beträgt: von. Cdnard Oltmaun in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 cLeih und GLeſebedingungen. otensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens i Aben e Uhr offen. S esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ngenommen. 3 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe rlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und ür wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— MWonat: T W— Ff. TW W Pf 2 M— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Vor dem Dammthore in Hamburg in einem jener wüſten Wirthshäuſer, welche man im vorigen Jahr⸗ hundert mit dem Namen Kaffeehäuſer beehrte, obgleich ſie eigentlich nichts weiter waren, als ſchmutzige Spe⸗ lunken und Aufenthaltsorte roher Seeleute, lüderlicher Soldaten und andern nichtswürdigen Volks, in einer ſolchen Pandorabüchſe hockte ein Haufen junger und alter Geſellen um einen Tiſch, theils mit behaglichen gemeinen, theils mit abgeſpannten geiſtreichen Geſich⸗ tern, in welche das Laſter mit ſcharfem Pfluge Furchen gezogen und Todesſaat geſtreut hatte. Man ſah bald, daß ſie ein damals beliebtes Hazardſpiel, Baſſet, mit all' jener Leidenſchaft ſpielten, welche ſich nicht allein in wilden Geberden, giftigen und fröhlichen Blicken und geballten Fäuſten, die die eichne Tiſchplatte zu zerſplittern drohten, ſondern auch in Flüchen und Ver⸗ wünſchungen, aus deren Art man Stand und Ge⸗ werbe des Mannes abnehmen konnte, und im Genuſſe des Grogs und Branntweins kund that und augen⸗ fällig genug äußerte. In der Stube ſah's eben ſo übernächtig aus, wie in den Zügen der Spieler, ob⸗ gleich die ſpäte Herbſtmorgenſonne, gleichſam darüber verwundert, ſich Mühe gab, durch die ſchmutzigen, blin⸗ den und mit altem Papier geflickten Fenſterſcheiben zu blicken, was ihr inzwiſchen nicht ſo gelang, wie einem baumlangen Kerl in däniſcher Lieutenantsuniform, wel⸗ cher ſein kupferrothes Geſicht an den untern Fuß des einen Schiebefenſters legte und mit großen ſchwarzen Augen die Stube durchmuſterte. Dieſe ſchmunzelnden Augen blieben an einem ſchönen Jüngling hängen, der am Spieltiſch mit zitterndem Krampf die Karten faßte und mit ängſtlichem Blick in die bunten Blätter ſtarrte, nichts weiter gewahrend und beachtend. Seine hohe Stirn, zwar von der Sonne verbrannt, zeigte doch in den Winkeln der Schläfe, in den bedeutungsvollen Falten über den zarten Brauen und in den Naſen⸗ winkeln eine feine bläuliche Haut, ſeine Naſe war eine von denjenigen, welche man mit dem Beiworte „vornehm“ zu bezeichnen pflegt, d. h. ſie wahr mäßig groß, ſanft gebogen und verlieh dem Geſicht etwas Würdevolles. Ein paar blaue Augen verkündeten milden Sinn und Verſtand, obgleich ſie jetzt von Leidenſchaft und Schlafloſigkeit erhitzt, trüb auf dem unſeligen Papier ſchwammen. Mit dem übrigen Ge⸗ ſicht ſtand der Mund im Widerſpruch. Scharf geſchnit⸗ ten und in den Winkeln herabgezogen, ſchien er Hohn, und im Aufwerfen der Unterlippe Trotz zu verkünden. Die Lippen entbehrten jener friſchen Röthe, welche in dieſen Jahren ſie gleichſam zu zwei Purpurroſen um⸗ wandelt, die verlangend und reizend den Lippen⸗Roſen der Geliebten entgegenblühen. Die Blüthen dieſes Jüng⸗ lings ſchienen von einer vorzeitigen Sommerglut ge⸗ welkt zu ſein. Wenn man den Widerſpruch in dem intereſſanten Geſichte überſah, ſo ſchien es, Kälte über die Geſtalt ausgegoſſen, die an Theilngk loſigkeit grenzte, aber bei genauerer Betrachtung konnte keinem Beobachter das leiſe fieberhafte Zucken entgehen, das über das Geſicht fuhr, wie ein fernes Wetter⸗ leuchten über den abendlichen Sommerhimmel; auch 1 *— 7 ſprachen die kalten Schweißtropfen auf der blaſſen Stirn, die krampfhaften Bewegungen der Hände und das öftere Wechſeln des Platzes auf der Bank genug⸗ ſam von innerer Bewegung. Wenn er von den vor ihm liegenden Goldſtücken an die Mitſpieler auszahlte — und das geſchah faſt nach jedem Spiele— zitterte er merklich. Um den Tiſch ſaßen Geſichter, die den Stempel der Gaunerei an der Stirn trugen, doch war auch manches Beſſere dabei. Zu letzteren war ein Mann von mittlerer Größe mit anziehendem Geſicht zu rechnen, deſſen Alter ſich höchſtens in die letzten der zwanziger Jahre verſtieg. Aus ſeiner gedrungenen Geſtalt, ſeinen raſchen Bewegungen, ſeinem feurigen Blick ging ein großer Vorrath von phhyſiſcher wie pſychiſcher Kraft hervor. Er trug einen an den Auf⸗ ſchlägen der Aermel mit Gold geſtickten Sammetrock, feine Manſchetten und ein zierlich gefaltetes Hemd. Die Locken einer zierlichen Perrücke fielen auf ſeine Schultern. Die lächelnden Blicke dieſes Mannes waren jezuweilen ſcharf auf den bleichen jungen Mann ge⸗ richtet, der ſein Geld im Spiele verlor. Aber auch noch zwei Andere blickten dieſen an, die neben dem feingelleideten Mann zur Rechten und Linken ſaßen, ein ſchmächtiger, langer, auch gut, obgleich nicht koſt⸗ bar gekleideter Mann mit großen hervortretenden Augen und ein dickes ältliches vergnügtes Vollmonds⸗ geſicht. Beide flüſterten dem Mittleren zu, fixirten den leidenſchaftlich und mit Unglück ſpielenden Jüngling, und der Dicke trank dann mit Wohlbehagen aus ſeinem Kruge. „Er verſchießt jetzt die letzte Munition,“ ſagte der lange Blaſſe leiſe;„ſeine Fregatte hat ſtarke Breſchen, und ich glaube nicht, daß er ein Bvot ausſetzen kann, um ſich zu ſalviren.“ Auf einen Wink des Nachbars ſchwieg der Sprecher; ſie nahmen die Karten wieder zur Hand; der Jüngling verlor ſein letztes Geld, griff haſtig und mit einem verzweifelten Ausdruck in die Taſche und langte zu Aller Erſtaunen eine goldene Doſe hervor. „Ich habe kein baares Geld mehr bei mir,“ ſprach er deutſch, obgleich mit fremdem Accent,„wie hoch taxiren die Herren die Doſe?“ Sie ging von Hand zu Hand; Einer bot dreißig Reichsthaler darauf, ein Anderer fünf mehr. So kam ſie auch in die Hand des dicken Zechers, der ſeinem vornehmen Nachbar mit Kennermiene zunickte und die Doſe hinhielt. „Ich gebe funfzig Reichsthaler,“ ſprach dieſer, n der junge Mann nickte Gewährung. Der Meiſtbietende zog eine von Goldſtücken ſtrotzende Börſe, und einen Augenblick darauf lag das Geld auf dem Tiſche, und die Doſe war in des Käufers Händen. Sogleich be⸗ gann das Spiel wieder; man ſchrie und tobte, und der junge Menſch verlor. „Das war nur ein Palliativ,“ flüſterte der Dicke. „Der Brand iſt an der Wunde; da hilft kein Schnitt. Mit der Doſe könnt Ihr das Bürſchchen gleich fangen, Kapitän. Das iſt eine Lockſpeiſe, denn er gab ſie nicht gern her.“ „Er takelt bald ab,“ brummte der Lange auf der andern Seite.„Die Kerls beſchießen das Schifflein, als ob ſie mit uns im Einverſtändniß wären. Die Priſe iſt unſer. Nehmt ſie nur gleich im Namen unſers Königs in Beſitz, Kapitän.“ Der Kapitän nickte beifüllig, das Gold des Jüng⸗ lings ſchwand, während Schweiß von ſeiner Stirn troff. Unterdeſſen war das kupferrothe Geſicht wieder am Fenſter ſichtbar geworden; Einer ſchob es auf und —— ————— 2 —— 9 raunte dem vierſchrötigen Kerl draußen zu:„Die Krabbe hat noch funfzig Reichsthaler Succurs erhal⸗ ten, aber ich denke, das war der letzte Stoßſeufzer. Wir haben ihm nicht ſchlecht zugeſetzt. Bald iſt das Fiſchlein ohne Waſſer, und wenn der Köder bei der Hand iſt, beißt's an.“ „Was iſt der Burſche für ein Landsmann?“ fragte der Offizier. „Das hat noch keiner von uns klar kriegen konnen.“ „Ein Deutſcher wohl nicht, ſonſt ſpräche er nicht ſo fremd. Dem Geſicht nach hätte ich ihn für einen Franzoſen gehalten, aber dazu ſpricht er das Deutſche zu gut. Der Kleidung nach iſt er ein Engländer. Wenn man ihn ſo anſieht, ſollte man meinen, er ſei vornehmer Leute Kind, dazu will ſich aber der alte Rock und das abgetragene Kamiſol nicht paſſen. Hin⸗ gegen läßt ſich auch in Betracht derſelben nicht be⸗ greifen, wie er zu der goldenen Doſe gekommen ſein mag.“ „Haſt Du nicht herausgebracht, zu welchem Zwecke er nach Hamburg gekommen iſt?“ „Nicht die Spur!“ „Es ſcheint noch allerlei Volk drinn zu ſein, das uns noch ein Hinderniß in den Weg legen könnte. Mohrenelement! ich brenee vor Verlangen, dieſem Burſchen den bunten Rock anzupaſſen. Kennſt Du den Kerl in der gepuderten Perrücke nicht?“ „Er kommt mir bekannt vor, aber Ihr könntet mir einen Monat doppelte Löhnung verſprechen, ich wüßte nicht zu ſagen, wer er iſt. Wenn ich ſeine Aus⸗ ſprache mit ſeinem Geſicht und ſeiner übrigen Geſtalt vergleiche, ſo komme ich auf den Gedanken, daß er ein Irländer iſt. Er hat die Doſe gekauft und ließ bei 10 Gelegenheit einen geſpickten Beutel voll Louis ſehen; ſein Kamerad zur Rechten iſt ſicherlich Seemann, das hab' ich ihm aus ein paar Worten abgemerkt; viel⸗ leicht gehört er zu dem ſchwediſchen Kaper, der ſich am verwichenen Montag in Cuxhaven vor Anker ge⸗ legt hat.“ „Mordelement! kein Hund von Schweden weiter wagt's, ſich den Dänen ſo auf die Naſe zu ſetzen, wie der Kapitän John Norcroß, und ich wollte gleich mein Portepée dran ſetzen, Norcroß iſt's, der ſich nach Cuxhaven wagt und ruhig hinlegt, als wäre Däne⸗ mark ſo weit wie die Inſel der einäugigen Leute. Ich verſpüre Luſt ſeine Bekanntſchaft zu machen, obgleich er den Dänen ſchon viel Sc aden gethan, und ſollt' ich auch meinen Recruten drüber verlieren.“ „Bei Leibe nicht!“ verſetzte der am Fenſter.„Herein dürft Ihr nicht, Lieutenant Kreuz; ich verlöre am Ende meine Extralöhnung, und Ihr könnt's glauben, es wird einem Spion ſauer genug gemacht, ſolch Stück Wild⸗ pret aufzutreiben und einzukreiſen. Man verdient ſein Geld ehrlich und redlich dabei.“ „Mordelement! bleib' mir mit Deiner chrlicheit vom Leibe! Das klingt, als wenn ich von meiner Gottesfurcht reden wollte. Sag' lieber, ſoll ich meinem Tambour einen Wink geben?“ Der Spion wandte den lauernden Blick wieder nach innen und beobachtete die Mienen und Bewegungen des jungen Menſchen, deſſen breiter Hut jetzt wie in Verzweiflung zurückgeſchoben war. Der Kerl nickte dem Lieutenant mit ſataniſcher Freude zu, denn er hatte bemerkt, daß das Geldhäuf⸗ chen verſchwunden und der Jüngling wahrſcheinlich rein ausgebeutelt war; doch wartete er noch einige Augenblicke, um zu erſpähen, ob das Schlachtopfer nicht noch eine Reſource habe. Wirklich riß der Jüng⸗ ——— 11 ling, als er ſein letztes Geld verloren hatte, das Wamms auf und griff mit Heftigkeit nach etwas, das er auf der bloßen Bruſt trug. Die ihm zunächſt Sitzenden gewahrten, mit den Augen die Bewegung des Jünglings verfolgend, eine Brieftaſche oder Etui von rothem Maroquin; die Falſchſpieler meinten, er werde aus demſelben eine Banknote hervorziehen, und ihre Geſichter verſchoben ſich ſchon zu einem grinſen⸗ den Lächeln, gleichſam zum Gruß der neuen Beute. Anch der Spion hatte das rothe Büchlein bemerkt und machte gegen den Offizier unter dem Fenſter eine halb ſreunüie halb ärgerliche Bewegung. Aber indem alle die gierigen Augen erwartungsvoll an der Hand des Zünglings hingen, ſchien dieſe von einem Starrkrampfe befallen, der ſich auch dem übrigen Körper mittheilte; denn der erſt ſo Regſame ſaß jetzt wie eine Bildſäule mit erdfahlem Geſicht und erloſchnem Auge. Zuerſt fing die Unterlippe an leiſe zu zittern, dann die Hand. Dieſe bebte bald ſo ſtark, als habe er ſie an einen Dolch zum Vatermord gelegt und in demſelben Mo⸗ mente ſei das ganze Gewicht der entſetzlichen That, die er zu begehen im Begriff ſtehe, in ſein Bewußtſein hineingeſtürzt und erfülle ihn nun mit Abſcheu vor ſich ſelbſt. Dieſer Zuſtand hatte unter dem ſchweigen⸗ den Staunen der Zuſchauer kaum ein paar Augen⸗ blicke gedauert, als er Etui raſch und mit einem ſchmerzlichen Seufzer wieder zurückſtieß, das Hemd darüber zog, das Wamms zuneſtelte und ſogar den Rock, der bis jetzt immer aufgeſtanden hatte, bis über den Bauch zuknöpfte, Schſem als wolle er einen theuern Schatz den profanen Blicken der ihn umgeben⸗ den Geſellſ chaft dadurch auf immer verbergen. „Ich muß vom Spiele abtreten,“ ſagte er dann 12 mit erzwungener Gleichgültigkeit;„die Herren ſehen, daß ich mein Letztes verſpielt habe.“ „Laßt losſchlagen, Herr Lieutenant,“ flüſterte der Spion zum Fenſter hinaus, und ging dann mit freund⸗ lichen Geberden auf den Züngling zu. „Wenn Ihr ein kleines Darlehn von einem ehr⸗ lichen Manne annehmen wollt,“ ſagt er geſchmeidig, indem er die Börſe zog,„ſo bin ich gern erbötig, Euch zu helfen. Ich kenn' Euch zwar nicht, doch ſagt mir Euer Geſicht, daß ich's ebenfalls mit einem Braven zu thun habe. Nehmt hin! Mag es Euch mehr Glück bringen, als Euer eigenes Geld!“ „Ich würde es Euch nicht wiedererſtatten können, wenn ich es verlöre, wie meine Goldſtücke, und es iſt einmal mein böſer Tag,“ verſetzte der Jüngling feſt und ſchob die Börſe zurück. Eben ſtand der fein gekleidete Kapitän von der andern Seite des Tiſches auf und kam ebenfalls auf den Jüngling zu. „Mein Herr,“ ſprach dieſer,„das Glück hat Euch heute nicht begünſtigt; vielleicht bringt Euch entlehntes Geld Euer eigenes wieder ein— man hat ja den Glauben— erlaubt mir, Euch dieſe funfzig Thaler vorzuſtrecken!“ „Ich habe dieſelbe Güte ſchon ein Mal abgelehnt,“ verſetzte der Jüngling mit Würde, indem er auf den Spion deutete,„und es würde für dieſen Herrn be⸗ leidigend ſein, wollte ich von der Euerigen Gebrauch machen. Auch muß ich Euch geſtehen, daß, wenn ich das Geld wiederum verlöre, ich nicht im Stande ſein würde, es Euch zu erſetzen.“ „So geb' ich Euch mein Wort, daß dann der Schuldbrief zerriſſen iſt.“ „Ich aber würde des ungeachtet Euer Schuldner ———— bleiben, und nichts iſt mir drückender als Verbindlich⸗ keiten, die ich nicht löſen kann.“ Während dieſer Worte ſchickte ſich der junge Mann an, das Haus zu verlaſſen. Man ſah, welche Gewalt er ſich anthat, nicht die Faſſung zu verlieren. Der Kapitän näherte ſich ihm von neuem, um ihm, wie es ſchien, etwas heimlich zu ſagen; der Spion blickte ungeduldig nach dem Fenſter. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Tambour mit gewaltigen Trommelſchlägen auf der Straße vernehmen; zwiſchen dem Lärm der Trommel vernahm man das Jauchzen und Rufen einiger Männerſtimmen. Dieſer Ton ſchien auf die Verſammlung einen eigenen Zauber auszuüben; denn es entſtand ſogleich ein luſtiges und ausgelaſſenes Rufen und Schreien. „Was iſt das?“ fragte der Jüngling erſtaunt den Spion. „Die däniſche Werbetrommel“ verſetzte dieſer.„Und weil unter der däniſchen Fahne das beſte Leben von der Welt iſt, ſo eilen ihr viel junge luſtige Geſellen zu. Hört nur wie ſie jubeln!“ Im Geſicht des jungen Mannes, der zum Fenſter geeilt war, blitzte es auf.„Der Lieutenant Kreuz zahlt ein guteß Handgeld,“ fuhr der Verſucher fort, der ihm gefolgt war; je nachdem der Mann iſt, gibt er dreißig bis funfzig Reichsthaler. Und ein ver⸗ gnügtes Leben iſt in Dänemark! Da weiß man nichts von der Hungerleiderei und Strenge des Schwe⸗ denkönigs; alles iſt vollauf und der Soldat hat ſeine Freiheit!“ Auf der Straße ſchritt der lärmende Zug am Hauſe vorüber. Vorweg der Tambour, das Kalbfell erſchütternd, dann der lange Lieutenant, in der linken Hand einen vollen Geldſack, auf welchen er mit der 14 Rechten deutete, wozu er eine Einladung zu den Dien⸗ ſten des Mars und der Bellona unter den Fahnen ſeines Königs hören ließ, wofür er Geld und alle möglichen Lebensfreuden in ſchmuckloſen Kernausdrük⸗ ken verſprach. Ihm auf den Ferſen trug ein Fah⸗ nenjunker die Fahne mit dem däniſchen Wappenbild; zur Seite ein Unteroffizier mit neuen Soldatenröcken, und unter der weithin ſchattenden Fahne taumelte ein Häuflein berauſchten Volkes, in deſſen Händen man noch den Freudenbeſchwörer erblicken konnte, die Schnapsflaſche. Mit ſchweren Zungen prieſen ſie das Glück, das ih⸗ nen zu Theil geworden und zeigten den Vorüberge⸗ henden und den an den Fenſtern Sehenden den neuen Rock, den ſie im Arme trugen. „Bei dieſen Truppen könntet Ihr es bald zum Offizier bringen, mein Herr,“ redete der Spion dem Jünglinge zu, aber dieſer hatte ſchon die Thür in der Hand und ſchob den Kapitän zurück, welcher ihm den Weg vertreten wollte. Zwar bemühte ſich Letzterer noch einmal, den Flüchtling aufzuhalten, aber er ent⸗ wiſchte ſeinen Händen, ohne auf einen Zuruf zu hö⸗ ren, und ſtürzte hinaus, auf die martialiſche Geſtalt des Lieutenants zu. Augenblicklich verſtummte die Trommel. 5 „Wenn's Euch gefällig iſt, mein Herr,“ redete der Lieutenant den Jüngling an und griff an den Hut, „ſo nehmt dieſe Goldſtücke, geprägt mit dem Bildniß Seiner Majeſtät, unſeres großmächtigſten Königs Fre- derieus Quartus, und dieſen Rock, der Euch vortreff⸗ lich paſſen wird.“ Der Jüngling nahm ſchweigend das dargebotene Geld, faßte den Rock, welchen ihm der Unteroffizier bereits auf den Arm gelegt hatte und ſtellte ſich unter die Fahne, fröhlich begrüßt von ſeinen neuen Brü⸗ dieſer däniſche Schlagtod, der wie ein floter Drei⸗ 15 dern. Die Trommel raſſelte, und der junge Mann ſchritt in ſich gekehrt im Zuge, welchem ſich Einige aus dem Kaffeehauſe angeſchloſſen hatten, vergnügt, daß ihnen der Fang ſo leicht geworden war. 2. Schrauherei. 3 Aus der Wirthsſtube verlief ſich die liſtige Ge⸗ ſellſchaft. Jene drei Zuſammenſitzenden blieben allein. „Bei allen Donnerwettern, die unſerem guten Graf⸗Mörner ſchon über das Verdeck gekommen ſind und noch kommen werden!“ rief der hagere Mann ärgerlich,„Ihr habt in dieſem Burſchen Euch eine gute Priſe vor der Naſe wegſchnappen laſſen, Kapi⸗ tän. Auf dem Waſſer, merk' ich wohl, verſteht Ihr Euch beſſer auf die Kaperei als auf dem Lande, und decker im ſchönſten Fahrwaſſer und mit dem beſten 5 Winde vorüberſtrich, hatte viele Boote ausgeſetzt, die ihm die Priſe einfingen und zuführten.“ „Laßt es nur gut ſein, Lieutenant Gad,“ verſetzte der Kapitän ruhig,„ich habe meine Abſichten auf die⸗ ſen ſeltenen Vogel noch nicht aufgegeben. Es iſt wahr, ich hätte vielleicht den jungen Mann ſchon aufbringen können, aber wir hatten alle drei nicht beachtet, daß wir von däniſchen Spionen umgeben waren, und Mei⸗ ſter Habermann weiß doch ſonſt Ochſenfleiſch von Men⸗ ——— — 16 ſchenfleiſch ſchon durch den bloßen Geruch zu unter⸗ ſcheiden.“ Dabei verbeugte ſich der Kapitän lächelnd gegen den dicken Mann, welcher gemächlich die Reſte ſeiner Flaſche verſchluckte und dann eben ſo langſam als ruhig antwortete:„Ich kenne einen Mann, der, mit Verlaub zu ſagen, alles Fleiſch vortrefflich kennt, doch nicht eher, als bis er's unter dem Meſſer hat, und dieſer Mann iſt, mit Verlaub zu ſagen, kein anderer, als der Schiffschirurgus, Gabriel Habermann, Euer gehorſamer Diener, Kapitän Norcroß. Der Kerl mag ausſehen wie er will, ſo laßt mich ihm nur ein Bein abſägen, oder eine Kugel aus dem Leibe ſchneiden, ſo will ich gleich ſagen— und wenn er das Maul nicht aufthäte— ob's ein franzöſiſcher Geißbock, ein däniſcher Ochs, ein deutſches Schwein oder ein eng⸗ liſcher Schöps iſt; fat applicatio, ſagen wir Latei⸗ ner „Habt Ihr bedacht, Meiſter Habermann, daß ich ſelbſt von Geburt ein Engländer bin, und Ihr mich demnach unter jener allgemeinen Bezeichnung noth⸗ wendig mitverſtehen müßt?“ ſcherzte der Kapitän. „Oho! bei allen Häringen der Weſtſee!“ polterte der Lieutenant und ſchlug mit beiden Fäuſten lachend auf den Tiſch.„Meiſter Habermann pflegt ſtets auf ſeine deutſche Abkunft ſtolz zu ſein, und fürwahr, ſein be⸗ liebter Vergleich trifft in keiner Hinſicht beſſer, als in Bezug auf ſeine eigene werthe Perſon.“ Der Schiffschirurgus, erſt in Verlegenheit, daß er ſich des Kapitäns ihm wohlbekannter Abkunft nicht erinnert, gerieth über des Lieutenants grobe Bemer⸗ kung in Wuth. Seit lange war er nicht in ſo hef⸗ tiger Gemüthsbewegung geweſen, die ganze Aeußerung ſeiner lebendig gewordenen Affecten beſtand aber in 3 17 weiter nichts, als in einem dem Lieutenant böſen zugewor⸗ fenen Blick, und den Worten:„Mit Verlaub, Lieu⸗ tenant, ſeht Euch vor, mich nicht einmal für ei⸗ nen Eber zu halten, der Euch mit den Hauern in's Fleiſch fährt!“ Dann verzog ſich ſein Geſicht wie⸗ der in die Falten jener Bonhomie, die mit der Welt und ſich ſelbſt in Frieden lebt, wenn ihr die genießbaren Schätze der Küche und des Kellers täglich und ſtündlich ohne langweilige Beſchwörungen zu Ge⸗ bote ſtehen, ja als der Kapitän und der Lieutenant noch zu lachen fortfuhren, hielt es der Schiffschirur⸗ gus für das Beſte, mit einzuſtimmen, weil ihn dies der Nothwendigkeit überhob, ſich bei dem Kapitän we⸗ gen der Beleidigung zu entſchuldigen, die er ihm als gebornem Engländer angethan zu haben wirklich ver⸗ meinte. „Im Ernſt,“ ſagte Kapitän Norcroß,„es thut unſerm Graf⸗Mörner Noth, daß er complettirt werde; ſeit uns der Lieutenant Collin in Marſtrand ein Du⸗ tzend meiner Leute verführt und davon gelaufen iſt, und ich gezwungen war, meinen Kapitänlieutenant in's Gefängniß legen zu laſſen, läuft unſre Fregatte wie ein Windhund auf der See. Und wenn auch Lieutenant Gad bei unfrer nächſten Ankunft in Stock⸗ holm durch des Königs Gnade avancirt, ſo fehlt es uns doch immer noch an ein paar tüchtigen Köpfen und an einer Schaluppe voll handfeſter Burſchen, die wir an die Ruderbänke und Kanonen ſtellen können.“ „Gabriel Habermann müßte ſich ſchlecht auf das menſchliche Antlitz verſtehen, welches doch von Fleiſch und Bein iſt, wie jeder andere Theil des Korpus,“ be⸗ merkte der Schiffschirurgus mit einem ſchelmiſch lä⸗ chelnden Blick auf den Lieutenant,„wenn er, mit Ver⸗ laub zu ſagen, nicht geſehen hätte, daß ſich der junge Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Rl. 2 6 8 18 Mann, welchen der däniſche Lümmel am Schlepptau mit fortgezerrt, nicht vortrefflich zum Kapitänlteutenant des Graf⸗Mörner paſſe, und Ihr würdet wohl thun, Kapitän, wenn Ihr alle Segel aufhißtet, um dieſe Brigg noch aufzubringen.“ „Niemand in der Welt, der ſich beſſer auf die menſchliche Phyſiognomie verſteht, als Meiſter Haber⸗ mann, könnte Euch doch beſſern Rath ertheilen, als er, der ehrenwertheſte aller Fleiſchkenner und Fleiſch⸗ ſchneider,“ ſagte der Lieutenant giftig,„denn ich wollte meinen Lieutenantsdegen dran ſetzen, der fremde junge Mann war ein Chirurgus, der in Paris oder ſonſt auf einer berühmten Univerſität ſeine Studien abſol⸗ virt hat und zum Doctor promovirt worden iſt. Trug er denn nicht ſein koſtbares Bindezeug in der Seiten⸗ taſche ſeines Rocks und zog er es nicht hervor, um es zu verſetzen? Hernach gereute ihn dieſer vorſchnelle Vorſatz, weil er ſich durch Ausführung deſſelben um's Brot gebracht hätte; denn jedenfalls gedenkt er ſeine Kunſt auszuüben; aber was wäre ein Chirurgus ohne Meſſer, Scheere, Aderlaßſchnepper, Lanzette, Pincette u. ſ. w.? Nichts mehr und nichts weniger, als was ein Maler ohne Farben und Pinſel ſein würde. Wie Euch alſo Meiſter Habermann wohlmeinend gerathen, Kapitän Norcroß, unterlaßt um unſrer Kaperehre wil⸗ len nicht, auf dieſe rothe Flagge Jagd zu machen— ich meine die Aderlaßbinde des jungen Doctors der Chirurgie— und ſie aufzubringen, damit uns nach einem Gefechte nicht fernerhin die Hälfte der verwun⸗ deten Leute unter dem Meſſer ſtirbt. Nebenbei wird Euch der junge Doctor auch ſchon die Dienſte eines Kapitänlieutenants verſehen, und ich wüßte in der Welt nicht, woher Ihr ein brauchbareres Subject für den Graf⸗Mörner aufbringen wolltet, einen ſo treffli⸗ ———— 39 chen Mann, der im Treffen die Leute mit dem De⸗ gen commandirt und zum Siege treibt, nach dem Tref⸗ fen aber mit dem Meſſer bedient und zum Leben bringt. Nein, wahrlich! bei aller lobenswerthen und nicht zu verachtenden Geſchicklichkeit des Meiſter Habermann muß man doch ſagen, daß ſie ſolcher vielſeitigen Brauchbarkeit nicht werth iſt, die Schuhriemen aufzu⸗ löſen, und unſers ehrenfeſten Schiffschirurgus be⸗ kannte Beſcheidenheit wird dies ſelbſt löblicherweiſe zu⸗ geſtehen keinen Augenblick Anſtand nehmen.“ Des Chirurgen Geſicht zeigte Spuren von Aerger „Ich werde jedem Geſchickteren nicht minder wei⸗ chen als Ihr, Lieutenannt Gad!“ rief er aufſtehend, ließ ſich eine Schale Kaffee reichen und brannte eine Thonpfeife an, damit ihm die Alteration nichts ſchade, denn Kaffee und Taback galten damals noch als Prä⸗ ſervative für alle Uebel. „Ich fühle mich Euch beiden, meine Herren, zum lebhafteſten Danke verpflichtet,“ ſagte der Kapitän, „und fürwahr, ich werde nicht ermangeln, Euren Rath zu befolgen, Meiſter Habermann, den Lieutenant Gad ſo eifrig unterſtützt. Wir ſind ohnedies ſchon einen Tag zu lange in Hamburg, und werden gehen, die Berichte unfrer Spione abzuhören. Läßt ſich nur ir⸗ gend etwas Fangbares auf dem Waſſer ſehen, ſo wollen wir ohne Weiteres in See ſtechen. Es ver⸗ langt mich, Seiner Majeſtät, unſerm Könige, wieder einmal Bericht abzuſtatten von meiner Thätigkeit, und vom rothen Munde der ſtockholmer Damen Küſſe zu naſchen.“ „Wer's doch ſo weit gebracht hätte, wie Ihr!“ rief der Lieutenant mit einem Anſtrich von Neid, „des Königs Gunſt im vollen Maße, des braven Görz Freundſchaft, die Gewogenheit der Damen von Stande, 0* — 20 und freien Willen zu thun und zu laſſen was Euch beliebt. Was könnt Ihr weiter wünſchen?“ „Beſtändigkeit des Glücks,“ verſetzte Norcroß ernſt, „und ſtets ſo wackre Männer und gute Freunde um mich, wie Ihr, meine Herren.“ Und damit reichte er rechts und links die Hand dem Lieutenant und dem Schiffschirurgus. Sie bezahlten die Zeche und ver⸗ ließen das Kaffeehaus. 3. Der däniſche Reürut. Der in die Schlingen des Werbers gefallene junge Mann folgte mit entſchloſſenem Schritte der däniſchen Fahne, die ihn nach Altona führte. In ſeinen Zü⸗ gen hatte die frühere Verzweifelung über den Verluſt ſeines Geldes dem Trotze Platz gemacht, der ein wi⸗ driges Verhängniß herausfordert. Die neuen Kameraden verſuchten vergeblich, ihm ihre Herzſtärkung aufzudringen, er wies die funkeln⸗ den Flaſchen zurück und ſchien zur Erlangung eines feſten Muthes nicht ſolcher Mittel zu bedürfen; auch ließ er ſich nicht auf ihre zudringlichen Fragen ein, ſondern ging ſtill vor ſich hin, nur dann und wann, von den Andern unbemerkt, das große Auge dem Himmel zugerichtet, als wolle er damit eine Frage an das dort waltende Schickſal richten. Lieutenant Kreuz fühlte ſich endlich bewogen, ſich herabzulaſſen und den neuen Dienſtmann der Krone 21 Dänemark mit einigen ermunternden Worten anzu⸗ reden. „Mordelement! Was da! Kamerad, Du machſt ein Geſicht, wie eine Katze beim Donnerwetter. Trink' einmal aus meiner Feldflaſche und öffne mir dann Dein Herz. Dies Labſal iſt zugleich eine auflöſende und abtreibende Arznei; alle Sorgen ſchwinden vor ſeinem Geiſte wie Nebel, jede Noth fliegt in die Luft wie ein Schuß Pulver. Ich wollte mein Portepée dran ſetzen, daß Chriſt der Herr den Beſeſſenen ein Quart Branntwein eingegeben und alſo die Teufel ausgetrieben hat.“ Er ſchlug eine rohe Lache über ſeinen Witz auf, und hielt ſeine Flaſche dem neuen Rekruten hin. Die⸗ ſer machte aber nicht die mindeſte Bewegung danach, ſondern ſah mit vornehmer Verachtung auf den Werbe⸗ offizier. Um ſeinen höhniſch verzogenen Mund ſpielte ein ſpöttiſcher Zug, den aber der Lieutenant nicht zu verſtehen vermochte. Vielmehr rief dieſer:„Na, Burſche, Du brauchſt nicht ſo ſchüchtern zu ſein! Mordelement! Zottelkopf, ſei nicht ſe blöde und trink', in's Teufels Namen! mit dem berühmten Lieutenant Kreuz aus deſſen Feldflaſche. Es wird Dir Ehre bringen, und kannſt Du Dich deſſen beim Regimente rühmen, ſo werden die Andern Reſpekt vor Dir bekommen; denn mich ſoll gleich ein Vierundzwanzigpfünder in Stücken zerreißen, ſo groß wie eine Flintenkugel, wenn ich jemals einem friſch von mir geworbenen Rekruten meine Feldflaſche geboten habe. Aber Du haſt mir vorgeſtern ſchon in die Augen geſtochen, mein Junge, und ich könnte Dir viel zu Gefallen thun.“ „Habt Ihr mich denn ſchon vorgeſtern geſehen?“ fragte der Rekrut erſtaunt. „I freilich, Bübchen,“ verſetzte der Offizier ſchmun⸗ zelnd.„Die Sache iſt ja nun abgemacht— und laß nur gut ſein. Du ſollſt's gut haben in däni⸗ ſchem Brot. Wir ſind gute Freunde. Na, aber nun trink'! oder Mordelement! ich ſchmeiß' Dir die Flaſche an den Kopf.“ Der Jüngling that als ob er einen Schluck nähme, in Wahrheit aber glitt kein Tropfen des ihm verhaß⸗ ten Getränks über ſeine Lippen; einen Augenblick ſchauderte er bei der durch des Offiziers Reden ihm ge⸗ wordenen Einſicht, daß er mit Liſt in eine Falle ver⸗ lockt worden ſei, aus welcher keine Rückkehr möglich. Im nächſten Augenblick erfüllten andere Gedanken ſeinen Kopf, die ihm ſeinen unfreiwilligen Schritt als eine bitterſüße Nothwendigkeit bezeichneten und als Rache an den Verfolgungen ſeines Schickſals vorſpie⸗ gelten. Der frühere Trotz kehrte wieder, und Vor⸗ ſätze ſeltſamer Art keimten in ſeinem Geiſte auf, die ihn zuletzt mit wilder Freude erfüllten, bald als ge⸗ meiner Soldat unter den Fahnen des Dänenkönigs zu ſtehen. „Haſt Du doch genippt, wie ein Vöglein aus der Quelle,“ lachte der Lieutenant;„Du mußt's anders lernen unter däniſchem Commando,“ und damit that er einen tüchtigen Zug aus der Flaſche. Nach dieſem Beweiſe an ſeiner eigenen Perſon wandte ſich der Lieutenant im vertraulichen Tone an den Rekruten:„Wir haben nun zuſammen getrunken, nun wollen wir auch zuſammen reden, und kein Menſch in der Welt kann behuupten, daß Anton Kreuz nicht deſſen Freund ſei, mit welchem er aus einer Flaſ ſche getrunken hat. Mordelenent! Junge, Du ſollſt mir nicht einwenden, es ſchicke ſich nicht für mich, mit einem Rekruten aus meiner Flaſche zu trinken und Freundſchaft zu ſchließen; ich weiß, was ich zu thun 23 und zu laſſen habe; und ſo weiß ich denn auch, daß Du, ehe das Neujahr herbeikommt, den däniſchen Lieutenantsdegen trägſt, ſo gut wie ich, und bei allen vierundzwanzigpfündigen Donnerwettern, mir will ſchon ahnen, als müßt' ich zu Dir ſagen; mit Per⸗ miſſion, gnädiger Herr Hauptmann. Ha, meinſt Du nicht auch, Burſche? Bei meiner Ehr' und Treu', das ſehe ich Dir an der Naſe an, und es ſoll mich Kei⸗ ner Lügen ſtrafen, ſo wahr ich ein geſcheiter Kerl bin!“ „Deſto beſſer für mich,“ verſetzte der Jüngling; „ich würde Euerer Prophezeihung beſtens gedenken.“ „Würdeſt Du, braver Junge?“ lachte der Lieute⸗ nant ſeelenvergnügt.„Na, das iſt ein ächtes Sol⸗ datenwort. Darauf müſſen wir noch Eins trinken.“ Und von neuem nöthigte er dem Rekruten die Flaſche auf und ſprach, nachdem derſelbe wieder ſcheinbar ge⸗ zogen, dem gebrannten Waſſer herzhaft zu. „Nun haben wir von der Zukunft geſprochen; jetzt laß uns auch von der Vergangenheit reden! Mord⸗ element! ich weiß ja noch nicht einmal Deinen Namen, Hallunke! Püppchen, wie heißt Du? Wenn ich ein Jüngferchen wäre, ich vergaffte mich in Dich. Wie iſt Dein Name, Rekrut?“ „Joſeph Flaxmann.“ „Warum nicht lieber Flachskopf oder noch beſſer Flachkopf,“ ſagte der Lieutenant, ſeinen flachen Witz belachend.„Soll ich Joſeph Flarmann in die Liſte ſchreiben?“ fragte er pfiffig blinzelnd. „Wie Ihr wollt!“ verſetzte dieſer trotzig. „Du haſt Recht, Burſche. Einen Namen muß doch Einer haben, bei dem man ihn ruft, übrigens gilt's gleich, was das für einer iſt. Wer ſich auf die rollende Kugel der Frau Fortuna ſtellt, wie ein jun⸗ ger Kriegsmann, braucht nichts mitzubringen, als ei⸗ 24 nen ehernen Arm, eine ſtählerne Bruſt und eine ſtei⸗ nerne Stirn, und in dieſem Arme Kraft, einen ſchwe⸗ diſchen Dickkopf mit einem Hieb von einander zu ſpal⸗ ten, in dieſer Bruſt ein tapferes Löwenherz, das ohne Zagen einer ſpielenden Batterie entgegengeht, in die⸗ ſer Stirn Verſtand und Witz, einen guten Operations⸗ plan zu entwerfen und eine Kriegsliſt gegen den Feind auszuhecken. Was Namen? Mit dieſen drei Dingen wird ſich ein junger Mann ſchon einen Namen erfech⸗ ten. Da ſehe einer unſern weltberühmten Seehelden Tordenſkiold an. Der hat Peter Weſel geheißen. Wer kennt Peter Weſel? Kein Menſch. Peter Weſel iſt ein obſcurer Name, und doch iſt's des berühmten Mannes eigentlicher Name. Das macht, er hat ſich durch ſeine Tapferkeit und ungeheure Thaten den prächtigen Namen Tordenſtiold, zu deutſch Donner⸗ ſchild, erworben. Unter dieſem Namen kennt ihn alle Welt, obgleich er erſt fünfundzwanzig Jahre alt iſt. Doch ſag' an, woher biſt Du gebürtig, Joſeph Flax⸗ mann?“ „Aus— aus——— ich denke, Herr Lieute⸗ nant Kreuz, es wird ſich mit Geburtsort und Vater⸗ land ebenſo verhalten, wie mit dem Namen.“ „Du haſt wiederum Recht; biſt ein pfiffiger Kerl, und wir verſtehen uns ſchon; aber ich muß einen Geburtsort in die Liſte eintragen. Der Menſch fällt doch nicht vom Himmel herab, fertig und bereit, dä⸗ niſcher Soldat zu werden.“ Der Lieutenant verſchnaufte ſich und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn, denn ſo lange und zuſammenhängend hatte er lange nicht geſprochen, dann ſah er den Rekruten wieder fragend an und rief:„Mordelement! wird's bald?“ „Nun ſo ſchreibt von Burtehude.“ „Gut, von Burtehude. Das iſt nun Alles recht 25 ſchön, Joſeph Flaxmann von Burxtehude; ſo haben wir nun geſprochen, Du als Rekrute, ich als Offizier. Nun laß uns aber wieder als Freunde reden; denn wir haben zuſammen getrunken. Du ſollſt nicht ſagen, daß ich Dir nicht mit aller möglichen Aufrichtigkeit entgegengekommen bin. Unter Freunden darf kein Ge⸗ heimniß ſein. Sieh, ich bin ein geborner Holländer, ein Bauernſohn, und hab' manches Feld geackert. Ich hatte auch ſchon eine Frau— der Satan ſteh' ihr bei!— es war ein dummes Bauermenſch. Da kam ein däniſcher Werber in unſer Dorf. Wir tranken zuſammen und wurden des Handels bald eins. Ich ließ Greten mit ihren Bälgen mit Acker, Pflug und Karrn im Stich und ging nach Dänemark. Das ſind nun ſechzehn Jahre. Dann hab' ich mit gegen den ſchwediſchen Löwen gefochten; erſt ſetzte er uns die Krallen in's Genick, bald haben wir ihn auf die Tatzen geſchlagen. Nachher wurd' ich Unteroffizier und nahm mir ein hübſches Weib. Ich merkt's, daß ihr Andre beſſer gefielen als ich, und meinem Grund⸗ ſatze getreu: leben und leben laſſen, hinderte ich ſie nicht. Nach der Einnahme von Stralſund wurde ich Offizier und freite meine dritte Frau, die ich aber, als ich nach Lähmung meines rechten Armes durch einen verwetterten Schuß als Werbeoffizier hier an⸗ geſtellt wurde, nicht mit nach Hamburg nahm.“ „Sind denn Euere beiden früheren Weiber geſtor⸗ ben?“ fragte der Rekrut. „J, bei Leibe nicht! Ich gönn' ihnen auch das Leben. Was hülf' es mir, wenn die Gänſe todt wä⸗ ren; ich könnt' ihnen ja nicht einmal die Federn rupfen. Wer wird ſich mit Ketten binden? Sprich mir nicht von der Religivn. Wenn Gott im Himmel waltet— ich will's nicht läugnen— ſo wird's ihm nichts ver⸗ 26 ſchlagen, ob ich eine Frau oder zehn habe. Ich läſtre ihn damit nicht; er iſt ein guter Gott, ich ein guter Kerl; er hat die Menſchen lieb, und ich die Weiber. Warum ſoll ich ihrer nicht ſo viel freien als ich Luſt und Belieben habe, wenn ſie mich nur mögen?— Brüderchen, nun weißt Du meinen Lebenslauf, erzähl' mir den Deinigen. Da, trink' aber erſt einmal, daß Dir die Zunge glatter im Maule läuft.“ Der Rekrut ſpielte mit verlegenem Geſicht ſeine Trinkrolle fort, begann aber, trotz des Lieutenants auffordernden Blicken die Erzählung nicht. „Nun wie heißt Du eigentlich und wo biſt Du eigentlich her?“ fragte Kreuz ſchmunzelnd und legte ſeinen Arm um des Jünglings Nacken, ihm zuckerſüß in das Geſicht blickend. „Joſeph Flaxmann von Burtehude,“ ſagte der Rekrut leiſe. „Mordelement!“ donnerte der Goliath mit einem plötzlich bitterbös gewordenen Geſicht, riß ſeinen Arm los und gab dem Jüngling einen ſo gewaltigen Stoß mit der nervigen Fauſt vor die Bruſt, daß dieſer rücklings zu Boden taumelte.„Bomben und Grana⸗ ten! Pulverblitz und vierundzwanzigpfündiges Donner⸗ wetter! Willſt Du mir ſo kommen, Burſche? Oho! Kumpan, denkſt Du, ich ſei ein Dummbart? Ich habe wohl mehr ſolcher naſeweiſen Burſchen unter der Fuchtel gehabt. Habe mich noch von Keinem narren laſſen, werde auch beim rothen Teufel mit Dir Flach⸗ kopf nicht anfangen. Wart', Schlingel, wir wollen aus einem andern Tone mit Dir ſprechen. Willſt Du das Pfötchen nicht, ſollſt Du die Kralle haben. Mordelement! Kopf in die Höh! Augen links! Vor⸗ wärts marſch!“ Der beleidigte Werber zog den De⸗ gen und fuchtelte dem Rekruten um Kopf und Rücken 27 herum, aber als dieſer ſogleich Ordre parirte und wie ein langgedienter Soldat kerzengerade marſchirte, wagte es der aufgebrachte Offizier doch nicht, ſeine Rache durch Schläge auszulaſſen, ſondern begnügte ſich, brum⸗ mend und zuweilen fluchend vor der Linie herzugehen. In Altona angelangt, wurde Flaxmann von den Uebrigen getrennt und in die Kaſerne geſperrt. Seine Begleiter konnten frei und ungehindert gehen, wohin ſie wollten. Darüber verwundert fragte der Jüng⸗ ling andere Rekruten, welche ſchon vor ihm hier hin⸗ ter Schloß und Riegel der Stunde ihres Transports nach Kopenhagen entgegenharrten, und erfuhr, daß dieſe Begleiter nichts als die Spione und Lockvögel des Lieutenants Kreuz ſeien, mit denen er manchen wackern Kerl in Hamburg wegkapere. Unter den Rekruten befand ſich ein Franzoſe in den mittlern Jahren, der ſich ſchon in der erſten Viertel⸗ ſtunde ihres Zuſammenſeins an Flaxmann anſchloß. „Ich habe mich nicht kapern laſſen,“ ſagte dieſer, „ſondern bin freiwillig unter die Fahnen getreten, um Geld zu erlangen, welches mir während eines drei⸗ monatlichen Aufenthalts in Hamburg ausgegangen war. Ich kam auf einer holländiſchen Brigg dahin, auf welcher ich Oberbootsmann war, hatte mich aber mit dem Kapitän überworfen und blieb in Hamburg in der Hoffnung zurück, auf einem andern Schiffe eine Anſtellung zu finden, welches mir aber nicht ge⸗ glückt iſt. Seht, Monſieur, nun habe ich mir das Handgeld zahlen laſſen und trete in Kopenhagen un⸗ ter das Kommando des jungen berühmten Torden⸗ ſtiold. In Hamburg habe ich die Vögel, in deren Krallen Ihr gefallen ſeid, kennen gelernt; ich gerieth mitten in ihre Geſellſchaft. Ihr werdet dieſelben Leute in allen nobeln Wein⸗, Gaſt⸗ und Kaffeehäuſern, aber 28 auch in allen ſchlechten Krügen, Schenk- und Wirths⸗ häuſern in und um Hamburg, bei allen Luſtbarkeiten, auf allen Straßen und Plätzen finden, und ſie ſpü⸗ ren einen fremden Kerl, der eben angekommen iſt, ſo⸗ gleich auf, wie Jagdhunde. Sie ſpielen alle Karten⸗ und Würfelſpiele mit allen Kniffen und Betrügereien ſo fertig, daß ſie einem ehrlichen und in ſolchen Spitz⸗ bubenſchlichen unbewanderten Mann, der ſich mit ih⸗ nen einläßt, bald alles Baare aus der Taſche ziehen. Lieutnant Kreuz ſelbſt iſt der fertigſte Spieler. Die⸗ ſer Mann weiß ſich in der vornehmſten, wie in der gemeinſten Geſellſchaft beliebt zu machen. Euer Geld, Monſieur, theilen die Spione mit ihm, ſie ſtellten auch die Rekruten vor, die Euch hierher begleiteten. Wenn Ihr viel verloren habt, ſo ſtolzirt Kreuz morgen in einem mit goldnen Treſſen beſetzten Rock, einer prächtigen Allongenperrücke, ja wenn er ſelbſt noch glücklich im Spiel geweſen iſt, ſo fährt er wohl gar in einer ſchö⸗ nen Equipage und hat Kutſcher und Bedienten drauf. Ihr aber ſeid verrathen und verkauft.“ „Es hat nichts auf ſich,“ verſetzte Flarmann trocken und gleichgültig;„ob ich ein paar Thaler mehr oder weniger habe, und Soldat wäre ich doch gewor⸗ den. Ihr ſpracht aber eben, daß Ihr bei der däni⸗ ſchen Flotte Dienſte nehmen wollt, Monſieur— wie iſt Euer Name?“ „Pierre Courtin.“ „Alſo Monſieur Courtin; ich hätte ebenfalls Luſt, mich dem Seedienſte zu widmen, und ich bitt' Euch, mir guten Rath zu geben und Euch meiner anzuneh⸗ men, da ich vom Seeweſen noch nichts verſtehe.“ „O ga! dann ſeid Ihr mein Mann! Ventre— de— Dieu wir wollen zuſammenhalten, wie ein paar brave Schiffsleute; Ihr habt allen Anſtand zu 29 einem guten Lieutenant. Vrai— bot) aus Euch wird was Tüchtiges.“ Der Franzoſe umarmte den neuen Ankömmling, vergnügt über deſſen Entſchluß. Dann plapperte er noch viel von ſeinen Seefahrten und Abenteuern und begnügte ſich, nachdem er den neuen Kameraden aufgefordert, ein Gleiches zu thun, in ſeiner untrübbaren Heiterkeit mit einem dürftigen Bericht deſſelben, worin ſich dieſer wieder als Joſeph Flaxmann aus Burtehude aufführte. Nach einigen Stunden erſchien der Lieutenant Kreuz mit dem Kapitän d'Armes und dem Regierungschirur⸗ gus, um Flarmann die Montirungsſtücke übergeben und ihn der Vorſchrift gemäß unterſuchen zu laſſen. Der Lieutenant befahl dem Rekruten mit barſchem Tone, ſich zu entkleiden, und als dieſer zauderte, zog der Rieſe ſeinen Degen, um den Widerſpenſtigen mit Schlägen zum Gehorſam zu bringen. Der Jüngling gehorchte mit verbiſſener Wuth. Zaudernd legte er ein Kleidungsſtück um das andere ab, bis auf das Hemd, welches von feiner Leinwand war. „Herunter mit dem Laken!“ herrſchte Kreuz.„Dä⸗ niſche Soldaten werden nicht ſo vornehm gehalten, daß ſie Hemden tragen wie der König. Hier iſt Dein Commishemd!'s wird die Haut etwas kratzen, ſcha⸗ det aber nichts, mein Junge. Nun was wird's? Mordelement! Kommt die zarte Fahne bald vom Leibe, ſoll ich ſie Dir herunter reißen, Hallunke?“ Der Jüngling ſtand unſchlüſſig, blaß und zitternd. Seine Hände hatten ſich über der Bruſt gekreuzt und krampften in die Muskel, als wolle er dort ein Klei⸗ nod beſchützen. „Höllenfeuer und vierundzwanzigpfündiges Don⸗ nerwetter!“ kreiſchte der Lieutenant, und ſein kupfer⸗ rathes Geſicht wurde dunkelbrau.„So ſoll gleich ein — 30 Mohrenbataillon mit Damascenerklingen dreinhauen!“ Mit dieſen Worten griff er in den Kragen des Hem⸗ des und riß es dem Jüngling vom Leibe. Ein ſchö⸗ ner, faſt weiblich zarter Körper ſtellte ſich den Blicken der Umſtehenden dar. Flaxmann hielt die Hände noch immer über die Bruſt gebreitet, und deckte damit das Etui, welches an einem um den Hals laufenden ſei⸗ denen Bande befeſtigt war. „Doctor, thut Euere Schuldigkeit!“ befahl der Liegtenant dem Chirurgus.„Arme gerade!