen und uns reichlich 22 vorher beſchenkt; mich ſtattete er vorzuͤglich mit vie⸗ len Buͤchern und neuen Anzuͤgen aus. Doch uͤber unſere Familienverhaͤltniſſe ſprach er kein Wort; auch Golding hatte daruͤber nicht wieder geſprochen. Als die beiden Freunde ſich trennten und der ſchoͤne, große, ernſte Mann ſein Pferd beſtieg, fragte er uns mit faſt weicher Stimme: nun? ſoll ich keinen Gruß an eure Mutter beſtellen? Ich kenne keine Mutter! rief ich trotzig aus, aber Anna lag in ſeinen Armen und weinte kindliche Thraͤnen, daß auch in ſeine großen ſchwarzen Augen Perlen traten und die Wange feuchteten. Ich wußte in der That nicht, ob ich meine Mutter lieben oder haſſen ſollte; denn eine Mutter, die ihre Kinder in ein fernes Land ſchickt und Jahre lang nicht ſieht, paßte ſo wenig zu mei⸗ nem Ideal, daß ich mich einer ſolchen Mutter ſchä⸗ men zu muͤſſen glaubte.“ „Nach zwei Monaten mußte ich das ſtille Dorf⸗ chen, den holden Platz meiner Jugendſpiele und Traͤume, das traute Aſyl meines hoͤchſten Lebens⸗ gluͤcks verlaſſen; ich mußte aus dem freundlichen Pfarrhaͤuschen, das mir das ſchoͤnſte Haus in der Welt ſchien, ich mußte den Kirchhof verlaſſen, wo ich mit Matthiſon getraͤumt, ich mußte von dem Weiher, wo ich mit Salis geſeufzt hatte.“ „Es war gewiß der traurigſte Tag meines Le⸗ bens, als ich von meiner Schweſter Abſchied nahm und mit meinem lieben Pflegevater nach Hannover fuhr. Ach! als er nun auch von mir ging, als der 23 —— Freund, der Leiter, der Lehrer und Pfleger meiner Jugend nun auch von mir ſchied, da ſchien ich mir von aller Welt verlaſſen, da war mir's, als wäre ich ganz allein. Ich ſollte ihn nicht mehr Sonntags predigen hoͤren, ihn nicht mehr mit Entzuͤcken hoͤ⸗ ren, wenn er ein Stuͤck von Aeſchyl oder Sophokles mit mir las und den hohen Dichtergeiſt mir allmä⸗ lich zu enthuͤllen ſtrebte. Wie hatte da ſein Auge gefunkelt, von einem goͤttlichen Lichte durchſtrahlt, das ja auch in meinem Buſen entflammt war! Wie klangen da alle innern Saiten in meiner Bruſt in vollen Akkorden! Ach! das Alles ſollte ich nicht mehr genießen. Mußte ich mir nicht recht ungluͤcklich vor⸗ kommen?“ „Mein väterlicher Freund verließ mich und ich trat in die Schule. Da flog dir mein Herz zu, und obgleich ich bald inne ward, daß du nicht ſo innig fuͤhlen konnteſt, wie ich, ſo war ich doch auch ge⸗ wiß, daß ich einſt von dir verſtanden werden wuͤrde. Ich kann wohl behaupten, daß vlele von meinen Gefühlen auf dich uͤbergingen, aber ich erhielt im Gegentheil auch manches von deiner Munterkeit?und Leichtigkeit in Geſellſchaft; ich vzrlor vorzuͤglich in deiner Eltern Hauſe mein aͤngſtliches Weſen und die Welt der Wirklichkeit ruͤckte mir etwas naͤher. Das Geheimniß meiner Geburt wollte ich dir ſo lange verſchweigen, ſo lange ich ſelbſt noch nicht hinlaͤng⸗ lich davon unterrichtet war, deshalb hoͤrſt du von mir jetzt erſt jene Erzaͤhlung. Aber leider! kin ich 24 ſo wenig, als damals, näher damit bekannt. Als ich einſt in den Ferien nach Hauſe kam, verkuͤndete mir mein theurer Pfarrer, daß durch den Krieg zwi⸗ ſchen ihm und unſern Angehoͤrigen aller Verkehr auf⸗ gehoben ſey, und man von dort ſchwerlich Nachrich⸗ ten zu hoffen habe; da er nun meinem Oheim feier⸗ lich verſprochen, gegen mich nicht zu plaudern, ſon⸗ dern die Zeit zu erwarten, wo unſere Mutter uns ſelbſt in ihre Arme ſchließen wuͤrde, ſo habe er alle naͤhern umſtaͤnde uͤber unſere Geburt und Stand niedergeſchrieben und in ſeinem Pult niedergelegt. Im Fall ihm fruͤher etwas aufſtieße und er ſterben ſollte, ſo waͤren wir im Beſitz des Geheimniſſes.“ „Ich ging nach Hannover zuruͤck und beküm⸗ merte mich in der That wenig mehr um jenes Ge⸗ heimniß, denn andere Gedanken beſchaͤftigten meinen Geiſt. Mir war in deinem elterlichen Hauſe der Himmel der erſten Liebe aufgegangen. Lieber Wil⸗ helm! erinnerſt du dich noch jedes Augenblickes, wenn ich wonneberauſcht durch Emmelinen's Feuerblicke, durch den leiſeſten Druck ihrer Hand, zum entkoͤr⸗ perten Geiſt entzuͤckt, auf dein Zimmer, in deine Arme ſtuͤrzte, und oft ſtundenlang da lag, faſt ohne Beſinnung, ohne Leben, nur eine Empfindung, ein glühender Strom durch die Seele, der alle andere Gedanken mit fortriß und verſchlang? Oder wenn ich des Abends auf dem Altan deines Hauſes ſtand und der Mond uns beſchien, wie raſete ich fuͤrchter⸗ lich, faſt aufgerieben von dem entſetzlichſten Ent⸗ zuͤcken, 25 6 zücken, das nur wenig Menſchenherzen faſſen kön⸗ nen! Wie oft wollte ich mich hinabſtuͤrzen auf die Straße, um befreit zu ſeyn von den druͤckenden Banden dieſes Leibes, um ein entkoͤrperter, ſchwe⸗ bender Geiſt mit fortzuwallen in den Harmonien, in den Toͤnen des ewigen All, die nur Liebe mir zu ſingen ſchienen.“ „Oft, wenn ich Emmelinen nur ſah, ergriffen mich Verzuͤckungen; heilige Schauer durchbebten mich; ich glaubte den Geſang der Sphären zu hoͤren, und die Ibeale meiner Kindheit neigten ſich zu mir mit freundlichem Gruß; wie viel Mal hatte ich Luſt— wie einſt Sonnenberg, der hocherglühte Saͤngerjuͤng⸗ ling— mich in ſolch fuͤrchterlicher Extaſe aus dem Fenſter zu ſtuͤrzen, oder in den Fluthen der Leine das tobende Feuer meiner Bruſt zu ertränken.“ „Was konnte es mir in jener Periode meines Lebens ausmachen, wer meine Eltern waren; der Gedanke an ſie kam mir ſelten in die Seele, und wenn er kam, ſtieß ich ihn mit unwillen zuruͤck, weil ich ahnete, daß mich mein Onkel oder meine Mutter aus dem ſchoͤnen Traume unangenehm wecken moͤchten; ach! und ich traͤumte ſo ſuͤß.“ „Der Sturm meier Empfindungen hatte mich noch nie zu Emmelinen reden laſſen; jedes Wort unſerer Sprache ſchien mir entheiligend fuͤr mein Gefuͤhl; ich glaubte eine Sprache der Geiſter erfin⸗ den zu muͤſſen, einen himmliſchen Laut, in dem mein Geiſt hintonend ſich aufloͤſen muͤſſe, wie ein Floͤten⸗ Die Intrigue. 1. 2 26 klang in reiner Abendluft verſchmilzt. Da rief Teutſch⸗ land ſeine Soͤhne zu den Waffen. Wie ein Blitz durchzuckte es mich. Ja das war der Ableiter aller tobenden Gefuͤhle in mir, die mich bald oder ſpät aufreiben mußten. Schnell gewann mein ſtummes Empfinden Worte, und als ich mit dir mich auf die Roſſe ſchwingen wollte, dem großen Kampf ent⸗ gegen zu gehen, fand ich Gelegenheit, Emmelinen meine Liebe zu ſchildern. Ich lag in ihren Armen, und der erſte Kuß der Liebe brannte auf meinen Lippen und in meinem Perzen. Ich wurde wieder geliebt, ich war es ſchon lange. Laß uns uͤber jene Zeit hinwegeilen, die wir zuſammen gefochten. Em⸗ melinen's Briefe erhielten meinen Geiſt in einer fort⸗ dauernden geiſtigen Spannung, und ich kehrte in ihre Arme zuruͤck, zwar nicht mehr mit jenem To⸗ ben in der Bruſt, aber mit einer innigen, nun mehr gelaͤuterten Gluth, mit einer Liebe, die der ſeligſten Erfuͤllung der ſchoͤnſten Wuͤnſche mit Sehnſucht ent⸗ gegenſah. Ich hatte bei unſerm Abmarſch von Han⸗ nover, wie du weißt, meinem Pflegevater nur kurz meinen Entſchluß geſchrieben, indem ich ſeiner Ein⸗ willigung im Voraus gewiß war. Auf meinen Brief erhielt ich keine Antwort, aber bald warf uns das Schickſal in die Gegend ſeines Wohnorts. Wir muß⸗ ten die Franzoſen dort verdrängen, ach! und ich fand die Wohnung meines Pflegevaters abgebrannt, den Ort verwüſtet. Wer beſchreibt den furchter⸗ lichen Schmerz, den ich bei der Nachricht empfand, 27 daß der gute Pfarrer in der Zeit der Schreckniſſe, vor einigen Wochen geſtorben ſey; wo meine Schwe⸗ ſter war, konnte mir keiner von den guten Landleu⸗ ten ſagen, die mir ſo herzlich zugethan waren. Bei der Leiche unſeres Wohlthäters war ſie noch zugegen geweſen, aber einige Tage darauf hatten die retiriren⸗ den Franzoſen das Haus verbrannt, die Einwohner vertrieben. Jeder hatte zu viel mit ſich ſelbſt zu thun gehabt, um an den Andern zu denken, und ſo war meine liebe Anna verſchwunden, und hatte mir nur die ſchrecklichſten Ahnungen hinterlaſſen. Ich weinte der Aſche meines verklärten väterlichen Freundes eine Zahre und ging dann muthig meinem dunkeln Ge⸗ ſchick entgegen.“ „Wie umſchlang ich dich nach einigen Wochen, als du mich mit der Nachricht uͤberraſchteſt, daß Anna in deinem elterlichen Hauſe, wo ich ſie ehemals ein⸗ gefuͤhrt hatte, ſich aufhalte, wohin ſie ſich ſicher gerettet habe. Nach Vollendung des Feldzugs fand ich Anna und Emmeline vereint, und mein Gluͤck ſchien nun die hoͤchſte Stufe erreichen zu wollen. Zwar war in der Verwirrung und im Brande das Dokument uͤber unſere Geburt verloren gegangen, doch waren wir durch die Hinterlaſſenſchaft unſeres Pflegevaters, der ſein Vermoͤgen, meiſt in bedeuten⸗ den Grundſtucken beſtehend, uns gerichtlich vermacht hatte, vor Mangel geſichert. Ein groͤßerer Verluſt als der des Dokuments war mir damals der deines Herzens. Das ſoldatiſche Leben, die Zugelloſigkeit 28 unſerer Kriegsgefährten, die freilich immer in einem lockenden Gewand erſchien, und, wie ich mir wo geſtehen muß, die ſtete Beſchaͤftigung meines Geiſt mit Emmelinen, meiner Schweſter und dem Schick⸗ ſale meines Pflegevaters, hatten dich von mir ent⸗ fernt. Mit dem tiefſten Schmerz mußte ich ſehen, wie du meine Geſellſchaft flohſt und dich in den Um⸗ gang leichtſinniger Menſchen ſtuͤrzteſt. Kein Vor⸗ wurf uͤber deine Kaͤlte gegen mich ſoll uͤber meine Lippen gleiten, und ob ich auch Jahrelang deines naͤheren freundſchaftlichen umganges entbehrt habe, ſo hat mich doch dieſer einzige Abend reichlich ent⸗ ſchaͤdigt; ich fuͤhle es, daß du mein Freund ſeyn mußt; ich war der deine immer. Die Liebe zu Emmelinen hat meiner Freundſchaft zu dir nichts geraubt; ja ich behaupte, daß nur wahre Freund⸗ ſchaft hegen kann, der wahre, reine Liebe zu einem Maͤdchen fuͤhlt.“ „Als wir nach Hannover zuruͤckkamen, fand ich bei Anna'n und Emmelinen jene Wilmeſon, die mir vom erſten Augenblick, als meine Schweſter ſie mir vorſtellte, ein beaͤngſtigendes Gefuͤhl einfloͤßte. So reizend ſie iſt und ſo ſehr ſie durch Reichthum und Anſtand in allen Zirkeln unſerer Reſidenz glaͤnzt, ſo habe ich doch in ihrer Naͤhe nie recht froh ſeyn koͤn⸗ nen. Es iſt wahr, ſie hat ſich ſehr viel Muͤhe um meinen umgang gegeben, und ich kann nicht ſagen, daß ſie etwas mir Mißfälliges in Wort oder That je gegen mich vorgenommen hätte, aber oft habe 29 ich ſie überraſcht, wenn ihre ſchwarzen feurigen Au⸗ gen gluͤhende Blitze auf mich ſchleuderten, aus denen nur zu deutlich das Feuer einer ungeregelten wilden Leidenſchaft blickte. Du weißt, welchen ungeheuern Aufwand Fanny Wilmeſon macht, und doch weiß Niemand, woher ſie ihre Summen zieht, Niemand⸗ wer ſie eigentlich iſt.“ „Die mancherlei Geruͤchte, die ihretwegen im⸗ mer im umlauf geweſen ſind; das Geheimniß, das ſie ſelbſt aus ſich macht und dann, daß ſie faſt nur in Hannover iſt, wenn auch ich mich dort aufhalte, die uͤbrige Zeit mit Reiſen, Gott weiß wohin, zu⸗ bringt, haben mir nie ein gutes Licht von ihr ge⸗ geben. Warum ſucht ſie meine Geſellſchaft gerade immer? Wie oft hat ſie mir nicht ſchon in Goͤttin⸗ gen zaͤrtliche Beſuche abgeſtattet! Ach! und was das ſchrecklichſte iſt, es hat ſich ſeit jener Zeit allmaͤlich ein fremdes Etwas zwiſchen Emmelinen und mich geſtellt, was ich mir nur durch die Dazwiſchenkunft dieſer Wilmeſon erklären kann.“ Golding ſchwieg und ſtarrte dann in die laut⸗ loſe, vom Mond erleuchtete Nacht hinaus, als wolle er in den gigantiſchen Wolkenſchatten, die vor ihnen hintanzten, ſein kunftiges Geſchick entziffern, als ſähe er in ihnen feindlich ihm draͤuende Geſtalten. „Theurer Eduard,“ pegann nach einigen Mi⸗ nuten Schmerzing:„du haſt mir die Schaͤtze deines Herzens geoͤffnet; die Zukunft ſoll dir beweiſen, daß ich deſſen nicht ganz unwuͤrdig bin, ob ich gleich fuͤhle, daß ich weit unter deiner Reinheit und Groͤße ſtehe. Ich geſtehe dir, ich habe dich verkannt, ich habe dich immer fuͤr einen menſchenfeindlichen finſtern Juͤngling, oft ſogar fuͤr ſtolz gehalten. Doch war der beſſere Funke nicht in mir verloſchen, ich neigte mich unwillkuͤhrlich zu dir, und als du heute ſo be⸗ geiſtert ſprachſt, v war's, als hätteſt du nur aus meiner Seele geleſen, das Alles hatte ich mir auch, doch nur fluͤchtig, gedacht. Aber mein ganzes Sn⸗ nere ging in das deine uͤber, und es erſtand in mir die felſenfeſte Ueberzeugung, daß wir fuͤr einander geboren ſind. Dich hat die Liebe in ihre Himmel hinauf gezogen, dich in ihre Heiligthuͤmer eingeweiht, indem ich, noch ein Profaner, das Entzuͤcken der er⸗ ſten Liebe nur ahnen kann.“ „Aber biſt du auch gewiß, ob die Liebe in dei⸗ ner Bruſt ihr Ideal in Emmelinen von Gronau fin⸗ det? Wird dieſe Welt in dir von dem Maͤdchen dei⸗ ner Wahl verſtanden? Leben in ihrem Geiſte dieſel⸗ ben Glanzgeſtalten, die, wie Sterne der Mitternacht, aus den Tiefen deines Lebens hervortauchen, oder— Eduard! ſollte ſie in dir nur den tiebenswuͤrdigen Juͤngling lieben?“ „Quaͤle mich nicht mit deinen hoͤlliſchen Ein⸗ faͤllen,“ fiel ihm Golding aͤngſtlich⸗haſtig in's Wort: „ſie uͤberflugeln mich, wie ein Rabenzug das Schlacht⸗ feld, ach! ſie finden Nahrung genug. Als mir das Maͤdchen zum erſten Mal in den Armen lag; als die Trompete uns rief, da ſchwur ſie mir die ewige Liebe mit einem Blick, der, von himmliſchen Idea⸗ len entzückt, verklart ſtrahlte. Das war ein Blick, der dem meinigen begegnete, wie verwandte Engel ſich gruͤßen moͤgen im gleichen Aufſchwung nach dem ewigen Licht.“ „Ihre Briefe blieben immer die verkoͤrperten Gedanken, welche jener Blick geiſtig mir verrieth. Aber als ich zuruͤck kam, als ich meine Arme aus⸗ breitete, ſie an die, von ſeligen Gefuͤhlen berauſch⸗ te, Bruſt zu preſſen, trat ſie mir mit hoflicher Ver⸗ beugung entgegen, und hinter ihr ſtand meine Schwe⸗ ſter und die Wilmeſon. Ich ſchrieb die Kaͤlte dieſes Empfanges der Anweſenheit dieſer Beiden zu, aber ich habe leider! gefunden, daß, trotz den Verſiche⸗ rungen ihrer Liebe, ein fremder Geiſt ſie von mir geriſſen hat; ich hoffe die Zeit wird ihn bannen und meine Treue, meine heilige Liebe zu ihr. So lange dieſe Bruſt ſchlägt, wird ſie nicht aufhoͤren, Emme⸗ linen zu lieben, die mir zuerſt die Roſenhimmel der Liebe oͤffnete.“ Noch manch freundliches Wort koſeten die Freunde⸗ und ſchloſſen ſich des Herzens Innerſtes auf; viel von ihren Hoffnungen und ihrem zukuͤnftigen Leben, viel auch von der Vergangenheit; beſprachen ſich dann uber das morgende Duell und langten auf ihren Ro⸗ ſinanten wohlbehalten in Goͤttingen an. Am Grohn⸗ der Thore gab Golding ſein Pferd Schmerzing, um es dem Philiſter zu überliefern; er ſelbſt ging uͤber den Wall nach dem Weender Thore, um bei einem 352 andern Vorſteher ſeiner Landsmannſchaft ſich Waffen und ſodann einen Sekundanten zu beſorgen; Schmer⸗ zing wollte den Zeugen machen, weil er, um gut zu ſekundiren, die Waffe nicht geſchickt genug fuͤhrte. Sie ſchieden mit dem Verſprechen, ſich morgen um 9 uhr auf dem Eichenkrug zu treffen; weil das Zu⸗ ſammenreiten, wie bekannt, den Pudeln und Schnur⸗ ren ſehr verdaͤchtig iſt. Kaum hatte Golding den Wall betreten, der von dem Monde nur ſparſam erleuchtet war— denn die großen Lindenbaͤume warfen ihre rieſigen Schat⸗ ten, wie abentheuerliche Maſſen, in den ſandigen Weg— als er einen Menſchen vor ſich hergehen ſah, der ſich oft nach ihm umzuſehen ſchien. Gol⸗ ding ſtellte ſich, um ſich dem Sturme ſeiner Empfin⸗ dungen einmal recht uͤberlaſſen zu konnen, an den Abhang des Walles, und ſchaute auf die weite Ebene nach der Stegemuͤhle zu. Still war Alles um ihn her, laue Sommerluͤfte lispelten uͤber ihm in den Lindenblättern, wie Stimmen ſeines Genius. Hei⸗ lige Wehmuth durchzuckte ihn und der Gedanke an Emmelinen war lange nicht mit ſolcher Macht in ſeine Seele getreten. Eine YPerle zitterte an der Wimper des fuͤhlenden Zuͤnglings, und ein Seufzer wand ſich aus der innerſten Bruſt hervor. Emme⸗ line! rief er halblaut, und— da ſtand der Fremde vor ihm und gruͤßte mit einem herzlichen„Guten Abend!“ — So unangenehm Gorumg in vreſem wewevvuen Augenblick eine Storung war, ſo erwiederte er doch den freundlichen Gruß eben ſo freundlich. Er glaub⸗ te anfangs einen Bekannten erkennen zu müſſen, doch ſah er bald ſeinen Irrthum. Es war ein Stu⸗ dio, den er erſt ſeit dem Sommerſemeſter bemerkt hatte. Wohl erinnerte er ſich, den ſchoͤn gebildeten jungen Mann oͤfter geſehen, ja ſogar wahrgenom⸗ men zu haben, daß ſich derſelbe an ihn zu draͤngen ſchien, und ſchon einige Mal ein Geſpraͤch an oͤffent⸗ lichen Orten mit ihm anzuknuͤpfen Gelegenheit ge⸗ ſucht hatte; bei ſeiner Scheu aber vor allen platten Bekanntſchaften mit herz⸗ und geiſtloſen Menſchen, hatte er nie recht auf ihn reflektirt. „Sie wollen ſich morgen ſchlagen,“ fing der Fremde mit einer zutraulichen Dreiſtigkeit an:„ich bin ſo frei, mich Ihnen als Sekundant anzubieten.“ Erſtaunt ſiel ihm. Golding in die Rede:„Ich habe weder das Vergnuͤgen, Sie zu kennen, noch kann ich begreifen, wie Sie zur Kenntniß meines Vorhabens kommen, denn ich haͤtte ſchwoͤren wollen⸗ daß außer mir und meinem Freunde, den ich ſo eben verlaſſen habe, in der ganzen Georgia Auguſta keine Seele wuͤßte, daß ich mich morgen pauken will.“ „So wunderbar Ihnen das vorkommt“ gegen⸗ redete der Fremde:„ſo natuͤrlich iſt der Weg, auf dem ich zur Mitwiſſenſchaft Ihres vermeintlichen Geheimniſſes gekommen bin, denn ich war bei der Herausforderung äugegen⸗ zwar nicht in der Stube, 2* 34 aber doch vor der Thure. Ich war eben von Caſ⸗ ſel gekommen, und ritt auch gleich wieder weg. und daß ich mich Ihnen ſo geradezu anbiete, ohne Sie naͤher zu kennen, liegt blos daran, weil ich das leb⸗ hafteſte Intereſſe an Ihrem Streit nahm, und ganz von der Wahrhaftigkeit und Herrlichkeit Ihrer Mei⸗ nung eingenommen bin. Fuͤr ſolche Sache zu käm⸗ pfen, waͤre fuͤr mich etwas Erhebendes, und da das nicht ſeyn kann, ſo bitte ich Sie wenigſtens, mich zu Ihrem Beiſtand zu nehmen. Ich kann Sie ver⸗ ſichern, daß ich meine Klinge gut fuͤhre und Sie beſchuͤtzen werde, wie kein Anderer.