—— — Leihbibliothek . S . von Cdnard Ottmann in gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Puches wird von iedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſter Theil: Der S§ mied Wer ſich nimmt an, Unds Rädlein kann Hübſch auf der Bahn Lahn umher gahn, Und ſchmeicheln ſchön: Findt Jedermann Ein Feil und Wahn, Iſt im Korb der beſte Hahn, Der geht zu Hof oben an, Der iſt zu Hof am beſten dran. Denn wer gedächt, Zu leben ſchlecht, Fromm und gerecht Die Wahrheit brächt', Der wird durchächt, Und gar geſchwächt Gehöhnt, geſchmächt, Und bleibt allzeit der Andern Knecht. Martin Luther, im Lieb vom Hofe. Storchs Fanatiker I. 1 —,———— Erſtes Kapitel. Nirgenbs wirſt Du Ruh' empfinden, Bis von Wogen und von Winden Umgetrieben, aufgezielt, Du zuletzt aus fremden Laänden Fröhlich kannſt am ufer ſtranden, Wo Dein Herz ſich heimiſch fühlt. M. Kongehl.(1700). In der erſten Fruͤhe eines neblichen Aprilmorgens rit⸗ ten zwei junge ſchoͤne Kriegsleute aus der kleinen Stadt Conjumeau die Straße weſtwaͤrts nach Poitou zu. Sie waren beide mit Feuerröhren und langen Schwertern be⸗ waffnet, ubrigens ſchwarz gekleidet und mit ſchwarzange⸗ laufenen Harniſchen angethan, unter welchen rohlederne, doch durch den langen Gebrauch unſchimmer gewordene, Koller hervorſahen; uͤber den Harniſch war eine weiße Binde gegurtet, ein untrugliches Abzeichen, daß die bei⸗ den jungen Kriegsmanner dem calviniſtiſchen Heere, oder, wie die Katholiken ihre Gegner benannten, den Hu⸗ genotten, zugehoͤrten. Der letztere Name, meiſt in Pa⸗ 1* ris und am Hofe der drei gekroͤnten Soͤhne der beruchtig⸗ ten Katharina von Medicis gebraͤuchlich, war ein Schimpfname, man weiß nicht recht, von welcher Ver⸗ anlaſſung hergeleitet. Meiſt ſchreibt man ſein Entſtehen einem alten verfallenen Thore zu Tours im Orleaniſchen zu, unter welchem, weil es in einem Winkel gelegen, die verfolgten Calbiniſten in der Stille der Nacht ihre gottes⸗ dienſtlichen Zuſammenkuͤnfte gehalten, und welches von ſeinem angeblichen Erbauer, Hugb Capet, dem Stifter der capetingiſchen Dynaſtie auf dem Throne Frankreichs, das Hugothor geheißen haben ſoll. Die beiden kriegeriſchen Calviniſten— oder Huge⸗ notten(denn beide Namen ſind in der Geſchichte identiſch) — ſchienen große Eile zu haben, und wechſelten waͤhrend ihres ſcharfen Rittes den halben Vormittag lang ſehr ſelten ein Wort. Erſt als der mattere Trab der Pferde ſie zut Einkehr mahnte, machten ſie vor einer ſchlechten Dorfſchenke Halt und beſtellten Futter fur dis Pforde und Wein und einen Inbiß fur ſich⸗ tt „Es thut mir in der Seele leid, liebſter d'Arme⸗ vall,“ begann jetzt der Juͤngere, eine bildſchoͤne kräftige Heldengeſtalt, gar freundlich,„daß wir morgen ſchon von einander ſcheiden ſollen. Könnte ich Dich doch recht von meiner Liebe überzeugen, George, und von der Wahr⸗ heit, daß mir jetzt keine größere Freude auf der Erde be⸗ reitet werden könnte, als wenn Du mich nach la Ro⸗ chelle begleiteteſt. Wer weiß denn, ob wir uns jemals „ E 2 *„—— — 5— „Ei, ei! ſind wir denn ſchon lebensmatte Greiſe, oder wuͤthen die Buͤrgerkriege noch in Frankreich und ſtehen wirt noch unter des tapfern Coligni's Fahnen, den Papiſten gegenuͤber, daß Du Dich Todesgedanken uͤber⸗ laſſen darfſt, Charlot? Es hängt Dir ſtark an, daß unſte Prieſter Einem ewig von Tod und Verdammniß vorſagen. Wir haben das ſchoͤne Leben zur groͤßern Hälfte noch vor uns, Theophile; und wir werden uns wiederſehen, viel⸗ leicht recht bald. Denke nicht an den Tod! Haben doch Papiſten und Calviniſten Friede gemacht. Iſt das nicht allein ſchon luſtig genug?“ ſEine ſchone Art Frieden wieder!“ verſetzte Siet tot ärgerlich.„Wie's nur der Admiral zugeben konnte! Ich an ſeiner Stelle hätte mich widerſetzt.“ „Wie das Haupt will, ſo muͤſſen die Glieder. Der Prinz beſtand auf dem Frieden, wie hätte der Ad⸗ miral ſich deſſen kluͤglich weigern koͤnnen? Und ſein treues, verſöhnliches, chriſtlich-mildes Herz iſt j ja ſtets zum Frie⸗ den geneigt. Der Krieg iſt ihm eine Marter und Qual; jeder Tropfen franzoſiſches Blut, welches in dieſem unſe⸗ ligen Streite vergoſſen wird, preßt ihm bittre Thränen aus. Hätte er ein wenig mehr Mißtrauen in ſeiner gro⸗ ßen Seele, er wuͤrde manchmal anders und vorzuͤglich jetzt anders gehandelt haben. Aber der edle Mann mißt Andre nur nach ſich ſelbſt; woher ſoll er auch den Maß⸗ ſtab fur die Handlungen niedriger Seelen nehmen?“ „So ſind nun die Beweggruͤnde zu dieſem uͤber⸗ eilten Frieden ſo ganz verſchiedener Art, daß man kaum — 6— es glauben möchte. Die Konigin macht ſchnell Frieden, weil wir ſeit einem Jahre, nach der mörderiſchen Schlacht bei St. Denis, in allen nur moglichen Vortheilen waren, weil die katholiſche Partei, gleichſam ganz vernichtet, ihrem erbaͤrmlichen König nicht die mindeſte Unterſtutzung hätte angedeihen laſſen koͤnnen, wenn wir nur einen tuͤchtigen Schlag auf ihn ausgefuͤhrt haͤtten. Der Prinz Condé macht ſchleunig Frieden, weil— ich kann's kaum glau⸗ ben, aber der Oberſt d'Alban hat's uns noch geſtern ver⸗ ſichert— weil er ſich nach den Umarmungen der ſchoͤnen Hofdamen in Paris ſehnt und ſich bei uns erſchrecklich langweilt. Und enblich der brave Admiral muß wohl Frieden machen, aber er ſchließt ihn aus reiner Men⸗ ſchenliebe, aus Patriotismus ab; denn es jammert ihn ſelbſt der katholiſchen Hunde, weil ſie Franzoſen ſind.“ „Aber Du ſollſt ſehen, Charlot,“ erwiederte d'Armevall,„daß die ſchlaue, Raͤnke ſchmiedende Koͤnigin den Prinzen und den Admiral beider Naſe fuͤhrt und uns Alle mit. Neue Kraͤfte will ſie ſammeln, eine tuͤchtige Heeresmacht aufbringen, ganz Frankreich noch gegen uns aufwiegeln, veshalb macht ſie Friede. Gott mag's einſehen, wie der Prinz ſo verblendet ſein konntes ich begreif' es nicht. Ja, wenn es das Erſtemal waͤre, aber wie oft iſt ſie ſchon wl⸗ und treubruͤchig an ihm und uns geworden. SciLiebe zum weiblichen Geſchlecht muß doch ein wahr Raſerei ſein. Und das muß man ſagen, die Koͤnigin hat ſeine Leidenſchaften ſtudirt und weiß, womit ſie ihn kirren kann. Die ſchoͤnſte ihrer Nymphen hat ſie ihm zugeſchickt, und der Friede war ab⸗ geſchloſſen. Haͤtte er ſich jetzt nicht vom Wahnſinn der Leidenſchaft hinreißen laſſen, hätte er jetzt den Ein⸗ gebungen der Beſſern gefolgt, er könnte in dieſem Au⸗ genblick Ludwig der Dreizehnte, Koͤnig von Frankreich ſein nzc „Gott ſei's geklagt, wir Calviniſten ſind doch ein ar⸗ mes, verlaſſenes Volk!“ ſeufzte Charlot.„Mußten nicht tauſende unſrer Bruͤder mit ihrem Herzblute unſte Exi⸗ ſtenz erkaufen? Und wenn uns der gerechte Himmel ein⸗ mal gnadig iſt, wenn die Sache des reinen apoſtoliſchen Glaubens uͤber das Teufelsſchmiedewerk des Papismus ſich erheben will, wenn die wahre geoffenbarte Religion, wie ſie der Herr Chriſt, als er noch auf Erden gewan⸗ delt, ſelbſt gelehrt und verkuͤndet, triumphirend das Haupt erhebt und der ihr blutig aufgehenden Sonne der Freiheit ſehnſuͤchtig entgegen blickt, da— o man mochte verzweifeln!— da fuͤhrt die ſinnliche Leidenſchaft, die weltliche ſundliche Luſt ihre ſchwarzen Wolken herauf und verfinſtert die Sonne; das Blut iſt vergebens ausge⸗ ſtroͤmt, deſſen Opfer ſie herauf beſchwor, und die reine wahre Religion erliegt wieder dem hinterliſtigen Angriff des abſcheulichen Drachen.“ „Glaube mir, beſter Charlot, erliegen wird ſie nicht. Die Unſchuld kann leicht von den Kunſtgriffen der Nichts⸗ wuͤrdigkeit geblendet, aber nie ganz beſiegt werden. Gott im Himmel ſieht lange dem graͤulichen Unfuge mit Langmuth zu, wenn aber die Kinder des Teufels ſich alle auf den einzigen Gerechten werfen, um ihn zu erwuͤrgen, da greift er ſelbſt hinab mit langem Arme und ſchlägt die Uebermuͤthigen. Soll ich Dich daran erinnern/ wie Gott mit den frommen Bruͤdern, den Maccabaern gegen ihre Feinde ſtritt und ihnen den Sieg gegen die Heidenbrut in die Hand gab, obgleich ſie nur ein kleines Haͤuflein Ju⸗ den zur Schlacht fuͤhren konnten? Gott kann noch alle Tage Zeichen und Wunder thun, und die Mauern von Paris können, wenn es des Herrn Wille iſt, daß die Brut des Antichriſts untergehen ſoll, zuſammenſtuͤrzen, wie einſt die von Jericho, als Joſua ſeine Poſaunen er⸗ tönen ließ. Ja, Charlot, ich glaube feſt daran, wir werden noch ſiegen!— Dieſer Friede kann und wird nicht lange dauren. Deshalb thut mir der Abſchied von Dir, dem Retter meines Lebens, nicht ſo ſchmerzlich wehe, als der Fall geweſen ſein wurde, haͤtte ich nicht die Hoffnung, ja die Gewißheit in mein Herz aufgenommen, daß uns die Fahnen des Admirals nach einer kleinen Zeit wieder verſammeln werden. Und dann werden unſte Haͤupter kluͤger geworden ſein. Ja, Charlot, wir ſehn uns wieder in kleiner Friſt, in dieſen Panzern und Waf⸗ fenroͤcken, mit dieſen Schwertern und Buͤchſen an unſrer Seite. Drum graͤme Dich nicht, wenn ich nicht, Dei⸗ nem Wunſche gemaͤß, mit nach Rochelle zu den Deinen ziehe. Du haſt Dir durch Deine kuͤhne That in der Schlacht bei St. Denis ein großes Recht auf mich er⸗ worben, und es wuͤrde mir eine unauspreſchliche Freude ſein, in den Kreis Deines haͤuslichen Lebens mit ein⸗ zutreten, aber Du weißt— ich habe Dir ja mein gan⸗ zes Leben mit all ſeinen wunderlichen Verhäͤltniſſen wie eine Landcharte aufgerollt— Du weißt, daß ſehr hei⸗ lige Pflichten mich nach Hauſe rufen. Mein alter, ehr⸗ wuͤrdiger Pflegvater hat vielleicht nur wenige Tage noch zu leben, und gern möchte er meine Hand in die ſeiner engelreinen Tochter fügen. Hätte der Krieg mir die ei⸗ ſerne Nothwendigkeit auferlegt, noch länger im Felde zu verweilen, ſo war es Gottes Sache, fuͤr die ich ausharrte; nun aber der Friede geſchloſſen; war ich geſtern der Erſte, welcher, eh' noch das Heer aufgelöſt werden möchte, um ſchleunige Entlaſſung bat. Da hörte ich von Coligni mit Entzuͤcken, daß er Dich dieſen Morgen als Eilboten nach la Rochelle abſchicken wurde, und ſo hat es denn der Himmel gefugt, daß ich mit meinem liebſten beſten Freunde wenigſtens einen Tag noch zuſammen reiſen kann.“ 4 „Und glaubſt Du, daß das Heer der Calviniſten wirklich entlaſſen werde?“ n „Ich horte, es ſei dies eine der erſten Friedens⸗ bedingungen der Koͤnigin, welche der Prinz auch ohne Weiteres eingegangen ſei. Die Gewißheit wird in des Admirals Briefen an den Buͤrgermeiſter d Alban ſtehen, und Du nach Uebergabe derſelben in la Rochelle Alles ge⸗ nau erfahren. Ich aber zweifle keinen Augenblick daran.“ „O weh! dann ſind wir ja ganz in die Hände der Koͤniglichen gegeben.“ — — 10— „Nicht anders. Und deshalb ſag' ich Dir noch einmal, es dauert nicht lange mit der Herrlichkeit. Bald wird die Kriegsdrommete wieder uͤber das ungluͤckliche Frankreich tönen und Franzoſen gegen Franzoſen treiben, damit endlich der roͤmiſche Drache geſturzt werde.“ „Alſo laß uns auf baldiges Wiederſehen trinken!“ „Auf baldiges Wiederſehen in den duͤſtern Schlacht⸗ reihen calviniſtiſcher Streiter, die fuͤt den wahren Glau⸗ ben und der Bourbons heilige Sache käͤmpfen!“ Sie ſtießen an, umarmten und kuͤßten ſich und leerten die Becher. Da wir nur heute S ginp⸗ be⸗ gann d'Armevall, als ſie wieder auf ihren Gaͤulen ſaßen, „ſo wollen wir Nachmittags nicht ſo wild drauf los rei⸗ ten, ſondern uns noch ein Paar Stunden vernuͤnftig unterhalten. Du kannſt die kleine verlorne Zeit in den folgenden Tagen wieder beibringen, und wenn auch nicht, ſo langſt Du immer noch bald genug in Rochelle an, um Deinem alten Buͤrgermeiſter die nicht ſehr tröſtliche Nachricht vom geſchloſſenen Frieden zu hinterbringen und Deine Briefe abzugeben.“ „Es ſei, lieber dArmevall,“ verſetzte charlet. „Biſt Du mir doch ſeit einem Jahre, welches ich Dich nun kenne, der theuerſte Menſch auf der Erde geworden. Wie ſollt' ich nicht, da ich Dich doch einmal nicht mit nach la Rochelle fuͤhren kann, wie ich nun wohl einſehe, Dir den heutigen Nachmittag noch ſchenken. Möchte ich Dir doch gerne mein ganzes Leben weihen!“ Sah —— „Haſt Du es nicht ſchon gethan, braver Junge? Wagteſt Du nicht Dein eignes Leben an das meinige, als Du, Du ganz allein mich aus dem Haufen der wuͤthenden Papiſten heraushiebſt? Die Namen St. Denis und Theophile Charlot ſtehen mit Flammenſchrift in meine Seele gegraben. Doch ſieh, ſeit jenem wichti⸗ gen Augenblick, wo Du mich, den heftig Blutenden, aus dem Gemetzel heraus riſſeſt, ſind wir faſt täglich zu⸗ ſammen geweſen, haben uns unſre Herzen gegenſeitig aufgeſchloſſen, und ſind die innigſten Freunde geworden, und doch weiß ich von Deinem Leben nur Weni⸗ ges, Unzuſammenhaͤngendes, was der Zufall Dir ent⸗ vockte. Ich habe Dir dagegen die kleinſten Umſtande meiner fruͤhern Laufbahn umſtaͤndlich mitgetheilt. Willſt Du mir nicht, ehe wir von einander gehen, die große Freude bereiten, mich mit Deinen Schickſalen bekannt zu machen?“ „Es gibt nichts Einfacheres, als die Geſchicht meines Lebens,“ entgegnete Charlot,„und blos weil ſie ſo arm iſt an merkwuͤrdigen Begebenheiten, hab' ich es bis jetzt nicht der Muͤhe werth erachtet, Dir viel davon vor zu ſagen. Doch da Du es wuͤnſcheſt, ſo geſchehe es. Verſprich Dir alſo nicht einen ſo abenteuerlichen Lebens⸗ lauf, wie der Deinige iſt; ich bin weder ſo arm ge⸗ weſen, noch ſo reich geworden, wie Duz habe ſtatt mei⸗ nes geſtorbenen Vaters keinen Pflegevater gefunden, und noch viel weniger eine ſo herrliche, liebenswuͤrdige Braut, wie Deiner Beſchreibung nach die Deinige iſt. Mein Vater war ein geſchickter Schmied in la Ro⸗ chelle, und hatte ſein Haͤuschen mit der Werkſtatt in einer alten krummen abgelegenen Straße nicht weit vom Hafen. Er war ein frommer treuherziger Mann und einer der eifrigſten Calviniſten; denn er hatte den gro⸗ ßen Reformator Jean Chauvin wohl dreißigmal in la Rochelle predigen hören, aus ſeinen geweihten Händen das geſegnete Brot und den geſegneten Kelch empfangen und ſogar einmal mit ihm geſprochen. Daß ich im wah⸗ ren Glauben und der rechten Gottesfurcht ſtreng aufer⸗ zogen wurde, kannſt Du Dir denken. Die Meſſe war ſchon bamals aus la Rochelle verbannt; die Predigt allein florirte. La Rochelle iſt nur in ſo fern eine fran⸗ zöſiſche Stadt, weil man nicht ſpaniſch oder tuneſiſch dort ſpricht und der Dei von Algier nicht als Herr der⸗ ſelben anerkannt wird. Im Uebrigen hat der Konig von Frankreich, ſeit die Stadt der Hauptſitz des Proteſtantis⸗ mus geworden iſt, faſt eben ſo wenig dort zu befehlen, als der Dei. An der aͤußerſten Meereskuͤſte, ſchier auf dem Meere drauf gelegen, hat ſie mit dem feſten Lande wenig Gemeinſchaft; und wie der weite Waſſerſpiegel nur Gott den Herrn, der das Meer im Sturme aufregt und wieder beſaͤnftigt, der allein Gewalt uͤber ſein Toben und Macht uͤber die Ungeheuer ſeiner Tiefe hat, als ſeinen Beherrſcher anerkennt, ſo mochten die Einwohner von la Rochelle, der ſchönen Meerſtadt, auch nur ihm allein gehorchen, und nicht Gehör geben dem verhallenden Men⸗ ſchenwort, welches ſich fu Gotteswort frech genug aus⸗ — —— e— Dreur wurde ich ſchwer in den Kopf verwundet, doch daß ich mich ſo brav geſchlagen, war meine Rettung. Mein Oberſt, der Sohn unſres alten Buͤrgermeiſters von la Rochelle, Du kennſt ihn ja den hohen ſchönen d Alban, hielt was auf mich, weil ich ein Rocheller und kein feiger Kerl geweſen war. Er ließ mich aus der Schlacht tragen und er beſorgte mein Heilung. Dieſem Manne fuͤhl' ich mich deshalb hoch verpflichtet; denn ohne ſeine Sorgfalt wär' ich wahrſcheinlich damals ein Kind des Todes ge⸗ weſen. Nach dem Frieden von Amboiſe vor fuͤnf Jahren kehrte ich voll Sehnſucht nach den geliebten Meinigen und der theuren Heimath ins Vaterhaus zuruͤck. Lieb Muͤtterlein war dem Vater ins Grab gefolgt, Schweſter Jeanette— ein Kind, als ich la Rochelle verließ— war zur Jungftau herangewachſen, und lebte mit Tante Margeton ſtill und haͤuslich zuſammen, ſich von der Ar⸗ beit ihrer Haͤnde naͤhrend. Bald nach meiner Ankunft wurde ich vom Oberſten dAlban in das Haus ſeines Va⸗ ters, unſers Buͤrgermeiſters, eingeladen. Der Oberſt iſt naͤmlich unverheirathet und wohnt bei ſeinem Vater. Ich wurde mit Liebe und Freundlichkeit aufgenommen und— denke Dir, wie ſehr das einem armen Schmie⸗ deknechte ſchmeicheln mußte!— ſogar mit an des Buͤr⸗ germeiſters Tafel gezogen. Dort ſah ich des Oberſten ſechszehnjaͤhrige Schweſter, die wunderſchone Henriette d'Alban, und mein Herz gerieth in Flammen. Fuͤrder hatte ich nicht Ruhe weder bei Tage noch bei Nacht, weder in — 16— der Stadt noch auf dem Meere, wohin ich oft auf leichter Barke fuhr. Mein Weſen war verwandelt, und ich nur der Alte, ſo lang ich in des Buͤrmeiſters Hauſe war und der unſchuldigen Henriette gegenuͤber ſaß. Doch von fruͤh auf gewohnt, meine Leidenſchaften zu beherr⸗ ſchen, gewann auch in dieſem Kampfe die Vernunft bald die Oberhand. Ich ſah ein, welch ein Thor ich war, mein Herz mit eitlen Traͤumen und Wuͤnſchen zu fuͤl⸗ len. Die Tochter des reichen Buͤrgermeiſters, gleichſam des Fuͤrſten von Rochelle, aus uraltem, reinen, hoch⸗ geſchäͤtzten Adel entſprungen, verwandt mit den vor⸗ nehmſten Familien des Landes, und ich— ich der Schmiedegeſell, der gemeine Soldat!