deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und„ eträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Ihe Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ elben von mir geliehen,Lauchſdafür zu ſtehen haben. —— —— Von „2* Ludwiß Storch. Dritter Theil. Leipzig, E n ſ eil. 1856 1. Evans OReils That. „Wie wird das enden?“ ſagte der Statthalter be⸗ troffen zu ſich ſelbſt, als die Marinari und die jun⸗ gen Mädchen den Neapolitaner mit lebhaften Geber⸗ den umringten, wie ſie jenem Volke eigen ſind, wenn es über etwas ſeinen Unwillen verräc, Doch dieſer trat mit aller Würde des angenommenen Standes unter ſie und wieß ſie mit gebieteriſchen Zeichen zu⸗ rück. Beſänftigt, wie es ſchien, ſetzten ſie ihre frü⸗ hern Tänze fort. Der Ritter trat ſogleich wieder zum Statthalter und ſchien ihn nicht verlaſſen zu wollen. Verlegen ſagte dieſer:„In der That, Mon⸗ ſignore, die Scene war rein hiſtoriſch aus Ihres Lan⸗ des Vorzeit.“ „Nur Maſaniello fehlt noch, Mylord!“ verſetzte der Ritter. Corhampton erbebte, doch er gab ſich keine Blöße und eilte nach der Thür des nächſten Zimmers. Ein neues, im Saale entſtehendes Geräuſch zog ſeine Blicke rückwärts; ſie hafteten auf einem breitſchultrigen Manne von mehr als gewöhnlicher Größe, der im ſaubern Seemannsanzuge mit lang herabhängender, rother Beutelmütze und blutrother Schärpe, ſo wie ſie die neapolitaniſchen Marinari tragen, mit einem eben 6 ſo maskirten Gefolge hinter ſich, hereintrat und durch die ihn freudig umringende, vor ihm eingetretene Fiſchergeſellſchaft ſchritt. In demſelben Augenblick verſchwand der Statthalter durch die Thür und ging raſch durch einige Zimmer. An einem Buffet gewahrte er im Vorübergehn einen ſei⸗ ner Subalternen, einen guten, friedliebenden Geſchäfts⸗ mann, der ſich hier an Speis und Trank gütlich that. „Maſter Lingsborn!“ redete ihn Lord Corhampton haſtig an, und ehrerbietig ſtand der Mann, Befehle erwartend;„folgen Sie mir in jenes Kabinet!“ Der Speiſende war ihm auf der Ferſe. „Geben Sie mir eilig Ihre Eremitenkutte, Ih⸗ ren Hut, Ihren Stab, Ihre Larve!“ herrſchte der Machthaber und ſchlenderte die Toga und den Helm von ſich.„Bedienen Sie ſich meinetwegen meiner Maskenkleidung!“ Fünf Minuten ſpäter ſtand der Vicekönig verwandelt unter der Menge. Mr. Lings⸗ born hatte ſich dagegen in die conſulariſche Maske geworfen und erſchien mit vorgenommener Larve, wie im großen Saal geboten war, in der Nähe der Ma⸗ rinari. Kaum hatte er ſich gezeigt, als der hohe ſtarke, zuletzt angekommene Fiſcher ſeine Rechte gebie⸗ teriſch ausſtreckte und dadurch die Schritte ſeiner Um⸗ gebung hemmte. An Maſter Lingsborn herantretend, ſagte er:„Auf ein Wort, Maske!“ und deutete auf ein in ſeiner Linken liegendes, zuſammengefaltetes Pa⸗ pier, faßte ihn am Arm und zog ihn in das Zim⸗ mer, deſſen Thür ſogleich geräuſchlos verſchloſſen und von den übrigen Fiſchern beſetzt wurde. Mit verſchränkten Armen ſchritt in der Nähe der⸗ ſelben der neapolitaniſche Ritter auf und ab, während ein Theil der Geſellſchaft neugierig dem Ausgange dieſer ſeltſamen Scene entgegenſah. . ₰. 8 7 Weiter unten im Saale war der Tanz unter dem jüngern Theile der Geſellſchaft nicht unterbrochen wor⸗ den. Eben ſo wenig hatten die ältern Herren, welche in entferntern Zimmern, von der läſtigen Maske be⸗ freit, Entſchädigung für die Langeweile im Becher oder im Spiele ſuchten, die leiſeſte Ahnung von dem eintretenden Intermezzo, da ſie die rauſchenden Töne der Muſik ohne Unterbrechung vernahmen. Auch die in der Nähe verliefen ſich zum Theil, da ſie eben nichts Beſondres ſich ereignen ſahen; An⸗ dere reiheten ſich um die Neapolitaner, die einen neuen, anmuthigen Tanz begannen. Lord Kildare hatte unterdeſſen zwei Masken auf⸗ geſucht, die ihn erwartet zu haben ſchienen und ſich mit demſelben in eins der entlegenſten Zimmer bega⸗ ben. Dort nahmen alle Drei in der Niſche eines Fenſters Platz. Die beiden Männer demaskirten ſich, und James Morries und Robert Henderſon ſchälten ſich aus der Verpuppung. „Jedes Wort iſt vergebens, meine Freunde,“ ſagte der Lord;„ich habe Alles verſucht, was ein Mann meines Standes, ohne ſich etwas zu vergeben, thun kann, ich bin bis zur äußerſten Linie des Schicklichen vorgegangen, und es iſt mir nicht gelungen, meinem Ziele nur einen Schritt näher zu kommen. Zetzt blei⸗ den uns nur Liſt und Gewalt übrig. Haſt Du be⸗ reits Vorkehrungen getroffen, James?“ „Der Gefangenwärter iſt zu gewinnen, Mylord,“ verſetzte Morries.„Hat man ihm ein hübſches Sümmchen in die Hand gedrückt, ſo wird er nichts dagegen haben, wenn ein Haufe Volks das Gefäng⸗ niß ſtürmt und Sir Lewis befreit. Doch das iſt Bedingung, daß er überfallen wird. Die Thüren will er dann öffnen.“ 8 „Wohlan, hier iſt Gold für den Gefangenwärter! Uebergieb es ihm, James. Und Sie, Robert Hender⸗ ſon, nehmen dieſen Beutel, miſchen ſich unter das Ge⸗ ſindel, das unten vor dem Hauſe lungert und mit nei⸗ diſch gierigen Augen nach den Fenſtern heraufſchaut, leſen ſich ein paar Dutzend ſtämmige Kerle mit guten Knitteln heraus, gehen mit ihnen in eine Kneipe, laſ⸗ ſen ihnen Whisky und Porter einſchenken, ſo viel ſie trinken wollen, und machen ſie mit dem Plane be⸗ kannt, Sir Lewis O'Donnel aus dem Gefängniß zu befreien. Dann theilen Sie das Geld unter ſie aus. Dieſes Volk iſt immer bei der Hand, wenn es gilt, der Regierung einen Streich zu ſpielen, und O'Don⸗ nel iſt ja der Götze alles Bettelvolks in Irland. Füh⸗ ren Sie ſie gegen Mitternacht, wenn hier Alles be⸗ trunken ſein wird, nach dem Gefängniß, befreien Sie den Baronet und verlaſſen Sie ſogleich auf ſchnellen Roſſen die Hauptſtadt mit ihm. Von Lindſayhall füh⸗ ren Sie ihn in die Heideſchenke hinüber und liefern ihn der alten Peppy aus. Haben Sie verſtanden?“ „Verſtanden wohl, Mylord, aber begriffen nicht. Das begreif' auch ein Andrer! Die alte Hexe in der Heideſchenke hat doch Recht, und ich fange an, weit mehr Reſpekt vor ihr zu bekommen.“ „Schweigen Sie!“ ſagte der Lord pikirt,„und erhöhen Sie meinen großen Verdruß nicht noch durch unnütze Anmerkungen. Lewis O'Donnel iſt mein Feind und wird es ewig bleiben; ich haſſe ihn, wie keinen Menſchen weiter, und doch muß ich ihn retten. Schlimm genug für einen Mann, wie ich, daß er durch Ver⸗ hältniſſe genöthigt iſt, das zu thun, was ſeinem Wil⸗ len und ſeinen Neigungen ſchnurſtracks entgegenläuft. Doch die Verhältniſſe beherrſchen mich jetzt tyranniſch, und es iſt Lebensklugheit, ſich ihnen zu fügen, und da⸗ — 9 8 durch Zeit und Gelegenheit zu erlangen, ſie unter die Füße zu treten und über alle Hinderniſſe endlich triumphirend aus dem Streite hervorzugehen. Auch dieſe Stunde wird ſchlagen, deß getröſt' ich mich. Jetzt geht, meine Freunde, und beſorgt, was Noth iſt; ich verlaſſe mich auf Euch, wie immer.“ Henderſon ging kopfſchüttelnd, Morries lächelnd, und der Lord trat wohlvermummt ſeinen Rückzug nach vem Saal an, gerieth aber von der andern Seite in das Zimmer, welches der ſtarke Seemann vorn ver⸗ ſchloſſen hatte. Ein Schrei des Entſetzens entfuhr Kildare. In der Dämmerung— denn die meiſten Lichter waren ausgelöſcht— ſah er einen Mann rö⸗ chelnd und ſtöhnend in einem Stuhle liegen, den er an der Maske für den Statthalter erkannte, und ihm entgegen trat ohne Maske, mit kalter Miene, einen blutigen Dolch in der Hand ſchwingend, der fürchter⸗ liche Evans ONeil. Kildare taumelte zurück, als er⸗ blicke er ein Geſpenſt, die Maske entfiel ſeinem Ge⸗ ſicht, und der einäugige Seemann erkannte auch ihn. „Willkommen jetzt auch zu meinem Feſte, My⸗ lord!“ donnerte er dem Zagenden entgegen.„Hier liegt das Haupt gefällt, der Beſchützer der Blutſauger vergießt ſein eignes Blut! Dankt's für dies Mal dem Engel, Euerer Tochter, daß Ihr nicht nachfolgt auf der Reiſe, die dieſer hier anzutreten im Begriff iſt.“ Und den Lord grimmig bei der Bruſt packend, ſchlenderte er den nur ſchwach Widerſtrebenden mit Rie⸗ ſenſtärke zu den Füßen des bleichen, blutenden Mannes. Evans riß die Thür auf und ſchritt majeſtätiſch hinaus.„Es iſt geſchehen,“ rief er mit flammendem Auge dem Ritter zu und dieſer nahm die Maske vom Geſicht. Es war der geächtete Leßlie.„Ich grüße Dich, Irlands Maſaniello!“ jauchzte er dem Lootſen 10 zu, und alle die Marinari riefen:„Wir begrüßen Dich, Maſaniello!“ In einem Nu waren die Geſich⸗ ter frei, und mit Entſetzen erkannten die Uebrigen wilde Blicke und Züge aus den Vorſtädten und dem Hafen. O'Reil trat mitten unter ſie und rief, ſeinen Dolch vorzeigend:„Verkündet jetzt unſern Landsleuten in den entferntern Theilen der Stadt, daß ich das Werk, welches ich Irland gelobte und meiner Rache, vollbracht habe. Der Statthalter iſt von meiner Hand gefallen!“— Ein gräßlicher Schrei löſte die ſtarre Feſſel der Furcht und des Erſtaunens, in welche die Verſammlung geſchlagen war. Kalt ſah ſich der Red⸗ ner im Kreiſe um, dann fuhr er fort:„Eilt an den Hafen, führt die Tauſende heran, die dort und in den Kirchſpielen der Vorſtädte nur auf dieſe Nach⸗ richt warten, um zu unſrer Unterſtützung heranzu⸗ ſtürmen. Dann laßt uns die Gefangenen aus dem Kerker befreien und vor allen ihn, den treueſten Sohn Erins, und ihn als das neue Oberhaupt des Vater⸗ lands begrüßen. Denn Ordnung, Ihr Männer, ver⸗ ſteht mich recht, muß ſein! Ein Schiff ohne Steuer kann dem geringſten Luftſtoße nicht widerſtehen, eben ſo wenig könnt Ihr beim beſten Willen Euch ſelbſt regieren! Nie hab' ich's gern geſehen, wenn mehr als ein Koch am Bord wirthſchaftete. Doch hatte ich's immer am liebſten, wenn's ein Landmann war, der uns mit einfacher iriſcher Koſt bewirthete. Ich gönne Roaſtbeef und Plumpudding den Engländern. Uns laſſe man nur unſere Kartoffeln, und wenn's ſein kann, ein Schinkenſchnitichen am Feſttag. Aber den eignen Koch, nicht hundert, die in den Topf gucken, das Fett abſchöpfen und uns nur das Waſſer laſſen! Dafür, Kinder, will ich nun jetzt ſorgen.“ Ein donnerndes Lebehoch ſeiner Gefährten, welches von einer zahlloſen Volksmenge von der Straße her⸗ auf erwidert wurde, folgte dieſer einfachen Rede, wo⸗ durch O'Neil in wenigen Worten Irlands politiſches Glaubensbekenntniß öffentlich abgelegt hatte, welches auch dem kurzſichtigſten ſeiner Landslente begreiflich war. Dann warfen ſie die Masken von ſich und eilten jubelnd hinaus, nach allen Seiten hin den be⸗ ginnenden Aufſtand zu verkündigen. Von der Straße herauf, wo das Geſchrei:„Der Vicekönig iſt ermor⸗ det!“ wie geflügelte Drachenbrut nach allen Winden flog, drängte ſich die rohe Maſſe in den Saal. Hier ein gräßliches Chaos aller Töne und Stimmen, Aus⸗ rufungen der Angſt, des Schreckens, der Verzweiflung, der rohe Jubel gemeiner Leidenſchaften, die jeder Feſ⸗ ſel entbunden, bacchantiſch umherraſen, Fluchen, To⸗ ben, Lachen, Jauchzen, Weinen und Geheul, dabei ein Drängen und Treiben, ein Fluthen und Vorwärts⸗ ſtreben in den Sälen und Zimmern, hinaus, hinein⸗ Verſchwunden war die todte Steifheit, aber das Leben, das plötzlich erwacht war, hatte das Grauſen in ſei⸗ nem Gefolge. Ein Theil der Gäſte ſuchte die allgemeine Ver⸗ wirrung zur Flucht zu benutzen; Manchen gelang es, Vielen nicht. Einige der Entſchloſſenſten, mit zurück⸗ gekehrter Beſonnenheit die Gefahr erkennend, welche ihnen zugleich mit der Stadt drohete, wenn nicht auch von ihrer Seite ſo raſch als von der ihrer Gegner gehandelt würde, unter ihnen auch der Lord Kanzler, benutzten den Augenblick, als Evans unter die Ver⸗ ſchwornen trat, um in das Zimmer zu dringen. Dort umkreisten ſie ſchnell den Schwerverwundeten, aber ihr Erſtaunen überſtieg alle Gränzen, als ſie wahrnah⸗ men, es ſei nicht der Lord Statthalter, den ihr Schre⸗ cken beklagte. Der Lord Kanzler wollte dieſe über⸗ 12 raſchende und freudige Entdeckung eben mit lauter Stimme bekannt machen, als er ſich von einem Ere⸗ miten am Arme zurückgehalten fühlte.„Keine Vor⸗ eiligkeit, mein Freund!“ flüſterte dieſer, und Lord Cor⸗ hampton wurde leicht an der Stimme erkannt.„So⸗ bald Sie dem wüthenden Volke verrathen, daß ich es nicht bin, der hier in ſeinem Blute ſchwimmt, ſind wir Alle den Dolchen dieſer Mörder verfallen. Kei⸗ ner wird lebend dieſen Räumen entkommen. Laſſen Sie alſo den tollen Meuterhaufen bei dem Wahne, Irlands Oberhaupt ſei gefallen, und geben Sie ihm immerhin Ihre Wein⸗ und Speiſevorräthe Preis. Das iſt das beſte Mittel, den Aufſtand zu dämpfen, uns aber laſſen Sie auf ſchleunige Flucht aus Ihrem Hauſe denken!“ Und zu den Uebrigen ſich wendend, die ihn auch erkannt hatten, fuhr er leiſe fort:„Gelingt es Euch, meine Freunde, mich ſicher in meinen Palaſt zu geleiten, dann nehmt mein Wort darauf, daß ich die ganze Revolte durch kräftige Maßregeln noch dieſe Nacht unterdrücken werde. Ich kenne das Volk, das keine Stütze hat, als ſich ſelbſt. Es unterliegt dem entſchloſ⸗ ſenen Widerſtand, aber er muß raſch und kräftig ſein!“ Neuer Muth erfüllte die Umſtehenden. In der Mitte einiger ſeiner Adjutanten floh Corhampton, vom beſonnenen Hauswirth ſelbſt geleitet und in einen Mantel gehüllt, über eine düſtre Gallerie. Im näch⸗ ſten Augenblick hatten ſie den Hof auf einer Hinter⸗ treppe erreicht. Mit Hülfe eines von des Kanzlers Dienern, der mit allen Winkelgaſſen genau bekannt war, gelang die Flucht, da das Volk, welches jetzt in Maſſen, wie ein tobender Waldſtrom gegen das Hotel heranbrauſte, anfangs nur die Haupteingänge zu dem⸗ ſelben im Auge behielt. Auf dieſelbe Weiſe brachte der Hauswirth noch 13 viele Damen in Sicherheit. Schrecklich war dagegen das Lvos Anderer, die in der Verwirrung den einzi⸗ gen Ausweg entweder nicht fanden, oder von den furcht⸗ ſamen, ohne Zartgefühl nur auf die eigne Rettung bedachten Männern davon zurückgedrängt wurden, als der wüthende Pöbel, von ONeil vergeblich zurückge⸗ halten, die breiten Treppen in wilder Haſt herauf⸗ ſtürmte, und gleich Raubbienen in die glänzenden Ge⸗ mächer eindrang. Ein Theil deſſelben nahm unter raſendem Jubel Platz an den ſervirten Tafeln, und die zurückgebliebe⸗ nen Herren wurden unter Mißhandlungen gezwungen, ſie zu bedienen. Andre ſtürzten im Fluge das erſte beſte ihrem Blick ſich darbietende Getränk hinunter, berauſchten ſich und nöthigten die zitternden Muſikan⸗ ten, den iriſchen Volkstanz zu ſpielen. Da ſchallten die Säle von wildem Gelärm:„Nora Krina!*) Nora Krina!“ und bald ſpielte die Muſik den belieb⸗ teſten aller iriſchen Volkstänze, und der bacchantiſche Chor, vom betäubenden Geklapper der Holzſchuhe be⸗ gleitet, brüllte: „Tanze hübſch, meine Nora Krina! Tanze leicht zu, meine Nora Krina! Nora, Nora! Laß mich Deine Lippen koſten. Hab's gewonnen! Meiner Seele Abgott biſt Du, Nora Krina!“ Die halbbewußtloſen Damen wurden mit karikir⸗ ter Kourtviſie zum Tanz aufgefordert, mit Gewalt herbeigezogen und im wilden Taumel umhergeſchwenkt, bis ſie ohnmächtig niederſanken und vom ſchnell er⸗ *) Name des Tanzes. 14 wachten, dem Iren eigenthümlichen Mitleid auf den nächſten Divan getragen wurden. Vom Tanze ſtürzte der ſelige Burſche wieder zum Wein, und bald hatte er, den ihm unbekannten Kräften des feurigen Ge⸗ tränks erliegend, neben dem bewußtloſen Gegenſtand ſeiner Ausgelaſſenheit und Gutmüthigkeit, in demſel⸗ ben phyſiſchen Zuſtande Platz gefunden. Der Vicekönig hatte Recht gehabt. Vergebens donnerte O'Neil dem tollen Haufen Befehle zu, ver⸗ gebens ſchlug Leßlie mit Knitteln drein; verzweifelt ſa⸗ hen Beide die koſtbare Zeit verſtreichen: der immer dichter hereindringende Pöbel gefiel ſich nur im Ver⸗ wüſten und Schlemmen. Niemand hörte auf Befehle, Niemand auf Drohungen, Niemand auf Ermahnun⸗ gen; es war eine gräßliche Verwirrung. Zertrümmert und auch des geringſten Schattens ihrer frühern Pracht beraubt, ſtanden nach einer Stunde die Säle und Zimmer, deren Ausſchmückung für das Feſt allein ſo große Summen gekoſtet hatte, der von den Gäſten mit Bewunderung, vom Volke mit Neid betrachtet worden war. Als es nichts mehr zu zerſchlagen, nichts mehr zu verzehren gab, gelang es O'Reil, Leßlie und den übrigen Häuptern der Verſchwörung, einen Theil des wüſten Haufens aus ſeinem Taumel zu wecken und von dannen zu führen. Schon tobten die Gräuel des Aufruhrs, wie ein herannahender Gewitterſturm über die weite Stadt hin und ſchreckten die ruhigen Bewohner aus dem friedlichen Schlummer; ſchon ertönte das Heulen der Glocken, das Wuthgeſchrei des Volks, das immer ra⸗ ſcher ſich folgende Gewehrfeuer, als der kühne See⸗ mann, der den Muth ſeiner Landsleute nach der eig⸗ nen Beſonnenheit überſchätzt hatte, im Stande war, 15 einige regelmäßig geordnete Haufen gegen die Kaſer⸗ nen und den Palaſt des Vicekönigs zu führen. Hier ertönte plötzlich der Ruf:„Der Statthalter iſt nicht todt! Er lebt und ſteht an der Spitze der Truppen!“ Dieſe Nachricht brachte einen paniſchen Schrecken unter den Empörern hervor. „Es iſt nicht wahr, Lieblinge!“ ſchrie ONeil,„ich habe gut getroffen; er iſt von meiner Hand gefallen.“ Aber immer lauter krachten Schüſſe, immer toller wurde der Lärm. „Folgt mir, Landsleute!“ donnerte Evans wieder, auf's Aeußerſte gebracht,„folgt mir, Euern König aus dem Kerker zu befreuen. Er wird Euch zum Siege führen. Es lebe Lewis O'Donnel, König von Ir⸗ land!“ „Lewis O'Donnel, König von Zrland für immer!“ brüllte das Volk und ſtürzte dem Lootſen nach. „Sally und Irland!“ ſchrie Leßlie,„das iſt unſer Kampfwort!“ „Sally und Irland!“ riefen hundert Stimmen. „Lewis O'Donnel König!“ raſten hundert andre, und ſo wälzte ſich der furchtbar angewachſene Haufe dem Staatsgefängniß zu. 2 Die Pefreiung. Nicht Evans ONeil allein hatte den Abend des großen Maskenballs mit ſeinen Freunden zur Ausfüh⸗ rung eines langgehegten Planes erſehen; ſeine Toch⸗ ter hatte mit den Ihrigen daſſelbe gethan. Aber Sal⸗ ly's und ihrer Freunde Plan war, wenn auch nicht minder gefährlich als der ihres Vaters, doch weit fried⸗ licherer Natur. Unvermerkt hatte ſie ſich aus dem maskirten Gefolge Leßlie's entfernt und war raſch nach dem Hafen geeilt, ſchnellfüßig, wie ein Thier der Berge. Dort fand ſie an einem vorherbeſtimmten Orte den alten John Boyle und verweilte in leiſem eifrigen Geſpräche mit ihm. Der Lootſe wiſchte ſich mehr⸗ mals die Augen und ſchluchzte endlich:„Was thäte man Dir nicht zu Liebe, Juwel! Eine kleine Hexe biſt Du, die mich bereden könnte, meinem Gott untreu zu werden, geſchweige mir ſelbſt. Es ſoll Alles be⸗ reit ſein, Goldherz, und mein Kutter zu Deiner Ver⸗ fügung ſtehen. Meine Burſche werden mit einem Bovote auf Dich lauern dort an der äußerſten Ecke des Quai's und das Erkennungswort, das Dir ſogleich Auf⸗ nahme verſchaffen wird, ſei: Lewis für immer!“ „Lewis für immer!“ rief das Mädchen begeiſtert aus und ließ eine Thräne des Danks auf die derbe Hand des Greiſes fallen. Dann entfernte ſie ſich eben ſo ſchnell, wie ſie gekommen war, und ſuchte in einer abgelegenen Straße ein Haus auf, das ihr auf drei⸗ maliges Anklopfen vorſichtig gesffnet wurde. Howard 17 und Michaul Dahna traten ihr entgegen.„Haſt Du Deinen Auftrag beſorgt?“ fragte der Erſtere. „So iſt's, werther Sir. Boyle's Schiff ſteht be⸗ reit; Alles iſt beſtens angeordnet. Es koſtet mir Mühe, den alten Mann für unſern Zweck zu gewinnen; aber nun, da er mir ſein Wort gegeben, können wir Häu⸗ ſer darauf bauen. Laßt uns aufbrechen, Ihr Herren, die Zeit verrinnt und eine tobende Unruhe treibt mich zur Eile.“ „Noch können wir nicht gehen,“ erwiderte Howard. „Mr. Laing iſt noch nicht da. Er ließ ſich nicht da⸗ von abbringen, den Maskenball erſt zu beſuchen, um ſich zu überzeugen, daß dort Alles richtig, und wir ganz ſicher ſeien. Einſtweilen ſtecke Dich in dieſe Kleider.“ Mit dieſen Worten reichte er ihr eine voll⸗ ſtändige Uniform der Oſtmeath⸗Miliz, eines Corps, das wegen ſeiner der Regierung ergebenen Geſignung in der Hauptſtadt lag und überall gebraucht wurde, wenn es galt, gegen Volksintereſſen anzukämpfen. Howard und Michaul Dahna waren ſelbſt in dieſe Uniform gekleidet. Sally verſchwand in einer an das Zimmer gränzenden Kammer und trat bald darauf als ſchmucker Soldat heraus. „Du mußt als Unteroffizier neben her gehen,“ ſagte Howard, ſie mit Wohlgefallen betrachtend,„da Du das Exercitium nicht gelernt haſt. Wärſt Du nicht ſo ſchnell auf und davon gelaufen und hätteſt erſt hübſch abgewartet, ob Tim Ruuthan auch wirk⸗ lich todt ſei, ſo könnteſt Du jetzt die Muskete eben ſo geſchickt handhaben, wie Miß Eliſabeth.“ „Laſſen Sie mich nur machen, Sir,“ verſetzte Sally.„Ich werde mich trotz meiner Unkenntniß nicht zum ungeſchickteſten benehmen.“ Ein abermaliges Klopfen an der Thür nach der Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IXN. 5 ——— 18 verabredeten eigenthümlichen Art unterbrach das Ge⸗ ſpräch. Michaul horchte vorſichtig hinaus und öffnete, ſobald er ſich überzeugt hatte, daß der Einlaßbegehrende niemand anders ſei, als der erwartete Laing. Her⸗ eingetreten, grüßte dieſer flüchtig, warf den Mantel ab und ſtand in den Maskenkleidern als Matroſe vor den Freunden, die ihn mit Vorwürfen über ſein lan⸗ ges Ausbleiben empfingen. „Hört mich an!“ rief er,„welch eine wichtige Entdeckung ich gemacht und welch herrlichen Plan ich darauf gebaut habe!“ Und mit geflügelten Worten erzählte er den Staunenden die belauſchte Unterredung zwiſchen Lord Kildare und dem Statthalter auf dem Maskenball. Allen war Kildare's Benehmen uner⸗ klärlich, und da Keiner der Anweſenden ihm etwas Gutes zutraute, ſo erſchöpften ſie ſich in Muthma⸗ ßungen, welche neue Bosheit der ſeltſamen dringenden Bitte des Lords wohl zum Grunde liegen möchte. „Sei dem, wie ihm wolle,“ fuhr Laing fort; „das uns ſo räthſelhafte Begehren Kildare's muß uns ein Sporn ſein, unſer Vorhaben ſo raſch als mög⸗ lich auszuführen; denn, aller Wahrſcheinlichkeit nach, wäre es um Sir Lewis' Leben geſchehen, wenn er in die Hände ſeines Feindes fiele. Auf die dem Statt⸗ halter trotzig in's Geſicht geworfene Drohung Kilda⸗ re's habe ich den Plan gegründet, uns beim Gefäng⸗ nißwärter für eine Inſpection der Wachen und Ge⸗ fängniſſe auf Befehl des Lordlieutenants auszugeben, weil verlautet, daß Lord Kildare eine Verſchwörung zur Befreiung des Sir Lewis O'Donnel im Sinne habe. Mich müßite alles täuſchen, wenn der durch⸗ triebene Lord nicht bereits Vorkehrungen zur Erlan⸗ gung ſeines Zwecks getroffen hätte. Dadurch erlan⸗ gen wir den Vortheil einer völligen Sicherheit, die — —— — — 5— —— 19 uns erſt fehlte, und brauchen nicht zur Gewalt zu ſchreiten.“ „Bei Zeſus!“ rief Howard,„Sie haben Recht, Freund. Sie wiſſen die Umſtände zu benutzen. Dann nützt uns aber der früher angefertigte Befehl nicht.“ „Wir ſchreiben ſchnell einen andern,“ antwortete Laing.„Glauben Sie, ich hätte mich wochenlang be⸗ müht, Dokumente mit des Lordlieutenants Unterſchrift zuſammen zu bringen und die letztere ſo täuſchend als möglich nachzuahmen, um es ſogleich wieder zu verler⸗ nen? Schnell Papier, Tinte und Feder her! Mich, Du ſchreibſt den Befehl flüchtig, ich werde ihn Dir in die Feder ſagen; ich verfertige die Unterſchrift, und alſo wohl gerüſtet bieten wir unſre Mannſchaft auf. Die friſche Schrift gedeiht uns überdies zur größern Beglaubigung.“ Die Worte wandelten ſich raſch zur That; wäh⸗ rend des Diktirens kleidete ſich Laing ebenfalls in eine Uniform, und als er mit beiden fertig war, verließen ſie, in Mäntel gehüllt, ihren Aufenthalt und mar⸗ ſchirten leiſe durch die ſtille Nacht in die Nähe des Trinity⸗Kolleges. Das alte prächtige Gebäude, theil⸗ weiſe ſchon unter der Regierung des zweiten Eduard erbaut, erhob ſeine ſchwarzen Mauern unheimlich in die Nacht empor. Es diente als Staatsgefängniß für politiſche Verbrecher. Nicht weit davon iſt der Fluß, und der Hafen nur einige Flintenſchüſſe entfernt. Die ſeltſamen Soldaten bogen in ein Seitengäßchen und blieben endlich horchend vor einem kleinen Hauſe ſte⸗ hen. Dann ſchlug Michaul dreimal kaum hörbar mit dem Klopfer auf die Meſſingplatte an der Hausthüre, die, als hätte man längſt darauf gewartet, augen⸗ blicklich geöffnet wurde. Sie traten hinein. Das kleine Zimmer war voller Soldaten, alle in die Far⸗ * 20 ben des Regiments gekleidet, deſſen Uniform auch die Neuangekommenen trugen. Ein junger ſchmächtiger Sergeant trat ihnen mit den Worten entgegen:„End⸗ lich! Gott ſei gelobt! Die Angſt hat mich faſt umge⸗ bracht, als Minute um Minute verſtrich. Jede dehnte ſich mir zu einer martervollen Ewigkeit aus. Es iſt doch kein Hinderniß in den Weg gekommen?“ „Im Gegentheil, ein köſtlicher Vortheil, Mylady,“ verſetzte Howard, und machte Miß Eliſabeth und die Uebrigen— Andy Dahna, mehre Diener O'Donnels und Bewohner Dunmoore's und benachbarter Dörfer, lauter Weiß⸗Jungen und dem Baronet mit leiden⸗ ſchaftlicher Treue ergeben— mit dem neuen Plane bekannt. Eliſabeth wußte ihres Vaters Benehmen ſo wenig zu erklären, wie die Andern; doch auch ſie ver⸗ mutheten nichts Gutes. „Schnell alſo!“ rief ſie entſchloſſen,„macht Euch fertig, meine Freunde!“ Alle griffen nach ihren Hü⸗ ten und Gewehren. In wenigen Augenblicken war das Haus leer und auf der Straße ein Piquet von dreißig Soldaten, wohlbewaffnet, in zwei Gliedern mit Offizier, Sergeant und Unteroffizier aufgeſtellt. Bayonnett auf!“ commandirte mit leiſer Stimme der liebenswürdige ſchlanke Sergeant, und als wären es alte Soldaten, ſo ſchnell und pünktlich wurde das Kommando ausgeführt. So weit waren dieſe Leute durch ihren guten Willen, ihre Liebe zu O'Donnel und Eliſabeth und durch Howards Bemühung, der ſie einerercirt hatte, binnen wenigen Tagen gekommen. „Vorwärts, marſch; meine Getreuen!“ tönte Eli⸗ ſabeths Stimme wieder, und im beſten Schritt be⸗ wegte ſich die Kolonne vorwärts. Ohne Anſtoß lang⸗ ten ſie am äußerſten Thore des Gefängniſſes an; der davorſtehende Poſten präſentirte, die wohlbekannte 21 Uniform erblickend, und auf ſeinen Ruf kam der den kleinen Poſten befehligende Sergeant und öffnete arg⸗ los die kleine Pforte, um die Mannſchaft hineinzu⸗ laſſen, während er ſein eigenes Piquet in's Gewehr rief. In dem nahen Gebäude wurden mehre Lichter ſichtbar, die einige Helle auf die Scene warfen. Ho⸗ wards Piquet war eben im Begriff, eine Schwenkung zu machen und ſich dem andern, das nicht zu dem⸗ ſelben Regiment gehörte, gegenüber aufzuſtellen, als zwei Männer aus der nahen Thüre traten und ſcheu über den Hof nach der Pforte zueilten. Sie mußten auf dieſem Gange dicht an Eliſabeth und Sally vorbei, die, an der äußerſten Spitze der Kolonne ſtehend, zu gleicher Zeit in den Vorübergehenden, denen das Licht aus den Fenſtern in's Geſicht fiel, James Morries und Robert Henderſon erkannten. Wäre Sally nicht an Eliſabeths Seite geweſen, ſo würde ſich dieſe durch einen Schrei verrathen haben, und es fehlte wenig, daß ſie der Freundin nicht ohnmächtig in die Arme ſank. Sally aber behielt ihre ganze Faſſung, ſchlang ſchnell den Arm um die Hüfte der Lady und flüſterte ihr zu:„Bei Zeſus! Muth in dieſem Augenblick!“ „Wir ſind verrathen und alle verloren!“ hauchte es von Eliſabeths Lippen. „Nicht doch! Laſſen Sie uns das Aeußerſte ab⸗ warten.“ Unterdeſſen war Howard zum Sergeanten der an⸗ dern Piquets getreten— ein Offizier war nicht da⸗ bei— und hatte bereits im ſtreng militäriſchen Tone begonnen:„Es iſt ſo eben Sr. Excellenz dem Lord Statthalter angezeigt worden, daß Lord Kildare eine Verſchwörung zur gewaltſamen oder liſtigen Befreiung des hier gefänglich ſitzenden Sir Lewis O'Donnel ge⸗ bildet, welche aller Wahrſcheinlichkeit nach dieſe Nacht zum Ausbruch kommen ſoll. Ich bin von Sr. Ex⸗ cellenz befehligt, das Gefängniß zu inſpiciren und nach Befinden der Umſtände zu handeln. Hier der Befehl!“ Der Sergeant, ein alter Mann, blickte dem Spre⸗ cher ſtumm in's Geſicht, erfaßte dann die Hand deſſel⸗ ben und zog ihn mit der Bitte in's Haus:„Ein Wort unter vier Augen, Herr Offizier!“ Howard folgte nicht ohne Befangenheit; in der Hausflur angelangt, ſagte der Sergeant:„Es will mich ſelbſt bedünken, als ſei dieſen Abend etwas im Werk. Doch will ich nicht hoffen, daß Sie mich da⸗ bei betheiligt wähnen; ich bin ein alter treuer Soldat des Königs, und Ew. Gnaden werden mich nicht in's Elend ſtürzen wollen, als hätte ich nicht ſtreng nach meiner Fflicht gehandelt. Niemand ſoll mir etwas vorwerfen können. Wenn Jemand eine Schuld trifft, ſo iſt es allein den Gefängnißwärter, und der wohnt rechts in jener Thüre. Haben Sie mich verſtanden, Herr Offizier? Ich bin ein alter Mann.“ „Vollkommen, mein Alter!“ verſetzte Howard lä⸗ chelnd.„Rufe mir nur den Gefängnißwärter herbei, daß er mich zu Sir Lewis O'Donnel führe; ſo lautet mein Befehl. Ich ſoll mich überzeugen, daß er noch gegenwärtig iſt.“ „Gottlob, er iſt noch da. Den Gefängnißwärter wollen wir gleich arretiren, wenn Sie befehlen, und ich ſelbſt will die Schlüſſel übernehmen; dann ſtehe ich Ihnen mit meinem Kopf dafür, daß Sir O'Donnel nicht entkömmt.“ „Das bin ich überzeugt!“ verſetzte Howard;„doch jetzt eilt.“ „Toddy!“ rief der Sergeant, und ſogleich erſchien der Gefängnißwärter. „Du biſt mein Arreſtant,“ fuhr Jener fort,„weil 23 Sr. Excellenz der Lordlieutenant Dich in Verdacht hat, daß Du, beſtochen von Lord Kildare's Leuten, den Sir Lewis O'Donnel dieſen Abend Jenen aus⸗ liefern wollteſt. Geſtehe Deine Schuld; Du biſt mein Gefangener! Liefere mir die Schlüſſel ab!“ Der Gefängnißwärter ſank in die Knie und wollte Geſtändniſſe machen; der alte Sergeant kam ihm aber zuvor, indem er die Schlüſſel ergriff und den Offi⸗ zier bat, ihm zu folgen, und Howard, dem nichts daran lag, die Beichte des Gefangenwärters zu hö⸗ ren, that dies am liebſten. Er befahl ſeinen Ser⸗ geanten und den heiden Unteroffizieren, ſich ihm an⸗ zuſchließen, und ſeinem Piquet, die Ausgänge zu be⸗ ſetzen. So wanderten Howard, Eliſabeth, Sally und Michaul hinter dem alten Manne über die geräumi⸗ gen Höfe, Wendeltreppen und Gallerien, welche die verſchiedenen Zeitperioden ihrer Erbauung bezeichneten. Das zweifelhafte Licht in den nur ſpärlich erleuch⸗ teten unabſehbaren Korridors, die düſtre winkelige Bau⸗ art, die hohen Kreuzgewölbe, in denen die Schritte unheimlich widerhallten, machten einen höchſt beängſti⸗ genden und faſt lähmenden Eindruck auf Eliſabeth. „Wir ſind gleich am Ziele,“ ſagte der alte Ser⸗ geant zu dem jungen, deſſen Aufgeregtheit bemerkend. „Die zweite Thüre von hinten führt zu Sir Lewis Zimmer;“ dabei hob er die kleine Handlaterne, die er trug, empor. „Sergeant!“ ſagte jetzt Howard zu dem alten, „jedem Andern als mir würdet Ihr verdächtig erſchei⸗ nen. Ich will nichts davon wiſſen, verſteht mich! Doch gebietet mir die Vorſicht, das Gefängniß allein zu inſpiciren. Ihr bleibt mit dem Sergeanten und zweiten Unteroffizier meines Piquets zurück und über⸗ gebt mir Schlüſſel und Laterne.“ e2 24 Der alte Soldat gehorchte zitternd, ohne Wider⸗ rede; und Howard trat mit Michaul allein in das Gefängniß, deſſen Thür ſie wieder hinter ſich ver⸗ ſchloſſen. Lewis ſprang überraſcht von ſeinem Sitze auf, doch Howard ließ ihm zum Fragen keine Zeit. „Theurer Lewis,“ ſprach er leiſe,„es ſind Freunde, die vor Dir ſtehen, Dein Harry und Michaul Dahna, Dein treuergebener Diener, beide gekommen, Dich zu befreien. Als des Königs wirklicher Soldat hab' ich Dich hierher gebracht, als des Königs ſcheinbarer Soldat führ' ich Dich wieder fort; denn dieſe Uniform iſt in Wahrheit nur eine Täuſchung, der auch Du Dich bedienen ſollſt, um ſchnell zu entkommen.“ Während dieſer Worte hatte Michaul ſich der Uniform entkleidet und reichte ſie dem verehrten Herrn mit den Worten dar:„Geben Sie mir dafür Ihre Kleidung, Sir, und folgen Sie in der Uniform an meiner Statt Maſter Howard.“ „Und Du, Mic? Wie? Du wollteſt hier für mich eintreten? ſtatt meiner zurückbleiben?“ „Es läßt ſich nicht anders thun. Wir durften nicht wagen, weiter zu gehen. Hätten wir freilich vor einer Stunde gewußt, was wir jetzt wiſſen, ſo hätten wir auch getroſt einen Befehl zu Ihrer gänz⸗ lichen Freilaſſung vorzeigen können. Nun läßt ſich's nicht ändern; gehen Sie getroſt. Sind Sie gerettet, ſo wird man mir wahrſcheinlich nicht das Aergſte an⸗ thun. Und wär' es auch; ſo iſt es immer beſſer, ich ſterbe, als Sie. Ihr Leben iſt für das Vaterland und unfre gute Sache wichtiger, als tauſend Leben, wie das meinige.“ „Zögre nicht,“ drängte Howard.„Es kommt ſchon die Zeit, wo wir Michaul auch befreien. Jetzt 25 laß den wackern Mann hier; er wird ſeine Sache ſchon trefflich machen. Habe keinen Kummer.“ Eh' ſich's O'Donnel verſah, war er entkleidet und hatte die Uniform an, und von beiden Seiten gedrängt, ergriff er die Muskete und drückte den Hut in's Geſicht. „Mic,“ ſagte er wehmüthig, als ſich Howard nach der Thüre wandte,„gebe der Himmel, daß eine Zeit kömmt, wo es mir vergönnt ſein wird, Dir zu vergelten, was Du heute an mir thuſt. O, womit hab' ich doch ſo viel Liebe verdient, Du trefflicher Menſch!“ „Behüte Sie Gott, und die Heiligen alle leiten Sie gute Wege! Grüßen Sie mein Weib und mein Kind!“ Da, als die Thüre ſchon geöffnet war, und O'Donnel eben über die Schwelle ſchreiten wollte, hielt ihn Michaul noch einen Augenblick zurück und flüſterte ihm zu:„In der Seitentaſche des Soldatenrocks, den Sie jetzt tragen, ſteckt ein zuſammengefaltetes Papier. Leſen Sie es doch, wenn Sie glücklich aus aller Ge⸗ fahr ſind. Was darauf ſteht, bleibt übrigens unter uns, und die Schrift mögen Sie nach Leſung füglich verbrennen.“ Dieſe Worte waren mit ſo viel zurückgedrängtem und doch gewaltſam hervorbrechendem Gefühl geſpro⸗ chen; es glänzten dabei helle Thränen in des Dieners Augen; ſeine Stimme zitterte ſo ſeltſam bewegt, daß in Lewis' Seele ſich ein großes Verlangen regte, bald zu wiſſen, was auf dem Blatte ſtehen möge. Doch war natürlich jetzt keine Zeit dazu; denn Howard zog ihn bereits mit ſich fort. Indem er die Thür wieder verſchloß, ließ er, gleichſam durch eine ungeſchickte Be⸗ wegung, die Laterne auf den Boden fallen, die ſo⸗ gleich verlöſchte. 13 ¹ 26 „Es iſt nicht Alles in Ordnung,“ eiferte Ho⸗ ward,„doch muß ich Sr. Excellenz erſt Bericht ab⸗ ſtatten. Ihr, Alter, haftet mir für den Gefangenen und den Gefangenwärter, derweil ich weitere Befehle einhole.“ Das böſe Gewiſſen des Sergeanten gab ihm man⸗ ches Bittwort ein; aber ſtumm ſchritten die Andern den langen düſtern Gang zurück. Wieder bei den Piquets angekommen, commandirte Howard:„Auf's Gewehr!“ und die beiden Abtheilungen machten die üblichen Ehrenbezeugungen; da hörte man Schüſſe in der Ferne fallen, die verhallenden Laute eines wüſten Geſchreis wälzten ſich durch die Luft zu den Ohren der horchenden Soldaten, dann immer häufigere und nähere Schüſſe, immer lauteres und gellenderes Ge⸗ ſchrei, endlich der heulende Ruf der Glocken. Die Schild⸗ wache vor dem Thore begehrte ungeſtüm Einlaß.„Was iſt das? Was giebts?“ fragte der Sergeant erſchrocken. „Aufruhr in der Stadt!“ verſetzte der Soldat draußen.„Kampf des Volks gegen die Königlichen. Oeffnet, ſchon wirft man mit Steinen nach mir.“ Der Soldat wurde ſchnell hereingelaſſen. „Sie können mit Ihren Leuten jetzt nicht hinaus, Herr Offizier,“ redete der alte Sergeant zu Howard. „Sie würden das Leben dieſes Häufleins in die größte Gefahr bringen. Hinter dieſen ſtarken Mauern ſind wir alle ſicher.“ „Wir müſſen hinaus!“ rief Miß Eliſabeth ver⸗ zweifelt und in Todesangſt. Sir Lewis und der alte Sergeant horchten Beide beim Klang dieſer weichen Kriegerſtimme. „Ja, mein Kamerad,“ ſetzte Howard ſogleich hinzu.„Der Lord Statthalter bedarf unſres Arms zur Bekämpfung der Rebellen. Unſer Leben gehört 27 dem Könige, und wir haben es nicht, um es hinter Mauern zu verſtecken. Unſere Gewehre ſind geladen, unſere Patrontaſchen gefüllt. Wir müſſen hinaus, und ſollte kein einziger davon kommen. Gewehr in Arm! Rechts kehrt! Marſch!“ Das Thor flog auf und das Piquet marſchirte im Geſchwindſchritt hinaus. Die Rebhellion. Das Thor krachte hinter ihren Ferſen wieder zu; der Sturnfittich des Aufruhrs rauſchte mit entſetzlichem Getöſe durch die Straßen und ſchlug ſinnbetäubend an das Ohr der zaghaften Scheinſoldaten. Zwar war Sir Lewis aus dem Gefängniß befreit, aber die meiſten ſeiner Begleiter fürchteten, daß die Gefahr noch nicht vorüber ſei. „Was ſind das für Schüſſe? Was ſchreit das Volk ſo furchtbar? Was wimmern die Glocken? Was bedeutet das Alles, meine Freunde?“ Dies wa⸗ ren Fragen, die der Baronet mit ängſtlicher Haſt an ſeine Umgebung that. „Es iſt Aufruhr, mein Lewis,“ verſetzte Laing. „Das Volk hat ſich gegen ſeine Tyrannen empört, und ſie ſchicken ihre Henkersknechte, deren Farben auch wir tragen, gegen die Sklaven, welche die Kette ab⸗ geworfen.“ „Auch Du, mein theurer Dermot, unter meinen Befreiern!“ rief O'Donnel, den eben erſt erkannten 28 Freund umarmend.„Das Uebermaß Eurer Liebe be⸗ ſchämt mich. Doch der Becher meiner Freude wird mir durch Schrecken vergällt. Ja, es iſt ſchrecklich, daß abermals Blut fließt, daß die Straßen der iriſchen Hauptſtadt roth gefärbt werden vom hingeronnenen Leben ihrer edelſten Kinder. O, und der Gedanke, daß dieſes Blut vielleicht gar um mich, den Einzelnen, vergoſſen wird, könnte mich zur Verzweiflung bringen!“ „Blut, mein guter Lewis,“ ſagte Howard,„iſt ſeit Jahrhunderten in Irland die Loſung. Nie konnte ein gutes Werk als grüner Baum aufwachſen, blühen und Früchte tragen, das zarte Stämmlein mußte erſt mit Blut begoſſen werden, damit es bekleibe. Unſre Geſchichte iſt mit Blut geſchrieben, warum ſoll alſo nicht durch das Blut einiger Wenigen, die nichts zu verlieren haben, als ein nacktes elendes Daſein, das Leben eines der Edelſten erkauft werden, der dem Vater⸗ lande bis auf dieſes ſchon Alles opferte und durch dieſes allein ihm noch unberechenbar nützlich ſein kann?“ „Alſo wirklich meinetwegen?“ weinte Lewis. „Nein, mein Freund!“ rief Laing.„Wir kön⸗ nen Dir zuſchwören, daß wir es nicht ſind, die die⸗ ſen Aufruhr angeſtiftet haben. Der Zufall hat heute Abend die Looſe bunt und ſchrecklich genug durcheinan⸗ der geworfen.“ Ein hinter ihnen in der Straße aufbrauſender Lärm bekundete, daß ein Volkshaufen nach dem Ha⸗ fen zuſtürme. Wie verderbenſchwangere Gewitterwol⸗ ken wälzte ſich die Maſſe heran; wie fernes, näher und näher murrendes Donnergeroll klang ihr Geſchrei. „Um Gottes Güte willen!“ rief Miß Eliſabeth, ſich an Lewis herandrängend,„laßt uns eilen!“ „Wer iſt dieſer zarte Jüngling?“ fragte O'Don⸗ nel heimlich, zu Howard gewendet.„Dieſe Stimme 29 klingt mir ſo bekannt. Wer iſt der ſchmächtige Bur⸗ ſche, und wie kommt er zu meiner Befreiung?“ „Du biſt ihm ſehr verpflichtet, mein Lewis,“ ver⸗ ſetzte Howard.„Er hat viel für Dich gethan. Doch ſtill davon! Des Räthſels Löſung iſt nicht mehr fern. Jetzt aber fort! fort! Was Ihr eilen könnt, Kinder, daß wir den Hafen ereilen; dann ſind wir aller Ge⸗ fahr entronnen.“ „Lauft! Das Volk kommt uns auf die Ferſen,“ ſchrie Laing, und Alle ſetzten ſich in Trab. Im an⸗ geſtrengteſten Lauf erreichten ſie die Straße, und nun war nur noch eine kleinere zu paſſiren, bis ſie zum Hafen gelangten; aber zitternd an allen Gliedern, keu⸗ chend und der ungewohnten, ſtarken Anſtrengung, deren Mühe die enge Uniform noch erhöhete, der furcht⸗ barſten Angſt, dem gräßlichſten, von einer laut krachen⸗ den Salve aus ſchwerem Geſchütz erzeugten Schrecken, von Wehklagen, Flüchen und Rachegeſchrei gefolgt, all diefen ſchlimmen Eindrücken faſt unterliegend, um⸗ ſpannte Eliſabeth Sally's Arm und eilte, auf dieſe geſtützt, weiter, ja, ohne die treue Hülfe derſelben wäre ſie gewiß mitten in der Straße umgeſunken. Und Sally, die treue, die ſorgſame, ſich ſelbſt gern auf⸗ opfernde Sally umfaßte die geliebte Lady und trug ſie mehr, als ſie ſie führte; aber die Schritte waren nur klein und langſam, und im Nu goß ſich der ſchäu⸗ mende, donnernde Strom der Volksmaſſe über ſie her. Die grelle Glut einiger Fackeln ſpiegelte ſich in den blanken Flintenläufen und Bayonnetten, die rothen Sol⸗ datenröcke erhielten eine ſchauerliche Blutfarbe. „Nieder mit den Königlichen!“ ſchrie das Volk, Gewehr und Uniform erkennend.„Schlagt die Ro⸗ then todt! Es lebe die Freiheit!“ Und ein Hagel von Steinen und Knitteln ſauſte auf die Fliehenden. Eli⸗ 30 ſabeth, an Haupt und Schultern getroffen und von wüthendem Schmerz durchzuckt, der Beſinnung beraubt, ſtürzte vorwärts in die Straße. Sally's Geſchrei rief zuerſt Howard zurück. Beſtürzt eilte er heran, O'Don⸗ nel folgte ihm auf dem Fuß. Sie fanden Sally, mit ihrem eigenen Körper den der Daliegenden deckend, und mit ſchier übermenſchlicher Kraft den rohen Pöbel zurückhaltend. „Sie iſt verwundet!“ rief ſie Howard zu.„Neh⸗ men Sie ſie in Schutz und laſſen ſie mich mit dieſen hier fertig werden.“ „Sie?“ fragte O'Donnel.„Um aller Heiligen willen, was iſt das?“ Und eine fürchterliche Ahnung zuckte durch ſeinen Kopf. „Keine Frage! Keine Erklärung jetzt, mein Freund!“ verſetzte Howard.„Nur fort mit dieſem unſchätzbaren Kleinod aus dem Gedränge!“ Der Baronet hatte Eliſabeth bereits in den Ar⸗ men und trug ſie, der Schläge, der Knittel, die auf ihn herabſauſten, nicht achtend, dem Hafen zu.„Sir Lewis für immer! Sir Lewis, König von Irland!“ ſchrie das Volk und ſchlug auf Sir Lewis los. Sally aber ſtürzte ſich mitten in die Maſſe und ſchrie:„Ihr ſeid im Irrthum, Männer des Volks, kühne Verthei⸗ diger Eurer Menſchenrechte, Freunde, Lieblinge! Wir ſind nur verkleidete Soldaten, nicht Diener der Ge⸗ walt und des engliſchen Königs. Wer von Euch kennt Evans O'Neil, den einäugigen Lootſen aus Dunmoore?“ „Ich! Ich! Wir! Die Meiſten kennen ihn,“ war die vielſtimmige Antwort. „So kennt Ihr auch ſeine Tochter, ſein einziges Kind.“ 6 S rne 31 „Sally, die ſchöne, bleiche Sally! Was ſoll's mit ihr, Burſche?“ „So leuchtet mit Euern Fackeln mir in's Geſicht und ſagt, ob ich nicht Sally bin, O Neils Tochter!“ „Sie iſt's!“ riefen ſchon die Nächſten;„wir ha⸗ ben ſie an der Stimme erkannt!“ Entferntere. Ein langer Mann drängte ſich herbei:„Ei, guten Abend, Sally, Juwel! Wie kommſt Du in den rothen Rock?“ „Schönſten Dank, Shame Dunfoore! Ich und meine Freunde haben ihn angezogen, um Sir Lewis O'Donnel mit Liſt aus dem Gefängniß zu befreien, und Ihr ſchlagt und werft auf ihn, Ihr Freunde!“ „Iſt Sir Lewis frei?“ riefen alle Umſtehenden. „Er war in unſrer Mitte.“ „Wo iſt er? Sir Lewis O'Donnel iſt frei! Auf, ihn zu ſuchen! Hebt ihn auf die Schultern! Ruft ihn zum König aus! Sir Lewis, unſer König für immer! Es lebe Sir Lewis O'Donnel, König von Ir⸗ land! Es lebe Sally O Neil, ſeine Befreierin! Sally und Irland! O'Donnel und Irland! Es lebe der König!“ Die brauſende Menſchenmenge wälzte ſich mit noch größerer Haſt dem Ausgange der Straße zu, um ſich O'Donnels zu bemächtigen, deſſen Name von tauſend Lippen ſchallte. Sally erkannte ſchnell die neue Gefahr, in welche der Mann ihrer ſtillen Ver⸗ ehrung und ſeine wahren und beſonnenen Freunde da⸗ durch kommen mußten, in ihrer ganzen, ſchauerlichen Größe, und ſie überflügelte im Laufe die Schnellſten. Schon hatten O'Donnel mit ſeiner ſüßen Laſt und ſeine Begleiter die letzten Häuſer der Straße er⸗ reicht, und vor ihnen breitete ſich der dunkle Wald von Maſten aus, ſich in Nacht und das weite, von lautloſer Ruhe umfangene Meer— ein ſcharfer Gegenſatz dem wilden, gräßlichen Toben am Molo ——— —————— 32 und in der Stadt— verlierend und den Bedrängten die endliche Rettung verheißend: da ſtürzte plötzlich eine zweite, große Volksmaſſe, vor den Bayonnetten der bis zum Molo vorgedrungenen Soldaten zurück⸗ weichend, Kopf an Kopf, ſchreiend, heulend, fluchend und in erſchrecklicher Unordnung, in dieſelbe Straße, welche O Donnel und ſeine Befreier zu verlaſſen eben im Begriff waren. Sally ſuchte O Donnel; ſie konnte ihn im Ge⸗ dränge nicht finden; der hintere Volkshaufe kam her⸗ an und ſchrie ſeinen Namen; der vordere, vor ſich und hinter ſich Soldaten erblickend und in die Straße eingekeilt, warf ſich verzweifelt auf Alles, was eine königliche Uniform trug, und es koſtete jetzt weit größere Mühe, ſich dem Einzelnen verſtändlich zu machen, weil das Geſchrei zu groß, O'Donnels Befreier ge⸗ trennt waren, und der Jre, der durch Sally's und der hinten nachdrängenden Worte endlich begriff, was hier vorging, wußte den wahren Soldaten von dem falſchen, den Freund von dem Feind, nicht zu unter⸗ ſcheiden; denn das angreifende Militär war von dem⸗ ſelben Regimente, deſſen Uniform Howard gewählt. Sal⸗ ly's faſt übermenſchlicher Anſtrengung allein gelang es, ihre Freunde aus der mörderiſchen Hand des Volks zu erretten. Ihr Vater und ſie waren allgemein bekannt, und der Name Lewis O'Donnel war ein ſchützender Talisman. Aber gerade, was den verehrten Herrn für den Augenblick rettete, mußte ihn ſpäter verderben, wenn das Volk ihn erkannte und ſich ſeiner bemäch⸗ tigte; das begriff Sally ſchnell mitten in der ſie furcht⸗ bar umtoſenden Raſerei der Volksrache, Wuth und ſchäumenden Leidenſ ft. Sie brach ſich mit aller Anſtrengung obgleich ſie längſt kein Ge⸗ wehr mehr hatte, ſo ſuchte ſie mit den Armen durch⸗ 33 zurudern. Aber was war all ihre Kraft in dieſer zu⸗ ſammengekeilten Maſſe? Verzweiflungsvoll ſtöhnte ſie ODonnels und Eliſabeths Namen und beſchwor die Umſtehenden, ihr nur ein wenig Platz zu machen; es war Alles vergebens. Da betete ſie ein ſtilles, wortloſes, aber heißes Gebet; es war ein gewaltiger Aufſchwung ihres Geiſtes zu Gott, ein ſchmerzlicher Nothſchrei ihrer in äußerſter Bedrängniß blutenden Seele, ein bittender Gedanke an des Himmels all⸗ barmherzige Hülfe, und plötzlich erhält ſie einen Stoß an die Kniee; dicht vor ihr, eng an ihren Leib ange⸗ preßt, taucht eine menſchliche Geſtalt auf, deren Kopf aber nur ihre Bruſt erreicht; eine gräßliche Ahnung durchbebt ſie, ſie beugt ſich, ſtarrt dem kleinen Mann in das zu ihr emporgehobene Geſicht und ſtößt einen Schrei des ungeheuerſten Entſetzens aus. Sie hat Tim Ruuthan erkannt. Doch er ergreift ihre Hand und ſagt mit ſanften, begütigenden Worten:„Fürchte Dich nicht vor mir; ich bin nicht Dein Feind und nicht gekommen, Dich zu verderben. Ich war dort unter dem Volkshaufen, dem Du Dich entdeckteſt; ich hörte Sir Lewis Namen von Deinen Lippen, ich ſah beim ſchwachen Lichtſchein Deine Angſt. Die Du ſuchſt, habe ich gefunden. In jener Thüre dort hat der Baronet ſeine Laſt abgelegt; einige ſeiner Freunde haben ſich vor ihn poſtirt, um den Andrang der Men⸗ ſchen zurückzuhalten; wenn Du Dich mir anvertrauen willſt, führe ich Dich zu ihnen.“ Der im Strom Verſinkende klammert ſich an den Strohhalm, der vom Ufer hineinragt; Tims Rede flößte dem Mädchen Zutrauen ein, ſie bat ihn, ſie zu ihren Freunden zu bringen. „So bücke Dich ſogleich mir, faſſe meine Hand und halte ſie feſt, indem Du mir folgeſt.“ Storch ausgew. Romane u. Novellen. M. 3 —— —— — —————— 34 Darauf verſchwand er vor ihr, wie er erſchienen war, und Sally that nach ſeinen Worten. Zwiſchen den Beinen der Menge hindurch brach er, ſchier auf allen Vieren kriechend, Bahn; Sally kroch ihm nach, bis er ihr zuraunte:„Richte Dich auf!“ Sie fuhr em⸗ por und ſtand vor Howard, Laing und Andy Dahna, die bei ihrem Anblick in ein„Gottlob!“ ausbrachen. Hinter Jenen in der Thüre lehnte Miß Eliſabeth, von ODonnel erkannt und mit heißen Liebesküſſen über⸗ glüht. Sie hatte die Augen wieder aufgeſchlagen und ließ ſie mit dem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit auf ihm ruhen. Worte wechſelten ſie keine; gewiß reden die Seligen in vollkommnern Welten auch nicht. Läßt ſich die Herrlichkeit des Blitzes durch Worte wie⸗ dergeben, wenn er, aus den Wolken brechend, die wal⸗ digen Bergeshäupter verklärt? Kann man die An⸗ muth eines Tonſtücks mit Worten beſchreiben? Was haben wir denn für Worte für die ſüßeſten Blumen⸗ düfte? Und was ſind den Sinnenreize gegen die rein⸗ ſten, ſeligſten Gefühle der Seele? Und was iſt Alles Glück, alle Seligkeit gegen den Augenblick, wo Seele in Seele überflutet, ſich einander aufſchlürfend in er⸗ habenſter Geiſterwolluſt?— Worte wären da Entwei⸗ hung. Von Todesgefahren umbrauſt, von empörten Menſchenwogen umdonnert, doch allein ſtehen, ohne Ahnung der Außengewalt und ihrer Schrecken, nur Seele in Seele tauchend, ſich erkennend und unfaſ⸗ ſend im innerſten Gemüth, mit einem langen Kuſſe alle Lebenswonnen ſwegſaugend, in einem Nu alle Seligkeiten genießend, die die reiche Erde gewähren kann, das iſt ein Augenblick von Blitzesglorie durchpurpurt, önen chklungen, von Düften durch⸗ e irdiſchen Blumen aushauchen, das 35 iſt ein Augenblick, an den ſich kein rauhes Wort un⸗ ſerer armen Sprache wagt. So ſtanden die Liebenden, als Sally plötzlich, wie aus der Erde gewachſen, in ihrer Nähe erſchien. Tim war wieder verſchwunden. „Laßt uns mit Gewalt durchbrechen!“ rief Sally den Freunden zu:„Seht, dort flattert ſchon der rothe Wimpel am Maſte des Kutters, und jenes Licht zur Linken am äußerſten Ende des Molo bezeichnet uns das ſegelfertige, auf uns wartende Boot des wackern John Boyle. Nur noch eines Kabels Länge, und Sir Lewis iſt frei. Auf denn, daß wir es durchſetzen!“ „Wohlan, ſchnell in unſre Mitte, O'Donnel, und Sie, junger Sergeant!“ rief Howard. Die Mannſchaft drängte zuſammen, Sally voran, und ſieh, wie wunderbar! Das Volk war bemüht, rechts wie links zu weichen und einen, wenn auch ſchmalen Durchgang zu bilden. Sally allein erklärte ſich dieſen Umſtand; denn ſie erblickte Tim wieder vor ſich, wie er zu beiden Seiten den Leuten zurief, ſie möchten Platz machen, die nachfolgenden Soldaten ſeien die beſten Patrioten, die ſich allein aus dem Grunde in die Uniform des Königs geſteckt, um mit Liſt den aus ſeinem Kerker befreiten Sir Lewis O'Donnel, der ſich ſchon auf einem der Schiffe befinde, wieder in die Stadt unbeſchädigt zurückzubringen, ihn dort an die Spitze der Empörung zu ſtellen und zum Könige von Irland auszurufen. So gelangten ſie glücklich an das Ende der Straße und waren ſchon der Treppe des Steindammes ganz nahe, an deren Fuße das Boot bereit lag, die Flüchtigen aufzunehmen, als die dort aufgeſtellten Soldaten eine Gewehrſalve auf die in der Straße aufgeknäuelte Menſchenmaſſe gaben. Das Weh⸗ geheul der Getroffenen zerriß die Luft; einen Augen⸗ 3* blick früher und O'Donnel und ſeine Anhänger wären von den mörderiſchen Kugeln niedergeſchmettert wor⸗ den. Doch kaum dem Tod entronnen, wurden ſie von der größten Gefahr dieſes Abends erfaßt. Beim Pul⸗ verblitz und beim ſchwachen Licht einiger Fackeln er⸗ kannten die Soldaten die Oſtmeath⸗Miliz, ihre Came⸗ raden, und Einige riefen:„Wo kommt Ihr her? Wie ſeid Ihr durch die Rebellen gedrungen?“ Und als ſie keine Antwort erhielten, die Gefragten vielmehr raſch nach der Treppe zuſchritten, und Sally hier in neuer Todesangſt hinabſchrie:„Sir Lewis für immer!“ da merkten Jene Verrath, und ein Offizier rief:„Das ſind keine von unſern Leuten! Es ſind Rebellen in unſern Farben!“ Andre brüllten:„Was iſt das? Verrath über Verrath! Steht, oder Ihr ſeid des To⸗ des! Wer ſeid Ihr? Antwort!“ „Hinab! hinab!“ kreiſchte Sally.„Sir Lewis für immer!“ Aber die Miliz drängte mit den Bayonnetten her⸗ an, das Volk in der Gaſſe bekam Luft und brach, mit neuen Steinen und Knitteln bewaffn heraus und längs des Quai's wälzte ſich das ſeheln eines zweiten Volkshaufens, vor einem Trupp ein⸗ hauender Dragoner zurückweichend. Zum Laden hatte die Miliz keinen Raum; man wurde handgemein. „Stoßt die Schurken nieder!“ herrſchte ein Offizier ſeinen Leuten zu, und im nächſten Augenblick ſtürzten mehrere ſchreiend, von den Spitzen der Bayonnette, hart verwundet, zuſammen.— O'Donnel, der bisher nur für Eliſabeth Augen und Ohren gehabt, hatte ſo eben erſt Sally an der Stimme erkannt. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen; der angſtvolle Ton die⸗ ſer Stimme ſchnitt ihm durch die Seele, indem er eben Elifabeth am Arm in das Boot hinabzog. John Boyle 37 empfing die Lady, aber in zwei Sätzen war der Ba⸗ ronet wieder oben auf dem Molo, von einer finſtern fürchterlichen Ahnung getrieben. In demſelben Augen⸗ blick ſtürzte Sally zu Boden, ob verwundet, ob nicht, konnte O'Donnel nicht wiſſen. Er entriß einem ſei⸗ ner Befreier das Gewehr, um ſich das Mädchen zu erkämpfen: da ſtürzten rechts und links Soldaten, von unten herauf geſtochen; ihr Geſchrei war entſetzlich. Ein kleiner Menſch wüthete mit einer Muskete gegen alle Rothröcke, die herandrängten, und von ſeiner Fauſt gepackt, flogen ſie die Steinmauer hinab in das Meer. Der Zwerg ſchien Rieſenkräfte zu haben. O Don⸗ nel wollte Sally erfaſſen, da kehrte ſich der kleine Würg⸗ engel gegen ihn und rief:„Die iſt mein, Sir! flie⸗ hen Sie! Wenn ſie zu retten iſt, ſo liegt ihr Leben in guter Hand.“ O'Donnel erkannte mit Entſetzen den kleinen Haus⸗ knecht aus der Heideſchenke und wollte ihn zurück⸗ ſchleudern. Da fühlte er ſich ſelbſt von hinten ge⸗ faßt und trotz ſeines Widerſtrebens die Treppe hinab⸗ geriſſen. „Sir Lewis für immer!“ hauchte ihm Sally's Stimme nach. Als er ſich unwillig zurückbeugte, blickte er in das freundliche Geſicht Howards.„Ich muß Dich zwingen, Dich zu tetten!“ ſagte der Freund, und einen Angenblick darauf waren ſie im Boote. Die als Brücke dienende Planke fiel, das Fahrzeng ſtieß ab.„Aber Sally! Sally!“ rief ODonnel ver⸗ zweifelt,„Sally iſt verwundet und zurück!“ Statt aller Antwort deutete Howard auf Eliſabeth, die zu⸗ ſammengekauert am Boden ſaß. Die Ruder arbeite⸗ ten haſtig, und wenige Minuten darauf führte Lewis, ſeinen fürchterlichen Schmerz bekämpfend, die geliebte Lady in den Kutter hinauf, der ſogleich wie ein aus dem Käfig befreiter Vogel über die düſtre Waſſer⸗ fläche dahinſchoß. Der Lärm der empörten Stadt ver⸗ hallte fern und ferner, ſchauerliche Stille umfing das Schiff; O'Donnels Seele trauerte um Sally. Stumm ſaß er neben Eliſabeth, drückte ihre Hand und zos ſie ſeufzend an ſeine Bruſt; da fühlte er das Knattern eines Papiers, das ihm ſchnell Michauls letzte Worte in's Gedächtniß zurückrief.— Eben ſo raſch hatte er das Blatt hervorgezogen, entfaltet und war damit an die nahe Kajütenlampe getreten. Er las:„Mein theu⸗ rer Sir! Ich bin entſchloſſen, für Sie zu ſterben, Ir⸗ lands Tyrannen hatten Ihren Tod beſchloſſen, ſie wer⸗ den dem Kühnen, der ſich für Sie eindrängt, nicht das Leben ſchenken. Auch ſterb' ich gern und freudig, wenn Sie gerettet ſind. Aber ein Geheimniß, das ich ſeit dem Tode meiner Mutter bewahre, kann ich nicht mit mir in's Grab nehmen; doch auch nur Ihnen allein kann ich's vertrauen. Es geſchieht, damit Sie meine Liebe zu Ihnen richtig würdigen ſollen. So mögen Sie denn erfahren, Sir, daß ich Ihr Bruder und durch die Bande des Bluts mit Ihnen verbunden bin. Meine Mutter, der Gott die ewige Seligkeit ſchenken möge, war nicht allein die Dienerin, ſie war auch die Geliebte Sir Williams, eh' Beide verheirathet waren, und ſie würde ſein Weib geworden ſein, hätte Kilda⸗ re's Treuloſigkeit an Ihrer Frau Mutter nicht die Schickſalswürfel gerüttelt, ſo daß ſie anders fielen, als man berechnet hatte. Ich war die Frucht jener Liebe, und die gute ſelige Dora hat es nie bereut, ſich einem ſo edlen Manne, wie unſer Vater war, in Liebe er⸗ geben zu haben. Ihre Neigung zu ihm erloſch ſelbſt mit ſeinem unglücklichen Ende nicht, und auch er gab ihr bei ſeinen Lebzeiten oft Beweiſe ſeines Wohlwol⸗ lens. Ich verſprach meiner ſterbenden Mutter mein Leben für Dich— o erlaube mir, auf ewig von Dir ſcheidend, das trauliche brüderliche Du!— einzuſetzen, wenn das Deinige in Gefahr käme. Ich habe heute mein ihr gegebenes Wort gelöst, und die Geiſter un⸗ ſrer ſeligen Eltern, werden von dort, wo der Liebe keine Schranken geſetzt ſind, freundlich auf uns herab⸗ lächeln. Lebe wohl, mein Bruder! Sei meinem Kinde ein Vater, meinem Weibe ein Bruder! Sei Irlands Retter und ſchenke zuweilen einen Augenblick herzlicher Erinnerung Deinem freudig für Dich geſtorbenen Bru⸗ der Michaul.“ Zwei Thränen zitterten über Lewis' Wangen, in⸗ dem er das Blatt Eliſabeth reichte. Als ſie es gele⸗ ſen, breitete ſie die Arme aus; weinend ſank Lewis an die Bruſt der Weinenden, und von ihren Lippen tönten mit Segnungen die Namen: Michaul und Sally. 18. Das Ende der Schreckensnacht. Unter den am ufer zurückgebliebenen Freunden O'Donnels befand ſich auch Dermot Laing; ohne ſei⸗ nen Willen war er in das Kampfgetümmel gerathen; er mußte ſich vertheidigen und ſein Leben erkaufen. Sobald nun jener zweite, von den Dragonern ver⸗ folgte Menſchenſchwarm heranrückte, wurde das Ge⸗ dränge ſo arg, daß die Oſtmeath⸗Miliz gänzlich irre gemacht, ſich gegenſeitig für Feinde haltend, unterein⸗ ander ſelbſt ſich hinſchlachtete. Meiſt erſt den Irr⸗ „ . 40 thum einſehend, wenn der mörderiſche Streich gefal⸗ len war, erhoben die getäuſchten Soldaten ein jäm⸗ merliches Wehgeſchrei; aber auch das geängſtete Volk ſchrie, immer weiter zum Rande der Dammmauer ge⸗ drängt, und ſchon ſtürzten ganze Reihen von der Höhe in's Waſſer, Andre ſprangen hinab, um ihr Heil in den am Molo liegenden Böten zu ſuchen, oder von der Mauer geſchützt, fortſchwimmend ſich zu retten. In dieſer höchſten Noth warf ſich Laing unter das Volk; der Geiſt, der ihn in den Schlachten be⸗ ſeelt, kam über ihn. Er hatte die verwundete Sally am äußerſten Rande des Quai's erblickt, jeden Augen⸗ blick bedroht, in die Meerfluth hinabgeworfen oder zer⸗ treten zu werden, und nur allein von dem kleinen, ihm unbekannten Manne mit einer ans übermenſch⸗ liche gränzenden Anſtrengung beſchützt. „Steht, feige Memmen!“ rief Laing mit don⸗ nernder Stimme.„Hemmt Eure Flucht, Ihr Schur⸗ ken! Oder, beim heiligen Patrik! ich zerſchmettere dem Erſten, der noch einen Fuß breit zurückweicht, den rundköpfigen Schädel.— Hierher, Lieblinge! Zu mir, Landsleute! Zeigt noch einmal, daß Ihr des edlen Blutes werth ſeid, das ſchon für Euch vergoſſen wurde und kehrt Euer Geſicht dem Feinde zu. ODonnel und Irland für immer!