“ com⸗ mandirte er den Rekruten, und als dieſer nicht ge⸗ horchte, verſetzte er ihm mit der flachen Klinge einen Hieb und riß ihm die Hände von der Bruſt. Alle ſahen ein in rothen Saffian gebundenes Büchlein in Form einer Brieftaſche mit einem Schlößchen an dem Bande hängen.„Potz Pulver und Blei!“ rief der Lieutenant verwundert und ſtreckte die Hand nach dem Etui aus.„Was haſt Du hier, Burſche? Laß ſehen!“ Das Geſicht des Jünglings hatte ſich während dieſer Worte ſo eigenthümlich verändert, daß ſelbſt der Bieute⸗ nant den vorwärts gethanen Schritt wieder zurückwich und die emporgehobene Hand wieder fallen ließ. Die Andern ſahen mit neugierigen Augen auf den Rekru⸗ ten, den der Chirurgus fragte, ob ihm nicht wohl ſei? Flaxmann ſchien die Frage nicht zu hören und ſtand wie angewurzelt. „Mordelement!“ rief Kreuz, deſſen Verblüfftheit gewichen war,„willſt Du wohl antworten? Was hängt da für ein Ding an Deiner Bruſt? Gib's her! Was hat ein däniſcher Soldat mit ſolchem Dings zu ſchaffen? Her damit!“ Und abermals wollte er, da keine Antwort erfolgte, danach greifen. „Um aller Heiligen willen!“ rief der Rekrut mit einer Stimme, welche der Ausdruck der höchſten Gei⸗ 31 ſtesempörung war.„Rührt nicht an dieſes Büchlein; wir wären Beide des Todes!“ Zum andernmal fuhr Kreuz zurück; denn die Drohung ſchien wirklich von Seiten des Rekruten in Erfüllung zu gehen, ohne daß das Buch von einer andern Hand berührt wor⸗ den war; ſeine Stimme klang ja ſchon wie die eines Sterbenden, über die blauen bebenden Lippen floß Speichel und auf dem Geſichte wurde eine Art To⸗ desſchweiß ſichtbar. Der Lieutenant, wenn er auch nicht an den eignen Tod durch Berührung des Büch⸗ leins glaubte, ſchien doch für den Rekruten oder viel⸗ mehr für die dreißig baare Reichsthaler, die er koſtete, zu fürchten. Von der andern Seite ſtachelte ihn Neu⸗ gier, ſo daß er ihren Verſuchungen erlag, und zum drittenmal die ungeſchickten Finger nach dem Etui ausſpreizte, indem er mit Hohnlachen, um ſeine Ver⸗ legenheit zu verbergen, rief:„Mordelement! Lieutenant Kreuz hat ſich nicht vor den Kanonen und Granaten des ſchwediſchen Löwen gefürchtet, wird ſich doch bei des Teufels Pech und Schwefel! nicht vor dem Dreck⸗ dings da fürchten ſollen. Her damit! Ich habe ein Recht zu fragen, was das Brieftäſchlein enthält?“ Er rührte an das Band, aber in demſelben Au⸗ genblick ſtürzte Flaxmann ohnmächtig zuſammen, und der franzöſiſche Bvotsmann fing den Unglücklichen auf. „Sacre— coquin!“ fluchte dieſer und ballte dem beſtürzten Lientenant die Fauſt entgegen,„was geht Dich dieſe Brieftaſche an? Meinſt Du, wir wüßten nicht, wie Ihr marauds dieſen meinen Freund mit falſchen Würfeln und betrügeriſchen Karten ausgeplün⸗ dert habt? Willſt Du ihn auch hier noch berauben und das letzte Eigenthum, das er vor Euern Diebs⸗ krallen verborgen, abnehmen? Ich will mich doch ein⸗ mal in Kopenhagen erkundigen, ob dies der König ſeinen Werbeoffizieren anbefohlen oder erlaubt hatz“ Dieſe Worte wirkten. Kreuz ſchien den Franzoſen z kennen und zu wiſſen, weſſen er fähig ſei. u ſi wieder der Gedanke in ſeinem Kopfe auf, der Rekrute könne— wie der Anſchein lehre— doch etwas Vot⸗ nehmes ſein und ihm die ſchlechte Behandlung eirſt entgelten laſſen. Er ſteckte den Bratſpieß in die Scheide, befahl dem Kapitän d'Armes, den Rekruten einzukleiden, und verließ fluchend die Stube. Bald⸗ darauf ſah man ihn mit ſeinen Spionen und Helfers⸗ helfern auf einem Wagen nach Hamburg zurückfahren. Flaxmann, wieder zu ſich gekommen, ſah ſich mit ſcheuen Blicken um. Da er den Lieutenant nicht er⸗ blickte, verlor ſich ſeine Unruhe. Courtin redete ihm gutmüthig zu und gab ihm die Verſicherung, ſo lange ſie Beide zuſammen wären, ſolle ihm kein Haar vom Kopfe, geſchweige das Kleinod entriſſen werden. Drauf warf er dem Erſchütterten das Commishemd und die Soldatenkleider über. Sorgfältig verbarg der Jüng⸗ ling das Etui auf der Bruſt und ſtand bald als dä⸗ niſcher Soldat bei den Andern. Die Rekruten lebten einige Tage in der Caſerne, bis ein Transport Neuangeworbener hinzukam. So ging es fort, bis die Nachricht einlief, daß ein däni⸗ ſcher Schoner im Hafen zu Travemünde auf die Re⸗ kruten warte, um ſie nach Kopenhagen zu führen. Am beſtimmten Tage wurden ſie unter ſtarker Be⸗ deckung über Lübeck bis zum Bord des Schiffes trans⸗ portirt, welches am folgenden Morgen die Anker lichtete. Während des Marſches hatte Flaxmann Gelegen⸗ heit, den luſtigen Franzoſen als einen gutgeſinnten gefälligen Mann kennen zu lernen, der ihm Alles zu Liebe that, was er ihm an den Augen abſehen konnte. 4. „Der Jruf⸗Mörner.“ Die Fregatte, welche des berühmten tapfern Ge⸗ nerals und Lieblings Karl's des Zwölften, des Grafen Mörner, Namen trug, war eines jener berüchtigten und gefürchteten Kaperſchiffe, welche der kriegeriſche Schwedenkönig zum Schrecken ſeiner zahlreichen Feinde in die Nord⸗ und Oſtſee, ja in das atlantiſche Meer ſendete. Es iſt bekannt, daß Karl der Zwölfte nach ſeinem ſeltſamen fünfjährigen Aufenthalt in der Türkei als ein gemeiner Courrierreiter plötzlich in Stralſund an⸗ gelangt, entſchloſſen war, kühne Pläne zu Schwedens Ruhm und Größe auszuführen. Dänemark, Rußland, England und Holland hatten mehr oder minder Ur⸗ ſache, ſich über Karl's feindſeligen Sinn zu beklagen; denn der unbeugſame König hatte ſeinen zahlreichen Kaperern Befehl ertheilt, die Schiffe aller dieſer Mächte aufzubringen und als Priſen nach Schweden zu führen. Nach den Niederlagen, welche er von den Dänen erlitten, namentlich nach dem Verluſt von Stralſund, Rügen, Wismar, nach dem unglücklichen Feldzuge in Norwegen und der vergeblichen Belagerung von Fried⸗ richshall, ließ der ſtarrſinnige Schwedenkönig noch ein⸗ mal ſo viele Kaperſchiffe ausrüſten, und wenn erſt höchſtens zehn die Meere durchſtreift hatten, ſo liefen zu manchen Zeiten nun vierundzwanzig aus den ſchwe⸗ diſchen Häfen aus. Kein Fahrzeug der ihm feindlichen Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xl. 2 Müächte war ſicher, Handel und Verkehr litten und Europa ſeufzte unter der Laſt dieſes Kriegszuſtandes. Eins der ſchönſten und anſehnlichſten ſchwediſchen Kaperſchiffe war die Fregatte, welche ſeit dem Früh⸗ ling 1716 der Führung des Kapitäns John Norcroß anvertraut war. Ihr Kiel war mit den nordiſchen Waſſerſtraßen vertraut, und John Noreroß im deutſchen und baltiſchen Meere wie zu Hauſe. Stolz ſtieg der Graf⸗Mörner eines Morgens aus den Nebelmaſſen hervor, die zur Herbſtzeit auf der Oſtſee liegen; ſchon flogen die oberſten Hüllen flatternd um die Spieren, Maſten und Raaen des majeſtätiſchen Schiffs, deſſen Hauptſegel eingerefft waren. Die ſieg⸗ reichen Strahlen der Sonne drückten die Nebel herab, in ſchneller Flucht eilten ſie verſchwindend und zer⸗ rinnend über die ruhigen Gewäſſer und gaben das Takelwerk und den Rumpf der Fregatte mit ſeinen Planken und Stückpforten den Blicken der Sonne preis. In behaglicher Ruhe ſchaukelte ſich der Bau auf der ſanft bewegten Meerfluth, und an den kreuz⸗ weis gegeneinander geſtellten kleinern Segeln konnte man die Abſicht erkennen, das Schiff ſtill zu halten. Kaum aber hatten die verflogenen Nebel eine Ausſicht über die Meeresfläche vergönnt, als man auf den Wink des auf dem Verdeck ſtehenden Kapitäns die Pfeife des Bootsmanns durch alle Räume des Schiffs ſchrillen hörte, und das Gewühl der Matroſen auf den Treppen, an den Kanonen, an den Tauen und Se⸗ geln, von jenen Ausrufungen, die nur ein Seemanns⸗ ohr gut verträgt, begleitet, über das Schiff hinbrauſte, um gleich darauf einer großen Stille Platz zu machen, in welcher Jeder an dem ihm gehörigen Platze des be⸗ fehlenden Worts gewärtig war. Augenblicklich erſchallte durch das Sprachrohr der 35 Ruf:„Laßt die Segel los! Dreht das Branſegel! Setzt noch ein Vorderſegel bei! Legt Euch vor den Wind und geht in's Fahrwaſſer!“ Nun ſah man die Matroſen wie Katzen an den Tauen hinaufklettern und ſich an den Raaen feſtklammern, und alſobald ſtürzte die ſchwere betheerte Leinewand an den Maſten herab und hing, während man nur das Klappern der Taue und des Holzes hörte, ſchlaff herab, bis ſie allmälig ein vom Meere herüberſtreichender Oſtwind aufblähte, und der Steuermann das Schiff in den Wind brachte, welches, von dieſem Morgengruße erfreut, leicht und ſicher dahinſchoß. Die Sonne hatte ihre ſiegreiche Herrſchaft über die Gewäſſer ausgebreitet und Kapi⸗ tän Norcroß ließ ſich, rüſtig und frohen Muthes über das Verdeck ſchreitend, von ihren Strahlen beſcheinen und vom friſchen Morgenhauch umwehen. Des Kapi⸗ täns Anzug war von dem, welchen er im Kaffeehauſe zu Hamburg getragen, ſo verſchieden, daß man ihn ſchwerlich würde wieder erkannt haben, wenn nicht ſein ausgezeichnetes Geſicht alle übrigen Aeußerlichkeiten entbehrlich gemacht hätte. Ueber die unſcheinbaren großen Schnallen ſeiner breiten Laſchenſchuhe hing jetzt die weite geſtreifte Matroſenhoſe; um den dun⸗ kelgrünen Rock war über den Hüften die rothe Tuch⸗ ſchärpe gebunden, welche ihn als Befehlshaber der Fregatte bezeichnete; an der Seite ſteckte der kurze Degen, welchen nur Seeoffiziere zu tragen pflegen; das ſchwarze Halstuch hing weitgeknüpft um den Hals, auf deſſen weißen Hemdkragen ſich ſtatt der Perrücke die natürlichen Locken eines glänzenden braunen Haars herabringelten. Leicht darauf geſtülpt war die lederne Seemannskappe, die den dreieckigen Hut verdrängt hatte. Unter dem Arme hielt er das Sprachrohr, und ſein ſcharfes Auge überblitzte bald die Meerfläche, bald die krüftigen Burſche, die in betheerten Jacken umher⸗ ſprangen und dem jungen Tage ihre Freude entgegen⸗ jubelten. „Ausgucker! Schläfſt Du, Kerl? Siehſt Du nichts?“ rief jetzt der Kapitän der im Maſtkorbe ſitzenden Wache zu. „Es ſchwebt Backbord, Süd⸗weſt⸗ſüd am Hori⸗ zonte, wie eine Möve,“ verſetzte eine jugendliche Stimme von oben. „Haben ſie Dich wieder hinaufgeſteckt, kleine Waſſer⸗ ratte?“ ſagte der Kapitän.„Lieutenant Gad, wie kömmt's, daß Juel Swale wiederum im Korbe ſitzt? Ich habe es doch ausdrücklich verboten,“ rief er dem am Gangſpill ſtehenden Lieutenant zu. „Ich weiß eben ſo wenig wie Ihr davon,“ ſetzte Gad. „Die Kröte hat ſich angebettelt,“ ſagte der Steuer⸗ mann, der ohnfern den Beiden ſeinen Platz hatte; „läßt doch der Seekrebs den Matroſen keine Ruhe, bis ſie ihm die Wache auf dem Mars abgetreten haben, und wenn Ihr denkt, er träumt in ſeiner Han⸗ gematte von den Honigfladen ſeiner Mutter, klettert er wie eine wilde Katze durch das Tauwerk, reitet auf den Raaen und ſchaukelt ſich im Korbe. S iſt ein Teufelsjunge und macht Euch ſchon einen Timmer⸗ ſtich, wie jeder Burſch, der zehn Jahre Seeluft ge⸗ ſchluckt hat. Grade wie ich, in dieſem Alter! Drum hab' ich auch den Jungen in's Herz geſchloſſen, wie wenn er mein eignes Kind wäre, und Ebbe Reetz hat noch Keinen verderben geſehen, dem er ſeine Gunſt geſchenkt hatte.“ Nach dieſer Erpectoration zu Gun⸗ ſten des Schiffsjungen Juel Swale verſank die Stimme des Steuermanns, indem er ſeine breiten knorrigen Hände an das Steuer legte, wieder in jene abgeriſſe⸗ ver⸗ 37 nen Töne, mit welchen er gewöhnlich ſein Steuer, wie ein lebendes und verſtändiges Weſen, wohl auch das Schiff ſelbſt und die rollenden Wellen des Mee⸗ res anredete. „Euere Neigung, Meiſter Reetz, trifft mit der mei⸗ nigen zuſammen,“ ſagte der Kapitän mit herablaſſen⸗ der Würde;„auch ich bin dem Buben gewogen, und hoffe, einen tüchtigen Seemann aus ihm zu erziehen. Aber meine Hoffnung wird einmal mit ihm nächtlicher Weiſe aus dem Tauwerk herab den Hals auf dem Hackebord brechen, oder im Meere erſaufen.— Siehſt Du noch nichts weiter, Teufelsjunge?“ rief Norcroß dem jungen Ausgucker abermals zu. „Es ſcheint mir, als wenn ſich die Möve in ein Segel verwandle. Ja, es iſt ein Boot mit einem Raaſegel.“ Der Kapitän nahm das Glas und ſah nach der bezeichneten Richtung.„Der Junge hat Recht, und Augen wie ein Falke. Er weiß wohl, daß er am beſten in den Maſtkorb paßt, drum ſitzt er auch immer oben, wie ein Adler auf ſeinem Horſt. Sie ſind's und ſte⸗ chen dem Wind Steuerbord in die Flanken. Sie haben Noth gegen die Meerfluth zu werpen und werden die Riemen wacker ſtreichen müſſen. Wendet Backbord, Meiſter Reetz, und fallt etwas vom Winde ab; wir wollen den Burſchen Mühe erſparen.“ Im Nu wur⸗ den die Befehle befolgt, und langſam glitt das Schiff, die Strömung der Meereswellen in ſchiefer Richtung durchſchneidend, der Himmelsgegend zu, in deren Strich das Boot wahrgenommen wurde. Nach einer Biertel⸗ ſtunde waren die beiden Fahrzeuge einander nahe, und der Oberbvotsmann bot vom kleinen Fahrzeuge herüber ſeinem Kapitän auf dem großen einen guten Morgen. 38 Die Fallreetreppe wurde von der Fregatte hinab⸗ gelaſſen, und die Seeleute ſtiegen aus dem Boote, nachdem daſſelbe am Schlepptau befeſtigt worden war, in die Fregatte. Hier fanden erſt jene umſtändlichen Begrüßungen Statt, von welchen man damals noch, aus Furcht etwas an Reſpect zu verlieren, der doch zur Erhaltung der Mannszucht und guten Ordnung ſo unumgänglich nöthig war, kein Haar breit abzu⸗ weichen zu dürfen glaubte; ſobald die Ceremonien vorüber waren, redete der Kapitän den angekommenen Bvotsmann an: „Ihr habt auf Euch warten laſſen, Meiſter Pehr⸗ ſohn, und während Euerer Abweſenheit haben wir bereits eine gute Priſe gemacht. Ein ruſſiſcher Kutter, der nächſtens im Hafen von Kopenhagen einzulaufen gedachte, kam uns vor den Schnabel, indem er ſich aus Vorſicht weit von den ſchwediſchen Küſten und den deutſchen nahe hielt. Und gerade dieſe Vorſicht führte mir den ſtämmigen Burſchen zu, der zu An⸗ fang ſich anſtellte, als wollte er ſich ſehr wehren, nachher aber, als ich ihm eine volle Ladung hatte geben laſſen, die Flügel um ſo ſchneller hängen ließ. Es war ein guter Fang und iſt bereits nach Stock⸗ holm abgeführt.“ „Gratulire!“ verſetzte der Bootsmann.„So uns der Himmel heute noch mit Wind und Wetter ver⸗ ſchont und ſeine Sonne ſcheinen läßt, ſo denk' ich, unſers allergnädigſten Königs Majeſtät ſoll dieſen Abend auch um einen neuen däniſchen Schoner reicher ſein, ein Schiffchen ſo nett und blank, wie ein geſotte⸗ nes Ei, wenn man's aus der Schale löſt; ſein Segel⸗ tuch iſt erſt vom Webeſtuhl herab, und an ſeinen Rip⸗ pen und Planken kann man noch alle Nägelköpfe zählen. Nicht zu verachten ſind auch die Burſche, die 39 in die däniſchen Kaſernen geführt werden ſollen; ich denke, ſie ſind gut für unſern tapfern König, und mancher iſt dabei, der ſchon ſein Seiſing knüpfen, Se⸗ gel einreffen, Raaen braſſen und mit Loth und Anker umgehen lernte; ich denke, wir können manchen brauchen, Kapitän.“ „Wenn ſie ſonſt keine Maulwürfe ſind, ſo ſollen ſie gutes Leben bei uns haben, Meiſter Pehrſohn,“ verſetzte der Kapitän.„Doch erſtattet mir Bericht über Euere Expedition.“ „Wir legten, wie Ihr befohlen, zwei Meilen nörd⸗ lich von Travemünde an und verſteckten unſer Boot hinter Fels und Schilf. Gegen Abend ſchlich ich mich mit Jonas Bök in den Hafen. Wir fanden den Scho⸗ ner, aber die Rekruten noch nicht; doch erfuhren wir noch in der Nacht auf der Streu von einem alten Bootsknecht, daß ſie täglich erwartet würden. Wir trieben uns am Tage umher, und gaben vor, wir ſuchten Dienſte. Die Plattköpfe vertröſteten uns auf die Rekruten und meinten, wir würden wohl Hand⸗ geld erhalten. Geſtern Nachmittag kamen die Burſche richtig anmarſchirt, und ich nahm ſie mir in Augen⸗ ſchein. Jungen, ſchlank und ſtark wie ein Reefſeiſing, und ausgetakelt, daß mir das Herz im Leibe lachte. Wir machten uns noch geſtern Abend auf und davon und ſtachen in See. Meine Jungen mußten die Nacht hindurch die Riemenblätter ſtreichen, daß ihnen der Athem ſchier ausging. Da uns aber der Wind nicht günſtig war, ſo hatten wir unſre liebe Noth. Dieſen Morgen iſt der Schoner ausgelaufen— ſo war's geſtern Abend beſchloſſen— und muß, wenn der Wind nicht abfällt, gegen Mittag in unſrer Nähe ſein „Iſt der Schoner gut beſetzt?“ 40 „Er hat eine Reihe Zähne, deren jeder aber nicht mehr als zwölf bis ſechzehn Pfund verarbeitet; das Schiffsvolk ſcheint mir eben nicht aus Helden zu be⸗ ſtehen, und der Lieutenant, der das Schifflein führt, iſt ein alter Mann. Wenn ich ſo gewiß Schout⸗by⸗ Nacht vor der königlich ſchwediſchen Flotte wäre, als der Schoner unſer iſt, ſo wollt' ich mich dieſen Mor⸗ gen noch einrichten, die ſchwediſche Seemacht gen Rü⸗ gen und Stralſund zu führen, um Beides den däniſchen Katzen wieder aus den Zähnen zu reißen.“ Nach dieſer Verſicherung des handfeſten Oberboots⸗ mannes gab der Kaperkapitän die Befehle zur Be⸗ kämpfung eines feindlichen Schiffs. Die Kanonen wur⸗ den losgekettet und geladen, die Schotten gerückt, die Matroſen durch die gellende Bvotsmannspfeife an ihre Plätze gerufen, die Wache im Maſtkorbe abgelöſt und nun begann das Schiff jenen geſchickten Lauf, welchen man in der Schiffsſprache mit„kreuzen“ bezeichnet. So beſtreifte die Fregatte eine geraume Fläche des Meeres, welches die däniſchen Inſeln, die Südſpitze von Schwe⸗ den und meklenburgiſchen Küſten beſpült, und hielt, bald von Oſt nach Südweſt, bald von Weſt nach Nordoſt ſteuernd, die Straße von Lübeck nach dem Sund be⸗ ſetzt; zuweilen kam es den Inſeln Falſter und Möen ſo nahe, daß man in der Ferne die Ufer derſelben er⸗ blicken konnte. 5 Ein Seekampf. Eben war die Schiffsmannſchaft daran, ihre Mit⸗ tagsration einzunehmen, als der Ruf des Matroſen im Korbe:„Ein Segel! Ein Segel!“ ſie an ihre Poſten rief. Der Kapitän Norcroß entdeckte am Rande des Horizontes den ſchwarzen beweglichen Punkt in der erwarteten Richtung. Unverzüglich wurde die Fre⸗ gatte in einen Segelwald gehüllt, und ſchneller als ein Adler aus den Lüften auf ſeine Beute ſtürzt, ſchoß der majeſtätiſche Graf⸗Mörner über die Waſſer. Bald trat das kleine däniſche Schiff deutlich hervor, aber nicht ſobald hatte es das ſchwediſche Kaperſchiff ge⸗ wahrt, als es raſch wendete, ſchnell alle Segel los⸗ ließ und nach der deutſchen Küſte zu entfliehen ſuchte. Zwar hatte der Däne die Leichtigkeit ſeines Gebändes vor dem Schweden voraus, aber dieſer wahr ihm offen⸗ bar in der Kunſt der Schiffsführung überlegen und hatte bei weitem mehr Mittel, ſeinen Kiel zu beflügeln. Alſo war noch keine Stunde vergangen, als Kapitän Norcroß zum erſten Mal Feuer geben ließ. Zwar er⸗ reichte dieſer Schuß, der eigentlich nur das Signal des gebotenen Kampfes ſein ſollte, den Schoner nicht; aber dieſer ſah ein, daß er der Fregatte nicht entfliehen könnte, wendete daher entſchloſſen, kehrte ihr Steuer⸗ bord zu und legte ſich ſie erwartend vor den Wind. In demſelben Augenblicke ſpieen beide Schiffe Feuer und Dampf auf einander los, ein gewaltiges Krachen erfüllte die Luft und über das Verdeck des Graf⸗Mör⸗ ner pfiffen die däniſchen Kugeln. 42 „Sie müſſen's beſſer lernen!“ jubelte eine kleine lebhafte Geſtalt unfern dem Kapitän auf einer eben abgebrannten Kanone reitend, ein Knabe von ohnge⸗ fähr zwölf Jahren in Matroſentracht und mit viel Theer an der Jacke. Das Bürſchchen ſchob die Kappe hell auflachend auf ein Ohr, warf ſich mit dem fla⸗ chen Leib auf die Kanone und verſuchte mit ſcharfem Blick durch den Pulverdampf zu dringen und zu er⸗ ſpähen, wie den Dänen auf dem Schoner der Mit⸗ tagsgruß bekommen ſei. Einen Augenblick darauf ſtand er ſchon wieder auf den Beinen, wie durch die magiſche Kraft einer Zauberruthe emporgeſchnellt.„Sie haben ihre Schlüſſelbüchſen, weil ſie vorn nicht ſchwe⸗ rer wiegen, als Euer Degenknopf, Kapitän, zu hoch geſtellt; die Fockraaen haben ſie uns zerſplittert und durch das Marsſegel einige Pillen gejagt; ich wär' im Korb gefährdeter geweſen, als hier unten hinter mei⸗ nem herjedal'ſchen Ochſen“), der die däniſche Beſtie da drüben angebrüllt hat, daß ihr das Herz im Leibe zittert.“ „Deine Luchsaugen haben recht geſehen, Juel,“ erwiederte der Kapitän dem kecken Schiffsjungen, der's auf der ganzen Fregatte allein wagen durfte, in ſol⸗ chem Augenblick den Befehlshaber mit Geſchwätz zu ſtören, und fixirte das däniſche Schiff. „Oho! Seht Ihr nicht, wie wir ihm einige Rip⸗ pen eingeſchlagen haben?“ kreiſchte der Junge weiter, und des Kapitäns Auge folgte der Bewegung von Juel's Hand.„Sie verkeilen eben das Loch. Soll ich ſie mit einem meiner Spielbälle auf die Finger werfen?“ Der Kapitän ſchien die Frage des Knaben ²) Name einer Kanone. In der Landſchaft Herjedalen wird vorzüglich gutes Rindvieh gezüchtet. 43 zu überhören und wandte ſich raſch zu dem Lieute⸗ nant; in demſelben Augenblicke hörte man den Ruf: „Geladen!“ ertönen, und die Burſche ſtürzten ſich vor die Kanonen, um ſie zu bedienen. Auch der Knabe hatte ſich über den Kugelkaſten geworfen und flog nun mit den eiſernen Bällen ſpielend wieder zu der Ka⸗ none, welche er kurz vorher umarmt und mit ſo ſon⸗ derbarem Namen bezeichnet hatte, und ehe noch ein Andrer mit der Ladung fertig war, lag Juel ſchon hinter dem gewaltigen Feuermörſer und richtete ihn, mit dem Auge auf der Oberfläche hin nach der Bre⸗ ſche im feindlichen Schiffe zielend. Mit feſter Hand ergriff er die glimmende Lunte und harrte des Worts, welches auch ſofort aus dem Sprachrohre über das Verdeck hindonnerte. Die Feuerſchlünde thaten ſich krachend auf, aber kaum war der Schuß hinausgefah⸗ ren, als man ſchon die Stimme des Kapitäns wieder vernahm:„Wendet! Steuert Backbord!“ Sogleich kamen ſich die Schiffe ſo nahe, daß man ſelbſt durch den dickſten Pulverdampf hindurch doch die zerſchoſſe⸗ nen Maſten des Schoners erkennen konnte.„Entert!“ befahl Norcroß, und kaum war ſeine Stimme verhallt, als auch die Matroſen ſchon die mit Haken verſehe⸗ nen Eiſen und Klammern nach dem Schoner aus⸗ warfen und ihn in wenigen Minuten mit dieſen Bän⸗ dern an den Graf⸗Mörner befeſtigten. Viele der wackern unerſchrockenen Burſche ſtürzten während die⸗ ſer Arbeit, getroffen von den Piſtolenkugeln der dä⸗ niſchen Schiffsmannſchaft. Einige hauchten ſogleich blutend ihr Leben aus, andre ſchleppten ſich, theils wimmernd, theils ihren Schmerz heldenmüthig ver⸗ bergend, über das Verdeck und die Treppe hinab, wo Meiſter Habermann, der Schiffschirurgus, ſie mit ſei⸗ nen handgreiflichen Scherzen empfing und ſogleich un⸗ ter das Meſſer nahm, welches er beim erſten Kano⸗ nenſchuß aus ſeiner Bindetaſche gezogen und in der flachen Hand gewetzt hatte. „Seht! ſeht, Jungen!“ rief er ſeelenvergnügt, „die kleinen Aderläſſe ſchaden Euch nichts. Auf ei⸗ nem Kaperſchiff braucht man keinen Schnepper; dieſe bitteren Kirſchen führen eben ſo gut Blut ab, und oft mehr als nöthig. Na, ZJäck, ſieh die rothe Beere aus Deinem Dickbein! Nun, was grunzeſt Du! Da, da! Gieß Dir Vitriolwaſſer drauf, dann wollen wir's verbinden. Aber Du haſt die Pille wohl im Magen, Görg? O weh Pillenfreſſer! Gebt mir ein Glas Grog! Mir wird heiß, und oben ſorgen ſie wacker für friſche Waare.“ Alſo mit ſich ſelbſt und den ver⸗ wundeten Matroſen plaudernd, übte der Schiffschirur⸗ gus die ſchwere Pflicht ſeines Geſchüfts mit ſokrati⸗. ſchem Gleichmuthe aus. Auf dem Verdeck des däniſchen Schiffs war es unterdeſſen zu einem hitzigen Gefecht gekommen. Ka⸗ pitän Norcroß, mit Degen und Piſtolen an der Spitze ſeiner Mannſchaft auf das feindliche Schiff gedrungen, hatte hier mehr Widerſtand gefunden als er erwartet. Sonderbar genug war es nicht der befahrte Füh⸗ rer des Schiffs, noch irgend ein anderer Befehlshaber deſſelben, welcher ſeine Leute gegen die Schweden ge⸗ führt, nein, mit einer imponirenden Gewalt, welche nur außerordentlichen Köpfen im Momente der Ge⸗ fahr zu Gebote ſteht, hatte das Commando auf dem Schiffe jener junge Mann an ſich geriſſen, welcher in Hamburg unter dem Namen Flaxmann für die däni⸗ ſche Fahne geworben worden war. Mit ſtrenger Wahrheit konnte man nicht ſagen, daß er den Ober⸗ befehl ſich angemaßt hätte, vielmehr hatten Alle, ſo⸗ wohl die Rekruten, als die noch zum Gefecht taugli⸗ ———————— 45 chen Soldaten und wer ſonſt kein Haſenherz in der Bruſt trug, ſich freiwillig an dieſen Jüngling angeſchloſ⸗ ſen, der im entſcheidenden Augenblick einen ſo uner⸗ ſchrockenen Muth und eine ſo ungemeine Umſicht und Kenntniß im Kriegshandwerk an den Tag legte, der mit ſo feurigen und ergreifenden Worten alle zur ehrenhaften Vertheidigung aufrief, daß ſie ſich um ihn herdrängten und ſeiner ſo raſch und überzeugend be⸗ wieſenen Ueberlegenheit gehorchten, gleichwie das Eiſen ſich an den Magnet anſchmiegt. Von dieſem muthi⸗ gen Haufen, beſeelt von dem Feuergeiſte des jun⸗ gen Wagehalſes, von deſſen Lippen plötzlich ein hef⸗ tiger Strom lebendiger Rede, obgleich abgeriſſen und in Katarakten, aber doch gewaltig, und wie es ſchien, unverſiechbar ſtkrzte, prallten die Schweden ab. Sein Auge glühte von einem wilden Feuer, welches ſein eigentliches Lebenselement zu ſein ſchien. In dieſem Zuſtande geiſtiger Aufregung, der alles Beengende, Niedere und Gewöhnliche von dem jungen Manne ab⸗ geſtreift hatte, ſchwang er, wie der jugendliche Kriegs⸗ gott, das Schwert, welches er einem erſchoſſenen Lieutenant abgenommen, und warf ſich, todesmuthig mit ſeiner durch ihn begeiſterten Schaar auf die ein⸗ dringenden ſchwediſchen Freibeuter. Es entwickelte ſich ein Gefecht, welches um ſo hitziger wurde, je gleicher ſich die beiden Anführer an perſönlicher Tapferkeit und mächtigem Einfluß auf ihre Haufen ſtanden, und wie leicht vorauszuſehen war, wählte ſich jeder von den beiden tapfern Leuten im andern ſeinen Mann. Norcroß vertraute ſich der Gewandtheit ſeines De⸗ gens an, Flaxmann aber hielt eben mit einer aufge⸗ rafften Piſtole auf den Kaperkapitän, und würde ſi⸗ cherlich ſein Ziel nicht verfehlt haben, wenn nicht jener, wegen ſeiner Tollkühnheit auf dem Graf⸗Mörner be⸗ 46 liebte Schiffsjunge, Juel Swale, der ſich's nie nehmen ließ, dem älteſten Matroſen in den härteſten und ge⸗ fährlichſten Arbeiten gleich geſtellt zu werden, die ge⸗ fährliche Bewegung des Feindes wahrgenommen und den Folgen derſelben durch eine raſche That zuvorge⸗ kommen wäre. Mit ſeinen ſcharfgeladenen Piſtolen und einem Säbel bewaffnet, wie jeder Andere, war Juel, wie wenn's zu einem luſtigen Knabenſpiele ginge, keineswegs unter den Letzten des Haufens geweſen, welcher über den Bord des Graf⸗Mörner auf das Verdeck des feindlichen Schiffes hinabſprang; und wenn die Kühnheit der Andern ſchon groß zu nennen war, in Betracht des Umſtandes, daß man von dem Schoner nicht anders als auf einer Leiter auf das Verdeck der Fregatte zurückkehren kontte, welche eine unbedeckte und ſchlechte Retirade gewährt haben würde, ſo war die Handlungsweiſe dieſes Knaben gewiß der höchſten Bewunderung werth. Zuel's ſcharfem Auge war keine Bewegung des Feindes entgangen, und als Flarmann des Kapitäns Leben bedrohte, drückte der Schiffsjunge ſeine Piſtole auf den Rekruten ab, die Kugel ſchlug auf die linke Bruſt, Flaxmann taumelte zurück und ſtürzte. Seine Umgebung leiſtete zwar noch Widerſtand, aber man ſah es deutlich, daß er die Seele des Ganzen geweſen war, und ſobald er für ein Kind des Todes galt, verloſch die Flamme der Begeiſterung, die er angezündet, und die Frei⸗ beuter drangen vor. Plötzlich aber, als der Sieg ſchon ſo gut als entſchieden war, erhob ſich im Rücken der Schweden der todtgeglaubte Flaxmann und warf ſich mit dem Degen auf den Kapitän Norcroß. Rechts und links ſtürzten die Matroſen, von ſeinen Streichen getroffen, und ſelbſt Norcroß, auf einen ſolchen An⸗ griff nicht gefaßt, wurde am Kopfe verwundet. Nun 47 entſpann ſich das Gefecht von Neuem heftig und mit noch weit größerer Erbitterung, als vom Anfang. Aber Norcroß war nicht der Mann, welcher ſich durch ſolch' ein unvorhergeſehenes Ereigniß betäuben ließ; er ſtürzte ſich auf den ihm an Alter und Muth glei⸗ chen Gegner, der wieder vom Tode auferſtanden zu ſein ſchien, und obgleich die kunſtgerechte Führung des Degens ihn in Flaxmann keinen gemeinen und un⸗ geübten Rekruten erkennen ließ, ſo hatten ſeine ge⸗ waltigen Streiche jenen doch bald beſiegt, und der junge Mann mußte, hart am Arme verwundet, die Ueberlegenheit ſeines Gegners anerkennen. Nun war der Streit bald beendigt, die noch unverſehrken däni⸗ ſchen Matroſen und Rekruten entwaffnet und auf die Fregatte gebracht, die Verwundeten den Händen des Meiſter Habermann übergeben. Was bereits den letz⸗ ten Athem von ſich gegeben hatte, wurde ohne Um⸗ ſtände in das feuchte Wellengrab verſenkt, und der Schoner im Namen des Königs von Schweden in Beſitz genommen. Juel's erſtes Werk auf der neuen Priſe war, den Maſt zu erklimmen und die däniſche Flagge herabzunehmen. Als Triumphzeichen legte er dieſelbe aufgerollt ſeinem Kapitän zu Füßen und die⸗ ſer ſchenkte dem wackern Jungen einen harten Thaler dafür. 48 6. Der Schwarzkünſtler. Flaxmann war mit den andern Verwundeten in die Kajüte des Graf⸗Mörner gebracht worden, um von der Geſchicklichkeit Meiſter Habermann's bedient zu werden, welcher auch den Kopf des Kapitäns mit Bandagen umlegt hatte. Kaum hatte das vom Rum⸗ geiſt glühende Auge des meſſergeſchickten Chirurgen den jungen braunlockigen Mann aus dem Kaffeehauſe in Hamburg wieder erkannt, als er mit dem unter ſeinen unbarmherzigen Händen ſeufzenden Matroſen nicht ſchnell genug fertig werden konnte, um— zu der armen Burſchen Heil— den Fremden zu faſſen. „Mit Verlaub, junger Herr,“ ſagte er, den Jüng⸗ ling unſanft berührend,„Euer Rock hat am Aermel einen Schlitz, der gerade nicht mit der Naht zuſam⸗ mentrifft, und Blut läuft genug heraus, daß Ihr Euch damit allen Teufeln verſchreiben könnt, wenn nicht der oberſte Teufel bereits Euer Dokument in der Taſche hat.“ Verwundert ob dieſer ſeltſamen Rede, ſah Flax⸗ mann den Schiffschirurgus an und erwiederte mit Würde:„Obgleich ich weder etwas vom Teufel halte, noch von denen, die von ihm ſprechen, ſo finde ich es doch ſonderbar, zu dieſer Zeit und unter dieſer Um⸗ gebung zum Nachtheil der Schwachen dergleichen Re⸗ den im Munde zu führen.“ „Mit Verlaub, Herr, Ihr könnt lange reden, eh' Ihr Gabriel Habermann eine Naſe aufſchwatzt; denn die ſeinige iſt fein genug, zu riechen, was mit rechten Sutsicieh 49 Dingen zugeht und was nicht; und wer ſich mit der medicina occulta, sympathetica und magnetia“) be⸗ ſchäftigt hat, wie ich, wenn einer artem chirurgicam?*“) ſeit drei und dreißig Jahren ausgeübt hat, wie ich, der wird wiſſen, daß ein durch die Bruſt geſchoſſener Mann nicht nach einer Viertelſtunde friſch und geſund aufſtehen und mit dem Degen den Kampf erneuern kann. Hat Juel Swale mich belogen, der mir dies und das von Euch erzählt?“ „Wer auch immerhin Juel Swale ſei,“ verſetzte der Andre, und ein Zug ſchelmiſchen Lächelns flog über ſein bleiches Geſicht,„er hat die Wahrheit ge⸗ ſprochen. Aber wenn Ihr ein Mann ſeid, der ſeine Wiſſenſchaft verdaut hat, wie könnt Ihr bei jeglichem Dinge, welches ſich nicht in den Kaſten der Gewöhn⸗ lichkeit hineinſchieben läßt, gleich an den denken, den man nicht gern ausſpricht? Ihr müßt ſchlecht in der magia naturali***) bewandert ſein, um jeglich Wun⸗ derwerk der ſchwarzen Kunſt zuzuſchreiben.“ Dem Schiffschirurgus war vor Erſtaunen das Meſſer entfallen, und mit einem Geſicht, in welchem Freude, Furcht, Verwunderung, Stolz und die Gei⸗ ſter des Grog miteinander kämpften, ſtarrte er den Jüngling einige Augenblicke an.„Nun, nun, mit Verlaub,“ ſagte er endlich, und jede Spur von Stolz war aus ſeinen Zügen verſchwunden;„ein Phyſicus ſoll wohl wiſſen, was man mit der magia necessa- ria Alles auszurichten vermag. Piabolus****) treibt aber oft gar wunderlich ſein Spiel, und wenn man *) Geheime ſympathetiſche und magnetiſche Heilkunde. **) Wundärztliche Heilkunſt. ) Natürliche Magie(Zauberkunſt). ****) Piabolus, der Teufel. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XI. 4 W 50 auch gerade kein pactum explicitum') ſchließt, der⸗ gleichen die argen Zauberer, Unholde und Hexen zu thun pflegen, ſo kann man doch unverſehens in ſeine Schlingen fallen, und ohne daß man's recht weiß, ein pactum implicitum?*) mit ihm machen und dann durch Satans Beihülfe erſtaunenswürdige Dinge verrichten, wie ich meine Tage lang viel erlebt habe.“ „Man braucht aber weder ein pactum explici- tum noch implicitum mit dem Fürſten der Finſterniß abgeſchloſſen zu haben, um außergewöhnliche Dinge zu verrichten, Meiſter. Glaubt Ihr denn, daß Ar⸗ chitas von Tarent mit des Böſen Hülfe die hölzerne Taube verfertigte, welche ſo gut flog, wie eine lebendige? Oder, daß der berühmte Albertus Magnus nur mit Teufelskunſt den hölzernen Kopf gemacht, welcher re⸗ dete, wie ein Menſch? Habt Ihr niemals von der berühmten Kugel des Trebellius gehört, worin man eine ſehr reine und ſubtile Feuchtigkeit und einige Tropfen wunderbaren Oels that, und nun zuerſt das Chaos, hernach aber die Elemente abgeſondert er⸗ blickte; endlich zog ſich der reinſte und hellſte Theil über die Elemente her und führte mit ſich die Sonne, den Mond und die Sterne, welche von keinem äußern Werkzeug, ſondern durch den inwendigen durchgehenden Geiſt wunderbar und unaufhörlich getrieben wurden und die Bewegung des Himmels höchſt ſonderbar vor Augen ſtellten? Glaubt Ihr denn, dies ſei allein durch des Satans Beihülfe möglich geweſen? Habt Ihr nicht auch von dem großen Regiomontanus in der freien Reichsſtadt Nürnberg in Deutſchland ver⸗ ²) Pactum explicitum, ausdrücklicher, mit klaren Worten geſchriebener Vertrag. **) Pactum implicitum, ſtillſchweigender Vertrag. 51 nommen, welcher einen großen hölzernen Adler künſt⸗ licherweiſe verfertigte, und ſolch Wunderwerk dem Kaiſer Maximilianus, als dieſer gen Nürnberg zog, bis weit vor die Stadt entgegen fliegen, begrüßen und mit langſamem Flug bis in die Stadt begleiten ließ? Auch werdet Ihr als ein Phyſicus, welcher die Magie ſtudirt hat, wohl wiſſen von des Regio⸗ montanus eiſerner Mücke, welche aus ſeiner Hand los⸗ gelaſſen, im Gemach rund um die Gäſte und dann in die Hand zurückflog? Und meint Ihr wohl, daß dieſer gottesfürchtige Künſtler ein Pact mit dem Teu⸗ fel gemacht?“ „Ich merke wohl, daß ich einen Mann vor mir habe, welcher ſowohl in praxi als theoria der Ma⸗ gie wohl erfahren und bewandert iſt,“ verſetzte der Schiffschirurgus mit Reſpect.„Sicherlich habt Ihr Euere Studien zu Bologna, Paris oder Orford ge⸗ macht. Daran darf freilich das Armuth nicht denken. Deshalb iſt aber unſer Einer nicht ganz unerfahren in rebus magicis, und weiß gar wohl, daß man ma- giam artificialem sive mathematicam auch mit Got⸗ tes Hülfe executiren kann.“ „Und würdet Ihr mich im böſen Verdacht haben, Meiſter, wenn ich dieſe meine Wunde, ſo wie die Wunden aller dieſer braven Burſche, welche mit Eh⸗ ren die Waffen geführt haben, in kurzer Zeit heilte, ohne nur meine Hand an die beſchädigte Stelle zu legen; würdet Ihr ſelbſt dann noch anzunehmen ver⸗ ſucht ſein, ich ſtehe in näherer Bekanntſchaft mit dem Höllenkönige?“ Das Erſtaunen des Wundarztes hatte ſich ſo ſehr ſeiner Seele bemächtigt und alle Functionen des Kör⸗ pers dergeſtalt gehemmt, daß ihm die Arme ſchlaff am Leibe herabhingen, der Mund weit aufſtand und die 4* 52 Augen mit einem gewiſſen Ausdrucke von Furchtſam⸗ keit ſtarr auf das ironiſche Geſicht des Jünglings ge⸗ richtet waren. Seit ganzes Ausſehen hatte in der That etwas Unheimliches, und die von Schmerzen ge⸗ plagten Matroſen warfen ſich beſorgliche Blicke zu. End⸗ lich bewegte ſich wieder etwas in Meiſter Habermann's Geſicht, er fing an, ſchwer zu ſchlucken, als habe er den Mund voll Grog genommen und zu trinken ver⸗ geſſen, und mit ungemeſſenem Reſpect arbeitete er die Worte hervor:„Mit Verlaub, hochzuverehrender Herr Doctor, ſo könnt Ihr wohl das weltberühmte ſympa⸗ thetiſche Wundpulver zubereiten, welches der hochge⸗ ehrte Herr Graf Kenelm Digby, Kanzler Ihrer Maje⸗ ſtät der Königin von Großbritannien, die leider Got⸗ tes aus ihren Staaten vertrieben, in Frankreich leben muß, von einem Karmeliter am Hofe des Großher⸗ zogs von Toscana, der's mit aus dem Orient gebracht, verfertigen gelernt hat?“ „Da Ihr alſo wohl über den Urſprung des ſym⸗ pathetiſchen Heilpulvers unterrichtet ſeid,“ verſetzte Flarmann,„ſo werdet Ihr auch wiſſen, daß der Graf Digby das Geheimniß der Zubereitung des Pulvers dem Könige Jacob auf deſſen hohen Befehl mittheilte; hernach erfuhr es auch des Königs erſter Leibarzt, Herr von Mayenne. Dieſer war ein natürlicher Bruder des Herzogs von Mayenne in Frankreich und theilte auf einer Reiſe zu demſelben, in deſſen Nähe er ſein Frei⸗ herrngut Aubonne bei Genf beſaß, dem Herzoge das Geheimniß auf deſſen Begehr mit. Der Herzog hatte es ſeinem Chirurgus verrathen und dieſer verkaufte es, nachdem der Herzog bei der Belagerung von Mon⸗ talban geblieben war, für hohe Summen. Hernach hat es der Graf Digby ſelbſt nicht mehr verſchwiegen, und von ihm habe ich es gelernt. Aber nicht allein ——— 53 das ſympathetiſche Heilpulver, ſondern auch die Waf⸗ fenſalbe hat er mich auf die einzig richtige Weiſe zu⸗ zubereiten und anzuwenden gelehrt“ „Auch die Waffenſalbe!“ kreiſchte der Schiffschi⸗ rurgus.„Geehrteſter Herr Doctor, Ihr könntet, mit Verlaub, Euern unterthänigſten Diener zeitlebens glück⸗ lich machen.“ „Ich bin kein Doctor,“ verſetzte der Fremde kurz. „Befehlt nur, mit Verlaub, hochgeehrteſter Herr, wie ich Euch tituliren ſoll. Ihr werdet einem armen Schiffschirurgen, der ſein Stückchen Brot kümmerlich genug verdienen muß, nicht zu ſchaden ſuchen.“ „Mein Name iſt Flaxmann, ich bin däniſcher Re⸗ krute, der ſich jetzt in des Siegers Gewalt befindet; wie ſoll ich Euch ſchaden können, Meiſter?“ „Mit Verlaub! Ihr beliebt Euer Incognito bei⸗ zubehalten und es ziemt Euerm unterthänigſten Knecht nicht, Euch daran zu hindern; aber ein Mann, der eine goldne Doſe führt, welcher in arte medica wohl⸗ erfahren, chirurgiam ſtudirt, die berühmteſten Univer⸗ ſitäten der Welt frequentirt und ſolcher hohen Perſo⸗ nen, wie der Graf Digby, Umgang gewürdigt worden iſt, könnte und dürfte wohl Anſprüche auf beſondere Titel und Ehrenbezeugungen haben.“ „Ihr macht da Prämiſſen, Meiſter, die ich Euch nicht zugeben kann,“ ſagte der Fremde mit einem ver⸗ ſtohlnen Seufzer, und der ironiſche Zug ſeines Ge⸗ ſichts hatte ſich in einen ſchmerzlichen verwandelt. „Wer hat Euch geſagt, daß ich ein Doctor oder ein vornehmer Mann bin? Beſorgt nichts, Meiſter, daß ich Euch in's Handwerk pfuſche, und ſelbſt, wenn ich ein Weniges von der geheimen und ſympathetiſchen Heilkunde verſtände, ſo hätte ich weder Luſt noch Mit⸗ tel, ſolches auszuüben. Drum gebt nur immerhin 54 etwas von Euerm Wundwaſſer, von Euerer Charpie und eine Binde her.“ Der Heilkünſtler Schiffschirur⸗ gus reichte Alles mit devoter Dienſtfertigkeit und einem Anſtrich von Huldigung und Neugierde. „Mit Verlaub,“ kratzfüßelte er dazu,„ich ſehe, Ihr verſteht auch das Blut zu verſprechen und ge⸗ ſchickt mit dem Bindzeug umzugehen. Ihr ſeid gewiß ein Schüler des glorreichen deutſchen Arztes, Doctors Georg Franke von Frankenau, geweſenen erſten Leib⸗ arztes des Königs von Dänemark, deſſen hohe Wiſſen⸗ ſchaft ihren Ruhm in der ganzen Welt ausgebreitet hat?“ „Bedenkt doch, Meiſter, daß Franke von Franke⸗ nau bereits 1704 zu Kopenhagen verſtorben iſt, und daß ich zu jener Zeit erſt ſechzehn Jahre zählte. Doch habe ich Manches aus den Schriften dieſes großen Arztes profitirt.“ „Ich kenne einen Mann, der Jahre lang auf dem Waſſer umhergefahren iſt und nicht Gelegenheit gehabt hat, der Geheimniſſe theilhaftig zu werden, deren Euere Geſtrengen als ein Wiſſender erwähnte, ob⸗ gleich er ſtets ein heftiges Verlangen im Herzen ge⸗ tragen hat, ſich darüber zu unterrichten und den ar⸗ men Burſchen, denen die Glieder hier zerſchoſſen und zerhauen werden, dadurch nützlich zu werden, und dieſer unglückliche Mann iſt, mit Verlaub zu ſagen, Euerer Geſtrengen gehorſamſter Knecht, Gabriel Habermann, Schiffschirurgus auf dem Graf⸗Mörner, Fregatte Sei⸗ ner Majeſtät des Königs Karl's des Zwölften von Schweden. Und fürwahr, Gabriel Habermann würde es Euch Zeit ſeines Lebens Dank wiſſen, wenn Ihr ihn durch Euere Mittheilungen beglücken wolltet.“ „Dazu kann wohl Rath werden, Meiſter Haber⸗ mann,“ verſetzte Jener leichthin,„doch müßt Ihr Euch geduldigen, bis wir auf das feſte Land kommen, ſinte⸗ 57 nach, um ſich ihn in's Gedächtniß zu prägen, ohne des Diſtichon gegen die Schmerzen einer Wunde wei⸗ ter zu gedenken. Der plötzlich von Wundern umgebene Mann war ſo ſehr in ſeiner Thätigkeit gehemmt worden, daß es einer Erinnerung des Lieutenants Gad bedurfte, um ihn auf die noch nicht geſchnittene und verbundene An⸗ zahl der Verwundeten aufmerkſam zu machen. „Nun, Freund Habermann,“ fragte der Lieutenant ſpöttiſch,„habt Ihr endlich durch langen Discurs herausgebracht, zu welcher europäiſchen Viehſorte un⸗ ſer Bekannter aus dem Kaffeehaus in Hamburg ge⸗ hört?“ Der Schiffschirurgus gerieth in Verlegenheit; denn an das nationale Herkommen des merkwürdigen jungen Mannes hatte er noch nicht gedacht. Er half ſich aber ſchnell und entgegnete mit geheimnißvollem Ge⸗ ſichte:„Ein Magus iſt er! Ein hochſtudirter Theur⸗ gus, dem alle geheimen Kräfte der Natur zu Gebote ſtehen. Ich zittre an allen Gliedern vor Furcht und Staunen. Eine Piſtolenkugel, die ihm Zuel Swale in die Bruſt geſchoſſen, will er dieſen Abend von ſich geben; von der Wunde ſieht man nichts mehr, als einen rothen Fleck, und als er eine Viertelſtunde mauſe⸗ todt darniedergelegen, iſt er aufgeſprungen und hat wüthender gefochten, als erſt. Das müßt Ihr ja ſelbſt mit angeſehen haben. Und denkt Euch, ein in⸗ timer Freund iſt er des berühmten Grafen Digby, Kanzlers Ihrer Majeſtät der Königin Marie von England.