— Ich lachte mich aus, aber mein Herz blutete, mein Kopf brannte fiebriſch. Und in einer ſolchen verzweifelten Stimmung ſchnuͤrte ich einſt mein Buͤndel und ergriff meinen Schmiede⸗ hammer, befahl meine Schweſter der ſtrengſten Obhut der alten Tante Margot an, nahm Abſchied und zog wie⸗ der uͤber Berg und Thal davon. Daß ich nicht in la Rochelle bleiben konnte, ſeit ich uͤber mich im Klaren war, erlitt keinen Zweifel; denn in ihrer bezaubernden Nähe hätte ich mich unmöglich gaͤnzlich zu beſiegen und mein armes Herz von allem thörichten Liebeswahn zu heilen vermocht. Mein Beſtreben war fernerhin, Hen⸗ rietten zu vergeſſen, mir ganz Frankreich zu beſehen, wo möglich alle calviniſtiſchen Gemeinden kennen zu ler⸗ nen und mein Handwerk recht nach allen Seiten hin auszubilden und zur Kunſt zu erheben. Die zweite und dritte meiner Beſtrebungen hab' ich erreicht; ich bin in mehreren tauſend Gemeinden geweſen und habe mir in allen Freunde erwor'en, habe die vorzuͤglichſten und ausgezeichnetſten eeute unſrer Glaubenspartei kennen gelernt, bin ein geſchickter Zeug⸗ und Waffenſchmied geworden, ſo daß ich alle Schmiedearbeiten von der grobſten bis zur feinſten fertigen, mir kein Meiſter mit Recht etwas daran tadeln kann; ich hab' mir Geld und Lob genug verdient. Aber, aber— wie ich's auch anfangen mochte, Henrietten vergeſſen konnt' ich nicht. Ihr Bil umſchwebt⸗ mich am Tage, wenn ich in der Werkſtart mich abmühte; es ſtand vor mir in meinen Träumen. Endlich ertönte die Kriegsdrommete wieder uͤber Frankreich. Die Streiter Gottes ſammelten ſich unter Gaspar Coligni's Fahnen, die arg bedrohten Calviniſten zu beſchuͤtzen. Ich war keiner der Letzten, die zu Gottes Ehre und fuͤr Recht und Freiheit des unter⸗ druͤckten wahren Glaubens zum Kampfe zogen. Und wenn ich nun auch in gewiſſenhafter Befolgung des ſtrengen Dienſtes, in Feld und Gewuͤhl der Schlachten Henriettens Bild nicht verlieren konnte, ſo erfuͤllt mich doch das Andenken an ſie nicht mehr mit jener wilden Unruhe und treibt mir nicht ſo wie ſonſt die Glut der Lei⸗ denſchaft ins Geſicht. Ich vermag ruhig an ſie zu den⸗ ken, und ihre Zuͤge ſchweben mir vor wie die eines mir theuren verklaͤrten Weſens, eines mir einſt erſchiene⸗ nen holden Friedensengels, der mir ſuͤße Botſchaft ge⸗ bracht aus einer beſſern Welt. Nach der Schlacht bei Storchs Fanatiker. I. 2 St. Denis hat mich mein General ehrenvoll ausgezeichnet und der große Admiral vertraute mir die Stelle eines Un⸗ teranfuͤhrers.“ „Deine ausgezeichnete Tapferkeit pur Dir ein Recht auf eine Hauptmannsſtelle gegeben,“ fiel dAr⸗ mevall dem Sprecher in die Rede.„Doch Coligni's Freundſchaft, die Du Dir erworben, iſt mehr werth als der Poſten eines Hauptmanns. Deine edle Beſcheiden⸗ heit erlaubt Dir nicht weiter von Deinen Verdienſten um die Sache der Calviniſten zu ſprechen. Zum Gluͤck ſind ſie mir aus andern Quellen bekannt, und ich darf ſtolz darauf ſein, Dich meinen Freund, meinen Lebensret⸗ ter nennen zu duͤrfen. Doch fahre in Deiner Etzah⸗ lung fort.“ „Ich habe nichts mehr zu erzählen, Lieber. Seit jener Schlacht kennſt Du mich; nichts i in meinem Leben blieb Dir verborgen. Du weißt, daß mir Henriette ſtets noch im Sinn liegt, und wahrlich, ich wage nicht zu unterſcheiden, ob die heftige Sehnſucht, welche mich nach der geliebten Vaterſtadt und zu Tante und Schwe⸗ ſter zieht, nicht noch vom Gedanken an Henrietten ver⸗ ſtaͤrkt wird. Doch ich habe mich bekämpfen gelernt, und Henriette iſt gewiß jetzt das gluͤckliche Weib eines Edelmannes und vielleicht gar nicht mehr in la Rochelle. Mochte der gůtige allbarmherzige Gott ihr ein ihrer Lie⸗ benswuͤrdigkeit angemeſſenes Loos bereitet haben! Moͤchte ihr Gemahl des Gluͤckes, welches ihm der Himmel berei⸗ tet hat, wuͤrdig ſein und es zu erkennen wiſſen! Gott — —— — 19— „ gebe der Holden einen Himmel auf Erden; ſie ver⸗ dient's!“ Charlot ſeufzte bei dieſen Worten, ſtrich ſich mit der flachen Hand uͤber das bluhende Mannsgeſicht und fuhr dann in einem wehmuͤthigen Tone fort:„Theure Stadt an dem uͤppigen Meeresufer, dich ſoll ich nach vielfach üͤberſtandenen Gefahren wieder ſehen, ihr In⸗ ſeln ohnfern des Geſtades, auf denen ich als Knabe geſpielt, ihr Felſen am ufer, von denen ich ſonſt ſehn⸗ ſuͤchtig in das weite Meer hinausgeblickt und die im Hafen landenden Schiffe jauchzend begruͤßt; kleines Haus, wo ich geboren, und all' ihr lieben Plaͤtzchen, wo ich geſpielt, ihr ernſten Kirchen und ſtillen Bet⸗ häͤuſer, wo ich Gott furchten und lieben lernte, ihr ſeid mir alle in der Erinnerung theuer geblieben und mit Juͤnglingswonnen werd⸗ ich euch wiederbegruͤßen. Auch in das hohe alte Haus des Buͤrgermeiſters werde ich kommen, gleich nach meiner Ankunft muß ich da⸗ hin; wie wird das Herz mir ſchlagen, wenn ich die Raume wieder begruͤße, wo ich ſie, die Einzige, zuerſt geſehen. Doch ſtill, mein Herz, daß Du mir die Thrä⸗ nen der Wehmuth nicht in die Augen treibeſt!“— Er ſchwieg und d'Armevall ehrte dies Schweigen ſeines Freundes. Erſt gegen Abend entſpann ſich wieder ein zuſammenhaͤngendes Geſpräch zwiſchen den Reiſenden, welches ſie in der Perberge noch lange zuſammen⸗ feſſelte. Wieviel haben zwei engverbundene Freunde ſich nicht zu ſagen, ehe ſie ſich fuͤr lange Zeit trennen! Nach Kuß und Gruß, nach manchem herzlichen Lebe⸗ * 2 — wohl und dem von Charlot dringend geforderten und von d'Armevall gern geleiſteten Verſprechen des Letz⸗ tern, ſobald er mit ſeiner verlobten Braut auf ewig verbunden ſei, ihm in la Rochelle einen Beſuch zu machen, ſchieden die Freunde. Der Edelmann zog die Straße nach Norden, der Schmied aber ver⸗ folgte mit großer Eile die nach Weſten hinauf, der Meerkuͤſte zu. 3 weites Kapitel. Der edle Bruder eilt' herein, Und ſah ſein liebes Schweſterlein. Was machſt Du, mein Schweſterlein, allhier? Du ſeufzeſt ſo, was fehlt denn Dir? Aus Heinrich Stillings Lied: Der falſche Ritter. Wohl dem Krieger, der, aus dem Felde heim⸗ kehrend ein Dach weiß, das ihn aufnehmen und ihm Raum, Schutz und ein Lager geben wird, der auf ein Paar Arme hoffen kann, die ihn umſchlingen werden, auf einen Mund, der ihm den Kuß der Liebe bis an die Schwelle entgegen tragen wird, auf ein Herz, das ihn freudig willkommen heißt an der heimi⸗ ſchen Stätte! Was hilft das durre Lorbeerreis, be⸗ netzt mit dem Blute der Feinde, wenn ſein Erkäm⸗ — yfer es nicht niederlegen kann auf den Heerd des Hauſes, dem er angehoͤren darf, und verwandte, theil⸗ nehmende Herzen ſich ſeiner freuen? So pries ſich Theophile Charlot gluͤcklich, als er an einem heitern, warmen Fruͤhlingsabend auf ſeinem muntern Roſſe wohlgemuth ſeiner lieben Vaterſtadt zutrabte; denn er gedachte des Schweſterleins, und der alten Tante, der Freunde und Jugendgenoſſen, der Nachbarn und Be⸗ kannten, die er alle ſo lange nicht geſehen, und dann und wann ſtieg auch der Gedanke an Henriette dAl⸗ ban wie ein heller Stern in der Nacht ſeines Gemu⸗ thes auf. Doch er uͤberließ ſich nicht dem Anſchaun deſſelben, ſondern ſpornte ſein Rößlein und ſang einen kriegeriſchen Pſalm. Endlich erblickte er in der Ferne das herrlche vom Abendroth vergoldete Meer vor ſich ausgebreitet, und die dunkeln Thurme von la Rochelle gleichſam darin ſchwimmen. „Wie wird Jeanette groß und ſchoͤn geworden ſein! wie wird ſie ſich fteuen!“ dachte er bei ſich, und verſcheuchte durch ſolchen Vorſchmack einer bald zu ge⸗ nießenden Wonne die duͤſtern Wolken, welche die Ueberlegung, wie arg doch wielnrum die Calviniſten, und vorzuͤglich ihr Haupt, der leichgläubige Prinz Conds uͤberliſtet worden ſeien, auf ſeiner hohen, ern⸗ ſten Stirne verſammelt tte. Und er begann aber⸗ mals eines jener Erbauung nner der Calviniſten, wor⸗ in ſich die Freude eines reing He⸗ ens, wenn auch ſehr verkuͤmmert und verzwergt, ausſprach, in der ih⸗ „* —— nen eignen klangloſen Monotonie vor ſich hinzuſum⸗ men, die jedoch allmaͤhlig und ohne daß es der Saͤn⸗ ger ſelbſt zu wiſſen ſchien, in einen lebendigeren, be⸗ wegteren, und der Freude angemeſſeneren Ton uͤber⸗ ging, der wohl kund geben konnte, daß der junge Krieger nicht jenes friſchen Lebensmuthes ermangle, den der Calviniſten duͤſteres, verſchloſſenes Leben meiſt im Keim zu erſticken pflegte, ſondern daß der Krieg ſeine heilſame Macht, das ſtaͤrkſte Bollwerk gegen alle Kopfhängerei, an ihm auszuuben nicht verfehlt, daß hofnungsloſe Liebe ihn nicht zu einem unthaͤtigen ewig in Schmerz zerſchmelzenden Traͤumer verwandelt hatte. Das große, ſchone blaue Auge des Juͤnglings blickte freudetrunken und ſehnſuͤchtig durch die ihn ſchon um⸗ ſpinnende Dämmerung nach der ihm immer näher ge⸗ legenen Stadt, bis er endlich ſchon in der Dunkelheit vor dem feſtverwahrten Thore hielt, und, als ein Cal⸗ viniſt ſich beurkundend, Einlaß erhielt. Als er nun, durch die krumme Straße reitend, ſeinem Pferde den Zügel ließ, bemaͤchtigte ſich ſeiner eine bange Beklem⸗ mung, und ſein Herz klopfte hoͤrbar unter dem braunen Lederkoller, je näher er dem wohlbekannten Gäͤßchen kam, worin einſt ſeines Vaters Schmiedeeſſe ge⸗ dampft und er ſelbſt unter Leitung des ihm unver⸗ geßlichen Mannes die erſten Schläge auf den Ambos verſucht hatte. Sein ganzes einfaches Knabenalter ging an ihm voruͤber, gern verweilte er bei manchem lieben Bilde, und vor allen bei dem der herrlichen — Henriette, und ehe er weiter kam, die nachfolgenden blutigen ſich auszumalen, hielt er vor dem Hauſe, durch deſſen niedere Scheibenfenſter ihm das Licht einer Lampe entgegen leuchtete. Schnell war er vom mu⸗ den Roſſe herunter und ergriff die große eiſerne Klinke der Hausthuͤr, die er zu ſeinem Verdruſſe verſchloſſen fand. Ungeduldig uͤber die ſeine Sehnſucht hemmende Feſſel, klopfte er unſanft und nach Art der Soldaten an. „Wer haͤmmert ſo unwirſch an die Thuͤre?“ fragte eine junge männliche Stimme heftig und barſch aus dem Fenſter. „Wer hat hier zu fragen?“ erwiederte Theo⸗ phile ebenſo, nur noch erbitterter.„Thut die Thuͤre auf, dann ſollt Ihr ſehen, wer ich bin, und wie ich ein Recht habe, alſo anzuklopfen.“ Dabei unterließ er nicht, mit ſeinen Waffen einen ehrfurchtgebietenden Ton von ſich zu geben, der auch in ſo fern ſeine Wir⸗ kung nicht verfehlte, als wenige Augenblicke darauf der ſchwere Riegel zuruckgeſchoben, und die Thuͤre geoͤff⸗ net ward. Gebuͤckt trat ihm die alte Tante mit der Leuchte entgegen; ſie erkannte den baͤrtigen, mannbar gewordenen Kriegsmann nicht. In der niedrigen Wohn⸗ ſtube vernahm der Ankoͤmmling in demſelben Augen⸗ blicke einen heftigen Schrei einer weiblichen Stimme, hoͤrte gleich darauf ſeinen Namen laut rufen, dam ein Geräuſch, wie wenn zwei verzweifelt mit einander ringen— endlich wurde die Thuͤre der Stube aufge⸗ riſſen, und Jeanette ſtuͤrzte mit fliegenden Haaren und ——— in aufgeregter Seelenſtimmung, wie auf den erſten Blick nicht zu verkennen war, aus der weit geoffneten Thuͤre die Stiegen herab, ihrem Bruder an die Bruſt. Sie hatte ihn an der Stimme zu erkennen geglaubt, und als ſie nun durch das Fenſterlein, welches aus der Stube in die Hausflur und die Schmiedeeſſe fuhrte, ſeine Geſtalt und die Zuͤge ſeines Geſichtes gewahrte, folgte ſie dem Drange ihres Herzens. Theophile wei⸗ dete ſeine Augen einige Zeit an der hohen, edlen Ge⸗ ſtalt ſeiner Schweſter, und mit Wohlbehagen fuhlte er an ſeiner Bruſt die Wärme ihres Athems; denn ſie hatte ihr Geſicht an derſelben vergraben. Er fuͤhlte mit Entzuͤcken die Schlaͤge des Schweſterherzens, des einzigen, welches er auf der ganzen Erde ſein nennen konnte. Der ſtaunenden Tante wurde der ſeltſame Auftritt nicht eher klar, bis Jeanette ihr Geſicht er⸗ hob und ihr in einem aufgereizten Tone zurief:„Mein Bruder Theophile! Kennt Ihr den Schmied nicht mehr, Margot?“ Da trippelte die Alte freudig, ſtrich ſich das ſchneeweiße Haar hinter die Haube, ſtellte die Leuchte auf den ungeheuern Ambos, der immer noch auf der alten Stelle ſtand, breitete beide Arme zitternd aus, und rief als ihr Theophile die Hand zärtlich druͤckte:„Herr, nun laͤſſeſt Du Deine Dienerin in Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Auserkornen wieder geſehen,“ und ſeinen rechten Arm faſſend, während die bluͤhende Jeanette den linken hielt, ſtellte ſie ſich an, den geliebten Neffen im Triumphe nach der noch geoffneten Stube zu führen, aber die Nichte ſchien ſie aͤngſtlich von dieſem Vorha⸗ ben zuruͤckzuhalten, und Theophile bemerkte deutlich, wie eine hohe Purpurrothe das ſchöne ausgebildete Ge⸗ ſicht der Jungfrau uͤbergoſſen hatte, wie ihre Augen verſchämt den Boden ſuchten. Indem er nun ſeinen Arm wieder um Jeanettens Leib legte, und mit gedaͤmpfter Stimme rief:„Wie geht es Euch, Ihr, meine theu⸗ ren, geliebten Menſchen?“ ließ er ſich von der un⸗ geſtuͤmen Tante nach der Sttiege fortziehen. Kaum aber hatte er die erſte Stufe betreten„als ihm aus der dunkeln Stube ein junger Menſch entgegen trat, deſſen Geſichtszuge er wegen des ſchwachen Lampen⸗ ſchimmers nicht deutlich erkennen konnte; aber ein ſchwarzes Auge blitzte ihm feurig entgegen, er ſah ein ſtark gelocktes Haar auf Ruͤcken und Schultern herab fallen, ſah einen gedrangten Körperbau in der ſchlichten, grauen Tracht, welche alle dienende Perſonen der Calviniſten zu jener Zeit zu tragen pflegten. Ohne Theophile nur eines Blickes zu wuͤrdigen, geſchweige ihn zu grußen, ſchritt der Fremde ſtolz und trotzig an ihm voruͤber, faßte Jeanetten bei der Hand, fluͤſterte ihr etwas mit drohender Geberde ins Ohr, und war ſchnell durch die noch offenſtehende Hausthuͤre verſchwunden. Nachdenklich über den frem⸗ den Gaſt im väterlichen Hauſe, ſetzte Theophile den verzögerten Gang fort, und ſah ſich nach der mit der — 26— Leuchte folgenden Jeanette um, die, wie er bemerkte, ſtark zitterte, und, noch verlegner als erſt, die Blicke nicht zu erheben wagte. Fluchtig begruͤßte Charlot die alten Gegenſtände rings im Zimmer, die alle noch dieſelben waren, wie er ſie einſt als Kind geſehen und liebgewonnen hatte, waͤhrend er ein ſo ganz Anderer geworden war. Dann wandte er ſich wieder zur Schweſter und ſagte in ei⸗ nem Tone, der den Vorwurf nicht ganz verhehlen konnte:„Du empfaͤngſt mich nicht mit jener unbe⸗ fangenen Freude, die ich wohl gewuͤnſcht haͤtte, Jea⸗ nette; und wer war der fremde Geſell, der ſo trotzig und unbekuͤmmert um mich durch die Thuͤre davon ſchritt?“ Jeanette antwortete mit einem Strom von Thrä⸗ nen, und Theophile blickte von ihr verwundert fragend auf die Tante, deren Laͤcheln ihm einige Schaden⸗ 1 freude zu verrathen ſchien. „Siehſt Du, mein Kind,“ redete die Alte das 3 beſtuͤrzte Mädchen an,„hätteſt Du meinen frommen Rathſchlagen gefolgt, ſo brauchteſt Du jetzt Deinem ta⸗ pfern Bruder nicht ſo beſchaͤmt gegenuͤber zu ſtehen, und er wuͤrde ſich im Hauſe ſeiner Väter eines freundlicheren Empfanges verſehen haben. Aber Du biſt nicht auf Gottes Wegen gewandelt und haſt meine Warnung verſchmaͤht. Der Jungfrau Sinn ſteht immer nach dem Geliebten. Mein Freund iſt mir ein Buͤſchel WMyrrhen, das zwiſchen meinen Bruͤſten haͤngt, hat † —— der weiſe König Salomo im hohen Liede geſungen. Mein Freund iſt mir eine Traube Copher in den Weingaͤrten zu Engeddi. Siehe, mein Freund, du biſt ſchön und lieblich. Unſer Bette gruͤnt. Mein Freund iſt mein und ich bin ſein, der unter Roſen wandelt.— Alſo könnt' ich Euch noch viel ſchöne Sppruͤche aus der Bibel herſagen, um darzuthun, daß der Jungfrau Herz geſchaffen iſt, den Freund zu be⸗ glucken, und dadurch ſelbſt begluͤckt zu werden. Das iſt die Ordnung der Dinge, der Lauf der Na⸗ tur; und in meinen jungen Tagen hing ich mit all meinem Leben an Robert Tallier, dem ſchonſten Kuͤper in ganz Poitou, und ſchon war ich ſeine verlobte Braut, da zwang ihn der Koͤnig Franz, mit in den Krieg zu ziehen gegen den deutſchen Kaiſer, und als er unter den Lanzenknechten vor dem Thore ſtand, reichte er mir noch ſeinen ſilbernen Mundbecher, den ich bis dieſen Tag ihm zu Ehren einmal leere. Wohl habe ich den ſchmucken Jungen nicht wieder geſehen; denn er hatte ſein ſchoͤnes Leben in einer wilden Schlacht in Italien verloren, aber nichts deſto weniger bin ich ihm treu geblieben, ſo viel ſchone Anträge mir auch gemacht wurden, und bin eine Jungfrau von ſiebzig Wahren geworden. Hingegen Du, mein Kind, vergißt des Einen uͤber dem Andern, haͤngſt an Beide Dein Herz, und weiſt nicht, wem es eigentlich angehort. Aber Niemand kann zweien Herren dienen und keine recht⸗ liche Jungfrau kann zweien Liebhabern zugleich ange⸗ hören. Das iſt eine Suͤnde vor Gott und mir Dein Wandel ein Graͤul geweſen, Jeanette.“ „Wie ihr nur ſo ſprechen könnt!