¹ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. cLeih und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. k Auswärtige Abonhenten aben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene), verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. SPeſeche iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſelben von mir geliehen, Lauchzdafür zu ſtehen haben. Der Freiheuter. Ludwig Storch. Zweiter Theil. Leipzig⸗ n 1856. — Anerwartet ſchlechter Empfang. Kaum hatte der Führer der Fregatte den Fuß an das Land geſetzt, als ihm der königliche Inſpector des Hafens den Befehl des Königs anſagte, ſich ohne Verzug bei des Königs Majeſtät anmelden zu laſſen und der fernern Befehle gewärtig zu ſein. Befrem⸗ det über dieſe unerwartete unfreundliche Strenge, über⸗ gab Kapitän Norcroß ſeinem Lientenant den Oberbe⸗ fehl der Fregatte und ging in ſich gekehrt nach dem Palaſte. Er trat in die königlichen Gemächer mit jener einfachen würdigen Haltung, welche dem Manne, der ſich ſeines Werthes bewußt iſt, eigen zu ſein pflegt und welche dem edlen Noreroß, der niemals vergaß, daß altadliges britiſches Blut in ſeinen Adern floß, zur Natur geworden war. Im Vorzimmer waren mehre hohe Standesper⸗ ſonen verſammelt, welche dem Könige aufwarten woll⸗ ten. Es waren einige darunter, welche Norcroß kannte, einige, die er ſich feindlich geſinnt wußte. Alle dieſe Herren dankten kaum ſeinem Gruße; auf den Geſich⸗ tern ſeiner Gegner ſah er ein ſpöttiſches Lächeln; die Kälte Aller war zu auffallend, um nicht tief empfun⸗ den zu werden. Das britiſche Blut empörte ſich, er 6 lehnte ſchweigend in einer Fenſterbrüſtung, und quälte ſich mit Vermuthungen. Hier hatte ihn kaum ein Kammerjunker erblickt, als derſelbe, ohne ihn zu befragen, in das Zimmer des Königs eilte. Dies deutete darauf hin, daß man ihn erwartet und der König befohlen habe, ihn ſo⸗ gleich nach ſeiner Ankunft zu melden. Selbſt in die⸗ ſem Augenblicke behielt Norcroß ſeine Faſſung. Sein Auge hing an der Doppelthüre, welche in die Wohn⸗ und Audienzzimmer des Königs führte. Der Kammer⸗ junker trat heraus und ſagte leiſe zu ihm:„Des Kö⸗ nigs Majeſtüt läßt Euch befehlen, morgen früh um ſieben Uhr hier zu ſein.“ Dieſe Verzögerung verdüſterte die Seelenſtimmung des Kapitäns. Er wünſchte nichts ſehnlicher, als aus der peinlichen Ungewißheit gezogen zu werden, und er hätte lieber das Schlimmſte zur Stelle erfahren, als noch eine Nacht warten zu müſſen. Er eilte zu ſeiner Braut, dem Fräulein von Broke. Als Waiſe wohnte ſie bei ihrem Verwandten, einem königlichen Staatsrath. Kaum hatte er ſich im Hauſe gezeigt, als ihm ein Diener mit ſchelmiſchem Lächeln nach ih⸗ rer Thüre die Verſicherung gab, Fräulein Broke ſei verreiſt. Ohne Umſtände öffnete Norcroß das Zim⸗ mer und ſah das Fräulein durch eine andere Thüre entfliehen. Der Herr Oheim erſchien ſteif und verle⸗ gen und erklärte dem ärgerlich verwunderten Seemanne, daß ſeine Nichte gute Gründe habe, den Herrn Ka⸗ pitän, bevor er ſich nicht von den gegen ihn erhobe⸗ nen Beſchuldigungen reinige, nicht zu ſehen. Noreroß. ging. Er hatte vergeſſen, zu fragen, weſſen man ihn eigentlich beſchuldige. Als er wieder Faſſung gewonnen, verfügte er ſich nach der Wohnung ſeines Beſchützers des Grafen Feldmarſchalls Mörner. Aber auch hier wurde er zu ſeinem Verdruſſe abge⸗ wieſen und auf den andern Tag beſtellt. Verſtimm⸗ ſuchte er ſein Schiff und brachte in der einſamen Kajüte nichts weiter heraus, als daß Friederikens Raub bereits in Stockholm auf einem ſchnellen und geheimen Wege bekannt geworden ſein müſſe; denn die reichen Früchte, welche ſeine unerſchrockene Tapfer⸗ keit auf ſeinem letzten Meerzug der ſchwediſchen Krone zuwege gebracht, hätten ihm ſonſt einen andern Em⸗ pfang bereiten müſſen. Nach einer unruhigen Nacht war er früh auf dem Wege zum Könige. 2 Flapmann's Etui. Im Schloſſe hatte man ſchon den Empfang des Kapitäns vorbereitet. König Karl pflegte bald auf zu ſein und ſich ſogleich, wenn er ſich von ſeiner har⸗ ten Matratze erhoben hatte, in ſeinen einfachen Sol⸗ datenrock und lange Reiterſtiefeln zu ſtecken, in wel⸗ chen er ſtets zu ſehen war. Der Feldmarſchall Graf Mörner hatte eben Zutritt und erhielt Befehle, da trat der Stadtpräfekt, ein Reichsrath, in das Vor⸗ zimmer und verlangte Audienz. Der König ließ ihn herein. Der Präfekt machte mit kurzen Worten, we es der König liebte, die Anzeige des in der verwiche⸗ nen Nacht vorgefallenen Mordes nebſt der Inhafti⸗ rung des Mörders. Er nannte die betheiligte Dame. 8 „Was?“ fuhr der König auf und fragte den Gra⸗ fen Mörner anſehend,„iſt das nicht dieſelbe?“ „Dieſelbe!“ verſetzte dieſer. „Mit welchem Schiff iſt der fremde Mörder ge⸗ kommen?“ „Mit Kapitän Noreroß. Der Mörder iſt ein leib⸗ licher Bruder der Dame.“ „Kapitän Norcroß? Vortrefflich! Eine abgekartete Geſchichte. Wart, Patron! Ihr könnt gehen.“ Der Präfekt wollte gehen, als der dienſtthuende Kammer⸗ junker meldete, eine vornehm gekleidete Dame begehre mit Heftigkeit Seine Majeſtät zu ſprechen, doch ver⸗ weigerte ſie, ihren Namen zu ſagen. „Führ' ſie herein!“ verſetzte der König unmuthig, der mit Weibern nie gern zu ſchaffen haben mochte. Die Flügelthüren gingen auf und Friederike von Ga⸗ bel trat mit der ihr angebornen Majeſtät und mit der ihr angebildeten decenten Gewandtheit herein. Ihre herrliche Geſtalt, ihr ganzes Weſen überzeugten den König zur Stelle, mit welch' einem Weibe er hier zu reden habe, und er war einen Augenblick von ihrer Erſcheinung ſo ſehr überraſcht, daß ihn unwillkührlich ein plötzliches Erwachen jener ritterlichen Galanterie, welche auch er, der Weiberfeind, in ſeiner Jugend geübt, vom Seſſel empor und ihr entgegentrieb. Er wollte ſie mit einer Zartheit, der ſeine Hand entwöhnt war, ſeitdem ſie den Schwertgriff nicht viel abzulegen pflegte, bei den Händen faſſen und zu einem Polſter führen, aber ſie glitt mit bezaubernder Grazie zu ſei⸗ nen Füßen nieder, erhob ihre ſchönen Hände bittend mit den Worten:„Erbarmen ſich Eure Majeſtät des unglücklichſten Mannes, der jemals Ihre Staaten be⸗ trat, und in dieſer Nacht als Mörder hier verhaftet wurde. Beim großen Gott! er iſt unſchuldig! Geruhen 9 Eure Majeſtät nur in dieſe Schreibtafel zu blicken, die er mir, bevor er in's Gefängniß geführt wurde, anvertraut hat. Ich weiß keinen beſſern Gebrauch da⸗ von zu machen, als ſie in die höchſteignen Hände Eurer Majeſtät niederzulegen. Sie werden das darin enthal⸗ tene Geheimniß bewahren.“ Der König hatte das Etui genommen. Es war bereits geöffnet. Er that einen Blick hinein und über ſein ſonſt eiſernes Geſicht goß ſich eine Fülle von Er⸗ ſtaunen. Er entfaltete ein Document und las. „Großer Gott!“ rief er in größter Aufregung.„Bei meiner Seele! es iſt Jacob's Hand!“ ſetzte er mit Beſtürzung hinzu. Keiner von beiden gegenwärtigen Männern hatte den nordiſchen Löwen ſchon in ſolcher Verwirrung geſehen. Die Hand, mit welcher er das vechirgie Etui hielt, zitterte, ſeine Augen irrten über die Geſchriften hin, die er nach einander entfal⸗ tete. Dann ſtarrte er die beiden Portraits, welche in der innern Wand des Buches befeſtigt waren, an und ſagte:„Gut getroffen! Sprechend ähnlich!“— End⸗ lich fielen ſeine Blicke wieder auf die noch in kniender Stellung befindliche Friederike.„Aber wer ſind Sie, meine Dame?“ fragte er jetzt,„und in welcher Be⸗ ziehung ſtehen Sie mit dem Beſitzer dieſes Büchleins?“ Friederike warf einen beſorgten Blick auf die bei— den Zeugen dieſer Scene. „Erwartet meine Befehle!“ herrſchte der König Jenen zu, die ſich ſogleich entfernten.„Stehen Sie auf,“ ſagte er dann mit der möglichſten Milde ſeiner Stimme,„und folgen Sie mir in dies Kabinet.“— Er faßte ſie höflich an der Hand und führte ſie ſelbſt hinein. Als ſie nach einer halben Stunde wieder heraus⸗ traten, ertheilte der König dem herbeigerufenen Stadt⸗ 10 präfekten Befehl, unverzüglich eine Schaluppe zu rüſten und den Gefangenen darauf zu bringen. Der König ſelbſt beſtimmte einen Lieutenant zur Führung des Bootes und befahl, denſelben herbeizuholen, damit er die Befehle zur Reiſe erhalte. Friederiken gab er das Etui zurück, aber es war mit einer beträchtlichen Summe in Staatspapieren angefüllt; ein koſtbarer Ring glänzte an des Fräuleins Finger, den ſie vor⸗ hin noch nicht getragen hatte. Der König trieb zur Eile. Auf dem Korridor vor den königlichen Zimmern begegnete der an des Präfekten Seite ſchreitenden Friederike Kapitän Norcroß, welcher ſich, erhaltenem Befehle gemäß, zum König verfügen wollte. „Wiſſen Sie ſchon, Kapitän?“ rief ſie dem über ihre Anweſenheit an dieſem Orte c zu. „Nichts weiß ich, gar nichts,“ erwied er;„ich lebe von Räthſeln umgeben. Sagen Sie, ich beſchwöre Sie! was Sie über mein Schickſal wiſſen, mein Fräu⸗ lein!“ „Ueber das Ihrige?“ fragte ſie befremdet„Wie ſoll ich zur Kenntniß Ihres Schickſals kommen? Ich erſuche Sie dringend, in einer Stunde bei mir zu ſein; da ſollen Sie alles Außerordentliche erfahren, was ſich in dieſer Nacht zugetragen hat. Die Zeit drängt.“ Und ſie ließ den armen Norcroß, in neue Pein der Ungewißheit verſtrickt, ſtehen. Er wußte nicht, ob er weiter gehen ſollte, und eine Verblüffung bemächtigte ſich ſeiner, welche nach gerade anfing, ihn gegen Alles, was kommen konnte, gleichgültig zu machen, und ſollte es auch das Schlimmſte ſein. 2 Anklage, Verhör und Entſcheidung. Sobald Norcroß in das Vorgemach getreten war, ließ ihn der König in ein beſonderes Zimmer führen, wo er allein blieb, bis ein Hauptmann der Garde hereintrat, ihm den Degen abforderte und ihn als Gefangenen in das Wohnzimmer des Königs führte. Dort ſollte ſein Erſtaunen die höchſte Stufe erklimmen; denn als er die Augen auf die verſammelten Men⸗ ſchen warf, erkannte er den Barbier und Perrücken⸗ macher Samuel Brondlov aus Barnet in Altengland, nebſt deſſen lieber Ehehälfte, Frau Eliſabeth Brond⸗ lov und endlich beider Töchterlein. Herr Samuel ſchlug beim Anblick des in ſtolzer Würde hereintreten⸗ den Kapitäns die kleinen Augen zu Boden und zitterte ein wenig; ſeine Lebensgefährtin warf ihm aus ihren grauen Katzenaugen einen wüthenden Blick zu, der den armen Hasrfünſer wieder einigermaßen in Ordnung brachte. Ein zweiter Blick galt dem Kapitän, und ſie verſuchte damit der Hoheit ſeines Weſens auf eine niederſchmetternde Weiſe zu begegnen; ſie wollte ihm durch dieſen Blick, bei deſſen Abſchickung ſie den langen kegelförmigen Kopf ſtolz in den Nacken warf, nicht allein die Spitze bieten; nein! ſie wollte ihn ſogar damit vernichten. Als ſie den Seemann nicht alſobald dem König zu Füßen fallen und um Gnade flehen ſah, als nicht einmal die kleinſte Spur von Verlegenheit in ſeinem Geſichte aufſtieg, da fielen die hochgeſchraub⸗ ten Mienen der Frau Brondlov ſtark ab in's Ge⸗ 12 meine und nahmen etwas Biſſiges an, welches zu ihrem übrigen Weſen beſſer paßte. Der König beobachtete die Scene mit ſeinem ſchar⸗ fen Blicke und erhob die Stimme. „Kapitän Noreroß, Ihr habt Euch mit einer Ver⸗ wandten des gegenwärtigen Grafen Mörner verlobt und ſteht im Begriffe, das Fräulein von Broke zu ehelichen. Iſt dem alſo?“ „So iſt's, Euer Majeſtät unterthänigſt zu dienen,“ verſetzte der Kapitän mit feſter Stimme und uner⸗ ſchrockenem Muth; und auf der Stirn des Königs verſchwand eine der ſtrengen Falten. „Nun aber tritt dieſer Mann hier mit dieſem Weibe, welche er für ſeine Ehefrau ausgiebt— er nennt ſich Samuel Brondlov und iſt ſeiner gerichtlichen Zeugniſſe nach Bart⸗ und Haarſcheerer zu Barnet in England — gegen Euch als Kläger mit der Behauptung auf, Ihr wäret bereits mit ſeiner Tochter verheirathet. Ihr ſeid alſo angeklagt, erſtlich Euer Eheweib böswillig verlaſſen und zweitens eine Doppelehe tendirt zu haben. Bleibt Ihr bei Euerer Anklage, Samuel Brondlov?“ Der engliſche Barbier hatte bis jetzt in einem angſt⸗ vollen Brüten geſtanden und von den Worten des Königs nicht vielmehr als den Schall vernommen. Der Reſpekt und die Gewalt des Gedankens, vor dem gefürchtetſten Monarchen Europa's zu ſtehen, hatte ſeine Sinne der⸗ geſtalt umnebelt, daß er kaum Herr ſeiner ſelbſt war. Plötzlich ſchreckte ihn ſein laut ausgeſprochener Name auf, daß ſein gebeugtes Haupt wie von einem Schlage„ in die Höhe fuhr. Mit Mühe erhielt er ſich auf den Füßen und nun begann ſein hochroth gewordener Kopf heftig zu arbeiten, ſeine Lippen bewegten ſich convulſiviſch; aber da ihm Angſt und Beſtürzung die Kehle zugeſchnürt hatten, ſo vermochte er anfangs kei⸗ 13 nen Laut hervorzubringen. In ſeinem Geſichte zuckte und krampfte es; ſein ohnedies breiter Mund zerrte ſich auseinander und ſchob ſeine unregelmäßige Oeff⸗ nung bald auf die rechte, bald auf die linke Seite, gleichſam als wolle er ſich ſelbſt in's Ohr ſagen,— und ſei unſchlüſſig in welches— was er auf die kö⸗ nigliche Rede, deren Sinn ihm vollends durch den Schrecken ſeines eignen Namens verloren gegangen war, zu antworten habe. Endlich ſtiegen einzelne Töne aus dem Krater ſeines Mundes und geſtalteten ſich bald zu Worten.„Ew. großmächtigſten Majeſtät —— mich allerunterthänigſt in den Staub legend zu Höchſtdero allerdurchlauchtigſten Füßen.“ Seine Ehehälfte hatte den König beſſer verſtan⸗ den, und als ſie ihren Mann alſo mit Schanden be⸗ ſtehen und gleichſam vergehen ſah, wie Butter an der Sonne, hielt ſie es nicht nur für rathſam, auch für nothwendig, ihm beizuſpringen und das Recht, welches ihr ſeit ihrem Hochzeittage über ihn zuſtand, vor des Schwedenkönigs Throne geltend zu machen. „Freilich, freilich!“ rief ſie eifernd;„es iſt wahr, die ganze abſcheuliche Geſchichte, und das iſt ja auch der ſaubre Vogel, der uns von England durchgegan⸗ gen iſt. Ich will in meinem letzten Stündlein alles Troſtes entbehren, wenn's nicht wahr iſt; ich will nicht ſelig ſein, wenn's nicht wahr iſt; ich will gleich vor Euern ſichtlichen Augen ſterben, Herr König, wenn's nicht wahr iſt; ich will—“ „Holla, Weib!“ donnerte der König dazwiſchen. „Seid Ihr von England gekommen, um mich mit Euerer Zunge aus meinem Königreiche zu vertreiben? Ihr hättet vaheim bleiben und ſie auf Euern König loslaſſen ſollen.“ Karl's Geſicht hatte ſich grimmig verzogen; aber Frau Eliſabeth Brondlov erſchrak nicht davor, ſondern ſchickte ſich an, die Begebenheiten zu erzählen, in Folge deren ſie die Reiſe nach Schweden gemacht hatte, aber der König verſtopfte den eben wieder aufgethanen Ka⸗ nal ihrer Redegeſchicklichkeit durch die an ihren Ehe⸗ geſpons gerichtete nicht minder laute Anrede:„Samuel Brondlov, gebt Antwort, beſteht Ihr noch auf Euerer Anklage gegen den Kapitin John Norcroß?“ Da trat mit dem Lichte der Erkenntniß auch die Barbiergelenkigkeit ſeiner Zunge wieder ein, und der Strom begann ſich folgender Weiſe zu entladen: „Ew. großmächtigſter Majeſtät allerunterthänigſter Knecht, ich Samuel Brondlov, Gildemeiſter der Chi⸗ rurgie und Obermeiſter der Haarkräusler und Perücken⸗ macher zu Barnet, habe die Ehre, die vornehmſten Einwohner unſrer Stadt ſowohl an Mund und Kinn, als auch an Scheitel und Schopf reſpektmäßig zu be⸗ dienen, ſintemalen ich ohne Ruhm und Eitelkeit oder ſonſten ſträflichen Eigenſchaft zu vermelden mit Fug und Recht und allen Ernſtes von mir zu ſagen und zu behaupten mich erdreiſten darf und ſolches zu thun auch gar nicht anſtehe; denn jeder Menſch fühlt ſei⸗ nen Werth, und wer ſich ſelber ehrt, iſt Andrer Ehre werth, ſo daß ich alſo ſagen kann, ich komme täglich und ſtündlich in die vornehmſten Häuſer, und habe freien Zutritt bei Herren und Damen, und unſer Oberbürgermeiſter, Meiſter Arthur Schopſon, ſagt jedesmal, ſo oft ich Hochdenſelben beim Frühſtück be⸗ diene: Samuel, iſt's gefällig, und ich verſetzte jedes⸗ mal: ich danke unterthänig Eure Gnaden; alſo daß ich damit ſagen will, wie ich von den vornehmſten n gewürdigt werde, welches—“ „Iſt der Kerl toll?“ rief der König, und ſprang vom Stuhl auf den Barbier los, dem ob dieſer 2 — 15 drohenden Bewegung das Wort ſtecken blieb. Frau Eliſabeth, die in des Königs Augen etwas Unheim⸗ liches bemerkt hatte, welches ihr die Bewegung der königlichen Hände zu erklären ſchien, ſtürzte ſich mit einem Angſtgeſchrei zwiſchen den vorſchreitenden König und ihren rücklings laufenden Mann. Karl wich vor ihr, wie vor einem Geſpenſt, zurück, kehrte um und befahl einem der Reichsräthe, den Barbier zu befra⸗ gen. Dieſer ſuchte den erſchrockenen Mann wieder zu beſänftigen und verlangte, daß er die gegen den Ka⸗ pitän Norcroß vorgebrachte Klage ihm jetzt in's Ge⸗ ſicht wiederholen ſolle. Der Barbier fuhr fort: „Ich wollte nur damit ſagen, weil ich von ſoviel vornehmen Leuten gewürdigt werde, ſie zu bedienen und zu unterhalten mit allerlei kurzweiligen Reden, daß ich doch ein wahrheitsliebender Mann ſein muß; denn wenn ich Lügen ſpräche, würde mich Niemand in ſeinem Hauſe dulden, ich verlöre meine zahlreiche vornehme Kundſchaft und wäre nicht Gildemeiſter und nicht Obermeiſter und nicht Stadtälteſter und auch nicht Vormund von den ſechs unmündigen Kindern der Frau Mary Knigt, Kaufmannswitwe an dex Ecke der Goldſpornſtraße, gerade wo der Herr John Nor⸗ croß ſtill hielt, als er gefangen auf das Pferd ge⸗ bunden in Barnet eingeführt wurde, und die drei Kapitäne, Carr, Doral und Gordon hinaus auf den Richtplatz gebracht und decollirt wurden. Alſo ſag' ich, muß auch meine Ausſage wahr ſein gegen dieſen Iohn Norcroß, welcher dort ſtehet; ich kenn' ihn wohl. Er trug zwar bin noch keinen Schnauzbart und nicht einen ſolchen Rock; vielmehr hatte er einen ſpaniſ ſchen ttel an und eine Halskrauſe, blanke Knöpfe ſaßen ihm auf der Bruſt. Er trug auch damals—“ „Mann!“ donnerte der König jetzt wieder.„Seid 16 Ihr des Teufels? Ihr überholt ja die ſtockholmer Fiſch⸗ weiber in geflügelter Rede. Ich ſage Euch jetzt ein⸗ für allemal, ſprecht Ihr ein Wört mehr, als man Euch fragt, ſo laß' ich Euch aus dem Schloſſe, der Stadt und dem Lande hinauswerfen! Darnach zu richten!“ Der eingeſchüchterte Barbier ſchwieg wieder. Der Reichsrath fragte:„Was habt Ihr gegen den John Norcroß vorzubringen?“ Samuel Brondlov ſtudirte, wie er ſich kurz faſſen wollte, und vergaß darüber die Antwort. Seiner Frau wurde bange, und eh' ſie ſich's ſelbſt verſah, war ſie mit der Antwort fertig:„Er hat unſre Tochter geeh⸗ licht und iſt dann heimlich davon gegangen.“ „Wollt Ihr ſchweigen, Weib!“ fuhr ſie der Kö⸗ nig an. „Ja, ja!“ rief der Barbier froh, ſich der bündi⸗ gen Kürze ſeiner Frau bedienen zu können,„er hat unſere Tochter geehlicht und iſt dann davonge⸗ gangen.“ „Was habt Ihr gegen dieſe Beſchuldigung vor⸗ zubringen, Kapitän Noreroß?“ fragte der Staatsrath weiter. „Daß ſie eine unverſchämte Lüge iſt,“ verſetzte dieſer ruhig. „Eine Lüge! Eine unverſchämte Lüge!“ rief Sa⸗ muel und kreiſchte Eliſabeth Brondlov zu gleicher Zeit.„Meine ſämmtlichen Kunden ſollen mir bewei⸗ ſen, daß ich keine Lüge ſage.“—„Wer wagt es, ungeſtraft Eliſabeth Brondlov unverſchämt zu nennen? Ich bin ſo verſchämt, wie irgend eine Frau, die Scham hat, und habe in reicher Leute Häuſer gedient. Miß Palmerſton ſoll mir bezeugen, ob ich Scham habe oder nicht. Ich bin nicht unverſchämt.“ „Stille!“ rief der König und raſſelte an ſeinem 17 eiſernen Degen.„Kapitän, es handelt ſich hier um Beweiſe für das pro oder contra. Es liegt noch eine andere ſchwerere Beſchuldigung gegen Euch vor. Mit der vor Euch ſtehenden Familie Brondlow iſt noch eine vornehme Dame nach Stockholm gekommen, Miß Ro⸗ ſamunde Palmerſton genannt. Dieſe Dame hat in verwichener Nacht von einem Fremden ermordet wer⸗ den ſollen, der mit am Bord Eueres Schiffes geweſen iſt, und mit welchem Ihr in Folge der bereits ge⸗ richtlich verfügten Ausſage Euerer eigenen Leute auf der Fregatte Graf⸗Mörner in einem geheimnißvoll vertrauten Umgange geſtanden habt. Der Kammer⸗ diener jener Dame iſt durch einen Meſſerſchnitt wirk⸗ lich getödtet, die Dame ſelbſt durch einen Piſtolen⸗ ſchuß jenes Fremden, welchen man auf Euerm Schiffe unter dem Namen Joſeph Flaxmann gekannt hat, ver⸗ wundet worden. Dieſe verdächtige Mannsperſon iſt übrigens von Euerm Lieutenant und Euerm Schiffs⸗ chirurgus der Hexerei, Zauberei und böſen Kunſt be⸗ ſchuldigt worden, mit welcher der Menſch Euch be⸗ redet, eine vornehme Dame von der Inſel Seeland zu rauben. Dieſen Mann nun, behauptet gegenwär⸗ tiger Samuel Brondlov, hättet Ihr zur Ermordung der Dame Palmerſton, ſeiner, ſeiner Frau und ſeines Kindes gedungen, weil Ihr, von ihrem Hierſein un⸗ terrichtet, ſie Alle Euch hättet wollen vom Halſe ſchaffen. Deshalb hättet Ihr auch jenen Fremden nicht im Hafen abgeſetzt, ſondern in einem Boote ſo⸗ gleich nach der Stadt bringen laſſen. Dort habe er Logis bei einer Frau geſucht, bei welcher Brondlov mit Familie und Herrin ſchon gewohnt, und als er ſelbiges nicht da erhalten, habe er es gegenüber ge⸗ nommen, ſei nach Mitternacht über die Straße in's Haus und ihre Zimmer geſchlichen, habe den Kammer⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. KlI. 2 ————.— 18 diener ermordet, nach der Dame geſchoſſen und ſei ſo erwiſcht worden, während ſeine Helfershelfer ent⸗ ſprungen ſeien.“. Norcroß ſtand ſprachlos vor Erſtaunen theils über die erſchrecklichen Dinge, welche ſich mit ſeinem Freunde in dieſer Nacht zugetragen, theils über die unerhör⸗ ten Beſchuldigungen, welche man auf ſein Haupt häufte. Was aber ſeine Verwirrung auf's Aeußerſte trieb, war der milde Ton, mit welchem der König dieſe gräßlichen Dinge geſprochen, und das ſchier lächelnde Geſicht, welches Karl, ſonſt ſelten freundlich, zu dieſen Worten gemacht. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„wenn ich nicht dieje⸗ nige Faſſung behaupte, welche einem Manne ſeinem König und Herrn gegenüber geziemt, ſo flehe ich, Höchſtdieſelben möchten dieſen Umſtand nicht etwa einer vorhandenen Schuld, ſondern allein der Verwickelung zuzuſchreiben, in welche ich durch die Verbindung zweier ganz verſchiedenen Dinge gerathen bin, die Gnade haben. Erlauben mir Eure Majeſtät, daß ich zuerſt von dieſen Leuten, dann von jenem Fremden reden darf, welchen man mit großem Unrecht ſoviel böſer Dinge beſchuldigt.“ Der Kapitän ſprach hier⸗ auf mit Ordnung und Klarheit von den Verfolgungen, welche er als Anhänger der Stuarts in England aus⸗ zuſtehen gehabt habe, wie er in Barnet gefangen ge⸗ nommen und durch Frau Brondlov befreit worden ſei.„Ich erfuhr bald,“ redete er weiter,„daß Frau Eliſabeth Brondlov nur das Werkzeug der Miß Pal⸗ merſton ſei, und ich eigentlich dieſer Dame, welche ich früher in London gekannt und die meinetwegen von dort nach Barnet gekommen ſei, meine Erlöſung zu danken habe. Sie verlangte für ihr Werk, was ein nichtswürdiges Weib von einem Manne verlangt; 19 Frau Brondlov begehrte für ihr Theil, daß ich jenes Geſchöpf heirathen ſollte, welches Ew. Majeſtät durch die kleinſte Prüfung als unfähig finden werden, jemals einem Manne angehören zu können, der ſich nur etwas über das Vieh erhoben hat. Ich verſprach damals Alles, denn ich war gezwungen dazu. Hätte ich nicht Ehe und noch mehr in die Hände meiner Befreier gelobt, ſo würden ſie keinen Augenblick an⸗ geſtanden haben, mich zu verrathen und meinen Mör⸗ dern wieder auszuliefern. Ich verſprach alſo, was ſie verſprochen haben wollten; und ſah mich nach der Flucht um, die mir auch gelang. Dies iſt mein Ver⸗ hältniß zu dieſen Leuten.“ „Ein gezwungener Eid, thut Gott leid!“ ſprach der König entſchuldigend.„Und kein Prieſter hat Euch eingeſegnet mit jenem Mädchen?“ „Eher hätte ich mein Leben gelaſſen, als mich mit dieſem Geſchöpfe prieſterlich zuſammengeben zu laſſen Die Religion iſt mir kein Spott.“ „Geſchöpf?“ fuhr Frau Eliſabeth wieder hitzig heraus.„Unfre Tochter iſt ehrlicher Leute Kind und kein Geſchöpf.“ Durch dieſe Expectoration ſeiner Frau ermuthigt, rief auch Samuel:„Der Obermeiſter und Stadtälteſte, Samuel Brondlov hat kein Geſchöpf ge⸗ zeugt, Herr! Ihr mögt Gottes oder des Teufels Ge⸗ ſchöpf ſein, Fanny iſt mein Kind. Verſtanden? denn wie ich Euch ſchon geſagt und gehörigermaßen in al⸗ len Punkten und Umſtänden auseinandergeſetzt, auch erklärt habe, meine hochzuverehrenden Kunden und ſon⸗ ſtigen Freunde, welche—“ „Stille! oder ich laſſe Euch das Maul mit einem Spunde verkeulen!“ rief der König. „Womit, Kapitän Norcroß, könnt beweiſen, ————————— 20 daß Ihr nicht mit dieſem Mädchen, Fanny Brondlov, ehelich verbunden ſeid?“ „Ich habe keine Beweiſe in Händen, Majeſtät; aber mein erhabener und gerechter König wird mich auch ohne dieſelben nicht verdammen. Ich bitte daher unterthänigſt, um meine Unſchuld an den Tag zu brin⸗ gen, dieſe Leute einzeln über die Umſtände meiner an⸗ geblichen Verehelichung vernehmen zu laſſen. Vielleicht ergiebt ſich ſchon aus einer möglichen Verſchiedenheit ihrer Ausſagen die Lüge. Ferner bitte ich auch jene Dame, Miß Roſamunde Palmerſton, welche doch ei⸗ gentlich die Triebfeder dieſer ganzen Maſchinerie iſt, gerichtlich inquiriren zu laſſen. Hinſichtlich ihrer werde ich noch beſondre Punkte angeben.“ „Gut geſprochen, Kapitän!“ ſagte der König mit einem huldvollen Blick.„Man bringe jedes dieſer bei⸗ den Eheleute in ein beſondres Zimmer. Die Tochter, als Hauptperſon bei dem Handel, ſoll zuerſt verhört werden.“ „Was?“ kreiſchte die Frau auf, indem ihre Au⸗ gen rollten und ihre Hände ſich einwärts krümmten, wie die Klaue des Tigers, wenn er auf ſeinen Raub zu ſtürzen in Begriff iſt.„Was? Man will mich von meinem Kinde reißen? Man will mir mein Kind rau⸗ ben? Man thut uns Gewalt an! Gewalt! Gewalt! Und Du, Rabenvater, willſt Dir Dein Kind nehmen laſſen und dazu ſchweigen? Du elender Menſch! Da ſteht der Furchthaſe, der Einfaltspinſel, und zittert an allen Gliedern. Was zagſt Du, Dummbart? Iſt der König von Schweden der liebe Herr Gott? Und wenn er es wäre, ſo brauchteſt Du Dich nicht zu fürchten. Aber Du biſt ein erbärmlicher Mann und ich glaube ſelbſt nun, was Du ſo oft behauptet haſt, Du bift ſo wenig Vater zu meiner Tochter, wie zu — 21 meinem Sohne, den ich der Welt ſchenkte, eh' ich Dich Schaafsgeſicht noch geſehen hatte.“ Des Königs Geſicht verzog ſich zum Lachen; eine Seltenheit am zwölften Karl von Schweden. „Ihr ſollt beim Verhör Euerer theuren Leibesfrucht zugegen ſein, Frau; doch ſteht Ihr in jener Ecke, wo Euch Euere Tochter nicht ſehen kann; unterſteht Ihr Euch aber, ein einziges Wort zu reden, ſo laß' ich Euch durch Gardeſoldaten hinauswerfen. Der Mann ſoll allein gehen.“ Durch die erfolgreiche Widerſetzlichkeit ſeiner Le⸗ bensgefährtin mit neuem Muthe beſeelt, erwiederte der Barbier:„Ew. großmächtigſte Majeſtät werden mir, höchſtderv armſeligem Knechte, huldreichſt erlauben, bei meiner geliebten Familie zu bleiben, mit welcher ich aus keinem andern Grunde über Meer gefahren bin, als um ſtets in ihrer mir ſehr wohlthätigen Nähe zu ſein, und mich von meinen hochzuverehrenden Kunden allen getrennt und losgeſagt und ſie ſämmtlich— und es ſind mir ſehr theure und ſehr ehrenwerthe Häup⸗ ter darunter— dem Meſſer und der Scheere, dem Kamme und dem Brenneiſen meiner beiden Geſellen anvertraut habe, dem William Onslov nämlich, das iſt der Aelteſte und dem John——“ „Bleibt, bleibt in's Teufels Namen!“ rief der Kö⸗ nig dazwiſchen, der nun wohl einſah, daß Samuel Brondlov, hatte er einmal das Wort ergriffen, nicht fertig werden konnte und davon weggeriſſen werden mußte, wie ein gieriger Zecher von der Weinkanne. Auf des Königs Wink wurde der Barbier in die eine Ecke, die Frau in die andere des Hintergrundes ge⸗ ſtellt, zwiſchen Beide ein ſpaniſche Wand geſchoben und vor jedes ein Paar handfeſte Gardiſten gepflanzt. Das 22 Mädchen ſtand zitternd und bebend noch im Vorder⸗ grunde allein vor dem Könige. „Kennt Ihr den dort ſtehenden John Norcroß, Weib?“ fragte ſie der König barſch. „Ja!“ verſetzte eine bebende Stimme, die man jetzt zum erſten Mal vernahm. „Wo habt Ihr ihn kennen gelernt?“ „In meiner Eltern Hauſe, wo er ſich fünf Tage verborgen hielt, bis er entflohen war.“ „Iſt er unterdeſſen Euer Ehemann geworden?“ „Meine Mutter hat es geſagt.“ „Ihr ſollt nicht ſagen, was Euere Mutter ge⸗ ſagt hat, ſondern was Ihr ſelbſt wißt. So Ihr aber eine Lüge ſagt, laß ich Euch vom Henker aus⸗ ſtäupen.“ „Ach, lieber Herr König; ich will ja die Wahr⸗ heit ſagen.“ „Alſo hat Euch jener Mann als ſein Weib er⸗ kannt?“ „Ich weiß nicht, ob er mich wieder erkannt hat. Das fragt ihn doch; er wird Euch beſſer darauf antworten. Er hat ſich damals wenig mit mir zu ſchaffen gemacht, und ſo kann ich nicht wiſſen, ob er ſich meiner noch erinnert.“ Die Umſtehenden lachten über die Einfalt. „Seid Ihr durch eines Prieſters Segen ehelich mit ihm verbunden?“ „Die Mutter ſagt's; ich weiß es nicht.“ „Nun hat Euch denn kein Prieſter zuſammenge⸗ geben?“ „Es kam kein Prieſter in unſer Haus.“ Zetzt erhob Frau Eliſabeth trotz dem Verbote ihre Stimme:„Aber Du biſt Nachts in die Sophien⸗ 23 kirche mit ihm gegangen und dort wurdet Ihr ja copulirt.“ „Werft das Weib hinaus!“ herrſchte der König. „Das Kind hat vor Angſt und Schrecken alles Gedächtniß verloren. Das arme Weibchen wird mir drauf gehen. Beſinne Dich doch, Fanny!“ pelverte die Frau Eliſabeth unter den Händen der Gardiſten. „Hinaus mit ihr!“ rief der König mit Löwen⸗ ſtimme. „Eher laß ich mich zerreißen, als von meinem Kinde bringen. Der Schwarzkünſtler hat mir die Fanny verhert, den der Kapitän Norcroß mit auf dem Schiffe gehabt. Mein Kind hat keinen Verſtand mehr. Ihre Ausſagen gelten nichts. Laßt mich los, ihr un⸗ geſchlachten Bärenhäuter! Laßt mich frei, ihr Schlin⸗ gel, oder ich kratze Euch die Augen aus. O weh mein Arm! Ihr reißt mir die Glieder aus, Ihr Unmen⸗ ſchen! O mein Kind, mein Kind! Samuel! Sa⸗ muel, Du läßt mir Gewalt anthun? Du elender Mann, Du Schandbalg, leideſt, daß man Deinem rechtſchaffnen Weibe alſo ſchimpflich begegne? Meine Fanny, Fanny!“—— Ihre kreiſchende Stimme verhallte in den Vorſälen, durch welche ſie von den unbarmherzigen Soldaten geſchleppt wurde. Samuel zitterte wieder wie Espenlaub, ſeine Lip⸗ pen wurden abermals von convulſiviſchen Zuckungen heimgeſucht, doch wagte er diesmal nicht zu ſprechen. Die grimmigen Geſichter und noch grimmigern Schwer⸗ ter der Gardiſten vor ihm hatten eine noch niederſchla⸗ gendere Kraft als die Stimme ſeiner Frau eine auf⸗ regende für ihn hatte. „Seid Ihr wirklich in der Kirche Nachts mit je⸗ nem Manne, in der Zeit, während welcher er ſich in Euerer Eltern Hauſe aufhielt, durch eines Prieſters 24 Hand getraut worden, und habt Ihr die ſchriftlichen Zeugniſſe darüber?“ „Ich weiß es nicht!“ verſetzte die Einfältige. „Ihr werdet doch wiſſen, was Ihr in jener Nacht gethan habt?“ „Ich habe alle Nächte geſchlafen.“ „Und ſeid nie des Nachts ausgegangen?“ „Nein.“ „So ſeid Ihr auch nicht jenes Mannes Weib?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wißt Ihr denn auch den Unterſchied zwiſchen einer Jungfer und einer Ehefrau nicht?“ „Nein.“ „So behüt Euch Gott! Nehmt dort den leeren Platz Euerer Mutter ein. Man bringe den Sa⸗ muel!“ „Behauptet Ihr noch ferner, daß Eure Tochter des Kapitäns Norecroß eheliches Weib ſei?“ „Großmächtigſte Moſeſtät halten zu Gnaden Höchſt⸗ dero geringſtem Knecht, dieſes, mein Kind leidet ſeit einer Reihe von Jahren an einem Kopfübel, welches wir Mediciner lapsus cephalicus zu nennen pflegen, und welches ſtets einen ſtarken defectum memoriae“) mit ſich zu bringen pflegt, und dem zu Folge weiß das arme Mädchen nicht, was es geſtern gethan hat; denn es iſt in derlei Krankheitsfällen bekannt, a. „Ich frage Euch, Mann, ob Ihr, Ihr ſelbſt et⸗ was von der Trauung Euerer Tochter wißt, ob Ihr dabei gegenwärtig geweſen ſeid?“ „Ew. großmächtigſten Majeſtät allerunterthänigſt zu dienen, muß ich ſchuldigermaßen bekennen, daß ich von *) Kopfſchwäche— Gedächtnißmangel. 25 demſelben Uebel befallen bin, und es meiner Tochter aufgeerbt habe. Man findet in praxi medica*) gar oft Fälle, daß der Vater all ſeine Krankheiten oder auch nur ein einziges Uebel auf eins oder alle ſeine Kinder—“ „Ihr wißt alſo nichts von einer Trauung Euerer Tochter?“ „Ew. Majeſtät allerunterthänigſter Knecht kann ſich wegen Gedächtnißſchwäche nicht darauf beſinnen; ſintemalen wie ſchon bemerkt—“ „Tretet wieder in Euern Winkel! Man führe die Frau herein!“ Frau Eliſabeth wurde gebracht. Mit verweinten Augen trat ſie vor dem König; ſie hatte ſich auf's Bitten gelegt. „Weder Euer Mann noch Euere Tochter wiſſen etwas von einer prieſterlichen Einſegnung derſelben mit gegenwärtigem Kapitän Noreroß. Euer Mann hat ſchon bekannt, daß die ganze Sache von Euch er⸗ funden ſei, um Euerer Tochter einen Mann zu ver⸗ ſchaffen, entweder den Noreroß ſelbſt, oder durch die Summe, mit welcher er ſich loskaufen ſoll, einen andern.“ Die wehmüthige Stimmung der Frau Eliſabeth verwandelte ſich ſchnell wieder in eine wüthende. Die Arme in die Seite ſetzend, Augen und Mund weit aufreißend, kreiſchte ſie aus vollem Halſe:„Hat er das geſagt, der Schandbalg? So ein verſoffner Bart⸗ kratzer! Er hat ſich den Verſtand mit Branntwein weg⸗ geſpült. Der Schurke! Was kann er über mein Kind ſagen? Er hat ſo wenig Antheil an meiner Tochter, wie ich an Euch, Herr König. Der hochwürdige Ober⸗ *) Ausübende Heilkunſt. 26 pfarrer, Meiſter Blomfield, der damals zweiter Diacon war, iſt meiner Fanny Vater; daß Ihr's wißt! Und der Barbier ſoll mir kein Wörtchen über ſie ſagen, ſonſt kratz' ich ihn!“ Jetzt verlor der an ſeiner Vater- und Hausehre ſo hartgekränkte Mann alle angeborne und angelernte Geduld. Der grimmigſte Eifer, welcher durch ſeine Seele, wie eine glühende Eiſenſtange fuhr, ließ ihn ſogar einmal alle Umſtändlichkeit vergeſſen; er erhob ſeine Stimme wie ein brüllender Stier, rufend: „Laßt mich reden! laßt mich reden, große Maje⸗ ſtät von Schweden!“ „Redet!“ verſetzte Karl. Der Barbier wurde vorgeführt und ſeiner Ehe⸗ hälfte gegenüber geſtellt, welche bei ſeinem Anblick wieder von ihrer Katzennatur befallen wurde. Ihre langbenägelten Finger krümmten ſich einwärts, ihr Körper bog ſich vorwärts, und wenn ſie die Gar⸗ diſten nicht mit den Gefäßen ihrer Säbel zurückge⸗“ ſtoßen hätten, ſie würbe in Gegenwart des Königs über ihren Mann hergefallen ſein und ihn zerzauſt haben. „Ew. Majeſtät will ich nun die pure Wahrheit bekennen,“ redete der Barbier haſtig und ungewohnter Weiſe um Blicke und Geberden ſeiner Frau ganz un⸗ bekümmert.„Ihre Tochter, der Bankert, iſt nicht mit jenem Kapitän getraut, nicht einmal verlobt; er ver⸗ ſprach nur das Mädchen zu heirathen, weil ihn mein Weib— pfui! ſie iſt mein Weib nicht mehr— weil ihn dieſe Perſon da ſonſt wieder in's Gefängniß hätte bringen laſſen. Nachher entfloh er. Der ganze ſaubere Handel war von der ſchlechten Miß Palmerſton ange⸗ ſtellt, deren Amme jene Perſon geweſen iſt. Denn ſchon ehe ich ſie ehelichte, hatte ſie einen Knaben. Ich 27 hätte ſie auch nicht geheirathet, wenn der Lord Pal⸗ merſton ſie nicht gut ausgeſtattet hätte. Die Miß verſprach vieles Geld, wenn wir den Kapitän zur Heirath mit unſrer— nicht mit unſrer, ſondern mit ihrer Tochter brächten, ſie wollte ihn dann auf eins ihrer Güter ſetzen und was weiß ich? mit ihm machen. Die Miß war es auch, welche uns zur Reiſe nach Schweden beredete und alle Koſten derſelben getragen hat; denn wir armen Leute hatten ja kein Geld zu ſolch einer Reiſe und wußten auch nicht, wohin Herr Norcroß gekommen war, ſie hatte es aber bald er⸗ fahren und erzählte uns, er ſei bei Ew. Majeſtät in große Gunſt gekommen und es ſei nun Zeit, ihn auf⸗ zuſuchen und zu verklagen. Sie ſchwur hoch und theuer, daß ſie ihn nun eben ſo ſehr haſſe und zu verderben wünſche, wie ſie ihn erſt geliebt habe. Aber die Hei⸗ rath zwiſchen meiner Tochter— pfui Samuel! es iſt nicht dein Kind— die Heirath wollt' ich ſagen zwi⸗ ſchen dieſem Bankert und Kapitän Norcroß iſt er⸗ logen, und den falſchen Trauſchein, mit welchem jene Perſon die Verbindung beweiſen will, hat der Ober⸗ pfarrer Blomfield ausgeſtellt, welcher nach ihrer eig⸗ nen Ausſage des Mädchens Vater iſt.“ Die Frau hatte die Rede des Mannes oft mit Schimpfworten und unſinnigen Proteſtationen unter⸗ brochen und ihn unaufhörlich Lügen geſtraft; es half ſogar wenig, daß ihr die Gardiſten auf des Königs Wink den Mund zuhielten; denn ſie wußte ſich mit Gewandheit von der Feſſel zu befreien; ſelbſt die ein⸗ fältige Tochter ließ ihre Stimme ertönen und belegte den Barbier mit allerlei Ehrentiteln, als Rückwirkung des von ihm empfangenen Bankerts. Mitten im heißen Zungengefechte der Frau, rief ſie plötzlich zum König gewendet:„Und meine Tochter iſt dumm, ſie hat 28 keinen rechten Verſtand, ſie weiß nicht, was ſie thut und ſagt; ich aber muß wiſſen, daß ſie mit dem Nor⸗ croß verehelicht iſt, und ich weiß es und meine Zeug⸗ niſſe beweiſen es.“ „Ich bin nicht dumm; ich habe meinen Verſtand ſo gut wie Eine,“ verſetzte die Tochter endlich auch in Eifer gerathend.„Die Miß und meine Mutter haben mich beredet, Lügen auszuſagen. Ich bin nicht mit dem Kapitän Norcroß verheirathet.“ „O Du Schindmähre!“ ſpeite Frau Eliſabeth, und wollte ſich auf die Tochter ſtürzen. „Hinaus mit ihnen!“ donnerte der König, und einen Augenblick darauf war das Zimmer mit Gar⸗ den angefüllt, welche die tobende Barbiersfamilie aus dem Gelaß des Schloſſes brachten. „Ihr ſeid gerechtfertigt, Kapitän,“ wandte ſich der König an Norcroß, der einen ſtummen Zuſchauer dieſer Scene abgegeben hatte. „Noch nicht ganz, Ew. Majeſtät,“ verſetzte die⸗ ſer.„Mein Verhältniß zu jenem Fremden, der in die⸗ ſer Nacht—“ „Kanntet Ihr dieſen jungen Mann?“ „Er war ein unglücklicher Anhänger des Präten⸗ denten, ein Lord Palmerſton und der Bruder des ſchändlichen Frauenzimmers, welches mich mit ſeiner unedlen Rache verfolgt. Ein Portefeuille, welches er auf der bloßen Bruſt trägt, wird Ew. Majeſtät von der Wahrheit meiner Ausſage überzeugen.“ „Saht Ihr jemals den Inhalt dieſes Porte⸗ feuilles?“ „Nein, Majeſtät. Ich weiß nichts weiter, als was er mir anvertraut hat. Da ich aber ſeine Familien⸗ verhältniſſe ziemlich genau kenne, ſo waltet in mir 29 nicht der mindeſte Zweifel, daß er der wirklich iſt, für den er ſich ausgiebt.“ „Wie ſeid Ihr zu dieſem Manne gekommen, und was veranlaßte Euch, ihn mit einer däniſchen Dame, welche Ihr auch an Bord hattet, auf einem Boote heimlich in die Stadt führen zu laſſen?“ Norcroß ſah, daß nun nicht mehr auszuweichen war und erzählte frei und ohne Hehl den ganzen Verlauf der Sache.„Wenn ich gefehlt habe,“ ſchloß er,„ſo hat mich meine unvertilgbare Anhänglichkeit an die vertriebene Königsfamilie dazu verleidet. Lord Palmerſton gelobte mir, ſich Ew. Majeſtät zu Füßen zu werfen und Höchſtdieſelben für ein Unternehmen zu gewinnen, an welchem meine ganze Seele hängt, für welches auch die ſeinige hoch entflammt war, nämlich den Prätendenten wieder in ſein Reich und ſeine ur⸗⸗ alten Königsrechte einzuſetzen. Wir wußten, Ew. Ma⸗ jeſtät würden dieſem Plane nicht ganz abgeneigt ſein, und da mir Lord Palmerſton zuſchwur, er werde nicht eher im Stande ſein, etwas zu handeln oder zu denken, bevor er nicht im Beſitz jenes ſpröden Mädchens ſei, ſo entſchloß ich mich kurz, ſeinem Vor⸗ ſchlag Gehör zu geben und das Fräulein von Gabel zu rauben.“ „Ein kühner Streich, bei Gott und Ehre!“ ver⸗ ſetzte der König mit einem Beifallsblick.„Und wenn ich böſe auf Euch geweſen wäre, ſo würde mich die Kühnheit Eurer That beſänftigt haben. Und Lord Palmerſton wußte ſo wenig von der Anweſenheit ſei⸗ ner Schweſter zu Stockholm, wie Ihr?“ „Eben ſo wenig. Er beſtieg das Boot allein, um das Fräulein von Gabel zu begleiten, und ihre Ent⸗ fernung war die Folge ſeiner Gemüthsänderung und der ebenfalls daraus entſpringenden Beſorgniß aller, 30 Ew. Majeſtät möchten über die Dame am Bord der Fregatte ungehalten ſein. Der König, in allen Herzensangelegenheiten un⸗ bewandert, konnte das veränderte Verhältniß nicht recht begreifen und Norcroß mußte Alles noch einmal umſtändlich erzählen. Zuletzt blieb immer dunkel, wie der Lord zum Mörder des Kammerdieners und ſeiner Schweſter geworden ſei; aber ſo ſehr auch dem Könige an der Kenntniß der Wahrheit gelegen zu ſein ſchien, ſo mußte doch hier ein ganz beſonderer Umſtand ob⸗ walten; denn er befahl eben ſo wenig, den Lord darüber zu vernehmen, als er ſelbſt ſich geneigt zeigte, ein Zwiegeſpräch mit demſelben zu halten. Es blieb bei dem Befehl, ihn ſo ſchnell als möglich aus der Stadt zu ſchaffen. „Führen Sie den Kapitän nur immerhin wieder zu ſeiner Braut,“ ſagte der König zum Grafen Mör⸗ ner,„wir haben ihn in einem falſchen Verdacht gehabt, und müſſen ſchon etwas thun, wieder gut zu machen, was wir bei ihm verſehen. Kommt Nachmittag wieder, Kapitän. Ihr habt mir noch nicht erzählt, wie Ihr den Dänen durch den Sund gewiſcht ſeid.