“ Lächelnd erwiederte Golding:„Nun wohlan! Ihr Antrag kömmt mir erwuͤnſcht und er zieht mich der Neuheit wegen noch mehr an; ich war eben im Begriff mir einen Sekundanten und Waffen zu ſu⸗ chen; mein erſter Wunſch iſt erfuͤllt, und ich eile jetzt den zweiten zu realiſiren. Wollen Sie mich be⸗ gleiten?“ „Ich bedaure recht ſehr; ein kleines Geſchäft ruft mich in die Krone. Kommen Sie dahin, wir wollen uns dort wegen des morgenden Tages be⸗ reden.“ „Vielleicht; doch ſollte es nicht der Fall ſein, ſo kommen Sie morgen um 7 Uhr zu mir; ich wohne— „O ich weiß recht gut, wo Sie wohnen,“ ant⸗ wortete der Fremde;„ich werde mich einfinden.“ „Wie iſt Ihr Name?“ rief Golding ihm ein⸗ fallend noch hinterdrein. „von Arnsberg!“ und fort war er. Golding ſchlich in ſich gekehrt und das Sonderbare dieſes Auf⸗ tritts bei ſich noch einmal erwägend, langſam nach dem Hauſe ſeines Landsmanns zu und beſtellte ſich auf morgen die Schläger. Dann ſchlenderte er wie⸗ der den Wall hinauf und zog in der freundlichen Mondnacht um die ganze Muſenſtadt herum. Man⸗ ches bittere Gefuͤhl wurde laut; aber vor Allem kränkte ihn der tiefe Schmerz, daß er ſo wenig von Andern verſtanden wuͤrde und daß Emmeline, die angebetete Goͤttin ſeiner Träume, ihn nicht zu ver⸗ ſtehen ſchien. Wie eine eiſige Hand griff es ihm in das warme Leben ſeiner Bruſt, daß die, in der er ſeinen Himmel ſuchte, die er als das hoͤchſte Ziel all' ſeines geiſtigen Strebens betrachtete, daß ſie nicht zu wiſſen, nicht zu verſtehen ſchien, was er von ihr wolle, nicht eine Ahnung zu haben ſchien von der herrlichen Welt, die er in ſeiner Bruſt aufgebaut, aus deren Leben ihm die ſchoͤnſten Genuͤſſe empor⸗ ſproßten. Ganz in die Fuͤlle ſeiner Empfindungen verſun⸗ ken, hatte er den neuen Bekannten, hatte die Krone und ſich ſelbſt vergeſſen, erwachte erſt aus ſeinen ſchwer ⸗ truͤben Träumen, als die Glocke zur Mit⸗ ternacht rief. Als er nach Hauſe kam, fand er auf ſeinem Schreibtiſche ein verſiegeltes Billet an ihn. Er oͤffnete es und⸗ war nicht wenig erſtaunt, zu leſem: Theuerſter Golding! Von Caſſel eben hier angekommen, kann ich nicht umhin, mir Ihren lieben Beſuch auszubitten. Kommen Sie ja gleich. Ich logire in der Kro⸗ ne Nr. 13. Sie treffen Geſellſchaft bei mir, die Ihnen nicht unangenehm ſein wird. Morgen rei⸗ ſen wir nach Sachſen ab. Eilen Sie, meine Sehnſucht nach Ihnen zu befriedigen⸗ Ihre Fanny Wilmeſon⸗ „Wie? ſo wäre doch wohl Emmeline hier? Aber warum ſchreibt ſie mir nicht ſelbſt? Warum ladet mich dieſe mir ſo widrige Engländerin ein? und in einem ſo vertraulichen Tone! Rein; deine Emmeline kann unmoglich dabei ſein, ſie wuͤrde ſonſt felbſt geſchrieben haben; wen auch die gefallſuͤchti⸗ ge Wilmeſon mit ihrer Geſellſchaft meint, Emme⸗ line iſt es gewiß nicht. Aber vielleicht wollte ſie mich uberraſchen, vielleicht mir heimlich die Freude des Wiederſehens bereiten, und ſah ich ſie nicht heute im Wagen! Ja ſie war es gewiß! Aber ſie hat mich auch geſehen, eher und deutlicher geſehen als ich ſie. Hätte mich nicht die zärtlich Liebende da eher uber⸗ raſchen können? Ja, die mich wahrhaft liebte, mußte dort den Wagen halten laſſen, mußte mir dort unter freiem Himmel in die Arme fallen⸗ und die Engel haͤtten freudig auf uns herabgeblickt. In die Krone ſoll ich kommen! In den engen vier 37 Wänden eines Gaſthofes, wo alles fuͤr Geld verſcha⸗ chert wird, alſo auch die ſelige Stunde bezahlt wer⸗ den muß, dort ſoll ich Emmelinen ſehen? und nun dazu im Beiſein der Wilmeſon, in deren Naͤhe mir nie ein freies Wort von der Zunge will, dieſes laurenden Mädchens, die wie ein feindlicher Geiſt zwiſchen un⸗ ſere Liebe getreten iſt. Aber ich will doch hin! Ich will, ich muß ſie ſehen! Ich will ſie mit hinaus neh⸗ men auf den Wall, die Wilmeſon ſoll in ihrem be⸗ zahlten Zimmer bleiben. Meine Emmeline will ich in's Freie fuͤhren, ich will ſie beſchwoͤren bei mei⸗ ner heiligen Liebe, mir ihr Herz zu eroͤffnen, mir zu geſtehn, welcher Dämon ſeine ſchwarzen Fittige uber ihre Seele ausgebreitet hat, daß ſie mir fremder ge⸗ worden iſt. Ja wahrlich! das iſt die beſte Gelegen⸗ heit, frei zu ihr zu ſprechen, hier treten nicht die ſtoͤrenden, in Hannover immer obwaltenden, Verhaͤlt⸗ niſſe zwiſchen uns, die mich immer zum Schweigen bringen. Das Herz ſoll zum Herzen reden und nur der ſchweigſame Mond und die freundlichen Sterne ſollen Zuhoͤrer ſein.“ und fort prallte er, der Treppe hinunter und fand— die Thuͤre verſchloſſen. „Hoͤll und Teufel! wollt ihr durch ein Thuͤr⸗ ſchloß mich von meiner Seligkeit abhalten?“ „ Herr Golding! mein Gott! was haben Sle denn vor?“ keuchte ihm die Aufwärterin entgegen⸗ die durch den ſchrecklichen Laͤrmen aus bem erſten Schlummer etwas unſanft geruͤttelt, mit gleichen Beinen ihrem Lager entſprungen war, nicht anders meinend, als es ſei ein großes ungluͤck dem lieben Hausherrn zugeſtoßen:„Wo wollen Sie denn noch in der Nacht hin?“ „Ei, ich muß jetzt gleich in die Krone, und da iſt die Thuͤre verſchloſſen,“ brummte ihr Golding verſtimmt zu. „Aber, was wollen Sie denn in der Krone machen, da iſt keine Katze mehr aufz es muß ja zwei uhr voruber ſein. Geſellſchaft treffen Sik nicht mehr an, und was etwa von den fremden Herr⸗ ſchaften da logirt, das ſteckt jetzt ſchon Alles in den Federn.“ „So, ſo, es iſt ſchon ſo ſpaͤt,“ fiel Golding ſich erſt jetzt beſinnend, ein:„das habe ich freilich nicht gewußt, nun, ich bitte mich zu entſchuldigen.“ Kopfſchuͤttelnd kroch die Muſenmagd wieder in ihr geheimes Kabinet und Golding uͤber ſich ſelbſt tachend und fluchend auf ſeine Stube. Von wilden Phantaſien erhitzt warf er ſich auf ſein Lager. Bald war er, von den mancherlei Vorfaͤllen des Tages ermuͤdet, eingeſchlummert und ſchauerliche Traume ſchloſſen ihn ſo feſt in ihre eiſerne Arme, daß er nicht eher erwachte, als bis der Tag ſchon lange freundlich herauf gezogen war. Da weckten ihn hef⸗ tige Fußtritte mit Spornenklang, und von Arnsberg ſtand ſchon reiſefertig vor ihm. „Guten Morgen! ei, ei, Sie ſchlafen ruhig genug der Todtſchlagerei entgegen,“ rief ihm der 39 muntere junge Mann zu:„Aber, warum kamen Sie nicht in die Krone? Es war ſtarke Nachfrage nach Ihnen, denn eine fremde Dame wollte durch⸗ aus ein Rendezvous mit Ihnen beſtehen und ließ ſich bei den anweſenden Studio's mehremal nach Ihnen erkundigen. Sie ſchien ſich ganz beſonders fuͤr Sie zu intereſſiren. Ich glaubte Sie ſchon heute Mor⸗ gen in der Krone und da liegen Sie im Bette und laſſen die lieben fremden Kinder immerhin zum Tho⸗ re hinausfahren.“ „Sind ſie fort?“ rief Golding erſchrocken. „Ich habe ſie vor einer halben Stunde ſchon wegfahren ſehen. Mein Gott! was machen Sie auch fuͤr Streiche? Die Dame verſicherte, dreimal nach Ihnen geſchickt zu haben, und die andere ſchien ganz beſonders auf Sie aufgebracht zu ſein. Haben Sie ſo wenig Delikateſſe gegen ſorche Junogeſtalten?“ „Wahrhaftig!“ rief Golding uͤber ſich ſelbſt erzurnt:„erſt Mitternacht erfuhr ich die Anweſen⸗ heit dieſer Bekannten, und dieſen Morgen habe ich Alles verſchlafen.“ „Ich hatte das Vergnuͤgen,“ ſprach Arnsberg weiter:„mich einige Zeit mit den Damen zu un⸗ terhalten, weil ich mich fuͤr einen Ihrer Freunde ausgab. Sie waren beide ſehr liebenswuͤrdig und ſo gefaͤllig gegen mich, mir ihre Namen zu nennen. Lady Wilmeſon beauftragte mich mit vielen Empfeh⸗ lungen an Sie; allein Fräulein von Gronau, durch Ihr Ausbleiben am meiſten ſich beleidigt fuͤhlend, 40 widerrief alle Beſtellungen an Sie, und bat mich dringend, ihrer gar nicht zu erwaͤhnen.“ Golding ſprang heftig erſchuttert auf und klei⸗ dete ſich an. In einer halben Stunde ſaßen ſie im Wagen und fuhren im Sturmſchritt den alten glei⸗ chiſchen Schloſſern zu, die durch den Amtmannſ und Poeten Buͤrger ſeligen Andenkens, in neuerer Zeit auch neuen Reiz fuͤr empfindſame Seelen gewonnen haben. Der Eichenkrug iſt ein allerliebſtes Gaſthaus fuͤr die freiheitliebenden Akademiker, und ſie koͤnnen da nach aller Muße uͤber ihr Syſtem philoſophiren und es vis zur feinſten Spitze verfolgen, obgleich das Reſultat ihrer Betrachtungen ſehr verſchieden ſein moͤchte von den Ausſpruͤchen des großen Meiſters, von dem ſie den Namen fuͤhren. Das Haus liegt am Fuß der Berge, auf welchen die drei Gleichen ihr zeitgraues Haupt erheben und die Jahrhunderte von ihren Locken avzuſchuttein ſcheinen⸗ Als unſere Helden dort angekommen waren, trat ihnen die niedliche Wirthstochter mit freundlichem Gruß entgegen und trug ſelbſt die zweiſchneidigen Schwerter mit den zarten jungfräulichen Haͤnden, durch oͤfftere Auftritte der Art heroiſirt, auf den Paukſat. Sie verkuͤndete zugleich mit geſchwätzigem Munde, daß die Herrn von der Gegenparthei bereits vor einer halben Stunde angelangt waͤren und des Streits mit Sehnſucht warteten. Das liebe Kind wies ihnen das Zimmer an, wo ſie die Ruͤſtung vorzunehmen haͤtten und verſprach die beſtellte Cho⸗ —— kolate ſowohl beſtens zu beſorgen, als auch Spione auszuſtellen, die, im Fall ſich von der hochloblichen Polizei der Univerſität etwas blecken ließe, gehoͤrig ſchleunige Rachricht uͤberbringen ſollten. Als ſie von ihnen ſchied, ſprengte Schmerzing mit noch andern Bekannten und Genoſſen vom ge⸗ ſtrigen Tage her uͤber den Hof. Der ſtämmige Wolfram hatte nicht verfehlt, dem Gefecht fuͤr die heilige theologia, der mater scientiae, wie er ſich in allem Ernſt auszudruͤcken pflegte, beizu⸗ wohnen, und der kleine Grauſchimmel, der von der Anſtrengung des geſtrigen Tages nach todtmuͤde war, keuchte faſt zuſammenbrechend unter der Zentnerlaſt ſeines geiſtlichen Leibes. Die muͤndener Geſellſchaft war nun zuſammen und man fing ſchon an, Golding die hiebdichten, ledernen Hoſen vorzubinden, ihm die Bruſtbinde um⸗ zuſchnallen und den Streitarm mit mehr als einem Dutzend ſchwarzſeidenen Tuͤchern, gegen Hieb und Stich trefflich bewaͤhrt, zu umwickeln, als Schmerzing ihn bei Seite nahm und heimlich fragte, wie dieſer Fremde, den er geſtern im ſchwarzen Baͤren ſchon bemerkt, hierher gekommen ſey? „Er iſt mein Sekundant,“ entgegnete Golbing etwas betreten. „In der That, es iſt jetzt nicht Zeit Dir die ſonderbare Geſchichte von geſtern⸗ Abend zu erzählen⸗ Alles nachher.“ Schon hatte Arnsberg die ſcheerſcharfen Klingen in die bunten, mit der Landſchaftsfarbe gezierten, Koͤrbe geſchraubt und reichte Golding ſeinen Arm, um ihn zum Kampfplatz zu begleiten. Schnell wur⸗ de die Menſur mit der Kreide des Wirths gezeich⸗ net, die immer ein doppeltes Geſchaͤft zu verrichten hatte, und Golding faßte Poſto. Von der andern Seite erſchienen die Soͤhne der alleinſeligmachenden lutheriſchen Kirche, um die Klinge als bravere Rit⸗ ter zu fuͤhren, wie der ſelige Herr Luther, der be⸗ kanntlich während ſeiner quasi Gefangenſchaft auf Wartburg die Rolle des Junker Goͤrge gar linkiſch und ſchlecht ſpielte, ſo daß ſeine Nachfolger auf dem Predigtſtuhl den Namen der Bibelritter fuͤhren, bis auf den heutigen Tag. „Auf die Menſur!“ rief mit hohlem Tone Arnsberg, und die Kämpfer ſtanden bereit.„Bin⸗ den Sie die Klingen!“ und die Eiſen klirrten zu⸗ ſammen.„Hauen Sie aus!“ und der ehrenbuͤrtige Theolog hieb mit aller Kraft ſeines von ſteudlini⸗ ſcher Weisheit ſtrotzenden Korpus auf Golding los, der mit gewandter Klinge den kräftigen Hieb aus⸗ parirte. Doch immer toller hieb der Gottesgelahrte herein und Arnsberg furchtete Schlimmes fuͤr Gol⸗ ding; da bog er ſich weit vor, ihn mit ſeiner Klinge ſchuͤtzend, doch plotzich ſprang der Stahl vom Korbe 43 des Heftigen ab, flog uͤber Goldings Schläger ſchräg hin in Arnsberg's Achſel und mit ſolcher Stärke, daß die Spitze am Ellenbogen einige Zoll lang her⸗ ausfuhr. Der anweſende Arzt erklärte die Wunde fur gefährlich und rieth, ihn ſogleich nach der Stadt zu ſchaffen. Das Duell mußte demnach aufgehoben werden, und da beide Theile ſich verſoͤhnlich zeigten, ſo wurde es fuͤr ausgemacht erklart. Golding und Schmerzing eilten mit ihrem Verwundeten nach Goͤt⸗ tingen zuruͤck. Die Wunde war wirklich von Bedeutung, denn es trat bald ein heftiges Wundfieber ein, das Arns⸗ berg der Beſinnung beruubte. Golding wich nie von ſeinem Bette und Schmerzing leiſtete ihm oft Geſellſchaft, denn es fand ſch, daß Arnsberg unter den Studirenden keinen einzigen Bekannten oder Landsmann hatte. Die beiden Freunde wußten nicht einmal, wo er her war. In ſeinen heftigen Fieber⸗ phantaſien rief er oft den Namen Fanny, auch ſprach er von Verhaltniſen mit der Wilmeſon, die aber, da die Ausbruͤche ſeiner Träume unzuſammen⸗ haͤngend waren, den Beiden ein Raͤthſel bleiben muß⸗ ten, ſo ſehr ihnen auch dergleichen Worte auffielen. Schmerzing wollte dieſe Traͤumereien aus dem Eindruck erklären, den die fluͤchtige BVekanntſchaft in der Krone auf Arnsbergs Seele gemacht habe, aber Golding wollte damit nicht zufrieden ſein. Doch konnte auch er den Schleier nicht beſſer luften. Er pflegte des Kranken mit der groͤßten Sorgfalt und 44 mit einer Liebe, die ſeinem tiefen Gemuthe eigen war, und hier nun beſonders ſtark hervortrat, weil ja der Kranke um ſeinetwillen litt. In lichten Au⸗ genblicken zeigte Arnsberg jedesmal große Ruͤhrung uber dieſe ſorgfaltige Pflege und aͤußerte oft, daß er derſelben nicht wuͤrdig ſei. Einſt ſaß Golding in der Daͤmmerſtunde am Bette des Leidenden, den eben das mittaͤgliche Fie⸗ ber verlaſſen hatte. Er lag ganz ſchwach da, und begann mit leiſer Stimme:„Lieber Golding⸗ Sie ſind ſo ſehr um mich bekuͤmmert und ich weiß nicht, wie ich Ihnen genug dafuͤr danken ſoll. Sobald ich geneſen bin, will ich Ihnen Dinge entdecken, die fuͤr Sie von der allergroͤßten Wichtigkeit ſein muͤſſen; ſollte ich aber ſterben, ſo finden Sie in meinen Pa⸗ pieren und Briefen jene Aufſchluſſe. Meine Schwaͤ⸗ che erlaubt mir nicht, mich Ihnen jetzt naͤher zu er⸗ klaͤren.“ So aufmerkſam auch Golding bei dieſer Fuße⸗ rung wurde, und wie vielerlei Ahnungen ihn auch ergriffen, da er das Geſagte mit den Ausbruͤchen ſeiner Fieberphantaſie zuſammenhielt, ſo mochte er doch nicht in den Kranken dringen, ſondern bedeutete ihn, ſich ruhig zu verhalten und durch keine Ge⸗ muͤthsbewegung der Krankheit Nahrung zu geben. Doch betroffen von dem eben Gehoͤrten, eilte er zu ſeinem Schmerzing, um ihm die neue Entdeckung mitzutheilen. Die Freunde ergingen ſich in allerlei Muthmaßungen, doch konnten ſie zu keinem befrie⸗ digenden Reſultate gelangen. Einige Tage darauf waren ſie bei Arnsberg zu⸗ ſammen, der ſich unterdeß ziemlich erholt hatte. Da kam der Brieftraͤger. Arnsberg ergriff mit zittern⸗ der Hand und einer nicht zu verbergenden Freude den dargebotenen Brief. Golding, der ihm ſolchen uͤbergab, glaubte in der Aufſchrift die Hand zu er⸗ kennen, welche ihm das Billet aus der Krone ge⸗ ſchrieben hatte. Dieſes fiel ihm ſehr auf, aber noch mehr die Verlegenheit, welche er in Arnsbergs Ge⸗ ſicht, waͤhrend des Leſens zu bemerken glaubte. Ohne ein Wort zu reden, brach jener den Brief zuſammen und verſchloß ihn. Es war etwas Frem⸗ des zwiſchen die jungen Leute getreten, denn die un⸗ terhaltung blieb einſilbig und trocken, und die beiden Freunde fanden fur gut, ſich vald zu entfernen. Als ſie auf der Straße waren, fragte Golding ſeinen Wilhelm, ob er nichts an Arnsberg nach Le⸗ ſung des Briefes bemerkt habe? „„Wohl habe ich es, gegenredete dieſer:„und das recht viel. Eine dunkele Glut ſtieg plotzlich in ſein bleiches Geſicht, als er des Briefes händig wur⸗ de, und eine, an ihm noch nicht bemerkte, Freude druckte ſich während des Leſens in allen ſeinen Zuͤ⸗ gen aus. Er erhob ſich auch, gleichſam neu ge⸗ ſtärkt, vom Lager, und ging zum erſtenmale ohne Wanken wieder zu ſeinem Pulte, um den Brief zu verſchließen.“ 46 „Glaubſt Du auch,“ ſprach Golding:„daß ich die Hand zu erkennen meinte ſie iſt zu kennbar und ich konnte mich nicht täuſchen.“ „Nun?“ fragte Schmerzing geſpannt. „Der Brief war von der Wilmeſon.“ „Von der Wilmeſon?“ fragte in langgezogenem Tone der Erſtaunte:„Dieſen Schleier muͤſſen wir vald luͤften, denn er deckt ein Geheimniß, das Dich gewiß am meiſten angeht. Sonderbar! Dieſer Menſch iſt mir von Anfang dieſes halben Jahres ſchon aufgefallen, und als ich ihn im ſchwarzen Bä⸗ ren ſah, durchkreuzten mich mancherlei dunkele Em⸗ pfindungen, die erſt Tags darauf, als ich ihn auf dem Eichenkrug in Deiner Geſellſchaft fand, recht deut⸗ lich, aber unangenehm deutlich, in mir wurden.“ „Das hoͤchſt Eigene ſeines Anerbietens an Dich, der umſtand, daß er von Caſſel an jenem Tage kam, wo auch Emmeline und Lady Wilmeſon her kamen, daß er in der Krone bei ihnen war, in ſeinem Fieber oft von ihr ſprach und Dinge beruͤhrte, die die wun⸗ derlichſten Muthmaßungen zulaſſen, endlich ſein eige⸗ nes Geſtaͤndniß, er ſei im Beſitz eines Geheimniſſes, das Dich angehe, und nun dieſer Brief von der Wil⸗ meſon, der einen ſo ſtarken Eindruck auf ihn machte, Alles dieſes gibt uns zwar noch kein Licht in die ganze Sache, aber die Gewißheit, daß er mit der Englaͤnderin in einem genaueren Verhaͤltniſſe ſtehe, und daß Du das Ziel eines Planes biſt, den wir ent⸗ huͤllen muͤſſen.“ — „Aber, wie waͤre es moglich,“ entgegnete Golding:„daß wir nicht eher von dieſer Bekannt⸗ ſchaft der Lady etwas erfahren hätten, da wir ſie an drei Jahre kennen, und ſie in Hannover beſtän⸗ dig in unſern Zirkeln iſt, von jeder maͤnnlichen Be⸗ kanntſchaft ſich fern haͤlt, und nur ſich an mich zu draͤngen ſcheint?