“ fiel Jeanette unwillig der ſchmählenden, redſeligen Tante ins Wort. „Was ſoll mein Bruder von mir denken, wenn er auf Eure Worte achtet? Sind ſie doch eine foͤrmliche Anklage gegen mich und meine Tugend, Zucht und Ehrbarkeit.“ „Ich ſage nichts weiter, als was ich geſehen, gehoͤrt, und was ich daruber gedacht habe.“ „Und iſt der Beſuch, den ich bei Dir traf, Jeanette, nicht Anklage genug? Koͤnnte er nicht Ur⸗ ſache zu jeglichem Verdacht werden, falls ich, argwoh⸗ niſch auf Deine Tugend, einem ſolchen Platz in meinem Herzen vergoͤnnen wollte? Jeanette, wer war der tro⸗ tzige Burſche?“ „Du ſollſt es erfahren,“ ſchluchzte ſie und weinte dann wieder heftiger.„Jetzt wartet Dein Pferd an der Thuͤre und begehrt des Stalles und des Futters, fuͤhre es erſt herein, damit wir ihm ei⸗ nen Platz bereiten.“ „Wer war dieſer Geſelle?“ fragte Theophile ſchar⸗ fer betont.„Weiche mir nicht aus Jeanette!“ „Ein Diener aus dem Hauſe des alten Herrn Buͤrgermeiſters d'Alban,“ ſagte ſie raſch, aber die Tante ſchuttelte ungläubig den Kopf, und Theophile, der dieß nicht zu bemerken ſchien, ſchritt heftig bewegt — hinaus, faßte ſeinen müden Gaul am Zuͤgel und fuͤhrte ihn durch die verödete Schmiede dem Stalle zu. „Tante!“ rief Jeanette verzweifelt, als der Bruder uͤber die Schwelle war:„ſaͤet keinen Sa⸗ men der Zwietracht zwiſchen Theophile's und mein Herz. Theilt ihm Eure Zweifel uber Jacques Stand nicht mit, ſonſt macht Ihr mich auf ewig zum un⸗ glücklichſten Geſchöpf! Ich beſchwöre Euch bei Chriſtum und all ſeinen heiligen Apoſteln!“ „Kind, was vermiſſeſt Du Dich!“ verſetzte die Alte erſchreckt.„Welche Namen fuͤhrſt Du im Munde, um Dein ſundiges Weſen damit zu verhuͤl⸗ len! Ich will ja gern ſchweigen, wenn dadurch Boͤ⸗ ſes verhuͤtet werden kann. Wende du nur auch alles Ungluͤck ab, und laß von dem wilden, gottloſen Men⸗ ſchen, mit dem kein Segen in unſer Haus gekommen iſt. Gehe nun jetzt, und leuchte dem Bruder, daß er ſein Roͤßlein bettet, und wir nachher eine Stunde zum Genuß frohen Wiederſehns und geſpraͤchiger Mit⸗ theilung gewinnen.“ Haſtig griff Jeanette auf dieſe Mahnung nach der blanken zinnernen Leuchte, und folgte dem Roſſe in den Stall, woſelbſt ſein Reiter duſter vor ſich hin brummend ihm Nahrung und Bette beſorgte. Wie ſehr Charlot auch den Schmerz zu verbergen trachten mochte, den Jeanettens Beſtuͤrzung über ſeine Ankunft bei ihm erregt hatte, dennoch ſaß derſelbe in den duͤſtern Falten ſeiner Stirne und in den buſchigen, ſtark zuſammen⸗ — gezogenen Augenbrauen. Jeanette wagte mit be⸗ klommenem Herzen die Rede nicht, und ſtumm gin⸗ gen ſie nach vollbrachter Arbeit neben einander nach der Stube zuruͤck. Geſchaͤftig hatte unterdeſſen die alte freundliche Tante den ſpiegelhellen kupfernen Krug, aus dem ſchon Theophiles Vater und Großvater ge⸗ zecht, mit dem beſten Weine gefuͤllt; auf dem breiten, eichenen Tiſche, ebenfalls ein Inventariumſtuͤck des Hauſes, glaͤnzten der ſchneeige Tiſchlacken und die blank geſcheuerten Teller, dem Soldaten aller Zeiten ein erfteulicher Anblick. „Nun mault mir nicht mehr, ihr Geſchwiſter!“ rief ſie dem eintretenden Paare recht heiter entgegen. „Denn drei ſchoͤne Dinge ſinds', die beiden, Gott und den Menſchen, wohlgefallen: Wenn Bruͤder eins ſind, Nachbarn ſich lieb haben und Mann und Weib ſich mit einander wohlbegehn. Seht das Erſte der drei iſt aber doch die Einigkeit der Geſchwiſter. Darum Friede mit Euch, Ihr, die ich ſo gern meine Kinder nennen mochte! Laß es gut ſein, Theophile! Jung Blut will 1 frein! Wir wollen ein andermal davon ſprechen. Jetzt 11 vergiß, was Du geſehen, aund glaub' mir, etwas iſt nicht vorgefallen. Sei uns dagegen 6 rzlich willkommen, labe Dich an Speiſe und Trank, und erzaͤhle uns, wie es Dir ergangen.“ Theophile laͤchelte uͤber die erzwungene Heiterkeit der Alten, draͤngte aber gleichfalls ſeinen heftig erwach⸗— ten Gram uͤber der Schweſter Leichtfertigkeit in die —— — Bruſt zurüͤck, und da er einmal wegen des Vorfalls ein feſten Entſchluß gefaßt hatte, wurde er unbefan⸗ gener und natuͤrlicher, ſetzte ſich an den Tiſch, zwi⸗ ſchen das geſchäftige Alter und die angſtbeklommene Jugend, und bat vorerſt um Mittheilung der Ereig⸗ niſſe in der Stadt, der Schickſale von Freunden und Bekannten, und des eigenen Familienlebens, wozu ſich die Tante nicht zum zweitenmal auffordern ließ. Nach⸗ dem ſie mit Andacht das einfache Tiſchgebet geſpro⸗ chen, und Theophile den leckerſten Biſſen des ftuga⸗ len Mahles vorgelegt hatte, begann ſie weitläuftig zu erzählen und zu berichten, und weckte in dem Krieger manche freudige und manche truͤbe Erinnerung. Jea⸗ nette erwarmte dadurch auch allmählig, gab ihr Wort darein, wußte manches beſſer zu erzählen, und bald ſchien es, als ſei nichts vorgefallen. Geſchickt wußte Charlot auch eine Frage nach Henriette dAlban ein⸗ zuflechten, die den Beiden eben nicht auffallen konnte, und erfuhr von Jeanetten, daß dieſelbe noch im Hauſe des Vaters und nicht verheirathet ſei. Dieſe Nachricht war dem Juͤngling nicht angenehm und doch weckte ſie plötzlich eine Menge ſüßer Gefuhle in ſeinem Her⸗ zen. Als das Dankgebet geſprochen war, vergalt Theo⸗ phile den Bittenden durch die Mittheilung ſeiner Aben⸗ 3 teuer, erzaͤhlte, wie ſchlimm man es in Paris mit. den Calviniſten vorhabe, wie dort die Papiſten am Pof mit Lug und Trug die Treuherzigen in die Falle gelockt, wie der Prinz Condé die konigliche Familie * —— in der Stadt Monceaur in Brie mit einem Calvini⸗ ſtenheere zu uͤberfallen und gefangen zu nehmen ge⸗ dacht, wie dieſer ſchoͤne Plan durch die Schnelligkeit der königlichen Pferde und die unnutze Tapferkeit der Schweizergarden vereitelt worden ſei;z berichtete von der blutigen Schlacht bei St. Denis, wo zwei Drittel des tapfern Calviniſtenheeres, treu käͤmpfend füͤr die Frei⸗ heit des Glaubens, und die gerechten Anſpräche ihres Oberhauptes, des Prinzen Louis von Bourbon, ge⸗ nannt Condé, an die Theilnahme am Regierungsge⸗ ſchaͤft, den Tod gefunden hatten. Tante und Nichte entſetzten ſich uͤber dieſe Gräuel, von denen ihre from⸗ men Gemuͤther keinen Begriff hatten, und beide prieſen ſich gluͤcklich, in einer Stadt zu wohnen, die keinen Papiſten in ihre Mauern einſchloß, und wo Ruhe und Menſchenliebe ſich Huͤtten erbaut hatten.— Als es nun ſpät geworden war, und der ſorgſame Theo⸗ phile ſein treues Thier noch einmal beſucht hatte, drückte er Tante und Schweſter freundlich die Hand, und ſuchte das Lager, welches ihm die liebende Sorg⸗ falt der beiden Blutsverwandtinnen bereitet hatte. — Drittes Kapitel. Dort oben auf dem Berge, Da ſteht ein Mülenrad, Das malet nichts als Liebe, Die Nacht bis an den Tag. ₰ Die Mühle iſt zerbrochen, Die Liebe hat ein End. So ſegn' Dich Gott, mein feins Lieb! Zett fahr' ich ins Ellend. Deutſches Volkslied: Vom Noſengarten. Die Fruͤhe des folgenden Morgens fand den ruͤ⸗ ſtigen Krieger ſchon beſchäftigt, den ſtäͤhlernen Bruſt⸗ harniſch, Schwert, Gehenge und Sporen zu putzen, dem Helm, Koller und dem Reitzeug Glanz und An⸗ ſehen zu verſchaffen, und Schweſter und Tante fan⸗ den ihn, als ſie ihm den Morgengruß zu bieten ka⸗ men, bereits in voller Thätigkeit. Als er bemerkte, wie roth Jeanettens Augen waren, die gewiſſe Folge ei⸗ nes anhaltenden nachtlichen Weinens, ſchnitt es ihm faſt durchs Herz, und Böſes aus dieſem ſchlimmen Zeichen ahnend, nahm er die Tante bei Seite, und bat ſie, Jeanetten auf eine Stunde durch einen ſchick⸗ lichen Vorwand aus dem Hauſe zu entfernen, bevor ſeine Ankunft unter den Nachbarn, Verwandten und Freunden bekannt werde, und man komme ihn zu ſe⸗ Storchs Fanatiker 1. 3 hen. Der Vorwand war bald gefunden, und als ſich Theophile mit der Tante allein ſah, begann er ernſt: „Euch, Jungfer Tante, habe ich vor funf Jah⸗ ren, als ich meinem Handwerk nach wieder in die Welt zog, zur Waächterin uͤber Jeanetten beſtellt, und Eure allgeſchätzte Sittſamkeit, Eure Verwandt⸗ ſchaft mit uns und Eure Liebe zu dem Mädchen verbuͤrgten mir hinlaͤnglich, daß ich keine beſſere Wahl treffen konnte. Gebt mir nun Rechenſchaft, wie habt Ihr den Schatz verwaltet, den ich Euch anvertraut? Ihr wißt ſelbſt, daß ich Veranlaſſung gefunden habe, zu glauben, es ſei nicht Alles, wie es ſein ſollte, und Eure eignen Meden geſtern Abend haben mich ſtutzi⸗ ger mcht; zudem habt Ihr mir bei der Erzaͤhlung von Allem, was in der Stadt ſeit meiner Abweſen⸗ heit geſchehen, wohl und weislich verſchwiegen, was im eigenen Hauſe ſich zu getragen. Darum löſ't das Band Eurer Zunge, welches doch wohl nur Jeanet⸗ tens Gegenwart feſt hielt, und thut mir treu und redlich, ohne mir irgend etwas zu verſchweigen, kund, was hat es fuͤr ein Bewandniß mit jenem jungen Geſellen, der mich geſtern Abend ſo barſch anfuhr, als ſei er hier der Herr im Hauſe? Huͤtet Euch aber wohl, mir irgend eine Unwahrheit zu ſagen, denn Ihr muͤßt wiſſen, daß ich mich nachher ſogleich zum Herrn Buͤrgemeiſter dAlban verfuͤgen, und ihm meine Entdek⸗ ung mittheilen werde, da mich ohnedieß ſehr drin⸗ gende Geſchäfte zu ihm fuͤhren.“ — Mit ſteigender Aengſtlichkeit hatte die alte Jung⸗ fer die ernſte Rede ihres Neffen mit angehört, und zuletzt ſah ſie ihn mit Blicken an, die die Frage ent⸗ hielten, ob dieſe Betheurung wahrhaftig ſei, und als ſie ſich davon überzeugt zu haben ſchien, begann ſie in etwas gedehnten Lauten, mehr geheimnißvoll flůͤ⸗ ſternd, als frei und offen redend: „Sei nur nicht böſe auf mich, Theophile, ich will Dir Alles geſtehen, was ich weiß, aber glaube auch bei Gott! ich hab' es nicht verhindern konnen. Wenn ich ein warnendes oder mahnendes Wort fal⸗ len ließ, glaubte das Kind wohl gar, ich ſei neidiſch auf ſein Liebesgluͤck. Ach, wenn man erſt die Sieb⸗ zig auf dem Ruͤcken hat, was kuͤmmern einen da noch die Freuden der Erde!“ „Nun kommt zur Sache!“ herrſchte Theophile ungeduldig; die Tante fuhr erſchreckt zuſammen, und redete noch leiſer: „Es mogen nun ohngefaͤhr ſechs Monden ſein, denn fruͤher habe ich nichts bemerkt, und Jeanette lebte ſtets ſehr haͤuslich, eingezogen, ſittſam und ſtill, wie es einer Jungfrau unſeres Standes und Glau⸗ bens geziemt, kein junges Mannsblut kam uͤber un⸗ ſte Schwelle; nun ja aber, ich wollte Dir erzaͤhlen. Vor einem halben Jahre da ſah ich öfters— ſo um die Zeit der Weinleſe, und wohl noch etwas ſpäter — einen jungen Mann in der Tracht eines Dieners vor dem Hauſe voruber ſchleichen und gar freundlich 3 * gruͤßen. Nicht lange darauf trat er eines Tages in die Stube und beſtellte ſich mit beſcheidenen Worten und ſittſamen Geberden fein genähtes Linnenzeug, in wel⸗ cher Arbeit Jeannette unter meiner Leitung gar geſchickt geworden iſt. Faſt täglich kam er nun, um darnach zu fragen, und hatte dann bald dies bald jenes wieder machen zu laſſen, ſo daß die Abſicht, nur im Hanſe den Zu⸗ tritt zu haben, mir deutlich aus Allem hervorleuchtete. Da er nun gar verſtändige Reden führte, ſo ver⸗ plauderte ich gern ein Stuͤndchen mit ihm, und die Ar⸗ beit ging mir in ſeiner Gegenwart noch einmal ſo raſch von der Hand. Naturlich wußte ich bald, daß er bei dem Maire und Buͤrgermeiſter der Stadt, dem alten ehrenwerthen Herrn d'Alban in Dienſten ſei, und von ſeiner Herrſchaft mit gar viel Liebe hoch gehalten werde. Dieß war mir ein gut Zeugniß fur den ſchmucken, jun⸗ gen Pierre Arbet, ſo war ſein Name, und da er auch ſonſten gottesfuͤrchtig war und ohne Hoffart, die ſonſt die Jugend hegt, vorzüglich, wenn ſie ſich in den Haͤu⸗ ſern reicher Leute ſatt ißt: ſo ſah ich ſeinen Beſuch gar nicht ungern, und lud ihn ein, öfter bei uns zuzuſpre⸗ chen. Es entging mir freilich nicht, wie ſeine Augen ſtets mit Wohlgefallen auf den Reizen Deiner Schwe⸗ ſter ruheten und wie auch ſie nicht gleichgultig gegen Pierre war; da er mir aber erzählte, daß ihn ſein guͤti⸗ ger Herr bald zu verſorgen gedenke und in den Stand ſetzen werde, ſich zu vereheligen und eine Familie zu ernaͤhren, ſo ließ ich alle bangen Zweifel und in mir —— aufgewachten Beſorgniſſe fahren, und ſtellte die Sache Gott anheim. Nicht lange darauf vertraute er ſich denn auch wirklich mir an, wie er geſonnen ſei, Jeanetten als ſein ehelich Weib heimzufuͤhren, da ihn Herr d'Alban zum Hausvogt ſeines Schloſſes St. Alban ernannt, mit dem Beding, daß Pierre, ſo lange er noch lebe, bei ihm bleibe, ſich uͤbrigens verheirathen koͤnne, und den Sold des Hausvogts ziehen ſolle. Mit aufrichtigen Wor⸗ ten flehte er mich, meiner Nichte Geſinnungen gegen ihn zu erforſchen, und ein gut Wort für ihn bei ihr ein⸗ zulegen. Ich that's und fand das Mädchen nicht abge⸗ neigt; ſie war dem beſcheidenen Pierre im Herzen ge⸗ wogen; doch behauptete ſie, ohne Deine Einwilligung, mein Sohn, ihr Jawort nicht von ſich geben zu duͤrfen, was ich auch gut und loͤblich fand. Als ich dem ſehn⸗ ſuchtig harrenden Pierre dieß Bedenken eroͤffnete, be⸗ theuerte er, Dein Schulgenoß und Jugendfreund ge⸗ weſen zu ſein, und verſprach, Deine Zuſtimmung bald zu verſchaffen. So ſtanden die Sachen, als er eines Abends noch einen andern jungen Geſellen mit zu uns brachte, ſeinem Vorgeben nach, ebenfalls ein Diener im Alban⸗ ſchen Hauſe— aber— aber— ich habe bis dieſe Stunde nicht daran geglaubt, obgleich der kuͤhnblickende, ſchwarzlockige Burſche ſo gut das graue Wamms trug, wie Pierre; denn ſein Anſtand, ſeine Worte, ſein gan⸗ zes Weſen verriethen mehr den Herrn, als den Knochti auch glaubte ich wohl zu ſehen, wie der arme Pierre den Unterwuͤrfigen ſpielte, obſchon es nicht ſo ſcheinen —————————— ſollte. Margot Saiſon iſt ſiebenzig Jahr alt geworden, und hat ſie noch Niemand dumm geſcholten. Schon hatte ich eine derbe Strafpredigt fuͤr Pierre ausgedacht, daß er uns den fremden Burſchen zugefuͤhrt, aber er kam ſeit jenem Abend nicht wieder uͤber unſere Schwelle, ſondern ſtatt ſeiner jedesmal jener ſchwarzlockige Trotz⸗ kopf, der ſich Jacques Clarin nennt, der mir aber faſt auf alle Fragen die Antwort ſchuldig geblieben iſt, oder wenn er ſie gab, immer kurz ab, muͤrriſch trotzig oder ſtolz. Die Sache wurde mir bald bedenklich, und ich nahm mir vor, einen Weg in das Haus des Herrn d'Alban daran zu ſetzen— und wirklich ſuchte ich Pierre dort auf. Der arme Junge erſchrak bei meinem Anblick; das war kein gutes Zeichen. Ich nahm ihn bei Seite, ſetzte ihn uͤber ſein unerklärliches Wegbleiben zur Rede, und verlangte reinen Wein eingeſchenkt uͤber den mir verdaͤchtigen Jacques; da rannen dem lieben Bur⸗ ſchen Stroͤme von Thraͤnen aus den Augen und er ſchluchzte, es haͤtte einen Stein erbarmen moögen. Als ich nun beſtuͤrzt vor ihm ſtand, und nicht wußte, was ich daraus machen ſollte, bat er mich mit kläglicher Stimme, ich ſolle weiter nicht in ihn dringen, aber er könne mich bei Gott und unſerm Heiland verſichern, er duͤrfe nicht anders handeln und am wenigſten wieder in unſer Haus kommen, da er nur zu gut wiſſe, wie Jeanette den Jacques weit mehr liebe, als ihn, oder wie ſie vielmehr nur fuͤr jenen wahre Liebe empfinde. Er bedauerte, daß er meinen ihm ſo lieben Umgang mei⸗ den muͤſſe, und das ruͤhrte mich ſelbſt zu Thränen. Weiter konnte ich aber durchaus nichts von ihm erfahren und ging verwirrter und troſtloſer von ihm, als ich ge⸗ kommen war. Mein erſtes Werk war nun, Jeanetten zu befragen und zu warnen, aber auch hier erhielt ich nur Thränen zur Antwort. Das geſpannte Verhältniß wurde mir unerträglich, zumal, da der mir widrige Jacques keinen Abend mit ſeinen Beſuchen ausſetzte, ſtets heimlich mit Jeanetten kooſte, was Pierre ſich nie⸗ mals unterfangen hatte, und mich ganz als eine Null zu betrachten ſchien. Zudem wurde das Mädchen im⸗ met ſchwermuͤthiger; ich ſah ſie oft mit roth geweinten Augen, wie Du ſelbſt ſie dieſen Morgen geſehen haſt, und hoͤrte ſie ſtets ihr Gebet mit einer ſonderbaren Hef⸗ tigkeit, ja mit einer wahren Herzensangſt verrichten. Dabei verſäumte ſie keine Kirche und keinen Gottesdienſt zu Hauſe, und ſchien mir noch weit froͤmmer und an⸗ dächtiger als zuvor. Obgleich mich dieſer Umſtand wie⸗ der einigermaßen beruhigte, ſo beſchloß ich doch, unſerm ehrwuͤrdigen Prieſter mein beſorgtes und bekuͤmmertes Herz auszuſchuͤtten, und mir von ihm Rath und Bei⸗ ſtand in meinen Noͤthen zu erflehen. Kaum aber hatte ich vor Kurzem dieſen Gedanken bei Jeanetten laut wer⸗ den laſſen, als ſie ſich, wie eine Verzweifelte, zu mei⸗ nen Fuͤßen warf, und mich jammernd beim großen Gott und ſeinem eingebornen Sohn flehte, den Gang zu unterlaſſen, wolle ich ſie nicht in das tiefſte Verder⸗ ben ſtuͤrzen. Erſchreckt durch ſolche furchtbare Worte, verſchloß ich den Gram tief in mein Herz. Dir aber darf und muß ich es nun erſchließen, obgleich mich Jean⸗ nette durch eine aͤhnliche Beſchwoͤrung geſtern Abend da⸗ von abzuhalten geſucht hat.