“ „Mit engliſcher Flagge, meiner engliſchen Uniform und meiner engliſchen Suade, Majeſtät. Sie hatten keine Ahnung von meinem ſchwediſchen Sinn.“ „Nun, wie Ihr in die Oſtſee gekommen ſeid, wer⸗ det Ihr wohl auch wieder hinauskommen; künftig aber ſollt Ihr in Marſtrand anlegen, wo Euere Priſen liegen. Ihr habt Euch tapfer gehalten. Der Gouver⸗ neur Godenhielm macht große Lobeserhebungen von Euch. Ihr beſitzt meine ganze Zufriedenheit.“ „Ich bin ſtolz darauf.“ „Nun geht nur zur Braut; denn ohne Weiber könnt Ihr doch einmal nicht leben.“ — 31 „Ich beurlaube mich.“ Am Arme des Grafen Mörner entfernte ſich der glückliche Norcroß, für den ſich alle Wirrſale, in welche er ſich plötzlich verſtrickt geſehen, ſo genügend gelöſt hatten. Der König ging aber noch lange haſtigen Schritts durch ſeine einſamen Gemächer, ſein Geiſt ſchien mit einer wichtigen Angelegenheit beſchäftigt. 4. Die höchſte und letzte Ehre. Gegen Abend deſſelben Tages war's in der Schenk⸗ und Barbierſtube der Frau Ankarfield voll. Die Wir⸗ thin ſelbſt ſaß in ihrem Lehnſtuhl; der Schrecken der vergangenen Nacht hatte ihrer Geſundheit geſchadet; ſie fühlte ſich unwohl und war ſichtlich verfallen. Vor ihr ſaß der Schiffschirurgus Habermann und fühlte ihr den Puls mit beſorgter Miene. Auf dem Tiſche eine Theekanne, eine Schachtel mit Pillen, eine Büchſe mit Latwerge, ein Flaſche voll Medicin, ein Päckchen Pul⸗ ver. In einiger Entfernung ſah man eine ſtattliche Kliſtierſpritze, einen Aderlaßſchnepper, Schröpfköpfe, Bindezeug und Pflaſter. Den übrigen Raum der Stube hatte meiſt die Schiffsmannſchaft des Graf⸗ Mörner gefüllt, aus Neugierde, um Näheres über die Vorfälle der verwichenen Nacht zu erfahren, bei denen ſie gewiſſermaßen ſich alle betheiligt fühl⸗ ten. Auf der Ofenbank in der Ecke hatte ſich Sa⸗ 32 muel Brondlov zuſammengekauert, und während ſich Alle lebhaft unterhielten, ſprach er, der ſo gern ſprach, mit Niemand. Er ſchien im tiefen Nachden⸗ ken über ſein ferneres Schickſal begriffen zu ſein; denn ſowohl Miß Palmerſton, als auch Frau Eliſabeth Brondlov und ſogar Fanny, ihre Tochter, hatten ihm wiſſen laſſen, er möge ſich nicht wieder unterſtehen, der Einen oder der Andern unter die Augen zu kom⸗ men, möchte nicht daran denken, die Reiſe nach Eng⸗ land wieder zurück zu machen, möchte ſich nicht ſchmei⸗ cheln, von ihnen jemals wieder einen Biſſen Brot zn erhalten. Da ſaß der geſchlagene Mann nun in der Verzweiflung ſeines Herzens und verwünſchte für ſich, daß er die unvorſichtige Kühnheit gehabt, ſeiner Frau zu widerſprechen und nicht zu thun und zu ſagen, wie ſie ihm anbefohlen. Ihm leuchtete ihre wohlmeinende Abſicht immer deutlicher ein. Was half es ihm denn, daß er die Wahrheit geredet? War er nicht dadurch elend geworden? Fühlte er ſich nicht von Gott und den Menſchen verlaſſen? War es ein Wunder, wenn ſein ſonſt ſo geſchwätziger Mund verſtummte und er einem Leichnam glich? Eben rang er mit dem Ent⸗ ſchluſſe, die Stiege gegen den harten Befehl ſeiner ewi⸗ gen Verbannung zu erklimmen und auf den Knieen in das Zimmer der Miß zu rutſchen, an deren Bett Frau und Tochter zu vermuthen waren, und flehent⸗ lichſt um Vergebung ſeiner Schuld zu jammern, und nur die Furcht hielt ihn noch zurück, ſtatt einer gün⸗ ſtigen Antwort eine üble Bedienung von den Nägeln ſeiner Ehehälfte zu erhalten. Endlich wurde er vom Lieutenant Gad dringend aufgefordert, zu erzählen, was er von dem Unglück der vergangenen Nacht wiſſe, und ſo that er denn ſeinen Mund auf, und als das Brünnlein ſeiner Rede erſt im Zuge war, ſprang es reichlich und konnte kein Ende finden, den angeblichen Mörder recht verrucht zu ſchildern, wobei er nicht verfehlte, einige Unwahrheiten, Entſtellungen und Vergrößerungen mit einfließen zu laſſen. Dem Lieute⸗ nant wurde dadurch das Herz gelabt, und er rief end⸗ lich ſeelenvergnügt:„Hab' ich's nicht immer geſagt, daß er ein Teufelsbraten iſt, ein verfluchter Schwarz⸗ künſtler und Hexenmeiſter? Wie anders wäre er denn in das Haus gekommen, wenn er nicht Schloß und Riegel aufgehetzt hätte? Aber ſeine Zeit und Stunde iſt gekommen, und der Teufel hat ihn verlaſſen.“ „Ihr irrt ſehr, Herr Lieutenant, wenn Ihr glaubt, mit dem Mörder ſei es aus,“ ſagte ein Schiffsmann von einem andern Schiffe, welcher mit einigen ſeiner Kameraden noch nicht lange da war. „Schon vor vier Stunden kam er frank und frei mit dem Lieutenant Roſenpalm in den Hafen, beſtieg eine Schaluppe mit ihm und ſtach in See. Man ſagte allgemein, es geſchehe auf ausdrücklichen Befehl des Königs.“ „Das iſt nicht möglich!“ rief Gad. „Erkundigt Euch, wo Ihr wollt. Meine Kame⸗ raden werden meine Ausſage beſtätigen.“ Dieſe thaten es. „Mit Verlaub, Frau Ebba, ſchickt doch einmal hinauf zum Fräulein,“ ſagte Meiſter Habermann zur kranken Schenkin— denn Beide hatten das Geſpräch mit angehört—„und laßt ſie fragen, ob ſie etwas von der Befreiung des Mörders weiß.“ Der kleine Sohn und Kellner wurde abgeſchickt und kehrte gleich darauf mit der Nachricht zurück: der Fremde ſei für unſchuldig befunden und ſogleich frei⸗ gelaſſen worden. Alle ſchüttelten die Köpfe und Gad fuhr endlich Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XII. 3 34 ärgerlich heraus:„Da dem wirklich alſo iſt, ſo hat er ſeine Freiheit durch nichts weiter als ſeine hölli⸗ ſchen Zauberkünſte erlangt und den König ſelbſt be⸗ hext. Und daß er ein Hexenmann war, davon haben wir die deutlichſten Beweiſe gehabt.“ „Ach, Gott im Himmel! meine Ehre! meine Ehre!“ ſeufzte die Barbierswitwe aus tiefer Bruſt.„Einen Zauberer, Schwarzkünſtler, böſen Magier und Hexen⸗ meiſter in meinem und meiner Tochter Hauſe zu ha⸗ ben! Einen Mord in meinem ehrlichen Hauſe durch die Hand eines Hexers! Meine Ehre iſt für ewig da⸗ hin; und Ihr, Meiſter Habermann, habt mich darum betrogen. Die Ehre iſt das höchſte Gut, und um das habt Ihr mich allein gebracht.“ „Mit Verlaub zu fragen,“ verſetzte der Schiffs⸗ chirurgus,„wie verſteht Ihr das, Frau Ankarfield?“ „Habt Ihr nicht erſt gewußt, daß jener Mann mittels der ſchwarzen Kunſt übernatürliche Dinge ver⸗ richtet? Und dieſen Mann ſchickt Ihr mir, Euerer vieljährigen Freundin, in's Haus, Euerer Freundin, von der Ihr doch wißt, daß ihr die Ehre über Alles geht? Womit hab ich ſolche Schmach von Euch er⸗ worben, Meiſter Habermann? Oder hat's mein ſeli⸗ ger Mann an Euch verdient, daß Ihr ſeine Witwe und Kinder um Ehre und Reputation bringt? Ach, Meiſter Habermann, ich kann die Schande nicht über⸗ leben! Sie brennt mir wie Kohlen auf der Seele. Hab' ich denn ſchon zu lange gelebt, daß Ihr meine Tage alſo mit allem Fleiß verkürzt?“ Der Schiffschirurgus rutſchte in großer Verlegen⸗ heit auf dem Stuhle hin und her, und ungeheure Schweißtropfen quollen aus ſeiner kupferrothen Stirn. Er hatte abermals das Unglück, in ein doppeltes Feuer zu gerathen; denn die empfindlichen Vorwürfe ſeiner alten Freundin waren es nicht allein, die ihm den heftigen Schweißerguß zuwegebrachten; andre quä⸗ lende Gedanken ſetzten ihm noch gewaltiger zu, und in Folge deren ließ er ſich alſo vernehmen: „Mit Verlaub, Frau Ankarfield, von Euerer Ehre iſt Euch kein Haar breit entwendet worden; Ihr habt bis dieſe Stunde noch das reiche Gut zuſammen, wel⸗ ches Ihr zu Lebzeiten Eueres Eheherrn gehabt, wo ich ſchon Euer Freund war. Aber ich weiß, mit Verlaub zu melden, einen Mann, der durch die Be⸗ freiung und eilige Abreiſe dieſes Magiers mehr ver⸗ loren hat, als ſeine Ehre, mehr als ſein Leben; ach! und dieſer Mann iſt Gott erbarm's! kein andrer als Johann Gabriel Habermann, Euer gehorſamer Diener.“ „Und was könnte es Höheres geben, als die Ehre?“ fragte die Kranke. „Die Waffenſalbe und das ſympathetiſche Wund⸗ waſſer!“ platzte der Chirurgus heraus.„Von beiden hatte er mir die Zubereitung zu lehren verſprochen, und nun iſt er fort, und ich bin, mit Verlaub zu ſagen, um meine ſchönſten Lebenshoffnungen betrogen. O ich unglückſeliger Mann!“ Die kranke Wirthin ſah ihn groß an und rief dann mit einem wenig verhehlten Abſcheu:„Alſo habt Ihr mit dem Teufelsbraten auch in Verbindung ge⸗ ſtanden und Euere arme Seele dem Teufel verſchrei⸗ ben wollen, vielleicht gar ſchon verſchrieben? Und Ihr wagt's, mein Haus zu betreten, mir ein Medicament zu reichen? Fort! fort! Meine Ehre! Ihr ſeid mein Ehrendieb! Fort! fort!“ Die kranke Frau war in große Heftigkeit gerathen, und alle Anweſenden erwarteten mit ſtummem Stau⸗ nen, wohinaus das wolle. In dieſem Augenblicke ging die Thür auf, und der Kapitän Norcroß trat 3* mit zwei andern Männern herein, die, gleich ihm, in Mäntel gehüllt waren. Die Schiffsmannſchaft begrüßte den Kapitän ehrerbietig und im entſtellten Geſichte der Frau Ankarfield zeigte ſich wieder ein milder Zug, als ſie hörte, daß ihr der berühmte Kaperkapitän Norcroß die Ehre anthne, bei ihr einzukehren. Sie bekomplimentirte die neuen Gäſte nach aller Form und fragte ſo freundlich, als es ihr Gemüthszuſtand er⸗ laubte:„Was iſt meinen hochzuverehrenden Herren gefällig? Wollt Ihr mir die Ehre anthun, Euch von mir raſiren zu laſſen, Herr Kapitän, ſo habt die Gnade, Euch auf jenen Seſſel niederzulaſſen; ich werde gleich meine Schuldigkeit verrichten.“ „Mit Verlaub, Kapitän, ich kann Euch auf Schifferparole verſichern,“ ſagte der Schiffschirurgus, „daß Frau Ankarfield das zarteſte Meſſer führt, was je in eines Mannes Geſicht gekommen iſt; und als Mann von Fach muß ich das verſtehen. Wenn Ihr Euch ein Delicium machen wollt, ſo laßt Euch von ihr bedienen. Ihr werdet mir zugeſtehen, daß ich Euch den Bart abzunehmen weiß, als wenn er erſt in Mandelmilch geſotten wäre, aber Ehre dem Ehre gebührt. Der Frau Ankarfield ſtehe ich mit Freuden nach und Ihr werdet mir beiſtimmen, daß ihr Meſ⸗ ſer den Vorrang vor dem meinigen und allen Meſ⸗ ſern der Welt verdient.“ Der vorhin in die Brüche gerathene Chirurgus ſuchte durch dieſe Schmeichelre⸗ den ſich wieder einen Stein in's Bret bei der auf ihn zürnenden Frau zu bringen, und ſein pfiffiger An⸗ ſchlag gelang. Sie warf ihm einen Blick der Ver⸗ zeihung zu, indem ſie dem Kapitän auf den Stuhl ſchob und die zum Raſiren nöthigen Utenſilien zuſam⸗ mentrug. Norecroß war mit der ungemeinen Zierlich⸗ keit, womit ſie ihn bediente, ſehr zufrieden, und be⸗ 37 lobte die Frau für ihre Leiſtung mit ſchmeichelhaften Redensarten. Frau Ankarfield gerieth darüber in ei⸗ nen Anfall von Verzückung und bedankte ſich einmal über das andere für die ihr angethane Ehre. Kaum aber hatte ſie den letzten Streich am Kinne des Kapitäns gethan, als ſie auch ſchon den zunächſt ſtehenden frem⸗ den Gaſt höflichſt erſuchte, ihr ebenfalls die Ehre an⸗ zuthun. Dieſer machte nun zwar ein mürriſches Ge⸗ ſicht und verſuchte das höfliche Anerbieten mit dem Bemerken abzulehnen, daß er am Morgen ſchon raſirt ſei; aber eh' er ſich's verſah, befühlte ihm Frau An⸗ karfield mit ihrer weichen Hand das Kinn und ver⸗ ſicherte, daß daſſelbe wieder ſtachelig ſei und ein noch⸗ maliges Scheeren nichts ſchaden könne; es ſei ihr durchaus nicht um den Verdienſt, ſondern allein um die Ehre, und ſie würde ſich die Ehre, die ſie glücklich mache und geſund, ſo vornehme Gäſte erſt mit dem Scheer⸗ meſſer, dann mit dem Tranchirmeſſer, erſt mit dem Bar⸗ bierbecken, dann mit der Bierkanne pflichtſchuldigſt zu be⸗ dienen, an dieſem Abende nicht nehmen laſſen. Die Frau redete ſo viel in den Gaſt hinein, daß er ſich endlich auf dem Stuhle ſitzen und die Serviette vor ſich hängen ſah, er mochte nun wollen oder nicht, um ſich ſein hageres, halb ſaures, halb von einer komiſchen Ver⸗ zweiflung durchzwicktes Geſicht raſiren zu laſſen, da⸗ mit er die ehrbegierige Frau nur los werde. Ob⸗ gleich bereits die Dämmerung gekommen war, und der kleine Kellner ſeiner Frau Mutter mit einem bren⸗ nenden Kienſpan vorleuchtete, ſo bediente die Witwe doch auch dieſen Gaſt zu ſeiner vollkommenen Zufrie⸗ denheit, und die Reihe kam an den Dritten. Samuel Brondlov, von einem natürlichen Inſtinkt aus ſeinem Winkel herbeigezogen, ſobald er die eigen⸗ thümlichen Töne vernahm, welche das Wetzen des 38 Scheermeſſers auf dem ledernen Streichriemen erzeugt, ſtand daneben, und verrichtete aus Geſchäftseifer und Liebe für die Sache die Funktionen des kleinen Kell⸗ ners, deſſen Thätigkeit durch das Leuchten bereits in Anſpruch genommen war, und Frau Ankarfield hätte ſich in keinem Falle herabgelaſſen, etwas weiter zu thun, als einzuſeifen und das Meſſer zu führen. Der kleine Engländer wuſch alſo erſt ſeinem Landsmann und präſumirten Schwiegerſohne und dann dem Frem⸗ den das glatt geſchorne Kinn. Als er beſchäftigt war, dem Letztern das Geſicht mit einer Serviette abzu⸗ trocknen, fiel ein voller Strahl des vom Kienſpan ausgehenden Lichtes in das Antlitz des Mannes, und der kleine Barbier und Perrückenmacher glaubte vor Staunen zu Stein werden zu müſſen. Wenigſtens blieb ihm das weit geöffnete Maul aufſtehen, ſeine großen Augen glotzten gerade weg, die Hände fielen ihm ſchlaff am Leibe herab und nur an ſeinen Knieen war eine ſchlotternde Bewegung ſichtbar. Der raſirte Mann trocknete ſich vollends ſelbſt ab, warf dem per⸗ plexen Barbier die Serviette mit einem halblaut ge⸗ ſprochenen Fluche zu, und ſtand auf, um dem Kapi⸗ tän Norcroß etwas zuzuflüſtern. Samuel ſchlich ſich mit dem an den Wänden ſich hindrückenden Gange eines Katers vorſichtig hinter den Ofen und machte ein ſo wunderlich ſchlaues geheimthuendes Geſicht, daß man hätte glauben können, es ſei ihm Wunder was begegnet. Der dritte Mann war auch bedient und mußte ſich ſelbſt abtrocknen. Norcroß nahm die höfliche Frau bei Seite und ſagte heimlich zu ihr:„Sagt mir doch, Frau Wir⸗ thin, wie befindet ſich die verwundete Dame, welche bei Euch wohnt?“ „Sie leidet noch an einem heftigen Fieber.“ k 39 „Habt Ihr keinen geſchickten Wundarzt holen laſſen?“ „Meiſter Samuel Brondlov war ihr eigner Wund⸗ arzt, und ſeit er in Ungnade gefallen iſt, habe ich ſie nach ſeiner Angabe verbunden, und vor einer Stunde hat ihr Meiſter Habermann, Euer Schiffs⸗ chirurgus, einen Beſuch gemacht und ihr ſeinen fer⸗ neren Beiſtand zugeſagt.“ „Es wäre doch nöthig, daß noch ein Andrer ſie beſichtigte und ihren Zuſtand prüfe, damit, wenn der⸗ ſelbe gefährlich ſein ſollte, gleich die rechten Medica⸗ mente angewendet würden. Ich habe dies vermuthet, und deshalb zwei geſchickte Aerzte mitgebracht, von welchen der Eine ſogar der Leibarzt des Königs iſt.“ „Der Leibarzt des—— großer Gott! welche erſtaunliche Ehre iſt mir da widerfahren, den Leibarzt Seiner Majeſtät des Königs von Schweden zu raſi⸗ ren! Sagt mir doch, Herr Kapitän, welcher von Bei⸗ den iſt es denn?“ „Der, welchen Ihr zuletzt bedient habt.“ „Ei, über vie unſchätzbare Ehre! Ihr macht mich ganz glücklich, Herr Kapitän. Aber wer iſt denn der andre Herr?“ „Ein andrer Arzt,“ verſetzte Norcroß kurz. „Ebenfalls viel Ehre für mich. Ei, ei, ein an⸗ drer Arzt!“ „Wollt Ihr uns hinauf führen zur Kranken?“ „Ich werde ja. Es wird mir ſehr zur Ehre ge⸗ reichen. Ich weiß auch, daß Ihr der Kapitän ſeid, auf welchen das geſchoſſene Fräulein ſo ſehnlichſt war⸗ tete. Glaubt nur, ſie hat Euch recht lieb und oft von Euch geſprochen. Nun ſo kommt!“ Frau Ankarfield leuchtete voraus und die drei ra⸗ ſirten Gäſte folgten. Die Verwundete ſchlummerte 40 eben, die Männer entſchloſſen ſich, ihr Erwachen ab⸗ zuwarten; da ſich aber Frau Ankarfield ſelbſt nicht wohl befand, ſo ging ſie wieder in ihre Wirthsſtube, um ſich in ihren Lehnſtuhl zu verfügen. Kaum war ſie dort eingetreten, als ſie der kleine Samuel Fauf den Zehen ſchleichend mit jenem geheimnißwichtigen Geſicht antrat, ſie am Rocke zupfte, mit dem Finger bedeutungsvoll winkte und ſie dann mit den Worten: „Ich habe Euch etwas ſehr Wichtiges zu ſagen, ehren⸗ werthe Frau Ankarfield,“ in die Ofenecke zog. Sie hielt ihr mit geſpannter Aufmerkſamkeit horchendes Ohr ſeinem Munde nahe, und er fragte:„Wißt Ihr denn auch, wen zu raſiren eben Euere Hand gewür⸗ digt worden iſt?“ „Ei ja wohl!“ verſetzte ſie ſchmunzelnd,„ich weiß auch die hohe Ehre zu ſchätzen. Der Eine war der Leibarzt Seiner Majeſtät unſers großmächtigſten Königs!“ „Sein Leibarzt?“ fragte der Barbier ſchlau la⸗ chend. Und wer war der Andre?“ „Ein andrer Arzt.“ „Wer hat Euch das geſagt?“ „Der Kapitän Norcroß.“. „Er hat Euch belogen, und ich will's Euch beſſer ſagen. Aber das iſt fürwahr ein ſchlechtes Schaf, das ſeinen Hirten nicht kennt. Ei! ei, Frau Ebbai Ihr ſeid in Stockholm geboren und erzogen und kennt den großmächtigen König Karl den Zwölften von Schweden nicht? Er war es und kein andrer Menſch, den Euer Meſſer des Bartes entledigte, als Ihr mit dem Kapitän Norcroß fertig wart.“ „Seid Ihr toll geworden?“ kreiſchte die Barbiers⸗ witwe, ſelbſt wie des Verſtandes baar, faßte den klei⸗ nen Mann mit beiden Fäuſten an einem Arm, drückte 10 — — 41 ihre dürren Finger tief in ſein Fleiſch und ſchüttelte ihn in einem Anfall von begeiſterter Wuth, daß er Zeter ſchrie. Dabei quollen ihre Augen gewaltig her⸗ aus und rollten wie feurige Räder im Kopfe, ihre ſonſt ſtets gebückte Geſtalt richtete ſich kerzengerade auf und wurde um mehre Zoll größer.„Des Königs Majeſtät hab' ich raſirt?“ ſchrie ſie noch einmal auf. „Ja, jetzt erinnere ich mich; Ihr habt recht, Samuel Brondlov! Er war's! O Haus, mein Haus! Du biſt zu klein für dieſe Ehre! O Ehre über Ehre! Nein, das iſt der Ehre Uebermaß. O Gott! wie ſoll ich das ertragen? Die größte Schande und die größte Ehre in einem Tage zu erleben! Aber dieſe Ehre gleicht Alles wieder aus. Ihr Leute, freut Euch mit mir! Ebba Ankarfield hat den mächtigen Schweden⸗ könig raſirt! Ich ſterbe vor Wonne und Luſt! Das Scheermeſſer, womit ich ihm den königlichen Bart ab⸗ genommen, darf keines andern Mannes Geſicht wie⸗ der berühren; es muß in Gold gefaßt werden; es iſt das unſchätzbare Kleinod meines Hauſes, das koſtbare Pfand meiner unveräußerlichen Ehre. Laßt mich hin⸗ auf; ich will dem großen Monarchen den Staub von den Füßen küſſen, daß er eine Frau wie ich ſolcher Ehre gewürdigt hat! Nun mag mir geſchehen auf Er⸗ den was will; dieſe Ehre kann mir nicht wieder ge⸗ nommen werden, und immer und ewig wird es hei⸗ ßen: Ebba Ankarfield hat der Majeſtät den Bart ab⸗ raſirt. Heiſa! Ruft mir meine Kinder zuſammen, daß ſie erfahren, welche Ehre ihrer Mutter wiederfahren iſt. Mir wird ganz ſchwindlich; es dreht ſich Alles um mich im Kreiſe. Haltet mich! ich falle!“ Aber ſchon lag ſie ohnmächtig in den Armen der ſie umſtehenden Gäſte. Heftige Fieberglut überbrühete ihr Geſicht, die Pulſe flogen; man mußte ſie zu Bette 42 bringen. Nach einiger Zeit fing ſie an zu phantaſi⸗ ren und ſprach verkehrte Dinge von der ihr wieder⸗ fahrnen ungeheuern Ehre. Meiſter Habermann und Meiſter Brondlov verordneten ihr augenblicklich Mit⸗ tel und übernahmen ihre Pflege ſelbſt; auch ſchickte man nach ihren Kindern, weil Habermann die Anzei⸗ chen der heranſtürmenden Krankheit für bedenklich hielt. Frau Eliſabeth und ihr Töchterlein wunderten ſich nicht wenig, den Kapitän Norcroß in die Wohnung ihrer Beſchützerin treten zu ſehen. Erſt überkam fie ein Schrecken, indem ſie die beiden Begleiter des Ka⸗ pitäns für Militärperſonen hielten, beordert, ſie we⸗ gen entdeckter Lüge in's Gefängniß zu führen; aber ſie beruhigten ſich bald, als ſie die friedlichen Geſin⸗ nungen der Angekommenen inne wurden, und als Noreroß ſich angelegentlich nach der ſchlafenden Herrin erkundigte, kam Frau Eliſabeth gar auf den Gedanken, er habe ſich eines Beſſern beſonnen und ſei gekommen, um bei Miß Palmerſton Alles wieder gut zu machen. Der König— denn er war es wirklich— hielt ſich im dunklen Hintergrund des Zimmers auf, und der Leibarzt unterſuchte die auf dem Tiſche ſtehende, von Meiſter Habermann verordnete Medizin. Endlich meldete Fanny das Erwachen der Miß, und der Leibarzt trat zuerſt in das Nebenzimmer, um ſich über den Zuſtand der Kranken zu unterrichten. Hierauf winkte er Norcroß und dieſer trat an das Lager. „Ich bin gekommen, Mylady,“ redete er ſie an, „Ihnen den Scheidegruß Ihres Bruders zu bringen.“ „Fräulein von Gabel hat mich bereits von ſeiner Abreiſe unterrichtet,“ verſetzte ſie. „So wird das Fräulein Sie auch von ſeiner Un⸗ 43 nig ſchuld unterrichtet und Ihnen mitgetheilt haben, wa die ſchauderhafte Geſchichte zuſammenhängt.“ „Sie hat es.“ „In dem heute gerichtlich bei Ihnen aufgenomme⸗ nen Protokoll ſcheinen Sie Ihren Bruder ſtark im Verdachte der abſichtlichen Mitwirkung der Mordthat zu haben. Sobald Sie Ihre Meinung geändert ha⸗ ben, iſt es auch nothwendig, daß Sie auch Ihre Aus⸗ ſage ändern.“ „Ich habe meine Meinung nicht geändert. Was wollen Sie von mir? Ihr Anblick iſt mir uner⸗ träglich.“ „Die Sorge für Ihr Leben, aber auch für die Ehre Ihres Bruders hat mich zu Ihnen geführt. Ich bin ſein Freund und auch Ihr Feind nicht.“ „Wie, Sie haſſen mich nicht? Sie ſind nicht ge⸗ kommen, mich zu quälen?“ „Keineswegs. Was zwiſchen uns vorgefallen, iſt auf ewig vergeſſen.“ Auf dem Geſichte der Lady ſpiegelte ſich der Kampf ihrer Seele ab. „Des Königs Majeſtät,“ fuhr Noreroß fort,„hatte heute befohlen, daß Sie mit Ihrer Dienerſchaft binnen vierundzwanzig Stunden Stockholm und das Reich mei⸗ den ſollten; ich bringe Ihnen den Widerruf dieſes Be⸗ fehls, und der König hat die hohe Gnade, Ihnen durch mich ſeinen Leibarzt zuzuſchicken. Wollen Sie die Hülfe deſſelben annehmen?“ „Alles!“ verſetzte ſie mit zitternder Stimme. „Zur Ehrenrettung Ihres Bruders gehört, daß Sie den im Protokoll ausgeſprochenen Verdacht zurück⸗ nehmen. Wollen Sie das?“ „Alles, was Sie wünſchen.“ „Das Protokoll über Ihren Bruder muß über⸗ —————— „ 44 Laupt durch Sie vervollſtändigt werden. Der andre Herr, der mit mir gekommen, iſt der Sekretär eines Reichsraths. Beantworten Sie ihm gefälligſt, was er Sie fragen wird.“ „Alles, was ich weiß“ „Wie iſt der vollſtändige Name Ihres Bruders?“ fragte der König. „John Anthony James Palmerſton.“ „Wo wurde er geboren und wann?“ „Auf unſerm Stammſitze am nördlichen Ufer des Vinandermeers. Das Jahr ſeiner Geburt iſt daſſelbe des Prätendenten. Hch bin mehre Jahre jünger.“ „Sind Ihnen keine beſondere Umſtände ſeiner Ge⸗ burt bekannt?“ „Daß ich nicht wüßte. Ich bin zu jung, um über dergleichen unterrichtet zu ſein. Doch entſinne ich mich, daß meine ältere Schweſter einſt ſagte: wenn noch ein jüngerer Bruder da wäre, ſo würde es dem ältern ſchwer werden, ſeine Rechtmäßigkeit zu beweiſen.“ „Dies ſcheint auf einen Verdacht zu deuten, als ſei er nicht der Sohn Ihres Vaters.“ „Faſt. Doch erzählte mir einſt ſeine alte Wär⸗ terin, er ſei viel zu frühzeitig zur Welt gekommen und deshalb ſo ſchwächlich geweſen, daß man ihn ſtets habe in warme Milch ſtecken müſſen, und es ſei ein wahres Wunder, daß er mit dem Leben davon⸗ gekommen.“ Der König nickte beifällig vor ſich hin, und that dann noch einige Fragen, die mit Genauigkeit und Aufrichtigkeit beantwortet wurden, während der Leib⸗ medicus die nöthigen Medicamente verſchrieb und ſich zur Anlegung eines neuen Verbandes anſchickte. Hier⸗ auf entfernten ſich alle Drei wieder. 45 „Es iſt nothwendig, Kapitän,“ ſagte der König unterwegs zu Norcroß,„daß Ihr über Euern Plan ausführlich mit dem Baron Görz redet und ihm den jungen Lord Palmerſton vorſtellt. Da nun nicht zu erwarten ſteht, daß der Baron bald aus Holland zu⸗ rückkehrt— denn die hochmögenden Herren machen ihm viel zu ſchaffen— ſo müßt Ihr zu ihm reiſen; auch iſt es mir lieber, wenn die Sache außer Land betrieben wird, und Holland ſchickt ſich beſſer zur Aus⸗ führung ſolcher Pläne, als Schweden. Deshalb macht Euch bald zur Abreiſe fertig. Für das Fräulein von Gabel ſorgt der Graf Mörner.“ „Ich bin zu jeder Zeit zu Ew. Majeſtät Befehl bereit,“ verſetzte der Kapitän. „So geht zu Euerer Braut; da die Freude ohne⸗ dies nicht lange dauert, ſo muß man Euch die paar Stunden gönnen. Was mich betrifft, ſo glaub' ich noch keinen Tag erlebt zu haben, wo ich ſo viel mit Wei⸗ bern zu ſchaffen gehabt hätte, wie heute, und ich bin ſo ſatt Weiber, daß ich— gute Nacht!“ Der Kö⸗ nig ging, und Norcroß kehrte zur Barbierſtube der Frau Ankarfield zurück, um den kleinen Juel aufzu⸗ ſuchen, der ihm einige Geſchenke zum Fräulein Broke tragen ſollte; denn mit leeren Händen wollte er bei ihr nicht eintreten, nachdem er wieder zu Gnaden an⸗ genommen worden war. In dem Wirthshauſe war aber Alles in großer Verwirrung, denn Frau Ankarfield rang mit dem Tode. Ihre Kinder, ſo viel deren aufzutreiben geweſen, ſtan⸗ den um das Bett herum und betrübten ſich weniger um den Tod ihrer Mutter, als ſie ſich über die der⸗ ſelben widerfahrne Ehre freuten. Die Sterbende ſelbſt ging gern hinüber, und ihre ſchwachen Worte waren: „Herr, nun läſſeſt Du Deine Dienerin in Friede fah⸗ 46 ren, denn meine Hände haben Deinen geſalbten König raſirt,“ und als ſie nach einigen Stunden verſchied, waren im letzten Hauche ihres Mundes noch die Worte enthalten:„Phonneur pour moi!“ Meiſter Habermann ſtand tiefſinnig an ihrem Bette und ſagte endlich:„Wer hätte das gedacht, als wir geſtern auf Stockholm zuſteuerten, daß wir meiner al⸗ ten Freundin den Tod brächten! Aber, mit Verlaub zu ſagen, ſie iſt an einer Krankheit geſtorben, die mir noch nicht vorgekommen iſt.“ „Und welches wäre die?“ fragten mehre Stimmen. „Honor morbus,“*) verſetzte der Schiffschirurgus. „Sagt ſelbſt, iſt ſie nicht an der Ehre des königlichen Bartes geſtorben?“ „Wohl ihr!“ ſagte der Schneider, ihr älteſter Sohn, mit Pathos, und breitete ſeine dürren langen Finger ſegnend über ihre Leiche aus.„Wohl Allen, die an ſolcher Krankheit ſterben! Ihr Freunde und Nachbarn, was ſteht ihr mit thränenunflorten Blicken herſtarrend auf dies Häuflein Staub? Ihr beſſ'res. Selbſt ſchwebt ſchon in den höhern Regionen, und auf Erden läßt ſie ihre Ehre Euerm Gedächtniß zu⸗ rück „Ei wie ergötzlich doch der Schneider ſpricht!“ weinte die Trödelfrau.„Es iſt wie Hedruckt. Der Schneider hat doch ſeine beſondre Ambition.“ „Laßt uns über ihrer Leiche ſchwören, auf Ehre zu halten, wie ſie gethan,“ rief der Schneider, durch den Beifall ſeiner Schweſter in eine Rabies verſetzt, und ſtreckte ſeine Hände aus. Sie ſchwuren. „Der Galgenſtrick!“ flüſterte hinten ein Matroſe *) Die Ehrenkrankheit. 47 dem andern zu.„Sein Söhnlein dort trägt eine Jacke von meiner Hoſe, die er mir zu eng gemacht.“ „Das iſt weiter kein Schade,“ meinte der Andre; „aber Schade iſt's um die Alte; denn an wen ſollen wir uns wenden, um einmal eine Nacht bei einer ge⸗ fälligen Dirne zuzubringen? Solche Geſchäfte verſtand doch Niemand beſſer, als Frau Ankarfield. Da blieb Alles geheim, denn ſie ſalvirte ihre Ehre.“ „Requiescat in pace!*) mit Verlaub zu ſagen,“ ſprach Meiſter Habermann und verließ das Trauer⸗ haus. Ihm folgten die andern Gäſte. Norcroß ging mit Juel zu ſeiner Braut. Charaüterunheſtändigeit. Aus dem Städtchen Bergen auf der Inſel Rügen ſchritt eines ſchönen Herbſtabends ein Mann nordwärts jenem Berge zu, der unter dem Namen des Rugard bekannt iſt, und einſt die Königsburg der Beherrſcher des Eilandes auf ſeinem Gipfel trug. Der einſame Wanderer in der Abendbeleuchtung war jener räthſel⸗ hafte Fremdling, welcher zuerſt als Joſeph Flaxmann auftrat, dann ſich als vertriebener Jacobit und ehe⸗ maliger Major in Dienſten der Krone England und endlich als Lord Palmerſton enthüllte. Er war ſorg⸗ * Sie möge in Frieden ruhen. 48 fältiger gekleidet, als früher; die grobe Jacke war mit einem kurzen anſtändigen Rock vertauſcht; doch hatte ſein kleiner Hut und ſein gelocktes braunes Haar im⸗ mer noch etwas Freies und Ungezwungenes, wie es Leuten ſeines Standes zu jener Zeit ſelten eigen zu ſein pflegte. In ein Selbſtgeſpräch verwickelt, hatte er endlich den waldbewachſenen Berg erſtiegen und ſtand auf deſſen majeſtätiſchem Gipfel, der die Inſel und den Meerbuſen ringsum, vorzüglich aber die zunächſt ge⸗ legenen, den kleinen und großen Yasmunder Bodden und darüber hinaus die Halbinſel Yasmund mit der ſchauerlichen Stubbenitz und der romantiſchen Stubbe⸗ kammer beherrſcht. Als er hinauftrat, ließ er ſein durſtiges Auge langſam umherſchwelgen und ſog es voll Bilder, die ſich ihm ſchmeichelnd entgegendräng⸗ ten. Das Land war ſanft überhaucht von den Tin⸗ ten des Abends, aber das Meer glühte in purpurner Verſchämtheit, berührt vom Kuſſe der Sonne, die ſich eben in die Fluthen hinabließ. Die Wellen wogten die widergeſtrahlte Glut heran und Töne rauſchten ſeltſam über die Meerfläche und die getreideleeren Fel⸗ der und die blumenleeren Hügel des Ufers, als ob die entzückten Gewäſſer die trauernde Erde durch ihren herrlichſten Hymnus erfreuen und aufheitern wollten. Die Majeſtät Gottes trat in Glanz hervor und ging im glühendſten Farbenſpiel über die Wogen, die das Eiland umſpülten. Der junge Mann hatte lange ſtarr in die Herr⸗ lichkeit des Himmels hinausgeblickt, und als nun die Bilder näher und näher kamen und ſich endlich mit ſeinem Herzen verſchmolzen, da beſchwichtigte ſich dort ein verzweifelter Kampf, und mit einem andächtigen Blick in den blauen, purpurumränderten Weſten der 49 geſchiedenen Sonne nach fliegend, löſte ſich ein langer tiefinniger Seufzer von ſeiner Bruſt ab. Nun warf er ſich am Abhange nieder und ſagte vor ſich hin lä⸗ chelnd:„Ich habe Dich verſtanden, hohe, heilige Na⸗ tur, Dich untergegangene Sonne, Dich redendes Meer, Dich verglimmendes Abendroth, Dich Kühle der Nacht⸗ luft, die heilend, ſchmerzlindernd meine wunde Bruſt erfriſcht, umſäuſelt. Dich hab' ich verſtanden und ge⸗ fühlt, großer, heiliger Gott, der Du zu mir geredet in Deinen herrlichen Werken; denn Sonne und Meer und Erde ſind ja Deine Sprachorgane. Du haſt den Kelch der Verſuchung von mir genommen. Ich ent⸗ ſage jeglicher irdiſchen Größe. Wie verſchwindet doch der Glanz aller Kronen vor dem Kranze, den das Abendroth um mein zufriedenes Haupt flechten wird! O Natur, wer Dich verſtanden, wie ich in dieſer ge⸗ weihten Stunde, den gelüſtet's nicht mehr nach Macht und Anſehn unter den Menſchen! Was ſind Herr⸗ ſchaft und Gewalt über Andre doch für thörichte Be⸗ griffe, erzeugt in einem Gehirn, das den Strahlen Deiner Herrlichkeit verſchloſſen iſt, Du ewig blühende Natur, die Du allein wahre Herrſcherin biſt! Und wenn ich's nun mit Mühſal und tauſendfachen Be⸗ ſchwerden errungen hätte, wenn ich es mit Strömen von Blut erkämpft hätte, das thörichte Ziel meiner Jugendwünſche: könnten nicht die Wellen, die jetzt friedlich unter mir in ihrem Bette gehen, die Spanne Land verſchlingen und mein raſtloſes Herz mit?— Natur, Du haſt mich bekehrt; ich ſtehe ab, und was hier liegt, erblicke keines Menſchen Auge mehr.“ Bei dieſen Worten legte er ſeine linke Hand auf die Stelle an ſeiner Bruſt, wo das Etui verborgen war.„Wenn der Fluch der Krone,“ fuhr er ernſt fort,„den Kö⸗ nigen der Erde nicht das Herz raubte— denn Herz Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XII. 50 und Krone ſchließen einander aus— wahrlich ſie be⸗ dürften dann nicht der Rathſchläge ihrer von Leiden⸗ ſchaftlichkeit beherrſchten Diener, um weiſe und gerecht zu regieren; ſie brauchten nur auf die Berggipfel ih⸗ rer Reiche zu ſteigen oder auf das Meer hinaus zu ſegeln, um zu erfahren, was wahr und gut und recht ſei. Wem die Predigt der Gewäſſer, der Hymnus des Sturms, das Lied der Berge und Thäler, wem die Stimme der Natur nicht Wahrheit in die Seele donnert, der iſt nicht gewürdigt worden, ſie zu hören, der geht unter, ohne je gefühlt zu haben, daß er ein Menſch ſei. Statt aber Aug' und Ohr dem getreuen Bilde der wahrhaftigen Stimme Gottes zu öffnen, ſehen ſie nur die Gebilde der Lüge, die niedrer Ei⸗ gennutz, Erbärmlichkeit, Befangenheit, Bosheit ihnen als Wahrheitsbilder vorſpiegeln, hören nur das Ge⸗ ziſche der Falſchheit, leihen ihr Ohr allein den nichts⸗ würdigen Zuflüſterungen, vergraben und verſchanzen ſich in den ſchmuzigen Leidenſchaften, als da ſind Rach⸗ gier, Gewinnſucht, Mordgier, und beſudeln ſich ſelbſt und Dein Ebenbild mit Blut Deiner Geſchöpfe, all⸗ waltender Geiſt. Deine Aecker werden von ihren Roſ⸗ ſen zerſtampft, Deine Städte verbrannt, Deine Erde mit Blut gefärbt. Und weshalb? Damit der Eine den Andern verdränge vom Stuhle der Gewalt— und doch iſt der Eine nicht beſſer als der Andere. Wem Gott ein edles Herz in den Buſen gab, der greift nicht nach einer Krone. Er pflügt lieber im Schweiß ſeines Angeſichts ſein Feld und iſt glücklich, wenn ihm Abends ſein zufriedenes Weib entgegentritt mit ſeinen Kindern und reicht ihm die Kleinen und beut ihm den friſchen Mund zum Kuſſe. Gott, wie ekelt mir plötzlich vor aller irdiſchen Größe! Wahr⸗ lich, Friederike hatte Recht: Könige können wohl die 51 Völker verderben, aber nicht beglücken. Ich bin be⸗ kehrt, ich ſtimme bei. Einſt wohl träumte ich einen ſchönen Traum von Völkerbeglückung. Welch' ein Thor ich war! Iſt denn Schweden glücklich? Wie ſchwer ſeufzt es unter der Laſt von Karls eiſernem Scepter und während er wähnt, ſeinen Feinden mit der Schärfe ſeines Schwertes Wunden zu ſchlagen, trifft er ſein eignes Volk in's Herz und ſchlägt es wieder, bis es verbluten wird. Und doch gilt dieſer Karl für einen großen König; ſein Name geht gefei⸗ ert durch die Welt, und Moscowiter und Muſelmann erzählen ſich von ihm. Ach, und erſt dies Dänemark mit ſeinem ſchwachen Herrn, deſſen Ohr jeder Intri⸗ gue, jeder gemeinen Zuflüſterung offen ſteht, deſſen mißtrauiſche Seele vor dem kleinſten Unfall zittert! Er iſt kleiner, viel kleiner als Karl, und doch iſt Dä⸗ nemark glücklicher als Schweden. Und England, du mein theures England, biſt du denn glücklich gewor⸗ den durch deinen neuen König? Kann ein Kronen⸗ räuber dich beglücken? Ach, du ſchlummerſt den Schlaf der Todesermattung. Wilde Fieber haben in deinen Eingeweiden gewüthet. Ein wunderbares Schickſal hat mich aus der Bahn geſchleudert, die mir vorge⸗ zeichnet war; ich will nicht mehr verſuchen, mich wie⸗ der hinein zu drängen. Hier auf dieſer glücklichen Inſel will ich glücklich leben und glücklich ſterben; eine Strecke fruchtbares Land reicht hin, die Bedürf⸗ niſſe meines Hauſes zu ſtillen. Man braucht zum wahren Glücke nur wenig. So viel wird mir übrig ſein, mich hier ankaufen zu können. Und ein Haus will ich mir bauen an die Meerbucht, daß ich ſtets die majeſtätiſche Waſſerfläche vor Augen habe und ſelbſt groß werde an der Größe des Meers.— Aber wird denn auch Chriſtine ſolch' niedres Loos mit mir v 52 theilen wollen? Wird ihr genügen, was mein Fleiß erworben? O gewiß! ſie wird. Hab' ich doch einen Blick in ihre Seele gethan, und wenn es auch in der Träumekei eines Zauberbannes geſchah, der mich da⸗ mals umſtrickt hielt, ſo iſt mir doch Alles jetzt zum klaren Bewußtſein geworden, und ich weiß, mit wel⸗ cher Liebe das ſanfte, edle Kind an mir hängt. Und könnte ich denn von jener Stelle, wohin Recht und Herkommen mich beſtimmt, ihr die Hand herüber rei⸗ chen? Nimmermehr! Dazwiſchen liegt eine unaus⸗ füllbare Kluft. Nur dann kann ſie mein Weib, mein Eigenthum werden, wenn die Welt, wenn kein Menſch erfährt, was dies Büchlein enthält. Mein Loos iſt entſchieden! Chriſtine— o Entzücken!— mein Weib, dieſe kleine Scholle Land da unten mein Eigenthum, und nie ſoll die Welt erfahren, wer unten dem Hügel ſchläft, der dort fern am Waldhang ſich erheben wird. Ein Glücklicher ruht hier, ſoll darauf ſtehen, und die Vorübergehenden werden mich mehr beneiden, mein Andenken mehr ſegnen, als wenn ich im Mar⸗ morſarge in den Gewölben der Weſtminſterabtei zu Aſche fiele und ein prunkvolles Monument———“ Hier wurde der junge Mann durch ein Geräuſch unterbrochen. Ein andrer Mann trat aus dem Ge⸗ büſche auf den Sprecher zu und ſagte:„Schon einige Zeit ſuch' ich Euch vergeblich, Mylord, und habe nun zufüllig einige Euerer Gedanken belauſcht, und kann Euch in der That meine Verwunderung deshalb nicht bergen. Vaintrebot! Ich hätte geglaubt, Euch beim Entwurf eines Oecupationplans zu finden. Was aber redet Ihr hier?“ „Was Du ſchwerlich zu faſſen vermagſt, Courtin,“ verſetzte der Lord gelaſſen.„Du biſt ein guter heit⸗ rer Menſch, eine treue Seele, voll Witz und guter 53 Laune, aber für die Gefühle meines Herzens haſt Du keinen Sinn.“ „Ah que Dien vous bénisse! Ihr ſeid verliebt, Mylord, und das macht Euch ſo windelweich. Und überdies habt Ihr den unbeſtändigſten Charakter auf der Welt; heute wollt Ihr die Welt erſtürmen, mor⸗ gen wollt Ihr mit ein Paar Oechslein Euer Feld ſelbſt bebauen, heute ſeid Ihr trotzig, morgen weh⸗ müthig, heute gütig, morgen ſtrenge, aber bei alledem hitzig, raſch im Entſchluß und mit der That nicht zö⸗ gernd. Das kurirt Euch auch den Magen wieder, den Ihr Euch mit ſolch unverdaulicher Speiſe ver⸗ dorben. Ma foi! ich glaube faſt, Euere Mahlzeiten ſind wirklich an Euerer Veränderlichkeit Schuld. Ihr habt heute ſehr frugal geſpeiſt und deshalb ſind Euere Wünſche ſo erbarmungswürdig beſcheiden.“ „So toll und abgeſchmackt auch Deine Reden ſind,“ verſetzte der Andre,„ſo iſt doch viel Wahres darin. Es iſt wahr, oft bin ich mir ſelbſt unerklär⸗ lich. Doch ich bitte Dich, raube mir die Gefühle nicht, die mir die Natur und der Ort, auf dem wir ſtehen, eingeflößt haben. Sieh', hier hauſte einſt ein Königs⸗ geſchlecht. Es iſt untergegangen; ſeine prächtige Burg iſt zerfallen, und die Sage allein erzählt mit dem Kin⸗ dermunde des Volks fabelhafte Geſchichten von beiden. Sollte mich dieſer Königsberg, der Beherrſcher der Inſel, nicht an die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit aller irdiſchen Größen erinnern? Auch das königliche Geſchlecht der Stuarts, das aus den Nebeltagen der Vorzeit und aus den Nebelbergen Hochſchottlands her⸗ abgeſtiegen iſt nach Altengland, ſich dort auf den Thron zu ſetzen, wird bald von der Erde verſchwun⸗ den ſein. Ein andres hat es ſchon verdrängt. Cour⸗ tin, ich glaube, es iſt auf ewig aus mit den Stuarts.“ 54 „Mille moustaches! Es ſoll aber nicht aus ſein! Wie kommt Ihr mir vor? Ich erzürne mich über Euch! Wenn ein Lümmel kommt und wirft mich aus dem Hauſe, ſo lieg' ich freilich draußen. Bleib' ich aber fein ruhig im Kothe liegen und jammre, ſo iſt das meine Schuld. Geh' ſtatt des Jammerns und Wehklagens hin zu deinen Freunden, wirb ſie zu dei⸗ nem Beiſtand an, und wirf den Unverſchämten, der dich vertrieben, wieder aus deinem Hauſe. Sacre- coquin! Häng' ihn an den Beinen auf. Das iſt Lebensphiloſophie.“ „Die Deinige, und ich geſteh' es, in mancher Zeit auch die meinige. Doch der Menſch hat auch ſeine Weiheſtunden, wo er der Gottheit, dem reinen Geiſte näher iſt, als ſonſt. Doch laß das! Wir wollen darüber nicht viel ſprechen, weil wir uns doch nicht verſtehen würden. Alſo von etwas Anderm! Mit dem erſten Schiff, ſei es auch nur ein Boot, welches von Rügen nach Seeland abgeht, reiſen wir nach Ko⸗ penhagen, Courtin.“ „Nach Kopenhagen? Wohl um den däniſchen Kö⸗ nig nicht um das empfangene Handgeld zu prellen? Oder wenn das nicht, uns einſtecken und preſſen zu laſſen?“ „Befürchte nichts! Nein, Courtin, ich will mir eine Frau holen und dann auf dieſer Inſel ſtill und zufrieden leben.