Leihbibliothek veutſcher, engliſcher und franzßſiſcher Literatur Eduard Ottmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement.! Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und„ beträgt; für nhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 W.— Pf. 1 W 50 Pf. V.— Pf.* 2 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Meilenweit hat der atlantiſche Ocean, die⸗ ſes länderverſchlingende Ungeheuer, an dieſen Küſten, die bald hinter niedrigem Geſträuch verſteckt, bald von ſenkrecht aus den Fluthen emporſteigenden Fel⸗ ſenwänden und wunderlich geſtalteten zackigen Klippen umgürtet ſind, tiefe Buchten ausgehöhlt, in deren Keſſel er ſich's nun bequem macht, und aus denen er⸗ hn ihm nicht Granitmaſſen den Weg verlegen, je zuweilen erdhungrig die langen Wellenzungen über das zitternde Land hinrect. Ueber einer dieſer Buchten, einer Abtheilung der einſamen Kenmare⸗Bai, einige Meilen nordweſtlich von der genannten Bantry⸗Bai, zieht ſich auf erhöh⸗ tem Grunde, der ſich nur allmählig nach dem Meere zu abſenkt, eine Reihe elender Hütten hin, die einen ſchreienden Contraſt zu den palaſtartigen Wohnungen der ſtolzen Herren des umliegenden Grundes und Bodens bilden. Unförmliche Lehmwände unter einem Dache von moderndem, dicht mit dunkelgrünem Moos und Hauswurzel überzogenen Strohe; ein paar ſchlecht eeee zuſammengenagelte alte Breter mit weitklaffenden Spal⸗ ten, Thür genannt, ſtatt des Schloſſes mit einem plumpen hölzernen Riegel verſehen; niedrige Fenſter, deren wenige noch übriggebliebene, von Rauch, Staub und Sonne dunkelgefärbte Glasſcheiben mit ſchmutzigen Lumpen faſt verdeckt und verhängt ſind, die als Ver⸗ ſtopfungsmittel der Löcher, Fugen und Ritze dienen müſſen; in Dach und Fach überall Durchgänge für Wind und Wetter: das iſt das äußere Bild einer ſolchen Hütte, dem das Innere entſpricht, und der alle andern des ganzen Dörfchens Dunmoore mehr oder minder ähnlich ſind. Wahrlich, ſie gleichen eher dem Aufenthalte irgend eines wilden Völkerſtammes, als den ländlichen Wohnungen einer civiliſirten euro⸗ päiſchen Nation. Dieſe Gehöfte, innerhalb eines rohen Erdwalles oder einer aus neben einander geſtellten Dornen⸗ und Stechpalmen⸗Faſchinen beſtehenden Unfriedigung, deren zahlreiche Lücken jedoch niemals, ſelbſt den armſeligſten Schnapphahn nicht, nach einev nähern Beſchauung der hinter der Verzäunung geborgenen Gegenſtände — etwa ein zertrümmerter, zweirädriger Karren, an ſchlecht geformte Ackerwerkzeuge und ein elender Vör⸗ ut von Torf— lüſtern machen, geben dem Vorü⸗ berziehenden einen keineswegs unklaren Begriff vom phyſiſchen Zuſtande und den ſtaatsbürgerlichen Ver⸗ hältniſſen der Vaſallen des reichen of the manor.“ Hat der fremde Wanderer aber auch noch Gele⸗ genheit gehabt, einige jener namenlos elenden Trog⸗ lodyten zu ſehen, die, blind, lahm oder mit einem grauſenerregenden Ausſatze bedeckt— Folge ihrer faſt thieriſchen Lebensweiſe— vor ihren, in den Aufwür⸗ fen um die Felder angebrachten Höhlen, in denen ſie, „ 6 * . 2 * ſind wir am erſehnten Ziele,“ ſagte der junge Mann, 7 vom Grundherrn, dem das Erbarmen fremd iſt, oder von deſſen Pächtern des Obdaches beraubt, die letzte Zuflucht ſuchen mußten, das Mitleid der Vorüberge⸗ henden anflehen: dann hat er ein treues Bild vom Zuſtande der iriſchen Landleute, das, einmal geſehen, nimmer aus ſeinem Gedächtniß entſchwinden wird. Einer jener ſchönen Spätſommertage, die der Na⸗ tur ſo eigenthümliche Reize verleihen, daß ſelbſt min⸗ der begünſtigte Gegenden durch Beleuchtung und duf⸗ tige Färbung einen Anſtrich von idylliſcher Schönheit erhalten, erhob auch den Weiler Dunmoore mit ſeiner ſonſt dürftigen Umgegend zu einem leidlichen Land⸗ ſchaftsſtück, deſſen Vordergrund die tiefer liegende Bucht, deſſen Faſſung die herbſtlich bunten Bäume um die Hütten, deſſen Hintergrund der oft ſich ziem⸗ lich hoch erhebende, bis zum Cap Crow fortlaufende Höhenzug der mit dunkeln Fichten bepflanzten Caba⸗ Berge abgaben. Die Felder ſtanden meiſt in gelber Reife, denn die Ernte des Jahrs 1795 war vor der Thüre. Gegen Abend wurde dort ein einzelner Rei⸗ ter bemerkt, der, etwa eine Meile von Dunmoore, die Straße von Killarney nach Bantry verließ und den zum Dörfchen führenden Nebenweg einſchlug. Das mit Staub und Schweiß bedeckte Pferd verrieth, daß es ſeinen Herrn nicht blos zu einem Spazierritt ge⸗ tragen; dieſer aber, dem es leid ſchien, das edle Thier mehr als gewöhnlich angeſtrengt zu haben, klopfte deſſen ſchlanken Hals bernhigend und ſuchte es durch Schmeichelworte zum langſameren Schritt zu vermö⸗ gen, ſo oft es in ſeiner heftigen Aufregung bald im Galopp bald im Trabe weiter zu eilen im Be⸗ griff war. „Genug für heute, mein braver Abdul! bald deſſen einfacher, aber geſchmackvoll gewählter Reiſean⸗ zug verrieth, daß er den höhern Ständen angehörte; „genug für dieſesmal, mein Brauſewind! Sparen wir unſere Kräfte lieber für die Zukunft auf; wer weiß, wie ſehr wir derſelben bedürfen!“ Und immer weiter ritt er durch das Gewirre der das Dörfchen umgebenden Hecken und Gräben, mit denen er recht wohl bekannt zu ſein ſchien, und ließ ſein ſchönes, gutmüthiges Auge bald über die na⸗ hen Felder gleiten, bald auf den Hütten ruhen. Um ſeinen edel geformten Mund zitterte ſchmerz⸗ liche Wehmuth, da er dort die Reſtchen dürftigen Ha⸗ fers und das kümmerliche Laub der Kartoffeln, dieſer dem Irländer ſo unentbehrlichen Frucht, erblickte, Zeugen, daß der Acker ſchlecht bearbeitet, daß es am nöthigen Stroh zum Dünger fehle und der Zehnten des Lehnsherrn ſtreng genug eingefordert werde; aber ſein Auge füllte ſich mit der Thräne des Mitgefühls, indem er die ruinenartigen Hütten in der Nähe be⸗ trachtete, deren einige unter der Wucht des faulenden Daches, welches, in Ermangelung des Strohes mit Raſenſchollen bedeckt, in der Mitte tief auf die zer⸗ brochenen Sparren hinabgeſunken war, den baldigen Einſturz drohten. So hatte er denn, mit bittern Gefühlen kämpfend, endlich den Eingang des Dorfes erreicht; um ſo über⸗ raſchter hielt er ſein Pferd an, als plötzlich Töne der Freude, die er hier am wenigſten erwartet hatte, Muſik und lauter Jubel ſein Ohr trafen. Vor einem, faſt am entgegengeſetzten Ende der Hüttenreihe gelege⸗ nen Häuschen, daß ſich durch den weißen Anſtrich ſeiner Wände vor den übrigen auszeichnete und durch das über der Thüre hängende Schild als Schenke des Orts kund gab, wogte ein fröhliches Gewühl trinkender 7 — —— — ·——— —— ————— und ſingender Menſchen bunt durcheinander. Alle waren im beſten Staate, d. h. in den abgetragenen Kleidern der Männer war gerade kein großer Riß zu ſehen, und ein neues Band ſchmückte vielleicht das Mieder oder das Haar der tanzenden Weiber und Jungfrauen. Neugierig, die Urſache dieſer Fröhlichkeit zu er⸗ fahren, ſtieg der Reiter, die ihn ſchnell umringende Menge freundlich grüßend, vor dem Hauſe ab und wurde gar bald durch zwanzig und mehr Stimmen belehrt, daß Michaul Dahna, der an der nahen Teu⸗ felsmauer wohne, ſeine Hochzeit feiere, zu welcher jeder Fremde, der keinen Anſtoß an ihrer Armuth nehme, ein willkommener Gaſt ſei. „Iſt's etwa Tom Dahna's Sohn, des ehemaligen Parkwärters Sir William O'Donnel's?“ fragte der Fremde. „Derſelbe, Sir; und zwar ſehen Sie ihn vor ſich in meiner ganz ergebenen Perſon,“ erwiderte ein ſo eben hinzutretender junger Mann mit klangvoller Stimme, in deſſen angenehmen Zügen natürliche Gut⸗ müthigkeit, iriſche Verſchlagenheit, Muth und Verwe⸗ genheit— der hervorſtechende Charakterzug der Kin⸗ der dieſes Eilandes— mit einander gepaart waren. „Doch wie? Iſt's möglich?“ fuhr der Dörfler betrof⸗ fen fort,„darf ich auch diesmal meinen geſunden Augen trauen, die mich ſonſt nie betrügen? Sind Sie es wirklich, Sir Lewis? Sir Lewis O'Donnel, unſer theurer, vielgeliebter, junger Herr?“ Und raſch den Hut ziehend, trat er mit einer tiefen Verbeugung ſo nah, wie es der Anſtand erlaubte, und warf einen prüfenden Blick auf den Fremden; dann aber rief er den Umſtehenden triumphirend zu:„Hierher, Freunde und Landsleute! Hierher zu mir! ſage ich. Ja, ja, er iſt's! der einzige Sohn unſeres ſeligen Herrn Sir William O'Donnel! Beim heiligen Patrik, es iſt unſer lieber Sir Lewis, Herzenskrone und köſtliches Kleinod! Gottes Segen über ihn und ein langes fröhliches Leben bis in's höchſte Alter!“ „Heil und Segen, langes Leben und guten Fort⸗ gang dem Sohne Sir Williams, Herzenskleinod!“ rief der jubelnde Chor, und Jung und Alt drängte ſich herbei, um den geliebten und hochgeehrten Jüng⸗ ling zu bewillkommen, ihm die Hand zu drücken, oder wenigſtens in das freundliche Auge zu ſehen. „Ja, mein ehrlicher Mic, ja, Ihr guten Leute, der Sohn Eueres ehemaligen Gebieters iſt wieder unter Euch, aus fernen fremden Ländern heimgekehrt mit der alten Liebe für Irland und deſſen armes treues Volk; und ich freue mich von ganzem Herzen, daß ich wieder bei Euch bin.“ So ſprach der Neuange⸗ kommene, nachdem ſich die Menge etwas beruhigt hatte.„Beſonders aber iſt es mir ſehr lieb, mein guter Burſche,“ wandte er ſich freundlich lächend zu Dahna,„daß ich gerade zu Deinem Ehrentage hier eintreffe.“ In dieſem Augenblicke machte ſich ein alter, ſehr langer Mann, deſſen kahles ſpitzes Haupt über alles Volk emporragte, mit dürren weitgreifenden Armen Platz durch das um den jungen Baronet dichtſtehende Gedränge. Sein Geſicht, braun und runzlich, wie altes zuſammengeſchrumpftes Büffelleder, mit weither⸗ vorſpringender ſpitzer Naſe, kleinen Augen und ſehr niedriger Stirn, wodurch es die überraſchendſte Aehn⸗ lichkeit mit einem Aasgeier erhielt, hatte jetzt den fla⸗ granten Ausdruck einer ſtaunenden Freude, und ſeine Augen funkelten begehrliche, haſtige Blicke auf den jungen Edelmann, während ſein kleiner, knapp um 11 den zahnloſen Kiefer anliegender Mund eine Art Ge⸗ heul hervorſtieß, aus deſſen Tonchaos ſich die ver⸗ ſtändlichen Worte losrangen:„Sir Lewis! mein Junge! — mein junger Sir, wollt' ich ſagen. Iſt's möglich? Er wieder hier? O, geſegnet meine Augen, daß ich ihn wieder ſehe! Ja, das iſt er! Ei, wie ſtutlüch mein Junge! Ich hätte ihn nicht gleich erkannt! Seines edlen Vaters Ebenbild!— Platz da, wenn Euch Euere Rippen lieb ſind! Platz, daß ich meinem jungen Sir den Rock küſſe!“ So ſtand der alte Mann, alle Andern zurück⸗ drängend, endlich vor dem Baronet, der ihn, freund⸗ lich lachend, aber Thränen der Rührung im Auge, mit den Worten begrüßte: „Sieh da, auch mein alter guter Samuel Dun⸗ foore, mein trefflicher Reitlehrer! Sei mir tauſendmal gegrüßt, redliche Seele! Wie freue ich mich, daß ich Dich noch lebend finde!“ Der Alte wollte reden, aber die Rührung über⸗ meiſterte ihn dergeſtalt, daß er wieder in jenes unar⸗ tikulirte Heulen ausbrach, wie ein Kind flennte und endlich zu des Jünglings Füßen auf die Kniee ſtürzte, um deſſen Rockzipfel zu wiederholten malen an ſeine welken Lippen zu preſſen. O'Donnel hob den Greis auf, drückte ihn weinend an's Herz und ſagte:„Faſſe Dich, guter Alter, und erzähle mir dann, wie es Dir und Deiner Familie ergangen iſt, ſeit wir uns nicht geſehen.“ a ſprang Dunfvore empor und rief mit krei⸗ ſchender Stimme über die Köpfe weg:„Paddy, Paddy! ſchnell herbei!“ Und durch die Gaſſe, die ſich bildete, ſchritt haſtig ein ſtämmiger, kernhafter Burſche, von keckem, trotzigen Anſehen. Die rothe Weſte war auf⸗ geneſtelt, und das weiße Hemd gab die von Arbeit und Sonne gebräunte breite Bruſt frei. Kurze weiß⸗ leinene Hoſen und weißbaumwollene Strümpfe machten ſeinen übrigen Hochzeitsſtaat aus, der dem ſechzehn⸗ jährigen Jungen übrigens recht gut ſtand. „Verneige Dich tief vor dem Erben des Hauſes und Namens, deſſen treuer Diener ich von Kindes⸗ beinen an war!“ redete ihn der Alte gebieteriſch an, und Paddy kratzfüßelte, hinten ausſchlagend wie ein Füllen, und den breiten Strohhut abreißend, vor Sir Lewis. „Küß' ihm den Rock und erkenne ihn als Deinen Herrn an, wie er's auch wahrhaftig und vor Gott iſt, wenn auch nicht mehr vor ſchlechten Menſchen, die jetzt Gewalt und Herrſchaft über uns haben!“ befahl der Greis weiter, und der Sohn erfüllte gehor⸗ ſam des Vaters Willen. „Siehſt Du, das iſt Sir Lewis, der Sohn des Sir William und der Enkel des Sir Harry, von denen ich Dir ſo viel erzählt habe. Dies iſt Sir Lewis, den ich zum erſtenmal auf ein Pferd geſetzt; ach, es war Judy, der Goldfuchs— Gott hab' ihn ſelig! Nachher als es ſchon bügelgerecht ging, ſchenkte Ihnen Ihr Herr Vater den Almanſor, den Perl⸗ ſchimmel; da flogen wir Beide über Stock und Stein. Und einmal des Abends, es war ſpäter an der Jahres⸗ zeit, als jetzt, denn die Felder waren ſchon leer, und die Nacht brach früh herein, da ſcheuete Ihr Pferd vor der mit Geräuſch und Geſchrei vom Galgen drüben auf der Heide aufbrechenden Rabenſchaar. Am Gal⸗ gen hing Matty Whlandigh, der Raubmörder;— unter Ihres Herrn Vaters Regiment hier hängte man nur ſolches Gelichter und nicht ehrliche Leute, wie heut zu Tage— der Kerl baumelte im ſcharfen Herſt⸗ abendwind; mir ſelbſt ging's eiskalt durch die Seele, . — — 13 und ſchaudert mich zu dieſer Stunde noch, wenn ich daran denke; der Almanſor that einen Querſatz, Sie waren bügellos; das Pferd wurde wild, that einen Sprung, pautz! dort lag mein Herzenskleinod, und der Schimmel ſauſte nach der Heideſchenke zu. Ich, wie der Sturmwind von meinem Falben herab— wiſſen Sie noch, ich ritt die alte Mary, es iſt mir wie geſtern— hilf heilige Maria und Joſef! der Kopf blutet, da hier, zeigen Sie her, Sir, über dem linken Auge! Richtig, hier iſt die Narbe! Heiliger Patrik, kein Athemzug mehr! Der Junge ſtreckt alle Viere, wie ein geprellter Fuchs. Ich ſchrie ganz verzweifelt, als ob mich der Teufel beim Hoſenbund hätte; ach! ich glaubte Sie mauſetodt, Sir. Der Schrecken war mir in die Glieder gefahren, ich lag daneben, wie ein leerer Kartoffelſack, und ſchrie nur und wimmerte, daß es einen Stein hätte erweichen können. Plötzlich redete mich eine helle Stimme an, ich ſah empor und er⸗ blickte Peppy Toole, die alte Wirthin aus der Heide⸗ ſchenke, neben mir. Damals war ſie freilich noch nicht ſo alt, wie jetzt, aber wahrlich ein eben ſo be⸗ herztes Weib! Wir waren keine zweihundert Schritte von ihrem Gehöfte; Sie wiſſen ja, wo der Galgen ſteht. Das ledige Pferd, das ihr vor die Thüre ge⸗ laufen war, machte ſie ſtutzig, und mein Geſchrei leitete ſie auf die rechte Spur. So fand ſie uns, zwei niedergeworfene Menſchen. Den Kleinen, verzeihen Sie, Sir, ich wollte ſagen Sir Lewis, nahm ſie in ihre ſtarken Arme und trug ihn nach der Schenke, mir aber überließ ſie die Wahl, wie ich hinterher kommen möchte; ich half mir fort, ſo gut es eben ging. In der Schenke wuſch ſie Ihnen die Wunde mit warmen Eſſig aus, rieb Ihnen die Schläfe, hielt Ihnen Krauſemünzwaſſer unter die Naſe und brachte 14 Sie ſo wieder zum Leben. Dann ſchickte ſie ihren Sohn, den Bobby, nach Lindſayhall, um Ihrer Frau Mutter unnöthige Angſt wegen unſeres langen Aus⸗ bleibens zu benehmen, kochte Ihnen dann einen guten Kräuterthee, und auf heilſame Kräuter hat Peppy ſtets gehalten, und legte Sie Ihrer hochgeehrten Mutter — Gott habe ſie ſelig!— die in der Kutſche heraus⸗ gekommen war, geſund und wohl in die Arme. Hei⸗ liger Patrik! das war eine Geſchichte! Ich glaube bis dieſe Stunde noch, wenn die Peppy nicht dazu kam, wir blieben beide todt auf der Stelle liegen, Herzenskleinod.“ „Nicht allein von dieſem Sturz hat ſie mich her⸗ geſtellt“, fügte Sir Lewis hinzu.„Alle Beulen, Wun⸗ den und ſonſtige Beſchädigungen, ſowohl an meinem Leibe, als auch an deſſen Bekleidung, hat ſie geheilt, die erſtern mit FPflaſtern und Salben, die andern mit Nadel und Zwirn. Alſo ſie lebt noch und iſt wohl und munter?“ „Wie ein Fiſch im Waſſer, Herzenskleinod. Sie hat die Sechzig nun erreicht, aber ſie ſchenkt noch jedem armen Schlucker ſeinen Whisky“) und jedem vornehmen Gaſte ſeinen Poleen**) ein, den ihr die Matroſen, als ihre beſten Freunde, heimlich in's Haus paſchen.“ „Gott erhalte ſie!“ ſagte Sir Lewis und wandte ſich wieder zum Brautpaar, um demſelben ſeine herz⸗ lichen Glückwünſche zu ſagen. Obgleich das feſtliche Mahl ſchon gehalten war, ſo mußte der Baronet doch dem gutgemeinten Drän⸗ gen des durch ſeine Ankunft noch mehr erfreuten Land⸗ Gemeiner Kartoffelbranntwein. **) Fein deſtillirter Liqueur. volks nachgeben und zu einer Collation in das Haus eintreten, wohin ihm Dunfvore folgte. Im geräumigen Zimmer des Wirthshauſes fand der neue Hochzeitgaſt bereits eine Anzahl Greiſe um einen Tiſch verſammelt, lauter achtunggebietende Ge⸗ ſtalten, ergraut und gebeugt von der Laſt der Jahre, der Arbeit und des Kummers, heute in freundlichem Geſpräche verkehrend mit dem hochwürdigen Pater Auguſtin OKelly, ihnen gleich an Alter und trüben Erfahrungen, wie an Ehrwürdigkeit der Erſcheinung. Der katholiſche Prieſter, ärmlich in Kleidung, wie ſeine dürftigen Beichtkinder, von deren milden Gaben er leben mußte, war heute von Bantry, ſeinem Wohn⸗ orte, herübergeritten; denn die ſonſt ſo rüſtigen Beine, die ihn ein halbes Jahrhundert weit in der Umgegend zu ſeinen Amtsfunctionen getragen hatten, hielten jetzt den Weg einiger Meilen nicht mehr aus, und ein etwas begüterter, frommer Pächter hatte ihn mit einem ebenfalls ſehr alten, halb blinden Gaule beſchenkt, der den Prieſter zum Troſt der Dörfler nun ſicher umher⸗ trug, und das Brautpaar hatte durch ſeine Hand die kirchliche Weihe empfangen; nun hielt ihn die Bitte der Vereinigten und die Geſprächigkeit der Alten zurück, und koſend blies er die blauen Wolken aus ſeiner Tabackspfeife, die einzige Labe ſeines nicht ſorgenfreien Alters. „Ich grüß' Euch mit Reverenz, hochwürdiger Herr!“ redete O'Donnel den Pater an, und dieſer hatte kaum von Michaul erfahren, wen er vor ſich habe, als er in froher Ueberraſchung ausrief:„Meinen beſten Segen auf Dein Haupt, getreuer Sohn der heiligen Mutter Kirche! O, es waren doch noch andere Zeiten, als die Herren von Lindſayhall der wahren Kirche ange⸗ hörten, und Ihr Vater, Sir Lewis, war ein eifriger, —— guter Katholik. Der Schloßkaplan, Pater Emerentius — Gott ſchenk ihm den ewigen Frieden!— war mein Freund, und oft ſpeiſte ich mit ihm an Ihres Vaters Tiſche; manche Flaſche alter Wein wanderte von Lind⸗ ſayhall in mein ärmliches Haus und befeuerte meinen Eifer für die unterdrückte Sache unſerer Kirche. Möch⸗ ten Sie in ſeine Fußſtapfen treten, Sir Lewis! Seit ein Proteſtant in dem Schloſſe wohnt, ſino meine Tage freudlos dahin gefloſſen.“ O'Donnel gab dem wehmüthigen alten Manne lächelnd die tröſtlichſten Zuſicherungen, und der Pater verſprach alle Segnungen ſeiner Kirche. Ein Tiſchtuch, noch eine Reliquie aus der Zeit, wo Michaul's Vater herrſchaftlicher Diener geweſen war, und das nur die Stelle der Tafel, wo das Brautpaar geſeſſen, bedeckte, war unterdeſſen von Brot⸗ krumen und andern Speiſereſten geſäubert und wieder⸗ um vor dem gefeierten Gaſte ausgebreitet worden, den man denſelben Platz, den ehrenvollſten am heutigen Tage, einzunehmen bat. Die Mutter der Braut, Frau Judy Leghan, brachte ſchnell einen friſch geröſteten Haferkuchen herbei; die Letztere, die ſchöne Moya, ſetzte unter vielen Ent⸗ ſchuldigungen,„dem edlen Herrn, deſſen Gaumen ſicher nur an ſaftiges Roaſtbeef und an andere vornehme Speiſen, von denen ihnen Mic oft erzählt, gewöhnt wäre, mit nichts Beſſerem aufwarten zu können“, eine große Schüſſel mit Weißkohl und gepökeltem Schweine⸗ fleiſche, ſo wie einen Teller voll der größten und aus⸗ erleſenſten jungen Kartoffeln vor, deren gelblich weißes Innere einladend durch die geborſtene Schale hervor⸗ blickte; und Michaul Dahna, der, hocherfreut, ſeinen jungen Herrn wieder einmal bedienen zu können, Hochzeit und Braut vergeſſen zu haben ſchien, ſtellte mit ehrerbietiger Verneigung einen großen Krug Spruce⸗ bier und einen mächtigen Tumbler Whisky, das Lieb⸗ lingsgetränk der Zrländer, neben die Schüſſel, indem er Seine Gnaden bat, ſich's nun gefallen zu laſſen, die Feier des Ehrentages armer Leute durch einen guten Appetit zu erhöhen. Jeder der Anweſenden ſuchte ſich durch eine kleine Dienſtleiſtung dem Sohne des ehemaligen Herrn ge⸗ fällig zu beweiſen. Die Alten tranken ihm eine Ge⸗ ſundheit nach der andern zu; die Jüngern ſangen unter Begleitung der Harfe und des Dudelſacks ihre kräf⸗ tigen, ſchönen Volkslieder vor dem Hauſe, und Sir Lewis fühlte ſich dald ſo leicht und froh unter den ehrlichen Landleuten, von deren aufrichtiger Liebe zu ihm er vollkommen überzeugt war, daß er alle Lei⸗ den und Trübſale ſeines Lebens vergaß und ſich mit ganzer Seele den Eindrücken der Freude hingab. „Nun erzählt mir, Ihr lieben Landsleute und Freunde,“ begann der junge Baronet, nachdem der erſte Sturm ihres lauten Entzückens vorüber war, „wie iſt es Euch ergangen, wie ergeht es Euch noch? Zwar hoff' ich eben nicht viel Gutes zu vernehmen, und der alte Lootſe John Boyle aus Dunmoore, der uns heimlich in unſer Vaterland hereingepaſcht hat, erzählte mir ſchon viel Trübes über Euere Verhält⸗ niſſe; aber ich will nicht allein Euere Freuden theilen, nein, ich will auch Euere Noth mit tragen helfen.“ „O, beſter Herr!“ ſeufzte Dunfoore,„wir wol⸗ len weder Ihnen noch uns den heutigen Tag mit Auf⸗ zählung der Uebelſtände, die uns drücken, verderben. Nein, Kleinod! Wir ſind froh, uns heute das Elend einmal einen Schritt vom Halſe geſchafft zu haben, das uns morgen um deſto wilder anfallen wird, wie ein heißhungriger, blutgieriger Wolf. Ach, Sir Lewis, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 2 3 5 Ihres ſeligen Herrn 2 den grauſamen Druck wie wir Alten, die wir s teilhofti wurden, der aus Sir Williams edlem Herzen Häuſer ſeiner Untergebenen floß; Gott vergelt' i dafür und ſchenk' ihm einen Sitz unter den heiligen Märtyrern! denn wahrlich, er iſt als ein Märtyrer für uns geſtorben, der geliebte Herr.“ Hier wiſchte ſich der alte Mann die Augen, aber gleich den ſeini⸗ gen waren alle andern naß geworden. „Lord Kildare iſt ein harter, unbarmherziger, grau⸗ ſamer Mann,“ ergriff ein anderer Greis das Wort; „er würde des ungeborenen Kindes nicht ſchonen, wenn ihm ſein gefühlloſer Richter verſicherte, daſſelbe ſei ihm Gefälle ſchuldig. Rauh und unmenſchlich gegen die Armen, iſt keine Ader eines Zrländers an ihm; denn unſer nraltes iſt: ſei freundlich gegen die Armen. Wenn er dann ein heißes Blut zur tol⸗ len Verzweiflung gebracht, dann denunciirt er jedes Vergehen deſſelben und läßt die bravſten Burſche hängen. So hängt jetzt Thaddy Agrvom auf der Heide, der den ſchändlichen Pachter des Lords, ein wahres Kieſelherz, erſchlagen, von beiden erſt auf das furcht⸗ barſte gereizt und gekränkt. Das Bischen Wohlſtand, das die Güte Ihres Herrn Vaters in unſere Hütten gebracht, iſt lngſt verſchwunden. Lord Kildare, ſein Verwalter und ſeine Pächter und die iſc Pfarrer, die Gott verdammen möge, weil ſie mit der roheſten Fühlloſigkeit den Zehnten von allem, was wir anſehen, abnehmen, nein rauben, haben uns zu elenden Bettlern gemacht.“ Jetzt waren die Schleußen gezogen, und die bit⸗ terſten Klagen ſtrömten vom Munde der guten Leute; —— 19 herzzerreißende Geſchichten wurden e Pater OKelly ergänzt und b ſchauderte vft bei Anh nen Gewaltthätigkeiten. benn der Himmel nicht einen Engel der Milde und Barmherzigkeit in des Lords Haus geſandt hätte“, ſprach Dunfoore,„ich weiß nicht wie viele von uns ſchon am Galgen ihr armſeliges Leben ausgehaucht hätten. Aber was der Lord und ſeine beiden ſchänd⸗ lichen Kebsweiber Böſes an uns thun, das thut Miß Eliſabeth, ſeine treffliche Tochter, Gutes. Die heilt im Stillen manche Wunden, die uns Habgier und Hartherzigkeit geſchlagen. Glauben Sie, ich wäre ſchon lange aus meiner elenden Pachtung gejagt, wenn ſie nicht wäre. Gott ſegne die Edle dafür!“ „Gott ſegne Miß Eliſabeth!“ riefen alle einſtim⸗ mig.„Ja, Gott ſegne ſie! Obgleich ſie i6 eines Proteſtanten aufgewachſen iſt, ſo ſegne der Gott, der unſere Kirche beſchützt, und aß 3 gen ſtehen ihr bei!“ fügte der Pater mit hinzu. O'Donnel bengte ſein Haupt tiefer, Purpurröthe zu verbergen, die ſein ſchöne überzogen hatte, und achtete nicht auf die inhalt ren Worte des Paters, ſo wie kein anderer Stube. Man merkte bald, daß Sir L haltung au rzählt und vom eſtätigt, und Sir Lewis örung der dem Volke angetha⸗ * 8 * Lewis die er f einen andern Gegenſtand zu bringen wünſche, indem er ſich raſch zu Dunfvore mit der Frage wandte:„Was iſt aus Deinen Kindern ge⸗ worden, Sam?“ „Danke der Nachfrage! Der älteſte, Brine, iſt, wie Sie vielleicht noch wiſſen, ein Weber und wohnt in Bantry. Aber die iriſche Fruchtbarkeit hat ſein Haus heimgeſucht; ſein Weib hat ihm zehn Kinder geboren, die er, da er ſie durchaus nicht ernähren kann, betteln ſchicken — 20 muß. Der zweite, Shamus, iſt ebendaſelbſt Fiſcher es geht ihm nicht beſſer. Der dritte iſt Matroſe, der vierte Soldat des Königs. Den jüngſten hab ich noch bei mir; er iſt ein Feldbauer und ſoll meine . ärmliche Pachtung nach meinem Tode übernehmen, wenn ſie mir der Pächter des Lords nicht früher a nimmt und mich aus der Hütte jagt, wozu ich aller⸗ dings die beſte Ausſicht habe. Die Mädchen ſind theils an arme Schlucker verheirathet, wie ich ſelbſt bin, und es geht ihnen elend, wie mir; theils dienen ſie auf Pachthöfen und in der Stadt. Meine neun Kinder haben mich bereits zum Großvater von ſieben und vierzig Enkeln gemacht, und doch iſt erſt die große Hälfte verheirathet. Kommen die andern auch zum Eheſtand und folgen ihren Geſchwiſtern nach, und dieſe ſelbſt fahren ſo fort, ſo kann ich— wenn mir Gott gur noch ein Dutzend Jährchen ſchenkt, die Ehre er Großvater von hundert menſchlichen Weſen von denen ich keines mit einem Penny zu er⸗ Stande bin.“ e's frohe Laune ſteckte auch die Andern ie Männer, die wenige Minuten vorher un⸗ unerträglichen Druck des gemeinſamen Ge⸗ cs tief und ſchmerzlich aufgeſeufzt hatten, lachten jetzt wieder aus vollem Halſe über ihre Noth und leerten die Schnapsflaſche im Kreiſe auf das Wohl der hundert Enkel Dunfoore's. „Mie,“ wandte ſich ODonnel nun an den Bräu⸗ tigam,„ich vermiſſe Deine Mutter unter den Gäſten. Lebt ſie vielleicht nicht mehr?“ „Sie lebt noch, Sir, aber ſie iſt ſeit einem hal⸗ ben Jahre bettlägrig, und alle Kräfte haben ſie ver⸗ laſſen. Peppy's, der Heideſchenkwirthin, Arzneikunſt wird an ihr zu Schanden, und die alte Kräuterköchin meinte, die Kranke werde dieſen Herbſt noch ſchlafen gehen. Sie iſt ſeit der Geburt meines jüngern Bru⸗ ders ſchwach und elend geblieben und hat, wie Sie wiſſen, keine Kinder weiter geboren; ſeit dem unglück⸗ lichen Tage, wo unſre Väter fielen, hat ſie aber den Reſt und ſchlich die Jahre her wie ein Schatten.“ „Wo iſt Dein Bruder? Hieß er nicht Andy?“ „Ew. Herrlichkeit zu dienen! Hier ſteht er hinter Ihnen, das bleiche, ſchmächtige Flachshaar, und be⸗ trachtet Sie mit Wohlbehagen.“ „Gieb mir die Hand, Andy!“ redete der Baro⸗ net den hochaufgeſchoſſenen ſechzehnjährigen Burſchen an,„und werde ſo treu und ſo feſt wie Dein Vater, ſo mild und gut, wie Deine Mutter!“ „Das will ich mit Gott!“ verſetzte Andy, Thrä⸗ nen in den blauen Augen, und ſchlug herzhaft ein. Sir Lewis fuhr nun fort, mit theilnehmender Herzlichkeit nach den Familien⸗Umſtänden der Andern zu fragen, die um ihn her ſaßen, und die er vertraulich beim Taufnamen nannte, und gern berich⸗ teten die heiter und geſchwätzig gewordenen Len Sohne ihres ehemaligen Herrn die Veränderungen, die ſich während ſeiner Abweſenheit im Dorfe und in der Umgegend zugetragen hatten. Endlich richtete Michaul Dahna das Wort an den Baronet:„Nehmen Sie es nicht übel, Sir Lewis, wenn unſere treue Ergebenheit an Ihr Haus mir nun auch die Frage auspreßt, wie und wo ſich Ihre verehrten Geſchwiſter befinden, Miß Valentine, Miß Suſanne, Sir Oliver und Sir George, der am Tage des Unglücks, der uns unfre beiden Väter raubte, noch in der Wiege lag.“ „Ich habe dieſe Frage von Dir erwartet, gute Seele,“ verſetzte O'Donnel,„und ich thue Dir gern 22 darauf Beſcheid. Valentine iſt mit Sir Dunbarton, Major in der Armee Sr. Majeſtät unſers Königs, verheirathet und bereits Mutter mehrer Kinder; Su⸗ ſanne lebte zeither fern von mir, bei unſerer Tante in Paris, und hat ſich, wie ſie mir kurz vor meiner Abreiſe aus Franfreich meldete, mit einem Hauptmaun der ruhmgekrönten Armee der Republik verlobt, ohne mir deſſen Namen zu nennen. Du kennſt ſie ja, das wilde, flüchtige Weſen; ſie hat's in der Eile vergeſſen. Oliver iſt Seekadet bei der franzöſiſchen Marine, ein an Körper und Geiſt kräftiger Junge, und den Georg habe ich wieder mit über den Kanal gebracht, damit er das Land ſeiner Väter kennen lerne. Er ſoll nach Dublin auf das College. ch habe den blondlockigen Knaben mit meinem Reitknecht auf der Landſtraße vorausgeſchickt, damit ſie in Greenlodge meine Ankunft. beim alten Kaſtellan verkündigen, während ich vom Schiffe ſteigend, das uns mit Hülfe des alten John Bohle heimlich wie Diebe in unſer Vaterland brachte, ſogleich, als wir in der Dingle⸗Bai landeten, den Ab r zu Euch herüber machte, wie mir mein Herz vorſchrieb.“ „St. Patrik und der heiligen Jungfrau Segen über Sie, edler Herr!“ jubelten die Männer. „Da iſt der alte John Boyle auch ſchon!“ rief Andy Dahna, hinauszeigend;„ſie trinken ihm draußen wacker zu, und er leert die Krüge auf Ihre Geſund⸗ heit, Sir O'Donnel!“ S„Ruf, ihn herein, die brave iriſche Haut!“ Auf Andy's Ermahnung trat ein alter ſtämmiger Seemann in die Stube, braungebrannt von der Sonne, mit gebleichtem Haar, aber kräftiger Haltung. „Das nenn' ich Glück, Sir“ wandte er ſich gleich an den Baronet.„Ihr tretet an die Küſte, und ſchon empfängt Euch Hochzeitjubel. Hab' ich doch ſelbſt nichts davon gewußt, bin drei Wochen abweſend und wäre heute noch nicht ſo nach meinem einſamen Landneſte geeilt, wenn ich nicht noch ein Stündchen mit Euch in der Mitte einiger Freunde zu verplaudern gewünſcht hätte. Nun treffen wir ſie hier alle fein fröhlich beiſammen. Gott ſegne Irland! Es iſt doch voll braver, luſtiger Leute.“ Die Andern thaten Beſcheid, und Sir Lewis blieb nicht zurück. Der alte geſprächige Lootſe brachte allerlei Neuig⸗ keiten von ſeinen dreiwöchentlichen Excurſionen mit und hatte bald einen Kreis neugieriger Zuhörer um ſich verſammelt. 2 zum Frahe des Uaters. O'Donnel war ſchon gleich nach ſeiner Ankunft unter den Hochzeitern ein ſchönes, etwas blaſſes, aber edelgeformtes Mädchengeſicht aufgefallen. Die feine ſchlanke Geſtalt entſprach dem Geſichte. Zwar war ſie gleich allen Uebrigen in die ärmliche Tracht der Dörferinnen gekleidet, aber dennoch ſah ſie vornehmer darin aus; ihr ganzes Weſen hatte etwas Ausgezeich⸗ netes, Ungewöhnliches. Es war Sir Lewis nicht entgangen, daß die rei⸗ zenden Blicke des Mädchens nicht von ihm gewichen waren, daß die Liebliche ſich ſogar mit in die Stube gedrängt hatte, von einem Winkel aus ihn ſtets be⸗ 24 obachtete und jedes ſeiner Worte mit einer gewiſſen Gier der Aufmerkſamkeit zu verſchlingen ſchien. Sie hatte alle Aufforderungen zum Tanze ausgeſchlagen, jedes Geſpräch verſagt, ſich mit gar nichts weiter ein⸗ gelaſſen, augenſcheinlich nur, um ſich ganz ungeſtört und ungetheilt dem Gegenſtande zu widmen, der ſie in ſo hohem Grade intereſſirte. Lewis zog endlich Michaul's Ohr an ſeinen Mund und fragte leiſe, wer das liebliche Mädchen dort in der Ecke ſei. Sie hatte den Sinn der Frage ver⸗ ſtanden; denn plötzlich wandte ſie das wie vom grell⸗ ſten Wiederſcheine des Abendroths überpurpurte kleine Geſicht ab. Der Bräutigam aber verſetzte leiſe:„Es iſt die einzige Tochter des alten Seelöwen O'Neil, des einäugigen Lootſen Evans. Sollten Sie ihn nicht kennen? Nein, nein! Er hat ſich erſt ſeit Ihrer Abwe⸗ ſenheit mit der ſchönen Tochter hier niedergelaſſen. Er hat zwar ſchon früher hier gewohnt; da ſind wir beide aber noch ſehr jung geweſen.“ „Ganz recht! Aber einäugig war er nicht.“ „Er hat das rechte Auge auf ſeinen weiten See⸗ reiſen verloren; über ſechzehn Jahre iſt er zu Waſ⸗ ſer geweſen und hat ſeltſame Schickſale erlebt. Vor einigen Jahren kam er mit dieſer ſeiner Tochter wie⸗ der hierher, kaufte ſich ein Häuschen und nährt ſich ſeitdem als Lootſe, wie ſo viele Andre. Er iſt ſo häßlich entſtellt, daß ihn faſt Niemand mehr kannte. Man ſpricht auch von der Sally, ſo heißt das Mäd⸗ chen, mancherlei, was ich aber auf keinen Fall nach⸗ reden würde. Sie iſt brav und gut, hat nur ein et⸗ was lebhaftes Temperament.“ Das Letzte hatte Lewis eben nicht bemerkt, denn ſo lange er ſie kannte, war ſie wie auf eine Stelle gebannt, ihr liebliches Geſicht ihm zugekehrt. 25 „Eine O'Neil und ein O'Donnel hier beiſam⸗ men!“ ſagte er feierlich.„Sproſſen zweier ächt iri⸗ ſchen Familien, die einſt die reichſten und mächtigſten in dieſem Lande waren, als es noch blühend und glücklich war. Ach, das iſt lange her, und jene bei⸗ den Namen ſind arm und unbedeutend geworden! Dort ſitzt ſie, die Arme, die von Rechtswegen die Erbin eines großen Fürſtenthums ſein müßte, von der Natur durch Adel und Schönheit der Geſtalt eine große Rolle zu ſpielen, beſtimmt, von britiſcher Geldgier beraubt und in die Hefe des Volks hinabge⸗ ſtoßen! O England, wann wird über dich die Ver⸗ geltung kommen!“ „Sie iſt ein Liebling der Miß Eliſabeth Kildare,“ fügte Michaul noch hinzu,„und iſt oft bei derſelben drüben in Lindſayhall.“ „Edles wird von Edlem angezogen,“ ſagte Le⸗ wis mehr zu ſich, als zum Bräutigam und ſtand auf, ging zu Sally, faßte ihre Hand und ſagte ge⸗ rührt:„Schöne Sally O'Neil, laß Dir die Verſi⸗ cherung geben, daß ich Dein warmer Freund bin und nichts mehr wünſche, als Dir gefällig zu ſein. Unſere Häuſer waren einſt vielfach verſchwägert und ver⸗ zweigt, und ſo begrüß' ich Dich als mein Bäschen.“ Sally wollte antworten, aber ein Thränenſtrom erſtickte ihre Stimme. Schluchzend warf ſie ſich der Braut an die Bruſt. Als ſie ſich gefaßt hatte, trat ſie herzu und dankte in gewählten Worten für die gütige Theilnahme des Baronets für ein armes Kind, wie ſie ſich nannte; und Lewis trug ihr die freund⸗ lichſten Grüße an ihren Vater auf. Unvermerkt hatte ſich unterdeſſen der Abend ein⸗ gefunden und legte ſich kühlend auf die erhitzten Hoch⸗ zeitgäſte. —— 26 „Es iſt Zeit, daß ich aufbreche,“ ſagte Sir Le⸗ wis zu Michaul;„denn noch habe ich eine heilige Pflicht meines Herzens zu erfüllen; ich will das Grab meines Vaters beſuchen.“ Sally hatte auch dieſe Worte verſtanden und war einen Augenblick darauf aus der Stube verſchwunden; und vergebens ſuchte ſie ſpäter auch draußen des Baronet's Auge. Dieſer leerte ſeine Börſe und ver⸗ theilte den Inhalt derſelben an die ihn Umgebenden, wofür ſie ihm hocherfreut des Himmels und aller Heiligen beſten Segen wünſchten. „Da wir mehre Meilen einen Weg haben, ſo würde ich Sie gern, vorzüglich über die Berge, be⸗ gleiten, Sir Lewis,“ ſprach der Pater O'Kelly zu dem Baronet, als dieſer ſein Pferd vorführen ließ,„aber meine alte, gutmüthige Roſinaute würde mit ihrem fünken Araber gleichen Schritt zu halten ſich verge⸗ bens bemühen; ſo will ich denn warten, bis der Voll⸗ mond ganz helles Licht wirft, und bis dahin noch ei⸗ nen Krug trinken. In der Heideſchenke bei Mutter Peppy ruh' ich dann ein wenig und bin um Mitter⸗ nacht zu Hauſe.“ Lewis beurlaubte ſich von dem Prieſter und ge⸗ lobte ſeiner bald zu gedenken. Samuel Dunfoore und Michaul Dahna ſtritten ſich, wer den geliebten Herrn über die Heide begleiten ſollte; endlich verglichen ſie ſich, beide mit zu gehen, und wirklich ließ der Letztere Braut und Gäſte im Stiche; aber es fiel Niemand ein, ihm deshalb zu zürnen. Nachdem O'Donnel Allen die Hand zum Ab⸗ ſchiede gereicht hatte, ritt er langſam, rechts und links einen Begleiter, die Hüttenreihe hinab, und eine tiefe Wehmuth zog in ſeine Seele ein, indem er 27 des Dörfchens Vergangenheit mit deſſen Gegenwart verglich. Ganz am Ende des Weilers führte eine baufäl⸗ lig gewordene Brücke über einen Bach, der kaum be⸗ ruhigt nach jähem Sturze von einer ſteilen ſüdweſt⸗ lich dicht hinter Dunmoore ſich erhebenden Felswand, die Teufelsmauer genannt, anfänglich noch ſchäumend und rauſchend über die im Laufe der Zeit in ſein Bette hinabgeſtürzten Felsſtücke in die Ebene fluthet, bis er allmählich ſtill und geheimnißvoll, wie die Geiſter des weiten ſchweigſamen Moorgrundes, welcher die Feld⸗ mark von Dunmoore von dem das Schloß Lindſayhall umgebenden Parke trennt, im weichen, gehaltloſen Bo⸗ den unter Schilf und Binſenkraut dahinzieht. Links von hier ſchweift der Fahrweg, faſt in der Ausdehnung einer engliſchen Meile, dicht an der Teu⸗ felsmauer vorüber, nach dem Herrenhauſe hin, und vereinigt ſich dort, indem er ſich um einen Theil der Parkbefriedigung ſchlängelt, mit der Landſtraße. Rechts läuft in kürzeſter Richtung nach einer Hinterpforte des Parks einer der vielen Pfade, die ſich durch das Moor und die Heide winden, bald ſichtbar, bald durch hohes Kraut und einzelne kleine Erhöhungen verſteckt, auf denen man über die gefährlichſten Stellen hinweg ge⸗ langt, die aber auch nur von den Ortskundigen mit Vortheil benptzt werden können. O'Donnel unterhielt ſich mit ſeinen Begleitern von der glücklichen Vergangenheit, wofür jeder Gegen⸗ ſtand umher ihm heitre Jugenderinnerungeu bot. Ue⸗ ber die Heide war er ſo oft mit Dunfoore im wilde⸗ ſten Galopp geritten, am Bache hatte er faſt täglich mit Dahna geangelt, und mit beiden oder allein hatte er in dieſer weit ausgedehnten Oede nach Schnepfen oder Waſſerhühnern gejagt. Von ſeinen treuen Poin⸗ 28 tern begleitet, war er ſtets ſo ſicher durch das Ge⸗ winde dieſer labhrinthiſch ſich kreuzenden Pfade bei Nacht und Nebel gewandert, jene dichten Nebel, die ſich im Frühling und Herbſt in düſtern Maſſen auf dem Moore lagern. „Nimm mein Pferd, Mic!“ ſagte der Baronet raſch abſteigend, als ſie an jenen Pfad gekommen wa⸗ ren.„Mir ſelbſt unbegreiflich, zieht mich das ein⸗ ſame Moor ebenſo mächtig an, als in früherer Zeit, wo Du oder Dein guter Vater mir mit den Hunden binüberfolgtet. Ich erkenne grade in dieſem Augen⸗ blick im Glanze des aufgehenden Mondes jeden alten Weidenſtumpf, jeden kleinen Hügel, jede Lache, wo Greif oder der luſtige Aladin mir ein Huhn oder eine Ente apportirten. Aber auch den Teich erkenne ich, wo Du, ehrliche Seele, um mir zu dienen, oft bis unter die Arme in Sumpf verſankſt beim Auf⸗ ſtören der Waſſervögel, oder um die Hunde auf die richtige Fährte zu bringen.„Siehſt Du dort unten den hohen Steg zwiſchen den beiden niedergedrückten Weidenbäumen, wo ich in Verfolgung der Fiſchotter — es ſind jetzt zehn Jahre— ſicher ertrunken wäre, wenn Du, damals ſelbſt noch nicht viel ſtärker als ich, mich nicht mit Gefahr Deines Lebens herausge⸗ holt hätteſt! Auch dergleichen vergeſſe ich nimmer, mein treuer Dahna!“ „Zehn Leben für Sie, theuerſter Sir, wenn ich ſie hätte!“ unterbrach ihn des Parkwärters Sohn, „und zehn andere, beim heiligen Patrik! für den bra⸗ ven alten Herrn, Ihren Herrn Vater, wenn ich ihn damit in's Leben zurückrufen könnte. Fluch, Schande und Verderben über ſeine Mörder, über den Mörder auch meines alten guten Vaters, über den Mörder Ihres ganzen Lebensglücks, Sir!“ 29 „Daß ſie Gott verdamme, die Schurken, mit ihrem Anführer, der ſich's jetzt bequem macht in Lindſayhall!“ ſtimmte Dunfvore, die Fauſt nach der Richtung des Schloſſes ballend, ein. „Still, ſtill, meine guten Menſchen!“ unterbrach O'Donnel die Verwünſchungen ſeiner Begleiter.„Stört nicht den Schatten des theuern Mannes, der dort drüben ſchlummert. Ueberlaßt die Rache dem ewigen Gotte, der den Mörder finden wird, wenn es in ſei⸗ nem unerforſchlichen Rathe ſo beſchloſſen iſt. Schweigt jetzt davon! Ihr könntet mich ſonſt wankend machen in dem Vorſatze, die Wiege meiner Kindheit noch ein⸗ mal zu ſehen und einen letzten Blick auf des frommen Vaters Grab zu werfen, das ihm die Mutter unter dem Dome der hohen Linden und Ulmen auf der Höhe des Parks bereitete, wo der Selige ſo gern weilte und ſich ſo glücklich fühlte, wenn ihm Dein Vater gerührt den Dank der einen oder der andern Familie brachte, deren Elend er gelindert oder denen er doch wenigſtens Troſt geſandt hatte.— Laßt mich allein gehen, und harret meiner an der Heideſchenke.“ Mit dieſen Worten gab er den beiden Irländern noch ein Zeichen, den Fahrweg zu verfolgen, während er ſelbſt mit ſchnellen Schritten den Fußweg über die Heide einſchlug. Düſter und ſchweigend, wie ein unſeliges Geheim⸗ niß, lag die Heide, in die aufqualmenden Nebel ge⸗ hüllt, vor des tiefſinnigen Wandrers Blicken aus⸗ gebreitet, und der bleiche Geiſterblick des Vollmondes ſtreifte ſchwermüthig über die öde Fläche, unfähig, das Geheimniß zu entſchleiern, vielmehr geſchickt, es durch ſtellenweiſe unbedeutende Enthüllungen nur noch unlösbarer mit magiſchen Zauberfäden zu überſtricken. Wirklich war der weiße, glanzloſe Mondſchein auf —— —— 30 den niedrigen, am Boden feſtgeballten Nebelmaſſen, aus denen nur einzelne höhere Büſche und hie und da ein ragender Steinpfeiler, umſiedelt von ſchauer⸗ lichen Sagen und Geſchichten, in der Ferne die Felſen⸗ ſtirn der Teufelsmauer und auf der andern Seite das Giebeldach der einſamen Heideſchenke und der ver⸗ fluchte Baum des Galgens geſpenſterhaft auftauchten, von unbeſchreiblicher Wirkung. In geringer Entfer⸗ nung ragten die ſchwarzen Caba⸗Berge recht grauenvoll düſter über die Heide empor. Bald langſamer, bald ſchneller ſchritt der junge Mann über den weiten Tummelplatz ſeiner Jugend, und alle die ſeltſamen Dichtungen, die ihm früh aus des Volkes Mund ge⸗ tönt und womit der geiſtesrege Jrländer ſo freigebig ſeine Sümpfe, Heiden, Berge und Hügel ausſchmückt, fielen ihm bei; doch durch das dunkle Laubgewinde der abenteuerlichen Sage, zu welchem jeder Stein, jede Erhöhung oder Vertiefung, jede Bach⸗ oder Weg⸗ krümmung ein Blatt lieferte, zogen ſich die hellen duftenden Blumen ſchöner Jugenderinnerungen, welche dieſelben Gegenſtände lieferten. Mehr finſter als wehmüthig geſtimmt, trat er endlich an die Pforte des Parks und ſchritt durch die herbſtlich gefärbten Laubgänge einer Höhe zu, von welcher ihm unter einer hohen Baumgruppe, die in das melancholiſche Mondlicht gehüllt war, das die Feierlichkeit eines ſolchen Ortes noch um ein Großes vermehrte, der weiße Marmor entgegenſchimmerte, unter dem die irdiſchen Reſte ſeines Vaters ruheten, wäh⸗ rend am Ende des zum Monumente führenden Haupt⸗ weges die Thürme und Zinnen des gothiſchen Schloſſes ſichtbar wurden. Lange weilte ſein düſtrer Blick auf dem einfachen Denkmale. Da überwältigte ihn plötzlich der ſchmerz⸗ 31 liche Gedanke, daß es nicht einmal der Mutter, die aus ihrem Eigenthum vertrieben, fern von hier ihr einſames Grab gefunden, vergönnt ſei, an der Seite des Gatten im eiſernen Todesſchlaf zu liegen, und die bisher behauptete Faſſung ging unter in der Gewalt des reinen kindlichen Gefühls. An den kalten Stein niederſtürzend, betete er lange und inbrünſtig, und aus den dunkeln Gipfeln der Bäume rauſchte es herab, als ob der Geiſt ſeines Vaters ihm Gewährung zuflüſterte. Mit Thränen im Auge erhob er ſich und mit wehmüthiger Sehnſucht nach dem Verlorenen ſtreckte er, einen leiſen Klaglaut ſtöhnend, noch einmal die Hände gegen das Schloß ſeiner Väter aus, dann ſchritt er mit geſenktem Haupte langſam die Stufen hinab. Doch ſein Fuß haftete plötzlich, wie an den Boden gewurzelt. In geringer Entfernung von ihm erhob ſich eine ſchlanke, weiße Geſtalt, die auf ihn zuwankte. Sein Athem ſtockte; er erkannte die Jugend⸗ geliebte. Seine Verwirrung, ſein Schmerz erreichten den höchſten Grad, als ihm das bleiche Mädchen, unter Thränen ſchmerzlich lächelnd, näher trat, ihm die Hand reichte und zitternd die einzigen Worte, die ſie hervorzubringen vermochte:„Lewis, mein Lewis!“ entgegenhauchte. O'Donnel drückte die dargebotene Hand leiden⸗ ſchaftlich an ſein ſtürmiſch bewegtes Herz und rief: „So müſſen wir zufällig zuerſt an dieſem Ort uns wiederſehen, meine Eliſabeth! Welch ein Wieder⸗ ſehen nach wenigen Jahren, in denen das Schickſal ſoviel des Schrecklichen über uns verhängte!“ „Nicht zufällig, mein Freund!“ verſetzte die Dame. „Nicht ein Ungefähr führt mich hier am Grabe Dei⸗ nes Vaters, das ich ſo oft beſuche, mit Dir zuſam⸗ men, ſondern mein Wille, meine Sehnſucht, Dich zu S 32 ſehen, Dich am Tage Deiner Ankunft in Irland zu begrüßen an dieſem Orte der ſchmerzlichſten Erinne⸗ rungen für uns beide.“„ „Wie? ſo wußteſt Du von meiner Ankunft? Ja es war Dir ſogar nicht unbekannt, daß ich hierher, an dieſe Stelle, dieſen Abend noch kommen würde?“ fragte Lewis höchſt erſtaunt. „So iſt's, mein Lieber! Dies Räthſel wird ſich Dir löſen, wenn ich Dir ſage, daß Sally ONeil, der unglückliche Sproß einer Familie, der einſt mei⸗ nes Vaters meiſte Beſitzungen im Süden der grünen Inſel gehörten, mir treu ergeben iſt, und ich in ihr, ſeit ſie nach langer Abweſenheit nach Dunmoore zu⸗ rückgekehrt iſt, eine edle Freundin gefunden habe, der mein Herz jedes Geheimniß, jedes Gefühl zu offen⸗ baren ſich gedrungen fühlt. Sally iſt alſo auch mit dem großen Glück und dem noch weit größern Unglück unſerer Jugend bekannt, und ihre theilnehmende Bruſt ſehnte ſich lange ſchon, Dich perſönlich kennen zu ler⸗ nen. Dies iſt heute der Fall geweſen; aber kaum hörte ſie aus Deinem Munde, daß Du Deines Vaters Grab noch dieſen Abend beſuchen wollteſt, als ſie das Hochzeithaus verließ und mit der Schnelle eines Rehes über das Moor nach Lindſayhall herübereilte, um mir Deine Ankunft und Dein Vorhaben zu verkünden. Ich zögerte keinen Augenblick, dieſe koſtbare Gelegen⸗ heit zu benutzen; Sally hat mich hierher begleitet; im Schatten jener Bäume haben wir Dich erwartet und— mit Dir gebetet, gebetet für die Ruhe deſſen, der da unten liegt, und für Dein Wohl, mein theurer Jugendfreund.— Und nun ich Dich geſehen, Du edler Mann, iſt mir das Herz weit aufgegangen, und ſelige Ruhe hineingezogen und Stärke, von Dir Ab⸗ ſchied zu nehmen, Abſchied für dieſes Leben.“ 33 „Betty!“ rief O'Donnel ſchmerzlich. „Wir dürfen uns doch nicht wiederſehen, Lewis. Du weißt es warum; ich wage es nicht auszuſprechen, aber es brennt, ein feuriger Schmerz, in meiner Seele; wir müſſen für dieſes Leben ſcheiden; denn wenn wir uns auch ſpäter begegnen, ſehen, ſprechen ſollten, ſo können und dürfen wir nicht die Alten ſein. Jetzt, hier trennen ſich die liebenden Herzen. Wir wollen unſere Jugend und das ſüßgeträumte Glück einer ſo viel verſprechenden Zukunft in das Grab Deines Va⸗ ters legen.— Weine, weine nur! Nie darfſt Du dieſe Hand mehr faſſen, ein blutiges Geſpenſt drängt ſich zwiſchen uns; es heißt Mord! Schaudere und verlaß mich. Aber der Ort, wo der Gemordete, Dein edler Vater, ruht, den ich ſeit früheſter Kindheit als den meinigen zu ehren gewohnt war, heiligt unſern Abſchied, verſöhnt den Schatten des Mannes, der für eine gute Sache fiel, und bringt“— hier ſank ihre Stimme zu kaum vernehmbaren Lauten herab— „vielleicht auch meinem unglücklichen Vater den lang⸗ entbehrten Lebensfrieden wieder, wenn es noch mög⸗ lich iſt.—— Und nun, theurer Lewis, Gefährte meiner Iugend, einziger Freund, Mann meiner heißeſten Liebe! verlaß mich jetzt, ich flehe es als eine Wohl⸗ that von Dir, die Du mir nicht verſagen darfſt. Was das ſchreckliche Verhängniß hier trennte, wird der gütige Vater oben liebreich wieder einen, wenn Du nicht etwa ſelbſt durch den unſeligen Gedanken an Rache alle Bande, die uns feſthalten für ewige Zeiten, ſchon hier auf Erden zu trennen beabſichtigſt. O Lewis, keine Rache an meinem unglücklichen Vater!“ Schwer aufathmend warf O'Donnel einen Blick auf das Monument, welches ſich im Strahle des auf⸗ ſteigenden Vollmonds, wie von einer Glorie umgeben, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 8 34 über ihm erhob; dann zog er die, nach ihren letzten Worten ſich ganz ihrem Schmerz hingebende Geliebte mit der Linken an ſeine Bruſt, während er die Rechte zum Schwur erhob, drückte einen Kuß auf die kalte Stirn der ſchönen Jungfrau, die gleich einer geknickten Lilie langſam auf die Bank zurückſank, und ſagte mit feierlicher Stimme:„Keine Rache an Deinem Vater! ſo ſchwört ein O Donnel einem Engel. Du hörſt es, Vater über den Sternen!“ Raſch that er dann einige Schritte auf dem aus dem Park führenden Wege vor⸗ wärts; doch noch einmal wandte er ſich zurück, breitete die Arme aus nach dem letzten theuerſten Weſen, welches er jetzt auf ewig zu verlieren im Begriff war. Er ſah ſie troſtlos weinend in Sally's Armen liegen, und die Mondnacht goß alle ihre wehmühtigen Schauer über ſein Herz.„Keine Rache, meine Eliſabeth!“ wiederholte er noch einmal mit leiſer Stimme und war gleich darauf in der Dämmerung und im dichten Gebüſche des Parks 3. In der Heideſchenke. Ein altes, ärmliches Haus mit ſchadhaften Lehm⸗ wänden und geringem Gehöft ſtarrt, wie ein ergrau⸗ ter Wächter des einſamen Moors und deſſen Geheim⸗ niſſe wohl kennend, aber nicht verrathend, aus dem Nebelmeer der Heide empor und dehnt ſeine baufälli⸗ gen Giebel und ſeinen eingeſunkenen Firſt dem Mond⸗ licht entgegen, das das Moos des Daches und die 35 verwitterten Sparren mit ſeinem elfenfarbigen Zauber überkleidet und durch Ritze und offene Dachlöcher, gemeinſchaftlich mit dem vom Meere herüberfahrenden Winde, in das Innere dringt und dort auf zerbröckel⸗ tem Boden, an ſchwarz geräucherten Wänden und an zerbrochenem, elendem Hausrath gaukelhaften Spuk erregt. Vor der geſchweiften Thüre, über welcher das iriſche Wappen als Schild in einem dem Gebäude ſelbſt angemeſſenen Zuſtande hängt, führt Michaul Dahna das Pferd des Baronets hin und her, wäh⸗ rend Dunfvore, einen Krug Ale in der Hand haltend, dem jungen Ehemanne auf Sir Lewis Wohl zutrinkt. Beide waren dabei in eifriger Unterhaltung mit eini⸗ gen Männern begriffen, die, über die untere Hälfte der Hausthür gelehnt, die Bewegungen des ſchönen Thieres mit Kenneraugen verfolgten; und ſo wurden ſie ODonnel nicht eher gewahr, bis das treue Roß, als eben ſein Führer nach einer Wendung wieder Halt vor der Thüre gemacht hatte, hell aufwieherte und durch Scharren und muthige Sätze ſeine Freude über die verzögerte Ankunft ſeines Reiters an den Tag legte. Nicht wenig waren der Alte und der junge Burſche überraſcht, Sir Lewis, der noch vor kaum einer Stunde, ſo frendig ergriffen von den Erinne⸗ rungen an die Ingendzeit, mit ihnen geplaudert hatte, bleich und in ſich verſunken zu erblicken. Der neu⸗ gierige Dunfoore hatte große Luſt, ſich nach der Ver⸗ änderung zu erkundigen; aber O'Donnel ſchnitt ihm jede Gelegenheit zum Nachforſchen dadurch ab, daß er die Zügel aus Dahna's Händen nahm, ſich aufſchwang und mit den Worten dem Gebirge zu ſprengte: „Ihr wißt mich nun zu finden, Du, mein guter Junge, und Du, alter Kauz, wenn Euch vornehme 3* 36 Nichtswürdigkeit das Leben zu heiß macht, ſo daß Euch das Feuer an die Nägel brennt.