“ „Beruhigt Euch daruͤber, daß Ihr Euch mir an⸗ vertraut,“ verſetzte Theophile nach einigem Nachdenken als er die lange, mit vielen Unterbrechungen und umſtänd⸗ lchkeiten ausgeputzte Rede aufmerkſam angehort hatte. „Ihr ſeid ehrlich und brav, und habt mit der Unehrlichkeit nichts zu ſchaffen, die hier umgeht, und, um die noch bei Zeiten zu vertreiben, ich gerade recht gekommen bin.“ Er druckte der wieder freundlich gewordenen Alten die duͤrre Hand, und beurlaubte ſich im glaͤnzenden Krie gskleid S ein paar Stunden. Veienrnt ebu pit eh. Goldner Friede muß ergötzen. Böſer Krieg will nur verletzen. Was bringt Friede?— Fröhligkeit. Was bringt Kriegen?— Nichts als Leib. Goldner Friede lehrt uns ſingen, Böſer Krieg die Hände ringen. Was bringt Friede?— Hohen Muth. Was bringt Kriegen?— Thränen, Blut. Goldner Friede weiß zu nähren, Böſer Krieg will uns verzehren. Was bringt Friede?— Wein und Brot. Was bringt Kriegen?— Hungersnoth. Friede will uns Gutes gönnen, * Krieg nach der Verdammniß rennen Was gibt Friede?— Selig ſein. Was bringt Kriegen?— Höllenpein. Friede baut, erhöht, errichtet, Krieg zerreißt, zerſtört, zernichtet. Was zeugt Friede?— Muth uud Gut. Was zeugt Kriegen?— Glut und Blut. Friede kommt aus hohem Himmel, Aus der Hölle Kriegsgetümmel. Was iſt Friede?— Gottes Kind. Krieg?— Ein Sündenlabyrinth. Juſt Georg Schottel.(1647). Als Charlot uber die Stufen durch das hohe Portal in das ſteinerne Haus des alten Buͤrgemeiſter dAlban in der —— Rue de Port geſchritten war, trat ihm der Kammerdiener des alten Maire in der einfachen, ſchmuckloſen Tracht der Hugenotten entgegen, um ſich nach dem Begehr des ſtattliches Kriegsmanns zu erkundigen; doch kaum hatte Pierre denſelben ins Auge gefaßt, als er auch froh uͤberraſcht ausrief:„Ei willkommen, edler Theophile Charlot, würdigſter aller Schmiedegeſellen im Kriegs⸗ rock eines Fihrers der Calviniſten! 4 „Redlicher Pierre Arbet, lieber Jugendgenoß,“ verſeßte Theophile freundlich,„ ſteckſt Du auch nicht im Waffenrock, wie Deiner Jugend und Deinen Kraͤf⸗ ten in jetzigen Zeiten der Noth wohl anſtäͤnde, ſo biſt Du mir doch ein lieber Mann. Melde mich Deinem alten verehrten Herrn, für den ich wichtige Briefſchaf⸗ ten aus dem Felde mitgebracht habe, doch vorher laß mich ein Paar Wörtchen zu Dir im Vertrauen reden, und fuͤhre mich deshalb an ein Plätzchen, wo uns Nie⸗ mand belauſchen mag.“ Geſchmeidig und dienſtfertig erfuͤllte Pierre den v⸗ Jugendfreundes, und räusperte ſich ver⸗ legen, als ſie ſich allein in einer dunkeln Kammer be⸗ fanden. „Womit kann ich Dir— mein edler Freund?“ fragte der ans Dienen gewohnte Menſch demuͤthig, ja kriechend, daß dem geraden, offenherzigen Theophile bei dieſem Tone nicht wohl zu Muthe ward. „Dienen ſollſt Du mir nicht,“ verſetzte der Sol⸗ 3 dat rauher.„Sage mir kurz und wahrhaftig, welch ein Spiel treibſt Du mit meiner Schweſter?“ „Soll mich Gott behuͤten,“ wimmerte Pierre, „daß ich ein Spiel mit ihr triebe!— Ach!“ ſeufzte er wieder nach einer kleinen Pauſe, und zitterte dazu an allen Gliedern,„bin ich doch vielmehr ſelbſt der Spiel⸗ ball!“ „Nun ſo ſage kurz, weshalb Du ſo ſchnell Deine Abſichten auf das Mädchen aufgegeben, da Du doch ſo gut als mit ihr verlobt warſt, und das Feld auf eine ſo ſonderbare Weiſe einem Andern geräumt haſt. Und wer iſt dieſer Jacques Clarin, der ſich auch fur einen Diener dieſes Hauſes ausgiebt?“ Pierres erbleichendes Geſicht und bebende Lippen, die nur Bewegung, nicht Worte gaben, jagten Theo⸗ phile eine boͤſe Ahnung durch den Kopf, und, den Ver⸗ zagten bei der Schulter faſſend, rief er wild:„Beichte mir flugs die lautere Wahrheit, oder beim gnaͤdigen Gott, in einer Minute bin ich bei Herrn dAlban, da⸗ mit er erfahre, welch einen Schelm er im Hauſe hegt!“ Da ſank der gemarterte Kammerdiener in die Kniee, und winſelte:„Nun, Gott ſtehe mir bei, und laß es mir nicht entgelten, wenn ich einen gezwungenen Eid auch wieder gezwungen breche. Vernimm denn meine Unſchuld und meinen Jammer! Deine ſchoͤne Schwe⸗ ſter war das Ziel meiner Wuͤnſche, und in ihrer Nei⸗ gung zu mir, die mir theils Deine Tante, theils ihr eigenes Thun und Reden kund that, fand ich mein hoͤch⸗ ſtes Gluͤck. Schon wollte ich den Boten abſenden, der mir Deine Einwilligung zu unſerer Hochzeit bringen ſollte, da ließ ich mich im thoͤrigten Uebermuthe verlei⸗ ten, gegen den jungen Herrn Ceſar dAlban zu aͤußern, ich beſitze die ſchönſte Braut in ganz Rochelle. Der junge Herr widerſprach mir das heftig, und behauptete, eine ſolche Schonheit wäre von ihm nicht unbemerkt ge⸗ blieben; denn er habe ein ſcharfes Auge. Ich aber be⸗ ſtand zu meinem Verderben trotzig auf meinem Aus⸗ ſpruch, und forderte ihn ſogar auf, mich zu Jeannet⸗ ten zu begleiten, wenn er ſich uͤberzeugen wolle. Er nahm den Vorſchlag an, und des Abends wanderten wir, er in einem meiner Dienerkleider, in das Haus meiner ſtillen irdiſchen Seligkeit. Aber wie erbebte ich, als Ceſars ſchwarze Augen funkelnde Blitze auf Jean⸗ nettens Geſtalt ſchoſſen, ja wie er ſie gar nicht von der Fuͤlle ihrer Reize abwenden konnte! Ohne ſich wei⸗ ter um mich zu bekuͤmmern, fluͤſterte er ihr die fußeſten Worte zu, die ihr Herz weit mehr, als ich je geglaubt hatte, anzunehmen geneigt war; er unterhielt ſie ſo warm und zaͤrtlich, er war ſo ganz nur Aug' und Ohr fur ſie, daß ich bebend zu Seite ſtand, und mir ahnete, wo das hinaus wolle. Auf dem ſpäten Heimwege er⸗ klaͤrte mir Ceſar rund heraus: ich ſolle mir nur alle hoffärtigen Gedanken auf Jeannettens Beſitz bei Zeiten vergehen laſſen; ein ſolcher Biſſen waͤre für ſo einen armſeligen Knecht viel zu koſtbar; er ſelbſt habe ſich ſo uͤber Gewohnheit in Jeannetten verliebt, daß er ohne — 46— ihren Beſitz vor der Hand nicht wuͤrde leben koͤnnen. Ich war wie vernichtet; aber fur mein Jammern und Wehklagen hatte er nur harte Worte oder ein verſpot⸗ tendes Lachen. Zu Hauſe angelangt, ſtieß Ceſar die heftigſten Drohungen gegen mich aus, wenn es mir einfallen ſollte, ſeine Liebe zu verrathen, ja er zwang mich, ihm meine Verſchwiegenheit durch einen Schwur anzugeloben.“— „und Du ſchwurſt den nichtswurdigen Eid?“ rief Theophile aufgebracht und unwillig. „Ach! was muß der Diener ſich nicht von der Herrſchaft gefallen laſſen?“ ſeufzte Pierre mit Thränen in den Augen.„Vergebens ſtellte ich dem Harten Jean⸗ nettens Liebe zu mir entgegen; lachenden Mundes trö⸗ ſtete er mich daruͤber: er hätte beſſer in ihrem Auge ge⸗ leſen, und aus ihren Worten gemerkt, wen ſie liebe. Und ſo hat er denn ſeit einigen Wochen ſeine Beſuche in jener Tracht bei Jeannetten fortgeſetzt, während mir je⸗ desmal das Herz zerſchnitten wurde.“ Heulend und ſchluchzend beſchloß der Betrogene ſeine Rede. „Höre,“ entgegnete Theophile voll Aerger:„Du biſt ein weinerlicher Geſell, und wohl will es mich beduͤn⸗ ken, als haͤtte der Herr Ceſar jenen Abend auf dem Heimwege recht gehabt. Doch dieſem Unfuge ſoll bald geſteuert werden.“ „Aber ſchone nur mich, beſter Charlot!“ winſelte der Diener wieder. „Ei ja, Haſenherz!“ rief Theohphile aufgebracht. — 46— „Dir ſoll kein Haar gekruͤmmt werden. Oder ſoll ich es Dir vielleicht auch beſchwören? Sag' aber an, wer iſt dieſer Ceſar? Ich kenn' ihn nicht und habe ſonſt nie etwas von ihm gehort. Iſt er vielleicht ein Sohn des Herrn Buͤrgermeiſters?“ „Ach nein! er iſt der Enkel deſſelben.“ „Der Enkel?“ fragte Theophile verwundert. „Weiß ich doch nicht, daß der Oberſt d'Alban, des Buͤrgermeiſters Sohn, je verheirathet war.“ „Der Herr Oberſt hat noch einen aͤltern Bruder, den Papiſten.— Nun Du wirſt die Geſchichte wiſſen!“ „Ich weiß nicht das Geringſte. Was kuͤmmerten mich ſonſt die Großen unſerer Stadte Ich ſtand den ganzen Tag in meiner Schmiede, und verſorgte meine Kunden— und bald wird es wieder ſo werden!“ „Nun, der junge Herr lebte damals nicht fromm, und die Kammerfrau der ſeligen Madame d'Alban hatte ſich zu weit mit dem Wildfang eingelaſſen. Die Folgen wurden bald ſichtbar, der junge Herr entſprang, und iſt in Paris wieder zu den Päpſtlichen uͤbergegangen; das hat ſeiner Mutter den Tod gebracht. Die Kammer⸗ frau iſt damals ins Land gefuhrt worden, und man ſagt, ſie habe Zwillingskinder geboren. Aber weder vom Toch⸗ terlein noch der Mutter hat man in la Rochelle jemals etwas geſehen noch gehoͤrt, und erſt vor zwei Jahren kam Ceſar ſchon als ſtämmiger Burſch ins Haus.“ „Nun der Sohn ſcheint des Vaters Ebenbild zu ſein, und Jeannetten könnte das Schickſal der Kam⸗ „So iſt ſie ihm wieder verderblich geworden, und leider! leider! mit ihm uns Allen, dieſe Alecto Franciae,“ ſagte der Buͤrgermeiſter ſchmerzlich.„So hat der Tho⸗ richte dem zauberhaften Meduſenweibe wieder ins Auge geblickt, und iſt von ihrem Teufelsblick in ihren Kreis gebannt worden! Will denn kein kuͤhner Perſeus auf⸗ ſtehen, welcher ihr das mit hölliſchen Reizen bewaffnete Haupt vom Rumpfe ſchlägt, der unheilbringenden Gor⸗ gone?“ „Der Baſilisk iſt ſie,“ ſchnaubte der Prediger zornig,„der mit ſeinem Blicke vergiftet. Gelänge es mir, wie unſerm frommen Prediger Peter Märtyr, n ihrem Zimmer die Bibel auszulegen, ich wollte ihr eien Spiegel vorhalten, worinnen ſie ſich durch ihren eignen Blick umbringen ſollte. Ich wollt ihr ſagen, daß ſie die große Hure auf dem ſiebenhauptigen Thiere mit zehn Hoͤrnern in der Offenbarung Johannis iſt. Ja das iſt ſie; ich will's Euch erklaͤren.“ Er ſchickte ſich alſo⸗ bald zu einem bibliſchen Lehrvortrag an, als der Buͤr⸗ germeiſter ihn unterbrechend aufſeufzte: „Olo! ein boͤſer Friede! der wird uns in große Kalamitäͤten bringen! wir ſtanden ſo vortrefflich, wie noch niemals. Und Friede iſt eine contradictio in ad- jecto. Ein Friede, der mehr Blut koſten wird als die ſchümmſte Schlacht. Der Admiral hätte ſtärkere Oppo⸗ ſition gegen den unbedachtſamen Prinzen bilden ſollen.“ „Es hat nicht an heftigem Widerſpruch gemangelt, Storchs Fanatiker. 1. 4 — d— edler Herr, aber wenn das Haupt ſich von den Gliedern nicht irre machen läßt, ſo muſſen ſie wohl folgen.“ „Freilich mein Sohn! Was doch das Frauenzim⸗ mer nicht vermag! O Prinʒ Condẽ iſt leichtfinnig, und weiß nicht, wie viel Menſchenleben er opfert! Wie kann er der Nichte des Papſtes trauen, dieſer unkeuſchen pflicht⸗ und treuvergeſſnen Cleopatra, die auch ihm ſchon ſo oft das heiligſte Wort gebrochen? Wird er nie werden?“ „Erſt iſt ſie ihm um den Bart gegangen„ die fal⸗ ſche Katze,“ eiferte der Prediger,„aber wenn er ein⸗ geſchlafen iſt, berauſcht vom Becher ſuͤndlicher Weltluſt, den ſie ihm geboten, wird ſie ihm ſein eignes Schwert aus der Scheide ziehen und ihm das Haupt damit ab⸗ ſchlagen, wie Judith dem Polofernes that, oder ihm einen Nagel in den Kopf hämmern, wie Jael dem Hauptmann Siſſera. Nur mit dem Unterſchiede, daß jene Weiber Gott und ſeinem Volke damit einen Dienſt leiſteten, ſie aber thut ſolchen dem Teufel.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Charlot beſcheiden,„viele Männer in unſerm Heere, die vom Stande der Sachen genau unterrichtet ſind, wie der Admiral, der Graf La⸗ rochefoucauld, der Graf Teligny und noch Andre, wel⸗ che kuͤrzer oder laͤnger am Pofe in Paris gelebt haben und das Weſen deſſelben kennen, zittern fuͤr den Prin⸗ zen. Es ſollen viel verfuhreriſche Frauen zu der Um⸗ gebung der Koͤnigin gehören, welche leicht ein Männer⸗ herz beſtricken koͤnnen.“ —— „Die Schlange hat ſich der Eva bedient, um den Adam zu verderben,“ perorirte der Prediger.„Sie werden ihn abbringen vom reinen Glauben, von der al⸗ leinigen Kirche Chriſti; ſie werden ihn ziehen in die Höh⸗ le des Dagon, ſie werden ihn ſchleppen in den Tempel des Baal. O Salomon, wo iſt nun Deine geruͤhmte Weisheit? Der Du geherrſcht haſt uͤber Israel und gebaut den prächtigen Tempel des einzigen Gottes, den der Herr wuͤrdigte, ſeine Herrlichkeit von Angeſicht zu Angeſicht im Traume zu ſehen, Du biſt in Abgötterei verfallen, verfuͤhrt von auslaͤndiſchen Weibern, von denen der Herr geſagt hatte den Kindern Israel: Gehet nicht zu ihnen, und laſſet ſie nicht zu Euch kommen; ſie werden gewiß Eure Herzen neigen ihren Göttern nach: Du einſt der Stolz Ismaels baueſt nun Tempel dem Aſthoreth, dem Götzen derer von Zidon und dem Mil⸗ com, dem Grauel der Ammoniter. Doch der Herr wird nicht laſſen von ſeinem Volk.“ Der Buͤrgermeiſter, welcher die geiſtlichen Eplo⸗ ſionen unwillig zu ertragen ſchien, fiel dem eifrigen De⸗ klamator wieder in die Rede: „Ihr habt ganz recht, mein werther Doktor Se⸗ verin. Um dies Weib wird mehr Blut vergoſſen, als um die griechiſche Helena. Eine Meſſaline iſt ſie, ein Schandpfahl auf dem franzöſiſchen Throne.“ „Ich aber ſage Euch abermals und zum dritten⸗ male, ſie iſt die große Hure, das Schandbild des anti⸗ chriſtiſchen Reichs in der Offenbarung Johannis, des 4* Theologen. Hoͤrt mich an und erſtaunt, wie der Evan⸗ geliſt unſre ganze Zeit prophezeiht hat,“ alſo rief der begeiſterte Doktor, ſich ſeines Vorhabens von vorhin wieder erinnernd, und war nun nicht mehr von demſel⸗ ben abzubringen. Vielmehr zog er aus ſeinem Chorrock eine Bibel hervor, winkte den beiden Zuhorern zu ſchwei⸗ gen, ſchlug das Buch auf und begann mit erhobener Stimme:„Und es kam einer von den ſieben Engeln, die die ſieben Schalen hatten, redete mit mir und ſprach zu mir: Komm, ich will dir zeigen das Urtheil der gro⸗ ßen Hure, die da auf vielen Waſſern ſitzet; mit wel⸗ cher gehuret haben die Koͤnige auf Erden, und die da wohnen auf Erden, trunken geworden ſind vom Wein ihrer Hurerei.— Und er brachte mich im Geiſt in die Wuͤſte. Und ich ſah das Weib ſitzen auf einem roſin⸗ farbenen Thiere, das war voll Namen der Läſterung und hatte ſieben Häupter und zehn Hoͤrner. Und das Weib war bekleidet mit Scharlach und Roſinfarbe, und uͤbergoldet mit Golde und Edelgeſteinen und Perlen; und hatte einen guͤldenen Becher in der Hand voll Graͤuel und Unſauberkeit ihrer Hurerei; und an ihrer Stirn geſchrieben den Namen, das Geheimniß, die große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Grauel auf Erden. Und ich ſahe das Weib trunken vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jeſu.“— Severin hielt einen Augenblick inne, legte die Bibel bei Seite und führ fort:„Laſſet Euch auslegen und ins Herz gehen, was Ihr mit Euren Ohren vernommen! — Das abſcheuliche Weib iſt die Königin Katharina, das Thier aber, auf welchem ſie ſitzet, iſt der Papſt in Rom. Sie iſt angethan mit Scharlach und ge⸗ ziert mit Gold. Der Kelch in ihrer Hand, das iſt die lockende Weltluſt, welche ſie nach Frankreich ge⸗ bracht, die Unzucht und Wolluſt, Schlemmerei, Lug und Betrug. Das Blut der Heiligen, welches ſie getrunken, iſt das des großen Anna du Bourg, der Maͤrtyrer in Vaſſy, der Zeugen Jeſu, die vor Or⸗ leans geblieben ſind, bei Dreur und Amboiſe. Die große Babylon iſt Paris, der Sitz aller teufliſchen Suͤnden. Dort thront die gleisneriſche Schlange und bietet ihren Kelch Allen an. Das ſchmecket anfangs ſußer als Honigmeth und berauſcht angenehmer, als der beſte Malvaſier, aber jeder Tropfen wird den Verfuͤhrten im Leibe brennen, wie hoͤlliſches Feuer.“ „Ihr habt Recht; ſie iſt eine ſingende Sirene,“ fiel der Bugermeiſter dem Prediger wieder ins Wort, weil ihm die Rede ſchon zu lang gedauert hatte und noch kein Ende derſelben abzuſechen war.„Sie ver⸗ locket die Männer mit fuͤßem Geſang und wuͤrgt ſie, hat ſie dieſelben gefangen, unbarmherzig hin. Es iſt eine große Thorheit vom Prinzen, den Katholiken ein einziges Wort zu glauben. Qualis rex, talis grex.“ „Die Rotte Kohrah und Abiram, die der Herr von der Erde verſchlingen laſſen wird, guf die er Feuer werfen wird vom Himmel, um ihren Samen zu vertilgen. Doch höret voran, was Johannes ſagt — 5— vom Fall der großen Hure. Hoͤrt und freuet Euch!“ Und ohne auf des Buͤrgermeiſters verdrießliches Geſicht die mindeſte Ruͤckſicht zu nehmen, ergriff der Predi⸗ ger die Bibel wieder und laß:„Und darnach ſahe ich einen andern Engel niederfahren vom Himmel, der hatte eine große Macht, und die Erde ward er⸗ leuchtet von ſeiner Klarheit; und ſchrie aus Macht mit großer Stimme und ſprach: Sie iſt gefallen, ſie iſt gefallen, Babylon, die große, und eine Behau⸗ ſung der Teufel geworden, und ein Behaͤltniß aller unreinen Geiſter und ein Behältniß aller unreinen Voͤgel.“ „Nun da ſteht es ja ſonnenklar, daß wir noch einmal Herrn von Paris werden ſollen,“ bemerkte der Greis ſarkaſtiſch. „Höret weiter die himmliſche Prophezeihung!— Und ich horete eine andere Stimme vom Himmel, die ſprach: Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht theilhaftig werdet ihrer Suͤnden, auf daß ihr nicht empfanget etwas von ihren Plagen. Denn ihre Suͤn⸗ den reichen bis in den Himmel, und Gott denkt an ihren Frevel. Bezahlet ihr, wie Sie euch bezahlet hat, und macht es ihr zwiefaͤltig nach ihren Werken; und mit welchem Kelch ſie Euch eingeſchenket hat, zwiefältig ein; wie viel ſie ſich herrlich ge⸗ ket ihr Qual und Leiden ein. Denn ſie ſpricht in ih⸗ ihren Muthwillen gehabt hat, ſo viel ſchen⸗ — rem Herzen: Ich ſitze und bin eine Koͤnigin, und werde keine Witwe ſein, und Leid werde ich nicht ſehen. Darum werden ihre Plagen auf Einen Tag kom⸗ men, der Tod, Leid und Hunger; mit Feuer wird ſie verbrannt werden. Denn ſtark iſt Gott der Herr, der ſie richten wird!