Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oktmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1———— cLeih und cLeſebedingungen. 1. Ofensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe imuß voraus ibezahlt werden und beträgt für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:* Mk.— Pf. Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 4 †. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Er war mit ſeinem Schickſale zer⸗ fallen und hatte ſich ſo in ſich hineingedüſtert, daß er auf dem Punkt ſtand, ein Menſchenfeind zu werden Nur eine Hoffnung kettete ihn noch an das Leben⸗ in den erſten Frühlingstagen auf das Meer hinaus⸗ zufahren; auf das unbeſtändige Element trieb ihn ſein ödes Herz; für nichts Andres hatte es mehr Sinn und Leidenſchaft. Und er rüſtete ſein Schiff und ſtieß hinaus in die winterlich bewegte Welle, zum Schrecken ſeiner Leute, zum Staunen der Andern; denn zu dieſer Zeit getraute ſich ohne Noth kein Schiffer hinaus und arge Stürme ſtanden bevor. Niemand konnte ſich erklären, was er ſchon draußen wolle, da an Beute noch lange nicht zu denken war; er wußte es wohl, aber er ſchwieg. In ſeinen Mantel gehüllt, den Hut in die Stirn ge⸗ drückt, ſchaute er ſehnſüchtig hinaus in die Waſſer⸗ wüſte. Die Wellen ſchlugen an das Schiff und grüß⸗ ten zum Willkommen, und mit jedem Gruß wurde Gefängniß in Kopenhagen entſchlüpft, und mit Lebens⸗ gefahr nach Marſtrand entwichen, und fing den Wellen ihm leichter. In einer Kanonenluke ſaß Juel, ſeinem die Schaummützen weg und freute ſich kindlich des Spiels. Schon war das Schiff einen halben Tag gelaufen und Niemand von der Bemannung wußte, wohin es beſtimmt war. Es ging auf Gerathewohl in der Nordſee, und Pehr Pehrſon wußte ſeiner Verlegenheit kein Ende, daß er noch immer keine Befehle, die Rich⸗ tung der Reiſe betreffend, vom Kapitän erhalten hatte. Endlich zog er kopfſchüttelnd den Hoſenzürtel an, kämmte mit den Fingern die Haare unter die Leder⸗ kappe, ſchlug mit den nervigen Armen um ſich, als wollte er irgend etwas Unangenehmes abwehren, ſchob dann ſeine eckige Geſtalt auf den ſchweigſamen Kapitän zu, ſtellte ſich vor denſelben hin, grüßte ſeemänniſch mit Ehrerbietung, räuſperte ſich und ſprach mit heißerer Stimme:„Da Ebbe Reetz treulos geworden und zu den däniſchen Hunden übergelaufen iſt, ſo haben wir auf dem Graf⸗Mörner einen neuen Steuermann nöthig gehabt.“ „Das hat ſeine Richtigkeit“, verſetzte Norcroß. Der Bootsmann, kein Freund vom Sprechen, erwartete, daß ihn der Kapitän verſtanden habe, und verſtummte ſo lange, bis ihn Norcroß durch ein kräftiges„Weiter!“ zum abermaligen Reden antrieb. „Wir haben auch diesmal einen Schiffskaplan an Bord genommen, damit die Jungen, wenn ihnen das Takelwerk zerſchoſſen wird, nicht vom Teufel gekapert werden, ſondern mit einem Avis des Kaplan in den Himmelshafen einlaufen. Ihr habt den Pfaffen ſelbſt beſtellt, und ob er wohl Gottes Willen weiß— wie er vorgibt— ſo weiß er doch nicht Euren, ſo wenig wie der neue Steuermann und ich.“ „Es iſt auch nicht nöthig“ verſetzte Noreroß mürriſch. „Nicht nöthig? Für den Pfaffen, das iſt wahr. Aber für uns, das iſt nicht wahr. Wir müſſen Euern Willen wiſſen, Kapitän, oder beim rothen Dänen! wir laufen in geradem Strich auf die Themſe und legen an der Londner Brücke an.“ „Seid Ihr toll, Meiſter Pehrſon! Was ſollen wir an der Londner Brücke?“ „Daſſelbe, was wir hier ſollen. Sagt uns, wo⸗ hin's gehen ſoll, und der Steuermann wird das Steuer und ich das Logbuch führen, wie ſich's gebührt.“ Der Bootsmann trocknete ſich mit dem ſchmutzigen Aermel ſeiner Leinwandjacke den Schweiß von der Stirne, den ihm das ungewohnte Sprechen ausge⸗ trieben hatte. Nun erſt verſtand ihn der Kapitän, und erinnerte ſich lächelnd, daß er über die Richtung der Fahrt noch nichts beſtimmt hatte. „Haltet nur immer Backbord, ſüdweſt.“ „Aber der Wind pfeift nordweſt und treibt uns den jütländiſchen Wällen zu.“ „Werft das Schiff gegen die anſtrömende See, refft alle Segel ein! Ich will's einmal mit Sturm und Wellen zu thun haben.“ „Heiliger Gott!“ ſagte der Bootsmann halb leiſe mit einer erſchrockenen Bewegung und entfernte ſich ſcheu nach der Kajüte, während Norcroß ſich wieder über den Hackebord bog und von Neuem ſeinen düſtern Gedanken nachhing. Als der Bootsmann den Officieren des Schiffs den Willen des Kapitäns mitgetheilt hatte, verfügte er ſich in eine Ecke, wo an einem mit Gläſern be⸗ pflanzten Tiſche der Schiffschirurgus und noch ein andrer Mann ſaßen, welcher Letztere an dem ſchwarzen weiten, hie und da geflickten und abgetragenen Rock 8 von grohem Tuche über Matroſenjacke und Beinklei⸗ dern, und an der ſchmutzigen Sammtkappe als der neue Kaplan des Graf⸗Mörner zu erkennen war. „Unſer Kapitän leidet am Verſtand. Gott ſteh' ihm bei!“ flüſterte Meiſter Pehrſohn dieſen Beiden zu, die mit einer ſchmierigen Karte Rommelpiket ſpielten, und deutete dabei, die Augen verdrehend, mit dem Zeigefinger nach der Stirne. Das kleine, ſchwarzbraune, zuſammengedrückte Ge⸗ ſicht des Kaplans hob eine aufgeſtülpte Naſe und ſchwarze ſtechende Augen zu dem Sprecher empor und betrachtete ihn neugierig. Habermann blieb in ſeiner phlegmatiſchen Ruhe und lächelte dummgleichgültig vor ſich hin. „Entweder fehlt's ihm am Leib oder an der Seele“, fuhr der Bootsmann, die Worte mit Mühe zuſammen⸗ ſuchend, fort;„für's Erſtere muß Meiſter Habermann, für's Letztere müßt Ihr Rath ſchaffen, hochwürdiger Herr.“ „Der Hexenmeiſter hat's ihm angethan“, gähnte Habermann;„ſeit der Teufelsbraten fort iſt, hat der Kapitän gekränkelt und iſt kein Anskommens mit ihm geweſen. Hat doch den ganzen Winter über ein Ge⸗ heimniß aus ſeinem Aufenthalt zu Marſtrand gemacht werden müſſen, damit ihn ſeine junge, hübſche Frau, die ihm nicht das Mindeſte zu Leid gethan, nicht aus⸗ ſpüre und aufſuche. Das iſt, mit Verlaub zu ſagen, ſchon halb verrückt.“ „Wenn er vom böſen Geiſte beſeſſen iſt, ſo geht Ihr zuerſt hinauf, Herr Magiſter,“ bat der Boots⸗ mann den Geiſtlichen. Unterdeſſen war auch der Ka⸗ pitänlientenant Gad hinzugetreten und ſagte:„Prüft ihn genau, Leionſtiern, und wenn Ihr Meiſter Pehr⸗ ſohn's Vermuthung beſtätigt findet, ſo müſſen wir zu⸗ 8 ſammentreten und einen Rath halten, um zu einem vernünftigen Entſchluß zu kommen; denn wir werden uns doch bei Seemannsehre! nicht von einem Tollen dem Teufel in den Rachen führen laſſen? Es gibt noch andere Männer, die den Graf⸗Mörner zu des Königs beſſerer Zufriedenheit führen würden.“ Damit warf er ſich in die Bruſt und ſchaute ſelbſtgefällig um; aber Nie⸗ mand achtete auf ihn, und Meiſter Habermann ſagte: „Mit Verlaub zu ſagen, Herr Magiſter, Euere Bibel kommt mir vor wie mein Bindezeug. Ihr habt da⸗ rinnen Alles, was man zu ener Seelenkur braucht, Zangen, die armen Seelen zu zwicken, Scheeren, ihnen die böſen Gedanken auszuſchneiden, Lanzetten und Meſſer, die gottloſen und läſteriſchen Geſchwüre zu ſtechen und zu ſchneiden. Na, ſucht den Aderlaß⸗ ſchnepper heraus und zapft des Kapitäns vollblütiger Seele ein paar Pfund ab. Das wird helfen. Geht, Magiſter!“ Der Schiffsgeiſtliche leerte den Reſt von Grog aus ſeinem Glaſe, warf die Karte bei Seite, und zerrte aufſtehend an einem ledernen Riemen, der ihm über die Achſel lief, und an deſſen Enden ein in unſchim⸗ meres Schweinsleder gebundenes, mit meſſingenen Ecken und Clauſuren verſehenes Buch hing, gleich einer Patrontaſche auf ſeiner linken Hüfte ruhend. Es war ſeine Handbibel, die nun auf ſeinen Bauch zu liegen kam, riß die Haken mit einem verdrießlichen Geſichte auf und blätterte in den mit Grog getränkten und mit Schmutz bemalten Blättern. Der Bootsmann faßte ihn aber ohne Umſtände bei der Schulter und ſchob ihn mit herkuliſcher Kraft die Treppe hinauf. Der Kaplan hielt die Bibel ſo weit vor, als die Länge ſeiner Arme es geſtattete, um wo möglich jeden An⸗ griff des böſen Feindes aus dem Kapitän dadurch nie⸗ 10 derzuſchlagen; denn in der That traute er der Bibel diejenige geiſtige und geiſtliche Kraft zu, die er ſelbſt nicht zu beſitzen ſich ſtill geſtand. Zu ſeiner Bewun⸗ derung machte aber der Kapitän ſelbſt dann noch keine Be⸗ wegung, als die Bibel ihm faſt den Hut vom Kopfe ſtieß. „Si tu es spiritus malus, exi!« ſtammelte der Kaplan in Todesangſt und an allen Gliedern zitternd. „In nomine patris, filii et spiritus sancti!“*) ſetzte er mit lauterer Stimme hinzu, und der Kapitän wandte ſich um. Der ungeſchickte Teufelsbeſchwörer ſtürzte, vom Gefühle ſeiner geiſtlichen Schwäche überwältigt, zu Boden und flehte heulend um Gnade und Erbar⸗ men. Hinter den Maſten und auf der Treppe ent⸗ ſtand ein lautes Poltern und verworrenes Schreien verſchiedener Stimmen durch einanden. Neugierig hatten Gad, Habermann, Pehrſohn und einige andere Offi⸗ ciere und Matroſen ſich dort verſteckt aufgeſtellt, um die Beſchwörung mit anzuſehen; kaum aber hörten ſie des Kaplans Angſtgeſch'ei, als ſie, in der Meinung, der böſe Feind habe den Ffaffen beim Kragen, vor Schrecken köpflings über einander purzelten und ſchreiend ſich zu überholen ſtrebten, um ſich vor den Klauen des Satans zu ſalviren. Der Kapitän ſah, aus ſeinem Tiefſinn erwachend, den Schiffskaplan mit ſchwermüthigem Lächeln an, und ſchien gar nicht zu bemerken, welche Rolle derſelbe ſpiele. Vielmehr faßte er den bebenden Mann beim Arme, zog ihn herauf und ſagte:„Es iſt gut Ma⸗ giſter, daß Ihr eben kommt. Sagt mir doch, was haltet Ihr von der Fortdauer des menſchlichen Geiſtes nach dem Tode? Das heißt— Ihr müßt mich recht *)„Wenn du ein böſer Geiſt biſt, ſo fahre aus!“„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes!“ 11 verſtehen nicht nach Euerer Doctrin; nach Euerer eigenen Ueberzeugung frag' ich, und die kann wohl ein lutheriſcher Prieſter auch einmal einem katholiſchen Seemanne ſagen.“ Dieſe Worte trieben dem Kaplan Angſtſchweiß aus; er ſchielte nach des Kapitäns Händen, voll Furcht, demſelben möchte es im Paroxismus beikommen, ihm, wenn er unbeſtimmt antworten würde, auf die kürzeſte und überzengendſte Weiſe über die Unſterblichkeit der Seele zu belehren. Der großen Verlegenheit des Matroſenprieſters kam ein Bibelſpruch zu Hülfe. Seine von den Händen des Kapitäns auf das in den ſeinigen liegende auf⸗ geſchlagene Buch irrenden Augen blieben an einem Verſe hangen, und er ſprach mit Salbung: „Denn Ihr ſeid geſtorben, und Euer Leben iſt verborgen mit Chriſto in Gott. Wenn aber Chri⸗ ſtus, Euer Leben, ſich offenbaren wird, dann werdet Ihr auch offenbar werden mit ihm in der Herr⸗ lichkeit.“ Der Kapitän wandte ſich unwillig ab. Dann ſagte er:„Ihr ſeid auch weiter nichts als eine Glocke und die Bibel iſt Euere Zunge. Fragt man nach Geiſt, ſo ſchiebt dies Volk einem eine Form vor, in der man ſich abraſt, wie ein Pferd im Nothſtall. Nachher, wenn man ſich ausgetobt hat und ohnmäch⸗ tig am Boden liegt, dann ſagt Ihr: nun iſt er über⸗ zeugt! nun hat er die hohe Weisheit begriffen! Selbſt die Hoffnung auf die Fortdauer hat Euere Beſchränkt⸗ heit mit erbärmlichen Formen umſponnen, und wenn in mir die entzückende Ahnung aufglüht, daß ver⸗ wandte Geiſter dort in Gott ſelig vereint ſein wer⸗ den, ſo ſeid Ihr wohl mit dem geiſtlichen Befehle fertig, daß ich in jener Welt meine Frau zum zwei⸗ tenmale heirathen ſoll?“ 12 4 „Herr Kapitän, Ihr ſeid kathollſch,“ ſtammelte der verwirrte Kaplan,„ich aber kenne di Irrthümer Euerer Kirche nicht ſattſamlich, um auf Euere Reden, die mir nicht recht klar ſind, eingehen zu können.“ „O ich wüßte wohl eine Seele, der ſie klar wä⸗ ren!“ ſeufzte der Kapitän.„Und die iſt auch luthe⸗ riſch,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Belehrt mich doch, Kaplan,“ ſprach er nun im geſelligern Tone,„wie pflegt es das Oberconſiſtorium zu Stockholm bei der Scheidung gemiſchter Ehen zu halten? Z. B. wenn ein geborner Schwede und lutheriſcher Chriſt ſich von ſeiner ausländiſchen katholiſchen Frau ſcheiden laſſen wollte, was hat er da für Wege einzuſchlagen, was für Umſtände zu beſeitigen?“ Der Kaplan machte große Augen und ſtimmte ſtill im Herzen dem Bootsmann bei, daß es mit dem Kapitän nicht recht richtig ſei, wenn auch der Teufel nicht in Perſon aus ihm ſpuke. Wie konnte, nach des Pfaffen Begriffen, ein Vernünftiger von der Un⸗ ſterblichkeit der Seele auf die Cheſcheidung kommen? Doch antwortete er dienſtfertig:„Euer Knecht in Chriſto! Damit verhält es ſich folgender Maßen. Iſt die Frau von einem lutheriſchen Prieſter getraut, und entläuft ihrem Manne, ſo kann ſie, in ihr katholi⸗ ſches Vaterland zurückgekehrt, einen andern Mann freien, denn Euere Kirche erkennt unſern Segen nicht an. Es iſt da keine Scheidung nöthig und der Mann iſt eo ipso frei. Anders verhält es ſich, wenn die Frau in Schweden bleibt. Dann iſt ſie unſern geiſt⸗ lichen Gerichten unterworfen und die Scheidung muß mit allen Förmlichkeiten betrieben werden.“ „Alſo müßte ich fort aus Schweden!“ murmelte Norcroß vor ſich und ließ den Schwarzrock ſtehen. Dieſer nahm ſeinen Rückzug und trat mit den Zeichen der höchſten rgniß unter die neugierigen Offi⸗ ciere.„Heiliger Gott!“ zeterte er mit heiſerer Stimme; „das iſt eine Verrücktheit! Denkt nur, er hält ſich für eine Frau, und zwar für die katholiſche Frau eines lutheriſchen Mannes. Habt Ihr wohl ſchon ſo etwas gehört?— Ich habe meine Noth mit ihm gehabt und mich abgeäſchert. Gebt mir ein Glas Grog!“ Und er leerte das vom Koch dargebotene Glas mit einem Zuge, während die Andern dumm vor ſich hinglotzten, bedenklich die Köpfe ſchüttelten und Kapitänlieutenant Gad bemerklich machte, daß. wenn der Gemäthszuſtand des Kapitäns ſich bis den andern Tag nicht gebeſſert habe, der Rath zuſam⸗ mentreten und das Schiff ein anderes Oberhaupt er⸗ halten müſſe. Das Schiff war ein Spiel der von Nordoſt ſtrö⸗ menden Wellen, gegen die es, man wußte nicht aus welchem Zwecke, ankämpfen mußte. Alle Hände wa⸗ ren beſchäftigt, und die Matroſen arbeiteten aus Lei⸗ beskräften. Der Kapitän ſah ihnen gleichgültig zu und ſprach kein Wort. Als die Nacht kam, war das Schiff nur wenige Meilen vorgerückt. Gad ließ einen Anker werfen und der Kapitän widerrief den Befehl nicht; das Schiff hielt. Er wickelte ſich in ſeinen Mantel und legte ſich auf das Hinterdeck, und den Kopf auf die Hand geſtützt, ſtarrte er bald den trü⸗ ben Himmel an und bald die trübe See. Die er⸗ müdeten Matroſen ſahen ihn dort liegen, gingen ſcheu vorüber und ſuchten ihre Hangematten. Die Officiere vergnügten ſich mit den beiden Aerzten, dem Leib⸗ und dem Seelenarzte auf dem Schiffe, an der dam⸗ pfenden Bowle und Alle ſuchten dann berauſcht und unbekümmert um den wehleidigen Kapitän ihr Lager. Aber noch hatte der Morgen nicht gegraut, als 14 der furchtbare Ton des Sprachrohrs ſie aus dem Schlafe aufſchreckte. Die Stimme des Kapitäns er⸗ ſchallte dröhnend; in demſelben Augenblicke hörte man auch die gellende Pfeife des Bootsmanns und Alle liefen an ihre Poſten. Als die Erſten auf das Ver⸗ deck kamen, ſahen ſie Zuel an der Seite des Kapi⸗ täns, der den Knaben mit freundlichen Blicken be⸗ trachtete. Aber mit dieſem guten Zeichen— Nor⸗ däniſchen Gefangenſchaft noch nicht viel beachtet und ſich nicht wie ſonſt mit ihm abgegeben— erblickte man mit Schrecken das Schiff pfeilſchnell von ſtarken Wellen und jenem furchtbaren Sturmwind, der Bö genannt, gepeitſcht, dem jütländiſchen Ufer zutreiben. In wilder Unordnung liefen Alle unter und überein⸗ ander her, aber des Kapitäns Ruf ſtellte ſchnell, wie in ſeinen beſten Tagen, die Ordnung her. Er war wie umgewandelt, ſein Auge glühte, ſein Schritt dröhnte über das Verdeck, und die Matroſen riefen ſich im Angeſicht der größten Gefahr ſcherzend zu: „Der Bö hat ihm den Teufel beſſer auszutreiben ge⸗ wußt, als der Kaplan.“ „Wendet! wendet!“ erſcholl's,„legt Back! Setzt das Vorderbramſegel bei! Fallt ab vom Winde! Riemen! Riemen!“ Alle dieſe Befehle wurden faſt in eben ſo kurzer Zeit vollzogen, als gegeben. Das Schiff ging auch glücklich, den halben Wind durch⸗ ſchneidend, in nördlicher Richtung, obgleich mit der Schnelle des Vogelflugs, und die Anſtrengung aller Matroſen an der Ruderbank verſprach, es in dieſer glücklichen Richtung zu erhalten. Das Verdeck war wie gekehrt, und nur der Kapitän ſtand darauf und unterhielt ſich mit Zuel, der den Matroſen im Maſt⸗ korbe abgelöſt hatte und nun mit lauter Stimme verkündete, daß er die Wälle von Jütland deutlich ſähe. Es war Tag geworden. Der Kapitän wurde unruhiger und lief überall hin, um nachzuſehen und zu prüfen. Die Apathie des vorigen Tages ſchien ſich in Extrem verwandelt zu haben. Zum Erſtau⸗ nen der Ruderer erzählte er ihnen, daß zum Heil des Schiffs und der Mannſchaft eine höhere Hand ihn munter erhalten. Gegen Morgen habe er ein entſetzliches Brauſen in der Luft vernommen und da⸗ durch aufmerkſam aufgeſchaut, ſei er durch die Däm⸗ merung eines jener ungeheuren Waſſerberge anſichtig geworden, welche die Schiffer der Nordſee Deiningen nennen, der ſich auf das Schiff losgeſtürzt; er habe ſeine Seele Gott befohlen und nicht anders gemeint, als daß die Fregatte ſogleich in den Grund gehen würde, da aber ſei das Ankertau geriſſen und der losgebrochene Bö habe das Schiff mit einer von ihm noch nie geſehenen Schnelligkeit rückwärts getrieben. Er ließ doppelte Rationen Rum austheilen und er⸗ mahnte mit ungewohnter Unruhe zur Ausdauer. Dann ſtand er wieder auf dem Verdeck und betrachtete Him⸗ mel und Waſſer mit beſorglichen Blicken. Und als ſollte ſeine böſe Ahnung ſchnell in Erfüllung gehen, brauſte der Wind wilder ſich zum furchtbarſten Sturme herauf und wühlte das Meer zu immer hö⸗ hern Wellen empor, bis ſie gebirgshoch heranrollten. Jetzt befahl der Kapitän nicht mehr, er ſtürzte ſelbſt an die Taue, die Raaen klapperten, Segel wurden aufgerollt und gewendet, um das Schiff in der Rich⸗ tung zu erhalten, an den Maſten huſchten die Ma⸗ troſen auf und ab, am Steuer arbeiteten zehn Mann und was nur eine Ruderſtange führen konnte, griff an und arbeitete, was menſchliche Kräfte vermochten. Aber in demſelben Augenblicke kam das Schiff ſo weit 16 Back zu liegen, daß es umgeſtürzt wäre, wenn nicht der Kapitän in der höchſten Gefahr geſchrieen hätte: „Wendet!“ und ſelbſt Hand angelegt hätte, das Steuer zu drehen. Wohl drehte ſich die Fregatte, aber ſie kam auch in den vollen Wind, der die auf⸗ gerollten Segel mit Rieſengewalt ergriff und das ret⸗ tungsloſe Schiff dem klippigen Ufer zujagte. „Eingerefft!“ ſchrie der Kapitän, aber ſchon ſtürzte auch ein Matroſe, von der Höhe des Maſts durch des Sturmes Gewalt herabgeſchleudert, todt auf das Verdeck. Andere kletterten an den Tauen hinauf, aber ſie vermochten das Segel nicht mehr zu regieren. Da lief der Kapitän ſelbſt und zerſchnitt mit ſeinem Sä⸗ bel die Stricke, womit die unteren Ragen an die Maſte befeſtigt waren und hoch auf wurde das Bram⸗ ſegel getrieben und flatterte in der Luft weit hinauf, bis es überſchlug und an den Spiren des Fockmaſtes hängen blieb. „Rettet, rettet mir den Graf⸗Mörner!“ rief Nor⸗ croß;„brave Jungen, ſchont Euer Leben nicht, ſo wenig ich das meinige ſchone!“ Und Alle griffen zu und arbeiteten mit der Kraft der Verzweiflung. Eini⸗ gen Matroſen ſchoß das Blut unter den Nägeln her⸗ vor, aber vergebens war es, den Wellen Widerſtand zu leiſten. Der Schiffskaplan hatte ſelbſt eine Ru⸗ derſtange gehandhabt, da ſich das Schiff aber nichts deſtoweniger mit jedem Augenblicke dem Ufer mehr näherte, dahin ſauſend wie ein von der Senne los⸗ gelaſſener Pfeil, ſo warf er das Ruder weg und ſich ſelbſt auf den Boden, jämmerlich heulend und ſchreiend. „Ei, hochwürdiger Herr, habt Ihr ſo ſchlechten Troſt für uns?“ redete ihn der Bootsmann an. „Steht auf und ſingt und betet. Das Meſſer ſteht 17 uns an der Kehle und wird ſogleich einſchneiden. Nehmt Euere Bibel vom Rücken. Wozu haben wir denn einen Schwarzrock auf das Schiff genommen, als daß er uns in unſerm letzten Stündlein einen geiſtlichen Zehrpfennig mit in des Meeres Schorß hinabgebe?“ Meiſter Pehrſohn war recht ernſt gewor⸗ den, der Kaplan aber an allen geiſtlichen Mitteln ſo gänzlich bankrott, daß er dem Bootsmann auch nicht einen einzigen von den verlangten Pfennigen auszah⸗ len konnte. Der Kapitän ging mit Seelenruhe an ihm vorüber und ſagte:„Ei, Freund, haben Euch Euere Bibelverſe verlaſſen? Ja, ja, das iſt Schaum, an dem Ihr Euch nicht halten könnt, wenn's an's Unterſinken geht. Ich bitte Euch, ſagt mir doch ein Stoßſeufzerlein her; doch ſchnell! Denn der Stoß wird bald kommen und der letzte Seufzer auch.“ Da plapperte in raſender Verwirrung und wie zum gräßlichen Hohn der angſtvollen Stunde, der Kaplan ein Würfel⸗ und Kartenſprüchlein her, was nur ſchlechten Spießgeſellen durch den Mund zu lau⸗ fen pflegte. Der Schiffschirurgus, der, um die To⸗ desangſt zu verſcheuchen, wacker Grog braute und zechte und zuletzt in beſoffener Gleichgültigkeit in einer Ecke, ohnfern ſeinem geiſtlichen Spiel⸗ und Trinkbru⸗ der, lag, lachte und lallte:„Brav, Magiſter! Mit Verlaub zu ſagen. Luſtig gelebt und ſelig geſtorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben.“ Der Kapitän kehrte Beiden den Rücken und gab neue Befehle; das Schiff wurde abermals gewendet und trieb, halb auf der Seite liegend, etwas lang⸗ ſamer. Da ſagte Noreroß Jueln etwas leiſe. Der Junge flog hinab und nach wenigen Augenblicken krachte ſeine Kanone. Und Schuß auf Schuß fiel aus den Feuerſchlünden, daß das ganze Waſſerhaus Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XIII. 2 18 erbebte. Aber in demſelben Augenblicke erhielt die Fregatte auch den erſten Stoß an einer Klippe. Die Gewalt deſſelben warf Alles, was auf den Beinen ſtand, über den Haufen. „Jeſus Chriſtus!“ ſchrie Gad und ſtürzte auf den troſtloſen Prieſter zu, um ſich Troſt zu holen. Es iſt aus! Alles iſt Teufelswerk! Der ſchreckliche Hexen⸗ meiſter Flarmann, oder wie er ſonſt heißen mag, hat durch teufliſche Zauberkünſte den Kapitän ſo tief in See gelockt und nun dieſen Sturm erregt, um uns zu verderben!“ „Mit Verlaub, Kapitänlieutenant,“ ſchwatzte Ha⸗ bermann,„ſo hättet Ihr wohlgethan, ihn zurückzu⸗ halten, ſtatt auszubeißen. Wär' er noch hier, ſo wären auch wir geborgen.“ „O wär' er hier!“ jammerte Gad,„der Teufel hülfe uns ſeinetwegen auch mit durch. Magiſter, be⸗ ſchwört den Teufel!“ „Oha!“ ſtöhnte Jener.„Ich habe keine Macht über den Teufel.“ Der Kapitän ging mit ungeſtör⸗ ter Ruhe vorüber, und befahl den Matroſen, den Leck zu verſtopfen.“ „Ich wette,“ ſagte er,„der Kaplan wird nachher über die Wellen dahingehen an's trockne Land und uns Alle auslachen.“ Gad aber nahm dieſe Worte für Ernſt und hing ſich wie ein Sack in den Bibel⸗ riemen, damit der Meerwanderer ihn mit ſich fort⸗ ſchleppen möchte. Der Leck wurde vermacht und das eingedrungene Waſſer ausgepumpt. Die frühere Unruhe vor der Gefahr war von Noreroß gewichen, ſo wie die Ge⸗ fahr da war und er ihr in's Ange ſehen konnte. Und je größer dieſe Gefahr wurde, deſto ruhiger ſchien er zu werden und über ſein, erſt ſo düſteres Geſicht 19 verbreitete ſich jetzt Klarheit. Und die Gefahr ſtieg von Minute zu Minute. Das Schiff war mitten im Bereich der unterfluthigen Scheren, und nichts ſchien gewiſſer, als der augenblickliche Tod. Norcroß ſtand mit verſchränkten Armen auf dem Hinterdeck, zu ſei⸗ nen Füßen kauerte der Knabe und ſah ihm feſt und ruhig in's Geſicht. Wie beſchämte das Kind den Prie⸗ ſter, den Kapitänlieutenant und den Chirurgen! „Endlich!“ rief der Kapitän und deutete nach dem nahen Ufer. Zuel ſprang auf und jauchzte: „Mein Ochſe hat nicht vergeblich gebrüllt! Menſchen kommen!“ „Was helfen uns Menſchen, Juel,“ ſagte der Kapitän,„wenn nicht von jenen hochherzigen Ager⸗ boern darunter ſind, jenen ſtarken Lootſen? Ach, und was ſoll ich am Lande? Ich ſoll mein Schiff hier zurücklaſſen? Werd' ich es vermögen?“ Und gleichſam als hätte ſie Leben und Gefühl und die theilnehmenden Worte ihres Führers ver⸗ ſtanden, zitterte jetzt die Fregatte, wie ein von Jä⸗ gern eingekreiſtes Wild. Sie wollte noch einmal gegen den in ihren Maſten und Raaen brauſenden Sturm ankämpfen, aber ihrer ſpottend, warf er ſie an einen Riff. Ein zweiter Stoß erfolgte. Verzweifelt wink⸗ ten die Matroſen dem am Ufer verſammelten Men⸗ ſchenhaufen zu. Das Waſſer drang ſtromweiſe in das Schiff. Die Matroſen boten die letzten Kräfte auf, den neuen Leck zu verſtopfen. Da ſah man endlich vier Männer zum Strande herabklimmen und ein Boot beſteigen. Es waren Agerboern. Mit Ge⸗ wandtheit und Kraft ſchnitten ſie den Wind und die Wellen. Sie kämpften ſich glücklich durch. Doch all⸗ zuklein war ihr Boot; es konnte höchſtens zehn Mann von der auf dem Graf⸗Mörner befindlichen Mann⸗ 2½ 20 ſchaft faſſen. Der Kapitän hatte die Fallreetreppe hinabgelaſſen. Der Kaplan, von einer Hoffnung zur Rettung emporgeriſſen, wollte der Erſte im Boote ſein. Aber in ängſtlicher Haſt verfehlte er auf der ſteilen Treppe eine Staffel und ſtürzte köpflings in's Meer. In demſelben Augenblicke ſtieß das Boot an, und er kam unglücklicher Weiſe darunter. Man hatte nicht Zeit, nach ſeiner Rettung ſich umzuthun; denn der Augenblick drängte furchtbar. In Eile ſtürzte ſich in das Boot, was dazu konnte. Außer dem Ka⸗ pitän waren noch vier Officiere und der Kapitänlieute⸗ nant, der Bootsmann, der Steuermann und einige Matroſen darin. In dem Augenblicke, als der Ka⸗ pitän die Treppe hinabgeſtiegen, hatte er, um Juel zu retten, der in dem Gedränge ſonſt gewiß nicht zum Boote gelangt wäre, den Knaben raſch auf den Rücken genommen und trug ihn in's Boot. Die Agerbvern ſtießen ab, den Zurückgebliebenen zurufend: „Wir kommen ſogleich wieder!“ Zwei junge Officiere und einige zwanzig Matro⸗ ſen waren mit dem Chirurgus noch auf dem Schiffe, wilde Burſche, die aber in aller Noth bei Norcroß ausgehalten hatten. Kaum war das Boot in der Weite eines Schuſ⸗ ſes vom Schiffe entfernt, als die unglückliche Fre⸗ gatte mit ſolch' furchtbarer Gewalt in den Grund ſtieß, daß ſie mitten von einander barſt und mit Stumpf und Stiel in die Tiefe ſank. Die Matroſen ſuchten ſich durch Schwimmen zu retten, aber nur einigen gelang es, das Ufer zu erreichen, die andern verſchlangen die dahinrollenden Wellen. Meiſter Ha⸗ bermann, plötzlich nüchtern geworden, retirirte erſt auf das Hinterdeck, als aber auch dieſes in die Fluth ging, lief er in Todesangſt den Hintermaſt hinauf 21 und klammerte ſich in den Tauen feſt. Lange hörte man auf dem Boote, wenn das Geheul des Sturmes ſchwieg, das ſeinige. Norcroß ſtand, mit Thränen im Auge, ſeinem Schiffe zugekehrt, und bereuete ſchon, es verlaſſen zu haben. Jeder Fuß breit, den es tie⸗ fer ſank, gab ihm einen tiefern Stich in das Herz. Endlich riß es eine Welle vollends nieder, das auf⸗ gerollte Segel flog über die Wellen; Habermann zuckte ſeinen Todeskampf darin. Noch ein Ruck, die letzten Spieren gingen unter; Alles war verſchwun⸗ den und die wüthenden Wogen rollten ungehindert bis an das Ufer. Sie riſſen auch das Boot mit fort und nur mit der größten Mühe und der äußerſten Anſtrengung retteten es die Agerbvern vom Unter⸗ gange. Neben demſelben ſchwamm einige Zeit der todte Kaplan, ſeine Bibel ſchiffte über dem Waſſer, und der Sturmwind ſpielte höhnend mit ihren Blät⸗ tern. Hie und da rang noch ein verzweifelter Ma⸗ troſe mit dem empörten Meere, bis auch ihn das Verhängniß hinabriß und die Woge mitleidig bedeckte. Das Boot landete, empfangen von den Strand⸗ bewohnern, die Alle aus ihren am Ufer ſtehenden ärmlichen Hütten herausgekommen waren. Norcroß winkte den ſterbenden Gefährten den Abſchied zu; lange ſaß er auf einem Stein und ſah, Thränen ver⸗ gießend, auf die Stelle, wo ſein theures Schiff un⸗ tergegangen war. Dann ſagte er zu Juel, der bei ihm verharrte:„Wahrlich, das Schickſal prüft mich hart und fürchterlich. Das Schlimmſte, was mir geſchehen konnte, iſt geſchehen; mein Theuerſtes iſt dahin, und ich wundere mich über mich ſelbſt, daß ich den Verluſt meiner Fregatte habe überleben kön⸗ nen. Jetzt bin ich ein ganz geſchlagener Mann; mein Trotz iſt gebrochen, und mit den Thränen, die ich ——— hier weine und die mein ſtarres Herz erweicht haben, bring' ich meinem beſſern Selbſt das erſte Sühnopfer.“ 2. Herzensgeſchichten. Die Agebvern brachten die geretteten ſchwediſchen Schiffsleute, unter lärmender Begleitung des Strand⸗ volkes, auf das Herrengut, welches nicht weit vom Kloſter Weſterwig lag. Obgleich die dem Tode ent⸗ ronnenen Freibeuter ſich nicht mit einander verabre⸗ den konnten, was ſie in Feindesland für eine Rolle zu ſpielen hätten, ſo verſtändigten ſie ſich doch durch Blicke und Zeichen, und als ſie vor den Gutsherrn gebracht wurden, trat Norcroß ſogleich vor, um auf die Fragen deſſelben zu antworten. Der Gutsbeſitzer hatte nicht ſobald das Unglück dieſer Leute vernom⸗ men, als er ihnen auch mit der größten Freundlich⸗ keit entgegen kam und ihnen die herzlichſte Theilnahme zeigte. Denen, die ſich durch Schwimmen gerettet hatten, ließ er trockene Kleider reichen und bat Alle, ſich's bequem zu machen, und ſein Haus als das ihrige zu betrachten. Der Gutsherr, der ſich ſeinen Gäſten Schrellücke nannte, fragte ſodann mit höflichen Worten nach Na⸗ men, Stand, Gewerbe, Zweck und Richtung der Reiſe der Verunglückten; und Norcroß gab ſich für einen nordbritiſchen Kaufmann aus, der in Schweden Handelſchaft getrieben und nach Holland habe reiſen 23 wollen; der Kapitänlieutenant Gad wußte nichts Ge⸗ ſcheuteres zu ſagen, als daß er der Steuermann des geſcheiterten Schiffes wäre, dadurch kam der wirkliche Steuermann in die Verlegenheit, ſich unter die Ma⸗ troſen zu ſtellen. Die Officiere gaben ſich theils für Kaufleute, theils für Paſſagiere aus, und berichteten, daß der Kapitän des Schiffes umgekommen ſei. Der Edelmann ſchien nicht das mindeſte Mißtrauen in ihre Ausſage zu ſetzen und ſagte: „Ihr ſeid zwar größtentheils Schweden, meine Herren, aber was geht urs der Streit unſerer Kö⸗ nige an? Ihr ſeid Chriſten, ſeid Gottes Kinder, wie ich, und demnach meine Brüder; Euer Unglück aber legt mir die Pflicht auf, Euch zu helfen, ſo weit es in meinen Kräften ſteht. Nun ſo kommt her, Ihr, Herren, ich will Euch mit meiner Familie bekannt machen.“ Mit dieſen Worten ſührte er die Schiffbrüchigen in den Familienſaal, der in Dänemark das vorzüg⸗ lichſte Gemach des Hauſes iſt und ſich immer zu ebener Erde befindet. Hier wurden ſie von der Frau und den erwachſenen Kindern freundlich bewillkommt. Alle dieſe Leute kamen ihren Wünſchen mit Bereitwillig⸗ keit entgegen. Es wurde ein einfach⸗gutes Mahl zugerichtet; die Fremden ſaßen, mit den Gliedern des Hauſes untermiſcht, um die lange Tafel, welche ein großer, ſilberner Becher von Mund zu Mund gehend umkreiſte. Gad war neben die älteſte Tochter des Hauſes zu ſitzen gekommen, und ob ſie gleich nicht ſchön war, ſo wurden ihm ihre ſanftfreundlichen Augen, ihr ſchlanker Wuchs und die unbefangene Zu⸗ ſprache, mit der ſie ihn zum Eſſen und Trinken trieb, ſo gefährlich, daß ein leiſes Zittern, von ſeinen 24 Händen ausgehend, ſich immer ſtärker über den gan⸗ zen langen Körper verbreitete. Der geſprächige Wirth erzählte von ſeinen Schick⸗ ſalen und Norcroß berichtete zum Recompens von ſeinen Reiſen in Oſtindien. So verging der Tag unter freundlichem Geſpräche. Die Matroſen waren in einem andern Zimmer ebenfalls gut bewirthet wor⸗ den und tranken ihren umgekommenen Kameraden ein brüderliches Valet. Eben ſo gut, wie für Speiſe und Trank, war für das Lager der Gäſte geſorgt. Reine, ſchöne Bet⸗ ten, mit Eiderdaunen gefüllt, in weiten, luftigen Gemächern waren der Solidität der Hausbeſitzer an⸗ gemeſſen. Unter belobenden Aeußerungen über den trefflichen Wirth, entſchlief die Mannſchaft. Gad konnte nicht Rühmens und Preiſens genug von der herrlichen Tochter machen und vor Mitternacht kein Auge zuthun. Noreroß hatte zum erſtenmal in ſeinem Leben das Bild häuslicher und ehelicher Glückſeligkeit geſehen, zum erſtenmal war der unſtäte Seefahrer an einen Heerd getreten, auf welchem die reine Flamme eheli⸗ cher Liebe loderte, und ſein durch Unglück und das Scheitern ſeiners Pläne aufgelockertes, für den Saa⸗ men des Guten empfänglicher gewordenes Gemüth empfand einen ſtarken, ihm aber fremden und uner⸗ klärlichen Eindruck vom Reflex des ſchönen Bildes in ſeiner Seele. Er fühlte eine Sehnſucht in ſich er⸗ wacht, die von dem ſtürmiſchen Verlangen, wie es ſeine Bruſt erſt durchlodert hatte, ſo ganz verſchieden war, daß ſie vielmehr die demſelben entgegengeſetzte Richtung andeutete. Er fühlte ſich weich bis zu Thrä⸗ nen, wenn er ſich dies Bild des häuslichen Glücks mit den kleinſten Schattirungen ausmalte, aber ſein —— 25 Verſtand trat mit dem neuerwachten Gefühle in Wi⸗ derſtreit:„Der Mann kennt kein höheres Loos, ſein beſchränktes Weib füllt ſeine Welt aus, er hat nie andere Wünſche gehegt; er iſt nie über die Scholle ſeines Gutes hinausgekommen; er iſt ein Bauer und hat keinen Sinn für die Herrlichkeit des Seelebens, er liebt ſein Weib, wie ſein Haus und ſeinen Acker.“ Aber im tiefen Herzen widerſprach das nengeborne Gefühl, und lallte es auch noch unverſtändlich, es ſuchte ſich ſchon Nahrung zum Gedeihen. Norcroß träumte in dieſer Nacht von ſeinem Weibe; ſie ſtand vor ihm, Thränen im Auge, winkte ihm mit milder Geberde zu ſich heran und flüſterte ihm zu, daß ſie ja doch ein Pfand ſeiner Liebe unter dem Herzen trage. Dieſer Traum verſtärkte den Eindruck des vorigen Tages; den wilden Kaperkapitän erfüllte ein ſo wunderliches Weh, das er vergebens wegzuräſon⸗ niren ſuchte, und die zarte Blüthe rein menſchlichen Gefühls entfaltete ſich in ſeiner Bruſt. Und als nun in den folgenden Tagen der Edelmann ihm immer mehr herzliches Vertrauen ſchenkte, und einmal in einer Stunde, wo ſie allein bei einer Flaſche Wein zuſammenſaßen, erzählte, daß er früher als Haupt⸗ mann in Holſtein gefochten und dort ein herrliches Mädchen, ihm an Stand und Reichthum gleich, heiß geliebt habe, daß er aber durch ein früheres Ehever⸗ ſprechen, nach dem Wunſche ſeiner Eltern, an ſeine jetzige Frau gebunden geweſen ſei, daß er die ſchwer⸗ ſten Kämpfe mit ſeinem Herzen beſtanden, aber Wort und Pflicht doch den Sieg über eine ſtarke Leiden⸗ ſchaft davongetragen und er dieſe Entſcheidung, im Beſitz eines höchſt braven, liebenswürdigen, häuslichen Weibes, das ihn glücklich gemacht, nie bereut habe; da rief Norcroß tiefgerührt:„Ja, Freund, ich habe auch ein liebes Weib zu Hauſe. Ich ſtand auf dem Punkt, ſie zu verlaſſen, ohne daß ſie mir die kleinſte Veranlaſſung dazu gegeben hätte, und blos weil ich eine Andere mit Leidenſchaft liebte. Aber die Unfälle, die mich zeither getroffen, Euer einfach⸗ſchönes Fami⸗ lienleben und Euere eigene Geſchichte haben mich mei⸗ nem Weibe wiedergewonnen.“ „So hat Gott Euern Eintritt in mein Haus ge⸗ ſegnet!“ rief der gütige Wirth und ſchüttelte ſeinem Gaſte biedermänniſch die Hand. Norcroß und ſeine Unglücksgefährten wollten ſchon am vierten Tage wieder abziehen, aber der Edel⸗ mann widerſetzte ſich. „Wohin wollt Ihr in dieſer Jahreszeit?“ ſagte er gutmeinend zu Norcroß.„Es müſſen wenigſtens noch vierz'hn Tage in's Land gehen, ehe aus den dä⸗ niſchen Häfen die Schifffahrt wieder lebendig betrie⸗ ben wird. Ihr könnt alſo ohne Gefahr nicht früher abfahren. Oder wollt Ihr Euch einem neuen Sturme ausſetzen, oder wohl gar einem ſchwediſchen Kaper in die Hände fallen, der Euch wieder nach Schweden zurückſchleppt? Ich wette darauf, der Noreroß durch⸗ ſtreift die Weſtſee ſchon wieder, und läßt nichts un⸗ gehudelt, was nicht ſchwediſche Flagge führt.“ Kennt Ihr den Norcroß auch?“ fragte der Ka⸗ pitän lächelnd.„Ich dachte, der wäre nur in Schwe⸗ den bekannt. Da hab' ich viel von ihm reden hören.“ „Glaubt Ihr, daß es in Dänemark einen Men⸗ ſchen gibt, der nicht vor dem Namen dieſes Man⸗ nes mit Abſcheu ausſpeit?“ ſagte der Edelmann ent⸗ rüſtet.„Hat er nicht unſern Kronprinzen ſtehlen, unſern König ermorden, unſre Flotte verbrennen wol⸗ len? Heiliger Gott! Wo gäb' es einen verwegeneren Sünder als dieſen Noreroß? Darf ſich denn ein däniſches Schiff recht auf unſerm Meere ſehen laſſen? Er hat's am Schlepptau und führt's ſeinem König zu. Daß ihn Gott verdammen möge, dieſen See⸗ räuber! Er iſt Euer Landsmann, Freund, aber glaubt. er iſt der einzige Menſch, dem ich alles Böſe wünſche.“ Der Kapitän ſchauderte. Er hatte nicht geglaubt, daß er ſo allgemein bekaunt und gehaßt wäre, daß ſich ſo das Volk mit ſeinen geſcheiterten Plänen trüge. „Bleibt Ihr nur bei mir,“ fuhr der Edelmann wieder gelaſſener fort;„wenn Ihr Geld von Euerm Schiffe gerettet habt, was wollt Ihr es in einem theuern Hafen verzehren? Bei mir koſtet es Euch nichts. Ich mache mir eine Frende daraus. Bleibt, ſo lang' es Euch gefällt. Hier hat Euch kein Frei⸗ beuter etwas an, und wenn das Frühjahr vollends herauf iſt, und die See ſich beruhigt hat, ſo fahrt heim zu Euerer lieben Frau und erzählt ihr von mir und der meinigen und von meinen Kindern.“ Die Freibeuter ließen ſich zureden, denn ihnen Allen leuchtete ein, daß es ihnen nicht leicht werden möchte, in dieſem ſtürmiſchen Wetter nach Schweden hinüberzukommen, oder ſich unentdeckt lange in einem Hafen aufzuhalten. Sie beſchloſſen alſo, zu verzie⸗ hen, bis ſich das Wetter gebeſſert habe. Keinem war dieſer Verzug angenehmer, als dem Kapitänlieutenant Gad, welcher in die Tochter des Hauſes verliebt, und, wie es ſchien, auch von ihr nicht ungern geſehen wurde. Obgleich er in ihrer Nähe ſich nicht die geringſte Erklärung ſeiner Ge⸗ fühle erlaubte, ſondern nur immer zitterte und dann und wann ein gleichgültiges Wort mit Mühe hervor⸗ ſtammelte, ſo war er doch gern in ihrer Nähe, und nur wenn er ihr nicht Geſellſchaft leiſten konnte, lief er im Felde und am Meeresufer umher und erzählte 28 dem Winde von ſeinen brennenden Liebesſchmerzen. Kapitän Norcroß fürchtete wirklich für ſeinen Ver⸗ ſtand und hielt ihr Geheimniß nur um deswillen be⸗ wahrt, weil Gad dem Mädchen gegenüber überhaupt ſtumm war. Deſto geſprächiger war Juel mit Gad's Geliebter und den übrigen Kindern; er ſaß halbe Tage lang unter ihnen und erzählte, oder machte ihnen Schnurren vor, und bald war er bei Allen beliebt und wurde von der Hausfrau und den Töch⸗ tern beſchenkt. Der ſchelmiſche Junge legte es dar⸗ auf an, den Kapitänlieutenant um das Bischen Kopf zu bringen, das er noch hatte. Deshalb ſchlich er hinter ihm her, wenn der verliebte Mann, ſeine Klagelieder zu ſingen, in's Feld lief, und erzählte ihm, wie von ohngefähr, Ellen— ſo hieß die älteſte Tochter— habe ſich vortheilhaft über ihn geäußert, habe Dies und Jenes von ihm geſprochen, nach Dem und Jenem gefragt, habe geſtanden, daß ſie ihm recht gut ſei, und Gad hüpfte und jubelte zuletzt vor Freu⸗ den. Manches Thalerſtück ſpazierte aus des Kapi⸗ tänlieutenants Taſche in die des Schiffsjungen, der dann nicht verfehlte, heimzugehen und dem Mädchen wieder ſüße Dinge von des Steuermanns Liebe zu ihr vorzuſagen. Der einſamen Bewohnerin der Küſte war noch kein Mann, außer Vater und Brüder, ſo nahe gekommen, ihr Herz war reif und empfänglich für ſanfte Gefühle; die Redereien des Jungen goſſen Oel in die Flamme, und ſo war es kein Wunder, daß Beide ſtarke Gefühle für einander hegten. So waren unter allerlei Zerſtreuungen zwei volle Wochen verſtrichen, und Küche und Keller des Guts⸗ herrn hatten es verſpürt; da brachen die Freibeuter auf, ihrem gütigen Wirthe herzlich dankend für alle genoſſenen Wohlthaten. Es that dem Kapitän leid, 29 daß er dem redlichen, braven Manne verſchweigen mußte, wen er eigentlich beherbergt hatte; wäre es nicht mit allzu großer Gefahr verknüpft geweſen, er hätte ſich genannt, um dem Edelmanne einen beſſern Begriff von dem berüchtigten Freibeuter Norcroß bei⸗ zubringen. Er ſchied mit einer wehmüthigen Em⸗ pfindung, aber der reinſten Hochachtung im Herzen gegen den uneigennützigen Wirth, und verſprach, dem⸗ ſelben Nachrichten von ſich zu geben, ſobald ſich eine Gelegenheit dazu finde. Gad war ſtumm wie ein Fiſch, und Ellen ließ ſich gar nicht ſehen. Der Sonderling hatte es noch nicht gewagt, ihr ein Wort von ſeiner Neigung zu ſagen, und er hätte ſich wohl eher ein Leid ange⸗ than, als ſein Herz vor dem geliebten Mädchen aus⸗ zuſchütten. Norcroß aber hielt es nicht für gut, ſei⸗ nen Fürſprecher und Freiwerber zu machen, und ſo ſchied denn der Aengſtliche mit blutendem Herzen. Für Norcroß, Gad und zwei der Officiere hatte ih⸗ nen der Edelmann Pferde und ſeinen älteſten Sohn, nebſt zwei Knechten, zur Begleitung mitgegeben. Die Andern gingen zu Fuße. So kamen ſie nach Tiſted. Dort verließ ſie ihr Begleiter, und Norcroß ver⸗ ſammelte ſeine Leute um ſich, um ihnen zu ſagen, daß Jeder auf ſeine eigene Fauſt nach Schweden zu entkommen ſuchen müſſe, und zwar ſoviel als mög⸗ lich getrennt, weil das Beiſammenſein verdächtig ſei. Von ſeiner Kaſſe theilte er unter ſie, ſoviel er entbehren zu können meinte, und beſtimmte Stockholm zu ihrem Verſammlungsort. Mit ſchmerzlichem Ge⸗ fühle nahm der Kapitän von ihnen Abſchied; ſie zer⸗ ſtreuten ſich, und er ritt mit Gad und zwei jüngern Officieren nach Aalborg. So ſehr auch Juel bat, der Kapitän möchte ihn mit ſich nehmen, ſo ſchlug ihm 30 Norcroß doch die Bitte ab, und vertraute den Jun⸗ gen vielmehr der väterlichen Vorſorge Meiſter Pehr⸗ ſohn's. Dort gaben ſie die Pferde zurück, und gin⸗ gen zu Fuße nach Aarhuus. Hier mußten ſie über⸗ nachten. Sie traten in eine ſchlechte Herberge und wollten mit der Frühe des Tages aufbrechen, um ſich nach Kallundborg überſetzen zu laſſen. Als ſie ſich erhoben, war der Kapitänlieutenant verſchwunden; er war ſchon Tags vorher wie tiefſinnig geweſen. Ver⸗ gebens fragte man nach ihm; die Thüre war nicht verſchloſſen geweſen, und er wahrſcheinlich in der Nacht ſchon entwichen. „Wohl ihm!“ ſagte Norcroß.„Er wird Jütland nicht mehr verlaſſen können. Er wird zu unſerem guten Wirthe zurückkehren, reumüthig die große Sünde bekennen, daß er des Freibeuters Norcroß Officier geweſen iſt und durch Ellen's ſanfte Augen Verzeihung erhalten. Dann wird er, wie weiland der Erzvater Jakob, ſieben Jahre um Ellen als Knecht dienen, ſie heirathen und ſich wohler hinter dem Pfluge, als hinter dem Steuer befinden. Das Rauſchen der Kornähren wird ihm beſſer bekommen, als das Rau⸗ ſchen der Segel, ſo daß wir ihm wohl noch einmal als wohlgenährten jütländiſchen Edelmanne ſeinen Ueberfluß abnehmen können.“—„Und am Ende hat er Recht!“ ſetzte er für ſich hinzu.„Ich wollte, ich hätte auch ſo zu thun vermocht! Ich wollte, ich ver⸗ möchte es noch! Aber zwei Seelen wohnen in meiner Bruſt, in ewigem Widerſtreit mit einander begriffen.“ 3. Auf Secland. Auf einem elenden Fiſcherbvote kamen ſie in See⸗ land an. In Kallundborg trennte ſich Norcroß von ſeinen Gefährten; ſie gingen nach Helſingver, er fühlte ſich unwiderſtehlich nach Kopenhagen gezogen. Und obgleich er ſich dort der augenſcheinlichſten Gefahr ausſetzte, ſo vermochte er doch dem mächtigen Triebe nicht zu widerſtehen. Er wechſelte mit einem der Officiere die Kleider, ließ ſich den Bart wachſen und trat dann an einem Knotenſtocke ſeine Fußwanderung nach der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt des Königreichs Dänemark an. Der grobe breite Filzhut eines Land⸗ manns beſchattete ſein Geſicht, verſchwunden waren alle Abzeichen ſeines Standes und alle Merkmale ſei⸗ ner Lebensart. In dieſer Geſtalt langte er in Kopenhagen an. „Nur noch einmal will ich ſie ſehen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Nicht ſprechen will ich ſie, kein Blick von ihr ſoll mich treffen; ſtumm betrachten und dann gehen will ich, um ſie nie mehr zu ſehen. Mit einem Blicke von ihr Abſchied nehmen und dann hinüber nach Stockholm zu meinem Weibe und die Gute lie⸗ ben, wie ſie es verdient! Ja, ja, ich will ein guter Hausherr, ein braver Ehemann, ein zärtlicher Vater werden. Aber erſt noch einen Blick! Nur einen!“ Stumm wandelte er durch die Straße, in welcher des Vice⸗Statthalters von Gabel Haus ſtand, am Abend, am Mittag und am Morgen, und wurde 32 nicht müde, und wurde nicht verdroſſen, bis er ſie endlich ſah. Friederike in ſchwarzer Kleidung— ihre Mutter war geſtorben— ſtieg zu Pferde, als er vorüber⸗ ging. Er war wie von einem Zauber an die Stelle gebannt und ſtarrte unter ſeinem breiten Hute der Jungfrau in's Geſicht. Eben ſchwenkte ſie ſich in den Sattel und ſprengte davon. Es zog ihn nach; er konnte nicht widerſtehen, und er lief, um ihr nachzukommen und dachte nicht mehr an ſich, noch an die Gefahr, in die er ſich begab. Friederike ritt mit ihrem Reitknechte dem Hafen zu. Norcroß war ihr im Fußwege zur Seite. Der Reitknecht machte das Fräulein auf den nachrennenden und ſie immerfort anſehenden Bauer aufmerkſam. Seine Augen hingen unbeweglich an ihrer königlichen Geſtalt, er vermochte ſie nicht abzuwenden und tief und tiefer ſog er wie⸗ der das ſüße Gift in die Seele. Das Fräulein betrachtete den Bauer und befahl dem Reitknecht vorauszureiten. Dann ſprengte ſie an den Fußweg heran und winkte Norcroß zu ſich. Er zögerte. In demſelben Augenblicke war ſie bei ihm. „Ich hab' Euch erkannt, Kapitän!“ ſagte ſie haſtig. „Flieht um Gotteswillen! daß mir nicht das Schreck⸗ lichſte widerfährt, Euern Kopf ſpringen zu ſehen. Welche Thorheit treibt Euch hierher! In Dänemark blüht Euch kein Segen. Fort! fort! Hinter jedem Baume lauert der Tod auf Euch.“ „Friederike!“ rief Noreroß, die Hände empor⸗ hebend. „Fort! Ich lieb' Euch nicht mehr! Ihr ſeid mir verhaßt; Ihr ſeid die Quelle meiner Reue!“ rief das Fräulein und ſprengte davon. „Hab' ich recht gehört?“ ſtammelte der Kaper⸗ kapitän erſchrocken.„Sie haßt mich? Sie fühlt Reue? O ſo hat die Flamme des Erdgeiſtes auch dieſem En⸗ gel die Schwingen verſenkt, ſo iſt auch an dieſes Götterbild der Staub der Heerſtraße geflogen. Frie⸗ derike Reue? Wohlan, ſo will auch ich bereuen und mich beſſern! Nun gut! Es war der letzte Aufſtoß einer beſſern Natur, womit der Himmel mich und ſie ausgeſtattet. Er iſt vorüber der Fieberparoxismus, und ich will ein frommer, geduldiger, vernünftiger Menſch unter den andern lieben Menſchen ſein. Sie ſind ja ſo redlich, ſo bieder, ſo gütig dieſe Brüder. Sie ſind ja Alle halbe Engel, und ich will nicht län⸗ ger ein halber Teufel ſein. Nun darf ich auch nicht mehr ausziehen auf Raub; denn es iſt ja unrecht, ſeine ehrlichen Brüder zu berauben. Ich will ein Ackersmann werden, wie Gad, die gute Seele, und mir mit der Pflugſchaar mein Glück aus der Erde holen.“ In furchtbarer Zerknirſchung wandelte er im Ha⸗ fen und erkundigte ſich nach den vor Anker liegenden Schiffen. Da erfuhr er, daß eine ruſſiſche Fregatte auf der kopenhagener Rhede Tags darauf die Anker lichten werde. Man ſagte ihm, daß die Ruderknechte derſelben ſoeben auf den Amagermarkt gegangen ſeien, um Proviant für die Abfahrt einzukaufen. Nor⸗ croß verfügte ſich dorthin, fand die Matroſen und wurde für ein Trinkgeld des Handels mit ihnen eins, daß ſie ihn mit auf das Schiff nehmen wollten. Er ging alſo in ihrer Mitte durch den Hafen und an der Zollbude vorüber. Die Wache vor derſelben hatte die Matroſen beim Ausſteigen nicht gezählt, hielt alſo Norcroß auch für einen Moscowiter und ließ ſie ungehindert das Boot beſteigen und abſegeln. Auf der Fregatte angelangt, bot Noreroß dem Kapitän Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Rlil. 3 ein gut Stück Geld, wenn er ihn an die ſchoniſche Küſte überſetzen laſſe; er ſei ein ſchwediſcher Bauer, der ſich in einem Geſchäft verſpätet und Eile habe. Der Kapitän ließ ſich finden und gab Befehl, den Bauer in der Schaluppe nach Schonen zu führen. Noreroß zahlte und ſchwamm in wenigen Minuten dem Schwedenreiche zu. Schon glaubte er der Ge⸗ fahr entronnen zu ſein und triumphirte über ſein ge⸗ wonnenes Spiel, da ſtieg aus dem Waſſer in der Ferne ein Segel höher und höher und kam ſchnell“ den Sund herauf. Norcroß ahnete nichts Gutes. Aber die Schaluppe war erſt in der Gegend von Dragon und alſo an ein Entrinnen nicht zu denken. Sobald die Flaggen des heraneilenden Schiffes zu er⸗ kennen waren, ſah Norcroß, daß es ein Admiral⸗ ſchiff ſei. Es dauerte nicht lange, ſo war das Schiff da und gebot der Schaluppe zu halten. Als der Führer des Admiralſchiffs ſich auf dem Verdeck zeigte, erkannte Norcroß zu ſeiner Beſtürzung den Comman⸗ deur Tordenſchild. Doch faßte er ſich ſo gut er konnte und trat dem in die Schaluppe herabſteigen⸗ den Seehelden keck entgegen. „Wohin wollt Ihr dieſe Schaluppe führen?