“ „Ah ciel! Seid Ihr bei wachenden Sinnen? Mit einer Frau hier ſtill leben? Habt Ihr vergeſ⸗ ſen, daß dieſe Inſel erſt vor neun Monaten der Schau⸗ platz blutiger Kämpfe zwiſchen den Dänen und Schwe⸗ den war? Und glaubt Ihr, man werde lange Ruhe halten? Ihr kommt freilich nicht unter das Volk; aber ich höre täglich und ſtündlich ſeine Stimme, ſo lange wir hier wohnen. Auf der ganzen Inſel will man nichts von dem heuer ihr aufgebürdeten däniſchen Joche wiſſen. Die Rügener ſind im Herzen Alle gut ſchwediſch geſinnt; und in Stralſund iſt's ebenſo. Wenn ſich nur der König Karl von Schweden erſt einiger⸗ maßen von den Schlägen erholt hat, die er zeither bekommen, ſo iſt Stralſund und Rügen wieder der Tummelplatz des Kriegs, und ich bin feſt überzeugt, hätte der kühne Peter Tortenſchild nicht den gewag⸗ teſten Streich, den je ein Seemann ausgeführt, im Hafen von Dynekillen auf das Haupt des nordiſchen Löwen glücklich gerichtet; wäre ferner der ruſiiſche Peter in dieſem Sommer nicht mit einer Flotte nach Kopenhagen gekommen, um von da das Schwedenreich zu überfallen, ich glaube, der Grund und Boden, auf dem wir jetzt ſtehen, wäre eben ſo gut wieder ſchwe⸗ diſch, wie voriges Jahr um dieſe Zeit. Und Ihr wollt in Rügen ruhig leben? Bildet Euch das nicht ein. Auch würdet Ihr die Ruhe keine vier Wochen ertra⸗ gen. Ich habe Euch in kurzer Zeit beſſer kennen ge⸗ iernt, als ihr Euch ſelbſt kennt; ich weiß, welch' einen unruhigen Geiſt Ihr habt. Das Leben würde Euch gar bald ſchal und abgeſchmackt vorkommen. Ihr würdet Weib und Kind überdrüſſig werden. Seht mir den Peter Tortenſchild an! Das iſt ein Mann! Feuer und Flamme und ohne Raſt. Immer drauf und dran! Das heiße ich ſein Leben gewonnen! Seit ich von dieſem Feuerkopf gehört, trieb es mich, unter ihm zu dienen. Betrachtet den andern Peter, den ruſſiſchen Czaar. Doch da Ihr dieſen Sommer über in Kopenhagen gelebt habt, ſo müßt Ihr ihn ja per⸗ ſönlich kennen, und könnt mir von ihm erzählen.“ „Ich kenn' ihn, den großen Peter,“ rief der Lord aufſpringend mit plötzlicher Heftigkeit und einem von 56 Begeiſtrung ſtrahlenden Auge.„Ich kenne ſie Beide, den kühnen Czaar Peter und den kühnen Peter Tor⸗ denſchild. Mein Herz hob ſich bei ihrem Anblick und es ſchlägt bei dem Gedanken an ſie heftiger. Ich fühlte die Kraft in mir auflodern, dem großen Czaar ähnlich zu werden, der ein ungeheures Reich aus dem Chaos der Barbarei hervorgerufen hat durch die ge⸗ waltige Kraft ſeines Willens, ein Volk zu beherrſchen, wie er, durch die Macht des guten Princips, dem jede Strenge erlaubt iſt; ich fühlte— und hier unter Got⸗ tes freiem Himmel kann ich es vor Dir ohne Errö⸗ then bekennen— ich fühlte, daß ich ihm gleich ſein könne. Ach, ihn ſtets zu ſehen und nicht handeln kön⸗ nen wie er, war auch eine der Urſachen meiner Flucht aus Kopenhagen!“ „Aber warum vertrautet Ihr Euch denn dem Czaar nicht an? Sein großes Herz hätte ſich Euch gewiß zugeneigt.“ „Seine Freundſchaft mit den Königen von Großbri⸗ tannien und Dänemark verhinderte mich daran. Was hatte ich auch von ihm zu erwarten, der in Kopen⸗ hagen zum Beſuch am Hofe war, der die im Sunde liegende engliſche Flotte befehligte und der Feind Schwe⸗ dens war, welches allein der unglücklichen Sache des Prätendenten ein geneigtes Ohr ſchenkte?“ „Man hat übrigens hie und Ha, und vorzüglich in den franzöſiſchen Häfen, neuerdings davon geſpro⸗ chen, daß es mit der Freundſchaft des Czaars und des däniſchen Königs allem Anſchein nach nicht weit her ſei.“ „Wie können auch zwei ſo verſchiedene Geiſter Freunde ſein! Ein politiſches Intereſſe führte ſie zu⸗ ſämmen, ein politiſches trennt ſie wieder. Peter kam vor vier Monaten nach Kopenhagen. Seine Flotte 57 und ein beträchtliches Landheer wurden früher und ſpäter eingeſchifft, und man glaubte allgemein, dieſe Verbindung ſei auf die gänzliche Vernichtung des Schwedenkönigs abgeſehn. Aber ſchon vor acht Wochen — ſo lange bin ich nun von Kopenhagen fort war man über des Czaars wahre Abſichten im Klaren und der ganze däniſche Hof war über den verwegenen Plan ſo ſehr erſchrocken, als über die Originalität deſſelben erſtaunt.“ „Und welches war eigentlich wohl ſein Plan?“ „Jedenfalls wollte er ſich der Stadt Kopenhagen bemächtigen und dann die ganze Inſel Seeland ein⸗ nehmen. Dann hätte er wahrſcheinlich mit dem Schwedenkönige Frieden gemacht. Und zwei Männer, wie ſie, könnten vereint handelnd die Welt unter⸗ jochen.“ Die Abſicht des ſchlauen Franzoſen war erreicht; er hatte den Lord geſchickt auf einen Gegenſtand ge⸗ führt, der die leicht zu entflammende Seele des jungen Mannes ſchnell einnahm. Courtin kannte den Charak⸗ terwechſel ſeines Gebieters. Palmerſton's Mund ſtrömte von begeiſterten Lobpreiſungen des Czaaren über, und ſein Auge ſprühte Flammen dazu. Er erzählte viel von des Czaaren geheimen Plan, von der Art und Weiſe, wie er entdeckt worden, beſchrieb ſeine Per⸗ ſönlichkeit, gab mehre in Kopenhagen erlebte charakte⸗ riſtiſche Anekdoten von ihm und hatte darüber bald alle die ſanften Gedanken, die ihn eine Stunde zuvor beglückten, vergeſſen. „Der Eifer unſeres Geſprächs,“ ſagte Courtin endlich,„hat nir bis jetzt nicht erlaubt, Euch zu ſagen, weshalb ich eigentlich gekommen bin, Euch aufzu⸗ ſuchen. Es iſt nämlich ein Bote an Euch angekom⸗ 58 men, der Eile vorgiebt und Euch Wichtiges zu über⸗ bringen hat.“ „Woher iſt er? Was mag ſeine Botſchaft ſein? Vielleicht droht uns Gefahr?“ „Beſorgt nichts, Mylord, es iſt der nette Schiffs⸗ junge von der ſchwediſchen Fregatte, als deren Ge⸗ fangene wir nach Stockholm ſegelten. Wie hieß er doch?“ „Juel Swale?“ „So iſt's. Derſelbe wartet auf Euch. Die Bot⸗ ſchaft iſt von ſeinem Herrn, dem Kapitän Norcroß.“ „So laß uns nach Hauſe eilen!“ Courtin ſah mit Freuden des Lords Bereitwillig⸗ keit. Es war ſchon Nacht geworden. Mit haſtigen Schritten eilten ſie den Lichtern des Städtchens zu, und langten nach kurzer Zeit in der beſcheidenen Woh⸗ nung an, welche der Lord mit ſeinem Freunde und Diener eingenommen hatte. Juel trat ihnen entgegen, grüßte ſeemänniſch und ſprach:„Mein Herr hat mir befohlen, Euch das zu ſagen: Der König von Schweden will Euch ſehr wohl; er wird mit dem Czaar von Rußland Frieden ſchlie⸗ ßen und Eurer dabei gedenken. Seid verſichert, daß auch Peter Euer Freund wird. Der Freiherr Görz hat in Holland und dieſen Sommer ſchon in Schwe⸗ den viel für den Prätendenten gethan. Niemals waren die Umſtände günſtiger für uns. Eilt deshalb unver⸗ züglich an Bord unſerer Fregatte, die ohnfern der Spitze von Arkona liegt. Wir gehen auf des Königs Befehl nach Holland zum Grafen Görz. Eilt! Die Stunde Euerer Rache am Kronprinzen von Däne⸗ mark naht!“— Zugleich überreichte Zuel dem Lord ein eigenhändiges Schreiben des Königs, worin nur die Worte ſtanden:„Geht, mein Freund, mit dem 59 Kapitän Norcroß nach dem Haag und vertraut Euch dem Baron Görz an. Ihr werdet dort Dinge von Wichtigkeit für Euch erfahren. Euer wohl affectionir⸗ ter Karl.“ Der Lord ſchwankte keinen Augenblick. Die alten Pläne ſtanden wieder wie rieſige Gebirge in ſeiner Seele und der Adlerflug ſeines Geiſtes ver⸗ ſchmähte die ruhmloſe Niedrigkeit, welche ihn vorhin ſo freundlich angelächelt hatte. Selbſt die Flötenſtimme der Liebe verſtummte vor dem Poſaunenrufe des Ruhms, der ihn in die Rennbahn rief, vor dem Wuthgeſchrei der Rache, welche plötzlich wieder ſeine Seele er⸗ füllte. Eh' eine Stunde verging, war er zur Abreiſe ge⸗ rüſtet und ging mit Courtin und Juel, die das we⸗ nige Gepäck trugen, um den kleinen yasmunder Bod⸗ den nach dem Prorer Wiek, wo einige Matroſen mit einem kleinen Boote hielten. Sie ſtachen ſogleich in See und erreichten noch vor Mitternacht die Fre⸗ gatte. 6. Der Freiherr görz von Schlisz. Kapitän Norcroß umarmte den Lord und rief: „Wer hätte denken ſollen, daß wir uns nach wenigen Tagen in dieſen Gewüäſſern wiederſehen ſollten! Doch wir dürfen nicht mit dem Schickſale rechten: ich bin ſchon froh, daß ich Euch nur wieder habe, Herr Ma⸗ jor; denn fürwahr, als ich erfuhr, Ihr hättet Euch 60 auf der Inſel Rügen abſetzen laſſen, gab ich die Hoff⸗ nung verloren, Euch je wieder zu ſehen. Ich hielt Euern Aufenthalt hier nur für Maske; was hättet Ihr denn auch auf dieſer einſamen traurigen Inſel anders beginnen wollen, als vor Trübſal zu ſterben?“ „Ich ging nach Rügen,“ verſetzte der Lord,„um mit keinem ſchwediſchen Schiffe in einen däniſchen Hafen einzulaufen, was mir und dem Führer des Schiffs Unannehmlichkeiten zuwegebringen konnte. Von Rügen konnte ich leicht mit einem däniſchen Schiffe nach Kopenhagen gehen, und das war mein Plan. Doch wo ich auch weilen mochte, ich hätte Euerm Könige Nachricht von mir gegeben, das hatte ich ihm geloben müſſen, und auch Euch hätte ich ge⸗ ſchrieben.“ „Faſt fürchtete ich, Euere Neigung zum Wechſel hätte Euch unſerer guten Sache wieder entfremdet, oder die Liebe Euch andere Intereſſen eingeflößt. Und gerade jetzt beginnt unſer Weizen zu blühen. Schwe⸗ den wird ſicherlich mit Rußland Frieden ſchließen. Der Czaar Peter iſt für die Sache des Prätendenten ge⸗ wonnen; Frankreich ſtimmt bei. Dänemark wird erſt gedemüthigt, und iſt das glücklich vollbracht, ſo tritt Karl der Zwölfte als Reſtitutor der alten Königsdy⸗ naſtie in England auf.“ Der Lord gab dem Kapitän ſeinen Beifall zu er⸗ kennen, und Beide ergingen ſich in gegenſeitiger Mit⸗ theilung der wunderlichen Schickſale, die ſie ſeit ihrer Trennung im Angeſicht des Hafens von Stockholm erlebt. „Als ich das letzte Mal den Sund paſſirte,“ ſprach Norcroß, indem er auf die in der Ferne auf⸗ dämmernden däniſchen Inſeln deutete,„war der Czaar eben von Kopenhagen abgereiſt und die vor dem Sunde 61 liegende engliſche Flotte hatte ſich zerſtreut. Ich ging mit engliſcher Flagge herrlich hindurch, meine Fregatte galt für ein zur Flotte gehöriges Schiff. Laßt ſehen, ob's diesmal eben ſo gelingt, oder ob wir in der Falle gefangen werden. Ertappen ſie uns, ſo retiriren wir uns nach Schonen.“ Hierauf befahl der Kapitän, ſich in Vertheidigungs⸗ zuſtand zu verſetzen; diejenigen Matroſen, welche eng⸗ liſch ſprachen, mußten vor, Lord Palmerſton erhielt eine engliſche Lientenantsuniform, Noreroß kleidete ſich als engliſcher Kapitän; die engliſche Flagge wurde aufgehißt, und ſo die Abenddämmerung abgewartet, weil zu dieſer Zeit, wie Norcroß wohl wußte, die dä⸗ ni ſchen Zollwächter im Sunde am nachläſſigſten wa⸗ ren. So kamen ſie ohne Anſtand bis zur Zollbude und wurden auf ihr Vorgeben, ſie ſeien ein engliſches von Eſthland kommendes Schiff, durchgelaſſen. So⸗ bald ſie der Gefahr entronnen waren, gingen ſie um Jütland herum und dann mit vollen Segeln den hol⸗ ländiſchen Küſten zu. Kaum waren ſie im Haag angekommen, als ſich Kapitän Norcroß beeilte, dem Baron Görz, der ſich als Prioatgeſankte des Königs von Schweden dort aufhielt(öffentlich ſtand er nie in ſchwediſchen Dien⸗ ſten), um ein Anlehn bei den Generalſtaaten zu be⸗ wirken, die Briefe des Königs zu überreichen. Der größte Staatsmann ſeiner Zeit, der treueſte Freund Karls des Zwölften, nahm den ihm bekann⸗ ten Kaperkapitän mit der ihm eigenthümlichen Freund⸗ lichkeit auf, aber kaum hatte er des Königs Hand⸗ ſchreiben erbrochen, als die Züge ſeines einnehmenden Geſichts von ſtarrem Ernſt ergriffen wurden. „Ihr habt einen jungen Mann mitgebracht, für welchen ſich des Königs Majeſtät intereſſiren ſcheint,“ 62 ſagte der Freiherr nach Durchleſung des Briefes und heuchelte die frühere Unbefangenheit.„Wißt Ihr etwas Näheres von ihm?“ Noreroß erzählte die Art und Weiſe ihrer Bekannt⸗ ſchaft und behauptete, daß ſein Begleiter der einzige Sohn des Lord ulnerſas ſei. „Und weiter wißt Ihr nichts von ihm?“ „Nichts weiter, Ew. Excellenz, als daß er ein eif⸗ riger Anhänger der Stuarts iſt, für den Prätenden⸗ ten gefochten hat und bereit iſt, Blut und Leben von Neuem für die heilige Sache der Wahrheit und des Rechts einzuſetzen. Deshalb befahl auch Se. Majeſtät, ihn zu Ew. Excellenz zu bringen.“ „Es iſt gut, Kapitän Noreroß,“ verſetzte der Ba⸗ ron mit einem durchdringenden Blick auf Noreroß's ruhiges Geſicht.„Schickt mir den jungen Mann; er ſoll mir ſeine Schickſale ſelbſt erzählen. Der König erwähnt auch Euer lobend in ſeinem Briefe und rühmt Euere feſte Anhänglichkeit an den rechtmäßigen König von England. Zum einſtweiligen Lohn Euerer Treue und zu Euerer Beruhigung kann ich Euch im Ver⸗ trauen ſagen, daß die Angelegenheit der Jacobiten trefflich geht. Mein guter Plan nähert ſich ſeiner Er⸗ füllung. Dann haben wir gewonnen!“ „Darf ich mich unterſtehen, als ein ächter Jaco⸗ bit, Ew. Excellenz mit der Frage läſtig zu fallen, welches Ihr Plan im Einzelnen iſt? In Umriſſen hat mir Seine Majeſtät ſelbſt Finigz davon mit⸗ getheilt.“ „Ihr ſollt Alles wiſſen; denn Eueres Beiſtandes bedarf ich zur Ausführung. Ich kenne Euch als einen kühnen und verſchwiegenen jungen Mann. Die Reſti⸗ tuirung der Stuarts auf den großbritanniſchen Thron war ſeit lange mein Lieblingswunſch, weil mit deſſen 63 Erfüllung die von uns beabſichtigte Größe Schwedens unzertrennlich verknüpft iſt. Verdankt uns England ſeinen König, ſo ſind wir die Herren der Nordſee; ſind wir mit dem ruſſiſchen Czaar einig, ſo theilen wir mit ihm die Herrſchaft der Oſtſee. Dänemark iſt unrettbar verloren; es iſt unſer, es iſt eine Provinz des Schwedenreichs. Um Dänemark, Schwedens Erb⸗ feind zu verderben, iſt alſo die Wiedereinſetzung der Stuarts erſte Bedingung. Nach dem nicht genugſam vorbereiteten Einfalle des Prätendenten in Schottland und deſſen unglücklichem Ausgange, dachte ich daran, die Sache klüger anzufangen, und einmal ohne den Prätendenten anzufangen, der ſein Spiel immer ſelbſt verdorben hat. Ich verband mich deshalb mit den ſchwediſchen Geſandten in London und Paris, Graf Erik Sparre und Graf Karl Gyllenborg, und Beide mußten ſich im Stillen nach den Jacobiten umſehen. Es ſind ihrer in England mehr als ich geglaubt hätte; nach Frankreich iſt eine anſehnliche Zahl ausgewan⸗ dert. Mit Vorſicht läßt ſich ein Heer von zehn bis zwölftauſend Mann zuſammenbringen; Schottland iſt ganz unſer; es ſtellt eine noch größere Armee. Dazu führt unſer König, ſobald das Frühjahr angebrochen iſt, ein Heer von zwölftauſend Schweden aus Göthe⸗ burg nach Schottland, mit Rußland ſchließen wir jetzt Frieden, es zahlt Subſidien, die Jacobiten haben be⸗ reits zwanzigtauſend Guineen zu dem Unternehmen gezahlt und ich hoffe noch mehr Geld dafür aufzu⸗ treiben. Ich muß ſagen, die Nachrichten, welche mir des Königs Majeſtät mittheilt, machen einige Aender⸗ ungen in dieſem Plane nöthig; doch bleibt er im Gan⸗ zen derſelbe. Euch, Kapitän Norcroß, gedenk' ich zu einer ſehr wichtigen Sendung an die königliche Witwe von England Maria in St. Germain, der Ihr ja 64 perſönlich bekannt ſeid, zu gebrauchen. Doch ſollt Ihr dieſe Reiſe nicht vor dem Frühjahre machen. Auch ſollt Ihr mir Depeſchen an einige ſchottiſche Barone bringen. Ich bedarf eines kühnen und entſchloſſenen Mannes und Ihr ſeid mir nicht um Euerer perſön⸗ lichen Eigenſchaften halber der Liebſte, ſondern auch des Umſtandes wegen, daß Ihr ein Engländer und eifriger Jacobit ſeid.“ Der Freiherr fügte noch manches für den Frei⸗ beuter Schmeichelhafte hinzu und Norcroß verſetzte in hoher Freude, dem endlichen Gelingen ſeiner Plane ſo nahe zu ſein, und ſelbſt thätig dabei wirken zu kön⸗ nen, daß er Leib und Leben aufopfern wollte, um Sr. Erxeellenz in dieſer Sache zu dienen. „Reiſt jetzt mit Gott nach Schweden zurück. Wagt Euch aber nicht wieder durch den Sund. Es iſt Toll⸗ kühnheit. Wenn Euch die Dänen erwiſcht und die Briefe gefunden hätten, unſer ganzer Anſchlag wäre verrathen geweſen.“ „Auf dieſen Fall war ich gefaßt, Ercellenz,“ ver⸗ ſetzte der Kapitän;„ich hätte des Königs Brief ver⸗ ſchluckt.“ „Fürwahr ſchlau genug!“ lachte der Baron,„und Allen anzurathen, die dergleichen Papiere zu tragen haben. Doch geht Ihr diesmal nach Götheburg oder Marſtrand, und reiſt zu Land nach Stockholm.“ „Ich thue nach Ew. Excellenz Befehl.“ „Wohlan denn, ſo bringt mir jetzt den jungen Lord; ich bin auf ſeine Bekanntſchaft begierig.“ Der Kapitän beurlaubte ſich und eilte frohbewegt nach dem Gaſthofe. Hier theilte er ſeinem Landsmann erſt all' das Erfreuliche mit, was er vom Baron Görz erfahren hatte; Palmerſton umarmte den Kapitän ju⸗ belnd und Beide leerten eine Flaſche des beſten Weins 65 auf die baldige Reſtitution der Stuarts in England. Hierauf begleitete der Kapitän ſeinen Freund nach dem Hotel des Barons. Sie waren kaum in das Vor⸗ zimmer getreten, als Görz haſtig aus ſeinem Kabinet trat, den Lord mit einem ſtarren Blick maß und mit außerordentlicher Höflichkeit hineincomplimentirte, indem er den Kapitän mit einem freundlichen Kopfnicken ent⸗ ließ, ſo daß dieſer, nachdenkend über die Ungewöhn⸗ lichkeit dieſes Empfangs, das Hotel verließ. Nach mehren Stunden kehrte auch der Lord dahin zurück und verkündete dem Kapitän mit freudeſtrahlendem Geſichte, daß der Freiherr ihn in ſeinem geheimen Büreau mit diplomatiſchen Arbeiten beſchaftigen und bis zur Expedition nach Schottland bei ſich behalten werde. Er traf denſelben Tag noch Anſtalt, mit Cour⸗ tin das Hotel des Barons zu beziehen. Dem Kapi⸗ tän war Vieles unbegreiflich und wurde ihm noch räthſelhafter, als er von Görz zur Tafel geladen, dort den Lord den Ehrenplatz einnehmen und vom Wirthe mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit behandeln ſah. Seine Verwunderung ſtieg auf's Höchſte, als er Palmerſton im Gallakleide neben dem Baron im Staatswagen des Letzteren durch die Straßen der Stadt fahren ſah, und wenn er ſich denſelben jungen Mann dachte, wie er ihn vor einigen Wochen in Hamburg im Kaffeehauſe unter den däniſchen Wer⸗ bern geſehen, ſo wollte es ihn ſelbſt bedünken, als wenn derſelbe mit übernatürlichen Kräften ausge⸗ ſtattet ſei. Als er auf ſeine Fregatte zurückgekehrt dem Lieute⸗ nant Gad und dem Schiffschirurgus Habermann ſeine Verwunderung über das ſchnelle Emporkommen Flax⸗ mann's beim Baron Görz nicht verhehlen konnte, rie⸗ fen Beide einſtimmig:„Er iſt ein Hexenmeiſter, ein Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xll. 5 06 Magier, ein Schwarzkünſtler; das haben wir nun ſchon zu oft beſtätigt gefunden,“ und Gad ſetzte mit einem Seufzer hinzu, als wäre ihm eine ſchwere Laſt vom Herzen gewichen:„Ich bin froh und in meinem Schöpfer vergnügt, daß uns der Menſch nicht wieder auf das Schiff kommt. Ich hatte in ſeiner Nähe ſtets eine Witterung von Pech und Schwefel und von noch etwas, was mir ſtets übel und weh machte.“ Ein Rauhmordneſt. An einem der letzten Tage des Hornung 1717— einige Monate ſpäter als die zuletzt erzählten Bege⸗ benheiten— wurde gegen Abend ein Boot von nicht ſonderlicher Größe und Beſchaffenheit vom Sturm an die einſame Weſtküſte von Jütland in der Gegend von Varde geworfen. Es hätte jedem Zuſchauer unbegreif⸗ lich ſcheinen müſſen, wie man an ſolchem ſtürmiſchen Wintertage, wo die Thauwinde mit furchtbarer Hef⸗ tigkeit wehten, ſich in ſolch gebrechlichem Fahrzeug auf das wild empörte Meer hinauswagen können; aber es waren keine Zuſchauer da. Regungslos lag weit und breit das unfreundliche Geſtade, hie und da ragte eine Uferklippe mäßig hervor, dann breitete ſich landein⸗ wärts die öde ſchneebedeckte Ebne, über die der See⸗ wind unabläſſig hinſtrich. Aus dem von der Gewalt des Windes und der Wellen an das ſteinigte Ufer geworfenen Boote krochen 6„ 67 allmälig einige in dürftige Kleidung gehüllte Männer und wateten durch das ſeichte Waſſer bis zum trock⸗ nen Lande. Halb erſtarrt vor Froſt und Näſſe lang⸗ ten ſie dort an. Zwei von ihnen wieſen ſich durch die Sorge, welche ſie um das Fahrzeug trugen, als Schiffer aus, indem ſie ſich Mühe gaben, daſſelbe mit Stricken näher an's Land zu ziehen und zu befeſtigen. Auch blieben ſie bei dem Schifflein zurück und mach⸗ ten Anſtalt, darin zu übernachten, während die an⸗ dern Drei ihren unerfreulichen Weg landeinwärts fort⸗ ſetzten. Graue, feuchte Nebel zogen über das Land und verkümmerten den betrübten Wanderern auch noch das Wenige von der Ausſicht, das ihnen die Däm⸗ merung gelaſſen hatte; der kalte Wind fand an ihnen den einzigen Widerſtand, und pfiff ihnen durch die Kleider, daß ihnen das Herz im Leibe zitterte, da die grobe Linnen ihrer Beinkleider und die abgetragenen, hie und da gar zerfetzten Tuchjacken, woraus ihre Be⸗ kleidung beſtand, ohnedies nicht geeignet waren, einen Menſchen im Winter und Sturm zu wärmen. Der Jüngſte und, wie es ſchien, Schwächſte die⸗ ſer drei Nachtwandrer war von den Mühſeligkeiten einer ſtürmiſchen Meerfahrt auch am meiſten angegrif⸗ fen und vermochte kaum den Schritt der beiden An⸗ dern mitzuhalten, auch rief er endlich ſchmerzhaft: „So wahr mir Gott helfe! ich glaube, daß ich dieſe Nacht umkomme. Das Fieber ſetzt mir immer heftiger zu und überbrütet mich bald, daß ich in's Meer ſpringen möchte, um mir die qualvolle Glut zu kühlen, bald ſchmerzt mir das Mark in den Knochen vor entſetzlichem Froſt. Ich fürchte, daß mich bald alle Kräfte verlaſſen werden und ich auf dieſer trau⸗ rigen Schneefläche liegen bleiben muß, um zu ſterben. 5* — 68 Courtin, dann verlaß' mich nicht eher, als bis ich todt bin; ich beſchwöre Dich um Gottes und aller Heiligen willen! Hab' ich geendet, dann löſe mir das Etui von der Bruſt und bring' es dem Könige von Schweden mit der Meldung meines Todes. Hörſt Du! Schwöre mir das erſt auf's Krucifix zu!“ „Téte-bleu!“ rief der Franzoſe halb unmuthig, halb wehmüthig,„ſprecht mir doch nicht von Sterben. So lang' ich Euch noch auf den Beinen ſehe, wird's keine Noth haben. Tretet wacker auf, Mylord, daß Euch warm wird. Gebt mir Euern Arm. Nun wird's gehen. Auch müſſen wir doch in ein ver⸗ dammtes Neſt kommen, wo wir uns betten können, und wenn's noch ſo ſchlecht iſt. Nicht wahr, Bruder Ankarfield?“ „A Parole d'honneur!“ verſetzte der dritte Mann. „Ich wollte gleich meine Ehre zum Pfande ſetzen, wir kommen bald in einen Ort, wo wir uns erquicken und ausruhen können bis zum Morgen. Wenn das Volk nur nichts von der freiherrlichen Kaſſe wittert. Ich denke doch nicht. Ich habe die Katze eng um den Leib gegürtet, und unter ſolchen Lumpen vermu⸗ thet man keine zehntauſend Thaler.“ „Aber, mon dien! wie ſeid Ihr nur dazu gekom⸗ men, das Geld mitzunehmen? Selbſt wenn es die Holländer genommen hätten, ſo hätten ſie es dem König von Schweden bei Heller und Pfennig wieder herauszahlen müſſen,“ ſagte Courtin. „Ei, das ſteht noch ſehr zu bezweifeln. Das Geld war im Haag, der Baron Görz und ich in Arnheim, als er arretirt und in's Gefängniß geſetzt wurde. Als ich nun Hals über Kopf zu Euch nach dem Haag kam, hatten die Herren Generalſtaaten noch nicht daran gedacht, die Effekten des Barons in 69 Beſchlag zu nehmen und die Dienerſchaft anzuhalten. Aber wir erhielten Abends einen Wink von dem, was am folgenden Tag geſchehen ſollte. Nun muß man eher Alles fahren laſſen, als die Ehre, und als des Barons Kammerdiener und Chatoullier wär' ich ge⸗ blieben und hätte den Herrn Generalſtaaten mein Geld bis zum Pfennig zugezählt, und ſo hätten ſie's auch zurückzahlen müſſen. Doch der Lord trieb ja ſo ge⸗ waltig zur Flucht, daß ich nicht widerſtehen konnte. Was hätt' es mir verſchlagen, ich wäre geblieben, wo das Geld blieb, und ſie hätten mich wieder frei⸗ geben müſſen, wie das Geld. Wenn ich aber ging, mußte das Geld auch mitgehen; ſo verlangt es meine Ehre. Gott wüßte, wer das Sümmchen an ſich ge⸗ nommen hätte, war ich fort; Niemand hätte etwas davon wiſſen wollen, und unſer König, der das Geld nöthiger braucht, als wir Alle, wäre drum geweſen. So aber übergebe ich die Katze mit meinem Beleg Sr. ſchwediſchen Majeſtät, meinem großmächtigſten Herrn ſelbſt, und habe große Ehre davon; und auf meine Ehre zu halten, hat mich meine ſelige Mutter gelehrt. Nun, Ihr habt ſie ja gekannt, wie Ihr mir geſagt, und ſeid zur Zeit ihres Todes in Stock⸗ holm geweſen. Gott habe ſie ſelig mit ihrer Ehre!“ „Ehrenfeſter Sproß eines ehrenreichen Baumes,“ perorirte der Franzoſe,„Ihr habt in Euerer hohen Weisheit nicht daran gedacht, was nun wirklich ein⸗ getreten iſt, daß uns der Sturm an die feindliche Küſte verſchlagen könnte. Ihr hättet doch weit beſſer gethan, das Geld den Generalſtaaten zu übergeben, die es Ehrenhalber wieder zurückzahlen mußten, die Fälle mochten lauten, wie ſie wollten, als daß Ihr es wahrſcheinlich nun dem Könige von Dänemark * übergeben müßt, der nichts zurückzahlt, ja Euch nicht einmal Dank dafür ſagen wird.“ „Sacre dieu!“ rief der Kammerdiener ärgerlich. „Bin ich etwa daran Schuld, daß wir uns in Er⸗ mangelung eines andern Schiffs in den morſchen Schachteldeckel ſetzten und davonfuhren, als wäre der leibhaftige Teufel hinter uns? Hat nicht der Lord, obgleich er ſelbigen Tag ſchon krank war— ich hab's ihm angeſehen— das Alles betrieben und uns ani⸗ mirt, daß wir uns in dieſe Lumpen ſteckten und heim⸗ lich wie Diebe davonſchlichen? Was es nun auch mit der Gefangennehmung des Barons für ein Be⸗ wandtniß haben mag, wir konnten immerhin ruhig bleiben. Freilich, wenn die Herren einen Lord in Euch entdeckt hätten, ſo möchte es wohl nicht ſo ganz ohne Fährlichkeit für Euch abgelaufen ſein.“ „Wenn man des Lords Schreibtafel genommen und geöffnet hätte,“ verſetzte Courtin,„ſo wär' er in ſehr große Verlegenheit gekommen.“ Palmerſton ſeufzte tief auf und griff mit fiebriſch zitternder Hand nach dem Etui, gleichſam um ſich zu verſichern, daß er noch im Beſitz deſſelben ſei.„Es wäre ſicherlich mein Tod geweſen, wenn man mir das Büchlein entriſſen hätte,“ ſagte er mehr für ſich, als für die andern mit bebender Lippe.„Gott!“ rief er gleich darauf,„ich bin nicht mehr im Stande, noch drei Schritte zu thun. Es iſt wahr, die Gefangen⸗ nehmung des Grafen hat mir einen faſt tödlichen Schrecken bereitet. Wer hätte das auch nur denken ſollen, an der Schwelle des Tempels, wo die Erfül⸗ lung aller Wünſche, die Gewährung aller Hoffnungen bereitet war, da noch vom neidiſchen Geſchick erfaßt zu werden! Ich bin krank, todtkrank! Ich werde ſter⸗ 71 ben, ach, und ſo ruhmlos und unbekannt meine un⸗ ſelige Laufbahn beſchließen.“ „Peines de Dieu! Ihr ſollt nicht ſterben!“ fluchte Courtin.„Wohlauf! noch hab' ich gute Kräfte und meinen tüchtigen Körperbau, der etwas vertragen kann. Könnt Ihr nicht mehr gehen, Mylord, ſo will ich Euch tragen, und wär's die ganze Nacht hindurch.“ Der treue Franzoſe kauerte an den Boden nieder und lud den kranken Mann auf ſeinen breiten Rücken, ſo daß ſeine Arme auf der Bruſt und ſein krankheit⸗ ſchwerer Kopf an dem Kopfe des Bootsmanns ruhte. „Ich habe aus lauter Liebe zu Euch,“ ſagte er dann, „mein geringes Loos einmal an das Euerige gebun⸗ den, und es ſoll beim Himmel nicht eher davon ab⸗ kommen, als bis der Tod mit ſeiner unerbittlichen Scheere ſelbſt durchſchneidet.“ „Braver Burſche! Gott wird Dir vergelten, wenn ich es nicht kann, und ich fürchte, ich werde es nicht können,“ lispelte der Kranke; und der Marſch ging wieder vorwärts in der Richtung, welche der geweſene Kammerdiener des Baron Görz angab. Dieſer fluchte zuweilen und verſicherte auf ſeine Ehre, daß er das alberne Jütland genau kenne, in⸗ dem er in Hadersleben als Barbiergeſelle geſtanden, daß er ſich aber wegen der Nacht und des Nebels durchaus nicht finden könne. So mochten ſie eine Stunde über das unwirth⸗ liche Schneefeld gegangen ſein, als Ankarfield, der etwas vorausgeeilt war, jubelnd einen betretenen Pfad verkündete. Der Schluß, daß er zu einer von Men⸗ ſchen bewohnten Stätte führen müſſe, war leicht und erfreulich. Die Gewißheit, bald ein Ziel zu erreichen, gab neue Kräfte, und ſo ſchritten ſie rüſtig auf dem Pfade hin. Sie waren auch nicht lange gewandert, 72 als ſie Hundegebell vernahmen und ihnen aus der Dämmerung die Umriſſe eines Hauſes entgegentraten. Der Kammerdiener war flink an der Thüre und rief nach Menſchen. Es erſchien auch ſofort Licht; ein keckes junges Weib trat aus der Stube und fragte nach dem Begehr der ſpäten Ankömmlinge. „Dieu soit bénisse!“ ſagte Ankarfield,„daß wir nur ein menſchlich Angeſicht erblicken. Wir haben uns verirrt und ſuchen ein Obdach. Wir bitten Euch um Gotteswillen, gebt uns ein ſolches. Mehr noch als wir bedarf es der kranke Mann auf dem Rücken meines Begleiters.“ Courtin trat mit ſeiner Laſt eben in die Thüre. „Ihr ſeid hier in einem Gaſthofe,“ verſetzte die Frau hart und herzlos,„und wenn Ihr Geld habt, könnt Ihr Alles verlangen, was zur Bequemlichkeit eines Reiſenden gehört, er mag geſund ſein, oder krank.“. „Gottlob!“ ſeufzte der Kammerdiener mit einem innern Wohlbehagen auf, und ſetzte dann unvorſichtig hinzu:„An Geld fehlt's uns nicht.“ Dabei griff er unwillkürlich nach der Geldkatze, welche Bewegung den lauernden Blicken des Weibes keineswegs entging. „Nun ſo tretet in die Gaſtſtube,“ ſagte ſie.„Ihr werdet noch mehr Gäſte und angenehme Unterhaltung finden: Befehlt, was Ihr zu ſpeiſen wünſcht.“ „Dafür wollen wir Euch ſorgen laſſen,“ ſagte der Kammerdiener, und trat höflich grüßend in die Stube. Palmerſton half ſich von Cuurtin's Rücken und wurde von ihm in die Stube geführt. Eine Anzahl von ungefähr zwölf Männern ſaß an Tiſchen um den ungeheuren Ofen herum, und vertrieb ſich die Zeit mit Karte und Würfeln. Die Wirthin— als ſolche gab ſich die junge Frau kund— machte für den 73 Kranken einen Platz hinter dem Ofen, weil ihm die Kälte die Glieder furchtbar ſchüttelte, ſo daß er kaum ſeiner Sinne mächtig war und jeden Augenblick zu ſterben glaubte; dann ging ſie, um eine warme Suppe zu beſorgen. Die ſpielenden Männer bekümmerten ſich wenig um die neuangekommenen Gäſte; ihr Ge⸗ ſpräch bezog ſich nur auf das Spiel. Dazu tranken ſie Branntwein aus hölzernen Krügen. Aus ihren wüſten Geſichtern war nicht viel Erfreuliches zu leſen, eben ſo wenig konnte man aus ihrer geringen Klei⸗ dung oder aus ſonſt etwas abnehmen, was ihr Ge⸗ werbe ſei und weshalb ſie in ſolcher Anzahl hierher⸗ gekommen. Ankarfield vermuthete, daß in der Nähe ein Dorf liege, und daß dieſe Gäſte, obgleich ſie nicht wie Bauern ausſahen, von dorther hier zuſammenge⸗ kommen ſeien. Er rückte daher, während Courtin mit ſeinem Herrn beſchäftigt war, näher und redete den ihm zunächſt Sitzenden an;„Permission, Mon- sieur! Ihr ſeid wohl vom nächſten Dorfe?“ Der Kerl ſah ihn mit großen Augen an und ſagte pann mit einem widrig ſchlauen Geſicht:„Woher kommt Ihr denn, daß Ihr nicht wißt, wo Ihr ſeid? Euere Frage und Euere Sprache, die mehr ſchwediſch klingt, als däniſch, verrathen zur Genüge, daß Ihr mit dieſem Lande unbekannt ſeid. Auch ſtehen Eure franzöſiſchen Wörter im Widerſpruch mit Euern Klei⸗ dern.“ „Wollet mir zuvor gefälligſt auf meine Fragen antworten: in welcher Gegend von Jütland befinden wir uns eigentlich?“ „Auf der jüdländiſchen Heide; in einem Umkreiſe von mehren Meilen iſt an kein Dorf zu denken. Drum ſagt, Schwede, woher kommt Ihr, wohin wollt Ihr?“ ⸗ Der Kammerdiener erzählte ein Gemiſch von Wahr⸗ heit und Lüge. Die Männer warfen ſich bedenkliche Blicke zu. An dem Tiſche, an welchen ſich Ankarfield ge⸗ ſetzt, hatten ſie die Karten weggelegt und fingen es darauf an, den Kammerdiener auszufragen und in ſeinen Antworten zu verwirren. Unterdeſſen war Ei⸗ ner hinausgegangen; dieſer redete, wiederkommend, mit einer den Andern wohlverſtändigen Augenſprache. Ankarfield ſah ſich in ein Geſpräch verwickelt und ganz von den Männern umgeben. Er hatte ſich und ſeine Kameraden für Schiffer ausgegeben. „Wir ſind Schiffer, Patron,“ rief Einer,„laßt doch ſehen, ob die Andern auch ſolche Lügenhunde ſind.“ Und damit wandten ſie ſich zu Courtin, der ſich aber in ſeiner kauderwälſchen Sprache weit beſſer als Seemann auswies. Mit dem kranken Palmer⸗ ſton war nicht zu ſprechen. Man ließ den Franzo⸗ ſen alſo ferner ungeſchoren und wandte ſich zu dem Schweden. „Wißt Ihr, Mann, wie wir Euch thun würden, wenn wir auf dem Waſſer wären?“ ſagte der Eine, welcher draußen bei der Frau geweſen war,„wir würden Euch beim Hoſenbunde faſſen und vom Borde hinab in's Waſſer tauchen, daß die Fluth über Euch zuſammenſchlüge, um Euch den Lügengeiſt auszuwa⸗ ſchen. Seht ſo!“ Und damit ergriff er ihn mit ſtar⸗ ker Fauſt hinten bei der Geldkatze und hob ihn in die Höhe, daß der erſchrockene Kammerdiener aufſchrie: „Laßt mich los! ich bin ein Barbier.“ Die Andern lachten und ſetzten ſich wieder zum Spiel, der hand⸗ greifliche Kerl ſagte trocken:„Eh' Ihr morgen ab⸗ reiſt, guter Freund, ſollt Ihr mir den Bart ab⸗ nehmen.“ Durch die wohlthätige Wärme des Ofens neu be⸗ 75 lebt und durch den Angſtruf des Kammerdieners er⸗ muntert, ſchlug Palmerſton die Augen auf und rich⸗ tete ſie auf die Geſellſchaft. Da war's ihm nicht anders, als ſeien ſeine Sinne von einem wunderba⸗ ren Spiel wirrer Phantaſie befangen; denn er glaubte einige Augenblicke lang in Hamburg auf dem Kaffee⸗ hauſe unter den däniſchen Werbern und ihren Spio⸗ nen zu ſein, dann wollte es ihm wieder bedünken, als ſei er in Stockholm in der Schenkſtube der Frau An⸗ karfield; denn all' dieſe wüſten Geſichter an den Ti⸗ ſchen kamen ihm bekannt vor. Indem er ſich anſtrengte, mit ſich ſelbſt in's Klare zu kommen, brachte die Wir⸗ thin die Suppe, und rief hinter den Ofen:„Kommt hervor und erquickt Euch.“ Kaum aber hatte er ſich auf den für ihn beſtimmten Sitz geſchleppt, als er in dem ihm gegenüber am andern Tiſche ſitzenden Mann den Spion erkannte, den er in Hamburg als dienſt⸗ baren Geiſt des Werbelieutenants Kreuz und in Stock⸗ holm als Seemann getroffen, den er das Scheermeſſer aus der Kapſel der Frau Ankarfield hatte nehmen ſe⸗ hen, welches man nachher neben dem damit ermorde⸗ ten Diener ſeiner Schweſter gefunden hatte. Dieſe Entdeckung jagte ihm einen Schauder nach dem an⸗ dern durch die Seele und über den Körper; er konnte kaum den hölzernen Löffel halten, womit er die Suppe verzehren wollte. Auch war ihm die Kehle wie zuge⸗ ſchnürt. Er fiſchte deshalb, um ſich den Anſchein der Unbefangenheit zu geben und um Zeit zu gewinnen, ſich zu faſſen, mit dem Löffel in der Suppe herum und that, als ſpeiſe er davon. Da bemerkte er zu ſeinem neuen Schrecken, daß eine fettige grüne Ma⸗ terie auf der Suppe ſchwimme, welche nicht zu den weſentlichen Beſtandtheilen deſſelben gehöre, und ſeine mediziniſchen Kenntniſſe beſtätigten gar bald den Ver⸗ N * 76 dacht, daß ein gemeines Gift an der Suppe ſei. „Courtin,“ ſagte er,„rücke mir doch den Stuhl et⸗ was näher an den Tiſch; ich ſitze nicht bequem.“ Der dienſtfertige Franzoſe that es, in demſelben Angenblicke flüſterte ihm Palmerſton in das nah' an deſſen Mund gekommene Ohr:„Gift!“ und deutete mit den Augen auf die Suppe. Der ſchlaue Boots⸗ mann verſtand, und als gleich darauf auch für ihn und Ankarfield das Eſſen kam, ließen ſie die Suppe aus ihren Löffeln unbemerkt in das unter dem Tiſche liegende Stroh laufen. Der von Palmerſton erkannte Spion fand nicht für nöthig, ſich zu verbergen; vielmehr rief er mit einer gewiſſen Freundlichkeit, gleichſam als fände er einen alten Bekannten: „Ei, da treffen wir uns ja ſchon wieder, guter Freund; heißt Ihr nicht Flarmann? Ihr wollt wohl nach Kopenhagen, um dem däniſchen König Eure Schuld abzutragen? Das iſt redlich von Euch gedacht und gehandelt.“ „Was habt Ihr hier zu thun?“ fragte der Lord. „Wie Ihr doch verdammt neugierig ſeid!“ höhnte der Kerl.„Ich liege hier und warte das Wetter ab, um auf den Häringsfang zu gehen. Wißt Ihr's nun? Ich hab' Euch noch nicht um Euer Gewerb gefragt, obgleich ich wohl weiß, daß Ihr ein einträg⸗ liches habt. Wir ſahen uns in Stockholm nicht wie⸗ der, weil Ihr, wie ich hörte, dem Kammerdiener der reichen Engländerin ein blutiges Halsband mit blan⸗ kem Stahl gemacht und der Dame ſelher eine bleierne Pille eingegeben, um ihre Goldfüchſe zu fangen. Frei⸗ lich, ein Fuchsjäger hat beſſern Lohn als ein Härings⸗ fänger.“ Die Geſellſchaft belachte den rohen Witz; dem 77 Engländer wurde aber nur ſchlimmer zu Muthe. Der Gedanke, vom Mörder des engliſchen Kammer⸗ dieners ſelbſt auf deſſen Mord angeklagt zu werden, hatte für Palmerſton ſo viel Schreckliches, daß ihm die Sinne vergingen und er ohnmächtig in des her⸗ beigeſprungenen Courtin's Arme ſank. Dieſer ver⸗ langte von der Wirthin ein eignes Zimmer mit drei Betten, wohin er den Kranken bringen wollte. „Ich kann Euch nur eine Kammer mit zwei Bet⸗ ten geben,“ ſagte ſie;„der dort,“ ſetzte ſie auf An⸗ karfield deutend hinzu,„muß in einer Bodenkammer ſchlafen.“ „Wir ſchlafen alle Drei zuſammen,“ verſetzte die⸗ ſer,„und haben unſer zwei für diefe Nacht auch in einem Bette Platz.“ „Es geht nicht an!“ belferte die Wirthin heftig. „Doch wie Ihr wollt,“ fuhr ſie ſanfter fort, als be⸗ fürchte ſie, ſich zu verrathen. Sie ging mit der Leuchte voran; Ankarfield und Couttin faßten ihren Begleiter, um ihn zu tragen. Sie mußten durch eine hohe und geräumige Haus⸗ flur, in welcher allerlei Wirthſchaftsgeräth, leere Fäſſer n. dgl. umherſtand, dann eine ſteile Stiege hinan und auf einem offenen Gange hin bis zur Kammerthüre. Der Gang lief im inneren Raume des Hofes hin, und Courtin beſah ſich die Höhe, die nicht beträcht⸗ lich war. Soviel er in einigen Augenblicken unter⸗ ſcheiden konnte, war der Hof hinten zugebaut. Die Wirthin öffnete die Kammer, der Kranke wurde in ein Bett gelegt; die Frau wich nicht von der Stelle. „Stellt das Licht auf den Tiſch,“ ſagte Ankarfield zu ihr,„wir bedürfen Euerer Hülfe nicht mehr.“ „Nein!“ verſetzte ſie trotzig.„Das Licht kann ich Euch nicht laſſen. Die Hütte iſt von Balkex und 78 Brettern zuſammengezimmert, die ganze Kammer liegt voll brennbaren Zeugs, und wenn ein einziger Fun⸗ ken abfiele und das kleinſte Fädchen finge Feuer, ſo brennte in ein paar Minuten das ganze Neſt wie eine Fackel.“ „Wir wollen uns mit dem Lichte vorſehen. Ihr könnt Euch auf die Gewiſſenhaftigkeit zweier Männer verlaſſen.“ „Ihr gebt mir kein neues Haus, wenn mir das abbrennt. Ihr hättet mir eben das Ausſehen dazu. Das Licht kann ich Euch auf keinen Fall laſſen. Legt Euch zu Bett oder ich gehe fort und laß Euch im Dunkeln ſtehen.“ „So habt doch Vernunft, Frau. Ihr ſeht da den todtkranken Mann. Er kann uns ja in dieſer Stunde noch ſterben und ſchwerlich wird er das Tageslicht wiederſehen. Sollen wir ihn im Dunkeln dahinfah⸗ ren laſſen.“ „Das Licht wird ihn auch nicht halten,“ ſagte die Wirthin kurz und ſchlug die Thür zu. Jetzt hatten die drei Reiſegefährten Gelegenheit, ſich über ihre ſchwierige Lage zu berathen. Auch Palmerſton war wieder zur Beſinnung und wie durch eine wunderbare Fügung zu einigen Kräften gekommen. „Daß wir in eine Mörderhöhle gerathen ſind, leidet keinen Zweifel,“ ſagte er.„Es kommt darauf an, uns wieder herauszufinden. Bleiben wir dieſe Nacht, ſo erlebt keiner von uns den Morgen.“ Das ſahen die beiden Andern auch ein. „Aber wie kommen wir hinaus?“ fragte Ankar⸗ field.„Wenn Ihr geſund wäret, Mylord, und könn⸗ tet Euch eine Strecke forthelfen, ſo wäre Flucht mög⸗ lich; wir ſprängen in den Hof hinab und ſuchten ei⸗ nen Ausgang aus demſelben.“ 79 „Dies bin ich nicht im Stande. Nicht drei Schritte vermag ich zu gehen,“ verſetzte der Engländer mit ſchwacher Stimme.„Rettet Euer Leben, Freunde, mich laßt im Stich. Mein Leben wäre wahrſchein⸗ lich ohnedies bald abgelaufen, was liegt an einer Stunde mehr oder weniger meines elenden, kum⸗ mervollen Daſeins? Ihr vermögt mich nicht zu ret⸗ ten, wohlan, ſo rettet Euch ſelbſt!“ „Nimmermehr!“ ſagte Courtin entſchieden.„Lie⸗ ber will ich mit Euch ſterben. Monſieur Ankarfield, geht Ihr allein.“ „Ach Gott! Mit Freuden! Wenn ich doch nur wüßte, wohin?“ weinte der verzagte Barbier.„Ich muß meine Ehre retten und mein Geld; wenn das nicht wäre, ſo würde ich auch bei Euch bleiben und mit Euch ſterben. Am Leben liegt mir nicht, an der Ehre Alles. Hilf Himmel, wenn ich hier todtgeſchla⸗ gen würde und kein Hahn danach krähte, ſo würde man ſagen: Er iſt damit durch die Lappen gegangen. Der Name Ankarfield wäre mit Schande überdeckt; meine Ehre wäre für ewig mit mir begraben. Und was würde der Herr Baron ſagen? Und vollends des Königs Majeſtät? Meine Mutter würde ſich im Grabe umwenden.“ „Ja, ſo geht nur, Herr, und macht, daß Ihr fortkommt!“ ſagte der Franzoſe barſch. „Wohin denn? Wohin denn? Ich weiß bei mei⸗ ner Ehre nicht wohin?“ „Téte bleu! Der Naſe nach. Geht vor die Kammerthür, ſpringt in Gottes Namen in den Hof hinab und ſucht Euch dann weiter fortzuhelfen.— Aber damit iſt uns noch nicht geholfen, Mylord,“ wandte ſich der Bootsmann zum Kranken.„Sollen 80 wir uns ruhig hier todtſchlagen laſſen, wie in der Falle gefangene Mäuſe? Nimmermehr!“ „An meine Flucht denke nur nicht,“ verſetzte Pal⸗ merſton.„Was hülfe ſied Ich würde draußen ſter⸗ ben. Auch liegt mir, bei Gott! nichts mehr am Le⸗ ben, ſeit meine Pläne von Neuem ſo gänzlich geſchei⸗ tert ſind. Nur einen Wunſch habe ich noch, und deſſen Erfüllung verlange ich von Dir. Schwöre mir zu, zu thun, was ich Dir befehle, um was ich Dich fle⸗ hentlich bitte.“ „So wahr mir Gott helfe, die reine Jungfrau und ihr benedeiter Sohn!“ ſagte Courtin feierlich,„ich will thun, was Ihr von mir begehrt, Mylord.