“ Ueberraſcht von den kühnen Worten des Mannes, beſchämt von dem einzelnen Tapfern, der im Nu einen 1 der ihm zu nahe kommenden Dragoner mit der Muskete vom Pferde ſtieß, warf ſich ſchnell ein Theil der Be⸗ herzten, denen es nur an einem tüchtigen Anführer gefehlt zu haben ſchien, dem Feind zum neuen hart⸗ näckigen Widerſtand entgegen, an ihrer Spitze Laing und ſeine Getreuen. „Was iſt das?“ riefen die Dragoner,„die Sol⸗ ——— 41 vaten des Königs haben ſich mit dem Volke verbün⸗ vet und fechten gegen uns!“ „So recht, Söhne Erins!“ ertönte Laings Stimme. „Ha, kehrt Euer Muth zurück, wenn Ihr Feindesblut ſeht? Wohlan, da habt Ihr mehr davon!“ Und im nächſten Augenblick hatte er einen zweiten Reiter ge⸗ ſpießt, der rückwärts ſtürzte und deſſen Pferd ſich hoch⸗ aufbäumend Kehrt machte und in weiten Sätzen durch die Dragoner brach, ſeinen Reiter ſchleifend. Das Volk drang mit wildem Siegesgeſchrei nach; die Dra⸗ goner flohen, mit ihnen die Miliz. Wüthend brauſte das Volk hinterdrein; der Molo war leer. Als nach einigen Augenblicken Laing, ſich vom Volke losreißend, zu der Stelle eilte, wo er Sally geſehen, war ſie mit ihrem Beſchützer verſchwunden. Er ſuchte nun von ſeinen Leuten zuſammen, was er finden konnte und verließ mit ihnen ſo eilig als mög⸗ lich die Stadt; er hatte eingeſehen, daß das Volk den Kürzern ziehen müſſe, wie er vorausgeahnet. Um Sally zu retten, hatte er ſich ein paar Augenblicke zum Anführer der Empörer aufgeworfen, und er trö⸗ ſtete ſich mit dem Gedanken, daß ihm dieſe Rettung gelungen ſei. Während am Molo der Kampf hin und her wogte, ging es in der Stadt ſelbſt nicht minder wild und blutig zu. Hier führten ONeil und Leßlie die Volks⸗ haufen an; ihr Zug drängte nach dem Staatsgefäng⸗ niß, Soldaten warfen ſich ihnen entgegen, das Volk war nur ſchlecht bewaffnet und ſtürzte, von Kugeln durchbohrt, maſſenweiſe. Die Wuth ſteigerte ſich. Ka⸗ nonenkugeln riſſen ganze Glieder; die Wuth wurde immer größer. „Nach dem Gefängniß!“ donnerte ONeil.„Nur erſt O'Donnel an unſrer Spitze, und alle getheilten 42 Kräfte ſind vereint und der Sieg iſt unſer. Schmet⸗ tert Alles nieder und befreit O'Donnel!“ „Befreit O'Donnel!“ heulte es durch die Reihen des Volks, und die Maſſe brach ſich über Sterbende und Leichen durch Dragoner und Milizen Bahn. Tau⸗ ſendweiſe langten ſie vor dem düſtern Gemäuer an, und der Gewalt der herbeigeſchleppten Steine und Bal⸗ ken erlag das Thor; krachend ſtürzte es zuſammen und die empörte Menge wälzte ſich in den Hof. Die Sol⸗ daten fielen unter mörderiſchen Streichen. „Wo iſt Sir Lewis O'Donnels Gefängniß?“ rie⸗ fen hundert Stimmen zugleich, und der Gefängniß⸗ wärter beeilte ſich, den Anführern den Weg zu zeigen. Mit Sturmſchritt raſeten die Wildeſten übet die Trep⸗ pen und Corridore; das alte Gebäude erdröhnte vom wüſten, gräßlichen Geſchrei der berauſchten Männer. Die Thür raſſelte auf. Hundert Hände ergriffen den Mann und hoben ihn, nicht auf ihn hörend, nichts auf ſeinen Widerſtand gebend, auf die Schultern. Sie trugen ihn hinab, und die furchtbar anwachſende Menge ſchrie:„Heil Sir Lewis O'Donnel, unſerm König! der König für immer! Heil Erins Herrſcher! Heil dem König der ſmaragdenen Inſel! Wir tragen ihn auf unſern Schultern! Nun hinaus in den Kampf! Nieder mit den Engländern! Setzt unſern König auf ſeinen Thron! Sir Lewis für immer!“ Und auf die Straßen hinaus ergoß ſich der ko⸗ bende Menſchenſtrom und warf Alles nieder, was ihm in den Weg kam. So waren ſie auf dem prächtigen Greenſquare weit vorgedrungen, als ihnen ein Reiterregiment, in geſchloſſenen Gliedern die ganze Breite der Straße ein⸗ nehmend, entgegenkam. „Die Engliſchen!“ ſchrie das Volk.„Zetzt über⸗ gebt unſerm König den Oberbefehl! Hebt ihn herab, daß er uns führe!“ Es geſchah.„Sir Lewis O'Donnel,“ redete Evans O'Neil,„unſere Feinde entbehren des Hauptes; es lebt kein Statthalter von Irland mehr. Vergebens ſind die Anſtrengungen der Engländer und ihrer Sold⸗ tnechte, das Volk iſt auf unſrer Seite. Sie ſind zum König dieſes Inſellandes erwählt. Führen Sie Ihre getreuen Schaaren zum Sieg!“ „Ja vollenden Sie das Werk, das wir begon⸗ nen;“ rief Leßlie.„Jetzt können Sie nicht länger zögern, Sir Lewis. Der höchſte Lohn erwartet Sie, König der freien Iren zu ſein!“ „Gebt mir ein Schwert!“ rief der Angeredete; „ich will mit Euch kämpfen und fallen, Söhne Erins, aber betrügen kann ich Euch nicht. Ich bin nicht Lewis O'Donnel, ich bin nur ſein Diener Michaul Dahna, der ſtatt ſeiner im Gefängniß ſaß, während er, wenn ihm per heilige Patrik beiſtand, glücklich entkommen iſt.“ „Er iſt nicht O'Donnel! O'Donnel iſt geflohen!“ rief das Volk wild durcheinander, und der Ruf wurde ſchnell zum tauſendſtimmigen Entſetzensſchrei. Ein paniſcher Schrecken erfaßte die wenig Augenblicke vorher ſo begeiſterten Maſſen. „Ha, hört es doch, iriſche Männer!“ hohnlachte Leßlie,„wie Sir Lewis O'Donnel, der von Euch An⸗ gebetete, Vergötterte, Euch vergilt! Während Ihr für ihn blutet, ihn, der Nichts für Euch gethan, zum König ausruft, flieht der Feigling und überläßt Euch Euerem Schickſal. Das iſt ein Patriot! Hahaha!“ Sein Gelächter verhallte im Geheul der Menge, denn ſchon raſſelten die ſchwerbepanzerten Reiter mit⸗ ten unter ſie hinein und die wuchtigen Schwerter ſaus⸗ 44 ten auf die Köpfe der Männer herab, die plötzlich, wie von allem Muth, von aller Kraft verlaſſen, ſich in heil⸗ loſer Beſtürzung zur Flucht wendeten. OReil ſuchte mit wilder Stimme und wüthenden Geberden die Fliehen⸗ den zurückzuhalten: da erblickte er plötzlich neben ſich mehre Befehle gebende Reiter, denen eine Fackel vor⸗ getragen wurde. Von dem Einen in der Mitte gingen . die Befehle aus, die Adjutanten flogen zu ihm, von ihm. O'Neil ſtarrte noch einmal hin; ſeine Seele war ihm in das Auge getreten, ſein Körper wie verſteinert.„Blend⸗ werk der Hölle!“ rief er dann wild und ſchauerlich; „es iſt der Statthalter; er lebt, und der Teufel hat mich betrogen! Es iſt Alles verloren, flieht! Rette . ſich, wer ſich retten kann!“ O'Neils Flucht war das Signal zur wildeſten 1 lnordnung, zur gänzlichen Niederlage des Volks. 3 Wehſchreiend ſtürzten die Empörer übereinander und erlagen zum Theil den Waffen der Soldaten. Ka⸗ nonen wurden in den Straßen aufgepflanzt, und ihre — Kugeln riſſen Alles nieder, was ſich noch dort befand. Dragoner⸗Schwadronen durchraſſelten die Stadt im ſchar⸗ fen Trab und ritten Jedermann zu Boden; die In⸗ fanterie⸗Regimenter rannten mit gefälltem Bayonnett durch jeden Winkel, und als der Morgen dämmerte, beléuch⸗ tete ſein junges Licht nur Leichen und Sterbende und die aus nächtlicher Bluttaufe roth aufſteigende Stadt. Der Lordlieutenant hatte ſein Wort gehalten; der Aufſtand war in der einen Nacht, die ihn geboren, auch unterdrückt. — Als Lord Corhampton vom Pferde ſtieg, um ſich in den Palaſt zu begeben und aus ſeinen Ge⸗ mächern die weitern Befehle zu ertheilen, drängte 4 ſich ein kleiner wunderlicher Menſch an ihn, mit der Bitte, ihm einen Angenblick Gehör zu geben, indem —— 45 er Wichtiges über die verborgenen Triebfedern des Auf⸗ ruhrs und ihre geheimen Lenker, ſowie über die Be⸗ freiung Sir Lewis O'Donnels zu entdecken habe. Es war Tim Ruuthan, der dem Lord in das Innere folgte. Eine halbe Stunde darauf trat er mit froh⸗ lockendem Lächeln wieder heraus und murmelte:„Das Dir, mein theurer Vater!“ Fünf Minuten ſpäter umzingelten Dragoner Lord Kildares Wohnung, beſetzten die Thüren ſeiner Zim⸗ mer, riſſen ihn ſammt der erſchrockenen Miß Mar⸗ garet Fitzjames aus den Betten und ſchleppten ihn nach dem Staatsgefängniß. Es war ein ſeltſames Spiel des Zufalls, daß der Lord in daſſelbe Zimmer gebracht wurde, welches O'Donnel Abends vorher ver⸗ laſſen hatte, und um ihm die bittre Jronie des Schick⸗ ſals gleich bei ſeinem Eintritt bemerklich zu machen, fand er auf dem Tiſche mehre Papiere O'Donnels, die dieſer in der Eile mitzunehmen vergeſſen hatte und aus welchen abermals deutlich hervorleuchtete, welch ein edler Mann der Baronet war. 3 3 46 3 Auf der Rajade. Während die britiſchen Angelegenheiten im Aus⸗ lande nach manchem herben Verluſte ein heiteres An⸗ ſehen gewannen, und nicht unbedeutende Eroberungen in der Halbinſel des Ganges und auf der äußerſten Spitze von Afrika Entſchädigung für die verlornen nordamerikaniſchen Provinzen gewährten, wurden die innern Verhältniſſe deſto öfterer verwirrt und getrübt. In London verzehrte eine ſchreckliche Feuersbrunſt an ſiebenhundert Häuſer und verurſachte einen Scha⸗ den von mehr als ſechs Millionen Thalern. In den Fabrikſtädten, namentlich in Birmingham, brachen wiederholt bedenkliche Unruhen aus, die nur durch Waffengewalt unterdrückt werden konnten, und in ei⸗ nigen Grafſchaften kam es unter den Armen wegen unerhört hoher Preiſe der Lebensmittel zu gefährlichem Aufruhr. Dazu nahmen die immer bedenklicher wer⸗ denden Unruhen in Irland und die oft wiederholten, wenn gleich vergeblichen Landungsverſuche der Fran⸗ * zoſen rings um die Küſte von Großbritannien die Aufmerkſamkeit und Thätigkeit der Regierung mehr als je in Anſpruch. Faſt zur ſelben Zeit, als Sir John Jervis durch den Sieg am Cap St. Vincent über die große ſpa⸗ niſche Flotte ſich ſelbſt den Titel eines Grafen von St. Vincent erkämpfte und neue unverwelkliche Lor⸗ beern dem Strahlenkranze des Ruhms einflocht, wel⸗ cher die Thaten der britiſchen Marine in den Annalen der Weltgeſchichte unſterblich macht, waren die Fran⸗ 47 zoſen mit beiſpielloſer Kühnheit bei Fiſhguard in Wa⸗ les gelandet, und es war ihnen ſogar gelungen, ſich vort feſtzuſetzen. Die dort und in Milfordhaven— bekannt durch die Unternehmung des berühmt⸗berüch⸗ tigten Paul Jones— vorgefundenen Schiffe wurden theils genommen, theils zerſtört, und General Gau⸗ thier drang raſch, die wenigen, ſich entgegenſtellenden Truppen vor ſich her treibend, durch einen ſchwierigen Gebirgspaß nach Neweaſtle vor. Doch das Unter⸗ nehmen fand nur wenig Anklang bei den armen ſtumpf⸗ ſinnigen Walliſern, in deren Charakter ſich die fran⸗ zöſiſche Regierung verrechnet hatte, indem ſie in ihm jene alte Energie vorausſetzte, die Jahrhunderte hin⸗ durch das für ſeine Unabhängigkeit kämpfende Volk beſeelt, bis es endlich unter Heinrich dem Achten be⸗ ſiegt und gänzlich mit England vereinigt worden war. Das Invaſionscorps war genöthigt, ſich zurück⸗ zuziehen, ohne etwas Andres erreicht zu haben, als daß ganz England allarmirt und neue ungeheure Sum⸗ men zur Befeſtigung der Küſte verwendet wurden. Gefährlicher indeſſen als die Unruhen in Irland und die Verſuche der Franzoſen, die am Ende nur dazu dienten, die britiſchen Nationalkräfte zu wecken und die franzöſiſchen zu zerſplittern, drohte ein andres Unternehmen zu werden, das, ſchon lange geheimniß⸗ voll und unſichtig vorbereitet, der eigentlichen Macht und Größe des ſtolzen Albions die Art an die Wurzel zu legen beabſichtigte. Von ſchweren Wolken verhüllt, war die Sonne am 15. April des Jahres 1797 untergegangen; ſchwarze Nacht hatte ſich nach einem unfreundlichen Tage auf die Rhede von Spithead gelagert. Gleich einem düſtern Stern ſchimmerte vom Hauptmaſt des Admiralſchiffes die große Laterne, während ſich ringsum im weiten Kreiſe die zahlloſen Schiffe der noch nicht lange vom Siegeszuge am Cap St. Vincent heimgekehrten, ſowie einer andern zum Auslaufen fertigen Flotte gleich un⸗ förmlichen ſchwarzen Maſſen vor ihren Ankern wieg⸗ ten. Wie ein entlaubter Wald ſtarrten die rieſigen Maſten in die Nachtluft. Das„all's well“ der wachhabenden Marine⸗ ſoldaten, welches in regelmäßigen Zwiſchenräumen durch die Flotte erſchallte, das monotone Plätſchern des die Schiffe umſpielenden Waſſers, und das entfernte dumpfe Rollen der ſich an den Feſtungswerken von Portsmoutheaſtle und Monkton brechenden Brandung war das einzige Geräuſch, welches im erſten Viertel dieſer verhängnißvollen Nacht vernommen wurde. Arglos ſchlummerten Tauſende von ermüdeten Seeleuten in ihren Hangmatten, um ſich zu den ſchwe⸗ ren Berufsgeſchäften für den folgenden Morgen zu ſtärken. Süße Träume umgaukelten die, welche nach langer Abweſenheit und manchem überſtandenen Aben⸗ teuer die ihnen mit Sehnſucht am heimatlichen Herde entgegenharrenden Lieben bald zu umarmen hofften. Auch denen, welche mit Gefahr ihres Lebens, um den nöthigen Unterhalt für eine zahlreiche Familie zu er⸗ werben, im Begriff waren, in wenigen Tagen eine neue beſchwerliche Fahrt anzutreten, und den Unglück⸗ lichen, die durch den Preßgang mit Gewalt an Bord der Kriegsſchiffe geſchleppt worden waren, hatte der Schlummergott wohlthätig die Augen geſchloſſen. Doch nur kurze Zeit dauerte dieſe Ruhe; denn ſchon wurden die dunkeln Looſe geſchüttelt, die, in ge⸗ heimer Werkſtatt erzeugt, Entſetzen und Verderben über die Schläfer bringen ſollten. Etwa eine Stunde mochte nach der Ablöſung der erſten Nachtwache verfloſſen ſein, als auf der Fregatte 8 49 Najade eine dunkle Geſtalt aus dem untern Raum auf das Mitteldeck hinauf ſtieg. Die hier Wache habenden Matroſen, welche die Erſcheinung des Man⸗ nes erwartet zu haben ſchienen, traten an ihn heran, nachdem ſie ſich vorſichtig nach allen Seiten hin um⸗ geſehen hatten. „'s iſt Alles ſicher, Kameraden,“ beruhigte ſie der Erſtere mit gedämpfter Stimme.„Wenn Alle auf der Flotte ihre Maßregeln in dieſer Nacht getroffen haben, wie der Hochbvotsmann Parker, dann kreuzen wir bei dieſem Winde Morgen Abend vor Cherbourg und wenig Tage darauf mit den Frenchmännern vereint an den Küſten meines lieben Erins.— Tomkins, mach' dort den Rothrock ſtumm am Fallreep. Kein Laut darf über ſeine Zunge. Der Poſten auf dem Quarterdeck gehört zu Sergeant Nigels Leuten. Er iſt ein Landsmann und für uns gewonnen.— John Adams, an Deinen Poſten vor die Treppe zur Offizier⸗ Kajüte! Keiner darf eher herauf, bis wir an Frank⸗ reichs Küſten ankern.— Laßt die Fallthür nieder, Billy, die zum Raume der Soldaten führt. Und nun wartet meine weitern Befehle ab. Sorgt, ſo lieb Euch Euer Leben iſt, daß kein Fehltritt, kein unge⸗ wohnter Laut zu den Ohren der da unten dringt!“ dabei deutete er auf die Treppe, welche zu den Offi⸗ ziergemächern führte.—„Bedenkt, daß Commodore Porter nur mit einem Auge ſchläft, während das an⸗ dre für die Najade wacht.“ Die Männer entfernten ſich auf die ihnen an⸗ gewieſenen Poſten. Ein leiſes Stöhnen und das dumpfe Geräuſch eines Falles verkündeten gleich dar⸗ auf, wie ſchnell und ſicher ſich Tomkins ſeines blu⸗ tigen Auftrags entledigt hatte. Parker aber ſchritt ſchnell über das Vorderkaſtell hinweg, ſtieg weit auf 4 Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. —— —— 50 das Bugſpriet hinaus und blickte, als könne er das Dunkel der rabenſchwarzen Nacht mit ſeinem Feuer⸗ auge durchdringen, auf die umherankernden Schiffe. Faſt hörbar klopfte ſein Herz, ungeſtüm zuckte jede ſeiner Nerven in krampfhafter Spannung, und in fie⸗ berhafter Hitze jagte das Blut, es alle Ban⸗ den ſprengen, durch ſeine Adern Nur kurze Zeit, die ihm indeſt en zur Ewigkeit geworden war, hatte er auf ſeiner unbequemen Warte zugebracht, da ſtieg gert ſchlos blaues Licht vom Admiralſchiff empor.„Ha, endlich, ihr Trägen!“ murmelte der Hochbvotsmann, und ziſchend und fun⸗ kenſprühend ſtieg die von ihm bereitgehaltene Rakete als Erwiderung des Signals zum dunkeln Himmel empor.„Wohlan, Vaterland, für Dich gilt's jetzt! Dies iſt das Zeichen Deiner Freiheit oder des Todes Deiner treueſten Söhne!“ rief er entſchloſſen aus und ſprang auf das Verdeck zurück, welches ſich bald darauf auf ſeinen donnernden Kommandoruf:„Alle Hände herauf“ mit den kühnen Geſtalten anfüllte, deren Anblick im Stande war, auch Andern als ihren Feinden Furcht und Schrecken einzuflößen. „Zetzt an die Arbeit, meine braven Burſche! Die Topſegel herunter, Mittel⸗ und Hauptſegel zur Hälfte! Los mit dem Segel am Mizzen! Du, Billy, ans Steuer! He, was giebt's da? Ihr Narren, wollt wohl gar die Anker aufwinden? Kappt das Tau in's Teufels Namen! und fort hinaus in's weite Meer! So recht, mein Junge! Ein kräftiger Hieb! wenn ein Hals darunter war, rollte der Kopf jetzt auf dem Verdecke. Hurrah!“ rief Parker entflammt, „hurrah!“ Ein dreimal donnerndes„Hurrah“ riefen die jubelnden Matroſen, und Alle arbeiteten pünktlich, die Befehle des Hochbootsmanns befolgend. Bald wurde auch von den zunächſt liegenden an⸗ dern Schiffen das Geräuſch und das Kommando ver⸗ nommen, das ſtets ertönt, wenn man unter Segel zu gehen im Begriff iſt. Hier und da ſchwebte ſchon eine Fregatte, dort eine Brigg, frei vom Anker, mit entfalteten Topſegeln. Doch auch Waffengeklirr, ein⸗ zelne Schüſſe, Wehklagen, Aufrufgebrüll, rauhe Kom⸗ mandoſtimmen, ertönten, ein ſchreckliches Chaos, durch die kaum von einzelnen Sternenblicken leis angehauchte Nacht, und da, wo die Ruhe aus des Schlafes gleich⸗ gehaltenen Athemzügen noch vor wenigen Augenblicken fächelte und goldne Traumnetze ſpann, tobten jetzt die Furien der ſchnell entfeſſelten Leidenſchaften um ſo ſchrecklicher, weil die Dunkelheit das Unternehmen des Aufruhrs begünſtigte. Vergebens verſuchten die eingeſchloſſenen Offiziere und vorzüglich der wackere Kommandant der Najade mit der Zuſage guter Bedingungen die Meuterer zur Rückkehr zur Pflicht zu bewegen; vergebens war ein gewaltſamer Verſuch, ihren Kerker zu ſprengen. Parker bedrohte Jeden mit dem Tode, der es ferner wagen würde, von Bedingungen zu ſprechen oder die Kajütenthür mit Gewalt von innen zu öffnen. Da⸗ gegen verſprach er bei Irlands Schutzpatron und ſei⸗ ner Ehre, daß Keinem von ihnen ein Haar gekrümmt werden ſollte, wenn ſie ruhig den Ausgang der Sache erwarteten. Fünf Schiffe waren endlich unter Segel und folgten der Najade, welche eine Leuchte am Haupt⸗ maſte, zum Führer dienend, voranſegelte und langſam den Lauf nach Süden nahm. „Es dauert lange mit den andern Burſchen,“ ſagte Parker, unruhig als Kommandant auf dem Quarterdeck umhergehend.„Die Hulzöpfel⸗ fuhr er 4* 52 fort, nachdem er einige Augenblicke ſtillſtehend, auf⸗ merkſam auf das Meer hinausgehorcht.„Auf dem Admiralſchiffe ziehen ſie wahrhaftig ſo regelmäßig auf, als wenn wir es wären, die heute den Stunden zu gebieten hätten. Alles regelmäßig in beſter Ordnung nach Kommando. Aber halt! was iſt das? Das iſt nicht meines Freundes Diarmid Pfeife! Die kenn' ich unter tauſend andern. Hört doch! das ja, als ein Laffe von Midſhipman die ſchwachen Lungen exer⸗ eirte. Sollte etwa gar der Teufel noch ſein Spiel haben und der Royal George an uns zum Schurken werden! Nun,“ ſetzte er mit gezwungenem Lachen hin⸗ zu,„zu verwundern wär's eben nicht, wenn ſich die Burſche vom Namen des herrlichen Schiffes bethören ließen. Ja, ja, Georg der Dritte, 6 ſein kö⸗ niglicher Patron, wiegt ſchwer bei jedem braven See⸗ mann. Ich ſelbſt würde ihn lieben, wenn er ein freier König von England und Irland wäre. Aber was thun wir mit dem Könige des Parlaments, dem ohnmächtigen Werkzeuge der ſtolzen Orangepartei? Unſer König muß frei ſein, wie der Vogel in der Luft, wie der Seeadler. In ſtolzer Höhe, mit unge⸗ hemmten Schwingen ſoll er ſchirmend über ſeinem Reiche ſchweben. Groß, kühn und mächtig muß er dem Kö⸗ nigreiche Glanz verleihen, nicht aber von des Landes Großen, gleich eben ſo vielen Nebenſonnen, ſeinen Schim⸗ mer borgen. Ein Gott, ein König und ein Vater⸗ land! laßt unſern Wahlſpruch ſein. Und nun vor⸗ wärts hinaus, meine Jungen, aus dem Kanal, mit allen Segeln, in die Freiheit, oder um uns einen freien König zu verſchaffen! Unſre Zeit iſt um, bald bricht der Tag an, und längſt wird Evans OReil unſrer auf St. Albans Spitze harren, um uns den Weg zu zeigen. Wer jetzt nicht mit uns iſt, der mag dahinten bleiben!“ So feuerte Parker mit ſeiner ſonoren Stimme die emſig arbeitenden Matroſen an, zugleich ſorgſam be⸗ müht, ihre Aufmerkſamkeit vom Admiralſchiff abzulen⸗ ken, von deſſen Bewegungen ihm nichts Gutes ahnete, und raſch furchte der Kiel des ſtolzen Schiffes die Wellen. Auf dem Royal Heorge. Weniger vorſichtig, als auf der Najade, hatten die Verſchworenen ihre Vorbereitungen am Abend auf dem Royal George getroffen. Ohne daß ſie es oben wußten, ſaß der Sieger vom Cap St. Vincent noch in ſpäter Stunde in tiefes Nachſinnen über ein neues Unternehmen verſunken in ſeinem Schlafkabinet. Auf dem Tiſche vor ihm waren die Wachskerzen tief auf die ſilbernen Leuchter herabgebrannt, und ihr düſtrer Schimmer ſchien auch ihn endlich an eine kurze Ruhe zu mahnen.„Noch ein paar ſolche Schläge auf unſre Feinde,“ ſagte der in Fülle der Kraft ſte⸗ hende Greis, mit dem ſtolzen Selbſtgefühl des Briten ſich vom Seſſel erhebend und die letzte Neige des köſtlichen Rebenſaftes von Madeira hinunterſchlürfend, „und ohne Einſpruch beherrſcht Englands Flagge den 54 weiten Ocean von Pol zu Pol, wie unſer herrliches Lied ſagt: Britannien beherrſcht die Welten“).“ Da öffnete ſich geräuſchlos die Thür; die koſtba⸗ ren indiſchen Stoffe, womit die Wände und der Fuß⸗ boden des eleganten Zimmers bedeckt waren, bewegten ſich kaum, und ein rieſiger Moor ſtand mit allen Zei⸗ chen des Schreckens vor dem Admirale. Der Graf St. Vincent hatte, noch als Flotten⸗ kapitän Sir John Zervis, Tatloo an der Küſte von Mozambique von einem Sklavenſchiff befreit und ihn wegen ſeines athletiſchen Körperbaues in ſeiner Um⸗ gebung behalten. Später wurde der Neger Sir Johns Liebling und begleitete den geliebten Herrn aus Dankbarkeit gleich deſſen Schatten. Da, wo Zervis irgend Gefahr drohte, ſelbſt mitten in der Schlacht, ſtand ihm Tatloo nah', und mehr als ein⸗ mal ſchon war der Afrikaner der Schutzgeiſt des fen⸗ rigen Seemanns geworden, wenn dieſer von ſeinem Heldenmuth über den Horizont ſeiner Pflicht hinaus⸗ geriſſen wurde. Erſt durcheilte das blitzende Ange des Negers je⸗ den Winkel des Kabinets, hierauf ſtürzte er ſich zu den Füßen des Grafen, der durch eine zornige Miene Unwillen über die ſpäte Störung äußerte, dann aber betroffen auf den treuen, die Hände flehend zu ihm emporhebenden Diener niederblickte. „Was giebt's, Tatloo, daß Du es wagſt, Dich in ſo ſpäter Stunde geheimnißvoll bei mir einzuſchlei⸗ chen?“ fragte der Admiral, mit ſeinem Adlerblick den *) Britannia rule the waves ete. der bekannte National⸗ geſang der Engländer. 55 Zitternden vom Scheitel bis zu den Füßen ſtreng muſternd. Der Neger legte, um den lauten Ausbruch des Gebieters zu beſchwichtigen, bedeutſam den Finger auf den Mund. „Zur Hölle mit Deinen Grimaſſen, ſchwarzer Narr!“ rief der Seeheld, keiner Zurückhaltung ge⸗ wohnt.— Da ſtammelte Tatlov kaum vernehmbar:„O, Maſſa, Mylord, Rebellion! Schöne Schiffe verloren. Mylord tödten.“— Und ſeine Geberden waren dabei mehr, als bezeichnend. Im ſelbigen Angenblicke erhob ſich über ihren Köpfen wüſtes Getümmel, und Unheil weiſſagender Lärm tönte durch alle Räume des Schiffes. Jetzt hatte der Admiral auf einmal die Bedeutung des räth⸗ ſelhaften Beſuchs, doch verlor er, wie niemals, auch in dieſer Bedrängniß nicht die dem wahrhaft großen Manne eigne Beſonnenheit. Ein Riß an einem Glockenzuge, der mit allen Offiziergemächern innerhalb des Quarterdecks in Ver⸗ bindung ſtand, allarmirte ihre ſchlafenden Bewohner. Im niächſten Angenblick hatte ſich St. Vincent in die Admiralsuniform geworfen und mit dem kurzen Schiffs⸗ degen umgürtet. Dann ergriff er ein Paar von den Terzerolen, die in großer Anzahl an den Wänden hingen, bedeutete den Neger, ein andres Paar zu nehmen, und eilte, um die auf das Verdeck führende Treppe zu erreichen, bevor der Ausgang geſperrt werde. Auf dem Fuße folgte ihm Tatlov. Kaum hatten ſie vorſichtig die oberſte Stufe erreicht, da ſtürmte auch ſchon ein wilder Haufe vom Mitteldeck her, voran der Hochbootsmann und der Quartier⸗ meiſter mit hochgeſchwungenen Waffen, unter dem 56 Rufe:„Nieder mit dem Admiral! Es lebe die Frei⸗ heit! Es lebe Irland und Frankreich hoch! Auf mit der dreifarbigen Flagge!“ Betroffen ſtutzten die Anführer; wie von einem elektriſchen Schlage gerührt, hafteten die Füße ihres meuteriſchen Gefolges am Boden, als ſie die hochauf⸗ gerichtete ſtolze Geſtalt ihres alten Admirals, den ſie eben im tiefen Schlafe zu überfallen wähnten, ernſt und gefaßt in der hellen Beleuchtung der Lichter, mit welchen ſchon viele bewaffnete Offiziere hinter dem Anführer erſchienen, erblickten. „Streckt die Waffen, Ihr Schurken!“ donnerte der Graf, zugleich den ſich ihm unter drohenden Ge⸗ berden nähernden Hochbootsmann durch einen wohlge⸗ richteten Schuß zu Boden ſtreckend.„Ergebt Euch, Ihr ehrvergeſſenen Rebellen, oder Ihr ſeid Alle ver⸗ loren, wie dieſer hier!“ „Nieder mit dem Mohren! Er iſt der Verräther!“ riefen Einige vordringend, als ſie jetzt erſt dicht ne⸗ ben dem Admirale den hohen, ſchwarzen Mann er⸗ blickten, der ihnen das Piſtol entgegenhielt, hohnlä⸗ chelnd die weißen Zähne zeigte und, beſorgt um das Leben des theuern Gebieters, mit der jenen Kindern der Natur eigenen Schlauheit und Aufmerkſamkeit jede Bewegung auch des Einzelnen der Meuterer beobachtete. „Nieder mit dem Tyrannen! Vorwärts, Kamera⸗ den! oder macht uns Platz!“ brüllten Einige der wei⸗ ter Zurückſtehenden, während die Vordern ſich nur langſam näherten. „Irland hoch!“ tönte jetzt plötzlich eine einzelne Stimme dumpf und ſchauerlich vom Spiegel des Mee⸗ res herauf. „Und wenn auch die Geiſter der Unterwelt ſich gegen mich verſchworen hätten,“ rief der Admiral, 57 überraſcht nach der Stelle blickend, wo die Stimme wie aus des Meeres Tiefe heraufſchallte,„ſo bleibt doch mein Wahlſpruch: König Georg und britiſche Seemannsehre! Folgt mir, meine Getreuen! Vorwärts im Namen Gottes und Altenglands! Jeden Tropfen unſeres Bluts für unſre Flagge!“ Zufällig oder aus Gewohnheit, vor jedem großen Unternehmen auf das Symibol der kriegeriſchen Ehre zu blicken, wendete er ſein Auge nach der Spitze des Hauptmaſtes, und feſte Zuverſicht, Freude und Vertrauen ſtrahlten plötzlich aus ſeinem Geſicht; denn über der Leuchte am gro⸗ ßen Maſte wallte frei und ſtolz die mächtige rothe Flagge mit dem blauen Andreaskreuze weit hinaus in die Lüfte. „Ein kühnes Wagſtück, bei Gott! Die That iſt des Bathordens werth!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Nichts kommt mir gelegener, als dieſer Beweis britiſchen Edelſinns.— Seht Ihr dort oben die ſtolze Flagge?“ jubelte er.„Wie durch einen Zauber iſt ſie eben er⸗ ſchienen. Sie iſt dieſelbe, unter der ihr vor kaum zwei Monden den Sieg an der ſpaniſchen Küſte er⸗ rungen habt. Sie wird Zeuge ſein, wie Euer Ad⸗ miral für britiſche Ehre auch zu ſterben weiß. Wenn ich eine Leiche bin, holt ſie herab und tretet ſie mit Füßen, Ihr Sieger von St. Vincent, Taufzeugen meines neuen Namens!“ „Auch der alte Anſon, Ihro Herrlichkeit, muß erſt von hier herab über Bord, ehe eine andre Flagge als die des Königs am Maſte des Royal George weht,“ rief eine Stimme wie aus den Wolken herab. Alle richteten überraſcht den Blick nach oben; ſchneller aber als alle Andern hatte der Admiral den Ort und die Stimme erkannt. Hoch auf dem Hauptmaſte ſtand der alte Quartiermeiſter des Dreideckers, mit der Lin⸗ 58 ken den Flaggenſtock haltend, mit der Rechten ein Pi⸗ ſtol im Anſchlage, während vom entblößten Haupte des Alten das ſchon gebleichte Haar zerſtreut im Winde flatterte. Auch die Anführer waren ergriffen von dieſem Vilde der Treue. Beſchämt ſchlug ein Theil derſelben den Blick zu Boden, während die Andern unſchlüſſig zu überlegen ſchienen, was ferner zu thun ſei. Der kecke Uebermuth, womit ſie anfänglich alle Schranken durchbrochen und frevelnd die Bande der Pflicht zer⸗ riſſen hatten, ſchien an der felſenfeſten Treue des Aelteſten und Erfahrenſten unter ihnen gebrochen. Dem Lord, dem das Schwanken der Männer nicht entging, ſchien jetzt der rechte Augenblick gekom⸗ men, die Sache zur Entſcheidung zu bringen. Er warf die Piſtolen von ſich und trat vom Quarterdeck herab, welches bis jetzt nur der Hochbootsmann, der ſeinen Frevel bereits mit dem Leben bezahlt, zu be⸗ treten gewagt hatte, unter die Meuterer. „Seht, meine Kinder, Gefährten meines Ruhms in mancher heißen Schlacht, der Greis dort oben mahnt Euch ergreifender, als ich ſelbſt, wie England erwartet, daß Jeder von uns ſeine Pflicht thut.— Gegen die Rebellen laßt uns ausziehen, in ihrem Blute wollen wir den Schimpf auswaſchen, den ſie Euch anzuthun gedachten. Das Blut jenes Elenden allein ſoll Eueren Fehler ſühnen. Euch Andern hier an Bord ſei vergeben im Namen des Königs, wenn Ihr ſofort zu Euerer Pflicht zurückkehrt.— Wollt Ihr jedoch,“ ſo ſchloß der beherzte Mann mit edlem Feuer,„daß Englands Stolz, der Schrecken unſrer Feinde, die hölzernen Wälle, unſre treffliche Flotte durch Englands eigene Söhne untergehe, ſo nehmt mein Haupt zuvor, das Ihr erſt kürzlich noch mit 59 neuem Ruhme bekränzt; dann— ſteckt die Flagge der Schande auf, und mit ihr die unauslöſchliche Schmach, welche die Nachkommen von ein paar tau⸗ ſend Briten bis in die entfernteſten Geſchlechter brand⸗ marken wird.“ Dieſe Worte verfehlten den Eindruck nicht. Die Waffen ſanken, und fünfhundert der unternehmendſten Seeleute in der Flotte, die Kopf an Kopf ſowohl das Verdeck, als die Takellage und die untern Se⸗ gelſtangen, an denen man im Begriff war, die Se⸗ gel zu löſen, bedeckten, ſtanden unbeweglich. Nur hier und da vernahm man noch einzelnes Geflüſter. Ruhig verweilte der Admiral, mit untergeſchlage⸗ nen Armen ihren Beſchluß erwartend, während er die ihm zunächſt Stehenden mit ſcharfem Blicke muſterte. Als Alle ſchwiegen, fragte er, ſeines Sieges ge⸗ wiß, nach einer kurzen, gewichtigen Pauſe, in der es ſich um Leben und Tod, um Ehre und um Schande handelte, mit kräftiger Stimme:„Kameraden, wollt Ihr Euerm alten Admiral von jetzt an wieder ſo treu und ergeben ſein, wie Ihr es immer wart?“ Ein ſchallendes Lebehoch, dem Sieger von St. Vincent und dem Könige gebracht, war die Antwort. „So kenn' ich die Mannſchaft des Royal Ge⸗ orge!“ ſagte der Graf mit ſichtlicher Bewegung und ſtolz auf ſeinen Sieg. Und wer vermöchte es in Ab⸗ rede zu ſtellen, daß der Dienſt, den er in dieſer Nacht dem Vaterlande geleiſtet, größer war, als die glän⸗ zendſte ſeiner erfochtenen Schlachten?—„An Euere Arbeit jetzt, meine Burſche!“ fuhr er fort.„Befolgt ſchnell jeden meiner Befehle und nehmt mein Wort darauf, daß ich dieſer Nacht nicht anders, als mit der Freude eines Vaters gedenken will, dem es ge⸗ 60 lungen iſt, ſeine irregeleiteten Kinder auf die rechte Bahn zurückzuführen. Es lebe der König und ſeine treuen Matroſen!“ Ein dreimaliges, donnerndes Hurrah! tönte noch⸗ mals vom Top bis zum unterſten Raume. In den nächſten Momenten ſtand Jeder,— der ganze Vor⸗ gang war kaum das Werk weniger Minuten geweſen — als ſei weiter nichts vorgefallen, an ſeinem Po⸗ ſten. Der Körper des Hochbootsmannes, deſſen Dienſt ein Midſhipman übernommen, wurde ohne Weiteres in's Meer geworfen. In ſchrillen, raſchen Stößen tönte wieder die Kommandopfeife, Leuchtſignale ſchwirr⸗ ten an den Maſten hinauf. Der Anker wurde geho⸗ ben, und bald flatterte ein Segel nach dem andern im Winde. Unbeweglich ſtand der Admiral eine Zeit lang an der Ankerſpille, um zu ſehen, wie ſeinen Befehlen Folge geleiſtet wurde. Dann gab er, wie gewöhnlich, das Kommando an den Kommandanten des Schiffs zurück und wandte ſich der Treppe zu, um einen kur⸗ zen Bericht des Ereigniſſes an die Behörden am Lande, ſowie an Lord Howe, der mit einer in den Texel beſtimmten Diviſion auf der Motherbank“) vor Anker lag, durch ein Segelboot abfertigen zu laſſen⸗ Er hatte jedoch den Eingang noch nicht erreicht, als ſich mit der Schnelle des Blitzes die dunkle Geſtalt eines ſtarken Mannes über den Spiegel des Schiffes auf das Quarterdeck ſchwang und ſich unheimlich und lautlos mit wenigen Schritten zwiſchen die Thür und den Admiral ſtellte. Schon blitzte in der Hand dieſes Sohnes de Finſterniß das tödtliche Meſſer, und ſo feſt hielt er *) Ein Theil der Rhede von Portsmonth. 61 den Hals ſeines Opfers umkrallt, daß dieſes unfähig war, den geringſten Laut von ſich zu geben, als Tatloo, der ſich eben umdrehte, um ſeinem Herrn zu folgen, die demſelben drohende Gefahr noch zeitig ge⸗ nug bemerkend, ſich mit der Schnelligkeit des Tigers auf den Nacken des Mörders ſtürzte und mit einem kräftigen Fauſtſchlag den Mordſtahl zu Boden ſchmetterte. Mit wildfunkelnden Blicken wie das Thier der Wüſte, dem durch einen mächtigern Nebenbuhler die Beute entriſſen wird, ſtarrte der finſtre Mörder auf den Neger; doch nur einen Augenblick, dann warf er ſich auf ihn, und es entſtand ein furchtbares Ringen der beiden an Kraft ſich gleichenden Männer, ein um ſo ſchrecklicheres Schauſpiel, als kein Laut ihren Lip⸗ pen entfloh, während ſie ſich an einander klammernd in Schlangenwindungen im grimmigen Kampf auf Tod und Leben rangen. Entſetzt ſahen der Admiral und einige Offiziere, welche das Geräuſch herbeigezogen hatte, auf die neue, unerwartete Scene, als es Tatloo gelang, durch eine raſche Wendung das am Boden liegende Meſſer, wor⸗ auf er ſchon manchen lüſternen Blick geworfen, zu erhaſchen und es zweimal ſchnell hinter einander in des Gegners Bruſt zu ſtoßen. „Schwarzer Hund, Sohn des Satans!“ ſtöhnte der Getroffene zu Boden ſinkend.„Auch hier wird meine Rache vereitelt! Glotzt mich nicht ſo an! Du warſt es, John Jervis, verdammter Engländer, der mich⸗ in London aus dem Schoß meiner Familie rei⸗ ßen und zum Matroſen der Intrepid preſſen ließ; Du warſt es, der mich peitſchen ließ, mich, den Sohn edler Väter. Längſt ſtandeſt Du im Buch meiner Rache verzeichnet; wehe mir, daß mein Stahl. Dich —— nicht erreichte, ſondern die eigne Bruſt! Fluch Dir dafür und allen Engländern und ganz England! Ihr habt mich in namenloſen Jammer geſtürzt, und mein rachedürſtendes Herz muß unbefriedigt ſeinen letzten Schlag thun. Die Hölle iſt gegen mich verſchworen; die Teufel triumphiren. Einer von ihnen hat mich bezwungen.— Segen über Irland! Erfolg ſeinen Kindern!“ Der zum Himmel erhobene Arm ſank her⸗ ab, ſeine Stimme ſtockte, und das im Tode gebrochene einzige Auge des Mannes ſtarrte glanzlos auf den triumphirend mit dem blutigen Stahle über ihm ſte⸗ henden Neger, der mit einem bedeutungsvollen Lä⸗ cheln bald die Leiche zu ſeinen Füßen, bald den ſich dem Wahlplatze nähernden Gebieter anblickte. „Evans O'Neil, der einäugige Lootſe?“ flüſterte dieſer ſchaudernd.— Bejahend nickte Tatloo mit dem Kopfe, und als habe er nur den Augenblick der Er⸗ kennung von Seiten des Admirals abgewartet, lud er jetzt behende den zuckenden Körper auf ſeine brei⸗ ten Schultern und ſchritt gebückt unter der Laſt dem Bord zu. Hier gab er ſeiner Bürde einen heftigen Schwung, und im nächſten Augenblick begruben die Fluten den Mann mit dem zerriſſenen Herzen, deſſen Schläge ſeit Jahren nur blutige Rachegedanken be⸗ flügelt, deſſen Kopf nur Mordpläne durchkreiſt. Das wilde Herz ſtand ſtill, die Fackel ſeines Geiſtes war verlöſcht, und die Wellen betteten ſeinen Leichnam in ihren Schoß als ihr wohlerworbenes Eigenthum. 63 7. Parkers Ausgang. Das Admiralſchiff hatte ſich bald herausgelegt mit allen Segeln. Nach einigen ſchwierigen, aber geſchickt ausgeführten Bewegungen war es gelungen, den aufrühreriſchen Schiffen, die im Begriff waren, die Rhede zu verlaſſen, den Wind abzuſchneiden. So ſehr ſich auch Parker bemühte, die hohe See zu ge⸗ winnen, ſo ſah er ſich doch endlich, da auch Lord Howe im Norden von Spithead den Ausweg in die Nordſee verlegt hatte, genöthigt, vor dem ſich ihm nähernden Linienſchiffe von hundert und zwanzig Ka⸗ nonen, das alle Geſchützpforten geöffnet hatte, die Segel zu ſtreichen. Einige Mitverſchworene, überzeugt, daß ihnen je⸗ der Ausweg zum Entkommen abgeſchnitten, bemächtig⸗ ten ſich Parkers, eben als er im Begriff war, mit Hülfe des Irländers Tomkins das Schiff in die Luft zu ſprengen. So erkauften die Feigen durch einen zweiten Verrath, nach kurzem Parlamentiren, das eigne Leben, indem ſie das Haupt der Verſchwörung mit ſechs ſeiner Vertrauteſten ſelbſt an Bord des Admi⸗ ralſchiffes auslieferten. Als ſich am andern Morgen die Sonne glänzen⸗ der als ſeit langer Zeit aus dem Ocean erhob, wa⸗ ren die Küſten von Portsmouth über Portſea und Gosport hinaus, bis nach dem Fort Monkton hin, mit einer zahlloſen Menge von Neugierigen bedeckt, um ſich von dem Zuſtande der Flotte zu überzeugen, von der die Fama, noch ehe der Morgen graute, ge⸗ meldet hatte, daß ſie mit vollen Segeln den feindli⸗ chen Küſten zueile. Doch ruhig, als ſei nichts geſchehen, lagen ſämmt⸗ liche Schiffe vor Anker, und ſtolz wie immer wehte auf allen die königliche Standarte. Die ungeheure That ſelbſt hatte, gleich dem Auf⸗ ruhr in Dublin, das Licht des Tages nicht erlebt. Die Finſterniß hatte ſie geboren und begraben. In düſtre Nacht gehüllt, war das Verbrechen noch faſt im Keime erſtickt und dem ſtolzen Albion der Schimpf er⸗ ſpart, Zeuge zu ſein, wie einige tauſend ſeiner ver⸗ blendeten Kinder im Stande waren, Ehre, König und Vaterland, wenn auch nur für Augenblicke, zu ver⸗ geſſen und zu verrathen. Schaurig aber klang das Geraſſel der Ketten, mit denen Parker und ſeine Unglücksgefährten, an den Hauptmaſt des Admiralſchiffes gefeſſelt, dieſe fluchend, jener mit Reſignation und die Andern tröſtend, dem Ausgange ihres Schickſals entgegen ſahen. uch zu den Ohren eines alten Mannes, der mit der Ruhe der Verzweiflung in feiner Barke auf das Ruder geſtützt, zu dem ſtolzen Linienſchiffe auf⸗ ſah, drangen jene ſchrecklichen Laute.„Du ſteckteſt Deinen Flaggenſtock zu hoch, Du kühner ſtolzer Seg⸗ ler!“ murmelte er vor ſich hin,„glaubteſt Dich zu Hohem berufen und wirſt nun leider hoch genug ſter⸗ ben für Deine ſchöne Sache, während ich niedrig und unbemerkt auf meiner Nußſchale dahin ſchiffe und dem Vaterlande in unſcheinbarer Geſtalt, viel gefahrloſer, wichtige Dienſte leiſte.“ Eine Thräne drängte ſich unwillkürlich aus ſei⸗ nem Auge und verlor ſich in eine der vielen Furchen, die das Alter und die Beſchwerlichkeiten ſeines Berufs auf ſeinem Geſichte gezegen hatten; aber ein lauter, 5 2 —=—.—— 65 aus ſeiner ſtarken Bruſt ſich emporarbeitender Seuf⸗ zer, der faſt wie ein Schmerzensſchrei klang, erregte die Aufmerkſamkeit einiger Leute in den dem ſeinigen nahe liegenden Böten, von denen fortwährend endloſe Schaaren vom Lande herzogen und das Admiralſchiff dicht gedrängt ungaben. Schon weilte theilnehmend der Blick manches ſtolzen Briten, den die Neugierde herbeigeführt hatte, auf dem fremden alten Schiffer mit dem ſtillen Kummer im ſtarren Geſichte; da zog er ſchnell ſeine Segel auf, und raſch, wie die See⸗ möve, ſchlüpfte das Boot von der kräftigen Hand des ſeltſamen Seemannes geſteuert, aus dem Gewimmel der Barken heraus in der Richtung von Portſea über den freien, im Strahle der Morgenſonne erglänzen⸗ den Waſſerſpiegel dahin. Es war John Boyle, der Lootſe. Wenige Tage ſpäter fand ein noch größeres Ge⸗ wühl von Böten und Schaluppen um den Royal George ſtatt, an deſſen halbem Maſte heute eine große ſchwarze Flagge, ſchaurig vom Luftzuge bewegt, über dem hohen Verdeck des ſtattlichen Kriegsſchiffes wallte, auf dem die ganze Mannſchaft in Parade ſtand. Kein Laut verrieth das Daſein einer ſo zahlrei⸗ chen Verſammlung, kein Kommandowort, kein Ton der Bootsmannspfeife unterbrach die dumpfe Stille un⸗ ter Soldaten und Matroſen auf dem Schiffe, die ängſt⸗ liche Erwartung in den Zügen der Zuſchauer. Da donnerte ein Kanonenſchuß vom Admiralſchiff über die Rhede hin, und ſobald der gleich einer dicken weißen Wolke über die Gewäſſer ſich hinwälzende Rauch wieder die freie Ausſicht geſtattete, ſah man von jedem Kriegsſchiffe ſtark bemannte Böte, alle un⸗ ter der ſchwarzen Flagge, heranziehen und im weiten Kreiſe ſich um den Royal George ordnen. Immer Storch, ausgew. Romane u. Novellen. K. 5 — Ü 3 1 3 3 66 noch kein Geräuſch, als vielleicht ein Seufzer aus der Bruſt eines ſonſt ziemlich harten Seemannes, oder das Rauſchen der Wellen, wenn der Kiel der heranru⸗ dernden Fahrzeuge über ſie hinglitt. Die Trommeln wurden gerührt, und Parker trat mit ſeinen Mitſchuldigen auf das Verdeck. Raſſelnd fielen die Ketten und ſchaudernd fuhren die Zuſchauer bei dieſem, die Stille zuerſt unterbrechenden Tone zu⸗ ſammen. Parker ſtand entblösten Hauptes vor ſei⸗ nem Richter frei und mit edler Haltung. Die Ma⸗ rineſoldaten präſentirten das Gewehr. Nach herge⸗ brachter Form wurde ihm von einem Offizier das Verbrechen noch einmal vorgeleſen und ſein Einge⸗ ſtändniß verlangt. Doch nur kurz waren die zu beobach⸗ tenden Formen. Parker verneigte ſich bald darauf vor dem Admiral und den Offizieren und grüßte ſeine Ka⸗ meraden, deren meiſten Thränen in den Augen ſtan⸗ den, rings um ſich her durch ein lautes„fare well!“ Schmerzlich lächelnd blickte er dann auf die große Raa, an der er im nächſten Augenblicke, zwiſchen Himmel und dem Verdecke des Schiffes ſchwebend, den kühnen Geiſt verhauchen ſollte, und reichte denen, die dazu beſtimmt waren, ihn hinaufzuziehen, die Hand. Und noch einmal an den Admiral ſich wendend, ſprach er: „Was ich thun wollte, Mylord, verzeiht es mir, es galt meines Irlands grünen Matten, nicht Euch, My⸗ lord Vincent, bei Gott nicht Euch, Britanniens größ⸗ tem Helden! Das Wort des Sterbenden mag's Euch verbürgen!“ Erſchüttert wandte ſich der Admiral zu den Um⸗ ſtehenden, mit den Worten:„Schade um den ſonſt ſo braven Mann!“ Da ſchwirrten die Rollen hin⸗ auf;„Irland für immer!“ ſchallte es von Parkers Lippen und zwei Minuten ſpäter hatte ſein heißes * 4— 67 freiheitdürſtendes Herz zu ſchlagen aufgehört. Die Matroſen und Soldaten beteten für ſeine Seele. Un⸗ erſchrocken, doch ſchweigend litten die Andern den Tod; „Irland hoch!“ rief auch Tomkins, die Arme nach Weſten hin ausbreitend, als ſchon die Schlinge um ſeinen Hals gelegt war. „Keiner von Euch, Ihr armen Burſche, war ein Schurke, wenn Ihr gleich den Tod des Miſſe⸗ thäters ſtarbt,“ ſagte der Admiral, als er in die Ka⸗ jüte hinabging.„Welch' edle Vaterlandsliebe wohnte in dieſen Herzen! So ſah ich noch alle Irländer ſterben. Wahrlich, dieſes Volk verdiente glücklicher zu ſein!“ Starr ſchwebten die Leichen, ſchaurig vom Luft⸗ hauche bewegt, über den Fluthen, und die Zuſchauer, mancher mit Bewunderung für den heroiſchen Patrio⸗ tismus Parkers erfüllt, kehrten allmählig ans Ufer zu⸗ rück, um den Ihrigen zu erzählen, daß es ſo gut unter den Irländern, wie unter den Engländern, Män⸗ ner von großem Charakter gäbe. „Nur ein kleines Fahrzeug, mit einem einzelnen Seemanne darin, den man ſchon öfters in dieſen Ta⸗ gen am Schiffe bemerkt hatte, war noch zurück. Es war wiederum John Boyle, der mit der Mütze in den gefalteten Händen hinaufrief:„Gebt mir Parkers Leiche, ich bitte Euch, meine Freunde, daß ich dem Manne, der mein Freund war, ein Grab bereite, wie's dem ehrlichen Seemann gebührt!“ Mitleidig willfahrte man der ſeltſamen Bitte, ohne weiter zu fragen. Behutſam wurde die Leiche in's Boot hinabgelaſſen, wo der Alte ſie mit den Armen umfing und ihr die gebrochenen Augen zudrückte. Dann legte er den Todten nieder und breitete ein Segel über 5* ihn, hißte eine kleine ſchwarze Flagge auf und ſteuerte, ſich fern von jeder Küſte haltend, in's offne Meer hinaus. 8. Der Pächter von chesnuthilt. Der Winter war in ſein blüthenumſchmücktes Grab geſtiegen; der Frühling ſaß auf dem Thron und ſtreute die Fülle ſeiner Schätze über Irland aus. Deſſen fren⸗ ten ſich aber ſeine Bewohner in dieſem Jahre noch weniger, als in manchem der vorhergehenden. Tauſende irrten flüchtig und ohne Heimath umher. Die Wohn⸗ ſitze vieler Großen ſtanden öde und verlaſſen; ihre Beſitzer waren der Sicherheit halber nach England entflohen. An den Thoren der Landgüter mancher wohl⸗ habenden Patrioten leuchtete auch wohl das Siegel der Regierung, zum Zeichen, daß ſie unter Sequeſter ſtan⸗ den. Dies war auch mit Sir Lewis O'Donnels Gü⸗ tern der Fall. Die Fenſter des Schloſſes Greenlodge waren ringsum mit Läden verſchloſſen. Unkraut ſchoß wuchernd in den ſchönen Gartenanlagen empor, und hohes Gras bedeckte die ſonſt ſo reinlich gehaltenen Kieswege des Parkes an der reizenden Bay. Nur in dem Fenſter eines hoch in einem der Thürme gelege⸗ nen Gemaches erblickte zuweilen ein Vorübergehender den grauen Kopf eines alten Dieners, dem die Obhut über die Zimmer anvertraut war. Alle übrigen Be⸗ 69 wohner waren mit Michaul Dahna kurze Zeit nach den eirifſen in Dublin verſchwunden, Niemand wußte wohin. Obgleich die Regierung nicht verſäumte, von Zeit zu Zet bei den von ihr angeſtellten Schloß⸗ verwaltern Nachrichten einzuziehen, blieb doch jede Nachforſchung erfolglos, weil mit dem Verſchwinden des edlen Iren auch jede Spur von ſeinem Diener und deſſen Weibe und Bruder wie verwiſcht war. Düſter und in beängſtigender Stille verging das Jahr. Mit der Entfernung des Hauptes, für welches man endlich Sir Lewis O'Donnel mehr und mehr zu halten geneigt war, ſchien jeder fernere Verſuch zu einer offenen Empörung erſtorben. Auch den gefürchteten Leßlie glaubte man außer Landes, und ſo kam es, daß die Partei der Orangemänner, während der letzteren Jahre von den Independenten ſo ziemlich in Schach gehalten, allmählig wieder das Haupt erhob und aber⸗ mals die alten Wege einſchlug, die ſie, nothgedrungen, wenigſtens ſcheinbar einige Zeit verlaſſen hatte. Auch auf Lindſayhall hatten die Verhältniſſe eine andre Geſtalt gewonnen, doch waren ſie der ſcharfe Gegenſatz zu dem trotzigen Stolze der Bewohner der benachbarten Schlöſſer. Zwar war es Lord Kildare durch ungeheure Summen, die er Opfer gebracht, ſowie durch die Hülfe des neuen Vicekönigs, Lord Camden, eines ſeiner Jugendfreunde, gelungen, die Unterſuchung gegen ſich niederzuſchlagen und ſich wie⸗ der auf freien Fuß geſetzt zu ſehen, aber er war da⸗ durch nicht vermögend, den großen Verdacht, den alle ſeine Standesgenoſſen gegen ihn hegten, als ſei er bei dem Attentat auf Lord Corhampton und der Be⸗ freiung Sir Lewis O'Donnels ſtark betheiligt, wenn nicht gar der Urheber von beiden geweſen, zu beſeiti⸗ gen und der Verachtung, die ihn von der hohen Gen⸗ 70 try deshalb traf, zu begegnen. Die Unterredungen, die Kildare mit dem Lordlieutenant Corhampton im Palaſt und auf der Maskerade des Lord Kanzlers in Betreff des gefangenen O'Donnel gehabt, die Dro⸗ hungen, die er gegen denſelben ausgeſtoßen, und die Unterſuchung, in die er deswegen gezogen worden, waren überall bekannt, eben ſo daß der Gefängniß⸗ wärter und der alte Sergeant ausgeſagt hatten, ſie ſeien von Kildare beſtochen worden, Sir Lewis los⸗ zulaſſen, ſobald ſie ſcheinbar von einem bewaffneten Haufen überfallen werden würden, und endlich, daß der Lord geradezu denunciirt worden war, der Urhe⸗ ber des ganzen Aufſtandes geweſen zu ſein. Der hohe Adel war an dem Manne, auf den man als den würdigſten Repräſentanten der iriſchen Ariſtokratie mit Stolz zu blicken gewohnt war, ganz irre gewor⸗ den; man wußte nicht, was man von dem Feinde O'Donnels denken ſollte, der, um den jungen Dema⸗ gogen, den er ſelbſt der Regierung überliefert, wieder zu befreien, ſelbſt den Mord des Statthalters und eine Revolution gegen die Regierung nicht geſcheut. Nun tauchten auch wieder alte dunkle Gerüchte auf, als ſei der Lord ein Verbündeter der Franzoſen, und dies Alles trug nur dazu bei, die Meinung über ihn zu ver wirren und Alles, was zur Gentry ſich zählte, von ihm zurückzuſcheuchen. Kildare, ſonſt der Huldigun⸗ gen ſeines Standes gewohnt, war empört über dieſe Zurückſetzung; er verſuchte ihr Stolz entgegen zu ſetzen, aber dies gelang nur auf kurze Zeit. Es kamen noch andere und ſchwerere Dinge hinzu, dieſen künſtlichen Stolz ſchnell zu brechen und ihn der ſelbſtgeſchaffenen Hölle zu überliefern. In ſeiner Seele glühte eine Oual nach der andern auf. Er haßte O'Donnel, wie keinen Menſchen weiter, und war durch die furchtbare Macht * 71 der Verhältniſſe gezwungen worden, für ſeinen Freund zu gelten und Handlungen, die eigentlich von der Liebe erzeugt werden, für ihn zu vollbringen. Obgleich in vielfacher Beziehung ſchuldig, war er es doch gerade nicht hinſichtlich der vollbrachten Verbrechen, deretwe⸗ gen er der Regierung und dem Adel vorzüglich ver⸗ dächtig geworden, und von deren Theilnahme ſich ganz zu reinigen, er durchaus nicht im Stande war. Und durch alles dies war er der Ausführung ſeiner ehr⸗ geizigen Pläne nicht etwa näher gekommen, nein, er ſtand nie weiter davon entfernt, als gerade jetzt. So in Zwieſpalt mit ſich ſelbſt und der Welt gerathen, verlebte er einſame düſtre Tage auf Lindſayhall, wo ſeit ſeiner Rückkehr eine Grabesſtille herrſchte. Aber auch dieſe Uebelſtände waren's noch nicht allein, die den Lord peinigten; es gab noch andre, die geeignet waren, ihn auf den Gipfel der Verzweiflung zu treiben. Noch immer wähnte er die verhängniß⸗ vollen Dokumente des franzöſiſchen Directoriums, die ihn in all' dies Unglück gebracht, in den Händen der alten Heideſchenkin und hatte nicht den Muth, etwas gegen Mutter Peppy zu unternehmen, oder ihr die Papiere abzuſchmeicheln; der ſtarre Charakter dieſes Weibes und ihre Verbindung mit den gefürchteten Weiß⸗Jungen waren ihm nur zu wohl bekannt. Und ſo hing ſtets das Damokles⸗Schwert über ſeinem Haupte. Von der andern Seite wußte Henderſon um das un⸗ ſelige Geheimniß. In dieſem war dem Lord ein ſcho⸗ nungsloſer Quälgeiſt erſtanden. In dem Grade, in welchem Kildare in der Ach⸗ tung des Adels geſunken war, hatte Henderſon, durch Glück und Schlauheit begünſtigt, ſich darin zu erheben gewußt. Man konnte dieſem Manne die äußere Po⸗ liteſſe im Umgang und den gewöhnlichen Tact nicht 1 72 abſprechen; dabei war er gewandt, fügſam, unterthä⸗ nig gegen den Adel, diente den Männern, ſchmeichelte den Frauen, wagte es nie, eine eigne Meinung zu haben, erklärte ſich für den eifrigſten Anhänger ari⸗ ſtokratiſcher Meinungen, ſuchte ſich durch tauſend Dienſt⸗ leiſtungen gefällig zu zeigen und wußte es ſtets auf eine geſchickte, ungezwungene und doch keineswegs de⸗ müthigende oder kriechende Weiſe an den Tag zu legen, wie hoch er die Gnade zu ſchätzen wiſſe, einen Platz in der Klaſſe der Gentry des Landes einnehmen zu dürfen. Dagegen ſpielte er gegen den gemeinen Iren den vornehmen Mann mit aller Aufgeblaſenheit, gegen ſeine Untergebenen den ſtrengen Herrn und ſprach vom Volke ſtets nur mit naſerümpfender Verachtung. Seine Kleidung war äußerſt gewählt, aber nicht überladen; auf ſeinen Fingern glänzten Ringe mit ächten Bril⸗ lanten; ſeine Pferde waren von den edelſten Racen, ſeine Equipagen höchſt geſchmackvoll, ſein Haus ſehr anſtändig eingerichtet und den Gaſtfreunden ſtets geöff⸗ net. Zu dieſem ſchönen Etabliſſement hatte er einer geſchickten weiblichen Hand bedurft, und er war ſo glücklich geweſen, Miß Anna Reil dafür zu gewin⸗ nen. Seit dieſe Dame, von ihrer Nebenbuhlerin Miß Margaret Fitzjames aus dem Felde geſchlagen und aus Lindſayhall verdrängt, Maſter Henderſons Haushäl⸗ terin geworden war, galt der Pachthof von Chesnu⸗ thill als der Sitz ächten Comforts, und die vornehm⸗ ſten und ſtolzeſten Glieder des Adels verſchmäheten es nicht, an Henderſons prächtigen Féten Theil zu neh⸗ men, bei welchen jedoch Lord Kildare nie erſchien. Deſto öfterer beſuchte der Gentleman⸗Farmer ſeinen hohen Gönner und Wohlthäter, und er und James Morries wa⸗ ren die einzigen Gäſte, die auf Lindſayhall einſprachen und einiges Leben in die todte Einſamkeit des alten „ A ———— 3 0 Schloſſes brachten. Selbſt Lord Wexford hatte nach ſeiner erſt ſpät erfolgten völligen Geneſung keinen Be⸗ ſuch bei Kildare gemacht und dadurch, gegen alle Höf⸗ lichkeitsform ſchroff verſtoßend, deutlich genug zu er⸗ kennen gegeben, daß er jede Verbindung mit dem Herrn von Lindſayhall für abgebrochen angeſehen haben wolle. Inzwiſchen verlautete mehrmals, daß der tapfere Dra⸗ gonerobriſt in der Nähe des Schloſſes, in Dunmoore und in der Heideſchenke geſehen worden ſei. Miß Margaret wußte allein am beſten, wie dieſe Gerüchte zu erklären waren; denn ſie ſtanden mit ihren einſamen Spaziergängen im Park zu abendlicher Zeit in der genaueſten Verbindung. Dieſe Dame wurde nur in ſofern von der düſtern Stimmung auf Lindſayhall berührt, als ſie ſich, nach glücklicher Vertreibung An⸗ na's, nicht ſelten langweilte; doch ſuchte und fand ſie Entſchädigung. Lady Eliſabeth vertiefte ſich, ihren Gram auf Augenblicke zu vergeſſen, in Lektüre und Muſik, und oft genug hallten die ſchwermüthigen Klänge ihrer Altſtimme, von dem mitklagenden Getön der Harfenſaiten begleitet, über die dunkeln Tannengipfel des Parkes hin und hätten der Seele des Lords Frie⸗ den bringen müſſen, wie ſie aus dem ſtillen, wenn auch thränenreichen Frieden einer ſchönen Seele em⸗ porſtiegen, wenn dies anders möglich geweſen wäre. Aber die ſeinige war dem böſen Erdgeiſte verfallen, der ſich auf den Schwingen der Muſik nicht zum Licht emporflügeln läßt, der ſelbſt den dämmernden Strahl hereinbrechender Wehmuth flieht. Dies war die Lage der Dinge auf Lindſayhall. Auf Chesnuthill ging es dagegen ſtets herrlich und in Freuden zu. Elifabeth bemerkte mit größtem Mißvergnügen und tiefverletztem Ehrgefühl täglich mehr, wie die ſteigende 74 Anmaßung Henderſons von ihrem Vater mit einer Duldung, ja mit einer Zuvorkommenheit behandelt wurde, die ſie in unwilliges Erſtaunen verſetzte und ſie das wahre Verhältniß zwiſchen beiden Männern ahnen ließ. Mit widriger Freundlichkeit hatte Henderſon ſogar ſchon einige Male gewagt, ſich der Lady ſelbſt zu nahen und ſie mit ſeinen abgegriffenen Redensarten zu unterhalten, und es berührte ſie auf's ſchmerzlichſte, wenn ſie ſehen mußte, wie ihr Vater es nicht bemer⸗ ken zu wollen ſchien, daß ſie die Nähe des Empor⸗ kömmlings höchſt ungern duldete und ſeinem faden Geſchwätz ein erzürntes Ohr lieh. Die Erörterungen, die deshalb zwiſchen Vater und Tochter nothwendiger Weiſe ſtattfinden mußten, trugen ein Großes zur Ver⸗ mehrung des Grames bei, der ſichtbar an Eliſabeths Innerem nagte und die edle Form, welche eine ſo erhabene Seele barg, allmählig zu zerſtören drohete. Oft ſchauderte ſie vor dem dunkelgeahnten Abgrund zurück, in welchem ſie ihren Vater rettungslos verſunken ſah, und ein ſtummer Jammerſchrei entſetzlicher Ver⸗ zweiflung wühlte in ihrer edlen Bruſt. Lord Kildare betrachtete es keineswegs mit Gleich⸗ muth, wie Henderſon, ſich täglich mehr über ſeinen Stand erhebend, ſowohl ſeine frühere Lage, als den Standpunkt des Mannes, welchem er ſeine beſſeren Verhältniſſe zu verdanken hatte, ſo gänzlich vergaß, daß er ſeinen hohen Gönner nicht ſelten mit einer Ver⸗ traulichkeit behandelte, welche anfangs in der ganzen Umgegend Aufſehen erregte; aber er war der ohn⸗ mächtige Sklave, der knirſchend in die Ketten biß, gute Mienen zum böſen Spiel machte und ſich nicht mehr öffentlich mit ſeinem Herrn zeigte. Unverhältnißmäßiger Aufwand und ſinnloſer Lu⸗ 2 — 8 75 rus bezeichneten das Leben des übermüthigen Pächters von Chesnuthill, und ſchon nach Verlauf eines Jah⸗ res hatte er Gelegenheit, ſich vollkommen zu überzen⸗ gen, daß die Einnahmen des ſchönen Pachtgutes, die jedem, mit dem Comfort eines anſtändigen Lebens zu⸗ friedenen Farmer mehr als genügt hätten, keineswegs mit ſeinen ſich fortwährend mehrenden Wünſchen und Bedürfniſſen im Verhältniſſe ſtanden. Sein hochfahrender Sinn ſtrebte nach den Mit⸗ teln zu einer glanzvolleren Lage. Die Abhängigkeit als Pächter eines iriſchen Lords fing an, dem Eng⸗ länder, einmal das Joch der Dienſtbarkeit abgeſtreift, läſtig zu werden. Obgleich er ſich der That nach als Beſitzer einer ihm vollkommen zugeſicherten Sinecure betrachten konnte, wohl wiſſend, daß es der Lord nie genau mit der Zahlung der Pachtgefälle nehmen würde, wollte er doch auch dem Namen nach Eigenthümer von Grundſtücken ſein, deren Lage ihm beſſer behagte, als die des einſamen Chesnuthill, und die im Fall ſeiner Verheirathung als bleibendes Eigenthum auf ſeine Nachkommen übergingen. Die in den öffentlichen Blättern von den Be⸗ hörden gemachte Anzeige, daß ſämmtliche Güter des Baronets Sir Lewis O'Donnel an den Meiſtbietenden überlaſſen werden ſollten, gab dieſer ſeiner Lieblings⸗ idee neue Nahrung, obgleich er nie mehr von Geld entblößt geweſen war, als beim Eingang dieſer Nach⸗ richt.„Ha! Greenlodge an der reizenden Bantry⸗ Bay! Das köſtliche Jagdſchlößchen! Danach ſtand lange mein Sinn!“ rief er, die Zeitungen weit von ſich werfend, die Tim gebracht, und ſich vom Divan emporſchnellend.„Dann noch einen anſtändigen Ti⸗ tel, zuletzt ein reiches vornehmes Weibchen, und man iſt ein gemachter Mann. Aber vor Allem, Geld! Geld! 76 Geld! Dann findet ſich das Andere ohne weiteres Kopfbrechen. Geld verſchafft ja dem Menſchen Alles, ſogar Verſtand. Woher ſoll ich ihn nehmen, dieſen Talisman, den Zauberſchlüſſel, der alle Thüren öffnet 1 und den Eingang zu den Herzen der Menſchen bahnt, wenn alle andern Mittel unwirkſam bleiben? Ich bin wieder ſo arm, wie die Mäuſe der iriſch⸗katholi⸗ 1 ſchen Kirche; das ſei Gott geklagt! Die nächſte Ernte und die Maſtochſen ſchon im Voraus verkauft und nicht einmal der neue Wagen und die letzten Pferde bezahlt! Das letzte Faß Wein angezapft und die Manichäer täglich vor der Thür!— Wo die Hypo⸗ thek fehlt, da will Niemand borgen; am allerwenigſten die britiſche Regierung mir, der unbekannten Größe, der ich soi disant in dies armſelige Land wie her⸗ eingeregnet bin. Woher alſo ſchnell, Tim? woher, mein Burſche?“ „Und das könnte Ew. Gnaden mich fragen?“ ver⸗ ſetzte der kleine Reitknecht.„Wohnt in Lindfahhall nicht ein reicher Mann, ein begüterter Pair, der Sie ſo in's Herz geſchloſſen hat, daß er Ihnen nichts ab⸗ ſchlagen kann? Und darf Ihnen Lord Kildare über⸗ haupt etwas abſchlagen? Gehen Sie doch, Sie haben 1 ja den Schlüſſel zu Mylords Caſſette.“ „Beim Teufel. Burſche, Du haſt Recht!