“ Michaul ſchaute noch lange in die Gegend, von wo die vom Hufe des dahineilenden Roſſes dem hart⸗ 1 geſtampften Kieswege entlockten Funken aufſprühten, 3 und wollte eben, nachdenklich den Kopf ſchüttelnd, dem alten Dunfoore und den Männern, mit denen ſie ſich unterhalten, in das Haus folgen, als er den Pater D'Kelly, deſſen würdige Hand ihn heute eingeſegnet „ langſam heranreiten ſah. Schnell ſprang der gefällige Burſche zurück, begrüßte den Prieſter ehrerbietig und 3 half dem Greiſe von dem ſteifen Gaule herab, band 3 2 das Pferd an, verſorgte es mit einigem Futter und 3 trat an Dunfoore's Hand hinter dem Pater in das geräumige Wirthslocal. Hausflur, Küche und Wohn⸗ ſtube waren durch keine Wand getrennt, ſondern gin⸗ gen bequem in einander über; ja die Breterwand, welche den Behälter für verſchiedene Hausthiere ab⸗ ſchloß, war im Laufe der Zeit ſo abgängig und wan⸗ delbar geworden, daß die Einwohner des Stalls ihre borſtigen Köpfe grunzend durch die Spalten und Löcher ſteckten, um dem in ihrer Nähe liegenden Abgang von 3 Knochen, Kartoffelſchalen und andern Speiſereſten aufzuleſen. Am dampfenden, halb eingefallenen Steinherde an der Hinterwand des Zimmers ſaß die alte Eigen⸗ 6 thümerin der Schenke, Mutter Peppy, wie ſie faſt von allen ihren Gäſten vertraulich genannt wurde, und kochte bei kleinem Torffeuer das warme Bier für die Anweſenden. Rauch und Schmutz, die ſie ſchon Jahre lang an dieſer Stelle geſchwärzt, ein unordent⸗ licher Anzug und, Gott weiß, wieviel Kummer und Leiden ließen die Frau weit älter erſcheinen, als ſie wirklich war; denn Zedermann ſchätzte ſie ihrem 37 Aeußern nach für eine hohe Siebenzigerin, während ſie in Wahrheit kaum ihr drei und ſechzigſtes Lebens⸗ jahr angetreten hatte. In der einen Ecke der großen Stube nahm ihr Sohn Bobby, ein ſtämmiger Vierziger, mit Alley, ſeiner Frau, mit Andrew, ſeinem jüngern unverhei⸗ ratheten Bruder, und Nora, ſeiner verwitweten Schwe⸗ ſter, ſo wie mit deren und ſeinen eigenen zahlreichen Kindern verſchiedenen Alters und Geſchlechts, an einem rohen, niedrigen Tiſche das gewöhnliche Abendeſſen ein, Kartoffeln in der Schale, ohne Schüſſel bequem auf die Tiſchplatte geſchüttet, nebſt etwas ſaurer Milch, die ihre käſigen Theile ſchon ziemlich ſtark von der Molke abgeſondert hatte. Auf den Bänken, an den Wänden hin, hatten die eben eingetretenen Männer mit Dunfoore Platz genommen; der Pater ſetzte ſich in die Nähe des Herdes, Michaul aber wurde von zwei Männern, die an einem etwas beſſern Tiſche in der Mitte ſaßen, angerufen. Ueber das Ganze ver⸗ breitete die in der Mitte vom Balken herabhängende ſchmierige Oellampe nur ein ſehr ſpärliches Licht. „Ei, guten Abend, Mic!“ rief der eine der bei⸗ den beſſer gekleideten Gäſte, in welchem Dahna James Morries, Lord Kildare's Leibdiener, ſo wie in dem Andern Robert Henderſon, Lord Werford's Kammer⸗ diener, erkannte.„Ei, woher ſo ſpät an Deinem Hochzeittage? Verläßt man um dieſe Zeit noch die Braut, um ein Wirthshaus aufzuſuchen?— Oho! wir wiſſen wohl, daß Du heute Hochzeit hältſt, obgleich Du uns nicht dazu eingeladen; aber wir wollen Dir nicht ver⸗ gelten. Komm', trink mit uns. Doch ſag', welche wich⸗ tige Urſache trieb Dich von Dunmoore fort, wem war der ſchöne Araber? Ich konnte den Herrn nicht er⸗ kennen, der ihn ſo ſchnell beſtieg und davon ſprengte.“ * 38 „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Michaul mürriſch. „Du ſcheinſt mir nicht mittheilſam,“ fuhr James fort.„Wart“ wir wollen Dir die Zunge löſen. Holla, Mutter Peppy, ſeht Ihr denn nicht, daß unſere Krüge leer ſind, und daß Freund Mic noch einen fri— ſchen mit uns zu verſchlingen gedenkt, bevor er zum jungen Weibchen zurückkehrt, an das ihn heute der ſehr ehrwürdige Pater O'Kelly dort für immer feſt⸗ geſchmiedet?— Nun heute eine Stunde ſpäter erhöht den Genuß. Heut' über's Jahr möchte es Dir, armen Jungen, nicht mehr geſtattet ſein, Abends ſo ſpät über's Moor herüberzuſtreifen und in der Heideſchenke Deinen Krug Gewärmtes zu trinken. Da wird's wohl in Mic's Häuschen an der Teufelsmauer oft genug ertönen: Eia, popeias, oder: Irlands Kinder allzumal, und wenn etwa ein Vorübergehender den Kopf in die Thür ſteckt, um zu ſehen, von wem der luſtige Singſang ausgeht, ſo wird er einen ziemlich gut gebauten jungen Mann erblicken, der mit der einen Hand die Murphys*) auf dem Herde zum Kochen bringt, während er mit der andern den kleinen Schreier auf dem Schoße zu beſchwichtigen ſucht, der aus vollem Halſe ſchon: Irland für immer!**) zu rufen bemüht iſt.— Na, ſchlag' Dir's aus dem Sinn, gute Seele! Haſt heute noch einen Nachgeſchmack der alten Freiheit. Setze Dich zu uns.— Mutter Peppy, zum Henker! wird's bald mit der neuen Auflage? Die Geduld geht mir aus!“ „Alles mit der Zeit; Eile mit Weile, mein gu⸗ ter Menſch; jedem wird das Seine werden,“ verſetzte die alte Frau am Herde, die ſich zeither leiſe nach *) Beiname der Kartoffeln in Irland. **) Prin go Prah. 6 39 des Paters Geſundheitsumſtänden erkundigt hatte, jetzt mit lautkreiſchender Stimme, während ſie den Topf vom Feuer nahm, ihn von der Torfaſche ſäuberte und damit zum Tiſche trat, um den dampfenden Inhalt deſſelben in die leeren Zinnkrüge auszuſchütten. Noch damit beſchäftigt, wandte ſie ſich im vertraulichen Tone an Michaul.„Aber Dich, mein Junge, heute Abend, an Deinem Ehrentage hier zu ſehen, nimmt mich groß Wunder. Es iſt ja der erſte Tag, Mann, an dem Du wieder einmal Freude haben kannſt, ſeit Lord Kildare und des Königs Rothe Deinem Vater die Augen für immer zudrückten.“ „Keinen Unſinn, Peppy!“ rief ihr James befeh⸗ lend zu.„Was wärmſt Du ſtets den alten längſt vergeſſenen Kohl wieder auf? Selten iſt man doch hier, ohne Dein Rabengekrächz über die vermoderten. Geſchichten anhören zu müſſen. Laß Dein Läſtermaul uns den Abend nicht verderben, es möchte ſonſt eine geraume Zeit verſtreichen, ehe wir Dir wieder die blan⸗ ken Zehnpenceſtücke ins Haus bringen, die ſich vorm Schlafengehn doch leichter von Dir zählen laſſen, als Pad's*) rothe Farthins.“ „Der Mund, aus dem die Wahrheit geht, heißt ein Läſtermaul,“ verſetzte die Alte ironiſch.„Ich nehme es Euch nicht übel. Maſter James; des Brot ich eß' des Lied ich ſing. Ihr ſeid des Lords Die⸗ ner und zieht alſo an ſeinem Strange. Der Andre dort, Euer Kamrad, dient einem vornehmen Herrn ans der Armee, der unter Eueres Brotherrn Dache viel ein⸗ und ausgeht und, wie man ſagt, um die Beſte aller Schloßbewohner, Miß Eliſabeth, freit. Da muß es Euch den freilich unlieb ſein, wenn ſeine Ohren *) Spottname des Iren, Abkürzung von: Patrik. Eins und das Andere über den künftigen Schwieger⸗ vater ſeines edlen Herrn erſchnappten. Nun, man kann ſich auch ſein Theil denken; uicht wahr, Mic?“ Der Angeredete wollte ihr eben etwas mittheilea, als die Thüre aufging und ein ſtarker, kräftig gebau⸗ ter Mann in Matroſentracht hereintrat. Sein ſchwar; braunes Geſicht war häßlich zerfetzt und das rechte Auge ganz eingedrückt. Braunes Haar flatterte un⸗ ordentlich auf ſeine Schultern herab, aus einem kur⸗ zen Pfeifenſtummel blies er dichte Rauchwolken; ſtolz, mit dem Anſtande eines Feldherrn, ging er, ohne Mi⸗ chaul in der Dämmerung des Zimmers zu bemerken, an den Herrendienern, die er erkannt zu haben ſchien, vorüber, nahm vor dem Pater ehrerbietig den breiten Hut ab und grüßte dann den alten Dunfoore ver⸗ traulich. Dahna war aber freudigen Blickes aufge⸗ ſprungen, zu dem neuen Ankömmling geeilt und rief nun:„Gott mit Euch, Maſter O'Neil! Wir haben heute den ganzen Tag auf Euch gewartet; nun wollen wir aber auch gleich aufbrechen, damit Ihr wenigſtens noch etwas von meiner Hochzeit genießt.“ „Nicht ſo ſchnell, mein Junge!“ verſetzte der Lootſe.„Laß mich nur verſchnaufen und meinen brennenden Durſt löſchen. Wir mußten heut' verteu⸗ felt lange auf die Najade warten, und als ſie herein war, hab' ich noch ein Langes und Breites mit mei⸗ nem alten Freunde Parker, dem Hochbootsmann, ge⸗ plaudert; wir hatten uns ſeit Jahr und Tag nicht geſehen. Da iſt denn die Zeit verſtrichen. Nun, es wird immer noch ein Reſtchen Whisky für mich übrig⸗ geblieben ſein.“ „O, Ihr habt viel verloren, Freund,“ ſagte Dun⸗ foore,„wenn auch nicht an Haferkuchen, aber an einem 41 Manne— nun, ich erzähle es Euch auf dem Heim⸗ wege.“— ONeil drang in den Alten, und beide verkehr⸗ ten heimlich zuſammen; Peppy bediente den neuen Gaſt, wandte ſich aber dann wieder zu den frühern und fuhr in ihrer Rede von vorhin fort:„Ja, wenn das große Unglück mit unſerm guten alten Herrn nicht geſchehen wäre, Gott hab' ihn ſelig in ſeinem Freu⸗ denreiche! dann hätte Miß Eliſabeth ſich eines andern Mannes zu erfreuen gehabt und fürwahr des ſchmuck⸗ ſten von Erins edelſten Söhnen. Ihr wißt, wen ich meine, Samuel Dunfoore und Michaul Dahna.“ „O, ich weiß es nicht minder!“ fiel James la⸗ chend ein,„Du meinſt Sir Lewis O'Donnel. Da⸗ mit iſt's freilich rein vorbei. So wenig Waſſer Dein ſchlechtes Torffeuer dort zur hellen Flamme anfacht, eben ſo wenig werden dieſe beiden ein Paar werden.“ „Wenn er nur unſere grüne Inſel nicht— und wahrſcheinlich auf immer, verlaſſen hätte,“ verſetzte Peppy,„ſo hätte doch wohl Rath werden können, und wenn ſich Lord Kildare darob zerriſſen hätte. Es gab arme, unbedeutende Leute, die in dieſer Angele⸗ genheit mächtiger und einflußreicher waren, als der gewaltige Lord mit all' ſeiner väterlichen Gewalt über Miß Betty. Meint Ihr nicht auch, hochwürdiger Herr Pater?“ Ihr Blick traf des Geiſtlichen Geſicht mit ſeltſamen Ausdruck, und er bejahete ihre Frage mit bedeutſamen Kopfnicken.. „Wenn's blos daran läge, und die beiden Lieben⸗ den nicht durch Blut getrennt wären,“ ſagte Mi⸗ chaul,„ſo kann ich Euch verſichern, daß Sir Lewis vom Feſtlande zurückgekehrt iſt und ferner ſein Jagd⸗ ſchloß Greenlodge in unſerer Nähe bewohnen wird. „Sir Lewis O'Donnel zurück!“ riefen zwei Stimmen 42 zugleich mit der verſchiedenſten Betonung, je nachdem die innere Gemüthsbewegung über dieſe Nachricht mehr oder minder Antheil an der Ueberraſchung hatte. Sie gehörten der alten Peppy und dem Leibdiener James Morries. „Er war es, der ſo eben vor Euerem Hauſe das Pferd beſtieg und mich heute auf meiner Hochzeit gleich zuerſt beſucht hat, wie er vom Schiffe geſtie⸗ gen, wodurch dieſer Tag erſt recht zu meinem Ehren⸗ tage geworden iſt. Der hochwürdige Pater und Dun⸗ forre werden es Euch bezeugen.“ Beide nickten bei⸗ ſtimmend. „So ſegne ihn Gott, den braven jungen Herrn!“ rief Peppy wie freudetrunken.„Und wenn er auch heute am Hauſe ſeiner alten Freundin vorübergegan⸗ gen iſt.“ „Sorgt nicht,“ tröſtete ſie Michaul;„er wird ſich in den nächſten Tagen ſchon bei Euch einſtellen. Wie er mir heute ſagte, gedenkt er noch einige nä⸗ here Nachrichten über den blutigen Tag bei Euch ein⸗ zuziehen, Mutter Peppy, der zwei braven Iren das Leben koſtete, denen beiden Ihr, gute Frau, beigeſtan⸗ den mit Euerer Kunſt bis zum letzten Hauche; Gott ver⸗ gelt's Euch! Sir Lewis will nämlich eine genaue Be⸗ ſchreibung jenes Unglückstages in ſein Familienarchiv für ſeine jüngern Brüder und ſeine oder deren Nach⸗ kommen niederlegen.“ „Damit kann ich dienen,“ verſetzte die Alte, in⸗ dem ihre Augen katzenhaft leuchteten,„denn ich weiß jeden, auch den kleinſten Umſtand noch, der ſich da⸗ mals zugetragen, als hätte ſich die Jammergeſchichte geſtern ereignet, und wie mit glühendem Eiſen iſt mir Alles gleichſam ins Gedächtniß eingebrannt, ſo daß ich oft daran denken muß, wenn ich auch gar nicht will.“ „Ei, Mutter Peppy,“ erhob jetzt der einäugige Lootſe ſeine kräftig tönende Baßſtimme,„da Ihr denn ſo bewandert in der Geſchichte jener Händel ſeid, die einen ſo ſchlimmen Ausgang nahm, ſo erzählt ſie mir auch. Ihr wißt, ich war damals abweſend und ſeit den paar Jahren meines Wieder⸗Hierſeins habe ich ja wohl die Hauptſachen erfahren, niemals aber einen guten Zuſammenhang. Und fürwahr, der wackere Sir William O'Donnel war mein guter Gönner, und Tom Dahna, ſein Parkwächter und Wildhüter, mein lieber Freund. Erzählt, da einmal die Gelegenheit da iſt und Ihr eine ſo artige Anzahl aufmerkſamer Zu⸗ hörer habt, die mir zu Liebe die Begebenheiten jener Tage, die ſie ſelbſt mit erlebt, anhören.“— Dabei zwinkte er mit dem Auge boshaft lächelnd nach Ja⸗ mes Morries hin. Dieſer warf auch ſogleich Geld auf den Tiſch und wollte die Schenke verlaſſen, aber der Andere hielt ihn zurück mit den Worten:„Ei, ſo bleib', Kleiderbürſte, und laß mich auch einmal hören, was ich ſchon längſt zu erfahren gewünſcht. Denn wahrlich auf Euerm Schloſſe zu Lindſayhall erfährt man dergleichen nicht. Da darf Niemand den Namen O'Donnel in den Mund nehmen.“ „Man weiß ſchon, warum,“ ſpöttelte Peppy. „Alſo, erzähle Du nur friſch weg, Alte“, fuhr Henderſon fort und zog James auf die Bank zurück. „Doch keine Läſterungen auf meinen Herrn, Alte!“ drohte Kildare's Diener;„das muß ich mir ausbitten, oder es bekommt Dir ſchlecht.“ „O Menſch!“ höhnte Peppy.„Lord Kildare hat mir noch kein Haar gekrümmt, obgleich ich meinem Maule gegen ihn noch niemals Gewalt angethan habe. Bin ich doch faſt das einzige menſchliche Weſen, vor welchem er einige Furcht und Scheu hat, und 44 wenn er's irgend vermeiden kann, reitet er mir nicht an der Schenke vorüber. Er weiß auch weshalb. Nun, das gehört nicht hierher; ich wollte aber nur bemerken, daß, wenn mir der Lord keinen Finger naß macht, mich der Herr Leibdiener“— ſie verneigte ſich ehrerbietig—„nicht wird erſäufen wollen. Laßt ſehen! ich erzähle und Ihr hört zu; könnt Ihr mich Lügen ſtrafen und wißt es wahrhaftig beſſer, ſo tauſchen wir die Rollen, und ich bin's auch zufrieden.“ Die Gäſte rückten näher zuſammen; Peppy's Kin⸗ der und Enkel ſtrichen die Kartoffelſchalen zurück, um ſich mit den Ellenbogen bequemer auf die Tafel lüm⸗ meln zu können, damit ihnen kein Wort entgehe; die Alte ſchürte das Feuer noch einmal; Alley, ihre Schnur, befriedigte erſt noch die Bedürfniſſe der Gäſte, dann räuſperte ſich Peppy und begann. 4. Sir Wilſiam O'Donnels Ende. „Sir William O'Donnel— Gott ſchenk' ihm Frieden!— war ein edler, braver Mann, ſchlicht und recht, thätig, mild und barmherzig, ein Freund Gottes und der Armen, mit einem Worte: ein ächt iriſches Blut, wie Ihr, Maſter O'Reil. Doch, was brauch' ich viel zu rühmen! Das weiß hier zu Land Zedermann. Und die O'Donnel ſind ſtets ehrenwerthe Leute geweſen, deshalb hat man ſie auch ihres Eigen⸗ thums beraubt, nicht anders, wie es Euch gegangen 45 iſt, Evans O'Neil, und Euern Vorfahren. Mein Mann— Gott hab' ihn ſelig!— hatte dem Hauſe O'Donnel gedient von Kindesbeinen an, ſo wie ſein Vater und Großvater, und ich weiß nicht, wie weit noch hinauf; deshalb wußte er auch viel alte Ge⸗ ſchichten zu erzählen und war bewandert in all' den böſen Dingen, die die O'Donnel unſchuldig haben erfahren müſſen. Wie oft hat er uns erzählt, daß die beiden Häuſer O'Donnek und O'Neil alles Land im Süden der grünen Inſel beſeſſen, das heißt vor ungefähr dreihundert Jahren, und hier gewaltet, wie unabhängige Fürſten. Nun, man hat ihnen glücklich davongeholfen; da ſitzt der letzte ONeil, ſchon jung verdrängt aus den paar Gütern, die ſeinem Vater noch geblieben, und muß ſich von ſteter Lebensgefahr nähren, wie ein gemeiner Mann; und der letzte ODon⸗ nel in Irland würde ſo arm ſein, wie ihr, Evans, wenn ihm nicht die beiden kleinen Güter von ſeiner Mutter geblieben wären, hier im Süden Greenlodge auf den Bergen in der Bantry⸗Bai, das ſie kaufte, als man die gute Frau ſammt ihren Kindern aus Lindſayhall hinauswarf, und ihr elterliches Stamm⸗ ſchloß Balliford in der Killala⸗Bai oben im Norden. Auch waren die O'Donnel und O'Neil immer gute Nachbarn und Freunde, beide gute Katholiken und voll Haß gegen ihre Unterdrücker in England. Dar⸗ um beſitzt auch jetzt ein guter Freund der Engländer, ein guter Proteſtant und Drangeman, die Güter der letzten O'Donnel und OReil hübſch beiſammen.“ „Keine Arzüglichkeiten, Frau!“ unterbrach ſie James Morries jetzt mit drohender Stimme. „Ich werde doch den Lord Kildare einen guten Freund der Engländer, einen guten Proteſtanten und 46 Drangeman aus dem Norden nennen dürfen? Das iſt ja nichts als Lob, das ich unſerm Herrn ſpende.“ „Der Teufel auch mit Deinem Lobe! Biſt Du nicht ſelbſt aus dem Norden? und was Dein Glaube iſt, weiß zur Stunde kein Menſch, weil Herxen einen ganz beſondern Glauben zu haben pflegen.“ „Stille, Menſch!“ donnerte plötzlich eine Löwen⸗ ſtimme durch das Zimmer, daß Alle zuſammenfuhren. Es war Evans ONeil, deſſen zerfetztes Geſicht wäh⸗ rend Peppy's Erzählung eine noch dunklere Farbe angenommen hatte, deſſen einziges Auge blutroth her⸗ vorgequollen war, deſſen Zähne knirſchten, deſſen Fäuſte ſich geballt hatten. Mit einer dieſer Rieſenfäuſte hieb er zur Bekräftigung ſeines Ruhegebots auf den Tiſch, und wirklich wagte des Lords Leibdiener kein Wört⸗ chen mehr über die Lippen zu laſſen. Peppy aber fuhr ſchelmiſch lächelnd fort: „Sir William ODonnel hatte große Reiſen auf dem Continent gemacht, mein Mann war ſein ſteter Begleiter geweſen. Was Sir William's Herz im Auslande Gutes wahrgenommen, das eignete er ſich an und brachte es mit nach unſrer Inſel. Lindſay⸗ hall war das einzige Gut, das der Familie von ſo großen Strecken Land übriggeblieben, aber, wahrlich, er machte dieſe Handbreit Erde zu einem glücklichen und geſegneten Boden. So weit die uralte Sprache unſerer Väter tönt, die kein Engländer verſteht, wurde damals alles Volk geplagt und geſchunden, ſchier ſo ſchlimm wie jetzt, aber in Dunmvoore gab es zufrie⸗ dene und glückliche Leute. Lord Kildare hatte damals die angränzenden ONeil ſchen Güter gekauft und hauſte in Bridgehall, dem alten Stammſitz der O'Neil; und ich weiß nicht, wie wohl oder ſchlecht ſich ſeine neuen Unterthanen befanden; denn ich hatte damals noch nicht die Ehre, dazu zu gehören, wie in dieſer jetzigen heilvollen Zeit, obgleich ich zu den alten Unterthanen des Lords am Earnſee gezählt ward,— denn dort iſt meine Heimath— nur das weiß ich, daß Lord Kildare mit dem Benehmen Sir William O'Donnel's ſtets unzu⸗ frieden war, und dieſe Unzufriedenheit, die er mit den übrigen gebietenden Herren theilte, dem Sir zuweilen unverhohlen zu erkennen gab, woran ſich dieſer natür⸗ lich nicht kehrte. Beide hielten ja wohl Nachbarſchaft zuſammen, und in Sir William's Seele war gewiß kein Haß und Groll gegen den Lord, ſelbſt wenn er Urſache gehabt hätte, manches in Kildare's Benehmen nicht gut zu heißen. Wie es mit des Lords Auf⸗ richtigkeit beſtellt war, hat die Zeit gelehrt, und iſt uns kein Geheimniß mehr. Den erſten Grund zu einer ſtillen Feindſchaft hatte er ſicherlich aus dem Norden mitgebracht. Sir William O'Donnels Gemahlin, die ehrenwerthe Miß Katharina, war nämlich früher mit Lord Kildare verlobt geweſen, hatte aber aus einem guten Grunde dieſe vorläufige Verbindung wieder ge⸗ brochen und Sir William die Hand gereicht. Wer hätte damals geglaubt, daß ſie nachher Nachbarn wür⸗ den! aber mir kam es ſtets vor, als habe Lord Kil⸗ dare aus beſonderer Abſicht die O'Neil'ſchen Güter ſo cheuer bezahlt, gerade um O'Donnel's Nachbar zu ſein. Er war auch erſt ſtets auf Lindſayhall und ließ ſich nichts merken, ſchmeichelte der Miß Katharina, wie er nur konnte, und drängte ſich dazu, Sir Lewis, der zu jener Zeit geboren wurde, aus der Taufe zu heben, obgleich Kildare Proteſtant iſt. So führt der junge O'Donnel des Lords Taufnamen; denn Kildare heißt auch Lewis. Man hat über dies Alles ſeine beſondern Gedanken, hütet ſich aber wohl, viel davon zu ſagen. Sir William hielt, wie geſagt, beim Volke; 48 er wollte nicht allein der kleinen Zahl ſeiner Unter⸗ thanen, er wollte vielmehr allen Zren helfen; und aller Unfug von oben, wodurch man das Volk kne⸗ belte, war ihm ein Gräuel. Es iſt gewiß, daß der edle Sir auf die Zugeſtändniſſe, die die Regierung dem Volke der grünen Inſel vor ſechs Jahren machte, als damals der Lärm drüben in Frankreich losging, großen Einfluß gehabt hat; aber es⸗ iſt auch eben ſo gewiß, daß dieſer Einfluß ſeinen Tod herbeiführte.— Genug, Sir William kehrte von Dublin, wo er bis jetzt faſt ausſchließlich für Irlands Wohl gearbeitet hatte, vergnügt über die dem Volke errungenen Er⸗ leichterungen auf ſein Schloß in die Arme ſeiner Fa⸗ milie zurück, um ſich nun der Erziehung ſeiner Kin⸗ der zu widmen, und an ſeines trefflichen Weibes Seite glücklich zu ſein. Gott und ich, wir wiſſen, wie ſich Miß Katharina freute, in ungeſtörter Ruhe mit ihrem Manne zuſammen leben zu können; denn ſie liebte ihn über alle Beſchreibung. Lord Kildare hatte ſeine Beſuche auf Lindſayhall lange zuvor ſchon eingeſtellt. Nun ergab ſich's, daß ſich um dieſe Zeit die Gäh⸗ rung im Volke, ſtatt ſich durch die erlangten Vortheile zu beruhigen, nur noch erhöhte; denn was man zuge⸗ ſtanden, machte nicht kalt noch warm; es war zum Leben zu wenig, zum Hungersſterben zu viel und machte Pads gemeines Volk nur kühner. Es gab überall Aufſtände. Doch, Ihr Männer, wißt ja das Alles beſſer, als ich. Sir William war unabläſſig bemüht, die Auf⸗ rührer zu beruhigen und ihnen klar zu machen, daß dies nicht der rechte Weg ſei, die einſt verlorenen Rechte des Iren auf ſein Vaterland und ſeine Frei⸗ heit wieder zu erlangen; aber es gab unter ſeinen Nachbarn Leute, die bemüht waren, Sir William's Be⸗ ſtrebungen um Ruhe und Frieden, dem Vicekönige als . 49 geheimen Verkehr mit den Rebellen zu ſchildern und den edlen Sir als Haupt der Defenders oder vereinigten Irländer zu bezeichnen. ODonnel wurde der Regier⸗ ung verdächtig. Dieſe Nachbarn— ich nenne Niemand mit Namen, Maſter James Morries,— hatten gezwun⸗ gen ihren Pächtern und Afterpächtern manchen Nach⸗ laß von Zehnten und Abgaben bewilligen müſſen, weil Sir O'Donnel den Seinigen ſolche freiwillig erlaſſen hatte; das wißt Ihr ja am beſten, James, denn Ihr wart ja in Sir Williams Dienſt; nicht wahr, ich habe Recht?— Doch Ihr ſeid plötzlich ſtumm gewor⸗ den, wie ich merke. Nun, es war das gute Beiſpiel Sir Williams nicht allein; die verdammten Defen⸗ ders und Weiß⸗Jungen*) faßen den Herren auf dem Nacken und droheten ihnen die Kehlen abzuſchneiden, wenn ſie nicht nachließen. Ihr braven Leute wißt ſo gut, wie ich, daß es endlich in vielen Grafſchaften zum vffnen Ausbruch kam. Ihr Maſter ONeil habt das blutige Unheil nicht erlebt, Ihr wart damals in Indien. Die Soldaten des Königs konnten die Flam⸗ men der Empörung nicht mehr erſticken, und die Herren Güterbeſitzer bildeten freiwillige Corps, theils um den Truppen in Ausführung ihrer Unternehmungen behülf⸗ lich zu ſein, theils um die eigenen Beſitzungen gegen die faſt täglich vorkommenden Anfälle und Brandſtif⸗ tungen zu ſchützen. „Auch Lord Kildare befehligte eine ſolche Abthei⸗ lung von Yeomen, aus Gutsbeſitzern, Pächtern, För⸗ ſtern und Verwaltern beſtehend; mit dieſen hatte er ſich eines Tages einer königlichen Reiterſchwadron an⸗ geſchloſſen, um einen Haufen Meuterer, der drüben ²) White-boys, ſo genannt von den weißen Kitteln, die ſie auf ihren Verwüſtungszügen trugen. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vn. 4 50 an den Bergen ſtreifte und allnächtlich große Räube⸗ reien beging, zu vertreiben, oder vielmehr zu fangen. Es war nämlich bekannt geworden, daß die Weiß⸗ Jungen ſich an jenem Tage in Cashelborrow verſam⸗ meln wollten. Ihr wißt, daß dies Dorf zu dem ONeilſchen Gute gleiches Namens gehört, deſſen Beſitzer Lord Kildare geworden iſt. Die Anſtalten zum Ueberfall der Rebellen wurden ſehr heimlich betrieben; nichts deſto weniger erfuhr Sir William davon. Ihn dauerte das Blut, das vergoſſen werden ſollte; er wußte wohl, was das Volk zum Aufſtande gegen ſeine Unterdrücker trieb. Er ſchickte alſo ſeinen treueſten und vertrauteſten Diener— und wer anders wäre das geweſen, als Tom Dahna, der Parkwärter, Dein wackerer Vater Mic— nach dem Dorfe, um den Weiß⸗Jungen von ihrem Vorhaben abzurathen, denn Tom genoß weit und breit bei den armen Dörflern wegen ſeines ehrlichen und herzlichen Weſens großes Anſehen.— Der gute Baronet auf Lindſayhall er⸗ ſchrak nicht wenig, als Tom noch vor völligem Ein⸗ bruch der Nacht auf ſchweißtriefendem Pferde zurück⸗ kehrte mit der Meldung, daß die Abſicht der Rebellen ſei, in dieſer Nacht mehrere Guts⸗ und Pachthäuſer des Lord Kildare zu verwüſten. Tom mußte auf der Stelle auf einem andern Pferde, dem ſchnellſten in des Baronets Ställen, zurück und die Weiß⸗Jungen im Namen Sir Williams beſchwören, von ihrem ruch⸗ loſen Vorhaben abzuſtehen, oder wenigſtens ſeine, des Baronets, Ankunft erſt abzuwarten, bevor ſie aus dem Dorfe zögen. Nie noch hatte ich den guten Mann in ſolcher Bewegung geſehen; aber mit Beſonnenheit traf er die nöthigen Vorkehrungen zur Sicherung ſei⸗ nes eigenes Hauſes, wobei auch mir, die ich eben in Lindſayhall war, einige Aufträge wurden, ſchloß ſeine 51 Gattin, die ihn unter heißen ahnungsvollen Thränen beſchwor, ſich nicht in Gefahr zu begeben, in die Arme und flog auf ſeinem Renner davon. „Heiliger Patrik, du haſt es ſo gewollt! Der edle Herr kam ſchon zu ſpät; die Königlichen in Ver⸗ bindung mit den Freiwilligen waren mit der Nacht raſch, wie aus einem Hinterhalt hervorbrechend, in das Dorf gerückt und hatten die Rebellen überfallen, als Tom Dahna ſie eben beſchwor, noch zu verziehen. Als der Baronet auf das Dorf zuſprengte, tönten ihm ſchon in ziemlicher Entfernung Flintenſchüſſe und wil⸗ des Kampfgeſchrei entgegen. Ungeachtet der größten Eile kam die Bemühung des edlen Herrn, Unglück und Verbrechen zu verhüten, nicht mehr zur rechten Zeit; denn ſchon am Eingange des Dorfes wurde ihm Tom Dahna, tödtlich verwundet, von einigen Män⸗ nern entgegen getragen. Der treue Diener war eines der erſten Opfer geweſen. Es war eine helle Nacht wie heute, und der Baronet erkannte ſeinen Tom im bleichen ſchauerlichen Mondlicht. Dieſer vermochte dem geliebten Herrn kaum mehr verſtändlich zu machen, daß er dieſen Ort des Schreckens ſo ſchnell als mög⸗ lich verlaſſen möchte, als er unter einem Wehruf über Lord Kildare den Geiſt aufgab. Tief erſchüttert von dieſem, ihm eben ſo ſchmerzlichen als unerklärlichen Ereigniſſe ritt der Baronet dennoch vorwärts; einige der fliehenden Rebellen, die ihm entgegen kamen, wen⸗ deten, ſobald ſie, ihn erkannt hatten, wieder um und ſchloſſen ſich an ihn an. Durch's Dorf erſchallte der Ruf: Vater O'Donnel kommt— ſo nannte ihn jeder Bedrückte— und der Haufe um ihn wurde größer und größer, denn Einige glaubten, unter ſeinem Schutze ſicher zu ſein, Andere riefen, man müſſe den Troſt der Verlaſſenen, die Stütze der Armen den Mördern ge⸗ 52 genüber nicht ſchutzlos laſſen. Sir William hatte eben begonnen, begütigende Worte zu den Weiß⸗Jungen zu reden, und ermahnte ſie, ſich ſchnell jeder in ſeine Heimath zu begeben und ſich ferner nicht ſelbſt mit gewaffneter Hand Hülfe zu verſchaffen, da der König und das Parlament gute Geſinnungen gegen Irland hegten und zu helfen ſuchten, wie es nur immer gehe, um nicht gegen Andrer begründete Rechte zu verſtoßen, — er war eben im beſten Redefluß, der brave Herr — mehr als zehn, von den Weiß⸗Jungen haben mir's erzählt— als die königlichen Reiter, Lord Kil⸗ dare nebſt einigen Offizieren an der Spitze, in ge⸗ ſchloſſener Ordnung, die ganze Straße einnehmend, mit hochgeſchwungenen Waffen heranraſſelten. Der Lord hatte den Baronet kaum erkannt, als er dem neben ihn reitenden Kapitain zurief: Sehen Sie dort den Verräther O'Donnel ſelbſt an der Spitze des Haufens! Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, er ſelbſt leitet die Aufrührer. Im Namen des Ge⸗ ſetzes laſſen Sie den Elenden ergreifen und nieder⸗ hauen!— Wer iſt hier ein Verräther, ein Elender? rief Sir William, der nahe genug war, die Worte des Lords zu verſtehen. Kann ein Mann von mei⸗ nem Stande und Charakter, ohne Waffen, wenn Sie bemerken wollen, als der Anführer eines auf Mord und Brand ausziehenden Haufens betrachtet werden? — So gut wie Sie ſelbſt, Mylord, bin auch ich ge⸗ kommen, um hier im Namen des Geſetzes Ruhe und Ordnung zu ſtiften, und ich hoffe zu Gott, es ſoll mir dies ohne Waffen und allein beſſer gelingen, als Ihnen an der Spitze der gerüſteten Reiter, ſobald Sie nur von jeder fernern Gewalt abſtehen wollen. — Und was erfolgte auf dieſe ſchönen und vernünf⸗ tigen Worte? Kildare vermochte den Kapitain das 53 Zeichen zum Angriff zu geben, indem er denſelben widrigenfalls für die Folgen verantwortlich machte; er ſelbſt feuerte ſein Piſtol auf den Baronet ab. Dieſer wandte raſch ſein Pferd und rief: das ferner ver⸗ goſſene Blut auf Ihr Haupt, Kildare! Aber er hatte dieſe Worte kaum vollendet, als auch ſchon eine Salve aus den Karabinern der Dragoner in die dichten Haufen der jetzt wiederum dem Ausgange des Dorfes zueilenden Meuterer einſchlug und mehrere der Flüchtlinge zu Boden ſtreckte. Unter dieſen be⸗ fand ſich auch Sir William O'Donnel. Ohne einen Laut richtete ſich der edle Baronet, tödtlich getroffen, noch einmal hoch im Bügel auf und ſtreckte die rechte Hand gen Himmel— wie viele bemerkt haben— gleichſam die Rache deſſelben über den unerhörten Frevel herabzurufen, dann ſank er über den Hals ſeines Pferdes hinab, das ihn anfänglich noch eine Zeit lang forttrug, dann aber, als der ſterbende Mann vollends herabgeſtürzt war, der zügelnden Hand ent⸗ behrend, geſtreckten Laufs mit Blut bedeckt, vor dem⸗ Schloßthor zu Lindſayhall ankam, dort tödtlichen Schrecken verbreitend. Sir Lewis warf ſich todten⸗ bleich in halber Geiſtesabweſenheit auf ein Pferd, um den Vater zu ſuchen, und wer weiß, ob nicht auch er ein Opfer der Heimtücke geworden wäre, wenn nicht unſer ehrlicher Mic hier ihm begegnet und vom weitern Ritte abgehalten hätte. Mic hatte kaum von dem Kampfe in Cashelborrow gehört, als er um des Vaters und des Baronets Leben beſorgt, nach dem Dorf lief; leider! fand der gute Junge beide ſchon darniedergeſtreckt, den Baronet ſterbend mitten im Felde, ſeinen Vater am Eingang des Dorfes als Leiche. Er lief nach Lindſayhall zurück, um mich zu holen. Ich eilte, was ich vermochte, mit mehren 54 Dienern des Hauſes— Ihr wart auch dabei. James Morries— in die ſchauerliche Mondnacht hinaus, und Mic war unſer Führer. Ach, Himmel und Patrik! Dahna's Leiche war ſchon kalt und ſtarr, und der Baronet ſtarb mir unter den Händen. Wir trugen ſie unter unzähligen Thränen nach Lindſayhall. O Jeſus, war das eine Nacht! Die jammernden Kinder um ihre blutigen, entſeelten Väter! O, und Miß Katharina!——“ Hier übermannte die Rührung die alte Wirths⸗ frau dergeſtalt, daß ſie nicht weiter zu reden ver⸗ mochte; ein Thränenſtrom erſtickte die Worte, und ihre Stimme ſtieß nur heulende Laute aus, denen eines ſchreienden Kindes vergleichbar. Aber ſie war es nicht allein, welche Thränen vergoß; Michaul Dahna hatte ſchon lange das Geſicht in den auf den Tiſch gelegten, zuſammengekrümmten Arm niederge⸗ drückt, ſtill geſchluchzt, und nur jetzt, als Peppy nicht mehr erzählte, wurde er lauter vernommen; der alte »Dunfoore weinte, die ganze Familie der Wirthin zer⸗ floß in Thränen, Nora, Peppy's Tochter warf ſich laut jammernd über die Bank, der Pater O'Kelly bog ſich über den Herd und ließ die Thränen ſeines greiſen Hauptes in die Aſche fallen, die ihm glich; ſelbſt ONeil wiſchte ſich das einzige Auge, das er noch beſaß, ſchob aber unmittelbar darauf einen wü⸗ thenden Blick auf James Morries, der ungezogene Flüche und Schimpfreden über die alte Wirthin vor ſich hinmurmelte, und auf Henderſon, der lachenden Mundes ſchale Spöttereien über die allgemeine Rüh⸗ rung losließ, die ſelbſt die Bauern an der Wand er⸗ griffen hatte. „Bringt's zu Ende, Mutter Peppy!“ ſagte endlich der Lootſe.„Wir wollen ja noch auf Dahna's Hoch⸗ 55 zeit. Was ſoll die Braut denken, wenn Ihr den Bräutigam ſo lange aufhaltet und windelweich macht? Erzählt fertig!“ „Was ſoll ich noch erzählen?“ verſetzte Peppy. „Der Aufruhr wurde gedämpft, nachdem das em⸗ pörte Volk die dem Baronet geſchworne Rache gräß⸗ lich geübt hatte, Sir William O'Donnel nach dem Geſetz für einen Hochverräther erklärt, alle ſeine Gü⸗ ter confiscirt und ſpäter zum Beſten der Krone an Lord Kildare, dem ſie am Gelegenſten waren, verkauft wor⸗ den waren. Ihr fragt verwundert:; warum? Dumme Frage! Lord Kildare hatte der Regierung einen Bericht über den Vorfall vorgelegt, den die Offiziere, die damals an ſeiner Seite gegen die Rebellen gefochten hatten, nicht anders als beſtätigen konnten; deſſen kurzer Inhalt war: Der Baronet William O'Donnel, ſchon lange einer geſetzwidrigen heimlichen Verbindung mit den Re⸗ bellen verdächtig, iſt an der Spitze derſelben im offnen Aufruhr erſchoſſen worden.— Miß Katharina kaufte Greenlodge von dem ihr übrig gebliebenen Vermögen; denn ſie Wochte unſere Gegend nicht verlaſſen, wo ſie ſo glücklich geweſen war, und ließ ihr Gut in der Killala⸗Bai ferner verwalten; aber ſie ſtarb ſchon im folgenden Jahre, dem Schmerze um den geliebten Gatten erliegend, als drittes Opfer eines unnatürli⸗ chen Haſſes. Auf dem Sterbebette mußte ihr Sir Lewis feierlich geloben, mit ſeinen Geſchwiſtern nach Frankreich auszuwandern und wenigſtens unter fünf Jahren nicht zurückzukehren; die gute Frau glaubte, in dieſer Zeit würden ſich die Stürme in Irland gelegt haben. Die fünf Jahre ſind um, und Sir Lewis iſt wieder da; und ich freue mich ihn zu ſehen. Zwar wird er manchen Leuten ein Dorn im Auge ſein; dafür wird er den meiſten Bewohnern unſrer Gegend 56 wie ein Engel erſcheinen. Gott, ſchenke ihm Segen und guten Fortgang im Ueberfluß!“ „Amen!“ ſagte der Pater OKelly feierlich. 5. Der Hausknecht der Heideſchenke. „Da Du nun fertig biſt, Alte,“ erhob James Morries die Stimme,„ſo ſage ich, daß Du in Deinen Hals gelogen haſt. Mein gnädiger Lord iſt nicht an Sir Williams Tod ſchuld.“ „Halt das Maul, Stiefelbürſte!“ donnerte ONeil. „Was geht Euch mein Streit mit der Wirthin Maſter O Neil?“ fragte der Diener keck und durch derſon's neuen Spott in Hitze gebracht.„Ihr id ehr vorlaut und unausſtehlich.“ „Mir das!“ brüllte der alte Lootſe, erhob die geballte Fauſt.„O Bube, deſſen Ve mir die Schweine gehütet, ich will Dir Deinen ſtinkigen Bedien⸗ tenrock ausklopfen, wie Du den Staatsrock Deines Herrn noch niemals geklopft, und der Staub ſoll Dir durch den Leib in die Seele fahren, wo noch mehr Koth aufgehäuft iſt.“ Mit dieſen fürchterlichen Wor⸗ ten erhob ſich O'Neil und ſchritt auf James los. Dieſer verkroch ſich hinter Henderſon, der etwas mehr Muth zeigte und dem alten Polyphem abwehrend und mit den Worten entgegen trat:„Ihr ſtoßt Reden aus, die mich eben ſo gut beleidigen, wie meinen Freund, und ich werde mich deſſelben annehmen.“ „Hahaha!“ lachte ONeil wild,„ keckes, übermü⸗ thiges Söhnlein Albions, meinſt Du auch ſchon in ———— w 57 Irland den Herrn ſpielen zu können? Hinaus, Tel⸗ lerlecker, oder ich ſchlage Dir das kecke Kaperſchiff ſo lech, daß es das Fahrwaſſer über den St. Georgska⸗ nal nicht wieder finden ſoll.“ Der ſchmucke Kam⸗ merdiener ſchlug ſtatt der Antwort nach dem gewal⸗ tigen Manne, aber einen Augenblick darauf lag er am Boden, und ONeil hatte den furchtſamen James am Kragen. Die Andern ſprangen bei, um den erbitter⸗ ten Alten zu beſänftigen, aber gütige Worte ſteigerten nur die Wuth, in welche ihn Peppy's Erzählung ſchon verſetzt hatte. Er drohete die Freunde zu prü⸗ geln, wenn ſie ihn im gerechten Rachehandwerk hin⸗ derten, wie er ſeine That nannte; er ſchwur dabei mit wilder Stimme, an James Morries und deſſen Freund, dem aberwitzigen Engländer, ein Exempel zu ſtatuiren, wie man Tyrannenknechte behandeln müſſe; und wer wüßte, was geſchehen wäre, wenn ſich nicht in dieſem Augenblicke die Stubenthüre geöffnet und ein paar Menſchen hereingelaſſen hätte, in welchen alle Anweſenden ſogleich Sally, ONeil's ſchöne bleiche Tochter, Tim Ruuthan, den Hausknecht, erkannten. Dieſer Letztere war eine kleine Figur, von komiſchem Anſehen. Er hatte weder einen Höcker auf dem Rücken, noch auf der Bruſt, und doch dünkte einem ſo, wenn man ihn zum erſtenmal ſah; aber ſein Körper war in Wahrheit nur zuſammengeſchoben, wie ein Tubus in der Taſche, und im Verhältniß zu ſeinem winzigen Rumpfe waren Kopf, Arme und Beine groß zu nen⸗ nen, während ſie doch durchaus keine weitere Aus⸗ dehnung hatten, wie bei jedem andern Manne von mittler Körpergröße. Sein Geſicht war freilich nicht hübſch, aber man konnte es eben ſo wenig häßlich nennen; überdies war es von einem großen, braunen Backenbart überſchattet; dafür zeugte ein bedeutender 58 Haarmangel über der Stirne, daß der kleine Mann ſchon über die gewöhnliche Lebenshälfte hinaus ſei. Kluge, freundliche Augen, ein verſchmitzter Zug um die Mundwinkel und eine bedeutend lange, ſpitze Naſe zeichneten außerdem noch Tim Ruuthan aus. Ein einziges bittendes Wort Sally's entwaffnete den glühenden Zorn ihres Vaters ſo ganz und gar, daß er die beiden geängſteten Diener laufen ließ und ſeinem Kinde faſt weinend um den Hals fiel. Tim Ruuthan ſagte:„Nun läugne mir Keiner, daß Sally O'Neil nicht ein guter Lootſe iſt! Zur rechten Zeit war ſie jetzt am Bord der alten ſtolzen Fregatte, die im Sturm ſchon eine Brigg überſegelt hatte und eben anf die andere losging! Sally rafft die Segel ein und führt den unbändigen Dreimaſter glücklich in den Hafen.— Maſter O'Neil, wißt Ihr, wie Ihr mir ietzt vorkommt mit Euerm einzigen Auge?— Gott erhalt's Euch!— Wie ein Leuchthurm, der ſeine glüh⸗ rothe Laterne hinausgehängt hat zur Warnung für Alles, was auf der See ſteuert. Wer ſich nicht in Acht nimmt und dem Thurme zu nahe 3er ſchellt an ſeinen Klippen. Die beiden Landratten da verſtehen den Cours ſchlecht; dafür haben ſie heute Abend Schiffbruch gelitten. Kommt, kommt, Ihr armen Creaturen; Ihr ſeid nicht mit Waſſer getauft, aber mit Schlägen; Ihr liegt zwar nicht im Meere, aber doch in der Prügelſuppe, die aus dieſes Meer⸗ wandrers Händen auf Euch herabgeſtrömt iſt.“ Alle, die vor einigen Minuten bitterlich geweint hatten, lachten jetzt herzlich, und der kleine Witzbold begleitete die Flüchtlinge bis vor die Hausthür und verkehrte dort noch eine Zeit lang mit beiden heimlich im eifri⸗ gen Geſpräch; dann— als ſie fort waren— trat er wieder in die Stube und bezeigte ſich gegen Alle, * 3 59 vorzüglich aber gegen O Neil äußerſt freundlich, zu⸗ vorkommend und unterwürfig, doch Witzfunken aus⸗ ſprühend, wie ein geſtreichelter Kater elektriſche Funken. „Ei, wo treibſt Du Dich doch herum, Tim?“ ſchnauzte ihn Peppy an. „Nicht böſe, liebe Baſe!“ ſchmeichelte der Zuſam⸗ mengeſchobene.„Shaun Donnough, der Parkwärter in Lindſayhall, begegnete mir geſtern Abend auf der Heide drüben beim Wildkatzenſtock und bat mich, ihm 35 einen Theil der Haſen und Kaninchen zu tragen, die er geſchoſſen hatte; die Böcke, die er geſchoſſen, trug er ſelber. Er hat mich gut dafür bezahlt, denn er hat mich mit Kuhfleiſch gelabt, ohne der ehelichen Treue ſeiner Frau etwas zuzumuthen; dann ſchickt er Euch einen Haſen, Baſe— Ihr dürft dabei nicht an mich denken— den ich Euch morgen braten will. Nachher kam Sally O'Neil nach Lindſayhall, um mit Miß Betty zu reden. Als mich Sally ſah, ſagte ſie mir, daß ſie dieſen Abend noch nach Dunmoore zurück müſſe auf Mic Dahna's Hochzeit, um dort ihren Vater zu erwarten, daß ſie ſich fürchte, allein über die Heide zu gehen, und mich bäte, ſie zu begleiten. Wen konnte ſie ſich beſſer ausſuchen als mich, um ſich vor den guten Leuten*) zu ſchützen; denn vor einem Kobold, wie ich, laufen ſie alle davon. Ich wartete, bis ſie ging, und ſchlug ihr vor, den Umweg über unſere Schenke zu machen, damit ich Euch be⸗ nachrichtigen könne, Baſe. Auch dacht' ich mir wohl, Maſter O'Reil bei Euch zu finden, denn ich habe lange ſchon gemerkt, wie verliebt dieſes treffliche See⸗ *) Euphemiſtiſche Benennung aller Geburten des Volks⸗ glaubens, womit der Ire die Heiden und Moore ſeines Vaterlandes bevölkert. 60 mannsblut in Euch iſt, wie er ſchmachtet und ſich nach Eurem Beſitz ſehnt. Ihr ſelbſt aber, Baſe, blühet wie das Heideröslein, ſeit Maſter Evans auf Freiers⸗ füßen nach der Schenke wandert, und ich kann meinen Haſen wohl gar zu Euerm Verlobungsfeſte ſpicken. Ihr werdet mit dieſem Eucrem zweiten Gatten ſicher⸗ lich beſſer fahren, als mit Maſter Toole, meinem in Gott ſeligen Vetter, weil er ein Seemann iſt; und wenn Maſter Evans auch nur die erſte Pflicht eines Ehemanns erfüllt, nämlich ein Auge zuzudrücken, ſo könnt Ihr thun, was Ihr wollt, denn Euere Liebe hat ihn blind gemacht.“ „Was ſchnattert der Junge einmal für dummes Zeug!“ lachte Frau Peppy. „Und ſo u mit mir ging, war er faſt ſo i ſtumm, wie ein Fiſch,“ bemerkte Sally. „Ei,“ verſetzte Tim,„das iſt gar ein ſeltener Fall, daß ſich Blitze im Angeſicht der Sonne zeigen.“ „Wie er ſo ſchön ſpricht!“ ſchrieen die Andern lachend durch einander;„ich glaube gar, unſer alter Sumpfvogel iſt ſelbſt noch in Sally verſchoſſen.“ „Junge Baſe,“ erwiderte der Hausknecht mit ko⸗ miſchem Ernſte,„wißt Ihr nicht, daß alter Wein am hitzgſten iſt und altes Holz am beſten Feuer fängt? Ze näher man dem Winter kommt, deſto bedachter iſt man auf die warme Stube.“„ „Du haſt recht, Herzenskleinod!“ verſetzte die Wir⸗ 5 thin befriedigt und ſtrich dem alten Knaben mit der flachen Hand über's Geſicht;„verſuche Dein Glück, mach's Mic Dahna nach, wähle Dir ein Weib und fang' Deine eigene Wirthſchaft an. Du haſt das ge⸗ ſetzliche Alter.“ Ein bittrer Zug überdüſterte das Geſicht des gnom⸗ haften Mannes; er antwortete nicht, ſondern ſetzte ſich ———— n—— * 61 ſtumm zu den übrigen Hausgenoſſen, hielt aber die Augen mit einem lüſternen Ausdruck unverwandt auf Sally feſt, und als dieſe ihm für ſeine Begleitung freundlich dankte, zuckte es wie wahnſinnige Freude über ſein Geſicht, und ſein unbändiges Luſtgelächter glich dem Wiehern eines jungen Pferdes. Er beglei⸗ tete noch die Scheidenden ein Stück und ſuchte Sally's Hand zu Piſche die er mit leidenſchaftlicher Hef⸗ tigkeit drückte. Dies war inzwiſchen Alles, was ſeine ſchnell emporgeloderten Gefühle ſeiner Scheu abzuzwin⸗ gen vermochten; ſein ſonſt ſo wort⸗ und witzreicher Mund blieb dem ſchönen Mädchen gegenüber ver⸗ ſchloſſen. — 6. Ausgang der Hochzeit. DNReil, Dahna, Dunfoore und Sally ſchlugen den Weg nach Dunmoore ein, nachdem ſie ſich ehrer⸗ bietig von Pater O'Kelly beurlaubt hatten, der auf der Straße nach Bantry zu trabte, und bald tönten ihnen die luſtig geſtrichene Fiedel, der Dudelſack, die Pickelpfeife und die fröhlichen Volksgeſänge aus dem Dorfe entgegen. Die Ankommenden wurden mit un⸗ ändigem Jubel begrüßt; denn nur auf ſie hatte man gewartet, um der tollſten Freude Zaum und Zügel ſchießen zu laſſen. „Willkommen! Willkommen!“ gröhlte der alte John Boyle ſeinem Kameraden SOReil entgegen. „Nun, das iſt vortrefflich, daß Du noch kommſt, Evans. Wir wollen eine Nacht zuſammenfeiern, wie ⸗ am Bord der Najade, als unſer guter Parker Hochbootsmann geworden war. Gott ſchenk' ihr Glück und St. Patrik Segen, der braven iriſchen Seele! Und heute wollen wir das ſchmucke Braut⸗ paar hoch leben laſſen und noch einen andern Mann, den ich heute nach Erins grünem Ufer zurückgebracht habe.“ „Ha, Du meinſt Sir Lewis O⸗Donnel! Ich be⸗ neide Dich um die Arbeit dieſes Tages, alte graue Waſſerratte!“ entgegnete O'Neil.„Nun ich werd' ihn auch begrüßen, den ich nur als Knaben gekannt habe. Aber Du haſt recht, wir wollen ihn wacker leben laſſen; und Parker dazu.“ Die Lootſen ſchüttelten ſich die kräftigen Hände und geſellten ſich zu den Uebrigen. Bald ſchwe ſich die jungen Leute im raſchen Reel*), während die Alten durch Lewis O'Donnel's Freigebigkeit in den Stand geſetzt waren, einige Quart Whisky mehr in den bei den Zren ſo beliebten Punſch zu verwandeln, um deſſen dampfenden Napf ſie ze⸗ chend ſaßen. 2 „Bei unſerm Heiligmacher und Erlöſer!“ rief der alte Dunfoore begeiſtert, indem er die kleine, ſchwarz gerauchte Tabackspfeife weiter an ſeinen Nachbar reichte, ſeinen bis zum Rand gefüllten irdenen Tumb⸗ ler hoch haltend:„wie der Stamm, ſo iſt auch die Frucht! Unſer junger Squire— denn bei St. Pa⸗ trik! ſo will ich ihn genannt wiſſen, allen Engliſch⸗ geſinnten und Rothröcken zum Trotz— iſt, wie alle D'Donnel's geweſen ſind, ein ächter Zriſhman und Freund ſeiner armen Landsleute, ein Retter aus der Noth, wie ſein Vater war. Seit Wochen hatte ich *) Jriſcher Nationaltanz. — r ——— S e 63 keinen Penny Geld; er hat mir auf Monate gegeben, wie Euch Allen.— Auf, Ihr Männer! Erhebt Euch alle, Ihr treuen Erinskinder! Ich trinke Sir Lewis Geſundheit und Glück für immer! Auf daß ſein Stamm auf's Neue grünen und blühen möge für ewige Zeiten!“ „Sir Lewis O'Donnel für immer!“ brauſte ein⸗ ſtimmig der ungeheure Chor.— „Und daß er Irlands Rechte ſchirmen und ver⸗ theidigen möge, wie alle ſeine edlen Vorfahren ge⸗ than!“ ſetzte O'Neil hinzu. „Amen! So geſchehe es!“ rief Michaul.„Laßt uns Alle daſſelbe zu thun geloben!“ „Wir ſchwören es bei St. Patrik!“ donnerten die Männer, und Irlands trauernder Genius zog wehmüthig lächelnd über die Häupter der Patrioten dahin, während John Boyle mit großem Lärm alle Iriſhmen und beſonders Lewis O'Donnel und den Hochbvotsmann Parker zehnmal hintereinander leben ließ und eine bedeutende Menge des Getränks in ſich goß. „Nun noch den beſten von allen unſern Geſän⸗ gen, Freunde!“ fuhr der junge Ehemann fort, indem er die ſchöne Moya, die ſich mit der ganzen Innig⸗ keit einer Neuvermählten an ihn anſchmiegte, feſt umſchlungen hielt.—„Nie ſtirbt der Muth in Erins Söhnen!—“ und alsbald hallte Haus, Hof und Garten, wo ſich die zahlreiche Geſellſchaft, weil es an Raum in dem kleinen Gebäude gebrach, niederge⸗ laſſen hatte, von dem kräftigen Geſange wieder, der, in der urſprünglichen altgasliſchen Mundart vorge⸗ tragen, die Männer faſt ebenſo wie ihre Vorfahren entflammte, wenn der Barde des Clans die Krieger durch ſeinen Heldengeſang zu irgend einer kühnen That begeiſterte. 64„ Harmlos verbrachte das muntre Völkchen auf dieſe Weiſe unter Spiel und Sang noch einige Stun⸗ den, und der Witz, woran wenige Völker ſo reich ſind, wie die von ihren ſtolzen Nachbarn ſo verachteten Ir⸗ länder, ſprudelte, vielfach belacht, wie gährender Wein über die Geſellſchaft. In ihrer Freude vergaßen ſie heute die Drangſale, die Manchem unter ihnen ſchon am folgenden Tage durch eine Ladung des Conſtable, durch den Zehntſammler oder durch den Pfandmann bevorſtand. Als Mitternacht vorüber war, wurde endlich nach Landesſitte der Reihetrunk gehalten, bei welchem der jungen Frau ein Strauß von Immergrün, ein Zweig der Stechpalme und einige volle Kornähren, als Bilder der Treue, der Leiden, welche im Eheſtande nicht aus⸗ bleiben, und der Hoffnung auf Segen, von der älte⸗ ſten anweſenden Frau überreicht werden, worauf ſie einer jeden Verheiratheten in der Geſellſchaft in einem ſüßen, methartigen Getränke Beſcheid thun muß und dann durch Kuß und Handſchlag in das Schutz- und Trutzbündniß der Weiber gegen ſtörrige Ehegatten auf⸗ genommen wird. Nachdem Moya mit heißen Thränen von der zurückbleibenden Mutter Abſchied genommen hatte, gab Dahna der noch Zögernden einen Wink, worauf ſie ihm hocherröthend folgte und eben ſo ſittſam, wie ſie als Mädchen geweſen war, ſeine Dienſte beim Be⸗ ſteigen ihres kleinen Pony annahm. Während dieſer Abſchiedsſcene, von höchſter Wich⸗ tigkeit für die Neuvermählte, die, alle die alten be⸗ freundeten Gewohnheiten hinter ſich laſſend, in neue Lebensverhältniſſe eintritt, hatten die auswärtigen Hoch⸗ zeitsgäſte die kleinen langhaarigen Klepper herbeigeholt und ordneten ſich zum Gefolge. Vielen gelang es 65 erſt nach manchem vergeblichen Verſuche, auf dem Rücken der Pferde in leidlich anſtändiger Figur Poſto zu faſſen und das ſchwere Haupt emporzurichten, aber einmal oben ſaß der Beranſchteſte feſt. Die Gäſte aus dem Dorfe nahmen unter Scherzreden und witzigen, dem Brautpaar dargebrachten Wünſchen Abſchied und gingen. John Bohle und Evans OReil führten einander, denn keiner konnte füglich allein gehen, und auch jetzt noch mußte Sally das Beſte für ihr bei⸗ derſeitiges Fortkommen thun. Nun ſchwang ſich auch Michaul mit dem vor⸗ nehmeren Anſtande, den er früher in der hohen Welt, d. h. im Hauſe des Sir William O'Donnel zu ſehen und zu lernen Gelegenheit gehabt hatte, in den Sattel, und den blumenbekränzten Hut hoch ſchwingend, ſetzte er ſich unter einem dreimaligen Hurrah als König des Feſtes an die Spitze des Zugs, umſchlang mit der Rechten die unter Thränen lächelnd zu ihm aufblickende Moya, und ſingend und jubelnd folgte die luſtige Cavalcade, Männer und Weiber bunt durch einander, zu Dahna's, etwa eine engliſche Meile vom Orte am Fuße der erwähnten Teufels⸗ mauer gelegener Wohnung. Der vorangeeilte jüngere Bruder des Bräutigams machte dort ſtatt der durch Alter und Gebrechlichkeit ans Krankenlager gefeſſelten Mutter den Wirth. Ze⸗ der der Gäſte trank noch ein Glas, die Weiber nipp⸗ ten noch einmal, ohne jedoch vom Pferde zu ſteigen. Einer oder der Andere bat noch um ein Stückchen Rolltaback, oder um die beliebte Priſe, dann zerſtreu⸗ ten ſich alle, unter Dankſagungen und Segenswün⸗ ſchen für das junge Ehepaar, nach verſchiedenen Rich⸗ tungen. Michaul aber knieete nun mit dem holden jungen Storch, ausgew. Romane u. Novellen vI. 5 „ S 66 Weibe am Bette der betagten Mutter nieder, die ih⸗ nen freudig die abgezehrten Hände entgegenſtreckte und ſie dann ſegnend auf das Haupt der geliebten Kin⸗ der herabgleiten ließ; dann verriegelte er die zwar kleine, aber nett gehaltene Hütte und übergab Moya das Regiment über ſein Hausweſen, dem die ſchwache Mutter ſchon lange nicht mehr vorſtehen konnte. Blendend weiß und ſauber nahm ſie die kleine ſtille Brautkammer auf, und die Mutter betete heiß und brünſtig des Himmels Glück und Segen auf ihre Häupter herab. 6. Ein Pertrag zwiſchen zwei Ehrenmännern. Feucht und grau, in unheimlicher Geſtaltung, hier in dunſtige Knäul zuſammengeballt, dort form⸗ los umherflatternd, hielt des Nebels geiſterhaftes Ge⸗ bild Moor und Heide wie ein Baartuch umſpannt, dehnte ſich, wie Rieſenſchlangenbrut, an den Felſen der Meerküſte empor, kroch, wie ein weſenloſes Un⸗ thier, durch die zerklüfteten Steinmaſſen und griff mit langen Armen über die weißen Schaummarken der Brandung hinaus. Ueber ihm lag die ſchwarze Fin⸗ ſterniß einer ſternenarmen Nacht, der Trauerflor über dem Leichentuche. Auch an Thränen fehlte es nicht, und nicht an Gewimmer und Geſtöhn. Die Thrä⸗ nen ſchienen den tauſend und aber tauſend geſpenſtig glotzenden, überſchleierten, geſtaltloſen Augen der ern⸗ 67 ſten Nacht zu entquellen, die Jammerlaute aus ihrer Bruſt zu ſteigen; aber jene Augen blicken nicht Mit⸗ leid, nicht Wonne, nicht Wehmuth, nicht Schmerz, und die Nacht hat kein Herz in ihrer Bruſt. Darum klingen die Thränen ſo gleichgültig: kalte, rauhe Re⸗ genſchauer auf die dürre Heide, auf das feuchte Moor; darum iſt das Geſtöhn ſo ſchauerlich gleichförmig, ſo markerſchütternd ausdruckslos: das pfeifende Geräuſch des Windes, der über die Heide fährt, das tobende Sauſen des Sturms, der um die zackigen Felſenwar⸗ ten dunkle Rieſenfittiche rauſchend ſchlägt; das don⸗ nernde Gebrüll der Brandung, die die Wächter des Landes, jene feſtgebannten, ſteingeſchuppten, ſcharf⸗ zahnigen Drachen mit Rieſenwellen peitſcht. Es iſt nichts weiter: der Winter iſt im Anzug und ſendet ſeine ungeberdigen Anmeldeboten. Mit der überhandnehmenden Dämmerung trat ein Mann aus einem der armſeligen Häuschen, die an jene kluftige Felſenwand der Küſte, die Teufelsmauer, angelehnt waren, und ſchritt, die Pfade verachtend, über die hügelige Heide durch Regen und Sturm, Nebel und Nacht; unter ſeinem leinenen Kittel, der halb durchnäßt war, trug er eine Jagdflinte, deren Pfanne er ſorgfältig gegen den Regen ſchützte. Der einſame Nachtwanderer der Heide hieß Michaul Dahna. Lange war er durch Dorngeſtrüpp und Ginſter, über Hügel und durch Vertiefungen hingeirrt und eben über den Bach geſprungen, als ſich hinter dem Ufer⸗ gebüſch deſſelben eine kleine dunkle Geſtalt erhob und ihn gebückt, faſt auf die Erde gekauert, verfolgte. Es gemahnte Michaul einige Male, als höre er ein Geräuſch hinter ſich; ſobald er aber ſtand, die Hand ſchußfertig an die Flinte gelegt, war es ſtill, und nur der Sturm lärmte über ſeinem Haupte. Der 68 nächtliche Jäger wandte ſich endlich, nach langem Um⸗ herſchweifen, rechts nach dem höhern Gelände, das zum Gebirge emporſteigt, wo aus einer Bucht der Kenmare⸗Bay die Felſen, wie eine wunderlich geſtal⸗ tete Steinſtadt, ſich weit in das rauhe Land bis zum Gebirge erſtrecken, ein ſtarres Gewirr von Klippen und Hörnern, die Drachenkrone genannt, durch das bei Tage nur der Kundige den ſichern Pfad findet, dem bei Nacht kein Bewohner der Gegend naht; denn dort hauſen die Geiſter, die der Landmann aus Scheu mit dem Namen der guten Leute belegt. Michaul kroch durch die Spalten und wanderte ſicher in dem Labhrinth; ſein dunkler Verfviger ſchien aber nicht weniger Kenntniß des Terrains zu beſitzen und war ſtets hinter ihm. Michaul lauerte umher; dort regt ſich's und huſcht am Boden; am Felſen ge⸗ drückt, mit geſpanntem Hahn läßt er's näher kommen; weiße Fellchen ſchimmern durch die Nacht; die Flinte knallt und ein Kaninchen liegt zappelnd am Boden. Die andern ſind erſchrocken in ihre Höhlen geflohen, und der glückliche Jäger zieht auf weitere Beute fort. Die dunkle Geſtalt verfolgt ihn nicht ferner; raſch windet ſie ſich nach der entgegengeſetzten Seite durch die Felſen und kugelt ſich dann behende durch die Heide abwärts nach Lindſayhall zu. Dort ſteht dicht am Park, dem neuen Schloſſe gegenüber, ein ein⸗ ſtockiges, aber freundliches Haus, mit einem ſtattli⸗ chen Hirſchgeweih über der Thüre. Darin wohnt Shaun Donnough, der Parkwärter und Wildhüter Seiner Lordſchaft. An die runden Fenſterſcheiben pochte leiſe der Dunkle, und Shauns wüſtes Geſicht, dampfend von Taback und Whisky, fährt heraus und ruft mit rauher Stimme: „Wer iſt's?