“ „Wohlan, ſo nimm dieſes Etui. Es iſt mein ein⸗ ziger Wunſch, daß es nicht in profane Hände komme, daß man nach meinem Tode keinen Mißbrauch damit treibe. Es enthält das Heiligthum meines Lebens.“ Mit dieſen Worten zog er die rothe Schreibtafel hervor, überreichte ſie dem treuen Bootsmann und fuhr fort:„Nun gehe wieder in die Wirthsſtube hinab und ſage: ich ſei eben im Sterben begriffen. Da⸗ durch gewinnſt Du jedenfalls Gelegenheit, aus dem Hauſe zu entwiſchen. Ich aber will mich todt ſtellen, und das wird den Mördern nicht auffallen, da ſie uns Gift gegeben haben. Suche ſo ſchnell als möglich einen Ort zu erlangen, mache eine Anzeige und komme mit Hülfe hierher. Iſt es Gottes Wille, ſo lebe ich noch, und Du kannſt dann weiter für mich ſorgen; findeſt Du mich todt, ſo begrabe mich und bring' das Etui dem Fräulein Chriſtine von Ove, Hofdame der Königin von Dänemark. Sag' ihr, daß ich ſie bis zum Tode heiß geliebt habe und daß ſie dies Büch⸗ lein zum Andenken an den unglücklichſten aller Men⸗ ſchen aufbewahren, aber nie einem Menſchen ſagen 15 6 3 81 möge, welches ſein Inhalt ſei. Sag' ihr das! Und nun geh'! Doch nein, das Crucifir gieb mir daraus; ich will es auf meine Bruſt legen und beten.“ Er öffnete das Büchlein zitternd beim Dämmerſcheine, den das ſchwache Schneelicht durch das einzige alte Fen⸗ ſter der Kammer warf, und nahm das Kreuzheiland⸗ bild heraus, drückte es an ſeine bebenden Lippen und übergab dem weichgewordenen Bootsmann die Schreib⸗ tafel. In dieſem Augenblicke ging die Thüre wieder leiſe auf und der furchtſame ehrliebende Kammerdiener, welcher während des Geſprächs der Beiden von Angſt hinausgetrieben worden war, kam wieder hereingeſchli⸗ chen. Die Todtenbläſſe ſeines Geſichts und ſein zu Berge geſträubtes Haar vermochten die beiden Andern nicht zu erkennen, wohl aber hörten ſie das Klappern ſeiner Zähne. Kaum war es ihm möglich, einige ab⸗ geriſſene Worte zu flüſtern. „Ich denke, Ihr ſeid mit Euerer Geldkatze ſchon lange im freien Felde?“ fragte Courtin. „Ach Himmel!“ verſetzte der Andre;„ich gehe auf den Gang hinaus, und ſuche mir mit den Händen tappend eine bequeme Stelle zum Hinablaſſen; da gerathe ich am Ende des Ganges an eine Thür und vermuthe, es möchte hier eine Treppe in den Hof hinabgehen. Die Thür iſt nicht verſchloſſen, ich gehe hinein und fühle und fühle, bis ich mit dem Fuße an einen Gegenſtand ſtoße. Ich bücke mich danach und greife in ein kaltes Geſicht. Es liegen noch mehr Leichen in der Kammer. Parole d'honneur! Ich kann vor Schrecken kaum ſtehen.“ „Das ſind Fremde, die heute oder in der vorigen Nacht erſchlagen worden ſind,“ ſagte Courtin.„Mir kommt ein guter Gedanke ein. Führt mich in die Kammer. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xll. 6 82 Nehmt Ihr eine Leiche; ich nehme eine. Wir legen ſie zuſammen in's Bett. Ihr ſpringt dann in den Hof hinab, und ich will Euch dazu behülflich ſein. Ich gehe dann in die Wirthsſtube und melde den Tod des Lord, und ſehe zu, daß ich Euch nachkomme.“ Es geſchah, wie der Franzoſe angegeben hatte. Mit der größten Vorſicht wurden aus der Mordkam⸗ mer ein Paar Leichname herausgezogen, in die Schlaf⸗ kammer gebracht und hier zuſammen in's Bett gelegt. Nun ließ Courtin an einem zum Strange gedrehten Lalen den Kammerdiener in den Hof hinab und ging noch einmal zu Palmerſton. „Mylord, ich gehe. Behüte Euch Gott!“ „Er begleite Dich!“ ſtöhnte der Kranke. Mit leiſem Fröſteln und Zittern tappte Courtin nach der Treppe und rief dabei ſo laut als möglich: „He! Holla! Licht her!“ Es dauerte auch nicht lange, als die Wirthin ſchimpfend aus der Stube kam. „Was habt Ihr vor, Ihr unruhiger Nachtvogel?“ rief ſie entrüſtet. „Ach, liebe Frau Wirthin,“ flehte Courtin,„unſer kranker Begleiter iſt ſo eben geſtorben. Ich bitt' Euch ſehr, gebt uns ein Licht; uns grauſt bei dem todten Manne.“ „Was geht das mich an?“ erwiederte das Weib. „Das Licht kann ihn nicht wieder lebendig machen, und ſo Ihr ein Furchthaſe ſeid, ſo wird Euch die Hel⸗ lung keine Herzhaftigkeit einflößen. Packt Euch in's Bett, oder ich laß den Hund los, der ſoll Euch hin⸗ eintreiben“ Damit ging ſie wieder in die Stube und ſchlug die Thür zu. Courtin hatte während ihrer Rede nach einem Ausgang umhergeſpäht, aber nichts entdeckt. Doch hatte er nicht umſonſt die leeren Fäſ⸗ ſer in der Hausflur geſehen. Er horchte noch einmal 83 in den Hof hinab, da er aber dort nicht das leiſeſte Geräuſch vernahm, ſo muthmaßte er, daß Ankarfield glücklich entkommen ſei; anfangs wollte er ihm nach, doch hielt ihn die Liebe zum Lord und eine gewiſſe franzöſiſche Neugierde, zu erfahren, was aus der Sache werden möchte, zurück, und er zog es vor, auf den Zehen in die Hausflur hinabzuſchleichen und in eins der großen Fäſſer zu ſchlüpfen. Hier verhielt er ſich ruhig und wartete nicht ohne Herzklopfen über zwei Stunden. Da— in der Mitternachtsſtunde— ging die Thür auf, und zwei der Mordgeſellen traten heraus, jeder ein Beil in der Hand. Das Weib leuch⸗ tete ihnen vor. Der Spion war dabei. „Einen Schlag hat uns Trude's Suppe erſpart,“ ſagte dieſer,„und wahrlich, es iſt gut, daß ihn Ge⸗ vatter Hain ausgeſpannt hat; er hätte mich gedauert, wenn er das Beil hätte koſten müſſen. Den beiden andern Schlingeln iſt's eher zu gönnen.“ „Zumal dem mit der Geldkatze,“ ſagte der Andre. „Schlagt nur Beide zugleich zu,“ bemerkte das Weib,„daß nicht einer entwiſcht. Ich will den Hund loslaſſen aus Vorſorge,“ damit ſtellte ſie das Licht auf die Treppe, unfern dem Faſſe, in welchem Cour⸗ tin verborgen war, ging zur Hausthüre, öffnete und trat hinaus. Gleich darauf kam ſie zurück, von einem großen Hunde gefolgt, und die Thüre wurde nicht wie⸗ der verſchloſſen. Sie ergriff das Licht und die beiden Männer ſammt dem Hunde gingen ihr nach, die Stiege hinauf. Kaum hörte Courtin ihre Schritte verhallen, als er aus dem Faſſe ſchlüpfte und mit einigen ſchnel⸗ len, auf den Zehen ausgeführten Schritten die Thür gewann. Einen Augenblick darauf war er im Freien. Gewandt wie ein Aal drückte er ſich raſch an dem 6 84 Hauſe hin und lief dann was er vermochte auf dem Fußpfade fürbaß. 8. Rettung aus Codesgefahr. Der Engländer lag in einem Zuſtand, der faſt der Bewußtloſigkeit gleichkam. Seine Glieder waren kalt und ſtarr, kaum fühlte er noch den leiſen Pulsſchlag ſeines Herzens. Doch ſeine Seele zuckte, von Angſt getrieben, ohne daß ſie ſich ſelbſt hätte klar bewußt werden können. Endlich vernahm er Geräuſch und ſah beim dürftigen Schneeſcheine, wie die ihm gegen⸗ überſtehende Wand zurückwich. Einen Augenblick dar⸗ auf vernahm er den Schall zweier Schläge, mit den Mordäxten auf die Schädel der beiden Leichen faſt zu gleicher Zeit geführt, und dieſer Ton ſchnitt ihm ſo durch die Seele, daß ihn die Beſinnungskraft verließ. Als er wieder zu ſich kam, mochte wohl über eine Stunde verfloſſen ſein, und er hörte einige Stimmen. Ein matter Lichtſtrahl von einer trüben Laterne blitzte ihm weither in's Auge. „Die Kerle ſind ſchon eiskalt, die haben's kurz ge⸗ macht,“ ſagte eine rauhe Männerſtimme. „Ich will die beiden Burſche auf mich nehmen,“ verſetzte eine andre.„Geh', Jwer, nimm Du den da drüben. Vor Geſtorbenen entſetz ich mich, weißt Du.“ Damit wurden die beiden Leichen aus dem Bette gezogen. 85 „Das Geld wird Frau Trude ſchon ſelbſt ſuchen,“ lachte der Erſte.„Darauf verſteht ſie ſich herrlich. Sie hat eine Naſe, wie ein Spürhund.“ Palmerſton wurde von einer ſtarken Fauſt bei der Bruſt ergriffen und auf den Rücken des Mannes ge⸗ worfen. Durch die zurückgeſchobene Wand ging's nur ein paar Schritte weiter, und ſie waren in der Fleiſch⸗ kammer, wie die Mörder den Ort nannten, wo die Leichen bis zum Entkleiden und Verſcharren auf⸗ bewahrt wurden. Palmerſton wurde abgeworfen, die beiden Leichen kamen über ihn zu liegen. Die Trä⸗ ger verließen nach einigen rohen Scherzen den ſchau⸗ erlichen Ort wieder, wo der Scheintodte mit einem Blick noch mehr Leichen geſehen hatte. Ein widriger Todtengeruch wehte ihn an, die Schauer des Grabes rieſelten durch ſeine Gebeine. Die eiskalten Glieder der Todten an ihm verurſachten ihm einen Schmerz, der faſt dem glich, als wenn er mit einem glühenden Eiſen gebrannt würde. Da lag der Unglückſelige, der durch Geſetz und Recht zu einem hohen Looſe beſtimmt geweſen war, unter einem Haufen gemordeter Män⸗ ner, allein ein Lebender, von menſchlicher Hülfe ver⸗ laſſen, krank und elend, an ſeinem trüben Geſchicke verzweifelnd und ohne Hoffnung. Das bleiche Licht der Mondsſichel, welche unterdeſſen aufgegangen war und mit kalter Theilnahmloſigkeit durch die Fenſter⸗ lücke in die Kammer ſah, zeigte ihm die Stätte des Grauens, in welche ihn verruchte Hände geſchleudert, und ſchon fing etwas wie Wahnſinn in ſeinem Ge⸗ hirn ſich zu regen an; er griff um ſich, und ſtieß die Leichen mit Verwünſchungen von ſich. Nicht mehr im 6 Stande, an Vorſicht zu denken, würde er verloren ge⸗ weſen ſein, wenn nicht die ewige Vorſicht ſeiner ge⸗ dacht hätte.— In dieſem Augenblick erhob ſich vom Hofe her ein klägliches Jammergeſchrei, der Hund ſchlug ſtark an, dann war er ſtill und winſelte zu⸗ weilen; das Geſchrei dauerte aber fort. Gleich darauf hörte Palmerſton Stimmen im Hauſe. Man rief auf den Hof hinaus:„Was iſt das? Wer jammert und wehklagt ſo?“ „Der Barbier! Der Barbier, der geſtern Abend gekommen,“ war die klägliche Antwort. Kaum hatten die Mörder die erſten Worte vernommen, als einer rief:„Hab' ich's nicht geſagt? Es iſt ein Wehrwolf oder ein Spukgeiſt! Der Flarmann galt als ein Zauberer und ſchwarzer Magier; der macht den Spuk.“ Kaum hatte Palmerſton dieſe Worte vernom⸗ men, als er aufſprang, die Leichen in der Kammer poltend über einander warf und ausrief:„Ja, ja er iſt's der Zauberer! Er iſt von den Todten erſtanden und kommt, Euch die Hälſe umzudrehen!“ „Flieht!“ rief der Sprecher— der Spion— in wildem Entſetzen, und Hals über Kopf, Einer über den Andern, purzelte die ganze Schaar der Thüre zu; und wer nicht zur Thüre hinaus konnte, ſprang zum Fen⸗ ſter hinaus. Eine Minute darauf war das Haus leer, und Palmerſton ging frei und ungehindert durch die Hausflur zu der vffenen Thüre hinaus. Er ſah die geängſtete Rotte fliehen, und wählte den entgegenge⸗ ſetzten Weg. In der Aufregung ſeiner Lebensgeiſter und allein mit dem Gedanken an ſeine Rettung be⸗ ſchäftigt, allein von dem Wunſche beſeelt, nur jetzt nicht zu ſterben, dachte er jenem Jammergeſchrei, dem er doch eigentlich ſeine Rettung verdankte, nicht weiter nach, ſondern eilte nur ſo viel er konnte, von der Stätte des Schreckens. Die frühere Schwäche war von ihm gewichen, die Eiskälte aus ſeinen Gliedern verſchwunden; nichts hinderte ihn an der Eile, mit 87 welcher er ſeinen neuen Lauf begonnen hatte. Und ſo taſtete er auf dem betretenen Wege fort. Als der Morgen dämmerte, ſah er einen Ort vor ſich liegen. Aber ſeine Kräfte wichen abermals. Der heftigſten An⸗ ſpannung folgte nach den Geſetzen der Natur, eine verhältnißmäßig noch ſtärkere Abſpannung, und noch ehe er den Ort erreichen konnte, ſank er aller Kräfte baar und ledig zu Boden. Zwar verſuchte er den Schnee zu lecken, und ſich dadurch wieder etwas zu beleben, aber die Sinne vergingen ihm, er konnte ſich der betäubenden Mattigkeit nicht erwehren; es kam über ihn, wie ein ſüßer Schlummer; eine leuchtende Engelsgeſtalt trat mit Chriſtinens freundlichen Zügen zu ihm, und ließ aus dem Kelch der Lilie, die ſie an langem grünem Stengel in der Hand hielt, einen Tropfen duftender Narden in ſeinen Mund träufen. „Es iſt ver Tod, der Genius des Friedens,“ dachte der Unglückliche.„Sei willkommen!“—— Das Geſchrei im hintern Hofe kam wirklich von dem Kammerdiener Ankarfield. Dieſer furchtſame Mann war, nachdem er glücklich im Hofe angelangt war, lange Zeit ſtill und in Zittern und Zagen in einem Winkel ſtehen geblieben und hatte ſich aus Furcht, ein Geräuſch zu machen und ſich zu verrathen, nicht ge⸗ traut, ſich zu regen, geſchweige denn einen Weg zur Flucht zu ſuchen. Als die Mörder ihr Bubenſtück zu verüben meinten, ſtand er noch immer in ſeinem Win⸗ kel, und erſt als es wieder ruhig geworden war, ver⸗ ſuchte er eine Thür zu öffnen. Aber das leiſeſte Knar⸗ ren derſelben jagte ihm Todesſchrecken ein, er ſtand davon ab und blieb unſchlüſſig und mit der Marter der Todesangſt auf ſeiner Stelle. Hier hörte er einen Theil des Geſprächs der Mörder, aber auch dies ver⸗ mochte ihn nicht fortzubringen; er war wie angebannt. — n 88 Endlich als der aufgehende Mond den Hof beleuchtete, entdeckten ſeine umherirrenden Augen ein kleines Häus⸗ chen; er vermuthete, es möchte ein Brunnen ſein und . täuſchte ſich nicht. Es war der mit zwei Eimern ver“ * ſehene Ziehbrunnen, von denen der eine an langer Kette unten im Waſſer hing. Ankarfield glaubte ſich 3 in dieſem Brunnen am ſicherſten verbergen zu können, und er hatte den Gedanken kaum gedacht, als er auch ſchon begann, mit den Fußſpitzen in die Lücken der Mauer zu treten, und mit der einen Hand die Kette, mit der an⸗ dern ſich an der Mauer haltend, ſtieg er, von Todesangſt getrieben, einige Fuß tief. Da er ſich aber allein auf das Gefühl ſeiner Fußſpitzen verlaſſen mußte, ſo war er nicht ſicher, in den Brunnen zu ſtürzen. Er klammerte ſich 1 alſo nur um ſo feſter an die Kette an. Als er einige — Minuten geſtanden hatte, wurde es ihm nothwendig, 8 ſeinen Stand zu ändern; er fühlte mit dem einen Fuße und konnte keine Spalte in der Mauer finden. 1 Da glitt er auch mit dem andern Fuße aus, und rutſchte, die Kette im größten Schrecken mit beiden Händen faſſend, einige Spannen lang hinab. Nun 3 hing er in dieſer verzweiflungsvollen Situation zwi⸗ ſchen Himmel und Erde. Die Mauer des Brunnens vermochten ſeine zitternden Füße kaum mehr zu er⸗ reichen, aber ſo oft er auch daran kam, ſo wich die Kette zurück, und es war ihm ſonach unmöglich, mit der Fußſpitze wieder eine Lücke in der Mauer zu ent⸗ decken und zu benutzen. Zetzt glaubte er den ſichern Tod vor Augen zu haben— er konnte ja nicht wiſ⸗ ſen, wie tief der Brunnen war— ſchwarz und ent⸗ ſetzlich gähnte ihn ſein hohler Schlund von unten herauf an; es war ihm nicht anders, als zerrte ihn Jemand bei den Beinen hinab; in ſeinem armen Kopfe 5 ſchwindelte es, die Kräfte drohten ihn zu verlaſſen; 89 die Kette in ſeinen krampfhaft zuſammengeſpannten Händen brannte ihn als ob ſie glühend werde. Jetzt, jetzt war der Augenblick gekommen, wo die Krone ſeines Lebens zu ſchwanken begann. Die Liebe zum Leben verdrängte die Liebe zur Ehre. Er philoſophirte kurz ſo:„Erſäufſt Du in dem abſcheulichen Brunnen, ſo erhält König Karl das Geld doch nicht, und Du giltſt bei aller Ehrlichkeit nach Deinem Tode doch für einen Schurken. Beſſer Du lebſt und gibſt das Geld den Mördern. Von der Barmherzigkeit des Brunnens iſt nichts zu hoffen, wohl aber noch von der der Menſchen. Wenn die Blutzapfer das viele Geld ſehen, ſchenken ſie Dir wahrſcheinlich Dein armes Leben.“ — Und ſomit fing er denn an, aus vollem Halſe ſo kläglich als möglich zu ſchreien und zu winſeln. Aber ſein dumpfklingendes Geſchrei hatte eine ganz andere Wirkung, als er beabſichtigte. Als nun Niemand kam, verſuchte der Arme mit der letzten Anſtrengung ſeiner Kräfte, ſich ſelbſt zu helfen. Im Augenhlick der höch⸗ ſten Gefahr entwickelte er eine rieſige ärke. Und ſo zog er die Laſt ſeines eignen Leibes mit ſeinen Händen an der Kette empor und gelangte bis zur Walze, an welcher die Eimer liefen. Noch ein Ruck und er ſtand wieder im Hofe. Die überſtandene Angſt hatte die frühere vor den Mördern verdrängt. Er ſchlich an die Hofthüre und horchte. Nichts regte ſich; das Haus war wie ausgeſtorben. Nun wagte er ſich in die Hausflur; alle Glieder ſchlugen ihm, die Zunge klebte ihm am Gaum; er getraute ſich nicht zu ath⸗ men. Er hörte nichts. Der Mondſchein zeigte ihm die offene Hausthür; er ſchlich leiſe wie die Nacht durch die Hausflur und huſchte hinaus. Nun ſtürzte er wie ein vom Jäger verfolgtes Wild davon, und einen andern Weg als Palmerſton einſchlagend, gelangte er am an⸗ 90 dern Tage an das Ufer des Kattegat. Hier gewann er einen armen Fiſcher, der ihn in einem Boote an die ſchwediſche Küſte überſetzte. 9. Liehesſegen. Der bewußtloſe Engländer wurde von Taglöh⸗ nern gefunden und zum Pfarrer des Orts gebracht. Hier verfiel er in ein hitziges Fieber und lag mehre Wochen lang mit dem Tode ringend, darnieder. Erſt als der Frühling ſeinen ſegenbringenden Odem über die Erde hauchte, durfte er daran denken, ſeinen Wan⸗ derſtab weiter zu ſetzen. Während der Zeit ſeiner Ge⸗ neſung ſich oft mit ſeinem theilnehmenden Wirthe, de Pfarrer, unterhalten, und dieſer hatte auf unſchuldige Weiſe des Engländers Liebe und den Namen ſeiner Geliebten entdeckt. Von der Dürftigkeit des Wiedergeneſenden gerührt und von der Sorge um ſein ferneres Wohl bewogen, hatte der würdige Mann heimlich an Chriſtine von Ove geſchrieben. Eines Tags fuhr ein Wagen vor dem Pfarrhauſe vor; ein Mann ſtieg aus und kündigte ſich als Haushofmeiſter im Hauſe des Statthalters von Gabek und als Chriſti⸗ nens Abgeſandter an. Er brachte von Chriſtinen Briefe an den Pfarrer und an Palmerſton. Der Letz⸗ tere, höchlichſt überraſcht, verſchlang die Zeilen, deren Geiſt ſich ihm wie ein lebenſpendendes Fluidum mit⸗ theilte. Sie ſchrieb ihm, wie ſie von ſeinem treuen — n, 91 Begleiter Courtin das Etui mit der Nachricht ſeines wahrſcheinlichen Todes erhalten und ſich der ſtillen Trauer über ein ſo trübes Geſchick überlaſſen habe, aus welcher ſie nun des Pfarrers Brief um ſo an⸗ genehmer gezogen und ihr die Hoffnung des Wieder⸗ ſehens um ſo ſüßer bereitet habe. Ferner, daß der Statthalter ſein in der Nähe der Stadt liegendes Gartenhaus zu ſeinem Empfang einrichten laſſe, dort habe er Muße, im Schooße des Frühlings, frei von kleinlichen Sorgen, ſeine Geneſung abzuwarten. Pal⸗ merſton ſah in der erſten Aufwallung der Freude nicht die ſchüchterne Feinheit, womit jedes Wort des Briefes abgewogen war. Er nahm gerührt von dem Pfarrer Abſchied, deſſen Wohlthätigkeit durch die Hand des Haushofmeiſters vergolten ward und eilte viel tauſendmal auf Amors Flügeln der Geliebten zu, eh' der Wagen über den Kattegat geſetzt wurde und Ko⸗ penhagen erreichte. Verblichen waren nun wieder alle Bilder von Schlachten und Siegen, Macht und Größe die ſchim⸗ mernden Geburten der Nachtſeite der Phantaſie vor den Strahlen der Liebesſonne, die rein und ſtark am blauen Himmel ſeiner Zukunft aufgegangen war. Es waren wieder die zarten weichen Fäden der Hoffnung auf ein ſtilles, häusliches Glück, die ihn, den vor we⸗ nigen Wochen noch an Allem Verzweifelnden, von Neuem an das Leben und ſeine edlern Freuden banden. Die ſchönen Gegenden der Inſel Rügen ſchwebten ihm wieder vor, oder er dachte daran, in einer der heimlichen Buchten an den Ufern Schwedens oder Norwegens ein ſtilles Haus zu bewohnen und mit ſeiner Chriſtine darin glücklich zu ſein und ſich nie mehr zu bekümmern um den Streit der Könige der 92 Erde. Dieſer Wechſel der Gefühle und Ueberzeugung und die Heftigkeit, mit welcher er das eben Erfaßte gleichſam umſtrickte, entſprang theils der Wankelmü⸗ thigkeit ſeines Charakters, theils ſeinem böſen Schick⸗ ſal, das ihn anfangs in eine andere Bahn warf, für die ihn weder Recht noch Geſetz, noch ſeine eigene Neigung beſtimmten, und da auch die letztern mit ein⸗ ander im ſchroffſten Widerſpruche ſtanden, und das Schickſal nie müde ward, ihn aus einer Lebenslage in die andere zu ſchleudern, ſo beherrſchte dieſe Unbeſtän⸗ digkeit endlich ſein Gemüth ſo ſehr, daß man ihn heute wie ein Kind ſanft und weich, morgen wie einen Krieger rauh und hart, heute von Schlachten träumend, mor⸗ gen ſich nach der friedlichen Flur unter Lämmer ſeh⸗ nend, fand. Glücklich kam er im Landhauſe des Vice⸗Statt⸗ halters an, deſſelben Mannes, in deſſen Hauſe er ſchon Gaftfreundſchaft genoſſen, deſſen Tochter er zu lieben gewähnt, die er hatte rauben laſſen, um ſie zur Liebe zu zwingen, oder um ſich wegen vermeintlichen Hohns an ihr zu rächen, deſſen Pflegetochter er wirk⸗ lich geliebt, nach deren Kuſſe er nun ſchmachtete. Er fühlte ſich wohl, als er wahrnahm, daß die Hand zarter Theilnahme Alles für ſeinen längeren Aufent⸗ halt bequem und freundlich eingerichtet hatte. In zwei prächtig ausgeſtatteten Zimmern fand er eine auser⸗ leſene Bibliothek, eine Laute und eine Flöte mit den beſten Muſikalien, in ſeinem Wohnzimmer duftete manche Blume, und ſein Ange las manche ſchöne Bedeutung aus ihrer Zuſammenſtellung. Ein junger Mann hatte ihn aus dem Wagen gehoben und ſich ihm als ſein Diener vorgeſtellt. Im Zimmer ſelbſt empfing ihn ein vornehm gekleideter Mann, den er als den Hausarzt des Statthalters wieder erkannte. Dieſer erkundigte derben drohte! Er eilte ohne ein Wort zu erwidern 93 ſich nach dem Befinden des Lords, verordnete und ſagte ſeinen täglichen Beſuch zu. Aber weder der Vi⸗ ceſtatthalter noch deſſen Mündel erſchienen, ihn zu be⸗ grüßen. Als er am andern Morgen erwachte, fiel es ihm ſchwer auf's Herz, daß er Chriſtinen noch nicht geſehen, und er fragte den Diener mit einer nicht zu überwindenden Schüchternheit nach ihr; er zitterte, als er ihren Namen ausſprach. „Das gnädige Fräulein erwartet nur Eurer Lord⸗ ſchaft Befehl,“ verſetzte der Diener, und dieſe Ant⸗ wort erregte in Palmerſton's Vruſt ein wehes Gefühl. „Sag' ihr, daß ich ihrer mit Sehnſucht harre,“ verſetzte er, und der Diener ging. Nach zwei quälend langen Stunden erſchien der Diener wieder und meldete: Fräulein von Ove ließe um Erlaubniß bitten, Sr. Gnaden aufwarten zu dür⸗ fen. Ihm war, als würde ihm ein Stück vom Her⸗ zen geſchnitten. Der Augenblick war da, nach wel⸗ chem ſich ſeine Seele geſehnt: die Liebliche ſollte ihm gegenüber ſtehen, die er als den Eckſtein betrachtete, auf welchem er den feſten Bau ſeines ſtillen Glücks aufzuführen gedacht hatte, und dieſe Kälte, welche die jungen, ſorgſam gepflegten Sprößlinge ſeines neuen Lebensmuthes für immer mit eiſigem Hauche zu ver⸗ hinaus. Chriſtine ſtand im Vorzimmer. „Mein Fräulein——“ ſtammelte er und ver⸗ mochte nicht, weiter zu reden. „Sie haben befohlen, Mylord,“ verſetzte ſie, ſich verbeugend, und wußte nicht, wohin ſie vor Verlegen⸗ heit die Augen wenden ſollte. „O Gott, Chriſtine! welche Sprache!“ rief er ſchmerzlich.„Wollen Sie mir die kaum verharſchten Wunden aufreißen? Ach, wozu mich erſt heilen, um 94 mich dann dem Tode zu weihen! Will der Arzt mei⸗ ner Seele der Mörder meines Lebens werden?“ „Ich bitte Sie, Mylord, faſſen Sie ſich! Sie verdammen mich, ehe Sie mich gehört haben. Kom⸗ men Sie!“ Sie zog ihn in's Zimmer. „Chriſtine,“ ſagte er hier ruhiger, und nahm beide Hände der Dame mit wehmüthiger Herzlichkeit.„Ich habe Ihnen das ſtille Geheimniß meiner Liebe ver⸗ rathen. Sie wiſſen es, daß ich nur in Ihnen lebe, und doch treten Sie mir ſo kalt entgegen.“ „O welcher Vorwurf! Gott iſt mein Zeuge, daß ich ihn nicht verdiene.“ „Aber warum eilen Sie nicht, den bräutlich zu empfangen, den Sie dem Leben wieder gewonnen ha⸗ ben? Ich bin Ihr Geſchöpf, fühlen Sie als meine Gottheit nicht das Bedürfniß, Ihr Werk zu krönen, Ihr Geſchöpf ganz glücklich zu machen? Was hält Sie ſo fern von mir?“ „O Himmel!“ ſeufzte Chriſtine. ,Haben Sie mir nicht ſelbſt Ihr Etui geſandt? Betrauerte ich Sie nicht als einen Todten und das Etui als ein mir ge⸗ höriges Vermächtniß? Und durfte ich es denn als ſol⸗ ches nicht durchblättern? Ich habe Alles geleſen; ich weiß, welch ungeheures Schickſal Sie verfolgt hat; ich weiß, wer Sie ſind, und nun, da ich, die Glück⸗ liche, Sie noch unter den Lebenden ſehe, nun darf ich ja nicht, wie—— wie mir mein Herz geboten hätte!“ „Iſt es das?“ ſagte Palmerſton erfreut.„Die Gewohnheit hat mich annehmen laſſen, der Inhalt jenes Büchleins ſei nur mir bekannt. Aber vermag Sie mein Geheimniß von mir zurückzuſcheuchen? Chri⸗ ſtine, ich habe allen Anſprüchen entſagt, zu welchen dieſe Papiere mich berechtigen.“ 95 „Das dürfen Sie nicht! Der Schwedenkönig iſt, Ihr mächtiger Freund. Die Kraft ſeines Armes kann Sie in Ihre Rechte einſetzen.“ „Ich bedarf ſeines Armes nicht; ich bedarf nur dieſer Hand, um glücklich zu ſein. Werden Sie ſie mir entziehen, Chriſtine?“ „Großer Gott! ich darf ja nicht. O hätte ich die unſeligen Papiere nicht geleſen!“ „Was würden Sie dann gethan haben, wenn ich vor Ihnen geſtanden und gefleht hätte: Chriſtine, ich liebe Dich; werde mein Weib!— Was würden Sie gethan haben?“ Das Fräulein kämpfte mit ſich. „Laſſen Sie Ihr Herz allein reden. Ich be⸗ ſchwöre Sie!“ Da entwölkte ſich ihre kleine Stirne; die Natur ſiegte über Menſchenſatzungen und Vorurtheile; die lachende Blüthe ihres Frohſinns entfaltete ſich auf ihrem milden Geſichte.„Ich würde Ihnen an die Bruſt gefallen ſein und froh gerufen haben: ich bin Dein! Ich liebte Dich ſtill und innig, ſeit ich Dich zuerſt ſah; ich will Dein treues Weib ſein.“ „Komm in meine Arme, ſüßes Mädchen!“ rief Palmerſton entzückt.„Fort mit dieſen unſeligen Do⸗ kumenten! Jeder Buchſtabe derſelben ſtellt ſich als ein Dämon zwiſchen uns, um uns zu trennen. Wo ſind ſie? Gib mir das Etui, Chriſtine! Ich will ſie vertilgen.“ „Nimmermehr, Mylord,“ rief das Fräulein,„ich würde mir es nie verzeihen, Ihnen den Weg ver⸗ ſperrt zu haben, der Sie zum Gipfel der Macht und des Glückes führt, auf welche Ihre Geburt und Ihre Talente die heiligſten Anſprüche haben. Mylord, Sie ſind geſchaffen, ein Volk zu beglücken, nicht ein armes, 96 unbedeutendes Mädchen, welches nie zu träumen ge⸗ wagt hat, Ihnen zu gefallen, ſelbſt als ich noch nicht wußte, wer Sie ſind, und deren Leben ferner das ſüße Bewußtſein, Gnade vor Ihren Augen gefunden zu haben, mit dem Roſenlichte einer ſtillen Glückſe⸗ ligkeit überſtrahlen wird.“ „Nichts von ſolch' kalter Entſagung, Chriſtine! Sie dürfen ſo nicht fühlen. Sie fühlen auch nicht ſo⸗ Ich weiß, daß Sie mich heiß und innig lieben; ich liebe Sie rein und wahrhaftig. Von meinen Anſprüchen weiß die Welt nichts; wer kann behaupten, daß ich ſie jemals würde haben geltend machen können? Vor dem Allmächtigen gilt gewiß ein reines Herz mehr als eine Krone, und auch mir gilt es mehr, wenn dies Herz mit edlen Trieben ſich zum reinen Herzen neigt. Chri⸗ ſtine, laß mich nicht vergeblich flehen, gib mir Deine Hand und vergönne, daß uns prieſterlicher Segen auf ewig verbinde. Die Papiere meiner Schreibtafel ſollen uns als Hochzeitfackel leuchten.“ „Die Stunde der Reue könnte früh oder ſpät dieſe Voreiligkeit furchtbar beſtrafen. Ich gebe Ihnen das Etui nur für das heiligſte Verſprechen zurück, daß Sie auch das kleinſte Papier als ein unverletzba⸗ res Heiligthum bewahren. Schwören Sie mir, My⸗ lord, dieſe Dokumente in Ehren zu halten, komme es mit uns auch, wie es wolle.“ „Und Sie wollten mich aus mißverſtandener Groß⸗ muth, mit vorurtheilsvoller Reſignation um mein Le⸗ bensglück betrügen? Chriſtine! Von Stürmen gepeitſcht wollte mein leckes Schifflein in Deinem Hafen ein⸗ laufen, ich wollte mir eine friedliche Hütte auf dem Boden Deines Herzens bauen und die fernen Reiche und Inſeln vergeſſen, von denen mich früh ſchon ein Orkan vertrieb, und Du wollteſt mir den Hafen ver⸗ 97 ſchließen, wollteſt mich wieder hinaus jagen in das em⸗ pörte Meer? Ach, die Waſſer werden mitleidiger ſein, als Du: Sie werden über dies glühende Herz hin⸗ fluthen, und Niemand wird etwas von dem unglück⸗ lichen Jüngling wiſſen, der ein Spielball des Schick⸗ ſals, einſt ſich an ein liebendes Herz anklammern wollte, das ihn aber von ſich ſtieß mit den grauſa⸗ men Worten: Ich liebe Dich, aber mir iſt nicht Macht gegeben, Dich von Deinem Verhängniß zu be⸗ freien.“ „Halten Sie ein, Mylord!“ unterbrach Chriſtine den Fluß ſeiner Rede„Ich ſprach dieſe Worte nicht. Ich verlangte, daß Sie mir zuſchwüren, niemals die Dokumente zu vernichten, welche dieſes Etui enthält. Schwören Sie mir hören Sie dann die Erklä⸗ rung meines Herzens.“ „Ich ſchwöre es bei meiner Liehe.“ „Die Liebe kann vergehen; ſie iſt in Männerher⸗ zen dem Wechſel der Zeiten unterworfen; nur das edle Weib liebt treu und ewig.“ „Ich werde Dich treu und ewig lieben. Doch ich ſchwöre bei meinem wunderbaren Geſchick.“ „Ihr Schickſal kann ſich ebnen und zu Ihrer voll⸗ kommenſten Zufriedenheit führen.“ „Nun ſo ſchwör' ich bei Gott, in deſſen Vater⸗ ſchvoße wir Alle ruhen.“ „Gott iſt ewig und unwandelbar. Sei es ſo Ihr Schwur. Hier iſt das Etui. Und hier iſt meine Hand, deren unumſchränkte Herrin ich bin; ſie iſt von dieſer Stunde an die Ihrige. Chriſtine wird Ihr Weib, Mylord; doch unter der einen Bedingung— und dieſe iſt nerſißlic— daß ich zurücktreten darf, ſobald ich Ihrem höhern Berufi im Wege zu ſtehen glaube. Nein, wenden Sie mir nichts ein! Die politiſchen Verhält⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XII. 7 ————— 98 niſſe können ſich ändern, das Unwahrſcheinliche kann wahr werden, dann will ich nicht wie das Centner⸗ gewicht des Fluchs an Ihren Ferſen hangen und Sie in den Staub zurückziehen, wenn Sie mit neuem Fit⸗ tig den glücklichen Flug nach dem ſchönen Ziele be⸗ ginnen. Ich weiß es, Ihre Großmuth und Ihr Edel⸗ ſinn würden die Stüten ihrer Liebe ſein, allein Sie würden ſich doch nie verhehlen können, daß ich das hemmende Gewicht ſei, und mir, mir wäre der Ge⸗ danke ſchon unerträglich. Ich würde namenlos un⸗ glücklich ſein; denn ach! ich liebe Sie zu ſehr, My⸗ lord, als daß ich einen Augenblick anſtehen könnte, Ihrem höhern Lebensglück Alles zu opfern. Laſſen Sie dann das Herz Ihres Weibes den Göttern ein Opfer ſein, um Segen auf Ihr Haupt herab⸗ zuflehen.“ „Chriſtine!“ rief Palmerſton ſchmerzlich. „Verſprechen Sie!“ rief ſie,„oder nie kann ich die Ihrige werden.“ „Ich verſpreche!“ ſagte er wehmüthig und reichte ihr die Hand.„Es wird ſich Alles finden,“ ſetzte er dann, ſich gleichſam ſelbſt beruhigend hinzu. „Und nun bin ich die Ihrige,“ ſchmeichelte das ſanfte Mädchen, mit einem liebenswürdigen Anfluge von neckiſcher Schelmerei und dem ſchämigen Erröthen einer jungfräulichen Braut.„Hier haben Sie mich; was wollen Sie doch mit einem ſo kleinen eigenſin⸗ nigen Dinge anfangen?“ Er ſchlang beglückt ſeinen Arm um ihren Hals und ſah ihr tief in die klaren Spiegel ihrer Augen. „Ich will, daß Du mich glücklich macheſt,“ ent⸗ gegnete er.„Sieh', alſo hat mein Eigennutz Dich nur an mich gefeſſelt.“ „Als wenn ich nicht unausſprechlich glücklich wäre! 99 Als wenn ich die Größe des Opfers nicht zu ſchätzen wüßte, was Du mir bringſt.“ „Stille davon!“ rief er launig und ſchloß ihr den Mund mit Küſſen. Die reine Flamme der Liebe lo⸗ derte nicht mehr zurückgedrängt von dem ſeitabge⸗ wälzten Felſen menſchlicher Vorurtheile, der ſtörend, eine widrige Laſt, zwiſchen zwei für einander geſchaf⸗ fenen Herzen gelegen hatte. Palmerſton erfuhr von ſeiner Geliebten, daß Frie⸗ derike von Gabel wieder im Hauſe ihres Vaters lebe. „Kaum,“ erzählte das Fräulein von Ove,„hatte ich durch den franzöſiſchen Schiffsmann Nachricht vou Ihrem Unfall erhalten, als ich ſichere Leute nach Jüt⸗ land ſandte, um Sie zu ſuchen. Aber ſie waren noch nicht mit der traurigen Kunde zurückgekehrt, daß keine Spur von Ihnen zu entdecken ſei i Sie wahrſchein⸗ lich erſchlagen und begraben wären, als Friederike plötz⸗ lich in unſrer Mitte erſchien. Sie war ſtill und würdevoll. Ueber ihr Verſchwinden im vergangenen Herbſt gab ſie nur ungenügenden Aufſchluß. Mir er⸗ öffnete ſie heimlich und mit Leidenſchaftlichkeit, was ich bereits durch den Bootsmann Courtin in Bezug auf Sie erfahren hatte. Friederike wußte ihre Nachrich⸗ ten von Ihrem zweiten Gefährten, dem Kammerdie⸗ ner Ankarfield, welcher glücklich in Stockholm ange⸗ langt war, und dieſe Nachrichten waren es, welche ſie wieder nach Kopenhagen getrieben hatten. Sie hatte nicht ſobald von meinen zurückgekehrten Boten erfahren, daß allerdings Leichname in jenem Raub⸗ und Mord⸗ neſte gefunden worden ſeien, worunter aber Lord Pal⸗ merſton ſich nicht befände, als ſie auch— dieſer Aus⸗ ſage mißtrauend— ohne Verzug aufbrach, um ſich an Ort und Stelle zu überzeugen. Sie kehrte zurück, aber obgleich ſie die Leichen alle wieder hatte aus⸗ 7 100 graben laſſen, obgleich ſie in der Nachbarſchaft Nach⸗ forſchungen nach Ihnen angeſtellt, ſo hatte ſie doch keine Spur von Ihnen entdeckt; natürlich— der Pfarrer, bei welchem Sie wohnten, hatte, nachdem er Ihnen abgemerkt, daß Sie eine Perſon von Bedeu⸗ tung ſeien und ſich auf feindlichem Grund und Boden befänden, jene Nachforſchungen, Schlimmes für Sie fürchtend, irre geleitet. So hat er mir ſelbſt geſchrieben. Friederike lebte eingezogen und verſchloſſen, und ich vermuthete, Liebe zu Ihnen habe in ihrem Herzen gekeimt. Da wir Beide Sie als todt betrauerten, ſo nahm ich keinen Anſtand, offen mit ihr darüber zu reden. Aber mit Beſtimmtheit erklärte ſie, nie mehr als Freundſchaft und Hochachtung für Sie gefühlt zu haben. Es ergab ſich durch gegenſeitige Herzensergie⸗ ßungen, daß Friederike eben ſo gut in Ihr Geheim⸗ niß eingeweiht war, wie ich; und ſie erzählte mir die Geſchichte ausführlich. Sie ſprach auch viel von Ih⸗ rer Liebe zu mir, Mylord, ach! und dann floſſen meine Thränen. Auch Friederike vergoß oft Thränen, wenn wir allein waren— ſo ſehr hatte ſich ihr Cha⸗ rakter geändert— und als ich in ſie drang, verhehlte ſie mir nicht, daß ſie einen Mann mit der heftigſten Leidenſchaft liebe, den ſie nie beſitzen könne.“ „Kapitän Norcroß!“ rief der Lord.„Er war ſchon mit einem Fräulein Broke verlobt.“ „Sie hat den Gegenſtand ihrer glühenden Liebe nicht genannt, aber geſchworen hat ſie hoch und theuer, nie einem andern Manne anzugehören, und ich weiß, ſie wird Wort halten. Ich kenne die Stärke ihres Charakters.“ „Und wie befindet ſie ſich jetzt?“ fragte Palmer⸗ ſton mit Theilnahme. „Ihr Stolz iſt gebrochen; aber ſie bewahrt noch ————— 101 die unbeugſame Charakterfeſtigkeit. Streng meidet ſie die Geſellſchaft aller Leute, die zum Hofe gehören, mich ausgenommen; und als der Kammerjunker Ra⸗ ben, ihr ſonſtiger Bräutigam, es wagte, ſich zu ihr zu drängen, bat ſie ihn kalt und höflich, ihr Zimmer zu verlaſſen, weil ſie mit ihm nichts gemein habe, und als er darauf nicht ging, ſtand ſie ruhig auf, faßte ihn beim Arm und ſchleuderte ihn mit ſolcher Kraft hinaus, daß er faſt ein Unglück genommen hätte. Der Kammerjunker iſt ſeitdem bemüht, die ſſchmählichſten Gerüchte über ſie auszubreiten, in wel⸗ chen jener Engländer, der ſie uns im vorigen Herbſt entführte, eiue ſie compromittirende Rolle ſpielt; auch ſagt er allgemein, ſie ſei nicht bei Verſtande. Er hat es wirklich ſo weit gebracht, daß ſie in Kopenha⸗ gen für verrückt gilt; ſie aber kümmert ſich um nichts, ſondern reitet allein aus, lieſt, ſpielt die Laute und beſchäftigt ſich mit weiblichen Arbeiten.“ „Möge der Himmel auch ihr günſtig ſein; ſie ver⸗ dient es!“ ſagte Palmerſton, und ſeine ſanftmüthige Braut ſtimmte von Herzen dieſem Wunſche bei. Spät verließ die glückliche Chriſtine ihren glückli⸗ chen Geliebten, und eine Nacht mit geſundem Schlaf und ſeligen Träumen ſtärkte ihn. Geſund ſtand er auf und ließ ſeine erſte Sorge ſein, dem Freiherrn von Gabel, Chriſtinens Pflegevater, ſeine Verbindung mit dieſer zu melden und um ſeine Einwilligung zu bitten. Friederike überbrachte ſie mit Chriſtinen. Ueber Frie⸗ derikens Weſen lag ein düſtrer Ernſt; in ſchwermüthig gefärbter Unterhaltung verſtrich ihnen der Tag. Die Verbindung des Lords Palmerſton mit dem Fräulein Chriſtine von Ove wurde nach erlangter Einwilligung der Königin Lem Hofe gemeldet und war ein paar Tage das Geſpräch deſſelben. Man zerbrach ſich 102 den Kopf, wo doch der Lord die Zeit über, wo man nichts von ihm gehört noch geſehen, geweſen ſein möchte. Er war verſchwunden wie ein Geiſt, und hatte ſich bei Niemandem beurlaubt; er war wieder⸗ erſchienen wie ein Geiſt, und hatte ſich bei Nie⸗ mandem gemeldet. Man wußte nur zu gut, mit welcher Leidenſchaft er Friederiken den Hof gemacht und nun heirathete er Chriſtinen, während doch Friederike, Zeit ſeines Ausſeins, ebenfalls auf eine räthſelhafte Weiſe abweſend geweſen und kurz vor ihm wiedergekehrt war. Ueberdies ruhte auf die⸗ ſem Verſchwinden ein Schleier, der lockte und reizte. Und wie verändert war Friederike wiedergekommen! Wie deutlich legte ſie ihre Verachtung des Hofweſens an den Tag! Das Alles Dinge, die einen Hof einige Tage i arm bringen konnten, und mit Spannung erwartete man den Tag, an welchem das Brautpaar dem Hofe vorgeſtellt werden ſollte. Wenn die Frühlingsſonne Blätter und Blumen hervorlockte, ſehnte ſich der bleiche junge Mann in die freie Natur, um auch ſich Roſen des neuen Lebens auf die Wangen zu ſammeln. Von zwei ihm befreun⸗ deten Genien begleitet, trat er dann in die zum Hoch⸗ zeitfeſte geſchmückten Gemächer. Es war ſeine Braut, an der ſein Leben nun ſo innig hing, gefeſſelt von den ſanften Banden einer herzlichen Liebe; und es war das Mädchen, welches e einſt mit der Glut ho⸗ her Leidenſchaft gellebt, und dem er nun mit den Ge⸗ fühlen aufrichtiger Freundſchaft zugethan war. Und wenn Friederikens Ernſt auf Hieſen ei nur Molltöne in des Geneſenden Bruſt goß, ſo belebte ſie Chriſtinens Heiterkeit, und zog Seele auf die bunten Wellen der Freude⸗ So wurde ein vollende⸗ tes Ganze, eine heiter⸗erniſte Einheit der Gefühle dar⸗ en . —l Mäcee 103 aus, die den Geiſt zugleich kräftigte und ergötzte und wohlthätig auf Palmerſton's geiſtige und körperliche Stimmung wirkte. 5 10. Spaziergung in den Hofen. Der Hoftag war beſtimmt, wo Lord Palmerſton und Fröulein von Ove als Brautpaar vorgeſtellt wer⸗ den ſollten. Der Lord hatte ernſtlich daran gedacht, ſich eine beſcheidene Exiſtenz zu gründen, und zu die⸗ ſem Zwecke waren vertraute W nach Schweden und England abgegangen, und vom König Karl hatte er bereits tröſtliche Zuſicherungen erhalten. Aber am Hofe hatte man auch durch geheime Kundſchafter er⸗ fahren, daß Palmerſton in Verbindung mit dem Schwedenkönig ſtehe; Urſache genug, um das Auge des Mißtrauens, hinter der Maske der Freundlichkeit verſteckt, auf ihn zu richten und ihn wo er ging und ſtand zu beobachten. Während dem von neuer Lebensluſt durchglühten jungen Manne die Schwingen erſtarkender Geſundheit wieder wuchſen, und ſich ihm das Bild häuslichen Glücks auf dem Boden der Inſel Rügen ſo lockend malte, des Eilandes, welches er vor allen Erdſtrichen ſo liebgewonnen, ſo daß er ſich ſeine Chriſtine kaum anders als ſein Weib denken konnte, als in einem einfach ſtillen Hauſe am grünen Ufer eines der ſchönen Bod⸗ den, auf denen ſein Auge oft in Entzücken ſchwelgend geruht hatte; während dieſer Zeit wurde er vom Geiſte 104 der Lüge und des Verderbens umlauert, und die Bos⸗ heit ward nicht müde, hämiſche Gerüchte über ihn zu Ohren zu tragen, welche der Verläumdung ſtets offen ſtehen. Arglos wandelte er neben Feinden; die roſen⸗ farb'ne Binde der Liebe hielt ſein Auge gefeſſelt. Ein reizender Frühlingstag lockte den Lord mit Braut und Freundin in's Freie, und ſie gingen den Weg zum Hafen. Dort ſchien die Sonne am wärm⸗ ſten, und das Treiben der Menge machte dieſe Ge⸗ gend für müßige Wanderer beſonders angenehm. Rei⸗ ter, Wagen, Schiffer, Fuhrleute und allerlei Volk zog ununterbrochen hin und her. Auch Chriſtinens Laune war in die lachenden Far⸗ ben des Frühlings gekleidet. Ihre Sonne war Pal⸗ merſton's geſundheit⸗ und freudeſtrahlendes Geſicht. Selbſt nicht ſo ſtreng⸗ernſt wie ſonſt. Der Frühling hatte ſeine magiſche Kraft an Allen be⸗ währt. „Wenn meinen unglücklichen Augen nicht eine be⸗ ſondere Vorliebe für den liebenswürdigen Kammerjun⸗ ker des Kronprinzen, den geſchniegelten Gerd Raben, innewohnt,“ ſagte Chriſtine,„ſo daß ſie mir ſeine traurige Geſtalt in jedem glatten Jünglinge vorſpie⸗ geln, ſo ſehe ich den zierlichen Cavalier hinter uns her auf einem Schweißfuchs trottiren, der eben ſo ge⸗ leckt ausſieht, wie er ſelbſt.“ „Er iſt's,“ beſtätigte Friederike. Der Junker ſprengte heran, grüßte freundlich, hielt an, ſtieg ab, übergab vas Pferd dem ihm folgenden Reitknecht und ſchritt mit verklärtem Geſicht auf die drei Spaziergänger los. „Es wärd mir noch nicht erwünſchte Gelegenheit, Ihnen meinen Glückwunſch darzubringen, hochverehr⸗ tes Brautpaar. Ihr Haus, Mylord, gleicht einer 105 Feſtung, in welche nur die Parteigänger befreundeter Mächte Zutritt haben.