“ Der Hörer dieſer Worte hätte kein geborner Schwede ſein müſſen, um nicht jenes Grauen zu em⸗ pfinden, welches der dem Bewohner der nördlichen Länder mit der Muttermilch eingeflößte und in Blut 58 und Saft übergegangene Aberglaube bei Erwähnung eines Uebernatürlichen und Außerordentlichen in die Seele wirft; denn Schweden iſt das Arſenal alles Glaubens an Geſpenſter, Hexen, Elfen, Nixen, In⸗ cuben, Zauberer und an die abenteuerlichen Kräfte all' dieſer Weſen. Der Lieutenant Gad war bleich geworden, und ging, ohne ein Wort weiter zu reden, den Fremden mit ſcheuen Blicken beſtreifend, auf das Verdeck zurück. Sein verſtörtes Ausſehen verkündete, daß etwas Au⸗ ßerordentliches vorgefallen ſein müſſe, und der Eine und der Andere, der ſich, in Bezug auf ein freund⸗ ſchaftliches Verhältniß zum Lieutenant, etwas erlau⸗ ben durfte, trat ihm mit der Frage, was es gäbe, in den Weg. Der Lieutenant vertraute ſeinen Freun⸗ den, was er ſo eben ſelbſt mit Staunen erfahren hatte, und ſeine Seelenſtimmung ging ſchnell auf die Andern über, und bald lief die Kunde von den ſchauer⸗ lichen Eigenſchaften des Fremden von Mund zu Mund, und die Matroſen plauderten darüber, ſich dann und wann mit beſorglichen Blicken umſchauend, ein Langes und Breites. Der Kapitän Norecroß hatte für die ſchauerlichen Phantaſiegemälde ſeines Untergebenen eben keine ſchwe⸗ diſche Empfänglichkeit; ſtill lächelnd hörte er dem aus⸗ führlichen Berichte des Unterlieutenants zu, bis dieſer den Namen jenes zu ſeiner Zeit bekannten Naturfor⸗ ſchers und Ritters, Grafen Digby, nannte. Nun wurde der Kapitän aufmerkſam, und ging, nachdem er dem Lieutenant die Führung des genommenen Scho⸗ ners übergeben und Befehle zu deſſen ſchleuniger Aus⸗ beſſerung ertheilt hatte, hinab, um ſelbſt mit dem Fremden zu reden. Dieſer hatte ſich in einen Zuſtand von Erſchöpfung, der eben nicht zu Gunſten ſeiner 59 übernatürlichen Kraft ſprach, auf eine Kanone gelegt, und erhob ſich nur mit Mühe, um den Gruß des Kapitäns zu erwidern. „Wenn es mir auf der einen Seite nicht anders als Leid thun kann, Euch verwundet zu ſehen, mein Herr,“ ſprach Noreroß verbindlich,„ſo freut es mich auf der andern gewiß eben ſo ſehr, einen ſo tapfern und unerſchrockenen Mann der Krone Schweden viel⸗ leicht in Euch erworben zu haben. Kennt Ihr meinen Namen?“ „Ich habe nicht die Ehre, obgleich ich Euch in Hamburg ſah, freilich ohne einen Seehelden in Euch zu ahnen,“ verſetzte Jener mit edlem Anſtand.„Ihr werdet mich verbinden, wenn Ihr mir etwas Näheres über Euch zu erfahren vergönnen wollt.“ „Darf ich auf Erwiderung dieſer Gefälligkeit rech⸗ nen? Mein Name iſt John Norcroß; ich bin Kapitän dieſer Fregatte Graf⸗Mörner, Kaperſchiff Seiner Ma⸗ jeſtät des Königs von Schweden.“ „Ihr ſeid ein Engländer,“ fiel Jener raſch und lebhaft ein. „So iſt's, und mein Name ſchon kann das be⸗ zeugen. Doch ſeht Ihr, daß ich mit Leib und Seele ein Schwede geworden bin.“ „Doch ſeit Ihr noch immer ein treuer Anhänger Seiner Majeſtät des Königs Jacob des Dritten und ſeines erlauchten Hauſes?“ „Ich bin's!“ verſetzte der Kapitän mit Stolz, „und darf es frei bekennen unter dieſer Flagge.“ Damit deutete er durch die Treppenöffnung hinauf nach den drei goldenen Kronen, auf welche die Sonne eben ihren herbſtlichen Blick warf, und die der Wind prächtig entfaltete. 60 „Aber wer ſeid Ihr, der Ihr mich zu kennen ſchei⸗ net?“ fragte Norcroß jetzt den Fremden. „Ich hörte einſt Euern Namen an einem andern Orte nennen,“ ſagte der Rekrut,„und ich erinnerte mich deſſen wohl.“ „Wo? wo?“ fragte der Kapitän heftig. „Zu St. Germain, ün Coutſaal eines unglick⸗ lichen Königs.“ „Ihr ſeid?—“ fragte Norcroß geſpannt, und ſeine Hand hatte die des Fremden erfaßt Ihr ſeid?—“ wiederholte er. „Wir werden belauſcht,“ ffüſterte ihm Zener zu und deutete auf des Schiffschirurgus neugieriges Ge⸗ ſicht, das ſich näher geſchlichen hatte.„Und mein Geheimniß paßt nur für Euere Ohren, Kapitän.“ Norcroß zog den Fremden an der Hand in die Kajüte und in dem hintern Theil derſelben in einen verſchloſſenen Verſchlag, welcher eigens für den Ka⸗ pitän beſtimmt war; die Thüre wurde von innen ver⸗ riegelt, und Meiſter Habermann ſah die Umſtehenden verdrüßlich an. Anerwartete Verſügung. Als Kapitän Norcroß mit dem geheimnißvollen Fremden Hand in Hand wieder aus der Kajüte trat, war es Abend geworden. Ueber das leichtbewegte Meer zitterte das Abendroth in tauſend und aber iceh— 61 tauſend rreflectirenden Lichtern, der Wind war umge⸗ ſprungen und kam, obgleich nur in matten Stößen, von Oſten. Schlaff hing das Segeltuch an den Ma⸗ ſten und Raaen, und die letzeren klapperten einförmig an den nicht angezogenen Tauen; denn es hatte des Kapitäns befehlendes Wort gemangelt, und Lieutenant Gad hatte ſich ſogleich nach erhaltenem Befehl an den Bord des Schoners begeben, um mit demſelben nach Nordoſt zu ſteuern. Die Verwundeten waren in ihre Hangematten gebracht wurden, Juel Swale hatte be⸗ reits hie und da auf dem Verdeck vergoſſenes Blut abgeſcheuert, der dritte Theil der Mannſchaft war dem Lieutenant gefolgt, die nicht verwundeten Dänen hat⸗ ten ſich in die Winkel zurückgezogen, und nur die Re⸗ kruten, welche nicht Urſache hatten, mit ihrem Looſe unzufrieden zu ſein, hatten ſich mit den müßigen Bur⸗ ſchen des Graf⸗Mörner um den bejahrten Steuer⸗ mann verſammelt und ſchenkten ſeinen klugen Sprü⸗ chen und Erzählungen ein aufmerkſames Ohr. Ebbe Reetz war das Orakel des Schiffs, und daß man gewohnt war, ſich in allen Fällen ſeine Meinung zu erbitten, bewies jetzt die Anrede des Kapitäns, wel⸗ cher mit dem Fremden heraufgekommen war.„Reetz, wann werden wir bei dieſem uns nicht günſtigen Wind in Stockholm ſein?“ „Es kommt allein darauf an, wie Ihr zu fahren gedenkt, ob mit halbem Wind zwiſchen der Landſpitze und Bornholm hindurch an den gefährlichen Erthol⸗ men hin, oder aber direct gegen den Wind um die bornholm'ſche Sandbank herum.“ „Ich denke, wir thuen keins von beiden bei die⸗ Winde. Was haltet Ihr vom Wetter? Das Abend⸗ roth könnte uns wohl ſicher machen.“ „Herr,“ ſagte der Steuermann langſam und nach⸗ 62 drücklich,„ich bin ein geborner Däne und war noch nicht von der Größe und dem Alter jenes flinken Bu⸗ ben, da nahm mich mein Vater, der Unterlieutenant auf dem inienſchiff die Königin“ war, ſchon mit gegen die Schweden, als der holländiſche Ad⸗ miral Ruyter den Dänen im Sund zu Hülfe kam. Herr Gott! das ſind ſechsundfunfzig Jahre und ich war damals ſechs bis ſieben Jahr alt und konnte kaum das Geitau am Ende erſchleppen. Das war bald nach dem ſchrecklichen Sturm der Schweden auf Kopenhagen in der argen Winternacht des 11. Fe⸗ bruar 1659, wo der König Karl Guſtav, unſers Königs Majeſtät Großvater, die Hälfte ſeines Heeres, ſeine beſten Generäle und ſeinen hohen Kriegsruhm verlor. Ich war ein Kind, aber ich verſtand den Jubel, der damals durch ganz Dänemark ſchallte. Nachher ging ich mit meinem Vater zur See und habe in der Zeit nicht viel mehr Land betreten, als was man mit einem Sechzigpfünder überſchießen kann. Ich kenne das Gewäſſer hierum vom finniſchen Meer⸗ buſen bis zum ſkager Rak und noch weiter nach Weſten und Süden und Norden, wie dieſe meine rechte Hand, mit der ich nun ſchon ſo manches liebe Jahr das Steuer gelenkt habe; denn ich habe den RNuſſen gedient, ſeit der Czaar Peter ſich zuerſt auf's Meer gewagt und bin nun ſchon wieder, ſeit des Kö⸗ nigs Majeſtät aus der Türkei heim iſt, das ſind faſt zwei Jahre, in ſchwediſchen Dienſten, gelockt von den ſchönen Verſprechungen, die der König allen erfahrnen Seeleuten machte, die auf ſeinen Kaperſchiffen fahren wollten. Ich habe ſechzehn Seeſchlachten mitgemacht in dieſem Meere; ich habe unter dem großen Seehel⸗ den Juel gedient.— Junge, Du kannſt ſtolz ſein, ſeinen Namen zu führen— und wenn ich Euch ſage, 63 daß ich alle Fahrwaſſer, Klippen und Sandbänke in dieſem Meere kenne, wie die Züge und Linien in mei⸗ ner Hand, ſo will ich damit nicht geprahlt, ſondern nur ſo viel geſagt haben, daß ich trotz meinem Alter und ziemlicher Kenntniß des Meeres doch den Him⸗ mel und das Wetter nicht ſo weg habe, wie ich oft in meinem thörichten Wahn glaubte. Es iſt ein ſchwe⸗ res Ding um die Kenntniß des Wetters, und ich habe in meinem Leben nur eine Seele gekannt, die ſich darauf verſtand, das war ein Orlogsſchiffsmann und blieb vor Hamburg, als der vorige König von Däne⸗ mark vieſer Stadt hart zuſetzte und die Huldigung von ihr verlangte; und das Wenige, was ich weiß, habe ich von dem braven Kai Lyke gelernt. Gott habe ihn ſelig.“ Die Geſichtszüge des alten Mannes nahmen einen ſchlaffen frommen Ausdruck an; er fal⸗ tete die Hände und blickte wie gleichgültig nach dem weſtlichen Himmel, wo aus dem verſchwindenden Abendroth ein weißer gekräuſelter Wolkenſtreif auf⸗ ſchoß und nach Oſten zu immer breiter ſich entfaltend hinzog, bis er, im weiten Halbkreiſe, vom mächtigen Horizonte verſchlungen wurde. Der Kapitän hatte die lange Erörterung mit Ge⸗ duld angehört und dann und wann durch ein freund⸗ liches Nicken ſeine Zufriedenheit mit den Aeußerungen des bejahrten Steuermanns zu erkennen gegeben; nun ſagte er mit gnädigem Geſichte:„Uns Allen, und vorzüglich mir, iſt Euere Beſcheidenheit wohl bekannt, Meiſter Reetz; ſagt mir nun, was haltet Ihr vom Wetter nach Euerer ſchlichten Meinung, und danach wird ſich ergeben, wann wir, um Bornholm bei ſchlimmen und durch die Meerenge bei gutem Wetter ſtenernd, auf directer Fahrt in Stockholm ſein können; denn ich läugne nicht, ich ſehne mich nach Raſt und möchte die Ehre haben, unſerm allerdurchlauchtigſten Könige die allerliebſte Priſe ſelbſt zu überbringen; es iſt das neunte Schiff auf dieſer Fahrt, welches ich aufgebracht und nach Stockholm geſchickt habe, und fürwahr, es iſt nicht das ſchlechteſte. Alſo Euere Mei⸗ nung, wackerer Meiſter, rund heraus und weiter nichts.“ „Wenn Ihr weiter nichts von mir verlangt, Ka⸗ pitän, als was ich in meinem alten Kopfe aufbringe, ſo muß ich Euch ſagen, daß mir dieſer Wolkenſtrich nicht ſonderlich gefallen will. Ich denke, dieſe Nacht werden wir noch Ruhe haben, aber morgen Nachmit⸗ tag kann's kommen. Es naht jetzt die Zeit der Stürme. Die Monate, welche ein R haben, ſchnarchen den Schiffsleuten übel in die Ohren; der erſte fängt ſachte an, der zweite wird ſchon wilder; wir ſind bald Ende October und der dritte wird uns ſein R durch alle Rippen und Planken pfeifen und ver Leinwand und dem Takelwerk manch' knarrendes Wörtchen ſagen. Wenn wir nun auch noch nicht in Wſtad anlegen, ſo wär's am beſten, wir gingen durch die bornholm'ſchen Gewäſſer und liefen in Karlskrona ein, warteten ab, was der Himmel verfügt, und trieben dann weiter.“ „Schönſten Dank, Meiſter,“ ſagte der Kapitän, drückte dem an ſeiner Lederkappe rückenden Greiſe die Hand, und wandte ſich wieder zu Flarmann, den un⸗ terdeſſen die Matroſen mit ſcheuen Blicken gemeſſen hatten. Als ſie einige Schritte ſich entfernt hatten, ſagte Norcroß vertraulich:„Ich wollte mir nun den Kopf abſchlagen laſſen auf die Gewißheit, daß wi morgen Abend Sturm haben. Der Alte iſt unſer un⸗ trügliches Wetterglas und wie er in allen nordiſchen Meeren jede Klippe, jedes Fahrwaſſer, jede Untiefe 65 und Sandbank kennt und ſelten das Loth zur Hand zu nehmen braucht, um die Tiefe an den Küſten zu erforſchen, ſo kennt er auch jedes Wölkchen am Himmel und weiß, was es zu bedeuten hat. Man muß aber allemal ſeine ganze Lebensgeſchichte in compendio hö⸗ ren, wenn man ihn um etwas fragt; ich bin das ge⸗ wohnt und ſchätze deshalb den mir nützlichen Mann nicht minder. Erlaubt nun, daß ich Euch noch einige Inſtructionen gebe; denn wie ich Euch ſchon geſagt habe, morgen Abend muß das Werk ausgeführt ſein, bevor der Sturm beginnt.“ „Ihr ſeid mein Engel, Kapitän!“ rief Flarmann mit einem dankbaren Blick und Beide ſtanden lange im Hintergrund, über den die Nacht ſchon ihre Schleier breitete und ſprachen heimlich zuſammen, von den Blicken der Schiffsleute beobachtet, die ſich über die ſchnelle Freundſchaft der beiden jungen Männer nicht genug verwundern konnten und ihre eben nicht ſcharf⸗ ſinnigen Bemerkungen meiſt von der Faſelei des Chi⸗ rurgus erzeugt, laut und leiſe machten. Der Kapitän trat heran und ſagte zu dem flinken Schiffsjungen:„Iuel, ruf' dem Schoner zu, daß er ſich zu uns verfüge; ich habe dem Lieutenant Gad Nöthiges zu ſagen“ Sogleich ſprang der Junge an die Kanone, die ihm zur Bedienung anvertraut war, und eh' noch Norcroß zu dem Fremden zurückgekehrt war, flammte die feurige Zunge über das Meer durch die dunkle Nacht, und die düſtere Waſſerfläche wurde auf einen Augenblick weithin erhellt, und der gewal⸗ tige Ruf rollte donnernd darüber hin. Kaum war die Einladung verhallt, ſo ſah man den Schiffsjungen ſchon wieder auf dem Verdeck mit einer ungeheuren Laterne, in welcher eine ganze Flamme ſtatt Licht brannte. Wie ein Eichhörnchen am Baumſtamme, klet⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Kl. 5 ——————————————— terte der Knabe in der Finſterniß an den Tauen und Raaen hinauf und erreichte bald den Maſtkorb, wo die Laterne als Zeichen für das befreundete Schiff aufgehängt wurde. Es war noch keine Viertelſtunde vergangen, ſo hörte man ſchon am Rauſchen des Waſſers die Ankunft des Schoners; der Kapitän ließ die Fallreetreppe aus werfen und befahl dem Führer, ſich herüber zu verfügen. Der Lieutenant erſchien auf dem Verdeck des Graf⸗ Mörner, und beim Scheine einiger Laternen, welche in der Nähe am Fock⸗Maſt befeſtigt waren, hatte ſich die ganze Schiffsmannſchaft zuſammengedrängt, um zu er⸗ fahren, was dieſe unerwartete Verfügung veranlaßt ha⸗ ben möchte. „Lieutenant Gad,“ redete der Kapitän dieſen im Angeſicht aller an,„es macht ſich nothwendig, daß ich Euch nicht allein das Kommando des erbeuteten Scho⸗ ners, ſondern auch der Fregatte ſelbſt auf vier und zwanzig bis ſechs und dreißig Stunden übertrage. Ich bin überzeugt, Ihr werdet mein Vertrauen rechtfertigen. Unſer Bvotsmann mag unterdeſſen ſich an Bord des Schoners begeben und dort den Befehl haben. Nähert Euch morgen am Tage der ſchwediſchen Küſte, und lauft, wenn es dunkel geworden iſt und ich noch nicht wieder zu Euch geſtoßen bin, in den yſtader Hafen ein. Dort erwartet mich. Sollte Euch morgen etwas aufſtoßen, was unſerm König Nutzen oder Schaden bringen könnte, ſo werdet Ihr dasjenige mit Verſtand und Tapferkeit thun, was einem Schweden und treuen Diener ſeines Königs zukommt.“ „Man ſoll die Schaluppe zurichten!“ befahl der Kapitän den gaffenden Matroſen, und die Burſche überpurzelten einander, um die erhaltene Weiſung zu vollziehen.„Juel Swale!“ rief der Kapitän dem Schiffsjungen zu:„Du ſcheuerſt Dich jetzt von Kopf 67 zu Fuß in Seewaſſer, und fährſt dann in Deine Livree; nachher will ich Dich noch mit Eau de Lyon einſalben, damit Dir der Theergeruch etwas vergehe. Ferner ſchaffſt Du meine Staatskleider mit Allem, was dazu gehört, in's Boot. Vergiß nicht einige Strick⸗ leitern und Waffen für ſechzehn Mann mitzunehmen, wir könnten ſie brauchen.“ Bald war das Befohlene in der Kajüte des Boots und beim Schein der Later⸗ nenlampen ſah man die nackte Geſtalt des Schiffs⸗ jungen um das Boot herum ſich in die dunkeln Ge⸗ wäſſer tauchen und trotz der herbſtnächtlichen Kälte der⸗ ſelben ſich behaglich bewegen. Es verging auch keine Viertelſtunde, während welcher die auf das Boot be⸗ orderten Matroſen ihre Vorkehrungen zur Abfahrt machten, als Juel Swale in einen netten Jockey um⸗ gewandelt vor ſeinen Herrn trat. Der Kapitän lobte ihn und wandte ſich zum Steuermann:„Wohlan, Meiſter Reetz, Euerer Vorſorge wollen wir uns in dieſer dunkeln Nacht anvertrauen. Ihr ſollt uns füh⸗ ren. Euer Dienſt ſoll unterdeſſen nicht zu Euerer Unzu⸗ friedenheit verſehen werden; dafür bürgt Euch Lieutenant Gad.“ Der Steuermann befolgte ſchweigend den Be⸗ fehl und verfügte ſich in die Schaluppe.„Lieutenant Gad,“ ſprach der Kapitän weiter,„Herr Flaxmann hier wird ſich an Bord des Schoners begeben und da derſelbe im Seeweſen keineswegs unerfahren iſt, ſo werdet Ihr Euch nöthigenfalls mit ihm verſtändigen. Wenn er auch gerade nicht als Kommandeur auftreten will, ſo werden die Leute des Schoners doch wohl thun, ſeinen Winken zu folgen.“ Der Lieutenant war nicht weniger über dieſe neue Verfügung, wie über das ungewöhnliche und vom Ka⸗ pitän ſtark betonte Prädicat:„Herr“ erſtaunt, welches der Kapitän dem däniſchen Rekruten beilegte; doch an 68 ſtrengen Befehl gewöhnt, verbeugte er ſich, obgleich mit einem leiſen Kopfſchütteln. Bald darauf ertönte der Ruf des Steuermanns aus dem Boote, daß bis auf den Kapitän Alles zur Abfahrt bereit ſei, und Norcroß geleitete den geheimnißvollen Fremden höflich an Bord des Schoners; dort hatten ſie eine lange geheime Unterredung zuſammen, und der Kapitän ſchied. endlich nach einer von vielen Schiffsleuten bemerkten herzlichen Uzarmung, und begab ſich auf die Scha⸗ luppe. Dort hüllte er ſich in ſeinen Mantel; auch Juel wurde mit einem anſtändigen Ueberkleide verſehen. Der Steuermann ſah den Kapitän fragend an, aber dieſer wartete ruhig, bis Schoner und Fregatte ſo weit ent⸗ fernt waren, daß das Boot von dort aus nicht mehr geſehen werden konnte, dann ſagte er laut:„Weſtſüd⸗ weſt!“ Sogleich ſtrichen die ſtarken Burſche die lan⸗ gen Riemen mit Kraft, und das leichte Fahrzeug flog auf der dunklen Meerfluth wie ein vom Bogen abge⸗ ſchnellter Pfeil dahin. 4 „Meint Ihr, Reetz, daß wir vor Tagesanbruch in Kopenhagen ſein könnten?“ fragte der Kapitän den Steuermann leiſe. „Herr Gott!“ verſetzte dieſer,„ſo fragte der König Chriſtian der Fünfte von Dänemark in dem für Schwe⸗ den gar böſen Jahre 1677, nachdem er die Inſel Rügen eingenommen hatte und wieder nach Kopen⸗ hagen zurückfahren wollte. Es war am ſechzehnten Oetober, es iſt mir noch erinnerlich, als wenn's vor drei Wochen geſchehen wäre. Ich hatte wohl allerlei . am Himmel bemerkt, was mir nicht abſonderlich ge⸗ fiel, aber ich war ein junges Blut, Unterbootsmann und verſtand nichts vom Wetter; als nun der König 3 fragte, ſtand ich nicht weit davon. Der Kapitän der Fregatte, die beſtimmt war, den Herrn zu tragen, ant⸗ —2 69 wortete kurz und als hätt' er dem lieben Herrgott in's Logbuch geſehen oder wiſſe um ſeine Geheimniſſe, weil er ſich Du mit ihm nannte: Dieſe Nacht werden Eure Majeſtät in Höchſtdero Bette ſchlafen. Ich dachte: Na, Sturm und Wind kehren ſich an keines Königs Ma⸗ jeſtit und wenn ſie daher brauſen in ihrer Gewalt, dann müſſen die mächtigſten Herren der Erde ſchweigen. Zehn Schiffe begleiteten den König als Geſchwader; Nachmittags blies aber des Herrn Odem und warf uns umher; die Nacht kam heran und die böſen An⸗ zeichen des Himmels machten uns Allen angſt und bange. Die See tobte fürchterlich und warf uns nach Südoſten, ſo daß der König, wenn er noch hätte hoffen dürfen, vom Himmel verſchont zu werden, fürchten mußte, den Schweden in die Hände zu fallen. Da habe ich erfahren, welch' ein armſeliger Menſch ein König iſt, wenn die Hand des wahrhaftigen Königs des Himmels und der Erde über ihm ſchwebt Da habe ich einen König beten ſehen aus Herzens Grund und ohne Heuchelei, und das iſt fürwahr eine Selten⸗ heit. Ich will Euch aber nur das geſagt haben, auf Euere Frage, Kapitän, daß die Antwort nur der weiß, der die Stürme erregt und ſänftigt und in deſſen Hand das Weltmeer ein Tropfen iſt, der vom Hauche ſein 8 Mundes erzittert. Denn denkt Euch, Kapitän, der Sturm hielt damals fünf Tage und vier Nächte an, und ſchon am zweiten Tage früh, als es hell wurde, ſahen wir kein einziges Schiff mehr vom Geſchwader des Königs. Wir warfen einen Anker aus, aber das Tau zerriß, als wenn ein Knäblein einen Zwirns⸗ faden zerreißt; wir verloren nach einander die drei großen Anker; der Sturm zerbrach das Steuer und riß es fort, und ſchon am dritten Tage hatten wir kein Boot mehr. Da war die Noth groß, aber ſie 6 70 ſollte noch größer werden. Denn in der dritten Nacht wurden wir an ein Felſenriff, wahrſcheinlich an der Küſte von Blekingen, geſchleudert, welches das Schiff ſo ſehr beſchädigte, daß das Waſſer ſo ſtark wie ein Mann hereindrang und kaum mit vier Pumpen, an welchen die ganze Schiffsmannſchaft arbeitete, ausge⸗ ſchöpft werden konnte. Die Brandung warf uns in die See zurück und wir ſahen unſerm Untergang jede Minute entgegen. Der König war auf ſeinen Tod vorbereitet und ſah, wie ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat, in den Kampf der Elemente. In dieſer äußerſten Noth befahl der Kapitän den kleinen uns allein noch übrig gebliebenen Anker auszuwerfen — es war zum Lachen; denn die drei großen waren verloren gegangen, und keiner hatte eine Viertelſtunde gehalten; was ſollte uns der kleine nützen? Aber der Herr bedient ſich gar oft eines unſcheinbaren Werk⸗ zeugs, um Wunder damit zu verrichten und ſich daran zu offenbaren. Das gute und troſtreiche Sprich⸗ wort: wenn die Noth am höchſten, iſt die Hülf' am nächſten, bewährte ſich am Könige von Dänemark. Der Anker— begreif's Einer!— hielt feſt und ret⸗ tete uns alle vom Tode. Als nun am fünften Tage der Sturm nachgelaſſen und der Himmel wieder blau über uns hing, lichteten wir die Anker— der König hat ihn nachher vergolden und zum ewigen Gedächtniß im Zeughauſe aufhängen laſſen— aber wir hatten ja keine Steuer mehr und durften nicht wagen, die Segel auf⸗ zuziehen, um nicht an die ſchwediſche Küſte geworfen zu werden. So trieben wir denn noch zwei Tage und zwei Nächte kreuz und quer auf der See umher, bis wir endlich auf der bornholmiſchen Sandbank— Ihr kennt ſie Kapitän; ſie läuft wohl an die zwölf Mei⸗ len ſüdweſtlich von Bornholm und iſt an manchen 71 Stellen zwei bis drei Meilen breit— feſtſaßen, vier Meilen von der Inſel. Da hingen wir nun und konnten nicht mehr von der Stelle. Zum Glück ent⸗ deckte uns ein bornholmiſcher Schiffer und ſo kam denn das Volk in mehr denn dreißig Fahrzeugen und holte uns ab. Der König aber ſchlief erſt in der achten Nacht in ſeinem Bette.“ „Nun Ihr wißt ja, Reetz,“ ſagte Norcroß lächelnd, „daß wir kein Bett in Kopenhagen haben, alſo ſagt nur Euere Meinung. Geſetzt den Fall, es ſtieß' uns gar nichts auf, und der Himmel bliebe uns günſtig, wann glaubt Ihr wohl, daß wir an der Brücke bei Güldenlund anlegen können; denn in den Hafen dürfen wir nicht hinein, das verſteht ſich von ſelbſt?“ „Wenn Ihr weiter nichts wiſſen wollt, als meine Meinung, Kapitän, ſo denk' ich, daß wir in der drit⸗ ten Nachtwache anlegen können.“ „Und Ihr wißt jedenfalls gute Schlupfwinkel in der Nähe von Güldenlund, wo Ihr das Boot ein oder zwei Tage verſtecken könnt, bis ich mein Geſchäft in Kopenhagen abgemacht habe?“ „Es wäre nicht gut,“ entgegnete der Steuermann, „wenn ein Mann, deſſen Blick, als er zum erſtenmal die Augen aufſchlug, auf jenes Meer fiel, welches zwiſchen Seeland und Schonen ſich ausbreitet, und ſein langes Leben meiſt auf dieſem Meere zugebracht hat, nicht alle Buchten und Meerzungen, ja was ſag' ich, alle Geſtrüppe und Felſenlöcher kennen ſollte. Gebt mir Wind und Waſſer, wie ich's brauche, und es ſoll kein Strich an der Küſte von Seeland ſein, ſo weit man ihn mit einem Vierundzwanzigpfünder beſtreichen kann, wo ich Euch, und wären die Klippen noch höher und zackiger, nicht dies Boot drei Tage und noch länger verberge. Da war der große Juel, —— 72 an dem Tage, wo er die ſchwediſche Flotte zerſtörte, in Verlegenheit——“ „Nun wohlan!“ rief Norcroß, und verfügte ſich in die Kajüte, um ſich dem Schlaf zu überlaſſen, woran ihn des Steuermanns neue Erzählung mit Gewalt mahnte, doch dieſer wurde dadurch verhindert, ſeine Fata unter dem großen Juel an ſelbigem Tage zu er⸗ zählen. Da er aber ein gar duldſamer Mann war, ſo war er darüber nicht böſe, ſondern that unverdroſſen ſeine Schuldigkeit. 8. Zuuherei. Die Fregatte Graf⸗Mörner und der von ihr er⸗ beutete Schoner hatten ſich vor Anker gelegt, und ihre Bewohner überließen ſie dem ſanften Schaukeln auf der Meerfluth, welches ſich allmälig in den ſchönſten Schlaf wiegte, den ein Seemann auf dem Waſſer zu ſchlafen vermag. Ein von der Fregatte ausgeſetz⸗ tes Boot brachte beide Schiffe mit einander in Ver⸗ bindung. Der Chirurgus ging unruhig auf der Fregatte umher und beſah ſich, ſeiner Pflicht gemäß, ſeine Kran⸗ ken; er war noch einſylbiger als ſonſt und ſprach der Runflaſche noch häufiger zu. Dabei brummte er und ſchüttelte den Kopf, als gehe er über etwas mit ſich zu Rathe und könne ſich doch für nichts entſcheiden und bei genauer Abwägung des Für und Wider zu keinem Reſultate gelangen. Die Kranken fertigte er kurz ab und ließ, als er zufällig in die Nähe des 73 Lieutenants Gad gekommen war, ſeine Augen lange ſtarr und prüfend auf dem Geſichte deſſelben hängen. „Nun, Meiſter!“ ſagte dieſer mit dem Tone jener hochmüthigen Anmaßung, die, den Augenblick der ihr übertragenen Gewalt benutzend, ſich geltend und wich⸗ tig zu machen ſucht,„wollt Ihr nicht auch unſere Verwundeten auf dem Schoner vor Schlafengehen be⸗ ſuchen?“ „Ich war eben daran, das Boot zu beſteigen,“ verſetzte der Wundarzt, und ſchien den übermüthigen Ton in des Lieutenants Stimme zu überhören, den ſein widerſpenſtiger Charakter nicht ertragen haben würde, wären in ſeinem Sh e nicht eben ganz andere Dinge vorgegangen.„Mit 2 Lerlaub, Lieutenant, es wäre wohl unſer Schade nicht, wenn wir dem Herrn da drüben— denn etwas Vornehmes iſt's gewiß— die Ehre anthäten, Eins mit ihm zu trinken. Ich will nicht behaupten, daß es Euch und mir gerade zukäme, ihm das Kompliment zu machen, aber Ihr habt doch geſehen, wie der Kapitän mit ihm umging. Doch es ſoll ganz Euerm Ermeſſen anheimgeſtellt ſein; ich muß ja ohnedies hinüber und wäre freilich gern in Euerer Geſellſchaft gefahren.“ Des Lieutenants geiſtige Gaben waren nicht von der Art, um begreifen zu können, daß hinter des Chirurgus Antrag eine andere Abſicht ſei, als dem fremden Manne eine Ehre anzuthun, und er erwiderte deshalb kurz: „So lang ich nicht weiß, wer die Leute ſind, trink' ich mit Keinem, um nicht in Gefahr zu kommen, mich weggeworfen zu haben. Hat Kapitän Norcroß ſeine Gründe gehabt, mir nicht zu ſagen, wer dieſer ſonder⸗ bare Mann iſt, ſo ale ich die meinigen, die Geſell⸗ ſchaft deſſelben nicht zu ſuchen 6. 74 „Es wäre, mit Verlaub zu ſagen, ſowohl Euerm als meinem Intereſſe mehr angemeſſen, die Geſellſchaft dieſes Mannes zu ſuchen. Wir ſind doch Beide von der Natur nicht verwahrloſt, und man könnte vielleicht an dem und jenem abnehmen, was es mit dieſem Herrn Flarmann und der wunderlichen Nachtfahrt des Kapi⸗ täns, die ſicherlich zuſammenhängen, für eine Bewandt⸗ niß habe. Mit Verlaub, Lieutenant, würdet Ihr denn böſe ſein, wenn Ihr auf eine liſtige Weiſe hinter das Geheimniß kämt? Und daß es was Wichtiges iſt, geht aus allen Indicien hervor.“ „Nun, wie wolltet Ihr denn mit Euerer Liſt, de⸗ ren Laſt eine Mücke auf dem Schwanze über den Sund von Seeland nach Schonen trägt, das Ge⸗ heimniß erforſchen?“ „Ihr müßt Andrer Gaben nicht immer nach den Eurigen beurtheilen,“ verſetzte der Chirurgus giftig. „Und wenn meine Liſt auch nur ein einziges granum salis iſt, ſo hab' ich daſſelbe auf das rechte Fleckchen gerichtet, wo's Wunder wirken ſoll, und mehr als Euere Centnerweisheit.“ „Und dies Fleckchen wäre?“ „Der Fremde iſt viel zu vornehm, um Schiffschi⸗ rurgus werden zu wollen, was ihm bei ſeinen erſtau⸗ nenswerthen mediciniſchen Kenntniſſen ein Leichtes wäre, aber es wird ihm eben ſo leicht ſein, ſich in die va⸗ cante Stelle des Kapitänlieutenants zu ſchieben, und daß es ihm auch dazu nicht an den gehörigen Kennt⸗ niſſen gebricht, hat man ja deutlich genug aus des Ka⸗ pitäns eigenem Munde vernommen, als er ihm das Kommando auf dem Schoner übertrug.“ „Was meint Ihr für ein Fleckchen, Meiſter Ha⸗ bermann?“ rief der Lieutenant ungeduldig. „Ja, es könnte, mit Verlaub zu ſagen, ſogar der 75 Fall ſein, daß dieſer Fremde von hoher Bedeutung ſogar das Kommando des Graf⸗Mörner überkäme, wenn, wie man ſchon geſprochen hat, Kapitän Nor⸗ croß ein größeres Schiff als unſere Fregatte zur Füh⸗ rung erhält.“ „Wie heißt das Fleckchen?“ donnerte der Lieute⸗ nant in Verzweiflung und packte den Schiffschirurgus bei beiden Achſeln, den kleinen dicken Mann hin und herſchüttelnd, der in dieſer kurzen Unterredung einem klügern Kopf, als der des Lieutenant Gad war, hin⸗ längliche Beweiſe ſeiner Liſt gegeben haben würde. „Es heißt: die Brieftaſche, die der Fremde auf der bloßen Bruſt trägt,“ verſetzte Meiſter Haber⸗ mann lächelnd. „Die Brieftaſche? Ihr habt Recht! Ja, wer die Brieftaſche hätte!“ rief Gad gedankenvoll. „Ich verſchaff' ſie Euch, wenn Ihr gemeinſchaft⸗ liche Sache mit mir machen und mit hinüber auf den Schoner fahren wollt.“ „Ihr?“ ſagte der Lieutenant verächtlich mit ei⸗ nem ſpöttiſchen Blick auf den Chirurgus. „Gebt mir Euer Ehrenwort, mich nicht verrathen zu wollen und fahrt mit hinüber, dann verſchaff' ich Euch die Brieftaſche.“ „Der Kurioſität halber thu' ich's ſchon, um eine Probe Euerer Schlauheit zu ſehen, von welcher mir noch wenig bekannt worden iſt. Wie aber wollt Ihr's anfangen, Meiſter?“ „Das werd' ich Euch nicht erſt verrathen! Drum laßt mich, mit Verlaub, darüber ſchweigen.„Sorgt nur für die Ingredienzien eines guten Punſches!“ „Aber der Fremde iſt ja verwundet und darf nicht trinken. Er hat das Wundfieber jedenfalls ſchon jetzt.“ ℳ 76 „Dafür laßt mich ſorgen, Lieutenant. Ein Me⸗ dicus darf ſchon wagen, was dem Volke verboten iſt.“ Gad vergab ſeinem Stolze etwas und ſagte dem Wundarzte ſeine Begleitung zu. Dieſer kramte nun noch eine kurze Weile in ſeiner Schiffsapotheke, nahm einige Schachteln und Phiolen mit und ſtieg dann mit dem Lieutenant die Treppe hinab in das Boot. Als ſie das Verdeck des Schoners erſtiegen hatten, em⸗ pfing ſie Flaxmann mit all' der gebräuchlichen Um⸗ ſtändlichkeit, mit Anſtand und Höflichkeit gepaart, und da der Schiffschirurgus nicht verfehlte, dem Fremden alle einem Schiffskommandeur gebührlichen Ehrenbe⸗ grüßungen zu erweiſen, ſo wurde der Lieutenant Gad ſelbſt gegen ſeinen Willen fortgeriſſen, ein Gleiches zu thun. Flaxmann ſchien vergeſſen zu haben, daß ihm dergleichen doch eigentlich nicht zukäme und unterhielt ſich mit den Angekommenen in einem vornehm freund⸗ lichen, herahlaſſenden Tone, der den Lieutenant am Ende doch zit ärgern begann. „Lieutenant Gad,“ ſagte der Chirurgus mit ſeiner behaglichen Pfiffigkeit,„hat nicht unterlaſſen können, mich auf den Schoner zu begleiten, der ich nach mei⸗ nen Kranken zu ſehen gekommen bin, damit er ſich ſelbſt nach Ew. Geſtrengen Befinden erkundige.“ „Ich bin Euch ſehr für Euere Aufmerkſamkeit verbunden, Herr Lieutenant,“ ſagte Flarmann mit einer artigen Verneigung;„obgleich mich meine Wunde etwas ſchmerzt, ſo iſt ſie doch von der Art, mir ge⸗ rade keine großen Moleſten zu machen. Die Geſchick⸗ lichkeit unſers wackern Meiſter Habermann hat das Ihrige gethan, um jeder böſen Folge vorzubeugen.“ Gad antwortete nicht und warf dem Chleurgus nur zornige Blicke zu. Dieſer aber kehrte ſich nicht daran, ſondern fuhr, um keine verlegenheitbringende 77 Windſtille eintreten zu laſſen, fort:„Die Abende ſind lang, und der Schiffer liebt die Geſelligkeit. Das Waſſer ſchneidet ja Einen ohnedies von der übrigen Menſchheit ab. Der däniſche Lieutenant, unſer wack⸗ rer Bootsmann, Meiſter Pehrſohn und was ſonſt un⸗ ter den Rekruten ſich zu unſrer Geſellſchaft paßt, wer⸗ den gerade nicht böſe ſein, wenn ich vorſchlage, den Abend in Luſt und Heiterkeit bei einander zuzubringen. Wein und Rum haben wir mitgebracht, um einen trefflichen Grog daraus zu brauen, und ſo dächt' ich, mit Verlaub, wir hingen den Keſſel über das Feuer und bäten die Geſellſchaft zuſammen, während ich zu den zerhauenen und zerſchoſſenen Schlingeln gehe.“ „Euer Vorſchlag ließe ſich wohl hören,“ verſetzte Flaxmann,„und würde unbedingt von uns angenom⸗ men werden, wenn nicht drei von uns verwundet wä⸗ ren, denen der Genuß geiſtiger Getränke beſchwerlich werden dürfte.“ „Dieſer Beſorgniß bin ich, mit Verlaub zu mel⸗ den, bereits zuvorgekommen,“ tröſtete Habermann. „Ihr, als ein wohlerudirter Medicus, werdet dieje⸗ nigen Mittel kennen, welche einer Erhitzung des Blu⸗ tes vorbeugen. Seht hier in dieſer Phiole das be⸗ rühmte Oleum des großen Arnoldus de Villa nova wider das Fieber, ferner ein Pulver von Bibergeil und Judenpech, welches wir in das erſte Glas Grog miſchen; auch habe ich einige abracadabra*) mitge⸗ bracht, deren Ihr Euch gegen jede böſe Folge mit großem Nutzen bedienen könnt.“ *) Ein Amulet, welches aus einem, durch die wiederhol⸗ ten Buchſtaben des unverſtändlichen Wortes Abracadabrä gebildeten, auf einen Zettel gemalten Dreiecks beſtand, zur Abwehr und Vertreibung des Fiebers an den Hals gehängt 78 Der Bootsmann Pehrſohn ließ nicht gern eine Ge⸗ legenheit ungenutzt vorübergehen, wobei etwas für ſei⸗ nen Magen zu erlangen war, und da er ohnedies einige Tage abweſend geweſen und lange keiner ge⸗ ſelligen Zecherei beigewohnt hatte, erhob jetzt ſeine etwas ſchwerfällige Stimme und ſprach: „Ein Mann, der in allerlei Zauberwerk wohl er⸗ fahren iſt, ſollte ſich nicht weigern, mit ehrlichen Leu⸗ ten zu trinken, aus Furcht vor dem Fieber. Laßt unſern Dänen dort den Firlefanz verſchlucken, den Meiſter Habermann da anſchleppt, der gute Lieutenant wird ſich freuen, wenn er ſieht, daß wir die Freund⸗ ſchaftsflagge aufziehen und ſeinen Gram, die Rekruten nicht nach Kopenhagen gebracht zu haben, im kräfti⸗ gen Dampfe unſres Tranks werfliegen kaſſen. Und wem habt Ihr denn ſonſt die Ehre noch zugedacht, Herr, der heute die See hat roth färben helfen?“ „Es iſt dies einer von den Rekruten, ein tüchtiger Seemann und geborner Franzoſe, der ſich um mich verdient gemacht hat. Er heißt Pierre Courtin und hat einen Streifſchuß am linken Backen erhalten.“ „O, mit Verlaub,“ rief der Chirurgus,„der Bak⸗ ken iſt nicht ſo zerſchoſſen, daß er nicht ein Glas Grog ſo lange darin halten könnte, um es zu ſchlucken, und wäre er es auch, ſo kann ſich Monſieur Courtin des rechten Backen zum Trinken bedienen, und gegen das Fieber wollen wir ſchon ein gutes Präſervativ geben.“ Der Bootsmann hatte unterdeſſen den Franzoſen herbeigeholt. wurde, und ſo viel heißen ſollte als Vater, Sohn und heili⸗ ger Geiſt, oder der Vater, das Wort, der Geiſt. Man ſchrieb die Erfindung dieſes Amulets, welchem man große Kräfte beimaß, dem Ketzer Baſilides zu. 79 „Vaintre-bot!“ rief dieſer, als er von einem Ge⸗ lag hörte,„ein Seemann muß genug kaltes Waſſer ſehen, ſoll er nicht was Warmes trinken, das zwar auch ausſieht wie Waſſer, aber ſchmeckt wie Rum und franzöſiſcher Wein mit einem Zuſatz von Zucker? Mir iſt's eben auch recht, daß ich unter die braven Schwe⸗ den gerathen bin; ſie werden einen Kerl, der kein Kopfhänger iſt und in der Marineſchule in Paris ſein Seeſtudium nicht ohne Erfolg gemacht hat, auch brau⸗ chen können, und wenn ich nicht unter Tordenſchild dienen kann, ſo wird es mir vergönnt ſein, gegen ihn zu dienen.“ „Ihr könnt Beide Dienſte auf der Fregatte er⸗ halten,“ bemerkte Gad. „Meint Ihr mit den Andern?“ fragte der Fran⸗ zoſe und deutete auf Flaxmann. Der Lieutenant nickte ſtolz mit dem Kopfe. „Was mich betrifft,“ warf Flaxmann lächelnd ein, „ſo dank' ich Euch ſehr für Euere Güte, mich zu pla⸗ eiren. Aber ich muß in der That meine Beförder⸗ ung einem Höhern überlaſſen.“ Der Schiffschirurgus warf dem Lieutenant einen ſchadenfrohen Blick zu, aber befürchtend, die gegen⸗ ſeitige ſchroffe Stellung der Beiden möchte in offen⸗ bare Feindſeligkeit ausbrechen und ſein geheimer Zweck dadurch vereitelt werden, zog er ſeine Arzneimittel hervor und begann die Miſchung zum Beſten der Verwundeten. Der gefangene däniſche Lieutenant wurde herbeigeholt und der Schiffskoch, von Meiſter Haber⸗ mann beordert, richtete ſchon Keſſel und Feuer zu, während er ſelbſt ſeinen Umgang bei den Verwunde⸗ ten hielt. Nach Beendigung dieſes Geſchäfts verfügte er ſich wieder zur Geſellſchaft und hing denen, welche er vor dem Fieber ſichern wollte, zuerſt die Amulete an. —— 80 Der Franzoſe riß den Zettel wieder vom Halſe, betrachtete ihn mit einer poſſirlichen Neugierde und warf ihn unter Abſingung eines auf den Schiffen ge⸗ bräuchlichen Begräbnißliedes, wobei er nicht unterließ, einige komiſche Einſchaltungen zu improviſiren, mit karrikirter Ceremonie über den Backbord in's Meer, an welcher Seite des Schiffs bekanntlich blos die Lei⸗ chen unehrlicher Leute, nichtswürdiger Buben ꝛc. in's feuchte Grab geſenkt werden. Die Andern lachten und der Chirurgus ärgerte ſich. Der Franzoſe ſchien aber ſeine Inſolenz noch weiter treiben zu wollen, jedoch ganz für ſich, und ohne daß die Andern etwas da⸗ von merkten. Als nämlich Meiſter Habermann mit ſeinen Mixturen und Latwergen angerückt kam und jedem Verwundeten mit funkelnden Augen ſeine abge⸗ meſſene Doſis zuertheilte, ließ Monſieur Courtin, entweder weil er pfiffig, ſchlau und gewandt, im Be⸗ nehmen des Wundarztes etwas Auffälliges bemerkt hatte, oder überhaupt von einem unüberwindlichen Abſcheu gegen alle Medizin erfüllt war, den alten däniſchen Lieutenant und Flarmann willig ihr Theil zuerſt nehmen. Der Chirurg beobachtete dieſe Proce⸗ dur mit einer faſt ängſtlichen Aufmerkſamkeit und gab nun auch Courtin das Seinige hin. Dieſer wendete ſich aber, indem er ſich anſtellte, als verſchluckte er ſeine Portion, goß ſie aber raſch durch eine Lucke der Kajüte hinaus in das Meer, in deſſen weiten Raum er die Eſſenz beſſer aufgehoben glaubte, als in ſeinem Bauche; dabei wußte er ſo trefflich zu ſpielen, daß Meiſter Habermann ſich völlig überzeugt hielt, der launige Franzoſe habe ſein Theil ſo gut, wie die bei⸗ den Andern. Der Heilkünſtler miſchte hierauf ver⸗ gnügt den Grog und bediente als Wirth die in kurz⸗ weiligen Geſprächen ſich ergötzenden Gäſte. Man 81 hatte keine Stunde beiſammen geſeſſen, als der alte Däne über eine nicht zu überwindende Schläfrigkeit klagte und ſein Haupt auf den Tiſch neigte und ein⸗ ſchlief. Flaxmann entgegnete, daß er daſſelbe Ver⸗ langen fühle und Habermann erörterte in breiten und langweiligen Demonſtrationen, daß dies Folge des Blutverluſtes ſei, und obgleich die Arzenei das Fieber verhindert habe, ſo dürfe ſie doch den zur Geneſung ſo höchſt heilſamen Schlaf nicht auch aufheben, und er rathe wohlmeinend, ſich demſelben zu überlaſſen. Er predigte aber bereits ſchlafenden Ohren, denn Flaxmann war, von der Macht des Triebes bezwun⸗ gen, auf der andern Seite des Tiſches eingeſchlum⸗ mert und der pfiffige Franzoſe, den noch kein Schlaf angewandelt hatte, erheuchelte wenigſtens eine gleiche Müdigkeit. Meiſter Habermann hatte die Wirkung des Schlaftrunkes, den er in die Arzenei gemiſcht hatte, mit Luchsaugen beobachtet; nun da er des Er⸗ folgs gewiß zu ſein glaubte, winkte er dem Lieutenant verſtohlen und ſagte:„Ich dächte, Lieutenant Gad, mit Euerm Verlaub, wir brächten die Schläfer in ihre Hängematten.“ Der Bootsmann bot ſeine Hülfe an, erhielt aber vom Lieutenant einen Befehl, der ſeine Entfernung nach ſich zog. Sobald ſie ſich allein ſahen, jiel der Chirurg mit einer zur Wuth geſtei⸗ gerten Neugierde über Flaxmann her, indem er trium⸗ phirend rief:„Seht, Lieutenant, wie ein dummer Deutſcher noch Witz genug hat, das Euch unmöglich Scheinende auszuführen! Die geheimnißvolle Brief⸗ taſche wird ſogleich in unſern Händen ſein.“ Gad gönnte dem ſich aufblaſenden Wundarzt gern den wohlfeilen Triumph, und hatte ſelbſt für weiter nichts Sinn, als das Büchlein, in welchem ſie Beide die Löſung aller Räthſel dieſes Tags vermutheten, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Kl. 6 82 an ſich zu bringen. Habermann hatte dem ſchlafen⸗ den Fremden das grobe Wamms aufgeknöpft, ſeine gierige Hand ſuchte nach der Oeffnung des Hemdes, und einen Augenblick darauf zog er das Etui hervor. Aber ein neues Hinderniß ſtellte ſich ein; es war mit einer Schnur künſtlich am Leibe befeſtigt und der Chi⸗ rurgus ſuchte vergebens nach einem Knoten, den er zu löſen und nach abgemachter Sache wieder zu ſchlin⸗ gen gedachte. Er äußerte mit lauten Worten ſeine Verlegenheit und der Lieutenant rieth, vor Neugierde brennend, kurzen Prozeß zu machen und die Schnur zu durchſchneiden. Der Chirurgus wollte Bedenklich⸗ keiten über die Folgen äußern, aber der Lieutenant hörte nichts, ſondern ergriff das Bindezeug des Wund⸗ doctors, um ein Meſſer oder eine Scheere zur Aus⸗ führung ſeines Vorſatzes daraus hervorzuziehen. Ha⸗ bermann ſtarrte unterdeſſen mit vor Gierde thränen⸗ den Blicken die äußre rothe Hülle des Büchleins an, und entdeckte, daß die Decke von einer Kugel verletzt war. Dadurch wurde ihm die wunderbare Erhaltung des Fremden auf eine natürliche Weiſe klar und er fing an, einzuſehen, wie es möglich ſei, daß der Wun⸗ dermann die Kugel von ſich geben könne, ohne gerade ein Zauberer zu ſein. Eine zweite weit ärgerlichere Bemerkung des Chirurgen an der Brieftaſche war, daß dieſelbe mit einem Schloſſe verſehen und kein Schlüſſel, ſolches zu öffnen, zu erſpähen war. Er äußerte dieſen zweiten unangenehmen Umſtand mit einem derben Fluche, doch Lieutenant Gad ſagte trocken; „Haben wir das Ding einmal in der Hand, ſoll uns auch das Schloß nicht kümmern. Geſchnitten muß werden, und es iſt nun einerlei, ob wir die Schnur allein oder auch die Decke des Büchleins mit zerſchnei⸗ den; alſo friſch darauf!