“ 69 „Tim Ruuthan,“ verſetzte der außen. „Was willſt Du, Froſch?“ „Ich hab' ihn erwiſcht, ſo wahr ich ein Schuft bin, es Euch zu verrathen!“ „Wen? was?“ fragte der betrunkene Wildhüter. „Ei, wen denn ſonſt, als Mic Dahna auf der Jagd,“ erwiderte der Kleine ärgerlich.„Wenn Euer Magen ſo leer wäre, wie der meinige, würdet Ihr wahrlich nicht ſo fragen.“ „Haſt Du ihn?“ rief Donnough freundlich.„O, damit werden wir Seiner Lordſchaft eine erſtaunliche Freude machen. Komm herein, alter Junge, und iß und trink mit mir, was ich habe.“ „Das denk ich auch,“ murmelte Tim.„Solch' ein Speckfreſſer hat die Augen im Wanſt und das Gedächtniß im Magen; die erſten übergießt er mit Poleen, Whisky, Ale und Ingwerbier, daß ſie ſtets feucht ſind, wie von Thränen der Rührung; das letz⸗ tere überdeckt er mit Schichten von Ochſen⸗, Hammel⸗, Schweinefleiſch, Wildpret und Geflügel, damit er ver⸗ geſſe, daß andere Leute auch Hunger haben; und nur erſt, wenn man ſolchem Hundsfott einen guten Dienſt erwieſen, thut er die Wanſtaugen und das Magen⸗ gedächtniß auf.“— Tim zerarbeitete eine Rehkeule mit beiden Backen und goß aus Shauns Waidmannsflaſche fleißig Ver⸗ dünnungsmittel zu; dazwiſchen mußte er, ſo viel er Zeit gewinnen konnte, dem Parkwärter das Abenteuer dieſes Abends erzählen. Dann brachen beide auf und verfügten ſich nach dem neuen Schloſſe hinüber. Dies war ein im edelſten modernen Styl von Lord Kildare aufgeführtes großes und prächtiges Gebäude, mit Tei⸗ chen und Blumengärten umgeben und von der Herr⸗ 70 ſchaft bewohnt, während das alte Schloß, ein gothi⸗ ſches, winkeliges, ehrwürdiges Haus, der ehemalige Sitz der Familie O'Donnel, unbewohnt und öde auf der andern Seite des Parks lag, vom Lord nie be⸗ treten und nur zur Anhäufung von Vorräthen und zur Aufbewahrung alten Geräthes gebraucht. Unter dem Volke ging ſogar die allgemeine Sage, Lord Kil⸗ dare wage ſich nicht in das alte ehrwürdige Schloß der O'Donnel, und es ſei ihm früher darin manch Unheimliches und Grauſiges begegnet. Als der Parkwärter mit dem Hausknechte der Heideſchenke in das koſtbar und modern⸗vornehm ausmöblirte, hell erleuchtete Geſellſchaftszimmer trat, ſaß der reiche, mächtige Lord bei einer Partie Whiſt. Er war ein ziemlich corpulenter Mann, mittler Größe, mit einem wohlgebildeten, weinrothen Geſicht, aus welchem Wohlleben und hinlängliche Bewegung die Falten noch entfernt gehalten hatten, während das dürftige Haar nicht mehr im Stande war, den kah⸗ len Oberkopf zu bedecken. Deſto üppiger bauſchten die Augenbrauen und Wimpern um ſein großes, graues, lauerndes Auge. Seine Spielgäſte waren Lord Werford, ein reicher Ländereibeſitzer aus dem Norden, jetzt Obriſt eines königlichen Regiments, das in der benachbarten Stadt Bantry in Garniſon lag, übrigens jung, wohlgebildet, prachtliebend, galant. Der Dritte war ein kleines, ſchwarzhaariges Männ⸗ lein von aſchgrauer Geſichtsfarbe, zuſammengedrückt und hinfällig, ſtets den beiden anweſenden Damen zugrinſend und dann und wann in ein heiſeres Lachen ausbrechend, ſobald er ſelbſt oder eines der Andern etwas geſagt hatte. Form und Farbe ſeiner Klei⸗ dung verriethen den proteſtantiſchen Geiſtlichen, und wirklich war es Magiſter Ephiſtone, Schloßprediger und ſich dabei auf ſeinen Begleiter bezog, ſchoß 71 und Seelſorger der Schloßbewohner und proteſtan⸗ tiſchen Anſäßlinge der benachbarten, zu Kildare's Gü⸗ tern gehörenden Dörfer. Die zwei ſchon erwähnten Frauen nannten ſich Miß Anna Reil und Miß Margaret Fitzjames. Die erſtere, welche die vierte Perſon der Whiſtpartie abgab, lebte unter dem Na⸗ men der Haushälterin auf dem Schloſſe, die letztere, die ſich vertraulich über des Lords Achſel bog, um ihm in die Karte zu ſehen, führte den Titel einer Geſellſchafterin der Miß Eliſabeth, der einzigen Toch⸗ ter des Lords; doch legte ihnen der Mund des Vol⸗ tes Beſchäftigungen bei, die mit ihren Titeln in kei⸗ ner Beziehung ſtanden; wenn auch Miß Reil dem Hausweſen vorzuſtehen ſchien, ſo war Miß Fitzjames nichts weniger als Geſellſchafterin der jungen Lords⸗ tochter. Ihr Aeußeres war allerdings geeignet, den boshaften Behauptungen der Menge einen Anſchein von Recht zu geben; denn beide waren ſchön, Miß Reil ſchon eine hohe Dreißigerin, aber mit jener ſtolzen Liebenswürdigkeit ausgerüſtet, die Frauen die⸗ ſes Alters dem wahren Kenner ſo unwiderſtehlich macht, Miß Fitzjames, erſt vier und zwanzig, ſtrotzend von Lebensfülle, ungenirt, etwas unordentlich in der Kleidung und im Umgange mit Männern ſich Freiheiten erlaubend, die viele mit ſchlimmern Namen zu belegen geneigt waren. Ihr Betragen gegen den Lord ließ ſchwerlich Jemandem einen Zweifel über ihr wahres Verhältniß zu demſelben übrig. Während der Wildhüter mit ſchwerer Zunge die Veranlaſſung ſeines ſpäten Erſcheinens vorbrachte Miß Margaret lachende Blicke auf die ihr ſchon bekannte kleine Geſtalt des Letzteren und lachte ihm 72 endlich géradezu in's Geſicht, was Tim nicht wenig verdroß. „Gnädige Frau,“ wandte er ſich an die ausge⸗ laſſene Geſellſchaftsdame,„oder wenn Euch dieſer Titel nicht zukommt, ſo belehrt mich, welchen man Euch mit Recht zu geben hat— ich wünſchte, Ihr ſtelltet mich als Euern Hofnarren oder Spaß⸗ macher an, oder Ihr vermöchtet Seine Lordſchaft da⸗ zu, was Euch ſicherlich nicht ſchwer fallen wird, mir dieſen Poſten zu übertragen, damit ich doch wenig⸗ ſtens von dem Vergnügen, das ich Euch bereite, auch etwas hätte; und in der That, es liegt mir jetzt viel daran, bald eine Anſtellung zu erhalten, die den Mann mit Frau und Kindern ernährt. Ze mehr Ihr dann über mich lachtet, deſto lieber wär' mir's. Zetzt ſeht Ihr, daß ich ein ſaures Geſicht dazu mache.“ „Mann,“ verſetzte ſie,„ich kann die Vorſtellung nicht loswerden, daß Ihr dem ſchlecht verwahrten Ka⸗ ſten eines Puppenſpielers entſprungen ſeid, Gott weiß, von welchem dämoniſchen Geiſte beſeelt, der große Luſt hat, ſich einmal in der Menſchenwelt umzuſehen, und ich fürchte Euch jeden Augenblick als Rieſen vor mir ſtehen zu ſehen. Wahrlich, ich ſah' Euch ſchon auf einer Bühne; Ihr kamt ganz ſo wie jetzt angetanzt, aber plötzlich dehnte ſich Euer Leib in's Ungeheure auseinander, und während wir Euere Größe bewun⸗ derten, ſchobt Ihr Euch im Nu wieder zuſammen. Geht, Ihr könnt mit Euerer Kunſt mehr verdienen, als mit jeglicher Anſtellung.“ Der Magiſter wieherte ſeinen heiſern Beifall. „Fürwahr,“ verſetzte Tim,„ich ſehe, daß ich die Ehre habe, von Euch gekannt zu ſein; doch wundere ich mich darüber nicht mehr, ſeit ich in Euch die 1 73 Prinzeſſin Pumphia erkannt habe, die den Prinzen Zerbino unter dem Rock verbirgt, als Sultan Sala⸗ din ſie in ſeinem Harem beſucht. Welcher belebende Geiſt iſt denn in Euere hölzernen Gliedmaßen gefah⸗ ren, ſchönſte Prinzeſſin?“ Jetzt lachte Lord Werford, der mit einem Ohre auf Margaret und Tim's, mit dem andern auf Kildare's und des Wildhüters Unter⸗ haltung gehorcht hatte, hell auf, warf der jungen Ge⸗ ſellſchaftsdame einen inhaltsſchweren Blick zu, der die⸗ ſer vollends alles Blut in die Wangen trieb, und ärgerlich ſich abwendend, murmelte ſie etwas von: „unverſchämten Burſchen.“ „Du glaubſt alſo, daß wir den Michaul mit ſei⸗ nem Diebſtahl in ſeiner Hütte erwiſchen?“ fragte der Lord den Hausknecht. „Nichts gewiſſer, als das, gnädiger Herr!“ „Und Du biſt auch entſchloſſen, jegliche geheime Verbindung des Sir Lewis O'Donnel aufzuſpüren, jeden Schritt deſſelben zu belauern und mir unver⸗ züglich Kunde davon zu hinterbringen?“ „Ich bin's unter der Bedingung, die ich dem ge⸗ genwärtigen Parkwärter und Wildhüter Ew. Lordſchaft ſchon genannt habe.“ „Was war's doch, Shaun? ich habe es wieder vergeſſen.“ „Wenn Ew. Gnaden mir die Förſterſtelle zu Ca⸗ ſhelborrow, die ſich bald erledigen wird und die Sie mir verſprochen haben, ertheilen, möchte Tim hier mein Nachfolger werden.“ „Ganz recht.“ „Mylord,“ ſagte Tim mit ziemlichem Trotz,„eine Hand wäſcht die andere; ich weiß recht gut, welch großen Dienſt ich Euch erweiſe, wenn ich Euch den Sir O'Donnel ans Meſſer liefere; ja ich weiß, wie 74 ſehr lieb es Euch iſt, daß ich den Wilddieb Dahna heute erwiſcht und angezeigt habe. Ich denke, es ſoll mir mit Sir Lewis nicht viel mehr Mühe ko⸗ ſten. Aber mir iſt eben ſo gut bekannt, welch ein Schurke ich bin, indem ich mich zu ſolchem Spio⸗ niren und Verrath gebrauchen laſſe; ich würde mich auch nimmermehr von Shaun dazu haben bereden laſſen, wenn nicht der Fall einträte, daß ich bald, ſehr bald eine nährende Anſtellung haben wollte, ſei es nun als Euer Wildhüter, Diener, Pächter oder was Ihr wollt. Aber ich möchte eben nicht auf den Tod des alten Förſters in Caſhelborrow warten.“ 6 „Ei, und weshalb drängſt Du denn den Lord ſo?“ fragte der Obriſt Werford. „Wenn ich Sir Lewis in's Verderben geſtürzt habe, wird dem gnädigen Lord wenig daran liegen, weshalb ich ein ſolcher Schuft war.“ Miß Margaret ſtieß den Lord Kildare an, und dieſer ſagte:„Nein, nein, Du mußt es ſagen. Das iſt nun wieder Bedingung von mir.“ „Sagt es, Mann!“ gebot Miß Reil mit herri⸗ ſcher Stimme. „Nun, in's Henkers Namen!“ platzte Tim nach einigem Zögern verdrießlich heraus;„ich will meinen eigenen Herd haben und ein Weib nehmen, wozu ich bei Mutter Peppy in der Heideſchenke doch nimmer gelangen kann.“ Ein allgemeines Gelächter, in welchem ſich der Magiſter und Miß Margaret am meiſten her⸗ vorthaten, vermehrte den Aerger des kleinen Haus⸗ knechtes. „Sage mir, Tim Ruuthan,“ fuhr Kildare fort, „haſt Du etwa ſchon eine Verlobte, oder haſt Du 75 Deine Hoffnungen auf ein Frauenzimmer geſetzt, die Du für geneigt halten dürfteſt, Dein Loos mit Dir zu theilen?“ „So iſt's, gnädiger Herr!“ „Und wer iſt die Glückliche, auf die Deine Wahl gefallen, und die Du unter die Haube zu bringen ſo ſehr eilſt?“ „Ach, Ew. Lordſchaft fragt mich aus, wie einen Schulknaben!“ ſagte Tim mit verbiſſenem Grimm. „Wir nehmen nur Antheil an Deinem Schickſal, und es iſt nothwendig, daß Du uns mit allen Ein⸗ zelheiten derſelben bekannt machſt, willſt Du der Wild⸗ hüterſtelle gewiß ſein. Alſo den Namen, wenn ich bitten darf.“ „Meinetwegen. Es iſt Sally O'Neil, die ein⸗ zige Tochter des alten Lootſen Evans in Dun⸗ moore.“ 6 „Ah, Reſpect! die bleiche, ſchöne Sally, die Freun⸗ din meiner Tochter. Du verſteigſt Dich hoch, Bur⸗ ſche; das Kind ſtammt aus einem uralten Adelsge⸗ ſchlecht und hat in ihrer Armuth die ihr angeborene Würde beibehalten. Ich ſehe ſie ſtets gern in Lind⸗ ſayhall. Glaubſt Du wirklich, daß Sally Dir zum Altare folgen wird?“ „Sie hat ſchon viele Bewerber, junge ſchmucke Burſche, reiche Pachtersſöhne und bemittelte Landwir⸗ the abgewieſen,“ ließ ſich des Magiſters heiſere Stimme vernehmen. „Abgewieſen!“ rief Miß Anna und ſchlug die Hände zuſammen;„junge, hübſche, reiche Leute abge⸗ wieſen und will dieſen heirathen?!“ „Das hat ſeinen Haken,“ ſagte Tim pfiffig lä⸗ chelnd.„Abgewieſen hat weder Sally noch Evans einen ihrer Bewerber; ſie ſind alle von ſelbſt abge⸗ E— ri 5 76 ſtanden, ſobald der einäugige Lootſe mit ſeiner ver⸗ zweifelten Offenherzigkeit eine Frage an ſie richtete. Sie zogen lange Geſichter und gingen. So verhält ſich die Sache.“ „Und was iſt das für eine Frage?“ drängte Lord Kildare. „Was für eine Frage?“ rief Miß Margaret neugierig. „Ja, das hat ſein Aber. Es iſt für Manchen eine delikate Sache, aber ich mache mir nichts daraus. Was kann das arme Mädchen dafür, daß ihre Mutter ein ſchlechtes Weib war? Und was thut am Ende die Noth nicht! Man ſoll Keinen verdammen. Sally iſt mir eben ſo lieb und wird mein geliebtes treues Eheweib werden.“ „So ſag', was für eine Frage, was für ein Aber, was für ein Haken iſt bei der Sally?“ herrſchte ihm Kildare zu. Da ſtellte ſich der zuſammengeſchobene Hausknecht auf die Zehen, näherte ſo ſeinen Mund dem O des Lords und flüſterte etwas hinein, worauf die lächelnd nickte. „Gut, gut! Du bekommſt die Stelle, ſobald D mir die verſprochenen Dienſte hinſichtlich O'Donnels geleiſtet, und heiratheſt Sally, was meiner Tochter lieb ſein wird,“ ſagte Kildare aufſtehend. „Shaun,“ redete er dann zum Parkwärter,„Du mußt gleich mit dem Conſtable nach der Teufelsmauer hinüber, um den Dieb zu überführen, und wahrlich, trotz des Sturmes habe ich große Luſt, Dich zu be⸗ gleiten, um den ſtolzen Buben, den Mic Dahna, end⸗ lich gedemüthigt zu ſehen. Ich habe ſchon lange an dem übermüthigen Betragen dieſes Burſchen Aergerniß genommen, und wahrlich, es wurde zur Frechheit, wie —— 97 mir James Morries verſichert hat, ſeit der Lewis O'Donnel wieder im Lande iſt. Wir haben ihn end⸗ lich gefangen, und ich muß ihn endlich in der Falle zappeln ſehen. Magiſter, Sie können mir Geſellſchaft leiſten.“ „Wenn Ew. Lordſchaft gnädigſt befehlen! Ich will nur meinen Mantel umthun, um mich in dieſer ſtür⸗ miſchen, rauhen Nacht nicht zu erkälten.“ „Ich werde daſſelbe thun; auch um unerkannt zu ſein,“ ſetzte Kildare hinzu.„Ihnen, Mylord, darf man wohl den kleinen Spaziergang nicht zumuthen?“ richtete er die Rede an den Obriſten. „Ich danke,“ verſetzte dieſer.„Ich will Miß Eliſa⸗ beth noch meine Aufwartung machen; ich höre ihre ſchöne Stimme einen ergreifenden Geſang vortragen, und mein Herz verlangt, ihr ſeinen Beifall zu ſpenden. Miß Margaret, wollen Sie nicht die Tochter des Hauſes in meinem Namen um Erlaubniß erſuchen, die ſtillen und freundlichen Räume ihres Zimmers betreten zu dürfen?“ Die Angeredete warf dem ſchönen Offizier einen dankbaren, freundlichen Blick zu, drückte ihm, an ihm vorübergehend, die Hand und entfernte ſich. Kildare hüllte ſich in Mantel und Pelzkapuze, die James Morries herbeitrug; Donnough ging, den Conſtable aus dem Dorfe zu holen, dann brachen ſie zuſammen auf; Tim aber trennte ſich draußen von ihnen und verfolgte den Pfad nach der Heideſchenke, während die Andern ſich nach der Teufelsmauer hinüberſchlugen, weder Wind noch Regen ſcheuend. ( Eine ernſte Stunde. Während dieſer Verhandlungen auf Schloß Lind⸗ ſayhall umkreiſte ein unſichtbarer düſtrer Genius den Firſt des kleinen Hauſes an der Teufelsmauer, worin Michaul Dahna mit den Seinigen wohnte. Es war der Engel des Todes. Andy Dahna war in der ſpäten Nacht mit dem zweirädrigen Karren voll Torf heimgekehrt und hatte das dürſtige Brennmaterial, das die Bewohner der Umgegend in dieſer Zeit graben, und mit deſſen müh⸗ ſamer Gewinnung er den ganzen Tag über beſchäftigt geweſen war, noch unter Dach gebracht. Dem dür⸗ ren Klepper hatte er einige Hände voll Hafer gereicht und ihn dann in dis Heide laufen laſſen, damit er ſich während der ſtürmiſchen Nacht vollends an den einzelnen fahlen Grashalmen ſättigen möge, die, hie und da unter Ginſter und Stechpalmen verſteckt, dem übrigen Vieh der kleinen Gemeinde entgangen waren. Nachdem er ſein durch Regen und Wind erſchwertes Geſchäft beendigt hatte, trat der junge Burſche in das Haus und zum Herde deſſelben, der mit einem freund⸗ lichen, geſelligen Feuer geſchmückt war, um ſich zu trocknen und zu wärmen, und der Geruch der friſchen Haferkuchen, die Moya eben bereitete, duftete ſeinem hungrigen Magen ſehr angenehm entgegen. Ihn be⸗ dauernd und ſchmeichelnd ſtreichelte das ſchöne junge Weib dem armen durchnäßten Schwager die kalte Wange, tröſtete ihn auf das warme Abendeſſen, womit heute ein Glas gewärmtes Bier verbunden ſein ſollte, 79] und trat dann an die Hausthür, um zu ſehen, ob Miec noch nicht wiederkehre; denn er hatte verſprochen, zum Eſſen zurück zu ſein. Da regte ſich die kranke Mutter, für deren Leben die übrigen Hausbewohner ſchon ſeit einigen Tagen in mehr als gewöhnlicher Beſorgniß geweſen waren, mit einem tiefen Seufzer auf ihrem Lager von trocknem Mooſe, das, als Zeichen beſſeren Wohlſtandes, mit einem reinen Linnenlaken und einer wollenen Decke verſehen war. Das Stöhnen wiederholte ſich und Moya eilte hinzu, um nach der Alten zu ſehen. Der Anblick der⸗ ſelben flößte der jungen Frau bange Beſorgniß ein; Dora lag in einem fieberhaften Schlafe und glühte über und über.„Andy,“ ſagte Moya,„Deine Mut⸗ ter iſt ſehr krank; wenn ihr nur nichts begegnet, wäh⸗ rend Mic abweſend iſt. Ich dächte, guter Junge, Du liefſt nach der Heideſchenke und holteſt Peppy mit ih⸗ ren Kräuterbüchſen herüber; vielleicht, daß Mutter Dora wieder geholfen wird. Wenigſtens haben wir unſere Pflicht gethan, und Peppy iſt in jedem Falle unſer Troſt. Ich will derweil im Gebet bei der armen Schwiegermutter verharren. Lauf' aber ja, was Du kannſt, damit ich nicht zu lange bei ihr allein bin. Wenn's nöthig ſein ſollte, und Angſt und Furcht über⸗ mannen mich, ſo will ich die Nachbarinnen rufen.“ — Andy war ſchon fort und ſetzte mit langen Sprün⸗ gen über die einſame Heide. Das ſchauerliche Stöh⸗ nen der Kranken trat nach immer kürzeren Zwiſchen⸗ räumen ein und hob die Bruſt hoch, und doch er⸗ wachte ſie nicht; die Lampe brannte ſo düſter, das Feuer auf dem Herde war erloſchen und glimmte nur noch in die Aſche; der in den Felſenritzen über dem Häuschen ſich verfangende Wind erzeugte pfeifende und heulende Töne und klopfte mit den Sparren des Daches; 80 der Regen ſchmitzte klirrend an die Fenſter, an deren eines ſich ein Käuzchen, dort Leichenhuhn genannt, an⸗ geklammert hatte, und ein ſchrillendes Geſchrei aus⸗ ſtieß; über die Heide daher flogen jene unheimlichen, ſeltſamen Laute, die die Bewohner ſolcher Gegenden in Irland ſtets in Schrecken ſetzen und die ſie den „guten Leuten“ zuſchreiben. Schauer auf Schauer durchrieſelten Moya's Gebeine; ſie zog einen Roſen⸗ kranz aus ihrem Buſen und begann andächtige Gebete mit Inbrunſt zu murmeln; dann holte ſie die geweihte Kerze herbei, die ſie bei ihrer Firmelung erhalten hatte, zündete ſie an und hielt ſie betend in der Hand. So verſtrich der jungen Frau eine quälend lange Stunde. Da erwachte Dora und forderte zu trinken. Ihre Stimme war verändert. Moya reichte ihr die Schale und fragte:„Wie iſt Euch, Mutter?“ „Ich glaube, mein Ende iſt nahe,“ verſetzte jene mit leiſen erlöſchenden Tönen.„Ein Engel hat es mir zugeflüſtert, der in der Geſtalt unſeres ſeligen Herrn Sir William meinem Traum erſchien.“ Sie hatte noch nicht ausgeredet, als draußen ſchnelle Schritte vernehmbar wurden, und Andy her⸗ einſtürmte, ein Fläſchen mit einem Heiltrank Peppy's in der Hand.„Nehmt dies einſtweilen, Mutter,“ ſtammelte er außer Athem hervor,„Mutter Peppy wird auch gleich kommen; ſie reitet mit dem Pater O'Kelly, der in der Heideſchenke übeknachten wollte, und den ich beredet habe, die Schenkwirthin zu beglei⸗ ten und Euch geiſtlichen Troſt zu bringen. Sie müſ⸗ ſen bald da ſein, denn Bobby ſattelte die Pferde, als ich dort fortrannte.“ „Du haſt wohl gethan, mein Sohn, mir den Prieſter zu beſtellen,“ hauchte Dora;„geiſtliche Arzenei thut mir noth, die leibliche ſchlägt nun nicht mehr an. 81 Kommt näher, meine Kinder, daß ich Euch ſegne und die Verheißung des Erlöſers an Euch erfüllt werde.“ Im Schimmer der geweihten Kerze, die Moya dem Bette niher brachte, und die jetzt ihr volles Licht auf das Geſicht der ehrnlhigen Alten warf, erblickten ſie die ruhig heitern Züge eines Menſchen, der, frei von jedem irdiſchen Verlangen, mit dem Bewußtſein treu erfüllter Pflicht im Begriff iſt, an die Marken ſeiner Erdenpilgerſchaft zu treten. Das Antlitz des Menſchen, jener untrügliche Ausdruck der Seele, er⸗ ſcheint im feierlich ſchauerlichen Augenblick des Schei⸗ dens vom Leben mit einem Verklärungsglanze umge⸗ ben, der die Umſtehenden mit einem unbeſchreiblichen Gefühle heiliger Scheu erfüllt. Auch Moya und Andy, die einfachen Kinder der Natur, fühlten tief die Wirkung, welche die letzte Stunde eines ihnen theuern Weſens in ihnen hervor⸗ rief. Schluchzend ſtürzten ſie auf die Knie nieder, während ſie die nach ihnen ausgeſtreckte Hand der Mutter, die bereits unter den Schauern des Todes erkaltete, mit Thränen badeten. „Ich ſehe meinen Erſtgeborenen nicht,“ fuhr die Sterbende mit ſchwerer Stimme fort.„Gewiß iſt der gute Sohn wieder einmal für mich in Nacht und Wetter hinausgegangen, um mir ei Labe zu berei⸗ ten. Hu, wie heult der Sturm! und zu mir tritt der Tod. O', möchte Mic nur heute nicht zu lange wei⸗ len, um meinen Segen und ein lang gehegtes Geheim⸗ niß aus meinem Munde zu empfangen!“ Während die Beiden zu ihrem Haupte Knieenden bemüht waren, die Beſorgniß der Sterbenden zu be⸗ ſchwichtigen, wurde raſch die Thüre geöffnet und Michaul trat mit blitzenden Augen, den freundlichen Abendgruß ſagend, ſehr erhitzt in das Gemach, triumphirenden „ Storch, ausgew. Romaue u. Novellen. VII. 6 82 Blicks einige Kaninchen hoch emporhaltend. Seinem durchdringenden Blicke entging jedoch ſelbſt bei dem ſpärlichem Lichte, das die düſter brennende Lampe im weiten Raume verbreitete, nicht, was hier vorging. Flinte und Jagdbeute raſch von ſich werfend, ſtand er ſchon im nächſten Augenblicke am Bette der geliebten Mutter, die ihm beide Arme verlangend entgegen⸗ breitete. Stürmiſch nahm der kräftige Mann den Platz des Bruders und der Gattin ein, die ſich zurück⸗ zogen, damit auch der Aelteſte der Familie den ihm gebührenden Antheil von den letzten Beweiſen der mütterlichen Liebe erhalte. „Mic, mein theurer Sohn, mit mir iſt es aus,“ hob die Alte an, als ſie ſich nach einer Pauſe etwas erholt hatte;„meine Augenblicke ſind gezählt. Meine Leiden werden bald, noch an dieſem Abend, ihr Ende erreichen. Schon in dieſer Nacht wird mich der an ſeine Bruſt uehn der, obgleich herzlos, doch der beſte Freund der Leidenden iſt.—— „Liebling meiner Seele!“ fuhr ſie nach einer aber⸗ maligen Pauſe fort,„da mit meinem Leben auch die Veranlaſſung zu Deinen nächtlichen Streifereien auf⸗ hört, ſo unterlaß' ferner, ich flehe Dich darum an, die gefährlichen Wanderungen durch die Klippen und durch die Heide; gieb nicht länger Dein theures Leben oder Deine Freiheit, die Du bisher ſo oft für Deine Mutter auf ein gefährliches Spiel ſetzteſt, Deinen Feinden Preis. Du kennſt Lord Kildare, ſeinen Haß gegen alle treuen Diener des ehemaligen Herrn und Gebieters dieſer Gegend. Fürchte den Mörder Thomas Dahna's, des von mir hochgeehrten Mannes, an dem ich mein ganzes Leben hindurch mit Liebe und warmer Freundſchaft hing, fürchte den Mörder Deines Vaters, Mie,“ ſetzte ſie mit beſonderer Bedeutung im Ton und Blick hinzu, indem ſie das glanzloſe Auge un⸗ verwandt auf den am Fuße des Bettes ſitzenden Sohn heftete. „Ich höre Stimmen und Pferdegetrab,“ fiel Moya ein.—„Sie ſind's!“ ſagte Andy, der an's Fenſter getreten war. „Dank der heiligen Bridge!“ ließ ſich die Kranke vernehmen.„Das iſt ein Zeichen des Himmels, mir zur Ruhe und zum Troſt, daß er mir einen geweiheten Prieſter in meiner letzten Stunde ſchickt, dem ich meine Beichte anſage und von dem ich Abſolution und letzte Oelung empfange.“ Andy war hinaus und half den beiden Ankömm⸗ lingen von den Pferden, die er in den Stall zog, während O'Kelly und Peppy in die Stube traten. „Geſegnet ſei Euer Eingang, hochwürdiger Herr!“ liſpelte Dora. „Amen!“ fügte Pater Auguſtin hinzu und reichte ihr die Hand. Peppy ſchälte ſich aus dem großen Sacktuche, das ſie vor dem Regen geſchützt hatte, ſetzte ſich zu den Häupten der Kranken, fühlte ihr Stirn und Puls und beobachtete ſie mit ſcharfen Augen. Dann wandte ſie ſich und flüſterte im Hintergrunde Michaul und Moya zu:„Hier hat meine Kunſt ein Ende; Euere Mutter ſtirbt noch in dieſer Nacht; der Tod ſitzt ihr ſchon auf der Zunge. Laßt uns Gott bitten, daß er ihr ein ruhiges Sterbeſtündlein beſcheere!“ „Ich danke Gott und meinen Schutzheiligen für die Wohlthat, daß Ihr gekommen ſeid, hochwürdiger Vater, wozu ich doch gar keine Hoffnung hatte,“ ſagte die Sterbende.„Ich habe meinem älteſten Sohne etwas zu ſagen, was Ihr wißt, Pater Auguſtin, und Du, Peppy, und was Ihr Beide ihm bekräftigen ſollt. Ihr Beide, Andy und Moya, entfernt Euch auf einige Augenblicke; ich habe Michaul im Beiſein dieſer alten Zeugen eine Sache von großer Wichtigkeit zu ent⸗ decken, mit welcher er Euch früher oder ſpäter, wenn er es für nöthig hält, bekannt machen wird.“ Andy nahm ſeine Schwägerin bei der Hand und führte ſie unter den Schopfen vor die Hütte. Der Sturm raſete jetzt über das Moor daher und brach ſich mit Geheul an den Felſenkanten über ihren Häup⸗ tern. Moya weinte und betete unaufhörlich; ſelbſt Andy wurde von Schauern ergriffen und dachte nicht mehr an Hunger und Durſt. Noch war keine Vier⸗ telſtunde verſtrichen, als Michaul Weib und Bruder wieder in die Stube rief. Es war etwas Ernſtes, faſt Hohes in ſeinem Weſen, und ſeine Stimme klang ſo feierlich, daß die beiden Eintretenden, denen die Ver⸗ änderung trotz ihrer großen Gemüthsbewegung ſogleich auffiel, ihn verwundert anſahen. Der Pater gab der Mutter eben die letzte Helung, Peppy ſaß zu Füßen derſelben und ſagte die üblichen Sterbegebete mit halb⸗ lauter hohler Stimme her; Michaul nahm Andy und Moya bei der Hand, führte ſie an das Sterbebett und kniete mit ihnen nieder. Dora legte die erkal⸗ tende Hand auf ihre Häupter; ihre Stimme war un⸗ verſtändlich geworden. Der Pater hielt hr ein Crucifix hin, das ſie inbrünſtig küßte; dann warf ſie einen frendigen Blick auf die ſie umgebende Gruppe, einen andern voll Hoffnung und Ergebung nach oben und verſchied ruhig mit einem leiſen Seufzer. Tiefer, heiliger Frieden ſchwebte um die Züge der Verblichenen, als die Kinder ſich nach einer langen Pauſe vom Sterbelager entfernten; und ſtiller wurde ihr Schmerz, indem ſie ſich, im Gedanken der Ver⸗ waiſung inniger als je zu einander gezogen fühlend, die Hand zum treuen Bunde für die Zukunft reichten. 85 Der Pater ſprach den Segen über die Leiche, und Mutter Peppy beſorgte das Nöthige, was ſich auf ihre verſtorbene Freundin bezog. Obgleich Michaul, auf dem Schloſſe zu Lindſay⸗ hall erzogen, zu den Aufgeklärteſten der Dorfbewohner gehörte und allen in Bildung weit voran ſtand, ſo war er doch, was die religiöſen Gebräuche und alte Landesſitten betraf, zu denen auch die Leichen⸗Ceremo⸗ nien gehörten, ein zu guter Irländer, als daß er ſich irgend etwas, was in der Meinung des Volkes die Todte hätte ehren können, zu unterlaſſen erlaubt hätte. Er gab daher dem Bruder den Auftrag, einige Nachbarinnen zur Todtenwache einzuladen und Whisky, Tabak und Pfeifen im nahen Dorfe ein⸗ zukaufen. Die junge Frau aber ordnete mit ſorgſamer Ge⸗ ſchäftigkeit, damit es an nichts fehle, wenn die Gäſte kämen, mitten im Gemache die Tafel; ſetzte die zum eigenen Abendeſſen beſtimmt geweſenen friſchen Hafer⸗ kuchen, ſaftigen Schinken, Gläſer, Krüge und Teller darauf, und heftete endlich im ſelbſtgefälligen Gefühle einer guten Hausfrau, welche für den Augenblick den Schmerz beherrſchte, und glücklich im Gedanken, daß die Nachbarinnen ihren kleinen Haushalt in ſo guter Ordnung finden würden, ihre Blicke auf die weißen Tücher, womit Peppy ſowohl die Todte, als ſie ſelbſt den wohlbeſetzten Tiſch geſchmückt hatte. Die Heide⸗ ſchenkwirthin legte unterdeß Wachholderreiſer auf die neu angefachte Flamme des Herdes und zündete einige Rosmarinſtengel an, damit nach den Begriffen des iriſchen Landvolkes kein unreiner Geiſt ſich der Schwelle des Leichenhauſes nahen möchte. Nachdem Moya ſo die ihr obliegenden Pflichten treu erfüllt zu haben glaubte, ſetzte ſie ſich an die Seite ihres Gatten, der entweder ſtumm in die glim⸗ menden Kohlen ſtarrte, ohne irgend einen Antheil an den Anordnungen zu nehmen, welche zum Empfange der Nachbarinnen getroffen wurden, oder ſich mit dem eben auch nicht wortreichen alten Prieſter unterhielt. Anerwarteter Beſuch am Leichenhette. Immer ſchauriger heulte der Sturmwind, der ſich mit erneuerter Kraft erhoben hatte, durch die Felſen⸗ klüfte der Teufelsmauer; Regen mit Schloſſen vermiſcht rauſchte in Strömen auf die Heide herab. Nachtvögel, bei dem Unwetter vergebens bemüht, die Rückkehr in ihre Schlupfwinkel zu finden, ſchlugen ängſtlich, ange⸗ lockt durch das Licht, mit den ſchweren Fittichen an die niedrigen Fenſter des Hauſes. „Hu! welch' ſchauerliche Nacht, lieber Mic, und wie gräßlich das Leichenhuhn ruft!“ ſagte das junge Weib, indem ſie ſich inniger an den Gatten ſchmiegte. „Ja, eine ſehr ernſte, trübe Nacht, meine Moya!“ entgegnete Michaul mit düſtrer Stimme. „Und doch eine Nacht des Segens!“ ſagte der Pater,„denn der Herr hat in ihr einer frommen Seele ſeinen Himmel geöffnet.“ Da dröhnten plötzlich, um den Graus derſelben noch zu vermehren, laute Schläge an der Hausthüre, und von einer rauhen Stimme vernahm man die Worte: 87 „Oeffnet Euere Thür, Michaul Dahna, im Na⸗ men des Geſetzes!“ Raſch richtete ſich der, deſſen Name gerufen wurde, mit ſtolzem Anſtand in die Höhe. Moya war mehr verwundert über die plötzlich ſo gebieteriſch und dro⸗ hend da ſtehende Geſtalt ihres Gatten, als über die eben gehörte Mahnung, die das Volk in Irland ſo⸗ wohl am Tage als bei Nacht in jeder Stunde zu ge⸗ wärtigen hat. Seine Augen ſtrahlten im ungewöhnlichen Feuer, feſte Entſchloſſenheit drückte jeder ſeiner Züge aus; ſeine Haltung, obgleich er an ſich ſchon zu den ſchön⸗ ſten Männern der Umgegend gezählt wurde, ſchien ed⸗ ler geworden zu ſein in den letzten für ihn ſo ver⸗ hängnißvollen Stunden, als er jetzt feſten Schrittes zur Thüre ſchritt und ſie öffnete. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte er unerſchrok⸗ ken, als er hinter dem Conſtable, der den Stab mit der Königskrone, als Zeichen ſeiner Würde, weit vor ſich herſtreckte, den Wildhüter des Grundherrn und noch zwei Perſonen, die ér, weil ſie tief in Mäntel gehüllt waren, bei dem die Stube nur dürftig erhellen⸗ den Lichte des Feuers auf dem Herde und der ent⸗ fernt brennenden Lampe nicht gleich erkannte, herein treten ſah. „Ihr ſeid angeklagt, nach ſchon lange gehegtem Verdachte,“ begann der Conſtable mit wichtiger Amts⸗ miene,„von dem hier anweſenden Shaun Donnough, dem Euch bekannten Parkwärter und Wildhüter Sei⸗ ner Herrlichkeit des Lords Kildare, auf dieſes hohen Herrn Gebiete, welches die ganze Gegend hier weit und breit umfaßt, namentlich aber und inſonderheit auf deſſen zwiſchen dem Dorfe Dunmoore und dem herrſchaftlichen Parke liegender Heide, am heutigen 88 Tage im Zwielicht kleines Wildpret und zwar mit einem Feuergewehr— ein ſehr gravirender Um⸗ ſtand, bedenkt es wohl Michaul Dahna!— erlegt zu haben.“ „Ei, ſeht doch, Gevatter, dort in der Ecke hän⸗ gen ja zwei Kaninch en!“ rief, den Conſtable unter⸗ brechend, der Waidmann, deſſen Blicke, während der Gerichtsdiener ſich ſeiner Vollmacht entledigte, forſchend im Gemache umhergeflogen waren, und der jetzt mit einem Satze nach dem bezeichneten Orte ſprang, um die Beute vom Haken herabzunehmen.„Ja, ja, ganz recht!“ fuhr er fort, nachdem er ſie von allen Seiten betrachtet hatte,„die ſind heut' Abend erſt erlegt, ſchweißen noch, ſchon feiſt und brauchbar, wie um Chriſt⸗ tag; und getroffen bei St. Patrik beide mit der Ku⸗ gel; zwei wahre Meiſterſchüſſe!“ „So ſchweig' doch, Du altes Plappermaul!“ un⸗ 3 terbrach ihn der Conſtable ärgerlich.„Das nennt man das Oorpus delicti; alles zu ſeiner Zeit! Das zeugt gegen den Beſchuldigten, wenn er leugnet und nicht bezahlen will.“ Bei den letzten Worten hörte Michaul, wie der Verhüllte das Wort„bezahlen“ wiederholte und dabei ein hämiſches Gelächter ausſtieß. Er blickte ſcharf auf ihn hin und erkannte Lord Kildare ſelbſt, ſo ſehr ſich derſelbe auch bemühte, ſich durch Heraufziehen des Mantelkragens unkenntlich zu machen. „Alſo erlegt zu haben,“ wiederholte der Conſtable. „Seid Ihr, Michaul Dahna, deſſen ohne weitere Ein⸗ rede geſtändig?“ „Ich bin's!“ erwiderte dieſer ſtolz,„warum ſoll ich's leugnen?“ „Das Geſetz,“ fuhr der Gerichtsbote, entſetzt ob dieſer Antwort fort,„verurtheilt Euch zu einer Geld⸗ ———— 89 buße von zehn Pfund Sterling engliſche Währung und zum Verluſte des Gewehres, mit dem Ihr dieſen Fre⸗ vel begingt, Notabene für dieſes erſte Mal, das man Euch auf der That erwiſchte, oder— zu ſo langer gefänglicher Haft, als der Highſherif in ſeiner hohen Weisheit und die Jury in ihrer Unparteilichkeit wäh⸗ rend der nächſten Aſſiſſen zu erkennen belieben wer⸗ den.—— Ferner ſeid Ihr, Michaul Dahna, Euerm Grundherrn den Erbzins für Wohnung und Garten, Seiner Herrlichkeit Pächter die Landpacht, und— wo ſeid Ihr, ehrwürdiger Magkſter Ephiſtone?“— Bei dieſen Worten trat der Vierte hervor, der ſich bisher im Schatten der halbgeöffneten Thüre gehalten hatte —„des Sprengels ehrwürdigem Pfarrherrn vom evangeliſchen Glauben den Zehnten, ſo wie den Kirchen⸗ Schilling vom letzten Zahltermin her noch ſchuldig. Ihr kennt die einzelnen Summen alle. Der neue Zahltermin iſt übermorgen eine Minute nach zwölf Uhr abermals verlaufen. Hütet Euch vor Schaden, Michaul Dahna; ich warne Euch hiermit im Namen des Geſetzes! Wollt Ihr ſie zahlen, gut. Drei Tage Friſt bewilligt Euch die Menſchlichkeit der Gläubiger. Dankt ihnen für dieſe nicht geringe Gnade! Iſt aber dann nicht alles abgemacht bei Pfund, Schilling und letztem Pence, ſo räumt Ihr alle, mit Hinterlaſſung Eueres Hab' und Guts als Pfand, die Hütte. Jedoch Ihr, Michaul Dahna, habt dann noch die beſondere Ehre für den Jagdfrevel von mir in das Gefängniß der Grafſchaft abgeführt zu werden. Nun iſt mein Geſchäft zu Ende. Erklärt Euch jetzt, Maſter Mi⸗ chaul, ohne weiteres Säumen, vor dieſen Zeugen, was Ihr zu thun Willens ſeid?“ „Gleich ſollt Ihr meine Erklärung vernehmen, kurz und bündig,“ erwiderte Michaul, indem er ſich 90 nachläſſig mit gekreuzten Armen an die Herdwand lehnte.„Doch treten Sie zuvor näher, Mylord, der Sie ſich nicht ſcheuen, als Kläger und Vollſtrecker Ihres Willens in einer Perſon, in die Behauſung eines Ihrer niedrigſten Lehnsleute zu treten. Wozu noch länger die Vermummung, nachdem ich Sie längſt erkannt habe, mein ſehr geſtrenger Herr? Kommen auch Sie näher, Mann Gottes, der Liebe und Barm⸗ herzigkeit täglich ſalbungsvoll im Munde führt, wäh⸗ rend er Wucher treibt mit dem letzten Bischen Ar⸗ muth des Bettlers, und gleich dem Raubthier bei nächt⸗ licher Weile auf Beute auszieht in Geſellſchaft der Häſcher und Pfandleute.“— Zögernd und ängſtlich traten beide einige Schritte näher, denn längſt hatten ſie aus den im Hauſe ge⸗ troffenen Vorkehrungen, ſo wie an dem Geruche, wel⸗ chen der angezündete Rosmarin und Wachholder ver⸗ breitete, die Nähe einer Leiche gemerkt, und dieſe Wahrnehmung machte ſie ungemein geſchmeidig, da eine Ungeberdigkeit in einem Leichenhauſe Jedem als hohes Verbrechen angerechnet wird. „Ich bin in Rückſtand mit Miethe, Zins und Zehnten geblieben,“ fuhr Michaul fort,„weil mein Hochzeitsfeſt einen kleinen Aufwand erforderte, den die Herren, denk' ich, verzeihlich finden werden. Ich war jedoch darüber, durch ſtrenge Sparſamkeit und jed⸗ möglichen Erwerb die nöthigen Summen herbeizu⸗ ſchaffen.“ „Ja, ja, wir haben geſehen, welche Erwerbsquel⸗ len Du Dir geöffnet haſt, ſaubrer Zeiſig,“ fuhr der Lord den Sprechenden an.„Mit dem Erlös aus dem Wildpret, welches Du in meinen Jagden und Gehegen erlegteſt, mit dem, was Du mir ſonſt viel⸗ leicht noch raubteſt, wollteſt Du mich bezahlen! Iſt 91 das etwa die Moral und Tugend, die der ehemalige Herr von Lindſayhall ſeinen Bauern und Lehnsleuten lehrte? Dann nimmt's mich kein Wunder, daß er einen ſo mächtigen Anhang unter den Aufrührern hatte, und es iſt ihm nur ſein volles Recht widerfah⸗ ren, als er an der Spitze des Lumpengeſindels den Tod fand.“ Kein Wort, nach dem, was die ſterbende Mutter ihm vor einigen Stunden vertraute, hätte Michaul ſchmerzlicher und ſchrecklicher berühren können, als die freche Erwähnung Sir William O'Donnels und der gewaltſamen Todesart deſſelben. Im höchſten Grimme die Faſſung verlierend, die er bisher zu behaupten ſo ſehr bemüht geweſen war, ergriff er mit ſtarker Fauſt den Geiſtlichen, mit der andern den Lord, und zog ſie, ehe es vom Conſtable und dem Wildhüter verhindert werden konnte, an das Sterbebette der Mutter. Schnell riß er das die Leiche verhüllende Tuch hinweg und, indem er ſich an den Geiſtlichen wendete, ſagte er mit brennender Stimme:„Vernimm meine Worte, Du Diener des Herrn,“ und, die linke Hand auf das erkaltete Herz der Mutter legend, die Rechte aber zum Schwur erhebend, ſprach er feierlich:„Nie habe ich oder einer der Meinigen gegen das Geſetz geſün⸗ digt; denn recht zu handeln, war es, was der ver⸗ ſtorbene, edle Gebieter der Herrſchaft uns lehrte. Nie war ich vorher ein Jagdfrevler, bis die Härte, mit der man meinen Bruder in des edlen Fräuleins Ab⸗ weſenheit aus der Küche des Herrenhauſes verwies, als er um eie kleine Labung für die kranke, hochbe⸗ tagte Mutter bat, mich zur Verzweiflung brachte; nie habe ich meine Hand ausgeſtreckt nach fremdem Eigen⸗ thum, obgleich wir nicht ſelten nach des unvergeßlichen Herrn Tode mit dem Hunger kämpften, als wir trotz ————————————— der ſchlechten Ernten keinen Erlaß an den Abgaben hatten. Jeder Gedanke an ſolches Unrecht— Dank den trefflichen Lehren des verewigten Barbnets— blieb mir fremd, bis der Gram über den Zuſtand der Dulderin, welche vor wenigen Minuten hier ausge⸗ litten hat, wenn ich ſah, wie ſie ſich vergebens be⸗ mühete, das harte Haferbrot hinunter zu ſchlucken, den Sieg über meine Feſtigkeit davon trug, und die Kindespflicht mich aufforderte, das Leben der Armen durch Erlegung einiger Kaninchen oder Waſſervögel, ſelbſt auf Koſten meiner Freiheit, noch länger zu friſten.“ Deutlich genug verkündigten die Blicke, welche die beiden wider ihren Willen am Bette der Leiche zurück⸗ gehaltenen Herren ſich verſtohlen zuwarfen, wie ſie ſich vergeblich bemühten ihrer Verlegenheit Herr zu werden, während Michaul, ſich an den Lord wendend, mit feſter Stimme fortfuhr:„Ich bin zu einer Geldſtrafe von zehn Pfund engliſch verurtheilt, welche ich ſo wie die übrigen rückſtändigen Gefälle binnen drei Tagen be⸗ zahlen ſoll. Ich werde Alles bis zum Penny zur be⸗ ſtimmten Zeit entrichten. Auch Sie, ehrwürdiger Herr, werden den Kirchenſchilling und das Sterbegeld für die Mutter nicht vermiſſen. Dann aber ſind wir mit einander quitt, geſtrenger Herr. Nehmen Sie die Grundſtücke zurück, Mylord! und belehnen Sie damit die jetzt in ihrem Solde ſtehenden Diener unſres ehe⸗ maligen Herrn, die ſich des neuen Gebieters würdiger zu betragen verſtehen, als ich, der ich nichts weiter bin, als ein grader, ehrlicher Landmann, und die Kunſt, ſich bei den Hohen beliebt zu machen, nimmer erlernen werde. Die Scholle, die ich bisher mit Freuden im ſauern Schweiße bebaut, weil ſie mir von Sir William verliehen war, wird mir zum Fluche jetzt aus Ihrer Hand, ſeitdem die bleichen Lippen dieſer Frau mir noch ein wunderlich Geheimniß offenbarten, bevor ſie der Tod auf immer verſchloß.“ Der ſteigende Affekt, ſo wie der hohe Ton, in welchem Michaul bisher zum Lord geredet hatte, machte denſelben endlich auf die ihn ſo beſchämende Stellung aufmerkſam, in der ihn ſein Gefolge einem niedrigen Lehnsmanne gegenüber erblicken mußte, da ein Frem⸗ der, dieſen Worten nach, den Lord für den Unterge⸗ benen, den Sprecher aber für den Herrn zu halten geneigt geweſen ſein würde. Er warf daher, indem er unter dem Anſcheine ſtolzer Ruhe die in ihm to⸗ bende Wuth zu verbergen ſuchte, die von einem ver⸗ ächtlichen Lächeln begleitete Frage auft ob er etwa ge⸗ dächte, ſeine künftige Wohnung in einer der Höhlen der Teufelsmauer auſzuſchlagen, um von da aus fer⸗ nerhin entweder das Handwerk des Wildſchützen zu betreiben, oder ſeine aufrühreriſchen Landsleute auf ihren Ranbzügen zu begleiten? „Lord Kildare iſt gewohnt die Abſichten der Men⸗ ſchen auf ſeine Weiſe zu deuten und danach ſeine Maßregeln zu treffen, ohne die Ausführung der erſtern zu erwarten,“ erwiderte der Irländer mit giftigem Hohne.„Ein gewiſſes blutiges Ereigniß hat mich glücklicher Weiſe frühzeitig genug über dieſen Grund⸗ zug in Ew. Herrlichkeit Charakter in's Reine gebracht. Es hat mir die Lehre gegeben, mich nicht der Gefahr auszuſetzen, ſo mir nichts dir nichts für Verbrechen beſtraft zu werden, welche Mylord wünſchen, daß ſie von Jemand begangen ſein möchten, um ſich ſeiner ſo ſchnell als möglich entledigen zu können.“ „Teufel!“ kreiſchte der Lord und ſtürzte, ſo ganz ſeine Würde vergeſſend, in blinder Wuth auf den jungen Mann los, um ihn mit eigener Hand zu züch⸗ tigen; Michaul wich zurück, aber Kildare verfolgte ihn zornſchnaubend mit geballten Fäuſten: da erhob ſich zu den Füßen des Sterbebettes die alte Peppy, die dort theilnahmlos zuſammengekauert geſeſſen hatte, und trat zwiſchen Dahna und ſeinen Verfolger.„Zu⸗ rück, Kildare!“ ſprach ſie mit eiskaltem Tone,„und wage es nicht, dieſen anzurühren! Er ſteht unter mei⸗ nem Schutz.“ Der Lord taumelte leichenblaß, wie vor einem Ge⸗ ſpenſt zurück, und ſchrie in einem faſt weinerlichen Tone, mit häßlich verzerrtem Geſicht:„Muß ich Dich ſchon wieder ſehen, alte Here! Was trittſt Du mir immer entgegen, Ungethüm? Hinweg, hinweg, ſag' ich, aus meinen Augen!“ Aber Peppy rührte ſich nicht von der Stelle und verſetzte mit höhniſcher Lache:„Bin ich Euch jetzt zu⸗ wider, edler Lord? O, ich weiß Zeiten, und es iſt doch ſo lange noch nicht her, wo Ihr entzückt ward, wenn mich Euere Augen erblickten. Nun freilich die Zeiten ändern ſich, und die Menſchen mit. Ich ver⸗ lange auch gar nicht, daß Ihr mich anſehen ſollt. Dahier ſeht dieſe Leiche an, ein neues Opfer Euerer Bosheit, geſtrenger Herr, denn an dem Tage, als Sir William O'Donnel und Tom Dahna erſchlagen wurden, wurde auch ihr der Tod eingeſchenkt; ſie führte ein kränkliches Leben, bis ſie das Siechbette ſuchen mußte, von dem ſie nicht mehr erſtand. Heute Abend iſt ſie vor Gottes Richterſtuhl getreten, um Euch anzuklagen, ruchloſer Mann.“ Der Lord floh der Thüre zu; gleich ihm ſputete ſich Magiſter Ephiſtone, der die ehrwürdige Geſtalt des katholiſchen Prieſters, ein Kreuz vor ihm ſchla⸗ gend, in der andern Ecke erblickt hatte; Pater O'Kel⸗ ly's große dunkle Augen und glänzendes Silberhaar 95 leuchteten ihm geſpenſterhaft entgegen, und ohne alle Proteſtation räumte der Proteſtant, flüchtigen Fußes, den Kampſfplatz, eh' noch einmal der Kampf beider Kirchen begonnen hatte. Michaul rief dazwiſchen:„Nehmt dieſe Hütte, nehmt den elenden Hausrath! Auf dieſem Grund und Bo⸗ den iſt doch meines Bleibens länger nicht, als bis ich der Leiche meiner Mutter die letzte Pflicht erwie⸗ ſen habe.“ 6 „Und bis Ihr die Strafe für den Jagdfrevel, die Rückſtände und meine Gebühren bezahlt habt,“ ſetzte der zu ihm herantretende Conſtable hinzu, indem er jedoch, nicht ganz unbeſorgt für ſeine Perſon, den Stab mit dem königlichen Namenszuge als Schutzwehr vor ſich hinſtellte.„Nicht eine Stunde früher zieht Ihr ab, bis Ihr Alles bezahlt habt; bedenkt das wohl, guter Mann!“ „Bis ich bezahlt habe, ganz recht, geſtrenger Herr Conſtable,“ erwiderte Michaul. In dieſem Augenblicke ſtürzte der Magiſter wieder ſchreiend in die Stube; ſeine Augen hingen wie er⸗ loſchene Sterne unter der Wölbung ſeiner Stirn, ſein ſchwarzes Haar ſträubte ſich; ihm folgte der Lord mit bleichen Lippen, zitternd vor Furcht und Schrecken. Beide ſtarrten mit vorgeſtreckten Händen nach der Thüre, durch welche vier Nachbarinnen, faſt alle von der Laſt der Jahre zuſammengedrückte Mütterchen, theils in verblichene rothe, theils in alte ſchwarze Mäntel gehüllt, denen Andy auf dem Fuße folgte, hereintra⸗ ten. Während ſie das dünne graue Haar, von Sturm und Regen in Unordnung gebracht, unter die Tücher zurückſchoben, womit ſie den Kopf zum Schutz gegen das Wetter ſo dicht verhüllt hatten, daß ein hervor⸗ ſtehendes Kinn bei der einen, oder eine lang gebngene * Naſe bei der andern alles war, was man von den fleiſchloſen Geſichtern entdecken konnte, ſchritten ſie, die beiden Aelteſten auf Krückſtöcke geſtützt, unter ſchwind⸗ ſüchtigem Huſten und heiſerem Keuchen durch die Ver⸗ ſammlung und näherten ſich nach kurzem Gruße dem Bette, ohne ſich weiter um die Anweſenden zu kümmern, legten dort die triefenden Mäntel ab und trafen ohne Weiteres ihre Anſtalten. nſer Geſchäft iſt ſomit für heute vertagt und nach andern drei Tagen beſchloſſen!“ drängte Michaul. Der Lord, ſich ſeiner Furcht ſchämend, räumte zum zweiten Male ſchnell das Feld, froh, ſo wohlfei⸗ len Kaufes aus dem unheimlichen Hauſe zu kommen; ihm folgte der Magiſter, ängſtlich den Mantel des hohen Gönners ergreifend, auf dem Fuße, jedoch nicht ohne mit heimlichem Schauer noch einen flüchtigen Blick auf die mumienartigen Geſichter der Weiber und den Pater Auguſtin zu werfen, die mit grinſendem Lächeln dem verhaßten Verkündiger der ketzeriſchen Lehre nachſtarrten. Viel geringere Abneigung, länger zu bleiben, zeigte ſowohl der Conſtable, als der gute Waidmann; ihre Blicke verweilten lüſtern auf einigen Whisky⸗Flaſchen, * die Andy nebſt Taback und Pfeifen aus ſeinem Korbe hervorholte und ſymmetriſch auf dem Tiſche zwiſchen den Tellern und Gläſern ordnete. Gern hätten ſie an der Todtenwache und dem damit verbundenen Mahle Theil genommen, wozu ſie, als Angehörige des Orts, da ſie einmal zugegen, nach Landesſitte auch berechtigt waren, wenn nicht ein ſtrenger Ruf des Lords ihnen augenblickliches Folgen geboten hätte. „Welch eine herrliche Nacht hätte hier für uns wer⸗ den können, Gevatter!“ flüſterte der Conſtable. „Schade um den ſchönen Whisky, den wir nicht 3 97 trinken! rſen!“ ſeufzte der Wildhüter und ſchlich mit wehmüthige Blicken hinter dem Manne mit dem Stabe zur Thüre hinaus. die letzte Ehre. ⸗ Kaum waren die Männer der Gewalt aus der Hütte, als die Familie Dahna mit dem Pater und der Schenkwirthin zu leiſer Berathung am Herde zu⸗ ſammentrat. „Kein anderer, als Sir O'Donnel, wird uns hel⸗ fen,“ ſagte Michaul.„Er gab mir ſein Wort, er wird es halten, obgleich ich nichts Geringes bitte. Er wird uns aufnehmen, und können wir durch unſerer Hände Arbeit die große Schuld ſobald nicht tilgen, ſo kann ich doch, bei allen Heiligen!— wer weiß wie bald— mit meinem Blute dem theuern Herrn das Fehlende bezahlen.“ Bewegt ergriff Andy, der ſanft war, wie die Mutter, des Bruders Hand; mit Thränen im Auge hing Moya am Halſe des geliebten Mannes, deſſen letzte Worte ſie um ſo mehr erſchreckten, da ſie über⸗ haupt in dieſer melancholiſchen Nacht eine bedeutende Aenderung in ſeinem ganzen Weſen wahrnahm. „Sir Lewis hilft Euch, Kinder!“ tröſtete Peppy; „er war vor kurzem in der Heideſchenke und ſprach mit großer Liebe von Dir, Mic! Und Pater O'Kelly legt ein gutes Wort ein.“ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vII.„ „Rechnet auf mich!“ verſicherte der Prieſter. „Aber ſchnell, meine Lieben, muß hier gehandelt werden!“ fuhr Michaul fort,„denn meine Freiheit iſt bedroht, und Euch, treue Seelen, würde dann ein ſchützend Obdach und jeder Beiſtand fehlen. Wenn ich nicht eile, könnte es ſich leicht ereignen, daß, wenn nicht etwa ein guter Nachbar, oder Deine Mutter, meine liebe Moya, oder Ihr, Mutter Peppy, Euch einen Platz an ihrem Herde gönnten, trotz Sturm und Regen in dieſer böſen Jahreszeit, eine von den Höhlen Euch aufnehmen müßte, ſo wie ſie ſchon manche von des edlen Lords vertriebenen Unterthanen rings umher bewohnen.“ „Dazu würde es in keinem Fall kommen, Her⸗ zenskleinod!“ verſicherte Peppy.„Noch bleiben mir unfehlbare Mittel übrig, den Lord zu zwingen, Euch Euere Schuld bei Schilling und Pennh zu erlaſſen, und Euch, wenn Ihr ſonſt bleiben wolltet, nicht im ruhigen Beſitz Eueres Häuschen zu ſtören. Doch da⸗ von wollen wir nur im äußerſten Nothfall Gebrauch machen. Tröſtet Euch! Sobald Dora begraben iſt, wird ſich alles fügen.“ Die alten Frauen ſtimmten jetzt mit heiſern Keh⸗ len ihre wild klingenden gäliſchen Geſänge an, ſchau⸗ erliche, markdurchbebende Weiſen, und verſahen dabei das ihnen, wie es ſchien, gar nicht unangenehme Ge⸗ ſchäft des Streckens der Leiche. Dann ſetzten ſie ſich, ſchmauſten, zechten, dampften Taback und wurden aus⸗ gelaſſen luſtig. Die ganze Nacht hindurch wanderte die Whiskyflaſche von Mund zu Mund. Als der 1 Tag graute, ſchied Peppy; der Pater blieb bis zu Dora's Beerdigung, welche am folgenden Nachmittage ſtatt fand, zu der auch Peppy wiederkehrte und faſt das ganze Dorf ſich einfand. Auch der Conſtable, wie Shaun Donnough, der Wildhüter, ließen es ſich als ächte Söhne St. Patriks nicht nehmen, ſelbſt auf die Gefahr, ſich des Lords Ungnade zuzuziehen, bei dem Leichenſchmauſe zugegen zu ſein. Dem erſtern hatte ein Wink Peppy's die Gewißheit gegeben, daß er noch mehr, als ſeine Ge⸗ bühren betrugen, vom großmüthigen Dahna erhalten werde, und der letztere hatte ſeinen Aerger, daß ihm jener ohne Befugniß in's Gehege gegangen war, ſo gänzlich vergeſſen, daß er noch ſpät am Abend vor dem Beerdigungstage außer einem paar feiſten Kanin⸗ chen auch noch einige wilde Enten, zur Bewirthung der zahlreich erwarteten Gäſte, durch das Schiebfenſtr der Hütte unter freundlichem Gruße hereinreichte. Noch mehr aber freuten ſich die Bewohner des Dörfchens nach Beendigung der Mahlzeit, wobei ſie der Todten und den Lebendigen zu Ehren ſo viel Glä⸗ ſer geleert hatten, wie ſie, um die zum Leichencondukt nöthige anſtändige Haltung nicht zu verlieren, vertra⸗ gen konnten, als ſie vor die Hütte traten, um ihre rings um das Gehöft graſenden, oder wie in einem Feldlager angekoppelten Pferde zu beſteigen, ſowohl den Waldhüter als den Conſtable, die beiden einzigen Perſonen der Geſellſchaft, die einen officiellen Charak⸗ ter bekleideten, den erſtern ſogar in ſeiner glänzenden Lioree, ſchon hoch zu Roß, als Anführer des Zuges u erblicken. Zur Ehre der beiden Männer ſei es eſagt, daß ſie die Leiche auf eine ſo würdevolle Art zur letzten Ruheſtätte geleiteten, wie es ihrer Meinung ach der älteſten Dienerin des vormaligen Herrn von indſayhall gebührte, und daß ſie ſich beide, nachdem ſie eine Hand voll Erde auf den Sarg geworfen hat⸗ ten, ſtill in ihre Wohnungen zurückbegaben, während 5 3 c— ( — 9 100 die Uebrigen unter lauten, wehklagenden Todten gen, Manche wohl auch im ſcharfen Trabe, zur Nach feier des Tages in das Leichenhaus zurückkehrten. 