“ fragte Tordenſchild die Ruderknechte. „Wir bringen dieſen ſchwediſchen Bauer auf Be⸗ fehl unſeres Kapitäns nach Schonen.“ „Haſt Du einen däniſchen Paß zu Deiner Reiſe in Dänemark?“ fragte der Commandeur den Ka⸗ pitän. „Nein, ich bin drum gekommen, als ich in der Herberge lag. Ich bitt' Euch, geſtrenger Herr, laßt mich heim, Frau und Kinder warten auf mich.“ „Ein Boot!“ rief Tordenſchild nach ſeinem Schiffe, und ſogleich wurde ein kleines Boot ausgeſetzt.„Du 35 biſt mein Gefangener, Bauer. Ich will Deine Aus⸗ ſagen in Kopenhagen prüfen laſſen. Jetzt kannſt Du Dir Alles Reden erſparen. Wirſt Du für wahr befunden, ſo erhältſt Du Paß und Freiheit. Ob Du ein paar Tage früher oder ſpäter in Deine Heimath kehrſt, iſt einerlei. Steig' in das Boot!“ Norcroß ſah ein, daß Gehorchen das Klügſte und jede Widerſetzlichkeit unnütz und verderblich ſei. Er war nur froh, daß ihn Tordenſchild nicht mit auf ſein Schiff nahm, wo ihn leicht einer aus der Um⸗ gebung des Commandeurs hätte erkennen können, und ſtieg winſelnd, nach Art der Bauern, in das Boot, das zwei Matroſen nach Kopenhagen führten. Dem Admiral Judiker übergeben, wurde er nach kurzem Verhör auf den Holm in das unter dem Namen „Trunken“ bekannte Gefängniß geſetzt. Dort fand Norcroß eine Menge ſchwediſcher Unterthanen als Ge⸗ fangene, zu ſeinem Glücke war Keiner dabei, der ihn perſönlich gekannt hätte. Die Aufſicht über ihn er⸗ hielt ein ausgedienter Schiffer, nun Oberprofoß und Schließer, Namens Peter Früß, der Trunk und Scherz liebte, und mit ſeinen Gefangenen auf dem beſten Fuße lebte, ſobald ſie nur Rum und Wein für ihn bezahlten. Norcroß hatte kaum einen Tag in ſeinem Gefängniß geſeſſen, als er auch ſchon mit der Schwäche ſeines Hüters vertraut war und ſie zu benutzen beſchloß. Er ließ nicht nur wacker ſpirituöſe Getränke anſchaffen und zechte mit ſeinem neuen Freunde Tag und Nacht; er übergab dem Schließer auch hundert Dukaten zum Aufheben und machte ihn zum Vertrauten, indem er ihm geſtand, daß er kein Bauer, ſondern ein ſchwediſcher Kaufmann ſei und früher in Seedienſten geſtanden habe. Nun war der alte luſtige Früß für ſeinen neuen Gefangenen mit 36 ganzer Seele eingenommen und wich nicht von ihm. Beide erzählten ſich von ihren Seefahrten und See⸗ mannsſchwänken, es gab eine Menge Berührungs⸗ punkte und der Schließer ſchwur Stein und Bein, ſeit Antritt ſeines Amtes noch nicht ſo frohe Tage verlebt zu haben, als bei ſeinem neuen Freunde. Früß, durch den Beſitz des Geldes vollends ſicher gemacht, that dem Kapitän nach einigen Tagen den Vorſchlag, mit ihm auf ein Kaffeehaus zu gehen. „Der Wirth heißt Kragenlund und iſt mein Vet⸗ ter,“ ſagte er zutraulich,„ein prächtiger Kerl, auf Schifferparole, Freundchen! Er iſt den ganzen Tag beſoffen und läßt ſeiner Frau freien Paß. Ein Kernweib, Freundchen, zwar ſchon acht und dreißig, aber noch immer ein delikates Fiſchchen. Sie iſt hübſch mit ihren Töchtern in die Wette. Nur nicht zaghaft, junger Freund. Ich weiß, junges Blut iſt voll Uebermuth. Mit mir alter Segelſtange iſt's vorbei,'s iſt alles morſch. Ein Schmätzchen drück' ich ihr zuweilen noch auf das weiße weiche Patſch⸗ chen. Aber zwei Töchter hat ſie, die eine iſt acht⸗ zehn, die andere ſechszehn Jahre alt, und ich will noch am Fockmaſt hängen oder geſäckt werden, wenn die älteſte nicht das ſchönſte Mädel in ganz Kopen⸗ hagen, was ſag' ich— in ganz Dänemark iſt! Na, Ihr ſollt die jungen Laffen alle drum herum liegen ſehen, adelig und bürgerlich, von der See und vom Lande. Mein verſoffener Vetter wird reich durch ſeine hüb⸗ ſchen Weibsleute ohne alles Verdienſt und Würdig⸗ keit; denn er kann wahrlich nichts dazu, daß ſie ſo ſchön ſind, noch daß ſie überhaupt ſind.“ Noreroß trug Bedenken, ſich in das Kaffeehaus zu wagen, aus Beſorgniß, dort erkannt zu werden; doch kam ihm die Ausſicht auf die Bekanntſchaft mit 37 Frau Kragenlund und deren Töchtern gar zu lockend vor, und er vertraute auf ſeine Gewandtheit und ſchöne Geſtalt, um die Eine oder die Andere zu ſei⸗ ner Flucht zu benutzen. Er antwortete alſo:„Seht, Freund, ich bin ein Schwede, und das wüßten doch Alle, die mich auf dem Kaffeehauſe des Herrn Kragenlund in Euerer Geſellſchaft ſehen würden. Ihr kennt ja den thörich⸗ ten Haß, welchen die Dänen gegen die Schweden, und dieſe gegen jene haben, Ihr ſeid über dieſe Al⸗ bernheiten hinaus und ſeht in mir den unſchuldigen Einwohner des Schwedenreichs, der Euerm Könige alles Gute gönnt, aber auch nicht alles Schlechte auf ſeinem Halſe haben möchte. So denkt Ihr; aber Ihr könnt nicht bürgen, daß Andere auch ſo denken. Ihr müßt Euch im Gegentheil geſtehen, ſie werden nicht ſo großartige Geſinnungen haben, wie Ihr. Ihr werdet auch nicht im Stande ſein, mich vor den Beleidigungen, Angriffen und Sticheleien junger Na⸗ ſeweiße zu ſchützen. Ihr werdet nicht verhindern, daß ich darauf antworte. Das ſetzt böſes Blut und noch mehr. Wir könnten in ſchlimme Händel kommen, zu⸗ mal wenn ich Eueren hübſchen Baſen den Hof machte. Wenn Ihr mir alſo nicht verſprecht, daß wir zuſam⸗ men in ein beſonderes Stübchen placirt werden, wo hinein kein Däne darf, ſo kann ich Euch nicht be⸗ gleiten, ſo leid es mir auch thut. Glaubt nicht, daß ich mich vor Händeln fürchte, aber ich ſuche ſie auch nicht.“ „Wenn's weiter nichts iſt, Freundchen, ſo iſt der Schlagbaum ſchnell vor dem freundlichen Hafen ge⸗ hoben, und Ihr könnt mit vollen Segeln einziehen. Es iſt ein Eckſtübchen da, eigentlich das Putzſtübchen der Madame und daran ſtößt ihr Schlafgemach. Das giebt ſie gleich her, ſo wie ſie Euch nur einmal ge⸗ ſehen hat. Denn Ihr ſeid, auf Schifferparole! der ſchönſte Kerl, der mir jemals vor die Naſe gekommen iſt, und ich will nur die Augen ſehen, die die Frau Baſe machen wird, ſobald ſie Euere Flagge entdeckt! Zieht neue Segel auf und flickt Euer Takelwerk ein Bißchen aus. Ich wette darauf, Ihr kapert ſie und die Tochter dazu.“ „Wollen wir nicht noch einige von den ſchwedi⸗ ſchen Gefangenen mitnehmen, den alten Edelmann und den Unterofficier, den Bierbrauer? Es ſind ja noch mehr nette Kerle dabei.“ „Meinetwegen, wenn ſie ihren Kaffee bezahlen können. Ich darf ſie ſchon mitnehmen, wenn ich nur für ſie hafte, daß mir keiner entwiſcht. Na, ich will ſchon auf ſie Acht haben und die liebe Vetter⸗ und Baſenſchaft nebſt Kellner und Laufjungen helfen mir aufpaſſen. Ich will allemal, wenn ich mit Euch zu Madame Kragenlund gehe, ihrer zwei mitnehmen und mit ihnen abwechſeln, daß an Jeden etwas kommt.“ Norcroß ſcheerte ſich Bart und Haare und ſchaffte ſich anſtändige Kleider an, um ſeiner Geſtalt den möglichſt vortheilhafteſten Anſtrich zu geben. Der Oberprofoß, darüber entzückt, zählte in Gedanken ſchon die Gläſer, die er bei und mit ſeinem Vetter auf ſeiner Gefangenen Koſten leeren werde. An einem Nachmittage ging Norcroß mit ſeinem Hüter nach dem Kaffeehauſe. Frau Kragenlund, ein rundes, nettes Weibchen, deren gefälliges Aeußeres noch des alten Früß Beſchreibung übertraf, empfing den neuen Gaſt mit ausnehmender Freundlichkeit, und trat demſelben mit ſichtbarem Vergnügen ihr Putz⸗ ſtübchen ab. Norcroß ſpielte erſt den Zurückhalten⸗ den, Scheuen und— da er bald ſah, daß die Frau 39 im Hauſe das Regiment führe und durch ſie Alles, durch die ſchönen Töchter aber nichts auszurichten ſei — den Verliebten in Madame Kragenlund. Mit ſchlauer Berechnung ließ er zur rechten Zeit einen feurigen Blick auf ſie ſchießen, den er, von ihr be⸗ merkt, verwirrt auf den Boden heftete, dann ſchickte er einen Seufzer fort, rutſchte unruhig auf dem Seſſel, ſtammelte der feuerfangenden Frau einige Ar⸗ tigkeiten vor und hatte es ſchon nach dem erſten Be⸗ ſuche dahin gebracht, daß die Wirthsfrau in ihn ver⸗ liebt war. Auf dem Rückwege lachte Früß pfiffig:„Hoho! das quatſcheliche Fiſchlein hat ſchon an den Köder angebiſſen und zappelt an der Angel. Die Frau Baſe hat mich bei Seite genommen und mich drin⸗ gend gebeten, Euch ja alle Tage nach der Hummer⸗ ſtraße, Nummer 1463 zu führen, wo Gunde Kra⸗ genlund Kaffeehaus hält; ich ſoll die halbe Zeche im⸗ mer frei haben. O da kann ich ſchon leben, denn die andere Hälfte bezahlt Ihr. Wir wollen der gu⸗ ten Frau gern dieſe Gefälligkeit erzeigen.“— Punkt zwei Uhr Nachmittags wandelte der Ober⸗ profoß nun Tag für Tag mit Norcroß und zwei andern ſchwediſchen Gefangenen nach Kragenlund's Kaffeehaus, und Norcroß ſtand mit Madame Kra⸗ genlund bald auf vertrautem Fuße. Unter vier Augen, nachdem er ſeine erheuchelte Schüchternheit abgelegt, fing er an, ſie für ſeinen Plan zu bearbeiten, und ehe drei Wochen vergangen waren, hatte er ſie ſo weit, daß ſie ihm zur Flucht behülflich zu ſein verſprach. Nun hatte aber die Frau eine ſo heftige Leiden⸗ ſchaft für ihn gefaßt, daß ſie mit ihm zu fliehen be⸗ gehrte und der Kapitän ſich dadurch einer neuen gro⸗ 40 ßen Verlegenheit Preis gegeben ſah, an die er noch nicht gedacht hatte. Er war genöthigt, ihr die Ge⸗ fahren der gemeinſchaftlichen Flucht mit den ſchwär⸗ zeſten Farben zu malen und ihr das Verſprechen zu geben, ihr, ſobald er in Stockholm angelangt ſei, Nachricht von ſich zukommen zu laſſen, damit ſie ihm nachfolge. Sobald ſie ſich durch ſeine Schwüre ge⸗ ſichert glaubte, bot ſie all' ihre Schlauheit auf, um dem geliebten Manne fortzuhelfen. Am verabredeten Tage ſtellte ſich Norcroß, als habe er keine Luſt, mit auf das Kaffeehaus zu gehen; allein der alte Schif⸗ fer war ſchon ſo ſehr an den Gang gewöhnt, daß er bitterböſe wurde und ſeinem Gefangenen befahl, mit nach der Hummerſtraße zu wandern. Norcroß ſagte hierauf:„Aber ankleiden mag ich mich nicht erſt. Mir iſt nicht wohl. Ich will in meinem Faſ rocke gehen.“ „Thut das immerhin! Niemand wird's Euch weh⸗ ren und die Frau Baſe ſieht Euch jetzt lieber im Schlafrocke, als in Euerem Bratenkleide.“ Sie gingen; Frau Kragenlund goß dem alten Früß den ſtärkſten Rum in's Gläs, Norcroß trank ihm wacker zu. Als der Profoß daran war, berauſcht zu werden, ging Norcroß hinaus. Frau Kragenlund erwartete ihn draußen, warf ihm einen Mantel um die Schultern, einen breiten Hut auf den Kopf und eilte Hand in Hand mit ihm aus dem Hauſe, die Straße hinab. Früß bemerkte die Abweſenheit ſeines Freundes nach einiger Zeit, und da derſelbe lange ausblieb, ſo würde er ſicherlich nach ihm geſehen haben, wenn nicht die liebe Baſe auch abweſend geweſen wäre. So aber deutete er mit den Augen ſchelmiſch nach der Schlafkammerthür und machte die andern Gefan⸗ * 1 1 1 * 1 † — 41 genen aufmerkſam, daß man den Kaufmann und die Frau Baſe nachher zum Beſten haben wolle. An der Ecke der Straße angelangt, ſtieg Frau Kragenlund mit ihrem Geliebten in einen Wagen, den ſie hierher beſtellt hatte, und im raſchen Trabe ging's zum Thore hinaus. Dort ſtanden ſchon von der liſti⸗ gen Frau beſtellte Vorſpannpferde und im ſchnellſten Rennen flogen ſie bis nach Tarbek. Im Wagen hatte die Frau Mannskleider für Norcroß. Er kleidete ſich um und ſchied unter Küſſen und Liebkoſungen von der verliebten Schankwirthin, die ſich von ihm noch einmal alle Verſprechungen wiederholen ließ. Sie drückte ihm zehn Dukaten in die Hand und kehrte weinend nach der Stadt zurück. Norcroß wanderte zu Fuße nach Ringſtreit. Aber des Gehens entwöhnt, fühlte er ſich bald ſo ange⸗ griffen, daß er unmöglich weiter wandern konnte. Seine Füße waren geſchwollen, eine große Müdig⸗ keit lag in ſeinen Beinen. Er mußte ſich alſo ent⸗ ſchließen, in Ringſtreit an einer Bauernhütte anzu⸗ klopfen und um Herberge zu bitten. Der Bauer ließ ihn eintreten, betrachtete ihn mit mißtrauiſchen Bli⸗ cken und fragte:„Wer ſeid Ihr, Mann?“ „Ein Bürger von Helſingover, und komme von Kopenhagen, wohin mich eine Erbſchaftsangelegenheit meiner Frau rief.“ „Ihr von Helſingoer?“ verſetzte der Bauer un⸗ gläubig.„Das ſchwätzt einem Andern vor. Ihr ſeid kein Däne, das verräth Euere Sprache, Ihr ſeid auch kein Bürger von Helſingoer, das verrathen Euere Kleider. Und überdies iſt mir's, als hätte ich Euch ſchon in andern Kleidern und in einem andern Hauſe geſehen; ich meine in einem Waſſerhauſe. Oho! Ich bin auch zwanzig Jahre zur See geweſen!“ 4 2 Norcroß erſchrak, ließ ſich aber nichts merken, ſondern antwortete:„Ich weiß nicht, was Ihr faſelt, Mann. Ich bin freilich in England geboren und als Matroſe nach Helſingoer gekommen; da hat mir's meine Frau angethan.“ Der Bauer ſchüttelte den Kopf, flüſterte ſeiner Frau heimliche Worte zu und ging fort. Dieſe Dinge kamen dem Kapitän bedenklich vor; er ſchickte ſich an, auch hinaus zu gehen, aber mit Schrecken ward er inne, daß er kaum auf den Füßen zu ſtehen ver⸗ mochte. „Wohin wollt Ihr?“ fragte die Frau barſch. „Ihr bleibt hier, bis mein Mann zurück iſt.“ „Auf den Hof. Ihr ſeht ja, daß ich kaum einen Schritt gehen kann. Ich werde Euch nicht entfliehen.“ „Das wollt' ich Euch auch nicht gerathen haben. Wir hätten Euch bald genug eingeholt.“ Norcroß kroch hinaus; er ſah ein, daß er verra⸗ then war. Der ſchrecklichſte Gedanke für ihn war, ſein neues Elend herankommen zu ſehen und ihm we⸗ gen der brennendſten Schmerzen an ſeinen Füßen nicht entfliehen zu können. Da warf er das Auge verzweifelt umher, und gedachte ſeines zu Hauſe in Trauer lebenden Weibes, welches er in fünf Mona⸗ ten nicht geſehen hatte, und die Sehnſucht nach ihr kam mit Jammer in ſeine Seele. Aber dieſe Gedan⸗ ken gaben ihm neue Kraft, die Schmerzen zu ertra⸗ gen; er ſah in dem, den Hof im Hintergrunde be⸗ gränzenden Zaune eine Lücke, und hinkte darauf los. Zur Rechten gewahrte er einen andern Bauerhof; der Beſitzer deſſelben war vor ſeiner Hütte beſchäftigt. „Ach, Freund, helft doch einem armen kranken Mann!“ winſelte er.„Seht, Euer unbarmherziger 43 Nachbar will mich in's Loch ſtecken laſſen, weil ich ein engliſcher Matroſe geweſen bin.“ „Das iſt ein ſchlechter Kerl, der Jedermann aus bloßer Luſt in's Verderben zu ſtürzen ſucht,“ verſetzte der Angeredete.„Der hat mir ſchon viel geſchadet und thut mir allen Schabernack an. Kommt herein zu mir, ich will Euch Alles erzählen.“ Norcroß ließ ſich das nicht zweimal ſagen und hörte geduldig des Bauers langweilige Erzählung an, woraus er abnahm, daß Einer ſo ſchlecht ſei als der Andre, und daß ihn Dieſer gewiß nicht aufgenom⸗ men und verpflegt haben würde, wenn ihn der Andre nicht mißhandelt hätte. Doch Norereß war der Mann, der alle Umſtände zu benutzen wußte, und ſo redete er dem Bauer ſo lange nach dem Maule, bis ihn dieſer in die Boden⸗ kammer in ein Bett ſteckte und zwei Tage lang ver⸗ pflegte. In dieſer Zeit erholte ſich der Kapitän. In der Nacht des zweiten Tages brach der Bauer auf, um Reißbündel und Holzſtangen nach Helſingver zu Markt zu fahren. Norcroß beredete ihn, ihm einen Platz unter dem Reiß zu bereiten. Ein Dukaten hob die Bedenklichkeiten des Bauers, und Noreroß fuhr, mitten in Reiß und Holz liegend, ab. Die Beſorg⸗ niß für ſeine Sicherheit ließ ihn in ſeiner unbeque⸗ men und beſchwerlichen Lage ausharren, bis ſie in die Nähe der Hafenſtadt kamen. Da trieb ihn der Hunger heraus. Es war ſchon Nachmittag und er hatte noch nichts genoſſen. Er nahm von ſeinem Retter Abſchied und trat in ein Wirthshaus an der Straße, ohnfern der Stadt. Hier wurde er eines engliſchen Matroſen anſichtig. Dieſen redete er an und gab ſich ihm als Landsmann und Standesgenoſſe zu erkennen. Der Kerl hatte darüber große Freude; 44 Norcroß ließ ihm wacker einſchenken; ſie erzählten ein⸗ ander von ihren Seefahrten, ſpeiſten zuſammen und waren nach einigen Stunden die innigſten Freunde. Norcroß bat den Matroſen, die Kleider mit ihm zu tauſchen; dies war dieſer ſehr zufrieden, denn Nor⸗ croß's Kleider waren fein und neu, die ſeinigen alt und zerriſſen. Gegen Abend wanderte Norcroß in engliſcher Matroſentracht, an der Seite ſeines neuen Freundes, dem Hafen zu. Zur Erkenntlichkeit ver⸗ ſchaffte der Matroſe dem Kapitän an ſelbigem Abende noch einen Schiffer, welcher erbötig war, in der er⸗ ſten Frühe des folgenden Morgens nach Helſingburg hinüberzufahren. Norcroß ſchlief in der elenden Hütte des Schiffers mit Sorgen; er hatte das Vertrauen auf ſein Glück verloren. Eh' noch der Tag graute, war ec ſchon auf und tricb ſeinen Fährmann zur Eile. Ein altes, zerbrechliches Boot war beſtimmt, den berühmten Freibeuter nach Schweden zurückzu⸗ bringen. Er handhabte die Ruderſtange ſelbſt aus allen Kräften, um ſo eilig als möglich hinüberzukom⸗ men. Das Schifflein flog, von ſeiner Kraft getrie⸗ ben, und eh' noch die Sonne in die Mittagslinie trat, ſtand John Norcroß, in den ärmlichen Matro⸗ ſenkleidern, aber das verjüngte Herz voll neuer Hoff⸗ nungen, auf ſchwediſchem Grund und Boden. 4. Rei Frau von Rorcroß. Einſam in ihrem Zimmer zu Stockholm ſaß des Kapitän Norcroß junge Frau. In den feinen Zü⸗ gen ihres Geſichtes hatten die Furchen eines ſtillen, tiefen Herzensgrames Platz gewonnen, ein früher Kummer hatte ihre Wangen gebleicht und das große blaue Auge ſtreifte verloſchen und mit Schwermuth über die kleinen weiblichen Arbeiten hin, die ſie theils in der Hand hielt, um daran zu ſchaffen, und die theils vor ihr auf dem Tiſche lagen. Es waren jene Arbeiten, mit welchen ſich eine junge Frau in der Regel ſo gern beſchäftigt, wenn ſie zuerſt die ſüße Ueberzeugung erlangt hat, die allliebende Vor⸗ ſicht habe die Blüthe ihrer hingebenden Liebe zur Frucht geſtaltet und ſie geſegnet, der Welt bald einen Bürger zu ſchenken. Es waren die erſten Hüllen, welche dem nackten Wanderer bei ſeinem Gruß an's Licht angethan werden, um ihn zu ſchützen vor dem Froſte der Erde, der früher oder ſpäter, trotz allen Hüllen, mit der die Liebe uns umkleidet, doch jedes Herz trifft. Wohl ihm, wenn es nicht erſtarrt zu Eis oder Stein, ſondern wieder erwacht an der Sonne der Liebe, in den warmen Bädern der Thränen, im Frühlingshauche des Gefühls! Das Herz der Frau von Noreroß war weich ge⸗ blieben, es war in Thränen noch weicher geworden. Ach, ſie trauerte um den verlornen Gemahl, den ſie kaum einige Wochen beſeſſen hatte. Sie ſollte Mut⸗ ter werden und ihr Kind keinen Vater haben. Ihr 46 machten die leichten Arbeiten keine Freude, die feinen Linnen tranken ihre Thränen, eine böſe Vorbedeutung für das Kind, deſſen erſtes Kleid daraus gefertigt werden ſollte. Vor ihr am Fenſter hing eine kleine Karte der Oſt⸗ und Weſtſee, welche ihr Gemahl ſonſt benutzt hatte; und dann und wann flog ihr Blick darauf, gleichſam, als ſei es möglich, auf der Karte zu erſpähen, an welcher Stelle jener Meere und Länder der geliebte Flüchtling jetzt weile. Dina von Broke war, wenn auch keine ausge⸗ zeichnete Schönheit, aber doch ein liebenswürdiges Weib. Ungemeine Anmuth ſchmückte ihre Züge, und ſo war auch Sanftmuth der hervorſtechende Charak⸗ terzug ihrer ſchönen Seele. Sie hatte den körperlich und geiſtig wohlgebildeten, vom König geliebten und von Vielen geachteten und bewunderten Kaperkapitän, welcher der Gegenſtand ſo mannichfacher weiblicher Wünſche geweſen war, aus inniger Zuneigung gehei⸗ rathet, wenn auch nicht eine ſtürmiſche Leidenſchaft für ihn, deren ſie nicht fähig war, ihre Seele auf⸗ geregt hatte. Sie liebte nichts deſtoweniger vielleicht treuer, als ein in heftiger Glut aufwallendes Herz; und die Entfremdung ihres Mannes hatte ihr un⸗ ſäglichen Schmerz bereitet. Dina ſaß in Gedanken mit ihm beſchäftigt, als ein Mann in ſchwediſcher Seekapitänsuniform herein⸗ trat, an der Hand einen jungen, ſtämmigen Burſchen in Matroſentracht führend. Dina ſtand auf und ging ihm mit den Worten entgegen:„Was verſchafft mir die Ehre, Herrn Kapitän Flaxmann in meiner einſamen Behauſung zu ſehen?“ „Das Verlangen, endlich einmal etwas von Ka⸗ pitän Norcroß zu hören, führt mich zu Ihnen, edle Frau,“ verſetzte der Kapitän galant. — 47 „Dann muß ich bedauern, daß Sie ſich vergeblich bemüht haben. Wollen Sie von Kapitän Norcroß Nachrichten, ſo müſſen Sie ſich an andere Leute wen⸗ den, als an mich; denn wahrlich, es lebt gewiß in Stockholm Niemand, der weniger von ihm wüßte, als ſeine Frau.“ „Er iſt zweifelsohne in däniſche Gefangenſchaft gerathen, die es ihm unmöglich gemacht hat, etwas von ſich hören zu laſſen.“ „Wer hieß ihm auch, nach Kopenhagen zu gehen; er hatte dort nichts zu thun. Wer ſich muthwillig in Gefahr begiebt, kömmt darin um. Er konnte mit ſeinen Officieren nach Helſingoer gehen und war ge⸗ rettet, wie ſie.“ „Ich habe Ihnen hier ſeinen treuen Begleiter, den Schiffsjungen Juel Swale, mitgebracht, der jetzt auf meinem Schiffe zum Matroſen avancirt iſt. Der Junge iſt zwar mit dem Bootsmann gereiſt, weil Ihr Gemahl allein nach Kopenhagen wollte, aber der Burſche verließ ihn früher nicht und wurde von ihm geliebt. Vielleicht gewährt es Ihnen Troſt, ihn auszufragen.“ „Ihre Güte rührt mich, Kapitän. Ich erkenne den Knaben wieder, er iſt groß und ſtark geworden. Mein Mann ſprach einigemal mit Lob von den Fä⸗ higkeiten und dem guten Willen des Juel, und hoffte, etwas Tüchtiges aus ihm bilden zu können. Ich bitte Sie, Kapitän, ehren Sie den Willen meines Gemahls, und verhelfen Sie dem Burſchen zu der Carriere, für welche Norcroß ihn erzog; denn ich will Ihnen meine Beſorgniß nicht länger verhehlen: mir kommt es vor, als ſei ich ſchon Witwe.“ Die leidende Frau trock⸗ nete ſich die Thränen. Der Knabe, für den ſie ſo 48 warm geſprochen, ſah ſie mit gutmüthigen, theilneh⸗ menden Augen an, und die Hände erhebend, rief er: „Nein, gnädige Frau, das iſt gewiß nicht wahr! Das kann nicht möglich ſein! Todt iſt mein guter Kapitän Norcroß nicht! Sonſt hätte ich eine Ahnung davon gehabt. Die Dänenhunde werden ihn erwiſcht und eingeſteckt haben; aber er macht ſich gewiß los und kömmt wieder zu Euch zurück. Aber hört mich an, gnädige Frau! Ich will Euch einen Vorſchlag thun. Ihr ſeid ſo gütig gegen mich geſinnt, und ich möchte Euch gern dankbar ſein. Ich will mich hin⸗ übermachen nach Kopenhagen und einmal dort wieder umherſpioniren; es wäre ja das erſtemal nicht. Und wenn ich den Kapitän auch nicht ſelbſt ſprechen kann, ſo erfahr' ich doch ſicherlich, wo er ſteckt. Wenn's aber möglich iſt— und ich denke, ich ſoll's ſchon möglich machen— ſo krieg' ich ihn ſelbſtezu ſprechen und bring' ihm F Grüße, näd Krau, ja viel⸗ leicht gelinat'⸗ ge mit 6 ihn zu be⸗ freien.“ D ein ſtolze Vertrauen auf Hch,“ ſagte Flalniann. „Auf Glück und Liſt. Ihr erlaub nir doch die Spjonsfahrf,„Napttän?“ „In Gottes Yenen,„ Frau Norcroß zufrieden t.“ „Der Burſche„ einen vortrefflichen Einfall!“ rief die junge Frau, den Gedanken mit Lebhaftigkeit ergreifend.„Ja, Juel, Du ſollſt mich aus der mar⸗ tervollen Ungewißheit reißen. Du wirſt Dir nich ein Verdienſt erwerben. Mit dem erſten Sch.. Hel⸗ ches nach dem Sunde geht, ſollſt Du reiſen; ich werde Dich mit Geld und Kleidern verſehen.“ Der Knabe ſprang vor Freuden, und Flaxmann 49 wünſchte ſich und der Dame Glück, ihr den Knaben zugeführt zu haben. „Ich bitte Dich, lieber Junge“, ſagte die Frau, „laß mich noch einmal umſtändlich hören, wie meines Gemahls Schiff untergegangen iſt. Er hat es oft geſagt, daß er den Verluſt ſeiner Fregatte ſchwerlich überleben werde. An ſie ſchien ſein Glück in Schwe⸗ den gebunden zu ſein. Zwar hat mir der Boots⸗ mann Pehrſohn ſchon Alles erzählt, aber ich möchte die traurige Geſchichte umſtändlicher aus Deinem Munde hören. Wohin ſind Norcroß' Leute gekommen, die er hierher beſtellt hatte, daß ſie ihn erwarten und ferner unter ihm auf einem andern Schiffe dienen ſollten?“ „Sie haben Alle Dienſte auf meiner Fregatte ge⸗ nommen, werthe Frau“, antwortete Flaxrmann.„Ich nahm ſie Lern, denn ich kannte ſie ſchon lange, und ſie dienen ginitek mir, we' s gut haben.“ Juel b endlichem Fe! Son dem trau⸗ rigen Win frühen Ses„ 1 berichten; da trat des Feldmarſchall Graf Mörner!! ks Zim⸗ mer, und Alle ſtanden auf, ihn mit Ehrerbietung zu begtüßen. ² „Ich Dir meinen*6 Ju nhen, Dina“, ſagte d ris,„uhbich utch Deine Beſinden zu erkundigen. Der Köng nſcht zu wiffen, wie lange Du noch zu Deiner Niebeunft rechneſt.“ „Der Herr kann alle Stunden über mich gebie⸗ ten“ verſetzte die junge Frau verſchämt. wn Majeſtät wünſcht, da Dein Mann noch nicht h iſt, die Taufe ſelbſt auszurichten.“ „Seine Gnade beglückt mich arme Verlaſſene. „Es wird ſich Alles aufklären. Verzage nicht, Bäs⸗ chen. Es iſt mir auch lieb, daß ich Sie hier finde, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Klll. 4 50 Kapitän Flarmann. Es iſt ſchön von Ihnen, daß Sie meine Baſe in ihrem Strohwitwenſtande nicht ver⸗ geſſen. Des Königs Majeſtät ſprach vor einigen Tagen von Ihnen und wünſchte, daß Sie den Seedienſt quit⸗ tiren und eine Majors⸗ oder Obriſtenſtelle in der neu zu errichtenden Armee annehmen möchten.“ „Sr. Majeſtät Gnade iſt mir jederzeit theuer,“ verſetzte Flaxmann nicht ohne Verlegenheit;„aber das Seeweſen iſt mir ſo lieb geworden, daß ich mich nur mit Unluſt entſchließen könnte, es aufzugeben und eine mir minder angenehme Lebensart zu wählen.“ „Des Königs Majeſtät wird es ganz in Ihr Be⸗ lieben ſetzen.“— „Auch iſt mir von der Bildung einer neuen Armee noch nichts bekannt geworden.“ „Sie erſcheinen nicht mehr bei Hofe, obgleich, wie Se. Majeſtät mir verſicherte, Stand und Geburt Ihnen dort den Platz anweiſen.“ „Ich bin nicht am Hofe erzogen und liebe das Hofleben nicht. Das Leben auf dem Meere iſt mir lieber.“ „So ſage ich Ihnen wohl auch eine Neuigkeit, wenn ich Ihnen mittheile, daß geſtern ein Geſandter des Königs von England hier angelangt iſt, der dieſen Morgen ſchon Audienz bei unſerm König hatte, ſeine Beglaubigungsſchreiben abgab und die Unterhandlung einleitete.“ „Ein engliſcher Geſandter! Was will er in Stock⸗ holm? Das iſt die ſeltſamſte Erſcheinung von der Welt. Wie heißt er?“ „Es iſt Herr von Fabrice, der Ihnen bekannt ſein wird.“ „Dem Namen nach. Was führt ihn hierher?“ „Sein Auftrag lautet, mit kurzen Worten: unſern König mit dem ſeinigen auszuſöhnen.“ 51 „Nimmermehr!“ „Sein Sie unbeſorgt, König Karl wird dem Kur⸗ fürſten von Hannover ſchon Bedingungen machen, die ihn von ſelbſt nöthigen, von der gewünſchten Ver⸗ ſöhnung abzuſtehen.“ „Woher mag dieſer Wind pfeifen? Was fällt dem Kurfürſten ein, ſich an König Karl zu wenden, der ſtets ſein ärgſter Feind war und mehr als irgend ein andrer europäiſcher Monarch auf die Reſtitution der Stuarts drang?“ „Gerade die unerſchütterliche Beharrlichkeit unſres Königs iſt es, welche Herrn von Fabrice hierher ge⸗ trieben hat. Man erzählt ſich die Sache folgender⸗ maßen: Unſere neuen Friedensunterhandlungen mit dem Zaar auf der Inſel Aland ſind ſehr geheim ge⸗ halten worden.“— „So geheim, daß ich nichts davon wiſſen würde, wenn des Königs Majeſtät mich nicht ſelbſt mit Auf⸗ trägen an den Baron Görz nach Aland geſandt und beauftragt hätte, mit meinem Landsmann Sterling, welcher im Namen des Prätendenten an den Unter⸗ handlungen Theil nimmt, über die Sache der Stuarts beſondere Rückſprache zu nehmen. König Karl forderte mir mein Ehrenwort ab, von dieſem Frieden mit Ruß⸗ land nichts verlauten zu laſſen, gegen wen es auch ſei.“ „Und dennoch ſind dieſe ernſtlichen Anſtalten, den unglücklichen Jakob Stuart wieder auf den Thron ſeiner Väter zu ſetzen, die jedenfalls bald von einem glücklichen Erfolg gekrönt ſein würden, an den hannö⸗ verſchen Kurfürſten verrathen worden. Die Friedens⸗ unterhandlungen mit Rußland wurden Anfangs Mai, vor drei Wochen, auf Befehl Sr. Majeſtät, dem fran⸗ zöſiſchen Geſandten an unſerm Hofe, dem Grafen de la Marc, insgeheim mitgetheilt, weil der König hoffte 4* 52 und wünſchte, den Herzog⸗Regenten von Frankreich zum Beitritt zu beſtimmen und einen Krieg zwiſchen Frankreich und England zu Gunſten des Prätendenten zu entflammen. Aber jedenfalls hat dieſe Maßregel das Gegentheil herbeigeführt: der Herzog⸗Regent ſpielt am Hofe des Uſurpators von Großbritannien den Schmeichler; er hat König Georg den ganzen Anſchlag verrathen, und als ſchnelle Rückwirkung des königlichen Schreckens über dieſe kräftigen Anſtalten, ihm die ge⸗ ſtohlene Krone vom Haupte zu ſchlagen und ihn wieder nach Hannover zurückzujagen, iſt Herr von Fabrice hier, um ſein Möglichſtes zu verſuchen.“ „So glauben Sie wirklich, Herr Graf, daß die gerechte Sache Jakob's von Stuart den Sieg davon tragen wird?“ fragte Flaxmann. „Jetzt oder nie, Kapitän! Unſer König hat ge⸗ ſchworen, er will eher ſein eigenes Reich, ja ſein Leben verlieren, wenn er's nicht durchſetzen ſollte, dem recht⸗ mäßigen Thronerben Englands Gültigmachung ſeiner Anſprüche zu verſchaffen.“ „Und doch werden in England dieſe Anſprüche meiſt ſo gänzlich bezweifelt. Haben Sie nie davon gehört, daß der Prätendent ein untergeſchobenes Kind, der Sohn eines Müllers ſein ſoll?“ „Man hat dies auch an unſerm Hofe zu wieder⸗ holtenmalen behauptet, und ich ſprach vor Kurzem noch mit Sr. Majeſtät darüber. Da verſicherte mir der König, er habe die unbezweifeltſten Beweiſe von dem Leben, der Exiſtenz und der Aechtheit Jakob Stuart's erhalten, daß er nunmehr feſt entſchloſſen ſei, demſel⸗ ben ſein Recht zu verſchaffen. Früher habe er nie daran gedacht, jetzt ſei es die heiligſte Pflicht für ihn geworden. Und nun könnt Ihr ſicher ſein, daß der Prätendent in Jahr und Tag König von England iſt“ . 3 53 „Es kann in dieſem Jahre ſich Vieles ändern.“ „Der König hat ſchon den Befehl gegeben, ein Heer von 72,000 Mann wirklicher Soldaten und 140,000 Mann Reſerve theils zu werben, theils aus dem ſchwediſchen Landvolke auszuheben. Bei der erſten Aushebung muß jeder dritte Bauer, bei der zweiten jeder fünfte Soldat werden. Jetzt wird aus allen Kräften angefaßt. Mit dieſem Heere reißen wir Nor⸗ wegen von Dänemark ab, Rußland erobert uns unſere deutſchen Provinzen wieder und führt in eigener Perſon ſeine Flotte nach Seeland. Iſt erſt Dänemark, der treueſte Bundesgenoſſe des Königs Georg, bezwungen, dann geht die Expedition gegen England ſelbſt. Auch hat unſer Geſandter im Haag den Auftrag erhalten, daß er durch den ſpaniſchen Geſandten einen Krieg des Königs von Spanien gegen Frankreich und Großbri⸗ tannien zu erregen ſuchen ſoll. Spanien iſt ſchon mit Beiden geſpannt; der Cardinal Alberoni mag die Con⸗ ceſſionen nicht mehr leiden, die Spanien vor fünf Jah⸗ ren mit dem Negerhandel und der großen Portobello⸗ Meſſe England im Frieden von Utrecht machen mußte, es möchte auch gern die italieniſchen Nebenländer, die es damals verkor, wieder haben, und haßt den Herzog⸗ Regenten, als den Störer ſeiner großen Pläne. Frank⸗ reich iſt jetzt ſchwächer, als wir Alle glauben, und da der Herzog⸗Regent jeden Krieg, wie ein gebranntes Kind das Feuer, fürchtet, ſo gilt Frankreich in der ganzen Angelegenheit Nichts.“ Flaxmann ſchüttelte ungläubig den Kopf; ein bittres Lächeln flog um ſeinen Mund. „Ja, jetzt oder nie“, fuhr der greiſe Feldmarſchall mit jugendlichem Feuer fort.„Und Sie ſcheint es nicht zu freuen, Kapitän, daß der Uſurpator geſtürzt und der rechtmäßige König von England auf ſeinen Thron er⸗ 54 hoben werden ſoll? Sind Sie nicht ein eifriger Ja⸗ kobit? Haben Sie Ihrer politiſchen Meinung wegen nicht Ihr Vaterland verlaſſen und Schutz in Schweden ſuchen müſſen?“ „Das Alles iſt wahr, Herr Graf. Nur habe ich den Glauben an den Sieg der Sache der Stuarts verloren.“ „Nicht muthlos! Wie würde Kapitän Norcroß jubeln, wenn er hier wäre! Es war ſtets der größte Wunſch ſeiner Seele, einſt nach England zurückkehren und unter ſeinem rechtmäßigen Könige dienen zu können.“ „Wir wollen's dem Himmel anheimſtellen“, ſagte Flarmann, und beurlaubte ſich mit Juel, nachdem er Frau von Norcroß das Verſprechen gegeben hatte, die Abreiſe des Jungen zu fördern. 5 Norcroß in Stockholm. Flarmann lag auf einer vom Frühling geſchmück⸗ ten, das Meer beherrſchenden Anhöhe im Schatten einer Rüſter. „Warum kann ich nicht in dieſem Paradieſe bleiben? Hier leben und ſterben? Warum muß ich zurück in den Brodem, der mich wie Peſthauch anqualmt und mich krank macht? Ach, es bleibt nicht immer Früh⸗ ling! Es iſt auch ein Winter; es gibt auch Eis für das Herz. Ich muß auch die Stunden der Kälte er⸗ tragen. Die ſchwarzbeflügelten Geiſter der Erden⸗ S —— 55 wünſche kommen auch in meine Seele und rauben ihr Farbe und Glanz. Aber fort mit allen thörichten Plänen! Ich will nichts von der treuloſen Menſchen⸗ brut. Auch die Liebe hat mich betrogen. Scheuſal, Dir vertraute ich zuletzt. Hier in der grünen Ein⸗ ſamkeit will ich auf dem Lande weilen, oder auf dem Meere umhertreiben. Die Sonne lacht, der Bach rie⸗ ſelt, der Wald iſt grün, die Vögel ſingen, das Reh ſpringt durch den Buſch, der Wurm ſonnt ſich, die Ameiſe ſchafft fleißig, Alles freut ſich des Lebens. Wohlan! ich will nicht zurückbleiben; ich will ihrem Beiſpiele folgen; auch ich will der Mutter Natur treu ſein! Laßt mich vergeſſen, daß ich ein Weib geliebt, die meiner nicht werth war!“ Aber mitten in der Freude an der Natur tauchte der ſchmerzliche Ge⸗ danke auf:„O, Chriſtine, warum haſt Du mir das gethan? Warum Verrath begehen an dieſem Herzen?“ Dann aber ſprang er auf, um nicht überwältigt zu werden von den Geiſtern des Schmerzes, und eilte wieder durch die Flur, und jauchzte am Meeresſtrand und in den Buchten, und vergaß ſich und alle ſeine Sorgen. So hatte er's ſchon oft getrieben, ſo trieb er's auch heute wieder. Freilich war König Karl mit dieſer ihm unbegreiflichen Lebensweiſe ſeines Schützlings nicht zufrieden und ſchüttelte oft ſtreng und mißbilligend das Haupt, freilich flüſterten die Miniſter, Generäle und Idmiräle, daß Flarmann eigentlich zu nichts tauge und auch als Kaperkapitän noch nicht eine Priſe ein⸗ gebracht und wahrſcheinlich dies Geſchäft nur ergriffen habe, um keinen Herrn weiter, als den König über ſich anzuerkennen; aber es blieb beim Alten und der Sonderling Flaxmann that ungeſtört, was er wollte. Heute kehrte er ſpät zurück und trat in jenes 56 Kaffeehaus, worin einſt Frau Ankarfield, die ehren⸗ werthe Barbiersfrau, geſchaltet, und welches er, ſeit es einen ſo merkwürdigen Einfluß auf ſein Leben aus⸗ geübt, zuweilen zu beſuchen pflegte. Vielleicht trug auch dazu der Umſtand bei, daß der jetzige Schenk⸗ wirth und Beſitzer der Barbierſtube ein Engländer war. Jenem unglücklichen, von Frau und Tochter, ſo⸗ wie von der Herrin, die er verrathen, verſtoßnen und gemißhandelten geſchwätzigen Peruckenmacher und Bar⸗ bier aus Barnet in Altengland, Samuel Brandlov, war in dem ehrenvollen Tode der Frau Ankarfield ein Hoffnungsſtrahl aufgegangen. Er hatte zuerſt bei den ehrliebenden Erben der Seligen ſich als Wirth⸗ ſchaftsführer, Haarkräusler und Bartſcheerer verdingt, da er aber emſig und regſam geweſen, und es ver⸗ ſtanden hatte, ſeinem Pachtherrn die gewünſchke Ehre in reichlichem Maße zukommen zu laſſen, ſo hatte er ſich bald zum Beſitzer der Kaffeewirthſchaft und Bar⸗ bierſtube emporgeſchwungen, und es fehlte dem Viel⸗ beredten ſo wenig an Zulauf, wie der Frau Ankar⸗ field, ehrenwerthen Andenkens. Von keiner despoti⸗ ſchen Frau mehr tyranniſirt, hatte er gelernt, einen eigenen Willen zu haben, und ſeit ihn die Noth ge⸗ zwungen, auf eigenen Füßen zu ſtehen, hatte ihn das Glück begünſtigt und ſein Wohlſtand blühte in der Hauptſtadt Schwedens ſchöner auf, als er ihn in der Provinzialſtadt Altenglands zurückgelaſſen hatte. Zu⸗ weilen ſchenkte er zwar ſeiner unvergeßlichen Ehehälfte eine Thräne ſchmerzlicher Erinnerung und dies geſchah in allen zweifelhaften Fällen und Lagen ſeines neuen Lebens, wo er ihren kräftigen Rath und die denſelben unterſtützende wohlmeinende That freilich gar ſehr ver⸗ mißte; aber waren ſolche gefährliche Stunden vorüber, ſo war's auch mit der Erinnerung vorbei, und Mei⸗ S 57 ſter Brandlov hatte ſchon oft daran gedacht, zu einem zweiten Ehebündniß zu ſchreiten. Als Flaxmann in die Wirthsſtube trat, kam ihm ſein Bootsmann mit freundlichem Gruße entgegen. „Courtin“, fragte der Kapitän,„wann gedenkſt Du, daß wir ausfahren?“ „Unſer Schiff iſt in Stand“, verſetzte der Andere. „Ich dachte, Sie wollten die Frühlingszeit auf dem Lande genießen. Auf dem Meere hat man nichts weiter davon, als Sonne und Wind.“ „Ich habe mich anders beſonnen. Gern blieb' ich hier, aber ich möchte einem mir unangenehmen An⸗ trage, den ich, würde er mir einmal gemacht, nicht ausſchlagen könnte, ausweichen. Weißt Du nicht, wo's etwas zu thun gibt?“ „Wir können Kupfer laden und nach Holland brin⸗ gen“, verſetzte der Franzoſe.„Vielleicht erſchnappen wir auch einmal etwas Engliſches und Däniſches; un⸗ ſere Leute ſind das Zugreifen von ihrem vorigen Ka⸗ pitän, dem kühnen und hitzigen Norcroß, gewohnt, und wir dürfen ſie nicht zurückhalten.“ „Du weißt“, verſetzte Flarmann mit verdroſſenem Geſichte,„daß ich Dir Alles überlaſſe. Meinſt Du, daß es nöthig iſt, zu rauben und zu ſtehlen, wohlan, ſo ſei es! Aber laß' mich aus dem Spiele. Du ſollſt Alles beſorgen, wie zeither. Alſo nach Holland gedenken wir?“ „Wir könnten auch nach Rußland mit Eiſen. Dann brauchten wir die Landreiſe nicht nach Marſtrand zu machen. Ueberhaupt ſeid Ihr noch nicht viel aus dem hieſigen Hafen ausgelaufen.“ Wut, ſo wollen wir nach Rußland.“ „Recht ſo!“ ſagte ein eben eingetretener Fremder. 58 „Dort giebt's jetzt für die Schweden zu thun. Guten Abend, meine Herren!“ Flaxmann und Courtin ſahen auf, um beim Schein der Lampe dem Grüßenden in das Geſicht zu ſchauen, deſſen Stimme ihnen bekannt vorkam; und wirklich erkannten ſie in ihm den Kammerdiener des Baron Görz, den Sohn dieſes Hauſes, ihren ehemaligen Un⸗ glücks⸗ und Reiſegefährten Ankarfield, und ſtanden erfreut auf, ihn zu begrüßen und zu befragen, woher er komme. „Woher anders, als von der Inſel Aland? In voriger Nacht Punkt ein Uhr ſind wir abgefahren“, verſetzte Jener vergnügt.„Der Friede iſt in vollem Zuge. Mein Herr iſt mit einem Schnellſegler vor einer Stunde hier angekommen; er hat die wichtigſten Papiere vom Zaar in der Taſche und iſt jetzt ſchon beim Könige, ſie zu überreichen. Ich will bei meiner Ehre drauf wetten— und unſer Einer hält was auf ſeine Ehre und iſt von Manchem unterrichtet, was andern guten Seelen nicht einfällt— ich will auf Ehrenwort den Frieden garantiren; der Baron hat ihn in der Taſche gebracht, ſag' ich, und ihn eben auf dem königlichen Schloſſe ausgepackt.“ „Alſo der Frieden mit Rußland ſchon ſo weit?“ rief Flaxmann überraſcht,„da könnte ſich in Kurzem Vieles am politiſchen Himmel ändern.“ „Freilich wird's das! Bei meiner Ehre! Wie lang iſt's, daß wir uns nicht geſehen, Kapitän Flax⸗ mann? Vier Wochen höchſtens, es war Ende April oder Anfangs Mai, daß Ihr in Aland war't und dem Baron Depeſchen vom Könige brachtet.“ „Es ſind noch nicht volle vier Wochen“, ſagte Courtin. „Nun alſo. Was hat ſich in dieſer kurzen Zeit 59 nicht geändert? Sur parole d'honneur! damals war noch an keine rechte Unterhandlung, geſchweige an einen rechten Frieden zu denken. Die Häuſer waren noch nicht fertig, die der Zaar für die Geſandten zur Betreibung des Friedensgeſchäftes nicht weit vom Dorfe Wargath auf der Wieſe hat erbauen laſſen. Wir mußten noch im Dorfe wohnen, und von den ruſſi⸗ ſchen Geſandten war erſt einer, der Kanzleirath Oſter⸗ mann, zugegen. Jetzt ſieht das Ding anders aus. Die drei Häuſer ſtehen ſo ſchmuck da, wie eine ſüder⸗ manländiſche Braut. Der andere ruſſiſche Geſandte, der Generalfeldzeugmeiſter Bruce, wohnt in dem ruſſi⸗ ſchen Hauſe oben, der Kanzleirath unten; im ſchwe⸗ diſchen Hauſe wohnt der Graf Güllenborg oben und wir unten; der Secretair Nambke hat ſeine Stube hinten hinaus. Am 25. Mai ging der Lärm an, aber Alles in der Stille im dritten Hauſe, dort ſind die Zuſammenkünfte hinter verſchloſſenen und verrie⸗ gelten Thüren, aber unſer Einer horcht durch zehn Schlöſſer, da legt man nachher Ehre ein, wenn man mehr weiß, als die Andern. Das Ding iſt ſcharf betrieben worden; denn geſtern Abend kam der Baron und ſagte: Niels, wir müſſen nach Stockholm! Und heute Abend ſind wir hier mit dem Frieden in der Taſche.“ „Es möchte doch wohl zu bezweifeln ſein, daß die Sache ſchon ſo gut, als abgemacht wäre“, ſagte F ax⸗ mann mit ungläubiger Miene.„So ſchnell pfleg die Diplomatie nicht zu handeln und zu ſchließen.“ „Abgemacht, ſag' ich Euch!“ rief der Kammerdiener hitzig.„Nicht vergeblich ſetz ich meine Ehre ein. Der Prätendent wird König von England, der König Stanislaus wieder König von Polen, und Norwegen ſchwediſch. Meint Ihr, ich hätte vergeblich franzöſiſch 60 gelernt, oder nur um die Befehle der Frau Baroneſſe und ihrer Tochter zu empfangen? Nichts da! Mein Kopf iſt ſo gut gemacht, wie der eines Andern, um in Friedenstraktaten, Urkunden, Depeſchen u. ſ. w. zu ſtudiren. Oder meint Ihr, daß ich zum Friſeur und Barbier geboren bin? Ich bin auch noch nicht als Kammerdiener geſtorben. Mein ehrgeiziges Gemüth ſtrebt noch etwas weiter und ich habe mir die Bahn ſelbſt geöffnet.“ „Alles in Liebe und Güte, Herr Ankarfield“, fiel jetzt Meiſter Samuel Brandlov dem hitzigen Sprecher mit geziemendem Bückling in die Rede,„aber es will mich doch bedünken, als dürfte über ſothanen Punkt in Euerem hochverehrten und insbeſondere ſehr ſchätzens⸗ werthen Kopfe, worin allerdings viel Ingenium zu verſpüren iſt, ein kleiner Error und Irrthum obwal⸗ ten; ich meine mit Euerer gütigen Erlaubniß, ſehr geehrter Herr Kammerdiener, Eueren Tadel an der Kunſt, welcher ich mit Euch anzugehören die Ehre habe. Was mich betrifft, ſo mein' ich und will's beweiſen, es gehört ein großes Genie dazu, die Haaxe des menſchlichen Hauptes, ſowohl die des Schädels, als die des Kinnes, der Backen und der Lippen, mit Ver⸗ ſtand, Einſicht und Geſchicklichkeit, ſowohl modegerecht, als auch zur Zufriedenheit ihres Beſitzers, zu behan⸗ deln. Als ich noch in Barnet meine Barbierſtube hatte, erfreute ich mich einer großen Anzahl Kunden;. ich will Euch nur die vorzüglichſten davon nennen: der erſte Bürgermeiſter, Doktor James Smit, der Baron—“ „Erſpart Euch doch ja die Mühe!“ rief Flaxmann ungeduldig, der Kammerdiener aber, der auch gern allein gehört ſein wollte, tobte dazwiſchen:„Glaubt Ihr denn nicht, daß mir meine treuen Dienſte und 61 vor allen die gewiſſenhafte Ueberlieferung der Kaſſe an den König viel Ehre gemacht und einen hohen Stein in's Bret meiner Verdienſte geſetzt hat? Nun, Ihr wißt es ja auch, was für Noth und Mühe, was für Drangſal und Fährlichkeiten ich des Geldes wegen ausgeſtanden habe. Dafür wird mir nun bald gelohnt werden. Ich ſtehe mit meinem Baron auf dem beſten Fuße von der Welt und ich werde zu Geſchäften gebraucht, die nicht alle Kammerdiener verrichten.“ „Ihr ſeid ein dummer Prahlhans!“ ſagte ein an der Ecke des Ofens ſitzender Matroſe, der entweder mit dem Kammerdiener, oder doch gleich nach ihm hereingekommen war und das Geſpräch mit angehört hatte. Niemand hatte ſich um ihn bekümmert; er hatte ſeinen Krug Bier in aller Stille getrunken. Jetzt aber drehten ſich die Köpfe der Anweſenden nach ihm hin; einigen derſelben war dieſe Stimme bekannt vorgekommen; der erbitterte Sprecher ſaß aber im Hintergrunde im Schatten. „Goquin!“ ſchrie der Kammerdiener aufſpringend, „wie kannſt Du Dich unterſtehen, meine Ehre mit Deinen plumpen Händen anzugreifen? Wer biſt Du, Lump, daß ich Dich zur Strafe ziehe? Ich werde dem Herrn Baron dieſen Abend noch Anzeige machen, daß mir ein frecher Burſche hier meine Ehre beſudelt hat, und Du ſollſt aus der Stadt geſtäubt werden Wer biſt Du?“ Da ſtand der Matroſe auf, ſchritt langſam vor⸗ wärts in die Hellung des Lichts und nahm, ſtatt aller Antwort, ſeine Kappe ab, ſtrich ſich die Haare aus der Stirne und ſprach:„Guten Abend, meine Herren!“ „Kapitän Norcroß!“ riefen mehrere Stimmen zu⸗ gleich, und während Flaxmann, alles Frühere ver⸗ geſſend, den Langvermißten an die Bruſt drückte, kugelte ſich Samuel Brandlov zu den Füßen ſeines alten Bekannten. „Ach, wie lange haben wir auf Euch geharrt, wie hat Euer liebendes Weib ſich geſehnt, Nächte und Tage um Euch geweint! O Norcroß, Ihr habt un⸗ recht an ihr gehandelt!“ „Hat ſie ſich geſehnt?“ fragte Norcroß mit freund⸗ lichen Blicken.„Nun ſeht, Freund, dieſe Nachricht iſt mir der ſchönſte Willkomm aus Euerm Munde. Laßt die alten trüben Geſchichten ruhen! Ich will Alles wieder gut machen. Nun ſagt, wie lebt Ihr? Was giebt's Neues in Stockholm?“ „Ihr habt ja von dem neuen Frieden mit Ruß⸗ land eben gehört. Das iſt wohl das Neueſte in der Stadt.“ „Albernes Geſchwätze! Damit hat's noch Zeit,“ verſetzte Norcroß unwillig.„Aber wo iſt das Groß⸗ maul?“ Vergebens ſah man ſich nach dem ehrlieben⸗ den Kammerdiener um; er hatte ſich unbemerkt da⸗ von gemacht und lachten Alle über ſeine ſtille Retirade. „Der König hat faſt täglich nach Euch gefragt, Kamerad,“ berichtete Flaxmann,„und befohlen, Euch bei Euerer Ankunft zu melden, daß Ihr Euch unver⸗ züglich zu ihm verfügen möchtet.“ „Ich werde morgen dem Befehle Folge leiſten, ſobald ich erſt in einer andern Schale ſtecke.“ „Aber erzählt uns doch, wo Ihr ſo lange geblie⸗ ben und welche Schickſale Euch betroffen haben?“ „Ihr müßt freilich mit einem kurzen Abriß zu⸗ frieden ſein; denn mein ungeduldiges Herz wird mich nicht lange hier dulden. Ich kam bloß, um zu lau⸗ ſchen, wie es hier geht und ſteht, und wollte mich eigentlich nicht zu erkennen geben. Die Prahlereien 63 des Bartkratzers brachten mich aber ſo in Harniſch, daß ich das Maul nicht halten konnte.“ „Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Kapitän,“ er⸗ laubte ſich jetzt Meiſter Brandlov einzureden,„es gibt gewiſſe Dinge in der Welt, die allerdings und unbe⸗ ſtreitbar zwei Namen haben, einen guten und einen ſchlechten, einen manierlichen und einen ungeſtalteten; aber ich meines Theils halte dafür und ſtehe nicht an, Euch mit geziemender höflicher Beſcheidenheit dar⸗ auf aufmerkſam zu machen, ſintemal ich doch einige zwanzig Jahre mehr zähle als Ihr, und Ihr zwar ein ſehr berühmter und tapferer Seekapitän, aber doch höchſtens erſt dreißig Jahre alt ſeid, und ich demnach nicht zu verſtoßen fürchte, ſo ich mir ſolches erlaube — ja, was wollt' ich doch ſagen?— richtig! ich ſprach von ſothanen zwei Namen und meinte, es ſei beſſer und anſtändiger, einem feinen Manne auch ziemender, den ſchönen, feinen, höflichen, manierlichen Namen zu gebrauchen. Dann gibt es auch noch andere Gründe, das Wort Bartkratzer für ſchlecht und verwerflich zu finden; denn bedenkt ſelbſt—“ „Erzählt uns, Kapitän Norcroß!“ rief Flaxmann durch das Lachen der Uebrigen hindurch, und Meiſter Brandlov— der es gar nicht anders gewohnt war, als unterbrochen zu werden und deshalb ſicherlich, ſprach er einmal, nicht eher ſchwieg, als bis ſich einer ſeiner Gäſte ſeiner erbarmte und ihn unterbrach,— ſchwieg mit einem ſelbſtzufriedenen Lächeln und horchte der Erzählung ſeines Landsmanns und einſt präten⸗ dirten Schwiegerſohns zu. Mitten in des Kaperkapitäns Bericht ſeiner letzten Schickſale trat Juel Swale in die Stube. Ohne ſich umzuſchauen, eilte er auf Flaxmann zu und ſagte: „Kapitän, ſchon zwei königliche Boten haben Euch 64 geſucht, der eine in Euerer Wohnung, der andere im Hafen auf dem Schiffe; Ihr ſollt ſo eilig als mög⸗ lich zu des Königs Majeſtät kommen.“ „Da haben wir's,“ ſagte Flarmann verdrießlich. „Doch wird des Königs Majeſtät wohl warten, bis ich komme.