“ „Ich wüßte nicht, aus welchem Grunde ich den Kammerjunker von Raben für den Parteigänger einer mir feindlich geſinnten Macht halten ſollte. Können Sie mich darüber belehren, wohlan, ſo laſſen Sie mich über Ihre Perſon nicht in Zweifel.“ „Sie verſtehen den Kammerjunker unrecht,“ ſagte Chriſtine,„er wird ſich doch nicht zu den Parteigän⸗ gern zählen? Er iſt Mann genug, um ſelbſt eine Macht zu repräſentiren. Und daß er eine befreundete Macht iſt, beweiſt er uns ja jetzt. Es geht ihm nur, wie den Feldſcherern.“ „Wie ſo?“ rief der Junker verwundert.„Was hätte ich denn mit Feldſcherern zu thun.“ „Ei, wie auch Sie mich falſch verſtehen wollen, mein zuckerſüßer Herr! Hab' ich doch nicht behaup⸗ tet, daß Sie etwas mit jenem ſchneidigen Volke zu thun hätten. Wahrlich, dann würden Sie ſtets rück⸗ ſtehen müſſen; denn was man auch immerhin zu Ih⸗ rem Lobe oder Tadel ſagen könnte— obgleich ein ſo ausgezeichneter Hofmann mit Recht den Namen des Ritters ohne Furcht und Tadel verdient— es wäre in beiden Fällen zu viel geſagt, wenn man Sie ſchneidend oder ſtechend oder ſcharf nennen wollte. Nein, mein Theuerſter, ich ſagte nur, daß es Ihnen zu ergehen pflegte, wie den Feldſcherern.“ „Ich muß Ihnen bekennen, mein Fräulein, daß ich Sie nicht verſtehe.“ „Das iſt ein geringfügiger Zufall gewöhnlicher Art. Die Sache iſt einfach. Je freundlicher die Feld⸗ ſcherer ſind, deſto tiefer ſchneiden ſie, deſto weher thut's.“ „Chriſtine!“ bat Friederike verweiſend. „Ach Gott!“ entgegnete dieſe,„ich bin hinſichtlich * 106 Deiner jetzt im gleichen Falle. Alſo Freundſchaft zwi⸗ ſchen uns, Herr von Raben! wir verſtehen ja Beide das Meſſer gut zu führen.“ „Sie ſprechen in Räthſeln, mein Fräulein. Ich kann nicht begreifen, was Sie mit dem Meſſerführen meinen.“ „Es giebt verſchiedene Arten von Leuten, welche ein Meſſer führen, Doctoren und Barbiere, Metzger, Köche, Schuſter und Bilderſchnitzer, und Sie zählen ſich zu keiner derſelben; denn es ſind lauter nützliche und brauchbare Menſchen. Aber geſtehen Sie nur, daß in ganz Kopenhagen kein Barbier Sie ſo glatt und lieb⸗ lich um's Kinn ſcheren kann, als Ihre eigne weiche Hand. Nur ſich ſelbſt verdanken Sie dieſen Vor⸗ zug vor allem Leben, dem Bart im Geſicht wächſt. Oder gäb' es wirklich ein ſolches Genie in der Hauptſtadt des Dänenreichs, das mit ſchöpferiſcher Hand ſolchen Zauber auf ein männliches Antlitz mit⸗ telſt eines Scheermeſſers auszugießen vermöchte; o, Mylord! dann würde ich Ihnen nicht Ruhe gönnen, bis belobte Hand Ihnen täglich die Liebenswürdigkeit anraſirte, wie ſie nur aus des Kammerjunkers, Herrn Gerd von Rabens glattem Geſichte ſtrahlt.“ „Chriſtine!“ rief Friederike mit Unwillen. „Nicht wahr, liebes Mühmchen, auch Du ver⸗ ſpürſt in Deinem jungfräulichen Buſen ein ungehen⸗ res abominables Verlangen nach etwas, welches dem Kinn einer Jungfrau— ich kann nicht ſagen uner⸗ hört, aber doch— unerfühlt vorkommen muß, nämlich die unwiderſtehliche Sehnſucht nach dem Barbiermeſſer des Kraftgenies, nach jenem wunderbaren Meſſer— ſo wunderbar wie Hüon's Zauberhorn oder Circe's Zauberſtab— Du möchteſt den zarten Flaum Deines Kinnes von ihm hinweggenommen wiſſen, um Dich„ 1* 107 unter ſeinen Streichen zu verjüngen, wie Adonis un⸗ ter den Küſſen der Venus. O, ich verſtehe Deine Sehnſucht; klingt ſie mir doch im eignen Buſen wie⸗ der, und jetzt, Gerd von Raben, beſchwöre ich Sie bei allen über⸗ und unterirdiſchen Göttern und deren Vet⸗ tern und Baſen, ſie mögen unter den Sternen wan⸗ deln ſelbſt als Sterne, oder unter den Rinderheerden, ſelbſt als Rinder, jetzt iſt die Stunde gekommen, die über Friederiken's und Ihr eignes Leben entſcheidend iſt; die Looſe ſpringen aus den Urnen: Ich beſchwöre Sie, bedenken Sie Ihr Schickſal zum Beſten! Es liegt in Ihrer Hand, in dieſer Ihrer rechten Sammt⸗ hand, welche Sie ſo eben vom ſeidenen Handſchuh entblößt, welche Sie mit den Meiſterſtücken aller ko⸗ penhagenſchen Goldſchmiede beſteckt haben, geſtehen Sie offen und freimüthig, daß dieſe Hand es ſelbſt iſt, welche Ihrem freundlichen Antlitz ſolch unwider⸗ ſtehlichen Liebreiz zu geben vermag, geſtehen Sie es, daß Sie das Schermeſſer meiſterhaft führen, und be⸗ eilen Sie ſich, die Gunſt meiner Muhme dadurch wie⸗ der zu erlangen, daß Sie dieſelbe zierlichſt barbieren.“ „Ich kann es nicht länger verhehlen,“ ſagte der Kammerjunker geſchmeichelt,„daß ich mich täglich zwei, auch drei Mal ſelbſt raſire; doch iſt mein Meſſer noch nie in eines andern Menſchen Geſicht gekommen. Aber um die mir unendlich theure Gunſt der Fräuleins von Gabel wieder zu erlangen, würde ich mich zu Allem verſtehen.“ „Chriſtine, Du biſt unausſtehlich!“ zürnte Frie⸗ derike. „Und damit haben Sie doch das Geſtändniß ge⸗ than, daß Sie Manches mit dem Feldſcheerer gemein haben.“ 108 „Gewiſſermaßen, ja; doch muß ich mir meinen Adel vorbehalten.“ „Unbeſchadet Ihres ſehr ehrwürdigen Adels kön⸗ nen Sie nun an meiner Muhme das Wiedervergel⸗ tungsrecht üben, und ihr ganz daſſelbe thun, was ſie Ihnen gethan hat.“ „Und was könnte das ſein, mein theuerſtes Fräu⸗ lein?“ „Sie barbieren ſie über den Löffel, mein theuerſter Junker.“ „Chriſtine, Du wirſt mich zwingen, die Geſellſchaft zu verlaſſen und allein nach Hauſe zu gehen,“ ſagte Friederike. „O zürnen Sie ihr nicht, mein Fräulein!“ win⸗ ſelte der Kammerjunker Friederiken an.„Vielleicht gelingt ihrer heitern Laune, was meinen ernſten und unabläſſigen Bitten nicht hat gelingen wollen, uns wieder zu vereinigen. O glauben Sie nur, der Kron⸗ prinz iſt böſe auf Sie, daß Sie ſich weigern, mir Ihr Eheverſprechen zu erfüllen.“ „Iſt er böſe, der arme überkluge Knabe? Nun ſehen Sie, das iſt das erſte mir angenehme, was Sie mir in Ihrem Leben geſagt haben.“ „Halten Sie ein, Verwegner! Welch' unbedachtes Wort entfloh dem Zaun ihrer Zähne! Zurück mit ihm! Jetzt iſt nur von Ihrem Kinn die Rede, um welches voriges Jahr noch ein holder Bart flog, der durch ſeine deutſche Farbe Ihre altgermaniſche Ab⸗ kunft unwiederſprechlich darthat, von Ihrem Kinn— ſag' ich— welches Ihre edle Hand dies Jahr ſo glatt raſirt, daß man es für einen Haubenſtock hal⸗ ten könnte, zum Beweis, wie Sie verſtehen, Ihre Nationalität zu verläugnen und ſich die beſſere fran⸗ zöſiſche Art und Weiſe anzueignen. Alſo nur von 109 Ihrem cultivirten und von dem uncultivirten Kinn meiner Muhme ſoll zwiſchen Ihnen Beiden jetzt die Rede ſein; von nichts weiter. Sie ſollen ſich über die gemeinſame Kultur beider Kinne bereden, es ſoll Liebenswürdigkeit Sprödigkeit feſſeln, das Zarte das Spröde anziehen, das raſirte Geſicht ſich mit dem un⸗ raſirten vereinigen.“ „Hören Sie, mein Fräulein,“ bat Raben wieder Friederiken,„Sie meint es gut mit all' ihren Scher⸗ zen. Sie will uns wieder vereinigen; ſie will unſer Glück befördern. Verkennen Sie doch die wohlmei⸗ nende Abſicht Ihrer Muhme nicht! O Fräulein von Ove, wie bin ich Ihnen dankbar für Ihren trefflichen Willen, für Ihre edlen Bemühungen! Ich werde nie vergeſſen, was Sie an mir gethan. Aber nun kom⸗ men Sie auch, und helfen Sie mir Ihre Muhme mit beſtürmen, daß ſie ihre eiſerne Härte fahren läßt und mich wieder in Gnaden an und aufnimmt, auch dazu thut, daß wir bald Hochzeit machen. Auch Sie, Muylord, nehme ich in Anſpruch. Stehen Sie mir bei—; Sie vermögen etwas über das Herz des Fräuleins. Ich weiß es.“ „Aber, mein Himmel!“ rief jetzt Friederike mit einem Gemiſch von Aerger und Verwundrung,„iſt denn Ihr geiſtiger Sinn ſo ganz ſtumpf, daß Sie nicht zu verſtehen im Stande ſind, daß meine ungezogene Muhme Sie mit einer Salzlauge von Spott über⸗ gießt? Sehen Sie denn nicht, daß Sie der erbärmüche Gegenſtand ihres ausgelaſſenen Witzes ſind?— Der Himmel vergebe Ihnen die Sünde, die Sie an mir begehen, ſo oft Sie mich nur anreden!“ „Iſt es denn wahr, daß Sie mich verſpotten?“ fragte der Kammerjunker das Fräulein von Ove ein⸗ fältig zutraulich und mit einem Anſtrich von dummer Befremdung, die ihm äußerſt komiſch ſtand. Aber bald veränderte ſich ſein Geſicht wieder und überzog ſich mit jener glatten, nichtsſagenden Freundlichkeit, die ihm die Hofdreſſur angepinſelt hatte, und anſtändig lächelnd ſagte er:„Nein, ich habe eine beſſere Mei⸗ nung von Ihnen, Fräulein; ein Scherz iſt ja nicht Spott, ein Witz kein Schlangenſtich. Wir verſtehen uns beſſer, nicht wahr, Fräulein?“ Die unbeſchreibliche Naivetät, womit dieſe Worte geſprochen wurden, brachten nicht allein die launige Chriſtine, ſondern auch den Lord zum Lachen, und ſelbſt über Friederikens ernſtes Geſicht flog ein Strahl. Das Brautpaar konnte nicht gut ein Ende finden und den Kammerjunker verdroß endlich doch dies Benehmen. Er nahm die Sache jetzt wirklich, wie ſie war und ſchickte ſich eben an, ſeine Empfindlichkeit zu erkennen zu geben, als ihnen dicht am Hafen aus dem Volks⸗ gedränge ein gemeiner Menſch entgegen trat, der ſeinem Aeußern nach zu den Seeleuten gehörte. Mit einer an's Unverſchämte grenzenden Dreiſtigkeit blieb er vor Palmerſton ſtehen und ſtarrte ihm unverwandt in's Geſicht; dieſer aber hatte nicht ſobald den Kerl erblickt, als er zurücktrat und ihm ausweichen wollte. „Nun ſage Keiner mehr, daß Ihr kein Zauberer und ſchwarzer Magier ſeid!“ rief der Seemann mit einer zudringlichen widrigen Verwunderung aus,„denn Ihr könnt ſogar ſterben und wieder aufſtehen. Ihr ſeid todt geweſen und wandert wieder unter den Le⸗ bendigen am Arme zweier ſchöner Frauen? Aha, Ihr ſeid wohl jetzt ein Vampyr, Herr Flaxmann, und die eine da iſt Euere Braut?“ Alle waren mit Entrüſtung zurückgewichen. Die letzten Worte hatten auch aus Chriſtinens Wangen das Blut verdrängt. Der Kammerjunker horchte auf 111 und lächelte mit impertinenter Pfiffigkeit, die ſeinem flachen Geſicht einigen Ausdruck verlieh. Der Lord ſammelte ſich und ſagte barſch:„Seid Ihr toll, Menſch? Was wollt Ihr von mir? Ich kenne Euch nicht.“ „Ihr kennt mich nicht? Ei, das iſt zum Lachen,“ verſetzle Jener.„Die Bläſſe Eueres Geſichts und Euere verwirrten Augen ſtrafen Euch Lügen. Ich dächte doch, wir hätten zu verſchiedenen Malen unſere Bekanntſchaft erneuert. Auch das große Weibsbild da kenn' ich. Kam ſie doch in Stockholm mit Euch zur Frau Ankarfield und wollte dort mit Euch zuſammen wohnen. Da hattet Ihr freilich eine ſchlechtere Jacke an, als ich. Auch in Hamburg trugt Ihr keinen ſo feinen Rock und auch auf der jütländiſchen Haide nicht, wo Ihr ſelig geſtorben ſeid. Nun nach Euerer Auf⸗ erſtehung ſeid Ihr in ſo vornehme Kleider gekrochen, und kennt Euern alten Freund nicht mehr. Soll ich Euch noch deutlicher an unſere Bekanntſchaft er⸗ innern?“ „Fort, unverſchämter Menſch! oder ich laſſ Euch verhaſten,“ ſagte der Lord, aber ſeine Stimme erſtarb, eine Art Ohnmacht wandelte ihn an; er mußte von den Damen fortgeführt und in das nächſte Haus ge⸗ bracht werden. „Seid Ihr ſo mächtig geworden in Kopenhagen?“ höhnte ihn der Spion— denn kein Anderer war es — nach.„Nun, was iſt einem Schwarzkünſtler nicht Alles möglich; aber ich fürchte mich vor ſolcher Macht nicht. Die Schwäche, die ihn überrumpelt, beweißt mir, daß ich mich in ſeiner Perſon nicht geirrt habe.“ Der Kammerjunker von Raben blieb bei dem Spion ällein zurück und Beide wandelten im eifrigen Geſpräch bald darauf der Stadt zu. 112 Als ſich der Geneſende etwas erholt hatte, gab er ſeinen Freundinnen Aufſchluß über den Böſewicht, der ihn hier anzugehen ſich erfrecht hatte. Chriſtine ſchauderte, als ſie vernahm, daß dieſer Menſch der Mörder war, der ihren Geliebten ſchon in ſo ſchlimme Händel verwickelt hatte. Sie that zwar den Vorſchlag, ihn aufſuchen zu laſſen und dem ſtrafenden Arme der Gerechtigkeit zu überliefern, aber ſie überzeugte ſich bald, daß man ihm nichts beweiſen konnte, und daß ſonach jeder Schritt gegen die Perſon des Mörders unterbleiben mußte. Verſtummt langten die drei Spa⸗ ziergänger zu Hauſe an und vermieden, von dem un⸗ angenehmen Vorfall zu ſprechen. 1 Das unterbrochene Hoſſeſt. Einige Tage darauf fand die Vorſtellung des Brautpaars bei Hofe ſtatt. Eine zahlreiche Verſamm⸗ lung ſchmückte die Hallen und Säle des königlichen Schloſſes. Der König wollte in der Pflegetochter des Vice⸗Statthalters von Norwegen ihn ſelber ehren, eben ſo die Königin ihre Hofdame, und ſo kam es, daß beide Herrſcherhäupter Dänemarks ſich beeiferten, die⸗ ſen Tag mit Glanz zu erfüllen. Die Ceremonie war vorüber, und Palmerſton verſuchte aufzuathmen; er glaubte damit die Laſt, die ihm die Bruſt ſchwer be⸗ drückte, abwälzen zu können; aber er vermochte es nicht, 113 vielmehr wurde das dumpfe Bangen ſeiner Seele zu quälender Angſt. Der König ſtand in der Mitte mehrer Hofherren, der Kronprinz in der Nähe. Der Erſtere winkte Palmerſton heran und ſagte:„Haben Ew. Lord⸗ ſchaft nicht Luſt, Ihre Kräfte unſerm Staate zu⸗ zuwenden, und vielleicht— da Sie, wie wir vernom⸗ men haben, ſchon Soldat in Dienſten Ihres Vater⸗ landes waren,— däniſche Uniform zu tragen?“ „Die Gnade Ew. Majeſtät würde mich hoch be⸗ glücken,“ verſetzte der Angeredete ehrerbietig,„wenn nicht eine ſehr geſchwächte Geſundheit mich nöthigte, mich auf die Stille des Landlebens zu beſchränken.“ „Ew. Lordſchaft befürchten vielleicht, als däniſcher Soldat gegen eine Sache fechten zu müſſen, die den Intereſſen Ihrer Perſon zuwider iſt?“ „Ich wüßte nicht, welche Intereſſen meine Per⸗ ſon haben könnte, die ich nicht willig und mit Freu⸗ den den Intereſſen Ew. Majeſtät und höchſtdero Staaten aufopferte, an welche mich die Bande der Liebe und Freundſchaft, der gegenſeitigen Achtung und Zuneigung ſchon lange binden, an welche mich die heiligen Bande des Bluts bald binden werden. Däne⸗ mark iſt mein zweites Vaterland geworden; das werde ich nie vergeſſen.“ „Ihre Sprache iſt ſchön, Mylord. Doch wiſſen wir ja Alle und Sie haben es nie geläugnet, daß Sie ein eifriger Anhänger der Stuartiſchen Partei ſind und als Jacobit Ihr Vaterland meiden. Wir wiſſen, daß Sie den Prätendenten auf ſeinem abenteuerlichen Zuge nach Schottland folgten und erſt, nachdem er dort geſchlagen worden, betraten Sie die däniſche Küſte.“ „Dies Alles verhält ſich ſo, wie Ew. Majeſtät ſagen. Doch ſchließt meine alte Anhänglichkeit an das Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XM. 114 Haus Stuart in England nicht die Treue aus, die ich dem Könige Dänemarks in meinem neuen Vater⸗ lande zolle.“ „Wie aber dann,“ ſagte der König lächelnd,„wenn die romantiſchen Hoffnungen des ſogenannten Präten⸗ denten auch nur zum Theil in Erfüllung gingen, wenn unſer nachbarlicher Abenteurer, der ſchon einmal den rechtmäßigen König von Polen vertrieb und einen Par⸗ venü, der ihm zu gefallen gewußt hatte, auf den pol⸗ niſchen Thron ſetzte, dieſes quasi Königs halber blu⸗ tige Kriege führte, der, um ſeine abgeſchmackten Pläne durchzuſetzen, ſich ſelbſt mit dem Erbfeinde der Chriſten⸗ heit verband, der toll genug iſt, die halbe Welt zu⸗ ſammen zu rütteln und dann, dem lieben Herrgott ſelbſt in's Handwerk pfuſchend, wieder Ordnung her⸗ ſtellen will; wenn unſer Nachbar Karl, der ſich gern den nordiſchen Löwen tituliren läßt, ſeinen Plan durch⸗ zuſetzen gedenkt, der uns aus den aufgefangenen Pa⸗ pieren des Grafen Görz klar geworden iſt, nämlich ſich mit Rußland zur Wiedereinſetzung des Prätenden⸗ ten zu verbinden, den engliſchen König, unſern viel⸗ geliebten Bruder Georg, zu verjagen, was würdet Ihr thun, da wir uns offen für die unbeſtreitbaren Rechte des Hauſes Hannover erklären und zu ſeiner Erhal⸗ tung das Schwert ziehen würden?“ „Ich würde ruhig auf meinem Beſitzthum bleiben, weil, wie ich Ew. Majeſtät ſchon unterthänigſt be⸗ merkte, meine geſchwächte Geſundheit mir nicht erlaubt, mich auf die eine oder auf die andere Seite zu ſtellen, obgleich ich Ew. Majeſtät offenherzig bekenne, daß mir die Rechte des Hauſes Hannover auf den engliſchen Thron nie recht einleuchten werden.“ „Die Gerüchte, die über dieſes ſogenannten Prä⸗ tendenten Geburt und Herkommen im Umſchwunge ge⸗ —— 115 weſen ſind, können Ihnen nicht unbekannt ſein, und wenn Sie auch zu jung ſind, um ſich zu erinnern, wie der größte Theil des engliſchen Volkes an der Rechtmäßigkeit ſeiner Geburt zweifelte, ſo ſind dieſe Stimmen doch ſpäterhin keineswegs ſo ganz verſtummt, daß nicht etwas davon zu Ihren Ohren gedrungen ſein ſollte.“ „Ich erinnere mich des etwas einmal gehört zu haben,“ verſetzte Palmerſton mit nicht zu verbergen⸗ der Verlegenheit,„doch ſchien mir die Sache zu mär⸗ chenhaft— ſie kam vielleicht ganz entſtellt zu meinen Ohren— daß ich gar nicht darauf reflectirte. Was fönnen mächtige Feinde nicht Alles erſinnen und be⸗ werkſtelligen!“ „Dies iſt hier nicht der Fall Mylord. Sie kön⸗ nen auf mein königliches Wort verſichert ſein, dieſer ſogenannte Prätendent iſt nichts weiter als der Sohn eines ehrlichen Müllers, der ſo gut war, dem lie⸗ ben Könige Jacoh aus einer großen Verlegenheit zu helfen.“ „Eure Majeſtät Wort darf keinen Zweifel in mir aufkommen laſſen,“ ſagte der Lord in großer Be⸗ wegung.„Doch ſollte die edle Königin Maria in einen ſolchen Betrug eingewilligt haben?“ „Sie war gezwungen. Und können Sie läugnen, daß die verwitwete Königin durchaus keine Liebe und Anhänglichkeit an dieſegtendenten zeigt? Sie wohnt in St. Germain, e ar; ſie kommen nicht zu⸗ ſammen. Die ungli er ſollte nicht nach ihrem einzigen Kinde Und ſo iſt's ſtets geweſen. Die königli er ſchweigt aus Klug⸗ heit; ihr Herz hängt n ehr an irdiſchen Dingen, es fliegt ihrem geſchiede atten und Si nach.“ 0 116 „Alſo hatte ſie doch einen Sohn,“ bemerkte Pal⸗ merſton und trocknete ſich den Schweiß von der Stirne. „Es war gerade in dem höchſt kritiſchen Zeitpunkt, daß König Jacob die Krone auf ſeinem Haupte wan⸗ ken fühlte, als man ihm die Botſchaft hinterbrachte, die Königin ſei geſegneten Leibes. Da blühte ſeine ganze Zuverſicht in der Hoffnung auf einen Prinzen wieder auf. Ein Thronerbe, ſo ſchloß er, werde ihm die Krone erhalten und das Volk beruhigen. Aber die Königin wurde von einer zu frühen Geburt über⸗ raſcht. Ein Prinz war's, doch ſo ſchwächlich, daß man jeden Augenblick ſeinen Tod erwarten mußte. Der Leibarzt, die Wehmutter boten Alles auf, dies wich⸗ tige Kind zu erhalten, der König war außer ſich. Er hatte die Gewährſchaft ſeiner Krone in den Händen; der Gedanke, ſie ſich wieder entriſſen zu ſehen, war ihm unerträglich. Da gab ihm die Furcht vor einem leicht einzutretenden unglücklichen Ereigniß den ver⸗ zweifelten Gedanken ein, ſich in Vorſorge ein Knäb⸗ lein zu verſchaffen. Die Frau eines in der Nähe wohnenden Müllers hatte kurz vorher ein ſolches ge⸗ boren, der König gab viel Geld dafür; das Kind wurde gebracht, und der Prinz verſchwand. Man hat ſpäter ſogar einige Mal behauptet, dieſer rechtmäßige Erbe des Namens Stuart und der Anſprüche auf die großbritanniſche Krone ſei damals nicht geſtorben, und der König ſei nur durch ſei worden, ihn anzuerkenne bel. Der König hätte tauſchen können.“ „Vielleicht hielt ihn des wahren Prinzen dav hätte thun wollen, als di der ſchon gereift waren, ie Kinder wieder ver⸗ tdauernde Kränklichkeit wenn er es ſpäter ſtandeskräfte beider Kin⸗ ätte der König gar leicht 117 als Betrüger ſeines Volks entlarvt werden können.“ Dieſe Worte ſagte Palmerſton mit auffallender Haſt. „Die Geſchichte ſcheint Ihnen ſo gut wie uns ſelbſt bekannt zu ſein,“ ſagte der König verwundert. „Ich nal nur den möglichen Fall an.“ Jetzt nahm der Kronprinz, der herangetreten war und die Erzählung des Königs mit angehört hatte, das Wort und ſagte höhniſch:„Ew. Majeſtät kann verſichert ſein, daß Mylord von dieſer wunderlichen Geſchichte mehr weiß, als irgend ein anderer Menſch wiſſen kann.“ Dieſe Worte bereiteten Palmerſton eine ſolche Be⸗ ſtürzung, daß ihm die Sinne zu vergehen drohten. „Wie perſteht Ew. Hoheit das?“ fragte der Kö⸗ nig ſeinen Sohn. Die Blicke der umſtehenden Hof⸗ herren hingen erwartungsvoll am ſpöttiſch verzogenen Munde des Thronerben und es hatten ſich Viele ver⸗ ſammelt. „Lord! Palmerſton oder Herr Joſeph Flarmann, wie er ſich auch nennt, oder wie ſich dieſer Mann ſonſt noch nennen mag, iſt mit den geheimen Künſten, als da ſind: Zauberei, Hexerei, Wahrſagerei, Kuri⸗ rerei durch Sympathie und was dergleichen Teufeleien mehr ſind, vertzaut. Ew. Majeſtät weiß gar nicht, welch einen brauchbaren Mann ſie für die däniſchen Staaten geworben hat.“ „Ich— weiß— nicht——“ ſtammelte Pal⸗ merſton vernichtet. „Ihr wißt nicht? Wohlan, ſo ſollt Ihr hören, daß ich weiß!“ rief der prinz.„Ich weiß, daß Ihr Euch in Hanhe ein lüderlicher Geſelle in ſchlechten Kneipen herumgetrieben, Euer Geld verſpielt, durch böſe Künſté Euch anßeres verſchafft, Euch zum däniſchen Solpſaten habt werben laſſen, dann das 118 Schiff, auf welchem Ihr mit andern Rekruten nach Kopenhagen übergeſetzt werden ſolltet, einem ſchwediſchen Kaper in die Hände geſpielt habt; ich weiß, daß Ihr in Stockholm den Kammerdiener einer reichen Eng⸗ länderin umgebracht und die Dame ſelbſt durch einen Piſtolenſchuß lebensgefährlich verwundet habt; ich weiß, daß Ihr Euch durch Magie aus dem Gefäng⸗ niſſe befreit, daß Ihr das Herz des ſchwediſchen Kö⸗ nigs durch gottloſe Mittel bethört und ihm gelobt habt, nach Dänemark zu gehen, Euch hier durch Hei⸗ rath einzuniſten, hier den Spion zu machen und Dä⸗ nemark an Schweden zu verrathen. Ich weiß ferner, daß Ihr in Holland im Gefolge des Grafen Görz geweſen und mit ihm in der Staatskaroſſe gefahren ſeid; ich weiß, daß Ihr mit Rußland zu Dänemarks Verderben in Verbindung ſteht; ich weiß, daß Ihr Boten an den Schwedenkönig abſendet und empfangt; ich weiß, daß Ihr als ein Bettler in Jütland todt⸗ krank angekommen und in der Nacht in einen Schanke geſtorben ſeid. Man hat Euere Leiche förtgetragen, um ſie am andern Morgen zu begraben, da iſt ſie verſchwunden; und hier ſeid Ihr wieder als engliſcher Lord aufgetreten. Das weiß ich, und Euer Ausſehen beſtätigt die Wahrheit.“ Der ganze Hof hatte ſich wähſtend der heftigen Rede des Kronprinzen herbeigedrängt, bei den letzten Worten deſſelben ſtob aber Alles“ von einander, die Frauen mit einem Entſetzenſchrei, fürchtend, der Eng⸗ länder möchte ein Geſpenſt ſein. Und wirklich konnte des Lords erdfahle Farbq, erloſchenes Auge und ſein Zuſammenſinken die jeſß aſterfurcht der entſetzten Hofdamen entſchuldigen. Alles rannte durch einander. 119 „Schafft mir dies Ungeheuer aus den Augen!“ rief der König und entfernte ſich eilig. Palmerſton ſtürzte beſinnungslos auf den Boden, Chriſtine eilte ſchreiend herbei, aber Alles, was Leben hatte, floh wie vor der Peſt, in wenigen Augenblicken waren die Säle leer und nur einzelne Diener liefen mit ſcheuen Schritten vorüber. Da lag der Unglück⸗ liche in ſtarrer Ohnmacht und kalter Schweiß perlte auf ſeiner Stirne, während die verzweifelte Liebe Thränen der Angſt und des Mitleids über ihn weinte. Die arme Braut wußte ſelbſt nicht, wie lange ſie in dieſer Lage zugebracht, als die Thür aufging und Friederike ernſt und feſten Schrittes hereintrat. „Du Sohn des Unglücks,“ ſprach ſie feierlich, „Dir wäre beſſer, Du wärſt im erſten Bade geſtor⸗ ben. Was ſollſt Du auch unter dieſen Menſchen? Die Lüge hat Dich geſäugt, das Mißtrauen Dich ge⸗ nährt, die Falſchheit Dich erzogen. Nun zeigen ſie ſich in ihrer wahren Natur und geiſeln Dein Herz mit Dornen. Doch kommt, Ihr zwei gedrangſalten Menſchen an meine Bruſt, voll Mitgefühl für Euch, voll Haß gegen jene!“ Und ſie nahm den Ohnmäch⸗ tigen auf, als wäre er ein ſchlafendes Kind und trug ihn aus dem könizlichen Palaſt. Chriſtine folgte in halber Bewußtloſigkeit. Draußen ſtanden Diener mit einer Sänfte. Palmerſton wurde hineingehoben und in ſein Gartenhaus gebracht, um welches der Früh⸗ ling all ſeinen Schmuck gelegt hatte. Aber der bleiche Jüngling ſah nichts von der Herrlichkeit; er war zwar zu ſich ſelbſt gekommen, aber die Stimme der Natur hatte ihre Gewalt über ihn verloren; er ſah nicht die Kränze, die die allliebende Mutter ihm zum Troſt und zur Entſchädigung entgegenhielt, er fühlte nichts von den ſanften Gefühlen, die der Mai ge⸗ 120 währt; ſeine Seele gehörte den Mächten, die Haß und Verderben brüten. 12. Die Flucht. Zum Erſtaunen der beiden Damen ſtieg er, frei von Schwäche, aus der Sänfte und ging in das Haus; er ſchien die beiden Freundinnen nicht zu be⸗ merken, aber ſein dunkles Auge glänzte von unheim⸗ licher Glut. Chriſtine wollte ihm Troſtworte ſagen, aber er unterbrach ſie mit Heftigkeit:„Kein Wort von dieſer Sache, wenn ich Sie bitten darf, theure Chri⸗ ſtine! Es wird, es muß ſich ausgleichen; ſei es, wie Gott will. Es wird ſich finden“ Chriſtine erſchrak vor dieſen Worten; Friederike aber rief:„Palmerſton, Sie ſind in dieſer Stunde zum Manne gereift. Jetzt handeln Sie und ver⸗ trauen Sie Ihrem Genius.“ „So ſei es!“ ſprach er und reichte ihr die Hand. Es war nicht zu verkennen: er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt. Drauf bat er die Damen, ihn allein zu laſſen, und ſetzte ſich nieder, um zu ſchreiben. Dies Alles erfüllte Chriſtinen's Seele mit Angſt. Der Gedanke an Selbſtmord überſchattete wie eine ſchwarze Wolke ihre Seele. Obgleich ſie mit Friederiken gegangen war, ſo konnte ſie dieſe doch nicht weiter als in's Vorzimmer bringen, und von hier aus lauſchte ſie 121 vurch die Thürſpalte von Minute zu Minute nach dem Geliebten. Aber er ſchrieb emſig, bis er der Macht der über ihn ſtürzenden Gefühle erlag, und mit dem Kopfe auf den Tiſch lehnte. Chriſtine eilte ihm zu Hülfe; er verlangte ein Stärkungsmittel, und als er daſſelbe zu ſich genommen, erholte er ſich, daß er weiter ſchreiben konnte. Im Vorzimmer wurde eine Stimme vernommen. Es war ein Kammerdie⸗ ner des Vice⸗Statthalters. Dieſer ließ ſeiner Tochter den Befehl zukommen, unverzüglich in die Stadt zu kehren und nicht ferner Gemeinſchaft mit einem Manne zu pflegen, welcher im Angeſicht des ganzes Hofes ſo beiſpiellos proſtituirt worden ſei. Friederike ließ ih⸗ rem Vater ſagen, ſie werde nicht in die Stadt kom⸗ men, ſondern einem Unglücklichen, den Haß und Bos⸗ heit verfolgten, ihren Beiſtand angedeihen laſſen. Palmerſton hörte dieſe Unterredung mit an, deren Reſultat wieder einen Lichtſtrahl in ſeine Seele warf. Gegen Abend erſchien ein Bote der Königin im Gartenhauſe, mit dem Befehle an Chriſtine, unver⸗ züglich vor der hohen Herrin zu erſcheinen. Sie ſchauderte. Daran hatte ſie noch nicht Zeit gehabt zu denken, daß ſie die Seclavin einer gekrönten Frau ſei. Sie zauderte, ſie ſchwankte. Dem Befehle nicht Folge leiſten, hieß ſich augenblicklich losſagen von al⸗ len geſellſchaftlichen Verbindungen in Kopenhagen, ſelbſt das Haus ihres Pflegevaters verſchloß ſie ſich. Und dennoch wollte ſie den Geliebten nicht verlaſſen und lieber Alles opfern. Friederike rieth ihr zu gehen. „Ich weiß, was meiner harrt,“ ſagte das Fräu⸗ lein von Ove,„die Königin wird mich mit ungegrün⸗ deten Vorwürfen überhäufen, auf die ich nichts er⸗ wiedern darf; ſie wird mir zur Strafe eines mir an⸗ 122 gedichteten Vergehens einige Tage Zimmerarreſt anbe⸗ fehlen laſſen; ſie wird mich, weil ich einen ſo öffentlichen Skandal veranlaßt habe, degradiren; ſie wird mein Herz von dem ſeinigen reißen und mich zwingen wol⸗ len, ihn nie wieder zu ſehen, und wer weiß, ob nicht ein langes Gefängniß meiner harrt, wenn ich nur Miene mache, mich nicht willig und gehorſam in dieſe Machtgebote zu fügen.“ „Ste werden Dir vielleicht noch Schlimmeres an⸗ thun,“ verſetzte Friederike ernſt,„denn was erlauben ſich dieſe Erdengötter nicht? Aber Du kannſt ihrer doch hohnlachen; denn ſieh' doch die ohnmächtige Göt⸗ terſchaft! Ihn können ſie nicht aus Deinem Herzen reißen, den Frühling Deiner Seele nicht verderben. Geh' getroſt; ich ſorge für Dicht Laß' mich in dieſer Nacht überlegen, was in unſerer Lage zu thun iſt. Wenn alle Ankertaue reißen, eins hält: wir fliehen mit ihm nach Schweden; König Karl iſt Ankergrund, unſer Fels, auf ihn dürfen wir vertrauen. Biſt Du morgen früh nicht zurück, ſo nehme ich an, daß Du Arreſt bekommen haſt, dann werde ich dem Kronprin⸗ zen ein Wörtchen in's Ohr flüſtern, das Dich ſchnell von der gnädigen Strafe der guten Königin befreien ſoll. Der Knabe ſoll ſelbſt zu ſeiner Mutter laufen, und um Deine Befreiung winſeln.“ „Um Gotteswillen! Du wirſt doch nicht ſein Ge⸗ heimniß verrathen?“ rief Chriſtine in neuer Angſt. „Sorge nicht, Mädchen, das kommt über meine Lippen nicht! Geh' und vertraue mir! Du biſt unfä⸗ hig zu denken und zu handeln, laß' es mich für Dich thun!“ „Er ſoll entſcheiden!“ ſagte Chriſtine entſchloſſen. Drauf ging ſie in des Lords Zimmer, überbrachte ihm 123 den Befehl der Königin und bat ihn, ihr zu ſagen, was ſie thun ſolle. „Geh', ich bitte Dich!“ verſetzte er mild,„es iſt beſſer für uns Alle. Wär' ich in dieſem Augenblide nicht aller Mittel beraubt, ſo würde ich ſagen, geh' nicht. Doch ein unſeliger Fluch hängt über meinem Haupte. Geh', ich bitte Dich!“ Wehmuth erſtickte ſeine Stimme. Er umarmte und küßte ſie. Er mußte ſich abwenden, um Herr ſeiner Rührung zu werden. „Friederike!“ rief die Scheidende,„Dir gebe ich die Serle meines Lebens in die Hand; wahre ſie wohl! Ich beſchwöre Dich!“ „Geh' ruhig, ich werde für Dein Beſtes ſorgen.“ „Ach, ich kann nicht ruhig gehen! böſe Ahnungen martern mich, als ſollte ich ihn nie wiederſehen.“ „Der Himmel wird Alles lenken. In außeror⸗ dentlichen Fällen bedarf es außerordentlicher Kräfte, um richtig zu handeln. Die Kräfte giebt Gott, beides zum Handeln und zum Dulden. Wenn Dir die erſteren verſagt bleiben, ſo bitte demüthig um die letzteren. Bete und Du wirſt ruhig werden!“ „Ich wills!“ ſagte Chriſtine. Noch einmal um⸗ armte ſie den theuren Mann; dann riß ſie ſich los und ſtürzte lautweinend aus dem Zimmer. Friederike begleitete ſie zum Wagen. Als ſie wieder in's Haus trat, entfernte ſie die Diener aus der Nähe der Zim⸗ mer des Lords. Dann trat ſie hinein. „Was gedenken Sie zu thun, Major?“ fragte ſie mit Nachdruck. „Was rathen Sie mir, Fräulein?“ „Mich müßte Alles täuſchen, wenn unſere Gedan⸗ ken ſich nicht begegneten. Sie wollen in dieſer Nacht flüehen und ich lobe Sie darum, und wenn Sie nicht wollen, ſo rathe ich es Ihnen.“ 124 „Sie haben mich errathen. Die Sonne des mor⸗ genden Tages darf mir nicht mehr an der däniſchen Küſte ſcheinen.“ „Ihre Flucht allein löſt die Verwirrungen, die der heutige Tag am Hofe wie in unſerm Hanſe geſchlun⸗ gen hat. Doch wohin gedenken Sie?“ „Wohin anders als nach Schweden? Mein unſe⸗ liges Schickſal hat mich, mir die Ausſicht auf die Ruhe des häuslichen Glücks mißgönnend, mit gewal⸗ tiger Hand gefaßt und wieder in den Strudel ge⸗ ſchleudert. Hier iſt nicht von Widerſtand die Rede. Ich bin gebrandmarkt, ich, von einem Königs⸗ ſohne!“ „Gehen Sie mit Gott! Meine Wünſche begleiten Sie. Wäre es nicht Schande, zur Verrätherin am Vaterlande zu werden, auch ich würde dem Könige von Schweden meine Dienſte anbieten. Doch Friede⸗ rike von Gabel will nicht eine Ahnung von Schande auf ſich laden; deshalb frage ich Sie nicht, was Sie thun werden? Noch eine Bitte hab' ich an Sie. Neh⸗ men Sie dieſe Gabe der Freundſchaft. Ihre Benutzung wird Ihnen ſchneller von dannen helfen.“ Mit dieſen Worten drückte ſie ihm ein Käſtchen in die Hand; es war voll Gold und Diamanten, Friederikens Schmuck. Er nahm es ohne Weigern. „Ich erkenne Sie immer mehr, Friederike!“ ſagte er ſchmerzlich bewegt.„O hätte Ihr Herz für mich ſchlagen können!“ „Laſſen Sie das!“ verſetzte ſie mit zitternder Stimme.„Mein Herz bewahrt ſeine Liebe heilig. Vielleicht wenn es ihn nicht kennen gelernt hätte! O wenn Sie ihn ſehen— er iſt jetzt der Gatte eines Weibes, das ihn nicht zu würdigen verſteht— ſo drücken Sie ihm die Hand ſtumm und innig, aber 125 ſagen Sie ihm nichts von mir.“ Palmerſton wür⸗ digte ihren Schmerz. „Für Kleider zur Flucht werde ich ſorgen. Berei⸗ ten Sie ſich, in einer Stunde abzugehen.“ „Ach, Chriſtine!“ „Ich werde ſie tröſten und ihr das Unvermeidliche dieſes Schrittes beweiſen. Sie kann Sie unmöglich den Mißhandlungen meines Vaters bloßſtellen!“ „Ich habe ihr Alles geſchrieben. Geben Siel ihr den Brief.“ Das Fräulein ging und der Lord packte. Eh die Nacht dunkelte, hielten zwei Pferde vor dem Hauſe. Palmerſton, in bürgerlicher Kleidung, küßte Friederi⸗ ken die Wange und ſchwang ſich auf das eine; ein Reitknecht beſtieg das andere. Kaum war er aus dem Hauſe, als eine Abtheilung Soldaten daſſelbe umzin⸗ gelte, um ihn auf Befehl des Königs in's Gefängniß zu führen. Hohnlachend trat ihnen Friederike entge⸗ gen. Das Haus wurde durchſucht. Der Flüchtling verſchafſte ſich ein Boot; eh' der Morgen dämmerte, ſtand er an der ſchwediſchen Küſte. 13. Die heiden Rameraden. Des Sommers grünes Haar färbte ſich herbſtlich bunt, als aus dem göthaborger Hafen täglich eine Schaluppe auslief, weſtlich herüber um die äußerſte Spitze von Jütland herum und dann mehre Meilen 126 weit in die Nordſee hinabging, aber Abends wieder in den Hafen einlief, ohne daß man wiſſen konnte, weshalb ſie dieſen vergeblichen Weg ſo oft wiederholte. Der Befehlshaber dieſes Bootes war Lord Palmer⸗ ſton, der die Kleidung eines ſchwediſchen Seeofficiers. trug. Mit düſterm Verlangen ſtreifte ſein Auge über die Fläche des Meers ſüdwärts, und ſobald es ein Segel erblickte, zuckte ein wenig Leben in ſeinem ſonſt todten Geſichte; er griff nach einem Fernrohre und ſpähte, bis er ſich getäuſcht ſah. Dann ſchwebte wohl auch ſein trüb gewordener Blick nach der Gegend hinab, wo ein dunkler Streif am Horizonte die Inſel Seeland bezeichnete. Endlich ſtieg eines Tags ein majeſtätiſches Schiff mit ſeinen ſchlanken Spieren, flatternden Wimpeln, Maſten und Raaen aus den Wellen hervor und lenkte den Lauf nach der ſchwediſchen Küſte. Palmerſton's Auge drang durch das ſcharfe Glas von der Scha⸗ luppe hinab nach dem höher und höher aufſteigenden Koloß, in deſſen von der Sonne beſtrahlter Flagge er mit Freude das ſchwediſche Wappen erkannte. Nicht lange, ſo hob ſich der breite Rumpf des Schiffes, das ſich durch ſeine Geſtalt den Seglern auf der Scha⸗ luppe als eine Fregatte kund gab, und ging nun in ſeiner ganzen Größe mit allen Segeln über den Waſſerſpiegel. Der Lord hatte mit Aufmerkſamkeit das Schiff beobachtet; plötzlich ließ er das Glas fallen, und rief: „Er iſt's, der lang erſehnte Graf⸗Mörner!“ Nun gab er Befehl, der Fregatte entgegen zu rudern und ſich ihr vor den Wind zu legen. Das Schiffchen flog auf das ſtolze Waſſerhaus zu, gewann ihm den Wind ab und neigte zum Gruße ſeine Flagge, mit einem Schuß aus dem Mörſer, der zu dieſem Zwecke mit⸗ 127 genommen worden war. Die Fregatte erwiederte den Gruß, und als der Donner des Geſchützes verhallt war, erſchien der Kapitän auf dem Verdecke und rief durch das Sprachrohr:„Lieutenant Flarmann, ich bin erfreut, Euch wieder zu ſehen. Bemüht Euch her⸗ über, ich habe Euch Dinge von Wichtigkeit mitzu⸗ theilen.“ Zugleich wurde von der Fregatte ein kleines Boot herabgelaſſen, ein junger Matroſe eilte die Fallree⸗ treppe hinab in daſſelbe, um es der Schaluppe zuzu⸗ führen, und der Lord, als ſchwediſcher Dienſtmann Lieutenant Flaxmann, erkannte in dem dienſtfertigen Burſchen, mit einer Freude, wie ſie ſeiner Seele faſt fremd geworden war, den flinken Juel Swale. Als er in das Boot hinabſprang und von dem mun⸗ tern Schiffsjungen freundlich begrüßt wurde, wäre er dem Burſchen faſt um den Hals gefallen. „Es ſcheint, als gingt Ihr wieder mit gutem Winde, Herr,“ ſagte Juel;„als wir vor acht Wochen ausliefen, glaubt' ich Euch nicht wieder zu ſehen. Euer Takelwerk war übel mitgenommen und an Euerm Rumpf ſah's aus, wie lauter Breſchen. Ihr habt gut auskeilen und ausſtopfen laſſen, daß Ihr Euch über dem Waſſer habt erhalten können. Nun, Gott führ' Euch noch lange mit günſtigem Winde!“ „Ich danke Dir, Junge!“ rief der Lieutenant froh und drückte dem Burſchen ein Geldſtück in die Hand. Nach wenigen Ruderſchlägen hielten ſie an der Treppe; Flaxmann ſtürmte hinauf und fiel dem oben ſeiner harrenden Noreroß an die Bruſt. „Seid mir tauſendmal gegrüßt, mein Freund, mit erneuten Anſprüchen auf das Leben ausgeſtattet!“ rief Norcroß, und küßte ſeinen Landsmann auf Stirn und Wange.„Ach, mir bangte, ich möchte zu ſpät gekom⸗ 128 men ſein, um Euch noch einmal die Freundeshand zu reichen; um ſo froher bin ich, daß Ihr mich hier auf unſerm Element, auf offener Meerfluth, mit Euerm Willkommen überraſcht.“ „Ihr ſeid lange geblieben, Kapitän,“ entgegnete der Andre.„Als Ihr gingt, lag ich noch hoffnungs⸗ los darnieder; aber kaum war die Laſt der Krankheit von mir gewichen, als mein Herz voll Sehnſucht nach Euch ward. Dies Verlangen wuchs mit meiner zu⸗ nehmenden Kraft, aber Euer unbegreifliches Ausblei⸗ ben hätte mich faſt wieder auf das Siechbette gewor⸗ fen; ich glaube, ich wäre geſtorben, wenn ich nicht von einem Seemann erfahren, daß Ihr in Frankreich Widerwärtigkeiten zu beſtehen gehabt.“ „So iſt es, mein Freund,“ verſetzte der Kaper⸗ kapitän.„Und da Ihr auf keinen Fall ausführlich von meinem Schickſale unterrichtet ſein könnt, ſo mache ich mir eine Freude daraus, Euch Alles mitzutheilen. Doch ſagt mir zuvor, wie befindet ſich des Königs Majeſtät? Iſt meine junge Frau munter und ge⸗ ſund? Wie leben meine Freunde und Anverwandten?“ „Der König erfreut ſich des beſten Wohlſeins und rüſtet ein großes Heer, womit er den im vergange⸗ nen Winter aufgegebenen Plan, in Norwegen einzu⸗ fallen, Friedrichshall zu nehmen und das ganze Land zu beſetzen, wieder aufnehmen und ausführen will. Uebrigens ſpricht man nicht nur in Stockholm, ſon⸗ dern in allen Seeſtädten Schwedens ſtark vom Frie⸗ den mit Rußland.“ „Ich weiß davon,“ unterbrach Norcroß den Lieu⸗ tenant. „Euer Weibchen blüht täglich ſchöner auf, doch quält ſie Sehnſucht nach Euch, und das iſt kein Wun⸗ der. Zwei Monate war't Ihr ihr Gatte, als Ihr 129 abreiſtet, und zwei Monate ſeid Ihr ſchon abwe⸗ ſend. Das iſt einem jungen Ehemanne nicht zu ver⸗ zeihen.“ „Soll ich Euch an den Spruch erinnern: Erſt Herrendienſt, dann Frauendienſt!“ lächelte Norcroß. „Die widrigſten Umſtände hielten mich zurück, wie Ihr bald hören ſollt. Und unter uns: ich liebe meine Frau herzlich, aber dieſe Reiſe hat mich über mich ſelbſt aufgeklärt. Ich ſehne mich, mein Herz in Euere Freundesbruſt auszuſchütten. Kommt mit mir in die Kajüte. Meine Officiere warten darauf, Euch begrü⸗ ßen zu dürfen. Der Kapitänlieutenant Gad hat Euch noch nicht im ſchwediſchen Seemannskleide geſehen. Schont den armen Teufel. Es iſt ihm einmal nicht auszureden, daß Ihr mehr verſteht als andre Leute. Meine Burſche werden Euch dafür deſto herzlicher be⸗ willkommnen.“ Lieutenant Flaxrmann ging an der Hand des Freundes über das Verdeck. Die Officiere des Schiffs, welche vollzählig waren, ſtanden in einer Reihe, den Kapitänlieutenant Gad an der Spitze, und begrüßten den Fremden mit einer gewiſſen ſcheuen Ehrerbietung, die zur Genüge zeigte, daß Gad und der Schiffs⸗ chirurgus ihre Anſichten über den räthſelhaften Eng⸗ länder in müßigen Stunden des Breitern auszuſpre⸗ chen nicht verfehlt hatten. Meiſter Habermann war⸗ tete an der Treppe, machte einen tiefen Bückling und ſagte:„Ew. Hochwohlgeboren wird es einem armen Schiffschirurgen nicht für eine Unbeſcheidenheit ausle⸗ gen, wenn derſelbe, hocherfreut über Dero friſche Ge⸗ ſundheit, mit Verlaub, die unterthänigſte Bitte nicht zurückhalten kann, ihn endlich mit der geheimen Kennt⸗ niß der Woffenſalbe und des ſympathetiſchen Wund⸗ waſſers zu beglücken.“ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XlI. 9 130 „Euern Wunſch ſoll endlich die Erfüllung krönen, Meiſter Habermann,“ verſetzte der Begrüßte.„Gebt mir dafür das Recept Eurer dauernden Geſundheit.“ „Das iſt bald hergeſagt, mit Dero Verlaub, die Runflaſche und das Pöckelfleiſchfaß ſind die Apothe⸗ kerbüchſen, aus welchen ich die Ingredienzien zu mei⸗ ner Arznei hole.