“ „Ich bitte ſehr,“ rief Schmerzing,„„ ſie iſt nur die Hälfte des Jahres in Hannover, nur meiſt in der Ferienzeit in jenen Zirkeln, wo auch Du biſt, begleitet da Emmelinen und Deine Schweſter, wie ihre Schatten, und reiſ't dann, wie Du ſelbſt weißt, in die weite Welt hinein, und nur Emmeline ſcheint zu wiſſen, wohin. Daß ſie aus London iſt, wiſſen wir alle, wie ſie nach Deutſchland gekommen, was ihr Aufenhalt bezweckt, weiß Keiner. Du kennſt Deine Geburt nicht, ſie weiß vielleicht mehr darum, als Du. Wir muͤſſen den Suſammenhang dieſer Dinge erfahren und meine Begierde läßt mich kaum dieſe Nacht ruhen. Morgen, ſobald die Collegia beendigt ſind, gehen wir zu Arnsberg und er muß uns ent⸗ decken, was er verſprochen hat.“ Sie ſchieden von einander, jeder im Herzen die Laſt der Muthmaßungen und Begierde nach dem Ge⸗ heimniß herum wälzend. Als ſie Tags darauf in Arnsbergs Logis kamen, erfuhren ſie von der Auf⸗ waͤrterin, daß er ſich fruͤh ſo geſtärkt gefuͤhlt habe, daß er, obgleich den Arm in der Binde, ausgegan⸗ gen und erſt gegen Abend zuruͤckgekommen ſei, dann 43 mehre Briefe geſchrieben, die ſie auf die Poſt be⸗ ſorgt, und vor kurzer Zeit ſich zur Ruhe niederge⸗ legt habe. Sie fanden ihn wirklich ſchlafend und um ihn nicht zu ſtdren, eilten ſie wieder weg, die ſo ſehnlich gehoffte Entdeckung bis auf den folgenden Tag verſparend. Irgerlich daruͤber, daß ſie ſich nicht befriedigk ſahen, ſchlichen ſie nach Hauſe, um an ihre Geſchäfte zu denken. Denn das Semeſter war zu Ende, und in acht Tagen wurden alle Collegia geſchloſſen. Die akademiſche Laufbahn der beiden Freunde war ver⸗ floſſen, und ſie mußten ſich nothwendiger Weiſe auf das verhaßte Philiſterium vorbereiten. Es gab noch dies und jenes zu beſorgen⸗ noch vieles zu bezahlen und der umſtände ſo manche, die von der lieben Georgia Auguſta noch beachtet ſein wollten. Und allen dieſen Dingen mußten die Freunde ihre Auf⸗ merkſamkeit ſchenken, wenn ſie als gute Hauswir⸗ the erſcheinen wollten, und ſo widrig auch Golding ſolche ſtorende und geiſttoͤdtende Geſchäfte waren, ſo war er es doch dem verkläͤrten Geiſte ſeines vaͤter⸗ lichen Freundes, von deſſen Rachlaſſenſchaft er lebte, war es ſeiner lieben Anna und ſich ſelbſt ſchuldig. Am folgenden Tage trafen ſich die Freunde auf dem Speiſehauſe und wanderten von da nach Arns⸗ berg's Wohnung. Aber wie ſehr waren ſie erſtaunt ſein Zimmer leer und ausgeraumt zu finden. Die belehrende Pythia von geſtern Abend kam und be⸗ richtete mit eilfertiger Breite und Laͤnge, daß der Hern 49 Herr von Arnsberg ſogleich nachdem ſie, die beiden Herren, ſich entfernt hätten, erwacht waͤre, ſchnell alle ſeine Habſeligkeiten eingepackt, den Wirth und noch einige andere Rechnungen bezahlt habe und um 12 Uhr in der Nacht mit Extrapoſt weggefahren wäre; wohin, wiſſe ſie nicht. Erſchrocken ſahen ſich die beiden Freunde an, und jeder erwartete von dem Andern den Anfang der Rede, aber keiner vermochte ein Wort zu dieſer ſon⸗ derbaren Entfernung zu ſagen. Endlich ermannte ſich Schmerzing und fragte die trippelnde Schrecken⸗ verkuͤnderin, ob Arnsberg nichts Schriftliches hinter⸗ laſſen habe? Eine verneinende Antwort.„Nun ſo laß uns gehen, Eduard, wir ſind hier ſchaͤndlich be⸗ trogen.“ und dahin gingen ſie, beide von den ſchmerzlichſten Gefuhlen uͤberwaltigt. „O ich habe es immer geahnet, daß er ein Be⸗ truͤger, ein ſchändlicher Menſch ſei,“ brach Schmer⸗ zing aus, als ſie das Freie erreicht hatten;„ich fuhlte mich immer von ihm abgeſtoßen; aber Du gabſt ihm deine reine ſchuldloſe Seele hin, weil er, Gott weiß, aus welchen ſchaͤndlichen Abſichten Dir ſekundirte und eine Wunde davon trug.“ „Ich bitte Dich,“ erwiederte Golding,„laß Dich nicht zu ſehr hinreißen von den Eindruͤcken der Gegenwart und den Eingebungen deines hitzigen Ge⸗ muͤthes. Nach alle dem, was ich an Arnsberg be⸗ merkt habe, iſt er kein ſchlechter Menſch. Er kann ſchwach ſein, ſchlecht iſt er nicht. Vielleicht iſt er Die Intrigue 1. 3 50 nur das Werkzeug einer hoͤheren Hand und hängt von deren Willkühr ab. Laß uns jetzt noch nicht uͤber ihn aburtheilen. Die Sit wird gewiß auch die⸗ ſes Raͤthſel loſen.“ „Wir wollen ihm auf alle Weiſe nachſpuͤren,“ rief Schmerzing aus:„er muß einen Reiſepaß ha⸗ ben, und bei dem univerſitätsſerretär erfahren wir, wohin er gegangen iſt.“ Sie eilten auf der Stelle hin und erfuhren, daß er ſeinen Weg nach Sachſen und Baiern genommen habe. „Alſo auch nach Sachſen!“ ſprach bedenklich Golding:„Wunderbar! Auch die Wilmeſon ſchrieb mir, daß ſie nach Sachſen reiſen wuͤrde.“ „Arnsberg hat ſich als Baier immatriculiren laſſen,“ ſogte Schmerzing:„das gibt uns vielleicht auch eiükges Licht. Nun, in acht Tagen ſind wir in Hannover, vielleicht erklart ſich da Manches; vielleicht weiß Deine Schweſter, die ja immer bei der Wilmeſon war, uns dies und jenes zu berichten, was, mit den andern umſtaͤnden zuſammen gehalten, uns einige Einſicht in das ganze Truggewebe gibt. Denn daß es ein hoͤlliſcher Trug iſt, den man um Dich, Deine Schweſter und wohl auch um mich ſpinnt, das iſt mir mehr als zu gewiß. Aber wir wollen den Faden in dieſes Labyrinth finden und ſollten wir ihn von der Ariadne Wilmeſon ſelbſt bor⸗ gen. Wenn wir ſie nur in Hannover treffen; ſie iſt ja ſonſt allemal um dieſe Zeit da. Rede ſoll ſie 51 uns ſtehen, buͤndige deutliche Rede, oder, bei Gott! ich konnte ſonſt vergeſſen, was wir der Weiblichkeit ſchuldig ſind.“ Noch Vieles ſtellten die Freunde von den Er⸗ fahrungen zuſammen, die ſie hinſichtlich Arnsberg's gemacht hatten; hundert kleine Zuͤge fielen ihnen erſt jetzt auf, aber ſtatt Licht zu geben, machten ſie das Ganze nur dunkeler. So erinnerte ſich Golding, daß Arnsberg in ſei⸗ nem Fieber, wo er immer Engliſch redete, oft von einer Tante geſprochen, die er mit der Wilmeſon verwebt, ſie beklagt und geprieſen, ihr geflucht und ſie geſegnet habe; und Schmerzing gedachte einer goldenen uhr mit einem ſehr koſtbaren Medaillon, ein liebenswuͤrdiges Frauenzimmer vorſtellend, die er bei der Wilmeſon fruher bemerkt zu haben glaubte Was auch die Triebfeder der Pandlungen dieſes ſon⸗ derbaren Menſchen ſein mochte, darin kamen die Bei⸗ den überein: die Wilmeſon ſtand mit ihm in einem engen Einverſtaͤndniſſe und ſeine ſchnelle Abreiſe mit dem noch nicht ganz geheilten Arme, kaum vom heftigſten Wundfieber geneſen, mußte eine ſehr wich⸗ tige urſache haben. Die letzte Woche des viel geprieſenen und viel geſcholtenen akademiſchen Lebens war den beiden Freunden unter einem Haufen von Geſchaͤften ver⸗ ſchwunden. Alle Glaͤubiger waren befriedigt, alle Hefte gebunden, die Koffer gepackt und die wohlklin⸗ 3* 52 genden Zeugniſſe der univerſitaͤt bereits in ihren Ta⸗ ſchen; da umwandelten ſie noch einmal den hohen freundlichen Wall der Stadt, erinnerten ſich bei je⸗ dem Platzchen, wo ſie geſtanden, der traulichen Zwie⸗ reden, nahmen dann Abſchied von der lieben Stadt und trabten ruͤſtig zum Weenderthore hinaus nach Nordheim zu. Mit den Armen der zärtlichſten Elternliebe wur⸗ de der Sohn aufgenommen, mit ungeheuchelter Freu⸗ de der langbewaͤhrte Freund deſſelben, dem in die⸗ ſein Hauſe mit ſeiner Schweſter eine zweite Heimath erbluͤht war. Anna, die ſtille zartfuͤhlende Anna, lag ſchwei⸗ gend an der Bruſt des geliebten Bruders; und Schmerzings Blicke ruhten mit inniger Sehn⸗ ſucht und Entzuͤcken an der herrlichen Scene; ſie ſchienen nicht undeutlich zu verrathen, daß auch er von Anna auf gleiche Art begruͤßt ſein moͤchte. Das verſchaͤmte Mädchen reichte ihm ſchuͤchtern die Hand und erroͤthete ſanft, als er die dargebotene mit Hef⸗ tigkeit an die Bruſt preßte.„Laſſen Sie auch mich Ihren Bruder ſein,“ ſagte er, ſich zu ihr hinnei⸗ gend, halb leiſe, und„Sie haben ſich ſchon lange ein heiliges Recht auf meine Schweſterliebe erwor⸗ ben,“ gegenlispelte Anna:„ und Ihren theuren El⸗ tern bin ich jede Kindespflicht ſchuldig. Alſo auch Sie will ich als Bruder willkommen heißen.“ Entzuckt ſchluͤrfte Schmerzing jede Silbe von den kleinen Lippen weg, um ſein durſtiges Herz da⸗ 53 — mit zu traͤnken, und der Zukunft freundliche Bilder traten ihm winkend entgegen. Schmerzings Eltern machten ein vornehmes Haus in Hannover. Der Vater war Hofrath und hatte eine gute Beſoldung, womit er den Aufwand ſeines Hauſes wohl beſtreiten konnte. Er war von gutmuͤthigem Herzen, doch ſo in ſeine Geſchaͤfte hineingelebt, daß er für die Außenwelt allen Sinn verloren hatte. Der einzige Gegenſtand ſeiner be⸗ ſonderen Aufmerkſamkeit war die Ehre und der Glanz ſeines Hauſes, welches er durch ſeinen talentvollen Sohn ſehr zu heben gedachte. Alles Andere uberließ er der theuren Ehehalfte. Sie war eine von den zarten innigfuͤhlenden Seelen, die wuͤrdig ſind, des Lebens unverwelkliche Kronen zu tragen, die, in den Tiefen des Daſeins ſich ergehend, der Menſchheit erhabenſte Gegenſtaͤnde mit leichtem Blicke uͤberſchauen und wuͤrdigen, ohne ein Syſtem der alten und neuen Philoſophen durch⸗ gearbeitet zu haben. Sie hatte die Schule des Le⸗ bens durchlaufen, aber nicht altklug und weisheit⸗ predigend war ſie daraus hervorgegangen; in ihren ſpaͤtern Lebenstagen war ſie die beſcheidene zarte Jungfrau geblieben. Sie hatte eine Welt in ihrer Bruſt, und konnte, als Koͤnigin derſelben, leicht ih⸗ res Mannes Thun und Weſen uͤberſchauen, in deſ⸗ ſen Innerem nichts war, was man außergewoͤhnlich nennen konnte. Sie lenkte und leitete ſein biegſa⸗ mes Gemuͤth zu den ſchoͤnſten Punkten des Lebens. Die herrliche Erziehung Wilhelms war allein ihr Werk, denn ſie hatte von fruͤh auf in die weich ge⸗ ſchaffene Seele des Knaben alle die ſchoͤnen Gefuͤhle ihrer eigenen Bruſt uͤberfließen laſſen. Spielend hatte ſie ihm ſeine erſte Bildung gegeben, die ſchoͤ⸗ nen Keime ſorgſam gepflegt, ſo daß ſie nun als bluͤ⸗ hende Baͤume ihr ſuͤße Wohlgeruͤche dufteten. Sie hatte ſehr bald das tiefpoetiſche Gemuͤth Golding's erkannt und ihn zum Freund ihres Wilhelms erſe⸗ hen. Mit freudeglaͤnzendem Auge hing ſie an den Lippen des begeiſterten Juͤnglings, wenn er in dithy⸗ rambiſchem Entzuͤcken ſeine Phantaſien ausſtroͤmte, und ſie fuͤhlte eine muͤtterliche Liebe zu ihm. Wohl hatte ſie auch erkannt, daß dieſer Juͤngling, ſo wie er geiſtig bedingt war, eines weiblichen Weſens be⸗ durfte, an die er die ſtuͤrmiſche Bruſt lehnen, in de⸗ ren Seele er die Glut aushauchen koͤnnte, die ihn oft zu verzehren drohte. Daß aber Emmeline von Gronau nicht jenes Maͤdchen ſei, war ihr eben ſo klar. Denn dieſe war zwar ein Mädchen, die das Schoͤne und Gute liebte, das Herrliche, was aus Goldings Bruſt, gleich einer Flamme herausſchlug, wohl bewunderte, aber die emporfliegende Begeiſte⸗ rung, der aufzuckende Stral, die goͤttliche Harmonie in dem Weltganzen bruͤderlich zu begruͤſſen, den Blick voll heiliger Glut hinaufſchlagend in das ewige Blau und aufjauchzend zu dem Urquell des Schoͤnen, Alles das war ihrer Seele fremd. Wie ein Geſpenſt ſchienen ſie oft Goldings Ausbruͤche zu uͤberraſchen, 55 und der Mutter Schmerzing war das nicht entgan⸗ gen. Doch that ſie keine Eingriffe in das Verhaͤltniß der Liebenden, indem ſie mit Gewißheit vorausſetzte, daß es die Zeit ſelbſt loͤſen wuͤrde. Auch meinte ſie, wuͤrde der feurige junge Mann ſich nicht ſogleich die richtige Meinung von Emmelinen beibringen laſſen, weil er alle Eigenſchaften ſeines ihm in der Seele gluͤhenden Ideales in ſie hineingetragen hatte und Alles in ihr ſah, was er wuͤnſchte, und, wenn er wirklich ſich von ihr trennte, ſo wuͤrde er leicht in Gefahr kommen, in die Netze eines leichtſinnigen unmoraliſchen Maͤdchens zu fallen. Ihr groͤßtes Gluͤck war, Anna um ſich zu ha⸗ ben; denn dieſe war ihr Ebenbild, nur noch ver⸗ ſchaͤmter, noch mehr ein unendlich zartes Stillleben in ſich hineinlebend, weit ſie jünger war, weil ſie in der zuruͤckgezogenſten Einſamkeit des Landes weit weniger als Mutter Schmerzing unter Menſchen ge⸗ kommen war. Sie hatte das holde verlaſſene Kind mit offenen Armen empfangen, und da ſie ſelbſt keine Tochter hatte, der Liebenswuͤrdigen ſchon in den er⸗ ſten Tagen alle Rechte eines Kindes geſchenkt. Aber Anna hing auch mit unbeſchreiblicher Liebe an der gleichgeſtimmten Mutter; in Anna's Seele klangen alle die Toͤne wieder, die die Mutter in dem Saiten⸗ ſpiel ihrer Bruſt erklingen ließ. Bald waren ſich beide klar bewußt, daß ſie fuͤr einander geboren, daß ſie zwei gleich geſchaffene Weſen ſeien. und aus 56 dem reinen Einklang ihrer Seelen bluhten die ſchoͤn⸗ ſten Blumen empor, die mit ihren ſtillen Duͤften das Haus durchwuͤrzten. Die ſanfte Anna war nun drei Jahre in Schmer⸗ zings Hauſe und ſie war in dieſer Zeit die geliebteſte Freundin der Mutter und der Liebling des Vaters geworden. „Beſte Anna, gib mir meine Pfeife,“ ſprach ſanft der alte Hofrath, wenn er das muͤhſame Tage⸗ werk vollendet, und auf ſeiner Gemahlin Zimmer kam. und Anna reichte ihm das Verlangte, brannte ihm den Taback an, ſchenkte ihm den Thee ein, und mit Wohlgefallen verweilten des guten, etwas pfleg⸗ matiſchen, Mannes Blicke auf der bluͤhenden Geſtalt des Maͤdchens. Dann ließ er ſich von ihr eine So⸗ nate vorſpielen, und auf den Taſten hin flogen die alabaſternen Fingerchen, den Geiſt ber herrlichen Compoſition in's Leben rufend, den ſie eben ſo herr⸗ lich in ſich aufgenommen hatte. Oder ſie uͤberließ ſich ihren freien Phantaſien, und wie leiſe Geiſter⸗ ſtimmen aus einer andern beſſern Welt klangen die reinen Toͤne der Saiten; oder es war ein Lied der hoͤchſten Sehnſucht nach dem unendlichen, nach dem unbegreiflichen, was in ihrer Bruſt oft zu ſein, oft wieder auf ewig daraus geſchieden ſchien. Der Alte horchte mit Behaglichkeit den ſchoͤnen Toͤnen, und ob er gleich von den tiefen Gefuͤhlen, die durch ver⸗ wandte Klaͤnge hier in das Leben traten, nichts ver⸗ ſtand, ſo hatte er doch ſeine Freude an dem lieben 57 — frommen Kinde, das ſo artig ſpielte. Aber die Mut⸗ ter lauſchte mit Engelsentzuͤcken den leiſen Melodieen und eine Thraͤne der ſußeſten Wehmuth, beurkundend, daß alle dieſe Toͤne in ihrer Bruſt die Bruͤder fän⸗ den, perlte über die Wangen. Sie ſtand dann oft plotzlich auf, trat zu dem Flugel, um mit einzufallen in die wogenden Harmo⸗ nieen, oder die theure Tochter in die Arme zu ſchlie⸗ ßen. und die Thränen der Sehnſucht, von Beiden vergoſſen, vereinten ſich in einen Perlenſtrom. und der alte Vater mußte ſelbſt mit weinen, wiewohl er nicht wußte warum, und ſchluchzte manchmal:„F, Ihr Goldkinder, macht mir ja das Herz ſo weich, daß ich vergeſſe, wer ich bin; wenn Wilhelm da waͤre, muͤßte ich mich ja ſchämen. Liebe Anna, ſpie⸗ le nur dem Weltjungen Deine ſchoͤnen Lieder immer recht vor, der wird ſich ergotzen, denn in dem Stuͤk⸗ ke iſt er gerade, wie ſeine Mutter.“ Und wenn nun Wilhelm in den Ferien nach Hauſe kam, da war es, als waͤre er auf Fluͤgeln hergeflogen, und ſein Auge ſtralte und ſein Geſicht verklärte ſich, wenn er Anna's ſchlanke Geſtalt be⸗ gruͤßte, wenn er in das bluͤhende, von blonden Lok⸗ ken umſpielte, Geſicht ſah, in die Tiefe der blauen Augen ſchaute, in die der Himmel ſein Ebenbild ge⸗ legt zu haben ſchien. Bald ſaß er mit ihr auf dem Sopha und ließ ſich von dem unſchuldigen Mädchen aus ihren Kinderjahren erzählen, bald vor dem Flu⸗ gel und riß die Sartfuͤhlende in ſeinen wilden Juͤng⸗ 34 58 lingsphantaſieen mit hin. Wenn Eduard bei Emme⸗ linen war, die nur noch eine Mutter hatte, und in deren Hauſe die Lady Wilmeſon ſich jetzt aufhielt, ſo ſaß Wilhelm bei der taubenfrommen Anna, mit ihr die ſeligen Tage der Vergangenheit durchſchwaͤrmend. Oft uͤberraſchte ſie die Nacht, und die goldenen Fun⸗ ken, womit ſie ihren Schleier ſtickte, blinkten ſo freundlich auf die beiden Kinder, denn das waren ſie ja noch, die, auf dem Altan des Hauſes ſitzend, in Entzuͤcken ſchwammen. Nie hatte ſich das Wort Liebe uͤber ihre Lip⸗ pen gewagt, denn ſie kannten ſie nicht, obgleich die heiligſte Liebe, aber noch ohne Namen, in ihrem Herzen wohnte. Erſt auf dem Ritt mit Eduard von Muͤnden nach Goͤttingen, wo ſich die fruͤher im Innern et⸗ was Fremdgewordenen, obgleich ſie immer aͤußerlich vereint zu ſein ſchienen, wieder verbanden; erſt als Eduard alle Schätze ſeiner Bruſt vor Wilhelm aus⸗ geſchuͤttet, und ihm die Liebe mit den feurigſten Far⸗ ben gemalt hatte, war es ihm klar geworden, daß er Anna liebe, und er hatte von jener Zeit an kein Seheimniß aus dieſer Liebe gegen ſeinen Freund ge⸗ macht. Ihre Herzen ſchmolzen nun in einem Punk⸗ te ganz zuſammen; Anna war das Band, das ſich um Beider Herzen zugleich ſchloß, und ſie zu einem Ganzen vereinte. Als ſie nun nach beendigten Studienjahren nach Hannover kamen, um vielleicht auf immer dort zu 59 bleiben, da trat Wilhelm Anna'n mit dem klaren Gefuͤhl ſeiner innigſten Liebe fuͤr ſie entgegen, und dieß gab natuͤrlich dem Fluge ſeines Geiſtes eine ganz andere Richtung, als er fruher gehabt hatte. Er war in der Zeit, daß er ſie nicht geſehen, zum Manne gereift, denn ſein ganzes Weſen hatte ſich veredelt und verſtaͤrkt, und ſein Geiſt war Jah⸗ re gealtert, wohl nicht an Zeit, denn nur ſechs Mo⸗ nate waren ſeit ſeinem letzten Beſuche verfloſſen, aber an eigener Erkenntniß, an Klarheit aller Ideen, die erſt nur dunkel in ihm geſchlummert hatten. Ueberhaupt ſollte man den Menſchen, als geiſtiges Weſen betrachtet, nicht nach Jahren ſchaͤtzen, ſon⸗ dern nach Erfahrung, nach den Stuͤrmen, die er beſtanden, nach den Begebenheiten, die er durch⸗ lebt. In dem Zeitraum eines thatenvollen Tags kann der Juͤnglingsgeiſt eine Reife erlangen, die dem Grau⸗ kopf oft abgeht. Als Wilhelm Anna'n bat, ihn auch als Bruber zu begruͤßen, da mochte wohl ein anderer Sinn die⸗ ſes Wortes in ſeinem Herzen ſchlummern, und er vergriff ſich nur im Ausdruck. Auch Anna'n mochte die Veraͤnderung in ſeinem Innern nicht entgehen, denn ſie hatte die Unbefangen⸗ heit der fruͤhern Zeit nicht ganz mehr, ſie ſchlug die Augen nieder, wenn ſeine gluͤhenden Blicke auf ihn ruhten, ſie wurde verlegen, wenn er ihre Hand kuͤßte, und die geſchwiſterliche Vertraulichkeit wollte 60 ſich nicht einſtellen, ſo ſehr auch Wilhelm bemuͤht war, den Namen feſtzuhalten. Aber unvermerkt, wie der Hauch des Fruͤhlings durch die Natur weht und Blatt und Bluͤthen weckt, ging in den reinen Herzen des Geſchwiſterpaars die Himmelswonne der erſten Liebe auf und hauchte ſeine Wuͤrzduͤfte uͤber ihr ganzes Weſen aus. O daß ſie ewig gruͤnen bliebe, dieſe Zeit, wo wir in Elyſiums Feldern zu wandeln meinen, die Zeit, wo beide Herzen mit dem erſten Aufflammen jugendlicher Begeiſterung fuͤr einander fuͤhlen, aber noch kein entweihendes Wort eines Geſtandniſſes uͤber die Lippe ſchluͤpfte. Luͤfte den Schleier, und der aͤtheriſche Glanz verſchwindet. Rur in Blicken ſpricht jene Liebe, die allein hoͤher begabte Geiſter zu empfinden vermoͤgen. Eine Thraͤne, an der Wim⸗ per der Angebeteten glaͤnzend, wie die koſtbarſte Perle, eine einzige Thraͤne iſt dem Juͤngling die Verkuͤnderin unbeſchreiblicher Gefuͤhle, verraͤth dem Liebenden alle Wonnen, die in dem Buſen der Jung⸗ frau wogen. und ein einziger Haͤndedruck von dem Juͤngling ihrer Seele, erhebt auf den Fittigen der Seligkeit ihre Seele zu den Himmeln. Wilhelm und Anna ſaßen oft Stunden lang zu⸗ ſammen und kein Wort ſtoͤrte den Harmonieenfluß, in dem ihre Seelen hinſtroͤmten. Die Mutter hatte lange ſchon das Geheimniß ihrer Liebe errathen, aber ſie kannte die Heiligkeit 61 ſolcher Gefuͤhle, ſie kannte die Seelen ihrer Kinder, und deshalb that ſie mit keinem Worte das Entzuͤk⸗ ken kund, was ſie uͤber die Zuneigung Beider zu ein⸗ ander empfand. Es war immer der ſehnlichſte Wunſch geweſen, ihrem Sohne die ſchoͤnſte Mitgabe auf den Lebensweg in der geliebten Anna zu geben. Sie wußte, welchen Schatz ſie ihrem Hauſe gewinnen wuͤr⸗ de durch Anna; ſie wußte eben ſo gut, wie gluͤcklich Anna mit Wilhelm werden wuͤrde. Es war ein heiterer Oktobertag, wo die Natur ihre ganze Pracht noch einmal enthuͤllt, ehe ſie zum Schlafe hinabſteigt, gleich wie die Flamme der Lam⸗ pe noch einmal kraͤftig emporflackert, ehe ſie ver⸗ loͤſcht. Die Familie war in ihrem Garten, den den Sommer uͤber Lady Wilmeſon bewohnt hatte. Eduard, der ſeit ſeinem Hierſein immer duͤſter war, hatte ſich auf eine im Gebuͤſch gelegene Bank geſetzt, um uͤber Emmelinen's und ſein Schickſal nach⸗ zudenken. Er hatte trotz aller Anſtrengung weder etwas von Arnsberg, noch von der Wilmeſon und Emmelinen erfahren konnen. Man wußte in Hanno⸗ ver nicht einmal, wo die Wilmeſon mit dem Fraͤu⸗ lein von Gronau hingereiſ't ſei. Frau von Gro⸗ nau, Emmelinens Mutter, beobachtete daruber ſelbſt ein geheimnißvolles Schweigen. Sie war arm und lebte von derUnterſtuͤtzung wohlhabender Verwandten; ſo lange Lady Wilmeſon in ihrem Hauſe Zutritt ge⸗ habt hatte, war ein groͤßerer Wohlſtand darin ſicht⸗ bar geworden und die eitele Frau hatte die Lady mit 62 einer Aufmerkſamkeit behandelt, die ihrem ſonſtigen Stolze widerſprach. Den letzten Sommer uber hat⸗ te ſich die enge Verbindung der Frau von Gronau mit Lady Wilmeſon am auffallendſten gezeigt, und im Auguſt war Emmeline mit der Lady weggereiſ't. Das Geruͤcht ließ ſie bald in Dresden, bald in Carls⸗ bad, bald in Muͤnchen ſein. Frau von Gronau ſprach von großen Verbindungen, von der Ehre ihres Hauſes und was dergleichen Dinge mehr waren, aus denen ſich das neuigkeitliebende Publikum dies und jenes zuſammen baute. Eduard durchlief die Begebenheiten der letzten Jahre und war nicht ungeneigt, alle Schuld der ei⸗ teln, prachtliebenden, ahnenſtolzen Frau von Gro⸗ nau beizumeſſen. Sie hatte gewiß Alles gethan, Emmelinen von ſeinem Herzen zu reißen. Er hatte die Alte nie leiden koͤnnen. Jetzt glaubte er die ur⸗ ſache dieſes Widerwillens entdeckt zu haben. Aber auf Emmelinens unſchuldige Liebe, auf die Reinheit ihrer Geſinnungen und auf die ihm gelobte Treue baute er noch. Wer konnte denn wiſſen, welche Mittel die Mutter angewandt hatte, das Mädchen jetzt aus Han⸗ nover zu entfernen, wo er ausſtudirt hatte und ſich einige Zeit hier aufhalten wollte. Doch Emmeline werde alle Plane gegen ihre Liebe vernichten, wer⸗ de in ſeine Arme zuruͤckkehren, das träumte er noch in die dunkele Zukunft hinein. Als er ſo in ſeine Traumwelt verſunken ſaß, 63 trat die Hofräthin zu ihm, und faßte mit theilneh⸗ mender Miene ſeine Hand. „Lieber Golding, Sie verzehren ſich in Ihrem ſtillen Grame,“ ſprach ſie mit Zutraulichkeit: „Glauben Sie nicht, daß ich mich in die Geheimniſſe Ihres Herzens eindrängen will, aber Sie haben kei⸗ ne Mutter, der Sie ſich mittheilen, in deren Buſen Sie Ihren Schmerz aushauchen koͤnnten; deshalb glau⸗ be ich mir einen Dank von Ihnen zu verdienen, wenn ich Ihnen ein Mutterherz anbiete. Anna iſt ſchon lange meine Tochter; Sie ſind der innigſte Freund meines Wilhelm, alſo kann ich es wagen⸗ mich auch Ihre Mutter zu nennen. Sie haben ſeit Ihrer Ruͤckkehr aus dem Feldzuge mit Emmelinen von Gronau in einem vertrauten Verhältniſſe geſtanden; ich habe nie mich als Wiſſerin deſſelben angegeben; aber ich habe Sie, ſo oft Sie hier waren, ich habe Emmelinen immer beobachtet. Glauben Sie mir, ich habe mir Lebenserfahrungen genug geſammelt, um das Herz eines jungen Maͤdchens kennen zu lernen, ich beſitze ſo viel Scharfſinn, um ihre Geiſtesanla⸗ gen zu erkennen. Sagen Sie mir aufrichtig, lieber Golding, was haben Sie in Emmelinen gefunden?“ Eduard blickte die Mutter Schmerzing nach die⸗ ſen Worten pruͤfend an, als wollte er aus ihrem Geſichte erſt herausleſen, wozu dieſe Einleitung fuh⸗ ren ſollte. Dann erwiederte er:„ Frau Hofraͤthin, Sie thuen eine Gewiſſensfrage über eine Sache an mich, mit der ich bis jetzt ſelber noch nicht mit mir 54 im Klaren bin. Emmeline iſt ein hoͤchſt liebenswuͤr⸗ diges Maͤdchen, empfänglich fuͤr alles Schoͤne; ſie hat Gefuͤhl und einen unbeſchreiblichen Reiz in jeder ihrer Handlungen. Alles was ſie ſpricht, iſt uͤber⸗ dacht und gewaͤhlt, ihre Bildung iſt muſterhaft und ihre Liebe zu mir, die Ihnen nicht verborgen bleiben konnte, gewiß feſt und treu.“ „Und doch, doch zweifeln Sie an ihr?“ frag⸗ te die Mutter ſpitzig:„Theurer Sohn, Sie beluͤ⸗ gen ſich ſelbſt. Laſſen Sie ſich von der erfahrenen Mutter die Augen oͤffnen; hoͤren Sie mich an, und ſein Sie im Voraus verſichert, daß das, was ich Ihnen ſage, das Ergebniß langer Beobachtung iſt und daß ich alles Ihnen zu Liebe thue und rede.“ Sie ſetzte ſich zu Golding auf die Bank und nahm theilnehmend ſeine Hand in die Ihrige. „Ich laͤugne nicht, daß Emmeline eine ihrer Ge⸗ burt angemeſſene Bildung hat, aber wenn Sie ſie nicht immer mit den befangenen Augen des glühenden Lieb⸗ habers betrachtet haͤtten, ſo wuͤrden Sie gewiß be⸗ merkt haben, daß jenes Gefuͤhl, was Sie an ihr ruͤhmen, nur der Ton unſerer Zeit, nur das Feſt⸗ halten an der Mode iſt. Sie fuͤhlt eigentlich fuͤr nichts mit warmer Lebendigkeit, denn ihre Außerungen ſind erkuͤnſtelt und kalt. Sie ſelbſt ſagen ja, daß ihre Reden gewaͤhlt und uͤberdacht wären, dadurch be⸗ weiſe ich Ihnen, daß in ihrer Bruſt keine hohe Idee lebt. Der kalt richtende Verſtand iſt bei ihr vorherrſchend. Sie uͤberlegt Alles, ſie pruͤft Alles, 65 ſie fuhlt nichts. Ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen, hat Emmeline, wenn Sie mit ihr allein waren, ſich jemals dem Strome der Empfindungen, einem lebendi⸗ gen Auffluge überlaſſen? Hat ſie an der Bruſt des Ge⸗ liebten ſich jemals den ſuͤßen Eingebungen eines lie⸗ beglͤcklichen Herzens hingegeben? War nicht alles was ſie ſprach, was Gefuͤhl ſein ſollte, eben ſo geſucht und gewaͤhlt, als was ſie in Geſellſchaften ſprach?“ unruhig ſprang Eduard auf:„Bei Gott, Frau Hofräthin, ſie ſchuͤren das Feuer in meiner Bruſt; ich kann nicht läugnen, daß Sie recht geſehen ha⸗ ben.“ „Jener unbeſchreibliche Reiz in ihrem Aeuße⸗ ren iſt nicht allein Natur, er iſt das Ergebniß des unterrichts ihrer Mutter, die durch die Schoͤnheit Emmelinens einſt noch eine wichtigere Rolle in un⸗ ſerer Welt ſpielen will. Die Frau von Gronau war durchaus einer Verbindung Emmelinens mit Ihnen entgegen, und nur, wenn kein Adlicher, kein Reicherer, als Sie, um der Tochter Hand angehalten haätte, wuͤrde ſie ihre Einwilligung Ihnen gegeben haben. Da mein Mann Anna's Vormund iſt, ſo ſind wir in Kenntniß Ihres Vermoͤgens geſetzt. Der Herr Pfarrer Golding hat in ſeinem Teſtament Ihnen ein großes Vermoͤgen hinterlaſſen, mit dem Bemerken, daß es von Ihrer Mutter ſtamme. Dies hat Veranlaſſung gegeben, daß das Geruͤcht Ihre Mutter zu einer hohen, ja fuͤrſtlichen Perſon machte. 66 Wir wiſſen ſo wenig etwas Näheres daruͤber, als Sie ſelbſt. Doch dieſe Geruͤchte gaben der Frau von Gronau, die Alles wohl berechnet, den Plan ein, das Verhaͤltniß zwiſchen Ihnen und ihrer Toch⸗ ter nicht ganz zu unterbrechen, aber auch ldoch nur ſo zu unterhalten, daß Emmeline zu jeder Zeit zu⸗ ruͤcktreten konnte, wenn ſich jene Geruͤchte nicht be⸗ ſtaͤtigten. So war Emmeline nie mehr als die Krea⸗ tur ihrer gewinnſuͤchtigen Mutter.“ „Mein Blut erſtarrt zu Eis!“ ſchauderte Eduard:„Ihre Entdeckung gibt mir uͤber Vieles Klarheit; aber Emmelinens Liebe iſt nicht das Werk einer ſolchen niederträchtigen Heuchelei geweſen. Wohl hat ſie in heiligen Stunden, wo ſie mir ihre Seele oöffnete, uͤber ihre Mutter geklagt. Das Maͤdchen hat mich— bei Gott! geliebt, und ſie liebt mich noch!“ „Dies muß ich Ihnen nicht nur zugeben, ich muß Sie ſogar verſichern, daß ich davon eben ſo überzeugt bin, als Sie.“ „Nun dann, wenn ſie mich liebt, ſo wird uns nichts trennen koͤnnen. Mag ſie auch nicht dieſe un⸗ endliche Welt in der Bruſt haben; es genuͤgt mir ihre himmliſche unſchuld, die Reinheit ihres Wandels, und ihre Liebe.“ „Wie aber iſt dieſe Liebe beſchaffen?“ fragte die Mutter Schmerzing.„Vermag ſie die Feuer⸗ probe auszuhalten? oder wird ſie vielleicht vom er⸗ ſten Eindruck eines andern liebenswuͤrdigen Mannes und dem Befehl ihrer Mutter verwiſcht? Beſitzt 67 ſie die Energie, jedem Angriffe eines Verfuhrers zu widerſtehen? Doch laſſen Sie mich ausreden. Lady Wilmeſon kam hierher; ſie hatte Empfehlungen an Frau von Gronau. Ihr Einfluß in mehren adlichen Haͤuſern hier, floß auf die alte Dame uͤber, und unvermerkt hoben ſich ihre Gluͤcksumſtände. Doch wußte die Lady, auf welche Art weiß ich nicht, der Frau von Gronau die Meinung zu benehmen, daß Sie von hoher Geburt ſeien, indem ſie dieſelbe durch ſchlagende Beweiſe uͤberzeugte, wie mich Frau von Gronau verſichert hat, daß ſie von Ihrem Stand und Herkommen hinlaͤngliche Kenntniſſe habe, und die Mutter entfernte jetzt ihre Tochter, da Sie ſich hier aufzuhalten gedenken; und wohl iſt dieſe Reiſe auch in der Abſicht, eine glänzende Verbindung fuͤr Emmelinen zu erwerben, unternommen. Wozu um⸗ huͤllte Frau von Gronau ihren Aufenthalt ſonſt mit dieſem verdächtigen Schleier?“ „Eine Verbindung?“ ſprach Golding eintönig nach.„Nimmermehr!“ rief er dann begeiſtert aus. „Und doch!— faſſen Sie ſich, Lieber— und doch iſt es ſo! Ich habe heute fruͤh, als mich Frau von Gronau mit ihrem Beſuche beehrte, aus ihrem eigenen Munde gehoͤrt, daß ſie einer glänzenden Ver, bindung entgegen ſehe. Doch warf ſie es nur hin, und ich fuͤhlte mich nicht berufen, ſie uͤber die nä⸗ hern umſtaͤnde zu befragen. Troͤſten Sie ſich uͤber den Verluſt eines Mädchens, das Ihrer nicht werth 68 war, mit der Sie wohl nie das idealiſche Gluͤck er⸗ reicht hätten, das Sie verdienen und das Ihnen vor der Seele ſteht. Sie werden die Gefaͤhrtin Ihres Le⸗ bens finden; denn es gibt gewiß weibliche Seelen, die es beſſer verſtehen, als Fraͤulein von Gronau. Kommen Sie, entziehen Sie ſich der Geſellſchaft nicht länger. Eine liebende Schweſter will mit zar⸗ ter Theilnahme Ihre Wunden heilen, ein theurer Freund reicht Ihnen die Hand, Sie aus dem Ab⸗ grunde herauszureißen, in den Sie zu verſinken drohen. Ermannen Sie ſich, und widmen Sie Ihr Leben den heitern Goͤttern.“ Mit dieſen Worten faßte ſie ihn am Arme, ihn zur Geſellſchaft zuruͤck zu bringen; aber es ſchien, als wäre das hoͤhere Leben von ihm gewichen und nur mechaniſch ſetzte er ſeine Fuͤße weiter. Die Nach⸗ richt, daß Emmeline eine Verbindung eingehe, hatte ſich wie Centnerlaſten auf ſeine Seele gewaͤlzt und er erlag faſt unter ihrem Drucke. Mit maͤnnlicher Feſtigkeit hatte er bis jetzt noch an den heiligen Glauben ſich angeklammert, Emmeline werde ihrer Schwuͤre eingedenk ſein— und nun auf einmal die⸗ ſes kalte Eiſen durch die hoffnungwarme Bruſt. Er ſchwankte zu einer Laube und fand Anna und Wilhelm darin. Anna ſprang erſchrocken auf, als ſie das todtenbleiche Geſicht ihres Bruders ſah. Er lehnte das Haupt auf ihre reine Bruſt, und ließ ſich von ihr zum Sitze fuͤhren. Sie und Wilhelm wa⸗ ren ſchon im Voraus von dem unterrichtet, was die 65 Mutter Eduard hinterbracht hatte. Es hatte keins von ihnen den ueberbringer der Schreckenspoſt ma⸗ chen wollen, ſo hatte die Mutter ſelbſt ſich endlich dazu entſchloſſen. Wilhelm und Anna waren nun beſchäftigt, den ungluͤcklichen Bruder zu troͤſten, aber er hoͤrte nicht der heilenden Worte, er achtete nicht des Balſams, den ſie ihm in die Wunde goſſen. Sie blutete zu ſehr, ſie brannte zu heftig, als daß jetzt ſogleich ein Heilmittel hätte anſchlagen koͤnnen. Der Abend dämmerte und goß Ruhe auf die Gegend, Ruhe auf die Herzen, aber in Eduards Bruſt fand ſie keine Freiſtatt. Er mußte erſt haͤr⸗ tere Stoͤße des Schickſals erdulden, ehe er jener tod⸗ ten Ruhe erlag, wo das Herz fuͤr nichts mehr Em⸗ pfaͤnglichkeit hat. Ein Sturm tobender Gefuhle durchkreuzte ſei⸗ nen Geiſt, und er uͤberließ ſich ihren ſchaͤdlichen Ein⸗ druͤcken ſo ganz, daß er in einen betaͤubungsvollen Zuſtand gerieth. Als er auf ſeinem Zimmer war, warf er ſich auf das Lager; der Schmerz drohte ihm die Bruſt zu zerſprengen und er vermochte ihn nicht durch kuͤhlende Thraͤnen zu lindern. Sein Kopf brannte, und oft verließen ihn die Sinne. Es wurde ihm im⸗ mer weher; das Blut drang nach dem Herzen und ſeine Augen verfinſterten ſich, dabei befiel ihn eine ſchreckliche Angſt. Er richtete ſich empor, um nach der Klingel zu eilen, damit ihm Huͤlfe wuͤrde; aber 70 kaum hatte er das Bette verlaſſen, ſo wankten ſeine Knie, Alles drehte ſich um ihn, und er ſtuͤrzte be⸗ ſinnungslos zuſammen. So fand ihn Anna, die eine unbeſchreibliche Bangigkeit auf ſein Zimmer trieb. Aufs Heftigſte uͤber dieſen Anblick erſchrocken, umſing ſie ihn mit veiden Armen, um ihn auf das Lager zu legen. Aber die Farbe des Todes hatte ſein Geſicht uͤberzogen, kein Athem ging aus ſeinem Munde, kein Zeichen des Lebens— ſo ſchien es ihr — war vorhanden, und ſie ſtuͤrzte mit dem Schrei des Entſetzens uͤber ihn ebenfalls ohnmaͤchtig hin. Wilhelm, der gerade auf der Hausflur war, horte den ſchauerlichen Schrei und erkannte Anna's Stimme; er kam in der beſtuͤrzteſten Eile nach Eduards Stu⸗ be und fand die beiden Geſchwiſter beſinnungslos am Boden liegen. Auf ſein Nothrufen ſprang die Mutter hinzu, der alte Hofrath kam aus der ſtau⸗ vigen Actenſtube, wo er ſich Abends noch ein Stuͤnd⸗ chen zu ergoͤtzen ſuchte, in Schlafrock und Pantof⸗ feln, und vor Schrecken ging ihm die wohl dam⸗ pfende Meerſchaumpfeife aus, als er das Geſchwi⸗ ſterpaar in ſolcher Poſition am Boden fand; denn auch er meinte nicht anders, beide erfreuten ſich ſchon der ewigen Seligkeit. Er brach in Jammer und Ze⸗ dergeſchrei uber ihren fruͤhen Hingang aus, waͤhrend Wilhelm und einige maͤnnliche Bedienungen die Be⸗ taͤubten neben einander auf das Lager legten. Man wandte ſchnell kraͤftige Hausmittel an, ſie in's Le⸗ ben zuruͤck zu rufen, und ſchickte eiligſt zum Ober⸗ S medicinalrath Frühauf, dem Hausarzt und geſchickte⸗ ſten Mediziner der ganzen Stadt. Noch ehe der allezeit mit Hülfe fertige Mann in das mit beſtuͤrzten und betäubten Menſchen angefuͤll⸗ te Zimmer trat, ſchlug Anna die Augen auf. Sie bemerkte Eduard nicht neben ſich und ihr erſtes Wort war ſein Name. Als man ſie verſicherte, daß ſein Leben nicht gefährdet ſei, beruhigte ſie ſich etwas; indem trat der korpulente Medizinalrath herein. „Fruͤhauf, Spaͤtauf, Immerauf kommt,“ brumm⸗ te er durch die Zähne.„Was gibt's ſo Eiliges, mein werthgeſchaͤtzter Herr Hofrath? Morbleu! zwei auf einmal? Was fehlt Ihnen, liebes Aennchen?“ Alles das fuhr in einem Strom aus dem beredten Munde. Man erzaͤhlte ihm mit Verſchweigung der nahern umſtäͤnde, die der Herr Hofrath ſelbſt nicht wußte, den Hergang der Sache, und er ermangelte nicht aus Aeskulaps Tempel einen Vorrath von vollen Gläſern, Buͤchſen, Schachteln und Pulvern herbei ſchleppen zu laſſen, gleichſam als läge das ganze Haus an der Starrſucht darnieder. Eduards Lebenskraft kehrte zwar nach einigen angewandten Mitteln zuruͤck, aber mit ihr nicht die Beſonnenheit; denn er ſprach in Fieberhitze irre durcheinander, rief Emmeline, machte ihr Vorwuͤrfe, beſchwor ſie, ihm ihre Liebe wieder zu ſchenken. Die Glut ſeines Fiebers ſtieg immer hoͤher und er wurde in gleichem Grade hefti⸗ ger. Bald verfluchte er ſich und ſein Geſchick, wein⸗ 72 te dann wieder; bald lachte er mit der fuͤrchterlich⸗ ſten Zerknirſchung und ſpottete der heiligſten Ge⸗ fuͤhle. Dazwiſchen miſchten ſich die verworrenſten Dinge. Keine Minute hatte er Ruhe und oft ver⸗ ſuchte er vom Lager aufzuſpringen, um wie er vor⸗ gab, Emmelinen aufzuſuchen. Fruͤhauf wurde ern⸗ ſter, ſchuͤttelte zuweilen mit dem Kopf, fuͤhlte nach dem Pulſe und verſchrieb wieder neue Medikamente. Anna ſtand händeringend am Lager und ihre eigene Schwäche noͤthigte ſie, ſich der ärztlichen Huͤlfe zu be⸗ dienen. Wilhelm eilte, die Befehle des Herrn Doktors immer auf der Stelle zu verwirklichen. Als er den Obermedizinalrath antrat, ſich nach den umſtaͤnden der Krankheit zu erkundigen, aͤußerte dieſer bedenk⸗ lich, daß alle Symptome zu dem heftigſten hitzigen Fieber vorhanden waͤren.