“ Alle ſchwiegen, erſtaunt über dieſe unvorſichtige Aeußerung in einem öffentlichen Wirthshauſe, und Brandlov ſchnitt ſonderbar bedenkliche Geſichter dazu. Courtin, an deſſen Seite Juel getreten war, deutete mit dem Finger auf Norcroß, um den Schiffs⸗ jungen auf denſelben aufmerkſam zu machen. Juel warf ſeine Augen auf das Geſicht des bezeichneten Matroſen, ſtarrte ihn einen Augenblick lang an und warf ſich dann mit jener gewaltigen Aeußerung des Affekts, wie man ſie bei allen unverdorbenen Natur⸗ findern trifft, zu den Füßen deſſelben, umſchlang krampfhaft mit beiden Armen die Knie des Kapitäns, drückte ſein blühendes Geſicht in deſſen Schoß, ſprang dann wieder auf, klammerte ſich an Norcroß' Hals, küßte ihn auf Stirn und Wangen und gab ihm, ſo⸗ bald das Uebermaß der Freude ihm den Gebrauch der Sprache verſtattete, die zärtlichſten Namen. Alle Anweſenden ſahen gerührt dieſem Schauſpiele zu und Flaxmann trocknete ſich die Thränen. „Mein lieber, herziger Junge!“ rief Norcroß. wie haſt Du gelebt? Bei welchem Kapitän dienſt Du?“ „Bei Kapitän Flaxmann; er hat an mir gehan⸗ delt, wie ein Vater, ich hab' ihn auch recht lieb, aber Euch, Kapitän, hab' ich doch lieber Ihr fahrt doch bald wieder hinaus und nehmt mich mit? Nicht wahr?— Ach, aber mein lieber Brüllochſe liegt an der jütländiſchen Küſte tief-in Meeres Grund! Aus ihm werd' ich keine Kugel mehr auf die däniſchen 65 Kartenhäuſer und Waſſerſchachteln ſchießen.“ Und von der höchſten Freude ſchnell zur größten Trauer über den Verluſt ſeiner Kanone übergehend, weinte der Junge, von den Schmerzen der Erinnerung ge⸗ quält, laut. „Tröſte Dich, mein Junge!“ beſänftigte Nor⸗ croß ſeinen Jammer.„Du ſollſt auf dem neuen Schiffe, welches des Königs Gnade mir zuertheilen wird, die größte Kanone bekommen. Oder ich will Dir zum Troſte, zur Freude und zur Belohnung Deiner Liebe, Treue und gewiſſenhaften Dienſte einen andern Vorſchlag thun. Ich werde morgen mit des Königs Majeſtät reden und denſelben erſuchen, Dir für mein neues Schiff eine beſonders große Kanone gießen zu laſſen, und zwar mit Deinem Namen, durch erhabene Buchſtaben ausgedrückt, ſoll ſie benannt werden: Juel Swale Donnerſchütz. Biſt Du das zufrieden, Junge?“ Juel Swale Donnerſchütz!“ rief der Burſche überraſcht und ſchlug die Hände zuſammen. Und ein Guß Freudenthränen folgte auf die Thränen des Schmerzes und außer ſich Haſte er durch die Stube und umarmte Alle, ſelbſt Meiſter Brandlov, der ſich mit Armen und Beinen dagegen ſträubte. „Nun brauch' ich auch nicht nach Seeland zu rei⸗ ſen, um den Kapitän zu befreien!“ jubelte Juel, und Flarmann erzählte Norcroß, daß ſeine Frau den Jun⸗ gen habe nach Kopenhagen als Spion ſchicken wollen, um ihn aufzuſuchen oder ic ere Nachrichten von ihm einzubringen. „„Das treffliche Weib! Wie wenig hab' ich ihre Tugend beachtet!“ ſagte Norcroß und erhob ſch„Es iſt Zeit, daß ich gehe und mir ihre Verzeihung er⸗ flehe. Morgen ein Mehres! Gute Nacht, Juel! Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xill.. 5 66 Stelle Dich morgen bald bei mir ein.“ Brandlov machte ſeine Kratzfüße und Norcroß und Flaxmann gingen Arm in Arm, der Letztere auf des Königs Hofburg, um neue Beſtimmungen über ſein verwor⸗ renes Schickſal zu vernehmen, der Erſtere, um in den ſtillen Tempel ehelicher Liebe einzutreten, worin er noch ein Fremdling war. Mit Herzklopfen er⸗ klimmte er die Stiege, die zu Dina's Wohnung führte; leiſe öffnete er die Thüre, ſein Athem ſtockte faſt. Mit einer Leuchte kam ſie ihm entgegen, die Strahlen des Lichts fielen in ſein Geſicht; ſie ſchrie auf, die Leuchte entſank ihrer Hand, und Norcroß hielt ſein Weib im Arme. Sd Zwei Seelen in einer Pruſt. Einige Tage nach Norcroß' Heimkehr beſchenkte ihn ſeine glückliche Gattin mit einem Sohne. Das Glück, dem der Seefahrer vergeblich nachgejagt hatte, ſchien freiwillig bei ihm eingekehrt, aber nicht in ſei⸗ nem ſchwanken Schiffe, womit er es verfolgt hatte durch die Meere, und das nun hinabgeſunken war in die Gewäſſer, ſondern in ſeinem feſten Hauſe, das er geflohen und verachtet, und wo er nimmermehr den gewünſchten Gaſt zu empfangen erwartet hatte. Und da ſaß es nun plötzlich als eine freundliche Fee, die die ſelig⸗zufriedene Kindbetterin wartete und pflegte, die den Säugling wiegte und den verwandelten Frei⸗ 67 beuter als Magd bediente. Dina's Augen glänzten von Wonne und der Thau des Gefühls perlte von ihren Wimpern und zerſchmolz vor ihres Gatten freundlichen Blicken, wie der Tropfen auf den Blät⸗ terſpitzen der Blume, wenn die Sonne ſie anlächelt. Und wenn er ihr nun wohl gar eine Bitte um Ver⸗ zeihung hören ließ, die unwillkührlich aus ſeinem ge⸗ rührten Herzen aufſtieg, dann deutete ſie mit unend⸗ licher Mutterluſt auf den Knaben an ihrer Seite und ſprach:„Du haſt mich unausſprechlich glücklich gemacht. Ein ſolcher Blick aus Deinen Augen wiegt Alles auf, was ich je von der Sehnſucht nach Dir er⸗ duldete.“ „Großer Gott!“ rief Norcroß,„und einen ſolchen Engel konnte ich fliehen und verkennen! Ein böſer Zauber hat über mir gelegen.“ Und dazu wandelte er, zuweilen gar den Säugling auf dem Arme, in bequemer Haustracht durch die Gemächer ſeiner Woh⸗ nung und ließ die freundliche Juniſonne hereinſchei⸗ nen. Wer hätte wohl in dieſem Hausvater den küh⸗ nen Kaperkapitän, den gefürchteten Freibeuter erkannt, von deſſen Gewaltthaten die Wellen der Nord⸗ und Oſtſee und die Ufer von acht Ländern, jedes in an⸗ derer Zunge, zu reden wußten? Wenn aber das gute, ſanfte Weib die Augen zum Schlummer geſchloſſen hatte und ſein ſonnverbranntes Geſicht nicht mit ih⸗ ren ſüßen Blicken beſtreifte und nicht mit dem hold⸗ ſeligen Lächeln ihres Mundes umſpann, dann war's ihm nicht ſelten, als ſteige im tiefſten Hintergrunde ſeinet Seele ein ernſtes, würdiges Frauenbild empor, und drohete ihm, ſich für die böſe Beſchuldigung, daß ſie eine Zauberin geweſen, die ihn umgarnt, an ihm zu rächen. Er ſchloß die Augen mit unheim⸗ lichem Grauen und ſah im Geiſte das Schatten⸗ bild ſich verdichten, und wußte wohl, wer es war. Dann fing auch eine Stimme in ſeiner Seele an, laut und lauter zu reden, die da ſprach:„Du ſchwa⸗ cher, thörichter Menſch, iſt denn das Glück, welches du jetzt genießeſt, wirklich jene hohe, lebensſprudelnde Wonne des Daſeins, nach der du von Jugend auf gerungen, und die dir aus Friederikens feuerſtrahlen⸗ dem Auge in hoher Fülle ſeliger Gewährung entge⸗ genſprang? Nennſt du, Undankbarer, die Licht⸗ und Silberblicke deines Lebens böſen Zauber? Verdammſt du, Verblendeter, jene Tage, wo der Himmel über deinem Haupte aufriß und dir in die Glorie des reinſten Glanzes zu ſchauen vergönnt war, als das Meer unter dir erglühte vom Widerſchein jener Him⸗ melsblicke, als die Erde unter deinen Füßen dir ihre duftendſten Blumen aufſproſſen ließ, und die Liebe eines Genius der Erde dir einen Kranz davon um die Schläfe wand, den du, Unſinniger, für das Zau⸗ bernetz einer argen Fee hältſt in deiner jetzigen Be⸗ thörung? Iſt denn dieſe träge Ruhe das Glück, nach welchem du geizteſt? Das hätteſt du früher haben können und mit billigern Mitteln. Iſt denn dieſe ſpießbürgerliche Hausvaterſchaft das letzte Ziel deiner kühnen Fahrten geweſen? Haſt du darum Todesblitze um dich geſchleudert, um endlich als ein glücklicher Ehemann deine Nachkommenſchaft auf den Armen in den Schlaf zu wiegen? Iſt dein Name auf dem Meere furchtbar geworden, daß er nun deinem Söhn⸗ lein als Popanz diene, um ihm das Weinen zu ver⸗ treiben? Und iſt denn jener ſanfte Eng, jenes gute, liebevolle Weib, iſt es denn wirklich vermögend, dir dein Herz auszufüllen, das große, weite, ſtürmiſche Herz? Dir deine Welt zu beleben, deine Wünſche zu ſtillen, die Flamme deines Geiſtes mit Gegenflamme 69 zu unflackern? Ach, Norcroß, du haſt die Flamme gedämpft, aber ſie wird bald um ſo rieſiger hervor⸗ brechen; du betrügſt dich mit dem elenden Scheine des Glücks; dies Glück kann deine Bruſt nicht lange er⸗ tragen. Schon fängt es an, in dir zu ſieden und zu gähren; es wird losbrechen. Norcroß, dies ſanfte Weib verſteht dich nicht. Ach, die Flammenbilder, ſtrahlende Geburten deiner wildtobenden Phantaſie, werden von ihr für die ſtillen Glanzlichter ſüßer Ge⸗ fühle gehalten. Sie kennt dich nicht. Auf dieſem Vulkane ruht die holde Schäferin und hält ihn für einen Blumenhügel und freut ſich des üppigen Gra⸗ ſes für ihre Lämmer. Wehe! Wehe! Ich hör' es brauſen in ſeinen Tiefen; ſie kennt dieſe Laute nicht; es ſteigt, es flammt, es tobt. Der Tag muß kom⸗ men, wo die Lavaglut, hochemporgeſprudelt aus dem ſchwarzen Krater, über ihr unſchuldiges Haupt als ein verzehrender Feuerſtrom hereinbrechen und ſie, die Aermſte, vernichten wird!— Ach! ach! Schon be⸗ ginnt der alte Gram an meiner Seele zu nagen. Fort! fort! Ich muß ihn in des Meeres ſchwellenden Fluthen erſäufen.“ Alſo ſprach die Stimme in dem Armen, alſo ſprach er ſelbſt, und geſcheucht von den Wirrbildern ſeiner Phantaſie, floh er mit einem Schreckensſchrei zu Dina's Bette, wie unter den Schutz einer heilſpendenden Aegide. Und das liebe Weib ſchlug die blauen Augen auf und ſchaute ihn verklärt an, daß der Friede wie ein Honigſtrom dar⸗ aus in ſeine wunde Seele floß, und er bald alle dunkeln Gedanken vergeſſen hatte. Auf dieſe Weiſe waren ſchon mehre Wochen ver⸗ gangen; Norcroß ſchien ſich ganz der Pflege der jun⸗ gen Mutter zu widmen, aber jene mahnenden Stürme wurden heftiger und wiederholten ſich öfter, obgleich —— —— 5 —————————————————— 70 er tief in der Bruſt verſchloß, was ſie ihm zuflüſter⸗ ten; ſie waren wie zudringliche Gläubiger; was er auch beginnen mochte, ſie zu verſcheuchen, ſie kamen, ſie ſchlichen ſich durch die kleinſten Ritze ſeiner Sinne in die Seele. Nur Dina's gemüthliche Stimme, nur ihre ſeelenvollen Augen konnten ſie verbannen; wenn ſie um ihn webte und ſchaffte in ſtiller, traulicher Wirkſamkeit, dann fühlte er ſich frei und ledig, und er floh oft mit Angſt zu ihr. Aber wenn er einige Tage in ihrer Nähe verweilt, ſehnte er ſich plötzlich von ihr hinweg, dann ergriff ihn ein höherer Geiſt, er kam ſich wie Herkules im Dienſte der Omphale vor; er rannte fort und in ſeinen wüſten Kopf zogen die nächtlichen Geiſter ein. Das waren die beiden Seelen, die in ſeiner Bruſt kämpften; die eine leitete ihn zur ſtillen, gemächlichen Ruhe, zum freundlichen Frieden des Hauſes, die andre wollte ihn auf Adler⸗ flügeln forttragen in Kampf und Streit, in Sturm und Wellen, in das fieberiſche Toben der Kräfte, fort zu den ſchimmernden Paläſten des Ruhms. Obgleich Norcroß ſchon mehrmals bei dem Könige Audienz gehabt, ſo war doch noch nicht viel von der Zukunft die Rede geweſen, ſondern allein von der Gegenwart und Vergangenheit. Der Kapitän hatte dem Könige genauen und ausführlichen Bericht über ſeine Fahrten in Frankreich und Dänemark abſtatten müſſen, und der König ihm manches Zeichen ſeiner Gnade ertheilt. Norcroß ſelbſt hatte noch keinen Fuß wieder in den Hafen geſetzt, und ſelten daran ge⸗ dacht, bald ein neues Schiff zu beſitzen. Da ſandte der König an dem Tage, wo Dina ihr Neugebornes dem Herrn zur Weihe darbrachte, ein koſtbares⸗Ge⸗ ſchenk, auch der Feldmarſchall Mörner beſchenkte ſeine Baſe, ſo wie der Gouverneur Godenhielm, und der 73 Erſte ließ dabei verlauten, daß der König eine beſon⸗ dere Affection für Norcroß gefaßt habe, und ihn mit ſeiner Gnade vor allen Andern bedenken werde. Als Norcroß am folgenden Tage ſich beim Könige melden ließ, kam ihm der Monarch freundlicher ent⸗ gegen, als ſeine ernſte Natur gewöhnlich zuließ, und nachdem der Kapitän ſeinen unterthänigſten Dank in geziemenden Worten ausgeſprochen hatte, verſetzte Karl huldreich:„Es war ja nur eine Kleinigkeit, Ka⸗ pitän, und allein für Eure Hausfrau beſtimmt. Und nun wißt Ihr doch, daß ich die Männer lieber mag, als die Weiber, und deshalb den brauchbaren Män⸗ nern auch lieber viel gebe, als ven unbrauchbaren Weibern wenig. Daraus mögt Ihr abnehmen, was ich wohl für Euch beſtimmt haben möge.“ „Da Ew. Majeſtät wünſchen, daß ich rathen ſoll, ei nun, ſo bin ich des Glaubens, Sie haben mir ein neues Schiff bauen laſſen, damit ich meinen alten Graf⸗Mörner vergeſſen ſoll.“ „Falſch geſchoſſen. Das Schiff mögt Ihr Euch ſelbſt bauen laſſen nach Euerer eigenen Vorſchrift. Laßt's Euch vom unterſten Querholz des Kiels bis zur äußerſten Spiere neu herrichten, laßt Euch die Kano⸗ nen dazu gießen! Ihr ſollt freien Willen haben. Aber Männer wie Euch weiß der König von Schwe⸗ den beſſer zu belohnen. Kapitän Norecroß, Ihr habt in den drei Jahren, die Ihr in meinen Dienſten ſteht, der Krone Schweden ein hübſches Kapital ein⸗ gebracht. Keiner von meinen Kapern und Kommis⸗ fahrern hat ſo viel Priſen in meine Häfen geſchickt, als Ihr— was ſag' ich! Keiner den vierten Theil ſo viel. Ihr habt der ſchwediſchen Flagge Reſpekt verſchafft in unſern Nachbarmeeren, und Euern Na⸗ men kennt man von der oberſten Spitze von Finn⸗ 72 mark an bis zum fernen atlantiſchen Ocean hinab; aber ich allein hab' Euch erprobt als einen braven, für meine Perſon und meine Sache wohl portirten Mann, und was auch Euere Neider und heimlichen Feinde ſagen mögen, ich weiß Euch zu ſchätzen. Von heute an ſteht meine Schatzkammer Euch offen; zieht auf meinen Schatzmeiſter ſo viel Ihr zu Euern Pla⸗ nen braucht und um als ein Mann zu leben, den der König von Schweden ſeinen Freund nennt. Wenn das Jahr um iſt, mögt Ihr mir Rechnung ablegen.“ „Ich werde Ew. Majeſtät unbeſchränktes Ver⸗ trauen zu rechtfertigen ſuchen.“ „Das weiß ich, Kapitän. Dann will ich Euch ferner freigeſtellt ſein laſſen, ob Ihr fernerhin als Kaper die Meere durchſtreifen, oder in meine Admi⸗ ralität eintreten wollt. Ihr habt Euch durch Tapfer⸗ keit und Anhänglichkeit ſchon lange einen guten Platz in derſelben verdient, und eine Commandoſtelle ſoll Euch nicht entgehen. Wählt, was wollt Ihr thun?“ In Norcroß entbrannte ein heftiger Kampf. Plötz⸗ lich öffnete ſich ihm die Ausſicht auf ein Leben voll Ruhe und Bequemlichkeit. Als Mitglied der Admi⸗ ralität konnte er das ganze Jahr über in Stockholm bleiben, die Freuden der Hauptſtadt in ſteter Geſell⸗ ſchaft ſeines Weibes genießen, konnte ſich, von des Königs Huld ſo reichlich bedacht, ein Landgut in der Nähe der Reſidenz kaufen, und ſeine Tage ohne Sorge und Bekümmerniß zubringen. Dieſe freund⸗ lichen Bilder führte der Geiſt des Friedens in ſeiner Bruſt raſch an ſeinem innern Auge in hellem Far⸗ benglanze vorüber, aber der Geiſt der Bewegung, der wahrhaftige Lebensgeiſt, der die Welt erhält und alles Große erzeugt, überflügelte die freundlich beleuch⸗ teten Bilder mit ſeinen Flammengemälden der Schlach⸗ 73 ten, der Stürme, des ewig bewegten Meeres, ſeines alleinigen und wahren Abbildes auf Erden. Und er hörte im Geiſte den Donner der Kanonen, das Ge⸗ räuſch der Wellen, das Brüllen der Brandung, er ſah Seeland aus den ſtürmiſchen Gewäſſern empor⸗ ſteigen und ein herrliches Weib an ſeiner Küſte ſtehen, das ihm winkte und zurief: Komm, ich bin ja end⸗ lich doch noch Deiner Kämpfe Preis! Da ſprach er zum Könige: „Auch dieſe Gnade werde ich mit Freuden an⸗ nehmen, großmächtigſter König und Herr, wenn Ew. Majeſtät einen förmlichen Seekrieg mit Dänemark und England beginnen. Dann gibt es zu thun für mich. So lange dies aber nicht der Fall iſt, mögen Sie mir erlauben, nach wie vor auf die Kaperei auszu⸗ ziehen. Ich kann die Ruhe und Behaglichkeit nicht wohl ertragen; die ſechs Wochen, welche ich nun ſchon hier auf der faulen Haut zugebracht habe, ſind mir eine verhaßte Ewigkeit geworden.“ „Recht ſo!“ verſetzte der König und ſchlug den Kapitän auf die Achſel, welches jedesmal ein Zeichen ſeiner höchſten Gnade war.„Ihr ſeid gerade wie ich, und deshalb mag ich Euch auch ſo gern. Man muß mit dem Pfunde wuchern, das man erhalten hat. Nun, zum Seekrieg denk' ich, dürfen wir nicht viel Zeit mehr kaufen. Ich ſtehe ſcharf mit England, und Dänemark ſoll dieſen Herbſt noch an mich den⸗ ken. Habt Ihr mit Görz geſprochen?“ „Als der Herr Baron zum letztenmal von der Inſel Aland hier war, hatte er kaum Zeit, meine gehorſamſte Aufwartung anzunehmen. Er konnte mir nur wenig Worte ſchenken.“ „Er hatte große Eile. Doch wird er Euch geſagt haben, daß wir Norwegen durchaus noch haben müſ⸗ 74 ſen, eh' dies Jahr herum iſt. Zuerſt ſoll mir Fre⸗ derikshold dran; es iſt der Schlüſſel zu Norwegen. Und oben laſſe ich Throndjem erobern. Hab' ich's ſo von beiden Seiten, ſo entgeht mir kein Zoll breit Land. Mit dem Frühjahr wird der Seekrieg begin⸗ nen; denn der hannöverſche Kurfürſt wird ſeinen in Gott geliebten Bruder Schelm von Dänemark bei⸗ ſtehen. Nun, bis dahin könnt Ihr noch manchen guten Fang machen.“ „Ich denke doch, das Glück wird nicht an meiner Fregatte, ſondern an meiner Perſon haften. Und iſts nicht mit dem wackern Schiff in den Meeresgrund gefallen, ſo ſoll Ew. Majeſtät auch ferner mit mir zufrieden ſein.“ „Ihr wißt, wie ich dem engliſchen Geſandten heim⸗ geleuchtet habe. Mir ſolche Anträge zu machen! Ich will, daß Jakob Stuart König von England werde, und es ſoll geſchehen. Ich habe ſeit der engländi⸗ ſchen Unhöflichkeit Befehl gegeben, alle Schiffe mit der großbritanniſchen Flagge wegzunehmen. Iſt das nicht eine Prahlerei und Großthuerei: Großbritan⸗ nien! Als wenn's mit England und Schottland ſchlecht⸗ weg nicht auch abgemacht wäre? Nun, wir wollen's ihnen vertreiben, Jakob der Dritte ſoll wieder König von England und Schottland heißen.“ „Dadurch werden Ew. Majeſtät Dero Verdien⸗ ſten die Krone aufſetzen.“ „Alſo nehmt mir die engländiſche Flagge auf's Korn, Kapitän. Auf Euch rechne ich am meiſten. Sagt mir doch, was haltet Ihr von Kapitän Flax⸗ mann? Er iſt Euer Landsmann und Ihr kennt ihn ſchon lange. Wie iſt mir doch, habt Ihr ihn nicht nach Stockholm gebracht?“ „So iſt's, Ew. Majeſtät zu dienen.“ 75 „Er war früher Major als Sohn des Lords Palmerſton. Er hat gute Gründe, dieſen Namen zu haſſen. Ich verdenk ihn nicht darum, daß er den Namen Flaxmann in meinen Dienſten führt. Wißt Ihr etwas vom Geheimniſſe ſeiner Geburt?“ „Ich habe nicht die Ehre. Zwar hat mich Lord Palmerſton mit ſeiner Freundſchaft, nie aber mit ſei⸗ nem unbeſchränkten Vertrauen beehrt, und ich fand es nicht für anſtändig, dasjenige von ihm zu erbitten, was er mir aus eigenem Antriebe verſagte.“ „Ihr thatet wohl daran, Kapitän. Glaubt Ihr wohl, daß er zum Seedienſt taugt?“ „Ew. Majeſtät darf ich meine wahre Meinung nicht verhehlen; Kapitän Flaxmann iſt einer der edel⸗ ſten Menſchen, die ich jemals näher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe; er beſitzt ſehr viele Tugen⸗ den, und unter dieſen ſtrahlt die Tugend der Tapfer⸗ keit hervor. Ich könnte Ew. Majeſtät glänzende Beweiſe davon erzählen. Aber deſſen ohngeachtet paßt Kapitän Flaxmann nicht zum Kriegsdienſt, weder zu Lande noch zu Waſſer, weder als Führer eines Linienſchiffes, noch als der eines freien Kaperſchiffes, als Kapitän froher, tapferer Jungen, die Kopf und Herz auf dem rechten Flecke haben, übrigens aber von der Welt nicht viel halten.“ „Ihr mögt recht haben, aber woran fehlt's bei Euerm Landsmanne? Er iſt ja ſogar Euer Schüler im freien Seeweſen und mit Euch zuerſt auf die Ka⸗ perei ausgezogen.“ „Wenn man auch lange mit ihm umgeht, man lernt ihn nie recht kennen und begreifen; denn was er heute liebt, verabſcheut er morgen, was er heute mit einer excentriſchen Begeiſterung erfaßt, daran geht er morgen kalt vorüber, und was ihm heute 76 gleichgültig iſt, dafür raſet er andere Tage. Dabei beſitzt er eine Menge ungewöhnlicher Kenntniſſe, in denen er manchmal mit Liebe und Luſt arbeitet, die er aber dann wieder verachtet und liegen läßt. So hat er zu ſeinem Vergnügen und aus Wißbegierde Medizin ſtudirt, und ſich beſonders auf das Studium der Natur und ihrer Heilkräfte gelegt, ſo daß er Manches weiß, was unſern praktiſchen Aerzten fehlen dürfte; aber er wird es nie dazu bringen, ſeine Kenntniſſe zu irgend Jemandes Nutzen und Frommen anzuwenden. Ich habe ihn wohl, wenn er andere Sachen treiben ſollte, Tage lang botaniſiren gehen ſehen, aber wenn es darauf ankam, die Heilkraft einer Pflanze zu bewähren, ſtudirte er Mathematik oder lief wie ein Verrückter umher. So thut er faſt nie, was er ſoll, iſt bei keinem Dinge mit ganzer Seele und zürnt dazu ewig mit ſeinem Schickſale.“ „Ja, ja,“ verſetzte der König,„dieſe Unbeſtändig⸗ keit des Charakters iſt ein Familienfehler in ſeinem Geſchlecht, vom Vater auf den Sohn vererbt; daran erkenn' ich ihn. Nun, wir müſſen ihn ſchon dabei laſſen, wozu er die größte Luſt hat, und ihn anders beſchäftigen, wenn er will.“ „Dies können Ew. Majeſtät auch getroſt; denn ſein treuer Diener, Freund und Rathgeber, der Boots⸗ mann Courtin, iſt ein geſchickter Seemann und führt das Schiff gut. Flaxmann hat ihm Alles übergeben und leiht nur den Namen her.“ „Ich dank' Euch für Euere Mittheilungen, Kapi⸗ tän,“ ſagte der König herablaſſend und winkte zum Abſchied mit der Hand.„Gott befohlen!“ 5 7 Eine Schlinge. Norcroß hatte nun wieder einen Gegenſtand für ſeine Thätigkeit, und der raſche Eifer, womit er ſich von Neuem zu regen begann, war geeignet, ihn we⸗ der den verſuchenden Geiſtern zu überliefern, noch jener troſtloſen Schlaffheit, die ihn im Umgange ſei⸗ nes Weibes allmälig bedrohte. Schnell traf er An⸗ ſtalten zum Bau eines neuen Schiffes, und ſetzte Zimmerleute, Weber, Schmiede und Stückgießer in Bewegung, indem er von einem zum andern lief, Alles ſelbſt anordnete, verbeſſerte, nachhalf; und oft ſah man den König oder den Grafen Mörner, den General Armfeld oder den Baron Görz, wenn dieſer von Aland zugegen war, oder andre der vornehmſten Herren vom Hofe und vom Militär mit ihm auf den Werften und in den Stückgießereien gehen und verkehren. Norcroß galt zu dieſer Zeit allgemein für einen Günſtling des Königs, und da man wußte, daß er, beim Beginn des Seekriegs gegen Dänemark, in die Admiralität treten würde, ſo zweifelte Niemand daran, ihn in Jahr und Tag als Schout⸗by⸗Nacht oder Vice⸗Admiral zu ſehen, und wenn dieſe Meinung auf der einen Seite ihn mit kriechenden Schmeichlern um⸗ gab, ſo ſammelte auf der andern der Neid, einen Ausländer ſo bevorzugt zu ſehen, nur um ſo ſtärke⸗ res Gift, um es bei ſchicklicher Gelegenheit über ihn zu gießen.* Schon damals beſtand die Partei, wenn auch in 78 ihrer Tendenz und in ihren Nebenabſichten noch nicht ſo ausgebildet, wie fünf Monate ſpäter, aber ihrem Hauptzweck nach, die abſolute Macht des Königthums nämlich, ſeit Karl dem Elften in Schweden beſtehend, zu ſtürzen und dem Reichsrathe, oder vielmehr der mächtigen Ariſtokratie des Reichs, die erſehnte Ge⸗ walt wieder in die Hände zu ſpielen. Karl der Zwölfte hielt die Großen ſeines Reichs mit der eiſer⸗ nen Zuchtruthe ſeines Willens in den Schranken ih⸗ rer Ohnmacht zurück; dies empörte die reichen Adels⸗ geſchlechter, welche ſonſt Theil an der Regierung des Landes gehabt hatten, und in ihren geſelligen Krei⸗ ſen wurde oft der frühere Zuſtand der Dinge zurück⸗ gewünſcht. Dieſe Gemüthsrichtung blieb dem Könige nicht unbekannt, er aber, auf ſeine abſolute Macht und eigne Kraft vertrauend, kümmerte ſich nicht dar⸗ um, und da ihm der talentvolle Kopf willkommen war, er mochte ein Ausländer oder geborner Schwede ſein, ſo wurden gar oft gute Stellen mit Ausländern beſetzt, ja, um die ihm verhaßte Eiferſucht des hohen Adels zu demüthigen, waren es nur Ausländer, die er die letzten Jahre über mit ſeinem Vertrauen beehrt hatte. Unter dieſen ſtand der geniale Schlitz von Görz oben an, ein Mann von großen Talenten und der Freundſchaft eines ſolchen Königs würdig. Und gleichſam um ſeinem hohen Adel zu zeigen, daß es gar nicht der Bedienſtung in Schweden be⸗ dürfe, um in Schweden Alles zu ſein, ſondern allein des Willens, des Vertrauens des Königs, hatte er ſeinem Freunde Görz keine Miniſterſtelle ertheilt; Görz war und blieb Ausländer und doch lagen in ſeiner Hand die Zügel des Reichs, doch war er der allmächtige Lenker des Staats. Ein ähnliches Ver⸗ hältniß fand mit dem Grafen von der Natte ſtatt. 79 Und eben ſo ſchien es mit dem Freibeuter John Nor⸗ croß werden zu wollen. Man ſah in Schweden all⸗ gemein ein, daß der Friede mit Rußland ganz allein Görzens Werk war, man begriff, daß, wenn die Un⸗ terhandlungen auf der Inſel Aland das von Görz erwünſchte, für Schweden höchſt günſtige Ende er⸗ reichten, Karl der Zwölfte, in Verbindung mit dem Zaar Peter die zwei größten Fürſtengeiſter ihrer Zeit im Verein, allen ſeinen Feinden furchtbar werden müſſe. Es war vorauszuſehen, daß, wenn dieſe ge⸗ waltigen Naturen verbunden nach einem Ziele hin⸗ ſtreben würden, Dänemark verloren ſei und Georg der Erſte am längſten die großbritanniſche Krone ge⸗ tragen habe. Wer ſollte dann Damm ſein einer ſo großen Macht, von zwei ſo großen Geiſtern ange⸗ führt? Das kleine Dänemark? Seeland war ſogleich von einer ruſſiſchen Seemacht verſchlungen, Norwegen von Schweden beſetzt. Großbritannien? Die wilden Schotten waren Alle noch mit Leib und Seele dem vertriebenen Hauſe Stuart ergeben, welches einſt in ihren Bergen aufgeblüht, geglänzt und von ihnen aus nach England gezogen war. In England ſelbſt kannte man eine große Menge Anhänger der Stuarts, es war auf alle Torys zu rechnen; Zrland wünſchte einen katholiſchen König. Es war alſo nichts gewiſ⸗ ſer, als daß bei Annäherung einer großen ſchwediſch⸗ ruſſiſchen Macht der Sturz der beſtehenden Regierung ſogleich im Lande ſelbſt vollführt werden würde. Frankreich aber war durch die unſinnigen Kriege ſei⸗ nes großen Luowig gänzlich erſchöpft, es konnte kaum in Betracht kommen, da auch der Herzog⸗Re⸗ gent kein Mann von Charakterſtärke war. Alberoni's Feindſeligkeit in Spanien gegen Frankreich und Eng⸗ land kündigte ſich ſchon von ſelbſt als einverſtanden 80 mit des Schwedenkönigs Plänen an; um die im utrech⸗ ter Frieden verlornen ſpaniſchen- Nebenländer wieder zu gewinnen, um die verhaßte Quadrupelallianz Frank⸗ reichs, Großbritanniens und des deutſchen Reichs (auf Hollands Beitritt war gerechnet), welche ſeinen Plänen entgegenarbeitete, zu zerſtören, verſtand es ſich von ſelbſt, daß er mit Rußland und Schweden gemeinſchaftliche Sache machte, und den letzten Sproß der Stuarts nach Kräften unterſtützte, damit derſelbe den Thron ſeiner Väter wieder beſteige. Das deut⸗ ſche Reich endlich, oder vielmehr das Haus Oeſtreich in Kaiſer Karl VI. an deſſen Spitze, war durch den bis zum Juli dieſes Jahres fortgeſetzten Türkenkrieg ſehr geſchwächt und konnte unmöglich irgend einen Widerſtand von Bedeutung leiſten. So ſchien es, als könne der Ausführung des gro⸗ ßen Plans Görzens nichts mehr hinderlich ſein. Die Partei des hohen ſchwediſchen Reichsadels ſah mit Zittern dem Augenblicke entgegen, wo Görz und ſein Anhang zur Belohnung vom Könige alle hohen Stel⸗ len erhalten, wo der ſchwediſche Adel ganz zurückge⸗ ſetzt, wo ſein Glanz völlig erloſchen und auch nicht einmal der Schatten ſeiner ehemaligen Macht im Reichsrath verbleiben würde. Es konnte nicht fehlen, daß dieſe Stimmung der ſchwediſchen Großen in den Kabinetten von Windſor und Verſailles bekannt wurde, und daß, als Rückwirkung, franzöſiſche und engliſche Spione das ſtillglimmende Feuer in Schweden anzu⸗ blaſen bemüht waren. An der Spitze der antigörziſchen Partei ſtand ein Graf Horn, durch vielfache Talente ausgezeichnet, aber vom Könige zurückgeſetzt; es iſt aber mehr als wahr⸗ ſcheinlich, daß des Königs jüngere Schweſter Ulrike Eleonore und deren Gemahl, der Prinz Friedrich von 81 Heſſen⸗Caſſel, vom deutſchen Kaiſer gewonnen, eigent⸗ lich die Häupter der Unzufriedenen waren, und wenn auch nicht ſelbſt handelten, doch handeln ließen. Eingehüllt in den dichteſten Schleier des Geheim⸗ niſſes waren übrigens die Berathungen dieſer Partei ſchon eine Zeitlang gehalten worden, während eben ſo lange, eben ſo geheim und mit derſelben Regſam⸗ keit von der andern, der görziſchen Partei, der ſchwe⸗ diſch⸗ruſſiſche Friede zu Aland betrieben wurde. Norcroß' auftauchendes Geſtirn that durch ſeinen Glanz den Augen der ſchwediſchen hohen Adeligen weh; obgleich ſie den König haßten, ſo gönnten ſie doch dem Engländer ſeine Gunſt nicht. Es wurden daher allerlei Verſuche gemacht, ihn aus dieſer Gunſt zu verdrängen und zu ſtürzen. Seit der Kaperkapitän mit ſeinem neuen Schiff⸗ bau beſchäftigt war, ſah er oft einen Mann in ſei⸗ ner Nähe, bald auf den Werften, bald im Hafen, bald an andern öffentlichen Orten, der augenſchein⸗ lich ſeinen nähern Umgang ſuchte. Es war dies ein deutſcher Edelmann, Namens von Wollſtrupp und mit dem Prinzen Friedrich von Heſſen⸗Caſſel als Kam⸗ merherr nach Stockholm gekommen. Dieſer Mann war Noreroß nicht unbekannt; er war früher oft mit ihm in Geſellſchaft geweſen und hatte ſogar bei ſei⸗ ner Werbung um Fräulein Dina von Broke einen Nebenbuhler in ihm geſehen, ſpäterhin ihn aber we⸗ nig mehr beachtet. Wollſtrupp war ein feingebildeter Hofherr, hatte ſeine Studien mit gutem Erfolge abſolvirt, hatte dem deutſchen Reiche als Infanteriehauptmann mit Aus⸗ zeichnung gedient und verfolgte mit eben ſo gutem Glück die ſchlüpfrige Hofbahn. In ſeinem geglätteten Weſen, in ſeiner gewandten, ſchmiegſamen Aalsnatur Storch, ausgew. Romane u Novellen. Klll. 6 lag aber etwas für Noreroß Unleidliches, und ſo kam es auch, daß er ziemlich kalt gegen die Freundſchafts⸗ bewerbungen des deutſchen Kammerherrn blieb. In⸗ zwiſchen, wie dies oft zu geſchehen pflegt, die Ge⸗ wohnheit überſchüttet und ebnet die erſten Eindrücke, und wen man täglich ſieht, wird einem endlich leid⸗ lich, wenn er nur einige angenehme Seiten hat. Und dieſer hatte Wollſtrupp mehre; er war unterrichtet und bewandert, ſprach mit liebenswürdiger Eleganz, konnte Tage lang unterhalten, ohne daß man die mindeſte Langeweile verſpürte, und fällte in den mei⸗ ſten zweifelhaften Dingen ein richtiges Urtheil. Norcroß bemerkte einigemale, daß der Kammer⸗ herr ſich in ſeinen Anſichten über die Politik des Ta⸗ ges der Quadrupelallianz geneigt zeigte, doch machte er ſich daraus nichts, und that, als überhöre er der⸗ gleichen Aeußerungen. Allmälig mußte er aber die alten Geſchichten immer wieder hören von der Un⸗ ächtheit des Prätendenten, von dem Verderben, in welches Karl XII. das Schwedenreich durch ſeine un⸗ geheuren meiſt unglücklichen Kriege geſtürzt habe, von den wohlmeinenden Abſichten des Königs von Däne⸗ mark, ſein Reich in Ruh und Frieden zu regieren, und ſeinen Wohlſtand dauernd zu begründen, worin er ſtets von Schweden geſtört werde, von dem herr⸗ lichen und ſtaatsklugen Plane des Herzogs von Or⸗ leans, Regenten von Frankreich, die Schuldenlaſt zu tilgen und die Wunden des franzöſiſchen Reiches zu heilen. Er ſprach ferner von der Regierungsuntaug⸗ lichkeit der Stuarts, zählte die Fehler derſelben auf und pries die weiſe Regierung Georg's I., rügte die Zurückſetzung und Beſchränkung, welche der ſchwedi⸗ ſche Reichsrath vom Könige erdulden müſſe u. dgl. m. Norcroß widerſtritt, der Kammerherr gab nach, wußte * 83 ſaber ſeine Meinung mit einer ſchlauen Dialektik zu vertheidigen, der der Kaperkapitän nicht gewachſen war; und wenn er auch ſtreng ſein Glaubensbekennt⸗ niß vertheidigte, ſo mußte er doch geſtehen, daß Woll⸗ ſtrupp das ſeinige in ein weit glänzenderes Licht zu ſetzen im Stande war. Uebri blieben Beide durch Wollſtrupp's feines Betragen trotz ihrer Meinungs⸗ verſchiedenheit in gutem Vernehmen mit einander. Eines Tages waren ſie wieder zuſammen auf dem Werft— es war ein heißer Auguſttag und der Bau des Schiffes ſchritt ſeiner Vollendung entgegen— da kam der Baron Görz, welcher Tags zuvor von Aland angelangt war, in Begleitung des Kapitän Flaxmann ebenfalls dorthin, um Norcroß aufzuſuchen. Norcroß und Flarmann begrüßten ſich mit Herzlichkeit; der Letztere war vor einigen Tagen erſt von einer See⸗ reiſe von Rußland zurückgekehrt und Beide hatten ſich noch nicht wieder geſehen; Görz ſchüttelte Norcroß freundſchaftlich die Hand. Wollſtrupp entfernte ſich mit einer an Kriecherei gränzenden Artigkeit. Als er fort war, ſagte Görz: „Was habt Ihr doch mit dieſem Manne, Norcroß? Hinter dieſer Katzenfreundlichkeit ſteckt auch Katzen⸗ falſchheit. Ich mag die Leute nicht, die mir immer in's Geſicht grinſen. Ich muß Euch ſagen, der Menſch ſcheint mir verdächtig.“ „In der That mir auch,“ verſetzte Norcroß. „Daß ich aber nichts mit ihm habe, möge Ihnen der Umſtand bezeugen, daß wir in politiſcher Hinſicht ganz entgegengeſetzten Richtungen folgen. Er iſt ein Vertheidiger des ſchwediſchen Reichsadels, der engli⸗ ſchen Whigs und Hannoveraner, der franzöſiſchen Or⸗ leaniden; aber er ſpricht über Alles ſo manierlich, daß man ihm nicht zürnen kann.“ 84 „Wirklich?!“ ſagte Görz bedenklich. Dann fuhr er nach einer kleinen Pauſe ernſten Nachdenkens fort: „Hört, Kapitän, thut mir den Gefallen, Euch ſchein⸗ bar zu des Kammerherrn von Wollſtrupp Anſichten zu neigen. Stellt Euch geſchickt und allmälig an, als ob Ihr überzeugtihwürdet, Ihr hättet erſt Un⸗ recht gehabt. Es ſteckt etwas dahinter, das müſſen wir herauslocken.“ „Mit Freuden!“ erwiederte Norcroß.„Er iſt zwar ſchlau, aber er läßt ſich doch aushorchen.“ „Wie weit ſeid Ihr mit Euerm Schiffe?“ fragte der Baron. „Kommen Sie und nehmen Sie es ſelbſt in Au⸗ genſchein. Es wird eben getakelt und morgen die letzte und größte Kanone dazu gegoſſen“ „Gewiß die für Juel Swale beſtimmte?“ fragte Flaxmann. „Ihr habt es errathen, Herr Kamerad, die, welche ſeinen Namen mit dem ehrenden Beinamen Donnerſchütz führen ſoll. Er verdient's, der wackre Junge.“ „Gewiß, er verdient noch mehr. Und ich wette, er wird mit den Jahren den Lohn ſeiner Verdienſte erlangen.“ „Ich habe ſchon von Kapitän Flaxmann gehört, wer der Knabe iſt, von welchen Ihr ſprecht,“ ſagte der Baron Görz.„Er ſoll ein gutes Spiontalent haben und von Euch ſchon zu wichtigen Dienſten ge⸗ braucht worden ſein, Kapitän Norcroß. Vielleicht könnten wir die geiſtigen Gaben des pfiffigen Burſchen jetzt mit gutem Vortheil in Anſpruch nehmen. Wir ſind nämlich gekommen, Euch einen Antrag beſonde⸗ rer Art zu machen, Norcroß. Die Friedensunter⸗ handlungen mit Rußland gedeihen immer erfreulicher; —— ———————— jetzt eben kömmt es darauf an, den Zaar von mei⸗ ner Behauptung zu überzeugen, daß Schottland ſo⸗ gleich auf das Verſprechen unſeres Beiſtandes die Waffen gegen den Uſurpator der engliſchen Krone er⸗ heben und in Maſſe aufſtehen wird, ſobald wir ihm das Signal geben. Es iſt daher nöthig, daß ich einen geſchickten Mann nach Schottland ſchicke, der die ſchottiſchen Baronen und Lairds unter einen Hut bringe, damit ſie ein Dokument unterzeichnen, worin meine dem Zaar gegebene Verſicherung beſtätigt wird und dieſelbe durch einen Geſandten dem Zaar über⸗ ſchicken. Wer wäre dazu paſſender, als Ihr? Ihr habt mir ſchon in ähnlichen Fällen zu meiner Zu⸗ friedenheit gedient, Ihr werdet auch dieſes Geſchäft pünktlich beſorgen.“ „Thut es zur Ehre unſers Vaterlandes,“ bat Flarmann mit Wärme.„Es gilt ja die Wiederein⸗ ſetzung des rechtmäßigen Königs von England. Es gilt ja der Sache der Wahrheit und des heiligen Rechtes, für die Ihr immer entflammt ſeid. Der engliſche Thronerbe irret und duldet in fremden Lan⸗ den, ißt das Gnadenbrod fremder Könige, während der Dieb ſeiner Krone ſich in London brüſtet. Ihr ſeid immer gleich mir für die Sache der Stuarts ge⸗ weſen; nun iſt der Augenblick gekommen, wo es gilt, Euere guten Grundſätze durch gute Handlungen zu bethätigen, wo Jeder, unſerm Rechte Wohlgeſinnte, aus allen Kräften wirken muß, das ſchön winkende Ziel mit erſtreiten zu helfen. Der Zaar und Albe⸗ roni ſind auf unſerer Seite; gelingt es, alle Jakobi⸗ ten in Schottland, England und Frankreich zuſam⸗ menzubringen, ſo kann der entſcheidende Schlag bald geſchehen und über das Jahr um dieſe Zeit iſt Ja⸗ 86 kob III. König von England und Ihr, Freund Nor⸗ croß, Admiral der engliſchen Flotte.“ „Ihr ſeid einmal wieder ſtark paſſionirter Jako⸗ bit,“ lächelte Norcroß auf Flaxmann's feurige Rede; „ich weiß Zeiten, wo Ihr an allen politiſchen Hän⸗ deln einen Ekel hattet“ „Rügt nicht die Schwachheit menſchlicher Natur! Freilich iſt in unſer Leben ein ewiger Widerſtreit ge⸗ legt. Greift doch in Euere eigene Bruſt und fragt Euch, ob bei Euch Alles ausgeglichen und ruhig iſt, oder ob Ihr nicht auch hin⸗ und hergeriſſen werdet von ſich widerſtrebenden Geiſtern.“ Norcroß erſchrak; er ſah ſein Spiegelbild; auch ihn zermarterte ein innerer Streit, obgleich von ganz anderer Art als der, welcher in Flaxmann's Buſen tobte. „Die Sache der ewigen Wahrheit hat das hei⸗ ligſte Recht an uns,“ fuhr Flaxmänn begeiſtert fort, „und ihr müſſen am Ende alle Gefühle der Men⸗ ſchenbruſt unterthan ſein. Und hat nicht Jakob Stuart Recht und Wahrheit auf ſeiner Seite? Auf! Norcroß, helft es ihm erkämpfen!“ „Ich war von je Englands rechtem König und Herrn mit Wort und That ergeben; auch jetzt ſoll ihm meine geringe Hülfe nicht entgehen. Der Prä⸗ tendent kann ſtets auf mich rechnen, ſo wie Se. Ma⸗ jeſtät der König von Schweden und Sie, Herr Ba⸗ ron. Beſtimmen Sie mir die Zeit meiner Abreiſe und unterrichten Sie mich genau über die von mir zu beſorgenden Geſchäfte in Schottland.“ „Ich geb' Euch Briefe an einige der reichſten ſchottiſchen Barone nebſt genauen Inſtruktionen. Euer Schiffsjunge wird Euch dabei von trefflichem Nutzen ſein. Ende dieſes Monats oder Anfang September —— 87 ſpäteſtens müßt Ihr abreiſen. Kann bis dahin Euer Schiff vollendet ſein?“ „Gewiß, wenn ich den Bau eifrig betreibe.“ „Wohlan, ſo betreibt ihn! Vier bis fünf Wochen habt Ihr in Schottland zu thun und könnt Ende Ok⸗ tober in Frankreich ſein, wo ich Euch gleiche Auf⸗ träge an die dortigen Jakobiten ertheilen werde.“ „Ich werde Alles zu Ihrer Zufriedenheit zu be⸗ ſorgen wiſſen, Herr Baron.“ „Kehrt Ihr zurück, ſo iſt die Zeit da, unſere Seemacht einzurichten, und Euer erwartet eine Com⸗ mandeurſtelle zum Lohn Euerer Verdienſte.“ Norcroß verbeugte ſich, und Görz reichte ihm noch einmal gnädig die Hand. Flaxmann ging mit Görz wieder vertraulich davon. 8. Ranonen⸗ und Schiffstaufe. Görzens Rath war nicht vergeblich geweſen. Nor⸗ croß ſpielte von dieſem Tage an mit dem Kammer⸗ herrn von Wollſtrupp ſeine Komödie. Zuerſt hielt er in ihrem Streite ihm weniger als ſonſt die Wider⸗ part, ſtellte ſich dann mehr und mehr überzeugt und äußerte endlich, wenn ſich ihm nur eine Gelegenheit böte, vortheilhafter placirt zu werden, ſo ſei er gar nicht abgeneigt, die Dienſte des Königs von Schweden zu verlaſſen, der ihn trotz aller Freundſchaft ſchlecht bedacht habe.„Was hilft mir die freundliche Herab⸗ ——————— 88 laſſung,“ ſagte er,„ich kann ſie beim Wechsler nicht zu Kleingeld machen und mir keinen Krug Wein da⸗ von kaufen. Obgleich man mir immer und immer vorſagt, der König ſei mein Freund, ſo bin ich doch Kaperkapitän, wie vor drei Jahren.“ „Das iſt's ja eben, was ich Euch ſtets eingeredet habe, Kapitän,“ verſetzte der Kammerherr liſtig lä⸗ chelnd,„ein Mann von Euern Kenntniſſen im See⸗ weſen, von Euern Reiſen und Erfahrungen, von Euern unberechenbaren Verdienſten um die Schatz⸗ kammer des Königs ſollte doch billig beſſer geſtellt ſein. Inzwiſchen gäb' es wohl andere Leute, die mit Freude Euere Verdienſte belohnen und mit der Krone der Vergeltung ſchmücken würden, es muß ja nicht der König von Schweden ſein.“ „Ich wüßte nicht, wer weiter von mir Notiz nähme.“ „Die Generalſtaaten würden z. B. Euch ſogleich ein Commando übergeben.“ „Ich mag nicht abhängig ſein von wucheriſchen Kauf⸗ und Handelsleuten. Behüte mich Gott vor ſolchem Krämerdienſt!“ „Die Krone Frankreich würde es ſich zur Ehre ſchätzen, Euch zu ihren Dienſtleuten zu zählen. Ich denke, ein Admiralſchiff mit den drei Lilien geſchmückt, wäre auch keine unfreundliche Wohnung für Euch.“ „Das ließe ſich eher hören. Aber wo hätt' ich eine Ausſicht dazu?“ „Kapitän, ich verhehl' Euch nicht länger, daß ich von Frankreich beauftragt bin, tüchtige Männer für den See⸗ und Landdienſt der franzöſiſchen Krone zu werben. Einer der vortrefflichſten Männer für den erſtern ſeid Ihr. Ich darf Euch eine Commandeur⸗ ſtelle mit der gewiſſen Ausſicht auf baldige Beförde⸗ 89 rung anbieten. Ihr habt den Wunſch ſelbſt geäußert, franzöſiſche Dienſte zu haben, hier iſt ein ſchriftliches Inſtrument. Unterſchreibt daſſelbe und Ihr ſeid ſo⸗ gleich Dienſtmann Frankreichs.“ Mit dieſen Worten zog er ein zuſammengefaltetes Papier aus der Taſche und überreichte es dem ſich freudig erſtaunt ſtellenden Kapitän. Zugleich war er auch mit Tintenfaß und Feder bei der Hand, welches er ebenfalls aus ſeiner weiten Rocktaſche geholt hatte, und machte auf dem Werktiſche eines Zimmermanns Anſtalten, ſich damit auszubreiten. „Ich will's mir zu Hauſe mit Verſtand durchle⸗ ſen und überlegen,“ ſagte Norcroß und wollte das Papier einſtecken. „Ich bitt' Euch, Kapitän,“ rief der Kammerherr ängſtlich,, leſ't und unterſchreibt gleich jetzt. Ihr habt ja die ſchönſte Muſe dazu.“ „Im Gegentheil bin ich durch Euern unerwarteten und mir ſo ſehr erwünſchten Antrag ganz zerſtreut. Ich muß mich wirklich erſt ſammeln, ehe ich etwas leſen kann. Ich bin jedenfalls der Euere, und morgen ſchon habt Ihr das Inſtrument unterſchrieben zurück.“ „Aber eben ſo gut könnt Ihr's ja auch jetzt un⸗ terſchreiben, Kapitän. Was wollt Ihr zaudern? Er⸗ greift Euer Glück ſchnell! Was bedarf es da des Ueberlegens? Hier iſt Tinte und Feder.“ „Aber, Herr Kammerherr, Ihr werdet mich doch nicht zwingen. In meinem Leben habe ich noch keinen Wiſch in einer Zimmermannswerkſtätte unterſchrieben, geſchweige ein ſo wichtiges Inſtrument. Ich muß es zu Hauſe leſen und unterzeichnen und damit Baſta! und wenn Euch ſo ſehr an Eile liegt, ſo kommt heute Abend zu mir, dann ſollt Ihr's mit der Unterſchrift zurückerhalten.“ 90 „So will ich lieber jetzt gleich mitgehen!“ „Traut Ihr mir nicht, der ich Euch doch getraut habe? Wenn dies der Fall iſt, ſo nehmt Euer Pa⸗ pier wieder zurück, wie es iſt, und ich bleibe, wo ich bin. Hier iſt's!“ „Nein, ſo war es nicht gemeint. Ihr mißverſteht mich, Kapitän. Die Vorſicht und der Wunſch, Euch recht bald glücklich zu machen, veranlaßten mich zu ſolcher Eile.“ „Nun gut, ſo holt es dieſen Abend ab.“ Der Kammerherr ging und Norcroß verfügte ſich unverzüglich mit dem Papier zum König, weil Görz wieder nach Aland zurück war. Der König ließ ihn ſogleich vor ſich, und Norcroß unterrichtete ihn von des Barons Befehl in Betreff des Kammerherrn von Wollſtrupp und dem Erfolg deſſelben, indem er ihm das von letzterem erhaltene Inſtrument überreichte. Der König durchlas die Schrift mit ſichtbarem Wohlbehagen und gab ſie dann mit den Worten zurück: „Görz gab Euch einen klugen Rath. Thut mir den Gefallen und unterſchreibt das Papier; wir wollen doch ſehen, was er hernach damit beginnen wird.“ Norcroß that nach des Königs Willen; am Abend holte der Kammerherr das Dokument und verſprach goldene Berge. Am andern Morgen hatten ſich in der königlichen Stückgießerei auf dem Ritterholm, ohnfern dem Pa⸗ laſte, mehre Freunde des Kapitäns und eine Menge Seeofficiere und Matroſen verſammelt. Norcroß gab nämlich in Juel's Namen, deſſen Ehrentag heute war, ein kleines Feſt. Noch vor Tagesanbruch war die Kanone gegoſſen worden, welche des jungen Matroſen Namen führen ſollte. Die Gießerei war feſtlich aus⸗ geſchmückt und mit Kränzen behangen, ein großer . S 3 Volkshaufe harrte am Eingange, darunter eine ge⸗ meine Frau, die Witwe eines Schiffers, um die ſich die Menſchen drängten und ihren Reden horchten, ihr zu Gefallen ſchluchzten und weinten, und ihre Aeuße⸗ rungen weiter trugen, bis ſie von Mund zu Mund gingen. Es war Juel's Mutter, die auf des Kapi⸗ täns Wunſch hierher gekommen war, ihrem wackern Jungen eine Ueberraſchung zu bereiten. Bald erſchien Kapitän Flaxmann mit einem Muſikchor, die Matro⸗ ſen, welche mit Juel zuſammen auf dem Graf⸗Mörner gedient hatten, waren mit neuen Jacken, weißen Hoſen, hellrothen Leibbinden und Bändern auf den Hüten geſchmückt. Flaxmann ordnete ihre Stellung an. Juel's Mutter wurde herbeigeholt und unter die Matroſen placirt. Bald darauf trat Kapitän Norcroß in der Staats⸗ uniform mit Feierlichkeit in die Werkſtatt, Juel im neuen Matroſenanzug an der Hand. So wie ſie den innern Raum der Gießerei betraten, ſchallte ihnen ein Vivat der Verſammelten entgegen. Das Muſikchor ſpielte auf; Juel nahm ſeinen Hut ab und dankte be⸗ ſcheiden. Der Kammerherr von Wollſtrupp hatte ſich eben⸗ falls eingefunden und drängte ſich gewohnter Maßen an Norcroß. Dieſer beachtete ihn aber nicht. Hier⸗ auf ſagte er Jueln fade Schmeicheleien, der Burſche ſah ihn mit großen Augen an und antwortete keine Sylbe. Während die Muſik ein Matroſenlied aufſpielte, in welches die meiſten ſingend einſtimmten, wurde die Kanone noch im Mantel aus der Grube gehoben und in den Vordergrund gebracht. Nun erhielt Juel einen Hammer und Norcroß befahl ihm, den Mantel zu löſen. Im weiten Kreiſe umſtand ihn das Volk. Juel „ 92 chat, wie ihm befohlen war. Nach wenigen Schlägen ſprang der Mantel, und die Kanone ſchälte ſich heraus. Sie ward mit Zubelgeſchrei begrüßt, die neugeborne Tochter des Kampfes, und die Gießer hoben ſie ſo⸗ gleich auf ein bereitſtehendes Geſtell, ſo daß die In⸗ ſchrift von Allen geſehen werden konnte. „Juel Swale Donnerſchütz!“ ſcholl's jetzt wie aus einem Munde, und der überraſchte Knabe ließ den Hammer fallen und ſtarrte mit freudethränenden Augen auf den Namen. Da trat der Kapitän hinter ihn und hob ihn auf die Kanone, ſo daß er reitend dar⸗ auf zu ſitzen kam. Und:„Vivant, Vivant Juel Swale und Juel Swale Donnerſchütz!“ rief die Menge und des Knaben Mutter trat mit einem Blumenkranze heran und ſetzte ihm denſelben laut weinend auf den Kopf. Der Knabe ſank ihr ebenfalls weinend um den Hals und rief:„O lieb' Mütterlein, nun iſt meine Freude vollkommen, daß ich Dich auch hier ſehe. Das hat der Kapitän gethan. O wie dank ich ihm!“ Hierauf kamen die Matroſen mit einer Lavette und hoben die Kanone ſammt dem Knaben darauf und banden ihn mit Blumenketten feſt. Darauf gaben ſie ihm in jede Hand eine bunte Flagge und zogen unter Aufſpielung eines fröhlichen Marſches die La⸗ vette an einem langen Schifftau, ihrer mehr als hun⸗ dert, fort. Als ſie eben aus der Werkſtatt hinaus wollten, begrüßt vom Jubel des draußen harrenden Volkes, hieß es plötzlich:„Der König! Der König!“ Und das Volk bildete eine breite Gaſſe, durch welche König Karl an der Spitze mehrer Generäle und Ad⸗ miräle hindurchſchritt. Alle Häupter entblößten ſich; eine tiefe Stille trat ein. Der König trat zu dem bekränzten Knaben heran und ſprach mit Würde: „Mein Sohn, du haſt deinem König treu gedient, 93 dein König dankt dir dafür. Sobald Kapitän Norcroß, nach meinem Wunſche, in die Admiralität tritt, biſt du Marinekadet und ſtudirſt die Seewiſſenſchaften auf meine Koſten. Nimm einſtweilen dies als Lohn!“ Und damit übergab er ihm einen vollen Geldbeutel. Juel bedankte ſich und die Menge brachte dem Könige ein donnerndes Vivat. Hierauf wandte ſich Karl an Norcroß, ſagend:„Euch, Kapitän, danke ich für dieſen Knaben mit dieſem Papier. Euere Feinde hatten es ſchlimm mit Euch vor. Jener Schurke dort“, er deutete auf Wollſtrupp,„glaubte Euch ſicher zu verderben, er hat nur dazu beigetragen, Euch in meiner Gunſt zu befeſtigen.“ Norcroß empfing das Dokument aus des Königs Hand zurück, welches man demſelben ſchon beim Lever überreicht hatte, um den Kaperkapitän zu ſtürzen; er warf es dem erſchrockenen Kammerherrn mit den Worten vor die Füße:„Hier, Elender, nimm das Zeichen meiner tiefſten Verachtung! Du biſt nicht werth, daß ein Ehrenmann Dir weitere Aufmerkſam⸗ keit ſchenkt.“ Der feige Kammerherr floh aus der Gießerei. „Die Burſche zechen heute auf meine Koſten, Ka⸗ pitän!