“ Der Chirurgus belachte ſeinen Witz herzlich, während die beiden Freunde in den hinterſten Verſchlag der Kajüte hinabſtiegen. Hier nahmen ſie Platz; der Schiffskoch brachte zwei dampfende Becher Grog, und nachdem ſie dieſel⸗ ben auf ihr gegenſeitiges Wohl geleert hatten, fuhr Kapitän Norcroß fort:„Das menſchliche Herz iſt voll Widerſprüche, Eigenſinn und Wunderlichkeit; je mehr man darüber nachdenkt, deſto unerklärlicher wird es einem. So viel iſt gewiß, daß das meinige die Herr⸗ ſchaft des Kopfes nicht erkennen will. Ihr wißt, ich habe leidenſchaftlich geliebt, die duftende Purpurblüthe dieſer Blume iſt abgeblüht, und ich glaubte mein Herz für die Empfindungen heißer Liebe erkaltet. Eine ſtille ſanfte Neigung zu meinem Weibe hatte mich erfüllt, ich hoffte und wünſchte, dieſe Neigung möchte mich beglücken, ſie würde mein Leben mit den beſcheidenen Kränzen häuslicher Zufriedenheit ſchmücken. Da raubte ich auf Euern Wunſch jenes weibliche Weſen, über deſſen hohe Eigenſchaften wir wohl gleich anerkennend denken. Ich geſteh' Euch jetzt, Lieutenant, ſie machte einen unauslöſchlichen Eindruck auf mich. Mein ſchlafendes Herz erwachte und überzeugte mich, daß ich mich über ſein Weſen getäuſcht habe. Aber ich geſtand es mir nicht ſelbſt; ich wollte, ich durfte ſeine Stimme nicht hören. Ich war mit einem liebenswür⸗ digen Mädchen, der Verwandten vornehmer und an⸗ geſehener Leute, verlobt, durch die mein Glück in 131 Schweden begründet wurde, ich gedachte mich feſt zu klammern an dies Schwedenreich, denn ich war hei⸗ mathlos; ich fühlte innige Hochachtung und eine ſanfte Regung für meine Braut. Durfte ich die thörichten Zuflüſterungen meines Herzens hören? Aber denkt Euch meinen Kampf, Kamerad, als ich nur zu deut⸗ lich des Fräuleins von Gabel Leidenſchaft für mich wahrnahm! Ich hatte zu Euern Gunſten ein gefähr⸗ liches Spiel mit Herzen getrieben; die Sünde rächte ſich an mir. Obendrein kannte ich Euere Liebesglut für das Fräulein und durfte nichts Anders erwar⸗ ten, als daß ſie Euere Gattin werden würde. Nichts konnte mich damals irre machen, ſelbſt Euer eignes Zureden nicht; ich erheuchelte Kälte für Friederiken. Ich hütete mich wohl, ernſthaft über mich ſelbſt nach⸗ zudenken. Aber ſeit ich durch die Bande der Ehe ge⸗ feſſelt bin, haben jene unterdrückten Stimmen lauter geſprochen, und auf dieſer Reiſe hat ſich meiner eine ſo glühende Leidenſchaft für das Fräulein von Gabel bemächtigt, die der Euerigen gewiß nicht nach⸗ ſteh 1. Mann!“ ſagte Flaxmann.„Und Ihr werdet wieder geliebt. Ihr habt durch das, was Ihr Männlichkeit oder Charakterfeſtigkeit nennt, zwei Herzen unglücklich gemacht. Armer Freund! Arme Freundin! Ihr war't einander werth!“ „Wohlan! Ich habe Euch den Kummer meiner Seele entdeckt. Es gilt nun, das Unabänderliche männlich zu ertragen, mein gutes Weib zu lieben, meine Pflicht zu erfüllen und den Kampf des Lebens nicht zu ſcheuen. Laßt uns von Euerer Perſon reden! Ihr ſeid nunmehr feſt entſchloſſen, Euch dem ſchwedi⸗ ſchen Seedienſt zu widmen?“ „Ich bin's. Der Menſch muß 6 etwas thun 132 und treiben, muß ſich eine Welt wählen oder die, in welche ihn das Schickſal wirft, erfaſſen, um ſie nach Kräften auszufüllen. Auf dem ſtets bewegten Elemente iſt mir jetzt allein wohl; es gleicht meinem Leben. Sobald ich die mir noch mangelnden Kenntniſſe des Seeweſens erlangt habe, werde ich eine Fregatte füh⸗ ren, die mir der König beſtimmt hat.“ „So ſind wir denn noch inniger verbunden!“ „Mein Wunſch iſt, bis dahin unter Euerm Com⸗ mando zu dienen, Kamerad. Der Durſt nach Rache treibt mich eben ſo ſtark, als Freundſchaft und An⸗ hänglichkeit an Euere Perſon auf Euer Schiff. Sagt mir nun zuvörderſt, habt Ihr den Baron Görz ge⸗ ſprochen?“ „Ich war zwei Tage lang in ſeiner Nähe, und bin über alle unſer Intereſſe erregenden Angelegenhei⸗ ten von ihm unterrichtet worden.“ „Billigt er unſern kühnen Plan?“ „Er billigt ihn nicht nur, er belobt ihn ſogar. Dieſe däniſchen Schelme, ſagte er, hätten es nicht nur am König von Schweden, ſondern auch an unſrer Sache und an Euerer Perſon verdient, daß wir mit einem kühnen Streiche dem ganzen Tanze ein Ende machten. Europa wird ſtaunen, die ſtaatsklugen Per⸗ rücken werden zuſammenfahren, daß Staubwolken aus ihnen aufſteigen, aber König Karl wird triumphiren und auch unfre Sache iſt gewonnen. Die Klugheit treibt uns, die Rache fordert uns auf; denn wißt, auch des Barons Gefangennehmung in Holland rührt von den Dänen her. Ein däniſches Schiff hat ſeine Briefe aufgebracht.“ „Ich bitt' Euch, erzählt!“ rief Flarmann begierig. „Wie war es möglich, daß die Generalſtaaten ſich an der Perſon des Barons vergreifen konnten? Die Sache iſt mir bis jetzt ein Räthſel geblieben.“ „Das Geheimniß iſt gelöſt. Der Baron hat durch ſeine Kundſchafter Alles herausgebracht. Gegen Ende Januars iſt ein ſchwediſches Schiff von einem däni⸗ ſchen Seefahrer genommen worden. Der dumme Menſch hat einige Briefe des Baron Görz an den ſchwedi⸗ ſchen Geſandten in London, Graf Karl Gyllenborg und einige ſchottiſche Barone bei ſich, aber ſtatt die Briefe in's Meer zu werfen, oder zu verſchlucken, wie ihm der Baron, ſobald er in Gefahr komme, gera⸗ then, läßt er ſie ruhig in ſeinem Proviantſchranke lie⸗ gen. Der Däne ſchickte die Briefe nach Kopenhagen, der König ſendet einen Schnellſegler nach London, und am 9. Februar wurde Graf Gyllenborg, der ſich kei⸗ nes Ueberfalls verſah, gefangen genommen. Da fan⸗ den denn die edlen Hannoveraner in ſeinen Papieren, die er nicht Zeit behielt, bei Seite zu ſchaffen, den ganzen Plan des Barons Görz weitläufig und mit allen nähern Angaben. Sogleich ließ der Kronendieb Georg, oder Kurfürſt von Hannover— ich werde ihn nie als König von England anerkennen— einen au⸗ ßerordentlichen Geſandten an die Generalſtaaten ab⸗ gehen und die hochmögenden Herren erſuchen, den Baron Görz anzuhalten und deſſen Papiere mit Be⸗ ſchlag zu belegen. Darauf wurde der Baron am 2). Februar zu Arnheim gefangen genommen, während es Euch gelang, Euch mit den Euch ſelbſt betreffenden Papieren zu retten.“ „Und wo und wie befindet ſich der Baron jetzt? Was habt Ihr mit ihm verhandelt?“ „Daß er durch ſeine Beredtſamkeit und kluges Benehmen die Staaten von Geldern für ſich gewann und überzengte, wie unrecht ſie daran thäten, ihn in einer Sache feſtzuhalten, die auch nicht im Entfernte⸗ ſten die Generalſtaaten beträfe, zumal da er als Pri⸗ vatmann unter ihnen lebe und nicht einmal ſchwedi⸗ ſcher Unterthan, geſchweige ſchwediſcher Bedienſteter überhaupt, noch Abgeſandter des Königs von Schwe⸗ den insbeſondere ſei, und daß er deshalb am erſten April wieder auf freien Fuß geſetzt wurde, wird Euch bekannt ſein; Ihr habt ohne Zweifel in Kopenhagen, wo man dem Baron gern das ewige Leben gegönnt hätte, davon gehört. Von da reiſte unſer Görz ſo⸗ gleich nach Verſailles und bearbeitete den Regenten, das Geſchäft der völligen Ausſöhnung unſres Königs Karl mit dem Czaar zu übernehmen. Der Herzog von Orleans zeigte ſich bereitwillig, dann zauderte er; endlich, nachdem Görz ſchon mehre Wochen am fran⸗ zöſiſchen Hofe zugebracht hatte, verſprach der Herzog⸗ Regent ſeinen Einfluß auf die beiden Monarchen zu ihrer Vereinigung anzuwenden. Nun trat der Baron mit ſeinem eigentlichen Plan hervor und forderte Frank⸗ reich auf, dem König Karl zu ſeinen verlornen deut⸗ ſchen Provinzen zu verhelfen. Der Herzog⸗Regent fing darauf an, ſich mit politiſcher Zweideutigkeit zu benehmen; es ſchien dem Baron, daß däniſcher Ein⸗ fluß im Spiele ſei, und als er abermals einige Mo⸗ nate mit leeren Verhandlungen zugebracht hatte und auf eine beſtimmte Erklärung drang, ſo machte der Regent die Ausflucht, es ſei ſeine Pflicht, für die Til⸗ gung der Schuldenlaſt Frankreichs zu ſorgen und ſei⸗ nem königlichen Mündel die Regierung in einer völ⸗ ligen Beruhigung des franzöſiſchen Reichs zu überge⸗ ben, deshalb könne und dürfe er ſich in keinen Krieg einlaſſen, ſondern müſſe vielmehr ſich beſtreben, nur Friedens⸗ und Freundſchaftsbündniſſe abzuſchließen. In Folge dieſer Erklärung ſchloß der Regent auch 135 eine Defenſiv⸗Allianz mit dem Czaar und dem Kö⸗ nige von Preußen; da aber— wie Ihr wißt— der Letztere ein dicker Freund Dänemarks iſt, ſo konnte man daraus ſehen, woher der Wind blies. Auch ver⸗ ſprach der Regent in dieſem Bündniß ausdrücklich, ſich auf keine Weiſe in den nordiſchen Krieg zu miſchen. Der Baron ſah nun ein, daß er in Frankreich nichts mehr zu thun hatte, und beeilte ſich, das letzte und kräftigſte Mittel anzuwenden, um Dänemark zu de⸗ müthigen und unſern Stuart auf den Thron ſeiner Väter zu heben. Er reiſte zum Czaar nach Loo, wurde von Peter mit Achtung aufgenommen und be⸗ handelt, und Beide kamen überein, binnen drei Mo⸗ naten den ruſſiſch⸗ſchwediſchen Frieden bis zum Ab⸗ ſchluß in Ordnung zu bringen. Dort habe ich den Baron geſprochen und ihm die Briefe unſers Königs übergeben. Er wird noch einige Zeit in der Nähe des Czaars verweilen und arbeitet bereits am Frie⸗ den. Hoch erfreut war er über meinen Vorſchlag und verſprach mir, ſobald derſelbe glücklich ausgeführt ſei, die höchſte Gnade des Königs nebſt einer bedeu⸗ tenden Stelle bei der Admiralität. Und denkt Euch, Kamerad, welche Ausſichten uns überdies aus der Ausführung unſers Plans erblühen! Haben wir den naſeweiſen Burſchen, dann giebt ihn König Karl nicht eher wieder heraus, bis Jacob Stuart König von Eng⸗ land iſt.“ Flaxmann's bleiches Geſicht überzuckte bei dieſen Worten eine glührothe Flamme. †„Drauf und dran denn!“ jubelte er,„laßt uns keine Stunde verlieren, Kamerad! Das Gerathenſte iſt, Ihr beſteigt meine Schaluppe mit, wir laviren an der ſchoniſchen Küſte hin, gleichſam als wären wir 136 ein großes Fiſcherboot, und ſtechen in der Nacht hin⸗ über auf die kopenhagener Rhede.“ „Doch erſt müſſen wir unſere Spione ausſchicken,“ warf Norcroß ein. Wir können nicht auf's Gerade⸗ wohl nach Seeland gehen und die Ausführung unſers Plans dem Zufalle überlaſſen. Nein, mein Freund, wir müſſen vorher genau vom Thun und Treiben des Kronprinzen unterrichtet ſein, eh' wir etwas un⸗ ternehmen.“ „Aber wen gedenkt Ihr als Spion auszuſchicken, Kapitän?— Könnt' ich die Züge meines Geſichts unkenntlich machen, ſo taugte Niemand beſſer dazu, als ich ſelbſt.“ „Da dies unmöglich iſt, und weder Euere Lage noch Euer Geſundheitszuſtand geſtatten, daß Ihr Euch ſolcher Gefahr ausſetzet, ſo paßt Niemand auf dem Schiffe beſſer dazu als ich und mein Juel. Ja, wenn Ihr Euern Courtin noch bei Euch hättet, der wäre der geſchickteſte Mann zu dieſem Geſchäfte. Doch wie? Sagtet Ihr mir nicht, daß er unter Tordenſchild Dienſte genommen?“ „So iſts.“ „So kann er uns nützlich werden, wenn er im Hafen iſt. Und ſeit feinem Angriff auf Göthenborg und Strömſtadt verhält ſich Tordenſchild ziemlich ru⸗ hig. Ihr gebt mir einen Brief an Courtin.“ „Mit Freuden, und daß mir die gute Haut noch eben ſo treu ergeben iſt, wie ſonſt, leidet wohl keinen Zweifel. Doch da Ihr eben Tordenſchild's Angriff auf Göthenborg erwähnt habt, ſo erzählt mir doch von dieſem tollkühnen Unternehmen etwas Näheres. Es fand kurz vor meiner Flucht aus Kopenhagen ſtatt, und ich hörte nur Unzuſammenhängendes davon erzählen, auch war ich viel zu ſehr mit mir ſelbſt beſchäftigt, um ———— 137 einer andern Angelegenheit als der meinigen gehörige Aufmerkſamkeit ſchenken zu können. Ihr wißt, in welchem Zuſtande ich nach Stockholm kam, und doch habe ich gemerkt, daß Ihr einſt an meinem Lager ſaßet und von einem Ueberfall des däniſchen Toll⸗ kopfes erzähltet. Das Fieber hat mich den Sinn Euerer Worte nur halb faſſen laſſen; auch habt Ihr, ſo viel ich mich erinnere, nicht ausführlich berichtet. Ferner ſeid Ihr mir auch die freundſchaftlichen Er⸗ örterungen über Euere eigene Perſon auf Euerer Reiſe ſchuldig, und ich bitte Euch höflich darnm.“ „Wie gern erfülle ich Eueren Wunſch, Lieutenant,“ entgegnete der Kaperkapitän freundlich,„denn es ge⸗ währt einem muthigen Herzen— und ich denke, die⸗ ſer Name wird Euch nicht als gemeines Selbſtlob klingen— zum Genuß, ſchwerbeſtandene Gefahren und gewaltige Lebensmomente in die Erinnerung her⸗ auf zu beſchwören und mit dem Worte wieder zu be- leben. Sobald wir unſer Mahl eingenommen haben, wollen wir den Tag mit gegenſeitiger freundlicher Mit⸗ theilung zubringen, von der Vergangenheit reden und an die Zukunft denken. So bringen wir bis zum Abend zuſammen auf der Fregatte zu, und laſſen ſie hernach in den Göthaborger Hafen einlaufen, während ich mich mit Juel in engliſcher Matroſentracht von Meiſter Ebbe Reetz in einem kleinen Boote an die ſeeländiſche Küſte bringen laſſe. Reetz iſt ein Däne und kann mir nützlich ſein. Ihr aber geht in Euerer Schaluppe nach Schonen, ſtreicht an der Küſte hin und haltet im Hafen von Karlskrona an. In der morgenden Nacht aber ſtecht hinüber nach Kopenhagen zu und legt Euch unter die Brücke bei Güldenlund, dort werd' ich entweder ſelbſt ſein, oder Euch Nachricht von mir — geben. Unterdeſſen werde ich das Nöthige ausgekund⸗ ſchaftet haben.“ „Um Eins bitte ich Euch, Kamerad, vergeßt nicht, daß mein Herz dort ſeinen Ankergrund hat. Es giebt Euch den Auftrag, nach Chriſtine von Ove zu fragen und ihr einen Gruß zu bringen.“ „Ich werde Euer Liebesbote ſein. Ich muß ja ohnedieß in das Haus des Vice⸗Statthalters; denn ich ſehe nicht gut ein, wie wir unſern Plan ohne Friederikens Beiſtand ausfü ren ſollten.“ „Rechnet nicht auf ſie, Kapitän! Sie liebt ihr Vaterland zu ſehr, um ſich zu einem Schritte zu ver⸗ ſtehen, der ſie vielleicht ſpäter den Vorwürfen ihres eigenen Gewiſſens blosſtellte.“ „Auch werde ich ihr nicht unklug den ganzen Um⸗ fang unſeres Planes enthüllen. Sie haßt den Kron⸗ prinzen, wie Ihr mich ſelbſt verſichert habt, ja ſie haßt den ganzen däniſchen Hof und wird gern die Hand bieten, Euch Gelegenheit zur Rache zu verſchaf⸗ fen, zu der ſie ſelbſt Euch antrieb. Von dieſer Seite faſſ ich ſie.“ „Ein Mittel bleibt Euch immer, ſie zu Allem zu bewegen, was Ihr wünſcht. Ihr werdet aber keinen Gebrauch davon machen.“ „Im äußerſten Falle von jedem.“ 139 14. Erzählung. Die beiden Kaperofficiere ſpeiſten in der Kajüte allein, und leerten auf das glückliche Gelingen ihres gewagten Unternehmens, von welchem ſie ſich ſo viel verſprachen, ein paar Flaſchen. Hernach, als der Dampf des Grog aus den Gläſern vor ihnen ſtieg, begann Kapitän Norcroß: k „Ihr wünſcht zuerſt einige nähere Nachrichten von dem tollkühnen Angriff des däniſchen Viceadmirals Tordenſchild auf Göthaborg zu hören. Wahrlich, ich liebe dieſen jungen Feuerkopf— er iſt in unſerm Al⸗ ter— obgleich er unſer Feind iſt, und ich wünſche nichts ſehnlicher, als mich einmal mit ihm meſſen zu können. Entweder ich bliebe todt auf der Stelle, oder ich trüge über Tordenſchild den Sieg davon, und König Karl erhöbe mich zum Schout⸗by⸗Nacht oder Admiral. Dieſes Verlangen führte mich ihm bei Gö⸗ thaborg, oder vielmehr bei Elfsborg entgegen, ich glühte vor Begierde, ihm die Spitze zu bieten und ſein Schiff in den Grund zu bohren. Ich, ich allein wollte den Ruhm des Sieges haben, ich geizte nach dem Tod oder der Ehre, Tordenſchild bezwungen zu haben. Aber wen das Glück flieht, der ſtrengt ver⸗ gebens alle Kräfte an. Wäre nur die Glücksgöttin meinem Muthe gerecht, der Name Norcroß ſollte bald über dem Namen Tordenſchild glänzen. Durch die vielen und anſehnlichen Priſen, welche ich den ſchwediſchen Häfen zugeführt hatte, war ich dem Könige, dem Grafen Mörner und dem Gouver⸗ neur Gadenhielm lieb geworden, und erfreute mich mancher Gnade. Außerdem ſtanden mir in Stockholm alle Häuſer offen, ich erbielt ſchmeichelhafte Einladun⸗ gen, und der Gouverneur Gadenhielm bot mir ſogar ſeine Schweſter zur Ehe an, da er von meiner Ver⸗ lobung mit dem Fräulein Broke nicht unterrichtet war. Mit meinem erhöhten Anſehn vermehrte ſich auch die Anzahl meiner Feinde. Ein Fremdling, der beim Landesherren in Gunſt ſtht und von ihm befördert wird, muß allezeit erwarten, von denen heimlich be neidet und verfolgt zu werden, deren Ehrgeiz ſich ge⸗ kränkt und zurückgeſetzt fühlt. Viele derſelben hatten ſich hinter des Königs Adjutanten, den Baron Feiff, geſteckt und dieſen beſtimmt, mir bei der Majeſtät zu ſchaden. Es war zu Anfang Mai, als ich, von ei⸗ nem einträglichen Streifzug auf der Nordſee zurückge⸗ kehrt, die Ehre hatte, in des Königs Kabinet geführt zu werden, damit ich ihn von meiner Reiſe und über den Werth meiner Priſen Bericht abſtatten möchte. Der Adjutant, welcher ſonſt immer um des Königs Perſon iſt, war eben nicht gegenwärtig. Da fragte mich der König: Was habt Ihr und Feiff mit einan⸗ der? Ich verſetzte, daß ich noch niemals die Ehre ge⸗ habt habe, Se. Ercellenz den Herrn Baron Feiff zu ſprechen, und daß ich, meines Wiſſens, nichts gethan hätte, womit ich ihn hätte auf mich erzürnen können. Seine Majeſtät ſagte hierauf: Er ſagt, daß Ihr ein Seeräuber ſeid. Mit tiefer Ehrerbietung entgegnete ich wiederum: Wenn ein von Ew. Majeſtät eigends auf eins von Höchſtdero Schiffen beſtellter Kaperka⸗ pitän, der ſich in Ausübung ſeiner Dienſtpflicht ſtreng und auf's Gewiſſenhafteſte an die Verhaltungsbefehle Ew. Majeſtät gehalten, und alle Schiffe, welche Ew. Majeſtät als feindliche erkennen und erklären, mit ge⸗ ———— — 4 141 troſtem Muthe auf offener See angegriffen und die, ſo er beſiegt— und das waren die meiſten— nach Recht und Gewiſſen in die Häfen Ew. Majeſtät abge⸗ liefert und niemals etwas von der Beute für ſich be⸗ 3 hat, wenn ein ſolcher Mann ein Seeräuber heißt, ſo verdiene ich freilich dieſen Namen, den mir der Herr Baron Feiff beizulegen beliebt hat.— Meine Rede ſchien dem Könige gefallen zu haben; denn er ſagte mit heiterm Geſichte auf's gnädigſte: Thut, was Euere Pflicht iſt! Wir wollen nichts glau⸗ ben von Allem, was zu Euerer Verkleinerung geredet wird. Nehmt eine günſtige Stunde wahr, Euch recht vortheilhaft auszuzeichnen,— Ihr habt die Mittel dazu— und Ihr ſollt ſehen, daß Ihr an mir einen gnädigen König habt, der das Verdienſt würdig zu belohnen weiß.* Dieſe Worte aus dem Munde eines ſolchen Hel⸗ den mußten mich natürlich auf das Lebhafteſte an⸗ feuern und mich nichts ſehnlicher als die günſtige Stunde wünſchen laſſen, von welcher der König ge⸗ redet hatte. Die Anklage beim König gegen mich be⸗ ruhte auf nichts weiter, als weil ich einige Schiffe genommen hatte, die ſo gut als im holländiſchen Ein⸗ lauf waren, indem man behauptete, ich ſei zu weit gegangen und habe des Königs Befehle übertreten oder nach Willkühr gedeutet. Allein noch im vorigen Jahre, bevor der Baron Görz nach Holland ging, begegnete ich ihm einmal auf dem Ritterholm. Um ihn waren viele der vornehmſten Hofherren, und ich ging mit andern Seeofficieren. Als er mich zu Geſicht bekam, hatte er die Gnade, ſtehen zu bleiben und mich nach meinen Angelegenheiten zu befragen. Bei dieſer Ge⸗ legenheit nahm ich mir die Freiheit, ihn zu bitten: Ob es mir nicht erlaubt wäre, an die ſüdliche Seite der Doggerbank zu gehen. Der Freihen mir laut, ſo daß es Alle hören gehen, wohin Sie wollen, Kahitän, und wie es Ihnen gut dünkt. Niemand iſt Wille nen Rechenſchaft über Ihr Thun und Laſſen abf dern; denn Se. Majeſtät ſind mit e noch unternommen haben, vollkommen zufrieden— Dieſe Worte haben mir viele Feinde gemacht man hat es mir ſehr zur Laſt gelegt, daß ich nach ihnen gehandelt habe. Dies nur beiläufig, um Euch Alles zu erklären, mein werther Freund und Kamerad. Die erſehnte Stunde ſollte bald kommen, leider ſtand mir in ihr das Glück nicht bei und ſauſte vorüber, ohne mir die ge⸗ hofften Früchte zu hinterlaſſen. Elf Tage nach dieſer meiner Unterredung mit des Königs Majeſtät fand Tordenſchild's unerwarteter Ueberfall ſtatt. Ich war zwei Tage vorher von Stockholm angelangt und hatte meine Fregatte beſtiegen, die in der Nacht des 14 Mai bei dem alten Werf, beim Elfsborger Caſtell vor Anker lag. Wir hatten zwar erfahren, daß mehre Schiffe nach Fladſtrand, uns gegenüber in Jütland, gebracht worden ſeien, da man aber den Zweck der⸗ ſelben nicht ahnete, ſo bekümmerten ſich die Schweden nicht darum. Inzwiſchen wurde vom Gouverneur Godenhielm doch die Vorſicht gebraucht, den Götha⸗ borger Hafen des Nachts mit einem Querbaum zu verſchließen. Der Admiral Strömſtierna lag ohnfern von mir mit der ſchwediſchen Flotille, über die er das Commando hatte, bei dem neuen Werf. Gegen ein Uhr in der Nacht wurden wir durch Allarmſchüſſe vom Neuelfsborger Caſtell aufgeſchreckt; wir ſahen die dä⸗ niſche Flotille, die aus zwei Kriegsſchiffen, zwei Ge⸗ ſchützbramen, elf Galeeren und vierzehn bewaffneten * 143 Schaluppen beſtand, in einiger Eutfernung ſchwimmen, und zur ſelbigen Zeit wurde es von Elfsborg am Ufer kund, daß der Feind im Anzuge ſei. Jetzt hörte man weithin bis nach Göthaborg hinüber ſchleunige War⸗ nungsſchüſſe. So eilig als möglich ließ ich ein Boot ausſetzen und ruderte hinüber zum Admiral, um mir V haltungsbefehle auszubitten. Er rieth mir, mich dem Feinde geradezu entgegen zu werfen. Dies war mir aus der Seele geſprochen. Ich flog zurück auf mein Schiff. Aber denkt Euch meinen Schrecken! Die meiſten meiner Leute ſind an's Land geſtiegen und un⸗ ſer Gad hülf⸗ und troſtlos, ſchickt ſich eben an, mein edles Schiff zwiſchen dem alten Werf und Helſingland in den Grund zu ſenken, damit es den Dänen nicht in die Hände fallen ſoll. Ich hätte den Mann, der es doch gut meinte, in der erſten Wuth faſt ermordet. Außer mir ruderte ich mit Juel an's Land und trieb meine nichtswürdigen Burſche zuſammen; der Junge lief wie ein Schäferhund umher, um die verlaufenen Schafe aufzutreiben. Der Tag war unterdeſſen an⸗ gebrochen, und ich konnte Tordenſchild's ganze Macht vom Ufer aus erkennen. Meine Jungen ſtanden und gafften. In dem trübſeligen Geſchäft begriffen, ſie zuſammen zu ſchaaren, begegnete ich dem Prinzen von Heſſen⸗Kaſſel und dem Feldmarſchall Mörner. Der Prinz fragte mich: ob ich nicht an der Schlacht An⸗ theil nehmen und mich des Ruhms erfreuen wollte, wider die frechen Feinde des Vaterlandes zu fechten. Ich verſicherte, daß dies mein glühendſter Wunſch ſei, berichtete aber auch zugleich das Unglück, welches mir mit meinen nachläſſigen Leuten widerfahren ſei. Als ich mit meinem zuſammengetriebenen Volk auf der Fregatte anlangte, hatte ſich zu meinem un⸗ ausſprechlichen Mißvergnügen der Wind geändert, und war mir ſo ſehr entgegen, daß ich unmöglich dem Feinde nachkommen konnte. Was half aller Muth, was die ungeheuerſte Anſtrengung? Wir konnten nicht gegen die Rieſenmacht des Elements kämpfen. Ueber mein ungünſtiges Geſchick in Verzweiflung, warf ich mich mit den tapferſten meiner Leute in meine Scha⸗ luppe und ruderte auf die däniſche Flotille zu am neuen Werf vorüber. Ohnfern demſelben ſtieß ich auf eine feindliche Galeere von Chriſtiansſand, Louiſe ge⸗ nannt. Wir enterten raſch, und ich befahl meinen Leuten, mir mit bewaffneter Hand zu folgen. Mit bloßem Degen ſchwang ich mich in die Galeere, meine Burſche mir nach, aber in demſelben Augenblicke warf ſich die Mannſchaft auf der andern Seite in die Scha⸗ luppe, einige Verwundete ausgenommen. Meine Sorge ging nun auf dieſe. Mein gehoffter Ruhm beſchränkte ſich darauf, daß ich eine Galeere erobert hatte; doch hatte ich die Freude, daß nach einigen Stunden der Prinz von Heſſen⸗Kaſſel, der Feldmarſchall Mörner und der Admiral Strömſtierna an Bord dieſer Ga⸗ leere kamen. Unterdeſſen hatte die Hauptſchlacht, an der ich keinen Theil hatte nehmen können, für die Schweden eine günſtige Wendung genommen. Der Vice⸗Admiral Wilſter, welcher erſt den Dänen gedient, vor zwei Jahren aber zu den Schweden übergegangen war, lag im Göthaborger Hafen. Er ſchickte bei An⸗ näherung des Feindes zu dem in der Nähe liegenden Prinzen von Heſſen⸗Kaſſel und dem Feldmarſchall Mörner, und dieſe beſetzten ſofort mit zwei Regimen⸗ tern beide Ufer der Göthaelf. Das war früh um zehn Uhr. Dennoch wagte ſich Tordenſchild Nachmit⸗ tags mit ſeinen Schiffen zwiſchen die Batterien und unter das Geſchütz der Feſtung Elfsborg, welche— wie Ihr wißt— mitten im Hafen liegt, gegen den 145 göthaborger Hafen, welcher aber mit einem Querbal⸗ ken verſchloſſen war. Das hatte er nicht erwartet. Sobald er angekommen war, ließ er Stadt und Flotte heftig beſchießen, aber das ſchwediſche Geſchütz aus drei Schanzen, von den Schiffen und aus den Feſtun⸗ gen Elfsborg und Güldenborg, auf ihn abgefeuert, trieb ihn nach einem fünfſtündigen Gefecht zurück. Er hatte eins unſerer Kriegsſchiffe und die göthaborger Seilerwerkſtätten eingeäſchert. Er ſelbſt hatte viele Leute eingebüßt, und außer der Galeere, die ich ge⸗ nommen, noch eine andere. Hernach kreuzte er vor dem göthaborger und marſtrander Hafen, wurde durch vier Schiffe des Admirals Bing verſtärkt, und brachte bald zwölf ſchwediſche Handelsſchiffe auf, die freilich für Schweden ein großer Verluſt waren. Darauf griff er am neunzehnten Juli die Stadt Strömſtad an, in welche König Karl durch eine kleine Flotte Lebensmit⸗ tel zu ſeinem norwegiſchen Zuge zuſammenbringen ließ. Obgleich unſer König vorſichtig geweſen war und ei⸗ nen ſolchen Angriff erwartet hatte, ſo brach Torden⸗ ſchild doch mit ſolchem Ungeſtüm herein, daß er zwei unſerer Batterien eroberte und vernagelte, und die Stadt mit ſeinem Geſchütz beſchädigte. Aber als er landen wollte, brach der General⸗Major Gierta hinter einem Felſen hervor und gab Feuer auf die Schiffe. Tordenſchild wurde ſelbſt von zwei Kugeln getroffen und zwei ſeiner Galeeren faſt von BVolk entblößt. Er mußte ſich zum Rückzug bequemen; da er aber die Galeeren durchaus nicht im Stiche laſſen wollte, ſo wandte er ſich in der augenſcheinlichſten Gefahr, wahr⸗ haft tollkühn, noch einmal gegen das Ufer. Die Ret⸗ tung der Galeeren gelang wirklich einem Seekadet und einem Bootsmann, Namens Elias Wulf, den Meiſter Reetz gut kennt. Dieſe ruderten durch die ſchwediſchen Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XII. 10 Kugeln unbeſchädigt durch, banden die Galeeren an Riemen und zogen ſie nach. Dieſer Wulf legte eine Probe von Muth ab, wie man ihn nur wenig findet. Er hatte gemerkt, daß ſich ſeine Leute vor den ſchwe⸗ diſchen Flintenkugeln fürchteten, er zog ſich alſo nackt aus und ſtellte ſich auf das oberſte Verdeck vorn an. Nun ſtieß er die abſcheulichſten Scheltworte gegen die Schweden aus und höhnte ſie ſo mit beſchimpfenden Geberden, daß ſie im höchſten Zorn ihre Gewehre alle auf ihn richteten. Die Ruderer wurden dadurch verſchont und trieben ihr Schiff mit Windes⸗Eile der Galeere zu. Aber eben dieſe Haſt rettete dem toll⸗ kühnen Bootsmann das Leben, keine einzige Kugel traf ihn, und es hieß allgemein, er habe mit dem Teufel einen Bund gemacht. Die Schweden hatten viele Leute verloren. Am dreizehnten Auguſt ſuchte Tordenſchild ſeinen Zweck durch Bomben, die er in die Stadt warf, zu erreichen. Auch dieſer Plan miß⸗ lang. Die Schweden waren auf ihrer Hut. Sobald aber wir, mein Freund, unſern Plan ausgeführt haben werden, iſt Schweden für immer all dieſer Plackereien überhoben, und der tapfere Tordenſchild wird am Ingrimm, uns nicht mehr tücken zu können, um⸗ kommen.“ „Wir werden viele tauſend Menſchen glücklich ma⸗ chen,“ verſetzte Flarmann.„Kinder und Kindeskinder werden uns dafür ſegnen. Doch ſeht, der Abend naht; erzählt mir nun auch von Euerer Reiſe nach Frank⸗ reich und zum Baron Görz und ſagt, was Euch ſo lange aufgehalten. Unterdeſſen wird die Nacht heran⸗ kommen, die uns trennt.“ 8 „Es ſei!“ entgegnete der Kapitän.„Ich hatte vier Schiffe und gedachte mich zum Vortheile unſers Königs wacker zu regen. Drum belud ich einige die⸗ 147 ſer Schiffe mit Eiſen und ging mit meinem Graf⸗ Mörner nach Amſterdam. Hier machte ich guten Han⸗ del und ſegelte von da nach Frankreich, um den Ba⸗ ron aufzuſuchen. Unterwegs brachte ich ein paar Schiffe auf, die ich nach Schweden ſchickte. Darunter war auch ein franzöſiſches. Ueberhaupt waren von ſchwedi⸗ ſchen Kapern zeither mehre franzöſiſche Schiffe aufge⸗ bracht worden. Der Kapitän Wernar in Dünkirchen wirkte daher einen Befehl vom Hofe in Paris aus, daß ich im Hafen Mardique, in welchen ich eingelau⸗ fen war, angehalten wurde. Ich übergab dem Kapi⸗ tänlieutenant Gad das Kommando und reiſte unver⸗ züglich nach Paris. Allein zu meiner Beſtürzung fand ich den Baron nicht mehr; er war abgereiſt. Nun zog ich einen Wechſel von vierzigtauſend Gulden auf einen Wechsler in Amſterdam, um dem Baron nur ſchnell nachreiſen und dann meine Schiffe auslöſen zu können, aber beſagter Kapitän Wernar hatte mir auch den Credit abgeſchnitten, und ich hatte weder Schiffe noch Geld. Nun reiſte ich mit dem Wenigen, was mir übrig geblieben war, zu unſrer Königin Maria nach St. Germain, und ſie war der einzige Menſch, der ſich meiner verdrießlichen Sache annahm. Zwar wurde ich lange aufgehalten, aber es gelang ihr doch, mir endlich einen Befehl vom Herzog⸗Regen⸗ ten auszuwirken, kraft deſſen mir meine Schiffe aus⸗ geliefert wurden.“ Der Lieutenant Flaxmann war bei Nennung der verwitweten und vertriebenen Königin von England von Rührung ergriffen worden.„Wie befindet ſich unſre theure Königin?“ fragte er mit weicher Stimme. „Sie iſt alt und ſchwach und lebt ein frommes, gottſeliges Leben. Ihr Hoſſtaat iſt ſehr klein; ihre Mittel ſind kaum die einer adligen St 10* „Gott ſegne ſie und erhalte ſie noch lange!“ ſtam⸗ melte Flaxmann. „Wer wollte nicht mit Euch wünſchen, daß ſie noch ſo lange lebte, bis ihr königlicher Sohn wieder in das Reich ſeiner Väter eingezogen und die, welche 6 ihn geboren hat, wieder mit den Inſignien und Wür⸗ den einer Königin von England geſchmückt iſt.“ Flaxmann ſeufzte. „Aber merkwürdig iſt's und bleibt's doch,“ fuhr Norcroß fort,„daß ſich die alte Dame niemals um das Schickſal ihres Sohnes, des Prätendenten, be⸗ kümmert. Sie kommen nicht zu einander, ſie fragt nicht nach ſeinen Hoffnungen und Planen in Betreff Eng⸗ 3 lands. Sie treibt nur immer Bußübungen und ſcheint 3 vom Himmel Vergebung irgend einer Schuld erflehen zu wollen.“ „Fahrt in der Erzählung Euerer Reiſe fort, Ka⸗ merad,“ bat der Lieutenant mit bewegter Stimme. Norcroß ſah ihn verwundert an und ſprach weiter: „Ich verkaufte eins meiner Schiffe und ging mit den 3 beiden noch übrigen in See. Aber ein mir entgegen⸗ brauſender Sturm warf mich in denſelben Hafen zu⸗ rück. Und denkt Euch, ich werde zum zweitenmale an⸗ gehalten. Nun hätte ich mich vielleicht durch Bitten und Streiten wieder losmachen können, allein es wäre viel Zeit unnütz verloren gegangen, und ſie war mir lie⸗ ber als Alles; denn es drängte mich, mit dem Ba⸗ ron über unſern Plan zu verhandeln. Daher opferte ich das andre Preßſchiff— und darauf war ja eigent⸗ lich der ganze Handel abgeſehn— und lief mit dem Graf⸗Mörner aus. Ich machte bald mehre Priſen. Ohne Fährte langte ich in Loo an; ich fand den Baron bis über die Ohren in diplomatiſchen Arbeiten, er war am Friedensvertrag mit Rußland. Meine Sachen gingen, wie ich Euch ſchon geſagt, trefflich. Wir habeu uns ſeiner ganzen Genehmigung und Un⸗ terſtützung zu erfreuen. Auf dem Wege heimwärts habe ich wieder anſehnliche Priſen gemacht, ſo daß ich mein Schiff faſt von gebornen Schweden habe ent⸗ blößen müſſen, weil ich jedes mit einem ſolchen dem König überſchickt habe. Auch warf mich ein Sturm an den engliſchen Wall, ſo daß ich faſt meinen lieben Graf⸗ Mörner und mein Leben ſelbſt eingebüßt hätte. Doch entging ich dem Schickſal diesmal noch, wider mein eignes und meiner Leute Hoffen und Erwarten. Meine Reiſe hat unſerm König wenigſtens funfzigtauſend Tha⸗ ler eingebracht, aber ich denke, der letzte Wurf der⸗ ſelben ſoll ihm Alles einbringen, was er nur wünſcht und begehrt!“ „Gott gebe, daß der Wurf gelinge!“ ſagte Flax⸗ mann; und das Schiff hielt inne, weil die Stunde der Trennung gekommen war. 15. Ein Rendezvous. Es giebt Gemüther, an denen die Schwermuth nicht haftet; ſie bleiben ſich in allen Lebenslagen gleich, heitre Gemälde, lachend, ſelbſt wenn das Unglück durch das Haus ſchreitet. Dieſer Frohſinn iſt das Kind flacher Naturen. Sie ſind der Freude, die die Seele berauſcht, ſo wenig zugänglich, wie dem Schmerze, 150 der die Seele läutert und erhebt. Jene Gemüther gleichen dem ſeichten Dümpfel, den ſelbſt der Sturm nur leiſe kräuſelt, deſſen Oberfläche aber auch nur von den Strahlen der Sonne erhellt und nie mit Regenbogen⸗ farben geſchmückt wird. Ein wahrhaft heitres Gemüth iſt für Freude und Schmerz gleich empfänglich, nur hat der Schmerz keine bleibende Stätte bei ihm, wie die Freude, Die Freude iſt ihm die Lebensnahrung, der Schmerz das Salz. Ein ſolches Gemüth iſt ein reiner, tiefer See in einem grünen Thale; ſtolze Berghäupter ſpie⸗ geln ſich darin, klares Kies deckt den Boden, Fiſch⸗ lein ſchwimmen munter darin und die Strahlen der Sonne erhellen das Waſſer bis auf den Grund. Aber wenn ein Sturm durch die Thalſchluchten herabbrauſt, ſo thürmen ſich Wellen, es tobt im Schooße des Sees — aber trübe wird er nicht. Chriſtine von Ove glich dem Waldſee, den der Sturm eben gepeitſcht und die Sonne noch mit keinem Blick wieder erfreut hatte. Demohngeachtet war ſie ruhig und wehmüthig⸗heiter, während Friederike dem grollenden Bergſtrome glich, der ſich ſchäumend durch die Thalwindungen drängt, von den Höhen ſtürzt und an den Felſen ſtößt, die ſeinem wilden Laufe entge⸗ genſtehen. Beide Mädchen lebten zurückgezogen im Garten des Vice⸗Statthalters. Chriſtine hatte, in Ungnade ge⸗ fallen, ihre Stelle als Hofdame der Königin nieder⸗ legen müſſen. Selten zeigten ſie ſich öffentlich. Die Zungen des Hofs und der Stadt ermüdeten endlich, ſie zu bearbeiten, da ſie ſich um alles über ſie im Um⸗ ſchwung gehende Gerede nicht kümmerten. Der Vice⸗ Statthalter ſorgte zwar für den anſtändigen Unterhalt der beiden Mädchen, aber er zürnte ihnen, die es wag⸗ ten, den Hof zu verachten. So lebten ſie ein ſtilles 151 ungeſtörtes Leben, das allein von der Sehnſucht be⸗ wegt wurde, von jenen beiden Männern zu hören, welche der Gegenſtand ihrer täglichen Unterhaltung waren. So war ihnen von Hoffnung und Furcht bewegt der Sommer vergangen. Da nahm Chriſtine in Frie⸗ derikens Weſen plötzlich etwas ihr Fremdes wahr. Sie bemerkte es nicht mit den äußern Sinnen, aber es wehte ſie kühl und unbefriedigend von der Freundin an, daß ſie eine Verſtimmung erlitt, die ſie nicht ver⸗ bergen konnte. Eines Abends ſetzte ſie ſich, um den Gefühlen ihrer Wehmuth ungeſtört nachhängen zu können, im Garten in eine entfernte Laube. Friederike war aus⸗ gegangen. Es dunkelte, und über den Garten flogen die Nachtſchatten des Herbſtes. Die Natur harmonirte mit Chriſtinens Seele. Ein Geräuſch erregte ihre Aufmerkſamkeit, welches ohnfern der Gartenmauer, an welche die Laube gelehnt war, entſtand, gleichſam als habe ſich Jemand an der Mauer herabgelaſſen, und wurde von ihr bald als leiſe ſchlürfende Fußtritte er⸗ kannt, welche näher und näher kamen. In eine Ecke geſchmiegt wartete Chriſtine mit klopfendem Herzen. Es kam herangeſchlichen und trat in die Laube. Das Mädchen wagte kaum zu athmen. Schon glaubte ſie ſich von Dieben und Mördern um⸗ ringt. Ihre Blicke flogen nach dem vordern Raume der Laube, wo ſie aus dem Hintergrunde des noch von einem Lichtſtreif erhellten Weſthimmels die Umriſſe einer kleinen männlichen Geſtalt gewahrte, die mit Behutſamkeit aus der Laube heraus nach dem Gar⸗ tenhauſe hin zu lauſchen ſchien. In dieſer Stellung verhielten ſich Beide eine kurze Zeit, bis die Garten⸗ thür geöffnet wurde und Schritte ſich hören ließen, 152 welche Chriſtine für die ihrer Freundin erkannte. Dieſe Schritte führten nicht nach dem Hauſe, ſondern nach der Laube, in welcher die geängſtete Chriſtine und die kleine räthſelhafte Geſtalt verborgen waren, und wur⸗ den leiſer und vorſichtiger, je näher ſie kamen, ſo daß es Chriſtinen endlich dünkte, als ſchliche die Nahende auf den Zehen. Endlich war Friederike an der Laube und fragte mit leiſer Stimme hinein:„Biſt Du da?“ „Ja, gnädiges Fräulein,“ verſetzte eine Jünglings⸗ ſtimme ebenfalls leiſe. Friederike trat herein und ſetzte ſich vorn auf die⸗ ſelbe Bank, auf welcher hinten Chriſtine ihren Platz hatte. Der Fremde blieb ehrerbietig mit unbedecktem Haupte ſtehen. „Was habt Ihr heute ausgerichtet?“ fragte Frie⸗ derike haſtig. „Courtin habe ich endlich aufgetrieben. Er iſt heute mit einem Kriegsſchiff, das in Jütland gebaut worden iſt, im Hafen eingelaufen, aber den Brief des Lieutenants haben wir ihm noch nicht gegeben; wir trauten ſeiner Flagge nicht ganz, und der Kapitän ſagte, es wäre am beſten, wenn er ſelbſt mit Euch ſprechen könnte, gnädiges Fräulein. Er meint, das Schreiben wäre gefährlich; der Brief könnte mir ab⸗ genommen werden, dann wären wir Alle verrathen.“ „Ich ſeh' auch nicht ein, was mir der Kapitän noch zu ſchreiben hat?“ verſetzte Friederike;„aber es ſcheint mir in der That, als traue er auch meiner Flagge nicht. Wenn die ganzen Anſtalten weiter nichts bezwecken, als eine einfache Herausforderung des Kron⸗ prinzen von Lord Palmerſton, ſo begreife ich nicht, was da viel zu ſchreiben und zu reden iſt. Schen geſtern Abend ſagte ich Dir, ich wünſche eine ſolche Herausforderung, und wenn der Thronfolger feig ge⸗ 153 nug ſein ſollte, das Duell auszuſchlagen, ſo billige ich es ſogar, daß Ihr ihm einen Denkzettel anhängt. Ich ſagte Dir ſchon, daß der Kronprinz von früh bis neun Uhr allein auf ſeinem Zimmer ſei und daß ich es ſelbſt übernehmen wolle, die Herausforderung des Lords in ſeine Hände zu ſpielen; ich habe Dir ferner geſagt, daß er von neun bis elf um die Thore ſpa⸗ zieren reitet, meiſt mit einem kleinen Gefolg. Doch noch ſchicklicher, eine Realſatisfaction zu nehmen, ſobald er das Duell verweigert, ſind ſeine Jagdritte. So wird er z. B. übermorgen dieſelbe Tour machen, welche er im vorigen Jahre an jenem Tage mit dem Czaar und der Czaarin machte, an welchem Kapitän Nor⸗ croß meine Wenigkeit von dieſer Inſel entführte Hier bieten ſich unvergleichliche Gelegenheiten, ihm mit ein paar handfeſten Burſchen zu Leibe zu gehen. Was will der Kapitän noch weiter? Aber er hat andre Pläne, und wenn er mich ſeines Vertrauens nicht wür⸗ dig hält, ſo werde ich der ganzen Sache wegen keinen Schritt weiter thun; denn Ruhm und Ehre iſt wahr⸗ lich nicht dabei zu gewinnen.“ „Eben darum will der Kapitän ſelbſt mit Euch reden, und er läßt Euch dringend erſuchen, ihm dieſen Abend eine Unterredung in dieſer Laube zu ſchenken.“ „Wo denkt der Kapitän hin? Ich ihm ein Ren⸗ dezvous geben? Er mag Dir immerhin anvertrauen, was ich wiſſen ſoll.“ „Bitte, bitte, gnädige Dame!“ rief der Schiffs⸗ junge ſchmeichelnd,„ſchlagt es ihm nicht ab! Er hat Euch wahrlich Dinge von der größten Wichtigkeit zu ſagen.“ „Er ſoll ſie Dir in den Mund legen.“ „Unmöglich! Er muß ſelbſt mit Euch reden.“ 154 „Was mag er mir zu ſagen haben?“ rief Friede⸗ rike halb verdrießlich. „Darüber mag er Euch ſelbſt Auskunft geben. Ihr könnt meinen Bitten nicht widerſtehen. Ihr habt ſchon eingewilligt; ich hör' es am Ton Euerer Stimme.“ Indem er dieſe Worte ſprach, ſchlug er, gleichſam vor Freude, die Hände klatſchend zuſammen. „Was thuſt Du?“ ſprach die Dame.„Du wirſt unvorſichtig.“ In dieſem Augenblicke raſchelte es hin⸗ ten an der Mauer, und das Geräuſch eines Sprun⸗ ges in den Garten wurde vernommen.„Was iſt das?“ rief Friederike; aber kaum hatte ſie ausgeredet, als eine Männergeſtalt mit den Worten in die Laube trat:„Es iſt Ihr ergebener Diener John Norcroß, der ſich glücklich ſchätzt, mein gnädiges Fräulein, von Ihrer gütigen Erlaubniß ſogleich Gebrauch machen zu können.“ „Wer hat Euch etwas erlaubt, Kapitän?“ zürnte Friederike.„Euer ſonderbarer Beſuch gleicht einem Ueberfall, und es wäre fürwahr das erſte Mal nicht, daß Ihr auf dieſe Inſel gekommen wär't, mich zu rauben.“ „Wenn dieſer Schelm von Jungen mich betrog und mir das Zeichen gab, bevor er Ihrer Einwilligung gewiß war, ſo zürnen Sie mit der rothbäckigen Katze, aber nicht mit einem Männergeſicht, das vor Freude ſtrahlt, Sie wieder zu ſehen, wenn auch im Schleier der Nacht.“ „Nun ſoll ich gar Euere Keckheit mit Euerer Freude entſchuldigen. Wenn Ihr doch nur vorausgeſetzt hättet, daß mich Euere Gegenwart nicht ganz unangenehm be⸗ rühren würde.“ „Und darf ich das nicht hoffen?“ rief Norcroß 1⁵5 feurig.„Soll ich glauben, daß ich Ihnen gleichgültig geworden bin?“ „Ihr werdet unbeſcheiden, Kapitän! Wie befindet ſich Euere Frau? Gewiß in erwünſchtem Wohlſein. Was habt Ihr mir ſonſt Wichtiges zu ſagen? Euer Bube hat viel Aufhebens von den Dingen gemacht, die ich aus Euerm Munde erfahren ſoll.“ „Sie ſind grauſam, Fräulein. Noch einmal ſchiebe ich die Schuld meines Kommens auf Juel. Er hatte Befehl von mir, durchaus nicht eher zu klatſchen, bis Sie die völlige Erlaubniß zu meinem augenblicklichen Erſcheinen ertheilt haben würden. Ich werde ihn hart ſtrafen wegen Uebertretung meines Befehls.“ „Nimmermehr!