“ Und ſofort ſetzte er ſich in 2 83 Bewegung. Aber in demſelben Augenblicke wurde der Eine rechts, der Andre links mit einer ſolchen Ge⸗ walt zurückgeſchleudert, daß ſie ſich überpurzelten und mit unwillkürlichem Zetergeſchrei das Entſetzen, wel⸗ ches ſie erfaßte, ausdrückten. Als die Matroſen her⸗ beieilten, fanden ſie die Lampen verlöſcht, die Beiden zitternd am Boden und die drei Uebrigen ſchlafend auf dem Tiſche liegen. Der Franzoſe Courtin, der ſich die Freude nicht hatte verſagen können, den bei⸗ den Sündern dieſen Schrecken einzujagen, hatte ſich ſchnell wieder, nachdem er die Lichter ausgeblaſen, in ſeine vorige Poſition begeben, und ſo fiel es Keinem ein, ihm dasjenige Schuld zu geben, was man viel⸗ mehr für Wirkung einer magiſchen Kraft hielt, die dem geheimnißvollen Fremden zu Gebote ſtände, und im Augenblicke ſeiner Gefahr ſelbſt ohne ſein Zuthun ihm beiſtehe. Sowohl Habermann als Gad waren von einem ſo furchtbaren Grauen befallen, daß es Keiner wagte, ſich dem ſonderbaren Manne zu nähern. Sie gingen wie begoſſene Hunde davon, überließen die Schläfer ihrem Schickſal, ließen ſich auf die Fre⸗ gatte überſetzen und ſuchten, ſich vor einander ſchä⸗ mend, das Lager. Nichts aber gleicht dem Schrecken des Chirurgus, als er am andern Morgen mit ſicht⸗ barer Verlegenheit auf das Verdeck des Schoners ſtieg, um ſeine Kranken zu beſuchen, und Flaxmann ihm frei entgegen trat und die dunkelgeſponnene Liſt nebſt der verunglückten Ausführung Zug für Zug vorhielt. Der beſtürzte Mann ſank in die Knie und erhob ſeine Hände jammernd zu dem fremden unbegreiflichen Manne.„Vergebt, vergebt!“ rief er,„ich erkenne, mit Verlaub, Euere große Macht. Ich war ein Blinder und Irregeleiteter!“ „Euch ſoll vergeben ſein,“ verſetzte Flaxmann ——— 84 „Merket an dieſer Lection, daß die mir zu Gebote ſtehenden Geiſter mich nie verlaſſen. Ich wußte ja, daß Ihr mir einen Schlaftrunk gabt, aber ich wollte doch ſehen, was Ihr bezwecktet und Euch meine Macht ahnen lehren.“ Von dieſem Augenblicke an galt der Fremde für eine Art überirdiſchen Weſens auf beiden Schiffen, und der im höchſten Grade abergläubiſche Lieutenant Gad wagte keinen Fuß am Bord des Schoners zu ſetzen. 9. Zur Jagd des Rronyrinzen. Ein freundlicher Herbſttag lag auf den nordiſchen Gegenden. Die Nebel, welche faſt das ganze Jahr über auf den Gewäſſern laſten, hatte die klärende Herbſtſonne verdrängt und ihre Kraft gewährte eine weite Ausſicht auf die blaue Fluth und die hellen Küſten. Der Kronprinz Chriſtian von Dänemark(ſieben⸗ zehn Jahre alt) hatte zu Ehren Kathinka's, der Ge⸗ mahlin des ruſſiſchen Czaars Peter, welcher mit der⸗ ſelben einen Beſuch in Kopenhagen machte, eine glän⸗ zende Jagd einige Meilen nordweſtlich von Kopenha⸗ gen angeordnet, und man ſah an dieſem Morgen eine Menge Hofherren zu Pferde und Hofdamen zu Wagen aus der Reſidenz eilen, theils um ſelbſt der Freuden der Jagd an einem ſo herrlichen Tage, wie dieſer zu werden verſprach, theilhaftig zu ſein, theils 85 um durch Anſchauen der Luſt Vergnügen zu empfin⸗ den. Einige von den Damen ſchienen nach ihrer Kleidung zu ſchließen, ſelbſt gewillt, als Nymphen der Diana die Spur des Wildes mit zu verfolgen, und an der Spitze dieſer muthigen Amazonen ſah man die ſiebenundzwanzigjährige Czaarin; andre dagegen— und das war die Mehrzahl— eilten nur an den Platz, um ſich zu zeigen und auf dem nicht weit von Gül⸗ denlund ohnfern dem Seegeſtade gelegenen königlichen Jagdſchloſſe nach beendigter Jagd ſich mit Tanz und andrer Kurzweil zu ergötzen. Nicht fern vom Czaar und dem Kronprinzen ſah man eine junge Dame zu Pferde, mit den wild⸗ſchönen Reizen einer Amazone, mit jenem weiblich gebieteriſchen Weſen und den kühnen Zügen, womit die bedeutungs⸗ volle Götterſage die Beherrſcherin der Wälder, die Jägerin Diana, ausgeſtattet hat, nur fehlte in dem imponirenden Geſichte der Reiterin jener ſtarke Zug kalter Keuſchheit, welcher von einer andern Seite die Göttin als nächtliche Himmelsdurchwandlerin charakte⸗ riſirt; vielmehr flammte aus dem Auge der däniſchen Jägerin ein ſüßes Feuer, welches die Männerwelt ſtärker anzuziehen pflegt, als die kalte Keuſchheit der Mondgöttin. Die bezeichnete Schöne hatte die ſteife Tracht ihres Zeitalters, in ſofern ſie der Bewegung einer reitenden Jägerin hinderlich war, mit einem leich⸗ ten grünen Jagdrock vertauſcht, ebenſo gab ſich in ihrem übrigen Aeußern eine gewiſſe Nachläſſigkeit kund, die in Widerſpruch mit der geſpreizten Gezwungenheit der übrigen Damen ſtand. So war an die Stelle des hochfriſirten gepuderten Toupets ein gefälliger ſchot⸗ tiſcher Kopfputz getreten, in welchem manche Hofleute auch außerdem noch eine beſondere politiſche Bedeu⸗ tung ſuchten. Ein paar natürliche Locken quollen un⸗ 86 ter dem geſtreiften Baret hervor und fielen auf die halb entblößte bräunliche Schulter; der volle Buſen wogte feſſellos im bunten Mieder, über welches der Reitrock nur zur Hälfte geſpannt war. Wer ſich alſo von den damals noch weit ſtärkern Feſſeln der Mode loszuſagen im Stande war, um einen ſchönen Körper in maleriſcher Hülle zu zeigen, mußte von Leib und Seele ein außerordentliches Weſen ſein, und wirklich entſprach ſchon das was man ſah ein herrlicher ſchlan⸗ ker Wuchs, ein reizendes Geſicht von etwas gedämpf⸗ ter Farbe und ein großes brennendes Auge dieſer Vorausſetzung. Jezuweilen ſah die ſtolze Reiterin auf die Hofſchranzen, die ſie umgaben, mit einem Blick voll kalter Gleichgültigkeit, dann warf ſich ihr ſchön geſchnittener Mund ſpöttiſch auf und wenn ſie ja auf die Schmeicheleien, die man ihr zuzuflüſtern ſo ge⸗ ſchäftig war, etwas erwiderte, ſo geſchah es mit Hohn. Zu ihrer Rechten ritt ein fein geputzten junger Mann von mittler Statur, mager und unanſehnlich; um ſeine Schläfe flog ein dürftiges röthliches Haar, ſein flaches, farbloſes Geſicht zengte von wenig Geiſt und nur aus ſeinem blinzelnden Auge ſprach ein ſolcher, der Geiſt der Lüge. Der Ausdruck des Auges gab ſeinem gan⸗ zen Weſen etwas Lauerndes. Wirklich neigte er ſich bald zur Reiterin, bald zu ſeinem Nachbar, bald vor, bald hinter, und während auf ſeiner Lippe kaltes Lächeln ſchwebte, lauerten Aug' und Ohr auf Worte, Blicke, Mienen und Bewegungen ſeiner Umgebung. Plötzlich ſah man den Kronprinzen, einen ſchwäch⸗ lichen aber nicht unintereſſanten Jüngling, ſich von dem Czaar wenden und an die ſchöne Reiterin heran⸗ ſprengen; ehrerbietig wichen die Hofleute zurück, und nur der bezeichnete Reiter zur Rechten hielt ſich nicht ———— ſo weit entfernt wie die Uebrigen, und behauptete durch ſeine Nähe irgend ein Recht auf die Dame. „Sie werden mir doch erlauben, verehrtes Fräu⸗ lein von Gabel, Ihnen das erſte Stück Wild, welches meine Hand heute erlegt, als Tribut Ihrer Schönheit, zu Füßen legen zu dürfen? Ich habe vor Kurzem noch gehört, daß Sie die edle Kochkunſt trotz unſerm Küchen⸗ meiſter verſtehen. Wenn Sie mir verſprechen, das Wildpret ſelbſt zuzubereiten, ſo lade ich mich zu Gaſt bei Ihnen dazu.“ „Sie ſind ſehr gütig, königliche Hoheit,“ verſetzte die Dame,„mir die Gunſt, das Mittel Ihrer Beloh⸗ nung zu ſein, vergönnen zu wollen. Dem Sieger ge⸗ hört der Preis; ich werde ihn braten und Eurer Hoheit vorſetzen. Aber was ſoll ich mit dem Fell und dem Geweih anfangen? Soll ich Ihnen die auch auf eine paſſende Weiſe zurecht machen, mein Prinz?“ „Ich bitte Sie, Fräulein, Ihrem Bräutigam ein paar Beinkleider aus dem Felle gerben zu laſſen. Und mit dem Geweih— i zum Geweih wird ſich ja wohl auch ein Liebhaber finden.“ „Mein Himmel!“ rief Fräulein von Gabel mit erkünſtelter Beſtürzung,„Sie wünſchen wohl, daß ich das Geweih meinem Bräutigam auch zum beliebigen Gebrauche überlaſſe?“ Bei dieſem unzarten Scherze ließ ſie ihre Augen mit dem Ausdrucke von Verach⸗ tung auf dem glatten Reiter rechts ruhen, deſſen Ge⸗ ſicht ſich zum Grinſen verzog, während der Kronprinz in ein lautes Lachen ausbrach, in welches die Höflinge in der Nähe einſtimmten. „Willſt Du Fell und Geweih des Hirſches zum Geſchenk annehmen, Raben?“ fragte der Prinz den geputzten farbloſen Jüngling.„Du ſollſt auch das 88 Fleiſch mit verzehren helfen. Fürwahr, ein paar derbe hirſchlederne Hoſen werden Dir beſſer ſtehen, als dieſer farbige Plunder, der an Deinen Beinen herumſchlottert. Das Geweih kannſt Du Dir in Dei⸗ nem Wohnzimmer an die Wand nageln laſſen, und Jedermann wird Dich für einen paſſionirten Waid⸗ mann halten.“ „Ich ſehe das Geſchenk für eine Gnade Euerer Hoheit an,“ lispelte der Kammerjunker; das Auge des Fräuleins glühte zornig und über ihre Lippen flog ein Wort, das wie„Pinſel!“ klang; der Prinz warf der reizenden Reiterin einen Blick voll Huldigung zu, und lenkte ſein Pferd dicht an das ihrige. Der Bräu⸗ tigam blieb zurück, indeß die Unterhaltung des Prin⸗ zen und der Dame von beiden Seiten mit Wärme ge⸗ führt wurde, bis auch der Czaar, an der ſchönen Rei⸗ terin ebenfalls Wohlgefallen findend, hinzukam und ſich in das Geſpräch miſchte. Nachdem der Kammerjunker eine Zeit lang hinter ſeiner Braut und ſeinem Herrn hergeritten war, ſchien er einzuſehen, daß er hier eine etwas lächerliche Rolle ſpiele; er hielt alſo ſein Pferd zurück und ritt bald darauf neben einem der Wagen, in welchen die Hof⸗ damen einlogirt waren. Aus dieſem Wagen bog ſich auf ſeinen Gruß ein weibliches junges Geſicht, welches eben nicht mit den das Männerauge ſogleich beſtechenden Reizen jugend⸗ licher Schönheit ausgeſchmückt war, in welchem man aber bei genauerer Betrachtung ſo viel weibliche Grazie, züchtige Sitte und ein Uebermaß von Güte und Edel⸗ ſinn gewahrte, daß man gar bald den Mangel hoher Schönheit vergaß. Das dunkelblaue Auge dieſer Dame ſchwamm im lebendigen Ausdrucke einer reinen, gefühl⸗ vollen Seele, die Formen des Geſichts und des übrigen Körpers hatten viel Edles, und aus ihren ungezwunge⸗ nen Bewegungen entfaltete ſich die duftendſte Blüthe der höhern Weiblichkeit, die Blume der Sanftmuth. „Ihre Baſe hat heute einmal ihre Capricen, mein Fräulein,“ redete der goldblonde Kammerjunker Raben die Dame im Wagen an.„In ihre Launen ſich finden wollen, hieße Waſſer mit dem Siebe ſchöpfen.“ „Schätzen Sie ſich doch glücklich, dieſe Launen er⸗ tragen zu dürfen,“ verſetzte die Dame mit einem an⸗ genehmen Lächeln;„dafür haben Sie ja den Triumph gefeiert, den Lord Palmerſton ausgeſtochen zu haben. Ich weiß eine Zeit, Herr Kammerjunker, wo Sie keinen Preis für zu hoch geachtet hätten, um nur der Gegenſtand der Launen dieſes Mädchens zu ſein. Sie haben Ihr Ziel erreicht, ohne weiter einen Preis zu zahlen, ein Opfer zu bringen. Was wollen Sie noch weiter? Sind Sie nicht der beneidetſte Mann am däniſchen Hofe? Sind Sie nicht der glückliche Bräu⸗ tigam der ſchönen, von Aller Mund gefeierten Friede⸗ rike von Gabel? „Leider!“ veeſetzte der Kammerjunker mit einem Seufzer, der das loſe Kind im Wagen zum Lachen brachte. Auch die übrigen Damen im Wagen ſtanden nicht an, dem Kammerjunker in's Geſicht zu lachen, der über ſeine Unvorſichtigkeit, die ihm in einer Anwand⸗ lung von Unmuth entſchlüpft war, er wußte ſelbſt nicht wie, erſchrak, daß er ſich furchtſam umſah, um ſich zu überzengen, daß ſie nicht zu allzuviel Ohren gedrun⸗ gen ſei. Sein Kopf gab ihm kein anderes Mittel an die Hand, ſich bei den Damen im Wagen aus einer für ihn großen Verlegenheit zu ziehen, als die Worte: „Leider, wollte ich ſagen, bin ich von den großen Vorzügen des Fräuleins von Gabel ſo ſehr durch⸗ 90 drungen, daß ich für ihre kleinen Fehler gar kein Auge habe.“ „Dazu will ſich Ihr„Leider! ſchlecht paſſen!“ verſetzte die Dame.„Und wenn Sie ja kein Auge für die Fehler meiner Muhme hätten, weshalb wären Sie gekommen, ſich bei mir über ihre Launen zu be⸗ ſchweren?“ „Mein werthgeſchätztes Fräulein von Ove,“ win⸗ ſelte der Kammerjunker,„ich leide heute an meinem Nervenübel; ſchieben Sie meine unglückliche Klage auf dieſen böſen Umſtand; ſobald mich mein Zufall plagt, bin ich geneigt, die Dinge ſchwärzer anzuſehen, als ſie ſind. Ich bitte Sie deshalb dringend, laſſen Sie mich die Fehler meiner ſchwachen Natur nicht entgel⸗ ten, verrathen Sie meiner Braut nicht, daß ich in einem Anfalle meiner Nervenſchwäche ein paar unbe⸗ ſonnene Worte über die Herrliche habe fallen laſſen, der ich nicht werth bin die Schuhriemen aufzulöſen. Sie wiſſen ja, Chriſtina, wie ich Friederiken an⸗ bete.“ „Ich weiß Alles!“ rief Chriſtina von Ove lau⸗ nig.„Aber wie können Sie mich für eine Hochver⸗ rätherin, für eine Majeſtätsverbrecherin an einer ſo heiligen, göttlichen, folglich ganz übermenſchlichen und überirdiſchen Liebe halten? Nein, mein Freund, ich verſtehe Sie zu ſchätzen ſammt Ihrer Liebe. Was Ihre ſchwachen Nerven verſchuldet, ſoll Ihr wachsweiches Herz nicht durch mich entgelten. Hier haben Sie meine Hand darauf, und die übrigen Damen ſchwören Ihnen in meine Hand hier zur Stelle einen feierlichen und leiblichen Eid, daß unſere ſtarken Zungen keine Sylbe verrathen, die Ihre ſchwachen Nerven unaufgefordert ausgeplaudert. Wohlan, meine Freundinnen, ſchwö⸗ ven Siel“ 4. „Wir ſchwören!“ riefen Alle mit einem komiſchen Pathos, und der nun zufriedengeſtellte Kammerjunker verneigte ſich hochvergnügt, um den verſchwiegenen Damen ſeine verbindlichſte Dankſagung abzuſtatten. Bald trottirte er wieder hinter ſeiner ſchönen Braut her, um nöthigen Falls zu ihren Dienſten gleich bei der Hand zu ſein, und die Damen im Wagen belach⸗ ten noch eine Zeit lang die Angſt des glücklichen Bräu⸗ tigams. 10. Der herauhte Zraf. Der Zug hatte ſich noch nicht den Waldungen ge⸗ naht, welche ſich nordweſtlich von Kopenhagen in der Nähe der Meerenge von Helſingör landeinwärts nach Frederiksſund ausbreiten, als ſich unter dem Gefolge des Kronprinzen das von den zur Jagdfrohn aufge⸗ botenen Bauern herrührende Gerücht verbreitete, es ſei Abends vorher ein reicher engliſcher Graf bei der Durchreiſe durch den Wald von Helſingör nach Kopen⸗ hagen von einem Räuberhaufen überfallen und ſeiner Equipage beraubt worden; er habe nur das Leben und eine Geldſumme, die er bei ſich geführt, gerettet und liege mit ſeinem Jockey und Kutſcher in einem nahen Dorfe. Man erzählte ſich viel von dieſer Räuberbande, und gab mehre Beiſpiele ihrer Gewaltthätigkeit zum Beſten; hier hatte ſie einen Wanderer überfallen, dort 17 92 einen Meierhof geplündert, und es konnte nicht feh⸗ len, daß das Gerücht von der Beraubung des Eng⸗ länders zu des Kronprinzen Ohren drang. Erbittert über die Unbill, die einem angeſehenen Fremden in den däniſchen Staaten und auf der Inſel Seeland ſelbſt und bei der Anweſenheit des Czaars widerfah⸗ ren war, gab der Kronprinz zur Stelle Befehle zur Verfolgung der Räuber, aber er hielt es ebenſowohl für ſeine Pflicht, dem Beraubten Theilnahme an dem erlittenen Unfall zu bezeigen und durch Wohlwollen den Verluſt in etwas zu vergüten; und der Czaar ſtimmte ihm bei. Die Fürſten beſchloſſen demnach, die Jagdroute über das bezeichnete Dorf zu nehmen, und den Grafen, wenn derſelbe Luſt bezeige, in die Jagdgeſellſchaft auf⸗ und folgenden Tages mit nach Kopenhagen zu nehmen. Mit dieſem Beſchluß geſchah den Damen ein großer Dienſt; denn kaum war etwas vom Unfalle des fremden Grafen verlautet, als auch von den Theilnehmerinnen des Jagdzugs nichts wei⸗ ter beſprochen wurde. Die Damen ſchienen ſich eine beſondere Freude daraus zu machen, ihre Neugierde gegenſeitig zu erregen, und die ausgeſprochenen Muth⸗ maßuügen, ob der Fremde jung oder alt, ſchön oder häßlich, angenehm oder engliſch finſter, verheirathet oder ledig ſein möchte, waren eine unerſchöpfliche Quelle der Unterhaltung. ZJe näher man dem Dorfe kam, deſto geſpannter wurde die Erwartung, und als der Zug angelangt war, ſah man ſämmtliche Damen aus den Wagen ſteigen und ſich in einen Kreis um den Kronprinzen drängen, welcher einen Kammerjunker in das Wirthshaus ſchickte, um dem Grafen Condolenz und Einladung zu überbringen. Nun waren alle Blicke auf die Hausthür gerichtet, ſelbſt das Fräulein von Gabel fühlte eine innere Regung, die ihr ſtärker vor⸗ kam als gewöhnliche Neugierde. Wer auf dieſe Weiſe erwartet wird, hat natürlich viel für ſich; weiß er ſonſt noch äußere Vorzüge zu zeigen, ſo hat er gewonnenes Spiel. Das Ungewöhnliche iſt der raſcheſte Sieger über das weibliche Herz. Und doch war die Ueberraſchung allgemein und groß, als der Fremde, dem Kammerjunker folgend, in der Thüre erſchien und ſich mit Anſtand und Un⸗ gezwungenheit vor den Fürſtlichkeiten und dem Hof⸗ ſtaat verbeugte. Dieſer junge Mann zeigte ein vollendetes Aeußere, in ſeinem reizenden Geſicht war keine Spur des berüchtigten engliſchen Ernſtes zu finden, ſein großes, dunkles, lachendes Auge bezauberte zur Stelle alle Damen. Und wie reich er ſein mußte, konnte man aus ſeiner Kleidung abnehmen, die an gefälliger Form und einfacher, von wahrem Geſchmack zeugender Pracht in der ganzen Geſellſchaft nicht ihres Gleichen fand, und doch ſchien dies ſein gewöhnlicher Anzug zu ſein, ſo ungezwungen bewegte er ſich darin, auch war er kei⸗ neswegs ſo geputzt, wie man wohl vor ein fürſtliches Haupt zu treten pflegt. Der Kammerjunker nannte dem Prinzen den Namen des Engländers, und in we⸗ nig Minuten flogen die Worte:„Graf Digby“ von Mund zu Munde, und man hörte wohl hie und da den Zuſatz:„Ein alter berühmter Name! Wahr⸗ ſcheinlich ein naher Verwandter des Kanzlers der Kö⸗ nigin Maria und alſo ein Jacobit!“ Der Kronprinz begrüßte den Grafen mit einer gefälligen Handver⸗ neigung, und dieſer trat näher heran, verneigte ſich abermals und ſagte gewandt:„Faſt möchte ich mei⸗ nen kleinen Unfall als einen Glücksfall preiſen, da er mir die hohe Gnade Euerer königlichen Hoheit zu Wege gebracht hat, die mir plötzlich in ſo glänzender 94 Herrlichkeit aufgeht, wie die Sonne nach einem klei⸗ nen Gewitterregen.“ Der Kronprinz verſtand gerade ſo viel engliſch, um den Sinn der Worte des Fremden zu faſſen, und fühlte ſich durch das feine Kompliment geſchmeichelt; er ließ dem Fremden durch den Kammerherrn von Gersdorf, der gewöhnlich ſeinen Dolmetſcher machte, ſeine volle Gnade, jegliche Unterſtützung und Verfolg⸗ ung der Räuber, ſowie nach Habhaftwerdung derſelben ihre ſtrenge Beſtrafung verſichern. Der engliſche Graf dankte mit feinen Worten für dieſe unverdiente Gunſt⸗ bezeugung, und ſagte, daß er zwar durch den Ueber⸗ fall einige tauſend Pfund verloren, deſſen ungeachtet aber in ſeinem Portefeuille ſo viel gerettet habe, um nicht in Verlegenheit zu kommen, daß er auch bei ei⸗ nem kopenhagner Wechſelhauſe mehre tauſend Pfund zu ſeiner Dispoſition vorfinden werde; er werde ſich aber erlauben, das volle Maß der kronprinzlichen Gnade auf den einen Punkt hinzuleiten, daß er Sei⸗ ner Königl. Hoheit öfters unterthänigſt aufwarten, und, wenn die Räuber eingefangen würden, um ihre Begnadigung bitten werde, da ſolch' armen Teufeln, die doch das Herz auf dem rechten Flecke ſitzen hät⸗ ten, eine ſo kleine Remuneration, die ſich noch dazu ſehr unter ſie austheilen werde, zu gönnen ſei. Die originellen und gewandten Aeußerungen des Grafen wurden bewundert. Alles war entzückt, einen ſo feinen Geſellſchafter gewonnen zu haben, und die Da⸗ men freuten ſich auf den Abend, wo ſie dieſen Ado⸗ nis, dies Muſter eines vollendeten Hofmannes, in ſei⸗ ner vollen Glorie zu ſehen hofften, und manche machte im Stillen Pläne, wie ſie den herrlichen Tänzer— denn das mußte er ſein— feſſeln und für ſich ge⸗ winnen wollte. 95 Der Kammerherr von Gersdorf ſtellte zuvörderſt als Ceremonienmeiſter des Kronprinzen, der Form ge⸗ mäß, den Grafen Digby dem Czaar, der Czaarin und der Suite vor und machte ſie mit deſſen Unfall be⸗ kannt, wovon ſie bereits Alle unterrichtet waren. Her⸗ nach ſtellte er dem Grafen den Hof einzeln vor und machte bei Fräulein von Gabel den Anfang. Kaum war ihr Name genannt, als ein Blick aus des Gra⸗ fen wunderſchönen Augen auf ſie fiel, der ihr in die innerſte Seele drang. Als die Ceremonie vorüber und eine Collation eingenommen war, wurde dem Grafen ein Pferd vor⸗ geführt und Jagdgewehr überreicht. Sein Jockeh und Kutſcher wurden befehligt, ihres Herrn im Jagdſchloſſe des Kronprinzen, ohnweit Güldenlund zu warten. Der Graf ritt zwiſchen dem Kronprinzen und dem Fräulein und erzählte auf Beider Wunſch ſeinen Un⸗ fall, jedoch mit ſo viel gefälligem Humor, daß die Reiterin mehrmals in lautes Lachen ausbrach und zu⸗ letzt ſich und der ganzen Geſellſchaft, in des Grafen Ton einſtimmend, zu dem an dem neuen Begleiter be⸗ gangenen Raub gratulirte, der ihnen zu einer ſo an⸗ genehmen Unterhaltung verholfen. Ehe die Jagdge⸗ ſellſchaft am Orte anlangte, von wo aus man ſich nach den angegebenen Punkten zerſtreuen ſollte, war der Graf ſchon ſo vertraut mit der Geſellſchaft, als gehöre er zum Hofe. Die Damen fanden, und vor Allen Fräulein Gabel, in deren Nähe ſich der ſchöne Mann ſtets befand und die deshalb allgemein benei⸗ det wurde— wie ungern ſaßen die Andern in den Wagen, wie gern hätten ſie nun auch Pferde beſtiegen, um den intereſſanten Fremdling zu umſchwärmen;— Fräulein Gabel fand vorzüglich, daß der Graf alle jene ſchönen Eigenſchaften zuſammen im vollkomme⸗ ₰ ₰ ——— 96 nen Grade beſitze, welche die Neugier vorhin nur ein⸗ zeln an ihm gewünſcht oder erwartet; er war jung, ſchön, liebenswürdig, gewandt, geiſtreich; man ſah und hörte es ihm an, er kannte Welt und Hof genau, er war von hoher Geburt, reich und unabhängig, und wie ſie aus einigen ſeiner Aeußerungen mit Gewiß⸗ heit ſchließen konnte, noch unvermählt. Auf einer etwas hochgelegenen Waldfläche waren Zelte aufgeſchlagen, in welche die Geſellſchaft einkehrte und worin ſich's die Damen, außer Fräulein von Gabel, bequem machten; denn ſie, die Glückliche, ritt an des herrlichen Engländers Seite auf das gegebene Signal über Stock und Stein auf und davon in den herbſt⸗ lich bunten Wald, das flüchtige Wild zu erjagen. Der geputzte Bräutigam des Fräuleins, der ge⸗ lockte Kammerjunker Raben, machte für ſich ein ſaures Geſicht, ſobald er ſich aber nur von einem Blick der ihn Umgebenden beachtet ſah, verwandelte es ſich in ein zuckerſüßes. Zu ſeinem Verdruſſe nöthigte ihn Dienſtpflicht, in der Nähe des Prinzen zu bleiben. Die Jagd brauſte bald nach allen Richtungen durch den Wald, das erlegte Wildpret wurde nach den Zel⸗ ten geſchafft, aber zum Neid der Damen erfuhr man von den Trägern, daß der Graf Digby den größten Hirſch geſchoſſen und dem Fräulein von Gabel ver⸗ ehrt habe. Ein gleiches Geſchenk erhielt ſie vom Czaar, ein gleiches vom Kronprinzen; ſie war die Gefeierte des Tags. Als die Geſellſchaft ſich am ſpäten Nachmittag ſo der unter den Zelten verſammelte, konnte es einem wieſcharfen Auge, wie das des Fräuleins Chriſtina von Ove, nicht entgehen, daß zwiſchen ihrer Muhme und dem engliſchen Grafen Annäherungen ſtattgefun⸗ den hatten, die ſie beunruhigten. Chriſtine hegriff, wie 97 dieſer Mann, den ihnen ein wunderliches Schickſal in den Weg geworfen, Friederikens eigenthümliches We⸗ ſen anſprechen müſſe, wie noch kein Mann ihrer fü⸗ hern Bekanntſchaft, und daß der Fremde dadurch noth⸗ wendigerweiſe Einfluß auf das fernere Schickſal ihrer Verwandten haben könne, welcher ſie mit Bangen er⸗ füllte.„ Der Kronprinz, eben keiner von den geiſtig aus⸗ gezeichneten Menſchen, fühlte ſich ebenfalls vom Gra⸗ ſen Digby angezogen und machte ihm Elogen über ſeinen Geſchmack; er bekannte ihm, daß auch er das Fräulein allen andern Damen am däniſchen Hofe vorziehe, und ließ ſich ſogar ſo weit herab, dem Gra⸗ fen auf dem Ritt nach dem Jagdſchloſſe mit kindiſcher Plauderhaftigkeit zu entdecken, daß er von Fräulein von Gabel begünſtigt werde, und noch mehr zu er⸗ langen hoffe, ſobald nur die Vermählung mit ſeinem Kammerjunker Raben, die eigentlich ſein Werk ſei, voll⸗ zogen ſein werde. Der Graf erwiderte darauf, er finde an dem Fräu⸗ lein, als einer geiſtreichen und muntern Dame, nur ein allgemeines Intereſſe, aber er werde nach den gnädigen Mittheilungen auch dieſes nun ſchicklicher⸗ weiſe zu verſchleiern ſuchen, um Seiner königlichen Hoheit dadurch nicht vielleicht gar mißfällig zu er⸗ ſcheinen. Der Kronprinz ſah ſich dadurch veranlaßt, den Grafen ſeiner höchſten Gnade zu verſichern, ihn we⸗ gen ſeines Geſchmacks an Fräulein von Gabel noch einmal zu loben und ihn ſogar aufzumuntern, dem Fräulein auf jegliche Weiſe zu huldigen, welches ihm und ihr gleich ſchmeichelhaft ſein würde. Der Graf dankte und verſprach, den Wünſchen des Prinzen pünktlich nachzukommen. Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xl. ——— — 98 Auf dem Zagdſchloß angekommen, verfügte ſich die Geſellſchaft zur Tafel, welche ſchon bereitet war. Das ruſſiſche Herrſcherpaar ſaß oben an, der engliſche Graf erhielt ſeinen Platz neben dem Prinzen, an ihm das Fräulein von Gabel, der glatte Bräutigam ſaß an der andern Seite neben dem Fräulein Ove. Es hatte ſich gefunden, daß der Graf ſich in däniſcher Zunge wenn auch nicht geläufig, aber doch verſtändlich aus⸗ zudrücken vermochte. Dem Fräulein und dem Prin⸗ zen erging es mit dem Engliſchen ebenſo, und ſo machte man ſich verſtändlich, ſo gut es gehen wollte, und man bedurfte wenigſtens des Kammerherrn von Gers⸗ dorf nicht mehr zum Dolmetſcher. „Ich habe heute zu verſchiedenen Malen Gelegen⸗ heit gehabt, Ihren Muth zu bewundern, mein Fräu⸗ lein,“ ſagte der Graf im Verlauf der Unterhaltung zu Friederiken.„Mit welcher Unerſchrockenheit, die ich bisher nur an Männern wahrgenommen, drückten Sie Ihr Gewehr auf die Thiere des Waldes ab. Sie haben mich und jeden Mann beſchämt.“ „Wo es denn auch ausgemacht, daß die Män⸗ ner allein in Beſitz muthiger Eigenſchaften ſein ſollen?“ verſetzte das Fräulein.„Aus der Gewohnheit haben ſie ein Recht gemacht, wie in vielen andern Fällen, aber jede weibliche Natur, die ſich frei fühlt von den Schwächen, die man gewöhnlich weibliche nennt, kann ihnen doch wohl jenes angemaßte Recht ſtreitig ma⸗ chen? Es giebt wohl mehr muthige Frauen, aber ſie laſſen ſich niederhalten von der Macht der Ge⸗ wohnheit und herkömmlicher Vorurtheile. Ich aber denke es nicht ſo zu halten.“ „Und das gewiß mit vollkommenem Rechte,“ be⸗ merkte der Graf.„Jede Kraft in der Natur iſt vor⸗ handen, um geübt zu werden, um ſich thätig zu zei⸗ — 99 gen. Sie haben mich entzückt durch die Beweiſe Ihrer männlichen Ausdauer; warum ſollte ich ſo grauſam gegen mich ſelbſt ſein, die Kraft einer weiblichen Seele nicht bis zu ihrer natürlichen Grenze zu verfolgen?“ „Bis zu ihrer Grenze? Was verſtehen Sie dar⸗ unter, Herr Graf?“ „Nun, ohne Ihrem Muthe, dem ich, wie ſchon erwähnt, meine volle Bewunderung ſchenke, im ge⸗ ringſten nahe treten zu wollen, muß ich doch anneh⸗ men, daß ſelbſt die ſtärkſte Frauenſeele doch nur einen gewiſſen Horizont erreicht, über welchen hinaus dann das eigentliche Wirkungsfeld des wahren männlichen Muthes beginnt.“ „Wenn ich Sie recht verſtehe, ſo liegt auch in Ihren Worten ein Zweifel an der Möglichkeit, daß ein weibliches Weſen in allen Stücken einem Manne gleich ſei.“ „Sie werden mir zugeben, mein gnädiges Fräu⸗ lein, daß es Fälle im Leben giebt, wo ſelbſt der mu⸗ thigſte Mann nicht mit eilenden Schritten der Gefahr entgegen läuft?“ „Dann wird der muthigſte Mann ſich von einem Weibe beſchämen laſſen müſſen.“ „Sie ſetzen mich in das höchſte Erſtaunen, Fräu⸗ ein.“ „Nennen Sie mir ſo ſchreckliche Fälle, deren Ge⸗ fahr die muthigſten Männerherzen erzittern macht, oder vielmehr geben Sie mir Gelegenheit, Ihnen zu zeigen, daß ich jede Gefahr in jedem Falle verachte.“ „Das Grauen der Nacht, die Unheimlichkeit eines unbekannten Waldes, das plötzliche Mordgeſchrei einer Räuberrotte, die in der unheimlichen Beleuchtung ei⸗ niger Fackeln aus einem Hinterhalt hervorbricht, das iſt z. B. ein ſolcher Fall.“ — 7* „Ein Fall, der Ihnen freilich ſehr nahe liegt,“ lachte die Dame,„und von deſſen Schrecken Sie noch erfüllt ſind. Ich wünſche in dieſem Augenblicke nichts ſehnlicher, als allein bei ſtockfinſterer Nacht und im dichteſten Walde mit jenen Räubern zuſammen zu treffen und Sie zu meinem unthätigen Begleiter zu haben.“ „Zweifel zu äußern, wäre Unartigkeit gegen eine in jeder Hinſicht ſo ausgezeichnete Dame, aber den Wunſch kann ich wenigſtens nicht unterdrücken, daß 6 Sie nie allein im Walde unter Ränber gerathen möchten. Ich wünſchte in dieſem Falle immer dabei zu ſein, wenn auch nicht als der unthätige Bewunderer Ihrer 3 übermännlichen Tapferkeit.“ Das Fräulein von Gabel wurde durch dieſe An⸗ deutung eines Zweifels nur pikirter und trank haſtig mehre Becher Wein, die ihr der Graf füllte. Der Czaar aber war von ihren Aeußerungen ſo bezaubert, daß er ihr mit der natürlichen Wärme ſeines Aus⸗ drucks die ſchönſten Dinge ſagte. M. Der rauhende Hraf. Die Tafel war aufgehoben und der Ball ſollte angeordnet werden, als dem Kronprinzen eine Mel⸗ dung gemacht wurde, welche in ſeiner Nähe eine auf⸗ fallende Bewegung verurſachte; man ſich drängte herbei und erfuhr, daß kaum eine Meile vom Jagdſchloſſe, 101 unfern der Küſte im Walde die Räuber ſichtbar ge⸗ worden ſeien, und man ſie leicht umkreiſen und fan⸗ gen könne. Dieſe Nachricht hatte auf das Fräulein von Gabel eine aufreizende Wirkung. Während in der Geſellſchaft der Vorſchlag, einen Zug gegen die Räuber zu unternehmen, beſprochen wurde, zog ſie den Grafen bei Seite und flüſterte ihm zu:„Herr Graf, meine Wünſche gehen ſchneller in Erfüllung, als ich ahnen konnte. Ich fordere Sie jetzt auf, mich ſogleich heimlich nach dem Walde zu begleiten.“ „Wie? Sie wollten? Sie könnten, mein ver⸗ ehrtes Fräulein?—— Nein, es iſt nicht möglich! Ich habe Alles für Scherz genommen,“ rief der Graf erſtaunt. „Keine Einwendungen, mein Herr!“ entgegnete die Dame.„Oder hat Ihr Muth jetzt ſchon bei dem bloßen Gedanken ein Ende, daß Sie mich begleiten ſollen?“ ſetz'e Sie mit beißendem Spotte hinzu.„Za⸗ gen Sie nicht, Herr Graf, ich werde Sie zu beſchützen wiſſen.“ „Wie ausgeſucht grauſam!“ ſagte der Graf bitter. „Mit Ihnen ginge ich in den Tod. Ich fürchtete allein für Sie; kein Gedanke an mich kam mir in die Seele. Doch Sie zwingen mich, alle zarten Rück⸗ ſichten bei Seite zu ſetzen, und Sie für dieſen Fall wie meinen Schlachtkumpan zu betrachten. Ich folge Ihnen.“ „Wohlan, ſo ſchleichen Sie ſich davon. Ich werde meinem Reitknechte Befehl ertheilen, unſere Pferde zu ſatteln und in einiger Entfernung von hier bereit zu halten. Laden Sie unterdeſſen meine Ge⸗ wehre.“ Der Engländer ging, um nach dem Wunſche ſei⸗ ner neuen Freundin zu thun. Kaum war eine Vier⸗ 102 telſtunde vergangen, als ſie bewaffnet aus dem Schloſſe trat. „Eh' dieſe Menſchen zu einem Entſchluß kommen,“ ſprach ſie beherzt,„haben wir ſchon ein Dutzend der frechen Burſche unſchädlich gemacht.“ Sie beſtieg ihr Pferd. Der Graf reichte ihr die Büchſe, und im Fluge ſtürmten ſie davon. „Ich dächte, wir hielten uns an der Küſte hin bis zum Walde,“ ſagte der Graf.„Wir verlieren die Richtung nicht, und nahe an der See ſind die Räu⸗ ber geſehen worden.“ Mit dieſen Worten ſchlug er den bezeichneten Weg ein, ſie folgte harmlos, und in kurzer Zeit hörten ſie das Rauſchen der hohlgehen⸗ den See. „Horch! Hörten Sie nichts?“ rief das Fräulein plötzlich.„Mir war's, als vernähme ich durch das Getöſe des Meeres hindurch einzelne Laute von Men⸗ ſchenſtimmen.“ „Faſt will mich's ebenſo bedünken,“ verſetzte ihr Begleiter.„Sehen Sie! Hier bewegt ſich etwas. Halt! Wer da! Keine Antwort! Der Kerl verfriecht ſich! Wart, Burſche!“ Und augenblicklich drückte er ſeine Büchſe auf einen Buſch ab, in welchem ſich nichts geregt hatte. „Ich muß geſtehen,“ ſagte das muthige Fräulein, „daß ich dort nichts bemerkt habe, und meine Augen ſind doch ſonſt ſcharf. Sollte Ihnen vielleicht Ihre ängſtlich bewegte Einbildungskraft einen albernen Streich geſpielt haben?“ Sie lachte; aber wie bald verſtumm⸗ ten dieſe ſpöttiſchen Laute! Ihr ſelbſt hatte die feinſte und raffinirteſte Schlauheit den allerſchlimmſten Streich geſpielt. Kaum war der Schuß gefallen, als ſie ſich von einem Haufen handfeſter Männer umringt ſah. Sie drückte muthig ihre Büchſe ab, aber ſie ſelbſt höh⸗ 103 nend klang nur der Schnepper am Schloſſe; entſchloſ⸗ ſen griff ſie nach den Piſtolen in ihrem Gürtel, glei⸗ ches Schickſal neckte ſie; jetzt blieb ihr nur der Säbel übrig, aber ehe ſie Zeit gewann, ſich deſſelben zu be⸗ dienen, war ſie ſchon vom Pferde gezogen und ent⸗ waffnet. „Guten Abend, Jungen!“ rief der angebliche Graf den vermeintlichen Räubern zu. „Guten Abend, Kapitän,“ verſetzten dieſe.„Der Fang iſt Euch glücklich gelungen! Wir gratuliren! Die See geht aber auch verteufelt hoch und wir wer⸗ den unfre liebe Noth haben. Es war die höchſte Zeit. Wenn Ihr eine Stunde ſpäter gekommen wärt, Kapitän, ſo hätten wir nicht auslaufen können.“ Alſo ſprachen die rüſtigen Matroſen, und die muthige Dame erkannte mit Entſetzen, in welche Falle ſie ihre Koketterie mit einem Uebermaß von Muth und Ta⸗ pferkeit geführt hatte. Doch ſchnell war ſie gefaßt und ſprach mit weiblicher Würde:„Mein Herr, ich bin in Euerer Gewalt. Wer ſeid Ihr und was hat dieſe ſonderbare Scene zu bedeuten?“ „Es macht mir Freude, einer ſo ſchönen Dame jetzt mit voller Wahrheit dienen zu können. Ich bin zwar ein Engländer und heiße John Norcroß, bin aber Kapitän des ſchwediſchen Kaperſchiffs Graf⸗Mör⸗ ner. Dieſe Scene, mein ſchönes Fräulein, hat weiter nichts zu bedeuten, als Sie gefangen nach Schweden zu führen. Meine Schaluppe liegt hinter dieſen Bü⸗ ſchen verſteckt, und Sie werden die Güte haben, mir in dieſelbe zu folgen.“ „Aber mein Himmel! Was geht mich der Streit der Könige von Schweden und Dänemark an? Was hab' ich mit Euch zu ſchaffen, Herr Schiffskapitän?“ „Und doch bin ich Ihretwegen unter fremdem 104 Namen und in dieſem Gallarock an die feindliche Küſte geſtiegen; nur Ihretwegen habe ich das Mär⸗ chen von Räubern und Ueberfall erſonnen, nur Ih⸗ retwegen habe ich den Hofmann geſpielt. Doch kom⸗ men Sie jetzt in das Boot, wir haben keine Zeit zu verſäumen, und mein kleiner Helfershelfer wird bald hier ſein.“ Er bot der Dame den Arm; ſie ſchlug ihn aus und folgte an dem unebenen ſteinigen Geſtade durch Büſche und über Stöcke und Knorren bis an das abſchüſſige Ufer, wo ſie ſeine Hand annehmen mußte. Bald darauf wurde ſie von kräftigen Armen über den Bord der Schaluppe gehoben. Sie nahm in der Ka⸗ jüte Platz und horchte mit geſpanntem Ohr den Be⸗ fehlen des Kapitäns zum Aufbruch. Bald darauf langte Juel und der Matroſe, welche Jockey und Kutſcher geſpielt hatten, auf dem Boote an, und wurden mit Jubelgeſchrei begrüßt. Die Pferde wur⸗ den an einen Baum gebunden und die Schaluppe ſtieß ab. „Herzensjunge!“ rief der Kapitän,„Du haſt Deine Sache vortrefflich gemacht!“ und damit umarmte er den Schiffsjungen.„Hätteſt Du nicht Jockey, Näuber, Spion und Botſchafter ſo gut geſpielt, wir ſäßen noch auf dem Jagdſchloſſe und müßten den Sturm abwar⸗ ten, der jetzt drohend aufzieht, und fürwahr, da hät⸗ ten wir in manche fatale Verlegenheit kommen können, oder wir hätten die däniſche Küſte ohne unſern ſchö⸗ nen Fang verlaſſen müſſen, und das wäre nach un⸗ ſerm Glück der ſchlimmſte Streich geweſen. Du ſollſt Deinen Lohn haben, Junge.“ „Streicht die Riemen!“ rief jetzt der alte Reetz beſorgt,„daß wir in's Fahrwaſſer kommen. Sputet Euch! In zwei Stunden iſt die See in voller Wuth. 5 5 105 Der Wind knurrt kannibaliſch, und den Strich von Nordweſt müſſen wir noch benutzen; ſo wie er um⸗ ſpringt in Weſt⸗Süd⸗Weſt, geht der Tanz los.“ Juel hatte den Rock abgeworfen und ſaß ſchon auf der Ruderbank, ergriff eine Ruderſtange und ar⸗ beitete aus Leibeskräften. Der Kapitän ſetzte noch ein Segel auf den Bogſpriet bei und bald ſchoß das Schiff⸗ lein über das höher und höher ſteigende Waſſer. Nor⸗ croß verfügte ſich, nachdem er ſeine Anordnungen ge⸗ troffen, zu ſeiner Gefangenen, um welche bereits mehre Laternen angezündet waren, und ſie empfing ihn ge⸗ rade nicht mit unfreundlichen Blicken. „Ich bitte Sie, mein Fräulein, machen Sie ſich's in dieſem kleinen Waſſerhauſe ſo bequem als möglich,“ redete er ſie höflich an,„wir werden bald in ein grö⸗ ßeres kommen, wenn anders der Sturm uns nicht andre Wege führt, und dann hoff' ich, Ihnen auch größere Bequemlichkeiten verſchaffen zu können. Frei⸗ lich, die liebenswürdige Geſellſchaft des jugendlichen Kronprinzen und Ihres vortrefflichen Bräutigams wer⸗ den Sie entbehren müſſen, dafür wird eine andre, Ihnen vielleicht nicht minder angenehme Geſellſchaft ſich beeifern, jeden Ihrer Wünſche mit der größten Zuvorkommenheit zu erfüllen.“ Friederike lachte bei Erwähnung ihres Bräutigams laut auf, hernach überblitzte ſie mit einem Auge voll Glut die ſchöne Geſtalt des Kapitäns. Jede Spur von Unwillen über ihren frevelhaften Raub war aus ihrem Geſichte verſchwunden, und es konnte kaum mehr zweifelhaft erſcheinen, daß ihr der ſonderbare Fall nicht unangenehm ſei. Auf die Anrede des Kapitäns er⸗ widerte ſie ſelbſtgefüllig:„Wer nur vermochte Euch ſolche Theilnahme an mir durch bloße Erzählung ein⸗ zuflößen, und wie konntet Ihr aus einer ſolchen Be⸗ 106 ſchreibung meiner ſogleich eine ſo lebhafte Theilnahme an mir nehmen, daß Ihr von Schweden herüberkommt und Euch in die gefährlichſte Lage wagt, um nur mich zu rauben?“ Norcroß bat ſeine ſchöne Geraubte, ihr die Ant⸗ wort bis morgen ſchuldig bleiben zu dürfen und ſich jetzt, wo möglich, dem Schlafe zu überlaſſen, während ſeine Pflicht ihn auf das Verdeck der Schaluppe rufe. Er wünſchte ihr gute Ruhe und ſie dankte ihm mit einem Gemiſche von Stolz und Zärtlichkeit. Als er unter ſeine Matroſen trat, las er einen ungewöhnlichen Ernſt in ihren Geſichtern. Wie es ſchien, hatte ſie der alte Reetz unterhalten; denn er erhob ſeine Stimme, deren Ton einen Anſtrich frommer Erge⸗ bung in den unabänderlichen Willen des allwaltenden Schickfals erhalten hatte, und fragte:„Meint Ihr nicht auch, Kapitän, daß wir auch ohne Pfaffen ſelig im Waſſer ſterben können?“ „Wie kommt Ihr doch plötzlich auf den Tod zu reden, Alter?“ entgegnete der Kapitän nicht ohne ein heimliches Grauen. „Herr, ich bin hoch herauf in den Jahren,“ ſagte der Greis feierlich,„und ich fürchte mich, je älter ich werde, deſtv mehr vor der Schande, auf dem Bette ſterben zu müſſen. Gott wird ein Einſehens mit einem alten Seemann haben, der auf dem Waſſer aufge⸗ wachſen iſt und mit ſeiner Hülfe im ſalzigen Waſſer ſterben will. Ich denke, es kann dieſe Nacht Rath dazu werden. Nur dauert Ihr mich; Ihr habt gute An⸗ lagen, und es hätte wohl einmal ein wackrer Schout⸗ by⸗Nacht aus Euch werden können. Ferner dauern mich die jungen Burſche und vor allen der Kleine. Und ganz vorzüglich ärgert mich's, daß ſie eines Un⸗ terrocks halber, funfzig bis ſechzig Jahre zu früh ſich „ — 07 ſatt Seewaſſer trinken ſollen. Nehmt mir's nicht übel, Kapitän, aber ein Weib iſt ſolche gefährliche Fahrt nicht werth. Ich habe mich mein Lebtag nicht viel um das Weibsvolk bekümmert, und nie länger als nöthig war; ich wollte, Kapitän, Ihr dächtet auch in dieſem Stück ſo gut ſeemänniſch, wie in allen andern.“ In das gottergebene Geſicht des Alten hatte ſich der Ausdruck eines ſtillen Vorwurfs gemiſcht, und Norecroß entgegnete:„Seid mir nicht bös, Alter, und glaubt nicht etwa gar, ich habe mir das Weib zu Luſt und Kurzweil von Seeland geſtohlen. Nein, nein! Das hat ganz andern Grund, darauf habt Ihr mein Wort! Ich weiß auch, Ihr würdet in dieſem Falle ebenſo gehandelt haben, wie ich. Mit dieſer Erklärung Eueres Kapitäns werdet Ihr zufrieden ſein.“ „Ich bin's!“ ſagte Reetz kurz und deutete mit der Hand ſchweigend nach Weſten, wo eine ungeheure ſchwarze Wolkenwand ſich aufgethürmt hatte. Dann fügte er mehr zu ſich als zum Kapitän hinzu:„Ich bin auf dieſer Welt fertig und mit Allem zu⸗ frieden.“ „Iſt es denn wirklich ſo ſchlimm?“ fragte dieſer beſorgt. Reetz zeigte mit ſeiner ſtarken Knochenhand ſtatt aller Antwort auf das über ihnen raſch hintreibende Gewölk und das im beginnenden Sturme wild flat⸗ ternde kleine Segel. Da begann der Kapitän ſtill im Herzen die kühne Fahrt zu bereuen, aber er ſagte kein Wort. Nach einigen Minuten war kein Segel mehr zu ſehen und das kleine Fahrzeug flog wie ein Wrack über die thurmhohen Wellen. Allmälig begann das empörte Meer jenen wunderbaren Schein von ſich zu geben, welchen die Naturforſcher der Electricität zu⸗ ſchreiben und der gewöhnlich ein Vorbote oder Be⸗ gleiter der Stürme iſt. Norcroß betrachtete ſchweigend, 108 über den Bord des Bootes gelehnt, die ihm nicht neue Erſcheinung, aber er konnte keine Viertelſtunde geſtan⸗ den haben, als er einen weißen Schaum in Maſſe auf den fluthenden Wellen bemerkte. „Wir ſtehen in Gottes Hand,“ ſprach er ſich um⸗ wendend zu Reetz, bemerkte aber zu ſeinem Erſtau⸗ nen, daß das Fräulein von Gabel neben ihm Platz genommen hatte, und mit ruhigen, todverachtenden Augen in den Kampf der Elemente ſah. „Wie? Sie hier, mein Fräulein?“ rief er er⸗ ſtaunt.„Ich wähnte Sie ſchlafend; für Sie iſt hier kein Aufenthaltsort.“ „Was haltet Ihr von mir, Kapitän,“ ſprach ſie mit verächtlichem Tone.„Glaubt Ihr, ich könne dem Tod nicht in jeder Geſtalt feſt in's Auge ſehen? O, mein Herr, wie ſehr irrt Ihr Euch in der Voraus⸗ ſetzung, Mutter Eva habe mir ihre Schwachheit an⸗ geerbt. Ich ſage Euch, mein Herz fühlt ſich wunder⸗ bar bewegt und gehoben bei dieſem mir neuen Anblick. Ich ſehe den Tod vor Augen, ich weiß es, daß der Meergott vielleicht in einer Stunde ſchon meine naſſe Leiche küßt, und doch ſchwör' ich Euch zu, ich gäbe dies hohe Gefühl, welches mich jetzt durchfluthet, nicht für die Gewährung meines Lebens, nicht für die ge⸗ wiſſeſte Ausſicht auf die glücklichſte Zukunft hin. Dies Sauſen der Wellen klingt mir wie das Lied der Wel⸗ tenſchöpfung und Vernichtung, welches die Sterne ein⸗ ander zudonnern, dies Brauſen und Ziſchen des Waſ⸗ ſers iſt mir lieblicher als Nachtigallengeſang, dieſer tobende Sturm angenehmer als das Flüſtern des Früh⸗ lingswindes, dies empörte, in dumpfe Nacht gehüllte Meer reizender als ein Blumenfeld. Ich zittre vor Wolluſt dem Augenblicke entgegen, wo dieſe Bretter und Balken von einander fahren und zerberſten wer⸗ ₰ 109 den. Zetzt dank' ich Euch, Kapitän, dafür, daß Ihr mich aus Leidenſchaft geraubt, jetzt erwidere ich Euere Liebe. Ihr habt mir Augenblicke der Wonne bereitet, wie ſie mein Herz noch nicht empfunden.