“ ſagte der König und ging, vom Jubelruf des Volkes begleitet. Sogleich ergriffen die Matroſen das Tau und der lange Zug ſetzte ſich, unter Muſik und Geſang, in Bewegung, die Officiere folgten paarweiſe dem bekränzten Kanonenreiter, in Maſſen wälzte ſich das Volk um das ſeltſame Schauſpiel. Zur Rechten Juel's ging Norcroß, zur Linken ſeine Mutter. Die Muſik zog voran. So ging's vom Ritterholm lang⸗ ſam bis zum Hafen hinab, wo ein großer Schmaus, Tanz und Spiel, bei Bechergeläute, die ſchöne Feier⸗ lichkeit beſchloß. Vier Wochen darauf hatte ſich eines Morgens noch 94 mehr Volk im Hafen verſammelt. Alles wogte und drängte ſich, und die Ufer des Meerbuſens waren weithin mit bunten Menſchenreihen eingefaßt. Der König zog mit ſeinem Hofſtaate heran, er ſelbſt ein⸗ fach wie immer. Im Hafen lag ein großes, neues Schiff, leuchtend wie ein Sternbild. Der Wind ſpielte luſtig in den flatternden Wimpeln, auf dem Verdeck war nichts als Leben und Bewegung. Boote um⸗ ſchwärmten es in großer Anzahl; es wurde von allen Seiten in Augenſchein genommen. In ſtolzer Ruhe lag das neue Meerhaus und ließ ſich von den Wellen belecken, die wie in neugieriger Freude daran hinauf⸗ huſchten. Eine prächtige Barke trug den König mit ſeinen Generälen, Admirälen und übrigen Hofherren an Bord der neuen Fregatte, welche heute getauft werden ſollte. Himmel und Meer ſchienen dieſen Tag durch das herrlichſte Sommerwetter feiern zu wollen. Die Sonne vergoldete die Waſſer und um⸗ ſpann das neue Schiff mit Strahlen, gleichſam ſich freuend über den funkelnden Bau. Der König ſtand auf dem Hinterdeck hoch und von allem Volke geſehen; Bänder wehten von den mit Blumenketten umwundenen Maſten herab. Der Muſikchor war auf dem untern Verdeck mit dem Hof⸗ ſtaat und den Secofficieren aufgeſtellt; Kapitän Nor⸗ eroß, auf des Königs Befehl, vornan. „Dieſe Fregatte ſoll heißen: Dänenfeind!“ rief der König laut.„Dänenfeind!“ flog's von Mund zu Mund auf dem Verdeck, über die Boote hin das Ufer entlang, bis der Donner der Kanonen den Ruf ver⸗ ſchlang. Juel Swale hatte das Recht, zuerſt zu ſchießen. Er weihte mit ſeiner Kanone das Schiff ein.„Dänenfeind“ jubelte er und legte die brennende Lunte auf; und„der Donnerſchütz“ bewährte ſeinen 1 * 4 R 95 Namen. Weithin rollte der Donner des Schuſſes über Land und Meer, und das Echo der felſigen Holme wiederholte ihn und trug ihn bis zu den Thürmen der Hauptſtadt hinab. Drauf wurden die vierund⸗ achtzig Kanonen des Dänenfeindes nacheinander ge⸗ löſt, die Taue, welche das Schiff noch am Ufer gehalten hatten, ebenfalls gelöſt, die Ruder ſetzten ſich in Bewe⸗ gung, und unter Jubelgeſchrei und dem Schmettern der Muſik lief die Fregatte von Stapel. Unzählige Boote begleiteten ſie. Nach einer Stunde ließ ſich der König zurückrudern. Einer um den Andern von den Begleitern ſchied; endlich riß ſich Noreroß auch aus den Armen ſeines Weibes, und der Dänenfeind lief allein die noch ungewohnte Meerbahn ſtolz und ſicher, wie ein junges arabiſches Pferd, wenn es zuerſt die Renn⸗ bahn betritt. 9. Selige Vereinigung. Der ſcheidende Herbſt fegte die Länder und peitſchte die Meere mit ſcharfem Beſen, als Norcroß, von Schottland herabſegelnd, nach dem Kanal einbog, welchen die Franzoſen den Aermel nennen, um in den Hafen von Calais einzulaufen. Theils auf ſei⸗ ner Fahrt nach Schottland, theils von dort nach Frankreich zu, hatte er verſchiedene gute Priſen ge⸗ macht und nach Schweden geſchickt, zum Beweis, daß das Glück mit dem Dänenfeind eben ſo gut über Meere wandle, wie mit dem Graf⸗Mörner, ſo lange 96 nur der kühne Freibeuter ihr Führer ſei. Nun, da der October bereits begonnen, wollte er Görz' Be⸗ fehle in Frankreich ausrichten, und hoffte, dies mit demſelben guten Erfolg auszuführen, wie es ihm in Schottland geglückt war. Durch dieſe freundlichen Ausſichten hatte er ſeine alte Feſtigkeit wieder erlangt und arbeitete mit Eifer in der Sache des Prätenden⸗ ten, die er nun, und mit ihm alle ſeine Freunde und Parteigänger der Stuarts, bald zum Ziele ge⸗ deihen zu ſehen, mit Zuverſicht hoffte. So günſtig wie jetzt hatten die Aſpecten Jakob Stuart's noch nicht geſtanden und Jeder, der mit der Lage der Dinge vertraut war, mußte ihn ſchon ſtill als König von England anerkennen. Die herbſtliche Sonne warf eines Spätnachmit⸗ tags zum Abſchied den gekränſelten Wellen ihr Glanz⸗ gold in den Schooß, da wurde auf dem Dänenfeind ferner Kanonendonner vernommen. Sogleich gebot der Kapitän Stille und bedeutete den Ausgucker, nach dem Gegenſtand zu ſehen, von welchem die Schüſſe ausgingen. Dem Schalle nach kamen ſie von Steuer⸗ bord, und das Schiff wurde ſogleich rechts gedreht, und die Segel danach geſtellt. Bald fiel der Wind hinein und ſchwellte ſie, leicht und gefällig hüpfte der ſchöne Rieſenbau nach der angegebenen Richtung hin, und nicht lange darauf rief der Matroſe im Maſt⸗ korbe, daß er zwei Schiffe im Kampfe mit einander entdecke. „Setzt noch ein Segel bei!“ befahl der Kapitän. „Drauf und dran!“ Einen Augenblick darauf flog das Schiff, als wollte es Berge überſegeln. Nach einer halben Stunde rief der Matroſe im Korbe:„Die ſchwediſche und die däniſche Flagge!“ Noreroß viſirte mit ſeinem Glaſe und fand die Angabe 97 beſtätigt. Aber es war, als ob der Wind abfallen wollte, und der Kapitän forderte mit Ungeſtüm, das Schiff in einen Segelwald zu hüllen und die Riemen zu ſtreichen. Da raſſelte die neue, ſchwere Leinwand herab und verdunkelte das Verdeck. Der Wind ſiel zwar noch hinein, hatte aber nicht Kraft genug mehr, ſie ganz aufzublähen. „Wenn wir nicht eilen, ſo kommen wir um den Wind, und können zuſehen, wie der Däne einen unſe⸗ rer Kameraden verſchlingt. Friſch, Jungen, Ihr müßt mir den Wind erſetzen!“ Alſo rief der Kapitän und griff ſelbſt zu einer der Ruderſtangen, und die Arbeit begann mit erneuter Kraft, ſo daß ſie in einer Viertelſtunde den kämpfenden Schiffen in Schuß⸗ weite kamen. Der Däne ſetzte dem Schweden ſtark zu, dieſer wehrte ſich wacker. Auf beiden Seiten fiel Schuß auf Schuß, und Maſten und Segel hatten's hier und dort ſchon übel empfunden. Norcroß hatte in aller Geſchäftigkeit noch nicht Zeit gehabt, ſich die Schiffe näher zu betrachten; er hatte vielmehr Alles dazu einrichten laſſen, um bei ſeiner Ankunft ſogleich an dem Kampfe Theil zu nehmen und den Namen ſei⸗ nes Schiffes dadurch zu bewähren, daß er den Dä⸗ nen in den Grund bohre.„Juel,“ rief er eben, „jetzt laſſ Deinen Namensbruder ein Wörtchen mit⸗ reden, und füttere ihn fleißig, daß ihm die Stimme nicht ausgeht!“ Der Burſche triefte von Schweiß. In dem Angenblick, als Norcroß Befehl zum Feuern geben wollte, krachten auf der däniſchen Schnacke alle Kanonen. Der Dampf wölkte ſich über das Waſſer hin und legte ſich vor den ſchwediſchen Schoner ſo, daß man nichts erkennen konnte. Aber ein lautes und klägliches Geſchrei wurde von dorther vernommen. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XlIl. 7 M — 98 „Unſre Schweden dort haben Jemand von Wichtig⸗ keit verloren!“ ſagte Norcroß mit Ruhe;„ſchießt mir doch die Poſtſchachtel zuſammen!“ Juel gab Feuer, und die Maſten des däniſchen Paketbvotes krachten zuſammen und legten ſich über das Verdeck. Als der Dampf verraucht war, ſah man, wie ſie die Segel ſtrichen, zum Zeichen, daß ſie ſich ergäben. Noreroß rief ihnen durch das Sprach⸗ rohr zu, heranzukommen, und augenblicklich wurde ſeinem Befehl Folge geleiſtet. Sogleich ließ er ein Boot ausſetzen und ſtieg hinab, um ſich in das ge⸗ nommene Schiff zu begeben. Seine Officiere beglei⸗ teten ihn, ſcharf bewaffnet. Die Treppe ward von der Schnacke herabgelaſſen, der Führer derſelben trat ihnen entgegen und legte Norcroß ſeine Waffen zu Füßen. Dieſer ſtieg an Bord des eroberten Schiffes, um ſeine Beute in Augenſchein zu nehmen. „Habt Ihr Paſſagiere an Bord, Kapitän?“ fragte Norcroß. „Ja. Es ſind ihrer ſechszehn, zumeiſt Franzo⸗ ſen, dann Dänen. Auch ſind zwei Damen dabei, die aus einem Bade in Frankreich kommen. Sie erwar⸗ ten Euch.“ „Ihr werdet mir nachher ihre Reiſepäſſe auslie⸗ fern.“ Norcroß trat auf das Verdeck und ging mit höflichen Geberden auf die Paſſagiere zu. Beſtürzung hemmte ſeine Schritte; in demſelben Augenblick ſtieß auch eine Dame einen Laut der Ueberraſchung aus. Es war Friederike von Gabel in Geſellſchaft ihres Vaters, des alten Vice⸗Statthalters, und Chriſtine von Ove. Norcroß wollte reden, aber Friederike legte den Finger auf den Mund und bedeutete ihn, jetzt zu ſchweigen. Der Kapitän begrüßte alſo ſeine Gefangenen mit einigen allgemeinen Höflichkeitsfor⸗ meln, aber kaum vermochte er, über Chriſtinens ab⸗ gezehrte Geſtalt erſchrocken, einige Worte zu ſtam⸗ meln, welche die Beſorgniſſe der Gefangenen über ihr Loos heben ſollten. Hierauf ließ er ſich die Reiſe⸗ päſſe aushändigen, und bat diejenigen der Reiſenden, welche es ſich bequemer machen wollten, als in die⸗ ſem zerſchoſſenen, mit Blut und den Leichen der ge⸗ fallenen Matroſen bedeckten Schiffe, ihm in ſeine Schaluppe zu folgen und ſich mit ihm auf ſeine Fre⸗ gatte zu begeben. Dieſes gütige Anerbieten nahmen Alle ohne Ausnahme an, und die Damen waren die Erſten, welche in das Boot hinabſtiegen, weil Chri⸗ ſtine ſich von der blutigen Kampfesſcene ſo ſehr an⸗ gegriffen fühlte, daß ſie wie ein Schatten wankte und jeden Augenblick umſinken zu müſſen glaubte. Als Alle darin waren, bat Norcroß für einen augenblicklichen Verzug um Entſchuldigung, indem er auch ſeinen Kameraden begrüßen und zuſehen wollte, wie ihm die kleine Balgerei bekommen ſei. Die Matroſen ruderten auf den Schweden zu, auf welchem es ruhig geworden war. Norcroß ſtieg hin⸗ auf, Niemand kam ihm entgegen. Als er den Fuß auf das Verdeck ſetzte, lief ein Matroſe haſtig vor⸗ bei.„Wie heißt dein Kapitän?“ rief ihm Norcroß zu, der Burſche deutete ſtumm nach dem Hinterdeck; dort ſah Norcroß Viele auf einem Haufen beiſammen ſtehen. Mit einem ängſtlichen Gefühle ging er hin⸗ zu, und erkannte in der Vordergruppe Pierre Cour⸗ tin, wie ſich derſelbe überbog; Norcroß drängte die umſtehenden Matroſen zurück und vor ihm lag der Kapitän Flaxmann ſchwer verwundet in ſeinem Blute. Eine Kugel hatte ihm den Unterleib zerriſſen. „Heiliger Gott!“ rief Noreroß ſchmerzlich,„mein Kamerad und Landsmann, mußte es ſo mit Euch ⸗ 100 kommen?“ Flaxmann erkannte ſeines Freundes Stimme und wandte die Augen nach ihm. Ein zufriedenes Lächeln flog über ſein bleiches, ſchmerzzerriſſenes Ge⸗ ſicht. Er winkte Norcroß zu ſich herab und flüſterte: „Mein Kamerad, ich ſterbe, und es iſt gut ſo. Eine wunderbare Ahnung kommt eben über mich. Wer waren die Damen auf dem däniſchen Schiffe?“ „Euere Ahnung iſt wahr!“ ſagte Norcroß er⸗ ſtaunt. „Führt ſie hierher; ich will ihr verzeihen. Es mußte ſo kommen. Ich bin froh, daß es ſo gekom⸗ men iſt.“ Noreroß zauderte. „Iſt Euch der Wille Eueres ſterbenden Freundes ſo wenig heilig?“ fragte Courtin ſchmerzlich. Ein Blick des Vorwurfs fiel aus Flaxmann's Augen auf den Unentſchloſſenen, und Norcroß ging mit unſicherm Schritt. Im heftigſten Widerſtreit ſeiner Gefühle war er wieder in die Schaluppe hinabgeſtiegen. „Was fehlt Euch, Kapitän?“ fragte Friederike. „Ihr ſeid in den wenigen Minuten Euerer Abweſen⸗ heit umgewandelt. Was iſt Euch geſchehen?“ Er wollte ſie bei Seite ziehen und ſagte ſo leis, als er vermochte:„Des Schickſals Hand trifft uns hart. Der Führer jenes Schiffs iſt Kapitän Flax⸗ mann, unſer Lord Palmerſton, und, von einer Kugel tödtlich verwundet, liegt er im Sterben. Aber mich ſchaudert's, es auszuſprechen, er ahnet, daß Chriſtine auf dem däniſchen Schiffe ſei und wünſcht dringend, ſie zu ſprechen und ihr zu verzeihen. Was ſollen wir thun?“ Er hatte die letzten Worte, vom Schmerz über⸗ wältigt, mehr geſtöhnt als geſprochen. Chriſtinens aufmerkſamen Ohre war nichts davon entgangen, und 101 ob auch der wüthendſte Schrecken durch ihre Seele zuckte, trat ſie doch den Kapitän an, bleich, kalt und ernſt, wie ein Schattenbild, und ſprach:„Ich werde mit Euch gehen, Kapitän. Auch mir hat geahnet, was dort vorgegangen iſt. Führt mich zu ihm.“ Durch ihr glänzend weißes Geſicht, in welchem die Augen tief und erloſchen lagen, rann es leiſe und leiſer wie Todesſchauer und zuckte nur dann und wann wieder wie ein ſchwacher Lebensblick, der ver⸗ löſchenden Flamme vergleichbar, wenn ſie noch am glimmenden Dochte aufflackert. „Was wird das werden?“ ſeufzte Noreroß tief auf. „Das wißt Ihr nicht, Kapitän?“ fragte Frie⸗ derike ernſt.„Hier wird der Himmel ſich ſenken, und die Erde ihm entgegen aufſteigen, bis ſie ſich berühren, küſſen und umarmen. Der Hauch Gottes wird um unſre Schläfe fliegen, der Gedanke der Nich⸗ tigkeit alles Erdenlebens uns überfallen, aber die Ahnung der Unſterblichkeit als ein tröſtender, untrüg⸗ licher Stern in unſrer Bruſt aufgehen. Freut Ihr Euch nicht auf die nächſten Minuten? Die Vorahnung ihrer Wonnen durchbeben mich, dem heiligen Gefühle gleich, das mich überkommt, wenn ich an der Schwelle einer gothiſchen Kirche ſtehe. Da iſt mir auch ſo bänglich⸗wohl, ſo wonne⸗ſchmerzlich. Ja, Norcroß, wir werden im nächſten Augenblick in Gottes heilig⸗ ſtem Tempel ſtehen, und der Herr der Wellen und der Länder wird uns ſelbſt predigen. O Ihr wißt noch nicht Alles. Die Fittige des Todesengels rau⸗ ſchen um uns. Die Harfenaccorde der Ewigkeit zittern über das Meer her. Ja, in einem Accord wird ſich's löſen! Freut Euch und weint mit mir. Der Gärtner geht auch über die Meere, ſich Blumen zu pflücken. Seht, dieſe bleiche, koſtbare Waſſerlilie, 102 ſie iſt reif. Schon hat ſie ſeine Hand berührt, bald wird ihr Kelch ſich ſenken. O, Norcroß, unſer harrt ein großer Augenblick!“ Sie hatte dabei feſt ſeine Hand gefaßt, ihre Pulſe berührten ſich; die ſeinigen flogen. So waren ſie auf Flaxmann's Schiff geſtie⸗ gen; Chriſtine feſten Schrittes voran. Sie ſchien von Friederikens Rede nichts vernommen zu haben. Ernſt vor ſich hinblickend wandelte ſie weiter. Am Bord des Schoners angekommen, faßte ſie Norcroß am Arme und führte ſie zum Sterbelager ihres Ge⸗ liebten. Die Matroſen wichen zurück. Courtin un⸗ terſtützte dem Sterbenden mit der rechten Hand das Haupt. „Kommſt du?“ lispelte Flaxmann, und verſuchte, ihr die Hand entgegenzuſtrecken, aber er vermochte es nicht mehr; da unterſtützte ſie Courtin mit ſeiner Linken. Chriſtine knieete an der einen Seite nieder und nahm die eiskalte Hand, Friederike an der Rech⸗ ten, Norcroß vorn zu den Füßen des Sterbenden. Chriſtine legte ihre Wange an die Hand und ſagte:„Sieh' es iſt eine ſo kalt als die andre. Haſt Du mir verziehen, mein Geliebter? Ach, ich habe Dein Leben zerſtört!“ „Schweige davon, Chriſtine, verſetzte Flaxmann ſchwach.„Dir iſt Alles verziehen. Du handelteſt als bewußtloſes Werkzeug einer höhern Macht, die, vielleicht zum Heile vieler Tauſende, es alſo wollte. Leb' wohl, Chriſtine! Aber Du biſt ſo bleich! Oder 5 täuſcht mich mein dunkelndes Auge ſchon?“ „Gehe nur den lichtloſen Pfad voran; ich hoffe Dir zu folgen, eh' dieſe Sonne ſinkt. Du wirſt auch dort als mein Stern mir vorleuchten, wie hier.“ „Wie wird mir die letzte Stunde verſchönt, und 6 ob auch Schmerzen mich martern, der Anblick derer, „ 5 ——— S6 103 die ich liebte, verſüßt ſie wieder. Ihr theuern Weſen zur Rechten und Linken, Ihr wart die beiden Blu⸗ men meines Lebens. Es war mir nicht vergönnt, eine zu pflücken. Du ſanfte Blume welkſt mir nach; o das erheitert die aus ihren Banden flatternde Seele noch einmal mit Sonnenblick! Und dort und hier meine Freunde, die treuen Theilnehmer meiner Leiden und Freuden, Norcroß und Courtin! Nie hätt' ich mir einen ſchönern Tod gewünſcht.“ Das Sprechen hatte den Sterbenden ſehr ange⸗ griffen; er konnte kaum mehr durch Lispeln ſich ver⸗ ſtändlich machen. „Habt Ihr ſonſt noch etwas zu beſtellen, Kame⸗ rad?“ ſagte Noreroß weich.„Ich ſchwör' Euch die pünktlichſte Erfüllung Eueres Willens zu.“ Da verſuchte Flaxmann mit der auf ſeiner Bruſt ruhenden Hand die ſchon beim Verbande geöffneten Kleider zurückzuſchlagen; er vermochte es kaum und flüſterte Courtin zu:„Schneide das Etui ab und gieb's ihm!“ Courtin zog das rothe Büchlein hervor und zerſchnitt mit ſeinem Schiffsmeſſer die Schnur mit welcher es an Hals und Bruſt befeſtigt war, Norcroß nahm die verhängnißvolle Schreibtafel aus Courtin's Hand. „Schwört mir, Kamerad,“ ſagte der Sterbende mit der letzten Anſtrengung ſeiner verrinnenden Kraft, „dies Buch mit mir zu begraben, und nie einer Seele zu verrathen, was es enthält!“ „Ich ſchwör' es beim allmächtigen Gott und dem Gnadenwerke der Erlöſung!“ ſagte Norcroß feierlich und hob die eine Hand gen Himmel, während er die andre in Flaxmann's kalte Hand legte. „Auch Ihr, meine Freundinnen,“ bat der Ster⸗ 104 bende.„Ihr kennt den Inhalt; nie verrathe ihn Euere Zunge! Die Welt erfahre nie, daß ich gelebt.“ „Meinen Mund wird bald der Tod verſiegeln, wie den Deinigen. Ich brauche Dir nichts zu ſchwö⸗ ren, mein Geliebter,“ ſagte Chriſtine. „Und ich ſchwöre es Ihnen bei der unſterblichen Liebe, deren Auge mildfreundlich auf dieſe Scene ſchaut,“ ſagte Friederike. „Außer Euch kennt nur der König und Görz den Inhalt des Etui's. Es liegt in ihren politiſchen Vortheilen, darüber zu ſchweigen. In ihrer Staats⸗ kunſt wird nun Schein werden, was bis jetzt Wahr⸗ heit war; ſie werden das Spiel fortſpielen. Meldet Görz meinen Tod.“ „Es ſoll geſchehen, ſobald ich in Frankreich ge⸗ landet bin,“ verſetzte Norcroß. „Lebt wohl! Lebt wohl!“ ſtöhnte der Erſchöpfte. Der Schmerz der Wunde riß im Todeskampfe ihn noch einmal empor. Dann faßte er in jede Hand zwei der dargebotenen Hände, und drückte ſie. Es war der letzte Druck. Reden konnte er nicht mehr und auch ſich nicht mehr bewegen; aber ſeine Blicke flogen noch von Einem zum Andern und blieben endlich auf Chriſtinens Marmorantlitz hängen, bis das Auge brach. So hatte er ohngefähr eine Viertel⸗ ſtunde gelegen, und der Athem ging kaum noch be⸗ merkbar aus ſeinem Munde; da hob ſich plötzlich Kopf und Bruſt noch einmal.„Chriſtine!“ rief er, ſank zurück und war nicht mehr. Vier Hände verſchränkten ſich über der Leiche, aber nur die beiden Männer weinten. Chriſtine ſah ſtarr und unverwandt in des Todten Antlitz. Frie⸗ derike ſagte:„Herr, Du haſt mächtiger zu mir ge⸗ ſprochen, als mit Blitz und Donner, laß wir Staub 105 ſind und unſre Hütte nur ein Zelt für den Wande⸗ rer. Dort wird unſre Burg ſein.“ Die Matroſen waren unterdeſſen auf das Verdeck niedergeknieet, und der Schiffskaplan ſprach ein Ge⸗ bet für den Todten. Die letzten Worte Flaxmann's waren dem Kapi⸗ tän Norcroß unverſtändlich geweſen, wie überhaupt ſo Vieles im Leben deſſelben. Er hoffte darüber in der Schreibtafel Aufſchluß zu finden. Noch mehr zur Neugierde reizte ihn die Erinnerung an ſo manche Vorfälle mit der Schreibtafel und die ihm bekannte“ ängſtliche Sorgfalt, mit welcher der Verſtorbene dar⸗ über gewacht hatte. Das Schlüßlein hing an der Schnur und Norcroß öffnete das Schloß. Seine Augen fielen auf ein männliches und weibliches Portrait. Dieſe Züge waren ihm bekannt. Er entfaltete die Papiere und las— und las— und mit jedem Worte, das ſeine Augen verſchlangen, wurde er blei⸗ cher und bleicher; große Schweißtropfen traten auf ſeine Stirne, ſeine Hände zitterten, ſeine Füße wank⸗ ten, es dunkelte vor ſeinen irrenden Augen. Tief aufathmend lehnte er ſich an den Maſt; er ſammelte ſich wieder und vollendete.„Barmherziger Gott!“ rief er, ſich ſcheu umſehend, und dann zu Friederiken gewendet.„Barmherziger Gott!“ ſetzte er leiſe flü⸗ ſternd hinzu, aus Furcht, von einem der nahen Ma⸗ troſen gehört zu werden.„Er war es alſo?“ „Er war es!“ verſetzte Friederike feierlich.„Der ächte König von England und Schottland.“ „Und wußte es Fräulein von Ove?“ „Sie weiß es!“ „O nun verſteh' ich Dich ganz, unglücklichſter aller Erdenſöhne!“ rief der Kaperkapitän weinend und faltete die Hände über der Leiche ſeines Freundes. ————————————————————— 106 „Alles iſt mir nun klar, was mir erſt unbegreiflich war, nun leuchtet mir Dein ganzes wunderliches Weſen ein.— Heil Dir, Du haſt es überſtanden! O noch einmal will ich Deine Hand küſſen, theurer Todter! Hätt' ich das je ahnen können! Friede, ewi⸗ ger Friede Deiner Aſche!“ „Amen!“ ſagte Friederike und wandte ihre Sorg⸗ falt auf Chriſtinen, die noch immer unbeweglich neben der Leiche knieete. Norcroß verſchloß das Etui wie⸗ der und verbarg es auf ſeiner Bruſt. Unterdeſſen hatten die Matroſen einige ihrer ge⸗ bliebenen Kameraden dem feuchten Wellengrabe über⸗ geben und kamen nun auch, ihrem Kapitän die letzte Ehre anzuthun. „Halt!“ rief Norcroß.„Wir werden mit dieſer Leiche eine Ausnahme machen. Nicht im Meeresſchvoß, ſondern in geweihter katholiſcher Erde ſoll ſie ruhen, erſt eingeſegnet von einem Prieſter der römiſchen Kirche, welcher der Verſtorbene ſo gut angehörte, als ich. Die Leiche ſoll auf die Fregatte gebracht wer⸗ den; ich ſelbſt will ſie an die Stätte ihres Schlum⸗ mers bringen.“ „Ich fürchte und hoffe zugleich,“ ſagte Friederike, „Ihr werdet noch eine zweite Leiche mitnehmen. Chri⸗ ſtinens tödtliches Bruſtübel iſt durch dieſe Kataſtrophe ſeinem Ende ſchnell zugeführt worden. Vielleicht will es ein mildes Schickſal, daß die, welche im Leben nicht vereint ſein konnten, nun im Tode vereint ſein ſollen. Ein Grab ſoll umfaſſen, was ein Bett nicht umfaſſen durfte.“ „Ihr habt Recht! Nicht durfte! Und ſeht doch, welch' milde und ſreundliche Erſcheinung würde der Friedensengel dem leidenden Mädchen ſein! Mit leich⸗ tem Fingerzug ebnet er ungeheure Klüfte und hebt 2 107 den Raum auf, der Sterne von Sternen trennt. Der Tod vereint ja Alles; er wird auch ſie ver⸗ einen.“ „Und ſie werden das Glück finden in andern Welten, das ſie hier floh. Seht, unſeres geſchiede⸗ nen Freundes Charakter war unbeſtändig und ſchwan⸗ kend, ganz ſo war ſein Schickſal; er war ercentriſch, ſtellte Alles auf die Spitze; ſein Schickſal nicht min⸗ der. Und wie ſein Charakter und Schickſal, ſo war ſeine Liebe. Nichts Feſtes, nichts Beſtändiges, ein ewiger Spielball unerklärlicher Eindrücke; ein armer beklagenswerther Mann. Der Himmel hat es wohl mit ihm gemacht und wird es mit meiner Freundin nicht minder gut meinen. Er liebte ſie, und zu man⸗ cher Zeit gewiß mit ſtarker Flamme, aber er wurde von ſeinen Plänen ſich ſelbſt entriſſen und entfrem⸗ det. Sie liebte ihn feſt und treu; er war der Ab⸗ gott ihres Lebens. Aber nachdem die Schwache jenen unfreiwilligen Verrath begangen hatte, war ihr Leben geſtört, ſie bildete ſich ein, ihn von der Bahn ſeiner künftigen Größe zurückgeſchleudert und verderbt zu haben. Dieſer Wurm des Gewiſſens zernagte die Blüthe ihres Lebens. Das heitre, lebensfrohe Mäd⸗ chen war verwandelt. Aber, ſagt ſelbſt, Kapitän, war es nicht ein ungeheures, nicht genug zu beweinendes Geſchick, daß ſelbſt, wenn unſer Freund reüſſirt hätte, wenn er die Bahn gewandelt wäre, für die er be⸗ ſtimmt ſchien, er doch niemals ihr die Hand zum Lebensbunde bieten durfte, ja mit jedem Schritte, welchen er ſeinem Ziele näher kam, mußte er ſich mehr von dem Herzen entfernen, das in heiliger Liebe für ihn ſchlug. Und ohne ſein Ziel zu erreichen, ohne ſeinem Geſchick gerecht zu werden und ſich zu bewäh⸗ ren, hielt er ſich für unwürdig, ſie als ſein Weib zu 108 umarmen. So ſtand ſein inneres und äußeres Glück im ſteten Widerſpruch, eins ſchloß das andre aus. Nur der Tod konnte mitleidig freundlich dieſe Wider⸗ ſprüche löſen, nur der Tod dieſem Herzen Ruhe ver⸗ ſchaffen. Nie hätte es ſolche auf Erden gefunden.“ „Ach! unterliegen wir nicht einem ähnlichen Ge⸗ ſchick, Friederike? Oder iſt es wahr, was Sie mir vor ſechs Monaten in Kopenhagen ſagten, als ich Ihnen ſchier bewußtlos in meiner Bauerntracht ge⸗ folgt war, daß Sie mich haßten? Nein, ich leſe kei⸗ nen Haß in dieſen Augen!“ Er faßte ihre Hand und ſie ließ ſie ihm.„Wenn auch die Pflicht uns ewig trennen muß, Norcroß, haſſen kann ich Euch nicht. Jene Worte gab mir die Liebe ein, die ängſtliche Beſorgniß, Euch ſo ſchnell als möglich zu entfernen. Ich ſah Euch in der größ⸗ ten Gefahr, und Ihr ſchient keine Augen dafür, ſon⸗ dern nur für mich zu haben; ich wollte ſie durch jene harten Worte auf den rechten Gegenſtand leiten.“ „O Dank! Dank Ihnen für dieſe Wohlthat! Sie iſt der kühlende Thautropfen, auf die brennende Zunge des in der Sandwüſte irrenden lechzenden Wanderers geträufelt!“ ſtammelte Norcroß und drückte einen lei⸗ denſchaftlichen Kuß auf Friederikens Hand. „Auch hatte ich gehört,“ fuhr dieſe fort,„daß Euere junge Frau ein liebenswürdiges Weſen ſei, das Euere reinſte und vollſte Zuneigung verdiene. Ich wollte Euch zu ihr zurückführen, indem ich Euch von mir verſcheuchte. Schon zu jener Zeit war unſre Reiſe in die warmen Bäder von Bourbon⸗Lancy im nordweſtlichen Frankreich beſchloſſen. Sowohl Chri⸗ ſtinens bösartige Krankheit, als die Schwäche meines alten Vaters geboten es. Ich glaubte aber nicht wie⸗ der nach Dänemark zurückzukehren. Unſre Aerzte hat⸗ 109 ten ſowohl Chriſtinen, als meinen Vater aufgegeben; ich aber hatte mich lange fortgeſehnt und wollte in Frankreich bleiben. Aber die Bäder bekamen Beiden wunderbar gut, und wenn ſie ihnen die ſpärliche Lebensflamme auch nuf um ein Weniges zu friſten vermochten, ſo reiſeten wir doch mit mehr Hoffnun⸗ gen weg, als wir gekommen waren. Di führt uns ein unglücklicher Zufall, oder beſſer, ein günſtiges Geſchick jenem ſchwediſchen Schiffe entgegen. Unſer Kapitän verſucht erſt zu fliehen, da aber der ſchwe⸗ diſche Schoner uns bald einholt, ſo nimmt er den gebotenen Kampf an. Durch Chriſtinens Seele zuckte jeder Schuß, ſie ſagte mit Gewißheit, daß ſie erſchoſ⸗ ſen werden würde, und als der letzte Schuß von un⸗ ſerm Schiffe geſchah, welcher wahrſcheinlich unſerm Freund das Leben geraubt hat, da ſank ſie ohnmäch⸗ tig in meine Arme; innere Krämpfe zerarbeiteten ihre Bruſt. Ihr kamt dazu, Kapitän, als unſer Sieger.“ „Und gehe wieder als der Beſiegte.“ „Doch laßt uns unſere Chriſtine in Obacht neh⸗ men! Ich fürchte faſt für ihren Verſtand. Sieht ſie nicht grauſenerregend aus? Ihre Blicke ſcheinen ver⸗ ſteinert zu ſein. Unmöglich können wir ſie neben der Leiche knieen laſſen. Ich will ſie anreden.“ Sie ging zu der Knieenden und rief ihr zu: „Chriſtine, komm! Wir wollen uns auf das andre Schiff verfügen.“ Aber das Mädchen antwortete nicht, unbeweglich ſah ihr auf die Bruſt herabhän⸗ gendes Haupt nach der theuern Leiche hin, die gefal⸗ teten Hände auf Flaxmann's Bruſt, die ganze Geſtalt vorgebeugt.„Chriſtine!“ rief Friederike noch einmal und faßte ſie an ver Achſel, um ſie aufzuheben. Doch kaum hatte ſie die Knieende berührt, als dieſe neben * 3 110 der Leiche niederſank.„Großer Gott!“ ſchrie Frie⸗ derike auf,„ſie iſt ſchon todt.“ Norcroß ſprang hinzu, und Beide beugten ſich zu Chriſtinen herab, aber kein Athem fächelte mehr über ihre Lippen, die der letzte Krampf ſchmerzlich verzogen hatte. Die Augen waren geßrochen und ſtarr auf ihren Geliebten gerichtet. Ohne Schmerz war ſie hinübergegangen, und die Pſhche, nachſtrebend der verwandten, geliebten Schweſter, hatte in der Eile des Flugs die Bande ſchnell gelöſt und war der Vor⸗ aneilenden nachgeflattert zu dem Lichtreiche der Zu⸗ ſammenſtrömung aller auf Erden getrennten Kräfte. „Darum hatte ihr Auge keine Thräne für ihn,“ ſagte Norcroß,„es war ſchon von dem Glanze er⸗ leuchtet, in welchen er eben jubelnd eingetreten war.“ „Friede! Friede über ſie!“ rief Friederike weinend und faltete die Hände zum ſtillen Gebet. Norcroß betete leiſe mit. Als ſie ſich erhoben, ſtanden die Matroſen von allen drei Schiffen— auf allen hatte ſich die Nach⸗ richt von Flaxmann's Tod verbreitet und die meiſten Burſche hatten ihn gekannt und geliebt— nebſt den Paſſagieren in einiger Entferrung, Alle hatten ihre Kappen und Hüte abgenomnen, und die feierliche Stille wurde nicht einmal vom Rauſchen des Windes im Takelwerk des Schiffes geſtört. Schlaff hingen die Segel an den Maſten herab. Der alte Bice⸗ Statthalter von Gabel ließ ſich heranführen und be⸗ trachtete die Todten, die nun nebeneinander lagen, mit Thränen in den gräuen Winpern. Als er ſeine zitternde Hand ſegnend über ſie ausgeſtreckt hatte, trat Juel Swale heran. Bei der Nachricht von des Ka⸗ pitän Flarmann's Tod hatte er die theuern Kleinodien eines ihm unvergeßlichen ſchönen Tages, jene Kränze 111 und Blumengewinde, mit denen er als König ſeines Kanonenfeſtes geſchmückt geweſen war und die er in ſeinem Schreine mitgenommen hatte, herbeigeholt und mit auf den Schoner hinüber genommen, um— ein kindlich frommer Gedanke— den guten Kapitän, der im Leben die Blumen ſtets ſo ſehr geliebt hatte, da⸗ mit zu ſchmücken. Aber nun gewann dieſe Handlung plötzlich eine viel höhere Bedeutung. Den Kranz drückte der ſchluchzende Knabe dem Todten auf die Schläfe, mit den welken Gewinden umſchlang er aber beide Leichen, und ſo ruhten ſie, durch welke Blumen vereint. „Die friſchen Blumen des Lebens ſollten ihnen nicht zum Bande werden, aber die welken des Todes ſind es nun geworden,“ ſagte Friederike.„Die un⸗ verwelklichen des reinſten Lebens werden ſie ferner zu⸗ ſammenketten. Und ſeht, mein Freund, auch eine Krone trägt er. Schon hat die ewige Liebe ihm Sterne um ſein unſterbliches Haupt gewunden, wie unſer Knabe dem Haupte ſeiner Aſche dieſen Blu⸗ menkranz.“ „Ich danke Dir, mein Juel, in ſeinem Namen, für Dein ſinniges Geſchenk!“ ſagte Norcroß und ſchloß den weinenden Knaben an's Herz. „Ich ſagte Euch ja vorhin,“ erinnerte Friederike, „wir würden in einen Tempel treten. Seht, wie uns die Hand der Gottheit berührt hat! Ein ſeltſames Schickſal hat uns plötzlich in die dämmernden Vor⸗ hallen ſeiner Werkſtatt geführt, wir fühlen die Nähe ſeines Wirkens, ſein Hauch hat unſre zitternden Locken beſtreift, es ſteht rieſengroß unter uns, wir ſchaudern, aber es iſt uns wohl. Auch wir ſind groß gewor⸗ den. Reicht mir die Hand zum Abſchied, Kapitän. Lebt wohl und gedenkt dieſer heiligen Stunde.“ 112 „Wie?“ ſagte Norcroß erſchrocken,„Sie wollen ſcheiden?“ „Können wir nach dieſer Stunde noch länger bei⸗ ſammen bleiben, Norcroß? Fragt Euer eignes Herz, es wird, es muß Euch antworten, wie mir das meinige.“ „O, Friederike, ich kann Sie nicht ziehen laſſen. Mein Herz iſt mit diamantnen Ketten an Sie ge⸗ bunden.“ „Wie wäre doch Alles ſchaal, was wir noch zu⸗ ſammen erleben könnten! Nein, nein! Wir müſſen ſcheiden; es iſt nothwendig! Wir haben mehr zuſam⸗ men genoſſen, als ſonſt zwei Sterblichen, die ſich lie⸗ ben, zu genießen vergönnt iſt. Was verlangt Ihr noch? Nichts, was mein geheiligtes Herz gewähren könnte. Meine Stirne fliegt mit reinen Aethergedan⸗ ken in dem Aether, der die Sterne umfluthet, mein Athem trinkt den Aether, der die Sonnen küßt Wollt Ihr mich zurückziehen in die dicke Nebelluft, wollt Ihr meine Stirn in den Staub beugen? Nein, Nor⸗ eroß, das könnt, das wollt Ihr nicht. Ihr laßt mich ziehen mit meinem Vater.“ „Zieh' denn in Gottes Namen, herrliches Weib! Stets warſt Du größer, als ich. Ich ſtaune Dich an, ich verehre Dich, gleich einer Gottheit. Zieh' hin, Du bleibſt doch bei mir. Zwar könnte ich Dich zurückhalten; denn Du biſt meine Gefangene, aber welcher Frevler legte die freche Hand an ein Heili⸗ genbild? Zieh' hin! Gott ſchütze Dich!“ Ein Thrä⸗ nenſtrom erſtickte die Stimme des Seemanns. „Dieſe Leiche vertraue ich Euch an, mein Freund. Legt ſie in Frankreichs Boden in ein Grab mit jenem.“ „Es ſoll geſchehen. Es ſoll meine heiligſte Pflicht 113 ſein. Und eh' ich ein Geſchäft treibe, ſoll dieſer Pflicht Genüge geſchehen. Ich ſchwör' es Ihnen zu. Hier iſt meine Hand.“ „Ich dank' Euch! Und nun noch Eins, Norcroß. Liebt Euer Weib, ſeid ihr treu, wie ſie es verdient. Es iſt wahr, es gibt etwas Höheres, als man mit treuer ehelicher Liebe bezeichnet. In mancher Bruſt lodert das Feuer einer höhern, dem Himmel ver⸗ wandteren Empfindung. Aber der Menſch iſt für die Erde geſchaffen, an dieſen Boden iſt er gebun⸗ den, hier ſoll ihm das friſche Reis grünen, das, um ſeine Schhäfe geſchlungen, ſein Haupt mit Frohſinn erfüllt. Jede geiſtige Flamme brennt keinem irdiſch Glücklichen. Und wehe dem, der ſich ihrer Kraft hingibt! Früh verzehrt ſie ihn und entreißt ihn dem Kreiſe der lebensbunten Wirklichkeit, um ihn mit Schatten zu entſchädigen.“ „Wohl ihm!“ rief Norcroß.„Die heilige Glut, das nur für wenig Geiſter beſtimmte Göttergeſchenk, löſt nur die groben Bande, verzehrt nur den rohen Stoff. Das Weſen ſelbſt läutert und reinigt ſie und aus dem Brande jubelt es der Vollendung zu. Nein Friederike, Du kannſt dieſe Flammen nicht verdammen, die Dir im Buſen angezündet wurden, wie mir. Sie ſind ja nur das Eigenthum höherer Naturen, ſie die reiche reine Feuerquelle all' ihres Glücks. Und iſt es nicht erhebend und entzückend zugleich, daß dieſe Quelle höchſter Wonne auch die Quelle unſerer phy⸗ ſiſchen Vernichtung iſt? Mit jeder Schlacke, die ab⸗ füllt, ausgebrannt von jener Himmelsflamme, wird der Geiſt leichter und freier, die Schwingen werden ihm mehr und mehr gelöſt, er regt ſie, ſtrebt auf⸗ wärts, jauchzt auf wie ein Kind dem Strahl des Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xlll. 8 114 WMorgenroths entgegen. Sie können meine Glut „ nicht ſchelten!“ „Nein, Norcroß, ich laſſe jede Maske fallen, ich preiſe mich glücklich, ſelig mit dieſer Flamme. Ja, ſie iſt der Schatz funkelnder Kleinodien einer ewig grünen, ewig reichen Natur. Ich liebe Dich, Mann meiner Seele, wie kein Weib auf Erden Dich liehen kann. Aber laß Dir das genügen! Ueber unſern Häuptern iſt noch nicht der lichte Morgen eines Peſſern Tags angebrochen, wie über dieſen hier. Uns ſchmer⸗ zen die Wehen, die uns die ſchneidende Morgenluft bereitet; doch ſie ſind die Vorläufer des Morgens, die Verkünder des Tags. Bald werden auch wir ihn ſchauen. Geh' heim zu Deinem Weibe. Schaffe und ſorge, arbeite und mühe Dich ab, und erkaufe mit dem Wechſelwerk Deiner Hände die Ruhe, die Dir noth thut. Du wirſt ſie finden. Nur im Schaf⸗ fen gedeiht der Menſch. Unſere Liebe bedarf nicht des Zuſammenlebens. Geh', geh'! Bet' und arbeite! Leb' wohl!“ „Leb' wohl!“ ſagte Norcroß gefaßt;„ich ſehe, es muß ſo ſein.“ Und ſogleich ließ er die geſchmückten Leichen auf einem Boote hinüber nach ſeinem Schiffe bringen, die däniſchen Gefangenen aber auf ihr Schiff zurückru⸗ dern, welches unterdeſſen ausgebeſſert worden war. Als Friederike in das Boot hinabſteigen wollte, da übermannte ſie die Allgewalt des Gefühls wie ihn, ſie ſanken ſich in die Arme, an die Bruſt, umſchlan⸗ gen ſich und der erſte und der letzte Kuß brannte auf ihren Lippen, eine Götterfrucht, raſch gezeugt und gereift, Blüthe und Frucht zugleich, kein Kind der Erde. Norcroß kehrte auf ſeine Fregatte zurück; Courtin erhielt den Befehl, die däniſchen Gefangenen an der jütländiſchen Küſte abzuſetzen und dann mit ſeiner Priſe in den marſtrander Hafen einzulaufen. In der erſten Frühe des andern Morgens ſegel⸗ ten die Schiffer entgegengeſetzten Richtungen zu, und der Dänenfeind rief mit drei Kanonenſchüſſen noch ſeine Grüße den Scheidenden nach, und flog dann über die Wellen dem Hafen von Calais zu. Dort angelangt, begrub er ſtill und feierlich mit Hülfe eines Pr eſters die Leichen; ſie wurden in einen Sarg, in ein Grab gelegt. Die verhängnißvolle Schreibtafel ruhte wieder auf Flarmann's Bruſt. Denſelben Tag noch meldete er den Tod deſſelben dem Baron Görz und ſandte das Schreiben zur ſchnel⸗ len Beſorgung durch einen Eilboten an den ſchwedi⸗ ſchen Botſchafter in Paris, welchem er zugleich ſeine Ankunft in Frankreich meldete. 10. Schneller Zlückswechſel. Das Jahr neigte ſich zum Ende. Vergebens hatte Kapitän Norcroß ſchon ſeit Wochen Verhaltungsbe⸗ fehle vom Baron Görz erwartet. Die mit dem Winter eingetretenen Stürme hatten die Verbindung der Län⸗ der theilweiſe unterbrochen, und dieſem Umſtande ſchrieb es Norcroß allein zu, daß er bis jetzt noch keine Ant⸗ wort erhalten hatte. Er vertrieb ſich die Zeit mit kleinen Reiſen in das Land, auf ihn Juel X 116 begleitete, und machte mit Kauf, Verkauf und Tauſch von Schiffen manches vortheilhafte Geſchäft. Doch konnte er die trübe Stimmung ſeiner Seele mit keiner Zerſtreuung bewältigen, und mit dieſer trat er auch das neue Jahr 1719 an. Nachmittags pflegte Norcroß ein Kaffeehaus zu beſuchen, wo er gute und zahlreiche Geſellſchaft und die beſten Zeitungen fand. Eines Tags— es war in der zweiten Woche des Januar— hatte er kaum ſein Schiff verlaſſen und war in das Kaffeehaus getreten, als ihm Juel haſtig nachtrat und einen ſchwarzgeſiege rief über⸗ brachte, der ſoeben eingelaufen war. N das Schreiben und ſah, ſeiner Gewohnh erſt nach der Untetſchrift.„Vom ſchwediſch ſchafter in Paris“, ſprach er leiſe vor ſich hin und fing an zu leſen. Aber plötzlich ſprang er bleich auf, ließ den Brief fallen und rief mit dem Tone des höchſten Schreckens:„Großer, barmherziger Gott! Unſer König iſt todt!“ „Wie, der Schwedenkönig? König Karl XII.? Der ſchwediſche Löwe?“ riefen die Anweſenden, alle von jähem Schrecken, gleich dem Kapitän, ergriffen, durcheinander.“ 5 „Der ſchwediſche Botſchafter in Paris meldet es mir, leſt ſelbſt! Am 11. December Abends um zehn Uhr hat man ihn in den Laufgräben von Frederiks⸗ hall, welches er eben belagerte, erſchoſſen gefunden.“ „Seltſam!“ ſagten die Andern, und der nächſte Nachbar nahm den Brief und ſprach:„Man hat es in den Zeitungen geleſen, daß der König Karl der norwegiſchen Stadt hart zugeſetzt hat.“ „Hier ſteht's eben im nordiſchen Courier“, ſagte ein Andrer,„daß der König am 7. December eine ſtarke Schanze von Frederikshall, die Güldenlöwe ge⸗ nannt, mit Sturm genommen und die Laufgräben geöffnet hat.“ „Allzuſcharf macht ſchartig“, ließ ſich ein Dritter vernehmen.„Hat man doch Wunder und Zeichen vernommen, wie's dieſer unruhige Kopf noch zuletzt getrieben. Das Unmögliche hat er möglich gemacht, um ſeinen Zweck zu erreichen. Aber du ſollſt den Herrn nicht verſuchen. Wer hat je gehört, daß man auch Reiſen zu Lande mit Schiffen macht? Er hat's gethan, um ſich Frederifshall, das Thor von Nor⸗ wegen, zu verſchaffen. Von Strömſtadt aus hat er drei Meilen weit einen Damm landeinwärts bauen laſſen, bis in den Fluß Idefiort, und darüber hat er Galeeren, Scheerenböte, Doppelſchaluppen, Heer und Kanonen in den Fluß Idefiort transportiren laſſen. Auf dieſem iſt er ſtromabwärts geſegelt bis in den Swineſund, hat die däniſche Flotille dort auf's Haupt geſchlagen und die Belagerung der Stadt begonnen. Das war am 18. November.“ „Richtig, Gevatter, Ihr habt's gut gemerkt“, lobte ein vierter Bürger.„Ihr ſeid überhaupt ein treff⸗ licher Politicus und in der Geographie wohl bewan⸗ dert. Was mich Hetrifft, ich kann die verfluchten nor⸗ diſchen Namen nicht ausſprechen. Ein franzöſiſches Maul macht allemal wunderliche Grimaſſen dazu. Jedoch erzählten ſie auch, der König Karl habe ſich eine Strohhütte noch an die Laufgräben bauen laſſen und ſtets drin gewohnt, um immer hübſch nah' zu ſein, wenn's was gäbe.“ „Nun iſt er bezahlt und hat Ruhe! Er hat die Welt immer in Bewegung erhalten. Was doch nicht ſo ein Kopf vermag! Wie wird's nun werden in der Welt? Dem ruſſiſchen Zaar werden ſie auch das 118 Leben einmal ſo ausgeblaſen haben. Der hat ſich auch ein Bischen zu mauſig gemacht.“ Dieſes und Aehnliches räſonnirten und kannegießerten die ehrlichen Bürger; Norcroß hörte von all' ihrem Geſchwätze nichts. In Gedanken verſunken, ſtarrte er das un⸗ heilverkündende Papier an, ſein Herz war von einem ungeheuern Schmerze gebrochen und im Prisma des⸗ ſelben ſpiegelte ſich ſein Geiſt trüb vorahnend die trau⸗ rigen Bilder ſeiner Zukunft ab. Und er ſtand auf und ging; er fühlte, daß er mit ſeinem Schmerze allein ſein mußte. Die gleichgültigen Geſichter ſeiner Um⸗ gebung waren ihm unerträglich, und an dem einſamen Meeresufer wandelnd, weinte er ſeinem Könige eine männliche Thräne. „So biſt auch Du hinweggerafft vom dunkeln Verhängniß, das über des Menſchen Wegen wie eine düſtere Wolke, wie ein lebendes Leichentuch hängt und aus dem dann und wann eine unſichtbare Rieſenfauſt herausragt und den Sterblichen, wenn er an der Schwelle langerſehnter Wünſcheerfüllung ſteht, hinauf⸗ reißt in ihre ſchauerliche Finſterniß. Eben wollteſt Du das Ziel umfaſſen und eine Kugel ſtreckt Dich nieder, wie meinen unglücklichen— Freund. O wie glücklich preiſe ich Dich nun, daß Du ihm vorange⸗ gangen biſt, der Dein einziger aufrichtiger Beſchützer war. Was wärſt Du ohne ihn erſt geweſen? Ihr habt den Kranz des Sieges nun errungen und ſeid weit dem Getümmel entrückt, was hier unten Euch umbrauſte, und fort und fort toben wird, ſtets unter⸗ halten vom Wahnſinn menſchlicher Leidenſchaften. Wie verſöhnend hat doch der Tod den heißen Streit ver⸗ mittelt! Aber was hilft es dem wunden Herzen? Die Bosheit wird triumphiren; ſie lacht ſchon jetzt teufliſch in die Fauſt. Den Schlechten gehört die Welt.“ Alſo von Wehmuth und Zerknirſchung wechſels⸗ weiſe heimgeſucht, ging der tiefergriffene Mann zum Hafen hinab und ließ ſich auf ſein Schiff überſetzen. „Kinder!“ rief er, an Bord deſſelben tretend, „Burſche, unſer König iſt todt! Eine gottverfluchte Kugel hat ihn niedergeſtreckt.“ Auf die augenblickliche Betäubung des Schreckens ſolgte ein dumpfes Klagegeheul über das ganze Schiff, und eine Stunde darauf war das ſchwediſche Wappen⸗ ild auf den Flaggen mit ſchwau Flören behängt, Und über dem Verdeck lag die Stille der Trauer. Einige Tage darauf wurde der Tod des Königs in den Zeitungen angezeigt und die widerſprechendſten Gerüchte darüber mitgetheilt Es ging aber aus Allem klar hervor, daß Karl nicht von der Kugel eines Fein⸗ des gefallen ſei. Man hatte ihn mit halbgezogenem Degen, mit den Armen auf den Wall der Laufgräben geſtützt und gleichſam ſchlafend gefunden; eine kleine Heffnung im rechten Schlafe, kaum für eine Flinten⸗ kugel groß genug, und die Vorladung des Schuſſes in der Mündung der Wunde bezeugten genugſam, wie nahe ihm der Mörder geweſen war. Norcroß verſchlang die Zeitungsnachrichten über des Königs Tod und die Veränderungen, welche der⸗ ſelbe ſogleich in Schweden hervorbrachte. Nach eini⸗ gen Tagen brachte man ihm, als er auf das Kaffee⸗ haus trat, ein Zeitungsblatt entgegen. Er durchflög es ſchnell und las zu ſeinem Schrecken:„Der Baron Schlitz von Görz iſt ſogleich auf höhern Befehl in Strömſtadt gefangen genommen und mit ſtarker Be⸗ deckung nach Stockholm in's Gefängniß gebracht wor⸗ den. Er war eben auf einer Reiſe von der Inſel Aland nach Frederikshall begriffen, um dem Könige Nachrichten von der baldigen Abſchließung des ruſſiſch⸗ 120 ſchwediſchen Friedens zu überbringen. Derſelbe ſoll, dem Vernehmen nach, Rechenſchaft über ſeine bisheri⸗ gen Schritte ablegen. Auch iſt der Graf von der Natte gefänglich eingezogen, und auf des Comman⸗ deurs Gadenhielm und des Kaperkapitäns Norcroß Fahrniß Beſchlag gelegt worden. Weil der Letztere vom Reichstag für einen gefährlichen Seeräuber er⸗ klärt worden iſt, ſo hat beſagter Reichstag einen hohen Preis auf deſſen Kopf geſetzt, wer ihn todt oder leben⸗ dig einliefert.“—— Das Blatt flog auf die Erde; ein leiſer Schauder flog durch des ſonſt ſo muthigen Kapitäns Seele. Einige ſeiner Bekannten traten zu ihm heran, um ihm ihr Beileid zu bezeugen und ihn zu tröſten, er aber vermochte nichts auf ihre Zuſprache zu ant⸗ worten, und ging davon, um ſich zu ſammeln. Der Schreck hatte Blei in ſeine Glieder gegoſſen und verwehrte ihm die Eile. So kömmt auch über den muthigſten Helden eine ſchwache Stunde. Norcroß hätte nicht gezittert, wenn eine Flotte ihre Feuerſchlünde auf ſeine Fregatte gerichtet hätte, um ſie mit Mann und Maus in den Grund zu bohren, aber der Ge⸗ danke, daß er, der ſeinem Könige ſo treu gedient, nun für einen Seeräuber gelten ſolle und daß ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt ſei, machte ihn beben. Am Meeresufer fand er mühſam ſeine Faſſung wieder. Aber nun kam auch die Wehmuth über ihn, und er rief in die Schneegefilde und über das mit Eisdiamanten eingefaßte Ufer hin:„O, Norcroß, mit dir geht es abwärts! Deine guten Tage ſind vor⸗ über! Was lebſt du noch? Der Zweck deines Le⸗ bens iſt ja verloren. Geh', ſtürze dich in den Kampf, vielleicht öffnet eine mitleidige Kugel deine volle, be⸗ drängte Bruſt! Ja, ich will ſterben!“ ſprach er dann 121 männlich gefaßter,„aber nicht eher, bis ich meine frech beſchmitzte Ehre wieder rein und makellos ſehe. Ich habe dem König Karl gedient als ein Ehrenmann, ich will auch als ein ſolcher untergehn. Die infamen Lügenmäuler will ich ſtopfen, die es wagen, mich einen Seeräuber zu nennen. Ich habe im ehrlichen Krieg gegen die Feinde meines Königs gefochten, niemals auf meine eigne Hand; nie habe ich den mindeſten Vor⸗ theil von meinen Siegen für mich ſelbſt gehabt, Alles iſt in den Schatz der Krone gefloſſen. Schweden hat den Nutzen davon genoſſen, und dieſes Schweden nennt mich zum Dank einen Seeräuber. Nein, nicht Schwe⸗ den iſt es, ſondern eine verfluchte Notte, bie auch den König ermordet hat; aber ich will mitten unter ſie treten, im vollen Gefühl meines belewdigten Rechts, wie ein zürnender Gott, ich will ſie mit meinen Blicken durchbohren, meine Worte ſollen ihnen wie Poſaunen in die Ohren klingen. Ich will meine Ehre retten und dann auf ewig von dem undankbaren Schweden ſcheiden.“ Kit dieſem männlichen Vorſatze, den nur eine ſchuldfreie Bruſt im erhebenden Gefühle ihrer Ver⸗ dienſte, ihrer gekränkten und darum um ſo ſtolzern Würde faſſen konnte, verfügte er ſich auf ſein Schiff und theilte ſeinen Officieren mit, was er in der Zei⸗ tung geleſen, nebſt dem Entſchluß, unverzüglich nach Schweden abzureiſen und ſich ſeinen verläumderiſchen Feinden kühn zu ſeiner Vertheidigung unter die Augen zu ſtellen. „Nach Schweden wollt Ihr zurück, Kapitän?“ rief Juel erſchrocken.„Ach, dort hattet Ihr nur einen Beſchützer, und der iſt nicht mehr! Kein andrer Euerer Freunde wird Euch dort mehr kennen und Euere Feinde werden Euere Meiſter werden und Euch ver⸗ derben.“ 122 „Nicht doch, Juel. Die Bosheit verſtummt vor dem reinen Blick der Unſchuld. Wenn ein ehrlicher Mann unter den Schwarm Schurken tritt, die eben ein Complot gegen ihn ſchmiedeten, ſo ſenken ſie er⸗ ſchrocken die Waffen. Im Auge der Unſchuld liegt gar eine heilige, unbezwingliche Kraft.“ „Ach, Kapitän, ſie wirkt nur einen Augenblick, ſo lange die Betäubung der Schlechten danert, erzeugt von dem Blitzſtrahle, der aus dem Auge der Unſchuld zuckt; wenn ſie ſich wieder zu ſammeln Zeit haben, iſt die Unſchuld verloren.“ „Ich werde vor die Königin Ulrike treten; ich werde mich rechtfertigen und dann Dienſte beim ruſ⸗ ſiſchen Zaar ſuchen. Aber mit befleckter Ehre kann ich nicht vor Peter treten. Willſt Du, daß ich wie ein feiger Böſewicht fliehe?“ „Ihr werdet nicht mit dem Leben davonkommen. Ihr habt unzählige Feinde.“ „Ich erinnere mich, eine alte Geſchichte geleſen zu haben. Ein tapferer Seekapitän, Namens Eracotus, wurde auch für einen Seeräuber erklärt; der römiſche Kaiſer ſetzte einen Preis von 25,000 Kronen auf ſei⸗ 3 nen Kopf. Aber unverzüglich ſtellte ſich dieſer kluge 3 und unerſchrockene Mann in eigner Perſon vor des Kaiſers Angeſicht und rechtfertigte ſeine Handlungen. Der großmüthige Kaiſer hielt ſein Verſprechen und ließ dem Kapitän die auf deſſen Kopf geſetzte Summe auszahlen, und beehrte ihn noch überdies mit ſeinem Schutz und ſeiner Gnade. Wohlan denn, ich will 3 mir den auf meinen Kopf geſetzten Preis auch ſelbſt verdienen!“ „Jener hatte es mit einem einzigen Manne, Ihr habt es mit einem zahlreichen Adel zu thun, deſſen Stolz und Gewaltthätigkeit kange von unſerm ſeligen 123 König niedergehalten wurde, der aber nun auch um ſo blutgieriger die Opfer ausſucht, die er ſeiner lech⸗ zenden Rache zu ſchlachten gedenkt.“ „Und wenn es mich auch das Leben koſten ſollte, Juel, ich gehe doch. Wie? Ich ſollte mein Weib und mein Kind im Stich laſſen? Schon hat man den Armen grauſam mein Hab und Gut genommen, ſie werden in Mangel und Elend ſein; ſoll ich, ihr ein⸗ ziger Freund, ſie auch verlaſſen? Nein, Juel, nein! Ich weiß, Du meinſt es gut mit mir; aber ich kann nicht anders! Ich höre den Hülferuf meines troſtloſen Weibes, höre das verzweifelte Wimmern meines Kindes. Soll ich das brave Weib zur Witwe, ſoll ich den lieben Knaben zur Waiſe machen? Ich muß nach Stockholm!