“ Triumphirend hatte der Pre⸗ diger Haupt und Stimme erhoben und ſah nun mit leuchtenden Blicken bald den Soldaten, bald den Buͤr⸗ germeiſter an.„Was ſagt Ihr dazu?“ brach er end⸗ lich aus.„Iſt ſie uns nicht durch dieſe untruͤgliche Prophezeihung in die Häͤnde gegeben? Wir werden ſie mit Feuer und Schwert vernichten, und wir, das Volk Gottes, werden Herrn des Reiches werden.“ „Darin bin ich mit dem geſtrengen Herrn Dok⸗ tor ganz einerlei Meinung, daß das Kriegsdonnerwet⸗ ter bald wieder losbrechen wird,“ warf jetzt Charlot freundlichen Geſichts ein; denn der Prediger hatte ſeinen Lieblingswunſch beruͤhrt.„Ja, glaubt's nur, gnädiger Herr,“ wandte er ſich zum Burgermeiſter, „es wird nicht lange dauern, ſo ſteckt die Kriegsfak⸗ kel das Land wieder in Brand, und ich denke, dann ſollen wir klug geworden ſein.“ „O eine böſe Zeit!“ ſeufzte der Alte.„Wenn ſich die Wahrheit und das Recht nur durchs Schwert behaupten koͤnnen, ſteht's ſchlecht um die Wohlfahrt der Völker. Iſt's doch ſchlimmer noch unter den Chriſten jetzt, als unter den Roömern zur Zeit des großen Julius, und das waren doch Heiden. Sehen wir das edle franzoſiſche Volk nicht ebenſo wieder In sua victrici comwersum viscera dextra?“ Theophile nickte beifällig, obgleich er nichts von des Buͤrgermeiſters Worten verſtand; aber der Pre⸗ diger fuhr auf den Greis ein und ſagte heftig:„Wer Suͤnde thut, muß ſterben. Jerael zog auch aus und vertilgte den Stamm Benjamin, weil er freventlich wieder Gott gehandelt hatte. Haut ab den wild wach⸗ ſenden Baum, damit die andern deſto beſſer gruͤnen und bluͤhen mögen.“ Der Buͤrgermeiſter kuͤmmerte ſich nicht ferner um Severins Gerede, ſondern lehnte am Fenſter und ſchaute nachdenklich in die erhaltenen Briefe, endlich wandte er ſich wieder zu Charlot: „Ihr ſeid mir ſehr empfolen, junger Geſell. Ihr habt abermals Eurer Vaterſtadt Ehre gemacht, und ich dank' Euch im Namen derſelben dafuͤr. Der Ad⸗ miral halt große Stucke auf Euch, und nennt Euch einen ſeiner Tapferſten. Dabei lobt er Euch als ei⸗ nen frommen, keuſchen, enthaltſamen Jüͤngling. Fortiter ille vincet, Qui sui motus anima vincere sustinebit. ſagt der Heide Horatius; aber dem frommen Chriſten ſteht die Tugend noch beſſer, und macht ihn zum unuͤberwindlichen Streiter. Gebt mir Eure Hand, die ſo wacker fur unſre Kirche und die Bourbons ge⸗ fochten hat. Ich heiß' Euch herzlich willkommen in la Rochelle, und freue mich, Euch nun auch wieder im engeren Sinne den Unſtigen nennen zu koͤnnen. Geht nun heim, mein Sohn, Ihr gefallt mir, ich werde mich Eurer erinnern, und wenn Ihr ein An⸗ liegen habt, ſo kommt und tragt es mir freimuͤthig vor.“ „Ihr werdet mir nicht zuͤrnen, geſtrenger Herr,“ ſagte Theophile offen und beſcheiden,„wenn ich von Eurer mir gezeigten Guͤte ſchon jetzt Gebrauch mache. Ihr ſeid ein ſo großer Freund der Zucht und Ord⸗ nung, die von unſerm reinen Glauben unzertrennlich ſind, und werdet mir deshalb mit Eurer Macht ge⸗ gen den Sohn eines vornehmen Hauſes hier beiſtehen, der ſich in das Herz meiner einzigen Schweſter ein⸗ geſchlichen, um ſie zu verfuͤhren; denn ein ſo reicher Edelmann kann ja doch eines armen Schmiedes Toch⸗ ter nicht ehelichen.“ „Euch ſoll Recht werden, Charlot,“ verſetzte der Buͤrgermeiſter beſtimmt.„Sei der Bube wer er wolle, der Vornehmſte oder der Geringſte: er ſoll an mir erfahren, was Ariſtoteles ſagt in der Ethik: Praeclarissima omnium virtutum est justicia; und am andern Orte: tribuit unicuique quod suum est. Nennt mir den Namen des Frevlers, der Eurer Schweſter unbewachte Tugend uͤberſchlich!“ „Wer iſt der Suͤndenknecht, welcher Gott mit ſolcher Grauelthat läſtert in unſrer Gemeinde?“ fragte Severin barſch. — „Ceſar d'Alban, Euer Neffe, Herr.“ Der Buͤrgermeiſter bebte zuruͤck, doch faßte er ſich, und ſagte mit gedaͤmpfter Stimme:„Ihr greift mir an das Herz, Kriegsmann. Das Wiedererwa⸗ chen der getäuſchten Hoffnungen meines ganzen freu⸗ denarmen Lebens ſah ich in Ceſar. Er ſollte mir er⸗ ſetzen—— doch was gehoͤrt das hierher, zu dieſer Sache? Geht! Ihr könntet mich ſchwach ſehen, und ich bedarf der Stärke; denn Euch ſoll Recht widerfah⸗ ren. Ich muß Brutus contra Kilios ſein.“ Er winkte mit der Hand, aus der ihm die Briefe entfallen wa⸗ ren. Theophile glaubte Thraͤnen in des Greiſes Au⸗ gen zu bemerken, und ging, halb geruͤhrt, halb be⸗ ſtuͤrzt. Den Prediger hörte er noch zum Buͤrgermeiſter ſagen:„Ihr ſeid ein wahrhaftiger Richter in Jsrael. Aergert Dich Dein Auge, ſo reiß es aus zc.“ Von Penriette hatte Charlot nichts geſehen, und kam trau⸗ rig nach Hauſe. F ünnef teesümKna pitel Wohlauf Geſellen! Macht widerprellen Vom Eiſen, das hitzt, An euren Stellen Des Ambos's Schwellen, Daß's donnert und blitzt! Ja, laßt uns ſchmieden Und wacker glüden Mit richtigem Schlag. Uns iſt es beſchieden, Ganz zu ermüden Bis an den Mittag. Auf, ihr Geſellen, Daß beim Erhellen Des Himmels geſchwind Bei Hammerfällen Aus unſern Zellen Das Liedlein beginnt! Die Hähne horchen Veim frühſten Morgen, Und haben uns Dank, Indem wir ſorgen Um nicht zu borgen Koſt, Kleider und Trank. Altes Schmiedegeſellen-Lied von Matthias Abele(1673). Zwei kurze Monate hatten den blanken Solda⸗ ten in einen ſchwarzen Schmied verwandelt, der noch vor Anbruch des Tages mit ſeinen Geſellen vor dem Ambos ſtand, und unermuͤdet die ſchweren Hammer mit ruſtigem Arme ſchwang. Das kleine die Jahre her faſt veroͤdete Haus war nun wieder ſo belebt, wie ſonſt, und früͤh und ſpät ertönten die Schlage des fleißigen Jungmeiſters die enge Straße entlang, von manchem Ton froher Jugendluſt begleitet. Lauter Ge⸗ ſang von Freudenliedern war nach den kirchlichen Geſetzen den Hugenotten nicht erlaubt, doch die Schmie⸗ degeſellen wußten ſich zu entſchädigen, und brummten die verbotenen Lieder nach der Sangweiſe erlaubter Bußpſalmen. Mit dem neuen Schmied ſchien der Segen in ſein Haus gezogen zu ſein; denn nicht nur Theophi⸗ les bewundernswuͤrdige Geſchicklichkeit in Verfertigung aller, ſelbſt feiner, kunſtlicher Eiſenwaaren verhalf ihm bald zu einem Ruf, ſondern auch der Ruhm ſeiner Tapferkeit und ſeines muſterhaften Betragens, den ſeine nun ebenfalls zuruͤckgekehrten Kameraden ausbreiteten, erwarb ihm die Achtung und Liebe aller Bewohner la Rochelles. Bald konnte er die Arbeit nicht mehr bezwingen, und deshalb war die Werkſtatt endlich von Gehuͤlfen uͤberfuͤllt. Die ehrſamen Buͤr⸗ ger der Stadt unterließen auch nicht, den jungen allgemein geſchätzten Mitburger in ihre Trinkſtuben, Gelage, oder feſtlichen Zuſammenkuͤnfte einzuladen, wo jedoch, nach dem ſtrengen Geſetze Calvins, weder geſpielt, noch getanzt, noch Voͤllerei getrieben wurde, ſondern alles nach den Regeln der ſtrengſten Ord⸗ nung zugeſchnitten war, und ſogar Weiber und Toch⸗ ter ausgeſchloſſen blieben. Dagegen war der Beſuch in den Familienzirkeln gebräuchlich, den ſich jedoch Theo⸗ phile nicht erlaubte. Es hatte damit ſeine guten Gruͤnde, die ſich der redliche Schmied nicht einmal ſelbſt geſtand, geſchweige denn, daß er ſie einem An⸗ dern anvertraut hätte. Aber ihm lebte auch kein in⸗ niger Freund in la Rochelle, den er zum Vertrauten ſeines zwiefachen Grams hätte machen können. Den Feldgenoſſen, den wackern George d'Armevall, an dem ſein Herz hing, hatte der Friede ja auch in die ferne Heimath gefuhrt. Kurz nach der Heimkehr aller Glaubensſtreiter hatte der Buͤrgermeiſter, oder vielmehr deſſen Sohn, der Oberſt dAlban, den Hauptleuten und Fuͤhrern, welche in la Rochelle und der Umgegend wohnten, ei⸗ ne ſplendide Mahlzeit gegeben. Theophile war nafür⸗ lich keiner der letzten an der geſchmuckten Tafel; und da war es, wo er zuerſt Henrietten, die ſtill Verehrte, heimlich aber gluͤhend Geliebte nach langen Jahren und zwar nun in der hochſten Bluͤthe jugendlicher Schoͤnheit wiederſah. Der Schmied hatte nicht ge⸗ wagt, ein einziges Wort mit der Reizenden zu ſpre⸗ chen, ja er ſchmeichelte ſich nicht einmal, von ihr be⸗ merkt worden zu ſein, und ſelbſt das wäre ja doch nur ein gar leidiger Troſt geweſen; aber ſeit jenem Mahle ſah er wachend und träumend nur die Augen⸗ ſterne und die ſchlanke Geſtalt der holdſeligen Hen⸗ riette. Die Knospe war zur Blume geworden, und welche uͤppige Pracht drängte ſich dem Auge aus die⸗ ſem duftenden Blätterkelche entgegen! Je mehr ſich Char⸗ lot mit den beſten Vorſätzen bemuͤhte, das ihn mit ſußen Qualen verfolgende Bild zu verſcheuchen, deſto lebendiger und farbenreicher zwang es ſich ihm auf. Wie nun auch Charlots aͤußeres Leben ſich nicht erwuͤnſchter geſtalten konnte, ſo nagte doch ſtiller Kum⸗ mer an ſeinem Herzen. Denn nicht allein jenes bit⸗ terſuͤße Gefuͤhl in ſeiner Bruſt, ſeit er Henriette d'Alban in ſo vollendeter Schönheit wieder erblickt, war es, was ihn quaͤlte, ihn miſchte ſich ein wahrer herzzerreiſſender Schmerz bei uͤber das duͤſtre Hinbruͤ⸗ ten ſeiner Schweſter, das ſichtlich der Bluͤthe ihres Lebens Gefahr drohte. Seit dem Tage nämlich, wo Theophile dem Buͤrgermeiſter Anzeige von Ceſars Be⸗ ginnen gemacht, war der Letztere weder im Hauſe des Schmieds, noch uͤberhaupt in der ganzen Stadt la Rochelle wieder geſehen worden. Niemand konnte ver⸗ muthen, wohin ſo plotzlich der gewandte Juͤngling ge⸗ kommen ſei, der den Studien ſo fleißig obgelegen, uͤbrigens munter und faſt etwas mehr lebensfroh ge⸗ weſen war, als es die Sitte der Calviniſten erlaubte. Sein Verſchwinden ſchien auf Jeanetten keinen Eindruck zu machen; flink war ſie ihrem Bruder zur Hand, und that unverdroſſen jede Arbeit, die man ihr nicht einmal hieß.— Dabei wurde ſie aber 1— ſtiller und ſtiller; wenn ſie Theophile bedeutungsvoll anſah, laͤchelte ſie, aber dieß Lächeln ſchwamm uͤber ein thranengefulltes Auge, wie ein Sonnenblick uͤber die dunkle Fläche eines See's hinzittert. Theophile bemerkte bald mit Wehmuth, wie ſie noch vor Ta⸗ gesanbruch mit den Schmiedeknechten ſchon wach war, und alle gemeinen Mägdedienſte verrichtete, wie ſie mit ruͤhrender Reſignation den ganzen Haushalt, ſo wie alle Geſellen und Handlanger Tags uͤber bediente, und erſt ſpaͤt Abends erſchöpft auf ihr Lager ſank. Anfangs wollten die rohen aber gutmuͤthigen Leute ſich von der feinen Jungfer das nicht gefallen laſſen, und vielmehr ſie bedienen, aber ſie erzwang die Er⸗ fulung ihres Willens durch Bitten, Zorn und Hart⸗ näckigkeit. Theophile ſchauderte, als er ſich uͤberzeugte, wie das gute, geliebte Madchen dies tolle, un⸗ abläſſige Treiben nur als Betäubungsmittel eines ſie zernichtenden Schmerzes gebrauche. Selten hörte man von ihr noch ein Wort, ſie ſchmuͤckte ſich nicht mehr, ſelbſt ihre ſonſt bluͤhenden Wangen verloren Glanz und Farbe, und Theophile bebte ſchon vor dem Au⸗ genblicke, wo die Ueberſpannung ihrer geiſtigen und korperlichen Kraͤfte ſie zu Boden werfen wuͤrde. In gleichem Grade aber zagte er, ſie uͤber die Urſache ih⸗ res Seelenleidens zu befragen, er kannte ſie ja nur zu gut— oder ihr Worte des Troſtes zu ſagen; denn womit ſollte er ſie troͤſten? Mit dem enthuͤllen⸗ den Worte, befurchtete er, muͤſſe ihr Schmerz erſt — 64— recht laut werden, und— er ſchwieg, ſelbſt verzwei⸗ felnd. Die alte Tante ſchuttelte anfänglich ſtets das ſchneeweiße Haupt uͤber den wunderlichen Geiſt, der in Jeanetten gefahren war, als ſie aber auf mehrere darauf bezugliche Fragen ſtets die heiter ſcheinende Antwort erhielt:„Mir iſt ſehr wohl, werthe Tante Margot; mir fehlt gar nichts,“ und das ungluckliche Kind ſie wohl noch dazu anlaͤchelte, da verſtummte die Geſpraͤchige ebenfalls; hörte ihr doch Niemand mehr zu; denn Theophile arbeitete in der Schmiede, und Jeanette ſchaffte ewig als Magd im Hauſe. Schweigend ſpann die Siebzigjährige nun den Faden an die Spindel, und ergab ſich ganz einem beſchau⸗ lichen Leben. Mit der Zeit vergeiſtigte ſich ihr Blick immer mehr, und wie Schweigen ihr in dem Grad zur Gewohnheit geworden war, wie ſonſt Sprechen, gewannn ihre ganze Geſtalt allmaͤhlig etwas Grauſen⸗ haftes. Wie eine der Parzen oder das verkoͤrperte, geſchidene Jahrhundert, ſaß ſie auf ihrem Seſſel in der Ecke, und ſtarrte wie eine Seherin vor ſich hin, o daß Theophile ſowohl, als Jeanette, bald auf dieß wunderliche Weſen aufmerkſam wurden. Wenn ſie ganze Stunden lang, ſo in ſich ſelbſt verſunken war, hörte ſie auf keine Fragen, und lächelte wie wahn⸗ ſinnig, ruttelte man ſie aus dieſer Starrheit auf. Nahrung nahm ſie nur hoͤchſt wenig. Dem Schmied bangte um den Verſtand der ihm lieben Tante. So ſtand es um das Aeußere und Innere des Schmiedehauſes und der Glieder ſeiner Familie, als plotzlich ein Beſuch darin vieles veraͤnderte. An einen heitern Fruͤhlingsmorgen, als Theo⸗ phile ſchon manche Stunde auf den Ambos geham⸗ mert hatte, immer in ſich gekehrt und mißmuthig, bald mit dem troſtloſen Zuſtande der Schweſter, bald mit dem wunderlichen Weſen der Tante beſchäftigt, und dazwiſchen von jenem Himmelsbilde beruͤhrt, das in ihm, roſig und in Goldglanz gehuͤllt, auftauchte, da ſchritten durch das enge krumme Gäſchen drei ſtatt⸗ liche Maͤnner auf die tönende Schmiede zu. Der Eine war der hohe ernſte Prediger Doktor Severin im ſchwarzen Chorrocke, der Andere der kleine freund⸗ liche Büͤrgermeiſter dAlban, der, zu dem Dritten ge⸗ wendet, auf Theophile's niedres Haus deutete, in welches ſie ſogleich eintraten. Der Fremde war ein langer Mann mit einem höchſt edlen männlich ſchö⸗ nen Geſichte, trug den Kopf etwas vorgebeugt, und mochte etwa ein angehender Fuͤnfziger ſein. In ſeiner Stirne ſaßen einige Falten, die zu Stein ge⸗ worden zu ſein ſchienen, dagegen war ſein großes, braunes Auge mehr als lebhaft. Das leiſe ergrau⸗ ende Haar hing lang und ſchlicht an ſeinem Kopfe herunter, die Kleidung war ebenfalls ſehr einfach, halb ritterlich, halb burgerlich, und deutete auf einen cal⸗ viniſtiſchen Landwirth, welcher das fruͤher gefuͤhrte Schwert in die Pflugſchar verwandelt hatte. Die Storchs Fanatiker. I. 5 —— ganze Geſtalt ſprach von Geiſt, Muth und einem wohlbenutzten Leben. Waͤhrend er ſich mit ſeinen beiden Begleitern angelegentlichſt unterhielt, bediente er ſich ſtets eines anſehnlichen Zahnſtochers von Holz und hielt denſelben oft zwiſchen die Zaͤhne geklemmt, ohne ihn mit der Hand zu halten. Dieſe drei in einer Schmiedewerkſtätte ungewoͤhn⸗ lichen Gäſte waren kaum unter dem ſtaunenden und neugierigen Gaffen aller Nachbarn in das Haͤuschen ge⸗ treten, als Theophile ſchnell Hammer und Zange bei Seite warf; ſein truͤbes Geſicht wurde mit Freundlichkeit uͤbergoſſen, und er lief dem fremden Herrn mit dem Ausruf froheſter Ueberraſchung entgegen. „O Monſeigneur!“ jubelte er,„welche Gnade ſchenkt Ihr Eurem Diener, daß S ſein Suns Eures Beſuches wuͤrdiget!“ „Mit Freuden ſehe ich,“ erwiederte Coligni,— denn er war es, der Admiral von Frankreich—„wie ruͤſtig Ihr ſchon wieder Euer Handwerk treibt, mein lieber Charlöt, und erkenne daraus, daß Ihr ein eben ſo wackrer Buͤrger als Soldat ſeid.“ „Er iſt wie der große Cincinnatus, gleich thaͤtig im Krieg wie im Frieden,“ bemerkte der Buͤrgermeiſter, „und wie die Abgeordneten Roms, Jenem den Senats⸗ beſchluß, nach welchem er zum Dictator erwaͤhlt war, uͤberbringend, ihn hinter dem Pflug auf dem Felbe fanden, ſo finden wir dieſen hinter dem Ambos in der Werkſtatt.“ „Er iſt wie Judas Maccabaͤus,“ fiel Severin — ein,„zu Hauſe ein getreuer Knecht des Herrn, im Felde des Todes ein Donnerkeil.“ „Ich thue meine buͤrgerliche Pflicht,“ verſetzte der Schmied beſcheiden,„ſo lange, bis Ihr, edle Herren, oder unſere Partei mir eine höhere auferlegt.“ „Und dazu koͤnnte jetzt ſchon Rath werden,“ meinte der Admiral bedeutend.„Ich bin Eures Gehor⸗ ſams gewiß, deshalb tretet mit herein in das Zimmer. und hoͤrt, was wir Euch zu ſagen haben.“ Auf Theophiles Wink ſetzten die feiernden Geſellen wieder ihre Arbeit fort; er öffnete die Thuͤre, und folgte dann den beiden Herren in das Gemach, worin nur die alte Tante ſtumm vor ſich hinſtarrend, ſaß. „Wehe! Wehe!“ murmelte ſie leiſe.„Zwei Maͤnner ohne Koͤpfe!“ Der Admiral ſchien vor der alten, gräßlich blicken⸗ den Jungfrau zuruͤckzuſchaudern, doch faßte er ſich ſchnell und erfuhr von Theophile mit wenigen Worten, wer ſie war, und was fur ein Bewandtniß es mit ihr habe. Ohne ſich weiter um ſie zu kuͤmmern, traten die vier Maͤnner in die Ecke, und ſprachen leiſe und ſehr angelegentlich mit einander. Nicht lange darauf reichte der Schmied ihnen die Hand ſehr vertraut, die mit freundſchaftlichem Schuͤtteln empfangen wurde. „Und Ihr reiſt heute ſchon wieder nach Chatillon zuruͤck, Monſeigneur?