“ Ihr Auge ſtreifte mit leidenſchaftlicher Glut über ſein Geſicht;. es leuchtete ſelbſt durch die finſtre Nacht, welche Alles umhüllt hielt. In des Kapitäns Herzen regte ſich et⸗ was von warmer Bewundrung, die wärmer und lei⸗ denſchaftlicher zu werden drohte, aber er erſtickte das aufkeimende Gefühl, er drängte es mit Gewalt zurück, und gab ſich lieber dem Schmerze hin, die Dänin täuſchen zu müſſen. Da keine Hoffnung vorhanden war mit dem Leben davon zu kommen, ſo wollte er ihr nicht das Weh anthun, ſie dieſer Täuſchung zu entreißen, noch ſich erlauben, ſie noch mehr in ihrem Wahne zu beſtärken. Er ſchwieg deshalb abermals. Sie ſchien es nicht zu bemerken und fuhr fort:„Dieſe Augenblicke entreißen mich jenem quälenden Gefühl der Leere, womit mich der Umgang mit den Kreatu⸗ ren am Hofe zu Kopenhagen erfüllte, erbärmliche We⸗ ſen, die den Namen Merſch ſchänden. Ach, Ihr könnt nicht glauden, mit welchem Ekel mein Herz erfüllt war, mit welcher Verachtung ich auf all' das Volk ſah, das mich umſchwärmte. Mein Leben war mir gleichg'ltig geworden, es war ein langweiliges Mahl ſchaaler Gerichte; Ihr habt ihm ein reiches Maß köſtlicher Würze beigemiſcht, und ein gütiges Schick⸗ ſal will mir alle E tbehrungen vergelten und drängt ein ganzes Leben voll Genuß für mich in dieſe Stunde zu⸗ ſammen. Wie dank ich Euch, daß Ihr mich heraus⸗ geriſſen aus dieſem Elend!“ Sie hatte ſeine Hand gefaßt und drückte ſie mit Heftigkeit. Ihre letzten Worte verſchlang das Geheul des in wildeſter Wuth los⸗ brechenden Sturmes. Das Meer glich jetzt Bergen 110 und Thälern im ſteten Wechſel begriffen, und das Schifflein war der angſtgejagte Vogel, welcher über ſie hinſtreifte. Die Planken ſeufzten und dröhnten, als hätten ſie Leben und Gefühl, und nur aus dem Munde der Menſchen vernahm man keinen ängſtlichen Klageton, und doch war ein Kind auf dem Boote, Juel Swale, und ein Mädchen, Friederike von Ga⸗ bel, aber Beide waren ſo außerordentlich, Beide litten ſo wenig an den natürlichen Schwächen ihres Alters und Geſchlechtes, daß ſie nicht ſowohl ruhig und ge⸗ faßt waren, wie die Andern, ſondern vielmehr mit einem gewiſſen Entzücken den Sturm betrachteten; Friederike, weil ſie weniger an den Tod dachte, als an den Genuß der gegenwärtigen Augenblicke; Juel, weil er ſich vor dem Tode nicht fürchtete und ſeine ganze Ehre darein ſetzte, während des Sturmes und bis zum rettungsloſen Untergange des Bootes kein Haar breit von ſeiner Pflicht zu verſäumen. Der brave Junge dachte aus Fflichteifer nicht an ſich, die Dänin aus Selbſtvergeſſenheit im Genuſſe eines ihr bis jetzt unbekannten Wonnegefühls. Schweigend ſahen die Müßigen, wie die Arbeiten⸗ den, in die Nacht und das Meer; das gewaltige Sau⸗ ſen des Sturmes machte alles Reden überflüſſig, und nur die nächſte Umgebung des Steuermanns horchte dann und wann ſeinen bedeutungsſchweren Worten, die wie die Orakelſprüche der Pythia einzeln, abge⸗ riſſen und von den grellen Farben einer ſinnverwir⸗ renden Seherkraft angeſchauert, und mehr für ſich als für Andre geſagt, aus ſeinem greiſen Munde hervor⸗ guollen.„Wenn wir ſo fort treiben,“ ſagte er,„ſo ſchmettert uns der Sturm in einer Stunde an die ſchoniſchen Felſen; aber ich denke, die Wellen werden uns früher verſchlingen.“ Und als ob ſeine Prophe⸗ 111 zeihung ſchnell in Erfüllung gehen ſollte, ſtürzte einen Augenblick darauf ein Waſſerberg auf das Verdeck des Bootes, die Welle fluthete darüber hin, und eine Mi⸗ nute lang ragte nichts weiter als die dünne Segel⸗ ſtange der Schaluppe über die ſchäumenden Ge⸗ wäſſer. Als ſie wieder emportauchte, oder vielmehr von der folgenden Welle emporgeſchleudert wurde, wa⸗ ren einige von der auf der Ruderbank arbeitenden Matroſen mit hinabgeriſſen in den ziſchenden Keſſel der gewaltigen Wogen; ach! auch Juel Swale war unter ihnen; ſeine phyſiſche Kraft hatte der wilden Gewalt der Welle nicht zu widerſtehen vermocht. Der entſchloſſene Kapitän hatte beim plötzlichen Andrange des Waſſers die heldenmüthige Jungfrau erfaßt; Beide hielten ſich umſpannt und das Bord umklammert. Der alte Reetz hatte ſich am Steuer erhalten, die Andern an den Stangen und Bänken, vor welche ſie geſchleu⸗ dert worden waren. Das Fräulein war nichts weniger als erſchrocken, ſondern raffte ſich auf, triefend und un⸗ ſichern Schrittes, um ſich an einen feſten Gegenſtand anzuhalten, damit ſie nicht durch die Stöße des Sturm⸗ windes ebenfalls über Bord geſchleudert werde. Der Kapitän aber ſtürzte wie ein Wahnſinniger nach den Tauen, die Matroſen ſtanden ihm bei, und in einem Augenblick hingen mehr den ſechs Tauenden und Strick⸗ leitern in das Meer hinab und das jammernde Ge⸗ ſchrei des Kapitäns:„Juel! Juel!“ durchſchnitt ſelbſt das Geheul des Windes. Und wirklich ſah man gleich darauf am Kiel des Schiffes ein paar Köpfe aus dem Schaum emportauchen, man warf ihnen die Taue zu, und der leichte Iuel ſchwang ſich in die Schlinge, welche Norcroß geknüpft hatte. Der Kapitän zog den geliebten Jungen raſch herauf, während die Matroſen einen ihrer Kameraden wieder am Bord hoben, zwei ——— ———— —— 112 Andre aber raffte ihr Geſchick dahin; man wurde zwar des Einen anſichtig und gab ſich alle Mühe, ihm ein Tau zuzuwerfen, aber der Sturm riß das Schifflein mit Blitzesſchnelle weiter, die Wogen trieben über ſie dahin und das unerbittliche Meer hielt ſeinen Raub feſt. Da der Sturm immer wüthender raſ'te, ſo machte man ſich nicht allein auf mehre ſolcher Fälle, ſondern auch auf den gänzlichen Untergang des Bootes gefaßt. Reetz hatte bis jetzt vergebens geſucht, der Schaluppe durch das Steuer eine etwas andre Richtung zu ge⸗ ben, plötzlich ſprang aber der Wind um, von Weſt⸗ Nord⸗Weſt auf Nord⸗Weſt. „Wir gehen einen Strich mehr Steuerbord,“ ſagte Reetz;„wenn der Wind auf dieſer Linie bleibt, trei⸗ ben wir vielleicht auf die falſterbver Bank, und da iſt auch nichts gebeſſert; denn erſaufen müſſen wir auch dort.“ Obgleich Norcroß den gewiſſen Tod vor Angen ſah, ſo war er doch erfreut, ſeinen geliebten Jungen demſelben für den Augenblick entriſſen zu haben, und beſchäftigte ſich allein mit ihm. Friederike konnte ſich nicht ſatt ſehen an der Majeſtät des zürnenden Mee⸗ res, in ſo vieler Beziehung ihr ähnlich und verwandt. Sie fühlte die ſcharfe ſalzige Näſſe nicht, ſie fühlte die Kälte der Herbſtnacht und des ſchneidenden Win⸗ des nicht. In dieſem Zuſtande mochte ungefähr eine halbe Stunde vergangen ſein, als das Schiff plötzlich einen Stoß erhielt, der faſt Alle zu Boden warf, dabei wurde ein ſchrillender Laut gehört, und einen Augen⸗ blick darauf bemerkte man, daß das Boot ſtill ſtand. Als Friederike von der gewaltigen Erſchütterung wie⸗ der zur Beſinnung kam, ſagte Reetz zum Kapitän: „Ich müßte nicht ein geboxner Däne und mein Lebe⸗ 113 lang dieſe Waſſerſtraße gefahren ſein, wenn ich nicht 6 wiſſen ſollte, daß dies die falſterbver Bank iſt. Der 3 Sturm hat uns aber ſo hoch hinaufgeworfen, daß wir hier nicht einen halben Faden haben können, und daraus iſt zu ſchließen, daß wir nicht weit vom Lande ſind, und ſo Gott will, morgen nicht lange unbemerkt 6 bleiben.“ 3 „Ich habe nicht Luſt, den Tag hier abzuwarten,“ verſetzte Norcroß.„Die Dänen möchten uns eher be⸗ merken, als die Bewohner der Landzunge. Glaubt Ihr nicht, daß einer unſerer Jungen von hier aus Land erreichen könnte?“ 6 „Es iſt ein Wagſtück und kann gelingen, aber der Burſche kann auch morgen Fiſchfraß ſein. Nun was thut's? Eine Mandel oder ein Schock Jahre früher oder ſpäter. Für die Fiſche ſind wir einmal beſtimmt, und Schande dem Seemann, der ſich von ekelhaften Würmern freſſen läßt!“ Der Kapitän forderte einen Freiwilligen, der den gefährlichen Gang in der Nacht durch das Meer un⸗ ternehmen wollte, aber ſie meldeten ſich Alle und Kei⸗ ner wollte zurückſtehen, ja der kleine Juel war ver⸗ wegen genug, ſich auch unter die Bewerber zu ſtellen. Der Kapitän las den Stärkſten und Größten aus, einen Mann von den beſten Jahren, und dieſer rüſtete ſich ſofort zu dem gefährlichen Marſche. Der greiſe Steuermann erhob ſich von ſeinem Sitze, wo er nun ohnedies unbrauchbar geworden war, um den Matro⸗ ſen über die muthmaßliche Richtung des zu nehmen⸗ den Wegs zu unterrichten.„Nimm Deinen Riemen, Gunde,“ ſprach er ernſt,„und ſchwing'Dich vom Bord hinab in das feuchte Waſſer; geh' mit Gott und gutem Muthe vorwärts. Mit der Stange fühle vor⸗ ſichtig, vb Du fußen kannſt und wie tief, ferner wo⸗ Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Kl. — ——— 114 hin ſich die Bank zieht. Soviel ich mich erinnere, geht's von hier aus Backbord; halte Dich alſo dahin. Haſt Du Glück, ſo mußt Du an einem Rothſchiefer⸗ felſen, auf welchem ein Häuflein Eichen beiſammen⸗ ſtehen, an's Land kommen. Die Bäume mußt Du in der Nacht ſehen. Falle dann vom Winde ab und ſuche Steuerbord Land zu gewinnen. Biſt Du oben, ſo drehe Dich ſogleich nordweſtlich, und in Zeit einer Viertelſtunde mußt Du in Falſterbo ſein. Was Du dort zu thun haſt, wird Dir der Kapitän befehlen. Sollteſt Du Unglück haben und auf Tiefen ſtoßen, die Du Dir nicht zu durchwaten getraueſt, ſo verlaß' Dich aufs Schwimmen; ich weiß, Du ſchwimmſt wie eine Waſſerratte. Halte Dich aber immer hübſch Backbord und fühle zuweilen mit dem Riemen, ob Du wieder fußen kannſt, damit Du nicht von der Bank abkommſt. Sollteſt Du das merken, ſo mußt Du Dich freilich Steuerbord halten. Behüt' Dich Gott!“ Der Kapitän befahl dem Matroſen unverzüglich mit einem Lootſenſchiffe aus Falſterbo auszulaufen und ſich durch Schüſſe kund zu geben, er wolle eben⸗ ſo antworten. Hierauf ſchürzte ſich der braungebrannte Mann und ſchwang ſich an ſeiner Ruderſtange in's Meer. Es reichte ihm nicht bis an die Bruſt. Lang⸗ ſam und vorſichtig watete er vorwärts, das Ruder ſo gebrauchend, wie es ihm Reetz geheißen hatte, und bald war er in der Dunkelheit der Nacht den ſpähenden Blicken ſeiner Kameraden, die ihn ſämmtlich um die⸗ ſen abenteuerlichen Weg beneideten, entſchwunden. Juel weinte Thränen vor Verdruß, daß ihn der Kapitän nicht über die Sandbank geſchickt, und gab ſich ſelbſt dann noch nicht zufrieden, als ihm Norcroß begreiflich machte, daß das Waſſer, welches Gunde bis an die 115 Bruſt reichte, ihm nothwendiger Weiſe über den Kopf gehen müſſe. Der Kapitän ſchickte ſich an, ſeine Gewehre in Ordnung zu bringen, ſtellte Wachen aus und befahl den lebrigen, ſich einige Stunden zur Ruhe zu legen. Auch das Fräulein erſuchte er höflich, ein Gleiches zu thun. Da ſie aber ſchweigend das Haupt ſchüt⸗ telte, ſo erklärte er, daß er des Schlafs bedürftig ſei, und verfügte ſich— eigentlich nur, um nicht in ihrer Geſellſchaft bleiben zu müſſen— nach ſeiner Hängematte. Mit mancherlei Plänen beſchäftigt, ver⸗ fiel er endlich in Schlummer. Ein Schuß ſchreckte ihn auf; es war ein Signal für die Lootſen, welche ſich gemeldet hatten. Norcroß fuhr auf und begab ſich wieder auf's Verdeck; Friederike ſtand dort noch in derſelben Stellung, umbrauſt von dem Geräuſch der ungeheuren Wellen, die, eine die andere drängend, ſich an die Sandbank heranwälzten, äm Boote bran⸗ deten, auch wohl zuweilen über daſſelbe hinflutheten, aber das Schifflein nicht wieder flott machen konnten. Das Lootſenſchiff nahte mit Gefahr nur langſam, der Schein der Fackeln auf demſelben beleuchtete weithin ſeltſam das empörte Meer in verwirrten Lichtern. Die Matroſen ſchoſſen noch einige Mal mit ihren Büch⸗ ſen, doch war ihnen die Blitzesflamme des Pulvers förderlicher, als der Knall der Gewehre, welcher ſchon in der Entfernung einiger Schritte vom Lärm des Windes und der Wellen übertäubt wurde. Nach ei⸗ ner Stunde waren die Lootſen da. Der Matroſe hatte ſeinen gefahrvollen Weg glücklich gemacht und ſtattete dem Kapitän umſtändlichen Bericht über ſeine ſonderbare Fahrt ab, die theilweiſe anders ausgefal⸗ len war, wie Rectz angedeutet hatte. Da es geführlich und ſchier unmöglich war, die S 116 Schaluppe flott zu machen, ſo begab ſich die ganze Mannſchaft allmälig in den von den Lootſen ausge⸗ ſetzten flachen Kahn, welcher bis an die Schaluppe heran konnte, auf das Lootſenſchiff und die Rückfahrt wurde mit aller Geſchicklichkeit erfahrner und mit Sturm und Gewäſſern wohlvertrauter Seeleute ange⸗ treten, und ſo war Falſterbo bald erreicht. Norcroß zahlte die Lootſen aus und befahl zweien Matroſen, hier zurückzubleiben, um am folgenden Tage, ſobald ſich der Sturm gelegt, ihm die Schaluppe nach Pſtad nachzuführen. Für ſich und das Fräulein miethete er ein paar Pferde, die Matroſen gingen zu Fuße, und ſo trat die Schiffsmannſchaft die Landreiſe an der Küſte hin nach Pſtad an. Die donnernde Bran⸗ dung des Meers an dem weiffelſigen Ufer, das Sau⸗ ſen des Sturmwindes über die Uferheide verleidete den Nachtwandlern die Unterhaltung. Das Fräulein war ſchweigſam und in ſich gekehrt. Der Morgen war bereits trüb und weinerlich durch Wolkenflore über das Meer geſtiegen, als ſie in Wſtad anlangten, und ſich ſofort in den Hafen bega⸗ ben. Norcroß hob ſeine ſchöne Gefangene vom Pferde und wrllte ſie eben in das Schiffshaus führen, als mehre Leute von der Fregatte und dem erbeuteten Schoner freudig herauseilten, ihren Kapitän zu be⸗ grüßen. Unter ihnen befand ſich auch jener angebliche Joſeph Flarmann. Aber kaum hatte das Fräulein von Gabel dieſen jungen Mann erblickt, als ſie, die Muthige, alle Faſſung verlor, und plötzlich von der Schwäche ihres Geſchlechts, gleichſam ſie ſelbſt zu rächen an ihrer Verwegenheit und Ueberhebung, beſiegt, erbleichte, zitterte und aller Kräfte beraubt, mit einem Schrei in des verwunderten Norcroß Arme ſank. ———— ———— 117 12. Des Raperkapitäns Zugendgeſchichte. Der Graf⸗Mörner ging mit vollen Segeln die Oſtſee hinauf und führte den däniſchen Schoner im Schlepptau, um alſo im Triumph im Hafen von Stockholm einzulaufen. Die Sonne beſtreifte in ſchrä⸗ ger Richtung das Verdeck der Fregatte, auf welchem man, in der Nähe des Bogſpriets die chargirten Per⸗ ſonen von beiden Schiffen an einer langen Tafel ver⸗ ſammelt ſah. Den Ehrenplatz an derſelben hatte die einzige Dame am Bord des Schiffs, die ſchöne Frie⸗ derike von Gabel, eingenommen. In ihrem Geſichte waren die Spuren eines großen Schmerzes ſichtbar, den ſie vergeblich zu bekämpfen ſich bemühete. Still+ und in ſich gekehrt ſchaute ſie vor ſich hin auf die Reſte des Mbeles, welches der Kapitän allen Stan⸗ 4 desperſonen auf beiden Schiffen zu Ehren gegeben 6 hatte. Al Vie übrigeh Gäſte befanden ſich am Tiſche, der däniſche gefangene Lieutenant, der Franzoſe Cour⸗ tin, der geheimnißvolle Flaxmann, der Lieutenant Gad, der Schiffschirurgus Habermann, der Steuer⸗ mann Reetz, der Oberbvotsmann Pehrſohn; außerdem* auch noch Juel Swale und der Matroſe, welcher über die Sandbank an's Land gewatet und geſchwommen war, welche Beide dieſe Ehre für die ausgezeichneten Dienſte, die ſie geleiſtet, genoſſen. Norcroß war hei⸗ terer als an andern Tagen; denn eine trübe Wolke hatte ſich ſeit dem Mädchenraub von Seeland auf ſeine Stirn gelagert. Dieſe Stimmung benutzten ſeine Freunde, um ihn mit Bitten zu beſtürmen, daß er .——————————— 118 ihnen die wunderbare Geſchichte ſeines Lebens erzähle, wie er ihnen, und vorzüglich Flaxmann, ſchon lange verſprochen hatte. Der Schlot der Schiffsküche dampfte von neuem, ein köſtlicher Geruch drang zu den Naſen der Gäſte; Meiſter Habermann ſchnalzte bereits mit der Zunge, und bald trug der flinke Schiffskoch die rauchende Bowle auf den Tiſch. Man vernahm ein leiſes Beifallsmurmeln aus einigen ſtark bebarteten Geſichtern, die Gläſer wurden voll geſchenkt, das Gebräu geprüft und für gut befunden, dann der Ka⸗ pitän miit neuen Bitten beſtürmt, ſo daß er nicht län⸗ ger widerſtehen konnte. Zedes Ohr lauſchte geſpannt, und er begann:„Ihr wollt wiſſen, auf was für Art und Weiſe ich das geworden bin, was ich jetzt bin, und fürwahr, mein Leben iſt mannigfach genug, Einen vom Mittag an bis zum Abend zu unterhalten. Es iſt nicht meine Sache, viel Redens davon zu machen, ſo wie ich überhaupt nicht freigebig mit Mittheilun⸗ gen bin; doch weil Ihr die Erzählung meiner Schick⸗ ſale Alle einſtimmig und heftig begae ſo mag es denn ſein. „Meine Geburt hat ſchon einen außeördentlichen Anſtrich und iſt die Vorbedentung eines außerordent⸗ lichen Lebens geweſen. Faſt will es mich bedünken, daß ich zum unſtäten Leben eines Seemannes von Anbeginn beſtimmt ſei, denn ich wurde unter Gottes freiem Himmel an der Meeresküſte, zehn Schritte vom rauſchenden Waſſer der Nordſee, ohnfern Liverpool geboren. England iſt alſo mein Geburtsland. In der Nacht vom 23. bis zum 24. April 1688 bin ich zur Welt gekommen und bin alſo nicht ganz ſieben Wochen älter, als der Prätendent und ſtehe jetzt im neunundzwanzigſten Lebensjahre. Mein Vater Georg Porcroß war Major in den Dienſten des unglückli⸗ 119 chen Königs, Jacob des Zweiten, des Vaters des Prä⸗ tendenten und war dem königlichen Hauſe treu ergeben bis an ſeinen Tod. Meine Mutter war aus dem altengliſchen Adelsgeſchlechte der Rigbeyer. Sie war ſehr ſchön, aber ihre Armuth kam im Verhältniß ih⸗ rer Schönheit gleich. Mein Vater beſaß ebenfalls keine Glücksgüter. Dies war ihrer Verbindung ein großes Hinderniß; denn mein mütterlicher Großvater gedachte mit den Reizen ſeiner Tochter einen reichen Freier herbei zu ziehn und vielleicht durch ſie wieder in die Gunſt des Hofes zu kommen, aus welcher ſeine Familie ſchon lange Jahre durch Kabale verdrängt worden war. Aber das Haus Norcroß war nicht nur ſo arm wie das Haus Rigbeyer, es ſtand auch ebenfalls nicht gut angeſchrieben bei Hofe. Meine Eltern liebten ſich demnach lange ohne Hoffnung, ob⸗ gleich mein Vater von meinem mütterlichen Großvater geſchätzt wurde. Endlich beſiegten die rührendſten Bitten der beiden jungen Leute das Herz des Alten, er gab ſeine Einwilligung zu ihrer Verbindung, ob⸗ gleich mit Bangen, das Land um eine arme hülfloſe adlige Familie vermehrt zu haben. Die ganze Land⸗ ſchaft Lancaſhire wünſchte dem ſchönen Paare alles Glück, aber dieſer Wunſch ging ſo ganz und gar nicht in Erfüllung, daß mein Vater einige Monate nach ſeiner ehelichen Verbindung als des Königs Dienſt⸗ mann zum Heere entboten wurde und ſeinem Herrn nach Irland folgen mußte. Der Bürgerkrieg begann in Großbritannien. Jedermann weiß die Folgen deſ⸗ ſelben. Ich übergehe den Schmerz meiner Mutter, der mit der Zeit größer wurde, ſo daß ſie ſich zum Staunen ihrer Verwandten und Bekannten entſchloß, ihrem Gatten nach Zrland nachzureiſen. Sie machte alle ihre Mittel zuſammen und ging mit dem Beginn des Frühlings nach Liverpool. Dort fand ſie bald ein Schiff, welches nach Irland ſegelte, und verfügte ſich an Bord deſſelben; aber der Wind war ungün⸗ ſtig; das Schiff mußte faſt eine Woche vor Anker lie⸗ gen bleiben. Und hier auf dieſem Schiff überraſchten meine Mutter die Geburtsſchmerzen. Ein mitleidiger Matroſe lief im Hafen von Haus zu Haus, um der Kreiſenden einen Aufenthaltsort zu erbetteln, aber die eiſerne Zeit, welche über England gekommen war, erſtickte jedes menſchliche Gefühl. Der gräßliche Bür⸗ gerkrieg wüthete in Englands Eingeweiden; der Sohn fürchtete den Vater, der Vater den Sohn, der Bru⸗ der haßte den Bruder, jedes heilige Band war zer⸗ riſſen, Verdacht, Feindſchaft, Mißtrauen, Verrath beherrſchten die Gemüther. Eines jeden Mannes Haus war ſeine Feſtung. Niemand getraute ſich recht, die Thür deſſelben zu öffnen, aus Furcht vor ſeinem nächſten Nachbar. Wie hätte man ein fremdes Weib aufzunehmen ſich unterſtanden, die da gebären wollte? Die Matroſen bauten alſo ſchnell eine Wand von Steinen, Holz, Raſen und Meergras auf, trugen meine Mut⸗ ter dahinter, und hier wurde ſie unter dem Beiſtande einiger Schifferfrauen glücklich nach Mitternacht ent⸗ bunden. Die muntern Seeleute hatten alle eine große Freude über mich, ich wurde zuerſt in Seewaſſer ge⸗ badet und vom Schiffkaplan mit Seewaſſer getauft. Jeder beeiferte ſich, meiner Mutter zu dienen, und zwölf Stunden nach meiner Geburt ging ich in See; ich wanderte in Windeln gehüllt aus den Armen ei⸗ nes Matroſen in die eines andern; die Engelſchönheit und Milde meiner Mutter machte ihr die roheſte Na⸗ tur dienſtbar „Unſere Reiſe nach Irland war nicht ohne Wider⸗ wärtigkeiten; die ſchlimmſte war ein arger Sturm, 121 der uns Nachts überraſchte und dermaßen zuſetzte, daß der Kapitän das Schiff für verloren gab. Der Sturm warf das ſtark beſchädigte Schiff, als die Ap⸗ ſtrengung der Matroſen das eindringende Waſſer nichts mehr auszuſchöpfen vermochte, eben äls es verſinken wollte, an die Küſte der kleinen Inſel Man, und durch dieſen Zufall wurden wir gerettet. Die aber⸗ iſen wohner dieſes Eilands nannten unſere Rettung ein Wunder und ſchiiebeir ſie einſtiminig— ſonderbar genug— mir zu. Die Inſel Man führt nämlich einen Adler, der ein Wickelkind ip den Kral⸗ len hält, in ihrem Wappen und ein eingewundenes Kind iſt ihr Wahrzeichem und ihnen deshalb heilig. Da ich nun um Mitternacht unter Sturmbrüllen gleichſam von der Hand Gottes an ihre Ufer ge⸗ ſchleudert worden war, ſo hielten ſie deſen Umſtand. für ein höheres Zeichen undekamen Dags darauf in Menge, mich als ihren Rönig zu begrüßen und mei⸗ ner Mutter Anerbietungen der ſeltſamſten Art zu ma⸗ chen. Sie war klug genug, die Nichtigkeit derſelben einzuſehen, und reiſete mit mir, ſobald das Schiff wieder in brauchbaren Stand geſetzt war, mit vielen Geſchenken und noch weit mehr Segenswünſchen der Einwohner überhäuft nach Irland. Hier fand ſie Alles in der größten Verwirrung. Die königliche Partei war geſchlagen, das Heer des Königs Jacob verjagt; er ſelbſt hatte den Kopf verloren und war ohne triftige Gründe aus ſeinen Staaten nach Frank⸗ reich geflohen. Seine Getreueſten waren ihm nach St. Germain unter dem Schutze Ludwig's des Vier⸗ zehnten gefolgt; unter ihnen mein Vater. Troſtlos und verzweifelt mußte meine Mutter mit mir nach England zurückkehren. Sie hat ihren Gatten nie wieder geſehen; denn ſein Name war mit unter den 6 Geächteten und Verbannten, deren Urtheil der Ora⸗ nier ausſprach, als er die ſeinem Schwiegervater ge⸗ ſtohlene engliſche Krone auf ſein Haupt geſetzt hatte. Obgleich meine Mutter oft dem Mangel ausgeſetzt war, ſo wurde ich doch gut und ſtandesmäßig erzo⸗ gen, fleißig unterrichtet und zu allen ritterlichen Uebun⸗ gen angehalten. Man kann ſich denken, tß ich das Herzblatt meiner unglücklichen Mutter war, und es iſt peshali eben ſo nirlich daß ich als einziges Kind und ohne Leitung meines Vaters verzogen wurde. Die größte Luſt zum Seeweſen mußte mir angeboren ſein, aber meine Mutter hatte keinen Gefallen daran. Ihren Wünſchen nach ſollte ich mich dem Studium irgend einer Wiſſenſchaft widmen und zu dieſem Zwecke trennte ſie ſich von mir und that mich zu ei⸗ nem Doktor Cheſinghall, Prieſter zu Barking in Eſſer. Bei dieſem rechtſchaffenen Mann, deſſen Andenken mir immer theuer ſein wird, blieb ich einige Jahre und lernte fleißig, was er mir aufgab. Hierauf brachte er mich mit väterlicher Vorſorge nach London auf die hohe Schule und miethete mich in das Haus eines ſeiner Verwandten, eines Weinſchenken. Dort ſollte ich nun recht ſtudiren; aber die Abſichten meines gu⸗ ten Lehrers gingen ſchlecht in Erfüllung. Der Wein⸗ ſchenk zog mich, ſtatt zu den Wiſſenſchaften anzuhal⸗ ten, wie ihm Doktor Cheſinghall anbefohlen hatte, vielmehr von denſelben ab und brauchte mich zu ſei⸗ nem Kellner. In dieſem Hauſe ging es lüderlich zu, und ich fand Geſchmack an einem müßigen, unordent⸗ lichen Leben. Ich war damals vierzehn Jahre alt, und Gott weiß, welch' ein Taugenichts aus mir ge⸗ worden ſein würde, wenn ſich nicht plötzlich Alles ge⸗ ändert hätte. Der Weinſchenk machte nämlich bank⸗ rott und ging bei Nacht und Nebel von dannen. Kurze Zeit vorher fand ein Vorfall ſtatt, der einen tiefen und bleibenden Eindruck auf mich machte, ſo daß ich mich jetzt kaum der Thränen enthalten kann, wenn ich daran denke. Es trat nämlich eines Tages ein ſchöner ſtattlicher Mann mit Anſtand und Würde, obgleich in. ärmlichen Kleidern in die Schenkſtube und forderte eine Flaſche Wein. Mich zog es wunderbar zu ihm hin; ich konnte nicht unterlaſſen, ihn anzureden, er ant⸗ wortete mir freundlich und ſo kamen wir bald in Ge⸗ ſpräch. Endlich fragte er mich nach meinem Namen, Geburtsort und Familienverhältniſſen. Als ich ihm hierauf freimüthig Alles entdeckte, bemerkte ich eine ſonderbare Bewegung an ihm. Meine Zuneigung zu ihm wuchs mit jeder Minute, und als er nun ging, folgte ich ihm durch die Thür, um mit ihm allein zu ſein. Nun fragte ich ihn zutraulich, ob es nicht möglich ſei, daß ich ſtets um ihn ſein könne? Ich erzählte ihm von der ſchlechten Wirthſchaft in dem Weinhauſe, von der Mittelloſigkeit meiner Mut⸗ ter, von meiner unbezwinglichen Luſt zum Seeweſen und dem Widerwillen meiner Mutter dagegen. Ich fragte ihn, ob er nicht wieder zur See gehe und be⸗ ſchwor ihn, mich mitzunehmen und ſollte es nur als ſein Diener ſein. Hierauf gab er mir das Verſpre⸗ chen, für die Verbeſſerung meiner Lage zu ſorgen und zur Erreichung meiner Wünſche Alles beizutragen, was in ſeinen Kräften ſtehe, und deshalb werde er den folgenden Tag wieder in unſern Weinſchank kom⸗ men, um heimlich das Nähere mit mir abzureden. Ich konnte die ganze Nacht nicht eine Minute ſchla⸗ fen; mein Kopf ging mit den ſeltſamſten Plänen ſchwanger, und der Grundſtein all' meiner Luftſchlöſ⸗ ſer war der fremde Mann. Er hielt Wort. Kaum aber war er in's Haus getreten, als er mich in ein ——— ———— ———— 124 Nebenzimmer zu ſich rufen ließ, wo er mir unter vier Augen entdeckte, daß er mein Vater ſei. Die Ge⸗ fühle meines Herzens in dieſem Augenblicke dulden keine Beſchreibung. Ich war unausſprechlich glücklich⸗ Dem ſchon lange todtgeglaubten Vater lag ich im Arm, ſein Mund drückte den erſten Kuß der Liebe auf meine Stirn. Hierauf vertraute er mir, daß er nur im tiefſten Incognito in London lebe, und daß es ſein Tod ſein werde, wenn man ihn entdecke oder ſeinen wahren Namen erführe; auch verſprach er mir, er wolle, ſobald ſeine Geſchäfte in London abgemacht ſeien, mich mit nach Frankreich nehmen. Die Bitte, noch einmal meine Mutter zu ſehen, ſchlug er mir ab, aus Beſorgniß, dadurch verrathen zu werden. Ich machte mich heimlich zur Abreiſe bereit, aber denkt Euch meinen Schrecken, als ich plötzlich den Tod mei⸗ nes Vaters erfuhr! Man hatte in ihm einen Spion des Königs Jacob vermuthet und ihm Gift gegeben. So hatte ich nicht nur den Schmerz, meine Pläne vereitelt zu ſehen, ſondern auch einen gütigen, kaum gefundenen Vater zu beweinen. Bald darauf entkam der Weinſch chenk durch heimliche Flucht, auf welche er mir eine llein⸗ Summe, die ich theils von meiner Mutter, theils von neiter Vater und Freunden all⸗ mälig zum Geſchenk erhalten hatte, mitnahm. Ich war nun ohne Mittel und Hülfe und hatte zum Stu⸗ diren keine Luſt. Der Gedanke, als ein Taugenichts zu meiner Mutter zurückzukehren, war mir unerträg⸗ lich. Meine alte Neigung ſpornte mich, mir mit eigener Hand meine Lebensbahn zu brechen. Ich hörte, daß einige Schiffe ausgerüſtet würden, in der ſpaniſchen See zu kreuzen, und ich wandte mich an einen Schiffskapitain, Namens Simſon Bourn, der oft unſere Weinſtube beſucht und mir Wohlwollen ge⸗ * zeigt hatte, mit der Bitte, mich auf ſeinem Schiff, der Feuerbrand, als Kadett mitzunehmen. Bourn fügte ſich meinen Wünſchen, aber ich ſollte ohne Sold dienen, und hatte doch kein Geld. An die Freunde meiner Mutter in London durfte ich mich nicht wen⸗ den; ich wußte, daß ſie ſich alle meinem Vorhaben einmüthig widerſetzen und meiner Mutter Nachricht davon geben würden. Nun hatte ſich mein Vater heimlich bei einem Uhrmacher und leidenſchaftlichen Anhänger des Hauſes Stuart in London aufgehalten und mich mit demſelben bekannt gemacht. Dieſer Bürger Namens Townſend hatte ſtets viel Gutes von meinem Vater genoſſen, und kurz vor ſeinem unglück⸗ lichen Ende hatte mir der Letztere geſagt, ſobald ich Geld bedürfe, ſollte ich mich nur an den Uhrmacher wenden. Auch wußte ich, daß Townſend mit meiner Mutter nicht in der geringſten Verbindung ſtand. Ich muß geſtehen, es koſtete mich Ueberwindung, mich an den Bürger zu wenden; denn mein Adelsſtolz war erwacht, und die chimäriſchen Pläne meiner jugendli⸗ chen erhitzten Phantaſie vermehrten denſelben auf's Aeußerſte. Aber ich mußte endlich in meiner Hülflo⸗ ſigkeit aus der Noth eine Tugend machen und in ei⸗ nen ſauern Apfel beißen, wollte ich nicht vom Feuer⸗ brand bleiben. Ich ging zu dem Uhrmacher und ent⸗ hüllte ihm mein Begehr. Er zeigte ſich ſehr bereit⸗ willig und ſtreckte mir nicht nur die verlangte Summe vor, ſondern gab mir auch eine Anweiſung, die nicht unbeträchtlich war, auf einen Kaufmann in Liſſabon. Wer war vergnügter als ich! Der Tag der Abreiſe war feſtgeſetzt, und ich ging, um von dem gütigen Townſend Abſchied zu nehmen. Da legte er mir ein ſchriftliches Inſtrument zur Unterſchrift vor, worin ich mich zur Schuld bekennte; Townſend verſprach 126 mir darin, ſich auch fernerhin meiner väterlich anzu⸗ nehmen und mir zum londoner Bürgerrecht zu ver⸗ helfen, ſobald ich mich würde als in ſeinem Dienſte ſtehend in die Stadtliſte einſchreiben laſſen. Und hierzu ertheilte ich ihm mit meiner Unterſchrift die Vollmacht. Die Sache war mir unangenehm, aber was hätte mein freudevolles dankbares Herz nicht Alles unter⸗ ſchrieben! Ueberdies war ich voll unbegränzter Ruhm⸗ ſucht; die ſeltſamſten Hirngeſpinnſte meines Jünglings⸗ kopfs zeigten mir mich als See⸗Kapitän, Schont⸗by⸗ Nacht, Admiral; ich wollte die Welt mit meinem Na⸗ men erfüllen, ich fühlte Kraft in mir, das Unmög⸗ liche zu leiſten. Und was konnte es ſchaden, wenn ich Bürger von London war? Konnte ich nicht Lord⸗ Mayor oder Ober⸗Präſident und Admiral zugleich werden? Ferner hatte ich zu dem Uhrmacher ein grän⸗ zenloſes Vertrauen und keine Ahnung von einer Falſch⸗ heit. Ich unterſchrieb alſo das Inſtrument, und reiſte nach einigen Tagen auf dem Feuerbrand unter Kapi⸗ tär Bourn ab. „Ich kam nach Portugal, und es gefiel mir in die⸗ ſem herrlichen Lande ſo wohl, daß ich nichts ſehn⸗ licher wünſchte, als lange dort verweilen zu können. Doch ſollte mein Wunſch für diesmal nicht in Er⸗ füllung gehen. Das Linienſchiff Feuerbrand wurde nach England zurückgerufen, um dort eine andere Be⸗ ſtimmung zu erhalten, und da ich einmal an daſſelbe attachirt war und mich durch Fleiß und Thätigkeit ſo ausgezeichnet hatte, daß ich bereits den Sold eines Unterlieutenants erhielt, ſo mußte ich mit nach Eng⸗ land zurück. Mit den beſten Zeugniſſen aller meiner Obern verſehen, langte ich im Spätherbſt wieder in London an und begab mich ſogleich zum Groß⸗Ad⸗ miral Schowel, an welchen ich beſtens empfohlen war. 127 Dieſer Herr nahm mich gütig auf und verſicherte mich ſeines Wohlwollens. Hierauf verfügte ich mich zu meinem Uhrmacher. Sein kalter Empfang ſtand mir nicht an, und es beleidigte mich, als er mich fragte, ob ich ihm auch meine Schuld abtragen werde. Ich lief ſogleich fort, ihm das Geld zu holen. Als ich's ihm auf den Tiſch gezählt hatte, ſagte er, dem ſei nicht genug, ich ſei laut des unterſchriebenen Con⸗ tracts ſein Diener, und müßte als Uhrmacherlehrjunge bei ihm eintreten. Man kann ſich mein Erſtaunen denken! Aber dieſer falſche Mann machte mir im Ernſt böſe Händel, und nur durch die Güte des Groß⸗ Admirals Schowel wurde ich aus ſeinen Klauen be⸗ freit. Hernach ſtattete ich meiner Mutter einen Be⸗ ſuch ab. Sie war zwar ſehr ungehalten über mich geweſen, aber die Mutterliebe überwog doch bald den Unwillen gegen mich, und meine erhaltene Auszeich⸗ nung und hochfahrenden Plane, deren Mittheilung mir und ihr Vergnügen bereitete, ſöhnten ſie nicht nur wieder mit mir aus, ſondern nahmen ſie von neuem für mich und meine Talente ein. Uebrigens lebte ſie in dürftigen Umſtänden. Späterhin hat ſie einen be⸗ jahrten Edelmann geheirathet, deſſen Pflegerin ſie wurde und der ihr mit ſeinen Reichthümern einen, ihr früher unbekannten, Ueberfluß bereitete. Ich ſchied nach einigen Wochen von ihr und habe ſie nicht wie⸗ der geſehen; es ſind nun zwölf Jahre. Meine ſpätern Schickſale verboten mir einen Beſuch bei ihr, und ſo weiß ich nicht, ob ſie noch lebt. Doch darf ich das Letztere ihrer rüſtigen Geſundheit und ihrem Alter nach, welches jetzt acht und vierzig Jahre ſein wird, wohl annehmen. Ich ſehne mich wohl nach ihr, aber ich ſehe nicht die Möglichkeit ein, ſie jemals wieder zu ſehen, und ſo habe ich ihr denn in meinem Herzen 128 den Altar kindlicher Liebe und Dankbarkeit erbaut, an welchem ich ihrem Andenken täglich das Opfer ſchöner Erinnerungen darbringe.“ 14 Abenteuer des Rapitäns. Der Kapitän hielt hier einige Angenblicke inne. Seine Stimme hatte zuletzt gezittert und nicht ohne Rührung und Ueberraſchung ſahen die Zuhörer die Angen des Erzählers in jenem koſtbaren Thau des Gefühls glänzen, welches ſelbſt dem rauhen Männer⸗ herzen das ſchöne Zeugniß der Menſchlichkeit giebt. Der Grog wurde umhergereicht; der Fremde, wel⸗ cher ſich den Namen Flaxmann zugelegt hatte, war gleich von vorn herein in Nachdenken verſunken, worin er verharrte. Friederike warf dem Kapitän einen theil⸗ nehmenden Blick zu, und nachdem er einen Zug aus ſeinem Becher gethan, fuhr er fort:„Eine unbezwing⸗ bare Sehnſucht zog mich wieder nach Portugal. Scho⸗ wels ſchöne Reden machten mir die angenehmſten Hoffnungen; mit dem beginnenden Frühling ging ich wieder zur See, ſegelte auf dem Schiffe Tarro, wel⸗ ches ehemals eine ſpaniſche Galeere geweſen war, nach dem Lande meiner Sehnſucht und landete im Hafen von Liſſabon. Dort lagen wir eine Zeit lang ruhig bis zur Ankunft des Groß⸗Admirals Schowel. Mein Kapitän gab mir unterdeſſen vollkommene Freiheit; ich konnte gehen, wohin ich wollte. Mein junges be⸗ 129 gehrliches Herz ſchwelgte in den Genüſſen jenes zau⸗ beriſchen Landes. Ich habe fünf Jahre in dieſem Pa⸗ radieſe der Erde gelebt; ich habe dort die Wonnen und Schmerzen der erſten Liebe und der erſten Täu⸗ ſchung der Liebe genoſſen. Laßt mich darüber hingehen, ſonſt blutet die Wunde von Neuem. „Bald nach unſerer Ankunft hatte ich das Glück, einem genueſer Edelmann, Beſitzer mehrer Kauffahrer, zu gefallen. Dieſer reiche Mann ſorgte auf mannig⸗ fache Weiſe für mein Vergnügen, bat mich oft auf eines ſeiner Schiffe, welches eben im Hafen lag, und that mir endlich den Vorſchlag, mit ihm eine Reiſe nach Genua zu machen. Ich willigte unter der Be⸗ dingung ein, daß ich mit dem erſten Schiffe, welches nach Liſſabon ginge, wieder zurückreiſen dürfe. Dieſe Bedingung wurde mir zugeſagt, und Niemand erfuhr etwas von meiner Reiſe. In der folgenden Nacht hoben wir die Anker. Am andern Tage begegnete uns eine Fregatte. Anfangs glaubten wir, es wäre ein ſpaniſches Fahrzeug, aber bald ſahen wir unſern Irrthum ein; es war ein Salee⸗Fahrer, der mit drohenden Mienen gerade auf uns losging. Unſer Kapitän nahm den Gruß an und befahl den Angriff, obgleich der Feind uns an Macht überlegen war. Der Kampf begann, der erſte, dem ich auf der See beiwehnte. Der Salee⸗ Fahrer überſchüttete uns mit einem wahren Kugelha⸗ gel, aber wir blieben ihm nichts ſchuldig. Inzwiſchen hätte mein edler Genueſe doch zuletzt unterliegen müſſen, wenn er nicht ſehr geſchickt die Flucht er⸗ griffen hätte; ein geneigtes Wetter, ſtille See und die Anſtrengungen unfrer unverdroſſenen Matroſen rette⸗ ten uns aus dieſer augenſcheinlichen Gefahr. Wir flüchteten uns unter die portugieſiſchen Wälle; dort Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xl. 9 130 lag ein Schiffer, der mich am Bord nahm und wieder nach Liſſabon zurückbrachte. „Sobald der Groß⸗Admiral Schowel angekommen war, machte ich ihm meine Aufwartung, er machte mir von Neuem die beſten Verſprechungen und erfüllte ſie einige Zeit darauf ſo glänzend, daß er mich zum Aufſeher über die nach Liſſabon gebrachten Priſen machte, welches Amt von der größten Wichtigkeit war, indem damals alle franzöſiſchen Waaren in Portugal für Contrebande erklärt wurden. „Ich beſaß viel Geld, und was noch mehr ſagen will, die Gunſt meiner Obern und die Liebe und Ge⸗ wogenheit Aller, die mich kannten. Eine unglückliche Liebe verleidete mir endlich den Aufenthalt in Portu⸗ gal; ich ſehnte mich nach England zurück. Ich war einundzwanzig Jahr alt und trat mit dem Rang eines Oberlieutenants auf ein Schiff, um mein Vaterland wieder zu erſtreben. Doch dies lag für diesmal nicht im Plane der Götter. Unterwegs ſtießen wir mit einer franzöſiſchen Galeere zuſammen, der wir uns nach hartnäckigem Gefecht übergeben mußten. Das Schiff, auf welchem ich mich von Liſſabon nach England hatte begeben wollen, war früher den Franzoſen von den Engländern abgenommen worden und hieß l'Arrogant, deshalb waren auch die Sieger diesmal ſehr erbitter und feindſelig geſinnt. Da ich aber auf dem Arrogant keine Bedienſtung hatte, ſondern mich nur als Paſſagier auf dem Schiffe befand, ſo wurde mit mir nicht ſo ſtreng verfahren wie mit denen, die zum Commando des Schiffs gehörten. Wir landeten bei St. Malv. Als wir an's Land ſtiegen, verſammelten ſich eine Menge wohlgekleideter Leute um uns, die ſich faſt Alle ausſchließlich an mich wandten und mir anboten, mir behülflich ſein zu wollen. Im Geheimen riethen mir Mitgefangenen und Landsleute auf keine Weiſe ver⸗ 131 Einige, mich unter ſie zu miſchen und ſo unvermerkt bei ihnen zurückzubleiben; hernach wollten ſie mir ſchnell weiter helfen, aber ich ſchlug dies edelmüthige Anerbieten rund ab und verſicherte ſie, daß ich meine laſſen würde. 6 „Wir wurden hierauf in das Caſtell St. Malo gebracht und hier wurde mir all mein Eigenthum bis auf die Kleider und mein Taſchengeld abgenommen; meine Kleider waren aber ſo koſtbar, daß ich wohl für einen Prinzen gehalten werden konnte. Unſer Aufenthalt auf dem Caſtell war erträglich, doch wur⸗ den wir nach einiger Zeit in's Stadtgefängniß, ein abſcheuliches Loch, gebracht, aber noch denſelben Abend auf kleinen Fahrzengen nach Dinant, einer wohlge⸗ legenen Feſtung, übergeſetzt. Hier war die Luft rein 6 und geſund, aber in dem Caſtell, wohin wir gebracht 5 wurden, lagen über dreitauſend Gefangene. Da war venn für die Bequemlichkeit des Einzelnen nicht viel zu hoffen. Inzwiſchen ſuchte ich mir meine Lage ſo erträglich als möglich zu machen. Nachts legte ich mich zwar auf die Streu zu den Uebrigen, aber ſo⸗ 4 bald am Morgen die Thüren geöffnet wurden, lief 1 ich hinaus auf den Sammelplatz, wo ſich ſtets eine 3 Menge Menſchen befanden. Bald gewann ich viel Theilnahme, und ich wurde inne, daß man mich mei⸗ nen Kleidern nach für eine weit höhere Standesper⸗ ſon hielt, als ich war, und mir auf alle Weiſe aus 3 der Gefangenſchaft helfen wollte. Vorzüglich ſuchten mich zwei Mädchen zu bereden, daß ich in ihre Be⸗ hauſung flüchten möchte, wo ſie mich eine Zeit lang verbergen und mir dann zur weitern Flucht behüflich ſein wollten. Ich blieb aber kalt für ihre Bitten. Einige Tage darauf führten mich mehre mir gutge⸗ ſinnte Einwohner zu ihrem Schulherrn, der mich freundlich aufnahm, ja mich ſogar bald gleichſam zu den Gliedern ſeiner Familie zählte. „Nun aber wurde es mir von Tag zu Tag uner⸗ träglicher, in einem halb freien Gefängniß zu leben; ich beredete alſo mich mit meinem neuen Freunde dem Schulherrn, und er verſprach mir, zur Flucht zu verhelfen. Doch bedurfte ich außer der ſeinigen noch ndrer Hülfe, um meinen Vorſatz auszuführen, und ch warf meine Augen auf einen alten Sergeanten, den ich oft auf der Wache ſah, wenn ich die Gefan⸗ genen im Caſtell beſuchte, was faſt täglich geſchah. In einigen Unterredungen hatte ich ihm ſeine ſchwache Seite abgemerkt, und nun ſchwatzte ich dem alten Kautze nach dem Maule. Er erzählte von ſeinen un⸗ geheuern Heldenthaten, und ich ſtellte mich treuherzig an, Alles zu glauben, und immer von Neuem brachte ich das Geſpräch auf die Schlachten, denen er beige⸗ wohnt und in denen er ſo Wunderbares verrichtet, ſchimpfte wacker mit auf die Offiziere, welche keine Notiz von ſeiner Tapferkeit genommen, fluchte dem Glück, das dieſelbe nicht beſſer belohnt, und war ſtets ſeiner Meinung, wenn er mich fragte, ob es nicht höchſt unbillig ſei, daß ein alter abgehärteter Kriegsmann jungen und unerfahrnen Leuten gehorchen müſſe, die kaum jemals in ihrem Leben einen zorni⸗ gen Menſchen oder einen todten Hund geſehen hätten. Der Sergeant ſchien dadurch endlich ganz der Meinige geworden zu ſein, und gab mir das Verſprechen, daß er das Geheimniß, welches ich ihm anvertrauen würde, heilig verſchweigen wolle. Endlich rückte ich heraus und gab ihm zu verſtehen, daß mir mein Schulmei⸗ ſter aus der Feſtung helfen wolle, doch müſſe er, der Sergeant, ein Auge zudrücken. Der Kerl machte ein 133 verdutztes Geſicht, brach auf, ohne mir ein Wort zu erwidern und ging ſchnurſtracks zum Gouverneur, um ihm den ganzen Handel zu entdecken Die ſchnelle Folge meines Vertrauens war, daß ich feſtgenommen und in's Stadtgefüngniß gebracht wurde. Dies Gefäng⸗ niß war über einem Stadtthore und hatte ſtarke Mauern. Der Thurmhüter, ſeine Tochter und alle ſeine Leute begegneten mir wohlwollend und erleich⸗ terten mir dadurch die harte Haft. Ich erhielt eine Kammer in der Kapelle, wo alles nett und reinlich war. Dieſes Zimmer war im oberſten Stockwerk des Thurms, wo die Mauern zwar nicht ſo dick wie un⸗ ten, die Fenſter hingegen breit und mit eiſernen Git⸗ tern verſehen waren. In der Kammer ſtanden zwei Betten. In dem einen ſchlief ein alter Franzoſe von Adel, der hier, ich weiß nicht aus welchem Grunde, verhaftet war, das andre ward mir zu Theil. Zu⸗ dem führte der Thurmhüter einen guten Tiſch, ſeine Tochter war hübſch und umgänglich, und ich hätte alſo nicht Urſache gehabt, ſehr unzufrieden mit mei⸗ nem Looſe zu ſein. Dennoch ließ ich nicht ab, an meine Freiheit zu denken. Ich ſuchte mir eine eiſerne Stange zu verſchaffen, und begann damit Nachts die uer zu durchgraben. Aber der alte Franzoſe hatte ich bei meiner Arbeit belauſcht und verrieth mich. Es war einer von den Menſchen, die ihr eignes Un⸗ glück vergeſſen, wenn ſie ſehen, daß es einem Andern noch ſchlechter geht; und überdies glaubte er, es ſei * jedes rechtſchaffenen Franzoſen Pflicht, alle Engländer zu haſſen und zu verfolgen. Auf ſeine Anzeige mei⸗ ner beabſichtigten Flucht wurde ich unter die Kapelle in ein abſcheuliches, aber geräumiges Loch geſetzt, wo ich eine beträchtliche Anzahl der verſchiedenſten Men⸗ ſchen antraf. Eine ſaubre Geſellſchaft! Nachdem man ——— 134 mich hier gedemüthigt zu haben glaubte, verſuchte man es, mich zu gewinnen. Zuerſt ſandte der Gou⸗ verneur Boten an mich ab, dann beehrte er mich ſo⸗ gar einige Mal ſelbſt in Begleitung mehrer vornehmen Herren, ließ mir die ſchmeichelhafteſten Anträge ma⸗ chen und redete mir ſelbſt auf's Eindringlichſte zu, mein Glück nicht zu verſcherzen und franzöſiſche Dienſte zu nehmen. Alle dieſe Vorſchläge rührten mich nicht; mein Vaterland ging mir über Alles. Dieſe Stand⸗ haftigkeit brachte bei dem Gouverneur eine ſo große Verwunderung und Rührung zu Wege, daß er mir die Hand reichend ſprach: Eine ſolche Vaterlandsliebe muß man ſchätzen und belohnen. Das erſte aus Eng⸗ land kommende Transportſchiff ſoll Euch mitnehmen.