“ rief Friederike. Hört Ihr, Kapi⸗ tän? Ihr ſtraft ihn nicht!“ „Ich werde Euerm Befehl beſſer nachzukommen wiſſen, als er dem meinigen. Doch ich bin nun ein⸗ mal hier. Sie wiſſen es ja, daß John Norcroß kein Sklave der Gewöhnlichkeit iſt, und ich weiß, daß Frie⸗ derike von Gabel mich deshalb nicht tadelt; denn un⸗ ſere Bahnen kreuzen ſich, fern von den betretenen We⸗ gen der übrigen Menſchen.“ „Ihr ſeid mir noch die Antwort auf die Frage ſchuldig geblieben, wie ſich Euere junge Frau be⸗ findet.“ „O, Sie ſind ein trefflicher Arzt für Fieberkranke. Eisumſchläge auf den brennenden Kopf, Eis auf das glühende Herz. Sie haben Recht. Es iſt Wahnſinn, in Fieberglut die Sonne anzubeten, wenn man be⸗ reits mit anderweitigem Lichte verſorgt iſt.“ „Es ſcheint, Ihr ſeid gekommen, mir Galanterien zu ſagen.“ „Beim Himmel, nein! Ich kam— um über An⸗ deres mit Ihnen zu reden. Sie erinnern mich zur 156 rechten Zeit daran. Es iſt nothwendig, daß ich wegen des böſen Handels ſelbſt mit dem Kronprinzen rede. Ich wollte Sie bitten, Fräulein, mir Audienz bei ihm zu verſchaffen.“ „Es würde Euch nichts nützen, und viel ſchaden, Kapitän, wenn Ihr auf geradem und rechtem Wege dieſe Sache abmachen wolltet. Jede Audienz, in welcher Ihr von einer Herausforderung des Lords redet, würde Euch in's Gefängniß bringen. Und des Lords Geheimniß müßt Ihr doch in jedem Falle ſchonen.“ „Welches Geheimniß?“ fragte Norcroß. „Nun— das Geheimniß feiner Brieftaſche. Seid Ihr darüber nicht unterrichtet?“ „Ich weiß von keinem Geheimniß.“ „So wird er es Euch zur rechten Zeit ſchon ſelbſt entdecken. In keinem Fall dürft Ihr innerhalb der Stadt mit dem Kronprinzen reden. Die Herausfor⸗ derung könnt Ihr ſchriftlich an ihn gelangen laſſen.“ „Das möchte uns Alles verderben. Sie rathen ſelbſt zur Vorſicht. Es hieße unſer eignes Spiel verrathen, gäben wir ihm ein Dokument in die Hand.“ „Ich frage nicht, ob Ihr mehr als eine Heraus⸗ forderung bezweckt; aber es will mich ſo bedünken. Uebermorgen wird der Kronprinz auf die Jagd reiten — ſo ſpricht man wenigſtens bei Hofe— und daß ich mich nach ſolchen Bagatellen Eueretwegen erkundige, um Hofgeſchwätze, die mich ſchon lange anekeln, daran könnt Ihr ſehen, wie ſehr ich mich für Palmerſton's Sache intereſſire.“ „Wenn ich gewiß erfahren könnte, welchen Weg er nähme.“ „Auch das ſollt Ihr. Hinwärts reitet er über das Ried und die untere Jagdhütte, herwärts wahrſchein⸗ 157 lich auf das Jagdſchloß und von da am Strande über Güldenlund. Bei Hofe werden dieſe wichtigen Dinge alle vorher ausgemacht und beſprochen. Doch damit Ihr ganz ſicher ſeid, will ich morgen ſelbſt den Kam⸗ merjunker von Raben darnach fragen. Der Pinſel wird glücklich ſein, mir die ganze Nichtigkeit weitläufig zu erzählen. Schickt morgen Abend Euern Buben wie⸗ der her.“ „Sie werden mich ſehr verpflichten. Und nun noch Eins! Lord Palmerſton— oder jetzt Lieutenant Flaxmann— hat mir die zärtlichſten Grüße an das Fräulein von Ove aufgetragen. Ich kann mich mei⸗ ner Fflicht nicht ſelbſt entledigen. Nehmen Sie es über ſich.“ „Laſſen wir dieſe Grüße! Die Verhandlung unter uns muß Geheimniß bleiben. Auch Chriſtine darf nichts davon ahnen. Wozu wär' es auch? Der Lord ſoll ihr lieber einen Brief ſchreiben und ſie mit ſeinen neuen Hoffnungen und Ausſichten bekannt machen.“ „Glauben Sie mir, die Stunde iſt nicht mehr fern, wo Flaxmann das ihm theure Mädchen heim⸗ führen wird. Wir haben jetzt größere Hoffnungen als je, daß Jacob Stuart den Thron ſeiner Väter bald beſteigen wird.“ „Dann iſt die Stunde ihrer Vereinigung gewiß ſehr fern, wenn nicht für immer entſchwunden.“ „Sie ſprechen in Räthſeln.“ „Auch Euch werden ſie ſich löſen, ſo wie ſie ſich mir gelöſt haben. Aber des Einen ſeid verſichert, nur erſt, wenn Jacob Stuart alle und jegliche Hoffnung auf den engliſchen Thron aufgegeben oder verloren hat, erſt dann iſt Möglichkeit vorhanden, daß Chriſtine Flaxmann's Weib werde.“ 158 den zu ſuchen.“ mir die Bahn zum Erſteren. rief Norcroß. uns Beide.“ rike weicher hinzu. „Ich darf nicht in Sie dringen, ſich mir darüber deutlich zu machen, ſobald Sie Gründe vorſchützen, dies mir zu verweigern. Nur die eine Frage erlauben 3 Sie mir noch: werden Sie Chriſtinen nach Schweden folgen, wenn ihr Geſchick ſie dahin ruft?“ „Was ſollt' ich dort? Ich habe nichts in Schwe⸗ „Das Glück, das Ihrer würdig iſt, und das Sie in Dänemark nie finden werden?“ „Mein Schickſal kann ſich nur im wildeſten Sturme des Lebens oder in der tiefſten Ruhe erfüllen. Jeder Mittelweg wird mir verhaßt und verſchloſſen ſein.“ Das Letztere hab' ich getrieben, vielleicht öffnet ſich Ich ſchwör' Euch zu, 3 dieſe Ruhe iſt mir unerträglich, aber ich zwinge mich ſ dazu und werde mich zwingen, bis mein Herz todt iſt. Ihr habt mich ſchwach geſehen, Kapitän, dafür will ich büßen. Oder ich will meinen Zorn am Le⸗ ben auslaſſen, daß Alles verkehrt und dumm, albern und ſchülermäßig in unſerer kleinen Menſchenwelt iſt, und Gottes große Welt doch ſo herrlich, ſo weiſe, ſo unbegreiflich ſchön. Geht, Kapitän! verlaßt mich!“ „O warum mußte das Schickſal uns trennen!“ „O winſelt nicht ſo kläglich! das iſt mir vollends zuwider. Ihr ſeid ein ſchwacher Mann!“ „Ein wahres Wort! Es wäre anders, wenn ich nicht ein ſchwacher Menſch geweſen wäre.“ „Schweigt, ſchweigt, Kapitän, und geht mit Gott! Wir wollen uns nicht wiederſehen; es iſt beſſer für 1„O weh mir!“ rief Norcroß. „Vielleicht ſehen wir uns auch wieder,“ ſetzte Friede⸗ 159 „Und wo? und wann?“ fragte der Kaperkapitän raſch. „Auf dem ſtürmenden Meere, im wüthendſten Auf⸗ ruhr der Wellen, im Schlachtenſturm unter dem Don⸗ ner der Kanonen. Verflucht ſei die widernatürliche Ruhe! Wenn der Odem des Lebens mich wild um⸗ weht, Meereswellen an mir vorüberſauſen, wenn die Kanonenkugel Meeresſchaum aufwühlt, wenn die Ma⸗ ſten ſplittern, dann— dann wird mir wohl ſein. Vielleicht,“ ſetzte ſie mit begeiſterter Stimme hinzu, zerreißt dann eine Kugel aus Kapitän Norcroß Schiff dies wilde Herz.“ Mit ſchnellen Schritten eilte ſie den Garten entlang dem Hauſe zu. „Göttliches Weib, Dich in meinen Armen auf der empörten Meerfluth, und die Könige der Erde wären Bettler gegen mich! O Friederike! Das Leben hat mich betrogen; wohlan, ich will es wieder betrügen. Euch, ihr finſtern Mächte, ſei fortan mein Leben geweiht. Und Du, Kronprinz, ſollſt die erſte Wirkung meines Schwurs ſpüren.“ Juel drängte den Garten zu verlaſſen. Sie ſtiegen über die Mauer. 160 16. Verrath und Treue. Chriſtine, ſtarr vor Verwunderung und Angſt über das, was ſie vernommen, ſchlich auf ihr Zimmer und brachte eine ſchlafloſe Nacht zu. Wenn ſie die Augen ſchloß, ſah ſie einen gräßlich blickenden Mann— ſie wußte es, es war Kapitän Norcroß— mit blutigem Schwerte vor der Leiche des Kronprinzen ſtehen oder mit gezucktem Schwerte auf ihn eindringen, oder ihren Gelielten, Lord Palmerſton, von einer Kugel getroffen, ſich verbluten. Gequält von den Schreckbildern ihrer aufgeregten Phantaſie, erſehnte ſie den Morgen, er brachte ihr keine Ruhe. Zwar wurde ſie nicht mehr von Schreckbildern gemartert, wohl aber von der Ueber⸗ zeugung geängſtigt, dem Kronprinzen und ihrem Ge⸗ liebten drohe ein großes Unglück. Von Jugend auf gewohnt, die Glieder des königlichen Hauſes als heilig und unverletzbar zu betrachten, konnte ſie den Gedan⸗ ken nicht los werden, daß es ihre heiligſte Pflicht ſei, den Kronprinzen vor der Gefahr zu warnen. Ver⸗ gebens ſtellte ſie ſich vor, wie tief ihr Geliebter vom däniſchen Thronerben beleidigt worden ſei; es mahnte ſie ein inneres Gefühl, ſie werde die unwürdigſte Tochter Dänemarks ſein, wenn ſie ihres Vaterlandes und deſſen künftigen Königs ſo gänzlich vergeſſen konnte, daß ſie dem Letztern keinen Wink zukommen laſſe. Auf der andern Seite machte ſie den Schluß, daß die ſtarke, ſtets wahre und gerechte Friederike ge⸗ wiß auch in dieſem Falle das Wahre erkannt haben müſſe und wenn es nöthig ſei, ſelbſt die Schritte ge⸗ 161. than haben würde, um Unglück zu verhüten. Sie verſuchte es, die Schwache, ſich an die Starke zu leh⸗ nen, jene für die Folgen eines Duells oder was ſonſt noch vorgenommen werden ſollte, verantwortlich zu machen, aber dann kam neue Beſorgniß um das Le⸗ ben ihres geliebten Palmerſton über ſie und ſie zit⸗ terte ſchon bei dem Gedanken an die Möglichkeit, daß er verwundet werden könnte. So vom innern Streit gefoltert verging ihr der Morgen, ſie hatte ſich abge⸗ härmt und war doch zu keinem Reſultat gekommen. Vor Allem fehlte ihr der Muth, etwas zu thun. Da trat Friederike zu ihr in's Zimmer mit einem Geſicht voll ſtrahlender Heiterkeit, wie es Chriſtine noch nie an ihr geſehen hatte. Faſt ſchien es, als ob ſie die Rollen gewechſelt hätten; die ſonſt ſo heitere lebens⸗ frohe Chriſtine war in ſich gekehrt, ihr bleiches Ge⸗ ſicht zeigte Spuren tief empfundenen Schmerzes, und in die ſonſt ſo ernſten Züge Friederikens hatte die Sonne der Lebensluſt Frühlingsblumen geſäet. „Ich denke, liebe Chriſtine, nach unſerm Mittags⸗ mahl machen wir einmal einen kleinen Ritt. Ich ſehne mich darnach. Seit drei Tagen ſind wir ohnedies nicht viel zuſammen geweſen.“ „Du fühlſt es ſelbſt, daß Du mich vernachläſſigt haſt.“ „Ach, gutes Kind, Du zürnſt mir doch nicht? Du wirſt mir doch nicht etwa gar umſchlagen und ſenti⸗ mental werden? Nein, nein! Tröſte Dich! Ich habe an einem großen Werke gearbeitet und habe mir vor⸗ genommen, Dich nach deſſen Vollendung in Erſtaunen zu ſetzen.“ „Das wäre!“ verſetzte Chriſtine aufmerkſam.„Und darf man denn gar nichts vorher erfahren? Gönnſt Du mir nicht einmal eine kleine Ahnung?“ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XlI. ik —— 162 „O wenn Dir ſo viel daran liegt, ſo kannſt Du auch Alles vorher erfahren. Ich habe in dieſen lang⸗ weiligen Tagen an der Verſöhnung mit unſerer Fa⸗ milie gearbeitet. Mit dem Herrn Papa bin ich ſchon geſtern wieder ausgeſöhnt und heute hat er mir die tröſtliche Nachricht überbracht, daß er Deine Begna⸗ digung von der Königin erbeten hat. Morgen ſchon ſollſt Du wieder aller Hoffreuden theilhaftig ſein und Deine goldenen Feſſeln anlegen. Hab' ich Dir nicht eine recht große Gefälligkeit gethan?“ „Du ſetzeſt mich in das größte Erſtaunen, Frie⸗ derike. Auch Du wieder bei Hof?“ „Ei, das verſteht ſich! Und zwar mit Dir in gleichen Verhältniſſen, als Hof⸗ und Ehrendame der Königin.“ „Wie konnteſt Du Dich ſo ſchnell verändern?“ „Der Menſch iſt ja einmal ein veränderliches We⸗ ſen und das Weib ganz beſonders. Sagen nicht alle Philoſophen ſo? Warum ſoll ich gerade eine Aus⸗ nahme machen? Ich habe Luſt, mir die Hofnarrethei wieder in der Nähe anzuſehen.“ „Du biſt mir unbegreiflich.“ „Ich bin mir's ſelbſt. Aber hör' nur, ich habe auch ein beſonderes Gelüſten, Komödie zu ſpielen und ſchäme mich doch im Herzen, ſelber auf die Breter zu treten. Ei, ſo will ich mir ein paar Marionetten abrichten; die zieh' ich an meinen Fäden und ſpreche die Rollen hinter den Couliſſen. So ſpiel' ich flott mit und Niemand von den Zuſchauern merkt es. „Aber was ſoll ich unter jenen Larven?“ „Auch eine Larve vornehmen und mitſpielen, gleich mir.“ „Ich will's!“ ſagte Chriſtine halb für ſich, aber in einem ganz andern Sinne, als Friederike es nahm. 163 Sie faßte nämlich in dieſem Augenblicke den Vorſatz, gegen die Freundin ſich zu verſtellen, ſo wie jene ſich unverkennbar gegen ſie verſtellte. „Wohlan denn, ſo komm und beſteige Dein Pferd!“ rief das Fräulein von Gabel.„Der Kronprinz hält morgen Jagd; da werden wir auch mitreiten.“ Chriſtine horchte auf und ſtimmte bei. Sie ver⸗ ließen zu Pferde die Stadt und waren noch nicht lange geritten, als ihnen der Kammerjunker von Raben be⸗ gegnete. Nach dem, was Chriſtine am vorigen Abende in der Laube gehört, war es ihr nicht ſchwer, zu er⸗ rathen, daß ihre Geſpielin mit Abſicht dieſen Weg ge⸗ wählt und durch ihre Kundſchafter erfahren hatte, daß der Kammerjunker hier zu treffen ſei. Dennoch fiel ihr Friederikens Benehmen auf. Mit freundlichen Blicken lud ſie ihren ſonſtigen Verlobten zu ihrer Be⸗ gleitung ein und ermuthigte ihn, als er dadurch an⸗ gelockt, mit kriechender Freundlichkeit nahte und einige nichtsſagende Worte ſtammelte, durch wohlgefällige Rede noch mehr. Hätte Chriſtine nicht in der Laube die Unterredung ihrer Freundin mit dem Kaperkapitän be⸗ lauſcht, ſie würde nicht aus dem Erſtaunen herausge⸗ kommen ſein. „Nicht ſchön genug kann ich Ihnen den Eindruck beſchreiben, mein werthes Fräulein,“ ſüßelte der Kam⸗ merjunker,„den die Nachricht von ihrem morgenden Erſcheinen in unſerer Hofwelt in allen Gemüthern her⸗ vorgebracht hat.“ „In allen?“ fragte Friederike ſchelmiſch.„Sie be⸗ urtheilen Andere wohl nach ſich.“ „Ah, wie ſchön geſagt!“ jubelte der Kammerjun⸗ ker.„Das Bewußtſein, daß in Ihnen die Ueberzeu⸗ gung von meiner Wonne lebt, Sie nun wieder in denjenigen Zirkeln zu ſehen, wohin Sie Geburt 164 und Talent gehören, ſchon dies Bewußtſein macht mich überglücklich. Erlauben Sie, daß ich Ihnen dafür die Hand küſſe.“ „Hier, mein Ritter, küſſen Sie ſie!“ „Aber wahrlich auf die Gemüther unſerer Hofda⸗ men wird dieſe Nachricht nicht gleichen Eindruck ge⸗ macht haben; denn die Sterne müſſen erblaſſen, wenn die Sonne aufgeht, und nun zumal, nachdem ein nei⸗ diſches Gewölk uns ihren ſtrahlenreichen, erquickenden Anblick ſo lange entzogen hat.“ „Sie werden ja ganz poetiſch, mein Ritter. Sie haben gewiß die Franzoſen in der Zeit ſtudirt, ſeit wir uns nicht ſprachen; denn ich erinnere mich nicht, früher ähnliche Reden von Ihnen gehört zu haben. Wer wüßte, was ſonſt geſchehen wäre!“ „Ha, ich habe ſie Tag und Nacht geleſen, ſtudirt, ſie in Blut und Saft verwandelt; ich glaube, ich bin ſelbſt ein zweiter Corneille oder Racine geworden! Und weshalb dies Alles? O weil ich noch nie die Hoffnung verloren hatte, der Mai des Lebens werde mir an Ihrer Hand noch einmal blühen. Warum? ſag' ich. Um Ihnen zu gefallen. Warum? Weil Sie die Franzoſen loben. Ha! und ſchon winken mir die Früchte meiner Anſtrengung. Nicht wahr, ich bin ein ganz anderer Menſch geworden? Alles durch Sie, mein theuerſtes Fräulein. Der Kronprinz lobt mich auch täglich mehr, und ſeit er vollends weiß, daß Sie Ehrendame der Königin ſind, iſt er ganz wie närriſch in mich verliebt.“ „Wirklich? Das gönn' ich ihm von Herzen. Sag⸗ ten Sie nicht, daß der Kronprinz morgen eine große Jagd halte?“ „Sagte ich es ſchon? Nun, eine große Jagd wird es nicht. Nein, ein kleiner vertrauter Zirkel. — Die nächſten Freunde Seiner Königl. Hoheit. Es werden nicht viel Damen dabei ſein. Aber unter den Wenigen wird man die Beiden nicht vermiſſen, welche ein böſes Geſchick zeither von den Hoffeſten entfernt hielt. Wenn Sie nach Hauſe kommen, werden Sie die Einladung Seiner Hoheit finden.“ „Man wird doch fragen dürfen, wohin es geht?“ „Ich ſtehe mit der größten Freude zu Dienſten.“ Der entzückte Kammerjunker erzählte nun mit der um⸗ ſtändlichſten Breite, wie viel Uhr man aufbrechen werde, wer dabei ſei, wohin der Weg gehe, was der Prinz für ein Pferd reite, wo man Halt mache, wo früh⸗ ſtücke u. ſ. w. Man hatte auf Friederikens Veranlaſſung den Weg nach dem Hafen eingeſchlagen. In der Nähe deſ⸗ ſelben bemerkte Chriſtine zur Seite oft einen jungen Menſchen in Matroſentracht. Sie ſah, daß er Frie⸗ deriken nie aus den Augen ließ, daß dieſe ihm ver⸗ ſtohlen winkte. Im Hafen angelangt, verlangte Frie⸗ derike nach einer Erfriſchung. Der Kammerjunker hob die Damen von den Pferden und führte ſie in die Schenke, wo vornehme Gäſte einzukehren pflegen. Er ſelbſt eilte, das Verlangte zu beſtellen. Friederike trat in eine Fenſterwölbung und Chriſtine, die ſich unaufmerkſam ſtellte, ſah ſie ein Blatt aus dem Bu⸗ ſen ziehen, mit einer Bleifeder darauf ſchreiben und wieder verſtecken. Nachdem ſie ſich erfriſcht, beſtiegen die Pferde wieder. Der Knabe ſtand hinter Friede⸗ riken. Sie drückte ihm das Papier in die Hand und ſchwang ſich in den Sattel. Zetzt wußte Chriſtine, daß er derſelbe war, den ſie am Abend vorher geſe⸗ hen hatte. Zetzt glanbte ſie die geheiligte Perſon des Königs⸗ ſohns von ihrer eignen Freundin verrathen. Friede⸗ 166 rikens Verſtellun kam ihr verächtlich vor, und dar⸗ aus gewann ſie Kraft zu dem Entſchluſſe, zu handeln. Sie wollte mit auf die Jagd reiten und des Kron⸗ prinzen ſchützender Genius ſein. Sobald ſie darüber mit ſich im Reinen war, wurde ſie ruhig und wohnte Abends mit Heiterkeit einem Familienfeſte bei, welches der alte Vice⸗Statthalter ſeiner Tochter und ſeiner Nichte zu ihrer Wiederkehr in ſein Haus und ſeine Liebe gab. Die Einladung des Kronprinzen war wirklich da. Zur beſtimmten Stunde ritten Friederike und Chri⸗ ſtine an den Verſammlungsort. Da ſie den folgen⸗ den Tag erſt der Königin vorgeſtellt werden ſollten, ſo waren ſie heute nur incognito von der Partie. Sie wurden Beide mit Auszeichnung vom Kronprin⸗ zen empfangen, und er ſchenkte von Stund an Frie⸗ deriken wieder die alte Aufmerkſamkeit; ſie nahm die Huldigung wie einen ihr gebührenden Tribut an und war freundlicher und liebenswürdiger, denn je zuvor. Der Kammerjunker von Raben ſchwamm nicht weni⸗ ger in einem Meere von Entzücken, als ſein gnädiger Herr und Gebieter; denn ſo viel holde Worte, ſo viel ſüße Blicke hatte er ſelbſt zur Zeit ſeines Bräutigams⸗ ſtandes nicht von Friederiken erhalten. Es war Allen, als habe zwiſchen ihrem letzten Erſcheinen in den Hof⸗ zirkeln und dem heutigen Tage ein böſer Zauber ge⸗ legen, der nun gelöſt, auch all' das harte und un⸗ weibliche Weſen, welches ſonſt an Friederiken mißfiel, mit hinweggenommen und ſo ſie zur trefflichſten Dame umgewandelt hätte. Nur Eine war, die die ſchlaue Spielerin durchſchaute, die da wußte, daß gerade in dieſen Augenblicken, wo das ſüßeſte Lächeln für den überglücklichen Königsſohn Friederikens ſchönen Mund umſpielte, ihr Herz in den wüthendſten Haſſesflammen 167 gegen ihn aufloderte, in Flammen, die ihn in das. Verderben hinabzureißen drohten. Auch Chriſtine ſuchte ihrer Bewegung Meiſterin zu werden und unter der Maske froher Laune die Bekümmerniſſe, die ſie be⸗ drückten, zu verbergen. Der Kronprinz gab ſich an Friederikens Seite dem Vergnügen der Jagd hin. Sie that Alles, ihn zu bezaubern. Der Schwächling war bald ermüdet; man ritt aus den Wäldern und wandte ſich nach Güldenlund. Dort nahm die Geſellſchaft eine Erfri⸗ ſchung ein. Der Tag begann ſich zu neigen. Als Chriſtine wieder zu Pferde ſtieg, ſah ſie plötzlich den Schiffsjungen neben Friederiken ſtehen. „Wir reiten doch am Strande hin?“ ſagte Frie⸗ derike wie gleichgültig zum Kronprinzen.„Wir ſind Alle ermüdet und es iſt der kürzeſte Weg.“ „Sie haben Recht, mein Fräulein,“ verſetzte Prinz Chriſtian.„Ich ſehne mich nach Ruhe und wähle den Weg, den Sie mir vorſchlagen.“ In dieſem Augenblicke lief Juel davon und ver⸗ ſchwand in den Büſchen des Strandes, aber auch in demſelben Angenblicke war Chriſtine an des Kammer⸗ junkers von Raben Seite und flüſterte ihm haſtig zu: „Halten Sie den Kronprinzen auf alle Weiſe ab, am Strande hinzureiten; es droht ihm dort große Ge⸗ fahr. Ich beſchwöre Sie beim Heiligſten!“ Raben ſah das Fräulein groß an; es lag in ihren Worten aber ein ſo unverkennbares Gepräge der Wahrheit, daß er, ohne zu antworten, an des Kron⸗ prinzen Seite ſprengte und ſagte:„Wäre es Eurer Königl. Hoheit nicht lieber genehm über die Höhe und Jägersburg zu reiten? Der Wind am Strande iſt rauh und wild; ich fürchte, Ew. Hoheit möchten ſich dort erkälten. Der Weg iſt ohnedies holprig und un⸗ ————— 168 . angenehm. Und wenn Sie auch über Jägersburg eine kleine Strecke weiter haben, ſo haben Sie doch nicht allein den ſchönen Vortheil, noch einige Minuten län⸗ ger in der angenehmen Geſellſchaft dieſer Damen zu⸗ zubringen, ſondern auch ebnen Weg und das Vergnü⸗ gen, von der Höhe aus das Ende der Jagd noch mit anzuſehen. Ich berufe mich auf das Urtheil der an⸗ dern Herren und bitte unterthänigſt, meinen Gründen ein geneigtes Ohr zu leihen.“ Der Marſchall von Gersdorf und der Kam⸗ merjunker von Reikov, die zunächſt hielten, ſtimmten mit ein. „Du biſt ein geſcheidter Kerl,“ verſetzte der Prinz, „und Deine Gründe ſind ſo überwiegend, daß man ihnen nachgeben muß. Heute wollen wir über Jä⸗ gersburg reiten, morgen können wir die Tour am Strande hin machen.“ Friederike ſchoß einen giftigen Blick auf Raben, dann lenkte ſie ihr Pferd auf die veränderte Straße, und war ſo freundlich wie zuvor. Verſtimmt langte ſie zu Hauſe an. 17 Das Attentat. Schneidend ſtrich die Morgenluft über das Meer, auf dem die Nacht in unförmlichen Maſſen lag. Leiſe lief ein Schifflein von Schonen nach Seeland zu. Als die erſten Vorboten des Morgens, jene lichtgrauen Streifen am fernſten Oſthimmel, die düſtre Meerfluth — ———— 169 mit ſchwachem Widerſchein durchzitterten, nahte die Schaluppe dem Ufer. Der Tag ſtieg langſam auf, wie ein träger Schläfer, und ſah verdrüßlich auf das ruhige Meer und das ſchweigende Land. Die Scha⸗ luppe ſuchte ſich vor ſeiner zunehmenden Helle zu ver⸗ bergen. Sie bog um Güldenlund in eine kleine Meer⸗ zunge ein, über welche die von Kopenhagen am Strande hinlaufende Straße eine breite ſteinerne Brücke ge⸗ worfen hat. Unter den Bogen dieſer Brücke hielt das kleine Schiff an; hier war es jedem neugierigen Auge verborgen. Am ſchmalen Uferrand, neben den Pfeilern der Brücke, wandt ſich, die Blicke vorſichtig nach allen Seiten gewendet, jener ſchlaue Schiffsjunge, Juel Swale, hervor, den die Natur zum Spion beſtimmt zu haben ſchien. Mit einigen Sätzen war er über die Land⸗ ſtraße hin und flog mehr als er ging, nach dem Ha⸗ fen zu. Er war diesmal als Betteljunge gekleidet und trug in ſeiner Jacke ein Stück Brot und einige Kupfer⸗ pfennige. An den Hafengebäuden angelangt, in wel⸗ chen es eben anfing lebendig zu werden, ſchlich er wie eine Katze um die Zäune, und als er ſich irgend eine ſchickliche Stelle erſehn, die er geſucht hatte, kauerte er ſich am Boden zuſammen, als ob er ſchliefe. In dieſer Stellung hatte er noch nicht lange gelegen, als er aus einem der Gärten Schritte und Stimmen ver⸗ nahm. Nun ſchnarchte er aus Leibeskräften.„Behüt' Dich Gott, Sigbritte,“ ſagte eine Männerſtimme ver⸗ traulich und herzlich.„Heute und morgen hab' ich den Dienſt, aber übermorgen komm' ich wieder.“ Es rauſchten einige Küſſe auf den vollen Lippen eines Mädchens, ein zärtliches Lebewohl tönte von ihnen, dann ſprang der Mann durch den Zaun und war auf der Straße. „I du lieber Gott!“ rief er hier mit mitleidiger „ „ 170 Verwunderung,„liegt da ſo ein armer Kegel unter deinem freien Himmel eine kalte Nacht hindurch und ſchläft. Junge, ſo ſteh' doch auf! Armer Teufel, magſt ſchön gefroren haben! O Chriſt mein Herr, da hab' ich wärmer gelegen in dieſer Nacht!“ Juel hatte unvermerkt geblinzelt, ob er des Man⸗ nes, den er geſucht, gewiß ſei, und als er ſich über⸗ zeugt, es ſei der Rechte, übergab er ſich aus Schel⸗ merei wieder einem ſo tiefen Schlafe, daß der Mit⸗ leidige Mühe hatte, ihn aufzurütteln. „Junge, biſt Du toll, hier am Zaune auf offener Straße zu ſchlafen? Warum krochſt Du nicht zu den Matroſen oder in einen Stall?“ Zuel ſpielte die Rolle eines eben aus tiefem Schlafe Aufgeriſſenen gut. Erſt nach einer Pauſe ſtammelte er:„Ach, lieber Herr, ich war zu todmüd'; ich bin hier umgefallen. Und Geld hab' ich keins, als dieſe paar Pfennige, damit hab' ich mich nicht ge⸗ traut in ein Haus zu gehen. Die Hunde beißen einen gar arg.“ „Aber wer biſt Du denn, und woher kommſt Du? Wem gehörſt Du an?“ „Ich gehöre gar Niemand an; bin aus Jütland, mein Vater iſt von den Schweden erſchlagen worden — er war ein Schiffsbauer— meine Mutter iſt ge⸗ ſtorben, unſere Hütte iſt eingefallen, und im Dorfe ſind ſie ſelbſt Alle arm. Da ſagten ſie zu mir, ich ſolle nach Kopenhagen gehn zum König, der müſſe mich einen Zimmermann werden laſſen; denn mein Vater ſei ja in des Königs Dienſt geſtorben. Da bin ich fortgegangen und habe mich bis hierher ge⸗ bettelt.“ „Biſt ein ſchmucker Junge und gefällſt mir. Warte, Dir ſoll geholfen werden. Hier haſt Du Münze, da⸗ 171 mit geh' dort um die Ecke herum in die Herberge. Iß und trink und laß Dir's wohl ſein. Jetzt iſt's ungefähr halb ſechs Uhr. In drei Stunden ſei in je⸗ nem Dorfe, was dort aus dem Morgennebel guckt. Stelle Dich vor dem Dorfe an die Straße, am beſten auf die Brücke. Und wenn Du auch eine Stunde warten ſollteſt, ſo werden doch endlich fünf Reiter kommen, wovon zwei vorn reiten, zwei folgen und ich zuletzt. Den jungen bleichen Mann von den vorder⸗ ſten ſchrei um Hülfe an, ich will ihm dann Deine Geſchichte ſchon erzählen. Winſele nur recht. Es wird Dir geholfen!“ „Wer iſt der Herr, den ich anflehen ſoll, und wer ſeid Ihr, lieber Herr, der mir ſo guten Rath er⸗ theilt?“ „Na, es wäre eigentlich gar nicht nöthig, daß Du's eher erführſt, bis Dir geholfen iſt, aber weil Du mir gefüllſt, Büblein, ſo will ich's Dir ſagen. Der junge Mann iſt Se. Königliche Hoheit, der Kron⸗ prinz Chriſtian von Dänemark, der heute ſeinen Mor⸗ . genritt hierher nehmen wird, und ich bin Sr. Hoheit Leibdiener, Jverbrink.“ „Aber, aber wird denn die hohe Königliche Hoheit nicht gleich einen ſo armen Jungen todt reiten, der ſich wagt, ihr in den Weg zu treten?“ „Du biſt ein dummes Kind! Der Kronprinz iſt gar ein lieber, frommer Herr, der gern allen Armen helfen möchte. Gutes thut er gewiß Allen, die ſich ihm vertrauensvoll nahen. Glaub' nur, er wird eine rechte Freude haben, Dir Gutes zu erweiſen.“ Zuel verſprach, ſich am beſtimmten Orte einzufin⸗ den, und Jverbrink eilte nach der Stadt. Sobald ſich der Junge allein ſah, ging er anbefohlener Maßen in das bezeichnete Wirthshaus und beſtellte ſich ein — 5 172 mageres Frühſtück. Er hatte dort noch keine halbe Stunde zugebracht, als ein ſeemänniſch gekleideter Mann hereintrat, der ihn mit den Augen freundlich grüßte und ſich neben ihn ſetzte, ohne jedoch ihn an⸗ zureden. Aber kaum war der Wirthsknecht aus der Thüre, als der Seemann den Schiffsjungen leiſe fragte:„Iſt Dir der coquin in das Ankertau gelau⸗ fen und hängen geblieben?“ „Vortrefflich!“ verſetzte Juel, und erzählte das Erlebniß dieſes Morgens. „Ma foi! Ich wußte, daß der dumme Vogel an dieſe Beere gehen würde. Aber es iſt doch nicht ſo geglückt, wie ich gern wünſchte. Monſieur Jverbrink hätte Dich gleich mitſchleppen ſollen; ich wollte wet⸗ ten, der Kronprinz hätte Dich ohne Weiteres bei ſich behalten, und dann wäre des Kapitäns Plan beſſer geglückt, als er mit ſeiner Klugheit berechnen kann. Er übereilt ſich.“ „Laßt doch, Herr Courtin,“ verſetzte der Junge, zich denke, das Glück iſt mir ſo günſtiger geweſen. Was hätte es mir denn geholfen, wenn mich der Leib⸗ diener mit in das Schloß genommen hätte? Auf kei⸗ nen Fall wäre ich doch ſogleich in die Nähe des Kron⸗ prinzen gekommen, ſo daß ich ihn belauſchen und die günſtige Stunde hätte abpaſſen können, und wenn ich das wirklich vermocht hätte, wo wäre dann mein Ka⸗ pitän geweſen? Er kann ja nicht gut einen Tag hier liegen, ohne ſich zu verrathen. Glaubt Ihr denn, man kennt ihn nicht? Nennt nur einmal ſeinen Namen laut und Ihr ſollt Euer blaues Wunder an den er⸗ ſchrockenen däniſchen Schafsgeſichtern ſehen, die um Euch herum ſtehen werden.“ „O ich weiß, ich weiß!“ rief der Franzoſe.„Ich 173 hab's verſucht, ganz Dänemark hat Reſpekt vor John Norcroß.“ „Nun alſo! Langes Zögern brächte Gefahr. So aber hat mich die gute Seele auf die Brücke beſtellt, gerade auf die Brücke, unter welcher unſere Schaluppe verſteckt liegt. Der Kronprinz kommt mit kleiner Be⸗ gleitung, er hält ſich jedenfalls etwas bei mir auf, indem ihm der Leibdiener meine vorgeblichen Schickſale erzählt. Iſt dies nicht der günſtige Augenblick für einen unſrer vierſchrötigen Matroſen, die ſchwache kö⸗ nigliche Hoheit ſachte von hinten vom Pferde zu zie⸗ hen und huckepack in die Schaluppe hinabzutragen, ſo kommt kein andrer wieder.“ „Du haſt Recht, kleiner Fuchs. Es geht viel⸗ leicht ſo am beſten.“ „Euer Vorſchlag, Meiſter Courtin, hat ſich dem⸗ nach als gut und prakticabel bewährt; nun ſagt mir auch, wie Ihr auf den Einfall gekommen ſeid, mich hinter den Zaun an der Landſtraße zu placiren. Ihr wart vorgeſtern, als Ihr mir die Stelle zeigtet, ſehr ſchweigſam über dieſen Punkt, und ich hatte Eile, wie Ihr wißt, weil unſer Boot gleich abfahren wollte.“ „Ich brachte durch meine Nachforſchungen heraus, daß der Kronprinz ſehr mildthätig iſt und dieſen Jver⸗ brink, eine ſeelengute Haut, gleichſam zum Spürhund für alles arme Geſindel hält. Dieſer führt ſeinem Herrn entweder die pauvre Canaille zu, oder fertigt ſie ſelbſt ab. Der Kronprinz lieſt dabei fleißig in der Bibel, und gilt nun für einen frommen und gottesfürchtigen Herrn. Uebrigens iſt ihm kein Schelmenſtreich zu toll; davon aber ſpricht man nicht, wenigſtens nicht öffent⸗ lich. Und wie der Herr, ſo das Geſchirr. Jverbrink iſt noch etwas dümmer als ſein Herr, er hat aber doch mit der Tochter eines Schiffsbaumeiſters eine 174 Liebſchaft, ganz auf den Fuß derjenigen ſeines Herrn eingerichtet. Das heißt, er bringt alle Wochen zwei Nächte, wann er den Dienſt hat, bei dem hübſchen Kinde zu. Von dieſen Geſchichten erfuhr ich im Stillen und baute darauf meinen Plan, Dich dem Leibdiener und durch dieſen dem Kronprinzen unterzuſchieben. Denn Ihr müßt doch endlich einmal zum Ziel gelangen; es ſind ja wohl ſchon vierzehn Tage, daß Ihr bei Nacht über die Kopenhagener Rhede ſtecht und am andern Tag unverrichteter Sache wieder heimkehrt.“ „Erſt zehn volle Tage ſind's, Meiſter, als wir zum erſtenmal anlegten. Drei Tage blieben wir da verſteckt, am vierten brachte ich Euch den Brief vom Lieutenant Flarmann, und an dieſem Tage hätten wir die Hoheit faſt auf der Jagd erwiſcht. Der Teufel muß uns ein Ei hineingelegt haben; denn Alles war vortrefflich eingeleitet. Nun kurz, er ritt nicht am Strande hin und wir warteten vergebens. Hernach paßten wir ihm auf der Straße hinter dem Jagdhauſe auf, aber er kam mit einem Gefolge, als wollt' er in den Krieg ziehen, und wir durften uns nicht an ihn wagen. Und heute ſind wir zum drittenmal da.“ „Nun, bei meinem Schutzpatron, ich wollte, es geläng' Euch heute. Morgen, sur le nom de Pieu! nähm' ich Reißaus und wäre bald in Schweden bei meinem lieben Herrn. Es will mir ohnedies nicht recht in däniſchen Dienſten gefallen.“ „Glück zu!“ rief der Junge,„dann werdet Ihr auf dem Schiffe, welches Lieutenant Flarmann näch⸗ ſtens als Kapitän führen wird, gewiß Kapitänlieute⸗ nant werden. Und meiner Wenigkeit hat Kapitän Nor⸗ croß verſprochen, daß ich ſogleich nach der Ausfüh⸗ rung unſers Cvup als Cadet angeſtellt werden ſoll.“ „Laß uns ein Glas auf den beſten Erfolg leeren! 175 Du verſtehſt das, trotz Deiner jungen Jahre, ſchon eben ſo gut, als Spitzbübereien treiben, und der Kö⸗ nig von Schweden wird einſt keinen beſſern Kaper haben, als den Kapitän Juel Swale.“ „Dann mach' ich wenigſtens meinem Lehrmeiſter keine Schande. Denn wahrlich, Se. Majeät hatte jetzt keinen beſſern Kaper als den Kapitän John Nor⸗ eroß. Das wiſſen auch die Dänen. Nicht wahr?“ „Ja töte bleu! Das wiſſen ſie. Kapitän Nor⸗ eroß ſoll leben, Junge!“ Sie ſtießen an und zechten. Hernach ſchlich Juel, mit Courtin's Grüßen und Rathſchlägen befrachtet, wieder hinter den Zäunen davon, und war in kurzer Zeit auf der güldenlunder Brücke. Und als er mit ſcharfem Auge die Gegend ringsum durchſpäht und nirgends etwas Verdächtiges entdeckt hatte, huſchte er an dem Brückenpfeiler hinab, drückte ſich an der Mauer hin um den Bogenrand und ſtand mit einem Sprung auf dem Schnabel der Schaluppe. Kapitän Norcroß und Lieutenant Flaxmann, Beide als gemeine Matroſen gekleidet, eilten ihm entgegen, und der Junge erzählte ſeine Verrichtung, brachte die Grüße von Courtin und rieth, ſich ſogleich zum Wage⸗ ſtück bereit zu halten. Noreroß jubelte und gab dem Jungen zärtliche Namen. „Wahrlich, Du beſchämſt uns Alle, meine ſchlaue Waſſerratte; denn was unfrer Klugheit nicht gelingen wollte, das wird Dein Glück und natürlicher Witz ausführen.“ „Und biſt Du auch bei dem Fräulein von Ove geweſen und haſt ihr meinen Auftrag überbracht?“ fragte Flaxmann. „Nein, gnädiger Herr, weil mir die Hauptſache zu ſehr am Herzen lag. Die Zeit drängt. Haben 176 wir erſt den Kronprinzen, dann will ich Euch t Fräulein ſelbſt holen. Ihr braucht alsdann 33 mehr durch Briefe und Beſtellungen einander heimzu⸗ ſuchen, ſondern könnt hübſch Tag und Nacht ſelbſt mit einander verkehren.“ „Du haſt wohl daran gethan, daß Du Dich heute nicht in die Stadt gewagt haſt,“ ſagte Noreroß. Flaxmann aber machte ein düſteres Geſicht. „Ueberhaupt,“ fuhr der Kapitän fort,„will es mich jetzt mehr und mehr bedünken, als hätten wir doch weit beſſer gethan, die Weiber aus dem Spiel zu laſſen. Es hat uns bis jetzt keinen Segen ge⸗ bracht, daß wir das Fräulein von Gabel mit in un⸗ ſer Geheimniß gezogen haben.“ „Ihr ſprecht Euch nur ſelbſt das Urtheil, Kapi⸗ tän,“ verſetzte Flarmann.„Es war Euer eigner Wille. Oder nein! Es war der Zug Eueres Herzens.“ Norcroß ſchwieg betroffen. Endlich ſagte er:„Es komme wie es wolle; wir pauſiren heute oder müſſen unſer Heil noch mehr verſuchen; ich habe nicht Luſt, mit dieſem Mädchen ferner zu verkehren. Weiber blei⸗ ben immer Weiber.“ „Wie es Euch beliebt, Kapitän. Ich weiß eine Zeit, wo Ihr anders ſpracht.“ „Die Anſichten ändern ſich,“ verſetzte Norecroß ſich abwendend und ſeufzte. Er hatte die Hand unwill⸗ kührlich auf das Herz gelegt, als wolle er mit der⸗ ſelben dort einen auflodernden Schmerz erſticken. Inzwiſchen war die Zeit herangekommen, wo Juel, nach Jverbrink's Beſtellung auf der Brücke ſein ſollte Er kroch alſo wieder hinauf und kauerte ſich an die Brüſtung nieder. Norcroß gab ſeinen Matroſen Be⸗ fehl, die Flinten zu laden und die Schaluppe flott zu halten. —— 177 Juel ſah zu ſeinem Aerger eine große Anzahl WMenſchen in einzelnen Truppen von der Stadt her kommen. Es gingen theils einzelne Menſchen, theils Geſellſchaften häufig an ihm vorüber. Mancher warf ihm eine kleine Gabe zu. Juel bedankte ſich kaum, unwillig über den dadurch bewirkten Verzug des im Stillen verwünſchten Schenkers. Endlich ſah er einen kleinen Trupp Reiter und gab das verabredete Zeichen durch ein lautes Huſten. Norcroß, Flaxmann und ſechs Matroſen, die erſtern mit verborgenen Piſtolen, ſtiegen behutſam herauf, und Norcroß hatte ſogar die Verwegenheit, auf die Brücke zu treten und ſich auf die Brüſtung, wie ein fauler Matroſe, aufzulehnen. Die Andern hielten ſich unter der Brüſtung verbor⸗ gen. Die Reiter kamen näher. Es war der Kron⸗ prinz mit dem Marſchall von Gersdorf, die beiden Kammerjunker, von Raben und Reikov, und der Leib⸗ diener Jverbrink. Sobald des Kronprinzen Pferd die Brücke betreten hatte, warf ſich Juel nieder und flehte kläglich um Gnade und Erbarmen. Der Kronprinz winkte dem Leibdiener, den Betteljungen zu beſchenken. Dieſer leiſtete dem Befehl Folge, und ſagte, indem er ſich herabbog:„Ach, Du biſt's ja, armer Kleiner!“ Und ſogleich ritt er an den unterdeſſen einige Schritte weiter gekommenen Kronprinzen und ſagte:„Ew. kö⸗ nigliche Hoheit erlauben, dies iſt kein gewöhnlicher Bettelknabe; ich kenne ihn. Er hat ein wunderliches Schickſal und iſt ein allerliebſtes Kind.“ „Nun ſo erzähle!“ rief der Kronprinz, und Jver⸗ brink berichtete, er hätte ihn bei ſeinen Frühritten vor einigen Tagen ſchlafend gefunden, und begann das erlogene Schickſal des Jungen zu referiren. Zett ſah Noreroß zurück und machte ſich fertig, auf den Kron⸗ prinzen loszuſtürzen und ihn rücklings vom Pferde zu Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XlI. 178 reißen. Er warf noch einen Blick auf die Straße, da gewahrte er zu ſeinem größten Verdruß einen Trupp Menſchen, die kaum noch einige hundert Schritte von ihm waren. Es war unmöglich, den Angriff im An⸗ geſicht dieſer Leute zu wagen, und doch war es mehr als wahrſcheinlich, daß, eh' ſie weit genug entfernt ſeien, der günſtige Augenblick und mit ihm der Kron⸗ prinz vorüber wäre. Doch der Leibdiener war um⸗ ſtändlich, und Juel, der die herankommenden Men⸗ ſchen auch wahrgenommen hatte, ſo ſchlau, ihn oft mit Winſeln und Klagen zu unterbrechen, auch ſogar eini⸗ gemale die Sache anders zu erzählen, Alles, um nur Zeit zu gewinnen. Der Kronprinz hörte geduldig zu und richtete ſogar einige verfängliche Fragen an Juel, die dieſer aber pfiffig beautwortete. Die Leute waren unterdeſſen herangekommen und gingen mit entblößten Häuptern hinter den Pferden weg. Norcroß, von der Tigerbegierde, mit welcher er auf ſein Opfer hin⸗ ſtarrte, unvorſichtig gemacht, wendete weder das Ge⸗ ſicht ab, noch ſuchte er es in der Jacke oder unter dem Hute zu verbergen; er wartete mit der peinlich⸗ ſten Ungeduld, daß die Leute die Brücke erſt im Rük⸗ ken haben möchten. Plötzlich hörte er die Worte in ſein Ohr tönen:„Da ſteht ein Kerl, wenn der nicht ausſieht, wie der ſchwediſche Freibeuter Norcroß, ſo will ich heute noch am Focktau hängen.“ Aber der Halbverrathene verrieth ſich nicht ganz. Obgleich ihm dieſe Worte alle Nerven zucken machten, ſo verzog ſich doch keine Miene in ſeinem Geſichte; er ſah ſich gleich⸗ gültig um und gewahrte zwei Matroſen in der Ge⸗ ſellſchaft der Luſtwandler, von denen ihm Einer be⸗ kannt vorkam. „Du biſt nicht klug,“ verſetzte der Andere;„wie ſollte dieſer Seehahn ſich hieher wagen?“ 179 „Ich werde doch den Noreroß kennen,“ ſagte der erſte Sprecher wieder,„hat er mich doch zweimal in ſeinen Klauen gehabt, und es iſt ja kaum ein gutes Vierteljahr her, daß er mich am jütländiſchen Walle aufbrachte und nach Marſtrand ſchleppte, wo mich's meine dreißig Thaler koſtete, um frei zu werden. Wenn nur der gnädige Herr Kronprinz nicht da in der Nähe hielte, ſo wollte ich ihn anreden. Die Aehnlichkeit kann nicht größer ſein, wenn's ein Andrer iſt. Aber es iſt wider den Reſpekt, da ſtehen zu bleiben.“ Nor⸗ eroß ſtand wie auf glühenden Kohlen, aber er ſollte in noch größere Verlegenheit kommen; er ſollte das ſpitze, zweiſchneidige Schwert an einem Pferdehaar über ſeinem Haupte ſchweben ſehen. Der Kronprinz fragte nämlich in dieſem Augenblicke:„Was ſtehen die Leute dort? Warum iſt die Straße heute ſo lebhaft?“ Der Marſchall von Gersdorf ritt heran, that aber nur die letzte Frage an die beiden Matroſen. Sie antworteten alſo auch nur:„Es iſt heute Wurſt⸗ ſchmaus und Tanz in Güldenlund,“ und eilten ſodann, daß ſie fortkamen. Hätte er die erſte Frage des Kron⸗ prinzen auch an ſie gethan, ſo wäre Norcroß ohne Zweifel verrathen geweſen. Aber in demſelben Au⸗ genblick ſprengte der Kronprinz davon, indem er Juel zurief:„Komm Nachmittag auf's Schloß; ich will für Dich ſorgen.“ Auf ſeinen Wink warf Jverbrink dem Jungen noch ein Geldgeſchenk zu. Der Marſchall von Gersdorf hatte unterdeſſen den verkappten Kaperkapi⸗ tän einen Augenblick lang mit den Augen firirt und ritt dann, in Nachdenken verſunken, neben dem Kron⸗ prinzen, ſo daß dieſer ihn fragte, warum er plötzlich ſo ſtumm geworden ſei. „Es ſtand dort ein Matroſe,“ antwortete der Mar⸗ ſchall,„deſſen Geſicht ich früher ſchen geſehn habe, 180 aber in einem andern Rocke, und vergebens beſinne ich mich, wo und in welchen Verhältniſſen.“ „Das iſt ja leicht möglich,“ verſetzte der Kron⸗ prinz,„wer wollte ſich darüber den Kopf zerbrechen.“ Sie ritten weiter. „Jetzt hab' ich's!“ rief plötzlich der Marſchall,„es iſt der engliſche Graf, der voriges Jahr auf ſeltſame Weiſe zu uns auf dem Wege nach der Jagd, die Euere Hoheit dem Czaar zu Ehren hielt, kam und verſchwand, und das Fräulein von Gabel entführt haben ſollte.“ 3 „Iſt's möglich? Derſelbe? Sie irren, Baron.“ „Ich wollte darauf wetten.“ Der Kronprinz wandte ſich um; Norcroß war ſchon unter der Brücke.„Er iſt fort,“ ſagte der Kronprinz. „Und wenn er es auch wäre, was läge viel daran?