„Wenn er den dritten Tag durchhat, ſo haben wir gewonnen, bis dahin iſt allerdings Gefahr vorhanden.“ Wilhelm war von den Worten des Hippokratiden wie niedergedon⸗ nert; er konnte ſeiner peinigenden Angſt nicht Meiſter werden und eilte zu ſeiner Mutter. Weinend ſank er an ihre Bruſt und verhehlte nicht, was er eben erfahren hatte. Die theilnehmende Frau wein⸗ te mit ihrem Sohne Thraͤnen des Schmerzes und der Trauer.„Und wenn er das Opfer dieſer un⸗ gluͤcklichen Liebe wuͤrde; wenn er— o ſchrecklicher Gedanke!— der Wuth des Fiebers unterlage; wird ihn Anna uͤberleben, die nur in ihm lebt, deren Daſein nur durch das ſeinige bedingt iſt?“ Er⸗ 75 Erſchreckt von dem fürchterlichen Worte, drück⸗ te ihn die Mutter an die Bruſt, wohl fuͤhlend, was jetzt in ihm vorging. Da that er ihr das Geſtänd⸗ niß ſeiner unendlichen Liebe zu Anna und hob den Schleier, den ſie ſchon lange durchſchaut hatte. „Ich ſegne euch, mein Sohn, mein geliebter Wil⸗ helm. Bieſe Liebe war ſeit drei Jahren das Ziel mei⸗ ner hoͤchſten Wuͤnſche,“ ſtammelte ſie weinend. „O und nun! grauenvolle Zukunft! An Eduards Leben haͤngt unſer Aller Leben. Die Sorge um ihn muß jetzt alle andere Gedanken aus unſerer Seele verdraͤngen,“ rief Wilhelm und eilte wieder zu Eduard und Anna. Die fuͤrchterlichſte Nacht im Schmerzingſchen Hauſe war gewichen und mit ihr Eduard's Wuth. Er war, entkräftet, in Schlummer gefallen. Am dritten Tage ſtand die Krankheit am hoͤchſten. Der angeſtrengteſten Kraft aller maͤnnlichen Hausbe⸗ wohner gelang es kaum ihn zu erhalten; ſeine Fie⸗ berraſerei war fuͤrchterlich. Doch als er nach Ein⸗ nahme einiger Tropfen in Schlummer verſank und die ganze Nacht durch faſt ohne Unterbrechung ſchlief, erklärte der Dr. Fruͤhauf, daß die Gefahr gaͤnzlich voruͤber ſei. Wilhelm hatte die Nacht uͤber mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit den Schlummer ſeines Freun⸗ des beobachtet, und das Wort des Arztes war ihm ein neuer Lebenshauch. Er blickte mit dem Entzuͤk⸗ ken der glucklichen Liebe auf die bleiche Anna, die Die Intrigue. 1. 4 7⁴ neben ihm am Krankenlager ſtand, und ſie verſtand den Blick. Das Fieber wich zuſehens, aber es hinterließ eine außerordentliche Schwäche. Die Wuth der Krankheit hatte zu ſehr auf Eduards feines Rervenſyſtem ge⸗ wirkt und auf eine ſo große Anſpannung folgte in gleichem Grade eine Abſpannung. Er konnte die er⸗ ſten Tage nicht reden und vermochte kaum das Haupt etwas zu bewegen. Die aͤngſtliche, beſorgte, zarte Anna wich nicht vom Bette. Ihre Blicke hingen immer am Munde des theuren Bruders und ſie ſuchte den kleinſten Wunſch, den ſie an ihm zu errathen ſchien, ſogleich in Erfuͤllung zu ſetzen. Man mußte ſie noͤthigen, auf ihre eigene Geſundheit bedacht zu ſein und Nahrung zu ſich zu nehmen; aber zum Schlaf war ſie in der erſten Zeit nicht zu bringen. Wilhelm pflegte mit ihr gemeinſchaftlich den theuren Kranken und ſie wetteiferten mit einander in ſeiner Bedienung. Da wob ſich immer ſchoͤner das Band, und ſchlang ſich immer feſter um ihre Herzen. Die ſelige Stunde ſchlug endlich, wo die Lippe uͤber⸗ floß von der Fuͤlle der Bruſt, wo Anna himmliſch verklärt, in Wilhelms Arme ſank und ihre verſchaͤm⸗ ten Lippen dem entzückten Juͤnglinge das Gegenge⸗ ſtändniß der Liebe zulispelten. Die Engel im Himmel mußten ſich des Bundes freuen, denn Anna war ja ihre Schweſter. Als der glühendſte Rauſch voruͤber war, der es ſelten zu Worten kommen läͤßt, bat Anna den Ge⸗ 75 liebten, die Eltern nicht eher in das Geheimniß ein⸗ zuweihen, bis es Wilhelm gelungen ſein wuͤrde, eine Anſtellung zu erhalten, und wußte dafuͤr man⸗ che Gruͤnde vorzubringen, ſo daß Wilhelm einwillig⸗ te. Er hatte ja Hoffnung im Laufe des folgen⸗ den Jahres ſchon ſeinem Vater beigeſetzt zu werden; in einigen Monaten konnte er vielleicht die lieben El⸗ tern um ihren Segen bitten. Aber Eduard ſoll⸗ te zum Mitwiſſer ihrer Verbindung gemacht werden, ſo bald er geneſen war, darinne ſtimmten ſie Beide uͤberein. Der Winter war gekommen und hielt die Na⸗ tur in ſtarrer Umarmung. Das Jahr neigte ſich zum Ende, aber Eduard mußte noch immer das Bette huͤten, und Fruͤhauf beſuchte ihn noch täglich und fluchte jedesmal dem rauhen Winter, der die Gene⸗ ſenden aufhalte, alle ihre Kraͤfte wieder zu gewinnen, obgleich es ihm kein rechter Ernſt um ſolche Schmol⸗ lerei war, denn dieſer Aufenthalt ließ manches in ſei⸗ nen Beutel fließen, deſſen Quelle vertrocknete, ſo bald das Schneewaſſer floß. Eduards Geneſung ging wirklich ſehr langſam von ſtatten, denn an ſeinem Herzen nagte der ſtil⸗ le Gram, und welche Mittel man auch im Schmer⸗ zing'ſchen Hauſe anwandte, ihn zu zerſtreuen, ſo konnte er Emmelinen nicht vergeſſen. Die zarte Sorgfalt der Liebenden ſuchte Alles hervor, was ihn erfreuen konnte. Anna ſpielte Guitarre und ſang mit ihrem reinen Sopran die ſchoͤnſten Lieder; 4** 76 Wilhelm begleitete ſie mit wohlklingendem Tenor, oder der Floͤte. Dann laſen Wilhelm und Anna abwechſelnd die neueſten belletriſtiſchen Schriften oder Anna erzaͤhlte Feenmaͤrchen und die beiden Juͤnglin⸗ ge lauſchten, wie die Kinder, den wohltonenden Wor⸗ ten. So erbluͤhte manche ſchoͤne Bluͤthe an Eduards Bette, und er wurde unter ihren Duͤftekuͤſſen im⸗ mer geſtaͤrkter und erhob ſich endlich von der Schmer⸗ zensſtaͤtte. Da umſchlang ihn das gluͤckliche Paar, einen Kranz von Immortellen und Myrthen, das Einzige, was der Winter ihnen geben konnte, dem Geneſenen in die Locken druͤckend, als das Symbol der wieder aufbluͤhenden Geſundheit. Der Ueberraſch⸗ te dankte den, ihm ſo theuern, Menſchen mit geruͤhr⸗ tem Herzen, da theilte ihm Wilhelm das Gluͤck ih⸗ rer Liebe mit. Eine große Thraͤne perlte aus Edu⸗ ards blauem Auge auf Anna'n herab, die ſich zu ſei⸗ nen Fuͤßen geſetzt und ihn ſo umſchlungen hatte. „Nun wird es mir leicht werden, in eurem Gluͤck den eigenen Gram zu vergeſſen,“ rief der Neu⸗ belebte begeitert aus:„Ich ſegne euren Bund! ihr ſeid gluͤcklicher, als ich es war.“ Die drei innig ver⸗ bundenen Menſchen umſchlangen ſich, und eine gluͤck⸗ liche Stunde dämmerte ihnen auf. Eduard gewann ſichtbar an Kraͤften, denn er lebte ganz in dem Gluͤcke ſeiner Anna. Die verſchloſſene Knospe hatte ſich von liebender Hand beruͤhrt, zur uͤppigſten Roſe entfaltet; ihr Gang war majeſtätiſcher als ſonſt, ihre Blicke mehr bewegt, alle ihre For⸗ 7 men hatten ſich kraͤftiger ausgebildet, und Eduards Blicke ruhten mit Entzuͤcken auf der Liebenswuͤrdi⸗ gen. Als die waͤrmende Sonne zum erſten Mal das ſchneefreie Gefild begruͤßte, da ſtieg Eduard, auf die Liebenden geſtutzt, auf des Hauſes Altan, und die Mutter Schmerzing hatte dazu ein Familienfeſt ver⸗ anſtaltet. Der Foͤrſter auf ihres Schwagers, des Commer⸗ zienrath Schmerzings, Eut beſaß eine ſehr huͤbſche⸗ Pflegetochter, ein Kind der Natur, erſt ſechzehn Jahr⸗ alt, aber mit allen Reizen geziert, die das Männer⸗ auge beſtechen koͤnnen. Dieſe war zufaͤlliger Weiſe⸗ beim Commerzienrathe anweſend, um fuͤr ihren Pfle⸗ gevater einige Befehle einzuholen; denn der Foͤrſter Reinhard war Schloßkaplan, Verwalter und Aufſeher zugleich. Mutter Schmerzing, die das reizende Kind dort traf, kam auf den Einfall, ſie als Hygiea zu kleiden und Eduard empfangen zu laſſen. Die liebenswuͤr⸗ dige Maria fand ſich ſehr bereitwillig und ſchien in ihrer Rolle bald wie zu Hauſe. Ein hechtblaues Kleid floß in leichten Wellen um die ſchlanken For⸗ men der niedlichen Bruͤnette, und ein Schleier von Silberſtoff hing von den zierlich geflochtenen Haaren herab. In der einen Pand hatte ſie eine kuͤnſtlich verfertigte Schlange, die aus der goldenen Schaale zu nippen ſchien, welche ſie in der Rechten hielt. Sie ſtand auf einer kleinen Erhoͤhung und der Wind 78 ſpielte mit den ſchoͤnen braunen Locken, die uͤber den Nacken herabfloſſen, als Eduard herauf trat. Er war ſehr angenehm uͤberraſcht, denn das Maͤdchen hatte wirklich ein goͤtterhaftes Anſehen, und da ſie fruͤher nie in Hofraths Haus gekommen, ſo war ihm das liebliche Maͤdchen ganz unbekannt. Als er nä⸗ her trat, reichte ſie ihm die Schaale, in der der koſtlichſte Tokaier perlte, mit den Worten: Nimm der Geneſung Zaubertrank Aus Hygie'as Haͤnden! Die vom Olymp ſich niederſchwang, Dein Leiden heut' zu enden. Schluͤrf' aus die Schaale, die ſie beut, Denn Lebensſaft iſt drinnen; Und laß mit dieſen Tropfen heut Den ſchweren Gram verrinnen! Dieſe von der Hofräthin verfertigten Verſe ſagte das Kind des Waldes mit einer ſo natuͤrlichen An⸗ muth her, daß Alle davon geruͤhrt waren, und der Pofrath dem Maͤdchen, das heute wieder nach Hauſe mußte, tauſend Empfehlungen an ihren Pflegvater auftrug. Eduard nahm die Schaale und leerte ſie nach der Goͤttin Wunſch bis zum Boden, obgleich die Illuſion durch des Hofraths Komplimentenauf⸗ trag einen ſtarken Stoß erhalten hatte. Er fuͤhlte ſich wirklich recht geſtaͤrkt. Als er nach einiger Zeit nach der niedlichen Goͤttin fragte, ſaß ſie ſchon wie⸗ der in ihrem Goͤtterwagen von zwei alten Gäulen 79 gezogen, um dem waldigen Olympus zuzueilen, wo ſie im wohleingerichteten Forſthauſe eine artige Woh⸗ nung hatte. Der Tag verfloß Allen in heiterer Stimmung; kein truͤbes Woͤlkchen umzog den Horizont der gluͤck⸗ lichen Menſchen; und Eduard ſchien ſeinen Gram ganz vergeſſen zu haben. und mit dieſem Tage ſchien wirkliche Ruhe und Freude in Schmerzings Haus gezogen zu ſein. Der Fruͤhling war gekommen und mit ihm neues Leben und Streben in die Menſchenbruſt. Der Obermedicinalrath verordnete Golding eine Reiſe, und nur von ihr weiſſagte er das Heil der Wiedergewin⸗ nung aller Kräfte; und als der Mai ſeine Bluͤthen ſtreute, da ließ er ihm nicht Raſt noch Ruhe, bis die Reiſe beſchloſſen war. Wilhelm mußte natuͤrlich ſeinen Eduard beglei⸗ ten. Er hatte ſchon das Patent als Regierungsſe⸗ kretair, und konnte in ſeines Vaters Geſchaͤften das Amt antreten, ſo bald er wollte. Er verſchob es bis nach Beendigung der Reiſe, die man bis Ende des Auguſt berechnete. Dann wollte er den Eltern ſeine Liebe zu Anna geſtehen nach aller Form, denn die Mutter war ja ſchon im Geheim davon unter⸗ richtet, obgleich ſie noch nicht wußte, daß die Beiden einverſtanden waren. Gleich darauf ſollte die Ver⸗ bindung gefeiert werden. Eduard ſollte bei dem gluͤcklichen Paare bleiben, bis eine paſſende Prediger⸗ ſtelle ſich fr ihn faͤnde. 30 So hatten die drei Leutchen berechnet und feſt⸗ geſetzt, und als man uͤber alle Punkte einig war, ſchieden die Freunde. Anna preßte einen einzigen Kuß auf Wilhelms Lippen, und eine große Thraͤne träufte auf ſeine Wangen, aber beide brannten ihn noch lange, wie ätheriſches Feuer. Sachſen, Baiern, die Rheingegenden, die Rieder⸗ lande, und von da zuruͤck; das waren die Länder, die ſie durchwandern wollten. Die Schoͤnheiten der Natur, Kunſt und Poeſie waren die Gegenſtände ih⸗ rer Aufmerkſamkeit. So begruͤßten ſie auf ihrer Wanderung die liebe Muſenſtadt an der Leina noch einmal; ſuchten man⸗ chen Bekannten auf, gingen einige Mal auf die Bi⸗ bliothek, wo ſie ſonſt ſo viele genußreiche Stunden zugebracht hatten, und erfreuten ſich mancher ange⸗ nehmen Erinnerung. Von Goͤttingen ſtiegen ſie hin⸗ uͤber auf die majeſtätiſchen Ruinen des Hanſteins, der wie ein uralter Rieſe auf das junge Geſchlecht in das Thal herabblickt; dann erglimmten ſie den Meißner, um das ſchoͤne Heſſenland weit und breit zu uͤberſehen und wandten ſich dann nach Eiſenach hinuͤber. Die ehrwuͤrdige Wartburg lud ſie ein auf ihre gaſtliche Hoͤhe und zeigte ihnen manches merk⸗ würdige Bild der großen Vergangenheit. Weiter ſtiegen ſie auf das Haupt des Thuͤringer Waldes, den Inſelberg, zogen dann durch das geſegnete Sach⸗ ſen uͤber Gotha, Weimar, hielten ſich in Jena meh⸗ re Tage auf, das durch Sand's Mordthat die Auf⸗ * 3* merkſamkeit der halben Welt eben damals erregt hatte. Alle großen Maͤnner, ſowohl Jena's, als nachher Leipzig's, wurden aufgeſucht, und von Jedem belehrt, nahmen die Freunde in jeder Erkenntniß zu. Eduard bluͤhte ſo kraͤftig empor, und zeigte ein ſo munteres Aeußere, wie er fruͤher nicht gehabt hatte; und Wilhelm gedieh ebenfalls im Sonnen⸗ ſtral des Gedankens an ſeine geliebte Anna, und an die Seligkeit, die daheim ſeiner wartete. In Leip⸗ zig trafen ſie Briefe von ihr und der Mutter. Wie verſchlang Wilhelm jede Zeile, dann jedes Wort, jede Silbe und zuletzt jeden Buchſtaben, jedes Kom⸗ ma, was die Holde gemalt hatte. Aus jedem Ge⸗ dankenſtriche demonſtrirte er ſich eine ganze Reihen⸗ folge der ſchoͤnſten ſüßeſten Dinge, die ſie vielleicht damit hätte ſagen wollen. Alle befaͤnden ſich wohl, ſchrieb ſie, nichts wäre im Hauſe vorgefallen; nur die Sehnſucht nach den lieben Hausbewohnern, nach Sohn, Braͤutigam, Bruder, waͤre es, was ſie quäl⸗ te, nur ſie wären das tägliche Geſpraͤch. Die Freunde ſchrieben auf der Stelle wieder⸗ Wilhelm ſchickte ſeiner Anna ſein Tagebuch, eine ge⸗ naue Reiſebeſchreibung bis nach Leipzig enthaltend, worein ſie immer auf die intereſſanteſte Weiſe ver⸗ flochtem war. Eduard ſchickte ihr ſeine Lieder, die⸗ in den romantiſchen Gegendem entſtanden waren, und einige Compoſitionen für die Guitarre. Nach Eger beſtellten ſie die Briefe wieder, denn ſie wollten durch das romantiſche Ersgebirge uͤber Toplitz durch Boͤh⸗ 32 men nach Muͤnchen. In Dresden hielten ſie ſich lange auf und ihre ganze Zeit war der Kunſt ge⸗ widmet. Sie waren täglich auf der Gemaͤldegalle⸗ rie, beſuchten die Malerakademie und machten man⸗ che ſchoͤne Bekanntſchaft. Vorzuͤglich wurden ſie von den hiſtoriſchen Stuͤcken eines jungen Malers, Na⸗ mens Eichler, angezogen. Allé ſeine Arbeiten hat⸗ ten etwas Edeles, Außergewoͤhnliches; ſeine Figuren ſchienen zu leben, und die Gruppirungen waren mei⸗ ſterhaft. Ein tiefes Studium der Alten und ein in ſich Aufnehmen der griechiſchen und roͤmiſchen Welt war in ſeinen Stuͤcken nicht zu verkennen. Die beiden Freunde ſchloſſen ſich an ihn und fanden in ihm einen Menſchen, der fruͤh ſeine Be⸗ ſtimmung erkannt hatte und von tuͤchtigen Lehrern gebildet war. Er hatte eine großartige Weltan⸗ ſchauung und wußte, was er in der Bruſt trug, eben ſo großartig auf die Leinwand zu zaubern. Mit faſt uͤbertriebener Verehrung ſprach er von feinem Lehrer, und zeigte den Freunden einige Stuͤcke von ihm, die in der That Alles uͤbertrafen, was die beiden noch geſehen hatten.„Dieſen außerordentli⸗ chen Mann muͤſſen wir kennen lernen, um zu ver⸗ ſtehen, was das Leben iſt. Und wenn wir Alle das Goͤttliche ahnen, er verſteht es, er faßt es, er weiß es zu enthuͤllen und in ſeiner einfachen unendlichen Schoͤnheit darzuſtellen.“ So rief der junge Mann oft begeiſtert aus; und als er hoͤrte, daß die Beiden nach Muͤnchen gehen wollten, konnte er ſeine Freude * —5— kaum mäßigen.„O herrlich! entzuͤckend! Da gehe ich mit Ihnen. Mein theurer Lehrer, mein Vater, iſt dort. Schon lange habe ich mich nach ihm ge⸗ ſehnt. Es ſind ſchon zwei Jahre, daß ich von ihm ſchied. Ach, und mein Leben iſt ohne ihn nur ein halbes.“ Nichts hatte Eduard erwuͤnſchter kommen koͤn⸗ nen; denn Eichler war einer von den Wenigen, die ihn verſtanden, und er verſchlang jedes der gehalt⸗ vollen Worte des jungen Malers. Das ſchoͤne Kleeblatt trat nun die Reiſe nach Toplitz gemeinſchaftlich an und bald wurden ſie die innigſten Freunde. Ihre Unterhaltungen waren nichts als äſthetiſche Abhandlungen, denn Jeder theilte dem Andern ſeine Schätze mit. Der Maler entwik⸗ kelte immer mehr einen herrlichen Geiſt und die Glut ſeiner Phantaſie hielt mit Eduards Begeiſte⸗ rung gleichen Flug. Je langer ſie reiſ'ten, je mehr offneten ſich ihre Herzen, und Eichler kannte bald den Zweck der Reiſe ſeiner neuen Freunde, wußte die ganze Lebensgeſchichte derſelben, Eduards ungluͤckliche und Wilhelms gluͤckliche Liebe. „Mir fuͤllt die Bruſt die Liebe zum unendli⸗ chen All,“ jauchzte er dann auf:„und dieſes All habe ich zuſammengedraͤngt in ein hohes Ideal, das kein ſterbliches Weib erreichen kann, nicht erreichen darf; denn das wäre am Goͤttlichen gefrevett. Ir⸗ diſche Liebe hat in mir noch keine Freiſtatt gefunden. Ich Ne in jedem huͤbſchen Maͤdchengeſicht die Na⸗ 34 tur, ich liebe ſie in jeder Landſchaft, in jedem Bach, in jedem Weſen. ueberall tritt mir das große Bild entgegen, das ich zu kopiren immer bemuͤht bin. Das hat mich mein großer Meiſter gelehrt; er wußte mein Herz rein zu erhalten von allem Niedern und trug mich auf den Schwingen der Kunſt zu des Le⸗ bens hoͤchſter Hoͤhe. Er war mir Vater, Freund, Lehrer und Erzieher.