10 geheime Potſchaſt. Michaul Dahna hatte ſich nicht in dem auf Sir Lewis O'Donnel geſetzten Vertrauen getäuſcht. So⸗ wohl ſeine Freiheit, auf die es der Grundherr, als ſeine kleine Habe, auf die es der Magiſter und der Pächter abgeſehen hatten, wurden durch die Freigebig⸗ keit des Baronets geſichert, und er fand mit ſeiner Familie eine gütige Aufnahme zu Greenlodge. Andy wurde zum Aufſeher des Parkes ernannt, der, wenn auch kleiner als der zu Lindſayhall, doch den letzten an eigenthümlichen, pittoresken Schönheiten bei weitem übertraf, während Michaul als Leibdiener des Baronets ſich einer Behandlung deſſelben erfreute, die an Freundſchaft gränzte. Der Winter verging den Bewohnern des reizen⸗ den, auf dem Berge gelegenen Landſitzes in tiefer Ruhe, und ungeſtört genoſſen ſie die Pracht des Frühlings und die Herrlichkeit des Sommers. Die Wiſſenſchaf⸗ ten, die Jagd in den einſamen Wäldern und Felſen der Küſte, die Fiſcherei in den kryſtallhellen Gewäſſern der Bäche, ein Ritt längs des Geſtades der ſchönen Bay, ſelten ſchon nach einem der benachbarten Orte, gewährten dem Eigenthümer hinlängliche Zerſtreuung. So wenig die einzelnen Aufſtände und Kämpfe im 101 Norden der Inſel, von denen einige blutig genug wa⸗ ren und die Empörer ſo kühn machten, ſogar die Hauptſtadt zu bedrohen, als die Demonſtrationen der königlichen Truppen und die von der Regierung ge⸗ troffenen neuen, ſtrengen Maßregeln ſchienen ſeine Theilnahme zu erregen. Die Behörden, welche anfänglich mehr auf Betrieb der Lords Wexford und Kildare, als weil er ſich ih⸗ nen durch eine zweideutige Handlung verdächtig gemacht hätte, ein wachſames Auge auf Sir Lewis hatten, mußten endlich glauben, daß er nicht der Mann ſei, der ſich mit den Bewegungen und Umtrieben ſeiner Landsleute beſchäftige. Und die Lage des Jagdſchloſ⸗ ſes war recht zur Einſamkeit und Zurückgezogenheit geeignet. Ganz abgeſchloſſen von der übrigen Welt, regte das freundliche Gebäude aus der Nacht düſtrer Tannenwälder, die die Caba⸗Berge krönen, empor und blickte auf die Bucht, über der es zunächſt lag, und weiter auf die Bay; kein Weg, ja nicht einmal ein Küſtenpfad ging hier vorüber; von drei Seiten war es in geringer Entfernung von Felſen umgeben, an die das Meer ſich brandend ſchlug, und die vierte Seite war mit dichtem Wald bewachſen. Das Schlöß⸗ chen ſelbſt, bequem und heiter, obgleich in altgothi⸗ ſchem Geſchmack erbaut, gewährte aus ſeinen Fenſtern eine weite Ausſicht über Meer und Ufer; der Gebäu⸗ lichkeiten umher waren zwar wenige, aber doch genug für eine ſo kleine Dienerſchaft, wie Sir Lewis O'Don⸗ nel unterhielt. Eines Abends, als der Baronet mit der Flinte auf dem Rücken, von einem ſeiner auserleſenen Hunde begleitet, von einer Streiferei durch die Felſen zurück⸗ kam, fühlte er ſich vom herrlichen Anblick der Bay und der zauberiſchen Wirkung hingeriſſen, welche die 102 untergehende Sonne auf Meer und Land hervorbrahle. Mit ſtummem Entzücken weilte ſein Auge auf dem weiten, vor ihm ausgebreiteten Waſſerſpiegel, der nur von einem leichten Abendwinde bewegt, vom flammend⸗ ſten Glutroth, in den mannigfaltigſten Tinten, bis zum dunkelſten Purpur wechſelte, je tiefer die Sonne hinabſank. Rechts unter ihm die in der Bay liegende Inſel Baar mit einigen kleinen Nebeninſeln, links das ſchroffe Felſengebirge des Schiffskaps, in der Mitte das fluthende Meer. Bald ſtillſtehend, bald langſam weiter ſchreitend, hatte er ſich lange an dem pracht⸗ vollen Naturſchauſpiel ergötzt, als er um einen Vor⸗ ſprung tretend, der ihm die Ausſicht auf den andern Theil der Bay bisher verborgen hatte, ein kleines Fahr⸗ zeug erblickte, das, der Geſtalt nach ein Kutter⸗ oder Lootſenbvot, in der Entfernung von einer Meile Green⸗ lodge gerade gegenüber zu kreuzen ſchien. Der Fiſchfang an jenen Küſten iſt nicht beſon⸗ ders ergiebig; außer Handelsfahrzeugen beſuchten ſelten andere als Stationsſchiffe oder patrouillirende Kreuzer die Bay; ein größeres Schiff, dem jenes vielleicht hätte als Führer dienen können, war nicht in Sicht. Neugierig auf das Reiſeziel des Bootes, ließ ſich der Baronet auf einen Felsblock nieder und ſpähete mit ſeinem guten Dollond, den er ſtets bei ſich führte, nach den fernern Vewegungen des Fahrzeuges. Die Dämmerung fügte ihr Geſpinnſt allmählig zum dichten Gewebe zuſammen. Kaum vermochte O'Donnel noch die Umriſſe des Kutters zu erkennen, als er gewahrte, daß ein Ruderboot von jenem abſtieß und raſch in die Bucht hineinſteuerte, über welcher Greenlodge liegt, während das Schifflein, ſo viel er bemerken konnte, jetzt unbeweglich vor Anker lag. Schnell hing er das Gewehr über und eilte, den 103 Hund, der unter dem Geſträuche ſtöbernd abgeſtreift war, an ſich pfeifend, zum Strande hinab, um das entgegengeſetzte Ende der Bucht, wo er vermuthete, daß das Boot landen würde, noch vor demſelben zu erreichen. Als er zur Stelle kam, gewahrte er auch ſchon die ungewiſſen Geſtalten von vier Männern, die an⸗ ſcheinend den verwitterten Pfad, der von der Küſte aufwärts zum Schloſſe führte, aufzuſuchen bemüht waren. Sie ſtutzten, als O'Donnel ihnen plötzlich entgegen trat; doch minderte ſich ihre Ueberraſchung, da ſie nur einen einzelnen Mann vor ſich ſahen. Zwei waren der Kleidung nach Seelente, aus deren Gür⸗ tel Piſtolenkolben hervorſchimmerten; der dritte, hö⸗ her an Geſtalt, als die andern, war in einen weiten Mantel gehüllt, unter dem des Baronets ſcharfes Auge bei einer zufälligen Bewegung des Fremden, die den Mantel einen Augenblick verſchob, eine Militairuniform und einen Säbel erblickte, obgleich der Träger derſelben bemüht ſchien, beides zu verbergen. „Wohin ſo ſpät, Ihr guten Leute?“ redete ODon⸗ nel die Matroſen an;„Ihr ſeid des Weges nicht recht kundig, wie es ſcheint; kann ich Euch Auskunft geben, ſo bin ich gern bereit dazu.“ „Das ſind wir freilich nicht,“ begann einer der Seeleute;„aber mich ſoll St. Patrik im letzten Sturm verlaſſen, wenn wir ſtatt des rechten Weges nicht den rechten Mann gefunden haben. Mit Verlaub, ſeid Ihr nicht der junge Squire Sir Lewis O'Donnel, Beſitzer des Waldſchlößleins da oben, auf welches wir eben zuzuſteuern im Begriff ſtanden?“ „Der bin ich allerdings, und auch Du kommſt mir bekannt vor, Alter.“ „J, freilich! das will ich meinen. Ich bin ja der 104 Lvotſe John Boyle aus Dunmoore, der Euch im vo⸗ rigen Herbſt glücklich herein ſpedirte und mit Euch zu⸗ ſammen auf Mic Dahna's Hochzeit war.“ „O alte, gute Seele, hätte mir die Dunkelheit erlaubt, Dir gleich in Dein treuherziges, runzliches Ge⸗ ſicht zu ſehen, ſo hätte es dieſer Demonſtration nicht bedurft. Willſt Du zu mir, John?“ „Bei St. Patrik, zu keiner Seele weiter, edler junger Herr!— Parker, trefflicher Hochbvotsmann,“ wandte er ſich zu ſeinem Kameraden,„das nenn' ich Glück! wir haben gleich die rechte Priſe gekapert.“— „Die Segel des Bugſpriet können ſich ja nim⸗ mer herrlicher fügen,“ rief der Angeredete dem hohen Manne zu, der mißtrauiſch und beobachtend, ohne zu reden, von fern geſtanden hatte.„Seht da, Mun⸗ ſiur! Da iſt ja der Gentleman ſelbſt, den Ihr ſuchet. Seht nun ſelbſt zu, wie Ihr mit ihm fertig werdet.“ „Aber macht ſchnell, beim heiligen Jeſus!“ ſetzte der etwas beleibte Hochbootsmann dringend hinzu, damit nicht etwa ein frecher Wachtkutter meiner Molly über die Raaen fällt. Es hat mich ohnehin ſchon ge⸗ wundert, keine rothen Wimpel außer der Bah zu er⸗ blicken. Wenn ſo einer mh erſt gewahrt hat, dann heißt's— herunter mit der Flagge, die Segel ge⸗ ſtrichen! und ohne weiteres Federleſen müßt Ihr mit ſammt uns die Höhe meſſen vom Deck zum Main⸗ hard! He! was meint Ihr, Herr? ein ſchlechter Spaß ſolch' eine Höhenmeſſung ohne Rechnung und Qua⸗ dranten. Darum ſputet Euch, ſo lange's Fahrwaſſer hier noch offen iſt. John, ein Tropfen aus Deiner Flaſche, während die Herrn da mit einander fertig werden, kann nicht ſchaden,“ wandte er ſich an den Lootſen,„und Ihr, Munſiur, ſchnell! ſchnell! gebt 105 Euere Ladung ab und ſorgt für Ballaſt auf die Rück⸗ fahrt! Nicht wahr, Ihr verſteht mich ſchon!“ ſetzte er auf die Flaſche deutend hinzu. Der Franzoſe, vrn ſeinen Begleitern und den Umſtänden gleich ſtark gedrängt, begann endlich, Sir Lewis um einen Schritt näher tretend, mit folgenden Worten: „Wenn Sie, mein Herr, derſelbe ſind, als den Sie dieſer Lootſe erkannt, ſo ſind Sie im Stande, mir den Namen eines Offiziers in der franzöſiſchen Armee zu nennen, mit dem Sie enger verbunden ſind, als durch den bloßen Namen der Freundſchaft.“ „Hoche!“ erwiderte O'Donnel feurig.„O! ſagen Sie mir ſchnell, ſandte Sie der General an mich ab? Iſt der kühne, große Plan meines trefflichen Freundes zur Ausführung reif?“ „So iſt's, mein Herr! Ich bin der Kapitän Du⸗ pont vom ſechsundvierzigſten Linienregiment. Der Ge⸗ neral ſendet Ihnen durch mich dieſe Depeſchen und Documente.“ Bei dieſen Worten zog er ein Packet her⸗ vor und überreichte es dem geſpannten Baronet, wel⸗ cher daſſelbe ſchnell in ſeinen Buſen verbarg.„Ihnen mündliche Mittheilungen zu machen,“ fuhr der Offi⸗ zier fort,„iſt hier weder die Zeit, noch der Ort. Han⸗ deln Sie jetzt zum Wohle Ihres Vaterlandes in Uebereinſtimmung mit den von unſerm Gouvernement getroffenen Maßregeln. Es iſt ſein ſehnlicher Wunſch, Irland von dem ſchmachvollen Druck zu befreien, un⸗ ter dem es zur Schande von Europa ſo hart darnie⸗ derliegt. Er bedingt nichts dafür zum Lohn, als treue Bundesgenoſſenſchaft und Verpflegung der Truppen. — Unſere Vorbereitungen ſind getroffen; thun Sie jetzt Ihre Pflicht als gewiſſenhafter Patriot.“ „Nur meinem Gewiſſen folgend,“ antwortete O'Don⸗ 106 nel,„werde ich feſt und unerſchütterlich handeln, als ein Mann, der einmal das Rechte erwählt zu haben glaubt. Ich wirke nach nrinen beſten Kräften zur Befreiung meines Vaterlandes, oder finde den Tod in dieſem Unternehmen. Darauf mein Wort, Kapitän, und hier meinen Handſchlag ſtatt meines Eides! Noch nie hat vor mir ein O'Donnel ſein gegebenes Wort gebrochen; ich werde nicht der erſte ſein, den man des Treubruchs in Irland anklagt.“ „Es bedarf keiner andern Verſicherung!“ erwi⸗ derte der Offizier;„und es gereicht mir zur großen Beruhigung, ſo wie zum beſondern Vergnügen, in Ihnen den feurigen Mann gefunden zu haben, wie ihn mir die vielen Freunde, die Sie ſich während S res Aufenthalts in Frankreich unter den Unſrigen er⸗ worben haben, und noch Jemand, der Ihnen nahe ſteht, geſchildert hatten. Aber auch Beſonnenheit iſt nöthig, kalte Ruhe, mein Herr! Raſches Handeln bei klug berechneten Maßregeln! und wenn Sie mei⸗ nen Rath nicht verſchmähen, Herr Baron, und nicht für Anmaßung halten, was mich ſowohl die Sorge für unſere Pläne, als auch für Ihres Landes Beſte und Ihre eigne Perſon, Ihnen noch zu ſagen treibt, ſo rathe ich Ihnen, ſich jetzt ſcheinbar allen Zerſtreuun⸗ gen und Freuden des großen Lebens zu überlaſſen⸗ Keine Miene, kein ernſtes Nachdenken verrathe auch nur für einen Augenblick Ihren Feinden, oder denen, die angeſtellt ſind, Sie zu beobachten, daß Ihre Bruſt von andern Regungen bewegt wird, als von ge⸗ wöhnlichen Tändeleien eines ächten Faſhionable. Sel⸗ tener vermuthet man bei denen, die ſich im Cham⸗ pagner⸗Rauſche der Jugend toll geberden, verſteckte, tief⸗ angelegte Pläne, als bei denen, die mit düſterm Feuer im Auge, nachdenklich die Stirn in Falten ziehend, 107 kalt an der Freude vorübergehen, oder ſich in ihre ein⸗ ſamen Gemächer verſchließen, während die große Menge vornehmer junger Männer mit durſtigen Zügen im Son⸗ nenſtrahle der Freude den Nektar ſchlürft, den die gütige Natur auf den Lenz unſeres Lebens herabträufelt. Auf Ihrer Stirne, wo, um die Gefühle Ihres Herzens wahr⸗ haft zu bezeichnen, die marmorkalten Züge eines ſtrengen Ernſtes thronen müßten, ſei und Sonnenſchein gelagert, umkränzt von roſiger Laune. Und wenn es dann gilt: Kampf, unabläſſiger Kampf, Ausdauer! So allein wird es Ihnen möglich werden, Ihrem Vaterlande zu verſchaffen, wonach es ſchon ſo lange vergebens gerungen hat— die Freiheit. Sie ſelbſt waren in Frankreich Zeuge, wie manche, die nach dem großen Ziele ſtrebten, ermattet auf halbem Wege unter⸗ lagen. Sie ſelbſt haben den Kampf geſehen, den die Menſchen grauſam mehr mit den Menſchen, als mit den Meinungen kämpften, bis endlich der kalte Ver⸗ ſtand, wiederum durch das wärmere Gefühl geleitet, dem verſtummten Herzen die größere Herrſchaft ein⸗ räumte. Ich habe den ganzen Kampf mit durchge⸗ kämpft, Sir Lewis! Das große Ziel, nach dem Mil⸗ lionen ſtrebten, es war des heißen Streites werth; der Preis jedoch dafür, das Blut, die edlen Menſchenle⸗ ben alle, die wir dafür geopfert, er war hoch, zu hoch beinah, für das, was wir errungen. Allmählig, es iſt wahr, jedoch nur ſehr langſam, verharrſchen jetzt in Frankreich die Wunden, und edle Früchte reifen hie und da aus blutiger Saat. Darum alle menſchliche Vorſicht angewendet, Sir O Donnel! Das Land, wo ſolch ein Verſuch mißling, blutet Menſchenleben hindurch aus einer immer offenen Wunde. Die Di⸗ rectoren vertrauen Ihnen ebenſo, wie der General Hoche und die übrigen Anführer. Frankreich erwar⸗ —— 108 tet, ſo wie die Expedition den Fuß an's Land geſetzt hat, den allgemeinen Aufſtand und wird dann das Unternehmen eines ganzen Landes, nicht eines Einzel⸗ nen mehr, kräftig unterſtützen. Herr Baron, prüfen Sie ſich wohl, bevor ich Sie verlaſſe. Von der Mel⸗ dung, welche ich jetzt mache, hängt nicht allein Ihr Wohl und das von tauſenden Ihrer Mitbürger, ſon⸗ dern auch das von tauſend braven Franzoſen ab, wel⸗ che für Irland zu kämpfen und zu bluten freudig über den Oeean ſchiffen!“ „Des Vaterlandes Ruf iſt es, dem ich folge!“ rief ODonnel mit ſtrahlendem Auge;„ſeine Stimme iſt zu ernſt, als daß ſie mich nicht gebieteriſch mah⸗ nen und vorwärts treiben ſollte. Für dich alſo, mein Vaterland, zum Kampf! Doch nicht für meine Rache, nicht um des Vaters Blut, nicht um das ſelbſt erlittene Unrecht auszuwetzen! Sagen Sie dem hochherzigen Hoche, daß ich ihm ſobald als möglich die genaueſte und ausführlichſte Antwort überſchicken werde. Dort mein alter Freund Boyle übernimmt ſchon die Botſchaft nach Frankreich. Einſtweilen brin⸗ gen Sie dem General meine Grüße und die Nach⸗ richt, daß ich eines der Häupter der großen iriſchen Verſchwörung bin, die von jenem Verein ausgeht, der Ihnen jedenfalls ſchon unter dem Namen der ver⸗ einigten Irländer bekannt ſein wird. Bemerken Sie ihm gefälligſt, daß ich unter dem Schleier des tief⸗ ſten Geheimniſſes einen großen Einfluß auf die Män⸗ ner des Vereins ausübe, die zu einer erſtaunlichen Anzahl gewachſen ſind, und obgleich ich hier im Sü⸗ den der Inſel ſehr ruhig lebe, ich dech im Norden viel wirke und dort namentlich den tollkühnen Leslie zu mehr Beſonnenheit bewogen habe. Schon habe ich den übrigen Häuptern des Bundes Hoche's gro⸗ 109 ßen Plan mitgetheilt, und mancher Segenswunſch für ſein Wohl iſt von Irlands grüner Inſel zum Him⸗ mel geſtiegen. Ich werde nun ſo ſchnell als es an⸗ geht, um jegliches Aufſehen zu vermeiden, mit mei⸗ nen Verbündeten alle nöthigen Vorkehrungen treffen. Wir ſind jetzt erſt im Ende Auguſt und können bis zum Winter noch Großes bewirken. Wo Muth, Be⸗ geiſterung für die Sache, heilige Liebe zum Vaterlande nicht fehlen, da werden auch die geßten Schwierig⸗ keiten überwunden! Im Uebrigen werde ich mich ge⸗ nau nach den mir von Ihnen übergebenen Inſtructio⸗ nen richten. Sagen Sie den Directoren, daß die Männer, die den Aufſtand leiten, auch zu kämpfen wiſſen; daß ſie den Tod nicht ſcheuen, daß keiner von allen denen, die ich kenne, zum Verräther wird. Kampf alſo, Kapitain! denn Freiheit iſt ſein großes Ziel!“ „Als Abgeſandter des Generals Hoche bin ich nun mit Ihnen fertig, Herr Baron,“ redete Dupont jetzt viel freundlicher und herzlicher, als früher.„Er⸗ lauben Sie nur noch einige Worte in meinen eignen Angelegenheiten hinzuzufügen und Ihnen als mein eigener Abgeordneter dieſen kleinen Brief zu überrei⸗ chen. Da mich aber die Vorausſetzung, ich würde Sie auf Ihrem Schloſſe aufſuchen, und Sie dieſe von lieben ſchönen Händen geſchriebenen Zeilen in meinem Beiſein entziffern, betrogen hat, und die Dunkelheit der Nacht Sie jetzt am Leſen hindert, ich aber, froh, Sie dahier getroffen zu haben, nun gleich wieder auf das Boot will, um ſo ſchnell als mög⸗ lich, bevor der Mond aufgeht, an Bord des Veloce zu gelangen, der auf meine Rückkehr wartend, im Kanal kreuzt: ſo ſehe ich mich genöthigt, Ihnen die Verfaſſerin dieſes Briefleins zu nennen; denn daß es 110 von einer Dame iſt, werden Sie an ſeiner niedlichen Form ſchon errathen haben. Es iſt Miß Suſanna O'Donnel, Ihre Schweſter, mit welcher ich durch die Güte des Generals Hoche bekannt wurde, und die ich ſo glücklich bin, meine verlobte Braut zu nennen.“ „Wie?“ rief Lewis überraſcht;„Sie ſind der Kapitain, von dem mir die wilde Suſanna im vo⸗ rigen Jahre ſchrieb, ohne mir ſeinen Namen zu nennen?“ „Es geſchah mit Fleiß, mein Lieber, ich wollte erſt Ihre perſönliche Bekanntſchaft machen; aber als ich nach Breſt, Ihrem damaligen Aufenthaltsorte, kam, waren Sie bereits nach Irland abgereiſt. Mich führte die Kriegsgöttin in die Vendée gegen die ver⸗ blendeten Kinder Frankreichs. Welchen unſterblichen Ruhm ſich Hoche dort erfochten, iſt Ihnen vielleicht in Irland bekannt geworden. Jetzt nach Paris zu⸗ rückgekehrt, beſtimmte mich der General aus keinem Grunde weiter zu dieſer Sendung, als damit ich mich Ihnen zugleich als künftiger Schwager vorſtellen könne. Denn nach meiner glücklichen Rückkehr reicht mir meine geliebte Suſanne die Hand vor dem Altare, wenn Sie, mein theurer Bruder, nichts dagegen ein⸗ zuwenden haben“ „Wer General Hoche's Vertrauen beſitzt, muß ein Ehrenmann ſein und iſt mir willkommen. Glück und Segen, mein neuer Bruder, mir zwiefach wer⸗ ther Mann! Suſanna iſt ein Edelſtein. An mein Herz, Kapitain, damit das Ihrige daran ſchlage! Schade, daß uns die Nacht verhindert, uns ganz ge⸗ nan zu betrachten; doch erlaubt mir das gütige Ster⸗ nenlicht ſchon, mir Ihre edlen Züge tief in die Seele zu prägen.“ 111 „Und ich habe in Ihrem Geſicht die Züge mei⸗ ner theuren Braut erkannt. Noch einen Kuß, und nun Adieu, auf baldiges Wiederſehen!“ Sir Lewis trat jetzt mit zu den Seeleuten, die ſich am Strande gelagert, noch immer angelegentlich mit ihrer Rum⸗Flaſche beſchäftigten, ohne ſich um die Unterredung zu bekümmern, oder an die Abfahrt zu erinnern, und machte ſie darauf aufmerkſam, daß ſie ſich ſo lange als möglich dicht unter dem Lande halten möchten, ſo lange ſie die Felſen der Bay im Geſichte hätten, indem Abends von den königlichen Truppen Nachtpoſten auf den Höhen ausgeſtellt wür⸗ den; daß ſie aber ſpäterhin ſo bald als möglich aus dem Bereiche der Küſten zu kommen bemüht ſein müß⸗ ten, indem ſich der Kriegskutter Alacrity und die Swiftſure⸗Brig mit dem Aufgange des Mondes in Bewegung ſetzten, um bis mitten in den Kanal, wenn es der Wind erlaubte, auf Recognoscirung zu kreuzen. „Wir kennen das Fahrwaſſer, Sir,“ ſagte Par⸗ ker, während er ſich aufrichtete,„bis auf eines Fa⸗ dens Tiefe längs der ganzen Küſte von hier bis Covn o' Cork; auch liegen wir heute unter dieſem Striche nicht zum erſtenmal vor Anker. Von hier ab heißt's— kräftig die Ruder gezogen bis hin zur kleinen Molly; dann ſteuern wir mit dem Hauptſegel auf Cap Mizen los, von da weiter zum Sande von Innisherkan. Das Loth findet da auf zwei Faden Grund. Kein größeres Fahrzeug als das unſrige kann dort ſo nahe, als wir, vorüber. Dann alle Segel beigeſetzt, die nur der Kutter tragen kann, und ehe der Morgen tagt, ſind wir bei dieſem Nordweſt⸗ winde unter den Kanonen der franzöſiſchen Flotte. — Tragt nur ein wenig Sorge, Gnaden,“ fuhr er 3 1 112 lachend fort,„daß dieſe hier“— dabei drehte er die leere Flaſche um,„noch ein Mal gefüllt wird,— dann kümmert Euch nicht weiter um uns und den Gentleman da. Eben ſo ſicher, wie ihn die ſchmucke Molly zu Euch herüberführte, ſoll ſie ihn, bei Pierce's feſtem Kopfe! bis zum Franzoſenſchiff bringen. Denn, glaubt mir's nur, lieber Herr, das kleine Ding dort tanzt Euch über die ſalzige Fluth ſo keck, als irgend eine ihrer Namensſchweſtern, auf Erins feſtem Grund und Boden im luſtigen Reel.“ Dupont ſchlug die dringenden Bitten des Baro⸗ nets aus, auf dem nahen Landhauſe, ehe er wieder an Bord ging, einige Erfriſchungen einzunehmen. Lewis ſchied daher nach Kuß und biederm Händedruck von dem Officier, den er in der kurzen Zeit ihres Beiſammenſeins ſo lieb gewonnen hatte, trug ihm tauſend herzliche Grüße an Schweſter und Tante auf, wünſchte nochmals Glück zur Hochzeit, verſicherte dem treuherzigen Seemann, daß in wenigen Minuten der gewünſchte Ballaſt am Ufer ſein ſollte, und ſchlug dann eiligen Schrittes den kürzeſten Rückweg zum Schloſſe ein. Dort gab er ſchnell Befehle, und nach wenigen Minuten ſchon eilte Michaul Dahna mit kal⸗ ter Küche, einigen Flaſchen Portwein und einem an⸗ ſehnlichen Kruge des beſten alten Whisky für den Kapitain und die Schiffsmannſchaft der Molly berg⸗ ab, der Bucht zu. 11. Rächſte Folge der franzöſiſchen Potſchaft. Als der treue Diener zurückkam und dem Baro⸗ net den letzten Gruß von Dupont und den Dank des Lootſen und des Hochbootsmannes überbrachte, rief ihm O'Donnel mit leuchtenden Augen entgegen:„Wir reiſen morgen!“ indem er die flüchtig durchleſenen Inſtructionen zur Seite ſchob und dem überraſchten Diener die Hand vertraulich auf die Schulter legte. „Doch, nein! übermorgen, in nächſter Woche erſt, da noch manches zu beſorgen iſt, und ich will überhaupt keine Uebereilung. Wird denn nimmer dies heiße Blut ſich bequemen, fein langſam durch die Adern zu ſtrömen!— Beſorge das nöthige Gepäck, mein treuer Burſche! auf Monate, verſtehſt Du? Unter⸗ ſuche den leichten Wagen. Du begleiteſt mich. Dein Bruder Andy ſoll auf das Haus ſehen; Fitzgerald beſorgt unterdeſſen den Park mit, und Rob Hudſon folgt uns mit den Jagdpferden. Sorge dafür, daß die Eiſen nachgeſehen und die ganze Equipage im tüchtigen Stande iſt. Das Ganze iſt überhaupt eine Jagdreiſe nach meinem alten lieben Balliford in der Killala⸗Bay; verſtehſt Du?! Die Ernte iſt bald vor⸗ über, die Felder werden leer. Zuvor werden noch einige luſtige Freunde beſucht, die ich gar lange nicht geſehen habe; dann geht's auf die Haſen⸗ und Hühnerjagd in Balliford und der Umgegend, und endlich folgt die Krone der Jägerfreude— die Jagd des liſtigen Fuchſes.— Du weißt nun, Mic, was Du den Leuten zu ſagen haſt, wenn ſie ſich wundern Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 8 114 ſollten, daß einiges Leben in unſere Einförmigkeit kommt.“ Michaul verzog den Mund zu einem liſtigen Lächeln und nickte dabei bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als wolle er zu verſtehen geben, daß er auch etwas Weniges von dem verborgenen Sinne der Worte ſeines Herrn verſtehe; dann aber warf er, wie in einer Anwandlung von Rührung, einen langen, ſchmerzlichen Blick auf den Baronet, ſo daß dieſer erſtaunt, eben im Begriff war, nach der Urſache dieſer plötzlichen Bewegung zu forſchen, als der erſtere, die Rechte auf ſein Herz drückend, unter den Worten:„Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich, Sir Lewis!“ das Zimmer verließ, um ſeine Rüh⸗ rung, deren er dieſes Mal zu unterliegen fürchtete, zu verbergen. Einige Tage ſpäter hielt der— wie man ſehen konnte— für eine längere Abweſenheit gepackte Reiſe⸗ wagen des Baronets vor der Auffahrt. Rob Hudſon führte ein paar der edelſten Jagdpferde umher, welche er nur mit Mühe von ihren luſtigen Sätzen über dem kurz gehaltenen Raſen auf den breiten Kiesweg zurück⸗ bringen konnte, der ſich zwiſchen den ſchönſten Luſtge⸗ büſchen und Blumenpartien nach dem Schloſſe hinzog; und zwei Koppel auserleſener Hunde heulten vor Freude, aus dem Zwinger erlöſt zu ſein, und zerrten, unge⸗ duldig dem Aufbruche entgegenſehend, an der Leitſchnur, womit ſie der Wärter noch zurückhielt. Um den Reit⸗ knecht und den Hundeführer ſprang freundlich und dienſtfertig Tim Ruuthans kurze Geſtalt, fragte den und jenen vertraulich, holte dies und das herbei und ſchnoberte in allen Winkeln umher. Endlich erſchien Sir Lewis reiſefertig in der Thüre und gab jedem Einzelnen ſeiner zurückbleibenden Dienſt⸗ 3„ ℳ leute, auf deren Treue er ſich verlaſſen konnte, und die jetzt um ihn verſammelt ſtanden, Befehle für die Zeit ſeiner Abweſenheit. Michaul trug mehre Ge⸗ wehre, Piſtolen und andre Waffen und Jagdgeräthe herbei, ordnete alles ſorgſam in den Ecken und Taſchen des Wagens, und Tim drängte ſich herbei, um zu helfen, wobei er manche Frage nach Zweck und Ziel der Reiſe wagte, die von Dahna auch umſtändlich beantwortet wurde. Jetzt ſprang Sir Lewis in den Wagen; Michaul warf den Schlag zu, und küßte ſei⸗ ner Moya, die der baldigſten Erfüllung ſchöner Mut⸗ terhoffnungen entgegenſah, Stirn und Mund zärtlich, flüſterte ihr noch einen herzlichen Glückwunſch für die ſchwere Stunde zu und nahm ſeinen hohen Sitz vorn ein.„Rechts durch die Barriere!“ rief er dem Kut⸗ ſcher zu, als ſie den Ausgang des Parks erreicht hat⸗ ten, unt dieſer ſich fragend nach ihm umſah. Sobald der Wagen langſamer fuhr, fragte der Baronet den Diener:„Sag' mir, Mic, was kriecht denn der kleine Froſch aus der Heideſchenke immer auf Greenlodge umher? Oft hab' ich ihn ſchon in den 3 en bemerkt, und ſeine vertraute Unterhaltung mit er Dienerſchaft fängt mir allmählig an verdächtig zu Zuweilen iſt mir's ſchon ſogar geweſen, als ſch er durch den Wald, wenn ich Abends von der Jagd heimkehrte.“ „O, ich habe ſchon lange einen Zahn auf den alten Sägebock,“ verſetzte Michaul.„Wollte mich der Burſche doch vorgeſtern ausfragen, was wir für frem⸗ den Beſuch gehabt, und als ich verſicherte, es ſei keine fremde Seele auf unſer Schloß gekommen, behauptete er mir in's Geſicht. ein Kutter ſei in die Bay gelau⸗ fen und habe ein Bovt in unſre Bucht geſchickt. Ein S5 wie der kurze Schelm aufpaßt.“ *i 116 „Und was ſagteſt Du ihm?“ „Was mir Ew. Gnaden aufgetragen; er ſchüttelte zwar ungläubig den Kopf, aber ich machte es ſehr natürlich.“ „Wenn wir nach Greenlodge zurückkommen, müſſen wir ein ſcharfes Auge auf den kleinen Kauz haben, und ihn uns mit Manier vom Halſe zu ſchaffen ſu⸗ chen, ohne daß wir ſeine Muhme, die alte Peppy in der Heideſchenke, beleidigen.“ „Dafür laſſen Sie mich ſorgen, Sir!“ Und die Goldfüchſe brauſten wieder in ſchnellem Laufe davon. 12.* Wie der Rnecht, ſo der Herr. Lord Kildare war von einer ſchnell und ziemlich geheim gehaltenen Reiſe nach Lindſayhall zurückgekom⸗ men. Man wußte hier nicht anders, als 2 um Pachtgelder einzukaſſiren, in ſeinen nördlichen Beſitzun⸗ gen geweſen und habe zu dieſem Zwecke einige Wochen in Rougholigh am Earnſee, ſeinem ehemaligen Auf⸗ enthaltsorte, verweilt. Miß Anna Reil, die Haus⸗ hälterin, und James Morries, der Leibdiener, die er beide mit fortgenommen, waren nicht mit zurückgekehrt. Seit ſeiner Rückkunft war der Lord zu Hauſe ſehr un⸗ ruhig, in Geſellſchaft ſehr zerſtreut und unnatürlich luſtig; ein ſcharf beobachtendes Auge konnte ihm den Zwang anſehen. Die in der Umgegend beginnenden 147 Jagden führten ihn von einer Féte zur andern, aber er wurde dieſes Lebens doch eigentlich nicht recht froh. Abends ſpät und manchmal ſogar in der Nacht hat⸗ ten Männer geheimen Zutritt in ſeine Gemächer, un⸗ ter welchen ſich einige ſeiner Pächter befanden; die vor⸗ züglichſte Perſon unter ihnen war aber Tim Ruuthan. Endlich langte eines Abends James Morries zu Pferde auf dem Schloſſe an, aber nicht wie ein Diener, ſon⸗ dern wie ein Gentleman, in vornehmer, gutgewählter Kleidung, einen Reitknecht des Lords hinter ſich, der unſtreitig für ſeinen eigenen gegolten hatte. Lord Kildare hatte kaum vernommen, daß ſein Leibdiener wieder eingerückt ſei, als er ihm ſchon einen Boten mit dem dringenden Befehl ſchickte, ja ſogleich und ohne ſich erſt den Staub von den Stiefeln zu kehren, hinauf zu kommen. Er eilte dem Eintretenden bis an die Thür entgegen und rief ihm in der höchſten Span⸗ nung der Erwartung zu:„Nun?“ „Alles glücklich ausgekundſchaftet!“ verſetzte Mor⸗ ries mit ſtolzer Selbſtzufriedenheit.„Nicht auf Bal⸗ liford, ſeinem Gute in der Killala⸗Bay, nicht in Dublin, nicht in Cork, nicht in Wexford war Sir Lewis, ſondern in Waterford, und dort ſind jetzt alle Hüupter der Verſchwörung verſammelt, zu denen, wie mir über allen Zweifel klar geworden iſt, O'Donnel gehört. Und daß ſie mit der Regierung der franzöſi⸗ ſchen Republik in Verbindung ſtehen, iſt eben ſo ge⸗ wiß, ob nun durch Lewis oder Andere, hab' ich nicht ermitteln können.“ „Durch ihn! durch ihn!“ rief Kildare heftig. „Tim's ſpäter eingezogene Nachrichten über den Kut⸗ ter in der Bantrybay, der ſpät Abends ein Boot nach Greenlodge zu ſandte, beweiſen bis zur Evidenz, daß Franzoſen am Bord deſſelben waren, die mit meinem lieben Pathen verkehrten. Tim hat einen Reitknecht gewonnen und von demſelben erfahren, daß Sir Le⸗ wis Abends, als er von der Jagd zurückkehrte, Le⸗ bensmittel an das Ufer hinabſchickte und ſelbſt die halbe Nacht in Papieren las, daß am folgenden Morgen die Reiſe beſchloſſen war.“ „Ich widerſpreche nicht,“ nahm James das Wort; „denn Lewis wird von allen Verbündeten ſehr hoch geachtet, wie ich überall bemerkte.“ „Hat er Dich erkannt?“ chwerlich. Ich verſtehe ſchon den Gentleman ganz faſhionable zu ſpielen. Weder Sir O'Donnel, noch ein Andrer ahnte in mir Ihren Kammerdiener, Mylord. Nur Mic Dahna mußte ich oft aus dem Wege gehen; er war der einzige Kerl, der mich kannte. Doch in die Geſellſchaften, wohin ich ging, durfte er nicht, und ſo kam ich glücklich durch.“ „Nun gut! Ich bin mit Deiner Sendung zufrie⸗ den, ſo ſehr, daß ich Dir gleich wichtigere und loh⸗ nendere auftrage. Ich habe Dich mit der größten Ungeduld erwartet, James, um Dich nämlich gleich wieder fortzuſchicken. Vor allen Dingen mußt Du wiſſen, daß auch ich die Reſultate meiner Reiſe ſehr günſtige nennen kann. Es iſt mir geglückt, mir das Vertrauen einiger der Häupter der Verſchwörung zu erwerben. Ich habe ſogar mit dem wilden Leslie ge⸗ ſprochen. Sie rechnen gewiß auf franzöſiſche Hülfe, und, ſo wie die Lage der Dinge jetzt iſt, kann man nichts Anderes annehmen, als daß Frankreichs Direc⸗ torium ſein Hauptaugenmerk auf Irland richten wird, um es von England loszureißen und den Krieg gegen die ſtolzen Briten von hier aus zu führen. Ich würde nicht anders handeln, wenn ich die Macht des Gou⸗ vernements von Frankreich in den Händen hätte. Und — 119 was hat England den ſiegreichen Franzoſen entgegen zu ſetzen, wenn ſie nach Irland kommen? Der Haß gegen die Briten iſt jetzt allgemein in Europa verbrei⸗ tet. Preußen hat Frieden mit Frankreich geſchloſſen und iſt von England abgeſprungen; Spanien und die Niederlande haben ſich ſogar mit der neuen Republik gegen England verbunden; die Kaiſerin von Rußland iſt todt, und die ruſſiſche Freundſchaft mit ihr abgeſtorben; Italien iſt in Bonaparte's Händen, die nordamerikani⸗ ſchen Staaten drohen trotz des neuen Vertrags mit Krieg: England ſteht ganz allein, ganz verlaſſen, und Frankreich iſt jetzt der mächtigſte Staat der Welt. Sieh, mein guter Junge, das habe ich wohl bedacht und überlegt, und nach langem Nachdenken brachte ich heraus, daß man nichts Klügeres thun könne, als ſich auf alle Fälle vorzubereiten. Es iſt alſo höchſt wahr⸗ . ſcheinlich: die Franzoſen werden kommen, denn die verſchworenen Irländer haben ſie eingeladen und der jugendliche General Hoche, einer der genialſten und kühnſten Feldherrn, die es je gegeben, hat den Auftrag erhalten, Irland zu erobern. Er wird es wie er die Ben⸗ dée erobert hat; denn dieſem achtundzwanzigjährigen Hel⸗ den ſcheint nichts unmöglich zu ſein. Alſo: die Franzoſen werden ſiegen, denn ſie ſind mächtiger, als die Engländer. Endlich: die Freunde der Franzoſen werden ſodann hier die Herren ſpielen, die Freunde der Engländer dagegen mit Schimpf und Schande davon gejagt wer⸗ den. Wie nun die Sachen jetzt ſtehen, könnte es ſich gar leicht fügen, daß mein guter Taufpathe wieder Herr von Lindſayhall und von noch andern mir ge⸗ hörigen Gütern würde, ich aber im günſtigen Falle Reisaus über den St. Georgskanal nehmen müßte. Ich bin aber ein Irländer und werde niemals ein Engländer werden. Die Sachen müſſen alſo anders KA ————— 120 gelegt werden, d. h. es müſſen gute Anſtalten ge⸗ troffen werden, daß ich ein noch beſſerer Franzoſen⸗ freund ſcheine, als O'Donnel; ein weit mächtigerer und einflußreicherer bin ich denn doch jedenfalls. Das wird den fünf Directoren Frankreichs in die Augen ſpringen, ſo wie es vielen der iriſchen Verſchworenen in die Augen geſprungen iſt. Ich habe aber eben mit gutem Bedacht das Wort ſcheinen gebraucht; denn ſieh, mein Junge, ich muß auch eben ſo gut der eif⸗ rigſte Freund der Engländer, der unterthänigſte und gehorſamſte Diener des großbritanniſchen Gouverne⸗ me ſcheinen, bevor die Würfel gefallen ſind. Du weißt, ich bin ſo wenig der Freund Englands, wie der Freund Frankreichs; ich bin der Freund des Lords Kildare und der Freund des Siegers, von dem ich den größtmöglichſten Vortheil zu ziehen im Stande bin. Wer aber vermag den Gang menſchlicher Dinge mit Gewißheit vorauszuſagen? Könnten ſich in Frankreich die Umſtände nicht abermals ändern, und die Expe⸗ dition nach Irland unterbleiben? Könnten ſelbſt die gelandeten Franzoſen nicht von den Engländern ge⸗ ſchlagen werden? Genug, die Klugheit gebeut, ſich mit den verſchworenen Irländern zu verbinden; die Vor⸗ ſicht erheiſcht, ſich ihnen nicht ganz und unbedingt hin⸗ zugeben. Die Klugheit gebeut, das franzöſiſche Di⸗ rectorium glauben zu machen, daß ich ihm ganz erge⸗ ben und mehr ergeben bin, als alle andern Ver⸗ ſchworenen; die Vorſicht erheiſcht, daß ich mir den Rückzug geſchickt decke, d. h. die Verſchworenen dürfen durchaus keine Ahnung haben, daß ich mit den Directoren perſönlich unterhandle. Darin be⸗ ſteht der Hauptcoup meiner Politik, mich auf eigne Fauſt mit Frankreich zu verbinden, während ich den Verſchworenen weißmache, ich ſei allein von ihnen ab⸗ — 121 hängig. In dieſem Sinne habe ich mit ihnen geſpro⸗ chen. Ich machte ihnen begreiflich, daß meine bedeu⸗ tende Stellung mir nicht erlaube, mich gradezu für ſie zu erklären, daß ich aber im Fall einer franzöſi⸗ ſchen Invaſion eine ihnen weit günſtigere Stellung einnehmen und meinen Einfluß zu ihrem Vortheil anwenden werde. Dagegen bedingte ich ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit nicht nur gegen die Königlichen, ſondern auch gegen die übrigen Verſchworenen und vor allen gegen Lewis O'Donnel. In Berückſichtigung der zwi⸗ ſchen mir und ihm obwaltenden geſpannten Verhält⸗ niſſe wurde mir von meinen neuen Freunden ſtrengſte Verſchwiegenheit zugeſichert; ich mußte ihnen dagegen ſchwören, Niemand auf der Welt jemals ihre Namen zu nennen. Und ſo habe ich ſie auch Dir, mein treu ergebener Diener, verſchwiegen. Namen thuen auch gar nichts zur Sache. Es handelt ſich jetzt allein darum, daß Du als mein Bevollmächtigter Dich unverzüglich nach Frankreich hinüber ſtiehlſt und mit den Directoren in Unterhandlung trittſt.“ „In dieſer Nacht noch, Mylord, wenn Sie wünſchen.“ „Deine Bereitwilligkeit iſt mir bekannt, eben ſo Deine Klugheit. Von der letztern hängt meine künf⸗ tige Stellung ab. In Frankreich werden ſie noch viel weniger den Diener aus Dir herausriechen, als in Deinem eigenen Vaterlande. Als Cdelmann, als mein Vaſall, mein Freund führſt Du Dich dort ein. Die erſte Bedingung von unſerer Seite iſt ebenfalls die ſorgfültigſte Geheimhaltung des Plans; die zweite, daß Irland Republik werde, wie Frankreich; die dritte, daß ich die Hauptſtimme im künftigen Directorium Irlands erhalte. Von dieſen drei Punkten darfſt Du nicht abgehen. Haben wir die erlangt, dann laß den General Hoche mit ſeinen Franzoſen kommen! Siegen „ ———— 122 ſie, ſo kommt die höchſte Gewalt in meine Hände. Die Verhältniſſe bleiben nicht, wie ſie ſind. Ich werde Lord Gouverneur, Protector, Dictator der Republik. Meinſt Du, ich werde es dann nicht klüger machen, wie Julius Cäſar oder Oliver Cromwell? Was könnte mich hindern, mir bei einem neuen Wechſel der Dinge die Königskrone aufzuſetzen? Es liegt im Kreiſe der möglichen Dinge, warum ſollten wir durch kluge Ope⸗ rationen nicht dahin kommen? Und Du, mein Freund, wirſt dann erſter Miniſter, meine rechte Hand, die Du jetzt ſchon biſt, und Ruhm, Ehre und Reichthum winken Dir als belohnendes Ziel. Die Welt ſoll es wiſſen, was ich Dir zu verdanken habe.“ Der Diener war lächelnd dem kühnen Gedanken⸗ fluge ſeines Herrn gefolgt, ohne den Rauſch zu thei⸗ len, der ſich Kildare's Kopf bemächtigt hatte.„Und wenn unſer Plan mißglückte?“ fragte er nüchtern. „So bleibe ich der getreueſte und ergebenſte Die⸗ ner Sr. Majeſtät des Königs von Großbritannien, wie zeither, und werde Mittel finden, dem Lord Gou⸗ verneur von Irland von meiner unwandelbaren Treue glänzende Beweiſe zu liefern und ihn zu überzeugen, daß kein Herz auf der Inſel für des Königs Sache wärmer ſchlägt, als das meinige. Du ſiehſt, James, daß mit Klugheit hier nichts zu verlieren, wohl aber Alles zu gewinnen iſt. Während Du in Frankreich biſt, erhält Lord Wexford, der königliche Obriſte und nächſtens General⸗Adjutant des Gouverneurs, die Hand meiner Tochter. Dieſe Verbindung muß jeden Schein, der durch Zufall auf mich fallen könnte, von rorn herein entfernen; ich gebe den Königlichen Jag⸗ den und Feſte, bis die dreifarbige Fahne auf den Mauern unſerer Städte weht. Hältſt Du mich für einen Stümper, James? Ich habe es durch Klugheit 123 bis zu einem der mächtigſten und reichſten Beſitzer der Inſel gebracht; ich gedenke es noch weiter zu bringen. Ich fühle etwas von Cromwells Geiſt in mir, und der ſtolze Knabe O'Donnel ſoll noch der Bannerträ⸗ ger meines Ruhms ſein.“ ch muß bekennen,“ warf James ein,„daß ich von Sir Lewis viel, ja Alles fürchte. Wenn uns et⸗ was gefährlich werden kann, ſo iſt es ſeine finſtre, ſchwärmeriſche Vaterlandsliebe, die mir von ſonſt noch bekannt iſt. Das gemeine Volk iſt ihm faſt mit Ab⸗ götterei ergeben; ſein Name hat bei den Vornehmern einen guten Klang und ſein Aufenthalt in Frankreich giebt ihm ein ſtarkes Gewicht bei ſeiner Partei.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte der Lord,„dieſer Menſch iſt uns ſehr zur ungelegenen Zeit nach Irland zurück⸗ gekommen; doch ſeh' ich ihn jetzt hier immer lieber, als in Frankreich, wo er mir höchſt gefährlich werden könnte. Zetzt ſtehen uns genug Mittel zu Gebote, ihn unſchädlich zu machen.“ „Nur keine gewaltſamen, Mylord! Das wäre ſo gewiß unſer Untergang, als ich die Ehre habe, vor Ihnen zu ſtehen. Die Landleute ſchlügen uns mit Dreſchflegeln todt.“ „Nicht doch! das mein' ich auch nicht. Du haſt die beſte Gelegenheit, O'Donnel in Paris in ein zweideutiges Licht zu ſtellen. Du erzählſt, daß ich in Beſitz von O'Donnels Gütern gekommen bin und daß er mich haßt; wirfſt dann hin, wie er wohl wiſſe, daß ich mich den modernen Anſichten neige, und ihm ſogar eine dunkle Kunde zugegangen ſein müſſe, daß ich mit der franzöſiſchen Regierung in Verbindung ſtehe. Um nun gewiß zu gehen, habe er ſich ebenfalls den Verſchworenen beigeſellt und ſich, wie mir wohl bekannt ſei, mit dem Directorium und ————— 124 deſſen Geſchäftsträgern in Unterhandlungen einge⸗ laſſen, keineswegs aber aus Liebe zu ſeinem Vater⸗ lande, ſondern um mich ſicher ſeiner glühenden Rache zu opfern. Denn eigentlich ſei er der britiſchen Re⸗ gierung mit Leib und Seele ergeben, habe zwei ſei⸗ ner Brüder in engliſche Dienſte gebracht, und es ſei gewiß, daß er ſelbſt bereits heimlich im Solde der großbritanniſchen Regierung ſtehe und ſpäter, wenn die Kriſis vorüber ſei, öffentlich als Werkzeug des Parlaments hervortreten werde. Es ſei ohne Zwei⸗ fel, daß er die Franzoſen, wenn ſie ihm vertrauen würden, verrathen werde, um— wenn es ihm ge⸗ lungen ſei, mich zu verderben,— ſich in Beſitz aller meiner Güter zu ſetzen.— Führſt Du dieſen Plan, wie ich ihn Dir mit flüchtigen Strichen hinwerfe, ſo aus, wie ich es Deiner Meiſterſchaft zutraue, ſo hebſt Du den Burſchen dort aus dem Sattel. Ihm hier ſo zu ſchaden, daß die Regierung ihn unter polizei⸗ liche Aufſicht ſtellt, iſt meine Sache. Seine aus Frankreich empfangene Botſchaft, ſein Aufenthalt in Waterford unter den Verſchworenen ſoll bald genug zu den Ohren des Lord Gouverneurs kommen. Da⸗ zu iſt Werford das beſte Werkzeug. Iſt der gute Obriſt nur erſt mein Schwiegerſohn, dann hab' ich ihn ganz in Händen und kann ihn trefflich zu mei⸗ nen Zwecken benutzen. Ihn hetz ich dem lieben Path⸗ chen auf den Hals, und der wackre Degen wird ſchon mit dem beliebten Volksmanne fertig werden. Drum raſch ans Werk! In dieſer Nacht noch ſchreibe ich Dir Deine Inſtruction; eh' der Tag graut, mußt Du fort. In der folgenden Nacht fährſt Du vom Lande ab; wie Du hinüberkommſt, überlaß ich Deiner Einſicht. Ich denke, Du erkaufſt einen Fiſcher mit einem guten Boote; wenn Du Dich für einen Ver⸗ 125 ſchworenen ausgiebſt, dient Dir Jeder. Im Kanal kreuzen ſtets franzöſiſche Schiffe. Du wirſt gewiß eins finden. Sollteſt Du Unglück haben und in die Hände der Engländer fallen, ſo wirfſt Du die In⸗ ſtruction, in welcher ohnedies kein Name genannt wird, in's Meer und giebſt Dich für einen Fiſcher aus. Darum ſuche Dir die ſchlechteſte Kleidung zu verſchaf⸗ fen. In Breſt kannſt Du Dich wie ein Graf kleiden. Ich gebe Dir Geld genug mit, daß Du den Herrn mit Anſtand ſpielen kannſt.— Nun lege Dich auf ein Ohr!“ Vergnügt und mit den ſchönſten Ausſichten auf ein herrliches Leben, entfernte ſich James; der Lord arbeitete die halbe Nacht. In der Frühe des andern Morgens hatte er noch eine lange Unterredung mit dem getreuen Werkzeuge ſeines Willens, dann ver⸗ ließ daſſelbe, als ein ärmlicher Schiffer gekleidet, das Schloß. 13. Vater, Tochter und prädeſtinirter Schwiegerſohn. Lord Kildare ſandte einen Boten mit einer Ein⸗ ladung an Lord Werford und die benachbarten Edel⸗ leute zu einer großen Jagd und überließ ſich dann einige Stunden einer fieberhaften Ruhe. Hierauf verfügte er ſich, nicht eben zum Beſten gelaunt, zum Frühſtück auf das Zimmer ſeiner Tochter, wohin er es beſtellt hatte. Miß Eliſabeth begrüßte ihn freund⸗ lich.„Mein Kind,“ ſagte der Lord,„ich will heute 126 bei Dir frühſtücken, um allein mit Dir zu reden. Du kannſt Dir leicht denken, welchen Gegenſtand ich mit Dir zu beſprechen wünſche. Lord Wexford hat mich endlich um eine entſcheidende Erklärung hinſicht⸗ lich Deiner Hand gebeten. Ich wiederhole daher meine, Dir oft ſchon vorgetragene väterliche Bitte, den Obriſt zu erhören, jedoch mit der beſtimmten Erklärung, daß ich heute keine leeren Ausflüchte an⸗ nehme, mich nicht abweiſen laſſe; denn heute kommt Wexford, und ich hoffe Jagd und Verlobung zu⸗ ſammen zu feiern. Mein Kind, dem ich alle Wün⸗ ſche mit zuvorkommender, verzärtelnder Liebe erfüllte, wird mir gewiß dieſen einen Wunſch nicht verſagen und die Gattin des jungen, ſchönen, reichen Lords werden.“ „Und wenn ich Sie doch mit Ihrer Bitte zurück⸗ wieſe? wenn ich mich dennoch Ihrem einzigen Wun⸗ ſche nicht fügte, mein Vater?“ — „Dann wird die ungehorſame Tochter die Strenge ihres, zärtlicher Bitten müden Vaters zu fühlen haben,“ verſetzte der Lord mit einer, Eliſabeth bis jetzt fremd gebliebenen Heftigkeit, indem er mit ver⸗ ſchränkten Armen und finſtern Brauen vor ſie hin⸗ trat.„Was wird Mylady dem feſten, entſchloſſenen Willen des Lords, ihres Vaters, entgegen zu ſetzen wagen?“ „Denſelben feſten Willen!“ erwiderte Eliſabeth, ſich ſtolz von ihrer Arbeit erhebend, während das leuchtende Auge, deſſen Feuer durch eine hervorquel⸗ lende Thräne gemildert wurde, feſt auf den Lord ge⸗ richtet war.„Zufrieden mit dem Erbtheil meiner Mutter, wird mich das Geſetz gegen unnatürliche Ge⸗ walt in Schutz nehmen, ſobald ich daſſelbe zum Schutz meiner perſönlichen Freiheit anzurufen genöthigt ſein f 6 127 ſollte.— O, mein Vater, laſſen Sie es nicht dahin kommen! Bedenken Sie wohl, wohin dieſer Schritt führen müßte! Ich bitte, ich beſchwöre Sie!“ rief ſie mit verzweiflungsvollem Tone, indem ſie mit flehen⸗ dem Blicke die Hände auf ſeine Arme legte.„Stö⸗ ren Sie wenigſtens unſern Frieden nicht!“ ſetzte ſie hinzu und verließ dann das Zimmer, während der Lord, ohne ſeinen Platz zu verlaſſen, ohne ihr ein gütiges Wort nachzurufen, ihr finſter und überraſcht nachſah. In heftiger Aufregung verfügte er ſich in den hohen Saal, deſſen Länge er mit ſtarken Schrit⸗ ten ſtundenlang maß, ohne mit ſich einig werden zu können. Das ganze Denkvermögen des Mannes, der ſelten von etwas in Verlegenheit geſetzt wurde, war durch die plötzliche Veränderung der ſonſt ſo ſanften Tochter, durch die bisher nicht an ihr ge⸗ kannte Entſchloſſenheit ſo ſehr in Anſpruch genom⸗ men, daß er kaum das Hereintreten des Lords Wexford gewahrte. „Guten Morgen, mein Theuerſter!“ rief der Obriſt ſeelenvergnügt.„Nun, wie geht's, nach der langen Sitzung von Vorgeſtern bei Sir Ralph Bromton? Wahrhaftig, es war Alles im größten Style beim Diné, und auf meine Ehre! der Port und Old⸗Bock ſo gut und ächt, als man ihn nur bei einem faſhionablen Diné im Weſtende zu trin⸗ ken bekommt. Und die Gerichte in einer Auswahl und Menge, wie ſie kaum bei einem Schmauſe des Lord Mayors von London erſcheinen. Denken Sie nur, alter Freund! den Koch hat der Gutſchmecker dem Herzoge von Devonſhire abwendig gemacht, der ihn auf der letzten Reiſe von Paris mit nach Eng⸗ land brachte. Ich werde den meinigen doch gleich nach meiner Vermählung mit Lady Eliſabeth, ob⸗ — 128 gleich Sie wiſſen, daß er ein ganzer Künſtler iſt, eine Zeit lang zu Monſieur Petitjeune in die Lehre ſchicken.“ Lord Kildare konnte ſich eines leichten ſpöttiſchen Lächelns nicht enthalten, und Werford fuhr fort: „Nehmen Sie mir nur heute Nichts übel, Mylord! Der Kopf iſt mir noch ſo wirrig, daß ich das, was ich zuerſt hätte ſagen ſollen, zuletzt ſage und Eins über dem Andern vergeſſe.“ „Nun wahrhaftig!“ rief Kildare,„wenn ein ſo tapferer Soldat, ein Mann, der nie die Haltung aufgiebt, nachdem das Tiſchtuch entfernt iſt, und ein ſo verwegener Jäger dazu, wie Lord Werford, einmal die Contenance verloren hat, ſo muß Sir Bromtons Wein ganz eigene geheime Kräfte be⸗ ſitzen.“ „Ad vocem Jäger!“ fiel Wexford ein.—„So⸗ bald ich heute Morgen Ihre angenehme Botſchaft er⸗ hielt, eilte ich ſogleich auf Flügeln der Liebe hierher, obgleich ich noch Manches zu ordnen hatte, da ich in einigen Tagen nach Dublin muß.— Der Ge⸗ neraliſſimus will ſämmtliche Truppen muſtern. Ich hoffte irgend eine erfreuliche Nachricht in Betreff der meinem Herzen ſo theuren Angelegenheit zu erhal⸗ ten! Doch ich habe mich abermals getäuſcht! Miß Eliſabeth empfing mich ſo eben mit mehr als ge⸗ wöhnlicher Förmlichkeit und kaltem Ernſte, woraus nicht viel Gutes zu ſchließen war, an der Treppe und ſagte mir weiter nichts als: eine Jagd iſt im Werk, Mylord! Eilen Sie raſch hinauf zu meinem Vater, der Sie längſt erwartet! Dann verneigte ſie ſich, ſarkaſtiſch lächelnd, und ſchritt an mir vorüber nach ihrem Zimmer. Ich bin Soldat und Jäger mit Leib und Seele,“ fuhr er eifrig fort,„ich ſcheue we⸗ 129 der die Gefahren des einen noch des andern Hand⸗ werks. Vor der Front meines Regiments, oder wenn der Fuchs hoch gemacht und die Hunde los ſind, ſetzt mich kein Hinderniß in Verlegenheit, und das Herz ſchlägt mir ruhig in der Bruſt. Aber deſto mehr Unglück habe ich beim ſchönen Geſchlecht! Denken Sie ſich, Mylord! Ich beugte mich wiederholt, wollte etwas Verbindliches ſagen, die ſchöne Hand an meine Lippen führen; aber während ich noch dar⸗ über nachſann und eben die rechte Hand aus der Rocktaſche zog, war Mylady längſt verſchwunden. Ich ſtarrte ihr nach und ärgerte mich über meine Unbeholfenheit. Verdammt! ich ſehe immer mehr ein, daß mir der im Auslande gebildete Jugendfreund der Lady, jener ODonnel, der Gentleman mit dem dü⸗ ſtern Feuerblicke und dem ſtolzen Weſen— ich habe ihn erſt einmal, als er neulich, wie ein König um ſich blickend, durch Banry ritt, geſehen— den Rang abgelaufen hat, ſeitdem er auf ſeiner Rück⸗ reiſe vom Continente Miß Eliſabeth zufällig im Park, in den ihn mein Unſtern führen mußte, geſprochen hat!“ „Woher haben Sie etwas von dieſer unſeligen Unterredung gehört?“ fragte Kildare betroffen. „Woher?— Ei nun, von Miß Margaret, die — ich weiß nicht wie— dahinter gekommen war und mir die Sache mittheilte, um mir Miß Eliſa⸗ beths Widerſpenſtigkeit zu erklären.“ „Laſſen wir das jetzt, mein Lieber!“ tröſtete Lord Kildare den ſich gekränkt fühlenden Offizier.„Zeit gewonnen, iſt alles oder doch viel gewonnen. Sir Lewis verwickelt ſich anſcheinend ebenſo, wie ſein Vater, in die Angelegenheiten des Landes. Giebt er ſich eine Blöße, ſo iſt er verloren. Großbritannien Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vII. 9 430* wenigſtens muß er, wenn er nicht tollkühn das Aecu⸗ ßerſte zu wagen geſonnen iſt, nach den jetzt von der Regierung getroffenen Maßregeln verlaſſen. Jene geheime Unterredung O'Donnels mit meiner Tochter hat allerdings auf die letztere Einfluß gehabt. Allein was läßt ſich anders thun, als warten? Zwang würde zu Nichts führen. Die Zeit verwiſcht die ſtarken Eindrücke in Eliſabeths Seele, löſcht allmählig eine Erinnerung nach der andern aus, und Lord Wer⸗ ford wird, geehrt durch ſeine den Feinden furchtbar gewordene Tapferkeit, unter den Segnungen des Friedens, die in ſeinem Innern noch ſchlummernden ſchönen Anlagen entwickeln, um mit der Hand auch das Herz einer Dame zu erobern, die nicht nur durch Adel und Geburt, ſondern auch durch feine Erzie⸗ hung und Bildung den erſten Frauen des Lan⸗ des angehört und die höchſten Anſprüche zu machen hat.“ „Ein ſchlechter Troſt!“ erwiderte der Obriſt aus tiefbewegter Bruſt, ſo daß es faſt wie ein Seufzer klang.„Mit der Beruhigung unſerer Inſel möchte es noch im weiten Felde ſein, und trotz aller Vergnü⸗ gungen, die wir hier, ſoviel es der ſchwere Dienſt ge⸗ ſtattet, haben, ſo ſehr auch Sie ſelbſt, Mylord, und Sir Bromton und die ganze loyale Gentry uns hier in der Gegend mit Freundſchaftsbeweiſen überhäufen, möchte ich doch lieber im ehrlichen Kriege oder auf einer andern Station dienen als hier, in meinem ei⸗ genen Vaterlande, im Bürgerkriege. Lieber müßig in meinem Hauſe in London! Morgens durch Hydepark fahren, Abends den großen Club beſuchen, ſo ſehr mich anch die Caprice der ſchönen Präſidentinnen hinſicht⸗ lich des Anzuges, in dem man erſcheinen ſoll, langweilt, als hier länger den Jammer und das Elend mit an⸗ * 131 ſehen. Ueberall nur traurige, aber verſchmitzte Geſich⸗ ter voll verbiſſenen Ingrimms! Man mag zur Jagd, oder zu einem Gaſtmahl reiten, überall treten mir die hohläugigen, hungrigen Jammergeſtalten in den Weg. Wie oft ſchon ſtreckten ſie mir die abgemager⸗ ten nackten Arme, kaum mit einigen elenden Lumpen bedeckt, mitten im Winter plötzlich aus dem Schoße der Erde, in irgend einer Feldumzäunung entgegen, ſo daß mein Pferd ſcheu über den Anblick zur Seite ſprang!“ „Wenn dieſe Armen nicht wären, mein lieber Lord! bedenken Sie es nur einmal recht!“ ſagte Kil⸗ dare mit einem hämiſchen Lächeln, während er zugleich einen ſtechenden Blick auf den Redner warf,„ſo wür⸗ den wir Beide und viele unſeres Standes wahrſchein⸗ lich etwas minder begütert ſein!“ „Ja leider,“ verſetzte der Erſtere,„iſt das eine ſchlechte Wahrheit. Doch glauben Sie's mir bei mei⸗ ner Seele, Freund, der Gedanke, daß ich es nicht bin, der dieſe jetzt ſo ſchwer abzuändernden Einrich⸗ tungen getroffen hat, gereicht mir zu nicht geringem Troſt.“ „Die Rebellen aber, und wahrſcheinlich O'Don⸗ nel an ihrer Spitze, müſſen wir als loyale Anhänger des Königs bekämpfen!“ beruhigte Kildare, der den Effect dieſer Worte auf den Oberſten wohl berechnet hatte. „Was ſagen Sie?“ rief der Obriſt erſtaunt. „O'Donnel an ihrer Spitze? Keine leere Muthma⸗ ßung, Mylord! Es iſt ein ſchweres Wort, was Sie da eben ausſprachen. Es könnte ja der Galgen ſein Loos werden! Doch wenn's wirklich Wahrheit wäre. dann, bei allen Teufeln, nähme ich mir dieſen ganz 9* allein heraus. Er oder ich, Sieg oder Tod. Im offe⸗ nen Kampfe müßte einer von uns fallen!