“ Juel legte ſein Haupt an des geliebten Herrn Bruſt und weinte. Am andern Morgen wurden die Anker gelichtet, und trotz der ſtürmevollen Jahreszeit trat Kapitän Norcroß die Rückreiſe nach Schweden an. Die Fahrt war beſchwerlich und langſam. Ueberall, wo das Schiff anlegte, wurde dem Kapitän von allen wackern Leuten abgeredet, nach Schweden zu gehen, ebenſo wie ihn in Calais alle ſeine Bekannten abzuhalten verſucht hatten. Er aber ließ ſich nicht irre machen und blieb feſt. Die Elemente ſelbſt ſchienen ihm alle nur möglichen Hinderniſſe in den Weg zu legen, und faſt wäre er an den Küſten Jütlands zum zweitenmale geſcheitert, aber er blieb ſeinem Vorſatze unerſchütterlich treu und lief in den Hafen von Marſtrand ein. 124 . Liſt und Hewalt. Schweden war in arger Verwirrung. Der hohe Adel, im Geheim immer von der jüngern, falſchen Schweſter des Königs und von deren Gemahl, dem Prinzen von Heſſen⸗Caſſel, begünſtigt, hatte ſich, mit heftigen Discuſſionen, ſeines alten Wahlrechtes wieder bemächtigt, und der liſtige Graf Horn, plötzlich alg Organ der lange niedergehaltenen Ariſtokratie an der Spitze derſelben, lenkte die Wahl mit ſchlauer Berück⸗ ſichtigung ſeiner eignen Vortheile auf die ſchwache Ul⸗ rike Eleonore. Selbſt für den vorausgeſehenen Fall, daß ſie ihren Gemahl als Mitregenten annehmen oder ihm gar die Alleinherrſchaft übertragen würde, war der herrſchende Adel gedeckt; denn Prinz Friedrich war ein Schwächling an Leib und Seele, lenkſam, nachgie⸗ big, in kleinlichen Begriffen befangen, der ſich für die nüchterne Ehre, König von Schweden zu heißen, Alles gefallen ließ, kurz, ein König, wie ihn der hohe Reichs⸗ tag ſich nicht beſſer wünſchen konnte. Der Erfolg hat die Vorausſetzung des Adels gerechtigt; die ſchwache und unbedeutende Regierung König Friedrich's hat für ſein perfönliches Wollen und Thun, für ſein Ein⸗ greifen in die Räder des Staats ſich keinen Platz in der Geſchichte verſchaffen können; man hört in jenen dreißig Jahren, während welchen er die ſchwediſche Krone trug, nur von den gewaltigen Kämpfen der Adelsparteien, von jenem weltberühmten Streit der Mützen und Hüte oder der Horn'ſchen und Gyllen⸗ borg'ſchen Partei, und der lächerliche König war nur der Spielball bald der einen, bald der andern, bald ſogar beider zugleich. — 125 Das erſte Aufbrauſen des von Kark's des Zwölften Geiſt niedergedrückten Adels, nach der Ermordung des Königs durch Meuchlerhand, glich dem eines wilden Roſſes, das, nachdem es lange durch Zaum und Sporn zugleich zur Wuth gereizt und doch auch gebändigt worden iſt, ſich plötzlich vom ſtrengen, geſchickten Reiter befreit ſieht, die läſtigen Zäume abſtreift und nun da⸗ hin raſt, wohin es ſeine Tollheit führt, und mit dem Huf zerſchmeitert und zerſtampft, was ihm lange ein Aergerniß geweſen iſt. In der erſten Zeit war an keine Ordnung in den Geſchäften zu denken, Alles ging tumultuariſch ⸗chaotiſch durcheinander, und nur Rache lechzten Alle, im Durſt nach Rache an dem genialen Rathgeber des Königs, an dem edlen Görz, von welchem ſie ſich durchſchaut wußten, waren ſie Alle eins. Mit der nichtswürdigſten Parteilichkeit, mit dem empörendſten Unrecht wurde Görz der Proceß gemacht, er durfte ſich nicht vertheidigen, er durfte die Berechnungen ſeiner Verwaltung nicht vorlegen, ſeine Feinde wußten ja, daß er für Schwedens Wohl ge⸗ arbeitet hatte und daß er ſich glänzend rechtfertigen konnte, aber ſie wollten ſein Blut. Aber auch der dritte Stand, bis jetzt noch niemals berückſichtigt, der Stand, der dem Staat Leben gibt, indem er ihn erhält durch die Arbeit ſeiner Hände, auch Bürger und Bauern regten ſich und wollten beim Reichstage vertreten ſein; dies verurſachte tobende Zuſammenkünfte, Zank und Streit, und eine unge⸗ heure Bewegung ging von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, durch das ganze Schwedenreich. Norcroß trat in Marſtrand mitten in die Bewe⸗ gung hinein. Alles ſtaunte, den Mann zu ſehen, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt war, und die große Maſſe war ſogleich für ihn geſtimmt und ſehr geneigt, ihm 126 mit Auszeichnung zu begegnen. Seine nähern Freunde und Bekannte, welche die Lage der Dinge in Schwe⸗ den beſſer kannten, beſchworen den Kapitän einſtimmig, ſein Schiff wieder zu beſteigen und ſo eilig als mög⸗ lich die ſchwediſche Küſte zu fliehen, wo für ihn keine glücklichen Tage mehr aufdämmern könnten. Aber je mehr man ihm zuredete, deſto heißer erwachte in ihm die Liebe zu Weib und Kind, deſto heftiger glühte das Verlangen in ihm auf, ſich zu rechtfertigen und ſeine Ehre zu retten. Er ließ alle ſeine Leute in Mar⸗ ſtrand zurück— ſelbſt Juel durfte ihn nicht beglei⸗ ten— und reiſte allein nach Stockholm. Es war ſchon Nacht, als er ankam. Am Thore nannte er furchtlos ſeinen Namen. Das Fuhrwerk ließ er in einem Gaſthofe zurück und ging zu Fuß nach ſeiner Behauſung. Ueber den Säugling hinge⸗ beugt ſaß Dina allein im Zimmer, als Norcroß herein⸗ trat. Ihr Schrecken war heftig. Aber ſelbſt mit zit⸗ ternden Armen zog ſie ihn an ihr vor Angſt auf⸗ wallendes Herz, ſelbſt mit bleichem Munde gab ſie ihm den Kuß der Liebe. Aber dann rief ſie mit be⸗ bender Stimme:„Norcroß, um Gotteswillen, was willſt Du hier? Mich noch einmal heimlich ſehen und Dein Kind, und dann Schweden für immer verlaſſen? Oder uns mit Dir nehmen? Ja, ja das Letztere, Du wollteſt nicht ohne uns Deine Ferſe auf ewig dem Lande zukehren, wo unſer nur Unglück wartet. Aber warum Dich ſelbſt hierher wagen? Warum Dein theures Leben auf's Spiel ſetzen? Warum ſelbſt in die Löwengrube Deiner Feinde hinabſteigen? Du konn⸗ teſt uns ja einen Boten ſchicken, und ich wäre Dir nachgeſegelt bis an's Ende der Welt.“ So koſete ſie furchtſam und freudig zugleich und ſtreichelte ihm das bärtige Kinn dazu und zog ihn zur Wiege, wo ſein kleines Ebenbild ſchlummerte. Er hatte ſie ausreden laſſen und betrachtete ſie dann mit düſter⸗wehmüthigen Blicken.„Nicht alſo, Dina“, ſprach er dann.„Zwar bin ich gekommen, Dich aus dieſem Lande hinwegzu⸗ führen, das außer Dir nichts Angenehmes mehr für mich hat; aber nicht heimlich, nicht wie ein Dieb will ich herein- und hinausgehen und Dich ſtehlen, als wäreſt Du eines Andern Eigenthum. Auch will ich genth nicht allein Dich mir hier holen, ſondern auch meine Ehre. Nicht feig bin ich geflohen vor den verſteckten Angriffen meiner Feinde, nein, ich bin aus freiem An⸗ triebe gekommen, mich ihnen gegenüber zu ſtellen, Stirn gegen Stirn, Aug' in Auge. Sie ſollen ſehen, daß Norcroß ein Mann von unerſchütterlichem Muth und unbefleckter Ehre iſt.“ „Weh' uns, dann biſt Du verloren!“ kreiſchte Dina auf.„Sie werden Dich fangen, wie den gemeinſten Verbrecher; ſie werden Dir das Leben nehmen, wie dem obſcheulichſten Böſewicht!“. „Tröſte Dich, Kind, ſie werden es nicht thun. Noch iſt das Recht nicht untergegangen in der Men⸗ ſchen Bruſt, und ſelbſt den Schurken ergreift ein Schrecken, wenn es leuchtend ihn antritt und mit ge⸗ bieteriſchem Blick Anerkennung fordert.“ „O, John! Du biſt im Irrthum. Hier trium⸗ phirt die Bosheit. Wer ſoll Dich retten, wenn ſie Dich in den Kerker werfen, wie den Baron Görz, deſſen Freund und Helfershelfer ſie Dich allgemein nennen? Du weißt nicht, was hier vorgegangen iſt.“ „Ich weiß Alles, liebes Weib. Aber der meiner Ehre angethane Schimpf hätte mich aus dem entfern⸗ teſten Winkel des großen Oceans hierher getrieben und beſtände der Reichstag aus lauter blutdürſtigen Ti⸗ gern.“ 128 „Aber Du biſt uns Dein Leben ſchuldig, mir, Deinem Kinde!“ „Die Ehre gilt mir mehr als das Leben.“ „So höre denn: Der Kammerherr von Wollſtrupp hat ſich an mich gedrängt und mir zugeſchworen, ſo wie Dich ihre Spione erwiſchten, in welchem Lande Europa's es auch immer ſei, ſo wäre Dein Tod ge⸗ wiß. Ach, und auf dieſe Beſtimmtheit gründete er ein Recht zu ſeinen frechen Anträgen, die ich Dir zu wiederholen erröthen muß. Da empfand ich recht mit tiefen Schmerzen, daß mein Vetter, der Graf Mörner, nichts mehr galt. Sein Todfeind, der Graf Horn, iſt hier der allmächtige Gott.“ „Und dieſer Nachtvogel, dieſer Schurke Wollſtrupp, wagt ſich auch wieder an's Tageslicht hervor?“ „Fürchte ihn! Du haſt ihn beleidigt, er iſt ein entſetzlicher Menſch.“ 8 „Ja, ja, die Sonne Schwedens iſt untergegangen, und alle lichtſcheuen Fledermäuſe, alles böſe Nachtge⸗ flügel und finſternißliebende Gewürm kriecht nun aus den Winkeln und Löchern hervor, in welchen es zeit⸗ her verſteckt war. Doch ruhig nur, mein theures Weib, wenn ſich ein Licht zeigt, ſo flieht das Volk ſchreiend in ſeine alten Hinterhalte.“ „John, John! Du biſt keine Sonne, die die Nacht verdrängen könnte, Du biſt nur der Mond, der ſein Licht von der Sonne erhielt. Die Sonne iſt ausgelöſcht und Du biſt lichtlos geworden. Oder Du biſt nur eine ſtille Leuchte, deren beſcheidener Strahl gerade alles Nachtgefittig heranzieht und um ſich ver⸗ ſammelt, damit ſie mit roher Gewalt darauf ſtürmen und es verlöſchen.“ „Nun, ſo will ich lieber ſterben, als beſchimpft —————— leben.“ 129 N Vergebens umſchlang Dina ſeinen Hals, vergebens einte ſie Thränenſtröme; er war und blieb feſt. « Und es war wirklich ſo, wie Norcroß vorausge⸗ ſagt hatte. Seine Feinde ſtaunten theils über ſein Erſcheinen, theils erſchräken ſie über ſein feſtes, furcht⸗ loſes Auftreten in Stockholm. Mit der freien Stirne der Unſchuld erſchien der Freibeuter an öffentlichen Orten, machte Beſuche, ſprach mit Ruhe und Be⸗ ſtimmtheit Hon ſeiner kritiſchen Lage, und ſtellte ſich, als man keihe Notiz von ihm nehmen zu wollen ſchien, mit der Würde des gekränkten Selbſtbewußtſeins vor den Grafen Hdxn, Haupt und Lenker des Reichstags, mit klaren Worken von demſelben verlangend, daß ihm vor dem verſemelten Reichstage eine öffentliche Vertheidigung und Rechtfertigung ſeiner Handlungen während ſeiner Dienſtzeit in Schweden geſtattet würde, die ihm ja von Gottess und Rechtswegen gebühre. Der Graf entſchuldigte ſich ſchlau mit den ungeheuern Geſchäften, welche die gänzliche Umänderung der Re⸗ gierungsform mit ſich bringe, doch würde ihm dieſe Erlaubniß von Seiten des Reichstags gar nicht ent⸗ ſtehen, obgleich er ein Ausländer und Anhänger einer politiſchen Meinung ſei, welche ih Schweden jetzt ihre Bedeutung verloren habe. „Excellenz“, ſagte Norcroß mit einem feſten Blick, „ich hänge der Wahrheit an und dem Rechte, und es iſt fürwahr ſchlimm, wenn dieſe in Schweden ihre Bedeutung verloren haben.“ N „Ihr ſeid ſehr kühn!“ ſprach der Graf lächelnd. „Aber einem Seemann mag es ſchon hingehen, der zumal ſo hoch in der Gunſt des verſtorbenen Königs ſtand.“ „Ich frage nicht danach, was in Schweden nbch Bedeutung hat und was nicht. Meine Ehre will ich Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xlll. 9 130 zurück. Freche Hände haben ſie mir hier geraubt, ſeit ſich zwei Augen geſchloſſen, die mir mehr galten, als nun das ganze Schwedenreich. Meine Ehre will ich wieder und dann gehen.“ „Macht doch aus jener Bekanntmachung nicht ſo viel!“ verſetzte der Graf fein.„Sie iſt in der erſten Aufwallung der Gemüther, wo noch Alles drunter und drüber ging— G.ett weiß, von wem—, gemacht worden.“ „Gut! So ſoll ſie der Reichsrath zurücknehmen und mich für einen ehrlichen, braven Mann erklären, der der Krone Schweden drei Jahre läng mit Treue und Eifer gedient hat. Weiter verlang' ich ja nichts.“ „Tröſtet Euch nur! Dies werdet Ihr bald erlan⸗ gen, Kapitän Norcroß. Habt noch eine kleine Weile Geduld, bis wir aus dem Gröbſten ſind, dann ſoll es auch an Euere Sache komnen.“ Norcroß ging und wartete Wochen lang; aber es kam nicht daran. Bald wurde er inne, und die Mei⸗ nungen ſeines Weibes unb einiger ihm gleichgeſinnter Freunde beſtätigten ihn/ darin, daß er mit geheimen Spionen umgeben wgr. Zwar verſuchte er es noch einigemale, durchzudyingen, aber es gelang ihm nicht. Daß er auf dieſe Weiſe ſcheitern müſſe, hatte er frei⸗ lich nicht geglaubt. Schlau hatte die Liſt berechnet, daß Norcroß vadurch am beſten geſchlagen ſei, wenn man ihn ungehört hinhalte. Er werde ungeduldig und heftig werden, und ſich in der Heftigkeit vergeſ⸗ ſend, ſich gegen die beſtehende Regierung vergehen. Dann hatte man die triftigſten Gründe, ihm zu Leibe zu gehen. Leider gelang dieſer nichtswürdige Plan nur,zu gut. „ ₰e roher und gewaltiger blinde Parteiwuth gegen den Freiherrn von Görz unter ſeinen Richtern und 131 den Beiſitzern des Reichstages ſich offenbarte, und je weniger man ſich Mühe gab, auch nur die Maske von Rechtlichkeit feſtzuhalten, um ſo dringender riethen Norcroß' Frau und Freunde ihm zur Flucht, um ſo kälter und fremder wurden ſeine ſcheinbaren Freunde. Er ſah ſich bald verlaſſen und allein ſtehend; denn ſein unbändiger Stolz ließ nicht zu, daß er ſich Ze⸗ mandem näherte. In dieſem ungewiſſen und für Norcroß ſchier un⸗ erträglichen Zuſtande waren mehre Wochen vergangen, und im Stillen fing er an, zu bereuen, daß er dem Rath ſeiner Freunde nicht gefolgt und nach Stockholm gegangen war. Jetzt hielt ihn eigentlich nur Görz' Prozeß zurück. Da erfüllte die Stadt plötzlich das Gerücht von dem Todesurtheil des Barons und der ſchleunigen Vollziehung deſſelben. Das war ein Donnerſchlag für Norcroß und Alle, die noch Sinn für Recht und Billigkeit in der Bruſt trugen. Das hatte man doch nicht geglaubt, daß der Wahnſinn der Rachgierde die Seelen der ungerechten Richter ſo weit treiben könnte, einen offenbaren Mord im Namen des Rechts an dem verdienſtvollen Manne zu begehen. Zetzt ſah Norcroß ein, welch' ein Loos auch ſeiner wartete; ſeine Freunde hatten ſchon be⸗ ſtimmt von ſeiner baldigen Verhaftung gehört, er gab ihren und ſeines höchſt beſorgten Weibes Bitten end⸗ lich nach und entſchloß ſich zur Flucht aus dem Lande der Sünden, wo die blinde Rache, nicht die blinde Gerechtigkeit das Richterſchwert führte. Mit der größten Behutſamkeit machte er heimlich Anſtalten zur Abreiſe mit Frau und Kind. Er wollte wieder nach Frankreich zurück, wo er ſich von mächtigen Freunden Schutz und Unterſtützung verſprechen durfte. Aber ſchon war es zu ſpät. Seine Abſicht konnte den 132— lauernden Spionen ſeiner Feinde nicht mehr entgehen. Er hatte an öffentlichen Orten die Gewaltſchritte der Regierung hart und bitter getadelt und ſeine Worte dabei nicht mit dem Kammerſtempel ausgeprägt; Ur⸗ ſache genug, um an ihn zu kommen. Das Schiff lag im Hafen zur Abreiſe fertig, in der Nacht ſollte der Anker gehoben werden. Sein Weib am Arme führend, dicht in Mäntel gehüllt, mit einer einzigen Dienerin, welche den Knaben trug, trat Norcroß Abends ſpät in den Hafen. Aber kaum hatte er dem ſeiner im Boote wartenden Matroſen einen Wink gegeben, als er ſich plötzlich von bewaffneten Leuten umringt ſah. „Im Namen des Königs! Kapitän Norcroß, Ihr ſeid Staatsgefangener!“ rief eine ſchaden frohe Stimme, und Norcroß erkannte beim Scheine der herbeigekom⸗ menen Fackeln den Kammerherrn von Wollſtrupp in dem Sprecher. Dina ſchrie laut auf, aber der Ka⸗ pitän wurde von ihrer Seite geriſſen, fortgeführt und in einen unfrenndlichen Kerker geworfen. 42 Rorcroß im Rerker. Der tapfere Kaperkapitän hatte ſchon mehre Tage im Gefüngniß gelegen, als er aus dem vergitterten Fenſter wahrnahm, wie auf dem nicht weit entfern⸗ ten freien Platze, den er überſehen konnte, ein Ge⸗ rüſt aufgebaut wurde. Er blieb nicht lange in Zwei⸗ 133 fel über den Zweck deſſelben.„Ha, das iſt der Al⸗ tar, der Opferherd der Rache, welchen die wuthent⸗ flammten Prieſter dieſer unterirdiſchen Göttin bauen, da ſoll das unſchuldige Opfer geſchlachtet werden, hier ſoll der Mann fallen, welcher gewagt hat, die an⸗ gemaßten Vorrechte eines habgierigen Adels anzuta⸗ ſten, der es nicht dulden wollte, wie Einzelne ſich für berufen ausgaben, von Gottes Gnaden den Schweiß und das Blut ihrer Brüder zu verſchwel⸗ gen. Nun ſo opfert ihn denn, wie Ihr Euern Kö⸗ nig gemordet habt, ſchlachtet auch mich, weil ich Beide liebte und ihnen treu diente, aber der Geiſt der Vergeltung wird früh oder ſpät über die Häup⸗ ter Euerer Enkel als der erzürnte Genius der Zeit dahin fahren und ſie im Fluge mit dem Schwerte abmähen, welches ihm zur Verſöhnung der von Euch mit Füßen getretenen Menſchheit der Allmächtige ſelbſt in die Hände gegeben hat.“ Der Altar wurde geſchmückt, mit Leichentüchern behangen; der Tag kam, die geduldige Menſchen⸗ maſſe, das mit Blindheit und thörichter Furcht ge⸗ ſchlagene Volk unfluthete das Schaffot; ernſt und würdig trat der Mann hinauf, der, einer der größ⸗ ten ſeines Jahrhunderts, mit hohen Geiſtesgaben und vortrefflichem Herzen einen Staat auf die höchſte Spitze ſeines Glücks zu führen im Stande war, der den beſten und heiligſten Willen gehabt hatte, Schwe⸗ dens wohlthätiger Genius zu werden; er legte ohne zu zittern ſein Haupt dem Beile des Henkers hin. Görz ſtarb, und Norcroß weinte dem Looſe des Gu⸗ ten und Schönen auf Erden ſchmerzensbittere Thränen. Die Rache war befriedigt; aber ein allgemeines Murren ging durch das ganze Land; es wurden in Schweden ſehr mißbilligende Stimmen von außen ————— ———————— 134 vernommen. Die Stimme in der eignen Bruſt er⸗ wachte und man fürchtete ſich im Reichsrath allge⸗ mein, die Sache des Kaperkapitäns vorzunehmen; man ſcheute ſich, jene unangenehmen Dinge, von denen man lieber gar nicht geſprochen haben wollte, noch einmal in Erinnerung zu bringen. Die Herren fühlten, daß eine zweite Uebereilung die erſte nicht gutmachen könne, ſie begriffen aber auch eben ſo leicht, daß, wenn ſie dem gefangenen Norcroß Gele⸗ genheit zur öffentlichen Vertheidigung geben würden, er ſich völlig rechtfertigen und dadurch nur noch mehr gewinnen werde; endlich lief es ihren Grundſätzen zu⸗ wider, den Kapitän auf freien Fuß zu ſetzen, weil ſie ſich dadurch eine große Blöße gegeben haben wür⸗ den. Darüber verſtrich eine Zeit um die andere; der arme Kaperkapitän war endlich faſt vergeſſen. Norcroß ſchmachtete im Kerker. Frühling und Sommer gingen vorüber, er hatte mit keiner menſch⸗ lichen Seele weiter, als mit ſeinem Kerkermeiſter ein Wort geſprochen. Tage kamen und gingen, und Verzweiflung kam und ging. Sein Herz erbitterte ſich täglich und ſtündlich mehr gegen die Menſchen, er fraß all' den heißen Gram in ſich hinein und ver⸗ ſchluckte ſeine Thränen. Aber dieſe Stürme des Grams, dieſe Blitze der Wuth, dieſe Fluth der Thrä⸗ nen vertilgten zuletzt alles menſchliche Gefühl in ſei⸗ ner Bruſt und verſteinerten ſein Herz, ſo daß keine ſanfte Regung mehr in ihm aufzukommen vermochte. Oft wenn er in den einſamen Mitternächten ſich auf ſeinem Strohlager ſchlaflos wälzte, da ſtieß er zähne⸗ knirſchend gräßliche Flüche über die Menſchen aus und ſchwur hoch und theuer bei den ewigen Sternen, die ihr Licht in ſein Gefängniß goſſen, Rache zu nehmen, furchtbare Rache an Allem, was ſich zur 135 bevorzugten Menſchenklaſſe zählte. Dann malte ſich ſeine wilde Phantaſie die Bilder der Rache aus, und dieſes ausgelaſſene Spiel ſeiner Phantaſie war ge⸗ wiſſermaßen der Nahrungsſtoff ſeines Lebens und ohne daſſelbe wär' er entweder ein Raub des an ſeiner Geſundheit zehrenden Grams und der ungeſunden Lebensart, oder der über ſeine Seele wie geſpenſter⸗ reiche Mitternacht mit Rabenfittigen hinziehenden Verzweiflung geworden. Der Gedanke, ſich den Kopf an der Mauer ſeines Kerkers oder an den Eiſenſtä⸗ ben des Fenſters einzuſtoßen, der ihn wohl zuweilen heimgeſucht hatte, kam nicht mehr in ſeine Seele; der Genius der Rache beleidigter Unſchuld erhellte ihm mit flackernder Fackel die Nacht und verſcheuchte alle Unbilden derſelben. Auch der Herbſt neigte ſich ſchon ſeinem Ende zu. Schon ganzer neun Monate hatte Norcroß im Gefängniß gelegen. Vergebens hatte er ſeinen Ker⸗ kermeiſter zu gewinnen, vergebens durch ein kühnes Durchbrechen zu entfliehen geſucht. Das Erſtere war ſtets an der eiſernen Gleichgültigkeit eines Menſchen, der an gar nichts Intereſſe nimmt, weder am Gu⸗ ten noch am Böſen, weder an der Erde, noch am Himmel, das Zweite an der Höhe des Thurms ge⸗ ſcheitert, auf welchem der Kapitän ſaß. Da trat eines Morgens— es war zu Ende Ok⸗ tobers— ein niedliches, ohngefähr ſechszehnjähriges Mädchen in das Gefängniß, um ihm den Krug mit friſchem Waſſer zu füllen und das Frühſtück zu brin⸗ gen. Sie grüßte freundlich und ſagte:„Mein Vater iſt krank geworden in dieſer Nacht, deshalb nehmt's nicht übel, Herr, daß ich komme und Euch bediene. Der Vater will nicht, daß ein Knecht herein ſoll zu Euch, er ſagte, das wäre ein Schimpf für Euch, —— 136 denn Ihr wäret ein engliſcher Edelmann und ein gar berühmter Seefahrer und Freund des verſtorbenen Königs. Deshalb müſſen mir die Knechte nur auf⸗ ſchließen und draußen auf mich warten. Ihr ſeid doch nicht unwillig?“ „Ei, liebes Kind, von Herzen froh bin ich, daß ich einmal ein anderes Geſicht ſehe und eine andere Stimme höre, als die Deines Vaters. Wirſt Du mich denn ſo lange bedienen, als Dein Vater krank iſt, und täglich zu mir kommen?“ „Ei, verſteht ſich! Aber ich denke doch nicht! Denn ſeht, es könnte wohl bald ein junges Bürſchlein ſtatt meiner kommen, ein blutjunges hübſches Kerlchen. Hi, hi! Ihr werdet mich ſchon verſtehen.“ „Dein Schätzchen wohl, Du blauäugiger Schelm?“ ſagte der Kapitän von einem ihm wohlthuenden Ge⸗ fühle durch die kindlich offnen, zutraulich freundlichen Reden des lieben Mädchens angeweht. „Ei freilich!“ kicherte ſie.„Der Vater war im⸗ mer dawider und meinte, der Burſch ſei noch viel zu jung und ich auch, aber er iſt ſechszehn Jahre alt und ich bin's auch. Iſt das nicht ein hübſches Alter, und wir lieben uns recht herzlich; ja ich fühle und bin der feſteſten Ueberzeugung, daß ich meinen Jun⸗ gen nicht lieber haben könnte, wenn ich hundert Jahre alt würde. Er hat ſich dem Vater ſchon vielmal an⸗ geboten als Knecht und will nicht einmal Lohn ha⸗ ben, nur mit der Bedingung, daß wenn er ſechs Jahre redlich gedient, ſo ſolle der Vater mich ihm zum Lohn geben. Es wird ja wohl eher ſchon Rath dazu werden. Aber ſo lang' der Vater den Dienſt ſelbſt verſehen konnte, wollte er nichts davon wiſſen; jetzt, da er krank darnieder liegt, wird er mich ſchon eher anhören. Erſt will ich ſehen, wie's mit ſeiner X 137 Krankheit läuft. Aber nächſter Tage ſprech' ich gewiß mit ihm. Dieſen Abend will ich's erſt meinem Ge⸗ liebten mittheilen und deſſen Meinung darüber hören.“ „Thu' das, mein Kind,“ ſagte Norcroß.„Dir blüht ja des Lebens Mai in ſeiner ſchönſten Blüthe. Liebt Euch und ſeid glücklich. Dann bedient Ihr mich abwechſelnd; denn ich möchte nicht, daß Du Deinen Anblick mir ganz entzögeſt.“ „Das will ich auch nicht, weil Ihr ſo gut ſeid, und mir alles Schöne wünſchet.“ Am andern Tage trat die Kleine munter und froh herein und rief gleich:„Der Alte hat nachgegeben und Ja geſagt; wie bin ich froh und glücklich! Ich möchte vor Freuden tanzen und Euch umarmen. O freut Euch doch auch mit mir! Ach, Ihr ſeht ſo ernſt und finſter drein. Denkt doch, mein Geliebter kommt in's Haus. Dieſen Abend ſoll er Euch ſchon bedienen und Euer Abendbrot bringen. O ich bin ganz närriſch in den allerliebſten ſchönſten Jungen verliebt! Es hätte mir kein größeres Glück wiederfahren können, als daß mein Vater krank geworden iſt und den Dienſt nicht mehr verſehen kann. Ihr ſollt aber auch froh ſein, Herr; deshalb hab' ich Euch eine Flaſche guten Wein mitgebracht und auch ein viel beſſeres Frühſtück, als Ihr, der Vorſchrift nach, erhalten ſollt. Da eßt und trinkt, und freut Euch mit mir!“ „Das will ich, Du herziges Mädchen! Komm, Dein junger Geliebter ſoll leben! Er bringt ja auch junges friſches Leben in meinen Kerker.“ Und das lang' entbehrte Labſal des Weins ſchlürfend, wurde dem Un⸗ glücklichen wohl. Bald erfüllte der lichte Weingott die Wände des Kerkers mit bnnten Bildern, rief Har⸗ monien aus den feuchten Steinen und bekränzte end⸗ lich das erheiterte Haupt des Gefangenen mit einem 138 friſchen Kranze von Weinlaub und Mohnblumen, die ihm die Schläfe kühlten und ſanft in Schlummer wieg⸗ ten, um ihm die Seligkeit baldiger Befreiung in ſchöner Vorahnung zu verkünden. Er ſah einen lieben, be⸗ freundeten Engel in das düſtere Kerkergemach treten, ihn an der Hand nehmen und hinwegführen über Land und Meer, weit von dannen und immer weiter. Und ſie ſchritten über die Meere und ihre Füße wur⸗ den nicht naß. Der wohlbekannte Engel ſprach aber immer freundliche Worte. Als Norcroß aus ſeinem langen erquickenden, von himmliſchen Traumbildern angefüllten Schlaf erwachte, neigte ſich der Spätherbſttag bereits ſeinem Ende. Der Kapitän rief ſich mit einer Wehmuth, wie er ſie noch nicht empfunden, ſeit er im Gefängniß lag, die Ein⸗ zelnheiten des Traumes in die Seele zurück, da knarrte die Thüre, und ein Jüngling trat herein. Norcroß konnte die Geſichtszüge wegen der ſchon eingetretenen Dämmerung nicht erkennen, aber er bemerkte, daß der junge Menſch die Thüre hinter ſich wieder ſorgfältig verſchloß und dann mit raſchen Schritten auf ihn zu⸗ eilte. Da richtete der Kapitän ſein Auge ſchärfer auf den neuen Wärter, der eben ſtumm und zitternd die Arme ausbreitete und an des Gefangenen Bruſt ſank. „Juel!“ rief dieſer überraſcht.„Biſt Du's wirk⸗ lich, Herzensjunge? Juel biſt Du's?“ Er zitterte vor Freuden und drückte den Burſchen an ſein hochauf⸗ wallendes Herz und küßte ihm Wangen und Mund. „Ich habe ja eben von Dir geträumt, Junge! Da warſt Du ein Engel.“ „Ja, ich bin's!“ rief der Burſche Freudenthränen vergießend.„Ja, ich bin's, mein theurer Herr und Meiſter, und bin gekommen, Euch zu befreien, Euer Engel zu werden.“ — 139 „Du mich befreien, Junge? Biſt Du toll gewor⸗ den? Wie willſt Du das anfangen?“ „Ach lieber Herr, angefangen habe ich es ſchon vor ſechs Monaten. Jetzt will ich's nur zu Ende bringen.“ „Nun, ſo laß hören, Du ſchlauer Schelm! Welche Anſtalten haſt Du getroffen? Ich traue Deiner Klug⸗ heit Alles zu. Du biſt in einer guten Schule gewe⸗ ſen und wirſt gewiß in allen Dingen Deinem Lehr⸗ meſſter Ehre machen.“ „Wir erfuhren Euer trauriges Schickſal bald in Marſtrand,“ erzählte der Burſche;„ach! ich hatte es Euch vorausgeſagt. Wir erhielten auch ſofort einen andern Kapitän auf dem Dänenfeind, das Schiff wurde umgetauft und Ulrike genannt, und wir unter die Marine geſtellt. Ich konnte dieſe Dinge nicht ertra⸗ gen; mein Herz ſehnte ſich nach Euch, trauerte um Euch. Wie oft habe ich unſere letzte Reiſe verwünſcht! Wenn Ihr des Königs Karl Anerbieten angenommen hättet, in die Admiralität zu treten, ſo wären wir jetzt Alle geborgen.“ „Freilich!“ ſeufzte Norcroß.„Ich hätte Güter und Ehren. Wer aber hätte auch ſo etwas glauben ſollen?“ „Ich entwiſchte,“ fuhr der Burſche fort,„und kam hierher zu Euerer Gemahlin. Aber ſie konnte ſich ſelbſt nicht tröſten, wie ſollte ſie mir Troſt geben? Sie lebt von der Unterſtützung ihres Vetters, des Grafen Mörner, und hat weiter keinen Freund. Sie weinte bitterlich, daß der Wollſtrupp, der jetzt höher geſtiegen iſt, ihr immer böſe Anträge mache und ihre Untreue zur Bedingung Euerer Befreiung ſtelle, aber ſie ſchwur, daß ſie ihn ſtets mit Abſcheu zurückweiſe und Euch eher im Kerker verſchmachten laſſen wolle, —————— — 140 als Euch mit ſolcher Schmach loskaufen. Aber einen andern Anſchlag zu Euerer Befreiung wußte ſie nicht zu geben, alle rechtlichen Mittel und Wege waren von ihr und dem alten Grafen ſchon vergebens ver⸗ ſucht worden.— Da beſchloß ich in meinem Herzen, auf meine eigene Hand zu handeln. Zuerſt mittelte ich Euer Gefängniß aus, umſchlich den Thurm und maß deſſen Höhe. Ich dachte auch ſchon an Leitern, Durchbrechen und dergleichen Dinge; da bemerkte ich eines Tages bei einem ſolchen Katzenſchliche ein jun⸗ ges Mädchengeſicht aus einem Fenſter des an dem Thurm hängenden weißen Hauſes nach mir ſchielen. Ich grüßte freundlich und erhielt freundlichen Dank. „Wie?“ dacht' ich,„wenn vielleicht durch dies un⸗ ſchuldige Geſchöpfchen ein Weg zu deinem lieben Herrn auszumitteln wäre? Wer mag ſie ſein?“ Ich ging mehr um das Haus; das Kind kam, um Waſſer am Brunnen in einem Kruge zu holen. Es war Abend, ich ging ihr nach und redete ſie an. Das Geſpräch war bald im Gange, und nach einerStunde wußt' ich, daß ſie die Tochter des Kerkermeiſters ſei, daß ihre ältern Brüder in die Welt gegangen ſeien, weil der Vater ſo ſtrenge gegen ſie geweſen, daß die Mut⸗ ter ſchwach und kränklich ſei, kurz, ich erfuhr die ganze kleine Geſchichte des Hausweſens Eueres Kerkermei⸗ ſters. Ich ſah wohl, daß ich dem Mädchen gefiel, und verſprach alle Abend zu kommen; und ich kam alle Abend. Bald fing es auch unter meiner Matro⸗ ſenjacke an unruhig zu werden; ich fühlte, daß ich Janen gut war. Sie aber war ſterblich in mich ver⸗ liebt. Was war natürlicher, als daß wir Pläne mach⸗ ten, wie wir hübſch zuſammen leben möchten, und daß mir nichts erwünſchter ſein konnte, als in das Haus des Kerkermeiſters und hernach endlich zu Euch zu ———— 141 kommen. Ich ging ſelbſt zu dem Alten; ich ſteckte wich hinter Janens Mutter, ſchmeichelte ihr und war gegen Beide die liebe Freundlichkeit ſelbſt. Aber es half Alles nichts, der Alte war ein unbearbeitbarer Klotz. Jane begehrte mich nun zum Manne, ſie hatte die Mutter auf ihrer Seite. Auch dies ſchlug nicht an. Unterdeſſen verſtrich die Zeit, und eine andere Verle⸗ genheit begann mich zu drücken; meine kleine Kaſſe ging nämlich zu Neige und ich mußte, ſo ſehr ich mich auch einzurichten verſtand, doch täglich von der Schnur leben. Deshalb mußte ich mich im Ernſt verdingen. Ich fand einen Dienſt als Laufburſche bei einem rei⸗ chen Kaufmann in der Nähe Eures Kerkers. Jane hatte mir dieſes Plätzchen verſchafft. Ich ſah Euch oft am Fenſter aus der Ferne und ſuchte mich Euch durch Zeichen bemerkbar zu machen; aber Ihr habt niemals darauf geachtet. Inzwiſchen ließ ich die Hoff⸗ nung nicht ſinken und arbeitete immer ſüll und vor⸗ ſichtig an mancherlei Plänen zu Euerer Befreiung, die ich Euch ein andermal, wann mir längere Zeit bei Euch zu verweilen vergönnt ſein wird, erzählen will, d. h. auf einem ſtattlichen Schiff, auf welchem wir— ſo Gott ſeinen Segen giebt, und das wird er; ich vertrau' auf ihn!— bald in das weite, freie, ſchöne Meer hinaus ſchwimmen wollen. Ja, glaubt nur, Kapitän, es hat mir ungeheure Mühe gekoſtet, das verfluchte Landleben und nun vollends das zweimal verfluchte Stadtleben gewohnt zu werden. Nun der Umgang mit meiner lieben armen Mutter hat mir's ja doch ein Bischen verſüßt. Aber faſt wär' ich ge⸗ ſtorben vor langer Weile und andrer Plage. Aber ich weiß ja, Eueretwegen hielt ich noch Schlimmeres, ja das Allerſchlimmſte aus, was überhaupt ein Menſch auszuhclten vermag.“ 142 „Lieber, lieber Junge!“ rief Norcroß und zog Juel wieder an ſeine Bruſt.„Doch weiter!“ „Nn, es wird nicht viel mehr ſein. Ich lag der Jane und ihrer Mutter immer in den Ohren, mich in's Haus zu bringen, und dieſe Beiden dem Alten, und da Alles nichts half, prakticirte ich dieſem vor einigen Tagen Abends ein Stück Alaun aus meinem Kauf⸗ mannsladen in die Bierſuppe. Daran hat er ſich denn richtig, wie ich vorausſetzte und zuverſichtlich hoffte, krank gegeſſen und in ſelbiger Nacht noch ſchlimme Dinge angerichtet. Das hat nun gleich geholfen; die Weiber ließen nicht nach, bis ich im Hauſe war, und ich ließ nicht nach, bis ich bei Euch war, mein gelieb⸗ ter Kapitän.“ „Aber was ſoll nun werden, mein Junge?“ „Etwas ſehr Einfaches. Morgen des Tags ver⸗ ſchaff' ich mir durch Euere Gemahlin Geld für Euch; ich miethe ſodann ein Boot, welches bis zu Mitter⸗ nacht bereit iſt. Dann öffne ich Euch zur rechten Zeit den Kerker, wir fliehen auf das Boot und ru⸗ dern, daß uns die Hände bluten. Eh's Tag wird, ſind wir im Meere. Dann wird uns Gottes Vater⸗ hand weiter führen.“ „Aber ohne mein Weib, mein Kind?“ „Ihr könnt ſie nachkommen laſſen, wenn Ihr erſt einen feſten Platz habt; ſie hält Niemand.“ „Und ſie nicht einmal erſt ſehen? Mein Herz zieht mich zu ihnen.“ „Das Herz muß ſchweigen; auch das meinige. Ihr könntet Euch verrathen.“ „Du haſt Recht, lieber Juel. Aber was wird's aus Deiner Jane? Sie iſt ein liebenswürdiges Kind! Willſt Du ſie nicht mitnehmen?“ „Wohin denkt Ihr? Sie könnte uns ja zur Stelle 143 verrathen. Was wird's aus ihr?“ ſagte der Burſche leiſe, ſeine Stimme wankte, und ſein Auge füllte ſich mit Thränen.„Sie muß hier bleiben und wird ſchon einen andern Geliebten finden,“ ſetzte er dann raſch, ſich ſelbſt ermuthigend, hinzu. „Armer Junge! Du willſt mir auch noch Deine erſte Liobe opfern? O die gilt ja mehr als das Leben! Und das Mädchen liebt Dich zu heftig. Das Herz wird ihr bvechen.“ „So mußes brechen!“ weinte der Jüngling laut. „Ihr ſeid mir doch mehr werth, als ihr Herz. Um Euch ließ ich die Welt zu Grunde gehen.“ „Die erſte Liebe iſt mehr als die Welt. Jüng⸗ ling, ich weiß Dein Opfer zu ſchätzen! Du ſtehſt groß vor mir da, wie ein nie geſehener Held. Komm' an mein Herz, edler, vortrefflicher Menſch! Nenne mich Bruder. Ich bin's!“ „Mein Bruder!“ ſtammelte Juel an des Kapi⸗ täns Bruſt. Ein heiliger Augenblick flog an ihnen vorüber, der ihre Herzen nit Zaubergewal größer machte. Am andern Morgen beſorgte ue in heimlicher Stille Alles, wie er es gelobt hatte. Die Nacht ſtieg herauf; mit Vorſicht brachte er die Schlüſſel des Ker⸗ kers und Hauſes bei Seite. Als die Schlafenszeit kam, drückte er Janen einen innigen Kuß auf die Lippen; ſie bemerkte ſeine Bewegung und fragte theil⸗ nehmend:„Was fehlt Dir, Juel?“ Aber er blieb ſtark, obgleich ihm der Schmerz die Kehle zuſchnürte. „Mir iſt wohl!“ ſagte er endlich, als ſie ihm mit weicher Hand die Haare aus der Stirne ſtrich.„Geh' ſchlafen, Jane!“ „Nein, Du weinſt und ich gehe nicht eher, bis Du mir geſagt haſt, warum?“ 144 Nun mußte er das gute Weſen belügen, ſo weh es ihm auch that. „Meine Mutter iſt geſtorben. Du haſt ſie ja ge⸗ kannt.“ „Ei, ſie war ja vorgeſtern noch bei dem Kauf⸗ mann drüben. Armer Junge! Nun, ich will Dich um ſo lieber haben. Schlaf wohl!“ „Schlaf wohl, mein Engel!— Und lebe wohl! Vielleicht auf ewig wohl! Du ſchöne Blume!“ flüſterte er heiß weinend hinter ihr her. Dann ging er auch in ſeine Kammer. Mit Herzklopfen zählte er hier die Stunden bis zu Mitternacht. Am Tage hatte er ſich ſchon mit Norcroß verabredet. Die Stunde ſchlug; leiſe, zitternd ſchlich der Jüngling die Stiege hinauf. Das Knarren der Thüre konnte unten nicht mehr ver⸗ nommen werden. Glücklich kamen ſie in's Freie. Die Schlüſſel warf Juel in die Hausflur. In ſchnellſter Eile ſtürzten ſie nach dem Orte, wo das Boot hielt. Die Riemen wurden aus allen Kräften geſtrichen und die aufgehende Sonne ſah die beiden Flüchtlinge ſchon —weit, weit von Schwedens Hauptſtadt, auf der glän⸗ zenden Fläche der Oſtſee ſchwimmen. Raſtlos ging die Fahrt. „Wohin, mein theurer Bruder? Wohin nun?“ fragte Juel. „Nach Frankreichs geſegnetem Lande!“ verſetzte Norcroß.„Dort winkt mir neues Glück. Wir ſegeln jetzt nach einem deutſchen Hafen, und von dort reiſen wir zu Lande nach Paris. Dort wird ſich's finden.“ „Und Gott wird uns ſegnen!“ rief der Jüngling. Alte Rekannte. An der weſtlichen Küſte der Inſel Seeland liegt ohnfern blühender Dörfer ein hohes, ſtattliches Ge⸗ bäude von alterthümlichem Anſehen. Es hat das Aeußere eines Kloſters aus den Zeiten der Kreuzzüge, und ſeine ſtufigen Giebeldächer, ſeine zackigen Spitz⸗ ſäulen, ſeine gothiſchen Bogen und Verzierungen an den gewölbten Pforten und tiefen Fenſtern, belehren den Wanderer bei näherer Beſichtigung bald, daß ihn ſeine, vom erſten Anblick dieſes Hauſes hervorgeru⸗ fene Vermuthung nicht getäuſcht hat. Er gewahrt noch das alte geſchweifte Pförtlein in der hohen Mauer mit dem Glockenzug, er betrachtet mit Ehrfurcht die Basreliefs der Heiligenbilder zu beiden Seiten der Pforte, an welchen die Stürme der Zeit, freilich nicht ohne Spuren ihres Daſeins hinterlaſſen zu haben, vorüber gebrauſt ſind. Im Hofe wiederholen ſich die theils gut, theils ſchlecht erhaltenen Gebilde der Got⸗ tesmutter und ihres Sohnes, der Heiligen in verſchie⸗ dener Gruppirung, und zur Rechten ſah man an dem unregelmäßig gebauten linken Flügel des Gebäudes die hohen Fenſter aus buntgemalten, runden Schei⸗ ben, Sternen u. ſ. w. beſtehend, der Kirche, während auf dem kleinen, aber hohen rechten Flügel und im Hauptgebäude mehre Reihen Zellen neben⸗ und über⸗ einander hinliefen. Es war dies das alte St. Cla⸗ renkloſter, einſt von einer frommen Königin Däne⸗ marks geſtiftet, nach der Einführung der lutheriſchen Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xlll. 10 Sk 146 Lehre in Dänemark aber von der Gemahlin Chri⸗ ſtians des Vierten in ein Stift für unverheirathete adlige Damen verwandelt und reich dotirt. Die Ge⸗ gend, in welcher das Stift lag, war keineswegs ſo einſam, wie ſie wegen Mangel an Städten und Ver⸗ kehr hätte ſcheinen können; denn nur eine kleine Strecke vom Kloſter entfernt war eine ſtark frequentirte Ueber⸗ fahrt nach Fünen über den großen Belt, der hier, zwiſchen den beiden Inſeln hindurch, ſeine ſchäumenden Waſſer drängt. Alle Reiſenden, die aus Schleswig und Jüt⸗ land, zum Theil auch aus Holſtein, nach Kopenhagen, oder von da dorthin zurück gingen, paſſirten die Straße am Kloſter vorüber nach den Schifferhütten, welche am Ufer in beträchtlicher Anzahl angebaut waren, um ſich überfahren zu laſſen. Dadurch kam viel Leben und Bewegung in die Umgegend, und es war gar nichts Seltenes, daß Reiſende im Stift einſprachen, um Ver⸗ wandte, Bekannte und Freundinnen unter den Stifts⸗ damen aufzuſuchen. Auch ſaßen dieſe an ſchönen Ta⸗ gen meiſt auf dem eigends dazu hoch über die Mauer hinausgebauten Altan im Kloſtergarten, und muſter⸗ ten mit Blick und Wort die vorüberziehenden Fremden. Vier Jahre nach den zuletzt erzählten Begebenhei⸗ ten ſchritt eines Frühlingstages in der Mittagsſtunde ein rüſtiger Mann auf der Straße von Kopenhagen her. Ein dichter Bart hatte ſich ihm um Kinn und Lippen gekrauſt, ein franzöſiſcher Strohhut ſchützte ihn vor der Sonne, aber nichtsdeſtoweniger war ſein ſchö⸗ nes Geſicht braun gebrannt. Seine einfache Kleidung zeigte einen Seemann an, obgleich er, bis auf die feine, um ſeine Hüften gebundene Schärpe, kein Abzeichen eines Seeofficiers weiter trug. Als er in die Nähe des Kloſters kam, mäßigte er ſeine Schritte und be⸗ trachtete zuweilen ſogar mit Aufmerkſamkeit das Aeußere 147 des Gebäudes, die Mauer des Gartens und die Um⸗ gebung. Je näher er kam, deſto langſamer ging er; es war, als zaudere ſein Fuß gerade am Ziele, als ſcheue er ſich, die Hand nach dem Kleinode auszuſtrecken, nach deſſen Beſitz er über Meere und Länder geeilt, als bange ihm nun vor dem Augenblick, den er ſich als Inbegriff höchſter Erdenſeligkeit geträumt hatte. Sinnend blieb er ſtehen, beide Hände auf den Reiſe⸗ ſtab geſtützt, den er trug, und nur das lebendige Auge eilte von Giebel zu Giebel, von Fenſter zu Fenſter, und doch ſchien es, als nehme er nicht ſowohl An⸗ theil an dem Kloſtergebäude ſelbſt, als beſchäftige ſich vielmehr ſein inneres Auge mit andern Bildern, die, als der Vergangenheit hervortretend, ihn mit der Hoffnung erfüllten, langvergangene Freuden noch ein⸗ mal zu genießen. Endlich trat er an die Pforte; aber er zog nicht an der Glocke, vielmehr ſchweifte ſein Auge die Straße weiter entlang bis zu den Schifferhütten der Ueber⸗ fahrt, und weiter hin über den Belt, und ſuchte am hohen Horizonte die ferne, in Nebel gehüllte Inſel Fünen. Es blieb demnach zweifelhaft, ob das Stift wirklich das Reiſeziel des Wanderers war, oder aber, ob er, nur von einer flüchtigen Laune nach der Pforte hingezogen, ſeinen Stab ſpäterhin noch weiter zu ſetzen gewillt war. Er lag im Kampfe mit ſich ſelbſt und verſank in tiefes Nachdenken. Sicherlich würde er noch lange darin verweilt und zur Oeffnung der Pforte wahrſcheinlich gar keine Anſtalt gemacht haben, ſon⸗ dern nach einiger Zeit weiter des Wegs gezogen ſein, wenn nicht plötzlich die Thüre von innen geöffnet wor⸗ den und eine freundliche Mädchengeſtalt herausgetre⸗ ten wäre. „Was ſteht Ihr hier, Mann?“ fragte die Jung⸗ 148 frau, mehr in ſchwediſcher als däniſcher Mundart. „Wollt Ihr zu einer der Stiftsdamen oder habt Ihr ein anderes Begehr?“ Der Klang dieſer Stimme kam dem Wanderer bekannt vor; er ſuchte und fand mit ſcharfem Blick auch in dem Geſichte der Fragerin Züge, deren er ſich erinnern zu müſſen glaubte; aber er konnte nicht da⸗ mit fertig werden und antwortete:„Wohnt hier ein Fräulein aus Kopenhagen, Namens Friederike von Gabel?“ „Jeſus Chriſtus! Ihr ſeid es ja, Herr Kapitän Norcroß!“ rief das Mädchen und ſchlug die Hände zuſammen.„Kennt Ihr mich denn nicht mehr, gnä⸗ diger Herr?“ „Ich habe Dich wohl ſchon geſehen, Dich auch reden hören, aber doch weiß ich nicht, wer Du biſt.“ „Ei, denkt nur an Euer Gefängniß auf dem Stockbau in Stockholm, an Euern alten Kerkermeiſter und deſſen Tochter.“ „Ach, Du biſt Jane, das arme Kind. Wie aber, um des Himmelswillen, kommſt Du aus Stockholm hier in dieſen Winkel der Inſel Seeland?“ „Ei, hat Euch denn Eure Frau nichts von mir erzählt?“ „Doch, doch, liebes Kind! Wie war's doch? Du kamſt zu ihr, nachdem ich entflohen war, und ſie be⸗ hielt Dich einige Zeit bei ſich.“ 3„Ei freilich! Mein Vater hatte mich ja fortgejagt und mir ſtreng befohlen, ich ſolle ihm nicht wieder vor ———— die Augen kommen. Da fiel mir in meiner Herzens⸗ angſt nichts weiter ein, als zu Euerer Frau zu laufen und ſie um Hülfe anzuflehen. Da erfuhr ich denn auch, wer eigentlich Juel war und weshalb er in unſer Haus ſich gedrängt, der Schelm! Aber lieb 149 hatte er mich doch und ich bin ihm auch treu geblie⸗ ben. Nun ſeht, als ich einige Zeit bei Euerer Frau gedient hatte, da kam ein vornehmes Fräulein aus Kopenhagen nach Stockholm— ſie hatte wohl man⸗ cherlei da zu beſchicken— ſie zu beſuchen und kennen zu lernen. Euere Frau kannte ſie ſchon dem Namen nach; denn es war das Fräulein von Gabel. Sie wurden recht gute Freundinnen. Aber was erzähl' ich Euch bekannte Dinge? Euere Frau hat Euch ge⸗ wiß das Alles umſtändlicher mitgetheilt, als ich's zu thun vermag.“ „Ja, ich weiß es, liebe Jane. Das Fräulein blieb drei Wochen in Stockholm.“ „Und als ſie abreiſete, nahm ſie mich mit ſich, als ihre Dienerin; denn ſie hatte großen Wohlgefallen an mir gefunden und wollte nicht, daß ich Eueretwillen Uebels leiden ſollte. Ich ging auch gern mit ihr und hatte ſie liebl. Was hatt' ich denn auch in Stock⸗ holm zu verlieren? Juel war fort, und ich dachte mir, daß er niemals mehr nach Schweden reiſen werde. Es hat mich nicht gereut, denn ich hab' es gut bei dem Fräulein. Nach Jahr und Tag, als ihr Vater, der Herr Vice⸗Statthalter, geſtorben war, trat das Fräulein hier in den Stift als Ordensdame und nahm mich mit ſich. Seht, Herr Kapitän, ſo bin ich hier⸗ her gekommen.“ „Und wie befindet ſich das Fräulein?“ fragte Norcroß mit zitternder Stimme. „Sie lebt ſtill und eingezogen. Nur zu gewiſſen Zeiten, meiſt alle vier Wochen, hat ſie ihren böſen Tag, da iſt ſie gerade wie toll. Entweder ſchließt ſie ſich den ganzen Tag in ihr Zimmer ein, aber dann hört man ſie laut ſchreien und toben, ſie wirft Tiſche und Stühle umher und ſchlägt um ſich, als habe ſie es mit dem böſen Feinde zu thun und wolle ſich den⸗ ſelben vom Leibe abhalten, oder ſie läuft am Ufer des Belts auf und ab, und Niemand darf ihr in den Weg kommen, ſonſt tractirt ſie die Leute mit Prügeln, die, weil das Fräulein gar ſtark iſt, eben Keinem gut ſchmecken. In dieſem wahnwitzigen Zuſtande hört man ſie oft Euern Namen rufen.“ „Meinen Namen?“ ſprach Noreroß erſchrocken, und als das Mädchen bejahend nickte, fuhr er mit gefaltenen Händen fort:„Daß ſich Gott ihrer und meiner erbarme! Das iſt's, was mich mit Geiſter⸗ ſtimmen hierher ruft, was mich mit unſichtbaren, aber furchtbar ſtarken Ketten hierher zieht.“ „Die übrigen Tage“, fuhr Jane fort, iſt ſie ganz vernünftig, unterhält ſich mit den andern Stiftsdamen, arbeitet und erzählt mir aus ihrem Leben; und da ſpricht ſie gar gern von Euch, Herr Kapitän.“ „O Gott!“ ſeufzte Norcroß. „Nun, kommt nur herein. Die Damen ſind eben noch bei Tiſche. Ich will Euch auf ihr Zimmer führen und ihr eine heimliche Freude machen.“ Mit dieſen Worten zog Jane den Kapitän durch die Pforte und den Hof, die Treppe hinauf über eine Gallerie hin und endlich in ein einfach⸗ſchönes Zimmer. Das Erſte, was Norcroß erblickte, waren ſeine Kleider, welche er der Madame Kragenlund, der gefälligen Kaffeewirthin im Wagen gelaſſen hatte, als er in dem von ihr erhaltenen Anzuge floh, und er verwunderte ſich nicht wenig, wie dieſe Kleider, ein Schlafrock, eine Schärpe, ein Paar Matroſenbeinkleider, in das Zim⸗ mer einer Stiftsdame kamen, und doch trieb ihr An⸗ blick ihm das Blut in größeren Wellen nach dem Herzen. Mit einem bänglichen Gefühl ſetzte er ſich nieder; Jane war ſchon fort, ihrer Herrin den Beſuch 151 eines Fremden zu melden. Nicht lange darauf rauſchte es draußen auf der Gallerie, die Thür ging auf, und Friederike trat herein. Es war noch ihre hohe herr⸗ liche Geſtalt, aber der Reiz der Jugend war aus ihren tiefgefurchten Zügen gewichen, die hehre Glut ihres Auges war ein düſtres Feuer geworden. „Norcroß!“ rief ſie im Tone des Vorwurfs. Was hier in dieſer abgeſchiedenen Klauſe? Treibt Euch Euer böſer Geiſt hierher?“ „Ich weiß nicht, ob mein böſer oder guter“, ver⸗ ſetzte er,„aber ein mächtiger Geiſt iſt's, der mich in Ihre Nähe treibt, mein Fräulein, und dem ich un⸗ möglich zu widerſtehen vermag. Er läßt mir nicht Ruhe, nicht Raſt, nicht Frieden, nicht Heiterkeit, er peitſcht mich über Land und Meer, und wo irgend ein ſtilles Glück mir blühen könnte, da jagt er mich von dannen und treibt mich in Noth und Elend.“ „Armer Freund!“ ſeufzte Friederike. „Nur in Ihrer Nähe verläßt er mich, nur wenn ich in Ihr Auge ſehe, iſt mir wohl, und die Genien der Ruhe ziehen in meine Bruſt ein. Und daß es ſo ſei und auch ſo ſein müſſe, habe ich ſtets geahnet und immer hat mir eine Stimme zugeflüſtert: Geh' zu ihr! Nur bei ihr kannſt Du ruhig und glücklich wer⸗ den. Und da habe ich denn länger das Leben nicht ertragen können, von Ihnen getrennt, und ich bin ge⸗ kommen, Sie anzuflehen, wie eine Heilige. Erlauben Sie mir, daß ich von Zeit zu Zeit von Kopenhagen herüber zu Ihnen kommen und ein paar Stunden in Ihrer Nähe zubringen darf; ich bitte Sie um dieſe Gnade, wie ein bis auf den Tod hungriger Bettler um ein Stückchen Brot. Mein Leben hängt von Ihrer Gewährung meiner Bitte ab; ich kann, ich kann nicht leben fern von Ihnen; das Licht muß erlöſchen, wenn —————————— — 152 es nicht dann und wann Oel aus Ihren Blicken, aus den lebendigen Worten Ihres Mundes ſaugt, womit es ſeine Flamme nähre. Wollen Sie nun einen frem⸗ den Mann, der ſein Leben von Ihnen erfleht, uner⸗ hört zurückweiſen? Nein, das vermögen Sie nicht! Geſchweige denn mich, Ihren Freund, Ihren Geliebten.“ „Schweigt, Norcroß!“ rief Friederike mit abge⸗ wendetem Geſicht.„Woran wagt Ihr mich zu erin⸗ nern?— Aber ſagt, was wollt Ihr in Kopenhagen? Euer Name iſt dort verhaßt, gebrandmarkt. Wollt Ihr Euch dem Beile des Henkers, dem Ihr in Schwe⸗ den entgangen ſeid, leichtſinnig in Dänemark über⸗ liefern?“ „Niemand außer Ihnen weiß Beſtimmtes über jenen Plan, der mir hier Verderben bringen könnte. Wenn auch damals Manches davon in Dänemark verlautet iſt, ſo iſt man doch nirgends auf den rech⸗ ten Grund gekommen und ich kann es überall dreiſt läugnen. Auch ſind ja ſchon faſt ſechs Jahre ver⸗ ſtrichen; die Verhältniſſe haben ſich ſehr geändert, ſo daß Niemand mehr an jenen fabelhaften Plan denkt.“ „Ihr ſcheint Euch die Sache leichter vorzuſtellen, als ſie mir vorkommt; indeſſen angenommen, der be⸗ abſichtigte Prinzenraub wäre vergeſſen, was wollt Ihr in Dänemark?“ „Mein eigentlicher Zweck iſt, in Ihrer Nähe zu ſein, mein Nebenzweck, däniſche Dienſte zu nehmen, um mein und der Meinigen Leben friſten zu können; denn ich bin arm geworden und muß auf Erwerb denken.“ „Seid Ihr aber auch deſſen ſo gewiß, daß Ihr däniſche Dienſte erhalten werdet?