“ rief Henderſon aufſpringend und das Zimmer mit heftigen Schritten meſſend.„Der Lord mag ſich drehen und 1 wenden, wie er will, Geſichter ſchneiden und große 7 Worte machen: er muß mir das Kapital leihen.“ „Maſter Henderſon,“ nahm Miß Anna das Wort, 1 die hereingekommen war und gehört hatte, um was 1 es ſich hier handle;„in der That, ich begreife Sie nicht. Ihnen ſteht ein Weg offen, der Ihnen zu 3 Ehren und Würden, Titel und Reichthum, zu einer — 11 reizenden liebenswürdigen Frau und einem geſchmeidi⸗ gen Schwiegervater verhilft; Sie können dieſen Weg ſo ganz ohne alle Mühe einſchlagen und des ſchönſten Erfolgs gewiß ſein; warum wandeln Sie auf Neben⸗ wegen?“ „Ich verſtehe Sie nicht, Miß Anna; erklären Sie ſich deutlicher.“ „Wie? So müßte es Ihnen ein Weib ſagen, daß Ihr höchſtes Glück in Lady Eliſabeth beſteht? Was hindert Sie beim Lord um die Hand ſeiner ſchönen Tochter anzuhalten, ſie von ihm zu fordern? Die Partie mit Lord Werford hat ſich längſt zerſchlagen, und Miß Margaret wird Ihre Werbung gern mit all' ihren Kräften unterſtützen—.“ „Weib!“ rief Henderſon, wie vor einem Blitz⸗ ſtrahl zurücktaumelnd,„das hat Dir Gott oder der Teufel eingegeben! Himmel! daran hab' ich nicht gedacht! So hoch hab' ich mich noch nicht verſtiegen. Aber Sie haben Recht, Miß, das Beſte iſt für mich gut genug, und nach dem Höchſten muß ich ſtreben. Eliſabeth muß mein werden und Greenlodge dazu. Ja, Mylord, die Tochter und Geld, oder beſſer: erſt Geld und dann die Tochter.„Vogue la galére!“ rief Lord Werford in ſeiner guten Laune,„Vogue la galére!« ruft Maſter Henderſon in gleicher Stim⸗ mung.— Auf, Tim, mein Junge, den neuen Wa⸗ gen und die zuletzt gekauften Iſabellen mit dem ſilber⸗ plattirten Geſchirr! Ich will nach Lindſayhall. Schnell! ſogleich! Man laſſe mich nicht warten!“ „Wie Ew. Gnaden befehlen,“ erwiderte der Die⸗ ner hämiſch lächelnd,„aber da iſt der zudringliche Sattler ſchon wieder in der Remiſe und betrachtet den neuen Wagen mit ſo nachdenklicher Miene, als ob er 78 ſchon den Verluſt berechnete, wenn er ihn vielleicht wieder zurückzunehmen gedächte.“ „Er mag ſich heute noch einmal zum Teufel pak⸗ ken! Sag's dem Unverſchämten, Tim! In einigen Tagen kann er die lumpigen zweihundert Guineen in Empfang nehmen in blankem Golde oder in guten Noten der Bank von Frland. Aber keinen Stich mehr ſoll der Kerl, der den mir ſchuldigen Reſpekt vergißt, ferner für mein Hausweſen arbeiten. Nimm einen andern fügſamern, höflichern Mann zu unſrer Arbeit an! Dieſe iriſchen Hunde müſſen hinfüro alle höflich wedeln und dürfen nicht mehr unbeſcheiden kneifen.“ „Die Nachricht, Sir, wenn er derſelben Glauben — beimißt, wie ich hoffe, verlaſſen Sie ſich darauf, wird den guten Mann erfreuen, und es wird nicht nöthig ſein, einen Andern anzunehmen, denn ich ſtehe für j die künftige Demuth und Beſcheidenheit dieſes iriſchen 4 ———— Bullenbeißers.“ „Spare Deinen Witz und erfülle meine Befehle!“ rief der Gebieter ſtreng und mit ſtolzer Miene auf die Thür deutend. Schweigend verließ der Diener das Zimmer, aber ſobald der übermüthige Pächter ſich in ſeinen beque⸗ men Wagen geworfen hatte, war Tim wieder drin⸗ nen bei Miß Anna, und ſein Geſicht zeigte eine ſcha⸗ denfrohe Grimaſſe⸗ „Triumph!“ rief ihm die Dame entgegen und zog ihn im Uebermaß der Freude an ihre Bruſt.„Ein Hauptſchlag iſt uns gelungen. Das greift Dir an die Wurzel des Lebens, ſtelzer Lord; denn Dein Höchſtes iſt die Tochter. Tim, mein treuer Verbündeter, wir werden uns glänzend rächen!“ Da ballte Tim die Fauſt und murmelte:„Es muß noch beſſer kommen, wenn's mir große Freude — — 79 machen ſoll, und es kommt auch noch beſſer. Wenn ich Triumph! rufe, liebe Anna, Roſenherz, dann wird von Lord Kildare nicht viel mehr übrig ſein, als die Düngung für ein paar Fuß Land.“ „Ja, mein Goldjunge!“ ſchmeichelte ſie und er⸗ widerte vertrauliche Liebkoſungen, die ſich Tim erlaubte. Die ſchöne Miß Anna Reil und der häßliche Tim Ruuthan! Die ſtolze, engliſche Dame und der gemeine iriſche Knecht!—— 9. Maſter Henderſon in Lindſayhaf. Henderſon ſtieg mit affectirt nachläſſiger Vornehm⸗ heit am Thore des alten Lindſayhall aus. Die düſtre Stimmung der Schloßbewohner konnte durch die Ankunft eines ſo unwillkommenen Gaſtes nicht vermindert werden. Der Empfang, welcher ihm von Seiten des Lords in Vorahnung irgend einer neuen Anmaßung zu Theil wurde, war kalt und gemeſſen. Doch der Pächter ſchien die Stimmung ſeines Pro⸗ tektors nicht zu bemerken und nahm, die ihm bekannte Nummer der Zeitung, die das Ausgebot der O Don⸗ nelſchen Güter enthielt, auf dem Geſimſe des Kamins erblickend, davon Veranlaſſung, ſchnell zum Zweck ſei⸗ nes Beſuches überzugehen. „Ah, ich ſehe, Mylord kennen ſchon die von der Regierung Seiner Majeſtät wegen der Güter O'Don⸗ nels getroffenen Verfügungen!“— 80 Ohne etwas zu erwidern, bejahte der Angere⸗ dete nur durch ein kaum merkliches Nicken mit dem Kopfe. „Ich habe die Abſicht“ fuhr Henderſon fort, 3 „wenigſtens eines davon, Greenlodge in unſerer Nähe,. zu kaufen.“ Mit dem Zeichen der höchſten Ueberraſchung trat der Lord ihm einen Schritt näher und fragte im ge⸗ reizten Tone:„Wie? Hab' ich recht gehört? Sie wol⸗ len Greenlodge kaufen? Sie?“ „Halten Sie es nicht für Anmaßung, Mylord! Der Menſch ſehnt ſich danach, ein Eigenthum zu ha⸗ ben, ſich ein Neſt zu bauen, wie Ew. Herrlichkeit einſt ſelbſt Ihrem ganz ergebenen Diener ſcherzhaft bemerkten, als Sie die Güte hatten, ihm Chesnuthill in Pacht anzubieten, wonach ich ja ſonſt nie gewagt haben würde, die Hand auszuſtrecken. Ich würde Sie bitten, mir die Pachtung verkaufsweiſe abzulaſ⸗ ſen; ſie genügt ja vollkommen meinen beſcheidenen Wünſchen. Da ſie aber zum Majorat gehört und dereinſt auf die andre Linie übergeht, ſo iſt daran nicht zu denken.“ Immer finſtrer grollten Kildare's Brauen; jedoch ohne ſich dadurch irre machen zu laſſen, fuhr Hender⸗ fon mit einem ſtechenden Blick auf ſeinen Gönner fort: „Ich kenne Ihre große Vorliebe für jene Grundſtücke. Sie, Mylord, ſo denke ich, kaufen das alterthümliche, ſtattliche Balliford in der Killala⸗Bay, ich ſelbſt aber das einfache Greenlodge, weil es meinem untergeord⸗ neten Stande beſſer geziemt.“ „Ich dachte beide zu kaufen,“ fiel jetzt der Lord, ſeines Unwillens nicht länger Herr, im heftigen Tone ein.— „Erlauben mir Ew. Herrlichkeit nur auszureden. ————— 81 Das Verhältniß zwiſchen Lord Wexford und dem edlen Fräulein iſt, wie ich bemerkt zu haben glaube, abge⸗ brochen. Die Herren wiſſen alle das ſeltene Kleinod nicht genug zu würdigen, ſonſt würden ſie nicht ſo⸗ bald müde werden in ihren Bewerbungen. Schande über ſie alle! Aber ich, Mylord, Ihr ergebenſter Die— ner und Ihr Verbündeter zugleich auf Leben und Tod, ich, Mylord, der ich Ihrem Herzen ſchon durch aller⸗ lei Kleinigkeiten näher ſtehe, als die Andern, ich fühle mich mit mächtigen Banden an das holde Weſen gefeſ⸗ ſelt, welches uns beide Männer fernerhin unauflöslich verbinden könnte. Erlauben Sie mir daher, hochverehr⸗ ter Mann, mich um die Liebe Eliſabeths zu bewerben, deren hohen Werth Niemand beſſer kennt, als ich ſelbſt. Mit einem Worte, Mylord! Geben Sie mir Ihre ſchöne Tochter zur Gattin, und ich ſchenke ihr dann wiederum Greenlodge zur Morgengabe. Freilich Ihre Herrlichkeit würden mich zuvor durch ein hin⸗ längliches Darlehn, etwa baar, oder durch Anweiſung auf Ihren Banquier in Dublin dazu in den Stand zu ſetzen die Güte haben. Aber ich kenne ja Ihr un⸗ endliches Wohlwollen gegen mich und darf daher nicht zweifeln. Nun, Mylord, ziehen Sie gütigſt den Ge⸗ genſtand in Erwägung.“ Von Entſetzen gefeſſelt, ſtand der Lord bewegungs⸗ los, ſeine Haare ſträubten ſich, und in ſeinen wilden, unſtäten Blicken malten ſich Wuth, Verzweiflung und Scham, in den Augen des ihm gegenüberſtehenden Mannes ſo tief geſunken zu ſein, daß dieſer es wagen durfte, der noch vor wenig Monaten den Bedienten⸗ rock getragen, ihm, dem mächtigen Lord, ſolch einen Antrag zu machen. Nach einer kurzen Pauſe, wäh⸗ rend welcher Henderſon gleichgültig mit ſeinem Uhr⸗ gehänge ſpielte, brach Kildare in die Worte aus: 6 Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. — ————— ——— ——— ———— —— —— 82 „Sind Sie von Sinnen, Mann? Gilt Ihnen mein Name und Rang ſo wenig, oder gar nichts mehr? Haben Sie ſo bald vergeſſen, was Sie vorhin gewe⸗ ſen, Mr. Henderſon, daß Sie, kaum aus dem Staube hervorgezogen, Ihre Augen auf eine Dame werfen, die im allerglücklichſten Falle Ihre verwegenen Wünſche für die Ausgeburt eines in Unordnung gerathenen Gehirns halten würde? Sagen Sie: Ja! Henderſon, und ich will Ihnen verzeihen! Sie reden im Deli⸗ rium, Henderſon, nicht wahr? Geſtehen Sie's, das ſchnelle Glück hat Sie betäubt, Sie reden irre? Mann, ſage: Ja! oder ich ſelbſt werde verrückt und würge Dich im erſten Anfalle der Wuth.“— Erſchöpft ſank der mächtige Herr von Lindſayhall auf einen Seſſel, und Henderſon begann wieder im ruhigſten Tone zu ſprechen: „Mylord, nie redete ich je zuvor mit größerer Ueberlegung, als heute, während ich mein künftiges Glück zum Gegenſtand ernſter Betrachtung gemacht habe. Was, beim Himmel! finden Sie denn ſo Auf⸗ fallendes darin, mein Herr, deſſen Vorfahren vielleicht Wilhelm dem Eroberer die Steigbügel hielten, oder der Königin Eliſabeth den Mantel nachtrugen auf ihren romantiſchen Promenaden mit Leiceſter, um ihre füßen Unterredungen in den ſchattenden Lauben von Windſor oder im Park von Kenilworth gegen unwill⸗ kommene Störung zu ſchützen, wenn ich, der ich Lord Wepford, einem beſſern Manne, als Leiceſter, einmal den Kutſchenſchlag öffnete, oder die Stäubchen von ſei⸗ nem Rock nahm, meine Augen zu Ihrer ſchönen und klugen Tochter erhebe? Sie ſind ſtolz auf Ihren er⸗ ſten Ahn, der ſich doch auch empor half, wie ich, von Glück und eignem Talent begünſtigt; meine Nachkom⸗ men, ſo Gott will, ein eben ſo berühmtes Geſchlecht, g wie das Ihrige, Mylord, ſollen mit Stolz auf mich, ihren erſten Ahn, zurückblicken und ſagen, daß ihre Stammmutter eine Kildare war. Ziehen Sie mich des⸗ halb immer höher empor; aus dem Staube, Mylord, war noch nicht genug. Erheben Sie mich aus mei⸗ ner Dunkelheit zu Ihrer eigenen Höhe. Beſiegen Sie ein lächerliches Vorurtheil, und ich gebe Ihnen mein Wort, Ihr Schwiegerſohn wird Ihnen keine Schande machen.“ „Schrecklich, ſchrecklich!“ ſtöhnte Kildare.„Gro⸗ ßer Gott! ſo weit wäre es alſo mit mir gekommen? Ja, ich fühle ſie jetzt tief, die Wahrheit des Sprüch⸗ worts: Laß dich vom Teufel bei einem Haare erfaſ⸗ ſen, und du biſt ſein auf ewig.“ „Halten Sie mich für des Teufels Majeſtät, oder für ſeinen Geſandten, Mylord, mir iſt's ganz gleichgültig,— ich halte Sie auch für keinen Engel; wir wiſſen Beide, wie wir mit einander daran ſind und täuſchen uns nicht. Warum alſo nicht mit off⸗ nem Helm gegenſeitig? Wir ſind Geiſter gemeinſamen Urſprungs; wir ſind alſo an einander gewieſen, müſſen uns einander helfen. Haben Sie je gehört, daß ein Teufel den andern im Stich gelaſſen? Nicht doch! Gleiche Brüder, gleiche Kappen. Ihr Leben iſt mit den Reizen der Macht, des Reichthums, des Genuſſes geſchmückt; warum ſollte es das meinige nicht ſein? Ich beſitze die Mittel, Ihnen dieſe Reize zu erhalten, ſie noch einträglicher zu machen, und weihe Ihnen gern meine Kräfte. Sie beſitzen die Mittel, mir zu gewäh⸗ ren, was mir fehlt, und Sie wollten mir dieſelben aus Eigenſinn oder Vorurtheil verweigern? Ei, behüte! Das wäre ungleiches Spiel. Sie wollen reich und mächtig bleiben, noch reicher und mächtiger werden, und ich werde Ihnen getreulich dazu verhelfen. Aber — —— — ——— — 84 ich will auch reich ſein, und Sie werden mir Reich⸗ thum geben; ich will ein ſchönes Weib beſitzen, und Sie werden mir ihre Tochter nicht vorenthalten. „Ha! mir das!“ rief der Lord wüthend aufſprin⸗ gend.„O, du wirſt fürchterlich gerächt, Sir Wil⸗ liam!“ Dann ſich wieder zu Henderſon wendend, ſagte er im flehenden Tone:„Nehmen Sie Greenlodge, nehmen Sie Balliford, oder beide Güter zuſammen. Ich gebe Ihnen mein halbes Vermögen zu deren An⸗ kauf, aber denken Sie nicht ferner an mein Kind, Henderſon. Eliſabeth iſt der einzige Ruhepunkt mei⸗ nes brennenden Blickes, wenn er ſcheu die Vergan⸗ genheit muſtert und ſorgenvoll die nächſte Zukunft durchläuft. Sie iſt die einzige Blume, die in dem verödeten Garten meines Lebens blüht und mich mit Duft und Farbenreiz entzückt; ſie iſt der einzige Stern, der in meine Nacht hereinlächelt und an deſſen Strahl mein Auge ſich erquickt. Sie iſt das reine, das himm⸗ liſche Element meines Hauſes, der Frieden ſpendende Genius, um deſſentwillen das Verderben vorüberſchreitet. Sie iſt der Engel, der den Sturm beſchwört und die tobenden Wellen beſchwichtigt, wenn ich, ein unheim⸗ licher, auf dem weiten Ocean umhergeſchleuderter Schif⸗ fer, vor mir ſelbſt, als der gefährlichſten Klippe, ſcheu zurückweiche; ſie, ſie iſt's, die allein noch dem Schiff brüchigen Rettung verheißt. Nehmen Sie alle meine Schätze— aber mein Kind erhalten Sie nimmer, fürch⸗ terlicher Menſch!—— Und nun verlaſſen Sie mein —. Haus, Sir,“ ſetzte er mit Hoheit hinzu.„Ich befehle es Ihnen und erwarte, daß Sie ungeſäumt Folge lei⸗ ſten. Erſcheinen Sie nicht eher wieder, bis ich Sie rufen laſſe, oder fürchten Sie Alles von meinem nur zu gerechten Zorne. Rückſichten, die ich meiner Toch⸗ ter ſchuldig bin, konnten mich allein abhalten, Sie 85 denſelben nicht gleich in ſeiner ganzen Stärke fühlen zu laſſen.“ „Nicht doch!“ verſetzte Henderſon mit fürchterlicher Kälte;„ſo ſtehen wir nicht mehr zuſammen, Mylord, daß ich Ihren übereilten Befehlen willig Folge leiſtete. Sie vergeſſen unſre gegenſeitige Stellung ſo ganz, daß ich mich genöthigt ſehe, Sie Ihnen, wenn auch ungern, in's Gedächtniß zurückzurufen. Ich überwerfe mich nicht gern mit meinen Freunden; ich kann viel⸗ mehr mit Recht von mir rühmen, daß ich ein treuer, ein ergebener Freund bin. Und hätte ich Ihnen das nicht etwa bewieſen, als die Regierung in Ihrer Unterſuchungsſache einen hohen Preis darauf ſetzte, zu erfahren, wer die beiden Männer geweſen, die den Gefängnißwärter in Ihrem Namen beſtochen? Es war Ihre einzige Rettung, daß Sie nachdrücklich behaupteten, es wären dies zwei Defenders geweſen, ihre Feinde, die, um Ihrem Rufe, Ihrem Anſehen bei der Regierung auf eine recht empfindliche Weiſe zu ſchaden, Ihren Namen gemißbraucht hätten? Ei, die Lüge war fein und gut; aber wär' es nicht noch alle Tage Zeit, mich zu melden und den frommen, genüg⸗ ſamen Morries als meinen Begleiter und Gehülfen zu nennen? Wär' es nicht Zeit, Ihres Traktats mit dem Directorium Frankreichs beiläufig zu erwähnen und Morries als Ihr Werkzeug zu bezeichnen? O, ſtaunen Sie mich nicht an, Mylord! Ich weiß Alles, und Morries iſt mein Freund; aber er iſt von mir abhängig, wie kleine Geiſter ſtets von großen. Ihr Stern neigt ſich trüb und umwölkt ſeinem Untergange zu, Mylord, der meinige ſteigt prächtig empor; der getreue Morries dürfte leicht geneigt ſein, ſich von dem alten düſtern Licht ab- und dem neuen hellen zuzu⸗ wenden. Wenn der gute Mann auch nicht vermö⸗ 86 gend iſt, kühne Rieſenpläne in ſeinem Gehirne zu be⸗ herbergen, wie ich, und wenn ſein Ehrgeiz auch nicht auf Adlersfittigen zur Sonne emporſteigt, wie der mei⸗ nige, ſo verſteht er doch ſeinen Vortheil und weiß, an wen er ſich ferner zu halten hat. Und wahrlich, Mylord, ich hatte es Ihrer Einſicht zugetraut, daß auch Sie das wüßten. Doch Sie waren verblendet; Ihr getrübter Blick ſah nicht gleich das Rechte. ch vergebe Ihnen gern. Sie wiſſen zu gut, was Sie an mir haben; und beim Himmel! wenn einer Ihrer gro— ßen Pläne zur Reife kommen ſoll, durch mich allein kann es geſchehen; ich bin der Mann, der Ihnen zu den höchſten Würden verhilft, denn mein Kopf geht mit großen Gedanken ſchwanger; aber können Sie wollen, daß ich leer dabei ansginge? Sie ſagen mir Ihr hal⸗ bes Vermögen zu; dies wäre ſo übel nicht. Es dient wenigſtens dazu, mich, was die äußern Verhältniſſe betrifft, mehr zu Ihnen emporzuheben. Ich habe ge⸗ lebt genug, um einzuſehen, daß einer Ihrer Unter⸗ thanen, und das bleibt der Pächter von Chesnuthill ſtets, nicht um Ihre Tochter freien kann; darum nehme ich Ihre Offerte an, mich zum Herrn von Greenlodge damit zu machen. Wähnen ſie aber nicht, daß ich mich damit begnügen werde. Henderſons hochſtreben⸗ der Geiſt führt ihn einem glänzendern Ziele entgegen, und der Grundſtein es dauernden Glücks muß der Name Kildare werden. Ich gehe jetzt, um als Squire von Greenlodge wiederzukommen, nicht etwa, meine Werbung zu erneuern— das iſt abgemacht— ſondern meine Verlobung zu feiern. Unterrichten Sie gefälligſt Ihre Tochter davon.“ „Teufel!“ knirſchte Kildare, ſobald ſich Henderſon entfernt hatte, und ſank abermals auf ſeinen Sitz zu⸗ rück.„Weh mir! wehe!“ jammerte er dort„Der eeeteeeeee 87 Schurke hat mich in meinen eigenen Schlingen ge⸗ fangen; mit dem Blick der Klapperſchlange hält er mich gebannt, ich kann ihm nicht entgehen. Ohn⸗ mächtig muß ich mein Kind, meinen Stolz, meine Freude, dem fürchterlichen Moloch zum Opfer bringen.“ Und der Thränenquell, der ſeit ſeiner Jugend verſiecht war, öffnete ſich und leitete ſeine ſalzigen Bäche von ſeiner alternden Wange hinab. Eliſabeths Zimmer waren nicht ſo weit von de⸗ nen ihres Vaters entfernt, daß ſie nicht einzelne, hef⸗ tige Laute deſſelben vernommen hätte. So oft der von ihr gefürchtete Henderſon im Schloſſe erſchien, fühlte ſie ſich von einer ihr unerklärlichen Bangigkeit ergriffen. Das geheimnißvolle Treiben zwiſchen ihm und dem Lord hatte ſie längſt mit bangen Ahnungen erfüllt, um ſo mehr, da ſie überzeugt war, daß nur Sachen von höchſter Wichtigkeit ihren Vater, deſſen ſtolze Sinnesart ſie vollkommen kannte, veranlaſſen konnten, ſich zu einem Manne herabzulaſſen, den er ſelbſt aus der niedrigſten Lage emporgezogen hatte. Sie vermochte heut nicht länger der quälenden Unruhe zu gebieten, und begab ſich, ſobald ſie den Wagen Henderſons abfahren hörte, in das Zimmer ihres Vaters, um von ihm die Urſache des Wortwech⸗ ſels zu erfahren. S Heftig fuhr Lord Kildate zuſammen, als Eliſa⸗ beth zu ihm hereintrat. Betroffen weilte ihr Auge auf den verſtörten Zügen des Vaters; dann eilte ſie, von den heiligen Gefühlen des Kindes übermannt, in die ihr heute zum erſten Male ſeit langer Zeit entge⸗ gengebreiteten Arme. „Mein Vater!“ flehte die Liebliche zu ſeinen Fü⸗ ßen niedergeſunken, mit von Thränen erſtickter Stimme, „öffnen Sie der Tochter, dem einzigen Ihnen befreun⸗ 88 deten Weſen, Ihr Herz! Schwerer Kummer laſtet darauf. Schütten Sie ihn aus in den Buſen des Kindes! Wie gern will ich Ihnen tragen helfen! Wie gern will ich verſuchen, Ihren Schmerz durch liebevollen Troſt zu heilen und auch rathen, wenn es das ſchwache Mädchen vermag, und Sie die wohlge⸗ meinten Worte nicht von ſich weiſen.“ „Steh' auf, meine Tochter! Ich mag Dich nicht ſo erniedrigt ſehen;“ mit dieſen Worten räumte er ihr einen Platz neben ſich ein. Geſpannt und in höchſter Aufregung blickte die Tochter auf den gealterten Vater, jeden Augenblick eine Erklärung des räthſelhaften Zuſtandes, in welchem ſie ihn noch nie zuvor erblickt hatte, erwartend. Doch Kildare blieb ernſt und verſchloſſen, während unbe⸗ ſchreibliche Angſt, der edlen unſchuldigen Tochter ge⸗ genüber, ſein Herz zermarterte. Er konnte es nicht über ſich bringen, ihr Entdeckungen zu machen, und Eli⸗ ſabeth war ſo zartfühlend, nicht weiter in ihn zu dringen. Verlegen, von dem eignen Kinde in einem ſol⸗ chen Zuſtande gänzlicher Zerknirſchung geſehen zu wer⸗ den, richtete er ſich empor, drückte einen Kuß auf die Stirne der Tochter und verließ das Zimmer mit den Worten:„Die Hitze übereilte mich einmal, mein Kind, wie in frühern Jahren; ein kleiner Wort⸗ wechſel mit Mr. Henderſon über eine Meinungsverſchie⸗ denheit, weiter war es nichts. Beruhige Dich deshalb!“ Dieſer Moment griff mit eiſiger Kälte in Eli⸗ ſabeths Herz, und die Blüthen der Kindesliebe erſtarr⸗ ten darin von ſeinem Hauche; den Lord aber entführte er auf immer von der Bahn des Heils, auf die ihn ſein guter Genius noch einmal zurückgewinkt hatte, und entſchied unwiderruflich über ſeine unheilvolle Zukunft. — 10. Henderſons Erhöhung. Die Anhänger der Regierung betrogen ſich ſehr in der ſanguiniſchen Hoffnung, die gegen alle Verdäch⸗ tigen der Volkspartei angewandte Strenge werde den Geiſt des Aufruhrs ein für alle Mal unterdrücken. Denn während in den weſtlichen Provinzen Hinrichtun⸗ gen an der Tagesordnung waren und Konfiskation und Verbannung ſchonungslos ſelbſt über manche ſehr geachtete Familie ausgeſprochen wurden, war der Sü⸗ den von Prland ſchon wieder der Herd, auf welchem der nie kuhende Leßlie in Verbindung mit dem beſon⸗ nenen Laing, denen ſich ſpäter auch der von Frank⸗ reich herübergekommene Michaul Dahna angeſchloſſen hatte, die Kohlen eines in ſeinen Folgen weit gefähr⸗ lichern Aufſtandes, als der letzte geweſen war, mit al— lem Eifer ſchürten und zur Flamme anfachten. Der Frühling des Jahres 1798 war unter den eben ſo geheimnißvoll als umſichtig getroffenen Vor⸗ bereitungen der Independenten herangekommen, als die Truppen in Zrland, durch den Abgang mehrer Re⸗ gimenter zur Unterſtützung der unter der Anführung des Generals Coote nach Oſtende und nach Brügge unternommenen Expeditionen ſehr vermindert wurden. Auf einen ſo günſtigen Augenblick hatten Zene lange gehofft. Denn kaum waren die letzten Transportſchiffe aus dem Hafen von Cove gelaufen, als das langver⸗ haltene Feuer mit um ſo größerer Wuth ausbrach und ſich wie ein glühender verheerender Strom von einer Provinz unaufhaltſam zur andern wälzte. ——— 90 Clougheen, Clonmel, Tallow, Waterford, Carric am Suir wurden zuerſt der Schauplatz aller der Gräuel, die man erblickt, wenn ein ſeit Jahrhunder⸗ ten gemißhandeltes Volk ſeine Ketten ſprengt und roh und fanatiſch den erſten wilden Gebrauch der unge⸗ wohnten mißverſtandenen Freiheit macht. Die damals in Irland überall vollbrachten Exceſſe waren nicht die Reſultate der Bemühung, ſich irgend einer Regie⸗ rungsform zu entziehen, ſondern den Ausprüchen rei⸗ ßender Thiere zu vergleichen, die durch eigne Kraft aus den Ketten und Eiſenſtangen ihrer Käfige befreit, ſich zuerſt mit Wuth und wilder Luſt auf ihre bis⸗ herigen Peiniger werfen und ſie würgen, bevor ſie mit vollen Zügen die friſche erquickende Luft einathmen und das Daſein einer bis dahin nie gekannte im Genuß der vollen Freiheit erkennen In Tallow und Carric am Suir Dragoner in den ſchwachbefeſtigten Kaſernen überfal⸗ len und niedergewürgt. Mit jedem neuen Erfolge wuchs die Zahl der Rebellen und ſelten mißlang ein Unter⸗ nehmen, wenn es vom tollkühnen Leßlie, dem kriegs⸗ erfahrenen Laing, oder von dem ſchlauen, mit dem Vortheil jedes Gebirgspfades und jeder Felſenſchlucht vertrauten Dahna geleitet wurde. Es war am 30. Juni, als das Hauptkorps der Independenten unter fröhlichem Geſang längs dem Ufer des Blackwater dem von hohen Bergen umgürteten See von Killarney zuzog, wo die Anführer in ſichrer Stellung die Ankunft der ſtreitbaren Männer aus der Grafſchaft Kerry erwarteten und dann nach einem Raſttage mit verſtärkten Kräften längs der weſtlichen Küſte in die Provinz Connought eindringen wollten. Eine Abtheilung von einigen tauſend Mann wurde von Laing, welchem das Oberkommando über⸗ tragen war, unter Leßlie's und Dahna's Anführung in der Richtung von Goresbridge ausgeſandt, um die Flanken des Hauptkorps zu decken, mit der Weiſung, ſich beim Herannahen eines ſtärkern feindlichen Korps auf die Kolonne zurückzuziehen und jedes ernſte Ge⸗ fecht ſo viel als möglich zu vermeiden. Ungeſtört marſchirte das kleine Korps anfänglich ſeine Straße, bis es am erſten Juli um Mittag in der Nähe von Goresbridge auf einige feindliche Trup⸗ pen ſtieß, welche ihm das weitere Vordringen auf der Straße ſtreitig zu machen ſuchten. „Nur Weomanry, wie's ſcheint von Kildare's Hel⸗ denſchaar, und einige Invaliden-Kompagnieen halten den Ort beſetzt,“ ſo meldete Michaul Dahna, der auf Kundſchaſt ausgeſandt geweſen war. „Dann drauf auf die Dickköpfe, die ſich nicht ſchämen die Waffen gegen die Sache ihrer Landsleute zu führen!“ rief Leßlie;„und nehmt mir auch den edlen Lord ſelbſt auf's Korn, Dahna, wenn er ſich's etwa ſollte haben gelüſten laſſen, im Freien zu erſchei⸗ nen und ſeine Wänſte von Pächtern in Perſon an⸗ zuführen!“ Mit dem gewöhnlichen Schlachtenruf:„Irland hoch!“ ſtürzte ſich die wohlgeſchloſſene Phalanx, deren vordere Glieder mit Piken und gerade gerichteten Senſen bewaffnet waren, auf den Feind, der am jen⸗ ſeitigen Ufer durch zwei leichte Geſchütze gedeckt, ruhig das Herannahen der Independenten erwartete, während die freiwilligen Reiter herausfordernd und neckend kängs dem Fluſſe auf und nieder galoppirten. Ruhig hielten die königlichen Veteranen, von de⸗ nen manche ſchon unter dem Herzoge von Cumber⸗ land gegen die inſurgirten Schotten bei Culloden ge⸗ kämpft hatten und deshalb mit ſolcher Art von Krieg⸗ 92 führung bekannt waren, die erſten heftigen Anfälle aus und ſtreckten dann durch ihr zweckmäßiges Feuer Viele der tollkühnen Angreifer zu Boden. Allmählig aber verſtummte das Feuer. Die In⸗ fanterie brach rückwärts ab und zog ſich langſam auf der Straße nach Michelstown zurück, während die Dragoner ſich in Linien formirten, um ſich, wie es ſchien, ſogleich auf ihre Gegner zu werfen, ſobald ſie die nur noch durch einen leichten Verhack geſperrte Brücke paſſirt haben würden. Der kampfluſtige Leßlie ergriff, ohne ſich durch die blitzenden Helme der Reiter, noch durch ihre ge⸗ ſchwungenen Säbel irre machen zu laſſen, die ſchwarze Fahne der erſten Abtheilung und ſtürzte ſich an der Spitze einiger Hundert von Michaul Dahna befehlig⸗ ten Scharfſchützen auf die Brücke. Doch ſtatt auf einen tapfern Widerſtand jenſeits zu ſtoßen, wie er es erwartet, ſah er mit Bewundrung die ſtolze Yeomanry davon ſprengen und ihre Infanterie, die jetzt den Saum eines nahen Gehölzes erreicht hatte, auf dem Fuße nachfolgen. Vergeblich hatte Michaul gehofft, auf Lord Kil⸗ dare zu ſtoßen. Statt ſeiner erblickte er jedoch Hen⸗ derſon auf einem prächtigen Pferde, der, wie es ihm vorkam, einen höhniſchen Blick auf ihn warf, ehe er umwandte, um dem von ihm befehligten Trupp nach⸗ zuſprengen. „Jetzt friſch, meine Kinder, ihnen nach, ehe ſie entkommen!“ rief Leßlie den Seinigen zu, die der leichte Erfolg mit doppeltem Muthe erfüllte, und mit Stur⸗ meseile hatten ſie bald einen Hohlweg erreicht, der die Feinde ihrem Auge entzog. Dahna hielt ſich mit ſeihen Scharfſchützen am 93 Rande des tiefen Weges, während die Kolonne ſelbſt in denſelben eindrang. Auch Leßlie ritt neben dem Wege und hatte eben eine kleine Anhöhe erreicht, von welcher er die Feinde überſehen konnte, als er plötzlich Halt kommandirte, während ihm ſchon von allen Sei⸗ ten die feindlichen Kugeln entgegen ſausten. Vor ihm ſtand auf einem ziemlich geräumigen Plateau, unter dem Schutze einer wohlbedeckten Batterie, ein beden⸗ tendes Korps in Schlachtordnung aufmarſchirt. Ein Blick rückwärts zeigte ihm, wie eine andre feindliche Abtheilung ſo eben im Begriff war, ihnen durch ei— nen Seitenmarſch den Rückzug über die Brücke ab⸗ zuſchneiden. Die Abtheilung vor ihm war die ſtärkſte Der enge Raum, in welchem ſeine Schaar größtentheils noch eingepreßt war, bot keinen Kampfplatz dar, ſelbſt wenn ſie ihr Leben um den höchſten Preis hätten er⸗ kaufen wollen.„Alſo rückwärts!“ lautete der Befehl des Anführers,„damit man wenigſtens den Fluß ſo ſchnell als möglich erreicht.“ Alle Ordnung löſte ſich auf, und ein ſchreckliches Gemetzel wüthete in den flüchtigen Haufen der Inde⸗ pendenten, ehe es einem Theile derſelben gelang, das Freie zu erreichen; aber mit dem größten Helden⸗ muthe erzwangen die meiſt nur ſehr unvollkommen bewaffneten Zren, obgleich zwiſchen zwei Fenern käm⸗ pfend, zuletzt noch den Uebergang über den Fluß. Jedoch kaum einige Hunderte von der faſt zweitauſend Mann ſtarken Abtheilung betraten das jenſeitige Ufer wieder; Viele fanden ihren Tod in den Wellen. Ein heftiger Gewitterregen verdarb die Pulver⸗ vorräthe der königlichen Truppen und rettete dadurch Leßlie's Corps vom gänzlichen Untergange. Unter dem Schutze der während des Vernichtungs⸗ kampfes eingebrochenen Nacht flüchtete ſich der Reſt 94 der Defenders in die nahen Gebirge und zerſtreute ſich in deren Thälern und Schluchten; die Königlichen beſetzten das Terrain. Als die Sonne des andern Morgens die Gegend beleuchtete, war weit und breit kein Lebender von den aufrühreriſchen Iren zu ſehen, und ihre Macht ſchien gänzlich gebrochen. Die die Heeresabtheilung befehligenden Offiziere umringten Henderſon, ihm Glück wünſchend, daß durch ſeine klugen Anſchläge und ſeine Mitwirkung der Regierung dieſer glänzende Sieg bereitet ſei, und Obriſt Werford überhäufte ſeinen ehemaligen Diener 4 mit den größten Lobſprüchen. Der General entwarf ſogleich einen glänzenden Bericht an den Lord Statt⸗ halter, worin mit Umſtändlichkeit auseinander geſetzt wurde, daß man die gänzliche Niederlage der Rebel⸗ len der geſchickten Ausführung eines Planes des Ma⸗ ſter Henderſon, eines ſehr loyalen und beim Adel der Umgegend überall im beſten Anſehen ſtehenden Far⸗ mers zu verdanken habe, der, mit dem Terrain ge⸗ nau bekannt, die Truppen in Hinterhalt gelegt und 7 mit perſönlicher Tapferkeit an der Spitze der Mev⸗ manry gefochten. Alle Offiziere unterſchrieben dieſes Dokument, das durch einen Kourier nach Dublin ge⸗ ſchickt wurde. Um zu verhüten, daß die zerſtreuten 4 Rebellen ſich wieder ſammelten, wurden an dieſem und den folgenden Tagen Streifzüge in die Berge unternommen, und verſchiedene Depots für die einzel⸗ nen Kompagnien errichtet. Henderſon bot mit großer Zuvorkommenheit ſeinen Pachthof zu einem derſelben an und hatte das Glück, einen Theil des Dragoner⸗ Regiments bei ſich beherbergen zu dürfen, deſſen 5 Obriſten er früher bedient hatte, und deſſen Offiziere 3 ihm demnach alle perſönlich bekannt waren. Der ver⸗ gnügte Farmer ſparte keine Koſten, ſeinen Gäſten das Leben ſo angenehm als möglich zu machen, und in der That ging es Tag und Nacht luſtig genug auf Chesnuthill zu. Eines Morgens, als die Geſellſchaft eben beim Frühſtück zuſammenſaß, ritt Lord Wexford mit ſeiner Suite in den Hof und wurde von den fröhlichen Ze⸗ chern mit großem Zubel begrüßt. „Meine Herren,“ ſagte der Obriſt, unter die Of⸗ fiziere tretend und die ihm dargereichten Becher höf⸗ lich ablehnend,„bevor ich mit Ihnen trinke, erlauben Sie mir, mich eines wichtigen Auftrags des Lord Statthalters zu entledigen, der geſtern Abend mit dem rückkehrenden Kourier von Dublin im Hauptquartier eingetroffen iſt. Ich hoffe dadurch Ihre Freude noch zu vermehren. Die Mittheilungen, die ich Ihnen zu machen habe, betreffen theils unſer Regiment, theils Ihren Herrn Wirth, Maſter Henderſon. Was das erſtere betrifft, ſo habe ich vom Lord Statthalter ein in ſehr ſchmeichelhaften Ausdrücken abgefaßtes Schrei⸗ ben erhalten, worin die Tapferkeit meiner Leute in Vernichtung der Rebellen ſehr gerühmt wird. Hier iſt es und ich gebe Ihnen auf, daſſelbe zu leſen. Rückſichtlich Maſter Henderſons aber iſt mir vom Vicekönig der ehrenvolle Befehl zugegangen, demſel⸗ ben mit dieſem zweiten Briefe die Decoration des Bathordens zu überreichen, zum anerkennenden Lohn ſeiner großen dem königlichen Heere geleiſteten Dienſte und ſeines an den Tag gelegten Patriotismus bei der gänzlichen Niederlage und Unterdrückung der iriſchen Rebellen. Maſter Henderſon, im Namen des Königs von Großbritannien ſchmücke ich Ihre Bruſt mit dem rothen Bande und dem goldnen Schilde des Bathor⸗ dens, zu deſſen überzähligem Ritter Sie ernannt wor⸗ — den ſind. Mr. Henderſon, empfangen Sie meinen Glückwunſch!“ Erſtaunen drückte ſich in allen Zügen aus, aber in Henderſons Zügen hatte maßloſes Entzücken ſeinen Sitz aufgeſchlagen, als er den Kopf beugte und das Ordensband über ſeine Schultern rauſchte. Nun reg⸗ neten Glückwünſche von allen Seiten, und mit ſeligem Lächeln dankte der Farmer; dann ergriff er ein Glas und trank die Geſundheit des Königs, des Vicekönigs und aller Offiziere des Heeres. Die Anweſenden ſtimmten jubelnd in dieſe Toaſte ein und brachten hierauf einen auf Henderſons ferneres Wohlergehen aus. Der edelſte Wein floß in Strömen. 11. henderſons PBruut. Nachmittags wurde Tim als Kourier nach Lind⸗ ſayhall mit dem Belobunsſchreiben und der Ordens⸗ dekoration geſchickt, dem Henderſon noch einige Zeilen an Lord Kildare beigefügt hatte, folgenden Inhalts: „Mylord! Aus Beiliegendem werden Sie erſehen, daß ich Ritter des Bathordens geworden und als ſolcher in die zweite Klaſſe des engliſchen Adels einrangirt bin. Auch bin ich durch Meiſtgebot auf dem Sub⸗ haſtationstermin der O'Donnelſchen Güter Herr von Greenlodge und Balliford geworden. Es iſt mein Wunſch, mit dem Feſte, welches ich dieſer beiden fro⸗ hen Exreigniſſe halber den Offizieren des wepfordſchen S 97 Dragoner⸗Regiments und der benachbarten Nobility zu geben beabſichtige, und zu welchem Sie hiermit höflichſt eingeladen werden, meine Verlobung mit Lady Eliſabeth zu vereinigen. Haben Sie daher die Gewogenheit, mir einen der nächſten Tage zu beſtim⸗ men, und verabreden Sie das Nähere mit meiner theuern Braut. Ihr ergebener Henderſon.“ Die erſte Ueberraſchung des Lords erregte einen ſeltſamen Zwieſpalt ſeiner Gefühle in ihm. Gewohnt, Henderſon als ſeinen böſen Geiſt, ſeinen Verderber zu betrachten, wollte es ihm bedünken, als ſei dieſer Mann im Gegentheil ſein Retter aus der mißlichen Lage, die ihn eben beläſtigte, als ſei es doch wahr, was Henderſon mit kühner Zuverſicht von ſich ſelbſt geſagt, er werde bald von Stufe zu Stufe ſteigen, und die Zeit gar nicht mehr fern ſein, wo er eine be⸗ deutende Rolle in Irländ ſpielen werde! Daß Hender⸗ ſon dazu das Talent beſaß, wußte Kildare nur zu gut, und daß Jener vom Glück offenbar begünſtigt wurde und daſſelbe trefflich zu benutzen verſtand, ging aus der Geſchichte der letzten Zeit eben ſo klar her⸗ vor. Die Nothwendigkeit, ſeine geliebte Tochter ſei⸗ ner Erhaltung vpfern zu müſſen, kam ihm jetzt weit weniger ſchrecklich vor; er zitterte nur, Eliſabeth da⸗ mit bekannt machen zu müſſen. Inzwiſchen mußte das Unvermeidliche geſchehen und mit dem Orden und dem Belobungsſchreiben des Vicekönigs in der Hand, und mit einem ſchweren Herzen in der Bruſt, trat er zagenden Schrittes in Eliſabeths Zimmer. „Meine Tochter,“ begann er mit unſichrer Stimme, „ich habe Dir eine mir gewordene angenehme Ueber⸗ raſchung mitzutheilen. Maſter Henderſon iſt wegen ſeiner Verdienſte um den Staat zum Ritter des Bath⸗ ordens ernannt worden.“ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 6 98 „Ich wünſche ihm Glück dazu,“ entgegnete Eli⸗ ſabeth gleichgültig. „Damit nicht genug, er hat auch O'Donnels Landgüter Greenlodge und Balliford gekauft und ge⸗ hört nun mit Fug und Recht zur Gentry des Lan⸗ des, der er ſich durch genteeles Betragen ſchon lange würdig gemacht hat.“ Eliſabeth war ſchmerzlich zuſammengezuckt.„In der That, mein Vater,“ ſagte ſie mit Bedeutung, „das Lob dieſes Emporkömmlings klingt ſeltſam in Ihrem Munde.“ „Er verdient es, mein Kind, und ich bin nicht der Mann, der gerechten Verdienſten die gebührende Anerkennung verweigert. Ich gedenke es noch zu er⸗ leben, in Henderſon einen der erſten und einflußreich⸗ ſten Männer dieſes Landes zu erblicken. Seine Lauf⸗ bahn hat zu gut begonnen, als daß ſie nicht eben ſo prächtig ſich ſteigern ſollte. Er hat hohe Gönner, die ihn ſehr pouſſiren.“ „Sie ſcheinen einer der vorzüglichſten zu ſein.“ „Ich läugne es nicht, daß ich dieſem talentvollen Manne wohl will; ich habe ſein Genie erkannt und werde ihn zu heben ſuchen, wo ich kann. Wozu hät⸗ ten wir Anſehen, Macht und Reichthum, wenn wir dem niedrig gebornen Genie nicht damit den Weg ebnen ſollten?“. „Sie haben in Bezug auf Mr. Henderſon phi⸗ lanthropiſche Anſichten, die ich außerdem noch nicht an Ihnen zu bewundern Gelegenheit hatte.“ „Ich höre dieſen bittern Ton nicht gern von Dir, Eliſabeth; denn Du mußt wiſſen, daß Mr. Henderſon bei mir um Deine Hand angehalten hat, und ich, in der guten Ueberzeugung, daß mein Wille der Deinige ſei, ihm dieſelbe zugeſagt habe.“ 99 „Mylord!“ rief Eliſabeth erſchrocken und ſtarrte ihn an, als befürchte ſie, Zeichen des Wahnſinns an ihm wahrzunehmen. „Die Verlobung ſoll in einigen Tagen gefeiert werden.“ „Mein Vater! Iſt das möglich? Ihr Ernſt? Nein, das kann nicht ſein! Aber was bringt Sie dazu, ſo wahnwitzigen Scherz mit Ihrem Kinde zu treiben?“ „Wie kömmſt Du dazu, meine Worte für Scherz zu halten? Wenn Mr. Henderſon auch nicht von al⸗ tem Adel iſt, ſo erſetzt er dieſen Mangel durch große Talente. Er iſt jetzt Ritter des Bathordens und Herr nicht unbeträchtlicher Güter, dazu ein junger, gewand⸗ ter, liebenswürdiger Mann, die annehmlichſte Partie von der Welt.“ „Alſo wirklich?“ erhob ſich die Lady mit aller niederſchmetternden Majeſtät ihres Weſens, und ihr großes Auge leuchtete Stolz und Verachtung.„Welche lichtſcheuen Gründe Sie auch haben mögen, mich an einen Menſchen, wie dieſer Engländer, zu verkup⸗ peln, ſo glauben Sie ja nicht, daß Eliſabeth Kildare, die den edlen Lord Wepford ausſchlug, ſich zu ſeinem gemeinen Knecht erniedrigen würde! Wenn es, wie ich leider mit Schaudern bemerken muß, ſchon dahi Ihnen gekommen iſt, daß Sie ſich i Gewalt eines Buben befinden, dem Sie vor einem Jahre den bunten Rock erſt ausgezogen habet kümmert mich fürwahr dieſer Bund nichts; ic ein reines Gewiſſen und Freiheit des Willer nen Abſcheu vor Schmutz, Gemeinheit und ſchleichen⸗ der Büberei nicht nur auszuſprechen, ſondern auch zu bethätigen.“ „Eliſabeth!“ donnerte der Lord mit Wuth.„Du vergißt, wem Du gegenübe 100. werde dieſen Trotz zu brechen, ich werde Dich zu zwingen wiſſen. Mit einem Worte, Du wirſt Hen⸗ derſons Frau! und nun nicht der kleinſte Widerſpruch mehr!“ „Nein, Mylord, ſo weit geht Ihre Macht nicht über mich. Ich werde heute noch Ihr Haus ver⸗ laſſen.“ „So werd' ich Dich einſperren!“ „Ich werde meine Freunde zu meinem Beiſtand aufrufen.“ „So werd' ich Dich züchtigen.“ „Ha, mir das!“ ſchrie die Lady außer ſich vor Entſetzen und Schmerz.„Wagen Sie es nur, My⸗ lord, mich einzuſperren, Ihre grauſame Hand an mich zu legen und mich jenem Buben in die Arme ſchleudern zu wollen! Ha, nicht vergebens hat mir ein Geſchick, dem ich im blinden Wahne fluchte, das ich jetzt ſegnen muß, furchtbare Waffen gegen Sie in die Hand gegeben. So macht Gott durch ein Klei⸗ nes die Schwachen ſtark! Haben Sie je davon ge⸗ hört, daß ein gewiſſer Traktat, den Sie mit der fran⸗ zöſiſchen Regierung abgeſchloſſen, im Original auf dieſer Inſel iſt?“ Kildare wurde bleich wie ein Marmorbild.„Die⸗ ſer Traktat“— ſtammelte er,„Du weißt davon. Nun ja, ich weiß— die Heideſchenkin— will ſich mein Kind mit dem gemeinen Weibe gegen mich ver⸗ bünden?“ „Nicht doch! Die Heideſchenkin hat das Dokument nie beſeſſen. Es befand ſich in des edlen O'Donnels Hand, der es mir als Erbe übergab, als er von Ihnen angeklagt in's Gefängniß wandern mußte. Ich habe es heilig aufbewahrt. Aber nun verſuchen Sie † 101 eine einzige Ihrer Drohungen gegen mich auszufüh⸗ ren, und erwarten Sie das Schlimmſte.“ In des Lords Bruſt arbeitete ein furchtbarer Kampf.„Eliſabeth,“ ſagte er endlich mit ſanfter Stimme.„Deine letzten Worte haben für mich einen ſüßen Klang gehabt. Zene wichtigen Papiere in Dei⸗ ner Hand zu wiſſen, iſt mir ein großer, o ein über⸗ ſchwenglich großer Troſt! Ich bin auf der einen Seite ſicher.— Und da Du nun in das böſe Geheimniß eingeweiht biſt, da Du weißt, zu welcher unglückli⸗ chen Operation ich durch trügeriſche Politik verleitet wurde, wie leider meine beſten Berechnungen durch ein feindliches Geſchick zu Schanden geworden ſind, ſo kann ich nun frei und offen mit Dir reden. Von den beiden Mitwiſſern dieſes Geheimniſſes, Morries und Henderſon, iſt der letztere mir der gefährlichſte und nützlichſte. Dieſes, wenn ich mir ſein großes Talent dienſtbar urache, jenes, wenn ich ihn zurück⸗ weiſe und ihm Deine Hand verweigere. Er kann mich verderben und mir zu großen Dingen behüflich ſein. Und beides hängt jetzt allein von Dir ab.“ Eliſabeth ſchüttelte wehmüthig das ſchöne Haupt. „Wie? meine Tochter könnte es ſehen, wenn ihr Vater abermals in ein hartes grauſames Gefängniß geworfen, wenn ſein alter, morſcher Körper, an Ue⸗ berfluß und Bequemlichkeit gewöhnt wie an Licht und Luft, der Kälte und der Feuchtigkeit, dem Moder und der Nacht eines dumpfen Kerkers preisgegeben, wenn ich überführt, zu der ſchimpflichſten Todesſtrafe ver⸗ urtheilt würde? Du könnteſt es ertragen, wenn dieſes graue Haar, das mir Zeit und Kummer, dieſe grau⸗ ſamen Thrannen, noch gelaſſen, von der Höhe des Galgens im Winde flatterte? daß ſtatt Deiner ſüßen Arme, die ihn ſo oft umwunden, ein tödtlicher Strick ——— 6 102 meinen Hals einſchnürte? Du könnteſt die Schande ertragen, des gehenkten Kildare Tochter zu ſein, und den Gedanken, daß ich dort vor den Richterſtuhl treten und Dich anklagen würde: Meine Tochter hätte mich retten können, aber ſie that es nicht! Betty, meine Betty, Du Inbegriff aller meiner Liebe, hätte ich das an Dir verdient? O, ſieh mich alten, ge⸗ beugten Mann, ſieh den einſt ſo ſtolzen Lord Kildare zerknirſcht zu den Füßen ſeines grauſamen Kindes lie⸗ gen und um ſein Leben betteln! Hör' ihn winſeln, daß Du ihm den Tod der Schande erſparen möchteſt! Sieh' eines Greiſes Thränen fließen, bittende Vater⸗ thränen, werden ſie das Herz der einzigen Tochter nicht erweichen?“ „Stehen Sie auf, mein Vater, es iſt genug! Nehmen Sie mein heiliges Wort, daß ich Maſter Henderſons Weib werde! Sagen Sie ihm, daß die Hochzeit bald, recht bald ſein ſoll; ſo ſei es mein Wunſch. Am Verlobungsfeſte gegenwärtig zu ſein, werden Sie mir dagegen erſparen. Ich, Lord Wer⸗ ford gegenüber, Henderſons Braut! Die Hochzeit ſoll ſtill hier in Lindſayhall gefeiert werden. Hören Sie, hier in Lindſayhall; das iſt ausdrückliche Bedingung. Und nun verlaſſen Sie mich; ich muß mit mir zu Rathe gehen.“ „Jetzt hab' ich meine Eliſabeth wiedergefunden. Dank! tauſend Dank, mein geliebtes Kind!“ „Wozu die Worte? Was geſchehen muß, muß geſchehen.“ Ernſt, kalt, feſt und entſchloſſen blickte die Lady auf ihren Vater, der ſie mit einem gemiſch⸗ ten Gefühl verließ. Er konnte ihres Entſchluſſes doch nicht froh werden. Sobald der Lord hinaus war, eilte Eliſabeth zu einem alterthümlichen Schrank, öffnete ihn, zog einen 103 Kaſten heraus und ſuchte darin. Bald hob ſie einen ſchön ausgelegten und verzierten Dolch daraus hervor, den ſie einſt in einer ſchwärmeriſchen Stimmung D'Donnel abgeredet hatte, drückte ihn an ihre fieber⸗ heißen Lippen, dann an ihr Herz und ließ ein paar große Thränen darauf fallen. Der hekehrte Tim. Gewitterſchwer ſank der Tag hinter den Gebirgen der Grafſchaft Cork hinunter, und eine warme Som⸗ mernacht legte ſich in die tiefen Schluchten und Thä⸗ ler zwiſchen den hohen Bergen Bogra und Hilary, an deren Fuß der Blackwater ſeine Wellen hinrollt. Verſteckt lagerte eine Schaar von Männern, zum Theil ſchwer verwundet und krank, in einem von un⸗ durchdringlicher Dickung umgebenen Felſenkeſſel. Wild brauſten die allenthalben herabſtürzenden Bergwaſſer, der Donner rollte noch immer in einzelnen Pauſen, jedoch glich ſein dumpfes, entferntes Getöſe nur noch dem letzten Grollen des ſich allmählig beſänftigenden Zorns, während die Blitze, welche die ſchwüle Nacht hindurch fortwährend am Horizonte aufzuckten, und die hier und da auflodernden Wachtfeuer, die in ma⸗ leriſcher Unordnung umherliegenden Gruppen hell ge⸗ nug beleuchteten, um den Ausdruck eines grimmen Rachegefühls auf den leidenden Zügen der Iren zu erkennen. 104 Unter dem Schutze eines weit überhängenden Fel⸗ ſens, von dem eine mächtige Fichte das Haupt zum Vordach der Schlucht ausſtreckte, ſaßen Leßlie und Mi⸗ chaul Dahna. Der Letzte reichte mit einem halb un⸗ terdrückten Fluch den ſchwer durch eine Kartätſchen⸗ kugel verwundeten Arm zum Verbande hin; Leßlie, obgleich ſelbſt verwundet, traf mit ächt iriſcher Sorg falt die Anſtalten zu einem kleinen Mahle und über⸗ häufte die kühnen Weißjungen, welche die nöthigen Erforderniſſe dazu aus den Ställen einer nicht gar weit entlegenen Meierei herbeigeſchafft hatten, mit dem gebührenden Lobe. Da wurde von einer zurück⸗ kehrenden Streifwache gemeldet, daß bei den äußer⸗ ſten Feldwachen ein kleiner Menſch angehalten wäre, welcher den Obriſten— dies war Leßlie's Rang in der Armee der Inſurgenten— zu ſprechen verlange. „Führe den Mann zu mir, Jac Boldboy!“ ſagte Leßlie zu dem Anführer der Patronille,„und Sie, Mr. O Connor ſorgen dafür, daß alle Außenpoſten ſogleich verſtärkt werden,“ wandte er ſich zu einem neben ihm ſtehenden Offiziere,„auf den Fall, daß etwa Verrath hier im Spiele iſt. Denn ich will ver⸗ dammt ſein, wenn es etwas andres, als ſchändli⸗ cher Verrath geweſen iſt, der uns am letzten heißen Tage ſo viel brave Leute gekoſtet hat. Verlockt und verrathen waren wir, ſag' ich noch hundertmal, durch einen der Eigenthümlichkeiten des Terrains kundigen Schurken, durch einen iriſchen Judas Iſcharioth, den Gott verdammen möge!“ Dahna war eben mit ſeinem Verbande fertig ge⸗ worden, als ein anſtändig gekleideter Mann von ſehr kleiner Geſtalt, mit verbundenen Augen von zwei Scharfſchützen geführt, mühſam über den ſchlüpfrigen Boden heranſchritt. 105 „Nehmt ihm die Binde ab!“ herrſchte Leßlie, in⸗ dem er ſich, auf den Säbel geſtützt, dem Ankommen⸗ den gegenüber ſtellte. Kaum war dem Befehl Folge geleiſtet, als der Anführer ausrief:„Sieh' da, Tim Ruuthan, ſieht man Dich auch einmal wieder! Was führt Dich ſo ſpät in das verſteckte Felſenneſt Deiner hartbedräng⸗ ten Landsleute? Es kann nichts Kleines ſein, Burſche, daß Du heute an dieſem Tage kommſt, an welchem der Himmel ſelbſt mit Donner und Blitz die letzten iriſchen Patrioten zu vernichten drohte.“ „Sagt lieber, daß der Himmel ſeinen Zorn über die Schandthaten dieſer Tage, die geſchehenen und vorbereiteten, feurig ausſpreche,“ verſetzte Tim.„O, daß ich nicht eine Woche früher zu Euch kommen konnte, Mr. Leßlie! Doch ſelbſt aus meinem ſpäten Kommen und in dieſer unheimlichen Nacht, die auch einen Muthigen mit Graus erfüllen kann, mögt Ihr erkennen, Sir, daß es an meinem guten Willen we⸗ nigſtens nicht gefehlt hat. Wer konnte auch muth⸗ maßen, daß in meinem Herrn, dem friedlichen Far⸗ mer, ſolch ein kriegeriſcher Geiſt ſteckte, daß er ſich ſelbſt an die Spitze eines Korps Freiwilliger ſetzen und den Königlichen ſo meiſterhafte Rathſchläge zu Euerem Verderben geben würde, während er mich mit einer Miſſion nach der Killala⸗Bay auf ſein kürzlich gekauftes Schloß Balliford beehrte?“ „Alſo Henderſon hat uns in's Unglück geführt?“ rief Michaul entrüſtet.„Er hat den Königlichen die Anſchläge gegeben?“ „Ei freilich, Mr. Dahna! Wer hätte es ſonſt gethan, als mein trefflicher Gebieter? Dafür hat er auch von Sr. Excellenz dem Vicekönig den Bathor⸗ den erhalten. Ich muß geſtehen, ſeine Schlauheit hat ———— 106 den Orden verdient, und ich habe allen Reſpekt da⸗ vor bekommen. Denn war es nicht eine große Liſt, mich zu entfernen, während er darüber nachdachte, Euch in's Garn zu locken, Herr Obriſt? Aber man ſieht's deutlich, je höher der Mann ſteigt, deſto ritter⸗ licher denkt er. Es iſt ein großer Mann geworden, dieſer Henderſon, bei Jeſus! Denn bedenkt's recht, Sir, verräth es nicht einen großen Geiſt, ſich zu ei⸗ ner Zeit um den Ankauf und die Einrichtung von Gütern, um eine Heirath und um eine Feldherrnſtelle zu bekümmern? Wie viele Sorgen auf einmal! Er hat ſich vorgenommen, bald etwas Großes zu werden; und er wird es ausführen, wenn wir ihm nicht einen Strich durch die Rechnung machen. Sein Blut iſt einmal in Wallung gekommen, da geht's ihm nun, wie dem Racepferd beim Wettrennen. Immer vor⸗ wärts über Stock und Stein, ohne ein Auge aufzu⸗ ſchlagen, bis an die Barriere. Schlau, bei St. Pa⸗ trik, war Alles eingeleitet, bin ihm aber doch auf die Fährte gekommen, nur leider zu ſpät, um das Leben einiger Hundert braven Landsleute zu retten!“ „Sag' tauſend, Tim!“ unterbrach Leßlie den Red⸗ ner.„Aber nun genug Deiner eignen Reflerionen! Ich weiß ſelbſt, daß Du nicht zu meinen dümmſten Spionen gehörſt. Beichte daher in gedrängter Kürze, was jetzt zur Sache gehört.“ „Wie Ew. Gnaden befehlen! Alſo für's Erſte: Squire Henderſon hat die von der Regierung ausge⸗ botenen, ſonſt dem guten Baronet Sir Lewis O'Don⸗ nel zugehörigen Güter, Greenlodge an der Bantry⸗ und Balliford an der Killala⸗Bay, an ſich gekauft. Woher er das Geld nimmt, das werden Sie leicht errathen, Sir!“ Michaul war bei den Namen O'Donnel und Green⸗ 107 lodge aufgefahren und hatte grimmig ſeinen Säbel gefaßt. Tim fuhr fort:„Ich wurde nach Balliford geſchickt, um den Hausmeiſter zu benachrichtigen, da⸗ mit bei der Ankunft des Herrn die Zimmer gehörig gelüftet wären. Der Alte geberdete ſich wild, als ich ihm ſagte, daß hier, wie in Greenlodge, Alles über den Haufen geworfen werden würde, um einer neuen Einrichtung im glänzenden Styl Platz zu machen, womit mein Gebieter Miſtreß Henderſon, wenn er ſie als Herrin in die neuen Beſitzungen einführt, über⸗ raſchen will. Ihr rathet wohl nicht, Herr Obriſt, und Ihr, Mic Dahna, wen er mit ſeiner koſtbaren Hand zu beglücken gedenkt? dieſer von einer Kleiderbürſte abgelöſte Golddraht! Ach, Ihr Herren, Ihr könnt's unmöglich ahnen, bis zu welcher Höhe mein edler Herr in ſo kurzer Zeit das Haupt erhoben hat! So vernehmt denn die wichtige Neuigkeit aus meinem Munde und ſtaunt, Ihr Gentlemen. Niemand Ge ringeres iſt es, als Lady Eliſabeth ſelbſt, ſeines hohen Gönners Lord Kildare ſchöne, edle und reiche Tochter, mit der Mr. Henderſon übermorgen auf Lindſayhall Hochzeit halten wird.“ Alle brachen plötzlich in unwillkürliches Ausrufen des Staunens aus; doch Michaul Dahna maß den Sprecher vom Kopfe bis zum Fuße und donnerte dann die rauhen Worte:„Ich hoffe, Du faſelſt, Tim, oder ſprichſt in Rauſche; denn welcher mit Vernunft begabte WMenſch kann auch nur von weitem die edle Dame mit dem eleiden Wichte in Verbindung bringen!“ „Maſter Dahna,“ ſagte Tim empfindlich,„wohl mögt Ihr ein Recht haben, mich der Lüge zu zeihen; denn es hat leider eine Zeit gegeben, wo ich, von Sa⸗ tans Netzen beſtrickt, Euch belog und betrog. Hch ſchäme mich dieſer Zeit, und ſchon ſeit lange ging 108 mein eifrigſtes Beſtreben dahin, durch treue, den Pa⸗ trioten geleiſtete Dienſte mein Vergehen vergeſſen zu machen. Was ich jetzt geſagt, iſt auf das Wort ei⸗ nes guten Chriſten eben ſo wahr, als daß der Ueber⸗ fall im Hohlwege bei Goresbridge den Militärbehörden von Henderſon angegeben war, nachdem Lord Kildare, bei dem vielleicht das Andenken an einen andern Tag — es iſt ſchon lange her, als der alte brave Sir William O'Donnel blieb— erwachte, das perſönliche Kommando über die Meomen unter irgend einem Vor⸗ wande abgelehnt hatte. Uebermorgen werden Hender⸗ ſon und Miß Eliſabeth in Lindſayhall ehelich verbun⸗ den; es ſind bereits alle nöthigen Anſtalten dazu ge⸗ troffen. Seit drei Tagen ſuche ich Euch im Gebirge, um Euch dieſe Nachricht zu bringen.“ „Schweig, ſchrecklicher Bote, wenn Du noch mehr dem Aehnliches zu verkünden haſt, was bei mir die ſchmerzlichſten Erinnerungen hervorruft! Zedes Dei⸗ ner Worte iſt mir ein Dolch in's Herz. Es iſt über⸗ dies ſchon genug, was wir von dem Schurken gehört haben, um ſchnell unfre Maßregeln darnach zu treffen,“ rief Michaul in heftigſter Aufregung.„Ja, Kameraden,“ wandte er ſich an die Umſtehenden,„noch zur rechten Zeit iſt Tim Ruuthan bei uns eingetroffen. Morgen Abend müſſen wir auf Chesnuthill, dem Pachthofe des Mannes ſein, der unſre tapfern Brüder in den Tod gejagt und Jrland eine tiefe Wunde geſchlagen hat. Hört es, Brüder, vernehmt es, Lieblinge! Ueber⸗ morgen will derſelbe Mann Hochzeit halten mit Lady Eliſabeth, der angebeteten Geliebten Sir Lewis O'Don⸗ nels.“ „Ja,“ rief Leßlie entflammt mit emporgehobenem Säbel,„ich ſchwöre es bei dem Blute unſerer gefalle⸗ nen Brüder, wir Alle wollen ein Strafgericht über 109 ihn halten, daß Kildare und alle Tyrannen in ihren Schlöſſern vom eiſigen Schrecken wie vom Fieberfroſt geſchüttelt werden und daraus ihr eignes Schickſal folgern ſollen. Eile jetzt unverzüglich zurück,“ redete er nun zu Tim,„ſei unbefangen, wie immer, thu', als wüßteſt Du von Nichts, und öffne uns morgen Abend eine Hinterpforte, ſobald wir erſcheinen. Ich bin wirk⸗ lich neugierig, den Mann in der Nähe zu ſehen und zu erfahren, ob er ſo muthig im Angeſicht des Todes, als ſchlau in ſeinen Ränken iſt „Ich gönne dem Buben ſchon die wenigen Stun⸗ den nicht,“ ſagte Michaul,„die er bis morgen in dem Gedanken an den baldigen Beſitz des Engels ver— ſchwelgt; ohne des fürchterlichen Gefühls zu erwäh⸗ nen, das mir der Gedanke erweckt, daß dieſer Elende auch noch Sir Lewis' Lieblingsſitz entweihen könnte.“ „Nun, Gentlemen, ich verſtehe und gehe jetzt,“ ſagte Tim grinſend.„Mein Geſchäft iſt hier abge⸗ macht; die Fortſetzung folgt morgen Abend. Ich denke wohl, übermorgen wird keine Hochzeit auf Lindſayhall ſein, und von Mr. Henderſon mag das Sprüchwort gelten: Hat er den Teufel bei den Hörnern gefaßt, ſo mag er auch ſehen, wie er mit dem Schwanze fertig wird. Ha, ha, ha! wohl bekomm's der aufgeblaſenen Kleiderbürſte! Nicht vergebens ſoll ſie mich für ihre Dienſte geworben haben! Ich muß dafür Sorge tra— gen, daß die Prophezeihungen meiner alten Muhme in der Heideſchenke nicht zu Schanden werden. Lebt wohl denn, Ihr Herren, bis morgen Abend! Für eine offene Pforte will ich ſorgen, wollt nur auch der Pferde, der tapfern Yeomanry, die in unſern Ställen ſtehen, ſowie einer halben Schwadron königlicher Dra⸗ goner, die unſer Haus jetzt zur Kaſerne gemacht ha⸗ ben, nicht vergeſſen!“ 110 Der kleine Spion that einen herzhaften Zug aus der ihm von einem ſeiner Bekannten dargereichten Feld⸗ flaſche und verſchwand dann ſchnell ohne Führer im Dunkel der Nacht. 13. henderſons höchſte Erhöhung. Obriſt Wexford hatte den Poſten zu Chesnuthill inſpicirt und dabei ſeinem ehemaligen Diener zur Feier des folgenden Tages Glück gewünſcht, ein Glück, nach dem er ſelbſt vergeblich getrachtet, und war kurz nach dem auf dem Pachthauſe eingenommenen Mittagseſſen in ſein Hauptquartier zurückgeritten; denn die Hoch⸗ zeit ſollte auf Lady Eliſabeths Wunſch, den Werford wohl begriff und billigte, ganz ſtill und ohne Gäſte und Gepränge gefeiert werden. Der den Trupp kom⸗ manvirende Rittmeiſter hatte vorſichtig ſelbſt noch ein⸗ mal alle Zugänge zur Farm beſichtigt und die Leute in den Ställen zur Aufmerkſamkeit ermahnt. Dann als er noch einige Poſten auf den gefährlichſten Punk⸗ ten ausgeſtellt hatte, kehrte er in das Geſellſchaftszim⸗ mer zurück, wo die übrigen Offiziere noch mit Mr. Henderſon, der es ſich auch heute, wie immer, ange⸗ legen ſein ließ, den noblen Wirth zu machen, nach aufgehobener Tafel der Flaſche wacker zuſprachen. „Ich wünſche Ihnen guten Abend, Mr. Hender⸗ ſon,“ ſagte der Rittmeiſter eintretend.„Allen einge⸗ gangenen Nachrichten nach läßt ſich weit und breit 111 kein Weiß⸗Junge mehr ſehen; die Gegend iſt beru⸗ higt, und Sie werden morgen in Ihrem Glücke durch Nichts geſtört werden. Das Hauptkorps der Rebellen iſt zu fern, und wenn Lord Werfords Bericht Fol⸗ gen hat, wie ich hoffe, ſo werden wir Ihrer Gaſt⸗ freundſchaft nicht länger zur Laſt fallen, ſondern mor⸗ gen ſchon abziehen, um gegen die Inſurgenten in Kil⸗ kenny zu marſchiren. Sie aber werden im Schoße des höchſten irdiſchen Glücks Nichts mehr von den Strapazen dieſes abſcheulichen Krieges vernehmen.“ „Ich werde mich keiner weichlichen Ruhe hinge⸗ ben, Maſter Daviſon,“ verſetzte Henderſon mit ſtolzem Selbſtgefühl,„ſondern ſtets gewaffnet auf den Em— pfang des loſen Geſindels vorbereitet ſein, um Sr. Majeſtät, unſerm erhabenen König, ſtets Beweiſe mei⸗ ner Ergebenheit zu liefern. Wär' es auf mich ange⸗ kommen, ſo hätte diesmal ſchon kein einziger der Weiß⸗ Jungen davon kommen dürfen; aber ich höre ſo eben von einem meiner Leute, einem ſchlauen Kerl, den ich auf Kundſchaft ausgeſchickt hatte, daß der verwegene Leßlie, den ich mit allen ſeinen Komplicen für todt hielt, mit den Trümmern ſeiner Bande auf ei⸗ nem nicht gehörig beobachteten Nebenwege die Ver⸗ einigung mit dem Hauptkorps der Rebellen bewerkſtel⸗ ligt hat.“ „Die Schuld lag keineswegs an uns, Mr. Hen⸗ derſon,“ verſetzte der Rittmeiſter gereizt.„Wenn Sie ſchneller mit Ihren Meomen an der Brücke waren, da Sie wußten, daß wir erſt ſpät dort anlangen konn⸗ teu, ſo würden weniger davon gekommen ſein. Aber man ſieht daraus, ſolche Nationalgarden werden nie wahre Soldaten. Sobald die Kugeln ſauſen, ſpitzen ſie die Ohren, und wenn's zum Treffen kommt, gön⸗ nen ſie gern Sr. Majeſtät leichten Dragonern den ——— ———— —— 112 Vorrang, während ſie zu Hauſe hinter dem ſaftigen Roaſtbeef, oder in den Tavernen beim Punſchglaſe ohne Unterlaſſung bemüht ſind, auf recht gelehrte Weiſe die Entbehrlichkeit der ſtehenden Heere darzu⸗ thun. Ja, ja— doch sans comparaison, was Ihre eigne Tapferkeit betrifft, vortrefflicher Herr Wirth— mögen ſich's die Herren zur Lehre dienen laſſen, damit ſie künftig mit mehr Achtung von den königlichen Truppen ſprechen. Sie werden täglich mehr einſehen lernen, Maſter Henderſon, daß nicht die Nationalgarde, ſondern die Armee das Beſte thut, wenn's Euch Herren Gutsbeſitzern an den Kragen geht.“ „Langſam an, Herr Rittmeiſter!“ entgegnete Hen⸗ derſon mit verletztem Stolz;„daß ich meine Schul⸗ digkeit gethan, beweiſt die Anerkennung meiner gerin⸗ gen Verdienſte, die mir geworden. Hatte ich auch weniger Gelegenheit, meinen perſönlichen Muth im glänzendſten Lichte zu zeigen, ſo können wohl Zeit und Gelegenheit kommen, wo auch dies der Fall ſein dürfte; denn, wie ſchon geſagt, ich werde nicht in müſſiger Ruhe leben; meine Büchſen werden ſtets geladen und mein Säbel ſcharf geſchliffen ſein.