“ Er hielt Wort. Und ſo kam ich denn nach zweimo⸗ natlicher Haft glücklich wieder nach England. Doch die Ruhe war mir unerträglich. Ich war kaum einige Wochen in London, als ich auch ſchon mit dem Pak⸗ ketboote nach Weſtindien, mit der Anwartſchaft auf einen Dienſt auf einem dortigen Schiffe, reiſte. Als ich aber dort anlangte, war das Schiff, auf welchem ich beim Commando angeſtellt werden ſollte, bereits in See auf die Jagd gegangen, und da ich nicht Luſt hatte, ſtill zu liegen und die Rückkehr des Schi abzuwarten, ſo ging ich mit dem Packetboot wiede nach England zurück. Ich ſtürzte mich in den Stru⸗ del des Lebens, ſuchte Bekanntſchaften und fand ſie und war in vielen Häuſern der Hauptſtadt ein will⸗ kommener Geſellſchafter. Vorzüglich hielt ich mich zu Herrn Perrey, Oberſten des Stadtregiments und er⸗ ſtem Secretär der afrikaniſchen Handelscompagnie. Dieſer Mann machte mir das Anerbieten, eine Partie Sklaven von Afrika nach Weſtindien zu führen, aber ich verſetzte dreiſt, daß ich geneigter wäre, armen un⸗ „ 135 glücklichen Menſchen zu helfen, als meine Hand zu ihrem Unglück zu bieten. Meine Antwort mißfiel dem Oberſten keineswegs, er lobte meine Denk⸗ und Hand⸗ lungsweiſe, ſchenkte mir ſeine Liebe und empfahl mich bald darauf an den Vorſteher der vſtindiſchen Geſell⸗ ſchaft, Jonathan Andrews. Herr Andrews brachte mich auf ein vſtindiſches Kriegsſchiff, der Godalphin genannt, welches von John Apri geführt wurde und die Küſten von Bombai beſegeln ſollte. Faſt am Ende dieſer Reiſe beſtanden wir ein ſonderbares Aben⸗ teuer. Als wir nämlich in die vſtindiſchen Gewäſſer kamen, ſtießen wir auf die weltberühmten tapfern Seeräuber von Angry, welche zwiſchen Bombai und Kalikut kreuzten, wo ſie uns auch den erſten Gruß mit einem Regen von großen und kleinen Kugeln zu⸗ brachten; aber wir hielten uns in angemeſſener Ent⸗ fernung von ihnen gegen die Landſeite und blieben ihnen nichts ſchuldig. Das Gefecht dauerte ſo lange, bis der Wind uns nöthigte, die Anker auszuwerfen, ſonſt würde uns der Strom mit fortgeriſſen und den muthigen Seehähnen gerade zugeführt haben. Nachts aber riß des Kapitäns Boot los und wurde über die Ankertaue des Feindes getrieben, die ſich ſeiner be⸗ mächtigten und dadurch unſre Schwäche erfuhren. ies erhitzte ihren Muth noch mehr, ſie unternahmen mit dem erſten Morgenſtrahl einen neuen Angriff auf uns, fochten wie Löwen und gaben uns Gelegenheit genug, ihren Muth zu bewundern; da wir uns aber auch wehrten, ſo gut wir konnten, ſo mußten unſre beherzten Feinde wieder abziehen, ohne etwas Wich⸗ tiges ausgerichtet zu haben. Einige Tage darauf überzeugten uns dieſe Leute, daß die Großmuth eine Zwillingsſchweſter der Tapferkeit iſt, und beide meiſt deiſammen gefunden werden. Denn die oſtindiſchen 136 Seeräuber ſandten uns unſer Boot ſammt den Leu⸗ ten, die darauf waren, unter der Freundſchaftsflagge zurück, und dieſe Handlung war, nach der Weiſe die⸗ ſes Volks, mit großem Pomp und einer ſeltenen Pracht begleitet. Und wie ſonderbar fügte es ſich, daß ich grade mit einem dieſer Kaper recht vertraut werden mußte! Ich lag nämlich in Bombai im vornehmſten Kaffeehauſe. Hier war ein Sammelplatz aller Natio⸗ nen und die vornehmen Kaper, mit welchen wir uns gemeſſen hatten, kamen ebenfalls dorthin. Wiewohl ſie nun Alle auserleſene hurtige Leute waren, ſo hielt. ich mich doch vorzüglich an Einen, der mir der Ge⸗ ſcheiteſte zu ſein ſchien. Ich ſprach mit ihm portugie⸗ ſiſch, was ich damals beſſer als irgend eine andre Sprache verſtand, und er konnte ſich darin ziemlich verſtändlich machen. Iw kurzer Zeit wurden wir die beſten Freunde. Ich befragte ihn oft über die Be⸗ ſchaffenheit des Landes, deſſen Eingeborner er war, und meine Neugierde mißfiel ihm nicht. Er forderte mich endlich auf, ihn auf einer Reiſe in das Innere des Landes zu begleiten, und verſprach mir hoch und theuer, mir nicht nur alle Merkwürdigkeiten ſeines Vaterlandes zu zeigen, ſondern auch, mich zu ſchützen und wohlbehalten nach Bombat Juticztführ Die ſer Antrag lockte mich, der Serräuber ſchien mir ei wackerer Mann und zeigte mir Zuneigung, deshal willigte ich ein und rüſtete mich heimlich zur Reiſe, denn weder mein Kapitän, noch einer meiner Kame⸗ raden durften von meinem Unternehmen das Mindeſte merken, ſonſt wäre mir die Reiſe vereitelt worden. Alſo reiſ'ten wir denn auch nach einiger Zeit heimlich in der Nacht ab, begaben uns an das feſ Lad und verfolgten mit ſchnellen Pferden den Weg durch ein wahres irdiſches Paradies. Mein Freund führte mich 137 in den Marattenſtaat, unter jenes hochherzige, tapfere, kriegeriſche Volk, dem er angehörte. Ueberall, wohin wir kamen, wurden wir mit Auszeichnung empfangen. Unſre Reiſe glich einem Triumphzug. Und ſo gelang⸗ ten wir denn in die prächtige Hauptſtadt der Marat⸗ ten, Udſchin genannt, und wurden dem Maha Rajah, dem Oberfürſten des Landes, welcher unter dem gro⸗ ßen Mogul ſtand, vorgeſtellt. „Mein Gefährte erzählte dem Rajah die Veranlaſ⸗ ſung unſrer Bekanntſchaft und mußte auf des Fürſten Wunſch den Hergang des Seegefechtes ausführlich be⸗ . richten, woran Jener großen Antheil zu nehmen ſchien. Hierauf fragte mich der Rajah engliſch, wie es nur möglich ſei, daß ich mich meinem Feinde ſo keck an⸗ vertraue? Ich verſetzte freimüthig, daß ich Niemandes perſönlicher Feind ſei und die Sache meines Vater⸗ landes, für deſſen Ehre ich in jenem Kampfe gefoch⸗ ten, von meiner eigenen zu unterſcheiden wiſſe. Und nur in dieſer meiner eignen Sache habe ich mich mei⸗ nem Führer als einem perſönlichen Freunde anver⸗ traut und baue auf ſein mir gegebenes Wort, auf Treu' und Glauben eines rechtſchaffenen Mannes, für welchen ihn zu halten ich vollen Grund habe. Dieſe Antwort ſchien dem Rajah zu gefallen, und er fand ner ein beſonderes Vergnügen daran, ſich mit mir unterhalten. Ich mußte ihm viel von europäiſchen itten und Gebräuchen, von Englands Macht und Staatseinrichtungen erzählen, und er machte treffende Bemerkungen darüber, die meiſt mit gutem Spott ge⸗ würzt waren. Hernach zeigte er mir ſeinen herrlichen Palaſt, ſeine ſchönen Gärten mit den künſtlichſten Brun⸗ nen und Baſſins und befahl ſeinen beiden Söhnen, 11 deren älterer in meinen Jahren war, mich zu beglei⸗ 1 ten und mir Geſellſchaft zu leiſten. Die Maratten 138 ſind große Liebhaber vom Baden, und die Baſſins in den Gärten des Rajah waren meiſt dazu einge⸗ richtet. Der Fürſt wünſchte, daß ich mich in ſeinem Beiſein in einem der ſchönſten Baſſins baden möchte, und ich willigte gern ein, denn ich bin ſtets ein Freund des Waſſers geweſen, und die Hitze war in Udſchin ſchier unerträglich. Ich wurde alſo auf des Rajah Befehl von Dienern entkleidet und in's Bad gebracht. Seine brennenden Augen verſchlangen faſt meine Ge⸗ ſtalt, und allen Zuſchauern gewährte mein Anblick im kriſtallklaren Waſſer Vergnügen. Sobald ich fertig war, wurde ich am ganzen Körper mit herrlich duf⸗ tendem Balſam geſalbt, aber ſtatt meiner Kleider wurde mir ein koſtbarer Anzug des älteſten Prinzen angelegt. Dieſe übertriebene Gnade beunruhigte mich, ich fürchtete, was nachher wirklich geſchah. Der Ra⸗ jah machte mir gar bald den Antrag, daß ich in Ud⸗ ſchin in ſeiner Söhne Geſellſchaft bleiben möchte. Deine Geſtalt, ſagte er im Schmeicheltone zu mir, Dein Geſicht, Deine Stimme, Bildung und Dein ganzes Weſen gefällt mir beſſer, als irgend eines Europäers, den ich jemals geſehen habe. Bleib' alſo bei mir, es ſoll Dir an nichts mangeln.“ ierauf verſetzte ich, ich ſei nicht mein eigner Herr und kör nicht über mich verfügen, ich ſtände in eines Her Dienſt, welchen ich nicht verlaſſen dürfe, ohne mich der Untreue und Undankbarkeit ſchuldig zu machen. Und deshalb müßte ich zum Schiffe, auf welches ich gehöre, zurückkehren. „Einige Tage darauf fragte mich der Fürſt, ob ich mich nicht eben ſo gut unter ſeinen als unter mei⸗ nes Gefährten Schutz begeben dürfe? Ich verſetzte, daß ich kein Bedenken trüge, mich jedem rechtſchaffenen Mann anzuvertrauen, der mir für meine Sicherhei 139 ſeine Ehre verpfände. Wohlan, ſagte er, ich gebe Dir meine Ehre zum Pfande, Du ſollſt ſicher bei mir ſein und nichts zu fürchten haben.“ Was war zu thun? Ich mußte mich in die Nothwendigkeit fügen. Mein Gefährte beurlaubte ſich, nachdem er eine anſehnliche Belohnung erhalten hatte, und fragte nicht, ob ich auch mit wollte; ich war nicht viel beſſer daran, als verrathen und verkauft. An meiner Lebensart hatte ich nichts auszuſetzen, denn ich war auf ganz gleichen Fuß mit den Prinzen geſetzt; ich ging in den herrlich⸗ ſten Kleidern einher, ritt ein prächtiges Pferd, ſpeiſte fürſtlich und wurde, wo ich mich nur zeigte, vom Volke hochverehrt; aber meine Lage war nichtsdeſto⸗ weniger unerträglich, weil ich aus Allem abnahm, daß mich der Rajah Zeit ſeines Lebens bei ſich behalten wollte. „Zu meinem Glück lebte am Hofe eine alte Por⸗ tugieſin, die durch einen beſondern Zufall hierher ver⸗ ſchlagen und die Erzieherin der Kinder des Rajah in ihrem früheſten Alter geworden war. Gleich vom er⸗ ſten Tage meiner Ankunft in Udſchin zeigte mir dieſe Matrone eine beſondere Freundſchaft, und ich unter⸗ hielt mich oft mit ihr. Waren wir doch die einzigen uropäer am ganzen Hofe des Rajah und ich faſt ihr Landsmann. Eines Tags trat ſie mit betrübten Mienen in mein Zimmer und ſagte:„Mein ſchöner europäiſcher Prinz, Ihr werdet wohl eben ſo wenig wie ich jemals unſer Vaterland wiederſehen.“ Ich war über dieſe Anrede beſtürzt, und hörte nun mit Grauſen, wie der Rajah befohlen, alle meine Schritte zu beobachten und mich zu etwas zu zwingen, wovor der Gedanke erröthet, endlich aber mir Gift zu reichen, ſobald ich meinen Körper zu dieſer Schändlichkeit nicht hergeben wollte. Meine Angſt wuchs mit jedem ihrer 140 Worte, und zuletzt beſchwor ich ſie, mir zur Rettung und Flucht behülflich zu ſein. Ich umfaßte ihre Hände, ich flehte ſie an, und ſie verſprach mir, das Ihrige für mich zu thun. Sie verſchaffte mir die Kleider eines gemeinen Indianers, beſtellte einen Kahn auf dem Fluſſe und half mir auf geſchickte Weiſe Nachts aus dem Palaſte Vorher hatte ich mir auf ihr Geheiß Hände und Geſicht geſchwärzt. So entkam ich glück⸗ lich und langte nach mancherlei Drangſalen wieder in Bombai an. Aber der Kapitän des Godalphin war wegen meiner heimlichen Entfernung erbittert auf mich und gab mir nach meiner Ankunft den Abſchied. Ich hatte wohl noch härtere Strafe verdient. Auf dieſe Weiſe war ich gezwungen, wieder als Kadet auf einem Kauffahrer nach Europa zurück zu reiſen. Kaum war ich in London ſichtbar geworden, als der Uhrmacher Townſend ſeine Anſprüche an mich erneuerte. Dieſer unverſchämte Mann nannte mich von Neuem ſeinen Lehrjungen, und ich war zu meinem Verdruß genöthigt, die Vernichtung des Inſtruments, welches mich ihm verpflichtete, durch eine nicht unbedeutende Summe zu erkaufen. Dadurch entblößte ich mich, und war nun ohne Dienſt und Geld in einer Stadt, wo man ohne Beides kaum einen Tag leben kann. Die Noth lehr ein nacktes Weib ſpinnen; mich lehrte ſie meinen Stolz beugen und die Admiralitätsherren ſo lange zu über⸗ laufen, bis ſie mich annahmen, um meiner los zu werden. Ich kam als erſter Lieutenant auf das könig⸗ liche Schiff, die Eintracht, unter dem Oberbefehl des Kapitän Vincent. Nachher mußte ich einige Jahre hintereinander auf verſchiedenen Schiffen dienen, damit ich bewandert würde, doch machte ich in dieſer Zeit keine große Reiſen, vielmehr wurde ich in London und den Seehäfen Englands bekannt, und hatte überall 141 Zutritt. Als der Krieg zwiſchen England und der Türkei ausbrach, zeigte ich Luſt, die Expedition mitzu⸗ machen. Der Commandeur Airs bot mir eine An⸗ ſtellung auf dem Schiffe Windſor an, welches er ſelbſt führte, und ſtellte mir vor, wie er vor Allen würde Gelegenheit haben, mir Gefälligkeiten zu erweiſen, da er das ganze Geſchwader befehlige; ich zog es aber vor, auf dem Schiffe Ihrer Majeſtät, unſrer Königin, Southampton, zu dienen, weil ich den Kapitän⸗Lieu⸗ tenant deſſelben, Byrimans, ſchätzte und liebte. Airs unterdrückte zwar damals ſeinen Verdruß, aber die Zeit kam bald, wo er mich denſelben nur zu ſtark fühlen ließ. Es traf ſich nämlich, daß ich in der Türkei die Bekanntſchaft eines franzöſiſchen Conſuls machte und eine Zeit lang mit ihm umging. Dieſer Mann machte mir ſogar Anträge, in franzöſiſche Dienſte zu treten und im Intereſſe ſeiner Nation eine Reiſe nach Tunis zu unternehmen; aber ich ſchlug dieſes Anſinnen ab; doch wurde ich dieſes Umgangs halber verketzert und verdammt. Airs beſchuldigte mich, mit den Feinden meines Vaterlandes Gemeinſchaft gepflogen zu haben, und ich ſah mich deshalb ge⸗ nöthigt, nach Beendigung des Krieges, meinen Dienſt niederzulegen.“ 14. Rorcroß als Parteigänger. Nach einer Pauſe fuhr der Kapitän fort: „In England wurde ich von meinen zahlreichen Freunden mit offenen Armen empfangen. Meine Schick⸗ ſale fingen an, einiges Aufſehen zu erregen, man drängte ſich zu mir, und bat mich in die vornehmſten Geſellſchaften; und bald gehörte es zum guten Ton, mich zu kennen und von mir gekannt zu werden. Ge⸗ rade zu jener Zeit tobte der Kampf der Jacobiten und Hannoveraner oder der Königlichen am wildeſten in England. Nicht allein in den großen Städten, auch in den kleinſten Dörfern nahm man Partei für den Prä⸗ tendenten oder gegen ihn, um ſo mehr, da wohl be⸗ kannt war, wie gern die Königin Anna die Regierung ihrem Neffen hinterlaſſen hätte. Mein Vater war den Anhängern des Prätendenten noch in gutem Anden⸗ ken; man wußte, daß er einer der treueſten Freunde des Königs Jacob geweſen, und man ſetzte voraus, daß ich in die Fußtapfen meines Erzeugers treten werde. Von meiner Kühnheit, meiner Gewandtheit, meinem Unternehmungsgeiſt ließ ſich ſchon etwas warten, und die Freunde der Stuart's betrach mich als gute Priſe. Inzwiſchen ſpielte ich ziemli verſteckt und ließ mir nie recht abmerken, mit wem ich es ferner zu halten gedenke. Daher kam es, daß beide Parteien um mich warben. Doch nahmen ſich die jacv⸗ bitiſchen Parlamentsmitglieder meiner beſonders an. Große und angeſehene Leute waren meine Freunde, und Alle ſahen mich für einen Menſchen an, welcher große Dinge auszuführen geſchickt ſei. 143 „Jede Partei wollte mir auf eine vortheilhafte Art zu Amt und Würden verhelfen. Die Einen meinten, ich ſei durch meine Erfahrungen im Seeweſen geſchickt, eins der beſten Orlogsſchiffe der engliſchen Flotte zu führen. Die Andern ſagten, in der Nähe des Hofes ſei ich beſſer geſtellt, und ſie ſuchten mich zu überreden, daß ich mich um eine Kammerherrnſtelle oder um eine Charge als Brigadier der Garde zu Pferd bewerben ſollte, keine von beiden Stellen ſollte mir entgehen. Wieder Andere wollten mir einen Platz im Unterhauſe verſchaffen und endlich hielt man mich für fähig, dem Lord Rofs auf ſeiner Geſandtſchaftsreiſe nach Frank⸗ reich zu folgen. Dieſe Anträge waren mir natütlich ſehr ſchmeichelhaft; ich ſchwamm in einem Meer von Plänen und Entwürfen, und obgleich mich Neigung zur See zog, lockte mich doch auch die Bahn des Ruhms ſo ſüß, daß ich ſchwankte. Im Herzen war ich ſtets den rechtmäßigen Königen von England, dem Hauſe Stuart zugethan, und deshalb bekannte ich mich auch nach einiger Zeit öffentlich und ohne Rück⸗ halt zu den Jacobiten, und dieſe vermochten mich denn auch, mich auf die hohe Schule nach⸗Orford zu ver⸗ fügen, um in den Wiſſenſchaften das Verſäumte nach⸗ zuholen, weil man mich ſpäter durchaus zum Staats⸗ ienſt zu gebrauchen gedachte. Kaum hatte ich ein hal⸗ bes Jahr den Studien obgelegen, als mich die Nach⸗ richt vom Tode der Königin Anna unangenehm über⸗ raſchte. Die Gemüther geriethen in die äußerſte Spannung, aber der ſtrenge Befehl, welcher zugleich mit der Todesnachricht einlief, kein einziger Menſch ſoll binnen acht Tagen Großbritannien verlaſſen und zur See gehen, zeigte deutlich, daß die Hannoveraner ſiegen würden; denn dieſer Befehl war augenſchein⸗ lich aus keinem andern Grunde gegeben, als daß 144 die verwitwete Königin Maria und der Präten⸗ dent nicht bald den Tod der Königin Anna erfahren möchten. „Die gefährliche Lage, in welche unſere Partei kam, nöthigte mich, Orford wieder zu verlaſſen und nach London zurückzukehren; denn ein enges Aneinander⸗ ſchließen that vor Allem noth, um ſich in Maſſe zu berathen und dann zu handeln. Aber hilf Himmel! Niemand hatte Muth, etwas zu unternehmen, man ſprach viel, aber that nichts, man konnte nicht einig werden, und der, welcher unſere muthloſe Partei hätte unter einen Hut bringen und beleben können, der Prätendent, ſtellte ſich nicht ein. Die Zeit verſtrich, der Kurfürſt von Hannover kam nach England und wurde zum König gewählt, ohne daß ſich Jemand widerſetzt hätte. Ueber dies Verſäumen des rechten Zeitpunktes, über dieſe bequeme Vornehmheit, die nur befehlen, nichts aber ſelbſt thun will, über die dünkel⸗ volle Dummheit des alten Adels ſprach ich mich mit Bitterkeit und ohne Rückſicht aus und das Feuer ju⸗ gendlicher Leidenſchaft riß mich hin, auf Hannoveraner und Jacobiten gleich verächtlich und tadelnd zu ſprechen. Dadurch mußte ich der beſtehenden Regierung bald ver⸗ dächtig werden, welcher ohnedies Alle knechtiſch huldig⸗ ten, und man fing an, ein polizeiliches Auge auf mi zu werfen. „Es war im Frühjahr des vorigen Jahres, als ich mich in einer Geſellſchaft im Hauſe des Ritters Walpole befand. Zu dieſer Geſellſchaft gehörte auch der Ritter William Days, der Erzbiſchof von York und viele andere Biſchöfe, Herzöge, Pairs und Par⸗ lamentsmitglieder, die alle mehr oder minder der be⸗ ſtehenden Regierung huldigten. Hier wurde ich in der Unterhaltung von meinem Eifer ergriffen und ohne ————— 145 an mich zu denken, ſprach ich meine Meinung über die beiden Parteien und vorzüglich über die Hand⸗ lungsweiſe des Kurfürſten von Hannover aus. Die genannten Herren erſahen nur zu deutlich, daß ich ein glühender Anhänger des Königs Jacob war, und mein Verderben war nur zu gewiß. „Einige Monate darauf verreiſte ich, um einige meiner Freunde zu beſuchen und ſie anzufeuern, daß ſie doch endlich etwas für den rechtmäßigen König Großbritanniens unternehmen möchten. Eigentlich war ich zu dieſer Reiſe von Ehrenmännern beauftragt, die bis dieſe Stunde dem König Jacob ergeben ſind, ob⸗ gleich ſie für nöthig finden, ihre wahren Geſinnungen zu verbergen. Unterwegs kam ich von ohngefähr mit einigen Bekannten zuſammen. Einer derſelben war Einnehmer der Landſchatzung und hieß Lucas. Wir ſtießen auf einen Trupp Reiter, welche das Land durch⸗ ſtreiften und alle als jacobitiſch verdächtigen Perſonen aufgriffen und in's Gefängniß ſchleppten. An dieſe Reiter verrieth mich genannter Lucas, wahrſcheinlich in höherm Auftrag, als einen der eifrigſten Anhänger des Prätendenten. Ich wurde ergriffen und gefeſſelt nach Barnet geführt. Die Füße waren mir unter dem meines Pferdes zuſammengebunden, und ſo S diente ich dem neugierigen Volke zum erbärmlichen Schauſpiele. Als wir in der Stadt an die Ecke der Goldſpornſtraße kamen, waren wir gezwungen, ſtill zu halten, denn ein ungeheurer Menſchenhaufe drängte uns entgegen. Man führte nämlich die drei Kapitäns Carr, Boral und Gordon zur Richtſtätte, wo ſie auf⸗ gehenkt und geviertheilt werden ſollten, der treuen An⸗ hänglichkeit an König Jacob überführt. Denkt Euch, wie mir zu Muthe ward! Kaum hatte das Volk er⸗ fahren, daß ich des Jacobitismus ebenfalls verdächtig Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Nl. 10 ———— 146 ſei, als es mich zu Tauſenden umſtand und mir zu⸗ ſchrie, mich auf eine ähnliche Reiſe vorzubereiten. Ich wurde in das Arreſthaus, eines der feſteſten und wohl⸗ verwahrteſten Gefängniſſe Englands, gebracht, wo ich eine Menge Staatsgefangener, größtentheils Jacobiten fand. Wir waren alle zuſammen in einem geräumigen Local, und man brachte uns auf unſer Begehr die neueſten Zeitungen und darin fanden wir die Nach⸗ richt meiner Gefangennahme nebſt der offen ausge⸗ ſprochenen Vermuthung, daß ich denſelben Weg ge⸗ hen würde, welchen die drei Kapitäne gerade zu der Zeit nach dem Galgen gemacht, als man mich gebracht hatte. Meine Befürchtung wurde noch dadurch erhöht, daß ich nach einigen Tagen aus der mir angenehm gewordenen Geſellſchaft geriſſen und in ein elendes unterirdiſches Gefängniß, das verfluchte Loch genannt, geworfen wurde. Hier fand ich den unglücklichen Kapitän Dikal, welcher einige Tage darauf ſein Haupt auf den Richtblock legen mußte. Dies Alles beſtätigte meine Ahnung, daß ich ebenfalls den Tod durch Hen⸗„ kershand werde leiden müſſen. „Einſt ſaß ich in Gedanken verſunken, als die Thür meines ſcheußlichen Kerkers aufging und ein Weib hereintrat, welches nicht mehr in den Jahren war, um von ihr auf einen leidenſchaftlichen Schritt ₰ hinſichtlich meiner zu ſchließen. Sie war mir gänzlich fremd und in die Tracht des mittlern Bürgerſtandes gekleidet. Dieſe Umſtände ſetzten mich in Verwunderung 4 über den ſeltſamen Beſuch. Bald ſuchte ſie mich auf⸗ zuklären und betheuerte mir, daß ſie nichts als Mit⸗ leid hierher geführt habe, indem ſie ein ſicheres Mit⸗ tel zu meiner Befreiung wiſſe. Trotz meiner Feſſeln ſtürzte ich zu ihren Füßen und ſchwur ihr den heiße⸗ ſten Dank; ach! ich wußte ja nicht, welch einen Lohn 147 man von mir verlangen würde. Ohne mir zu erklären, wie es ihr möglich geworden war, in mein Gefäng⸗ niß zu dringen, meldete ſie mir nur, ſie ſei die Ver⸗ traute einer vornehmen Adligen, deren mächtiger Ein⸗ fluß mir die Pforten meines Gefängniſſes öffnen könne. Dieſe hohe Dame wollte ſie bereden, daß ſie mir ſelbſt einen Beſuch im Kerker mache, um ſie dadurch noch mehr zum Mitleid zu bewegen. Und ſo geſchah es. Am Abend des andern Tages traten zwei Frauen zu mir herein, von denen eine verſchleiert war, in deren andern ich aber ſogleich Frau Eliſabeth Brondlov, ſo hatte ſich mein erſter Beſuch mir genannt, wieder erkannte.„Ihr ſeid frei, ſagte die Verſchleierte mit einer lieblichen Stimme zu mir, doch rechne ich auf Erkenntlichkeit. Bedenkt wohl, daß Ihr in einigen Tagen das Blutgerüſt hättet beſteigen müſſen.— Wie wäre ich jetzt im Stande, meine da⸗ maligen Empfindungen zu malen! Außer mir ſtürzte ich vor ihr nieder, umklammerte ihre Knie, küßte ihre Hände und nannte ſie meinen rettenden Engel. Sie drückte meine Hand dagegen mit einer Leidenſchaft, die mir ſelbſt im höchſten Enthuſiasmus auffiel. Sie ſprach zwar wenig, aber nachdem ſie ſich entfernt, war mir's, 4 als dämmerte mir ein Traum in der Seele auf. Dieſe Stimme wollte mir bekannt dünken, dieſe Geſtalt, die⸗ ſes Auge, welches mich durch den Schleier angeblitzt, . waren mir nicht fremd, aber wie ich auch mit meiner Erinnerung rang, ich konnte mir nicht klar machen, wer die Dame ſei. Ich hatte meinen Kopf mit ver⸗ geblichen Vermuthungen erhitzt, als der Kerkermeiſter hereinſchlich, meine Feſſeln löſte und mich einem Manne übergab, welcher draußen harrend ſtand. Durch die Stille der Mitternacht gingen wir leiſe dahin, und mein Herz ſchlug vor Erwartung, was nun aus mir 10 148 werden würde. Zugleich wurde es von dem mächtigen Gefühle der Freiheit erfüllt. O wer die Wonne nie empfunden hat, ſich vom Beile des Henkers erlöſt zu ſehen, kann meinen damaligen Zuſtand nicht würdigen! Den Flug meiner Gedanken und Empfindungen unter⸗ brach die läſtige Geſchwätzigkeit meines Begleiters, der mir mit Umſtändlichkeit erzählte, daß er ein Barbier und Perrückenmacher, Namens Samuel Brondlov, und der Ehegemahl der Frau Eliſabeth Brondlov ſei, welche ich bereits zu kennen die Ehre habe. Er ver⸗ fehlte nicht, mir förmlichen Bericht vom Verlauf ſei⸗ ner Geſchäfte und ſonſtigen Speculationen in Barnet abzuſtatten, und war eben im Begriff, auf die Details der Familienverhältniſſe ſeiner verehrten Kunden einzu⸗ gehen, als wir an einem kleinen Hauſe ſtanden, wel⸗ ches er mir als ſeine Wohnung bezeichnete, und in welches einzutreten er mich mit Höflichkeit bat. Kaum waren wir in das untere Zimmer gekommen als die Frau mit einem Jubelſchrei auf mich losſtürzte und ſich meiner bemächtigte. Die gewagte Proteſtation ihres Mannes, welcher Luſt haben mochte, mich über ſeine und ſeiner Kunden und Freunde Privatverhältniſſe des Breitern zu unterrichten, wurde mit einem einzigen Blicke der Frau niedergeworfen; es bedurfte nur einer mimiſchen Andeutung der Augen, ihre Herrſchaft gel⸗ tend zu machen, und ohne weiter ihn eines Blicks zu würdigen, faßte ſie mich unter den Arm und führte mich aus der Stube die Stiege hinauf in ein oberes Zimmer, wo ich, wie ich vermuthet hatte, die ver⸗ ſchleierte Dame fand. „Bis hierher, meine Freunde, habe ich Alles getreu erzählt; jetzt muß ich Euch aber um Erlaubniß bitten, nicht zu ſagen, wer dieſe Dame war und was ſie von mir verlangte. Genug, es war eine Schändlichkeit. Sie 149 war von London und allerdings aus meiner Bekannt⸗ ſchaft. Es ſei Euch der Wink genug, daß ich in Lon⸗ don mit einem der edelſten weiblichen Weſen in einem uns Beide beglückenden Verhältniſſe, auf gegenſei⸗ tige Liebe und Achtung begründet, geſtanden hatte. Wir hatten uns zugeſchworen, einander ganz anzuge⸗ hören, und ich hätte damals lieber ſterben wollen, als meinen Schwur brechen. Jene Bande hat das Schick⸗ ſal, welches mich mein Vaterland zu verlaſſen zwang, zwar gelöſt; ich bin ein unglücklicher ſchwediſcher Frei⸗ beuter, ſtatt, wenn meine Pläne geglückt wären, ich jetzt eine der erſten Staatschargen in England beglei⸗ dete. Es iſt vorüber; aber die Achtung, welche ich je⸗ ner reizenden Dame zollte, iſt mir geblieben und es iſt kein Verſtoß gegen dieſelbe, wenn ich Euch ſage, daß meine Geliebte die einzige Tochter des Herzogs von Ordmund war.“ „Die reizende Henrica?“ unterbrach hier Flarmann überraſcht den Erzähler. „Eure Frage beweiſt mir, daß Ihr das liebens⸗ werthe Weſen gekannt habt und nach ihrem Werthe zu würdigen verſteht. Ja, die reizende Henrica, der Stolz Englands, war meine Geliebte; ja, dies Herz ſchlug noch im vorigen Jahre beglückt von der Liebe einer ſolchen Huldin, um deren kleinſte Gunſt ein Heer der vornehmſten Anbeter vergebens bettelte. Ich, ich war der Glückliche, und was bin ich nun?“ ————„—————— 150 15 Rorcroß in ſchwediſchen Dienſten. Nach dieſer kurzen und wie es ſchien dem Kapitän ſchmerzhaften Unterbrechung fuhr er ſich nach ſeiner Gewohnheit mit der flachen Hand über das Geſicht und zertheilte ſo die Wolken, welche über daſſelbe auf⸗ geſtiegen waren. Hierauf fuhr er fort: „Das Poſſirlichſte bei der ganzen Geſchichte war, daß Frau Eliſabeth Brondlov durchaus darauf beſtand, ich ſolle zum Lohn für ihren Antheil an meiner Ret⸗ tung ihre häßliche und dumme Tochter heirathen. Dies Geſchöpf war ohngefähr achtzehn Jahr alt, aber ſelbſt derjenigen Aeußerlichkeiten bar, welches dieſes Alter doch faſt allen weiblichen Geſchöpfen zu verleihen pflegt. Da hieß es denn recht, gute Miene zum böſen Spiele machen. Ich mußte befürchten, daß mich die Schlechtig⸗ keit meiner Befreierin wieder in's Gefängniß ausliefere, wenn ich mich weigerte, ihre Bedingung zu erfüllen. Ich that mein Möglichſtes, ſie mit ſchlauen Verſpre⸗ chungen hinzuhalten, bis ich einſt in der Nacht die Flucht ergriff und zu Fuß und ohne Mittel auf dem in der Nähe liegenden Gute des Oberſten Marfield, eines Anhängers der Stuart, anlangte. Der Oberſt war ſelbſt zugegen und nahm mich herzlich auf. Auch er war in ſteter Gefahr, aufgehoben und in's Gefäng⸗ niß geſetzt zu werden. Wir ſchloſſen uns an einander an, und begaben uns, mit guten Mitteln verſehen, verkleidet und meiſt nur in der Nacht reiſend, auf die Flucht nach Frankreich. „Von Calais reiſten wir ſogleich nach St. Ger⸗ 151 main zu Ihrer Majeſtät der verwitweten Königin Maria von England. Wir hofften dort, wenn auch vor der Hand unſere Pläne nicht verwirklicht zu ſehen, aber doch auf irgend ein Unterkommen. In meinem Vaterlande war ich geächtet, an den Stuart's hatte ich treu gehalten und dieſe Treue hatte mein Unglück her⸗ beigeführt; war es nicht natürlich, daß ich mich in meiner Hülfloſigkeit an die wandte, welche ſie verur⸗ ſacht hatte? Aber hilf Himmel! Was muß ich da ſehen und erfahren! Dieſer Anblick ſchnitt mir durch das Herz; ich werde ihn nie vergeſſen. Ich ſah die rechtmäßige Königin von England arm und im Elend von Andrer Gnade leben; ich ſah eine geborene Für⸗ ſtin ihre Blöße nur mit den armſeligen Lappen des zerfetzten Purpurs bedecken, darben in Schmach und ſich gegen ihre Unterthanen beklagen, daß ſie nicht einmal den nöthigen Unterhalt mehr habe. Ach! der große Ludwig war todt, und Frankreich gedachte der Verſprechungen nicht mehr, welcher dieſer edelmüthige König in ſeinem Namen gegeben hatte. Mir verging bei dieſem Anblick ſo aller Muth, daß ich beſchloß, mir mein Glück auf eigne Fauſt zu bauen, und es nicht in einem Lande zu ſuchen, wo man eine Königin Noth leiden ließ. Ich hörte, daß es vielen meiner Landsleute, Anhängern des Hauſes Stuart, in Frank⸗ reich ſeit Ludwig des Vierzehnten Tode erbärmlich gehe, und beſchloß daher, Frankreich ſogleich wieder zu ver⸗ laſſen und nach Schweden zu gehen. Der kühne und tapfere Genius Karl's des Zwölften zog mich an. Aus der Türkei zurückgekehrt, hatte er ſeine mächtigen Feinde mit Schrecken erfüllt; er ſollte fortan mein Vorbild ſein. Ich bat alſo die Königin Maria um ein Empfeh⸗ lungsſchreiben an des Königs von Schweden Maje⸗ ſtät und reiſte mit demſelben ab. Der Oberſt Mar⸗ 152 field ging nach Bar ſur Aube, dem Aufenthaltsorte des Prätendenten. Dort hoffte und erwartete ich nichts. Ohne alſo etwas von der neuen Verſchwö⸗ rung in England zu Gunſten der Stuart's, ohne von dem Plane des Prätendenten, aus Frankreich zu flie⸗ hen und ſich nach Schottland einzuſchiffen, die min⸗ deſte Ahnung zu haben, beſtieg ich ein Schiff und eilte nach Gothenburg. Sei es nun, daß die Köni⸗ gin über das bevorſtehende Unternehmen ihres Sohnes ſelbſt nicht unterrichtet war, ſei es, daß ſie ſich ſcheuete, mir das Geheimniß anzuvertrauen, ſei es endlich, daß der Plan damals noch nicht völlig reif war, genug ich reiſte unwiſſend ab. So viel iſt gewiß, daß die Verſchwörung in England und Schottland ſehr geheim gehalten wurde. Und ſo konnte ich keinen Theil an der Ausführung des Unternehmens haben, welches ich theilweiſe ſelbſt vorbereitet hatte. Die Erpedition des Prätendenten iſt, wie Ihr wißt, unglücklich abgelau⸗ fen; die verhängnißvolle Schlacht vom 13. November verdrängte den edlen Stuart wieder aus ſeinem Reiche, und mir iſt der Schmerz erſpart worden, dieſen Jam⸗ mer mit anzuſehen. „Ich langte ohne Geld in Gothenburg an, und gab meinen Empfehlungsbrief an den Gouverneur der Stadt, Gadenhielm, ab. Dieſer empfing mich freund⸗ lich, aber ich verbarg ihm meine dürftigen Umſtände. Dieſe entdeckte ich einem meiner Landsleute und Par⸗ teigänger der Stuart's, dem General Hamilton, wel⸗ cher in ſchwediſche Dienſte getreten war und in Go⸗ thenburg lag. Ich hatte dieſen Mann noch nicht per⸗ ſönlich gekannt, aber bei dem erſten Beſuche, den ich ihm machte, nahm er mich ſo ſehr ein, daß ich für⸗ der kein Geheimniß vor ihm haben konnte. General Hamilton war ein Freund des Gouverneurs Gaden⸗ 153 hielm, und hatte dieſem geſprächsweiſe meine Noth vertraut. Nun war Gadenhielm auf mich aufgebracht, weil ich nicht gleich mit der Wahrheit herausgegan⸗ gen war, und hieß mich, als ich mich wieder bei ihm meldete, ohne Umſtände zum Teufel gehen. Ich hielt mich an den General Hamilton und bat ihn, er möchte ſich meiner bei des Königs Majeſtät annehmen und mir zu irgend einer Beförderung, ſei es, welche es wolle, verhelfen. Allein der General erwiderte zu meinem Erſtaunen: Sie ſind ein junger Edelmann, der ſich in der Weit ſchon Vieles verſucht hat. Blei⸗ 3 ben Sie nicht hier; es würde Sie gereuen, wenn es zu ſpät wäre. Wenn ich Jugend und Erfahrung im Seeweſen beſäße, ſo bliebe ich gewiß nicht in Schweden. „Da ſtand ich denn ſcheinbar von Gott und den Menſchen verlaſſen und wußte meiner Verzweiflung kein Ende. Viel zu ſtolz, um auf dieſe Erklärung des Generals nur noch ein Wort zu ſagen, verließ ich ihn, um ihn nicht mehr zu ſehen. Ich kannte in Schweden keinen Menſchen weiter; die Landesſprache war mir unverſtändlich; ich war mittellos und konnte nicht einmal Gothenburg verlaſſen, um nach Stock⸗ holm zu reiſen und meinen Brief dem Könige ſelbſt zu überbringen. Ueberdies ſteckte ich auf einem Kaf⸗ feehauſe und im Gaſthofe in Schulden und war in der Kleidung faſt abgeriſſen. Dies war ein ſchreckli⸗ cher Zuſtand, und ich rannte an der Meerküſte und im Hafen wie wahnſinnig umher. Dort fand ich endlich den Kaperkapitän Flaxmann und machte Be⸗ kanntſchaft mit ihm. Dieſer wackre Mann nahm ſich meiner an und machte mich zum Lieutenant ſeines Schiffs. Das war im verwichenen Herbſte. Wir kreuzten hierauf längs der Vigſeite zwiſchen den Klip⸗ pen bei Marſtrand. Als wir in dieſer Hafenſtadt an⸗ 154 langten, bemerkte ich, daß mein Kapitän mehr Luſt hatte, bei ſeiner Geliebten, die daſelbſt wohnte, zu bleiben, als in der See nach Beute zu ſtreifen. Ich erſuchte ihn alſo, in ſeiner Abweſenheit mir die Füh⸗ rung des Schiffes anzuvertrauen, und er übergab es mir mit Freuden. Aber kaum war ich ausgelaufen, als ich an der Stimmung meiner Untergebenen be⸗ merkte, daß man mir auf dem Schiffe nicht gewogen war. Freilich hatte ich auf Mannszucht gehalten und war vom Kapitän bevorzugt worden. Ein mir er⸗ gebner Mann, Namens Rouard, verrieth mir, daß der Secondlieutenant des Schiffs ſich mit den Ma⸗ troſen unkerredet hatte, nicht unter mir zu dienen. Ich ſuchte ſeinem Anſchlage zuvorzukommen, aber es half mir nichts; ich wurde gezwungen, in den Hafen von Marſtrand zurückzukehren und das Kommando des Schiffs niederzulegen. Hier mußte ich einige Zeit in einer mir unangenehmen Ruhe zubringen, und das Schlimmſte war, daß ich nur wenig Mittel hatte. Inzwiſchen hatte ich doch den Winter über Gelegen⸗ heit, zu zeigen, daß ich etwas vom Seeweſen ver⸗ ſtehe. Ich ſah, daß mir das Glück in Schweden nicht günſtig ſein wollte und nahm mir vor, zu An⸗ fang dieſes Jahres nach Holland zu reiſen. Unter⸗ deſſen hatte ich mich mit der ſchwediſchen Sprache ziemlich vertraut gemacht. Ich ging alſo zum Kapi⸗ tän Hedenberg nach Gothenburg, welchem der Kaper, auf welchem ich diente, gehörte, und begehrte einen Reiſepaß und ein Zeugniß über mein Verhalten von ihm. Unterwegs traf ich mit dem Gouverneur Ga⸗ denhielm und dem Kapitän Kline zuſammen. Gaden⸗ hielm ſagte gnädig zu mir, er habe mit Freuden ver⸗ nommen, daß ich ein tüchtiger Seemann ſei, er wünſche mein Glück zu machen; und als ich ihm von meinem 155 Entſchluß, nach Holland zu gehen, ſagte, befahl er dem Kapitän Kline ſogleich, daß er mich als Kapitän⸗ lieutenant an Bord nehmen ſollte. So war mir denn mit einem Male geholfen. Wir liefen in See und bemächtigten uns bald einer Galliote, die unter hol⸗ ländiſcher Flagge ging. Mein Kapitän befahl mir, die Priſe nach Gothenburg zu führen, er ſelbſt lan⸗ dete, da ſein Schiff einigen Schaden gelitten hatte. in der Gegend von Marſtrand, ohne weiter eine Priſe gemacht zu haben. Der Gouverneur Gadenhielm, welcher an dieſem und vielen andern Kapers Antheil hatte, war über Kline ſehr ungehalten, als er deſſen ſchnelle Rückkehr in den Hafen vernahm. Er trug mir auf, zu dem Kaperſchiff zu reiſen, deſſen Schaden zu beſichtigen und ihm Rapport zu erſtatten. Das Schiff war übel zugerichtet, und ich ſprach nach Recht und Billigkeit meinen Kapitän von aller Schuld frei. Nichts deſto weniger bot mir Gadenhielm zur Stelle das Kommando des Schiffs an; er mochte wohl noch beſondern Haß auf Kline haben. Aber ich verſetzte, niemals wolle ich durch Andrer Unglück ſteigen, und ſolle ich nur Kapitän werden durch Kline's Sturz, ſo wolle ich lieber dieſe Charge niemals bekleiden. Dieſe⸗Antwort muß dem Gouverneur ſehr gefallen haben, denn er hatte ſie des Königs Majeſtät mitge⸗ theilt, welche eben nach Gothenburg gekommen war, das Seeweſen dieſes Hafens in Angenſchein zu neh⸗ men. Den folgenden Tag wurde ich zum Gonverneur gerufen. Er ſagte mir, daß über funfzig Kaperſchiffe im Hafen lägen, welche der König beſichtige; ich ſolle mir eins ausleſen und mich nach Leuten umſehen, um es zu bemannen; denn ich ſei durch des Königs Gnade Kapitän. Da ſah ich ein, daß der günſtige Zeitpunkt für mich gekommen war, mich dem Könige bemerkbar 156 X zu machen. Zu dem Behufe wählte ich keins von dieſen Schiffen, ſondern bat um Erlaubniß, eine in der Gegend verſunkene Fregatte aus dem Grund des Meeres heben und führen zu dürfen. ZJedermann ſtaunte über dieſen Einfall, aber er lenkte des Königs ganze Aufmerkſamkeit auf mich. Mit Mitteln, die in Schweden noch nicht bekannt waren, zog ich das treffliche Schiff aus der Tiefe. Ihr wißt, meine Freunde, es iſt das herrliche Gebäude, auf welchem wir jetzt die ruhige Meerfluth durchſchneiden. Des Königs Gnade ward mir von Stund' an; ich hatte oft die Ehre, mich mit ihm zu unterhalten, und nun erſt überreichte ich ihm den Brief der Königin Maria von England. Es gefiel dem König ausnehmend wohl, daß ich mich vorher als einen brauchbaren Mann bewährt und dann erſt den für mich ſchmeichel⸗ haften Brief übergeben hatte. Einen vorzüglichen Gönner fand ich an des Königs Begleiter und Günſt⸗ ling, an Sr. Excellenz dem Grafen Mörner. Der König hatte die Gnade, meinem Schiffe den Nämen des Grafen zu ertheilen. So iſt denn dieſes treffliche Schiff gewiſſermaßen mein Geſchöpf und ich das ſei⸗ nige; denn ohne mich läge es ewig im Meeresgrund, und ohne es wäre ich nicht vom Könige und dem Grafen begünſtigt worden. So gehören wir unzer⸗ trennlich zuſammen, und ich fühle eine ſo lebhafte Zuneigung zu meiner Fregatte, daß ich nicht mehr leben möchte, wenn ich ſie nicht in die brauſende Meer⸗ fluth führen ſollte, und gebietet das Schickſal einmal über mein Leben, ſo wünſche ich nichts ſehnlicher, als daß dies treue Fahrzeug mit mir wieder in den Ab⸗ grund gezogen werden möchte, aus welchem ich es für mich, ja für mich allein heraufgeholt habe. Nachdem ich dies mein Schiff gefunden hatte, fand ich auch Euch, 157 meine Freunde, die dies Waſſerhaus mit mir nun ſchon faſt neun Monate im Sturm und Sonnenſchein bewohnt haben. Ihr kennt von dieſer Zeit meine Schickſale und ich habe Euch nichts weiter zu er⸗ zählen.“ 16. Erklärung und Auſßlärung. Im hinterſten Verſchlag der Kajüte des Graf⸗ Mörner, in der ſogenannten Kapitänskammer, ſaß das Fräulein von Gabel mit der ihr eignen Majeſtät auf der Matratze, und ihr großes Auge blickte mit ruhigem Stolze auf den jungen Mann, der bis jetzt unter dem angenommenen Namen Joſeph Flarmann aufgetreten iſt. Er theilte in ſeinem äußern Weſen ihre Ruhe nicht, und ſein belebtes Auge flog von ihrer Geſtalt oft auf die Gegenſtände in der Kammer, oder durch die Luken auf den ſonnenglänzenden Meer⸗ ſpiegel hinaus. „Geben Sie mir endlich Rechenſchaft, Herr Ma⸗ jor,“ redete die Dame in einem faſt befehlenden Tone, „wie und durch welche Veranlaſſung ſind Sie auf den närriſchen Einfall gekommen, meine Wenigkeit von der däniſchen Küſte ſtehlen zu laſſen. Fürwahr, an Sie, mein Herr, habe ich bei meiner Entführung auch nicht mit einem Gedanken gedacht. Reden Sie! Reden Sie!“ „Nun ſo mögen Sie es denn wiſſen, Friederike,“ verſetzte der Fremde unmuthig,„daß es Rache war, Rache für mein beleidigtes Ehrgefühl, welches mich mit dem Kapitän Noreroß einen Kontrakt abſchließen ließ, 158 kraft deſſen er verpflichtet war, Sie mir zu über⸗ liefern.“ „Kapitän Norecroß iſt ſeiner Verpflichtung gegen Sie mit einer Gewiſſenhaftigkeit nachgekommen, die mich erſtaunen macht. Ich bin in Ihrer Macht; was wollen Sie von mir, Herr Major?“ Dieſer, alſo ſpöttiſch angeredet, konnte ſeinen Un⸗ muth nicht länger bergen, der um ſo größer wurde, je weniger er auf die Frage des Fräuleins etwas Ver⸗ nünftiges zu erwidern vermochte. „Alſo haben Sie ſo wenig Weiblichkeit, daß Sie mit meinen heiligſten Gefühlen, da Sie dieſelben nicht erwidern können und wollen, Ihren Spott noch zu treiben vermögen?“ rief er faſt wüthend in der Kam⸗ mer umherlaufend.„Stellen Sie ſich doch an, als wüßten Sie nichts von mir, als ſei Ihnen ſo unbe⸗ kannt, was in meinem Herzen waltet, als was dort in Stockholm vorgeht.“ „Ich kann das Eine ſo wenig wiſſen, als das Andre.