“ „Ich werde dem Könige einen großen Plan vor⸗ legen, deſſen Ausführung mich in Gunſt und Brot und Ihre Nähe bringen wird.“ 153 „Darf man dieſen Plan erfahren?“ „Sobald ich zu deſſen Ausführung eile. Verzeihen Sie mir, nicht eher.“ „Ich ehre Euer Schweigen. Wo lebt jetzt Eure Frau und Euer Kind?“ „In Paris bei dem Herzoge von Ormund, der, aus England vertrieben, in Frankreichs Hauptſtadt ſich aufhält.“ „Wie, war die Tochter des Herzogs von Ormund nicht Euere Geliebte, wie Ihr einmal erzähltet?“ „Die reizende Henrica war meine Geliebte und iſt jetzt der Schutzgeiſt meines armen, verlaſſenen Wei⸗ bes, meines halbverwaiſten Kindes. Der Himmel ſegne ſie dafür, wie ſie es verdient!“ „Norcroß, ich werde Euch nicht anders zu mir zu kommen erlauben, als in Geſellſchaft Euerer Frau. Habt Ihr alſo gewiſſe Ausſichten auf Anſtellung in Kopenhagen, und wünſcht Ihr mich dann jezuweilen zu ſehen, wohlan, ſo laßt Euere Frau kommen. Sie iſt meine Freundin geworden, als ich ſie bei meiner, durch Familienangelegenheiten nothwendig gewordenen, Anweſenheit in Stockholm beſuchte. Sie ſoll die Prin⸗ zeſſin Henrica von Ormund nicht hier vermiſſen. Schreibt ihr das.“ „Sie wird mit Freuden in Ihre wohlthuende Nähe eilen, mein Fräulein; denn ſie theilt die hohe und innige Achtung, die ich für Sie hege.“ „Sie iſt ein treffliches Weib, und ich liebe ſie ſehr. Ihre reine, anſpruchloſe Seele hat niemals die Grenzen der Weiblichkeit um ein Haar breit überſchritten. Wollte Gott, ich könnte dies von mir auch ſagen!“ Sie ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne, als wollte ſie dort düſtere Gedanken wegſtreichen. Dann fuhr ſie plötzlich, wie ſich ſelbſt beʒwingend, fort:„Aber ſo erzählt mir doch etwas von Euern Schickſalen! Bis zu Euerer Flucht aus dem Gefängniß in Stockholm habe ich dieſelben theils durch Euere Frau, theils durch meine Jane erfahren. Theilt mir mit, wie es Euch von jener Zeit an bis dieſe Stunde ergangen iſt.“ „Ach, ich bin weit umhergeweſen in dieſen vier Jahren, das Glück— das heißt Ehre und Reich⸗ thum— hat mir mehrmals gelächelt, aber nicht Ruhe; und was iſt Glück ohne Ruhe? Sonnenglut ohne kühlenden Schatten? Ruhe nur find' ich bei Ihnen, und in Ihrer Nähe wird mir das ſchönſte Glück erblühen.“ „Erzählen Sie!“ unterbrach Friederike ſeine Ex⸗ pectorationen unwillig. 14. Rorcroß in Frankreich und Rußland. „Ich kam damals auf einem deutſchen Schiffe mit meinem Jungen nach Frankreich. Wir landeten im Hafen von Dünkirchen, und ich verſäumte nicht, meinen Landsmann und alten Beſchützer und Freund, den Herzog von Ormund, welcher ſeit einigen Jah⸗ ren hier wohnte und viel Vertrieb mit dem in Bar ſur Aube lebenden Prätendenten unterhielt, aufzu⸗ ſuchen und ihm meine Aufwartung zu machen. O Gott, wie empfing mich Henrica mit der alten Herz⸗ lichkeit! In meinem Herzen aber waren die Gluten erloſchen, die ſie einſt angefacht, das Feuer, das mich 155 verzehrt, hat einer andern Sonne ihr Daſein zu verdanken. Der Herzog zeigte ſich nicht minder gütig gegen mich, als ſeine Tochter. Er drang mir ſogleich Woh⸗ nung und Unterhalt in ſeinem Hauſe auf; ich brauchte für nichts zu ſorgen. Inzwiſchen war es mir doch unerträglich, unthätig zu liegen, und überdies ängſtigte mich die Sorge um die Meinigen, die ich den hämi⸗ ſchen Angriffen meiner Feinde in Stockholm bloßge⸗ ſtellt wußte. Zu jener Zeit war der miſſiſſippiſche Handel in Frankreich ſehr blühend. Alle franzöfiſchen Häfen lagen voll von aus Amerika kommenden Schif⸗ fen, und die reiche Ladung brachte reichen Gewinn. Eine Menge mittelmäßiger Köpfe und ſonſt auch un⸗ bedeutender Menſchen, machte täglich ein großes, ſchier unglaubliches Glück; der herbeiſtrömende Reich⸗ thum war unermeßlich. Ich kannte alle die Vor⸗ theile und Kunſtgriffe, welche damals im Schwunge gingen, ich kannte die Schwäche des Grundes, auf welchen dies Glück gebaut war; und ob ich gleich niemals Neigung zum Handelsweſen gehabt hatte, ſo entſchloß ich mich doch, um nur etwas zu treiben und Geld zu verdienen, Antheil an der miſſiſſippiſchen Handels⸗Geſellſchaft zu nehmen, und meiner Frau zu ſchreiben, daß ſie unverzüglich nach Dünkirchen ab⸗ reiſen möchte. Allein der Herzog von Ormund, wel⸗ cher über meine eigentliche Beſtimmung im Klaren war, rieth mir ernſt'ich von dieſem Vorhaben ab und bat mich dringend, mich mit dieſen Leuten nicht ein⸗ zulaſſen, weil ich ſonſt des Aergers und Verdruſſes kein Ende finden und gewiß nur im Böſen von ihnen kommen würde. Der brave Prinz zeigte ſich mir als ein wohlwollender Vater; ich fand bald, daß er Recht 156 habe und ſein Rath ſehr gut gemeint ſei, und ich folgte ihm. Der Herzog that mir vielmehr den Vorſchlag, ein Orlogſchiff der franzöſiſchen Flotte zu führen, und verſprach mir, ſich dergeſta't bei dem Herzog⸗ Regenten für mich zu verwenden, daß mir ein ſol⸗ ches nicht entgehen könne. Sei mir dies aber nicht gelegen, ſo möchte ich eine Bedienſtung an ſeinem kleinen Hofe annehmen und lebenslänglich bei ihm verbleiben. Ich muß geſtehen, weder das Eine, noch das Andere ſtand mir an. Nur ein Gefühl durchflammte wie ein heiliges Feuer meine Bruſt, es war das Be⸗ dürfniß der Rache an meinen Feinden in Schweden, und da nach den veränderten Umſtänden der Krieg zwiſchen Rußland und Schweden mit erneuter Hef⸗ tigkeit und Erbitterung auszubrechen drohte, ſo ging mein ganzes Streben dahin, in ruſſiſche Dienſte zu kommen, damit ich Gelegenheit hätte, meine Rache⸗ plane auszuführen.“ „O ich kenne das Gefühl unbefriedigter Rache,“ ſagte Friederike,„es nagt wie Gift an der Seele. Ich habe es empfunden.“ „Um jene Zeit ging der Herzog mit ſeinem Hof⸗ ſtaate wieder nach Paris. Dort betrieb ich durch den ruſſiſchen Geſandten meine Angelegenheit, und hatte bald die Freude, zu erfahren, daß Hoffnung zu einer Anſtellung beim neuen ruſſiſchen Seeweſen für nich vorhanden ſei. Der Herzog widerſetzte ſich zwar meinem Vorhaben und fragte mich oft, was ich unter dieſer wilden und ungeſchliffenen Nation thun wolle? Aber ich ließ mich nicht davon abbringen. Inzwiſchen war mein Entſchluß und auch die Ur⸗ ſache deſſelben nicht unbekannt geblieben; ich ſcheute meine Frau mit meinem Sohne nach Paris. mich auch gar nicht, meinen glühenden Haß gegen die Gewalthaber überall laut auszuſprechen. Es war kein Wunder, daß man dem ſchwediſchen Geſandten Sparre Alles hinterbrachte. Dieſer Mann bildete ſich ein, es ſtände in ſeiner Macht, mich zu hindern, daß ich nicht in des Zaars Dienſte trete, weil ich ein ſchwediſcher Unterthan ſei. Er ließ mir dies mit mancherlei Drohungen zu wiſſen thun, die ich natür⸗ licherweiſe verlachte und mit ſpitzigen Repliken er⸗ wiederte, ſo daß es zwiſchen uns zu großer Erbitte⸗ rung kam. Da nun Sparre einſah, er werde nichts gegen mich ausrichten können, ſo ſteckte er ſich hinter den engliſchen Geſandten in Paris und brachte ihn, in Betreff meiner, auf ſeine Seite. Dieſer Letztere ließ mir einſt ſagen, er habe gehört, daß ich Willens wäre, bei der ſpaniſchen Flotte Dienſte zu nehmen; er unterſage mir dies, kraft der Gewalt, die er über mich, als einen gebornen Unterthan des Königs von Großbritannien, habe. Darauf antwortete ich, daß mir dergleichen niemals in den Sinn gekommen ſei, ſelbſt wenn ich es aber vorgehabt habe, ſo würde ich, als mein eigner Herr, Niemand in der Welt darum befragt haben. Die Wirkung dieſer Antwort hatte ich bald zu verſpüren. Auf einem Spaziergang auf den Boulevards wurde ich in der Abenddämmerung von Häſchern ergriffen und auf die Feſtung Fort Evéque geſchleppt. Dort erhielt ich ein elendes Loch zur Wohnung, aber die franzöſiſche Höflichkeit er⸗ laubte nicht, daß ich als ein Verbrecher gehalten würde, ſondern als ein braver, rechtlich geſinnter Mann, der ſich unter die Liſt und Gewalt ſeiner Feinde ſchmiegen mußte. Einige Tage nach meiner Gefangennehmung kam Auch —————— 158 ihr begegnete man überall mit Artigkeit, zuvorkom⸗ mender Hochachtung, und— da mein Schickſal all⸗ gemein bekannt worden war— mit Mitleid, und trug ihr vielfach an, ſich für mich zu verwenden. Sie ließ es auch nicht an Bitten und Vorſtellungen feh⸗ len; die Theilnahme, welche ſie fand, kam mir zu gut. Vor allen aber raſtete der Herzog von Ormund nicht eher— und das vorzüglich auf Henrica's Antrieb — bis er mir die Freiheit wieder verſchafft hatte. Die Bosheit der Geſandten war vernichtet, ſie muß⸗ ten mich zu ihrem großen Aerger ſchon nach einigen Wochen wieder auf freiem Fuße ſehen. Ich um⸗ armte mein Weib in des Herzogs Hauſe, wo auch ſie wohnte, und wir Beide erhielten ſchöne Beweiſe der edelſten Freundſchaft vom Herzog ſowohl, als auch von ſeiner Tochter. Aber nicht die Bitten und Thränen meiner Frau, nicht Henrica's Bitten, nicht des Herzogs Vorſtellun⸗ gen, nichts in der Welt konnte mich jetzt vermögen, meinen Vorſatz, nach Rußland zu gehen, aufzugeben. Die neue ſchwediſche Niederträchtigkeit des Geſandten Sparre gegen mich hatte Oel in die Flamme meines Haſſes und meiner Rache gegoſſen. Ich ließ Frau und Kind in Paris beim Herzog und empfahl ſie dem Schutze des Allmächtigen. Ich ſelbſt ging mit einem Schiffe nach Petersburg. Der Zaar Peter nahm nich ſehr gnädig auf; er erinnerte ſich meiner ſogleich von der Jagd her, wo ich das Vergnügen hatte, Sie, mein Fräulein, zuerſt kennen zu lernen, jener unvergeßlichen Jagd, die der däniſche Kronprinz dem ruſſiſchen Zaar gab, und wo ich, von fremdem Willen getrieben, der Sonne mich zuerſt nahete, die mich nachher verſengte.“ 3 2 159 „Nur weiter! Wir wiſſen ja!“ ſagte das Fräu⸗ lein mißmuthig. „Peter nimmt bekanntlich talentvolle Fremde gern in ſeine Dienſte; er ſchätzt ſich glücklich, unter zwöl⸗ fen einen brauchbaren Mann zu finden. Kaum hatte ich ihm meine böſen Schickſale in Schweden, nach Karls XII. Tode, erzählt, als er mir ſogleich eine Kapitänſtelle bei der Flotte antrug. Dieſe Gnade machte mir viele Feinde, vorzüglich unter den Einge⸗ bornen. Aber die Gunſt des Zaars und des Herzogs von Holſtein, der mich von Schweden aus gut kannte und mir Beweiſe ſeiner Neigung zu mir gab, machte mich ſicher. Alle die Seeleute, welche ſich durch meine ſchnelle Erhebung zurückgeſetzt glaubten, und denen ich ſonach ein Dorn im Auge war, arbeiteten heimlich, mich zu verderben, und verſuchten den Viceadmiral Gordin gegen mich aufzubringen. Dies war nicht ſchwer; denn er war ein Schotte von Geburt und glaubte ſchon deshalb alle gebornen Engländer ex ofücio haſſen und verfolgen zu müſſen. Hernach zogen ſie aber auch alle Kapitäne und Kapitänlieutenants auf ihre Seite, welche geborne Dänen waren. Alle dieſe Leute mochten nicht leiden, daß ich ein Schiff vom erſten Range führte und beim Zaar und ſeiner näch⸗ ſten Umgebung freien Zutritt genoß, die ſie doch nicht anders als nur mit Mühe ſprechen konnten. Aber ich kann nicht läugnen, mein Name war vor mir in Rußland bekannt wordeu und der Zaar brauchte keinen Menſchen zu fragen, wer ich wäre und was ich früher getrieben. Er war wohl davon unterrichtet. Zu dieſer Zeit, nämlich im Herbſte 1721, kam zu meinem Verdruſſe der Friede mit Schweden zu 160 Stande. Alle meine Hoffnungen wurden dadurch ver⸗ nichtet. Zwar hätte ich in einer glänzenden Lage in Rußland bleiben können; denn als nach dem für ihn höchſt vortheilhaften Nyſtädter Frieden mit Schweden der Zaar den Titel als Kaiſer und den Namen Pe⸗ ter der Große annahm, hätte es von meiner Seite nur eines Wortes bedurft, ſo wäre ich Commandeur geweſen und hätte Haus und Landgut bekommen. Aber ich ſah keine meinem Gemüthe angemeſſene Be⸗ ſchäftigung für mich, und Ruhe oder ein friedliches Geſchäft war mir unerträglich. Was ſollte mir ein gemächliches Leben? Wen die Geiſter der Rache und leidenſchaftlicher Liebe über die Erde jagen, dem zünden ſie den Boden an, auf dem er ruhig hau⸗ ſen will. Ich muß geſtehen, ich faßte einen Widerwillen gegen den Zaar, als er ſich ſelbſt Peter den Großen nannte; auch ſchien mir's nicht ohne Grund, als ob er ſich verwandelt habe; wenigſtens zeigte er ſich nicht mehr gegen mich ſo leutſelig als erſt, und ich mußte Aeußerungen von ihm hören, die ich an jedem Erdengott verabſcheue. Ich nahm alſo ohne Wei⸗ teres meinen Abſchied und reiſete nach Frankreich zurück.“ — 161 45. Norcroß in England und Frankreich. „Kaum hatte ich wieder einige Wochen bei mei⸗ ner Frau zugebracht, als mir von mehrern Seiten glänzende Anerbietungen gemacht wurden. Mein Name war wie ein Licht aus der Dunkelheit aufge⸗ taucht, und in mehr als einem europäiſchen Kabinette war von mir die Rede. Früher ſchon, eh' ich nach Rußland gegangen war, hatte mir der Cardinal Alberoni nicht allein große Summen bieten laſſen, wenn ich in Dienſt der ſpaniſchen Krone treten würde, ſondern er ließ ſie mir auch unverzüglich auszahlen. Noch glänzender waren die Verſprechungen, die er mir nun machte, nachdem er durch Frankreichs Ein⸗ fluß in Ungnade bei ſeinem König gefallen war. Dadurch wurde ich in den Stand geſetzt, ein eigenes Haus zu machen und brauchte nicht mehr von der Gnade des Herzogs von Ormund zu leben. Ich hatte viele Freunde und Bekannte in Paris, und täglich ſtrömten Menſchen bei mir ein und aus, die meine Bekanntſchaft ſuchten. Um dieſe Zeit erhielt ich zu meinem Erſtaunen ein höflich abgefaßtes Einladungsſchreiben vom Hauſe der Lords in London, mit den nöthigen Sicherheits⸗ päſſen zur Hin⸗ und Rückreiſe. Das Oberparlament ſchrieb mir, man finde ſich bewogen, mir wegen mei⸗ ner künftigen Bedienſtung großmüthige Vorſchläge zu thun, die mir gewiß annehmbar ſein würden. Es lag nicht im Plane des Cardinals Alberoni, mich damals gleich zu beſchäftigen; ich hatte, wie ſchon 11 Storch, ausgew. Romane u. Novellen Klll. 162 erwähnt, nicht Ruhe noch Raſt in mir, ſodann war ich auch curiös, zu erfahren, was die Herren, die ſtets meine Feinde geweſen waren, alſo umzuſtimmen vermocht hätte, und ihre Vorſchläge zu hören, ob⸗ gleich ich keinen derſelben, ſie mochten ſein, welche ſie wollten, annehmen konnte und mochte; endlich war mir dieſe Gelegenheit erwünſcht, mein Vaterland und meine Jugendfreunde wieder zu ſehen und mich nach dem Schickſale meiner Mutter zu erkundigen. Ich hatte ja die feſteſte Zuſicherung einer völligen Sicher⸗ heit in Händen und ergriff die ſich mir darbietende Gelegenheit mit Freuden, einmal nach England hin⸗ über zu ſchwärmen. Es war zu Anfang Decembers, als ich nach London kam und mich vor das Haus der Pairs ſtellte. Ihr Anerbieten beſtand in nichts Geringerm, als ihnen den Prätendenten lebendig in die Hände zu liefern. Durch ihre Spione hatten ſie nämlich erfahren, daß ich mich je zuweilen ſehr miß⸗ füllig über dieſen vorgeblichen Sohn Jakobs II. aus⸗ geſprochen hatte. Es iſt wahr, ich hatte in der Hitze des Geſprächs über dieſen Gegenſtand jezuweilen Aeußerungen gethan, die dahin zielten, daß ich, welch ein ſtarker Anhänger an die Sache der Stuarts ich auch geweſen wäre, doch niemals mich für die Sache des Prätendenten erklären würde, und daß es mir überhaupt jetzt ganz gleichgültig ſei, wer in England herrſche. Solche Worte waren nach London verlautet — denn ich war überall umlauert— und die Her⸗ ren Lords gründeten Hoffnungen darauf, die ich zu rechtfertigen keineswegs gewillt war. Als ich ihnen meine Meinung rund herausſagte, daß ich mich zur Ausführung ihres Planes niemals würde gebrauchen laſſen, ſuchten mich einige Lords erſt durch Verſpre⸗ chungen, Schmeicheleien und Ehrenbezeigungen zu ge⸗ 163 winnen, hernach aber durch Drohungen zu erſchrecken; ich blieb bei beiden ſtandhaft. Im Begriff, London wieder zu verlaſſen, wo ich einige Wechen mit alten Bekannten gut gelebt hatte, erhielt ich plötzlich einen wunderlichen Beſuch. Miß Roſamunde Palmerſton trat in mein Zim⸗ mer, frenndlich wie die Maienſonne und angethan mit aller zuſammengeborgten Liebenswürdigkeit. Ohne viel Umſtände ſprach ſie von ihrer heftigen Leiden⸗ ſchaft zu mir, die ſie früher zu Fehlgriffen veranlaßt habe, die aber nun, ſobald ſie von meinem Aufent⸗ halt in London vernommen, in ihrer ganzen Stärke ⸗ wieder erwacht ſei. Ich möchte alles Geſchehene ver⸗ geſſen und der Herr ſowohl ihrer Perſon als ihres Vermögens werden. Man brauche ja, um glücklich zu ſein, des ohnedies ſehr albernen Ehebandes nicht, es ſei ſogar durch die Erfahrung hinlänglich beſtä⸗ tigt, daß die Ehe dem wahren Glück zweier in Liebe brennenden Herzen hinderlich in den Weg trete. Die mir angeborne Artigkeit gegen das weibliche Geſchlecht, die ich ſelbſt dem verworfenſten Individuum gegen⸗ über nicht verläugnen kann, erlaubte mir nicht, ihr ſo auf dieſen Antrag zu antworten, wie die Unver⸗ ſchämtheit deſſelben verdient hätte. Ich ſagte ihr blos, daß meine Verhältniſſe mich nöthigten, England wieder zu verlaſſen. Darauf erwiederte ſie, ſie wolle mit mir reiſen bis an's Ende der Welt. Sie ver⸗ lange ja weiter nichts von mir, als nur in meiner Geſellſchaft zu leben; ſie wolle ſich ganz an meinen Willen binden u. ſ. w. Ohne mich auf die Unter⸗ ſuchung einzulaſſen, wie wahr und aufrichtig dieſe ausgeſprochenen Geſinnungen ſein möchten, dachte ich in jenem Augenblicke nur an mich ſelbſt und meine Liebe zu Ihnen, mein Fräulein, und erwog die Mög⸗ 164 lichkeit, daß ich über kurz oder lang in dem Falle ſein möchte, um die Gunſt Ihrer Geſellſchaft betteln zu müſſen, wie Roſamunde um die meinige bettelte, und dieſer Gedanke ließ mich alle Härte gegen ſie ver⸗ geſſen. Ich ſagte ihr, daß wir die Sache näher be⸗ ſprechen wollten, daß ich ihr einen Beſuch machen werde, jetzt eben aber eine Vorſtellung beim Miniſter habe, und ſo brachte ich ſie glücklich fort. Eine Stunde darauf hatte ich London im Rücken und eilte nach Lancaſhire. Nun komme ich an eine Scene, die ich Ihnen nicht rührend genug ſchildern kann. Ich ſah nämlich meine Mutter wieder; ſie kannte mich nicht mehr, aber als ich mich zu erkennen gab, ſtürzte ſie, außer ſich vor Freude, mir an die Bruſt und herzte und küßte mich, wie ſie mir vor zwanzig Jahren gethan hatte. Sie ſah geſund und wohl aus, ſtand im zweiundfunfzig⸗ ſten Lebensjahre und konnte noch für eine angenehme Frau gelten. Der Wohlſtand, in welchen ſie durch ihre zweite Heirath gekommen war, hatte ſie gut con⸗ ſervirt. Der alte Edelmann, ihr Gatte, ein guter beſchränkter Mann, freute ſich ebenfalls über meine Ankunft in ſeinem Hauſe und ſchätzte es ſich für eine Ehre, mich anſtändig zu bewirthen; denn der Ruhm meines Namens war bis in ſein einſames Haus gedrungen. Ich mußte ihm und meiner Mutter meine Schickſale erzählen, und ich fand an ihnen theilneh⸗ mende Zuhörer. Ich muß ſagen, daß mir einige Tage in ſo reiner Glückſeligkeit verſtrichen, wie ich ſie auf Erden wenig genoſſen habe. Es war mir in der Nähe der lieben Frau, die mich geboren und erzogen, als ſchwiegen alle Stürme in meiner Bruſt, und als wolle der lang entbehrte Frieden im Sonnenglanz meines nun anbrechenden heitern Lebentages einziehen 165 in meine Bruſt, um ſie, die von ſo vielfachen Schmer⸗ zen zerriſſen war, zu kühlen und zu heilen. Ich er⸗ zählte den Alten viel von meiner Frau und dem Kna⸗ ben, den ſie mir geboren, und ſie weinten Thränen der Freude, und meine Mutter ſehnte ſich, ihren En⸗ kel zu umarmen. Mein Stiefvater that mir den Vor⸗ ſchlag, mein Weib und Kind nach England kommen zu laſſen und bei ihm zu wohnen. Er wolle mich an Kindes Statt annehmen und zum Erben ſeines nicht unbeträchtlichen Vermögens einſetzen. Kaum war er mit ſeinem wohlgemeinten Antrage fertig, als es mir war, als ſeien plötzlich alle die entſchkummerten Geiſter der Unruhe in mir aufgewacht und fingen an, mich mit erneueter Kraft zu quälen und von dannen zu treiben. Die gewaltige Sehnſucht nach Ihnen, Friederike, der Wunſch nach Rache an meinen Fein⸗ den in Schweden, ſtiegen wie Vamphyre aus ihren Gräbern, ſchälten ſich aus dem Leichentuche, in welche ſie das häusliche Glück und die mir durch mütterliche Liebe gewordene Zufriedenheit einiger Tage gehüllt hatten, und begannen ihre alte Kraft an mir aus⸗ zuüben. Nichtsdeſtoweniger kam mir der Antrag mei⸗ nes Schwiegervaters ſo lockend vor; die aufrichtigen Thränen, womit meine Mutter mich beſchwor, bei ihr zu bleiben und der Troſt, die Freude ihres Alters zu werden rührten mich ſo ſehr, daß ich ernſtlich beſchloß, mein wildes Gemüth zu bezwingen, ihrer Bitte zu willfahren und die Meinigen nach England kommen zu laſſen. Ich dachte mir nun ſchon nicht anders, als daß ich in dem Lande, in der Gegend mein Le⸗ ben beſchließen würde, wo es begonnen hatte. Und hatte ſich denn nicht auch der Grund, welcher mich daraus vertrieben hatte, gehoben? Zwar hielt ich den König Georg noch für einen Thronenräuber, aber — 166 ich kannte keinen Menſchen auf der Welt, der ein nä⸗ heres Recht an die engliſche Krone gehabt hätte, als er. Das machte mich gegen die Regierung gleich⸗ gültig. Die Frende meiner Eltern über meinen Ent⸗ ſchluß war groß. Ich machte ſchon Anſtalten, meine Frau zu benachrichtigen und dem Cardinal Alberoni aufzuſagen, da ſchickte der Präfect der Landſchaft in Mancheſter einen geheimen Boten an meinen Stief⸗ vater— beide waren Freunde— mit dem gutge⸗ meinten Winke, ich möchte mich ſo ſchnell als möglich aus dem Staube machen, weil er dieſer Tage beſtimmt den Befehl erhalten werde, mich feſtzunehmen und ge⸗ fangen nach der Hauptſtadt zu führen. Eine vor⸗ nehme Dame habe dort Klage gegen mich erhoben, und da ich mich den Wünſchen des Parlaments nicht gefügt, ſo ſei es um ſo geneigter, mich die Strenge des Geſetzes fühlen zu laſſen. Das war wieder ein Gewitterſchlag aus heiterm Himmel. Ich wußte wohl, woher er kam und er erinnerte mich noch zur rechten Zeit, daß ich nicht wagen dürfe, auf Erden an Ruhe und häuslich ſtilles Glück zu denken, ſondern daß meine Beſtimmung eine ganz andere ſei, welcher ge⸗ horſam zu folgen ich mich denn auch ohne Weiteres anſchickte, zumal ich von der Gerechtigkeit meiner Rich⸗ ter in London nicht viel zu erwarten hatte, die ja durch dieſe ſchöne Gelegenheit ein Häkchen erhalten hatten, wo ſie mich mit einem Scheine von Recht faſ⸗ ſen, mir den Prozeß machen und ihre Rache befrie⸗ digen konnten. Ich nahm von meinen erſchrockenen Eltern Abſchied; meine Mutter zerfloß in Thränen, ihren ſchnell aufgefaßten Lieblingsplan ſo, unerwartet geſtört zu ſehen. Ich konnte ihr keinen Troſt geben, ich war ſelbſt tief erſchüttert, und mit blutendem Her⸗ zen gingen wir von einander. In Liverpool beſtieg 167 ich ein franzöſiſches Schiff und entkam glücklich nach Frankreich. Hier fand ich neue Geldſummen und Briefe von Alberoni, aber auch zugleich einen Brief vom König von Schweden. Er war von des Königs eig⸗ ner Hand unterſchrieben und mit dem Reichsſiegel be⸗ drückt, und enthielt das Verſprechen, daß ich in den Dienſten des Königs gebraucht werden ſollte, eine Sache von der größten Wichtigkeit auszuführen. Mein verlornes Eigenthum werde mir ſogleich bei meiner Ankunft zurückgeſtellt werden, ich ſtehe unter des Kö⸗ nigs Schutz und genieße vollkommene Sicherheit mei⸗ ner Perſon und Güter, die mir durch dies Doeument, ſo wie durch die beiliegenden Päſſe zugeſichert und verbürgt ſeien. Ich war über ſolches Anerbieten nicht wenig verwundert, wie Sie ſich denken können, doch hörte ich bald, daß ſich gegen den allmächtigen Horn eine ſure Glge gebildet habe, an deren Spitze der Gruf Gyllenborg ſtehe. Mir leuchtete ein, daß dies die ſchönſte Gelegenheit ſei, an meine Feinde an Ort und Stelle zu kommen, und überdies durfte ich mich ja auf das königliche Gelöbniß meiner Sicher⸗ heit verlaſſen. Ich dachte mit Wolluſt daran, mitten unter meine zähnefletſchenden Gegner zu treten. Meine Frau wünſchte ſelbſt, wieder in ihrem Vaterlande zu ſein und in ihrem Geburtsorte zu wohnen, an wel⸗ chem ihr Herz hängt. Sie wollte aber nicht ſogleich mit mir reiſen, ſondern erſt abwarten, ob ich auch ein ſicheres Auskommen in Schweden finden e Ich machte meine Anſtalten, mit dem neuen Frühling dorthin zu reiſen; das Herumſchwärmen gewährte mir ja allein noch Vergnügen. Das Geld aber achtete ich nicht, es war ja ſpaniſches und leicht verdient. Aber es war, als ſollte ich keinen Beſchützer behalten; denn kurz darauf erhielt ich die Nachricht von dem gänz⸗ 4 168 lichen Sturze Alberoni's. Er war eigentlich ſchon ein Jahr vorher durch die bekannte Laura Piscatori bei ſeinem Könige in Ungnade gefallen, wie Sie wohl wiſſen werden, er hatte aber geglaubt, durch geſchickte Ausführung eines großen Planes ſich wieder hinein zu ſetzen, und dieſe Ausführung hatte er durch mich bewirken wollen und mich deshalb ſo fleißig unterſtützt. Nun aber war Alles aus und ich hatte auf nichts mehr zu rechnen. Deshalb wurde ich um ſo geneig⸗ ter, auf die Vorſchläge des Königs von Schweden einzugehen. Das Anliegen des engliſchen Parlaments an mich war unterdeſſen in Paris auch bekannt geworden, ich hatte deſſen kein Hehl gehabt; da hingen ſich nun die Jakobiter ſchaarenweiſe an mich und ließen ſogar ein Tedeum für mich ſingen, daß ich ihnen ihren treffli⸗ chen Prätendenten nicht entführt habe. Ich verachtete ihren Abgott und ſie; denn meiſt ſind es feige, nichts⸗ nutzige Menſchen, die, trotz ihres Geſchwätzes, doch niemals etwas für ihren vermeintlichen Königsſohn thun. Wie der Herr, ſo die Knechte. Ich ließ das Volk gehen und ſchwieg; denn wenn ich auch die Wahrheit geſagt hätte, ſie hätten mir nicht geglaubt und mich verketzert und verfolgt.“ — 169 16. Rorcroß' Ausſicht auf eine Rönigskrone. „Im April des vorigen Jahres reiſete ich nach Schweden ab. In Stockholm angekommen, ſtellte ich mich vor den König, der mich freundlich aufnahm und mir eröffnete, daß ich dem Zuge der Auswanderer nach Madagascar vorſtehen und dort eine bedeutende Charge bekleiden ſollte. Dies war mir zu hören ſehr erfreulich. Ich muß Ihnen aber auseinanderſetzen, was es mit dieſem Zuge für eine wunderliche Be⸗ wandtniß hatte. Noch zu Lebzeiten des Königs Karl XII. und, wenn ich nicht irre, zwei Jahre vor dem unglücklichen Ende dieſes großen Monarchen, wandten ſich die Be⸗ ſitzer von Madagascar an ihn, um ihm die Hoheit über dieſe große afrikaniſche Inſel anzutragen und ſich dafür ſeinen Schutz zu erbitten. Dieſe Beſitzer aber waren nichts weiter, als eine Geſellſchaft euro⸗ päiſcher Freibeuter, Leute, faſt aus allen Nationen, welche Schifffahrt treiben; die meiſten Schweden und Dänen. König Karl verachtete ihren Antrag nicht ganz und dachte daran, ihnen ein von ſich abhängi⸗ ges Oberhaupt zu geben und ſie bei demjenigen Ei⸗ genthum zu ſchützen, welches ſie durch ihre perſönliche Tapferkeit erobert hatten. Der König hat ſogar ein⸗ mal flüchtig über die Madegaſſen mit mir geſprochen, gleich nachdem ſie ihre Geſandtſchaft an ihn geſchickt hatten, und vielleicht war wohl gar in ſeiner nächſten Umgebung davon die Rede geweſen, daß ich zum Herrn und Fürſten von Madagascar geeignet ſei; etwas der⸗ 170 gleichen läßt ſich wohl aus dem mir gemachten An⸗ trage ſeines Nachfolgers ſchließen. Als die Sache wieder aufgegriffen wurde, hatte ſich gewiß dieſer und jener von den Großen des Reichs an den Plan des Königs Karl erinnert, dadurch war auch ich den Leu⸗ ten wieder in's Gedächtniß gekommen, und aus die⸗ ſem Umſtande iſt das gnädige Handſchreiben des Kö⸗ nigs Friedrich zu erklären. Durch ſeine andern großen Pläne und letzten Kriege war König Karl's Blick ganz von Madagascar abgezogen worden, vie hülfloſen Leute hatten ſich alſo an Dänemark, Schutz flehend, ge⸗ wendet, und hier war es vorzüglich ein Mann, den ſie für ſich zu gewinnen wußten. Sie kennen ihn, mein Fräulein, es war der ehemalige franzöſiſche Ge⸗ neralpächter Jean Henri Huguetan, der nunmehrige Graf Gyldenſtern, Ritter des Danebrogordens und Günſtling des Königs von Dänemark. Durch dieſen Mann ſuchten ſie auf den König zu wirken, welchem ſie die Oberhoheit über Madagascar und die ihnen ebenfalls gehörige Inſel St. Maria antrugen, ihm Tribut zu geben verſprachen und begehrten, daß er ſie dafür mit zwei Fregatten vertheidige. Allein der ſtolze König dieſes Landes war nicht ſo klug und weitſehend, wie der Schwede Karl; er wollte mit Leu⸗ ten nichts zu thun haben, die von allen europäiſchen Nationen verachtet würden, und ſchlug ihr Geſuch ab. Nach König Karl's Tode wandten ſie ſich nun an den neuen Schwedenkönig. Die Gyldenborg'ſche Partei ſtimmte für die Unternehmung; ſie hielt die Inſel für einen herrlichen Ort, Leute dort aufzubewahren, die ihr zuwider ſeien; ſie vermochte auch den König, an mich zu ſchreiben. Die Horn'ſche Partei war dage⸗ gen, und als ich nach Stockholm kam, wogte der Kampf beider Parteien hin und her. Der ſchwache 171 König war heute gyllenborgiſch geſinnt und den an⸗ dern Tag horniſch; hunderterlei andere Dinge, die für Schweden weit wichtiger waren, als Madagascar, waren ebenfalls zwiſchen den Parteien ſtreitig, und dieſe Nebenſache wurde über den ſteten Streit ver⸗ geſſen. Die Horner mochten den König wohl auch wieder herumgekriegt haben, kurz ich lag bis zu Ende des vorigen Jahres, neun ganzer Monate, in Stock⸗ holm und am Ende wurde doch nichts daraus. Ge⸗ wiß würde ich viel eher wieder abgereiſt ſein, wenn ich nicht die Idee eines Zugs nach Madagascar mit ganzer Seele ergriffen hätte; es war mein höchſtes Verlangen, das Ziel aller meiner Wünſche, der Kö⸗ nig jener herrlichen Inſel zu ſein. Ueberdies hatte ich nicht die mindeſte Ausſicht auf ein Unterkommen, Alberoni's Geld ging ſtark auf die Neige, und ich erhielt von einigen Gönnern in Stockholm nichts als die ſchönſten Vertröſtungen. Der Graf Gyllenborg ſelbſt ſprach mehre Male mit mir darüber und bat mich, noch Geduld zu haben, er werde den Zug doch durch⸗ ſetzen; aber er ſetzte nichts durch. Dies machte mich höchſt mißmuthig; auch hatte ich noch andere Ver⸗ drießlichkeiten mit meinen Feinden, an denen mir niemals Gelegenheit ward, mich ſo recht nach der glühenden Begierde meines Herzens zu rächen. Der alte wüthende Menſchenhaß erwachte wieder in meiner Bruſt; ich hätte das Weltmeer vergiften mögen. Im Sommer kam auch der Schiffer Früß aus Kopenhagen zu mir nach Stockholm, der während meiner Gefangenſchaft auf dem Holm in Kopenhagen mein gütiger Schließer und Oberprofoß geweſen war. Es war ſpäterhin— Gott weiß durch welchen Zu⸗ fall oder Umſtand, bekannt geworden, daß ich Nor⸗ croß geweſen ſei— Früß war ſehr hart beſtraft und 172 ſeines Dienſtes entſetzt worden; die gefällige Madame Kragenlund, die mir fortgeholfen, hatte ebenfalls eine bedeutende Geldſtrafe erleiden müſſen.“ „Ich habe ihr dieſelbe erſetzt“, fiel hier Friederike ein.„Ich konnte nicht zugeben, daß Eueretwegen Je⸗ mand zu Schaden komme. Auch der alte verſoffene Früß hat Unterſtützungen von mir erhalten. Freilich zu ſeinem Dienſte konnte ich ihn nicht wieder verhel⸗ fen, den er auch mit Recht verloren hatte und zu welchem er gänzlich untauglich war. Die Kaffeewirthin hat mir für die Strafgelder Euere Kleider ausgeliefert; denn als ſie hörte, daß Ihr ſchon beweibt ſeid, wollte ſie nichts mehr von Euch wiſſen, ſelbſt Euere Kleider nicht ſehen. Auch kann ich Euch ſagen, wie Euer wahrer Name bekannt geworden war; einer Eurer Mitgefangenen hatte Euch gekannt und ſpäter, als Ihr entwiſcht wart, verrathen, wer Ihr eigentlich ge⸗ weſen ſeid.“ „Früß hielt ſich an mich“, fuhr Norcroß fort, „und hatte guten Grund dazu; denn er hatte mich in meiner Gefangenſchaft ausnehmend wohl behandelt und ich ihn durch meine Flucht von Dienſt und Brot gebracht. Es ging mir zu Herzen, daß ich ihn in ſeinem Alter in einem ſo erbarmungswürdigen Zu⸗ ſtande ſehen mußte. Damit ich ihm zu etwas behülf⸗ lich ſein möchte— denn ich ſelbſt konnte ihm nicht viel geben— ſo ging ich mit ihm zum Oberſten der königlichen Trabanten und bat denſelbeu, daß er dieſem unglücklichen alten Mann erlauben möchte, einmal früh Morgens mit mir zum Könige zu gehen. Der Oberſt⸗ lieutenant Bourmann, der Andern gern diente, wenn es in ſeiner Macht ſtand, gab hierzu die Erlaubniß, und ich nahm Früß mit mir in des Königs Gemach. Der König begegnete ihm freundlich und ließ ſich ſein 173 Unglück erzählen. Indem trat der Graf Löwenhaupt, einer meiner Gegner, herein. Da war nun Niemand weiter als genannter Oberſtlieutenant Bourmann zu⸗ gegen und ich. Der Graf nahm den König beim Arme und führte ihn in's nächſte Zimmer, woraus ich nicht viel Gutes für Früß und mich ahnete. We⸗ nige Minuten darauf kam er allein zurück und ſagte zu mir mit zornigem Geſichte, wie ich mich unterſtehen könne, ſolch' einen Mann, wie der Schiffer Früß, vor die Augen eines Königs zu bringen? Ich hatte eine derbe Antwort gleich bei der Hand, aber er wollte ſie nicht hören und verließ uns augenblicklich. Früß war ſehr niedergeſchlagen über den ſchlechten Zuſtand ſeiner Sachen und ich verwirrt über des Grafen im⸗ pertinentes Betragen. Ich ſuchte Früß zu tröſten und verſprach ihm, Alles für ihn zu thun, was in meinen Kräften ſtehe. Ich lief alſo gleich zum General Ar⸗ nold, däniſchen Geſandten in Stockholm, und bat ihn dringend, daß er doch ſeinem unglücklichen Landsmann helfen möchte. Der General ſagte, daß er nichts für ihn thun könne. Drauf erwiederte ich, daß ihm Un⸗ recht geſchehen ſei, und gab mich ſelbſt als den Flücht⸗ ling zu erkennen, um deſſentwillen Früß in's Elend gekommen ſei. Ich erzählte den Verlauf der Sache, der Wahrheit gemäß, und vermeldete zugleich, daß ich jener Kapitän Norcroß wäre, welchen man, da der Krieg noch währte, in Verdacht gehabt habe, daß er den Kronprinzen von Dänemark habe rauben wollen. Ich hielte dafür, daß die Falſchheit dieſes Verdachtes nunmehr genugſam am Tage liege; und da ich zeither von der heftigſten Sehnſucht gequält wurde, in Ihrer Nähe zu leben, mein Fräulein, ſo fragte ich den ſich mir ſehr freundlich zeigenden General, ob ich wohl mit Sicherheit nach Dänemark reiſen könne, um des 174 Königs Majeſtät einen höchſt wichtigen Vorſchlag zu thun, welcher durch mich leicht ausgeführt werden könne, und zu welchem der König das Vermögen in Händen habe. Er antwortete hierauf: Ich ſetze meines Königs und meine eigne Ehre zum Pfande, daß Sie in Dänemark ſicher ſein ſollen. Niemand in unſerm Lande ſoll die Macht haben, Ihnen ein Leid zuzufü⸗ gen.— Ich redete noch viel mit dem General dar⸗ über, und er munterte mich zu meinem Unternehmen auf. Ich fühlte auch in meinem Innern, daß ich bald etwas Tüchtiges thun müſſe, wenn ich nicht ganz mit mir ſelbſt zerfallen ſollte. Was es nun auch immer ſei, es mußte einen großen Charakter haben. Meine Seele war in Nacht und Haß gehüllt. Nach einiger Zeit hielt ich bei dem Könige von Schweden um einen Reiſepaß an, und gab vor, da aus dem Zug nach Madagascar doch nichts würde, nach England hinüber zu gehen. Der König, um ſein an mir begangenes Unrecht wieder gut zu machen, war ſo gnädig, mir außer dem Paß noch einen Brief an den König von Großbritannien mitzugeben, von welchem ich freilich keinen Gebrauch machen konnte. Meine Abreiſe verzog ſich aber bis zu dieſem Früh⸗ jahr. Der General Arnold, der mir unterdeſſen ſehr gewogen geworden war, gab mir einen Brief an Ihren Bruder mit, mein Fräulein, an den Vice⸗Admiral und Kammerherrn von Gabel.“ „Da ſeid Ihr freilich an den Rechten addreſſirt worden“, ſagte Friederike mit Spott. „Ich kam nach Kopenhagen, es ſind nun drei Wochen, und verfügte mich ſogleich zum Kammerherrn und Vice⸗Admiral von Gabel. Er empfing mich freund⸗ lich und bekräftigte, was mir General Arnold ver⸗ ſprochen hatte; überdies fügte er noch das eigne Ver⸗ 175 ſprechen hinzu, daß er mir, meinem Geſuch zufolge, Gelegenheit verſchaffen wollte, den König zu ſprechen.“ „Traut ihm nicht, Norcroß!“ warnte Friederike. „Es giebt keinen falſchern Menſchen, als meinen Bru⸗ der. Er weiß, daß Ihr derſelbe ſeid, der mich vor ſieben Jahren raubte, und wird Euch das nie verzei⸗ hen, ſondern vielmehr heimlich an Euerm Untergange arbeiken. Doch weiter!“ „Ich wartete dem Kammerherrn zu verſchiedenen⸗ malen auf und erwartete jedesmal, das mir verheißene Glück zu genießen; aber es kam nicht dazu, und er machte hunderterlei Ausflüchte. Vielmehr ſuchte er von mir herauszulocken, welchen Vorſchlag ich dem König zu thun habe; aber ich ſagte ihm nichts. Auch Andre ſuchten an mir zu forſchen, doch eben ſo ver⸗ geblich. Zuletzt ſtellte ich dem Kammerherrn vor, daß ich wenig Geld mit nach Kopenhagen gebracht, und nicht Willens wäre, mich hier in Schulden zu ſetzen, er möchte mir alſo rein herausſagen, ob ich Hoffnung haben könnte oder nicht. Er verſetzte: Euere Unko⸗ ſten ſollen Euch nicht nur wieder erſtattet werden, ſondern Ihr ſollt noch überdies eine anſehnliche Be⸗ lohnung für Euern guten Willen erhalten. Hierauf ſtellte ich dem Kammerherrn vor, daß ich ganz zuver⸗ läſſig wäre benachrichtigt worden, daß mich Spione umgingen, daß ich alſo nicht länger in Kopenhagen bleiben könne, indem es mir ſchaden würde, wenn zu Zedermanns Wiſſen käme, ich führe etwas Großes im Schilde, ehe ich mit meinem Anſchlage ſo weit ge⸗ kommen, daß es in Niemandes Macht mehr ſtünde, denſelben zu nichte zu machen. Ich wäre alſo geſon⸗ nen, als ein Reiſender nach Helſingoer zu gehen. Sollte etwas vorfallen, ſo möchte er mir's wiſſen laſſen; wo nicht, ſo würde ich Dänemark wieder ver⸗ 176 laſſen. Eigentlich lag mir weniger daran, nach Hel⸗ ſingoer zu gehen, als nur ohne Aufſehen aus Kopen⸗ hagen und zu Ihnen zu kommen, Friederike. Ich hatte ausgekundſchaftet, wo Sie lebten, als ich Sie zu meinem Schrecken nicht mehr in Kopenhagen fand. Es trieb mich mit Allgewalt fort. Ich mußte Sie ſehen, Sie ſprechen. Mein heißeſter Wunſch iſt er⸗ füllt, mag nun werden, was da will. Ich habe den Wagen halben Wegs verlaſſen; er fuhr nach Helſin⸗ gver; ich aber bin zu Fuße hierher gewandert, und hier bin ich und flehe um Gnade.“ „Ich fürchte, Noreroß, Ihr habt ſehr unbeſonnen gehandelt, daß Ihr Euch in ein Land gewagt habt, wo Euer nichts Gutes warten kann. Seid verſichert, daß jeder Euerer Schritte belauert wird. Man hat auch mich in Verdacht gehabt, aber mit Blick und Wort hab' ich ſie niedergeſchmettert, die Feiglinge. Jetzt wagt ſich Keiner mehr an mich. Aber Euch kann es um ſo eher Verderben bringen, wenn ſie erfah⸗ ren, daß Ihr in irgend einem Verhältniſſe zu mir ſteht.“ „Ich fürchte nichts, wenn ich Ihnen nahe ſein darf. Mein gefährlichſter Feind iſt der in meiner Bruſt. Und dieſer iſt geſchlagen und beſiegt, und liegt ohnmächtig, gefeſſelt von der Gewalt Ihrer Blicke.“ „Ihr habt nicht wohlgethan, Kapitän. Wir hat⸗ ten auf ewig Abſchied genommen; wir hätten uns nicht wiederſehen ſollen. Nun habt Ihr die unterirdiſchen Geiſter beſchworen, wundert Euch nicht, wenn ſie herauf⸗ ſteigen und Euch mit Rabenflug umkreiſen. Mir bangt vor Euch! Mein eigner Bruder wird Euch verderben. Hört meinen Rath: Flieht eilig aus dieſem Lande, wo Euch niemals ein Glück blühen kann.“ „Nur mit Dir, Friederike!“ rief Norcroß und ſtürzte zu ihren Füßen. 177 „Seid Ihr raſend? Denkt an Weib und Kind!“ „Maß mich der Tod hier treffen! In Ihrer Nähe ſterben wird mir Wonne ſein.“ „Armer Unglücklicher!“ ſagte Friederike, beugte ſich und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn. 17. Rorcroß' verwegene Vorſchläge. Der Kanzleirath Bredal wurde in des Kronprin⸗ zen Zimmer eingeführt. Der Kammerherr Gerd von Raben und der Kammerherr von Gabel waren bei dem Königsſohne ſchon zugegen. „Was habt Ihr mit dem verwegenen Menſchen ausgerichtet?“ fragte die Hoffnung Dänemarks. „Er iſt nicht in die Schlinge gegangen, königliche Hoheit“, verſetzte der Kanzleirath mit devotem Bück⸗ ling und Lächeln.„Zwar traf ich ihn in Helſingver, allein er verſicherte, daß er die Stadt nicht verlaſſen würde, wenn er nicht das ſchriftliche Verſprechen des Herrn Kammerherrn von Gabel ſähe, daß er mit des Königs Majeſtät würde reden können.“ „Nun, ſo gib ihm das Verſprechen, Gabel, und wenn er kommt, nehmen wir ihn beim Kopfe“, ſagte der Kronprinz phlegmatiſch. „Dies geht unmöglich, königliche Hoheit. Ein ſol⸗ ches Verfahren würde General Arnold nicht gut heißen und ſeinen Poſten gewiß augenblicklich niederlegen; denn Arnold gab dem Norecroß das Verſprechen der Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Klll. 12 — 178 Sicherheit, und ſetzte ihm des Königs und ſeine Ehre ein, und Arnolds Wort muß ſogar einem Freibeuter gehalten werden. So lange Norcroß nicht freiwillig in's Gefängniß geht, dürfen wir ihm kein Haar krümmen.“ „Ihr müßt Euere Sache ſehr unklug angefangen haben, Bredal!“ ließ der Kronprinz dieſen an. „Ew. königliche Hoheit halten zu Gnaden, ich that Alles, was in eines Mannes Kräften ſteht, um ihn zu bewegen, daß er nach Bornholm ſich freiwillig in Arreſt verfügen möchte. Ich gab vor, es ſolle ja blos eine Spiegelfechterei ſein, um die Aufmerkſamkeit des Königs auf ihn zu ziehen, und er werde dadurch ſeinen Zweck jedenfalls ſchneller und ſicherer erreichen, als wenn er ſich auf das ungewiſſe Warten lege. Ich zeigte mich ihm als ſein innigſter und theilnehmendſter Freund, ich gab ihm Geld, zog mit ihm umher, machte ihn auf alle Weiſe treuherzig, aber ſo oft ich mit meinem Antrage herausrückte, wies er denſelben ent⸗ ſchieden zurück.“ „Auch den Vorſchlag, welchen er meinem königli⸗ chen Vater thun will, habt Ihr nicht von ihm heraus⸗ gelockt?“ „Ich bedaure! Aber Norcroß iſt ſchlau und gibt die Sache für ein Geheimniß aus, das er nur des Königs Majeſtät entdecken könne. Das Einzige, was ich von ihm erfahren habe, iſt, daß er ſchon einige⸗ male im königlichen Frauenſtift beim Fräulein Frie⸗ derike von Gabel, des Herrn Kammerherrn Schweſter, geweſen iſt.“ „Halloh!“ platzte jetzt der Kammerherr von Ra⸗ ben heraus,„laßt den Schurken niederſchießen, oder ich vergreife mich mit eigner Hand an ihm.“ „General Arnolds Wort muß in allen Fällen hei⸗ 179 lig gehalten werden“, verſetzte Gabel,„nicht dieſes Schuftes wegen, der meine Familie in Schande bringt, ſondern des Generals wegen. Wir können nichts thun, als den gefährlichen Freibeuter ſo ſchnell als möglich aus dem Lande ſchaffen.“ „Nicht eher, als bis wir wiſſen, was er dem Kö⸗ nige gen will“, bemerkte der Kronprinz. „Das tönnen wir leicht erfahren“, verſicherte Ga⸗ bel,„ohne des Königs Mjeſ mit dieſem Erz Spitz⸗ buben zur Laſt zu fallen.“ „Wie ſo?“ fragte der Kronprinz. „Wir laſſen einen von Euerer Hoheit Lakaien die Perſon des Könige vorſtellen. Wenn es etwas Er⸗ hebliches iſt, ſo können wir's nachher immer ausführen; außerdem er ſogleich das Land räumen.“ „So ſoll es geſchehen!“ ſagte der Kronprinz. „Dabei haben wir auch noch ein kleines Vergnügen. Schreibt ihm nach Helſingver, daß er ſich ſogleich hier⸗ her verfügen ſoll.“ „Wie Ew. königliche Hoheit befehlen“, erwiederte der Kammerherr ſich verbeugend und ging.— „Pfui über die Gabel!“ rief Raben, als der Bru⸗ der ſeiner ehemaligen Braut fort war,„mich zu ver⸗ ſchmähen und ſich mit einem Freibeuter, einem See⸗ räuber abzugeben, mit einem gemeinen, verworfenen Menſchen. Pfui! Zetzt rächt ſich ihr Stolz fürchter⸗ lich an ihr. Einen Seeräuber einem Kammerherrn vorzuziehen! Pfui!“ „Tröſte Dich, Raben; Du haſt nicht allein einen Korb von ihr erhalten. Und wenn Noreroß wirklich jener Engländer iſt, der ſie uns einmal auf ſo ori⸗ ginelle Weiſe von der Jagd nach Stockholm entführte fürwahr, ſo iſt ihr Geſchmack ſo übel ehen. nicht.“ 12 — 180 Aber trotz des Kronprinzen Tröſtung rief der Kammerherr und Geheimerath:„Pfui!“ Und er ging und traf ſeine Anſtalten, um auf ſeine eigne Fauſt eine kleine Privatrache an Norcroß zu nehmen. Sobald dieſer nämlich auf Gabels Einladung nach Kopenhagen gekommen war, in der Hoffnung, den König zu ſprechen, ließ ihn Raben mit ſeinen Krea⸗ turen umgeben, und hintertrieb es beim Kronprinzen ſo lange als möglich, daß die beſprochene Komödie nicht geſpielt wurde. In eigner Perſon verfügte er ſich auf das Kaffeehaus der Frau Kragenlund, von deren Handel mit Norcroß er gehört hatte, er ließ ſich ſogar herab, dieſer Frau den Hof zu machen, Alles, um ſie zu einer Klage gegen Norcroß aufzuhetzen. Nun hatte Frau Kragenlund aber nicht den mindeſten Rechtsgrund zu einer ſolchen Klage; denn die Straf⸗ gelder hatte ſie vom Fräulein von Gabel zurückerhal⸗ ten, und wegen eines gebrochenen Eheverſprechens konnte ſie wiederum nichts anhängig machen, weil ſo⸗ wohl ſie, als auch er, verheirathet war; inzwiſchen brachte Raben, mit Hülfe anderer Schlauköpfe, doch etwas heraus; ſie ſollte ihn verklagen, daß er ihr einige Pretioſen geſtohlen habe. Ehe es aber dazu kam, ging geraume Zeit hin, und Raben verſuchte unterdeſſen andere Wege, Norcroß etwas anzuhängen. Er beauftragte ſeine Leute, ſich auf Gaſſen und Plätzen, in Wirthshäuſern und im Hafen an den Kaperkapi⸗ tän zu drängen, ihn durch ein gaſtfreies Benehmen für ſich zu gewinnen und ihn zu verleiten, daß er ſich irgend heftige Aeußerungen über die Könige von Dä⸗ nemark, Schweden und England erlaube, oder ſonſt eine Unvorſichtigkeit begehe, die ihn den Händen der Polizei überliefere. 181 Aber obgleich Norcroß wegen Geldmangel die Frei⸗ gebigkeit ſeiner Geſellſchafter benutzte, ſo war er doch ſo ſchlau, die Schlingen, die ihm gelegt wurden, zu merken, und benahm ſich ſo pfiffig, daß er den König lobte und herausſtrich, wenn die Andern ſchimpften, daß er Alles entſchuldigte, was die Andern tadelten. Kurz, er wußte ſich ſtets ſo gut zu ſalviren und an⸗ dere Erbärmlichkeiten mit Muth und Unerſchrockenheit abzuweiſen, daß alle ihn umgebenden Schufte vor ſeinen Piſtolen eben ſo großen Reſpekt bekamen, wie vor ſeiner Schlauheit. Norcroß hatte endlich dem Kammerherrn von Ga⸗ bel erklärt, er werde abreiſen, wenn ſein Geſuch nicht gefördert werde; da ſchritt der Kronprinz mit ſeinem Anhange dazu, den ſchlauen Kaperkapitän zu betrügen. Eines Morgens wurde ein Diener des Kronprin⸗ zen, welcher in der Geſtalt mit dem Könige einige Aehnlichkeit hatte, herausgeputzt und inſtruirt, was man um ſo eher wagen konnte, da man durch den Kanzleirath Bredal herausgebracht hatte, daß Noreroß den König noch nie geſehen. Es verſammelte ſich eine Anzahl vertrauter Hofleute von des Kronprinzen An⸗ hang, um dem Luſtſpiele beizuwohnen und zu erfahren, was der weltberühmte Freibeuter Wichtiges zu ent⸗ decken habe. Hierauf ſchickte Gabel ſeinen Diener zu Norecroß, um ihn ſchleunigſt holen zu laſſen. Dieſer war eben im Begriff abzureiſen, er wollte noch einmal zu Frie⸗ deriken, den Stern ſeines Lebens, um aus den Strahlen deſſelben Stärke zu trinken, er wollte ſie bitten, ſich ſeiner Frau und ſeines Kindes anzuneh⸗ men, welchen er auf Friederikens Begehr nach Frank⸗ reich geſchrieben hatte, daß ſie nach Dänemark kommen ſollten, damit, wenn er fort ſei, um ſich ein Glück 182 zu ſuchen, die Seinigen nicht dem Mangel und dem Elende Preis gegeben ſein möchten; er wollte ihr ſeine hülfloſe Lage offen darlegen, wie man dem Her⸗ zensfreunde zu thun pflegt, und dann wieder fort nach Frankreich reiſen, wo er immer noch ſeine beſten Freunde wußte. Allein Gabel's Bote, welcher ihm ſagte, des Ks nigs Majeſtät ließe ihn befehlen, ſogleich vor Höchſt⸗ denſelben zu kommen, indem der König mit ihm ſpre⸗ chen wolle, änderte ſeinen Vorſatz. Wenn der Menſch an der Ausführung eines nothgedrungenen, entſchei⸗ denden Planes ſteht, und eine zufällige Einwirkung von außen, gerade im letzten Augenblicke der Wahl, ihm irgend eine günſtige Ausſicht auf ein beſſeres Glück gibt, ſo iſt er leicht geneigt, dieſe Einwirkung für eine göttliche Fügung zu halten, und wähnt darin die Erfüllung aller ſeiner Wünſche, das Ziel all' ſeines Strebens zu ſehen. Er vertraut blindlings auf die Unfehlbarkeit der Beſtimmung des Schickſals und gibt ſich den ſüßeſten Hoffnungen hin. So erging es jetzt dem ſonſt ſo mißtrauiſchen und vorſichtigen Norcroß. Er träumte plötzlich goldne Tage und ſchmeichelte ſich nicht allein, ſein eignes Glück auf feſte Grundlagen zu bringen, ſondern auch Andern wieder aufhelfen zu können. Sein dankbares Herz dachte an den alten verlaſſenen Schiffer Früß in Stockholm. Und augenblicklich ſchickte er nach einem Schreiber, um eine Bittſchrift zu Früß's Gunſten an den König aufſetzen zu laſſen. Hiermit verſtrich einige Zeit, und die luſtige Geſellſchaft des Kronprinzen glaubte ſchon, Norcroß habe etwas von dem Handel gemerkt und werde nicht kommen Schnell wurde alſo der Kanzleirath Bredal abgeordnet, und erhielt ſogar einen Wagen des Kronprinzen, mit dem Befehl, den 183 Kaperkapitän durchaus mitzubringen. Norcroß war eben noch mit dem Schreiber beſchäftigt, und erſtaunte nicht wenig, daß man ſeiner jetzt ſo preſſirt verlange, da er doch früher ſo lange vergeblich um eine Audienz gebeten habe, und ihm nun ſogar noch einen königli⸗ chen Wagen ſchicke. Dieſer Umſtand machte ihn ſtutzig; aber er konnte ſeinen Argwohn unmöglich ausſprechen und überhaupt nichts thun, als mitfahren. Der Wa⸗ gen hielt im königlichen Schloſſe vor der Wohnung des Kammerherrn von Gabel. Norcroß wurde von Bredal hineingeführt. Eine Anzahl Hofherren war hier verſammelt, welche den berühmten Freiheuter mit dreiſt⸗neugierigen Blicken betrachteten. Gabel empfing den Kaperkapitän mit gewohnter glatter Freundlichkeit, führte ihn in ein Nebenzimmer und ſagte zu ihm: „Kapitän, unſer König verlangt mit Euch zu ſprechen. Ich bitte Euch deswegen, daß Ihr die Wahrheit vor Sr. Majeſtät ausſagen wollt. Ihr könnt es ohne Furcht thun; denn er iſt ſehr gnädig und wird Euch ohne die wichtigſten Urſachen ſeinen Zorn nicht fühlen laſſen.