“ „Bravo, Mr. Henderſon!“ ſagte der Rittmeiſter, ſein Glas füllend.„Wir haben vielleicht bald eine Gelegenheit, Ihren Muth zu bewundern, und hier bring' ich unſerm Hauswirthe in einem vollen Glaſe Erfolg in der nächſten Erpedition gegen die Weiß⸗ Jungen!“ „Angenommen!“ rief Henderſon, ſein Glas haſtig leerend.„Möge die Gelegenheit nicht lange ausblei⸗ ben, mein Müthchen von neuem an dem Lumpenge⸗ ſindel zu kühlen! So lange noch ein Dutzend der⸗ ſelben beiſammen bleibt, kann man ja weder ſein Glas in Ruhe trinken, noch mit Comfort ſein Mittagsmahl einnehmen, wie man's in Altengland gewohnt iſt.“ In demſelben Augenblicke verkündete die Hausuhr auf dem Korridor mit dumpfhallenden Schlägen die Mitternachtsſtunde, und an den letzten Schlag der⸗ ſelben reiheten ſich die Töne einer angenehmen Horn⸗ muſik. Ueberraſcht ſah Henderſon empor und horchte dem ſchönen Marſch. „Es gelte als unſer Glückwunſch für den morgen⸗ den Tag!“ ſagte der Rittmeiſter, und Henderſon reichte ihm dankend die Hand. Sowie des Marſches zweite Paſſage begann, trat Tim, der die Aufwartung bei Tiſche beſorgt und während des eifrigen Geſprächs ſich unbemerkt auf eine kurze Zeit entfernt hatte, mit triumphirendem Blick die Geſellſchaft überſehend, in's Zimmer. Faſt zu gleicher Zeit miſchten ſich einzelne Flintenſchüſſe zwiſchen die Muſik, die plötzlich nach ei⸗ nem grellen Tonchaos verſtummte, und nun tönte durch die Stille der Nacht in dem rings von Gebäuden um⸗ ſchloſſenen Hofe Schuß auf Schuß grauſig wieder. Dann vernahm man eine ganze Salve in der Nähe der Ställe, und unter dem Kürren zerſplitternder Fen⸗ ſter ertönte wildes Jubelgeſchrei in iriſcher Sprache zu der betroffenen Tiſchgeſellſchaft herauf. „Beim heiligen Patrik! gnädiger Herr,“ rief Tim mit verſtellter Beſtürzung.„Das iſt von den Spitz⸗ buben, von dem iriſchen Lumpengeſindel, von den Schurken, von den Weiß⸗Jungen!“ Die Offiziere ſprangen auf und griffen zu den Waffen, der Rittmeiſter unter dem Rufe:„Zetzt gilt's, Mr. Henderſon, Ihr Wort wahr zu machen. Ihrem Wunſche folgt die That auf dem Fuße. Auf, Sir, den Säbel zur Hand!“ Bleich vor Entſetzen, zitternd, ſo daß er genöthigt 8 Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 114 war, ſich am Tiſche zu halten, erhob ſich Henderſon von ſeinem Sitze. „Was ſchwatzeſt Du da, Schurke?“ rief er au⸗ ßer ſich.„Wer iſt draußen? Willſt Du Dich und mich und uns Alle um den Hals ſprechen? Das iri⸗ ſche Volk, lieber Rittmeiſter, verſteht keinen Spaß. Man wird unterhandeln müſſen mit den feindlichen Truppen!“ „Unterhandeln?“ rief zornglühend der Offizier. „Ja, mit dem Säbel in der Fauſt unterhandelt man mit den Schurken. Allerdings iſt's das Geſindel, wie Ihr Diener richtig bemerkt hat.“ Bei dieſen Worten riß er das Fenſter auf und donnerte mit mächtiger Stimme in den Hof hinab: „Dragoner, aufgeſeſſen! Keinen Pardon! Alles über die Klinge! Ihr verſteht mich, meine braven Burſche!“ In demſelben Augenblicke aber pfiff eine Kugel herauf, und mit dem Ausrufe:„England erwartet, daß Ihr Euere Schuldigkeit thut, Kameraden!“ ver⸗ ſuchte er noch einmal, ſich zu ſeinen Offizieren zu wenden, dann aber ſtürzte er mit einem kräftigen Fluche über das iriſche Pack zu Boden und gab nach einigen Zuckungen, von ſeinem Blute überſtrömt, den Geiſt auf. „Ich bitte Sie um Gotteswillen!“ drängte Hen⸗ derſon, mehr todt, als lebendig beim ſchrecklichen An⸗ blick des der Wunde des Kapitäns entquellenden Blu⸗ tes, den zweiten Offizier im Kommando,„parlamenti⸗ ren Sie, Sir! ſtecken Sie die weiße Flagge aus, be⸗ handeln Sie die Herren mit Anſtand, wir können ja die Feſtung nicht halten.“ „Sie ſind eine feige Memme, Herr Ritter vom Bathorden!“ verſetzte dieſer, wandte ſich verächtlich von 115 ihm ab, ſtürzte den Helm auf und eilte mit gezoge⸗ nem Säbel gegen den Ausgang des Zimmers. Händeringend ſtand Henderſon mitten im Zimmer und weinte:„Aber bedenken Sie doch, daß morgen mein Hochzeittag iſt! Ich könnte ja umkommen! Wir müſſen unterhandeln! Die Herren Independenten wer⸗ den ja menſchlich fühlen und handeln.“ Ihm gegen⸗ über ſtand Tim mit untergeſchlagenen Armen und trö⸗ ſtete ihn höhniſch, daß es ja nur Irländer wären, ſchlechtes Volk, Lumpengeſindel, mit denen man nicht viel Federleſens zu machen brauche. „Biſt Du von Sinnen, ſchrecklicher Menſch?“ heulte Henderſon;„willſt Du mich mit Deinem wahn⸗ ſinnigen Geſchwätz verderben, oder biſt Du etwa— Schauder ergreift mich bei dem Gedanken— ſelbſt einer der Verſchworenen?“ „So ein Stück davon, mein theurer Sir!“ ent⸗ gegnete Tim hohnlachend, und Henderſon wich ſchreiend mit vorgeſtreckten Händen vor ihm zurück. In dem⸗ ſelben Augenblick ſtürmte es die Treppe herauf, und Leßlie trat mit flammenden Augen und aller Hoheit eines Befehlshabers herein.„Obriſt Leßlie!“ ſagte Tim mit einer ſpöttiſchen Verbeugung zum todtbleichen Farmer.„Mein Dienſt hier iſt zu Ende, Mr. Hen⸗ derſon; ich gehe nun zum Befehlen über.“ Dann wandte er ſich an die beiden Offiziere, die ſchon von einem Haufen der nachſtürzenden Independenten um⸗ ringt waren, und ermahnte ſie, ihre Waffen abzuge⸗ ben, da jeder Widerſtand Tollkühnheit ſein würde. Ein Hieb, den einer der wackern Dragoner nach ihm führte, war die Antwort; doch in demſelben Au⸗ genblick ſank der Soldat, von mehreren Lanzenſtichen durchbohrt, mit dem Rufe:„Es lebe der König!“ zu Boden. Auch der letzte Offizier fand nach einem kur⸗ 8* 116 zen, aber heftigen Kampfe für Ehre und Pflicht den Tod, und Ströme von Blut flutheten durch den Saal. Henderſon krümmte und wand ſich wie ein Wurm zu Leßlie's Füßen, der mit zürnendem Geſicht bald auf die Leichen der Offiziere, bald auf die wilden Ge⸗ ſtalten der Männer blickte, durch deren Waffen ſie ge⸗ fallen waren. „Ihr handelt ſehr vorſchnell und gegen meinen ausdrücklichen Befehl, O'Connor!“ redete er mit finſterm Ernſt einen der Letztern an, der auf ſein blutiges Schwert geſtützt die ſelbſt noch im Tode ſchö⸗ nen Züge des jüngern der Gefallenen anſtarrte. „Schnell, aus Liebe zum Vaterlande, damit die Erinnerung an eine ſchöne Vergangenheit mich nicht übermanne, und damit Lieutenant Hobhouſe, der Feind meines Vaterlandes, nicht Zeit hatte, mir zuzurufen: Halt ein, ich liebe Deine Schweſter, ſchrecklicher Menſch! Habt Ihr etwa Befehle für mich, Obriſt Leßlie, die den ſchwermüthigen Eindruck, den unſer unerwartetes Zuſammentreffen hier auf mich gemacht, verwiſchen können?“ „Verſammelt die Aelteſten unſrer Leute,“ erwiderte der Anführer, heftiger bewegt, als man ſonſt an ihm gewohnt war,„um hier oben in dem Saale über den doppelten Verräther, der da zu meinen Füßen greint, zu richten. Laß Tim Ruuthan die Vorräthe des Hauſes vertheilen, ehe es als warnendes Zeichen für alle Verräther den Flammen übergeben wird, und halte den Trupp in Ordnung und jeden Augenblick zum Abmarſche bereit; denn mein Geſchäft iſt bald vollendet.“ Mit Beobachtung aller in rland gebräuchlichen Formen wurde das Verfahren gegen Henderſon ſchnell eingeleitet. Eine Jury trat aus den zwölf Aelteſten unter Leßlie's Vorſitz zuſammen, welcher den Gefan⸗ genen abhörte und den Geſchworenen die Verbrechen, deren er beſchuldigt wurde, auseinander ſetzte. Ber⸗ gebens bemühte ſich Zener, ſeine Unſchuld dadurch zu beweiſen, daß er darzuthun ſuchte, er habe nur als Werkzeug des, wie er wußte, allen Patrioten verhaß⸗ ten Lords Kildare gehandelt und ſei durch Beſtechun⸗ gen und Vorſpiegelungen aller Art zu vielen Schrit⸗ ten verleitet, deren Folgen er anfänglich nicht er⸗ kannt habe. Obgleich dieſes Bekenntniß die Schuld des Be⸗ klagten nicht verminderte, ſo trug es doch noch ein Großes dazu bei, den bei allen Umſtehenden tief ein⸗ gewurzelten Haß gegen den Lord zu vermehren, und neue Nahrung gab es vor allen dem unverſöhnlichen Rachedurſt des im finſtern Schweigen daſtehenden Michaul Dahna. Nach einer kurzen ernſten Berathung ſprachen die Geſchwornen das wie die Poſaune des Weltgerichts in den Ohren Henderſons klingende Wort:„Schul⸗ dig!“ aus. „Todt!“ klang es dumpf aus dem Munde des in eiſiger Kälte verharrenden Richters.„Ihr ſeid dem Tode verfallen, Henderſon, für feilen Verrath an Sir Lewis O'Donnel, ſowie für ſchändlichen Verrath an dem von mir befehligten Korps, wodurch nah' an zwei⸗ tauſend brave Menſchen ihr Leben verloren und Hun⸗ derte von Witwen und Waiſen das Unglück des Va⸗ terlandes vermehren. Du wirſt ihn ſogleich erleiden, Dir ſelbſt zur Strafe und Andern zur Warnung. Der Herr ſei Deiner Seele gnädig!“ „Amen!“ tönte es durch die Verſammlung und Leßlie deutete auf die Thüre. 118 „Sterben! ſterben! Und morgen Hochzeit! Habt Erbarmen! Morgen iſt meine Hochzeit!“ ſo heulte Henderſon in abgeriſſenen Sätzen. „Haltet Euere Hochzeit in der Hölle mit des Teu fels Großmutter!“ rief ihm Leßlie zu„Wir wollen Euch nachher die Brautfackel dazu anzünden und weit in's Land hinein leuchten laſſen. Macht's kurz mit ihm!“ befahl er den Männern, die im Begriff waren, den Wimmernden abzuführen, der mit krampfhafter Anſtrengung eine Stuhllehne umklammert hatte.„Nun was zaudert Ihr, Mr. Henderſon? Zeigtet Ihr Euch doch noch vor Kurzem ſo muthig bei Goresbridge. Beweiſt auch jetzt, indem Ihr auf der Leiter gen Him⸗ mel ſteigt, daß Ihr Mann ſeid, damit nicht das Hohn⸗ lachen, ſondern ein Hurrah meiner Leute die letzten Töne ſind, welche Euch vor den Stuhl des allmäch⸗ tigſten der Richter hinüber geleiten.“ „Denkt, während Ihr ſelbſt zur Hölle fahrt, an den Tag, an welchem Dunfoore und ſein braver Junge zum Himmel eingingen,“ raunte ihm Tim zu.„Was ich an Dunfvore verbrach, mach' ich durch Euch wie⸗ der gut. Jenen verrieth ich, Euch verrieth ich. Je⸗ ner wurde gehenkt, Ihr werdet gehenkt. Ich habe noch gar viel gut zu machen. Fahre wohl!“ Henderſon bewegte das Haupt nach der Gegend, von woher er die ſchrecklichen Laute vernahm, und Tim lachte ſchadenfroh und laut auf, als er die aſch⸗ fahle Farbe des Todes, die das noch vor wenigen Stunden ſo blühende Geſicht überzogen, und die tief in ihre Höhlen verſunkenen Augen des Engländers erblickte. „Einen Strick, Tim!“ rief der Ire, der ſich zum Scharfrichter aufgeworfen hatte— es war ein Sohn 119 Dunfvore's—„einen Strick, als letzte Liebesgabe für Deinen Herrn!“. „Dafür hat Se. Excellenz der Lord Statthalter von Zrland trefflich geſorgt,“ verſetzte der Kleine mit hämiſcher Bosheit und holte ſchnell den Bathorden mit dem langen Bande herbei.„Dieſes blutrothe, blaueingefaßte Band iſt für den Hals dieſes Mannes beſtimmt. Laßt uns dem Willen des Vicekönigs nicht entgegen ſein!“ Ein ſchallendes Gelächter erfüllte den Saal. „Bravo!“ rief Leßlie,„das iſt ein köſtlicher Ein⸗ fall von Dir, alter Burſche!“ Und mit dem Orden geſchmückt, wurde der Ritter hinausgeführt; die gefangenen Dragoner⸗Horniſten ſpielten auf Leßlie's Befehl den Marſch von vorhin noch einmal. Draußen wurde das Ordensband zum Strick gedreht, und wenige Minuten darauf zappelte der hochſtrebende Pächter von Chesnuthill an einem Aſte der alten, vor dem Pachthofe ſtehenden Linde. Das Ordensmedaillon mit den drei Kronen Großbri⸗ tanniens hing ihm gerade auf der Bruſt, eine ſchreck⸗ liche Jronie! Die ſiegestrunkenen Iren aber über⸗ ließen ſich im Innern der Gebäude dem Genuſſe von Speiſen und Getränken; Tim und Miß Anna Reil, die ſich während des Ueberfalles verkrochen hatten, nun aber hervorgekommen waren, öffneten die Keller und trugen fleißig zu; bald erſchallten die Räume von wilden, gäliſchen Geſängen, und Tim und Anna tanzten in wilder Luſt auf dem blutigen Boden; die Dragoner mußten dazu aufſpielen. Doch Leßlie, ſtreng darüber wachend, daß Jeder von der Mannſchaft in dieſer Nacht ſoviel als mög⸗ lich dienſtfähig bliebe, gab ſchon nach zwei Stunden das Zeichen zum Aufbruch. 120 Etwa eine Meile mochte der Zug vom Gute ent⸗ fernt ſein, als ein Halt gemacht wurde. Der ganze Haufen brach in ein wildes Jubelgeſchrei aus, als ei⸗ nige der Männer rückwärts blickend, auf die unzähli⸗ gen Flämmchen deuteten, welche wie eben angezündete Kerzen aus den Dächern des Pachthofes emporflacker⸗ ten, ſich allmählig vereinigten und ſich bald, durch den Nachtwind zur ungeheuern Glut angefacht, gleich ei⸗ nem Feuermeer über ſämmtliche Gebäude verbreiteten. Mit ſtillem Ingrimm ſtanden die wenigen am Le⸗ ben gebliebenen Dragoner in der Mitte der auf ihren Pferden ſich brüſtenden Iren, deren nochmaliges Hurrah ihre Freude über die nächtliche Erleuchtung kund gab. „Seht, ſo rächt Leßlie ſein Vaterland!“ rief die⸗ ſer den Dragonern zu, mit dem Säbel auf die Flam⸗ men zeigend, die den ganzen Horizont mit einem feu⸗ rigen Mantel bekleidet hatten.„Geht jetzt hin und verkündet im engliſchen Hauptquartiere, was Ihr ge⸗ ſehen habt. Ihr ſeid frei, doch hütet Euch wohl, zum zweiten Male in die Hände meiner Leute zu gerathen! Sie nehmen es nicht alle ſo genau, wie Leßlie, der ſeine Hände nie mit unſchuldigem Blute befleckt.“ „Habt Dank für Eure Güte, Sir!“ erwiderte ein alter Wachtmeiſter.„Doch unter ſolcher Bedin⸗ gung können wir keinen Gebrauch davon machen. Wer ſteht uns dafür, daß nicht morgen ſchon unſer Regiment gegen Euch ausgeſchickt wird, und zur Stall⸗ wache bleibt Sergeant Dickſon nicht zu Haus, wenn ſeine Kameraden gegen den Feind ziehen.“ „Seht,“ ſagte Leßlie, ſich zu einigen ſeiner ne⸗ ben ihm ſtehenden Offiziere wendend,„ich ſagte es Euch ſchon oft, das engliſche Volk iſt brav, wie irgend eins, aber ſeine Großen taugen nichts.“ Und wieder zu dem Reiter fuhr er fort:„So geh' denn ohne 121 Bedingung, mein braver Degen, mit allen Deinen Leuten! Was ſoll ich Euch im Lande umherſchleppen? Zu Geißeln nehme ich andre Subjecte, welche Euere Miniſter höher im Preiſe halten, als Euch, die Ihr Euer Leben für ein paar elende Pfund Sterling unſern Tyrannen verkauft. Doch wehrt Euch Euerer Haut, ehrlicher Dickſon, wenn wir uns das nächſte Mal begegnen.“ „Aus Achtung, Sir, für Euere Perſon,“ erwi⸗ derte der Reitersmann,„mag ich Euch die Warnung nicht zurückgeben. Denn heute mir, morgen Dir, das iſt des Krieges Lauf, ſo wie ich ihn nun ſchon zwan⸗ zig Jahre faſt in der halben Welt kennen gelernt habe. Alſo, wie's das Schickſal will, Herr Haupt⸗ mann, oder wie Ihr Euch nennt, und ſo lebt wohl. Wenn Ihr unſre braven Offiziere nicht in den Flam⸗ men hättet liegen laſſen, ſo würde ich Euch vielleicht noch höher achten.“* „In dieſem Augenblicke ſind die Leichen der Ta⸗ pfern, deren Tod nicht mein Wille war, ſchon auf dem Wege zu Obriſt Wexfords Quartieren. Dieſen zarten Beweis von Achtung für unſre Feinde habt Ihr dort dem Herrn— er wieß auf O'Connor— zu verdanken. Ihr werdet noch früh genug kommen, um ſie mit kriegeriſchen Ehren beſtatten zu helfen, während die Aſche der Unſrigen, die durch Euere Waffen fielen, ganz gut unter jenem Denkmal des iriſchen Patriotismus ſchlummern wird, bis zum gro⸗ ßen Tage der Auferſtehung. Nun Gott befohlen und auf Nimmerwiederſehen!“ Die Reiter zogen auf der gebahnten Straße in der Richtung nach ihren Kantonirungen von dannen, während die Inſurgenten ſich bei dem Scheine der ————————— 122 hochlodernden Flamme links in's Gebirge ſchlugen und den Weg nach Killarney wählten, um ſich mit ihren Brüdern am jenſeitigen Fuße der Berge zu vereinigen. 14. Ein franzöſiſches HülſsRorps. Schrecklich raſte die Empörung. Unwiderſtehlich verbreitete dieſe moraliſche Peſt, von unnatürlichem, durch Jahrhunderte hindurch dauerndem Druck einer im Verhältniß kleiner Anzahl engliſcher Ariſtokraten auf das unglückliche Irland erzeugt, der das Volk wie einen an den edelſten Theilen verwundeten Mann in fieberhaften Wahnſinn verſetzte, ihr Kontagium über die ſüdlichen und ſüdweſtlichen Grafſchaften. Um ſo verheerender war das ſchrecklichſte aller Uebel in ſei⸗ nen Folgen, weil es in den letzten Jahren durch Lord Camdens grauſames Verfahren ſtets neue Nahrung erhalten. Tod! war die Loſung in jedem Diſtrikt, den es ergriff. Ruinen, rauchende Brandſtätten und Leichen bezeichneten den Weg, auf welchem es weiter ging. Die Landſitze der Großen ſtanden verödet, denn weſſen Stellung es erlaubte, entfloh nach Dublin oder nach der noch größern Schutz gewährenden Nachbar⸗ inſel hinüber. Verlaſſen waren im weiten Umkreiſe die meiſten Dörfer, die Ernte vernachläſſigt oder un⸗ aufgeſpeichert, der Acker unbeſtellt; denn nur Weiber und ohnmächtige Greiſe waren zurückgeblieben, während die ſtreitbaren Männer mit den zur tödtlichen Waffe umgeſchaffenen Feldwerkzeugen in den verzweifelten Kampf um die Freiheit ausgezogen waren. Es erregte daher nicht geringes Erſtannen bei den Bewohnern der Umgegend von Killala, als am Abend des 23. Auguſt 1798 O'Donnels Villa, Balli⸗ ford, die nach Henderſons Tode in den unruhigen Zeiten Niemand zu kaufen gewagt hatte und gleich einem ausgeſtorbenen Hauſe rings umher dicht ver⸗ ſchloſſen geweſen war, wie zur Feier eines glänzenden Feſtes erleuchtet, gleich einem Feenpalaſte, auf die Um⸗ gegend niederſtrahlte. Alles blieb übrigens ruhig ſowohl in der Gegend als auf den Avenuen, welche landeinwärts zum Schloſſe führten, nur an den Fenſtern ſchwebten zuweilen ſchnelle Schatten vorüber; ſonſt bemerkte man nirgends das Daſein lebendiger Weſen, ſo daß die abergläubiſchen Ferne beobachtend, ſich zuflüſterten, daß irgend ein ge ſpenſtiges Weſen auf des Baronets Landſitze ſeinen Umgang halten müſſe, vielleicht daß gar die guten Leute ein Feſt dort begingen. Die heller denkenden Bewohner der benachbarten Städte Killala und Ballina, bis wohin ſich das Ge⸗ rücht der ſeltſamen Erſcheinung noch in derſelben Nacht verbreitet hatte, verloren ſich vergebens in tauſend Muthmaßungen über das Wunder, und mancher der⸗ . ſelben, der es immer wohlgemeint hatte mit Sir Lewis O'Donnel und ſeiner Familie, verließ am nächſten Morgen früh das Lager, um ſelbſt an Ort und Stelle zu ſehen, was an dem Gerücht wahr ſei. Groß und freudig aber war die Ueberraſchung der Neugierigen, die mit Anbruch des Tages von Ballina am Moyfluſſe hinunter nach Balliford wan⸗ Landleute, dieſes unheimliche Treiben ängſtlich aus der 124 derten, als die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne, dort die Berge von Sligo vergoldend, hier ſich in den Wellen des Fluſſes wiederſpiegelnd, zugleich Irlands und O'Donnels ſtolz im Morgenwinde flatternde Banner beleuchteten, die von den Zinnen des Schloſ⸗ ſes herab die Anweſenheit des geliebten Mannes dem Lande verkündigten. Alle Fenſter waren weit geöffnet, und während die erquickende Luft eines heitern Sommermorgens in die dumpfen, langverſchloſſenen Gemächer einzog, be⸗ grüßte Sir Lewis, an die Gitter eines die ganze Fern⸗ ſicht beherrſchenden Söllers gelehnt, von ſeinen Ge⸗ ſchwiſtern Suſanna, Oliver und George, und von ſeinein Schwager Dupont umgeben, mit Entzücken das langentbehrte Vaterland und ſeine Landsleute, deren Jubel kein Ende nehmen wollte, vielmehr ſich zu einem wahren Taumel ſteigerte, als ein Blick über die Bay ihnen die dort unter der dreifarbigen Flagge vor Anker liegenden Schiffe zeigte, auf denen ſpeben Vorkehrungen zur Ausſchiffung der an Bord befind⸗ lichen franzöſiſchen Truppen getroffen wurden. Einige Stunden ſpäter ſtanden mehre tauſend fremde Krieger am Lande, und während dieſe ſich un⸗ ter dem Schalle einer rauſchenden kriegeriſchen Muſik am Ufer ordneten, erſchienen ſchon einzelne kleine Hau⸗ fen bewaffneter Eingebornen aus den umliegenden Orten, um ſich dem Befreiungskorps anzuſchließen. Unter mancherlei Feſtlichkeiten und allen erſinnli⸗ chen Beweiſen einer aufrichtigen Gaſtfreundſchaft, die man den Verbündeten zu geben ſich beeiferte, verging dieſer Tag. Nach allen Richtungen wurden Boten ausgeſandt, um das Landvolk unter die Waffen zu ru⸗ fen, und noch ſpät in der Nacht verkündete von Zeit zu Zeit das Horn der Bergbewohner, oder der lan⸗ ——————————— 125 desübliche Dudelſack das Heranziehen immer neuer Scharen. Es war ſchon ſpät nach Mitternacht, als in der Bay ein kleines Fahrzeug anlegte. Der alte John Boyle, der in den letzten Wochen unaufhörlich zwiſchen Frankreich und Irland gekreuzt hatte, ſtieg, unter ei⸗ nem lauten Hurrah ſeine rothwollene Mütze ſchwen⸗ kend, an das im Widerſchein unzähliger Wachtfeuer leuchtende Ufer und reichte dann Sally ONeil die Hand, um ſie über das ſchwankende Bret zu leiten. „Da biſt Du nun wieder auf unſrer grünen Inſel, Du eigenſinniges Kind, und ich habe Dir Deinen Willen gethan,“ ſagte der alte Lootſe:„Wie könnte „ich Dir auch etwas abſchlagen, Goldherz! Du haſt längſt meine Schwäche weg. Nun ſo ſei mir gegrüßt auf Irlands grünem Boden, Liebling meiner Seele!“ Und zärtlich küßte er ſie auf die Stirn. 4 „O Vaterland!“ ſeufzte Sally wehmüthig.„Mein Herz hängt doch mit tauſend unzerreißbaren Banden an deiner grünen Herrlichkeit; es iſt eine Pflanze deiner Triften, eine Blume deiner Felſen, ein Strauch deiner Berge. Frankreich iſt ſchön, aber Irland iſt ſchöner. Frankreich iſt nicht mein Vaterland.— Nicht vergebens vergleichen deine Kinder dich mit einem im diamantnen Meer ſchwimmenden Smaragd. Ach, 8 lieber John, ich habe nicht geglaubt, daß ich mein Vaterland ſo liebte!“ „Kind,“ verſetzte der Alte kopfſchüttelnd, und eine Thräne perlte an ſeiner grauen Wimper,„es will mich bedünken, als ſei es nicht die Liebe zum Vater⸗ lande allein, die Dich ſeit wenig Tagen wieder ſo mächtig über das Meer herüberzog. Haſt Du nicht Monden lang drüben gelebt und während dieſer Zeit mir nicht ein einziges Mal den Wunſch geäußert, mit 126 mir nach Irland zurückkehren zu wollen? Du täuſcheſt Dich ſelbſt, meine ſüße Seele.“ „Nun ja, ich ſehnte mich außer nach meinen Matten, Bergen, Thälern, Bächen und Feldern auch nach den Menſchen, aus deren Munde ich die Muſik meiner alten Mutterſprache ertönen höre, nach den treuherzigen Geſichtern, die ich ſo liebgewinnen gelernt habe, vor allen nach Lady Eliſabeth, an der meine Seele mit ſtarker Liebe und Verehrung hängt.“ „O mein Honigherz, Du köſtliches Kleinod! Als ich von Frankreich, wohin ich eben Sir Lewis O'Don⸗ nel glücklich gebracht, nach Dublin zurückkehrte und Dich nach langem vergeblichen Suchen in Tims dürf⸗ tiger Pflege fand, da hatteſt Du nur einen Wunſch, nicht nach Lindſayhall oder Dunmoore, nicht nach Lady Eliſabeth, nicht nach Deinem Vater, nein nach Frankreich wollteſt Du, allein nach Frankreich, und Deine Bitten ließen nicht eher nach, bis ich Dich, deren Wunde noch nicht ganz geheilt war, mit hin⸗ über nahm. Und wohin verlangteſt Du dort? Zu Sir Lewis O'Donnel! So lang' er in Frankreich blieb, gefiel es Dir nirgend beſſer als dort; kaum iſt er fort mit der Flotte, gleich ekelt Dich Frankreich an, und Irland iſt Dein Beſtreben. Kaum erträgſt Du's einen Tag. Ich laſſe mich bereden, Dich wieder in dies unglückliche Land zu führen, Dich in die Stürme zu ſchleudern, die hier aufgähren. Und wohin ver⸗ langſt Du in Irland? Nach Dunmoore, Lindſayhall, Greenlodge? Nicht doch! Zu Sir Lewis O Donnel!“ Sally verbarg ihr Geſicht, deſſen Schamröthe der grelle Widerſchein der unzähligen an der Küſte lodernden Wachtfeuer noch erhöhete. „Jetzt hab' ich's getroffen,“ fuhr der Lootſe fort. „Die Krankheit, die Deine Wunde nach ſich zog, der — 127 Gram über Deines Vaters Untergang hatten Dich bleicher und elender gemacht als je; aber kaum warſt Du einige Wochen in Frankreich, begannſt Du zu blühen wie ein Röslein. Ach, ich habe das lange ge⸗ wußt, nur Dein Vater hatte kein Auge dafür. Hätte er nur ſehen wollen, wie Du dieſen Ring und dieſes Halstuch, Geſchenke von O'Donnel, über Alles werth hielteſt und nicht von Dir thateſt. Gott ſchenk' ihm Frieden im kühlen Meeresgrund! er ſah es nicht. Aber, Sally, Juwel, was ſoll daraus werden? Des Baronets Frau? Das geht doch nimmermehr!“ „John!“ rief Sally mit dem gereizten Tone des edlen Unwillens.„Was redet Ihr doch! Ich könnte mit Euch zürnen wegen des Wortes. Ihr habt un⸗ barmherzig den Schleier von meinem Herzen geriſſen, aber Ihr könnt doch nicht ſehen, was darin liegt. Wißt Ihr denn nicht, daß ich die Lady auf Lindſay⸗ hall über Alles liebe, und wißt Ihr nicht auch, daß Sir Lewis und Miß Eliſabeth ſich lieben, ſo ſtark und rein, wie es nur armen unvollkommnen Men⸗ ſchenherzen vergönnt iſt? Aber glaubt mir, dieſe bei⸗ den ſind Menſchen höherer Art. An ihnen haften nicht die gemeinen Mängel und Gebrechen der Menſch⸗ heit. Sie ſind für eiliter geſchaffen, ihre Seelen ſind in einander übergefloſſen und zu einer geworden. Was redet Ihr nun noch von mir, der armen ge⸗ ſchändeten Magd, von der ſich ein edler Mann mit mitleidigem Bedauern wendet? Geht, Ihr verſteht mich nicht! Ihr könnt weder den Schmerz, noch die Wonne meines Lebens begreifen und habt mich tief gekränkt!“ Ihre Worte ertranken in einem Thrä⸗ nenſtrom, der ſich aus ihren jammerblickenden Angen ſtürzte. „Nun ja doch, Du liebes Kind!“ weinte der Alte 128 ſelbſt;„ich will Dich ja hinführen zu Sir Lewis. Ich weiß, daß er der edelſte Mann in Irland iſt, und ahne wohl, was in Dir vorgeht, wenn ich's auch nicht mit Worten von mir geben kann, Du unglückliches Kind! Zürne mir nur nicht, Sally, Herzenskleinod! Du weißt, daß ich Deinem Vater verſprach, mich Deiner anzunehmen, wenn's ſchlimm mit ihm auslaufen ſollte. Sein wildbewegtes Schiff iſt geſtrandet und im Mee⸗ resgrund verſenkt. Da ruhen ſie Beide zuſammen, die heißen Herzen O'Neils und Parkers. Ihnen iſt weich und kühl gebettet. John Boyle aber iſt gewohnt, ſein Wort zu halten; und ſo hab' ich Dich als meine Tochter betrachtet, von dem Tag an, der Deines Va⸗ ters letzter war, und Dich ängſtlich geſucht, bis ich Dich gefunden.“ „Ich zürne Euch nicht, mein Vater,“ lächelte Sally durch Thränen und reichte dem Alten die Hand.„Ihr habt Euch der alten Waiſe angenommen und mir den Troſt gegeben, daß ich nicht ganz verlaſſen bin. Gott wird's Euch lohnen!“ „Komm, mein armes Kleinod, komm! Ich will Dich nach Balliford führen.“— Sie gingen dem Ufer epxtlang, das ein reges Bild bot, und von welchem die Stille der Mitternacht ver⸗ ſcheucht war. Da blitzten ihnen plötzlich Waffen im Licht der Feuerflammen entgegen; ein Haufe Iren zog von der andern Seite heran, und wenige Au⸗ genblicke darauf ſah ſich Sally von ihren Landsleuten umringt. „Sally, Sally! Du hier?“ rief eine kräftige Männerſtimme, die das Mädchen ſogleich für die Leß⸗ lie's erkannte. Er war es, der mit mehren Häupt⸗ lingen und Weiß⸗Jungen aus den Gebirgen der ſüd⸗ lichen Grafſchaften kam, um ſich mit der franzöſiſchen 129 Armee zu vereinigen.„Sally, mein Mädchen!“ ju⸗ belte Leßlie,„welch' glückliches Zeichen, daß Du mich hier zuerſt empfängſt! Wie hab' ich mich nach Dir geſehnt, Du, mein guter Genius! Wie oft hab' ich mich mit Dir wieder in die tönenden Hallen des Rie⸗ ſendammes zurückgewünſcht! O, ſage mir, holdes Kind, wie biſt Du dem Blutbade in Dublin entron⸗ nen? Wo haſt Du geweilt? Welches iſt Dein Schick⸗ ſal in dieſer trüben Zeit geweſen?“ „Ein Bayonnetſtich hatte mich am Hafendamm zu Boden geſtreckt und ich war in Gefahr, zertreten zu werden. Doch Hülfe war mir nah; während Mr. Laing die Engländer zurückdrängte, trug mich Tim Ruuthan auf ſeinem Rücken davon und brachte mich in die elende Wohnung einer alten Frau, die er kannte. Dort wartete und pflegte er mich mit der ängſtlichen Sorgfalt eines Freundes, eines Bruders. Die Alte verrieth mir, daß er all' ſeine Habſeligkeiten meinet⸗ wegen verkauft habe und ſogar für mich bettele. Er kehrte, als ich mich beſſer befand, zu ſeinem Herrn zurück und unterſtützte meine hülfloſe Lage von dort aus. So ſuchte der alte Burſche ſeine früheren Ver⸗ gehungen an mir wieder gut zu machen. Endlich kam mein guter alter John, der von Tim meinen Aufent⸗ haltsort erfahren hatte, und nahm mich mit nach Frankreich, wo ich unter den Händen der Freundſchaft vollends genaß. Von dort hat er mich heute wieder herübergebracht; denn alle meine Freunde ſind wieder ſet. 3„Und auch ich fehle nicht!“ rief Leßlie.„So müſſen ſich Alle, die ſich noch des Lebens erfreuen, wieder zuſammenfinden. Dich aber hat mir der Him⸗ mel ſelbſt zuerſt entgegengeführt, meinem Herzen die Erfüllung eines Wunſches bereitend, den es nie aus Sto rch, ausgew. Romane u. Novellen. 1X. — ——— 130 zuſprechen gewagt, weil er zu abenteuerlich kühn ge⸗ weſen wäre. Kaum hatte ich auf die Seligkeit gehofft, Dich überhaupt hier zu finden, und nun biſt Du die Erſte, die ich finde. Weißt Du auch, meine Taube, was ich Deinem Vater gelobt habe? Daß Du mein Weib werden ſollteſt, wenn er gefallen ſei. Er iſt den Tod für's Vaterland geſtorben, und Du biſt meine verlobte Braut. Aber glaube nicht, daß es die Pflicht allein iſt, die Dir die Hand bietet; nein, es ſind mei⸗ nes Herzens ſüßeſte Regungen, die Dich inniglich um⸗ fangen.“ „O Sir!“ verſetzte Sally ſchmerzlich,„Sie ken⸗ nen mein Schickſal, und ſchon in der Höhle des Giants⸗Cauſeway that Ihnen mein Vater meinen Ent⸗ ſchluß kund.“ „Dein Blut, das Du für das Vaterland vergoſ⸗ ſen, hat Dich rein gewaſchen,“ entgegnete der Häupt⸗ ling leidenſchaftlich.„Du biſt durch den Kampf, dem Du beigewohnt, geheiligt und ſtehſt über allen Jung⸗ frauen des Landes. Wenn wir jetzt ſiegen, ſei dieſe Hand mein Lohn. Ich liebe Dich, rein, wahr und ſtark. Dein Beſitz iſt die leuchtende Krone meiner noch ungebornen Thaten. Wollteſt Du ſie mir wei⸗ gern? Du würdeſt meinem Muthe Feſſeln anlegen.“ Sally reichte ihm ſchweigend die Hand; aber John Boyle ſchüttelte recht wehmüthig das alte kahle Haupt, und es glänzte abermals wie rinnende Thränen auf ſeinen Wangen.„So laßt uns gehen!“ fuhr Leßlie fort, Sally's Arm nehmend. Und zu Boyle gewandt:„Sieh dort, alter Seelswe, wie jene Zeltreihen und die flat⸗ ternden bunten Fahnen ſich im Feuerſchein abenteuer⸗ lich ausnehmen! Das iſt freilich ein ganz andrer An⸗ blick, als wenn ich mit meinen Söhnen der Berge dahin ziehe, deren Eiſenherzen kaum mit den Lumpen eines abgetragenen Mantels bedeckt find.— Laß uns durch's Lager gehen!“ ſagte er zum Lortſen, als die⸗ ſer im Begriff war, einen ihm bekannten Fußpfad, welcher auf den Schloßberg hinauf führte, einzuſchla⸗ gen.„Ich möchte doch zuvor eine oberflächliche Be⸗ kanntſchaft mit unſern Freunden und Bundesgenoſſen machen. Komm, liebe Sally! Kommt, Ihr Herren!“ Und unter des Seemannes Anführung betraten ſie die vorderſte Reihe der Zelte. Das erſte, was ſich ihren forſchenden Blicken dar⸗ bot, als ſie nach abgegebenem Feldgeſchrei die Wa⸗ chen paſſirten, war eine um eine Trommel gelagerte Truppe von Spielern. Ueberreſte von Speiſen, Fla⸗ ſchen, Gläſer und Waffen ſtanden und lagen unor⸗ dentlich umher. Halbunterdrückte Flüche und lautes Gelächter wurden durch den Ruf eines bankhaltenden Kriegers beſchwichtigt:„Nichts gewinnt nichts! Ach⸗ tung auf's Spiel, meine Herren! Achtung, ich bitte! Der König gewinnt! Der Bube verliert! Zehne ge⸗ winnt!“ Ein faſt erloſchenes Wachtfeuer beleuchtete unheim⸗ lich die von Leidenſchaften ſtark markirten Geſichter der Spieler. Die Augen des gewinnenden Banquiers ſtrahlten von Luſt und wilder Begierde; Wuth und ſchlechtverhehlter Neid und Ingrimm malie ſich auf den Geſichtern der Verlierenden. Eben hatten ſich die nächtlichen Wanderer hinter ein Zelt verborgen, deſſen Bewohner in tiefen Schlaf verſunken ſchienen, als der auffallend glücklich ſpielende Banguier ausrief:„Seid Ihr denn wirklich ſo ganz abgebrannt, habt gar nichts mehr, Ihr Herren? Seid Ihr endlich wirklich ſo nackt und kahl, wie die Schwänze der Ratten, die uns auf den Schiffen den Zwieback ſtehlen?“ Und ein widriges Lachen begleitete dieſe Worte 9* Se ————— 132 „Muth, meine Freunde! Noch einmal! Ich nehme ſtatt Geld, Pfänder und Sachen von Werth, wie man's in der guten Stadt Paris auch thut.“ „Nun, wohlan, ich wag's noch einmal!“ rief ein ſchwarzköpfiger Italiener, deſſen dunkles Auge wunderlich abſtach von der bleichgelben Geſichtsfarbe, „denn jede Münze hat zwei Seiten.“ Unter dieſen Worten zog er einen goldnen mit Steinen beſetzten 3 Ring vom Finger und warf ihn heftig auf die Trom⸗ mel, daß er mit einem dumpfen Geräuſch bis vor den bankhaltenden Soldaten rollte.„Nun ſchnell, zieh' ab! Madonna gieb Deinen Segen!— Und dennoch nicht!“ rief er wildaufſpringend, als Jener einige Kar⸗ ten abgezogen hatte.„Daß Du verdammt ſeieſt mit Deinem Glücke, Monſieur le Gendre! Das Kleinod war von einer Hand, die mir Segen brachte, ſo lange ich ihren Winken folgte, von meiner alten braven 3 Mutter; ich glaube ihr Trauring. Bedenke, le Gendre, s iſt das letzte, was ich aus meiner ſchuldloſen Zeit* beſitze.“ „Ich faß' ihn dennoch, Kamerad: denn falſche Scham hält mich nicht ab, zu nehmen, was mir gehört,“ erwiderte der Erſtere, mit höhniſchem Lächeln den Ring ruhig an den Finger ſteckend, und ließ die Steine im Scheine der Flamme ſpielen. „Parbleu, er iſt ächt, le Gendre!“ rief der Ita⸗ liener,„doch wäs ſoll ich's dem Kenner verſichern! denn war es nicht Deine zu große Vorliebe zu edlen 1 Steinen und Metallen, die Dich nach Breſt brachte, und mir die Ehre Deiner Bekanntſchaft im dortigen Bagno verſchaffte? Ich möchte Dir indeſſen jetzt freund⸗ ſchaftlich rathen, Dir das unmäßige Gelüſte nach Klei⸗ nodien vergehen zu laſſen. Du weißt, wie unſer Ge⸗ neral über dieſen Punkt denkt. Aber Du ſcheinſt — einer von denen zu ſein, von denen das Sprüchwort bei mir zu Lande ſagt: Passato il pericolo, gabbato il santo!“ „Spare Deine Moral,“ lachte der Andre.„Bei Dir ſcheint die Galeere die entgegengeſetzte Wirkung hervorgebracht zu haben, als bei uns Uebrigen, die wir uns immer weniger zu den Frommen zählten, ſo! oft wir aus der hochanſehnlichen Geſellſchaft heraus⸗ gingen. Der Ring iſt jetzt mein Eigenthum, und ich hoffe, daß es nicht das letzte Kleinod iſt, was in die⸗ ſem Leben in meine Taſchen wandert.“ „Was ich bis jetzt auf dieſer Inſel geſehen, zu deren Beiſtand wir gekommen ſind, ſcheint wenig Stoff für Deine Profeſſion oder Paſſion zu liefern, und nochmals rufe ich Dir die Proklamation des Ge⸗ neral Humbert in's Gedächtniß zurück. Er ſcheint mir der Mann, der ſein Wort hält.“ „Was hat's mit dieſem General zu ſagen!“ ver⸗ ſetzte le Gendre,„wenn man nur ſanft iſt wie Tau⸗ ben und klug wie Schlangen, läßt ſich Alles machen.“ „Ruhe da, verdammte Brut!“ rief der Offizier du jour, der ſo eben die Runde durch das Lager machte.„Fort mit den verfluchten Karten! Legt Euch auf ein Ohr, Ihr loſen Buben, um Euch als brave Soldaten zu zeigen, wenn die Stunde des Ruh⸗ mes ſchlägt!“ Schnell verſtummten die Spieler und ſtanden auf⸗ recht in militäriſcher Haltung, bis der Offizier vor⸗ über war; dann verlor ſich ſchweigend einer nach dem andern unter den Zelten, und auch Leßlie ſchritt mit ſeinen Gefährten weiter, nicht ohne noch hier und da *) Wenn die Gefahr vorüber iſt, iſt der Heilige be⸗ trogen. 134 auf ähnliche Scenen frecher Libertinage zu ſtoßen, oder Reden zu vernehmen, welche auf diejenigen der Iren, die der franzöſiſchen Sprache mächtig waren, keinen günſtigen Eindruck machen konnten. Im großen hellerleuchteten Saale zu Balliford, wo Leßlie bald darauf eintrat, war unter dem Vor⸗ ſitze des franzöſiſchen Heerführers noch ein Kriegsrath verſammelt, um über die nächſten Operationen mit Sir Lwis O'Donnel zu berathen. Ungeachtet der Verſchiedenheit der Anſichten, welche Leide Häuptlinge von den Mitteln zur Befreiung des von ihnen mit gleicher Liebe umfaßten Vaterlandes hegten, war der Baronet doch hocherfreut, den muthi⸗ gen Leßlie zuerſt bei ſich zu ſehen, den er als den Tapfer⸗ ſten der iriſchen Tapfern dem verbündeten General vorſtellte. Es war ihm höchſt angenehm, von Leßlie zu vernehmen, daß es Michaul gelungen wäre, mit einer nicht unbedeutenden Schaar, die Wachſamkeit der königlichen Truppen täuſchend, ſich auf einem ſchwierig zu paſſirenden Küſtenpfade heraufzuziehen, um ſich ſchon morgen mit dem franzöſiſchen Heere zu vereinigen. Weniger erfreulich war dagegen die Nachricht, daß die größte Abtheilung der Independenten im Süden ſo ſcharf von den Königlichen beobachtet würde, daß die Vereinigung derſelben mit dem ſich im Norden verſammelnden Korps nur nach hartem Kampfe und unter der angeſtrengteſten Mitwirkung von Seiten der Verbündeten würde bewerkſtelligt werden können. In Frankreich hatte man feſt darauf gerechnet, daß der⸗ jenige Theil der Küſte, an welcher man landen würde, im vollen Aufſtande begriffen wäre, um raſch auf die Hauptſtadt vordringen zu können. So wie die Sa⸗ chen jetzt ſtanden, wurde beſchloſſen, daß Dermot Laing den Befehl über jene große Abtheilung in den ſüdli⸗ chen Provinzen behalten und alle Kräfte aufbieten ſollte, die dort ſtationirten Truppen von einer Verbind ng mit Dublin und den nördlichen Landestheilen abzuhal⸗ ten, während man von der Killala⸗Bay aus den küh⸗ nen Verſuch machen wollte, auf geradem Wege nach der Hauptſtadt vorzudringen, in der Erwartung, daß alle ſtreitbaren Männer ſich auf dem Marſche dahin, bei O'Donnels Erſcheinen, ohne Weiteres anſchließen würden. Als die franzöſiſchen Offiziere ſich zu einer ſpä⸗ ten Stunde entfernt, und die beiden iriſchen Anfüh⸗ rer, endlich ſich ſelbſt überlaſſen, noch Manches, was für ſie allein von Intereſſe war, beſprochen hatten, ſagte Leßlie bei vorkommender Veranlaſſung:„Wenn Ihr Hülfscorps, auf das Sie ſo viele Hoffnungen ſeit Jahren gegründet, nur nicht ſo ſchwach wäre, Sir Lewis!“ „Der Muth deſſelben, namentlich das ausgezeich⸗ nete Regiment, welches der tapfere Humbert ſelbſt commandirt, wird erſetzen, was ihm an der Zahl ab⸗ geht, lieber Leßlie.“ „Auf meinem Wege hierher paſſirte ich einen Theil des Lagers,“ verſetzte der Letztere.„Was ich dort bemerkte, veranlaßt mich zur Vermuthung, daß wenig⸗ ſtens die auf dem linken Flügel lagernden Truppen nicht zur Elite der ſo berühmten franzöſiſchen Armee gehören.“ „Es war nicht möglich, zu verhindern,“ antwor⸗ tete O'Donnel achſelzuckend,„daß die franzöſiſche Re⸗ gierung zu dieſem Verſuche, wie ſie die Expedition nennt, einen Theil ſogenannter enfans perdus, Sträf⸗ linge und befreite Gefangene, genommen hat. Kern⸗ truppen ſollen folgen, ſobald es nur den entfernteſten 136 Anſchein hat, daß wir feſten Fuß faſſen und das ganze Land ſich mit reger Theilnahme für uns erklärt. In den Waffen ſind die heute gelandeten Truppen ſo geübt, wie Frankreichs beſte Krieger. Ihr morali⸗ ſcher Charakter läßt freilich Manches zu wünſchen übrig. Bedenken Sie indeſſen, mein Freund, aus welchen Beſtandtheilen das Kreuzheer einſt zuſammen⸗ geſetzt war, das zur Eroberung des heiligen Grabes auszog und welche mitunter an Wunder gränzende Thaten daſſelbe vollbrachte! Der Muth, die Fähig⸗ keit und Beſonnenheit der Anführer müſſen denen, die wir nur als Werkzeuge, unfre heilige Sache zu för⸗ dern, betrachten können, die belebende Kraft verlei⸗ hen. Unſer Beiſpiel muß jener zur Richtſchnur die⸗ nen. Und bei Gott, Sir! ich habe es den Kommiſ⸗ ſären des Direktoriums bei der Einſchiffung verſichert, daß ich jeden von Leuten aus jenem Strafkorps be⸗ gangenen Exceß, um das Zutrauen meiner Landsleute zu erhalten, auf's Strengſte zu ahnden genöthigt ſein würde.“ „Gebe der Himmel, daß Alles ſo ausfällt, wie Sie es hoffen, Sir Lewis! Was mich betrifft, ſo werde ich nie von meiner erſten Anſicht abgehen, daß ein ſo tief unterdrücktes Volk, wie das unſrige, ſich ohne fremde Hülfe von ſeinem Joche befreien muß. Es iſt zur Freiheit nicht reif, oder derſelben nicht werth, wenn es nicht durch eigne Kraft zum Ziele ge⸗ längt.— Die erſten Purpurfahnen flatterten bereits im Oſten, als Leßlie den Baronet verließ, um ſich und ihm noch einige Ruhe zu gönnen. Im Vorzimmer harrten noch Boyle und Sally. Lewis erblickte die Letztere mit einer Ueberraſchung, die einer ſüßen Ver⸗ wirrung ſehr ähnlich war. — 137 „Wie? Auch Du hier, Mädchen?“ rief er, ihre Hand ergreifend.„Was willſt Du denn bei uns, wo die Schrecken des Krieges bald ihre blutigen Pa⸗ niere aufpflanzen und den häuslichen Herd, den ſtillen Wohnſitz der Frauen, zerſtören werden?“ „Sie will Ew. Gnaden Soldat werden,“ ſagte Boyle.„Ich kann ſie nicht zurückhalten. Der krie⸗ geriſche Geiſt ihres Vaters iſt in ſie gefahren.“ „Geſtatten Sie mir, hochverehrter Sir, in Ihrer Nähe bleiben und an den Gefahren des Krieges thä⸗ tigen Antheil nehmen zu dürfen!“ bat Sally, ſich tief verneigend. „Du biſt eine kleine Thörin,“ verſetzte O'Donnel erröthend— denn er hatte wohl in ihrer Seele ge⸗ leſen und fühlte in der ſeinigen etwas Aehnliches vor⸗ gehen—„aber wer kann Dir etwas abſchlagen! Suche Dir ein weiches, reines Bettchen in meinem Schloſſe. Morgen wollen wir weiter darüber ſprechen.“ Haſtig trat er hinaus, fürchtend, daß er ſich ver⸗ rathen möchte, und Ruhe und Schlaf verſchmähend, erreichte er mit fiebriſch brennender Wange das Lager der verbündeten Truppen, deſſen Raum ſchon nicht mehr hinreichte, die von allen Seiten mit Tagesan⸗ bruch herauffluthenden Landleute zu faſſen, ſo daß ein Theil des Hülfskorps nach Ballina aufbrechen mußte, um dort den Raſttag in den bequemen Häuſern der ihre Befreier freudig aufnehmenden Bürger zu ver⸗ leben. Noch im Laufe des Vormittags langte auch Mi⸗ chaul Dahna mit ſeinen kühnen Bergvölkern an, und unbeſchreiblicher Jubel der ſich gegenſeitig ſchon aus der Ferne begrüßenden Iren ſtieg unaufhörlich gen Himmel. Lewis O'Donnel umarmte Michaul vor al⸗ lem Volke, drückte ihn lange an die Bruſt, küßte ihn 6 138 zärtlich und führte ihn dann auf das Schloß, wohin er den General Humbert, ſowie deſſen erſte Offiziere, die Häuptlinge der Iren und ſeine Freunde zu einem feierlichen Akt einlud. Sobald alle dort verſammelt waren, traten die Glieder der Familie O'Donnel mit Dupont im Hin⸗ tergrunde zuſammen. Sir Lewis aber faßte Michauls Hand und führte ihn der Verſammlung mit den Wor⸗ ten vor:„Meine Herren, ich gebe mir die Ehre, Ih⸗ nen in dieſem Tapfern einen ehrenwerthen Sproß un⸗ ſeres Hauſes vorzuſtellen, von mir und den Meinigen bereits in Frankreich nach aller Form Rechtens aner⸗ kannt. Er iſt unſer Bruder und hat ſich durch Cha⸗ rakter und Thaten dieſer Abſtammung würdig gezeigt. Ich habe die erſt ſpäter ausgeſtellte und von der fran⸗ zöſiſchen Regierung beglaubigte Akte aus dem uns be⸗ freundeten Nachbarlande mitgebracht und überreiche ſie Dir hiermit, mein lieber Michaul, im Angeſicht ehren⸗ werther Iren und Franzoſen. Du wirſt dadurch von, heute an in alle Rechte eines ehelichen Sohnes Sir William O'Donnels eingeſetzt und meinen beiden an⸗ dern Brüdern gleichgeſtellt. Umarme mich und Deine Geſchwiſter und gönne uns nun die vertraulichen Na⸗ men der Familienliebe.“ Michaul drückte weinend eines nach dem andern an die Bruſt. Alle Anweſenden waren von Rührung ergriffen. „In dieſer Akte iſt auch Deines Weibes und Dei⸗ nes Kindes gedacht,“ fuhr Lewis fort.„Sie führen von heute an in Frankreich den Namen O'Don⸗ nel und leben durch meine Fürſorge auf dem ihrem Stande gebührenden Fuße. Begleitet unſre Waffen der Sieg, den Gott verleihen möge, ſo werden ſie bald hier ſein.“ 139 ⸗ „Mein Leben für Dich, mein Bruder!“ rief Michaul.„Ich habe nichts weiter, ich kann nichts mehr geben. Und hätte ich hundert Leben, ſie wären alle Dein und dem Vaterlande. Drum, Freunde, ſtimmt ein in meinen Freudenruf: Irland und Sir Lewis O'Donnel für immer!“ Vom hundertſtimmigen Ruf erſchallte der Saal und von allen Seiten erfolgten Glückwünſche für den freudetrunkenen Michaul. 45 Operationen des verhündeten Heeres. Die Nachricht von der Landung der franzöſiſchen Truppen regte die Gemüther aller Bewohner der In⸗ ſel, vorzüglich die der Hauptſtadt, mächtig auf. Hier war es die Hoffnung, die mit dem hochrothen Schein der Morgenglut die Zuverſicht in die Herzen der ge⸗ drangſalten Sklaven goß, daß dieſer Morgenröthe raſch die Sonne der Freiheit folgen werde; dort war es der Schrecken, der wie ein Cherub mit flammendem Schwerte über die ſtolzen Häupter der Ariſtokraten hinfuhr und ſie aus dem ſorgloſen Uebermuth und der geſpreizten Bequemlichkeit aufſcheuchte. Und wie die Meiſten erſt unerträgliche Aufgeblaſenheit und unbe⸗ dingtes Zurückweiſen jeder menſchlichen Regung zu Gunſten der armen Jren beſeelt, ſo brachen dieſelben Menſchen, von aller Haltung verlaſſen, plötzlich zu bleichen zitternden Janmergeſtalten zuſammen; die — 140 Furcht lähmte alle ihre Kräfte, ſie ſahen in jedem triumphirenden Geſichte einen Mörder. Die zeither blutig unterdrückte Volkspartei erhob dagegen ihr Haupt um ſo höher und feierte, von ſan⸗ guiniſchen Hoffnungen berauſcht, im Geiſte bereits die glänzendſten Siege über ihre Gegner. Dieſe Spannung erhielt ſich indeſſen nicht lange; denn die Furcht der Erſtern und die Freude der Letz⸗ tern wurde bald vermindert, als man in Dublin ge⸗ nauere Kenntniß von der Zahl und Beſchaffenheit des franzöſiſchen Invaſionsheeres erhalten hatte. Ein beruhigender Umſtand war, daß die engliſche Regierung, ſelbſt von der blutigen Strenge des Statt⸗ halters Camden erſchreckt und einſehend, wie wenig ſie durch die Maßregeln dieſes Mannes ihren Zweck erreichen werde, ihn zurückgerufen und ſeine Stelle dem milden, beſonnenen, menſchenfreundlichen Lord Cornwallis übertragen hatte. Die erſten öffentlichen Schritte des neuen Vicekönigs waren darauf berechnet, das Vertrauen des Volks zu gewinnen, die Stürme zu beſchwören, und wirklich war ſeiner Mäßigung bald Unglaubliches gelungen. Von ſeiner beſänftigenden Klugheit erwartete man auch jetzt Rath und Hülfe, und die Menſchen, die erſt in der grauſamſten Un⸗ terdrückung des Volks ihre Stärke gezeigt, hofften nun von dem Manne der Milde ihr alleiniges Heil. Der umſichtige Statthalter traf denn auch in der Eile alle nöthigen Maßregeln und raffte alle königlichen Trup⸗ pen, deren er ſchnell in der Umgegend habhaft wer⸗ den konnte, zuſammen, um ſie dem Feinde entgegen zu ſchicken. Dieſes kleine Korps wurde gleich zu An⸗ fange genöthigt, ſich mit einigem Verluſte wieder zu⸗ rückzuziehen. Jedoch ſchon bei Jamestown wurde den Indepen⸗ — denten bei ihrem weitern Vordringen auf der großen Straße nach Dublin der Uebergang über den Shan⸗ non durch ein andres königliches Truppenkorps ſo lange ſtreitig gemacht, bis man im Stande geweſen war, eine hinlängliche Macht zuſammenzuziehen, um jene nicht allein am fernern Vordringen zu verhin⸗ dern, ſondern ſie auch zu nöthigen, eine rückgängige Bewegung nach Leitrim zu machen. Dadurch kam das Heer der Verbündeten in Ver⸗ legenheit, und die Führer deſſelben beriethen ſich eben, was zu thun ſei, als noch am ſpäten Abend Geſandte aus den Grafſchaften Tyrone und Fermanagh im Lager erſchienen, die O'Donnel im Namen der Ein⸗ wohner jener Diſtricte baten, ſich mit dem Befreiungs⸗ heere nach dem Norden von Irland zu wenden, wo das Volk, wie ſie ſagten, nur ſeine Ankunft erwar⸗ tete, um in Maſſe aufzuſtehen und ſich mit ihm zu vereinigen. „Ich kenne den Geiſt nicht, welcher in den nörd⸗ lichen Provinzen des Königreichs herrſcht,“ ſagte Leß⸗ lie;„man hat bisher nur wenig von ihnen gehört. Wären Sie nur im Süden des Reichs gelandet, Sir Lewis, ſowie ich es immer erwartete, ſo könnte ich Ihnen durch meine braven Landsleute, die wohl ſchlummern, aber nie durch ſüße Vorſpiegelungen ſich einſchläfern laſſen, eine ſichere Garantie ſtellen für den Erfolg jedes größern Unternehmens. Die Zahl derer, die ſich dort ſeit fünf Jahren mit dem heißeſten Drange nach Freiheit ſehnen, iſt groß, und ihr Muth, ſowie ihre Ausdauer, trotz manches bittern Unfalls, immer derſelbe geblieben, wie es ſelbſt die königlichen Trup⸗ pen, die unſre Piken und Senſen oft empfindlich ge⸗ nug gefühlt haben, bezeugen müſſen. Ich weiß nicht, was wir von Fermanaghs Bewohnern zu erwarten 142 haben; jedoch iſt mir ſoviel bekannt, daß dort, gleich nach Ankunft des etwas ſchonender verfahrenden Lord Cornwallis, günſtigere Verhältniſſe für die Landleute eingetreten ſind, wahrſcheinlich damit die Königlichen den Rücken frei behalten möchten, um ihre Kräfte mehr im Süden zu vereinigen. Truppen ſind zwar nur wenige in ſeinen Gegenden, aber auch nur wenige Städte, deren Beitritt allein unſrer Sache größeres Gewicht geben kann; denn an der Theilnahme des in⸗ telligenteren Theils des Volkes muß uns doch vor allen Dingen gelegen ſein!“ „Wohlan, meine Herren, es kommt auf einen Verſuch an!“ ſagte der franzöſiſche General.„Ich will für den ſchlimmſten Fall die Flotte in die Bay von Donnegal beordern, welche einen ſicherern Ein⸗ ſchiffungsplatz gewährt, als die Bay von Killala; auch iſt jener Hafen, wie ich gehört, von feindlichen Kriegs⸗ ſchiffen leer.“ „Eine rückgängige Bewegung würde jetzt das Volk entmuthigen, nahm O'Donnel das Wort.„Wir würden uns bald von Vielen, die kampfluſtig daſte⸗ hen, verlaſſen ſehen. Ein großer Theil würde die Rückkehr in die Heimath, ſo lange dieſelbe noch mit einiger Sicherheit für ſie bewerkſtelligt werden könnte, einem ungewiſſen Ausgange in den ihnen nur wenig bekannten füdlichen Graſſchaften vorziehen, und es würde gleich anfänglich Verwirrung und Unordnung nicht fehlen, falls der Befehl zur Umkehr verlautete, deſſen Urſachen der große Haufe nur ſchwer begreifen würde. Sie wiſſen, Mr. Leßlie, wie ſehr ich immer bemüht geweſen bin, während meines Aufenthalts in Irland die ganz nutzloſen Ausbrüche roher Volkswuth zu unterdrücken, und ich werde auch jetzt, meinen Grundſätzen treu, ſie auf jede Weiſe zu verhüten ſuchen.“ — 143 Leßlie verſtand den Sinn dieſer letzten Worte, und obgleich nicht wenig dadurch gereizt, indem er darin eine Anſpielung auf das von ihm an Henderſon geübte Richteramt fand, antwortete er, ſich ſchnell faſſend: „Meine Herren, gern ſtimmte ich bei; möge es nie heißen, daß Leßlie's Starrſinn den guten Ausgang eines Unternehmens zur Befreiung des Vaterlandes verhindert habe! Bei Gott! an meinem Muthe, an meinem Willen ſoll's nicht fehlen. Nur verwahre ich mich gegen alle Folgen.“ „Kann man doch nur einmal ſterben, mein lieber Leßlie,“ ſprach Michaul O'Donnel und legte beſänf⸗ tigend die Hand auf des feurigen Mannes Schultern. „Der Tod für's Vaterland iſt immer ſchön und ſichert im unglücklichen Falle— den Gott verhüten wollek — gegen künftige Schande.“ „Du meinſt, uns bliebe nur die Wahl zwiſchen Sieg oder Tod!“ erhob Leßlie die Stimme mit flam⸗ menden Augen.„Wohl, der Sieg befreit das Vater⸗ land von ſeinen drückenden Feſſeln, der Tod den Käm⸗ pfer. Aber auch die feindlichen Waffen können die Patrioten verſchonen; der Sieg kann mir entriſſen werden, und mir doch nicht zu ſterben vergönnt ſein. Schande und Schmach in den Augen der Nachkommen treffe den Ueberlebenden, der, im unglücklichſten Falle, ſich den Engländern ergiebt! Sein Name ſei gebrand⸗ markt in allen Zeiten!“ „Ja, Sieg oder Tod!“ ſprach Sir Lewis feier⸗ lich.„Und wer nicht Sieg oder Tod erringen kann, der meide des Vaterlandes theure Erde für ewig. Als ein unglücklicher Verbannter durchwandre er fremde Länder. Nicht leben unter engliſcher Herrſchaft! das ſei unſer Feldgeſchrei.“ Die drei Männer reichten ſich zur Bekräftigung 144 ihres Gelübdes die Hände, und die verbündeten Offi⸗ ziere blickten mit hoher Achtung auf ſie. Da drängte ſich plötzlich noch eine ſchlanke Geſtalt in knapper Uni⸗ form herzu und legte die zarte Hand auf die drei ver⸗ einten Hände, in die Worte ausbrechen:„O, nehmt auch mich auf in Euern Bund! Siegen, ſterben oder verbannt ſein von Irlands grünem Boden! Ein gü⸗ tiger Himmel möge mich vor dem Letzten, als dem Schlimmſten, bewahren!“ Die Nacht verhinderte, die Züge des Sprechenden zu erkennen, und obgleich den Freunden dieſe Stimme nicht fremd war, ſo wandte ſich O'Donnel doch zu den franzöſiſchen Offizieren mit den Worten:„Meine Herren, es iſt Sally O'Neil, meine werthe Freundin, im Lager nur das Kind von Zrland geheißen und vielleicht dem Einen oder Andern von Ihnen unter dieſem Namen bekannt. Ihren dringenden Bitten end⸗ lich nachgebend, habe ich ihr erlaubt, unter die Zahl der Kämpfer zu treten, und ihr mit dieſer Uniform heute die Charge eines Adjutanten meiner Perſon ver⸗ liehen.“ Die Franzoſen gratulirten mit der ihnen eigen⸗ thümlichen Galanterie. „Honni soit qui mal y pense!“*) fügte Leßlie hinzu.„Das Kind von Irland iſt uns Patrioten ein hochſchätzbares Vermächtniß. Der freiheitglühende Evans ONeil, der für Irland geſtorben, war ihr Vater. Nun iſt Irland ihre Mutter geworden, die ſie an ihren Brüſten mit all ihrem Elend groß geſäugt, aber ihr auch alle flammende Begeiſterung für Freiheit und Mutterboden eingetränkt. Meine Herren, krönt unſer *) Schimpf dem, der Arges dabei denkt. 145 Unternehmen der Sieg, ſo wird die hochherzige tapfre Sally mein Weib, und an der Freiheit jungem Altar ſoll uns das glückliche Vaterland verbinden. Wird uns Tod, ſo ſeht Ihr, daß Sally auch mit uns zu ſterben weiß und den Tod lieber empfängt, als die Verban⸗ nung. So ſei denn in unſerem Bunde aufgenommen, edles Kind von Irland! Nimmer leben unter engliſcher Herrſchaft! ſei auch Dein Wahlſpruch.“ „Treu im Leben und Tod!“ ſprach Sally ernſt und drückte die Hände der Männer. Die Nacht aber umfing ſie bedeutungsvoll mit dem finſterſten ihrer Schatten. Gleich darauf wurde Befehl gegeben, die Wacht⸗ feuer friſch anzufachen und noch mehre neue näher ge⸗ gen die feindlichen Vorpoſten hin auflodern zu laſſen. Dann brach das verbündete Heer in aller Stille auf, und noch ehe die königlichen Truppen am folgenden Morgen ſich hinreichend überzeugt, daß der Feind ver⸗ ſchwunden war, hatten die Inſurgenten bereits die Grenze von Fermanagh überſchritten, wo ſie am ſel⸗ bigen Tage noch im Angeſicht des Earneſees ein langausgepehntes Lager bezogen. Tim Ruuthan, wegen ſeiner großen Brauchbar⸗ keit vorzüglich im Spioniren zum Offizier einer Com⸗ pagnie leichter Bergſchützen befördert und ſeit Kurzem mit ſeiner Freundin Miß Anna Reil ehelich verbun⸗ den, war einige Tage vorher auf Recognoſcirung der Umgegend vorausgegangen und hatte ſeine Frau mit⸗ genommen, weil dieſe früher ſchon, durch Miß Mar⸗ garet Fitzjames aus Lindſayhall vertrieben, einige Zeit auf dem am Earneſee gelegenen Landſitz des Lord Kildare Rougheligh gelebt und ſich mit der Umge⸗ gend ziemlich vertraut gemacht hatte. Gleichſam als Herrin des Gutes betrachtet und vom Lord in ihren Storch, ausgew. Romane u. Novellen. 12. 10 146 Anordnungen und Verfügungen wenig eingeſchränkt, war Miß Anna nicht nur von allen Pächtern, ſon⸗ dern auch von den benachbarten Gutsbeſitzern als Herrin angeſehen und reſpektirt worden, und mit allen hatte ſie auf freundſchaftlichem Fuße gelebt. Dieſer Umſtand wurde jetzt von den Heerführern benutzt, und Tim, ohnedies wegen ſeines ſeltenen Talents höchſt ſchätzbar, erhielt jetzt durch die Kenntniſſe ſeiner Frau und deren Bereitwilligkeit, damit zu nützen, einen noch höhern Werth. Das würdige Ehepaar war voraus⸗ geſchickt worden, um die Geſinnungen der Bewohner der Grafſchaft Fermanagh zu erforſchen. Am folgenden Tage, nachdem das Lager der ver⸗ bündeten Heere aufgeſchlagen war, kehrte Tim allein zurück— ſeine Frau hatte er bei einer ihrer Freun⸗ dinnen gelaſſen— und meldete zu nicht geringer Ueberraſchung der iriſchen Freunde, daß Lord Kildare, durch die Unruhen im Süden aus Lindſayhall vertrie⸗ ben, ſeit kurzer Zeit ſeinen Wohnſitz in eeigh aufgeſchlagen und, nach der Ausſage aller Farmer der Umgegend, all ſein Anſehen und ſeine Ueberredungs⸗ kraft aufgeboten habe, der Sache der Independenten das Wort zu reden und die Gemüther dafür zu in⸗ tereſſiren, was ihm auch ſo weit gelungen ſei, daß die Pächter ſowohl, wie die kleinen Grundbeſitzer kein Bedenken getragen hätten, in ſeinen Wunſch einzuſtim⸗ men, daß man Abgeordnete abſchicke, um das Bun⸗ desheer einzuladen, und daß die Erfüllung dieſes Wun⸗ ſches in einer Verſammlung beſchloſſen und ſogleich ausgeführt worden ſei. „Das klingt ſehr bedenklich!“ bemerkte Leßlie, als Tim ſeinen Bericht beendigt hatte. „Der Unhold brütet ſicher über neuen Buben⸗ ſtücken!“ rief Michaul unwillig. 147 „Sollte nicht ſelbſt der größte Böſewicht noch der Beſſerung fähig ſein,“ bemerkte O'Donnel begütigend. „So wenig der Mohr weiß zu waſchen iſt,“ ver⸗ ſetzte Leßlie.„Und ich muß Sie dringend erſuchen, Sir Lewis, daß Sie, unbeſchadet Ihrer edlen, ſchätzens⸗ werthen Denkungsart, mit Beſeitigung jedes Neben⸗ grundes, jetzt alle erdenkliche Vorſicht gebrauchen, um uns vor Schaden von Seiten dieſes Intriganten zu bewahren. Denn nicht allein die Tauſende unſrer wackern Landsleute, die ſich unſrer Leitung anvertraut haben, würden die kleinſte Vernachläſſigung derſelben ſchwer büßen müſſen, ſondern auch die Wohlfahrt des Hülfskorps und unſre eigne Ehre ſtehen dabei auf dem Spiele. Vor den gewichtigen Forderungen des Vater⸗ landes muß die Stimme Ihres Herzens ſchweigen; je⸗ des Mittel, das unſer Scharfſinn zu entdecken ver⸗ mag, muß zu unſrer Erhaltung dienen, und ich halte es für das Beſte, daß wir uns der Perſon des Lord Kildare bemächtigen, um ihn, ſei er nun unſer Freund oder Feind, uns unſchädlich zu machen. Ich muß geſtehen, das Dazwiſch enkommen dieſes Menſchen ge⸗ mahnt mich, wie das verderbliche Einwirken eines bö⸗ ſen Dämons.“ „Ich widerſpreche Ihnen nicht,“ entgegnete O Don⸗ nel,„im Gegentheil bin ich von der Dringlichkeit gu⸗ ter Vorkehrungen ite wie Sis; aber ich ſtimme für die äußerſte Vorſicht dabei und halte es für das Gerathenſte, die Geſinnungen des Lord zu erforſchen und ihn im zweifelhaften Falle als Freund zu behan⸗ deln, um den Liſtigen, ihn mit ſeinen eignen Waffen bekriegend, beſſer beobachten zu können.“ „Laſſen Sie mich machen!“ ſagte Tim.