ure oumensn noSunðſsnburc 1 non 3o8/9. 2 2 png 0— 0 ar tia 2S PoP Pun HodEyo opII annnEL——— Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von 6 Ednard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. geih- und ceſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens — fangt 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement.2 Daſſelbe muß voraus kbezahlt werden und„ 5———— auf 1 Monat: 1 M.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenei, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das. zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, Lauchsdafür zu ſtehen haben. —— beträgt; 5. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— Die heideſchenke. Ludwig Storch. ————— —* Zweiter Theil. Leipzig⸗ E vn ſt 1 1856. 1 Die erſehnte Potſchaft. Nach vielen ſtürmiſchen Tagen war endlich um die Mitte des Dezember ruhiges und heiteres Wetter ein⸗ getreten. Mit ſteigender Unruhe und Erwartung ſa⸗ hen die Häupter der Volkspartei der Ankunft der fran⸗ zöſiſchen Flotte entgegen. Jeder war auf ſeinem Poſten. Waffen, Munition und Kriegsbedarf, den die kühnen Schmuggler, trotz der ſchärfſten Aufſicht, von Frank⸗ reich herüber gebracht, war in verſchiedenen, wohlbe⸗ deckten Depots im Ueberfluß angehäuft. Zuverläſſige Männer aus dem Volke, die durch kräftige Sprache, Muth und Unternehmungsgeiſt bei den Defenders in beſonderem Anſehen ſtanden, waren mit dem nöthigen Inſtruktionen verſehen, und es bedurfte jetzt nur eines einzigen Signals, um, alle die tauſende der kühnen Jren ſchlagfertig an den füdlichen und weſtlichen Kü⸗ ſten zu verſammeln, die für die Freiheit das Letzte zu opfern bereit waren. O'Donnel war eines Abends von einem Ritt durch die Umgegend von Bantry, von Kälte halb erſtarrt, auf ſein Schloß zurückgekehrt. Er hatte die Ausführung ſei⸗ ner Anordnungen in den einſamen Felſenbuchten, in den Dörfern und auf den Steinwarten der Küſte beſichtigt. Ein luſtiges Kaminfeuer, das wohlthätige Wärme und 6 hinlängliches Licht im hohen Gemache verbreitete, um die eingetretene Dämmerung zu erhellen, ſowie das feurige Purpurblut einer Flaſche, das er von Zeit zu Zeit mit haſtigen Zügen aus dem vor ihm ſtehenden Kryſtallbecher ſchlürfte, erfriſchten indeſſen gar bald ſeine etwas niedergedrückten Lebensgeiſter ſo ſehr, daß er im Augenblick nichts ſehnlicher wünſchte, als die dreifarbige Flagge in der Einfahrt des Hafens zu er⸗ blicken, damit der Unthätigkeit und dem geſpannten Zuſtande ein Ende gemacht würde. Das ſtete Vertröſten des aufgeregten Volkes war ihm auf die Dauer ſelbſt unangenehm geworden; die unausgeſetzte Befürchtung, verrathen und von den Werkzeugen der engliſchen Regierung aufgehoben zu werden, hatte ſeinen unbehaglichen Zuſtand vermehrt, und die heftigſte Sehnſucht nach einer endlichen Aen⸗ derung der Dinge, nach Freiheit oder Tod ſtellte ſeine jetzige Lage in ein recht grelles Licht. Er hatte wie⸗ der Jagden und Bällen in der Umgegend beigewohnt; er hatte ſich wieder leichtſinnig, genußſüchtig, freude⸗ toll geſtellt; dafür umgarnte, nachdem er mit dem Eintritt in ſein einſames Haus die läſtige Maske von ſich geworfen, Schwermuth ſeinen Sinn, und tiefe Seufzer ſtiegen aus ſeiner bedrängten Bruſt. „Benutzt das Feuer, ehe es verglimmt! ſprach nicht ſo der kühne, unglückliche Evans O'Neil? Ja, wahrhaftig, er hat Recht, der brave Mann!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Auf große Spannung folgt Ab⸗ ſpannung, und ſelbſt der beſte Wille ermattet endlich. Wollte daher der Himmel die Flotte der Bundesge⸗ noſſen mit günſtigem Winde herbeiführen, damit wir endlich einmal laut über das Königreich verkünden könnten: Freiheit iſt der Iren Loſung!“ Gleichſam als ob die himmliſchen Mächte auf der —— 7 Stelle den ſehnlichſten ſeiner Wünſche erfüllen wollten, meldete der mit dem Licht hereintretende Diener, daß John Boyle, der Lootſe, ſo eben ziemlich eilig im Schloſſe angekommen, Se. Gnaden zu ſprechen wünſche. „Laß ihn ſogleich hereinkommen,“ erwiderte Le⸗ wis, kaum im Stande, ſeine Freude zu verbergen. „Bringe noch Wein und ein Glas; dann ſorge, daß wir allein bleiben, Tom.“ Der Diener entfernte ſich, und bald nachher trat der alte Boyle herein, dieſes Mal im ſaubern Anzuge ſeines Standes, den blanken Wachstuchhut in der Hand, doch unbeholfen und unſicherer auf dem ge⸗ bohnten Fußboden des Zimmers einherſchreitend, als auf dem Decke ſeines Kutters, wo er zur Zeit eines heftigen Sturmes, trotz Wind und Wrogendrang, ſo feſt vom Stern zum Bugſpriet und wieder rückwärts wanderte, als ſchritte er über die feſte Heide ſeines Vaterlandes dahin. Als der Lvotſe nach manchem Schwanken feſt und aufrecht vor O Donnel ſtand, der lächelnd ſein Heran⸗ kreuzen gewahrte, blickte er, den Hut verlegen in den Händen drehend, mit ſcheuem Blick im Zimmer umher. „Was bringſt Du, alter Seevogel? Rede frei weg von der Leber. Du biſt im guten Fahrwaſſer, keine verborgene Klippe droht Dir in O'Donnels Ha⸗ fen,“ redete ihn der Baronet an. „Nun, Sir, gute Nochricht zuerſt, und Mor⸗ gen, ſo Gott will, auch unſere Freunde, die Franzo⸗ ſen. Die Flotte iſt' heraus, der Wind gut; wenn er feſt ſteht, und kein Unwetter heraufkommt, ſo iſt bis übermorgen Alles abgemacht!“ „Ho, ho! Alter, langſamer!“ rief O'Donnel lä⸗ chelnd.„Wenn auch nicht ganz ſo ſchnell ausgeführt, ſo ſind dennoch Deine Worte ſehr erfreulich. Doch trink' erſt einmal, kühner Kaper; die Neuigkeit iſt ſchon des vollen Bechers werth. Leer' ihn auf Erfolg des Unternebmens, auf guten Wind und ſtilles Wet⸗ ter, John! auf der Feinde Feigheit und auf das Glück der Kinder Erins! Doch was weißt Du weiter von der Flotte, wie ſtark iſt ſie, und wie viel Linien⸗ ſchiffe ſind dabei?“ „Ich denke, Alles ſoll gut gehen,“ fuhr der See⸗ mann fort, als er das Glas ſchmunzelnd gegen das Licht gehalten und dann auf einen Zug, um den vie⸗ len guten Wünſchen O Donnels vollkommen Genüge zu leiſten, ausgeleert hatte.„Ein alter Seemann, der ſich ſchon oft herausgewagt, und den die Engländer von Indien her kennen, hat ſeine Flagge am Bord des Trident aufgehißt. An Schiffen erſter Größe fehlt es der Flotte nicht. Es iſt zwar nicht zu läugnen, daß der Franzmann nimmer aufkommt gegen den bri⸗ tiſchen Schiffer, der den Leuten jenſeits des Kanals ſchon ſo oft das Weiße im Auge gezeigt hat, daß ſie nicht vor einer Flagge Reſpekt haben ſollten, die in allen Meeren ſo frei und ruhig ſegelt, wie der ſtolze Schwan auf den amerikaniſchen Landſeen. Ich denke aber, Evans, der einäugige Freibeuter, wird in Dublin und hier an den Küſten, ſo gut wie Parker auf der Flotte zu Spithead und Portsmouth, während dem für Arbeit ſorgen, ſo daß ſie hüben kein einziges, oder doch nur ſpärliche Segel aufziehen, die wenigen im Hafen hier abgerechnet, bevor das Werk gethan iſt. Und das Elend in den Provinzen und der Uebermuth der Behörden und Grundbeſitzer, Herr, und Gott für uns und die gerechte Sache, iſt das nicht voller Wind in unſere Segel?“ „Das legt allerdings viel in die Wage zu unſern Gunſten. Ich vertraue feſt darauf und freue mich auch Euerer Zuverſicht. Doch was ſprichſt Du da von Evans O'Neil in Dublin, von des Hochbvots⸗ manns Parkers Bemühung auf der Flotte zu Ports⸗ mouth und Spithead? Sind's leere Worte, oder giebt's noch ein anderes Geheimniß außer dem mei⸗ nigen?“ „Sie zu Lande, Sir Lewis, jene Verwegenen zur See! Keiner kommt dem Andern in den Weg. Laſ⸗ ſen Sie ſie ruhig gewähren, Sir. Zwei Wege ſtehen Jenen nur offen, Sieg oder Tod. Erringen ſie den erſten, ſo wird's uns nutzen und frommen. Der letz⸗ tere befreit ſie von allen Mühſeligkeiten des Lebens und ſchadet uns hier nicht einmal ſo viel, als der Werth eines Stücks alten Segelgarns. Evans hat, . ſo wie ich höre, noch einen kleinen Nebenplan. Er will den Feind in der eigenen Höhle überfallen und z Bahn machen auf dem Wege zur Hauptſtadt.“ „Ich will nicht hoffen, daß irgend Einer von Euch „ auf Mord, auf feigen Meuchelmord ſinnt!“ fiel O'Donnel dem Seemann in die Rede. „Ich weiß nicht genau, Sir, was Evans in Du⸗ blin aufs Korn genommen, ſeit er ſich aus den Klüf⸗ ten der Teufelsmauer gerettet. Das Land iſt mein 6 Element nicht. Im Hafen hört meine Arbeit gewöhn⸗ lich auf. Haben Sie mir noch etwas zu ſagen, Sir Lewis, ſo bitt' ich ſchnell darum. Wind und Wetter ſind gut. Ich muß in See gehen, denn ich habe dem franzöſiſchen Herrn, der im Sommer bei Ihnen war, verſprochen, ſein Schiff den übrigen voran zu lootſen, ſo daß er der Erſte von Allen den Fuß ans Land ſetzt.“— „Geh' mit Gott, mein ehrlicher Boyle, und be⸗ halte Dein Geheimniß. Führe unſere Freunde ſicher durch Klippen ans iriſche Geſtade. Vor Allen aber 3 10 behüte mir den wackern Dupont vor aller Gefahr und rette ihn, wenn irgend ein Unglück über Euch herein⸗ brechen ſollte, was Gott verhüten möge!“ Eine Belohnung ſchlug der Lootſe mit den Wor⸗ ten aus:„Keiner kann wiſſen, was er ſelbſt noch braucht in dieſer wilden, bewegten Zeit. Geht Alles gut, ſo will ich mich ſchon melden, wenn meine alte Barke das Waſſer nicht mehr hält. Für jetzt ſorgen die Nachbarn von drüben her für des alten John ge⸗ ringe Bedürfniſſe. Erſt kürzlich haben ſie mir den Kutter ganz neu aufgetakelt und das Zwiſchendeck mit Proviſion und einem guten Trunk verſehen.“ „Auf Wiederſehen alſo, auf freudiges Wiederſehen nach Kampf und Sieg!“ rief der Baronet, indem er die ſchwielige Hand des Lootſen herzlich ſchüttelte, ohne den Ernſt zu überſehen, der plötzlich über des rauhen Seemanns Züge dahinglitt. Die franzöſiſche Flotte. Des Lootſen Schritte waren kaum in den Grän⸗ zen des Schloſſes verhallt, da ſiegelte, packte und ver⸗ nichtete O'Donnel einen großen Stoß verſchiedenartiger Papiere. Dann prüfte er ſeine Waffen, gab ſeinen Leuten Aufträge und ertheilte noch ſpät in der Nacht die erforderlichen Befehle an einige der herbeigerufenen Unterbefehlshaber. 11* Mitternacht war längſt vorüber, als er ſich durch einige Stunden Schlaf für das bevorſtehende, große Werk zu ſtärken gedachte; wilde, verworrene Träume ſchreckten ihn bald wieder auf, und noch lange, ehe der Morgen graute, ſtand er am Fenſter ſeines höch⸗ ſten Gemaches, das eine weite Ausſicht über das Meer gewährte, mit heißer Sehnſucht den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne entgegenharrend. Noch lag Land und Meer in dichten Nebel ge⸗ hüllt, der, zu einer einzigen Fläche verſchmolzen, ſich wie eine unabſehbare Wüſte vor ſeinen Blicken aus⸗ breitete. Doch bald begann ſich das düſtere Grau in große, wogende Maſſen aufzulöſen. Gleich Berg und Thal wälzten ſie ſich auseinander, während einige zum Himmel aufſtrebten, andere ſich in Geſtalt ſchwerer Wolken auf die höchſten Grpfel der Berge lagerten. Aus dem lautloſen, chaotiſchen Treiben leuchteten zu⸗ erſt die Spitzen der höchſten Felſen in ſichern Umriſſen hervor, dann das niedere Land mit den Vorgebirgen Dunmannus und Crow, die ſich wie zwei felſige Rie⸗ ſenarme weit in das Meer hinausſtrecken, um Ban⸗ try's ſteinerne Bruſt in des Oceans kühlen Gewäſſern zu baden, bis endlich auch tief unten in der düſtern, von Felſen umgürteten Bay zu ſeinen Füßen die Bä⸗ reninſel ſichtbar wurde, auf welcher die Schatten der Nacht am längſten verweilten. Am grauen Felſen erblickte man ſchon den weißen Schaum der raſtlos kämpfenden Brandung, und im Hafen flatterten ſtolz über einer ſinkenden Nebelſchicht die wallenden Wimpel der engliſchen Kriegsſchiffe im friſchen Morgenwinde. Doch der Rumpf derſelben mit den drohenden Kanonenpforten war dem Auge noch verborgen, und auch jenſeits der Bay blieb der Hori⸗ zont noch eine Zeit lang den Blicken verſchloſſen. Zö⸗ 6 12 gernd weilte die Sonne, gleichſam als wolle ſie mit der Enthüllung des großartigen Schauſpiels, welches die Küſtenbewohner heute erblicken ſollten, ſo lange warten, bis auch der letzte Langſchläfer das weiche Lager verlaſſen hätte. Endlich aber ſtrahlte ſie im vollen Glanze über den Felſen von Bantry und das winterliche Gebirge; wie durch einen Zauberſchlag war die Ausſicht frei, und vom höchſten Erſtaunen gefeſſelt erblickten die Bewohner der Geſtade fern auf der hohen See die mächtige Flotte, die ſtolz, mit vollen Segeln die Frei⸗ heit verheißend, aus Südweſten heranzog. Da leuch⸗ teten auch O'Donnels Augen wie feurige Sterne. So weit ſein Blick reichte, war das Meer mit einem Wald von Segeln bedeckt, und fortwährend zogen neue Fahrzeuge, keck, wie weiße Schwäne, am Horizont herauf, ſich dem weiten Halbmonde anzureihen, in welchem die Flotte, noch in Entfernung vieler Mei⸗ len, auf die Küſte losſteuerte. „In des Vaterlandes Namen heiße ich euch, Fremdlinge, willkommen, die ihr als Retter und Be⸗ freier aus niedriger Sklaverei heranzieht!“ rief der von Begeiſterung glühende Jüngling, die Arme aus⸗ breitend auf ſeinem hohen Standpunkte.„Seid auch mir als Bundesgenoſſen willkommen, die ihr mir Gelegenheit gebt, die Schmach des durch fremde Ty⸗ rannei zur Dürftigkeit herabgeſunkenen Sprößlings eines ſonſt ſo mächtigen Stammes durch irgend eine glänzende That von mir abzuwaſchen! Hinweg mit der letzten Spur des Gefühls, das mich unter dem Titel„Loyalität“ ſo ſklaviſch der uſurpatoriſchen Ge⸗ walt der britiſchen Krone unterwarf! Blicke herab, du mein edler, von den Satrapen der Tyrannei ſo ſchändlich gemordeter Vater, auf den verachteten Sohn; 13 umſchwebt mich alle ihr Geiſter der geächteten und verbannten Ahnen, und auch ihr, die ihr den Na⸗ men O'Donnel in fremden Reichen mit neuem Glanze umgebt, verbindet euch mit einem der letzten eueres Namens hier im Lande, um des Volkes altgeheilig⸗ tes Recht, väterliche Sitte und die Religion der Vor⸗ fahren wieder zu erringen und für die Zukunft zu beſchirmen! Verleihet mir Muth und ausdauernde Kraft, gebt mir Glück, daß das Werk gelinge! Segnet mich! Beſchützet mich!“ Stolz, wie irgend zuvor einer ſeiner Ahnen, wenn er im Begriff war, zur Fehde auszuziehen, ſchritt Lewis mit hallenden Tritten durch die Gemächer. Ge⸗ bieteriſch und feſt ertheilte er ſeine Befehle den ſtünd⸗ lich in größerer Anzahl ſich meldenden Anführern. Umſicht, Klugheit und Liſt, ſowie ſie den iriſchen Häuptlingen ſonſt eigen war, ſprach ſich in jeder ſei⸗ ner Verfügungen aus, und mit Freuden wurde pünkt⸗ lich einer jeden derſelben Folge geleiſtet. Alles war vorbereitet; doch tiefe Ruhe herrſchte ſcheinbar im Schloſſe und deſſen nächſter Umgebung. Selbſt dem ſchärfſten Beobachter, der nicht mit den Verhältniſſen des Baronets genauer bekannt war, würde das höhere Feuer und das ſcharfe Spähen des verſchlagenen Blicks jener Männer nicht aufgefallen ſein. Auf den königlichen Schiffen im Hafen aber tönte die ſchrille Pfeife des Hochbootsmannes. Sig⸗ nale ſchwirrten ſchnell nach einander an den Maſten hinauf, die Ankerwinde knarrte, und die Raaen wa⸗ ren dicht bedeckt mit Matroſen, welche ſich beeilten, die Segel zu entfalten. Alle Fahrzeuge, bis auf ein Linienſchiff, welches gleich hinter der Bäreninſel die Anker wieder fallen ließ, um den Eingang zu decken, ſtenerten hinaus und bildeten, nur zwölf an der Zahl, ——— 14 groß und klein, eine dünne Beobachtungslinie weſtlich von Burſeyisland über die Vorgebirge von Crow und Mizen hinaus bis zum Eingange von Crvokhaven, während einige leichte Schiffe, um den Feind zu re⸗ cognosciren, kreuzend weiter hinaus in die blauen Fluthen ſegelten. Auch Lord Werfords Ordonnanzen flogen auf al⸗ len Straßen dahin, um Befehle an die in der näch⸗ ſten Umgegend kantonirenden Truppen zu überbringen, und in wenigen Stunden ſah man die einzelnen Corps mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel in die ihnen angewieſene Stellung einrücken. Mit prüfenden Blicken muſterten die Bewohner von Clonakitty, Longroß, Skibbereen, Caſtlehaven, Baltimore und Crookhaventown, ihre ländlichen Hand⸗ werkszeuge in der Hand, während das alte gute Feu⸗ errohr ſchon geladen an irgend einem verborgenen Platze der Hütte in Berzitſchaft ſtand, die vorüber⸗ ziehenden königlichen Truppen, und nicht undeutlich malte ſich in ihren Zügen die hohe Zuverſicht auf die Ereigniſſe des heutigen Tages, wenn ſie die zahlreiche franzöſiſche Armada, die jetzt ganz deutlich im Ange⸗ ſicht war, mit den wenigen Streitkräften verglichen, welche man ihr von Seiten der Regierung an dieſem Punkte nur entgegen zu ſtellen vermochte. Der erſte Schuß an der Küſte würde ſowohl für die ſich jetzt mit nur noch ſchlecht verhehltem Ingrimm leidend verhaltenden Zuſchauer des kriegeriſchen Vor⸗ ſpiels, als auch für die wilden Gebirgsbewohner von Kerry das Zeichen geweſen ſein, mit den bereit gehal⸗ tenen Waffen als die ärgſten und erbittertſten Feinde in den Rücken der Königlichen zu fallen, und die Sache der Defenders würde, vereint mit einem zahl⸗ reichen, franzöſiſchen Landungscorps, ſchon dadurch den 15 Sieg davon getragen haben, noch ehe die vom com⸗ mandirenden Oberoffiziere der Garniſon von Cork aus erbetene Hülfe angekommen ſein würde. Immer näher kam die Flotte heran, und einzelne Schüſſe, welche die leichten, den beiden Flotten voran ſegelnden Schiffe mit einander wechſelten, verkündeten ſchon am felſigen Ufer, dumpf über den Wogen rol⸗ lend, den Anfang des Seegefechtes. Geſpannt beobachtete O'Donnel durch ſein Fern⸗ glas, von ſeinen Getreueſten umgeben, jede Bewegung auf dem hohen Meere, und freudig zeigte er einem der zunächſt Stehenden, wie die Hörner der franzöſi⸗ ſchen Schlachtordnung ſich immer mehr gegen einander krümmten, wie einzelnen engliſchen Schiffen bereits durch ein kühnes Manveuvre des franzöſiſchen Admi⸗ rals der Wind abgeſchnitten wurde, und wie andere den Lauf rückwärts nach Bantry nahmen, obgleich nicht ohne ihren Gegnern die Preite Seite und eine volle Lage gegeben zu haben. Da ließ der Wind, der ſeit mehreren Tagen aus Südweſt geweht, ſeit dem Mor⸗ gen aber ſich ganz nach Weſten umgeſetzt hatte, all⸗ mählig nach, und zugleich mit dem Abnehmen deſſel⸗ ben hörte die Energie in den gegenſeitigen Bewegun⸗ gen auf. Immer kürzer kräuſelten ſich die Wellen, und es dauerte nicht lange, ſo lag der weite Ocean, wie eine große Spiegelfläche, faſt regungslos vor den Blicken der Beobachter. Jedes Manveuvre der Flotte hatte ſein Ende erreicht, denn ſchlaff hing ein Segel nach dem andern an den Maſten herab, und wie durch geheime Zauber gebannt, lag der Wald von Maſten auf offener See, gleich Schiffen, die im Hafen vor Anker die Segel zum Trocknen gelöſt haben. Es war indeſſen nur eine kurze, verrätheriſche Ruhe, und nicht ohne Grund hatte O'Donnel mit ge⸗ 16 heimer Beſorgniß am frühen Morgen bemerkt, wie ſich einzelne der ſchweren Nebelwolken auf die höchſten Felſenkronen von Nedeen und Kenmare unbeweglich niedergelaſſen hatten. Dieſe gewannen gegen Mittag einen immer größeren Umfang, hoben ſich empor, ſenk⸗ ten ſich langſam in die Thäler und zogen endlich dü⸗ ſter und ſchwarz, Irlands böſen Geiſtern vergleichbar, in's Meer hinaus, wo ſie jede fernere Bewegung der kämpfenden Flotten mit ihren weit ausgebreiteten Schwingen verhüllten. Wie ferner Donner rollten jedoch immer ſchneller die Schüſſe, welche die Gegner jetzt, mehr um ſich von ihrem Standpunkte zu überzeugen, als um ſich zu ſchaden, auf einander abfeuerten. In den Schluch⸗ ten der die Bantrybay umgebenden Gebirge aber be⸗ gann es wild und ſchreckhaft zu brauſen; auf ihrem Gipfel ſchüttelten die alten Waldbäume die rieſigen Wipfel, und ängſtlich zogen die Seevögel, im Vorge⸗ fühl des nahen Unwetters, vom Meere her landein⸗ wärts in die Sicherheit gewährenden Felſen. Das dunkle Gewölk hatte ſich zu einer einzigen ſchwarzen Wand verdichtet, die den ganzen Hintergrund des wei⸗ ten Horizonts einnahm, und bald gewahrten die be⸗ ſtürzten Blicke auf Greenlodge, wie das dunkelfarbige Meer, von dem zum Orkan herangewachſenen Sturm⸗ wind aus Weſten gepeitſcht, hochſchäumend zu ſieden begann. Mit niedrigen, ſcharf gerefften Segeln nä⸗ herten ſich die engliſchen Schiffe, ſchon ſchwer gegen die Wellen kämpfend, der Küſte. Nicht mehr geſchloſ⸗ ſen, wie früher, doch muthig vorwärts dringend, hielt die franzöſiſche Flotte noch immer die Richtung land⸗ wärts, indem ſie Schuß auf Schuß der Amphitrite, der Meermaid und dem Donnegal nachſendete, welche Crvokhaven und Cap Clear zu erreichen ſuchten, da 17 ſie der Sturm öſtlich von der Bantrybay zugleich mit den Feinden wider Willen hinwegtrieb. Mit der Vorſehung hadernd, richtete ODonnel einen verzweiflungsvollen Blick nach oben, als der Sturm gegen Ende des kurzen Wintertages, der ohne⸗ hin ſeit Mittag mehr einer Dämmerung geglichen, das Meer zu Bergen und zu Thälern aufthürmte, ſpaltete, die Schiffe, Feind und Freund, in wilder Un⸗ ordnung durch einander, bald hoch auf ihren Gipfel emporhebend, bald in die ſchwarzen Abgründe hinab⸗ ſchleudernd. Signal über Signal flatterte am Maſt des fran⸗ zöſiſchen Commodore. Kanonenſchüſſe riefen mit eher⸗ ner Zunge das Commando über die zerſtreute Flotte. Doch vergebens war der angeſtrengteſte Kampf der Menſchen; vergebens waren ſie mit ſeltener Uner⸗ ſchrockenheit bemüht, die Elemente zu beherrſchen. Er, der allmächtig über Elemente und Menſchen herrſcht, hatte es anders beſchloſſen in ſeinem uner⸗ forſchlichen Rathſchluſſe; und als die Nacht über die Scene des Grauſens ihren dunkeln Schleier herab⸗ ſenkte, war die ſtolze franzöſiſche Armada zerſtreut; ein Schiff nach dem andern verſchwand am dunkeln Horizont, und mit zerriſſenen Segeln und zerbroche⸗ nen Maſten nahm jedes, ſo gut es vermochte, den Lauf rückwärts nach Breſt und den andern benachbar⸗ ten Häfen. Noch nie zuvor hatte die Hoffnung auf Freiheit den Irländern ſo freundlich gelächelt. Um ſo mehr fühlten ſie jetzt die bittere Täuſchung und dieSchwere ihres harten Geſchicks, als ſie finſter, mißmuthig und hoffnungslos in ihre Hütten zurückkehrten. Zrlands guter Genius hüllte ſich weinend in die Wollen der Berge. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vIII. 2 Den zweckmäßigen Maßregeln O'Donnels, der in der Verzweiflung doch keinen Augenblick die Beſon⸗ nenheit verlor, war es wenigſtens gelungen, zu verhü⸗ ten, daß dieſes Mal kein unnützes Bürgerblut vergoſ⸗ ſen wurde, ſo lockend ſich auch die Gelegenheit zu Er⸗ ceſſen jeder Art den wildeſten Küſtenbewohnern am heutigen Tage dargeboten hatte. Die kummervollen Freunde des Baronets entfern⸗ ten ſich unter dem Schutz der ſtürmiſchen Nacht wie⸗ der ſo unbemerkt, wie ſie gekommen waren. Ach, mit welchen Gefühlen hatten ſie O'Donnels Schloß betre⸗ ten und mit welchen verließen ſie es! Er ſelbſt aber ſaß in derſelben Nacht, zu einer ſpäten Stunde, ein⸗ ſam und ſtill in düſtres Sinnen verloren, in demſel⸗ ben Gemache, wo er ſich am vorigen Abende den reich⸗ ſten Hoffnungen überlaſſen hatte. Der kühne Adler, der zur Sonne geſtrebt, hatte umkehren müſſen und ſaß nun trauernd auf ſeinem Horſte. Zwar verwünſchte er des Schickſals Tücke, doch zugleich dachte er auch ſchon wieder mit der ſeltenen Beharrlichkeit, an der man die Stärke großer Seelen erkennt, über neue Pläne nach, wie Irlands Befreiung mit Benutzung der eignen in⸗ nern Kräfte, ſo daß die Ausführung weniger vom Zu⸗ fall, oder von der Hülfe von außen her abhing, be⸗ zweckt werden könne.— Das geheimnißvolle Rauſchen der Bäume um ſein Walbſchloß ſang endlich den Kum⸗ mervollen in Schlummer, und ein hehrer Engel küßte des müden Schläfers Stirne; es war die Freiheit, die Bürgerin einer vollkommnern Welt. Das war der 15. December 1796, der verhäng⸗ nißvollſte Tag in der neuern Geſchichte der unglück⸗ lichen grünen Inſel. Nie früher, nie ſpäter hat ihr die Freiheit ſo nah geſtanden. Nie kam ihr mehr ein ſo hochherziger Retter, wie der jugendliche Lazare Hoche, EM 19 mit den beſten Mitteln ausgerüſtet zu Hülfe, und Ir⸗ land blieb die unbequeme, gefürchtete und gehaßte Sklavin Englands. Ein Freudenmahl. 2 Obgleich immer noch an den böſen Folgen der Schreckensnacht kränkelnd, hatte Lord Kildare, ſobald die Nachricht der längſt erwarteten franzöſiſchen Flotte zu ſeinen Ohren gedrungen war, ſchnell das Corps ſeiner Freiwilligen aus der Umgegend zuſammentreiben laſſen, und an der Spitze derſelben eine Stellung an der äußerſten öſtlichen Landzunge von Bantrybay einge⸗ nommen. Indem er ſich auf dieſem Poſten, deſſen Gefährlichkeit ihm ſogar die königlichen Offiziere wie⸗ derholt vor Augen hielten, ſcheinbar als einen der wärmſten Vaterlandsvertheidiger und Anhänger der Krone bewieß, beabſichtigte er in der That nichts an⸗ deres, als, wenn das Unternehmen der Franzoſen vom Glück begünſtigt würde, ſich gleich zuerſt zu Gunſten der Invaſion und der Patrioten zu erklären, wodurch ſeiner Meinung nach das große Ziel, die höchſte Würde im Lande zu erreichen, von ihm nicht verfehlt werden könnte, oder aber, bei einer für die Franzoſen ungün⸗ ſtigen Wendung, ſogleich über Sir Lewis und ſeine Anhänger, deren bewaffnete Ankunft auf dem Wahl⸗ platze zeitig zu erwarten war, herzufallen, damit er ſich wenigſtens für das Scheitern ſeiner ehrgeizigen 20 Pläne an den wenigen, noch übrigen Gütern des Ba⸗ ronets, welche er im Geiſte ſchon dem Fiscus anheim⸗ gefallen dachte, entſchädigen und der Krone als ihr eifrigſter Anhänger zeigen könne. Mit dem Blicke des Tigers ſah er daher wieder⸗ holt nach dem Schloßberge hinauf, von wo er ſeine Beute jeden Augenblick herabkommen zu ſehen er⸗ wartete, während O'Donnel, umſichtiger und ſchlauer noch als ſein Gegner, nach wohlgetroffenen Vorbe⸗ reitungen, von oben herab, in völliger Sicherheit die Bewegungen in der Bay ſcharf beobachtete, um darnach ſeine fernern Maßregeln zu nehmen, ohne voreilig das Leben vieler Tauſende vergeblich aufs Spiel zu ſetzen. Von Regen triefend, hielt der Lord bis zum ſpä⸗ ten Abend auf dem ſumpfigen Boden in der ſelbſt⸗ gewählten Stellung aus, viel zu ſtolz, der wiederhol⸗ ten Aufforderung des commandirenden Offiziers, nach verſchwundener Gefahr einen bequemern Platz einzu⸗ nehmen, Folge zu leiſten, und neben ihm harrte Ja⸗ mes Morries, jetzt ſein erſter Pächter, als ſein Ad⸗ jutant, auf einem herrlichen Pferde der Befehle des Lords. Schon war es finſter geworden, als der eifrige Vaterlandsvertheidiger, faſt vor Kälte erſtarrt, unter dem lauten Murren der Seinigen, die ſchon am Mor⸗ gen der Meinung geweſen waren, ſolch ein Ehrenpo⸗ ſten gebühre weit eher den königlichen Truppen als den Gentlemen von Lord Kildare's Meomenrh, nach Bantry zurückkehrte. Das um ſo reichlichere Diné, das er hier in einem der erſten Hotels mit den Angeſehenſten ſeines Corps einnahm, vermochte ſo wenig, wie die ſcherz⸗ haften Toaſte ſeiner Offiziere, die der feurige Wein „ —— 21 von Oporto und das glühende Gewächs von Madeira jetzt erſt den Umfang ihrer Heldenthaten dieſes für ſie ſo ehrenvollen, unter Sturm und Regen verbrachten Tages erkennen ließ, die ſchwarze Laune zu verſcheu⸗ chen, die ſich des heldenmüthigen Anführers bemäch⸗ tigt hatte. Vergebens ſuchten einzelne unter ihnen die Aufmerkſamkeit ihres Chefs auf die Anlagen zum Helden hinzulenken, die mancher im Verlauf des con⸗ ſiſtenten Dinés an ſich zu entdecken vermeinte, wäh⸗ rend ſie mit ſchlagender Beredtſamkeit die Thaten aus⸗ einanderſetzten, die ſie zur Verwunderung des Lords ausgeführt haben würden, wenn der Feinirtich ge⸗ landet wäre, oder die Rebellen ſich gezeigt haben wür⸗ den; wobei ſie jedoch nicht unterließen, im Verfolge der Mahlzeit ihr„damned“ über die Unbequemlich⸗ keit des Dollmans und der Schärpe mehr als einmal laut werden zu laſſen, die der Dienſt den Helden heute nicht abzulegen geſtattete. Des Lords noch wankende Geſundheit ſchien durch eine ſtarke Erkältung wieder einen empfindlichen Stoß erlitten zu haben, und er ließ durch James Morries im Stillen ſeinen Wagen beſtelten. „Hört endlich auf, von Dingen zu reden,“ ſagte ein Gentleman⸗Farmer von ſtattlichem Körperumfange, der ſo eben ſeinen Nachbar gebeten, ihm noch zu einem Stückchen Plumpudding und einem Mund voll Rvaſtbeef von der ſaftigen innern Seite zu verhelfen, „die zu Euerm Heil nicht geſchehen ſind, und vor de⸗ nen uns Gott immer bewahren möge! Ich glaube, Ihr hättet mit viel weniger Energie auf die Fran⸗ zoſen eingehauen, als Ihr es in den Rindsbraten und in die Hammelskeule gethan habt, von der ja wahr⸗ lich kaum noch ſo viel übrig iſt, daß ein Mann, der wie ich, wegen ſeines ſchlechten Gebiſſes langſamer 22 eſſen muß, noch ein Stückchen davon nachholen kann. — Der Teufel tröſte alle Franzoſen! Sind Sie nicht auch der Meinung, Mylord Kildare? Was das für ein ſchlechter Comfort iſt, ein ſo vortreffliches Mit⸗ tagseſſen in einem ſo durch und durch naſſen Anzuge einzunehmen! Bei Georg! der Appetit muß einem ehrlichen Manne dabei vergehen!— Ich bitte Sie noch um ein Stück Apfeltorte, Mr. Twickenham— und die Leute würden doch ſicherlich ein ſchönes Ge⸗ lächter erheben, wenn ich etwa hier, noch halb und halb auf Vorpoſten, den bequemen Hausrock anziehen wollte, meine gute Hausfrau dem Tom hinten aufgepackt hat. Ich kann wahrhaftig den Eifer nicht begreifen, Mylord, mit dem Sie ſich ſeit einiger Zeit allen dieſen verdammten Strapazen unterziehen, ge⸗ rade als wenn Sie einer von Sr. Majeſtät älteſten Soldaten wären. Ihro Gnaden liebten doch, ſo lange ich die Ehre habe, Sie zu kennen, Ruhe und Com⸗ fort, ſo gut wie irgend ein andrer hoher Herr in Irland und England, und ließen ſo ungern, wie die Andern, eine Unbequemlichkeit, der Sie ſich ohne Schaden entziehen konnten, an ſich kommen. Etwa ein Fuchsjagen, das war früher alles. Nun das iſt ja ſo Ew. Gnaden Paſſion, hahaha! Die alte Judy von Dunmoore weiß ein Lied davon zu ſingen. Nun nehmen's nur nicht übel, Gnaden! Das Volk hat's auch verteufelt krumm genommen, ſo gleich einem den rothen Hahn aufs Dach zu ſetzen! Ja, ja, Mylord! Was ſoll man dazu denken? Ich pflege immer zu meinem Nachbar Sir Rowland zu Bandonbridge zu ſagen: Der Wurm krümmt ſich, wenn er getreten wird. Sie haben Unglück, Mylord, verteufeltes Unglück, und ſollte gar die alte Cauth Murthock mit ihrer Kuh in Ew. Gnaden Park ſpuken!— Wollen Sie mir * 23 wohl den Cheſterkäſe dort reichen, Mr. Barnſtable? Die Näſſe hat mir den Appetit verdorben. Siiſt nur der Ordnung wegen, und um einen regelmäßigen Be⸗ ſchluß zu machen; auch mundet der Wein beſſer nachher.“ Der Lord ſah den Sprecher verwundert an, wurde aber durch die laute Stimme eines der tapfern Meo⸗ men verhindert, der ſein gefülltes Glas ſammt der Flaſche paſſiren ließ und dazu rief:„Wollen Sie uns nicht einen Toaſt geben, Mr. Knatſhbull?“ „Ich gebe Ihnen den König, Gentlemg“ ſprach der Angeredete, ſich mit ſeinem vollen G hebend, feierlich:„Möge er ſeine Miniſter verankaſſen, die Angelegenheiten dieſes armen Landes in genaue Be⸗ rathung zu ziehen, damit das gehetzte Volk endlich zur Ruhe kommt, und wir Uebrigen nicht ferner beunru⸗ higt werden oder gar noch mehrmals ſo wie heute, als hätten wir Handgeld empfangen, zwölf Stunden bei Wind und Regen im Donner der Kanonen ſtehen müſſen, ohne ein comfortables Obdach.“ „Den König trinke ich mit Ihnen von ganzem Herzen in einem vollen Bumper,“ ließ ſich der Squire Ralph Bacon vernehmen.„Aber bedenken Sie, Mr. Knatſhbull, um das ganz nach Ihrer Meinung zu bezwecken, würden Sie um manche ſchöne Einnahme verkürzt werden. Welch ein Beträchtliches würde ich allein ſchon am Zehnten verlieren, und wie würden die katholiſchen Geiſtlichen wiederum kühn ihr Haupt erheben, wenn ihrer Kirche mehr Freiheit und beſſere Einnahmen geſtattet würden! Selbſt der Papſt in Rom würde wieder einen langen Hals nach unſrer Inſel herüber machen. Es iſt noch nicht lange her, daß ſich die Bekenner der proteſtantiſchen Lehre vom letzten großen Schrecken erholt haben.“ —— 24 „Wenn aber wir hier im Lande ſo ſprechen wol⸗ len, mein theurer Sir,“ entgegnete Mr. Knatſhbull, „wie kann man's, abgeſehen von denen hier im Lande, zu deren Partei Sie zu gehören ſcheinen, den Tory's in England verdenken, wenn ſie handeln, ſo wie es das Intereſſe der Krone erheiſcht, mit dem das ihrige ſo innig verbunden iſt? Glauben Sie mir, Freund, wenn Jeder, den es betrifft, nur ein ganz Geringes dazu hergiebt, ſo iſt dem Volke geholfen, und wir, die wir das Wenige nur opfern, um ſo Viele glücklich zu machen, ſind nicht dadurch ruinirt; und was den ka⸗ tholiſche erus betrifft, ſo ſtehe ich Ihnen dafür, daß der mit Andacht für den König und ſeine evan⸗ geliſchen Brüder beten wird, ſobald er ferner, ohne in ſeinem Sprengel auf den Bettel umherziehen zu müſſen, anſtändig, wie unfre Pfarrherren, leben kann, von denen ſo mancher eine große Einnahme hat, ohne dafür mehr zu thun, als dann und wann ſeinen Namen zu unterſchreiben, woraus man ſieht, daß er ein evangeliſcher Cleryntan iſt. Vom ohnmächtigen Papſte gar wird England nie mehr etwas zu fürchten haben. Aber ich bin kalt, wie ein Laubfroſch,“ ſetzte er ſcher⸗ zend hinzu.„Der Wein will die Strapazen der Bei⸗ wacht am Strande noch nicht gehörig vertreiben. Störe das Feuer, John!“ rief er dem Aufwärter zu, rücke einen Tiſch an das Kamin und laß uns eine warme Bowle haben, damit das erſtarrte Blut wieder in Umlauf kommt.— Mylord!“ wandte eſich dann an den finſter drein ſchauenden Commandanten.„Ich denke wir Yeomen miſchen uns künftig nur in die Affairen, wenn der Feind auf den Küſten erſcheint. Dann wollen wir campiren und fechten, ſollte es auch im Regen und im Spätherbſt ſein, wie heute. Gegen unſre Landsleute, Ew. Gnaden, können wir aber an⸗ Se. 25 dre Waffen gebrauchen, die keine blutige Wunden ſchla⸗ gen und doch wirkſamer ſind, als alle die ſtrengen Edikte aus Wilhelms und der Königin Eliſabeth Zei⸗ ten, glorreichen Andenkens. Sie heißen Gerechtigkeit, Billigkeit und Humanität. Genießen unſre nnterdrück⸗ ten Landsleute, ſo wie ich mich ſie zu nennen nicht ſchäme, wenn gleich unſre Vorfahren von drüben her⸗ über kamen, und wir ſelbſt altengliſchen Urſprungs ſind, gleiche Rechte mit den übrigen Briten, und hört Ir⸗ land endlich einmal auf, eine große Sinecure für Ein⸗ zelne zu ſein, dann dürfen wir ferner nicht, wie heute, bis an die Zähne gewaffnet ausziehen und, ſtatt nach des Tages Laſt gemüthlich daheim am traulichen Herde zu ſitzen und das Neue uns aus den Zeitungen zu er⸗ ſehen, die naſſen Kleider auf dem erſtarrten Körper trocken werden laſſen, wofür noch Mancher von uns eine ſchöne Rechnung an Doctor und Apotheker wird bezahlen müſſen.“ „Ja und Niemand hätte zu fürchten, daß er von Geiſtern heimgeſucht und beunruhigt würde,“ ſetzte der behagliche Gentleman⸗Farmer, ſich einſchenkend, hinzu. „Fürwahr, meine Herren, mit dem lebenden Volke ließe ſich zur Noth noch fertig werden; wenn aber erſt das todte wieder aufſteht und als Geſpenſter gegen uns Krieg führt, dann blaſe ich Rückmarſch und laſſe Haus und Hof, Feld und Garten im Stich.“ „Ich weiß nicht, Mr. Fletwood, was Ihre ſon⸗ derbaren Reden bedeuten ſollen,“ ſagte der Lord ernſt und verdrießlich.„Schon vorhin machten Sie eine Anmerkung in dieſem Sinne, und ich muß mir eine nähere Erklärung von Ihnen ausbitten, da Ihre Re⸗ den allein auf mich gemünzt zu ſein ſcheinen.“ „Wie, Mylord, Sie ſollten nicht wiſſen, was 26 doch die ganze Umgegend weiß, und wovon ſich alle Kinder in der Dämmerſtunde mit heimlichem Schau⸗ dern erzählen?“ verſetzte der Farmer verlegen. „Nichts weiß ich, gar nichts!“ rief der Lord hitzig,„und ich fordre Sie deshalb auf, hier zu ſagen, was, Ihrer Erklärung nach, außer mir alle Welt weiß.“ „Gewiß, dann haben Ihre Leute Ihnen die Sache verborgen, um Ihnen etwas Unangenehmes zu er⸗ ſparen, und es thut mir deshalb leid, darüber eine Sylbe veploren zu haben. Ich ſetzte voraus, Sie wären ſo But unterrichtet, wie ich.“ „Nun, ſo ſagen Sie doch, zum Henker! was all Ihr Geſchwätz bedeutet, und laſſen Sie mich nicht länger von meiner bis zum höchſten Grade geſteiger⸗ ten Ungeduld martern.“ „Man ſagt, daß ſich alle Nacht zur zwölften Stunde in Ihrem Park zu Lindſayhall die alte Cauth Murthock, die von Ihrer Treppe fiel, Mylord, und einige Stunden darauf verſchied, nebſt ihrer Kuh, die Ihr Parkwärter das Unglück hatte, zu erſchießen, als Geſpenſter beim Monument des ſeligen Sir William O Donnel ſehen laſſen. Manche wollen ſogar behaup⸗ ten, der Geiſt dieſes Herrn wandle auch zu Zeiten nach dem alten Schloſſe. Es iſt Alles Gerede; ich kann's nicht verbürgen; denn ich habe nichts ge⸗ ſehen.“ Der Lord hatte die Farbe gewechſelt. Seine Au⸗ gen ſchienen, wie ausgebrannte Lichter, zu verlöſchen; ſchauerlicher Froſt rieſelte durch ſeine Glieder. Kaum vermochte er auf des Farmers Erzählung einige nichts⸗ ſagende Worte mit einem erzwungenen Grinſen zu er⸗ widern, die die Sache lächerlich machen ſollten, aber gerade das Gegentheil bewirkten. Dann erhob er ſich, 27 winkte James Morries herbei, zog ihn in eine Ecke und fragte ihn flüſternd, was er von der dummen Geſpenſtergeſchichte wiſſe. „Ich kann nicht läugnen,“ verſetzte der Pächter, „daß ich ſchon zu verſchiedenen Malen von dem Spuk gehört habe. Shaun Donnough ſchwört Stein und Bein, das Geſpenſt habe es vorzüglich auf ihn abge⸗ ſehen und werde ihn noch ums Leben bringen; er habe ſeine Flinten und Büchſen ſchon alle darnach ab⸗ geſchoſſen, aber die Kuh habe ihn verfolgt, ohne durch ihren Lauf das geringſte Geräuſch hervorzubringen; er werde den Tod noch davon haben, wenn Ew. Gna⸗ den ihm nicht eine andere Verſorgung gäben, ſo weit als möglich von Lindſayhall entfernt. Man hat Ih⸗ nen während Ihrer Krankheit die Sache verbergen wollen, um Sie nicht zu beunruhigen, Mylord; aber nun, da Sie einmal davon erfahren haben, iſt's beſ⸗ ſer, Sie erfahren Alles.“ Der Lord war einer Ohnmacht nahe. Doch ſuchte er ſich zu faſſen, ſo gut es ging, und ſagte zu ſei⸗ nem vormaligen Diener:„James, ich fühle, daß ich mich zu früh dem Unwetter des heutigen Tages aus⸗ geſetzt habe; aber es ging nicht anders, bei Gott! nicht; Du weißt es ja ſelbſt am beſten. Ich habe mich ſehr erkältet und fürchte eine ernſtliche Krankheit. Hier hab' ich meine Bequemlichkeit nicht; ich ſehne mich nach Hauſe in meine Ordnung und zu meiner Tochter. Ich lege das Obercommando, da ja doch alle Gefahr vorüber iſt, in Sir Walter Sheels Hand, und Du fährſt mit mir nach Lindſayhall und bleibſt bei mir. Beſorge mir den Wagen.“ „Wie Ew. Herrlichkeit befehlen,“ entgegnete der Pächter, und traf, ſo eilig es ſich thun lies, die An⸗ ſtalten zur Abreiſe. Der Lord entſchuldigte ſich mit ——— —————————— 28 ſeinem überhand nehmenden Unwohlſein bei der Gen⸗ try, übertrug das Commando dem erſten Offizier, leerte ſchnell noch ein Glas heißen Punſch, ließ ſich in ſeine Pelze hüllen und in den Wagen heben und fuhr an ſeines getreuen Morries Seite von dannen. 4. geſpenſterſpuß. Die Nacht war düſter und ſtürmiſch, zerriſſene Wolken flatterten über den matt leuchtenden Halbmond und warfen Regen und Schnee zugleich. Die Föhren des Gebirges ſtöhnten ſchauerlich, vom mächtigen Fit⸗ tig des Sturmes gepeitſcht. Die Fahrt konnte wegen des ſchlechten unſichern Weges nur langſam gehen. Die ſpärliche Unterhaltung drehte ſich um die Geſpen⸗ ſtergeſchichte. So waren ſie über den Bergrücken ge⸗ kommen, und ſchneller rollte der Wagen dem Parke zu. Als ſie an der Umzäunung deſſelben vorüber fuh⸗ ren, warf der Lord einen ſcheuen Blick nach dem Mo⸗ nument auf dem Hügel, das aus der Nacht der Bäume unheimlich hervorſchimmerte; ein unwillkürli⸗ cher Schauer rieſelte durch ſeine Gebeine. Da bog der Weg in den Park hinein nach dem alten Schloſſe zu, das auf der entgegengeſetzten Seite lag und jetzt Lord Kildare's Wohnung war, und der Wagen fuhr kaum hörbar über die Fichtennadeln, womit der Weg dick beſäet war, und kaum ſichtbar durch das hohe Holz. Plötzlich zuckte der Lord jach zuſammen, ſchnellte 29 hoch auf vom Sitze und ergriff Morries' Arm krampf⸗ haft. Dieſer war eingeſchlummert und ſchreckte nun ſeinerſeits auch heftig empor. Die Pferde ſcheueten, der Kutſcher wimmerte mit angſtgepreßter Stimme ein Stoßſeufzerlein und der Diener, der vorn beim Kut⸗ ſcher ſaß, war mit einem Satz vom Bock im Wagen, ohne die Erde berührt zu haben. „Um Gotteswillen, was giebt's?“ fragte James halblaut. „Die Kuh!“ ſtöhnte der Lord. „Die Kuh!“ wisperte der Diener und kauerte ſich im Wagen nieder, um nur nichts mehr zu ſehen, und der Kutſcher perorirte:„Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ Wirklich verſchwand, ſo viel in der Nacht zu er⸗ kennen war, eine einer Kuh ähnliche Thiergeſtalt hin⸗ ter den Büſchen. Morries war noch der Beherzteſte, und ſeinen Vorſtellungen gelang es endlich, den Kutſcher zum Weiterfahren zu vermögen. Der Lord zitterte am ganzen Leibe und ſchien keines Wortes fähig. So langten ſie am Schloſſe an. Nur in Morries' Be⸗ gleitung war der Diener aus dem Wagen zu brin⸗ gen, um am Thore zu läuten. Zu ihrem Erſtaunen fanden ſie es auf, ebenſo die Hausthür. Nirgend war eine menſchliche Spur zu entdecken; die Bedien⸗ tenſtube zu ebener Erde leer mit weitaufgeſperrter Thüre. Die beiden Männer beſchloſſen ſchnell, dem Lord nichts von dieſer Entdeckung zu ſagen, um ihn nicht in noch größern Schrecken zu ſetzen; ſie ſchlugen Feuer, zündeten ein Licht an, eilten damit hinaus und hoben den von Fieberfroſt geſchüttelten Mann aus dem Wagen. Der Diener ging mit dem Lichte voran, um zu leuchten; Morries führte den zitternden 30 Lord, der die Oede des Hauſes gar nicht zu bemer⸗ ken ſchien. Der Pächter hütete ſich wohl, ihn darauf aufmerkſam zu machen, befand ſich aber in der tödt⸗ lichſten Verlegenheit und der geſpannteſten Erwartung, was dies zu bedeuten habe. Da ſchlug, während ſie langſam und lautlos den langen, winkeligen, gothiſch geſchweiften Corridor dahin ſchlichen, die Thurmuhr des Schloſſes mit langgezogenen, ſchauerlich ſchrillen⸗ den Tönen zwölfmal, und die Schläge hallten in dem Gewölbe nach. Die Nacht grinſte ſie aus allen Win⸗ keln an und wehrte ſich mit dichten Schleiern gegen das ohnmächtige Licht, deſſen Strahl es nicht in ihre Heiligthümer dringen ließ. Das alte unfreundliche Schloß war jetzt doppelt unheimlich; Oede und Grau⸗ ſen ſchienen ihre Wohnung darin aufgeſchlagen zu ha⸗ ben, und auch Morries wurde es bei jedem Schritte unwohler. Der vorleuchtende Diener bog eben um eine vorſpringende Wand, als er einen dumpfen Schrei ausſtieß und das Licht fallen ließ. Beim letzten Schimmer deſſelben, eh' es verlöſchte, ſchweiften des Lords Augen vorwärts; auch er ſtöhnte:„O mein Gott, Sir Williams Geiſt!“ und ſank ohnmächtig zu Boden. Der Diener war entflohen, Morries' Haar ſträubte ſich, als er beim dürftigen Mondſtrahl, der ſich durch eines der hohen düſtern Bogenfenſter ſtahl, mehre geſpenſterhafte Geſtalten raſch an ſich vorbei⸗ huſchen ſah; im Hintergrunde lärmte ein ſeltſames Geräuſch, Lichtſtrahlen blitzten plötzlich auf und zitter⸗ ten raſch vorüber, Schatten liefen haſtig an den ho⸗ hen Wänden hin, dann verſank Alles wieder in Nacht und tiefes Schweigen; nur des Mondes ſchwermüthiger Blick dämmerte durch das Fenſter, nur die ſchweren Athemzüge des Lords waren zu hören. Dem erſchrocke⸗ nen Pächter wollte es trotz ſeiner Angſt bedünken, als ſei 31 an dieſen Erſcheinungen viel Körperliches geweſen; er bemühte ſich, den Lord wieder zum Bewußtſein zu bringen, und ſchleppte denſelben, als er nur erſt wie⸗ der auf den Beinen ſtehen konnte, mehr als er ihn führte, nach deſſen Zimmer. Kildare weinte und ſchluchzte dazu, wie ein Kind. Ein neuer Uebelſtand trat ein. Morries konnte hier nicht Licht ſchaffen, und der Lord wollte durchaus nicht allein bleiben, und doch verſagte ihm die Kraft zu gehen; er konnte ſich nicht mehr aufrecht erhalten und war von Fieber⸗ hitze überbrütet. Dennoch rief er mit wahrer Todes⸗ angſt nach Licht, und Morries lief endlich, um das ungeſtüme Verlangen ſeines Gebieters zu befriedigen, leiſe fort, um zu verſuchen, ob er nicht in Miß Eli⸗ ſabeths Zimmern Licht auftreiben könne. Er klopfte an die Thür; ein lautes Jammergeſchrei erhob ſich darin, und eine weibliche Stimme bat um Gnade und betete und fluchte untereinander, wie im Wahn⸗ ſinn. Morries wußte nicht, was er davon denken ſollte. Doch klopfte er noch einmal und begehrte im Namen des Lords, der ſo eben krank angekommen ſei, Einlaß und Licht. Nun erhob ſich drinnen ein Zank dreier Frauenſtimmen, welche Morries endlich erkannte. Miß Eliſabeth befahl, daß geöffnet werde; Sally O'Neil wollte öffnen und Miß Margaret ſuchte es zu verhindern, und ſchrie jämmerlich dazu. Sie war es auch, die er zuerſt vernommen hatte. Morries nannte ſeinen Namen, auf der Letztern dringendes Begehren, und nun wurde die Thür endlich aufgethan. Miß Margaret, auf ein unordentliches Lager hinge⸗ ſtreckt, freute ſich nun eben ſo unſinnig, endlich ein lebendes bekanntes Weſen, einen Mann von Fleiſch und Bein, vor ſich zu ſehen, wie ſie vorhin gejam⸗ mert hatte, und von ihr erfuhr James, daß das 32 Schloß von Geiſtern wimmele, alle Diener vor Furcht und Entſetzen entſprungen und ſie ſelbſt, keine Viertel⸗ ſtunde vor Morries Ankunft, aus ihrem Zimmer auf das der Miß Eliſabeth geflüchtet ſei, obgleich noch krank und elend, um nur nicht vom Geiſt der Frau Cauth erdroſſelt zu werden, der plötzlich drohend vor ihr geſtanden. Dem ſchlauen James fiel die Ruhe auf, in welcher ſich die danebenſtehende Sally und die in ihrem Bette im Nebengemach aufrechtſitzende Eliſa⸗ beth befanden, doch hatte er jetzt nicht Zeit, weiter zu forſchen und die in ihm aufſchießende Ahnung zu verfolgen, und wollte ſich eben mit dem angezündeten Lichte wieder empfehlen, als die Thür ſchnell aufge⸗ riſſen wurde, und Lord Kildare, ſich kaum mehr ähn⸗ lich, todtenbleich, mit hervorgequollenen, glanzloſen Augen, mit geſträubtem Haare, mit vorwärts geſtreck⸗ ten Händen und ausgeſpreizten Fingern hereinſtürzte, ein jammervolles Wehgeſchrei ausſtoßend:„Weh' mir! Weh' mir! O Donnels Geiſt! Sir Williams zürnen⸗ der Schatten verfolgt mich! Alle Geiſter der O'Don⸗ nel ſtürmen in dieſem ihrem Schloſſe auf mich ein. Rettet mich! Schützt mich vor ihnen!“ Und kraftlos ſank er auf Miß Margarets Lager, die, darüber von Neuem entſetzt, ſein Geſchrei mit dem ihrigen beglei⸗ tete. Miß Eliſabeth ſprang herbei und rief dem Lord zu:„Beruhigen Sie ſich, mein Vater! Ihre aufge⸗ regte Phantaſie täuſcht Sie. Sie haben nichts von Geiſtern zu fürchten. Es wird ſich Alles aufklären, beruhigen Sie ſich nur.“ Aber der Lord erwiderte weinend:„Holt mir den Magiſter Ephiſtone herbei, daß er meine Beichte höre und mir meine Sünden vergebe. Er ſoll dieſe Nacht bei mir zubringen. Holt ihn ſchnell herbei!“ Morries mußte ſich entſchließen, den Pfarrer aus 33 dem Dorfe herbeizurufen, ſo ſehr er auch in der Seele überzeugt war, daß es mit der Spukgeſchichte eine natürliche Bewandtniß habe, und Eliſabeths Worte hatten ihn nur in dieſer Meinung beſtärkt. Liſt um Liſt. Der kleine Magiſter folgte unweigerlich dem Be⸗ fehle und trug ſein ewig lachendes Geſicht in's Schloß. Die entflohene Dienerſchaft rückte auch allmählig wie⸗ der ein, als ſie ſich überzeugt hatte, daß Menſchen und nicht Geiſter in den erhellten Zimmern hauſten. Der Lord wurde todtkrank in ſein Zimmer zurückge⸗ bracht, der Magiſter verfügte ſich zu ihm, und zehn Lichter brannten auf dem Tiſche. Im Vorzimmer ſa⸗ ßen alle dienenden Geiſter des Hauſes, vom Kammer⸗ diener des Lords bis zum Küchenjungen herab, um James Morries verſammelt und erzählten ihm, laut durcheinanderſchreiend, die ſchrecklichen Ereigniſſe der letztverwichenen Stunde, während der Magiſter drinnen hinter der verſchloſſenen Thüre das lange Sündenre⸗ giſter des Lords empfing, dann und wann eine heiſere Lache zu den Kraftſtellen ausſtoßend. Die Summe von dem, was Morries vernahm, war, daß plötzlich, als ſchon alle im Schlafe gelegen und die Thurmuhr ſchon lange eilf geſchlagen, ein ſeltſames Geräuſch ver⸗ nommen worden, und die Thür, die doch von innen verriegelt geweſen, geöffnet worden ſei. Ein dadurch Storch, ausgew. Romane u. Novellen. ViM. 3 ermunterter Diener ſei auf den Corridor hinausgegan⸗ gen, aber mit wildem Geſchrei zurückgekehrt; die An⸗ dern, dadurch aus dem Schlafe geſchreckt, ſeien herbei⸗ geeilt, und alle hätten die Geiſter geſehen, die alten O'Donnels und auch Sir William darunter. Lautlos ſeien ſie an den Wänden hingeglitten, ohne daß ſich ihre Füße bewegt, und ein wunderharer Dämmerſchein ſei von ihnen ausgegangen. Nun ſeien Alle, von Grauſen gepackt, davon gerennt und hätten Thür und Thor offen gefunden, die doch Abends verſchloſſen und verriegelt worden wären.— Bei einigen Bowlen Punſch, die der Lord ſeiner heldenmüthigen Diener⸗ ſchaft zum Beſten gab, wurde die ganze Nacht ver⸗ plaudert. Die Geſellſchaft rückte enger zuſammen, die Mägde, dann und wann furchtſame Blicke nach der Thüre werfend, immer mehr in die Mitte, und alle alten und verſauerten Geiſter- und Geſpenſtergeſchich⸗ ten aus der ganzen Umgegend wurden wieder aufge⸗ wärmt und aufgetiſcht. Die begierigen Zuhörer fan⸗ den ſie aber ſehr ſchmackhaft, und in der That waren ſie auch gar ſo übel nicht; denn niemals iſt der Ire poetiſcher und exaltirter, als wenn er Geiſtergeſchichten oder die reichen wunderbaren Sagen ſeiner Heiden, Moore und Bergwälder erzählt. Der trübe Dezem⸗ bertag dämmerte, eh' ſich's die muntere Geſellſchaft verſah, und dei Magiſter ſchlich grinſend vorüber, um ſich zu Hauſe auf ein Ohr zu legen; der Lord war etwas eingeſchlummert. Das furchtſame Volk zerſtreute ſich mit dem Tage; Morries aber ging der Spur ſei⸗ ner Ahnung nach, um ſich Licht zu verſchaffen, nach den Gefängniſſen hinab, worin die von Lord Werford ein⸗ gefangenen Rebellen verwahrt wurden, und fand ſie — erbrochen und leer. Nur ein einziges, das eine Treppe tiefer auf der andern Seite lag, und worin 3* 35 ſonſt nur die ſchlimmſten Verbrecher eingekerkert wur⸗ den, war noch verſchloſſen und unverletzt. Heimlich lachend ging der ſchlaue Pächter wieder hinauf, um den Lord über die Geiſtererſcheinung aufzuklären. Dieſer hörte ihm mit wachſendem Aerger zu und fing an, ſich ſeiner Geſpenſterfurcht und der Gebilde ſeiner tollen Phantaſie zu ſchämen, und bereuete, daß er den Gei⸗ ſtern nicht lieber zu Leibe gegangen ſei. Während ſie noch darüber redeten, ſtellte ſich Shaun Donnough ein und begann einen ſchaudervollen Bericht von der Erſcheinung der alten Frau mit der Kuh, die ihn in der verwichenen Nacht mit Frau und Kindern aus dem Hauſe getrieben. Dieſen Morgen aber vermiſſe er die Schlüſſel zu den Gefängniſſen, die er als Ge⸗ fangenwärter in Verwahrung hatte, und behauptete, ſie müßten ihm in dieſer Nacht geſtohlen worden ſein. „Geh', ungeheurer Eſel!“ donnerte der Lord, plötzlich muthig und herzhaft geworden, den zitternden Wildhüter an,„oder ich mache Dich ſtracks ſelbſt zum Geſpenſt.“ Hierauf verfügte er ſich an ſeines getreuen Mor⸗ ries Arm ſelbſt in die unterirdiſchen Gewölbe, um Alles in Augenſchein zu nehmen. Unerklärlich blieb, weshalb die Befreier der Gefangenen erſt die Schlüſſel aus dem Parkhauſe geſtohlen, da die Thüren der Ge⸗ fängniſſe doch mit tüchtigen Werkzeugen erbrochen wa⸗ ren; ja das Räthſel wurde noch wiel dunkler, als Morries auf etwas Klirrendes trat und die Schlüſſel aufhob, da wo die Treppe hinab zu dem tiefern Ge⸗ fängniß führte. „Ha, gewiß iſt der alte Rädelsführer der Mord⸗ brennerbande mit ſeinen Ranken auch entſprungen!“ rief der Lord in einer Art von Verzweifl ung, ergriff 3* 36 die Schlüſſel, eilte raſch hinab und öffnete das Gefängniß. Dunfoore's hagre Greiſengeſtalt erhob ſich langſam vom Stroh, während ſein Sohn ruhig fortſchlief. „Nein, Gottlob! ſie ſind noch da!“ rief der Lord mit einer teufliſchen Freude.„Nun, ihr zwei Hunde ſollt mir für die Entwiſchten büßen!“ Und die Thür wieder zuſchlagend, ergriff er Morries' Arm und ſagte frohlockend:„Wir ſind in voriger Nacht noch gerade zur rechten Zeit gekommen! Wir haben die Schurken verſtört, und die beſten Vögel haben ſie uns im wohl⸗ verwahrten Neſte ſitzen laſſen. Na, wart' nur, die ſollen die Suppe nun auseſſen! Die Freude iſt Dir verſalzen, mein Pathchen. Denn nichts iſt gewiſſer, als daß dieſe neue Schurkerei von Lewis O Donnel ausgeht.“ „Ich habe dieſelbe Vermuthung, Mylord, daß der Baronet die Hand dabei im Spiele hat, und eine Ahnung davon flog mich ſchon in der verwichenen Nacht an. Ich weiß, er liebt den alten Dunfvore ſehr, und er hatte ja auch, wie ich erfahren, Miß Eliſabeth geſtimmt, daß ſie bei Ihnen um Gnade für die Ver⸗ brecher flehen mußte.“ Weiter erlaubte ſich Morries nicht, ſeinen Vermuthungen, daß auch Miß Eliſabeth um die Befreiung der Gefangenen gewußt, Worte zu geben; denn er war ſchlau und eigennützig und ver⸗ darb es nicht gern mit einer Partei; auch war er der Tochter des Hauſes wirklich ſehr ergeben, als daß er es hätte über ſich gewinnen können, ihr durch das Lautwerden ſeiner wahrſcheinlichen Vermuthungen Un⸗ annehmlichkeiten zu bereiten. „Ja, ja!“ rief der Lord, ſich vergnügt die Hände reibend,„da es mit der Landung der Franzo⸗ ſen nichts war, ſo wollte mein lieber Pathe dieſe Nacht, 1 37 die ich, ſeiner Vorausſetzung nach, in Bantrh zubrin⸗ gen mußte, benutzen, um ſich ſeine Freunde aus mei⸗ nen Gefängniſſen zu holen. James, das müßte ihm den Hals brechen, dem verdammten Buben, wenn wir's heraus kriegten, auf ihn bringen und ihm be⸗ weiſen könnten. Weiß Gott, was ich darum gäbe, mein Junge! Wir ertappten ihn in der eigenen Falle, und er müßte in der Grube verderben, die er mir ge⸗ graben. Und welch' ein Gaudium für mich, wenn ich für den Schrecken und die Angſt der verwichenen Nacht Rache an ihm nehmen könnte! Denn nichts iſt mir empfindlicher, als daß ich mich lächerlich gemacht habe, vorzüglich vor dem grinſenden Pfaffen. O James, wie beginnen wir's, um das Baronetchen zu fangen. Ge⸗ lingt's, ſo erhältſt Du den Caſtor, das beſte Pferd aus meinem Stalle.“ „Am beſten ließe ſich's bewerkſtelligen,“ verſetzte Morries ſchmunzelnd,„wenn wir einen ſeiner Leute, die doch ſehr wahrſcheinlich um die Sache wiſſen, ja vielleicht gar dabei geweſen ſind, gewinnen und zu uns herüberziehen könnten. Nun hat der Baronet den Michaul Dahna, ſeinen Kammerdiener, aus dem Dienſt gejagt, und der Kerl ſitzt meiſt Grillen fangend in der Heideſchenke. Vielleicht gelingt's, ihn zu erkaufen. Schwer iſt's; aber mit Geld iſt Alles möglich. Ich wollte wetten, der Mic hat in dieſer Nacht einen Geiſt geſpielt, der Kerl kennt ja jeden Ort des Schloſſes bis auf den kleinſten Winkel. Haben wir ihn gewonnen, ſo haben wir den Baronet gefangen.“ „Ein köſtlicher Einfall, Junge! Aber wie gewin⸗ nen wir den Mic?“ „Ich ſelbſt darf nicht an ihn, ſonſt merkt er den Braten; auch wäre es beſſer, wenn wir Ew. Herr⸗ lichkeit aus dem Spiele ließen. Der Burſche wird 38 ſonſt ſtutzig. Wir müſſen ihn fein und liſtig kirren, daß er keine Witterung von unſerm Plane hat, ſonſt bricht er uns durch die Garne. Ich kenne ihn von ſonſt her, als wenn er mein Bruder wäre, und weiß ge⸗ nau, wie er behandelt werden muß. Sie thun am beſten, Mylord, den Lord Werford und deſſen pfiffi⸗ gen Kammerdiener Henderſon zu beſtimmen, daß ſie unſere Rollen übernehmen. Henderſon muß den Mi⸗ chaul überreden, Dienſte bei ſeinem Herrn zu nehmen, und der Lord muß dem Burſchen goldene Berge vor⸗ malen, bis er gebeichtet hat. Henderſon iſt ein ganz durchtriebener Kerl und beſchwatzt für eine gute Beloh⸗ nung einen Engel zur Sünde.“ „Nun, wir wollen ihm das Maul ſchon ſchmie⸗ ren,“ lächelte Kildare.„Alles iſt gut ausgedacht; Du biſt ein Prachtjunge, James, und Dein Schade iſt's auch nicht, mir ſtets ſo gute Rathſchläge zu geben; das weißt Du ja.