“ „Wie? Sie wüßten nicht, daß ich Sie bis zur Raſerei der Leidenſchaft liebte— ja, mögen Sie es immerhin wiſſen— daß ich Sie nun, da meine Rache gekühlt iſt, noch ebenſo liebe? Hat mein Stolz Ihnen dies Geſtändniß nicht vor zwei Monaten ſchon gemacht und Sie zitterten nicht, dieſen meinen britiſchen Stolz mit Ihrer höhnenden Kälte tief zu verwunden? Sie fürchteten nicht, daß dieſer beleidigte Stolz ſich gegen Sie empören, nicht nach Rache kechzen würde? Ha, wie wenig haben Sie einen Mann, wie wenig einen Engländer gekannt?“ „In der That, Herr Major, ich kann mich aus meinem Erſtaunen nicht herausfinden. Es iſt wahr, Sie haben mir eine Neigung blicken laſſen, die mir 159 ſchmeichelhaft ſein mußte; allein ich bin dergleichen Erklärungen ſchon ſo gewohnt, daß ich aus der Ihri⸗ gen nicht mehr gemacht habe, wie aus jeder andern. Hilf, guter Gott! wenn Alle die, die mir eine uner⸗ widerte Neigung erklärt haben, mich gleich hätten rau⸗ ben laſſen wollen, die däniſche Küſte würde blockirt geweſen ſein, und unſer König geglaubt haben, der Schwedenkönig liege mit einer Flotte vor unſerm Hafen.“ „Sie werden mir mit dieſen Winkelzügen nicht entgehen, Sie werden mit Ihrem Spott mir nicht die Ueberzeugung wegräſonniren, daß Sie mein Ehr⸗ gefühl mit Plan und Abſicht haben kränken wollen; denn es müßte Ihnen ja bei Gott! am geſunden Men⸗ ſchenverſtand fehlen, wenn Sie die Glut meiner Liebe von dem erkünſtelten Strohfeuer eines erbärmlichen Surrogats von Leidenſchaft, von welchem Ihnen Ihre übrigen Anbeter füße Dinge vorzuſagen ſich bemühten, nicht hätten unterſcheiden wollen.“ „Und wer bürgt Ihnen dafür, daß ich dieſen Un⸗ terſchied in ſeinem ganzen Umfange nicht wirklich ge⸗ macht habe? Gilt Ihnen aber eine gute Diſtinctions⸗ gabe für gleichbedeutend mit Liebe? Beim Himmel, mir nicht! Ich liebte Sie nicht, Major; ich feuerte Ihre Leidenſchaft nicht an, ich ſuchte ſie im Gegen⸗ theil abzukühlen; aber je förmlicher, abgemeſſener, käl⸗ ter ich gegen Sie war, deſto entbrannter wurden Sie in mich. War das etwa meine Schuld? Und als Sie nun trotz meiner Vorſichtsmaßregeln dennoch mit Ihrer Liebeserklärung hervortraten, benahm ich Ihnen ſo⸗ gleich alle und jede Hoffnung in beſtimmten, klaren Ausdrücken, keineswegs in kränkenden; als ſolche ſah ſie nur Ihre erhitzte Einbildungskraft an. Wie? ſollte ein ſo kluger Mann in Ernſt Liebe von einem 160 Mädchen erzwingen wollen? Nimmermehr! Und für⸗ wahr, ich hatte Sie ſchätzen gelernt, und deshalb wa⸗ ren Sie mir zu der Rolle eines Ehegemahls zu gut, dazu taugte allein eine Kreatur, wie der Kammerjun⸗ ter Raben, welcher bald nach Ihrem Verſchwinden von Kopenhagen zu meinem Bräutigam declarirt und ausgeſtellt wurde. Sie werden das vielleicht unbe⸗ greiflich finden; aber ich habe bis jetzt keinen Mann geliebt, bis jetzt, v Himmel! Denn wie Sie mich hier ſehen, liebe ich nun einen Mann ſo ſtark, ſo gewal⸗ tig, wie Sie mir Ihre Leidenſchaft zu mir ſchildern. Sie haben alſo jene Friederike von Gabel nicht mehr vor ſich, welche Sie vor einigen Wochen verließen, ach! leider bin ich verwandelt! Aber Sie ſollen nicht ver⸗ ächtlich von mir ſprechen. Hören Sie alſo: Die un⸗ verhohlen mir geſchenkte Neigung des jugendlichen Kron⸗ prinzen ſchmeichelte meiner Eitelkeit; ich hatte keine klaren Entwürfe; ich liebte den Kronprinzen ſo wenig wie einen andern Knaben, doch aber mein Stolz fühlte ſich glücklich in der Huldigung dieſes königlichen Kin⸗ des. Zetzt, nachdem die Macht der Liebe die Pforten meines Herzens geſprengt hat, jetzt vermag ich jenes Verhältniß, in deſſen trübem Dämmerlicht ich die Erbärmlichkeit meiner Rolle nicht ſehen und verſtehen konnte, klar zu überſchauen. Ich ſtand im Begriff, mit all' der Kühlheit meiner Ueberlegung mich ſelbſt meiner Eitelkeit, die nicht einmal weiblich war, zum Opfer zu bringen. Noch zuletzt aber ſei Ihnen ge⸗ ſagt, daß der Kronprinz, ſobald er Ihre mir darge⸗ brachte Huldigung bemerkte, Sie mir in einem unvor⸗ theilhaften Lichte zu zeigen ſuchte.“. „Wie?“ rief Flaxmann entrüſtet,„der Kronprinz von Dänemark hat es gewagt, die Ehre eines—— meine Ehre anzugreifen, um ſich die Gunſt einer Dame 161 zu ſichern? Ich konnte unglücklich, arm, heimathlos werden, aber ehrlos— barmherziger Gott! ich ver⸗ mag das ſchmähliche Wort nicht auszuſprechen. Nein, das iſt nicht zu ertragen! Jeden Flecken von meiner 3 8 Ehre muß ich mit Blut abwaſchen und ſollte es mit dem Blute eines Königsſohns und Thronerben ſein. Auch in meinen Adern——“ Er ſchwieg beſtürzt abbrechend und lief händeringend umher. Dann wandte er ſich wieder zur Dame:„Ich beſchwöre Sie, Fräu⸗ lein, theilen Sie mir die Beſchuldigungen mit, die der Prinz gegen mich erhoben, damit ich darnach die Größe ſeiner Schuld gegen mich erwäge!“ „Er ſagte, Sie hätten den Prätendenten in ſeiner höchſten Noth verlaſſen und ſeien der Sache zur Zeit abtrünnig geworden, wo Ihre Theilnahme noch von Wichtigkeit geweſen wäre.“. „Ha! über dieſen königlichen Buben!“ ſchäumte Flarmann.„Ich werde mir Genugthuung von ihm zu verſchaffen wiſſen. Und vielleicht gibt mir der Himmel bald Gelegenheit, Ihnen und der Welt zu zeigen, wie ich meinem rechtmäßigen Könige ergeben bin. Denn wenn ich auch Ihre Liebe nicht erwerben kann, ſo will ich doch Ihre Achtung nicht verlieren.“ „Und noch ein anderes Geheimniß habe ich Ihnen zu verrathen, Herr Major,“ fuhr das Fräulein mit einem mildern Tone fort und heftete ihre Augen mit einer lauernden Aufmerkſamkeit auf ſein Geſicht. „Das wäre?“ rief er geſpannt. „Sie liebten mich in Kopenhagen und ließen mich dort rauben, weil ich dieſe Liebe nicht erwiderte. Ich habe Ihnen bereits einige Gründe meines Betragens entdeckt; ich bin Ihnen den letzten und vorzüglichſten ſchuldig. Ich wußte nämlich, daß Sie von einer Dame mit einer ſtillen, aber gewaltigen, an Schwärmerei Storch, ausgew. Romane u. Novellen. XI. 11 162 grenzenden Leidenſchaft geliebt wurden, einem edlen vortrefflichen Mädchen, die mir ſehr theuer war und die ich durch Einwilligung in Ihr Begehr über die Maßen betrübt haben würde.“ Des Fremden Geſicht hatte während dieſer Worte eine merkwürdige Veränderung erlitten; von dem frü⸗ hern Schmerz und Unwillen waren einige Züge ge⸗ blieben und nun hatten ſich die des Erſtaunens und der Neugierde dazu geſellt. „Wie wäre das möglich?“ rief er endlich.„Ich hatte nur Augen für Sie. Wer könnte die Dame ſein?“ „Sollte Ihr Scharfſinn ſie nicht ſchon errathen haben? Sollten Sie ſelbſt in Kopenhagen nicht dann und wann die ſtille Aufmerkſamkeit bemerkt haben, womit jene Dame ſelbſt dann Ihnen huldigte, wenn Sie mit erhitzter Phantaſie mir nacheilten? Sollten Sie nicht die Zähre in dem ſanften blauen Ange be⸗ merkt haben, wenn Sie rückſichtslos nur mir zu Dienſten lebten, die ich kalt, oft mürriſch zurück⸗ wies?“ „Wie ein Schleier fällt es mir von den Augen. Sie meinen Ihre Verwandte, Ihre Freundin und Ge⸗ ſpielin, das Fräulein Chriſtine von Ove.“ „Sehen Sie, daß Ihr Herz nicht alles Gedächt⸗ niß verloren hat! Ihrer ſelbſt unbewußt hat es die leiſen aber ſüßen Eindrücke empfangen, und bringt ſie Ihnen nun, da Ihr Rauſch vorüber iſt, vor die auf⸗ geklärte Seele. Chriſtine liebte Sie von Ihrem erſten Erſcheinen am däniſchen Hofe und liebte Sie heftig und heftiger, je mehr Sie ſich zu mir wandten, aber ihre ſtill aufgeblühte Neigung war eine Nachtviole, die ſich dem Lichte des Tages verſchloß, um ſo ſcheuer, da dieſes Licht ſich einer wilden Roſe zuwandte, die in Dornen und Laub am ſteilen Bergabhang über dem ſteilen Strom wucherte. Und ſo habe ich ihre Liebe erſt errathen, dann ſie mit einer Neckerei über⸗ raſcht und ihr ſo endlich das Geſtändniß derſelben abgelockt. Damals konnte ich darüber lachen; denn ich verachtete alle Männer; Liebe war mir ein Spott; jetzt iſt mir ihre Neigung heilig.“ „Sprechen Sie Wahrheit, Fräulein?“ fragte Flax⸗ mann mit einem durchbohrenden Blicke. „Major!“ verſetzte ſie ernſt,„wann hab' ich je gelogen und was würde mir die Lüge helfen? Ich bin in Ihrer Gewalt; thun Sie mit mir, was Ih⸗ nen gut dünkt, aber Sie werden bei näherer Unter⸗ ſuchung ſtets bewährt finden, daß ich jetzt und immer Wahrheit ſprach.“ Der junge Mann wandte ſich mit nicht zu ver⸗ bergender Bewegung ab, ohne weiter ein Wort zu ſprechen; aber die natürliche Heftigkeit ſeines Gemüths duldete ihn nicht länger in der Kammer. Er ſtürzte hinaus und ließ das Fräulein in Unklarheit über ſei⸗ nen Zuſtand zurück. Auch ſie war unruhig. Ihre Gedanken trieben wie vom Sturm gepeitſchte Segler auf dem wogenden empörten Meere ihrer Gefühle, und lauteten in Worte überſetzt ungeführ alſo:„Frie⸗ derike, Du haſt an der Natur gefrevelt und dafür rächt ſich die Natur an Dir. Du haſt die Männer verachtet und nun liebſt Du einen, der Dich verach⸗ tet, der eine Andre liebt und niemals der Deinige werden kann. Aber wie? Bin ich denn ſo ſchwach geworden wie ein Kind? Iſt denn ſo plötzlich alle mir onſt eigenthümliche Stärke von mir gewichen? Ich lebe auf dieſem Schiffe wie in einem Zauberſchloſſe. Wenn ich nur erſt das feſte Land wieder betrete, ſo wird auch meine alte Kraft wiederkehren. Ich muß, ich muß mich beſiegen. Welche Schande für meinen Stolz, dieſe Krone eines ſeines Werthes bewußten Gemüths, wenn ich ihm meine Schwäche merken ließe! Ach, und habe ich nicht, ſeit ich auf dieſem Meere ſchwimme, über mich wachen müſſen, damit ich mich ihm nicht verriethe? Bin ich denn nicht jetzt ſchon ge⸗ demüthigt genug, daß ich wähnte, er habe mich für ſich geraubt? Wie glücklich machte mich dieſer Wahn! Wie ſchrecklich war die Enttäuſchung! Und habe ich mich ihm nicht ſchon verrathen? O Friederike, was iſt aus Dir geworden? Ein ſchwaches, erbärmliches Ge⸗ ſchöpf!— Doch ermanne Dich! Erwache aus dieſem düſtern Traum, aus dieſem betäubenden Schlafe! Auf! Auf! Wappne Dich! Venſchließe Dein Herz die⸗ ſen Empfindungen der Schwachheit, die Dich ſchän⸗ den!“ In dieſer Aufregung ſchritt ſie hin und her, als Flaxmann plötzlich wieder vor ihr ſtand. „Ich habe thöricht gehandelt,“ ſagte er ernſt und würdig.„Als ich ein armer Flüchtling zuerſt in das Haus Ihres Vaters trat, ſchenkten Sie mir auch nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit weiter, als die Höflichkeit vorſchreibt, aber Chriſtinens Mitleid kam mir mit rührender Natürlichkeit theilnehmend entgegen. Ihr ſanftes Mitgefühl ergriff mich; ich fühlte in meinem Herzen etwas für ſie ſich regen, das, wenn es noch nicht Liebe war, es doch ſicherlich geworden wäre; da raunte mir mein engliſcher Stolz zu: es ſei meiner unwürdig, mich bemitleiden zu laſſen, oder einer Seele, die mich zu bemitleiden wage, gut zu ſein. Er ſagte mir, das ſtille Veilchen am Wege ſei nicht die Blume für ein ſo ſtolzes Herz wie das meinige, und ich ver⸗ ſchloß es ihm, um es der Sonnenblume zuzuwenden, die doch von mir nichts wiſſen wollte. Sehen Sie, ſo habe ich die aufkeimende Neigung zu Chriſtinen in meiner Seele erſtickt, ſo habe ich durch erkünſtelte Treibhauswärme eine glühende Leidenſchaft für Sie in mir erzeugt, die um ſo raſender wurde, je größern Widerſtand ſie fand. Ihre beſonnene Antwort auf meine tolle Liebeserklärung trieb mich von Kopenha⸗ gen fort, meine Leidenſchaftlichkeit jagte mich in die Hände der Werber, ſie würde mich noch weiter ge⸗ führt haben, wenn Kapitän Norcroß' Tapferkeit mich nicht für die ſchwediſchen Fahnen gewonnen hätte!“ „Sie haben gegen die Natur geſündigt wie ich, und Ihre Buße iſt gerecht wie die meinige. Doch ſagen Sie, was wollten Sie als däniſcher Rekrut in Kopenhagen?“ „Ihnen wollte ich unter die Augen treten im Kommisrock des gemeinen Soldaten, höhnen, be⸗ ſchimpfen wollte ich Sie, Ihres Stolzes wollte ich ſpotten, ich wollte ein Rotürier ſein, um die ausge⸗ ſuchteſte Rache an Ihnen zu nehmen. Das war mein dunkler Plan.“ „Sie gefallen mir immer mehr, Major, und wenn ich Sie gleich nach Ihrem ganzen Charakter kennen gelernt hätte und Chriſtine nicht dazwiſchen gekommen wäre, ich hätte Sie vielleicht lieben können. Doch dies iſt vorüber. Chriſtine iſt Ihnen nicht gleichgültig und ich— würde Sie nie lieben können.“ „Nicht wahr, Kapitän Roreroß war ſo glücklich, dieſen Stolz zu brechen? Wiſſen Sie auch, daß er eine Braut in Stockholm hat?“ Die Frage war nicht ohne Beimiſchung von Schadenfrende. „Ich weiß es. Und wenn Sie jemals etwas für mich empfunden haben, ſo beſchwöre ich Sie, erwäh⸗ nen Sie bei ihm meiner nicht, ſo wenig wie bei mir ſei⸗ ner wieder.“ „Wie Sie wünſchen,“ ſpöttelte er.„Uebrigens, mein Fräulein, ſind Sie frei, und ſobald wir den Fuß an's Land ſetzen haben Sie freien Willen, zu thun, was Ihnen beliebt, nach Kopenhagen zurückzu⸗ „ kehren, oder—— „Nimmermehr! Glauben Sie denn, es wäre mir möglich, wieder in Verhältniſſe zu treten, die ich jetzt verabſcheue?“ „Und werden Sie mir verzeihen, was ich in höch⸗ ſter Leidenſchaftlichkeit that? Was ſoll ich es läugnen, ich liebe Sie nicht mehr mit jener raſenden Heftigkeit, aber ich haſſe Sie auch nicht, wie erſt.“ „Ich habe Ihnen Alles verziehen, Major. Auch will ich Ihnen nicht verhehlen, daß Sie mir nach der heutigen Unterredung nicht gleichgültig ſind. Ich habe Sie erkannt.— Und kann ich Sie auch nicht lie⸗ ben, ſo werden Sie meine Freundſchaft doch nicht verſchmähen.“ „Friederike,“ rief der junge Mann, plötzlich von neuer Leidenſchaftlichkeit erfaßt,„könnten Sie mir mehr ſein!“ „Denken Sie an Chriſtinens ſtille Liebe und an die Schändlichkeit des Kronprinzen!“ „Ha, woran erinnern Sie mich! Stockholm liegt vor uns und bald muß die Stunde ſchlagen, die mir Mittel zur Rache gibt. Ja, und es iſt wahr; ich liebe Chriſtinen, ich fühle es; ich werde von ihr ge⸗ liebt und ich konnte ein Thor ſein, mich von ihr zu wenden!“ „Es iſt immer noch Zeit, zu ihr zurückzukehren.“ „So ſei es!“ rief Flaxmann und verließ Friede⸗ riken abermals. „Nun hab' ich reine Bahn,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt.„Mir ſoll der Schwächling nicht mit einer Liebe entgegentreten, die ich nie erwidern kann. Und doch iſt er beſſer, als ich ihn geglaubt. Chriſtinen wird er 167 beglücken können, aber nicht mich. Für Dich, ſtolzes Herz, gibt's kein Glück mehr auf der Welt. Den kühnen Räuber, oder keinen! Er iſt mein Schöpfer, er hat die verkrüppelte Knospe zur wahren Blüthe gebracht; doch ſoll ſie ſeine Hand nicht brechen, ſo mag ſie verwelken. Eine Herzogstochter liebte ihn, wie er erzählte, und wahrlich, dieſer Mann muß ſolcher Liebe würdig ſein. Dieſer prinzliche Flachkopf hat mich entwürdigt! Ha! ich die Buhlerin eines Prin⸗ zen! eines Knaben! Rache Dir dafür, Kronprinz Chriſtian! Schmähliche Rache für dieſen Gedanken! Wilde, gewaltige Gedanken wirbeln durch meinen Kopf, aber Norcroß ſteht feſt in meinem Herzen. O! kühner Seeheld, kennteſt Du dies Herz, Du wüß⸗ teſt nichts mehr von einer Braut in Stockholm. Was wird ſie ſein? Ein gutes ſanftes Geſchöpf, eine zweite Chriſtine. Norcroß, Du verdienteſt ein ande⸗ res Weib. Doch ſtill, Herz, und behaupte Deinen Stolz in ſeiner Nähe.“ 17. verlegenheit auf der Fregatte. Sie ſtieg aus der Kajüte auf das Verdeck der Fregatte. Dieſe ging eben auf den Meerbuſen zu, welchen die felſigen Holme im weiten Halbkreiſe ein⸗ faſſen, jene verſteinerten Rieſen, die die königliche Hauptſtadt des Schwedenreichs auf ihren Häuptern tragen. Die Herbſtſonne ſchien ſich ihrer ſommerlichen die alten Zauber mit dem Aufgebot aller Strahlen, die ſie den nordiſchen Ländern zuzuſenden vermochte, zum letzten Mal auszuüben. Die Nebel waren ge⸗ wichen und zerſtreut, oder flatterten fliehend dem both⸗ niſchen und dem finniſchen Meerbuſen hinauf, ihrem kalten Geburtslande zu, und erlaubten ihrer Beſiege⸗ rin, der Sonne, einmal wieder in den tiefſten Schooß der Oſtſee hinabzublicken und ſich die untergegangenen Städte, die verſunkenen Schiffe und die ſchimmernden Bernſteinberge, und was ſonſt noch Prächtiges da un⸗ ten ſteht, zu betrachten. Freundlicher für die auf den Meerſchiffen daher ſchwimmenden Menſchen aber leuch⸗ tete die auf die weißen Felſen gebaute Königsſtadt, das herrliche Stockholm. Vornan ſtanden die Inſeln alle, als Wächter des Hortes, als die rieſigen Knap⸗ pen der ſchwediſchen Königskrone, und ſpiegelten ihre blanke Rüſtung im blauen Meere ab, dann lagerten rechts und links an der Pforte die mächtigen Holme, gleſchſan die Thorhüter und herüber durch die enge Waſſerſtraße ſtrahlten die königlichen Paläſte und Schlöſ⸗ ſer und die Feſten und Dome des Beckholm, Kaſtell⸗ holm, Staden und Ritterholm; und wie in ſchweigen⸗ der Verehrung die Menge mächtiger Vaſallen den Kö⸗ nigsthron umſteht, ſo lagerten die beiden Städte rechts und links an der Meerenge, der Söder Malm und der Norr Malm, und blickten huldigend auf die in Mitten des Meerpaſſes thronenden königlichen Schlöſſer und die Hauptkirche, auf Staden, als auf den ſchwediſchen Thron. Ein erhebender Anblickentzückte das Auge und die Seele, und Friederike gab ſich dem großartigen Eindrucke hin. An den Bord des Schiffes gelehnt ſchaute ſie in das ruhige Meer und die lockende Ferne, wie ſie im Sturm in das empörte Meer und die grauſige Nacht Kraft noch einmal erinnert zu haben und beſtrebte ſich, —— — —— 169 geblickt hatte; aber es blieb zweifelhaft, welches von beiden Schauſpielen ihr mehr Vergnügen bereitet hatte. 1 Um ſie zeigte ſich das Bild der Freude in ver⸗ 6 ſchiedenen Abdrücken, muthwillig colorirt. Die Ma⸗ troſen kletterten an den Ragen hin und her und ſchmückten die ſpitzen Spieren mit bunten Wimpeln und Flaggen, während auf des Kapitäns Wink unten andre die Kanonen rüſteten, um die Königsſtadt ſchul⸗ digermaßen mit Donnerſchall zu begrüßen. Andere 1 ſcheuerten ſingend das Verdeck, andere putzten die Ka⸗ jüte auf; denn es war nicht unwahrſcheislich, daß der König ſelbſt, wenigſtens der Graf Mörner dem Schiffe F einen Beſuch machen werde. Juel Swale war damit beſchäftigt, ſeinem Herrn Kammerdiener⸗-Dienſte zu lei⸗ ſten, und packte deſſen Staatsuniform und Kapitäns⸗ hut aus. Flink wie immer hatte er den Kapitän bald umgekleidet und muſterte mit gefälligen Blicken die Pracht der Garderobe. Norcroß drückte den Feder⸗ hut in die dunkelbraunen Haare und warf einen ſchalkhaften Blick auf Flaxmann, der wie im innern Kampf auf einer Bank ſaß und das ſchöne Haupt in die Hand auf den Tiſch geſtützt hatte. Hierauf ging er zu dem Nachdenkenden hin, ſchlug ihn leiſe auf die Schulter und ſprach zu dem wie aus einem böſen Traum Emporfahrenden: „Euere ſo lang verſchobene Unterredung mit Fräu⸗ lein von Gabel unter vier Augen ſcheint nicht die ge⸗ wünſchten Folgen gehabt zu haben. Sie ſteht dort und beſchaut ſich den Meerſpiegel, als hätte ſie Luſt, nä⸗ here Bekanntſchaft mit ihm zu machen, und Ihr kal⸗ mäuſert hier, als wenn Euch die Seemöven das Brot gefreſſen hätten.“ „In der That, Kapitän,“ verſetzte der Andre ohne aufzuſchauen,„ich ſchäme mich vor mir ſelbſt, daß ich —— ———— —= Euere Tapferkeit zu einem Abenteuer in Anſpruch nahm, welches zu nichts weiter geführt hat, als mir mich ſelbſt in einem lächerlichen Lichte zu zeigen. So verbleichen die glühendſten und gefeiertſten Bilder un⸗ ſerer wildeſten Wünſche, ſobald ſie uns näher gerückt, heimgegeben ſind, und in der Pforte der Gewährung ſtehend, ſehen wir Schwelle und Tempel verſinken und ſtarren in das öde Chaos unſrer eignen Schwäche.“ „Fürwahr, Ihr kommt mir unbegreiflich vor. Ihr gabt vor, zu jeder Unternehmung für unſern König, für unſer Vaterland untauglich zu ſein, bevor Ihr nicht die Glut Eurer Leidenſchaft oder Eurer Rache gekühlt, und nun, da Ihr das Eine und das Andre könnt, ſitzt Ihr und winſelt von Neuem über Euer Schickſal.“ „Ich vermag mich ſelbſt nicht zu begreifen, mein Freund,“ entgegnete Flaxmann mit einem Anklang bittrer Wehmuth,„und deshalb kann ich es Euch nicht übelnehmen, wenn Ihr es nicht vermögt. Ach, das Leben hat ja ſo viel Unbegreifliches! Ich wollte/ ich wäre nie nach Dänemark gekommen!“ „Dann klagt lieber gleich unſre Königin Anna— Gott habe ſie ſelig!— an, daß ſie ſich den däni⸗ ſchen Prinzen zum Gemahl auserkoren; denn war Euer Vater nicht des Prinzen Freund, war Prinz Georg nicht der Taufpathe Eurer Schweſter?“ „Leider iſt's ſo!“ „In welches Land hättet Ihr alſo nach des Prä⸗ tendenten Unglück im vorigen Jahre zu fliehen ein grö⸗ ßeres Recht gehabt, als nach Dänemark? Doch darf ich wiſſen, was Euch von Neuem bedrängt, ſo öffnet mir Euer Herz und ſeid verſichert, daß ich helfe, wenn ich helfen kann.“ „Ich weiß es, und Ihr ſollt es erfahren. War⸗ 171 ten wir nur eine der Mittheilung günſtigere Stunde ab; jetzt muß ich erſt den Kampf mit mir allein aus⸗ kämpfen. Nur das Eine müßt Ihr wiſſen: das Fräu⸗ lein von Gabel iſt frei, und ich wünſche, daß in Stockholm nichts von der Geſchichte meiner Leiden⸗ ſchaft und ihrer übereilten Handlung verlaute.“ „Wahrhaftig!“ rief Norcroß,„die Fabel vom Fiſchlein, das ein Schiff viel Meilen weit Strom und Wind entgegen trägt, klingt mir glaubhafter, als Euere Aeußerungen. Doch Euer Wille ſoll geſchehen, die Schöne iſt Euere Gefangene und nicht die mei⸗ nige. Ihr dürft nur wünſchen, was mit ihr geſche⸗ hen ſoll. Es verſteht ſich übrigens von ſelbſt, daß wir über den Vorfall die tiefſte Verſchwiegenheit beobachten, da Euer Wind ſich gewendet hat. Wäre er im alten Strich geblieben, ſo durfte der König immerhin davon erfahren, er hätte den Coup poli⸗ tiſch betrachtet und ſich darüber gefreut, ja ich wäre einer Belohnung gewiß geweſen; nun aber müſſen wir uns hüten, daß etwas davon verlautet; denn Ihr wißt, der König iſt ein Weiberfeind und haßt alle Lie⸗ besgeſchichten. Der Mädchenraub möchte mir theuer zu ſtehen kommen und Euere Pläne vereiteln.“ „Aber denkt, wie ſeltſam der Zufall, oder wenn Ihr lieber wollt, die Beſtimmung mit uns ſpielt! Ich habe Friederiken erklärt, was ich Euch ſo eben geſagt habe, aber ſie hat mit Beſtimmtheit nach Kopenhagen zurückzukehren verweigert.“ „So ſtellt ſie dem Könige als Euere Braut vor.“ „Nimmermehr! Sie liebt einen Andern und ich liebe eine Andre.“ „Sprecht Ihr im Traum?“ „Ich rede Wahrheit. Aber ſagt, findet Ihr nicht, daß Friederike in Geſtalt und Weſen Aehnlichkeit mit ——.— v Euerer frühern Geliebten, mit der reizenden Tochter des Herzogs von Ormund hat?“ „Wie kommt Ihr auf dieſe ſeltſame Frage?“ „Ei, wißt Ihr ſchon nicht mehr, daß ich das Stu⸗ dium der ars sympathetica mit Eifer getrieben, daß ich etwas auf die geheimen Wiſſenſchaften halte und auf Euerem Schiffe für einen Hexenmeiſter gelte?“ „Und wenn mir nun wirklich des Fräuleins Aehn⸗ lichkeit nicht allein mit meiner Henrica, ſondern auch mit meiner erſten Liebe in Liſſabon auffiele, was wür⸗ det Ihr mittels Eurer geheimen Wiſſenſchaft daraus ſchließen?“ „Daß ſie Euch beſtimmt iſt und nicht mir.“ „Ihr ſcherzt! Ich denke mich nach Se. Excellenz, des Herrn Feldmarſchalls Grafen Mörner's Willen bald mit dem Fräulein Broke zu vermählen, mit wel⸗ cher ich, ſo lang' ich in Schweden bin, Bekannſchaft habe. Mein Patron und Gönner wünſcht unſre Ehe, und ich habe keinen Grund, mich dieſem gnädigſten Wunſche, der mein Beſtes erzielt, zu widerſetzen; denn ich ſchätze das Fräulein Broke, ihrer Tugend und Liebenswürdigkeit wegen, vor allen andern Damen hoch.“ „Nicht die Leidenſchaft der Liebe hat Euch zu Euerer Braut geführt, nur das Bedürfniß des Um⸗ gangs, der Wunſch Eures Mäcens und die Conve⸗ nienz. Und Ihr werdet mir deshalb den Glauben nicht nehmen, daß Ihr nicht für das Fräulein beſtimmt ſeid. Es gibt gewiſſe geheime Indicien, die man nicht belächeln follte. Die Räthſel der Natur liegen nicht oben auf und vor Jedermanns Augen, ihre wunder⸗ baren Kettungen wollen gefühlt, geahnet ſein.“ „Geht mir mit Eueren Indicien, Räthſeln und Kettungen, mit Euern Gefühlen und Ahnungen und B 173 all dem wunderlichen Schnickſchnack!“ lachte der Ka⸗ pitän.„Meine Jungen haben Euch angeſteckt; Ihr fangt nachgerade ſelbſt zu glauben an, daß Ihr ein Zaubrer und Hexenmeiſter ſeid. Das Fräulein Broke wird meine Braut, und ich mache mein Glück durch ſie, weil ſie eine Verwandte des Grafen und von ihm wohl gelitten iſt. Uebrigens werde ich weder ſie noch jemals eine andere Dame mit jener leidenſchaftlichen Glut lieben können, mit welcher ich einſt meine Donna Iſabella und meine Prinzeſſin Henrica umſchlang. Dieſe Zeiten ſind vorüber, und mein Herz iſt todt für ſolche Empfindungen.“ „Nennt Starrkrampf nicht Tod, Noreroß; die Natur möchte Euch Lügen ſtrafen. Ihr ſeid von ihr zu einem ihrer Schooßkinder beſtimmt, und zwingt Euch ſelbſt, im Gleis der Gewöhnlichkeit Euer Leben hin⸗ zuſchleppen. Aber Euer Geſchick wird Euch wider Euern Willen beim Scheitel nehmen und den Flug eines Adlers führen.“ „Ihr ſprecht viel zu ſchmeichelhaft von mir. Ich ſehne mich nicht darnach, noch Liebesabenteuer zu be⸗ ſtehen. Ich wünſche Euch meine Erfahrungen in dieſem Stück, und bin überzeugt, Ihr würdet gleiche Meinung mit mir hegen.“ „Es ſcheint in der That, als ob Ihr ausgezeich⸗ netes Glück bei ſchönen Frauen hättet.“ „Leider oft zu ausgezeichnet!“ „Ich ahne. Jene Dame, welche Euch durch die Barbiersfrau in Barnet aus dem Gefängniß befreien ließ, mag Euere Erfahrungen in den Amoren nicht auf das Angenehmſte bereichert haben.“ „Ihr habt Recht.“ „Ich weiß nicht, welche ſonderbare Ahnung mich ——————————— bei Euerer Erzählung überſchlich. Ich halte, wie Ihr wißt, etwas darauf.“ „Welche Ahnung?“ fragte der Kapitän aufmerk⸗ ſam. „Der Ton Eurer Frage regt ſie noch mehr auf. Wie? Solltet Ihr meinetwegen den Namen jener Dame verſchwiegen haben?“ „Bei Gott! Ihr habt Recht!“ rief Norecroß er⸗ ſtaunt. „Und jene Dame war meine eigene Schweſter Ro⸗ ſamunde?“ „Steht Ihr wirklich mit Geiſtern im Bundes Seid Ihr mehr, als ich weiß? Steht Euch wirklich eine geheime Wiſſenſchaft zu Gebote?“ ſo rief der Kapitän Noreroß und warf den Kopf wie von Schrecken er⸗ griffen zurück. „Seid Ihr nun ſchon etwas mehr geneigt, an Ahnungen, Indicien u. dergl. zu glauben?“ „Sagt mir, ich beſchwöre Euch, wie ſeid Ihr darauf gekommen, in jener Dame Euere Schweſter Roſamunde zu vermuthen?“ fragte der Kapitän noch immer verwundert. „Ich diente in der Provinz und kam ſelten nach London; aber da Ihr von unfrer Partei wart, ſo hörte ich oft von Euch reden. Meine Sendungen an den Hof von St. Germain und Bar ſur Aube gaben mir ebenfalls Gelegenheit, von Euch zu hören. So oft ich in London war, redete Noſamunde von Euch. Sie war eine Bekannte der Prinzeſſin Henrica; die große Welt nannte Beide Freundinnen. Doch das kounten ſie nicht ſein; denn Henrica war tugendhaft, Roſa⸗ munde nicht; ich wußte viel Tadelnswerthes von meiner Schweſter. Von Eurer Liebenswürdigkeit reden, war bei ihr ſchon ſicherer Beweis, daß ſie ſterblich in Euch verliebt ſei. Ueberdies wußte ich, daß die Amme meiner Schweſter einen Barbier in Barnet geheirathet hatte. Kaum alſo hattet Ihr die Prinzeſſin Henrica als Euere Geliebte in London bezeichnet, ſo ahnte mir, daß Roſamunde Euere Befreierin aus dem Gefängniß geweſen ſein möchte. Der Name meines Vaters, die Einkünfte ihrer eignen Baronie, ihre Schönheit, die ſie zu ihren Zwecken an den Mann zu bringen ſich nicht ſcheute, und zuletzt ihre ſchlaue Erklärung, daß ſie mit Leib und Seele der hannöveriſchen Partei und den Whigs zugethan ſei, womit ſie ſich überall eingeſchmei⸗ chelt, ja wodurch ſie ſogar Einfluß erlangt hatte, da mein Vater immer im Verdacht des Jacobitismus war; alle dieſe Mittel machten ihr wahrſcheinlich die Oeff⸗ nung Eueres Gefängniſſes leicht. Aber ſagt mir nun auch, welchen Lohn begehrte ſie für ihre Befreiung?“ „Verzeiht, Major, wenn ich Euch dieſe Bitte ab⸗ ſchlage. Vielleicht finden wir ſpäter Gelegenheit, dar⸗ über zu reden, und die Zeit hat mich dann geneigter gemacht, über ein mir widriges Verhältniß zu ſprechen. Jetzt laßt uns vor allen Dingen überlegen, was aus dem Fräulein von Gabel werden ſoll.“ „Ich hobe ihr wunderliches Schickſal unbeſonnener Weiſe veranlaßt, nun will ich auch für ſie ſorgen. Laßt mich darüber mit ihr ſelbſt ſprechen.“ „Gut, ſo wollen wir unſern Burſchen die Zungen ſchweigen laſſen; denn in zwei Stunden legen wir im Hafen an.— Meiſter Pehrſohn!“ rief er jetzt dem Ober⸗ bootsmann zu, der die Taue eben einrollte, dann und wann den Tabaksrauch unwillig aus ſeiner Pfeife blies und mit ſcheelen Blicken nach dem Fräulein von Gabel hinſah.„Es macht ſich nothwendig, daß außer unſrer Mannſchaft keine Seele etwas von dem Raube jenes Mädchens erfährt.“ 176 „Für meine Burſche bürg' ich, aber nicht für die däniſchen Stockfiſche da hinten auf dem Schoner.“ „Dieſen will ich das Maul ſtopfen. Wer eine Sylbe lallt, ſo droh' ich, bekömmt zwei Loth ſchnelles Blei hinein. Das wird ihnen die Zähne zuſammen⸗ halten. Beſprecht Euch mit unſern Leuten.“ „Viel Umſtände eines Unterrocks wegen!“ grom⸗ melte der Bootsmann. „Alter, ſeid nicht ſo bös. Die Sache ging nicht anders.“ „Ihr werdet ſehen, daß der Graf⸗Mörner nun kein Glück mehr hat. Ein Weib auf dem Schiffe! Aller Appetit iſt mir vergangen, ſeit Ihr ſolch' Fleiſch, ſolch—— nun man nennt's nicht gern— einge⸗ nommen habt; ich habe meinen Grog mit Ekel ge⸗ trunken. Puh! Mich ſchaudert's, wenn ich daran denke!“ „Ihr ſeid ein Narr, Pehrſohn!“ „Herr!“ erwiderte der Bootsmann und machte mit dem rechten Arm eine drohende Bewegung nach Stockholm zu,„wenn Ihr mir deshalb einen Narren ſtechen wollt, ſo beſchimpft Ihr damit einen höhern und mächtigern Mann, als Pehr Perſohn, einen Mann, den Ihr ſo hoch verehrt, wie ich, und der alle Ver⸗ ehrung verdient, obgleich er's ſein Lebtag über ſo ge⸗ halten hat, wie ich, d. h. er hat nichts von Weibern gehalten. Ich meine damit unſern allergnädigſten Kö⸗ nig und Herrn.“ „Laßt's gut ſein, Meiſter, es war ſo arg nicht gemeint,“ begütigte ihn der Kapitän. „Weil mir einmal des Königs Majeſtät in den Sinn kommt,“ fuhr der Bootsmann fort,„ſo beſinnt Euch doch ja, was Ihr ſagen wollt, wenn der König, wie's oft trifft, im Hafen ſein und gleich unſere Fre⸗ 177 gatte beſteigen ſollte. Glaubt Ihr, er werde ſchmun⸗ zeln, wenn er den Unterrock unter unſern Schiffsjacken findet? Den rührt der Anblick eines bartloſen Geſich⸗ tes ſo wie mich, oder es wird ihm zu Muthe, wie den Hunden, wenn ſie eine Katze in der Stube riechen. Und eine feine Naſe hat die Majeſtät auch und weiß gewiß ſo gut, wie ich den Geruch eines Unterrocks vom Theerduft einer Matroſenjacke zu unterſcheiden. Zu⸗ letzt mein' ich, wenn die Sache geheim bleiben ſoll, ſo darf das Weibsbild nicht mit in den Hafen; denn in einer Stunde wüßten es alle Waſſerratten, daß aus dem Grafen⸗Mörner ein Menſch hervorgekrochen ſei, der keine Hoſen getragen habe; Ihr müßtet ſie denn in eine Kiſte packen und alſo an's Land ſchaffen laſſen oder bis um Mitternacht in der Taukammer verſtecken.“ Flarmann, der daneben ſtand, pflichtete dem Boots⸗ mann bei, und auch der Kapitän fand es einleuchtend, daß Friederike nicht mit in den Hafen einlaufen dürfe.. Der Steuermann Reetz, der Lieutenant Gad und der Schiffschirurgus Habermann wurden alſo mit zum Collegium gezogen, um zu berathen, was man zu thun habe, um alles Maulgeſperre zu vermeiden. „Ich habe meine Gedanken ſchon im Stillen über die Frau gehabt,“ ſagte Reetz.„Lieber Gott! Men⸗ ſchen ſind ja die Weiber wohl auch und Geſchöpfe Gottes, aber doch eigentlich nur halbe. Denn ſagt ſelbſt, ſie ſind da um zu eſſen und zu trinken, nicht aber, um auch zu arbeiten; ſie ſind da für die Nacht, nicht aber für den Tag; ſie ſind da für das feſte Land, nicht aber für das Meer. Auf das Waſſer ſoll keine Frau. Wir fuhren einmal— es mögen wohl ein halbes Schock Jahre ſein— an einem ſtürmiſchen Tage Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xl. 12 — 6 178 durch den Kattegat, da ſtoßen wir auf das ſtralſun⸗ der Packetbvot und geben ihm eine Salve. Das Boot wollte erſt ſein Heil im Weiten ſuchen, aber wir hat⸗ ten den Kiel angebohrt und die Planken zum Siebe gemacht; es mußte nach der dritten Salve die Segel ſtreichen. Aber denkt Euch unſern Schrecken, als wir hinüberſetzen und eine Frau zerſchoſſen auf dem Bo⸗ den der Kajüte liegen finden, die einen Säugling an der blutenden Bruſt hat! Beinahe hätten wir über ſolchen Anblick die ganze Priſe in Stich gelaſſen. Nun, ich erbarmte mich des Wurms, aber wenn's doch ein Junge geweſen wäre! Nein, ein Mädel! Was half's? Ich fütterte die kleine Beſtie mit Fleiſchbrühe und Wein, ſchleppte mich damit herum, wie eine Amme und bracht's glücklich davon. Na, jetzt hat ſie einen Mann und Kinder.— Ein ander Mal zwang mich der ruſſiſche Kapitän Hutchin, in deſſen Dienſten ich ſtand, ein Weib an Bord zu nehmen! Das war eine Noth!—“ „Es iſt gut, Meiſter Reetz,“ unterbrach der Kapi⸗ tän den redſeligen Alten etwas ärgerlich,„wir wollen der gegenwärtigen Noth gedenken und überlegen, wie wir ſie loswerden.“ „Ich ſehe nicht ein,“ begann der Lieutenant Gad etwas hochtrabend,„wie man ſich auf dem Waſſer aller menſchlichen Gefühle dergeſtalt entäußern kann, daß man das Unterſte zu oberſt kehrt und den Schmuck, die Zierde, die Blüthe des Menſchengeſchlechts für deſſen Abwurf hält? Ein ſo bezauberndes Weſen, wie jene Schöne, ſollte von uns Allen hoch verehrt und im Triumph in den Hafen der Hauptſtadt eingeführt werden.“ „Ich wundre mich über nichts weiter,“ ſagte der Kapitän lächelnd,„als daß Ihr mit dieſen zärtlichen 179 Geſinnungen Euere ſechsunddreißig Jahre erſtiegen habt, ohne vom Liebesgott in feſte Bande geſchmiedet worden zu ſein. Wollt Ihr nicht bei jener Schönen anfragen, die Euere Gunſt in ſo hohem Grade zu be⸗ ſitzen ſcheint? Sie iſt dermalen vacant.“ „O ſpottet ihrer nicht!“ bat Flarmann mit einem Tone, der von ſeiner innern Verletzung ſprach. „Mit Verlaub zu melden,“ erhob jetzt der Chirur⸗ gus ſeine feiſte Stimme,„was mich betrifft, ſo denk' ich, wir ſetzen ein kleines Boot aus, packen das ſchwarzäugige Teufelchen hinein und buriren es gleich nach Ladugards Landet hinüber. In der Karlsſtraße neben dem alten Nonnenkloſter wohnt eine ehrbare Witwe in einem Häuschen Sie hat viel Bekannt⸗ ſchaft, und ich habe die Ehre, dazu zu zählen; das macht, ihr verſtorbener Eheherr war Chirurgus und Barbier. Frau Ebba Ankarfield führt die Barbierſtube fort, ſchenkt dabei Wein und Branntwein und ver⸗ miethet ihre Zimmer an anſtändige Fremde. Man wohnt abgezogen bei ihr; denn die Paſſage iſt dort gering. Auch giebt ſie auf Verlangen ein Stübchen hinten hinaus.“ „Oi ich kenne die Frau Ankarfield!“ rief Juel Swale;„ich bin mit den Matroſen zuweilen bei ihr eingekehrt. Sie macht gern Redens und hält beſonders viel auf ihre Ehre.“ „I! Du Wetterjunge!— Mit Verlaub, Kapitän, ſo kann ſie der Bube hinführen und einen Gruß von mir bringen. Hernach, wenn unſre Sachen in Ord⸗ nung ſind, könnt Ihr ja weiter über die Sache nach⸗ denken.“ „Bei meiner Treu, ich glaube, Meiſter Haber⸗ mann giebt uns den beſten Rath!“ rief Flarmann. „Es iſt wahr!“ ſetzte der Kapitän hinzu.„Ich 180 hatte einen ähnlichen Vorſchlag, wenn ich auch nicht Straße, Haus und Miethleute, wo das Fräulein woh⸗ nen ſoll, anzugeben wußte. Erſt wollte ich den Rath meiner Herren darüber hören.“ „Gebt mir den Juel und noch einen Matroſen, ich werde das Fräulein begleiten, das bin ich ihr ſchuldig,“ ſprach Flaxmann. „Mit Verlaub, Ihr werdet bei Frau Ankarfield ſo vortrefflich wohnen, wie im beſten Kaffeehaus auf dem Ritterholm,“ erinnerte der Chirurgus geſchmeichelt. „Nur muß ich, mit Verlaub, Euch bitten, der guten Witwe, die meine Freundin iſt, nicht merken zu laſſen, daß Ihr mehr könnt wie andere Leute, ſonſt würde ſie Euch um keinen Preis der Welt aufnehmen; denn ſie würde in ſteter Angſt ſein, Ihr möchtet Euch in einen Wehrwolf verwandeln, und vor Wehrwölfen hat ſie beſondern Reſpekt.“ „Aber was ſoll ich thun, wenn ſie nun Luſt be⸗ käme, in meine Schreibtafel zu ſehen?“ Der Chirurgus wurde noch röther, als die ge⸗ wöhnliche Wirkung der eingenommenen Spirituoſa ihn färbte, und der Lieutenant Gad wendete ſich ver⸗ legen ab. „Wir haben eins überſehen,“ bemerkte der Kapi⸗ tän,„nämlich: ob die Dame auch Luſt hat, ſich wie eine verbotene Waare in die Stadt ſchmuggeln zu laſſen. Lieutenant Gad, habt die Güte, ſie darum zu befragen.“ Der Lieutenant zauderte und blickte den Kapitän mit einem albernen Geſichte bittend an. „Was zögert Ihr?“ fuhr Norcroß fort.„Ihr habt Euch ſo deutlich zu Gunſten jener Dame erklärt, daß Euch die Gelegenheit, mit ihr in ein Zwiege⸗ ſpräch zu gerathen, willkommen ſein muß.“ 181 „Ich bitte ſehr um Entſchuldigung,“ ſtotterte der Lieutenant.„Auf ſolchen Fall nicht vorbereitet— wie könnte ich— wie vermöchte ich— die Kühnheit — die Wagniß—— ich kann nicht— ich bin's nicht im Stande.“ Der Kapitän und Flaxmann brachen in lautes Lachen aus, aber ſelbſt dieſer Impuls vermochte die lange, dürre, zuſammengebeugte Geſtalt des Lieutenants nicht in die Höhe zu richten; auf den Backenknochen ſeines ſonſt fahlen Geſichts hatte ſich eine Stelle in der Größe eines brabanter Thalers hochroth gefärbt und ſeine Augen irrten in grenzenloſer Verlegenheit am Boden. „Es fällt mir bei,“ ſagte Noreroß ſchelmiſch,„daß, ſo lange auch die Schöne ſchon am Bord unſerer Fre⸗ gatte iſt, Ihr doch noch keine Gelegenheit genommen habt, ihr näher zu treten, und doch brachen die Ge⸗ fühle Eueres Herzens vorhin in lichten Flammen aus. Wohlan, ich muß Euerer Schüchternheit zu Hülfe kom⸗ men, ſonſt ſterbt Ihr unbeweibt, und die Welt wird um Euere Nachkommenſchaft betrogen. Ich befehle Euch alſo, Lieutenant, Euch ſogleich zum Fräulein von Gabel zu verfügen und ihr geziemend vorzutra⸗ gen, ob ſie geſonnen ſei, unſern Vorſchlag hinſichtlich ihrer Einbringung in die Stadt anzunehmen? Stellt ihr unſre Gründe mit Anſtand und Ueberraſchung vor.“ Der Lieutenant verſuchte noch einmal, an die Milde des Kapitäns zu appelliren, aber der nieder⸗ ſchmetternde Blick deſſelben verſchloß ihm den Mund und trieb ihn, der ſeine unbeſonnenen Reden ſtill im Herzen verwünſchte, wankend vorwärts. Der Mann, deſſen Herz ſchon ſeit zwanzig Jahren in ſtillem aber gewaltigem Feuer für das andere Geſchlecht ſich 182 verzehrte, der ſich in jedes Buſentuch verliebt hatte, aber auch vor jedem Frauenfuß in namenloſer Angſt geflohen war, der ſelbſt eines ſinnbetäubenden Zitterns ſich nicht erwehren konnte, ſobald ihm Kinder weibli⸗ chen Geſchlechts zu nahe kamen, dieſer Mann ſollte nun zum erſtenmal in ſeinen Mannesjahren mit einer Dame veden! Es flirrte ihm vor den Augen, er machte einen großen Bogen und ſchlich endlich auf den Zehen von hinten an das Fräulein heran. Aber er hielt“den Athein ſo ſtreng an ſich, als müßte ihm jeder Zug einen Theil ſeiner Lebenskraft rauben, und die in Gedanken Vertiefte bemerkte nicht eher etwas von ihrr, bis ihm die Angſt einen lauten Seufzer auspteßte. Zetzt wandte ſie ſich um; der Lieutenant hüpfte erſchrocken zurück und fing an, tölpiſche Kratz⸗ füße zu machen. Angſt und Schrecken hatten ihm die Kehle zugeſchnürt; ſeine Lippen bewegten ſich fieberiſch, aber kein Laut drang aus ihnen hervor. In Er⸗ mangelung der Sprache hufte er nur immer weiter zurück, bückte ſich immer tiefer, ſchlug immer heftiger hinten und vorn aus, und gerieth auf dieſe Weiſe in die Taue, mit deren Ordnen Meiſter Pehrſon be⸗ ſchäftigt geweſen war, als er zum Schiffsrath des Kapitäns gerufen wurde. Die langen ungeſchickten Füße des Lieutenants verwickelten ſich in die Stricke und zappelten wie ein paar Aale im Fiſchernetz: er ſuchte ſich in Todesangſt aus den Garnen zu helfen, kam aber tiefer hinein und ſtürzte mit einem See⸗ mannsfluch der Länge lang vorwärts auf das Verdeck in der Richtung nach dem Fräulein zu, ſo daß ſein breiter Mund einen heftigen Kuß auf Friederikens Füße drückte, vie belr ſich dieſer ſonderbaren Hul⸗ digung ſchnell entzog. Dieſer Fall erregte das Ge⸗ lächter der ganzen Schiffsmannſchaft, und Flarmann — — 183 eilte zu Friederiken, aus Beſorgniß, ſie möchte ſich beleidigt fühlen, bot ihr die Hand und führte ſie in die Kajüte, um ſie dort mit ſeinem Plane bekannt zu machen. Kaum war er mit ihr verſchwunden, als ſich der Lieutenant aufraffte, die Taue von den Fü⸗ ßen ſtreifte und wüthend ausrief:„Der Teufel hole alle Zauberer und Herenmeiſter! Ich muß um meinen Abſchied bitten, Kapitän, wenn Ihr känger mit dieſem Höllenbraten Umgang pflegt. Jetzt habt Ihr's deut⸗ lich geſehen, und Alle, wie er mich bethört und be⸗ hert und in die Taue hineingeführt hat. Ich will nicht ſelig ſein, wenn er nicht die Schuld an meinem Unfall und an meiner Schande allein trägt! O ich bin wüthend!“ „Aha, Ihr denkt an die Geſchichte aus der rothen Schreibtafel. Laßt Gras darüber wachſen!“ Der Lieutenant zog ſich beſchämt unter die Matro⸗ ſen zurück, und Flarmann kam, dem Kapitän anzu⸗ ſagen, daß das Fräulein mit dem Beſchluſſe zufrieden ſei. Sogleich gab dieſer Befehl, ein Boot auszuſetzen. Flarmann ſtieg mit einem Matroſen hinab, und ru⸗ derte auf den däniſchen Schoner los, der im Schlepp⸗ tau der Fregatte hing und auf welchen Alle, welche darauf gefangen genommen worden, verwieſen waren, um alſo in gehöriger Ordnung im Hafen einzulaufen. Dort unterhielt ſich Flarmann einige Zeit mit dem Franzoſen Courtin und legte wieder an der Fregatte an, dem Kapitän Lebewohl zu ſagen und die Dame zu erwarten. Dieſe erſchien gleich darauf an Norcroß' Hand, der ſie höflich die Treppe hinab in's Boot be⸗ gleitete. Beide nahmen Verabredung, ſich den andern Morgen zu ſprechen, und ſchieden dann mit brüder⸗ lichem Kuſſe von einander; das Boot ſtieß ab, und Juel Swale gab die Richtung an, indem er das 184 Steuer regierte. Der Matroſe und Flaxmann ru⸗ derten rüſtig. Die Fregatte mit dem Schoner lief, ſtolz ihre Segel aufblähend, unter dem Jubel der Matroſen und dem Donner ihrer Geſchütze in den Ha⸗ fen der Königsſtadt ein. 18. Die heiden politiſchen Principe. Langſam bog das Boot um die Inſeln und Halb⸗ inſeln des Meerbuſens und hielt ſich links hinauf nach dem Norr⸗Malm. Flaxmann und Friederike ſaßen einander ſchweigend gegenüber, und die beiden Matro⸗ ſen ſtrichen die Riemenblätter aus Leibeskräften, um das winzige Schifflein zu beflügeln, und brummten ein Schifferlied dazu. Dem Fräulein kam die Weiſe des Geſangs bekannt vor, ſie fühlte ſich wunderbar davon angeregt und bat den kleinen Juel endlich, ihr das ganze Lied vorzuſingen. Der muntere Knabe ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er winkte dem alten Matroſen zu, dieſer ließ ſogleich ſeine kräftige Baß⸗ ſtimme ertönen, an welche ſich Juel's Sopran an⸗ ſchmiegte und unter dem Accompagnement des Wel⸗ lengeplätſchers und dem tactmäßigen Ruderſchlag ſan⸗ gen ſie: „Es flattern die Segel im Winde, Es ladet die rollende See. Was fehlt doch dem weinenden Kinde? Ach, ſcheiden und meiden weh! Ade! Ade! Ob ich Dich wieder ſeh'? 