“ Kildare hatte Werford, deſſen eben ausgeſprochene Anſichten ihn nicht wenig beunruhigt hatten, in die Stimmung verſetzt, die er zu ſeinen Zwecken brauchte; nun lenkte er wieder behutſam ein, verſichernd, daß man in dieſen Zeiten Keinem trauen könne, daß man auf ſeiner Hut ſein müſſe und daß allerdings ſtark gravirende Umſtände gegen O'Donnel vorhanden ſeien, auf die allein hier man indeſſen keine Maßre⸗ geln ergreifen könne. Werford ſchien beruhigt, obgleich das vom ränke⸗ vollen Kildare auf ihn abgedrückte Geſchoß genau die Stelle getroffen, auf welche dieſer gezielt hatte. Das Geſpräch wurde abgebrochen und dagegen die große Jagd auf's Tapet gebracht, welche Morgen auf Kilda⸗ re's Grundſtücken in der Ungegend ſtattfinden ſollte. „Ihre neuen Jagdpferde ſind ausgezeichnet, Obriſt, beſſer als irgend Jemandes weit umher,“ ſagte Kil⸗ dare, wohl wiſſend, wie ſehr er dadurch des Erſteren ihm in dieſer Hinſicht wohlbekannten Eitelkeit ſchmei⸗ chelte. „Sie ſind gut, Mylord! ich wette auf ein jedes. Da iſt der Rapid. Zweihundert gegen eins, er ſetzt über jede Barriere. Kein Chauſſeewärter darf ſich ſei⸗ netwegen bemühen, um Nachts den Schlagbaum zu öffnen. Die Veloce läßt kein anderes Pferd vor ſich. Die braune Stute hat dies Jahr zweitauſend Pfund auf dem Tallamore⸗Rennen gewonnen. Lord Bridge⸗ warters Pferde ſind vielleicht die theuerſten im gan⸗ zen Lande. Keins iſt von reinerem Blute, als ſein Emir. Der Prinz von Wales hat deſſen Vater Ab⸗ dul Hamad mit baaren ſechstauſend Guineen bezahlt, und dennoch, Sir, dennoch, bei Gott! iſt es mein 133 * größter Triumph geweſen, blieb der Emir eine Pfer⸗ dehalslänge hinter meiner Veloce zurück. Bridgewa⸗ ter wüthete, er wollte das edle Thier erſchießen, und hätten wir nicht alle flehentlich Einſpruch gethan, bei Grtt! der koſtbare Racer rührte jetzt kein Glied mehr. — Na, und Bella, das haben Sie ja mit Ihren eigenen Angen geſehen, Mylord! die ſchwimmt wie ein Delphin durch den Shannon; ich getraue mich für eine gentile Wette von der Blackfriars⸗ nach der Lon⸗ donbrücke mit ihr zu ſchwimmen, ohne daß ſie viel nach Luft ſchnappt, die brave Mähre.— Und zwei Koppel friſcher Hunde von Lord Goderich für ſiebzig Guineen; wahrhaftig, Kildare, Sie ſollen Morgen Wunder ſehen. Wie haben Sie denn Ihre Einrich⸗ tung für die Jagd getroffen?— Doch, wie kann ich auch fragen? Ein ſo alter Sportsman, wie Sie, My⸗ lord, der ſchon ſo manchen Fuchs geprellt, wird nichts vergeſſen haben. Ein Rendesvous bei der Heideſchenke, ſo ungefähr“—„und zum Schluß Abends ein paar Schüſſeln bei mir hier auf Lindſayhall,“ fügte der Lord hinzu. „Verbunden!“ erwiderte der junge Edelmann, ſich leicht verbeugend,„doch nicht, wie bei Bromton, ich bitte darum,“ ſo ſchloß er mit der heiterſten Laune, „damit nicht Mylady's ſchlimme Meinung von Ihren Freunden noch vermehrt wird.“— Die froſtige Weiſe, mit der die ſchöne Tochter des Hauſes Lord Wepford empfing, als er in Beglei⸗ tung ihres Vaters, um ſich zu beurlauben, in ihr Boudoir trat, fachte indeſſen den Funken wieder zur Flamme an, den Lord Kildare durch die Anſpielung auf O'Donnels Mitwiſſenſchaft um die ſich im Lande verbreitenden Unruhen in ſein unbefangenes Gemüth geworfen hatte. Es war daher dem jungen Manne 134 nicht übel zu nehmen, wenn er bei ſeinen An⸗chten von Recht und Ehre den Nebenbuhler in einem dop⸗ pelt gehäſſigen Lichte erblickte und feindſelige Pläne gegen denſelben ſeinen Geiſt beſchäftigten, als er bald darauf in Begleitung ſeines Reitknechts dem pracht⸗ vollen Landſitze zueilte, auf dem er während eines kur⸗ zen Urlaubs verweilte. 14. Die Jagd. Noch hatten am folgenden Morgen die Strahlen der Sonne die Nebelſchichten nicht durchbrochen, die über den Niederungen der herbſtlichen Landſchaft auf und nieder wogten, den Beobachter ungewiß laſſend, wie ſich das Wetter während des Tages geſtalten würde, als man ſchon von vielen Seiten auf den leicht gefrornen Wegen, die nach der Heideſchenke führ⸗ ten, den Hufſchlag herantrabender Roſſe in weiter Ferne hörte, lange vorher ehe man ſie mit dem Auge wahrzunehmen vermochte. Die Dunſt⸗ und Nebel⸗ maſſen wogten hin und her, bis ſie tiefer herabſinkend, zuerſt die Köpfe, dann einzelne Theile und endlich die ganzen Reiterzüge enthüllten; nun begrüßten ſich die Pferde durch lautes Wiehern, die Hunde, alte Be⸗ kannte von mancher frühern Jagd, heulten und bell⸗ ten ſich frendig entgegen und das luſtige Getümmel vor der Heideſchenke nahm von Minute zu Minute mehr überhand.. Die Jäger verſammelten ſich im Kreiſe. Derbe 135 Waidsmannsſcherze flogen wie Funken herüber und hin⸗ über, und Luſt und frohe Laune wurden bald allge⸗ mein. Gewährten hier die eleganten Jagdanzüge der Herren einen heitern Hnblic, ſo verdiente die Diener⸗ ſchaft in glänzender Livrée nicht überſehen zu werden, welche im Hintergrunde dieſer Gruppe die Pferde auf und abführte, lauter Thiere von der ausgezeichnetſten Abſtammung, auf deren koſtbaren Decken man die Wappen und Namen der Eigenthümer in kunſtvol⸗ ler Arbeit gewahrte; an Sattel und Zeug war über⸗ dies unglaubliche Pracht verſchwendet. Hier ſah man Pferde, die dem Beſitzer Tauſende im Einkauf ge⸗ koſtet hatten, deren ſchlanke Taille, dünner Hals, dicht am Kopf liegende kurze Ohren, dünne und ſehnige Beine, denen eines Hirſches ähnlich, dem Kenner ſo⸗ gleich ächte Renner verriethen, Pferde, die dem Eigen⸗ thümer im Einzelnen, ja auch in einer einzigen Wette, ungeheure Summen gewonnen hatten. Wenn dieſe ed⸗ len Geſtalten, etwas auf die Vorderbeine vorgeſtämmt, ſich ſo leicht auf das Hintertheil ſetzten, aus den gro⸗ ßen Augen und weit geöffneten Rüſtern feuerſprühend, überzeugte man ſich bald, welche ungemeine Schnell⸗ kraft die Sprunggelenke dieſer Pferde vor andern vor⸗ aus hatten. Nicht weniger als die Reitknechte, die auf Ge⸗ heiß ihrer Herren im weiten Kreiſe umherreiten mußten, weil ihre Pferde ſtolz und ihres Werthes ſich gleichſam bewußt, durchaus kein anderes neben ſich dulden wollten, hatten die Hundeführer mit den Kötern zu thun, die unruhig an den Leitſchnüren vorwärts ſtrebten, um alte Bekanntſchaft mit den oder jenen Koppeln aufzufriſchen, oder neue mit denen zu machen, die heute zum erſten Male auf dem Platze erſchienen. 136 Nachdem endlich die meiſten Herren, vorzüglich die Offiziere, die im Auslande gedient, ihre Pfeifen an⸗ gezündet hatten, gab Shaun Donnough, Kildare's Leibjäger, auf des Lords Wink, durch eine luſtige Hornfanfare das Zeichen zum Aufbruch. Lindſayhall links laſſend, folgte man dem Wege längs der Teufelsmauer bis an die Brücke. Von hier wandte ſich der Troß auf einem ſchmalen Pfade den höher gelegenen Theilen der Heide zu. Zetzt löſte der Spürmann die Leithunde vom Ringe, die ſchnell ſich rechts und links in langen Linien vertheilten. Bald⸗ im Schritt, bald trabend, folgten in derſelben Ord⸗ nung die Jäger, während aller Blicke geſpannt nur auf die Hunde gerichtet waren. Die Suche war lange vergeblich, und Kildare ſchlug ſchon vor, auf den jen⸗ ſeit des Baches liegenden, mehr hügeligen und mit Geſträuch bewachſenen Theil der Heide, der an die Berge grenzte, überzuſetzen, und einige der verwegen⸗ ſten Reiter waren äuch hinüber, als die Hunde ganz unerwartet bei einem unter dichtem Geſtripp von Gin⸗ ſter und Stechpalmen hervorragenden Steinhaufen mehr und mehr anzogen, dann ſtehend markirten und endlich auf das Wort des Spürmannes einſprangen. Mit einem raſchen Satze, die Lunte hoch erhoben, flog Reineke hervor und eilte, ſo ſchnell als möglich ſeinen Feinden zu entkommen, in weiten Sprüngen über die Heide hin. „Ho! halloh, ho! Alle Hunde dran, mein Junge!“ rief der Lord dem Führer derſelben zu, und erſt jetzt begann querfeldein, über Stock und Stein, über Buſch und Baumſtumpf, durch Sümpfe und Gräben, die eigentliche wilde verwegene Jagd, die höchſte Luſt des ächten Briten, die Quinteſſenz aller Freuden eines ver⸗ wegenen Reiters. War der Sprung auch ein Wag⸗ 2 137 niß um Hals, Arm oder Bein,— ein„damned!“ — war alles, was man hörte, und, ohne ſich nach andern Auswegen umzuſehen, wurde das Wagniß aus⸗ geführt, und es glückte in der Regel, weil man wußte, was vom edlen Jagdpferde zu erwarten ſtand. Schon war in weiter Entfernung ein kleiner Fluß durchſchwommen, denn der Fuchs hatte ſich ungeachtet manches ſchlauen Verſuches, ſich durch Niederdrücken den Verfolgern zu entziehen, immer wieder von der wüthenden Meute aufgeſtöbert, zu dieſem letzten Rettungsverſuche ent⸗ ſchließen müſſen, und ſetzte, die Felder von Dunmoore von der entgegengeſetzten Seite erreichend, ſeine nun ſchon ſtundenlang dauernde Flucht mit etwas mehr Sicherheit langſameren Laufes fort. Der Jagdlärm hatte eine Menge Dörfler aus ihren Häuſern und von ihrer Feldarbeit herbei gelockt, die nun haufenweiſe an den Haferſtücken ſtanden, mit der Abſicht, ihr Eigen⸗ thum ſo viel als möglich zu ſchützen. Der Fuchs warf ſich gleich in das erſte dieſer aus mehren Aecckern be⸗ ſtehenden Feldſtücke, und das Geſchrei der Bauern vermochte ihn ſich nur noch tiefer in dem Getreide zu verbergen. Der volle Jagdtroß ſauſte heran, und die Leute hoben flehend die Hände zu den berittenen Herren empor. „Der Obriſt ſprengte an Lord Kildare heran und rief:„Wir werden hier den armen Leuten die ganze Ernte verderben! Der Fuchs, einmal auf der Flucht, kommt auf der andern Seite ſogleich heraus und kann uns nicht mehr entgehen. Laſſen Sie uns einbiegen, Mylord!“ „Verdammt ſei das Lumpengeſindel!“ rief der Angeredete, in glühender Luſt, vorwärts zu kommen. „Es bezahlt mir doch das Pachtgeld nicht. Hol' der Teufel den ſchlechten Hafer! Hindurch, meine wackern 138 Burſchen! Ho! halloh! Huſſah! immer vorwärts! hindurch!“— Und weit voran ſprengte der Lord zu⸗ erſt in das wogende Saatfeld hinein; hinter ihm folgte nun vhne Weiteres der lärmende Zug, und in weni⸗ gen Minuten war das kleine Feld in der Breite meh⸗ rer Aecker unter den Hufen der Roſſe zerſtampft. Die Landleute an den Feldmarken erhoben ein klägliches Zetergeſchrei, und ein weißhaariger alter Mann trat mit Blicken der Wuth und Verzweiflung hervor und ballte ſeine Fauſt gegen die Jäger hin. Es war der greiſe Dunfvore. Ihm zur Seite war ſein jüngſter Sohn. Dieſer hatte einen mächtigen Stein ergriffen und wollte hinter den Reitern her, wahrſcheinlich in der Abſicht, den Lord Kildare damit an den Kopf zu werfen. Der Alte hielt ihn aber mit den wutherſtickten Worten zurück:„Laß das, Pat! Du erreichſt ihn nicht und wenn auch, Du triffſt ihn nicht und kommſt um den Hals. Gott wird richten zwiſchen ihm und uns; wir aber werden Gottes Richt⸗ ſchwert ſein. Wir müſſen dieſen Winter nun verhun⸗ gern, Herzenskleinod; denn das war unſre Nahrung, und Sir O'Donnel iſt auf Monate, vielleicht auf den ganzen Winter, verreiſt. In einigen Wochen kommt des Lords Pächter; der wird uns aus der Hütte wer⸗ fen. Aber laß nur, guter Junge; ſo muß es kommen, wenn was Rechtes geſchehen ſoll. Wir ſind ſonſt feige Memmen. Gott erhalte Irland! Es wird ſich ſchon helfen.“ Große Thränen rollten über ſein runzeliges Geſicht, als er über den verwüſteten Acker ging, vor einer halben Stunde noch ſeine Freude, und gräßliche Flüche gegen den Lord ausſtoßend folgte ihm Patrik nach. Der geängſtete Fuchs rannte unterdeſſen gerade auf das Dorf los; dort verſuchte er einen Satz über die Hecke, der ſeiner gebrochenen Kraft jedoch kaum 139 gelang. Blutroth und lechzeno hing ihm gleich den verfolgenden Hunden die Zunge aus dem weit ge⸗ öffneten Rachen. Es war ein Kohlgarten, wo der Oberſt, der ſchneller als der Fuchs über die Hecke ſetzte, den er⸗ ſten Hieb mit der Peitſche nach dem gehetzten Schlacht⸗ opfer that. 5 „O! habt doch Barmherzigkeit, Sir, mit einer armen alten Witwe die ruinirt iſt, wenn Ihr den kleinen Garten verwüſtet,“ jammerte ihm eine Frau entgegen, Judy Leghan, Dahna's Schwiegermutter, welcher das Grundſtück gehörte. Eben wollte Werford, aus Mitleiden mit der Al⸗ ten, den Fuchs, dem er raſch noch einige Hiebe ver⸗ ſetzt hatte, auf die entgegengeſetzte Seite der Einzäu⸗ nung werfen, als Kildare mit den Worten herüber⸗ ſtürmte:„He! was wollen Sie da machen, Herr Obriſt? Iſt das Waidmannsgebrauch?“ „Erbarmen, Erbarmen! Mylord. Es iſt meine Winternahrung!“ wimmerte Judy. „Pack Dich zum Teufel, deſſen Tochter Du biſt, alte Here!“ ſchäumte der Lord, indem er ihr einen Schlag mit der ſchweren Jagdpeitſche über den Kopf verſetzte.„Hier bin ich Herr! Mitten im Garten, da wo der Fuchs fiel, iſt hallali! He! hoho! hal⸗ lali!“ rief er jubelnd den Jägern zu. „Ho! hoho! hallali!“ antwortete der ſtürmiſche Jagdchor und ſetzte hinüber, wobei jedoch einige ſchwer⸗ fällige ältere Gentlemen faſt ganz zuletzt noch in Ge⸗ fahr geriethen, auf den Zaunpfählen geſpießt zu wer⸗ den. Lord Bridgewater aber kam bei dem gewaltigen Satze ſeines Emirs früher im Garten an, als ſein braves, mit dickem Schaum bedecktes Jagdpferd. Die arme Witwe war, hart vom Peitſchenhiebe 140 Der Sieg war errungen. athemlos, mit weit herausge hatte beſorgen laſſen. getroffen, in einiger Entfernung taumelt, und wehklagend, den Ko ſtützt, blickte ſie auf die Verwüſtung des Gartens, während ſich die Jäger glückwünſchend um den Obri⸗ ſten drängten, der ſeine Beute im Kreiſe umherzeigte, noch einmal hoch empor hielt und dann unter die lech⸗ zend umherliegenden Hunde warf. Der Zweck des Tages, uf Koſten von zwanzig hr als vierzig abgehetz⸗ am Zaun niederge⸗ pf auf die Hand ge⸗ einen Fuchs zu tödten, war a müde gejagten Pferden und me ten Hunden erreicht. Die meiſten ſtanden mit Schaum überzogen, mit niederhangendem Kopfe, drei Beinen hinter ihren Reitern; die letztern lagen treckten Zungen, theil⸗ nahmlos um den erlegten Feir ein Leben hatte dabei auf dem Spiele geſtanden. Die edlen Jäger ſelbſt fühlten ſich jetzt weniger behag⸗ lich, als am Morgen, bevor ſie ausgezogen, und folgten daher gern der Einladung des Lords, die Erfriſchun⸗ gen einzunehmen, welche er durch die mit den Hand⸗ pferden im Dorfe wartenden Diener in Dunmoore Der feurige Port und Madeira, der der Collation die pikante Würze verlieh, führte gar bald die frohe Laune zurück und verwiſchte jede Spur von Ermü⸗ dung, ſo daß die Herren nach einer Stunde freudigen Muthes wieder die friſchen, vorgeführten Pferde be⸗ ſtiegen, um auf der gebahnten Straße nach Lindſay⸗ hall zur Tafel zu reiten. Zuvor wurden jedoch die ſtrengſten Befehle an die Stallleute ertheilt, die ſo ſcharf gebrauchten Pferde tüchtig Branntwein zu waſchen, dann in die weiten Decken und Halsüberzüge ſorgfältig einzuhüllen und vor jeder Zugluft zu bewahren. Dieſe zarte Fürſorge nach der 141 eben ſtattgefundenen grauſamen Behandlung würde je⸗ den Ausländer in das größte Staunen verſetzt haben. „Um zwölf Uhr heute Abend die Kutſche, John!“ hörte man wohl auch einen oder den andern der ſtatt⸗ lichen Gentlemen hinter ſich rufen, vielleicht in Vor⸗ ahnung eines Schwindels, der manchen von ihnen an einem ſolchen Tage nach Tiſch in luſtiger Geſellſchaft zu überfallen pflegte, oder einer Ohnmacht, die oft von ſo langer Dauer war, daß der edle Herr erſt unter ſeinem eignen Dache, ſpät am andern Tage, erwachte. 15. Peppy's Weiſſagung. Lord Werfords Kammerdiener hatte einen Auftrag von ſeinem Herrn erhalten und verließ die Kameraden, noch ehe ſie unter den reichlichen Ueberreſten der Tafel ihrer Gebieter ganz aufgeräumt hatten. Als er jedoch in der Nähe der Heideſchenke dahin trabte, traverſirte plötzlich ſein Pferd rechts über den Fuhrweg, ein ſicheres Zeichen, daß Henderſon, wenn er allein war, nicht an dem Hauſe vorüberritt. Da ſeine Laune auch dieſes Mal mit der ſeines Pferdes im völligen Ein⸗ klange ſtand, ſo machte er eine ganze aus der halben Wendung des gelehrigen Thieres und ritt gerade auf die Hausthüre zu, wo man den bekannten Gaſt nicht lange warten ließ. Denn kaum war dieſer abgeſeſſen, ſo reichte ihm Andrew, Peppy's jüngſter Sohn, ein 3 3 6 5 142 volles Rumglas, da dem Engländer der iriſche Whisky nicht behagte. Tim Ruuthan ſprang herbei, um dem ſtolzen Kam⸗ merdiener das Pferd zu halten, und erkundigte ſich, gleich dem Wirthsſohne, nach dem Erfolge der Jagd. Während Henderſon mit dem Siege ſeines Herrn prahlte, ſchlich die alte Peppy frierend vorüber, der Hausthür zu. Henderſon rief ſie mit einem höhniſchen Gruße an. „Wer iſt der Gentleman?“ fragte die Wirthin verdrießlich.„Wahrſcheinlich ein fremder Squire, den der Lord zur Jagd gebeten?“ „Wie? Du kennſt mich nicht, Alte?“ lachte der Diener laut auf.„Sind denn Deine Augen plötzlich ſo trübe geworden. Haſt Du mir nicht dieſen Mor⸗ gen erſt einen Poleen eingeſchenkt?“ „Es liegt eine lange, böſe, ſchaurige Zeit zwiſchen dieſem Morgen und jetzt,“ verſetzte die Wirthin eintönig; „die Zeit eines großen Frevels und eines böſen Fluchs. Ihr habt am Frevel Theil genommen, Herr; Euer Theil am Fluche wird nicht ausbleiben.“ „Was iſt das wieder für ein Rabengekrächz!“ ſagte Henderſon ſich ſchaudernd. „Glaubt mir,“ fuhr Peppy fort,„keiner von de⸗ nen, die heute durch das Haferfeld ſprengten und der armen Leute Brot in den Boden ſtampften, kann dem böſen Geſchick entgehen, das der wohlverdiente Fluch des alten Dunfoore, der Fluch, den er hier in der Schenke ausgeſtoßen, über ihn herbeiführen wird. Denn wißt nur, fremder Herr, dieſe unſcheinbare Schenke hat die dämoniſche Eigenſchaft, daß Fluch und Segen, die in ihr ausgeſprochen werden, auf wun⸗ derbare Weiſe in Erfüllung gehen. Seht dies Haus nicht ſo verächtlich an! Gar manches geheimnißvolle 143 Geſchick iſt darin von den Geiſtern geſponnen und ge⸗ webt, die über das Menſchenleben geſetzt ſind. Sie haben Dunfoore's Fluch empfangen und tragen ihn bei ſich, wie ein Weib die empfangene Frucht ihre Zeit trägt, bis ſie, ausgebildet, geboren wird. So wird der Fluch einſt über Euere Häupter kommen, eine furchtbare Geburt.“ „Was geht mich der Fluch an!“ ſagte Henderſon, kleinlaut ausweichend, denn die ernſten Worte der Frau hatten ihm die Seele durchbebt.„Seine Gna⸗ den, der Lord Kildare ſprengte zuerſt in das ihm ge⸗ hörige Feld. Dann die Sportsmen. Wir waren die Letzten und mußten wohl nach.“ „Auch wird Kildare der Fluch am ärgſten treffen. Es wird ein Tag kommen, wo alle Sünden dieſes Mannes gegen ihn aufſtehen werden, als lebendig gewordene blutige Geſpenſter. Er hat viel verbrochen, glaubt es, Herr; aber das Strafgericht über ſein Fleiſch und Blut und über ſeine Seele wird nicht ausbleiben.— Es hat ſchon lange begonnen,“ ſetzte ſie murmelnd hinzu „Verdammt mit Deinem ewigen Eulengeſang, Mutter Peppy!“ rief Henderſon ärgerlich.„Mir iſt ſtets, als hört' ich ein Leichenhuhn, wenn Du ſo fa⸗ ſelſt. Ich komme Dir bei St. Georg nicht wieder über die Schwelle, wenn Du mir ſtets die alte trüb⸗ ſelige Weiſe vorleierſt. Doch ich denke, Du wirſt ſchon eine andere anſtimmen, wenn erſt mein ſchmuk⸗ ker Obriſt die Lady von Lindſayhall heimgeführt hat.“ „Das wird nimmer geſchehen, mein guter Mann!“ lachte Peppy heiſer. „Wer will's verhindern?“ fragte der Kammerdie⸗ ner verwundert und ärgerlich. „Wenn Gott nicht: Ich!“ „Du! altes, verrücktes Weib! Hör', nimm Dich vor Lord Kildare in Acht! Es möchte Dir ſonſt er⸗ gehen, wie vorhin der Alten im Dorfe.“ „Wer Alten?“ rief Peppy, ihn mit weitgeöffne⸗ tem Munde und ſtarren Augen anſehend. „Die Leute ſagten, ſie ſei des eingebildeten Mi⸗ chaul Dahna's Schwiegermutter, der jetzt den Kam⸗ merdiener beim Baron O'Donnel macht. Das Weib heulte und lamentirte, als die Herren auf der Folge in ihren Kohlengarten ſprengten. Flugs gab ihr der Lord Kildare mit der Jagdpeitſche eine hinter die Oh⸗ ren, daß ihr Hören und Sehen verging. Sie lag am Boden, wie der verendete Fuchs, und das getrof⸗ fene Auge quoll ihr blutig aus dem Kopfe.“ „Gott ſteh' uns bei!“ kreiſchte Peppy.„Der Lord hat Dahna's Schwiegermutter geſchlagen! Beim Er⸗ löſer! das ſetzt Blut. Wißt Ihr, Mann, wer dieſer Dahna iſt? Nein, Ihr wißt es nicht, und der Lord Kildare weiß es nicht! Ihr könnt es nicht wiſſen, nicht ahnen. Aber Michaul weiß es, ſeit ſeine Mut⸗ ter todt iſt, und wehe dem Lord, daß er es weiß! — Reitet heim!— Reitet ſchnell, Maſter Henderſon! Es iſt viel ſchwarzes Unglück im Anzuge, und es wird ſchneller laufen, als Euere theuerſten Roſſe, und den Reiter überholen und im Fluge erlegen. Die Langmuth Gottes hat ein Ende. Reitet und ſagt dem Lord, daß die Rache ſchon hinten auf ſeinem Pferde hockt.“ Heulend lief die Wirthin in's Haus und kehrte gleich darauf mit einer vergilbten Schachtel unter dem Arme, worin ihre Medicamente verwahrt waren, zu⸗ rück; ohne ſich umzuſehen, rannte ſie damit auf dem Wege nach dem Dorfe zu, um ſo ſchnell als möglich Judy Leghan Hülfe zu bringen. 145 Henderſon bezahlte und ſtieg verſtimmt zu Pferde. Tim ſah ihm pfiffig lächelnd nach. 16. Sir Lewis in Pantry. Düſter geſtimmt ritt Lewis O'Donnel, von Mi⸗ chaul Dahna begleitet, durch eine der ſchmutzigen, mit niedern elenden Hütten bepflanzten Vorſtädte von Bantry. Die Avenuen aller iriſchen Städte ſind ſo ſchlecht bebaut, und hier wohnen die Katholiken, die eigentliche iriſche Bevölkerung des Landes, während die fremden eingewanderten Proteſtanten, die Herren des Landes, ſich's in den prachtvollen Gebäuden der innern Stadt bequem machen. Der Winter war mit ſeinem unfreundlichen Gefolge auf der Inſel einge⸗ kehrt; es war naßkalt und Regen wechſelte mit Schnee. Mit wehmüthigem Lächeln theilte der Baronet den Inhalt ſeiner Börſe unter einige zerlumpte Weiber aus, die ihm ihre Kinder— ihn für einen Englän⸗ der haltend— bettelnd entgegenſtreckten, halbnackte, bleiche, frierende Geſchöpfe. „Ei, was machſt Du denn, Kiddy? Siiſt ja Seine Gnaden Sir Lewis vom Jagdſchloſſe!“ rief ein zerlumpter breitſchultriger Mann von bleichem, kum⸗ mervollem Anſehen, der aus der nächſten Hütte her⸗ beiſprang und die Bittende zurückzuziehen ſuchte.„Laß ab, ſage ich Dir, der Gentleman giebt genug an die Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 10 146 Armen! Seine Schuld iſt's nicht, wenn die Behörden die Gaben nicht immer an den Bedürftigſten verthei⸗ len. Nehmen Sie's nicht übel, Gnaden, daß Kiddy ſo unverſchämt iſt. In zwei Tagen hat das arme Weib mit dem Kinde an der Bruſt nichts Warmes gegeſſen, und die kleinen unſchuldigen Würmer da wiſſen ſich in den rauhen Tagen der Kälte nicht zu erwehren. Lieber Gott! der Verdienſt iſt ſo gering, und die Lebensmittel ſo theuer bei den vielen Solda⸗ ten; die Ernte iſt gut und reichlich in Irland gewe⸗ ſen, gnädiger Herr, aber der Jrländer muß doch hun⸗ gern. Gott ſorgt für uns, aber unſere Herren neh⸗ men uns die Gaben ſeiner Güte vor dem Munde weg.“— „Ei, biſt Du nicht Shame Dunfvore, des alten Samuel zweiter Sohn?“ fragte der Baronet. „Freilich bin ich's, und Euer Gnaden unterthänigſter Diener. Ach, gnädigſter Sir, unſer Gebet folgt Ih⸗ nen, ſo oft Sie hier vorüberreiten, denn Sie ſind ein Freund der Armen, das weiß jedes Kind in der ganzen Grafſchaft.“ „Aber warum ſo müßig zu Hauſe, Shame, wenn man ein ſo hübſches Weib und eine Hand voll Kin⸗ der hat? Du biſt ein Fiſcher, der gehört um dieſe Zeit in die Bay hinaus.“ „Ach, beſter Her Baron, ich habe keine Barke!“ weinte der Mann.„In dieſem Frühjahr verlor ich mein beſtes Fahrzeug auf den Klippen, das andere ließ mir James Morries, des Lord Kildare's Leibdie⸗ ner, für eine kleine Schuld wegnehmen. Mein Va⸗ ter hätte es vielleicht doch möglich gemacht, mir eine zu ſchaffen, aber vor drei Wochen hat ihn der Päch⸗ ter des Lords durch den Conſtable aus ſeiner Hütte werfen laſſen.“ 147 „Dein Vater ohne Obdach!“ rief der Baronet er⸗ ſchrocken.„Wo hält er ſich auf?“ „Seit einigen Tagen iſt er bei meinem älteſten Bruder, dem Weber hier. Aber der hat ſelbſt zehn Kinder, die er betteln ſchicken muß, und mein Vater will nicht bei ihm bleiben, ihm die Laſt zu vermeh⸗ ren, obgleich ihn Brine gern behalten will.“ „Komm' zu mir auf mein Landhaus, Shame; Du ſollſt Dir in meinem Walde das zu einem neuen Fahrzeug nöthige Holz ſchlagen, und auch Du, arme Kiddy komm' morgen mit Deinen Kindern zu mir,“ ſagte O'Donnel tröſtend,„wir wollen ſie neu heraus⸗ putzen. Kommt aber morgen, hörſt Du, Shame! Auch Deinen Vater bring' mit. Vergiß es nicht; ich habe nothwendig mit ihm zu reden.“— Dann ſprengte er raſch von dannen, denn ein Haufen Neugieriger fing an, ſich um die Gruppe zu ſammeln, während das dankbare Ehepaar ihm Rock und Hände küßte. Ze weiter der Baronet in die Stadt einritt, deſto mehr erheiterte ſich das Anſehn derſelben, denn die auf einer ſanften Erhöhung liegende evangeliſche Kirche, von den Wohnungen des Geiſtlichen, des Sherifs und andrer Behörden umgeben, die Häuſer der proteſtan⸗ tiſchen Einwohner, ſo wie die mit allen Bedürfniſſen des Lebens und des Lurus reich gefüllten Gewölbe, freundlich einladende Gaſthäuſer und ſchöne Caſernen, gewährten ein dem eben erblickten ganz entgegen ge⸗ ſetztes Bild des Wohlſtandes und des ächt engliſchen Comforts. Soldaten, denen der Obriſt heute einen Feiertag geſchenkt hatte, tummelten ſich luſtig in den Schenken, oder füllten die Läden der Kaufleute. Faſhionable Herren unterhielten ſich mit Offizieren über die Neuig⸗ keiten des Tages, und hohe Damen, mit ſchlanker Taille, 10* 148 ſchritten ſtattlich geputzt auf den reinlichen Trottoirs, oder dankten mit britiſch vornehmer Kälte hinter den glänzenden Spiegelſcheiben den Grüßen der Vorüber⸗ gehenden. Hier war alles behaglich, wie mitten in England. D Donnel, deſſen ſchöne Geſtalt nicht weniger Theilnahme erregte, als ſeine Schickſale, erwiderte freundlich die ihm von vielen Seiten her zu Theil wer⸗ denden Grüße und ſtieg in der Hafenſtraße vor dem Hotel ab, wo er gewöhnlich einzukehren pflegte. Im Geſellſchaftszimmer hatte er kaum eine der entfernteſten Logen eingenommen, die hier ebenſo, wie in England, die Gäſte einzeln oder in kleinen Geſellſchaften von den übrigen trennen, als ſich ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Offizier lenkte, der ſchnellen Schrittes auf ihn zu kam, und in welchem er jetzt einen intimen Jugend⸗ und Schulfreund erkannte. „Du hier, Harry!“ rief er freudig überraſcht.„In meiner Nähe hier in Bantry, ohn daß ich ein Wort von Deiner Anweſenheit gehört habe?“ „Ich bin erſt ſeit wenigen Tagen hier,“ erwiderte der Angeredete mit einem kräftigen Handſchlag.„Der ſchwere Dienſt, den ſammt der Veranlaſſung der Teufel holen möge! hat mir noch nicht erlaubt, unter Menſchen zu kommen, von denen ich etwas Näheres über Dich erfahren konnte. Ich habe zwar von einigen Leuten Deine Anweſenheit in der Nähe von Bantry gehört, jedoch von ſolchen, von denen ich am wenigſten etwas über Dich zu hören geneigt war.“ „Nun!“ fragte ODonnel ſichtlich geſpannt.— „Schnack, Ausgeburten eines übertriebenen Miß⸗ trauens! Die Menſchen ſehen jetzt überall Geſpenſter. Denke Dir, Lewis,“ ſetzte der Freund mit gedämpfter Stimme hinzu,„Du ſtehſt jetzt auch, ſo wie Leslie, Laing und Andere, auf der Liſte der Verdächtigen. Du mußt gewiß Feinde haben, die Dich beim Lord Gouverneur anſchwärzen. Ich habe heute, ehe Se. Excellenz uns verließ, einige Worte vernommen, die deutlich genug verriethen, daß man Dich ſcharf auf's Korn genommen hat. Lord Wexford, unſer Regiments⸗ Commandeur, verſah eine Zeit lang den Dienſt eines Oberadjutanten bei dem General en chef, nachdem er ſeinen Urlaub theils auf ſeinen Gütern, theils bei Lord Kildare zugebracht, und— weshalb blickſt Du mich ſo ſtarr an?“ „Fahre fort, Harry, nur weiter!“ ſagte O'Donnel finſter. „Nun, Lord Wexford hat Lord Corhampton auf der Inſpectionsreiſe begleitet und iſt nun hier zurück⸗ geblieben, um ſein Regiment, ſelbſt zu commandiren. — Ich verlaſſe mich ganz auf Sie, Herr Obriſt! ſagte Corhampton, als er uns entließ.— Ich werde mich um die Beweiſe bemühen, die meine Anſicht über O'Donnel beſtätigen, Mylord! erwiderte' Werford, verbeugte ſich und ging mit einem Lächeln davon, das ich boshaft genannt haben würde, wenn mir der Lord nicht als ein vollkommener Gentleman in jeder Hin⸗ ſicht bekannt wäre.“ „Werford alſo und Kildare! Ich ahndete die Quellen,“ ſagte O'Donnel düſter.„Immerhin, ich trete mit euch in die Schranken;“ doch ſchnell ſich faſ⸗ ſend fuhr er fort:„Was weißt Du ſonſt noch, mein guter Harry!“ „Iſt's doch mehr als zu viel ſchon, denke ich, wenn man einen ehrlichen Mann, wie Du biſt, ver⸗ dächtiget. Ich ärgerte mich im Stillen, freute mich aber auch zugleich im Voraus, daß die Herren ſich das nächſte Mal mit einem langen Geſichte begegnen 150 werden, wenn ſie einſehen, daß ſie fehlgeſchoſſen ha⸗ ben.— Wenn ich aber alles ſo recht genau erwäge und mir die unglücklichen Ereigniſſe Deines Hauſes, das Dir angethane Unrecht, den gerechten Schmerz darüber in einem großen Nachtſtück vor die Augen treten, dann, O'Donnel, fühle ich mich tief ergriffen, und es bangt mir, daß Du, hingeriſſen vom Ueber⸗ maße des Gefühls ſowohl für die eigenen Leiden, als für den Druck, unter dem das Vaterland erſeufzt, im Stande wäreſt, etwas zu unternehmen, was ich in meinem jetzigen Stande mißbilligen, ja bekämpfen müßte. Doch es beſtärkt mich noch etwas Anderes in der Vermuthung, daß Werford Dein Freund nicht ſein kann. Es iſt mir ein dunkles Gerücht zu Ohren gekommen, daß er ſich um die Hand der ſchönen Eliſa⸗ beth bewirbt, die,— ſo viel ich weiß— doch nie einem andern als dem glücklichen Sir Lewis O'Donnel ge⸗ hören wird.“ „Das ſchöne Band iſt für dieſe Welt zerriſſen,“ verſetzte O⸗Donnel ſchmerzlich.„Berühre dieſe Saite nicht, mein Harry; ihr Klang iſt hohl und ſchaurig, und tönt mir, wie eine Todtenglocke. Denn nur durch die dunkle Pforte des Todes führt der Weg zu un⸗ ſerer Vereinigung, da ich doch nie die Tochter des Mörders meines Vaters als mein mir angetrautes Weib umfangen kann.“ „Bei unſerer Freundſchaft, O'Donnel! bei unſerer glücklichen Zugendzeit! bei Deiner Eliſabeth! trage als Mann, hoffe das Beſte von der Zeit, die ſo oft aus⸗ gleicht und verſöhnt, was unmöglich ſchien. Laß Dich nicht in Unternehmungen ein, die ja auch uns trennen müßten. Raube mir den Glauben nicht, daß Du feſt an dem König hältſt. Sei groß und ſtark im Dulden, wie Deine Vorfahren feſt und kräftig in ihren Unter⸗ 151 nehmungen waren. Ein Augenblick kann ja Alles umgeſtalten!“ „Für mich ſelbſt hoffe ich nichts mehr. Wünſche hege ich nur noch für mein Vaterland in der für alles andere erkalteten Bruſt. Furcht aber hat nie ein O'Donnel gekannt. Gehe Du den Weg, den Du als den rechten einmal erkannt haſt, mein alter theurer Jugendfreund! Laß mich den meinigen gehen, den ich mir vorgezeichnet habe, ſeitdem ich ein Mann wurde. Jeder führt zum Ziele. Wohl uns Beiden, wenn unſer Wille gut war! Die Binde fällt erſt dann von unſern Augen, wenn unſer Schaffen nicht irdiſcher Natur mehr iſt!“ Die beiden Freunde hatten ſich erhoben, um im Saale, wo ſich nur wenige in Zeitungen vertiefte Gäſte befanden, auf und abzuſchreiten, als die Thür ungeſtüm geöffnet wurde, und Lord Wepford, von einigen ſeiner Offiziere begleitet, hereintrat. Ueberraſcht warf er das durchdringende Auge bald auf den einen, bald auf den andern, nahm am Kamin Platz, ſtörte heftig das Feuer auf, daß die Funken weit umher⸗ ſprühten, und befahl dem Aufwärter eine Bowle ſtar⸗ ken Punſch zu bringen. „Etwas Neues, Mr. Thornton?“ wandte er ſich dann an einen in ſeiner Nähe ſitzenden eifrigen Zeitungsleſer. „Gewiß, Mylord?“ erwiderte der Gefragte,„ſehr intereſſante Neuigkeiten! Admiral Elphinſtone hat die holländiſche Flotte unfern des Caps der guten Hoff⸗ nung genommen.“ „Er lebe!“ rief der Lord, ein großes Glas auf einen Zug leerend;—„möge jede künftige Unterneh⸗ mung des braven Seemannes von ähnlichem Erfolge gekrönt ſein!“ 152 „Die Spanier haben uns den Krieg erklärt!“ fuhr Thornton, nachdem er ſein Glas, gleichfalls auf das Wohlergehen des Seehelden geleert hatte, in ſei⸗ nem Berichte fort. „Hole ſie der Teufel!“ ſagte der Obriſt mit dem Fuße ſtampfend,„es ſind auch katholiſche Schurken! Sir John Jervis iſt mit einer tüchtigen Flotte uuter Segel gegangen. Es wird ſich bald zeigen, wer Herr im mittelländiſchen Meere iſt.“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung, Mylord. Aber nun die wichtigſte Nachricht: Lord Malmesbury iſt in Paris, um wegen des Friedens zu unterhandeln. Möge er glücklich ſein, damit wir recht bald nach Außen ſtark, im Innern beruhigt, den ſo lang ent⸗ behrten Segen des Friedens im vollen Maße genie⸗ ßen! Dies iſt mein Toaſt, Gentleman; ich hoffe, ein jeder von uns wird ihn ſo aufrichtig trinken, wie ich ſelbſt.“ „Auch ich ſtimme Ihnen vollkommen bei, Mr. Thornton!“ ſagte der Lord, nachdem er die Pflicht, den ausgebrachten Toaſt zu trinken, erfüllt hatte; „denn auf Ehre! man wird des ewigen Scharmuzzi⸗ rens mit dem Lumpengeſindel in Irland ſatt. Ha⸗ ben wir Frieden mit Frankreich, ſo werden ſich die raſtlos machinirenden Menſchen, der Hoffnung und Hülfe von Außen her beraubt, wohl zum Ziele legen müſſen.“ „Geben Sie unſern armen Landsleuten nur Brot und Gelegenheit zum Erwerb, Mylord! ſo werden Sie ſicherlich durch Unruhen in Irland nicht veran⸗ laßt werden, ſo lange als bisher von London abwe⸗ ſend zu ſein.“ 6 „Haben ſie Brot, ſo wollen ſie auch Fleiſch,“ ent⸗ 153 gegnete der Obriſt gereizt, der den Zuſatz nicht über⸗ hört hatte. „Auch deſſen mögen ſie vollkommen werth ſein!“ fuhr Thornton fort,„ſo gut als unſre Nachbarn, die Engländer, von denen der geringſte Arbeiter nicht unter zwei Schilling täglich verdient, ſo daß er Fleiſch eſſen und Porter dazu trinken kann, wäh⸗ rend unſer armes Landvolk mit allem Fleiße kaum den täglichen Bedarf an trocknen Kartoffeln erſchwin⸗ gen kann und noch obendrein einer ungeheuren Abga⸗ benlaſt erliegt, die der Engländer zum Theil gar nicht kennt.“ „Dann wäre mit dem Geſindel, das wie toll und wüthend auf nichts als Raub, Mord und Brand ſinnt, gar nicht mehr auszukommen,“ meinte bitter lächelnd der Obriſt. „Die Exceſſe, Mylord, die täglich unter un⸗ ſern Augen vorfallen, ſind lediglich die Folge der Verzweiflung über unmenſchlichen Druck. Sie wer⸗ den aufhören, ſobald die Veranlaſſung dazu entfernt wird.“ „Dies wird geſchehen; das Volk ſoll ſich nur ru⸗ hig dem Geſetz unterwerfen.“ „Das Geſetz iſt kalt, Mylord, und das Herz warm. IJrland iſt das fruchtbarſte Land Europa's und ſeine Kinder verhungern. Der Bauer vermag die hohen Pachtgelder nicht zu erſchwingen; die Schulden häufen ſich, und das Geſetz ſchreibt in ſol⸗ chen Fällen vor, ſoviel an Werth von des Schuld⸗ ners Effecten zu nehmen, als die Forderung beträgt. Da dieſe aber oft den Werth des ſämmtlichen Haus⸗ geräthes überſteigt, ſo bleibt dem Bauer nichts übrig, als die nackten Wände der zerfallenen Hütte. Durch irgend einen Verdienſt den herben Verluſt zu erſetzen, 154 oder die nächſte Anforderung zu erſchwingen, dazu fehlt es an Gelegenheit; alle Hülfsquellen ſtocken und die Herren, die ſo gern den Comfort in England ge⸗ nießen, ziehen es vor, was ſie hier den bedürftigen Landleuten zuwenden ſollten, in London mit vollen Händen zur Erhaltung einer mit ſchwelgeriſcher Pracht ausgeſtatteten Haushaltung zu verſchwenden.— Der Gerichtsbote erſcheint bald zum zweiten Male. Dann tritt die wahre Noth heran; es heißt: fort aus dem Hauſe! Weib und Kinder flehen, der Mann bittet mit wenigen ernſten Worten um Aufſchub. Doch wer keine Gnade kennt, iſt der hartherzige Gutsherr, oder der proteſtantiſche Zehntner. Der Wurm windet ſich, Mylord, wenn er getreten wird; ſo thut der Zre. Er ſetzt ſich zur Wehr auf der Schwelle des Hau⸗ ſes und flieht, der Uebermacht weichend, mit Rache im Herzen zu den unvernünftigen Bewohnern der Heide und des Waldgebirges, oder in die unzugäng⸗ lichſten Klüfte der Felſen; und wer trägt die Schuld, wenn er geächtet, dem Geſetze hohnlachend, um ſein elendes Leben zu friſten und den Hunger, der grim⸗ mig mit allen ſeinen Schrecken den Seinigen naht, zu ſtillen, bei nächtlicher Weile, gleich dem wilden Thiere auf Beute lauernd, aus ſeiner Höhle heraus⸗ tritt?“ „Ich glaubte mich hier unter loyalen Untertha⸗ nen des Königs zu befinden,“ fuhr der Obriſt jetzt heftig auf;„aber ich will verdammt ſein, wenn das nicht klingt, als ob ein Apoſtel des Aufruhrs hier unter uns predigte! Ich hielt ſie bisher für einen ruhigen gemäßigten Mann, Mr. Thornton; aber frei⸗ lich, ſeitdem ich ſehe, in weſſen Geſellſchaft Sie ſich hier befinden“— er warf einen bedeutungsvollen 155 Seitenblick auf O Donnel, der ruhig ſeinen frühern Platz eingenommen, während ſich der Offizier ſeinen Kameraden zugeſellt hatte,—„muß ich annehmen, daß Sie von den verderblichen und für Sie ſo ge⸗ fährlichen Meinungen der Männer angeſteckt ſind, welche jetzt hier in der Gegend ein Geſchäft daraus machen ſollen, die Gemüther zu erhitzen und den Sa⸗ men des Aufruhrs auszuſtreuen. Hüten Sie ſich, Sir! und nehmen Sie meinen freundſchaftlichen Rath als Warnung, ſolchen gefahrbringenden Umgang zu meiden!“ „Ich bin Ihnen verbunden für Ihren gütigen Rath, Mylord, und weiß Ihre Theilnahme zu ſchätzen; jedoch bitte ich Sie, zu bemerken, daß das Wort kein Privilegium für den Engländer allein iſt, und daß ſich ein braver Irländer eben ſo wenig, wie jener, eine Zurechtweiſung durch irgend einen von Sr. Ma⸗ jeſtät Offizieren gefallen läßt.— Aber, ſieh' da, Sir Lewis!“ wandte ſich der freimüthige Bürger jetzt an dieſen, der von den Worten des Obriſten zwar in Wallung geſetzt, dennoch, die auf ihn Be⸗ zug habende Pantomime nicht bemerkend, ruhig mit der Durchſicht eines vor ihm liegenden Tages⸗ blattes beſchäftigt geblieben war;—„entſchuldigen Sie meine Unhöflichkeit; ich habe, vertieft in die Po⸗ litik, Ihren Eintritt gar nicht bemerkt. Wie geht's in Ihrem Tempel der Diana? Schönes Wetter zu Ihrem Lieblingsvergnügen, in der That! Sie können es nicht beſſer wünſchen. Aber haben Sie gehört, Sir, was Lord Werford von uns, oder, um mich ſeines Ausdrucks zu bedienen, von den Männern der Nachbarſchaft ſo eben ſagte? Seine Herrlichkeit ſcheinen keine gute Meinung von uns allen hier zb 156 haben, überhaupt ſehr gegen uns eingenommen zu ſein.“ „Was könnte der Obriſt gegen Sie haben, ſelbſt wenn Sie ſich freimüthig über die Angelegen⸗ heiten des unglücklichen Vaterlandes äußern, das, an den edelſten Theilen verletzt, langſam verblutet?“ entgegnete O'Donnel.„Sie können alſo von Sr. Lordſchaft nicht gemeint ſein.“ Und zu Werford ſich wendend, ſagte er:„Ich bin der einzige Mann aus der Nachbarſchaft in dieſem kleinen Kreiſe, My⸗ lord. Ich muß Bhre Aeußerung demnach auf mich beziehen, und es dürfte deshalb keine unbillige Forderung ſein, wenn ich Sie erſuche, ſich unum⸗ wunden zu erklären, was Sie an mir zu tadeln häben „Mr. Thortons Zunge iſt heute ſehr geläufig, wie es ſcheint,“ entgegnete Mylord;„der Herr ſcheint ſehr gut gelaunt zu ſein und es eben nicht ſehr ge⸗ nau mit ſeinen Worten zu nehmen, denn ich ſprach durchaus nicht von Männern aus der Nachbarſchaft, wie mir die andern Herren bezeugen werden. Ich weiß mit Beſtimmtheit weder Gutes noch Böſes von Ihnen zu ſagen, Sir Lewis. Das iſt meine kurze Erklärung, wenn Ihnen ſo ſehr daran gelegen iſt. Es wird für uns Beide gut ſein, wenn ferner keine Erklärungen zwiſchen uns vorfallen, und wenn wir uns überhaupt nie mehr begegnen. Es giebt Ver⸗ hältniſſe, über welche ein Schleier ſtets zuträglich iſt. Gut für Sie, mein Herr, wenn meine Hand nie genöthigt wird, den Schleier, den bis jetzt Ihr Thun und Laſſen der Welt verbirgt, hinwegzuziehen!“ „Wenn Ihre Hand einſt den Vorhang, der zwi⸗ ſchen Ihren und meinen Handlungen und Abſichten ſchwebt, hinwegziehen ſollte, Mylord, ſo hoffe ich 157 zu Gott, Ihnen nahe genng zu ſtehen, um Sie zu überzeugen, daß ich mich weder vor Ihnen, noch irgend einem Manne im Königreich zu demaskiren geſcheut habe. Wenn Sie ſelbſt übrigens dem Au⸗ genblick ſo ruhig entgegen ſehen, wie ich, ſo bin ich feſt überzeugt, Sie werden künftighin Ihr Glas Punſch hier behaglicher trinken, als Sie heute gethan haben.“ „Sehr pathetiſch! Haben Sie etwa während Ih⸗ res Aufenthaltes in Paris Lectionen bei dem berühm⸗ ten Talma genommen?“ „O, daß Sie der Witz nur am Ende der Haupt⸗ ſache nicht verlaſſen möge, Herr Obriſt!“ fuhr O'Donnel heftig empor und war im Begriff, dem Lord eine bittre Wahrheit zu ſagen, als ein heftiges Getümmel von der Straße herauf zu den Ohren der Anweſenden drang. „Wir ſprechen uns wohl gelegentlich auch über die Veranlaſſung dieſes neuen Tumults, Sir Le⸗ wis!“ rief der Obriſt höhniſch und ſchnallte den Sä⸗ bel um.„Was gilt's, ein Kampf zwiſchen den Sol⸗ daten und Bauern, die heute wieder, wie eigens dazu beſtellt, ſeit dem früheſten Morgen in allen Schenken liegen! Könnte man das Pack doch nur mit einem Schlage auf einmal mit der Wurzel ver⸗ tilgen!— Gehen Sie, Kapitain Howard,“ wandte er ſich befehlend zu O'Donnels Jugendfreunde,„und ſehen Sie, was der Lärm bedeutet. Nehmen Sie einen Theil der Wache mit. Wenn's Noth thut, laſ⸗ ſen Sie gleich Lärm blaſen. Doch nein! melden Sie mir zuvor; dann kann Ihre Schwadron auf⸗ ſitzen und dem Volke einmal die flache Klinge fühlen laſſen.“ 1 Ein Volksaufſtand. Die Gäſte traten in die Fenſter des Saals. Ein geordneter Zug Menſchen ſchritt langſam und feierlich auf der Straße dahin. Zuerſt ein kleiner Mann, in welchem O'Donnel den Hausknecht aus der Heide⸗ ſchenke erkannte, der auf einer großen weißgeſchälten Stange ein Stück Haferbrot angeſpießt, von einem langen ſchwarzen Flor unflattert, trug. Ihm folgte auf dem Fuße der alte ehrwürdige Pater Auguſtin O'Kelly mit ſeinem in Schmerz verſteinertem Antlitz, das weiße dürftige Haar vom Nordwind aufgewühlt, in den knöchernen gefalteten Händen das Krucifix hal⸗ tend; ſein zerfetztes Prieſtergewand geſtattete dem Sturm freien Durchzug. Ihm nach traten zwei arg zerlumpte Männer, die auf einer rohen Bahre die nackte un⸗ verhüllte Leiche eines weiblichen Kindes von zehn bis zwölf Jahren trugen. Hinter der Leiche ſchwankten drei große Männer, ſo zerriſſen und zerfetzt, daß die bloße Haut überall durchſchimmerte, von hohläugigem geſpenſterhaftem Anſehn, wahre Schaudergeſtalten des Elends. Es war Samuel Dunfvore mit ſeinen bei⸗ den Söhnen, Brine, dem Weber, und Shame, dem Fiſcher. Der Greis ſchleppte ſich in der Mitte fort. Seine Augen ſtarrten glanzlos und verwildert auf die kleine Leiche; ſeine verrunzelte Haut war ſelbſt mit der fahlen Farbe des Todes überzogen; ſein zahnloſer Mund wie von Hunger und Kummer ſchmerzlich eingeklemmt; die Lumpen ſchlotterten um die durchſchim⸗ ₰ mernden gräßlich abgemagerten Gebeine; die ganze Ge⸗ 159 ſtalt war nichts als ein ſchauerlich wandelndes Ge⸗ rippe. Seine Söhne hatten nichts voraus, als einige Jahre, deren Elend noch vor ihnen lag. An dieſe drei Männer ſchloſſen ſich die halbnackten Jammerge⸗ ſtalten von ſieben Kindern, die baarfuß durch den ei⸗ ſigen Koth der Straße wandelten, bleich und abgezehrt, dem Hunger verfallene Beute. Dann wandelten Paar um Paar Männer und Frauen der Vorſtädte, Niemand mit einem ganzen Rocke, Niemand mit ei⸗ nem friſchen Geſichte, nein alle zerlumpt bis auf die Haut, alle verhungert bis zum Umfallen, alle nieder⸗ gedrückt von der unmenſchlichen Laſt des Elends. Der Zug war lang, und das Geſpenſterhafte deſſelben er⸗ höhete bei weitem eine ſchwermüthige, ſchauerliche Weiſe, die ſie mehr ſtöhnten und ſummten, als daß ſie das dazu gehörige Trauerlied geſungen hätten. Stumpf⸗ ſinnig und theilnahmlos wanderten dieſe Leute dem Todtenacker zu, aber hinter ihnen brach die Wuth des Pöbels furchtbar los. „Es iſt Brine Dunfoore's, des Webers, Kind, das Hungers geſtorben iſt!“ heulten die Stimmen gräßlich ausſehender Weiber, mit flatternden Haaren, verzerrten Geſichtern und geballten Fäuſten, die ſie im wüthenden Schmerz vor die fleiſchlofe Bruſt ſchlugen. „Unſre Kinder werden auch noch Hungers ſterben! Wir ſollen uns alle ſelbſt aufzehren wie die Ratten, und das ſchöne Getreide unſeres Landes fährt man auf Schiffen fort!“ Die Bauern, eben noch in den Wirthshäuſern, wo ſie ihre wenigen Pence verzehrten, von den bei vollen Porterkrügen und Punſchgläſern ſitzenden Sol⸗ daten, die heute die erhaltene Freiheit mißbrauchend, gern die Herren des Landes ſpielten, beſchimpft und verhöhnt, ſchloſſen ſich ebenfalls dem Leichenzuge an; und nach wenig Minuten brauste ein Haufe wildaus⸗ ſehender Männer mit Knitteln und Waffen, e den betrunkenen Soldaten entriſſen, verſehen, daher und drang unter wildem Aufruhrgeſchrei bis mitten auf den großen Platz vor. Sir Lewis zog, als er dieſes bemerkte, die Schelle und befahl dem eintretenden Aufwärter ſeinen Diener herbeizurufen. Einige Worte O'Donnels genügten den beſon⸗ nenen Dahna, der ſchnell hinauseilte und im dickſten Volkshaufen verſchwand. Der Obriſt Werford ſchritt mit ſteigendem Zorn im Zimmer auf und ab, fluchte auf ſeine unter den Fenſtern des Zimmers mit bluti⸗ gen Köpfen aus dem Getümmel eilenden Dragoner und wartete mit ſteigender Ungeduld auf die Rückkehr des entſendeten Offiziers; der Baronet unterhielt ſich dagegen ruhig mit Maſter Thornton. So verging ungefähr ein halbe Stunde; da wurde es allmählig ruhiger. Das Getöſe, das ſich erſt gleich dem Toben empörter Meereswellen durch die Straßen gewälzt, ließ mehr und mehr nach; die Bauern, wie die kampf⸗ luſtigen Vorſtädter, trennten ſich in einzeln ſtehende murmelnde Gruppen, und ungeneckt ſah die Wache auf dem Platze, das Gewehr im Arm, des Anführers Befehlen entgegen. „Die Emeute ging ja diesmal ſchnell vorüber!“ meinte der Obriſt, wie es ſchien, ſelbſt verwundert, als Kapitain Howard mit der Meldung eintrat, daß ſich eben, als er im Begriff geweſen wäre, ſeine Schwa⸗ dron zu benachrichtigen, ein einfach gekleideter Mann, von gewöhnlichem Anſehn unter das Volk geworfen und die Empörer bald in iriſcher, bald in engliſcher Sprache mit kräftiger Stimme angeredet und in kur⸗ zer Zeit beſänftiget habe. Wie auf Commandowort ——— — 161 hätten alle alſobald die Waffen geſenkt und wären dann unter einem Hurrah auseinander gegangen. „Sehen Sie, Mylord,“ ſagte Thornton zum Obriſten,„ſo vermag ein einzelner, vernünftiger Mann oft mehr, als Ihre Waffen. Der Mann iſt hier Sir Lewis O'Donnel. Güte, Billigkeit, Duldung! iſt ſein Loſungswort. Damit kann er Alles. Iſt er Ihnen vielleicht deshalb verdächtig, Herr Obriſt?— Nicht wahr, der Ire, wenn er hungert und friert und nicht mehr thut, als das hungernde Thier der Wüſte, iſt ein Rebell, und wer die Verzweiflung beſänftigt und * das ſchreiendſte Bedürfniß ſtillt, iſt ein Majeſtätsver⸗ brecher? Nicht wahr Mylord?“ „Predigen Sie Ihre Weisheit dem Unterhauſe oder auf den Huſtings, oder wo es Ihnen beliebt, Mr. Thornton. Ich thue als loysler Unterthan des Königs meine Pflicht, und wenn ganz Irland darü⸗ ber zu Grunde geht, ſo ſoll mich das Geſchrei der Reformer nicht davon abhalten!“ verſetzte Werford ſtolz. Unterdeſſen hatten ſich noch mehre Herren aus ver⸗ ſchiedenen Ständen eingefunden, die täglich um dieſe Zeit gewohnt waren, bei einem Glaſe Brandy und Waſſer oder Whiskypunſche, die Zeitungen zu leſen oder die politiſchen Angelegenheiten des In⸗ und Aus⸗ landes zu beſprechen. Einer derſelben, ein wohlgeklei⸗ deter Countryſquire, trat an Lord Werford, deſſen Ei⸗ fer, ſeine Meinung durchzuführen, größer wurde, je⸗ mehr ſich das Publikum um die kämpfenden Parteien vermehrte, mit den Worten heran:„Emancipation der katholiſchen Glaubensgenoſſen und ein vereintes Parlament würde für den Augenblick alle Gemüther beſänftigen, Mylord!“ 6„Alſo doch für den Augenblick!“ entgegnete der 3 Obriſt ſpöttiſch. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 11 162 „Bei größern Handelslicenzen, wage ich zu be⸗ haupten, würde die Ruhe von Dauer ſein,“ ſagte ein Kaufmann. „Sie wollen die Abſchaffung des Zehntens und andrer drückenden Abgaben nicht vergeſſen, die auf den Katholiſchen laſten, Mr. Dononright!“ ſagte ein Päch⸗ ter aus der Nachbarſchaft.“ 15 „Uns drückt ſo vielerlei, geehrte Gentlemen!“ Mit dieſen Worten trat ein Anwalt in den Kreis, der dem Geſpräche zugehört und mit ausgeſpreizten Beinen ſeine magre Geſtalt an dem unbeſetzten Ka⸗ mine erwärmt hatte.„Bei der Gelegenheit, die mir meine Praxis giebt, die Defecte und Mängel der Lan⸗ desverwaltung, den Doppelſinn und das Unzulängliche der Geſetze u. ſ. w. kennen, ja beſſer kennen zu ler⸗ nen, als irgend ein andrer von ihnen, wie ich mir die Erlaubniß nehme, Ihnen zu ſagen, ohne jedoch der Einſicht irgend eines der Herren nahe treten zu wollen,— habe ich täglich mehr eingeſehen, daß uns nur eine gänzliche Reform in allen den in Frland beſtehenden Einrichtungen wahre Hülfe und Beſſerung der Dinge verſchaffen kann. Frland muß erſt wieder das Vaterland des Zren werden, meine Herren; kein anderes Mittel kann dieſem unglücklichen Volk radi⸗ kal helfen. Wo, ich beſchwöre Sie, Herr Obriſt, bei den über⸗ und unterirdiſchen Göttern, wo gab es je in der Welt ein Volk, deſſen Elend ſo groß war, daß es auf den Aecckern und in den Hütten ſeiner Vä⸗ ter wohnte, die dieſe Väter angelegt, gebaut hatten, in einem Lande, das dieſe Vorfahren von Anbeginn erb⸗ und eigenthümlich beſeſſen und dieſe Aecker, dieſe Hütten, dieſes Land nicht ſein nennen darf, das Va⸗ terland, das ſie geboren, dem ſie mit Liebe zugethan ſind, ihnen nicht gehört! Nein ein fremdes, kaltes —— — 163 Volk beſitzt es, das keine Liebe hat zu dieſem ſchönen Lande; fremde vornehme Herren ſind hier Eigenthümer, die es nie geſehen, nie Sympathie dafür empfunden; herzloſe Prieſter einer Kirche, der der Ire nicht ange⸗ hört, ſchwelgen im Mark dieſes Landes. Der Ire, der Stammſaſſe dieſer Inſel, der ächte Nachkomme der erſten Ackerbauer des grünen Erin, hungert, friert, känn ſeine Blöße nicht bedecken, hat kein Vaterland, keine Heimath, keine Hütte; wenn der engländiſche Herr befiehlt, wird er hinausgejagt in die öde Heide, in die Bergſchluchten, in die Moorſümpfe und, wenn er eine Miene verzieht, die wie Widerſetzlichkeit ausſieht, ſo iſt er ein Rebell und wird von den beſoldeten Men⸗ ſchenjägern unſres gnädigſten Königs todt geſchoſſen, wie ein toller Hund. Das Geſetz! rufen die Herren ſtets; das Geſetz iſt zum himmelſchreiendſten Unrecht geworden, Vernunft wird mit Füßen getreten, Menſch⸗ lichkeit iſt eine Fabel, Chriſtenthum ein Spottgeläch⸗ ter. Aber es wird, es muß ein Tag kommen, der dieſe furchtbaren Unbilden auch furchtbar rächt.“ Rauſchender Beifall belohnte den Sprecher. O'Don⸗ nel drückte ihm ſeufzend die Hand. Werford, dadurch in Harniſch gebracht, ſchrie mit gereizter Stimme:„Die katholiſchen Notablen ver⸗ langen Zulaſſung zu den höchſten Würden im Reiche, die Pächter: keine Abgaben, die Kaufleute: keine Zölle, die Advokaten mächten Sprecher in einem vereinten Parlament ſein; dann die Abſchaffung des Königsthums, Irland eine Republik, und wir Vornehmen in Eng⸗ land und Frland Bettler. Nicht wahr, meine Herren! das wäre ungefähr der Zuſchnitt einer Reform nach Ihren Anſichten? Ha! ha! ha! Recht ſchöne, ſehr geläuterte Ideen in der That! Ich ſage Ihnen, der Teufel hole eine ſolche Reform!“ Damit nahm er ** den Helm und verließ, nochmals laut auflachend, von ſeinen Offizieren gefolgt, das Zimmer. Der laute Ruf:„Es lebe die Reform!“ ſchallte hinter ihm her, und ein dreimaliges„Hurrah!“ der Zurückbleibenden verkündigte den Triumph, einen Gegner ihrer Sache aus dem Felde geſchlagen zu haben. Eine ſolche öffentliche Aeußerung der politiſchen Meinungen war zu ſehr im Geiſte des britiſchen Volkes und ſeiner Rechte begründet, als daß Lord Werford, bei allem ſeinen geheimen und offenen Groll darüber, ein Zeichen von Rebellion und Hochverrath darin hätte wahrnehmen können. Nur O'Donnel war der Mann, den er für den Augenblick fürchtete. Die geringe Mühe, die es dem Baronet gekoſtet, den „Auflauf zu ſtillen, galt ihm als ein Beweis des großen Einfluſſes, den derſelbe über die Maſſe des Volks aus⸗ übe. Die Achtung, deren ſich Sir Lewis von den höhern Ständen erfreute, ließ auf ihre Billigung und Uebereinſtimmung mit ſeinen Maßregeln ſchließen, die nach der harten Behandlung, die ſeine Familie von der Regierung erfahren, wahrſcheinlich nicht im In⸗ tereſſe derſelben getroffen waren. Die kurze Zeit, die der Obriſt in dieſer Gegend zugebracht hatte, reichte hin, um ihn den Geiſt der Bewohner derſelben, die ihrer Lage wegen am mehrſten einer feindlichen Lan⸗ dung ausgeſetzt waren, kennen zu lehren. Er beſchloß bei ſich, von nun an ein ſcharfes Auge auf O'Don⸗ nel zu haben, deſſen Schweigen ſelbſt im Hotel, wo Alle laut und heftig geſprochen, ihm verdächtig vorkam. 