“— Und noch an demſelben Tage ging eine Einla⸗ dung an den tapfern Obriſten ab. „Ich hatte Ihnen ohnedies einen Beſuch zugedacht, Mylord Kildare,“ ſagte derſelbe am folgenden Tage, in das düſtre Wohnzimmer des alten Schloſſes zu Lindſayhall eintretend,„denn ich halte es für meine Pflicht, Sie in Kenntniß zu ſetzen, daß ich mich mit dem Baronet O'Donnel allernächſtens ſchlagen werde. Ich bin das ihm, der in einer allgemeinen Achtung, nicht nur beim Volke, ſondern auch bei meinen Offi⸗ zieren ſteht, nicht minder ſchuldig, als meiner Ehre. Die Ruhe iſt in der ganzen Gegend wieder herge⸗ ſtellt; wir haben nichts zu fürchten, was ſchnell meine Dienſtfunktionen in Anſpruch nähme, und ſo ſoll mich denn nichts abhalten, meinem Gegner zu beweiſen, daß — —————— 39 ich nicht der Mann bin, der die Mündung eines Piſtolenlaufes, oder eine blanke Klinge fürchtet.“ „Ich weiß nicht, ob ich Sie darum loben oder ta⸗ deln ſoll,“ verſetzte Kildare.„Es wäre eine Schande für Sie, ſich mit einem ehrloſen Manne zu ſchlagen, und ich habe alle Urſache zu vermuthen, daß Lewis O'Donnel ein ſolcher iſt.“— Hierauf exzählte er von dem Ueberfall und der Befreiung der Gefangenen, ſo viel er für gut fand, und verſchwieg alſo ſorgfältig ſeinen Schrecken, ſeine Geſpenſterfurcht und ſeine dem Magiſter geleiſtete Beichte, und knüpfte daran die Bitte, ſich mit ihm zur Entlarvung O'Donnels auf die von Morries angegebene Weiſe, die er für eignen Einfall ausgab, zu vereinigen. „Zur Liſt müſſen wir unſere Zuflucht nehmen, mein lieber Obriſt, um jenem eben ſo vorſichtigen, als küh⸗ nen Verräther auf die Spur zu kommen. Jedes Mit⸗ tel iſt erlaubt, wo es das Wohl des Staats und der Krone gilt, dies lehren uns die Grundſätze der Poli⸗ tik;“ ſo ſchloß Kildare, um Werford zu beruhigen, der die entſchiedenſte Abneigung gegen alle verſteckten, mit ſeinem offenen Charakter im Widerſpruch ſtehenden Wege an den Tag legte. „Wozu alle dieſe liſtigen Ränke, Mylord Kil⸗ dare? Er füällt einſt noch mit en Waffen in der Hand in unfre Gewalt oder ſonſt im Begehen irgend einer That, wo wir offen, mit dem Geſetz gerüſtet, gegen ihn handeln können. Dann iſt's noch früh genug, und er ſelbſt hat mit Fug und Recht die Fol⸗ gen davon zu tragen. Daß man ihn jedoch nach der Weiſe der Diener der heiligen Hermandad mit Netzen und Fallen umſtellt, oder, nachdem man irgend ein zweideutiges Wort oder eine freimüthige Aeußerung erlauert hat, über ihn herfällt, das— haſſe ich, My⸗ 40 lord, ſelbſt bei den Dienern der Gerechtigkeit, am al⸗ lerwenigſten aber mag ich die Hand dazu bieten. Und iſt es denn erwieſen, daß er den nächtlichen Einbruch in Ihr Schloß leitete? Könnten es nicht viel wahr⸗ ſcheinlicher die Spießgeſellen der Gefangenen geweſen ſein, ihre Freunde und Verwandte? Ich möchte mich weit eher für das Letztere entſcheiden.“ „Ihr braves Soldatenherz will immer nicht an das Böſe glauben,“ lächelte Kildare.„Allein ich kann nicht umhin, zu verſichern, daß Sie in Ihrer Garni⸗ ſon gegen O'Donnel und ſeiner Bande Ueberfall nicht geſchützter ſind, als ich in meinem Schloſſe. Kennen Sie die Wirkung, die ein fanatiſcher Kopf auf die dumme rohe Menge ausübt? Und hat dieſer O'Don⸗ nel nicht alle Eigenſchaften eines vollkommenen Schau⸗ ſpielers, um das Volk zu bethören? Er erheuchelt Tugend, Frömmigkeit, Enthaltſamkeit, Tapferkeit; er huldigt den wüthenden Leidenſchaften des Pöbels und iſt dadurch ſein Abgott geworden; er hat durch ein wohlberechnetes Spiel ſogar beſſere Naturen umſtrickt. Was iſt dieſem gefährlichen Menſchen nicht Alles mög⸗ lich? Mein Leben liegt in ſeiner Hand, wie Ihre Ehre, Mylord. Er darf nur wünſchen, und ich werde in meinem Schloß ermordet; er darf nur wünſchen, und Sie werden in Ihren Caſernen überrumpelt, entwaff⸗ net, geſchändet. Um ſich ſeiner zu erwehren, müſſen wir gleiche Waffen gegen ihn brauchen: Liſt, Ver⸗ ſchlagenheit.“ Dieſes Argument wirkte ſchlagend auf die Be⸗ denklichkeiten des beſchränkten Obriſten. Kildare hatte ihn bei der rechten Stelle gefaßt; die vorgeſpiegelte Schande, ſich von den Rebellen entwaffnet, gefangen zu ſehen, griff ihm ſchon jetzt an das Herz, und er 41 ging nun unbedingt auf die Pläne ſeines Gegen⸗ übers ein. Es wurde beſchloſſen, keine Mühe zu ſparen, den von O'Donnel verabſchiedeten Diener zur Annahme eines Dienſtes bei Lord Wepford zu bewegen, oder denſelben, wenn dies nicht gelingen ſollte— woran man jedoch nicht zweifelte— über Sir Lewis Handlungen auszuforſchen. Während der Obriſt nach ſeinem Standquartier zurück ritt, war er in Gedanken bald mit dem Charak⸗ ter des Mannes beſchäftigt, dem er die Ehre des Zweikampfes zuzugeſtehen im Begriff war, und den er, nach den bisher über ihn gemachten Erfahrungen, als vollkommen befähigt dazu erklären mußte, bald unterſuchte er, ob der durch Befolgung der Vorſchläge Kildare's der Regierung geleiſtete Dienſt auch mit der wahren Ehre des Mannes im Einklange ſtände. Da gab plötzlich der Anblick der niedrigen, ſo wenigen Schutz gewährenden Mauern, im Augenblick als er auf den Hof der Dragoner⸗Caſerne einritt, und der Gedanke: wie wenn einſt das Regiment hier überfallen und gefangen würde, was einem kühnen Rebellen⸗ haufen nicht ſchwer werden dürfte?— ein Gedanke, der für das Ehrgefühl eines britiſchen Cavallerie⸗Of⸗ fiziers ſo unerträglich war, wie die Schande ſelbſt— ſeinem Schwanken den Ausſchlag, und ſein Entſchluß war plötzlich gefaßt. Dann vom Pferde ſteigend, und, ehe er von den zur Abendparade auf dem Platze verſammelten Offizieren umringt wurde, gab er Hen⸗ derſon die nöthige Weiſung im Betreff des gegen O'Donnels verabſchiedeten Diener zu beobachtenden Verfahrens. ————————— — 42 6. Reues Lebhen in der Heideſchenke. Michaul Dahna wohnte zwar noch mit Frau, Kind und Bruder in dem kleinen Parkhäuschen zu Greenlodge, und der Baronet zahlte Moja monatlich den Gehalt aus, wie früher, aber der Wurm, von allen Dienſtleiſtungen ausgeſchloſſen zu ſein und gleich⸗ ſam das Gnadenbrot zu eſſen, nagte ihm am Herzen. Er war ein ſchwermüthiger Träumer geworden; das peinigende Gefühl verließ ihn nie, an dem ihm ſo theuern Manne ein Unrecht gethan zu haben, obgleich es ihm, ſeinen ächt iriſchen Begriffen nach unmöglich war, die Selbſthülfe, wo von Geſetz und Recht keine Aenderung zu erwarten iſt, für unerlaubt zu halten. Die Liebe ſeines Weibes konnte ihn nicht mehr be⸗ glücken, er brütete über düſtern Plänen und ſuchte die heimlichſten Schlupfwinkel der Rebellen auf. Ein großer, gewaltiger Schmerz lag in ſeiner Seele, er war mit ſich ſelbſt zerfallen und konnte aus Sir Lewis nicht klug werden, dem er, wie er nur konnte, aus dem Wege ging. So kam es, daß er ſeine Wohnung ganze Tage mied und dann wieder ſtill und in ſich gekehrt ganze Tage hinter dem Ofen derſelben ſaß und in das Schneegeſtöber oder in die auf dem Meerbuſen wo⸗ genden Nebel hinausſtarrte. Wenn es das Wetter er⸗ laubte, ging er gern einſame, wenig betretene Fußpfade über die Bergrücken nach der Heideſchenke hinab und rief ſich dort unter Menſchen, die er liebte, und von denen er geliebte wurde, verklungene und abgefärbte Jugendträume in die Erinnerung zurück. Auch hielten ————=—— 43 die Rebellen unter dem Schutze der alten Peppy manche geheime Sitzung im Hinterhauſe, und Michaul fand hier zuweilen Gelegenheit, ſeinen düſtern Unmuth in hellen Wortesflammen auflodern zu laſſen. In einem andern Wirthshauſe ſah man ihn nicht. Seit ver be⸗ abſichtigten und verunglückten Landung der franzöſi⸗ ſchen Flotte hatte Michaul noch mehr Gelegenheit, die Heideſchenke zu beſuchen. Zwei große Kriegsſchiffe la⸗ gen auf Wache in der Kenmare⸗Bay, ſo wie auf ähn⸗ liche Art alle Buſen und Küſten des ſüdlichen und weſtlichen Theils der Inſel beſetzt und bewacht waren; und die muntern Schiffsleute, faſt alle mit Michaul befreundet, pflegten fleißig bei Mutter Peppy einzukeh⸗ ren; denn ſie hatten von ihr nicht weit zu ihren Schif⸗ fen. Eben ſo lag ſeit dieſer Zeit eine Abtheilung Fuß⸗ ſoldaten in Kenmare, die, um die verdächtigen Bewoh⸗ ner der Umgegend in Reſpekt zu halten, ſo oft ſich's des Wetters wegen thun ließ, Waffenübungen auf der Heide vornahmen. Am frühen Morgen erſchienen unter Anführung des Quartiermeiſters oder des Oberbvotsmanns die Matroſen, die, um friſche Lebensmittel an Bord zu holen, Waſſer einzunehmen, oder irgend etwas an den Schiffen zu beſſern, ans Land gekommen waren, um mit einigen Gläſern ächter Waare den Ge⸗ ſchmack zu verbeſſern, der ihnen, wie ſie ſcherzhaft mein⸗ ten, durch Admiral Grog*) beim Frühſtück verdor⸗ ben war. *) Admiral Grog war die Veranlaſſung, daß der Rum, welcher den Matroſen früher rein geliefert wurde, um Ex⸗ ceſſe zu verhüten, die ſo häufig aus der Trunkenheit her⸗ vorgingen, mit drei Theilen Waſſer vermiſcht, ausgetheilt wurde. —————————— 44 Gegen Mittag erſchienen jene ärmſten aller Päch⸗ ter oder Bauern, um ſich, bevor ſie den geringen Er⸗ lös für die zum Markt gebrachten Lebensmittel nach Hauſe brachten, eine kleine Güte zu thun. Alsdann reichte das Uebrige gerade noch hin, die rückſtändigen Gefälle für den Monat zu bezahlen. Für das, was ein Glas Whisky oder ein Maß Ingwerbier koſtete, konnten ſie ja doch den zerlumpten Rock, aus deſſen Riſſen die ſehnigen Arme und andere Theile des nackten Körpers hervorſchienen, nicht durch einen neuen erſetzen, oder dem ſie begleitenden Knaben, welcher neu⸗ gierig mit den Falkenaugen die Wohlhabenheit der Stadt beſchaut hatte, während er barfuß und abge⸗ riſſen mit verwildertem Haar neben dem Vater herge⸗ trabt war, ein ihm gegen die Winterkälte nöthiges Röckchen kaufen. Wer hätte es den Armen verdenken mögen, wenn ſie ſich auch nur für wenige Stunden Troſt und Vergeſſenheit ihrer Leiden aus dem berau⸗ ſchenden Becher tranken? Wenn die Parade auf der Heide vorüber war, füllten Soldaten das alte baufällige Haus, um die wenigen Stunden, die ihnen der ſchwere Dienſt frei ließ, bis zur Retraite zum Vergnügen zu benutzen. Dieſe Armen, nur ſelten aus dem ſtrengen Joche be⸗ freit, ſind jedoch ſchlechte Herren ihrer Neigungen und Gelüſte und ſehen daher viel öfter, als ihnen gut iſt, den Boden der blanken, zinnernen Krüge. Sie ſingen und trinken, und trinken und ſingen und laſſen den König hoch leben und Altengland und die ſchöne Nel von Cork, und die blonde Poll, und die ſchwarzäugige Baß von Waterford und Bellfaſt, und hören nicht den Retraiteſchuß und den unter dem Fenſter wirbeln⸗ den Tambvur, und erkennen in ſüßer Vergeſſenheit den geſtrengen Corporal mit der Patrouille nicht, der S— ſie auffordert, in die Caſernen zu gehen. Subordi⸗ nation! welch lächerliches Wort für die freien Män⸗ ner von England, die den Corporal hinauswerfen mit der Patrouille und in ſeligem Taumel Brüderſchaft trinken mit dem Offizier, der mit der Wache kommt und die braven Burſche endlich unter Schmeichelwor⸗ ten zur Caſerne abführt, vor der ſie morgen zur ſel⸗ ben Stunde, mit Sack und Pack und noch einigen ſchweren Musketen beladen, und wenn es Reiter wa⸗ ren, geſattelt und gepackt, wie ihre Pferde, mit Sä⸗ bel, Carabiner und Piſtolen auf und ab ſchreiten, in tiefe Betrachtungen verſunken über den Wechſel der Dinge und die Veränderlichkeit im menſchlichen Leben. Unterdeſſen ſitzen in den obern Zimmern der Schenke, die Hände in den Taſchen, mit weit von ſich geſtreck⸗ ten Beinen, in eine undurchdringliche Dampfwolke ge⸗ hüllt, die Stewards und Steuerleute von den Kauf⸗ fahrern, Proviantmeiſter und Hochbootsleute von den Kriegsſchiffen in ſtrenger Abſonderung von den Land⸗ truppen, über die ſich alles, was Seemann heißt, hoch erhaben fühlt. Erſt wenn die untern Räume von den Soldaten geſäubert ſind, miſchen ſie ſich unter die ehrbaren Landleute und Bürger, die, von Geſchäf⸗ ten über Land heimkehrend, noch einen Trunk in der Heideſchenke thun, ehe ſie den ſpäten Gang über das Moor nach der Stadt zu wagen; auch ſchlägt die Hoffnung, Reiſegefährten in der Schenke zu finden, nie fehl. Die Angelegenheiten des Landes, des Par⸗ laments, die Maßregeln der Miniſter werden beſpro⸗ chen und getadelt, während alle Andern die Verthei⸗ diger der hölzernen Wälle auf jede Weiſe zu ehren bemüht ſind und ſo wenig die oft etwas derbe Gut⸗ müthigkeit derſelben, als die Grandezza übel nehmen, mit der jeder britiſche Seemann mehr oder minder zu 46 verſtehen giebt, daß er ein Theil des Strahlenkranzes iſt, der Britanniens weites Reich mit ſo glanzvollem Schimmer umgiebt. Gewöhnlich entbrannte Kampf und Streit, wenn der Zufall alle dieſe Stände in der Heideſchenke un⸗ ter einander miſchte. Grimmiges Boxen entſchied den Streit unter Soldaten und Matroſen. Blut war faſt immer die Loſung unter den Soldaten und dem iri⸗ ſchen Landvolke, da beide Theile ſich abſichtlich durch raſches Trinken erhitzten, nur um Gelegenheit zu fin⸗ den, den unauslöſchlichen Nationalhaß durch einen Kampf abzukühlen, der ſelten ohne Hinterlaſſung von Todten und Verwundeten auf beiden Seiten endete. Der Matroſe vergißt dann für den Augenblick, daß er ein Engländer iſt, und giebt, indem er den Ein⸗ gebornen beiſteht, nur ſeinem Haß gegen die Land⸗ ratten Raum, bemüht, mit knorriger Fauſt das Deck von den Rothjacken ſchnell zu reinigen. Solch muntres, lautes und vielbewegtes Leben hatte nun ſchon eine ganze Woche ſeinen Wohnſitz in der ſonſt öden Heideſchenke aufgeſchlagen, und Gäſte aller Art beſuchten Mutter Peppy's unanſehnliches Wirthshaus, wovon die Meiſten viel Geld aufgehen ließen, wo ſonſt nur der arme Landmann, höchſtens der wenig bemittelte Bürger, ſeine paar Pence ſitzen gelaſſen hatte. Das rührige Schaffen ſchien der alten Wirthin trefflich zu bekommen und der Segen der einträglichen Arbeit ſie zu verjüngen. Oft waren nicht Hände genug da, alle Gäſte zu bedienen, das weite Local der untern Stube langte nicht hin, die Menge der Einkehrenden zu faſſen, das obere Zimmer war eingerichtet worden(auch ſchon deshalb, weil die Seeleute gern allein ſein wollten), und bald reichte auch dieſes nicht mehr zu; es mußte an eine dritte ————— 47 Schenkſtube gedacht werden. Die zahlreiche Familie zeigte bald durch eine beſſere Kleidung, daß ſie den gu⸗ ten Verdienſt auch gut anzuwenden wiſſe, und bald nahmen auch einzelne Theile des Hauſes eine beſſere Geſtalt an. Peppy unterhielt alle Gäſte durch ihre klugen und oft witzigen Reden, ſie ſuchte Zank zu verhindern, Streit zu ſchlichten, und es gelang ihr nicht ſelten, Blutvergießen zu verhüten. Schon in der erſten Woche noch zeigte ſich ihr Einfluß auf die Ge⸗ müther ihrer Gäſte; man fing an, ihr zu gehorchen, Schlägerei wurde ſeltener, und wo die Alte waltete, ſchien ſie die Dämonen des Streits, die die hitzigen Getränke gelöſ't, wieder zu feſſeln. Bald hieß es all⸗ gemein unter Matroſen und Soldaten:„Nirgend kann man ſeinen Krug ruhiger trinken, als bei Mutter Peppy. Man muß der Alten gewogen ſein, man mag wollen oder nicht.“ Wenn Michaul Dahna jetzt die Heideſchenke be⸗ ſuchte, pflegte er ſich gewöhnlich ſchweigend in eine Ecke zu vrücken, wo er unbemerkt und ungeſtört hö⸗ ren oder mit einem Bekannten ein vertrautes Wort reden konnte. Nur ſelten miſchte er ſich in die allge⸗ meine Unterhaltung. Meiſt plauderte Peppy ſelbſt ein Viertelſtündchen mit ihm, oder Bobby, ihr Sohn, raunte ihm ein freundliches Wort zu. Doch ſeinem ſcharfen Ohr entging in dem düſtern Winkel nichts von dem, was ſeinen Herrn betraf, oder was auch nur in der entfernteſten Beziehung zu den Angelegen⸗ heiten ſtand, von denen er wußte, wie ſehr dieſelben Sir Lewis Theilnahme erregten. Henderſon, der ſich ſeit der bittern, in der Strand⸗ ſchenke gemachten Erfahrung jetzt einer um ſo größern Vorſicht in ſeinen Aeußerungen befleißigte, je mehr er einſah, daß er durch geſchicktes Verhehlen ſeiner Mei⸗ 48 nung und eine gewiſſe diplomatiſche Verſchlagenheit allein etwas in der Sache ausrichten konnte, welche er doch eigentlich nur deshalb haßte, weil ſein Herr ſie haßte, oder weil ihm das Hinterbringen einer oder der andern Neuigkeit reiche Spenden von Lord Kil⸗ dare einbrachte, hatte Michaul, ſeitdem dieſer dienſt⸗ los war, ſchon mehrere Male in der Heideſchenke geſehen und geſprochen; doch nur ſelten hatte ihm der Einſylbige Rede geſtanden, und die glatten Worte, mit welchen der Engländer den Zren zu kir⸗ ren geſucht, um etwas über deſſen Verhältniſſe zum Baronet zu erfahren, waren jedes Mal erfolglos an dem finſtern Weſen des anſcheinend rauhen Mannes abgeprallt. Es war gerade am achten Tage nach der verei⸗ telten Landung der Franzoſen, als Michaul wieder in der obern Stube der Heideſchenke ſaß. Er war viel zu beſcheiden, um ſich unter die Seeleute zu drängen, welche die Bänke eingenommen hatten, ſondern hatte ſeinen Platz am Kamin genommen, wo Peppy das warme Bier bereitete, und koſete mit ihr. „St. Patrik weiß, was die bunte Kleiderbürſte des Lord Wexford von Dir will, Mic,“ ſagte ſie;„der hochmüthige Menſch iſt nun ſchon zwei Tage hinter einander da geweſen und hat nach Dir gefragt.“ „Er hat der Zeit zu viel und wird ſie ſich von mir vertreiben laſſen wollen,“ lachte Michaul bitter. „Und doch fürchtet er ſich vor einigen Seelöwen dort und ſchnüffelt wie ein Spürhund, ob vielleicht Einer oder der Andere da iſt, vor dem er Reſpekt haben mag.“ Sie ging, um die Gäſte von den Schiffen zu be⸗ ——— ———— 49 dienen, und Dahna horchte auf das Geſpräch derſel⸗ ben. Die verunglückte Landung der Franzoſen war der Gegenſtand ihrer Unterhaltung. 7 Parker der Hochbootsmann. „Allen Reſpekt vor der britiſchen Marine! Aber ich ſage Euch ein für alle Mal, wenn der dicke Ne⸗ bel und der Sturmwind nicht dazwiſchen kam, Kame⸗ raden“ rief der Steuermann der Najade,„ſo will ich verdammt ſein, wenn Einer von uns Allen mit Si⸗ cherheit hätte für den Ausgang ſtehen können. Be⸗ denkt nur, es waren ihre beſten Schiffe. Vier vom erſten Range, zehn ſtarke Fregatten, eben ſo viele Briggs, ohne der leichtern Fahrzeuge zu gedenken. Die Kerls hielten ſich gegen die See und den Sturm⸗ wind, der ihnen gerade in die Zähne blies, eben ſo lange und muthig, wie nur irgend eines von Sr. Majeſtät Schiffen gethan haben würde. Hol's der Teufel, ſie hatten's dieſes Mal ganz darauf abgeſe⸗ hen, durchzudringen bis an die Küſte. Gelang's ih⸗ nen, ſo hätten wir ein böſes Spiel gehabt, denn ſie hatten die rechte Zeit gewählt. Bei allem Muthe von Altenglands Burſchen würden unſere paar Fre⸗ gatten und Briggs, und wenn ich Schoner und Kut⸗ ter hinzurechne, kreuzten doch nur etwa zwölf Fahr⸗ zeuge ihnen gegenüber, nicht einen halben Tag im Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 4 50 Fahrwaſſer geblieben ſein, ohne daß ſie uns, rein von allen Segeln und Maſten entblößt, wie die Hulks vor Portsmouth und Schereß, in die Bantry⸗Bay oder nach Crookhaven hineingetrieben hätten.“ „Und waren ſie erſt an der Küſte, Mſtr. Mac Tillies, wohin ſie, jedoch nicht, ohne manchen Eiſen⸗ ball in den Rippen zu fühlen, gekommen ſein wür⸗ den,“ ſagte der Quartiermeiſter vom Delphin,„dann hatten ſie leichtes Spiel. Die katholiſchen Murphys und Pads, die jede andere Flagge lieber in ihren Häfen ſehen, als das Andreaskreuz von England, hätten ihnen beim Landen die Hand gereicht, und die Hand voll Truppen an der Küſte würden's nicht haben hindern können.“ „Wohl aber möchte ich wiſſen,“ fuhr der Steuer⸗ mann fort,„nachdem der Spaß für dieſes Mal vorüber iſt— denn lange wird's nicht dauern, ſo müſſen wir hinter ihnen her mit einer tüchtigen Macht,— was an dem Tage dem langen Parker einmal wieder im Kopfe herumſpukte. Ein tüchtiger, braver Mann! kein beſſerer Hochbootsmann— ohne Zemanden zu verachten auf irgend einem europäiſchen Kiel! Hättet Ihr geſehen, wie er liebäugelte mit den Schiffen der Franzmänner, und welche Geſichter er ſpäter ſchnitt, als der Sturmwind, der auch uns ſo wenig verſchonte, daß wir Bugſpriet und Toppmaſt verloren, endlich zwiſchen ſie fuhr, Ihr hättet geglaubt, den fliegenden Holländer zu erblicken, oder Old⸗Nick, wenn er mit höhniſchem Blick, Unheil verkündend, über das Ver⸗ deck hinſchreitet, denn eben ſo drohend war ſein An⸗ geſicht mit den zum ſchrecklichen Ernſt verſtimmten Zügen. Der Ton ſeiner Pfeife, der in ſeinen ruhi⸗ gen Tagen ſchon ſtark genug iſt, hätte Todte in den Gräbern aufwecken können, und das Rollen ſeiner glühenden Augen, während er anſcheinend in größter Ruhe auf die Ankerſpille gelehnt, mit einem unheim⸗ lichen Lächeln jeden Splitter, den eine feindliche Ku⸗ gel oder der Sturm über Bord führte, folgte, war wirklich grauſig mit anzuſehen.— Worauf grollſt Du denn, alter Seelöwe, fragte ich ihn, indem ich eine Kanone laſchte, die ein Kernſchuß von der Stadt Pa⸗ ris noch ganz zuletzt von der Lavette herabgeſtürzt hatte.— Mit den Elementen, alter Dick, und allen böſen Geiſtern des Salzwaſſers, rief er mit einem Lachen, das mir durch Mark und Bein ging, und ſtieß ein paar derbe Splitter, die vor ihm niederfie⸗ len, brummend mit dem Fuße fort. Sind uns heute doch ganz dienlich, Kamerad, erwiderte ich leiſe; denn ich war nicht wenig erſchreckt, wie der Verwegene die unheimlichen Weſen des Waſſerreichs hervorrief.— Mir gerade ſo dienlich, als eine Gallone kalten Waſ⸗ ſers im Magen, alter Narr! rief er grimmig lachend und ſtieß, da eben der Topp vom Mizzen mast kra⸗ chend über Bord fiel, in ſeine Pfeife, daß mir das Trommelfell zu ſpringen drohte.“ „Siſt ein ſonderbar Ding mit dieſem Parker,“ ſagte der Bvotsmann vom Delphin und ſtieß die leere zinnerne Kanne auf den Tiſch, deren hohler Klang ſogleich die Wirthin herbeiführte, die ſolche Töne nicht ungern vernahm.„Einen heißen, Mutter Peppy! mehr Brandy, weniger Porter hinein, Ingwer und Zucker nicht vergeſſen! Verſtanden, Frau Toole?“ „Wohl, Sir!“ verſetzte die Alte,„ich hoffe, es zu treffen, ſo daß es dem Herrn beſſer behagen wird, als der letzte Kernſchuß von der guten Stadt Paris.“ Die Seeleute lachten, und der Bootsmann ſagte ebenfalls lachend:„Man muß der alten Hexe etwas zu gut halten.“ 4* 52 Der Duft des neuen Topfes, welcher jetzt aufge⸗ tragen wurde, wirbelte dem Bootsmann kräftig ent⸗ gegen; er that einen tüchtigen Zug, wandte ſich wie⸗ der zum Steuermann der Najade und fuhr fort:„Ja, wer Parkers Thun in den fremden Gewäſſern ſieht, gleichviel, ob unter der Glut der Mittagslinte, oder im Eiſe des Nordpols, im Kampfe mit unſern Fein⸗ den zur See, oder mit Maratten und Menſchenfreſ⸗ ſern, im einfachen Dienſt, oder beim Grogglaſe, der freut ſich über die kalte Ruhe, mit der er am Bord unter dem Sauſen der Kugeln ſeine Pfeife handhabt, oder wie er mit der Rieſenfauſt das Schwert auf das Heidengeſindel an den fremden Küſten ſchwingt, und über die Heiterkeit, mit der er beim vollen Glaſe vie herrlichſten Lieder ſingt. Ja, dann giebt es keinen luſtigern Burſchen unter allen Winden, als unſern Parker.“ „So wie's aber heimwärts geht,“ ſchaltete der Steuermann ein,„ſo iſt er wie verwandelt. Immer toller wird ſein närriſcher Spleen, und ſieht er nun vollends die weißen Berge von Altengland, dann wird er unwirſch, wenigſtens ſobald wir die Anker an ir⸗ gend einer Küſte fallen laſſen. Spähend, wie ein ſcheuer Luchs von Ceylon ſchleicht er über's Deck hin. Jeden hört er reden, er ſelbſt ſpricht nur wenig. Sein Blick aber dringt in's innerſte Mark ein, und auf ei⸗ nes jeden Geſicht, möcht' ich ſagen, lieſit er, was ei⸗ ner denkt. So treibt er's nun ſchon manches Jahr. Den Dienſt wahrt er dabei, wie einer der Beſten. Aber der Teufel weiß, worüber er ſpintiſirt. Hier geht er nur ſpät Abends ans Land, und nüchtern, wie ein Fiſch, kommt er jedesmal mit dem Kanonen⸗ ſchuß, ganz das Gegentheil von uns Andern, pünktlich an Bord.“ 53 „Wie kommt's denn, daß man hier noch keinen Fuß von ihm geſehen hat?“ fragte der Quartier⸗ meiſter.„Er iſt doch ſonſt den Wirthshäuſern nicht abhold.“ „Ei, weißt Du nicht, was mit ihm geſche⸗ hen?“ verſetzte der Bootsmann.„Iſt er denn noch nicht zurück?“ wandte er ſich zum Steuermann der Najade. „Kein Wort weiß ich!“ rief der Quartiermeiſter. „Iſt er denn nicht an Bord Eueres Schiffes, Mſtr. Mac Tillies?“ „Nicht ſo,“ entgegnete dieſer.„Er fehlt ſeit einer Woche, ſeit dem bangen Tage. Als nämlich die Franz⸗ männer ihre Segel rückwärts braßten, da kämpfte ei⸗ nes ihrer leichtern Fahrzeuge, welches von der Flotte weit abgetrieben war, ſchwer mit den Wellen. Die Nacht trat ein, und es hatte ſich noch nicht wieder mit der Flotte vereinigt. Der Wind trieb es fort⸗ während nach Oſten, es ſchien beträchtlichen Schaden gelitten zu haben und ſich mit dem Marsſegel an dem kurzen, gebrochenen Maſte nicht mehr flott halten zu können. Wir ſegelten auf gleicher Höhe mit dem Schiffe, als, wie Ihr wißt, das letzte Signal vom Admiralſchiff, das man noch erkennen konnte, der Es⸗ cadre den Befehl ertheilte, ſo gut es anginge, nach der Bantry⸗Bay oder nach irgend einem andern na⸗ hen Hafen zurückzugehen und auf dem Wege die feind⸗ lichen Schiffe, mit welchen man etwa noch zuſammen⸗ träfe, aufzubringen oder zu vernichten. Unſer Kapitän machte alsbald Jagd auf das feindliche Schiff, ſo gut es die hochgehende Fluth erlaubte, und wir hatten Segel aufgeſetzt, mehr, als wir tragen konnten. Doch unfern vom Mizenpoint, wo es durch das Vorgebirge geſchützt wurde, verloren wir es plötzlich aus dem Ge⸗ —— ſicht, als wenn es uns Old⸗Nick ſelbſt entführt hätte. Da das weitere Verfolgen an der Küſte gefährlich wurde, und man vermuthen mußte, daß das feindliche Schiff irgendwo auf den Strand laufen würde, ſo wurde das Langboot zur Recognoscirung längs der Küſte bemannt. Parker erbot ſich freiwillig zum ge⸗ fährlichen Commando des Fahrzeugs. Es iſt der achte Tag, daß er, wörtlich genommen, im Dunkel der Nacht und hinter den Wogenbergen verſchwand. Iſt er mit dem Feinde zugleich eine Mahlzeit der Fiſche ge⸗ worden, hat ihn jenes feindliche Schiff gar ſelbſt gekapert? Darüber iſt bis jetzt keine Gewißheit! Bei Cap Clear, ſo ſagen Einige, habe man das gänz⸗ lich entmaſtete Wrack eines Kriegsſchiffes Umhereißes ſehen.“ Eine minutenlange Stille trat ein; Jeder ſah in ſich verſunken vor ſich hin, da hörte man draußen ein Geräuſch und flüſternde Stimmen, und gleich darauf die Tritte eines Mannes auf der Hausflur; jetzt ſprang die Thür auf, und herein trat Parker mit ſeinem ern⸗ ſten Geſicht, begrüßte ringsum ſeine Kameraden und ſetzte ſich ohne Weiteres an das obere Ende des Ti⸗ ſches zu den Zechenden. „Beim heiligen Georg!“ riefen die Erſtaunten, „da iſt er ja ſelbſt! Iſt's nicht, als wenn wir ihn ci⸗ tirt hätten durch unſere Erzählung? Willkommen im Hafen, braver Parker! Seit wann liefſt Du ein? He! wie ging's mit dem verteufelten Kreuzzug? Was macht das Longbvot? Wie ſteht's mit der Priſe?“ „St. Patrik ſtehe mir bei und ſegne den Fluß Euerer Rede! So wenig man mit allen Winden zugleich ſe⸗ geln kann, eben ſo wenig bin ich im Stande, alle die Fragen, die, wie ein Wirbelwind, aus Euerem Schlunde hervorbrauſen, auf einmal zu beantworten. Alſo ver⸗ *— 55 nehmt denn zuerſt, daß ich ſeit zwei Stunden, eben wie der Vollmond heraufkam, vor Anker ging. Mit dem Kreuz⸗ zuge für's zweite gings ſchlecht, weil ich meinen Zwecknicht erreichte.— Das Segelboot für's Dritte, oder die Scha⸗ luppe, hat mich gelehrt, was man mit ſolch einem Ding ausrichten kann, wenn man nur ruhig bedenkt, daß man auf dem Royal George eben ſo wenig unſterblich iſt, als auf der Pinaſſe. Es iſt mir zweimal leck geworden, und mein Glücksſtern hat mich doch nicht verlaſſen, wie Ihr ſeht. Mit der Priſe endlich ſteht's noch am Be⸗ ſten. Als ſie locker wurde in ihren Rippen und Plan⸗ ken, da ging die Mannſchaft mit den Böten unter Segel. Sie hat entweder ihr Grab in den Wellen gefunden, oder iſt von einem ihrer Streifer an Bord genommen; ich verlor unſre Schaluppe aus den Au⸗ gen, als ich meine Blicke auf die Corvette richtete, die wie ein gläſerner Krug an den Felſen von Glandore, wo ſchon manch ſtattliches Schiff verſenkt liegt, zer⸗ ſchellte. Ich dachte mir ſo Einiges aus den Trümmern heraus zu fiſchen, und trieb daher das Boot ſo nahe, als möglich heran. Es war jedoch ſchon ein anderer Priſenmeiſter dabei geſchäftig. Evans mit dem einen Auge, Ihr kennt ihn ja alle, den wackern Helpen, mit ſeiner traurigen Geſchichte. Stolz umkreiſte er gleich dem Adler an Bord ſeines Kutters, mitten unter ſei⸗ ner Flotte von Böten und kleinen Fahrzeugen, die ſchwimmenden Trümmer und nahm davon Beſitz im Namen aller Hülfsbedürftigen an jenen Küſten, welche die Armen ihr Vaterland nennen, ohne dabei ſo viel zu haben, wohin ſie ihr Haupt trocken niederlegen lön⸗ nen.— Halb Part, Kamerad! rief ich lachend, als er mich mit dem einen, ihm übrig gebliebenen Falken⸗ auge erkannt hatte. Doch bedeutungsvoll wieß er mit der Rechten auf einen Haufen halbnackter Landsleute, 56 die hungrig am Ufer lagen und mit wilder Gier den etwa zu rettenden Proviantfäſſern entgegenſahen. Ich verſtand Evans ONeil und ſegnete ſeine Gedanken. Laß einmal die Armen von Glandore und Klonakilty ihren Hunger ſtillen und ihre nackten Leiber bedecken, Freund Parker! ſagte er mit finſterm Ernſt. Von den Schiffstrümmern mögen die Heimathloſen ſich Hüt⸗ ten bauen und ein Feuer anzünden, um die in den Schluchten der Uferfelſen erſtarrten Glieder zu wärmen. — O Neil half mir mein leckes Fahrzeug ausbeſſern, und da mir der Wind contrair war, blieben wir ein paar Tage bei einander; dann nahm ich meinen Weg längs der Küſte zurück, langſamer, als ich gekommen war, da mir der Wind, der zwar etwas nachgelaſſen hatte, doch noch immer entgegen war. Die neueſte Verfügung nicht kennend, lief ich in die Bantry⸗Bay ein und ſuchte dort unſre Najade. Auch ließ ich mir da den zweiten Leck bepflaſtern; deshalb bin ich ſo lange ausgeblieben. Ihr lacht, weil ich ſo leer aus⸗ gegangen bin! Immerhin! es thut nichts. Zu gelege⸗ ner Zeit nimmt Parker doppelt, wo es, ohne die Ar⸗ men zu beeinträchtigen, geſchehen kann. Doch jetzt, Freunde, laßt uns noch einmal trinken, und dann an Bord in die Hängematten! Glaubt mir nur, ich ſehne mich ſeit meiner Irrfahrt nach Ruhe in meiner Matte eben ſo heiß, wie die Iren nach Frieden auf die vie⸗ len Stürme, die ſeit ein paar Jahrhunderten über. dieſes Land dahin toben.“ „Ein braver Mann, wer ſein Vaterland liebt!“ ſagte der Steuermann.—„Darum liebe ich Dich, Herzensjunge, mit ganzer Seele.“ „Und ich,“ ſagte der Quartiermeiſter,„auch wenn er zuweilen etwas gar zu ſtark den Spleen hat.“ — 57 Parker reichte ihnen die Hand mit herzlichem Druck und trieb abermals zum Aufbruch. Die Andern be⸗ zahlten ihre Zeche, und alle Seeleute brachen nach ih⸗ ren Schiffen auf. Henderſons Speßulalion. So wie die Seebären Platz gemacht hatten, ſteckte Henderſon ſeinen glatt geſchornen Kopf durch die Thür. Er hatte in der untern Stube auf das Weggehen der Schiffsmänner gewartet und bereits von Bebby erfah⸗ ren, daß Michaul oben ſitze. „Ihr ſeid ja ein ſpäter Gaſt hier,“ ſagte Letzterer, dem es auffiel, Henderſon zu dieſer Stunde in dem von Bantry ſo weit entfernten Hauſe zu ſehen. „Und Ihr, Maſter Dahna, ein deſto ſoliderer Mann, der in allen Stücken pünktlich und ſtreng auf Ordnung hält, ſo daß er allen Dienern von den Herrſchaften zum Muſter geſtellt wird. Sobald nur das Geringſte bei einem von uns vorfällt, da heißt's gleich bei Mylord: Hat man wohl je dergleichen Un⸗ ordnung und Liederlichkeit erlebt! Seht Euch Sir Lewis ODonnels Leibdiener an; an dem nehmt Euch ein Beiſpiel! Der iſt der valet de chambre comme il faut. Ein Haushofmeiſter ohne Tadel. Der Stall in Ordnung, wie der Marſtall eines Prinzen. Kein beſſerer Kellermeiſter, als Mr. Dahna. Seines Herrn Port und Claret koſtet vielleicht nicht ſo viel, als der 58 anderer reichen Leute, und doch ſchmeckt eine Flaſche aus des Baronets Keller weit beſſer, als jeder andere, der zum höchſten Preiſe bezahlt wird; ſo wird be⸗ hauptet.— Seht, Kamerad! ſo heißt's ſtets. Das hat man nun von Euerem haushälteriſchen, ehrbaren und ſittlichen Betragen. Nichts, als beſtändigen Ta⸗ del! Keiner von uns allen kann's dem Herrn mehr recht machen, ſeitdem er des Lobes von Euch ſo viel gehört hat. Nun, man hat doch auch ſeinen Stolz und ſein Ehrgefühl, ſein point d'honneur! Aber Ihr macht es jetzt einem ehrlichen Manne ſchwer hier zu Lande, das Ehrgefühl zu befriedigen, Mr. Dahna.“ „Allerdings muß das Benehmen Eueres Herrn ei⸗ nen in jeder Hinſicht ſo vollkommenen Diener, wie⸗ Ihr ſeid, Mr. Henderſon, verdrießen,“ entgegnete Dahna.„Doch Ihr wißt ja, die Arme der Großen ſind lang, und es iſt nicht gut Kirſcheneſſen mit den hohen Herrſchaften, weil ſie uns Stiele und Steine in's Angeſicht werfen. Schlagt nicht gegen den Sporn, Henderſon, und tragt mit Geduld die Launen Eueres Herrn, ſo wird's ſchon beſſer gehen. Doch meine Zeit iſt um, ſchlaft wohl, Maſter Henderſon!“ „Ein Wort noch, ich bitte!“ rief Wexfords Die⸗ ner, nicht geneigt, ſeine Miſſion, ſowie den Lohn für deren guten Erfolg ohne Weiteres aufzugeben.„Noch immer dienſtlos, Mr. Dahna?“ „Ihr ſeht's ja,“ entgegnete der Gefragte kurz. „Wäre es anders, ſo würde ich nicht, wie Ihr, der 6 Ihr Euch doch ſo bitter über die Launen Euerer Herr⸗ ſchaft beklagt, ſo fern von meiner Wohnung die Mit⸗ ternacht hinter dem Glaſe erwarten.“ „So kommt und dient meinem Herrn, alter Freund! Ich weiß, Ihr ſeid ihm ſehr willkommen,“ ſchmeichelte Henderſon im herzlichen Tone.„Er zahlt Euch gewiß doppelt ſo viel, als Ihr von Sir Lewis erhalten habt, und Euere Dienſtverrichtungen werden noch leichter und ehrenvoller ſein, als bei Euerm ehe⸗ maligen Herrn.“ „Dem Letzten, der kommt, wirft man ſonſt ge⸗ wöhnlich die Knochen hin,“ ſagte Dahna lächelnd. „Doch Scherz bei Seite! Ich war ja das, was Ihr noch jetzt ſeid, ein Diener des beſten aller Herren, und vennoch machte ich es nicht nach ſeinem Sinne. Ich mag um des Brotes Willen bei keinem Andern verſuchen, was mir bei dem Einzigen, den ich aus reiner Liebe dienen wollte, nicht gelang. Spart daher Euere Worte und laßt mich in Frieden ziehen; das lange Sitzen in der Schenke iſt ohnehin nicht meine Paſſion.“ „Nun, wie Ihr wollt! Jeder hat ſeinen freien Willen bei uns in England. Aber ſag' mir doch, Du kreuzbrave Seele, was treibt denn eigentlich Dein ehe⸗ maliger Herr in ſeiner langweiligen Einſamkeit, und was vermag Dich ſelbſt dazu, wie ein frommer Klaus⸗ ner zu leben? Die Leute oben in Bantry flüſtern ſich vom guten Sir Lewis ſo wunderliche Dinge in's Ohr, die ſo wenig Lord Werford, wie irgend ein Anderer von uns zu glauben geneigt iſt. Freilich, wenn ſo Eins oder das Andere davon wahr wäre, und auch das, was man von Deiner Abkunft munkelt, ſo möchte man Dich in der That, nimm's mir nicht übel, Freund, für eine ſehr gutmüthige Seele halten.“ „Nun, ich bitte, Sir,“ ſprach Dahna gereizt,„was iſt es denn eigentlich, was die Leute ſagen, und was mir ſo eben die Ehre Eueres feinen Kompliments ver⸗ ſchafft.“ „Sie ſagen—“ erwiderte Henderſon zaudernd— „Nun! wird's bald? nur frei heraus mit der Sprache!“ fiel Dahna hitziger ein. ann—— —— 60 „Nun, ſie ſagen— wenn Ihr's mir denn nicht 3 übel nehmen und mir meinen guten Willen, Euch zu dienen, daraus erkennen wollt, Sir Lewis conſpirire mit den Defenders oder den Weiß-Jungen, wie man ſie nennt, gegen die Regierung unſers allergnädigſten Königs. Ferner, daß es unbegreiflich wäre, da man doch jederzeit für ſich ſelbſt zuerſt ſorgt, daß Ihr nicht ſein dunkles Treiben zur Kenntniß der Behörden bräch⸗ tet und Euch ſelbſt in den Beſitz deſſen zu ſetzen ſuch⸗ tet, was man Euch unfehlbar von ſeinen noch übri⸗ gen Gütern zuſprechen würde, ſobald Ihr Eure nahe Verwandtſchaft mit Sir Lewis dokumentirtet.“ „Wirklich, das ſagen die Leute?“ rief Dahna, deſſen Auge während eines kurzen Moments im un⸗ heimlichen Feuer erglühte.„Nun, ich muß geſtehen, es liegt viel in dieſen wenigen Worten, und bei St. Patrik, Euere Ausarbeitung übertrifft bei Weitem noch den Stoff. Man ſieht es hier aufs Neue beſtätigt, daß die Menſchen nur zu gern glauben, was ſie wün⸗ ſchen. Aber von wem habt Ihr dieſen Unſinn?— Von wem— ich beſchwöre Dich, Menſch! bei dem, was Dir heilig iſt, von wem, ſage ich, haſt Du die Mär' von meiner Geburt und die übrige hölliſche Compoſition?“ „Nun, ſo gerathet doch nur nicht gleich in ſol⸗ chen ganz unnöthigen Eifer, Dahna! Ich meine es wirklich gut mit Euch und würde gern der Erſte ſein, der Euch als Sir Michaul O'Donnel begrüßte. Ver⸗ nachläſſigt doch nicht die Dinge, die nahe vor Euerer Naſe liegen, während. Ihr nach dem hinſtarrt, was in weiter Entfernung vor Euch liegt. Was weiß ich, wer das Alles erzählt? Ich hab' es auch in Lindſay⸗ hall erfahren.“ „Ja, dorther kommt der Wind. Ich konnte es 61 mir ſchon denken, aus Lindſayhall. Der Geruch des Gewinnſtes iſt's, der Dich lockt. Du vermagſt ſo wenig, wie Deine übrigen Landsleute, den Dir inwoh⸗ nenden Hang nach ungerechtem Gut zu verläugnen. Aus Deinen Worten erkenne ich die Quelle des Haſ⸗ ſes, mit dem man von einer gewiſſen Seite her den edlen, ſo tief gekränkten O'Donnel verfolgt. O, die Barbaren! bedenken ſie nicht, wie groß das ihm bereits zugefügte Unrecht und die Geſchichte deſſelben lang iſt! Wollen ſie nimmer einſehen, daß der einmal in Fluß gerathene Strom fortfahren wird, von Geſchlecht zu Geſchlecht bis in die ſpäteſten Jahrhunderte zu fließen, und daß kein Bollwerk im Stande iſt, ſeinen Lauf zu hemmen oder das einmal gewählte Bett zu ver⸗ ändern? Geh' ſchlafen, Mann, ich mag nicht Biſchof werden!“ So endete Dahna, indem er den betroffen ihn anblickenden Henderſon auf die Schulter klopfte; und mit ſtolzen Schritten, ohne den Ueberraſchten noch ferner eines Wortes zu würdigen, verließ er das Zimmer. „Verdammt ſei der Pinſel mit ſammt ſeinem Herrn!“ fluchte Henderſon, das geleerte Glas auf den Tiſch ſtoßend, daß die Scherben klirrend umherflogen. „Muß mich der Henker plagen, daß ich dreimal den beſchwerlichen Weg in Wind und Wetter, bei Nacht und Nebel vergeblich da herüberreite und mich in dem verwünſchten Reſte auch jetzt noch der Gefahr aus⸗ ſetze, mit den brummigen Seebären, die die Heide⸗ ſchenke ſeit einer Woche gepachtet zu haben ſcheinen, Händel zu bekommen.“ Er war noch daran, ſeinem Aerger Luft zu ma⸗ chen, als die Thür aufging und ein reizendes Geſicht⸗ chen ſich ſehen ließ. „Ah, nur herein, ſchönes Kind!“ rief der Eng⸗ ———————— länder verbindlich und mit ganz verändertem Tone. „Vielleicht ſoll mein Ritt heute doch nicht vergeblich geweſen ſein.“ Mit dieſen Worten zog er die ſchüch⸗ terne Sally O'Neil in die übrigens leere Stube. „Suchſt Du in dieſer einſamen Nachtſtunde einen Mann, wie mich, zum Geſellſchafter, ſo werd' ich Dir wahrlich nicht davon laufen, ſondern Dir vielmehr je⸗ den galanten Dienſt erweiſen, nach welchem Dein Herz⸗ chen Verlangen tragen könnte.“ „Ich verlange und begehre nichts von einem Manne, wie Ihr ſeid, Mr. Henderſon,“ verſetzte Sally ernſt. „Oho, mein Püppchen! Das ſind ja große Worte und klingen gerade, wie die Deines Vaters.“ „Der einzige Unterſchied iſt, daß es mein Vater meiſt nicht bei den Worten läßt, wenn er mit Euch redet, Mr. Henderſon.“ „Ich weiß es wohl, daß Dein Vater mir zürnt, liebes Kind; aber wahrlich mit Unrecht. Ich habe ihn mit Wiſſen und Willen nie beleidigt. Im Gegentheil bin ich dem wackern Seemann ſtets im Herzen gewo⸗ gen geweſen und habe ſeine groben Ausfälle gegen mich geduldig ertragen. Noch mehr aber ſchmerzt es mich von Dir, Sally, mich unverdienter Weiſe ſchnöde behandelt zu ſehen, da es Dir längſt kein Geheimniß mehr ſein kann, wie gewogen Dir mein Herz iſt. Wenn mein Herr das Fräulein von Lindſayhall heim⸗ führt, ſo dürfte es mir nicht ſchwer werden, von ihm die Erlaubniß auch zu meiner Verheirathung zu er⸗ halten. Wenn Du nun nicht ſpröde gegen mich wä⸗ reſt und nicht die kalte Tugendhafte gegen mich ſpiel⸗ teſt, ſo wäre ich wohl entſchloſſen, Dein Glück zu machen.“ 63 „Ich danke für Euer Glück, Mann; wendet es einer Andern zu, die ſich beſſer dazu ſchickt, als ich.“ „Das ſind Worte, die nicht aus Deiner ſchönen Seele kommen, geliebtes Mädchen,“ ſchmeichelte der Kammerdiener und wollte ſeinen Arm um ihre Hüfte ſchlingen. Da trat Peppy herein, und ihr auf dem Fuße folgte Tim, der Hausknecht, anſcheinend, um die Krüge und Gläſer wieder aufzuräumen und die Stube in Ordnung zu bringen, in Wahrheit aber, um zuzuſehen, was Sally bei dem geſchniegelten Englän⸗ der, dem er das Pferd noch nicht vorgeführt, zu ſchaf⸗ fen habe. „Mutter Peppy,“ wandte ſich Henderſon an die Wirthin, ohne Tims zu achten,„helft mir dieſe kleine Spröde beſiegen. Du kannſt Dir einen ſchmucken Kuppelpelz von mir verdienen, Alte, wenn Du ein gu⸗ tes Wörtchen für mich bei Sally einlegſt. Ich bin nicht abgeneigt, ſie mit meiner Hand und meinem Her⸗ zen zu beglücken,— das letztere beſitzt ſie eigentlich ſchon lange— ſie ſcheint meinen Worten aber nicht den rechten Glauben ſchenken zu wollen. Oder fürch⸗ teſt Du, daß der Groll Deines Vaters gegen mich ein Hinderniß unſerer Liebe wäre? Beruhige Dich darü⸗ ber, Schätzchen; ich will den Alten ſchon gewinnen, und wenn er hört, was für eine gute Partie Du machſt, ſo wird er mir ſchon ſchmunzelnd die Hand bieten. Nun, Peppy, ſo rede ihr doch zu!“ „Das mag ſie halten, wie ſie will,“ verſetzte die Wirthin mürriſch.„Sie hat ſchon manchen ſchmuk⸗ ten Freier ausgeſchlagen, und ich habe mich nicht hin⸗ eingehängt; ſo werd' ich's jetzt auch nicht thun. Will ſie Euere Frau werden, Mr. Henderſon, ſo iſt's gut; will ſie nicht, ſo iſt's beſſer. Aber woher kommſt Du denn noch ſo ſpät, Mädchen?“ wandte ſich die alte ——— 64 Wirthin verwundert an Sally;„ich denke, Du liegſt ſchon lange auf einem Ohre und träumſt Dir die ſüßen Dinge, die Du auf Erden doch nicht erleben wirſt.“ „Iſt denn mein Vater nicht hier?“ fragte Sally mit einem Anflug von Beſtürzung. „Ich habe ihn ſeit vierzehn Tagen mit keinem Auge geſehen, Kind; und Du ſuchſt ihn bei mir, jetzt in der Mitternacht?“ „Er ließ mir geſtern durch einen Schiffsknecht, der von Bantry kam, ſagen, ich möchte um dieſe Zeit hier ſein, er bedürfe meiner Hülfe.“ „Nun, dann wird er wohl noch kommen; Du weißt ja, daß er, wenn nur möglich, Wort hält. Wer weiß, was er vorhat! Euch, Mr. Henderſon, wollte ich aber freundlich gerathen haben, ſeine Ankunft nicht abzuwarten. Erſpart Euch Unannehmlichkeiten, guter Mann!“ „Wie, wenn ich ihn gleich mit der frohen Nach⸗ richt überraſche, ſo wie er herein tritt, daß ich ſeine Tochter heirathen will? Dann werden wir zur Stelle die beſten Freunde ſein. Komm, mein holdes Bräut⸗ chen, und gieb mir einen Kuß, auf Abſchlag.“ Er umfaßte das Mädchen abermals, aber in demſelben Augenblick ließ Tim, der zeither nur ſtumme Wuth⸗ blicke auf ihn geſchoſſen hatte, ein Glas fallen, daß es am Boden klirrend in Stücken zerſplitterte, ſprang hinzu und riß die ſich ſträubende Sally aus Hender⸗ ſons Armen, mit wutherſtickter Stimme ſchreiend: „Wagt es nicht, ſie anzurühren, Mann! denn wiſſet, daß dieſes Mädchen meine verlobte Braut iſt!“ „Deine Braut! Deine verlobte Braut!“ riefen Henderſon und Mutter Peppy zu gleicher Zeit und mit gleichem Hohne und Erſtaunen aus.„Deine Braut?“ 65 wiederholte Peßph ernſter;„und wie ſo denn? ſeit wann denn? Und warum erfahre ich davon jetzt erſt? Ich kann vor Erſtaunen nicht zu mir kommen.“ „Ich wollte es Euch nicht eher anzeigen, Baſe, als bis ich Hochzeit zu machen gedachte,“ entgegnete der Hausknecht mit einem gewiſſen Trotz, der ſeine Verlegenheit überſchleiern ſollte.„Ich fürchtete Euern Hohn, der mir ja auch jetzt, da mich meine Hitze ver⸗ rathen, aus Euern Worten entgegen klingt. Auch liebe ich nicht, von einer ſolchen Sache viel Gerede zu machen.“ „Iſt es wahr, Sally,“ wandte ſich die alte Wir⸗ thin jetzt an das Mädchen, das mit hocherglühten Wangen— eine große Seltenheit bei ihr— und geſenktem Blick daſtand;„biſt Du wirklich mit Dei⸗ ner und Deines Vaters Bewilligung ſeine verlobte Braut?“ „Es iſt ſo!“ rief Sally mit weinender Stimme, und ein furchtbarer Jammer brach aus ihrer Bruſt hervor; ihre Thränen ſtrömten zahlreich, ſie konnte ſich nicht faſſen. ⁰ „Eine ſeltſame Braut,“ murmelte Henderſon, und wußte vor Verlegenheit nicht, was er thun ſollte. Da gab ihm ſein böſer Genius das Schlimmſte ein. Während Peppy mit einem vom furchtbarſten Ernſt faſt verſteinerten Geſicht den Hausknecht ſtumm beim Arm faßte und nach der Thüre zog, trat er zu dem troſtloſen Mädchen und flüſterte ihr zu:„Ha, ich verſtehe ſchon, mein ſüßes Kind! Man bedarf einer ſpaniſchen Wand, hinter der man mit Glück und Luſt ſeinen ſchönen Neigungen opfern kann. Und fürwahr, zu ſolcher gemalten Figur iſt der alte Burſche gut genug. Vergiß nur nicht, ſchlaues Kind, mir auch einen geheimen Schlüſſel zu Deinem Aſyl zuzuſtecken. Stonch, ausgew. Romane u. Nove len. VIII. 5 Trö ſte Dich, weine nicht! Du ſollſt einen ſehr zärt⸗ lichen und dankbaren Freund in mir gefunden haben. Es iſt ja ſo vortrefflich von Dir erdacht, und daß ich's nur geſtehe, mit dem Heirathen war's vorhin auch gar mein Ernſt nicht. Ich liebe Dich innig und feurig, es kann Dich kein Mann mehr anbeten, aber mit dem Heirathen— ei nun, Du weißt ja ſchon aus der Erfahrung— mir iſt ja auch manches über Dich zu Ohren gekommen,— wie's die Männer machen, wenn ſie einen gewiſſen Zweck erreichen wollen. Aber auf dieſe Weiſe geht's ja vortrefflich, und man ver⸗ ſtändigt ſich leicht.“ Sally ſank auf eine Bank und konnte vor rie⸗ ſenhaftem, ſie ganz bewältigenden Jammer kein ein⸗ ziges Wort hervorbringen. Sie rang nur die Hände und ſtöhnte wild und verzweiflungsvoll auf. Hender⸗ ſon, darüber aufs Neue beſtürzt, wollte ihr zu Hülfe kommen; ſie ſtieß ihn aber mit Abſcheu zurück und rief:„Vater, Vater! wo bleibſt Du, um mich von dieſem gräßlichen Menſchen zu retten.“ Da merkte endlich der eingebildete Engländer, wie ſein Spiel ſtand, und machte ſchnell Anſtalten, um ſich eilig aus dem Staube zu machen und eine Begegnung mit Evans O'Neil zu vermeiden, obgleich ihm des Mädchens Wahl nun ganz unbegreiflich vorkam. Unterdeſſen hatte Peppy den kleinen Mann hin⸗ ausgezogen auf den Vorſaal, über den der Nachtwind ſchauerlich ſtrich. Er folgte ihr mit einem bänglichen Gefühl über ihr feierliches, abgemeſſenes Weſen und ſchauderte, als ſie ihn am offenen Fenſter, durch das der Mond ſein kümmerliches Licht warf, mit wahn⸗ ſinnverkündenden Blicken anſtarrte und endlich mit hohlen, langgezogenen Tönen fragte:„Wovon willſt Du denn eine Frau ernähren, Junge?“ 67 „Ich bin alt genug, um endlich dieſem Namen entwachſen zu ſein, Baſe!“ fuhr er beleidigt auf. „Und was meine und meines Weibes künftige Nah⸗ rung betrifft, ſo geht Euch dies gar nichts an; das iſt meine Sache und iſt bereits dafür geſorgt. Ihr werdet mir nichts dazu geben, und ich verlange nichts ron Euch.“ „So! Nun bin ich mit Dir im Klaren, Bube! Jetzt weiß ich, was Deine nächtlichen Streifereien zu bedeuten haben. Du biſt ein Schuft. Die Sally kannſt und darfſt Du aber doch nicht heirathen.“ „Und warum nicht?“ fragte Tim trotzig. Sie zog ihn mit nerviger Fauſt näher heran und raunte ihm mit einer gräßlichen Stimme in's Ohr: „Weil ſie Deine Schweſter iſt!“ Dann ließ ſie ihn fahren, und er taumelte, wie von einem Blitz ge⸗ troffen, zurück und war einige Augenblicke lang gar keines Gedankens fähig. Als er wieder zu ſich kam, war Peppy die Treppe hinab. Wie ein Wahnſinni⸗ ger ſtürzte er hinterher. Er ſuchte ſie auf; ſie war im Begriff ſich ſchlafen zu legen.„Baſe, Baſe!“ ſchrie er,„erklärt Euch näher. Nie habe ich etwas Rechtes über meine Geburt von Euch erfahren können. Ihr habt mir nur geſagt, mein Vater, Euer Bruder, ſei vor meiner Geburt geſtorben. Zetzt beichtet und ſagt Alles! Wie kann Sally, die zwanzig Jahre jün⸗ ger iſt, als ich, meine Schweſter ſein. Sagt, ich laſſe Euch nicht!“ „Laß mich, Junge! Ich muß mich ſchlafen legen; mein alter Leib bedarf der Ruhe. Aber Sally iſt doch Deine Schweſter, ſo wahr Gott und ſeine Heiligen mir gnädig ſein mögen! Mehr will und kann ich Dir jetzt nicht ſagen.“ In dem Augenblicke rief Henderſon nach ſeinem 68 Pferde„Geh!“ herrſchte Peppy dem Hausknecht zu, „und rühre mir das Mädchen nicht an, Tölpel. Du biſt ohnedies ein Spitzbube, der uns ihretwegen an Kildare verräth. Ich will ihrem Vater ſtecken, was Du biſt; da hat die Freude gleich ein Ende.“ Zähneknirſchend ging Tim und murmelte:„Ihr ſeid wahnſinnig, und ich werde mich wahrlich nicht an Euern verrückten Kopf kehren.“ „Wag' es nur!“ drohte Peppy noch hinterdrein. Tim ging in den Stall, um Henderſons Pferd auf⸗ zuzäumen. Die Stalllaterne warf nur einen trüben Schimmer und umhüllte Henderſon, der von Tim un⸗ geſehen und unbemerkt im Winkel an der Stallthüre ſtand, ganz mit Schatten. Da ſah der Kammerdiener⸗ eine lange Geſtalt um die Hausecke biegen und vor⸗ ſichtig nach der Stallthüre heranſchleichen, immer be⸗ müht, ſich dicht am Hauſe hinzudrücken. Henderſon glaubte nicht ohne eine Anwandlung von Furcht O'Neils eckige Geſtalt im dünnen Mondſtrahl zu er⸗ kennen; er ſchmiegte ſeinen langgeſchäfteten, umfang⸗ armen Körper nur noch dichter in den Winkel und hielt den Athem an, als der Mann hart neben ihn trat und den Kopf ſpähend in den Stall ſteckte. Das erſte Wort des vorſichtigen Schleichers verrieth dem beklommenen Engländer die Wahrheit ſeiner Vermu⸗ thung; es war der einäugige Lootſe.„Tim! Tim!“ rief er mit gedämpfter Stimme, und der Hausknecht trat näher.„Biſt Du allein?“ „Ja. Ihr ſeid's Evans?“ „Iſt im Hauſe alles leer?“ „Ja.“ „Was für ein Pferd zäumſt Du?“ „Es iſt dem Bratſpieß von Engländer, den Ihr ſchon einigemal im Schmiedefeuer gehabt.“ 69 „Aha, der buntgemalten Kleiderbürſte des Roth⸗ rockes! Iſt der Kerl hier?“ „Er will ſo eben wegreiten.“ „Zu ſeinem Glück! Sonſt bohrt' ich ſein Schiff auf den Grund.“ Henderſon lief es eiskalt über den Rücken. „Iſt Sally drinnen?“ fragte der Lootſe weiter. „Ja, ſie wartet auf Euch.“ „Höre, Tim, Du mußt mir einen ſehr wichtigen Dienſt erweiſen, und— nun Du wirſt mein Schwie⸗ gerſohn, und ich darf Deiner Verſchwiegenheit ge⸗ wiß ſein.“ „Was wollt Ihr; ich bin bereit.“ „Sobald der engliſche Tagedieb fort iſt, holſt Du Sally herab und gehſt mit mir zur kleinen Spiegel⸗ bucht. Von dort wirſt Du einem fremden Herrn in dieſer Nacht Bote ſein müſſen; wohin, weiß ich ſelbſt noch nicht. Du ſollſt's aus ſeinem Munde erfahren. Ein gutes Trinkgeld wirſt Du ſchon dabei verdienen, und wenn nichts fallen ſollte, ſo haſt Du mir den guten Dienſt erwieſen. Verſtehſt Du mich?“ „Ja wohl, ich bin gleich bereit.“ Damit zog er das Pferd aus dem Stalle und führte es um das Haus herum; O'Neil trat in den Stall, und Hen⸗ derſon huſchte ſchnell und leiſe um die Ecke herum und kam von der andern Seite an die Thür. „Sei mir nicht bös, Alter,“ ſagte er zu Tim. „Ich konnte ja nicht wiſſen, daß Sally Deine Ver⸗ lobte war; ich weiß fremdes Eigenthum zu reſpectiren.“ Ein fettes Trinkgeld fiel in Tims Hand, und einen Augenblick darauf ſauſte der Renner mit ſeiner Laſt auf der Straße nach dem Gebirge hin. 70 9. Henderſon doch nicht vergeblich geritten. Aber nicht lange verfolgte der raſche Reiter den Weg nach den Höhen. Kaum einen Schuß weit von der Schenke entfernt, lenkte er links ab nach einem etwas hochgewachſenen Geſtrüpp, ſprang, davor ange⸗ kommen, vom Pferde, führte es in die dichte Mitte deſſelben, band es dort an und lief nun nach dem Ufer hinab, rechts und links das Terrain mit Falken⸗ augen erſpähend. Die von O'Neil genannte Bucht. war ihm nicht unbekannt; ſie war meiſt der Landungs⸗ platz für kleine Böte und für Luſtfahrer dieſes Land⸗ ſtrichs. Sie war die bedeutendere jener unzähligen Einſchnitte, die hier in großer Menge, mit dichtem Geſtrüpp umwachſen, ſich einige Faden tief in's Land erſtrecken. Der ſeiner Fülle entgegengehende Mond wurde ſelten der ſchwarzen Schneewolken mächtig, die zuſammengeballt und zerriſſen ſich vor ſein mattglän⸗ zendes Geſtirn lagerten, und wenn es ihm einmal ge⸗ lang, frei hervor zu treten, war es nur ein einziger ſchwermüthiger Sehnſuchtsblick, der ihm über die win⸗ terliche, wie ausgeſtorben daliegende Landſchaft und die ſchauerliche Meereswüſte zu thun vergönnt war; denn eine neue Wolke, neidiſch auf ſeine ſchwärmeriſche Liebe zur Erde, warf ſich vor ſein träumeriſch blickendes und nickendes Antlitz. Des Engländers ſcharf geſpanntes Ohr vernahm kein anderes Geräuſch, als das ſanfte Plätſchern der an der niedrigen Küſte ſich brechenden Wellen und den eintönigen Ruf der Nachtwachen der fern von hier vor Anker liegenden Schiffe. Ruhe und — 71 dämmernde Nacht hielten Erde und Meer in weichen Banden. Wie ein Fuchs, der, ſeine Beute zu erlauern, ſich in Hinterhalt legt, kroch Henderſon, ſo leiſe als mög⸗ lich in das Gebüſch und hielt dort mit ſeinen Gedan⸗ ken ein Zwiegeſpräch.„Dieſer Zufall ſorgt vielleicht beſſer für mich als meine Klugheit. Wohin iſt der Lump, der Mic, noch ſo ſpät gegangen? Was hat der Hundsfott O'Neil ſo Geheimnißvolles? Was iſt das für ein Fremder, von dem er ſpricht? O ſicher⸗ lich paſſirt hier etwas, das mit O'Donnel zuſammen⸗ hängt, und ich erfahre auf dieſe Weiſe vielleicht mehr, als ich ſelbſt bei beſſerm Glück jemals von Dahna er⸗ fahren haben würde, und der reiche Lohn fällt den⸗ noch in meine Taſche. Den ungeſchliffenen Irländer hatte ich zu leicht genommen; die Arbeit iſt nicht ſo ſchnell verrichtet, wie mein Herr und Kildare ſich den⸗ ken. Nun, ich hoffe zu Gott, der Schaden ſoll mir erſetzt werden. Tauſend Guineen von Kildare, wahr⸗ lich keine Kleinigkeit! Ein Ziel, werth darnach zu ringen. Und iſt's erreicht, dann— Adieu, Mylord Wexford. Ich will ſelbſt den Herren machen, will nicht länger Diener ſein.“ Zu den letztern Worten, die er, in London im Opernhauſe gehört, faſt trällerte, wiegte er den Kopf hin und her. Da tauchten aus der Dämmerung drei Geſtalten vor ihm auf; er duckte nieder und verhielt ſich ruhig. Es waren O'Neil, Sally und Tim, die herankamen. Der Lootſe ließ ſogleich einen feinen Pfiff ertönen; gleich darauf plätſcherten Ruderſchläge im Waſſer. Es war ſtreng verboten bei Nacht an einer dieſer Buch⸗ ten zu landen, und die wachhaltenden Schiffe wollten es, ſeit ſie in der Kenmare⸗Bay vor Anker lagen, ſelbſt am Tage den Einheimiſchen nicht mehr geſtatten. Dies war Henderſon wohl bekannt, um deſto größer war ſeine Freude, irgend einem Geheimniß auf die Spur zu kommen, was Sir O'Donnel, oder doch wenig⸗ ſtens dem verhaßten Lvotſen O'Neil verderblich werden könnte. Aug' und Ohr ſchärfte ihm die geſpannteſte Aufmerkſamkeit. Immer näher kam das kleine Fahrzeug. Der ver⸗ ſteckte Lauſcher erkannte, wie das zur Hülfe der Ru⸗ derer aufgepflanzte Segel eingezogen wurde, und hörte, wie das Boot gleich hernach auf den Sand lief; er ſah vier Ruderer und drei Männer in Mänteln, die von zwei der Erſtern unterſtützt wurden, das Ufer trocknen Fußes zu erreichen, während die beiden Zu⸗ rückgebliebenen bemüht waren, das Schifflein am Ufer⸗ zu befeſtigen. „Sind dies die Boten!“ fragte der Eine von den Eingemantelten den alten Lootſen in ſchlecht ausge⸗ ſprochenem Engliſch. „So iſt's, Monſieur,“ verſetzte Evans.„Es iſt meine eigene Tochter und ihr Verlobter, auf die Ihr Euch verlaſſen könnt, wie auf mich ſelbſt. Befehlt nur jetzt, wohin Ihr gebracht ſein wollt. Ihr ſeid in der Nähe der alten Heideſchenke, wohin Ihr ver⸗ langtet.“ „Gut,“ ſagte Jener, dem man den Franzoſen an jedem Worte anhörte.„So muß in der Nähe das Schloß Lindſayhall liegen; dorthin laß mich führen, alter Jre. „Lindſayhall?!“ fragte der Lootſe erſtaunt.„Ihr allein nach Lindſayhall zum Lord Kildare?“ „Kildare? Lindſayhall?“ fragten jetzt auch die bei⸗ den andern Fremden und traten näher zu dem Dritten hin, der den Wunſch, nach dem Eoelſitze gebracht zu werden, eben ausgeſprochen hatte. —— 73 „Ihr ſeid wohl im Irrthum, Monſieur,“ fuhr ONeil fort,„und der Befehl Euerer Regierung lau⸗ tete wohl, daß Ihr Euch im Fall einer glücklichen Landung zuerſt mit bewaffneter Macht nach Lindſay⸗ hall verfügen ſolltet, um Euch der Perſon ſeines Be⸗ ſitzers, des Lord Kildare, zu verſichern. Nicht wahr, Sir, ſo lautete der Auftrag?