„Ich will ihm bald auf die Fährte kommen. Ich wäre jetzt ſchon nach Rougheligh gegangen, wenn ich bewaffnete 0 148 Leute im Hinterhalt gehabt hätte. Doch ich gehe ſo⸗ gleich hin und trete dem Lord unter die Augen. Den beſten Vorwand dazu liefert hier unſre wackre Sally D'Neil. Du, meine werthe Freundin, in die ich ſo ſterblich verliebt war und die meine Muhme einſt meine Schweſter nannte, biſt ja lange der Leitſtern meines Lebens geweſen. Sei es auch jetzt! Du erſt meine Geliebte, dann meine Feindin, ſpäter meine Freundin, jetzt mein Kriegskamerad, ſei meine Herrin und mache mich zum Boten Deiner ſchweſterlichen Liebe. Schreibe einen Brief an Lady Eliſabeth und gieb dem ver⸗ ehrungswürdigen Fräulein Nachricht von Dir, die dem⸗ ſelben jedenfalls willkommen ſein wird. Mit dieſer Gelegenheit komme ich nach Rougheligy. Der Lord hat alle Urſache, mich zu fürchten; ich werde mein Benehmen nach dem ſeinigen einrichten und ihn, ſowie ſeine ganze Umgebung, ſcharf auf's Korn nehmen und Ihnen dann getreuen Bericht abſtatten.“ Sally ging bereitwillig auf dieſen Vorſchlag ein; ihr Herz hatte ſich längſt geſehnt, der geliebten Eliſa⸗ beth Mittheilungen zu machen. O'Donnel fand es jedoch nöthig, erſt dem General Humbert Anzeige von dieſen vorzunehmenden Schritten zu machen und deſſen Meinung darüber zu hören. „Ach, das iſt der berüchtigte Intrigant, der ſeine Rathſchläge den Leuten ſo freigebig aufdringt!“ rief der General mit franzöſiſcher Lebhaftigkeit.„Ja, ja! der große Politiker, der gern Herr von Irland wer⸗ den wollte und es beſonders gut mit Ihnen gemeint hatte, Sir Lewis. Die Auslöſung unſrer beiden Offi⸗ ziere Dupont und Gely hat dem Directorium Geld genug gekoſtet. Ich denke, wir machen uns wieder bezahlt. Fühlen wir dem wackern Lord ſtark auf den Zahn. Leiſtet er unſrer Sache Vorſchub, ſo mag er 149 laufen und ihm ſoll verziehen ſein; finden wir ihn auf alten Schleichwegen, ſo—— nun das wird ſich finden. Laſſen Sie ſein Feld gut recognosciren, und wird er nicht ganz ächt befunden, wie ich faſt fürchte, ſo legen wir ihm ein Detaſchement in's Schloß, das ihn mit den freundſchaftlichſten Mienen doch ſtets im Auge behält und ihn augenblicklich als Geißel weg⸗ führt, ſobald das Korps durch den Einmarſch in dieſe Provinz einen Unfall erleiden ſollte.“ Auf dieſen Beſchluß wurde am andern Morgen Tim in ſeiner unſcheinbaren Knechtskleidung mit Sal⸗ ly's Brief nach Rougheligh abgeſchickt, während ſich die Anführer auf größere Unternehmungen vorbereiteten. 16. idare auf Roughcligh. Obgleich Fiere über die tragiſche Wendung, welche Henderſons Geſchick genommen, im Herzen höchſt er⸗ freut war und zuerſt wieder frei aufzuathmen wagte, ſobald er ſich nicht mehr vom Netze des böſen Dämons umgarnt ſah, ſo war durch den gewaltſamen Tod des Emporkömmlings ſeine eigne Lage, wie er ſich bald genug nicht mehr verbergen konnte, nur noch ſchwie⸗ riger und unangenehmer geworden. Denn erſtlich war und blieb ſeine Tochter durch die beabſichtigte Ver⸗ mählung mit einem Menſchen von ſo gemeinem Her⸗ kommen— und deſſen erinnerte ſich der Adel der Umgegend jetzt ſehr ausführlich— für ihr ganzes 6 150 Leben compromittirt, er ſelbſt hatte ſeinem Anſehn bei der Regierung und ſtolzen Nobility der Hauptſtadt ge⸗ ſchadet, und es drang wohl zu ſeinen Ohren, wie man öffentlich von ſeiner zweideutigen Verbindung mit dem ehemaligen Kammerdiener des Lord Werford rede. So⸗ dann fehlte es gar nicht an laut genug umgehenden Gerüchten, die da behaupteten, Kildare habe, um Hen⸗ derſon zum Schweigen zu bringen und nur zuverſicht⸗ lich zu machen, demſelben ſeine Tochter zugeſagt und ſcheinbar auch alle Anſtalten zur Hochzeit getroffen, derweil aber den zudringlichen und ihm läſtigen Men⸗ ſchen an die Inſurgenten verrathen und dieſe für ein Stück Geld vermocht, das Richteramt an demſelben auszuüben, und es dauerte gar nicht lange, ſo nannte man den Lord allgemein Henderſons Mörder. Nun erinnerte man ſich allmählig wieder, welch ein liebenswürdiger Menſch doch dieſer Henderſon geweſen, und wie ſehr es zu bedauern ſei, daß er das Unglück gehabt, in Verbindung mit einem moraliſchen Unge⸗ heuer, wie Lord Kildare, zu kommen. Miß Margaret Fitzjames, der man all dieſes Ge⸗ rede mit diplomatiſcher Genauigkeit mittheilte, machte ſich ein Vergnügen daraus, den alten griesgrämlichen, ihr ſehr widrig gewordenen Lord damit auf's Aeußerſte zu quälen. 8 Damit aber noch nicht genug, mußte Kildare auch Alles für ſich von den immer ungeſcheuter ſich erhe⸗ benden Inſurgenten fürchten, und es war eine bittre Jronie ſeines Schickſals, daß man ihn beſchuldigte, mit dieſem ungezügelten, tollen Volke, vor dem er ſtets zitterte, im Einverſtändniß zu ſein. Täglich mehr⸗ ten ſich die Nachrichten von verübten Grauſamkeiten, von Mord und Brand, und gerade, daß Kildare noch verſchont blieb, beſtätigte die Gentry in ihrem Glauben. 15¹ Endlich gingen dunkle Gerüchte von einer baldigen Lan⸗ dung der Franzoſen in einem der ſüdlichen Häfen. Dies Alles veranlaßte den Lord, Lindſayhall zu verlaſſen. Gern hätte er ſich nach der Hauptſtadt gewendet, aber der üble Ruf, in den er gekommen war, die Verachtung, die man ihm zeigte, hielten ihn davon ab. Dazu kam, daß das Beſtreben des neuen Statthalters Cornwal⸗ lis, das Volk durch Bewilligungen und Zugeſtändniſſe mit der Regierung zu verſöhnen, und der Widerwille, den derſelbe offen gegen den ſtarren Ariſtokratismus der Tory's an den Tag legte, ihm, dem berüchtigten Volks⸗ bedrücker, keineswegs zuſagten. Er zog es daher vor, ſeinen Wohnſitz in dem fernen, nördlichen Rougheligh zu nehmen und hier ruhig abzuwarten, wohin ſich das ſchwankende Zünglein der Schickſalswage endlich ſen⸗ ten würde, feſt entſchloſſen, ſich entweder zum Volks⸗ mann aufzuwerfen, oder ſich die Regierung durch ir⸗ gend einen großen Dienſt verbindlich zu machen. Denn dem Manne, der unbedenklich nach der höchſten Macht, nach den oberſten Würden, geſtrebt, war die öffentliche Verachtung, zu der er ſich verdammt ſah, unerträg⸗ lich, und der Kummer darüber fraß wie ein Geier an ſeiner Leber. In Rougheligh hoffte er die Chan⸗ gen der Begebenheiten mit Sicherheit und ungetrüb⸗ tem Blick beobachten und ſeine Pläne ruhig entwerfen zu können; von hier aus wollte er dann die Gelegen⸗ heit wahrnehmen, ſich wie ein Adler aus dem Horſt auf die ſichre Beute zu ſtürzen, um auf die eine oder andre Weiſe eine Entſchädigung für ſeine, ſeit langen Jahren geopferte Ruhe und für den Verluſt ſeines guten Rufes zu erlangen. Ja, es miſchten ſich nicht ſelten Rachegedanken in ſeine phantaſtiſchen Entwürfe; demüthigen wollte er die und mit zürnenden Blicken — 152 zu ſeinen Füßen niederſchleudern, die ihm jetzt ihre Verachtung zu erkennen gegeben. „Nein, nicht umſonſt will ich die Bahn des Rechts und der Tugend, wie man das Ding nennt, verlaſſen haben!“ rief er zuweilen.„Wenigſtens im vollen Ge⸗ nuß irdiſcher Güter, im Glanz und in der Hoheit will ich während der Spanne Zeit, welche mir viel⸗ leicht noch zu leben vergönnt iſt, für Alles das, was mir dereinſt nach den Begriffen frommer, gläubiger Menſchen abgeht, für das, was ſie Seligkeit nennen, Erſatz finden.“ Schon an einem der nächſten Tage trugen ihn die Wellen, nachdem er Lindſayhall der Obhut des in jenen Gegenden commandirenden Offiziers empfohlen hatte, von ſeiner Tochter, Miß Margaret und einem Theile ſeiner zahlreichen Dienerſchaft begleitet, aus dem Hafen von Kenmare nach Dundalk, von wo er mit mehrerer Sicherheit die Reiſe zu Lande an die Ufer des Earneſees fortſetzen konnte. Eliſabeth hatte nicht ungern die Nachricht ihrer Abreiſe von Lindſayhall vernommen, da ſie vor den in der Umgegend ſich wiederholenden Gräueln zurück⸗ ſchauderte. Mit tiefem Schmerz lernte ſie immermehr die Urſachen der Irland verheerenden Bürgerkriege erken⸗ nen, und das Mitleiden, welches ſie früher mit dem armen, von den höhern Ständen ſo verachteten Volke empfunden hatte, war allmälig in die regſte Theil⸗ nahme übergegangen, je nachdem ſie durch ihren Um⸗ gang mit den armen Landleuten auf den Gütern ih⸗ res Vaters häufig Gelegenheit gehabt hatte, ſich von dem tiefen, richtigen Gefühle der zu Leibeigenen und Sklaven erniedrigten Iren zu überzeugen, und ihr Herz blutete bei der Wahrnehmung, daß dies treue, * 153 redliche Volk vor dem Looſe der zur ewigen Knecht⸗ ſchaft verhandelten Neger nichts, als die weiße Farbe der Haut voraus habe. Stieg ja noch hin und wie⸗ der ein Zweifel in ihr auf, ob der ungeſtüme Drang des Volkes, ſich zu befreien, im Allgemeinen zu recht⸗ fertigen ſei, ſo wurde er ſchnell durch den Gedanken beſeitigt, daß der edle, hochgebildete O'Donnel, ſelbſt ein Mann aus dem höchſten Adel, ſicherlich nicht mit ſo ſeltener Hingebung Alles für daſſelbe aufopfern würde, wenn er es nicht eines beſſern Zuſtandes für werth hielt, oder die Befreiung vom drückenden Joche nicht als das einzige Mittel erkannt habe, die allge⸗ meine Beſſerung der Zren herbeizuführen. Sowohl die kurze Seereiſe in der angenehmſten Zeit des Jahres, als die Ausſicht, mehrere Monate entfernt vom Schauplatze der blutigen Scenen an ei⸗ nem Orte zuzubringen, den ſie lange nicht geſehen, deſſen ländliche Reize ihr aber aus früheren Jugend⸗ träumen wie eine zaubervolle Feenwelt aufdämmerten, verſetzte ſie in eine ungewöhnlich heitre Stimmung. Da ſie aber bei ihrer Ankunft auf der reizenden Villa ihre Erwartungen weit übertroffen fand, ſo konnte es nicht fehlen, daß der Eindruck, welchen die neuen, ſchönen Umgebungen auf ſie hervorbrachten, ihr Gemüth einſtweilen ſowohl von den Leiden der Zeit, als auch von den Erinnerungen an die eignen traurigen Er⸗ fahrungen ablenkte und ganz dem Genuſſe der Gegen⸗ wart zuwandte. Jedoch nur zu ſchnell wurde auch dieſe reine Freude der ſo geprüften Lady durch die Nachricht von der Landung der Franzoſen in der Killala⸗Bay, die ſich blitzesſchnell im Lande verbreitete, ſchmerzlich getrübt, denn ſie konnte ſich ein ſolches Ereigniß nicht anders ——— 154 denken, vhne O'Donnel und neue, dem geliebten Manne drohende Gefahren in Verbindung zu bringen. „Mit den Waffen in der Hand, in Irland, an der Spitze feindlicher Truppen kann er dieſes Mal nur ſiegen oder ſterben,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt. Mochte der Ausgang ſein, welcher er wollte, ſo er⸗ füllte ſie der Gedanke daran mit Entſetzen. Denn was konnte im Fall des Sieges das Loos ihres Va⸗ ters ſein, wenn er in die Hände der Partei fiele, die er, wie ſie wußte, verrathen hatte, ſobald O'Donnels Anſehn nicht im Stande war, ihn gegen die wohl⸗ verdiente Strafe zu ſchützen? Die kurze Ruhe war alſo abermals verſchwunden. Die düſtre Verſchloſſen⸗ heit ihres Vaters, ſeine Unruhe, das Gehen und Kom⸗ men vieler ihr unbekannter Männer, die fiebriſche Glut, die zuweilen plötzlich ſein Geſicht bei dem Leſen einer erhaltenen Nachricht überzog und die ihr nur zu deut⸗ lich zeigte, daß er wiederum mehr, als gewöhnlichen Antheil am Gange der Begebenheiten nehme, erhöhe⸗ ten um ein Großes die ängſtliche Beklommenheit, mit der Eliſabeth der Entwickelung der Ereigniſſe entge⸗ gen ſah. Wirklich ſparte Lord Kildare keine Mühe, ſich die genaueſten Nachrichten über die Stärke und Beſchaf⸗ fenheit des franzöſiſchen Hülfscorps, ſowie über die Stimmung und Verhältniſſe der einzelnen Grafſchaf⸗ ten und ihrer politiſchen Parteien zu verſchaffen, und bald hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Hand voll Truppen, von denen überdies faſt die Hälfte aus befreiten Galeerenſelaven beſtand, nicht dazu geeignet war, der Sache der Inſurgenten den Nachdruck zu ge⸗ ben, von dem allein der günſtige Erfolg abhängig war. Eben ſo wenig verſprach ihnen der innere Zuſtand des Landes einen glücklichen Ausgang. Verſchiedenheit in 155 den Meinungen und Forderungen der Unzufriedenen hatte ſchon angefangen, die bei ſolchen Unternehmun⸗ gen ſo nöthige Einheit zu ſtören. Die Proteſtanten, die ſich in Irland nach einer Veränderung der Dinge ſehnten, wurden im Allgemeinen nur durch das Ehr⸗ gefühl geleitet. Die Katholiken wollten Befreiung von Laſten, ihrem kirchlichen Glauben entſprungen und deshalb um ſo ſchmerzlicher gefühlt, jenem alten Glau⸗ ben, zu deſſen Abſchwörung ein ganzes Volk durch Liſt und Gewalt zu vermögen, die Regierung ſich offen genug beſtrebte. Die Zugeſtändniſſe, von Zeit zu Zeit gemacht, ohne auf die allgemeine Verſchmelzung der Intereſſen Rückſicht zu nehmen, konnten daher nur dem geringern Theile der Bevölkerung, den Proteſtan⸗ ten, eine Zeit lang genügen. Das aus dieſen halben Maßregeln entſtandene Mißtrauen zerſpaltete das Volk in drei Parteien, in Katholiken, die nur allgemeine Duldung und gleiche Rechte forderten, indeß ſie hätten verlangen können, daß ihre Kirche, der doch die große Mehrzahl anhing, der Billigkeit gemäß die herrſchende ſei; in die Gemäßigten, aus Proteſtanten, reichen ka⸗ tholiſchen Grundbeſitzern, Kaufleuten und Fabrikherren beſtehend, die vermöge eines höhern Grades von Bil⸗ dung und überzeugt, daß eine Partei ohne die andere nicht füglich beſtehen könne, Beiden Gutes wünſchten, und in die Orangemänner, die als die eifrigſten An⸗ hänger des britiſchen Königshauſes, in der Abſicht, die proteſtantiſche Kirche zur herrſchenden in Irland zu machen, weder Blut noch Opfer ſcheuend, kein höheres Ziel kannten, als durch jeden erdenklichen Druck, ja ſelbſt durch die Gewalt der Waffen, ein ganzes Volk zu Proſelyten zu machen. Der Kampf artete ſo allmählig wieder, wie vor Jahrhunderten, zum Religionskriege aus, und ſo geſchah 156 es, daß außer denen, die den Grundſatz hatten, Gut und Leben zur Herſtellung eines unabhängigen König⸗ reichs zu wagen, in welchem die Religion der Väter die herrſchende wäre, nur einige wenige Männer von Bedeutung und Einfluß aus den höhern Ständen im offenen Felde erſchienen. Wer einmal in die Bewegung verwickelt war, hielt aus Charakterſtärke, oder weil kein Rücktritt denkbar war, aus, und die Andern erwarte⸗ ten vorſichtig den Ausgang der Dinge, um danach ihre Partei zu wählen. Lord Cornwallis waltete mild und verſöhnend im Lande, und ſo entbehrte der Aufſtand, ſo wild und blutig er ſich auch in den einzelnen Pro⸗ vinzen ankündigen mochte, des großen, durchgreifenden Intereſſes, welches ſeine Hauptſtütze hätte ſein müſſen. Noch ſchlimmer für die Sache der Freiheit war der Egoismus, der ſich bald bei einzelnen Anführern der Inſurgenten zeigte und Kildare auch kein Geheimniß blieb; und auf dieſe Weiſe wurde Mangel an Einheit und wahrer Volksthümlichkeit die Klippe, an welcher ſchon oft die Beſtrebungen der beſten Patrioten ge⸗ ſcheitert waren und abermals zu ſcheitern droheten. Auf dieſe Kenntniß der Lage Irlands hatte Lord Kildare vor einigen Jahren ſeine Hoffnung begründet, ſich mit Hülfe der Franzoſen in den Beſitz der höch⸗ ſten Gewalt zu ſetzen; auf ſie bauete er jetzt, da ſeine frühern Pläne durch eigne Unvorſichtigkeit und ein bö⸗ ſes Geſchick geſcheitert waren, nach gezogenem Schluß, daß auch dieſe Expedition nichts ausrichten und Alles beim Alten bleiben würde, den Plan, ſich durch einen kühnen, gegen die Inſurgenten geführten Streich bei der Regierung wieder zu Ehre und Anſehn zu ver⸗ helfen. Aus dieſem Grunde hatte er, die Maske des Patriotismus vornehmend, die Pächter der Graſſchaft Fermanagh beredet, das Heer der Verbündeten einzu⸗ 157 laden, aber auch, ſobald daſſelbe in der Nähe des Earneſees angekommen war, einen Eilboten mit dieſer Nachricht nach dem nächſten Orte, wo eine bedeu⸗ tende Beſatzung ſtationirt war, abgeſchickt und ſich verbindlich gemacht, den gefürchteten Inſurgentenchef und vielleicht den größten Theil des franzöſiſchen Hülfskorps in die Hände zu ſpielen, falls er auf eine kräftige Unterſtützung von ihrer Seite würde rechnen können.. Dieſe Hülfe wurde nicht allein verſprochen, ſon⸗ dern auch zur ſelben Zeit von Bellfaſt aus einige Regimenter auf dem kürzeſten Wege über den Neagh entfandt, während eine andere Heeresabtheilung aus Longford in der Grafſchaft Weſtmeath in Bewegung geſetzt wurde, um dem geſchlagenen Feinde den Rück⸗ zug an die Küſte abzuſchneiden. 17. Eim auf Rundſchaft. So ſtanden die Sachen um die Mitte des Mo⸗ nats September, als Tims unerwartetes Erſcheinen auf Rougheligh den Lord in Schrecken ſetzte. Seit Henderſons Tode hatte er nichts wieder von dem alten Burſchen vernommen, vor dem er ſich fürchtete; er hatte ſogar gehofft, hier oben im Norden ſeiner für immer erledigt zu ſein, und nun ſtand er, wie das böſe Schickſal, plötzlich tückiſch lauernd vgr ihm. Der Lord nahm mit ſeinen beiden Hätsgenoſſin⸗ nen eben im ſchattigen Garten die Abendmahlzeit ein, ————— —————— ———— ——— 158 als Tim erſchien. Sein Schrecken entging dem ſchlauen Inſurgentenführer nicht, doch hüllte er ſeine Beobach⸗ tungen in das Gewand der Demuth und Unterwür⸗ figkeit und ertrug ſelbſt Margaretens ſchnell, wie ein ſalziger Waſſerſtrahl, auftauchenden und ihn über⸗ ſprudelnden Spott, ohne ſich eine Replik zu erlauben. Die Einzige, die ſich ſeiner Ankunft freuete, war Lady Eliſabeth. Schon in Lindſayhall hatte ſie lange eine ſtille Sehnſucht nach Sally genährt und durch fleißige Nachforſchungen erkundet, daß das ihr werthe Mädchen in Frankreich unter O'Donnels Schutz lebe; ſeit die Lady aber in Rougheligh wohnte, war dieſe Sehnſucht im gleichen Grade geſtiegen, als die Hoff⸗ nung, die Freundin zu umarmen, geſchwunden war. Von Allen, die ſie liebte, ſo fern, hatte ſich in der Einſamkeit ihres jetzigen Aufenthaltes eine ſtille Schwermuth ihrer Seele bemächtigt, aber um ſo größer war nun auch ihre Freude, einen Brief von Sally zu empfangen und zu erfahren, daß ihr dieſelbe ſo nahe ſei. Tim berichtete auf des Lords verfängliche Fragen, daß er nach Henderſons Tode, um ſein Leben zu fri⸗ ſten, genöthigt geweſen ſei, ſich bei den Rebellen als Knecht zu verdingen, daß ihm dieſes unruhige und unbegueme Leben nicht zuſage und er es als die größte Gnade von Seiten des Lords anſehen werde, wenn er ihn als Pferdeknecht bei ſich behalte, ſei es auch nur um das liebe Brot. So ſehr unangenehm dem Lord dieſer Antrag war, ſo wagte er doch nicht, den⸗ ſelben ganz abzulehnen; denn er fürchtete die Rache des kleinen Mannes zu wecken und zu reizen, die der Thörichte ſchlafend und vergeſſen wähnte. Denn wäh⸗ rend Tim in Henderſons Dienſten geweſen, hatte er ſich auf Lindſayhall ſtets ruhig und beſcheiden betra⸗ 159 gen, der frühern Vorfälle nie erwähnt und ſich, wie es dem Lord ſchien, gleichſam beſtrebt, ſein wahnſin⸗ niges Betragen am Monument Sir William O'Don⸗ nels im Beiſein ſeiner Muhme Peppy wieder gut zu machen. Kildare verſprach alſo mit heuchleriſcher Freund⸗ lichkeit und Herablaſſung, ſo ſehr auch Miß Marga⸗ ret darüber ſpöttelte, ihn ſo lange bei ſich zu behalten, bis ein paſſendes Unterkommen für ihn gefunden ſei, da ſich ja alles Verſäumte nachholen, jede Differenz ausgleichen laſſe und Sally ONeil noch immer für ihn zu haben ſei. Wiewohl dem Lord, von ſonſt mit Tims Spionirtalent bekannt, Gedanken an deſſen Brauchbarkeit bei der Ausführung ſeiner jetzigen Plane durch den Kopf fuhren und ihn mit der Hoffnung erfüllten, endlich ein Subject zu haben, wie er es nö⸗ thig brauchte, ſo war er doch vorſichtig genug, ſich dem kleinen gefürchteten Manne nicht ſogleich zu ent⸗ decken; vielmehr beſchloß er, denſelben erſt genau zu erforſchen und zu prüfen. Bei dieſem Vorſatz hütete er ſich wohl, etwas zu Gunſten oder zum Nachtheil der Inſurgenten verlauten zu laſſen; aber er konnte nicht verhindern, daß ſeine, wenn auch noch ſo ſehr berechnet und auf Spitzen geſtellte Unterhaltung mit dem Knechte nicht unwillkürlich einen nach den könig⸗ lichen Farben ſchillernden Ton annahm, der, von Tim ſcharf aufgefaßt, ihm als Grundlage zu mancherlei Schlüſſen diente. So belauerten ſich Beide mit an⸗ geſtrengtem Blick, aber Tim war der klügere und glück⸗ lichere. Am Tage hatte er die Augen überall, nichts entging der Schärfe ſeines Luchsauges; aber auch bei Nacht verließ er ſein Lager, umſchlich das Schloß, beobachtete das Licht in des Lords Zimmer und horchte auf das leiſeſte Geräuſch. Geſchickt hatte er bald alle Diener ſich zu Freunden zu machen gewußt. Eben ——— 160 ſo ſorgfältig erforſchte ſeine Frau, die nur wenige Meilen von Rougheligh lebte und die er zuweilen heimlich beſuchte, die Umgegend, und Beide arbeiteten ſich einander in die Hände. Bei dieſem Verfahren konnte es nicht fehlen, daß Tim nicht einige, wenn auch dunkle Kunde von Botſchaften erhielt, die zwiſchen Rougheligh und der nächſten Garniſon gewechſelt wor⸗ den waren, und dieſer Umſtand verdoppelte ſeine Wirkſamkeit. So gewahrte er eines Abends, als die Schatten der Dämmerung ſich zur Nacht zu verdichten began⸗ nen, einen verhüllten Menſchen vom Garten nach dem Schloſſe ſchleichen, dort eine Zeit lang ſtehen bleiben und die wenigen erleuchteten Fenſter betrachten. Tim ſtand nach einigen Angenblicken an ſeiner Seite und fragte leiſe und vertraulich:„Wen ſuchſt Du hier, lieber Freund?“ Der Menſch war verlegen und ſtammelte einige ausweichende Worte. „Du kannſt mir Alles vertrauen,“ fuhr Tim fort. „Ich weiß, Du kommſt von den königlichen Soldaten, und mein Herr, der Lord, erwartet Botſchaft von dort; ich will Dich ſicher zu ihm bringen.“ „Ich will nicht zum Lord,“ verſetzte jener ängſt⸗ lich.„Meine Botſchaft gilt nicht ihm, und ſoviel ich weiß, hat er uns Nachricht zu geben über die Rebel⸗ len. Kennſt Du Miß Margaret Fitzjames?“ „Zu ihr willſt Du? O, ich genieße das Ver⸗ trauen dieſer trefflichen Dame! Haſt Du einen Brief an ſie?“ „So iſt's.“ „Vom Lord Wexford, dem Dragoner⸗Obriſten?“ „Kennſt Du ihn?“ 161 „Sehr wohl. Ich bin ihm ergeben. Und an den Lord haſt Du gar nichts?“ „Diesmal nicht.“ „Wann werdet Ihr denn kommen, um die Hunde von Rebellen zuſammen zu hauen?“ „Wie ich bei meinem Herrn, dem Lord Wer⸗ ford, gehört habe, erwarten wir das Zeichen von Lord Kildare.“ „Ich werd' es auch ſelbſt bringen.— Nun komm', ich will Dich zu Miß Margaret führen, damit Du heimlich mit ihr redeſt. Sag ihr aber nicht, daß Du ſchon mit mir geſprochen. Uheezeheinniſe weiß man gern allein. Verſtanden?“ „Sehr wohl.“— Der Brief gelangte mit Tims Hülfe glücklich in Margarets Hand; eine Antwort wanderte nicht ohne Tims Mitwiſſen wieder fort, und die gute Dame zeigte am folgenden Tage ein fröhliches Geſicht. Aber in derſelben Nacht war auch Tim bei Kns Frau, und von da gelangte ⸗ ſchnell Botſch aft an Leßlie und O'Donnel. Am folgenden Tage erſchien ein Adjutant des Generals Humbert und einer* iriſchen Häupt⸗ linge und erſuchten den Lord im Namen der Befehls⸗ haber höflich, eine Truppenabtheilung in ſein Schloß zu nehmen, wie bereits mehre begüterte Bewohner der Grafſchaft gethan; man kenne ſeinen Patriotis⸗ mus und wiſſe, wie gern er dieſes kleine Opfer brin⸗ gen werde. Kildare gab ſeine Zuſtimmung mit der größten Freundlichkeit und hoffte, ſo unwillkommen ihm auch dieſe Einquartirung war, dadurch einen Plan deſto leichter ausführen zu können. Schon am andern e ritt Michaul O'Donnel im kriege⸗ Wn Schmuck und ein ranzöſiſcher Bataillonschef an der Spt eines Haufens durch das i Storch, ausgew. Romane u. Novellen. M. 162 ein, und der Erſtere ſtellte ⸗den Letztern, der der eng⸗ liſchen Sprache nur unvollkommen mächtig war, mit einigen kalten Komplimenten, dem Lord über den von ihm gezeigten Patriotismus gemacht, vor. Während Kildare den Irländer ziemlich froſtig, doch mit einer den Umſtänden angemeſſenen Höflichkeit angehört hatte, bezeigte er ſich den Franzoſen mit der größten Zuvor⸗ kommenheit. Die Prunkzimmer wurden ihm zur Woh⸗ nung angewieſen, und Abends zog er ihn mit allen Offizieren, unter denen der iriſche Häuptling nicht fehlte, zu einer glänzenden Tafel, die mit den aus⸗ erleſenſten Speiſen und den feinſten Weinen in großer Auswahl beſetzt war. Man ſchien gegenſeitig mit einander zufrieden, als man ſich erſt zu einer ſpäten Stunde trennte. Die gutmüthigen Franzoſen, damals noch nicht ge⸗ gen falſche Gaſtfreundſchaft auf ihrer Hut wie zehn Jahre ſpäter, als ſie die Bekanntſchaft der rache⸗ glühenden Spanier gemacht, ließen es nicht an auf⸗ richtigen, ihrem liebenswürdigen Wirthe im reichen Maße geſpendeten Lobpreiſungen fehlen. Michaul D'Donnel aber ſchüttelte bedenklich das Haupt; er war bereits durch Tim wohl unterrichtet. „Wohlan, wir werden ſehen, mein guter Kame⸗ rad!“ ſagte der Bataillonschef, als Michaul ihm die eingezogene Kunde mitgetheilt hatte.„Ihr Irländer ſeid etwas argwöhniſcher Natur.“ „In wenig Tagen ſehen wir heller, verlaſſen Sie ſich darauf, Herr Obriſt! Der Ire, der ſein ganzes Leben hindurch lauſchend und ſpähend verbringt, wie der Indianer, deſſen Wigwam vom raubgierigen Eu⸗ ropäer aus den geliebten, ſeit einem Jahrtauſend ſei⸗ nen Volksſtamm beſchattenden Urwäldern herausge⸗ drängt wird, bis ſich ſeinem verzweiflungsvollen Blick 163 endlich nichts mehr darbietet, als mit dem unabſeh⸗ baren Raume des ſtillen Oceans das Aufhören ſeiner Exiſtenz; der unglückliche Ire, wie der unglückliche Indianer, ſieht ſcharf und hört ſelbſt im Schlafe, der ihn nur auf Augenblicke, wie den Wächter im Wacht⸗ hauſe beſchleicht, das Herannahen ſeines Erbfeindes. Und Tim Ruuthan iſt unſer beſter Späher.“ „Wohlan, wir werden ſehen!“ ſagte der Obriſt noch einmal. Mic aber ſtieg in ſein einſames Gemach hinauf, welches er ſich ſelbſt in einem Thurme über der Einfahrt des gothiſchen Schloſſes auserwählt hatte, um die Umgegend beſſer im Auge zu haben. 18. Rildare ohne Maske. Lord Kildare wollte in dieſer Nacht noch einen Boten fortſchicken und ſchritt unruhig und haſtig aus einem Gemache in das andere, bis er endlich auch in das Zimmer ſeiner Tochter eintrat, welche es abgelehnt hatte, bei Tiſche zu erſcheinen. Hier gedachte er eine ſpäte Stunde abzuwarten, wo Alles in den Armen des Schlafes liegen würde. Eine Lampe brannte düſter im Zimmer. Eliſa⸗ beth aber war nicht anweſend. Eine unerklärliche Angſt hatte ſie ergriffen und zuerſt in den nahen Garten, bei eintretender Dämmerung aber wieder in das Schloß zurückgetrieben, wo ſie von bangen Ahn⸗ ungen gequält, ſich bis in das Bibliothekzimmer ver⸗ irrte, um ſich in irgend einem Buche Ruhe zu ſuchen. 1* * Dort fand ſie der Lord, aber nicht leſend, ſondern mit dem Licht in der Hand vor einem Gemälde in großer Bewegung ſtehen. „Du ſo ſpät hier?“ fragte er verwundert.„Was vermochte Deine Neugierde noch in dieſer Stunde zu erregen?“ Eliſabeth zuckte zuſammen. Doch nur einen Augen⸗ blick wandte ſie den Blick von dem Gemälde ab, das eine Dame im vollen Jugendreiz darſtellte; dann ſagte ſie raſch:„O, mein Vater! welch eine große Aehnlichkeit hat dieſes Bild mit der verſtorbenen Mi⸗ ſtreß O'Donnel! Ja, es muß ſie ſelbſt in ihren jün⸗ gern Jahren vorſtellen. Es ſind ihre himmliſchſanften Züge, es iſt das engelgleiche fromme Geſicht der hohen Frau!“ Mehre Minuten ließ Kildare den finſtern Blick ſtarr auf dem Bilde haften, bis er mit monotoner Stimme das für die Lady beängſtigende Schweigen brach. „So wiſſe denn, Eliſabeth, es iſt ihr Bild! Das Bild der Frau, die das Glück meines Lebens gemacht haben würde, während ich jetzt—“ doch ſchnell faßte er ſich und ſetzte heftig hinzu:„die ich anbetete, wie eine Heilige, vielleicht gerade deshalb, weil ich ſelbſt damals ein ſehr irdiſch fühlender Menſch war. Sie aber verſchmähete mich wegen einer jugendlichen Un⸗ beſonnenheit, einer Handlung, die Leidenſchaft und heißes Blut entſchuldigen, und reichte Sir William O'Donnel, der ſpäter um ſie warb, die Hand. Aber das Gefühl verſchmähter Liebe in einer leidenſchaft⸗ lichen Bruſt, Eliſabeth, iſt fürchterlich, ſchrecklicher aber noch, wenn es in einem feſten Charakter, wie der meinige iſt, Haß und Rache gebiert, die Herz und Seele polypenartig umſchlingen. Sie haben mich feſt, 165 ſie werden an mir nagen, bis meine Exiſtenz phyſiſch und geiſtig erſchöpft iſt, ja geiſtig, ſage ich,“ ſtöhnte er mit einem fürchterlichen Ausdrucke,„denn ich will an eine Fortdauer des Geiſtes nicht denken! Und nicht ruhen kann ich, nicht raſten, bis Williams Haus ver⸗ nichtet und keine Spur von dem mir verhaßten Ge⸗ ſchlecht auf iriſchem Boden mehr vorhanden iſt, ſo gewiß, als ich jetzt noch des Lebens Kraft in meinen Adern an dem heftigen Schlagen des Herzens wahr⸗ nehme.“ Mit einem Wehlaut ſank Eliſabeth zu Boden. Kildare legte die Ohnmächtige auf ein Sopha, rief ein Kammermädchen herbei, und eilte, wie von Furien gepeitſcht, in den Garten hinab. Dort war es ihm, als huſchten in einem dunkeln Gange zwei Geſtalten vor ihm hin. Plötzlich hörte er ſeinen Namen flüſtern; er blieb horchend ſtehen, eine Hand berührte ihn, er ſchrak zuſammen, erkannte aber Miß Marga⸗ ret.„Er iſt's!“ ſagte ſie dann leiſe nach einer Laube hin, und zum Lord:„Dort iſt ein Mann, der Sie zu ſprechen wünſcht.“— Dann verſchwand ſie hinter den Büſchen. Kildare trat erwartungsvoll in die Laube und erblickte einen armſelig gekleideten iriſchen Land⸗ mann vor ſich, der ſich ihm ſogleich als Lord Wex⸗ ford zu erkennen gab. „Bei meiner Ehre! Ihr Leben ſcheint wenig Werth mehr für Sie zu haben, Mylord,“ ſagte Kildare er⸗ ſchrocken, nach der erſten Begrüßung,„denn ich möchte nicht die Garantie übernehmen, daß Sie nicht daſſelbe Lvos ziehen, das den armen Major Andre bei einer ähnlichen Veranlaſſung unter den Yankees getroffen hat, ſobald Sie in die Hände der Weiß⸗Jungen ge⸗ rathen. Ich muß Ihnen bei allem meinen Eifer für die Intereſſen unſres allergnädigſten Königs offen ge⸗ ————— 166 ſtehen, daß ich geſucht haben würde, mich einem ſo gefährlichen Gange zu entziehen.“ „Ich glaub' es gern,“ erwiderte der Obriſt„denn ich kenne Sie, Mylord. Aber ich ſage Ihnen, daß ich die Sendung gerade deshalb übernahm, weil ein ZJeder in unſrer Diviſion wußte, daß dieſer Gang ſein letzter werden könnte.“ „Aber den Befehl des Generals hätte ja auch wohl ein Fähndrich oder ein Lieutenant vollzogen; mußten Sie es denn ſein, Mylord?“ „Als wenn das Leben eines Subalternen nicht auch ein Menſchenleben wäre!— Sie ſcheinen den Werth des Lebens nach dem Range des Individuums zu ermeſſen, Mylord! Ich muß geſtehen, ein ſonder⸗ barer Maßſtab! Mir wenigſtens ſind ſolche Anſichten fremd. Ich hatte meine guten Gründe, die gefährliche Miſſion in dieſe Gegend zu übernehmen. Doch nun kurz zur Sache, damit über die mir von Ihnen be⸗ wieſene, außerordentliche Theilnahme, die ich zu ſchätzen weiß, die Hauptſache nicht verſäumt, oder der Zweck meines Kommens am Ende noch durch die Wachſam⸗ keit unſerer Feinde vereitelt wird. Doch was iſt das für ein Licht, das ſich jetzt plötzlich auf dem Schloß⸗ thurm zeigt?“ „Dort horſtet, gleich einem Aar, mit ſcharfem Auge umherſpähend, einer jener verdammten Jren, einer meiner bitterſten Feinde, der von Lewis O'Don⸗ nel als Bruder anerkannte Menſch, der früher unter dem Namen Michaul Dahna in den füdlichen Pro⸗ vinzen bekannt war.“ „Ach der! Wir kennen uns ſchon,'s iſt ein braver Burſche, nicht gering zu ſchätzen als Feind, Mylord. Es ſtehen kühne Männer an der Spitze unſrer Geg⸗ ner, und wenn gleich ihr Spiel mir ſelbſt ſo gut wie —— 167 verloren ſcheint, ſo koſtet es doch noch Blut, ehe ſie ſlam ſind. Ich halte es für gerathen, daß wir uns aus dem Strahle des verrätheriſchen Lichtes entfernen. Laſſen Sie uns dort ſeitwärts, mehr im Gebüſch, das Wenige ſchnell berathen, was ich mit Ihnen zu ver⸗ handeln habe, und dann möge ein Jeder von uns ſich an die Ausführung der übernommenen Rollen machen.“ Im Schatten einer dichten Baumgruppe ließ ſich der Obriſt auf einem umgeſtürzten Baumſtamme nie⸗ der und erſuchte den Lord, neben ihm Flatz zu nehmen. „Heute Morgen,“ ſo nahm Wexford das Wort, „haben wir auf einem Streifzuge einen der Inſurgen⸗ ten gefangen. Er heißt auch Dahna, gehörte einſt zu des Baronets Dienſtleuten und iſt, wenn ich nicht irre, ein Bruder des Michaul dort oben. Obgleich es uns nicht gelang, viel aus ihm herauszufragen, ſo läßt ſich doch aus den wenigen Bruchſtücken, welche wir aus ſeinen kargen, ihm mit Liſt abgewonnenen Worten zuſammenſetzten, etwa ſoviel mit einiger Ge⸗ wißheit folgern, daß die franzöſiſchen Hülfstruppen die Stadt Eniskillen in Front als den Schlüſſel der von ihnen eingenommenen Poſition auf dem Damme zwi⸗ ſchen dem Earneſee beſetzen werden, und zwar mit ihrem linken Flügel an den weſtlichen Theil deſſelben gelehnt. Sir Lewis O'Donnel aber wird morgen, nach der Ausſage eines andern Gefangenen, da wir von Dahna kein Wort über den Baronet ſelbſt herauskrie⸗ gen konnten, mit den Iren und dem franzöſiſchen Ba⸗ taillon, welches hier cantonirt, eine Stellung vorwärts von Ihrem Schloſſe einnehmen und ſein Leben gegen die Einnahme deſſelben einſetzen. Dieſe Nachrichten, Mylord, ſtimmen im Ganzen, ſo unvollkommen ſie — 168 ſind, mit den Notizen überein, welche Sie die Güte hatten, in unſer Hauptquartier einzuſenden. Es wird Ihnen, bei Ihrem bekannten Talent, wohl nicht ſchwer werden, als vermeintücher Verbündeter der Anführer ein und das andere Wörtchen von dem artigen fran⸗ zöſiſchen Bataillonschef, Ihrem werthen Gaſte, zu er⸗ haſchen! Ihr guter Wein hilft treulich mit. Es läßt ſich denken, daß man in Ihrer Lage ſelbſt das Beſte auch aus dem Keller nicht ſchont. Doch hören Sie meinen nächſten Auftrag. Das Korps, welches jetzt die Verbindung zwiſchen Eniskillen und dem Schloſſe hält, iſt ſchwach. Uebermorgen, ſo meldeten Sie uns, Mylord, wird eine Abtheilung unter ves kühnen Leß⸗ lie's Führung von einem Streifzuge an die Bay von Donnegal zurückkehren und jenes Korps verſtärken. Es iſt daher der Plan des Generals, dieſem dadurch zuvorzukommen, daß er ſchon in der kommenden Nacht einen Angriff auf die Garniſon hier machen läßt und den rechten Flügel des Feindes in Unordnung bringt, bevor die Aufſtellung unſrer Gegner in der von ihnen beabſichtigten Ordnung vollendet iſt. Auf dieſe Weiſe ſind wir im Stande, die Aufrührer auf zwei Seiten zu umgehen und ſie nach dem weſtlichen Theile des Sees hinaufzudrängen und zu vernichten, oder ſie zu vereinzeln und auf zwei Wegen nach der Bay von Donnegal und nach der Küſte von Killala hinzutrei⸗ ben, wo ihnen dann keine Wahl bleibt, als mit den Waffen in der Hand zu ſterben, ſich zu ergeben oder den Tod in den Aeub ſe ſuchen.— Der General fordert Sie, Mylord, im Namen des Königs auf, ſei⸗ nen Plan nach Kräften zu unterſtützen und Ihre Wein⸗ vorräthe und was Sie ſonſt noch von geiſtigen Ge⸗ tränken haben, Morgen nicht zu ſchonen. Die Gar⸗ niſon muß betrunken gemacht werden. Ein Theil der⸗ 169 ſelben iſt verworfenes Geſindel, wie wir hören; das wird trinken, trotz der ſtrengſten Befehle. Ich weiß es ja leider aus Erfahrung an unſern eigenen Leuten. Sie können es nicht laſſen, und wenn die Fäſſer un⸗ ter dem Galgen lägen, der eigens gegen die Trunken⸗ heit erbaut wäre. Laſſen Sie am ſpäten Abend Ge⸗ tränke unter ſie vertheilen und, wenn die Köpfe wüſt und die Zungen ſchwer werden, öffnen Sie einigen unſrer Kompagnieen eine Hinterthür, während wir von vorne her den Hauptangriff machen.“ „Bauen Sie nicht allzuviel auf die Spirituoſa, Mylord,“ entgegnete Kildare.„Anders wirkt der Wein auf den Franzmann, anders auf den Briten. Bei dem erſtern dient ein Rauſch dazu, das Ehrgefühl auf den höchſten Gipfel zu treiben; die Gloire winkt ihm bei jedem neuen Becher reizender, unwiderſtehlicher, die er nüchtern oft in einem ſehr matten Lichte erblickt, wäh⸗ rend die Unſrigen nur bei kaltem Blute die Ehre für etwas Erhabenes halten, die ſie, vom Spiritus über die gewohnten Regionen hinausgeführt, aus dem Ge⸗ ſicht verlieren. Wozu überhaupt ſoviel Umſtände ma⸗ chen, weshalb Blut vergießen, mein lieber Obriſt, da wir uns die Sache viel leichter machen können.“— „Leichter? Noch leichter? Nun, bei meinem Leben! ich bin neugierig, das„Wie“ zu vernehmen. Doch mir fällt ein, Ihnen bangt vielleicht für Ihr ſchönes Schloß, für den Park, für die Treibhäuſer und für das eigne und das Leben Ihrer unvergleichlichen Gold⸗ faſane. Oder ſollte es wirklich das Leben Ihrer ver⸗ ehrten Tochter ſein, für das Sie zittern? Was die Letztere betrifft, ſo gebe ich Ihnen den Rath, mir Lady Eliſabeth ſogleich anzuvertrauen, damit ich ſie aus allen den bevorſtehenden Wirren und Gräueln des Krieges im Rücken unſerer Truppen in Sicherheit bringe, ſo 170 lange noch Zeit dazu da iſt. Meine Hochachtung für Mylady hat um nichts abgenommen, obgleich Sie, Ihrem Willen nachgebend, Mylord, die Braut meines ehemaligen Kammerdieners war. Ich werde nichtsdeſto⸗ weniger ihr Ritter ſein, wie ſonſt. Sie ſelbſt, My⸗ lord, ſalviren ſich ſpäter durch dieſelbe Hinterthür, durch welche Sie die Unſrigen einlaſſen, und begeben ſich in den Schutz der Armee. Ich werde Sorge tra⸗ gen, ſoviel es die Umſtände geſtatten, das Schloß zu beſchützen, ſobald es in unſern Händen iſt. Wie ſollte nun alſo dieſe Expedition leichter auszuführen ſein, Mylord?“ „Mein Schloß bin ich gern für die Intereſſen mei⸗ nes allergnädigſten Königs bereit, zum Opfer zu brin⸗ gen,“ entgegnete Kildare mit Feierlichkeit.„Meine Tochter und vielleicht auch ich ſelbſt würden unſer Entkommen bewerkſtelligen können. Aber ich frage Sie nochmals, Mylord, wozu ſoll das Blut braver Bri⸗ ten vergoſſen werden, wenn man einen Hauptſchlag, vielleicht ohne Verluſt eines Mannes, von unſerer Seite ausführen kann? Hören Sie mich an!“ Seine Stimme wurde noch gedämpfter und ſein Auge ſpähete ängſtlich bei jedem Raſſeln im Laube umher und ſchweifte dann mit einem langen prüfenden Blick nach dem von Michaul bewohnten Thurme hinauf.— „Wenn man dem Baronet nur merken läßt, daß man einen Coup auf das Schloß beabſichtigt, auf welches er für den Augenblick vielleicht aus Ihnen be⸗ kannten, ſeinem Herzen entſpringenden Gründen einen ſehr großen Werth ſetzt, ſo wird er ſogleich ſein Haupt⸗ quartier hierher verlegen, ſo große Ueberwindung ihm auch der Aufenthalt unter einem Dache mit mir koſten würde. Sie wiſſen, welch ein Stern ihm hier leuch⸗ tet, deſſen Licht er immer folgt, obgleich's ein Irr⸗ licht ewig für ihn bleiben wird. Zugleich mit ihm wird der verwegene Leßlie kommen, oder doch ab⸗ und zugehen, um die Befehle ſeines Generals zu verneh⸗ men. Der Baſtard, der Mann ohne Furcht und Ta⸗ del, wie ihn ſeine Bande nennt, der oben auf der Warte, iſt ſchon in unſern Mauern. Dieſem edlen Kleeblatt einen ſanften Schlaftrunk in die Abendflaſche, ein ganz kleines Pulver von ſchneller Wirkung, und — wir ſind der gefährlichen Hochverräther entledigt, ohne Aufhebens, ohne Zeitverluſt. Das franzöſiſche Korps kapitulirt dann von ſelbſt, ohne einen Schwert⸗ ſchlag zu thun, verlaſſen Sie ſich darauf, und die ganze übrige wilde Horde zerſtäubt, ihrer Leiter beraubt, wie Spreu nach allen Winden, ſobald Sie nur die gefürchteten Dragoner auf Sie loslaſſen und die Kar⸗ tätſchen nicht ſparen. Laing, im Süden des Landes, wird ſich auch aus dem Staube machen, ſobald er die Unglücksfälle erfährt, die den von ihm vergötterten Baro⸗ net getroffen haben. Im ſchlimmſten Falle wird er in ſeinem patriotiſchen Wahne einen Heldentod ſuchen und bald finden. So iſt die Sache ohne Blut und Kampf ſchnell und mit einem Male zu Ende.— Was ſagen Sie zu dem Vorſchlage, Mylord?“ Nach einer kurzen Pauſe hob ſich der Gefragte raſch von der Seite des Sprechers empor und ſeine Blouſe abſchüttelnd, als klebe der Staub des Laſters daran, brach er zornglühend in die Worte aus:„Wie, Mylord, ſprachen Sie wirklich im Ernſt zu mir? Ihro Herrlichkeit konnte es wagen, mir, dem im Dienſte Georg des Dritten ehrenvoll placirten Offizier, einen ſolchen teufliſchen Vorſchlag zu machen? Ich unter⸗ handle im Namen meines Monarchen mit Ihnen über Ihre Mitwirkung zu einer vollkommen im Völkerrechte begründeten Operation, das wohl eine Kriegsliſt, je⸗ 172 doch kein Verbrechen, keinen Meuchelmord geſtattet, ſelbſt nicht gegen die Inſurgenten, die jetzt ein Bünd⸗ niß mit den Truppen einer von uns anerkannten Macht agiren. Und Sie— Sie verunglimpfen mich und in mir den König mit einem ſo ſcheußlichen Antrage, Sie ſprechen von— Vergiftung! Mit den Waffen nur kämpft ehrlich der Soldat von Angeſicht zu Angeſicht. Doch ſelbſt für die allergerechteſte Sache ſich mit Gift und Dolch zu befaſſen, iſt ein Verbrechen, das den Gegner um die Vertheidigung betrügt. Suchen Sie ſich einen andern Gehülfen, Mylord, zur Ausführung eines Unternehmens, das Ihnen wie ein Kinderſpiel erſcheint. In des Königs Armee finden Sie wahrlich die Genoſſen nicht, wie Sie's zu glauben ſcheinen. Vom General hinab bis zum Tambour denkt Zeder in der Armee, wie ich, bei allem Haſſe gegen die Defen⸗ ders; ich verpfände meine Ehre, des Soldaten Hei⸗ ligthum darauf!“ Verächtlich kehrte er dem Lord den Rücken zu. „Pah! So machen Sie doch keinen Lärm um ſolche Bagatelle, durch die ich dem Intereſſe des Königs kei⸗ nen geringen Dienſt zu leiſten im Stande ſein würde. Gegen rebelliſche Hunde iſt Alles erlaubt.“ „Kein Wort mehr davon, oder ich gehe ſogleich!“ donnerte Wexford. „Mäßigen Sie Ihre Aufwallung, ich beſchwöre Sie bei dem Dienſte des Königs darum!“ flüſterte Kildare dringend,„damit wir nicht am Ende noch in dieſer Nacht in die Fänge des dort oben lauernden Falken gerathen.“ „Zehnmal eher, bei meinem dem König geſchwore⸗ nen Eide! will ich in die Hände des Mannes fallen, dem ich, mögen Sie ihn auch nennen, wie Sie wol⸗ len, mit allen ſeinen Gefährten, den Baronet an der Spitze, wegen der feſten Treue, mit der dieſe Leute ihrem Vaterlande und ihren Grundſätzen anhängen, meine Achtung nicht verſagen kann, als längere Ge⸗ meinſchaft mit Ihnen haben, Mylord. Schon früher gaben Sie mir Veranlaſſung, Ihnen meine Achtung zu entziehen, aber jetzt—— glauben Sie mir, ich kenne keine Furcht, und doch wird's mir jetzt unheimlich, dieſelbe Luft mit Ihnen einzuathmen, ſeitdem ich einen ſo tiefen Blick in Ihr Innres gethan und Sie ganz begreifen gelernt habe, Mylord! Nur noch die wenigen Worte, ſtatt vieler! Sie wiſſen des Generals Wille und werden ihn beachten. Bei Gott! es könnte Ihnen ſonſt ein Loos zu Theil werden, angemeſſen Ihren Verdienſten, aber nicht beneidenswerth. Ich wieder⸗ hole es, Mylord, kein Wort, was vorgehen ſoll, ver⸗ lautet außer den Mauern dieſes Schloſſes, und für jedes Haar, das den Männern, die Sie vorhin nann⸗ ten, durch Sie gekrümmt wird, ſind Sie dem Feld⸗ herrn verantwortlich. Doch ehe ich ſcheide, beſchwöre ich Sie bei unſern frühern Verhältniſſen, Mylord, gehen Sie in ſich! Sie ſind alt und haben nicht lange mehr zu leben. Treten Sie nicht vor Gottes Stuhl als ein ſo arger Sünder!“ So ſchloß der Obriſt, und mit der Hand das Zeichen des Abſchiedes win⸗ kend, den er mit Worten nicht nehmen mochte, war er im Begriff, ſeinen Platz zu verlaſſen und ſich auf ei⸗ nem verſteckten Pfade längs den mit hohem Schilfe bewachſenen Ufern des Sees davon zu ſchleichen, als eine rauhe Stimme ihm plötzlich ein lautes„Halt!“ entgegenrief, und ſechs Bayonnetſpitzen auf ſeine und Kildare's Bruſt gefällt wurden. „Halt! keinen Schritt von der Stelle, Ihr Bei⸗ den!“ kreiſchte Tims Stimme und ſeine kleine Ge⸗ ſtalt ſchob ſich vor. „Sie ſind mein Gefangener, Lord Wepxford, den ich an ſeinen biedern Worten trotz der Verkleidung erkannt habe,“ ſagte Michaul O'Donnel, aus dem Dunkel hervortretend.„Sie aber, Mylord Kildare, hatten diesmal nicht Unrecht: der ſcharfſichtige Falke hatte Sie längſt auf's Korn genommen und Sie raſt⸗ los in immer engern Kreiſen umſchwebt; aber nicht ich war es, der Sie bewachte, hier meinem wackern Offiziere Tim Ruunthan haben wir es zu danken, daß Sie in Ihren böſen Schlingen gefangen ſind. Ihr letztes Stündlein möchte jetzt vielleicht ſchneller heran⸗ nahen, als Sie wähnen, da Sie über mein eignes Loos ſo keck verfügten, denn Ihr Weg geht von hier vor die Schranken eines fürchterlichen Gerichts. Fort jetzt, Du Blutmenſch! Du, Tim, binde ihm die Hände auf den Rücken und weiche ihm nicht von der Seite, bis er, mit ſchweren Ketten gefeſſelt, hinter Schloß und Riegel verwahrt iſt.“ „O, wer wollte ſeinem Vater nicht einen ſolchen Liebesdienſt erweiſen?“ lachte Tim.„Als ein guter Sohn war ich ſchon darauf vorbereitet.“ Damit zog er einen Strick aus der Taſche und band dem zittern⸗ den, vor Entſetzen ſtummen Lord die treuloſen Hände. „Nun werden auch wir Abrechnung halten, Väterchen,“ raunte er dem furchtbar Geängſteten zu;„denkt einſt⸗ weilen an die Wildhüterſtelle in Lindſayhall.“ Michaul aber wandte ſich an Lord Wexford mit der Bitte, ihm ebenfalls zu folgen. „Für Ihr Leben, edler Mann, bürgt Ihnen mein eignes. Selbſt Ihre Haft ſoll Ihres Edelmuthes wür⸗ dig ſein.“ „Ich that meine Pflicht und bin ruhig wegen mei⸗ nes Schickſals. Ich bedaure nur, daß ich nicht im Stande bin, in Erfüllung derſelben mit den Waffen — in der Hand Euch im offnen Felde zu begegnen,“ ant⸗ wortete der Obriſt; dann folgte er mürriſch, doch nichts weniger, als niedergeſchlagen, dem Zuge, der ſchwei⸗ gend die Wache im Schloßhofe erreichte. Hier wurde Kildare mit ſchweren Feſſeln beladen und unter wil⸗ den Schmähungen der Irländer in ein unterirdiſches Gemach gebracht. Tim machte mit teufliſcher Freude den Profoß. Wexford aber trat ſtolz mit einer kal⸗ ten Verbeugung in das Zimmer der franzöſiſchen Offiziere. S vartig dieſe Herren nach der Weiſe ihres Volks dem gefangenen Feinde auch entgegen kamen, ſo ſehr ſie bemüht waren, dem britiſchen Obriſten den un⸗ willkommenen Aufenthalt angenehm zu machen: ſo konnten ſie ihm doch anfänglich nichts weiter, als dann und wann ein kräftiges„Verdammt!“ abgewinnen, das dem franzöſiſchen Geplapper— wie er es nannte — galt, welches er nur mit Mühe verſtand. Einige herbeigebrachte Flaſchen vortrefflichen Kapweins, mit dem jder Keller des Lords noch in der letzten Zeit ziemlich reich verſehen worden war, verfehlten jedoch ihre Wirkung auf die Grillen des wackern Dragoner⸗ chefs nicht; und als Michaul O'Donnel, ehe er vom Schloßhofe ritt, um dem Bruder Anzeige von den letzten Ereigniſſen und den deshalb getroffenen Maß⸗ regeln zu machen, zuvor noch am Wachthauſe abſtieg und ſich erkundigte, ob anſtändig für den feindlichen Offizier geſorgt ſei, meinte Wexford, daß er ſich unter den franzöſiſchen Gentlemen als Leuten von Fach und Stand ganz comfortabel befinde. „Sie haben alſo einſtweilen keinen Wunſch, My⸗ lord, den ich befriedigen könnte?“ fragte Michaul. „Keinen, Sir, als daß Sie mich bis zur ausge⸗ machten Sache hier unter den feindlichen Offizieren 176 laſſen. Dieſer Aufenthalt ſcheint mir, ſo ſehr ich auch als guter Brite jede Beſchränkung meiner Freiheit zu haſſen gewohnt bin, doch erträglicher, als unter Euch andern Leuten, die Ihr die Waffen gegen Euern le⸗ gitimen König führt.“ „Die Begriffe von Legitimität, Mylord, ſind ver⸗ ſchiedener Natur,“ erwiderte mit leichtem Achſelzucken der Häuptling.„Unſerer Meinung nach iſt die Re⸗ gierung Ihres Königs Georg hier zu Lande illegi⸗ tim. Dieſer Meinungsſtreit iſt zum Waffenſtreite ge⸗ worden und im Felde muß er entſchieden werden. Dann wird man die Meinung der Sieger mit Blut in die Bücher der Geſchichte als hiſtoriſche Wahrheit ſchreiben.“ Mit dieſen Worten trat er aus der Vorhalle des Wachthauſes, beſtieg den dem Marſtalle des Schloß⸗ beſitzers entliehenen Renner und ſprengte, dem Obri⸗ t 9 ſten ſeinen Abſchiedsgruß zuwinkend, davon. „Reite Du nur immerhin, mein guter Mann mit Deinen verſchrobenen Anſichten!“ ſagte Werford vor ſich hin, als Michaul die Zugbrücke hinter ſich hatte. „Das ſind die böſen Folgen von der neuen Lehre über Freiheit und Gleichheit, Ihr Herren!“ wandte er ſich dann zu den hinter ihm ſtehenden franzöſiſchen Offizieren,„mit denen Ihr Gentlemen von drüben her dem Volke hier die Köpfe verdreht habt. Es wird Euch am Ende der Geſchichte noch Mancher vom Galgen einen Fluch nachſchicken, daß Ihr ihnen glau⸗ ben gemacht habt, man könnte die Ernte halten, ehe das Korn reif iſt. Festina lente! ſagte unſer alter Rector in Eaton College. Nun, was iſt da zu lächeln? Das Sprüchwort iſt richtig, mein junger Herr! Die Zeit allein gebiert das Gute und Rechte, und wahrlich nicht eher, als wenn's eben Zeit iſt. 177 Wenn Zeder ſein eignes point de vue nimmt, meine Herren Kameraden, wie ſteht's da mit der Linie, he? Das Ganze muß vorrücken, wenn's einmal Zeit iſt zum Vorrücken en ordre de bataille. Keiner darf vorkommen, Keiner darf zurückbleiben, wenn es ein gelungenes Manveuvre ſein ſoll. Mit Rekruten macht man daher ſolche Bewegungen nicht zuerſt, ohne daß die gehörige, vorbereitende Uebung vorangegangen iſt. ZJetzt, Gentlemen, ſo behaupte ich, iſt die Drillzeit. Wer da gut Acht giebt, wird, wenn's zur Muſterung und zum großen Weltmanveuvre geht, gewiß nicht hinten bleiben. Dann rückt Alles a tempo in gro⸗ ßen Maſſen vor, ganz wie von ſelbſt. Ein Schritt, ein Takt, ein Schlag belebt alsdann das Ganze. Nur um alles in der Welt nicht Meiſter ſein wollen, ſo lange wir noch Rekruten ſind auf dem großen Exer⸗ zierplatz, das iſt meine Meinung, und damit Baſta! Dem Krieger, dem Edelmann geziemt vor Allem, treu und feſt zu halten an Ordnung und Recht und an dem König, ihrem Erhalter und Beſchützer. In mancher Beziehung haben ſich meine Anſichten über die un⸗ glücklichen Bewohner dieſes Landes ſehr zu ihrem Vortheil geändert, denn ich habe ſchärfer und vorurtheilsfreier ſehen gelernt; aber nie werde ich auch nur ein Haar breit von meinen Grundſätzen abweichen, für König, Geſetz und Ehre jeden Augenblick mein Leben zu laſ⸗ ſen. Dies iſt mein politiſches Glaubensbekenntniß, Ihr Herren.“ Die Franzoſen waren ſo artig, ſich mit ihrem Gefangenen nicht in Streit einzulaſſen; doch war un⸗ ter Allen Keiner, der dem biedern Krieger nicht ſeine Achtung zu beweiſen bemüht geweſen wäre, und bis ſpät nach Mitternacht ſaß er ſo gemüthlich ſcherzend und ſorglos zechend im beruhigenden Bewußtſein, ſtets Storch, ausgew. Romane u. Novellen. 1X. 12 ——— 178 treu ſeine Pflichten erfüllt zu haben, unter ſeinen freundlichen Feinden, bis endlich der von den heutigen Strapazen und der ungewohnten ſpäten Aufregung erſchöpfte Körper, ſein Recht fordernd, ihn nöthigte, das in einer Ecke des großen Gemachs für ihn berei⸗ tete Feldbett aufzuſuchen. 16 Das Frühſtück der Soldaten. Um die kleine Fiſcherhütte am Ufer des Earneſees, in welcher der Baronet ſeit einigen Tagen ſein Haupt⸗ quartier aufgeſchlagen hatte, drängten ſich ſchon am frühen Morgen viele hundert Iren in buntem Ge⸗ wimmel durcheinander. Hier ſah man die verſchie⸗ denartigſten Uniformſtücke, wie ſie die Phantaſie oder das Beuteglück des Mannes gewählt, dazwiſchen den Rock des Gentleman neben dem zerlumpten, grauen Mantel des Bauern, und die bequeme Jacke des Matroſen neben dem maleriſchen, ſelbſtverfer⸗ tigten, buntgeſtickten Gewande des Gebirgsbewoh⸗ ners, und erkannte daraus, daß ſich die Repräſentan⸗ ten aller inſurgirten Provinzen hier verſammelt hatten. Etwas Wichtiges mußte vorgehen, denn ſelbſt die vor der Hütte lagernde Feldwache hatte die am Feuer brodelnden Töpfe verlaſſen und trat mit Löffeln und Meſſern, womit ſie das Frühmahl zu bereiten im Begriff geweſen war, zu den fortwährend aus dem nahen Lager herbeiſtrömenden Kameraden heran. Man⸗ che der Letztern, welche die von den umliegenden 179 Meiereien requirirten Hühner und Gänſe für den kräftigen Morgenimbiß zurichteten und eine gute Mahl⸗ zeit für einen zu wichtigen Theil des Tages halten mochten, um die Hauptbeſtandtheile derſelben über der zu erfahrenden Neuigkeit zu vergeſſen, rupften, um keine Zeit zu verlieren, ihre gefiederten Schlachtopfer, zum Theil noch lebend, und miſchten ſich zugleich hor⸗ chend unter die der Hütte zunächſt ſtehenden Gruppen. Aus dieſem Drängen und Treiben, Fluthen und Wogen der Menge ſtieg ein ſtetes Surren und Brau⸗ ſen empor, ein ſeltſames Gemiſch verſchiedener Spra⸗ chen und Mundarten. Die harten, fremdartigen Laute der zahlreichen keltiſchen Dialekte, alle mit der größten Lebhaftigkeit mehr geſchrieen, als geſprochen, dazwiſchen das Quetſchen, Schleifen und Ziſchen der engliſchen Sprache, und die klingenden, hüpfenden Töne der franzöſiſchen Zunge, gaben zuſammen jenes Tonchaos ab. Hier brach ſich eine franzöſiſche Ordon⸗ nanz, fluchend und das Gewehr mit einer zwiſchen Lauf und Ladeſtock eingezwängten Depeſche im linken Arm haltend, Bahn durch die Menge; dort ſchrie eine flinke Bäuerin, die mit Lebensmitteln herbeigekommen war, und der ein franzöſiſcher Souslieutenant Erklä⸗ rungen machte, laut und belegte den hübſchen Offizier mit Ehrentiteln, die er nicht verſtand. Dieſe unvoll⸗ kommenen Züge deuten das Bild an, das, jeden Augen⸗ blick wechſelnd, an jenem Morgen die Fiſcherhütte umwogte, an welchem man die Ereigniſſe im Herrn⸗ hauſe zu Rougheligh erfahren hatte. Gern hätten ſich wohl einige der Neugierigſten an die niedrigen Fenſter der Hütte gedrängt oder der Thüre mehr genähert, um durch die Spalten derſelben ein Wörtchen von dem Schickfal des gefangenen Lords, das drinnen verhandelt wurde, zu erlauſchen; aber 12* —————— 180 ein Blick auf die rieſige Bärenmütze des franzöſiſchen Grenadiers und das martialiſche, ſonnenverbrannte Geſicht des alten Iren von Tims Büchſenſchützen, die Beide vor dem Häuschen als Schildwachen ernſt und gemeſſen auf⸗ und niederſchritten, war hinreichend, den erhobenen Fuß wieder auf die Linie zurückzu⸗ ſcheuchen, die nach Befehl nicht überſchritten werden durfte. „Cab' de Dio!*) Landsleute, geberdet Ihr Euch doch, wie die Kinder und alten Weiber,“ brummte der Letztere endlich, als er kaum Platz behielt, am Ende ſeiner Promenade mit militäriſchem Anſtande Kehrt zu machen.„Ihr ſeid mir Alle lieb und werth, aber im Dienſt, das ſollt Ihr wiſſen, verſtehe ich keinen Spaß, ſo wahr ich die Ehre hatte, zehn Jahre lang in Sr. ſpaniſchen Majeſtät erſtem Garderegiment zu ſtehen, von denen ich fünf den Dienſt des Gefrei⸗ ten gethan, in den nächſten fünf Korporal, dann Serjento primerv und wer weiß—“ er betrachtete ſchlau lächelnd und ſelbſtgefällig ſeine herkuliſche Ge⸗ ſtalt—„bei dem Geſchmacke der allergnädigſten Frau Königin, am Ende noch etwas Beſſres gewor⸗ den ſein würde, als ſelbſt Don Manuele, der arme Edelmann, wenn ich nicht mein ſmaragdenes Vater⸗ land höher gehalten hätte, als alle Schürzenſtipendien und ſelbſt das goldene Vließ. Drum erwarte ich aber auch jetzt Ordnung und Reſpect vor dem Haupt⸗ quartier, welches ich die Ehre habe, mit meinem Herrn Kameraden da zu bewachen. Zurück an Euere Töpfe! Seht darauf, daß das Fleiſch nicht zu gar wird, ſtopft Euere Mäuler und laßt mir auch einen Biſſen übrig!“ „Kommt, Freunde, laßt uns hinweggehen!“ ſagte Einer aus dem Haufen.„s iſt O'Meara, den kenne *) Gotteshaupt. 181 ich; er iſt erſt kürzlich aus dem Auslande zurückge⸗ kommen, hat in der ſpaniſchen Madalonen⸗Garde ge⸗ ſtanden und verſteht keinen Spaß. Schau' nur, wie den Menſchen die Sonne verbrannt hat! Er ſieht aus, wie der leibhaftige alte Knabe! und was er für Schenkel hat, wie die Maſibäume eines Drei⸗ deckers! Der Kerl verſteht ſpaniſch, wie meiner Mutter Katze die Hundeſprache.“ „Bei St. Patrik! Du haſt Recht, Gevatter, Honigherz,“ erwiderte ein ſchmächtiger Schneider aus Killala, der die Nadel mit einer mächtigen Pike ver⸗ tauſcht hatte,„und Fäuſte hat er, hu! ich glaube, die Heiligen fürchten ſich davor, wenn er betet, und ſind in Angſt, er möchte ſie damit hinter die Ohren ſchlagen.— Aus ſeinem Kopfe glaub' ich, ließ ſich manche Gallone ſpaniſcher Wein, mit Whisky vermiſcht, herauskochen. Verdammt! der könnte uns heut Abend beim Wachtfeuer erzählen von der Magdalenen⸗Garde und von ſpaniſchen Geſpenſtern.“ „Von der Wallonen⸗Garde!“ lachte verbeſſernd der Veteran,„ja, das will ich, Maſter Triptolem, und von dem Lande, wo die Sonne den ſchönen Wein kocht, die dort den Menſchen ſo nahe ſteht, daß man ſich den Schnauzbart daran verſengt und die Pfeife daran anzündet. Doch jetzt laßt mich mit meinem Kameraden in Ruhe und ſteckt die Naſe in den Topf, ſtatt hier in Thür und Fenſter, wodurch Ihr das An⸗ ſehen von Maulaffen erhaltet. Das iſt eine Vieh⸗ gattung, die in dem ſchönen Spanien gar ſchlecht angeſehen iſt, und deren man ſich dort zu Barbieren und Schneidern bedient.“ „Topp, Mr. OMeara!“ riefen lachend die Nächſt⸗ ſtehenden,„wir halten Dich beim Wort!“ „Ja, Landsmann, Herzenskleinod, Du erzählſt 182 uns von Spanien, wo der ſchöne Wein wächſt, und die Schneider wie Ameiſen im Sande von der Sonne ausgebrütet werden,“ ſchrie ein berühmter Witzbold aus Belturbet und verſetzte den armen Triptolem da⸗ bei in eine ſo kreiſelhafte Bewegung, daß derſelbe, ſchwindelnd und über den ſteifen, ihm zwiſchen die Beine gerathenen Infanterie⸗Degen ſtolpernd, vergeblich bemüht, ſich aufrecht zu erhalten, wie ein Betrunke⸗ ner zu den Füßen des Grenadiers der Republik nie⸗ derſtürzte, der mit dem Ausrufe:„mort de ma vie!“ das Bayonnet auf ihn fällte und ihn wie einen Froſch zu ſpießen drohete. Doch lachend zog der Franzoſe die Waffe zurück, als der geängſtigte Schneider ſich ſchnell zur Seite wälzte und von dem Scherzmacher mit Hülfe eines Kameraden leicht, wie ein Flederwiſch, auf den Schaft einer Pike geſetzt und im Triumph davon getragen wurde. Was half ihm ſein Schreien, ſein Strampeln mit Händen und Füßen! Sie kehr⸗ ten ſich nicht daran, ſondern warfen ihn erſt an einem Feuer unter der nächſten Eiche zur großen Ergötzlich⸗ keit der Anweſenden ab. „O, wär' ich doch daheim geblieben auf meinem Tiſche!“ ſeufzte das ſpindelbeinige Männchen, indem er das über die magere Hälfte herabgeglittene Degen⸗ gehäng in die Höhe ſchob und um einige Löcher enger gürtete.„Bei jeder Naht, die ich ausbügelte, konnte ich ruhig hinüber in das ſchwarze Auge von Beſſ⸗ Callaghan ſehen; zehnmal lieber hätte ich das Lied vom Kakadu, das ſie täglich ein paar Mal ſang, mit angehört, als mich unter dieſen rauhen Bären von der Seeküſte umherzutreiben. O du grundgpädiger Gott, wie der ſchöne, neue Frack ausſieht!