“ fragte Charlot ehrerbietig. „Meine kranke Frau, ſo wie meine Weinberge bedurfen meiner Pflege; ich muß fuͤr beide wachen und 5* —— ſchaffen, wacht und ſchafft Ihr dagegen fur mich, mein Freund,“ erwiederte der Admiral ſehr herablaſſend, doch keineswegs jenen, den vornehmen Staͤnden eigenen, vom Bewußtſein innern Werthes zeugenden Ton verlaͤug⸗ nend.. „Wie gern ich mein Leben fuͤr das Eurige opfern möchte, weiß nur der liebe Gott allein!“ ſagte Charlot herzlich. „Und Gott wird Euch die Treue vergelten,“ er⸗ wiederte Coligni geruͤhrt. „Der Herr, dem Du ſo wahrhaftig dieneſt,“ redete der Prediger,„wird ſeine Hand uͤber Dir halten und Dich ſchuͤtzen unter Deinen Feinden und Dich bewahren im Hau⸗ ſe des Ahabs, der das Blut der Propheten trinkt, gleich wie er ſeinen Auserwaͤhlten, den Knaben David bewahrte, als er im Lager ſeines Feindes, des Koͤnigs Saul die Harfe ſpielte, und der gottverworfene Mann ſeinen Spies nach ihm abſchoß. Gehe hin, Auserkorner! der Herr wird Dich ſchirmen, wie den Sohn Iſai's, denn Du biſt ein Sohn des Evangeliums.“ „Zieh hin, wackrer Juͤngling!“ rief d'Alban; „auch Arminius, der Befreier Deutſchlands, war lange unter den Roͤmern, ſeinen Todtfeinden, und lernte ihnen ihre Vortheile ab. Ihr werdet ein Arminius ſein. Hal⸗ tet nur ſtandhaft aus, und laßt Euch durch nichts irre machen.“ „Denkt mit dem Apoſtel Paulus,“ fuhr Severin fort:„Wir haben allenthalben Trubſal, aber wir aͤng⸗ — 66— ſtigen uns nicht. Uns iſt bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlaſſen. Wir werden unterdruͤckt, aber kommen nicht um.“ „Doch jetzt folgt uns in des Buͤrgermeiſters Haus,“ erinnerte der Admiral,„damit wir Euch die noͤthigen Inſtruktionen und Papiere uͤbergeben.“ Auf Theophiles Bitte langte die geſchaͤftige Jean⸗ nette ſeinen Kriegsſchmuck herbei. „Ei, ſieh da!“ ſagte der Buͤrgermeiſter bei ihrem Anblick.„Objectum quaestionis! Laßt Euch doch naͤher betrachten, ſchoͤnes Kind. Nun Ihr ſeid es ſchon werth, daß ſich ein junger Burſch in Euch vergafft. Ihr weint, Jungfer? Nicht doch! Ihr werdet kuͤnftig in meinem Hauſe wohnen, und meiner Tochter Geſellſchaft leiſten. Die wird Euch und Ihr ſie lieb gewinnen; dann werdet Ihr ſchon wieder fröhlich werden. Patientia vincit omnia!“ Jeanette verſtand den Maire nicht; doch that Ihr ſeine Freundlichkeit ſehr wohl; ſie verließ die Stube, um ſich auszuweinen. Theophile hatte ſich unterdeſſen in das Kriegskleid geworfen, und ging in der Mitte der drei Herren mit ganz beſonderen Gefühlen nach d'Albans Hauſe. Was er gewunſcht und doch gefurchtet, geſchah: Henriette empfing die Gäſte mit freundlichen Blicken und Worten. Wohlgefällig ruhte ihr dunkles Auge auf dem jungen ſchoͤnen Helden, und ſie fand bald Gelegenheit, einige Worte an den Verzagten zu richten, die, ſo unbedeu⸗ v e —— tend ſie auch waren, ihn mit einer nie gefuhlten Selig⸗ keit erfuͤllten. Auf den Wink ihres Vaters entfernte ſich die Schöne, und der Admiral begann: „Wir laden unſer ganzes Heil auf Eure Schul⸗ tern, Charlot. Gut und Leben, Sieg und Tod haͤngen von Eurer Schlauheit und Wachſamkeit ab.“ „Edler Herr,“ entgegnete der Schmied,“ erlaubt mir, ohne groß Ruͤhmens von mir zu machen, Euch zu ſagen, daß ich wohl das Gewicht der Sache erkenne, die Ihr mir auferlegt; aber glaubt, daß mir unter der Laſt Kraft und Muth wachſen. Seh ich es doch deutlich ſchon daran, wie Euer wichtiger ehrenvoller Auftrag ſtaͤrkend auf mich wirkt, da er alle die Quaͤlgeiſter vertrieben, die mir dieſen Morgen noch im Kopfe ſaßen.“ „Recht ſo mein Sohn,“ ſagte der Buͤrgermeiſter vergnuͤgt.„Post nubila phoebus! Woruͤber wollt Ihr Euch auch haͤrmen? Ihr ſeid zu großen Dingen auser⸗ ſehen, und koͤnnt es weit bringen.“ Theophile la⸗ chelte wehmuͤthig in ſich hinein. „Lächelt nicht unglaͤubig,“ rief ihm Severin zu; „es iſt dem Herrn leicht, einen Armen reich zu machen, und einen Geringen vornehm, einen Schwachen maͤch⸗ tig; Petrus, der wunderthatige Apoſtel, war erſt ein Liſcher, Paulus, der bekehrte und groͤßte aller Verkun⸗ der des Heils, war ein Teppichmacher, Koͤnig David ein Hirtenknabe, Moſes ein armes Findelkind. Und hat nicht Gottes Sohn ſelbſt in der Pferdekrippe gele⸗ gen? Wohlauf denn und verzaget nicht! denn Ihr habt —— nicht einen knechtiſchen Geiſt empfangen, daß Ihr Euch abermals fuͤrchten muͤßtet, ſondern Ihr habt einen kindlichen Geiſt empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!“ „Hier habt Ihr genaue Inſtruktionen,“ ſagte der Admiral,„aber ſie wuͤrden Euch wenig helfen, wenn Eure Klugheit Euch Euer Verhalten nicht ſtets ſelber an die Hand geben muͤßte.“ „Der Eifer fuͤr meinen Glauben, der Wunſch, fuͤr meine Bruͤder etwas Erkleckliches thun zu können, die Freude, Euch zu nuͤtzen, Monſeigneur, werden mir ſtets mein Verhalten eingeben.“ „Der eine von den Briefen, welche ich Euch mit nach Paris gebe,“ fuhr der Admiral fort,„iſt an den Kauf⸗ mann Gaſtine in der Straße St. Denis, in deſſen Hauſe Ihr eine freundſchaftliche Aufnahme finden werdet. Dieſer Mann wird Euch zum Hofſchmied Duͤfras in Arbeit brin⸗ gen, und Eure Geſchicklichkeit wird Euch bald auszeichnen. Der zweite Brief iſt an den Leibarzt des Koͤnigs, Herrn Pa⸗ ré, der das Weitere beſorgen wird. Dieſe Leute ſind alle Eure Glaubensgenoſſen, und in Gaſtines Hauſe wohnt Ihr dem heimlichen Gottesdienſte der Calviniſten bei. Sobald Ihr in Paris ſeid, darf Niemand, außer den genannten Maͤnnern, wiſſen, daß Ihr nicht Katholik ſeid, deshalb habe ich Euch ein paar dutzend Heiligen⸗ bilder, Gebetbuͤcher und einen Roſenkranz eingepackt; vergeßt nicht den letztern ſtets an Euch zu tragen. Die Meſſe braucht Ihr gerade nicht zu horen; bemerkt Ihr 5 1 — 53— aber, daß man auf Euch Acht hat, ſo hört ſie immer⸗ hin fleißig und andächtig. Ihr könnt Euch in Euern Gebet dann ſchon wieder reinigen Beim Koͤnig ſucht vorzůglich Euer ſanftes Weſen abzulegen; tobt, ſchimpft, laͤrmt, ſpielt, flucht mit ihm, kurz fuͤgt Euch in jede ſeiner tollen Kinderlaunen; vor der Königin demuͤthigt Euch; ſeht Ihr aber, daß ſie Wohlgefallen an Euch findet, ſo ſeid nur immerhin kuͤhn. Stoßt ihre Si⸗ renen nicht von Euch, ſo ſehr ſich auch Euer Herz gegen ſolchen Unfug empoͤrt. Ueberhaupt wappnet Euer Herz mit dreifachem Stahl, damit Bosheit, Schlechtigkeit, Grauſamkeit, Unnatur, Liſt, Rache, Blut und Mord Euch nicht wankend machen auf der ſchwierigen Bahn, die Ihr zu betreten im Begriff ſteht.“ „Haltet feſt am wahren Glauben, damit Euch der Trug der Hölle nicht blende!“ mahnte Severin. „In Paris gehet der Teufel nicht umher wie ein brul⸗ lender Löwe und ſuchet, wen er verſchlinge, ſondern als ein geleckter und geſchmeidiger Hofmann oder als eine gleißende Buhldirne, ſchoͤn von Angeſicht und den Mund voll ſußer Worte. Huͤtet Euch, daß ihr nicht in die feinen, verdeckt gelegten Stricke des verkappten Satans fallet.“ „Gott wird mir beiſtehen!“ ſagte der Schmied anbächtig, aber unwillkuͤrlich dachte er an die ſchone Henriette, und der ihm faſt gottlos ſcheinende Gedanke beſchlich ihn, als könne die Erinnerung an ſie, und die wenigen Worte, die ſie zu ihm geſprochen hatte, ihn ——— faſt noch mehr gegen die Macht der Feinde ſchuͤtzen, in deren Mitte er ſich keck zu ſtellen im Begriff war. Der Buͤrgermeiſter uͤbergab ihm ebenfalls einen Brief:„Er iſt auch an den Kaufmann Gaſtine,“ ſagte er:„Ich hab' Euch gut empfohlen, wie Ihr es verdient, und Ihr werdet an dem Manne einen edlen braven Freund, und in ſeinem Hauſe auch gute Bekannte fin⸗ den.“ Das Letztere ſagte er, ſchelmiſch lächelnd. „Nun geht mit unſerm wackern Prediger Severin zur Kirche der heiligen Dreifaltigkeit,“ mahnte der Ad⸗ miral ſeinen Untergebnen.„Er wird Euch einweihen zu dem ſchweren Werke und den Segen Gottes auf Euer Haupt herabflehen. Lebt wohl, Charlot. Ich habe Euch nichts mehr zu ſagen; denn ich kenn' Euch. Ihr werdet thun, was Glaube und Gewiſſen Euch heißen. Und ſomit Gott befohlen!“ „Fuͤr Schweſter und Tante werde ich ſchon ſor⸗ gen,“ bemerkte der Buͤrgermeiſter noch;„tragt deshalb keinen Kummer. Gott behuͤte Euch!“ Geruͤhrt ſchied Theophile von ſeinen Vorgeſetzten. In ſich verſenkt ſchritt er langſam die ſteinerne Treppe hinab, hinter dem ſchon voraus geeilten Prediger her; da rauſchte es plötzlich auf dem Podeſte neben ihm, und als er die Augen aufhob, trat Henriette aus einer geoff⸗ neten Thuͤre. „Ei!“ rief ſie heiter, und es klang faſt wie muth⸗ willig,„Meiſter Charlot, zieht dieſe grimmigen Falten aus Eurer Stirne, oder ich werde mich vor Euch ent⸗ ſetzen, und entweder laut aufſchreien, oder ſchnell wieder zuruck fluͤchten in dieſes Zimmer.“ „Fuͤrchtet nichts von mir, werthes Fräulein,“ ſagte Theophile mild, und ſein Geſicht ſtrahlte ihr ge⸗ genuͤber von Freude.„Mich uͤberkam nur eben der“ Gedanke, ich könne vielleicht niemals wiederkehren in meine Vaterſtadt. Die Fremde droht mit mancherlei Gefahren, und ich gehe vorzuglich gar vielen entgegen.“ „Ihr wollt la Rochelle ſchon wieder verlaſſen?“ fragte Henriette beſturzt. „Und werde meine Schweſter Eurer freundſchaft⸗ lichen Obhut anvertrauen, um die ich Euch bitte!“ „Rechnet darauf! und wann gedenkt Ihr wieder⸗ zukehren?“ „Das ſteht in Gottes Hand!“ rief der Juͤngling, und rannte die Treppe vollends hinab, denn die theil⸗ nehmende, freundliche Frage des in Thraͤnen laͤcheln⸗ den Maͤdchens hatte ihm das Herz durchſchnitten. Die herzloſen eifernden Segensſpruͤche des Prie⸗ ſters verduͤſterten ihn noch mehr, und mit einer Bruſt voll Widerſtreit beängſtigender Gefuͤhle kam er in ſein Haus zuruͤck, das ihn wie fremd gemahnte, entließ ſeine Geſellen mit reichem Lohn und that ſeiner Schwe⸗ ſter ſeine Abreiſe, und die Verfuͤgung, hinſichtlich ihrer, der Tante und des Hauſes kund. Als er die kurze, trockne Rede geendet, ſturzte das Maͤdchen von Schmerz überwältigt, laut jammernd an ſeine Bruſt. — 6— „Und ſo willſt auch Du mich verlaſſen, mein ein⸗ ziger Freund?“ rief ſie verzweifelt.„Der Gram wird mich toͤdten, Du wirſt mich nicht wiederſehn. O bleibe bei mir, oder nimm mich mit Dir fort! denn nur unter Deinem Schutze und in Deiner Liebe mag ich leben!“ „Henriette d'Alban wird Dich wie eine Schwe⸗ ſter lieben.“ „Ach, ſie iſt reich und vornehm, und ich bin arm und gemein; ſie iſt ſtets heiter, froh und muthwillig, ſchaͤckert und lacht mit Allen, und ich bin traurig. „Aber Du ſollſt auch froh und munter werden. Es wird Dir beſſer gehen, als bei mir.“ „Großer Gott!“ ſeufzte das Mädchen verzwei⸗ felt,„werd' ich es denn ertragen koͤnnen, in jenem Hauſe zu leben, aus dem er verbannt worden iſt?“ „Ich will es ſo,“ verſetzte Theophile ernſt,„und es kommt Dir zu, zu gehorchen, oder ich werde Dir durch den Prediger Severin Deine Pflicht ins Gedächt⸗ niß rufen laſſen.“ Jeannette fugte ſich weinend in den Befehl des ſtrengen Bruders. Und wie man, wenn man's nur recht verſteht, am Ende jedem Herzeleid etwas Sußes abgewinnen kann, ſo fand Jeannette endlich ſogar auch etwas Schones in dem Gedanken, kunftig in dem Hauſe zu leben, und mit denſelben Menſchen umzugehen, wo Ceſar gelebt, mit denen Ceſar umgegangen war. Als — Theophile von der Tante— wie er glaubte, auf im⸗ mer— ſcheiden wollte, ſagte ſie ruhig: „Geh nur hin mein Sohn, wir ſehen uns wieder. Du wirſt noch mehr von mir gehen, und wir werden uns wiederſehen. Dein Gang iſt doch vergeblich; Du vermagſt das Ungluͤck nicht abzuwenden, und Niemand vermag es!“ Mit innigem Bedauern über die Geiſtesverwir⸗ rung der Alten, ſagte ihr Theophile Lebewohl. Die Frühe des andern Tages fand ihn ſchon auf ſeinem flin⸗ ken Rößlein, welches munter die Straße nach Paris verfolgte. —— Seech ſtes Kapitel. Man thät ſie weiter fragen, Was ſie hielten vom Sakrament. Wir halten vom Nachtmal des Herrn, Was ſteht im Teſtament. Chriſtus hat ſelber das Brot gebrochen Und ſchenkt uns ſeinen Wein, Dabei ſolln wir uns denken Sein Leiden und bittre Pein. Chriſtus, der hat geſprochen: Ich bin das ewige Gut, Dabei wolln wir auch bleiben Und beſiegeln's mit unſerm Blut. Aus einem alten Volkslied aus den Zeiten der Münſterſchen Wiedertäufer: Die zwei Jungſrauen von Beckum. Die ſchoͤnſte Mainacht ſenkte ſich allmaͤhlig auf die Hauptſtadt Frankreichs. Die Straßen waren dunkler und von den heimkehrenden Spaziergängern leer gewor⸗ den. Der Laden des Kaufmanns Gaſtine ſtand allein noch offen in der langen Straße St. Denis. Der Be⸗ ſizer hatte wohl ſeine guten Grunde fuͤr den gewöhnlich erſt ſpaͤten Verſchluß, die gewiß nicht allein in der Hoff⸗ nung, noch einigen Erloͤs zu machen, zu ſuchen waren. Doch als die zehnte Stunde von den Thuͤrmen der Stadt verkundet wurde, tönte aus der Comptoirſtube eine ſanfte männliche Stimme:„Monſieur André; laßt uns die Thuͤre ſchließen!“ ——— Augenblicklich hob ſich hinter den Waarenfaͤſſern eine kleine Mannsgeſtalt und ſchritt auf die Straße, um den eben erhaltenen Befehl ſogleich auszufuhren. Kaum aber mochten zwei Minuten verfloſſen ſein, als das Maͤnnlein mit einem Angſtgeſchrei wieder herein, und, einem Pfeile gleich, durch den tiefen Laden auf das ganz hinten angebrachte Comptoirzimmer losſtuͤrzte. „„Hilf Himmel! was iſt Euch begegnet?“ rief der erſchrockene im Weggehen begriffene Hausherr.„Ihr ſeid bleich, wie ein Todter, und Eure Augen ſind aus ihren Höͤhlen getreten.“ „Bitte gehorſamſt um Entſchuldigung, Herr Ga⸗ ſtine, wenn ich demſelben einigen Schrecken verurſache, aber ich ſelbſt— was uͤbrigens keineswegs von Bedeu⸗ tung iſt— bin allzuſehr erſchrocken, um Euch mit ge⸗ hoͤrigem Reſpekt zu vermelden,— den ich, wie Ihr mir guͤtigſt bezeugen werdet, noch niemals aus den An⸗ gen ließ— daß ein baumſtarker Menſch, mit drohen⸗ dem Angeſicht und mit gar gräßlicher Stimme auf der Straße mich befragte, ob dieß das Haus des Herrn Gaſtine ſei.“ „Nun, was weiter, mein Beſter? Ihr ſagtet: Ja. Und was widerfuhr Euch da?“ „O, ich ſagte nicht: Ja. Mir war die Zunge gelähmt, und ich danke Gott, daß nicht auch die Beine. Ich ſprang herein und ließ ihn ſtehen.“ „Ihr ſeid— ein wunderlicher Menſch, mein Beſter,“ ſagte der Kaufmann mit unterdruͤcktem Unwil⸗ — 6— len.„Wärt Ihr nicht ein ſo guter Calviniſt und ein flinker Geſchaͤftsmann, ſo wuͤßte ich— doch laßt's gut ſein! Seht, dort ſteht ja wahrſcheinlich der Mann ſelbſt im Laden. Nur näher, mein Beſter, was iſt Euer Begehr, ſo ſpaͤt in der Nacht? Sucht Ihr etwas Ver⸗ dächtiges bei mir, ſo irrt Ihr. Ich bin ein guter Ka⸗ tholik.“ Der Fremde trat, in einen langen Mantel gehuͤllt, den breiten Hut mit der wallenden Feder tief ins Geſicht gedruͤckt, in die matt erleuchtete, ſchwarze Comptoir⸗ ſtube, und ſtand vor Herrn Gaſtine, einem etwas wohlbeleibten Mann, in deſſen rundem, wohlgenaͤhrten Geſicht ſchlecht verhehlte Aengſtlichkeit ſich abmalte. Sein eben nicht geiſtreiches Auge blickte unruhig auf den ſpäten, unbekannten Gaſt, in der linken Hand hielt er die zitternde Leuchte, während er mit der Rechten eine unwillkuͤhrliche abwehrende Bewegung gegen den auf ihn los Schreitenden machte. Halb hinter ihm, halb hinter dem rieſenhaften Schreibtiſche, ſah der noch kleinere Ladendiener hervor, mit dem Ausdruck des Ent⸗ ſetzens und der größten Furchtſamkeit in dem breitgedruͤck⸗ ten pockennarbigen Geſicht. Das ſchwarze, ſtarke, ring⸗ liche Haar dieſes kleinen, poſſirlichen Mannes ſchien ſich zu ſträuben, ſeine kleinen, nicht unfreundlichen Augen ſtarrten erwartungsvoll auf den Hereingetretenen. „Ich irre mich nicht in Euch,“ begann der Frem⸗ de,„Ihr ſeid Herr Gaſtine; ich erkenne Euch nach der Beſchreibung, die mir ein ſehr wuͤrdiger Mann von — —— Euch machte, und in deſſen Auftrag ich bei Euch bin!“ und damit ſchob er den Hut zuruͤck, ließ den Mantel von einanderfallen, reichte dem Kaufmann die Hand, und druckte die empfangene deſſelben nach der beſondern Art, die nur Hugenotten in jenen ſturm-und drang⸗ vollen Zeiten, bekannt war. Augenblicklich ließ die Spannung in Gaſtines Geſicht etwas nach, und indem er ſich raſch zu den Ladendiener wandte:„Monſieur André, bemuͤht Euch doch, mit Eurer möglichſten Eile, Thuͤre und Fenſter zu ſchließen,“ nahm er den Angekom⸗ p. menen geheimnißvoll bei der Hand, und fuͤhrte ihn in den hinterſten Winkel der Comptoirſtube. Der kleine André drehte den gegen ſeinen winzigen Koͤrper verhaͤlt⸗ nißmaͤßig großen Kopf argwöhniſch lauernd nach der Richtung der an ihm Voruͤbergehenden, war dann mit drei Sätzen ſeiner krummen Beine auf der Straße, und raſſelte gar gewaltig mit den großen Schrauben und Schloſſern. „Weſſen Beauftragter ſeid Ihr, mein Freund?“ fragte Gaſtine mit einer Miſchung von Freude, Neu⸗ gier und noch etwas Furcht. „Meines Herrn, des Admirals von Frankreich, Gaspar von Coligni, Seigneur von Chatillon,“ antwortete Charlot— denn er war der ſpäte Gaſt in Gaſtine's Haus— mit Wuͤrde.„Er und der Buͤr⸗ germeiſter von la Rochelle, Herr d'Alban, laſſen Euch freundſchaftlichſt grußen und ſchicken Euch dieſe Brie⸗ fe.