“ „Keineswegs, närriſcher Kauz,“ entgegnete der Franzoſe;„er lautet, mich im Namen meiner Regie⸗ rung mit Lord Kildare zu beſprechen, der ja doch ei⸗ ner der mächtigſten Malcontenten und Defenders iſt. Doch ſchnell! Was plaudern wir! Die Zeit iſt koſtbar.“ „Das verſtehe, wer kann!“ brummte O'Neil. „Ich bin doch kein Knabe mehr und habe vieles in der Welt gelernt und erfahren, und bin aus verwickel⸗ ten Dingen klug geworden; aber ich will mich kiel⸗ holen laſſen, wenn ich begreife, welche friedliche Auf⸗ träge Euch die franzöſiſche Regierung an dieſen Erz⸗ feind aller Iren, an dieſen königlich geſinnten Mann, der die Defenders mit Feuer und Schwert verfolgt, an dieſen ärgſten Tyrannen Süd⸗Irlands zu ge⸗ ben hatte.“ „Herr Obriſt,“ trat jetzt einer der beiden Uebri⸗ gen mit militäriſchem Anſtande hervor und redete den Erſtern in franzöſiſcher Sprache an,„entſchuldigen Sie, wenn ich es wage, die ausgeſprochene Anſicht die⸗ ſes alten Schiffers durch eigne Erfahrungen zu unter⸗ ſtützen. Die Subordination hat mir nicht erlaubt, Sie über die Ihnen von unſrer Regierung geworde⸗ nen Aufträge zu befragen.“— „Auch war mir durchaus keine Mittheilung er⸗ laubt, wie Ihnen wohl aus ähnlichen Aufträgen be⸗ kannt ſein wird.“ 74 „Ganz wohl, Monſieur! jetzt aber, da Sie Na⸗ men und Ort genau genannt haben, muß ich auf die Gefahr hin, ein Dienſtvergehen zu begehen, Sie drin⸗ gend erſuchen, das Haus dieſes Lord Kildare zu mei⸗ den. Ihr Leben iſt mir zu lieb, als daß ich es, ohne mich aus allen Kräften zu widerſetzen, einem ſolchen grimmigen Feinde der iriſchen Freiheit in die Hand gegeben ſehen ſollte; denn Sie wären wahrlich der Erſte nicht, an welchem der ſündhafte Frevel dieſes Mannes zum Mörder würde.“ „Kapitän Dupont, Sie ſprechen ſonderbar von einem Manne, der mit dem Directorium Frankreichs aufs Innigſte verbündet iſt und uns den Sieg über die Königlichen auf der Inſel, falls die Landung ge⸗ lungen wäre, ſehr erleichtert haben würde.“ „Ich ſpreche aus Erfahrung, aus Ueberzeugung. Einer der edelſten Iren und wackerſten Verfechter der Volksrechte war Sir William O'Donnel, der Vater meines Weibes und des jungen Seeoffiziers, den das Schickſal zu Ihrem Begleiter gemacht hat. Jener Lord Kildare raubte Sir William das Leben und riß deſſen Güter an ſich. Ebenſo verfolgt er mit wüthen⸗ dem Haſſe Sir Lewis O'Donnel auf Greenlodge, wel⸗ ches kaum einige Meilen von hier liegt und wohin ich mich, wie ich Ihnen bereits eröffnet, mit des Ba⸗ ronets jüngerem Bruder begeben werde. Lewis iſt mit treuer, warmer Seele der Sache der iriſchen Freiheit zugethan, er meint es mit ſeinen armen Landsleuten gut und aufrichtig; aber Kildare iſt ein kalter ſchänd⸗ licher Tyrann. Es leidet keinen Zweifel, das Direc⸗ torium Frankreichs iſt von dieſem hinterliſtigen Kildare furchtbar betrogen, und Sie würden, wenn Sie nach Lindſayhall kämen, wahrſcheinlich als Opfer dieſes Betrugs fallen, mit welchem der Verräther, Gott weiß was, bezweckt.“ „Sie machen mich nachdenklich, Kapitän,“ ſagte der Obriſt.„Man darf dieſen Engländern nicht zu viel trauen, und Kildare iſt doch ein ſolcher. Zwar begreif' ich die Sache nicht; denn Kildare wollte uns ſogleich nach der Landung eine anſehnliche Streitmacht zuführen und ſich zuerſt für uns erklären. Dies Räthſel wird mir dunkler, jemehr ich darüber nach⸗ ſinne.“— „Ich bitte Sie, mein Obriſt, geben Sie aus Vor⸗ ſicht, die Sie Ihrer Perſon ſchuldig ſind, den beab⸗ ſichtigten Gang nach Lindſayhall auf, da er Ihnen, Frankreich und Irland unter den jetzigen Umſtänden doch nichts helfen kann. Folgen Sie mir nach Green⸗ lodge zu meinem Schwager. Dieſer iſt als ächter hochherziger Ire auf der ganzen Inſel bekannt; in ſei⸗ ner Bruſt ſchlägt ein aufrichtiges, edelgeſinntes Herz. Er wird Ihnen, hoff' ich, das Räthſel löſen. Und wenn Alles in Ordnung, und von Kildare jede Zwei⸗ deutigkeit verſchwunden wäre, nun ſo haben Sie ja an einem Tage nichts verloren und können morgen Nacht nach Lindſayhall hinüber reiten.“ „Gewiß iſt es ſo und nicht anders,“ lachte der Obriſt.„Die Herren Kildare und O'Donnel werden im Geheim, wie es ihr beiderſeitiges Intereſſe fordert, die beſten Freunde ſein und alle frühern Händel fried⸗ lich beigelegt haben; um ſich aber der großbritanniſchen Regierung nicht verdächtig zu machen, werden ſie vor den Augen des Volks die alte Feindſchaft zum Schein fortſetzen und gegenſeitigen Haß erheucheln. Die Menge aber urtheilt ganz natürlich nach dem Scheine.“ „Nun, bin ich auch nicht mit dem Baronet O'Don⸗ nel ſo vertraut, daß er mir ſeine verſtöckten Pläne und 76 geheimen Handlungen entdeckte,“ ſagte der Lootſe, der genug franzöſiſch verſtand, um den Sinn von des Obriſten Worten zu faſſen,„ſo weiß ich doch ſo viel vom Ganzen, daß ich mit Beſtimmtheit angeben kann, welcher Partei jeder der beiden genannten Männer angehört. Eher glaube ich, daß das Eis vom Nord⸗ pol zum glühenden Strom wird, als daß dieſe Bei⸗ den weiter etwas mit einander gemein haben, als die menſchliche Geſtalt. Sir, glaubt mir, Kildare iſt ein Teufel, O'Donnel ein Engel, und Himmel und Hölle haben nie Brüderſchaft mit einander getrunken. Ich will gleich die Hoſtie darauf nehmen, wenn die an⸗ gebliche Verbindung des Lord Kildare mit der fran⸗ zöſiſchen Regierung nicht eine hölliſche Spitzbüberei iſt⸗ Wäre Parker noch bei uns, er würde Euch daſſelbe ſagen.“ „O kommen Sie, Herr Obriſt, mit zu meinem Bruder!“ flehte jetzt der Jüngling und ergriff zutrau⸗ lich des ältern Kriegers Hand.„Sie werden gewiß in ſeinem Hauſe ſehr willkommen ſein.“ „Wohlan denn! Ich habe alle Urſache, Euch wackern Seeleuten und Euch braven Kameraden voll⸗ kommen zu trauen. Dir, alter Mann, und dem trefflichen Parker verdanken wir Leben und Freiheit. Ich habe mich überzeugt, wie gut Ihr es mit mir meint. Ich muß es vielleicht dem Himmel Dank wiſ⸗ ſen, daß ich durch Euch verhindert werde, die Depe⸗ ſchen des Directoriums an Lord Kildare abzugeben. So laßt uns gehen!“ „Ich muß von Euch ſcheiden, Meſſieurs,“ ſagte der Lootſe,„denn ich muß in dieſer Nacht noch auf mein Schiff zurück. Vertraut Euch nur der Leitung dieſes kleinen Mannes an. Du aber, Sally, biſt nun 77 übrig und kannſt wieder heimgehen. Morgen Abend bin ich bei Dir; koche mir eine gute Suppe.“ „Lebt wohl, Mr. O'Neil!“ ſagten die Franzoſen, dem Lootſen herzlich die Hand ſchüttelnd, und der Obriſt fügte hinzu:„Wir hoffen, daß die Zeit bald kommen wird, die uns erlaubt, uns dankbar zu zeigen.“ Evans winkte abwehrend und ſtieg in das Boot, das, eben ſo ſtill wieder gelsſt, über den Waſſerſpie⸗ gel hinglitt und hinter den Büſchen in der Nacht ver⸗ ſchwand. Sally wünſchte gute Nacht, nachdem ihr Tim noch Einiges zugeflüſtert, und ſchlug den Weg nach dem Moor ein, Tim aber und die drei Männer der mit Unterbuſch und Hochwald bewachſenen An⸗ höhe zu. Bald war Alles wieder ruhig und leer wie zuvor; und die kalte Nachtluft ſtrich leiſe vom Meere her, kräuſelte die Waſſerfläche und bewegte die Wipfel der Büſche am Ufer. 10. Henderſons erwünſchter Fortgang. Henderſon kroch aus dem Dickicht hervor, ſchaute ſich behutſam um und lief dann, ſo ſchnell ſeine Beine vermochten, nach dem Orte, wo ſein Pferd verſteckt ſtand. Dort überlegte er, was er nun zu thun habe, ob er die gemachte Entdeckung ſeinem Herrn mitthei⸗ len und den Lord Kildare geradezu als einen Landes⸗ 78 verräther bezeichnen, oder ob er dieſem Alles ver⸗ ſchweigen, gleich nach Lindſayhall reiten und von Kil⸗ dare erforſchen ſollte, wie ſchwer derſelbe geneigt ſei, die koſtbare Entdeckung mit Gold aufzuwiegen. Daß in dieſem Falle der vom Lord für Michauls Ge⸗ winnung verſprochene Lohn jetzt um ein Bedeutendes ſteigen müſſe, war gleich Henderſons erſter logiſcher Schluß. Hatte er doch genug gehört, um daraus zu folgern, daß der Lord da nicht knauſern werde und dürfe, wo es außer dem Hauptgeſchäft, nämlich Sir Lewis O'Donnel zu verderben, deſſen Ziel ſo leicht und köſtlich erreicht war, jetzt noch ganz beſonders darauf ankam, Henderſons tiefſte Verſchwiegenheit zu erkaufen. Sein innerer Streit war bald geſchlichtet; er beſtieg ſein Pferd und ließ es langſam nach Lind⸗ ſayhall zu gehen, überlegend, wie er morgen den Lord am beſten faſſen wolle. Auf dem Schloſſe angelangt, klopfte er einen Reitknecht heraus, zog ſein Pferd in den Stall und ſuchte ſich ein Lager. Kaum war der Tag in die düſtern Gemächer des alten Schloſſes eingekehrt, als auch Henderſon ſchon im Vorzimmer des Lords ſtand und gleich darauf in deſſen Schlafcloſet gerufen wurde. Mit einem künſtlichen Anſtrich von Einfalt und Treuherzigkeit berichtete er die am Meerufer belauſchte Unterredung und hob hier und da einzelne Partien hervor, legte auf Manches einen beſondern Nachdruck und gab ſeiner Darſtellung die Färbung, die er für ſich am einträglichſten hielt. So groß auch Kildare's Ueberraſchung war, ſo verrieth doch kein Zug des ſtolzen kalten Geſichts das Entſetzen, womit ihn der Gedanke erfüllte, jetzt durch die Mittheilungen des franzöſiſchen Offiziers an den Baronet ganz in die Hände des Mannes 79 gegeben zu ſein, den er ſelbſt dem Untergange geweiht hatte. Zu klug, als daß er ſich hätte von Henderſon daran mahnen laſſen, reichte er demſelben auf der Stelle eine ſo reichliche Belohnung, daß ſie ſogar deſſen kühnſte Erwartungen überſtieg, ſelbſt wenn er noch eine Additionalſumme dafür in Rechnung brachte, daß er vor der Welt die zweideutige Art und Weiſe, wie er des Lords Namen nennen gehört hatte, ge⸗ heim hielt. „Du ſiehſt, mein Sohn,“ ſagte der Lord, den Diener freundlich auf die Schultern klopfend,„wie wenig dazu gehört, den Ruf ſelbſt eines in der höch⸗ ſten Achtung ſtehenden Mannes zu verletzen. Ein andrer, weniger erfahren und klug als Du, Hender⸗ ſon, würde da gleich eine Verbindung zwiſchen mir und dem Feinde geahnet haben. Und wirklich ſcheinen die Franzoſen in ihrer Anmaßung und Leichtgläubig⸗ keit zu wähnen, ſie hätten ein eben ſo leichtes Spiel mit mir, einem der erſten Großen des Landes, an deſſen Mitwirkung zu ihren verabſcheuungswürdigen Plänen ihnen allerdings nicht wenig gelegen ſein mag, wie mit dem armen Schlucker Lewis O'Donnel. Ja vielleicht, was eben ſo wahrſcheinlich iſt, wurzelt die Aeußerung des franzöſiſchen Obriſten im Betreff mei⸗ ner Perſon in einer gut angelegten Intrigue des Baronets, dieſes Menſchen, der jeden Augenblick be⸗ reit iſt, ſeinen König zu verrathen; warum nicht mich? Immer unbegreiflicher wird mir die Nachſicht, mit welcher ihm unſres erhabenen Königs Gnade den Aufenthalt im Lande geſtattet, welches ohnehin einen Ueberfluß an Subjecten hat, die durch den Umſturz der beſtehenden Ordnung, worauf ſie ſtets ſinnen, we⸗ nigſtens nichts mehr verlieren, wenn ſie auch nimmer 80 durch ihre Mitleid erregenden Anſtrengungen etwas ge⸗ winnen werden.“ „Ew. Gnaden belieben ſo eben zu ſagen,“ erwi⸗ derte Henderſon mit der, Leuten ſeines Schlages eig⸗ nen Anmaßung, ſobald ſie Mitwiſſer von Schwächen oder gar Verbrechen Vornehmerer geworden ſind, an deren Verheimlichung dieſen Alles gelegen ſein muß, „daß es ſo leicht ſei, den Ruf unbeſcholtener und ſo⸗ gar hoch ſtehender Männer zu beflecken. Dieſes würde nun der Fall bei dem Baronet Sir Lewis O'Donnel ſein, wenn die ungünſtige Meinung, die Mylord von demſelben hegen, durch Weiterverbreitung Glauben er⸗ hielt, und doch iſt die Sache meiner Meinung nach nicht ſo ganz klar in's Licht geſtellt. Ich bitte daher ſubmiſſeſt um die hohe Erlaubniß, bemerken zu dür⸗ fen, daß die Perſon, in der ich allerdings einen feind⸗ lichen Offizier erkannt zu haben glaube, nur von Auf⸗ trägen ſeiner Regierung redete, welche er an Lord Kil⸗ dare zu überbringen gehabt, ſobald die Landung ſtatt⸗ gefunden habe; ohne überall des Baronets Sir Le⸗ wis O'Donnel dabei zu erwähnen, und daß erſt die Andern——“ „Das Letztere magſt Du überhört haben,“ unter⸗ brach der Lord raſch, jedoch mit ſichtbarer Verlegen⸗ heit die Rede des ſchlauen Dieners.„Du magſt überhaupt Manches im Geräuſche der Wellen und bei der Entfernung Deines Standpunktes von den Redenden nicht deutlich gehört und, um nur einigen Zuſammenhang in die Unterredung zu bringen, nach Deiner Weiſe gedeutet haben. Und nun meinſt Du ſelbſt gehört zu haben, was nur Geburt Deiner Phan⸗ taſie iſt.“ „Mylord wollen gnädigſt verzeihen,“ erwiderte Henderſon,„wenn ich bemerke, daß Ew. Gnaden im 81 Irrthum hinſichtlich meiner Meinung ſind. Ich habe wenigſtens das Eine deutlich gehört, daß jener Abge⸗ ſandte im Begriff war, ſich nach Lindſayhall mit ſei⸗ nen Depeſchen zu begeben, als er vom Sturme daran verhindert wurde.“ „Fürwahr, mein Junge,“ entgegnete Kildare mit gezwungenem Scherze,„Du verſtehſt ſo gut einen iri⸗ ſchen Blunder zu machen, wie ein ächter Dundolkman. Doch laſſen wir das! Ich hoffe, mein Sohn,“ ſetzte er mit hohem Tone hinzu,„daß ich, Lord Kildare, Herr von Lindſayhall, Bridgehall und Rougheligh, Pair des Reichs und Ritter vom Bathorden, über jeden Verdacht erhaben und, beiläufig geſagt, der Mann bin, der Dir helfen kann. Eine nicht üble Farm iſt jetzt erledigt. Es mögen längſt verzeihliche Wünſche in Dir aufgeſtiegen ſein, wenn Du Deinen ehemaligen Kameraden und Freund James Morries als ſtattlichen Pächter geſehen haſt. Wohlan, ich will Dein Loos dem ſeinigen gleich ſtellen. Du biſt alt genug, Dein eignes Neſt zu bauen; an Verſtand fehlb's Dir nicht. Beſieh Dir bei Gelegenheit das niedliche Landgut auf Chasnuthill. Gefällt's Dir, ſo werden wir wohl einig darüber.“ Henderſon verbeugte ſich tief und zuckte die Achſeln. „Ich verſtehe!“ lächelte der Lord.„Das zu über⸗ nehmende Inventarium ſchreckt Dich ab. Ich werde es mit dem abgehenden Pächter arrangiren. Schreibe mir die paar tauſend Pfund gut in Deinem Conto⸗ buche, und nun Gott befohlen.“ Zufrieden mit ſich ſelbſt, verließ Henderſon, jetzt wohl wiſſend, daß der ſtolze Lord von hm abhing, gleich dem Diplomaten, der über einen Mächtigen der Erde durch ein politiſches Kunſtſtück den Sieg davon Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vIII. 6 82 getragen und ihm ſich dienſtbar gemacht hat, das Schlafzimmer. Die ſchöne Pachtung, die ihm ſo eben der Ge⸗ bieter von Dunmoore verſprochen hatte und die den geſtern noch ſo unbedeutenden Menſchen zu einem der glücklichſten unter der Sonne gemacht haben würde, genügte jetzt ſeinem ſchon höher fliegenden Ehrgeize nicht mehr. Im Geiſte ſah er ſich demnächſt als den Generalpächter des Lords, und warum ſollte er die Staffel zu Ehren und Würden nicht bald ſo hoch bauen, daß ihm ſelbſt das Ende unabſehbar erſchien? Dem ſtolzen Lord aber hatte nie die Gefahr ſo nahe geſtanden, wie in dieſem Augenblick. Rathlos lief er durch ſeine Zimmer, der Verzweiflung nahe. Nur dadurch, daß der Feind plötzlich durch einen uner⸗ warteten Schlag niedergeſchmettert wurde, konnte er dem ſich ſo drohend über ſeinem Haupte zuſammenziehen⸗ den Unwetter entgehen. Ein Bote flog, um James Morries herbeizuholen; ein Andrer, Shaun Don⸗ nough, um den Hausknecht aus der Heideſchenke zur Stelle zu ſchaffen. Bald ſtand auch der Wagen bereit, um den Lord, ſobald er die Beiden geſprochen, nach Bantry zu Werford zu tragen und dieſen zur Aus⸗ führung der gefaßten Pläne geneigt zu machen. 83 11 Franzöſiſche Freunde auf Zreenlodge. Sir Lewis O'Donnel war⸗nicht wenig überraſcht, als ihn ſein Leibdiener lange vor Tagesanbruch weckte und mit großer Aengſtlichkeit benachrichtigte, es ſeien ſo eben drei Fremde vor dem Schloßthore angelangt, welche ſchnellen Einlaß und eine Unterredung mit dem Baronet begehrten, ohne jedoch ihre Namen nennen zu wollen. Der Eine habe verſichert, ſie würden dem Herrn des Schloſſes ſehr angenehme Gäſte ſein. O'Donnel, Verſchworne in ihnen vermuthend, die ihm irgend eine unangenehme Kunde zu hinterbringen hät⸗ ten, befahl ſie ſogleich in das geheizte Unterzimmer zu führen, kleidete ſich an und ſtieg mit erwartungsvol⸗ lem Herzen die Treppe hinab. Wie groß aber, wie freudig war ſein Erſtaunen, als er in den beiden auf ihn zueilenden Männern ſeinen Schwager und ſeinen Bruder erkannte! „Wie? Iſt's möglich? Darf ich meinen Augen trauen? Oliver, mein Junge! Und Sie, mein theurer Dupont, in Irland und auf Greenlodge. Träume ich denn noch?“ „Es iſt eine traurige Wirklichkeit,“ ſagte der Kapitän, ſich aus des Baronets Umarmung windend, „aber verſüßt durch das Glück, Sie wieder zu ſehen, mein Theurer, bei Ihnen zu ſein. Doch wir ſind es nicht allein; ich habe die Ehre, Ihnen in dieſem dritten Herrn den Obriſten Gély vorzuſtellen, einen vertrauten Freund des Generals Hoche und mit be⸗ ſondern Aufträgen unſerer Regierung beehrt.“ 6* —————— „Ich glaube, wir kennen uns ſchon, Herr Obriſt,“ ſagte O'Donnel, demſelben die Hand freundlich bietend. „Ohne Zweifel!“ rief Gely froh überraſcht;„ich hatte die Ehre, mit Ihnen beim General Hoche zu⸗ ſammen zu ſein. Ihr Name war mir enffallen, doch Ihre Züge belehren mich, daß wir uns keine Frem⸗ de ſind.“ „Drum herzlich willkommen auf meinem einſa⸗ men Waldſitze!— Aber ſagt mir, Ihr Theuern, wel⸗ che ſeltſame Schickſalsfügung führt Euch zu mir?“ „Sie ſehen in uns ein Theilchen des Wenigen, das von der franzöſiſchen Armee an die iriſche Küſte gekommen iſt,“ ergriff Dupont das Wort.„Und nicht ſiegreich, wie wir gehofft, ſind wir in dieſes roman⸗ tiſche Schloß eingezogen, nein, wie Verbrecher haben wir uns herein geſchlichen bei Nacht und Nebel. Ach! es ſind unſrer nur drei, und doch hat es mehr Mühe gekoſtet, uns ans Land zu bringen, als die Hereinfüh⸗ rung unfrer ganzen Flotte verurſacht haben würde, wenn Wind und Wetter günſtig geweſen wären. Aber der Admiral der Lootſen und aller Küſtenfahrer, die wegen des freien, zwiſchen Irland und Frankreich von ihnen getriebenen Handels den Rothröcken ſo verhaßt ſind, jener hochherzige Evans O'Reil, hat Wunder an uns gethan. Ihm verdanken wir das Leben und dem nicht minder wackern Hochbvotsmann Parker die Freiheit.“ „Erzählen Sie! Erzählen Sie ſchnell!“ rief der Baronet begierig.„Doch nein!“ verbeſſerte er ſich, „verſparen Sie Ihre gütige Mittheilung bis zum Frühſtück, das wir mit ächt engliſchem Comfort ein⸗ nehmen wollen; denn nicht vergebens ſollen Sie in den Staaten Seiner Majeſtät von Groyßbritannien ans Land geſtiegen ſein. Geſchwind kommen Sie herauf 85 auf meine Zimmer, werfen Sie Ihre durchnäßten Klei⸗ der ab und bedienen Sie ſich meiner warmen Schlaf⸗ pelze. Das Frühſtück ſoll gleich fertig ſein.— Du aber, mein Oliver, laß Dich abküſſen! Mein liebes Bruderherz, wie biſt Du groß und ſtattlich geworden! O, wie ſind in Deinem blühenden Geſichte die mir theuern Züge des Vaters und der Mutter verſchmol⸗ zen! Ich will Dich heute hinunterführen in den Park auf das Grab unſrer guten Mutter. Du ſollſt eine Thräne des kindlichen Dankes auf ihrem Hügel wei⸗ nen. Und wenn es möglich iſt, will ich Dich auch in den Park zu Lindſayhall zu des Vaters Grab brin⸗ gen; doch müſſen wir uns dorthin bei Nacht ſtehlen. Du mußt es frühzeitig erfahren, daß man in einem geknechteten Lande an den Gräbern edler Menſchen nur verſtohlne Thränen vergießen darf. Es wäre gräßlich, wenn Dich die Pietät in Lord Kildare's fürch⸗ terliche Hände brächte!“ „Hören Sie, Obriſt!“ flüſterte Dupont dieſem zu.„Nun ziehen Sie aus dieſen paar Worten einen Schluß.“ „Ich bin ſchon ganz überzeugt,“ verſetzte dieſer, und alle ſtiegen in die obern weiten und freundlichern Gemächer. Bald ſaßen ſie umgekleidet in bequemen Lehnſtühlen um den Tiſch, auf welchem der narkotiſche Abſud der arabiſchen Bohne aus dem blanken Kupfer⸗ keſſel dampfte und nach engliſcher Art die verſchieden⸗ ſten Fleiſchſpeiſen, Fiſche, hartgeſottene Eier, Honig und dergleichen aufgehäuft waren. Als die Gäſte das erſte Bedürfniß geſtillt und die Behaglichkeit des Ge⸗ nuſſes und ihrer Umgebung empfunden, erzählte Du⸗ pont:„Wir waren zuſammen auf einer kleinen Brigg, die vom Directorium eigentlich für den Obriſten Gély beſtimmt war. Weil ſie aber die Weiſung hatte, wo S 3 möglich zuerſt Anker zu werfen und den Obriſten mit ſeinen wichtigen Depeſchen ans Land zu ſetzen, ſo ba⸗ ten wir, Oliver und ich, um die Vergünſtigung die Ueberfahrt mit dem Obriſten zu machen, um ſo ſchnell als möglich zu Ihnen zu kommen, theuerſter Schwa⸗ ger. Gerade aber unſrer leichten Brigg wurde vom Sturme am ſchlimmſten mitgeſpielt; wir wurden von der Flotte ganz ab öſtlich nach Cap Mizen getrieben und geriethen in die Uferfelſen. Der Himmel ſchien uns dem Untergange geweiht zu haben; denn unſer Schiff bekam ein bedeutendes Leck: da erſchien uns ein Retter in der größten Noth, Evans O'Neil, der ein⸗ äugige Lootſe, der aus der Dunmannus⸗Bay, wo er zu dieſem Behufe kreuzte, unſere Noth bemerkt hatte und uns zu Hülfe kam. Er und der alte John Boyle, die Beide mich ſchon einmal hierher brachten, bewirkten die Rettung der Mannſchaft glücklich; des Schiffes Untergang war nicht zu verhindern: es wurde eine Beute der Uferbewohner. Der Kapitän, die übrigen Offiziere und die Mannſchaft retteten von Lebensmit⸗ teln, was zu retten war, denn O'Neil verſprach alle in den Höhlen der Uferfelſen unterzubringen, bis es ihm oder einem ſeiner Freunde gelingen würde, uns nach Frankreich hinüberzuführen und Alles aufzubie⸗ ten, um unſre Gefangenſchaft zu verhindern. Dieſe Hoffnung ſank, als mit der einbrechenden Nacht ein engliſches Longboot ſich durch die Wellen kämpfte, und wir glaubten uns ſchon in den Händen unſerer Feinde, als der Führer des Bootes ſich uns als Parker zu erkennen gab. Zu unſrer Rettung war er gekom⸗ men, der brave Mann, mit einigen ſeiner getreueſten Matroſen, lauter Iren. Wir blieben in der Nacht auf O'Neils Kutter und auch am folgenden Tage hielten wir uns hinter den Felſen verſteckt. Parker 87 ging aber ans Land und blieb mehre Tage aus; er hatte uns während der Zeit bei ſeinen Freunden in der Grafſchaft Cork Quartiere ausgemacht, und, als er wiederkehrte, brachte er Proviant mit. Wir hatten unterdeſſen in feuchten Höhlen viel von der kalten Witterung gelitten; die drei Männer, Parker, ONeil und Boyle brachten nun die Einzelnen bei Nacht an ihren Beſtimmungsort, meiſt bei Pächtern und Bauern auf einzelnen Höfen und abgelegenen Häuſern. Der Obriſt Geély verlangte in die Kenmare⸗Bay gebracht zu werden, und mein und Olivers Sinn ſtand na⸗ türlich zu Ihnen, Theurer. Wir machten alſo die Fahrt mit ihm; ſie war gefährlich in einem kleinen Bovte an der Küſte hin; doch Parker war auch hier unſer Schutzengel; er wendete jeden Verdacht von uns ab, und ſo ſtiegen wir in der verwichenen Mitternacht ans Land, nachdem wir acht Tage lang viele Müh⸗ ſeligkeiten an den Felſenküſten Irlands ertragen hatten. Als Untergebenem des Obriſten kam es mir nicht zu, nach ſeinen Dienſtgeſchäften zu fragen, vorzüglich in⸗ ſofern dieſelben die Ueberbringung geheimer Depeſchen betrafen; ich wußte kaum, daß er welche bei ſich führte. Erſt als wir ans Land getreten ſind, erfahre ich durch Zufall, daß dieſe Depeſchen an Lord Kildare gerichtet ſind, und der Obriſt von der Regierung Befehl hat, ſie nach der Landung ſo ſchnell als möglich nach Lind⸗ ſayhall zu bringen.“ „Depeſchen an Lord Kildare!“ rief der Baronet, den Erzähler unterbrechend, betroffen.„Wie iſt das möglich?“ „So viel ich weiß,“ verſetzte Gely,„hat ſich ein geheimer und geſchickter Agent des Lords dieſen Herbſt lange in Paris aufgehalten und mit den einzelnen 88 Gliedern des Directoriums, vorzüglich mit Barras, viel unterhandelt.“ „Obriſt, Ihre Regierung iſt fürchterlich betrogen, oder ſie ſpielt ein grauſames Spiel mit mir, mit uns, den ächten Iren, in welchem das Leben und die Ehre von Tauſenden der Einſatz iſt.“ „Daſſelbe hat der Obriſt von mir, Oliver und O'Neil vernommen, und dadurch ſtutzig gemacht, iſt er, ſtatt nach Lindſayhall zu gehen, mit uns nach Greenlodge gegangen, um ſich durch Ihren Ausſpruch vollkommen zu überzeugen, daß hier ein gräßlicher Betrug obwaltet.“ „Aber, mein Gott!“ ſagte der Obriſt.„Ich kann mich aus der Verwirrung noch nicht herausfinden. Ich beſchwöre Sie, Herr Baron, iſt denn jener Lord nicht Ihr Verbündeter, nicht das Oberhaupt der gan⸗ zen Partei, mit dem die Regierung auf ſeine Veran⸗ laſſung, als mit einem Manne von ſo großem Ein⸗ fluß auf unſre Angelegenheiten, und weil er die bedeu⸗ tendſten Großen zu ſeinen Freunden zählt, unter de⸗ nen er Sie ſelbſt obenan ſtellt, unterhandelt, ohne Ihnen deshalb zu nahe zu treten?“ „So vernehmen Sie denn, mein Herr, in weni⸗ gen klaren Worten,“ entgegnete O'Donnel,„mein Verhältniß zu dieſem Manne! Lord Kildare iſt der tödtlichſte Feind unſerer Sache. Er betrachtet Irland mit den Augen eines Raubthiers, welches nur den rechten Augenblick erwartet, um ſich auf ſeine Beute zu ſtürzen. Lord Kildare, mein Herr, iſt der Mörder meines Vaters, alſo mein Feind, mit dem mich nichts auf Erden verſöhnen kann. Lord Kildare endlich, Herr Obriſt, iſt der Name, welcher jede fernere Ver⸗ bindung mit Ihrer Regierung von meiner Seite zer⸗ reißt. Mag dieſem Irrgewinde von Intriguen dienen, — 89 wer da will, ich für mein Theil bin feſt entſchloſſen, ſolch wahrhaft teufliſchen Anſchlägen nicht ferner Kopf und Arm zu leihen.“ Unter den mannigfaltigſten, ſchnell mit einander wechſelnden Gefühlen blickte der Offizier finſter auf O'Donnel, der immer mehr in Feuer gerieth, je we⸗ niger der Erſtere Miene zu machen ſchien, ſich zu ver⸗ theidigen. Unerträglich wurde jedoch dem ſtolzen Fran⸗ zoſen der Gedanke, in den Augen eines Mannes, den er in einem ſo hohen Grade ſchätzte, als Vermittler in einer ſchändlichen Intrigue, vielleicht gar als ein Verräther an ihm ſelbſt zu erſcheinen. Unwillig, ſich länger als einen Falſchſpieler betrachtet zu ſehen, zögerte er nach kurzem Ueberlegen nicht länger, einen entſchei⸗ denden Schritt zu thun. „Halten Sie noch eine kurze Weile zurück mit Ihren zwar verzeihlichen, vaber dennoch zu voreiligen Schlüſſen,“ ſagte er mit Würde, erhob ſich von ſei⸗ nem Sitze und holte ein in ſeinen Kleidern wohl ver⸗ borgenes Portefeuille herbei.—„Auf mich allein falle die Verantwortung, wenn ich es wage, eigenmächtig ein Räthſel zu löſen, deſſen augenblickliche Entzifferung, wie ich ſehe, nur allein im Stande iſt, den Vorwurf irgend eines ſchwarzen Vorhabens von mir und dem Directorium zu wälzen.“ Unter dieſen Worten nahm er alle Papiere heraus, entſiegelte mit raſcher Hand die, welche verſchloſſen waren, und breitete ſie einzeln vor O'Donnel, der erwartungsvoll dem Thun des Mannes zuſah, auf dem Tiſche aus. „Dieſe werden uns bald Licht verſchaffen und ſowohl meine, als die Ehre meiner Regierung retten,“ fuhr er fort.—„Leſen Sie, ich bitte Sie, Herr Ba⸗ ron, um Ihre Meinung über uns darnach zu berich⸗ tigen. Kein Bedenken! Infamie darf nicht auf mei⸗ 90 nem Frankreich haften! Ein Mißverſtändniß mag viel⸗ leicht hier obwalten, das geb' ich zu, welches, wie ich mehr und mehr begreife, für uns Beide hätte verderb⸗ lich werden können, wenn nicht der Himmel ſelbſt die Ausführung eines Verbrechens verhindert hätte, das jedenfalls in dieſem Lande allein projectirt worden iſt.— Ich bitte nochmals darum, leſen Sie ſchnell, mein Herr,“ ſo ſchloß er und trat an ſeinen Platz am Kamin zurück. Dupont und Oliver O'Donnel ſahen ſtaunend den Obriſten und dann ermunternd Lewis an, der endlich die Papiere ergriff und raſch eins nach dem andern durchflog. Immer finſtrer wurde ſein Geſicht, und die tiefen Furchen, welche ſich auf ſeiner Stirne bildeten, glichen den ſich zuſammenziehenden Wolken eines heftigen Ungewitters. „Ich habe genug!“ rief er endlich, heftig auf⸗ ſpringend, aus.„Hier dieſe Schriften geben mir ge⸗ nügenden Aufſchluß; es bedarf keines andern. Bei Allem, was Ihnen und mir heilig iſt, Herr Obriſt, ſchwöre ich, daß Kildare noch ein ungleich größerer Böſewicht iſt, als für welchen ich ihn bisher gehalten habe. Wie Schuppen fällt's mir von den Augen. Dieſes Patent, welches ihm von Seiten Ihrer Regie⸗ rung die Statthalterſchaft von Irland zuſichert, wo⸗ gegen er den eignen und den Beiſtand vieler Großen dieſes Landes verſpricht, von denen, ich verſichere Sie, die wenigſten ein Wort vom ganzen Plane wiſſen; dieſes andre hier, wodurch ihm, auf ſein Begehren, von Ihrer Seite zugeſagt wird, ſeine Theilnahme am Unternehmen vor jedem andern Theilnehmer verbor⸗ gen zu halten, ſehr klug erſonnen, damit er nicht im unglücklichen Falle compromittirt wird, während er ſelbſt die Namen aller derer, welche ſich um Hülfe 9¹ bittend an Ihr Gouvernement gewandt haben, aus Ihren Liſten kennen lernt, zeigt mir den Elenden in ſeiner ganzen Blöße. Als Vicekönig oder Tyrann vielmehr von Irland, will er über Alle unumſchränkt regieren, oder, wenn dieſer herrlich ausgeſonnene Plan mißlingt, durch Verrath die Güter der dann gericht⸗ lich Hingeopferten an ſich bringen, ſowie er ſchon mit den O'Reil ſchen und O'Donnel'ſchen gethan.—— „Sie kennen das Dramä meines Lebens noch nicht, Herr Obriſt,“ fuhr der Baronet fort, und auf des Letztern Verneinen erzählte O'Donnel die Schick⸗ ſale, welche ſeine Familie betroffen hatten, in ſtizzen⸗ haften Umriſſen. Der Obriſt behauptete bis zu Ende der Erzählung ein tiefes Stillſchweigen und ſchanderte über ſo viele, in einem einzigen Menſchen vereinte Bosheit. „Wollen Sie noch mehr Beweiſe, mein lieber Gely, für die Wahrheit meiner frühern Behauptung und für meine Anſicht von jenem hölliſchen Plane?“ fragte Lewis ernſt, als er ſeine Geſchichte geendigt hatte.„Wohlan, ſo werden Hunderte von geachteten Männern dieſer Inſel das von mir Geſagte beſtäti⸗ gen! Ich werde alle meine Verbündeten verſammeln, und hören Sie dann ſelbſt, ob ein Einziger anders über jenen Lord denkt, als ich.“ „Ich habe genug von ihm gehört,“ erwiderte Gely.„Ich betrachte Sie, mein lieber Baronet, im Namen der Regierung von jetzt an als Oberhaupt der verbündeten Irländer. Denn glauben Sie nicht, Sir Lewis, daß wir es aufgegeben hätten, Ihnen Beiſtand zu leiſten, weil es dieſes erſte Mal mißglückte! Ihre Freiheit iſt eng mit unſerm eignen Vortheile, welcher uns aus einem Bündniß mit Irland gegen unſere Erbfeinde entſteht, verknüpft, als daß das Directorium 1 nicht Alles aufbieten ſollte, Irland einen Platz unter Europa's ſelbſtſtändigen Nationen zu verſchaffen. Ver⸗ laſſen Sie ſich ganz auf den Bericht, den ich meiner Regierung abſtatten werde; danken Sie der Vorſeh⸗ ung für den Sturm, denn der Schaden, welchen er unſerer Flotte zugefügt hat, ſteht in keinem Verhält⸗ niß zu dem Unglück, welches er von dieſem Lande ab⸗ gewendet hat. Muth, mein Freund! Einige Monate ſpäter, was verſchlägt's? Es iſt Ihnen dieſe Friſt ſogar von großem Nutzen, da Sie die mehrſten Ihrer Maßregeln werden ändern müſſen. Aber Vorſicht und Schlauheit, dem Verräther ſo nahe gegenüber, dürfte vielleicht jetzt mehr als je zu empfehlen ſein, indem man nicht weiß, ob er es nicht vorzieht, durch feilen Verrath einſtweilen etwas auf Abſchlag an Beſitzthum zu erringen, da ihm die Erlangung der Statthalter⸗ würde wieder weiter hinausgerückt iſt. Er ſcheint mir nicht der Mann langdauernder, tiefliegender Pläne, ſondern mehr, gleich dem gemeinen Wucherer, nur darauf bedacht, Nutzen aus jedem Ergebniß des Au⸗ genblicks zu ziehen.— Nehmen Sie jetzt dieſe Papiere, Sir Lewis,“ ſo ſchloß der wieder zur frühern guten Laune zurückgekehrte Franzoſe;„ſie mögen Ihnen zur Zeit der Noth als ein Palladium dienen! Mit den eig⸗ nen Waffen des Elenden ſind Sie ja nun jeden Au⸗ genblick im Stande, den Verräther zu Boden zu ſchmettern, ſobald er es wagen ſollte, Ihnen in offe⸗ ner Feindſchaft gegenüber zu treten.“ Und ſich zu Dupont wendend, ſagte er:„Ich denke, ſo iſt unſre, mit einer ſchändlichen Zweideutigkeit bedrohte Ehre ge⸗ rettet, und wir dürfen nun ohne Mißtrauen fröhlich s Freunde beiſammen ſein.“ Die vier Männer beſprachen noch manche Maß⸗ regel, welche die Dringlichkeit der Umſtände und die 93. ſo ſehr veränderte Lage der Dinge erforderten. Sie waren zu ſehr davon überzeugt, daß der Mann, wel⸗ cher kein Bedenken trug, die niedrigſten Mittel in Verfolgung ſeiner ehrgeizigen und habſüchtigen Pläne anzuwenden, dem Nichts heilig war, wo es ſein In⸗ tereſſe galt, keinen Augenblick zaudern würde, ſelbſt den Abgeſandten der Nation, mit welcher er auf das feierlichſte unterhandelt hatte, zu opfern, wenn ihm ein Zufall deſſen Anweſenheit in Irland verrieth; ſobald er nur die Ueberzeugung gewinnen würde, daß er durch dieſes neue Verbrechen irgend einen andern bedeuten⸗ den Vortheil ſichrer und ſchneller erreichen könne, als durch einen in ſpäterer Zeit wiederholten, zweifelhaften Landungsverſuch, wenn auch die Lordlieutenantsſtelle in ihrem Hintergrunde den Reiz noch immer nicht für ihn verloren hätte. O'Donnel unterließ daher ſchon deshalb nicht, ſei⸗ nen wenigen Dienern, auf deren Treue er ſich um ſo mehr verlaſſen zu dürfen glaubte, weil ſie faſt alle aus Eingebornen von Dunmoore beſtanden, deren An⸗ hänglichkeit an ſeine Familie und Perſon er bei mehr als einer Gelegenheit zu prüfen Gelegenheit gehabt hatte, die nöthigen Weiſungen zu geben, falls man ſich nach fremden Perſonen auf dem Jagdhauſe bei ihnen erkundigen ſollte. Sodann legte er die von. Gely erhaltenen Papiere unter Siegel und verwahrte ſie an einem Orte, zu welchem ahßer ihm ſelbſt nur Michaul Dahna der Zugang bekannt war. Als nach allen dieſen Vorkehrungen und Verabredungen Wirth und Gäſte ſich für's erſte geſichert glaubten, führte O'Donnel, ſobald die Mittagstafel vorüber war, die von ſo vielen ausgeſtandenen Mühſeligkeiten und Ge⸗ fahren ermüdeten Krieger in ein dicht an das ſeinige gränzendes Schlafgemach, wo bereits Schlafſtätten ein⸗ 94 gerichtet waren, während er ſelbſt dem Heere von Ge⸗ danken nachhing, welches ihn nothwendigerweiſe nach den von Geély erhaltenen Aufſchlüſſen beſtürmen mußte. Bei der Abendtafel deutete der Obriſt darauf hin, ob der Baronet die erhaltenen Papiere nicht gegen Lord Kildare benutzen wolle; doch dieſer verwarf einen ſol⸗ chen Vorſchlag mit entſchiedenem Unwillen.— „Die Schande des Angebers,“ ſagte er,„der, ſelbſt ein Theilnehmer oder Mitwiſſer um irgend eine Verbindung, daran zum Verräther ward, um ſein be⸗ drohtes Leben zu retten, würde mit Schimpf meinen Namen brandmarken, der bis jetzt mit Achtung und Bedauern in Irland genannt wurde.“ Keine Rache an dem Vater nehmen zu wollen, hatte er überdies ſeiner theuern Eliſabeth gelobt. Pflicht, Ehre und Liebe, die letztere um ſo reiner und veredel⸗ ter, als ſie ſo ganz ohne Hoffnung war, bezeichneten dem edlen Irländer die Bahn, welche er unter ſo ver⸗ wickelten Umſtänden einzuſchlagen hatte. Mit einer Würde und Entſchloſſenheit, die Sir Lewis in der Achtung der Franzoſen um ſo höher ſtellte, als das Volk, dem ſie angehörten, nichts mehr ſchätzt, als jene edle, ans Romantiſche gränzende Ritterlichkeit, worin es ihm ſo leicht kein anderes zuvorthut, erklärte er ſeinen feſten Entſchluß, den Lord dem Walten des Fatums zu überlaſſen und den einmal betretenen Weg, ſo wie die Liebe zum Vaterlande ihm denſelben vorge⸗ zeichnet habe, unabweichbar fortzugehen. „Alles verloren, Ehre gerettet! iſt mein Wahl⸗ ſpruch, ſowie der Ihres Volkes, meine Herren!“ rief er am Schluſſe der Argumente, welche er denen der beiden Franzoſen entgegengeſtellt hatte„Mit ihm will ich leben und kämpfen und— ſterben, wenn es nicht anders ſein kann, nachdem alle Bemühungen der Gut⸗ 95 geſinnten in Irland, dem Vaterlande ein beſſeres Loos zu verſchaffen, mißglückt ſind. Die Rache jedoch ſoll keinen meiner Schritte leiten, und zum Kampf für eine ſo hehre Sache muß keine Leidenſchaft den Streiter treiben, ſobald er die Gnade hofft, die der Allmäch⸗ tige den unterdrückten Völkern nicht für immer ent⸗ zieht.“— Auch den Vorſchlag des Obriſten und die daraus entſpringenden, freundlich dringenden Bitten Duponts und des Bruders, mit ihnen nach Frankreich bis auf günſtige Zeiten zurückzukehren, ſchlug der furchtloſe Mann unter dem Vorwande ab, daß er, ohne in ſteter Verbindung mit dem Vaterlande zu bleiben, au⸗ ßer Stande ſein würde, die Kräfte, welche er bisher ſo ſorgſam zuſammen zu halten bemüht geweſen, dis⸗ ponibel zu erhalten, wovon der Erfolg der nächſten Expedition, welche er von Frankreich her erwarte, we⸗ ſentlich bedingt ſein würde. 12 Reue plne für die nächſte Zukunft. Am Spätabend des folgenden Tages ſtellte ſich noch ein Gaſt auf Greenlodge ein; es war Dermot Laing, der bei ſeinen Verbündeten in der Grafſchaft Cork mehre der dort einquartirten, franzöſiſchen Sol⸗ daten und Seeleute geſprochen und von ihnen erfah⸗ ren hatte, daß der Kapitän Dupont mit Oliver O'Donnel das Jagdſchloß ihres Verwandten ſich zum 96 Zufluchtsort auserſehen hätten. Er war überraſcht, auch den Obriſten Gely dort zu finden und Kildare's nicht geahnte Verrätherei ſowohl an der Regierung, als am Volke zu vernehmen. Das nächſte Intereſſe drängte die engverbündeten Freunde zur Entwerfung neuer Pläne. Die Irländer wie die Franzoſen ſahen die vereitelte Landung der Flotte jetzt für ein Glück an und beſchloſſen, ferner vor⸗ ſichtiger zu ſein und jeden Plan zu einer neuen Landung ſorgfältig vor Kildare zu verbergen. Theils, um mög⸗ lich fern von Kildare's Wohnſitz zu landen, ſo daß ihm jede Gelegenheit zu Machinationen genommen, theils, um das Schickſal einer zweiten Landung nicht abermals vom böſen Zufall eines Sturms abhängig zu machen, ſtimmten Alle überein, einen mehr nörd⸗ lichen Hafen zu wählen. „Mein früherer, dem General Hoche gemachter Vorſchlag,“ bemerkte O'Donnel,„die franzöſiſche Flotte in der Bantry⸗Bay landen zu laſſen, wurde nicht nur ch meinen Aufenthalt hier, ſondern vorzüglich durch Umſtand beſtimmt, daß die Grafſchaft Cork am mit Unzufriedenen bevölkert iſt. Kildare ſcheint hnlichen Gründen dieſem meinen Vorſchlage durch ſeinen Agenten in Paris beigetreten zu ſein, wie aus einem der Papiere hervorgeht. Alle dieſe Rück⸗ ſichten haben ſich geändert. Kildare darf von fernern Beſchlüſſen nichts erfahren; die nördlichen Grafſchaften ſind nicht minder für die Revolution und Abwerfung des engliſchen Jochs; die ſüdlichen Häfen ſind ſorgfäl⸗ tig bewacht, und die ohnedies ſchwer zugängliche Ban⸗ try⸗Bay wird durch eine engliſche Flotte, die nicht lang auf ſich warten laſſen wird, jedem feindlichen Eindringen gänzlich verſchloſſen ſein. 4 „Was hindert uns,“ nahm Laing das Wort,„ei⸗ „ nen der Gründe, der Dich bei der frühern Beſtim⸗ mung leitete, auch bei der jetzigen gelten zu laſſen? Du haſt eine Beſitzung, an der Bantry⸗Bay gelegen, die einen ſtillen Einfluß auf die Umgegend möglich machte; Du haſt auch eine Beſitzung an der Killala⸗ Bay im Norden, das Erbe Deiner Mutter, und ein kurzer Aufenthalt dort wird Dir bald alle Herzen der Landleute zukehren, wie ſie Dir hier ergeben ſind. Die vielen Landſeen und Sümpfe der dortigen Niede⸗ rungen bieten dem liſtigen und gewandten Bewohner jener Gegenden die herrlichſte Gelegenheit dar, das durchſchnittene Terrain im kleinen Kriege mit Vortheil gegen die Königlichen zu benutzen. Es iſt unmöglich, daß reguläre Truppen dort gegen den allgemeinen Volksaufſtand etwas ausrichten können, und das ans Land geſetzte franzöſiſche Armeecorps kann von dort aus in wenigen Tagen die Hauptſtadt erreichen, ehe die Rothröcke, deren größter Theil doch hier im Sü⸗ den bei uns cantonirt, nur zur Hälfte aufbrechen und hinanziehen.“ Laings Meinung fand vielen Beifall; der Baro⸗ net legte die genaueſten Specialkarten der vaterländi⸗ ſchen Inſel vor, und die kriegserfahrnen Männer ent⸗ warfen einen vollſtändigen Operationsplan nach allen Regeln der Strategie und Taktik, nach welchem die Irländer handeln ſollten, ſobald die nächſte Flotte am Lande erſcheinen würde, deren Auslaufen aus den franzöſiſchen Häfen nach des Obriſten und des Haupt⸗ manns Meinung ſobald als möglich im Frühjahr ſtattfinden könnte. Das heimliche Beiſammenleben auf Greenlodge wurde durch O'Neils Erſcheinen unterbrochen. Ein⸗ gedenk des früher bei ihm ausgeſprochenen Entſchluſſes der Franzoſen, ſobald es das Wetter erlaube, die In⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 7 98 ſel wieder zu verlaſſen und nach ihrem Vaterlande zurückzukehren, ſtellte er ſich ein, um auf den guten Wind aufmerkſam zu machen, zu melden, daß John Boyle bereits mit den meiſten Uebrigen glücklich ab⸗ gefahren ſei, und anzufragen, wann O'Donnels Gäſte aufzubrechen gedächten. „Ein guter Seemann, Gentleman,“ ſagte der Lootſe,„benutzt den erſten günſtigen Wind, ſobald ein Fahrzeng zum Segeln fertig iſt. Ich habe ſchon oft erlebt, daß die Fahrt nicht glücken wollte, ſobald der erſte günſtige Augenblick vorüber war. Es drängt mich ohnehin, dieſes Geſchäft noch abzumachen; es könnte leicht mein letztes ſein in dieſen Gewäſſern.“ „Wie?“ fragte O'Donnel,„Ihr wollt uns ver⸗ laſſen, Evans, wollt die Sache Eueres Vaterlandes wohl gar aufgeben?“ Da lächelte der einäugige Mann mit ſeinem zer⸗ fetzten Geſicht recht bitter.„Aufgeben?“ fragte er in einem ironiſchen Tone.„Haben Sie ſo ganz vergeſ⸗ ſen, Sir Lewis, was ich in den Höhlen der Teufels⸗ mauer in jener ſchlimmen Nacht zu Ihnen geſprochen, die uns Allen den Untergang drohte? Die Ereigniſſe der jüngſten Zeit haben mir das Bischen Hoffnung, das ich noch auf Hülfe von Andern ſetzte, geraubt. Alle Ihre Vertröſtungen gingen auf die franzöſiſche Flotte, das hab' ich ſpäter einſehen gelernt; in jener Nacht verſtand ich Sie nicht. Was hat ſie uns ge⸗ holfen? Der Himmel hat Ihren Troſt ſelbſt vernich⸗ tet, den ſichern Ankergrund unter Ihrem Schiffe hin⸗ weggeſpült, um uns recht klar vor die Augen zu führen, daß der Irländer ſich ſelbſt helfen müſſe. Und für⸗ wahr, ich werde ſeinen Wink befolgen; alle die frü⸗ hern Bilder ſind in mir erwacht, friſcher, kräftiger, und mein Vorſatz ſteht unabänderlich feſt.“ 99 „Und was habt Ihr vor, alter, wunderlicher Mann?“ fragte O'Donnel betrübt. „Sir Lewis, nehmen Sie es mir nicht übel; ich habe noch nicht nach Ihren Plänen und Vorhaben gefragt. Keiner hat in Irland ſo viel gelitten, wie ich; Keiner hat weniger zu verlieren, als ich; Keiner iſt befähigter, einen entſcheidenden Schritt zu thun, als ich. Ich habe nun das Letzte abgewartet, die franzö⸗ ſiſche Flotte. Es hat auch nicht gezogen; ſo geſchehe denn, was mir ſtets als nothwendig erſchien. Erſt will ich aber die Herren an die Küſten des glücklichen Frankreich hinüber bringen.“ „Ich denke, wir brechen morgen Abend auf, ſo⸗ bald es dunkelt. Wir verfolgen von hier aus den ſtei⸗ len Gebirgszug bis nach Cap Crow. An der äußer⸗ ſten Spitze erwarteſt Du uns.“ „An der Spitze möchte es gefährlich ſein, aber weſtlich, eine gute Meile von der Spitze, liegt eine tiefe, felſige Bucht, der Kuhſtall genannt, dorthin füh⸗ ren Sie die Herren, Sir Lewis; man ſteigt von ei⸗ ner Felſenplatte herab, freilich etwas unbequem, aber die Kreuzer aus der Kenmare⸗ und Bantry⸗Bay ſchie⸗ ßen da vorüber; wir können den günſtigen Zeitpunkt zum Auslaufen ruhig abwarten. Sind Sie nur erſt bei mir an Bord, und liegen drei Meilen zwiſchen uns und der Küſte, dann mögen Sie immerhin ſa⸗ gen, wenn's Ihnen beliebt, Evans ONeil, jetzt rech⸗ nen wir auf Dich, und Sie ſollen ſich nicht geirrt haben im alten Seemanne. Aber ich habe ſeit geſtern auf meinen Wegen einen verdächtigen Kerl bemerkt, den ich nicht dazu bringen kann, ſeine Flagge zu zei⸗ gen. Wenn ich nicht falſch geſehen, ſo iſt's derſelbe, der mir ſchon früher einige Mal an dieſen Küſten be⸗ 7* 100 gegnet und von dem ich mein Fahrwaſſer auf ewige Zeiten gereinigt zu haben glaubte.“ „O, Du meinſt Henderſon, den engliſchen Diener des Lord Werford!“ ſagte O'Donnel lächelnd. „Ich glaube, es iſt derſelbe. Er lugt umher, wie der Kapitän eines Kapers, dem die Regierung ſo eben den Freibrief unterſiegelt hat. Ich möchte ihm lieber zur See begegnen, Sir Lewis, als hier auf dem Lande in der Umgegend von Greenlodge.“ „Schlagt Euch die Grillen aus dem Sinn, al⸗ ter Seelöwe, von denen, ſeltſam genug, oft die Kühn⸗ ſten Eueres Gewerbes auf dem Lande heimgeſucht wer⸗ den. Ich ſollte glauben, der Kerl hätte an dem Ver⸗ gißmeinnicht genug, das Ihr ihm bei Euerem letzten Abſchiede mit Eueren zarten Händen reichtet, um ſich nach der Erneuerung Euerer Bekanntſchaft eben ſehr zu ſehnen.“ „Sie haben Recht, Sir! was kümmert mich der Buntſpecht, und mich wird er wohl auch ungehudelt laſſen; ich meinte nur, er könnte unſern Freunden, den Herren Franzmännern, ſchaden.“ „Die hab' ich heimlich genug gehalten und ge⸗ denke, dies auch morgen noch zu thun. Hernach ver⸗ traue ich ſie Euch an.“ „Und da ſind ſie auch gut aufgehoben. Alſo morgen Abend im Kuhſtall erfreuliches Wiederſehen! Leben Sie wohl, Sir O'Donnel und Sir Laing! Le⸗ ben Sie wohl und ſeien Sie glücklich, wenn wir uns nicht wiederſehen ſollten! Wünſchen Sie auch mir Glück! Ich bedarf es. Sie werden von mir hören.“ Mit dieſen dunklen Worten ging der ſtarke Mann von dannen. „Was mag er vorhaben?“ fragte O Donnel ge⸗. dankenvoll ſeinen Freund Laing. 101 „Ich glaube es zu wiſſen,“ verſetzte dieſer.„Schon hat er bei ſeinen und unſern Freunden in der Graf⸗ ſchaft Cork ähnliche, geheimnißvolle Reden geführt, und man hat von ihm herausgebracht, daß er mit einem großen, blutigen Plane ſchwanger geht. Viele vermuthen— und ich zähle mich dazu— daß er den Lord Statthalter in Dublin ermorden will.“ Wie ein Blitz durchzuckte dies Wort des Baro⸗ nets Geiſt.„Ja, Du haſt Recht!“ rief er erſchreckt. „Ueber nichts anders brütet er. Beim allmächtigen Gott, ich hätte, mir ſeine Reden in der Teufelsmauer zurückrufend, von ſelbſt darauf verfallen können; er ſprach es ja ziemlich deutlich aus. Bei allen Heili⸗ gen, eine ſolche unbeſonnene und frevelhafte That würde uns Alles verderben. Dieſer Mann mit ſeinen engen Begriffen hält den Lord Gouverneur für die Quelle oder Urſache unſeres Unglücks. O Himmel! die Dummheit unſrer Freunde wird uns noch elen⸗ der machen, als die Bosheit unſrer Feinde. Laing, Laing! wir müſſen dieſe That des bornirteſten Fana⸗ tismus nach Kräften zu vereiteln ſuchen.“ „Aber wir können doch den wackern und unfrer Sache ſo förderlichen Evans unmöglich vor dem Lord Statthalter compromittiren!“ rief Laing ängſtlich. „Nein, das wollen wir nicht. Ich ſchreibe Lord Corhampton einen Brief, entdecke ihm, daß ein An⸗ ſchlag auf ſein Leben beſteht, und warne ihn vor al⸗ len Seel euten. Dann wird er ſchon ſeine Vorſichts⸗ maßregeln treffen. Du aber überbringſt ihm den Brief ſelbſt und kannſt nebenbei Manches für Dich aus⸗ richten.“ „Dies läßt ſich hören! Ich habe ohnedies lange Gelegenheit geſucht, mit dem Lord Statthalter friſch von der Leber zu ſprechen. Hilft es nichts, ſo ſcha⸗ det es auch weiter nichts. Hier bietet ſich von ſelbſt die Gelegenheit. Ich ergreife ſie.“ Lewis ſchrieb den Brief, und Laing reiſte ſchon vor Tagesanbruch von Greenlodge ab, nachdem er herzlichen Abſchied von den Franzoſen genommen. 13 Herausforderung zum Duell. Ungeachtet der dringendſten Vorſtellungen, welche Lord Kildare dem Obriſten Wexford gemacht hatte, ſich der Perſon O'Donnels auf den Grund der von Henderſon gemachten und durch Tims Ausſage beſtä⸗ tigten Anzeigen zu bemächtigen, ſo glaubte derſelbe doch ſeiner Pflicht ſchon dann vollkommen genügt zu haben, wenn er den Baronet unter ſtrenge Aufſicht 4 nehme, von dem Vorfall Anzeige bei der Behörde mache und die weitern Befehle im Betreff der gegen den Baronet zu thuenden Schritte abwarte. „Das iſt für einen Kriegsmann keine ſo ange⸗ nehme Sache, Mylord!“ hatte er ihm zuletzt faſt un⸗ willig geſagt.„Es kann wohl ſein, daß Sie ſich das Geſchäft eines Häſchers leichter denken, als wir An⸗ dern. Ich habe Vorkehrungen getroffen, daß O'Don⸗ nel nicht entfliehen kann. Warten wir nun die wei⸗ tern Verfügungen aus der Hauptſtadt ab!“ Lord Wepford, eben ſo eiferſüchtig auf ſeine Ehre als ſeinen Muth, wollte die Zwiſchenzeit benutzen, ſeinem Gegner die verlangte Genugthuung zu geben. 103 Er ließ daher an demſelben Morgen, der zur Abreiſe der franzöſiſchen Offiziere von Greenlodge be⸗ ſtimmt war, an den Mann, dem er in ſeinem In⸗ nern die Hochachtung nicht verſagen konnte, ſo ſehr er auch ſowohl ſeiner Liebe als ſeinen politiſchen Mei⸗ nungen im Wege ſtand, eine ſchriftliche Einladung er⸗ Phen, ſich an einem näher bezeichneten abgelegenen Orte am weſtlichen Abhange des Gebirges ohnfern der Heideſchenke einzufinden, um die geforderte Genug⸗ thuung zu gewärtigen. „Ich habe gehört, Sir Lewis ſei ein firmer Pi⸗ ſtolenſchütz',“ ſo ſchloß das Schreiben des Lords,„ich habe daher dieſe Waffen um ſp lieber gewählt, da der hohe Preis dieſes Kampfes gewiß jeden von uns zum höchſten Beſtreben anfeuern wird, die Stelle des Geg⸗ ners zu treffen, die allein ſchon die Quelle einer un⸗ verſöhnlichen Feindſchaft zwiſchen uns ſein würde, wenn uns auch nicht die Verſchiedenheit unſrer politiſchen Meinungen zu ewigen Antipoden und natürlichen Fein⸗ den gemacht hätte.“— Kaum war indeſſen die Ordonnanz zurück, wel⸗ che Werfords Schreiben an O'Donnel nach Green⸗ lodge und deſſen Einwilligung, die Ladung anzuneh⸗ men, an den Obriſten überbracht hatte, als auch ſchon ein Staatsboote mit Depeſchen vom Statthalter aus Dublin gemeldet wurde. Der Obriſt, dem die Mißbilligung nicht entgan⸗ gen war, mit welcher die Offiziere ſeines Regiments ſein Benehmen gegen O'Donnel am Morgen nach dem Brande von Lindſayhall aufgenommen, hatte ſie gerade alle bei ſich verſammelt, um ihnen ſein Vor⸗ Uaben zu eröffnen. „Zwei der Rädelsführer, welche den ſchändlichen heberfall auf Lindſayhall ausführen halfen, die im Gefängniß ihrer verdienten Strafe entgegen ſitzen,“ redete er zu den Herren,„haben als ſtreng gläubige Katholiken auf die Hoſtie geſchworen, daß Sir Le⸗ wis nicht den entfernteſten Antheil an jenem Ver⸗ brechen der Weiß⸗Jungen genommen hat, ſo wie ich es damals vermuthete. Sie konnten mir es nicht ver⸗ denken, meine Herren, daß ich dem Baronet die von demſelben verlangte Genugthuung ſo lange verſagte, bis der geringſte Zweifel an ſeiner Ehre gehoben war. Ich halte ihn jetzt für einen Gentleman, der werth iſt, ſo gut wie einer von uns, den Rock Sr. Maje⸗ ſtär zu tragen, und habe ihm daher das Rendezvous, um welches er mich gleich damals bat, auf heute Nachmittag am Gebirge nicht weit über der dun⸗ moorer Heide zugeſagt, damit die Waffen die ſeit je⸗ ner Nacht zwiſchen uns obwaltende Differenz auf ehren⸗ volle Weiſe beſeitigen.“ „Wir haben es nicht anders von unſerm ritterli⸗ chen Anführer erwartet,“ ſagte ein alter Kapitän, wäh⸗ rend ſich in den Zügen aller Uebrigen unverkennbarer Beifall zu des Obriſten Worten ausdrückte. „Und Sie, Kapitän Howard,“ fuhr der Obriſt, ſich zu dieſem beſonders wendend, fort,„erſuche ich, Ihrem Freunde Ihre Dienſte als Zeuge anzutragen, und dies als eine Art von Genugthuung für Sie ſelbſt zu betrachten, daß ich O'Donnel— damals wenig⸗ ſtens— zu viel that.“ „Sir Lewis hat mich für den Fall ſchon früher darum erſucht,“ verſetzte der Angeredete mit ernſtem Tone. „Nun ſo erfüllen Sie den von Ihnen gewünſch⸗ ten Dienſt ohne alle Scheu. Mein Ehrenwort wird Ihnen hoffentlich genügen, womit ich Sie verſichere, daß dadurch keine Aenderung in meiner vortheilhaften Meinung von Ihnen hervorgeht. Ich erkläre den für einen Schurken, der nur einen Augenblick Bedenken trägt, zur Herſtellung verletzter Ehre zu wirken, mö⸗ gen auch die politiſchen Meinungen ſein, welche ſie wollen. Das iſt eine Obſervanz im britiſchen Reiche, die der Geiſt des Volks erzeugte, von der einen recht⸗ ſchaffenen Mann ſelbſt die ſtrengen Geſetze der Mag⸗ nacharta nicht entbinden können.“ Der eintretende Henderſon meldete, daß der Staats⸗ bote auf die Entſchuldigung des Obriſten rechne, wenn er Se. Herrlichkeit nochmals dringend erſuchen laſſe, die für ihn beſtimmten Papiere in Empfang zu neh⸗ men, weil er von der Stunde ſeiner Ankunft bei ſei⸗ ner Rückkehr Rechenſchaft abzulegen habe. „Ich bin bereit, den Herrn zu empfangen!“ wandte ſich der Obriſt zum Diener; dann zu den Offizieren:„Es war mir daran gelegen, dies Geſchäft unwiderruflich zu arrangiren, ehe ich den Mann oder die Nachrichten, welche er mir bringt, geſehen hatte.“— Kaum hatte Lord Werford mit flüchtiger Eile die ihm von dem Abgeordneten überreichten Papiere überſehen, als er den Mann, deſſen ganzes Aeußere die Schnelligkeit verkündigte, mit welcher er ſeinen Weg gemacht hatte, mit den Worten anredete:„Ich vermuthe, Sir, Ihr Geſchäft iſt mit der Entledigung Ihrer Sendung an mich, ohne daß Sie etwa noch weitere Aufträge an andere Behörden haben, abge⸗ macht.“ „Es iſt ganz ſo, wie Sie zu ſagen belieben, My⸗ lord,“ erwiderte jener. „Nun, ſo will ich nicht ſäumen, Ihnen den Em⸗ pfangſchein auszuſtellen, woran Ihnen zu Ihrer un⸗ geſäumten Rückkehr gelegen ſein muß,“ fügte der Obriſt 106 hinzu, indem er ſich an ſeinen Schreibtiſch ſetzte und mit raſcher Hand die Schrift aufſetzte, wodurch er den Empfang der ihm aus der Staatscanzlei zugeſchickten Befehle beſcheinigte. „Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, meine Herren,“ nahm er dann nach einer kurzen Pauſe, als der Bote ſich entfernt hatte, das Wort wieder auf; „Sir Lewis iſt auf den Grund, daß er drei feindliche Offiziere bei ſich verborgen halten ſoll, der Conſpira⸗ tion gegen Sr. Majeſtät Regierung verdächtig, ange⸗ klagt, und mir iſt der Auftrag, der jetzt doppelt un⸗ angenehme Auftrag geworden, denſelben als Gefangenen zugleich mit den feindlichen Agenten nach Dublin zu ſenden, da die Habeascorpus⸗Aktes) ſuspendirt iſt, und der gewöhnliche Weg des Rechts nicht bei ihm ver⸗ folgt werden ſoll. Doch dieſer mißliche Umſtand än⸗ dert durchaus nichts in der Sache, die wir ſo eben beſprochen haben. Ein Andrer dürfte vielleicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, ſich einer ſolchen kitzlichen Angelegenheit zu entziehen; O'Donnel ſoll jedoch nicht die Freude haben, Lord Werford der Feig⸗ heit oder des Mangels an Lebensart zu beſchuldigen. Noch frei ſich wähnend, ſoll er mir gegenüber ſtehen. Wer weiß, vielleicht befreie ich ihn von ſeinen irdi⸗ ſchen Banden und er dankt es mir wohl ſelbſt einmal jenſeits, daß er aus meiner Hand einen ehrenvolleren Tod empfangen hat, als der iſt, der ſeiner wartet, *) Das Geſetz, wonach kein Brite, ohne Angabe der Urſachen, verhaftet werden kann. Dieſes Geſetz kann nur durch einen Parlamentsbeſchluß in außerordentlichen Fällen und drangvollen Zeiten— und dann nur auf kurze Friſt— aufgehoben werden. 107 wenn ſich der auf ihm laſtende Verdacht beſtätigen ſollte. Im andern Falle, Kapitän Howard, ertheile ich Ihnen hiermit den Auftrag, ſich ſowohl der Per⸗ ſon Ihres Freundes, als ſeiner Papiere und der Fran⸗ zoſen, die ſein Unſtern herbeigeführt, zu bemächtigen. Nehmen Sie dieſes als einen Beweis meines Ver⸗ trauens, und wie ich zugleich, was in meinen Kräften ſteht, gern dazu beitragen will, die Gefangenſchaft ei⸗ nes Gentleman, den ein Ehrenmann, wie Sie, ſeinen Freund nennt, ſo viel als möglich zu erleichtern, eines Gentleman ſag' ich, den Sie alle, meine Herren, mit Ihrer Achtung beehrt haben, und daher des Verbre⸗ chens, deſſen er bezüchtigt wird, für nicht fähig halten können,“ ſetzte er mit einem Anflug von Zronie hinzu, „obgleich ich immer meine eignen Gedanken, ſowohl bei dem Treiben O'Donnels, als auch bei den mehr als freimüthigen Aeußerungen deſſelben gehabt habe. Ich haſſe ihn und mache kein Hehl daraus, weil er, wie Ihnen bekannt ſein mag, ein mächtiger Rival und, wie es mir immer deutlicher wird, ein unüberſteigli⸗ ches Hinderniß bei meinen Bewerbungen um eine Dame iſt, welche ich anbete. Aber da es jetzt ſo mit ihm kommt— weiß Gott, wie es zugeht!