“ Und winſelnd bemühte er ſich, mit einem feinen Taſchentuche den Staub von ſeinen Kleidern abzuwiſchen. 183 „Halt's Maul endlich einmal, Ritter von der Scheere!“ donnerte ein rußiger Schmied und reichte dem unglücklichen Schneider mit dem nervigten, halb⸗ entblößten Arm eine große Flaſche Whisky hin.„Da, thu' einmal einen herzhaften Zug, damit Du einen Soldatenmagen hekommſt. Gönne Deiner dürren Pflanze die Erquickung des Bergthaues. Vergiß Deinen ſchwar⸗ zen Schniepel, aus dem ohnehin Deine magern Arme um einen halben Fuß nackend herausſehen, wie die Hölzer aus einer Vogelſcheuche. Wahrhaftig, Gold⸗ ſeele, wenn Du das Unglück haben ſollteſt, im Gefecht eine Hand zu verlieren, ſo iſt doch wieder ein Glück dabei; denn Du kannſt Deinen Arm als Zahnſtocher gebrauchen. Und was Deinen Rock betrifft, den kannſt Du immer als Zwirnsfaden einfädeln, ſpitz genng läuft er unten zu. Hole Dir in der nächſten Affaire einen Offizierrock von den Rothen und ſtutze ihn da⸗ mit zurecht. Alle Wetter! was wird Deine kleine Nachbarin dann für Augen machen, wenn Du ihr, ſo ausſtaffirt, den erſten guten Morgen, hoch von Deinem Schneiderthron herab, hinüberrufſt und dabei als ein ächter Nationalgardiſt gravitätiſch den Schnauz⸗ bart ſtreichſt. Vergiß ja nicht, Nachbar, Honigherz, Deinen Bart gehörig zu pflegen. Du glaubſt nicht, Juwel, welch' ein Zauber in ſolcher Lippeneinfaſſung ſteckt. Erſtlich haſt Du freie Jagd in Deiner eigenen Waldung, dann kannſt Du Deine Mahlzeiten ſtets im kühlen Schatten halten, endlich kannſt Du, wenn der Krieg vorüber iſt, das Geld für den Zwirn er⸗ ſparen und die langen Haare Deines unterdeſſen groß gewordenen Bartes vernähen. Während der Schlacht aber, wenn Dir's zu arg zugeht und Dir bange wird, kannſt Du Dich in Deinem eignen Barte ver⸗ kriechen; iſt er einigermaßen hoch und ſtattlich, ſo 184 findet Dich kein Feind darin, und Du kannſt das Ende ruhig in Deinem Verſteck abwarten. Doch jetzt, Kinder, ſeht, das Frühſtück iſt fertig. Verdammt, wie die jungen Hühner kräftig duften! Ich glaube, ein Schneider kann ſich daran zum Helden freſſen. Laßt uns keine Zeit verlieren! Nichts geht doch über eine gute Mahlzeit. Erſt eſſen, dann arbeiten, ſagt der Engländer. In Wahrheit, der Grundſatz iſt ſo übel nicht.“ Alles brach nochmals in ein lautes Gelächter aus.„Bravo, bravo, Du kräftiger Held vom Ambos! Schneider und Grobſchmied, Ihr ſollt Beide leben!“ „Ja, laßt mich auch mittrinken auf das Wohl dieſer Ehrenmänner!“ rief die junge, ſtarke Bäuerin, aus dem Gedränge hervortretend. „So recht, Nelly Owen, Süße!“ verſetzte der Schneider.„Hier haſt Du mein Glas! Ich danke Dir für Deine Aufmerkſamkeit. Fürwahr, wenn ich Dich ſo anſehe, Mädchen, wird mir's immer klarer, daß etwas Großes an Dir iſt.“ „Wie an Euch etwas Dünnes, Sir. Bei Ze⸗ ſus, Mann, Ihr ſeid nicht blos von Fleiſch und Bein, und das iſt gut; ſonſt könnte Euch einer unſrer Burſche, der ſich inwendig getauft, um ein guter Chriſt zu bleiben, für einen an der Mauer ſtehen gebliebenen Shillelah*) halten und Euch zum Todt⸗ ſchläger machen. „Mich zum Todtſchläger machen!“ ſchrie der Schneider. „Nun wenn er Andere mit Euch todtſchlüge, ſo wäret Ihr doch der Todtſchläger. Erſchreckt Ihr doch *) Kampſprügel. 185 vor dem Worte, als wäret Ihr hierher gekommen, um den Engländern Röcke anzumeſſen. Ich glaube, Ihr erſchreckt vor Euerer eigenen Courage, eine Lanze auf die Schultern genommen zu haben. Was ſollte daraus werden, wenn Ihr, wie Euch der Schmied gerathen, einen Bart Euch wachſen ließet; Ihr wür⸗ det, ſäh't Ihr Euer eignes Antlitz einmal im blanken Rockknopf eines Engländers, vor Euch ſelbſt ausrei⸗ ßen; der Engländer aber trüge den Ruhm davon, der Euch doch billig ſelbſt gebührte. Und wer wüßte, wenn der Bart auch groß würde, ob ein Haar an Euch wäre.“ Man lachte wieder, und die Zahl ter Zuhörer vergrößerte ſich. „Es iſt nicht recht von Euch, Lieblinge,“ fuhr Nelly fort, Ihr über Mr. Triptolem lacht. Ihr wißt nicht, welch ein wichtiger Mann in dieſen Zeiten ein Schneider iſt. Der alte Staatsrock hat einen großen Riß bekommen. Entweder muß das alte Kleid ausgebeſſert, oder ein neues gefertigt wer⸗ den. Was alſo auch geſchehe, Ihr habt den Schnei⸗ der nöthig. Und was wäre ein neuer König von Irland ohne ihn? Adam im Paradieſe wäre ein Modeherr dagegen geweſen; denn Irland hat keine Feigenblätter.—— Und grade dieſer ſchwarze Frackrock iſt's, der den waffenkundigen Mann furcht⸗ bar macht. Oder ſind Scheere und Nadel nicht ſcharfe Waffen? Iſt die Radelbüchſe nicht eine Patrontaſche, in der ſtatt des Schuſſes kleich b Gewehr ſteckt? Was aber den Rock betrifft, das will ich Euch erklä⸗ ren, holde Herzen; denn ich muß Mr. Triptolem gegen Euere Spöttereien in Schutz nehmen. Aller⸗ dings ſehen die ſpitzen Schöße deſſelben wie abwärts an ſeinem Hintergeſicht gewachſene Eſelsohren aus, 186 und ſeine Beine haben große Aehnlichkeit von Fühl⸗ hörnern, nicht allein ihrer Geſtalt, ſondern auch Ihrer Eigenſchaft nach, indem ſie bei dem Gefühl einer nahen Gefahr in eine heftige Bewegung geſetzt wer⸗ den. Stellte man nun Mr. Triptolem auf den Kopf und transportirte ihn gegen die Engländer, ſo wür⸗ den ihn dieſe für ein ſchreckliches, menſchenfreſſendes Ungeheuer mit Eſelsohren und Fühlhörnern halten, und große Furcht würde über ſie kommen. Aber man könnte ihn auch zur Abwechſelung auf die Beine ſtellen, und dann gäben die Rockſchöße Flügel, und der Schneider einen guten Mann der Heide ab, wozu er ſeiner Leibesbeſchaffenheit nach ohnedies eher taugt, als zu einem Menſchen. Spannte man nun einen Zwirnsfaden an einige Bäume in der Luft und ließe den Schneider bei Vollmond darauf tanzen, ſo würden die Krämerſäcke erſchrecken und davon laufen, vorzüg⸗ lich wenn ihm, was zu hoffen ſteht, der Mond durch den Leib ſchiene.“ „Nelly, Honigfüße!“ rief der Schmied,„laß Dich küſſen! Du haſt Dir einen Antheil an unſerm Früh⸗ ſtück erworben. Setzt Euch! Es iſt Alles bereit. Und dem Schneider machen wir nachher einen Schnurr⸗ bart von Gänſefedern.“ Jetzt rangirten ſich die hungrigen Vertheidiger der Rechte des Vaterlandes, gewiſſenhaft abgezählt, um die verſchiedenen Töpfe, Keſſel und Schüſſeln. Noch einmal kreiſte die Flaſche, dann hörte man bald darauf nichts mehr als das monotone Geräuſch der arbeiten⸗ den Kinnbacken, das Brechen der Knochen des man⸗ cherlei aufgetiſchten Geflügels und die Einladungen der verſchiedenen Vorſchneider, ihrem Amte gehörig zu thun zu geben. 20. Das Frühſtück der Oſſiciere. Um Bieles ernſter war der Anblick, den das dü⸗ ſtre Innere der Hütte gewährte, deren niedrige, einge⸗ räucherte Fenſter nur ſpärlich das Licht des jungen Tages einließen, obgleich die Sonne ſchon ſeit mehren Stunden herauf war. Auch hier hatten des Baronets Diener das einfache, aber nette Reiſegeräth zum Früh⸗ ſtück geordnet. Man bemerkte jene gefällige Eleganz daran, welche die genteelen Bewohner der britiſchen Inſelreiche nur ungern entbehren, und die auf ihren Reiſen zu Waſſer und zu Lande, im Feldlager und in den Kaſernen einen nicht geringen Theil ihrer Sorgen ausmacht. Den rohgearbeiteten Tiſch bedeckte ein ſauberer, grüner Teppich mit einer teichen Bordüre, über welchen eine blendend weiße Serviette gebreitet war. Im geöffne⸗ ten, ſilberbeſchlagenen Reiſekäſtchen von Mahagoni ſchim⸗ merte in fein geſchliffenen Flacons der Hyſankin⸗ und der Kaiſerthee; die dampfenden Butterſchnitte und der warme Haferkuchen, falls der Geſchmack eines oder des andern der Herren nach dem ächt iriſchen Landesgericht gelüſten ſollte, winkten neben einer Schüſſel mit Schin⸗ kenſchnitten, Eiern und einer mächtigen Hammelkeule einladend zum Genuß, während am nahen Kamin der Waſſerkeſſel luſtig brodelte. Um die Tafel wa⸗ ren die kleinen Feldſeſſel geordnet, und als des Ba⸗ ronets Leibdiener, mit der Serviette unter dem Arm, noch einmal flüchtig ſeine Anordnungen überſehen hatte, die er ſeiner Meinung nach mit ſo viel Comfort ge⸗ 188 troffen, als es die Oertlichkeit des armſeligen Hauſes zuließ, ſagte er, ſich mit einer leichten Verbeugung zu ſeinem Gebieter wendend:„Das Frühſtück iſt be⸗ reit, Sir!“ „Du kannſt gehen!“ erwiderte dieſer, jedoch mit dumpfer Stimme, und fuhr fort, in tiefes Sinnen verloren, im kleinen Gemache auf⸗ und niederzuſchrei⸗ ten, immer ſchneller und heftiger, je mehr der bei ihm aufſteigende Entſchluß zur Reife zu gedeihen ſchien. Vergebens klirrten die Taſſen und Geräthe auf dem Tiſche an einander, der auf dem morſchen Fußboden unter des Baronets beſpornten Stiefeln wankte. Kei⸗ ner beachtete das aufgetragene Frühſtück, als höchſtens einer oder der andre der untern iriſchen Anführer, welche von O'Donnel zu einer Berathung eingeladen waren, und die nicht unterlaſſen konnten, zuweilen ei⸗ nen ſehnſüchtigen Blick auf die Tafel zu werfen, da es längſt an der Tageszeit war, das gewohnte conſi⸗ ſtente Frühmahl einzunehmen. Aengſtlich bewachte Michaul jede Bewegung des Baronets. Mit glühenden Blicken haftete Leßlie's Auge auf ſeinen Lippen, von denen er ungeduldig den Ausſpruch erwartete, ob er O'Donnel fernerhin mit Ueberzeugung als würdiges Oberhaupt der Bewegung verehren, oder als einen Schwächling verachten ſollte, der in den Banden einer, wiewohl hoffnungsloſen Liebe verſtrickt, ſeinen allzu zarten Gefühlen ſowohl die eigne, als auch des Vaterlandes und ſeiner Gefährten Ehre nachſetze. Plötzlich hielt der Baronet in ſeinen Wanderun⸗ gen an. Sein Auge flammte, und ein hohes Roth überflog die männlich gebräunte Wange, als er in die Worte ausbrach:„Meine Brüder und Freunde, zürnt mir nicht, wenn Ihr mich nicht gleich entſchloſſen geſe⸗ hen habt. Ich bin ein Menſch und habe der menſch⸗ lichen Schwachheit meinen letzten Tribut bezahlen müſ⸗ ſen. Ja, ich leugne nicht, es war der härteſte und ſchwerſte Kampf meines Lebens, den ich ſeit der erſten Frühe dieſes Tages gekämpft habe. Er galt dem Va⸗ terlande! Gott! dieſer heilige Name wird von ſo Vielen gebraucht und von ſo Wenigen verſtanden. Jeder führt es im Munde, im Herzen Wenige. Dich⸗ ter beſingen es, Redner gebrauchen es als Pfeiler zur Brücke, über die ſie zur Erreichung ſelbſtfüchtiger Pläne hinwegſchreiten wollen. Aber ſobald es ein Opfer gilt, ſteht ſein Altar öde und verlaſſen, und tiefer und tie⸗ fer lodert die Flamme darauf, bis ſie endlich aus Mangel an Nahrung erliſcht. Auch mir ſelbſt, Freunde, erging es bis heute wenig beſſer. Ich glaubte mich bisher zu des Vaterlandes nicht unwürdigſten Söh⸗ nen zählen zu dürfen, indem ich Manches, ja Vieles auf ſeinen Altar gelegt, wovon ſich Tauſende nur ſchwer getrennt haben würden. Geld und Gut, Haus und Herd, die Spielplätze meiner Kindheit, an die ſich die ſüßeſten und wehmüthigſten Erinnerungen meiner Seele knüpften, ſelbſt meine bürgerliche Exiſtenz, ich gab ſie gern und willig dahin, um dem Vaterlande da⸗ mit zu dienen. Aber wer nicht Alles giebt, hat Nichts gegeben; wer irgend noch eine Rückſicht für ſich be⸗ hält, gehört nicht zu des Vaterlandes treueſten Söhnen. Auch ich war kein ſolcher. Mein theuerſtes Kleinod, an dem ich mich wie ein Geiziger mit geheimer Freude er⸗ götzte, dem Nichts von all ſeinen Schätzen, als ihr An⸗ blick zu gut kommt, hielt ich zurück. In meiner Bruſt ſchlug ein menſchlich fühlendes Herz, und ich vermochte einer Liebe nicht zu entſagen, die mein Leben veredelte und mich zu Thaten entflammte. Zetzt iſt Alles an⸗ ders geworden. In Euerer Mitte, an der Spitze aller — 2 5— 2 190 der Tauſende, welche die alten geheiligten Rechte eines gemißhandelten Königreichs zurückfordern, gilt keine Rückſicht, als die, welche das Vaterland gebietet. Frei von allen andern Banden ſtehe ich heute unter Euch, zwar immer noch von der Liebe geſpornt; aber es iſt eine höhere, eine reinere, eine begeiſterndere Liebe, welche mich antreibt, das Vaterland für die Braut zu erklären, welcher fernerhin mein Leben geweiht iſt, und das letzte theuerſte Kleinod von meinem Herzen zu reißen und jener zum Opfer darzubringen. Eliſabeth Kildare iſt für mich verloren, Lord Kildare aber er⸗ ſcheint vor den Schranken des Gerechtigkeit heiſchenden Vaterlandes als ein ſchreckendes Beiſpiel, von Frland für den Hochverrath erheiſcht, den er an Tauſenden ſeiner beſten Kinder zu wiederholten Malen vollbracht hat.— Mit den Waffen in der Hand, meine Brü⸗ der, weiß hoffentlich ein Jeder von uns zu ſterben. Die Abſicht jenes Lords aber war, bedenkt es wohl, Ihr Herren! Euch durch Gift zu ermorden und mit der Blüthe unſrer verrätheriſch gefangenen Landsleute Irlands Galgen zu ſchmücken.“ Ein Getöſe des heftigſten Unwillens erhob ſich in der Stube, und O'Donnel wandte ſich an Leßlie: „Berufen Sie noch in dieſer Stunde eine Jury aus Belturbet oder einem andern, Ihnen gelegen ſchei⸗ nenden Orte. Die Geſetze des Landes ſollen über Kildare entſcheiden, wenn ſeine Verbrechen näher dar⸗ gethan ſind. Ein gewöhnliches Kriegsgericht würde man ſowohl in unſerm Heere, als von Seiten unſrer Feinde der Parteilichkeit zeihen, und es iſt mein Wille, daß ſelbſt der Schein vermieden wird.“ Schweigend ſtanden die Männer eine Zeit lang, von einem Ausſpruch überraſcht, der ihre Erwartun⸗ gen bei weitem übertraf und ſie das moraliſche Ueber⸗ 191 gewicht O'Donnels über alle Häuptlinge der Inde⸗ pendenten in ſeiner ganzen Schwere fühlen ließ. End⸗ lich brach Leßlie die Stille, indem er mit dem ihm eigenen Feuer ausrief:„Tief beuge ich mich vor Ih⸗ rer Größe, Sir Lewis! Ich will es nicht länger ver⸗ hehlen, daß ich Sie bisher verkannt habe. Von der Liebe Zauber beſtrickt, hielt ich Sie für fähig, das Vaterland zu vergeſſen, oder als ein Mittel zu be⸗ trachten, hochfliegende Pläne zu verwirklichen, die nur Ihren eignen Glanz und Ruhm bezwecken ſollten. Ich bitte Sie dieſes ungeheuern Irrthums halber um Ver⸗ zeihung, O'Donnel!“ Mit einem ernſten Blick reichte Dieſer dem feu⸗ rigen Patrioten die Hand und war eben im Begriff, ihm zu antworten, als ein Parlamentär eingeführt wurde, welcher die Freilaſſung ſechs franzöſiſcher Offi⸗ ziere für die Auslieferung der beiden Lords, Werford und Kildare, anbot. „Warum boten Sie mir nicht einen meiner Offi⸗ ziere, der von den Ihrigen gefangen wurde, für jene an?“ fragte der Baronet mit finſterm Blick den Ab⸗ geordneten.„Ich hätte mich dann vielleicht beſonnen, weil er mir mehr, als zehn ſolcher Lords gilt. Aber man ſieht, welch' einen hohen Werth die Herren drü⸗ ben auf ſolche Leute ſetzen; darum mußte mein Andy Dahna ſterben. Er ſtarb ehrenvoll, weil er für ſein Vaterland ſtarb, und die Achtung deſſelben folgt ihm nach in ſein kühles Grab. Was hinderte mich, das Loos, welches Dahna traf, den Obriſt Wexford ent⸗ gelten zu laſſen? Führen Sie den Obriſten hierher!“ herrſchte er einem Häuptling zu. Betroffen ſah der Brite zu Boden, doch ſich er⸗ mannend, ſagte er im ſtolzen Tone:„Sie werden be⸗ 192 denken, Sir Lewis, daß der Obriſt britiſcher Offizier im Dienſte Sr. Majeſtät Georg des Dritten iſt.“ „Und wir hier, mein Herr, ſind iriſche Offiziere im Dienſte des Vaterlandes,“ donnerte O'Donnel, „die, ſeine Rechte gegen Willkür und Tyrannei ver⸗ tretend, bisher wenigſtens das Völkerrecht zu ehren verſtanden. Kein Exceß iſt von den Unſrigen verübt, ſeitdem ich den Fuß auf den Boden des Königreichs ſetzte, den ich nicht auf das Strengſte geahndet hätte. Wie aber machen Sie es drüben auf jener Seite im Dienſte Ihres Königs? Sie hauſen ärger, als in Feindes Land, und Leute in des Königs Uniform die⸗ nen als Schergen zur Vollziehung zahlloſer Juſtiz⸗ morde, womit die Miniſter des dritten Georgs Regie⸗ rung beflecken, während er ſelbſt ſich vielleicht für einen liebevollen Vater ſeiner Unterthanen hält.“ Der Eintritt des Obriſten Wexford unterbrach die fernere Unterredung. Stolz und mit edler, militäriſcher Haltung neigte derſelbe kaum den Kopf zum Gruß und ſtellte ſich dann ſchweigend dem Baronet gegen⸗ über. ODonnel begrüßte ihn dagegen freundlich und war eben im Begriff, ihn anzureden, als er ſelbſt von ſeinem Kammerdiener angetreten wurde, der ihm heim⸗ lich zuflüſterte: Eine vornehm gekleidete Dame, die ſich draußen befinde, laſſe ihn beſchwören, bevor er irgend etwas über Lord Werford beſchlöſſe, ihr einige Minuten Gehör zu ſchenken, indem ſie ihm Dinge von der höchſten Wichtigkeit zu entdecken habe. O'Don⸗ nel entſchuldigte ſich daher höflichſt bei dem ſich aber⸗ mals ſtumm verbeugenden Dragonerobriſten und folgte der ihn befremdenden Einladung. Im Zimmer ſelbſt wurde während ſeiner Abweſenheit kein Wort ge⸗ ſprochen; Alle erwarteten mit großer Spannung des Baronets Rückkehr. Dieſer trat endlich herein und „ 193 führte Miß Margaret Fitzjames mit vieler Höflichkeit an der Hand, auf welche Werford einen betroffenen Blick warf. „Mylord,“ redete O'Donnel den Obriſten an, „es iſt das dritte Mal, daß wir einander gegenüber ſtehen und keinmal in freundlicher Beziehung. In⸗ zwiſchen habe ich Ihren feſten männlichen Charakter ſchätzen gelernt, und ich würde Sie auf keinen Fall als meinen Gefangenen betrachtet haben, ſelbſt wenn auch die dringende und gewichtige Fürſprache dieſer Dame nicht dazwiſchen gekommen wäre. Aber dieſe Fürſprache iſt es, die mich an meine verehrten Kame⸗ raden die Bitte richten läßt, Sie auch nicht als Ih⸗ ven Gefangenen zu betrachten, ſondern aus Rückſich⸗ ten für das allgemeine Beſte Sie gegen die gefange⸗ nen franzöſiſchen Offiziere frei zu geben. Ja, meine Herren, gegenwärtige Miß Margaret Fitzjames hat uns Zuſicherungen gemacht, die wir aus Achtung vor dem Urtheile der Welt nicht zurückweiſen dürfen. Sie erbittet ſich dagegen Lord Werfords Freiheit, und ich ſtimme dafür, ihr dieſelbe zuzugeſtehen.“ „Wir ehren die Anſicht unſres Chefs,“ verſetzten Leßlie und Andre,„und ſtimmen in dieſelbe ein.“ „So ſind Sie frei, Mylord; doch erſuche ich Sie um eine Gefälligkeit. Verharren Sie ſo lange hier, bis dieſe Dame, der Sie ſoviel verdanken, ihr Wort gelöſt hat, und geben Sie ſelbſt der Wahrheit die Ehre, wie ich von einem Ehrenmanne, wie Sie ſind, erwar⸗ ten darf.“. „Mit Freuden, Sir Lewis! Denn auch Ihnen kann ich, wiewohl Sie an der Spitze der Feinde mei⸗ nes Königs ſtehen, meine Achtung nicht verſagen. Was auch bereits zwiſchen uns vorgefallen iſt, und obgleich wir niemals Freunde werden können, ſo werde Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 13 194 ich Ihnen doch bei jeder Gelegenheit zu beweiſen wiſ⸗ ſen, daß meine Worte nicht leerer Schall ſind. Aber wie wird es mit dem unglücklichen Lord Kildare? Kann ich ihn mit mir nehmen, oder kehrt er auf ſein Schloß zurück?“ Miß Margaret erſchrak bei dieſer Frage. „Und wäre dieſer mein Bruder hier, der mir un⸗ ausſprechlich theuer iſt,“ verſetzte O'Donnel, auf den ihm zur Seite ſtehenden Michaul deutend,„in Ihrer Gewalt, und Sie ſetzten den Lord zum Preis für die Erhaltung ſeines Lebens, ich würde Kildare nicht frei laſſen vor dem Ausſpruch des jetzt über ihn zu hal⸗ tenden Gerichts. Eine höhere Gewalt ſteht über mir, die meine Handlungen leitet— Irland und deſſen Freiheit. Keine Rückſicht auf Erden kann mich bewe⸗ gen, dieſen treulos zu werden. Das Uebrige laſſen Sie ſich von Miß Margaret erklären.“ Der Obriſt nickte zu wiederholten Malen mit freundlichen Zügen und trat dann zu der Dame, mit der er ſich heimlich unterhielt, während O'Donnel ſich zu ſeinen Offizieren wandte. „Ihr Geſchäft, Mr. Leßlie,“ ſagte der Baronet, „iſt jetzt, die Jury zu verſammeln und einen Inſtruk⸗ tionsrichter herbeizuſchaffen, wo Sie ihn finden.“ Dann lud ſer den Obriſten mit ächt genteeler Höjlichkeit zum Frühſtück ein, was von dieſem eben ſo angenommen wurde, erſuchte hierauf Miß Margaret höchſt freundlich, die Honneurs zu machen, was dieſe ihm ſehr hoch anzurechnen ſchien, und forderte zuletzt die gegenwärtigen Offiziere auf, für des Leibes Nah⸗ rung und Nothdurft zu ſorgen.! Bald ſetzten ſich Meſſer und Gabeln in Beweg⸗ ung, und das Raſſeln derſelben unterbrach das Klin⸗ gen der Gläſer auf eine ſehr angenehme Weiſe, ſo daß 195 ſich der die Genüſſe liebende Wexford nach einigen Minuten wieder in der behaglichen Stimmung fühlte, die Abends vorher ſchon unter den Franzoſen ihn er⸗ heitert. Er hielt ſich auch jetzt wieder ausſchließlich an die Offiziere dieſer Nation und war von Miß Mar⸗ garets Blicken entzückt, die die Wirthin auf eine ſehr anmuthige Weiſe zu machen verſtand. Die Mahlzeit näherte ſich bereits ihrem Ende, als ein lautes, frohes Getümmel draußen entſtand, und auf irgend ein ungewöhnliches Ereigniß deutend, die Aufmerkſamkeit auf die lebendigen Gruppen vor der Hütte zog. Dort drängte man ſich um einen ſogenannten Gentry⸗Car, ein in Zrland gebräuchliches, kleines, niederes, offnes Fuhrwerk auf zwei Rädern, ganz aus Eiſen und Leder beſtehend, worin nur zwei Per⸗ ſonen, rechts und links hinausſitzend, Platz haben und in der Mitte Raum für Gepäck iſt. Dieſe Plätze waren von zwei alten grauen Perſonen eingenommen, von einer Frau und einem Manne, ſie in einem al⸗ ten, abgetragenen blauen Mantel, deſſen Kapuze fie über den Kopf gezogen, er im dürftigen hier und da ausgebeſſerten Kleide eines katholiſchen Pfarrers aus dem Süden. Der Kutſcher war ein ſtämmiger Mann mit einem geſunden Geſicht. Den mittlern Raum füllten mehrere angeräucherte Schachteln und Kiſten aus. „Mir ſoll St. Patrik einen Labetrunk im Him⸗ mel verſagen,“ erhob der ehemalige Wallonengardiſt ſeine rauhe Stimme,„wenn ich die alte Hexe nicht kenne! Sie iſt die Wirthin einer Schenke im Süden, in welcher ich manchen guten Trunk gethan. „Ei freilich, Bruderherz!“ lachte der Schmied. „Unſer Gedächtniß bleibt für Orte, wo man es ſo 13 196 kräftig begoſſen, ſtets friſch. Wer wollte die Alte nicht kennen, der jemals in der Kenmare⸗Bay gelandet und Waſſer mit Whisky vertauſcht hat? Gott grüß Euch, Mutter Peppy! Ihr ſeid verdammt alt geworden, ſeit ich Euch nicht geſehen.“ 1 „Schönen Dank, mein Junge! Ei nun, in Euerm Geſicht hat ſich auch ein Ackersmann Furchen gezogen, in denen Ihr Euer Korn bauen könnt, wenn Euch die großen Pächter kein Land mehr gönnen.“ „Frau, in dieſe Furchen iſt eine andere Saat ge⸗ fallen, die blutige Früchte trägt.“ „Ei, Mutter Peppy! Ei, hochwürdiger Herr Pater O'Kelly! Ei, Bobby!“ rief jetzt Michaul O'Donnel, aus der Thüre der Hütte herausſpringend.„Um aller Heiligen willen! Wie kommt Ihr doch herauf nach dem Norden? Seid herzlich willkommen! Aber ſagt, was konnte Euch antreiben, Euere Schenke zu ver⸗ laſſen, um eine ſo weite Reiſe anzutreten?“ „Mic, Mic, Goldſohn, wie freuen ſich meine Augen, Dich zu ſehen!“ zeterte die Heideſchenkwirthin.„Was uns hergeführt, mein Junge? Mancherlei, ſag ich Dir. Als ich hörte, daß Sir Lewis in der Killala⸗ Bay gelandet und ſchon manche Schlacht gegen die Rothröcke geliefert habe, fiel mir bei, daß manchem unſerer braven, von engliſchen Kugeln übel zugerichte⸗ ten Burſche ärztliche Hülfe und Pflege gänzlich fehlen würde. Da ſprach ich zu mir ſelbſt: Peppy, wozu haſt du die Kräuter kennen und zu Arzeneien zube⸗ reiten gelernt, als daß du dem Vaterlande damit die⸗ neſt? Haſt ſchon Manchem das Leben erhalten und noch neulich dem Werford, der doch bei den Englän⸗ dern ſteht, der ohne dich verloren geweſen wäre; ſo iſt es deine Pflicht, deinen Landsleuten zu helfen, die gegen ihre Tyrannen kämpfen, und ſo thuſt du auch dein Theil zur Befreiung des Vaterlandes.— Dann hab' ich ſchon manches Jahr eine ſtille Sehnſucht ge⸗ habt, vor meinem Ende das Stücklein Land noch ein⸗ mal zu ſehen, worauf ich meine Jugendſpiele geſpielt; denn Ihr müßt wiſſen, Landsleute, Goldherzen, daß ich hier am Earneſee geboren und aufgewachſen bin. Endlich hatte ich noch einen dritten Grund, der mich ſtachelte, hierher zu reiſen; daß iſt aber ein geheimer, den ich nur allein Seiner Gnaden Sir Lewis O'Don⸗ nel ſagen kann.— Als ich dies Alles nun wohl bei mir überlegt, theilt' ich's auch dem Pater Auguſtin OKelly, meinem Beichtvater, mit. Und ſiehe da, dem alten hochwürdigen Herrn überkam ein großes Verlangen, ſeine Hände auf Sir Lewis' Haupt zu le⸗ gen und denſelben einzuſegnen zu dem großen Werke der Vaterlandsbefreiung und Euch Allen, Kinder, bei⸗ zuſtehen mit geiſtlichem Rath und That. Wir wur⸗ den einig, die Reiſe zuſammen zu machen; der Bobby borgte in Bantry einen Karren, wir ſpannten des Pa⸗ ters alten Gaul vor und fuhren in Gottes und St. Patriks Namen auf und davon und ſind denn nun, den Heiligen ſei Dank! auch glücklich angelangt und wünſchen Euch einen guten Morgen, Freunde!“ Ein fröhlich ſchallender Ruf erwiderte den Gruß. Michaul half den beiden alten Menſchen mit den freund⸗ lichſten und ehrerbietigſten Reden vom Geſchirr herab und führte ſie der Hütte zu, in deren Thüre Lord Wexford, Miß Margaret, Sir Lewis und Andre ſtan⸗ den und Mutter Peppy mit ſoviel Freude und Herz⸗ lichkeit empfingeu, als wenn ſie wirklich in einem kindlichen Verhältniß zu der bejahrten Frau ſtänden. Vorzüglich war es Lord Wexford, der ihr große Be⸗ weiſe ſeiner Anhänglichkeit gab und vor allem Volke in ihr die Retterin ſeines Lebens und die ſorgſame 198 Pflegerin in ſeiner langwierigen Krankheit verehrte. Er und Miß Margaret gingen mit der Greiſin wahr⸗ haft zärtlich um. Und wie man der Wirthin mit Liebe, ſo kam man dem Pater mit Ehrfurcht entge⸗ gen; man pries laut den Entſchluß der beiden alten Leute, den Patrioten mit leiblicher und geiſtiger Hülfe beizuſpringen, und führte die Gäſte des Heeres, wie man ſie nannte, mit herzlicher Fröhlichkeit zum Früh⸗ ſtück in das Haus. 21. Der Richter von Mulindar. Es war um die zehnte Frühſtunde, als der Frie⸗ densrichter zu Mulindar unter dem Beiſtand ſeines Schreibers und in Gegenwart des Konſtable am grü⸗ nen Tiſche, vom engliſchen Heer gedeckt, in ruhiger Sicherheit die gewöhnliche Gerichtsſitzung hielt. Schon haite der würdige Diener der Themis, gewohnt um dieſe Zeit mit einem Glaſe alten Port⸗ wein den Appetit zum bevorſtehenden Mittagsmahle zu reizen, durch mehrmaliges Gähnen ſeinen Ueberdruß au den langen Verhandlungen und Protokolliren des dürren Schreibers verrathen, der, die Launen und Nei⸗ gungen des geſtrengen Herrn gar wohl kennend, ſo⸗ viel es die Dringlichkeit der Geſchäfte erlaubte, ſich nach Kräften beeilte, als endlich die letzte Partei den Gerichtsſaal verließ. 199 Mit einem tiefen Seufzer erhob ſich der ſtattliche Mann, obgleich er während der ganzen Sitzung, ohne eine Feder anzurühren, ruhig mit über dem Bauche gefalteten Händen in ſeinem Polſterſtuhle geſeſſen, und ſtöhnte den Gerichtsdiener an:„Nun wäre ja wohl die Plagerei für heute, dem Himmel ſei Dank! vorüber. Konſtable, hat all' das Geſchmeis von Bett⸗ lern, Landſtreichern, Klägern und Zeugen die Halle verlaſſen?“ „Ja, Ihro Wohlweiſen!“ erwiderte der Gefragte mit tiefer Verbeugung. „Wollen Ihro Wohlweiſen jetzt gefälligſt die Ver⸗ handlungen und Protokolle nachſehen und unterſchrei⸗ ben?“ fragte der Gerichtsſchreiber demüthig, mit den Akten in der Hand. „Unterſchreiben? Ja! Nachſehen? Nein! Wenn ich mich obenein noch mit Schreiben und Leſen zu⸗ gleich abquälen ſoll, ſo brauche ich mir keinen Schrei⸗ ber zu halten.— Konſtable, was habt Ihr für Ver⸗ haftsbefehle?“ „Einen gegen Will Moghou, auf den Grund des Jagdgeſetzes.“ „Führt den Befehl mit aller Strenge aus; der Schurke hatte nicht allein einen Haſen in ſeinem Be⸗ ſitz, ſondern er hat denſelben auch gekocht und unter ſein Weib und ſeine Kinder vertheilt und ſich daher der Felonie doppelt ſchuldig gemacht.“ „Aber belieben doch Ew. Wohlweiſen zu beden⸗ ken,“ ſtammelte der Schreiber, ſich ein Herz ſchöpfend, „daß die Unglücklichen, des rückſtändigen Kirchenzehn⸗ tens halber aus ihrem Häuschen vertrieben, ſchon wo⸗ chenlang umherirren und, da der Mann das arme, unter Gottes freiem Himmel von Zwillingen entbun⸗ 200 dene Weib nicht verlaſſen konnte, in Begriff waren, Hungers zu ſterben.“ „Hungers zu ſterben? Nun was iſt daran ge⸗ legen? Ein Haufen künftiger Rebellen und Schreier weniger! Die Jagdgeſetze ſind nicht zu Gunſten ſter⸗ bender Perſonen gemacht. Und was habt Ihr hier zu reden, Schreiber? Ich verbitte mir Euere An⸗ merkungen.“ „Die Leute haben aber doch das Armengeſetz ſür ſich, Ew. Geſtrengen,“ fiel der Konſtable ein, deſſen durch Gewohnheit hartgewordenes Gemüth bei dieſer Gelegenheit ſogar etwas aufzuthauen begann. „Das Armengeſetz?“ fuhr der Richter auf.„Ihr ſeid mir ein rechter Kerl von Konſtable! Wißt Ihr nicht, daß hier zu Lande das Armengeſetz eigentlich zu Gunſten der Armenkommiſſaire, nicht aber, um die Armen zu mäſten, gemacht iſt? Das Armengeſetz! ha, ha, ha! Ihr müßt Euch noch beſſer in die iriſche Geſetzgebung hineinſtudiren, Mſtr. Kartwright, Ihr guter Tropf! Wenn das Armen⸗ und ſo manches an⸗ dre Geſetz dem Buchſtaben nach vollzogen würde, müßte mancher ehrliche Mann, der jetzt hier zu Lande im Wohlſtande lebt, zum Bettler werden. Was habt Ihr noch weiter?“ „Einen Verhaftsbefehl gegen Noddy Drowſy, weil er den Sohn von Thomas Jouny mit ſeinem Wagen überfahren hat.“ „Der arme Noddy!“ rief der Richter mit tiefem Gefühl, denn Noddy war ein Mann, der ſeine Küche nicht ſelten mit einer fetten Keule verſah.„Er ſchlief ſicherlich, als ſein Wagen über den Knaben fuhr?“ „Seinen Ausſagen nach will er geſchlafen haben,“ verſetzte der Gerichtsſchreiber, an den dieſe Frage ge⸗ 201 richtet war.„Doch war dieſes wohl nicht anders zu erwarten.“ „Es iſt mir kein Geſetz bekannt, welches einen Menſchen ſtraft, der im Schlafe ſüntigt, entgegnete die Obrigkeit lachend.„Schlafen doch mitunter die Ge⸗ ſetze bei uns, meine Herren, hahaha!“ „Was ſell aber mit Noddy geſchehen, Ihro Wohl⸗ weiſen?“ fragte der Konſtable, deſſen Geſicht der Aer⸗ ger zu röthen begann, während ſein Blick dem des nicht minder entrüſteten Schreibers begegnete. „Was Ihr doch für ein Holzkopf von einem Kon⸗ ſtable ſeid!“ donnerte jetzt die Magiſtratsperſon.„Hat nicht der Koronner inqueſt gefunden, daß das Kind durch das Wagenrad und nicht durch den armen Noddy getödtet iſt? Mir, als dem Lord of the mawor iſt S das Wagenrad verfallen. Geht, verkauft das Rad, bringt mir das Geld und laßt Noddy ſeinen Geſchäften nachgehen. „Wie Ew. Wohlweiſen befehlen!“ murrte der Konſtable.„Was ſoll aber mit denen geſchehen, die auf den Grund des neuen Geſetzes ſchuldig befur den ſind?“ „Was für ein neues Geſetz? Es gibt deren jetzt, bei meinem Blute! ſo viele, daß ich das eine nicht mehr von dem andern zu unterſcheiden weiß. Laßt die Kerle alle zum Teufel gehen, wenn ſie ihre Steuern bezahlen und gute Unterthanen des Königs ſind. Iſt aber ein einziger von den Independenten darunter, ſo ſpart ihn für die nächſten Aſſiſen auf, damit er gehenkt werde, ſowie allem Volk gebührt, das ſich herausnimmt, von Recht und Billigkeit und geſetzlicher Ordnung zu reden, und wie all der Unſinn heißt, den die verrückten Menſchen in ihren Verſammlungen vorbringen.“—— 202 „So wird alſo Recht und Gerechtigkeit hier durch die Richter und Diener des Königs geübt,“ donnerte ein hereinſtürmender wilder Soldat, dem man den Rebellen⸗Häuptling auf den erſten Blick anſah. Wirk⸗ lich war es Leßlie, der, die letzten Worte Seiner Wohl⸗ weisheit draußen erhorchend, die Thür aufriß und dem Richter zu Leibe ging, der erdfahl und zitternd wie das Laub der Espe, unfähig ſich aufrecht jzu erhal⸗ ten, bei dem Anblick der fürchterlichen, dem Anführer nachquellenden Männer in ſeinen Lehnſtuhl zurück⸗ ſank und keines Wortes zur ſchnellen Erwiderung mächtig war. „Nur eines Blickes bedürfte es, Ihr meineidigen gewiſſenloſen Schurken, in Euere Gerichtsſtuben, in Euere Verhandlungen,“ fuhr Leßlie fort, dicht vor dem zitternden Richter ſtehend,„und der König von Eng⸗ land würde wiſſen, warum Irland unter den Waffen ſteht. Glaubt Ihr denn nicht an einen ewigen ge⸗ rechten Gott, Mann? an ein künftiges Leben und an ein Gericht, vor deſſen Schranken auch Ihr, die Ihr hier unten gerichtet habt, werdet Rechenſchaft geben müſſen? wo allen Tory's und Ariſtokraten mit der⸗ ſelben Wage gewogen wird, womit der Herr der Welt das ſchändlich vergoſſene Blut der unglicklichen Zren, die Seufzer und Thränen der Witwen und Waiſen und das Todesröcheln der Verhungernden abwägt?“ „Herr, wer ſeid Ihr und wer gibt Euch die Er⸗ laubniß, einen wohlbeſtallten, königlichen Richter der⸗ geſtalt mit frevelnden Worten anzureden und zur Ver⸗ antwortung zu ziehen?“ ſtotterte, ſich etwas erman⸗ nend, die ſich ſo plötzlich vor ein fremdes Forum ge⸗ zogen ſehende Gerechtigkeit. „Wer mir die Erlaubniß gibt? Mein Volk! das freie Volk von Zrland! oder eigentlich Sir Lewis 203 D'Donnel, der ächte iriſche Baron, im Namen und von Wegen dieſes freien Volkes der grünen Inſel, und dann auch ich ſelbſt, Leßlie Esquire von Killar⸗ ney in der Grafſchaft Kerry, jetzt Anführer in der Befreiungsarmee unter dem Oberbefehl des gedachten Sir Lewis O'Donnel, Herrn von Lindſayhall, Green⸗ lodge, Balliford et cetera.“ Mit einem ſchweren Seufzer falteten ſich unwill⸗ kürlich bei Leßlie's Worten die Hände des Richters auf gewohnten Stelle über dem wohlgenährten Bauche, und nur der naheſtehende Schreiber vernahm die unter allen Zeichen der größten Seelenangſt her⸗ vorgehauchten Worte:„Der Herr erbarme ſich unſer!“ „Wie? Sie zittern, Sir? Mein Name, wie ich bemerke, iſt Ihnen nicht unbekannt, und doch ſcheint Ihnen meine perſönliche Bekanntſchaft nicht willkom⸗ men zu ſein? Ich glaube es gern, nachdem was ich eben zu ſehen und zu hören Gelegenheit hatte. Ein böſes Zeichen, Sir, wenn die Obrigkeit vor einem Volke zittert, das ſeine Rechte reklamirt!—— O, erhebt Euch, Herr! Auf! ſage ich Euch; rafft Euch auf aus Euerm Geiſtes⸗ und Gewiſſens⸗Schlummer! Ihr ſeid zu einem wichtigen Geſchäft erkoren, wo Ihr Geiſt und Gewiſſen gleich nöthig habt. Steckt alle Euere alten und neuen Codices zu Euch, vergeßt aber auch nicht die allerneueſten Geſetze wegen des Hochver⸗ taihe mitzunehmen; ſie ſind ganz auf den Euch vor⸗ zulegenden Fall gemacht. Eine Jury iſt im Lager ver⸗ ſammelt und erwartet von Euch vie Darſtellung des Verbrechens, um über Leben und Tod eines Großen dieſes Reiches abzuſtimmen. Auch Euern Schreiber dort nehmt mit. Die Rechtlichkeit ſcheint in ihm noch nicht ganz erſtorben. Auch der Konſtable mit ſeinem Stabe, ſelbſt der Henker darf nicht fehlen; * 204 denn ich hoffe, Euere Weisheit wird's bald heraus⸗ haben, daß wir auch eines ſolchen Subjekts bedürfen werden.“ „Aber haben Sie auch bedacht, Sir, daß die Autorität zu einer ungewöhnlichen Sitzung außer der Zeit der Aſſiſen fehlt?“ ſtellte der geängſtete Rich⸗ ter vor. „Die Autorität, muß ich nochmals wiederholen, iſt Sir Lewis O'Donnel an der Spitze von 25,000 Iren und der Befehlshaber des franzöſiſchen Hülfs⸗ corps, der General Humbert. Zudem iſt Irland von Euern Behörden ſelbſt in den Kriegszuſtand erklärt; da ſind die Formen ſuspendirt und jedes Gericht gül⸗ tig auch außer den Aſſiſen. Sowie bei Euch, ſo auch bei uns! Beruhigen Sie daher Ihr Gewiſſen, Sir, und nehmen Sie mein Wort darauf, daß Sie nur nach den beſtehenden Geſetzen des Landes verfah⸗ ren ſollen.“ „Herr, du legſt deinem Knechte eine ſchwere Prüfung auf!“ ſeufzte der hartgedrängte Mann und erhob ſich, als er ſah, daß ihm kein Ausweg übrig blieb, aus ſeinem bequemen Sitze, um dem unwill⸗ kommnen Rufe Folge zu leiſten. Kaum wurde ihm noch Zeit gelaſſen, die nöthi⸗ gen Requiſiten der richterlichen Würde, ſowie die Ge⸗ währskompendien für ſeine juridiſchen Deduktionen zu ſich zu nehmen. Dann trat das Geſammt⸗Gerichts⸗ perſonal, zu dem auch noch der Henker aus ſeiner Wohnung im Stadtgefängniſſe herbeigeholt wurde, trotz der Vorſtellungen des Richters, daß ſeine Wohl⸗ beleibtheit eine ſo weite Fußwanderung nicht füglich werde vertragen können, den verhängnißvollen Weg an, den die ſchlauen Iren ſo ſicher in ihr Lager zu⸗ rückzufinden wußten, daß ſie, ohne Lon den engliſchen 205 Feldpoſten bemerkt zu werden, mit eintretender Dun⸗ kelheit glücklich das Hauptquartier der Verbündeten erreichten. 22. Das letzte, dem Paterlande dargebrachte Oyfer. Dort waren unterdeſſen Lady Eliſabeth und Sally O'Neil angekommen. Die Letztere hatte ſich nämlich beim erſten Strahl des Morgens, als die Nachricht von Lord Kildare's Verhaftung im Hauptquartier an⸗ gelangt war, von Lewis O'Donnels Wunſch und ihrem eignen Herzen getrieben, ſogleich auf ein Pferd geworfen und war nach Rougheligh geeilt, um die vielgeliebte bekümmerte Herrin zu tröſten. Wirklich war Eliſabeth, von den Ereigniſſen des Abends und der Nacht niedergeworfen, des liebenden Beiſtandes der erſehn⸗ ten Freundin bedürftiger, als je. Aber kaum fühlte ſie ſich in Sally's zärtlichen Armen ſoweit wohl, daß ſie den Weg zu machen ſich getraute, als ſie auch, von Angſt und Verzweiflung um das Leben des Vaters geſpornt, Sally vermochte, wieder mit ihr in das Haupt⸗ quartier zurückzukehren. Wie bebte ihr liebendes Herz in Schmerz und Erwartung! Sie ſollte abermals und unerwartet mit dem angebeteten Jugendfreunde ver⸗ kehren und jetzt wegen ihres Vaters, als Gefangenen deſſelben. Der See breitete ſich weit und ruhig aus, ein⸗ 206 geſponnen in die Schleier der abendlichen Dämmerung, und vereinigte ſich, ſeine flachen Ufer ſcheinbar über⸗ fluthend, mit den dunkelblauen Luftwogen des Hori⸗ zonts, ſo daß Alles wie eine troſtloſe, ausgeſtorbene Waſſerwüſte ausſah, ſo weit der ängſtliche Blick auch reichte; nur ein ſchmaler Streif Abendroth im Weſten, der ſein Spiegelbild auch im See fand, ſtand wie ein goldner Himmelsbuchſtabe des Troſtes, wie eine Hiero⸗ glyphe göttlicher Verbürgung, oben im unvergänglichen Blau, und die Waſſer der Erde nahmen den Licht⸗ kuß auf und erwiderten ihn. Dagegen erglänzte das Licht in der Fiſcherhütte von fern recht trübe und traurig, als irdiſcher Stern, und warf keine Strahlen des Troſtes in Eliſabeths ſchwergeängſtetes Herz. Es war ihr ſo weh zu Sinne, als habe die Erde keine Hülfe für ſie und als müſſe ſich ihre Seele mit Inbrunſt an das verheißungs⸗ volle Abendroth klammern, um ſich ihrer Angſt zu ent⸗ ledigen. Als ihr zagender Fuß über die Schwelle der Fi⸗ ſcherhütte ſchritt, trat ihr O'Donnel ernſt und feier⸗ lich entgegen, gleichſam als habe er ſie erwartet. „Müſſen wir ſo uns wiederſehen?“ weinte Eli⸗ ſabeth und ihre Hand zitterte in Sally's Hand.„O Lewis, die zeither ſo klaren Bahnen unſrer Sterne beginnen ſich unheilvoll zu verwirren. Iſt es dahin mit mir gekommen, daß ich vor Dir als eine ſchmerz⸗ lich Bittende erſcheinen muß, bittend um das Leben ihres Vaters? Du haſt ihn in Ketten ſchlagen laſ⸗ ſen, und Alles, was ich gehört, deutet auf das Schreck⸗ lichſte. Glaube mir, Lewis, dieſer wahnbethörte Greis iſt ſchon unglücklich genug! Weihe ſein graues, dem Grabe ſich zuneigendes Haupt nicht einem ſchmählichen Tode. Wollte ich Dir eine Beſchreibung ſeines See⸗ 207 lenzuſtandes machen, Du würdeſt ſchaudern, und Mit⸗ leid für ihn würde jedes andre Gefühl in Deiner Bruſt verdrängen. Lewis, mein Lewis, nimm ihm, nimm mir nicht grauſam die paar Tage ſeines Lebens! Lewis, laß meinen Vater nicht ſterben!“ Sie hatte ihre Hände gefaltet und hob ſie mit einem unausſprechlich thränenſchweren, ſchmerzgeſchmück⸗ ten Flehblick zu ihm empor, während ſie ihren reizen⸗ den Körper langſam vor dem Geliebten auf die Kniee niedergleiten ließ. „Eliſabeth!“ rieſ Lewis, von einem heiligen Schrek⸗ ken durchbebt,„was beginnſt Du? An mein Herz! Hier iſt allein Dein Platz! Und vergönne meinen Thränen, ſich mit den Deinigen zu vermiſchen! Ja, laß uns weinen, weinen! blutige Thränen und lange wei⸗ nen über unſer trübes Schickſal! Was ſind wir arme, machtloſe Weſen, daß wir zu dem weltbezwingenden Geſchick ſagen könnten: Gehorche mir! Schwach iſt unſer Auge, wir wandeln in Finſterniß, und wenn nicht eine gütige Gottheit uns Sterne leuchten läßt, ſo ſind wir wehrlos der Tücke des Zufalls Preis ge⸗ geben. Um uns und neben uns aber weben uner⸗ forſchte Gewalten, ungeheure, geſtaltloſe, ſchauerliche; die faſſen uns beim Scheitel und führen uns— wo⸗ hin? ach! wir wiſſen es nicht. Leuchten uns aber Sterne und blitzt in unſrer Bruſt ein Diamantſpie⸗ gel, der das reine Feuer ihrer Strahlen auffängt und bewahrt, dann mögen wir wohl den Pfad erkennen und uns vertrauensvoll dem Führer überlaſſen, leitet er uns auch durch Schreckniſſe aller Art. Das Ster⸗ nenbild in unſerer Bruſt giebt uns Kraft und Muth, das Aergſte zu beſtehen. O Eliſabeth, unſere Liebe iſt der ſchönſte Stern am Nachthimmel unſeres Lebens, und ſein Widerſchein ungetrübt in unſern Herzen! 208 Vertraue nur mit mir der ihm entquellenden Kraft, und wir werden als Sieger, wenn auch thränenmüde aus dieſem, dem ſchwerſten aller unſerer Kämpfe, her⸗ vorgehen.— Nicht ich bin's, Geliebte, der über Dei⸗ nen Vater zu richten hat; nein, es iſt Irland ſelbſt, es iſt der Verein ſeiner treueſten Söhne. Ich trete ganz in den Hintergrund zurück und habe keine Stimme über den Vater meiner Eliſabeth. Aber anch nicht hemmend darf ich eintreten in den Spruch der Män⸗ ner, die ihr ganzes Vertrauen in mich geſetzt haben; Deinen Vater durch die Gewalt, die ich über ſie be⸗ ſitze, befreien, hieße dieſes heilige Vertrauen bitter täu⸗ ſchen, ihre warme Liebe in Eis tauchen, hieße zum Verräther werden an ihnen und Irland. Lewis D'Donnel, der Verräther ſeines Vaterlandes! Wie markdurchwüthend, wie geiſtzerrüttend klingen dieſe fürchterlichen Worte. Das kann Eliſabeth nicht wol⸗ len, ſelbſt auf Koſten eines ihr werthen Lebens nicht; und wenn ſie es dennoch wollte, ſo würde ich mich ſchmerzlich abwenden und eine Thräne weinen über die größte und herzbrechendſte Täuſchung meines Le⸗ bens und doch ſtark halten an meiner Pflicht. Aber ich irre mich nicht in Dir. Du hältſt gleich mir feſt an dem Wahlſpruch: Irland über Alles! Alſo: Ir⸗ land über Liebe, Irland über Leben! Nichts iſt ſo groß und heilig, nichts ſo innig mit unſerm Herzen ver⸗ wachſen, daß wir nicht aus dem ſchmerzlichzuckenden herausriſſen und der Opferflamme auf des Vaterlan⸗ des heiligen Herd hingäben. Und wenn ſich auch das Herz verblutet, Eliſabeth! wir müſſen doch das Opfer bringen. Mehr als ſterben können wir nicht, und der Tod für das Vaterland iſt ſüß und erhaben.“ „Ja!“ rief Eliſabeth, an ſeiner Bruſt begeiſtert, ob auch Thränen ihre Stimme zu erſticken droheten, 209 „ja, mein Lewis, Du haſt mich groß gemacht in dieſer Stunde, Du haſt mich hinaufgehoben zu Dir. Ich verſtehe, ich fühle, empfinde Dich im Innerſten meiner Seele, und dieſe Seele iſt gewachſen und ſehr groß geworden, ſeit ſie Dich ſo ganz in ſich aufgenommen hat. Nein, Du haſt Dich nicht in mir getäuſcht, mein edler Lewis! Auch ich fühle, daß ich Irlands Tochter bin. Ich verlange nichts von Dir, was Dich und mich ſchändete, und aus meinem blutenden Herzen reiß' ich den Vater und leg' ihn auf des Vaterlandes hei⸗ ligen Herd. Lewis, Lewis, nie hab' ich Dich höher geliebt, als heute.“ „Dank Dir, Eliſabeth! Der Sieg iſt Dir gelun⸗ gen. Doch jetzt— ich bitte Dich— verlaß das La⸗ ger und kehre nach Rougheligh zurück. Die treue Sally ſoll Dich wieder begleiten. Hier tritt eine Jury zuſammen, die über Lord Kildare ein rechtliches Ver⸗ fahren vornimmt; der Richter von Mulindar iſt be⸗ reits eingetroffen. Hier iſt kein Platz für Dich.— Sally, gehe mit der ſchmerzenreichen Lady, tröſte ſie, ſinge ihr eines Deiner Lieder vor; ich weiß, Du ſingſt ſo ſchön. Thue, was Deine Liebe vermag, um den Kelch weniger herbe zu machen. Ich empfehle ſie Dir! Sei ihr Stern in dieſer Nacht.“ „Ich will's!“ rief Sally.„Lege Dein müdes Haupt an mein Herz, arme unglückliche Dulderin; es iſt ein Herz, in welchem Schmerzen ewig geboren wer⸗ den, Thränen ewig quellen, ein Herz voll Unglück und Jammer und darum geſchaffen für das Deine, Herrin! Nach wenigen Minuten ritten ſie wieder am Ge⸗ ſtade des Sees zurück; Eliſabeths Haupt war mit einem Trauerflor umhüllt. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 14 210 23 Rildare vor dem Schwurgericht. 3„ Eine Stunde ſpäter war die Jurh beiſammen. Hell beleuchtete der Vollmond, nur in einzelnen Zwiſchenräumen durch ſchnell vorüber eilendes Som⸗ mergewölk' leicht verſchleiert, das Lager. Die weißen Zeltreihen der Franzoſen erglänzten geiſterhaft, dun⸗ kelnde Geſtalten, kaum hörbar vorüber drängend, ver⸗ ſchwanden in einem großen Zelte in der Nähe des Hauptquartiers. Es war ein reges, aber unheimli⸗ ches Leben im zweifelhaften Mondlicht. In jenem Zelte aber reiheten ſich beim Lichte ho⸗ her Kerzen, zu dieſem Behufe aus des Lords Schloſſe herbeigeholt, die aus Eniskillen eingeladenen Geſchwo⸗ renen um eine runde Tafel. Am obern Ende präſi⸗ dirte der Richter von Mulindar(der von Eniskillen war nämlich bei Annäherung der Inſurgenten entflo⸗ hen, und Leßlie hatte ſich deshalb weiter umſehen müſ⸗ ſen), der bleich wie eine Leiche dem Eintritt des hohen Gefangenen entgegenſah. Ihm gegenüber ſaß ſein Gerichtsſchreiber, dem das Herz ſchon um ein gutes Theil leichter ſchlug, im Gefühl eines minder belaſte⸗ ten Gewiſſens. Im Halbkreiſe umher ſtanden die An⸗ kläger des Lords und deren Zeugen, Michaul O'Don⸗ nel, nachläſſig auf ſeinen Säbel gelehnt, Tim Ruut⸗ han, mit faſt überladener militäriſcher Pracht gekleidet und ſich gewaltig in die Bruſt werfend, Miß Anna, ſeine Frau, ebenfalls in hoher Galla und viel Vor⸗ nehmheit affectirend, wobei ihr ihre hohe impoſante Geſtalt trefflich zu Statten kam, weiter hin Peppy Toole, die alte Wirthin aus der Heideſchenke, auch in ihren Sonntagskleidern, ihr zur Seite der Pater Au⸗ guſtin O'Kelly mit ſeinem ernſten ſteinernen Geſicht, dann zwei Diener Kildare's, die er zu Sendungen in das engliſche Lager gebraucht, und am Ende Lord Werford und Miß Margaret Fitzjames. Dicht an den gezogenen Schranken, wo ein Platz für den Ge⸗ fangenen gelaſſen war, brüſtete ſich der Konſtable mit den Zeichen ſeiner Amtswürde, dem Stabe mit dem Namen Georg des Dritten, ein ſchneidender Kontraſt zu der das Gericht hier verſammelnden Autorität, um eine Anzahl von Zuhörern und Zuſchauern,— auch viele Franzoſen waren darunter— welche im Ver⸗ hältniß zu dem Raume eingelaſſen waren, in Ord⸗ nung zu halten. Ueber dem Ganzen erhaben, ſaßen Sir Lewis O'Donnel und der franzöſiſche General Humbert auf einer Art von Eſtrade, von welcher man das Ganze überſah; um ſie die Häuptlinge und erſten Offiziere. Mit einer Stille, die faſt an die Abweſenheit jeg⸗ lichen Lebens gränzte, und ein Großes dazu beitrug, die Schauer des Moments zu vermehren, hafteten die Blicke der Verſammelten auf dem Eingange, als das Geräuſch taktmäßiger Soldatentritte, das Raſſeln ab⸗ geſetzter Gewehre und Kettengeklirr die Ankunft des Gefangenen verkündete. Die Feſſeln ſielen, beklemmender wurde die feier⸗ liche Ruhe, die Oeffnung des Zeltes rauſchte ausein⸗ ander und herein trat Leßlie, hinter ihm, von einer Wache franzöſiſcher Grenadiere umgeben, der ehemals ſo hochfahrende Mann, dem es jetzt augenſcheinlich an aller Kraft gebrach, das ihn erwartende Schickſal zu ertragen. Das war nicht die Geſtalt eines eifrigen 212 Verfechters einer als Wahrheit erkannten und verthei⸗ digten Meinung; das war nicht die ſtolze Erſcheinung eines kühnen Parteihauptes, mitten unter ſeinen Fein⸗ den, und, dem Tode gegenüber, dieſem und jenem tro⸗ tzend, nicht das Bild ſchwärmeriſchen Märtyrerthums für eine heiliggeachtete Sache, nicht der Repräſentant angeerbter ariſtokratiſcher Grundſätze, nein! in der zu⸗ ſammengebrochenen Geſtalt des Lords erblickte man nur einen Menſchen, der im vollen Bewußtſein ſeiner Verbrechen weder die Kraft beſitzt, den Blick zum barm⸗ herzigen Richter über den Sternen zu erheben, noch den ſelbſt herbeigeführten Endpunkt ſeiner laſtervollen Bahn mit männlicher Ergebung in's Auge zu faſſen. Schreckliche Erinnerungen aus ſeinem frühern Leben, düſtre Bilder aus ſeiner Jugendzeit, die Opfer ſeiner Wolluſt und unmenſchlichen Härte ſchienen im gräß⸗ lichen Reigen während ſeiner kurzen Gefangenſchaft ſeinem innern Auge vorübergeſchwebt zu ſein; denn mit entſtellten Zügen, aller Hoheit verluſtig, an allen Gliedern zitternd und mit ſchwankendem Fuß trat er vor die Schranken. Glanzlos und eingefallen war das Auge, das ſonſt ſo drohende Blitze geſchoſſen, die Farbe des Geſichts mehr erdfahl als bleich, und auf der Stirn, einſt dem Sitze des ungemeſſenſten Hoch⸗ muthes, deren unheildrohende Furchen Diener und un⸗ glückliche Unterthanen zittern gemacht, perlte in gro⸗ ßen Tropfen der Angſtſchweiß, während das ſonſt mit größter Sorgfalt gefaltete Haar, des künſtlichen Schmuk⸗ kes entbehrend, in wilder Unordnung über die Schul⸗ tern herabhing. An der Barre angekommen, warf er einen ſcheuen Blick über die Verſammlung; doch die wilden Blicke, die dem ſeinigen begegneten, vermehrten ſeine Verwir⸗ rung und veranlaßten ihn ſchnell die Augen wieder zur Erde zu ſenken, bevor er noch ſeine Umgebung erkannt hatte. Dabei ſuchte er mit der Hand, gleich einem Blinden umhertaſtend, nach einer Stütze. Leßlie ſelbſt, von einem flüchtigen Mitleiden er⸗ griffen, befahl, einen Feldſtuhl herbeizutragen, und deu⸗ tete dem Lord durch eine Bewegung der Hand an, ſich niederzuſetzen. Jetzt lag wieder die Ruhe des Grabes auf der zahlreichen Verſammlung; ja die Sommernacht hielt den Athem an, und kein Lüftchen bewegte die Lein⸗ wand des Zeltes. Durch die Riſſe und Spalten in der letztern ſtahlen ſich die kalten ernſten Mondſtrah⸗ len herein und trieben mit dem matten Kerzenlicht ein geſpenſtiges Spiel; es war, als ob ſich Beide um eine Leichenwache ſtritten. Auf einen Wink O'Don⸗ nels gab der angſtvolle Richter ein Zeichen mit der vor ihm ſtehenden Glocke und ſagte ernſt:„Die Ge⸗ richtsſitzung iſt eröffnet.“ Viele bebten zuſammen vor dem ſchrillen Tone. „Ihr Männer,“ fuhr der Richter, zu den Um⸗ ſitzenden gewandt, mit hohler Stimme fort,„wir ſind hier, Recht zu ſprechen nach beſtem Wiſſen und Ge⸗ wiſſen im Namen des freien Volks von Irland. So thut denn Euere Pflicht und richtet über gegenwärti⸗ gen Lord Lewis Kildare, hinblickend auf Gott, den oberſten Richter, dem wir müſſen Rechenſchaft able⸗ gen von jedem unnützen Worte, das aus unſerm Munde gehet. „Mylord Kildare!“ redete der Richter dieſen an, „Sie ſtehen als ein ſchwer Beſchuldigter vor dieſen Schranken; Ihnen gegenüber ſehen Sie Ihre Anklä⸗ ger und deren Zeugen; in dem mir zur Rechten ſitzen⸗ den Mr. Taylor, einem ausgezeichneten Rechtsanwalt der Grafſchaft Fermanagh, iſt Ihnen ein rechtlicher 5 Defenſor beſtellt worden. Möge Ihnen und ihm Ihre Vertheidigung gelingen!— Erſter Ankläger, begin⸗ nen Sie!“ Michaul trat vor und ſprach:„Ich klage den Lord Kildare zuerſt des Verraths und hinterliſtigen Mordes an Sir William O' Donnel an, und berufe mich dabei auf das Zeugniß der gegenwärtigen Peppy Toole.“ Der Lord ſchrak bei Nennung dieſes Namens wie aus einem Traume heftig empor und ſtarrte in Peppy's grün leuchtendes Auge, als wenn er ein Ge⸗ ſpenſt vor ſich ſähe; ſeine wenigen Haare ſträubten ſich, ſeine Hände krampften ſich in den Stuhl, und in ſeinen Zügen malte ſich alles Entſetzen, deſſen ein von Todesangſt zerwühltes Geſicht in letzter Steigerung noch fähig iſt. Doch in demſelben Augenblicke unter⸗ brach Lewis den Ankläger mit den heftig ausgeſtoße⸗ nen Worten:„Halt, Mie! das iſt gegen die Ver⸗ abredung. Nichts, was mich oder meinen Vater be⸗ trifft, darf in der Anklage vorkommen; ich verzeihe dem Lord jeden an mir begangenen Frevel; möge ihm Gott alle andern verzeihen!“ „Du haſt ein Recht, über Alles zu verfügen, was Deine eigne Perſon betrifft, Lewis,“ verſetzte Mi⸗ chaul feſt;„nicht ſo, was Sir William angeht, der eben ſo gut mein Vater war, wie der Deinige, und Du ſelbſt haſt mir die Rechte eines Sohnes Deines Vaters geſetzlich zugeſtanden. Ich aber halte mich be⸗ rufen, Sir William zu rächen. Du, mein Bruder, biſt das milde Licht, das erleuchtet und erwärmt; ich aber bin die Flamme, die zürnend einherfährt und verwüſtet; Du biſt das Scepter, das lenkt und regiert, ich aber das Schwert, das verwundet und tödtet.— Ich verharre bei meiner Anklage auf Verrath und 215 Mord an Sir William O'Donnel. Ich klage den Lord ferner des Meineides und Verraths an den Ge⸗ ſandten der franzöſiſchen Regierung an, endlich des Hochverraths an der iriſchen Nation, des frevelhaften Mords an ſeinen Unterthanen, der Bedrückung, der Felonie, der Beſtechung und rufe zu Zeugen auf die gegenwärtigen Miß Anna Reil und Margaret Fitz⸗ james.“ „Margaret?!“ ſtöhnte der Lord aus tiefer Bruſt, und ſein Auge rollte glühend umher, die Genannte zu ſuchen.„Margaret, iſt's möglich? Du zeugſt gegen mich?“ Und der Jammerton wurde ſcharf, wie ein gewetztes Schwert. „Mylord, ich muß mir jede Vertraulichkeit ver⸗ bitten!“ verſetzte die Dame vortretend und auffahrend mit ſtolzem Ungeſtüm.„Ich wüßte nicht, was wir mit einander gemein hätten, und dieſe Ihre Sprache rechtfertigte, wenn es nicht von Ihrer bekannten Nie⸗ derträchtigkeit erſonnen wäre.“ Der Lord ſeufzte und ſchwieg; Tim aber wandte ſich gegen ſeine Feindin und flüſterte:„Gut geſungen, Rabe! Das ſöhnt mich wieder mit Euch aus, Dame. Aber ſchlecht iſt es doch.“ „Haben Sie weiter nichts vorzubringen?“ fragte der Richter. „Nein!“ war Michauls Antwort, der zurücktrat. „Zweiter Ankläger, treten Sie vor und reden Sie Tim warf ſich in die Bruſt, ſchritt gravitätiſch vor, mit ſeinem Säbel raſſelnd, ſtrich ſich den ungeheuern Backenbart, wie einen Flederwiſch in die Höhe, räusperte ſich und ſprach mit krähender Stimme:„Ich klage den Lord Kildare an, daß er niemals ſeinen Vaterpflichten gegen mich nachgekommen; ferner, daß er mich verlockt, 216 ihm die edelſten Männer zu verrathen, damit er ſie dem Tode weihe, des Wortbruchs an mir und blutiger Mißhandlung an meiner Perſon, des Betrugs, des Hochverraths an der iriſchen Nation, endlich des beabſichtigten Meuchelmords unſrer edlen Häuptlinge. Meine Zeugen ſind Peppy Toole, Miß Anna Ruu⸗ than, meine Gattin, Miß Margaret Fitzames, Lord Werford, der nicht als Gefangenet, ſondern als freier Mann hier ſteht, und endlich Lord Kildare's eigne Leute.“ „Auch Werford?“ bebten des Lords bleiche Lippen kaum vernehmlich.„Barmherziger Gott!“ „Ich bitte das Gericht,“ fuhr Tim fort,„den Lord Kildare zuerſt zu vermögen, daß er mir Auf⸗ ſchluß gebe über meine Entſtehung und mich als Sohn anerkenne.“ „Dies iſt nicht unſere Sache,“ verſetzte der Richter. „Nein, das iſt allein die meinige,“ ſagte die alte Schenkwirthin und trat an den Angeklagten heran, ihre dürre Hand mit gemeiner Vertraulichkeit auf ſeinen Arm legend.„Nicht wahr, Mylord Kil⸗ dare?“ Da loderte der Stolz des gebeugten Mannes noch einmal auf und, entrüſtet über des Weibes Frechheit, rief er:„Zurück, Du Unhold! Haſt mich oft genug gepeinigt in meinen beſſern Tagen; was willſt Du jetzt hier, Nachteule?“ „Das Werk der Rache vollenden, auf daß meine Prophezeihung an Euch in Erfüllung gehe! Euch einen Spiegel vorhalten, worin Ihr Euer vergange⸗ nes Leben klar erkennen mögt und Euch darin zu Euerer Qual Alles aufhellen, was Euch noch dun⸗ kel iſt. Deshalb ſtehe ich hier; denn der Tag der 217 Rache iſt angebrochen, und die Stunde der Vergel⸗ tung iſt gekommen. Euer Haupt iſt gezeichnet, wie der Holzhacker den Stamm im Walde zeichnet, den er zu fällen gedenkt, und der Würgengel hat ſchon das Schwert auf Euch gezückt. Aber ſein Schlag ſoll Euch nicht eher treffen, bis Ihr Alles wißt, was ich weiß.“ „Weib, ſchweige!“ rief der Lord, von einer bö⸗ ſen Ahnung gewaltſam ergriffen, als müßten ihre Worte ihm noch größere Schrecken bereiten, als ihn bereits umringten.„Ich will nichts hören von Dir.“ „Du ſollſt es hören, Mann!“ kreiſchte Peppy. „Ich kann Dir nichts erlaſſen. Es iſt nichts weiter, als eine gerechte Vergeltung. So wiſſe denn, Kildare, Du ſtolzer Lord, daß Du in Eliſabeth die leibliche und eheliche Tochter jenes Dir ſo fürchterlichen Evans O'Neil erzogen und geliebt haſt, und daß Dein leib⸗ liches und eheliches Kind jene unglückliche, geſchändete, arme Sally iſt, die den Namen O'Neil mit Unrecht führt! Hier ſind die unwiderleglichen Beweiſe!“ Mit dieſen Worten zog ſie die Papiere hervor, welche ſie durch ihre Tochter vom Pater O'Kelly hatte holen laſſen, um damit den Lord zu Lewis O'Donnels Be⸗ freiung in Dublin zu vermögen.„Aber der nachdrück⸗ lichſte Beweis meiner Angabe ſteht hier im Pater Auguſtin ſelbſt.“ Der Lord ſaß ſprachlos, ein Erſtarrter, und blickte wie wahnſinnig in das grinſende Geſicht der Alten; man konnte nicht unterſcheiden, ob er noch lebe. Deſto mehr Leben und Bewegung war plötzlich in den Uebrigen erwacht und mit dem Ausrufe:„All Ihr himmliſchen Nothhelfer und Fürſprecher! Was ſagſt Du da, Peppy?“ ſtürzte Lewis O'Donnel von ſeinem 218 hohen Sitz auf die Alte zu, faßte ſie beim Arm und ſchüttelte ſie. „Die Wahrheit, Sir Lewis!“ ſagte O'Kelly feierlich. „Die Wahrheit Euere Gnaden!“ ſprach Peppy. „Ueberzeugt Euch! Wir ſind bereit, jeden geforderten Beweis zu liefern.“ Lewis O'Donnel riß mit zitternder Haſt die Papiere von einander, und ſein Auge flog glühend über die Zeilen, gleichſam als ſei all ſein Leben bis zu dieſem Moment nichts geweſen und baue ſich erſt jetzt, wie ein ſchimmernder Feenpalaſt, aus dieſen verhängniß⸗ vollen Schriftzeichen in die dämmernde Zukunft hin⸗ ein.„Es iſt dem alſo!“ ſagte er endlich mit freudig bewegter Stimme.„Eliſabeth iſt Evans ONeils und Sally Lord Kildare's Tochter. Dieſe Beweiſe entfer⸗ nen jeglichen Zweifel.