18. Matroſen am Lande. Während des hitzigen Wortſtreites im Hotel in der obern Stadt herrſchte ein luſtiges, aber dabei ganz friedliches Getümmel längs den Quais und der Bay in den untern Gegenden Bantry's. Die Mannſchaft einiger im Hafen angekommenen königlichen Schiffe machte ſich dort das Vergnügen, den ärmern Theil der Bevölkerung, der ſich, von Dahna beruhigt und von Exceſſen abgehalten, hier zahlreich eingefunden hatte, mit Lebensmitteln, als Schiffszwi⸗ back, geſalzenem Schweinefleiſch, das vem Irländer ganz beſonders hochgeſchätzt wird, Rum, Whisky, alten Kleidern und Geld reichlich zu beſchenken, oder in den Wirthshäuſern und Schenken am Strande mit Porter und Whisky zu bewirthen. Scenen der verſchiedenſten Art gaben dem Beob⸗ achter Gelegenheit, die Eigenthümlichkeiten zweier, wenn gleich unter einem Scepter vereinten, nur durch einen ſchmalen Kanal von einander getrennten und doch ſo ganz verſchiedenartigen Nationen kennen zu lernen. Mit freudeleuchtenden Augen ſah man hier einen armen Teufel vor einem ihm begegnenden Bekannten, der ſich nicht beſſerer Vermögensumſtände erfreute, eine alte Matroſenjacke entfalten,„an der noch kein Knopf fehlte,“ wie er ſagte. Dort rannte ein Anderer mit einem rothwollenen Hemde davon, während er ſich ſchon eine alte Mütze pon ähnlicher Farbe auf's Haupt geſtülpt hatte, wodurch er in Uebereinſtimmung zu ſeinem übrigen zerlumpten Anzuge das treue Bild ei⸗ 166 nes Sansculotten des Nachbarlandes darſtellte. Ein Kltes Mütterchen mühte ſich, niedergekauert hinter ei⸗ nem halb zertrümmerten, im Sande ſteckenden Boote, einen kurzen, abgetragnen Nachtrock von Doppelfrieß auseinander zu ziehen, der, weil er ſchon manche Nacht zum Kopfkiſſen auf dem friſch getheerten An⸗ kertau gedient hatte, ſtets in die von Pech und Theer ſtarr gewordenen Falten zurückfiel, bis ſie endlich mit dem Troſte, den ihr eine Gevatterin gab, von dannen trippelte, daß ein Keſſel heißes Waſſer hinreichend wäre, den widerſpänſtigen zu dehnen und zu glätten, ſo daß er noch immer ein gutes Kleid für den Win⸗ ter abgäbe. Den blanken Hut mit dem Namen des Schiffes in goldenen Lettern auf einem Ohre, das indiſche Tuch nachläſſig um ſeinen Hals geſchürzt, in der feinen blauen Seemannsjacke, mit blanken Schuhen und weißen Strümpfen, ſchritt hier ein Matroſe, die ſchöne Tochter des Landes am Arme, ſtolz vorüber. Ernſtlich bemüht, den rechten Cours zu halten, klim⸗ pert ſeine Hand auf vornehme Weiſe mit den blanken Dollars und halben Kronen in der Taſche. Man ſieht es dem Manne deutlich an, daß er von dem Ueberfluß— es iſt der Gehalt mehrer Monate— befreit zu ſein wünſcht. Allmählig erreicht er den Zweck, oftmals geſteht er mit lachendem Munde, daß er ſogar früher, als er erwartet hätte, zum Ziele ge⸗ kommen ſei. Jeder Laden wird beſehen, in jedem ein. Leibgeſchenk für die Dame ſeines Herzens gekauft, bis dieſe über und über mit Bändern, Tüchern und Stücken Kattun geſchmückt, unter der Freigebigkeit des Liebhabers faſt zu Boden gedrüft, ihn ſelbſt dringend ans Nachhauſegehen mahnt. Weiter unten ſprengen ein paar verwegene Burſche, 167 um einmal in vollen Zügen die Freuden des Landle⸗ bens zu genießen, auf alten Jagdpferden, die nach mancherlei merkwürdigen Schickſaken endlich das Ei⸗ genthum unbarmherziger Pferdevermiether geworden ſind, ihrer Meinung nach, wie ein Schiff mit vollen Segeln, längs dem niedrigen Geſtade dahin. Allmäh⸗ lig geräth das Blut in den Adern der, wenn gleich auch alten, doch von Urſprung edlen Thiere in Wal⸗ lung. Noch einmal regt ſie das Bewußtſein einer ſchönen Vergangenheit zu einer gewaltigen Kraftan⸗ ſtrengung auf, und in einem ſtärkern Laufe fliegen ſie dahin, je mehr Tom und Billy die Zügel entſchlü⸗ pfen, die dafür den Sattelknopf und die Mähne ſtatt des verlornen Steuers ergreifen. Jetzt ſetzt Toms Roß flüchtig über einen Graben, und auch die letzte Stütze entgleitet ſeinen Händen während des mächti⸗ gen Sprunges. Er ſchwebt hoch in der Luft, das Pferd ſetzt unter ihm weg, und er ſtürzt, gleich einem Kreiſel ſich drehend, ſenkrecht herab, wie der Maſt ei⸗ nes aufgeflogenen Schiffes. Doch wohl ihm! ſtatt rauchender Trümmer und den Wogen des Meeres ſchlägt nur die ſchwärzlich gelbe Maſſe der ſumpfigen Lache über ihm zuſammen. Auch Billy iſt längſt vom rechten Courſe abge⸗ kommen; doch gelingt es ihm noch, wie er Tom zu⸗ ruft, ſich kreuzend bei contrairem Winde auf gleicher Höhe mit ihm zu halten. Da raſt aber plötzlich, brauſend wie eine Sturzwelle, das ſeines Reiters ent⸗ ledigte Roß dicht an ſeinem Bord vorüber. Billy merkt zwar früh genug die Gefahr und denkt ihr ge⸗ ſchickt dadurch, daß er ſchärfer in die Zügel greift, zu entgehen. Das Zagdpferd aber, welches, einſt in Lord Bridgewaters Dienſt, keinem andern den Vorrang zu laſſen gelernt hatte, bockt und ſchlägt ſo ſchnell hinter⸗ 168 einander aus, daß es dem Seemann wie die Beweg⸗ ung des Schiffes vorkommt, das von den Grundwellen nach einem ſtarken Sturme ſtoßweiſe heftig vom Kiel aus erſchüttert wird. Er macht daher die balancirende Bewegung, indem er ſich bald auf die eine, bald auf die andere Seite lehnt, ſo wie er es, um ſich auf⸗ recht zu erhalten, auf ſeinem Schiffe zu thun gewohnt iſt. Doch gerade dies ihn an Bord vor dem Fall ſchützende Manoeuvre iſt es, wodurch der Arme in ei⸗ nem ihm unbekannten Fahrwaſſer das Gleichgewicht verliert, und es dauert gar nicht lange, ſo geht auch er, doch ungleich ſanfter, als ſein Kamerad, auf trocknem Sande zur größten Beluſtigung aller Anwe⸗ ſenden vor Anker. Während ſich auf einem andern großen ebenen Platze die Irländer mit Schlagen des Fußballs er⸗ götzten, hatte ein ſpeculativer Kopf in der Nähe eines Wirthshauſes ein Hahnengefecht veranſtaltet und gab dadurch den dieſes Vergnügen leidenſchaftlich liebenden Engländern für wenige Pence Gelegenheit, ihre Wett⸗ luſt zu befriedigen. Die Strandſchenken waren alle überfüllt, doch auch durch das Gedränge auf den Plätzen und auf den Quais wanderte die Schnapsflaſche von Mund zu Mund; und wer nicht aus Luſt trank, mußte der Kälte wegen trinken. So waren denn die Wirkungen der rauhen ſcharfen Luft bald glücklich beſiegt, aber die meiſten auch ſchon nicht mehr geraden Schritt zu halten. Wie vorhin in der Oberſtadt nur Laute der Trauer, der Erbitterung, der Wuth und der Rachgier vernommen wurden, ſo hörte man jetzt hier, und zum Theil von denſelben Leuten, nur Töne der Freude, der Luſt, der ſeligſten Vergeſſenheit alles irdiſchen Elends. Von der Stadt herab ſchritt eilig ein Pärchen. 169 Der kleine, wohlbekannte, zuſammengeſchobene Mann, der vorhin noch das Haferbrot auf der beflorten Stange getragen, machte der Dame ſeines Herzens, mit den Ellenbogen Püffe austheilend, Bahn, wo das Gedränge arg war; an minder bevölkerten Stellen wanderten ſie ſelbander. „Gewiß iſt nun der Vater ſchon herein, und ich wollte ihn doch heute gar gern empfangen, wenn er ans Land träte,“ klagte das ſchöne, bleiche Mädchen. „Du weißt ja, Tim, daß heute ſein ſechzigſter Geburts⸗ tag iſt. Wo Du Dich auch nur herumtreibſt und läßt mich bei dem ſchrecklichen Lärm in wahrer To⸗ desangſt in der Schenke ſitzen! Wenn ich mich nur allein herausgewagt hätte unter das tolle Volk, ſo hätteſt Du mich nachher ſuchen können.“ „Zürne mir nicht, Sally!“ bat der kleine Haus⸗ tnecht.„Ich mußte doch dem hochwürdigen Pater O'Kelly gehorchen, der mir befahl, die Stange zu tragen. Und dann lag mir auch viel daran, zu er⸗ ſpähen, was eigentlich vorgehen ſollte und wer die Rädelsführer wären.“ „Gerade das gefällt mir nicht von Dir, Tim, daß Du überall umherſchnüffelſt,“ ſagte Sally.„Ich wette, Du machſt nicht den beſten Gebrauch von Dei⸗ nen eingezogenen Erkundigungen. Als ich neulich Miß Eliſabeth auf Lindſayhall beſuchte und Dich aus dem Zimmer des Lords kommen ſah, fuhr mir ſo ein Gedanke durch den Kopf.“ „Und Du wollteſt mir deshalb Vorwürfe machen? Du?“ fragte Tim ſchmerzlich.„Wahrlich, von Dir verdiene ich ſie nicht!“ Und er ſchluchzte. „Du biſt ein närriſcher Kauz!“ lachte Sally.„Ich glaube gar, Du flennſt. Nun tröſte Dich und laß es gut ſein.“ Und mit der Hand ſeine alternde Wange 170 berührend, fügte ſie noch einige Schmeichelworte hin⸗ zu, die den kleinen Mann in hohes Entzücken verſetz⸗ ten. Dann ſchritten ſie wieder haſtig vorwärts. Der kurze Timotheus fragte hier und da einen langen See⸗ mann nach dem einäugigen Lootſen und wurde endlich mit ſeiner Begleiterin in eine Schenke gewieſen, aus der ihnen lautes Toben entgegenſchallte, und in deren Eingang das Pärchen unter der aus⸗ und einſtrömen⸗ den Menge verſchwand. Bisher war alles in Frieden abgegangen, man hörte nichts als derbe, lautgeſprochene Scherzreden, jubelnde Seemannslieder, mehr gebrüllt als geſungen, und ſonſtige Ausbrüche einer lärmenden Freude, doch kein Zank hatte die allgemeine fröhliche Stimmung geſtört. Unſtreitig waren die vielen Irländer, welche auf den im Hafen ankernden Schiffen dienten, die Veranlaſſung, daß die Vereinigung der beiden ſich nicht günſtigen Nationen nicht von Exceſſen begleitet war, wie gewöhnlich ſonſt geſchah, wenn ausſchließlich engliſche Matroſen in einer iriſchen Hafenſtadt ans Land ſtiegen. Da ſtürzte plötzlich aus derſelben Schenke, in welche Ruuthan und Sally gegangen waren, ein Mann in goldſtrotzender Livree; ihm auf dem Fuße folgte Evans O'Neil unter gräßlichen Flüchen und tobendem Geſchrei, das zerfetzte Geſicht kirſchbraun, das Auge glühend wie eine Kohle. Eben wollte ſich der erſte durch einen Haufen Matroſen Bahn machen, um ſein Heil in der Flucht zu ſuchen, als ſein Verfolger ihn mit den Worten beim Kragen erfaßte:„Was, Du elender Gauch von einem Yorkshireman, Du willſt auf Sir Lewis läſtern? Und wie kannſt Du es wagen, den braven Dahna zu ſchimpfen? Mich und meine Fauſt hatteſt Du hier nicht vermu⸗ — 171 thet, Burſche, mit der Du in der dunmoorer Heide⸗ ſchenke ſchon Bekanntſchaft gemacht. Gebt Raum, Gentleman, daß ich dem Schurken den lügneriſchen Schädel auf iriſche Weiſe zerſchlage!“ „Halt, was giebt's da mit Euch beiden?“ ertönte es plötzlich aus mehr als zwanzig rauhen Kehlen.— „Was haſt Du vor, mit der Landratte, mit dem Bunt⸗ ſpecht von Kleiderputzer, Bruder O'Neil?“ rief ein aus dem Haufen hervortretender, ſtämmiger Mann, vor dem die übrigen Seeleute ſcheu zurückwichen. „Nun, es mag ſein, was es will; er ſcheint mir ein Engländer zu ſein! Du haſt lange genug auf der Flotte gedient, O'Neil, um zu wiſſen, was ſich ſchickt. Fechtet es aus, auf rechtliche Weiſe, wie es Gentle⸗ men geziemt. Platz da! Ihr Herren, gebt Raum! ſo iſt's recht und billig. Keine gemeine Prügelei! Nicht wahr, Kameraden?“ „Ich danke Dir, Bruder Parker,“ verſetzte ONeil, „daß Du mich erinnerſt, im Aerger keine Schande auf mich zu häufen. Dieſer Burſche iſt mir ſchon ein⸗ mal unter die Fauſt gelaufen; jetzt ſoll er mir nicht ſo gut davon kommen. Sei Du mein Secundant, Parker, ich vergelte Dir ſchon den Dienſt einmal.— Und Du laß ab mit Bitten, Sally,“ wandte er ſich zur Tochter, die ihn vom Kampfe abzuhalten ſuchte. „Laß ab, ſag' ich Dir; denn wahrlich, ich gedenke mir ſelbſt zu meinem ſechzigſten Geburtstage keine grö⸗ ßere Freude zu machen, als dieſer Narrengeburt Alt⸗ englands den aufgedunſenen Cadaver zu zerbläuen.“ Sally trat weinend zurück. Henderſon, der ſeine im halben Rauſche begangene Unbeſonnenheit zu ſpät bereuete und die Matroſengeſellſchaft verwünſchte, in die ihn ſein Unglück geführt, verkehrte heimlich und eifrig mit Tim, um dieſen als Retter aus der Noth 172 anzuwerben. Aber der kleine Hausknecht zuckte aus⸗ weichend und bedauernd die Achſeln, und that, auf die umſtehende Mannſchaft dentend, die Unmöglichkeit dar, dem Kampfe auszuweichen. „Gebt Raum! gebt Raum!“ Unter dieſen Worten hatte ſich ſchnell ein weiter Kreis um die Streitenden gebildet, während Jung und Alt aus den Häuſern ſtürzte, um des beginnenden Kampfes Ende zu er⸗ warten. Nachdem die Regeln des Kampfes geordnet und auch für Henderſon ein Secundant ernannt war, war⸗ fen die Männer die Kleider ab, und bald begann das wüthende Fauſtgefecht. Den Feind ſtets im Auge, ſtanden ſie ſich lange in vorgebeugter Stellung, die am wenigſten geſchützte Stelle erſpähend, gegenüber. Endlich ſchlug der Eng⸗ länder aus. Das darauf folgende Beifallsgeſchrei der Zuſchauer zeigte an, daß es ein Meiſterſchlag war. Der Irländer parirte gewandt, während der erſtere mehre gutgerichtete, aber zu hitzige Ausfälle that. Je mehr O'Neil den Gegner ermatten ſah, deſto eifriger ging er ſelbſt zum Angriff über. Nun fiel Schlag auf Schlag von des Irländers Seite. Henderſon pa⸗ rirte geſchickt, doch er ermüdete augenſcheinlich im⸗ mer mehr; da fiel O'Neil plötzlich wüthend aus, und während er mit der Linken Kopf und Körper geſchickt zu decken wußte und zugleich des Gegners Arm zu⸗ rückdrängte, ſchmetterte ſeine rieſige Fauſt ſo heftig auf die Bruſt deſſelben nieder, daß dieſer, einen Blut⸗ ſtrom von ſich gebend, beſinnungslos zu Boden fiel. „Es ging Alles nach Recht und Ordnung zu, Bruder Parker,“ ſagte der Sieger, ſtolz auf ſeinen Feind herabblickend. 173 „Alles nach Recht und Billigkeit!“ riefen die Se⸗ cundanten. „Sie hatten Raum und Secundanten!“ ſagten die Zuſchauer, von denen die Schiedsrichter einige auffor⸗ derten, für den Verwundeten die nöthige Sorge zu tragen, während die übrigen den ehemaligen Kamera⸗ den im Triumph in's Gaſthaus zurückführten. Den beſten Beiſtand fand der ohnmächtige Hen⸗ derſon in Tim Ruuthan; denn das iriſche Volk ging mit Geſpött über den ihm verächtlichen Engländer, dem ſein Recht widerfahren war, von dannen, und nur der kleine Hausknecht blieb bei ihm, wuſch ihn mit kaltem Waſſer, brachte ihn ſo zur Beſinnung, führte ihn langſam in ein Haus, ſchickte nach einem Arzt und ſorgte dafür daß der zerſchlagene Mann in einer Sänfte nach ſeines Herrn Wohnung gebracht wurde. Henderſon dankte und verſprach dem alten Burſchen, dieſes Liebesdienſtes beſtens zu gedenken. Hierauf kehrte Ruuthan in die Strandſchenke zurück. ſ6 Sellſume Werhung und noch ſeltſamere Verlobung. In der Strandſchenke hatten ſich unterdeſſen ſechs der älteſten Matroſen, deren Hälfte O'Neil, John Boyle und Parker ausmachten, um einen mit Punſch und Porter reich beſetzten Tiſch verſammelt, zu wel⸗ chem auf Parkers Befehl aus des Wirths Küche und 174 Keller immer friſche und gute Nachſchüſſe zuſtrömten. Sally ſaß bei Seite in einer Ecke. „Eia!“ jubelte der Hochbootsmann der Najade; „nicht vergebens hat uns Dein ſchmuckes Töchterlein verrathen, daß heute Dein ſechzigſter Geburtstag iſt, alter Neptun,“ ſchrie er auf ONeil ein.„Der Tag wird auf meine Koſten gefeiert, Ihr blutjungen Ge⸗ ſellen! Wir müſſen das Leben genießen, dieweil wir noch jung ſind. Wie lange wird's dauern, ſo ſind wir alt, und dann iſt's mit der Freude aus. Noch ſpielen bunte Locken um unſere Schläfe; Narren ſagen, ſie wären weiß. Stoß an, O'Neil, Deine ſechzig ſol⸗ len leben! Heiliger Patrik! vor achtundzwanzig Jah⸗ ren machte ich Deine Bekanntſchaft auf dem Ikarus; es war meine erſte Reiſe nach Virginien. Seitdem waren wir ſtets gute Freunde. Unſre Bekanntſchaft lebe hoch und blühe für immer!“ „Für immer!“ ſtießen die Andern an. „Aber Deine ſchmucke Tochter, die ich noch nicht kannte,“ fuhr Parker fort,„ſoll auch bei uns ſitzen, ſoll mit uns anſtoßen und trinken. Doch, was ſitzt denn dort für ein Wichtlein bei ihr? Sieht aus wie meine große Ankerwinde. Mich ſoll St. Patrik nicht tröſten, wenn der kleine Purzelbaum nicht eben ſo alt iſt, wie meine linke große Fußzehe. Wenn der mir Abends allein auf einem Moore begegnete, ich hielte ihn für einen von den guten Leuten.“ „Kennſt Du den Kleinen nicht?“ fragte Boyle. „Wahrlich, ich habe ihn noch nie geſehen!“ „Er iſt Hausknecht in der dunmoorer Heide⸗ ſchenke.“ „Dort war ich nie. Aber was ſcharmuzirt die Gnomengeſtalt mit Deiner Sally, Evans?“ „Er iſt ihr Begleiter geweſen von Dunmoore her, 5 —— 175 weil ſie ſich nicht allein durch den öden Bergwald und hier in das Gedränge getraute.“ „Aber er ſchneidet ihr Geſichter wie ein verliebter Kater.— Hört, guter Freund,“ redete der Hoch⸗ bvotsmann den Hausknecht an,„überlaßt mir dieſe Dame. Sie wird die Gewogenheit haben, ſich zu mir an den Tiſch zu ſetzen; für Euch iſt freilich kein Platz mehr daran.“ „Ihr mögt wohl mit einer alten Seejungfer um⸗ zugehen wiſſen, wie Euere Najade,“ verſetzte Tim, „aber Mädchen vom Lande ſind viel zu zerbrechliche Waare für Euere rohen Fäuſte. Wer baden kann, kann noch nicht ſchwimmen, und wer Geld hat, hat noch nicht Liebe.“ „Ihr ſeid witzig, Jüngling; aber Euer Witz riecht nach Pferdeſtall. Aus Euern Worten geht übrigens hervor, daß Ihr Euch um die Liebe dieſes ſchönen Kindes bewirbt. Nun betrachtet Euch nur ſelbſt, Mann! Ihr könnt Euch die Schuhe am Fuße putzen und braucht Euch nicht dazu zu bücken; und in Euerm Geſicht reifen auch ſchon des Herbſtes gelbe Früchte. Evans, wenn die Sache ſo ſteht, ſo trete ich mit die⸗ ſem auf der Hefe ſitzen gebliebenen Mann in die Schranken und werbe um Deine Tochter. Meine Frau iſt ſeit drei Jahren todt; ich bin frei und ledig, und St. Patrik ſoll mir's bezeugen, daß ich keine fünf Jahre älter bin, als hier Meiſter Fir Darrig*), der winzige König der Heide.“ „Euerer Werbung hängt das Stroh einer lieder⸗ lichen Nacht noch in den Haaren!“ eiferte Tim, dem des Zornes helles Licht und dunkle Schatten in das N Fir Darrig, der Irrwiſch, der in Irlands Volks⸗ glauben eine bedeutende Rolle ſpiert. 176 Geſicht ſtiegen.„Kämmt ſie aus, alter Seebär, waſcht ihnen das Geſicht und zieht ihnen einen reinlichen Rock an, der nicht allzu ſehr nach Theer und Tabak ſtinkt.“ „Hinaus mit Dir, Breitmaul!“ rief Parker er⸗ hitzt.„Ich will mich kielholen laſſen, wenn ich Dich hier dulde, Krötenkopf! Du haſt vorhin ſchon mit dem Schuft, dem Engländer, ſcharmuzirt; ich hab' es wohlbemerkt. Du biſt ein Spürhund, ein Achſelträger, ein Lump. Fort! hinaus mit Dir!“ Sally bat und flehete, ihres Begleiters zu ſchonen, und legte die beſten Wörtchen für ihn ein. Aber Tim, ſprühend vor Wuth, belferte wieder. „Ihr habt recht, Maſter; ich rieche den Unrath, aus dem Ihr gemacht ſeid, wie Ihr da ſitzt; ich habe an Euerer Grobheit auf beiden Achſeln zu tragen, und Euer Betragen gegen Leute, die Ihr nicht kennt, muß Jedem Herz und Geduld zerreißen; Ihr ſeid alſo der Lumpenmacher. Die Dame, um die Ihr werbt, wird ſich baß an dieſer Euerer Eigenſchaft ergötzen.“ Das Beifallsgelächter, welches die ſcharf hervor⸗ gekreiſchten Worte des Hausknechts belohnte, der wie ein Kampfhahn mit ausgeſpreizten Beinen und ge⸗ ſchwollenem Kamm mitten in der Stube ſtand, brachte den hitzigen Hochbvotsmann ganz in den Harniſch. Eh' ſich's Tim verſab, ſaß er draußen vor der Thüre, und nun folgte ihm ein wüthendes Spottgelächter nach. Er knirrſchte mit den Zähnen, ballte die Fäuſte und ſchlich, da er wohl einſah, nichts gegen den Hoch⸗ bootsmann eines Schiffes ausrichten zu können, in einen Winkel. Es war ihm unerträglich, Sally Zeu⸗ gin dieſes ihn ſo ſehr erniedrigenden Vorfalls zu wiſ⸗ ſen. Sein Kopf brannte fiebriſch, ſeine Pulſe flogen; in ſeinem Kopfe bäumten ſich Rieſen von Rachege⸗ danken auf. 7 In der Schenke ging es unterdeſſen luſtiger, als zuvor; die Köpfe waren warm geworden, und Parker hielt den Gedanken, ſeines Freundes Tochter zu ehe⸗ lichen, feſt.„Ja, Jungen!“ rief er ſelig;„ich bin reich, ich habe Geld und Gut. In jener merkwür⸗ digſten Nacht meines Lebens, wo ich es wagte, in einem Fahrzeug, nicht größer als eine Nußſchale, unſerer Beſatzung in Gibraltar die Nachricht zu bringen, daß Rodnay heran ſegle, um den Spaniern eins aufzu⸗ ſpielen, habe ich mir Ruhm und Reichthum erworben. Das war ein Tanz, Burſche! Zwei und zwanzig Schiffe fielen in unſere Hände, und die ganze Flotte vernichtet! Da gab es Priſengelder! und das reiche Geſchenk unſeres Königs dazu! Ich habe damit Haus gehalten, O Neil. Deine Tochter ſoll's gut haben, wenn ſie meine Frau wird. Schlag ein, Bruderherz! Das Mädel wird mich doch dem verhunzten Geſellen aus dem Pferdeſtalle vorziehen? Nicht wahr, Püpp⸗ chen? Nun, ſo gebt mir die Hände, damit wir Ver⸗ lobung und Geburtstag zuſammen feiern.“ „Schlag ein, Evans!“ ſchrieen die Matroſen. „Das giebt ein Halloh!“ „Da habt Ihr Geld, Burſche!“ rief Parker und warf den Kameraden eine Hand voll Guineen auf den Tiſch,„damit Zeder ſich mit einem Glückwunſch für mich an den Abend erinnern kann, wo er mich froh und glücklich geſehen hat. Und nun Verlobung, Evans!“ Das zerriſſene Geſicht des einäugigen Lootſen hatte ſich im Gegenſatze zu der Fröhlichkeit der An⸗ dern mehr verernſtet und verdüſtert. Sally's Augen hingen mit ſcharfer Spannung an den Zügen ihres Vaters. Da wandte ſich ONeil an Parker:„Ich habe Dir einige Worte unter vier Augen zu ſagen, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. vII. 12 178 Bruder!“ und ein unſäglicher Schmerz zuckte, wie tödtender Fieberanfall, über das plötzlich glutroth ge⸗ wordene Geſicht des Mädchens. Die beiden Matro⸗ ſen entfernten ſich aus der Stube, und Sally flüch⸗ tete in die dunkelſte Ecke, wo ſie das fieberglühende Geſicht in beide Hände verbarg und darunter einen Strom bittrer Thränen vergoß. Es verging einige Zeit; die Nacht war ganz heraufgezogen, die Lichter brannten düſter, und die Matroſen hatten ein politi⸗ ſches Geſpräch begonnen. Endlich traten die beiden Seemänner wieder herein; Parker ganz verwandelt. Eine düſtre Wolke hatte ſich auf ſeiner hohen Stirn gelagert. Sein Auge ſuchte Sally mit einem Aus⸗ druck von Mitleid auf ihrer vorigen Stelle, und als er ſie nicht fand, ſetzte er ſich mit einem Anſtrich von Verlegenheit und Beklommenheit nieder. O'Neil war zu ſeinem Kinde gegangen und ſprach mild mit der Schluchzenden. „Nun, wie weit ſeid Ihr?“ rief einer der Ma⸗ troſen dem Hochbootsmann zu. „Stille davon!“ verſetzte dieſer mürriſch.„Ihr ſprecht von unſerm armen Vaterlande; laßt uns bei dieſem Geſpräch verbleiben!“ „Es vergeht ihm, wie allen Bewerbern um Sally's Hand,“ murmelte John Boyle.„Ich möchte wiſſen, was Evans mit dem Mädchen hat.“ „Still, Alter, ſag' ich Dir! Hier iſt noch eine Guinee für Dich, aber ehre fremde Geheimniſſe,“ ſagte Parker.„Du erzählteſt eben von des Lords Kildare Abſcheulichkeiten. Fahre fort, Herzenskleinod.“ „Vielen Dank, Du brave Seele!“ rief Boyle freudig.„Rechne auf mich, wenn Du meiner bedarfſt. Die Schule, in der ich ſeit funfzig Jahren ſtudirt habe, hat mich vorſichtig, und glaube mir“— dabei 179 reichte er dem Hochbvotsmann die Rechte—„auch zuverläſſig gemacht.— Ich könnte Dir wohl noch Manches ſagen, wenn ich wüßte, wie es mit den An⸗ dern hier beſtellt wäre,“ flüſterte er Parker in's Ohr. verſetzte dieſer.„Sind alle meine Freunde und gehören zur Mannſchaft des Kapitän⸗Boots. Alſo zuverläſſige Leute, wie Du weißt, denen Du trauen kannſt, wie mir ſelbſt. Glaubſt wohl, daß Deine Landsleute auf der Flotte, während Ihr hier geduldig nur an den Ketten rüttelt, ruhig zuſehen, wenn man Euch einen nach dem andern, gleich einem Haufen Schlachtvieh, dahin mordet? Ein ſchlechter Sohn St. Patriks, der nicht mitfühlt bei Euern Lei⸗ den! Der erſte Lord der Admiralität, John, fühlt nicht wärmer, als ich, für das Land ſeiner Väter. Gar oft ſchwebt mir das ſchöne Bild meiner Jugend⸗ zeit vor, John; freundliche Erinnerungen beſchleichen mich. Denk' ich aber dann weiter, ſo wird's mir dun⸗ kel vor den Augen; wie wildes Wetter brauſt's in mir herauf, und das Herz ſchlägt mir im heftigen Kam⸗ pfe in der Bruſt, wie ſtürmende Wogen an die Plan⸗ ken des Schiffes. John, meine alte Mutter wurde, als der Vater im Sturm umgekommen war, mit ih⸗ ren Kindern aus der Hütte geworfen. Die Leute ſagen, ſie ſei einſt von Froſt erſtarrt gefunden wor⸗ den. Ich war damals noch klein, aber der Stachel des Rachegefühls grub ſich mir tief in's Herz.“ „Sprichſt Du von Rache, Mann?“ redete O'Neil ernſt dazwiſchen, der plötzlich wieder unter den Män⸗ nern ſtand mit einem ſchmerzzerwühlten Geſicht.„Ich dürſte, ich lechze nach Rache, wie ein hungriger Tiger nach Blut. Mit Rachegedanken ſchlafe ich ein; ſie wecken mich auf, und eh' ich ihn nicht geſtillt, 180 dieſen wüthenden Durſt, ſchmeckt mir nicht Speiſe, noch Trank, und keine Freude erhebt mein altes Herz. Ich kann nicht ſterben, bevor ich nicht mit Wolluſt das Herzblut geſchlürft von Irlands und meinen Feinden.“ „Was kannſt Du, einzelner Mann?“ fragte Par⸗ ker.„Nur aus dem Zuſammenwirken Aller kann Heil erſprießen. Soll aber was Rechtes geſchehen, ſo bedarf es der Zeit und der Einigkeit unter Euch hier im Lande! Für das zweite müßt Ihr ſorgen und die erſte geduldig abwarten. Dann könnt Ihr vereint mit uns vielleicht das große Werk vollbringen. So lange Ihr aber nur herumzieht und raubt und plündert, Euch mit den Gutsherren, mit den Pfaffen und Frie⸗ densrichtern balgt und ſtreitet, ſo lange iſt an Freiheit oder an beſſere Zeit in Irland nicht zu denken. Die Flotte muß ein Wörtchen mitſprechen. Von Ports⸗ mouth, von Spithead muß erſt ein Freiheitsruf er⸗ ſchallen, bevor Ihr hier in Irland das alte Banner aufſteckt. Doch, wie Ihr ſtaunt und die Augen auf⸗ reißt, Ihr alten Burſche! Denk immerhin, Du hät⸗ teſt im Traume gehört, was ich Dir jetzt ſage. Du glaubſt doch an Träume, Evans? Wenn wir uns wiederſehen, oder Du von England Botſchaft haſt, daß über Parker am Foretopmaſt die ſchwarze Flagge ge⸗ weht hat, dann haſt Du meines Traumes ganze Deu⸗ tung, Kamerad.“ Der Retraiteſchuß vom Commodoreſchiff unterbrach für dieſen Abend jede weitere Unterredung. Alles, was von Seeleuten noch am Lande war, folgte ohne Säu⸗ men dem Zeichen, ſich an Bord zu begeben. John Boyle begleitete den Hochbvotsmann bis zum Boote. Evans O'Neil wollte eben mit ſeinem Kinde aufbrechen, um ſich nach ihrer dürftigen Her⸗ 181 berge zu verfügen, als plötzlich, zu ihrem nicht gerin⸗ gen Erſtaunen, Tim Ruuthan unter einem nahen, im Schatten ſtehenden Tiſche hervorkroch und ihnen mit boshaftem Lächeln einen guten Abend bot. Seine Augen leuchteten, wie die einer Katze, und hatten auch denſelben Ausdruck.„Ich muß ja doch mit Euch zur Herberge gehen,“ ſagte er,„wohin ſollt' ich noch ſo ſpät? Ich bin mit Sally gekommen und muß bei ihr bleiben. Da Ihr mich in der Stube nicht dulden wolltet, Ihr Herren, ſo ſah' ich mich genöthigt, mir's unterm Tiſche bequem zu machen, und habe dort den größten Antheil an Euerer Unterhaltung ge⸗ nommen, von der mir keine Sylbe entgangen iſt.“ ONeil erſchrak über die letzten Worte, auf welche der Hausknecht einen beſondern Nachdruck legte. Tim plauderte auf dem Wege weiter:„Maſter Evans, Ihr wißt nun nur allzu gut, daß ich Euch, ſammt dem höflichen Hochbortsémann der Najade in den Händen habe. Alſo ohne Umſtände: gebt mir Euere Tochter zur Ehe, und in meiner Bruſt bleibt für ewig begraben, was ich dieſen Abend mit an⸗ gehört.“ O'Neils Geſicht verfinſterte ſich.„Es iſt weit mit mir gekommen,“ ſagte er düſter,„daß Du es wagen darfſt, mir einen folchen Antrag zu machen. O ihr Schatten meiner Väter, dieſer Menſch wirbt um einen Sproßen eueres Hauſes, und ich, euer Sohn, bin nicht entrüſtet darüber! Tim, ich habe Dir vorher etwas zu ſagen, wie jedem Andern, der um meine Sally ge⸗ worben hat.“ Sally that einen dumpfen Schrei der Verzweiflung. „Was Ihr mir ſagen wollt, iſt mir kein Ge⸗ heimniß mehr, Evans. Ihr habt es allen Bewer⸗ bern geſagt; deshalb wundert Euch nicht, daß es auch 182 zu meinen Ohren gedrungen. Keiner der frühern Freier liebte Euere Tochter wahrhaft und von Herzen, wie ich. Sie ſprangen ab, ich bleibe. Sie iſt mir lieb und werth, ſo wie ſie iſt, und ich fühle mich be⸗ rufen, ſie wieder zu Ehren zu bringen. Tim Ruuthans Frau ſoll ſein, wie jede andere.“ „Menſch!“ ſagte der Lootſe gerührt;„ſo hat mir wahrlich noch keiner geantwortet, und ſo kann nur die heißeſte Liebe antworten. Du biſt ein braver Junge, Tim, und Du ſollſt mein Kind haben, ſobald Du ein Stückchen Brot für ſie erwirbſt.“ „Das wird nicht lange mehr dauern,“ verſetzte der kleine Hausknecht vergnügt. „Will Dir Deine Baſe Peppy vielleicht eine Wirthſchaft erwerben?“ „Nichts davon! Ich habe beſſere Ausſichten, und ich werde Euch zur rechten Zeit damit überra⸗ ſchen. ZJetzt laßt mich ſchweigen! Ihr ſollt nicht denken, daß ich aufſchneiden wollte. Genug, Ihr gebt mir Euere Tochter, ſobald ich ſie als Fran verſorgen kann.“ „Du ſollſt ſie haben, guter Junge!“ „Und Sally?“ wandte ſich der Kleine in einem zärtlichen Tone an das Mädchen, das ſtumm und ver⸗ zweifelt in die Nacht hinausweinte. Sie reichte ihm die Hand, auf die er zitternd vor Wonne einen glühenden Kuß preßte. Die kalte finſtre Winternacht war die einzige, die unfreundliche Zeugin dieſer ſeltſamen Verlobung. Statt der bei einer ſolchen Feier üblichen bunten Bän⸗ der und grünen Kränze hing ſie ihre ſchwarzen Schleier über das Paar; ſtatt geſelliger Lieder tönte des Sturmes wilder Geſang und das dumpfe Rauſchen des Meeres in der Bay; Nachtſchatten und Nebel⸗ 183 maſſen zogen wie grinſende Geiſter vorüber, und das Herz der Braut erſtarrte in den eiſigen Gefühlen eines unausſprechlichen Jammers. Hiohspoſten. Der Wintermonat neigte ſich ſeinem Ende zu, und gewaltige Stürme begleiteten ſeinen Gang. Schnee und Regen peitſchten Land und Meer, und der Nebel lag, wie ein unheimlicher Alp, auf der ſchlafenden, ſchwer⸗ träumenden Inſel. Ach, und was für böſe Träume hatte ſie! Markdorrender Hunger, gebeinzermalmender Froſt, unmenſchliche Unbarmherzigkeit, grauſame Ty⸗ rannei, ohnmächtige Wuth, hirnzerſtörende Verzweiflung, gräßliche Empörung, blutiger Mord; das waren die ſcheußlichen Bilder dieſer bangen Träume. Gleich wie das Wetter, ſo war die Stimmung des Volks über alle Beſchreibung ſchauerlich. Auf einen trüben ſtürmiſchen Tag war ein fin⸗ ſterer ſtürmiſcher Abend gefolgt. Die Windsbraut ſauſtte auf eiſigem Fittig über das Meer, wühlte den tiefſten Grund der Bay auf, warf himmelhohe Wellen wider die ſchaumbedeckten Klippen, daß ſie er⸗ zitterten, und fegte dann die hohen Föhren um O'Don⸗ nels Jagdſchloß. Die Erde erſchauerte unter dem Flügelſchlag des Sturms, unter dem Fußtritt des Winters, des alten Zauberers. Ueber die umhüllte, wild aufgeregte Meerfluth huſchte es, wie Geiſter; 184 kein Lebendes war auf v empörten Element. Aus dem unheimlichen Rauſchen der Fichten klang es, wie Geſpenſterwehruf; auch dorthin wagte ſich weder Menſch, noch Thier. Die Nacht allein, die allwiſſende, ſelbſt unentſchleierte Mutter der Geheimniſſe, wußte es, was dort ſich regte, was hier ſeufzte. Auch den Wetter⸗ fahnen und Dachlidern auf den Erkern und Thür⸗ men von Greenlodge hatte der Sturm ein unheimlich wildes Leben eingehaucht, und in langen, ſchrillen, wimmernden Mißtönen, bald dahinſterbend, bald wie⸗ der aufraſend, fuhr der ſcharfe Zug durch die hochge⸗ wölbten Gänge und die gothiſch geſchweiften Fenſter. Im Wohnzimmer ſchritt Lewis in melancholiſcher Stimmung auf und ab; das düſtre Licht warf ſeinen langen Schatten ungewiß an die Wände, über deren Dämmerunghüllen es dann und wann ſeltſam, wie Geiſterblicke, hinblitzte, wenn der Sturm durch das Kamin herabfuhr und die Kohlen auf dem Roſte an⸗ fachte und wohl gar herabfegte. Wie der Sturm das Schloß, ſo umfing Schwermuth deſſen Beſitzer mit finſterm Fittig und preßte ihn hier um ſo feſter in ihre geiſtumnachtenden Schleier, je mehr er draußen in der Welt die läſtige Maske des Humors und Leicht⸗ ſinns feſtzuhalten genöthigt war. Tief aufſeufzend trat er bald zum Kamin, um die Kohlen wieder zu⸗ ſammen zu ſchüren, bald an das klirrende Fenſter, um dem Wüthen des Sturmes zu lauſchen. Da war es ihm, als vernehme er unten Hufſchlag und eine Stimme. Er öffnete das Fenſter, die Thorglocke wurde angezogen, ein Reiter begehrte Einlaß. O'Donnel ſchellte ſeinerſeits im Zimmer nach ſeinem Kammerdie⸗ ner, aber ſtatt deſſelben trat Rob Hudſon der Reit⸗ knecht, herein. „Wo iſt Mic?“ 185 „Als es dunkelte, vuht mich, falls Euere Gna⸗ den etwas verlangen ſollten, den Dienſt für ihn zu verrichten; er habe einen nothwendigen Gang. Trotz Regen und Wind lief er mit ſeinem Bruder Andy ei⸗ lig davon.“ Der Baronet ſchüttelte mißmuthig den Kopf.„Sieh zu, wer in dem Unwetter angekommen iſt. Führe den Gaſt unten in die Hirſchſtube und melde mir ſeinen Namen.“ Der Reitknecht entfernte ſich, und O'Don⸗ nel maß die Länge des Zimmers, zwiefach unruhig, mit verdoppelten Schritten. Sporngeklirr weckte ihn aus ſeinem Brüten; die Thüre wurde haſtig aufge⸗ than, und ſtatt Rob Hudſons trat ein hoher, ſchlan⸗ ker Mann in triefendem Mantel herein. Ueberraſcht blickte ihn Lewis an und rief dann, auf ihn zu eilend: „Dermot Laing! Was führt Dich in dieſem Wetter zu mir? Was bringſt Du mir? Ich leſe nichts Gutes in Deinen ernſten Zügen.“ „Sie täuſcht Dich nicht, dieſe Schrift,“ verſetzte jener traurig, indem er ſich des Mantels entledigte; „leider bringe ich ſchlimme Kunde zum ſchlimmen Wetter.“ „Und was? bei allen Heiligen!“ rief der Baronet geſpannt. „Brydone, unſer treuer, redlicher Bundesgenoſſe, hat den Tod gefunden in einer Schlacht gegen die Königlichen, die Leslie's wilder Feuereifer herbeiführte. Mit ihm fielen viele tapfere iriſche Männer.“ „Um Gott! Eine Schlacht! Brydone! Leslie!“ rief ODonnel furchtbar erſchrocken mit entſtellten Zügen. „So iſt's. Brydone hatte Alles verſucht, um die wildempörten Männer von Tipperary bis zur verſpro⸗ chenen Landung der Franzoſen in Zügel zu halten; aber eine Woche um die andere verſtrich, und immer 186 erfolgte die ſehnlichſt erwal Hülfe nicht. Brydone's Lage wurde immer ſchwieriger; der Geiſt des Volks flammte wilder und rachedürſtender auf, angefacht von Leslie's patriotiſchen, gewaltigen Reden. Er, der Feurige, und das von ihm geleitete Volk zwangen endlich Brydone mit den Waffen in der Hand, ſich an ihre Spitze zu ſtellen, und rotteten ſich zuſammen. Sie wollten, von Leslie's Worten begeiſtert, ſich nicht mehr auf die Franzoſen verlaſſen, ſondern ihr Heil auf eigne Fauſt verſuchen. Brydone und Leslie waren die Führer. Unſer Freund ſetzte Alles auf eine Nummer. Mit tauſend ſeiner Kühnen fand er bei Fairbridge den Tod für's Vaterland. Die Königlichen ſiegten. Leslie ſoll glücklich entronnen ſein.“ „Fahr' wohl, edle Seele!“ rief O'Donnel weinend, vom Schmerz übermannt.„Dir iſt wohl mit Deinen tapfern Helden! Aber uns, uns fehlen euere Arme, ihr muthigen Männer, die ihr als Opfer fremder Schuld fielet auf dem Altar des unglücklichſten Landes der Erde! O, dieſer Leslie hat uns um die Männer betrogen, hat dem hülfsbedürftigen Vaterlande ihre Kraft entzogen. Dieſer tolle, unbeſonnene Menſch war mir ſtets zuwider. Nie ging ſeiner That eine Ueberlegung voraus; blind ſtürzte er ſich ſtets auf den Feind. Und doch meint auch er es gut, und doch brauchen wir auch ſolche Leute; nur an der Spitze des Volks ſollten ſie nicht ſtehen, nur keine Macht haben, die Menge in's Verderben zu reißen. Es kam mir ſchon zu Ohren, daß es in Tipperary ſehr unruhig ausſehe, als die königlichen Truppen zuſammengezogen wurden, und Lord Wexford mit ſeinem Regiment aus Bantry rückte. O, mich quälten bange Ahnungen; ſie ſind nur allzu richtig eingetroffen! Was half es nun, daß ich mit dem Aufgebot all' meiner Beredſam⸗ keit die Männer ermahnke, ſich ruhig zu verhalten bis zur rechten Zeit; Irlands böſer Dämon riß ſie in's Verderben, und die Sache des Vaterlands, der ſie nützen wollten, ſteht ſchlimmer als zuvor. O, wären ſie doch meinem beſonnenen Rathe gefolgt! Laing, Laing! ich beſchwöre Dich bei den blutigen Schatten der unnütz Gefallenen! bei dem Opfertod unſres Freun⸗ des! beſänftige die Männer von Kilkenny und Wex⸗ ford, die Dir ebenſo ergeben ſind, wie die von Tip⸗ perary an Brydone hingen; halte den wilden iriſchen Geiſt nieder, bis die Hülfe des Auslandes an unſere Ich habe die ſicherſten Nachrichten vom Directorium Frankreichs, daß General Hoche be⸗ auftragt worden iſt, uns nächſtens Hülfe zu bringen. Die breſter Flotte iſt dazu beſtimmt. Alſo bald, bald, mein Laing, ſchlägt die Rettungsſtunde! Dann brich mit Deinen Männern los! Rege ſie auf! Begeiſtre Räche Dich, daß die Menſchen, die ſich ſchamlos Patrioten nennen, Dich verdächtigten und Deine Ver⸗ ſtoßung aus des Königs Armee bewirkten. Du ſtehſt ihnen dann gegenüber. früher, bis die franzöſiſche Flotte in der Bantry⸗Bay eingelaufen iſt; denn ſie habe ich in Uebereinſtimmung mit andern wahren Patrioten und dem General Hoche zur Landung beſtimmt. ter abgetobt und beruhigt hat! Eher iſt an nichts zu Der Himmel ſchenke uns ſeinen Segen in heiteren Tagen.“ „So iſt es gewiß, daß ſie kommen?“ rief Laing mit leuchtenden Augen. „So wie die Stürme ſich legen und der Himmel Dies iſt ſtets zu Anfang Dezember der Fall, wenn die Tage kälter werden. Wir haben alſo jeden Morgen beſſeres Wetter zu erwarten. Lord Thüren klopft. 187 Nur keinen Tag, keine Stunde Wenn ſich nur erſt das Wet⸗ 188 bereit ſind.“ verrathen könnte!“ Malmesbury iſt mit ſeinen Friedensvorſchlägen in Paris abgefahren; ich habe vor einigen Tagen erſt einen verwegenen Boten aus Frankreich erhalten, der ſich auf einem Fiſcherbvot herübergeſtohlen. günſtig für uns. Auf allen Klippen und Küſtengipfeln harren getreue Männer bis zur Killala⸗Bay auf der einen, bis nach Dublin auf der andern Seite hinauf, die es ſich zurufen, wenn unſere Befreier landen, da⸗ mit es Zrlands ſtreitfertige Männer an einem Tage erfahren. In den Buchten liegen die mir befreundeten Lootſen, die die franzöſiſche Flotte bedienen werden.“ „Wohlan! ſo reite ich in dieſer Nacht noch zurück, um die Männer meiner Grafſchaft mit dieſer Nach⸗ richt zu befriedigen, die jeden Augenblick loszuſchlagen „Gönne Dir einige Stunden Ruhe, mein Freund, und erquicke Dich an Dem, was Dir meine Jung⸗ geſellenwirthſchaft bieten kann. Brydone's Gedächtniß durch Aufzählung ſeiner Tugen⸗ den ehren. O, es erfüllt meine Seele mit der Nacht banger Traurigkeit, daß er nicht mehr unter den Leben⸗ den wandelt. Er war mein Freund, mein Vertrauter, und theilte meiſt meine Anſichten über den Plan zur Rettung unſeres Vaterlandes.“ Und abermals rollten Thränen über die Wangen des gefühlvollen Mannes. Die beiden Freunde verkehrten eben beim Mahle in herzlichem Geſpräche, als plötzlich abermals die Thorglocke mit auffallender Heftigkeit gezogen wurde, ſo daß ihr dröhnender Schall bis in das Zimmer drang.„Man darf Dich hier nicht ſehen,“ ſagte O'Donnel zwar erſchrocken, aber doch entſchloſſen; „ſchnell herein in dies dunkle Gemach, nebſt Deinem Couvert, Mantel, Hut und Allem, was Dein Hierſein Dazwiſchen laß uns 189 Lewis war kaum mit dem Aufräumen fertig und hatte ſich in ſeinen Lehnſtuhl geworfen, die Augen ſtarr und geſpannt auf die Thür geheftet, als dieſe abermals haſtig aufgethan wurde, und Sally O'Neil athemlos hereinſtürzte. Ihr vom Sturm zerzauſtes Haar und ihre dürftige Kleidung troffen von Regen; die ſcharfe Novemberluft hatte ihre ſonſt bleiche Wange geröthet; ihr großes ſchönes Auge blitzte in feurigem Glanze, ſo daß ODonnels Blicke voll Be⸗ wunderung ihrer Schönheit auf ihr verweilten, und das Ungewöhnliche und Seltſame ihrer Erſcheinung deshalb einen weit geringern Eindruck auf ihn machte. „Um St. Patrik, Sir, retten Sie die Lady von Lindſayhall!“ keuchte das Mädchen in abgeriſſenen Worten hervor; aber O'Donnel ſtand ſchon vor ihr, wie von einem Zauberſtabe berührt; entſetzt, bebend, mit geſträubtem Haar, todtenbleich, faßte er ſie bei den Schultern und ſchrie:„Was iſt's mit Miß Eliſa⸗ beth? Um Gotteswillen ſchnell! Ein Jahr meines Lebens für einen Athemzug! Was iſt's?!“ „Sie iſt vor einigen Stunden von Weiß⸗Jun⸗ gen geraubt und entführt worden; die Rebellen ha⸗ ben mit Anbruch der Nacht das neue Schloß an⸗ geſteckt, das jetzt in lichten Flammen ſteht, und im Trubel den Lord erſtochen und die Lady von dannen geführt.“ „Barmherziger Gott!“ ſtöhnte der Baronet auf. „Häuft ſich denn heute alles Unglück auf mein ſchwa⸗ ches Haupt! Gieb mir Kraft, Vater im Himmel, daß ich die Wuth des Schickſals ertrage!“ „Die Dienerſchaft iſt entflohen, die Dorfleute plündern hohnlachend das brennende Schloß und be⸗ rauſchen ſich in dem geſtohlenen Wein. Niemand denkt 190 an das unglückliche Fräulein; da bin ich ſchneller als der Sturm zu Ihnen herübergelaufen, Sir Lewis, in der feſten Ueberzeugung, daß Sie die arme Eliſabeth aus den Händen der frechen Räuber befreien werden.“ „Rob! Rob!“ kreiſchte O'Donnel aus der Thüre und riß zu gleicher Zeit den Glockenzug ab.„Den Abdul! Schnell, ſchnell! in zwei Minuten, gut ge⸗ ſattelt und gezäumt! Raſch, Junge, es gilt Dein Le⸗ ben.“ Und zu Sally ſich kehrend und ihre erſtarrten Hände faſſend, ſagte er tief gerührt:„Nein, mein gutes, frommes Kind, Du haſt nicht vergeblich auf mich gebaut: Miß Eliſabeth ſoll in dieſer Nacht noch aus den Händen ihrer wahnwitzigen Räuber befreit werden. Und iſt denn der Lord wirklich ermordet?“ „Ich hörte von einigen Leuten, er ſei blutend in das Parkhaus getragen worden. Einige behaupteten, er ſei erſtochen, Andre ſagten, es ſei Miß Margaret Fitzjames, die der wüthende Haufe erſchlagen. Ich hielt mich bei ihren ſchadenfrohen Erzählungen nicht auf, ſondern rannte nach dem Gebirge, Greenlodge z— „Dank! ewigen Dank, Dir, edle Seele!“ rief Le⸗ wis und küßte das ſchöne Mädchen auf Mund und Stirne. Hoher Purpur übergoß ihre Züge, ihr Auge feuchtete, ertrinkend im Meere ſüßer Gefühle. „O Eliſabeth! Eliſabeth!“ ſchrie er dann wie ver⸗ zweifelt auf,„mußte es dahin kommen! Du in der Gewalt der rohen Menſchen, denen nichts heilig iſt, wenn es die Befriedigung ihres wilden unbändigen Rachedurſtes gilt! Das iſt der arge Fluch, der ſich an die Ferſen des Vaterlandsbefreiers hängt! O Frei⸗ heit! warum iſt deine Wiege ſo blutig!—— Hud⸗ ſon! Rob! Teufel! wie lange zögerſt Du?!“ Seinen verſteckten Gaſt und die Botin der 191 Schrecken vergeſſend, eilte er die Stufen hinab und half ſelbſt das Pferd mit zurichten. Raſch warf er ſich darauf und wollte eben zum Thore hinausſpren⸗ gen, als Sally's helle Stimme ſeinen Namen gellend rief. Er wandte ſich und hielt den Araber unwillig im Zügel. „Beim heiligen Kreuz und des Erlöſers Wunden, beſchwöre ich Sie, Sir, nehmen Sie mich mit!“ weinte das Mädchen.„Ich muß zu Miß Eliſabeth und weiß nicht, wo ich ſie ſuchen ſoll. Laſſen Sie mich nicht zurück. Ich ſtürbe vor Angſt oder käme auf dem Rückwege um.“ „Was iſt da zu machen? Herauf! Schnell herauf zu mir!“ rief ODonnel, ohne ſich lange zu beſinnen. „Wir haben nicht Zeit, erſt noch ein anderes Pferd ſatteln zu laſſen, und wer ſteht dafür, daß Du reiten könnteſt! Drum nur herauf! Hier vor mir ſitzeſt Du feſt.“ Schon war ihr kleiner Fuß im Bügel und bei der Hand ſie faſſend, zog Lewis ſie kräftig hinauf, nahm ſie in den Arm und jagte zum Thore hinaus. 21 Angewöhnliche Rachtſahrt. Der Regen hatte zwar nachgelaſſen, und einzelne Sterne blinzelten hier und da mit mattem Schimmer durch das zerriſſene Gewölk, ſo daß der Gebirgsweg, den das Reiterpaar auf dem raſchen Renner dahin⸗ eilte, gerade nothdürftig genug beleuchtet war, um ihn vom gefährlichen Flugſande, den die wilderregten Flu⸗ 192 then meilenweit über die Küſte hingewälzt und frühere Stürme hier heraufgeführt hatten, unterſcheiden zu können. Der Wind aber ſtrich noch heulend durch die Fichten auf den Bergen und das hohe Schilfgras am Ufer und, als ſie den nordweſtlichen Abhang hin⸗ ab waren und an die Ufer der Kenmare⸗Bay kamen, übertönte das Toben der maſſenweiſe in ununterbro⸗ chener Folge am Felſengeſtade brandenden Wellen, die den funkelnden Schaum gleich ſprühenden Flammen über die Reiter hinwegſchleuderten, den Hufſchlag des Arabers und den Angſtruf des Mädchens in O'Don⸗ nels ſicherm Arm. Ihr laut klopfendes Herz lag dicht an dem ſeinigen, das ſeine Schläge ebenfalls nicht langſam und ruhig that; ihr ſchöner Kopf ru⸗ hete halb an ſeiner Bruſt, halb an ſeinem Halſe; ſein Athem fächelte über ihre Wange, und wenn ſie ſich leiſe wandte, um ihm zu antworten, trank er ihres Athems Welle und ihre Lippen berührten ſich faſt. Mit dem einen Arm hielt er die edlen Formen ihres ſchönen Körpers umſpannt. Anfangs fror ſie vor Näſſe, Kälte und ungeheurer Anſtrengung, bald aber glühete ſie über und über; ihre Wange brannte an ſeiner Bruſt, ihr Athem ſtreifte heiß ſeine Lippen, ihr Blut tobte fieberiſch durch die Adern. „Durch Wogenſchaum und Flugſand, durch Dümpfel, über Felſen und Berge, in Sturm und Regen haſt Du den weiten, gräßlichen Weg mit Deinen zarten Füßen gemacht,“ klagte Lewis;„Du armes liebes Kind; zehn gute Meilen“) in einer Stunde! Dein Herz muß recht voll warmer Liebe ſein; denn nur die Liebe kann dies Alles überwinden. Erkennt denn *) Iriſche Meilen, um ein wenig größer, als die eng⸗ liſchen. 193 aber auch Miß Eliſabeth, wie Du ihr ſo ganz erge⸗ ben biſt, daß Du ſelbſt Dein Leben für ſie wagſt in ſolch' ſchrecklicher Nacht?“— „Ich bitte Sie, Sir,“ verſetzte Sally,„ſagen Sie der Lady nicht, daß ich es war, die Sie zu ihrer Ret⸗ tung aufrief. Verſprechen Sie mir das! Ihr Dank thut mir weh. Ich will nicht, daß Miß Eliſabeth erfahre, wie ſehr ich ſie liebe, wie ganz ich ihr erge⸗ ben bin; ich will nicht, daß irgend ein Menſch, den ich liebe, ſolches jemals erkenne.“ „Unbegreifliche, Du willſt alſo nicht Gegenliebe, nicht Dankbarkeit?“ „Nein, Sir! Mein Herz treibt mich zu dem, was ich thue, und ich vollbringe die That, weil ich nicht widerſtehen kann; die Liebe in mir iſt meine Herrin; ihr muß ich unbedingt folgen. Aber Gegenliebe will ich nicht, verdien' ich nicht.“ „Himmel, welch' ungeheurer Schmerz liegt laſtend auf Deinem Leben, Mädchen! So ſpricht nicht die unerfahrene, unbefangene Jugend!“ Sally ſeufzte tief auf; er wollte weiter fragen, da fühlte er eine heiße Thräne auf ſeine Hand fallen. Sein Herz wallte über von Gefühlen, aber er ſchwieg. Zudem ſah' er, wie er eben aus dem Walde heraus⸗ ritt, den Himmel in blutrother Glut wogen, und bald ſtellte ſich die Flammengarbe des brennenden Schloſſes ſeinen Blicken dar; er ſchrak zuſammen und gab dem Araber die Sporen, daß er wie auf Flügeln dahin ſauſte. 6 Etwa eine halbe Stunde lang mochten ſie auf dem unebenen Wege fortgeritten ſein, als ſie an die Stelle kamen, wo jene wunderlich geſtalteten Felſen ſich in vielfachen Verklüftungen in das Land hinein bis zu den Bergen erſtrecken, wo Tim Ruuthan Mic Dahna Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 13 194 auf der Kaninchenjagd belauſcht hatte. Dieſe Felſen⸗ ſtadt, die den Namen Drachenkrone führt, ſenkt ſich von da ſchroff in das Meer hinab und greift als den Schiffern gefährliche Riffe weit hinaus in die Fluth. Jede Spur eines Weges ſcheint ſich hier plötzlich zu verlieren. Wohin das Auge blickt, ſieht man nur ſteile Wände, und die in wilder Unordnung über ein⸗ ander gethürmten, hier und da tief geſpalteten grauen Steinmaſſen gleichen einem Haufen rieſiger Werkſtücke, welche vom Bau des Weltalls zurückgeblieben zu ſein ſcheinen. Nur der Ortskundige oder ein genauer For⸗ ſcher entdeckt einen Hohlweg, der ſich links hinter ei⸗ nem einzelnen kegelförmigen verwitterten Horne in die Heide hinabzieht. Schon war O'Donnel im Begriff dieſen Weg einzuſchlagen, als eine rauhe Stimme von der Höhe des Felſens herab ihm zu halten gebot und das Loſungswort forderte. „Grün Irland und St. Patrik,“ war des Erſtern kurze Antwort, und ungeduldig über den Verzug ſpornte er ſein Pferd vorwärts. Doch als er eben in den Hohlweg einritt, trat ihm eine dunkle Geſtalt entge⸗ gen, die durch einen raſchen kräftigen Griff ſein Pferd anhielt und ihn mit den Worten anredete: „Zwei Worte nur, Sir Lewis! wenn's Ihnen genehm iſt, ehe Sie weiter reiten. Wer hätte erwar⸗ tet, daß Ihro Gnaden in ſolch' einem Wetter das warme Kamin verließen! Solch Wetter taugt nur für des armen Volks Hanthierung. Werden doch wohl nicht nach Ihrer alten Reſidenz zu Lindſayhall hin⸗ über reiten wollen? Sein Sie unbeſorgt, Sir Lewis! Der Schurke, der es gewagt hätte, die Hand ans alte Schloß zu legen, hätte kein neues Tageslicht wie⸗ der geſchaut. O'Donnels alter Sitz ſteht feſt, wie einer. Nur der neue buntgemalte Thierkäfig mit dem 195 platten welſchen Dache und aller Herrlichkeit darin, wo ſich's der reißende Wolf bequem machte, weil ihn das Gewiſſen im alten Bau nicht duldete, iſt wie⸗ derum zu Staub und Aſche geworden. Nun können in dem Schutt wieder ſo ſchöne Linden wachſen, wie die waren, unter denen Sir William, Ihr Herr Va⸗ ter, uns am St. Patrikstage ſo manche Gallone zum Beſten gab, und die der Tyrann weghauen ließ, weil ſie der Ausſicht im Wege ſtanden, wie er ſagte.“ „Sam, Sam!“ rief O Donnel,— denn er hatte den alten Dunfovre an der Stimme erkannt.„Dich hat der Teufel verführt, alter Mann, daß Du in dieſer ſchlimmen Nacht der Theilnehmer einer ſo böſen That geworden biſt. O Greis, warum kamſt Du nicht nach Greenlodge, wohin ich Dich durch Deinen Sohn Shamus, ſammt ihm, einladen ließ? Ich hätte Dir geholfen. Statt deſſen nimmſt Du Theil an ſol⸗ chem Bubenſtück, kurz vor Deinem Ende! Sam, Du haſt ſehr übel gethan.“ „Nicht der Theilnehmer, Sir, der Anführer ſo⸗ gar bin ich,“ erwiderte Jener ſtolz.„Ich habe den Plan entworfen, unter meiner Leitung iſt er ausge⸗ führt worden. Die Rache des Himmels bleibt uns zu lange aus, und Ihro Gnaden ſind viel zu groß⸗ müthig gegen alle Ihre Feinde, als daß wir es hät⸗ ten wagen können, Ihnen zuvor davon Anzeige zu machen. Aber es iſt noch etwas mehr geſchehen, mein theurer Herr. Die edle Dame Ladh Eliſabeth weilt ganz in Ihrer Nähe unter unſerm Schutz. Ich dachte ſie Ihnen zuzuführen, ſobald der Sturm etwas nach⸗ gelaſſen; nicht, wie die Andern wollten, ſie als Geißel hier zu verbergen. O, theurer Sir! ich kannte ja die ſchöne Liebe Ihrer Jugend, die unter meinen Augen ſich entfaltete. Ich weiß, welche Hinderniſſe das böſe 196 Schickſal zwiſchen die beiden beſten Menſchen warf. O, Lady Eliſabeth iſt ja ein Engel! Da dachte ich, ſie, die da unſchuldig iſt an allem Unglück, ſie muß des Vaters Sünde ſühnen und durch ein Eheband mit Sir Lewis den Schatten des Sir William, un⸗ ſeres guten Herrn, verſöhnen. Führen Sie die Dame jetzt auf Ihr Schloß, Sir Lewis. Beſtellen Sie Ihr Haus und fliehen Sie mit ihr nach Frankreich. Da können Sie noch glücklich ſein! Hier, Sir, o glau⸗ ben Sie mir altem Manne, hier, im tiefgebeugten Zrland, blüht Ihnen nimmer das Glück, daß Sie ſo ſehr verdienen. Von Blut, von Bürgerblut wird hier der Boden nie trocken, und wo von uralter, undenklicher Zeit der Haß als böſe Saat gewuchert hat, da kann man auf keine Ernte der Vebe und Verſöhnung rechnen. Sie ſind der letzte der O'Don⸗ nels hier in Irland; ſoll das edle Haus mit Ihnen erlöſchen? Solch einen Jammer, Sir Lewis, den ich als zartes Kind auf meinem Arm getragen, dem ich die edle Reitkunſt gelehrt, den ich— der Himmel möge mir's verzeihen, wenn ich Unrecht that!— ſelbſt meinen eigenen Söhnen vorgezogen und als ein theures Kleinod hegte, o, dieſen Kummer machen Sie dem alten Manne nicht!“ Mit von Thränen erſtickter Stimme ergriff der Greis bei dieſen Worten O'Donnels Hand und zog ſie, indem er ſie mit Küſ⸗ ſen bedeckte, an ſein Herz.„Aber, bei St. Patrik! wen haben Sie denn da noch auf dem Pferde?“ fragte Dunfoore hochverwundert, jetzt erſt die Reiterin bemerkend. „Es iſt Sally O'Neil, die ebenfalls die edle Herrin ſucht, um ihr zu dienen,“ verſetzte Sir Lewis. „Das iſt brav von Dir, Kind!