— da fällt mir wieder unter den wenigen, welche ich leider behal⸗ ten habe, der Spruch ein, den uns der alte Rector zu Eaton College ſo oft vorpredigte, wenn ein Schü⸗ ler den andern anſchwärzen wollte: Quilibet praesu- mitur bonus, donec probetur contrarium*). Und deshalb will ich mich auch mit ihm ſchlagen. Was Pflicht, Ehre und Gewiſſen jedem ächten Briten zum ) Jedermann iſt für brav 5u halten, bis das Gegen⸗ theil erwieſen iſt. * ℳ 1 108 Geſetz gemacht haben, ſoll keiner einen Augenblick ſäu⸗ men zu erfüllen. Ihr Ehrenwort, Kapitän Howard, daß O'Donnel kein Wort früher von dem erfährt, was der Dienſt der Regierung von uns erheiſcht! Denken Sie nicht minder, mein Herr, an den Spruch: England erwartet, daß Jedermann ſeine Schuldig⸗ keit thut. „Major Norton, laſſen Sie durch Piquets O'Don⸗ nels Schloß und deſſen Umgegend ſcharf bewachen, ſo daß ſich Niemand daraus entfernt, als O'Donnel und etwa einer ſeiner Diener zu der zum Zweikampf beſtimmten Zeit, zu welcher ich Sie ſelbſt als meinen Secundanten auf dem Bergrücken auf dem Wege nach Lindſayhall erwarte. Um jene Zeit ſollen ſich keine unſrer Leute zeigen. Nur Offiziere beſorgen dann die Aufſicht über Greenlodge. Das Uebrige ſpäterhin iſt Ihre Sache, Howard. Ich fühle, Ihr Geſchäft iſt das ſchwerſte, aber es iſt auch das ehrenvollſte, und der König mag dem Manne, der hier nicht wankt, das Schwierigſte in ſeinem weiten Reiche hinfüro ſichrer als jedem Andern anvertrauen.“— Die Offiziere empfahlen und zerſtreuten ſich, um den erhaltenen Befehlen nachzukommen. 109 Die Warnung.„ Um dem Freunde jede Verlegenheit hinſichtlich ſeiner fremden Gäſte zu erſparen, ſchrieb Howard einige Zeilen an O'Donnel, worin er ihm meldete, daß er ihn um drei Uhr Nachmittags auf Greenlodge abho⸗ len wolle. Genau um die angegebene Zeit hielt der Kapitän an der innern Barriere des Waldſchloſſes und ſchickte ſeinen Reitknecht hinein, um den Baronet zum Auf⸗ bruche aufzufordern. Sir Lewis erſchien ſogleich ſelbſt, um den Freund zum Abſteigen und Einkehren einzu⸗ laden; doch dieſer ermahnte, da ſie faſt zwei Stun⸗ den angeſtrengten Ritt haben würden, ehe ſie an dem vom Obriſten beſtimmten Orte ankommen dürften, weshalb jeglicher Verzug zu vermeiden ſei, zum Auf⸗ bruch und entging dadurch der Nothwendigkeit, in das Schloß eintreten zu müſſen. „Wahrlich!“ ſagte O'Donnel,„Seine Herrlich⸗ keit hätten es näher haben können. Die Sache wäre eben ſo gut ein paar hundert Schritte von hier ab⸗ wärts am Strande abgemacht worden. Wozu nur der weite Weg?“ „Beſtimmt kann ich freilich den Grund dieſer Wahl nicht angeben,“ verſetzte Howard,„doch glaube i ihn zu ahnen oder vielleicht errathen zu haben. Von jener Heideſtelle des Gebirges, die ſich Lord Wer⸗ ford zum Zweikampfe auserkoren und die mir eben ſo gut bekannt iſt, wie Dir, ſieht man gerade vor ſich, in der Ferne unten, das alte Schloß Lindſayhall, die ümmer d 1 der neuen und den Park; die Fenſter ten Schloſſes ſind dem Gebirge zu⸗ will Werford im Angeſicht der Da⸗ 8. llen er doch eigentlich in den Kampf geht, recht als ein ächter Ritter für ſeine Liebe ſeine Tapferkeit bewähren. In ſeinem Kopfe ſpuken noch chevalereske Ideen, der Mann iſt um drei Jahrhun⸗ derte zu ſpät gekommen; deshalb kann er ſich auch nicht in unſre Zeit finden. Der Anblick des Schloſſes, wo der ſchöne Preis des Kampfes wohnt— wenig⸗ ſtens ſtellt ſich ſeine ritterliche Phantaſie Miß Eliſa⸗ beth als ſolchen vor— wird ſeinen ſchwärmeriſchen Muth erheben, und ſelbſt im Falle, daß ihn das un⸗ glücklichſte Lvos träfe, träumt er ſich im Angeſicht von Lindſayhall ſchöner ſterben zu können.“ „Du magſt Recht haben,“ entgegnete der Baro⸗ net, bitter lächelnd.„Und wer würde mir verwehren, mich gleichen Gefühlen und Träumereien hinzugeben? Und hätte ich nicht weit gegründetere Urſache dazu? Ach! aber mir flieht vor dem kalten Ernſt des Lebens jede bunte Täuſchung. Lord Werford hat einen ſchwe⸗ ren Kampf; denn ihm, dem verſpäteten Nachhall der ſchwärmeriſchen Ritterzeit, ſteht in meiner Perſon die nüchterne Jetztzeit mit ihrer kalten Beſonnenheit, ihren vernünftigen Schlüſſen und ſtürmiſchen Forderungen gegenüber.“ Der Reitknecht führte das Pferd vor, und Sir Lewis ſprach noch heimlich mit Michaul Dahna. Es waren Verhaltungsbefehle hinſichtlich der Führung ſei⸗ ner Gäſte nach dem Kuhſtall, die er, ſelbſt daran ver⸗ hindert, keinem Andern vertrauen konnte und mochte, als Michaul. In den Augen deſſelben glänzte un⸗ ausſprechliche Freude; es war der erſte Dienſt, den der Baronet wieder von ihm forderte, und das neue 111 und große Vertrauen deſſelben erhob ihn voy ſich ſelbſt, ehrte ihn und erfüllte ſein Herz mit ohem Glück. Er verſprach Alles aufs Beſte zu beſorgen, und Lewis warf ſich, über dieſen Punkt ganz beruhigt,* in den Sattel und ſprengte an der Seite ſeines Freun⸗ des davon. Ihr ſcharfer Ritt litt wenig Unterhal⸗ tung, doch war die liebe Jugendzeit, wenn ſie die Pferde einmal langſamer gehen ließen, der Gegenſtand derſelben, und um Howards Mund zuckte bittre Weh⸗ muth, wenn er den Freund aus den heitern Farben der Vergangenheit Bilder der Zukunft weben ſah. So waren ſie in die Nähe des Kampfplatzes ge⸗ kommen und ſtanden eben im Begriff, von dem nach Dunmoore hinab laufenden Wege abzubiegen, als ſie ein Weib erblickten, welches, flinken Fußes dieſen Weg bergaufwärts verfolgend, ihnen entgegen kam und durch Zeichen und Rufen ſich ihnen bemerklich machte. O'Don⸗ nel erkannte ſogleich Sally ONeil in ihr und hielt ſein Pferd an. Mit wenigen Sätzen war das flinke Mäd⸗ chen bei ihm, zog einen Brief aus dem Buſen und hielt ihm denſelben mit den Worten entgegen:„Ich wollte zu Ihnen nach Greenlodge, Sir, und bin recht gelaufen; denn es war mir die möglichſt größte Eile auf die Seele ge⸗ bunden; deſto lieber iſt es mir, daßich Sie jetzt ſchon treffe.“ O'Donnel hatte die Züge der ihm ſo theuern Hand an der Aufſchrift ſchon erkannt und ſein Geſicht ſich verklärt; haſtig öffnete er das zierliche Brieflein und ſeine glänzenden Blicke durchflogen es, wie bunt⸗ gefiederte Vögel die duftgeſchwängerte Luft eines ſchö⸗ nen Frühlingsmorgens. „Ich kann in dieſem Augenblicke weder den guten Rath der Lady befolgen,“ wandte er ſich an Sally, „noch Dir eine beſtimmte Antwort geben, nicht einmal eine mündliche. Willſt Du, gutes Kind, hier aber „ ſ ——— —— 112 eine kleine Weile verziehen,— ich denke in einer halben Stunde wird Alles abgemacht ſein— ſo bin ich dann eher i Stan eine beſtimmte Antwort von mir zu geben, vder auch gar keine, und doch wird dies eben⸗ falls eine ſehr bündige Erklärung ſein. Jetzt habe ich ein unaufſchiebbares Geſchäft vor; dies muß erſt abgemacht ſein. Setze Dich auf dieſen Baumſtamm.“ Und ihr fieundlich zuwinkend, ritt er dem Kapi⸗ tän nach. „Sonderbar!“ ſagte er zu dieſem.„So eben ſchreibt mir Miß Eliſabeth Kildare, ich ſolle mich ſo eilig als möglich von Greenlodge entfernen und in ei⸗ nem ſchwer zu entdeckenden Verſteck verbergen; meine Freiheit, ja mein Leben ſeien in der größten Gefahr, und der Verzug einer Stunde könne mir verderblich werden. Ich ſei verkauft und verrathen. Sie ſei erſt heute hinter das unſelige Geheimniß, das mich bedrohe, gekommen. Auch ſoll ich ſogleich beſtimmte Antwort von mir geben, ob ich ihren Rath befolgen und wo⸗ hin ich mich flüchten will, damit ſie mir ſpäter aus⸗ führlichere Nachrichten geben könne, was ihr jetzt un⸗ möglich ſei, da die größte Angſt ſie dränge. Dieſer qualvolle Seelenzuſtand geht aus den flüchtigen Schrift⸗ zügen und den Beſchwörungen hervor, die ſie nieder⸗ ſchreibt, um mich zur Flucht zu bewegen. Was denkſt Du davon, Harry?“ „Daß es Deinen Feinden gelungen iſt, Dich beim Statthalter anzuſchwärzen, und daß man Dich, Gott weiß welch eines Verbrechens zeiht.“ „Aber darauf hin kann doch weder meine Freiheit noch mein Leben bedoht ſein? Stehe ich nicht unter britiſchem Geſetz, das meine Freiheit ſchützt, ſo lange die Klage von meiner Behörde nicht gegen mich er⸗ hoben iſt?“ 113 „So iſt Dir noch unbekannt, daß die Habeascor⸗ pus⸗Akte in Bezug auf rland abermals ſuspendirt worden iſt?“ „Ha, dann begreife ich!“ rief O Donnel erſchrocken, „dann iſt es freilich Zeit, den Rath meiner geliebten Eliſabeth ſo ſchnell als möglich auszuführen. Und fürwahr, ſobald ich mit Deinem Obriſten in's Reine bin, Harry, werde ich darauf bedacht ſein; komm' ich mit heiler Haut oder einem blauen Auge davon, ſo werde ich höchſtwahrſcheinlich einen andern Weg ein⸗ ſchlagen, als nach Greenlodge.“ Howard lächelte wieder bitter; es durchſchnitt ihm das Herz, den Freund, der ſchon gefangen war und es noch nicht wußte, in dem Wahne verharren laſſen zu müſſen, als ſei für ihn noch ein Entrinnen möglich. Auf der Wahlſtatt angelangt, verſank O'Donnel in tiefes Sinnen; es ſchien, als ging die Ahnung ſei⸗ nes Geſchicks, das verhüllt ſchon neben ihm ſtand und bereits die verhängnißvolle Hand auf ſein Haupt ge⸗ legt hatte, in dunkeln Schauern durch ſeine Seele. Er hielt dies aber für Todesahnungen, zog ſein Porte⸗ feuille hervor und ſchrieb emſig hinein. Dann ver⸗ ſchloß er daſſelbe wieder und übergab es dem Freunde mit den Worten:„Sollte ich fallen, Harry, ſo über⸗ ſchicke durch jenes Mädchen dies Portefeuille Lady Eli⸗ ſabeth nebſt einigen Papieren, deren Aufbewahrungs⸗ ort allein Michaul Dahna kennt. Der Befehl an Mic, ſie Dir auszuliefern, ſteht ebenfalls in dieſen Blättern. Du kannſt Alles leſen, eh' Du es der treuen Botin übergiebſt. Es iſt mein Vermächtniß an Lady Eliſabeth. Ich gebe ihr nichts Geringes mit dieſen Dokumenten. Denn ſie wird ſich dadurch in dem Beſitz eines Mannes beſtätigt ſehen, der ohne mich ſo gut als verloren für ſie war.“ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 8 4 . 3 ————— 114 „Ich verſpreche es Dir heilig, Dein Teſtament, ſelbſt im unglücklichſten Falle, an die edle Dame zu überbringen.“ 15. Das Duell. „Sieh dort den Obriſten mit Major Norton und den übrigen Herren Offizieren! Es iſt Zeit an das WMenſchliche zu denken, das mich in den nächſten Mi⸗ nuten treffen kann.“ Howard zuckte bei dieſen Worten zuſammen, doch O'Donnel ſah es nicht und führte den Freund ra⸗ ſchen Schrittes zu dem Platze hin, wo Lord Werford, eben vom Pferde geſtiegen, ſtehen blieb, um mit der Miene des Kenners das mit dem ſeinigen zugleich hin⸗ weggeführte Pferd des Majors zu muſtern. „Kehre noch einmal zurück, John!“ rief der Sol⸗ dat mit unbefangener Stimme;„ſo recht! Laß ge⸗ rade auf mich zu ſchreiten! Die Hand weg unter den Ganaſſen, Mann! Freien Zügel! Sind ja keine Remonte⸗Pferde! Das edle Thier trägt ſchon von ſelbſt den Kopf hoch und zeigt dadurch die edle Race.“ „Die Bemerkung des Obriſten hat eine tiefe Be⸗ deutung,“ flüſterte O'Donnel dem Freunde zu, der ihn auf den Gleichmuth des Lords aufmerkſam machte. „Wahrlich, es gehört ein beſonderer Menſchenſchlag dazu, an der Stelle, wo es ſich im nächſten Augen⸗ blick um Leben und Tod eines Menſchen handelt, mit derſelben Ruhe die Mängel und Vorzüge eines Pfer⸗ des zu prüfen, als befinde er ſich auf einem Wett⸗ rennen oder auf einer Verſteigerung von Vollblut⸗ pferden.“ „So recht, John!“ fuhr Jener fort.„Zetzt ſieht man die freie Action. Wahrhaftig ein ſchönes Spiel der Ohren, dicht zurückgelegt, wie beim ächten Voll⸗ blut! Weit geöffnete Nüſtern, vorliegende glänzende Augen, die wahren Kennzeichen ſeiner Aechtheit! Bei vieler Muskelkraft in den Sprunggelenken, doch nicht zu viel Nachgiebigkeit! Nun iſt's gut! Führe ſie weg, John! Hinter jenen Klippen ziehe ſie nur lang⸗ ſam herum, damit ſie ſich allmählig abkühlen. Sie haben Recht, Major,“ wandte er ſich an den Letztern, „den ſchönen Nacken Ihres edlen Thieres hat noch kein Joch gedrückt. Ich irrte mich vorhin. Ihnen gefällt alſo mein Aladin. Gut, wir handeln vielleicht nach⸗ her darum, wenn die Geſchichte, die jetzt folgt, mir nicht etwa den Mund verſchließt.— Entſchuldigen Sie, meine Herren,“ ſagte er dann, einige Schritte vor⸗ wärts tretend, zu den beiden Freunden, unter einer leichten Verbeugung,„wenn ich Sie einige Augen⸗ blicke auf mich warten ließ. Major Nortons Pferd hatte alle meine Gedanken in Anſpruch genommen. Siiſt einmal meine vorherrſchende Paſſion. Säumen wir jetzt nicht länger, Gentlemen! Ich ſehe der Ap⸗ parat iſt in Ordnung. Laden ſie gefälligſt, meine Herren Secundanten! Die Zeit iſt heute mehr als gewöhnlich koſtbar.“ Während die nöthigen Vorbereitungen getroffen wurden, blickte der Obriſt mit untergeſchlagenen Ar⸗ men ſtarr nach Lindſayhall hinab; dann, von ſeinem Secundanten erinnert, trat er mit dem Piſtol in der 8* ——————— 116 Hand kaltblütig wie vorhin auf die Menſur, indem er zu ODonnel ſagte:„Sie haben den erſten Schuß, Sir Lewis, und man weiß, daß Sie ſelten das Ziel verfehlen. Auch ich ſchieße nicht übel. Zielen Sie gut. Keine lächerliche Großmuth! ich bitte darum. Ich liebe ſolche Spielereien nicht und will ſie gern den Herren auf und neben dem Wollſacke überlaſſen, die, wenn ſie ſich erſt mit der ſpitzen Feder oder mit der Zunge verwundet haben, das Publicum zuweilen da⸗ mit beluſtigen. Ich thue Ihnen, wenn ich zum Schuſſe komme, bei meiner Ehre! nichts darauf gut. Sie ſind hierher gekommen, um Ihre beleidigte Ehre zu rächen; ich, um Ihnen Satisfaction zu geben und, wenn ich kann, Sie bei dieſer Gelegenheit aus der Welt zu ſchaffen. Siſt vielleicht kein geringer Dienſt, Sir Lewis, den ich Ihnen dadurch erweiſe.“ DDonnel ſah bei dieſen Worten dem Obriſten feſt in's Auge, dann aber blickte er wie fragend auf den ihm noch zur Seite ſtehenden Howard. Dieſe Aeußerung ſchien ihm mit Eliſabeths Brief in Ver⸗ bindung zu ſtehen. Der Kapitän aber kannte zu gut die Bedeutung jener Worte und ſah finſter zu Boden. Da erhob O'Donnel das Piſtol und ſpannte den Hahn unter den Worten:„Kein Spiel alſo, Mylord! Haben Sie Acht! Blut nur wäſcht den Schimpf von mir, den Sie auf meinen Namen legten.“ Hohe Röthe überſtrahlte während dem ſein Geſicht, doch er zielte feſt und wankte nicht. Mit ſeiner gewöhnlichen Kälte blickte der Obriſt auf die Mündung des Gewehrs. Kein Glied rührte ſich am ganzen Körper und auch ſein Auge zuckte nicht. Noch einen Augenblick zögerte die Entſcheidung;* f da fuhr der Schuß dahin, und der Obriſt ſtand auf⸗ recht. „Nun iſt's an mir!“ mit dieſen Worten hob er das Piſtol und drückte ab. Lewis zuckte zuſammen, das Gewehr entfiel ſeiner Hand.„Ich bin getroffen!“ ſagte er laut und wurde bleich. Howard ſprang hinzu, ihn in ſeinen Armen aufzufangen. In demſelben Au⸗ genblick ertönte dicht neben ihm der durchdringende, ſchmerzerfüllte Schrei einer weiblichen Stimme; ver⸗ wundert ſahen ſich die beiden Freunde um und er⸗ blickten Sally, die unbemerkt und wohl ahnend, welch ein Geſchäft hier abgemacht werden ſolle, dem Obriſten und ſeiner Begleitung gefolgt war und ſich nah' an der Scene in Todesangſt hinter einen Baum verſteckt hatte. O'Donnels letztes Wort trieb ſie aber mit Angſtgeſchrei hervor, und ohne ſich ihrer Handlungen bewußt zu werden, ſtürzte ſie auf den Baronet kos, umklammerte ihn mit einer unbändigen Leidenſchaft⸗ lichkeit, zog ihn mit mehr als männlicher Stärke zum nächſten Raſenhügel und entkleidete ſeinen Oberkörper mit Gedankenſchnelle. Ihre kleine weiße Hand zitterte, ihr bleicher Mund ſtammelte unverſtändliche Laute, Angſt und Begierde beflügelten ihre Blicke zu Blitzen, die umherzuckten, die Wunde zu entdecken. Und doch war ſie pbei der raſenden Eile behutſam, um dem Ge⸗ genſtande ihrer Sorgfalt nicht noch mehr Schmerzen zu bereiten. Bald hatte ihr gierig forſchendes Auge entdeckt, daß der rechte Oberarm zerſchmettert war, und ſchon lag die Wunde blos vor ihren Blicken. Raſch warf ſie ſich darauf und ſog das hervorquellende Blut mit ihrem Munde auf, drückte dann die Wunde zuſammen, entledigte ſich mit derſelben Eile ihres fein⸗ leinenen Buſentuchs, zerriß es und legte es geſchickt als Verband an. O'Donnel war vor Schmerz unter 118 ihren Händen ohnmächtig geworden; ſie trocknete ihm die großen Schweißtropfen von der bleichen Stirn. Howard war ihren Bewegungen mit ſteigender Be⸗ wunderung gefolgt und hatte den Freund faſt ihrer Sorgfalt allein überlaſſen. Nun ſprang ſie hurtig davon, um an einer nahen, ihr bekannten Quelle fri⸗ ſches Waſſer in O'Donnels Hut zu ſeiner Wiederbe⸗ lebung herbei zu holen. Auf der andern Seite hatten die Dinge unter⸗ deſſen eine noch ſchlimmere Wendung genommen. Kaum hatte nämlich Lord Werford ſeinen Schuß ge⸗ than, als ſeine Hand zu zittern, ſein ganzer Arm heftig und heftiger zu beben begann. Auch ihm ent⸗ fiel die mörderiſche Waffe. Todtenbläſſe trat an die Stelle der blühenden Röthe ſeines Geſichts. Man ſah, wie der hohe Mann grollend mit ſich ſelbſt eine ge⸗ waltſame Anſtrengung machte, feſt zu ſtehen. Die Umſtehenden ſtaunten und wechſelten bedeutſame Blicke. Da— Alles war das Werk weniger Sekunden— wankte der ganze Körper des Lords in convulſiviſchen Bewegungen, und langſam, wie die ſtolze Ceder, neigte er ſich zur Seite; dann aber ſtürzte er plötzlich im heftigen Falle zu Boden, noch ehe die Aſſiſtenten, die in ihrer Beſtürzung anfänglich nicht begriffen, was vorgefallen war, ihn in ihren Armen auffangen konnten. „Gut getroffen! Haben Sie Genugthuung, Sir Lewis?“ ſtöhnte der Lord, indem er ſich auf den ei⸗ nen Arm zu ſtützen verſuchte, während er die Linke heftig gegen die Bruſt drückte, aus der jetzt das Blut in einem dunkeln Strom hervorquoll. „Er hat Sie vielleicht auf Koſten Ihres und ſeines Lebens erhalten, Mylord,“ ſagte der Major Norton, indem er neben dem Verwundeten niederkniete 119 und das matte Haupt deſſelben unterſtützte.„Auch Sir Lewis iſt getroffen und liegt darnieder.“ „Ich glaube nicht, daß die Wunde tödtlich iſt,“ ſagte der ſie unterſuchende Arzt,„wenn Sie ſich von dieſem Augenblick ſo ruhig als möglich ver⸗ halten, Mylord. Daher muß ich bitten, meine Herren, daß jedes aufregende Geſpräch vermieden wird.“ „Ich ſtehe in der Hand des Herrn, der über Leben und Tod aller Menſchen gebietet,“ flüſterte der Obriſt mit kaum vernehmlicher Stimme.„Rufen Sie Kapitän Howard herbei!“ Es geſchah.„Kapitän!“ redete er dieſen mit Anſtrengung an,„lebend be⸗ trachte ich mich noch im Dienſte meines Königs und mahne Sie daher an die Ihnen übertragene Pflicht. Ich fühle jetzt doppelt, welch ſchweres Gewicht ich auf Ihre Schultern legen mußte, um Ihnen Gele⸗ genheit zu geben, das für Ihren Freund zu thun, was ſich mit dem Dienſte des Königs verträgt. Iſt die Wunde des Baronet gefährlich?“ „Nein, Mylord, er hat ſich ſo eben wieder er⸗ holt und kommt am Arme jenes Mädchens, das ihm der Himmel zum Beiſtand geſchickt zu haben ſcheint.“ „Er hatte ſtets bei den Frauen mehr Glück, als ich.. Lewis kam an Sally's Arm heran und blickte ſchmerzlich auf Wexford. Dieſer ſtreckte ihm die Hand entgegen, der Jener nur die Linke bieten konnte. „Ich bedaure Sie, O'Donnel,“ ſagte der Obriſt, „doch ich achte Sie. Hier der ſchwache Druck meiner Hand möge Ihnen beweiſen, daß es mir lieber gewe⸗ ſen wäre, Ihnen an der Spitze meines Regiments 120 gegenüber zu ſtehen. Fügen Sie ſich, wie ein Mann, in das Unvermeidliche. Muß ich es doch auch thun.“ Verwundert ſtarrte O'Donnel bald auf den Obri⸗ ſten, bald auf Howard, der ihn ſchmerzlich anblickte, als man plötzlich von zwei Seiten her laute Stimmen vernahm, und gleich darauf Lord Kildare, von Hen⸗ derſon gefolgt, auf ſchäumenden Pferden über die Heide daher ſprengte. „Haltet ein, Ihr Menſchen, verhütet eine raſende Tollheit, Ihr Andern!“ rief Kildare, noch ehe er den Platz erreicht hatte, vom Pferde ſpringend,„oder iſt vielleicht gar ſchon das Unglück geſchehen, wodurch die Verbrechen dieſes Mannes“— hier warf er einen glühenden Blick auf O'Donnel—„ſich bis zum Uebermaße häufen.“ „Retten Sie ſich, theurer, geliebter Herr!“ keuchte athemlos Michaul Dahna von der andern Seite heran, indem er ſich zu den Füßen O'Donnels warf und ſeine Knie umklammerte.„Verrath bedroht Sie ringsum. Dragoner ſind vor dem Jagdhauſe. Kei⸗ ner darf ein oder aus. Ich habe mich mit Lebensge⸗ fahr durch das Dickicht am Hinterhauſe geſchlagen. O, daß ich dieſes Schreckliche erleben muß! Stau⸗ nen Sie nicht, Sir Lewis! fragen Sie jetzt nicht! Keinem andern Gedanken als Flucht geben Sie Raum; nichts, als die ſchnellſte Flucht darf Ihren Geiſt be⸗ ſchäftigen.“ „Was, beim Himmel und ſeinen Heiligen, ver⸗ mochte Sie, Herr Obriſt, Ihrer Pflicht ſo ſchnur⸗ grade entgegen zu handeln?“ ſtürmte Lord Kildare, als er den todtverwundeten Werford erblickte.„Heißt das die Befehle der Regierung reſpectiren, wenn man jede höhere Rückſicht über Privatſachen vergißt? Und — 121 was haben Sie am Ende davon, als wohl gar den Tod in der Blüthe Ihres Lebens?“ „Wo iſt Ihr Himmel, Mylord, den Sie beſchwö⸗ ren?“ ſagte der Obriſt, der ſich etwas erholt hatte, mit feierlicher Stimme.„Von welcher Art ſind die Schutzgeiſter, welche Sie anrufen? Ich wage es nicht, mich Ihnen anzuvertrauen auf dem letzten Wege. Kein ächter Brite, Mylord, verſäumt die Pflichten zu er⸗ füllen, die Ehre und Gewiſſen ihm zum Geſetz mach⸗ ten, noch lange vor der Magnacharta. Deshalb ſind indeſſen die Intereſſen, die in Ihren Augen einen ganz beſondern Werth zu haben ſcheinen, nicht vergeſſen. Denn Kapitän Howard hat die Befehle bereits von mir, jetzt gleich die mir von der Regierung ertheilten Aufträge, die Reſultate Ihres erhabenen Machwerks, zu vollziehen.“ Während Lord Kildare in einem ſchlecht verhal⸗ tenen Ingrimm, mit den Zähnen knirſchend, ſchwieg, jammerte Dahna in ſichtbarer Angſt um den ſich kaum wiedergewonnenen Herrn.„So hat mich meine Ah⸗ nung nicht betrogen,“ rief er,„als ich ſchon vor meh⸗ reren Tagen Verdächtiges, vor Allem aber die Schritte, welche man heute in der Nähe des Schloſſes that, ge⸗ wahrte, und die mich mit ſteigender Beſorgniß um das theure Haupt erfüllten!“ O'Donnel trat jetzt vor und ſprach mit feſter Stimme:„Ich fange an, zu begreifen, um was es ſich eigentlich hier handelt, meine Herren! Darum zögern Sie nicht lange und verkünden Sie mir ohne Umſtände, was Sie mit mir vorhaben. Ein Mann, der ſo eben dem Tode ruhig in's Antlitz geſchaut hat, wird wahrlich nicht zagen, etwas ihm Unangenehmes erfahren zu müſſen.“ „Mylord,“ redete der Arzt zum Obriſten,„wenn 2 2—————— — 122 Sie länger zögern, meinen Beiſtand unter beſſerer Pflege anzunehmen, und dieſen aufregenden Auf⸗ tritt nicht ſogleich beendigen, ſo ſtehe ich für Nichts. Bedenken Sie, daß Ihnen eine Kugel in der Vruſt ſitzt. „Wohlan denn! Es muß heraus, Sir Lewis ODonnel!“ begann der Obriſt, ſich ſo viel auf⸗ richtend, als es ſeine Wunde geſtattete, und alle Kräfte aufbietend, um ſeinen Worten die Würde zu geben, welche ihm die Wichtigkeit des Gegenſtandes zu erheiſchen ſchien.„Sie ſind wegen Verheimlichung mehrer franzöſiſcher Offiziere und wegen unerlaubten Verkehrs mit denſelben unter Ihrem Bache des Hoch⸗ verraths angeklagt, und mir iſt von Sr. Herrlich⸗ keit dem Statthalter des Reichs der Befehl ertheilt worden, Sie unter militäriſcher Eskorte nach Dublin zu ſenden, woſelbſt Sie vor das Gericht geſtellt wer⸗ den ſollen. Es wird Ihnen dieſe Maßregel lieber ſein, als würden Sie durch die Agenten der Polizei verhaftet, und hoffentlich iſt Ihnen Ihr Begleiter dort, Kapitän Howard, nicht unangenehm, wenn er auch ſtreng von mir angewieſen iſt, ſeine Pflicht nicht aus den Augen zu verlieren.“ „Ich rechne Ihnen dieſen Beweis Ihres Zart⸗ gefühls hoch an, Mylord,“ verſetzte O'Donnel, ſich verbeugend. Dann dem Rittmeiſter die Hand reichend, fügte er hinzu:„Komm, Howard, führe mich jetzt, wohin Du willſt! Ich bin bereit, Dir zu folgen. Ich fühlte vorhin eine ungeheure Laſt auf meine Bruſt gewälzt, doch ich athme jetzt frei und leicht, ſeitdem ich weiß, wie dieſe Dinge zuſammenhängen und die Räthſel, die ſich mir vorhin ſo ſchnell auf⸗ gebaut, ſich nun eben ſo ſchnell gelöſt haben. Ich kenne meinen Ankläger, ich kenne meinen Verräther 123 und erblicke ſie Beide in meiner Umgebung. Doch ſie ſollen ſich Beide ihres Triumphes nicht lange erfreuen.“ Dabei haftete ſein Blick finſter und zür⸗ nend auf Lord Kildare und den feilen Menſchen an ſeiner Seite, der es in der Kunſt der Verſtellung noch nicht zu ſolcher Meiſterſchaft gebracht hatte, wie ſein hoher Gönner. Henderſons Auge irrte unſtätt und verlegen umher, ohne O'Donnels Blick ertragen zu können, während man in den ſteinernen Zügen des Lords vergebens nach etwas geforſcht hätte, was nur im entfernteſten Rapport mit ſeinem böſen Ge⸗ wiſſen geweſen wäre. Und wieder zum Rittmeiſter gewandt, fuhr Lewis fort:„Begleite mich mit Deinen Wachen erſt noch nach Greenlodge, ich bitte Dich ſehr darum. Dort habe ich noch etwas ſehr Wichtiges abzumachen. Iſt dies geſchehen, ſtelle ich mich ganz zu Deiner Verfügung.“ Indem Michaul ihm das Pferd vorführte, fragte er dieſen flüſternd:„Sind unſere Gäſte gerettet?“ „Ich wollte ſie in den Gewölben verſtecken, ja, ſie hätten ſich vielleicht mit mir durchſchlagen können, aber ſie verweigerten beides, und ſo habe ich Sir Oliver allein in ſichere Verborgenheit gebracht.“ „Gut denn! Du haſt Deine Schuldigkeit gethan, wie ich die meinige.“ Mit dieſen Worten ließ er ſich auf das Pferd heben.„Sally!“ rief er dann dem unfern ſtehenden, erröthenden Mädchen zu,„heute kann ich Dich nicht zu mir aufs Pferd nehmen; Du ſiehſt die Unmöglichkeit ſelbſt ein. Und doch bedarf ich Deiner Begleitung; denn gerade Dir habe ich einen ſehr wichtigen Auftrag zu geben, den Niemand beſſer ausrichten wird, als Du. Du mußt ſchon den Weg zu Fuß machen, es war Dir einmal beſtimmt, und Mic wird Dir ein unterhaltender Begleiter ſein.“ Er winkte freundlich und ſetzte ſein Pferd in Trab. Die Offiziere folgten theils ihm und dem Rittmeiſter, theils blieben ſie bei ihrem Obriſten zurück, um ihn auf einer ſchnell bereiteten Tragbahre nach der Hei⸗ deſchenke, als dem nächſten Hauſe in der ganzen Um⸗ gegend, hinab zu tragen. Langſam und vorſichtig traten ſie mit dem ſchwer Aufſtöhnenden den Weg an. Henderſon aber flog nach Lindſayhall zurück, um einen bequemen Wagen des Lords zu beſorgen. Und vielleicht konnte Wexford dem Umſtande, daß er den Kampfplatz ſo nahe an der Heideſchenke gewählt, nicht genug danken; denn der alten Peppy Kräuter⸗ tränke, Umſchläge, Salben und Verordnungen, womit ſie ſogleich dienſtfertig bei der Hand war, waren ihm, nach des Arztes eigenem Geſtändniß, der hier gleich⸗ ſam eine ganze Apotheke und den verſtändigſten Pro⸗ viſor vorfand, vom beſten Nutzen, ſo daß die Kutſche wieder leer zurückfahren mußte, indem der tapfere Lord, ſo weit es ſeine Umſtände geſtatteten, ſich ziem⸗ lich wohl in der ſchwarz geräucherten Heideſchenke be⸗ fand. Nur mit dem größten Widerwillen betrat Kil⸗ dare das baufällige Haus. 125 16. Perrath und Ereue. Vielleicht wäre es den franzöſiſchen Offizieren möglich geweſen, ſich zu retten und mit Michaul den Kuhſtall zu erreichen, oder wenigſtens in den unter⸗ irdiſchen Gewölben des Schloſſes ſich zu verſtecken; aber nach einer kurzen Beredung mit einander hiel⸗ ten ſie es, da die Sachen einmal ſo weit gediehen waren, daß ſie den Schluß ziehen mußten, ihre An⸗ weſenheit auf Greenlodge ſei dem engliſchen Gouver⸗ nement in Irland kein Geheimniß mehr, ihrer Ehre für angemeſſener, zu bleiben, und gaben ihre Ein⸗ willigung, den jungen Oliver, dem, als einem Sohn des Landes und Sproß des Hauſes O'Donnel, die Gefangenſchaft gefährlicher werden mußte, als ihnen, den Fremden, ſo gut als möglich zu verbergen. Auch glaubten die edlen Franken, dem Freunde durch ihre Erklärung, daß ſie nichts weiter, als Schiffbrüchige ſeien, die höchſtens das Loos von Kriegsgefangenen treffen könnte, nützlich zu werden, und hielten es außerdem für ihre Pflicht, O Donnel darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, daß ſeine Rettung, vielleicht ſeine augenblickliche Freilaſſung durch die Auslieferung der gegen Lord Kildare zeugenden Papiere an die Regier⸗ ung bewerkſtelligt werden könne. Ein Dragoner⸗Piquet marſchirte im Schloßhofe auf, ſobald O'Donnel und Howard in ſeinen Mauern angekommen waren. „Mein Freund, der Rittmeiſter Howard vom er⸗ 126 ſten Dragoner⸗Regiment, welcher mich auf Befehl ſei⸗ ner Regierung nach Dublin begleitet!“ ſo ſtellte er dieſen den franzöſiſchen Offizieren vor, die die Ankom⸗ menden in voller Uniform im Geſellſchaftszimmer er⸗ warteten, verhehlte aber dabei ſeine Bewunderung des Edelmuths der Franzoſen nicht, die, wie er deutlich einſah, nur um ſein Schickſal zu theilen, die eigene Rettung verſchmäht hatten. „Wir ſind Ihre Kriegsgefangenen, Herr Kame⸗ rad!“ Mit dieſen Worten übergab der Obriſt Gelh dem Briten ſeinen Degen, und der Kapitän Dupont folgte dieſem Beiſpiel, wogegen es ſich Howard ange⸗ legen ſein ließ, die beiden Offiziere mit derſelben Scho⸗ nung zu behandeln, wie ſeinen Freund. Es kam bald zur Sprache, daß Lord Kildare die Hand hier im Spiele habe, und von ihm die Anzeige an den Lord Gouverneur ausgegangen ſein müſſe. „Aber mein Gott,“ ſagte Gély,„warum wollen Sie, mein lieber Sir Lewis, gewiſſe, in Ihrem Beſitz befindliche Dokumente jetzt nicht zu Ihren Gunſten be⸗ nutzen? Haben Sie vergeſſen, welche Waffen in Ih⸗ ren Händen ſind? Im Kriege, und Sie werden mir doch zugeben, daß Sie im ewigen Kriegszuſtande zu dem Mörder Ihres ganzen Erdenglücks ſtehen, gilt je⸗ der Vortheil gegen den Feind.“ „Sind Beweiſe gegen Kildare in Ihren Händen, theurer Herr,“ rief Michaul,„o, benutzen Sie den geringſten derſelben, ich beſchwöre Sie! Jedes Mittel iſt erlaubt, um einen Böſewicht zu entlarven!“— Langſam, im tiefen Nachdenken, im ſchwierigen Kampfe, wie es ſchien, mit ſich begriffen, ſchritt Le⸗ wis im Gemache auf und ab. Dahna's trüber Blick folgte jeder ſeiner Bewegungen, ängſtlich ſeiner Ent⸗ ſcheidung entgegenſehend. Howard hatte ſich mit ————— 127 Gely und Dupont in eine Fenſtervertiefung zurückge⸗ zogen, wo ſie leiſe mit einander ſprachen und die Franzoſen den Briten über den Inhalt der beſproche⸗ nen Papiere in Kenntniß ſetzten. Dann blickten ſie ſchweigend hinaus auf den weiten Ocean, den die Nacht allmählig in Windeln und Schleier hüllte, wie eine beſorgte Mutter ihr junges Kind, und Niemand wagte es, die unheimliche Stille, welche im Zimmer herrſchte, zu unterbrechen. „Nein! es iſt nichts damit!“ rief der Baronet endlich aus, indem er ſich erſchöpft auf einen Seſſel niederließ.„Niemals durch Verrath, ſelbſt nicht am Feinde, erkauft ein O'Donnel ſeine Freiheit! Du willſt meine Papiere, Howard! Hier ſind die Schlüſ⸗ ſel zu allen Gemächern. Du findeſt jedoch nichts, was gegen mich zeugen könnte. Denn kein todter Buchſtabe deutet das Schaffen in meinem Herzen an. Die Welt, die darin wohnt, kennt Niemand, wie ich ſelbſt; meine Gedanken ſind ihre Bürger, das Ganze iſt mein freies Eigenthum, und zollt keiner andern Behörde. Mögen immerhin die Menſchen nach falſchem Scheine richten! Dort oben waltet ja ein anderes Regiment, das den Gedanken nicht minder, als die That ermißt. Das was ich that, geſchah für Irland. Für Irland, für mein armes Vaterland hab' ich gelebt, für Irland kann ich freudig ſterben. Ja ſterben, doch keine Rache nehmen an dem Manne, den du Vater nennſt, Eliſa⸗ beth, ſo ſchwur ich dir, und nichts ſoll mich vermö⸗ gen, den Schwur zu brechen.“ Howard begann nach dieſen Worten, welche den Entſchluß des Freundes feſter als je verkündeten, ſein unangenehmes Geſchäft; doch es waren nur unbedeu⸗ tende Briefe und Haushaltsrechnungen, welche er fand 128 und verſiegelte, um ſie zugleich mit ſeinen Gefangenen zu überliefern. O'Donnel hatte ihn begleitet, um überall zu öff⸗ nen. Aus einem künſtlich verborgenen Wandſchrank, den weder Howard noch irgend ein anderer, noch ſorg⸗ fültigerer Späher jemals entdeckt haben würde, zog der Baronet ein Fascikel Papiere hervor und nöthigte dann den Freund, ſich in dem Schranke umzuſehen. „Ueberzeuge Dich, mein Harry, daß auch an dieſem Orte, wo meine Heimlichkeiten doch ganz ſicher ver⸗ borgen geweſen wären, ſich durchaus weiter Nichts befindet, als was ich ſo eben heraus nahm. Und dieſe Papiere gehören nicht mir; ich habe Dich ſchon heute unterrichtet, daß ſie mein Vermächtniß an Miß Eliſabeth ſind. Auch jetzt noch betrachte ich mich als einen Sterbenden. Doch ſollen ſie Dir erſt zur Ein⸗ ſicht vorgelegt werden.“ Als ſie wieder in dem Verſammlungszimmer wa⸗ ren, ſagte Howard nicht ohne einige Verlegenheit: „Mein Befehl ſpricht von drei franzöſiſchen Offizieren, die hier auf Greenlodge verborgen ſein ſollen, und ich habe die Ehre, deren nur zwei vor mir zu ſehen.“ „Der Dritte hat ſich gerettet, wie es auch dieſe beiden Herren vermocht hätten,“ entgegnete ODonnel. „Dieſe hielten Flucht mit ihrer und meiner Ehre un⸗ verträglich; ſie ſind als Männer, als höhere Offiziere, geblieben, die da wiſſen und fühlen, was ſie ihrem Vaterlande ſchuldig ſind. Der Dritte war ein unbe⸗ deutender Jüngling, der noch keine höhere Charge be⸗ kleidete, es war mein Bruder Oliver. Ich kann Dir mein Ehrenwort geben, daß ich nicht weiß, wohin er gekommen iſt. Befiehl Deinen Leuten, daß ſie das Schloß durchſuchen.“. „Es genügt!“ ſagte der Kapitän ernſt und ord⸗ „ ——— 129 nete zum Schein einige Nachſuchungen an, die inzwi⸗ ſchen nicht eifrig betrieben wurden. Jetzt legte O Donnel die franzöſiſchen, an Lord Kildare gerichteten Dokumente dem Rütmeiſter vor, der zu ſeinem Schrecken beſtätigt fand, was ſein Staunen vorhin dem Obriſten Geély nicht harte glau⸗ ben wollen. „Meine Herren, alle drei meinem Herzen theuer und als Männer mir ſchätzenswerth,“ redete der Ba⸗ ron zu den Uebrigen,„Sie theilen mit mir das wich⸗ tige Geheimniß dieſer Papiere. Von mir, den er mit tödtlichem Haſſe verfolgt, hat Lord Kildare nichts zu befürchten; ich werde niemals an ihm zum Verräther werden. Allein ich könnte mit ſtillſchweigendem Ze⸗ ſuitismus, um den mich wahrlich Niemand tadeln würde, ſelbſt der ſtrengſte Moraliſt nicht, der Freund⸗ ſchaft überlaſſen, was ich, ſelbſt zu thun, durch feſt⸗ bindende Rückſichten verhindert würde. Du, mein theu⸗ rer Harry, mußt der Behörde einen Bericht über die Art und Weiſe vorlegen, wie Du den Dir anver⸗ trauten Befehl in Lord Werfords Namen getreu aus⸗ geführt, und was Dir dabei aufgeſtoßen iſt. Es wäre richtiger, zu behaupten, daß Du zweierlei Pflichten nach⸗ kämſt, nämlich der gegen die Behörde und der gegen die Freundſchaft, wenn Du dieſer Papiere Erwähnung thäteſt, als daß Du eine Pflicht verletzteſt. Du wür⸗ deſt dem Gouvernement über das wahre Treiben Lord Kildare's die Augen öffnen und mich dadurch frei ma⸗ chen. Und doch würde ich dieſen gutgemeinten Schritt als eine ſchwere Verletzung der Fflichten unſerer Freundſchaft betrachten müſſen. Mit Ihnen, meine Herren Franzoſen, ſtehe ich in ähnlichem Verhältniß. Man wird Sie einem ſcharfen Verhöre unterwerfen. Sie, Herr Obriſt Gély, brauchen nur die Wahrheit Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vIII. 9 130 zu ſagen, und Lord Kildare iſt verloren. Sie haben keine Verpflichtungen gegen dieſen treuloſen Mann. Ihre Liebe zu mir, mit deren unzweideutigen Bewei⸗ ſen Sie mich ſo hochbeglückt haben, könnte Ihnen ein⸗ reden, ich ſei ein Kranker, man müſſe mir auch gegen meinen Willen helfen, und da Sie im Beſitz der mir heilſamen Arzeneien wären, geböte es die Freundſchaft gegen mich, dieſe Mittel anzuwenden. Wer wollte Sie ob dieſer Schlüſſe tadeln? Allein um jeder der⸗ artigen Handlung von Ihrer Seite, meine Herren, zu⸗ vorzukommen, rede ich jetzt mit Ihnen. Es iſt mein heiligſter Wunſch und Wille, daß weder direct noch indirect Lord Kildare Schaden durch mich leide. Von Greenlodge aus, ſei es durch wen es wolle, ſoll ihm kein Verderben kommen; nie liege der leiſeſte Schein auf mir, als habe ich ſein Verderben verhindern kön⸗ nen, und es nicht gethan. Ich gab einſt ſeiner Toch⸗ ter mein Wort, niemals Rache an ihrem Vater zu nehmen, und ich werde mich durch gar nichts dieſes Wortes entbunden erachten, ja ich werde den Sinn meines Verſprechens in der möglichſt weiteſten Ausdeh⸗ nung faſſen und halten. Darum, meine Freunde, ge⸗ ben Sie mir, ehe Sie Greenlodge verlaſſen, die Ver⸗ ſicherung, von Ihrer Mitwiſſenſchaft um dieſe Papiere gar keinen Gebrauch zu machen; legen Sie Ihr Ehren⸗ wort in meine Hand, ich bitte ſie flehentlichſt darum, vor der Behörde die Exiſtenz dieſer Papiere gar nicht zu erwähnen und nichts zu thun oder zu ſagen, was Lord Kildare zu Schaden gereichen könnte.“ „Wahrlich!“ rief Gely aus,„Sie ſind der ſelt⸗ ſamſte Menſch, der mir noch jemals vorgekommen iſt. Ich weiß nicht, ob ich Sie mehr loben oder tadeln ſoll; bewundern thu' ich Sie im hohen Grade.“ „Freund, Schwager!“ rief Dupont,„ich beſchwöre ———— 6— 131 Sie im Namen Ihrer Angehörigen bei Allem, was Ihnen heilig und theuer iſt, geben Sie dieſe Papiere nicht aus der Hand, benutzen Sie ſie in Dublin zu Ihrer Rechtfertigung, um des Lords Klage nieder zu werfen. Die ganze Familie O Donnel hat ein Recht auf dieſe Dokumente, nicht Sie allein; denn durch ſie kann das ſchmälig herabgebrachte Haus wieder in den Beſitz der Güter gelangen, wie ſie noch Ihr Va⸗ ter beſaß, Lewis. Selbſt der Schatten Ihres gemor⸗ deten Vaters muß zürnend ob Ihres Beginnens auf Sie niederſchauen.“ „Die ſeligen Geiſter wiſſen nichts von Rache, mein Freund,“ lächelte Lewis mild;„ſonſt wären ſie ja nicht ſelig, und Sie werden ſo wenig, wie ich, an der Se⸗ ligkeit eines ſo edlen Mannes zweifeln, wie Sir Wil⸗ liam war. Die Güter des Hauſes O'Donnel, ſelbſt in ihrer älteſten Ausdehnung, gehörten immer nur mir, dem Erſtgebornen dieſes Hauſes. Allein nicht die Schätze der Welt ſollen mich dazu bewegen, mein Gewiſſen mit einem Vorwurf zu belaſten, mich zu ei⸗ nem Wortbruch zu verleiten, oder irgend etwas zu thun, was mich vor mir ſelbſt erniedrigen würde. Mein reines moraliſches Bewußtſein gilt mir höher, als Reichthum, Freiheit, ja ſelbſt Leben. Erſparen Sie ſich deshalb jedes Zureden, meine lieben Freunde; ich bin von Ihrem beſten Willen überzeugt. Geben Sie mir lieber Ihre Hände und Ihr Wort, meinen klar ausgeſprochenen Willen zu erfüllen.“ „Du edler, trefflicher Menſch!“ rief Howard mit Thränen im Auge und zog den Freund an ſeine Bruſt. „Du verkannter Juwel, Du verſchütteter Edelſtein vom reinſten Waſſer! Ich ehre, mit hoher Bewunderung Deiner, Deine Verfügung und erkenne ſie an. Ich verſtehe Dich ganz, Lewis. Deine Ehre wie Deine 9* 132 Liebe ſind beide hier gleich betheiligt. Beide ſind zarte Pflanzen Deines Herzens, die nur im reinſten Ele⸗ ment gedeihen. Ich könnte Dir ausweichend erwidern, daß meine ſtrenge Pflicht als Soldat, als Dienſtmann des Königs, mir unerläßlich geböte, von Lord Kildare's Verrath Anzeige zu machen. Allein Du weißt, daß meine Anſichten von Dienſtpflicht mir geſtatten, nicht ſo weit zu gehen. Um aber auch mir in dieſer Hin⸗ ſicht jeden Vorwurf von innen oder von außen zu erſpa⸗ ren, habe ich bereits meinen Entſchluß gefaßt. Dich nach Dublin in's Staatsgefängniß abzuliefern, wird meine letzte Dienſtverrichtung ſein.“ „Wie, Du könnteſt— 7“ „Ich werde um meinen Abſchied einkommen.“ „Ich theile meinen letzten Biſſen Brot mit Dir, wenn ich wieder frei werde,“ rief O'Donnel entzückt. „Du ſollſt frei werden!“ ſagte Howard ernſt und beſtimmt, und ſein Auge flammte in ungewohntem Feuer. „ch muß ihm grollen, dem unbeugſamen Manne,“ rief Dupont, den Schwager umarmend,„und doch kann ich ihm meine hohe Bewunderung nicht verſa⸗ gen. Wohlan denn, Kildare wird die Strafe ſeiner Sünden ereilen, und Sie werden den Lohn Ihrer Tu⸗ genden empfangen, ſo wahr ein vergeltender Gott lebt! Hier haben Sie meine Hand und mein Wort! Von mir erfährt Niemand von den Dokumenten.“ „Auch von mir nicht,“ ſagte Gely gerührt und reichte ſeine Rechte dem Baronet. „Und hier haſt Du auch mein Verſprechen!“ rief Howard, dem Freunde Hand und Kuß reichend. „Ich bin doch ein reicher Mann, weit reicher als Kildare!“ ſagte O'Donnel gerührt, die drei Hände feſt haltend;„denn ich habe Freunde, wahre ächte Freunde. 133 — Ich danke Euch! Gott wird Euch dieſe Wohlthat an mir vergelten.— Und nun fort mit den Pa⸗ pieren! Er wollte noch einige Zeilen an Eliſabeth ſchrei⸗ ben und ihr ſeine Umſtände melden, aber ſein zerſchoſ⸗ ſener Arm geſtattete es nicht. Deshalb forderte er Howard auf, Sally das Portefeuille mit den Papie⸗ ren zu übergeben. Howard ſchrieb noch einige Zeilen hinein, worin er der Lady mittheilte, daß ihre War⸗ nung zu ſpät gekommen, und Sir O'Donnel bereits bei Empfang ihres Briefes ſein Gefangener geweſen ſei, und daß nur des Baronets verwundeter Arm den⸗ ſelben abhalte, ihr ſelbſt dieſe Nachrichten mitzuthei⸗ len. Sally war unterdeſſen herbeigerufen worden und ſtand beſcheiden im Schatten des Lichts an der Thüre. Ihr Auge hing verſtohlen an O'Donnels leidenden Zügen. Howard wollte Papiere und Porte⸗ feuille verſiegeln. „Nicht doch!“ ſagte Lewis.„Dieſer treuen Botin übergebe ich nichts verſiegelt. Ihr Herz, ihre Hand ſind das beſte Siegel, das ſchützendſte Petſchier.“ Dankbar flammte Sally's Auge in hohem Ent⸗ zücken an ODonnel empor. Sie trat in den Glanz des Lichtes hervor und haſchte nach dem Zipfel ſeines Rockes, um ihn an ihre Lippen zu führen, wozu ſie einige Worte der tiefſten Ergebenheit flüſterte. „Nicht alſo!“ ſagte der Baronet, von einem hei⸗ ßen Gefühl ergriffen.„Reiche mir Deine Stirne, Deinen Mund, daß ich Dich darauf küſſe, die Du ſo beſorgt für mich geweſen biſt.“ Schon ſtreckte er die linke Hand nach ihr aus, aber Sally wich zurück, eine düſtre Wehmuthswolke überſchattete ihr Geſicht; ſie verhüllte es mit ihrer Schürze und ſchluchzte aus 134 tiefer, ſchmerzzerriſſener Bruſt:„Nein, gnädiger Herr, das bin ich nicht werth.“ „Ei, Du ſonderbares Mädchen, warum denn wohl?“ fragte Lewis verwundert. „O, erſparen Sie mir dieſes Geſtändniß!“ weinte ſie noch heftiger. Da kam dem Baronet plötzlich die leidenſchaftliche Mittheilung ihres Vaters in den Höh⸗ len der Teufelsmauer wieder in den Sinn, woran ſeine Harmloſigkeit nicht gedacht hatte, und die ganze Laſt derſelben drückte plötzlich auf ſeine Seele. Das hei⸗ ligſte Mitleid übermannte ihn, er ſtand auf, trat zu Sally, ſtreichelte ihr die Wange und ſagte:„Armes Kind! Du biſt ja doch die Unglücklichſte von uns Allen!“ Sally verging faſt in ihrem troſtloſen Schmerz. „Du haſt mich mit Deinem Tuche verbunden,“ fuhr der Baronet fort,„ſo erlaube mir wenigſtens nun, Dich dafür mit dem meinigen zu ſchmücken.“ Mit dieſen Worten knüpfte er ſich ein ſchönes bunt⸗ ſeidenes Tuch ab, das er leicht um den Hals trug, und legte es ihr über den Buſen; der Schmerz in ihren Zügen verklärte ſich zu einem ſeligen Lächeln. „Als beſondres Andenken an mich trage aber dieſen Ring,“ ſprach O'Donnel weiter, indem er ihr einen einfachen Goldreif, den er ſich ſo eben abgezogen, an den Finger ſchob;„ich gehe jetzt einem dunklen Ver⸗ hängniß entgegen, wer weiß ob wir uns wieder ſehen; Tochter ONeils, denke zuweilen an Deinen Freund O'Donnel.“ „Ewig! ewig!“ ſchluchzte Sally wonnetrunken und bedeckte die Hand, die ſie ſo gütig beſchenkte, mit war⸗ men Küſſen. „Sally, ich vertraue Dir in dieſen Papieren ein wahres Heiligthum an, deſſen Werth Du kaum ah⸗ —— ——= „— 135 nen kannſt. Liefere es richtig in die Hände der Lady von Lindſayhall ab; ſie wird Dir dafür ewig dank⸗ bar ſein.“ „Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich!“ betheuerte ſie. Mit einer wahren Andacht empfing ſie das Packet und das Portefeuille aus O'Donnels Hand und wollte ſich ſogleich damit entfernen. Ihre zit⸗ ternde Stimme hauchte:„Leben Sie wohl, Sir Le⸗ wis! Gott ſchenke Ihnen bald Freiheit und Glück!“ auf die Hand. „Wie, mein Kind?“ fragte dieſer befremdet;„willſt Du denn in der rauhen Winternacht den weiten Weg nach Lindſayhall hinüber gehen?“. „Ach, die Lady wird mit Schmerzen auf meine Rückkehr warten! Denken Sie ſich ihre Angſt, Sir, wenn ſie das Eine oder das Andere erfahren hat und doch keinen ſichern Grund weiß. Sie wird ohnedies dieſe Nacht nicht ſchlafen können. Ich muß eilen, ſie ſobald als möglich von der peinlichen Unruhe zu be⸗ freien. Ich bin ja dieſen Weg ſchon oft bei Nacht und Nebel in Wind und Wetter allein gewandert, und die„guten Leute“ des Bergs und der Heide müſſen mir gewogen ſein; denn ſie haben mich ſtets ruhig und unangefochten meine Straße ziehen laſſen.“ „Wer wollte Dir auch nicht gewogen ſein, Mäd⸗ chen? Aber wenn Dich auch die guten Leute der Heide ungetückt wandern ließen, ſo möchten die bö⸗ ſen Leute, die auf oder an der Heide wohnen, leicht zum Gegentheil geneigt ſein, zumal wenn ſie nur die leiſeſte Ahnung von dem Schatze hätten, den Du dies⸗ mal bei Dir trägſt. Es könnte Dir ein Unfall zu⸗ ſtoßen. Die Lady iſt nun doch um die ruhige Nacht; denn vor Morgen erreichſt Du Lindſayhall doch nicht. 136 Es geht ſich gar ſchlimm in der Dunkelheit auf den unſichern, ſchneebedeckten Gebirgspfaden, und die Nacht iſt keines Menſchen Freund. Bleibe Du bis Morgen; vor Tages Anbruch rüſten auch wir uns zur Abreiſe. Einige Meilen fährſt Du mit mir im Wagen bis an den grünen Stein oben, wo die Wege ſich theilen. Unterdeſſen iſt's Tag geworden, und Du wanderſt dann ſicher und bequem über die Höhe nach Lindſayhall hinab.“— Sie beugte ſich wieder auf ſeine Hand und ließ ein paar warme Thränen dar⸗ auf fallen.—„Nein, nein, ich laſſe Dich jetzt nicht,“ fuhr Lewis immer gütiger fort,„dazu biſt Du mir viel zu lieb, auch würde mich Miß Eliſa⸗ beth, die Dich ebenfalls ſo ſehr liebt, deshalb ſehr ausſchelten, und das mit allem Rechte. Du bleibſt im Schloſſe mein Gaſt; Michauls Frau, die gute Moya, wird ſchon für Deine Unterhaltung ſorgen und Dir ein weiches, warmes Bettchen zurecht machen. Mic führe ſie zu Deinem Weibe!— Schlaf wohl, mein Kind!“ Sally ſtürzte hinaus; Rührung und Wonne droheten ihr das Herz zu zerſprengen; ſie war einſil⸗ big den ganzen Abend in Moya's Gefellſchaft, und dieſe mußte ihr— ſie bat die junge Frau ſo herz⸗ innig darum— nur von Sir Lewis erzählen, und Moya erfüllte dieſe Bitte ſo gern, keine hätte ſie lieber erfüllt. Sie erzählte von des Baronets Güte, Edelſinn, Hochherzigkeit, von ſeinen heimlichen, guten Handlungen, von ſeiner unbegränzten Liebe zu den Armen, und küßte dazwiſchen ihr allmählig entſchlum⸗ merndes Knäblein, es ermahnend, eben ſo fromm und gut zu werden, wie ſein Herr Pathe. In Sally's Augen kam kein Schlummer, wohl aber je zuweilen Thränen; doch dieſe Thränen erzeugten ihr ein ſo —————— 137 ſüßes, unbeſchreiblich wohlthuendes Gefühl; es war, als weine ſie damit den letzten Erdenſchmerz hinweg, und wüchſen ihrer von ſchweren Banden befreiten Seele Schwingen, auf denen ſie ſich durch alle Mor⸗ genröthen irdiſcher Seligkeit hindurch jubeln und es den Himmel verkünden möchte, daß dieſer Edelſter aller Menſchen ſie geehrt, ihr Zeichen ſeines Wohl⸗ wollens gegeben habe. Dann und wann drückte ſie verſtohlen das ſeidene Tuch an ihre Lippen oder den Ring an das Herz, und llauſchte dann wieder, in Wonne badend, Moya's farbenglühenden Erzählun⸗ gen. Es war lange nach Mitternacht, als Sally's Bilder aus der Wirklichkeit allmählig in die des Traumes übergingen; es war ja doch nur Lewis blühende verklärte Geſtalt, die ſich in all' jenen Bil⸗ dern, erſt durch der Wachenden, dann durch der Schlafenden Seele drängte, nur war der Traum milder und gütiger, ein wonneſpendender Zauberer, und gewährte ihr leicht und ſpielend, was ihr ſein nüchterner, zauberloſer Bruder ſtets ſtreng verſagte: Lewis berührte küſſend die Fülle ihrer Schönheit.— 1 Abſchied von greenlodge. Als Michaul Dahna auf O'Donnels Befehl in das Geſellſchaftszimmer des Schloſſes zurückgekehrt war, winkte ihm dieſer in das Nebengemach mit den Worten:„Nun habe ich noch Einiges mit Dir zu ſprechen, Mic.“ Und unter vier Augen fuhr er fort:„Dein Ver⸗ gehen gegen mich habe ich vergeſſen und Dir ver⸗ ziehen; ich kann Dir keinen größern Beweis meiner Liebe geben, als daß ich die Sorge für mein Haus⸗ weſen in Deine Hände lege. Ich werde Dir eine Vollmacht ausſtellen, die Dich zu meinem Verweſer und Verwalter auf Greenlodge und Balliford macht, und die Herren draußen im Zimmer werden die Güte haben, ſie als Zeugen zu unterſchreiben. So lange die Regierung die Güter nicht confiscirt, verwalteſt Du die Einkünfte und beſorgſt die nöthigen Ausga⸗ ben, die Dir alle bekannt ſind. Oliver retteſt Du, ſobald es Dir möglich iſt, nach Frankreich hinüber und verſorgſt ihn anſtändig mit Geld. Bis zur Ab⸗ reiſe halte ihn ſo heimlich als möglich verborgen, denn Lord Kildare wird nicht unterlaſſen, ferner ſeine Spio⸗ ne hierher zu ſchicken, wie er— wir haben davon untrügliche Beweiſe— zeither gethan hat. Eben ſo ſei mir auf den kleinen George bedacht, daß er nicht in ſeinen Studien geſtört wird. Der Junge entwik⸗ kelt ſich jetzt an Geiſt und Körper gleich vortheilhaft, macht die beſten Fortſchritte und mir immer mehr Freude. Es wäre ewig Schade, wenn mein trübes 139 Loos einen ungünſtigen Einfluß auf ſeine Carriere ha⸗ ben ſollte. Nimm Dich der beiden jüngſten Söhne Sir Williams, Deines Wohlthäters, an, als ſeieſt Du ihr Bruder; mein Vertrauen betrachtet Dich als den meinigen.“ Da ſtürzte Michaul, von der unwiderſtehlich auf⸗ glühenden Macht eines ſtarken Gefühls, das in ſeiner treuen Bruſt ſchlummerte, ergriffen, zu des Baronets Füßen, umklammerte die Kniee deſſelben heftig, preßte ſie gewaltig an ſeine Lippen und ſtieß ſo laute und ſchmerzliche Töne aus, daß Lewis verwundert auf ihn herab ſah, und die Männer im anſtoßenden i beſtürzt herein eilten. „Was fehlt Dir? Was ſicht Dich an?“ O'Donnel mißbilligend. „Ja, ich will ihr Bruder ſein, bei Sir Wil⸗ liams heiligem Schatten, der jetzt auf uns ſchaut, oder in unſrer Nähe iſt!“ ſtöhnte Michaul, ſich auf⸗ raffend und reichte dem Gebieter zur Bekräftigung ſei⸗ nes Verſprechens die Hand. Dieſer gab ihm nun noch ſpecielle Aufträge und kehrte dann zur Geſellſchaft zurück. Aber von all' dieſen verſchiedenen aufregenden Eindrücken begünſtigt, hatte ſich unterdeſſen beim Ba⸗ ronet ein Wundfieber erzeugt, das, ſobald er ſich un⸗ ter ſeinen Freunden niederließ, ſchnell an Heftigkeit zunahm und dieſe beſorgt machte. Der Kranke konnte kein Auge ſchließen und die Andern wachten an ſei⸗ nem Bette. Die Franzoſen ſprachen ſchon davon, daß es unmöglich ſei, den Baronet in dieſem Zu⸗ ſtande fortzubringen, und Howard war im Herzen ſehr geneigt, ihnen beizuſtimmen, obgleich er dadurch in Verlegenheit gerieth. Gegen Morgen erklärte jedoch der Kranke beſtimmt, er würde reiſen, ſelbſt wenn es 140 ſchlimmer mit ihm ſtände, und beſtand unabweisbar darauf, daß man den Wagen anſchirre. Howard wußte dieſen Beweis von Freundſchaft nach Würden an O'Donnel zu ſchätzen. Sally ſtellte ſich zeitig ein und hörte mit Be⸗ ſtürzung von O'Donnels Erkrankung. Es war nun an ihr, zu bitten, zu flehen, daß er noch einen oder ein paar Tage verziehen möchte, und ſie bat wie ein frommes unſchuldiges Kind, und Moya und Michaul ſtimmten ihr bei; aber die Charakterſtärke des Baro⸗ nets ſiegte. Nun wetteiferten Sally und Moya, ihn gegen die Einwirkung der Luft und Kälte zu ſchützen, und Lewis empfing manch' rührendes Zeichen der Anhänglichkeit dieſer guten einfachen Menſchen an ihn. Als Alles zur Abreiſe fertig war, ließ Sir Le⸗ wis ſeine ganze Dienerſchaft, die eben nicht groß war, in das Zimmer rufen. Hier ſtellte er mit ernſten und kurzen Worten Michaul Dahna ſihnen als einſt⸗ weiligen Gebieter, während ſeiner Abweſenheit, vor und ermahnte ſie zum ſtrengſten Gehorſam gegen den Mann, der jetzt nicht mehr ihr Kamerad, ſondern ihr Herr ſei. Dann reichte er jedem zum Abſchied die geſunde Hand. Es war eine rührende Scene. Wei⸗ nend ergriffen die Einzelnen die Hand, bedeckten ſie mit Küſſen und Thränen, erſchöpften ſich in Seg⸗ nungen und Glückwünſchen, die ſie auf Sir O'Don⸗ nels Haupt häuften, und konnten kaum von ihm laſ⸗ ſen. Ihr Wehgeſchrei erfüllte die Luft und ſelbſt die Augen des Baronets und der Offiziere wurden naß. Nun umarmte Lewis den treueſten ſeiner Diener. Michauls Jammer war unausſprechlich groß.„Ich beſorge nicht, daß Du wieder etwas thuſt, was mei⸗ ner und Deiner unwürdig wäre“, ſagte der ſcheidende 141 Gebieter.„Hüte und zügle das Feuer Deiner Lei⸗ denſchaft““— Michaul legte die Hand ſtumm auf das Herz, er konnte kein Wort reden. Moya und Andy Dahna ſanken in die Kniee und küßten des Ba⸗ ronets Hände und Füße; es war ein herzzerreißender Anblick. Von zwanzig und mehr Armen wurde der Baro⸗ net in den bequemen Reiſewagen getragen. Als Sally einſtieg, war es ihr, als huſchte Tims, ihres Verlob⸗ ten, kleine Geſtalt wie ein Schatten an den Boskets vorüber, die den Raſen des Auffahrtsplatzes zierten. Sie ſchauderte unwillkürlich zuſammen, ſie wußte nicht warum. Im Wagen mußte ſie an O'Donneks Seite Platz nehmen; ſein fieberkrankes Haupt ſank an ihre wogende Bruſt und ſeligere Gefühle kehrten wieder in dieſelbe ein. Die franzöſiſchen Offiziere ſetzten ſich gegenüber, Howard beſtieg ſein Pferd und ritt dem Wagen zur Seite; Dragoner eröffneten und ſchloſſen den Zug. Unter lautem verzweifeltem Wehklagen, mit denen der gemeine Irländer meiſt der gepreßten Bruſt Luft macht, verließ der traurige Conduct den Schloß⸗ platz. Die letzte Nachtwache der ſchaurigen Winter⸗ nacht zog trübe und ſchwermüthig über die Höhen, der Wind ſchnitt empfindlich kalt, und in der Ferne erlöſchten bald die einzelnen über den Schloßhof wan⸗ kenden Laternen. Der Wagen konnte nur ganz lang⸗ ſam fahren. Als Sally einmal wieder von ungefähr den Blick in die trübe neblichte Frühe hinauswarf, däuchte ihr abermals, als ob Tims Geſtalt durch die Bäume und Büſche des Waldes neben dem Wege hingleite; gleich darauf hörte ſie einige der nachreitenden Dragoner ei⸗ nem Menſchen drohen, doch entführte ihr der Wind den ganzen Sinn der Worte, ſie hatte nut Ein⸗ 142 zelnes verſtanden. Ihr Herz wurde von großer Angſt gemartert. Der Morgen glich einem dampfenden qualmenden Feuer, das nicht brennen will; der Tag konnte ſich durch die dichten Nebel und Nachtmaſſen anfangs gar nicht durcharbeiten; es war feucht und kalt und im höchſten Grade unfreundlich. So war es noch immer dämmrig, als die Reiſenden beim grünen Stein an⸗ langten, wo die Wege ſich trennten, und Sally ans Ausſteigen erinnerte. Ach! es wäre ihr ja die größte Erdenſeligkeit geweſen, wenn ſie mit dem Manne, den die Schwärmerei ihrer Seele wie einen Heiligen an⸗ betete, nach Dublin in das Gefängniß hätte gehen können, um den Kranken zu pflegen, ihm als Magd zu dienen. Aber der Lady gehörten ihre nächſten Pflichten, und ſie küßte des Baronets heiße Hand, empfing demüthig ſeinen Kuß auf die Stirne, nahm das Päckchen, das den ihr anvertrauten Schatz ent⸗ hielt, und wanderte, von den beſten Wünſchen der Reiſegeſellſchaft begleitet, dem Bergkamme zu. Oben blieb ſie ſtehen und winkte mit dem ſeidenen Tuche, Sir Lewis theuerm Geſchenke, dem Wagen ſo lange zu, bis er hinter Bäumen, Felſen und Bergvorſprün⸗ gen verſchwunden war, und der Nebel ihr nicht er⸗ laubte, ſein ferneres Wiedererſcheinen zu verfolgen. Rüſtig ſchritt ſie über die Höhe und ſah ſich ſcheu um, ihre Füße beflügelnd, wenn es zuweilen neben ihr im Walde raſchelte, als ob ein Menſch dort gehe. Sie mußte immer zagend an Tim denken. Plötzlich, als ſie hurtig bergab ſchritt, thaten ſich ihr zur Seite die laubloſen Gebüſche auseinander, und zu ihrem Schrecken ſtand die verwachſene Geſtalt ihres Verlob⸗ ten vor ihr und bot ihr grinſend einen guten Morgen. „Ei, mein holdes Bräutchen,“ höhnte der Kleine, z 143 und ſein langes dunkelfarbiges Geſicht mit den ſtechen⸗ den Augen nahm ſich zwiſchen dem großen ſchwarzen Backenbart wie eine hölliſche Fratze aus.