“ „Wenn ich vor gekrönten Häuptern ſtehe,“ ver⸗ ſetzte Norcroß,„ſo verbietet mir die Ehrfurcht, etwas anders als die ſtrengſte Wahrheit zu ſagen; aber wenn ich mit Andern ſpreche, ſo ſage ich nicht Alles, was ich weiß, ſondern nur das, was ich ohne mei⸗ nen Nachtheil entdecken kann. Denn wenn ich Dinge von Wichtigkeit einem offenbaren wollte, der ſie zu wiſſen verlangt, ſo würde ich unvorſichtig handeln und verdiente alle die ſchlimmen Folgen, die daraus nothwendig entſtehen müſſen. Könige allein haben das Recht, einen Blick in das Innerſte meines Her⸗ zens zu thun. Jedoch bitte ich Ew. Excellenz, daß Sie zugegen ſein wollen, wenn ich mit Sr. Majeſtät „ 184 rede, und Alles anhören, was ich ſagen werde, aber mit dem Bedinge, daß Sie es keinem einzigen Men⸗ ſchen entdecken.“ „Deſſen mögt Ihr verſichert ſein!“ ſagte der Kammerherr. „Ferner habe ich noch zu erinnern, daß, wo⸗ fern Se. Majeſtät meinen Anſchlag verwerfen ſollte, Alles für todt und nichtig angeſehen werden muß, und gleichſam als wäre niemals davon die Rede ge⸗ weſen. Wenn hingegen mein Vorſchlag gutgeheißen und für nützlich und thunlich angenommen wird, und ich in Stand geſetzt werde, denſelben auszuführen, ſo gelobe ich Ew. Excellenz, daß meine Erkennllichkeit gegen Sie jederzeit Ihrer mir geleiſteten Gefälligkeit angemeſſen ſein wird.“ „Es iſt ſchon gut, Kapitän,“ verſetzte der Kam⸗ merherr lächelnd,„wir wiſſen, daß Ihr ein chrlicher Mann ſeid.“ Hierauf wurde Norcroß von einigen der anwe⸗ ſenden Herren im Schloß weiter nach den angeblich königlichen Zimmern geführt. Gabel ging voraus, die Andern folgten. Man machte ihm endlich weiß, er befinde ſich im Antichambre des Königs; es war aber das des Kronprinzen. Gabel ging in das in⸗ nere Gemach. Nach einigen Minuten wurde Noreroß hineingeführt. Die hintern Thüren ſtanden auf und dorthin hatte ſich der Kronprinz mit ſeiner Geſell⸗ ſchaft verſteckt. Der Diener, welcher den König ſpielte, war gut angeputzt, aber der Menſch erſchrak vor des Kaperkapitäns unerſchrockenem Anſehn, vor dem kühnen Blicke des feurigen Auges, welches den Kampf der Elemente auf dem empörten Meere und das Feuer der Seeſchlacht mit Ruhe zu überſchauen gewohnt war, und der ſchlechte Schauſpieler hatte, L 7 185 von ſeiner eignen Nichtigkeit, einem ſolchen Manne gegenüber, plötzlich erfaßt, eine Anwandlung von Scheu. Noreroß ſchien ihn auch gar nicht zu beach⸗ ten, ſondern ging gerade auf den Kammerherrn von Gabel los. „Dies iſt Se. Majeſtät der König!“ ſagte dieſer auf den erſchrockenen Diener deutend und dieſen mit einem Blicke befehlend, daß er beſſer in ſeiner Rolle ausharre. Norcroß betrachtete den vermeintlichen König verwundert und zweifelhaft. Der Gedanke an Vetrug fuhr ihm durch die Seele.* Auf einen zweiten gebieteriſchen Blick des Kam⸗ merherrn begann der Pſeudo⸗König mit unſicherer Stimme:„Ihr habt Unſern Pardon und königliche Gnade.“ „Ich erkenne Ew. Majeſtät Großmuth in tiefſter Ehrfurcht an,“ verſetzte Norcroß, über dieſe Anrede verdutzt.„Was in dem letzten Kriege zwiſchen Ew. Majeſtät und des höchſtſeligen Königs von Schweden Majeſtät, deſſen verpflichteter Diener ich war und welchem ich in allen, den Krieg angehenden Befeh⸗ len, unbedingt Folge zu leiſten hatte, von mir ge⸗ ſchehen iſt, kann nicht auf meine Rechnung geſchrieben werden; denn ich habe für den König gehandelt, wel⸗ chem ich meine Dienſte verkauft und Treue geſchwo⸗ ren hatte. Ich würde für Ew. Majeſtät, wäre ich in Höchſtdero Dienſten geſtanden, eben ſo gethan ha⸗ ben. Ich muß bemerken, daß ich im Krieg und unter den Waffen erzogen bin, und daß das Waffenhand⸗ werk meine einzige Kunſt iſt. Doch aber glaube ich in keinerlei Hinſicht etwas verſehen zu haben. Denn wenn mich mein hitziges Blut auch zuweilen zu küh⸗ nen Thaten getrieben, ſo geſchah es doch nur darum, weil meine eigene Ehre es mir vorſchrieb und das 186 Kriegsgeſetz es mir erlaubte. Wohl ſind mir von meinen Herren und Vorgeſetzten viele wichtige An⸗ ſchläge und Pläne anvertraut worden, doch habe ich ſie ſtets als heilige Geheimniſſe bewahrt und Nie⸗ mandem offenbart. Wohl weiß ich aber, wie viele Feinde ich habe, ſowohl in Schweden, als in Eng⸗ land, Frankreich und auch in Ew. Majeſtät Staaten, von welchen einige ſo ſehr auf mich erbittert ſind, daß ſie mir nach Ehre und Leben trachten, und keine Gelegenheit ungenützt vorüberlaſſen, um ihren ver⸗ ruchten Anſchlag gegen mich in's Werk zu ſetzen.“ „Lebt deshalb in gänzlicher Sicherheit,“ entgeg⸗ nete der Königsfigurant, welcher während der langen Rede, womit Norcroß ſeine Verlegenheit zu bemän⸗ teln ſuchte, Muth bekommen hatte.„Niemand ſoll die Macht haben, Euch in Unſern Staaten etwas Arges zuzufügen. Was auch geſchehen ſein mag, es ſei Euch verziehen. Nun ſagt Uns, welchen wich⸗ tigen Vorſchlag Ihr Uns zu machen habt. Wir werden Euch ein geneigtes Ohr ſchenken und, nach Befinden der Umſtände, Euch Unſere königliche Ent⸗ ſchließung wiſſen laſſen.“ „Ich habe ein Jahr lang in ruſſiſchen Dienſten geſtanden,“ begann Norcroß mit gedämpfter Stimme, „und als Kapitän eines Schiffes oft und viel Ge⸗ legenheit gehabt, um die Perſon des jetzigen Kaiſers zu ſein und deſſen Lebensgewohnheiten täglich und ſtündlich zu beobachten. Auch iſt mir jede Bucht im finniſchen Meerbuſen bekannt und mit der Gegend um St. Petersburg bin ich ſo vertraut, als wär's meine Vaterſtadt. So weiß ich nun, daß der Zaar Peter jeden Morgen noch in der nebligen Frühe auf den Schiffszimmerplatz am Meere zu gehen, und ehe noch die Arbeitsleute kommen, Alles in Augenſchein 187 zu nehmen pflegt. Der Zaar hat alsdann niemals mehr als zwei Perſonen bei ſich, und iſt in ſchlichten Kleidern, ſo daß, wer ihn nur in ſeiner kaiſerlichen Pracht geſehen hat, ihn hier ſchwerlich wieder erken⸗ nen würde. Wenn mir nun Ew. Majeſtät eine ge⸗ doppelte däniſche Schaluppe, mit ſechszehn bewaffneten Leuten beſetzt, anvertrauen wollten, ſo würde ich, mit Ew. Majeſtät höchſter Genehmigung, von der Zoll⸗ bude gerade nach St. Petersburg übergehen, mich Nachts auf dem Zimmerplatze geſchickt verſtecken und früh die Gelegenheit erſehen, den Zaar in die Scha⸗ luppe zu locken, mich ſeiner dort bemächtigen und herüber nach Kopenhagen als Gefangenen bringen. Damit wäre aller Krieg zu Ende und ganz Däne⸗ mark geholfen.“ Als der Königsſpieler auf dieſen ſonderbaren Antrag nichts antwortete und auch nichts zu antworten wußte, fuhr Norcroß noch verlegener fort:„Sollte übrigens Ew. Majeſtät an dieſem Vor⸗ ſchlage kein Wohlgefallen finden, ſo erlaube ich mir, Höchſtdenenſelben noch ein zweites Project vorzulegen. Die ruſſiſche Flotte wird unter des Zaars eigener Leitung täglich größer und bedeutender, und wenn Ew. Majeſtät dieſer ſo emſig betriebenen Vergröße⸗ rung ruhig zuſieht, ſo wird Dänemark in wenigen Jahren mit Schrecken gewahren, worauf das Alles hinausläuft, auf nichts Geringeres nämlich, als auf die Eroberung aller nordiſchen Reiche. Ich habe es oft aus Peters eignem Munde gehört, daß er ſich ſchmeichelt, bald in allen ſchwediſchen, däniſchen, eng⸗ liſchen und deutſchen Häfen zu befehlen und bei ſei⸗ nen Mitteln und ſeinem Unternehmungsgeiſte iſt ihm dies ſo unmöglich eben nicht, wie es auch für den erſten Blick unbegreiflich ſcheinen möchte. Es iſt da⸗ her zur Sicherheit Dänemarks höchſt nothwendig, daß 188 die wachſende Uebermacht der ruſſiſchen Flotte in ih⸗ rem Keime zerſtört werde. Niemand in Ew. Majeſtät Staaten kann dies beſſer bewerkſtelligen als ich, Nie⸗ mand hat das Einſehen, Niemand den Muth dazu. Auf Ew. Majeſtät Befehl ſtecke ich die ganze ruſ⸗ ſiſche Flotte in Brand, daß auch kein Segel davon übrig bleiben ſoll, und Dänemark und alle andern nordiſchen Reiche ſind gerettet. Belohnt will ich nicht eher ſein, als bis ich das Werk gethan; dann aber bitte ich um eine feſte Anſtellung beim Seeweſen.“ Der Pſendo⸗König, froh, daß ſeine ängſtliche Rolle zu Ende ging, ſagte:„Wir werden Uns die Sache überlegen und Euch dann Unſern Willen wiſſen laſſen.“ Er winkte mit der Hand, und Norcroß wurde hinausgeführt. Der Kronprinz trat hervor und ſagte, mehr erſchrocken, als ſpaßhaft:„Dieſer Noreroß iſt der verwegenſte Menſch, der mir jemals zu Geſicht gekommen iſt; erſt hat er Euere Schwe⸗ ſter geſtohlen, Gabel, dann hat er mich ſtehlen wollen und nun will er gar den ruſſiſchen Peter ſtehlen. Ich bitte Euch, ſchafft, daß dieſer gefährliche Kerl aus dem Lande kommt. So lang' ich ihn in Däne⸗ mark weiß, hab' ich keine frohe Stunde mehr, weil ich immer fürchten muß, er ſtiehlt mich oder den König, oder wohl gar uns Beide und fährt uns nach Petersburg hinüber. Mir grauſt vor ihm. Gebt ihm Reiſegeld; ich will's aus meiner Schatulle be⸗ zahlen, und laßt ihm dafür ein Document unterſchrei⸗ ben, daß er bei Gefängnißſtrafe ſich niemals mehr auf däniſchem Grund und Boden betreten laſſe.“ 189 48. — Neue Anglücksſchläge. Norcroß kam mit ſich ſelbſt zerfallen in ſeiner Wohnung an; es gereuete ihn, ein Wort von ſeinen menſchenfeindlichen Plänen entdeckt zu haben. Aber noch denſelben Abend wurde er durch die Ankunft ſeines Weibes und Kindes in Kopenhagen erfreut. Sie ließ ihn in den Hafen holen, wo der unglück⸗ liche Kaperkapitän mit einem Gemiſch von Freude und Wehmuth die gute Dina umarmte, welche ſeinet⸗ wegen wieder weite Reiſen gemacht hatte. Mit der Inbrunſt zärtlicher Liebe umſchlang ſie den ihr ſo theuern Mann, von welchem ein widriges Schickſal ſie ſchon längere Zeit getrennt hatte, als ſie mit ihm hatte zuſammenleben können. Ihre Thränen floſſen reichlich, ach! und Norcroß war wenig im Stande, ſie zu tröſten; denn noch niemals waren— ſeiner eignen Anſicht nach— ſeine Sachen ſo ſchlecht be⸗ ſtellt, ſeine Ausſichten ſo kümmerlich geweſen, als eben jetzt. Die Frende des Wiederſehens, nach ſo langer Trennung, wurde dem Kapitän durch die ſtille Be⸗ ängſtigung getrübt, Weib und Kind in einer Stadt, in einem Lande zu ſehen, wo ihnen ſo leicht Wider⸗ wärtigkeiten zuſtoßen konnten, gegen die ſie zu ſchützen er weder Macht noch Mittel hatte, und wo ſie ſeinet⸗ wegen von Vielen würden gehaßt, ja verfolgt wer⸗ den. Der einzige Stern in der Nacht ſeines Kum⸗ mers war Friederike von Gabel; auf ſie vertraute er, als auf ſeinen Engel in der Wüſte. Eine andere bittere Empfindung, die ſich in das Gefühl ſeiner 190 Freude ſtahl, war, daß ihn der blondgelockte Knabe an Dina's Hand nicht mehr kannte, und ſie ſcheu fragte, ob der bärtige Mann der Vater ſei? Es war demnach nicht die ſüße Freude, welche das Wiederſehen zwei verbundenen Herzen nach lan⸗ ger Trennung zu einem Silberblick des Lebens macht, es war nicht die hohe Wonne liebender Begrüßung, mit welcher Norcroß ſeine Dina in ſeine ärmliche Wohnung führte, nicht die hohe Vaterfreude, mit welcher er ſein ihn ſcheu anblickendes und ſeine Lieb⸗ koſungen nicht erwiederndes Kind auf ſein hartes Lager trug. Und mußte der Gedanke einen Mann nicht verſtimmen, der Wohlleben gewohnt war und ſein Weib bis jetzt noch an nichts hatte Mangel lei⸗ den ſehen, der Gedanke, daß mit ihr nun die Noth bei ihm einziehe, und er nicht wiſſe, wovon er ſie ernähren ſolle? Schon am andern Morgen entſchloß er ſich zu einem Schritte, zu welchem ihn nur die Noth zwin⸗ gen konnte. Niemals hatte er ſich mit Handel be⸗ ſchäftigt, und wenn er den bedeutendſten Gewinn vor Augen geſehen hatte, ja, aller kaufmänniſche Speku⸗ lationsgeiſt war ihm verhaßt. Jetzt aber, da all' ſein Geld verzehrt war, da es ihm am Nöthigen mangelte, trieb ihn die Nahrungsſorge, die Sorge für Weib und Kind, ein Handelsgeſchäft zu etabliren. Bekannt genug waren ihm die Wege, durch den See⸗ handel Geld zu verdienen, aber er mußte ein Kapital zum Anfang und ein eignes Schiff haben. Er ſchrieb alſo an einen reichen Kaufmann in Dünkirchen, wel⸗ chen er im Hauſe des Herzogs von Ormund kennen gelernt, und der ihm oft zugeredet hatte, ein Han⸗ delsetabliſſement mit ihm auf gemeinſchaftliche Koſten zu unternehmen. Er erbot ſich, einen Contract mit 191 ihm einzugehen, fragte, ob er Wechſel auf ihn zie⸗ hen dürfe, und ſetzte den Plan ſeiner beabſichtigten Unternehmungen in ein klares Licht. Dieſer Plan war, ein altes Schiff zu kaufen, nach fremden See⸗ häfen mit den Produkten nordiſcher Länder zu fahren und dort zu tauſchen, zu verkaufen, einzukaufen. Noreroß hatte das feſte Vertrauen, daß das Unglück ihn nicht weiter verfolgen könne, daß er auf der See nicht verſinken oder zu Grund gehen werde, und in dieſem Glauben hatte er ein Schiff im Handel, deſſen Gebrechlichkeit Leben und Glück anzuvertrauen die tollſte Verwegenheit war. Der Brief ging noch denſelben Tag ab, in fünf bis höchſtens ſechs Tagen konnte die Antwort da ſein. Bis zu dieſer Zeit wußte Norcroß nichts Beſ⸗ ſeres zu thun, als ſeine Frau dem Fräulein von Gabel zuzuführen. Er miethete faſt mit dem letzten Reſte ſeiner Baarſchaft einen Wagen und fuhr nach dem Stifte. Es war ein rührender Anblick, als Dina in Friederikens Armen lag, herzlich begrüßt von der edlen Jungfrau, und in des Kapitäns Augen traten Thränen Dina weinte viel, ſie kannte Friederikens Leidenſchaft für Norcroß. Es war für ſie ein weh⸗ müthiger Gedanke, daß ſie dem irdiſchen Glücke zweier Menſchen im Wege ſtehen mußte, welche augenſchein⸗ lich für einander geſchaffen waren, und zugleich er⸗ füllte ſie Friederikens Liebe zu ihr, die Sorgfalt, mit welcher das Fräulein jedem ihrer Wünſche zuvorkam, mit reiner Freude. Norcroß machte der Freundin kein Hehl aus ſei⸗ ner Lage, und ſie tröſtete Beide mit Wort und That. „Ich bin die unumſchränkte Herrin meines Vermö⸗ gens,“ ſagte ſie,„es ſteht Euch zu Gebot, Kapitän. Was ich bis zum Ende meines Lebens brauche, er⸗ halte ich im Stifte. Die Einkaufsſumme iſt ſchon lange von mir abgetragen. Sucht Euch mit dem zu helfen, was ich Euch bieten kann. Ich brauche Euch nicht zu verſichern, daß ich mein Eigenthum als das Eurige betrachte; Ihr wißt das ohnedies.“ „Ich wußte es,“ verſetzte Norcroß;„denn ich tenne Ihre Großmuth. Erlauben Sie mir aber, daß ich nicht eher von derſelben Gebrauch mache, bis mir alle andere Mittel fehlgeſchlagen ſind. Gönnen Sie mir die Genugthuung gegen mich ſelbſt, mich ſo lange durch eigne Kräfte zu erhalten, als möglich. Was ich für mich ſelbſt ausſchlage, erbitte ich für meine Dina und meinen Johann von Ihnen. Wenden Sie dieſen Ihre Gunſt zu, bis ich mir wieder ein eigenes Glück erworben habe.“ „Sie iſt meine Freundin ſchon, ſie ſoll meine Schweſter ſein. Ich habe ohnedies oft ſehr trübe Tage, da wird ſie mich erheitern und die finſtern Dämone verſcheuchen, welche, wenn ich allein bin, Gewalt über mich bekommen. Vorzüglich wünſche ich dieſen holden Knaben um mich zu haben. Heute noch werde ich Anſtalten treffen, das größte jener Fiſcher⸗ häuſer an der Ueberfahrt anſtändig für Dich einrich⸗ ten zu laſſen, Dina, weil Du, als nicht zum Stifte gehörig, nicht hier im Hauſe wohnen kannſt. Am Tage ſind wir immer zuſammen. Du wirſt auch unter den übrigen Stiftsdamen theilnehmende Herzen finden. Ferner wirſt Du Dich unter den gutmüthi⸗ gen Fiſcherleuten, die Dir Alles, was ſie Dir an den Augen abſehen können, zu Gefallen thun wer⸗ den, wohl befinden. Und meine Jane ſoll endlich Deine Bedürfniſſe beſorgen, wie ſie die meinigen be⸗ 193 ſorgt. Wir wollen ein heiteres, zufriedenes Leben führen.“ „Edle Seele!“ rief Dina, und drückte die Freun⸗ din an das dankbare Herz; der Knabe aber ſprang an Friederiken empor und küßte ſie. Es wurde raſch zur Ausführung des Planes ge⸗ ſchritten. Mit der Einrichtung der neuen kleinen Wirthſchaft verſtrichen ſchnell einige Tage. Norcroß reiſte allein nach Kopenhagen zurück, um dort den Brief ſeines Dünkirchner Handelsfreundes zu erwar⸗ ten. Dieſer traf richtig ein. Der Kaufmann ſchrieb, Norcroß ſolle die nöthigen Wechſel ziehen, er werde ſie acceptiren und honoriren. Dieſer Brief war, ehe er Norcroß eingehändigt wurde, erbrochen geweſen, und ſeine Feinde hatten daraus zu ihrem Aerger ge⸗ ſehen, daß der gefürchtete Kaperkapitän noch Mittel habe, ſich Geld zu verſchaffen. Norcroß ging wieder frohen Muthes nach der Rhede. Während er mit dem Eigenthümer des Schif⸗ fes eben Handels einig werden wollte, kam wie von ohngefähr der Kanzleirath Bredal daher.„Ei, ſieh' da!“ rief er,„Kapitän Norcroß auch wieder hier? Vergeblich hab' ich Euch in Kopenhagen geſucht. Wo habt Ihr die Tage über campirt?“ „Ich machte eine kleine Reiſe,“ verſetzte die⸗ ſer kurz. „Aha, ich weiß ſchon. Ihr macht dem ſchönen Fräulein von Gabel den Hof.“ „Und wenn auch. Wer könnte etwas dawider haben?“ „Bei Leibe nicht. Ich wollt' Euch nur rathen, Kapitän, Euch zeitig aus Kopenhagen fort zu machen. In allem Ernſt, Ihr habt hier vielfältigen Anſtoß gegeben, und es ſind Euch viel Prügel zugedacht. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XIII. 13 194 Vorzüglich ſoll es der hannoverſche Geſandte, Herr Baron von Botmar, auf Euch abgeſehen haben. Macht Euch fort. Ich rath' es Euch.“ „Ich begreif' Euch nicht, Herr Kanzleirath. Ich kenne den Herrn Baron von Botmar nicht und habe ihm nie ein Leids gethan; warum ſoll er mir ein ſolches thun? Uebrigens habe ich das Verſprechen, beſiegelt mit der Ehre des Königs, daß mir hier nichts geſchehen darf. Wer hat die Macht in Däne⸗ mark, einen freien Mann prügeln zu laſſen? Ich habe gelernt, mich zu wehren⸗ Herr Kanzleirath; und hier ſtecken ein Paar Piſtolen, deren Kugeln, ſo viel mir bekannt iſt, ihr Ziel noch niemals verfehlt haben.“ „Ich ſage Euch aber, Ihr müßt fort aus Däne⸗ mark. Des Königs Majeſtät will Euch nicht länger dulden. Eure Anſchläge haben dem Könige ſehr miß⸗ fallen.“ „Man wird mich ſo lange dulden müſſen, bis ich Geld habe. Ohne Geld kann man keine Reiſe machen.“ Bredal ging fort, trotzig und ſtolz, und Norcroß verfügte ſich in ſeine Wohnung. Er war noch nicht lange zu Hauſe, als Bredals Diener hereintrat und berichtete, daß ſein Herr den Kapitän Norcroß zu ſprechen begehre. Dieſer folgte dem Diener ſogleich, wiewohl voll Grimm und Galle, ſich ſo hin⸗ und herjagen laſſen zu müſſen, ohne irgend einen Erfolg vor Augen zu ſehen. Als der Kapitän in des Kanzleirathes Stube trat, ſah er auf einem Tiſche eine Menge kleines Silber⸗ geld weitläufig umherliegen, ſo daß es ihm auf den erſten Blick vorkam, als ſei es eine bedeutende Summe. Dabei lag ein beſchriebenes Papier. 195 „Ihr klagtet vorhin, daß es Euch an Reiſegeld fehle,“ ſagte Bredal barſch,„des Königs Gnade über⸗ macht Euch dort eine Summe, jedoch mit dem aus⸗ drücklichen Befehl, Kopenhagen und die däniſchen Staaten binnen vier und zwanzig Stunden zu ver⸗ laſſen und Euch niemals wieder in denſelben betreten zu laſſen.“ „Ich erfahre hier eine ſonderbare Behandlung,“ verſetzte Norcroß von dieſer Anrede verletzt. „Keine andere, als Ihr verdient. Nehmt das Geld und unterſchreibt die dabei liegende Quittung. Wie? Ihr zaudert noch? So wird man Euch mit Gewalt und ohne Geld auf ein ſchwediſches oder eng⸗ liſches Schiff bringen und Euch in eins jener Länder führen, deren Unterthan Ihr ſeid, Englands der Ge⸗ burt, Schwedens Euern Dienſtverhältniſſen nach.“ Norcroß bebte vor Zorn. Er griff nach der Quittung und las:„Dreißig Reichsthaler.“— „Einem Bettler reicht man ſolch ein Lumpengeld,“ ſagte er,„aber ich will ſterben, wenn das eines Königs Wille iſt. König Friedrich wird an mich und meine Vorſchläge denken— wenn es anders der König war, woran ich zweifle— aber dann wird's zu ſpät ſein. Mit dieſem Gelde werde ich kaum den Miethlakaien bezahlen können, deſſen ich mich während meines Aufenthaltes in Kopenhagen bedient habe. Ich merke wohl, man weiß hier nicht mehr, wer Kapitän Norcroß iſt.“ Und ohne die Quittung weiter durchgeleſen zu haben, unterſchrieb er ſie, und überſah demnach die Bedingung, daß er ſeinen Fuß nie wieder auf däniſches Land ſetzen ſolle. Er ſtrich das Geld ein, ging, miethete ſich einen Wagen und fuhr ſogleich aus der Stadt nach dem Schiffe. 138 196 Am andern Morgen kam die Klage der Frau Kragenlund zum Ausbruch, und Raben wollte berſten vor Verdruß, daß der Vogel ausgeflogen ſei. Inzwi⸗ ſchen bewirkte er doch ſo viel, daß Norcroß Name, ohne Verhör und Unterſuchung, in Kopenhagen als der eines gemeinen Diebes gebrandmarkt wurde. Der Kapitän langte in der Hütte ſeines Weibes an. Ihm war der Troſt geblieben, daß ſie wenig⸗ ſtens verſorgt ſei. Da aber trat ihm der Schrecken in ihrer Geſtalt entgegen. In der verwichenen Nacht war Friederike von bewaffneten Leuten aus dem Bette geriſſen und davongeführt worden. Die andern Stiftsdamen behaupteten, man werde ſie wohl nach Kopenhagen in das Irrenhaus gebracht haben; we⸗ nigſtens wollte die Eine und die Andere von ihren Familien ſchon einige Tage vorher etwas der Art erfahren haben. Auch war mehre Tage vorher ein Arzt aus der Reſidenz im Stifte geweſen und hatte ſich angelegentlich nach den Zufüllen befragt, welche Friederike zuweilen gehabt hatte. Norcroß ſtand wie vernichtet.„Unſere guten Tage ſind vorüber, Dina,“ ſagte er,„und dem Un⸗ glück iſt ein Anrecht an uns geworden, das ſich im⸗ mer furchtbarer geltend macht. Komm, wir wollen uns mit unſerm Kinde nach Frankreich betteln.“ Sie erreichten, mit ſchwerem Kummer im Herzen und mitleidig unterſtützt von den Stiftsdamen, den Hafen von Helſingver, und mit dem erſten Schiffe, welches nach Frankreich ging, eilten ſie dieſem zu. —— 197 19. Rorcroß in Ropenhagen. An einem Maimorgen des Jahres 1726 trat der Kammerherr von Raben zu ungewöhnlicher Zeit unangemeldet in das Schlafzimmer des Kronprinzen von Dänemark. „Was haſt Du vor?“ rief ihm der Schläfer mit halbgeöffneten Augen zu und dehnte ſich in den wei⸗ chen Pfühlen. „Königliche Hoheit, der Freibeuter Norcroß iſt wieder in Kopenhagen.“ „Norcroß? Der Engländer? Der ſchwediſche Kaperkapitän?“ rief der Kronprinz zuſammenfahrend und die Augen weitaufreißend. „Derſelbe! Er iſt ſchon zweimal beim General Arnold geweſen, und geſtern gegen Abend ſogar in Friedrichsburg im Vorzimmer Sr. Majeſtät des Kö⸗ nigs, welchen er durchaus hat ſprechen wollen. Ab⸗ gewieſen, hat er faſt Gewalt gebraucht, um in des Königs Zimmer zu kommen. Der ganze Hof iſt dar⸗ über in Allarm.“ „Der ſchreckliche Menſch wird mich doch nicht ſtehlen wollen? Ja, ja, den hat die ruſſiſche Kaiſe⸗ rin geſchickt, daß er mich ſtehlen ſoll. Raben, was iſt zu thun?“ „Ich werde mir ein Verdienſt daraus machen, mein Leben für Euere königliche Hoheit zu wagen. Wir wollen an den König berichten; ich will mir eine Compagnie ausbitten, damit wollen wir ihn fangen.“ „Thu' das, lieber Raben. Doch nein; ich will 198 ſelbſt mit dem Könige reden. Geh' Du zum Kanz⸗ leirath Bredal und laß Dir den von Norcroß unter⸗ ſchriebenen Schein aushändigen. Verſtehſt Du? Und den Schein bringſt Du in das Vorzimmer des Königs.“ Raben ging, und nicht allein zu Bredal, ſondern auch zu Madame Kragenlund, und benachrichtigte ſie, daß der berüchtigte Freibeuter wieder in Kopenhagen ſei, und ſie nun ihre Klage von Neuem anzuſtellen habe. Die Frau ſchien keine Luſt zu haben, aber des Geheimraths Drängen und die Erinnerung an gelei⸗ ſtete Gefälligkeiten vermochten ſie endlich doch, nach ihrem Advokaten zu ſchicken. ð Von da verfügte ſich Raben in das Haus ſeines Freundes und Collegen, des Kammerherrn und Vice⸗ Admirals Gabel. Dort wohnte ſeit einiger Zeit eine vornehme Dame aus England, welche mit dem Hauſe von Gabel durch Bande der Verwandſchaft verknüpft war. Der Urſprung der gegenſeitigen Verbindung war die Vermählung des Prinzen Georg von Däne⸗ mark mit der Königin Anna von England. Dieſer Dame galt Rabens Beſuch. „Mylady!“ rief er in ihr Zimmer tretend,„ich bin ſo glücklich, die Zärtlichkeit, mit welcher Sie mich . beglücken, durch eine herrliche Nachricht zu belohnen.“ S„Und welche iſt ſie?“ fragte die Engländerin. „Ihr Landsmann, John Norcroß iſt vorgeſtern mit einen franzöſiſchen Schiffe in unſern Hafen ein⸗ gelaufen und hat ſich in einer Herberge an der Ecke der Strandſtraße einlogirt.“ „Ja, das iſt eine herrliche Nachricht!“ jubelte das Weib und umarmte den Kammerherrn. „Die Zeit iſt endlich gekommen, wo der Schänd⸗ liche für alle Bosheit, die er an Ihnen und mir ver⸗ übt hat, büßen muß. Er läuft uns ſelbſt in's Netz. W 5 . „— 1 199 Recht aus Herzensgrund wollen wir uns an ihm rä⸗ chen.“ „Rächen! Rache an ihm!“ rief die Lady. „An meinem Arme ſoll Lady Palmerſton in ſei⸗ nen Kerker treten.“ Ein Kuß belohnte ihn für den Einfall; aus Ro⸗ ſamundens Augen ſtrahlte Schadenfreude. „Eilen Sie!“ rief ſie,„daß er Ihnen nicht ent⸗ wiſcht.“ Am Nachmittage deſſelben Tages ging aus des Königs Kabinet der Befehl an den Commandanten von Kopenhagen, Grafen Sponeck, den Kapitän Nor⸗ croß ohne Aufſehen zur Haft bringen zu laſſen. Norcroß— bleich und vom Schickſale hart be⸗ rührt— ſaß in ſeiner Herberge, ſinnend über neuen Plänen und von dem ungeſtümen Verlangen ſeines Herzens nach Friederiken gequält, das ihn wieder in das Land getrieben, wo er ſo übel behandelt worden war, als ein Hauptmann der Linienſoldaten hereintrat und nach ihm fragte. Dieſer gab ſich zu erkennen, und der Hauptmann richtete einen Gruß vom Grafen von Sponeck aus, welcher die Ehre zu haben wünſchte, den Kapitän Norcroß zu ſprechen. „Verzeiht, mein Herr,“ verſetzte dieſer,„wer iſt dieſer Herr Graf, welcher mich zu ſprechen wünſcht?“ „Er iſt Stadtcommandant.“ „Gut; ich werde morgen das Glück haben, dem⸗ ſelben aufzuwarten. Vermeldet ihm dies mit meinem Gegengruß.“ „Ich muß Euch bitten, mir ſogleich zu folgen,“ ſagte der Soldat höflich.„Es iſt dem Herrn Grafen viel daran gelegen, jetzt mit Euch zu reden. Es ſind Dinge von Wichtigkeit, die er ſchnell mit Euch zu verhandeln hat.“ 200 Norcroß wurde von einer Ahnung durchflogen, daß dieſer Beſuch nicht zu ſeinem Vortheile ausſchla⸗ gen möchte. Doch beſchloß er, mit dem Hauptmann zu gehen. In des Commandanten Wohnung wurde er ſogleich vor dieſen, einen feurigen Mann in den mittlern Jahren, geführt, der ihn mit den Augen durchbohren zu wollen ſchien. „Wie lange ſeid Ihr ſchon hier in der Stadt?“ fragte der Graf. „Es iſt heute der vierte Tag.“ „Woher kommt Ihr?“ „Von Dünkirchen.“ „Habt Ihr Reiſepäſſe?“ „Hier find meine Päſſe der franzöſiſchen Re⸗ gierung und der Marine.“ „Ihr habt Euch vor drei Jahren ſchon eine Zeit lang hier aufgehalten, und damals mit einem Reiſe⸗ gelde die Weiſung erhalten, nicht wieder in das Kö⸗ nigreich Dänemark zu kommen. Wie könnt Ihr Euch nun unterſtehen, Euch dennoch wieder innerhalb der Stadtmauer ſehen zu laſſen?“ „Mir iſt ein ſolches Verbot nicht bekannt,“ ver⸗ ſetzte Norcroß betreten. „Wie? Wollt Ihr Euere eigne Handſchrift ab⸗ läugnen? Habt Ihr nicht ſelbſt die Bedingung un⸗ terſchrieben, Dänemark nie mehr zu beſuchen?“ Mit dieſen heftigen Worten hielt der Graf dem Kaperka⸗ pitän die Quittung über die von Bredal erhaltenen dreißig Thaler hin. Norcroß las und ſtaunte. „Dieſe Unterſchrift rührt allerdings von mir her,“ ſagte er kleinlaut,„aber die in der Quittung enthal⸗ tene Bedingung iſt mir bis jetzt unbekannt geweſen⸗ Ich habe ſie damals nicht geleſen.“ „Elende Ausflüchte! Geleſen oder nichtes war 201 Euch bekannt, daß Ihr nicht wieder nach Dänemark kommen ſolltet. Was hat Euch wieder hierher ge⸗ trieben?“ „Excellenz,“ bat Norcroß auf's demüthigſte. „Haben Sie Mitleiden mit einem ſehr armen, un⸗ glücklichen, aus ſeinem Vaterlande vertriebenen, hei⸗ mathloſen Manne! Ich will Ihnen Alles erzählen. Als ich vor drei Jahren, vom Unglück hart verfolgt, von hier nach Dünkirchen ging, legte ich mich auf die Handelſchaft; da ich aber kein eignes Vermögen hatte und nur mit fremdem Gelde verkehren konnte, auch die Sache nicht mit rechter Luſt und Neigung trieb, ſo brachte ich nichts vor mich; ich durchſtreifte die Meere und hatte wenig Gewinn. Dies Frühjahr endlich ſcheiterte ich mit meinem Schiffe und rettete nichts als das nackte Leben. Ich war des Handels ſo müde, daß mich die Nachricht von einer plötzlich in der Oſtſee erſchienenen Flotte, deren Zweck man nicht kenne, mit Freude und Hoffnung erfüllte. Ich wußte, daß es eine ruſſiſche Flotte ſei und auch was ſie beab⸗ ſichtige. Ich hatte es ja damals Sr. Majeſtät, dem Könige dieſes Reichs, vorausgeſagt; meine Prophe⸗ zeihung ſchien jetzt ſchon in Erfüllung gehen zu wol⸗ len, und obgleich ſie damals ungnädig aufgenommen wurde, ſo glaubte ich mich doch nun darauf berufen zu dürfen, um ſo mehr, da ich auch jetzt noch Mittel und Wege anzugeben weiß, um die drohende Gefahr abzuwenden. Denn ich getraue mich, die Bäuerin von Marienburg eher zu überliſten, als ihren verſtorbenen Gemahl, den großen Peter. Dieſen Gedanken ergriff ich mit Lebendigkeit; ich baute darauf, daß die nor⸗ diſchen Mächte jetzt Leute genug brauchen würden, um ihre Flotten auf den Kriegsſuß zu ſetzen, und da ich einmal zum Seeſoldaten geboren bin, ſo ſchied ich von 202 Frau und Kind und ſegelte nach Amſterdam, in der Hoffnung, dort ein Schiff zu finden, welches mich mit in den Norden nähme. Ich fand auch wirklich ein ſolches, aber es war beſtimmt, nach Chriſtiania in Norwegen zu ſegeln. Wollte ich wohl oder übel, ſo mußte ich mit; mein Verlangen war groß und eine andre Reiſegelegenheit nicht da. Wir gingen unter Segel und langten nach kurzer und glücklicher Reiſe in Chriſtiania an. Dort ſprach man von nichts als von den neuen Unruhen, von den Kriegsausſichten und den verſchiedenen Bündniſſen der hohen Mächte, namentlich von dem des Königs von Dänemark mit dem König von Großbritannien gegen die ruſſiſche Kaiſerin. Zu meiner Freude ging auch bald ein Schiff nach Kopenhagen ab, und ſo bin ich denn hier⸗ her gekommen, Sr. Majeſtät, dem Könige, meine Dienſte anzubieten; ſollte Höchſtderſelbe aber keinen Gebrauch davon machen wollen, ſo bin ich gewillt, mich an den hier anweſenden großbritanniſchen Vice⸗ Admiral mit der Bitte zu wenden, daß er mir die Rückkehr in mein Vaterland vermittele. Ich habe meine frühere politiſche Meinung ganz geändert, und möchte bei meiner reich gewordenen Mutter leben, deren Erbe ich einmal ſein werde. Dies iſt die Ab⸗ ſicht geweſen, die mich hierher geführt. Ich bitte da⸗ her, Ew. Excellenz wollen mich gnädigſt entlaſſen.“ Alſo ängſtlich und zagend ſprach der einſt ſo kühne und gefürchtete Freibeuter. Dem Adler war der Flügel gebrochen; er kroch im Staube; die Noth und Erbärmlichkeit des Lebens hatte auch ihm das edle Haupt niedergedrückt, und er vermochte nicht ein⸗ mal mehr nach der Sonne zu ſchauen, geſchweige denn ihr entgegen zu ſtürmen. „Ihr habt mir etwas verſchwiegen, Kapitän,“ redete der Commandant etwas milder.„Man ver⸗ muthet nicht ohne Wahrſcheinlichkeit, daß Ihr noch einen andern Grund haben könntet, weshalb Ihr hierher gekommen, nämlich eine Leidenſchaft zu dem im hieſigen Irrenhauſe verwahrten geiſteskranken Fräulein von Gabel, das Ihr einſt geraubt und von der Inſel entführt habt.“ Des Kapitäns Mund verzog ſich ſchmerzlich lä⸗ chelnd.„So iſt es doch wahr,“ ſagte er,„ſie haben den edelſten und erhabenſten Geiſt, der jemals ein Weib belebte, unter die Tollen und Wahnſinnigen ge⸗ ſperrt? Gott mag dieſe Schuld nicht an denen rä⸗ chen, die ſie begangen haben. Da aber die Sachen ſo ſtehen, ſo mögen Sie es immer wiſſen, Herr Graf, die heftige Sehnſucht meiner Seele, über die Sie viel⸗ leicht lächeln mögen, das glühendſte Verlangen, Frie⸗ deriken von Gabel wieder einmal zu ſehen, die ſeit zehn Jahren einen heiligen Zauber über mein Herz übt, hat mich mit hierher getrieben. Die alte Un⸗ ruhe meiner Seele, die mich unglücklich gemacht hat, ſchweigt in ihrer Nähe. Ich wollte einmal ganz frei, von aller Leidenſchaft, vor meinem Heiligenbilde nie⸗ derknien und Ruhe, Himmelsſeligkeit aus ihrer En⸗ gelsſeele in mein wildbewegtes, trübes Gemüth ſaugen. Nun, da iſt ſie in das Jrrenhaus geſperrt. Es iſt auch gut, und ich gehe wieder, mit ein wenig Mar⸗ ter mehr in meinem Herzen, als ich mitgebracht habe. Was hat das aber auf ſich? Niemand kümmert ſich darum; es iſt nichts daran gelegen.“ Der Graf war ernſt und nachdegkend geworden, vielleicht überkam ihn eine höhere Lebensahnung, viel⸗ leicht wehte ihn ein wehmüthiges Gefühl an, wie es die Geſchäfte ſeines Stadtcommando's noch nicht mit ————— 204 ſich gebracht hatten. Er winkte mit der Hand und ſagte:„Es iſt gut. Ihr könnt gehen.“ Norcroß glaubte ſich nun ſchon in Freiheit, be⸗ dankte ſich und eilte hinaus. Als er aber an die Treppe kam, ſtand ein Sergeant mit vier Soldaten da, die dem Erſchrockenen die Bajonette entgegenhielten. „Ihr müßt Euch gefallen laſſen, mein Herr,“ ſagte der Unterofficier mit Artigkeit,„mit mir auf die Hauptwache zu ſpazieren.“ „Ich ſehe wohl, daß ich thun muß, was Ihr von mir begehrt,“ verſetzte Norcroß,„es mag mir gefäl⸗ lig ſein, oder nicht.“ Seufzend folgte er dem Ser⸗ geanten, in der Mitte der Soldaten. Auf der Haupt⸗ wache erhielt er eine kleine Kammer neben der Wach⸗ ſtube als Wohnung angewieſen, worin ſich nichts als ein Strohſack, ein Stuhl und ein Tiſch befand. Das einzige Fenſter war ſtark vergittert und die doppelte Thür mit Eiſenbändern und Schlöſſern belegt. Hier mußte er drei lange Wochen ſitzen, ohne das Min⸗ deſte über ſein ferneres Schickſal zu vernehmen. Er wäre ruhig geweſen, wenn man ihm das Glück der Einſamkeit vergönnt hätte. Aber rohe Soldaten mach⸗ ten ſich eine Freude daraus, ihn ſtets zu verhöhnen und zu plagen. Er trug ihren Spott, ihre nie⸗ drigen Aeußerungen geduldig; aber ſein Herz blu⸗ tete und verſank in einen todtmatten Zuſtand. Sein einziger Wunſch, der noch wie ein helles Fünkchen in der ſchaurigen Nacht ſeines Herzens leuchtete, war, von Friederiken etwas erfahren zu können; er erkaufte mehre Soldaten mit ſeinem letzten Gelde, aber ihr Bemühen war umſonſt; ſie vermochten ihm nicht die kleinſte Kunde von ihrem Befinden zu bringen. In der letzten Woche des Juni fuhr eines Tages ein von ſechs Dragonern umgebener Karren vor die Hauptwache, auf welchem Norcroß nach dem Kaſtell Friedrichshafen gebracht wurde. Hier warf man ihn in ein Loch voll Moder und Geſtank, auf deſſen Schwelle der Unglückliche ohnmächtig wurde. 20. Collkühne Flucht. Krank an Leib und Seele erwachte er; ein furcht⸗ barer Ekel ſetzte ihm zu; er hoffte zu ſterben; aber er ſtarb nicht. Drei Tage und drei Nächte lag er auf feuchtem, ſtinkendem Boden, täglich mit einem Stück Commisbrot und einem Napf Waſſer verſehen. Mit thränender Bitte, die Steine zu rühren vermocht hätte, flehte er den Profoß an, beim Commandanten des Kaſtells, General von Stöcken, ihm doch wenigſtens den Genuß von etwas friſcher Luft zu verſchaffen. Er ließ den General beſchwören, ihm eine ſehr ſtarke Bedeckung mitzugeben und ihn nur auf dem Hofe täglich eine halbe Stunde umhergehen zu laſſen, er wolle auch nicht einen Finger breit weiter gehen, als ihm erlaubt würde. Aber er erhielt erſt keine Ant⸗ wort, und als er zu ſehr lamentirte, ließ ihm der General ſagen, er habe hier gar nichts zu erlauben; alles dies geſchehe auf ſtrengen Befehl Sr. Excellenz, des Herrn Geheimenraths von Raben, welchem die officielle Oberaufſicht über ihn übertragen worden ſei. Das war ein Donnerſchlag für den Gefangenen. Er 206 konnte nicht begreifen, was er dieſem Geheimenrathe zu leid gethan habe. Eines Tages wurde ſein Kerker geöffnet und er vom Profoß hervorgerufen. Da zitterte plötzlich der Flügelſchlag der Hoffnung durch ſeine Seele. Ein Sonnenſtrahl fiel in die offene Thür, ein lichter Ge⸗ vanke an Freiheit in ſeine Seele. Bebend ſchwankte er der Thüre zu. Aber ſeine Kleider waren ſo zer⸗ riſſen, daß ſein bloßer Leib überall durchblickte. Bart, Haupthaare und Nägel waren ihm über die Maßen lang gewachſen, ſein todtfahles Geſicht hatte grauer Moder überzogen, der ſich auch ſtark an die ihn um⸗ flatternden Lumpen angehängt hatte, und ſo kroch er, ſich mit den Händen an der Wand haltend— denn er war ſehr ſchwach auf den Beinen— heraus. Er hörte den Schrei einer weiblichen Stimme, aber die ungewohnte Helle blendete ſein Auge, die friſche Luft griff ihn ſo ſehr an, daß ihm die Sinne zu vergehen drohten. Er ſank kraftlos an der Mauer herab und ſaß am Boden. Als er ſich wieder erholt hatte, ſah er einen ſehr mit Putz überladenen Mann vor ſich ſtehen, deſſen Bruſt mit dem Danebrog- und Elephan⸗ tenorden geſchmückt, deſſen Geſicht und Auge aber ſo flach und unbedeutend war, daß ſich Norcroß kaum erinnerte, es ſchon einmal geſehen zu haben. Sechs Soldaten mit ſcharf geladenem Gewehr und auf Nor⸗ eroß gefällten Bajonetten, waren im Hintergrunde aufgeſtellt, den Geheimerath Gerd von Raben gegen die etwaigen Angriffe des gefangenen Freibeuters zu ſchützen und das Entfliehen deſſelben zu verhindern. Die Gemahlin des Geheimenraths war, bei Noreroß Anblick von Schrecken ergriffen, entflohen. Vielleicht ſchlug ſie plötzlich das lang betäubte Gewiſſen und preßte ihr den Schrei aus, welchen Noreroß noch ge⸗ 207 hört hatte. Er ahnete nicht, daß die giftige Natter in ſeiner Nähe ſei. Gerd von Raben meinte, er müſſe ſeinen Witz auf Koſten des Unglücklichen geltend machen.„Seht“, ſagte er grinſend,„jetzt gäbt Ihr mit der närriſchen Frie⸗ derike von Gabel im Tollhauſe ein gutes Geſpann. Es iſt wahr, Ihr ſeid wie für einander geſchaffen.“ Noreroß' erloſchenes Auge blitzte auf, aie ſein Ohr vom Schalle des geliebten Namens getroffen wurde. Es ruhte dann mit einem gewiſſen Mitleiden auf Rabens Geſichte. „Ja, ſeht“, fuhr der Geheimerath ſelbſtgefällig fort, und ſpielte mit den Ordenskreuzen an ſeiner Bruſt, „dieſes alberne Geſchöpf ſchlug meine Hand aus, um ſich an Euch wegzuwerfen, dafür hat ſie Gott geſtraft und ihr 6 Verſtand verwirrt.“ Norcroß ſchauderte über die Meinung des beſtern⸗ ten Mannes von Gottes Strafgericht, und ſchwieg, aber in ſeiner Bruſt entzündete ſich an der Nichts⸗ würdigkeit dieſes Menſchen wieder das Fünkchen eines beſſern Selbſtgefühls, das ihm allmälig Kraft und Vertrauen zurückgab. „Herr“, ſagte er mit feſter Stimme,„ich kenne Sie nicht, und weiß nicht, womit ich Sie gekränkt habe, daß Sie mich unter aler Menſchlichkeit behan⸗ deln laſſen. Sie ſind ein vornehmer Mann, das ſeh' ich; und wenn Fräulein von Gabel nicht gegen Sie handelte, wie Sie wünſchten, ſo trage ich nicht die Schuld davon. Hören Sie die verzweifelte Bitte eines Mannes, der ein beſſeres Loos verdient hat, laſſen Sie mich tabtſhlage oder gönnen Sie mir täglich etwas friſche Luft und nächtlich ein Strohlager! Wenn Sie den mindeſten Glauben an eine ewige Vergeltung haben, ſo laſſen Sie mich nicht vergeblich wimmern.“ 208 „Ihr ſollt es beſſer haben“, ſagte Raben und ging triumphirend von dannen, denn der Adler, den er gefürchtet, hatte vor ihm als Wurm im Staube gekrochen. Noch denſelben Tag erhielt Noreroß eine Pritſche mit etwas halb vermodertem Stroh und die Erlaubniß, täglich eine Viertelſtunde, unter ſtarker Bedeckung, vor den Kerker auf⸗ und abgehen zu dür⸗ fen. Aber die Pritſche war ſo ſchlecht zuſammenge⸗ fügt, daß er die Nacht über ſich an der Wand halten mußte, aus Furcht, daß, wenn er ſich umwendete, ſie zuſammenbrechen würde. Tags darauf wurde ein Diener in ſeinen Kerker geführt, welcher ihm zwanzig Dukaten mit einer Quittung einhändigte, welche letz⸗ tere er von Norcroß unterſchrieben zurück verlangte. Dazu brachte er ihm eine Bleifeder mit. Norcroß konnte unmöglich begreifen, von wem ihm dieſe Wohl⸗ that zukomme. Denn daß er von Roſamunde Pal⸗ merſton Geld zur Unterſtützung erhalten werde, daran konnte er nicht denken. Aber es war von ihr; ihr erwachtes Gewiſſen hatte ſie zu dieſer Handlung der Milde vermocht. Seine Rührung war groß. Er be⸗ hielt die Feder, welche ihm faſt eben ſo viel Vergnü⸗ gen machte wie die Dukaten. Er kaufte ſich Papier und ſchrieb allerlei, kaufte ſich ganze Kleider, und konnte einen Kerl bezahlen, der ihm das Gefängniß ſäuberte und ihm ſelbſt Haare, Bart und Nägel ſtutzte, ſo daß er wieder ein menſchliches Anſehn erhielt. Norcroß hatte Muth gewonnen und dachte daran, ſich ſelbſt zu befreien. All' ſein Sinnen und Denken ging nun darauf hin, und ſeine Schlauheit bemerkte die kleinſten Umſtände, die ihm dienen konnten. So gewahrte er bei ſeinem täglichen kleinen Spaziergang, daß an der Seite ſeines Gefängniſſes hin— welches zur ebnen Erde gelegen war— die Treppe nach dem 209 zweiten Stockwerke des Hauſes führte. An dieſes Haus ſtieß unmittelbar, und nur durch eine einzige Wand geſchieden, die Kirche des Kaſtells. Im Gefängniß meditirte Norcroß Tag und Nacht, wie er es anfangen möchte, durchzubrechen. Sein Fenſter war klein und hoch an der Wand des Kerkers, ſo daß er nur mit Mühe dazu konnte. Ueberdies fand er, daß es mit dicken Eiſenſtangen verwahrt war. Es war alſo nicht daran zu denken, daß er durch das Fenſter konnte. Für weit möglicher hielt er es, ein Loch durch die Wand auf die Treppe zu graben. Von der Treppe gedachte er entweder ein zweites Loch gegen den freien Platz hinaus zu arbeiten, oder die Treppe hinauf zu laufen bis unter das Dach und von hier auf das Gewölbe der Kirche durchzubrechen, oder auch auf das Dach zu ſteigen und, im äußerſten Falle, vom Kirchthurm herabzuſpringen. Das Leben war ihm gleichgültig und er wollte es darauf hin wagen, den Hals zu brechen. Der ſchrecklichſte aller möglichen Zuſtände war ihm ſeine elende Gefangenſchaft. Als er ſich den zu machenden Weg ausgeſonnen hatte, erſuchte er den Profoß, ihm einen großen gekochten Hinterſchinken zu kaufen. Die Geberin des Geldes hatte ausdrücklich befohlen, ihm an Eſſen und Trinken ver⸗ abfolgen zu laſſen, was er wünſche; ſie werde, wenn dieſe Summe aufgezehrt ſei, für ſeinen weitern Unter⸗ halt Sorge tragen. Der Schinken kam; Niemand konnte daraus einen Verdacht ſchöpfen. Norcroß aß erſt das Fleiſch ab, dann machte er den Knochen, an welchem ihm vorzüglich lag, mit dem Meſſer ſcharf und ſpitzig. Hierauf drehte er von dem Stroh, auf welchem er zu liegen pflegte, ein ſtarkes Seil. Da er aber fürchtete, es möchte nicht haltbar genug ſein, ſo zerriß er ein Bettlaken, welches ihm auf Betrieb Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XllI. 210 ſeiner Wohlthäterin gereicht worden war, und wand die Stücken um das Strohſeil. Endlich brach er ſeine Pritſche von einander, um das eine etwas ſpitzige Bein derſelben ebenfalls zu benutzen. Nach dieſen vorläufigen Anſtalten griff er Abends rüſtig und mit glühendem Muthe zur Arbeit, als es auf dem nahen Kirchthurme zehn Uhr ſchlug. Mit dem Schinkenbein, einer alten abgebrochenen und halb verroſteten Scheere, die er bei ſeinem täglichen Spaziergang im Kothe auf dem Hofe gefunden und unbemerkt zu ſich geſteckt hatte, und mit dem Bein der Pritſche durchbrach er in Zeit von einer und einer halben Stunde furchtbar angeſtrengter Arbeit die Wand, welche aus mürbem feuchten Sandſtein und Kalkgerülle beſtand. Als er nur erſt das kleinſte Loch hatte, um mit der Hand durchzugreifen, ſo riß er mit Rieſenkraft, die ihm ſeine Lage lieh, die Steine heraus und hatte das Loch bald ſo groß, daß er mit dem Körper durchſchlüpfen konnte. Nun zog er ſeinen Ueberrock aus und kroch durch das Loch. Er war im bloßen Hemde, Beinkleidern und leinenen Strümpfen. Seinen Rockelor zerrte er durch das Loch nach. Nun war er zwar auf der Treppe, aber zu ſeinem Schrecken ſah er hinter ſich die Haus⸗ thüre, welche in ſtark bewohnte Caſernen ging, vor ſich aber Trepp auf eine zweite Thüre. Die Dunkel⸗ heit der Nacht ließ ihn nicht viel erkennen; er tappte und fühlte, daß auch dieſe Thüre verſchloſſen ſei. Sie mußte er durchaus öffnen, wenn er zum zweiten Stock⸗ werk hinauf wollte. Er fing alſo an, ſich mit dem Rücken, nach den Angeln zu, dawider zu ſtemmen, und aus Leibeskräften zu heben. Es glückte, die Thüre ſprang aus dem Schloſſe und fuhr ohne großes Ge⸗ räuſch auf. Er ging hindurch, betrachtete ſich das Local und ermaß im Geiſte die mögliche Höhe von — 211 hier bis hinab in den Graben. Er fand es für das Gerathendſte, hier ein zweites Loch zu graben, und holte, kurz entſchloſſen, ſeine ſchlechten Werkzeuge her⸗ bei. Aber hier fand er eine weit ſchlimmere Arbeit. Dieſe Steine waren hart und dürr, der ſie verbin⸗ dende Kalk weit ſpröder. Doch Norcroß ließ ſich durch nichts abſchrecken; mit der Zahl der Hinderniſſe ſtieg ſein Muth. Die Mühe war unſäglich, eh' er nur ein kleines Loch hatte; denn das Schinkenbein hatte ſich abgeſtumpft und mit der Scheere vermochte er demſelben nicht viel Schärfe wieder zu geben. Er vergoß Ströme von Schweiß und blutete unter den Nägeln hervor, aber er raſtete nicht einen Augenblick, und fühlte auch keine Schmerzen. Als die Thurm⸗ glocke zwei Uhr ſchlug, war er bis an den äußerſten Stein. Nun trat eine neue Schwierigkeit ein. Dieſer Stein war nämlich von außen in die Mauer einge⸗ ſetzt und konnte alſo nicht hineinwärts gezogen werden. Norcroß mußte auf die Gefahr hin, ein nicht unbe⸗ deutendes Geräuſch und die ohnfern auf dem Walle ſtehenden Wachpoſten aufmerkſam zu machen, den Stein von innen hinaustreten. Er legte ſich auf die Trep⸗ penſtufen rücklings und trat mit voller Kraft drei bis viermal wider den Stein, bis er hinausfuhr und in den Graben hinabſtürzte. Den Kopf durch das Loch geſteckt, horchte der verwegene Mann aufmerkſam hinaus, aber ruhig und lautlos lag die Nacht vor ihm, nur eintönig unterbrochen durch den regelmäßigen Pendul⸗ ſchlag der nahen Thurmuhr. Die dunkle Tiefe unter ſeinem Blick gähnte ihn ſchauerlich an, zum erſtenmal grauſte ihm vor dem Gedanken, ſich hier hinabzulaſſen. Aber ſogleich beſtrafte er ſein Herz für die Feigheit und entſchloß ſich, eher zu ſterben, als ſich auſ's Neue greifen zu laſſen. Hurtig machte er das Loch geräu⸗ 14* 212 miger, band inwendig das Strohſeil an dem Treppen⸗ balken feſt und hing es hinaus. Den Rockelor ließ er an dem Hauſe gerade hinabgleiten, damit, wenn der Strick zerriſſe, er nicht allzuhart fallen möchte, zog dann die Beinkleider aus, legte ſie zuſammen und band ſie, wie eine Schlafmütze um den Kopf, um ſich vor einer Kopfcontuſion zu ſchützen. Einen Dukaten und fünf und dreißig Stüverſtücke, die er von dem erhaltenen Gelde noch übrig hatte, wickelte er ſich in die Haare und band das Geld mit ſeinen langen Locken feſt. Hierauf kroch er, mit den Beinen zuerſt, im blo⸗ ßen Hemde durch das Loch, und ließ ſich ſchnell aber vorſichtig am Stricke hinabgleiten, indem er ſich mit den Fußzehen an der Wand hinabhalf. Der Strick hielt glücklich und der Flüchtling kam auf die Erde zu ſtehen. Schnell warf er den Rockelor über, nahm die Beinkleider unter den Arm, und lief mit Windes⸗ eile hochklopfenden Herzens quer über den großen Platz, um an den Graben des Caſtells zu gelangen. Kaum war er funfzig Schritte von der Kirche entfernt, als ihn eine Schildwache„Wer da!