“ lobte ſie Dun⸗ foore.„Steige ab und nimm meine Hand, ich will Dich führen.“ Das Mädchen ging flink von dem Thiere herab.„Du findeſt auch Deinen Vater bei uns,“ flüſterte ihr der Greis zu. Der Mond durchbrach jetzt die lichter werdenden Wolken und beſchien Dunfoore's ehrwürdige Züge und ſilbernes Haar; er ſah ſchauerlich ernſt aus. O'Don⸗ nel erwiderte den Händedruck, tief ergriffen von der treuen Theilnahme des alten Diener, fragte wehmü⸗ thig:„Wo iſt Eliſabeth?“ „Geben Sie Ihr Pferd nur dem kleinen Buben dort, der mit mir Wache hielt und hier unter dem Schutze der Felswand damit zurückbleiben kann, und folgen Sie mir unverzagt auf dem Pfade, den ich Sie führen werde. Vornweg, etwa ein funfzig Schritt wird's Ihnen etwas ſauer werden. Bücken Sie ſich nur tief genug, damit Dornen und Gebüſch Ihnen die Haut nicht zu ſchlimm zerkratzen. Auch Du, mein Kind, nimm Dich in Acht.“ Gern ließen ſich O'Donnel und Sally ſeitwärts vom tiefen Wege, hinter einigen Felsgruppen weg, zu einem Pfade geleiten, der ſich unter dichtem Ge⸗ ſtrüppe ſteil emporwand und den ein Unkundiger ſelbſt bei hellem Sonnenſchein nicht gefunden haben würde. Der Mond verbreitete zwar ein ungewiſſes Licht, jedoch vermochte der Baronet nur mühſam vorwärts zu ſchreiten, während Dunfoore, das Mädchen galant an der Hand führend, ſorgſam bemüht war, das Ge⸗ büſch an den Stellen, wo es zu dicht verwachſen war, auseinander zu bringen und die nächtliche Wan⸗ derung dem jungen Paare ſo leicht als möglich zu machen. „So,“ ſagte der Alte,„nur friſch hinauf!“ als er ——— 198 ſah, wie O'Donnel, ohne alles Murren, ſo ſchnell als möglich, durch die labyrinthiſchen Felspfade ſchlüpfte. „Grade ſo war auch der ſelige Herr; wenn es etwas galt, war ihm keine Gefohr zu groß, keine Mühe ein Hinderniß.“ „Ich denke doch, der Verzagtheit, alter Knabe, wirſt Du mich, der Du ein Eingeweihter meines Bundes biſt, ſo wenig als irgend einen andern mei⸗ nes Namens bezüchtigen können,“ ſagte O'Donnel lächelnd, als ſie den Gipfel einer Anhöhe erreicht hatten und nun etwas gemächlicher vorwärts ſchrit⸗ ten.„Doch ich geſtehe Dir offen, daß ich in die⸗ ſer Nacht alles meines Muthes bedarf, um vor der edlen Dame zu erſcheinen, die, nachdem ich durch Zufall in dieſes Ereigniß verwickelt bin, mich nicht ohne Grund für den Urheber aller dieſer Vorgänge zu halten geneigt ſein wird. Verzeihlich wäre es auf jeden Fall, wenn ſie jetzt Zweifel in meine Denk⸗ und Handlungsweiſe ſetzte. Doch mag ge⸗ ſchehen, was da will, ſo bin ich dem Zufall dankbar verpflichtet, der durch meine Dazwiſchenkunft Dein zwar wohlgemeintes, aber— nimm es mir nicht übel — ſchlecht berechnetes Unternehmen, Miß Eliſabeth zu mir auf mein Schloß zu führen, glücklicherweiſe ver⸗ hindert.“ „Was?“ unterbrach ihn Dunfvore verwundert, plötzlich mitten auf dem Wege ſtehen bleibend:„Sie wollen am Ende wohl gar die 8 nach Lindſayhall zurückbringen?“ „Das will ich, ſo wie es mir die Fflicht ge⸗ bietet,“ verſetzte O'Donnel ernſt.„Was Du für mich thun wollteſt, das erkenne ich an und fühle es tief. Schon dieſer Vorſatz würde mir Deine Liebe zu mir verbürgen, wenn nicht Dein ganzes langes — 5 5 100 Leben das ſchönſte Bild der Treue und Anhänglich⸗ keit an unſer Haus gewährte. Doch ſcheinſt Du in Deinem Eifer nicht bedacht zu haben, Sam, welche tiefe Kluft der Tod des Mannes, den Ihr ja alle ohne Ausnahme ſo hoch verehrt, zwiſchen mir und Eliſabeth geöffnet hat. Sein Blut, Mann mit dem grauen Haare, muß ich Dir's noch ſagen! vergoß ihr Vater, oder ihr Vater war es, der es vergie⸗ ßen ließ. Sie iſt ein Engel, Sam! und jede ihrer Handlungen iſt eine Tugend. Ich liebe ſie mit aller Kraft der erſten Liebe, und als ihr Gatte würde ich unausſprechlich glücklich ſein. Vernimm es, alter Mann, Beſchützer meiner Kindheit, wie meine Liebe ſich zum letzten Male äußert und als heiliges, den Menſchen hoch erhebendes Gefühl die Bande gewalt⸗ ſam ſprengt, in denen ich mein Herz gefeſſelt und erkaltet glaubte. Ohnmächtig, fühl' ich, kämpft jetzt die Kindespflicht gegen dies Gefühl, das ſtärker iſt, als alle andern und das ſelbſt der Bande der Na⸗ tur ſpottet. Ja, ich liebe Eliſabeth mit meines Her⸗ zens glühendſten Trieben; nie werde und kann ich ein anderes Weib lieben, nie wird eine Andre meine Gattin werden. Die Liebe, die mich an Eliſabeth gefeſſelt hält, ſtirbt nie! doch eine geſetzliche Verbin⸗ dung“— hier wurde ſeine Stimme ſo ſchaurig, daß Dunfoore und Sally bebend die Stimme eines Ster⸗ benden zu vernehmen glaubten—„würde den Fluch des Himmels auf unſere Nachkommen herabziehen, in denen ſich dann das Blut des Mörders mit dem meinigen vermiſchte. Und ſo werde ich denn der letzte meines Stammes in die Gruft ſteigen, noch glücklich, wenn es mir vergönnt ſein wird, den Opfer⸗ tod für das Vaterland zu ſterben, das ferner keinen O'Donnel beſitzen wird.— Doch genug jetzt!“ ſetzte 200 er nach einer kurzen Pauſe, mit ſtärkerer Stimme hinzu:„Zurück, meine Gefühle, in den Kerker, aus dem ich ſelbſt euch zum letzten Male entließ! Mit ſüßem Schmerze weide ich mich noch einmal an dem verlornen Glück! Das Kleinod, für welches ich fort⸗ an auf Erden zu kämpfen habe, heißt— Vater⸗ land. Und bin ich gefallen, ſo reicht mir vielleicht dort oben Eliſabeth die Palme des Friedens. Vor⸗ wärts jetzt, Dunfoore, vollende Dein Werk und führe mich ans Ziel! Du wollteſt mich in die Arme der Liebe geleiten, alter Mann, mir aber bleibt nichts übrig, als mich in die Arme des Todes zu werfen.“ „O, Sir Lewis!“ rief der Greis mit bewegter Stimme,„wie haben Sie mich durch Ihre Worte im tiefſten Innern erſchüttert! Sie ſtehen jetzt ſo feſt, ſo groß, ſo erhaben vor mir, daß ich Sie für einen der heiligen Märtyrer zu halten geneigt bin. Ich alter Mann dachte bisher, es könne nichts Höheres geben für einen jungen feurigen Mann, als die Lebe. Jetzt weiß ich's beſſer! Es iſt die Tugend, die obenan ſteht. Wären alle die Herren Ihres Standes in England und Irland ſo edel und brav, wie Ew. Gnaden, dann dürften wir nicht erſt kämpfen um unſere Rechte und um größere Frei⸗ heit. Wohl dem, der in dem heiligen Kampfe mit Ihnen und für Sie kämpft und ſiegt; ja wohl auch dem, der mit Ihnen ſtirbt, Herr! wenn Sie fallen ſollten, was Gott in ſeiner Gnade verhüten möge!“ Nach dieſen Worten ergriff der gerührte Greis die Hand des Baronets und drückte ſie ehrerbietig an ſeine Lippen. O'Donnel fühlte, daß eine heiße Thräne darauf herabfloß; die andre Hand aber hatte Sally 201 ergriffen und deckte ſie mit Küſſen und Thränen. Sie hatte lange ſchon laut geſchluchzt. Als ſich Lewis nach ihr hinwandte, kniete ſie neben ihm auf dem harten Felſen, hielt ſeine Hand krampfhaft mit ihren beiden Händen umſpannt und flüſterte mit einem hei⸗ ßen, ängſtlichen Tone zu ihm hinauf:„Heiliger Lewis, bitte für mich!“ „Du biſt eine kleine Schwärmerin!“ ſagte der Baronet mißbilligend und hob ſie auf, ſtrich ihr die naſſen dunklen Locken aus der Stirn und küßte ſie darauf. Sie zuckte zuſammen, als wenn ſie ein En⸗ gel berührt hätte. „Thuen Sie, was Ihnen gut däucht, Sir Le⸗ wis!“ ſagte Dunfvore.„Ich werde Alles, was Sie thun, als das Rechte betrachten.“ Lewis hielt Sally's Hand und führte ſie. Sie war ſtumm und in ſich gekehrt; nur dann und wann warf ſie einen ſcheuen Blick auf ſein edles, im Mondſchein verklärtes Geſicht und ſeufzte. Dann ging es raſcher vorwärts. Lewis unter den Weiß⸗Jungen. Etwa eine Stunde mochten die drei Wanderer in der ſchauerlichen Wildniß ſchweigend hingeſchrit⸗ ten ſein. Die Felſen gaben das dumpfe Echo ih⸗ rer Schritte zurück und ihr Schatten ſchwebte an den Wänden wie unheimliche Weſen, hin: da neigte 202 ſich der Pfad ſteil abwärts, und Dunfvore bat ſei⸗ nen Begleiter, ſorgfältiger auf den Weg Acht zu haben, der ſich jetzt ſchneckenförmig, längs eines Schwindel erregenden Abgrundes, in die Tiefe hin⸗ abzog. Sie hatten bald den Boden eines ſchauerlichen Thalleſſels erreicht und betraten einen ſchmalen, durch Felſenwände ſich ſchlingenden Gang. Es wurde mit jedem Schritte finſtrer um ſie; Sally ſchmiegte ſich ängſtlich an O'Donnel. Da erſchallte der Ruf des Wächters des Engpaſſes, ſich zuvor als Freunde zu legitimiren, ehe ſie weiter ſchritten. „Irland und unſer gutes Recht!“ ſagte Dunfvore, „iſt heute die Loſung, und meine Begleiter Sir Lewis O'Donnel und Sally O'Neil.“ „Er iſt uns willkommen! Ihr könnt paſſiren!“ war die kurze Antwort des wachſamen Iren. Ein helles Licht ſchimmerte im engen Gange herauf, als ſie noch einige Schritte weiter gegangen waren, und Dunfvore, die Spannung in O'Don⸗ nels Zügen wahrnehmend, ſagte:„Wir ſind jetzt am Ziele, theurer Herr! Hier in dieſer faſt unzugäng⸗ lichen Schlucht der Teufelsmauer iſt Ihres alten Dieners Wohnung, ſeit ihn des Lords Pächter aus der Hütte geworfen. Doch nicht ſo ganz unwirth⸗ lich iſt's im Innern, wie Sie aus dem erſten An⸗ blick etwa ſchließen möchten. Treten Sie nur näher, Sir. Bald werden Sie auch Lady Eliſabeth er⸗ blicken.“ DDonnel fühlte, wie ihm bei dieſen letzten Wor⸗ ten ſeines Führers das Blut in den Pulſen ſtockte und dann wiederum fiebriſch durch die Adern jagte. Ein ſchwerer Augenblick war für ihn gekommen. Er ſollte Eliſabeth ſehen und in welchen Verhältniſſen! Er ſollte hören, ob die Ereigniſſe dieſer verhängniß⸗ vollen Nacht ſie nicht in ihrem Glauben an ihn wankend gemacht, und es war daher ſehr verzeihlich, wenn der ſonſt ſo entſchloſſene Mann einiger Zeit be⸗ durfte, um ſich vollkommen zu faſſen, ehe er weiter ſchritt.. Die Scene, die ſich ſeinen Blicken aMii ent⸗ hüllte, je mehr ſein Auge ſich an den Glanz des Lichts gewöhnte, trug nicht wenig dazu bei, bald eine andre Stimmung in ihm hervorzurufen. Der durch ſtarrendes Geſtein gewundene, zuweilen von Steinmaſſen überbaute Pfad, in welche anfangs einige, dann immermehr Streiflichter gefallen waren, mündete plötzlich auf einen ziemlich ebenen, rund von ungeheuren Felswänden eingeſchloſſenen Platz. In der Mitte deſſelben brannte ein großes Feuer, deſſen mächtige Flamme weit zum dunkeln Nachthimmel em⸗ porſchlug. Beim Scheine derſelben erblickte O'Don⸗ nel unten zur ebenen Erde eine Menge in weiße Kittel gekleidete Männer, deren Geſichter entweder geſchwärzt oder ſonſt unkenntlich bemalt waren. Ein Theil derſelben lag um das kniſternde Feuer plau⸗ dernd oder ſchmauſend und zechend; ein andrer ſtand auf die ländlichen Waffen, Heu⸗ und Miſtgabel, Spieße und Dreſchflegel— mitunter ſah man auch eine alte Flinte oder Büchſe— gelehnt umher; wie⸗ der andre ſchlichen auf und ab. Weiter oben zeigte das Feuer m uen Geſtein Moos und Geſträuch, auch einzelne dunkelgrüne Kiefern, mit den nackten Wurzeln in den Ritzen feſtgeklamet, herabhängen⸗ des Schlingkraut und den Strahl eine i von der Höhe theils herabſchoß, ſtäubte und in deren Waſſer das Licht ſich buntfar⸗ big brach. Noch höher ragten die zackigen Felſen⸗ 204 gipfel, nicht ſelten mächtige Bäume auf ihren Häup⸗ tern tragend, die ſich nur ſchwach am dunkeln Nacht⸗ himmel abkanteten, der nur zu einem ſehr kleinen Theil oben als Deckgewölbe ſichtbar war und nur den ſchwachen Silberblick einiger Sterne in die felſige Tiefe ſandte. An einigen Stellen, wo die Wände nicht ſchroff herabfielen, ſtanden Leitern, und einzelne Männer ſtiegen auf und nieder; zuweilen zeigte ſich auch ein ſolcher auf der Höhe, und O'Donnel ſchloß nicht mit Unrecht, daß dies ausgeſtellte Wachen ſeien. Kein Ausgang, als der, auf welchem ſie ge⸗ kommen, war weiter ſichtbar. Die grelle Beleuch⸗ tung auf dem grauen und ſchwarzen Geſtein, mit ſeinen grünen Verzierungen, ſeinen düſtern Bäumen und dem darauf laſtenden Schnee, mit der Quelle, den Leitern, mit den Schatten in den Vertiefungen; der dunkle Himmel oben, die Weißkittel unten, die rothe Glut der Kohlen und die den angelegten Baum⸗ ſtämmen entſprühenden Flammen gaben zuſammen ein ſo höchſt eigenthümliches, romantiſches Bild, daß Lewis mehrere Augenblicke ſtaunend ſtill ſtand, wäh⸗ rend welcher ſeine beiden Begleiter ſich unter das Volk miſchten. Auf keinem dieſer Geſichter konnte er auch nur die leiſeſte Spur von Frohſinn und Heiterkeit erblik⸗ ken: nichts von dem Uebermuth und der derben Ausge⸗ laſſenheit jener Salvator Roſa — 8 — 8 8 — — etzt ſogleich ein; die Situation war S ähnlich, aber der Geiſt fehlte. Wehmüthiger 205 Schmerz zuckte um ſeine Lippen, als er dieſe Weiß⸗ kittel näher ins Auge faßte, als ſein ſcharfer Blick in ihren Zügen forſchte. Hier ſah er nichts, als den Ausdruck lang verbiſſener Wuth, rohe gemeine Scha⸗ denfreude, Triumph, dem das ſcharf ausgeprägte Elend, das dieſe Geſichter durchwühlt, ſeine Spitze nahm; Kniffe eines unterdrückten Volks, deſſen Hoff⸗ nung, ſich jemals emporzurichten, immer tiefer herab⸗ ſinkt. Auf O'Donnel aber machte der Anblick einen um ſo tieferen Eindruck, da er nur zu gut wußte, daß unter allen dieſen Geächteten, welche ſich in faſt lautloſer Stille ihr Leid klagten, vielleicht kein einziger war, der auch nur einmal im Leben den äußerſten Saum des goldgeſtickten Purpurmantels erblickt hatte, welchen die Glücksgöttin leuchtend um ihre Schultern ſchlägt. Gegenüber in der Felſenmauer bemerkte er eine Grotte; ihr Eingang wurde durch übereinander ge⸗ ſchobene gewaltige Steintrümmer gebildet, die, auf ko⸗ loſſalen Pfeilern des Urgeſteins ruhend, wie von Menſchenhänden zum Portikus eines Palaſtes gebildet ſchienen. Zwei ſteinerne Sitze, ein paar Gartenſtücke, zur Seite des Eingangs, nebſt mehren kleinen Ver⸗ tiefungen, die er allmählig in den Wänder entdeckt hatte, ſowie das in ihrer Nähe ſtehende Hausgeräthe, gaben ihm die Ueberzeugung, daß dieſe Höhlen Wohnungen der heimathlos umherirrenden Menſchen ſeien, und daß die große Grotte dem Haupte dieſes unterirdiſchen Freiſtaates zur Reſidenz diene. Zwei bewaffnete Iren ſaßen am Eingange, von denen der eine ein kleines Feuer zu unterhalten be⸗ müht war, während der andre das Abendeſſen für die vom nächtlichen Zuge heimgekommenen Männer zu bereiten ſchien. Entſetzt erkannte der Baronet in 206 ihnen ſeine beiden Diener Andy und Mic Dahna, und ſein Zorn entbrannte auf's heftigſte; doch bald vollkommen gefaßt und Herr über die ihn vor wenig Augenblicken ſo heftig beſtürmenden Gefühle trat er jetzt feſten Schrittes zu den um das Feuer gelagerten Männern. Alle erhoben ſich raſch, ſobald ſie ſeine Tritte vernahmen. Kaum war aber von ſeinem Be⸗ gleiter der Name O'Donnel genannt, und kaum hatten die mehrſten ſich von der Gegenwart des hochgefeier⸗ ten Mannes überzeugt, der lange mit düſterm Blick auf die Verſammlung ſah, ehe er ſie eines Grußes würdigte, da entblößten ſich die Häupter und hießen ihn willkommen. In denſelben Augenblick trat auch Eliſabeth, entweder erſchreckt durch das Geräuſch, das die bisherige Stille unterbrochen, oder neugierig, wem der ehrerbietige Gruß gelten möge, vor den Eingang der Grotte, im heftigen Zwiegeſpräch mit einer alten Frau, welche vergebens bemüht war, ſie unter beruhi⸗ genden Worten zurückzuhalten, und in welcher O'Don⸗ nel, wenn ihn auch nicht die ſchwarze, einen Theil ihres Geſichts verhüllende Binde aufmerkſam gemacht hätte, Judy Leghan, die Schwiegermutter ſeines Die⸗ ners, erkannte. Eliſabeth trat einige Schritte näher; doch mit allen Zeichen des Entſetzens haftete ihr Fuß plötzlich wie eingewurzelt am Boden, als ſie O'Don⸗ nel erkannte, der ihren Blicken bisher durch die ihn umringenden Männer verborgen geblieben war. O Don⸗ nel's Scharfblick entging es nicht, wie Unwillen und Verachtung ſich in ihren Zügen malten, und wie ſie ſtolz die Thräne trocknend, die ihr Auge erfüllte, ohne weiter ein Wort mit der Alten zu reden, in die dunkle Klauſe zurücktrat. Doch mit der Kraft eines Mannes, der nicht wankt, ſobald er das Rechte er⸗ kannt und einen Entſchluß gefaßt hat, redete er, ſeine 207 Augen ſowie ſein Herz gleich ſtark beherrſchend, die Männer an, die, als ſie Eliſabeth erblickten, geſpannt in des Baronets Zügen forſchten. Die beiden Brü⸗ der Dahna waren erſchrocken von ihren Sitzen auf⸗ geſprungen und ſpäheten mit ſcheuen Blicken nach ihrem errn. „Nicht um als Richter Euere raſche That zu be⸗ urtheilen, bin ich zu Euch gekommen. Die Welt wird ſie verdammen. Denn nur ein kleiner Theil wird den Maßſtab des Gefühls daran legen und darnach ermeſſen, wie nur die Verletzung der heiligſten Men⸗ ſchenrechte das Euerige zu einer Handlung unerlaub⸗ ter Willkür aufzuregen vermochte. Daß ihr gleicher Zeil Willens waret, mir eine Dame zuzu⸗ führen, zu der ein Theil von Euch meine Verehrung noch aus einer frühern Zeit her kennt, beweiſt mir Euere Theilnahme, ſowie Euere Liebe, die ich voll⸗ kommen zu würdigen verſtehe. Ihr vermochtet jedoch nicht die böſen Folgen zu berechnen, die aus der That für mich ſelbſt entſtanden ſind. Wißt, Ihr Männer! Man wird mich allein für den Anſtifter des ſo ge⸗ wagten Unternehmens halten und den Schloßbrand nur als das von mir gebrauchte Mittel betrachten, um die Entführung der Lady deſto beſſer zu bemän⸗ teln. Gelingt es mir, woran ich nicht zweifle, Lady Kildare eine beſſere Meinung von mir zu geben, als die iſt, welche ſie jetzt von mir haben muß, ſo iſt meine perſönliche Freiheit, die Ihr ohne alle Ueberleg⸗ ung tollkühn genug auf ein verwegenes Spiel geſetzt, nicht länger gefährdet. Mein guter Ruf jedoch, ihr Männer,“ rief er jetzt mit ſtrenger, mit erhobener Stimme—„iſt durch den Vorfall in ein zweifelhaf⸗ tes Licht geſtellt. Nicht allein die unziemliche oder ſchlechte That ſelbſt, ſondern auch jeden Schein muß 208 der ſorgſam vermeiden, der ein großes, volksthümliches Unternehmen beabſichtigt. Die Ausführung iſt halb gelungen, ſobald man die öffentliche Meinung zu ge⸗ winnen verſtand. Männer von Kerry, ich muß Euch hart tadeln: Ihr habt unſrer guten Sache geſchadet, indem Ihr Euch in die Zahl verabſcheuungswürdiger Mordbrenner und Räuber ſtellt! Warum befolgtet Ihr meinen Rath nicht? Warum kehrtet Ihr Euch nicht an meine Bitten? Ich verſprach Euch Hülfe, Beiſtand, Rettung aus Euerer troſtloſen Lage; warum habt Ihr meinen Worten keinen Glauben geſchenkt und die rechte Zeit nicht erwartet? Iſt je ein O Don⸗ nel wortbrüchig geworden? Hat je ein O'Donnel ſeine Liebe zu Erins Kindern verläugnet? Warum betrübt Ihr mich, indem Ihr mir durch dieſe böſe That Mißtrauen zeigt? Womit habe ich es an Euch ver⸗ dient, daß Ihr die Laſt meiner Sorgen durch dieſen Frevel noch vermehrt? Vernehmt es, die Männer von Tipperary, die in offene Empörung ausgebrochen, ſind dem Schwerte der Engländer erlegen. Wie wird es Euch ergehen? Solche Beiſpiele von Rache, ſowie alle die einzelnen Unternehmungen, Euch ſelbſt Recht zu verſchaffen, wo es Euch verweigert wird, ſetzt Euch nicht allein in den Augen der Engländer, ſondern auch in der Meinung der Beſſern unter den eignen Lands⸗ leuten herab. Merkt Euch dieſe Lehre, gebt ferner mehr auf mein Wort und ſorgtjetzt für Euere Sicher⸗ heit. Ich werde. für die meinige ſorgen. Harrt noch eine kleine Zeit aus und ſeid überzeugt, da Ihr ja alle die Theilnahme kennt, die ich an Euerm harten Looſe nehme, daß ich Euch bald beſſere Nachrichten zu verkünden im Stande ſein werde.— Blickt auf mich, der ich ſo Vieles verlor; auch ich dulde und hoffe. Ihr alle ſeid zu ſchönen Hoffnungen berechtigt. Doch 209 handelt nicht ferner aus Leidenſchaft, wie Ihr es lei⸗ der immer noch thut, ungeachtet aller meiner Ermah⸗ nungen. Ihr ſollt handeln, wenn die Zeit kommt, doch als Männer, die man bewundern und ſelbſt im Unglück nicht verachten ſoll. Mit Dir, Michaul Dahna, habe ich im Angeſicht dieſer Männer noch beſonders zu reden. Du haſt Dich unterfangen, hin⸗ ter meinem Rücken der Genoſſe einer Verbindung zu ſein, die ich nie gut geheißen, vor der ich Dich ſtets gewarnt, deren Theilnahme ich Dir ſtreng unterſagt habe; ja Du verläßt freventlich das Schloß, ohne mir etwas zu ſagen, verführſt Deinen Bruder und wirſt der Genoſſe eines abſcheulichen Verbrechens. Dieſe Männer ſind frei; ich habe ſie nur zu bitten, zu warnen: Du warſt mein Diener, Dir hatte ich zu befehlen. Du haſt demnach doppelt ſtrafwürdig ge⸗ handelt. Lohnſt Du mir ſo meine Liebe, Menſch, den ich wie einen Bruder behandelte? Hat die herzlichſte Sorgfalt, womit ich mich Deines Looſes annahm, keine Macht über die blinde Gier tobender Rachſucht, blutlechzender Leidenſchaft? Geh' mir aus den Augen, mich ſchaudert vor Dir! Von dieſer Stunde an kann ich Dich nur verachten, und Du haſt heute aufgehört mein Diener zu ſein. Wohnung behältſt Du mit Deinem Bruder im Parkhauſe; Deiner Frau werde ich monatlich Deinen Gehalt auszahlen; Deines Kin⸗ des werde ich mich ſtets als ein gewiſſenhafter Pathe annehmen. Nur von Dir will ich nicht länger be⸗ dient ſein.“ In Michauls Geſicht arbeitete und zuckte zu An⸗ fang dieſer Anrede ein wilder, gräßlicher Schmerz; er reckte mehrmals, wie in größter Verzweiflung, die Hände zum Himmel empor. Gegen Ende hatte er ſeine Faſſung wieder gefunden und ſich ſtolz. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 210 Zwar zitterte ſeine Stimme, als er die folgenden Worte ſprach, zwar lag um ſeinen Mund noch tiefer Jammer, aber er führte es glücklich durch und unter⸗ lag ihm nicht. „Sie haben mich geliebt, Sir, wie unter den Le⸗ benden Keiner; Gott allein weiß es, wie dankbar ich dafür bin! Sie entlaſſen mich Ihres Dienſtes, der mein Glück war, und auch für dieſe Strafe bin ich dankbar; denn ich fühle am beſten, wie ſehr ich ſie verdient habe. Als Ihr Diener geziemt mir zu ſchwei⸗ gen; jetzt da ich es nicht mehr bin, erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Entſchuldigung. Thaten ſollen für mich reden. Lord Kildare hat ſeit drei Jah⸗ ren zwei der bravſten Männer aus unſerer Graf⸗ ſchaft hängen laſſen, weil ſie in der Verzweiflung, in die ſie der Elende geſtürzt, ſich an ſeinen Quälgeiſtern, die Gott verdammen möge! vergriffen hatten. Sie finden die nächſten Verwandten dieſer unglückſeligen Opfer hier unter uns. Lord Kildare überfiel mich im vorigen Jahre, in jener Nacht, als meine Mutter ge⸗ ſtorben war, in eigner Perſon; er ließ mich mit mei⸗ nem jungen Weibe und meinem Bruder aus der Hütte werfen. Mindert es ſeine Grauſamkeit, daß ich Ob⸗ dach, Unterhalt und das edle Herz eines Gebieters auf Ihrem Schloſſe fand, Sir Lewis?— Nun komme Du her, Judy Leghan!“ rief er wilder, faßte ſeine Schwiegermutter, die auf den Ruf ihres Namens aus der Höhle getreten war, bei der Schulter und führte ſie ſo gewaltſam dicht vor O'Donnel; hier riß er ihr die Binde vom Geſicht und das aus dem Kopfe ge⸗ ſchworene Auge ſtarrte eiternd, ſchwarz, grün und gelb, und von der Flamme des Feuers fürchterlich beleuchtet, den entſetzten Zuſchauern entgegen. Michaul fuhr mit geſteigertem Affect fort:„Dieſes Auge ver⸗ 211 nichtete Lord Kildare mit einem ſcheußlichen Peitſchen⸗ ſchlag, als die Frau wimmernd bat, ihres Kohlgar⸗ tens zu ſchonen, in welchen ſich der geängſtete Fuchs geflüchtet hatte. Sie wurde krank und elend und konnte die ſchweren Steuern nicht bezahlen; vor acht Tagen hat ſie des Lords Pächter aus dem Hauſe werfen laſſen. Sie hat noch zwei unerzogene Kinder, mit de⸗ nen ſie in dieſe Felſenhöhlen gekommen iſt.— Nun tretet Ihr heran, alter Samuel Dunfoore, einſt der treueſte Diener des Hauſes O'Donnel! Auf jener Fuchsjagd wurde ſein Hafer verwüſtet; der Greis war ohne Nahrung für den Winter, er konnte die Steuern nicht bezahlen, da ließ ihn des Lords Pächter nebſt ſeinem Sohne aus der Hütte werfen. Dieſen ehrlichen alten Mann, deſſen Anſehen zu Liebe und Mitleiden auffordert, deſſen Silberhaar die gegründetſten An⸗ ſprüche auf unſer Herz hat, er jagte ihn in die mark⸗ durchbebenden Winterſtürme!— Herr! iſt Ihr Blut noch nicht erſtarrt? Nun ſo hören Sie weiter! Vor⸗ geſtern lief Cauth Murthocks, der Witwe und meiner ehemaligen Nachbarin an der Teufelsmauer, einzige Kuh auf der Heide und graſte; lieber Gott, was wird ſie gefunden haben? Da kommt Shaun Don⸗ nough, der Wildhüter, beſoffen, wie er ſtets iſt, des Wegs daher, ſieht die Kuh für ein Wildpret an und ſchießt ſie todt. Die Frau heult und ſchreit, der freche Waidmann geht lachend von dannen. Cauth rennt nach Lindſayhall, ſie will Miß Eliſabeth ihr Herze⸗ leid klagen; da hält ſie die jüngſte von des Lords Concubinen ab, ſchilt die Frau und verwehrt ihr den Ein⸗ tritt zur Lady. Und als Cauth in Noth und Ver⸗ zweiflung heftig wird, ruft die ſchändliche Margaret den Lord herbei, und beide— beide ſag' ich— werfen die arme Frau die Treppe i eigner 212 Hand; ſo weit geht die Verruchtheit, daß ſie ſich nicht einmal mehr des Armes ihrer Creaturen bedienen. Cauth zerſchellte ſich den Kopf an den Wänden und brach unten auf den harten Steinplatten ein Bein. Dort lag ſie wimmernd, bis einige Mägde, in deren Bruſt der Funken des Mitleids noch nicht verloſchen war, ſie aufhoben und in das Hinterhaus trugen. Dort ſtarb ſie in der Nacht einen fürchter⸗ lichen Tod am Brande, der in ihre Wunden geſchla⸗ gen war; denn keine ärztliche Hülfe wurde ihr zu Theil.— „Haben Sie nun genug, mein gnädiger Herr? Wohlan ich glaube es! Zum Schluß nur noch dieſes. Sie verſprachen Hülfe, Rettung; Sie vertröſteten das Volk von einer Woche zur andern. Alle waren ſchlag⸗ fertig, und nie ging Ihr Verſprechen in Erfüllung. An Sie, mein Herr, wagte ſich Niemand; ich war der Mann, den die Unglücklichen beſtürmten. Ich konnte ihnen endlich nichts mehr entgegenſtellen. Bei jeder Schandthat des Lords wurde ihre Wuth größer, unbändiger; der alte Dunfoore ſchürte das Feuer. Sie hatten ihn zum Oberhaupte gewählt. Die Ver⸗ ſtümmelung meiner armen Schwiegermutter reizte mich zum Tigergrimme; ich verlor alle Faſſung und wurde ein Mitglied der Weiß⸗Jungen. Der Abzug der köni⸗ glichen Truppen aus Bantry ſchien uns allen eine treffliche Gelegenheit, und doch wäre vielleicht nichts geſchehen, wenn der an Cauth verübte Mord uns nicht alle in raſende Wuth verſetzt hätte. Es iſt ge⸗ ſchehen, was wir nicht laſſen konnten. Ich ſah mein Unglück voraus, aber ich konnte nicht widerſtehen. Und ſo erkenne ich meine Strafe als eine gerechte an und danke Ihnen dafür.“ „Ich bedaure Dich, armer Junge, ich bedaure 213 Euch alle, Ihr Männer!“ ſagte O'Donnel tief be⸗ wegt.„Ach, ich ahne aus dieſer wilden Leidenſchaft⸗ lichkeit nichts Gutes für mein Vaterland. Der ſchönſte Sieg eines Mannes iſt der über ſich ſelbſt, die höchſte Klugheit, den rechten Zeitpunkt erwarten und dann mit aller Kraft handeln. Ihr habt beides verfehlt. Seht mich an! Mir erſchlug Kildare den Vater; hab' ich mich an ihm gerächt? Ich verlor alle Güter mei⸗ ner Vorfahren; hab' ich daran gedacht, mir als Ein⸗ zelner Recht zu verſchaffen? Folgt meinem Beiſpiele! Verhaltet Euch ruhig, bis ich Euch zum Kampfe auf⸗ rufe, aber dann zum offenen im Angeſicht des Tages! Zerſtreuet Euch noch dieſe Nacht, ſuche jeder ſeine Wohnung, gehe jeder morgen an ſeine Arbeit, und wartet geduldig bis die Stunde der Erlöſung ſchlägt.“ Er grüßte mit der Hand und ſchritt würdevoll dem Eingange der Grotte zu. Unter den Weißkitteln entſtand ein Murren; einige ſchienen ihm antworten zu wollen, andere machten Miene, ihm zu folgen. Dunfoore aber, der Herr des Felſenthales, der wegen ſeines Alters und ſeiner Stellung in der Familie O'Donnel bei Allen hohes Anſehen genoß, gebot ih⸗ nen im ſtrengen Tone, zurückzubleiben, und die wilden Iren gehorchten und ſetzten ſich wieder ruhig und ge⸗ räuſchlos, wie vorher, um das jetzt düſter glimmende Feuer. Nur einer unter ihnen, der aus den Worten O'Donnels deſſen Abſicht, Miß Eliſabeth dem Vater wiederzugeben, errathen haben mochte, der einäugige Lootſe Evans ONeil, äußerte ſich mißbilligend über die große Geduld und die Schonung, welche ihnen der Baronet fortwährend zur Pflicht machte, während ſie ſelbſt doch täglich neue Beweiſe von Härte und Unge⸗ 214 rechtigkeit von Seiten ihrer Unterdrücker erfahren müßten. „Hier quälen uns die Lords und Grundbeſitzer,“ eiferte er.„In Tipperary klagen ſie über die uner⸗ ſättliche Habgier der evangeliſchen Pfarrer, in Gal⸗ way über beide zugleich. Rings um die gute Stadt Cork herrſcht Hungersnoth, denn zu den höchſten Prei⸗ ſen kauft die Regierung Kartoffeln und Lebensmittel jeder Art, um die Magazine anzufüllen, aus denen ſie die Expeditionen verproviantirt, die fortwährend zu Eroberung und zu Anlegung neuer Colonien in die entfernteſten Winkel der Erde ausgeſchickt werden. Während das Volk in Irland faſt Hungers ſtirbt, geben unſre Herren Subſidien an Europa's Fürſten, um Kriege zu führen, deren Erfolge nur England zu gut kommen. Die Schwachen merken es nicht, und man bewundert auf dem Continente, wo eine Geld⸗ ſendung nach der andern ankömmt, die britiſche Groß⸗ muth, ohne das Blut zu erblicken, das an dieſen Schätzen klebt, Schätzen, die zum Theil vom Ganges hereingeſchleppt wurden, den neuerdings dem eiſernen britiſchen Scepter unterworfenen Völkern mit grauſa⸗ mer Härte abgepreßt. Im übrigen Europa beneidet man das vermeintliche Glück, den blühenden Wohlſtand des Inſelreiches und weiß nichts von einem Anblicke des Entſetzens, wo Tauſende, wie bleiche Geſpenſter umherwanken. Jede Höhle, jede Kluft hallt wider von den Seufzern der ſterbenden Unglücklichen; ſelbſt im ſtolzen Mutterlande verhüllt ſich die Armuth nur dürftig unter dem erborgten Gewande. Doch Alles vergebens! Mit dem Bajonnet treibt man in Cork und Waterford die Leidenden von den Vorrathshäu⸗ ſern, und im Kanonendonner der Magazinſchiffe, die mit vollen Segeln und ſtolz wehenden Wimpeln den —— 7—— 215 Hafen verlaſſen, verhallt des Säuglings letzter Klag⸗ laut an der Bruſt der Mutter, der es an Nahrung fehlt, das Leben des Lieblings zu friſten. Ha!“ rief er wild aufſpringend aus,„ich ſegelte jahrelang, in London zum Matroſen gepreßt, mit den Engländern faſt unter allen Zonen und in allen Meeren; doch nirgends ſah ich ſolche Nahrungsnoth, ſolchen Jam⸗ mer, ſolches Elend, wie hier bei uns zu Lande. Was hilft nun die längere Nachſicht, die Großmuth, die Schonung, die uns der edle Baronet täglich entweder ſelbſt predigt, oder durch ſeine Geſandten empfehlen läßt? Er verſpricht Beſſerung unſeres Zuſtandes. Ich möchte doch wiſſen, woher ſie kommen ſoll, wenn wir ſie uns nicht ſobald als möglich ſelbſt verſchaffen? Wir haben jahrelang gehofft und geharrt, es iſt im⸗ mer ſchlimmer geworden. Wir werden alt und kraft⸗ los dabei. Darum zugeſchlagen, ſo lang es noch möglich iſt, und nicht unſern Nachkommen aufgebürdet, was wir ſelbſt verrichten können und müſſen. Wollt Ihr mir folgen, Männer, ſo iſt es gut! wo nicht, ſo führe ich Krieg allein mit jedem Großen auf meine eigene Gefahr und Rechnung. An Anhang, glaubt's ſicherlich, wird's mir nicht fehlen. Zuerſt nach Dub⸗ lin! In wilden Sprüngen windet ſich die Schlange in Bengalen, wenn ihr der Kopf genommen iſt. Doch gefahrlos wird der Kampf, wenn man am rechten Flecke zur rechten Zeit zugreift. Feſt ſei nur der erſte Griff der ſtarken Fauſt, und ohnmächtig windet ſich die Hyder in langſameren Kreiſen. Das Haupt muß fallen, und wenn ringsum ſich in wilder, toller Ver⸗ wirrung Alles aufregt, bewegt, dann ſpringe nur ei⸗ ner muthig in den wilden Kampfe und greife nach des ſteuerloſen Schiffes Lenkung! Es gelingt, wie ich's den Engländern ſo oft gelingen ſah im Kampfe mit 216 den Fürſten Indiens. Nichts wird den Kühnen leich⸗ ter, als wenn das Haupt gefallen, das Volk aufgelöſt in gänzlicher Verwirrung, die Truppen noch ungewiß, welchem unter den Prätendenten ſie folgen wollen, erſt als Vermittler, dann als Regent des Reiches Ruder u ergreifen. Ihr ſeht, es fehlt Evans O'Reil ſo we⸗ nig, als irgend einem Andern, der etwas mehr von der Welt, als unſer Jammerland geſehen hat, an ge⸗ ſundem Menſchenverſtande. Glaubt ja nicht, daß ich mich allein, wie ein thörichter Narr, in ſolch ein ge⸗ fährliches Spiel einlaſſen würde. Das Zeichen aber muß von mir allein ausgehen, laut, ſo daß es hin⸗ überſchallt zu den alten Gefährten, die, mit mir vom Ganges heimgekommen, jetzt die Schiffe in Portsmuth und auf der Rhede von Spithead zu neuen Thaten rüſten.“ Verwundert ſahen die Genoſſen auf den Sprecher, ie mehr das Feuer ſeiner Rede ſich ſteigerte. Man⸗ chem ſchien eine Frage auf den Lippen zu ſchweben. Doch er erhob ſich mit ſtolzer Haltung, blickte mit 16 feſter Zuverſicht im Kreiſe umher und verließ die Ver⸗ † 5 ſammlung, um mit untergeſchlagenen Armen in der Nähe von Dunfoore's Wohnung gedankenvoll auf und nieder zu ſchreiten. ———— — 217 23. ZWwei große Seelen. O'Donnel hatte einige Augenblicke ſtumm im Ein⸗ gange des zwar dürftig, aber mit ſorgfältiger Ord⸗ nung ausgeſtatteten Gemaches Eliſabeth gegenüber geſtanden, die auf einen Seſſel niedergeſunken, den Kopf auf deſſen Lehnen geſtützt, düſter da ſaß und ſich den Dienſtleiſtungen und Liebkoſungen Sally's überließ, die vor ihr kniete und bald die Hände der Herrin mit Küſſen bedeckte, bald das braune Haar derſelben, das aufgelöſt auf die ſchöne Stirn und über die Schultern herabfloß, zu ordnen und zu flechten bemüht war. „O, ſehen Sie doch auf, theure Lady!“ bat die Letztere,„da iſt ja der gute edle Sir Lewis. Wie können Sie noch länger befürchten, daß Ihnen in ſei⸗ ner Nähe auch nur ein Haar gekrümmt werde?“ Eliſabeth ſchreckte ſichtbar bei Nennung des Na⸗ mens zuſammen; ſie ſeufzte tief, doch ihr Kopf blieb auf die Hand geſenkt, und man ſah, wie ſie ſich ängſt⸗ lich beſtrebte, den Anblick des jungen Mannes zu ver⸗ meiden. „Kann Eliſabeth es nur einen Augenblick für möglich halten, daß ich die Veranlaſſung dieſer für ſie ſo beängſtigenden und qualvollen Stunden ſei?“ Mit dieſen Worten unterbrach O'Donnel endlich das pein⸗ liche Schweigen.—„Ihre Meinung von mir, Ihr Vertrauen auf mich, Mylady, war bis heute mein höchſtes Gut, mein Alles, was ich mir gerettet hatte. 218 Es bleibt mir nichts, als das armſelige Leben, wenn ich auch das erſtere verloren habe, und ſelbſt dieſes, welches ſchon längſt aller Freuden entbehrte, würde ferner nicht den geringſten Werth mehr für mich haben, wenn Sie glauben könnten, daß es jetzt mit einer ſolchen That befleckt ſei. Ich beſchwöre und betheure meine Unſchuld nicht. Doch blicken Sie auf, Eliſabeth! forſchen Sie ſelbſt, ob mein Geſicht, in deſſen Zügen Sie einſt meine Freude, meinen Kummer, Alles zu leſen vermochten, was mein Gemüth bewegte, ob dieſe Züge eine andere Spur verrathen, als die des Un⸗ muths, vielleicht des Zorns über den begangenen Frevel, als die der Sorge um Sie ſelbſt.“ Die Worte O'Donnels, die wohlbekannte Stimme des geliebten Mannes verfehlten auch jetzt nicht, den Zauber hervorzurufen, den ſie in den frühern glückli⸗ chen Zeiten ſo oft über Eliſabeth ausgeübt hatten. Der Zorn entſchwand, die Eisrinde ihres Herzens ſchmolz, jemehr ſie den wohlbekannten ſüßen Lauten horchte, und mit thränenfeuchtem Blicke ſah ſie end⸗ lich in das bleiche treue Geſicht des Geliebten, ſah, wie ſeine Augen ſo ruhig, wie ſonſt, auf den ihrigen weilten und ein leichtes Lächeln wie flüchtiger Son⸗ nenſtrahl aus trüben Wolken über ſeine düſtern Züge dahinglitt. „Glanbſt Du mich ſchuldig, meine Eliſabeth,“ fuhr er fort,„ſo führe ich Dich ſogleich nach Lind⸗ ſayhall zurück und leiſte Verzicht auf jede fernere Er⸗ örterung. Der Zweck meines Hierſeins iſt kein ande⸗ rer, als Dich dem Vaterhauſe wiederzugeben. Fro⸗ her würde ich von Dir ſcheiden, wenn ich mein Bild vorwurfsfrei und tadellos in Deinem Herzen zu⸗ rückließe. „Dein Herz, mein Lewis, hat ſich immer ſo treu 219* und rein bewährt, daß nichts bis jetzt im Stande war, nur den mindeſten Zweifel daran in mir aufkommen zu laſſen. Ich hielt den nächtlichen Ueberfall, die ſchrecklichen Flammen, ja ſelbſt meine Entführung nur für die Folgen der neuerdings leider wieder von meinem Vater an einigen Einwohnern in Dunmoore verübten, unglückſeligen Härte. An eine Mitwirkung oder ein Mitwiſſen von Deiner Seite dabei zu den⸗ ken, ſchien mir ſelbſt dann noch ein Frevel, als ich Dunfoore, den mir wohlbekannten alten Diener Eueres Hauſes, an der Spitze der aufgereizten Männer er⸗ blickte. Als ich Dich jedoch vorhin plötzlich unter ih⸗ nen erſcheinen ſah, als ich hörte, mit welchem Jubel ſie Dich begrüßten, da, o vergieb mir, Lewis! da war ich nicht länger ſtark in meinem Glauben, und die Kraft, welche mich bisher aufrecht erhalten hatte, brach zuſammen. Ich glaubte Dich im Bunde mit den fürchterlichen Menſchen, die ſich, ach! ſo entſetzlich gerächt haben. In meinem Innern begann ein hef⸗ † tiger Kampf der kalten Vernunft mit meiner heißen „ Liebe, und ich hielt Dich für ſchuldig, ich hielt Dich meiner nicht ferner werth, da Du im Stande warſt, alle Rückſichten, die mir ſchuldige Achtung, das Ur⸗ theil der Welt und Deinen eignen guten Ruf zu ver⸗ geſſen.— Aber muß ich's geſtehen?“ fuhr ſie in ſchöner Verwirrung fort.„Iſt Dir daran gelegen, Deine Triumphe durch mein Geſtändniß zu erhöhen? O ſo vernimm es, daß der Ton Deiner Stimme, als ich Dich vorhin mit der gewohnten Ruhe reden hörte, in ein entzücktes Ohr fiel. Schon fühlte ich mich um ein Großes beruhigt, und es entſtanden Zweifel bei mir über Deine Schuld! Sehe ich nun den Blick des freien Auges, der wie ſonſt zu meinem Herzen ſpricht, betrachte ich die hohe Stirn, auf welcher der Adel — 220 Deiner Seele unverkennbar wie immer thront, dann wird es mir ferner unmöglich, eine Schuld an Dir zu finden. Die ruhige Entſchloſſenheit, die ſich heute mehr als ſonſt in Deinem ganzen Weſen ſpiegelt, mag irgend einen andern, des Mannes würdigen Entſchluß, nur keine ſchlechte That bezeichnen. O gewiß, Du wußteſt Nichts vom Vorhaben dieſer Menſchen, Lewis! Fremd war Dir ſelbſt die Ahnung eines ſolchen Un⸗ ternehmens auf unſer Haus! O, ſprich es aus, mein Leben hängt daran. Biſt Du ſchuldlos, mein Lewis?“ „Ich bin ein O'Donnel!“ erwiderte dieſer mit ho⸗ hem Ernſt.—„Wenn Lewis' Worte den Eingang zu Eliſabeths Herzen nicht mehr finden, ſo hoffe ich, wird wenigſtens Lady Kildare's hoher Geiſt gleichen Flug mit meinem Stolze halten.“ „Ich erlaſſe Dir ja gern jeden ferneren Beweis, Du ſtolzer Mann. Höre auf, ich bitte Dich!“ ſo flehte Eliſabeth;„mein Herz hat längſt entſchieden. Verzeih', wenn ich, durch die Ereigniſſe dieſer unglück⸗ lichen Nacht ſo ſehr erregt, nur einen Augenblick an 1 Dir irre wurde! Was jetzt auch fernerhin geſchehen mag, es wird mich nicht mehr im Glauben an Deine hohe Tugend erſchüttern.“ Sie reichte ihm die Hand, die er mit Heftigkeit an ſein Herz preßte.„Doch wirſt auch Du mir ferner noch vertrauen, nachdem Du mich ſo ſchwach geſehen?“ „In dem, was Du Schwäche nennſt, theure Eli⸗ ſabeth, erblicke ich nur einen neuen Beweis Deines hohen Seelenadels, und glaube mir, nie fühlte ich heftiger, welch ſchweres Geſchick auf uns laſtet, als in dieſem ernſten Augenblick. O Eliſabeth, in Dei⸗ nem Beſitz wäre ich allzu glücklich geworden. Mein Loos wäre nicht das eines gewöhnlichen Sterblichen geweſen. Uebermüthig in Deinem Beſitze, würde ich nm 221 mich über Alle erhoben haben. Schwelge ich doch jetzt, während ich Dich nur als eine Heilige verehren darf, in Deinen Anblick, in Deine Reize verſunken, im ſeligſten Rauſche! Ich hätte den Himmel vergeſſen und Irland und die ganze Welt, denn Du wäreſt mein Himmel, meine Welt, mein Alles geworden. Aber der Menſch ſoll nicht zum Gotte werden; die Erde muß die Erfüllung der höchſten und heiligſten Wünſche verſagen, damit etwas für den Himmel übrig bleibe. So nun,“ ſchloß er mit weicher Stimme, „theile ich meine Liebe zwiſchen Dir und dem Vater⸗ lande, Eliſabeth, und am Ende meiner Tage ſehe ich im letzten Aufflammen des ſterbenden Herzens freudig zum Himmel empor, wo ich Dir allein mit unſterblicher Liebe ergeben ſein darf, und wo ferner keine irdiſche Macht, kein neidiſches Verhältniß uns trennen wird.“ Eliſabeth hatte ihren Kopf an O'Donnels Schul⸗ ter gelehnt; eine lange feierliche Pauſe folgte auf ſeine letzten Worte, während welcher er die tief Erſchütterte mit ſeiner Rechten umſchlungen hielt. Die halbe Mond⸗ ſcheibe erſchien eben oben an dem kleinen Stück Him⸗ melsgewölbe und warf ihr freundliches Licht in die tiefe Schlucht hinab, und mit gefalteten Händen blickte Sally, wie im andächtigen Gebete, auf die Liebenden. Thränen ſchimmerten in ihren ſchönen Augen, ihr Ge⸗ ſicht war ernſt und verklärt, wie das einer Heiligen. Sie lispelte einen guten Segen über das Paar froh und gerührt.„Seid ſtark!“ ſagte ſie,„der Herr iſt groß und allmächtig. Er, der Schweres über Euch verhängte, er kann ja Glück aus Unglück machen. Möge er ſich Euerer erbarmen und Euere ſchweren Leiden in Freuden verwandeln nach der Zeit der Prüfung!“ 222 „Amen!“ ſagte Eliſabeth unter einem tiefen Seuf⸗ zer.„Amen!“ ſagte O'Donnel gefaßt. Nachdem er Eliſabeth gebeten, etwas zu ruhen und dann ihre Anſtalten zum Aufbruche nach Lindſay⸗ hall zu treffen, verließ er die dunkle Wohnung, ſo⸗ wohl um mit Dunfoore die nöthigen Maßregeln des⸗ halb zu verabreden, als auch um den übrigen Män⸗ nern noch einigen Rath wegen ihrer Sicherheit zu er⸗ theilen, falls es ihm nicht gelingen ſollte, eine Am⸗ neſtie von Lord Kildare für das Geſchehene auszu⸗ wirken. 24. Der alte Seelöwe. „Schenkt mir doch einen Augenblick Gehör, Sir Lewis!“— mit dieſen Worten vertrat ihm der vor⸗ hin erwähnte Seemann, der ungeduldig auf ſein Her⸗ auskommen gewartet zu haben ſchien, den Weg.„Nur wenige Minuten, Sir! ſchenkt mir Gehör, wenn's Euch gefällig iſt, bevor Ihr eine neue That der chriſt⸗ lichen Liebe begeht, oder einen abermaligen Beweis der mir unbegreiflichen Geduld und Langmuth abgebt. Die Tochter Eueres Todfeindes iſt in Eueren Händen. Haltet ſie feſt, Sir! oder überlaßt uns ihre anſtändige Bewachung, bis uns Sicherheit wegen der nächſten Zukunft, wenigſtens für Leben, Freiheit und beſſern Unterthalt, vom lord of the manor gegeben iſt.“ „Euer Leben ſo wie Euere Freiheit würde jetzt 223 nicht geführdet ſein, wenn Ihr die That, die ich ſe wenig als Euere Feinde billigen kann, unterlaſſen hät⸗ tet,“ erwiderte O'Donnel kurz.„Sie würde nicht be⸗ gangen ſein, auf mein Wort! wenn ich im entfernte⸗ ſten hätte ahnen können, daß auch die Landleute auf den Beſitzungen meines ſeligen Vaters ihre Leidenſchaf⸗ ten ſo wenig zu zügeln verſtänden. Wozu führt dies, als zu noch größerem Druck und zu noch heftigerer Er⸗ bitterung von Seiten unſerer Gegner? Wer nicht war⸗ ten will, bis ich ſelbſt ihn den ehrenvollen Weg zur Freiheit führe, den muß ich fortan aufgeben und ſei⸗ nem Schickſale überlaſſen. Leid iſt mir's indeſſen um jeden Einzelnen, den ſein Verhängniß dahinreißt, und der, wenn ihn des Geſetzes Strenge trifft, unbeachtet, ja verachtet vom Leben ſcheidet auf dem Wege des ge⸗ meinen Miſſethäters.“ „Die ſchönen Worte haben wir ſchon oft von Ih⸗ nen und Ihren vornehmen Freunden gehört,“ entgeg⸗ nete der Seemann finſter.„Aber es bleibt bei den ſchönen Worten, und That und Wort iſt doch zweier⸗ lei. Nehmen Sie mir's nicht übel, Sir, ich war nie ein Freund von glatten Worten.— Auf, Burſche! ſo pflegte Rodney zu ſagen, hinauf in die Maſten! die Luken auf! eine volle Lage von unten und von 5 oben! und ſo wie wir dem Feind unterm Wind ka⸗ ˙ men, hieß es kurz ab: Segel ein! Enterhaken los! hinüber, Jungen, drauf und dran!— Das iſt auch meine Meinung, Sir. Wozu das Kreuzen und Lavi⸗ i. ren, ſobald der Feind uns die Flagge zeigt? Drauf und dran, Sir, ſage ich mit Rodney! Wozu das län⸗ gere Zaudern? Des Irländers Blut iſt leicht entzün⸗ det, doch brauchen muß man's, ehe es verraucht. Werfen Sie einen Brand in den leicht entzündlichen . Stoff, und die Glut wird alsbald in Flammen em⸗ 224 porlodern, während man mit der verglimmenden Kohle nur mühſam ein Feuer entzündet, das im langſamen Entſtehen gar leicht wieder zu löſchen iſt.“ „Wer ſeid Ihr, Mann?“ fuhr ODonnel gereizt den Sprecher an.„Ich kenne Euch nicht und ſah Euch nie zuvor in Dunmoore oder deſſen nächſter Um⸗ gebung. Wer giebt Euch das Recht, in ſolchem Tone mit mir zu ſprechen und von Verhältniſſen zu reden, die Euch Euerm Stande nach nur wenig bekannt ſein können?“ „Ich bin ein Mann,“ entgegnete Evans, ſarkaſtiſch lächelnd,„der die Welt ſchon etwas länger kennt, als Ihro Gnaden, ein Mann, der faſt in denſelben Ver⸗ hältniſſen geboren wurde, wie Sie, Sir Lewis, der Sproſſe eines Hauſes, das eben ſo alt, eben ſo edel, eben ſo berühmt iſt, als das der O'Donnel. An mei⸗ ner Wiege ſtand ein Vater, der Herr von Land und Leuten war und ſtolz auf mich, als den einzigen Er⸗ den ſeines Beſitzes, herabſah. Dieſer mein Vater wurde geächtet, vertrieben, ſeiner Güter beraubt und mußte arm und elend im Auslande ſterben. Warum? weil er ſtets Anſtalten traf zur Rettung des Vaterlan⸗ des, wie wir, und niemals drein ſchlug, wie wir, bis es zu ſpät war, wie wir's auch machen werden, wenn wir Ihnen folgen, Sir. Der Erbe des Na⸗ mens, auf den Irland einſt ſtolz war, deſſen Ahnen, mit den O Donnels vereint, dieſe Grafſchaft beherrſcht, ſteht vor Ihnen, Sir Lewis, ein armer, alter Lootſe. Wiſſen Sie nun, wer ich bin?“ „Ja, ich weiß es,“ ſagte der Baronet, tief er⸗ ſchüttert, und ergriff O'Neils Hand, um ſie herzlich zu drücken.„Ich habe Euch in Euerer Jugend recht wohl gekannt, Maſter ONeil; Ihr waret oft bei mei⸗ 225 nem ſeligen Vater. Aber Ihr habt Euch ſo verändert, daß ich Euch nicht wieder erkannt hätte.“ „Nicht wahr, das Leben hat auch meine äußere Hülle arg zugerichtet?“ lachte der Lootſe bitter.„Sie haben viel Böſes erfahren, Sir Lewis, aber alle Ihre Schickſale ſind Süßigkeiten gegen den Hefentrank, den mich das Leben bis zum Bodenſatz auszuleeren ge⸗ zwungen hat. Ständen Sie mit meinen Erfahrungen an meinem FPlatze, Sie würden denken und reden wie ich. Sproſſe einer edlen Familie, hatte ich nichts ge⸗ lernt, was mich nähren konnte; ich hatte ein kleines Eigenthum von meiner Mutter in Dunmoore und trieb Feldbau, aber ich war leichtſinnig und hatte Unglück. Meine junge Frau konnte ſich nicht in unſere Lage finden. Wir verarmten immer mehr. Hunger und Stolz trieben uns endlich mit unſerm Kinde fort. Auf Antrieb meines Weibes gingen wir nach London. Ich wartete dort der Einkehr des Glücks und nährte mich anfangs vom Pferdezureiten, denn ich war ein guter Reiter. Aber in einer böſen Nacht, wo ich leider über den Durſt getrunken, verlockt von Schelmen, wurde ich zum Matroſen gepreßt, von meinem Weibe und zwei Kindern geriſſen, und ſegelte an Bord des Intrepide wider meinen Willen in die weite Welt. Ich jammerte erſt nicht wenig, weil mir ahnete, daß die Armen nun wieder hungern würden, wie vorher. Doch die Peitſche machte mich luſtig. Gleich einem Wieſel erkletterte der Sohn der alten edlen ONeils, der Herren ungeheurer Länderſtrecken Irlands, die Maſten und lachte auf der luftigen Höhe in grimmi⸗ ger Fröhlichkeit hinaus in die ſtürmenden Wogen, bis mir heiße Thränen über die Backen herabfloſſen, und der kalte Nachtwind mich endlich hinab in die warme Hangematte trieb.— Am Hudſon, bei Rhodeisland, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 5 226 in den vſtindiſchen Gewäſſern kämpfte ich unter der Flagge des Volks, das ſich das freieſte der Erde nennt, gegen die Freiheit fremder Völker. Im Kampfe bei Miſore, wo wir zum Sturm auf die feſten Wälle von den Schiffen beordert wurden, verlor ich das Auge, und nach langer Abweſenheit habe ich erſt vor drei Jahren Englands weiße Felſen wiedergeſehen. Reiche Priſengelder wurden im Hafen von Portsmouth ver⸗ theilt. Voll Freude ſtieg ich ans Land. Das ver⸗ lorne Auge verſchaffte mir den Abſchied, und ich dachte nun wieder, wie ſonſt, nur an mein Weib und meine Kinder, und wie ſie nicht mehr zu hungern brauchten, wenn ſie noch lebten; ich hatte ſorglich für ſie geſpart. Der Jubel meiner Gefährten, die in trunkener Freude die Früchte langer blutiger Jahre am Ufer vergeude⸗ ten, reizte mich nicht. Die Wolluſt, die in ſo ſchreck⸗ licher Blöße ihre verführeriſchen Bilder in den See⸗ ſtädten entfaltet, hing ſich an jeden meiner Schritte. Doch ihre Lockungen wurden vergebens an mich ver⸗ ſchwendet. Nach allen Seiten hin herzhaft mich ih⸗ rer wehrend, drang ich durch die wüſten Haufen der feilen Dirnen; denn nach London trieb mich mein ſeh⸗ nend Herz. Ich hatte die Stelle am Quai erreicht, wo der Weg von Portsmouth nach Gasport führt, als mich vor einem Branntweinladen ein ſchönes Mäd⸗ chen anredete. An ihrer Kleidung erkannte ich ſie auch als eine der Luſtdirnen, die auf die geldſchweren Ma⸗ troſen warten, wenn ſie von den Schiffen ſteigen. Sie war nicht ſo frech, wie die andern, die ihr zu⸗ vorgekommen, ſich verſehen hatten; ihr blieb nichts übrig, als ſich an den alten Seemann zu wenden; aber ſie war nicht zudringlich, ihre weiche Stimme zitterte, ich ſah eine Thräne in ihrem herrlichen Auge glänzen. Da dachte ich an Gott und mein ewiges Heil, und 227 daß es die Engel im Himmel erfreue, wenn eine ge⸗ fallene Seele gerettet wird, und daß der ewige Vater einen Gnadenblick auf ihren Retter werfe. Ich blieb ſtehen, ſah dem bleichen Mägdlein mit den kummer⸗ vollen Zügen in die Augen und ſprach ernſt: Haſt Du darum dieſen ſchönen Leib von unſerm gütigen Gott zum Gnadengeſchenk erhalten, daß Du ihn auf der Straße für elend Geld an beſoffene Matroſen ver⸗ kaufeſt? Fühlſt Du nicht, daß Du Gott ſchändeſt, deſ⸗ ſen Ebenbild, ſein Geſchenk, Dein Leib iſt? Warum dienſt Du nicht als redliche Magd und iſſeſt Dich ſatt bei Müh' und Arbeit im Schweiße Deines An⸗ geſichts, wie Gottes Gebot lautet, ſtatt ein ſolch ver⸗ worfenes Leben zu führen?— Da ſtürzte das Mäd⸗ chen vor mir auf die Kniee und weinte: Herr, ich will Euch ja gern als Magd dienen, wenn Ihr mich haben wollt! Meine Mutter hat mich zu dem Leben erzogen, das ich treibe, und das ſie ſelbſt trieb, von der Noth gezwungen. Aber ſie iſt geſtern an einer böſen Krankheit geſtorben; gebt mir nur ſo viel, daß ich ſie begraben laſſen kann. Dann macht mit mir, was Ihr wollt.— Ein Stein hätte ſich erbarmen müſſen, wie viel mehr ich, der ich flennte, wie ein Kind. Wie heißt Du, armes Weſen? fragte ich. Sally, war ihre Antwort; ich bebte zuſammen beim Tone dieſes Namens, den mein älteſtes Töchterlein geführt. Und Dein Geſchlechtsname? fragte ich wei⸗ ter.— O'Neil!