—„Du zit⸗ terſt wie Espenlaub, und der Dank auf meinen höfli⸗ chen Gruß bleibt Dir in der Kehle ſtecken. Woher ſo früh des Weges?“ „Pfui!“ ſagte endlich Sally böſe,„Du haſt mich recht erſchreckt, Tim.“ „Das habe ich wohl bemerkt. Kann aber die Braut, die ein gutes Gewiſſen hat, durch das plötz⸗ liche Erſcheinen ihres Bräutigams erſchreckt werden? Woher Du kommſt, mein Täubchen, hab' ich Dich gefragt?“ „Das weißt Du ja, ſo gut wie ich; denn ich habe Dich beim Einſteigen in den Wagen auf dem Schloß⸗ platze zu Greenlodge bemerkt.“ „Nun freilich war ich dort; aus lauter Sehnſucht und Zärtlichkeit zu Dir, mein füßes Kind. Ich mußte doch zuſehen, wohin mein Vögelchen geſtern ſo ſchnell geflattert ſei, als es an der Heideſchenke vorüberflog, ohne mir einen Gruß zu gönnen.“ 6„Du haſt mich geſehen? Ich hatte die größte Eile.“— „Und was hatteſt Du denn ſo ſehr eilig zu be⸗ ſorgen?“ „Ich weiß nicht, ob ich es ſagen darf. Zwar iſt es mir nicht verboten, aber Schweigen verſteht ſich doch eigentlich von ſelbſt.“ „Mir wollteſt Du es nicht ſagen, der ich Tag und Nacht an unſerm künftigen Glück baue, der ich alle Kräfte anſtrenge, um Dich, mein Schäſchen, bald recht warm und weich zu betten? Gegen mich willſt Du ein Geheimniß haben, Sally? Schäme Dich! Du betrübſt mich ſehr!“ ———————— 144 „Nun ich will Dir's ſagen; Du darfſt es aber Niemand mittheilen.“ „Nimmermehr! Hier haſt Du meine Hand darauf.“ „Ich brachte dem Sir O'Donnel ein Briefchen von Miß Eliſabeth.“ „Und jetzt trägſt Du die Antwort zurück? Das iſt ein ſtarker Brief, den Du da haſt. Dann hat der Baronet wohl die ganze Nacht geſchrieben?“ „Nicht doch, der rechte Arm iſt zerſchoſſen, er kann nicht ſchreiben.“ „Ja, das hatt' ich vergeſſen. Du haſt ihn wohl die Nacht über unterhalten, den armen Mann? Da⸗ für hat er Dich aus Dankbarkeit dieſen Morgen in den Wagen genommen und küßte Dich beim Abſchied recht zärtlich. Das läßt ſich ja allerliebſt an, mein Schätzchen!“ Sally blickte in das ſcheußlich verzerrte Geſicht Tims und erbebte. Angſtvoll ſtammelte ſie:„Du biſt böſe, Du zürneſt mir?“ „Nein, nein!— Das niedliche rothſaffianene Büch⸗ lein da hat Dir Sir Lewis wohl zum Andenken an eine glückliche Stunde geſchenkt? Zch ſehe da ein net⸗ tes Ringlein an Deiner Hand blitzen! Und das ſchöne ſeidene Tuch? O, das haſt Du Alles in der Nacht erobert. Du verſtehſt das noch von ſonſt her.— Zeig' doch her das Büchlein und laß es mich auch be⸗ trachten.“ Sally war erblaßt; Tims boshafte Worte gingen ihr wie ein zweiſchneidiges Schwert durch die Bruſt. Grimmiger Schmerz zuckte ihr durch das innerſte Le⸗ ben, es wirbelte ihr im Kopfe, ſie ſtöhnte tief und ſchwer auf, und von einer plötzlichen Betäubung er⸗ griffen, wußte ſie nicht, wo ſie ſich befand und was mit ihr geſchah.— Dieſen augenblicklichen bewußtlo⸗ 145 ſen Zuſtand benutzte Tim, nahm ihr das Portefeuille ab, öffnete es und blickte neugierig hinein. Dieſer Raub brachte aber das Mädchen wieder zur Beſin⸗ nung; haſtig griff ſie nach der Brieftaſche, aber er wich ihr aus und ſagte höhniſch:„Laß mich's doch inwendig auch anſehen, ich kann ja doch nicht leſen, was da geſchrieben ſteht.“ Dabei aber funkelten ſeine Augen immer feuriger und wilder, indem ſie über die Zeilen hinirrten. „Du lieſeſt es ja doch!“ kreiſchte Sally verzweif⸗ lungsvoll und haſchte wieder nach dem Buche. „Nun ja doch,“ verſetzte er teufliſch lachend, „nicht vergebens hat mich meine Muhme Peppy, als ich noch ein Bube war, beim Pater Auguſtin OKelly leſen und ſchreiben lernen laſſen. Hier haſt Du das Büchlein wieder, mein Herz. Und nun laß ein⸗ mal ein vernünftiges und freundliches Wörtchen mit Dir reden. Unſer künftiges Glück hängt ganz allein vom Lord Kildare ab. Er will uns beiden wohl und mir eine Anſtellung geben, die uns reichliches Auskommen verſchafft. Shaun Donnough wird näch⸗ ſtens verſetzt, dann erhalte ich die Parkwärterſtelle zu Lindſayhall, und wir machen Hochzeit und ſind ein glückliches Paar. Dann dürfteſt Du mir freilich keine nächtlichen Beſuche mehr in Greenlodge machen, doch das giebt ſich ſchon von ſelbſt; denn der ehrenwerthe Sir wird ſchwerlich dorthin zurückkehren. Um aber wieder auf den Lord, unſern Wohlthäter, zu kommen, ſo verſteht ſich von ſelbſt, daß wir ihm gefällig und dienſtwillig ſind, wo wir vermögen. Und je größere Gefälligkeiten wir ihm erweiſen, deſto beſſer iſt's für uns, deſto eher erhalte ich die Stelle, deſto bälder wirſt Du mein Weibchen. Dies wird Dir einleuch⸗ ten. Wenn ich Dir nun ſage, daß Du jetzt im Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vIII. 10 146 Stande biſt, dem Lord eine ſehr große Gefälligkeit zu erzeigen, ſo hoff' ich, Du wirſt um unſres eignen Wohls willen nicht anſtehen, ſie ſogleich zu erfüllen.“ „Ich?“ fragte Sally verwundert.„Womit könnte ich armes Mädchen dem reichen Lord einen Dienſt er⸗ weiſen, der der Erwähnung werth wäre?“ „Wenn Du dieſes Päckchen mit Schriften dem Lord ſtatt der Lady überbringſt, oder mir aushändigſt, daß ich es an ſeine Herrlichkeit beſorge.“ „Verhüt' es Gott und alle Heiligen!“ fuhr Sally erſchrocken zurück. „Nicht ſo heftig, mein Kind! höre weiter. Dieſe Papiere ſind eigentlich des Lords Eigenthum, und der Baronet hat ſie nur durch einen liſtigen Betrug in die Hände bekommen. Der Lord weiß darum; er war außer ſich darüber. Tim, ſagte er zu mir, wenn Du mir die an mich adreſſirten franzöſiſchen Briefe, die die Franzoſen nach Greenlodge gebracht haben, verſchaffſt, ſo mache ich Dich zum reichen Mann. Wie ſollte ich es aber anfangen? Ich konnte doch nicht im Jagdſchloſſe einbrechen, und wenn ich's ge⸗ than, wußte ich, wo die Papiere waren? Ich habe Mancherlei verſucht, ich bot dem Tobby Hudſon, dem Reitknecht auf Greenlodge, meinem Freunde, viel Geld; er warf die Augen darnach umher, aber es war Al⸗ les vergebens. Nun vermuthet der Lord, der Gefangene Sir Lewis werde dieſe wichtigen Dokumente mit nach Dublin nehmen, und wollte deshalb ſogleich dorthin abreiſen, ſobald ich ihm die Abreiſe des Sir Lewis gemeldet, um dieſem zuvorzukommen und ihm die Papiere ſogleich beim Eintritt in's Gefängniß abneh⸗ men zu laſſen. Sieh, deshalb lag ich in dieſer Nacht im Stalle bei Tobby zu Greenlodge. Die Reiſe des Lords wird nun unnöthig; denn daß dies die fraglichen 147 franzöſiſchen Papiere ſind, ſteht ja ganz deutlich in dem rothen Büchlein. Ob ſie die Lady hat, der ſie auch nicht gehören, oder der Lord, der ſchändlich darum gebracht worden iſt, kann Dir nichts verſchlagen; im Gegentheil, Miß Eliſabeth ſpeiſt Dich mit einem küh⸗ len Dank ab, der Lord aber macht uns reich und glücklich.— Drum gieb ſchnell her!“ „Nein, ſag' ich Dir! das Päckchen erhält nur die Lady von mir!“ rief Sally heftig und ſich wider⸗ ſträubend. „Biſt Du klug, Mädchen, mir, Deinem Verlob⸗ ten, Deinem Bräutigam, ſolches zu verweigern? unſer Glück, das Du in Händen haſt, wegzuwerfen, von Dir zu ſtoßen? Gieb her und in vier Wochen biſt Du mein glückliches Eheweib und Wildhüterfrau von Lindſayhall.“ „Nun und nimmermehr! Laß mich gehen! Halte mich nicht länger auf, ich habe Eile.“ „Dein Vater wird Dir zürnen, wenn ich ihm erzähle, wie Du unſer Heil mit Füßen trittſt. Die Lady wird die Papiere ihrem Vater hernach doch aus⸗ liefern, das gebieten ihr Klugheit und Kindespflicht, und ſie werden dergeſtalt gewiß an ihren rechtmäßi⸗ gen Eigenthümer zurückkommen; aber wir ſind dann um den reichen goldenen Lohn betrogen, der uns ge⸗ wiß iſt, wenn wir das Päckchen gleich an den Lord abgeben und von der Lady gar nichts erwähnen.“ „Schweig! Ich mag nichts mehr hören. Laß mich meines Weges ziehen, oder ich werde bitter böſe werden. Die Papiere erhältſt Du nicht und wenn Du auch noch länger ſchwatzeſt.“ „Und ſo will ich ſie doch erhalten, ſelbſt gegen Deinen Willen!“ rief Tim, ſprang auf die Erſchrok⸗ kene zu, entriß ihr das Päckchen und ſchwang ſich 10½ 148 damit auf den Rand des Wegs, um in das Thal hinabzuſpringen, über welchen ſie eben wandelten. Zufällig war dies aber gerade eine ſehr abſchüſſige felſige Stelle; er wagte den Sprung in die Tiefe nicht, ſondern eilte vorwärts, wo er einen bequemen, minder gefährlichen Punkt erſpäht hatte. Aber auf dieſem kurzen Wege kam ihm Sally zuvor. Einen Schrei des Entſetzens hatte ſie ausgeſtoßen, dann aber that ſie entſchloſſen einige pfeilſchnelle Sätze vor⸗ wärts, gleich einer ſchlanken Hindin, die des Jä⸗ gers Hund verfolgt. Sie blieb im Wege und hatte leichtern und bequemern Lauf, und eh' er ſich's ver⸗ ſah, ſchwang ſie ſich auf den Vorſprung empor, ſtand vor ihm und wollte ihm das Päckchen wieder entrei⸗ ßen; aber er hielt es feſt und widerſetzte ſich. Schreiend rang ſie mit ihm, faßte ihn mit beiden Händen in den ſchwarzbuſchigen Backenbart und riß ihm den Kopf mit ſolcher Gewalt herum, daß er laut aufſtöh⸗ nend die Papiere fallen ließ, um ſich von ſeiner ſcho⸗ nungsloſen Quälerin zu befreien. Sie ließ ihn ſo⸗ gleich los, um ſich des ihr anvertrauten Schatzes wie⸗ der zu bemächtigen, aber auch er fuhr mit beiden Händen darnach, erwiſchte jedoch nur das Portefeuille, denn ehe er zu dem Päckchen gelangt war, hatte ſie ihn von der Seite gefaßt und gab ihm mit Arm und Hüfte, in einer Stellung, wo ſie ihre ganze Kraft anwenden konnte, einen ſolchen Stoß, daß er, ſich überſchlagend, in den Abgrund hinabſtürzte, in deſſen Tiefe der Waldbach rauſchte, ber ſein Waſſer ſpäter über die Teufelsmauer in die Heide hinabgoß. Kra⸗ chen hörte ſie noch ſeinen Fall und ſein klägliches Geſchrei, aber mit Blitzesſchnelle raffte ſie die Papiere auf und ſauſte, als müßte ſie verfolgenden Geiſtern entrinnen, ſchneller als eine Gazelle, den Berg hinab. 149 Und wie eine reizende, des berauſchenden Gottes volle Bacchantin, ſtürzte ſie mit fliegendem Haar in das alte Schloß zu Lindſayhall und hielt athemlos der erſchrockenen Lady das Päckchen entgegen. Sobald ihr gereizter Zuſtand ſie nur einiger Maßen zum Wort kommen ließ, erzählte ſie die ſeit geſtern erlebten Vor⸗ fälle und verſchwieg ſelbſt den Ausgang ihres Kampfes mit ihrem Verlobten nicht. Eliſabeth umarmte ſie ſchweigend. Nachmittags ging Sallh nach Dunmoore; Abends wurde auch ihr Vater in ſeinem Häuschen dort und gleich darauf in der Heideſchenke im eifrigen heimlichen Zwiegeſpräch mit Mutter Peppy bemerkt, aber am andern Morgen waren ſie beide verſchwunden. 18. Die Hrotte des Rieſendamns. Hoch oben an der mitternächtlichen Küſte der von Gott geſegneten, von Menſchen verfluchten ſmaragde⸗ nen Inſel, am äußerſten Nordende der ſtädte⸗ und menſchenarmen, aber berg⸗ und felſenreichen Grafſchaft Antrim, an jenem gigantiſch⸗grotesk gebildeten Felſen⸗ bord von Fair Head bis zum Foyle⸗See, deſſen ſelt⸗ ſame ſtarre Formen die Woge des Oceans peitſcht, deſſen einſame, kühne Schöpfungen das Wellenlied der Atlantis umdonnert, des ungeheuern Meeres, das ſeine Fluthen vom fernen Amerika bis hierher ungehindert, von keinem Lande gebrochen, wälzt, dort baut und ſchweift ſich, aus tiefem, ſtillen Waſſergrund aufdäm⸗ ———— 150 mernd, aufſteigend, höher und höher bis zum ſchwin⸗ delnden, rieſenhaften Felſenſcheitel, in unausſprechlicher Pracht und Majeſtät, ein zum gewaltigſten Erſtaunen hinreißendes Naturwunder kühn empor, deſſen Schön⸗ heit unvergleichbar iſt, deſſen impoſante Formbildung kein Land der Erde weiter zu bieten vermag; es iſt das großartige, herrliche Baſaltgebirge des Rieſen⸗ dammes. Meilenweit an der Küſte dehnen ſich dieſe Baſaltmaſſen aus und erheben ſich eckig und ſcharf, oft weit in das Meer vorſpringend, oft ſich ragend in die Luft aufgipfelnd, eine grandioſe Felſenkette, bis zur Höhe von fünfhundert Fuß. Von der See aus in einiger Entfernung geſehen, erſcheint dieſes Felſenge⸗ birge einer ungeheuern Feſtung im Rieſenmaßſtab täu⸗ ſchend ähnlich; man ſieht die enormen, vorſpringenden Außenwerke, die Wälle, die Baſtionen, Böſchungen, Köpfe, und beſonders eine Baſaltgeſtalt, die Kaiſer⸗ krone genannt, trägt die überraſchendſte Aehnlichkeit eines trotzig in's Meer hinreichenden Kaſtells. Wo dieſe Felſenkoloſſe ſich dem Meere zuſenken, deſſen mit der Erde gezeugte Söhne ſie ſind, aber ſtets im hart⸗ näckigen Kampfe mit Vater und Mutter— denn ſie verſchmähen die braune Kutte und das grüne Ober⸗ kleid des erſtern und geſtehen ihm keine Macht zu über ſich, ſie verhöhnen ebenſo die Schmeicheleien und den Zorn der Mutter und ſchleudern die fürchterlich⸗ ſten Rieſenwellen, die jene ihnen nach dem Haupte wirft, um ſie zu vernichten, gebrochen, hohnlachend zurück— dort unten, wo ihre Füße im tiefſten Mee⸗ resgrund wurzeln, haben ſie köſtlichen Säulenſchmuck vor ſich aufgeſtellt, kühn gemeißelte, ſtarke Pfeiler, ge⸗ waltige Träger ihrer Steinlaſten, prächtig gerundete Formen majeſtätiſcher Felſenbildung. So ſtehen ſie, in unendlicher Zahl an einander gereiht, bald in ge⸗ 151 rader Linie fortlaufend, eine wundervolle Colonnade, bald weit ausgebauſcht in das Meer hervortretend, von kürzern zu längern ſich empor gliedernd, eine Rieſenorgel, bald in den Berg hineingebaut, treppen⸗ weiſe ſich aufſtufend, ein ungeheures Amphitheater, immer aber in großen, überraſchenden Bildern. Unten mit dem Meerſpiegel gleich, ſchweifen ſich zwiſchen doppelten, theils abgebrochenen, theils ganzen Säulen⸗ reihen weite Gewölbe in die Felſengebirge, kühn em⸗ porgehalten und getragen von jenen Baſalt⸗Pilaſtern, wie von unzähligen, hervorgeſtreckten Armen. An hundert Fuß lang und oft nicht weniger hoch, liegen dieſe herrlichen Höhlen in die hohen Felſen geſprengt, einſam und unbeſucht, und die ſchauerlich lautloſe Dede, die mit ſtarrem Auge durch ihre Räume glotzt, iſt ihr einziger, ihr ewiger Gaſt; ſelten, daß im ho⸗ hen Sommer die monotonen Ruderſchläge eines Nachens in dieſen heiligen Domgewölben der Natur wieder⸗ hallen; es iſt weder vom Land, noch von der See aus leicht und gefahrlos, ſie zu beſuchen, und nur, wenn das Ungeheuer Meer im Sonnenſchein ſchläft, oder ſich behaglich dehnt, kann der ſtaunende Wandrer auf ſeinem Rücken im leichten Nachen hineingleiten; außerdem verwehrt's ihm die ſchäumende, donnernde Brandung. Von dieſen Höhlen und ihren Trägern, von jenem Steinwald des Gebirges aus, laufen nun jene tauſend und aber tauſend an einander gereihten und gefügten Baſaltſäulen in wundervoller Abſtufung, aber allmählig kleiner und kleiner werdend und wie abgebrochen erſcheinend, mehrere Meilen in das Meer hinaus. Dieſe ſo enggegliederte, prächtige Säulen⸗ bildung iſt der Giants Cauſeway, der gewaltige Rie⸗ ſendamm. Wie die Sage an der einſamen, nur von wenigen armen Fiſchern bewohnten Felſenküſte geht, 152 haben die Rieſen der Erde einſt verſucht, Irland und Schottland, das ſeine lange Landzunge Kantyre hier, wie verlangend, nach Irland, herüberſtreckt und ihm nahe kommt, mit einander zu verbinden und den kühnen Damm zu bauen begonnen, Säule an Säule ſetzend, und wirklich ſchimmern bei heller, ruhiger See die prächtigen Säulenreihen weit, weit nach Norden und Nordoſten hinüber, den ſchottiſchen Ufern zu, aus der Waſſertiefe herauf, nach dieſen verſchiedenen Rich⸗ tungen hinlaufend, und nehmen ſich unten, aus dem dunkelgrünen Meergrund aufragend und doch deſſen hellgrüne Oberfläche noch lange nicht erreichend, wie halbzerſtörte Rieſenſtädte mit Hallen und Portikus aus, und ihr Bild taucht aus dem tiefen Meeres⸗ ſchvos herauf, wunderbar ſeltſam und Schauer erre⸗ gend, wie ein längſt vergangener grotesker phantaſti⸗ ſcher Traum aus der Erinnerung. Die Erdrieſen bauten rüſtig, ſo erzählt die Sage weiter, aber die Meerrieſen verwehrten es ihnen und verhinderten ſie daran; es brach ein furchtbarer Kampf zwiſchen bei⸗ den los, in welchem die Erſtern unterlagen. So ſteht der Wall, der zur Verbindungsbrücke werden ſollte, ein unvollendetes Rieſenwerk, aber doch würdiges Zeug⸗ niß ablegend von ſeinen Erbauern. Und wahrlich! dieſe Säulenwelt, aufſtarrend aus Meer und Erde zugleich, und auf ihren Gipfeln die ungeheuern Fel⸗ ſenlaſten emporhaltend, ſieht ſelbſt aus, wie die drei erdgewaltigen Centimanen, die furchtbaren Funfzig⸗ häuptigen, die den Kampf gegen die Titanen mit un⸗ geheuern Felsſtücken fochten. Auf ihren Händen lie⸗ gen noch die unförmlichen Blöcke, die ſie eben gen Himmel ſchleudern wollten, als ſie ſelbſt erſtarrten, und ſo liegen angefeſſelt die Rieſen der Muythe, die ſelbſt ihrem Vater Uranos Schrecken einflößten, gefeſ⸗ 153 ſelt von Erde und Meer zugleich, und der Himmel hat nun Ruhe vor ihnen. Der Rieſendamm ſelbſt erhebt ſich nicht ſehr hoch über die Oberfläche des Meeres, erſt nach dem Lande zu klaftert er ſich auf; die meiſterhaft, wie von der geſchickteſten Menſchenhand mit dem kühnſten Meißel gehauenen und geründeten und wundervoll an einander gereiheten Säulen bilden aus dem Meere herauf Treppen und ſehen in der Tiefe der unergründlichen, ſtillen See, die convexe und concave Aushöhlung genau in einander gepreßt, wie ein köſtlicher Moſaikboden aus. Dieſe untadelige, au⸗ ßerordentliche Regelmäßigkeit der Bildung überraſcht, wenn man, das beſchauende Auge ſenkend, über den Meerſpiegel fährt, bei jedem Schritte neu und ſteigert die Bewunderung, wie ſie ſelbſt, dieſe farbigen Säu⸗ len, aus der Tiefe ans Licht heraufſteigen, zum größ⸗ ten Erſtaunen. Eine der Höhlen des Cauſeway iſt durch Größe und die Menge ihrer Nebenhöhlen, Grotten und Ge⸗ mächer ausgezeichnet, ein Wunder an erhabener Schön⸗ heit unter Wundern. Ueber den Damm durch die Reihen der aufſteigend größer werdenden Säulen hin⸗ durch trägt ſein kühner Nachen den ſtaunenden Schif⸗ fer in das ſtolze Steingewölbe; die freundliche Sonne giebt ihm ihren Strahl, der ſich ſiebenfarbig in der hehren Ordnung der ragenden Colonnade und dem ſtillen, kryſtallreinen Waſſerſpiegel dieſer heiligen Ge⸗ mächer bricht, zum Begleiter und Leuchter mit Schim⸗ mernde Tempelhallen werfen ihre wunderbaren Bogen in ſchwindelnder Höhe über das weiter dringende Schiff⸗ lein, denn nur dem Kiele, nicht dem Fuße iſt der Ein⸗ gang geſtattet— gigantiſche Zauberpaläſte, hier in heimlicher Dämmerung, dort in magiſcher Beleuchtung ſich ausdehnend, reihen ſich an einander, labyrinthiſche ——————————— 154 Felſengänge ſpringen über dem Haupte des Schiffers empor, winden ſich weit fort und münden in Grot⸗ ten, deren feſter Boden dem Waſſerwanderer ans Land zu treten erlaubt, deren Felſengemächer ihm gaſtfreund⸗ lich Wohnung bieten. Auch an wunderbaren Tönen fehlt es nicht in dieſem unterirdiſchen Schloſſe der Meergötter, und wie ſein Bau viel Aehnliches von der berühmten Fingalshöhle auf der nicht fernen, hebridi⸗ ſchen Inſel Staffa hat, ſo tönen auch in ſeinem In⸗ nern, wie in dieſer, jene von fallenden Waſſertropfen erzeugten wunderbaren Melodien, die wie Geiſterge⸗ ſänge an das Ohr des tiefergriffenen Hörers hauchen und ihm die Seele mit dem ſtillen Entzücken heiliger Schwermuth erfüllen. Und ſo fehlt dem Tempel nicht der Weihegeſang, ewig hier Gottesdienſt haltend; den Zauberpalaſt durchſäuſeln Zauberſtimmen, und wie hier keine menſchliche Hand gebaut, ſo iſt es auch kein menſchlicher Hauch, der dieſe ſeltſam ſchönen Klänge hervorruft. Wenn der Sonnenſtrahl ſich ſpaltet und mit dieſen Tönen im hochgeſpannten Säulendache ver⸗ bindet, dann blitzen und ſchimmern die Hallen wie von Sternen beſäet, dann glänzt es von den unzähli⸗ gen Baſaltſäulen wie Diamantengefunkel, und das tö⸗ nende blaue Gewäſſer ſpiegelt ſich noch verſchönert wie⸗ der; der friedliche See und das ſtarre Geſtein ſchei⸗ nen die Rollen zu tauſchen, denn das Meer flimmert in bunter Farbenfülle über allen Ausdruck erhaben prächtig, die Säulen tönen wie Flöten, und die Halle ſcheint das Dach einer ungeheuern Orgel zu ſein, die leiſe ſingend, klagend den gewaltigen, zur Reſignation gedämpften Schmerz, die ſich ſelbſt verzehrende Weh⸗ muth gefallener Engel ausweint. Erlöſchen dann die Farben, und kommt ein linder, zartbeflügelter Abend⸗ wind und ſchwebt an den klingenden Säulen hin, dann 155 entlockt er ihnen wieder andere Töne, die denen der Aeolsharfe gleichen und ſich den Waſſerlauten ver⸗ ſchwiſtern, wie verſtoßene, unglückliche Kinder, denen nur der Tod übrig bleibt. Gleich ſchmerzlicher Sphä⸗ renmuſik rauſcht es durch die dunkelnden, unermeßli⸗ chen Hallen; es iſt, als ob die grüne Inſel hier ihren ſchmerzumzuckten Muttermund aufthäte, um das na⸗ menloſe Unglück, den herzzerreißenden Jammer ihrer armen Kinder zu beklagen, es iſt, als ſängen die Gei⸗ ſter der Berge und Matten, der Heiden und Moore, der Felſen und Gewäſſer dem unſelig gedrückten, iri⸗ ſchen Volke ein ewiges Sterbelied. Es war hart gegen das Ende des Jahres, als die einſame Meerhöhle ein paar Bewohner erhielt. Ein oder zweimal ſtrich in der Morgendämmerung bei rvu⸗ higer See ein ſchmaler Nachen aus dem gewaltigen Felſenthor, wand ſich durch den Rieſendamm und ſchlug dann nach dem hohen Ufer einen Bogen ein, um ſich dort einen Landungsplatz zu ſuchen. Dies iſt nicht leicht, denn weit und breit iſt kein Hafen, noch ein zum Landen geeigneter Platz; der Schiffer muß in eine Felſenſpalte einlaufen, dort ſein Fahrzeug an einem Steinhorn befeſtigen und die Klippen hinanklimmen, wo dies am wenigſten gefährlich iſt; iſt das Meer aber unruhig, ſo ſchwebt Mann und Schiff in großer Gefahr, denn die vielen Riffe und Klippen und die dem Cauſeway gegenüber liegenden nahen Inſeln ma⸗ chen die Paſſage zu einer der ſchwierigſten. Erſt am Abend, wenn es ſchon dunkel geworden war, oder der Mond das weite, öde Meer überſilberte, kehrte das leichte Schifflein zur klingenden Neptungrotte zurück. Meiſt ging aber das Meer hoch und ſtürmiſch, und die furchtbar donnernde Brandung machte die Küſten⸗ fahrt unmöglich, dann zeigte ſich das Schiffchen nicht, —— —— 156 und nur die Geiſter der Elemente tanzten über den weißen Schaum der brandenden Wellen. In dieſem Nachen ſaß gewöhnlich nur ein Mann; ſehr ſelten wagte ſich auch ein anderer aus der Höhle heraus. Dieſer zweite blieb Tag und Nacht im Innern des Waſſerpalaſtes und bewohnte in einer Grotte deſſel⸗ ben ein ziemlich bequemes Gemach. Dort war dürres Laub und Moos und Heidekraut in Menge aufgehäuft; aus Holzſtämmen waren roh und unbeholfen ein Tiſch ausgezimmert, dem Bedürfniß aber genügend; in eini⸗ gen irdenen Gefäßen ſtanden Vorräthe von Oel, Waſ⸗ ſer, Mehl, Kartoffeln und geſalzenem Schweinefleiſch; Waffen hingen an den in die Felſenriſſe eingeramm⸗ ten Holzpflöcken, ein paar prächtige Piſtolen, eine Büchſe und ein Karabiner, ein paar Säbel. Auch einige Bücher lagen mit anderm Geräth auf einer Erhöhung im Hintergrunde, und vorn am Eingange brannte den ganzen Tag ein eingeklemmter, in Oel getränkter Spahn, um die Dämmerung des Felſenge⸗ machs zu erhellen. Die beiden Bewohner dieſer Zelle waren Herr und Diener, der erſtere ein kräftiger Mann in den angehenden dreißiger Jahren, der zweite noch ein blutjunger ſchmächtiger Burſch. Dieſer Letztere war es, der zuweilen die gefährliche Reiſe nach der Küſte machte und, mit neuen Lebensmitteln verſehen, die er in dem nahen Orte Ballintoy, oder in dem ſchon entfernteren Städtchen Ballheaſtle, oder in den ein⸗ zelnen Fiſcherhütten der Umgegend aufgetrieben, noch vor Mitternacht zurückkehrte. Der Einrichtung nach ſchien es faſt, als ob dieſe zwei Gefährten ihre ſelt⸗ ſame Wohnung den Winter über behaupten wollten. Der Gebieter, von vornehmem Anſehn und ſtatt⸗ lich gekleidet, vertrieb ſich die Zeit mit Leſen und Holz⸗ ſchnitzen; meiſt unterhielt er auch das Feuer außerhalb der Grotte auf einer über das Waſſer vorſpringenden Felſenplatte und kochte dort das frugale Mahl; oft beſchäftigte er ſich mit ſeinen Gewehren, oder er an⸗ gelte am Eingang der Höhle Fiſche, und wenn er einmal Nachts im Mondſchein mit an das Ufer ge⸗ fahren war und in den Felſen ein paar Kaninchen oder einen Haſen geſchoſſen hatte, dann bereitete er am folgenden Tage einen Braten zu und ſuchte die Felle zur Erhöhung ſeiner Bequemlichkeit zuzurichten. Trotz dieſer Beſchäftigungen, die freilich ſehr einförmig wa⸗ ren, kam oft eine trübe und verzweifelte Stimmung über den Gaſt des prächtigen Meerſchloſſes; dann ſaß er ſtundenlang in tiefen Gedanken verſunken, das aus⸗ drucksvolle Haupt in die Hand geſtützt; oft ſchlich ſo⸗ gar zu den flüſternden Klängen der Waſſermuſik eine Thräne über ſeine kummervollen Wangen; zuweilen aber warf er auch drohende Blicke umher, ſeine Fäuſte ballten ſich, und ſeine Flüche und Verwünſchungen hallten grauſig an den Säulenwänden und Felſendecken wieder und übertönten laut und gewaltig den Chor⸗ geſang der Waſſergeiſter.. Wenn aber draußen der König Sturm ſeinen Sklaven Meer peitſchte, und dieſer empört ſich zu den Füßen ſeines Tyrannen wand, bemüht, ſich aufzurich⸗ ten und ſeinen grauſamen Herrn und Meiſter mit ſeinen tauſend Waſſerarmen zu erfaſſen und zu be⸗ wältigen, des Meiſters, der hohnheulend ſein ſchwarz⸗ wolkenlockiges Haupt bis zum Himmel erhob; dann kletterte der ernſte Höhlenbewohner mit Lebensgefahr an den Felſen empor und klemmte ſich hoch oben an den Gipfeln in ihre ſcharf kantigen Spalten. Der Blick ſeines begeiſtert leuchtenden Auges verfolgte dann die mit Blitzesſchnelligkeit dahin fahrenden Wolken, die 158 ſich immer tiefer auf die raſch aufſteigenden und eben ſo raſch wieder verſchwindenden Waſſerberge herab⸗ ſenkten, und ergötzte ſich an dem kochenden Ocean, deſſen ſilberweißer Giſcht mit den heranrollenden Wo⸗ gen tobend und in ſchauderhaft furchtbaren Brandun⸗ gen über die rieſigen Felſen herſtürzte, ergötzte ſich, wenn die Wellengebirge heranraſeten, als wollten ſie alle die wunderbaren Säulen von Grund aus zerbre⸗ chen und zertrümmern, und dann ſelbſt gebrochen von den ewig unzerſtörbaren Baſaltpfeilern zurückprallten; ſein Ohr lauſchte mit Entzücken dem Toben, Heulen, Donnern, Aechzen, Stöhnen, dem furchtar ſchönen Brüllen des Meerungeheuers, deſſen Tönen keine an⸗ dern auf Erden gleichen, wenn es die landgierigen Zungen in toller Wuth lechzend ausſtreckt und mit ihnen an den Felſen emporleckt. Der ernſte Zuſchauer dieſes Naturſchauſpiels kehrte wohl erſt in ſpäter Nacht halb erſtarrt über Felſenſpitzen und Hörner— ein ſchrecklich ſchöner Pfad— von ſeiner Felſenwarte in ſein Felſenneſt zurück, und die noch grollende Welle netzte ihm den Fuß. Dann war ihm wohl; er ſang ſtürmiſche Freiheitslieder, daß die Wände wiederhall⸗ ten, bis er auf dem Laube entſchlummerte. 3 159 19. Erins Schutzgeiſt. Eines Nachmittags, deſſen Decemberſonne ein blitzen⸗ des Strahlenbündel in die Höhle ſchickte, freundliche Lichtkinder, die muthwillig an den Säulen umhergau⸗ kelten und im blauen Waſſer untertauchten, drang ein bis jetzt von ihren Bewohnern noch nicht vernomme⸗ nes Geräuſch in die Grotte; beide horchten auf und überzeugten ſich bald, daß es nahende Menſchenſtim⸗ men ſeien, deren Schall bis zu ihnen ſchrillte.„Sie haben uns doch aufgeſpürt,“ ſagte der Gebieter leiſe zum Diener;„aber wahrlich, kebend ſollen ſie mich nicht haben, und ich will ihnen mein Bischen Leben ſo theuer als möglich verkaufen. Nimm den Karabi⸗ ner, eine Piſtole, einen Säbel, das kleine Pulverhorn und den Kugelbeutel, Tom, und ziele gut.“ Er ſelbſt nahm die Büchſe, die andre Piſtole, den andern Sä⸗ bel und eine volle Patrontaſche, löſchte den brennen⸗ den Spahn und ſchlich vorſichtig hinaus, an den feuchten Felſenwänden hin, erklimmte Steigen und ſchwebte endlich über dem Waſſerſpiegel, wie ein Gems⸗ jäger auf den Felſengrat der Alp über der ſchwindeln⸗ den Tiefe. Ein Kahn war in die Höhle eingelaufen, und ihr lauernder Bewohner erkannte zwei bejahrte Männer in Seemannstracht und ein junges Mädchen darin; ſie ruderten näher, und der Horcher verſtand jedes ihrer Worte. „Weiter hinten iſt feſter Boden,“ ſagte der eine der Männer,„und Kammern und Räume, in deren einem wir uns recht ſchön einrichten wollen, während —— 160 Du Deinen Plänen nachgehſt, Evans. Hier iſt Sally ſicherer und auch Du, wenn's etwa ſchief ablaufen ſollte, was der Himmel verhüte! als irgendwo auf dem Lande; denn das arme, unſchuldige, ſpärliche Volk der Ungegend ſcheut und flieht die Höhle, wie ich Dir ſchon geſagt habe, und deshalb biſt Du vor jedem Verrath geſchützt.“ „Ich danke Dir, John,“ verſetzte der ſtarke, ein⸗ äugige Mann, an welchen dieſe Anrede gerichtet ge⸗ weſen war.„Du haſt Dein Wort gut gelöſt. Ob⸗ gleich ein geborner und ſein Vaterland treu liebender Ire, ja, obgleich ein Seefahrer, kannte ich dieſe Höhle bis jetzt doch nur dem Namen nach. Aber Du weißt ja, alter Freund Boyle, wie's um mein früheres Le⸗ ben beſtellt war. Ich bin nur einmal hier vorüber gefahren. Fürwahr, ſchlagen meine Pläne fehl, und ich kann mich durch die Flucht retten, ſo ſucht uns hier keiner der verfluchten engliſchen Rothröcke, bis es uns gelingt, nach Frankreich zu entfliehen; komme ich nicht mit dem Leben davon, ſo iſt hier mein Kind vor jeder Gewaltthat geſichert, bis Du ſie hinüber bringen kannſt an die uns befreundete Küſte.“ Sally ſchmiegte ſich weinend an ihren BVater. „Laß uns weiter rudern,“ ſagte der alte John Boyle, „und im Namen des unglücklichen Irlands Beſitz neh⸗ men für einige unglückliche iriſche Herzen.“ „O, ich würde fern von der Welt, die mir ſo viel Leids gethan, hier gern meine Tage beſchließen!“ ſagte Sally wehmüthig.— Sie ruderten weiter nach dem Hintergrund, und das Mädchen horchte dem Klingen der Waſſertropfen, indem ähnliche Perlen über ihre bleichen, abgehärmten Wangen rollten. Der finſtre Bewohner der Höhle hatte ſich wieder nach ſeinem Gemache zurückgezogen. Die fremden An⸗ kömmlinge landeten. „Es riecht hier wie Rauch,“ bemerkte Evans, „und wenn mich mein Auge nicht trügt, ſo ſehe ich dort von jener Felſenplatte einzelne Rauchſäulchen aufſteigen.“ „Du haſt Recht,“ verſetzte Boyle,„dort glimmt noch Feuer. Vielleicht hauſen ſchon unglückliche Kin⸗ der Erins in dieſer Einſamkeit. Wo wären ſie nicht alle verſteckt, die Armen, denen man die menſchliche Hütte nicht mehr gönnte?“ In dieſem Augenblick ſtieß Sally einen Schrei der Ueberraſchung aus. Der ältere Bewohner der Höhle ſtand plötzlich vor ihnen. „Wenn Ihr von dem edlen, gehetzten Wild ſeid, worauf die engliſchen Blutſchützen jagen,“ ſagte er ernſt und feierlich,„ſo heiße ich Euch im Namen des Vaterlandes als Unglücksgefährten willkommen in die⸗ ſen, ſenſt von den Menſchen geflohenen Hallen.“ „Wir ſind's!“ rief Evans, die Hand nach der des Fremden ausſtreckend.„Aber der Löwe der Wüſte hat ſcharfe Klauen, womit er ſeinen unbarmherzigen Ver⸗ folger zu zerreißen gedenkt.“ „Löwe, ſo biſt Du in die Höhle des Tigers ge⸗ kommen; denn ich kenne nur ein Glück: meinen ſchänd⸗ lichen Feind zu vernichten; ich habe nur ein Vergnü⸗ gen; im Blute der Engländer zu ſchwelgen.“ „Laß Dich umarmen, junger Mann, den mein Auge noch nie geſehen! Du haſt meine Gedanken; Du verdienteſt, mein Sohn zu ſein. Haſt Du je gehört von dem ungeheuern Löwen Hindoſtans, der einen Stachel in ſeinem Schweife hat, womit er ſich ſelbſt ſticht und zu immer größerer Wuth aufreizt? Ich habe ihn geſehen, dieſen König der Wüſte in ſei⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 11 162 nem Vaterlande, und ich bin ihm gleich. Der Sta⸗ chel, womit ich mich ſtets und ohne Unterlaß zu ko⸗ chender Wuth reize, heißt Rache! Rache an den kal⸗ ten, herzloſen Unterdrückern unſers Volks, an der verfluchten Krämerbande, die jenſeits des Kanals ihre Buden aufgeſchlagen hat und mit Menſchenblut, mit Glück und Leben gleichgültig feilſcht, wie mit ihren Pfefferſäcken.“ „Segen auf Dein Haupt und St. Patriks beſte Fürbitte für Dich, Erins wackerer Sohn!“ rief der junge Mann begeiſtert.„Sage mir Deinen Namen, Alter, damit ich Dich als Vater verehre.“ „Ich heiße Evans O'Neil.“ „O'Neil war der Name eines der edelſten Ge⸗ ſchlechter unſerer Inſel.“ „Ich bin ſein unglücklichſter Sproß. Doch wie heißt Du, den ich ſo ſchnell liebgewonnen?“ „Mein Name iſt Leßlie.“ „Leßlie?!“ riefen die Ankömmlinge alle drei zu⸗ gleich.„Der kühne Irenhäuptling? Der gefürchtetſte Feind der Engländer und ihr erbittertſter Verfolger? Biſt Du dieſer?“ „Ich bin's!“ verſetzte Jener ernſt und ſtolz. „Hanſo„ e mir, Dich noch einmal an mein altes, von ſchweren Leiden gemartertes Herz zu drücken! Dein Name iſt, von allen Jren geſegnet, weit über unſere Inſel hinausgeflogen und wird von Jedem, dem ein menſchlich Herz in der Bruſt ſchlägt, mit Achtung genannt. O, wie oft habe ich mit Si Lewis O'Donnel von Dir geſprochen, edler Häupt⸗ ling! Wie oft mich geſehnt, Dich zu ſchauen! Sei geſegnet, edelſter Sohn der ſmaragdnen Inſel!“ „So kennſt Du Lewis O'Donnel!“ „Ich kenne ihn, er iſt mein Freund. O Sir, 163 geſtatte, daß ich Dich ferner mit dem freundſchaftlichen Du anrede! Es thut meinem Herzen wohl, das wahrlich nicht minder feurig für Irlands Wohl ſchlägt, als das Deine.“ „Sei mein Vater, mein Freund, O'Neil!— Doch ſage mir, was treibt Dich in dieſes einſame Kryſtallſchloß? Iſt Dein Haupt von unſern Henkern geächtet, wie das meine?“ „Noch nicht; es iſt ein Mißgeſchick andrer Art. Ich habe auf der weiten Welt Niemand weiter, der mir, dem ich angehörte, als dies mein einziges Kind. Sie iſt eine namenlos Unglückliche! Gott weiß, welch' ein Fluch auf dem unſchuldigen Haupte dieſes Mäd⸗ chens laſtet! Um ſie einer unverdienten Schande zu entreißen und ihr Loos zu ſichern, wenn ich einmal nicht mehr ſein würde, hatte ich ſie einem— böſen Buben verlobt. Ich wußte damals nicht, daß er von unſern Feinden erkauft, daß er ein Spion des Lords Kildare ſei. Mein Kind hat, ſich gegen ſeine ſchlechte Anmuthung vertheidigend, ihn durch einen unſeligen Zufall ums Leben gebracht. Soll ich meine Tochter am Galgen ſehen? Eh' noch Lord Kildare ſeine Hä⸗ ſcher nach ihr ausgeſchickt, ſind wir geflohen. Wir konnten nicht in der Gegend bleibet Ran hätte die Aermſte aufgeſpürt und in's Gefängniß geſchleppt. Wir durften uns Niemand anvertrauen. Ohnedies war ich eben gewillt, einen lang gehegten Plan zur Rettung meines elenden Vaterlandes auszuführen; ich mußte fort aus Dunmoore, meinem Wohnort. Wo hätte ich ſie laſſen ſollen, geſichert gegen die Nach⸗ ſtellungen eines blutigen Geſetzes? Auf dem Lande mochte ich ſie nicht verſteckt halten; ich, der Sohn des Waſſers, konnte ſie nur auf mein Schiff bringen. Da ſprach mir mein Freund und Kamerad, der alte, 11⁸ —— 164 ehrliche Lootſe John Boyle, ein eben ſo ächter Erins⸗ ſohn, wie Du und ich, von dieſer Höhle und ihrer ſchönen Lage. Er gelobte mir, mein Kind darin zu verbergen, während ich gehe, mein Werk auszufüh⸗ ren, und treu bei ihr auszuhalten in aller Noth und Fahrniß.“. „Und was haſt Du vor, alter Löwe?“ fragte Leßlie. „Ich will es Dir ſagen, wenn wir allein ſind,“ flüſterte ihm Evans abgewendet zu.„Es taugt nicht für die Ohren meines Mädchens. Du aber ſollſt mein Geheimniß theilen, Tiger, der auch nach engli⸗ ſchem Blute lechzt.“ Leßlie führte die ihm ſchon ſo lieb gewordenen Gäſte in ſeine Wohnung.„Seid mir herzlich gegrüßt und willkommen geheißen!“ redete er ſie hier an, während Tom die Kienfackel wieder anzündete.„Dieſe wunderbare Höhle ſei Dir ein eben ſo ſichrer Zu⸗ fluchtsort, wie ſie es mir geworden iſt, ſchönes Mäd⸗ chen! Sieh', auch ich war verfolgt und gehetzt, wie der edle Hirſch, und lag ſchon unter den Fängen der blutdürſtig nach mir ſchnappenden Meute. Doch ich wehrte mich meines Lebens; ein paar der wildeſten Hunde krümmte ſich zerſchellt am Boden, und ich floh mit dieſem treuen Jungen in das herrliche Labyrinth; ein kleiner Nachen trug uns hierher: wir waren ge⸗ rettet. Ein hoher Preis war auf meinen Kopf ge⸗ ſetzt, ein noch höherer, wenn ſie mich lebend fingen; es hat ſich noch Keiner hier herein gewagt, um meine Ruhe zu ſtören; denn der Klang der heimlichen Gei⸗ ſterſtimmen, der mir Frieden in die Seele geweint, mich oft mit Rührung, mit hoher Andacht erfüllt, ſchreckt die Böſewichter zurück. Sie glauben, ſie ah⸗ nen es nicht, daß ich mich hierher in das ſchauerliche 165 Bereich mächtiger Geiſter geflüchtet haben könne. Die hohen Felſen der Küſte, die wilden Wellen des Mee⸗ res ſind meine treuen Wächter geworden. So ſei Du mir willkommen, Leidensgefährtin, deſſelben Tro⸗ ſtes gewärtig! Was in meinen Kräften ſteht, ſoll geſchehen, Dir das Leben angenehm zu machen.“ Sittig dankend verneigte ſich Sally vor dem neuen Freunde; ſeine Rede wie ſein Weſen gefielen ihrem Herzen wohl. Nun war plötzlich Leben und Bewegung in die Räume und Gemächer des ſonſt ſo einſamen Waſſer⸗ ſchloſſes gekommen. Leßlie's Unmuth war verſcheucht, ONeils herzfreſſender Gram verſchwunden; die beiden Männer richteten ſich an einander auf, begeiſterten ſich gegenſeitig und entwarfen große Pläne. Auch Sally wurde heiter und froh geſtimmt, und der alte John warf jubelnd ſeine Mütze bis an die höchſte Decke des Gewölbes. Dann ruderte er hinaus auf das Meer, wo O'Neils Kutter hielt, der einem jün⸗ gern Lootſen übergeben worden war, und führte Le⸗ bensmittel, Decken und Kleider herein, Vorrath für den ganzen Winter. Ein zweites Gemach wurde ein⸗ gerichtet für die Gäſte, die bis nach Mitternacht mit ihrem gütigen Wirthe beim heißen Whiskypunſche ko⸗ ſend ſaßen. Sally hatte ſich früher niedergelegt, und D Neil mit ſeiner Lebensgeſchichte dem kühnen Briten⸗ feinde neues Oel in die Glut ſeiner Seele gegoſſen. Als auch John und Tom zu Bette gegangen waren, enthüllte der einäugige Lootſe dem neugewonnenen Freunde das Geheimniß ſeines Planes. Zwei wilde Feuerköpfe waren hier zuſammen gekommen und lo⸗ derten nun in wilden Flammen auf; ſie gaben ſich die Hände, ſie küßten ſich, ſanken ſich an die Herzen und ſchwuren, bei einander zu bleiben und Noth und —— ——————— 166 Tod mit einander zu theilen. Schon flogen die Bo⸗ ten des Morgens, die kalten Oſtwinde, über das Meer, als ſie ihr Lager ſuchten. Am folgenden Tage gab Leßlie ſeinen Gäſten ein Feſt; Sally wurde als Königin deſſelben würdig be⸗ dient. Nach eingenommenem Frühſtück führte der glück⸗ liche Wirth die Dame auf ſeinem Nachen durch die Reihe der glänzenden, hochgewölbten Säle, ihr alle Herrlichkeiten derſelben zeigend, und die ſchüchternen Najaden, die noch nie eine ſo ſchöne, ſterbliche Schwe⸗ ſter hier erblickt hatten, hoben ſtaunend die triefenden Häupter empor und ſangen zu Ehren der Lieblichen, die bei ihnen zu wohnen gekommen war, ihre ſchön⸗ ſten Weiſen. Und um die weite Höhle aufs pracht⸗ vollſte auszuſchmücken, erblickten ihre Bewohner plötz⸗ lich die Sonne im weiten Hintergrunde, gleichſam in der Vogelperſpective, wie ſie ſo eben als Feuerkugel dem Schoße des Meeres entſtieg, gerade dem Eingang der Grotte gegenüber, mit der jungen Pracht ihres Lichts die Kryſtallſchlöſſer vergoldend, überpurpurnd, in alle Farben tauchend. Sally faltete die Hände, Thränen wonniger Rührung glänzten in ihren ſchö⸗ nen Augen, und auch ſie wurden vom Glanze des Tagesgeſtirns verklärt. Auch Evans fuhr mit leuch⸗ tenden Blicken, in ſtummer Andacht verſunken, durch dieſe Wunderwelt; zuweilen lehnte er ſich auf ſein Ruder und blickte mit dem einen Auge ſo kühn unter der hohen Stirn empor, auf der die Trauergeſchichte ſeines untergegangenen Geſchlechts geſchrieben ſtand, während ein ſchmerzlicher Zug um ſeinen Mund, in ein ironiſches Lächeln überſpielend, die Geſchichte ſei⸗ nes eignen Lebens verkündete; hier in dieſen heiligen Hallen ſchien er ſeine innere Weihe erhalten zu ha⸗ ben; er beugte ſich vor Gott und ſchwur mit lautlo⸗ 167 ſen Worten einen feierlichen Eid, ſeinen Entſchluß in Bälde auszuführen. „Sieh',“ ſagte Leßlie vertraulich zu Sally,„in dieſem meinen unterirdiſchen Reiche habe ich nun ſchon drei Wochen, wie ein verzauberter Prinz, zugebracht, nicht anders, als hielte mich eine der ſchönſten Feen unſres Landes, die ſich mir aber nur im Traume zeigte, mit ihrer göttlichen Liebe in ihrem unterirdi⸗ ſchen Diamantenſchloß gebannt; und wahrlich, oft wollte es mich gemahnen, als flüſterten aus dieſen wunderbaren Tönen zauberiſche Feenſtimmen ſchwer⸗ müthige Klagen unerhörter, unerwiderter Liebe, als blicke mich aus dem farbigen Luftraum das tiefblaue, ernſte Auge eines in namenloſen Liebesſchmerz dahin⸗ geſchwundenen Frauengeſichts an. Oft überliefen mich ſüße Schauer in der heiligen Einſamkeit dieſes Orts, deſſen Wunder ſchon unfre alten Barden zu ergreifen⸗ den Geſängen begeiſterten; oft durchglühte mich hohe, ahnungsvolle Wonne, und in meine Seele zitterte die Ueberzeugung, daß mich unſichtbare Geiſter, die gaſt⸗ lichen Beſchützer dieſes Orts, umſchwebten. Nicht ſelten entſchlummerte ich unter ſo ſchönen Phantaſien, und dann war es auch meinem geiſtigen Auge ver⸗ gönnt, die meine Ruhe ſchirmenden Nereiden zu ſchauen und mit ihnen zu koſen“ „O, Ihr Leben, Sir, muß ſchön geweſen ſein in dieſem Palaſt aller Paläſte!“ rief Sally mit ſtrahlen⸗ den Augen.„Wie ärmlich ſind dagegen Londons prachtvollſte Königshäuſer! Armſeliger Flitter! eitles, vergängliches Menſchenwerk! Moder und Staub nach wenigen Jahrhunderten! Erborgte, prahleriſche Größe, die nur zu bitterm Spott reizt, während dieſer Palaſt, ewig neu und im friſcheſten Glanze, ſtets den Men⸗ ——————— 168 ſchen zu Anbetung und Preis des Höchſten aufruft, deſſen Werk allein er iſt.“ „Aus Deiner ſchönen Seele ſprechen mich ſchwe⸗ ſterliche Gefühle an!“ rief der Häuptling entzückt. „Und doch, mein liebes Kind, ſehnt ſich das Men⸗ ſchenherz, in dieſen unausſprechlichen Zauber der Ein⸗ ſamkeit eingeſponnen, allmählig mehr und mehr, un⸗ ter gleichgeſtimmten Herzen zu ſchlagen; es zählt ſo gern an den Taktſchlägen jener Geiſtermuſik in der befreundeten, in ver geliebten Bruſt die Minuten ei⸗ genen Glückes ab. O, ich freute mich immer des Anblicks dieſer ſtillen Herrlichkeit, ich ſog ſtets gierig die Strahlen des Sonnenlichtes ein, ich genoß alle ſchauerlichen Wonnen einer mondbeglänzten Zauber⸗ nacht, zwiefach zauberhaft in dieſem klingenden Nep⸗ tunsſchloſſe! Dennoch ſchweifte an ſonnenheitern Tagen mein Blick ſehnſüchtig über den in unendlicher Ferne ſich ausdehnenden Ocean hinaus, ob ich nicht irgend ein herannahendes Segel erblickte, das mich aufnähme und nach Frankreichs befreundete Küſten trüge. Denn wahrlich, oft gewahrte ich mit Schrecken, wie mich der Zauber der poetiſchen Wolluſt mit goldnen Traum⸗ netzen füßer und ſüßer umgarnte, und wie ich den Lockungen der ſchmeichelnden Waſſergöttinnen mehr und mehr verfiel. Lieblicher Wahnſinn der Verzauberung ſpielte mir ſchon um Stirn und Bruſt, und die Ober⸗ welt mit ihrer Noth, mein armes Vaterland mit ſei⸗ nem Jammer lag ſchon unendlich fern über mir; ich war wie verſunken tief in des Meeres Schoß, mir war's, als hauſe ich im Kryſtallſchloß der Waſſerfei und der Hülferuf der gemarterten Menſchheit dringe nicht mehr an mein entwöhntes Ohr. Zuweilen fuhr meine Sehnſucht nach oben, wie ein Feuerſtrahl durch meine Bruſt, doch er verglühete ſchnell im bunten 169 Gewirr neuer Träume. Da trat geſtern plötzlich mein Vaterland in einer hohen Frauengeſtalt mahnend vor mich hin, und mit einem Male war abgeſtreift das umſtrickende Zaubernetz. Ja, Sally, Du biſt mir erſchienen als zürnende und doch hoffnungsgrüne Eri⸗ nia, als dieſer Inſel trauernder Genius. Ich habe die unſelige Geſchichte Deines Elends aus Deines Vaters Munde gehört, erſchrick nicht, Mädchen, ſchlage den Blick nicht erröthend zu Boden, ein Mann ſteht Dir gegenüber, dem die ganze fürchterliche Flammen⸗ gewalt Deines Unglücks in der eignen Seele brennt, auf deſſen Haupt Dein Leiden feurige Kohlen geſam⸗ melt, und der beim allmächtigen Gott in der verwi⸗ chenen Mitternachtsſtunde geſchworen hat, Deine Schmach zu rächen. Ja Du biſt mir als das treueſte Bild meines armen Vaterlandes erſchienen, um mich aus meiner trägen, ſinnverwirrenden Ruhe aufzuſta⸗ cheln und zu Thaten anzuſpornen. Iſt nicht Zrland eine von gefühlloſen Fremdlingen entwürdigte Jung⸗ frau, wie Du? Muß ſich dieſe ſchöne grüne Inſel nicht täglich ſchänden laſſen von kalten Buben, die in ihren Reizen ſchwelgen, muß eine gottverfluchte, mark⸗ verzehrende Buhlſchaft treiben mit ihren gehaßten Feinden, damit ſie das tägliche Brot habe? O, man könnte raſend auflachen im grimmſten Schmerz über Irlands Unglück und das Deinige, Mädchen, die ſich einander ſo gleich ſind, wenn man ſich nicht todt wei⸗ nen müßte über die Höllenqual der Menſchheit. Ja Du biſt mir Irland, Mädchen, und im Blut Deiner Feinde will ich Dein beflecktes Jungfrauenthum ſo rein und weiß waſchen, daß es edler werden ſoll, als die reinſte Unſchuld. Der Ruf unſrer Rache ſei: Irland und Sallyſ“ „Irland und Sally!“ rief ONeil mit ſeiner Lö⸗ — 70 wenſtimme, daß die Felſenwände dröhnten, und ſchwang das Ruder wild in der Luft, wie einen Flamberg. „Segne mich, Sally! Segne mich!“ fuhr Leßlie begeiſtert fort und ſtürzte vor ihr auf die Kniee; und Sally legte die Hand auf ſein lockiges Haupt und vüute fromm empor; ein lautloſes Gebet ſproßte aus ihrem Herzen, und die Rieſenorgel der Höhle ſang ein feierliches Lied zu dieſer Weihe. Sanft ſchaukelte dann der Kahn nach den Wohngemächern zurück, wo unterdeſſen das Mittagsmahl bereitet worden war. Gegen Abend fuhren ONeil und Leßlie hier aus, um in den Felſen des Ufers zu jagen; ſie brachten in der Nacht reichliche Beute mit. Als am folgenden Tage Sally wieder mit Leßlie durch die Höhle fuhr, ſagte ſie zu ihm:„Sir, ich habe eine dringende Bitte an Ihr Herz zu legen.“ „Rede, Mädchen, und ſollte ich den Engländern meinen Kopf verkaufen, ich will ſie Dir erfüllen.“ „Nicht ſolches bedarf es,“ verſetzte ſie lächelnd. „Sie haben ſich das ganze Vertrauen meines Vaters erworben und, wie man zu ſagen pflegt, einen rechten Stein bei ihm im Brete. Ihnen ſchlägt er nichts ab. Nun hat ſeine allzuzärtliche Vaterliebe einmal den Entſchluß gefaßt, mich dieſen Winter über mit dem alten Boyle in die Höhle hier einzuſperren, um mich den Nachſtellungen ſeiner und meiner Verfolger zu entziehen. Er will nach Dublin und dort Pläne ausführen, die ich nicht kenne, deren große Gefahr aber mich nicht treffen ſoll. In Wahrheit, Sir, ich habe keine Luſt, mich dieſen väterlichen Anordnun⸗ gen zu fügen, und doch muß ich, wenn Sie nicht ver⸗ mittelnd eintreten. Ich habe mein Vertrauen zu Ihnen gefaßt. Mein Herz dürſtet nach Thaten, nach Gefahren, nach Kampf und Sieg, wie das meines 171 Vaters, wie das Ihrige, Sir. Seit dem Augenblick, wo ich den abſcheulichen Tim in den Abgrund hin⸗ abgeſtürzt, iſt mir das Herz in der Bruſt verwandelt worden, iſt ein männlicher Geiſt in mich gefahren. Ich fühle, daß ich etwas verrichten kann, es drängt mich gewaltig, mir mein Theil vom Leben zu er⸗ kämpfen und entweder den goldnen Morgen der Frei⸗ heit als ihre Prieſterin zu begrüßen, oder im ehren⸗ vollen Kampfe für ſie zu fallen. Nein, Sir, ich kann nicht in träger Ruhe hier verweilen, indeß ich meinen Vater, Sie und O'Donnel handelnd weiß. Nicht vergebens haben Sie mich geſtern Erinia ge⸗ nannt; Erins Schutzgeiſt will ſeine Tage nicht bei einem alten Manne hier verſeufzen; er will auf der Wahlſtatt ſein. Meinen Bitten wird der Vater kein Gehör geben, reden Sie mit ihm.“ „Himmliſches Mädchen!“ rief Leßlie entzückt.„Du ſollſt mit mir ziehen, ſollſt mein Schutzgeiſt ſein. Wahrlich, ſolche erhabene Tugenden, wie in Deiner Seele leben, dürfen nicht unbenutzt bleiben! Oft be⸗ dient ſich der Herr der Schwachen zu ſeinen größten Plänen, und manches Weibes Geiſt hat ſchon ausge⸗ führt, was keinem Manne gelang. Mein Wort, Du gehſt mit uns!“ Dankbar beugte ſich Sally auf ſeine Hand her⸗ ab, er aber ſchlang den Arm um ſie, zog ſie an ſich und drückte ihr einen begeiſterten Kuß auf die Wange. „Morgen kommt Deines Vaters Schiff, richte Dich indeſſen ein!“ rief er ihr noch zu, als ſie aus dem Nachen ſtieg.„Ich gehe jetzt mit Deinem Vater zu reden.“ Aber die Ungeduld hatte den Alten hinausgetrie⸗ ben, um über die Meerfläche zu ſpähen, ob er ſeinen Kutter nicht gewahren möchte, den er dieſen Abend oder den folgenden Morgen in der Frühe beſtellt hatte. Es war ſchon dunkel geworden, als er auf dem klei⸗ nen Boote hereinſtürmte.„Er iſt da!“ rief er Leßlie fröhlich zu,„der ſtolze Seevogel. Rüſte Dich zum Aufbruch, mein Junge! eh' der Tag anbricht, lichten wir den Anker. Nimm mein Wort, tapferer Freund, daß ich Dich in meinem Fahrzeug ſo ſicher nach Du⸗ blin bringe, wie ein königlicher Flottenoffizier, der Dich gefangen hätte. Hier habe ich Dir einen ſchönen Ma⸗ troſenanzug mitgebracht, das Geſicht färbe ich Dir dieſen Abend noch braun und kämme Dir die Haare ſchlicht hinein. Kein Menſch wird Dich dann für den tollkühnen Leßlie halten, der in der Schlacht von Fairbridge kaum dem Tod entrann. Muth! Muth! Dieſe Scharte kannſt Du wieder auswetzen. Wäre ich damals ſchon bei Dir geweſen, Du hätteſt die Schlacht nicht an die Rothröcke verloren.— Deinen Nachen und Deinen Diener läßt Du hier zurück. Es dauert gewiß nicht länger, als ein paar Wochen, und Alles iſt entſchieden; doch eh' wir weiter von andern Dingen reden, gewähre mir eine Bitte, Leßlie!“ „Sie iſt es ſchon; denn Du verlangſt nur, was ich gewähren kann.“ „Nimm Dich meines Mädchens an, wenn es an⸗ ders kommen ſollte, als wir hoffen. John Boyle führt ſie dann ſobald als möglich nach Frankreich hin⸗ über. Für Mittel zu Sally's Unterhalt habe ich wäh⸗ rend meiner mühevollen Dienſtjahre geſorgt. Sei Du ihr Freund, ihr Vormund, ihr Vater! Bedenk' es wohl, Sprößling eines alten edlen Stammes, daß auch Sally edler Abkunft, die Tochter eines jener ONeil iſt, die, von der engliſchen Grauſamkeit zu Bettlern gemacht, doch nie ihren Stolz verlernten, der vom Vater auf die Tochter übergegangen iſt. Sie iſt eine 173 gefallene O Neil, eine geſchändete O Neil! Darum Dir doppelt heilig. Sei ihr Rächer, Leßlie, wenn ich es nicht werden kann. Waſche ſie in engliſchem Blute rein!“ „Ich habe es ihr geſchworen, ich ſchwöre es Dir, ſo wahr mir Gott helfe, ſein Shn, das Opferlamm der Welt, ſein heiliger Geiſt, die benedeite Jungfrau und alle Heiligen, St. Patrik insbeſondere, ich will es thun!“ rief Leßlie die Hand zum Schwure erhe⸗ bend, und der Alte ſchloß ihn weinend an die Bruſt und küßte ihn auf Stirn und Mund. „Doch nun habe ich das Recht, mein Vater, auch die Gewährung meiner Bitte von Dir zu ver⸗ langen.“ „Mein Leben iſt Dein, Leßlie!“ „Ich bitte Dich, Sally nicht hier zu laſſen, ſondern mit uns zu nehmen. Es iſt ihr höchſter Wunſch. Du mußt gewähren, ich habe es ihr verſprochen. Auch ſie wollen wir als Matroſe verkleiden, auch ihr holdes Geſichtchen färben, ihr Haar männlich locken. In Dublin habe ich einige mir treu ergebene Freunde, bei denen wir ſie, wenn es Noth thun ſollte, ſicher verſtecken können. Deine Tochter iſt eine O'Neil! Sie muß als O'Neil handeln! Gieb ihr Raum! Die unwillkürliche That, die ſie an dem ihr verlobten Buben beging, hat den ſchlummernden Funken unge⸗ heurer Kraft in ihrer Seele geweckt, und ſchon ſchla⸗ gen Flammen empor, die Du nicht unterdrücken darfſt. Gewähre meine Bitte, dafür gelobe ich Dir hier feier⸗ lich mit Ehrenwort und Handſchlag, mißglückt Dein Plan, und mußt Du Dein Leben laſſen, ſo wird Sally mein Weib.“ „Könnteſt Du das, Junge?!“ rief der Alte bebend vor wonniger Freude und weinte laut an des Züng⸗ ——— 174 lings Hals.„Wohlan, es ſei! Sie geht mit uns; ſie theilt die Gefahr mit uns. Der Himmel hat mir den Sohn genommen; ſo iſt vielleicht auf ſie der kühne Geiſt meiner Väter übergegangen. Ich will mit ihr reden.“ Er trat zu ihr in das Felſengemach, ernſt und feierlich.„Leßlie hat mit mir geſprochen; Dein Wunſch iſt Dir gewährt. Gott gebe ſeinen Segen! Aus Liebe wollte ich Dich hier verbergen, aus Vebe nehme ich Dich mit in den Sturm. Geh ich unter, ſo wirſt Du Leßlie's Weib.“ Da ſchüttelte Sally wehmüthig verneinend das lockige Haupt.„Nicht alſo, mein Vater! Ich kann auf Erden nun keines Mannes Weib werden. Ihr wißt, warum. Ich bin mündig geworden und erkenne meine Lage und mein Herz. Ich werde nie glücklich ſein. Meine Liebe iſt Irland geweiht. Irlands Jammer wird mein Gatte. Ich ahne, der Himmel wird es lenken zu meiner Zufriedenheit. Verehelichen aber werd' ich mich nie; das ſagt Maſter Leßlie.“ O'Neil zerdrückte eine Thräne im Auge; er ant⸗ wortete nicht, mit ſchweigendem Schmerz ehrte er die Anſicht der Tochter. Am Abend wurde noch viel beſorgt und noch vor Mitternacht nahm die kleine, als Matroſen gekleidete Geſellſchaft Abſchied von der klingenden Höhle. Leßlie ſagte der Nymphe derſelben rührenden Dank. Dann ſetzten ſie in ihren beiden Kähnen über die Fluth bis zum Kutter, an deſſen Bord ſie ſchliefen, und der wenige Stunden darauf ſeine Segel entfaltete. 175 20. Ein freimüthiger Zre. Lord Corhampton, als Oberbefehlshaber in Ir⸗ land mit unumſchränkter Gewalt bekleidet, hielt ein glänzendes Levée in dem alterthümlichen aber pracht⸗ vollen Palaſte der königlichen Statthalter zu Dublin. Im hohen Audienzſaale ſchritten in der ſtreng vorgeſchriebenen Hoftracht die erſten Männer der Re⸗ ſidenz in eifrigem Geſpräch auf und nieder. Viele Große aus den Provinzen, welche zur Stadt gekom⸗ men waren, um Sr. Herrlichkeit ihre Glückwünſche wegen der eben abgewandten Gefahr der franzöſiſchen Invaſion darzubringen, die das Reich mehr als je zuvor bedroht hatte, füllten die anſtoßenden, nicht minder prachtvollen Hallen. Männer in weniger glän⸗ zendem Anzuge, denen man anſah, daß ſie nicht ge⸗ wohnt waren, ſich auf den glatten Parkets zu bewe⸗ gen, ſtanden mit der bereitgehaltenen Bittſchrift im tiefen Hintergrunde, ruhig erwartend, wann der dienſt⸗ thuende Kammerherr ihre klangloſen Namen verzeich⸗ nen würde. Pairs, Ritter vom Hoſenbande und vom Bathorden ſprachen dagegen den ihrigen mit der ihrem Stande und dem engliſchen Nationalcharakter eigenen Grandezza mit vornehmer Kürze aus und ſetzten mit einem verächtlichen Seitenblick ihre Promenade fort, wenn etwa in ihrer Nähe eine alte, vor anderthalb Jahrhunderten von ihrem hohen Standpunkt herabge⸗ ſunkene iriſche Adelsfamilie genannt wurde. Und doch hatten die ehemaligen Beſitzungen eben dieſer verarm⸗ ten Häuſer durch Cromwells Edicte eben jenen ſtolz —— 176 dahinſchreitenden Männern erſt den Glanz verliehen, womit ſie ſich jetzt brüſteten, während jene mit ver⸗ ſchloſſenem Grolle ſich in denſelben Gemächern, wo manche ihrer Vorfahren einſt Befehle ertheilt hatten, zu der Rolle der Bittenden erniedrigt ſahen. Zetzt öffneten ſich die hohen Flügelthüren. Augen⸗ blicklich herrſchte tiefes Schweigen ringsum, und von einem glänzenden Gefolge umgeben, trat der Statthal⸗ ter in die Verſammlung, die ſich in zwei Reihen zu beiden Seiten der Säle aufgeſtellt hatte. Mit Würde nahm der vielgeltende Mann die Glückwünſche der zur Cour erſchienenen Großen an. Freundlich redete er faſt mit allen, doch entging es dem Beobachter nicht, wie er an einzelnen Herren, deren Härte und Grauſamkeit bis zu ſeinen Ohren gedrungen war, kalt grüßend vorüber ging und ſeinen Blick mit hohem Ernſte einige Augenblicke auf ihnen verweilen ließ. Man blieb zweifelhaft, ob die Indignation, welche die diplomatiſch kalten Züge des Staatsmannes für einen Augenblick veränderten, der Ausdruck eines beſ⸗ ſern Gefühls war, das er ſelbſt in Ausübung ſeines ſtrengen Amtes nicht zu unterdrücken vermochte; oder ob es die Mißbilligung des Tory darüber verrieth, daß Männer von der Partei, der er ſelbſt angehörte, ſo fehlerhafte Maßregeln, wie Härte, Gewalt und Grauſamkeit waren, anwendeten, um ihre Privilegien aufrecht zu erhalten, da ſie ſich, ſeiner beſſern Einſicht nach, durch zeitgemäße Güte, diplomatiſche Gewandt⸗ heit und ſchlaue Nachgiebigkeit in Kleinigkeiten, worauf die niedern Volksklaſſen nicht ſelten einen hohen Werth legen, den alten Zuſtand der Dinge viel leichter zu ſichern und zu erhalten vermochten. Mit freundlicher Herablaſſung, wodurch es den 3 177 Großen der Erde ſo leicht wird, ſich die Herzen ihrer Untergebenen auf wohlfeile Weiſe zu erwerben, er⸗ theilte er darauf den zahlreichen Sollicitanten Gehör. Beſondere Worte des Troſtes hatte er für die Einzel⸗ nen von ihnen. Allen aber verſprach er eine beſſere Zukunft, und Mancher, deſſen unmuthiger Blick beim Eintritt in den Palaſt des mächtigen Engländers nur zu deutlich verrieth, daß er— deſſen Ahnen einſt in höherem Anſehen geſtanden, als Lord Corhampton— dieſen demüthigenden Schritt nur nach reiflicher Ueber⸗ legung gethan, ehe er die Entſcheidung ſeines ver⸗ meintlich wohlbegründeten Rechts, der Waffengewalt anheimſtellte, verließ mit weniger Groll und mit neuer Hoffnung die glanzerfüllten Hallen, die unter Mit⸗ wirkung ſeiner Vorväter erbaut waren. Schon hatte eine leichte Verbeugung des Statt⸗ halters das Zeichen zur Entlaſſung gegeben, und der größte Theil der Anweſenden unter Beobachtung der⸗ ſelben Förmlichkeiten, die ein Levée des Vicekönigs von Irland eben ſo ſteif und abgemeſſen machten, wie ein vom Monarch der drei vereinigten Königreiche ſelbſt gehaltenes, ſich empfohlen, und eben war Se. Herrlichkeit, froh, daß die läſtige Stunde vorüber war, im Begriff, ſich in ſein Kabinet zurückzuziehen, als der dienſtthuende Kammerherr noch einen Herrn an⸗ meldete, der ſich abſichtlich, wie es ſchien, in den ent⸗ fernteſten Theil des weiten Saales zurückgezogen, um ſein Anliegen ungeſtört, nach der Entfernung der Uebri⸗ gen, vorbringen zu können. „Mr. Dermot Laing?