“ „Von Geburt bin ich ein Deutſcher. Mein Erzeuger war ein Inſtrumentfabrikant in Muͤnchen, ein braver ſelbſtaͤndiger Mann. Er beſaß eine Energie, die gegen die Intriguenſchmiederei ſeiner umgebungen hart verſtieß. Die Tochter eines ange⸗ ſehenen Hauſes liebte ihn und beſaß Kraft genug ihm ihre Hand zu reichen, als ihre Eltern, erbit⸗ tert uͤber den Umgang mit einem Handwerker, wie ſie ſich auszudruͤcken beliebten, ſie zu einer andern vornehmen Heirath zwingen wollten. Es war nicht genug, daß ſie enterbt wurde, noch mehr, die Ver⸗ wandten meiner Mutter verfolgten das junge Paar auf alle Weiſe. Mein Vater war arm; aber er verſtand ſeine Kunſt nicht allein mechaniſch fertig, er war auch eingedrungen in die hoͤhern Regionen der Tonkunſt, und wußte den Saiten ein eigenthuͤm⸗ liches Leben zu entlocken. Ihm ſtand die Welt auf, und da England alle Kuͤnſtler freundlich aufnimmt und ihnen den wohlverdienten Lohn reicht, ſo zog mein Vater, nachdem ſeine geliebte Lina von mir entbunden war, mit uns nach London. D ſollte ihn größeres unglück betreffen, denn meine Mutter, obgleich ſtark im erſten Rauſche, trug ſich immer mit dem quaͤlenden Gedanken, daß ſie ſich an ihren Eltern verſuͤndigt habe und daß der Fluch derſelben auf ihr laſte. So ſehr auch mein Vater bemuͤht war, dieſe Furien zu verſcheuchen; es gelang ihm nicht. Sie verſank in immer tiefere Schwermuth, und als ſie die Nachricht erhielt, daß ihre Mutter geſtorben ſei, da welkte auch ihre Bluͤthe, und nach einigen Wochen war auch ich mutterlos. Mein Va⸗ ter trank aus dieſem fuͤrchterlichen Schickſal einen Menſchenhaß, der ihm blieb; denn er hatte ſeine Li⸗ na unausſprechlich geliebt. Seine Kunſt hatte ihm in der Marktſtadt der Welt eine, in finanzieller Hin⸗ ſicht, hoͤchſt vortheilhafte Lage verſchafft. Ihn ſetzte vorzuͤglich ein junger geiſtreicher Lord in Nahrung, der fruͤher lange in Deutſchland zugebracht, dann in London eine der reichſten Partien gemacht, aber mit meinem Vater gleiches ungluͤck gehabt hatte; denn im erſten Kindbette war ihm ſein junges, lie⸗ benswuͤrdiges Weib geſtorben und hatte ihm eine Tochter hinterlaſſen. um ſich zu zerſtreuen, trieb er fleißig Muſik und fand hier ſeinen Mann in meinem Vater. Sie wurden bald Freunde und mein Päter wurde von dem Lord in ſein glaͤnzendes Haus einge⸗ fuͤhrt. Dort lernte er einen deutſchen Maler ken⸗ nen, der ſchon lange Hausfreund war, eine hohe poetiſche Natur, ein Mann mit allen Gaben ausge⸗ ſtattet, die den Menſchen als Gottes Meiſterſtuͤck be⸗ 36 urkunden— kurz meinen Lehrer. Er ſchloß ſich bald innig an ihn an, und Beide hatten gefunden, was ſie lange entbehrt und geſucht hatten. Mein Vater vergaß in Ewald's Umgang ſeinen Schmerz und Ewald loͤſete, durch jenen in das Reich der Toͤ⸗ ne eingeweiht, immer mehr das Raͤthſel des Lebens.“ „Der Lord, der wegen ſeines Standes und aus⸗ gebreiteten Verbindungen, ihnen immer etwas ferner ſtand, betrachtete Beide nur als angenehme Geſell⸗ ſchafter, und war ein Verehrer ihrer Kunſt.“ „Des Lords Eltern lebten noch; ihr Haus war ein Tempel der Kuͤnſte, und Jeder hatte darin Zu⸗ tritt, der ſich als Kuͤnſtler bewährte; abver der alte Lord war ſtolz auf ſein Haus, ſeinen Reichthum und auf den alten Adel ſeines Geſchlechts. Außer dem jungen Lord, dem Gonner meines Vaters, hatte er noch eine Tochter, das liebenswuͤrdigſte Maͤdchen, die wie ein leuchtender Engel in meinen Jugend⸗ traͤumen ſteht. Mich und die kleine Fanny, ihres Bruders Tochter, hatte ſie immer um ſich, und ich, einige Jahre aͤlter als jene, hatte beſonders das Gluͤck ihr zu gefallen. Bis zu meinem fuͤnften Jahre war ich oft bei ihr, und ſie weihte mich ſchon da⸗ mals in die poetiſchen Heiligthuͤmer ihres Volkes ein. Sie legte den Grund, worauf der Meiſter dann fort⸗ baute. Zwiſchen Ewald und meinem Vater war ſchon fruͤh der Plan verabredet worden, daß ich, wenn ich Talente zeigte, Maler werden ſollte. Lady Mary brachte mir einen großen Begriff von der Kunſt bei 37 und ich war burch ſie Maler, ehe ich noch einen Pinſel in der Hand gehabt harte.“ 7. „Eines Tages kam Meiſter Ewald beſtuͤrzt auf meines Vaters Stube; ſie ſprachen lange heimlich zuſammen. Tags darauf verkaufte mein Vater alle Mobilien, packte ein und deutete mir an, das wir morgen abreiſen wuͤrden. Ewald rannte immer wie verzweifelt auf und ab, und ich hörte, daß ihm mein Vater Worte des Troſt's zuſprach. In der Angſt lief ich zur Lady; ſie ſchwamm in Thränen, preßte mich heftig an die Bruſt und ſchluchzte immer: mein Kind, werde, wie er! Als ſie mich entließ, gab ſie mir ein goldenes Medaillon, das ich immer wie ein Heiligthum bewahrt habe.“ „Mein Vater war in England ein reicher Mann geworden. Obgleich ich ſein Vermoͤgen nicht zu ſchaͤtzen wußte; ſo ſah ich doch, daß Alles Wohlſtand athmete. Der Lord mochte wohl viel dazu beige⸗ tragen haben.“ „Wir gingen nach Muͤnchen zuruͤck, denn von den Verwandten und dem Vater meiner Mutter war ihm Verſohnung angetragen worden. Wir bewohn⸗ ten bald ein großes Haus und lebten nach dem gu⸗ ten Tone. Erſt jetzt wurde es meinem Vater klar, warum man gegen die Verbindung Lina's mit ihm ſo heftig geweſen war. Ein äußerer Glanz, hinter welchem ſich die zerruttetſten Vermoͤgensumſtaͤnde ver⸗ borgen hatten, und die der Welt nicht kund werden ſollten, hatten die Ertern auf den ſchrecklichen Ent⸗ 38 ſchluß gebracht, ihre Tochter an ſeinen Reichen zu verſchachern.“ „Nach meiner Mutter Tod war der Concurs ausgebrochen und mein Vater fand die arm und ver⸗ ſoͤhnlich, die er als reich und unverſoͤhnlich verlaſſen hatte. Ich widmete mich nun ganz der Kunſt⸗ und lebte mich ſo in meinen Meiſter hinein, daß ich von ihm unzertrennlich war. Ein tiefer Gram nag⸗ te an des Meiſters Seele, und abgeſchieden von der ganzen Welt, lebte er nur der Kunſt und Poeſie; ſein umgang war ich und mein Vater. So war ich zum Juͤngling herangewachſen; in der Erkenntniß des wahrhaft Schoͤnen war ich ein Mann, in der Welt noch ein Kind. Meine liebſte Beſchäftigung war immer an Lady Mary zu denken, ihr Portrait zu kopiren, das ich in den verſchiedenſten Geſtalten an hundertmal habe, meine Phantaſie malte ſie mir als eine Goͤttin und ich glaubte ihr treulich. Von England erhielten wir oft Rachricht, wir horten, daß Lady Mary nicht geheirathet habe, ſondern ihre im hohen Alter ſtehenden Eltern pflege; auch der junge Lord ſei unverheirathet geblieben und widme ſich der Erziehung ſeiner Tochter.“ „Es ſind nun vier Jahre, als eine fremde Dame bei uns vorfuhr. Der ſchoͤne Reiſewagen, der Anſtand des Frauenzimmers, von einem jungen Herrn begleitet, ihr Anzug ließ auf etwas Vorneh⸗ mes ſchließen. Sie gab ſich meinem kranken Vater als Fanny, des Lord Wilmeſons Tochter, zu erkennen. . „Wilmeſon!“ riefen beide Freunde überraſcht aus:„Iſt es moͤglich? Sie, in Ihrem Hauſe!“ „Kennen Sie die ſchoͤne Englaͤnderin auch?“ fragte Eichler verwundert. „Mehr als zu gut“ war die Antwort,„ſie haͤlt ſich ja immer in Hannover auf. Aber es konn⸗ te vielleicht eine andere deſſelben Namens ſein.“— „Daruͤber wollen wir bald in Gewißheit kommen,“ ſagte der Maler, ſchlug ſein Portefeuille von einan⸗ der und reichte Eduard ein Miniaturgemaͤlde hin. „„Sie iſt's!“ riefen Beide zugleich aus.„Son⸗ derbar! doch erzaͤhlen Sie weiter.“ „Lady Fanny brachte uns die Nachricht, daß ihr Vater vor kurzem durch einen Sturz vom Pfer⸗ de geſtorben ſei, daß die Großmutter ihm bald nachgefolgt und der Großvater nicht lange mehr leben werde. Nur der Tante Mary groͤßter Sorgfalt ge⸗ länge es, ihn noch zu erhalten. Dies Alles ſprach ſie in einem Tone hin und mit einer Leichtfertigkeit, die uns Allen ſehr auffiel. Sie machte uns zugleich darauf aufmerkſam, daß ſie die Erbin des unermeß⸗ lichen Vermoͤgens ſei und ſich in Deutſchland, und zwar bei uns, nieder zu laſſen gedenke. Warum ſie dieſes thun wolle, daruͤber habe ich nie etwas erfah⸗ ren koͤnneu. Ihren Begleiter ſtellte ſie uns als ei⸗ nen Lord Weir vor, der mit ihrem Hauſe verwandt, jetzt auf Reiſen gehend, die Guͤte gehabt habe, ſie zu begleiten. Von ihrem Bater, ſo wie uͤberhaupt von ihren Familienumſtaͤnden ſprach ſie wenig, ſo 90 oft mein Vater auch das Geſpräch auf dieſen Ge⸗ genſtand brachte.“ „Nach einigen Wochen bezog ſie ein ſchönes Gartenhaus, nahm eine große Dienerſchaft an und erregte bald allgemeines Aufſehn. Der junge Lord Weir, ihr Begleiter, reiſ'te nach einiger Zeit wieder ab, nicht ohne den Verdacht auf ſich geladen zu ha⸗ ben, daß er mit Lady Wilmeſon in einem zu ver⸗ trauten Umgang geſtanden habe.“ „Ich hatte damals das ungluͤck, meinen Vater zu verlieren. An ſeinem Sterbebette ſtand ich ver⸗ zweiflungsvoll, da nahm er meine Hand und legte ſie in Meiſter Ewalds ſeine und ſprach mit ſchwacher Stimme: ſiehe das iſt dein Vater! und zu ihm: ſie⸗ he, das iſt dein Sohn. Ewald legte die Hand ge⸗ ruͤhrt auf das Herz und ein Blick zum Himmel war ſeine Antwort.“ „Wir waren nun ganz an einander gewieſen. Der gute Meiſter machte Kunſtreiſen mit mir. Wir durchſtreiften in einigen Jahren faſt ganz Europa, denn meines Vaters Hinterlaſſenſchaft und Ewald's eigenes Vermoͤgen ſetten uns in den Stand, Alles zu ſehen. In Rom lebten wir uͤber ein Jahr. End⸗ lich kehrten wir, reich an Erfahrungen und ich, mit der alten Welt und ihren Meiſterwerken auf's In⸗ nigſte vertraut, nach Muͤnchen zuruͤck. Er hatte mich ja Alles gelehrt, er mir die Geheimniſſe ent⸗ huͤllt und mich in das Innerſte des Tempels der Kunſt eingefuͤhrt.“ „Als wir nach Muͤnchen zuruckkamen, erfuhr ich, daß Lady Wilmeſon ſchon lange abweſend war. Zu Zeiten war ſie in Muͤnchen geweſen, dann aber wieder abgereiſ't, wohin? wußte Niemand. Meiſter Ewald ſprach nie von ihr; er war fruͤher nicht gern in ihrer Geſellſchaft geweſen.“ „Vor zwei Jahren ging ich auf Anrathen mei⸗ nes Meiſters nach Dresden. Nun kehre ich wieder zu ihm zuruͤck, um mich nie von ihm zu trennen.“ Mancherlei heimliche Ahnungen und Vermuthun⸗ gen uͤber Lady Wilmeſon ſtiegen in der Juͤnglinge Seelen auf. Sie hatten wieder ein neues Licht uͤber ſie und doch noch keine volle Klarheit. Was dieſe ſonderbare Englaͤnderin mit Eduards Schickſal zu thun habe, konnte ſich doch Keiner erklaͤren. Sie hofften, in Muͤnchen von Meiſter Ewald etwas Naͤheres dar⸗ uͤber zu erfahren. Die Reiſe der drei hochherzigen Jünglinge ging in luſtiger Abwechſelung immer weiter. Sie durch⸗ zogen das romantiſche Erzgebirge, beſuchten des Wan⸗ derers Seume Grab in DToͤplitz und ſtiegen dann nach Boͤhmen hinuͤber. In Eger fanden ſie wieder Nachrichten von Anna, welche den Juͤnglingen ein noch hoͤheres poetiſches Leben einhauchten, deſſen Reiz auch auf den neu gewonnenen Freund uͤberging. Man beſchloß erſt in Muͤnchen zu antworten. Karls⸗ bad wurde begruͤßt und die alte Prag durchwandert; von da eilten ſie ſchnell nach den romantiſchen ufern der Donau. Wer an der Donau hinzog, der muß 92 fuͤr die Natur begeiſtert ſein, oder die guͤtige Mut⸗ ter vergaß ihm eine Seele einzuhauchen und brann⸗ te nur den Lebensgeiſt an. Eduard ſtroͤmte ſein Ge⸗ fuhl in neue Geſaͤnge uͤber; Wilhelm ſchrieb die gluͤ⸗ hendſten Schilderungen in ſein Tagebuch und traͤum⸗ te ſich ſeine Anna an jedem ſchoͤnen Plaͤtzchen, in je⸗ dem Kahn auf den ſchaukelnden Wellen in ſeinen Ar⸗ men, und Eichler kopirte die ſchoͤnſten Partien, ſie als Ergaͤnzung dem Tagebuche beizulegen. Von Regensburg aus eilten ſie nach Muͤnchen. Es war ein mildfreundlicher Abend, als ſie die Koͤnigsſtadt begruͤßten. Die Glocken riefen zum Abendgebet; von Eduards Wongen floſſen Thränen der Wehmuth. Die neuen Gegenſtände, die den Rei⸗ ſenden, der die freie Natur gewohnt iſt, ploͤtzlich ſo ſehr anſprechen, machten auf die gereizte Stimmung der drei Juͤnglinge einen ganz beſonders ſtarken Ein⸗ druck. Wilhelm und Eduard wollten ſich von Eich⸗ ler trennen, aber er bat ſie, ihn zum Meiſter zu begleiten, damit ſie mit ihm die Freude des Wieder⸗ ſehns genießen moͤchten, und er bat ſo dringend, daß ſie ihm folgten. Sie traten in das von der Abendglut matt er⸗ leuchtete Zimmer. Eine majeſtaͤtiſche Geſtalt trat ihnen entgegen. Ein hoher kraͤftiger Wuchs, geziert durch die edelſte Haltung, eine freie erhabene Stirn, von einzelnen ſchwarzen Locken umſpielt, war das Erſte was lebhaft auf Eduard und Wilhelm wirkte. Der Meiſter druͤckte den Schuͤler an die Bruſt und ſprach 93 dann geruͤhrt:„Mein Sohn! du überraſcheſt mich. Sei mir willkommen!“ Kein Wort weiter. Eichler ſtellte die Beiden als ſeine Reiſegeſellſchafter und neu⸗ en Freunde vor. Er verneigte ſich kaum merkbar und ſtumm gegen ſie. Eduard war in Anſtaunen verſunken. Ein ſol⸗ ches Geſicht hatte er noch nicht geſehen. In dieſen tiefliegenden Augen ruhte eine Welt rein, klar und ruhig, die Stuͤrme waren niedergekämpft. Der Ton dieſer Stimme hatte einen Ausdruck, daß es Eduard vorkam, als hoͤre er jetzt zum erſtenmal ſpre⸗ chen. Jeder Zug des Geſichtes ſchien Eduard eine Erhabenheit auszudruͤcken. Das iſt ein Menſch; dach⸗ te er, während Millionen, denen es gefaͤllt, ſich eben ſo zu nennen, nur Affen ſind. Ewald ſprach wenig, doch jedes ſeiner Worte hatte einen tiefen Sinn, der in Eduards Bruſt har⸗ moniſch wiedertoͤnte. Er fuͤhlte eine ſolch unendliche Ehrfurcht fuͤr dieſen Mann, wie er noch nie fuͤr Je⸗ mand gehegt; er haͤtte vor ihm niederknien mögen. Von der Kunſt wurde an dieſem Abend nicht geſprochen; es ſchien Eduard, als wolle er erſt ſei⸗ ne Gaͤſte kennen lernen, um nicht Perlen den Säuen vorzuſchuͤtten, und er billigte im Herzen ſehr das Verfahren des Mannes. Eichler erzählte von per⸗ ſonlichen Verhältniſſen in Dresden, die Ewald alle recht gut zu kennen ſchien, und dieſer berichtete mehre Nachrichten aus Rom von bekannten Künſt⸗ lern. Enblich leitete Eichler die unterhaltung auf La⸗ dy Wilmeſon und berichtete, daß die beiden Gäſte die Dame genau kennten. „Wie ſo?“ fragte Ewald ſcharf betont. „Sie hat ſich oft lange Zeit in Hannover auf⸗ gehalten, und war immer in unſerm Hauſe. Sie be⸗ wohnte ſogar unſern Garten,“ entgegnete Wilhelm. „und was war der Zweck ihres Aufenhaltes dort?“ fragte Ewald weiter. „Damit koͤnnen wir Ihnen leider nicht dienen,“ erwiederte Eduard.„Selbſt unſere Eltern waren davon nie unterrichtet.“ „In Hannover alſo“ ſprach er eintoͤnig. Dann rieth er den Fremden ſich zur Ruhe zu begeben. Sie wurden fuͤrſtlich bedient. Ihr Schlafgemach, ihre Lager, alles zeugte von Reichthum und Pracht, doch war Alles ſo eigenthuͤmlich, ſo gewählt, daß ſich die Freunde geſtehen mußten, es noch nie ſo ei⸗ gen, aber guch noch nie ſo ſchoͤn gefunden zu ben. Eichler brachte ihnen den Morgengruß zuerſt, er erzaͤhlte dem lieben Eduard zugleich, daß der Meiſter eine ſehr unruhige Nacht gehabt, und Brie⸗ fe nach England geſchrieben habe. Auch bat er ihn uͤber die Lady Wilmeſon nicht wieder zu fragen, er ſei jedesmal ſehr erſchuͤttert, weil ihm das Mädchen ganz zuwider zu ſein ſchien. Ewald trafen ſie in der Werkſtatt an der Staf⸗ felei. Er trat ihnen anders entgegen, als geſtern 95 Abend; der duſt're Ernſt war durch einen ſanft ver⸗ klärten Zug gemildert, und ſein ganzes Geſicht ſtral⸗ te von den hohen Ideen wieder, die er jetzt auf die Leinwand uͤberzutragen bemuͤht war. „Nach Allem, was mir mein Sohn von Ihnen geſagt hat, kann ich Sie hier freudig willkommen heißen. Der Tempel erſchließt ſich keinen Profanen.“ Ringsum waren die Meiſterwerke aufgeſtellt. Eduard verlor ſich bald in ſtummer Betrachtung. Ewalds Blicke hingen an ſeinen Mienen. Eduard wurde bald von einem Stuͤck ganz beſonders angezo⸗ gen, und er hatte ſchon eine Stunde davor geſtanden, ohne ein Wort zu reden, ohne ſich zu bewegen. Die Darſtellung war aus Shakspeare's Koͤnig Lear, vierter Aufzug ſechſte Scene. Edgar hat den blinden Gloſter zum alten Koͤnig gefuͤhrt. Die drei Figuren waren ſo geſtellt, daß der wahnſinnige Ko⸗ nig, als die Hauptperſon, vorn im vollen Lichte ſtand, halb gegen Gloſter gekehrt, der ſchwach und gebuckt ſich der Leitung des ruͤſtigen Edgar hingibt, welcher im Hintergrunde die Scene herrlich ſchloß. So hatte wohl noch nie ein Menſch den großen Dich⸗ ter gefaßt. Nur ein Shakspeare konnte dies Stuͤck malen, wie es nur ein Shakspeare dichten konnte. Wie hatte der Schmerz die Furchen des Geſich⸗ tes zerriſſen, die das Alter gegraben! Wie ſpielte der Wahnſinn um dieſen Mund, glaͤnzte aus dem Auge, thronte auf der Stirne! und doch nicht der gemeine, gewoͤhnliche Wahnſinn, es war der unge⸗ 96 heuere Schmerz, der vöttliche, der in das Menſchen⸗ leben tritt, und mit eiſerner Hand der Koͤnige wie der Bettler Haupt ergreift und zerruͤttet. Dieſer Schmerz, nur das Eigenthum der hoͤheren Men⸗ ſchennatur, hat den Koͤnig erhoben uͤber alles Irdi⸗ ſche und ſchon halb verklärt ſteht er da, doch es dämmert der Gedanke, daß er noch die Feſſeln der Sterblichkeit trage, durch ſeinen irren Sinn. „Erſt abgewiſcht, ſie riecht nach Sterblichkeit!“ rief mit Shakspeare's Worten endlich Eduard aus. Ja, aus der unendlichen Fuͤlle dieſer Worte hatte der Kuͤnſtler ſein Gemaͤlde zuſammen gebaut. Der blin⸗ de Gloſter haſcht nach der Hand des Koͤnigs, ſeines unendlich theuren und unendlich ungluͤcklichen Herrn. Geruͤhrt ruft er die Worte aus:„O laßt mich kuͤſſen dieſe Hand!“ Das Goͤttliche leuchtet plotz⸗ lich durch des Koͤnigs wirre Träume. Dieſer Kuß, er darf nur dem unſterblichen Geiſte gelten, und „Erſt abgewiſcht, ſie riecht nach Sterblichkeit!“ ruft er aus, und faͤhrt mit golddurchſtickten Rocke daruͤber. Jede der drei Figuren hatte ſo etwas Herrli⸗ ches, daß Eduard bei jeder lange verweilte und doch wieder zur erſten zuruͤckkehrte. Trunken von allen den hohen Empfindungen, die durch ſeinen Kopf geſtroͤmt waren, wandte er ſich endlich zu Meiſter Ewald. „Ich kann Ihnen kein Wort ſagen uͤber das, was ich empfinde, jeder Laut wuͤrde mir ſchal und nichts —.— E nichts ſagend klingen; er wuͤrde kaum ein Schatten ſein des himmliſchen Lichtes, was in mir aufgegan⸗ gen iſt. Ich verdanke Ihnen eine Stunde, wo ich vergaß ein Sterblicher zu ſein. Erſt jetzt habe ich Shakspeare verſtanden.“ Schweigend maß Ewald den Jüngling.„Sie ſind ein Geweihter!“ ſprach er dann tieftoͤnend: „Sie haben das Hoͤchſte erkannt. Nicht dieſe Pin⸗ ſelſtriche; nicht dieſe Farbenmiſchung war es, was Sie entzuͤckte; Sie haben Shakspeare's Geiſt geſe⸗ hen, Sie haben den groͤßten Maler verſtanden.