“ Wäͤhrend dieſen Worten hatte ſich des Kaufmanns — 81— Geſicht ſchnell durch alle Uebergänge, bis zur hoͤchſten Freundlichkeit verklart. „Ei!“ rief er,„geſegnet ſei Euer Eingang, mein lieber Sohn!“ und riß dem Ueberbringer unge⸗ duldig die Briefe aus der Hand, welche dieſer eben bedaͤchtig aus dem ledernen Koller hervorzog, rannte damit an den großen Schreibtiſch, öffnete ſie, und durchlief die Papiere mit wohlgeuͤbten, freudeſtrah⸗ lenden Blicken. Die Briefe noch in der Hand, fuhr er wieder auf Theophile zu, umhalſte ihn, und rief mit jauchzender Stimme:„Der Herr gebe ſei⸗ nen Segen dazu! Meiner Bereitwilligkeit zu Allem, was Ihr wuͤnſcht, konnt Ihr gewiß ſein. Ihr ſeid ein Werkzeug des allmächtigen großen Gottes, der gelobt ſei vom Aufgang bis zum Niedergang, und habt Euch auf den Weg gemacht, den ſchlauen An⸗ tichriſt zu bekriegen. Ihr werdet ſein ein ruſtiger Weingaͤrtner im Weinberge des Herrn, des hochge⸗ lobten Gottes und ſeines eingebornen Sohnes, des Lammes, welches die Suͤnden der Getreuen abwäſcht mit ſeinem Blute. Seid mir willkommen, wie die wandernden Apoſtel willkommen waren den Bruͤdern in den Gemeinden!—— Doch jetzt kommt, mein werther Freund, damit ich Euch an einen beſſern Ort bringe und Ihr Euer Herz laben koͤnnt.“ So⸗ mit bat er ſich Theophiles Arm aus, ergriff das Licht und fuͤhrte den unerwarteten Gaſt durch das Haus Storchs Fanatiker. I. 6 eine Treppe hinauf, in die nach dem Hofe hinausge⸗ legenen Wohnzimmer der Familie. Der kleine André hatte ſein letztes Tagewerk ßmal gar ſchnell vollbracht, und ſah noch die freu⸗ ge Umarmung, und hörte die wunderlichen Worte ſeines Prinzipals, die ihn in ein nicht geringes Stau⸗ nen verſetzten. Nachſinnend ſtand er einige Zeit, als die Beiden durch die Thüre verſchwunden waren, lehnte ſich an den Ladentiſch, ſchlug die krummen Beine ge⸗ ſchickt in einander, legte den Finger an die breite Na⸗ ſe, und ſtarrte in die glimmende Flamme der vor ihm ſtehenden, ruſigen Lampe. „Ich hab' es!“ rief er endlich, und that einen Satz, kroch aber gleich wieder ſchuͤchtern und furcht⸗ ſam zuſammen, und winſelte traurig:„s iſt ein Braͤutigam fuͤr Madelon! Ja, ich hab' es lange ge⸗ merkt, daß ich der Betrogene ſei! Das haben ſie ſe heimlich getrieben. Aber wartet, ihr Schleicher, Mau⸗ rice André läßt ſich nicht ſogleich eine Naſe drehen. Wir werden ja ſehen! Ich muß das Mädchen haben oder Keiner; ſo wahr ein gnädiger Gott mir lebt, der meine Suͤnde nicht anſehen wird, daß ich ihr zu Lieb und Gefallen, und um ihren Beſitz zu erringen, von der wahren Kirche abgefallen und ein Calviniſt gewor⸗ den bin, obgleich ich die Meſſe zuweilen noch heimlich hoͤre!“ Nach dieſem Schwure langte er aus einem Eckſchranke in der Comptoirſtube einen langen Man⸗ tel, warf ihn um, zog die Kaputze deſſelben tief uͤber den Kopf, wickelte ſich in die weite Huͤlle, verſchloß die Comptoirſtube, und ſchritt durch einen langen dů⸗ 62 ſtern Gang in das Hinterhaus, druͤckte eine ang lehnte Thuͤre zuruͤck, tappte leiſe im Finſtern uh einen Stall, und ſtieg in einem Nebenbehälter deſſel⸗ ben ein kleine Treppe hinab, vor welcher viel Holz, alte Fäſſer und andere gebrauchte Geräthſchaften auf⸗ gehaͤuft lagen, um ſie zu verſtecken. Nicht lange darauf betraten Gaſtine und Char⸗ lot denſelben Weg, der Erſtere den Letzteren behutſam fuͤhrend, und mit leiſen, fluͤſternden Worten ihm die Richtung des Wegs angebend, der ſich oft unerwar⸗ tet drehte und bog. „Nur eine halbe Stunde fruher durftet Ihr kommen, mein vielwerther Charlot,“ ſagte der Fuͤh⸗ rer,„und meine Frau, Kinder und Pflegekinder hatten noch die Freude, Euch zu begruͤßen; nun wer⸗ den ſie ſich wundern, wenn ich mit Euch in die Ver⸗ ſammlung trete.“ Theophile folgte ſchweigend; der heimliche Gang um bieſe Stunde durch die finſtern öden Raume, das Fluͤſtern und leiſe Auftreten machten einen unange⸗ nehmen Eindruck auf ihn. Als ſie eine Menge Stu⸗ fen jener im Stall verborgenen Treppe hinabgeſtiegen waren, öffnete der Kaufmann ein in der Wand be⸗ findliches kleines Thuͤrchen, und eine ſchwache Licht⸗ flamme leuchtete ihnen entgegen. Gaſtine nahm die Lampe und ging voran. Theophile ſeh ſich in ei⸗ nem großen Keller, deſſen Raͤume nur ſehr ſpaͤrlich erleuchtet wurden. Ringsum lagen Waarenfäſſer und Kiſten aufgethuͤrmt, zwiſchen vielen andern ſtand ein großet eiſerner Kaſten. Gaſtine wollte den Deckel he⸗ ben, er war verſchloſſen. „Der André iſt doch der Loie von uns Allen!“ lächelte er vor ſich hin.„In dieſem Falle hatte ich ſogar offen gelaſſen. Er iſt ein wackerer urſche! der wuͤrde ſich gleich todt ſchlagen laſſen, ehe er etwas verriethe.“ Damit zog er einen Schluͤſſel hervor, welcher, an einem Bande befeſtigt, auf ſeiner Bruſt gelegen hatte, und oͤffnete den Kaſten. Ein Druck an eine innen angebrachte Feder ſchob den Bo⸗ den zuruͤck, und Gaſtine ſtieg mit dem erſtaunten Theophile bequem durch die Oeffnung auf eine zweite ſteile Treppe hinab. Sogleich verſchloß der Fuͤhrer von innen den Deckel und ſchob den Boden des Ka⸗ ſtens wieder vor, dann ſtiegen beide die Stufen hin⸗ ab und wanderten ſchweigend tief unter der Erde einen langen Gang hindurch. Theophile war es nicht anders, als ginge die Reiſe in die Unterwelt hinab, ſo ſchauerlich und unheimlich ſahen ihn die Wände, der enge Gang und die ſchwache Leuchte an. Plötz⸗ lich blieb Gaſtine ſtehen, und griff mit der Hand in ein Loch in der Mauer. Dem Schmiede duͤnkte es, als vernehme er den ſchwachen Ton einer Schelle. Alſobald ſchoben ſich mehrere Steine zuruͤck, und der erſtaunte Ro⸗ cheller kroch faſt mit Muͤhe durch die entſtandene Oeff⸗ nung ſeinem Führer nach. Sie traten in einen un⸗ terirdiſchen Saal, der durch einzelne Kerzen ſehr ſpar⸗ ſam beleuchtet war; zu beiden Seiten beſſelben waren hohzerne Bänke angebracht, auf welchen zut rechten Hand die männlichen, zur linken die weiblichen Glau⸗ bensgenoſſen ihre Plätze eingenommen hatten. Von den grauen feuchten Wänden prallte das Licht nur matt zuruͤck, denn die Mauern waren weit ausein⸗ ander und die Decke hoch. Die Kerzen brannten duͤſter und erhellten nur einen beſchraͤnkten blauen Luftkreis um ſich her, ſo daß die Gegenſtände nicht deutlich erkannt werden konnten. Alle Anweſenden wa⸗ ren in lange Maͤntel von verſchiedener dunkter Far⸗ be gehüͤllt; Niemand ſchien ſich zu regen. Stumm bedeutete Gaſtine ſeinem Gaſt, einen Platz einzuneh⸗ men, und ließ ſich neben ihm nieder. Der herzhafte Schmied konnte ſich eines geheimen Schauders nicht erweh⸗ ren, ſo finſter und melancholiſch kam ihm das Ganze vor. Die Gemeine war ſchon ganz berſammelt. Statt des lauten Geſanges, an welchen Charlot gewöhnt war, der aber ſehr bald in dem überall und zu jeder Zeit lebhaften Paris Aufſehen und Nachſpärungen erregt ha⸗ ben wuͤrde, begannen alle leiſe das vorgeſchriebene Lied aus dem Gebetbuche zu ſummſen, was einen wunderlichen, faſt ſinnverwirrenden Ton erzengte. Während dieſes ganz eigenthuͤmlichen Kirchengeſanges hatte Theophile, deſſen Augen ſich nur bewegten, Zeit, das ihm gegenuber ſitzende ſchönere Geſchlecht zu be⸗ 86 trachten, ſo viel es das ſchwache Licht zuließ. Bei dieſer Muſterung fielen ihm ein Paar Mädchenköpfe auf, und zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen glaubte er in dem Einen Henriette dAlban zu erkennen. Je mehr er ſeine Augen anſtrengte, um den Mangel des Lichts durch die Schaͤrfe des Blicks zu erſetzen, deſto groͤßer wurde die Aehnlichkeit, deſto deutlicher traten Henriettens ihm unvergeßlich theure Zuͤge hervor. Ein ſonderbares, beaͤngſtigendes Gefühl, gemiſcht von Freu⸗ de, Bangen, Hoffnung und Zweifel, ſchnuͤrte dem herzhaften Schmiede die Bruſt zuſammen. Nachdem er ſich von der erſten Ueberraſchung erholt hatte, be⸗ gann er zu uͤberlegen, daß Henriette unmöglich vor ihm in Paris eingetroffen ſein konnte, denn er hatte ſeinem guten Renner nichts geſchenkt; daß alſo bei einer zufällig obwaltenden Aehnlichkeit und der Daͤm⸗ merung im unterirdiſchen Betſaale ihn die Augen doch taͤuſchen muͤßten. Sein Blick ging auf die an⸗ dre Schoͤne uͤber, die weniger lebhaft, aber mit Ma⸗ jeſtät neben der Nachbarin ſaß; der obere Theil des Kopfes war verhuͤllt, und nur das Ende einer hohen edeln Stirne, eine Habichtsnaſe, ein dunkles, großes Auge, welches ſie nur ſelten vom Gebetbuche erhob, waren ſichtbar; Kinn und Unterlippe ſteckten wieder in einem um den Hals geſchlagenen Tuche. Ein gro⸗ ßer Reiz ſchwebte uͤber den dem Spaͤherauge blos geſtell⸗ ten Partieen. Nicht ohne Wohlbehagen bemerkte Theophile, daß die Andere, in Henriettens Geſtalt — 6— ihren feurigen Blick auf ihn heftete, ſobald er aber dem ſeinigen begegnete, die langen ſchwarzen Wim⸗ pern niederſchlug. Der Geſang war beendigt, der Pre⸗ diger erſchien und nahm, in Ermangelung einer Kan⸗ zel, hinter einem Tiſche Platz. Nachdem er die Ver⸗ ſammlung mit einem einfachen Spruche eingeſegnet hatte, ſchlug er die auf dem Tiſche liegende große Bibel auf, erhob die Stimme und las:„Der fuͤnf und zwanzigſte Pſalm. Ein Pſalm Davids. Nach dir, Herr, verlanget mich. Mein Gott, ich hoff' auf Dich. Laß mich nicht zu Schanden werden, daß ſich meine Feinde nicht freuen uͤber mich. Denn Keiner wird zu Schanden, der deiner harret; aber zu Schan⸗ den muͤſſen ſie werden, die loſen Verächter. Herr, zeige mir deine Wege, und lehre mich deine Steige. Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich; den du biſt der Gott, der mir hilft; täglich harre ich deiner. Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Guͤte, die von der Welt her geweſen iſt. Gedenke nicht der Suͤnden meiner Jugend und meiner Uebertretung; gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit um deiner Guͤte willen. Der Herr iſt gut und fromm, darum unterweiſet er die Suͤn⸗ der auf dem Wege. Er leitet die Elenden recht, und lehret die Elenden ſeinen Weg. Die Wege des Herrn ſind eitel Guͤte und Wahrheit denen, die ſeinen Bund und Zeugniß halten. Um deines Namens willen, Herr, ſei gnädig meiner Miſſethat, die da groß iſt. —— Wer iſt der, der den Herr furchtet? Er wird ihn un⸗ terweiſen den beſten Weg. Seine Seele wird im Guten wohnen, und ſein Saame wird das Land be⸗ ſitzen. Das Geheimniß des Herrn iſt unter denen, die ihn furchten; und ſeinen Bund laͤßt er ſie wiſſen. Meine Augen ſehen ſtets zu dem Herrn, denn Er wird meinen Fuß aus dem Netz ziehen. Wende dich zu mir und ſei mir gnaͤdig; denn ich bin einſam und elend. Die Angſt meines Herzens iſt groß, fuͤhre mich aus meinen Noͤthen. Siehe an meinen Jam⸗ mer und Elend und vergib mir alle meine Suͤnden. Sieht, daß meiner Feinde ſo viel iſt und haſſen mich aus Frevel. Bewahre meine Seele und errette mich; laß mich nicht zu Schanden werden, denn ich traue auf dich. Schlecht und recht das behuͤte mich, denn ich harre deiner. Gott erloͤſe Israel aus aller Noth.“ Die Bibel klappte zu, der Prediger ſah ſich in der Verſammlung um, ſchneuzte die Lichter und fuhr dann fort:„Laßt uns zur Auslegung dieſes Davidiſchen Pſalms uͤbergehen und denſelben unſerer heutigen religiöſen Betrachtung und Predigt zu Grunde legen. Es iſt nicht dem mindeſten Zweifel unterworfen, daß der fromme Koͤnig David ſchon ein guter apo⸗ ſtoliſcher Chriſt, ein gottgefaͤlliger Bekenner des Evan⸗ geliums war; denn aus ſeinem Saamen ging die reine Jungfrau hervor, welche gewuͤrdigt wurde, ein ſchwaches Gefäß zu ſein des großen welterloͤſenden Geiſtes, damit der Herr im Fleiſche geboren werden könne. David hatte alſo ſchon einen Theil Chriſti in ſich, zwar nur einen kleinen und ſchwachen, aber doch ei⸗ nen Theil. Denn hätte er einen großen und ſtarken Theil des Geiſtes Chriſti gehabt, wie hätte er die arge Suͤnde mit der Batſeba vollfuͤhren koͤnnen? An ſolch Irrſal erinnert auch der Pſalmiſt, wenn er reuigen Herzens ausruft: Gedenke nicht der Suͤnden meiner Jugend und meiner Uebertretung. Batſeba aber war ſicherlich der Teufel in ſchoͤner Weibsgeſtalt. Nehmt ein Exempel an Da⸗ vid, huͤtet Euch vor dem Teufel, welcher die ſchoͤnſte Geſtalt und Weſen annimmt, um Euch zu verlocken. Die Kirche der Papiſten aber iſt die Pflanzſchule des Teufels, und der Antichriſt in Rom, welcher der Welt ſchaͤndlich vorluͤgt, er ſei der Nachfolger des Apoſtels Petrus, iſt der Statthalter des Ariman, des ſchwar⸗ zen Höͤllenfuͤrſten auf Erden. Und wie die Batſeba war, welche den Diener Gottes, den Konig David zur Suͤnde verleitet, ſo ſind in Paris viele tauſend ſchnoͤde papiſtiſche Weiber, lauter Werkzeuge der Hoͤlle und Dienerinnen des Teufels, um die wahren Chri⸗ ſten, denen Calvinus das Licht des Heils von neuem entzuͤndet, wieder in die verderblichen Stricke des Sa⸗ tans zu ziehen. Und gelingt es ihnen nicht etwa, den Höllenbraten? Helfen unſte Lehren und Ermah⸗ nungen? Täglich verſchlinget der bruͤllende Teufel ein Schaͤflein ums andere von der treuen Heerde, welches ſich von Sinnenluſt und Begier verblenden ließ, und das gottergebene Häuflein wird immer kleiner. Ich — 90— will Niemand nennen; doch Ihr werdet es wohl wiſ⸗ ſen, wen ich meine. So rufen wir denn in der Angſt unſtes Herzens mit dem bedraͤngten Koͤnig David: Mein Gott, ich hoff' auf dich. Laß mich nicht zu Schanden werden, daß ſich meine Feinde nicht freuen uͤber mich. Die Rotte des Böſen hat unſer Haupt uberliſtet; denn ſie iſt voll eitel Liſt und Trug. Die Gerechten duͤrfen ſich nicht laut zum Namen des Herrn bekennen; ihre Namen ſind geaͤchtet, ihre Bet⸗ häuſer zerbrochen; ſie zittern wie das Schaflein in den Klauen des Wolfes. Wir ringen und winden die Haͤnde und weinen blutige Thraͤnen und ſchreien gen Himmel: Wende dich zu mir und ſei mir gnädig; denn ich bin einſam und elend. Die Angſt meines Herzens iſt groß; fuͤhre mich aus meinen Noͤthen. Siehe an meinen Jammer und Elend, und vergib mir alle meine Suͤnden. Siehe, daß meiner Feinde ſo viel iſt, und haſſen mich aus Frevel. Bewahre meine Seele und errette mich; laß mich nicht zu Schanden werden, denn ich trau' auf dich.— Aber glaubet mir, der Herr wird uns nicht unerhoͤrt laſſen. Und wenn ihrer ſo viel waͤren, als Sand am Meer, der Gott unſter Väter, der ſich auch uns offenbart hat durch ſeinen eingebornen Sohn, wird ſie ver⸗ derben durch unſere Hand. Darum ſeid wachſam und geruͤſtet, daß Ihr die Göͤtzendiener dem Herrn zum Opfer ſchlachten könnt, wenn es Zeit iſt. Unſer Schwert ſoll ſie freſſen, unſte Fauſt ſoll ſie erwür⸗ —— gen, die ſchändlichen Göoͤtzendiener, die Baalspfaffen, die Knechte des Antichriſts, die gleich ihm abgefallen ſind vom wahren Gott und ſeinem Sohne, und Bil⸗ der anbeten und Menſchen goͤttlich verehren, die nicht hoͤren die Stimme der Apoſtel und das unverfälſchte Wort des Evangeliums, ſondern die Schmachrede des Papſts und die Lehren des Teufels, die da die Bibel verwerfen, welches iſt Gottes Wort, und das Meßbuch nehmen, welches gekommen iſt von einem verworfenen Engel, der tuckiſch ſinnet auf das Ver⸗ derben der Welt. Verzagt nicht, ihr Gerechten, daß ihr ein kleines Haͤuflein ſeid! Sprach nicht der Herr zu Gideon: Ich will mit dir ſein, daß du die Mi⸗ dianiter ſchlagen ſollſt, wie einen einzigen Mann? und Gideon ſchlug mit dreihundert Mann viele tau⸗ ſende von Midian. Der Herr hat uns verheißen, daß ſie alle in unſre Hand gegeben ſind. Sagt er nicht ſelbſt in dem verleſenen Pſalme: Wer iſt, der den Herrn fuͤrchtet? Er wird ihn unterweiſen den be⸗ ſten Weg. Seine Seele wird im Guten wohnen, und ſein Saame wird das Land beſitzen. Ja, meine theuren Schweſtern und Bruͤder in Chriſto, wir wer⸗ den triumphiren, ſind wir auch jetzt unterdruckt. Ein rechtgläubiger Prinz aus dem bourboniſchen Hauſe, ein Sohn des Evangeliums, wird Koͤnig von Frankreich werden und wir werden Paris beſitzen und das ganze fran⸗ zoͤſiſche Land. Wir werden den Papſt von ſeinem Throne werfen und es wird ein Hirt und eine Heerde ſein. Amen.— Bur Beſtaͤrkung und Befeſtigung des Glaubens, ſo wie ihn der Herr und Heiland der Welt, als er noch im Fleiſch auf Erden gewandelt, verkuͤndet, ſo wie ihn die Apoſtel den Gemeinden mitgetheilt, und ſo wie wir ihn wie⸗ empfangen haben, einen lang vergrabenen Schatz, wol⸗ len wir jetzt das Nachtmahl des Heilands Jeſu Chri⸗ ſti feierlichſt mit einander begehen und ſeinen Leib und ſein Blut zuſammen genießen, denn ſolches iſt die Freude und Luſt der apoſtoliſchen Jünger. Nicht Tanz und Spiel, nicht Sinnenkitzel und Trinkgelage, wie bei den Kindern des Satans, ſei der Evangeli⸗ ſchen gemeinſames Vergnügen. Unſer Tanz ſei der Reigen, in welchem Ihr ziehet zum Tiſch des Herrn; unſer Spiel: Glocken⸗ und Orgelklang und der Sang der frommen Chriſten im Bethauſe; unſere Speiſe: der Leib Cyhriſti, den er fuͤr uns gebrochen, unſer Trank: ſein Blut, das er fuͤr uns vergoſſen am har⸗ ten Kreuzesſtamm. Und ſo erquicke die Glaͤubigen, du verwandeltes Brot, brich auf, du purpurne Quelle des heiligen Bluts! Speiſe und tränke uns Herr, deine ihrer Suͤnden ſich bewußten und darob tiefe Reue empfindenden Kinder! Amen.