“ wandte ſich der Lord Lieutenant fragend zu einem naheſtehenden Adjutanten. „Der verabſchiedete Kapitän von Lord Werfords Dragonern, Excellenz,“ flüſterte der Gefragte mit einer Verbeugung. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 2 178 „Ah! ich weiß ſchon,“ ſagte der Erſtere,„der Freund und Vertraute von Sir Lewis O'Donnel.“ „Zu Dero Befehlen,“ erwiderte der Offizier. Auf einen Wink des Lords trat der Gehör Bit⸗ tende mit feſtem Schritt und edlem Anſtand, aus dem man ſogleich den Soldaten erkannte, heran, ver⸗ beugte ſich und blieb dem Statthalter nahe gegenüber in ehrerbietiger Haltung ſtehen. „Sie dienten in der Armee, Mr. Laing?“ „Seit meiner früheſten Jugend, Ercellenz, vom Cadetten bis zum Hauptmann.“— „Sie dienten auch ſchon im Auslande! So deu⸗ tet wenigſtens Ihr ganzes Aeußere an, welches den Stempel des vielverſuchten Kriegers trägt.“ „Ich war zur Zeit der Belagerung in Gibraltar und ſtand dann mehre Jahre in Indien gegen Tippo Saib. Eine ſchwere Wunde, die ich dort in einem der letzten Gefechte erhielt, war die Veranlaſſung, daß ich nach England zurückkehrte und durch Tauſch in das von Lord Werford befehligte Dragoner⸗Regiment eintrat.“ „Und warum entzog ein ſo wackrer Streiter ſeine Dienſte dem König, der ungern ſolche Männer ver⸗ liert, wie Sie ſind, Mr. Laing?“ „Gern hätte ich länger gedient, Ew. Execellenz,“ verſetzte der Gefragte,„jedoch ich vermochte es nicht, zumal da ich mich häufig ſowohl in Garniſon als im Felde von der Unzweckmäßigkeit des Princips über die Käuflichkeit der Offizierſtellen überzeugte und mein Mißvergnügen nicht zu unterdrücken vermochte, als lich erfuhr, daß einer der bravſten Offiziere meines ehe⸗ maligen Regiments, mit Ruhm und Wunden aus mehren Feldzügen heimgekehrt, als Offizier und Gent⸗ leman ſich des fleckenreinſten Rufs erfreuend, zwei⸗ 179 mal durch Kauf von jungen Leuten, die eben die Schule verlaſſen hatten, übergangen war. Dieſe Aeußerungen, dem freien Briten erlaubt, dem gebore⸗ nen Irländer, von dem man überdies wußte, daß er mit unzerſtörbarer, kindlicher Liebe an ſeinem Vater⸗ lande hing, ſehr übel gedeutet, verwandelten die bittre Stimmung der übrigen Offiziere gegen mich in eine feindliche, da ſie, als Söhne engliſcher und iriſcher Pairs, ein von dem meinigen, der ich dem guten Mit⸗ telſtande angehöre, ſo ganz verſchiedenes Intereſſe hatten.— „Es wäre leicht geweſen,“ fuhr der Sprecher nach einer kurzen Pauſe fort, da er bemerkte, daß der Statthalter ſeine Erzählung nicht ungern anzuhören ſchien,„mich durch eine Bitte um Verſetzung dieſen Verhältniſſen zu entziehen. Jedoch mußte nach mei⸗ nen Anſichten das Recht, auf das ich mich ſtützte, unter allen Verhältniſſen ſich gleich bleiben; ich bat nicht und— wurde aus Sr. Majeſtät Dienſt ent⸗ laſſen.— Ich lebe jetzt, geehrt und geliebt von meinen Landsleuten, auf dem kleinen Landgute meines Vaters, der früher faſt gleiches Schickſal mit mir ge⸗ habt hat: das ſo betrübende Schickſal aller katholi⸗ ſchen Irländer—— mit Mißtrauen betrachtet zu werden.“ „Sie richten doch wohl etwas zu ſtreng, Mr. Laing, über die politiſchen Parteien in Großbritannien, und haben zu wenig Vertrauen zu den wahrhaft väterlichen Geſinnungen unſres edlen Königs für Ir⸗ land, deſſen Verwaltung er mir anzuvertrauen die Gnade hatte. Und glauben Sie mir, Sir, es würde Manches hier beſſer ſein, wenn man ſich den Maß⸗ regeln einer ſo gätigen Regierung, wie die iſt, deren ſich die vereinigten Reiche unter Georg III. erfreuen, 12* 180 mehr fügte, ſtatt in ewiger Oppoſition gegen dieſelbe zu verharren.“ „Mein Leben für Georg III.!“ erwiderte Laing, „und des Himmels beſten Segen über ſeine Miniſter, wenn ſie in ſeinem milden Geiſte über Irland herrſch⸗ ten!— Aber—— jedoch Verzeihung, Excellenz!“ unterbrach er ſich ſelbſt;„ſchon zu lange mißbrauchte ich Ew. Herrlichkeit Geduld. Ein Schreiben von Wichtigkeit, welches einer meiner Freunde keiner an⸗ dern Hand als der meinigen anvertrauen wollte, weil es Dero eigene erhabene Perſon betrifft, die jedem Ehrenmann in dieſem Reiche heilig iſt, veranlaßt mein Erſcheinen hier im Palaſte.— Nehmen Sie Ihré Maßregeln darnach, Mylord! Vielleicht erſcheint Ih⸗ nen fernerhin der Mann in einem beſſern Lichte, der den Unwillen der Regierung dadurch erregt zu haben ſcheint, daß er ſeine eigenen Intereſſen hier im Lande vernachläſſigend, mit Wärme für ſeine unterdrückten Landsleute ſprach, ſo wie es ſchon ſein edler Vater gethan hatte, und die letzten Trümmer ſeines gerin⸗ gen Vermögens dazu verwendete, den Hunger der Nothleidenden zu ſtillen und die Armuth der Gedrang⸗ ſalten zu lindern.“ Mit ächt britiſcher Ruhe wandte ſich der Gou⸗ verneur, als er das ihm von Laing überreichte Schrei⸗ ben flüchtig durchgeſehen hatte, an ſein umſtehendes Gefolge.„Sonderbar! Derſelbe Sir Lewis O'Don⸗ nel, den man mir ſo ſehr zu verdächtigen bemüht iſt, gegen den ich, aufs Aeußerſte gedrängt, ſogar einen Verhaftsbefehl erlaſſen habe, warnt mich in dieſen wenigen Zeilen vor einem Anſchlag auf mein Leben. Jedenfalls bietet das Leben dieſes Mannes ein auffal⸗ lendes Gemiſch von Edelmuth, Patriotismus und Verirrung in ſeinen politiſchen Anſichten dar. Seien 181 Sie verſichert, Mr. Laing,“ fuhr er, ſich wieder an dieſen allein wendend, fort,„daß ich nie eine ſchlechte Meinung von Ihrem Freunde gehabt habe, daß ich ſein Gefühl ehre, wiewohl ich nur zu ſehr befürchte, daß es ihn endlich auf Abwege leitet, und daß ich zugleich ſeine Umſicht und Klugheit, mit der er ſich bisher be⸗ nommen hat, bewundern muß. Ich würde Ihnen auftragen, ihm zu ſagen, daß mich ſeine Warnung, an deren guten Meinung ich nicht zweifeln will, nichts deſto weniger nicht abhalten ſoll, die Beruhigung der inſurgirten Provinzen mit allen mir zu Gebote ſtehen⸗ den Kräften zu vollenden, wenn Sie ihn treffen könn⸗ ten; allein des Hochverraths aufs Härteſte angeklagt und beſchuldigt, einige franzöſiſche Offiziere bei ſich zu beherbergen, habe ich einen Verhaftsbefehl gegen ihn erlaſſen müſſen, der bereits ausgeführt ſein muß. Ich wünſche nichts mehr, als daß es Sir O'Donnel ge⸗ lingen möchte, ſich von dieſer Beſchuldigung zu rei⸗ nigen; er würde nur noch höher in meiner Achtung ſteigen.“ Laing erſchrak, ſuchte ſich aber zu faſſen und ver⸗ ſetzte:„Und ſelbſt wenn O'Donnel in dieſem Falle ſtrafbar befunden würde, möchten Ew. Excellenz nicht im Sinne des harten Geſetzes, ſondern mit weicher menſchlicher Empfindung über ihn richten! Er hat nahe Verwandte in Frankreich unter dem Militär. O Gott! er iſt von ſeinen Feinden und durch die Verurtheilung ſeines ſchändlich gemordeten Vaters aufs Aeußerſte getrieben worden. Und wie in ſeinem, ſo wüthet in tauſend und aber tauſend zerfleiſchten Her⸗ zen edler Irländer Verzweiflung. O, laſſen Ew. Ex⸗ cellenz in Irland das neue Leben beginnen, deſſen ſich jetzt faſt alle andern Länder Europa's erfreuen, und Se. Majeſtät wird über ein ſo treues, bildſames, der 182 Freiheit und des Glückes würdiges Volk in Frieden herrſchen, wie irgend ein Monarch in der weiten Chriſtenheit! O Mylord, die Irländer ſind auch Men⸗ ſchen, wie Ihre Brüder in England, und i Bruſt wohnen auch Herzen, die eben ſo alles Schöne und Gute ſchlagen, wie ſie kief das Elend und die Verachtung empfinden, die ſie in Eu⸗ ropa auf die niedrigſte Stufe der cultivirten Nationen geſtellt haben.— Wollen Sie O'Donnel verdammen — ich frage Ew. Excellenz als Menſch, nicht als Statthalter— wenn er die Ketten der Nacht und des Elends, die ſo drückend auf uns laſten, abzuſchütteln ſtrebt?“ „Vergeſſen Sie nicht, Mr. Laing, daß ein Volk, welches ſo wenig wie das iriſche den Geſetzen Folge zu leiſten verſteht, für eine größere Freiheit noch nicht Leif iſt. „Das Volk beobachtet treulich alle Geſetze, Ex⸗ cellenz, außer denen, welche es der Exiſtenzmittel be⸗ rauben. Es ſind ja nur die kirchlichen Verhältniſſe und der Zehnten, gegen die es kämpft. Mit welchem göttlichen oder menſchlichen Rechte, Mylord, vermag es der Naturmenſch oder der ſcharfſinnigſte Philoſoph mit dem einfachen Verſtande, oder der logiſch gebil⸗ deten Vernunft in Einklang zu bringen, daß die Be⸗ kenner der katholiſchen Religion, außer der ihrigen, auch die proteſtantiſche Kirche erhalten und die letztere auch noch aus dem einzigen Grunde ſo reichlich doti⸗ ren ſollen, um den jüngern Söhnen der Großen des Landes eine gemächliche Exiſtenz auf Koſten des Volks zu ſichern? Und dieſer Zehnten, Mylord! wird je ein Irländer deſſen Geſchichte vergeſſen? Sollte es mög⸗ lich ſein, nachdem kaum ein Jahrhundert vergangen iſt, das Entſtehen der neuen Lehre, die Vertheilung 183 der Länderei an die engliſchen Anſiedler aus dem Ge⸗ dächtniß zu verwiſchen, während die Nachkommen der vertriebenen Familien heimathlos von Land zu Land irren und von der Gnade fremder Völker und Für⸗ ſten* Und ihr Verbrechen, Mylord, worin be⸗ ſtand es? Einzig und allein darin, daß ſie treu, wie ſo viele Millionen Europäer, am Glauben ihrer Vä⸗ ter hingen und der Gewalt, mit der man ihnen un⸗ ter gräßlichen Drohungen die neue Lehre aufdringen wollte, den Widerſtand entgegen ſetzten, der ihrer der⸗ maligen hohen Stellung im Reiche vollkommen ent⸗ ſprach.— Während in England nicht allein alle Confeſſionen, ſondern alle Sekten frei geduldet wer⸗ den, ſollen hier zu Lande nur Proteſtanten, deren Zahl die kleinſte iſt, regieren? Ew. Herrlichkeit ſind Chriſt und Menſch! Bedarf es mehr, um das Schreck⸗ liche einer Lage zu fühlen, die, beim barmherzigen Gott! in vielen Stücken weit ſchlimmer iſt, als das Loos der verachteten Kinder Israels? Denn als im Mittelalter die grauſamſten Judenverfolgungen Statt fanden, als man ſie hundertweiſe erſchlug, weil ſie bei den verſchiedenen Ausbrüchen der Peſt die Brun⸗ nen vergiftet haben ſollten, da gönnte man den Le⸗ benden doch Häuſer und geſunde Nahrung, und wenn man ihnen nichts mehr laſſen wollte, nun, ſo nahm man ihnen auch das Lehen, und dies war wahrlich barmherzig gehandelt im Vergleich der Handlungs⸗ weiſe unſerer Herren mit ihren iriſchen Landpächtern. Excellenz ſind Statthalter von Irland, aber Sie ha⸗ ben noch keine iriſche Wohnung geſehen, wie ſie eng⸗ liſches Mitleid unſerm ärmſten Volke gelaſſen hat. Möchten Sie einmal durch die Grafſchaften Wicklow, Carlow, Kilkenny reiſen und ſich die ſogenannten Dörfer beſehen. Mylord! Vier nebeneinander gelegte 184 Steinhaufen, deren Zwiſchenräume mit Lehm verklebt ſind, mit Stroh und Simſen überdeckt, das iſt dort die gewöhnliche Wohnung des armen Landmanns. Sie hat kein Fenſter und keinen Schornſtein, und ſtatt der Thüre iſt ein mit einem alten Brete ſchlecht verwahrtes Loch, wodurch man nicht etwa geht, nein, kriechen muß. Drinnen aber iſt der kleine Raum leer, kein Geräth, kein Gefäß; das arme Volk liegt und kauert auf dem rohen Boden um ein elendes Torffeuer herum, deſſen Rauch die ganze Hütte er⸗ füllt und ſich dann durch das Thürloch drängt. Dar⸗ an wärmen ſie ſich, daran kochen ſie ihre einzige Nahrung, Kartoffeln, in ihrem einzigen Gefäß, einem irdenen Topf. Laub und Stroh iſt ihr Bett. Ihr Haus⸗, Tiſch⸗ und Bettgenoß iſt das Schwein, ihr einziger Reichthum, das einzige Fleiſch, das ſie zu hoffen haben. Und dies raubt ihnen oft die grauſame Hartherzigkeit des Grundbeſitzers oder ſeines General⸗ pächters. Allein dieſe Hütten ſind wenigſtens oben geſchloſſen und geſchützt und wahrlich noch Paläſte zu nennen gegen die Wohnungen des Elends in Cork und Tipperary, wo man ſelten eine gedeckte Wohnung antrifft, ſondern meiſt nur ſolche, in die Wind und Regen freien Paß habeu. In einem Loche in der Erde wohnt der Ire, der Unterthan der Krone Großbritan⸗ niens, gegen den der Paria in Indien ein beneidens⸗ werther Mann iſt.“ „Sir,“ ſagte der Statthalter,„Ihr Gemälde iſt ſchauderhaft wahr. Ich wollte, zehn engliſche Lords wären hier zur Stelle und hätten Sie gehört. Lei⸗ der ſind mir die Hände gebunden; ich kann Vieles, aber nicht Alles.“ „Ja, ich wollte, ich ſtände der verzweifelt kalten, ſtolzen und unbarmherzigen Gentry gegenüber; ich 185 wollte ihr mit Flammenworten die Sünde an Gettes edelſtem Geſchöpf in die Seele donnern, daß die vor⸗ nehmen Herren, die ſich vom Himmel für bevorzugt halten, endlich doch erſchrecken ſollten. Ich wollte ſie fragen, warum man dieſem britiſchen Lande nicht hilft, deſſen üppiger fruchtbarer Boden beſſer iſt, als der engliſche, aus deſſen Häfen jährlich für Millionen Getraide ausgeführt wird, während deſſen unermeßlich beſteuerten Einwohner verhungern müſſen, weil ſie al⸗ len Erwerb ihres ſauern Schweißes hinzugeben gens⸗ thigt ſind, um den praſſeriſchen Zwangsherren den ho⸗ hen, ſchier unerzwinglichen Tribut zu entrichten, auf deſſen ſchönſtem und fettſtem Boden oft Neſſeln und Unkraut wuchern, und das dabei ſo überſchwenglich reich an Naturſchönheiten iſt? Ich wollte fragen, warum dieſes Land verdammt iſt, zu verkümmern und zu verderben? Ob denn kein menſchliches Herz in der Bruſt unſerer engliſchen Unterdrücker ſchlägt, wenn der Verzweiflungsſchrei unſres entſetzlichſten Elends zum Himmelsgewölbe ſtürmt? Und die Herren wun⸗ dern ſich noch, wenn der Ire rebellirt? Wahrlich, ich wundre mich, daß noch ein Engländer in Irland lebt! Warum legt man in England ſo treufliſch ſchlan Al⸗ les darauf an, ſich ſelbſt und Andre über Irland zu täuſchen? Warum verſucht man da, wo das Elend ſo ſchrecklich klar vor Augen liegt, es dennoch durch elende Sophismen wegzuläugnen? Es iſt ſo furcht⸗ bar, ſo herzzerreißend, ſo über allen Ausdruck qual⸗ voll, dieſes Elend zu ſehen; ganz Europa ſollte in ein Jammer⸗ und Zetergeſchrei ausbrechen, daß eins ſeiner Kinder vem Schweſterlande ſo grauſam miß⸗ handelt wird, gequält, gemartert, ohne alle Verſchuld⸗ ung. Oder ſoll Irland nicht als Kind Europa's gel⸗ ten? Durch die Länder und Meere ſollte eine Weh⸗ 186 klage gehen, die Völker aus ihrer Ruhe aufſchrecken und ihre Herzen empören, daß ſie ſich gegen das grauſame England, nein, gegen eine handvoll über⸗ müthiger Ariſtokraten wie ein Mann erhöben und ernſte Rechenſchaft forderten, warum ſie ein ganzes, ein gutes, edles, treues Volk aus dem Looſe der Menſchheit hinausgeſtoßen und unter das Loos der Thierheit entwürdigt haben. Denn das eingeſperrte Nutzthier hat ſeinen Stall, hat ſeine Sättigung, wird gemäſtet, um dann ſchnell vom Meſſer des Schläch⸗ ters zu ſterben; das Thier des Waldes ſchweift frei umher und Gott giebt ihm die Nahrung, kein Menſch darf und kann ſie ihm rauben, bis eine ſichre Kugel ſeinem Daſein ein Ende macht: der Ire aber muß langſam verhungern und erfrieren, mitten unter den Schätzen, die Gottes Vaterhand freigebig um ihn auf⸗ gehäuft, die ihm die Tigerklaue des vornehmen Eng⸗ länders, der hier ſein Grundbeſitzer iſt, unbarmherzig entreißt. Und ſtiehlt er in der höchſten Noth, was ihm von Gottes und Rechtswegen erb⸗ und eigenthümlich gehörte, ſo wird er ehrlos gemacht und gehenkt. O, man möchte blutige Thränen weinen! Sind denn dieſe drei Millionen Menſchen in Lumpen, die nie ein gan⸗ zes, nie ein neues Kleid getragen haben, dieſe halb nackten, hungersſterbenden Skelette, ſind jene Tauſende von Hütten, in denen man aus Mangel an Licht drüben auf der Schweſterinſel nicht einmal das ge⸗ meinſte Vieh unterbringen würde, jene Höhlen des gräß⸗ lichſten Elends, in denen die iriſchen Paria's ihr jäm⸗ merliches Daſein verdämmern, ſind dieſe entſetzlichen Erſcheinungen der Entmenſchung ganzer Völkerſtämme nicht eine laut an das Himmelsgewölbe anſchlagende, 13 Gerechtigkeit und Vergeltung fordernde Anklage gegen die engliſche Verwaltung? Aber Europa kennt unſre 187 gräßliche Lage nicht, kennt ſie doch England kaum, und unſre Herren hüten ſich wohl, herüber zu kom⸗ men; ſie haben Abſcheu davor, ihr böſes Gewiſſen ſpiegelt ihnen Raub und Mord vor, und doch reiſt man in keinem Lande ſicherer, als auf dieſer armen Inſel. In London wird in einem Tage mehr ge⸗ ſtohlen und gemordet, als hier das ganze Jahr. Kein Fremder kommt zu uns und lernt unſre fürchter⸗ liche Lage kennen; kein Menſch in Europa glaubt es, hält es für möglich, daß wir unter einer Adminiſtra⸗ tion, die ſo reich an philanthropiſchen Phraſen iſt, in ſolch' elendem Zuſtand ſind. Der Paria wird von allen edlen Seelen bedauert, ihm, dem Fernen, kehrt ſich das fromme Mitleid zu, das man dem armen verhöhnten Pad verſagt, weil die nackte gräßliche Wahrheit ſchlechterdings Allen unmöglich ſcheint. Und ſo werden wir durch Englands Maulfertigkeit auch noch um das Mitleid der Völker betrogen.— Ver⸗ zeihen Ew. Ercellenz, daß ich ſo lange geſprochen habe. Das Herz ging mir auf, das Gefühl riß mich hin. Ich danke Ihnen, daß Sie mich angehört haben.“ „Wenn dieſes ſtolze Gefühl, das mir als Eng⸗ länder wohl gefällt, und das wir an allen Völkern ehren, Ihre Landsleute alle im gleichen Maaße be⸗ ſeelte, ſo würde meine Stellung, deren Schwierigkeit ich mir nicht verhehle, noch kritiſcher ſein, als ſie es ietzt iſt,“ antwortete der Statthalter.„Jedoch ich kenne ſo ziemlich genau die Verhältniſſe des Landes, Mr. Laing, und halte mich für ſtark genug, die mir zu Theil gewordene ſchwierige Aufgabe zu löſen. Das Volk iſt händel⸗ und mordluſtig und meiſt über Dinge, die weder mit der Religion, noch mit der Politik et⸗ was gemein haben; es iſt roh und unbändig und 188 muß durch eine weiſe Erziehung erſt zu einem beſſern Zuſtande vorbereitet werden. Indeſſen nehmen Sie meine Verſicherung, Sir, daß ich ſtolz bin unter den Gegnern, die mir zu bekämpfen obliegt, eine Zahl ed⸗ ler Männer zu wiſſen, denen es um mehr als um irdiſchen Gewinn zu thun iſt. Ich kann Ihnen meine Achtung nicht verſagen. Handeln Sie ſo, mein Herr, daß ich nicht ſpäter etwa Veranlaſſung finde, auch Sie bedauern zu müſſen. Meine Pflicht, ſowie die alten Verhältniſſe und Einrichtungen des Staats, deſ⸗ ſen Intereſſe ich wahrnehmen muß, verbieten ferner jede Schonung. Das Herz muß da ſchweigen, wo die Politik andre Rückſichten erfordert.“ „Eine traurige, aber eine uns bekannt gewordene Wahrheit, Excellenz!“ ſagte Laing ſich tief verbeugend. „Möge Ihr Vaterland ſie nie aus dem Munde eines fremden Dictators vernehmen!“ Er verbeugte ſich nochmals und ſchritt der Thüre zu. Verwundert und erſtaunt über den furchtloſen Mann, folgten ihm die Blicke der Umſtehenden nach, und ſchon lange hatten ſich die Flügelthüren hinter ihm geſchloſſen, als noch keiner aus des Statthalters Gefolge die Stille zu unterbrechen wagte. 20. Die Lage des Viceßönigs. Lord Corhampton entließ die Anweſenden und be⸗ trat mit ernſterm Geſichte, als man ſonſt an ihm gewohnt war, ſein Zimmer, wo die Secretaire des Innern und des Kriegs ſeiner warteten, um Bericht über die eingelaufenen Depeſchen abzuſtatten und eine Menge andrer Bittſchriften vorzulegen, welche, mit tauſenden von Unterſchriften verſehen, täglich aus dem Lande eintrafen. „Beginnen wir unſere Geſchäfte, Sir Archibald,“ ſagte der Lord zum referirenden Staatsrath, als er nach kurzer Begrüßung ſeinen Platz im Staatsſeſſel den Secretairen gegenüber eingenommen hatte.„Neue ſtrenge Maßregeln von London, wie gewöhnlich, und fortwährend Klagen aus ſdem Lande, ich kann's mir denken. Von den Bauern und Pächtern über unmenſch⸗ liche Bedrückung, von der Gentry über Brandſtiftung, Raub und gar über Mord!“— Sir Archibald, ein alter, gewandter Staatsmann, bediente ſich des beſten Ausweges, wenn man befürch⸗ tet, durch eine beſtimmte Antwort in Verlegenheit zu gerathen; er zuckte mit den Achſeln, während ſein kal⸗ tes Geſicht nicht die geringſte Veränderung zeigte, und nahm ſeine Papiere zur Hand. „Sir Archibald,“ nahm Se. Herrlichkeit wieder das Wort,„wenn die Herren am Ruder des Staats oder die Männer der Partei, welche ihre Ohren und Augen hartnäckig den aus Frland einlaufenden Nach⸗ richten verſchließen, alle nacheinander den Poſten eines 190 Lord Lieutenants dieſes Königsreichs in ſo ſchwie⸗ rigen Zeiten, wie die jetzigen ſind, bekleiden müßten, ſo würden ſie endlich ſehend und hörend werden und ferner keinen Anſtand nehmen, Meinungen aufzugeben, die— ich ſehe es täglich mehr ein— ihnen die längſte Zeit Vortheil gewährt haben.“ „Die Politik Englands, Ihro Herrlichkeit, die Er⸗ haltung der glänzenden Pairie, heiſcht leider manche Maßregel—“ „Aber das allgemeine Völkerrecht, von dem Sie mir neulich eine lange Abhandlung hielten,“ unterbrach ihn der Lord,„erheiſcht Andres.“ „Sehr richtig, Excellenz. Aber zugleich bitte ich zu bedenken, daß die meiſten Geſetze und Rechte einer doppelten Deutung unterworfen ſind, weshalb es auch in der Interpretation heißt: leges, ubi habent duplicem intellectum etc.)) Und noch ein andrer großer Uebelſtand iſt es für dieſes Königreich, daß die große Wohlthat der Magna charta, welche Heinrich II. glorreichen Andenkens erließ, nicht in allen Stücken ihre Anwendung hier findet. Die Lettres patent“**) und die Mandamus***) der Könige haben hier ſeit Jahrhunderten ſo manche einzelne Beſtimmung getroffen, —.————— wie die vielen Privilegien beweiſen, welche im Court *) Wo die Geſetze eine zwiefache Deutung zulaſſen 2e. **) Vom Könige an Einzelne ertheilte ausgedehnte Pri⸗ vilegien. ***) Ein, hohe ausgedehnte Vollmachten enthaltendes, in des Königs Namen vom Gerichtshofe der Kingsbench er⸗ laſſenes Manifeſt, worin einzelne Perſonen, Corporationen, oder untere Gerichtshöfe aufgefordert werden, den darin aus⸗ geſprochenen königlichen Willen in einer beſondern Angele⸗ 5 genheit zu erfüllen. ——— 191 of record*) aufbewahrt werden, daß die allgemeinen engliſchen Geſetze, nach welchen Ew. Excellenz bei dem Ihnen inwohnenden Wohlwollen die Angelegenheiten Irlands zu betrachten geneigt ſind, auf die Bewoh⸗ ner dieſes Königreichs in den wenigſten Hauptfüllen anwendbar ſind. Vor allen Dingen wollen Yhro Herrlichkeit zu erwägen geruhen, daß dieſer Zuſtand der Dinge aus dem fortwährenden Kriegszuſtande her⸗ vorgegangen iſt, in dem ſich Irland mit einigen Un⸗ terbrechungen ſeit Jahrhunderten befunden hat. Die während deſſelben als temporair erlaſſenen Verfügun⸗ gen ſind ſtabil geworden. Der Scot und Lot“*), welche während der unruhigen Zeiten auferlegt wur⸗ den, hat geſetzliche Kraft erhalten und das„ne in- juste vexes,“*28) ein alt engliſches Geſetz, welches die Herren verhinderte, ihre Unterthanen und Hinter⸗ ſaſſen zu bedrücken, kann der Zrländer vor der Kings⸗ bench nicht geltend machen.“ „Das Alles iſt leider nur zu wahr,“ entgegnete finſter der Statthalter;„um ſo unangenehmer iſt's mir, mit Wort und That für die Aufrechthaltung ſolcher Mißbräuche kämpfen zu müſſen.— Was haben Sie zuerſt, Sir Archibald?“ „Einige tauſend Einwohner aus den Grafſchaften Kerry und Cork bitten um Brot oder Arbeit, oder um Verſetzung nach Canada.“ „Der Canalbau am Shannon iſt vollendet,“ ſagte *) Die Canzlei, in welcher alte Urkunden und Doeumente aufbewahrt werden. Außerordentliche, nach dem Vermögen der Einzelnen berechnete Auflagen. *) Du ſollſt nicht ungerecht drängen! ——— 192 Corhampton düſter.„Ich vermag keine neue Erwerbs⸗ quellen, bei der wenigen Theilnahme, welche man bei den öffentlichen Bauten und Unternehmungen in Irland beweiſt, aufzuſinden. Die Tauſende von kräftigen Men⸗ ſchen aber werden der Regierung für Amerika will⸗ kommen ſein!“ „Neue aufrühreriſche Bewegungen im Süden,“ fuhr der Staatsrath fort,„an denen viele ehema⸗ lige Matroſen von der königlichen Flotte Theil haben ſollen.“ „Den verzweifelnden Menſchen ſteigt der Muth mit jedem mißlungenen Verſuche. Die Hyder des Auf⸗ ruhrs wächſt ſchnell um einen neuen Kopf, wenn man nicht zugleich, indem man den frühern abhaut, die Urſache des Mißvergnügens zu entfernen ſucht. Wie viele Tauſende bluteten ſeit Cromwells Zeiten! Aber wuchernd, wie des Kadmus Saat, ſchießen fort und fort neue Rächer aus dem blutgetränkten Boden her⸗ vor. Dunkelgeboren in faulenden Hütten, oder in den Klüften der Gebirge, ja auf den Heerſtraßen unter Gottes freiem Himmel, jedes ſchützenden Obdaches ent⸗ behrend, treten Tauſende der Bewohner dieſes König⸗ reichs als Bettler in's Leben und ſterben als Bettler. Nichts iſt ihr Eigenthum, als die Geſchichte ihrer Väter; und dennoch iſt ihr Leben und ihr Tod hiſto⸗ riſch, und jeder dieſer Vagabunden hat ein Anrecht an die Geſchichte des britiſchen Reichs und an die der Welt.“ So ſprach der gefühlvolle Mann. Obgleich ſeiner Geburt nach ein Tory, war ſein Herz weicher gewor⸗ den, ſeitdem er ſich ſelbſt von dem Elende überzeugt hatte, deſſen Darſtellung ſeine Standesgenoſſen in England, die nichts mehr haßten, als nach Irland zu reiſen, übertrieben und mit Leidenſchaft entworfen nann⸗ 193 ten. Dann wandte er ſich an den Kriegsſecretär mit den Worten:„Fertigen Sie an General Floyd, der in Cork das Obercommando führt, den Befehl aus, daß er die Aufruhr⸗Acte proklamirt. General Dick⸗ ſon ſoll mit der mobilen Colonne die Grafſchaften durchziehen. Ich hätte ſo gern den Provinzen die nähere Bekanntſchaft mit dieſem kalten Manne des Geſetzes erſpart. Doch ſo wie die Sachen ſtehen, kann ich nur von ihm die Unterdrückung der beunru⸗ higend um ſich greifenden Gährung erwarten. Er wird aufräumen in den Grafſchaften. Die armen Menſchen! Ich möchte blutige Thränen weinen über ihr gräßliches Schickſal, ihnen die allzuheiße Liebe für Freiheit und Vaterland alſo vergelten zu müſſen. Aber ich bin ein Werkzeug in der Hand der furchtbaren Nothwendigkeit. An die in den Häfen des Königreichs befehligenden Flottenoffiziere die ſtrengſte Weiſung, durch eine aufmerkſame Controle über die Mann⸗ ſchaft ihrer Schiffe, eine zu genaue Verbindung mit den Einwohnern zu verhüten, damit des Bürgerblutes nicht noch mehr fließe!— Sir Archibald, die She⸗ rifs und Highconſtables müſſen angewieſen werden, durch verdoppelte Wachſamkeit jede Bewegung in der Hauptſtadt im Keime zu erſticken. Das Volk muß von unſern Maßregeln in Kenntniß geſetzt werden, damit die Strenge nicht zu blutig werde, welche eri die Suspenſion der Habeas⸗corpus⸗Acte be⸗ gleitet.“ „Der Kapitän Howard vom Regiment des Lord Werford in Bantry macht die Anzeige, daß er, ſtatt ſeines von Krankheit zurückgehaltenen Obriſten und von dieſem dazu autoriſirt, den Baronet Lewis O'Do⸗ nel, nebſt zwei franzöſiſchen Offizieren, die er auf Greenlodge, dem Jagdſchloſſe Sir O'Donnels, gefan⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 13 194 gen genommen, in's Staatsgefängniß abgeliefert habe, und bittet entlaſſen zu werden, um in ſeine Garniſon zurückkehren zu können.“ „Alſo doch!“ rief der Statthalter ſchmerzlich.„Ich bedaure den jungen Mann, der ſich ſo weit vergeſſen konnte! Nun verfällt er leider der ſchärfſten Strenge des Geſetzes.“ „Lord Kildare fügt ſeiner Anklage gegen ihn noch hinzu, daß die auf Greenlodge gefangenen Franzoſen als Agenten der franzöſiſchen Regierung erkannt wor⸗ den ſeien, die bereits unter O'Donnels Schutz das Land durchzogen hätten und von denen einer Papiere bei ſich führen müſſe, beſtimmt, einigen bedeutenden Männern Propoſitionen zu machen; ja derſelbe habe ſich ſchon erfrecht, ſich mit dieſen auf Hochverrath zielenden Anträgen an den Lord ſelbſt zu wenden.“ „Lord Kildare,“ ſagte der Statthalter kopfſchüt⸗ telnd,„ſpielt wirklich ein ſeltſames Spiel. Die Rolle, die er in der letzten Zeit in den Angelegenheiten des Landes genommen, der übertriebene Eifer, mit dem er bemüht iſt, ſeine loyalen Geſinnungen an den Tag zu legen, die zahlreichen Freiwilligen, die er fortwäh⸗ rend zuſammentreibt und ohne Beruf dazu in den Waffen übt, erwerben ihm mein Vertrauen nicht, Sir Archibald. Er iſt mir verdächtig, wie irgend ein ge⸗ wöhnlicher Irländer; ſtolz, reich und ehrgeizig, ſtrebt er darnach, noch mehr zu erringen. Sei es nun, wie es wolle mit dieſem Herrn, er ſteht hinfür unter mei⸗ ner eigenen Aufſicht. Was Sir O' Donnel betrifft, ſo ſoll er zwar eine ſtrenge, aber doch ſeinem Range angemeſſene Haft erhalten und ſein Proceß ſofort ein⸗ geleitet werden. Daſſelbe gilt von den Franzoſen. Im Feinde ehrt man ſich ſelbſt.“ „Die genteele Gefangenſchaft wird den Mann von 195 Stande vor einem ſchmählichen Ende nicht ſchützen. Alſo immerhin anſtändige Haft!“ murmelte der Staats⸗ rath, der ein beſonderer Gönner und Freund von Lord Kildare ſeit ſeinem Aufenthalt in Frland geworden war— indem er die umherliegenden Papiere zuſam⸗ menlegte und in ſeinem Portefeuille verſchloß. „Alſo weiter nichts, Herr Staatsrath? Nun ſo wollen wir für heute die Sitzung beſchließen, meine Herren,“ ſagte der Statthalter ſich verneigend.„Ich darf bei Ihrem mir bekannten Eifer für den Staats⸗ dienſt erwarten, daß meine Befehle pünktlich vollzo⸗ gen werden.“ Der dienſtthuende Kammerherr eilte die Thüre zu den innern Gemächern zu öffnen, und der mit könig⸗ licher Würde bekleidete Mann verließ das Kabinet, wo nicht ſelten ſeine Humanität mit ſeiner Gewiſſen⸗ haftigkeit in heftigen Konflikt gerieth. „O, welch' einen Widerſpruch, meine Landösleute, gewähren die glänzenden Reden, die ihr im Oberhauſe zu Gunſten der Freiheit fremder Völker haltet, mit der Behandlung dieſes eueres Schweſterlandes!“ ſprach er vor ſich ſelbſt, die Inſignien jeiner Würde von ſic legend.„Irland, befürchte ich, wird noch die 4 Veranlaſſung werden, daß es dem Rufe der engliſchen iberalität ergeht, wie gewiſſen Gaſſenhauern, die ver⸗ geſſen werden, nachdem ſie eine Zeit lang von allem Volke geſungen worden ſind. Inconſequenz und eng⸗ liſche Politik werden einſt bei der Nachwelt für gleich⸗ bedeutende Worte gehalten und zum Sprüchwort bei allen Völkern werden.“ Das war der Vicekönig von Irland mit ſeinem blutenden Herzen und kummerſchwerem Haupte! Er ſtand mitten in der überall ausbrechenden Empörung raſender Leidenſchaften und ſollte die Feuersbrunſt lö⸗ 13* 196 ſchen, den Sturm beſchwören, und immer grauſiger erhob ſich vor ſeinem in die dunkle Zukunft gerichteten unflorten Blicke die Nemeſis, ein geſpenſterhaftes, ſchattendunkles, verderbendrohendes Rieſenhaupt, und verfinſterte ſeine Tage. Wahrlich, er konnte das ſtolze, ſelbſtgenügſame Lächeln ſeiner Standesgenoſſen im ru⸗ higen Mutterlande nicht theilen, womit ſie eine von der Menſchlichkeit in's Oberhaus gebrachte Bill zur Verbeſſerung der iriſchen Zuſtände mit großer Stim⸗ menmehrheit verworfen ſehen; dieſes ſchändliche Lächeln däuchte ihm eine Herausforderung an das Schickſal, das nicht zaudern werde, mit ehernem Tritte zu kom⸗ men, und er fühlte es mit Beben, daß eine blutige Thräne des Genius der Menſchheit über die Schand⸗ ſäulen dieſem Lächeln entſprechen müſſe, die Englands Herren ſich eine nach der andern aus den Knochen iriſcher Verhungerter und Erwürgter in der Weltge⸗ ſchichte erbauten. Lord Corhampton warf den Königsmantel unmu⸗ thig zur Erde und eine Thräne glänzte in ſeinem Auge. 197 22. Der Rönig von Zrland. Im höchſten Grade um das Loos des Freundes beſorgt, hatte Dermot Laing die Hauptſtadt des un⸗ glücklichen Erin nicht verlaſſen, ſondern, als er die Einbringung O'Donnels erkundet, heimlich auf Be⸗ freiung deſſelben geſonnen, auch ſchon mit einigen ſeiner Geſinnungsgenoſſen deshalb vorläufige Verab⸗ redung genommen. So war er ſchon über acht Tage in Dublin, vermied es aber, am Tage auszugehen, um keinen Verdacht zu erregen; er wählte Abend und Nacht zu ſeinen Ausflügen. In einem Wirthshauſe hatte er einen ihm bekann⸗ ten Verſchwornen getroffen und dieſer ihm unbemerkt zugeflüſtert, daß er ihn am folgenden Abend zu an⸗ dern Freunden führen wolle, und gebeten, ihm einen Ort des Zuſammentreffens zu beſtimmen. Dies hatte Laing gethan, und dann waren ſie eben ſo ſchnell auseinander gegangen, um den Späherblicken der Po⸗ lizei zu entgehen. Schon hatte die Dämmerung des andern Tages die Hütten der alten innern Stadt mit ihren Thränen, mit ihrer Verzweiflung und mit ih⸗ ren Racheplänen in Schleier gehüllt, als Dermot Laing die breite Sackvillſtraße im öſtlichen Theile der Stadt hinabſchritt. Wie im bittern Hohne über die Armuth in den andern Stadttheilen, ſtrahlte hier der Schimmer engliſcher Behaglichkeit im tauſendfältigen Kerzenſcheine aus den palaſtartigen Gebäuden herab. Gedankenvoll blickte der Irenhär ing bald an den hellerleuchteten Häuſern hinauf, aus denen hier und 198 da Jubel und Geſang und andre Ausbrüche des hei⸗ terſten Frohſinns herabſchallten, bald auf die bleichen, in Lumpen gehüllten Geſtalten, die ſcheu und ſchwan⸗ kend aus ihren Schlupfwinkeln hervorkrochen, um die Barmherzigkeit eines ſpäten Wanderers anzuflehen, oder, von der Noth getrieben, einem noch unheim⸗ lichern Gewerbe nachzugehen. Auch dieſen Abend hatten ihn die Streifereien, die er durch die von den eigentlichen Iren bewohnten Theile der Stadt gemacht, hinreichend überzeugt, daß Dublin mehr als je einem Vulkan glich, der mit ver⸗ doppelter Wuth auszubrechen drohte, je mehr man, nach dem mißglückten Landungsverſuche der Franzoſen, durch die ſtrengſten Maßregeln jede Volksbewegung fortan im Keime zu erſticken bemüht war. Wilde, gäliſche Geſänge hatte er aus manchem Wirthshauſe vernommen, wo verſammelte Mißver⸗ gnügte ſich Muth aus dem Becher holten, oder die Erinnerung an die ſich täglich erneuenden Kämpfe um eine troſtloſe Exiſtenz im ſinnbetäubenden Rauſch tödteten. Mit jedem Glaſe traten jedoch die Bilder ihrer Leiden nur in noch grellern Farben hervor. Der innere Grimm wurde zur lauttobenden Wuth, und nicht ſelten brüllte ein ſchrecklicher Chor:„Nieder mit den Orangemen! Nieder mit den Clubs der Tyrannen!“ um ſo ſchallender, je mehr der ängſtliche Wirth, oft mehr aus Furcht, die Früchte dieſer nächt⸗ lichen Orgien durch das Einmiſchen der Polizei zu verlieren, als aus Loyalität, ſeine Gäſte auf die ge⸗ fährlichen Reden aufmerkſam zu machen ſuchte. Nachdenkend, in ſeinen Mantel gehüllt, ſtand Laing an der ſeinem Bekannten bezeichneten Straßen⸗ ecke; es war ihm recht ſchaurig, recht wehmüthig zu Sinne. Grimmer Schmerz durchzuckte ſeine Seele, 199 da klopfte ihn eine verhüllte Geſtalt auf die Schulter und flüſterte:„Irland für immer!“ Es war das Erkennungswort der Verſchwornen. Laing gab ihm die Hand, und jener zog ihn raſch durch mehre enge Straßen und endlich in ein dunkles Haus. Der Weg ging durch die ſtockfinſtre Flur, über einen Hof, dann wieder durch winklige Gänge in ein Hinterhaus. Wachen waren hier ausgeſtellt, die ſich nur durch richtige Zeichen und Worte den Eingang abkaufen ließen. aing trat in ein weites Zimmer, in welchem die Lichter vor Tabaksqualm düſter brannten; wildes Ge⸗ ſchrei tönte ihm entgegen. „Hoch leben die Vertheidiger der Religion und der Menſchenrechte!“ ſchallte es aus dem Knäuel der Stimmen hervor. Matroſen, Laſtträger, Fiſcher, arme Bürger, Landleute und ſtimmige Dirnen, ein Men⸗ ſchenſchlag, der ſich durch kraftvollen Körperbau und Regelmäßigkeit ausdrucksvoller Geſichtszüge als die Nachkommenſchaft des Heldenſtammes bewies, von dem Oſſian ſingt:„Stark wie Gewitter ſind die Arme der Männer, ihr Auge ſchießt durch die Flächen den Blitz; die Weiber aber ſind wie der Schnee der Ge⸗ filde, ihr Buſen gleich den glatten, vom Brano*) ſich hebenden Steinen, die Arme gleichen den weißen Säulen im Saale des mächtigen Fingal.“ „Mit dem Volke ſtirbt allmählig die Tugend ſei⸗ ner Ahnen dahin, und nur noch im Laſter malt ſich die ehemalige Kraft der Söhne von Erin,“ ſo ſeufzte Laing, als er eine Zeit lang das geräuſchvolle, wüſte Treiben in der Stube beobachtet hatte. Kopf an Kopf, ſaßen die wilden Geſtalten dicht gedrängt um den Kamin in der niedrigen Stube und um den *) Ein Fluß in Irland. ————————————————— —— 200 Feuerplatz auf der Hausflur herum; mitten im Kreiſe ſtand ein alter Spielmann, und mit Begeiſterung horchten die Männer auf die Töne, die er einer al⸗ ten Harfe entlockte, und das Lied, das er dazu mehr ſtöhnte, als ſang. Raſcher kreiſten die zinnernen Krüge, und wilder wurden die Blicke der Männer, als der Barde Crajals und Cuchullins Schatten be⸗ ſchwor und mit Emphaſe die Stelle des Geſanges hervorhob, wo die Geiſter der Erſchlagenen auf dü⸗ ſtern Wolken heranziehen. Auf dem Herde war das Feuer allmählig herabgebrannt und beleuchtete die Verſammlung unheimlich mit ſeinem düſtern Lichte, ſo daß ſie ſelbſt mit ihren blitzenden Augen, mit den be⸗ benden Nerven und den ungeſtüm ſchlagenden Herzen den tiefergriffnen Laing wie Oſſians zürnende Rache⸗ geiſter gemahnten. Der Sänger ſchwieg. Unter rauſchendem Beifall reichte einer dem erſchöpften Greiſe den vollen, ſchäu⸗ menden Krug, und dem grünen Erin, den O'Donnels, den Leßlie's, den O'Neils, den O'Briens und allen Häuptern der einſt ſo mächtigen Clans wurde ein donnerndes Hurrah gebracht. Da erhob ſich am Ende des Tiſches ein hoher, ernſter Mann, nachdem er durch Klopfen mit einem Trinkgeſchirr Ruhe geboten hatte. Das von Narben. zerriſſene Geſicht gewährte einen um ſo ſchreckhafteren Anblick, als das eine Auge ſtechend und flüchtig, wie ein Blitzſtrahl, über die Verſammlung flog, während das andere, des Lichts beraubt, tief in ſeine Höhle zurückgedrängt war. „Rede, Evans, Mann, dem wir unſer Vertrauen ſchenken! Iſt die Zeit der Rache endlich gekommen für uns hier in Dublin? Zeige einem Jeden von uns ſeinen Platz an! Säume nicht länger, wir ge⸗ 201 horchen Dir aufs Wort, braver O'Neil!“ rief einer aus der Verſammlung. „Ja, Freunde!“ ſprach in tiefem Tone der An⸗ geredete,„die Nacht der Rache ſinkt auf Irlands grüne Gefilde herab; den Hauptſtreich jedoch führe ich ſelbſt, Ihr Männer, ich,“ wiederholte er mit Nachdruck,„ein Nachkomme der alten, einſt hochgeehrten ONeil, jetzt ein armer Mann, deſſen Blut unter der Geiſel der Engländer das Verdeck des Intrepid mehr als einmal gefärbt hat, weil der ſtolze Irländer, der ſich nicht ſchämte, ein Tagelöhner zu ſein, eingedenk des edlen Bluts, welches in ſeinen Adern floß, ſich weigerte, ein Sklave der Sachſen zu werden. Zwei mächtige Wünſche ſind's, Ihr Freunde, die mein Leben noch erhalten und bewegen, und wüßte ich gewiß, daß ſie mir nicht erfüllt würden, ſo wollte ich dieſen Abend noch durch einen Sprung in den Königskanal meinem elenden Leben ein Ende machen. Aber noch lebt ein Gott, der das Geſchrei der gemißhandelten Iren hört; er wird mir gnädig meine Wünſche erfüllen, eh' ich ſterbe. Dieſe zwei ſind: der Wunſch nach Rache und der Wunſch nach Irlands Glück. Beide ſind ſo innig 3 mit einander verbunden, wie Seele und Leib, und die Erfüllung des einen hat ohne die Erfüllung des andern keinen Werth für mich. Und ſo wie ich, denkt 1 jeder brave Zre.“ „So denken wir Alle!“ erſchallte es im vielſtim⸗ migen Chor ringsum.„Du, Evans, giebſt unſern Gefühlen die rechten Worte, Du wirſt ihnen auch 3 die rechten Thaten geben. Wir folgen Dir, wir ver⸗ trauen auf Dich.“ „Wohlan denn, es gilt, uns der Engländer und ihres Joches zu entledigen! Das Haupt der fremden Bluthunde iſt der Statthalter. Ohne Haupt iſt der ——— —. ————— 202 Körper todt. Verſteht Ihr mich? Gut denn, für das Haupt laßt mich ſorgen. Haltet Euch wohlbewaffnet bereit. In den nächſten Wochen geſchieht der Haupt⸗ ſtreich; dann, ſowie ich Euch zurufe: Nun, Brüder, ſchlagt zu, dann ſtoßt jeden Engländer nieder, der Euch vorkommt. In Sicilien haben ſie es mit den Franzoſen auch einmal ſo gemacht, und ſie waren die fremden Despoten los für ewige Zeiten. Jetzt aber ſind die Franzoſen unfre guten Freunde und Nach⸗ barn. Iſt unſre Inſel geſäubert, dann iſt die Rache vollbracht, und aus dem blutgedüngten Boden kann Irlands Freiheit und Glück leicht und ſchnell hervor⸗ ſprießen. Damit wir aber nicht ſtatt des Glücks Un⸗ glück erleben, wie es in Frankreich der Fall war, laßt uns erſt an eine gute, vernünftige Verfaſſung denken. Kein Staat kann beſtehen ohne gute Regierung, keine gute Regierung, ohne ein weiſes Oberhaupt. Ein König muß das Land regieren, ſoll nicht ewiger Zwie⸗ ſpalt und Hader ſein, wie wir in Frankreich recht vor Augen ſehen. Sie werden ſich ſo lange drüben bekämpfen, bis ſie wieder einen König wählen. Laßt uns, dadurch gewitzigt, bei Zeiten darauf bedacht ſein, wen wir zum Staatsoberhaupt wählen und ausrufen, und unter deſſen Fahnen wir uns ſtellen, Blut und Leben zu opfern, wenn die engliſchen Söldner kämen, uns die junge Freiheit wieder zu rauben.“ „Ja, laßt uns einen König wählen!“ riefen die Männer wild durcheinander. „Es muß ein Mann ſein,“ fuhr O'Neil fort, „aus einem alten, iriſchen Adelsgeſchlecht, ein einge⸗ borner Sproß uralten Stammes, der uns liebt, den wir lieben, ein würdiger, edler Mann, der nie den Engländern huldigte, ein Mann voll Hoheit und — — — Würde, dem Frland begeiſtert zujauchzt, den wir als Bruder lieben, als König verehren.“ „Ein ſolcher Mann muß es ſein, wie Du ſagſt, Evans!“ jauchzte ſtürmiſch das Volk.„Nenne ihn den Du meinſt!“ „Ich nenne und meine den ſehr ehrenwerthen Ba⸗ ronet Sir Lewis O'Donnel, Herrn auf Greenlodge und Balliford, einen Mann, der allen den gemachten Anforderungen entſpricht, den Ihr Alle kennt, Alle liebt, den edelſten Erinsſohn.“ „Ja, Sir Lewis O'Donnel ſei unſer König! Es lebe Sir Lewis O'Donnel, König von Jrland!“ jauchzte und brüllte die Menge wild durcheinander, und Whisky, Ale und Porter ſchäumten hoch in den geſchwungenen Gläſern. „Aber Sir Lewis ſitzt hier im Staatsgefängniß,“ überſchrie ONeil die Andern.„Seine Feinde, die Schurken, die Gott verdammen möge! haben ihn ver⸗ rathen und feſtnehmen laſſen. Wir müſſen uns un⸗ ſern König erſt befreien, erkämpfen.“ „Auf denn, ihn zu befreien!“ rief ein junger, halb⸗ berauſchter Tollkopf und ſprang auf den Tiſch. Die Uebrigen ſchrieen ihm Beifall zu und waren gleich bereit, ihm zu folgen. „Halt!“ donnerte O'Neil mit ſeiner Stentor⸗ Stimme dazwiſchen.„Wollt Ihr uns Alle in's Ver⸗ derben ſtürzen und den jungen König dazu? Wir müſſen uns erſt berathen, müſſen einen gutdurchdach⸗ ten Plan verabreden und zur Ausführung deſſelben gute Vorbereitungen und Maßregeln treffen.“ „Evans hat Recht!“ rief wieder ein Anderer. „Wir wollen uns nur ihm anvertrauen. Berathen wir uns!“ Und die betrunkenen Männer rückten zu⸗ „ ne 204 ſammen, um über einen Plan zur Befreiung O'Don⸗ nels einig zu werden. Laing hatte mit immer wachſendem unwilligen Er⸗ ſtaunen zugehört; ihn ſchauderte vor dieſen Freunden der guten Sache. Da fühlte er plötzlich ſeine Hand leidenſchaftlich erfaßt, und ein Matroſe, der vor ihm ſtand, raunte ihm zu:„Gott grüß Dich, Bruder Laing! Willkommen in dieſem Kreiſe!“ Das war eine bekannte Stimme; der Angeredete ſchaute dem Burſchen beſtürzt in das Geſicht und rief freudig erſchreckt:„Um Gott, Leßlie, Du hier in Du⸗ blin?“ „Still! Ich möchte ſelbſt hier meinen Namen nicht laut genannt hören.— Laß die dort ſich über ihres künftigen Königs Wahl berathen und folge mir, ich wohne hübſch verſteckt in dieſem Hauſe.“ Mit dieſen Worten zog der verkleidete Häuptling den aufgefunde⸗ nen Freund zur Thüre hinaus, durch Gänge und Treppen hinauf, bis er an eine verſchloſſene Thür pochte. Nach wiederholten Schlägen wurde ſie von innen geöffnet. Leßlie nahm einem ihm entgegenkommenden freund⸗ lichen Mädchen, dem er ſchalkhaft die friſche Wange ſtreichelte, das Licht aus der Hand und ſagte: Folge mir, Freund!“ indem er das Licht hochhaltend, noch eine enge Treppe hinaufſtieg, öffnete dann eine Thür, und Laing ſah ſich plötzlich in einem zwar kleinen, aber ſehr nett mit allen Bequemlichkeiten eingerichteten Gemache. Säbel, Piſtolen und Gewehre hingen an den Wänden umher, andre Waffen ſtanden faſt in je⸗ dem Winkel in geregelter Ordnung. „Dieſe“— dabei deutete Leßlie mit der Hand auf einige ſchöne doppelläufige Terzerole auf dem Tiſche und am Kamin—„und hiet der Ausgang“— er ——— 205 öffnete eine Tapetenthür in der Nähe eines Schrankes —„für den Fall eines raſchen Ueberfalls! Du ſiehſt, Alles iſt vorher weislich überlegt, der einmal geprellte Fuchs geht ſobald nicht wieder in die Falle.“ Auf dem Tiſche ſtanden Gläſer und Flaſchen. Leßlie rückte ihn näher zum Feuer, und nachdem er faſt eine ganze Flaſche des feurigen Ports in zwei hohe Pokale ausgeleert hatte, reichte er Laing den einen hin, ergriff ſelbſt den andern und rief be⸗ geiſtert:„Irland für immer!“ „Irland für immer!“ wiederholte Jener mit nicht . geringerem Feuer, und beide leerten die Gläſer auf einen Zug aus. Dann ordnete Leßlie dem Freunde einen bequemen Sitz am Kamin, ſetzte ſich ſelbſt ihm gegenüber und Beide erzählten ſich unbefangen, als ſäßen ſie ruhig zu Hauſe am eignen Herd, ihre zeit⸗ her erlebten Schickſale. „Meine Erzählung iſt aus, Dermot!“ ſchloß Leß⸗ lie endlich ſeinen Bericht.„Das Uebrige gehört nicht zur Sache.— Du weißt jetzt, wie es mir nach dem unglücklichen Tage von Fairbridge, wo mich mein Ei⸗ fer zu weit trieb, ergangen iſt, und auf welche Weiſe ich, der Geächtete, nach Dublin gekommen bin. Wäre nur Brydone, dem meine Hitze das Leben gekoſtet hat, noch unter uns, ſo wäre nichts verloren, mein lieber Dermot.“ „Aber die übrigen Unglücklichen, die geblieben ſind, ihre verwaisten, jetzt umherirrenden Weiber und Kin⸗ der, gelten ſie Dir nichts, Leßlie?“ fragte Laing ernſt. „Denkſt Du nicht an die Rechenſchaft, die Du dem Himmel für jene ganz vergeblichen Opfer abzulegen haben wirſt? Haſt Du nicht O'Donnels Freund⸗ ſchaft verſcherzt, auf deſſen beſonnener Ruhe und auf deſſen Verbindung mit Frankreich Irlands Heil allein ⸗.——.— ———— 5 206 beruht, der Dir ſo oft, wenn Dich Dein Feuergeiſt in unſern Berathungen hinriß, mit der größten Ge⸗ duld vordemonſtrirte, wie nur aus allgemeiner Einig⸗ keit etwas Großes hervorgehen könne, der Dir ſo oft ſagte, daß die an der Spitze der Bewegung ſtehenden Männer durch weiſe Beſonnenheit, durch ein edles Betragen, durch Thaten, deren jede einzelne den Stem⸗ pel einer Nationaltugend tragen müßte, die Achtung und Theilnahme der Guten ſowohl in England als auch überhaupt im Auslande zu erringen bemüht ſein müßten?“ „O'Donnel und ich, wir ſtreben beide nach einem Ziele, lieber Kamerad,“ verſetzte Leßlie,„nur unſere Anſichten ſind verſchieden. Er handelt klug und be⸗ ſonnen, wie Du es nennſt, gleich einem großen Ge⸗ neral, und ſtrebt nach Ruhm wie ſeine Vorfahren. Dafür wird er auch ſchon da unten zum König ge⸗ wählt, wie Du eben gehört haſt. Er glaubt nur an den Erfolg durch eine große Schlacht in Verbindung mit den Franzoſen, ſo wie ich es ſelbſt thue, ſobald jene erſehnte Verbindung einmal ſtattgefunden hat. Bis dahin wähnte er hier ungeſtört für ſeinen Zweck wirken zu können, und arglos, wie ein Kind, dachte er an keinen Verrath, der ihn rings umlauerte in hun⸗ dert verſchiedenen Geſtalten. Stets nur ſein Vater⸗ land im Auge habend, vergaß er nur zu oft die eigne Sicherheit und bedachte nicht die Verſchiedenheit ſeiner Stellung von der eines Feldherrn irgend einer aner⸗ kannten Macht. Nun er büßt dieſen Wahn im Ge⸗ fängniß, und ſein Leben ſchwebt in Gefahr. Wahr⸗ lich, wenn wir Tollköpfe ihn nicht befreien, ſo ſtürzt das Werk, worauf er faſt ſein ganzes Vermögen ver⸗ wandt hat, und an dem er jahrelang arbeitete, in Nichts zuſammen! Ich, mein guter Burſche, halte —— ————— dagegen die Engländer in beſtändiger Bewegung. Wo ich bin, da iſt nimmer Ruhe. Wo ich nicht ſiegen kann, da ſäe ich wenigſtens blutige Saat, aus der fortwährend eine neue blutige Ernte für die fremden Schnitter hervorkommt, ſo lange bis endlich in allen Graf⸗ ſchaften die Halme wie ſchlanke Cedern dicht gedrängt aneinander aufſchießen, die eine gewöhnliche Sichel nicht mehr zu fällen vermag. Neue verdoppelte Kräfte wird man von England herüberſchicken, nachdem tau⸗ ſend und abermal tauſend ſich müde gearbeitet haben an der endloſen Arbeit. Die Schläge der zerſtörenden Art werden laut wiederhallen in Irland, und auch die ſchlanken Stämme werden noch einmal nach kräf⸗ tigem Widerſtand wanken und ſtürzen, aber in ihrem Falle werden ſie zugleich die Frevler zerſchmettert mit hinabreißen und unter ſich begraben. Aus den Wur⸗ zeln, welche Jahrhunderte mit Blut gedüngt, nie ab⸗ ſterben, wuchert dann um ſo dichter der junge ge⸗ ſchloſſene Wald hervor, und keine Axt von drüben her wird ferner dem dichten Gehäge Gefahr bringen.“ „Du biſt fürchterlich in Deinen Grundſätzen, Freund Leßlie, wenn ſie, die Du ſo leicht und gelaſſen hier ausſprichſt, wirklich das Ergebniß Deiner wahren Anſichten ſind. Du warſt während der Revolution 4 Frankreich und ſcheinſt ſie von dorther geholt zu aben.“ „Durch Ströme von Blut, mein Dermot, wurde dort Manches erreicht, was man leichtern Kaufs hätte haben können. Mit Blut glaubte man drüben ſo Manches auf ewige Zeiten verlöſchen zu können, was die nächſten Jahre ſchon wieder, wenn auch unter etwas veränderter Geſtalt zurückführen werden, ja ich ſage ſogar zurückführen müſſen, wenn man bedenkt, wozu das mit blutiger Schrift ausgefertigte Patent 208 der Volksſouverainität führen würde.— Ich habe Alles geſehen und ſchauderte beim Anblick. Anders aber iſt es hier zu Lande, wo Blut ſeit Jahrhun⸗ derten nur für das Recht aller urſprünglichen Stände und Meinungen floß, wo es fließen wird, ſo lange bis wir unſre alten, oder gleiche Rechte mit den Eng⸗ ländern haben. Viel ſchlimmer iſt's hier, als in Frankreich, wo jenes Gemetzel, die Grauſamkeiten ei⸗ nes blutdürſtigen, raubſüchtigen Pöbels in wenigen Jahren ihr Ende erreichten. Alſo nicht über König Georg, nicht über das engliſche Volk, nicht über mich, nein, nur über die einzige Kaſte, deren Vorfahren als Söldner Jacobs, Eliſabeths und Cromwells herüber kamen, über jene ſtolzen Glückspilze, die ſich auf un⸗ ſerm Eigenthum gemäſtet haben, die fortwährend aus guten Gründen gegen jede Maßregel ſtimmen, die dem Parlament zu Gunſten Irlands vorgelegt wird, komme das Blut, was vergoſſen iſt und was noch ferner vergoſſen werden wird! Doch weg mit dieſen Bil⸗ dern des Schreckens aus einer blutigen Vergangen⸗ heit! Laß uns lieber trinken, Dermot, und über jene einen Schleier hängen, welcher dicht genug iſt, daß ihr Anblick uns nicht zu empfindlich berührt, aber im⸗ mer noch ſo viel durchſehen läßt als nöthig iſt, um uns an unſre Pflicht zu ermahnen. Mag's geſchehen, was der kühne O'Neil allein zu vollführen gedenkt. Wer weiß, ob nicht der Blitz, der aus heiterm Him⸗ mel in die Hauptſtadt einfährt, das ganze Land ent⸗ zündet, ſo daß dem Einzigen gelingt, was unſre ver⸗ einten Anſtrengungen nicht vermochten. Greife alſo nicht in die Speichen des Schickſalsrades! Hören, ſe⸗ hen und ſchweigen! Dies ſoll Deine Looſung ſein, geſchehe auch, was da wolle. Und wenn wir's glück⸗ üch vollendet haben, und das Volk begehrt unſern 209 Freund O'Donnel zum König, ſo werde ich bei Gott der Erſte ſein, der ihm als Unterthan huldigt, denn ich weiß am beſten, daß Keiner von uns größere Tu⸗ genden und herrlichere Eigenſchaften beſitzt, Irland ſe⸗ gensreich zu regieren.“ „In dieſem Punkte bin ich vollkommen mit Dir einverſtanden,“ ſagte Laing.„Und ſo wollen auch wir auf Lewis O'Donnels Wohl und gutes Glück trinken.“ „Lewis O'Donnel für immer!“ riefen Beide und ſanken ſich in die Arme. 23.„ Cims Peichte. Der blinde Gaul des Pater OKelly trug ſeinen alten Herrn vor die Thür der Heideſchenke, und Bobby empfing Beide mit höflichem Gruß. Ehe der würdige Prieſter noch die Stube erreichte, kam ihm Peppy ſchon entgegen.„Geht nicht hinein, Hochwürdiger,“ ſagte ſie.„Henderſon ſitzt drinnen. Seit der Menſch Päch⸗ ter des Lord Kildare geworden, iſt mit ſeiner dünkel⸗ haften Aufgeblaſenheit gar kein Auskommens mehr. Ihr ſeid nicht ſicher vor ſeinen ſpitzen Scherzen. Mir iſt der engliſche Laubfroſch ſo unausſtehlich, wie meiner Katze Shaun Donnoughs plumper Jagdhund. Kommt mit in die obere Stube.“ Dort angelangt, fragte der Pater:„Nun, wie geht's heute Deinem Kranken, Peppy?“ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 14 210 „Seine Lordſchaft iſt noch immer nicht außer Ge⸗ fahr; der Schuß, den ihm unſer wackrer Sir Lewis beigebracht, war ſchlimmer, als wir anfangs glaub⸗ ten. Geſtern hat ihn Miß Eliſabeth von Lindſayhall auf ſein höfliches Bitten beſucht; ich bin ſelber drü⸗ ben geweſen im Schloſſe, um ſie einzuladen. J nun, ſie hatte eben nicht ſonderliche Luſt dazu, aber Zure⸗ den hilft, und als ich ihr ſagte daß wahrſcheinlich des Herrn Obriſten Leben von ihrem Kommen oder Nicht⸗ kommen abhinge, war ſie gleich entſchloſſen. Auch hab' ich mich in meinem Glauben nicht getäuſcht; ſeit ſie da geweſen, geht's beſſer mit dem Kranken, und ich hoffe, wir bringen ihn durch. Freilich, eine langwie⸗ rige Geſchichte! Der Sommer kann herbeikommen, eh' er das Haus wird verlaſſen können.“ „Du ſprichſt immer nur von dem Einen, von Deinem vornehmen Kranken, und erwähnſt des andern gar nicht,“ erinnerte der Pater. „Fluch auf des böſen Buben Haupt!“ eiferte die Wirthin.„Wenn ich nur nichts mehr von dem Schur⸗ ken hören oder ſehen dürfte! Ich wollte, er wäre in der Teufelsſchlucht umgekommen, in welche Sally den Schandbalg ſtieß! Wir hielten ihn Alle für todt; warum iſt er's nicht geweſen, es wäre für ihn und mich beſſer!“ „Ei, ſchäme Dich, alte Frau, daß Du alſo von ihm redeſt! Iſt die Stimme der Natur ſo ganz in Dir erſtickt?“ „Was redet Ihr mir! Tim iſt ein Galgenſtrick, wie ich immer vermuthet. Vor ein paar Tagen hat er in einem Anfall von Tollheit verrathen, daß er die Befreiung Dunfoore's und ſeines Sohnes verhindert und den Tod dieſer wackern Lente auch auf ſein Ge⸗ wiſſen geladen hat.“ 211 „Und wie iſt das zugegangen?