“ anrief. Schrecken und Angſt legten ihm die Antwort:„Officier!“ in den Mund. Der Soldat ſchien damit zufrieden. Nor⸗ croß verdoppelte ſeine Schritte. Wie eine Katze lief, er den Wall hinauf und gelangte auf der andern Seite bis an die Mauer des Walls. Jetzt warf er den Rockelor von ſich, gebrauchte die Beinkleider wie⸗ der als Kopfbedeckung, wickelte das Hemd dicht um die Lenden und ſprang in den waſſergefüllten Graben hinab. Dieſer war ſeicht, und der muthige Springer fiel weich in den Schlamm, aus welchem er ſich mit leichter Mühe losarbeitete und durchwatete bis an das gegenſeitige Ufer, dem Ende des Kaſtells gegenüber. In wilder Haſt rannte er nun über die Strecke Landes 213 bis an das Ufer des Meeres. Die Wellen des Sundes rauſchten dumpf vorüber. Einen Augenblick beſann ſich der Flüchtling; dann war ſein tollkühner Entſchluß gefaßt. Er bedachte kurz:„Kleider haſt Du nicht, alſo biſt Du Jedem verdächtig, der Dir zu Lande begegnet. In höchſtens zwei Stunden bricht der Tag an; deine Flucht wird auf dem Kaſtell bemerkt, die Trommeln werden gerührt, die Kanonen gelöſt, und eh' Du ein paar Stunden Wegs nach Helſingoer zu⸗ gelaufen biſt, weiß man es ſechs Meilen weit, daß ein Gefangener entſprungen iſt. Zum Verbergen iſt nirgend eine Gelegenheit. Endlich biſt Du der ſchlech⸗ teſte Fußgänger, wohl aber der beſte Schwimmer. Auf dem Waſſer hat Dir das Glück ſich immer lachen⸗ der gezeigt, als auf dem Lande. Es iſt auch beſſer, Du verläſſeſt däniſchen Grund und Boden ſo ſchnell als möglich. Zehn Wochen haſt Du in einem Grabe geſchmachtet, jetzt willſt Du Dich dem Meere in die Arme werfen. Es iſt gewiß mitleidiger, als die Men⸗ ſchen. Denn entweder zieht es Dich hinab in ſeine Tiefe— ſo iſt Dir geholfen und Du haſt ein Grab, wie es einem Seemanne gebührt— oder es trägt Dich glücklich hinüber nach der Inſel Ween, und Du biſt gerettet.“ Und als er dieſes gedacht, warf er ſich an dem öden Meerſtrande in den Sand, erhob ſeinen Blick und faltete ſeine Hände und betete brün⸗ ſtig und heiß zu den Sternen hinauf, die einzeln, aber freundlich, durch das zerriſſene Gewölk hindurch ſchimmerten. Er dankte für die Rettung bis jetzt, er flehte Gott um fernere Rettung oder einen gnädigen Tod an. Sein Leib glühte fieberiſch von der unge⸗ heuern Anſtrengung, der Angſt und Eile der Flucht. Schneidend ſtrich die kalte Morgenluft über das Meer her. Norcroß warf noch einen Blick nach oben, und 214 ſprang dann von dem Ufer hinab in die Brandung. Das Waſſer war eiskalt. Er glaubte, das Blut würde ihm erſtarren. Doch muthig fing er an mit Händen und Füßen zu arbeiten; er tauchte aus der Tiefe empor und begann das Werk. Aber jetzt ſchien es, als habe das Element, dem er ſtets treu gedient, ſich gegen ihn verſchworen. Ein Sturm brauſte von Nordoſt herab ihm entgegen und brachte das Waſſer in Gäh⸗ rung. Die Wellen erhoben und rollten dem kühnen Schwimmer zu. Der Wind blies ihm heftig in's Ge⸗ ſicht. Da glaubte er ſich verloren und ergab ſich in ſein Geſchick. Aber er gelobte ſich, alle Kräfte anzu⸗ ſpannen, und er kämpfte über zwei Stunden lang mit unbegreiflichen, faſt übermenſchlichen Kräften. Des Tages Licht ging über ihm matt und weinerlich auf; ſchon hatte er zwei Dritttheile der Entfernung zurück⸗ gelegt, da fing die Flamme allmälig an zuſammen⸗ zufallen, er verſpürte eine Abnahme der Kräfte. In dieſem Augenblicke entdeckte er ein Fiſcherbvot mit vier Männern, und rief ihnen zu, ſo ſtark er vermochte. Sie gewahrten ſeiner auch bald, ruderten auf ihn zu und zogen ihn aus dem Waſſer. Es waren Fiſcher, die auf ihr Tagewerk ausfuhren. Da ſie aber ſahen, daß der Gerettete keine Kleider anhatte, ſchöpften ſie Verdacht gegen ihn und erklärten ihm rund heraus, ſie wollten ſich ſeinetwegen keine verdrießlichen Händel zuziehen und müßten ihn wieder in das Meer werfen. Norcroß legte ſich auf's Bitten und erweichte wenig⸗ ſtens das Herz eines dieſer Männer. Dieſer ſagte zu den Andern:„Wißt Ihr was! Wir wollen nicht unmenſchlich an dieſem Manne handeln, mag er ſein, wer er will, und wohl auch etwas verbrochen haben, weshalb er nackt und bloß flüchten muß. Wir wollen ihn nahe an die Küſte von Ween führen und ihn 215 dann an die Inſel ſchwimmen laſſen. Wir wollen ihn nicht kennen und nicht von ihm gekannt ſein!“ Norcroß ſchenkte vor Freude und Dankbarkeit den Leuten das in ſeine Haare gebundene Geld, ſie gaben ihm dafür ein Stück Brot und einen Schluck Brannt⸗ wein, wodurch er ſich ſtärkte, ſo daß er, ohngefähr funfzig Schritte vom Ufer der Inſel, auf ihr Begehr, wieder in's Waſſer ſpringen und dem Ufer zuſchwim⸗ men konnte. Doch wurde es ihm noch ſehr erſchwert, eh' er auf die Füße zu ſtehen kam, indem die See gewaltige Wellenſtöße an das Land anſchleuderte. End⸗ lich kam er auf's Trockene. Jetzt nahm er die Füße wieder allein in Anſpruch und lief bis an die nächſten Häuſer. Die Bauern ſtutzten über den Mann im triefenden Hemde ohne alle weitere Bekleidung und liefen neugierig zuſammen. Er aber bat ſie flehent⸗ lich um einige alte Kleider, indem er vorgab, von Kapern ausgeplündert und in's Meer geworfen wor⸗ den zu ſein. „Kleider wird Euch die gnädige Frau ſchon geben“, ſagten die Bauern. Mit dieſen Worten führten ſie ihn auf das Gutshaus. Dort wohnte die Gemahlin des Oberſtlieutenants von Landsſtierna, Commandan⸗ ten von Helſingburg, welche zu ihrem Vergnügen hier auf ihrer Beſitzung lebte, während ihr Gemahl nach Stockholm auf den Reichstag gereiſt war. Ein Diener brachte der Dame die Nachricht von dem übeln Zu⸗ ſtande eines geplünderten Schweden, der draußen ſtehe und auf ihre Gnade warte. Sie ließ ihm von den Kleidern ihres Mannes reichen, ließ ihn ſpeiſen und befahl, daß man ihm ein Nachtlager gebe und des andern Morgens ihn in einem Boote nach Helſing⸗ burg überſetze, wohin er begehrte. Als ſich Norcroß am andern Tag für die Gnade bedankte, ſteckte ihm 216 der Diener einige Thaler in die Hand und mit leich⸗ tem Herzen trat der Flüchtling nach einigen Stunden glücklich an die ſchooniſche Küſte. Getroſten Muthes ging er in eine Herberge und ließ ſich eine Flaſche Madeiramalvaſier geben, um ſich nach den überſtan⸗ denen Leiden gütlich zu thun. In derſelben Herberge kehrten ſpäter ein Zöllner von Fredrichshall und ein Bürger von Kopenhagen ein, welche von Norwegen herabkamen und nach Kopenhagen wollten. Dieſe Lente thaten weiter nichts, als während der Mahlzeit, die Norecroß mit ihnen gemeinſchaftlich genoß, von der Frömmigkeit, Gnade, ſanften Regierung u. ſ. w. ihres Königs zu reden. Norcroß hörte erſt ſchweigend zu, trank aber heftig ſeinen Wein, bis ihm dieſer zu Kopfe geſtiegen war; da platzte er endlich heraus und ein Strom giftiger Reden über die däniſche Regierung, den König, den Kronprinzen, die Räthe, ergoß ſich aus ſeinem Munde. Nebenbei fiel ihm des Dänen⸗ königs Verbündeter, der König von Großbritannien ein, und ſeine Galle ſprudelte auch über dieſen Namen. Er nannte den britiſchen König einen Stehler, den Dänenkönig den Hehler, und bediente ſich in der Wuth, in welche ihn das Geſchwätz der beiden däniſchen Un⸗ terthanen und der zu haſtig genoſſene ſtarke Wein verſetzt hatten, der unanſtändigſten Redensarten. Der Bürger erinnerte ihn, er ſolle bedenken, was er ſpräche, von gekrönten Häuptern dürfe man nicht alſo deſpec⸗ tirlich reden. Ein König habe immer Recht, er möge thun was er wolle; ein anderes Menſchenkind dürfe ſich darüber nicht zu äußern unterſtehen. Dieſe Erin⸗ nerung goß Oel in die Flamme. Norcroß wurde wüthender und ſchwur Stein und Bein: er wolle den König und den Kronprinzen von Dänemark noch aus Kopenhagen oder aus Friedrichsburg, aus ihren Schlöſ⸗ 217 ſern herausſtehlen und davonführen, und ihnen auf offenem Meere die Rache für das, was ſie ihn hätten erdulden laſſen, zu koſten geben.„Bei Gott! was ich vor zehn Jahren unterlaſſen habe, will ich noch ausführen.“ „So ſeid Ihr der berüchtigte Freibeuter John Norcroß!“ rief der Friedrichshaller Zöllner und fuhr entſetzt vom Stuhle empor. Der kopenhager Bürger hatte ſich die Ohren zugehalten, um die entſetzlichen Reden nicht zu hören, welche ihm gräßlicher dünkten, als die ärgſten Gottesläſterungen. „Kennt Ihr den Namen?“ jubelte Noreroß wild auf.„Ich bin's! Bin der gefürchtete Freibeuter. Und das erſchreckt Euch ſo, daß Ihr zuſammenfahrt und aufſchreit. Aber wartet, ich will Euch noch zeigen, was Norcroß vermag.“ „Woher kommt Ihr denn eigentlich?“ fragte der Zöllner, als er ſich ein wenig erholt und überzengt hatte, daß der berüchtigte Freibeuter nicht wie ein Menſchenfreſſer ausſehe. Und Norcroß erzählte mit ſchwerer Zunge, wie er aus dem Gefängniß in Fried⸗ richshafen entſprungen ſei. „Und weshalb ſeid Ihr denn arretirt worden?“ „Weiß ich's? Ich ging zum König nach Fried⸗ richsburg, um meine Dienſte anzubieten, da haben ſie mich durch den Stadtcommandanten feſtnehmen und in ein abſcheuliches Loch legen laſſen. Die Schurken! Aber ich gedenk's ihnen noch, ſo wahr ich John Nor⸗ eroß heiße. Ganz Dänemark ſoll über mich noch re⸗ belliſch werden.“ Er tobte zum Gräuel ſeiner Zuhörer noch eine kurze Zeit ſo fort, dann aber wurde er von Müdigkeit und dem Weingeiſte übermannt, daß er in einen tiefen Schlaf verfiel und zu Bette getragen werden mußte. 218 Am andern Morgen trat er verlegen in die Kam⸗ mer des Zöllners und Bürgers und bat, ſie möchten doch ja kein Aufhebens von dem machen, was er geſtern Abend geredet, es ſei Alles in der Trunkenheit ge⸗ ſchehen. Er verſuchte die Leute zu rühren und durch ſchlaue, verſtellte Reden für ſich zu gewinnen, gleich⸗ ſam als ahne er, welche ſchlimme Folgen ſeine Un⸗ vorſichtigkeit für ihn haben werde. Der Bürger ver⸗ ſtopfte ihm ſein Ohr; der Zöllner fertigte ihn kurz ab und ſagte:„In vino veritas.“ Es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre Norcroß von ihm aus der Thüre geworfen worden. Denſelben Tag noch reiſ'ten die Beiden ab, und als ſie nach Kopenhagen kamen, war ihr erſter Gang zum Stadtcommandanten, Grafen Schoneck, bei wel⸗ chem ſie ſofort Anzeige machten, wo ſie den Kaperka⸗ pitän Norcroß getroffen und welche verbrecheriſche Aeußerungen ſie von ihm vernommen hätten. Der Graf ließ Alles ſogleich zu Protocoll bringen und überſchickte das Aktenſtück vhne Säumen dem Könige. Hof und Stadt geriethen in Schrecken; König und Kronprinz glaubten ſich ſchon in den Händen des gräßlichen Freibeuters, und eine Furcht kam über ſie. Schnell wurde der Stadtadjutant, Kapitän Barford, mit einem Briefe des Königs an den Vice⸗Comman⸗ danten, Lieutenant Craſſov in Helſingburg abgeſchickt, worin der Letztere dringend erſucht wurde, den aus dem Kaſtell entwiſchten John Norcroß ſogleich wieder gefänglich einzuziehen. Der Zöllner und Bürger aber wurden auf das Schloß zum geheimen Rath von Raben gerufen, wo ſie ihre Ausſage noch einmal wie⸗ derholen mußten. Der Kronprinz ſaß hinter einer ſpaniſchen Wand und ſchauderte über die Worte des Freibeuters. ——— 219 Um Norcroß war indeſſen in Helſingburg viel Begehr. Kaum hatte das Volk von ſeiner Ankunft und wunderbaren Rettung vernommen, als es haufen⸗ weis zuſtrömte, um ihn zu ſehen. Die Herberge, wo er lag, war geſtopft voll Menſchen; man hielt ihn frei, man beſchenkte ihn mit Geld, und vorzüglich waren die Seeleute ſtolz auf ihn; die Soldaten lieb⸗ ten ihn. Der Lieutenant Craſſov, Vicecommandant von Helſingburg, hielt es für Pflicht, die Ankunft des berühmten Freibeuters nach Stockholm an den König und den Reichstag zu melden. Aber Tags darauf er⸗ hielt er ſchon den Brief des Königs von Dänemark und ließ Norcroß gefänglich einziehen und vor ſich bringen. Norcroß leugnete kein Wort von dem, was er im Weinrauſch geſprochen hatte, ja er hatte die Kühnheit, dem Lieutenant in's Geſicht zu behaupten: jene Reden ſeien nichts als pure Wahrheit geweſen, und wenn er, der Lieutenant, ihn deshalb gefangen ſetzen und vielleicht gar den Dänen ausliefern wolle, ſo ſolle ſeine Macht dazu nicht groß genug ſein, denn er werde jedenfalls entfliehen, entweder mit oder ohne ſeinen Körper. Mit dem todten Leichnam möge man nachher anfangen, was man wolle. Norcroß hatte gute Vertröſtungen von den Soldaten; und als er einige Tage auf der Hauptwache geſeſſen und ſich in Eſſen und Trinken wohl gethan hatte, war er eines Morgens verſchwunden, und kein Menſch wollte wiſſen, wie es zugegangen ſei. Seine Freunde hatten ihm gerathen, nach Stock⸗ holm zu gehen und die Gnade des Königs anzuflehen. Zu Fuße wanderte er fort. In Engelholm fand er einen Mann, der ihm Geld gab und eine große Strecke Wegs fahren ließ; ſo viel hatten die Leute Reſpekt vor dem Namen Norcroß. So kam er wieder in ———— 220 die Hauptſtadt Schwedens. Der Ruf war ihm ſchon vorausgegangen, und Menſchenmaſſen kamen herbei, ihn zu ſehen. Man ſagte ihm, daß der König be⸗ fohlen habe, ihm in Helſingburg eine beträchtliche Summe auf Rechnung der Schatzkammer auszuzahlen; Rechtsgelehrte boten ihm an, den Lieutenant Craſſov in Helſingburg vom Dienſt zu bringen, wenn er einen Proceß gegen denſelben anfangen wollte; aber er lehnte dies ab, und hatte nur das Eine im Auge, ſich eine Anſtellung bei der Flotte zu erbitten, um Frau und Kind kommen zu laſſen und fernerhin ein ruhiges Leben zu führen. Er fand eine Menge Freunde und Unterſtützung des ſchriftlichen Geſuchs, welches er beim Könige einreichte; aber zugleich erhoben ſch auch ſeine mächtigen Gegner beim König gegen eine ſolche An⸗ ſtellung des Freibeuters. Und ſo hatte er denn nach drei Monaten weiter nichts erzielt, als daß ihm der königliche Cabinetsſecretär Törner eine anſehnliche Summe Reiſegeld auszahlte, jedoch mit der Weiſung, das ſchwediſche Reich ungeſäumt zu verlaſſen und nie wieder zu betreten. Solche Furcht hatte man auch in Stockholm vor ihm. Er war eine öffentliche Perſon geworden. Man erzählte ſich von ihm an allen Orten, in jedem Hauſe die wunderlichſten, oft fabelhafteſten Dinge. Zeder wollte etwas Außerordentliches von ihm mittheilen, und ſo wurden Märchen auf Märchen von ihm erfun⸗ den. Seine Freunde übertrieben ſein Lob, ſeine Feinde ſeinen Tadel. Alles drängte ſich ihm zu, um ihm zu rathen, und nahm Antheil an ihm. So rieth man ihm auch, wieder in ruſſiſche Dienſte zu gehen. Man verwendete ſich für ihn bei dem ruſſiſchen Geſandten Gallowin in Stockholm, und als Norcroß ſelbſt kam, wurde er von demſelben ſehr gnädig aufgenommen und dem eben in Stockholm anweſenden außerordent⸗ lichen ruſſiſchen Botſchafter Dolgoruki zugeführt. Dieſer wollte einen ſolchen berühmten und erfahrenen Mann nicht fahren laſſen und verſprach ihm ruſſiſche Dienſte; aber es lag kein ruſſiſches Schiff da, und Norcroß erhielt zehn ruſſiſche Dukaten Wartegeld. Von der andern Seite drängte ihn die Polizei; er erhielt einen ſchwediſchen Paß aus der Stadtkanzlei und mußte mit einem Schiffe, welches nach Pſtad ging, abſegeln. Von da ließ er ſich ſpäter, ohne einen beſtimmten Plan zu haben, mitten im Winter nach Stralſund überfahren. 2 Wieder ein Jang in der Menſchenfalle. Wiederum ſaß Kapitän Norcroß in jenem ſchmutzi⸗ gen Kaffeehauſe vor dem Dammthore in Hamburg und ſpielte mit lüderlichen Geſichtern, zu denen das ſeinige jetzt paßte, Baſſet. Er hatte Glück und ge⸗ wann viel Geld. Ihm gegenüber hatte ein Spitz⸗ bubengeſicht, roth und ſpitzig, mit lauernden Augen, verſchlagenem, eingekniffenen Mund, ſchnüffelnder Naſe und langen Diebsfingern, Platz genommen. „Ihr ſeid wohl öfter ſchon in dieſem Wirthshauſe geweſen, Kapitän?“ ſagte der Kerl und grinſte ſeinen Kameraden am Tiſche zu. „Ich glaube, es ſind im verwichenen Herbſte zehn Jahre geweſen, als ich das letztemal hier war“, ver⸗ ſetzte Norcroß.„Ja, ja ſo iſt's, denn im Winter — — 222 vorher war ich in ſchwediſche Dienſte getreten. Ja, damals war es goldne Zeit für mich. Na, das ſind vergangene Tage! Mit dem König Karl haben ſie mir mein Glück todtgeſchoſſen, und ich hab' es zu nichts weiter bringen können.“ „Damals verſpielte hier ein junger Menſch all' ſein Geld und auch eine goldne Doſe, die Ihr ihm abkauftet. Er wurde däniſcher Rekrut, aber wie man nachher hörte, hattet Ihr das Rekrutenſchiff aufge⸗ bracht und nach Stockholm geführt.“ „Ja, die Doſe iſt fort, das Schiff iſt fort und der Mann iſt todt.“ „Todt? ch traf ihn ſpäter in Stockholm, dann in Jütland und zuletzt in Kopenhagen. Ich glaubte einmal, er wäre in einer Mördergrube in Jütland erſchlagen worden, aus der ich mit Lebensgefahr ent⸗ ſprang.“ „Wart Ihr auch in jener Nacht darin? Er kam glücklich durch; ſpäter blieb er als ſchwediſcher Kaper⸗ kapitän. Ich wollte, die Kugel hätte mich getroffen!“ „Vor zehn Jahren waren auch noch zwei Eurer Leute mit hier, ein dicker und ein dürrer Mann.“ „Meiſter Habermann und mein Lieutenant Gad; der Eine iſt geſtorben, der Andre verdorben. Es iſt ein elendes Leben!“ „Und wohin gedenkt Ihr jetzt, Kapitän Norcroß?“ „Nach Holland. Ich will den Krämern dienen um's liebe Brot; ſo weit iſt's mit mir gekommen. Ich warte nur auf Briefe aus Amſterdam; dann will ich fort.“ Der Spion wurde während des Geſprächs jenes lange, kupferrothe martialiſche Geſicht durch die Fen⸗ ſterſcheiben anſichtig, welches hereinlugte wie vor zehn Jahren, und er ſtand auf und ſchob wieder wie da⸗ 223 mals das Fenſter zurück und flüſterte hinaus:„Ich hab' ihn richtig eingekreiſt; er ſteckte am Berge in einem ſchlechten Loche, wo ich ihn freilich nimmer ge⸗ ſucht hätte; aber jetzt ſitzt er feſt und freut ſich des Baaren, das wir ihm haben zufließen laſſen. Wir ſind ſchon die beſten Freunde.“ „Mordelement!“ rief Lieutenant Kreuz, und ſtrich ſich vor Freude den ungehenern Schnauzbart,„das iſt ein Gaudium, daß uns dieſer Burſche in's Garn gelaufen iſt. Daran kann ich was verdienen und für Dich bleibt noch genug übrig, um vier Wochen lang in Saus und Braus zu leben. Aber Du mußt Dei⸗ nem Meiſterſtück die Krone aufſetzen. Komm ſchnell heraus, ſchlechte Seele! Du ſollſt mir ſogleich einen Brief an den Großkanzler von Reventlau in Kopen⸗ hagen ſchreiben und demſelben berichten, daß Norcroß hier in Hamburg iſt; wenn ſie ihn drüben haben wollten, ſo würd' ich ihn feſtnehmen und hinüber⸗ führen laſſen. Verſtanden? Und mit dem Brief ſetzeſt Du Dich zu Pferde und reiteſt was Du kannſt, und reiſt durch Holſtein über Fünen nach Seeland. Und wenn Dir das Pferd zufammenbricht, ſo kauf' ein andres. Geld ſollſt Du mit auf den Weg haben, ſo viel Du brauchſt, und noch mehr.“ Der Spion ging und jagte nicht lange nachher auf einem muthigen Hengſte nach Altona zu. Kreuz aber warf ſich in ſeine Staatsuniform, ſetzte die beſte Perücke auf, nahm den reich betreßten Hut unter den Arm, den Stock mit hohem goldenen Knopf in die Hand, und hing den ſchönſten Degen über; alſo herausſtaffirt ging er nach dem Kaffeehauſe. Es dauerte nicht lange, ſo ſaß er am Spieltiſche und bot Norcroß eine Partie an, die dieſer mit Höf⸗ lichkeit annahm. Norcroß gewann abermals und wurde ⸗ 224 immer heiterer. Er ließ ſich Wein geben und ſprach viel mit ſeinem Gegenmann. Plötzlich ſagte Einer der Umſtehenden, wie von ohngefähr: „Kapitän Norcroß, Ihr habt heute viel Glück.“— Da blickte ihn Kreuz wie hoch verwundert an, und ſagte mit ſcheinbar freudigem Erſtaunen:„Haben meine Ohren recht gehört? Wie? Ich hätte wirklich die Ehre, mit dem berühmteſten aller Seefahrer auf unſrer Weſtſee, mit dem Kaperkapitän Norcroß zu ſpielen?“ „Ich bin John Norcroß, vormals ſchwediſcher Ka⸗ perkapitän“, ſagte dieſer geſchmeichelt. Kreuz ſtand ſogleich auf und machte die Honneurs ſo devot, als ob er vor dem Könige ſtände.„Welch' hohes Glück iſt mir widerfahren! Mordelement, das hätt' ich mir nicht träumen laſſen, daß ich mit dem Manne, den ich ſo hoch verehre, zum Spiel käme! Herr, ich hab' Euere Thaten ſtets bewundert, erlaubt, daß ich Euch meine vollkommenſte Hochachtung an den Tag lege. Die Ehre, welche mir heute widerfährt, muß auf ab⸗ ſonderliche Art gefeiert werden. Mordelement! Ich kenne mich vor Freuden nicht. Kapitän John Nor⸗ eroß, erlaubt, daß ich den Zipfel Eueres Rockes küſſe!“ „Macht doch nicht ſolche Umſtände, Herr“, ver⸗ ſetzte Norcroß immer mehr geſchmeichelt— war doch die zweifelhafte Berühmtheit ſeines Namens das Ein⸗ zige, wovon ſein niedergedrückter Geiſt noch zehrte.— „Darf ich mich unterſtehen, Euch, hochverehrter Herr Kapitän, zu einem kleinen Feſte einzuladen, wel⸗ ches ich, vor Freuden über das Glück, ſo mir heute durch die Bekanntſchaft mit Euerer berühmten Perſon widerfahren iſt, allen hier Verſammelten zu geben mich gedrungen fühle?“ 225 „Ihr ſeid ſehr gütig, Herr, meiner Wenigkeit hal⸗ ber ein Feſt zu geben.“ „Wenn König Karl von Schweden noch lebte, ſo wäre Ew. Gnaden jetzt Schvut⸗by⸗Nacht oder Vice⸗ Admiral, vielleicht gar Admiral der Flotte, und nichts Geringeres hätten Euere Heldenchaten verdient. Wirth, ſchafft den beſten Wein aus Euerm Keller! Setzt auf, daß ſich die Tiſche biegen.“ „Aber, mein Herr, mit wem hab ich die Ehre, hier bekannt zu werden?“ fragte Norcroß. „Ich heiße Kreuz und war einmal Lieutenant unter dem Regimente Prinz Karl, welches jetzt das Lalan⸗ diſche heißt. Hab' auch Manches durchgemacht; frei⸗ lich, zu ſolcher Berühmtheit des Namens hab' ich's nicht gebracht. Doch können wir einander ſchon etwas erzählen.“ Erzählen war nun eben Norcroß' Leidenſchaft. Beim beſten ſpaniſchen Weine ſaßen ſie zuſammen und tranken und erzählten bis in die ſpäte Nacht. Kreuz ſchimpfte wacker mit auf die Dänen und auf den dä⸗ niſchen Dienſt, auf König und Regierung, und dadurch fühlte ſich Norcroß noch mehr zu ihm gezogen, und als die beſten Freunde ſchieden ſie von einander. Am andern Morgen ſuchte Kreuz Norcroß in ſei⸗ nem Quartier auf; ſie gingen zuſammen, fuhren zu⸗ ſammen, aßen und tranken zuſammen, und wie ſie's heute getrieben, ſo trieben ſie's morgen und alle Tage. Norcröß befand ſich wohl dabei, das Leben koſtete ihm nichts, und Kreuz ſchwatzte ihm vor, er habe, als ge⸗ borner Holländer, Einfluß bei den Generalſtaaten, und wolle ihm zu einer guten Anſtellung verhelfen. Nor⸗ croß faßte ein ſolches Zutrauen zu Kreuz, daß er dem⸗ ſelben ſein ganzes Herz offenbarte. So verſtrich die Zeit, bis der Spion von Kopen⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. KlIM. 15 226 hagen zurückkam; er brachte nicht nur einen Brief an Kreuz mit, worin demſelben für ſeinen Dienſteifer ge⸗ dankt und eine gute Belohnung verſprochen wurde, wenn er Norcroß einliefere, ſondern auch einen zweiten an den däniſchen Reſidenten in Hamburg, worin die⸗ ſem anbefohlen wurde, dem Lieutenant Kreuz zur Hab⸗ haftmachung des Norcroß in Allem behülflich zu ſein, und endlich noch einen dritten an den Major Juek in Glückſtadt, mit dem Befehl, Norcroß in Empfang zu nehmen, wenn ihn Kreuz brächte, und weiter nach Kopenhagen zu ſchaffen. Solche Anſtalten machte der Dänenkönig, eines armen Mannes habhaft zu werden, der ihm der gefährlichſte in der Welt ſchien. Kreuz verſchaffte ſich vom hamburger Stadtma⸗ giſtrat einen Arreſtzettel. Hamburg hatte nämlich das Recht, daß Niemand in ſeinen Mauern arretirt wer⸗ den durfte. Zu dieſem Behufe mußte man einen vom Magiſtrat ausgeſtellten Arreſtzettel beim Officier einer Thorwache vorzeigen; dann wurde die darauf bezeich⸗ nete Perſon, wenn ſie vorüberging, angehalten und feſtgenommen. Kreuz hatte den Zettel im Dammthore ſchon ab⸗ gegeben und zechte noch mit Norckoß auf dem Kaffee⸗ hauſe. Dann gingen ſie zuſammen nach der Stadt zu. Da fiel Norcroß ein, daß er ſich bei ſeiner Wä⸗ ſcherin, die neben dem Kaffeehauſe wohnte, etwas friſche Wäſche für den folgenden Tag mitnehmen müſſe; er bat alſo Kreuz, ein wenig zu warten. Dieſer ſchlen⸗ derte nach dem Thore zu und gab den Soldaten ein Zeichen; als nun Norcroß eilig kam, redete ihn Kreuz an und hielt ihn auf. In denſelben Augenblick wurde Norcroß umzingelt und in die Wache gezogen. „Na, Brüderlein!“ lachte Krenz,„wir haben Dich glücklich gefangen. Es hat mir Mühe genug gekoſtet. *„— 227 Aber wie die Arbeit war, ſo wird auch der Lohn ſein. Es iſt ihnen in Kopenhagen viel an Dir gelegen.“ Da gingen dem unglücklichen Kapitän die Augen auf; er fah, wie ſchändlich er hintergangen war. Die Wuth darüber raubte ihm für Augenblicke die Sprache; er konnte nichts weiter, als dem Lieutenant in das Geſicht ſpeien. „Hund!“ rief dieſer.„Mordelement! Dich ſoll ein vierundzwanzigpfündiges Donnerwetter hundert Klafter tief in den Erdboden ſchlagen. Ich will Dich fuchteln!“ Und unter Schimpfreden ſchlug er ihn mit der flachen Klinge über Kopf, Bruſt und Rücken. Nor⸗ croß ſagte kein Wort, aber in ſeinen Zügen ſah man den Widerglanz der in ihm tobenden Gefühle. Kreuz ſchickte ſogleich Boten ab. Am andern Alend kam ein Kapitän mit zwei Unterofficieren und ſechs Gemeinen, vom Generalmajor Juel in Glückſtadt abgeſchickt, um Norcroß abzuholen. Auf einem Wagen nach Altona gebracht, wurde er hier von der däniſchen Regierung kreuzweis an Hand und Fuß mit Ketten geſchloſſen. In dieſem Zuſtande kam er nach Glückſtadt auf die Feſtung. Das Erſte, was man hier mit ihm vornahm, war, daß man ihn auskleidete, um zu erfahren, ob er irgend ein Werkzeug bei ſich führe, eine Scheere, ein Meſſer u. dgl.— Es fand ſich nichts. Man war ſeinet⸗ wegen in ſteter Furcht, daß er ſich losmachen und ent⸗ kommen möchte, vorzüglich auch deshalb, weil allgemein das Gerücht verbreitet war, er ſei früher mit einem Zauberer und Hexenmeiſter in der engſten Freund⸗ ſchaftsverbindung geweſen und habe denſelben auf ſeinen Waſſerreiſen mit ſich geführt. Dieſem Teufelskerl ver⸗ danke er nicht nur die vielen Priſen, die er früher gemacht, ſondern auch die Kunſt, ſich unſichtbar und 15 228 aus jedem Kerker, aus jedem Bande frei zu machen; er habe ſeine Seele ſelbſt dem Teufel verſchrieben und dieſer helfe ihm gewiß. In dieſer abergläubiſchen Furcht beſtärkte Norcroß ſeine Umgebung durch ſchlaue, hingeworfene Aeußerun⸗ gen noch mehr. Schon unterwegs hatte er öfters ge⸗ droht, er werde ſich doch frei machen, und wenn ſie ihn in Ketten ſchmieden ließen, und auf der Wache ſagte er, es ſei ihm ein Leichtes, die ſchwerſten Eiſen zu zerbrechen, und jeden Augenblick, wenn er nur wollte, auf freien Fuß zu kommen. Die Thoren ſahen nicht, daß ihre Furcht und ſtets wachſame Beſorgniß den unglücklichen Mann ergötzte und ihm einige heitre Augenblicke verſchaffte. Der Generalmajor Juel ließ ihn in die Kapitänsſtube ſetzen, anſchließen und mit drei Mann vom holſteiniſchen Regiment und einem Lieutenant bewachen. Außerdem ſtand Tag und Nacht noch eine beſondre Schildwache mit bloßem Degen zu Häupten der Pritſche, an welche er gefeſſelt war. Nichtsdeſtoweniger wurde er alle Morgen genau unterſucht, ob es ſeiner Teufelskunſt nicht etwa ge⸗ glückt ſei, ſich ein Inſtrument zu verſchaffen, womit er ſeine Ketten zerbrechen könne. Und all' dieſer Maß⸗ regeln ungeachtet, erwartete der Commandant und die ganze Beſatzung der Feſtung alle Morgen die Nach⸗ richt zu erhalten, Kapitän Norcroß ſei in der Nacht mit des Teufels Hülfe zum Fenſter hinausgeflogen. Nach einigen Verhören in Glückſtadt, die von einer eigends dazu verordneten Commiſſion geleitet wurden, ſollte Noreroß unter ſicherer Bedeckung nach Kopen⸗ hagen gebracht werden. Jedermann fürchtete ſich, dieſen Befehl zu vollziehen, da wandte ſich der Ge⸗ neralmajor an den Lieutenant Kreuz, und dieſer über⸗ nahm das ſchwierige Geſchäft mit Freuden. Es war für Norcroß die ärgſte Pein, von dieſem Menſchen transportirt zu werden, deſſen Anblick, wie er ſich oft ausdrückte, ihm der widerlichſte und gräßlichſte ſei. Er pflegte den Lieutenant auch nie anders als Judas Iſcharioth zu nennen, und ſpie jedesmal aus, wenn ihn derſelbe anredete. Krenz lachte darüber und ließ ihn nur feſter ſchließen nannte ihn ſein Brüderlein und trank auf ſeine Geſundheit. Man machte die ausgeſuchteſten Anſtalten, das Entwiſchen des Gefan⸗ genen unterwegs zu verhindern, weil er ſtets drohete, ſie würden ihn doch nicht nach Kopenhagen bringen. Ehe er auf den Wagen vor der Hauptwache ge⸗ ſetzt wurde, zog man ihm alle Kleider aus und un⸗ terſuchte dieſelben auf's Sorgfältigſte, aber man fand nichts bei ihm. Nichtsdeſtoweniger bemerkte einer der Wache haltenden Unterofficiere des Nachts in Tolſtid, zwiſchen Flensburg und Hadersleben, daß Norcroß auf der Streu, ſo eng er auch geſchloſſen war, anfing an ſeinen Feſſeln zu arbeiten. Der'Unterofficier machte Lärm, Kreuz kam und ließ die Taſchen des Gefange⸗ nen ſogleich wieder unterſuchen, worin man denn auch nicht nur eine abgebrochene Scheere und zwei ſtumpfe Scheermeſſer, ſondern auch die Papiere zu zwei Pul⸗ vern bei ihm fand, die er entweder ſchon an den Kerten verbraucht oder auf den Boden geſtreut hatte, um die Wache zu betäuben. Wie er zu dieſen Dingen gekommen, geſtand er durchaus nicht. Kreuz ließ ihn abprügeln und nur noch genauer beobachten. So brachte man ihn glücklich bis in ein Boot, worin er über den kleinen Belt nach Fünen überge⸗ führt werden ſollte. Als das Boot mitten auf dem Strome war, ſtellte er ſich an, als ob er an einer heftigen Kolik litte. Kreuz mußte ihm erlauben, daß er ſich an's Ende des Boots begeben durfte. Aber 230 kaum war er dort, ſo gab er plötzlich dem Boote einen ſo ſtarken Druck, daß es auf der andern Seite hoch empor flog und köpfte. Wäre einer der Ruderer nicht ſchnell auf die andere Seite geſprungen, ſo wäre das Boot umgeſchlagen, und wahrſcheinlich Alle ertrunken. Kreuz wüthete mit Mund und Hand gegen ihn und warf ihn mitten in's Boot platt auf das Geſicht, und ſo mußte er bei der Ueberfahrt über den kleinen und den großen Belt liegen. Ebenſo vergeblich waren noch einige Verſuche des Freibeuters zur Flucht zu Lande. Kreuz ließ ihn nicht aus den Augen, und brachte ihn nach Kopenhagen. Für ſeine Mühe erhielt der herkuliſche Lieutenant vom König eine Compagnie beim ſchleswig'ſchen Regiment zu Fuß. Er hatte ja dem Hofe einen ſo wichtigen Dienſt erwieſen. Ueberall, in der Stadt und auf dem Lande, liefen die Menſchen in Haufen zuſammen, als ſie von der Einbringung des berüchtigten Norcroß hörten. Er war in Aller Augen zum Wunderthiere geworden, und die Paſtoren predigten Sonntags darauf im ganzen Lande von ihm, und dankten Gott im Kirchengebete, daß man den Verbündeten des Teufels glücklich mit Eiſen und Banden bewältigt, und ſchrieben es der bannenden Kraft des Gebets zu, daß er ſich nicht durch den Schornſtein auf und davon mache. 22 Der Adler im Rüſig. Der unglückſelige Seefahrer wurde wieder auf das Kaſtell Friedrichshafen gebracht und in ein noch weit — 231 ſcheußlicheres Gefängniß, als ſein früheres, geworfen. Eine Unterſuchungsbehörde wurde ſeinetwegen geſchaf⸗ fen, als deren Präſident der Geheimerath von Rgben fungirte. Nachdem er über Jahr und Tag von dieſer Commiſſion inquirirt worden war, und nichts geſtanden hatte, ſprach die Oberbehörde auf die Ausſagen der gegen ihn aufgeſtellten Zeugen das Todesurtheil über ihn aus, als einen Menſchen, der an Bosheit und Gottloſigkeit nicht ſeines Gleichen habe. Der König milderte dieſes Urtheil auf unabläſſiges Bitten der Gattin des Geheimenraths von Raben in die Formel: „obgleich Delinquent ſeiner groben Verbrechen gegen drei Könige wegen in jedem andern Lande von Hen⸗ ters Hand vom Leben zum Tode gebracht worden ſein würde, ſo wolle des Königs von Dänemark Majeſtät doch Gnade für Recht an ihm ergehen laſſen und ihm eine lebenslängliche Gefängnißſtrafe zuerkennen.“ Hierauf wurde er in ein feſt verwahrtes, aber helles und der friſchen Luft zugängliches Zimmer ge⸗ ſetzt. Nie erfuhr er, daß Roſamunde ſeine Lebens⸗ retterin war, ebenſowenig, daß die vier Stüber, welche er täglich zu ſeinem beſſern Unterhalt erhielt, von ihr kamen. Kaum hatte Norcroß einige Wochen in ſeiner Kam⸗ mer geſeſſen, als der allmächtige Drang nach Freiheit wieder in ſeiner Bruſt ſo ſtürmiſch aufloderte, daß er aus Sehnſucht krank wurde. Es gab für ſein unru⸗ higes, heftiges Gemüth nichts Schrecklicheres als die Grabesruhe des Gefängniſſes. Er kannte nur ein höchſtes Gut: Freiheit; er hatte nur ein Verlangen: Freiheit; er hatte nur einen Gedanken: Freiheit; er träumte nur einen Traum: Freiheit! Noch einmal winkte ihm der Engel mit dem grünen Kranze.— Liſt, die einzige glückliche Bekämpferin der Gewalt, kam ihm wieder zu Hülfe. Es war die Zeit 232 des grünen Gartenſalats, und Norcroß gab vor, daß er ein großer Freund davon ſei. Er bat alſo, man möchte ihm täglich für zwei Stüber Salatkraut, Eſſig und Oel bringen, er wolle ſich den Salat dann ſelbſt bereiten. Vorzüglich wünſchte er viel Oel. Man will⸗ fahrte ihm; Niemand ſchöpfte daraus Argwohn. Nun zerſchlug er ſeinen Waſſerkrug, jedoch ſo, daß die untere Hälfte ganz blieb; die Scherben der obern Hälfte warf er dem Profoß hin, und dieſer trug ſie weg, ohne ſie weiter anzuſehen und brachte einen neuen Krug. In der unteren Scherbe ſammelte Noreroß nun alles Oel, welches er zum Salat empfing, und aß dieſen ohne Oel. Die Scherbe verbarg er ſorg⸗ fältig unter der Pritſche. Dann forderte er ein Stück grüne Seife, um ſich damit zu waſchen, und auch dies wurde ihm verabreicht. Als er nun des Oels genug hatte, entkleidete er ſich ganz und wuſch ſich erſt mit Waſſer und Seife, wobei er die Seife ganz dick auf⸗ trug, hernach beſchmierte er ſich den Körper vom Kopf⸗ wirbel bis zur Ferſe mit Oel; hinter den Ohren und auf den Armen trug er dann noch einmal Seife auf, ſo daß er ſo glatt und ſchlüpfrig war, wie ein Aal. Nachdem er dies vollbracht, hing er ſeinen Rock ganz los über die nackten Schultern und knöpfte ihn oben am Halſe zu. Ueber den Rock hing er einen alten Rockelor, in welchem er zu ſchlafen pflegte. In dem Gange vor ſeinem Gefängniß hatte ſtets ein Officier mit ſechs Mann die Wache, und alle Tage, Nachmittags um drei Uhr, mußte ein Juſtiz⸗ Sergeant in das Gefängniß, um nachzuſehen, ob noch Alles unbeſchädigt und im vorigen Zuſtande ſei. Der Sergeant war ein alter, kraftloſer Mann und dies Geſchäft ſeine einzige Dienſtverrichtung. Der wache⸗ haltende Officier mußte ihm dazu jedesmal das Ge⸗ fängniß auf⸗ und zuſchließen. 05 In dem bereits beſchriebenen Aufzuge wartete Nor⸗ croß an der Thüre, als die Zeit da war, wo der Sergeant einzutreten pflegte. Endlich raſſelten die Schlöſſer, die Thür ging auf. In demſelben Augen⸗ blick rannte Norcroß den alten Mann mit dem Kopfe dermaßen vor die Bruſt, daß dieſer ohnmächtig rück⸗ wärts taumelte, und den Officier, der ihm aufgeſchloſ⸗ ſen hatte, mit in ſeinen Fall riß. Beide lagen am Boden, der Lieutenant ſchrie, aber Norcroß war ſchon wie ein Blitz mitten durch die, der Verdauung pfle⸗ genden, Soldaten hindurchgefahren und zur Treppe hinab. Ein gewaltiger Lärm entſtand; die ſechs Sol⸗ daten ſtürzten übereinander her, die Treppe hinab, der Lieutenant hinterdrein und Alle gaben ein ſo wüthen⸗ des Geſchrei von ſich, daß man es in der ganzen Feſtung hörte. In der ohnfern gelegenen Hauptwache wurden die Soldaten aufmerkſam; ſie ſahen den bar⸗ füßigen Norcroß über den Plan dahinraſen, ihre Ka⸗ meraden hinterdrein; da brach die ganze Hauptwache auf und lief ihm nach, der bereits den Wall erklimmte. Ein ſchnellfüßiger Kerl unter den Soldaten kam ihm ſo nahe, daß er ihn bei dem fliegenden Rockelor er⸗ wiſchte; aber ſogleich ſprang vorn der Knepf ab, der Kerl hielt den Rockelor in der Hand, und Norcroß gewann wieder einen Vorſprung. Zetzt that ſich ein zweiter Läufer hervor, der ihn beim Rockſchvoß faßte, da riß auch der Rockknopf, der Soldat purzelte rück⸗ lings den Wall herab und Norcroß ſprang nackt weiter. Endlich gelang es einem Dritten, ihn, als er gerade oben auf der Ebne des Walles war, am Arme zu erfaſſen; aber dem Kerle glitſchten die Finger von dem Oele ab, er vermochte nicht feſtzuhalten, und Norcroß fuhr wie der Sturmwind ihm durch die Hände und ſprang den Wall hinab in den Waſſergraben. Schon jubelte er, da faßte ihn, als er eben unter das ——— — ———————— 234 Waſſer tauchen wollte, eine Fauſt bei ſeinem langen Zottelhaar, welches abzuſchneiden er leider vergeſſen hatte, und wie er auch riß, zerrte, um ſich ſchlug und biß, die Fauſt hielt feſt und hielt ſo lange, bis die Soldaten herbeikamen. Dieſe Fauſt gehörte einem ſtarken Kerl, welcher auf der nahen Baſtion Schild⸗ wache geſtanden hatte. Dort hatte er das Geſchrei vernommen und den nackten Kerl geſehen, dem die ganze Wache lärmend folgte. Dies veranlaßte ihn, ſeinen Poſten zu verlaſſen und von der andern Seite herbeizulaufen; er ſetzte dem Flüchtling ſogleich in den Graben nach und hielt ihn feſt. Mit Spott und Hohngelächter wurde der vor Wuth ſchäumende Norcroß wieder heraufgezogen und alſo nackt trieben ſie ihn unter Zulauf aller Bewohner des Kaſtells nach dem Gefängniß zurück. Da geber⸗ dete er ſich wie ein Raſender, vermaß ſich hoch und theuer und rief:„Und Ihr Hunde ſollt mich doch nicht halten! Und wenn mich auch der König in einen Vogelbauer ſtecken ließe und ganz Dänemark legte ſich davor, mich zu bewachen, ſo will ich doch entkommen.“ In ſolchem Trotz verharrte er mehre Tage lang, immer dieſelbe Drohung, mit Verwünſchungen gegen den König ausſtoßend. Als der Geheimerath Raben dem Könige dieſe Geſchichte erzählte, und zugleich berichtete, wie höhniſch Norcroß über alle Anſtalten ſich ausließe, die man, ihn feſtzuhalten auch machen möchte, ja ſelbſt, wenn man ihn auch in einen Vogelbauer ſetzte, da gefiel es Sr. Majeſtät hohem Herrſcherwillen, die königlichen Worte von ſich zu geben:„Noreroß hat ſich ſelbſt ſein Urtheil geſprochen. Wohlan denn! Man ſoll ihn in einen Vogelbauer ſetzen und dann wollen wir zuſehen, ob er ſeine Drohung wahr macht.“ Der Commandant, General von Stöcken, erhielt 5 — 235 einen vom Könige unterzeichneten Befehl, einen ſolchen Bauer bauen zu laſſen und Norcroß hineinzuſtecken. Der Bauer wurde in des Kapitäns Gefängniſſe ge⸗ baut, drei und ein halb Schritt lang, drei Schritt breit; er beſtand aus vier Zoll dicken viereckigen Eichen⸗ balken, die vier Zoll breit von einander von der Decke des Zimmers bis zum Boden liefen. Unten war der Bauer mit ſtarkem Eichenholz unterlegt und einen Viertelfuß über die Erde erhöht. Eine ſtarke eiſerne Stange lief quer hindurch, an welcher die Fußkette des Gefangenen mittels eines Ringes lief. Im Bauer ſtanden die Pritſche und ein Tiſch. In dieſen Käfig wurde der einſt ſo kühne Freibeuter geſteckt. Der Bauer wurde überdies noch mit Schlöſſern verwahrt und nicht eher geöffnet, als bis der Profoß den Nachtſtuhl heraustrug. Selbſt die Klappe, durch welche der Gefangene das Eſſen erhielt, war mit einem Vorlegeſchloß verwahrt. Stets hielt ein Unterofficier vor dem Bauer Wache, und dieſer wurde von dem Officier in das Gefängniß eingeſchloſſen. Die Wache vor der Thür blieb ebenfalls. Wöchentlich zweimal mußte dem Könige Nachricht gegeben werden, ob er noch feſt ſäße. Die Verzweiflung, die Tag und Nacht in des elendeſten Mannes Geiſt wühlte, ſtumpfte ihn mit der Zeit ab. Nach einiger Zeit kam Norcroß' Gemahlin nach Kopenhagen. Sie hatte in Frankreich von ihres Man⸗ nes Unglück gehört und wollte vor dem König einen Fußfall thun. Sie wurde aber nicht vorgelaſſen. Auf dem Kaſtell begehrte ſie ihren Gemahl zu ſprechen, aber auch dieſe Bitte wurde der Armen abgeſchlagen. Der Commandant ließ ſie mit ihrem neunjährigen Sohne vielmehr ebenfalls in's Gefängniß werfen, und erſtattete ihretwegen Bericht an den König. Das kö⸗ 236 nigliche Reſeript lautete: der Polizeimeiſter in Kopen⸗ hagen ſolle ſie in einem Boot nach Schonen über⸗ führen laſſen, dazu ſollte ihr etwas Geld zur Reiſe mitgegeben werden, mit dem ſtrengen Befehl, daß ſie das däniſche Reich bei Strafe eines ewigen Gefäng⸗ niſſes nie wieder betreten ſolle. Dina wurde mit ihrem Kinde auf einem Fahrzeuge nach Landskrona gebracht. Sie hat den Gatten nie mehr geſehen. Die erſten Jahre über wurde Niemand zu dem Gefangenen gelaſſen. Später erlaubte man Hofleuten, den ſeltſamen Vogel in ſeinem Käfig zu rerhöhnen. Da ging denn das vornehme Volk um den Bauer herum und begaffte und bewitzelte den wilden Mann darin. Er that als ſäh' und hörte er's nicht. Nach⸗ her verlangten auch andere Leute aus beſſern Abſich⸗ ten dieſelbe Vergünſtigung und erhielten ſie; nach drei Jahren, als der König todt war, wurde Jedermann 3 erlaubt, den berüchtigten Freibeuter in ſeinem Vogel⸗ bauer zu ſehen, und die Menſchen ſtrömten haufen⸗ weiſe dahin.. Die Meiſten ergötzten ſich an des Freibeuters merk⸗ würdiger Geſellſchaft im Käfig. Er hatte nämlich in ſeiner Einſamkeit ſich die Zeit damit vertrieben, Mäuſe, die ſich unter dem Boden des Vogelbauers ihr Neſt gebaut, zu füttern und aufzuziehen. Die Jungen that 5 er in eine Schachtel, bis ſie zahm waren, hernach ließ 3 er ſie um ſich herum laufen. Dies Völklein vermehrte ſich bald und er hatte ihrer täglich über ſechzig zu 1 ernähren. Sie hatten ſich ſo an ihn gewöhnt, daß, wenn er ihnen mit dem Munde pfiff, ſie ſchnell aus allen Löchern hervorgerannt kamen, und rings im Kreiſe um ihn herum ſtanden. Dieſe Thierchen ge⸗ wann Norcroß immer lieber, während er die Menſchen immer mehr haßte und verachtete. Sie waren ſeine Freunde, ſeine täglichen Geſellſchafter, die Verſüßer —— 237 ſeiner Schmerzen, die Vertreiber ſeiner Verzweiflung. Wenn ihn der Unmuth zu übermannen drohete, pfiff er ſeinen Mäuſen. Hernach wenn Leute kamen und ihn baten, ihm auch wohl ein Geſchenk reichten, damit er ſich Wein und gute Eßwaaren kaufen möchte, ſo ſetzte er eine Schachtel auf den Boden, worin er oben ein kleines rundes Loch geſchnitten hatte. Hierauf pfiff er, da kamen die Mäuſe hurtig und krochen durch das Loch in die Schachtel, bis ſie voll war. Dann machte er den Deckel auf und zeigte die zuſammengeballten Mäuſe den Unmſtehenden. Als der fromme furchtſame Chriſtian der Sechste zur Regierung kam, wollte er ſeine Frömmigkeit auch an Norcroß beweiſen. Der Commandant mußte dem Kapitän vorſchlagen, wenn er ein eidliches Document unterſchreiben wolle, worin er ſich rerpfichte ſich nie⸗ mals an Dänemark zu rächen, inſofern er einmal ſeine völlige Freiheit wieder erhielte, ſo ſolle der Bauer hinweggenommen werden und er das Zimmer zum Gefängniß erhalten. Aber Norcroß ballte die Fauſt und rief:„Eher will ich im Vogelbauer ſterben, als eine ſolche Schmachſchrift unterſchreiben“.— Da fürchtete ſich der neue fromme König wiederum ſehr, und Norcroß blieb im Bauer. Eines Tags trat eine ſchwarz gekleidete hohe Frauengeſtalt in Begleitung eines Mannes in das Zimmer und vor den Käfig. Norcroß ſtarrte ihr in's Geſicht und ſagte faſt beſtürzt:„Friederike!“ „Kennt Ihr mich, Unglücklicher?“ lächelte die Dame ſchmerzlich.„Müſſen wir ſo uns wiederſehen?“ „Ja, mein Fräulein, da ſitz' ich nun in meinem eignen Schloſſe, an dem wieder ein halbes Dutzend Schlöſſer hängen, mit einer königlichen Gnadenkette geſchmückt, die mich an der freien Bewegung hindert, 238 wie alle Gnadenketten zu thun pflegen. Auch hab' ich meinen Hoſſtaat, gehorſamer meines Winks, als der Hof des Königs von Dänemark dem ſeinigen und nicht voll Intrigue und Bosheit wie jener“ Und er pfiff bitter lachend den Mäuſen„Sind Sie denn nicht auf ähnliche Weiſe logirt, mein Fräulein?“ „Ei freilich, mein Geliebter“, flüſterte ſie durch die Eiſenſtäbe,„mein Bruder hat mich in's Irren⸗ haus ſtecken laſſen; da hab' ich lange Jahre in einem Stübchen geſeſſen, das nicht größer und auch vergit⸗ tert war, wie Euer Bauer. Ich habe immer nach Euch gefragt und auch oft erfahren, wie's Euch ging. Endlich hab ich erbeten, daß ich zuweilen ausgehen darf, aber den Irrenwärter geben ſie mir immer mit. Seht, dort ſteht er bei Euerer Wache. Das iſt nun Friederikens Begleiter.“ „Wir ſind auch heute ein würdiges Paar, wie wir ſtets waren. Wir ſpürten immer etwas von der Natur des Adlers in unſern Seelen. Darum wur⸗ den wir in Käfige geſteckt. So zähmt man Adler, bis ſie den ſchlauen Cäſar grüßen.“ „Iſt das das Loos kühner und ſtarker Geiſter auf Erden?“ fragte die Dame ſchmerzlich. „Es iſt's, wenn ſie ſich nicht dem Geſetz der Kö⸗ nige beugen. Doch laſſen wir Das!— Ihr Be⸗ ſuch gibt mir die tröſtliche Ueberzengung, daß Sie mich immer noch lieben, Friederike.“ „Ich liebe Euch noch eben ſo heilig, als ſohſt, wenn's auch oft in meinem Kopf wie Feuerglut brennt und ich nicht weiß, was ich rede und thue. Es iſt mir oft, als wär't Ihr bei mir. Dann ſprech' ich mit Dir. Nicht wahr, mein ſchönes Lieb, mein küh⸗ ner Seeheld? Hörſt Du die Wogen brauſen, die Brandung donnern? Sieh', wie Dein Schiffchen durch die Wellen ſchießt. Der Sturm brüllt, die Wogen —————.—— rah t n 239 bäumen ſich. Ha! ha! Herrlich! Göttlich! Umklam⸗ mere mich, mein Geliebter! Hu, wie tobt der Sturm! Wie raſt das Meer! Das iſt Wolluſt! Sei doch nicht ſo heftig! Du haſt ja ein Weib. Norcroß, Noreroß halte mich!“ Sie kreiſchte immer lauter, Norcroß ſtarrte ſie be⸗ ſtürzt an. Der Irrenwärter rief:„Hoho! Sie fängt an zu rappeln!“ Soldaten von der Wache kamen herbei, packten die Unglückliche und führten ſie fort. Bald darauf hörte Norcroß, ſie ſei geſtorben. Einige Jahre darauf hatte der Gefangene einen andern ihm lieben Beſuch. Ein ſchlanker, ſchöner Mann mit einem netten Weibe am Arme trat in das Zimmer. erß kannte ſie nicht. Da gab ſich ihm der junge Mann als Juel Swale zu erkennen. Nor⸗ croß weinte Freudenthränen, Juel aber Thränen des bitterſten Schmerzes über das Loos ſeines Herrn und Meiſters. Das Weibchen war Jane, ſeine Frau. Juel erzählte ſeinem unglücklichen Kapitän, wie er nach Madagaskar gegangen und dort reich geworden, hernach nach Schweden zurückgekehrt und als. mann auf einem Linienſchiff angeſtellt worden ſei. habe er Janen ihm noch treu gefunden und Einen ganzen Tag blieb Juel, dann nahm er unter Thränen Abſchied. Aber noch mehrmals be⸗ ſuchte er ſeinen glbten Kapitän. Denn ſechszehn Jahre ſaß Norcroß im Käfig, dann wurde er auf der Königin Mutter herausgelaſſen und der Bauer weggeräumt. Er bedankte ſich nicht für dieſe Gnade. Sein Bart war ſo lang, daß er ihm bis zu den Füßen reichte. Die Unruhe ſeines Gemüths verließ ihn nie. In den Boden des Bauers hatte er eine tiefe Spur getreten. Wüthend wurde er, daß man ſeine Mäuſe verjagt hatte. Ja, er begehrte trotzig ſeinen Bauer wieder. Nachdem er aus dem Käfig gekommen, vertrieb er ſich die Zeit damit, daß er kleine Schachteli von Kar⸗ tenpapier verfertigte und mit Goldpapier überzog. Inwendig hinein klebte er einen Zettel, worauf ſein Name geſchrieben ſtand, und unter den Zettel legte er ein Haar ſeines langen Bartes. Auch ſtrickte er Geld⸗ beutel von bunter Seide Am Ende derſelben in den Knoten knüpfte er ebenfalls ein Haar ſeines Bartes. Beutel und Schachteln pflegte er Denen zu ſchenken, die ihn beſuchten. Er erhielt dafür ein Gegengeſchenk, wofür er ſich gute Lebensmittel kaufte. Auch ſein Sohn beſuchte ihn ſpäter. Da aber derſelbe ein Tuchweber geworden war, ſo wollte der Vater nichts von ihm wiſſen. Mehrmals ſchenkte er ihm ſeine Baarſchaft, hernach bat er aber, daß man den unadligen Menſchen nicht mehr zu ihm laſſen möchte, der ſo gar nichts vom Geiſte ſeines Vaters geerbt habe. Dina war früh vor Kummer geſtorben. Vierzehn Jahre lebte Kapitän Noreroß noch im Kerker, ſein braunes Haupthaar und ſein langer Bart waren ſilberweiß geworden, aber aus den Augen ſprühete immer noch das alte Feuer. Er hatte noch ſeine Le⸗ bensgeſchichte ausgearbeitet. Dann überfiel ihn eine Krankheit, an welcher er ſtarb. Er war ein ſiebenzig⸗ jähriger Greis geworden und hatte ein und dreißig Jahre im däniſchen Kerker geſeſſen. Zwei däniſche Könige waren unterdeſſen geſtorben und der Dritte folgte ihm wenige Jahre nach. Ende des dritten und letzten Theils. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. —— ———