“ Und vom Gefuͤhl uͤberwaltigt, ſchloß er den Juͤng⸗ ling in ſeine Arme. Von nun an war Eduard immer um Meiſter Ewald, und wenn Schmerzing und Eichler herum⸗ ſtreiften, und nach den Vergnuͤgungen haſchten, da ſaß Eduard beim lieben Meiſter und horchte den Leh⸗ ren des großen Mannes, der das Hoͤchſte im Leben begriffen, der das Geheimniß geloſtt hatte, was Tau⸗ ſende kaum ahnen. Klar ſchaute er ͤber die ver⸗ worrenen Kreiſe der Menſchenwelt hin; keine Falte war ihm verborgen geblieben. Die Natur ſchien ſich ihm geoffnet zu haben, damit er Blicke thue in ihre geheiligtſten Tiefen. Dabei beſaß er eine Menge belehrender Erfah⸗ rungen, wußte von den verſchiedenſten Zweigen des Menſchenwirkens mit einer umſicht zu ſprechen, als ob er ſelbſt alle Faͤcher durchwandert haͤtte. Aber die Art, wie er die Dinge auffaßte, in ſich ſelbſt verarbeitete Die Intrigue. 1. 5 2³ und idealiſch ausbildete, hatten ihm einen Ueberblick uͤber das Ganze der Menſchheit verſchafft. Eduard und Wilhelm wurden mit jedem Tage reicher und erfahrener. Es war ihnen ein neues Le⸗ ben aufgegangen. In ſtetem Umgang mit Kuͤnſt⸗ lern, konnten ſie dem Drange nicht widerſtehen, ſelbſt Pinſel und Palette zur Hand zu nehmen; und Eduard, der ſchon fruͤher der Zeichnenkunſt gehuldigt hatte, machte reißende Fortſchritte. Manche begei⸗ ſterte Schilderung von ihrem Kuͤnſtlerleben flog nach Hannover, manches Gemälde wanderte in Anna's Stuͤbchen. 2 An Weiterreiſen war bei unſern Freunden nich zu denken; ſie würden von zu ſchoͤnen Banden ge⸗ feſſelt. So waren drei Monate wie ein ſchoͤner Traum vergangen, als Meiſter Ewald Briefe von England erhielt. So freudig, ſo kindlich froh hatte ihn Eich⸗ ler noch nie geſehen. „Morgen reiſe ich nach London!“ rief er aus. „Lieber Janny, willſt Du keinen Gruß an die Lady Mary beſtellen?“ Sein Entzuͤcken kannte keine Grenzen. Er plau⸗ derte gegen ſeine Gewohnheit ſehr viel; ſprach von ſeiner gluͤcklichen Zukunft im Kreiſe ſeiner Familie und berichtete den, durch ſeine Froͤhlichkeit erheiter⸗ ten Juͤnglingen, daß er ſein langverlorenes Weib wieder gefunden habe. An eine zuſammenhaͤngende Erzählung war bei ihm nicht zu denken, denn das 99 Entzucken machte ihn ſo trunken, daß er umherlief, dies und jenes noch beſorgen wollte, und am Ende nichts beſorgt hatte. Er ließ den Wagen beſtellen, packte das Noͤthige ein und fuhr noch in der Nacht von dannen, nachdem er Eduard und Wilhelm das Verſprechen abgenommen hatte, ſo lange in Muͤnchen zu verweilen, bis ſie von London aus Nachricht von ihm erhielten. Eichler hatte noch viele Aufträge von ihm in Hinſicht ſeiner Vermoͤgensumſtände; waren dieſe be⸗ ſorgt, dann ſollte er mit den Beiden nach London zu dem gluͤcklichen Meiſter eilen. Es war ein heiterer Sonntagmorgen, die Natur hatte ſo freundlich alle ihre Schätze aufgethan, daß die drei Freunde, von ihrem Meiſter in der Nacht verlaſſen, beſchloſſen, einen kleinen Ausflug zu ma⸗ chen. Sie waren froͤhlich uͤber des Meiſters Gluck und traurig uber ſein Scheiden. Als ſie auf die Straße traten, läuteten alle Glocken der großen Stadt zur Kirche. Durch ihre Klaͤnge feierlich geſtimmt, wanderten die Juͤnglinge langſam die Straße hinun⸗ ter. Da raſſelte ein Wagen an ihnen voruͤber. Wilhelm blickte ihm nach. „Beim Himmel!“ rief er Eduard zu:„das war der Frau von Gronau ihre alte Karoſſe!“ „Der Wagen der Frau von Gronau?“ fragte Eduard ſchnell:„wie ſoll der hierher kommen?“ „Dem ſei, wie ihm wolle; ich kenne ihn zu ge⸗ nauz denn ich hatte faſt täglich das Vergnuͤgen, ihn 5* 100 vor meinem Fenſter zu ſehen, wenn die Alte bei meiner Mutter vorfuhr. Ich habe oft genug den modernen Bau nach Ludwigs XIV. Geſchmack be⸗ wundert.“ „Laßt uns dem Phaeton folgen!“ rief Eichler. und alle drei eilten mit Sturmſchritt dem Wagen nach. Er fuhr vor das Thor. Dort hielt er vor einem ſchoͤnen großen Hauſe und heraus ſtieg Frau von Gronau mit ihrer alten Kammerjungfer.“ „Wie kommt dieſes Weib nach Muͤnchen?“ rief Eduard aus:„kennen Sie dieſes Haus, lieber Eich⸗ ter „Es iſt das Gartenhaus, das Lady Wilmeſon jedes mal wahrend ihres Hierſeins bewohnt. Icht ha⸗ be, ſeit ich wieder hier bin, nicht nach ihr gefragt, weil, wie Sie wiſſen, der Meiſter von der Wilme⸗ ſon nichts hoͤren mochte.“ „Eduard! es wird helle vor meinen Augen,“ ſprach Wilhelm:„Emmeline und die Wilmeſon muſ⸗ ſen hier ſein, ſonſt waͤre die Alte nicht da.“ „Ohne Zweifel!“ erwiederte Eduard, in Gedan⸗ ken vertieft. „Daruͤber wollen wir bald in Gewißheit ſein,“ ſiel Eichler ein:„Tretet nur hier herein in dieſe Weinſchenke. Wir koͤnnen von da das Haus der La⸗ dy ganz uͤberſchauen, und alles was ſich am Fenſter oder an der Thuͤre zeigt, kann uns nicht entgehen.“ Sie ſtiegen in die freundliche Wirthsſtube. Ge⸗ ſchäftig trat ſie das ſpeckfeiſte glänzende Geſicht des 101 Schenks an, und verbeugte ſich ſo tief und ſo oft⸗ als es ſeine Korpulenz zuließ. Sein ſcharfes Ken⸗ nerauge gewahrte ſogleich, daß die Herrn Prieſter der edeln Malerkunſt waren, wie er ſich ausdruͤckte, und wer haͤtte das nicht ſehen wollen, da die drei ganz wie italieniſche Maler gekleidet waren. Schnell waren die leuchtenden Flaſchen mit der ſchneeweiſen Serviette abgeputzt, die immer im Knopf⸗ loch der weiten Weſte hing, und die Glaͤſer klangen auf dem Tiſche. „Mein beſter Herr Wirth,“ begann Eichler, wie von ohngefaͤhr;„koͤnnt ihr uns nicht ſagen, wer da druͤben das große Haus bewohnt?““ „Ganz gehorſamſt aufzuwarten, mein theu⸗ rer Herr,“ gegenredete der Wirth mit einem Kratz⸗ fuß:„auf ſothane Frage kann kein Menſch in der ganzen Stadt beſſer dienen, als meine Wenigkeit. Ich habe die Ehre, dieſes Haus in⸗ und auswendig su bennen habe mehremut Srtegenheit gehabt, in ſeine geheimſten Gemaͤcher zu treten, habe mit meiner Frauen, die Ihnen da draußen auf der Hausflur zu begegnen das Gluͤck hatte, ſage mit meiner Frauen, habe ich ſelbſt dieſes Haus eingerichtet und ausge⸗ putzt.“ „Verzeiht, mein Lieber,“ fiel Eichler dem Re⸗ defluſſe des Geſchwätzigen ein:„ich fragte euch, wer das Haus bewohnte?“ „Zu dienen! zu dienen! werde gleich darauf kommen. Meines Bruders Sohn, ein liederlicher Strick, er hatte die Kieperprofeſſion erlernt, taug⸗ te aber nichts, ging unter die Soldaten, wurde wieder fortgejagt; doch daß ich mich kurz faſſe, mei⸗ nes Bruders Sohn— er hatte keinen Vater mehr— kam zu mir; nun lieber Gott! ſeid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig iſt— er iſt doch mein Fleiſch und Blut, ich nahm ihn auf und er half mir die Wirthſchaft mit verſehen.“ „Aber ich bitte!“ rief Eduard unwillig:„ſa⸗ gen Sie uns doch, wer das Haus bewohnt?“ „Voriges Jahr, es war, es war, verziehen Sie ein klein wenig, es ſteht hier uͤber der Stuben⸗ thuͤre, richtig es war der 16. September— hatten wir die Ehre, den Herrn Lord Herrn von Weir, einen jungen, reichen, ſcharmanten Herrn, einen Englaͤnder, ein Mann, glauben Sie, meine werthgeſchätzten Herren, zum Verlieben ſchoͤn und reich, o Sie glauben es nicht, er muß halter das Geld mit Scheffeln moſſen o brauchto einon Kutſchor und da mein Gorg gut mit Pferden umzugehen wußte— er war unter der Cavallerie geweſen— ſo war ich ſo frei, ihm durch die Kammerfrau der Madam Lady, Fraͤulein von Wilmeſon, dem gnädigen Herrn Lord vorſchlagen zu laſſen. Wir hatten das Glück, unſere Wuͤnſche in Erfuͤllung gehen zu ſehen. und heute meine Herren, heute iſt es ein Feſt fuͤr uns Alle. Wetter und Pompen! was wird Georg der fuͤr ein Präſent bekommen! Heute feiert der gnadige Herr Lord von Weir mit der ſchoͤnſten Dame, die je mein ge⸗ 103 übtes Wirthsauge erblickte, ſeine Hochzeit. Weit, weit muß er ſie hergeholt baben, denn ſo etwas Brillan⸗ tes gibt es in unſerer Gegend nicht. Woher ſie iſt, hat man ſo eigentlich nicht erfahren koͤnnen, obgleich ſie ſich ſeit vorigem Sommer ſchon im Hauſe des Herrn Lord aufhielt. Sehen Sie meine Herren, ſehen Sie nur! Jetzt fährt der praͤchtige Wagen des Herren vor. Sie wer⸗ den einſteigen, um ſich trauen zu laſſen.“ Eduard ſprang wie beſeſſen 5 Alle draͤngten ſich zu den Fenſtern. Aus dem hohen Portal trat junge Lord; an ſeinem Arme hing die reizende Braut. „Emmeline!“ rief Golding im fuͤrchterlichſten Schmerz. „Arnsberg!“ rief Schmerzing im groͤßten Er⸗ ſtaunen; und der Wagen flog die Straße dahin. Der Wirth war vor Schrecken einige Schritte zuruͤckgeſprungen, und Eichler, dem ſich gleich Alles enthuͤllte, weil er früher genau von Eduards Leben unterrichtet war, hielt dieſen im Arm. „Welch hoͤlliſcher Trug; Licht und Finſterniß zugleich!“ raſete Wilhelm. Eduard lag, wie vom Blitze niedergeſchmettert, an Eichlers Bruſt. Nachdem ſie ſich einigermaßen geſammelt hatten, richteten ſie neue Fragen an den erſchrockenen Wirth und ließen merken, daß, wenn er treu berichtete, ſi ie den Wein gut bezahlen wuͤrden, 104 Des Wirth's Geſicht verzog ſich wieder zu den heiterſten und freundlichſten Mienen und mit ſchmun⸗ zelnder Schwatzhaftigkeit erzaͤhlte er in gehoͤriger Breite und Laͤnge, daß Lady Wilmeſon dieſes Haus ſeit vier Jahren abwechſelnd bewohne, daß der Lord Weir ſie oft hier beſucht und wie er wohl gemerkt, recht gut bei ihr geſtanden habe, was ja unter vor⸗ nehmen Leuten ganz gewoͤhnlich ſei, und ihnen Nie⸗ mand uͤbel nehme. Voriges Jahr im Auguſt ſei die Lady Wilmeſon mit dem reizenden Fraͤulein von Gronau nach Muͤn⸗ chen gekommen, habe dieſes Haus bezogen, und viel Aufſehen gemacht. Einen Monat darauf ſei auch der Lord eingetroffen, habe ſich einen glaͤnzenden Staat zugelegt, habe die Augen der Reſidenz auf ſich gezo⸗ gen und ſogar am Hofe Zutritt gehabt. Die Lady und das Fräulein ſeien ſeine ſtete Begleiterinnen ge⸗ weſen und die erſten Damen bei allen Feſten. Die La⸗ dy habe, nachdem der Lord Fräulein von Gronau als ſeine Braut erklaͤrt, eine Menge Heirathsanträge gehabt, aber die ſchoͤnſten und reichſten Partien hartnäckig ausgeſchlagen, und doch ſei ſie mit Gunſt⸗ bezeugungen gegen ihre Anbeter nicht ſproͤde geweſen. „Aha!“ rief Eichler:„ſie fuͤhrt einen poeti⸗ ſchen Lebenslauf. Eine zweite Ninon de'Enclos, da werde ich auch anklopfen, ſie iſt ja eine uralte Be⸗ kanntſchaft von mir, die erſte, die ich hatte!“ Und fortſchertzend druͤckte er dem gefälligen Wirth ein gut Stuͤck Geld in die Hand, ſchob die tiefſinnigen 105 Freunde zur Thuͤre hinaus und eilte mit ihnen in's Freie. „Laßt euch meinen Scherz nicht kämmern, liebe Jungen,“ fuhr er fort:„es kam mir eine Liſt ein, und die wäre vielleicht durch euren Ernſt verrathen worden. Wir muͤſſen naͤmlich die Wilmeſon durch⸗ aus umſtellen. Sie hat keine Ahnung davon, daß Ihr hier, daß Ihr in meinem Hauſe ſeid. Sie gibt ſich alſo, weil ſie ſich unbeobachtet glaubt, manche Bloͤßen, aus denen wir etwas zuſammenbauen koͤn⸗ nen.“ „Mir“, ſprach Wilhelm:„mir iſt eine an⸗ dere Vermuthung durch den Kopf gefahren, die eben ſo wahrſcheinlich als furchterlich iſt, daß Lady Wil⸗ meſon ſich fuͤr Dich, Eduard, intereſſirt iſt mehr als zu gewiß; ſie hat durch ihr Betragen ſeit drei Jah⸗ ren davon die deutlichſten Beweiſe gegeben. Sollte ſie vielleicht Emmelinen verkuppelt haben, um Dich dann zu gewinnen?“ „Wohl moͤglich,““ erwiederte Eichter:„aber das nimmt dem Maͤdchen, die ſo leichtſinnig mit Herzen ſpielt, nichts von ihrer Gemeinheit. Wenn ſie treu liebte, konnte ſie nicht abfallen.“ Aber, was auch Eichler fuͤr Gruͤnde zu ſeiner Beruhigung anführen mochte, was auch Schmerzing von der wahren innigen Liebe eines Madchens ſprach, wie ſeine Anna ihm leuchtendes Muſter abgab: in Eduards Bruſt erwachten alle fruhern, kaum nieder⸗ gekampften Stuͤrme. 106 Durch Emmelinens Anblick gerade in dem Zu⸗ ſtande, gerade als Braut eines Andern, waren die kaum verharſchten Wunden aufgeriſſen worden, und ſie bluteten mit doppelter Kraft. Wilhelm hatte die groͤßte Angſt um ſeines geliebten Freundes Ge⸗ ſundheit, er fuͤrchtete, die Krankheit moͤchte durch das Ereigniß einen Ruͤckfall bekommen. Vor Allem beſchaftigte die drei Juͤnglinge die Frage, wer denn eigentlich jener Arnsberg oder Lord Weir ſei, der in Goͤttingen als Baier gegolten, hier allgemein fuͤr einen ſehr reichen Engländer gehalten wurde. Daß er wirklich ein Englaͤnder ſei, kam Al⸗ len ſehr wahrſcheinlich vor, dafuͤr zeugte ſein gan⸗ zes ußere, das Fremdbetonte ſeiner Sprache und hundert Kleinigkeiten, die alle hervorgeſucht wurden. Wilhelm und Eduard wiederholten ſich ganz genau ihr Leben mit ihm in Gottingen, ſetzten der Lady Wilmeſon Betragen gegen ihn hinzu, welches Eich⸗ ler noch einmal treu berichtete; aber man brachte doch am Ende nicht mehr heraus, als daß er ein Liebhaber erſter Claſſe von der Lady ſein muͤſſe. Warum er ſie aber nicht geheirathet, warum er in Goͤttingen ſeinen wahren Namen nicht genannt, wa⸗ rum er ſo heimlich mit ihnen gethan, ſo plötzlich abgereiſ't ſei, um hier ſeine alte Rolle fort zu ſpie⸗ len, das Alles konnten ſie ſich nicht erklären, und das Geheimniß blieb verhuͤllt, wie vorher. In der erſten Aufwallung wollte ſich Wilhelm an den Lord Weir ſelber wenden, wollte eine Er⸗ „ 107 klärung ſeiner Handlungsweiſe von ihm forbern, woll⸗ te die Wilmeſon uͤberraſchen und beſchaͤmen, und wenn er die verlangte Erklaͤrung nicht gäbe, die Sache anzeigen und den Lord vor Gericht zwingen, Alles was er von Eduards Verhältniſſen Näheres wiſſe, zu bekennen. „Himmel und alle Wetter!“ rief Eichler la⸗ chend:„wohin, beſter Schmerzing, wohin laſſen Sie ſich von Ihrer Hitze reißen? Haben Sie nicht vor⸗ hin gehoͤrt, daß der Lord den groͤßten Einfluß hier hat, daß er ſogar bei Hofe Zutritt genießt? Man wuͤrde Sie verlachen mit ihrem Anbringen. Und ge⸗ ſetzt auch, Sie fuͤhrten die Sache ſo weit, wie waͤre es dann, wenn der Lord ſagte: ich bin nicht jener Arnsberg, ich kenne die Herrn nicht; Jedermann iſt bekannt, daß ich der Lord Weir bin. und weſſen wol⸗ len Sie ihn auch am Ende beſchuldigen? Was wol⸗ len Sie der Lady Fanny vorwerfen? Mit nichts konnen Sie ihr beweiſen, daß ſie feindlich gegen un⸗ ſern Freund gehandelt habe. Sie wird bei Ihrem Erſcheinen ſich Ihres Hierſeins freuen, wird bedau⸗ ren, daß Emmeline dieſen Schritt gethan; doch ſei es ihr eigener Wunſch und Wille geweſen; wird Al⸗ les aufbieten, um Ihren Aufenthalt hier glaͤnzend zu machen, und— ihre Intriguen feiner ſpielen als vorher, vorſichtiger verfahren, als da ſie ſich von Ihnen unbelauſcht wußte.“ Wilhelm und Eduard uͤberzeugten ſich bald von der Triftigkeit dieſer Gruͤnde und Wilhelms raſcher Vorſchlag wurde als uͤbereilt und ſeicht verworfen. Dagegen beſchloſſen ſie im Geheimen zu wirken und die Lady mit Spionen zu umſtellen, damit ihnen Alles, was im Hauſe vorginge, hinterbracht wuͤrde. Es war natuͤrlich dazu Niemand geſchickter, als der vom galanten Weinſchenk ſo oft und nachdruͤcklich erwaͤhnte Georg, der Kutſcher des Lord. Als einen liederlichen Menſchen hatte ihn ſein Oheim geſchil⸗ dert, darauf bauten die Freunde, daß er ſich leicht wuͤrde beſtechen laſſen. Eichler nahm die Sache auf ſich. Eduard war nicht aus ſeinem Tiefſinn aufzu⸗ ruͤtteln und deßhalb verfuͤgten ſie ſich nach Hauſe. Da fehlte ihm der Meiſter. Wie viel hätte er dar⸗ um gegeben, ihn jetzt zur Seite zu haben, von ihm die hohen Worte zu vernehmen, die ihn leicht uͤber das Menſchenleben mit all ſeinem Treiben und Drän⸗ gen empor hoben. Er ſtellte ſich vor des Meiſters Gemaͤlde und erſt da gewann er Faſſung. Eichler war zum Schenkwirth gegangen und hatte den immer Kaſſe brauchenden Georg gluͤcklich gewonnen. Fuͤr jede Nachricht hatte er ihm ein gut Stuͤck Geld verſprochen, und der gefällige Menſch berichtete faſt täglich, was im Hauſe vorging. Doch das Meiſte war unerheblich; Nichts fuͤhrte zum Zwecke. Endlich brachte er die Botſchaft, daß Lady Wilmeſon mit der Frau von Gronau morgen zuruͤck nach Hannover reiſen werde. Die Lady war fort. Der Lord lebte mit ſeiner 109 jungen Gemahlin auf dem alten Fuße. Fuͤr die Juͤnglinge ergab ſich nichts Merkwuͤrdiges. Da kamen Briefe von Hannover. Anna ſchrieb, daß die Wilmeſon wieder angekommen und mit der Frau von Gronau das Geruͤcht ausgeſprengt habe, Emmeline ſei die Frau eines engliſchen Barons in Muͤnchen. Sie fragte, ob Wilhelm nichts Näheres daruͤber wiſſe. Sie berichtete ferner, daß die Lady faſt taͤglich in ihrem Hauſe ſei und ſie mit einer Zärtlichkeit behandele, die ihr wahre Liebe einfloͤße. Die Hofraͤthin ſchrieb kurz, daß, nach Ableben ihres Schwagers, Wilhelms Oheim, ſie das Gut Kleefeld ererbt haͤtten, und im Begriff ſtaͤnden, daſſelbe ein⸗ zunehmen. Sie wuͤnſchte, daß Beide nun bald zu⸗ ruͤckkehren moͤchten. Aber Eduard's Kummer war zu groß. In Muͤnchen konnte er nicht mehr bleiben, wo Emme⸗ line, die immer noch geliebte Emmeline in den Ar⸗ men eines Andern, vielleicht eines Betruͤgers, die Freuden der Liebe genoß; aber nach Hauſe wollte er auch nicht. Beide beſchloſſen alſo ihre Reiſe fort⸗ zuſetzen und ſchieden von Eichler mit dem Verſpre⸗ chen, ſich immer von einander Nachricht zu geben. Die beiden Freunde bereiſ'ten die ſchoͤnſten Ge⸗ genden des Rheins und uͤberließen ſich ganz den Herrlichkeiten der Natur. Wer den Vater Rhein kennt und weiß, welch ein erhabenes Schauſpiel ſich in den himmliſch⸗ſchoͤnen Gegenden dem Auge darbie⸗ tet,— die Berge und Rebenhuͤgel, welche am Fuße 110 ſein ſchroffes, felſiges ufer bilden, und hie und da Ruinen alter Burgen verhuͤllen, die, als graue Denkmaͤler einer kraͤftigen Zeit, gleichſam, Geiſter⸗ ſtimmen aus fernen Jahrhunderten, heruͤbertonen; wer das Majeſtaͤtiſche und Romantiſche dieſer Gegend nicht mit dem Auge blos, ſondern mit Geiſt und Ge⸗ fuͤhl erfaßte, der nur allein kann ſich einen Begriff machen, welche Wirkungen der Anblick des neuen, reizenden Schauſpiels auf die jungen Gemuͤther her⸗ vorbrachte. Und dazu der tiefe, entſetzliche Schmerz, der noch neu und darum um ſo ſtaͤrker auf das reiz⸗ bare, zu empfaͤngliche Herz Eduard's wirkte; die ſtille, heimlich⸗ſuͤße Sehnſucht Wilhelms, der in Ge⸗ danken bei ſeiner holden Anna weilend, in ſanfter Schwermuth ſich ganz dem Eindrucke, den jenes gro⸗ ße Schauſpiel der Natur auf ihn hervorbrachte, uͤber⸗ ließ— ſie mußten Beide, jeder in ſeiner Weiſe, lindernden Balſam fuͤr ihren Kummer aus dem, was dem Aug' und Herzen ſich darbot, ſaugen, und auf Augenblicke ihren Schmerz ganz vergeſſen. Mit ver⸗ ſchlungenen Armen ſtand Eduard auf einem der Ber⸗ ge, deſſen Ruͤcken die Ueberreſte einer Burg trug, und ſchaute duͤſter und ernſt in die weite Gegend; Wilhelm, deſſen Gefuͤhle getheilter waren und bei ſeiner ſanftern Gemuͤthsſtimmung nicht ſo das gro⸗ ße All, den Totaleindruck des erhabenen Schauſpiels in ſich aufnahm, unterſuchte emſig die Gegenſtaͤnde, die ſich ihm darboten; er bewunderte die Feſtigkeit der Mauern, die mit dem Kitte ſo verwachſen wa⸗ 111 ren, daß ſie als ein Stuͤck, als eine große Maſſe feſt vereinigt dem Zahn der Zeit noch lange Trotz zu bieten verſprachen. So entſchwand die Zeit, die hohe Mittagsſonne war laͤngſt dahin, und des Abends graue Schatten wehten und goſſen eine milde ſchoͤne Daͤmmerung auf die große herrliche Natur. Wil⸗ helm trat zu ſeinem Eduard, der an einen Felſen ge⸗ lehnt, noch immer mit verſchlungenen Armen in die weite große Schoͤpfung ſah, als wenn er den Schluͤſ⸗ ſel ſuche, der ihm die Zeit, die tief verhuͤllte Zukunft entraͤthſeln ſollte. Wie fluͤchtige Schattenbilder zo⸗ gen die Scenen ſeiner fruͤhern Jugend in ſeinem Gei⸗ ſte voruͤber und die glucklichen Jahre ſeiner Kindheit traten in ihrem reizenden Zuſammenhange vor ſeine tiefbewegte Seele. Ein Spiel des Schickſals war er, ach! noch ſo fremd auf dieſer heimiſchen Erde und haͤtte doch die ganze Schoͤpfung mit heißer Liebe umarmen moͤgen, um dies innige, menſchliche Gefuͤhl, was, wie der reine Thau im Kelch der Blume, in ſeinem ſchoͤnen unverdorbenen Herzen wohnte, aus⸗ weinen zu koͤnnen. So traf ihn ſein Freund Wil⸗ helm, eine Thraͤne zitterte an den Wimpern ſeiner Augen und in den Mienen ſeines etwas ernſten, maͤnnlich ſchoͤnen Geſichtes, druͤckte ſich Wehmuth, Schmerz, Sehnſucht und Glut ſichtbar aus. „Ein ſchoͤner Tag,“ lispelte Wilhelm, der die Stimmung ſeines Freundes geahnet, und ihn abſicht⸗ lich deshalb allein gelaſſen hatte:„ein ſchoͤner Tag,“ ſagte er, um nur etwas zu ſagen.„Eine herrliche 112 Gegend,“ ſetzte er hinzu, da ſein Freund ſtumm blieb und ſeinen Gefuͤhlen ſich uͤberließ. „Das iſt Ruͤckſtral der Gottheit,“ brach Eduard endlich wild hervor:„oder die ganze Natur iſt eine entſetzliche Luͤge!“ Halb erſchrocken blickte Wilhelm ſeinem Freunt⸗ in das Geſicht, um die Erklaͤrung ſeines Ausſpruchs aus ſeinen Mienen zu leſen, doch jener fuhr endlich fort: „Bruder, Du ſtarrſt mich an, als ob ich im Wahnwitz geſprochen habe. Sieh dieſe Herrlichkeit der Schoͤpfung, ſo neu und ſchoͤn, ſo friſch und kraͤf⸗ tig; ſieh die alten Felſen, und den alten majeſtaͤti⸗ ſchen Strom dort, von dem eine große Zeit ſo viel uns erzaͤhlt, iſt ſie nicht der lebendigſte Beweis von einem Weſen, das da droben waltet und wacht und nicht untergehen laͤßt, hier ſo herrlich und kräf⸗ tig ſich zeigt?“ „O gewiß— aber Dein Ton iſt ſo ſchneidend, Deine Stimme den Worten ſo widerſprechend; Du biſt in einer fuͤrchterlichen Stimmung, und was An⸗ dern Entzuͤckung gewaͤhrt, das nagt jetzt freſſend an Deinem Innern.“ „Das iſt's ja eben,“ erwiederte Eduard,„was mich peinigt: was da iſt und lebt, was hier ſo maͤch⸗ tig uns ergreift, es iſt hervorgegangen aus der Ver⸗ weſung Schutt und jede neue Erſcheinung iſt das Grab alter Herrlichkeit. Millionen Wuͤrmchen freuen ſich in dem einen Augenblicke, und ein Tritt Deines⸗ 115 Fußes zerdruͤckt ſie zu Staub; was Du ſiehſt iſt neu und ſchoͤn, um dahinzuſchwinden, und nur der Wechſel und die Mannichfaltigkeit iſt das Ergoͤtzliche und Schoͤne. Da ſteht der Menſch, der Schoͤpfung Koͤnig, ſich bewußt des taͤuſchenden Spiels der Na⸗ tur; heute entzuͤckt und berauſcht im Arme des Gluͤcks und der Liebe, und Morgen der Laune des Schickſals und dem Zufall zum Spiel, auf dem Grabe ſeiner getraͤumten Hoͤhe!“ „Warum Gift ſaugen, theurer Eduard, aus dem Honig, den die Natur uns ſpendete? Warum das Gemälde zergliedern, und den Farbenſtoff zer⸗ ſtͤckeln, den Dir der goͤttliche Meiſter im Schatten⸗ bilde nur zeigt? Du biſt reich genug mit Deinem Gefuͤhl, das ganze große All der Schoͤpfung in der Tiefe Deiner Seele zu erfaſſen, warum ſo hartnäckig und beſonnen mit zerknirſchter Seele Dunkel und Truͤbſinn uͤber das heitere Gemaͤlde gießen?““ Eduard horchte nur mit halbem Ohr auf die troͤſtenden Worte ſeines Freundes und blickte wieder ſinnend in die weite Schoͤpfung hinaus. Es wogte in ſeinem Innern auf und ab. Doch plotzlich riß es ihn hin und er war ſeiner nicht mehr maͤchtig; er warf ſich ſeinem Freunde in die Arme. „Bruder! Bruder!“ rief er tief ergriffen: „ich gehe zu Grunde mit dieſem Gefuͤhle. O wie ich ſie liebte, mit ganzer Seele ſie umſchlang und in dieſer Liebe meinen Himmel, mein Alles ſah. Lange war ich, von den Träumen meiner Kindheit erwacht, 114 meiner ſelbſt unbewußt; da wurde mir's klar, das arme Leben; die Aufgabe war geloͤſ't und den gro⸗ ßen Schluͤſſel gab mir die Liebe zu Emmelinen. Was ich damals fuͤhlte und dachte, es liegt in Däm⸗ merung verhuͤllt, hinter mir, und nicht zu beſchrei⸗ ben vermoͤchte ich's, und wenn ich den Griffel der bil⸗ denden Ratur ſelbſt abborgte. Ha! und nun ſo ſchändlich ſteht ſte da, die ich anbetete und die das Leben mir erſt werth machte, als feile Dirne, welche dem Meiſtbietenden dienſtfertig ſich in die Arme warf. O hätte ſie mich verſtanden, haͤtte ſie getheilt mit mir gleiche Empfindung und gleiche Begeiſterung, ich hätte ſie zur Gluͤcklichſten ihres Geſchlechts ge⸗ macht. Sie zu verlieren, war ich ſtark genug; aber ſie als unwuͤrdig ſolcher Liebe, ſie als ein gewoͤhnli⸗ ches Alltagsgeſchoͤpf zu erkennen— ſieh', das nagt, das frißt mir am Leben. Hätte ſie ſich mir ent⸗ deckt und um Entſagung mich gebeten, wohl, dann waͤhnte ich getraͤumt zu haben, und die ſchoͤnen Bil⸗ der der Vergangenheit haͤtten die ſchaale Gegenwart mir erſetzen ſollen; aber ſich davon ſchleichen und jedes Mittel anwenden, was ſie zur gewoͤhnlichen Theaterprinzeſſin herabwuͤrdigt, und Alles nur, um meiner los zu werden— Bruder, das bringt mich dem Wahnſinn nahe. Es war ein Fehlgriff, die Natur vergriff ſich in ihrem Stoffe, bildete einen Engel und blies ihm die Seele eines gemeinen Wei⸗ bes ein.“ Wilhelm fuͤhlte mit ſeinem theilnehmenden Her⸗ 115 zen den Schmerz ſeines Freundes; doch ſuchte er durch eine gleiche Stimmung, die mit der herrlichen Natur, welche ſie umgab, ſo im Widerſpruche ſtand, ſein erregtes Gefuͤhl nicht noch mehr zum Ausbruche zu reizen. „Du haſt recht, theurer Eduard, nichts iſt ſchmerzlicher, nichts fuͤrchterlicher, als betrogene Lie⸗ be; dein Schmerz iſt gerecht, und wenn ich ihn auch nicht in ſeinem großen umfange empfinde, ſo ſei ver⸗ ſichert, daß ich ihn ganz begreife.“ Dieſe Worte, welche Wilhelm troͤſtend und mit ſanfter Stimme zu ſeinem Freunde ſprach, erwaͤrmte die herberen Empfindungen deſſelben und er weinte laut und warf ſich ſchluchzend an deſſen Bruſt. Wilhelm wurde ſo bewegt vom Jammer, den Eduard fuͤhlte, daß ſein Auge uͤberfloß von Thränen, und beide Genoſſen zollten der Natur ihr ſtrenges Opfer. Thraͤnen ſind der Maͤnner nicht unwuͤrdig; die Na⸗ tur gab ſie uns, um der Fuͤlle des Schmerzes oder der Freude, die uns erſticken wuͤrde, einen Ausgang zu verſchaffen, der die Bruſt wieder zu erleichtern und die gepreßten Gefuͤhle zu zertheilen vermag. Noch weilten Beide einige Zeit an dem Abhange des Berges, um die unterſinkende Sonne zu beobachten, deren letzte Stralen die fernen Berge vergoldeten und einen roſig ſchoͤnen Schleier zu beiden Seiten in die Thaͤler warfen: dann eilten ſie hinab in's Thal und nach dem Staͤdtchen, was ſchon einige Tage ihr Aufenthalt war. 116 Es waren ungewoͤhnlich viel Fremde in dem Gaſthofe, die Alle auf der Reiſe nach der Frankfur⸗ ter Meſſe hier uͤber Nacht verweilten. So angenehm ihnen dies ſonſt geweſen waͤre, ſo waren ſie doch Beide zu bewegt und von dem, was zwiſchen ihnen vorgegangen war, noch zu erſchuͤttert, als daß ſie Vergnuͤgen an der Unterhaltung der Fremden gefun⸗ den hätten. Juden, Kraͤmer, Kaufleute, Mäkler, Roßhändler, waren in buntem Gemiſche vereinigt und ihre kreiſchenden Stimmen verriethen einen lau⸗ ten Streit, an dem man gemeinſchaftlich Antheil nahm. Wilhelm uͤberſah fluͤchtig die Scene und eilte dann mit Eduard nach dem angewieſenen Zimmer, auf welches ſie ſich ihre Abendmahlzeit bringen lie⸗ ßen.„O wie ſind mir die Menſchen verhaßt!“ rief Eduard, in ſeine alte Schwermuth verfallend, unmuthig aus:„wie ſind ſie mir verhaßt, die wie die Würmer umherkriechen und um einen Pfennig ſich verfluchen und anfeinden; die ſich ruͤhmen, Feine Fliege toͤdten zu koͤnnen, und jauchzend in die Hände klatſchen, wenn ein reicher Mann durch des Schick⸗ ſals Sturz banquerot und bettelarm von der Borſe eilt, um in den Fluten ſeinen Schmerz zu loͤſchen.“ „Beſter Eduard,“ rief Wilhelm, und ſuchte den ernſten Ausbruch ſeines Freundes in Scherz um⸗ zukehren:„die Welt iſt ein großes Theater, wohl dem, der als Akteur von der Natur ſich ſeine Rolle gut bezahlen läßt. Wie lange dauert der Tanz und das Mimenſpiel, ſo eilen wir, die wir bettelarm und 117 nackt in dem großen Schauſpiel auftraten, wieder bettelarm aus demſelben hinaus. Laß die Menſchen ſich beneiden und beelenden; es iſt ihr eigener Scha⸗ de, wenn ſie in dem Kothe dieſer Erde umherkrie⸗ chen und nie aufblicken, was uͤber ihnen waltet und ſchaltet; ſie gehen im Kothe unter, ohne das Beſſre ihres Lebens erkannt zu haben. Mit welchen Anla⸗ gen und Kraͤften wird der Menſch nicht geboren, wie regt und bewegt ſich's nicht in dem jungen Ge⸗ muͤthe, wozu ließ der biegſame Sproßling ſich nicht biegen und bilden;— doch der ungedeihliche Boden läßt ihn zum Knorren wachſen und in dem Knorr die beßten Kraͤfte untergehen.“ So verkurzweilten ſich beide Freunde ihre geit, bis die Nacht ihre ermuͤdeten Glieder zu Ruhe trieb. Allmälich verſcholl das Geräuſche des Hauſes, nach und nach klappte noch eine Thuͤre nach der andern im Hauſe, tonte noch eine Stimme nach der andern aus den untern Zimmern des großen Gebäudes nach den obern hin; endlich war es Grabesſtille und dichte Finſterniß in dem Schlafzimmer beider Freunde. Wilhelm ſchlief ſanft und ruhig, nur Eduard wach⸗ te, noch zu bewegt von den Bildern des Tages, die ſich ſeinem Gemuͤthe aufdrangen. unruhig wälzte er ſich bald auf die eine, bald auf die andere Seite; plotzlich drang eine bruͤllende Stimme:„ Feuer! Feuer!“ in ſeine Ohren. Er horchte, aus dem Wechſel ſeiner Empfindungen aufgeſchreckt, ſcharf empor, da verdoppelte ſich das Geſchrei und ſchon 118 ſing die Sturmglocke an um Huͤlfe zu rufen. Schnell ſprang Eduard von ſeinem Lager auf, weckte ſeinen Freund, der ſich in die Höhe dehnte und verwun⸗ dert fragte. Das Geſchrei verkuͤndete ihnen die Noth des Städtchens. Eduard war ſchnell angezogen; denn wie in ſei⸗ nem Gefuͤhle raſch, war er es auch in der That, und er eilte nach dem Orte hin, wo die Gefahr ſich zeigte. Nicht weit vom Gaſthofe war das Feuer ausgebrochen und praſſelnd ſchlug die Flamme aus den untern Zimmern eines Hauſes nach oben hin. Er drang hinein, da jammerte eine halbnackte Mut⸗ ter nach ihrem einzigen Kinde und wies haͤnderingend nach einer von den Flammen ſchon ergriffenen Trep⸗ pe. Mit Blitzesſchnelle ſtuͤrzte ſich Eduard durch die Flamme und erreichte gluͤcklich das erſte Stock. Un⸗ bekannt mit der Eintheilung des Hauſes rann er hin und her, ohne eine Spur von dem Kleinen zu ent⸗ decken. Immer naͤher drang die Gefahr herbei und die Glut zerſprengte ſchon die Fenſter; Eduard eilte eine Treppe hoͤher, da fand er in einer Kammer ru⸗ hig ſchlummernd, und nicht ahnend die nahe Gefahr, das junge Geſchoͤpf auf ſeinem Lager. Raſch es emporhebend, wickelte er das zu rettende Kind in ſeinen Mantel feſt und dicht ein, umwand ſeinen rechten Arm und ſchlug den Mantel uͤber das Ge⸗ ſicht— ſo drang er die Treppe hinab. Doch wehe, die Glut ſchlug ihm in das Geſicht und die Flamme drohte den hochherzigen Juͤngling zu erſticken. Er ——— 119 rann nach dem Fenſter und ſchrie mit voller Stim⸗ me, eine Leiter anzuſetzen. Der Menſchenhaufe, der ſich unten verſammelt hatte, hoͤrte eine Zeit lang bei dem anwachſenden Getoͤſe der Rettenden und Neugierigen und von allen Seiten Herbeiſtroͤmenden, den Rufenden nicht. Endlich gewahrte die Mutter des Kindes den Juͤngling am Fenſter; ſchnell wurde eine Leiter angeſetzt und Eduard ſtieg ſchleunigſt an derſelben hinab, legte das weinende gerettete Kind in die Arme derſelben und genoß, im Anſchaun ihres Gluͤcks verſinkend, den Lohn ſeiner That. Donnernd ſtuͤrzten die Trümmer des innern Gebaͤudes zuſam⸗ men und verkuͤndeten die nahe Gefahr zweier geret⸗ teten Menſchenleben.— Eduard ermannte ſich von dem gehabten Schrecken ſchnell und griff dann thätig und mit verzweifelnder Staͤrke das große Werk der Rettung an. Wo die Gefahr am groͤßten war, zeigte er ſich am gewandteſten und kuͤhnſten und nach einigen Stunden genoß die ganze rettende Ge⸗ ſellſchaft das Vergnuͤgen, die Gefahr verdraͤngt zu ſehn. Wilhelm umarmte ſeinen Freund und zeigte in dem Augenblicke der Ruͤhrung ſein volles, liebe⸗ glühendes Herz. Er machte Eduarden ſanfte Vor⸗ würfe, ſich ſo tollkuͤhn der Todesgefahr Preis gege⸗ ben zu haben und ſah jetzt erſt, was er vorher nicht bemerkt hatte, wohin dieſes leidenſchaftliche, große Gefuͤhl, ſeinen Freund in der Verzweiflung und im Schmerze fuͤhren konnte. 120 Da ihre Hilfe nicht mehr nothig, eilten ſie Beide zuruͤck und plauderten im traulichen Geſpräche den Morgen herbei. Eduard war einer von den Menſchen, die leicht und tief ergriffen und oft im leidenſchaftlichſten Ge⸗ fuͤhl bis zur tobenden Wildheit hingeriſſen werden, und dieſes Gefuͤhl meiſt in einer feurigen Poeſie aus⸗ ſtroͤmen. Wie grell und wild auch ſeine Philoſophie war, die er Tags vorher im Wechſelgeſpraͤche gegen ſeinen Freund aͤußerte, ſein edles, moraliſches Ge⸗ fuͤhl riß ihn faſt ſtuͤrmiſch zur Tugend und zur That hin. „Freund, rief Wilhelm, ich bin beſorgt um Dich; nicht daß Du hätteſt verbrennen koͤnnen, dazu biſt Du zu gewandt und kraͤftig; aber ich ſehe nicht den Ausgang, wohin die Richtung Deines Tempera⸗ ments Dich fuͤhren kann. Ich war mit dem beßten Willen nach der Brandſtätte geeilt, konnte aber we⸗ nig oder nichts helfen, ſo verſunken war ich im An⸗ ſchaun Deines Schaffens. Es war mehr als menſch⸗ liche Anſtrengung, was Dich in dem Haufen ſo kuͤhn die ſchwerſten Arbeiten vollbringen ließ. Wo der Tod mit jähem Rachen Dir entgegengrinſ'te, da ſtandſt Du mit dem Feuerhaken und riſſeſt die Bal⸗ ken herab, daß die Splitter weit uͤber Dich hin in die Erde drangen. Dieſes lebensverachtende Toben, Dein ſtuͤrmiſch⸗ bewegtes Gemuͤth— Bruder, Bru⸗ der, wenn Du Niemand mehr hätteſt, was Du Dein nennen konnteſt!— bin ich Dir iſt Deine Schwe⸗ 121 Schweſter, meine Geliebte, ſanfte Anna Dir gar nichts mehr? „O laß mich,⸗ rief Eduard:»ich kenne Euch, Ihr guten Menſchen, doch da ihr nicht ahnet, was ich leide, wuͤrde ich nur ein Schmerzensſohn in Eurer Mitte weilen. Beſſer, dies gluͤhende Herz, das das Theuerſte, das Einzige verlor, was die Erde ihm verſchoͤnern konnte, es waͤre untergegangen im Be⸗ wußtſein einer edlen That.“ So ſprachen die Freunde noch lange zuſammen, da fuͤhlte Eduard erſt einen großen Schmerz an der linken Achſel. Wilhelm eilte ängſtlich, die Stelle zu unterſuchen und er fand den Arm und die Achſel ge⸗ ſchwollen und ſtark entzuͤndet; jetzt erſt erinnerte ſich Eduard, daß ein ſtarker Balken, der herabgeſtuͤrzt war, ihn hierher getroffen habe. Wilhelm rief die Wirthin und bat um lindernde Mittel, die dieſelbe nun auch ſchleunigſt herbeiſchaffte. So wenig ge⸗ fährlich die Wunde auch war, ſo empfindlich war ſie doch, und die Freunde, welche ſich vorgenommen hatten, den andern Tag noch nach Koͤlln zu reiſen, wo ſie Briefe von Hannover erwarteten, waren ge⸗ zwungen, in dem Stäͤdtchen zu verweilen. Den ganzen Tag uͤber mußte Eduard das Bette huͤten. Wilhelm wich nicht von ſeinem Lager. Die Mutter des geretteten Kindes fand ſich mit ihrem Manne ein und dankten in ihrer herzlichen Einfalt mit ruͤh⸗ renden Worten dem verwundeten Juͤngling, der ſo großmuͤthig ſein Lehen in die Schanze geſchlagen Die Intrigue. 1. 6 22 hatte, um ihnen das Liebſte, was ſie beſaßen, zu retten. Auch der Stadtrath des Staͤdtchens ver⸗ ſäumte nicht, in einem großen Belobungsſchreiben den Fremden fuͤr die geleiſteten Dienſte ihre dankbare Geſinnung im Namen der Buͤrgerſchaft an den Tag zu legen. So verſtrich der Tag ſchnell und der Ge⸗ ſchwulſt am Arme legte ſich ſo weit, daß man ſich getraute, des andern Tages die Reiſe, jedoch zu Wa⸗ gen, weiter fortzuſetzen. Sie fuhren fruͤh weg und kamen noch ſehr zeitig in Koͤlln an. Wilhelm eilte ſogleich nach der Poſt, um nach den Briefen zu fra⸗ gen, die ſie von Hannover aus erwarteten. Schmer⸗ zings Mutter hatte nur geſchrieben und der Brief war ſchon acht Tage alt. Wilhelm eilte daher eilig zu ſeinem Freund zuruͤck, und durchflog den Brief ſeiner Mutter.