“ „Ich weiß es nicht, Hochwürdiger. Die Sinne ſind mir faſt geſchwunden bei dieſer Beichte; das Herz in der Bruſt wollte mir zerſpringen. Ihr wißt, daß die Weiß⸗Jungen die Befreiung der in Lindſayhalls. Kerkern ſitzenden Gefangenen von der Landung der Franzoſen in der Bantry⸗Bay hofften. Als der liebe, himmliſche Vater dieſe Hoffnung vernichtete, kamen ſie noch denſelben Abend in der Schenke hier zuſammen. Mic Dahna brachte die Nachricht, daß der Lord Kil⸗ dare die Nacht über in Bantry als Oberbefehlshaber der Meomen bleibe, und ihrer Neun entſchloſſen ſich ſchnell, ſich als Geſpenſter zu verkleiden, in's Schloß einzudringen und die Gefangenen zu erlöſen. Mic machte ſich vorher auf und theilte ſeinen Plan der Sally mit, die eben die kranke Lady auf Lindſayhall pflegte. Sally war, wie wir Alle vorher wußten, gleich bereit, die Hand zur Befreiung der Unglücklichen zu bieten und die Thüren gegen Mitternacht zu öffnen. Doch wollte ſie erſt Miß Eliſabeth unterrichten. Dies Goldherz willigte ebenfalls in den Befreiungsplan, und ſo machten ſich die wackern Geſellen, trefflich vermummt und herausgeputzt, nach eilf Uhr auf den Weg, den das Mondsviertel ſpärlich mit Licht beſtreute. Sie finden die Thüren offen und gelangen ungehindert in das Haus. Das Dienervolk, durch das Geräuſch her⸗ beigelockt, flieht entſetzt und ſucht das Freie, und unſre wackern Freunde eilen zu den Gefüngniſſen und öffnen die erſten mit ihren Brecheiſen. Kaum ſind die Ge⸗ fangenen frei, und ihre Retter im Begriff, zu Dun⸗ foore's Kerker hinabzuſteigen und dem alten Manne und ſeinem Sohne eine gleiche Gunſt zu erzeigen, als ſie plötzlich ein ſcheußliches Geſpenſt, eine grinſende, über alle Beſchreibung ſchreckliche Frauengeſtalt er⸗ 1 —— ——————— 212 blicken. Das Ungethüm ſtößt dumpfe, geiſterhafte Töne aus, und unfre guten Jungen, die ſelbſt Geſpenſter vorſtellen, ergreifen verwirrt die Flucht, die erlöſten Gefangenen mit, das weibliche Scheuſal verfolgt ſie; oben begegnen ſie dem heimkehrenden Lord und Mor⸗ ries, die ſich zum Glück auch vor den vermeinten Ge⸗ ſpenſtern fürchten. So erreichen ſie das Weite. Und wer meint Ihr wohl, Hochwürdiger, ſei das Frauen⸗ geſpenſt geweſen? Niemand anders, als Tim, mein ſüßes Kleinod! Er hat es ſelbſt mir geſtanden. Ich glaube, er iſt der alte Knabe“)“ ſelbſt, oder doch we⸗ nigſtens ein Bruder deſſelben.“ Der Pater ſchlug ein Kreuz mit den Worten: „Ich verbiete Dir dergleichen gottloſe Gedanken, Peppyhl Hüte Dich wohl, daß der Böſe nicht an Dir ſelbſt Theil habe! Führe mich zu Tim!“ Die Wirthin gehorchte. In einem, mehr einem Stalle als einer Kammer ähnlichen Raume, der kein Fenſter, noch einen Schlot hatte, kauerte der kranke Hausknecht an einem in der Mitte auf dem bloßen Boden glimmenden Torffeuer. Sein bleiches, grämli⸗ ches Geſicht verzog ſich kaum, als er, die Augen auf⸗ ſchlagend, den Pater erkannte. Peppy war nicht mit hineingetreten; vielmehr ſtand ſie lauſchend an einem der vielen Löcher, welche die Wand darbot. „Ich höre, Du biſt noch immer krank, Eim, be⸗ gann der greiſe Geiſtliche mit der ihm eigenen Herz⸗ üchkeit,„und ich bin gekommen, Dich zu beſuchen und Dir göttlichen Troſt zu bringen.“ Des Hausknechts Auge ſtreifte mit einem Gemiſch von angenehmer Ueberraſchung und Mißtrauen über )„Der alte Knabe“ allgemein übliche Benennung des Teufels in Irland. —— ————— ———— 213 die ehrwürdigen Züge des Greiſes, und während das letztere ſchwand, erhob er ſich, faßte das Kleid des Prie⸗ ſters, küßte ehrerbietig einen Zipfel deſſelben und ſagte mit weinender Stimme:„So ſeid mir tauſendmal willkommen, hochwürdiger Herr! Das werd' ich Euch nie vergeſſen, daß Ihr des armen Tim gedenkt und ihn beſucht, indeß ihn Alles verlaſſen und kein Menſch im Hauſe des Mitleids würdigt, das ſie einem Hunde nicht verſagen würden. Geſegnet ſei Euer Eintritt! Ihr ruft mir doch den Glauben, daß ich zu Menſchen gehöre, wieder in's Gedächtniß zurück.“ „Du mußt nicht immer das Schlimmſte von den Leuten glauben, Tim,“ verwieß ihm der Pfarrer die arge Rede.„Die Einkehr in der Schenke Deiner Muhme iſt jetzt weit ſtärker, als ſonſt; alle Hände haben vollauf zu thun; es bleibt keine Zeit übrig, viel an Dich zu denken.“ „Ja doch. Denken thun ſie wohl an mich, aber ſie wünſchen mir den ſchönſten und ſchnellſten Tod. Meine Muhme iſt eine gar gütige Frau!“ „Du biſt Deiner Muhme Dank ſchuldig, und ſie wird ihre Hand niemals von Dir abziehen, wenn Du Dich ihrer Güte würdig zeigſt. Aber ich bin der Meinung, Du biſt zeither nicht auf guten und from⸗ men Wegen gewandelt und haſt viele Sünden auf Deine Seele geladen. Darüber mag Deine Muhme mit Recht erbittert ſein. Haſt Dunicht ſelbſt bekannt, daß Du des alten, ehrlichen Dunfvore's Rettung ver⸗ hindert?“ „Gott ſieht aufs Herz, hochwürdiger Herr, ſo habt Ihr mich gelehrt. Ich bin unſchuldig an Dun⸗ foore's Tod, ich ſelbſt wollte ihn befreien. Da Ihr ſo gütig ſeid, mich armen, verworfenen Menſchen zu beſuchen und ſo freundlich zu mir zu reden, ſo will ich Euch die Geſchichte erzählen. Seht, vor einigen Tagen ſchlug mich das Gewiſſen, und ich wollte mein beklemmtes Herz vor meiner Muhme ausſchütten, die's doch ſonſt gut mit mir gemeint, aber ſie hatte mich noch nicht halb gehört, als ſie mich verwünſchte und verfluchte, daß mir das Herz erſtarrte. Eure Güte hat's wieder weich gemacht. Nun hört, Hochwürdi⸗ ger! Der Lord Kildare hat mir ſchon lange die Park⸗ wärterſtelle in Lindſayhall verſprochen, das heißt, ſobald Shaun Donnough, der jetzige Wildhüter, anderweitig und beſſer verſorgt ſei. Ich aber hatte Grund zu wünſchen, daß dies bald geſchehen möchte; denn ich wollte meinen eignen Herd haben und mir mit Sally ONeil, die mir ihr Vater zur Ehe gelobt, meine Suppe daran kochen. Nun hatte ich bei Gelegenheit des Schloßbrandes Shaun Donnough als ein großes Ha⸗ ſenherz kennen gelernt, der ſich vorzüglich vor Geſpen⸗ ſtern über alle Maßen fürchtete. Ich benutzte dieſen Umſtand, um ihn auf eine leichte Weiſe aus dem Park⸗ hauſe zu vertreiben und mich ſelbſt nachher darin feſt⸗ zuſetzen, indem ich den Einfall hatte, die arme Cauth, die man im Schloſſe von der Treppe geworfen, daß ſie ihr Leben gelaſſen, und deren Kuh, die Shaun todtgeſchoſſen, als Geiſter erſcheinen zu laſſen. Ich kleidete mich nämlich als Cauth, und ihr Enkel Mar⸗ thy aus Dunmoore, dem ich mich anvertraut und der nach Rache lechzte, ſpielte die Kuh. Außer dem Zwecke, Shaun zu vertreiben und mir zur Stelle zu verhel⸗ fen, hatten wir noch einen zweiten, nämlich Miß Mar⸗ garet, meine Feindin, die Cauths Tod verſchuldet, zu ängſtigen und wo möglich vom Schloſſe zu verſcheu⸗ chen. Wir hatten die Schurkerei ſchon eine Zeit lang fortgeſetzt und den Wildhüter bereits zu dem Entſchluß gebracht, das Haus zu verlaſſen, als die 215 Landung der Franzoſen durch den allmächtigen Gott vereitelt wurde, und ich erfuhr, daß der Lord in dieſer Nacht in Bantry bleiben würde. Da beſchloß ich, dem Wildhüter den Garaus zu ſpielen. Wir trieben ihn wirklich aus dem Hauſe. Nun wollte ich verſu⸗ chen, wie weit ich's mit Miß Margaret bringen könnte, und verfügte mich nach dem Schloſſe, um zuzuſehen, was ſich thun ließe. Zu meiner Verwunderung fand ich Thor und Thüren auf. Da kommt mir ein beſſe⸗ rer Gedanke. Ich hatte leider die Gefangennehmung des alten Dunfvore und der andern Burſche verſchul⸗ det, und mein Gewiſſen erinnerte mich an ſie. Schnell lauf' ich nach dem Parkhauſe und hole die Schlüſſel zu den Gefängniſſen, die Shaun als Gefangenwärter in Verwahrung hatte— er war mit Frau und Kind davon gelaufen— und kehre in's alte Schloß zurück. Wie ein Schatten huſchte ich nach Dunfoore's Ge⸗ fängniß hinab und war eben im Begriff, daſſelbe zu öffnen, als ich von oben auf der andern Seite ein mich im höchſten Grad erſchreckendes Geräuſch höre. Ich laſſe in eiliger Flucht die Schlüſſel fallen und ſuche nur ſchnell das Freie zu gewinnen, aber plötzlich ſeh ich mich von ſcheußlichen Larven umgeben, Ge⸗ ſpenſter grinſen mich an, ich ſchreie und renne davon, die luftigen Geſpenſter mit, oben begegnen wir wieder andern, die auch ſchreien; ich weiß nicht, wie ich hin⸗ aus und über das Moor gekommen bin. Erſt ſpäter habe ich erfahren, wer die Geſpenſter geweſen ſind, und was ſie bezweckt haben.“ „Genug,“ verſetzte der Pfarrer,„Du trägſt in die⸗ ſer Sache keine Schuld. Gott und die Heiligen haben es nicht zugegeben, daß Dunfoore befreit werde. Doch ſagſt Du ſelbſt, daß Du die Einkerkerung des alten Mannes und ſeiner Genoſſen verſchuldet. Wie ver⸗ 216 hält ſich das, Tim, und was für Verbindlichkeiten iſt Dir Lord Kildare ſchuldig, daß er Dich mit der Park⸗ wärterſtelle belohnen will? Dieſer Mann pflegt Nichts umſonſt zu vergeben.“ Tims Mißtrauen düſterte wieder aus ſeinen Au⸗ gen hervor; er ſchwieg grinſend. „Ich ſehe, daß Deine Worte von Vertrauen vor⸗ hin eben nur Worte waren,“ nahm O'Kelly in einem gekränkten Tone die Rede wieder auf.„Und wenn Du mir es auch verhehlſt, ſo weiß ich doch, daß Du ein Sünder biſt; aber ich hielt Dich nicht für einen ſo verſtockten Sünder. Du biſt krank und elend; der Herr kann Dich jeden Tag abrufen, Du verſchmähſt aber den Troſt der Kirche und willſt nicht reumüthig bekennen, was Du begangen, um dafür Vergebung aus des Prieſters geweihter Hand zu empfangen. So wirſt Du des ewigen Heils verluſtig dahin fahren, als ein rechter Böſewicht.“ „Haltet ein! Haltet ein, Pater Auguſtin!“ rief der Hausknecht verzweiflungsvoll.„Gebt mir nicht Euern Fluch, bei der heiligen Mutter Gottes und bei St. Patrik! nicht Euern Fluch, Herr! Aber werdet Ihr mir Euern Segen geben, wenn ich Alles be⸗ kenne?“ „Sobald Du Reue und Leid über das Begangene trägſt und Dich im Ernſt beſſerſt.“ Ich will Alles bereuen und mich beſſern.“ „So beichte!“ Tim erzählte ausführlich ſeinen Verrath an Mic Dahna, an Sir Lewis O'Donnel und an den Weiß⸗ Jungen in der Höhle der Teufelsmauer; er verſchwieg keine ſeiner böſen Handlungen, er verheimlichte keinen Gedanken; er hatte Alles aus Liebe zu Sally und aus glühendem Verlangen nach ihrem Beſitz gethan. Der Pater ſah, wie er von Kildare gemißbraucht worden war, und fand den zerknirſchten Burſchen weniger ſtrafbar, als er früher geglaubt hatte. Er redete ihm deshalb liebevoll zu und goß ihm mit ſolchem Troſt linderndes Oel in die zerriſſene Seele. Hierauf ging er, dem erleichterten Kranken baldige, völlige Geſund⸗ heit wünſchend und einen zweiten Beſuch in den näch⸗ ſten Tagen verſprechend. Kaum aber war der verehrungswürdige Mann des Friedens im Sattel ſeines bedächtig von dannen ſchreitenden Pferdes, als Peppy wüthend, gleich einer Furie, in das düſtre Gemach ſtürzte, welches zeither als Tims Krankenzimmer gedient hatte.„Hinaus!“ ſchrie ſie,„hinaus mit Dir aus meinem Hauſe, ver⸗ fluchter Sohn eines Kobolds! Fort, ſag' ich Dir, ab⸗ ſcheulicher Wechſelbalg! Niederträchtiger, nichtswürdiger Verräther! Ich dulde Dich keine Minute mehr in die⸗ ſen Wänden; meine Augen brennen wie Feuer, indem ſie Deine verhungerte, von einer ſchwarzen Seele be⸗ wohnte Geſtalt ſehen müſſen, und möchten Feuer auf Dich werfen und Dich zu Staub und Aſche verbren⸗ nen, elender Unglücksſohn! Zaudre nicht, ſtarre mich nicht ſo verwegen an! geh' und reinige dies Haus von Dir, Unflath! ſäubre die Luft von Deinem Peſtgeſtank! Lauf ſchnell, oder ich erwürge Dich mit meinen Nä⸗ geln, ich beiße Dir die Gurgel ab mit meinen zahn⸗ loſen Kiefern!“ „Alſo auch der Prieſter hat mich verrathen, der alte, mir ſtets heilige Mann, dem ich mein größtes Vertrauen geſchenkt!“ murmelte Tim, und ſeine Züge verzerrten ſich zu einer ſcheußlichen Grimaſſe.„Spart Euern Athem, gute Muhme, ich gehe ſchon!“ und bemüht, den grimmen Schmerz, die Verzweiflung ſeiner Seele niederzukämpfen und zu beherrſchen, raffte 218 er ſich von ſeinem modernden Strohlager empor und rannte hinaus. Aber ſeine Kleidung war zerfetzt; Haare und Bart, ungebührlich lang gewachſen, bedeck⸗ ten ſein ganzes Geſicht, aus welchem eine fahle Todten⸗ bläſſe geſpenſtiſch leuchtete, und um den noch wunden Kopf flatterten ſchmutzige Lappen, womit er verbunden war. In dieſer Schreckensgeſtalt ſchoß er, wie ein Eber, durch das Haus. Vorn auf der Flur begeg⸗ nete er Henderſon, der, ein Liedchen trällernd, ſich eben in die Stube zurückverfügen wollte. Der neue, fröhliche Pächter prallte beim Anblick des kleinen Scheu⸗ ſals zurück.„Wie?“ rief er,„Tim, biſt Du es wirk⸗ lich? Ich hörte vorhin, Du lägeſt noch krank auf einem Ohre. Kaum kenn' ich Dich, Burſche. Weißt Du ſchon, daß ich Pächter in Chesnuthill geworden bin? Na, ich habe Dir auch etwas zu verdanken, ohne daß Du's weißt, kleine Seele, und da Du wieder auf den Beinen biſt, ſo ſoll Dir Deine Muhme auf meine Koſten ein Glas von Euerm beſten Lebenswaſſer ein⸗ ſchenken, das außerdem doch nicht an Dich kommt, alter Junge.“ „Laßt mich, Maſter Henderſon, laßt mich!“ knirſchte Tim.„Ich habe einen Weg vor und keine Zeit zu verlieren.“ „Du ſollſt aber erſt mit mir trinken. Das Wet⸗ ter iſt rauh und ſtürmiſch, und Du kannſt nach Dei⸗ nem Unfalle, von dem ich wohl vernommen, etwas Kraft vertragen.“ Und ohne ſich irre machen zu laſſen, zog er den ſich ſträubenden Hausknecht in die Stube. Dort fielen Tims Augen ſogleich auf den ſchwerbe⸗ rauſchten Shaun Donnough, der ihm ein luſtiges: „Gott tröſte Dich, Tim, Kleinod!“ entgegen grunzte, —„Komm' zu mir, ſüßer Junge,“ fuhr der Wild⸗ hüter fort,„und thu' mir Beſcheid; Du mußt wiſſen, 219 daß ich geſtern Förſter in Caſſelborrow geworden bin und in einigen Tagen mit Sack und Pack ab⸗ ziehe. So trink ich denn mit dem neuen Pächter in Chesnuthill, Maſter Henderſon, meinen Freuden⸗ becher.“ Ueber Tims düſtres Geſicht zuckte es wie ein Licht⸗ ſtrahl; in dieſem Augenblick trat Peppy herein. Ihre Augen leuchteten unheimlich, wie Katzenaugen, bei Tims Anblick, ihre Lippen bewegten ſich heftig, ihre Hände krümmten ſich wie Vogelkrallen.„Und Du wagſt es noch, hier hereinzutreten, Ungethüm?“ kreiſchte ſie auf.„Du willſt mir noch Trotz bieten, willſt mich höh⸗ nen, Hund! Bobby, Andrew, werft ihn hinaus und ſchlagt ihm die ſchlechten Knochen entzwei! Werft ihn hinaus, Lieblinge, wenn Ihr mich morgen nicht be⸗ graben wollt! Denn ich werde ſterben vor Wuth und Aerger, ſollen meine Augen den unnützen, ſchändlichen Buben noch länger ſehen.“ Alle ſahen verwundert auf die zornſchnaubende, alte Frau; Tim aber zog ſich mit geballten Fäuſten nach der Thüre zu. „Was ſoll das, Mutter Peppy?“ fragte Hender⸗ ſom„Weshalb wollt Ihr Euern kranken Vetter, dem Ihr ſtets wohlgewogen und zugethan geweſen ſeid, ſo lang' ich Euch kenne, aus dem Hauſe werfen?“ „Das geht mich und Keinen weiter an,“ verſetzte die Alte mürriſch.„Ich thu' es, weil ich will, und Niemand hat mich darum zur Rede zu ſetzen.“ „Ich ſag' Euch aber, daß Tim hier bleibt und mein Gaſt iſt!“ rief der Engländer.„Und Ihr alte Vettel, ſollt ihm jetzt gleich von Euerm beſten Poleen einen Schoppen einſchenken, oder es ſoll Euch ein eng⸗ liſches Donnerwetter über den Hals fahren.“ 220 24. Cims Lohn. Tims Flucht machte indeſſen jeglicher fernern Demonſtration ein Ende. Mir flammenden Blicken, voll Wuth und Verachtung, mit racheſchäumendem, flücheſtammelndem Munde ſtürzte er hinaus über das Moor nach Lindſayhall zu. Dort langte er wie ein gehetztes Wild an und rannte in das alte Schloß. Ohne ſich von dem über das grauſige Ausſehen des kleinen Menſchen erſchreckten Kammerdiener aufhalten zu laſſen, ſtürmte er in den Speiſeſaal, wo ſich der Lord mit ſeinen Hausgenoſſen eben bei Tafel befand. Es ging hier etwas einſilbig und verdrießlich zu; denn Miß Anna Reil, welche Kildare, Margarets Einflüſterungen endlich nachgebend, nach Rougheleigh gebracht hatte, war an dieſem Morgen plötzlich und ohne vorher um die Erlaubniß angefragt zu haben, wieder in Lindſayhall erſchienen, um den Poſten, von welchem ſie die neidiſche Nebenbuhlerin vertrieben, wie⸗ der mit Gewalt einzunehmen. Eigentlich lag der ſchlauen Margaret weniger daran, die ältere Freundin des Gebieters aus deſſen Herzen zu verdrängen, als vielmehr ſich eine läſtige Aufpaſſerin und Verrätherin ihres Verhältniſſes mit Lord Werford vom Halſe zu ſchaffen. So lange der tapfere Obriſt in der Heide⸗ ſchenke darnieder lag, hatte ſie ihm unter mancherlei Vorwänden zuweilen einen Beſuch abſtatten können, ohne irgend Jemandem verdächtig zu werden; nun, wo ſie hoffen durfte, ihn bald wieder im Schloſſe zu empfangen und gleichſam unter des Lords und Miß 221 Eliſabeths Augen die zärtlichſte Verbindung mit ihm zu unterhalten, jetzt war es ihr zwiefach unangenehm, die verhaßte Anna erſcheinen zu ſehen. Sie hatte auch ſchon im vertrauten Zwiegeſpräch mit Kildare ihrem Herzen Luft gemacht, und dieſer der ungerufenen Anna bereits mit klaren Worten geſagt, ſie möchte nur bald wieder abreiſen und nicht eher kommen, bis er ſie be⸗ gehre. In Anna's Bruſt kochten Gift und Galle; ſie kannte die Feindin, ſie ſann darauf, dieſe zu ver⸗ derben, und warf ihr über der Tafel wüthende Blicke zu; Margaret blickte ſelten vom Teller auf und ver⸗ mied dann, die aus dem Felde geſchlagene Gegnerin anzublicken; der Lord machte ein eſſigſaures Geſicht, und Eliſabeth ſaß in Gedanken verloren, die ihre Seele weit von dieſem Ort trugen. Dies war die Stim⸗ mung der kleinen Tiſchgeſellſchaft, als Tim hineinraſ'te und mit widrigem Ungeſtüm den Lord alſo anredete: „Mylord, ich bitte mir die Parkwärterſtelle aus, die Ihr mir verſprochen; ich weiß, daß Shaun Don⸗ nough Förſter in Caſſelborrow geworden iſt.“ Der Lord und die Damen waren beim Anblick des ſchwarzen ſchmutzigen Unholds erſchrocken empor gefahren; jetzt als der Erſtere den wüſten Burſchen erkannte, redete er ihn barſch und ungehalten an:„Wie kannſt Du Dich unterſtehen, gleich einem wilden Thiere, hier herein zu brechen und Dich alſo unanſtändig zu benehmen?“ „Ich will nichts von Euch, als den verſprochenen Lohn für meine Euch geleiſteten Dienſte,“ verſetzte Tim dreiſt und noch immer heftig ſchnaufend von ſeinem angeſtrengten Lauf;„ich will ihn jetzt; denn ich habe Eile. Befehlt, daß man mich im Parkhauſe einnehme als künftigen Bewohner deſſelben; ich habe kein Obdach weiter.“ — 222 „Bringt man mir in dieſem unwirſchen Tone eine Bitte vor?“ zürnte Kildare weiter.„Wagſt Du, mit mir zu ſprechen, wie mit Stallbuben? Entferne Dich, Schlingel, ſäubre Dich von Unflath und Geſtank, und lerne höflichere Worte an den Gebieter dieſer Beſitzung richten, bevor Du Dich wieder hier er⸗ blicken läßt.“ Tim bebte.„Herr,“ ſagte er mit einer Stimme, deren tiefer, faſt erſchrecklicher Baß von der kochenden Wuth ſeiner Seele Kunde gab,„wenn ich Euch den Baronet O'Donnel, oder den armen Teufel Dahna oder ſonſt Männer des Volks verrieth, da fragtet Ihr nicht nach zierlichen Worten oder polirtem Ausſehn; ich war Euch recht, wie ich eben kam; warum bin ich Euch heute ſo zuwider? Gebt mir die verſpro⸗ chene Stelle, und weder der Ton meiner Worte noch meine Geſtalt ſollen Euch Ohr und Aug' länger be⸗ leidigen.“ „Ein ſchmucker Parkwärter, fürwahr, ein ſehr an⸗ ſtändiger und feiner Mann!“ nahm Miß Margaret höhnend die Rede auf.„Ich glaube, das Wild, das er zu hüten hätte, liefe bei ſeinem Anblick auf und davon, und Ew. Lordſchaft Park wäre bald ſo leer von Braten, wie dieſe Schüſſel. Vielmehr würde ich dazu rathen, dies beſonders merkwürdige Menſchenkind als Vogelſcheuche beſonders anzuſtellen.“ „O daß Miß Margaret den Leuten ihre rechte Stelle anzuweiſen verſteht, hat man an der alten Cauth Murthock geſehen; Ihr habt die Frau zum beſten verſorgt,“ giftete Tim. „Unverſchämter!“ ſchalt Tims Feindin.„Nicht einmal zur Vogelſcheuche biſt Du gut; denn die Ra⸗ ben würden herbeikommen, Dich für ein Aas oder eine Galgenwaare erkennend.“ 223 „Dann würdet Ihr als Vogelſcheuche meine Ret⸗ tung großmüthig übernehmen, wenn Ihr Nachts mit einem muthigen Mann in des Königs Rock und Waf⸗ fen Euere einſamen Spaziergänge machtet.“ Margaret erbleichte, und Anna warf einen trium⸗ phirenden Blick auf ſie. „Genug, Du ſchäbiger Geſelle wirſt die Stelle nun und nimmer erhalten,“ eiferte die Erſtere in ih⸗ rer ſchwer zu verbergenden Verlegenheit.„Sie iſt ver⸗ ſagt und vergeben, und der Lord wird Deinetwegen ſein Wort nicht brechen.“ „Iſt dem alſo, Mylord?“ fragte Tim, zu Kil⸗ dare gewandt. „Ich hörte, Du ſeieſt todt,“ entgegnete der Lord, nicht ohne Verlegenheit. „Und wer iſt der neue Wildhüter, wenn Euer unterthäniger Knecht fragen darf?“ „Jack Hudſon, der früher Reitknecht des Baro⸗ net O'Donnel war. Seit der Gefangennehmung ſei⸗ nes Herrn lief er brotlos umher und hat mir, wie Du am beſten weißt, viel gute Dienſte erzeigt. Dies hat er Miß Margaret in's rechte Licht zu ſetzen ge⸗ wußt, und auf ihre Fürſprache habe ich ihm die Stelle zugeſagt.“ „Jack Hudſon!“ kreiſchte Tim außer ſich,„den ich erſt zur Schurkerei gegen ſeinen alten Herr ver⸗ leitet! Ihm habt Ihr meinen Lohn gegeben? Und was ſoll aus mir werden?“ „Gedulde Dich noch eine Zeit; bei paſſender Ge⸗ legenheit werd' ich Dich verſorgen.“ „Nein, nein! ſo haben wir nicht gewettet, My⸗ lord! Ich will die Stelle, ich will meine Verſorgung jetzt! Nicht morgen, nicht übermorgen. Ich will, ich kann mich nicht länger gedulden. Ich muß 224 Parkwärter werden, oder Ihr werdet zum wortbrüchi⸗ gen Mann an mir, der Euch mehr Dienſte geleiſtet als Henderſon und Hudſon. Ich weiche nicht vom Platze.“ „Und das läßt ſich der Lord Kildare von ſolchem krummbeinigen Auswurf bieten?“ fragte Margaret ironiſch. „Die Stelle!“ tobte Tim,„oder es wird nicht gut zwiſchen uns.“ „Hündiſcher Bube!“ fuhr der Lord auf;„ich will Dir lehren, wie Du mit mir zu reden haſt! Packe Dich hinaus in den Stall, wohin Du gehörſt! dort werde ich Dir meinen Willen kund thun laſſen.“ „Nein, ich weiche nicht, Ihr löst mir denn Euer Wort, oder werdet zum Schurken an mir,“ raſete der Hausknecht. „Ich will Dich hinausbringen,“ verſetzte Kildare ebenſo und rief nach ſeiner Hetzpeitſche. Tim wich nicht. Weißer Schaum ſtand vor ſeinem zähnefletſchen⸗ den Munde, die Haare ſeines Bartes und Hauptes ſträubten ſich ſeltſam, ſeine Augen rollten fürchterlich, unverſtändliche Flüche rollten, wie ferner unheimlicher Donner aus ſeiner heftig arbeitenden Bruſt herauf. Der Lord riß dem Diener die Peitſche aus der Hand und ſchlug den Hausknecht wüthend über den noch wunden Kopf, daß er das Geſicht teufliſch verzerrte vor grimmen Schmerz; aber er ging nicht. Eliſabeth fiel zitternd und weinend ihrem Vater in die Arme, doch er ſtieß ſie zurück und ſchlug von Neuem auf Tim, während er der herbeigeſtrömten Dienerſchaft befahl, das Ungethüm aus dem Schloſſe zu werfen und mit Hunden forzuhetzen. Sein Gebot wurde pünktlich befolgt. Den ſtarken Fäuſten der Diener wich die ſchwache Kraft des kleinen kranken Mannes. Wie 225 Cauth Murthock purzelte er die Treppe hinab, doch erſt als die Jagdhunde ihre Gebiſſe in ſein Fleiſch ſetzten, ſuchte er ſein Heil in der Flucht. Keuchend, blutend, außer ſich, rannte er über das Moor, an Leib und Seele kaum noch einem Menſchen ähnlich, er wußte nicht wohin. Ueberall gehaßt, verſtoßen, ſich ſelbſt verachtend, hatte er kein Plätzchen, wo er ſein Haupt unter Dach legen, keine Kartoffel, womit er ſeinen Hunger ſtillen konnte. Nichts war ihm geblie⸗ ben, als ohnmächtige Flüche. Indem er ſo von wilder Verzweiflung gepeitſcht dahin ſchoß, gewahrte er in der Ferne einen Reiter, der von der Heideſchenke herkam, und in welchem ſein ſcharfes Auge bald den neuen Pächter von Chesnu⸗ thill erkannte. Der Unſelige wollte entfliehen, nicht vermögend den Anblick eines Glücklichen zu ertragen, ſchien ihm doch ſchon die unbelebte Natur ſeiner zu ſpotten; aber Henderſon, der ſeinerſeits in der kleinen Geſtalt, die nicht wohl zu verkennen war, den aus der Heideſchenke vertriebenen Hausknecht entdeckt hatte, ſpornte ſelbſt, von Neugierde getrieben, ſein Roß, um zu erfahren, was eigentlich dieſe ernſthafte Kataſtrophe herbeigeführt haben möchte, worüber ſich die alte Wir⸗ thin trotz ſeiner zudringlichen Fragen nicht weiter aus⸗ gelaſſen hatte. Nach einigen Augenblicken war Tim erreicht und mit Fragen beſtürmt; der Zerknirſchte wand ſich ſtatt aller Antwort, heulend, wie ein ge⸗ peitſchter Hund, zu des beſtürzten Pächters Füßen, Henderſon zeigte dem Verzweifelten alle Theilnahme, ſtieg vom Pferde, hob ihn auf und brachte ihn endlich zum Erzählen. „Meine Muhme hat mich fortgejagt,“ knirſchte Tim, ſeinen Bericht endigend,„weil mich der alte ſchändliche Pfarrer an ſie verrathen; ſie kann ich nicht Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 15 darum ſchelten; denn ich habe ſchlecht an ihr und ih⸗ ren Freunden gehandelt. Der Lord hat mich mit Hun⸗ den aus dem Hauſe hetzen laſſen; Sally hat mich verſtoßen und iſt mit ihrem Vater geflohen; ich habe Niemand auf der Welt, dem ich angehöre, in deſſen Haus ich treten darf, um eine Kartoffel für meinen Hunger und eine Hand voll Stroh für meines kran⸗ ken Leibes Müdigkeit zu erbitten.“ „Tim,“ ſagte Henderſon,„Du haſt auch mir Dienſte und Gefälligkeiten erwieſen, und Du ſollſt nicht von mir ſagen, daß ich ſo undankbar ſei, wie Lord Kildare. Ich werde nicht vergeſſen, was Du an mir thateſt, als ich den Fäuſten meines Feindes am Strande zu Bantry erlegen war; ich werde mich ſtets erinnern, daß Du, wenn auch unbewußt, doch eigentlich die Veranlaſſung zu meinem jetzigen Glücke geworden biſt. Darum komm mit mir nach Chesnu⸗ thill; ich bedarf eines tüchtigen Reitknechts, und Du verſtehſt mit Pferden umzugehen. Werde mein Diener, Burſche. Du ſollſt es gut bei mir haben, willſt Du?“ Tims Geſicht verzerrte ſich wieder zu jener fürch⸗ terlich grinſenden Fratze. Ein böſer Geiſt lachte ihm aus den Augen. Krampfhaft faßte er des Pächters Hand und wieherte mit heiſerer Stimme: „Ja, ich will Euer Reitknecht werden, Maſter Hen⸗ derſon. Statt Kildare's Parkwärter, Euer Reit⸗ knecht, hahaha!“ „Wohlan, ſo folge mir, braver Burſche! Wir wollen ein herrliches Leben zuſammen führen.“ Und auf ſein Pferd ſich ſchwingend, ritt Henderſon voran; zähnefletſchend folgte Tim Ruuthan. 227 25. Sumuel Dunfoore's Ende. Es war einige Wochen ſpäter, eines Tages, an dem die Nebel ſich früher als gewöhnlich geſenkt hat⸗ ten, und die Sonne mit wohlthuendem Strahle die erſte Frühlingswärme verkündigte, als eine Menge von Landleuten aus der Umgegend, unter denen faſt ſämmt⸗ liche Einwohner von Dunmoore, die Ebene vor der Heideſchenke erfüllten. Im weiten Kreiſe lagerten ſich verſchiedene Grup⸗ pen von Männern um das einſame Haus, während die kleinen Galloway's“), von denen manche aus weiter entlegenen Ortſchaften herbeigekommen waren, begierig die erſten hervorſprießenden Grashalme unter der brau⸗ nen Heide hervorſuchten. Es herrſchte jedoch keine Freude unter dem Volke, das ſonſt, wenn auch noch ſo ſehr gedrückt, doch jede Gelegenheit begierig ergreift, der ihm angebornen Hei⸗ terkeit die Zügel ſchießen zu laſſen, zumal wenn die Flaſche dazu beiträgt, die Schleußen ſeines unerſchöpf⸗ lichen natürlichen Witzes zu öffnen. Man ſah es Al⸗ len an, daß weder das erquickende Licht des Frühlings, noch irgend ein fröhliches Feſt die Menge hier ver⸗ ſammelt hatte. Sowohl die zahlreichen Conſtables, als die auf⸗ zuſtellenden Militärpiquets und eine Abtheilung von *) Kleine Race von Pferden, in den ſchottiſchen Hoch⸗ landen, in Wales und einigen Theilen von Irland heimiſch. 228 Lord Kildare's Yeomanry, verriethen nur zu deutlich, daß die freundliche Sonne hier irgend eine der ent⸗ ſetzlichſten Scenen beleuchten ſollte, die der böſe Dä⸗ mon, dem Irland verfallen, über das blühende In⸗ ſelreich ſo oft heraufbeſchwor. Da indeſſen beim Trauermahle ſo gut wie bei Freudengelagen der Ir⸗ länder den Whisky, den Porter oder wenigſtens ſein aus Tannenzapfen gebrautes Bier als ein durchaus nöthiges Bedürfniß zu betrachten geneigt iſt, und der frühe Ritt in der Kühle des Morgens Manchem eine Stärkung nöthig machte, ſo war Mutter Peppy, ob⸗ gleich ſie außer ihren Kindern und Enkeln noch durch einige friſche Gevatterinnen unterſtützt wurde, kaum im Stande, die ſich mit jeder Stunde mehrende An⸗ zahl der Gäſte zu befriedigen. Je weniger die Alte eine Gelegenheit zum Ver⸗ dienſt ungenützt vorübergehen ließ, deſto eifriger be⸗ rechnete ſie mit jedem neuen Kruge, den ſie aus⸗ ſchenkte, wie ſtark ihre Einnahme eigentlich geweſen ſein würde, wenn nicht die Fäſſer allmählig leer würden. „Noch eine Pinte, Peppy, Süße!“ rief hier eine rauhe Stimme.„Mehr Porter hierher, Mutter Peppy, Juwel!“ dort eine andere.„Gleich ein Gallon vom Beſten, Mutter, Honigherz!“ jauchzte ein kecker Burſche, und ein ganzer Chor junger Männer brüllte ihm nach und ſchlug dazu mit den gewaltigen Knitteln an einander. „Ich würde Dir durch einen Kuß für Deine ſchnellen Dienſte danken, treffliche Goldſeele! wenn nicht der Liebe Tändelei Sünde wäre an dem Tage, an welchem der bravſte Mann unter der Sonne hier ſeinen letzten Gang thut,“ ſagte ein praller Junge, die Hand der hübſchen Dirne ergreifend und ihr in's 229 Kornblumenauge lächelnd, das jedoch nicht ſo heiter wie ſonſt auf dem Geliebten weilte. „Du biſt doch ein guter Junge, Gilly, und ich habe Dich wegen Deines Mitleids jetzt noch einmal ſo lieb,“ verſetzte ſie, und verlor ſich, mit der wei⸗ ßen Schürze eine Thräne aus dem Auge wiſchend, im Gedränge. Dieſe kurze Scene war nicht unbemerkt geblieben, und das zarte, in ſo wenig Worten ausgeſprochene Mitgefühl an dem harten Geſchick eines iriſchen Mär⸗ tyrers rührte ſelbſt die älteſten Männer, obgleich ſie an ſolche Ereigniſſe während eines wechſelvollen Le⸗ bens mehr als Andre gewöhnt waren. Lautes Murren flog wie ferner Donner durch die Verſammlung; und Flüche und Verwünſchungen über das empörende Unrecht, ſowie Drohungen unausbleib⸗ licher Rache erſchallten von hundert Stimmen, doch wurden ſie von den erhobenen Stäben der Polizei⸗ agenten und den blanken Säbeln der Dragoner zum Verſtummen gebracht.„Porter und Whisky!“ ertönte darauf wieder als Paßparole bis zum Schenkladen der geſchäftigen Wirthin, die der Armuth ihrer Fäſſer eben mit dem friſchen Reichthum des Heidebachs zu Hülfe gekommen war und jetzt in eigner Perſon mit einer neuen Ladung Getränke unter die Landsleute trat, um ſich von der Wirkung ihrer Kunſtfertigkeit zu überzeugen. „Na, Gevatterin, ſüßes Leben!“ ſagte einer ih⸗ rer nächſten Nachbarn mit ſchlauem Augenzwicken, „wir kommen jetzt ſicherlich an die Fäſſer, welche Ihr zuletzt eingezogen habt. Der alte Stock geht wohl ſchon auf die Neige.“ „Würde aber dennoch in wenig Tagen ſo kräftig geworden ſein, wie der alte, Gevatter Callaghan, ——— —— —˖˖ ——— — 230 Kleinod. Lieber Gott! wenn man Alles vorher wüßte, würde Manches anders und beſſer ſein in der Welt, und wenn ich wüßte, daß dergleichen Ehre— ich meine eigentlich, wenn ich den Jammer erleben müßte, daß noch mehr ſolch brave Menſchen, wie der alte Samuel Dunfvore, dem Gott in ſeiner unendlichen Gnade eine fröhliche Urſtänd ſchenken wolle, in der Nähe meines beſcheidenen Shebeeshauſes auf ſolch er⸗ habene Weiſe ihr Leben beſchließen ſollten, ſo würde ich gewiß nicht ſäumen, meine Anſtalten zu treffen. Bei Jeſus! eine alte Witwe, Maſter Callaghan, ver⸗ dient ja gern einen blanken Schilling, wie Ihr wißt.“ „Dann kauf' nur immerhin ein, alte Here. Wirſt Deine Rechnung dabei finden! Denn ich ſchwör's Dir, Dunfvore wird nicht der Letzte ſein, der hier auf der Leiter zum Himmel ſteigt; der Gal⸗ gen des Lords von Lindſayhall wird gut beſetzt ſein,“ ſo ließ ſich plötzlich eine hämiſch lachende Stimme hin⸗ ter ihr vernehmen. Scheu blickte ſich die Alte um, und hoch zu Roß über die Menge hervorragend, hielt Henderſon, der Gentleman⸗Farmer auf Chesnuthill, im neuen modiſchen Reitrocke mit ſechsfachem Kragen, ſtolz auf die Menge blickend, während er mit vornehm affektir⸗ tem Anſtande mit der eleganten Reitpeitſche ſpielte. „Hollah! Nimm mein Pferd, Tim!'s iſt noch eine halbe Stunde Zeit, ehe der Paradezug ankommt,“ rief er abſitzend und ſeinem gut herausſtaffirten Reit⸗ knecht die Zügel zuwerfend. Doch der alte ſchlaue Burſche zeigte, mit ſpöttiſchem Grinſen umherblickend, eben nicht die größte Eile, dem erhaltenen Befehle nachzukommen; vielmehr trat er der Wirthin mit ei⸗ ner zähnefletſchenden, ſich breitmachenden Frechheit un⸗ ter das Geſicht und rief:„Ein Quart Bergthau, vom 231 Beſten für mich, Muhme, Goldſeele!“ Peppy erſtarrte faſt vor Schrecken, als ſie ihren verſtoßenen Haus⸗ knecht in der bunten Livree erkannte, und ſprachlos hing ihr Blick an dem unverſchämten Geſicht des klei⸗ nen Menſchen. „Nun wird's bald, Muhme, Leben?“ grinſte er weiter;„hier iſt Geld!“ „Gottes Fluch auf Dich!“ ſtöhnte die Wirthin. „Des ſchlechten Engländers Knecht biſt Du geworden? Nun Gleiches hält ſich zu Gleichem.“ „Seht, Tim Ruuthan iſt des neuen Pächters in Chesnuthill Pferdebube!“ flüſterten ſich die Landleute einander zu und wichen ſcheu vor ihm zurück. Er aber ſchlug ein freches Gelächter auf über die Furcht der ihm bekannten Geſichter, ergriff ſtolz die Zügel der beiden Pferde, rief.„Platz da!“ und marſchirte mit lächerlicher Wichtigthuerei auf und ab, ohne ſich um Jemanden zu bekümmern. „Komm, bring' mir ſelbſt einen Topf heißen in die hintere Stube, zlte Sibylle,“ rüttelte Henderſon die Alte aus ihrer Betrachtung,„und ver⸗ treibe mir die Zeit mit Deinen ſchlecht eintreffenden Prophezeihungen; ich habe Luſt zu lachen.“ Mit die⸗ ſen Worten trat er in's Haus. Peppy folgte, ſich bekreuzend über den verwegenen Gentleman, wie ſie ihn nannte. Während die Umſtehenden ihrem Grimm gegen den Engländer durch allerlei Spottreden Luft machten, erhob ſich weiterhin ein Murmeln; man richtete die Köpfe in die Höhe, und Einige zeigten mit den Fin⸗ gern auf die nicht weit entfernte Landſtraße. Alle verſtummten ſchnell, denn man erkannte an den blitzen⸗ den Helmen der Dragoner, daß die in den letzten 232 Aſſiſen zum Tode verurtheilten Inquiſiten herbeige⸗ führt wurden. Jetzt kam der Trauerzug heran. Voran der Kar⸗ ren mit den zwei Verurtheilten und dem Poater OKelly, der zwiſchen Vater und Sohn ſah, das Crucifix und die Bibel in der Hand, und mit eifri⸗ ger Beredtſamkeit geiſtigen Troſt ſpendete. Hinter dem Karren zwei verſchloſſene Kutſchen. Ein lautes Hur⸗ rah begrüßte die Verurtheilten, und dieſe verfehlten nicht, während ſie, am Galgen angelangt, anſcheinend heiter und unbefangen ihr unbequemes Fahrzeug ver⸗ ließen, daſſelbe dreimal zu erwiedern. Dunfoore, der ſchwache gebeugte Greis, ſtand lächelnd, wie ein Verklärter, und grüßte die Menge mit Würde; nur wenn ſein Auge auf den ſtummen, bleichen Sohn fiel, flogen Schatten über ſein Geſicht und Wehmuth zuckte um ſeine welken Lippen. Das war nicht die Geſtalt eines armen Sünders, der für Verbrechen ſtirbt; nein, das war die erhabene Ruhe eines Helden, ausgegoſſen über eine zerbrechliche, dem Leben kaum mehr angehörende Hülle, die göttliche Ruhe eines Märtyrers, der für die gerechteſte Sache freudig in den Tod geht. Die Verwandten und Freunde der Verurtheilten hatten ſich ihnen gegenüber dicht geſchaart aufgeſtellt, und Blicke der Verwunde⸗ rung und Laute tiefer Rührung flogen nach dem Greiſe hinüber. Da ſah man ſeine beiden Söhne, Shame den Fiſcher und Brine den Weber mit ihren Weibern und Kindern, welche die Luft dann und wann mit ihrem verzweiflungsvollen Geheul erfüllten; da ſah man faſt die meiſten der Weiß⸗Jungen, die Tims Verrath glücklich entgangen waren. Hätten ſie eine Ahnung gehabt, wer der Verräther geweſen, er hätte nicht ſo trotzig unter ihnen wandeln dürfen. Ihm 233 zum Glück hatte Peppy darüber das tiefſte Schweigen bewahrt. Zwar von Soldaten umringt, jedoch nur mühſam geſchützt gegen die Steinwürfe und eine Fluth ſchreck⸗ licher Verwünſchungen von Seiten der andrängenden Menge, ſtieg jetzt eine unheimliche Geſtalt, der Hen⸗ ker, in ſeinem, ihn als den Auswurf der Menſchen bezeichnenden zweifarbigen Gewande aus dem letzten Wagen. Scheu, doch zugleich mit dem Blicke des reißenden Thieres, das die blutige Atzung wittert, blickte der Verworfene mit Mordſucht und beſtialiſchem Stumpfſinn auf die ihn umgebende Verſammlung. Es war Keiner darunter, der nicht gewußt hätte, daß der fürchterliche Menſch, einſt ſelbſt ein verruchter Mörder und Straßenräuber, das Lebeu unter der grauſigen Bedingung als Geſchenk erhalten hatte, das an Andern zu vollziehen, wozu er ſelbſt verur⸗ theilt war. Als die Vorrichtungen zur blutigen Arbeit getrof⸗ fen waren, verließ auch der Highſherif mit ſeinen Aſſiſtenten den Wagen. Ihre Begrüßung war zwar nicht viel beſſer als die, welche der Henker erfahren hatte; ſie ließen ſich jedoch dadurch nicht abhalten, mit wenigen Worten, kraft ihres Amtes, die Delin⸗ quenten dem Nachrichter zu übergeben. Zetzt trat eine kurze drückende Stille ein; die Menge erwartete, daß Dunfoore einige Worte ſpre⸗ chen werde, und ſie täuſchte ſich nicht. Er erhob ſeine Geſtalt, ſo daß ſein kahler Scheitel über alles Volk hinwegragte und ſprach feierlich.„Gott mit Irland und ſeinen Kindern! Lieblinge, ich ſterbe heute für unſer Vaterland. Ich kann ihm durch nichts wei⸗ ter nützen. Ich wäre vielleicht morgen ohnedies ge⸗ ſtorben. Nicht mich bedauert, ſondern meinen armen 234 Jungen, der unſrer guten Sache noch hätte förder⸗ lich ſein können.— Lebt wohl, Landsleute! Vergeßt Samuel Dunfoore nicht, der Euch ſtets liebte, dem Irlands Wohl über Alles ging! Haltet feſt am Va⸗ terlande, wie ich gethan. Ihm ſchlägt die Stunde der Erlöſung über kurz oder lang, wie heute mir. Wen⸗ det auch dem edlen Hauſe O'Donnel Eure Liebe zu. Alle ODonnel ſind ächte Erins⸗Söhne. Irland und O'Donnel für immer!— Du aber, mein wackrer Pat, Herzenskleinod!“ wandte er ſich jetzt an ſeinen Sohn,„bedenke, daß ſich's für Irland leicht ſtirbt! Es iſt ein ſüßer Tod für's Vaterland zu ſterben, ſei's in der Schlacht, ſei's am unglücklichen Baum. — Keine Miene verrathe unſern Feinden, daß Du einen Augenblick bereueſt, für Erins Wohl gekämpft zu haben. Ich habe länger gelebt als Du, und weiß, daß nichts am Leben iſt. Befeure durch einen muthi⸗ gen Tod Deine Freunde. Die Heiligen ſtrecken ſchon die Hände nach uns aus, uns zu empfangen. Es iſt nur eine kurze Trennung, Pat, Juwel; in wenigen Augenblicken ſind wir wieder zuſammen.“ Zetzt tra⸗ ten die beiden ältern Söhne Samuels mit ihren laut⸗ weinenden Kindern hinzu, damit ſie der Greis ſegne. „Meinen beſten Segen auf Euch, füße Lieblinge! Gott und alle Heiligen mit Euch!“ ſagte er die Hände auf ihre Häupter legend. Dann fuhr er wie begei⸗ ſtert empor und rief mit lauter Stimme:„Ich ſegne Euch Alle! Ich ſegne Dich, grünes Erin! Ich ſegne Dich, Lewis O'Donnel, den mein Auge nicht ſehen darf! Gott mit Euch Allen! Wir ſterben für Euch!“ Der Pater Auguſtin ſchloß den Sprecher in die Arme und drückte ihn weinend an die Bruſt. Es war ein herzbrechender Anblick, die beiden hochbetagten „—————————— Greiſe einander umarmen zu ſehen, um für eine kurze Zeit Abſchied von einander zu nehmen, und alles Volk ſchluchzte laut auf und weinte. Manche heulten in ihrem wahnſinnigen Schmerz wie wahnſinnig auf. Der Henker machte dieſer Scene ein Ende, indem er den ſtummen Pat ergriff, um mit ihm die Leiter zu beſteigen. „Nur das nicht, Ihr Barbaren, wenn je ein Funke menſchlichen Gefühls Euere jetzt erſtarrte Bruſt belebt hat!“ rief jetzt der alte Dunfoore in ſchrecklicher Verzweiflung aus.„Barmherzigkeit, wenn nicht des Tigers Bruſt Euch ſäugte!“ rief er noch einmal, mit namenloſer Angſt, während die fahle Farbe des To⸗ des ſein Geſicht überzog, auf den Sherif blickend. „Ich bitte ja nicht um das Leben des geliebten Kin⸗ des; denn der Sohn weiß eben ſo gut zu ſterben, wie der Vater für Irland und das Haus O'Don⸗ nel. Aber ſeid Menſchen nur für die Dauer weniger Minuten, und laßt mich vor ihm ſterben, damit nicht der Vater im tollen Wahnſinn über die Todesqual ſeines Erzeugten vor des Höchſten Richterſtuhl tritt, um Rechenſchaft zu fordern wegen des Blutes ſeines eignen Geſchöpfes.“ Und flehend ſtreckte er, der noch eben ſo muthige Greis, auf die Kniee ſinkend, die ge⸗ falteten Hände gegen ſeine Richter aus. Starres Entſetzen ergriff ſelbſt die roheſten unter den Umſtehenden. Kein Laut entfloh irgend einer Lippe. Im Fieberkampf bebten die Nerven der Männer; das Blut ſtrömte zurück in die Bruſt und drohete in die⸗ . ſem fürchterlichen Augenblick mehr als ein männliches Herz zu brechen. Nur der Blick des glühenden Au⸗ ges, welches, am Geſicht des Sherifs hängend, den Ausſpruch erwartete, zeigte, daß das Leben noch nicht bei Dunfoore entflohen war. Da winkte ein kaum merkliches Nicken der letzten Bitte des Greiſes Gewährung, und über die Züge des kalten Richters flog ein Hauch von Mitleid, als er ſich eilend mit ſeinen Gefährten zurückzog, um nicht Zeuge der jetzt folgenden Scene zu ſein. „Segen über Euch, edler Herr!“ rief ihm Dun⸗ foore in froher Rührung nach; dann empfahl er ſich ſelbſt und die Seele ſeines Kindes im heißen Gebet, das ihm der Pater vorſagte, dem allmächtigen und barmherzigen Gott, und Beide küßten das ihnen vom Prieſter dargereichte Crucifix mit Inbrunſt. Wie um den Hochalter die frommen Gläubigen, ſanken die Ir⸗ länder rings um den Galgen auf die Kniee nieder. Auf einen Wink O'Kelly's traten jetzt Beide mit abwärts gekehrtem Geſichte gegen einander. Unerſchüt⸗ tert durch das, was unter ſeinen Augen vorging, harrte der Henker, den Kopf auf die Todesleiter ſtützend. „Gott ſegne das Land!“ rief jetzt der Greis, wie⸗ der kräftig wie vorher.„Wenn Wahnſinn das Haupt unſres Mörders ergreift, und die im Tode verzerrten Züge des alten Dunfoore und ſeines Sohnes in ſei⸗ ner Sterbeſtunde der entfliehenden Seele den Weg zum Himmel verſperren, dann häufe der Allmächtige dop⸗ pelten Segen über den Engel Eliſabeth und Lewis O'Donnel. Irland für immer!“ Muthig ſprangen ſie von der Leiter; ſchon ſchwebend ſuchten die Arme der Sterbenden ſich noch zu umfaſſen. „Es ſind ja nur Irländer!“ ſagte Henderſon zu ſich ſelbſt, als er unter einem leiſen Fröſteln ſein Pferd von der Schauderſcene abwandte, wo die Ver⸗ wandten und nächſten Freunde die Hände der Gemor⸗ deten unter lautem Wehklagen mit heißen Thränen — S— 3————. 237 und Küſſen bedeckten und ſich dann an ihre Körper hingen, um der Todesqual ſchnell ein Ende zu machen. Ein Mann aber ſprengte ſchaudernd und mit ge⸗ ſträubtem Haar von dannen, ſdem es wie Eis durch die Adern rieſelte, deſſen Kopf im wüſten fiebriſchen Feuer brannte. Es war Lord Kildare, der in ſeiner Funktion als Friedensrichter nahe am Platze gehalten und den letzten Fluch, ſowie den Segen des Sterben⸗ den vernommen hatte. 26. Henderſon in uuſſteigender Linie. „Es ſind ja nur Zrländer,“ wiederholte Hender⸗ ſon halblaut, um ſich zu beruhigen, jedoch ſo, daß es der ihm folgende Tim hörte. „Ja wohl, Sir, Geſindel, vor dem man ſich in Acht zu nehmen hat,“ ſagte der Reitknecht mit fürch⸗ terlichem Spott. „Meinſt Du, Pat?“ entgegnete Jener lächelnd.— „Tim, wollen Ihro Gnaden ſagen, wenn's ge⸗ füllig iſt.“ „Pat oder Tim— ganz einerlei. Wir Englän⸗ der nennen Euch Schurken, wenn's uns beliebt.“ „Richtig! Schurken, Herr! dazu, Sir, machen uns die Herren Engländer gar zu gern. Mich hat Lord Kildare dazu gemacht; bei Andern war das nicht nöthig. Nennt mich ſtets Schurke, das wird mir der liebſte Titel ſein und mir gewiſſe Dinge friſch 238 im Gedächtniß erhalten, die ich ſonſt vielleicht vergeſ⸗ ſen könnte. Nennt alle Iren Schurken, das hört ſich gut aus dem Munde der Engländer. Gehenkt müſ⸗ ſen ſie werden und todtgeſchoſſen, das iſt der leichteſte Weg, ſich der unruhigen Köpfe zu erwehren. Wer den Strick um den Hals oder ein paar Loth Blei im Leibe hat, ſchreit nicht mehr über Hunger. Oder auch durch Euere Verladung als Ballaſt nach Neu⸗ ſouthwales oder Canada wird man die Schreier nach Brot und Obdach los und hört nichts weiter davon. Die Tories und Orangemen ſollen ſchon lange darauf gedacht haben, ſo ſagt man, Sir, ſo alle Jahre ein paar Tauſend nach Neuholland einzuſchiffen, weil es gar zu lange dauert, wie ſie meinen, bis man auch dort den Zehnten oder andere Abgaben erheben kann, wovon die guten Eingebornen gar keinen Begriff ha⸗ ben und ſich nur ſchwer dazu verſtehen ſollen. Ich weiß es nicht; darum ſagt es mir, lieber Herr, ſind dort auch ſchon Bisthümer für die vornehmen Herren in England und Pfründen und Sinecuren errichtet? Die ehrwürdigen und hochgeborenen Herren haben gar nicht Unrecht, wenn ſie darauf beſtehen, daß man in Ermangelung anderer Chriſten einſtweilen Irländer zur Bevölkerung hinſchickt, weil die doch einmal an die Lieferung des Zehntens und des Kirchenſchillings in den Seckel der fremden Geiſtlichkeit gewöhnt ſind.“ „Zügle Deine geſchwätzige Zunge, Kerl, und mi⸗ ſche Dich nicht in Angelegenheiten des Staats, die weit eher unſer einen angehen, und von denen Du grade ſo viel verſtehſt, wie Deine Muhme, die alte Peppy, vom Wahrſagen,“ fuhr der Farmer von Ches⸗ nuthill auf. „Wie Ihr meint, edler Herr,“ erwiderte Tim ganz in der Art eines gutmüthigen Narren. Und 239 indem er ſich faſt bis auf den Sattelknopf niederbeugte, ſetzte er hinzu:„Die Zeit kommt wohl ein ander Mal, wo ich Ew. Edlen an das arme iriſche Volk erinnern darf, wenn Ihr mehr geneigt ſeid, Tim ein günſtiges Ohr zu leihen, als heute, da gewiß viel wichtigere Dinge das menſchenfreundliche Gemüth mei⸗ nes Herrn beſchäftigen.“ „Ja, ja, Pat! Tim wollt' ich ſagen,“ entgegnete Henderſon, von des Dieners Worten geſchmeichelt, nun etwas freundlicher,„noch ſind die Viſiten bei meinen Nachbarn nicht alle gemacht. Sir Rowland und Miſtrs. Welch, die reiche junge Witwe von Forth, werden ſicherlich ſchon ihre eigenen Gedanken darüber haben.“ „Ja, ja, das werden ſie gewiß, lieber Herr, und nun noch die Maler und Tapezierer, Sattler und Mo⸗ dehändler, die ſich vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend nach Robert Henderſon, Esquire, erkundigen und ihre Dienſte anbieten. Geſtern war auch Maſter Griffith zweimal da, um Euch ſeinen Gegenbeſuch zu machen. Ein nobler Gentleman, Sir! Sie kennen ja gewiß den ehemaligen Kammerdiener von Lord Rombler, ein weiſer Mann, der während der langen Reiſen ſeines Herrn, deſſen Rechnungen er führte, ein großes Ver⸗ mögen erwarb und damit das ſchöne Grundſtück Lau⸗ reldale ankaufte, nachdem er obendrein noch die ſchöne Kathy, der gnädigen Frau Garderobejungfer, als Hausfrau aus den Händen des gütigen Lords em⸗ pfangen hatte.“ „Schweig, Läſtermaul!“ donnerte Henderſon; „kaum biſt Du warm geworden in meinem Neſt, ſo iſt auch Deine Bosheit aufgethaut. Ich bitte mir Reſpect von Dir aus, nicht nur vor mir, ſondern auch vor meinen Freunden und Nachbarn.“ 240 Während der ſtolze Pächter fluchend im Aerger über den iriſchen Pat, wie er ihn jetzt wieder einmal über das andere nannte, davon ſprengte, trabte Tim Ruuthan gemächlich hinter her. „Reite Du nur hin,“ ſagte er höhniſch lachend,— „Du entgehſt mir jetzt nicht mehr. Seit ich weiß, was Dir emporgeholfen und den ſtolzen Kildare von Dir abhängig gemacht hat, hab' ich Dich ſicher. Auch ich war dabei in jener Nacht. Deine Stunde wird kommen, wo Du Reſpect vor dem Verſtande Deines Knechtes haben wirſt, wenn Du einſiehſt, daß Dein dünkelhaftes Wiſſen nichts iſt vor Tims iriſcher Schlau⸗ heit. Die Stunde wird kommen, wo Du ſammt dem Lord in meine Hand gegeben biſt. Dann freie Dich, Tim!“ Er ſchlug eine helle Lache auf, ließ dann ſein Pferd mehr ausgreifen, um ſeinen Herrn einzuholen, der nach einem weiten Umkreiſe plötzlich wieder den Weg nach der Heideſchenke eingeſchlagen hatte. Da er ſchnell in dem Augenblick, als jener vom Pferde ſtieg, den Zügel deſſelben ergriff und ehrerbie⸗ tig nach des geſtrengen Herrn Befehlen fragte, ſo war der Groll des Mannes, deſſen ſchwache Seite der li⸗ ſtige Burſche immer zur rechten Zeit zu benutzen ver⸗ ſtand, vergeſſen, und Peppy mußte ſeinem guten Kerl, wie er Tim nannte, zu ihrem ſtillen Aerger ein Glas vom Beſten reichen, noch ehe er ſelbſt im Hauſe eine Erfriſchung zu ſich genommen hatte. Tim aber machte ſich breit in dem Hauſe ſeiner Verwandten, deſſen Knecht er noch vor Kurzem geweſen war. „Nun, Alte,“ begann Henderſon— nachdem dieſe ihm zum Beweiſe, daß ſie recht wohl einen Un⸗ terſchied unter den Gäſten zu machen verſtehe, eine noch ungeöffnete Runflaſche nebſt Waſſer und Zucker vor ihn hingeſetzt hatte;—„heute wirſt Du wohl 241 Dein Schäfchen geſchoren haben! So lobſt Du's, nicht wahr? Solch ein Tag bringt Dir mehr Pfund ein, als Du ſonſt Pence und Schillinge in Deinem Kaſten klingen hörteſt. Wie ich Dir heute ſchon ſagte, das muß öfter kommen. Bei Dutzenden müſſen die Schurken noch gehenkt werden, ehe man ſich ſei⸗ nes ehrlich erworbenen Eigenthums in Ruhe erfreuen kann.“ „Davor mögen uns alle Heiligen bewahren!“ rief die Alte.„Ein Zeder ſtrebt nach Erwerb, er ſei auch, wer er wolle; Ihr ſelbſt habt ja das ſchöne Ches⸗ nuthill in Pacht genommen, und gewiß recht billig, nicht wahr, Sir? Aber glaubt mir's, Maſter Hen⸗ derſon, lieber will ich doch Jahr aus, Jahr ein, den armen Leuten aus Dunmoore, wenn ſie hier vorbei nach Torf in die Heide fahren, einen kleinen für einen Halfpenny einſchenken und geduldig zuſehen, wenn ſie ihr eigenes Haferbrot dazu eſſen und ſtundenlang da⸗ bei ſitzen, ſich ihr Herzeleid klagend, als durch eine Veranlaſſung, wie heute, reich werden in wenig Tagen. O, du mein Herrgott! ich hab's ſelbſt nicht geſehen, das Schreckliche. Aber Bobby und Nora und meine Enkel liefen hin, als die Leute hier fort waren. Der Junge iſt noch nicht wieder da, er wird wohl den Leichen den Liebesdienſt erwieſen haben, und was mir noch von Whisky übrig iſt, ſollen die Menſchen heute Abend zu einer rechtlichen Todtenwache haben. Es wird gewiß ein recht ſtattlicher Leichenzug werden, Herr! Nora aber hat mir erzählt, wie der Alte geweint hat um ſein Kind, den ſchönen Pat. Dunfoore hat nie geweint, Herr! Die Nora hat nicht mal das Ende abgewartet, und doch war des Weinens und Klagens kein Ende, und jetzt liegt ſie in Krämpfen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Daraus mögt Ihr Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 242 abnehmen, Maſter Henderſon, daß ſolch Geld keinen Segen bringt. Mich freut das eingenommene Geld nicht. Hab's all in einen Seckel gethan und will keinen Penny davon eher berühren, bis der ehrwürdige Pa⸗ ter Auguſtin ſeinen Segen darüber geſprochen und zu Seelenmeſſen davon genommen hat, ſo viel dem heiligen Mann gut dünkt, damit Jenen im Himmel Friede werde und mir auf Erden kein Unheil aus dem Gelde erwachſe.“ „Der Herr ſtärke Deinen ſchwachen Kopf, Alte! Nimm, wo Du kannſt, und erhalte, was Du haſt! Was kümmern Dich die Todten? Weißt Du noch, wie Du gedachteſt, mich in Schrecken zu ſetzen durch Deine Drohungen und Prophezeihungen? Sieh', Peppy, da hatteſt Du Dich gewaltig geirrt! O'Donnel ſitzt jetzt in der Hauptſtadt feſt und wird bald denſelben Weg gehen, wie Dunfoore, wenn auch nicht gerade hier! Und mit Mic Dahna wird man nicht viel Umſtände mehr machen, wenn er auch noch eine Zeit lang auf freien Füßen umher wandelt. Ich aber, Mütterchen, verfolge einen ganz andern Weg. Zetzt bin ich Farmer zu Chesnuthill. Wer weiß, ob nicht bald Squire von Greenlodge. Das allerliebſte Jagd⸗ ſchloß an der Bantry⸗Bay hat mir gefallen; es liegt viel ſonniger und wonniger, als das einſame Ches⸗ nuthill in der wüſten, braunen Heide, wo man nur Füchſen und Kaninchen begegnet und ſelten ein genti⸗ les Angeſicht erblickt.“ „Ihr Squire von Greenlodge?!“ rief die Wir⸗ thin erſtaunt und ſah ihn mit ſeltſamen Augen an. „Wenn ich Euch recht verſtanden habe, ſo ſagt mir doch, ich bitt' Euch ſehr, wie Ihr das anfangen wollt?“ 243 „Nun, ich kaufe das Gut, alter Geiſt. Was haſt Du darüber zu ſtaunen?“ E „Von wem aber kauft Ihr es, Sir?“ „Von der Regierung. Sir Lewis ODonnels 13 Todesurtheil iſt ſchon ſo gut wie unterſchrieben und—“ „Wißt Ihr das gewiß, Maſter Henderſon?“ „Ich weiß es aus den beſtimmteſten Nachrichten, die darüber dem Lord Kildare aus Dublin zugegan⸗ gen ſind und die mir ſein Vertrauen mitgetheilt hat.“ „Ich zweifle dennoch daran, Guter. Aber wenn auch. Der Baronet hat Geſchwiſter, die ſeine Güter erben.“ „Nichts da, Weib! Der Baronet wird gehenkt, ſein Name geächtet, ſeine Geſchwiſter aus Großbritan⸗ nien verwieſen, ſeine Güter eingezogen und verkauft, und Greenlodge wird mein, ſo wahr Deine Prophe⸗ zeihungen zu Lügen geworden ſind.“ „Straft ſie nicht allzufrüh Lügen, Mann! Ihr ſeid noch nicht am Ziele. Und wißt Ihr denn nicht, 4 daß man den Tag nicht vor demn Abend loben ſoll? 3 Ihr könnt Euch jetzt einen gemachten Mann nennen, 4 ich bin eine alte, arme Frau, und doch will ich Euch gewiſſere Kunde geben, als Ihr vermögt.“ Und in jenen hohlen, unheimlichen Ton übergehend, den ſie nur bei feierlichen Gelegenheiten annahm, fuhr ſie, näher zu dem ſchaudernden Farmer gebengt, fort:„Ihr werdet nicht Squire von Greenlodge werden, die Re⸗ gierung wird das Gut nicht verkaufen können, weil ſie es nicht einziehen wird. Sie wird die O Donnel nicht vertreiben, ihren Namen nicht ächten, und Sir Lewis wird nicht zum Tode geführt werden. Viel⸗ mehr wird er von einem mächtigen Manne gerettet werden, der all ſeinen Einfluß aufbieten wird, die An⸗ klage gegen den Baronet zu vernichten, Punkte, 2 3 die gegen ihn zeugen, umzuſtoßen und ihn, freigeſpro⸗ chen, ſiegreich aus dem Gefüngniß zu führen, um ihm und ſeinen Freunden ein glänzendes Feſt zu geben.“ „Und wer wäre dieſer allmächtige Narr?“ fragte Henderſon ſpöttiſch und auffahrend. „Seine Gnaden der edle Lord Lewis Kildare, un⸗ ſer Herr und Gebieter.“ „Haſt Du wieder Anfälle von Tollheit, alte Hexe?“ rief Henderſon aufſpringend und die Wirthin zutück⸗ ſtoßend.„Man kann das Geſchwätze nicht wahnſin⸗ niger erdenken, als Du es herleierſt. Lord Kildare O Donnels Retter! Hahaha!— Was gilt die Wette, Peppy, Sir Lewis baumelt, und ich werde Herr von Greenlodge? Setzeſt Du Deine alte Schenke, ſo will ich das Jagdhaus dagegen ſetzen, das ſo gut, wie mein iſt.“ „Ihr ſeid zu hitzig, Sir. Mäßigt Euch! Meine Schenke ſetz' ich daran, ein böſes Haus für Euch, Kildare und Andre. Ihr ahnet nicht, welche ſchlim⸗ men Geiſter hineingebannt ſind, die ich allein feſtzu⸗ halten vermag. Immerhin, Ihr ſollt auch noch die Heideſchenke dazu haben, wenn Ihr Herr von Green⸗ lodge werdet. Doch thätet Ihr beſſer, nicht an der⸗ gleichen Dinge zu denken.“ „Gerade jetzt will ich daran denken!“ rief der vom Geiſt der gebrannten Waſſer Erhitzte und wußte ſeiner prahleriſchen Zunge nicht mehr zu gebieten.„Was koſtet es mich weiter, als ein Wort, und der Hohen Einer, die Alles vermögen in dieſem Lande, muß ſich meinen Wünſchen beugen und thun, was ich begehre? Sieh' mich nicht ſo groß an, Peppy! Ich verſtehe mich auch auf Zauberei und Prophezeihungen. Laßt doch ſehen, wer's von uns Beiden am Beſten kann.“ „Sprecht Ihr ſo? Wohlan, laßt ſehen! Ich grüß' 245 in Euch Kildare's böſen Geiſt und Sir William O'⸗ Donnels Rächer. Wie trefflich, daß Ihr den dort in Euere Dienſte genommen habt“— ſie deutete auf Tim.—„Wahrlich, das iſt Gottes Finger! Ihr ge⸗ hört zuſammen, und Kildare iſt Euch verfallen. Aber noch hat ein Menſch eine größere Macht über den Lord, als Du, Pächter von Chesnuthill, eine dunkle, fürchterliche, zerſchmetternde Macht, die Dir unbekannt iſt. Zittre vor ihr; denn ſie droht auch Deinen toll⸗ kühnen, hochfahrenden Plänen Zerſtörung! Und dieſe Macht beſitzt ein Weib, und dieſes Weib— bin ich. Euere Nacht bricht plötzlich herein, wenn Ihr Mittag zu haben glaubt. Wehe, wer dann nicht Rechenſchaft em Richter droben geben kann von ſeiner Hände Werk!“ fügte ſie mit warnender Stimme hinzu und ſetzte ſich, ohne weiter ein Wort zu ſagen, auf ihren gewöhnlichen niedrigen Platz am Herde nieder, wo ſie, das alte Haupt auf die Kniee geſtützt, bald in die Flammen ſtierte, bald mit dem Schnüreiſen wunder⸗ liche Figuren in die Aſche zeichnete. Sprachlos blickte Henderſon, der ſein tiefſtes Ge⸗ heimniß plötzlich ſo ganz bloßgegeben glaubte, eine Zeit lang auf die verſtummte Greiſin. Dann ſuchte er aus ſeiner mit Goldſtücken gefüllten Börſe eine Krone heraus, warf die Münze, die weit mehr war, als ſeine Zeche betrug, auf den Tiſch und verließ das Haus, obgleich er ſeinem ehemaligen Herrn, dem Lord Wex⸗ ford, einen Beſuch zugedacht hatte, in einem ſo auf⸗ geregten Zuſtande, daß die Verſtörung ſeiner Geſichts⸗ züge ſelbſt Tim auffiel, als er ſeinem Herrn die Steig⸗ bügel zum Aufſitzen hielt. 