— Herr, als ſie das Wort geſprochen, war mir's, als ob die Häuſer am Quai über mich her⸗ ſtürzten und der Boden unter mir wankte. Wie die Donner einer vollen Lage vom Intrepide über die Wellen hinrollen, ſo tönte mein eigener Name, von den Lippen des unglücklichen Geſchöpfes gelispelt, zer⸗ malmend in meinem Innern wieder. Die Tochter der 156 228 Schande war mein eigenes Kind! Fühlen Sie, Sir, die bodenloſe Tiefe meines Jammers? Nein! Sie können es nicht! Kein Menſch kann es. Es ergab ſich aus wenigen Fragen ſonnenklar, ſie war mein Kind, und mein Weib, das dies mein Kind zu dem abſcheulichen Gewerbe angehalten hatte, war Tags vorher an den Folgen ihres Lebenswandels Todes verblichen. Wie ich geweint, geraſ't, das weiß ich nicht mehr. Genug, ich befand mich in der elenden Wohnung bei der Leiche meines Weibes. Geflucht habe ich ihr nicht, daß ſie mein Kind dazu gebracht; Noth und Mangel hatten ſie dazu getrieben; ihr jüngſtes Töchterlein war im Elend dahingeſtorben; ſie waren von London nach Portsmouth ausgewandert, um hier von den friſch ankommenden Matroſen beſſeren Ver⸗ dienſt zu haben und wohlfeiler zu leben. Nein, ihr habe ich nicht geflucht, ſie war ja todt, auch meinem Kinde nicht, es trug ja keine Schuld und war trotz ſeines tiefen Falles ein edles, treffliches Weſen. Sally war eine in den Koth getretene Perle; wahrlich, Sir, ſie war unſchuldiger, als manche Reine! Aber Irlands Unterdrückern habe ich geflucht, furchtbar geflucht, die mein Kind, die eine ONeil ſo weit gebracht haben, und habe ihnen ewigen Haß und Verderben geſchworen, und ich will meinen Schwur halten, oder nicht ſelig werden! O glauben Sie mir, Herr! mein Weib war ſchön und fromm und ihrem Gatten treu inmitten aller Verführung, welche ſie ringsum in London umgab. Ich küßte die kalte bleiche Stirn, und eine Thräne fiel aus meinem Auge auf die Sünderin. Es war die heißeſte Thräne in meinem Leben, aber in ihr ſprach ſich meine Vergebung aus, und ſie hat das Weib gereinigt von dem Fehltritt, den ſie aus Noth begangen hat. 229 „Ich ſchob eine Zwanzig⸗Pfund⸗Note in die gefal⸗ teten Hände der Todten, ergriff mein unglückliches Kind, um ein Land zu verlaſſen, wo ſeine Schande ſein elendes Leben gefriſtet, während der Ernährer, gewaltſam auf die Flotte geſchleppt, für britiſchen Nuhm in entfernten Weltgegenden gekämpft hatte. Ich führte ſie in mein armes Vaterland zurück und nährte mich als Loorſe. Da lernte ich mein Kind kennen. Das Mädchen iſt ein Engel, Herr, ein gefallener Engel, aber doch noch ein Engel des Himmels. Ihre Schön⸗ heit machte bald Aufſehen, zog Bewerber um ihre Hand herbei. Soll Evans ONeil einen Menſchen auf Erden betrügen? Nimmermehr! Eh' die Welt in Trümmern, als ſolches! Und als ein ehrlicher Mann ſagte ich allen Bewerbern, wie's um Sally ſtand. Wie mir das Herz dabei geblutet, wie Verzweiflung bei ſolchem Bekenntniß ihre Krallen mir in die Bruſt ſchlug,— davon will ich ſchweigen. Die Freier ſtan⸗ den natürlich ab; Keiner wollte der Gatte eines Mäd⸗ chens ſein, die einſt öffentliche Dirne geweſen war. Ich kann's Keinem verdenken und war nie bös dar⸗ über. Nun hab' ich ſie,“ murmelte er dumpf,„dem verkrüppelten Hausknecht in der Heideſchenke verlobt; der weiß es auch, will ſie aber aus Barmherzigkeit als ſein Weib wieder zu Ehren bringen, und ich bin ihm dankbar dafür.“ Jetzt ſchwieg der Erzähler, und tief gerührt er⸗ griff O'Donnel ſeine Hand mit den Worten:„Ich ehre Euern Schmerz, Mr. Evans, und erkenne, daß die Quelle Eueres Feuereifers, Eueres Thatendurſtes nicht gemeinen Urſprungs iſt. Sagt mir jedoch, was könnt Ihr einzeln oder in kleinen ungeregelten Hau⸗ fen gegen die überlegene Macht der königlichen Trup⸗ pen unternehmen? Geduldet Euch dies eine Mal noch, 230 guter Mann; in wenigen Wochen ſchon kann Vieles anders ſein.“ „Anders,“ lächelte der Lootſe bitter, und ſein Auge glühte in düſterm Feuer,„das räum' ich ein, ob aber beſſer, das iſt eine andere Frage. Sie ſcheinen noch auf andere Hülfe zu rechnen, Sir Lewis, wenigſtens laſſen mich die hingeworfenen Aeußerungen Dahna's und Dunfvore's auf ſo etwas ſchließen.“ Betroffen blickte O'Donnel den Alten an.„Laſſen Sie ſſich deshalb nicht bangen,“ fuhr jener fort;„der alte Diener Ihres Hauſes und der ehrliche Mic kennen mich gar wohl, auch war ich Ihrem braven Vater nicht unwerth, deß können Sie ſich vielleicht noch erinnern. Ich bin meines Gewerbes jetzt Lvotſe an den iriſchen Küſten. Ich komme und gehe, wie's trifft. Mein Geſchäft hier und drüben im Nachbarlande läßt mich Manches erfahren. Doch ich ehre jedes Geheimniß und habe dafür auch die meinigen. Seien Sie deſſen verſichert, Sir Lewis, daß meine Pläne die Ihrigen weder durchkreuzen, noch verderben, und daß ſie ohne den Beiſtand Anderer recht gut auszu⸗ führen ſind. Es iſt mir lieb, Sie wiedergeſehen zu haben; rechnen Sie darauf, daß ich Ihnen diene, wo ich nur kann.“ „Ich danke Euch herzlich, Maſter Evans,“ ver⸗ ſetzte O'Donnel dem hohen Manne, ihm die derbe Hand drückend.„Nehmt auch Ihr die heiligſte Ver⸗ ſicherung, daß ich an Euch und Euerm lieben Kinde den innigſten Antheil nehme. Nur um Eins bitte ich Euch: keine Uebereilung!“ „Sir Lewis! handeln Sie nach Ihrem Gutdün⸗ ken. Die Züchtigung, die wir an Kildare vollzogen, hatten wir Alle einſtimmig als gerecht erkannt. Seine Tochter, die, wie Sie vielleicht gehört haben, meinem 231 Mädchen dort mit vieler Liebe zugethan iſt, war Jedem von uns heilig, wird ferner Jedem heilig ſein. Der Maßſtab, nach dem wir Ihre Gefühle berechneten, ich und der alte Dunfoore, als wir beſchloſſen, die edle Dame, die Sie, wie wir wiſſen, ſeit längeren Jahren ſchon geliebt haben, Ihnen zuzuführen, war der un⸗ richtige, das geſteh' ich gern zu. Vergeben Sie den Mißgriff!“ Evans ſprach hierauf noch einige leiſe Worte zu ſeiner Tochter, die eben aus dem Innern der Grotte trat, und miſchte ſich dann unter die übrigen Männer, während O'Donnel ſeine weitern Maoßregeln mit Dunfoore überlegte und den jüngern Dahna beauf⸗ tragte, ſeiner mit dem Pferde vor dem Schloßthore zu Lindſayhall zu warten. Dann verfügte er ſich wieder zu Miß Eliſabeth. Dunfoore's Dienſteifer verſchaffte der Dame alle in dieſen Steinhöhlen mögliche Be⸗ quemlichkeit, und Sally und Judy Leghan beeiferten ſich, ſie zu bedienen. O'Donnels Auge ruhte mit wehmüthiger Theilnahme auf der erſteren. 25 Aeherfall und Fucht. Nach Mitternacht wurden einige Fackeln angezün⸗ det, und Eliſabeth war eben im Begriff, an Lewis Arme, in Begleitung Sally's und einiger Burſche, die die Fackeln trugen, die ſchauerliche Felſenwohnung zu verlaſſen, als plötzlich ein dumpfes Getöſe aus dem 232 Felſengange an ihr Ohr ſchlug. Aufmerkſam blieben ſie horchend ſtehen. Da erſchallte von der Spitze der Felſen, wie aus dem Himmel herab, der Ruf der Wachen:„Verrath! Ueberfall! Rettet Euch!“ Und in demſelben Augenblicke ſtürzten mehrere Männer aus dem Gange herbei und ſchrieen:„Die Rothen dringen herein und haben die Teufelsmauer umſtellt! Es muß uns Einer der Unſrigen verrathen haben. Schon liegen einige unſerer Beſten in ihrem Blute!“ Auf dieſe Schreckensnachricht griffen die meiſten nach den Waffen und ſtürmten in den Gang, um die Soldaten von den Felſen herab zu erſchlagen; Andre ſtiegen auf den Leitern empor. Es war eine allgemeine Ver⸗ wirrung. Niemand dachte mehr an die Frauen und O'Donnel, die in einen peinlichen Zuſtand verſetzt waren. Lewis überſah das Schreckliche ſeiner Lage mit beſonnenem Blicke. Sally rief entſchloſſen:„Um aller Heiligen wil⸗ len, ſchnell! Sir O'Donnel, fort von hier! Man darf Sie hier nicht finden! Ich wäre untröſtlich als die Urheberin Ihres Unglücks!“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Lewis,„ich muß fort! Unſer Plan ändert ſich. Die königlichen Soldaten, wahrſcheinlich Lord Werford an der Spitze, der viel⸗ leicht heute aus Tipperary zurückgekehrt iſt, kommen Dich zu befreien, Eliſabeth. Würden ſie auch mich hier finden, es wäre mein Untergang, und das wäre noch das Geringſte; nein! es wäre auch der Unter⸗ gang eines großen heilſamen Unternehmens. Leider wird ihnen mein Pferd ſchon in die Hände gefallen ſein, ein böſer Umſtand für mich! Die gebieteriſche Nothwendigkeit zwingt mich, Dich dem Lord Wexford zu überlaſſen, Eliſabeth, und mit blutendem Herzen 233 ſcheide ich von Dir, um mein Heil in der Flucht zu ſuchen.“ „Ich ſehe ein, daß Du fort mußt,“ verſetzte Eli⸗ ſabeth,„aber es iſt mir unmöglich, allein in dieſem ſchauerlichen Aufenthalte, in dieſer fürchterlichen Lage, zurückzubleiben. Ich würde ſterben, wenn der blutige Kampf ſich bis hierher wälzte, und es iſt alle Wahr⸗ ſcheinlichkeit dazu da. Ich würde ſterben über die Ungewißheit Deines Schickſals. Ich fliehe mit Dir. Und ſollſt Du umkommen in dieſen dräuenden Felſen oder im Meere, ſo will ich mit Dir ſterben; ſollſt Du gefangen werden, ſo will ich ebenfalls Dein Loos theilen.“ „Aber Du wirſt die gefährlichen Leitern in der Nacht nicht ſteigen können; jeder Schritt auf den Fel⸗ ſen, deren Gelegenheit wir nicht kennen, droht Dir den Tod!“ „Dir nicht minder, mein Freund!“ ſagte Eliſabeth zärtlich.„Komm, laß uns zuſammen ſterben!“ Ihr Auge ſtreifte ihn mit einem unausſprechlich ſüßen Blick, ihr Kopf ſank an ſeine Bruſt. „Fort, Fort!“ ſtürmte jetzt Sally herbei, die im Felſengange gelauſcht hatte.„Die Weiß⸗Jungen wer⸗ den zurückgedrängt, die Soldaten werden bald hier ſein. Fort, um Gottes heiligen Willen!“ Wirklich ertönte jetzt Waffengeklirr an der Ge⸗ ängſteten Ohr. Da ſtürzte Judy Leghan herein und rief:„Folgt mir! ich kenne den Weg über die Fel⸗ ſen.“ Und raſch eine der Leitern erklimmend, zog ſie die Lady nach. Dieſer folgte Lewis, und zuletzt er⸗ ſtieg Sally die gefahrvolle Staffel, ſtets bereit, den Baronet mit ihren Händen zu unterſtützen, oder, wenn er wankte, von ihm hinabgeſchleudert zu werden. Glück⸗ lich gelangten ſie auf die Felſen hinauf. Wildes, 234 kampfempörtes Geſchrei drang ihnen nach aus der Tiefe herauf, Geheul der Verwundeten, Geſtöhn der Sterbenden, Fluchen der Streiter, mit dem ſchauerli⸗ chen Rauſchen der Waffen untermiſcht, und der Wider⸗ hall der Felſen, der all' dieſe Töne zuſammengeſchmol⸗ zen, im vielfachen Echo als dumpfes Chaos zurückgab. Schaudernd blickte O'Donnel hinab und erkannte im dünnen Mondſtrahle die Würgeſcene nur zum Theil in der Tiefe. Andere Flüchtlinge folgten auf den Lei⸗ tern nach. Da ergriff er Eliſabeths Arm und zog ſie eiig fort. Und über ſcharfe Kanten, an furchtba⸗ ren Abgründen hin, wo der Fuß kaum einen Halt hatte, an der feuchten Steinwand hingeſchmiegt, über Riſſe und Spalten ging der gräßliche Weg. Endlich rauſchte ihnen auf der andern Seite das Meer aus der Tiefe der einſamen Kenmare⸗Bay entgegen. Der Mond warf ein melancholiſches Licht über die ſtarre Landſchaft. Der Weg ging abwärts und wurde nun ſchier noch gefährlicher; Judy immer voran. Eliſabeth ſchwindelte, als ſie in die Bucht hinabſtarrte, und der vom Monde noch weißer gebleichte Silber⸗ ſchaum derſelben ihr das Auge blendete. Lewis er⸗ griff ſie unter den Armen und trug ſie kühn und ſicher vollends hinab. Aber troſtlos ſahen ſie über das rauſchende Gewäſſer der Bucht hin. Was ſollte nun weiter werden? Hier war jede Rettung fern. Verzweiflungsvoll ſtarrte O'Donnel in die Nacht und die Ferne hinaus, und Eliſabeth gab leiſe Klagelaute von ſich. Sally lief wie eine Gazelle am Felſen⸗ rande hin und war bald den Blicken der Uebrigen entſchwunden. „Hierher, hierher!“ übertönte plötzlich ihr Ruf das Rauſchen der Wellen, und gleich darauf wurde O'Neils Stimme laut, der von den Felſen herabſtieg. 235 Der helle Klang einer Bootsmannspfeife ſchrillte durch die Luft, und wenige Minuten darauf bog ein kleines Boot um die Felſenecke. „Wir ſind gerettet!“ rief Eliſabeth. „Gerettet durch Sally!“ ſetzte O'Donnel hinzu. Dieſe trat in demſelben Augenblicke heran; auch das Boot lag zu ihren Füßen. „Hinein!“ drängte Sally und ergriff Eliſabeths Hand. O Neil war bei ihnen und half Judy; dann ſprang er ſelbſt nach, nahm die Ruderſtange, die ihm ſein das Boot führender Knecht überreichte, und das leichte Fahrzeug ſchoß von ſeinem Stoße in die Fluth. 26. Der Morgen in Lindſayhall. Der junge Morgen huſchte trübe und traurig um die rauchenden Trümmer des neuen Schloſſes zu Lind⸗ ſayhall und lockte hier und da noch eine Flamme aus dem glimmenden Gebälk, um in Verbindung mit ihr die neblige Winternacht zu vertreiben, die immer noch nicht weichen wollte, obgleich ſie ſchon lange über die Hälfte des Stundenkreiſes für ſich weggenommen hatte. Um die glühende Aſche wandelten, aus Nebel und Nacht auftauchend und blutroth angeſtrahlt vom aufſprühenden Zorn der Flamme, bleiche, elende, zer⸗ lumpte Geſtalten, deren ohnedies thieriſche Züge, von roher Schadenfreude und befriedigter Racheluſt widrig 236 verzerrt, ſich angrinſtten. Es waren die unglücklichen Einwohner von Dunmoore und anderer benachbarten Ortſchaften. Sie flüſterten ſich mancherlei unheimliche Dinge zu, indem ſie ſich ſcheu nach allen Seiten um⸗ ſahen; ſie ſchienen ſich nicht allein vor den Die⸗ nern des Lords Kildare zu fürchten, die zuweilen das Volk fluchend und tobend bei Seite ſtießen; ſie ſprachen auch von Sir William O'Donnels Geiſt, der ſich gezeigt, ſo wie von einzelnen„guten Leu⸗ ten,“ die in der Nacht hohnlachend das Feuer geſchürt hätten. Aus des Parkwärters Wohnung ſchimmerte ein trübes Licht, und Shaun Donnough marſchirte, eine Büchſe im Arm, vor derſelben auf und ab, und dro⸗ hete, Zeden, der zu nahe komme, oder irgend einen ungebührlichen Lärm mache, wodurch der Lord in ſei⸗ ner Ruhe geſtört werden könne, auf der Stelle zu erſchießen. Kein Menſch wagte ſich deshalb heran, und der dienſteifrige Wildhüter hatte daher Muße, ſeine Waidflaſche oft genug zum Munde zu führen, um ſie bald zu leeren und ſich ſelbſt zu füllen. Da⸗ durch in eine ſelige Vergeſſenheit gerathen, hatte er nicht bemerkt, wie eine kleine menſchliche Geſtalt, aus den ſchweren Morgennebeln ſich heraushüllend, vor⸗ ſichtig nach der Thüre des Parkhauſes ſchlich, bis ſie nur noch einen Schritt von ihm entfernt war. Ha⸗ ſtig fuhr er mit der Büchſe an das Kinn und kreiſchte mit heiſerer Stimme:„Wer da?“ Aber ſchon war der Andere bei ihm und ſagte mit ſpötti⸗ ſcher Lache:„Seht Ihr mich für einen Haſen an, Shaun? Dann müßte ich Euer Herz haben. Und ſelbſt dann bliebe mir vom eignen Blut genug, um, ohne das Euerige in Wallung und Euere Augen in Verlegenheit zu ſetzen, glücklich Eueres eigenen Hauſes Thüre zu erreichen. Dankt Gott, guter Mann, daß Ihr nur das Bettlervolk dort in Reſpect zu erhalten habt; denn wären noch welche von den verdammten Weißkitteln hier, ſo würden Euere Gänge hier ſehr überflüſſig ſein.“ Der Parkwärter holte tief Athem und ſagte mit großer Offenherzigkeit:„Ja, Tim, ich danke dem hei⸗ ligen Patrik, daß Du es biſt, und kein Andrer. Ich habe ſeit dieſer Nacht vor den raſenden weißen Bur⸗ ſchen eine ſolche Furcht, daß mich eine Gänſehaut überläuft, wenn ich nur an ſie denke. Einer dieſer Schelme riß mir meine beſte Doppelflinte, die ich in aller Eile ergriffen, aus der Hand und ſchlug mich damit dermaßen über den Kopf, daß ich— Gott weiß, wie lange!— beſinnungslos am Boden lag; denn als ich wieder zu mir kam, war das Schloß ſchon halb niedergebrannt, und weil mir Alles am Leibe weh thut, ſo vermuthe ich, daß der ganze Haufe über mich hinmarſchirt iſt.“ „So habt Ihr wirklich den Spitzbuben auf ſehr fühlbare Weiſe etwas unter den Fuß gegeben, nach⸗ dem Ihr dem ſchlagenden Witz derſelben nicht habt widerſtehen können,“ lachte Tim, der dem Wild⸗ hüter alle erfahrene Unbill von Herzen zu gönnen ſchien. „Galgenſtrick!“ ſchimpfte Shaun.„Bin ich doch nicht der Einzige, dem ſie dies iriſche Witzſpiel aufge⸗ ſpielt, ich meine auf den Rücken oder den Kopf. Der Lord,“ fügte er flüſternd hinzu,„mußte ihnen als Baßgeige dienen, worauf ſie ihre Fiedelbogen zum Tanz aufſtrichen; Miß Margaret aber war die kleine Geige, und auf ihr haben ſie einen Reel geſpielt, an den ſie Zeit ihres Lebens denken wird.— Doch ich ſchwatze, ohne Dich nach dem Wichtigſten zu fragen. 2—————— — — Was bringſt Du für Nachrichten, Tim? Biſt Du mit Deiner guten Naſe den iriſchen Raubthieren auf die Spur gekommen?“ „Wenn Ihr auch kein Bedenken tragt, mich für einen Hund zu halten,“ verſetzte Tim ärgerlich,„ſo ſeid Ihr doch der Jäger nicht, dem ich apportire. Schläft der Lord?“ „Ich weiß es nicht, aber er hat ſchon nach Dir fragen laſſen.“ „Warum ſagt Ihr mir das nicht gleich?“ Mit dieſen Worten glitt Tim durch die Thüre und ſteckte ſeinen Kopf lauernd in die Stube. Hier ſah es la⸗ zarethmäßig aus, oder vielmehr noch etwas ſchlimmer. Das Ehebett des Wildhüters hatte Miß Margaret Fitzjames eingenommen, die ſich, mit verbundenem Kopfe und bleichem, blutgefleckten Geſicht aus den buntüberzogenen wollenen Decken hervorlugend, ſeltſam genug ausnahm. Einen noch wunderlichern Anblick gewährte aber auf der andern Seite Lord Kildare auf dem Lotterbette, das ſtolze Haupt gleichfalls in Bandagen, wozu aber nicht die feinſte und reinſte Leinwand genommen worden war. Beide ſtöhnten um die Wette, und ein Diener lief von einem Bette zum andern, um die vom Schmerz ausgepreßten Worte aufzufangen. In der offenen Kammer zeigte ſich die Frau des Wildwärters, bemüht, ihr kleines Kind ruhig zu erhalten. Hier und dort lagen und ſtanden eine Menge der verſchiedenſten Dinge, theils von hohem Werth, theils ſehr geringfügige, wie ſie Zufall und Beſtürzung aus dem brennenden Schloſſe gerettet und ohne Wahl hierher geſchleppt hatten. Der Diener bemerkte kaum Tims liſtiges Geſicht, als er auch ſchon ſeinem ſeufzenden Herrn davon Nach⸗ richt gab. 239 „Tim? Tim!“ fuhr Kildare empor.„Was bringſt Du? Was haſt Du ausgerichtet? Komm ſchnell! meine Seele lechzt nach ein paar Worten aus Deinem Munde. Biſt Du ſchon wieder da! Das nenn' ich ſchnell expedirt!“ „Dafür iſt er aber auch Ihr getrener Bote Däum⸗ ling mit den Siebenmeilenſtiefeln,“ ſagte Margaret giftig.„Und hat er nicht Däumlingsgeſtalt.“ „Verzeiht, wunderſchöne Dame,“ verſetzte der kleine Hausknecht mit Lachen,„Zum Däumling bin ich doch etwas zu groß gerathen; ſo es Euch jedoch beliebt, mich mit einem der trefflichen Märchenhelden zu ver⸗ gleichen, ſo nennt mich lieber Ruprecht mit der Kuppe, und ich bin ſtolz genug, zu glauben, daß ich dieſem wackern Prinzen nicht allein an Leibesgeſtalt ähnlich bin. Ihr werdet mir dann aber auch erlauben, Euch für die Schönſte aller Schönen, für die ſehr ehren⸗ werthe Prinzeſſin Tauſendſchön zu halten, bevor ſie mit dem Prinzen Ruprecht bekannt wurde*).“ *) Die ſchöne Märchenwelt iſt Manchem fremd geworden oder gar geblieben; deshalb die kurze Erklärung: Däumling war der jüngſte und kleinſte Sohn eines armen Holzhackers, bei ſeiner Geburt nicht größer, als ein Daumen und ſpäter im Wachsthum nicht ſehr vorgeſchritten, dafür aber deſto klüger. In ſeiner Geſchichte kommen viel ſchlagende Beweiſe ſeiner Klugheit vor; er rettete ſich und ſeinen Geſchwiſtern zu verſchiedenen Malen dadurch das Leben, betrog den Men⸗ ſchenfreſſer Oger und zog, verfolgt von demſelben, dieſem Rieſen die Siebenmeilenſtiefeln aus, die er nachher trefflich benutzte, und als Bote des Königs große Reichthümer er⸗ warb.— Ruprecht mit der Kuppe war ein ſehr häßlicher kleiner Prinz, mit einem Haarbuſch auf dem Haupte, der ihm den Beinamen gab. Doch hatte ihm ſeine Frau Pathe, eine Fee, die Eigenſchaft verliehen, daß er von ſeiner immenſen Klugheit einem andern menſchlichen Weſen ſo viel mittheilen konite, wie ihm beliebte. Mit den Töchtern des benachbar⸗ „Infamer Schuft!“ ſchimpfte die Miß emporfah⸗ rend, aber ein ſtechender Schmerz preßte ihr einen heftigen Schrei aus, mit welchem ſie auf das Lager zurückſank. Mit thränender Wuth und zorngereizter Stimme ſchrie ſie:„Mylord, wie können Sie leiden, daß mich dieſer Wechſelbalg mit frecher Stirn ſchmäht und beleidigt! Es wird mein Tod ſein, ſag' ich Ihnen!“ „O meine Werthe!“ verſetzte Kildare ziemlich gleich⸗ gültig,„ich kann nicht umhin, den Vergleich des klei⸗ nen Manues hier als ſehr treffend anzuerkennen. Für⸗ wahr, hätten Sie etwas mehr Verſtand gehabt, als Prinzeſſin Tauſendſchön, ſo ſtände mein ſchönes Schloß noch, und wir lägen Beide nicht hier an allen Glie⸗ dern zerſchlagen.“ „Warum ſind Sie meinen Eingebungen gefolgt, die doch, Ihrer eigenen Ausſage nach, ſo dumm wa⸗ ren?“ eiferte die Dame.„Dies iſt wahrlich keine Empfehlung Ihres eigenen Verſtandes.“ „Freilich bin ich ein Thor geweſen, aber Sie ſol⸗ len mich nicht vergebens daran erinnert haben. Ich werde auch ohne Sie leben können. Und nun bitte ich, Ruhe zu halten; denn ich bin ſehr begierig auf Tims Bericht.“ Aber Miß Margaret ſchrie und ſchluchzte und zeigte ſich ganz ungeberdig; des Parkwärters Frau kam hinzu, um ihr beizuſtehen, und verſicherte den Lord, die ten Königs, Tauſendſchön und Tauſendklug, hatte es ähn⸗ liche Bewandtniß. Die erſte war die größte Schönheit, aber über alle Begriffe dumm, doch beſaß ſie ebenfalls durch eine Fee die Eigenſchaft, einem menſchlichen Weſen von ihrer Schönheit ſo viel mitzutheilen, wie ſie wollte. Ruprecht und Tauſendſchön lernten ſich kennen, halfen einander aus und wurden ein Paar. 241 Miß werde den Geiſt aufgeben, wenn er fortfahre ſie zu ärgern. Dies ſchien auf den Unwilligen Eindruck zu ma⸗ chen; er ſprach einige begütigende Worte zu der Ge⸗ kränkten, winkte Tim an ſein Bett heran und befahl ihm, leiſe zu reden. „Ich kann mich kurz faſſen,“ verſetzte dieſer.„Wir haben die Mordbrenner richtig in ihrer Raubhöhle er⸗ wiſcht. Viele davon liegen todt in den Klüften der Teufelsmauer; Einige, und darunter den alten Rä⸗ delsführer Dunfvore mit ſeinem jüngſten Sohn, ha⸗ ben wir gefangen genommen. Viele haben ſich durch die Flucht gerettet, und unter dieſen befindet ſich lei⸗ der Sir Lewis O'Donnel mit der geraubten Lady Eli⸗ ſabeth.“ O'Donnel!“ kreiſchte der Lord auf.„War er wirklich unter dem Raubgeſindel? Vielleicht gar ihr Anführer?“ „Zweifelsohne. Als ich Sie verließ, um auf Ih⸗ ren Befehl, Mylord, dem Lord Werford zur Aufſpü⸗ rung der M n behülflich zu ſein, ver⸗ muthete ich gleich, daß ſie ſich in die Höhlen der Teufelsmauer zurückgezogen haben würden. In der größten hauſ'te nämlich der alte Dunfvore, ſeit Ihr Pächter ihn aus dem Hauſe werfen ließ, nebſt einigen Andern, denen Aehnliches begegnet iſt. Ich zog ſchnell mein Hemd über die andern Kleider, entſtellte mein Geſicht, ſo gut ſich's in der Eile thun ließ, mit Aſche und Kohle des brennenden Schloſſes und kroch vorſich⸗ tig durch das Geſtein der Drachenkrone. Meine Ver⸗ muthung, daß ſie dort Wachen ausgeſtellt haben wür⸗ den, betrog nicht; ich ſah hier und da einen Weißkittel auf einem Peſeneſnpze im ſchwachen Mondlicht ſchimmern. Bald vernahm mein lauſchen⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 16 242 des Ohr Pferdegewieher durch die Stille der Nacht; ich ſchlich dem Tone nach. In einem Hohlwege find' ich einen Knaben, der Sir Lewis mir wohlbekanntes Pferd, den Abdul, hält. Ich mache mich an den Jungen und erfahre in wenig Augenblicken von der Unſchuld, daß Sir O'Donnel mit Dunfoore nach der Schlucht gegangen iſt, wo die Uebrigen ſich auch be⸗ finden. Ich wußte genug und ging zurück. Am Ein⸗ gange der Felſen war Lord Werford mit ſeinen Rei⸗ tern zurückgeblieben; ſie ſaßen ab, luden ihre Karabiner und Piſtolen, und vorſichtig führte ich ſie auf Felſen⸗ pfaden, die außer mir Wenigen bekannt ſind, nach der Höhle hinab. Wir umgingen auf dieſe Weiſe die mei⸗ ſten Wachen. Der Kampf war hart und blutig, die Kerle haben ſich gewehrt, wie Teufel. Ich habe mich fern gehalten; denn das Volk darf nicht wiſſen, daß ich die Soldaten geführt; ſonſt wär' es morgen um mein Leben geſchehen.“ „Du haſt recht, mein braver Burſche. Und ich brauche Deine Hülfe noch längere Zeit, als bis mor⸗ gen. Das Eine empört mich, daß Ihr den ſaubern O'Donnel nicht in der Falle gefangen habt. Und auch meine Tochter habt Ihr nicht?“ „Auch ſie iſt entflohen; ob gezwungen oder frei⸗ willig, wer will's behaupten?“ „O, daß ich das erleben muß! Mir mein Kind zu rauben! Der Schändliche! Darauf war ich nicht gefaßt. Ich traute dem äußern Schein ſeines Edel⸗ ſinnes, und nun wird mir's erſt klar, daß er aus keiner andern Urſache aus Frankreich herübergekommen iſt, als dieſe Rache an mir zu nehmen. Zetzt iſt er mit dem geraubten Mädchen dahin zurückgekehrt. Aber warte nur, Bube, Du ſollſt auch in Frankreich keine Ruhe vor mir haben!“ „ 5 Verdrießlich wandte ſich der Lord auf die andre Seite, und Tim ſtand, plötzlich ſehr überflüſſig gewor⸗ den, neben dem Bette und machte ein langes Geſicht. Margaret, die des Lords Stimmung bemerkte, ließ ſogleich ihrem Groll gegen den Hausknecht freien Lauf und befahl ihm, ſich ſogleich zu entfernen und ſich* nie wieder vor ihr ſehen zu laſſen. Sie ſchrie dem Lord zu, dieſen Befehl zu beſtätigen, weil das längere Bleiben des ihr verhaßten, abſcheulichen Menſchen un⸗ fehlbar ihren Tod herbeiführen würde. „Geh, Tim,“ ſagte der Lord mürriſch,„und komm nicht eher wieder, bis ich Dich rufen laſſe.“ Der Hausknecht ſchnitt eine ſcheußliche Grimaſſe, drückte ein heiſeres, verzweifeltes Lachen, das ihm ent⸗ fuhr, in die Bruſt hinab, daß es ſchier hohl unt ſchauerlich klang, und verließ die Stube. Draußen knirſchte er mit den Zähnen, ballte die Fauſt und murmelte Flüche. Dann ſchlug er den Weg heim⸗ wärts nach der Heideſchenke ein, um mit Tagesanbruch auf ſeinem Poſten zu ſein. 2. Die heiden Rehenbuhler. Tim hatte kaum das Feld geräumt, als eine lu⸗ ſtige Fanfare aus kleiner Entfernung die Aufmerkſam⸗ keit des Volks erregte. Alles, was auf den Beinen war, ſtrömte nach der Gegend hin, woher die Töne kamen, und bald ſah man in der mehr 26 244 überhand nehmenden Morgenhelle eine anſehnliche Rei⸗ terſchaar, Lord Wepford an der Spitze, daher ziehen. In der Mitte derſelben gingen gefeſſelt und an Pfer⸗ deſchweife gebunden Samuel Dunfoore, ſein Sohn Patrik und noch fünf andere Gefangene. Der Greis ſah ernſt und gefaßt vor ſich hin; er ſchien in ſein unvermeidliches Schickſal ergeben. Auf den Geſichtern der Uebrigen malte ſich Verzweiflung. Das verſam⸗ melte Volk ſchrie laut auf bei ihrem Anblick; es war ein herzzerreißender Jammerſchrei. Am Parkhauſe angekommen, warf ſich Wezford vom Pferde und eilte hinein.„Triumph!“ rief er dem ſich erhebenden Kildare entgegen.„Die Buben ſind theils gefangen, theils erſchlagen. Das hatten ſie ſich nicht gedacht, daß die Sache in Tipperary be⸗ reits abgemacht, und ich ſchon zurückgekehrt ſei. Wahr⸗ lich, zur rechten Stunde traf ich ein. Hab' ich Ihnen auch Ihr Schloß nicht erhalten können, Mylord, ſo hab' ich doch die verruchte Bande vernichtet, die Ihr Schrecken war und Sie in dieſen elenden Zuſtand ver⸗ ſetzt hat.“ „Aber meine Tochter? Haben Sie mein Kind be⸗ freit, Mylord, und bringen es mir zurück?“ Werford zuckte mit den Achſeln und erwiderte: „Der edle Sir Lewis O'Donnel iſt mir leider zuvor⸗ gekommen. Es leidet keinen Zweifel, daß er ſich mit ihr in ein Schiff geflüchtet, das ſie nach Frankreich trägt. Dieſer Verluſt trifft mich nicht minder, als Sie, Mylord.“ Kildare legte ſich auf das andere Ohr und zeigte dem tapfern Obriſten nicht die mindeſte Theilnahme mehr. Was hätte ihn dieſer Mann auch ferner noch intereſſiren können, da durch Eliſabeths Raub jeder Plan auf eine Verbindung mit Werford vernichtet — ———— 245 war? Dieſer trat nun an Miß Margarets Bett und ſprach zu der arg Mißhandelten mit einer Zärtlichkeit, die das Maß einer gewöhnlichen Theilnahme bei wei⸗ tem überſchritt. Sie erzählte ihm, auf ſein Befragen, wie ſie von den fürchterlichen Weißkitteln überfallen und ſo ſchlimm geſchlagen worden ſei, daß man ſie für todt hierher getragen habe, daß es dem Lord, der von einer Jagdpartie aus der Nähe heimkehrend das Schloß bereits in Flammen gefunden, nicht beſſer er⸗ gangen ſei, als er ihr habe zu Hülfe kommen wollen, und daß ſie erſt durch die Stimme des Obriſten, die ihr angenehm, wie ſtets, in die Seele gedrungen, von ihrer ſchweren Ohnmacht erwacht ſei, ihn aber nach⸗ her nicht gefunden habe. Ein feuriger Händedruck Wexfords war eine deut⸗ lichere Antwort, als er in Kildare's Gegenwart redend geben konnte. „Ich war kaum angekommen,“ verſetzte er, ſich entſchuldigend,„und hatte einige Worte mit Kildare gewechſelt, als ich auch ſogleich wieder aufſaß, um die rebelliſchen Hunde in ihren Schlupfwinkeln aufzuſu⸗ chen, was mir glücklich gelungen iſt. Ich kann Ih⸗ nen eine glänzende Rache an Ihren Peinigern ver⸗ ſprechen.“ Sie dankte und flüſterte ihm noch einige Worte zu, die Kildare's Ohr nicht erreichen durften, dann empfahl er ſich. Draußen ordnete er ſofort an, daß die Gefangenen in das alte Schloß nach Lindſayhall in Gefängniſſe gebracht und ſeine Reiter mit einem guten Frühſtück regalirt würden. Er ſelbſt nahm in der Mitte ſeiner Offiziere um einige Fäſſer und halb verbrannte Tiſche Platz. „Nichts iſt mir empfindlicher,“ nahm er das Wort, „als daß uns der irrende Ritter mit ſeiner köſtlichen Qo en eheen, 246 Beute durch die Lappen gegangen iſt. Er hätte uns für das ruinirte Schloß büßen ſollen, deſſen Einäſche⸗ rung allein von ihm herrührt.“ „Es iſt durchaus nicht erwieſen, daß Sir O'Don⸗ nel in der Schlucht war,“ erhob der Kapitän Howard grollend die Stimme,„und die Gefangenen, die ich darüber vernahm, leugnen es hartnäckig. Sir Lewis iſt ein Gentleman in jeder Hinſicht, Mylord! und demnach keiner ſolchen Schandthat fähig.“ „Auch wir kennen den Baronet als einen Ehren⸗ mann, Herr Obriſt,“ ſagten einige andere Offiziere; „wir hatten faſt Alle Umgang mit ihm und müſſen daher bis auf Weiteres für ſeine Ehre bürgen.“ „Hört man die Herren,“ rief der Obriſt,„ſo möchte man glauben, der Baronet ſei der Edelmann par excellence. Ich bin jetzt Partei, meine Herren, und enthalte mich daher fürs Erſte jedes fernern Ur⸗ theils über O'Donnel. Was ich jedoch ſo eben hin⸗ ſichtlich Ihres Umganges und Ihrer nähern Bekannt⸗ ſchaft mit Sir Lewis höre, iſt mir bei der kurzen Zeit, welche das Regiment in der Gegend ſteht, faſt unbe⸗ greiflich, und muß mich um ſo mehr befremden, da es Keinem von Ihnen unbekannt ſein kann, welche Mei⸗ nung Se. Excellenz, der Lord Lieutenant, von jenem unſtätt umherirrenden Manne hegt. Verzeihlicher ſchon finde ich es, wenn Sie, Kapitän Howard, keine böſe Meinung von Ihrem Jugendfreunde haben, deſſen. Ruf. ausgenommen in den untern Volksklaſſen, eben nicht der beſte iſt. Ich bitte indeß jetzt im Allgemeinen, daß die Herren hinfüro aufmerkſamer auf ihren Umgang ſind und überhaupt den Dienſt des Staats nicht über Ihren Jagdzügen und Tafelfreuden vernachläſſigen. Und wenn das Herz auch bricht, Mr. Howard, ver⸗ 247 geſſen Sie über der Freundſchaft Ihre dem Könige ſchuldige Pflicht nicht.“ „Ich werde O'Donnel der ganzen Welt zum Trotz meinen Freund nennen,“ brummte Howard ver⸗ drießlich in ſich hinein, während die Falkenaugen des Obriſten ſich auf ein leiſes Geräuſch nach dem Thore hinwandten und, unerachtet der noch herrſchenden Däm⸗ merung und des Nebels, Sir Lewis erkannten, der, Lady Eliſabeth am Arme, von Sally ONeil gefolgt, ſo eben in den Hof eintrat. „Zu Pferd, meine Herren! vor Ihre Züge! Schwa⸗ dron aufgeſeſſen!“ donnerte der Obriſt, entweder, weil er einen Rückhalt O'Donnels vermuthete, oder um ſei⸗ nem Feinde, der ihm jetzt in Eliſabeths Nähe dop⸗ pelt haſſenswerth erſchien, zu imponiren. „Man melde Lord Kildare die Ankunft der Lady!“ herrſchte er einem in der Nähe ſtehenden Diener zu; dann ſprang er ſchnell hinzu und bot Miß Eliſabeth mit einer tiefen Verbeugung den Arm, indem er ſich an den ruhig weiter gehenden Baronet mit den Wor⸗ ten wandte:„Sparen Sie jede fernere Bemühung, Herr Ritter; die Poſſe iſt jetzt zu Ende. Oder wol⸗ len Sie etwa gar der Welt mit bewundrungswürdiger Dreiſtigkeit glauben machen, daß Sie als der Befreier der edlen Dame aus großer Gefahr kommen, um ſich den Dank vom tief bekümmerten Vater zu holen? Noch einmal, nicht weiter, mein Herr! Ihr Blend⸗ werk iſt nicht für Augen, wie die meinigen, gemacht! Doch in der That, Ew. Edlen“— hier machte er eine tiefe Verbeugung—„haben in den Augen eines gewiſſen Publikums Ihre Rolle trefflich, bis zur Wirk⸗ lichkeit täuſchend, geſpielt. Rechnen Sie indeſſen nicht zu viel auf Thränen des Dankes; hier möchte wohl eher etwas heißes Blut fließen.“ 248 „Auf Ihre Beleidigungen, Mylord, meine Ant⸗ wort nachher!“ entgegnete O'Donnel, ſeines Unwillens nicht länger Meiſter.„Doch jetzt, ich bitte Sie darum, machen Sie Platz für die Dame, welche nur in mei⸗ ner Begleitung vor den Vater tritt.“ „Sir Lewis iſt über jeden Verdacht erhaben, My⸗ lord,“ ſagte Eliſabeth mit feſter Stimme, dem Obri⸗ ſten einen Schritt näher tretend.„Nur ſo viel halte ich nöthig, den ſo kriegeriſch blickenden Herren zu er⸗ zählen, daß der Baronet unterwegs, als er auf die erſte Kunde von dem uns betroffenen Unglück hierher zu eilen im Begriff war, durch Zufall meinen Aufent⸗ haltsort erfuhr. Und jetzt bitte ich, und hoffentlich nicht vergebens,“ ſetzte ſie mit einem faſt befehlenden Blick auf den Obriſten hinzu,„uns nicht ferner abzu⸗ halten, den Vater von unſerer Abweſenheit in Kennt⸗ niß zu ſetzen.“ Lord Wexford, wohl einſehend, daß er die Pflich⸗ ten des Anſtandes nicht verletzen dürfe, verneigte ſich gegen die Dame mit gezwungener Freundlichkeit und erklärte höflich, daß er jeden ihrer Wünſche als Befehl anzunehmen gewohnt ſei. Dann drehte er ſich raſch um, jedoch nicht, ohne einen vielfagenden Blick auf O'Donnel geworfen zu haben. Die Scene im Parkhauſe, wo Lord Kildare die Ankommenden ſchon erwartete, war für alle Theile froſtig, gezwungen und daher in jeder Hinſicht das Gemüth unbehaglich beengend. 5 „Ihre edle Tochter, Mylord,“ ſagte Lewis,„iſt die Veranlaſſung, mich alle zwiſchen uns obwaltenden Mißverhältniſſe für jetzt vergeſſen zu laſſen. Ich hoffe ſogar in dem Augenblicke, während ich ſie in Ihre Arme zurückführe, ſo willkommen in dieſem Hauſe zu ℳ * 249 ſein, wie irgend Jemand, der uns ein theures, ver⸗ lornes Kleinod zurückbringt.“ Der Lord ſtattete mit kalten und ſtreng abge⸗ meſſenen Worten auf eine hohe und feierliche Weiſe ſeinen Dank ab, während einestheils die Zweideutig⸗ keiten ſeiner geſuchten Rede den Zweifel an O'Don⸗ nels Unſchuld deutlich verkündeten, anderntheils ſein Stammeln das große Erſtaunen über O'Donnels Er⸗ ſcheinen verrieth. „Ich finde mich hinreichend in dem Dienſte ſelbſt belohnt, Mylord,“ entgegnete O'Donnel,„welchen ich ſo glücklich war, Ihrer liebenswürdigen Tochter leiſten zu können. Auf Ihre Zweifel war ich ſchon gefaßt, als ich die Befreiung von Miß Eliſabeth unternahm. Doch ſchreckte mich der Gedanke davon nicht ab, dieſe heilige Pflicht zu erfüllen. Sollte Ihre evle Tochter nicht im Stande ſein, jene zu heben und mich von jedem Verdacht zu befreien, ſo genügt es mir, wenn ich vor der Einen gerechtfertigt daſtehe, welche mir mehr gilt, als das Urtheil einer ganzen Welt.“ Stumm führte er Eliſabeths Hand, die ſie ihm zum Abſchied gereicht, an ſeine Lippen.„Ich fühle tief, was ich Ihnen ſchulde, Sir Lewis,“ ſagte ſie mit kaum hörbarer, von Thränen faſt erſtickter Stimme, „doch Worte, Redeformen, kalte Laute ſind nicht im Stande, das auszudrücken, was jetzt mein Herz ſo tief bewegt. Die Zukunft, Sir Lewis, wird entſcheiden, ob Eliſabeth des großen Opfers würdig iſt, welches Sie ihr heute gebracht haben!“ Sanft entzog ſie ihm die Hand, die er während dieſer Worte feſt in der ſeinigen gehalten hatte, und blickte, unter Thränen lächelnd, ſchmerzlich zu ihm auf; dann wandte ſie ſich zu ihrem Vater, um mit kind⸗ lichem Gefühle ſich nach dem Befinden deſſelben zu 250 erkundigen und ihm ihre Pflege anzubieten. Der Ba⸗ ronet letzte, ſich verneigend, die Hand auf ſeine Bruſt und verließ, in der Thüre noch einmal ſich nach ihr umſehend, gleichſam als wolle er den letzten Anblick ihrer Geſtalt als ein ewig unvergeßliches Bild mit hinwegnehmen, das Zimmer.— Draußen rief er An⸗ dy Dahna, den er innerhalb des Thores erblickte, zu, das Pferd herbeizuführen, dann ſchritt er auf Lord Werford zu, der allein für ſich mit klirrenden Tritten in der Nähe auf und nieder ging, während die Offi⸗ ziere in einzelnen Gruppen umherſtanden und ſich i rig mit einander unterhielten. „Mylord,“ redete der Baronet den Obriſten an, „ich habe Sie bislang für einen Ehrenmann gehalten. Sie werden mir daher bei gelegener Zeit die Genug⸗ thuung geben, die meine Ehre für Ihre vorhin geäußerten Worte heiſcht. Beweiſen Sie den Gentle⸗ man durch die That; jene Worte haben es nicht gethan.“ „Sie ſollen nicht vergeblich auf mich warten, ſehr verehrter Sir,“ erwiderte der Obriſt mit Anſtand. „Sobald es der Dienſt geſtattet, reden wir ein Wei⸗ teres darüber! Wir treffen uns ſicher noch früh ge⸗ nug. Nur fragt es ſich, in welcher Geſtalt?“ Mit der kalten, beſonnenen Ruhe eines Mannes, der mit dem Leben abgeſchloſſen hat, während er die Ehre noch als ſein einziges Kleinod betrachtet, zog O'Donnel den Hut und beſtieg ſchulgerecht, als ſei nichts Beſonderes vorgefallen, das vorgeführte Pferd. „Leben Sie wohl, meine Herren!“ grüßte er mit einer Bewegung der Hand zu den Offizieren hinüber. „Gott befohlen, lieber Howard!“ ſagte er dieſem der herbeigeeilt war, ihm zum Ahſchiede die Hand zu drücken. Dann ritt er langſamen Schrittes, wie von einem Beſuche heimkehrend, an der Parkmauer hin und verſchwand bald darauf den ihm nachſtaunenden Blicken. „Ein verteufelter Kerl, dieſer O'Donnel!“ mur⸗ melte der Obriſt;„ein Anderer werde aus ihm klug! Er hat uns durch ſein Erſcheinen Alle ver⸗ plüfft.“ „Ein wackrer Junge, dieſer Sir Lewis!“ flüſterten ſich die übrigen Offiziere zu.„Schade, daß er keiner der Unſrigen iſt!“ „Der wäre ein Kamerad für uns! Nicht ſo, Ihr Herren?“ ſagte Howard freundlich.„So wie er, denk' ich mir ſtets, muß der berühmte Ritter ohne Furcht und Tadel geweſen ſein.“— Nach eingenommenem Frühſtück ſaß die Schwa⸗ dron wieder auf, um ſich nach ihrer Garniſon zu verfügen. Die ſchadenfrohen Dörfler verliefen ſich auch, aus Furcht vor dem hellen Tage, der ihre Ge⸗ fühle offenbaren konnte, und ſo wurde es ſtiller und ſtiller auf der traurigen Brandſtätte. 28. „Dein höſer Henius, Rildare.“ Nur im Parkhauſe war es laut. Sobald Sir Lewis O'Donnel ſich entfernt, hatten Eliſabeth und Sally die Pflege der Verwundeten übernommen, und die liebenswürdige Lady, die nach dieſer Nacht der Schrecken und Strapazen ſelbſt der Ruhe bedurft 252 hätte, bediente unverdroſſen ihren Vater, und Sally ging ihr freundlich zur Hand. Der Lord forderte ſeine Tochter auf, ihm umſtändlich zu erzählen, wie es ihr unter den Mordbrennern ergangen ſei, und Eliſabeth erfüllte ſeinen Willen, nicht ohne die gute und zarte Behandlung, die ſie von den Rebellen erfahren hatte, hervorzuheben und zu rühmen. „Mein Vater,“ fügte ſie dann, nach einem mi⸗ nutenlangen Schweigen hinzu, indem ſie ſeine Hand ergriff,„Ihre Tochter iſt Ihnen wiedergegeben, zu⸗ rückgebracht von einem edlen Manne, den Sie nicht lieben, und der Gründe von der verſchiedenſten Art hatte, ſich meiner Perſon zu verſichern, die, ich ge⸗ ſtehe es ja, ſich nicht ganz ungern von ihm hätte zurückhalten laſſen. Er hat ſeine Liebe und ſeinen Haß gleich ſiegreich bekämpft und mich wieder in Ihre Arme gelegt. O, möchte Ihre Vaterfreude über meine Wiedererlangung mir ein Geſchenk nicht ver⸗ ſagen, das ich, die Gerettete, von Ihnen erbitte! Ihre Liebe kann und darf es mir nicht abſchlagen, mein Vater!“ „Und was wünſcht mein geliebtes Kind von mir?“ fragte der Lord gütig und ließ einen gewäh⸗ renden Blick über Eliſabeths blühende Schönheit hin⸗ gleiten. „Schenken Sie mir die gefangenen Rebellen und, machen Sie eine allgemeine Amneſtie für alle in die⸗ ſer Nacht von dem empörten Volke erlittenen Unbilden bekannt.“ Kildare's Stirn hatte ſich raſch umdüſtert und, die Hand zurückziehend, wollte er eben finſtern Blicks antworten, als ihm Miß Margaret zuvorkam, die die Stimme keifend erhob:„Wie? Iſt Mylady vom Dä⸗ mon der Rebellion ergriffen, vom Wahnſinn der Weiß⸗Jungen angeſteckt worden? Dieſe Mörder, die mich blutrünſtig geſchlagen, ſollten befreit werden! Dieſen Mordbrennern, dieſen Teufeln ſollte vergeben werden! Kaum hat mich Unglückliche Lord Wexfords Tapferkeit, die die Beſtien eingefangen, etwas er⸗ quickt, ſo treten Sie mit dieſer abſcheulichen Bitte hervor, Miß Betty, und verſchlimmern damit meine Leiden.“ „Es thut mir leid,“ ſagte Eliſabeth kalt,„daß meine menſchenfreundliche Bitte Ihnen ſolche Be⸗ ſchwerde macht. Sie war nicht für Sie beſtimmt, ſondern für das Herz meines Vaters, und ich muß ſehr bitten, dieſem das Wort zu gönnen. Bedenken Sie wohl, Miß Margaret, wie viel Schuld Sie ſelbſt an dieſen traurigen Auftritten haben! Denken Sie an die alte Frau, die auf der Treppe des nun ein⸗ geäſcherten Schloſſes ihre morſchen Glieder zerbrach und unter unſäglichen Schmerzen ihren Geiſt aufge⸗ ben mußte, und ertragen Sie die Ihrigen mit Ge⸗ duld.— Von Ihnen, mein Vater, wünſch' ich einige Worte zu hören, aber Worte des Friedens, der Be⸗ ruhigung, der Liebe, der Verſöhnung. Schenken Sie mir die Gefangenen, ſchenken Sie mir Verzeihung für die Andern.“ „Wo denkſt Du hin, Betty,“ verſetzte der Lord, während Margaret, weinend vor Verdruß, ihren zer⸗ ſchlagenen Kopf in das Kopfliſſen verbarg.„Deine Bitte zeugt von Deinem guten Herzen, aber ich be⸗ daure ſehr, ſie Dir nicht gewähren zu können. Den ſtrafenden Arm der Gerechtigkeit aufzuhalten, iſt ein Frevel, der ſich an ſeinem Vollbringer rächt. Dieſe gräßlichen Menſchen ſind nicht an mir allein zu Ver⸗ brechern geworden; ſie haben ſich an der Geſellſchaft n— 254 vergangen, und dieſe ſtößt ſie aus. Das freventlich verletzte Geſetz verlangt gebieteriſch Sühne.“ „Nicht doch, mein Vater! Das Geſetz iſt ein todter Buchſtabe, nicht Rückſicht nehmend, auf die hei⸗ ßen Gefühle und Leidenſchaften, auf ihre Verflechtun⸗ gen und Reſultate in der menſchlichen Bruſt. Aber das Erbarmen wohnt auch darin und iſt warm und lebendig, eine duftende Blume, deren Kelch das Herz iſt, bethaut von Thränen des Mitleids. O mein Vater, der Same dieſer göttlichen Blume ruht gewiß auch in Ihrer Bruſt, wie in der meinigen; ich wäre ſonſt Ihre Tochter nicht. Nur Unkraut iſt darüber gewachſen, der Boden iſt nicht locker genug für das edle Gewächs. Reißen Sie das Unkraut heraus, be⸗ bauen Sie das innere Feld, geſtatten Sie, daß die Thräne Ihres einzigen Kindes es anfeuchte, und die Blume wird bald üppig und friſch aufſprießen und geſegnete Früchte tragen. Sie reden von der beleidig⸗ ten Geſellſchaft, an welcher dieſe Menſchen gefrevelt; o, die große Maſſe des Volks urtheilt anders über ſie, als die Hand voll Edelleute, gegen welche die Erbit⸗ terten ankämpfen! Die Welt ſieht in ihren Verbre⸗ chen nur einen verzweifelten Nothſchrei der niederge⸗ drückten Menſchheit, ein tolles Aufraſen gefeſſelter, entwürdigter Kräfte, die, dem Erſticken nahe, ſich nun ſelbſt Luft gemacht. Auch iſt ihre Schuld geſühnt. In den Klüften der Teufelsmauer iſt durch Wexfords Schwerter genug Blut gefloſſen in dieſer fürchterlichen Nacht. Die Verwegenſten ſind gefallen, haben ihre böſe That nicht lange überlebt. Laſſen Sie ſich dar⸗ an genügen, mein Vater. Treiben Sie es nicht wei⸗ ter! Jagen Sie die Uebriggebliebenen nicht auf die äußerſte Spitze der Verzweiflung, um Ihr, um unſer aller Heil willen nicht! Denken Sie daran, weſſen der Menſch fähig iſt in der wildeſten Verzweiflung! Dann iſt er kein Menſch mehr! Nein, ein Tiger, eine Hyäne, taub und blind vor Wuth! Bringen Sie die Leute nicht zum Aeußerſten!“ „Dein weibliches, zaghaftes Gemüth ſieht Schreck⸗ niſſe, wo keine ſind, Eliſabeth. Es ſind Phantome Deiner erhitzten Phantaſie. Du haſt in dieſer Nacht nicht geſchlafen; der Schrecken des Brandes, Deiner gewaltſamen Entführung, die blutigen Auftritte in den Felſenklüften haben auf Deine Nerven einen verwir⸗ renden, wildaufregenden Eindruck gemacht. Dies auf⸗ rühreriſche Geſindel muß hart beſtraft, muß mit eiſer⸗ ner Strenge niedergehalten werden. Man muß dieſer Hyder, der die abgeſchlagenen Köpfe immer von neuem wachſen, die Wunden mit Feuerbränden ausbrennen, wie Herkules mit der lernäiſchen Schlange gethan. Nur dadurch kann man ſie zu Paaren treiben. Ei, wie ni ſie übermüthig und trotzig die Häupter erheben mir unverſchämt Trotz in's Geſicht bieten, wenn ich Deine wenig überlegten Bitten erfüllen wollte! Sie würden, in der Meinung, ich fürchte mich vor ihnen, nicht mehr zu bändigen ſein, und das ganze Land in's Verderben ſtürzen. Glaubſt Du, ſie wür⸗ den das Geſchenk der Freiheit und Amneſtie meiner Großmuth anrechnen? O, Du Taubenunſchuld! Nein, ſie würden hohnlachend behaupten, die Furcht habe es mir abgepreßt, und dann wehe mir und allen Gü⸗ terbeſitzern dieſer und der benachbarten Grafſchaften! Wehe ganz Irland! Nein, mein Kind, meines Wohls und meiner Nachbarn, des Wohls des ganzen Vater⸗ landes wegen muß ich die Verbrecher beſtrafen und verfolgen. Ich bin es Irland und ſeinem Adel ſchul⸗ dig. Hat die Regierung dieſen tollen Menſchen nicht die ſchönſten Zugeſtändniſſe gemacht, ihnen nachgegeben, 256 ihnen Rechte verliehen, ſie gütig behandelt? Und was war die Folge? Empörung, unverſchämte Forderung, wahnſinniger Freiheitstaumel. In der Vorausſetzung, das Gouvernement habe aus Furcht vor ihnen nach⸗ gegeben, machten ſie die albernſten Anſprüche und un⸗ terſtützten ihr Geſuch mit Feuer und Schwert. Sieh an dieſem großen Beiſpiel, was mein Schickſal im Kleinen ſein würde, wenn ich Deinen Bitten nachgäbe, Eliſabeth. Bitte etwas anderes, mein Kind, es ſoll Dir gewährt werden.“ „Ich habe nichts weiter zu bitten, Mhlord; das Eine war mein Alles, und noch kann ich nicht von meinem Verlangen abſtehen; es iſt mir in das Herz gewachſen, es iſt mir zu Blut und Lebensſaft gewor⸗ den. Auch kann ich Ihre Anſichten nicht theilen, mein Vater. Dieſe Leute waren unter dem vorigen Beſitzer von Lindſayhall gute, treue Unterthanen, brave Staats⸗ bürger. Ich habe mich genau darnach exkundigt, es iſt unter der Herrſchaft Sir William O' els auch nicht ein einziger Exceß vorgefallen. Und doch waren ſie auch arm. Aber er behandelte ſie leutſelig, gütig, menſchlich. Ziehen Sie nun ſelbſt den Schluß, war⸗ um es ſtets Empörung gab, ſeit Sie hier wohnen. O, möchten Ihnen die Ereigniſſe dieſer Nacht eine ernſte Lehre ſein! Woran liegt es denn, daß der Fre, der von Natur froh, heiter, leichtblütig, mit Weni⸗ gem zufrieden iſt, dem Drange des jedem Menſchen inwohnenden Gefühls folgend, endlich ſeine Menſchen⸗ rechte gewaltſam geltend macht?“ „Der Teufel iſt in das Volk gefahren,“ ſagte der Lord unwillig,„und der trägt die Schuld, nicht ich. Von Frankreich iſt er herübergekommen und hat ihnen die Köpfe verwirrt. Unſre Väter konnten ſie ruhig beherrſchen, wie's in der Natur liegt; jetzt lehnt ſich die Kanaille gegen Natur und Gott auf. Aber ſie ſollen ſehen, daß ſie der Teufel, ihr Herr und Meiſter, in's Verderben führt.“ „O Gott!“ weinte Eliſabeth.„Sie verſchließen Ihr Herz immer mehr den edlen und ſanften Gefüh⸗ len! Ihre Härte iſt fürchterlich!“ Und an das Bett auf die Kniee ſinkend, erhob ſie flehend die Hände nach dem Vater, der ſich von ihr abwandte. Miß Margaret aber rief:„Sie haudeln Ihrer würdig, My⸗ lord. Ich muß die Hunde, die mich mit ihren Knit⸗ teln ſo übel zugerichtet, mir meinen Arm entzwei ge⸗ ſchlagen haben, die ſich ſogar an Ew. Lordſchaft ge⸗ heiligtem Leibe vergriffen, als Sie mir zur Hülfe bei⸗ ſprangen, ich muß ſie hängen ſehen, eher werde ich nicht wieder froh und geſund.“ Eliſabeth lag noch immer weinend vor des Va⸗ ters Bett; da ſprang Sally hinzu und ſagte entrüſtet mit edlem Zorn im Auge:„Knieen Sie vor Gott, Mylady, und flehen Sie von ihm Gnade für die Ar⸗ men. Sie hören ja, daß Mylord geneigter iſt, die Re⸗ den jener Dame dort, die Gott noch nicht genug ge⸗ ſtraft hat, anzuhören, als Ihr kindliches Flehen. Es wird ein Tag kommen, wo dieſer erbarmungsloſe Mann ſeinen Starrſinn bereuen wird.“ Und das Fräulein emporziehend, wollte ſie dieſelbe aus der Stube füh⸗ ren; aber Eliſabeth entwand ſich ihren Händen mit den Worten:„Und wenn mein Vater noch ſo hart wäre, Sally, ſo darf ich ihn nicht von Dirtſchmähen laſſen, und in jedem Falle iſt und bleibt mein Platz an ſeinem Lager. Ich werde hier ausharren, ſo lang es meine Kräfte erlauben.“ Die letzten Worte waren in einem dumpfen Vor⸗ gefühl geſprochen; denn augenblicklich entfürbte ſich die Lady und ſank ohnmächtig in Sally's Arme. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. VII. 17 Während der Wildhüter, ſein Weib, Sally und die Dienerſchaft bemüht waren, ein drittes Bett für das Fräulein einzurichten, trat die alte Peppy, die Wirthin der Heideſchenke, mit ihrer unſchimmern Kräu⸗ terſchachtel unter dem Arme in die Stube und ſagte ihren Gruß leiſe und mürriſch. Dem Lord entfuhr bei ihrem Anblick ein Schrei des Schreckens und Un⸗ willens, und heftig rief er ſeinen Dienern zu: „Was will das Weib? Wer hat ihr erlaubt, hier herein zu kommen?“ „Verzeihen Ew. Gnaden,“ verſetzte Donnough; „der Feldſcheerer fand die Wunden der Miß Marga⸗ ret ſehr bedenklich, und da er ſich ſtets der Beihülfe der Mutter Peppy zu bedienen pflegt, ſo hat er ſelbſt nach ihr geſchickt. Es iſt bekannt, daß ihre Mittel immer die beſten und wirkſamſten ſind.“ Der Lord wandte brummend das Geſicht ab, und Peppy packte brummend ihren Kram a Zuerſt verfügte ſie ſich zu Eliſabeth und gab ihr durch einige narkotiſche Tropfen die Beſinnung wieder, rieth ihr Ruhe an und band Sally mehrere Verhaltungsregeln in Betreff der Lady auf die Seele; dann ging ſie ſchweigend zu Miß Margaret und legte kühlende Salben auf die Wunden derſelben; endlich trat ſie an das Bett des Lords. „Fort!“ ſagte er unwirſch und mit Abſcheu,„und rühre mich nicht an.“ „O, dieſe Hand war Ihnen doch ſonſt willkom⸗ men, gnädiger Herr!“ flüſterte Peppy höhniſch.„Doch ich will Ihnen meine Hülfe nicht aufdringen. Nur ein paar Worte hören ſie gütigſt an, Mylord. Des Königs Soldaten haben in dieſer Nacht den alten Dun⸗ foore mit ſeinem jüngſten Sohne gefangen genommen und in die Kerker des alten Schloſſes nach Lindſay⸗ hall abgeliefert. Um Ihres eigenen Heils willen, My⸗ lord, bieten Sie Alles auf, die Leute wieder in Frei⸗ heit zu ſetzen und keinen der Betheiligten weiter zu verfolgen. Es iſt Ihr und Ihres Hauſes Untergang, wenn Sie meinen Rath nicht befolgen. Es leben zwei Rachegeiſter für Sie, Mylord, die zeither geſchlummert und ſich ruhig verhalten haben, die aber durch einen gewaltſamen Tod der Gefangenen aufgeweckt, aufgeſta⸗ chelt, zur Wuth gereizt werden. Es iſt in dieſer Nacht wieder viel Blut gefloſſen, aber die Rachegeiſter wer⸗ den Sie deshalb nicht drangſalen; morden Sie Dun⸗ fovre, ſo iſt's mit Ihrer Ruhe aus.“ „Und wer wären die beiden Furchtbaren?“ höhnte der Lord. „Wie, Sie wüßten es nicht? O, Sie kennen die Beiden von Alters her. Sie wiſſen, daß Peppy Toole und Auguſtin OKelly die Rachegeiſter des Lewis Kil⸗ dare ſind. Der Geiſt William O'Donnels iſt auch noch nicht geſühnt. Und endlich haben Sie meinen Stallburſchen an ſich gelockt und jedenfalls zu Schlech⸗ tigkeiten verleitet. Ich ſehe es Tims altem Geſichte an, daß er Böſes auf dem Gewiſſen hat; ich erfahre noch Alles und komme hinter ſeine nächtlichen Schliche. Weh' ihm und Ihnen, Lord, wenn ſich mein Verdacht beſtätigen ſollte! Aus dieſer Verbindung wird und kann nichts Gutes erwachſen. Aus verfluchter Saat kann nie eine geſegnete Ernte keimen. Der Burſche iſt ſo alt geworden, und Sie haben ſich nicht um ihn bekümmert; auch ſind Sie niemals ſeinetwegen in Anſpruch genommen worden. Was wollen Sie jetzt plötzlich mit ihm?— Ahnen Sie denn gar nicht, wer dieſer Tim Ruuthan iſt? Oder ſollen Sie es er⸗ rathen haben? Sollte eine geheime Stimme es Ihnen zugeflüſtert haben? Oder ſollen Sie dunkel fühlen, ½ 260 welch eine wichtige Perſon dieſer unſcheinbare verkrüp⸗ pelte Hausknecht iſt? O, er trägt an ſeinem verhunz⸗ ten Leibe den ſichtbaren Fluch einer ſchweren Schuld! Die Natur hat ihm den Stempel zweier Verbrechen aufgedrückt, an denen er ſelbſt doch unſchuldig iſt.— Wiſſen Sie nicht, wer er iſt, Mylord?“ Ihre Stimme war leiſer und heiſerer geworden; ſie hatte ihren Kopf tiefer und tiefer auf das Bett ge⸗ beugt und ſtarrte den Lord ganz nahe mit unheimli⸗ chen Katzenaugen an; ihr häßlicher Mund kam ſeinem Geſicht immer näher, und doch lag er ſtill, Angſt⸗ ſchweiß vergießend, wie feſtgebannt, und rief nicht und befahl nicht ſeinen Knechten, daß man Peppy hinaus⸗ werfe; er war dem Thiere gleich, das die Klapper⸗ ſchlange anſtarrt. Es zog durch ſeine plötzlich geäng⸗ ſtete Seele wie martervolle Erinnerungen an einſt ge⸗ träumte böſe Träume, wie Reminiscenzen arger Thaten, die ihm doch nicht klar wurden; es dämmerte aus ſchwarzer Nacht wie ſchlimme Ahnungen in ihm auf, und leiſe fragte er mit gepreßter Stimme:„Und wer iſt er denn?“ Pepph fuhr empor, beſann ſich einen Augenblick, beugte ſich dann wieder raſch zu ihm nieder, um ihm etwas zu ſagen; aber das Wort erſtarb ihr auf der Lippe. Sie ſtand wieder aufrecht, ſah einige Augen⸗ blicke nachdenkend vor ſich hin und ſagte dann diſſter in ſich hinein:„Dein böſer Genius, Kildare.“ Druck von Alexander Wiede in Leipzig.