185 „Was weinſt Du noch länger am Strande? Einen Pflüger mußt Du Dir frein, Der weilet hübſch immer im Lande, Der iſt und bleibet ſtets Dein. O nein! O nein! So kann's mit uns nicht ſein! „Den Schiffer läßt es nicht raſten; Er muß in die Meere hinaus. Ihm winken die rieſigen Maſten, Ihn locket des Waſſers Gebraus. Sein Haus, ſein Haus Verſinkt mit Mann und Maus. „Auf dem friedlichen Felde zu hauſen, Kein Schiffer verlangt und begehrt. Wenn die Wellen ſauſen und brauſen, Da wird ihm erſt Wonne beſchert. Der Herd, der Herd Iſt nichts dem Schiffer werth. „Wohlauf denn, entfaltet die Segel! Wir ſind mit dem Waſſer vertraut. Was flattern ſo ängſtlich die Vögel? Heißt Sturm ihr kreiſchender Laut? Nicht graut, nicht graut, Wer feſt auf Gott vertraut. „Die Windsbraut donnert; es ſplittert Vom Blitz getroffen der Maſt. Wo wär' ein Schiffer, der zittert? Wo einer vor Furcht erblaßt? Gefaßt— gefaßt Sind wir auf ew'ge Raſt. „Und ſinkt auch das Schiff in die Tiefe; Ich wüßte nicht, wo ſich's ſo gut Rach Arbeit und Kümmerniß ſchliefe, Als in der kryſtallenen Fluth. Drum Muth! Drum Muth! Dort wird ja ausgeruht.“ 186 „Es iſt ſeltſam,“ ſagte Flaxmann, als die Schif⸗ fer ſchwiegen,„ich habe dies Lied auf meinen See⸗ reiſen ſchon oft gehört; Engländer, Holländer, Dä⸗ nen und Schweden ſingen es, jedes Volk in ſeiner Sprache, aber Alle nach derſelben halb fröhlichen, halb melancholiſchen Weiſe; aber ſo oft ich es auch hörte, ſo wurden jedesmal alle Kinderträume in mir wach, und meine Jugend ging in bunten Gaukelbil⸗ dern an mir vorüber. Die kindliche Melodie muß es mit ſich bringen. Und es ſcheint mir faſt, als hätte das Lied ähnliche Gefühle in Ihnen erregt, mein Fräulein.“ „Warum ſollt' ich es läugnen? Dieſes Lied wäre vor wenigen Tagen ſpurlos an mir vorübergegangen, während es jetzt Empfindungen in mir erregt, wie ich ſie noch nie gehabt. Mir iſt ſo ſeltſam zu Muth ge⸗ worden, wie ſeit meiner Kindheit nicht. Ich bin, ſeit ich das Feſtland nicht mehr betreten, ſo umgewandelt, daß ich mich ſelbſt nicht mehr kenne.“ „Wie glücklich könnte der Mann ſein, der dieſe Verwandlung bewirkt hat! Doch laſſen Sie uns das vergeſſen! Der Sturm der Leidenſchaft iſt durch ein paar Ihrer Zauberworte beſiegt, und der erſt in ge⸗ waltiger Liebesglut und wilder Rache gegen Sie ent⸗ brannt war, wünſcht jetzt Ihr Freund zu ſein. O möchten Sie mir eine Schweſter werden, Friederike!“ Sie reichte ihm die Hand und ſagte:„Gern. Sie häben ja aber ſchon Schweſtern?“ „Zwei. Doch ſind ſie todt für mich. Die Ael⸗ tere iſt die Gattin eines Whigs, der ſich für den Kur⸗ fürſten von Hannover erklärt hat. Sie hat die Grund⸗ ſätze ihres Stammhauſes abgeſchworen. Wir ſehen uns nie wieder. Die ZJüngere iſt von Reichthum und der großen Welt verdorben. Sie hat alle Heiraths⸗ 187 anträge ausgeſchlagen, um frei und unabhängig ihren unkeuſchen Neigungen leben zu können. Wir ſind uns fremd geworden.“ „Die Unglückliche!“ rief Friederike mit Gefühl. „Der gegenwärtige Augenblick erinnert mich um ſo lebhafter an ſie, mit der ich auf dem Stammſitze unſeres Hauſes am nördlichen Ufer des Sees Windan⸗ dermeer erzogen wurde. Auf dieſem großen See fuh⸗ ren wir poft in einem Kahn; ich ſaß ihr gegenüber, wie Sie; unſer Haushofmeiſter und ein ehemaliger Matroſe ruderten und ſangen, wie dieſe wackern Burſche hier. Jetzt gehört mir Niemand mehr an. Ich durch⸗ irre die Welt wie ein Geächteter.“ „Sie ſind ein beklagenswerthes Opfer der politi⸗ ſchen Stürme Ihres Vaterlands. Hätten Sie ſich der ſiegreichen Partei in England angeſchloſſen, würden Sie Freunde, Verwandte, Verehrer in Menge haben und eine bedeutende Stellung einnehmen.“ „Die gerechte Sache des vertriebenen Königsge⸗ ſchlechts wird ſtets die meine ſein, mag mein Schick⸗ ſal auch noch härter werden.“ „Die Idee der Sache iſt des Sieges werth; ihre Repräſentanten nicht.“ „Ich weiß es; die letzten Stuart's waren nicht Könige, wie ſie Großbritannien bedarf. Sie verſtan⸗ den die Regierungskunſt nicht, ſie häuften Fehler auf Fehler. Aber ſchmälern dieſe Mißgriffe das Recht ihres Hauſes auf den engliſchen Thron auch nur haarbreit?“ „Nein, ſobald Sie nicht zugeben, daß der Sproß durch Untüchtigkeit das Recht des Hauſes verwirkt.“ „Ein Recht, das einmal als ſolches anerkannt Jahrhunderte lang fortbeſtanden hat, kann durch kein Verhältniß in der Welt aufgehoben werden. Es iſt von Gott und den Menſchen geheiligt, es macht einen der Grundpfeiler aus, auf welchen das Staatsgebäude und die ganze menſchliche Glückfeligkeit ruht. Nehmen Sie dieſen Pfeiler weg, taſten Sie das geheiligte Recht an, und über lang oder kurz ſtürzt das Haus zuſam⸗ men und begräbt Tauſende mit ſeinem Schutte. Und iſt erſt das Recht von den Menſchen verläugnet, das Haus geſtürzt, dann tritt ein chaotiſcher Zuſtand der Anarchie ein, und Alles iſt verloren. Blutſtröme düngen die Erde, der Bürgerkrieg wüthet in den Ein⸗ geweiden des Volks, der Sohn kämpft gegen den Va⸗ ter, der Bruder mordet den Bruder, die Welt rollt aus ihrem Gleiſe, wie der Sonnenwagen, als ihn Apollo der ungeſchickten Hand ſeines Sohnes vertraute, und namenloſes Verderben wandelt, wie in der Mythe, über die Erde, bis Apollo ſelbſt die Zügel der Son⸗ nenroſſe wieder ergreift und der vorwitzige Phaston geſtürzt iſt, bis ein weiſer und ſtarker Mann, den der Himmel ſelbſt zum Könige der Menſchen beſtimmte, um dem Jammer ein Ende zu machen, das Ruder des lecken Staatsſchiffes ergreift, und— nun dann haben wir wieder Könige, erbliche Monarchien und die al⸗ ten eiſernen Rechte und Geſetze, die das Ganze weiſe zuſammenhalten, wie eiſerne Reife die Tonne, in welcher der gewaltige Wein gährt und brauſt; die Reife ſag' ich, werden wieder umgelegt und das to⸗ bende Gemiſch beruhigt ſich.“ „Sie malen mit kebendigen Farben, mein Freund. Die Welt muß meiner Meinung nach auf anderm Wege zum Ziel des Glücks und der Wohlfahrt geführt werden. Alles Schöne und Hohe auf Erden duldet keine Feſſeln, läßt ſich nicht erzwingen. Frei und von ſelbſt fallen die Göttergaben uns vom Himmel. Wo der Zwang waltet und das eiſerne, gegen die 189 Vernunft ſelbſt ſtrebende Geſetz, da fliehen die Gra⸗ zien und Muſen und der menſchliche Wille gibt ſich mit trüber Muthloſigkeit der tyranniſchen Nothwendig⸗ keit gefangen. Die Freiheit iſt der Acker, in welchem das Menſchengeſchlecht ſeiner Vollendung und Glück⸗ ſeligkeit entgegenreift. Aber wir verſtehen dieſen Acker noch nicht zu bebauen, wir wiſſen das Unkraut noch nicht vom Weizen zu unterſcheiden und reuten entwe⸗ der gar nicht, und dann wächſt das Unkraut, vermöge ſeiner innern gemeinen Natur, über den Weizen, raubt ihm die Nahrungsſäfte, nimmt ihm das wohlthätige Sonnenlicht und verderbt ihn; oder wir reuten und reißen die beſten Weizenpflänzlein mit dem Unkraut weg, und ſind um nichts gebeſſert. Alſo Kultur thut uns noth, und die läßt ſich nicht erzwingen; langſam zieht ſie über die Erde, aber ihr Siegeswagen gräbt unauslöſchliche Spuren in den Boden. Sobald die Menſchheit der Freiheit werth iſt, wird ihr der Him⸗ mel ſein ſchönſtes Geſchenk nicht ferner vorenthalten, und man wird nichts mehr wiſſen von Stuart's und Hannoveranern, von den Zänkereien und Eiferſüchte⸗ leien der Könige von Schweden und Dänemark.“ „Von dieſen allerdings nicht, aber von Andern. Um Herrſchaft wird ewig gekämpft werden.— Wir repräſentiren die beiden ſich einander entgegenſtehenden Principe. Unſere Freundſchaft wird ſich mit der Ver⸗ ſchiedenheit unſrer Meinungen vertragen; Liebe weiß von all' dem nichts. Sie iſt ein unſchuldiges, unwiſ⸗ ſendes Kind, das allein mit Blumen ſpielt. Ich fühle tief, daß ich nur Chriſtinen liebe. Aber geben Sie mir Hoffnung! Ich bedarf ihrer, um nicht an meinem Schickſal zu verzweifeln.“ „Hoffen Sie, mein Freund! Der Himmel läßt keinen Hoffenden ſinken.“ 190 Flarmann ſchwieg und verlor ſich in ein düſteres Träumen, aus deſſen Zwielicht ihm endlich das Fräu⸗ lein von Ove mit ihren ſanften Zügen und kieben milden Augen entgegentrat. Er war endlich ganz bei ihr, indeſſen der unſtäte Geiſt des Fräuleins von Ga⸗ bel von einem kühnen Ziel ihrer Wünſche zu einem noch kühner g und ſich in großartigen Phanta⸗ ſiegebilden chte. Das Boot hatte ſich der Stadt allmälig genähert, und die Reiſenden ſahen ſich endlich von Inſeln um⸗ geben, die mit prangenden Paläſten, ehrwürdigen Kir⸗ chen und ſtolzen Häuſern bebaut waren und deren ild die helle Fluth wiederſpiegelte. Die Schiffer fuhren nordöſtlich am Strande hin, und legten an einem kleinen Landungsplatze an. Juel ſprang heraus, legte den Steg für die Andern und gab der Dame die Hand. Sobald Flaxmann heraus war, ſtieß der Matroſe wieder ab. Es war ein ſonderbarer Anblick, das ihrem Stande gemäß gekleidete Fräulein in koſtbarem Jagdanzuge am Arme des in den däniſchen Soldatenrock gehüllten Flax⸗ mann, dem voraneilenden Juel folgen zu ſehen. In dieſem Aufzuge gingen ſie durch mehre Straßen, bis der Schiffsjunge an einem Erkerhäuschen in einer abge⸗ legenen Straße ſtand und ſagte:„Hier ſind wir am Hauſe der Frau Ankarfield.“ 191 19. Eine Frau von Ehre. Die kleine Geſellſchaft trat ein und ſah ſich bald in der Schenk⸗ und Barbierſtube der belobtén Witwe. An einigen Tiſchen ſaß männliche Geſellſchaft, ein Schlag Menſchen, die weder Zutrauen für ſich, noch für die Wirthin einzuflößen im Stande waren. Sie unterhielten ſich mit Würfel und Karte, und der vor ihnen dampfende Punſch zeigte zur Genüge, was ihr Geſchmack war. Flaxmann hatte die Scene kaum über⸗ blickt, als er ſehr lebhaft an die edle Verſammlung im Kaffeehauſe vor dem Dammthore in Hamburg erinnert wurde, ja er glaubte für den erſten Augen⸗ blick dieſelben Geſichter zu ſehen, welche ihn dort um⸗ geben hatten, und ein ängſtliches Gefühl überkam ſeine Seele. Die ſchauerlichen Erlebniſſe jener wüſten Nacht und jenes grauenvollen Tags, wo er im Spiel ſeine letzte Habe verloren, wo ihn Liebeswahnſinn, Ver⸗ zweiflung und die nichtswürdige Liſt ſeiner Umgebung zu einem ſchrecklichen Schritte getrieben hatten, zogen in düſtern Schattenbildern raſch an ſeinem innern Auge vorüber, und es gemahnte ihn wie ein Traum, daß der Gegenſtand ſeiner glühendſten Wünſche, das reizende Ziel ſeines kochenden Rachegefühls, die eigent⸗ liche Urſache jenes verzweifelten Schrittes nun neben ihm ſtand, nicht mehr von ihm begehrt, nicht erſehnt, ſondern freiwillig von ſeinen Wünſchen aufgegeben, die nun weit flatterten nach einem andern Gegenſtand einer neuen heißen Sehnſucht. Aus dieſem träumeri⸗ ſchen Brüten ſchreckte ihn der Blick eines der Spie⸗ 192 ler. Der Kerl glotzte ihn an, und Flaxmann war überzengt, daß dieſer verwegen ausſehende Menſch bei ſeiner Anwerbung zur däniſchen Fahne in Hamburg gegenwärtig geweſen ſein müſſe. Unterdeſſen hatte Juel ſein Geſuch bei der Wirthin vorgebracht. Eine lange hagere Frau von ſchwärzli⸗ chem Teint, den Kopf gebückt vorwärts tragend, trat ihnen entgegen. Ihr langes eingefallenes Geſicht er⸗ hielt durch eine auf ihrer langen höckrigen Naſe ſitzende ſehr unförmliche und unſchimmere Brille durch und über welche ihre kleinen ſchwarzen Augen arg⸗ wöhniſch lugten, und durch die unordentlich unter der ſchmuzigen ledernen Haube in Stirn und Schläfe her⸗ einhangenden halb ſchwarzen, halb grauen Haare ei⸗ nen abſchreckenden Ausdruck. Zuel hatte mit geläufiger Zunge den höflichen Gruß von Meiſter Habermann vorgebracht und das Begehr der Fremden genannt.. „Danke, danke ſchön, mein Puttchen, danke für die Ehre,“ ſchmunzelte Frau Ankarfield, und klopfte den Jungen mit ihren langen dunkelbraunen knöcher⸗ nen Händen auf die blühenden Backen„Meiſter Ha⸗ bermann iſt ein Ehrenmann, denn er weiß andere Ehrenleute zu ſchätzen. Unſereins hat auch ſeine Am⸗ bition. Er iſt ein guter Freund meines ſeligen Man⸗ nes geweſen und hat mir immer viel Ehre angethan. Danke, danke ſchön, für die große Ehre von Meiſter Habermann! Er wird mich doch morgen beſuchen, mein Söhnchen?“ „Ganz gewiß, ſehr ehrenwerthe Frau Ankarfield, wird er das. Ich hatte vergeſſen, Euch ſeinen baldi⸗ gen Beſuch anzuſagen.“ „Sehr viel Ehre, lieber Junge.“ „Ehre dem Ehre gebührt,“ verſetzte der ſchelmiſche 193 Knabe, der die ſchwache Seite der Barbierswitwe kannte. „Komm, mein Scheckchen, und labe Dich an ei⸗ nem Glaſe Punſch. Du biſt verſtändiger, als man nach Deinem jugendlichen Ausſehen ſchließen möchte, und weißt Jedermann ſeine gebührende Ehre anzu⸗ thun; eine große Seltenheit ih Deinen Jahren. Komm und trink, mein Schätzchen.“ „Ich werde die Ehre zu erwidern wiſſen, hoch⸗ geſchätzte Frau Ankarfield; aber ſagt mir doch gefäl⸗ ligſt zuvor, ſeid Ihr geſonnen, den beiden Fremden hier ein paar Stuben in Euerm ehrenwerthen Hauſe einzuräumen?“ „Ein Paar? Ein paar Stuben? Wie gern, lie⸗ ber Junge, wenn ich nur könnte! Ein Paar kann ich nicht. Doch hör' nur, kleines blauäugiges Spitz⸗ bübchen, komm, hier ſteht Dein Punſch. Schöne Dame, ſetzt Euch, ich bitte, dort in den Lehnſtuhl in der Ecke. Es iſt gewöhnlich mein Sitz. Thut mir die Ehre an, ich bitte!“ Damit ſchob ſie Friederiken in den weichen Stuhl und zog Juel an einen entfernten Tiſch, ihm dort den Becher mit dem dampfenden Getränk überreichend und ihm zu gleicher Zeit traulich in's Ohr ziſchelnd:„Sag' mir doch, Hänschen, wer iſt denn die prächtige Dame, die mir die Ehre anthut?“ „Das iſt allerdings eine große Ehre für Euer Haus, daß dieſe vornehme Dame darin wohnen will. Aber wer ſie iſt, kann ich Euch ſo eigentlich nicht ſa⸗ gen; denn ich weiß es ſelber nicht. Aber ſowohl der Kapitän, als alle andere graduirten Perſonen auf dem Schiffe begegneten ihr mit der größten Ehrfurcht, und ſie muß demnach von hohem Stande ſein. Das ſieht man ihr auch ſchon an Geſicht und Kleidern an. Meiſter Habermann iſt ſicherlich über ſie genau unterrichtet, Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xl. 2 und ſagte mir, er werde Euch morgen das Nähere ſchon mittheilen.“ „Morgen erſt; viel Ehre!“ ſeufzte die Frau.„Aber wie heißt ſie denn? Woher kommt ſie? Wo habt ihr ſie an Bord genommen? Wo will ſie hin? Was will ſie hier anfangen? Sag', Kind, ich bitte Dich, ſag' an! ſag' an!“ „Ihr könnt glauben, werthgeſchätzte Frau Ankar⸗ field, daß ich Euch hoch verehre und Alles aufbiete, Euch meine Ergebenheit an den Tag zu legen. Aber fürwahr beim beſten Willen bin ich unmöglich im Stande, Euch alle Fragen zu beantworten. Was Euch zu ſagen in meinen Kräften ſteht, ſollt Ihr wiſſen und erfahren. Auf unſrer Fregatte wurde ſie gnädi⸗ ges Fräulein genannt, aber ich vermuthe aus vielen Gründen, daß ſie weit mehr iſt und ſich nur ſo titu⸗ liren ließ. An Bord haben wir ſie genommen von einem däniſchen Schiff, und daß ſie eine Dänin iſt, könnt Ihr aus der Sprache hören. Ich horchte ein⸗ mal ſo mit halbem Ohr und da merkte ich, daß ſie hier mit dem Könige conferiren werde.“ „Mit des Königs Majeſtät!“ ſchrie die Frau auf. „Welche erſtaunliche Ehre! Unſereins hat auch ſeine Ambition. Nun ſieh' an, mein Schäfchen, die Ehre laß ich mir nicht entgehen, die Dame behalt' ich im Hauſe. Ihre Kleider ſind über die Maßen vornehm und prächtig. Sieh nur einmal den grünſeidenen kur⸗ zen Ueberwurf mit goldenen Litzen beſetzt. Was mir das für eine Ehre iſt! Ich werde jetzt mit Ehre über⸗ ſchüttet; es vergeht kein Tag, wo mir vornehmer Be⸗ ſuch nicht Ehre anthut. Nun ich weiß es auch zu ſchätzen. Sieh', Kindchen, eben habe ich ja faſt das ganze Haus voll. Eine reiche, vornehme Dame, eben ſo ſtatiös, eben ſo prächtig gekleidet, hat meine große —— —— 5 Mittelſtube, die daranſtoßende grüne Stube, das Hin⸗ terſtübchen und die Erkerſtube mit der Dachkammer inne. Das macht, ſie hat noch Dienerſchaft bei ſich. Einen alten guten Freund und Zunftgenoſſen meines ſeligen Mannes, der hat ihr eben das Logis bei mir recommandirt, nebſt deſſen Frau und Tochter und einem ſchmucken netten Kammerdiener obendrein. Der Kam⸗ merdiener— dort ſitzt er mit am Tiſche und kartet; der Krauskopf. Er hat heute viel Glück im Spiel.— Der Kammerdiener alſo, ſag' ich— wohnt im Erker⸗ ſtübchen, der muß heraus und ſich mit in's Hinter⸗ ſtübchen einquartieren, und oben hinein nehm' ich das gnädige Fräulein. So geht's!“ Und ſogleich ſchritt ſie mit unterwürfigen Geberden auf Friederiken zu und ſagte:„Die Ehre, ſo Ihr mir anthut, iſt kein auf unfruchtbaren Boden fallendes Korn. Ich habe ſchon ein ſehr reiches, vornehmes Fräulein im Hauſe, die mir viel Ehre angethan; nun unſereins hat auch ſeine Ambition, und ich ſehe ihr Alles an den Augen ab. Sie liegt nun ſchon vierzehn Tage bei mir und war⸗ tet auf einen Seekapitän, der hier im Hafen einlau⸗ fen ſoll. Lieber Himmel, es wird wohl ihr Herzge⸗ ſpons ſein. Der thut nicht übel, ſo wahr ich eine Frau bin, die kein Menſch verachtet! Sie hat das Geld in Säcken aus ihrem Wagen heben und in die große Mittelſtube ſchaffen laſſen, da liegt's im Klei⸗ derſchrank unten; der ganze Boden iſt mit den Säcken ausgefüllt. Na, die wird eine Freude haben, in Euch Geſellſchaft zu finden, und für mich iſt die Ehre dop⸗ pelt groß.“ Sie knixte während dieſer lebhaft her⸗ vorgebrachten Worte zu verſchiedenen Malen und er⸗ wiſchte endlich das grünſeidene Jagdkleid des Fräu⸗ leins, um einen Kuß darauf zu drücken. „Was aber ſoll aus meinem Begleiter werden? 196 Der kann doch nicht mit mir in einem Zimmer woh⸗ nen,“ ſagte Friederike, auf Flaxmann deutend, der auf einer Bank jenem ihm wohlbekannten Spieler gegen⸗ über Platz genommen und mit demſelben eben eine Unterhaltung angeknüpft hatte. „Nun, gnädiges Fräulein,“ ſchmunzelte die Wir⸗ thin,„es verſteht ſich von ſelbſt, daß Euer Diener nicht mit Euch in einem Zimmer wohne. Er erhält hier unten in der Hausflur unter der Treppe ein Käm⸗ merlein. Es iſt zwar neben der Küche und deshalb etwas räucherig, aber was können ſolche Leute mehr verlangen?“ „Jener Mann iſt nicht mein Diener, gute Frau, und muß ſo gut wie ich in einem Zimmer wohnen.“ „Nicht Euer Diener?“ rief Frau Ankarfield er⸗ ſtaunt.„Er wird doch nicht gar—— nun, nun, vornehme Leute haben gar oft auch Appetit zu geringer Koſt und ſpeiſen zuweilen mit dem Bauer Sauerkraut und Schweinefleiſch. Ich verſtehe ſchon! Freilich in einem Zimmer könnt Ihr nicht mit dem Herrn woh⸗ nen. Das geht nicht an. Man muß ſich vor nichts in der Welt mehr hüten, als vor böſem Leumund. Da ſeid Ihr gerade wie ich, gnädiges Fräulein. In meinen jungen Jahren hielt ich ſo gut auf Ehre, wie in meinen alten. Nun ſo alt bin ich eben noch nicht, und mein Mann pflegte gar oft zu ſagen, er würde mich nie geheirathet haben, wenn ich nicht ſo viel Am⸗ bition gehabt hätte. Und ſo habe ich auch meine Kin⸗ der erzogen, die mir Gottlob alle wohl gerathen ſind. Der älteſte iſt ein Schneidermeiſter und nährt ſich des⸗ halb ſo gut, weil er ſeine ganz beſondere Schneiders⸗ ambition hat, und wollte Niemandem ſein Unglück ver⸗ ſagen, der ihm an ſothane Ambition zu rühren wagte; der zweite iſt Kammerdiener bei Seiner Gnaden, dem 197 Herrn Freiherrn Görz von Schlitz, ganz beſonderm Freunde Seiner Majeſtät unſers großmächtigſten Kö⸗ nigs, und iſt mit ſeinem Herrn jetzt nach Holland gereiſt. Der hat erſt ſeine Ambition, ſo recht wie ich. Er war ein gelernter Barbier und Friſeur, hatte aber auch noch in mancherlei anderen Dingen beſondere Geſchicklichkeit. Mein ſeliger Mann ſagte ſtets; aus dem Niels wird einmal was Großes; und dann ſagte ich jedes Mal: Von dem erleben wir die meiſte Ehre. Du lieber Himmel, mein Seliger hat die große Ehre noch genoſſen, daß Niels Kammerdiener des mächtigſten Mannes nach dem Könige im ganzen Schwedenreiche geworden iſt. Aber der Junge ſpricht auch ſchwediſch, däniſch, holländiſch, engliſch und franzöſiſch. In der letztern Sprache habe ich gar Manches von ihm pro⸗ fitirt, was mir oft gut bei meinen franzöſiſchen Gä⸗ ſten zu ſtatten kommt. Was er für eine beſondere Am⸗ bition hat, mag Euch ein allerliebſtes Verslein bewei⸗ ſen, welches er ſtets im Mund zu führen pflegt und das ich mir auch gemerkt habe, weil's ebenfalls auf meine Ambition vortrefflich paßt. Hört nur, mein gnädigſtes Fräulein! Es heißt: X dieu mon ame, Ma vie au roi, Mon coeur aux dames, Lhonneur pour moi. „Iſt das nicht herrlich'honneur pour moi?—— Ja, was wollt ich doch ſagen. Das war's. Seht, nun kommt meine Ebba. Die hat ebenfalls ihre Ambi⸗ tion; denn ihr Mann iſt ein Trödler, und wohnt hier gerade gegenüber, wo ihr den Kleiderkram ſeht. Extra ſchöne Kleider, nach der neueſten Mode und für Je⸗ dermann. Wenn Ihr Euerm Freunde einen beſſern 198 Anzug kaufen wollt,“ ſagte ſie leiſe, dem Ohr des Fräuleins näher gerückt,„ſo kann ich Euch meinen Schwiegerſohn beſtens empfehlen; er wird Euch gut, prompt und billig bedienen. Ihr werdet wohl daran thun, gnädiges Fräulein, damit man nicht in Ver⸗ legenheit kommt, Euern Freund für Euern Diener anzuſehen. Für wenig Thaler werdet Ihr ihn wie einen Grafen herausputzen; und's iſt ein hübſcher Mann, er wird ſich in einem beſſern Kleid ſtattlich ausnehmen.“ „Ihr nehmt viel Theil an ihm,“ unterbrach hier Friederike den Redeſtrom der ehrliebenden Frau,„aber ich bitt' Euch, gute Frau, beweiſt mir zuvörderſt das dadurch, daß Ihr eine Wohnung für ihn beſorgt.“ „Ihr thut mir viel Ehre an, mich damit zu beauftragen. In meinem Hauſe hab' ich aber kein Winkelchen mehr ledig, wohin ich ihn ſtecken könnte. Aber wartet, mir fällt ein guter Gedanke bei. Wie geſagt, meine älteſte Tochter drüben hat auch ihre Ambition und eine nette Stube mit Kammer hin⸗. ten heraus. Sie wird ſich eine Ehre daraus machen, ſolche Euch für ein Billiges abzutreten, zumal, wenn Ihr Euern Freund mit Kleidern aus ihres Mannes Laden verſeht. Laßt mich nur machen; ich will ſo⸗ gleich hinüber gehen und mit ihr reden. Ihr ſollt bald ſchöne Antwort haben.“ Damit trollte ſie ſich zur Thüre hinaus. 20. Der hamhurger Spion. Während der ambitieuſen Expectorationen der Frau Ankarfield war es auch zwiſchen Flarmann und jenem ihn betrachtenden Spieler zu gegenſeitigen Aeußerun⸗ gen gekommen. Dieſer verwegen ausſehende Kerl hatte offenbares Unglück im Spiel und ein Thaler um den andern rollte aus ſeiner Hand in die Taſchen der Mitſpieler; dem ungeachtet richtete er ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Reden der Wirthin und ſpannte ſein lauerndes Ohr, als er von den Geldſäcken der im Hauſe wohnenden Fremden und dem Ort, wo dieſel⸗ ben aufbewahrt ſeien, hörte. Endlich war der Menſch beutelleer und wandte ſich mit einem widrigen Grin⸗ ſen zu Flarmann mit den Worten: „Mir geht's, wie Euch, guter Freund, vor fünf Wochen in Hamburg. Schade, daß ich nicht auch noch eine goldene Doſe zu verlieren habe, wie Ihr.“ „Ich habe Euch in jener Geſellſchaft bemerkt, und wenn ich nicht irre, ſo ſpracht Ihr an jenem Mor⸗ gen, wo ich von Schurken und Falſchſpielern um all' das Meine betrogen wurde, mit dem Lieutenant Kreuz am Fenſter, und auf Euern Rath ließ ich mich an⸗ werben. Gingt Ihr nicht mit bis nach Altona? Ja, ja Ihr war' dabei. Ich befand mich zwar damals in einem ſehr aufgeregten Zuſtande, aber mir fallen doch alle kleinen limſtände bei, und es bleibt mir kein Zweifel übrig, Ihr ſeid einer der berüchtigten Hel⸗ fershelfer und Spione des ungeſchlachteten Lieute⸗ nants.“ 200 „Das gehört mit zum Handel und Wandel in der Welt,“ lachte der Spion.„Wer mich bezahlt, dem dien' ich. Wer ſich betrügen läßt, iſt ſelbſt Schuld daran. Zwang kann ich Niemandem anthun. Uebri⸗ gens beweiſt ja Euere Gegenwart klar und deutlich, daß Ihr den König von Dänemark oder den Lieute⸗ nant Kreuz auch um's Handgeld betrogen habt. Und darum wird Euch kein kluger Mann verdenken.“ „Ihr mögt in dieſem Stück Euere beſondern An⸗ ſichten haben. Uebrigens bin ich ſchwediſcher Kriegsge⸗ fangner geworden und habe weder den König von Dänemark, noch den Lieutenant Kreuz betrogen; denn das Schiff, welches mich mit den übrigen Rekruten nach Kopenhagen transportiren ſollte, wurde von einem ſchwediſchen Kaper als Priſe genommen.“ „Und wollt Euch hier im Hauſe als Kriegsgefan⸗ gener ein Quartier miethen?“ ſagte der Kerl und verzog ſein breites häßliches Geſicht zur ſpöttiſchen Lache.„Die Dame dort hat wohl auch mit zu den Rekruten gehört und iſt mit Euch in ſchwediſcher Ge⸗ fangenſchaft? Ihr habt Euch ein erträgliches Geſchäft und kurzweilige Geſellſchaft gewählt.“ Flarmann unterdrückte ſeinen Unwillen über die frechen Reden des gemeinen Menſchen und erwiderte blos:„Ich ſehe nicht ein, wie ich dazu kommen ſollte, Euch die Art und Weiſe meines Hierherkommens mit⸗ zutheilen. Weiß ich doch noch viel weniger, wie Ihr von Hamburg hierher gekommen ſeid.“ „O! das kann Jedermann wiſſen,“ rief der Andre herausfordernd;„mein gnädiger Patron, der Lieute⸗ nant Kreuz hat ſeine goldnen Füchſe einmal alle un⸗ ter die Philiſter gejagt und war ſo pauvre geworden, daß er nicht nur Kutſche und Pferde, ſondern ſogar Rock und Hemd vom Leibe verkaufen und in ein elen⸗ 201 des Dachſtübchen kriechen mußte. Man kann das dem Manne nicht zur Laſt legen; er hatte Unglück im Spiel, wie Ihr und ich. Es war natürlich, daß er nicht an ſeine Leute denken konnte, er war ja ſelbſt in größter Kalamität. Jeder von uns mußte auf ſeine eigne Fauſt leben.— Ich aber war unglücklicher Weiſe eben auch gräulich abgebrannt und in meinem Kopf und Beutel ſah's aus, wie in der Welt am er⸗ ſten Schöpfungstage, wüſt und leer. Da machte ich mit einem ruſſiſchen Schiffskapitän Bekanntſchaft; er gab mir das Logbuch zu führen und die Küchenrech⸗ nung zu machen, und ſo ſind wir mit guter Fracht nach Stockholm gekommen. Ich pflege in jeder Stadt gern luſtige Häuſer zu beſuchen, und da das Schiffs⸗ volk hier bei Frau Ankarfield einkehrt und ſich von ihr Bart und Geld abnehmen läßt, ſo bin ich zu glei⸗ chem Zweck hier. Das Geld bin ich los, den Bart noch nicht. Wo ſteckt die Frau?“ „Da kommt ſie eben über die Straße,“ ſagte ein Bürſchlein, welches Sohn, Kellner und Barbierburſche zugleich war;„wenn Ihr befehlt, mein Herr, ſo will ich Euch des Bartes entledigen.“ „Und des Kinnes dazu, Junge. Du magſt Deine Schabekunſt an Delinquenten lernen; mein Geſicht iſt bis jetzt noch zu gut dazu. Ich weiß ſchon, daß Deine Mutter Meſſer und Wort gleich trefflich führt, und nur von ihr will ich bedient ſein.— Wie heißt der ſchwediſche Kaperkapitän, dem Ihr anheim gefallen ſeid, Herr?“ „Norcroß,“ verſetzte Flaxmann mürriſch. „Norcroß?“ rief ein wohlgebildeter Mann, der auf derſelben Bank ſaß, früher mitgeſpielt und das meiſte Geld gewonnen hatte, derſelbe, welcher von der Wirthin dem kleinen Juel als enſihethne der im ——— 202 Hauſe wohnenden vornehmen Fremden bezeichnet wor⸗ den war.„Iſt er nicht ein Engländer?“ ſetzte er in gebrochenem Deutſch hinzu; denn Flaxmann und der Spion hatten zeither deutſch geſprochen. „So iſt's,“ verſetzte Flarmann engliſch,„und Ihr ſeid ſein Landsmann, Herr; denn Euere Sprache ver⸗ räth Euch.“ Der Menſch ſtand aber ohne zu antwor⸗ ten auf und ging hinaus. „Norcroß?“ hatte auch der Spion gerufen.„Der ſaß ja in Hamburg mit uns am Tiſche. Wir ha⸗ ben's nachher wohl erfahren, daß er's war. Sene Fregatte lag in Cuxhaven. Es iſt ein kühner Frei⸗ beuter.“ „Wer war der hübſche Mann, der ſo eben hinaus⸗ ging?“ fragte Flaxmann. „Ein Spitzbube, der uns das Gel abgenommen hat,“ verſetzte der Spion. „Er dient der fremden Dame, die im Hauſe wohnt, trägt ſich wie ein Gentleman und hat alle Taſchen voll Geld“ Eben trat Frau Ankarfield in die Stube. „Es iſt gut, daß Ihr kommt, Frau,“ ſagte der Spion zu ihr.„Mein Bart ſtachelt mich ganz ver⸗ teufelt, ſeit ich mein Geld verlor. Nehmt ihn mir ab.“ „Ihr thut mir viel Ehre an,“ verſetzte die Frau flüchtig, und wandte ſich zum Fräulein mit den Wor⸗ ten:„Ich habe die Ehre, Euch zu vermelden, mein gnädigſtes Fräulein, daß Euer Freund ſogleich bei meiner Tochter anziehen kann. Ihr zahlt für Logis mit Meublen monatlich vier Reichsthaler. Die Koſt könnt Ihr bei mir für ihn nehmen. Für Rock, Kami⸗ ſol, Beinkleider, ſeidne Strümpfe, Manſchetten, Per⸗ rücke ſoll beſtens geſorgt und der Burſche herausge⸗ putzt werden, wie der vornehmſte Edelmann. Man 1——— —— 203 muß ſeine Ambition haben.“ Während dieſer Reden ſchöpfte ſie mit einem kleinen blanken Kupfertopfe aus einer hinter dem Ofen eingemauerten Kupferblaſe warmes Waſſer, holte vom Kandelbret über der Kam⸗ merthüre das große meſſingne Barbierbecken herab, zog aus einem ungeheuern Tiſchkaſten eine Kapſel voll Barbiermeſſer und den Streichriemen, ſtrich das Meſſer hurtig und ſchlug dann Seifenſchaum im Becken. Der kleine Kellner hing dem Spion die Serviette um, Frau Ankarfield ſeifte ihm Kinn und Backen mit ge⸗ wandter Hand ein, und begann mit geſchickten Zügen und Wendungen ihm den Bart abzunehmen. Man ſah es ihr an, daß ſie ſich eine Ehre daraus machte, die Männer alſo zu bedienen. Nach vollbrachter Arbeit ſagte ſie pathetiſch:„Ich habe die Ehre, Euere Die⸗ nerin zu ſein,“ und reichte mit einem Selbſtgefühl, wie es den Menſchen meiſt nach einer vollendeten guten That zu überkommen pflegt, dem Knaben das Becken dar, welcher daſſelbe ſofort reinigte, mit friſchem Waſſer füllte und dem Schiffsmann das glatt raſirte Geſicht rein wuſch und abtrocknete. Der Junge wandte ſeinen Eifer dann zu dem benutzten Meſſer, und Flax⸗ mann ſah, wie während der Geſchäftigkeit des Kleinen der Spion eins der Meſſer aus der Kapſel zog und am Finger prüfte. Frau Ankarfield bat ſich die Ehre aus, ihn in ſein neues Logis führen zu dürfen, und verſicherte, das Erkerſtübchen werde eben geräumt und das gnä⸗ dige Fräulein bald zur Ruhe und Ordnung kommen. Sodann befahl ſie dein ſcheidenden Juel viele Grüße an Meiſter Habermann an, und ließ ſich die Ehre ausbitten, ſie ja morgen bei frühem Tage mit ſeiner ihr höchſt angenehmen Gegenwart zu erfreuen, weil ſie die Ehre haben werde, über höchſt wichtige Dinge 204 mit ihm zu conferiren. Friederike und Flaxmann füg⸗ ten ihre Grüße an den Kapitän Norcroß hinzu. Flax⸗ mann beurlaubte ſich mit wehmüthiger Wärme vom Fräulein und ging mit der meſſergeſchickten Frau über die Straße. Der Trödler, auch Schneidermeiſter und Negociant, empfing ihn ſchon an der Ladenthüre mit Bücklingen und einem Schwall unſinniger Redensar⸗ ten, und ſeine Frau, das Ebenbild ihrer Mutter, mit einem Säugling auf dem Arme, zwei Kindern an der Seite und noch verſchiedenen im Schlepptau ihres wei⸗ ten vornehmen Rockes, Kapitalſtück aus der Trödel⸗ bude ihres Mannes, ſprach beſtändig von der Ehre, die ihnen widerführe. Des kleinen hohläugigen Man⸗ nes Beſtrebungen gingen zuvörderſt dahin, ſeinen neuen Hausgenoſſen erſt zum Manne zu machen, d. h. ihm einen Rock mit Zubehör an den Leib zu ziehen, und er bot, den verdrießlichen Flaxmann vor ſeine Vorrathsſchränke führend, all' ſeine weitſchweifige Beredtſamkeit auf, dem ſchlecht Gekleideten zu beweiſen, wie höchſt nöthig es in der Welt ſei, ſtets ſtandesgemäß gekleidet zu ſein, ſelbſt in dem Falle, daß man keinen Stand habe. Was man nicht habe, müſſe man ſich zu erwerben trachten, und die erſte Stufe zu Stand und Reich⸗ thum ſei ein vornehmes Kleid. Flaxmann ſchützte Er⸗ ſchöpfung von der Reiſe vor und bat, da er doch an dieſem Tage nicht ausgehen werde, ihn morgen mit dem Nöthigen zu verſehen, und ließ ſich auf's Zimmer bringen. Sobald er ſich dort allein ſah, warf er ſich auf das unförmliche Ruhebett, und überließ ſich einem ſchmerzlichen Gefühl, bis eine dumpf brütende Angſt vollen Beſitz von ſeiner Seele nahm. „Wie?“ rief er endlich aufſpringend,„iſt das Scheu mit dem König zu reden? Endlich einmal mit meinem Geheimniß hervorzutreten? Ich mit einem 205 König nicht frei und offen reden! Ich nicht!! Aber wurde ich in Dänemark nicht ebenfalls von dieſer Scheu zurückgehalten, mich dem König oder dem Kron⸗ prinzen anzuvertrauen, und ward ich nicht endlich inne, wie wahr mir meine Ahnung vorgeſagt? Wäre es nicht mein Tod geweſen, wenn ich aus meiner Ver⸗ hüllung hervorgetreten wäre? Und es wäre geſchehen, wenn ſich die Liebe zu Friederike nicht meiner bemäch⸗ tigt und eine ſo gewaltige Herrſchaft über mich aus⸗ geübt hätte, daß es mir unmöglich war, an etwas Anderes zu denken. Solcher Mittel und wunderba⸗ ren Wege bedient ſich die ewige Weisheit, uns vom Verderben abzuhalten. Friederike iſt, ohne es ſelbſt gewußt, noch gewollt zu haben, die Retterin meines Lebens geworden; denn ohne ſie wär' ich in die Schlin⸗ gen der Intrigue gefallen, die an dieſem däniſchen Hofe für mich lagen. Gottlob! ich bin der Gefahr entgangen; aber neue Angſt bemächtigt ſich meiner. Gott, gib mir einen Lichtſtrahl in dieſer Finſterniß! Heiland, Gottesſohn, hilf mir überwinden! Reine Jungfrau, Gottesmutter, ſteh' mir bei!“ Bei dieſen Worten neſtelte er ſein Wamms auf, entblößte die Bruſt und zog das Etui hervor, dann griff er mit der rech⸗ ten Hand unter den linken Arm und nahm ein dort an feiner Seidenſchnur befeſtigtes Schlüſſelchen. Doch eben ſo ſchnell hielt er auch inne, ging vorſichtig nach der Zimmerthüre und ſchob den Riegel vor, horchte an der Thüre, ging leiſe auf den Zehen an das Fen⸗ ſter zurück und öffnete behutſam das Schloß des Etui. Das Büchlein ſprang auf und an der innern Wand des Okerdeckels wurden zwei Portraits in Miniatur, ein männliches und ein weibliches, ſichtbar; ein edler Mannskopf mit etwas unbeſtimmten und verſchwom⸗ menen Zügen und ein Frauengeſicht voll Milde und Majeſtät, Beide ſchon im vorgeſchrittenen Alter. Flax⸗ mann's ſtrahlendes Auge ruhte eine Zeit lang auf die⸗ ſen beiden Gemälden, und ſeine Mienen nahmen da⸗ bei einen wehmüthigen Ausdruck an, ein paar große Thränen glänzten in ſeinen Augen, er ſeufzte und ließ einige Schriften durch die Hand gleiten, welche, den großen Lettern und den aufgedrückten Inſiegeln nach zu ſchließen, Documente waren. Nachdem er einen ſchmerzlichen Kuß auf eins dieſer Geſchrifte ge⸗ drückt hatte, klappte er das Buch um und nahm ein kleines goldenes Krucifix und ein daran befindliches Muttergottesbild heraus. Dieſe ſtellte er vor ſich auf den Tiſch, und begann ſein Gebet zu verrichten. Doch er konnte die Ruhe nicht erringen, die er ſuchte und die ihm Bedürfniß war, ſollte er anders mit Ernſt an die Ausführung der Pläne denken, die ſei⸗ nen Geiſt durchkreuzten. Es war unterdeſſen Nacht geworden, und auf ein leiſes Pochen an der Thüre fragend, wer da ſei, erhielt er die Antwort, die Haus⸗ frau gebe ſich die Ehre, ihrem Gaſte Licht zu bringen und nach deſſen Befehlen zu fragen. Flaxmann ver⸗ barg ſeine Heiligthümer wieder in die Kapſel und öff⸗ nete die Thür. Die Wirthin trat ſchüchtern herein, überreichte ein paar Kerzen und erwartete ſo die ge⸗ wünſchten Befehle. Als dieſe nicht erfolgten, wagte ſie es, einige Vorſchläge, das Abendeſſen betreffend, zu thun, welche der junge Mann ohne Weiteres an⸗ nahm. Nach einer Stunde brachte die Wirthin das Eſſen; er nahm zerſtreut einige Biſſen, maß dann die Stube mit heftigen Schritten, und war in ſeine vorigen Träumereien verſunken. Seine Wange glühte zuletzt von Fieberhitze, und ſein Auge blickte düſter; ſeine Fäuſte ballten ſich, und um ſeine Lippen zuckte es wie —— 207 lebendig gedachte Flüche und Verwünſchungen. Der Raum des Zimmers ward ihm zu enge, ſeine Bruſt wogte ſtürmiſch, er riß das Fenſter auf, ſich an der Abendluft zu kühlen, und noch einmal nach Friedrike's Erkerſtübchen hinüber zu ſehen. Eine ſchöne Herbſt⸗ nacht lag über der Erde. Ihm gegenüber leuchteten zwei Fenſter im Erkerſtübchen. Der Anblick der Sterne that ihm wohl, er ſtarrte lange an den Himmel. Der Wechſel ſeiner Gefühle war zwar noch eben ſo ſchnell, aber weniger gewaltſam und ſtürmiſch, und der Schmerz ſeiner Seele begann ſich in Wehmuth aufzulöſen. Auf dieſe Weiſe vergingen ihm ein paar Stunden. Er ſah die Lichter gegenüber verlöſchen und er löſchte die ſeinigen, um ſich ungeſtörter den Genüſſen hinzugeben, welche die Stille und Feierlichkeit der Nacht bereiten. Und ſo hatte er, mit mannigfachen Gedanken be⸗ ſchäftigt, bis nach Mitternacht geſtanden und auf ſeine Augen wollte ſich kein Schlaf ſenken, da wurde ſeine Aufmerkſamkeit auf ein paar Geſtalten gerichtet, welche ſich auf der Straße langſam und leiſe hindrückten. Vor dem Hauſe der Barbierswitwe ſtanden ſie ſtill und beriethen ſich, wie es ſchien, miteinander, doch war kein Laut zu vernehmen. Endlich ging einer in die Mitte der Straße und muſterte die Fenſter des Hauſes, dann die der andern Häuſer zu beiden Sei⸗ ten, und horchte, aus ſeinen Bewegungen zu ſchließen, die Straße entlang. Flaxmann hatte ſich ein wenig zurückgezogen und das Fenſter beigeſchoben; ſein Herz klopfte hörbar; er war ganz Auge. Der horchende und ſpähende Vermummte gab jetzt dem Andern mit der Hand ein Zeichen und dieſer öffnete ſofort entwe⸗ der mit einem Nachſchlüſſel, mit einem Dietrich die Hausthüre. Beide huſchten hinein und lehnten die 208 Thür an. Der Gedanke, daß Friederiken eine Gefahr drohen könne, brachte Flaxmann bald außer ſich. Ohne ſich zu beſinnen ſteckte er ſeine Terzerole in den Gür⸗ tel und fühlte ſich raſch hinab, durch die Hausflur bis an die Hausthür. Das einfache Schloß war mit⸗ tels eines Zuges bald geöffnet und der junge Mann auf der Straße. Eben ſo raſch war er im gegenüber⸗ liegenden Hauſe. Doch hier kannte er die Localität nicht weiter, als bis zur Schenkſtube, und er hatte Mühe, die Treppe zu finden. Endlich trifft er die Stufen und ſchleicht leiſe hinauf. Er iſt auf einem kleinen Vorſaal, aber die Dunkelheit läßt ihn nichts erkennen; er ſteht in der peinlichſten Ungewißheit; eine namenloſe Angſt zermartert ihn. Da hört er plötzlich in einem Zimmer„Werda!“ rufen, aber angenblick⸗ lich darauf vernimmt er ein Geräuſch, wie wenn zwei mit einander kämpfen— ein Röcheln— Flaxmann eilt in der Richtung, von wo er den Laut gehört, reißt die Thür auf und erblickt beim ſchwachen Schim⸗ mer ein Diebslaterne, wie ein Menſch ſich am Boden wälzt, und zwei andere aus einem Schranke Geldſäcke nehmen Kaum erblicken ſie Flaxmann, ſo ſtürzen ſie mit einigen Säcken fort, er feuert ein Terzerol ab, fehlt aber, und die Kugel ſchlägt in eine offene Zim⸗ merthür, in welcher ſich eben eine weibliche Geſtalt zeigt, die nun mit einem Schrei zu Boden ſtürzt. Flaxmann von Entſetzen erfüllt, ahnet, daß ſeine Ku⸗ gel ein unglückliches Ziel gefunden, und eilt auf die Gefallene los. Die davon eilenden Diebe reißen die Laterne um und entkommen mit dem Gelde. In demſelben Augen⸗ blicke entſteht ein angſtvolles Rufen im Hauſe, man kommt mit Lichtern; Frau Ankarfield im bloßen Hemde, Männer und Weiber, unter dieſen Friederike. Licht⸗ 209 ſchimmer fällt auf die Scene, gräßliches Geſchrei er⸗ tönt. In dem an der Erde blutenden Manne wird der Kammerdiener der fremden Dame erkannt. Flax⸗ mann beugt ſich über die ohnmächtige Frau und ſucht zu erſpähen, welchen Weg ſeine Kugel genommen. Er ruft nach Licht und hat doch das Piſtolet noch krampf⸗ haft mit der Hand umſpannt. Eine poſſirliche Manns⸗ geſtalt kniet daneben, befreit die Verwundete von den Kleidern, entdeckt die Wunde am rechten Oberarm und gibt ſich durch ſeine geſchickte Unterſuchung derſelben, wie durch die zuverſichtliche Erklärung, daß es nicht viel zu bedeuten habe, als Wundarzt zu erkennen. Nun fallen Flarmann's Blicke auf das Geſicht der Dame, die eben die Augen aufſchlägt. Entſetzt fährt er auf, auch ſie ſpringt empor und Beide rufen zu gleicher Zeit:„Roſamunda, Schweſter!“ und„Ja⸗ cob! Bruder Jacob, Du mein Mörder?“ Er iſt de Mörder!“ ruft's nun von mehrern Seiten, die Stube füllt ſich mit Männern, Arme lan⸗ gen nach ihm, er will reden, Niemand hört ihn, er verſteht ſein eignes Wort nicht, auch iſt's, als hätte ihm Schrecken und Ueberraſchung die Zunge gelähmt. Die herbeigerufene Scharwache tritt mit Wehr und Waffen ein. Da gelingt's dem furchtloſen Fräulein von Gabel, ſich durch die Männer einen Weg zu ihrem Freunde zu bahnen. „Haben Sie mir etwas aufzutragen?“ fragt ſie leiſe, und wie ein Lichtſtrahl fährt es ihm durch den Sinn. Er greift in die Bruſt, reißt die Schnur ent⸗ zwei, welche das Etui an den Hals befeſtigt, zieht das Büchlein hervor und ſteckt es dem Fräulein zu, flüſternd:„Ihnen befehle ich das höchſte Geheimniß meines Lebens. Wahren Sie es!“ Sie ſteckt das Etui Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xl. 14 210 in ihren Buſen, und ſogleich wird der Unglückliche ab⸗ geführt. Die verwundete Dame iſt zu Bett gebracht wor⸗ den, aber ſie ſchreit:„Mein Bruder! Bringt ihn zu mir! Seine Kugel hat mich als gerechte Strafe ereilt! Bringt ihn zu mir, ich will ihm Alles bekennen.“ Aber ihr angſtvolles Geſchrei verhallt und die Auf⸗ merkſamkeit wendet ſich auf den Kammerdiener, der unter den Händen des vielſchwatzenden Barbiers liegt, während Frau Ankarfield ein blutiges Scheermeſſer, welches der Wundarzt vom Boden aufhebt, für eins der ihrigen erkennt. Ende des erſten Theils. „ Druck von Alerander Wiede in Leipzig.