246 R. Eine wichtige Entdeckung. Kaum war der erſchrockene Pächter von Ches⸗ nuthill mit ſeinem Reitknecht fort, als ſich die Heide⸗ ſchenke mit heimkehrenden Landleuten, Städtern, Ma⸗ troſen und anderem Volk überfüllte, um dem vielbe⸗ dauerten Dunfoore und Sohn ein nationales Todten⸗ opfer zu bringen, und die Räume hallten wider vom Geklapper der Holzſchuhe und der Kampfprügel. Ein großer Theil der Volksmenge gedachte ſo lange aus⸗ zuharren, bis die beiden Leichen, nach dem mildernden Urtheilsſpruch, vom Galgen genommen und nach Dun⸗ foore's ehemaliger Wohnung gebracht werden ſollten, um ſie feierlich zu begleiten. Dieſe Ceremonie durfte jedoch nicht vor Sonnenuntergang ſtatt finden. Wo⸗ mit hätte man bis zu dieſer ſpäten Stunde die Zeit beſſer hinbringen können, als mit Trinken, des Irlän⸗ ders Lieblingsbeſchäftigung? Den getauften Fäſſern der Mutter Pepph wurde noch einmal hart zugeſetzt und Dunfoore's Andenken manche flüſſige Lobrede ge⸗ halten. Mitten im Gewühl erblickte Peppy den Pater OKelly, eilte auf ihn zu, küßte mit naſſem Auge den Zipfel ſeines Rocks und ſagte:„Gerade an Euch dachte meine Seele, hochwürdiger Herr; denn ſie ver⸗ langt ſehr, ſich mit Euch zu berathen über eine hoch⸗ wichtige Sache.“ „Was begehrſt Du von mir, Peppy, Leben?“ fragte der Prieſter freundlich. 247 „Hier iſt kein Raum für meine Mittheilung und oben liegt der Obriſt, folgt mir in das Hinterhaus.“ Der Geiſtliche willfahrte ihr, und Beide traten in den dunkeln Stall, der zu Tims Krankenſtube ge⸗ dient hatte. Nachdem ſich die Wirthin verſichert hatte, von keiner Seite belauſcht zu werden, begann ſie mit ei⸗ nem Seufzer:„Gott und der heilige Patrik wiſſen es, wie betrübt meine Seele über die mir eben zuge⸗ kommene Nachricht iſt!“ „Und was iſt's, Peppy, Gute, was Dich noch mehr ſchmerzen konnte, als Dunfvore's ſchmählicher Tod?“ „Daß man in Dublin damit umgeht, das Todes⸗ urtheil auch über unſern Sir Lewis auszuſprechen.“ „Das wolle Gott und alle Heiligen verhüten!“ „Genug, die Nachricht kommt von Lord Kildare und iſt deshalb mehr, als wahrſcheinlich. Mein Ver⸗ trauen, daß ihn die Weiß⸗Jungen aus der Hand ſei⸗ ner Feinde retten würden, hat den letzten Stoß erlit⸗ ten. Evans ONeil, an den ich feſt glaube, iſt ver⸗ ſchollen; ich verlaſſe mich auf keinen mehr; und die dringendſte Nothwendigkeit gebietet nun uns ſelbſt, zur Rettung des jungen Herrn zu handeln.“ „Was willſt Du thun, Peppy?“ „Von uns verlangt der Himmel des Baronets Befreiung; wir haben die Mittel dazu, wir müſſen ſie benutzen.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Peppy. Welche Mittel hätten wir, Sir Lewis der Gewalt der Regierung zu entziehen?“ „So will ich es Euch ſagen, Hochwürdiger. Wir müſſen den Lord Kildare zwingen, unſern lieben Herrn, den er in's Gefängniß gebracht hat, auch wieder dar⸗ 248 aus zu befreien. Haben wir nicht O'Donnels Brief⸗ taſche, die bei Tim im Teufelsgrunde gefunden wurde? Haben wir nicht Tim ſelbſt? Haben wir endlich nicht Sally? Wozu hätten wir eine ſolche Reihe von Jah⸗ ren dieſe Geheimniſſe bewahrt, als daß ihr Gebrauch uns zur rechten Stunde nicht von großem Nutzen ſein müßte? Die rechte Stunde iſt da; wir können nichts Größeres damit gewinnen, als Lewis O'Donnels Le⸗ ben und Freiheit.“ „Vortrefflich, Peppy, Liebſte! Ich gebe Dir meinen Segen zu dieſem Unternehmen und werde Dir jegliche Unterſtützung angedeihen laſſen, die Du von meiner Seite bedürfen ſollteſt.“ „Gut denn; ich bedarf Euerer Papiere über Tims und Sally's Geburt, und das iſt, um was ich Euch anſpreche. Deshalb will ich Euch die Nora mit nach Bantry geben; ſiegelt Ihr die Dokumente ein. Mor⸗ gen will ich mich damit zu Kildare nach Lindſayhall verfügen. Glaubt nicht, daß ich gleich davon Gebrauch machen will! Nicht doch! Peppy Toole iſt klüger. Zuerſt verſuch' ich's mit dem kleinen Geſchütz, eh' ich das grobe anfahren laſſe, oder beſſer, ich ſuche meinen Mann von vorn herein durch blinden Lärm zu ſchrek⸗ ken. Ihr kennt den Inhalt von O'Donnels Brief⸗ taſche und wißt, daß darin von ſehr wichtigen Papie⸗ ren die Rede iſt, die Sally der Lady Eliſabeth über⸗ bringen ſollte und die in andrer Hand verderbenbrin⸗ gend für den Lord werden konnten. Tims Sturz rührte eben von einem Kampfe mit Sally her, der er dieſe Papiere rauben wollte, jedenfalls, um ſie dem Lord zu übergeben. Nun war ich doch begierig, ob Eliſabeth die Dokumente auch richtig empfangen habe. Als ich die Lady daher zum Obriſten Werford einlud, fragte ſie auch nach Tims Befinden, und ich lenkte 249 das Geſpräch auf die Dokumente. Sie erſchrak und fragte ſehr betreten: Weißt Du etwas von dieſen Schriften?— Ei freilich, verſetzte ich ſchlau, Alles weiß ich, welch großen Dienſt Sir Lewis Euerm Herrn Vater dadurch erwieſen, daß er Euch dieſe Sachen überſchickt.— Peppy, ſagte darauf Eliſabeth vertrau⸗ ungsvoll, mein Vater darf jetzt noch nicht wiſſen, wie großmüthig der Baronet an ihm gehandelt. Ich warte die gelegene Zeit ab, um ihn davon in Kenntniß zu ſetzen. Laß Dir daher gegen Niemand etwas mer⸗ ken, daß Du von dieſen Papieren weißt. Ich ver⸗ ſprach ihr dies und entnahm daraus, daß ſie den Lord damit im Zügel halten wolle. Auch iſt mir aus ſei⸗ ner ſteten Unruhe klar geworden, daß ihn etwas drückt und ängſtiget. Wüßte er, daß Eliſabeth im Beſitz der Papiere iſt, er wäre ſicherlich ruhiger. Hört nun, wie ich mir den Plan entworfen habe, Hochwürdiger! Zuerſt zeig' ich dem Lord die Schreibtafel und ſuche ihm weiß zu machen, ich hätte auch die Papiere und würde ſie gegen ihn benutzen, wenn er O'Donnel nicht befreie. Schlägt dieſe Liſt fehl, ſo rück ich mit Tim hervor und drohe, deſſen Anſprüche geltend zu machen und den Jungen, den er, was köſtlich in meinen Kram paßt, aus dem Schloſſe hat werfen laſſen, über den Hals zu ſchicken; und zieht auch dieſes Mittel nicht, dann enthüll' ich ihm ſchonungslos die furchtbare Schande ſeines Hauſes, dann martre ich ihn— und ich freue mich darauf— indem ich ihn überzeuge, und ſchmettre ihn mit der Drohung nieder, unſer Geheim⸗ niß öffentlich und Sally's Rechte geltend zu machen. Eh' er dies geſchehen läßt— dazu kenne ich ſeinen Stolz zu gut— verkauft er Lindſayhall, um O'Donnel zulbefreien, ja ſtürmt er das Gefängniß mit eig⸗ ner Hand und flieht mit ihm über den Kanal. Bei 250 St. Patrik, wir haben ein Werkzeug, das ihm an die Wurzel des Lebens greift und ſie zerſchneidet, wenn wir wollen. Laßt uns aufſpielen, mein Vater! Lord Kildare muß nach unſerer Pfeife tanzen.“ „Ich bewundre die Schlauheit Deines Plans,“ verſetzte der Prieſter,„und habe das beſte Vertrauen dazu. Hätteſt Du ihn mir früher enthüllt, wir hät⸗ ten nicht nur O'Donnel, ſondern auch Dunfvore und deſſen Sohn gerettet.“ „Erſt heute hat ihn Gott mir eingegeben, als der aufgeblaſene Pächter von Chesnuthill mir vor⸗ prahlte und die Nachricht von O'Donnels Todesur⸗ theil überbrachte. Da fuhren mir alle dieſe Gedan⸗ ken, wie Leuchtkugeln, durch den Kopf! Bei Jeſus! es war der Herr ſelbſt, der mich erleuchtete. Dun⸗ foore's Tod hat er zugegeben, aber ODonnel ſoll leben, alſo iſt ſein Wille.“ „Amen! Des Herrn Wille geſchehe!“ fügte der Prieſter mit gefalteten Händen hinzu. Eine Stunde ſpäter trug ihn ſein zahmer Gaul die Heide hinauf, und Nora trabte an ſeiner Seite. In derſelben Nacht noch kehrte die junge Witwe zu⸗ rück und legte das ihr vom Prieſter anvertraute Päck⸗ chen in ihrer Mutter Hand. Am folgenden Morgen ſchickte Peppy einen ihrer Enkel nach Lindſayhall und ließ ſich erkundigen, ob der Lord zu Hauſe ſei, und da der Junge die Nach⸗ richt zurückbrachte, der geſtrenge Herr habe ſo eben ſein Pferd beſtiegen, um mit Gefolge auf die Jagd⸗ zu reiten, ſo ſah man Peppy Toole erſt gegen Abend in ihrem alten, abgetragenen blauen Tuchmantel, die Kapuze über den Kopf gezogen, langſam über das Moor dem Park von Lindſayhall zuſchreiten. Als ſie ſich dort bei einem Knecht befragt, wohinaus der 251 Lord heute jage, verfügte ſie ſich an das Monument Sir William O'Donnels auf dem Hügel, an deſſen Fuß der Weg vorüber führte, ſetzte ſich auf die Bank und überließ ſich ihren Betrachtungen. Darüber brach die Nacht herein, und die halbe Mondſcheibe ſtieg, ein Bild der Schwermuth, über die rauſchenden Föhren, die das Grab umgaben, empor und lächelte träume⸗ riſch bitter auf die alte frierende Frau herab. End⸗ lich unterbrach Pferdegetrab die Stille; Menſchenſtim⸗ men wurden laut, und Peppy huſchte in den Weg hinab, wo ſie ſich an einen lichten Platz, vom Monde beglänzt, wie eine Statue aufſtellte. Der Jagdzug kam heran, voran der Lord mit einigen Edelleuten aus der Nachbarſchaft, und mehre ſeiner Pächter, worunter ſich Morries und Henderſon befanden; hin⸗ terdrein die Knechte mit der Jagdbeute beladen; un⸗ ter dieſen Tim Ruuthan. In dem Augenblicke, als Kildare vorüber reiten wollte, trat ihm Peppy in den Weg, ſo daß die Pferde ſcheuten, und ſprach mit er⸗ habener, ſchier kreiſchender Stimme:„Mylord, ich habe Euch Dinge von großer Wichtigkeit zu ſagen. Steigt ab und gebt mir Gehör!“ Das Fluchen der Reiter, ſowie das Fragen, wer das unheimliche Weſen ſei, wer es wage, den Lord jetzt und auf dieſe Art anzureden, reihete ſich unmit⸗ telbar an Peppy's Worte; der Lord wußte wohl, wer die Sprecherin war, er hatte ſie an der Stimme er⸗ kannt. „Es iſt die alte Hexe aus der Heideſchenke!“ rief Morries.„Zurück, ſag' ich Dir, Vettel, oder wir reiten Dich über den Haufen!“ „Ich erſuche Lord Kildare um ein Wort,“ ſagte ſie ruhig und griff in die Zügel ſeines Pferdes. 252 „So folge mir in's Schloß!“ verſetzte er ſeltſam befangen. „Nicht doch! Es kann hier abgemacht werden. Folgt mir auf jenen Hügel, dort kann ich ungeſtört mit Euch reden. Laßt Eure Begleiter derweil hinrei⸗ ten. Es iſt bald abgemacht. Wozu erſt in's Schloß gehen? Ich gehe nicht gern in's Schloß.“ Zum größten Erſtaunen der Uebrigen, vorzüglich Henderſons, ſtieg Kildare— obgleich Flüche mur⸗ melnd— vom Pferde, übergab es einem der herbei⸗ gekommenen Knechte, befahl Allen, ſich nicht weiter aufzuhalten, und ſchickte ſich an, den Hügel zu erſtei⸗ gen, den das Monument krönte. Von den Knechten blieb Tim beim Ritt durch den Park bald um einige Schritte zurück und ſprengte dann, von den Andern unbemerkt, durch einen Seitenweg. Der Marmor des Grabſteins glänzte ſchauerlich weiß im Mondſchein; die Fichten neigten ihre düſtern Häupter, wie unwillig über den unheiligen Gaſt an dieſer heiligen Stätte und flüſterten grollend. Peppy ſtand ſich verſchnaufend an die eine Ecke des Grab⸗ mahls gelehnt und der Lord fröſtelnd vor ihr, ver⸗ geblich bemüht, ſich in eine unwirſche Stimmung zu ſchrauben, und in den Worten:„Nun, was ſoll's, Peppy, mit Deiner Zudringlichkeit?“ ſein Inneres mehr als zu deutlich verrathend. „Ich habe eine Bitte an Euch, geſtrenger Herr!“ begann ſie eintönig.„Ihr möchtet nämlich morgen oder in den nächſten Tagen nach Dublin reiſen und dort Sir Lewis O'Donnel, unſern Liebling, aus dem Gefängniß befreien, ſei es nun durch Euern Einfluß, ſei es durch Gewalt; mögt Ihr die Anklage nieder⸗ ſchlagen, ſeine Richter oder die Kerkermeiſter beſtechen, oder ſein Gefängniß ſtürmen, oder wie Ihr wollt. Die Art und Weiſe gilt mir gleich, wenn er nur frei wird.“ „Du redeſt im Irrſinn, Alte! Wie wäre das möglich?“ „Ich kannte dieſe Eure Antwort im Voraus. Deshalb wag' ich meine Bitte mit einigen Kleinigkei⸗ ten zu unterſtützen.“ Damit zog ſie eine rothſaffiane Brieftaſche unter dem Mantel hervor.„Dieſe Schreibtafel,“ fuhr ſie mit erhöhter Stimme fort,„gehört Sir Lewis O'Don⸗ nel, und es ſteht darin Mancherlei verzeichnet, was Euch angeht, Mylord. Da Ihr bei Nacht nicht le⸗ ſen könnt, ſo will ich Euch das ſchöne Büchlein gern anvertrauen, damit Ihr Euch von der Wahrheit meiner Ausſagen überzeugen könnt. Ich bin ſchon verſichert, daß Ihr mir Sir O'Donnels, Eueres lie⸗ ben Taufpathen, Eigenthum, bald wieder zurückgebt. So werdet Ihr auch von ſehr wichtigen Papieren le⸗ ſen, die allein Euch angehen, Mylord, und die gegen Euch benützt—“ „Wo ſind die Papiere? Wer hat ſie?“ fragte Kildare mit erſterbender Stimme und hielt ſich an dem Steine. Peppy ſah ihn wanken, ſah im Mond⸗ ſtrahl ſein Geſicht mit fahler Bläſſe überzogen und fuhr fort:„Ihr könnt ſchon denken, Mylord, daß dem, welcher vom Baronet die Brieftaſche erhalten, auch jene Papiere nicht fehlen werden, und ich will Euch eben ſo wenig verhehlen, daß derſelbe, der mich eben an Euch abgeſchickt hat, ſtatt Euerer mit jenen Papieren nach Dublin reiſen wird, um den beſten Gebrauch für Sir Lewis davon zu machen, ſollte es Euch einfallen, die Reiſe unterlaſſen und mir meine menſchenfreundliche Bitte nicht gewähren zu wollen.“ „Die Papiere!“ kreiſchte Kildare.„Ich will ſie mit Gold aufwiegen.— Ich muß ſie haben— ich will den reich machen, der ſie mir ausliefert— hörſt Du, Peppy, ich muß ſie haben, oder Ihr ſollt zittern vor meiner fürchterlichen Rache; ich laß Euch Alle henken, wie geſtern Dunfoore und ſeinen Jungen.“ „Oho, Mylord! ſprecht Ihr ſo? Der Vogel ſoll wohl anders ſingen. Nur durch O'Donnels Be⸗ freiung erwerbt Ihr Euch, wonach Ihr ſo heftig ver⸗ langt; nicht anders. Wir brauchen Euern Reichthum nicht, wir fürchten Euere Rache nicht. Zittert vor der unſern! Es ſteht ein Mann wider Euch, den wir zum Tiger machen können, wenn wir ihm dieſe Waffe gegen Euch in die Hand geben. Er iſt unbe⸗ deutend, unanſehnlich, ein elender Knecht, aber er wird, Euch gegenüber, zum gewaltigen Rieſen, der Euch mit Wolluſt zerſchmettert, erdrückt, vernichtet, der Euch mit Jubelgeſchrei zum Galgen führt. Ihr ſtarrt mich an, Euere Blicke fragen, wer doch dieſer Mäch⸗ tige ſei? Ich will es Euch ſagen. Tim Ruuthan iſt's, den Ihr aus dem Schloſſe werfen und mit Hun⸗ den vom Hofe hetzen ließt, nachdem Ihr ihn zum Schurken und Verräther an ſeinen Verwandten und Freunden, an den edelſten Iren und am ganzen Va⸗ terlande gemacht hattet. In dieſes kleinen Menſchen Bruſt iſt ein Berg von Rachezunder angehäuft; ein einziges glühendes Wort von mir hineingeſchleudert, wird eine tobende Feuersbrunſt erregen, die Euch er⸗ greift und Euer Haus und Alles vernichtet. Auch dies Wort will ich Euch verrathen, Mylord! Es iſt: Du biſt Lord Kildare's Sohn! Ja, ſtaunt mich an! Tim iſt die Frucht Euerer unſeligen Leidenſchaft; Tim iſt Euer Sohn; ich kann's beweiſen. Und ſo wahr wir hier auf Sir William O'Donnels Aſche ſtehen, ſchwöre ich Euch, Euer Sohn Tim wird durch mich der Rächer des unſchuldig Ermordeten, wenn Ihr deſſen unſchuldig eingekerkerten Sohn nicht befreit!“ Ein gräßliches Hohngelächter, das ihr zur Seite erſcholl, ſchreckte Beide auf. Des Lords Augen roll⸗ ten wie feurige Räder und quollen mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt aus ihren Höhlen; ſeine Haare ſträub⸗ ten ſich zu Berge, ſeine Nägel gruben ſich in den Marmor des Monuments; denn hinter demſelben tauchte eine von Mondſchein fahl übergoſſene Geſtalt auf, gleichſam als winde ſie ſich unter dem Steine empor. Der Lord glaubte im furchtbarſten Entſetzen, Sir Williams Geiſt vor ſich zu ſehen. Bald zwar belehrten ihn die Worte der Erſcheinung über ſeinen Irrthum, aber eben dieſe Worte waren am wenigſten geeignet, ſeinen Schrecken zu vermindern; ſie gaben ihm eine andere Richtung. „Ich grüß' Euch ſchönſtens, mein werther Va⸗ ter!“ hohnlachte Tims verzerrter Mund.„Ihr wer⸗ det Euer Söhnlein doch zum Erben von Lindſayhall machen? Nicht? Nun ſo werd' ich Euch mein Erb⸗ theil auf andere Weiſe abzugewinnen wiſſen. Die Papiere, Muhme, die Papiere! Ich will Sir Lewis aus dem Gefängniß befreien, ich will Sir Williams Rächer werden. Ich ſchwör' Euch's beim allmächtigen Gott! O Muhme, Juwel, vollendet Euer Werk! liefert mir die Papiere aus!“ „Ungethüm! Teufelsſohn!“ ſchalt Peppy und ſchlug in gränzenloſer Wuth mit einem ihrer Holzſchuhe auf Tim los. Lachend entfloh dieſer; der Lord lag ohn⸗ mächtig am Monument und Peppy ſchlich aus dem Park über das Moor, ihrer Wohnung zu. K 3 —— —— 2 —— 8.* 256 28. Ein edles ündniß. Miß Anna Reil hatte durch nichts vermocht wer⸗ den können, Lindſayhall wieder zu verlaſſen, und der ſtille Haß, zwiſchen den beiden Favoritinnen des Lords war in offene Feindſeligkeiten ausgebrochen. Beide beobachteten einander und bezahlten Spione im Hauſe, die jeden Schritt der Einen der Andern verriethen. Durch die ſchwergekränkte Anna erfuhr der Lord mehr als wahr und ihm lieb war von Margarets vertrau⸗ tem Umgang mit Lord Wexford; aber dieſe wußte ſich auf eine glänzende Weiſe an ihrer Feindin zu rächen, indem ſie dem Lord verrieth, daß Anna mehre geheime Unterredungen mit Tim Ruuthan gehabt und ſich zur gemeinſamen Rache an ihm, dem Lord, und an ihr, Margaret, verbündet. Dieſe Nachricht, ihm erſt Tags nach der Scene am Monument Sir William O'Don⸗ nels überbracht, flößte ihm neuen, ungeheuern Schrecken ein. Die kleine Geſtalt des Reitknechts in Verbin⸗ dung mit der racheſüchtigen Anna ragte wie ein rie⸗ ſiges Geſpenſt drohend in ſein Leben herein; er ſchau⸗ derte beim Gedanken an ſeinen Sohn. Am andern Morgen reiſte er nach Dublin ab, und die feindlichen Damen mußten ihn Beide beglei⸗ ten; vielleicht hoffte er Beide auf gute Art los zu werden. Kaum ſah ſich Eliſabeth allein im Schloſſe, als ſie freier zu athmen begann. Ihre zeither unter dem Druck ſchwerer Sorgen gebundene geiſtige Kraft regte die Flügel muthig. Sie begriff, daß ſie, einen Au⸗ 257 genblick der Feſſeln ledig, handeln müſſe, und daß, um guten Erfolg zu erſtreben, dieſer Augenblick nicht zu verlieren ſei. Es war kaum in der nächſten Um⸗ gebung bekannt worden, daß der Lord und ſeine bei⸗ den Damen verreiſt ſeien, als auch ſchon Arme auf Lindſayhall ſich einfanden, um Eliſabeths engelgleiche Mildthätigkeit anzuſprechen, und einem jungen Mäd⸗ chen, das für ihre alten arbeitsunfähigen Eltern Ge⸗ ſchenke empfing, trug Eliſabeth einen Weg nach Green⸗ lodge auf, wohin ſie ihr einen Brief an Michaul Dahna übergab. Das dankbare Kind wäre für die gütige Lady noch zehnmal weiter gelaufen. In dem Briefe erſuchte Eliſabeth den Verwalter des O'Don⸗ nel'ſchen Gutes, ſich dieſen Abend beim Monument im Parke einzufinden, um mit ihr über die Angele⸗ genheiten ſeines Herrn wichtige Rückſprache zu neh⸗ men, ihr aber vorher durch die Ueberbringerin melden zu laſſen, ob er kommen wolle. Das arme Mädchen war noch vor Nachts mit Dahna's Zuſage zurück und erhielt eine reiche Be⸗ lohnung. Mit Einbruch der Dämmerung entfernte Eliſa⸗ beth ihre Bedienung und behielt nur ihr Kammer⸗ mädchen zurück, auf deſſen Treue ſie ſich verlaſſen konnte. Mit dieſem begab ſie ſich verhüllt nach dem Grabſtein. Miec war bereits an Ort und Stelle; er trat hinter dem Marmorblock hervor, um die Lady ehrerbietigſt zu begrüßen. „Folge mir auf mein Zimmer,“ ſagte dieſe nach Erwiderung der Höflichkeit;„dort können wir uns ausſprechen und ſind vor Lauſchern ſicher.“ „Ihr habt über mich zu befehlen, Mylady,“ ver⸗ ſetzte der Mann und folgte. „Mic,“ redete Eliſabeth, auf ihrem Zimmer an⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 17 258 gelangt, vertraulich zu ihrem Gegenüber,„Du kannſt errathen, was ich mit Dir über Sir Lewis O'Don⸗ nel zu reden habe. Seit der Stunde, wo ich ſeine Verhaftung erfuhr, wird meine Seele von banger Un⸗ ruhe gemartert. Das zwiefache ungeheure Unglück, den edlen Baronet gefangen und meinen Vater ihm als Ankläger gegenüber zu ſehen, drohete mich zu überwältigen und zu vernichten. Aber in heißen Ge⸗ beten meiner ſchlafloſen Nächte hab' ich mich empor⸗ gerungen und bin Siegerin über mein Schickſal ge⸗ worden. Klar und ſtrahlend wie eine Sonne iſt die Ueberzeugung in mir aufgeflammt, daß ODonnel aus den Händen ſeiner Feinde gerettet, und daß ich ſeine Retterin ſein muß. Ja, dieſe Wahrheit hat mich ſo durchdrungen, daß ich ſie als eine göttliche Sendung anſehe. Aber ich kann nicht allein handeln, ich bedarf meiner und ſeiner Freunde zur Unterſtützung. Nie⸗ mand ſteht dem theuern Manne näher, als Du, mein Freund, und ich habe vor Ungeduld kaum den Au⸗ genblick erwarten können, der mir vergönnte, Dich ſicher vor Verrath zu ſehen und zu ſprechen. Mein Vater iſt nach Dublin, und auch die, die ich außer ihm zu fürchten habe, ſind fort; wir haben Raum zum Handeln.“ „Gnädigſte Lady, haben Sie vielleicht ſchon einen Plan zur Befreiung Sir Lewis'?“ fragte Mic. „Hunderterlei Pläne haben meinen Kopf durch⸗ kreuzt, doch haben mich Unruhe, Sorge und das raſt⸗ loſe Arbeiten meiner aufgereizten Phantaſie noch mit keinem in's Klare kommen laſſen. Ich bedarf auch dazu der ruhigen Berathung mit einem beſonnenen Manne.“ „Mein Schickſal gleicht dem IZhrigen, Mylady; auch meine Seele hat ſich mit nichts, als mit Sir Lewis Befreiung beſchäftigt, auch ich habe Pläne ge⸗ baut und verworfen. Mir aber ſtand ein ruhiger, beſonnener und muthiger Mann bei, der Sir Lewis als wahrer Freund liebt und für das Wohl deſſelben gern eigene Vortheile opfert, ein Mann, der feſt entſchloſ⸗ ſen iſt, meinen unglücklichen Herrn zu retten, und der ſich gewiß ſehr freuen wird, ſich mit Ihnen zu gleichem Zweck verbinden zu können.“ „Und wer iſt dieſer Mann?“ fragte Eliſabeth haſtig. „Kapitain Harry Howard.“ „Er war es ja, der O'Donnel gefangen nach Dublin führte.“ „Damals mußte er ſeiner dem Könige ſchuldigen Dienſtpflicht genügen; von dieſer hat er ſich jetzt los⸗ geſagt, um die Pflichten der Freundſchaft zu er⸗ füllen.“ „Ich kenne Kapitain Howard und hege Vertrauen zu ſeinem Charakter.“ „Er iſt ein höchſt edler Mann, Mylady, und Sir Lewis' wärmſter Freund. Ich rathe Ihnen un⸗ bedingt, ſich mit ihm zu mzjj Rettung zu verbinden.“ „Dein Rath beſtärkt mich in jenem Veraen, in meinem Vorſatz. Willſt Du dem Hauptmann einen Brief von mir bringen und ihn einladen, zu mir zu kommen?“. „Mit Vergnügen. Ich werde dann nicht nöthig haben, nach Bantry zu reiten. Ich traf dieſen Abend Kapitain Howard in der Heideſchenke, wo er dem Obriſt Wexford einen Beſuch machte und mit der al⸗ ten Wirthin in lebhaftem Geſpräch war. Er wollte bei Peppy Toole übernachten und trug mir ehrenvolle Grüße an Mylady auf.“ —— 260 „O, dann kannſt Du ihn gewiß vermögen, mir dieſen Abend noch die Ehre ſeines Beſuchs zu gön⸗ nen! Es liegt in unſerm beiderſeitigen Intereſſe, kei⸗ nen Augenblick Zeit ungenützt vorbei fliegen zu laſſen. Die Seele glüht mir, mich mit Sir Harry Howard zu beſprechen.“ „Ich eile, Ihre Befehle auszuführen, Mylady.“ Eliſabeth warf ſchnell einige Zeilen auf das Pa⸗ pier und übergab ſie Mic, der ſich ſogleich damit entfernte. Noch war keine Stunde vergangen, als ein Rei⸗ ter in den Hof ſprengte und gleich darauf Kapitain Howard in Eliſabeths Zimmer trat. Nach der er⸗ ſten Begrüßung wandte ſich die Unterhaltung natür⸗ lich ſogleich auf O'Donnels Angelegenheit, und Ho⸗ ward fragte Miß Elifabeth, ob ſie wirklich in den Beſitz der für ſie beſtimmten Papiere gekommen ſei. „Ich bin's,“ verſetzte ſie; und mit einem unbe⸗ ſchreiblich wehmüthigen Blick auf den Kapitain fügte ſie hinzu:„Und Sie ſind wahrſcheinlich mit dem In⸗ halt dieſer Papiere bekannt.“ „So iſt's, Mylady, und ich will auch nicht läug⸗ nen, daß ich meinem Freunde O'Donnel jede mögliche Vorſtellung gemacht habe, dies ſein einziges Rettungs⸗ mittel nicht aus der Hand zu geben, ſondern zu be⸗ nutzen. Vergebens! Sein edles Herz empörte ſich ge⸗ gen den Freundesrath.“ „Ich würde geneigt geweſen ſein, den Inhalt je⸗ ner Papiere für eine Geburt meiner erhitzten Phan⸗ taſie zu halten, für Erzeugniſſe des Wahnſinns, welcher mich ob der von mir verlebten Schreckniſſe ergreifen konnte,“ ſagte Eliſabeth mit ſchmerzlicher Stimme, „wenn nicht jene todten Buchſtaben, je länger mein Blick auf ihnen weilte, wie drohende Geſpenſter vor mich hingetreten wären. O, ſie vollendeten das grau⸗ 261 i ſige Werk meines Vaters, indem ſie ſich mir wie blut⸗ ſaugende Vampyre ans Herz legen! Kapitain Howard, das war zu ſchrecklich, ſchrecklicher, als Alles, was mein freudenleeres Leben getroffen und noch treffen kann! Das Herz wollte mir brechen, während jene Zeichen wie glühende Flammen mein Gehirn durch⸗ zuckten. Das Gefühl, welches ich ſorgſam für den Vater zu nähren bemüht war, erkaltete und ſtarb in jenem Augenblick dahin. Es entriß ſich mit einem gräßlichen Wehlaut der Bruſt, in der das Heiligſte zernichtet war. Zu welchem Zweck machte mich D'Don⸗ nel mit dem Schrecklichen bekannt?— Das hätte er mir erſparen ſollen. O Gott! es iſt doch fürchterlich, den Vater aus dem Herzen des einzigen Kindes zu reißen!“ „Dieſe Schreibtafel, Mylady, wird Ihnen Auf⸗ ſchluß über die edle Abſicht meines unglücklichen Freun⸗ des geben,“ erwiderte Jener, indem er O' Donnels Portefenille hervorzog und ſie auf das von des Ba⸗ ronets Hand beſchriebene Blatt aufmerkſam machte. „Dieſe Brieftaſche wurde mit jenen Dokumenten an Sie abgeſchickt, gerieth aber durch des Hausknechts Tim Kampf mit O'Donnels Botin in die Hände der Heideſchenkwirthin, von der ich das Portefeuille erſt heute Abend erhalten habe.“ Eliſabeth erinnerte ſich an Sally's Klagen über den Verluſt der Brieftaſche und las: „Betrachte, meine theure Eliſabeth, dieſe Papiere als mein Vermächtniß. Ich bin ſehr arm und doch hoffe ich, Dich unausſprechlich reich dadurch zu ma⸗ chen, indem ich Dir mit ſelbigen einen Vater wieder⸗ ſchenke, der ſchon ſo gut wie verloren für Dich war. Leicht wäre es mir geweſen, mein Leben und meine Freiheit zu retten, wenn ich einen andern Gebrauch —— S 262 von dieſen Dokumenten gemacht hätte. Aber das Le⸗ ben ohne Ehre iſt ein todter Körper, den Jeder flieht und verabſcheut. Nur durch Verrath, durch Verrath an Deinem Vater, Eliſabeth, alſo durch doppelte Schande und durch Deinen Fluch würde ich mir ein verächtliches Daſein erkaufen können. „In jener ſchmerzlichen Stunde, als wir uns nach langer Trennung zuerſt am Grabe meines Vaters wiederfanden, da blickten wir hinauf mit Hoffnung, mit feſter Zuverſicht auf jene beſſere Welt, wo einſt die verklärten Geiſter meines Vaters und Deiner gü⸗ tigen Mutter ein Bündniß heiligen werden, dem hie⸗ nieden kein Segen blüht. Wir ſchwuren uns Treue damals für das Leben, zu dem man nur durch den Tod eingeht. „So wie der Himmel dieſen Schwur vernommen hat, ſo hörte er auch ein andres, Dir geleiſtetes Ge⸗ lübde. Es hieß: Keine Rache an Deinem Vater! Während ich Dir jetzt ſein Leben und ſeine Ehre gleich⸗ ſam als ein Vermächtniß übergebe, glaube ich Dir die ſicherſte Bürgſchaft meiner Liebe zu leiſten, die unermeßlich, wie jenes Reich der Hoffnung iſt, wo mit der Morgenröthe des neuen Lebens ewiger Frie⸗ den für die Seligen anbricht, die unter langen Schmer⸗ zen, doch ohne zu wanken, das Schickſal des Erden⸗ pilgers erfüllt haben. Dein Vater iſt gerettet, Eliſa⸗ beth, und Lewis O'Donnel geht unter; aber er ſtirbt für ſeine Liebe und ſeine Ehre.“— Erſchöpft lehnte ſich Eliſabeth im Divan zurück, als ſie dieſe Zeilen wiederholt geleſen hatte. Stür⸗ miſch wogte ihr Buſen, auf welchem ſie die Schreib⸗ tafel, als das heiligſte Pfand, welches je ein Mann als Bürgſchaft für ſeine Liebe gab, verborgen hatte. In fieberhafter Glut brannten die Wangen, welche 263 kurz zuvor Todtenbläſſe überzogen hatte, und als er⸗ warte ſie Rath und Hülfe von dem Manne, welcher der Ueberbringer der letzten Worte des Geliebten war, den ſich ihre erhitzte Phantaſie ſchon als einen Ster⸗ benden darſtellte, hing ihr Auge flehend und forſchend an Howard, der, ſelbſt tief bewegt, die edle Geſtalt betrachtete, die der Schmerz zu zerſtören drohte. „Kapitain Howard!“ rief ſie, die bängliche Stille weniger Minuten plötzlich unterbrechend, aus,„würde es nicht der ſchrecklichſte Hohn auf die Schöpfung ſein, wenn eines ihrer vollkommenſten Weſen auf ſo grau⸗ ſame Weiſe vertilgt werden ſollte? Alle die armſeligen Geſchöpfe, die ſich jetzt unterfangen, über Lewis O'Don⸗ nel zu richten, gewähren zuſammen nicht ſo viel Er⸗ habenheit, ſo viel Seelengröße, wie ſich in jedem Worte, in jeder Handlung jenes ſeltenen Mannes aus⸗ drücken. Bürgertugend nennen die Verblendeten, oder die, welche ſich ſelbſt abſichtlich zu täuſchen ſuchen, Hochverrath. Den Phokion möchten ſie zum Catilina machen, während ſie ſelbſt, wie römiſche Proconſuln, den Durſt nach Schätzen, die ihnen das eigene Vater⸗ land verſagt, in fremden, der Knechtſchaft unterwor⸗ fenen Landen zu ſtillen bemüht ſind und nach des Mannes Untergang trachten, der ſelbſt noch mit den Trümmern ſeines frühern Reichthums die Leiden ſei⸗ ner Mitbürger zu lindern ſucht und mit kühnem Mu⸗ the die Provinzen ſchützt, in denen ſie nach neuen Opfern umherſpähen.— Giebt's denn kein Mittel, Kapitain, kein einziges, den Mann zu retten, der mir theurer iſt, als mein eigenes Leben, vor deſſen Geiſt und Herzen ich mich in Demuth, wie vor einem We⸗ ſen höherer Art, beuge?“ „In der Hand Ihres Vaters, Mylady, liegt ſein Leben; der Erbfeind ſeines Hauſes iſt ſein Ankläger. 264 Schwer wird es ſein, den zu retten, den er dem Un⸗ tergange ſchon deshalb geweiht zu haben ſcheint, weil er ihn, ſo lange er lebt, als ein drohendes Schreck⸗ bild fürchten wird,“ erwiderte Howard. „Ja, ſchwer wird es ſein, denn wir müſſen einen Plan erſinnen, bei deſſen Ausführung mein Vater ge⸗ ſchont wird; die Tochter kann nicht gegen den Vater in die Schranken treten. Um dieſen aber an der Aus⸗ führung eines Verbrechens zu hindern, welches die Nachwelt mit Schauder erfüllen würde, während es jetzt in der Zeit der Leidenſchaften und des blinden Wahns vielleicht gar von einer Partei mit dem jetzt ſo zwei⸗ deutigen Namen Bürgertugend belegt werden dürfte, werde ich Alles aufbieten. Michaul Dahna hat mir verrathen, daß Sie dieſelbe Abſicht haben. Wollen Sie mir beiſtehen, ſich mit mir vereinigen, Herr Rittmei⸗ ſter, den Mann, der auch Ihrem Herzen theuer iſt, zu retten?“ ſchloß ſie mit hoher Begeiſterung. „Mein Leben iſt jedem Dienſt geweiht, den die Befreiung O'Donnels erheiſcht,“ erwiderte Howard feurig.„Ich habe deshalb ſchon meine Vorbereitungen getroffen, um mit freier Hand für den Freund han⸗ deln zu können, und damit auch kein Flecken auf mei⸗ ner Ehre haftet, habe ich das Geſuch um meinen Ab⸗ ſchied eingereicht. Ich erwarte täglich die Entlaſſung aus einem Dienſt, der mir, ſo ehrenvoll ich es früher hielt, für Britanniens Ehr' und Ruhm zu kämpfen, jetzt um ſo gehäſſiger geworden iſt, ſeitdem wir als Schergen nur zur Unterdrückung eines Landes gebraucht werden, welches dieſelben Anſprüche auf Freiheit hat, wie das ſtolze Nachbarland. Nur noch wenige Tage Geduld, Miß Eliſabeth, ſo ſchwer Ihrem liebenden Herzen jeder Augenblick eines längern Zögerns auch werden mag! Sobald der Abſchied in meiner Hand 265 liegt, kenne ich keine andere Pflicht, als die, welche Sie, mein edles Fräulein, mir auflegen.“ „Indem ich das Bündniß mit Ihnen ſchließe, Ka⸗ pitain Howard, zu deſſen Beſtätigung ich Ihnen hier im Angeſichte des Ewigen die Hand reiche,“ ſagte Eliſabeth mit feierlicher Stimme,„entſage ich in ge⸗ wiſſer Hinſicht der Kindespflicht, ja ſelbſt dem Leben, um der zwiefach heiligen zu genügen, die mir gegen den Vater und gegen den Freund obliegt, nämlich des Erſtern Ehre zu bewahren und ihn von einem Ver⸗ brechen abzuhalten, und des Letztern Leben und Frei⸗ heit zu retten. Selbſt mein Ruf ſteht dabei auf dem Spiele.— Aber mit dem gefaßten Vorſatze iſt in mein Herz der hohe Gottesfrieden eingezogen, der mir die Kraft giebt, ſelbſt das Schwerſte, was der Him⸗ mel über mich verhängt haben mag, demüthig und ergeben zu ertragen, wenn es gilt, das zu ſühnen, was mein Vater am Hauſe O'Donnel verſchuldete. Selbſt mit ihrem Blut erkauft Kildare's Tochter willig O'Don⸗ nels Leben.“ Howard, ergriffen von der heiligen Glut des ſchönen, im Glanze hoher Tugend vor ihm ſtehenden Mädchens, ließ ſich auf ein Knie nieder und wiederholte den gegebenen Schwur, nicht eher zu ru⸗ hen, bis O'Donnel aus dem Kerker befreit wäre. „Eilen Sie,“ bat Eliſabeth,„faſſen Sie keinen an⸗ dern Gedanken jetzt, als den, welcher O'Donnels Freiheit betrifft! In wenigen Tagen vielleicht kehrt der Vater von Dublin zurück. Vor ſeiner Rückkehr noch muß unſer Plan entſchieden und, beſſer noch, auch ausgeführt ſein. Verſichern Sie auch Ihrem Obriſten meine innige Theilnahme, ſagen Sie ihm, daß ich täglich den Himmel für ſeine baldige Herſtellung anflehe. Ich achte Lord Werford hoch, ſeitdem er ODonnels Charakter Gerechtigkeit wiederfahren ließ. Das Rauhe ſeines Betragens ſchreckte mich früher ab; aber ich überzeuge mich täglich mehr, daß ſeine harte Schale einen köſtlichen Kern verbirgt, und ich zweifle nicht länger daran, daß tief im Innern des geraden Mannes die Mittel ruhen, wodurch er Zede meines Geſchlechts, die nicht, wie ich, mit unauflöslichen Ban⸗ den an das Schickſal des edelſten Mannes geknüpft iſt, als Gattin beglücken wird.“— Howard verließ ſpät das Schloß, und Eliſabeth ging noch lange ſinnend durch ihre Gemächer, bis der Schlaf die Liebliche gewaltſam niederküßte, und der mitleidige Traumgott ſie zu dem Freunde führte, deſſen Schickſal ſo wunderbar in ihr ſtilles Leben eingriff. Der Maskenhall. Gleich einem Feenpalaſte ſchimmerte in glänzender Erleuchtung das Hotel des Kanzlers von Frland, und das blendende Licht, welches von den prachtvollen kry⸗ ſtallenen und ſilbernen Kronleuchtern in Glanzſtrömen aus den hohen Fenſtern der ſchier endloſen Reihe von Gemächern fluthete, ließ deutlich die Umriſſe des Ste⸗ phansplatzes, einer der Hauptzierden der iriſchen Me⸗ tropolis, erkennen. Die vornehmen Irländer der katholiſchen Konfeſ⸗ ſion waren gewohnt, die Karnevalszeit, wenn auch nicht in Italien, dem eigentlichen Vaterlande dieſer Feſttage, doch in der Hauptſtadt des benachbarten Frankreichs zu verleben, wo die damit verbundenen Bälle und Aſſembleen in viel glänzenderem Style ge⸗ feiert wurden, als in Jrland, deſſen Religionskonflikte ſchon ſeit längerer Zeit die harmloſe Freude ver⸗ ſcheuchten, welcher ſich zu dieſer Zeit in den Ländern, wo die katholiſche Kirche die herrſchende iſt, Jeder ohne Unterſchied des Ranges, des Geſchlechts und des Al⸗ ters hingiebt. Nun aber hatte der Krieg mit Frank⸗ reich jede öffentliche Verbindung zwiſchen beiden reli⸗ gionsverwandten Ländern aufgehoben. Ze näher die Zeit des Faſchings gekommen war, deſto häufiger hatte man das wiederholte Bedauern derer vernommen, de⸗ nen ihr Reichthum in frühern Jahren während die⸗ ſer Zeit Gelegenheit gegeben, im Auslande zu glän⸗ zen. Die edlen Roſſe, die jedem fürſtlichen Marſtalle zur Zierde gereicht hätten, ſollten dieſes Mal nicht bewundert werden, und die Pracht der Steine, mit welchen geſchmückt Gattin und Tochter des Hauſes in Paris ſchon oft gleich Fürſtinnen geglänzt hatten, ſtrahlten dieſes Mal ihr reines Feuer im dunkeln Sammt der ſie verbergenden Caſſetten vergebens aus. Da hatte plötzlich der ſchlaue Staatsmann, der keine Gelegenheit vorüber ließ, ſich die katholiſchen Notablen zugleich mit den proteſtantiſchen iriſchen Pairs zu ver⸗ binden, die erſten Familien der Hauptſtadt mit einer Einladung zum Maskenball überraſcht und, um dieſen ſo glänzend als möglich zu machen, keine Koſten ge⸗ ſcheut. Da er hinreichende Zeit gehabt, ſeine Vorbe⸗ reitungen zu treffen, ſo fehlte Nichts, um dieſes Feſt zu einem der glänzendſten zu machen, welches man ſeit langer Zeit in Dublin en. Schon bewegte ſich eine zahlreiche Verſammlung prächtiger Masken in bunter Miſchung durch die ho⸗ hen, im fürſtlichen Glanze ſtrahlenden, mit Orangen⸗ bäumen, Myrten und andern Gewächſen des ſüdli⸗ chen Himmels beſetzten Säle, und noch fortwährend drängten ſich im langen Zuge neue glänzende Equi⸗ pagen durch die dichten Maſſen des Volks heran, welche den Palaſt, um die nie zuvor geſehene Pracht bewundernd anzuſtaunen, umlagert hielten. „Beim Kreuze, Jerry, Honigherz!“ ſagte ein zer⸗ lumpter Kerl zu ſeinem Nachbar, der durch ſein ſte⸗ tes, in wunderlichen Worten ausgedrücktes Staunen ſich gar bald als ein Fremder in des Landes Haupt⸗ ſtadt kund gab;„wenn wir das Geld hätten, was dieſer Witz heute Abend koſtet, Du und ich, wir hät⸗ ten mit Weib und Kind genug davon für's ganze Leben.“ „Gevatter Kleinod!“ erwiderte Jener,„ſag' lieber, wir alle hier hätten ſo viel, um Murphys damit zu kaufen für's ganze Leben, auch ein Stück geräuchert Hammelfleiſch oder eine Schinkenſchnitte, denk' ich, ſollte Sonntags oder am St. Patrikstage noch davon ab⸗ fallen und auch noch ein Schluck Bergthau um des Heiligen Wohl im Himmel zu trinken. He? ſo glaub' ich, Gevatter, Herzensjuwel. Aber Jeſus, mein ſü⸗ ßer Heiland! ſieh' die prächtige Kutſche und die Brau⸗ nen! Wahrhaftig,'s iſt ſchwer zu ſagen, ob ihr kur⸗ zes Haar, oder das Silbergeſchirr darauf, am mehr⸗ ſten glitzert, und der Kerl vorn auf dem hohen Stuhl, wie er ſich ſpreizt unter ſeinem großen Treſſenhute! Ich bitte Dich, betrachte Dir hinten den großen ſchwarzen Sack, den er am Kopf hängen hat. Sag' mir, Gevatter, was iſt das für ein mächtiger Hern?“ „Narr!“ verſetzte der Andre,„s iſt der Kutſcher des Lord Corrikſerzus aus Antrim.“ 269 „Ach!“ rief Jener,„dann möcht' ich erſt den Lord ſelbſt ſehen, der hat gewiß Kleider aus purem Golde.“ „Ich bitte Dich bei allen Heiligen,“ lachte der Andre unbändig,„laß Deiner Mutter Sohn ſeine Kartoffelfalle?) halten, die mit einer abſonderlichen Weite begabt, nur Dinge von ſich giebt, die den Gentlemen hier aus der Stadt nur zum öffentlichen Geſpötte dienen. Ihr Burſche vom Lande, vorzüg⸗ lich Ihr aus Athlone, ſeid doch ſtrohdumm.“— Bei dieſen Worten war er bemüht, die ſchmutzigen Reſte eines Hemdes, welches das Gedränge etwas zu weit beim Ellenbogen ſeines abgeſchabten Rockes hervorge⸗ drängt hatte, zu beſeitigen; dann fuhr er fort:„Den Stall ſollteſt Du erſt ſehen, mein honigſüßer Junge, in dem Mylords Pferde ſtehen! Krippen von Mar⸗ morſtein, die Raufe von hellpolirtem Stahl mit Meſ⸗ ſingknöpfen; es ſchimmert Alles drin, wie Silber und Gold. Und die Streu, die Nachts vom auserleſen⸗ ſten Stroh— keine Diſtel darf drin ſein— oder von aufgezupftem Mooſe dem Vieh gemacht wird; wahrhaftig, Jerry, die iſt weicher und comfortabler, als unſre Brautbetten geweſen ſind.“ „Ach, Gevatter Kleinod!“ rief der Landmann ſeufzend,„da möcht' ich wohl eine Zeit lang Lord Cor⸗ rikſerzus Pferd ſein, um meine müden Knochen'n mal recht ordentlich zu pflegen. Haben wir doch zu Haus ſeit vorigem Herbſt kein andres Lager gehabt, als die Binſen aus dem Moor, und weil ſie nur dünn ein⸗ gekommen ſind, kannſt Du Dir's leicht denken, wie⸗ viel Spreu davon in ſechs Monaten noch übrig iſt. Die erſte Zeit hindurch hatte jedes von uns Eheleu⸗ Witziger Name des Mundes, weil der gemeine Ire faſt nichts als Kartoffeln ißt. ——— 270 ten noch ſein eignes Lager mit einigen Kindern unter 'ner wollnen Decke; ſeitdem aber der liebe Gott die Familie wieder um einen Kopf vermehrt hat, wie er's bei den armen Leuten, die er lieb hat, ſo gern thut, da haben wir Alles in einen Winkel zuſammenge⸗ ſchleppt, damit das arme Weib die Winterkälte we⸗ nigſtens nicht allzuſehr fühle. Wir Andern aber lie⸗ gen auf dem Fußboden während der Zeit in den Kleidern dicht nebeneinander. Die Kleinſten wickle ich freilich, das wirſt Du mir ſchon glauben, Gevatter, in einen alten Mantel ein. Aber genug hört' ich, wie die armen Würmer, die ſich feſt umſchlungen hielten, um ſich aneinander zu wärmen, vor Kälte mit den Zähnen klapperten, wie der Storch im Som⸗ mer auf dem Kirchendach, wenn mich ſelbſt die Sorge, woher ich meiner Sarah am nächſten Morgen eine warme Suppe verſchaffen könnte, die ganze Nacht nicht ſchlafen ließ.“ „Haſt ja doch eine Kuh, Mann,“ ſagte der Du⸗ bliner, der ihn mitleidig anhörte. „Gehabt, Gevatter Honigherz!“ entgegnete der Athloner.„Sie gab ſchon nicht viel Milch mehr, weil das Futter zu Ende ging. Wenn der Milch⸗ zehnten davon war, blieb kaum ſoviel, als zum Früh⸗ ſtück übrig. Die Abgaben war ich ſchuldig geblieben während des Wochenbetts. Denn wovon bezahlen, wenn man nicht einmal den Hunger ſtillen kann! Da haben ſie endlich die Gerichtsdiener geholt. Na! glaub's nur, Gevatter, ſie werden nicht viel mehr d'raus löſen als für Haut und Knochen,“ ſetzte er trübſelig lächelnd hinzu. „Ha! welch eine feige Seele ſtöhnt denn da Kla⸗ gelieder bei dem ſchönen Glanz der Lichter, bei dem Prunk und Staat, der uns hier ſo luſtig umgiebt? —————— 's iſt gewiß einer von den Lammfrommen ²) aus der Provinz Oſtmeath!“ rief ein ſtämmiger Mann mit zerfetztem Geſicht, indem er mit in die Seite geſtemm⸗ ten Armen vor den Sprechenden trat und ihn vom Kopf bis zur Zehe mit den flammenden Blicken ſei⸗ nes einzigen Auges maß. „Bei Athlone zu Haus in Antrim, Landsmann?“ „Bei Zeſus! ich dacht's mir wohl, yder aus der Königsgrafſchaft,“ entgegnete Jener finſter.„Ihr Schlafmützen laßt Euch das Fell über die Ohren zie⸗ hen und winſelt dabei, wie ein geſchlagener Hund; das iſt Alles. Greift zu, wie die Andern es machen, wenn die Kuh und der Galloway und zuletzt auch der Karren, den wir eine Zeit lang mit den eignen Hän⸗ den, bis die Haut davon ging und endlich das Blut folgte, in's Torfmvor zogen, zum Teufel iſt. Wo nichts mehr iſt, da hat auch der König das Recht verloren. Vor Hunger hinterm Zaune ſterben müſ⸗ ſen, gleich dem heidniſchen Zigeuner, wie's jetzt Hun⸗ derten geſchieht, während das vornehme Volk hier praßt und ſich mit unſerm Schweiß und Blut mäſtet, wo ſteht das geſchrieben, frag' ich Dich, Mann? So will's der nicht da oben, der uns Alle aus gleichem Stoff geſchaffen hat und uns Alle auf gleiche Weiſe am Ende wieder in Staub verwandelt. Doch der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht. Keine Gnade, kein Mitleid bei denen dort!“— er deutete mit der Hand auf die erleuchteten Fenſter.—„Bei dem Erlöſer! da muß endlich auch dem Frömmſten *) Die Provinzen Oſt- und Weſtmeath zeichnen ſich durch beſondre Loyalität, Ordnungsliebe und friedlichen Sinn vor allen andern Grafſchaften in Irland aus. 272 die Geduld ausgehen. Drum noch einmal, ſag' ich, wozu das unnütze Heulen und Lamentiren?“ Es hatte ſich allmählig ein großer Kreis von Landleuten und Bürgern aus den niedern Klaſſen und Arbeitsleuten jeder Art um den Redner verſam⸗ melt, der eben nicht bemüht war, ſeine Worte vor den Ohren Andrer verborgen zu halten. Ein lautes Bravo tönte durch die Verſammlung. Schon hörte man hier und da Verwünſchungen auf die Orange⸗ männer, als man ein ungewöhnliches Drängen im äußern Kreiſe des umherſtehenden Volkes wahrnahm. „Platz da für Sr. Herrlichkeit! Gebt Raum für den Wagen des Lord Statthalters, ihr Leute! Nehmt Euch in Acht vor den Hufen der Pferde!“ riefen ei⸗ nige voranſprengende Dragoner. „Zetzt ruhig, meine braven Landsleute!“ ermahnte der Redner, der kein Andrer war, als Evans O'Neil. „Keine Unordnung, keine Gewalt! Man wird den geſtrengen Herrn dort zur Abänderung der Maßre⸗ geln zu bewegen ſuchen, welche neuerdings, um das Volk auf's Aeußerſte zu bringen, getroffen ſind. Noch Anderes, meine Freunde, was Manchem unter Euch lieb ſein wird, ſoll eheſtens vollbracht werden. Jetzt empfehle ich noch einmal Ruhe, bis Ihr weiter von mir hört. Ich hoffe, Ihr ſollt zufrieden ſein mit einem Manne, der ſein Leben für Euere Freiheit zu geben bereit iſt. Nun, Männer, macht Platz für des Vicekönigs Wagen!“ ſo ſprach der Einäugige im be⸗ fehlenden Tone und Alles verſtummte. Das Volk theilte ſich willig auseinander, und in einem prächtigen vierſpännigen Staatswagen mit vie⸗ ler Vergoldung, buntem Schnitzwerk und großen Spie⸗ gelſcheiben, von einer glänzenden Dienerſchaft umge⸗ ben, fuhr der Mann, der damals faſt mit unum⸗ 273 ſchränkter Gewalt verſehen und mit demſelben Glanz umgeben war, wie der britiſche König ſelbſt, langſam durch die Menſchenmenge, welche Kopf an Kopf ein langes Spalier bildete. Beim Anblick der den Zug eröffnenden und ſchlie⸗ ßenden Dragoner, deren Bekanntſchaft ſchon Mancher unter den Zuſchauern im Treffen bei Fairbridge oder bei andern Gelegenheiten gemacht hatte, ließ ſich hier und da das höhniſche Pfeifen vernehmen, womit ſie, ſobald ſie die Kaſernen verließen, gewöhnlich begrüßt wurden. Jedoch der rauſchende Tuſch, welchen Pauken und Trompeten der Ankunft des Vicekönigs entgegen⸗ ſchmetterten, ſowie der ceremoniöſe Empfang des ho⸗ hen Gaſtes am Portale des Palaſtes, lenkte die Auf⸗ merkſamkeit des Volks bald wieder auf das glänzende Hotel, wo ſich jetzt erſt das eigentliche Leben ent⸗ 3 wickelte. Was Pracht und Luxus bieten konnten, ſchien hier auf einem Punkte in den Prunkzimmern des Lord Kanzlers zuſammengedrängt. Die Buffets ſtrahl⸗ ten den Schimmer goldener und ſilberner Geſchirre und brachen faſt, gleich den in den verſchiedenen Er⸗ holungszimmern aufgeſtellten Tafeln, unter der Laſt der edelſten Weinſorten und der auserleſenſten Lecke⸗ reien. Schaaren von reichbetreßten Dienern waren bereit, die leiſeſten Wünſche der Gäſte zu befriedigen, und ein Meer der feinſten Wohlgerüche erfüllte ſie berauſchend zugleich mit den Zaubertönen einer lieb⸗ lichen Muſik, die bald vom brauſenden Allegro zum ſchmelzenden Adagio überging, bald aus den Molltö⸗ nen der Polonaiſe zu dem Scherzandv des Reels oder des Kontretanzes wechſelnd hüpfte. Der aufmerkſame Feſtgeber, wie der Lord Statt⸗ halter ſelbſt, boten Alles auf, die Freuden des Fe⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VIII. 18 — * ſtes zu erhöhen und durch mehr als gewöhnliche Herablaſſung und Freundlichkeit eine gleichmäßige hei⸗ tere Stimmung in der Geſellſchaft hervorzurufen, und ſie wurden in dieſem ſchönen Beſtreben von all' den vornehmen Iren unterſtützt, die ſonſt die Karnevals⸗ freuden in Frankreich oder Italien zu genießen ge⸗ wohnt geweſen waren. Zudem iſt des Iren flüſſige⸗ res Blut und ſeine Beweglichkeit geeignet, ſich mit Leichtigkeit in andern, als die ihm eigenthümlichen und nationellen Formen zu bewegen, während der Eng⸗ länder in allen Verhältniſſen der ſtolze, egviſtiſche, langweilig⸗phlegmatiſche Sohn John Bulls bleibt. Der Karneval iſt endlich ein ächter Sohn des katholiſchen Kultus, und nur der ſüdeuropäiſche Katholik verſteht ſeiner recht froh zu werden. So war denn auch die Maskerade des Lord Kanzlers nur eine gemachte Blume. Die ſtolzen Engländer, die geſpreizten Töch⸗ ter Albions hatten ſich wohl in Masken geſteckt, aber es blieben eben nur Masken; kalt und langweilig be⸗ wegten ſich dieſe mit Brillanten überladenen Damen durch die Säle, ohne der entfalteten Pracht einen Blick zu ſchenken, und man ſah nur angeputzte Autv⸗ maten, die ſich im geregelten Schritt fortſchoben, oder gar ſtehen und ſitzen blieben. Dieſer tödtende Geiſt wirkte auch auf die Irländer, und endlich hörte man nur ſelten ein geflüſtertes Wort, ein lautes aber gar nicht mehr. Gleich dem dichten Nebel des Landes legte ſich ein unheimliches Gefühl über die Herzen, und eine düſtre Ahnung belaſtete die Gemüther. Es war, als ob ein finſtrer Dämon die Freude unter ſeinem eiſernen Fußtritt niederhalte, und wie auch rauſchende Muſik erſchallte, wie man auch an den luculliſch beſetzten Tafeln ſchwelgte: Irlands böſes 275 Schickſal lag wie ein herzdrückender Alp, ein blut⸗ ſaugender Incubus, über dieſen Räumen. Der Lord Statthalter hatte ſich die Maske eines altrömiſchen Feldherrn gewählt, eines Konſul in der purpurgeſtreiften Toga praeterta, unter welcher eine prächtige geſtickte Tunika hervorſah; ein Helm zierte ſein Haupt. Die Hand auf den Feldherrnſtab geſtützt, ſtand er an einem der Buffets, die in verſchiedenen Zimmern eingerichtet waren, und blickte, ſelbſt ſtill und nachdenklich geworden, in ein vor ihm ſtehendes ge⸗ leertes Glas: da nahete ihm, der ſich der Larve ent⸗ ledigt, ein koſtbar gekleideter Grieche in Pallium und Chlamys, nahm ebenfalls die Maske ab— und Lord Kildare ſtand Lord Corhampton gegenüber. Nach der erſten ceremoniöſen Begrüßung redete der Erſtere auf den Letztern leiſe doch eindringlich hinein: „Mein theurer Lord, ich kann nicht umhin, Ihnen meine Bitte noch einmal vorzutragen und um ſo nach⸗ drücklicher ans Herz zu legen, da ich wirklich ent⸗ ſchloſſen bin, mich nicht von Ihnen abweiſen zu laſ⸗ ſen. Heute, am Feſte der Freude, ſehen Sie Sir Lewis O'Donnels Angelegenheit, die ich zur meinigen gemacht habe, gewiß in einem ganz andern Lichte an, und Sie werden jetzt weniger ſchwierig ſein, wir ſeine Freilaſſung zu bewilligen.“ Der Statthalter hatte die buſchigen Brauen finſter zuſammengezogen und erwiderte ernſt, faſt im Tone der Entrüſtung:„Mylord, Sie werden mir immer un⸗ begreiflicher! In der That, es gehört viel dazu, mich noch einmal mit dieſer wunderlichen Bitte anzugehen, nachdem ich mich ſo beſtimmt gegen Sie erklärt habe. Wahrlich, nur Ihr Stand hält mich ab, Ihr Beneh⸗ men beim rechten Namen zu nennen, Lord Kildare!“ „Selbſt auf die Gefahr hin, Ihren Zorn zu rei⸗ 18* 276 zen, muß ich Sie erinnern, daß es Ihr eigner Vor⸗ theil und der unſers gnädigſten Königs und aller hier betheiligten Engländer iſt, wenn Sie ungeſäumt, die⸗ ſen Abend noch, meine Bitte erfüllen,“ ſagte Kildare mit Angſtſchweiß auf der Stirn. „Ich glaube gar, Sie wollen mir drohen? Wiſ⸗ ſen Sie, mit wem Sie reden, Mylord? Mit des Königs Statthalter, der die Macht hat, jede Unbill zu beſtrafen, ſie ſei von welcher Art ſie wolle.“ „Gerade weil ich weiß, wie ausgedehnt Ihre Voll⸗ macht iſt, lege ich Ihnen dieſe Sache ſo dringend ans Herz. Gerade weil ich weiß, daß der König in die⸗ ſem Falle begnadigen würde, verlange ich dieſe Be⸗ gnadigung von Ihnen, ſeinem Statthalter.“ „Soll ich Sie noch einmal daran erinnern, daß Sie Sir Lewis O'Donnels Ankläger ſind, daß ich allein durch Ihre Denunciation von den ſtaatsver⸗ rätheriſchen Umtrieben dieſes jungen Mannes in Kennt⸗ niß geſetzt wurde, daß Sie Alles aufboten, um Jenen zu verderben, und die Motive Ihrer dahin bezüglichen Handlungen mir keineswegs aus Ihrem Patriotismus allein hervorzugehen ſchienen? Sie haben Ihr Ziel erreicht; D'Donnel harrt ſeinem Urtheilsſpruch entge⸗ gen, und da er nichts zu ſeiner Vertheidigung vorzu⸗ bringen weiß, ſo wird ſein Haupt fallen, wie das al⸗ ler Verräther. Was wollen Sie nun mit Ihrer Bitte um Freigebung des Verbrechers, die gar nicht in mei⸗ ner Macht ſteht, da O'Donnel dem Geſetze verfallen iſt? Regt ſich etwa Ihr Gewiſſen, Mylord?“ „Mögen meine Motive ſein, welche ſie wollen,“ verſetzte Kildare zitternd und mit wahrer Todesangſt, „ich habe die Ueberzeugung, daß ich meinem Vaterlande diene, und ich frage Sie deshalb, iſt dies Ihr letztes Wort, Excellenz?“ 277 „Es iſt's! Und ich werde niemals meine Worte und Handlungen durch Andere beſtimmen laſſen.“ „So mögen Sie die Folgen davon ſich ſelbſt zu⸗ ſchreiben!“ rief Kildare in höchſter Erbitterung ſich vergeſſend und ſelbſt nicht wiſſend, was er mit dieſen Worten geſagt hatte, und entfernte ſich. Der Vicekönig ſah ihm mit bedenklicher Miene lange nach, und wandte ſich dann wieder zu dem Buf⸗ fet. Da trat ein ſchlichter Matroſe an ihn heran und flüſterte ihm zu:„Um Gotteswillen, Excellenz, werfen Sie dieſe Maske ab und verhüllen Sie Ihr Geſicht! Sonſt droht Ihrem Leben unausweichlicher Untergang. Denken Sie an das Schickſal des Königs von Schwe⸗ den auf dem Maskenball. Die Maske hinweg! Sie ſind ſonſt verloren, wie er es war. Hören Sie meine Warnung nicht gleichgültig an, Excellenz, wie jener König ſich vergeblich warnen ließ!“ „Wer biſt Du, Matroſe? Deine Stimme klingt mir bekannt; von wem kommt die Warnung?“ „Von demſelben Sir Lewis O'Donnel, deſſen Haupt Sie ſo eben dem Schwerte der Gerechtigkeit verfallen erklärten.“ „Ach, Maſter Laing, der mir den Warnbrief über⸗ brachte!“ ſagte der Vicekönig überraſcht; doch der Ma⸗ troſe war im Gewühl der Masken verſchwunden. Un⸗ willkürlich brachte Lord Corhampton die drohenden Aeußerungen Kildare's und dieſe Warnung mit einan⸗ der in Verbindung; ein ahnungsvoller Schauer erfaßte ſeine Seele, und er war eben im Begriff, ſich zu ent⸗ fernen, als ein hoher Ritter in ſpaniſcher Tracht auf ihn zuſchritt und ihm nach den Gebräuchen des Süd⸗ länders ſeine Ehrfurcht bezeugte. Lord Corhampton fühlte das unheimliche Gefühl, das ſich ſeiner bemäch⸗ tigt, bei der Anrede dieſes Ritters vermehrt.“ ————————— 278 „Mylord,“ ſagte dieſer,„mein Vaterland iſt Nea⸗ pel. Dort wird auch der Karneval geboren, dort ſprudelt die Freude aus dem Becher, wie ein heißer Waſſerſtrahl aus der Erde hervorbricht. Ich bin ge⸗ kommen, Ihnen die Karnevalsfreude zu bringen, die noch in dieſen Sälen fehlt. Wohl ſeh' ich ſchöne Masken hier, aber die ſteife, engliſche Gentry guckt überall durch, und nur Erins Söhne tummeln ſich im fröhlichen Tanz, oder ſtreifen, ſich und noch mehr die hölzernen Goddams neckend, umher; aber ihre Un⸗ gebundenheit verliert ſich unter dem Druck engliſchen Stolzes. Wohlan, es ſoll anders werden, und der tolle Jubel meines Vaterlandes dieſe Räume durch⸗ hallen!“ Er winkte mit dem in ſeiner Hand befindlichen Stabe, und augenblicklich öffneten ſich die Flügelthü⸗ ren des großen Saales, und ein Zug neapolitaniſcher Fiſcher in ihrer maleriſchen Tracht bewegte ſich paar⸗ weiſe herein. Die Männer trugen die Attribute ihres Standes, die Frauen hatten zierliche Körbe mit Süd⸗ früchten am Arm, die ſie, durch die Zimmer wanbelnd, an die Anweſenden verſchenkten. Am Vicekönig vor⸗ überſchreitend, verneigten ſie ſich, und eine hervortre⸗ tende, hohe Frau überreichte ihm ſtumm einen blut⸗ rothen Granatapfel. Dann ſtellten ſie ſich zu einem neapolitaniſchen Kontretanz an, den ſie in luſtigen Sprüngen unter Jauchzen und der Begleitung des Tambourins, des Triangels und Schellengeläutes glück⸗ lich nachahmten. Wirklich hatte ſich mit ihrem Er⸗ ſcheinen ein regeres Leben entfaltet; Alles drängte ſich um ſie, und muntre Scherze flogen von ihnen aus durch den Saal. „Wie gefällt Ihnen der Zauber, den ich hervor⸗ gerufen, Mylord?“ fragte der Ritter den Vicekönig. 279 „Wir können Ihnen nur verbunden ſein. Sie ſelbſt ſcheinen von größerer Luſt durchdrungen, ſeit Sie Ihre Landoleute um ſich ſehen. Es iſt wahr, am Fuße des Veſuvs verſteht man das Leben beſſer zu genießen, als auf dieſer kalten Inſel.“ „Nicht das iſt's, Mylord, bei Gott nicht! weshalb die Freude hier nicht hauſen will. Der Grund liegt anderswo und tiefer; denn der Menſch iſt überall der Frende zugethan, und die Geſelligkeit iſt wahrlich keine der geringſten Tugenden des Iren. Aber der Stolz des Despoten verachtet es in der Regel, ſich mit ſeinen Sklaven zu freuen; wenigſtens öffentlich nicht. Auch iſt es nicht die uns hier umgebende Pracht, die die Feier des Karnevals unter dem glücklichen italieniſchen Himmel erhöht, ſondern weil Lebensgenuß dort ein Gemeingut und nicht, wie hier, ein Vorrecht privile⸗ girter Stände iſt. In Italien, Mylord, bereitet man Feſte, daß ſich die Großen des Landes zugleich mit dem Volke freuen. Wer könnte ſich hier freuen, wenn er zu dieſem todten z ſich durch einen Haufen von Bettlern drängen auf deren Geſichtern das Elend ſeine ſcharfen Züge eingegraben hat!“ Der Statthalter warf einen mißtrauiſchen Blick auf den Ritter; der Granatapfel wurde zur glühenden Kohle in ſeiner Hand, und mit zitternder Stimme verſetzte er:„Sie nehmen einen Umſtand zu ernſt, Chevalier, der nun einmal nicht zu ändern iſt und durch altes Recht und Herkommen— ich läugne es nicht— hart auf dem iriſchen Volke laſtet. Aber ſehen Sie doch, wie maleriſch jenes pantomimiſche Ballet! welche ausdrucksvolle Geſten! Aber man kömmt auf Sie zu, es gilt Ihnen.“ — — S — ₰ — — — ₰ * — — 5 5 8 5 6 ——,— — — — 28 — 578 g[4 onenae