“ Er ſprengte fort, das Gefolge nach. Die vorübergegangenen Matroſen nahmen die Sache nicht ſo leicht, wie der Kronprinz. Sobald dieſer mit dem Gefolge an ihnen vorüber war, kehrten ſie ſte⸗ henden Fußes um, um den ihnen ſo auffälligen Col⸗ legen auszufragen. Auch ſie fanden zu ihrem Er⸗ ſtaunen weder Jemand auf der Brücke noch auf der Straße. Indem ſie noch ihre Verwunderung darüber austauſchten, ſtrich die Schaluppe mit der Schnelle eines Raubvogels, wenn er aus den Lüften auf ſeine Beute herabſtößt, unter der Brücke hervor, und war in wenigen Minuten, durch die Kraft gewaltiger Ru⸗ derſchläge, im Meere. Und eh' die faſt erſchrockenen Seeleute ſich nur einigermaßen erholten, flog das ſchwediſche Schifflein ſchon über die Rhede. Zetzt riſ⸗ ſen die Lümmel die Mäuler weit auf und der Eine be⸗ wies dem Andern mit dummer Freude, daß er doch Recht gehabt, und der verdächtige Matroſe Niemand — —— 181 weiter geweſen ſei, als der berüchtigte ſchwediſche Frei⸗ beuter. Nun eilten ſie mit Sturmſchritt auf den Wurſt⸗ ſchmaus, um die neue Mähr zu verkünden. Man wunderte ſich weiter, wie ſie ſich gewundert hatten, und die Geſchichte ging von Mund zu Mund, wie die friſchen Rothwürſte und das Schnapsglas. Die Neugierigen liefen nach der Brücke und betrachteten ſich die leere Stelle, wo das kühne Ungeheuer geſtanden, guckten auch wohl unter die Brücke, wo das Boot gehalten hatte, verfügten ſich dann in die Stadt, erzählten es weiter, und eh' es Nacht wurde, war' in ganz Ko⸗ penhagen bekannt, daß der gefürchtete Norcroß unter der güldenlunder Brücke geſteckt hatte. 18. Reue Ermuthigung. Die Schaluppe legte am ſchoniſchen Ufer an; Nor⸗ croß warf das Riemenblatt, das er ſelbſt gehandhabt hatte, bei Seite und ſprang an's Land. „Wieder ohne ihn!“ rief er im höchſten Unwillen. „Es iſt zum Verzweifeln!“ „Noch nicht verzweifeln!“ verſetzte Flaxmann ru⸗ higer.„Ein ſtarker Baum fällt nur nach wiederhol⸗ ten Hieben.“ „Das Glück, Freund, kommt auf einmal und wirft als ein Orkan die ſtärkſten Bäume um. Uns flieht das Glück, und Alles iſt vergeblich.“ Der ſonſt ſo heftige Flarmann war jetzt ruhig und ausdauernd, und der ſonſt ſo beſonnene Norcroß tobte gegen ſein widriges Geſchick. Seinen Unmuth ver⸗ größerte ein Menſchenzuſammenlauf noch um ein Bedeu⸗ tendes; denn ſein beabſichtigter Raub des Kronprinzen von Dänemark war kein Geheimniß in Schonen ge⸗ blieben. Alle Leute ſprachen davon. Die Küſtenbe⸗ wohner kamen in Schaaren, ſobald ſie gehört, daß Norcroß angelangt ſei, um den gefangenen Prinzen ſehen. Ein Theil des dem feindlichen Königsſohne zugedachten Hohnes traf nun den Kaper, der erſt von dieſem Unternehmen wie von einem Kinderſpiele ge⸗ ſprochen hatte und nun ſchon zum dritten Mal ohne den Prinzen an die ſchwediſche Küſte kam. Dieſe Stimmung des Volks, welches ſich auf die Ausfüh⸗ rung ſeines Unternehmens kindiſch gefreut hatte, war Norcroß unerträglich. Er brach noch an demſelben Tage auf und langte am Abend des andern Tags im göthaborger Hafen an. Hier lag er faſt eine Woche unthätig, ging mit Niemand um, ſelbſt Flax⸗ mann konnte ſelten etwas aus ihm herausbekommen. Er ſprach nie davon, nach Stockholm zu ſeiner Frau zurückzukehren, und wenn ihn Flaxmann daran erin⸗ nerte, wehrte er ihn ſchweigend mit der Hand ab. Tags über ſaß er im Zimmer und ſchien über etwas zu brüten, wenn aber der Abend vom Meer herüber an's Land fluthete, dann ſchien's in ihm zu toben und er wurde lebendiger. Allein lief er dann am Ufer des Meers und ließ ſich vom Sturme ſchlagen und ſchaute in die Finſterniß nach Seeland zu, als müſſe ihm dort der Stern ſeines Lebens aufgehen. Dann hörten ihn wohl einzelne Schiffer, die ſich verſpätet, den Namen Friederike über das Meer hinrufen und noch andere wunderliche Worte, ſo daß ihnen grauſig wurde und ſie von dannen eilten; denn ſie meinten launigen Geſchicks, ſondern auch ſeiner eigenen Unbe⸗ ihm einſt geträumt, vergeſſen zu wollen. 183 nicht anders, als er rufe eine Meerfei, die ihn zur Untreue gegen ſein Weib verleitet habe und von der er nun nicht mehr laſſen könne. Flaxmann lebte dagegen ein zerſtreutes Leben. Wenn man bedachte, daß ihm vorzüglich an dem be⸗ abſichtigten Raube des Kronprinzen von Dänemark Alles gelegen geweſen war, ſo war die Gleichgültig⸗ keit, mit welcher er das Mißlingen des Planes ertrug, unerklärlich. Aber dieſes Betragen fand wiederum ganz allein in der Wankelmüthigkeit. ſeines Charakters ſei⸗ nen Grund; er war nicht allein der Spielball eines ſtändigkeit. Er ſchien den Haltpunkt ſeines Lebens verloren zu haben; und wenn auch jezuweilen der Wunſch, Chriſtinen bald zu beſitzen, in ihm aufglühte, ſo war es doch nur ein Strohfeuer, eben ſo raſch verſchwunden, als aufgerauſcht. Man wußte, daß er vom ſchwediſchen König reich mit Geld verſehen wor⸗ den war, und es nahm daher Niemand Wunder, wenn man ihn auf dem üppigen Fuße eines Cavaliers leben ſah. Er ſpielte viel und mit Leidenſchaft und ſchien unter Würfeln und Karten ein beſſeres Loos, von welchem In dieſer Woche war die Fregatte Graf⸗Mörner aus dem Hafen zu Marſtrand, wo ſie vor Anker ge⸗ legen, in den göthaborger Hafen eingelaufen und war⸗ tete auf den Befehl ihres Führers. Aber für dieſen ſchien es weder eine Fregatte, noch ein anderes Schiff mehr zu geben, und Niemand von ſeinen Leuten hatte den Muth, den Kapitän zu fragen, was nun eigent⸗ lich werden ſolle. Der Kapitänlieutenant Gad machte ſich das Vergnügen, täglich auf den Fiſchfang auszu⸗ fahren, der höchſte Genuß für ihn. Meiſter Haber⸗ mann lag Tag und Nacht in den Wirthshäuſern und —————————— 184 füllte Grog in ſich, nicht anders, als könne er den Graf⸗Mörner damit flott machen! Der alte Ebbe Reetz ſaß den ganzen Tag auf einem in die See hin⸗ ausſpringenden Steinblock und beobachtete das Waſſer, und der Oberbootsmann Pehrſohn flocht mit den Ma⸗ troſen am Ufer Taue. Die jüngern Officiere jagten den ſchmucken Mädchen nach, und ſo dachte Niemand an eine Abreiſe, oder auch nur an den nächſten Mor⸗ gen, und am wenigſten kümmerte man ſich um des Kapitäns Kummer. Nur eine Seele war bewegt da⸗ von, die auf die Fregatte gehörte, Juel Swale. Seit dem mißglückten Attentat auf den däniſchen Kronprin⸗ zen hatte Norcroß nicht mehr mit ihm geſprochen. Dies war ihm ein tiefes Herzeleid. Dazu ſah er des geliebten Meiſters Pein und trug nun doppelt ſchwere Laſt im Herzen. Der arme Junge aß und trank nicht recht, ſaß meiſt auf ſeiner Kanone, ſchaute in's Meer und weinte. So hatte er's mehre Tage hinter ein⸗ ander getrieben, da ſah er den Kapitän gegen Abend am Ufer gehen. Er ſprang auf, lief über den Kai des Hafens und folgte Norcroß nach, und als dieſer über das Meer ſchauend ſtill ſtand, warf er ſich ihm zu Füßen und rief halb weinend und die Hände em⸗ por ſtreckend:„Ach lieber Herr Kapitän, ſeid Ihr mir bös? Ich konnte ja beim lieben Gott nichts dazu, daß wir den Schuft nicht erwiſchten. Ihr thut mir unrecht, Herr Kapitän.“ „Thörichtes Kind,“ verſetzte Norcroß bitter lä⸗ chelnd,„Du wähnſt, ich grolle Dir? Deshalb ſei ge⸗ troſt, mein Junge, mein Groll gilt allein meinem Schickſale. Ach, Du weißt nicht, Zuel, welch' wun⸗ derliches Schloß von Wünſchen und Hoffnungen ich auf das Gelingen unſeres Planes gebaut hatte! Der Grundſtein ſteht, und der Bau muß zuſammenſtürzen.“ 185 „Ei, daß Ihr Euch aber auch ein Haus auf dem Lande bauen wollt,“ ſagte Juel, durch des Kapitäns Tröſtung erheitert, mit komiſcher Kindlichkeit.„Ein ſo erfahrner Seemann, der ſo ganz und gar nur für das Waſſer und auf dem Waſſer lebt, hätte ſich doch billiger Weiſe ein Schiff bauen ſollen, einen Dreidecker mit hundert und zwanzig Metallzähnen.“ „Du haſt bei Gott Recht,“ lachte Noreroß auf, „und daran wird alle Schuld gelegen haben. Ein Schiff hätt' ich mir in Gedanken von meinen Wün⸗ ſchen bauen ſollen. Aber ſieh, dazu gehört zuerſt der Kiel; auf dem Kiele ruht der ganze Schiffbau. Hab' ich den Kiel, dann friſch drauf los. Dem Schiffe gleicht mein Leben, nicht dem Hauſe; es ſchwankt und ſchwebt, und iſt allen Stürmen preisgegeben. Nicht an die Scholle iſt's gekettet, wie das Wohnhaus des Landmanns; es treibt in die weite Welt hinaus wie das Waſſerhaus des Schiffers. Ja, ja, ein Schiff Junge! Du machſt mir Freude mit Deinem Einfall. Aber wenn wir nur erſt den Kiel hätten.“ „Ich errathe wohl, wen Ihr unter dem Kiel ver⸗ ſteht, Kapitän. Na, bis jetzt habt Ihr Euch immer nur nach einem Grundſtein umgeſehen zu einem miſe⸗ rabeln Wohnhauſe, und das war eine Sünde von Euch und die Sache konnte natürlicher Weiſe nicht gelingen. Ihr lacht, es iſt ganz in der Ordnung, daß Ihr den Prinzen noch nicht erwiſchtet; denn er iſt kein Stein, der in der Erde liegt und erſt herausgegraben werden muß, um zum Grundſtein zu dienen; bewahre der Himmel! er iſt eine Eiche, ein Königsbaum, und ganz zum Kiel eines Schiffes geeignet. Holt ihn Euch als Kiel und Ihr werdet ihn haben.“ „Junge, Du könnteſt mir wieder Muth machen.“ „Ich beſchwör' Euch, Herr Kapitän, wenn Ihr 186 le einmal den Muth verloren habt, was ich aber nicht glauben kann, o ſo ſucht ihn wieder zu gewinnen und es wird Euch Alles gelingen! Sagt nur, was hat Euch zeither gefehlt?“ „Ach, ich weiß es ſelbſt nicht!“ ſeufzte der Kapi⸗ tän.„Doch! doch!“ rief er ſich ſelbſt wieder zu,„ich hab' es Dir ja eben geſagt, Junge, Muth hat mir gefehlt. Es ſcheint faſt, als ſollte ich ihn durch Dich wieder erlangen.“ „Dann wär' ich ja der glücklichſte Schiffsjunge auf der Welt. Seht, Ihr mögt nun an das Gelingen 1 Eueres Planes noch ſo ſchöne Erwartungen geknüpft haben, glaubt nur, für mich war es auch keine Kleinig⸗ keit; denn ich ſollte ja Kadet werden, wenn wir das königliche Blut gekapert hätten, und nun bin ich noch immer Schiffsjunge. Aber den Muth hab' ich doch nicht verloren und immer und immer gedacht: wer weiß, wie ſich's fügt; wir faſſen ihn doch noch und Du biſt Kadet. Denkt eben ſo, Herr, und ſinnt auf neue Pläne.“ „Ja, ich will eben ſo denken, Herzensjunge. Und für dieſen Troſt ſollſt Du Kadet ſein.“ „Iſt's möglich! Victoria! ich habe geſiegt, und ſo werdet Ihr auch ſiegen. Ich habe erlangt, was ich erſehnt; Ihr werdet es auch. Nun ſeht, wie mir der Kamm ſchwillt! Ich will worgen, eh' der Tag graut, fort nach Seeland; ich will ſpioniren; ich will alle Löcher durchkriegen, will mich vom Prinzen unterhalten, ja wohl gar als Bedienter anſtellen laſſen, und Euch dann Nachricht geben, wann er Euch nicht entwiſchen kann. Laßt mich noch einmal mit Courtin reden. Es ſoll Alles gut gehen.“ „Geh' mit Gott, braver Junge! Wahrlich, ſchlüge in aller Schweden Bruſt ein Herz, wie das Deinige, ——————— 187 König Karl hätte ſchon lange über alle ſeine Feinde triumphirt.“ Juel hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als den Lieutenant Flaxmann aufzuſuchen und ihn mit der Sinnesänderung des Kapitän bekannt zu machen. Die⸗ ſer verfügte ſich, darüber erfreut, ſofort an Bord des Graf⸗Mörner, wo er, nach Vermuthen, den Kapitän wirklich in voller Arbeit antraf. Die Nacht war unter⸗ deſſen ganz hereingebrochen, und die beiden Offiziere ſetzten ſich an die Lampe des Fockmaſtes und theilten einander ihre Gedanken mit. „Kapitän,“ ſagte Flaxmann mit Wärme, und er⸗ griff Norcroß Hand,„ich höre mit Entzücken, daß Ihr noch einen Verſuch machen wollt.“ „Ja, noch einen Wurf will ich wagen. Fallen mir die Würfel wieder ungünſtig, dann—“ ein Seufzer erſtickte ſeine Rede. „Ach, Freund!“ rief der Lieutenant,„Euer„Dann“ iſt für mich von noch größerer Bedeutung, als für Euch. Ich knüpfte nicht allein ein politiſches Glück, nein, auch das Glück meines Herzens daran.“ „Und könnt Ihr denn ſo beſtimmt wiſſen, daß ich nicht daſſelbe that, mein Freund?“ verſetzte Noreroß betont. „Wie ſoll ich Euere Worte verſtehen.“ „Ihr wißt, Kamerad, mit welcher Glut ich das Fräulein von Gabel liebe. Es iſt mir nicht anders, als wandelte ich noch einmal unter den blühenden Mantelbäumen Portugals. Nach meinem letzten Beſuch bei Friederiken in Kopenhagen war ich mit mir in's Klare gekommen, daß ich nur in ihrem Beſitz glücklich werden könne. Meine Frau kann nie das glühende Herz befriedigen. Das Alles ſah ich ein; ich fand, daß ich namenlos elend ſei. Da ſchwur ich einſt in 188 ſtiller Mitternacht unter dem Sternenhimmel auf dem Meere, daß, wenn mir der Wurf gelänge, wenn ich den däniſchen Kronprinzen nach Schweden brächte, ich den König um meine Auflöſung meiner Ehe bitten wollte. Ja, dann ſollte Friederike mein ſein.“ „Ha, nun begreif' ich Euch!“ rief Flarmann.„Ar⸗ mer unglücklicher Freund! Ihr duldet die Qualen des Tantalus. Nun ſo laßt uns raſtlos unſerm Glücke nachjagen! Rüſtet Euere Schiffe, laßt uns Alles an die Verwirklichung unſeres Planes ſetzen!“ Und wie von einem unſichtbaren Gotte emporge⸗ riſſen, ſprang er auf und tobte über das Verdeck hin, wilde Ausrufungen und Aufmunterungen zur ſchleunig⸗ ſten Abreiſe ausſtoßend. „So ſeid Ihr nun, Lieutenant,“ ſprach Norcroß verweiſend,„davon ſtürmend zur unrechten Zeit und inne haltend zur unrechten Zeit. Sollen wir ſogleich nach Seeland, um uns die Köpfe auf die Mauer des Kopenhagener Caſtells an Pfähle ſpießen zu laſſen?“ Flarmann hörte ihn nicht, ſondern ſprach den an das Schiff anſchlagenden Wellen von ſeinen Fieber⸗ träumen vor. Norcroß ließ ihn und arhbeitete ruhig im Logbuche weiter. 19. Der letzte Verſuch. Am andern Morgen reiſte Juel ab und machte die Reiſe auf der Küſte bis Karlskrona zu Land. Der Junge war unermüdet. Obgleich des Laufens unge⸗ wohnt, war der Junge doch unermüdlich auf den Beinen. Von Karlskrona ließ er ſich Nachts in einem kleinen Boote an eine unwirthliche Stelle der ſeelän⸗ diſchen Küſte überſetzen, und war am andern Morgen mit der aufgehenden Sonne in der Hauptſtadt des däniſchen Königreichs. Da ihm der Kapitän verboten hatte, ſich an das Fräulein von Gabel zu wenden, ſo ſuchte er allein den Bootsmann Courtin auf. Mit dieſem verabredete er einen ſchlauen Plan. Juel ſollte ſich bei Jverbrink melden und in des Kronprinzen Dienſte zu kommen ſuchen; Courtin aber wollte mehre als Matroſen in däniſchen Dienſten ſtehende Franzoſen, die ihm ergeben waren, gewinnen, was er für nicht ſchwer hielt. Einen davon wollte er nach Göthaborg an Norcroß und Flarmann ſchicken, um ſie mit dem Plane bekannt zu machen. Juel quälte ſich einige Tage mit Hunger und Durſt, um ein kränkliches An⸗ ſehen zu erlangen, und ſchleppte ſich dann eines Mor⸗ gens in zerlumpten Kleidern an das Thor des könig⸗ lichen Palaſtes. Die Schildwachen wieſen ihn mit ihren Hellebarden zurück, aber er wimmerte ſo erbärmlich und verlangte ſo kläglich zum Leibdiener Zverbrink, daß ein vorübergehender Diener ihm verſprach den Leibdiener von ſeinem Verlangen zu benachrichtig en. 190 Eingedenk ſeiner Vevpflichtung erſchien dieſer auch bald am Portale und erkannte den Jungen. „J, mein Himmel, woher kommſt Du jetzt erſt?“ fragte er verwundert.„Es ſind ja ſchon an drei Wochen, als ſich die königliche Hoheit gnädig gegen Dich auf der Brücke zeigte, und Du ſollteſt denſelben Tag kommen. Wo haſt Du unterdeſſen geſteckt?“ „Ach, Herr, eben die Gnade des Kronprinzen brachte † mir großes Unglück zuwege!“ klagte der Junge.„An der Brücke nicht weit von mir ſtand ein Matroſe— Ihr werdet ihn wohl geſehen haben— der ergriff mich, als Ihr ſort war't, ſchleppte mich hinter die Brückenmauer und wollte mir das Geld nehmen, das Ihr mir geſchenkt hattet; und als ich mich widerſetzte, ſchlug er mich jämmerlich, nahm mir das Geld und ließ mich halblent hinter der Brüſtung liegen. Erſt Abends S ich und wimmerte. Ein paar Bauern gingen und nahmen mich mit in ihr Dorf und dort habe ich bis jetzt krank gelegen.“ „Armer Schelm! Nun ſoll Dir's deſto beſſer ge⸗ hen. Komm herein. Ich will dem Kronprinzen Deine Ankunft melden.“— Eine Stunde darauf ſaß Juel in ſtattlichen Kleidern im Zimmer der Pferdeknechte, und hatte bereits die Weiſung, ſich zum Jockei des Kronprinzen zu bilden. Durch ein wohlberechnetes anſchmiegendes Betragen wußte er ſich bei Jverbrink einzuſchmeicheln und durch dieſen ſich in die Gunſt des Kronprinzen zu ſetzen. Er wurde zu kleinen Aufträgen benutzt und hatte oft Wege in die Stadt zu laufen. Kaum hatte er dieſe Geſchäfte zur Zufriedenheit Jverbrink's ausgerichtet, als er auch ſchon vom Kronprinzen perſönlich zu noch wichtigern Dingen gebraucht wurde. Dieſe beſtanden in der Ueberbringung der geheimen Correſpondenz des 191 Königsſohns, ein Geſchäft, wozu freilich ein ſchlauer Kopf gehörte, ein ſchlauerer wenigſtens, als Jverbrink, und als ſolchen hatte ſich Juel dem Kronprinzen be⸗ währt. Auf dieſen Gängen nun war es, wo Zuel die ſchönſte Gelegenheit fand, ſeine eigenen Geſchäfte zu beſorgen. Er traf jetzt öfter mit Courtin zuſammen; dieſer brachte ihn mit den gewonnenen Franzoſen zu⸗ ſammen, von welchen einer bereits nach Göthaborg an den Kapitän mit dem von Courtin, Juel und den Mitverſchwornen ausgedachten Plane abgereiſt war. Dieſer Abgeſandte wurde täglich zurück erwartet, als Juel etwas begegnete, was nicht in der Berechnung ihres Planes lag. Der Kronprinz übergab ihm näm⸗ lich ein Briefchen für das Fräulein von Gabel, die für ſich zu gewinnen er durch ihr jüngſtes Benehmen am Hofe wieder die ſchönſte Hoffnung geſchöpft hatte, und bat ihn dabei, ſich dem Fräulein recht liebens⸗ würdig zu zeigen, weil es ſich wohl gar fügen könne, daß er der Diener des Fräuleins würde. Der pfiffige Junge kam dadurch in die erſte Verlegenheit, weil er bis jetzt auf alle Weiſe vermieden hatte, in des Fräu⸗ leins Nähe zu kommen. Doch vertraute er ſeiner Liſt und trat mit Zuverſicht in Friederikens Zimmer. Aber zu ſeinem Unglück war Chriſtine zugegen. Friederike erkannte ihn, und konnte einer kleinen Beſtürzung nicht Herrin werden, welche Chriſtinen keineswegs entging. Sie wurde auf den Knaben aufmerkſam und kaum hatte er einige Worte geſprochen, als auch ſie in ihm jene räthſelhafte Geſtalt erkannte, welche ſie mit Frie⸗ deriken und dem Kapitän Norcroß in der Gartenlaube belauſcht hatte. Sogleich wurde ſie wieder von jener Unruhe befallen, deren Qual ſie ſchon damals erdul⸗ det hatte, und als ſie vollends hörte, daß dieſer Knabe Jokei des Kronprinzen geworden ſei, ſtieg jenes Unbehagen zur Angſt. Friederike konnte natürlich in Chriſtinens Beiſein den Knaben, den ſie hier und in ſolchen Verhältniſſen zu ſehen ſo höchlich verwundert war, nicht ausfragen; ſie legte den Finger auf den Mund, nahm ihm den Brief ab und bedeutete ihn, die Antwort zu einer gelegnen Zeit zu holen. Juel verſtand und ging. Am Abend war er wieder dort, und fand ſie, wie er gehofft hatte, allein. „Aber, Junge,“ rief ſie ihm entgegen,„biſt Du denn ein Hexenmeiſter? Haſt Du denn etwas vom Lord Palmerſton profitirt?“ „Die Sache geht natürlich zu, wie alle Hexereien des Lieutenants Flaxmann, obgleich Kapitänlieutenant Gad und Meiſter Habermann bis dieſe Stunde dabei bleiben, der Teufel ſei im Spiele.“ Hierauf erzählte er ausführlich und offenherzig, wie er Jokei des Kron⸗ prinzen geworden war. „Du haſt Anlagen ein großer Mann zu werden, entweder ein großer Admiral oder ein großer Spitz⸗ bube. Aber das Alles haſt Du ohne mich vollbrin⸗ gen können?“ „Es war ſo des Kapitäns ausdrücklicher Befehl. Er wollte Euch ſchonen, im Fall etwas entdeckt würde. Und das muß Euch ja lieb ſein, ſchöne Dame.“ „Sieh', Du biſt doch noch ein Kind und verſtehſt Dich ſchlecht auf ein ſtolzes Weiberherz Aber Dein Kapitän iſt ſchier eben ſo unerfahren als Du; oder aber, er hat ganz andere Gründe und Urſachen.“ „Bei Gott nicht!“ rief Juel erſchrocken.„Glaubt, was ich Euch ſage. Mein Kapitän liebt Euch viel zu ſehr, als daß er nur den Gedanken ertragen könnte, Ihr würdet von Seiten des Hofes mit dem leiſeſten Verdachte belaſtet, mit ihm in irgend einer Verbindung zu ſtehen.“ Und nun erzählte er gutmüthig⸗kindlich, was der arme Kapit'in zeither ausgeſtanden, wie er in Verzweiflung am Meeresufer ihren Namen gerufen habe u. dgl. m. Friederike wurde von dieſer natürlichen Schilde⸗ rung, die den Stempel der Wahrheit an der Stirne trug, ergriffen. Sie küßte den Jungen auf die Stirn, und er geſtand ihr, daß Kapitän Norcroß bald wie⸗ der nach Seeland kommen werde, um noch einmal ſein Glück an der Perſon des Kronprinzen zü verſuchen. Hierauf wurde er mit einem Billet an den Kron⸗ prinzen, das weder kalt noch warm war, und der Bitte, bald wiederzukommen, entlaſſen. Sie hatte ge⸗ nug von ihm gehört, um den Mann ihrer Seele mit neu angefachter Glut zu lieben und ihr Schickſal zu verwünſchen. Der abgeſandte Matroſe langte nach einigen Ta⸗ gen mit der Nachricht an, daß Kapitän Norcroß mit ſeiner Fregatte am folgenden Tag auf der kopenhage⸗ ner Rhede ſich vor Anker, legen und unter falſchem Namen als ſchwediſchen Ueberläufer angeben werde. So war Courtin's und Juel's Plan. Dieſe wollten Lärm von der Sache machen und den Kronprinzen einladen, ſich das herrliche Schiff zu beſehen. Sobald er aber an Bord deſſelben ſei, ſollten die Anker ge⸗ lichtet werden. Am andern Morgen erſchien die Fregatte; Juel wollte das Fräulein von Gabel benachrichtigen, daß der Kapitän da ſei, und glaubte ihr damit eine Liebe zu erweiſen. Um ganz ſicher zu ſein, ſchrieb er auf einen Zettel: Der Kapitän iſt da, und wird ſich un⸗ ter dem Namen Karſten als Ueberläufer melden. Wollt Ihr ihn ſprechen, ſo kommt Nachmittags in den Hafen.“— Dieſes Brieſchen trug er hin, um ſie zu benachrichtigen, im Fall ſie nicht allein ſei. Aber er Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xll. 194 fand ſie allein, erzählte ihr ſeine Neuigkeiten und legte das Briefchen auf den Tiſch. Friederike überſah es. Als Juel hinaus war, trat Chriſtine in das Zimmer, und kaum hatte jene den Rücken gewendet, als ſie das Papier nahm, es überlas, im Buſen verbarg und da⸗ mit forteilte. Einer ihrer Diener trug das Billet un⸗ verzüglich zum Kammerjunker von Raben. Unterdeſſen hatte dem kühnen Norcroß noch ein⸗ mal das Glück gewinkt. Der freundliche Morgen führte den Kronprinzen hinaus. Einige von ſeinem Gefolge thaten ihm den Vorſchlag, ob er nicht längs den Küſten nach Güldenlund rudern wollte. Er fand Ge⸗ fallen daran, und der Admiral Roſenpalm ließ ein ſchönes Boot anfahren. Courtin wußte ſich die Füh⸗ rung deſſelben zu verſchaffen und nahm einige ſeiner Ergebenen als Ruderknechte mit. Ein Kammerherr von Gabel, Friederikens Bruder, war diesmal dabei. Als ſie nun einige Schüſſe vor der Kalkbrennerei vorbei waren, gewahrte der Admiral Roſenpalm zuerſt die Fregatte Graf⸗Mörner, und zeigte ſie dem Kammer⸗ herrn Gabel. Man fragte ringsum, aber keiner von all' den Herren kannte das Schiff. Courtin wurde nicht gefragt und durfte alſo auch nicht antworten; er hielt es auch für klüger, zu ſchweigen, bevor Nor⸗ croß ſich nicht bei der Admiralität gemeldet hätte. Doch hoffte er, der Kronprinz werde, von Neugierde getrieben, Befehl ertheilen, auf das unbekannte Schiff loszuſteuern, und ſomit wäre denn das ganze Spiel gewonnen geweſen. Und wirklich ging ſeine Hoffnung in Erfüllung. Hohe Freude leuchtete aus Courtin's Blicken; die Burſche ſtrichen die Riemen mit Kraft, und das Boot flog ſeinem Schickſale entgegen. Da trat der Admiral Roſenpalm, ein bedächtiger Mann, hervor, und bat den Prinzen: Ob Se. königliche Ho⸗ 195 heit nicht lieber geruhen wollten, wieder umzukehren, weil das Schiff doch Allen unbekannt und ihm ver⸗ dächtig wäre. Die andern Herren ſtimmten bei, und der Kronprinz ließ ſich zur Rückkehr bewegen. Ehe ſie bei der Zollbude ankamen, ſah man in der Ferne ei⸗ nen kleinen Fiſcherkahn vorüberſtreichen, um den man ſich nicht weiter kümmerte. Gleich darauf wurden die Anker auf der Fregatte gelichtet und mit ſtolzem Zuge ging ſie vor Aller Augen nach Schonen hinüber. So⸗ gleich befahl der Admiral, drei Schaluppen auszuſen⸗ den, um zu ſehen wer es geweſen wäre. Aber ſie erreichten den beflügelten Gang des großen Schiffes nicht. Ohne Aufklärung kehrten ſie um. Als der Kammerjunker von Raben von dieſer Spa⸗ zierfahrt nach Hauſe kam, fand er das Billet. Aber er konnte daraus ſo wenig ſehen, wer es geſchrieben, noch durch welche Hand es ihm zugekommen ſei. Er ahnete nur die Geberin. Genng, daß er es dem Kron⸗ prinzen überreichen konnte, um denſelben zu überzeu⸗ gen, in welcher Gefahr er geſchwebt habe. Jener Fiſcherkahn ſtand allerdings mit der Fre⸗ gatte in Verbindung. Als er nämlich dem Schiffe nahe gekommen war, gab der junge Fiſcher ein Zei⸗ chen, daß er Depeſchen zu überbringen habe. Norcroß ſtieg ſogleich ſelbſt die Treppe hinab. „Hier,“ ſagte der Fiſcher,„bring' ich Euch einen Brief von einer vornehmen Dame, die mir ihn eben ſelbſt mit einer Belohnung übergeben hat. Ich brauche nicht auf Antwort zu warten.“ Und ſomit ſtach er wieder in See. Norcroß hatte in der auf ihn lautenden Aufſchrift Friederikens Hand erkannt. Mit eigenthümlichem Ge⸗ fühle eröffnete ſeine zitternde Hand das Schreiben. Er las: — 13 196 6„Kapitän Norcroß! Ihr ſeid verrathen, und wenn Ihr zaudert, in zwei Stunden däniſcher Gefangener. Was dann Euer Loos ſein würde, könnt Ihr ſelbſt ermeſſen.— Ihr werdet ſtaunen, aber Alles begreiflich finden, wenn ich Euch ſage, daß Chriſtine von Ove, die unwürdige Braut Eueres Freundes, die Verrätherin iſt. Vor ei⸗ ner halben Stunde, als ich mich unverhohlen über den Antheil, den ich an Euerer Perſon nehme, bei ihr als bei einer Schweſter ausſprach, ſchlug ſie plötz⸗ lich das Gewiſſen. Sie fragte mich, ob Ihr wirklich der Kapitän ſeid, welcher auf der Rhede als Ueber⸗ läufer liege, und als ich erſtaunt und nicht begreifen könnend, wie ſie zu ſolcher Wiſſenheit komme, es ihr bejahe, ſtürzt ſie mir plötzlich in Verzweiflung und die Hände ringend zu Füßen, und fleht mich an, Euer Leben zu retten, welches in der größten Gefahr ſchwebe. Ich beſchwöre ſie, ſich näher zu erklären, und ſie ent⸗ deckt mir, daß ſie Zeugin unſeres Geſprächs in der Laube geweſen, und daß ſie es ſei, welche dem Kam⸗ merjunker von Raben einen Wink auf der Jagd ge⸗ geben, daß er den Kronprinzen nicht am Strande zu⸗ rückreiten laſſen möchte. Sie geſtand ferner, daß ſie mir dieſen Morgen ein Zettelchen weggenommen, wor⸗ auf mir Euer Junge blos ſchrieb:„„Der Kapitän iſt Nachmittags im Hafen; er liegt als ſchwediſcher Ueberläufer auf der Rhede.““ Euer Name war nicht genannt. Sie hat beidemal den Verrath aus einer mißverſtandenen Vaterlandsliebe begangen; eine große Angſt, die ſie nicht gräßlich genug beſchreiben kann, hat ſie dazu getrieben. Sie hat zerknirſcht zu meinen Füßen gelegen, und jetzt wälzt ſie ſich noch in Thrä⸗ nen zerfließend auf ihrem Bette. Das Unglück hat uns verfolgt, daß ein ſchwaches Weib zur Mitwiſſerin 197 unſers Geheimniſſes wurde. Ich muß bekennen, daß ich ſie haſſe, wie mein Vaterland; ich werde A al⸗ ten treffen, ſie bald zu verlaſſen. Sie hat jetzt be⸗ griffen, daß ſie ſich ſelbſt frevelhaft den Brautkranz zerriſſen hat, und iſt untröſtlich. Ich kann ihr nicht helfen, und überlaſſe ſie ihrem Schickſale. Durch Euern Jungen, der doch wohl bald zu Euch zurück⸗ kehren wird, ſollt Ihr wieder von mir hören. Ich habe ihn nicht wieder geſehen; er ſpielt ſeine Rolle vortrefflich. Eilt von der ſeeländiſchen Küſte ſo ſchnell Ihr könnt. Euere F.“ Der Kapitän ſtand einen Augenblick bewegungslos, aber in ſeinen Augen begann ein fürchterliches Feuer zu glühen. Endlich ballte er die Fauſt und zerdrückte den Brief darin, und über ſeine Lippen ſchwebte ein entſetzlicher Fluch. Dann ſtieg er auf das Schiff hinauf und gebot, die Anker zu lichten und die Rie⸗ menblätter zu ergreifen. Stumm ſtand er auf dem Verdeck und ſchaute nach Kopenhagen hin, als das Schiff ſeinen Flügelgang nach der ſchoniſchen Küſte zu nahm. Ein leiſes Zittern lief durch ſeine Glieder, er mußte ſich mehrmals an dem nächſten Maſte an⸗ halten. Endlich glättete er den Brief wieder, ſchlug ihn zuſammen und ſteckte ihn ein. Aber kein einziges Wort weiter, als die zum Befehlen unumgänglich nö⸗ thig waren, kam über ſeine Lippen. Sobald die Fre⸗ gatte im Hafen von Karlskrona eingelaufen war, wurde ſie von einer Menge Neugieriger empfangen, die alle den Kronprinzen von Dänemark über den Steg da⸗ hertreten zu ſehen erwarteten. Aber es erſchien Nie⸗ mand; die Nachricht, daß Kapitän Norcroß den Prin⸗ zen wieder nicht gefangen habe, verbreitete ſich ſchnell ue der Menge, die mit Hohngelächter auseinan⸗ derlief. Beſtürzt rannte Flaxmann, der ſich an das Ufer gedrängt hatte, über den Steg in das Schiff und er⸗ ſchrak noch mehr über die bedenklichen Geſichter der Matroſen. Er fragte nach dem Kapitän und wurde in die Kajüte verwieſen. Dort fand er Norcroß bleich, den Kopf in die Hand geſtützt, den wilden Blick auf eine Stelle gerichtet, und um ihn ſeine Offiziere, den Bovtsmann, den Steuermann und den Schiffschirur— gus. Alle waren beſchäftigt, ihm zuzureden, daß er ſich doch an's Land begeben möchte. Er verweigerte es und antwortete ihnen auf ihre Vorſtellungen nichts. Jetzt wurde Platz gemacht, und Flaxmann trat an den Tiſch. „Hier kommt mein Mann!“ rief Norcroß, ſprang auf, griff in die Bruſttaſche, zog den zerdrückten Brief heraus und rief, ihm das Papier überreichend:„Leſ't!“ Der Lieutenant durchflog mit wirren Augen die Zei⸗ len, die Farbe ſeines Geſichts wechſelte vom glühend⸗ ſten Roth in's Todtenblaß, er ſank auf einen Stuhl. Das Blatt entfiel ſeiner Hand, ſein erlöſchendes Auge traf auf Norcroß' durchbohrenden Blick. Meiſter Habermann war bei der Hand und fragte: „Mit Verlaub, gnädiger Herr Lieutenant, ſoll ich Euch etwa eine Ader öffnen, oder habt Ihr irgend ein ſympathetiſches Mittelchen bei der Hand, deſſen Wirkung Euere werthe Geſundheit vor den übeln Fol⸗ gen des Schreckens bewahrte?“ Flaxmann beachtete ihn nicht, ſondern rief mit dem Ausdruck eines ungeheuern Schmerzes:„Alles verloren! Und durch ſie verloren!“ „Laßt ihn nur gehen,“ flüſterte der Kapitänlieute⸗ nant Gad dem Chirurgus zu.„Der Teufel hilft ſei⸗ ——————————— 199 nen Leuten. So lang' er das Teufelspact in dem blutrothen Büchlein auf der Herzgrube trägt, ficht ihn nichts an, und er bedarf menſchlicher Hülfe nicht.“ „Noch nicht Alles verloren!“ ſprach Noreroß mit fürchterlichem Ernſt und ſchlug Flarmann mit der flachen Hand auf die Schulter.„Noch nichts verlo⸗ ren!“ rief er mit Donnerſtimme und die Glut einer entſetzlichen Leivenſchaft ſtieg in ſein Geſicht.„Ich ſehe, daß Ihr nicht zum Seemann geboren ſeid, wie ich. Im ärgſten Toben des Sturms bewährt ſich der Schiffer. Nacht muß es um mich ſein, der Orkan muß wüthen, Blitze müſſen mich umraſen, das Meer ſeinen Rachen gähnend aufreißen, dann wird's mir erſt recht wohl, dann erſt zeig' ich, daß ich ein See⸗ mann bin! Zetzt will ich Alles an Alles ſetzen. Auf ſchon befahrnen Straßen komm' ich nicht zum Ziele, wohlan, ſo will ich mir neue entdecken! Und ich will zu meinem Ziele, und ich will! Kennt Ihr die un⸗ geheure Kraft dieſes Wortes? Ha! Ihr kennt ſie nicht. Mein Plan iſt reif. Er überragt all' Euere winzigen Entwürfe als ein Rieſe. Wir werden von heute anfangen, an drei Brandern zu arbeiten. Koſte es was es wolle, ich werde die Meere durchziehen, um mir die Koſten aufzutreiben. Sobald ſie fertig ſind, ſuchen wir die däniſche Flotte unter Tordenſchild auf; ſie muß in einer Nacht in Feuer aufgehen. Wäh⸗ rend ſie noch brennt, eil ich nach Kopenhagen, und in der Verwirrung, welche die Nachricht vom Brand der Flotte dort anſtiftet, komm' ich an den König und den Kronprinzen. Und rett' ich mich auch nicht, ſo ſterb' ich frendig, wenn ich nur mein Ziel erreicht habe. Schwört mir Alle, mir den Plan ausführen zu helfen, den ich Euch eben enthüllt. Schwört mir, wenn Ihr nicht Feiglinge ſeid!“ ————————— 200 Die Officiere, wüſte Menſchen, deren Freude Mord und Brand war, ſchwuren ihm Beiſtand, und es er⸗ hob ſich ein Jubelgeſchrei in der Kajüte; denn den Meiſten war der Kapitän zeither noch viel zu ordent⸗ lich geweſen, jetzt, da er Mörder und Mordbrenner zu werden verſprach, jetzt war er ihr Mann. Nur ein paar Augen wandten ſich mit Abſchen von dieſer Gräuelſcene ab, die des achtzigjährigen Steuer⸗ manns Ebbe Reetz. Er faltete wehmüthig die Hände und lispelte vor ſich hin:„Großer Gott, ſoll ich ſo kurz vor meinem Ende einer ſo abſcheulichen Sünde theilhaftig werden? O Himmel, kann ich noch länger unter einem jungen Manne dienen, der ein Königs⸗ mörder werden will? Und noch dazu der Mörder meines Königs! Ach, ich fühle jetzt mehr als je, daß ich ein Däne bin! Nein, nein! das kann ich nicht ertragen.“ Der ſonſt ſo geſprächige Greis, der ſo gern aus dem reichen Schatze ſeiner Erfahrungen auskramte und inmitten des jungen Matroſenvolkes erzählend und be⸗ lehrend ſaß, wie die alte Zeit ſelbſt, war von dieſem Tage an wie verſtummt. Er ging ſelten aus dem Schiffe und brütete immer ſtill vor ſich hin. Die Matroſen ſagten:„Es muß vor des alten Reetz Ende ſein; er hat ſeine Natur geändert und iſt ſtumm ge⸗ worden wie ein Fiſch.“ Aber eines Tages fragte Einer den Andern:„Wo mag der alte Reetz ſtecken?“ Keiner wußte es. Einige erinnerten ſich, ihn ſchon Tags vor⸗ her vermißt zu haben.„Er wird doch nicht etwa geſtorben ſein?“ hieß es wieder; aber da ber Kapi⸗ tän mit der geheimen Anfertigung der Brander trieb, ſo hatte Keiner Zeit, ſich beſonders um den alten Mann u bekümmern, und da er eben nicht gebraucht wurde, ſo vergaß man ſeiner. Von Tag zu Tag wur⸗ 201 den jedoch die Nachfragen nach ihm ſtärker, ſein Ver⸗ ſchwinden mußte endlich dem Kapitän gemeldet werden. Dieſer, mit Racheplänen beſchäftigt, machte nichts daraus, und ſo ſprachen nur die Matroſen mit Be⸗ dauern von ihm; denn ſie hatten ihn Alle lieb ge⸗ habt, und weil ſein Abhandenkommen Allen unerklär⸗ lich war, ſo behauptete Kapitänlieutenant Gad geradezu, der neugebackene Lieutenant Flarmann werde wohl am beſten wiſſen, wohin der alte Mann gerathen ſei; denn es liege außer allem Zweifel, daß dieſer ihn weggehert habe. Dieſen Verdacht ſprach er endlich ſogar ungeſcheut beim Kapitän ſelbſt aus, und überhäufte dieſen mit Vorwürfen, daß er einen ſolchen, als Zau⸗ berer und Herenmeiſter entlarvten Menſchen immer noch um ſich dulde. „Ihr werdet es noch einſehen lernen, Kapitän,“ rief er mit gutmüthigem Eifer,„daß dieſer Chaldäer an alle Euerm Unglück Schuld iſt. All' Euere Unter⸗ nehmungen laufen ſchief, ſobald dieſe böſe Sieben im Spiele. Ich dächte doch, Ihr hättet Euch zeither über⸗ zeugt. Aber Ihr ſeid mit ſehenden Augen blind. Ich ſag' Euch, Ihr werdet noch an meine guten Rath⸗ ſchläge denken, aber dann wird's zu ſpät ſein. Auch Euer jetziges Unternehmen wird mißglücken; ich ſag' es Euch erſt, es wird nichts daraus, und bloß weil dieſer Teufelskerl daran Theil nimmt.“ „Seid Ihr fertig?“ fragte Norcroß barſch. „Ja, Kapitän!“ „Nun wohl, ſo geht Euere Wege und bekümmert Euch nicht um ungelegte Eier; ich will die meinigen gehen und es eben ſo machen.“ Gad fluchte in den Bart und ging. Die Brander waren faſt vollendet und Norcroß arbeitete an einem geſchickten Ueberfallsplan; da langte eines Abends auf einem däniſchen Boote der Franzoſe Courtin im Hafen an und überbrachte noch denſelben Abend zwei Briefe, den einen vom Fräulein von Ga⸗ bel an den Kapitän Norcroß, den andern von Fräu⸗ lein von Ove an den Lieutenant Flaxmann. Der erſtere lautete alſo: „Kapitän Noreroß! Ein unſeliges Mißgeſchick ſchwebt über all' Euern Unternehmungen. Ihr werdet vergebens gegen ein Euch feindliches Schickſal kämpfen. Euer Plan, die däniſche Flotte zu vernichten und Tordenſchild zu de⸗ müthigen, iſt wieder verrathen; ganz Kopenhagen ſpricht davon; man trifft in Eile alle erdenklichen Vorſichts⸗ maßregeln. Man ſetzt ſogar überall hinzu, Ihr woll⸗ tet den König und den Kronprinzen von Dänemark ermorden. Doch iſt das Letztere wohl nur erdacht, um Euch in ein recht grell⸗gehäſſiges Licht zu ſetzen; ich will und mag nicht glauben, daß Ihr Euch ſo weit verirren könntet. Einen Königsmord kann der Freiſinnigſte nicht gut heißen. Euer Plan ſoll durch Euern eignen Steuermann, einen uralten Greis und gebornen Dänen, verrathen worden ſein, der, wie man erzählt, vor einigen Tagen hier anlangte und von ſeinem Gewiſſen getrieben die Anzeige bei dem Admiralitätsgericht machte. Euer Fluch trifft mit Recht meine alberne Baſe; ſie leidet ſehr; und um das Maß ihres, Eueres und meines Kummers voll zu machen, iſt auch Juel ent⸗ deckt und in Gewahrſam gebracht worden. Seine Handſchrift, die Chriſtine dem Kammerjunker von Ra⸗ ben übergab, hat ihn verrathen. Man wird dem ar⸗ men Jungen kurzen Prozeß machen, und er iſt nicht zu erretten. O ich bin namenlos unglücklich! Doch mir zum Troſt ſcheint es, daß der Sturm meines Le⸗ ——.———— 4—.—— 203 bens mich bald in die wildeſten Gewäſſer hinausfüh⸗ ren werde. Dann hoff' ich, ſoll mir wieder wohl werden; die Anſtalten zur Abreiſe ſind gemacht. Doch nie ſollt Ihr erfahren, wohin ich gehe. Lebt wohl, Kapitän! F. v. G.“ Der Brief an Flarmann war des Inhalts: „Ich ſterbe, mein Geliebter, ich bin ſchon todt⸗ krank, und der Tod wird mir ein willkommener Ret⸗ ter, ein Engel der Tröſtung ſein. Ach, ich habe in den Tagen meiner Leiden die Ueberzeugung gewonnen⸗ daß ich Dich doch niemals hätte beſitzen können und dürfen; das Schickſal hat es auch nicht dulden wol⸗ len, drum hat es mich zur Verrätherin an Dir ge⸗ ſtempelt. Ja, ich bekenne mich ſchuldig, und doch iſt mein Herz der alten reinen Unſchuld noch voll. Der Konflikt meines und Deines Geſchicks hat mich mit mir ſelbſt in Verwirrung gebracht. Meine Heiterkeit iſt dahin. Du würdeſt mich kaum mehr erkennen. O für welche Sünden bin ich ſo hart geſtraft! Ich habe keine begangen. Ich fehlte aus Schwachheit; ich bin kein ſtarkes Mädchen, wie Friederike. Darum, mein einzig Geliebter, vergieb mir! Eine Sterbende fleht Dich um Verzeihung an, willſt Du ſie zurückſtoßen? Vergieb, vergieb, o vergieb! Könnt' ich doch vor Dir niederknien, könnt' ich meine Hände ringend zu Dir erheben, könnteſt Du in mein bleiches abgehärmtes Geſicht ſehen, Du würdeſt ſagen: Dir ſoll vergeben ſein! Ja, Du wirſt es ſagen, ich weiß es! Laß es mich wiſſen, ich flehe Dich! Leb' wohl für dieſe Welt. Leb' wohl und vergiß nicht ganz Deiner unglücklichen Braut Ch. v. O.“ „Nun iſt Alles aus!“ raſete Norcroß auf.„Ver⸗ *— 204 flucht ſei das Weib, das mir meine herrlichſten Pläne verdarb!“ „Nicht ihr fluchen!“ ſagte Flaxmann und weinte. „Unſer Mitleid verdient ſie, nicht unſere Flüche.“ „Und Ihr weint, wie ein Kind, das ſein Püpp⸗ chen verloren hat,“ höhnte der Kapitän.„Ich, auch ich möchte weinen, aber Blut; denn Thränen hab' ich nicht, Blut weinen über meinen lieben Jungen, den ſie mir an den Galgen hängen werden. O Du Lieb⸗ ling meines Herzens, mußteſt Du durch den Verrath eines geſchwätzigen Unterrockes umkommen!“ Hier brach der ſo feſte Mann in ein verzweiflungsvolles Geheul aus. Dann rief er wüthend über das Schiff: „Jungen, ſtellt Euere Arbeit ein; es iſt Alles verge⸗ bens. Der alte Reetz hat uns verrathen. Geht nach Hauſe, es wird bald Winter.“ „Hab' ich es Euch nicht geſagt, Kapitän,“ erin⸗ nerte Gad, der neben ihm ſtand,„daß aus Euerm Unternehmen wieder nichts werden würde? Uud wa⸗ rum?“ Er deutete mit ſeinen langen dürren Fingern auf Flaxmann, der den Kopf an einen Maſt gelehnt hatte. „Ja, in's Teufels Namen! Ihr habt mir's vorher geſagt!“ donnerte Norcroß den erſchrocken zurückwei⸗ chenden Kapitänlieutenant an. Dann wandte er ſich zu Flarmann und ſagte ernſt und mit einer gewiſſen weh⸗ müthigen Feierlichkeit: „Lieutenant, unſere Wege können fernerhin nicht mehr zuſammengehen. Es iſt kein Segen dabei. Wir müſſen uns trennen. Morgen reiſ' ich mit meiner Fregatte ab, Ihr mögt über Euch ſelbſt beſtimmen.“ „Ich habe ſchon,“ verſetzte Flarmann, hob das Haupt mit den dunkeln Augen voll ſchwerer Thränen S— 205 gen Himmel, reichte Norcroß die Hand, ſeufzte tief auf, und ging. Als er, zerriſſen vom fürchterlichſten Schmerz, an's ufer trat, fühlte er ſich von hinten bei der Hand ge⸗ faßt. Es war Courtin. „A l'honneur de marin!“ ſagte er.„Ich folg' Euch, wohin Ihr geht, Monſeigneur. Ich habe den Dänendienſt quittirt, und möchte mich wieder an Euch attachiren, um der Welt doch einmal den Beweis zu liefern, woran ſie immer nicht glauben will, daß ein Franzos und ein Engländer in friedlichſter Eintracht und im freundſchaftlichſten Einverſtändniſſe mit einan⸗ der leben können. Wollt Ihr mich haben, Herr?“ „Du ſollſt mein Bruder ſein!“ rief Flaxmann und umarmte ihn.„Eben glaubte ich mich von Allen verlaſſen, die Geliebte hat mich betrogen und verra⸗ then; der Freund hat mich verſtoßen. Da ſchickt der Himmel Dich mir; ich fühle, es giebt noch eine Seele, die mich liebt. Nein, ich bin nicht unglücklich. Ich bin ein reicher, glücklicher Mann, denn ich beſitze eines Freundes treues, theilnehmendes Herz.“ . Ende des zweiten Theils. Druck von Alexander Wiede in Leipzig. ., 4 8 aendie