“ Kildare verbarg bei dieſen Worten mit der einen Hand ſein Geſicht, während er mit der andern ein abwehrendes Zeichen machte, als wolle er den in Peppy ihm nahenden Racheengel abhalten. Doch hohnlachend fuhr dieſe fort:„Ha! weiß ich endlich, nachdem alle meine Reize längſt verblühet ſind, noch im ſpäten Alter Dein Felſenherz zu rühren? Sieh' es war die Gattin jenes O'Neil, die Du von Haus und Hof in's Elend getrieben, die aus Rache Dein Blut ſchändete und Dein Kind zur Luſtdirne er⸗ zog. ONeil führte das einzige ihm gebliebene Kind an unſre Küſten und iſt in dem Wahne, Sally ſei ſeine Tochter, geſtorben.“ „Weib, was konnte Dich zu ſo fürchterlicher Rache bewegen?“ rief Lewis O'Donnel ſchaudernd. „Daß weiß dieſer hier,“ erwiderte Peppy auf den Lord deutend,„und Ihr, gnädiger Herr, ſollt es 219 noch erfahren. Was hat denn der Ire für all ſein namenloſes Elend als ſeine Rache? Sie iſt ihm als einziger Erſatz unausſprechlicher Leiden zur ſüßen Ge⸗ wohnheit, zur unabweisbaren Nothwendigkeit gewor⸗ den, wie die erſten Lehensbedürfniſſe. Der Vater weiht das neugeborne Kind mit einem Fluche über ſeine Unterdrückung zur Rache ein; er nimmt dem Knaben das Rachegelübde ab, wenn er ihn in die Welt führt, und hinterläßt ihm ſterbend einen Rachefluch als ein⸗ ziges Vermächtniß. Das iſt die Natur treuer Erins⸗ kinder geworden, und ich bin ſtolz darauf, eine ächte Irländerin zu ſein.“ „Hemme jetzt den Fluß Deiner grauſamen Rede,“ ſagte Lewis,„die geeignet iſt, in jedem noch menſch⸗ lich ſchlagenden Herzen die Stimme des Mitleids für den Lord zu erſticken, und folge mir ſchnell. Auch Ihr, hochwürdiger Pater, begleitet mich! Ihr Herren vom Gericht aber, vernehmt die andern Zeugen. Dieſe Frau kann nicht als Zeugin gelten, da ſie, wie Ihr eben gehört, allein von Rachedurſt geleitet wird. Setzt der Jury das Verbrechen auseinander, Herr Richter, und Ihr Herren Geſchworenen, ſtimmt ab, ſowie Ihr es nach reiflicher Erwägung vor Gott, vor Euerm Gewiſſen und vor Irland verantworten könnt. Kein Haar, bei meinem Leben! ſoll Euch gekrümmt werden, wenn Ihr andre Gründe habt, als die Furcht vor unſern Feinden, gegen die ich Euch durch ein Doku⸗ ment zu ſchützen gelobe, die Freilaſſung des Gefange⸗ nen auszuſprechen.“ Ein lautes Murren erhob ſich im Zelte bei den letzten Worten des Baronets; doch des Baronets zür⸗ nender Blick, womit er hoch aufgerichtet in ruhi⸗ ger Würde, die Verſammlung muſterte, war hin⸗ 220 reichend, ſogleich die frühere Ruhe wieder herzu⸗ ſtellen. Raſch zog er die beiden Alten aus dem Zelte; Befehle ertönten draußen, und ſchon nach wenigen Minuten war das zweiſitzige Fuhrwerk angeſchirrt und des Baronets Abdul geſattelt. Wie im Fluge ging's nach Rougheligh zu; der heilige Ungeſtüm der Liebe war's, der die Pferde zu ſo ſchnellem Schritt antrieb. 24. Die Lochter Erins. Eine laue, freundliche Sommernacht goß ſtille Träume und der Vollmond lichten Frieden auf die Inſel. Ueber den umfangreichen See, gebannt in kry⸗ ſtallene Ruhe, ſchiffte das helle Bild des Mondes, und auf der runden Scheibe drängten ſich winzige Waſſergeiſter im geräuſchloſen Tanz. Dem armſeli⸗ gen Acker, dem dürftigen Gehöfte und der elenden Hütte wob der mildthätige Zauberer Mond ein neues licht⸗ ſchönes Kleid und umhüllte freigebig Armuth und Elend mit glänzendem Silberſchleier. Aber wie das Licht des Mondes nur Schein, ſo iſt es auch das Glück, das er bringt; es iſt der Friede des Schlafes, die Ruhe des Todes. Erſt ſchickt der Scheinbeglücker ſeine gewaltigen Diener voraus, welche die Welt in Ketten und Banden legen, die düſtre Nacht, den mächtigen Schlaf, den bunten Traum, und erſt, wenn dieſe ihr Werk vollbracht, beginnt er das ſeinige und küßt mit dem Lichtmund milde Glanzküſſe auf das erſtarrte Le⸗ ben. Und über daſſelbe fliegt ein unbewußtes, weh⸗ müthiges Lächeln; um die verklärte Stirn der Schlä⸗ fer zuckt die unausſprechliche Wolluſt der Schwermuth, um die bleiche Wange, um den verſchloſſenen Mund weben göttlich ſüße Geheimniſſe; der ſchwarze Jammer wird zum lichten Schmerze, die Verzweiflung zur Hoff⸗ nung, die Hoffnung zur ſeligen Erfüllung verklärt, und über das Geſicht der armen Bedrängten gleiten und hüpfen die im Bewußtſein nur leiſe geahneten Wonnen einer ſchönern Welt dahin. Auch todbringend iſt des Mondes Kuß. Und iſt der Tod nicht der ewige Friede, das ewige Glück? Vielleicht het dann der Schein ein Ende, und die Wahrheit beginnt. Und wär' es auch nur neuer Schein von Glück, er wird ja doch durch kein Erwachen geſtört. Um das Antlitz der Leichen ſpielt es, wie Mondesglanz; als hätte ſie der ſile bleiche Himmelswanderer geküßt, ſo liegt um ihren Mund der zu ſeliger Wonne verklärte Erdenſchmerz, und die Unſchuld ſchmückt ſie mit ihrer Farbe. Nicht ohne tiefe und wahre Bedeutung war bei den Helenen der Mond ein freundlicher Todbrin⸗ ger; gewiß, der Mond und der Tod ſind nahe ver⸗ wandt, vielleicht, wie Urſache und Wirkung, gewiß mehr noch, als in ihrer bleichen, ſtillen Herrlichkeit. Hat man doch Kinder, noch Engel auf Erden, todt gefunden, die ſpielend— mit Blumen— im Strahl des Vollmonds eingeſchlafen waren. Und ewigen Frieden, unſtörbare Ruhe— todver⸗ kündend waren die Lichtküſſe des Mondes in dieſer Sommernacht vielen ſchmerzkranken, wildbewegten, ver⸗ zweifelten Herzen Irlands; eine Todesahnung flog im Mondſchein über die Gefilde und berührte Schläfer und Wachende; wie ein Leichentuch lag der Silber⸗ 222 ſchleier über den Gefilden, bereit, ſeine Leichen zu em⸗ pfangen; aus den Bäumen flüſterte es, wie ein be⸗ ruhigendes Sterbelied, und um die Lippen der Land⸗ ſchaft zuckte es ſchwermuthlächelnd, wie eine verhaltene Todtenklage. Auch die Seelen zweier Mädchen waren von die⸗ ſer Ahnung ergriffen, die Hand in Hand durch die verraſten Gänge des ſich weit an den Ufern des Sees ausbreitenden Parks gingen. Wie Schneemaſſen hing der Mondſchein in den grünen Blätterbüſcheln der Bäume, die einzelne Flocken auf die ſchwermüthig da⸗ hin Wandelnden herabſtreuten. Man hätte ſie für ein glückliches Liebespaar halten können; denn die eine trug eine reiche, ſchöne Uniform und hatte die andre umſchlungen. Liebende waren es wohl, aber ihre heiße Liebe hatte keinen Beigeſchmack von Leidenſchaft, ſie war das in Licht gekleidete ätheriſche Kind des Her⸗ zens, der reine himmliſche Engel, durch deſſen beſeli⸗ gendes Lächeln nur noch ein einziger Zug irdiſchen Schmerzes zitterte. Von den Friedensſtrahlen des Mondes berührt, von der warmen Ruhe der Lüfte angehaucht, vom Troſtwort der Freundin beſänftigt, hatte ſich Eliſabeths grimmer Schmerz in Thränen⸗ thau gelöſt, und wie die Erde, obgleich erhellt, doch auch wieder verſchleiert, ſich dem Blick der Mädchen in jenem magiſchen Lichtglanz undeutlich zeigte und ſie nur ihre vom Mond erduldete, höhere Todesweihe ahnen ließ, ſo kehrte ſich auch ihr geiſtiger Blick vom gemeinen Irdiſchen ab und erfaßte in heiligen Ahnun⸗ gen die über das Leben ausgegoſſene, geiſtige Ver⸗ klärung. „Groß und den Muth bewältigend iſt Ihr Schmerz, Mylady,“ ſagte Sally mit zutraulicher Wärme.„Sie haben dem Geliebten, dem mit Recht angebeteten Manne, deſſen Herz Sie beſitzen, mit einer ſtillen Thräne entſagt; nicht irdiſche Rückſichten konnten ſo innig verbundene Seelen vermögen, ſich auf dieſer Welt nicht ganz anzugehören, nein, es iſt die heilige Scheu vor den Manen eines vom Haß gemordeten Mannes; Sie haben das große Unglück erfahren, Ihren Vater nicht nach den in unſre Herzen geſchriebe⸗ nen Geſetzen handeln zu ſehen, Sie müſſen endlich er⸗ leben, daß dieſer Mann, an den Sie durch die Bande des Bluts und der Liebe gefeſſelt ſind, in ſeine Andern gegrabene Grube geſtürzt iſt; aber wie der erſte Schmerz um den Geliebten Ihres Herzens edelſte Blüthe, die Erhebung in gottfreudigem Muthe, getrieben, der zweite um den auf Abwegen gehenden Vater, wie eine heiße Sonne, dieſe Blüthe gezeitigt, ſo wird der jetzige ſie zur Frucht bringen.“ „Ja, zur Frucht bringen und die Frucht ſchnell zur Reife,“ ſagte Eliſabeth eintönig,„und wenn die Frucht reif iſt, wird ſie— fallen.“ „Und iſt das nicht Aller Loos? Glauben Sie mir, Mylady, jene Schmerzensfrucht, deren Blüthen⸗ duft Sie mit ſo thränenreicher Schwermuth berau⸗ ſchet, zittert ſchon gelb und reif am ſchwanken Zweige meines entblätterten Lebensbaumes.“ „Sally, die Schwermuth meines Schmerzes hat Dich angeſteckt. Du biſt ſo bewegt, Mädchen!“ „Nicht angeſteckt, Mylady! Es kommt daher, weil mein Leben vom bleichen Lichte des Mondes die rechte Beleuchtung erhält. Ich erkenne in dieſer Nacht Alles klarer, als je, und die Schmach meiner Ver⸗ gangenheit liegt hinter mir mit ſchmerzlichen Zügen, die ſich mir in die⸗ Seele wühlen. Was iſt doch Alles, was Sie ertragen haben, gegen das furcht⸗ bare Loos, das mir fiel! Ich kann mich keiner 224 Freude auf Erden rühmen. Elend, Jammer, Ver⸗ zweiflung, Schande, ſie waren die Begleiter meiner Schritte. Und die Blumen, die auf meinem rauhen Wege nur ſpärlich blüheten, ich durfte ſie nicht pflücken, durfte mich nicht neigen, um ihren Duft zu athmen.“ „Du biſt ungerecht gegen Dein Schickſal, Sally. Die Freundſchaft hat ſich beeilt, Dir lindernden Bal⸗ ſam auf die Wunden zu träufeln, die Liebe—“ „Die Liebe!“ ſchrie Sally auf.„Darf die Ge⸗ ſchändete, die Schmachbedeckte lieben? O, Mylady, Sie haben keine Ahnung von dem Jammer, der in dieſer Bruſt hauſt, und an meinem Herzen nagt ein nimmerſatter Geier.— Ja, ſie dürfte wohl lieben, darf doch auch der gefallene Engel mit liebender Sehn⸗ ſucht nach Gottes Herrlichkeit aufſchauen, darf doch der verlorene Sohn wieder in das Haus ſeines Va⸗ ters treten, und es iſt Freude über ihn. Aber mit mir hat es Gott noch gnädiger gemacht; er hat mich gewürdigt, mich zu einem großen Werke der Liebe aus⸗ zuerſehen, er hat mich zu einer heiligen Sendung be⸗ ſtimmt. Durch dieſe büß' ich eigne und fremde Schuld ab und ſühne das ſchwarze Schickſal, das la⸗ ſtend über meinem Haupte hängt. Ja, ich glaube und hoffe mit Vertrauen: Gottes Barmherzigkeit wird es gut mit mir wenden.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Mädchen!“ rief Eliſa⸗ beth erſtaunt.„Was iſt das mit Dir? Ich wollte von der Liebe Deines Vaters und von deſſen Charak⸗ ter reden, der Dir ein Erſatz für viele Leiden ſein müſſe, und Du ſprichſt mit ſeltſamen Worten von der Liebe ſelbſt. Sally, Du liebſt, liebſt hoffnungslos, wie ich; das iſt mir aus Deiner Rede klar geworden. Auch Dich hat das Leben um der Liebe ſüßeſte 225 Gewährung betrogen; Sally, Sally, ſchütte mir Dein Herz aus, entdecke mir Dein Geheimniß!“ „Sie irren, Mylady! Meiner Liebe wird reichliche Gewährung. Mehr, als ich hoffen und erwarten durfte, iſt mir zugefallen, bei all meinem trüben Un⸗ glück ein beneidenswerthes Loos. Ja mein dunkles Geſchick, das mich erſt ſo tief geſtellt, hat mich wie⸗ der hoch erhoben, und wenn ich meine Sendung er⸗ füllt, die ich klar erkannt habe, dann bin ich verſöhnt mit ihm.“ „Du ſprichſt immer räthſelhafter.“ „Die Räthſel werden ſich löſen. Leiſer wie des Herbſtes erſter Bote durch die gelbangehauchten Blät⸗ ter des Baumes ſchauert eine Todesahnung durch meine Seele. Ja, Eliſabeth, ich werde fallen in dieſem Kampfe, ich muß fallen, ſo will es mein mir freundlich gewordenes Schickſal; es iſt mir dieſe Ge⸗ nugthuung ſchuldig, und es wäre von Neuem grau⸗ ſam, wenn es mir nicht Wort halten wollte. Nach meinem Tode ſollen Sie erfahren, was Ihnen wiſ⸗ ſenswerth dünken mag. Weinen Sie nicht, Mylady, ich bin heiter und glücklich. Gott hat es in jüngſter Zeit gut mit mir gemacht; er wird es noch beſſer machen. Er wird mit liebenden Vaterarmen ſein Kind aufwärts tragen und die Hände auf die Wunden deſſelben legen, daß ſie heilen in ewiger, ewiger Ruhe. O, nicht vergebens hahen Sie meines Vaters erwähnt, Mylady! Drei Sterne leuchteten mild und tröſtlich in meines Lebens Nacht. Mein Vater war der erſte, und mein Blick hing lange an ſeinem Licht. Ich bin ſtolz darauf, Evans ONeils Tochter zu ſein. O dies iſt ja der einzige erhebende Stolz meiner Seele! Für viele Leiden hat dieſer Stolz mich getröſtet; er war mein unveräußerliches Kleinod. Es hebt mir die Bruſt, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 15 226 wenn ich auf Evans' Leben und Thaten zurückſchaue. Er ſtarb für Irland, wie er für Irland gelebt, und das weite Meer, das Irlands Felſenküſten umrauſcht, iſt meines Vaters Grab. Darum haben ſie mich auch die Tochter von Irland genannt, und dieſer Name hat manchen Schmerz gelindert. Und ſo will ich er⸗ warten, wie's der Himmel fügt. Iſt doch mein erſter heißer Wunſch erfüllt worden und das Schwert, des Vaterlandes Heil und Hort liegt, in meiner, der ſchwa⸗ chen Jungfrau, Hand. Irlands Tochter darf für Irland kämpfen in den Reihen von Irlands Söhnen. So wird mir auch der zweite Wunſch nicht verſagt werden.“ „Und welcher iſt dieſer?“ „Für Irland zu ſterben, wie mein Vater für Irland ſtarb.“ 8 „Deine Worte klingen ſo mild und ſanft und doch ſo todesſchaurig,“ verſetzte Eliſabeth, wehmüthig ſelig bewegt„ſie gleichen dem Mondſchein dieſer Nacht. Du ſprachſt von drei Sternen Deines trüben Lebens und nannteſt nur Deinen Vater als den erſten. Wer ſind die andern?“ „O, wenn es Ihnen Ihr Herz nicht ſagt, My⸗ lady, mein Mund vermag es nicht!“ rief Sally ſchmerzlich, und plötzlich zerriß der Schleier vor Eliſa⸗ beths Augen; klar und offen lag Sally's Lieben und Leiden vor ihr, und ein heiliger Schauer flog durch ihre Seele. Stumm zog ſie das Mädchen an die Bruſt, und Sally's Haupt ruhte einige Augenblicke ſelig an Eliſabeths Herzen; es war eine Minute voll Himmelswonne auf Erden, es war die Weihe ei⸗ ner ſtillen, aber hohen Begeiſterung. Sally faßte Eliſabeths Hand und zog ſie in das Schloß; kein Wort wurde zwiſchen Beiden ge⸗ —— 227 wechſelt. In Eliſabeths Zimmer lehnte ihre Harfe am Sopha. Sally ſetzte ſich, griff in die Saiten des Inſtruments ub ſang: „Das Frühroth blutet am Himmelsthor; Vom Lager fährt eine Magd empor; S iſt nicht Jungfrau, ſie iſt nicht Weib, Vom Elend geſchändet ward ihr Leib. Ihr blühet nimmer ein irdiſches Glück, Drum ſchweift nach dem Frühroth ihr brennender guc; Da tritt das Vaterland zu ihr herein Und ſpricht: Du ſollſt meine Tochter ſein. Steh auf! Ich habe Dich auserſehn, Dem treuſten Iren zur Seite zu ſtehn! Nimm Kleid und Waffen von meinem Herd Und gürte die Hüften mit meinem Schwert! S treu im Kampfe den theuern Sohn, Dafür gelob⸗ ich Dir reichen Lohn, Siehſt Du den goldenen Morgenſchein? So herrlich ſoll Deine Vergeltung ſein.— Der Tag iſt vergangen, die Racht bricht an, Die Magd hat treu ihren Dienſt gethan;— Wo iſt doch das Morgenroth hingeflohn? Das Mägdlein hat es empfangen als Lohn. Sie wandelt mit Morgen und Abendglut Sie hält euch immer in treuer Wut. Sie ſchaut auf euch mit den Sternen der Nacht, Bis ihr es ſelber auf Erden vollbracht.“ Die tiefe Schwermuth, die aus der ſeltſamen Sangweiſe des Kindes und aus der klagenden, ge⸗ dämpften Altſtimme Sally's hervorſchluchzte, ergriff Eliſabeth mächtig. Es klang ſo viel unausſprech⸗ licher Schmerz und doch auch wieder ſo viel warme Sehnſucht daraus, daß Eliſabeth weinen mochte und 15* doch ſo ſelig erfreut lächelte. So auch ſchwang ſich das Lied, ein Engel mit irdiſchen Thränen im Auge, aber im Wiederſchein des jenſeitigen Morgenroths glänzend, wehmüthig lächelnd, als ein Anmeldebote aufwärts. „Sally, Sally!“ rief Eliſabeth und ſchloß die plötzlich Erſchlaffende in die Arme. „Ich bin recht müde,“ ſagte dieſe leiſe,„die An⸗ ſtrengungen dieſer Zeit rächen ſich an meiner körper⸗ lichen Kraft. Ich ſehne mich zu ſchlafen, feſt zu ſchlafen und neue Kraft zu ſammeln; ich werde ſie morgen bedürfen.“ „Komm' und nimm mein Bett ein, armes Mäd⸗ chen!“ Und Eliſabeth führte ſie in ihr angrenzendes Schlafzimmer. Sally entkleidete ſich nur halb und entſchlief bald. Aber Eliſabeth fühlte ein heiliges Bedürfniß zu beten. Rein und leidenſchaftlos, frei von Angſt und Verzweiflung, mit ruhiger Ergebung in Gottes Willen, trug ſie ihr in Andacht brennendes Herz vor den Vater der Welt. Die Enthüllung. Sie hatte lange ſchon auf den Knieen liegend durch das geöffnete Fenſter nach dem tiefblauen ge⸗ ſtirnten Himmel geblickt und lantloſe Gebete für das ewige Heil ihres Vaters emporgeſandt, als Pferdege⸗ trad und Wagengeraſſel ſie aufſchreckte. Haſtig mit hochklopfendem Herzen eilte ſie nach der Thüre, um 229 nachzuſehen, wer die Angekommenen ſeien und was ſie brächten; da ſtürmte ihr Lewis O'Donnel entgegen und ſchloß die Erſtaunte mit dem Ausrufe in die Arme:„Mein, mein biſt Du, Eliſabeth! Wir ſind vereint, ewig, unzertrennlich. Wir ſind als Sieger aus dem Streit des Lebens hervorgegangen, und das Leben ſelbſt reicht uns ſchon jetzt die belohnende Palme dafür. Ja, Eliſabeth, wir dürfen uns beſitzen, dürfen uns angehören ſchon auf Erden und kein ungeſühnter Schatten wehrt zürnend unſerm Bunde.“ „Wie? iſt mein Vater nicht der Mörder des Deinigen?“ fragte Eliſabeth, und ihre Züge verklär⸗ ten ſich in ſchöner Hoffnung. „Nein, Geliebte, Dein Vater iſt nicht der Mör⸗ der des meinigen; denn Lord Kildare iſt nicht Dein Vater!“ „Lord Kildare nicht mein Vater? Was redeſt Du., Lewis?“ „Die Wahrheit, meine ſüße Braut! Freue Dich, es iſt Alles erwieſen. Sally iſt Kildare's Tochter, und Du biſt das Kind des unglücklichen Evans NNeil. Hier dieſe beiden Alten werden Dir meine Worte be⸗ ſtätigen, werden Dir alle Beweiſe liefern.“ Damit deutete er auf Peppy und OKelly, die unterdeſſen, von Eliſabeth unbemerkt, hereingekommen, hinter ihm ſtanden.„Kennſt Du ſie?“ „Ich grüß' mit Gott, Mylady!“ ſagte die Schenk⸗ wirthin knixend. „Gottes Segen auf Dein Haupt, geliebte Tochter der wahren Kirche!“ ſprach OKelly feierlich, die Hand über Eliſabeth erhebend. „Mutter Peppy! Pater Auguſtin! Soally! Kildare! O'Neil!“ flüſterte Eliſabeth in ſich hinein und faßte ſich an der Stirn.„Wie iſt mir denn? Wach' ich, ———— ———— 230 oder träum' ich? Sagte man mir nicht, daß ich nicht Lord Kildare's Tochter ſei?“ „So iſt es die Wahrheit,“ verſetzte Peppy. „Wir können's bezeugen, der hochwürdige Pater und ich, und haben auch alle Papiere, die zum Beweiſe nöthig ſind, bei uns.“ „Und wer bin ich denn, alte Frau?“ ſchrie Eliſa⸗ beth auf. „Wie Euch der gnädige Squire ſchon geſagt, Maſter Evans O'Neils— Gott ſchenke ihm ewigen Frieden!— eheliche und leibliche Tochter.“ „O Himmel! Wie iſt das möglich! Macht mich doch nicht wahnſinnig mit Euern Reden! Zuviel des Schrecklichen ſtürmte ſchon auf mich herein!“ „Dankt es doch Gott und den Heiligen, Miß Eliſabeth, daß der Mann, der jetzt ſein böſes ſelbſtge⸗ ſchaffenes Schickſal erfüllt, nicht Euer Erzeuger iſt.“ „Barmherziger Gott! Ich weiß nicht, was ich rede. Ich freue mich, und bin erſchrocken, ich bebe und mein Herz ſchwillt vor Entzücken; die widerſpre⸗ chendſten Gefühle ziehen mich hin und her.“ „Beruhige Dich, mein ſüßes Herz!“ ſagte O'Don⸗ nel,„und höre der Erzählung dieſer alten würdigen Leute zu. Sie ſind mir aus dem Hauptquartier hier⸗ her gefolgt, um Dich über Alles aufzuklären.“ „Kommt, Mutter Peppy! Kommen Sie, hoch⸗ würdiger Herr, und ſetzen Sie ſich! Erzählt mir, liebe Leute, aber wundert Euch nicht, wenn ich Alles wieder vergeſſe. Mein Kopf iſt verwirrt und brennt fieberiſch. O Gott, wie iſt doch das ſo ſeltſam! Ich kann es noch nicht glauben und begreifen. Doch erzählt mir, Peppy, erzählt!“ „Ja, Evans O'Neil, der edle Ire, der Mann 231 aus dem alten vornehmen Geſchlecht der Häuptlinge, vom Elend geſäugt, kühn und verwegen gemacht durch den Jammer und geſtorben als Held, das war Euer Vater. Haltet feſt an dem großen Gedanken, daß dieſer ächte Irländer, dieſer Märtyrer für des Vaterlandes Freiheit, Euer Vater war, und daß er, gleich Allen, die ihm ähnlich ſind, wie ein heller Stern an Irlands dunkelm Himmel der Nachwelt leuchtet, während Kildare's Andenken mit Fluch bela⸗ den auf ſie übergehen, ſein Name zum Wetzſtein dienen wird, die Rache der Kinder und Enkel unfrer Zeit zu ſchärfen.“ „Aber Sally! Sally, die Unglückliche! die Arme Wollt Ihr grauſam ihr auch den Vater, ihren ein⸗ zigen Schatz, ihren Stolz, ihre Lebensnahrung rau⸗ ben?— Doch ſtill! Mir kommt ein Gedanke. Nicht vergebens ſchickte ihr ein barmherziger Gott den Schlaf. Ihr habt mir O'Neil zum Vater geſchenkt; aber ihr dürfen wir ihn nicht rauben. Still! kommt mit mir in ein andres Zimmer. Sie könnte erwa⸗ chen und uns hören.“ Und fort zog ſie die alten Gäſte mit Haſt in ein entferntes Gemach. Dort an⸗ gelangt, ſagte ſie:„Nun erzähle mir, Frau, und vernehmt dann meinen Entſchluß. Aber gieb mir Wahrheit, ſtrenge Wahrheit, und erwarte nicht, daß ich ohne die klarſte Ueberzeugung die Gewohnheit mei⸗ nes Lebens fahren laſſe.“ „Laß ſie, Eliſabeth,“ rief O'Donnel.„Du haſt mich dafür gewonnen.“ „Nackte Wahrheit ſoll Euch werden, Miß Eliſa⸗ beth,“ verſetzte die Schenkwirthin,„ſo gewiß ich Euch hochverehre und ſo gewiß die Rache eines betrogenen Weibes die erſte Veranlaſſung zu jener Verwechſelung geworden iſt. In den Kirchenbüchern der ſüdlichen 232 katholiſchen Grafſchaften werden, wie Ihr vielleicht wißt, die an den getauften Kindern bemerkten ange⸗ bornen Abzeichen und Muttermale verzeichnet; ein ſchöner und weiſer Gebrauch aus Irlands Vorzeit. Hier iſt Euer Taufzeichniß, Sarah*) O'Neil, und hier ſteht der Mann, der Euch taufte und dies Zeug⸗ niß ausſtellte. Das auf Euerem ſchönen weißen Nak⸗ ken befindliche Mal in der Geſtalt einer Erdbeere wer⸗ det Ihr darin erwähnt finden, und Pater O'Kelly wird Euch genau die Stelle dieſes Zeichens angeben, die er ſich gar wohl gemerkt hat.“ Eliſabeth warf erröthend einen Blick auf das ihr dargereichte Dokument und wandte ſich dann mit ei⸗ nem bejahenden Kopfnicken gegen den Prieſter.„So gehöre ich demnach der katholiſchen Kirche an, wie mein Lewis?“ „Du biſt eine Tochter der wahren Kirche Chriſti,“ entgegnete OKelly mit Salbung. „Vielleicht iſt es Euch noch nicht bekannt, Miß, 3 daß ich aus der Grafſchaft Fermanagh ſtamme,“ be⸗ gann Peppy ihre Erzählung,„und daß ich auf die⸗ ſem Schloſſe Rougheligh, wo wir uns jetzt befinden, geboren und aufgewachſen bin. Ja, ich ſtehe hier auf heimiſchem Boden. In dieſem, der Familie Kildare ſeit uralter Zeit angehörigen Schloſſe iſt mir jeder Winkel, in dem Park jeder Strauch bekannt. Hier erfuhr ich meine erſten kleinen Freuden und große Lei⸗ den. Mein Vater war hier Parkwärter und Wild⸗ hüter des alten Grafen Kildare. Ich, ſein jüngſtes Kind, war die Freude ſeines Alters. Ich war ein unbefangenes Ding und ſchön dabei, wie mir die Leute ſagten, als Lewis Kildare, von ſeinen Reiſen *) Sally iſt Diminutiv von Sarah. 233 zurückgekommen, mich des erſten Blickes würdigte. Meine geringen Reize feſſelten ſeine Sinne, und ſo ver⸗ ſäumte er keine Gelegenheit, mich in unſrer Wohnung, wo ich fleißig und froh der kleinen netten Wirthſchaft vorſtand, aufzuſuchen, wenn der Vater in ſeinen Ge⸗ ſchäften die weitläufigen Forſten durchzog. Doch eilen wir hinweg über dieſe Scenen, welche zu den bitter⸗ ſten Erinnerungen meines Lebens gehören! Euch kann genügen, zu erfahren, daß ich durch des Lords eifrig⸗ ſtes Beſtreben, meinem Hange zur Eitelkeit zu fröh⸗ nen, ſowie durch ſeine Verſprechungen, denen ich Leicht⸗ gläubige, die außer dem Parke und den Ufern des Earneſees wenig von der Welt geſehen hatte, gern vertraute, ſeinen Verführungskünſten und ſüßen Lockun⸗ gen als Opfer fiel. Der Gram darüber tödtete mei⸗ nen Vater, deſſen Stol; und Stütze ich bis dahin geweſen war. Dieſer erſte furchtbare Schmerz ver⸗ giftete alle Blüthen meiner Jugend. Die Folgen meines Fehltrittes wurden laut; Lewis Kildare tröſtete mich mit ſchalen Worten, an die ich mich anklam⸗ merte, wie ein Ertrinkender an einen auf dem Waſ⸗ ſer ſchwimmenden Zweig; doch bemerkte ich bald, daß er mich mied. Eines Tages ſah ich ihn auf der Jagd in der Nähe unſerer Wohnung; ich trat plötzlich, als er ſich's nicht verſehen, vor ihn hin und mahnte ihn mit bangem Zagen, doch von Verzweiflung ge⸗ trieben, an die Erfüllung ſeiner Verſprechungen und fügte, von ſeiner Kälte empört, die Drohung hinzu, mich ſonſt an ſeinen Vater zu wenden, der ein ſehr ſtrenger Mann war. O ich Thörin, die ich mich der eitlen Hoffnung hingegeben hatte, den Grauſamen zu erweichen! „Mit den Worten: Verſuch's, Unverſchämte, auf die Gefahr hin, vom Alten mit den Hunden aus dem 234 Schloſſe und von unſern Beſitzungen gehetzt zu wer⸗ den! warf er mir ſeine Börſe hin und wandte mir, der Erſtarrten, den Rücken. Doch ſchnell drehete er ſich wieder um und ſagte mit ſanfter Stimme: Sei vernünftig, Peppy, und ich gebe Murphy M Rulligan Deines Vaters Dienſt. Er iſt ein hübſcher Burſche und nimmt Dich gern zur Frau. Ich aber bleibe nach wie vor Dein ſüßer Freund; damit ſtreichelte er mir die heiße Wange und ging dann pfeifend davon. Scham, Verzweiflung, Rache kämpften einen lan⸗ gen Kampf in mir, ehe ich mich von der Stelle, auf der ich niedergeſunken war, erhob, um mit ſchwanken⸗ den Tritten den Schauplatz meiner tiefſten Erniedri⸗ gung zu verlaſſen. Der troſtloſe verzweifelte Jam⸗ mer behielt die Oberhand, und meiner ſelbſt unbe⸗ wußt, in einem an Wahnſinn gränzenden Zuſtande, ſtürzte ich an die Ufer des Sees. Noch ein Seufzer, ein wortloſes Gebet, vielmehr ein Gedanke, in welchem ich meine Seele der Barmherzigkeit Gottes empfahl, und— die Fluten rauſchten über mir zuſammen. Das Schickſal wollte meinen Untergang nicht, es hatte anders über mich beſtimmt und mich zum Werkzeug gegen Lord Kildare aufgehoben. „Als mein Bewußtſein zurückkehrte, ſah ich mich zu meiner Verwunderung, mit Schmerz, in meinem klei⸗ nen Zimmer im Forſthauſe. Mein Schutzgeiſt, eine junge Dame, deren engelſchöne Züge, deren mildes Auge einen tiefen, unvergeßlichen Eindruck auf mich machten, ſaß an meinem Bette. Ich hatte ſie ſchon einige Male auf dem Schloſſe mit einem würdigen alten Manne geſehen, aber ich wußte nicht, wer ſie war.— Dank Dir, gütiger Vater, daß Du mich zum Werkzeng ihrer Rettung werden ließeſt!— lis⸗ 235 pelte ſie, und Freude überſtrahlte ihr Geſicht, als ich die Augen aufſchlug. Die ſchöne, noch ſehr junge Unbekannte war die vor einiger Zeit auf den drin⸗ genden Wunſch ihres Vaters verlobte Braut von Le⸗ wis Kildare, Miß Katharine Thomton, Euere vor⸗ treffliche Mutter, Sir Lewis O'Donnel. Ich mußte ihr mein Schickſal erzählen. Nachdem ich geendet, ſchien ſie faſt noch mehr ergriffen, als ich ſelbſt, und berichtete mir, wie ſie mit ihrem Vater im Augen⸗ blick, als ich mich in den See geſtürzt hätte, auf dem Wege zum Schloſſe vorübergefahren und meine Ret⸗ terin geworden wäre. „Miß Thomton, die den frivolen Kildare nicht liebte, erhielt durch dieſen Vorfall Veranlaſſung, die einge⸗ leitete Verbindung ſchnell abzubrechen. Schon am näch⸗ ſten Morgen verließ ſie mit ihrem Vater das Schloß, um nie wieder dahin zurückzukehren. Ihre Bitte, mich mitnehmen zu dürfen, wurde ihr gern vom alten Herrn gewährt. „In Balliford, dem Sitz des Baron Thomton, Ihres Großvaters, Sir Lewis, wurde ich von einem Knaben entbunden, deſſen körperliche Ausbildung aber durch die Ausführung meines verzweifelten Entſchluſſes gelitten zu haben ſchien; er war und blieb klein und unanſehnlich. Vielleicht laſtet auch der Fluch meines Vaters auf ihm, ſowie die Sünde des ſeinigen. Ihr kennt dieſe verhunzte Geſtalt, es iſt Tim Ruuthan, der als mein Vetter bei mir erzogen wurde.“ „Tim, der Hausknecht?“ rief Eliſabeth überraſcht; „er iſt Dein und des Lords Sohn!“ „So iſt's. Man ſagte allgemein, der Junge ſei von den guten Leuten getückt worden; nun oft genug iſt er in Mondſcheinnächten auf der Heide umherge⸗ ſchwärmt; es kann wohl ſein. Ich weiß es nicht. 236 — Meine gnädige Gebieterin hatte früher ſchon in Dublin Sir William O'Donnel kennen gelernt, ja ihn ſchon damals im Stillen verehrt und geliebt, ob⸗ gleich ſie kaum den Kinderjahren entwachſen war. Der edle Baronet hatte für die zarte jugendliche Schöne dieſelben Gefühle gehegt, aber die Erklärung ihres Vaters, daß ſie für Kildare beſtimmt ſei, ſcheuchte jede Bewerbung zurück. Beide erfuhren über acht Jahre nichts von einander; ich war vom Himmel er⸗ leſen, das ſchwache Werkzeug ihrer endlichen Vereini⸗ gung zu werden. Lord Kildare, durch den Tod ſeines Vaters zum unbeſchränkten Herrn geworden, ließ näm⸗ lich kein Mittel unverſucht, Miß Katharina wieder zu gewinnen, beläſtigte, verfolgte ſie überall und wurde ihr dadurch nur unausſtehlicher. Sie beredete alſo ihren Vater, der die Formen der Höflichkeit nicht gegen den Lord verletzen wollte, ihr die Erlaubniß zu einem längern Aufenthalt bei ihrer ältern, in Frank⸗ reich verheiratheten Schweſter, Ihrer Tante, Sir Le⸗ wis, zu geben, um vor Kildare's Nachſtellungen ſicher zu ſein. Dieſe wurde gern bewilligt, und wir reiſe⸗ ten kurz nach meiner Entbindung ab. Mein Kind ließ ich in guten Händen. Aber ſchon im nächſten Früh⸗ ling trieb mich das Heimweh nach unſerer grünen Inſel zurück. Miß Katharina blieb in Frankreich, wohin auch ihr Vater kam, der dort geſtorben iſt. Das Schiff, auf welchem ich überſetzte, landete in der Kenmare⸗Bay, und ich übernachtete in der Heideſchenke, deren Wirth damals der alte Ned Toole war. Der geſprächige Mann hatte mir bald abgefragt, daß ich keinem Menſchen auf der Inſel angehörte und in Dienſt gehen wollte; und er bot mir an, mich als Schenk⸗ mädchen zu behalten, wenn ich bleiben wollte. Ich ſah denſelben Morgen Jerry Toole, den Sohn, der 237 bei Sir William O'Donnel auf Lindſayhall Leibdie⸗ ner war(ſein Vater war es auch geweſen und alle Vorfahren deſſelben hatten den O'Donnels gedienth, und ich blieb im Hauſe. Nun Zerry wurde bald darauf mein Mann, und Bobby, mein Aelteſter, er⸗ freute noch den alten Ned. Als er ſtarb, übernahmen wir die Schenke, und ich gebar meinem Manne Kin⸗ der. Pater O'elly wurde mein Gewiſſensrath und Herzensvertrauter. Durch ihn erfuhr mein Mann von Tims Daſein, und die gute Haut nahm den Jungen unter dem Namen eines Vetters in's Haus. So wuchs er mit meinen übrigen Kindern auf, und Niemand wußte weiter von ſeinem Urſprung.— Manches Jahr hatte ich ſchon als Frau und Mutter in der Schenke gelebt, als Sir William mich mit ei⸗ nem geheimen Auftrag beehrte. Dora MAuth, die ſchöne Tochter eines andern Dieners des O'Donnel⸗ ſchen Hauſes, hatte mit dem jungen Herrn einen ſü⸗ ßen Herzensbund geſchloſſen, und er würde ſie gehei⸗ rathet haben, hätte er nicht den Zorn ſeines noch le⸗ benden Vaters und der übrigen Familienglieder ge⸗ fürchtet; aber auch Dora widerſtand; ſie war ein taubenfrommes Weſen und ſtrebte nicht ſo hoch; ſie wollte nur den edlen Sir lieben und war glückſelig, da ihr dies vergönnt war, und ſie ſich wieder geliebt wußte. Aber ihre Liebe brachte ſie in denſelben Fall, in den mich meine Eitelkeit geführt, und Sir Wil⸗ liams ſchwärmeriſche Zärtlichkeit hatte dieſelben Folgen bei ihr, die Kildare's Sinnlichkeit bei mir gehabt hatte. Der edle Herr machte meinen Mann, ſeinen treueſten Diener, zum Vertrauten, und durch dieſen wurde ich in das Geheimniß gezogen. Dora wurde heimlich in der Heideſchenke entbunden, Pater O'Kelly taufte ihr Söhnlein; es war Michaul, der nun anerkannte Ma⸗ —— — 238 ſter O'Donnel. Die erſte Pflege deſſelben fiel mir anheim.— Nach einigen Jahren kam Miß Katha⸗ rina Thomton, als ihr Vater in Frankreich geſtorben war, mit ihrer Schweſter nach Irland, um ihr Erbe anzutreten. Miß Katharina's Anhänglichkeit an meine geringe Perſon verwochte ſie, mich aufzuſuchen; ich hatte ihr nämlich meinen Aufenthalt und die Verän⸗ derung meiner Lage getreulich gemeldet. O, ich kann Euch nicht beſchreiben, welche Freude ich empfand, als ich die trefflichen Frauen wieder ſah! Kaum aber war in Lindſayhall bekannt geworden, welche vorneh⸗ men Gäſte die Heideſchenke aufgenommen, als Sir William im Auftrage ſeines Vaters erſchien, ſie in's Schloß einzuladen. Das war ein Wiederſehn! Hei⸗ liger Patrik! Nun ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß Sir William und Miß Katharina in kurzer Zeit Verlobte und bald darauf glückliche Gatten waren und ſich Niemand mehr über ihr Glück freute, als die gute Dora M'Auth. Sie wurde bald darauf ebenfalls eine glückliche Frau; denn Tom Dahna, der Park⸗ wärter, war die treueſte und bravſte Haut von der Welt.— Ich beſaß die Liebe meiner jungen Herrin im hohen Grade und wurde die Pflegerin ihrer Kin⸗ der. Gottlob! ich bin in meiner Treue zu ihr nicht gewichen bis an ihr ſeliges Ende. Wir lebten alle glücklich und froh zuſammen, und Niemand dachte mehr an den im Norden hauſenden Lord Kildare. Da hörten wir plötzlich, er habe das ONeilſche Gut Bridgehall in unſerer Nähe gekauft. Euer Großvater Cuddy O'Neil war durch fremde und eigne Schuld, vorzüglich durch Irlands allgemeines Unglück, faſt ganz herabgekommen und in die Wirren der Zeit und des Landes verwickelt, geächtet und vertrieben worden; er hatte das letzte Gut ſeines Hauſes ſchon mit gro⸗ 239 ßen Schulden übernommen. Sein Sohn Evans zog nach Dunmoore, wo ihm ein kleines mütterliches Ei⸗ genthum geblieben war. Er heirathete die Tochter einer guten Familie, Nelly Mora, und trieb Feldbau. Aber die Frau mochte ſich nicht an das dürftige Le⸗ ben gewöhnen; ſie war ſtolz und eitel, beneidete die Reichen und vor Allen Lord Kildare, der nach Bridgehall gezogen war. Ihn im Beſitz des ſchönen Gutes zu ſehen, was ihrer Meinung nach ihrem Manne und ihren Kindern gehörte, war ihr ſchier unerträglich. Ihre Wirthſchaft führte ſie dabei ſchlecht und mehre Kinder ſtarben nach der Reihe. Sie beſuchte mich oft in der Heideſchenke und ließ ſich mein Lebenswaſſer gut ſchmecken. Dabei ſchimpfte ſie weidlich auf Lord Kildare. Auch in mir waren, ſeit ich den Lord, der mich gar nicht mehr zu kennen ſchien, wiedergeſehen, die alten Rachegedanken erwacht. Ich lechzte nach Rache, ich Juälte mich mit hundert Plänen, mich an dem ab⸗ ſcheulichen Manne, der weder nach mir, noch nach ſeinem Kinde fragte, zu rächen. Ich ſah ihn oft in Lindſayhall, denn er war ſtets da und drängte ſich ſogar dazu, Euer Pathe zu werden, Sir Lewis. Nun er hat Euch mit ſeinem Namen nichts Böſes gegeben. Ihr ſeid eben ſo edel, wie er ſchlecht iſt. Zu jener Zeit vermählte ſich der Lord auch; er führte eine ſtolze kalte Dame aus England nach Bridgehall. Ich weiß nicht viel von ihr zu ſagen; ſie ſtarb im erſten Kind⸗ bett, nachdem ſie ein Töchterchen geboren hatte. Nun hört, wie es zuging, daß Sally, das Kind der Lady, in O'Neils Haus, Ihr aber, das Kind von Nelly ONeil, in des reichen Lords Haus kamt. Evans O'Neil war nach Dublin gereiſt; er ſuchte dort eine Vermehrung ſeiner Einkünfte, was ihm aber ſchlecht gelang. Nelly war faſt immer bei mir in der Heide⸗ 240 ſchenke, faſt mehr als mir lieb war. Der Herr hatte ihren Schoß wieder geſegnet und ſie hatte großes Ver⸗ trauen zu meiner Hülfe. So geſchah es denn, wie ich befürchtete, daß ſie in meinem Hauſe von ihrer Entbindung überraſcht wurde. Sie ſchenkte einem Töchterlein das Lebenslicht; das warſt Du, ſüßer Lieb⸗ ling meines Herzens. Nun geſchah es, daß einige Tage darauf die Lady auf Bridgehall ihrem Gemahl auch ein Töchterchen brachte, aber noch ſelbigen Tages des Todes verblich. Man ſuchte ſchnell nach einer Amme für die Tochter des Lords; die Dienerſchaft hatte von Nelly's Niederkunft gehört, ich war damals als eine geſchickte und erfahrene Frau ſchon bekannt, und ſo wurde das Kindlein in die Heideſchenke ge⸗ bracht und meiner und Nelly's Pflege übergeben, bis man eine eigne Amme gefunden haben würde. Der Lord hatte in der Beſtürzung über den Tod ſeiner Gemahlin ſeine Zuſtimmung gegeben, ohne zu fragen. Kaum hatten wir das vornehme Kind ein paar Stun⸗ den, als faſt zu gleicher Zeit ein böſer Gedanke in uns aufſchoß. Ich hatte die Gelegenheit zur Rache in der Hand; ich vermochte ſie nicht zurückzuweiſen; denn die Rache iſt dem Irländer in's Herz gewachſen. Ich und Nelly theilten einander unſre Gedanken mit. Sie ſah darin einen Fingerzeig Gottes, ihr Kind in den Beſitz der Güter zu bringen, die ihm, ihrer Anſicht nach, von Gottes und Rechts wegen eigentlich gehör⸗ ten, und ihm die Lebensfreuden zu verſchaffen, auf welche es als eine ONeil die gegründetſten Anſprüche habe, Kildare's Kind aber in Noth und Elend zu brin⸗ gen. Ich zitterte vor Freuden, die eheliche Tochter meines Verführers eben ſo ärmlich und verſtoßen auf⸗ wachſen zu ſehen, wie mein uneheliches Kind, oder es auch untergehen zu ſehen. Der Gedanke, einſt vor 241 den Lord hinzutreten und ihm meine Rache zu ent⸗ hüllen, berauſchte mich. Nelly jubelte. Um uns mit unſerem Gewiſſen abzufinden, entdeckten wir uns dem Pater OKelly, der gekommen war, Nelly's Kind zu taufen. Er gab ſeinen Segen zu unſerm Werk und taufte heimlich beide Kinder. Dadurch kam ein katho⸗ liſches Kind in das Haus des verhaßten Proteſtanten, und unſre Kirche zählte eine Seele mehr. Du biſt zwar ſpäter auch proteſtantiſch getauft worden, aber die erſte Weihe iſt allein gültig. Einige Tage nach⸗ her wurde das Kind des Lords zurückverlangt, da wandelteſt Du in den reichen Windeln nach Bridgehall und Sally in O'Neils Haus. Das Geheimniß blieb unter uns Dreien und Evans hat nie etwas davon geahnet.— Ihr wuchſet Beide heran, und oft hat es mich im Herzen gejammert, wenn ich ſah, wie gut Sally war, und wie ſie von ihrer vermeintlichen Mut⸗ ter gehaßt und ſchlecht behandelt wurde!— Der Lord konnte den ſtolzen Evans O'Neil nicht leiden, und Kildare trug einen großen Theil der Schuld, daß der armgewordene Mann nach London ging. Wie Nelly ſich gräßlich an Kildare's Fleiſch und Blut gerächt, wißt Ihr; die unglückliche Sally wurde durch Nelly's Anleitung und Verführung zur öffentlichen Dirne.— Heute iſt das Werk meiner Rache vollendet: Kildare weiß, was ich gethan.“ „Er weiß es?“ rief Eliſabeth erſchüttert. „Alles. Das war die gerechte Strafe ſeiner Ue⸗ belthaten.“ Eliſabeth verhüllte ihr Haupt und weinte.„O Sally! Sally! unglückliches armes Opfer der Rache!“ ſchluchzte ſie endlich.—„Du haſt Dich fürchterlich gerächt, Frau! Ich ſchaudere.“ „Schlimmer, als ich wollte,“ verſetzte Leppyi„doch 1 Storch, ausgew. Romane u. Novellen. X. 242 wer kann wiſſen, wenn er den vergifteten Pfeil ſchleu⸗ dert, welch' unberechnetes Unheil derſelbe anrichtet? Das war die Schickung einer höhern Macht; wir müſſen ſtill dazu ſein.“ „O Ihr Lieben,“ ſagte Eliſabeth,„hört meinen Vorſchlag! Noch vor einer Stunde ſprach ſich Sally über Evans O'Neil, als ihren Vater, mit ſchwärme⸗ riſcher Begeiſterung aus. Es wäre übermenſchlich hart und grauſam, ihr dieſen Schatz, den Stolz auf O'Neil, zu rauben. Sie bleibe ruhig durch unſre fernere Be⸗ wahrung des Geheimniſſes. Zu ihren unausſprechlich großen Leiden würde ſich noch die Schande ihres Va⸗ ters geſellen und erdrückend ſchwer auf ihr laſten, ſo daß die Entdeckung ſie jedenfalls gränzenlos unglücklich machen würde. Was frommte ihr auch ein Vater, der vielleicht wenige Augenblicke ſpäter den Tod des Ver⸗ brechers ſterben muß? Laßt ſie alſo meine Schweſter ſein! Vergönnt der Armen, ſich mit mir in den edlen Vater zu theilen; nein, laßt ihr den Helden Evans in ihrem Wahne allein; mir thut es ja keinen Ein⸗ trag, und wer wollte ihr nicht gern dieſe kleine Ent⸗ ſchädigung für die größten und bitterſten Verluſte gönnen? Was aber der rechtmäßigen Tochter Kilda⸗ re's an irdiſchen Glücksgütern zufällt, das laßt mich ihr auf eine geſchickte Weiſe, ohne daß ſie Argwohn ſchöpft, abtreten und helft mir dazu, ihr das Ihrige zu erſtatten.“ „Ueberlaſſe das mir allein, ſie vollkommen zu ent⸗ ſchädigen,“ ſagte Lewis.„Sie ſoll um nichts zu kurz kommen!“ „Wie Du es willſt, wie Du es machſt, Lewis, mein Geliebter, mein Gebieter, jetzt meine einzige Stütze, da auch das letzte Band, das mich an jenen Mann gefeſſelt hielt, gelöſt iſt. Dir vertraue ich nächſt mei⸗ 243 nem Gott am meiſten. Handle für das Volk, handle für Sally, nach Deinem Gewiſſen. Es iſt ja rein von jeder Schuld und wird es ewig bleiben! Nicht war, mein Lewis?“ „Dank Dir, meine Eliſabeth, für Dein kindliches Vertrauen! Ich will es zu verdienen bemüht ſein. Nur getreue Männer waren im Zelte zugegen, als Peppy's unverſöhnlicher Haß gegen Kildare ſie zu der Unbedachtſamkeit hinriß, Deine Abkunft zu offenbaren. Es iſt mir ein Leichtes, ſie zum Schweigen zu ver⸗ mögen. Du wirſt indeſſen wohl, bis ich eine ſichere Gelegenheit finde, Dich zu meinen Freunden nach Frankreich zu ſenden, bei uns im Lager verweilen müſſen.“ 26. Die nahende Entſcheidung. Ein von dem die äußerſten Vorpoſten befehligen⸗ den Offiziere abgeſchickter Gebirgsjäger, den man, nach⸗ dem er den Oberfeldherrn lange vergeblich im Lager geſucht, endlich nach Rougheligh gewieſen hatte, trat jetzt haſtig mit der Meldung ein, daß man eine au⸗ ßerordentliche Bewegung im feindlichen Lager wahr⸗ nehme, aus der ſich irgend eine Unternehmung auf die dieſſeitige Stellung ſchließen laſſe. Auch hätte ein zurückgekommener Kundſchafter ausgeſagt, daß neue Verſtärkung im engliſchen Lager angekommen ſei und 244 daß eine feindliche Abtheilung von Galway her den Rücken der Verbündeten bedrohe. „Ich werde auch Verſtärkung ſchicken,“ entgegnete Lewis O Donnel;„thut nur Eure Pflicht, meine bra⸗ ven Jungen, ſowie ich es von Euch gewohnt bin. Sobald der erſte Schuß auf Euern Poſten füllt, ſoll's an mir nicht fehlen. Sagt das Euerm Offizier. Wer kommandirt Euer Piquet?“ „Kapitän Edward OFlaherty von Sandgemore, Ew. Gnaden zu dienen,“ erwiderte der Scharfſchütz. „Edward O Flaherty iſt einer meiner bravſten Offiziere. Der Poſten konnte keinem Beſſern anver⸗ traut werden! Sagt dem wackern Hauptmanne, daß ich heute ganz beſonders auf ihn rechnete. Könnt Ihr mir ſagen, ob Lefßlie's letzte Abtheilung ſchon heran iſt?“ „Sie zog eben in's Lager, als ich daſſelbe verließ,“ antwortete der Jäger. „Nun wohl, dann werden wir den Herren drü⸗ ben ein ſtark Stück Arbeit geben; meinſt Du nicht auch ſo, wackrer Landsmann? Du biſt aus Tyrone, der Ausſprache nach“— er klopfte dem ſich dadurch geſchmeichelt fühlenden Iren vertraulich auf die Schul⸗ ter—„und des Lords Verrath wird noch manchem ſtolzen Briten das Leben koſten, ehe unſre Feinde die. Früchte deſſelben genießen. Jetzt geh' mit Gott, mein Sohn, und richte pünktlich aus, was ich Dir aufge⸗ tragen habe.“ „Gottes und aller Heiligen Zorn über den Lord und die engliſchen Ketzer in den rothen Röcken!“ rief der Mann aus Tyrone.„Wir geben ihnen kein Quartier, großer Anführer, ſo wahr wir die Verge⸗ bung unſrer Sünden im letzten Stündlein hoffen. Drauf und dran alſo, Sirrah! Iſt doch das Leben 245 der Abtrünnigen, wovon unſer ſchönes Land hier wim⸗ melt, nicht mehr werth, als das eines tollen Hundes, und der Ire zieht's vor, auf dem grünen Boden ſei⸗ nes Vaterlandes zu ſterben, als zwiſchen Himmel und Erde am Galgen, als Futter für die Raben, wöfür uns die Engländer allein noch gut halten. Ir⸗ land für immer! Gott behüte Euere Gnaden!“ Mit dieſen Worten machte er eine ziemlich regelrechte mi⸗ litäriſche Schwenkung und verließ das Zimmer, um ſeine Dienſtpflicht zu erfüllen. „Schnell ſcheint ſich die Stunde der Entſcheidung zu nahen,“ ſagte O'Donnel, Eliſabeths Hand ergrei⸗ fend.„Bangt Dir noch nicht, mein Mädchen, nach dem, was Du ſo eben vernommen? Der Religions⸗ haß iſt auf's Neue im Volke erwacht und wird vereint mit dem unverſöhnlichen Haß gegen unſere Unterdrücker den bevorſtehenden Kampf zu einem der blutigſten auf dieſem Boden machen. So ſtehe ich denn endlich am Ziele, nach dem ich ſo ſehnſüch⸗ tig, wie der Wanderer in der Wüſte nach der guel⸗ lenreichen Oaſe, jahrelang geſtrebt habe. O Frei⸗ heit! ſchönſte Gottesgabe, für jegliches ſeiner Kinder beſtimmt, entweder weht morgen ſiegreich Dein Pa⸗ nier über dieſe Fluren, oder Deine beſſern Söhne ſterben nutzlos im rühmlichen Kampfe für Vaterland und Ehre.“ „Nicht in Deinem Lager laß mich unthätig wei⸗ len, mein Lewis!“ bat Eliſabeth.„Ich müßte mich ja von Sally beſchämen laſſen. Kann ich auch nicht, wie ſie, das ſtarke, abgehärtete Heldenmädchen, mich in die Reihen der Kämpfer ſtellen, ſo überlaß mir das nicht minder ehrenvolle Geſchäft, mich der Krie⸗ ger anzunehmen, ihre Wunden zu verbinden, ihre 246 Schmerzen zu ſtillen, ſie zu warten und zu pflegen. Dazu fühl' ich noch Kraft und Beruf.“ „Du warſt ja ſtets der wohlthätige, ſchmerzenlin⸗ dernde Engel des Volks,“ verſetzte Lewis, ſie auf die Stirne küſſend.„Bleibe Deinem ſchönen Berufe treu! Und nun laßt uns gehen!“ „Ohne Sally? Nimmer! Sie kann ich nicht verlaſſen. Und doch möchte ich ihren Schlaf nicht ſtören.“ „Laß uns zuſehen, vielleicht iſt ſie erwacht.“ Sie gingen nach dem Schlafzimmer. Ruhig ſchlummernd lag die Arme; in ihren Zü⸗ gen ſpielte ein holdes Lächeln mit den Locken, die auf⸗ gelöst ihr über Schläfe und Nacken hingen. Das ſchöne bleiche Geſicht hatte den ſeligen Ausdruck höch⸗ ſter Befriedigung. Stumm ſtanden die vier Menſchen umher, die einen ſo mächtigen Einfluß auf ihr Schick⸗ ſal ausgeübt, und betrachteten die holde Schläferin mit wehmüthigen Gefühlen. In Peppy's Herzen regte ſich etwas, wie Reue; in Eliſabeths Augen erglänz⸗ ten Thränen, und Lewis ſprach leiſe:„Es wäre grauſam, Deinen Schlummer zu ſtören. Schlafe, ar⸗ mes, gemißhandeltes, für fremde Schuld ſo ſchwer vüßendes Herz! Hoffen wir, daß ein gütiger Gott ihr im Schlafe Erſatz gebe für die ſchuldlos erdulde⸗ ten Leiden! Schlafe aus, Du müdes, jammermüdes Kind!“ Der Pater O'Kelly breitete ſeine dürre zitternde Hand über die Schlafende und ſegnete ſie; dann legte er auch die Hand auf O'Donnels und Eliſabeths Häupter. Es war ein ernſter heiliger Anblick, und ein ſtummes Gebet keimte in allen Herzen. Lewis küßte die ſtill weinende Eliſabeth, bat ſie, mit der er⸗ wachten Sally nachzueilen, warf ſich auf das Pferd 247 und jagte nach dem Lager zurück. O'Kelly und Peppy beſtiegen ihren Wagen, um bei Kildare's Verurtheilung gegenwärtig zu ſein. 27. Hart um Halgen. Lewis O'Donnel trat in demſelben Augenblick in das große Zelt, als die Jury das fürchterliche„Schul⸗ dig!“ ausſprach. Der Richter hatte zuvor, eh' er die Verbrechen, deren der Lord beſchuldigt worden, ausein⸗ ander geſetzt, ſich vorſichtig, um gegen alle Chancen geſichert zu ſein, als das Organ einer de facto be⸗ ſtehenden höchſten Volksgewalt vorgeſtellt. Eine Todtenſtille herrſchte während einiger Minu⸗ ten über der Verſammlung; dann erhob ſich der Rich⸗ ter und entblößte das bisher bedeckte Haupt. Sein Auge weilte lange auf dem Eingange des Zeltes; man ſah es ihm an, daß er noch irgend auf einen Zufall rechnete, der ihn ſeines hier illegitimen Amtes und Ausſpruchs entheben möchte. Seine Sehnſucht war jedoch vergebens. Kein Hoffnungsſtrahl leuchtete ihm, keiner dem vor ihm zitternden Verbrecher. Dann be⸗ gann er mit gedämpfter, doch deutlicher Stimme, die ſich immer mehr ſteigerte, je mehr ihn der erwachende Amtseifer hinriß:„Mylord! Die Geſchworenen haben das„Schuldig“ über Sie ausgeſprochen. Nach den Geſetzen der vereinigten Königreiche, die Se. Gnaden, der Baronet Sir Lewis O'Donnel, im Namen und S 248 vonwegen des ſouveränen Volks von Irland, gegen Sie mir anzuwenden befohlen hat, ſind Sie, da Ih⸗ nen wohl bekannt war, daß eine Souveränität des Volks in einigen und namentlich in dieſen Provinzen des Königreichs beſtand, als des Hochverraths am Volke überführt, ſowie ferner wegen des an der franzöſiſchen Regierung begangenen Eid⸗ und Treubruches, welchen der Herr General dort dokumentirt hat, des Todes ſchuldig. Ich ſpreche es aus, dieſes Urtheil, über Sie, im Namen der Geſetze, auf welche das Volk zu ſeinen Gunſten provocirt hat, und empfehle Sie nun⸗ mehr der Barmherzigkeit des höhern Richters, des Richters über alle Menſchen ohne Unterſchied. Er ſei Ihnen dort gnädig, ſowie auch mir und allen Denen, welche mich, um über Sie zu richten, berufen haben.“ „Spart Eure Bemerkungen, Herr Richter!“ fiel Leßlie unwillig ein.„Euer Amt iſt hier zu Ende. Kehrt jetzt unter ſicherm Geleit nach Hauſe zurück und handhabt hinfür die Geſetze, von welcher höchſten Ge⸗ walt ſie gegeben ſein mögen, ohne ſolche Deutung und Kommentare, wie ich ſie geſtern Morgen aus Euerem Munde vernommen habe. Laßt ſie nicht ferner ſchla⸗ fen die Geſetze zum Nachtheil der Armen und Unter⸗ drückten, denn es könnte mich ſonſt am Ende eine Luſt anwandeln, ſie zuerſt gegen Euch ſelbſt in Anwendung zu bringen, und das Reſultat könnte gar leicht ſein, daß Eure ſtattliche Perſon eine Euch höchſt unwillkommene Ausdehnung erführe.“. Der finſtre Häuptling ging hinaus und trat nach einiger Zeit, OKelly an der Hand führend, wieder vor den Lord. Der Greis faltete die Hände und be⸗ gann langſam mit den ſchaurigen Worten:„Memento mori! Denk' an den Tod, Sünder! Thue Buße, be⸗ kehre Dich und tritt auf der Schwelle zwiſchen Leben 249 und Tod zurück in den Schoß der allein ſelig machen⸗ den Kirche.“ „Zurück, verfluchter Papiſt!“ ſchrie Kildare, und ſein Auge zeigte unverkennbare Spuren von Wahn⸗ ſinn.„Ich will nicht ſterben und ich kann noch nicht ſterben. Ich habe noch niemals an den ſchrecklichen Augenblick gedacht. Mein Schaffen, mein Treiben be⸗ zweckte Macht, Ehre, Reichthum, Größe nur für dieſe Welt. Alle meine Gedanken, mein Sehnen, mein Hoffen, meine ſchlafloſen Nächte und meine Träume waren nur mit Lebensgenuß beſchäftigt. Bis zum letzten Tropfen wollte ich den Born irdiſcher Freuden erſchöpfen; nicht raſten wollte ich, ſo lange noch einer der Wünſche und Forderungen, welche ich an das Le⸗ ben machte, unerfüllt blieb. Wie wenig iſt erſt erreicht, und ich ſollte ſterben? jetzt ſterben? Graukopf, Du redeſt im Wahnſinn! Du biſt alt, Du haſt gut von Sterben reden; ich aber bin jung und lebensluſtig.“ Dahbei brannte ſein Geſicht in Fiebergluth, krampfhaft zuckte ſein Mund, und ein ſchreckliches Lächeln, welches von Zeit zu Zeit über ſeine entſtellten Züge hinflog, deutelen an, daß Geiſtesverwirrung mit allen ihren Schrecken ihn ſelbſt erfaßt hatte. „Denkt an Eueren Schöpfer, Mylord, und an Euere Seligkeit, an ein Leben nach dem Tode, un⸗ glücklicher Mann! Eueres Bleibens iſt nicht länger auf dieſer Welt!“ mahnte der greiſe Prieſter, mitlei⸗ dig die Hand auf des Verurtheilten Schulter legend. „Tod! Seligkeit! ewiges Leben! und, nicht wahr, ein ewiger, unparteiſcher und gerechter Richter über uns Allen? Ha! woran mahnſt Du mich, fürchterlicher Menſch!“ rief Kildare, indem ſeine Bruſt ſich convul⸗ ſiviſch erhob, und der Schweiß in großen Tropfen ihm von der Stirne perlte.„Iſt das der Troſt, den Ihr —— — 250 Prieſter den Sterbenden bringt? Tod?“ kreiſchte er noch einmal mit ſo ſchrecklicher Stimme, daß alle Anweſenden ſchauderten—„und drüben, ſagteſt Du, nicht ſo? ein ewiges Leben und ein gerechter Richter, der Allen, ohne Anſehn der Perſon, nach ihren Tha⸗ ten mißt? Sag': Nein, Mann! ſage: Mit dem Tode iſt Alles aus, mit dem Leben hört aller Wahnwitz auf und aller Verſtand, ich meine, der klügelnde Ver⸗ ſtand, der der Urquell aller unſrer Handlungen und unſrer Leiden iſt. O, wie mein Hirn brennt! Mein Blut iſt Feuer, und mein Herz Eis! Habe doch Erbarmen mit mir, heiliger Mann! O, habt doch Mit⸗ leiden, Ihr Alle, und verſichert mir, daß es in einer Stunde ganz, ganz, auf immer aus mit mir iſt. Ich will Euch auf den Knieen danken, die ſich noch niemals haben, für die grßte mir erzeugte Wohlthat, größer, als wenn Ihr mir das Leben ge⸗ ſchenkt hättet.“ Bei dieſen Worten ſank er auf die Kniee nieder und ſtreckte flehend die Hände gegen die Verſammlung empor.„Seht! Ich flehe wie ein Bett⸗ ler zu Euch, um ein Almoſen auf den letzten Weg. Denn nißn ich will jetzt nicht mehr leben, ſeit der Prieſter einen Funken in meine Seele warf, der, ich fühle es, wenn ich leben bliebe, zur ſchrecklichen Flamme in mir auflodern und mich verzehren würde, bis un⸗ ter Qualen die morſche Hülle zuſammenbräche.“ „Der Herr iſt barmherzig in ſeiner Langmuth; ein reuiger Sünder iſt ihm ſo lieb, wie alle die, welche nie fehlten, mein Sohn!“ ſagte OKelly mit Salbuis⸗ „O, ſo betet für mich zu Euerm Gott! Ich kann nicht beten, ich habe nie gebetet, drängte Kildare, mit unausſprechlicher Angſt in den Zügen, die Hände des Prieſters feſt umklammernd. — 251 Die Meiſten wandten ſich mit Entſetzen ab. Lord Wexford verhüllte ſein Geſicht, und die Damen liefen hinaus. Nur Peppy hielt Stand und ſchien ſich an Kildare's fürchterlicher Qual zu weiden. Nicht mehr gerührt, als ſeine hartherzige Mutter, ſchien Tim Ruuthan. Mit ſpöttiſchem Lächeln wandte er ſich an die umſtehenden Iren und ſprach:„Der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht! Scht, Landsleute, des alten Samuel Dunfvore's Prophezeihung in ſei⸗ ner ietzten Stunde iſt wörtlich eingetroffen. Eine böſe Ahnung ſchien freilich ſchon damals über Se. Herr⸗ lichkeit zu kommen; denn kaum hatte er die Worte des braven, alten Mannes vernommen, den ich, bei⸗ läufig geſagt, ihm an's Meſſer geliefert— nun, Ihr wißt es ja— als er auf ſeinem Goldfuchs davon ſprengte, als ſäße ſchon die ganze hölliſche Heerſchaar hinter ihm auf dem Kreuze des Pferdes. Merkt auf die rechte Vergeltung: Dunfvore und ſein Sohn kamen durch meinen Verrath an den Galgen; aber Maſter Henderſon und Kildare ſind auch durch mich dem Gal⸗ gentode zugeführt. Mann um Mann, ſo iſt's recht; das iſt iriſche Rache.“ „An den Galgen mit dem Lord! Auf, Brüder, laßt uns ſehen, daß dem Tyrannen ſein Recht ge⸗ ſchieht!“ riefen die Iren und ſtürzten in wilder Un⸗ ordnung aus dem Zelte. Lewis O'Donnel hatte ſich vorher durch einige Worte der Verſchwiegenheit aller Anweſenden im Be⸗ treff Sally's verſichert.— Schon begann das im Oſten ſich röthende Ge⸗ wölk den jungen Tag zu verkünden, und einzelne Streiflichter, welche dem Aufgange des glänzenden Tagesgeſtirns voraneilten, ließen, trotz eines anfäng⸗ lich nur leicht aufwallenden Morgennebels, die ſich jenſeit der Niederungen erhebenden Hügelreihen er⸗ kennen, als ſich das verbündete Heer in aller Stille aufſtellte, um Zeuge des an Lord Kildare zu voll⸗ ziehenden Urtheils zu ſein, wozu alle Vorbereitungen gleich nach dem Ausſpruche der Sentenz getroffen wor⸗ den waren. Auf dem Earneſee jedoch und weiter hinaus über die denſelben umgebenden Ebenen lagerten die grauen Nebelmaſſen ſo dicht und geſchloſſen, daß man im Be⸗ reiche der Niederung keinen Gegenſtand deutlich erken⸗ nen konnte. Man hatte eben dem von ſeinen Feſſeln entledig⸗ ten Gefangenen noch einmal, dem Herkommen gemäß, den Urtheilsſpruch vorgeleſen und ihn befragt, ob er dagegen Einwendungen zu machen habe, welches er mit geſenktem Haupte, jedoch mit deutlicher Stimme, verneinend beantwortet, als man bei der tiefen Stille, welche über die im Viereck aufgeſtellten Truppen herrſchte, plötzlich ganz deutlich Flintenſchüſſe in der Richtung von Kildare's Schloſſe her vernahm. Ueberraſcht horchten ſowohl die Truppen, als auch ihre Anführer. Jeder war— obgleich vergebens— bemüht, den Nebel mit den Augen zu durchdringen. Man hörte nur fortwährend die regelmäßigen Salven des kleinen Gewehrs. Regungslos und ohne Theilnahme an dem, was um ihn her vorging, ſtand der Verurtheilte neben dem Henker, dem er bereits überliefert war, und der bei der allgemeinen Ueberraſchung Anſtand nahm, ſein blutiges Amt zu verrichten. Erſt durch die Zögerung aufmerkſam gemacht, er⸗ hob Lord Kildare ſein dem Tode verfallenes Haupt in dem Augenblicke, als man gerade in der Front des Heeres das Geräuſch des noch in weiter Ferne über die Heide heranraſſelnden feindlichen Geſchützes ver⸗ nahm. Auch auf dem linken Flügel, von der Stadt Eniskillen her, dröhnte jetzt die Erde unter den Hu⸗ fen eines herantrabenden Reitergeſchwaders. Da kehrte plötzlich das Leben, welches während einer ſekunden⸗ langen, aufmerkſamen Spannung von den Verbünde⸗ ten gewichen zu ſein ſchien, zurück. Laut tönte des Barvnets Kommandoſtimme in der Sprache ſeines Landes; dazwiſchen erſchallten die Befehle des franz⸗ ſiſchen Heerführers. Jeder flog an den ihm ſchon vorher angewieſenen Poſten. Das große Viereck theilte ſich in viele kleinere, und in den Zwiſchenräumen wurden eiligſt die franzöſiſchen Geſchütze poſtirt. So ſtand in kurzer Zeit das Heer in Schlachtordnung da, des Feindes Ankunft erwartend und mit Falkenblicken umherſpähend, wo er ſich zuerſt zeigen würde. Der Henker aber und ſein Opfer waren gänzlich vergeſſen; der Richter und die Jury entflohen. Während ebenſo Lord Werford und Miß Margaret Fitzjames in den Nebeln ves Morgens verſchwunden waren, ohne daß es Jemand bemerkt hatte, tauchten plötzlich aus den grauen Duftſchleiern zwei Geſtalten auf, die im Ga⸗ lopp heranſprengten. Sally und Eliſabeth wurden er⸗ kannt und vom ganzen Heere jubelnd begrüßt. Sie brachten Kunde von der Richtung, in welcher der Feind heranziehe. * 28. Die Schlacht von Eniskillen. Bald zerriß der Nebel und ſank. Die feindlichen Kolonnen ſtanden nicht weit von einander. Die Sonne blitzte in tauſend Waffen wieder; da zuckte Feuer⸗ ſchein auf, Donner rollte und Pulverdampf wälzte ſich dem verbündeten Heere entgegen, das ſogleich darauf antwortete. Heiß und blutig entbrannte die Schlacht und wälzte ſich nach Eniskillen, einem am Kanal ge⸗ legenen Städtchen, das den obern und untern Earne⸗ ſee verbindet. Eniskillen war der Schlüſſel der Poſition, welche die Verbündeten inne hatten. Während der linke Flü⸗ gel ſich an den mehre Meilen weit weſtwärts ſich in ſeiner ganzen Länge ausdehnenden See ſtützte, fand der rechte einen ſtarken Haltpunkt in dem Schloſſe Rougheligh, deſſen alten Rampen und Wällen man in Eile noch einige neue Feſtungswerke hinzugefügt hatte, die ſo, wie der mit dichtem Gebüſch bewachſene Park das ſchnelle Vordringen des Feindes und den Ge⸗ brauch ſeiner Reiterei auf dieſem Punkte verhin⸗ derten. „ Tapfer ſchlug ſich anfänglich auf dem linken Flü⸗ gel das kleine, franzöſiſche Hülfskorps, angefeuert durch den perſönlichen Muth ſeines wackern Anführers. Trotz der Ueberzahl der auf daſſelbe eindringenden Feinde wich es keinen Fuß breit aus ſeiner Stellung, ſo ſehr ſeine Reihen auch gelichtet wurden. Mit mörderiſchem Erfolge gebrauchten die iriſchen * 7 — 255 Landmänner, unterſtützt durch einige wohlbediente fran⸗ zöſiſche Kanonen und von einem erfahrenen Anführer geleitet, die zur gefährlichen Waffe eingerichtete Senſe gegen die mit Unerſchrockenheit anreitenden engliſchen Dragoner, neben einem regelmäßig mit Feuerwaffen verſehenen, von Michaul O'Donnel im Centrum be⸗ fehligten Korps. Die kühne Tapferkeit des Häupt⸗ lings erſetzte die ihm fehlende kriegeriſche Erfahrung, da es bei ihm nur die Behauptung des Bodens galt, auf dem er ſiegen oder ſterben wollte. Roß und Mann wurden geſpießt oder niederge⸗ mäht, ſo oft die Reiter ihren Angriff erneuerten, und ſchrecklich waren die weitklaffenden Wunden der edlen Thiere anzuſehen, die in Todesangſt, ſchaumbedeckt, mit weit aufgeriſſenen Nüſtern über das Blachfeld da⸗ hinſprengten, ohne ferner auf die zügelnde Hand des Reiters zu achten. Das Gefühl hundertjähriger Schmach und blinder Fanatismus beſeelte die Iren und verdeckte den Man⸗ gel an Disciplin. Wuth, ihre furchtbar verſtümmel⸗ ten Kameraden zu rächen, und glühender Nationalhaß befeuerte die Engländer. Man ſah an dieſem Tage auf beiden Seiten Wunder der Tapferkeit, und lange blieb es zweifelhaft, welche von den kämpfenden Par⸗ teien den Sieg davon tragen würde, da es um Mit⸗ tag den Anſchein hatte, als wenn die Verzweiflung eines gemißhandelten, von allen europäiſchen Nationen bemitleideten Volkes über die Taktik eines geübten Hee⸗ res triumphiren würde. Da erhielt Sir Lewis, welcher die frühern nicht hatte beachten wollen, die letzte, ernſte Meldung vom franzöſiſchen General, daß der Zuſtand ſeines Korps, deſſen Tapferkeit ſeine eignen Erwartungen übertroffen und jetzt über die Hälfte geſchmolzen ſei, den unge⸗ 256 ſäumten Rückzug nöthig mache. Die Bewegung ſei um ſo dringender zu vollführen, da er die ihm unter⸗ geordneten Iren, die ſeit mehren Stunden einem mör⸗ deriſchen Feuer des engliſchen Geſchützes, das zu er⸗ widern er ſich außer Stand befände, ausgeſetzt wä⸗ ren, nicht länger zuſammen zu halten vermöge. Die günſtige Zeit ſei zwar ſchon vorüber, einen geregelten Rückzug anzutreten, ſo ſchloß die kurze Depeſche, je⸗ doch wolle der General Alles aufbieten, dem Feinde ſpäter in einer günſtigen Stellung, etwa in den Eng⸗ päſſen von Sligo oder Lintrim, den Weg zu verlegen, um im allerunglücklichſten Falle die Einſchiffung der Ueberreſte ſowohl der Iren, als der Franzoſen zu be⸗ werkſtelligen. „Wohlan denn!“ rief der Baronet dem Bruder zu, der abgeſchickt, um ſich von der Nothwendigkeit des Rückzuges zu überzeugen, ihm die Nachricht brachte, daß die Franzoſen über die Hälfte auf dem Wahl⸗ platze lägen, und der General Humbert ſelbſt bereits aus mehreren Wunden blute,—„retten wir unſere Bundesgenoſſen! Iſt dies geſchehen, und wird uns Uebrigen der hier noch ſchwankende Sieg doch noch entriſſen, ſo laß uns wenigſtens ſterben, mein Bruder, auf dem Felde, wo wir den Briten gezeigt haben, daß die Iren zu fechten verſtehen.“ Sally, die vom Anfange des Kampfes an in Of⸗ fizieruniform unter Lewis O'Donnels Adjutanten ihm ſtets zur Seite geweſen war und aufmerkſam auf Al⸗ les geachtet hatte, was um ſie her vorging, hatte auch des Baronets letzte Worte nicht überhört und rief nä⸗ her herantretend:„Was Sie auch beſchließen, Sir Lewis, vergönnen Sie mir, mich nicht von Ihnen trennen zu dürfen!“ „Des heibſt bei mir, Sally!“ flüſterte Lewis 257 ſchmerzlich, übergab dem Bruder den bisher von ihm geführten Befehl über das noch erfolgreich kämpfende Mitteltreffen, und Sally ein Zeichen gebend, ſprengte er, nur von ihr und einem Diener begleitet, dem Schloſſe zu, wo Leßlie bisher das Kommando geführt, und wohin O'Donnel ſchon vor mehren Stunden Eliſabeth, Peppy, O'Kelly und alle Verwundeten ge⸗ ſchickt hatte. ð Dieſer Punkt wurde jetzt der wichtigſte, aber auch der gefährlichſte, da nur von deſſen möglichſt langer 1 Behauptung der allgemein geſicherte Rückzug des Hee⸗. res abhing, indem dem Feinde, ſobald dieſe Stellung genommen war, ein Weg geöffnet wurde, auf welchem er die Straße nach Killala früher, als Humbert mit ſeinen Franzoſen und den Fren, erreichen konnte. „Setzen Sie Mißtrauen in meinen Muth, Sir Lewis, daß Sie mich zum Mitteltreffen ſenden wol⸗ len?“ fragte Leßlie, der die Schwierigkeit des ihm an⸗ vertrauten Poſtens kannte, mit dem Tone des Unwil⸗ lens, als er von des Baronets Entſchluß, hier ſelbſt den Befehl zu übernehmen, unterrichtet war.. „Nur das größte Vertrauen auf Ihre Einſicht, ſowie auf Ihre Tapferkeit, lieber Leßlie, konnten mich beſtimmen, Ihnen den Befehl über das Hauptheer zu übertragen, während ich mich ſelbſt mit einem Neben⸗ poſten begnüge.“ 3 „Auf dem man nur durch Tod oder Gefangen⸗ ſchaft abgelsſt wird, Sir Lewis. Ich weiß, daß Sie die letztere nicht wählen, warum wollen Sie daher nicht auch mir die Ehre des ehrlichen Soldatentodes gönnen?“ „Wer denkt an Tod oder Gefangenſchaft, mein theurer Freund, ſo lange unſre Fahnen noch hoch und frei im Winde flattern? Sehen Sie, wie mein Bruder Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 17 258 dort kühn über die Gräben vorrückt! Ihm geht die Erfahrung ab; darum eilen Sie, wackrer Gefährte des⸗ heutiges Ruhms, das Kommando dort zu übernehmen, ehe Mie ſich durch ſeine Tollkühnheit zu einer Unbe⸗ ſonnenheit hinreißen läßt! Folgen Sie genau den Be⸗ wegungen unfrer Verbündeten am linken Flügel. Ich hoffe, es ſoll noch Alles gut gehen, wenn die Leute hören, daß Sie das Mitteltreffen führen und daß Le⸗ wis O'Donnel den Rücken Aller deckt.“ Gerührt ſtand Leßlie einige Augenblicke, die Größe und den Edelmuth des Mannes bewundernd, der ſich jetzt dem ſichern Tode weihete.„O, daß ich Sie erſt ſo ſpät als Irlands größten Patrioten kennen lernen mußte, Sir Lewis!“ rief er endlich aus.„Nie würde meine Bahn eine andere, als die Ihrige geweſen ſein. Jetzt iſts zu ſpät, denn Irlands böſes Schickſal tritt uns mit eiſernen Füßen nieder. Unſre Sterne gehen unter.— Und Du, tapfre Sally, leb' wohl für die⸗ ſes Leben! Mein ahnendes Herz ſagt mir, daß wir uns lebend nicht wiederſehen. Es iſt anders gekom⸗ men, als ich mir geträumt. Ich liebte Dich; doch hab' ich einen Blick in Dein Herz gethan und ſehe nun ſelbſt ein, daß es ſo beſſer iſt. Gott mit Euch!“ „Gott mit Ihnen!“ erwiderte Sally erröthend, und Leßlie ſtürmte hinaus. Lewis und Sally ritten in das Schloß, wo ſie von Eliſabeth empfangen wurden. Wie eine barmher⸗ zige Schweſter verband ſie hier Wunden, und Peppy ſtand ihr, Arzeneien reichend, getreulich bei. Kaum hatte O'Donnel der Geliebten einige Au⸗ genblicke geſchenkt, als er ſchon wieder hinauseilte, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten, die Trup⸗ pen zu ermuntern und die Breſchen ausfüllen zu laſ⸗ ſen, die das feindliche ſchwere Geſchütz ſchon hier und da in beträchtlicher Weite in den äußern Werken ge⸗ öffnet hatte. Mit Freuden ſah er, wie der Rückzug in der wei⸗ ten Ebene in ziemlicher Ordnung von ſtatten ging. Zwar entfernte ſich das verbündete Heer immer weiter aus ſeinen ſo ruhmvoll behaupteten Stellungen, doch wehte das iriſche Banner noch hoch, und die Seinigen wehrten ſich tapfer, ehe ſie dem ungeſtüm nachdrin⸗ genden Feinde etwas Raum gaben. Auch die Trup⸗ pen, die er jetzt hier befehligte und durch Wort und That zum tapfern Angriff befeuerte, ſchlugen ſich als ächte Vertheidiger des Vaterlandes. Doch immer klei⸗ ner wurde ihre Zahl, und in größern Maſſen ſtürm⸗ ten die fortwährend verſtärkten Gegner heran, jetzt Al⸗ les aufbietend, um den weichenden Scharen den Rück⸗ zug an die Küſte abzuſchneiden, woran ſie durch den Heldenmuth des iriſchen Häuptlings gehindert wurden, der auf die glänzendſte Weiſe die in Frankreich er⸗ lernte Kriegskunſt in der Vertheidigung des wichtigen Poſtens entfaltete. Endlich ſah er jedoch die Unmög⸗ lichkeit ein, länger das offne Feld um das Schloß herum zu behaupten. Tauſende waren ſchon todt oder verwundet; fortwährend häuften ſich Leichen auf Lei⸗ chen, und der Boden war ſchlüpfrig geworden vom Blute der Freunde und Feinde. Aus den Verſchan⸗ zungen vertrieben, vertheidigten ſich die raſenden Iren noch hinter den aufgeſchichteten Körpern ihrer gefalle⸗ nen Brüder. Plötzlich theilte ſich der Haufe, und zwei Männer ſprengten auf das Thor zu; ſchnell erkannte man Leßlie und ſeinen Reitknecht. Als ſie heran kamen, erkannte Lewis O'Donnel und Sally, daß der kühne Mann tödtlich verwundet und von einer Kanonenku⸗ gel arg verſtümmelt war. 4.* 17 ——— * 260 „Freunde,“ ſagte er mit matter Stimme,„vergönnt mir, bei Euch zu ſterben! Ich bin glücklich, Euch noch einmal zu ſehen.“ Man brachte ihn ſchnell in das Schloß, um ihn Eliſabeths und Peppy's Händen zu übergeben. Näher und näher wälzte ſich das Gemetzel zwi⸗ ſchen umgeſtürztem Heergeräth, und durch die einzel⸗ nen Verhacke, durch Hecken und Gräben hindurch, bei dem Gebrüll der Sieger, unter dem Wehklagen der . Verwundeten und dem dumpfen Todesröcheln der Ster⸗ venden gegen die Eingänge des Parkes hin, welcher das Schloß auf der öſtlichen Seite umgab. Da ſprang Lewis O'Donnel, der ebenfalls blutete, vom Pferde, und einem Fahnenträger das Banner entreißend, rief er:„Vorwärts noch einmal, meine Getreuen! Mir nach, drauf auf die Bluthunde, die ſich für Sold zu Häſchern und Mördern eines elen⸗ den Volkes gebrauchen laſſen! Laßt ſie noch einmal das Eiſen der Iren fühlen, und hinter uns haltet die Thore offen, daß auch die Verwundeten hinein können. Lebend, das wißt Ihr, darf kein braver Landsmann in die Hände der Feinde fallen.“ „Uns nach! Uns nach!“ rief Sally.„Seht das Kreuz des heiligen Patrik auf der Fahne flattern, die Irlands edelſter Mann uns vorträgt! Noch einmal ſoll es der Engländer Schrecken ſein.“ „Hört Ihr die heldenmüthige Tochter von Irland?“ rief Lewis O'Donnel.„Irlands Söhne, laßt Euch nicht von ihr beſchämen!“ „Irlands Tochter für immer!“ ſchrieen die Män⸗ ner und ſtürzten von Neuem begeiſtert in den Kampf. Und in den dichteſten Haufen der Feinde raſeten ſie, ſich der wildeſten Leidenſchaft überlaſſend, wie Würg⸗ engel, Sally dem Anführer ſtets zur Seite, gleich der 261 Kriegsgöttin oder dem Genius Irlands.— Doch Lewis O'Donnel, von Wuth und Begeiſterung zu weit in das Kampfgewühl hingeriſſen, war plötzlich von Fein⸗ den umringt, ſein Leben und die Fahne in der größ⸗ ten Gefahr; da blitzte Sally's Säbel wie das Schwert eines Cherub auf die ſchon jubelnden Engländer herab. „Jren!“ rief ſie.„Hierher! Mir nach!“ Und nach wenigen Minuten verzweifelten Kampfes war Lewis ge⸗ rettet, Sally aber in den Arm, womit ſie den ver⸗ ehrten Mann losgekämpft, ſchwer verwundet. Die Waffe entſank der Hand. Schrecklicher wurde das Ge⸗ metzel, und noch einmal wich der Feind vor dem mör⸗ deriſchen Ausfall dieſer auserleſenen heiligen Schaar, die nur noch um einen ehrenvollen Tod kämpfte, zu⸗ rück. Doch nur eine kurze Zeit hatte O'Donnel noch die Freude, ſeine Waffen triumphiren zu ſehen. Eine Abtheilung ſchwerer Reiter ſprengte auf dem ihr ge⸗ öffneten Wege gerade auf den Haupteingang des Par⸗ kes los. Erſchöpft war das geſchmolzene Häuflein nahe am Thore angekommen, als es unter dem Schutze eini⸗ ger kühnen Jäger Front gegen die Feinde machte. Keiner von den Seinigen, in deſſen Bruſt noch ein Fünkchen von Leben glimmte, ſo war ja der Wille des edlen Patrioten, ſollte der Barbarei des Feindes überlaſſen bleiben. Mit der äußerſten Anſtrengung, mit der Wuth der Verzweiflung gelang es, den Feind ſo lange abzuweh⸗ ren, bis Alle herein waren. Nur Sterbende geriethen in die Hände der Engländer, als Lewis O Donnel, der letzte Mann, der mit dem durch Sally geretteten Paniere unter das hohe Thorgewölbe trat, die eiſer⸗ nen Flügel klirrend in's Schloß warf und den Schlüſ⸗ ſel deſſelben in den Burggraben ſchleuderte. Erſchöpft, doch mit glühendem Geſicht und einen triumphirenden Blick auf den Geliebten werfend, der ihr nie ſchöner und erhabener, als in dieſer Glorie des Kriegers erſchienen war, trat Eliſabeth ihm ent⸗ gegen, ſank an ſeine Bruſt und küßte ihn; dann um⸗ armte ſie die blutende Sally und legte ihr mit Pep⸗ py's eiliger Hülfe einen guten Verband an, während Lewis O'Donnel die übrig gebliebene Mannſchaft, kaum Hundert an der Zahl, muſterte, von denen We⸗. nige ohne Wunden waren. Die Hochzeit. Leßlie war in einen alten Waffenſaal im Souter⸗ rain des Schloſſes gebracht worden und hatte ſich dort, als er verbunden und mit etwas Wein gelabt worden war, ziemlich erholt. Ruhig lag er auf dem Lager, als O'Donnel, Sally und Eliſabeth hereintraten, ihn zu beſuchen. Der Erſtere gab ihm mit ſchmerzlichen õ Worten einen kurzen Bericht über den unglücklichen Stand ihrer Sache. Auch die übrigen Krieger kamen herein, um den kühnen Häuptling noch einmal zu be⸗ grüßen. Als dies geſchehen war, umringten ſie Sally und brachten ihr eine rührende Verehrung dar; Jeder drängte ſich herbei, ihr die Hand, oder wenigſtens ei⸗ nen Zipfel der Uniform zu küſſen. Eliſabeth hielt ſie umſchlungen und küßte ſie ſchluchzend. Die beiden Mädchen ſtanden wie leuchtende Engel unter den bärtigen Männern, die mit frommer Scheu auf ſie blickten. Hierauf ſtieg Lewis auf den Schloßthurm, und Eliſabeth und Sally begleiteten ihn. Man konnte die Letztere nicht vermögen, ſich einen Augenblick Raſt zu gönnen; ſie gab vor, weder Ermattung noch Schmerz an ihrer Wunde zu fühlen. Lewis pflanzte die geret⸗ tete Fahne auf den Thurm und beobachtete dann die Lage des übrigen Heeres und die Bewegungen des Feindes außerhalb des Schloſſes. Den kühnen Mann ſchreckte es nicht, als er ſah, wie der letztere ſich zu einer Belagerung, oder wohl eher zu einem Sturme anſchickte, deſſen Ausgang vor⸗ herſehend, er ſchon alle Maßregeln getroffen hatte. Wohl aber erfüllte es ihn mit tiefem Kummer, als er, den Blick nach Weſten wendend, bemerkte, daß die Stadt Eniskillen bereits in den Händen der Feinde war, und daß ein großer Theil des verbündeten Hee⸗ res, des tapfern Leßlie's als Führer entbehrend, auf⸗ gelöſt in wilder Flucht, nach allen Seiten zerſprengt, von den britiſchen Dragonern umzingelt und ſcho⸗ nungslos niedergemetzelt, ein andrer aber, der noch ei⸗ nige Ordnung in der retirirenden Kolonne beobachtete, ſo heftig verfolgt wurde, daß ein glückliches Entkom⸗ men kaum denkbar war. Die Sonne ging eben unter und goß ſcheidend noch das blutflammende Abendroth über die Bergſpi⸗ tzen von Sligo aus; im Oſten aber röthete ſich der Himmel gleichfalls, und die Mondſcheibe ſtieg dunkel gefärbt empor, um die Erfüllung ihrer Weiſſagung von voriger Nacht theilnahmlos zu betrachten. Lewis O'Donnel ließ dagegen ſeinen Blick ſchmerzlich über die Gegend gleiten; an die Brüſtung des Thurmes ge⸗ lehnt, verſank er in tiefe Gedanken, da fiel ſein Auge auf die Mädchen zu ſeiner Seite. „Es iſt ſeltſam,“ ſagte er mit weicher Stimme, „daß wir Drei uns jetzt hier zuſammenfinden, deren Leben ſo innig in einander verwebt iſt, die wir durch die heiligſten Bande an einander gefeſſelt ſind! Uns trifft der Scheideblick der Sonne, mit der Irlands Freiheit und Hoffnung untergeht. Und wie verklärt treten mir plötzlich Bilder aus den letzten Jahren vor die Seele. Dein rechter Arm iſt verwundet, der mei⸗ nige war es auch, und Deine Pflege rettete mir ihn. Sieh' und das iſt ja auch das Tuch— Alles wird mir lebendig! Wie ich Dich auf Mics Hochzeit zum erſten Male ſah, dann, wie wir zuſammen über die Berge und Felſen des Caba, Hungarin und Ghaul nach der Teufelsmauer ritten.“ Sally wendete erröthend das Antlitz ab und ver⸗ barg es an Eliſabeths Bruſt. „Du biſt der Schutzengel unſrer Liebe geweſen,“ fuhr Lewis fort,„und all' dieſe aufopfernde Treue hat Gott nicht gefallen, zu belohnen; wie wird es uns möglich ſein, Dir zu vergelten? Die Pflicht ge⸗ beut, daß wir in dieſer Nacht an Flucht denken; wir werden uns durch die Engländer durchhauen müſſen. Kommen wir mit dem Leben davon, ſo ſetzen wir nach Frankreich über; ich habe den größten Theil mei⸗ nes Vermögens dorthin gerettet. Du gehſt mit uns, Sally.“ Sie antwortete nicht, ſondern lächelte wehmüthig. „Vielleicht ereilt uns auch der Tod noch in dieſer Nacht,“ ſprach Lewis weiter,„denn wir werden es vor⸗ ziehen, zu ſterben, als Gefangene der Engländer zu werden. Fallen wir, ſo rauſcht der Flügel der Ver⸗ geſſenheit bald über unſern Gräbern, und wir ver⸗ 265 ſchwinden ſpurlos, wie all' die heutigen Opfer, und das kommende Geſchlecht wird ſich nicht um uns küm⸗ mern. Das iſt des Menſchen Loos. Aber gewiß tagt uns ein neuer Morgen, und das Jenſeits glüht von ſeinem Roth, die Sonne der Freiheit“— Sally hatte ſelig lächelnd ſich weit über die Brü⸗ ſtung gebogen und blickte ſehnſüchtig in das Abend⸗ roth; bedeutungsvoll nickte ſie zu O'Donnels Wor⸗ ten, als wären ſie ihr recht aus der Seele geſprochen; Eliſabeth ſtand ſtill weinend hinter ihr und blickte über die Brüſtung in den Vorderpark hinab; dort hatte eine Geſtalt ihre Aufmerkſamkeit erregt, die ſich bald vor den Büſchen zeigte, bald in denſelben ver⸗ ſchwand. Jetzt rief ſie plötzlich mit allen Zeichen un⸗ geheuern Schreckens:„Zurück, Lewis! Es gilt Dein Leben! Kildare ſchießt nach Dir!“— Sie hatte jetzt ihren Pflegevater wirklich erkannt, der, ein trefflicher Schütze, mit einem Feuergewehr herauf zielte. In demſelben Augenblick fiel unten in den Gebüſchen ein Schuß und mit einem Wehlaut zuckte Sally zu⸗ ſammen. „Was iſt's?“ ſchrie O'Donnel erſchrocken. „Ich bin getroffen,“ verſetzte Sally, ſich entfär⸗ bend. Ein aus ihrer Bruſt dringender Blutſtrahl be⸗ ſtätigte ihre Worte. Lewis umſchlang ſie von der ei⸗ nen, Eliſabeth von der andern Seite, und führten ſie zu einer Bank; ihr Blick ruhte ſelig verklärt auf Beiden. Der Glanz des Abendrothes hatte ſich in ihre Züge eingewebt.„Meine ſüße Ahnung hat mich nicht betrogen! O willkommen, Tod, du erſehnter Freund! Meine Sendung iſt erfüllt, der Schutzgeiſt Euerer Liebe zu ſein. Das Leben rinnt dahin, und ſterbend kann ich das Geheimniß meiner Bruſt löſen: Lewis, ich habe Dich unausſprechlich geliebt! Aber es 266 war nicht irdiſche Liebe, nicht Verlangen nach Deinem Beſitz. Ich liebte Dich ebenſo, Eliſabeth; darum zürne der Sterbenden nicht! Euch vereint zu ſehen, war meines Lebens höchſter Wunſch; Euch zu dienen, mei⸗ nes Lebens höchſte Aufgabe. Gebt Euch die Hände! Ich ſegne Eueren Bund, und der fliehende Geiſt ſagt mir, kein blutiger Schatten drängt ſich zwiſchen Euch; er iſt geſühnt durch meinen Tod“ „Sally! Sally!“ riefen Lewis und Eliſabeth weinend,„Du, unſer Schutzengel, willſt uns ver⸗ laſſen!“ „Weh' mir,“ ſetzte Eliſabeth hinzu,„und Kilda⸗ re's Kugel war's, die Dich durchbohrt hat!“ „Mein Tagewerk iſt vollbracht; ich war Dein Schild, Lewis, Dir galt der Schuß, aber er traf die rechte Bruſt. Ich vergebe Deinem Vater, Eliſabeth! Was ſollte ich nun mit meinem qualvollen Schmerz in der Bruſt ferner leben? Meine Blüthen fielen ver⸗ giftet vovm Baume. Der Schmerz weicht— mir wird wohl— leicht— unbeſchreiblich wohl— 0 Tod — wie— ſchön— biſt— du!— Seid— glück⸗ lich!— Lewis!“— Das große, ſchöne Auge erloſch; die Arme, mit denen ſie den ihr ſo theuern Mann krampfhaft um⸗ faßt hatte, löſten ſich; die edle Lebensquelle, die heiß, wie ihre Liebe, über O'Donnels Hand geſtrömt war, verſiechte, und vor dem weinenden Liebespaar lag nur noch eine ſchöne Leiche. „Und die verrätheriſche Kugel ihres eignen Va⸗ ters iſt's, die den wild verſchlungenen Knäuel ihres Schickſals ſo plötzlich gelöſt!“ klagte Eliſabeth, heftig weinend, auf die Hülle der Unglücklichen geworfen, und bedeckte den bleichen, noch immer lächelnden Mund mit Küſſen. Stumm beugte ſich auch O Donnel herab 267 und berührte die Lippen der Todten mit den ſeinigen; aber kein Schmerz drückte ſich in ſeinen Zügen aus, es glänzte vielmehr darin, wie hohe Wonne. Eliſa⸗ beth umfaſſend und mit ihr an der Leiche knieend, ſprach er ſanft:„Weine nicht länger, Geliebte! Der Herr hat es wohl mit ihr gemacht! O, welch' hohe Gnade hat er ihr angedeihen laſſen! Und auch darin, daß er ihr dieſe Wohlthat durch die frevelvolle Hand ihres Erzeugers zuſendete, verehre ich einen Akt gött⸗ licher Barmherzigkeit. Laß uns beten an dieſem hei⸗ ligen Altar!“ Und Beide falteten die Hände und be⸗ teten über der Leiche. Dann umfaßte der tief ergrif⸗ fene Mann die leichten Ueberreſte des Heldenmädchens und trug ſie behutſam die Stufen hinab. Eliſabeth folgte mit verhülltem Haupte. Stumm ſchritten Beide über den Hof mitten durch die beſtürzten, ihnen mit ehrfurchtsvoller Scheu ausweichenden Krieger und brach⸗ ten die Hülle in die große Halle, wo Leßlie lag. Kaum hatte dieſer, ſelber ſterbend, gehört, was geſchehen war, als er jubelnd ausrief:„Sei gegrüßt, ſei willkommen, geliebte Tochter Irlands! So wirſt Du doch noch meine holde Braut, mein ſüßes Lieb, und wir werden heute noch vereint! Her zu mir! Legt ſie auf mein La⸗ ger! Das iſt unſer Brautbett! Ich hatte es ihr ja gelobt; und das Schickſal hat für mich Wort ge⸗ halten. Ruft mir den alten Prieſter OKelly herbei, daß er uns einſegne! O Du Herzliebſte, wie ſchön biſt Du! Bringt Fahnen und Kriegsgeräth und ſchmückt die Brautleute! Singt uns Hochzeitlieder und laßt uns dann allein, damit wir eine lange, ſüße Braut⸗ nacht zuſammen feiern; ſo eine ſchwermüthig einſame Nacht, wie wir in der klingenden Höhle des Rieſen⸗ dammes zubrachten. Nicht wahr, mein ſchönes, blei⸗ ches Bräutchen, ſüße Tochter Irlands?“ 268 Des Pater O'Kelly's ehrwürdige Geſtalt trat an das Lager und ſprach ſelbſt wie ein verklärter Geiſt, die Hände über das Paar ausbreitend, ſeinen Segen über ſie. Die Anweſenden ſanken unwillkürlich in die Kniee, als der Greis die heiligen Worte ausſprach; Alle fühlten mit ſüßen Schauern die unmittelbare Nähe der Gottheit. Es waren nur Wenige unter den übriggebliebenen Braven, die nicht den Schmerz ihrer eigenen Wunden vergeſſen hätten, ſobald ſie den Tod des Heldenmäd⸗ chens vernahmen, welche von Allen, die ſie im Leben gekannt, hochverehrt wurde, und für die Jeder, der ſeit wenigen Stunden ihre wahre Herkunft wußte, das tiefſte und reinſte Mitleid fühlte. Alle drängten ſich in die Halle, um noch einmal die Leiche der treuen und tapfern Sally zu ſehen, die noch heute mehr als einen von ihnen durch ihr heldenmüthiges Beiſpiel zu kühner That entflammt hatte. Die Männer nah⸗ men die alten Waffen von der Wand und ſtellten ſie um das Lager, auf welchem das tapfere Paar ru⸗ hete, die todte Heldin und der ſterbende Held; Lewis O'Donnel aber löste die alten Fahnen und Wappen⸗ ſchilder des Hauſes Kildare ab und bedeckte ſie da⸗ mit, ſagend:„Sie iſt die Tochter des Hauſes, die Herrin des Schloſſes, der letzte Zweig dieſes Ge⸗ ſchlechts.“ „Ja,“ fügte Leßlie hinzu,„ich habe mich mit der Herrin von Rougheligh vermählt; es iſt recht, daß unſer Bett mit den Wappen des Hauſes geſchmückt wird.“ Die Frauen wanden Kränze von einer im Hofe ſtehenden Cypreſſe und ſetzten ſie Sally auf das lockige Haupt; Eliſabeth aber legte ihr Lewis O'Donnels Tuch, hir theures Kleinod, auf die wunde Bruſt; es war mit 269 ihrem Blute getränkt. Peppy ſtand unbeweglich am Lager und hielt ihren ſtarren Blick, einer Seherin gleich, auf Sally gefeſſelt. Bald erfüllte die laute Klage des iriſchen Todten⸗ geſanges, nach dem Gebrauche des Landes, den hohen alterthümlichen Saal, deſſen düſtre, altgothiſche Bauart, von Mondſtrahlen und Abendroth ſchauerlich dämmernd erhellt, die melancholiſche Feier noch ergreifender machte. „Gefallen iſt die Tochter Irlands, die tapfre Heldin, gefallen iſt der grünen Inſel treueſtes Kind! Wehe, wehe! ſmaragdene Inſel, wo iſt deine Perle, dein köſtliches Kleinod? Deine Tochter iſt gefallen, dein Kind iſt geſtorben, von einer feindlichen Kugel getrof⸗ fen,“ ſo tönten die Klagen. Plötzlich rollte dumpf, wie zur Feier der trauri⸗ gen Stunde gehörig, der Donner des feindlichen, nä⸗ her an die Schloßmauer herangerückten Geſchützes; aber brauſender erhob ſich der Geſang der Krieger, bald wie der Sturm im fernen Eichenwald und wie Oſſians Schlachtenlieder wogend und in den hohen Bogen des Gewölbes verhallend, bald wie Harfentöne herabſinkend und wie Geiſterlispeln an den mächtigen Säulen und Pfeilern erſterbend. Endlich ſchwieg der Geſang; eine kurze feierliche Stille trat ein; die Männer entblösten ihre Häupter, die Weiber knieeten um das Lager, Alle beteten.— Nun rief Leßlie den Namen Lewis O'Donnels mit ſchwacher Stimme, und dieſer neigte ſich zu dem ſter⸗ benden Freund hinab. Leßlie flüſterte ihm lange etwas zu; Lewis wieß ihn anfangs unwillig zurück, doch ſagte er zu, als jener heftig wurde und bittende Töne ausſtieß, die jedes Herz zu beſiegen geeignet waren. Lewis erhob ſich weinend. „Ich danke Euch, meine Freunde, Brüder, Lands⸗ —— 270 leute, für die mir und meiner Braut bewieſene Liebe und Verehrung!“ ſagte Leßlie, kaum noch vernehmbar. „Verlaßt jetzt unter Anführung des tapfern und edlen Lewis O'Donnel die Stätte des unvergänglichen iri⸗ ſchen Ruhms, auf der ich der Tochter von Irland, mir und allen Gefallenen ein unſterbliches Denkmal errichten will. Fort ſo lang es noch Zeit iſt! Hört Ihr die Kanonen? Die Engländer rücken näher. Ihr ſeid vielleicht ſchon umzingelt. Schlagt Euch tapfer durch. Nehmt von den Verwundeten mit, was Ihr fortbringen könnt, die Uebrigen empfehlt der Gnade des barmherzigen Gottes, der Euch glücklich leiten möge! Ich ſchwöre es Euch bei den Geiſtern unſrer auf dieſem blutigen Boden ſchlafenden Brüder, ich will ein Bollwerk zwiſchen Euch und die Feinde wer⸗ fen, das ſie nicht eher überſteigen ſollen, als bis der Letzte von Euch in Sicherheit iſt. Leb' wohl, Lewis! Leb' wohl, Eliſabeth! Seid glücklich! Gott und alle Heiligen mit Euch! Nehmt den letzten Gruß meiner Liebe! Wir gedachten Irland frei und glicklich zu machen, Gott hat es anders gewollt. Ich bin glück⸗ lich, ſeid Ihr es auch! Und vielleicht wird es auch Irland einſt. Lebt wohl!“ „Er will es ſo!“ ſagte Lewis O'Donnel ſchmerz⸗ lich zu den Iren;„wir dürfen ihm dieſen Wunſch nicht verſagen. Gott mit Dir, Leßlie! In einer beſſern Welt Wiederſehen!“ Leßlie winkte ſeinen Diener herbei.„Billy,“ ſprach er,„Du haſt mir treu gedient in allen Mühen und Gefahren meines wechſelvollen Lebens. In der ein⸗ einſamen Höhle des Rieſendammes haſt Du meine Liebe zu dieſer meiner bleichen Braut entſtehen und wachſen ſehen, thue uns Beiden nun den letzten Lie⸗ besdienſt.“ 271 „Wir warten auf Dich, Billy,“ ſagte Lewis O'Don⸗ nel zu dem weinenden Diener,„bis Du Deines Herrn letzten Befehl vollführt haſt.“ Alle hatten die Halle verlaſſen, bis auf Billy; er ſtand an dem ſchauerlichen Lager. „Billy, nicht ohne Abſicht ließ ich dieſen Morgen den Pulvervorrath des verbündeten Heeres herein in das Schloß ſchaffen; ich gab vor, es ſei hier ſicherer, aber wirklich fuhr mir ein dunkler Gedanke durch die Seele. Es iſt ſo geworden, wie ich ahnete. Irlands Freiheit iſt geſchlachtet, und ich habe nur noch we⸗ nige Minuten zu leben; aber ich will ſterben, wie ich gelebt habe, nicht auf gemeine Weiſe, und mir eine handvoll Engländer, die draußen noch geſund und munter ſtehen, mitnehmen auf der dunkeln Reiſe. Sie ſollen mir den Hochzeitreigen tanzen, einen luſti⸗ gen Fackeltanz. Die Hochzeitfackel will ich ſelbſt an⸗ zünden. Schaffe die Pulverfäſſer von den Wagen herein und lege ſie rund um unſer Lager. Lewis O'Donnel und ein paar treue Burſche werden Dir helfen. Beeile Dich, es wird bald geſchehen ſein.“ Der Diener ging mit trübem Blick. Bald war das Geſchäft vollbracht. Rund um das Lager ſtan⸗ den die Pulvertonnen, jede geöffnet, und von einer zur andern hing das pulvergeſättigte Leitſeil. „Nun reiche mir meine guten Piſtolen. Ich danke Dir, Billy. Leb' wohl! Gott vergelte Dir, was Du an mir gethan!“ Der Diener ging laut ſtöhnend, und ſchauerliche Einſamkeit erfüllte die Halle. Die Bildſäulen an der Wand, vom ſchwachen Mondſtrahl, der durch die buntgefärbten Glasſcheiben ſchlich, ſeltſam beleuchtet, ſchauten ſo geſpenſtig ernſt auf die beiden Inhaber Lagers. Sally's Geſicht glänzte weiß, wie Mondſchein. 272 Der Glanz des Friedens und der Unendlichkeit lag darauf. Leßlie richtete ſich mühſam empor und ſah ihr lange in die lächelnden Züge.„Wie ſchön Du biſt! wie reizgeſchmückt, meine ſüße Braut! Ich weiß es wohl, Du liebteſt Lewis O'Donnel, und ſein Ring glänzt an Deinem Finger; und darum konnteſt Du auf Erden nicht mein werden. Aber der Himmel hatte Dich mir beſtimmt; deshalb ließ er Dich einen ſchönen Tod ſterben und vergönnte mir, Dich zwei Augenblicke zu überleben.— Wie wunderbar mich dieſe Halle an die Höhle erinnert, wo meine Liebe zu Dir als Roſenknospe aufkeimte! Hier tiefe herrliche Einſamkeit, wie dort; hier hohe dämmernde Wölbun⸗ gen, wie dort; hier Säulen und Pfeiler, von Mond⸗ ſchein und Abendroth bemalt, wie dort; aber hier Dei⸗ ner Ahnen Haus, dort Gottes Werk; hier die geknickte Roſe, dort die Knospe; dort Leben, hier Tod!— Horch, klingt es nicht auch wie im Rieſendamm? Sind es die Geiſter der Höhle, die uns begrüßen und un⸗ ſer Loos preiſen? Sind es Engel, die uns empfan⸗ gen? Ha, es kracht, die Hochzeitgäſte kommen!“ Er griff zur Piſtole.„Mit Flammenſchrift trag' ich den Tag von Eniskillen in das Buch der Geſchichte. Gott ſegne Irland!“ 30. Das Hrabmonument und die Flucht. Unter die gerüſteten Haufen der Freunde draußen trat Peppy und brach ihr langbeobachtetes Schweigen: „Nicht vergebens bin ich hier geboren und aufge⸗ wachſen; nicht vergebens hat Kildare mich in meiner Jugend hier verführt. Wir hatten unſre Züſammen⸗ künfte des Nachts oft am See und gingen durch ei⸗ nen Gang dahin, der dort hinaus unter den Wällen führt und ganz verſteckt iſt, jerenfalls von einem frü⸗ hern Schloßbewohner in den ſtürmiſchen Zeiten angelegt, um ſich ſchnell dadurch zu retten. Er mündet in ei⸗ nem dichten Gebüſch am See, wie ein Waſſerkanal. Vertraut Euch meiner Leitung.“ Die Männer betrachteten die alte Frau wie einen Rettungsengel. Der Pater ſprach noch einmal den Segen über ſie; dann folgten ſie Peppy und gelang⸗ ten nach kurzer Zeit glücklich in's Freie. Still wan⸗ delten ſie paarweiſe knapp am Ufer hin und zerſtreu⸗ ten ſich dann aus Vorſicht. Die Meiſten ſchlugen in kleinen Abtheilungen Wege nach den Gebirgen ein. Lewis O'Donnel zog es auf Peppy's Rath vor, an der nächſten Fiſcherhütte einen Kahn zu beſteigen und über den See zu ſetzen. Der Abſchied von den ta⸗ pfern Männern war kurz und ſchmerzlich. Außer em Baronet beſtiegen Eliſabeth, Anna Ruuthan, Peppy und O'Kelly das Fahrzeug, das nach wenigen Minu⸗ ten auf den mondbeſeuchteten Wellen ſchaukelte.— Storch, ausgew. Romane u. Novellen. X. 18 274 Die Engländer hatten das Schloß umzingelt. Nie⸗ mand war durch ihre Linien paſſirt. Es befremdete ſie, daß ihr Feuer ſchon lange nicht mehr erwiedert wur⸗ de. Man glaubte allgemein, daß noch eine bedeu⸗ tende Streitmacht darin hauſe, und der Ort war zu wichtig, als daß er nicht hätte genommen werden müſſen. Der General gab daher Befehl, die Wälle zu erſteigen. Dies geſchah durch einige Breſchen. Noch mehr überraſcht aber blickten die Erſten, welche auf die Mauer gekommen, vom Walle in den öden, gänzlich verlaſſenen Hof hinab, deſſen Grabesſtille der fahle Mondſchein noch ſchauriger machte. Zaudernd ſtiegen ſie hinab, vorſichtig ſchritten ſie weiter; wiederum hielten ſie ihre Schritte an, doch nirgends traf man auf Widerſtand; aus keinem Winkel, der zu einem Hinterhalte hätte dienen können, fiel ein verrätheriſcher Schuß, wie man anfänglich erwartete. Nun machte die zuerſt eingedrungene Abtheilung Halt, und gleich darauf rückte ein Regiment mit klin⸗ gendem Spiel, unter Jubel und Siegesgeſchrei durch das von innen geöffnete Thor in den weiten Schloß⸗ hof ein, wo die Soldaten hungrig und von der Blut⸗ arbeit ermüdet Ruhe, Speiſe und Trank in den Vor⸗ rathshäuſern und Kellern für ſich und ihre auf der Wahlſtatt und am Schloſſe lagernden Kameraden zu finden hofften. Da zuckte plötzlich ein weißgelbes Licht tief aus dem Gewölbe hervor, ein mächtiger Blitzſtrahl. Ein fürchterlicher Donnerſchlag! Der Boden zittert und reißt von einander in ſeinen Gründen erſchüttert. Der gräßliche Schall rollt ſchaurig bis an die fernſten Ufer des Sees, deſſen Wogen hochaufſpritzen. Die Thürme wanken und ſpalten ſich unter ſchrecklichem Krachen, das Haus berſtet, die Mauern fallen ein. Wie aus dem tiefen Schlunde eines Vulkans werden ungeheure Werkſtücke in noch faſt verbundenen Maſſen wie leich⸗ tes Geröll in die Luft geſchleudert; dann aber ſtürzt Alles, Schwibbogen, Pfeiler und die langen Gallerien mit dumpfem Gepraſſel über einander und bilden eine neue, aber ſchwerfällige und formloſe Geſtalt. Röth⸗ liche Flämmchen lecken aus den chaotiſchen Trüm⸗ mern hervor und eine dichte ſchwarze Wolke mit glut⸗ rothem Saume lagert ſich gleich einem ungeheuern Leichentuche über den Raum, den der wilde iriſche Häuptling zu ſeinem Hochzeitbett und Grabe einrich⸗ tete, in das er Hunderte ſeiner Feinde zugleich mit hinabzog. Auf dem Thurme, der ſtehen geblieben war, ent⸗ faltete ſich das iriſche Banner, von einem heißen Luft⸗ zug bewegt, das große blutrothe St. Patrikskreuz. Es war zum blutigen Grabeskreuz geworden, ein be⸗ deutſames Zeichen. Dieſer ungeheure Steinhaufe war das Grab der Tochter Irlands und ſeines tapferſten Helden; hoch darüber in den Lüften flatterte Irlands Kreuz, vom Mondſchein, wie von einem wirrfinnigen Lächeln umſpielt.— Alles wurde ſtill; über die rau⸗ chenden Trümmer webte der Mond ſeinen ſchwermü⸗ thigen Schleier.—— Lewis O'Donnels Kahn ſchaukelte eben auf der Mitte des Sees, als der grelle durch die Luft blitzende Flam⸗ menſchein und das eine Minute ſpäter auftoſende Ge⸗ dröhn des Donners die Flüchtigen belehrte, was ge⸗ ſchehen ſei. „Es iſt vollbracht!“ ſagte Lewis O'Donnel zu den er⸗ ſchrockenen Frauen.„Das Grab hat ſich über Leß⸗ lie und Sally geſchloſſen.“ O'Kelly aber ſank in die Kniee, entblöste das Haupt und betete:„Vater un⸗ ſer im Himmel, heilig ſei Dein Name! Dein Reich 18* 276 komme! Dein Wille geſchehe! Gieb uns täglich Brot! Vergieb uns unſre Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldnern! Führe uns nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe uns vom Uebel. Denn Dein iſt das Reich, die Kraft, die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen! Friede mit den Todten, Amen!“ Alle hatten knieend mitgebetet; dann ſaßen ſie ſtumm in den Mond, oder die Wellen blickend, über die der Kahn ſchnell dahin glitt; kein Laut ſtörte die wehmüthige Feier der Gefühle. Die Mondſtrahlen thauten wie helle Thränen auf ſie herab. Nach Mitternacht verdunkelte ſich der Himmel; der Mond verhüllte ſein Antlitz in Regenwolken. So lieb dies den Flüchtlingen war, ſo hatten ſie doch kaum das Ufer betreten, als ſie auch ſchon auf ein Piquet ſtießen. Ehe ſie ſich's verſahen, waren ſie um⸗ ringt und zu ſpät bereuete Lewis O'Donnel, ſich von den übrigen bewaffneten Männern getrennt zu haben. Sein verzweifelter Muth erlag nach wenigen Minuten der Uebermacht, und was er am meiſten gefürchtet, was ihm bittrer und ſchrecklicher war, als der Tod, mußte er zuletzt noch erfahren, Gefangener der Engländer zu ſein. „O, lägen wir bei Leßlie und Sally begraben!“ rief er verzweiflungsvoll. Sie wurden zur nächſten Fiſcherhütte gebracht, in welcher der Chef des Regiments lag, und der erſte Mann, der ihnen dort entgegentrat, war dieſer ſelbſt, war— Lord Wexford. Kaum hatte dieſer ſeine Ge⸗ fangenen im erſten Strahl des trüben Morgens er⸗ kannt, als er frendig erſchrocken ausrief:„Willkom⸗ men, tauſendmal willkommen, edler Sir, in meiner Behauſung! Willkommen, Miß Eliſabeth! Will⸗ kommen, Mutter Peppy! Willkommen, alter hoch⸗ —,—— 277 würdiger Herr! Willkommen, Miß Anna! Ihr meine Gefangenen! Ich danke Gott, Ihr lieben Leute, daß er mir Gelegenheit giebt, Euch etwas von dem zu ver⸗ gelten, was Ihr an mir gethan! Fürwahr, der Him⸗ mel hat Euch zu Euerm und meinem Beſten zu mir geführt. Herein! herein! und ſeid meine Gäſte! Euere Kräft ſind erſchöpft; wie weit hättet Ihr noch wan⸗ dern können, Ihr alten Menſchen, und Sie, liebens⸗ würdige Miß Eliſabeth und Miß Anna! Erquicken Sie ſich, ſtärken Sie ſich, und dann geb' ich Euch einen Begleiter, der Euch ſicher in Euere Heimath bringt.“ Dieſe Worte waren ſehr geeignet, die verzweifelte Stimmung der kleinen Geſellſchaft zu verſcheuchen, und das Betragen des wackern Obriſten war ganz ſei⸗ nen Worten angemeſſen. Im Innern der Hütte wurden die Gefangenen von Miß Margaret Fitzjames empfangen. Der Lord faßte ſie zärtlich an der Hand und wandte ſich mit den Worten an die Gäſte:„Ich habe die Ehre, Ih⸗ nen in dieſer Dame meine verlobte Braut vorzuſtel⸗ len.“— Margaret warf Anna einen triumphirenden Blick zu; dieſe ſchlug ihr ſtolzes Auge zu Boden und war im Herzen froh, daß ihr häßlicher Gemahl in der Schlacht abhanden gekommen war, um keinen Ver⸗ gleich aushalten zu müſſen. Die Gäſte beglückwünſch⸗ ten das Brautpaar, nahmen dann ein Frühſtück ein und erquickten ſich durch einige Stunden Schlaf. Als ſie erwachten, lagen Fiſcher- und Bauernkleider für ſie bereit, die ihnen bald eine unkenntliche Geſtalt ga⸗ ben; ein Dragoner harrte ihrer als begleitende Sauve⸗ garde, verſehen mit einem von Lord Wexford ausge⸗ ſtellten Paß, worin die Flüchtlinge als Bauern von ſeinen Gütern bezeichnet waren. Der Obriſt ſelbſt 278 war ſchon ausgeritten, um ſich nach der in der Nacht gehörten Exploſion zu erkundigen, worüber ihm ſeine Gäſte mit Bedacht keine Auskunft gegeben hatten. Miß Margaret ſagte den Scheidenden in ſeinem Na⸗ men Lebewohl. So zogen ſie auf einem bedeckten Wagen ſicher davon und kamen ungefährdet durch alle Linien der Engländer. 31. Cims Kerechtigkeit. Düſter ſchlug der Morgen nach der ſchrecklichen Kataſtrophe die thränenſchweren Augen auf. Graues Regengewölk bedeckte den Himmel, und nur in einzel⸗ nen Zwiſchenräumen blickte der glanzloſe Mond, gleich⸗ ſam ſchlaftrunken, lebensſatt und ſcheu durch die zer⸗ riſſenen Wolken auf die rauchenden Trümmer des Schloſſes Rougheligh herab. Rings um die ſchaurige Stätte herrſchte das Schweigen des Grabes; denn die dort gelagerten Regimenter waren mit Sch aidern noch in dieſer Nacht davon gezogen, nachdem ſie ſich über⸗ zeugt, daß 1 dieſem wüſten, flammenglühenden Steinhaufen jegliches Leben verſtummt ſei. Nur die aus dem Geſtein hier und da vorleckende Glut und die zerſtampften Saatfelder gaben Kunde, welch' ein wildes Leben hier vor Kurzem getobt hatte. Aus einer der dichteſten und wildverwachſenſten Lauben des Vorderparks traten zwei Männer, mit zer⸗ fetzten Mänteln behängt, in welchen ſie kaum zu — — 279 erkennen waren, und behutſam umherlauernd. Es war Tim Ruuthan und Billy, Leßlie's Diener. „Sage mir jetzt aufrichtig, mein Junge,“ flüſterte der Erſtere zu Letzteren,„iſt die traurige Geſchichte, von welcher dieſer dampfende Steinhaufen predigt, wirklich ſo, wie Du ſie uns erzählt haſt, oder haſt Du uns, aus Schonung für den armen ſchwerver⸗ wundeten Michaul O'Donnel, den Untergang des edlen Sir Lewis in dieſen Trümmern verſchwiegen? Im letztern Fall haſt Du allerdings ſehr klug gehandelt; denn Michaul liebt ſeinen Bruder viel zu heftig, als daß er in ſeinem jetzigen Zuſtande die gewiſſe Nach⸗ richt vom Tode deſſelben lange überleben würde; mir aber gieb reine Wahrheit!“ „Ich gab ſie Euch ſchon, Maſter Tim,“ entgegnete Billy.„Wie ich Euch die Geſchichte von der Zerſtö⸗ rung des Schloſſes erzählt habe, ſo iſt ſie; ich brauchte nichts in Maſter Michauls Gegenwart zu verſchwei⸗ gen. Mein tapfrer Gebieter und Sally liegen darin begraben; ich aber ſchied von Sir Lewis und ſeinen Begleitern, wobei auch Euere Frau war, und da be⸗ fanden ſich alle wohl. Im Gehölz traf ich den alten John Boyle, der mich anrief; an meiner Stimme beim Antworten erkannte er mich. Er hatte ſich die⸗ ſelbe aus der Zeit unſres gemeinſchaftlichen Aufent⸗ haltes in der Höhle des Rieſendammes gemerkt. Bald erkannte ich auch ihn; denn, ihn für einen Engländer haltend, war ich, eben im Begriff, zu fliehen. Er bat mich, das Schlachtfeld beim hellen Schein des Mon⸗ des mit ihm zu durchwandern, um zuzuſehen, ob er nicht einen ſeiner Freunde finden würde, dem er die letzte Ehre erzeige. Als wir lange vergeblich geſucht hatten, äußerte er den Wunſch ſehr lebhaft, das ma⸗ jeſtätiſche Grab ſeiner geliebten Pflegetochter zu ſehen 280 — ich hatte ihm nämlich ihr Ende erzählt— und ihr eine fromme Thräne darauf zu weinen. Wir gin⸗ gen hierher und fanden Euch und den verwundeten Michaul.“ „Gottlob! ſo lebt Lewis und auch Michaul wird geneſen. Der Himmel hat uns zuſammengeführt. Die alte treue Lootſenſeele, die ſchon ſo oft den Freunden der Freiheit rettend erſchien, wird auch jetzt zuletzt noch, da das blutige Stück ausgeſpielt iſt, uns von großer Hülfe ſein. Auf Balliford ſind noch O'Don⸗ nels Geſchwiſter; ſie und uns wird der Alte glücklich nach Frankreich bringen.— Aber horch! regt ſich dort nichts? Sieh, ſieh, aus den Ruinen windet ſich eine menſchliche Geſtalt empor! Wie? iſt einer von da un⸗ ten erſtanden? oder iſt's ein Geiſt, ein nebelhafter Bewohner der Heide, der ſo mühſam über die glü⸗ henden Steine kriecht? Nein, es iſt ein Menſch, ein lebender Menſch, aber ſeine Kleider hängen verſengt in Fetzen um ihn, ſein Haar trieft in den Nacken, der Regen füällt auf ſeinen kahlen Scheitel, ſein Auge irrt mit dem furchtbaren Ausdruck des Wahnſinns über den ſeltſamen Grabhügel. Himmel! es iſt Lord Kildare, mein Vater! Er ſcheint etwas zu ſuchen und flüſtert Worte. Er hält in ſeiner Hand eine Büchſe. Komm, Billy, wir wollen ihm von der Seite nahen, daß er nicht auf uns anlegen kann.“ Sie zogen ſich zurück und Kildare's verwitterte Geſtalt kroch keucheno herab. Die beiden Männer, die Mäntel um den Hals geſchlagen, die Hüte in's Geſicht gedrückt, waren einen Augenblick darauf ne⸗ ben ihm. Er hätte ſie auch ohne die Vermummung nicht erkannt, denn bald ergab ſich aus ſeinen Reden die Verwirrung ſeines Geiſtes. „Wißt Ihr's ſchon, daß ich ihn erlegt habe, den 281 Erbfeind meines Hauſes, den Verhaßten, der mir meine Eliſabeth geſtohlen?“ fragte er mit heiſerem Lachen.„Mitten in's Herz hab' ich ihn geſchoſſen mit dieſer Büchſe. O, das iſt ein gutes Rohr, und der Fuchs Halali! Das ganze Schloß ſiel zuſammen von dem Schuß. Nicht wahr, ich bin noch immer ein guter Schütz? Eine öffentliche Dirne hat er mir zur Tochter gegeben, mir dem Lord Kildare, Pair von Ir⸗ land! Dafür hat er ſterben müſſen, hahaha! Ich hatt' im lang' genug nachgeſtellt. Verurtheilt hatten ſie mich, die Schurken; das„Schuldig“ hatten ſie über mich ausgeſprochen und mich dem Henker übergeben, hihihi! aber Lord Kildare's guter Stern wacht noch. Sterben ſollt' ich, ſagte ein abſcheulicher Menſch zu mir, aber ich wollte nicht ſterben, und ich ſtarb nicht. Aber er hat ſterben müſſen, der mich hatte verurthei⸗ len laſſen.— Ich will Euch die Geſchichte erzählen, Ihr Freunde. Dem Henker entronnen, kam ich hier⸗ her und verkroch mich in dem unterirdiſchen Gang, der vom Seeufer in's Schloß führt. Ich hörte die Schüſſe den ganzen Tag; gegen Abend, als es ſtill wurde, trat ich hervor und wollte zuſehen, wer die Schlacht gewonnen. Ich ging durch den Park; da lagen erſchlagene Männer, die hatten ihre Büchſen in der Hand. Seht, da ſpäh' ich nach dem Schloſſe und erblicke auf der Zinne des Thurmes meinen Todfeind ſtehen. Ich laufe zurück, hole mir eine Büchſe, halte auf ihn, drück ab; er ſtürzt und das ganze Schloß mit Krachen über ihm zuſammen, und Judy Leghan aus Dunmohre und Cauth Murthock von der Teufels⸗ mauer, die alten Hexen, ſtanden neben mir und lach⸗ ten, und ſind doch lange todt— und wieherten doch wie Gäule. Nun haben ſie mich gejagt und mir an⸗ befohlen, ich ſoll ihn ſuchen. Ich kann ihn aber nicht finden.“ „Ich will ihn Euch zeigen,“ ſagte Tim und führte ihn nach der Laube. Dort lag auf einer mit Klei⸗ dern gepolſterten Bank Michaul O'Donnel, und vor ihm kauerte der alte John Boyle. „Wo Tauben ſind, fliegen Tauben zu,“ rief Tim herzutretend in fröhlichſter Laune.„Hier iſt uns ein prächtiger Vogel zugeflogen, Maſter Mic. Eine Taube iſt's nun freilich nicht; ein Geier iſt's, der aber kein Täubchen mehr rupfen wird.“ „Lord Kildare!“ riefen Michaul und John ſchier erſchrocken. „Ich bin's!“ ſagte der Genannte, mit dem alten Stolz ſich in die Bruſt werfend. „Nun weiß ich auch, weshalb ich geſtern in Rough⸗ eligh den guten papiernen Fund that,“ lachte Tim grinſend.—„Kennt Ihr dieſen Mann hier, My⸗ lord?“ Und ihm in's Ohr ſchreiend:„Es iſt Michaul O'Donnel!“ Vom Klang dieſes Namens fuhr Kildare erſchrok⸗ ken zuſammen; es ſchien, als habe derſelbe den Schleier vor ſeinem Geiſte zerriſſen, denn mit theils verwun⸗ derten, theils entſetzlichen Blicken ſah er die Umſtehen⸗ den an und ſchrie verzweifelt:„Und Du biſt Tim, der entſetzliche Tim?“ „Sagt Euch Euer väterliches Herz, wer ich bin?“ entgegnete dieſer mit hölliſchem Hohne.„Mylord, Ihr ſollt noch mehr erfahren. Nicht Sir Lewis O'Don⸗ nel habt Ihr erſchoſſen, wie Ihr wähnt,— der iſt glücklich mit Eliſabeth O'Neil, die Ihr ſonſt Euere Tochter nanntet, auf und davon, glücklich entronnen; — nein, Sally war's, Sally Kildare, Euer leibliches Kind, —,.—,———— — — die Euere mörderiſche Kugel getroffen, und Sally, Euere Tochter, liegt unter jenem Steinhügel begraben.“ „Sally, meine Tochter!“ kreiſchte Kildare.„Redeſt Du wahr, Menſch? Sagt, Ihr Andern, redet er wah „Es iſt ſo, wie er geſagt. Lewis iſt entkommen und Sally ward erſchoſſen.“ „Kindesmörder!“ rief ihm Tim zu. „Weh' mir! Wo biſt Du, Sally? Ich will ſie mit meinen Nägeln unter den Steinen hervorgraben. Sie ſoll Prinzeſſin von Irland werden; denn ich, ihr Vater, bin heute König von Irland geworden. Die Königsſöhne kommen und werben um meine Sally; aber ich will ihr erſt den Purpur umwerfen und die Krone aufſetzen.“ Mit dieſen Worten rannte er fort, nach den Ruinen zu. Tim allein folgte ihm. Als ſie unter dem Thor angekommen waren, von welchem noch ein halber Bogen ſchauerlich aufragend ſtehen geblieben war, hielt Tim den Lord zurück. „Steigt mit mir hier herauf; ich will Euch ſuchen helfen, Mylord“, ſagte der Kleine und zog Kildare an der Hand ſich nach über aufgehäufte Steine dem Thorbogen zu. Oben angekommen, knüpfte Tim ſein ſeidenes Halstuch los.„Dem Henker ſeid Ihr wohl entgangen, Mylord, aber nicht Euerm Söhnlein,“ ſagte er dumpf.„Und was hängen ſoll, erſäuft nimmer⸗ mehr. Die Richter haben Euch zum Tode verurtheilt, und durch den Mord Euerer Tochter habt Ihr ihn nun von Neuem verdient. Ich fühle die Verpflichtung in mir, der Arm der Gerechtigkeit zu ſein. Ich bin meiner geliebten Schweſter da unten dieſes Todtenopfer ſchuldig. Befehlt Eure Seele dem Himmel, Lord!“ „Wie?“ bebte Kildare zurück.„Ich bin ja Dein Vater! Du willſt Deinen Vater ermorden?“ *— 284 „Erkennt Ihr mich endlich an? Schönen Dank für die hohe Gnade. Aber ſterben müßt Ihr doch.— Das iſt kein Mord, das iſt Gerechtigkeit.“ „Ungeheuer!“ tobte der Lord auf, wieder ganz ſeines Verſtandes Herr, und widerſetzte ſich; und er würde ſicherlich Tim von der Höhe hinabgeſchleudert haben, aber in demſelben Augenblicke ſaß ihm die ſei⸗ dene Schlinge um den Hals und einen Augenblick ſpäter hing ſie ſchon an einem der Thürhaken; ein Fußtritt Tims ſtieß den verzweifelten Mann von dem Steine, auf dem er gefußt hatte, und in wilden Zuk⸗ kungen verkündeten ſich ſeine Todesqualen an dem ſtehen gebliebenen Pfeiler der gothiſchen Einfahrt. Tim ſah ihm mit eiſiger Kälte zu. Als der Lord geendet, zog der kleine, gräßliche Menſch ein Pakt Papiere aus dem Buſen und band es dem Todten um den Hals. Es waren die mit der franzöſiſchen Regierung abge⸗ ſchloſſenen Kontrakte des Lord Kildare, die Tim am Morgen des vorigen Tages beim Plündern des Schloſſes gefunden hatte. Nachdem der Kleine dies ſchauerliche Werk voll⸗ bracht hatte, ſetzte er ſich einſam auf den dampfenden Steinhügel, ſtützte ſein bärtiges Haupt in die Hand und— weinte. Derſelbe Menſch, der einige Minuten früher mit der größten Kaltblütigkeit ſeinen Vater gehenkt hatte, zerfloß jetzt in Thränen über den Tod ſeiner Schweſter.„Schlaf' wohl, geliebte Sally, Süße, den ewigen Schlaf unter den Trümmern Deines ſtol⸗ zen Schloſſes! Ruhe ſanft, Tochter Irlands! Das Vaterland wird einſt trauernd zu Deinem Grabhügel wallen, den Dir Deiner würdig der tapfre Leßlie ge⸗ ſetzt. O wie liebte ich Dich, als ich noch nicht wußte, daß Du meine Schweſter warſt! Die Liebe zu Dir war das einzige Glück, das einzige Unglück meines ———r Lebens. Sieh', meine ſchlafende Schweſter, ich habe Dich gerächt und mich. Auf Deinem Grabe hab' ich Gerechtigkeit geübt; dort hängt der Böſewicht als ein warnendes Zeichen. Ich habe ihn zum Wächter des heiligen Grabes gemacht. Gottes Frieden und Ruhe mit Dir, Sally, Sally, Herzenskleinod, ſchlaf wohl!“ Er ſtieg hinab. In der Einfahrt ſtand John Boyle und betrachtete den Lord mit zufriedenen Blicken. „Ich konnte mir's ſchon denken, was Du thun wollteſt“, ſagte der Alte. Der gilt für Parker und O'Neil. Der Vater im Himmel iſt gerecht!“ Tim hörte ihn nicht; er ging tiefſinnig nach der Laube. John folgte ihm.„Kinder“, ſagte der Lootſe, „laßt uns eine Tragbahre machen und den guten Michaul darauf laden. Gott wird uns gnädig ſein, daß wir die Donnegal⸗Bay glücklich erreichen. Wir haben ja nicht weit. Dort liegt mein Kutter, der Euch nach Frankreich bringt. Die Reiſe wird Michaul zuträglich ſein.“ „Wohlan, nicht eine Stunde länger an dieſem Orte!“ ſagte Michaul Tim willigte ſchweigend ein. Die Tragbahre wurde zuſammengebunden, und eh' der Mittag kam, waren ſie ſchon über die nächſten Berge. Kaum waren ſie fort, ſo ſprengte Lord Werford an die Ruinen heran; mit Schaudern hatte er bereits die Zerſtörung des Schloſſes vernommen; aber der Schauder ſteigerte ſich zum Entſetzen, als er an dem baumelnden Leichnam Lord Kildare's verzerrte Züge erkannte; und ſein Pferd herumreißend, daß es ſich bäumte, wollte er dieſen Schreckensort fliehen, als er das Papier auf Kildare's Bruſt erblicke. Er befahl ſeinem Reitknecht, das Päckchen zu holen. Zitternd befolgte der Menſch den Befehl. Kaum hatte der 286 DObriſt die Dokumente flüchtig überleſen, als er aus⸗ rief:„O, heilige Nemeſis, hier haſt du gerecht ge⸗ waltet!“ Er übergab dem Diener die Papiere zur ſorg⸗ ſamen Aufbewahrung, wandte ſein Pferd und ſprengte davon. 32. Pereinigung in der Heideſchenke. Es war eine finſtre, ſternenarme Nacht, und der Himmel mit Gewitterwolken wie mit Trauermänteln behängt. Die Thurmuhr auf dem Schloſſe zu Lind⸗ ſayhall hatte eben die Mitternachtsſtunde verkündet, da entzündeten ſich in der Heideſchenke mehre Lichter, und einige dunkle Geſtalten ſchlichen nach der Thüre, deren untere Hälfte nur gangbar war. Im Innern war die große Stube dürftig aufgeputzt, und ein Tiſch als Altar bekleidet, auf dem ein Krucifix ſtand. An dem⸗ ſelben lehnte der alte Pater O'Kelly, und vor ihm knieeten auf einem Stück alten Teppich Lewis O'Donnel und Eliſabeth O Neil. Die Enkel der Schenkwirthin machten Chorknaben, und die Familie, ſowie einige Bewohner von Dunmoore, die Zeugen der heiligen Handlung aus. Peppy Toole ſtand mit gefalteten Händen daneben. Der Greis vereinte die Liebenden durch das Sakrament für das Leben. Er ſprach ſal⸗ bungsreiche Worte, und kein Auge blieb thränenleer, als er Gott und den Heiligen dankte, daß ſie in dem Liebespaar die alten einſt ſo innig befreundeten Ge⸗ 287 ſchlechter O'Donnel und O'Neil wieder vereint hätten. Vorzüglich hob er heraus, wie an dieſes unſcheinbare Haus ſich das Schickſal dieſes theuern Paares wunder⸗ barer Weiſe knüpfe, ſo daß man den Finger Gottes darin nicht verkennen könne, indem hier die Verwicke⸗ lung begonnen und hier ſich endige. Peppy umarmte die Neuvermählten und ſegnete ſie. Alle Anweſenden küßten ihnen Hände und Kleider. Nachdem die heilige Handlung vorüber war, ließ Lewis O'Donnel den Trauzeugen von Peppy's beſten Getränken reichen; er ſelbſt aber nahm den Arm ſeines holden Weibes und zog ſie hinaus. Dort reichte ihm Bobby eine brennende Fackel. Arm in Arm ſchritten ſie über das Moor und wechſelten nur wenig Worte. Die Fackel warf ein ſchauerliches Licht auf ihren Pfad. Bald hatten ſie das Schloß erreicht. Es ſtand öde und verlaſſen. Sie umwandelten es mit heiligen Gefühlen. „So lebe wohl, auf ewig wohl, uralter Sitz meiner Väter!“ ſprach Lewis.„Kein O'Donnel wird ferner in dir wohnen. Die Enkel deines Geſchlechtes werden einem fremden Boden angehören. Irland muß uns von ſich laſſen. Die ſchwache, in Feſſeln geſchlagene Mutter kann ihre treueſten Kinder nicht an ihr Herz legen. Wir haben einen böſen Traum geträumt, und unſer Erwachen iſt ſehr wehmüthiger Natur. O Donnels heiliger Sitz, du wirſt verfallen, ach, ich kann es nicht hindern; in deinen Höfen wird Gras wachſen, und die Eulen werden in deinen Gemächern niſten, ich darf es nicht wehren. Dreimal Wehe über das hab⸗ ſüchtige, blutgierige Volk, das uns hinausſtößt von unſern Laren und uns der Fremde preisgiebt! Gott wird uns rächen! Eh' das Jahrhundert, das jetzt vor der Pforte der Zeit ſteht, vergehen wird, wird Englands Macht zerfallen und ſeine Sünde an Irland gerächt ſein.“— Er küßte die Pfeiler des Thores und benetzte die Schwelle mit Thränen. Dann ſchritt er mit dem geliebten Weibe, die ſeinen Schmerz theilte, durch die dunkeln Föhrengänge des Parks, von deren Wänden das Licht grauenvoll zurückprallte. Er hatte noch von einer Stelle Abſchied zu nehmen, von ſeines Vaters Grabe. Geſpenſterhaft leuchtete ihnen der weiße Marmorwürfel durch die Nacht entgegen. Eli⸗ ſabeth überflog ein leiſes Fröſteln. Lewis ſtieß den Griff der Fackel in den Boden und knieete nieder, ſein Weib mit herabziehend. „Vater“, ſprach er, mit dumpfer, thränenſchwerer Stimme,„ich habe gethan, was in meinen Kräften ſtand, Deinen großen Plan auszuführen; mehr kann kein Menſch. Der Himmel hat ſeinen Segen ver⸗ weigert. Es ſollte nicht ſein. Ich beuge mich in Demuth vor des Ewigen Rathſchluß, deſſen Wege unerforſchlich ſind. Dir, mein Vater, iſt Gottes Wille klar. Ich bringe meine Gattin an Deinen Hügel, ſeliger Geiſt, ſegne ſie! Wache über uns, wenn es Dir vergönnt iſt! Kann ich mich doch nicht von dem ſchönen Glauben trennen, daß Du zeither über unſer Leben gewacht und es erhalten haſt.— Grüne mit Gott, Eide, die meines Vaters Hülle aufnahm! Leb' wohl, Hügel, an dem ich oft geweint! Ich gehe— und kehre niemals wieder. Lebt wohl, ihr freundlichen Räume, Spielplätze unſerer Kindheit! Leb' wohl, Irland, ſmaragdenes Kleinod!——— Und nun laß uns noch einmal beten, Betth, beten für meines Vaters, für Sally's, Leßlie's und all unſerer gefalle⸗ nen Freunde Seelen.“ Stumm falteten ſie die Hände, die Fackel war herabgebrannt, ſie hatten es nicht bemerkt; leiſe rauſch⸗ — 0 — —— —— 289 ten die Wipfel der Tannen, und oben riſſen die Wol⸗ kenſchleier, und freundliche Sterne ſchauten herab. Ein ſeltſames Wehen und Weben regte ſich um die brün⸗ ſtig Betenden, es flüſterte, wie aus unendlicher Ferne, und doch nah zogen himmliſche, leiſe Klänge. Und Eliſabeth war's, als ſtehle ſich in ihr lauſchendes Ohr, ohne daß ſie Worte vernahm: „Sie wandelt mit Morgen- und Abendglut, Sie hält euch immer in treuer Hut. Sie ſchaut auf euch mit den Sternen der Nacht, Bis ihr es ſelber auf Erden vollbracht.“ Die melancholiſch ſüßen Töne verſtummten und hinter dem Monument ſchwebte ein duftiger Schatten hervor und zerfloß in den Bäumen. „Sally's Geiſt!“ rief Eliſabeth erſchüttert.„Ich habe ihre Stimme erkannt.“ „Dank, freundlicher Genius!“ ſagte Lewis begei⸗ ſtert.„Ich verſtehe deine tönende Klage. Sallh iſt unſer Banſhee*) geworden und wird ferner mit ihren melancholiſchen Klagetönen uns liebevoll bewachen. Ihre Klänge haben mir den Abſchied erleichtert; laß uns gehen!“ Stumm wandelten ſie wieder über das Moor. Die Bewohner und Gäſte der Heideſchenke empfingen *) Banſhee iſt ein geiſtiges Weſen, ein Familiengeiſt, der dem Hauſe einen Todes⸗ oder Unglücksfall durch hinrei⸗ ßende melaucholiſche Klagetöne anzeigt. Meiſt iſt es ein ehemaliger Sproß der Familie, eine Geliebte, früh verſtor⸗ bene Braut oder Freundin, auch eine treue Dienerin des Hauſes, über das ſie mit zärtlicher Liebe wacht. Es iſt, der Volksſchilderung nach, ein ſchönes, bleiches Weſen mit weh⸗ müthigen Mienen, und ſein Geſang wahrhaft herzzerreißend. Beim geringſten Geränſch verſtummt es und verſchwindet. Gewiß eine der ſch'uſten Dichtungen des iriſchen Volks⸗ glaubens. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. IX. 19 290 das Brautpaar an der Thüre des Hauſes. Kein Ju⸗ bel wurde laut, die Freude war ſtill und trug eine ſchwermüthige Färbung. Nach kurzer Raſt brachen Alle auf und begleiteten das Paar an die nächſte Bucht der Kenmare⸗Bay. Peppy umarmte ſchluch⸗ zend, OKelly ſegnete die Geliebten noch einmal. Sie ſprangen in das Boot, das ſogleich abſtieß. Segens⸗ wünſche folgten ihnen. Eh' der Tag anbrach, waren ſie im offnen Meer, und John Boyle's Kutter wiegte ſich ſtolz vor ihnen auf den Wellen. Ein Freuden⸗ geſchrei begrüßte ſie, und nach wenigen Minuten lag Lewis O'Donnel in den Armen ſeiner Geſchwiſter, und Eliſabeths Herz ſchlug an befreundeten Herzen. „Mein Vater, Du da unten in Deinem kry⸗ ſtallnen Grab!“ rief ſie mit Wonnethränen im Auge; „ſieh', Dein Kind iſt glücklich! Dich aber ſollen meine Kinder und Enkel als den majeſtätiſchen Kö⸗ nig des iriſchen Meeres verehren, und von Wellen⸗ licht, das Dich grün umfluthet, verklärt, wird uns Dein Andenken heilig ſein.“— Im Strahl der Abendſonne dämmerte ihnen die Küſte Frankreichs. — — Druck von Alerander Wiede in Leipzig. 6 2 7S e 19 SMEMdE