“ S Pierauf ſang der Prediger die Einſetzungsworte und reichte das Abendmahl in beiderlei Geſtalt umher. Ein unterer Geiſtlicher ſchritt feierlich einher, und theilte mit frommen Spruͤchen das Brot aus; der Prediger ſelbſt folgte mit dem Kelche, der reihum von Mund zu Mund ging. Eine unheimliche Stille wal⸗ — 93— tete rings umher waͤhrend der heiligen Handlung, und es koſtete wenig Einbildungskraft, die im grauen Nebel der Nacht verſchwimmenden Geſtalten fuͤr Ge⸗ ſpenſter oder Phantome zu halten. Bei aller Abtod⸗ tung der Formen reichte franzoſiſche Galanterie dem ſchönern Geſchlechte doch zuerſt den Leib und das Blut des Herrn. Kaum hatten die beiden angeneh⸗ men weiblichen Geſtalten, Charlot gegenuber, gar an⸗ ſtändig und fromm aus dem Kelche genippt, ſo wen⸗ dete ſich der Prieſter von ihnen, als den letzten in der Reihe, nach den Männern hin, und reichte Theo⸗ phile das heilige Gefäß. Es war fuͤr dieſen ein Ge⸗ fuͤhl ganz eigenthuͤmlicher Art, von dem Weine zu trinken, den die reizenden Lippen jener Maͤdchen be⸗ ruͤhrt hatten, zumal da ihn die Rede des Prieſters heftig angeregt; und ſeit er getrunken, ruhete ſein Auge mit noch groͤßerem Wohlgefallen auf den beiden Huldinnen, als fruͤher. Mochte die Schoͤne dort nun Henriette d'Alban ſein, oder nicht; genug ſie hatte ihre Geſtalt und ihre Anmuth, und dieß war fuͤr Theophiles Herz Aufforderung genug, ihr zu huldi⸗ gen. Sobald das Schluß⸗Gebet voruͤber war, wur⸗ den die Kerzen ſchnell geloͤſcht, und eh ſich's Charlot recht verſah, verſchwanden die vermummten Geſtalten wie Geiſter in den Mauern des Gewölbes. Nur drei bis vier Lichter flackerten geſpenſtiſch in der öden, ſchauerlichen Nacht. Als die beiden Maͤdchen ſich er⸗ hoben, glaubte Theophile, daß ihre Augen einen Mo⸗ ment auf ihm ruhten, und die Eine der Andern et⸗ was zufluſterte; daruͤber ſich vergeſſend, blieb er ſitzen, in unklare Träumereien verſunken, aus denen ihn jedoch bald ein ſanftes Ruͤtteln emporſchreckte. Mit ſeinem freundlichen Geſichte ſtand Gaſtine vor ihm, neben ihm zwei Maͤnner. „Wertheſter Freund,“ ſagte er,„ich nehme mir die Ehre, Euch dem Herrn Paré, beruͤhmten Leibme⸗ dicus und Wundarzt Sr. Majeſtaͤt des Koͤnigs, und dem Meiſter Dufras, Hofſchmied und Eurem baldi⸗ gen Prinzipale, hoͤflichſt vorzuſtellen. Mit Beiden habe ich ſchon uͤber den Zweck Eurer Sendung geſprochen.“ „Ihr wagt viel, junger Menſch;“ ſagte Paré in einem rauhen und unfreundlichen Tone, und der ſpärliche Lichtſtrahl zeigte die Umriſſe eines alternden, muͤrriſchen Geſichtes.„Doch ich will's nicht weh⸗ ren;“ ſetzte er, wie zu ſich ſelbſt ſprechend, hinzu. „Habt Ihr den Brief des Admirals an mich bei Euch?“ fragte er dann. „Ich kann Euch damit dienen, Herr Leibmedi⸗ cus,“ antwortete Theophile, und zog ihn hervor, waͤhrend die ſcharfen Augen des Arztes ihn uͤberblitz⸗ ten. An das Licht vortretend, uͤberlas er den Brief. „Ihr werdet mir doch Arbeit in Eurer Werk⸗ ſtatt vergönnen?“ fragte Charlot den Hofſchmied, ei⸗ nen langen, ſtarken Mann, mit einem offenen Ge⸗ ſicht. „Es iſt fur mich eine Ehre,“ entgegnete dieſer, „daß Ihr bei mir arbeiten wollt. Viel Ruͤhmliches hoͤre ich von Eurer Geſchicklichkeit, und ich hoffe, Ihr ſollt mein und meiner Familie Freund wie ich der Eurige ſchon bin.“ „Nun, junger Geſell,“ wandte ſich der Arzt um, ich leſe da viel Löbliches von Euch, was mir Freude macht, doch muß ich mich vorher ſelbſt uͤber⸗ zeugen. Seid deßhalb bei Meiſter Dufras huͤbſch fleißig, und fertigt einige Arbeiten, die Euch Ehre ma⸗ chen, ich will ſie dann ſchon an den rechten Mann bringen. Gute Nacht, Ihr Herrn!“ Damit kroch er, durch eins der Loͤcher in den Wänden, und auch Dufras verabſchiedete ſich, nachdem ihm Theophile verſprochen hatte, ſich in der Fruͤhe des andern Tags bei ihm einzufinden. Wie ein halb Schlafender oder Traumender ging Theophile neben dem geſprachigen Kaufmann, und horchte wenig oder gar nicht auf die angelegentlichſt vorgetragenen Erklärungen deſſelben. „Seht Ihr, mein wertheſter Freund,“ ſprach er „in ſolche Gewolbe und tiefe Keller muß ſich der wah⸗ re Glaube verkriechen, um Gott und Chriſtus rein, wie die Apoſtel, zu dienen. Lug und Trug, Falſch⸗ heit, Liſt und Mord herrſchen da oben, und vorzuglich am Pofe, an welchem Euch zu ſehen, mir wahrhaft graut; hier in der Tiefe, im Schooße der Erde, woh⸗ nen aber die Liebe und der Gottesfriede. Dieſe Kel⸗ ler gehoͤren zu meinem Hauſe, wir haben in den Ne⸗ benſtraßen, hinter mir und an mir noch einige Haͤu⸗ ſer, die auch von Brudern bewohnt ſind. In jedem derſelben iſt ein Eingang in dieſen Betſaal, eben ſo gut verwahrt, wie der unſrige, ſo daß wir vor jeder Entdeckung ſicher ſind. Ohne daß es auffallen kann, vertheilen ſich wöchentlich zweimal Bruͤder und Schwe⸗ ſtern zu verſchiedenen Zeiten des Abends in die ver⸗ ſchiedenen Haͤuſer, und treffen hier zum gemeinſamen Gebete zuſammen; erſt in der Mitternacht trennen wir uns, und ſchleichen einzeln ſtill nach Hauſe. Eine Hauptbedingung des Friedens von Conjumeau war ja, daß wir durchaus keinen Gottesdienſt in der Haupt⸗ ſtadt halten duͤrften; Hof und Jeſuiten wuͤrden uns vernichten, hätten ſie eine Spur von unſerer Fröm⸗ migkeit. Doch Ihr ſcheint ermuͤdet, erlaubt mir, Euch meiner Familie vorzuſtellen, es ſoll gleich abgemacht ſein; dann konnt Ihr Euch ſchon zur Ruhe verfuͤgen.“ „Wer war der Prediger? Er ſchien mir bekannt,“ ſprach Charlot aus ſeiner Zerſtreuung erwachend. „Das iſt Jonas le Char, ein Genfer, ein Schu⸗ ler Calvins und treuer Freund Peter Martyr's, des größten Redners der Calviniſten. Er hat frher lange in la Rochelle gepredigt und daher werdet Ihr ihn kennen. Als der große Anna du Bourg als Blutzeuge des Evangeliums ſtarb, begleitete ihn le Char zum Scheiterhaufen. Jetzt erquickt er uns mit dem Weine ſeines Worts. Ein herrlicher from⸗ mer Mann, eine ſtarke Saͤule der Apoſtoliſchen Kir⸗ che, ein Wiedergeborner durchs Evangelium ohne Fehl und Makel. Ihr werdet ihn naͤher kennen lernen. Der Admiral hat Euch auch ihm empfohlen. Wir werden ihn in ſeiner Werkſtatt beſuchen; denn er treibt jetzt, um nicht verdächtig zu ſein und ſich nicht zu verrathen, das Handwerk eines Schuhflickers, welches ihm auf ſeinen großen Reiſen gelaͤufig gewor⸗ den iſt.“ Unter dieſem Gerede waren Beide durch die un⸗ terirdiſchen Gaͤnge, den Kaſten und die Treppen wieder in das Haus gekommen. Auf den Stufen wartete Monſieur André mit dem Lichte und ſchritt gravitä⸗ tiſch, dem Prinzipale vorleuchtend, nach dem Familien⸗ zimmer, in welchem es noch ziemlich lebhaft zu ſein ſchien. André offnete die Thuͤre, alles war ſtill ge⸗ worden. Theophile trat, ſich verneigend, hinein, eine altliche Dame mit zwei juͤngern fielen ihm zu⸗ erſt in die Augen, und wunderbar uͤberraſcht erkannte er in den letzteren die Nachbarinnen, die im Betſaale ihm gegenuͤber geſeſſen und ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr beſchaͤftigt hatten. Wohl ſah er jetzt auf den erſten Blick, daß die Eine nicht Henriette d'Alban war, obgleich die große Aehnlichkeit ihn noch immer ſonderbar ergriff. Das vor ihm ſtehende reizende Mäd⸗ chen war juͤnger und ſchmaͤchtiger als Henriette, mit der ſie ubrigens Größe, Geſichtszuge und Haare gleich hatte. Wenn dieſes holde Weſen nur ein anmuthiges, unbe⸗ fangenes Kind ſchien, dem Luſt und Leben aus jedem Bück leuchtete, ſo war die andere eine ernſte majeſtä⸗ Storchs Fanatiker. I. 7 1 1 e — tiſche Jungfrau, welcher ſtarker Wille und heftige Leiden⸗ ſchaft auf der hohen, ſtolzen Stirne ſaßen und eben keine Milde des Charakters predigten. Jene glich der heitern, warmen Fruͤhlingsnacht, wo der Himmel ſeine tauſend hellen Aeugelein gar freundlich aufthut, und ſo kindlich verlangend, nach zarter ſtiller Liebe ſehn⸗ ſuͤchtig auf die Erde herab ſchaut; ihre hohe Nachba⸗ rin dagegen dem heißen ſchönen Tag, wo in uͤppiger Fuͤlle Blume, Baum und Strauch prangen, wo die flammende Sonne, Ehrfurcht gebietend, ihre herrſcheri⸗ ſchen Strahlen herabſchickt, und die Leidenſchaften heißer Noch mehr fuͤhite ſich Theophile uͤberraſcht, als er den Blick von den beiden Mädchengeſtalten wandte, und den trotzigen Ceſar d'Alban neben ihnen ſtehen ſah; ein ſchlanker Knabe, der die Grenze des Juͤnglingsalters er⸗ reicht hatte, und einige kleinere Kinder, ſaͤmmtlich noch wach, machten das Perſonal des Zimmers aus. „Meine lieben Leutchen ſind alle erwartungsvoll, zu erfahren, wer Ihr ſeid,“ ſagte Gaſtine laͤchelnd. „Nun, ihr Kinderchen, es iſt ein ſehr braver Mann, ein junger Held, der im Kriege gar tapfer fuͤr uns ge⸗ fochten, dabei ein geſchickter Schmiedemeiſter aus la Ro⸗ chelle und ein Freund Eures Großvaters, von dem er Euch gute Botſchaft bringt.“ „Von der Tante Henriette?“ rief die der Ge⸗ 3 nannten Aehnliche.„O, das iſt ja herrlich!“ „Ihr ſeht hier meine ganze Familie zuſammen, werther Charlot,“ fuhr Gaſtine fort.„Meine Frau, nebſt den Kindern; die beiden da ſind meine Pflegekin⸗ der und Landsleute von Euch, Enkel des hochverehrten Herrn Buͤrgermeiſters zu la Rochelle.“ Ceſar verrieth ſich mit keinem Blicke, daß er Theo⸗ philes Bekanntſchaft ſchon gemacht; er war freund⸗ lich, und der Schmied fand es auch nicht fuͤr noͤ⸗ thig, des fruͤheren Begegnens laut zu gedenken. „Mit Freuden fuhr der Kaufmann fort,“ und ſchien ſich wirklich recht zu freuen, denn ſein gut⸗ muͤthiges Geſicht glaͤnzte ganz verklaͤrt,, werde ich auch Euch zu meiner Familie zählen. Obgleich ich jeden Be⸗ kenner des reinen Apoſtelthums bruderlich liebe, ſo bin ich Euch doch, wegen der gar guten Empfehlungen und Eures muthigen Unternehmens, beſonders zugethan. Madelon, ſo reich' doch dem braven Charlot die Hand, und begruͤße ihn freundlich! Thut nicht ſo fremd, Chre⸗ tien, ihr Kinderchen, und auch Ihr Ceſar, Louiſe, heißt Euren Landsmann willkommen!“ Die ſtolze Madelon ging unbefangen auf Theophile zu und that, wie ihr Vater wuͤnſchte; doch zeigten Miene, Anſtand und Bewegungen gleichſam etwas Her⸗ ablaſſendes, und dem Beobachter konnte es eben nicht ſchwer werden, ihr anzuſehen, daß ihr an dem neuen Familienzuwachs nicht beſonders viel gelegen ſei. Der kleine André ſchoß aus der Ecke am Kamin giftige Blicke auf die Gruppe. Verſchämt lispelte die reizende Louiſe d'Alban einige unverſtändliche Worte, 7* 1 — 100— als ihre Hand in der des jungen kräftigen Schmieds lag; Ceſar hielt eine ganze Rede an den erſtaunten Charlot; Chretien, der funfzehnzährige Sohn Gaſti⸗ nes, hing ſich wie ein Bekannter in ſeinen Arm; die kleineren Kinder huͤpften vertraulich um ihn herum, machten ſich viel mit ihm zu ſchaffen, und— allen Schlaf zu vergeſſen. „Seht“ ſprach Gaſtine immer freundlich,„ ein Vergnuͤgen Eure unerwartete Ankunft in meinem Hauſe anrichtet. Monſieur André hatte geplaudert, und die ganze Sippſchaft dachte nicht an das Bett, wäh⸗ rend ſie ſonſt um dieſe Zeit lange träumen. Muͤſſen wir armen, gedruͤckten Leute doch ſchon aus der Nacht Tag machen, wollen wir Gott dienen; muͤſſen uns mit der größten Heimlichkeit in Hoͤhlen und Keller ver⸗ ſtecken, wie unſere alten, wahrhaftigen Bruͤder in Chri⸗ ſto unter den argen heidniſchen, roͤmiſchen Kaiſern. Leider ſind der Papſt, der ſich einen Statthaltet Chriſti nennen läßt, und unſere Koͤnige noch ſchlimmer als jene. Aber ſo wie damals, ſo wird auch uns ein Conſtantin kommen, der uns erheben wird uͤber unſere Feinde.“ „Wollte Gott, Ihr haͤttet wahr prophezeit!“ erwiederte Theophile, vor ſich hinblickend, ohne an dem Geſagten viel Antheil zu nehmen; denn ſeine Augen, ſein Herz und Sinn waren mit der ihm wieder gegen⸗ überſitzenden Louiſe beſchäftigt, und ſeine aufgeweckte Phantaſie ſpielte unaufhörlich ihm eine ſinnentäuſchende Verwechslung des gegenwartigen mit dem fernen Mäd⸗ — 101— chen, ja, wie er ſo recht in traͤumeriſches Hinbruͤten verſunken war, gemahnte es ihm als unmoͤglich, daß Henriette und Louiſe verſchiedene Weſen ſein koͤnnten. Beide ſchmolzen in ſeinem Kopfe ſo in Eins zuſammen, daß er ſie nicht zu trennen vermochte. „Denkt an mich, wertheſter Freund!“ rief der Kaufmann begeiſtert, und ein Strahl höheren Lebens flog uͤber ſein ſonſt gewoͤhnliches Geſicht.„Er wird kommen, der Erloſer ſeines Volks, als ein geſalbtes Haupt, er wird ſich die fränkiſche Krone aufſetzen, und uns, ſeine Getreuen, aus der Hand ſeiner Feinde retten. Denkt daran, daß der Herr den Samuel ausſandte in das Haus Iſai's, als Israel im Argen lag unter dem gottloſen Könige Saul, und der Prophet den kleinen Hirtenknaben David zum König ſalbte uͤber das Volk Gottes. Wenn die rechte Zeit fuͤr uns gekommen iſt, wird ein Samuel unter uns aufſtehen und einen David finden.“ Mit dieſen in einem Fluß geſproche⸗ nen Worten hatte der ganz lebhaft gewordene Mann alle Anſtalten gemacht, ſein Lieblingsgeſpraͤch fortzu⸗ ſeten, welchem der Schmied doch ſichtbar gar kein Intereſſe zeigte. „Wollt Ihr Euch nicht zur Ruhe legen, Mon⸗ ſieur André? Ihr ſeid ſchon entſchlummert!“ unter⸗ brach Madelon ihren Vater mit einem herrſchenden doch dabei ſpottenden Ton, zu dem kleinen Mann ge⸗ wendet, und dieß Wort war fuͤr den Vater ebenfalls die Loſung, ſeine Mittheilungen auf eine gelegenere — 102— Zeit zu verſchieben. Gaſtine wollte noch einige Worte ſagen, doch Mandelon ließ ihn gar nicht dazu kom⸗ men, ſondern erinnerte, zwar mit gewechſeltem Tone, dem man aber doch die Faͤrbung der befehlenden Bit⸗ te und der ärgerlichen K anhoͤren mußte: „Bedenkt, lieber Vater, unſer Gaſt hat heute eine große Reiſe gemacht, und eben hat die Glocke auf Notre Pame zwei Uhr geſchlagen.“ „Ich werde unſerm lieben Gaſte in ſein Ereuh tungn⸗ ſagte die Mutter liebreich. „Dies Geſchaft überlaßt mir,“ verſetzte Made⸗ lon.„Ich habe ſchon fuͤr Herrn Charlots Bequem⸗ lichkeit geſorgt.“ Die Mutter ſchwieg und ſtand ab. Madelon ergriff das Licht und wieß ſtumm dem Schmiede ſein Zimmer an, der ſich mit einem zartlichen Blick auf Louiſe von Allen beurlaubt hatte; in Ma⸗ delons Gruß lag nichts Warmes, ſo wenig wie in ihrem Geſicht etwas Freundliches fuͤr den ſchoͤnen Fremdling. Dieſer hatte in der kurzen Zeit, die er bis jetzt in der Familie zugebracht, wohl geſehen, wie Madelon eigentlich der Herr des Hauſes ſei, und Alles ſich ihrem Willen fuͤgen muͤſſe. —— Siebentes Kapitel. Ein Hanswurſt von König. Ein Beutelſchneider von Gewalt und Reich. Ein geflickter Lumpenkönig.: Shakspeare im Hamlet. In der Werkſtatt des Meiſter Dufras ſtand Theo⸗ phile unter den ftoͤhlichen Geſellen allein verſchloſſen und nachdenkend. Um ſeine Huͤften war das ſtarke Schurzfell geguͤrtet, ein ſchwarzlederner Bruſtlatz und das grobe, aufgeſtreifte Arbeitshemd vollendeten die äuſſere Form des Handwerkers. Mit rüſtigem Arm führte er den ſchweren Hammer in abgemeſſenen Schlä⸗ gen auf das gluͤhende Eiſen, daß der Ambos klang; bald ließ er die Baͤlge an, die mit vollen Backen in die Glut blieſen; und die ſpruͤhenden Kohlen erweichten ſchnell das Metal, damit es ſich von neuem biegſam dem geſchickten Hammer fuͤge. So, ohne ſich umzu⸗ ſchauen, arbeitete der Schmied eben ſo viel, als drei An⸗ dere, und es ſchien, als wolle er durch ſolch uner⸗ hörten Fleiß irgend einen innern Kummer betauben. „Wer iſt der Geſelle Charlot?“ rief plötzlich ein krähende Stimme in unrichtigem, ſchlecht betonten Franzöſiſch, und weckte Theophile aus ſeinen bitter⸗ ſußen Betrachtungen. Eine wunderliche Geſtalt ſtand neben ihm. Auf dem breiten, weißen Hute, an ei⸗ — 104— ner Seite durch einen großen goldenen Knopf aufge⸗ ſchlagen, winkten drei purpurrothe Federn; dem blei⸗ chen kraftloſen Geſicht ſprach ein kohlenſchwarzer, glän⸗ zender, lang uͤber den Mund herabhängender Schnurr⸗ bart Hohn; ein italieniſches, reich und bunt geſticktes Wamms umſchloß die hohe, verzwergte Bruſt; die bunten Puffen und Schnörkel an den ausgefutterten weißen Beinkleidern, trugen ebenfalls zum bizzarren Anſehen des ſtolzen Fragers bei. „Ihr ſeht ihn vor Euch, mein Herr. Was ſteht zu Befehl?“ fragte Theophile mit einem An⸗ flug von Hohn und ſpöttiſchem Lächeln. „Malledetto diabolo! s' iſt gut, daß ich Dich habe, Burſche. Des Königs unſers gnädigſten Herrn, Majeſtät geruht Dich vor ſich zu beſcheiden; folge mir ſogleich!“ herrſchte der Mann in ſeinem kauder⸗ waͤlſchen Franzöſiſch. „Und wer ſeid Ihr, mit Verlaub, der mir buͤr⸗ gen kann fuͤr ſolchen Befehl?“ fragte Theophile nur aus Neugierde, den wunderlichen Helden kennen zu lernen. „Wie?“ ſchrie dieſer gleich einem erboſten Hah⸗ ne auf;„Du mußt ſo neu in Paris ſein, als ein friſch gebackenes Vesperbrod, ſonſt wurdeſt Du ſicher⸗ lich den allbekannten und beruͤhmten Carolo Bretano, erſten Kammerdiener und Luſtigmacher ſeiner Majeſtät des Königs von Frankreich, ſo gut kennen als Dei⸗ nen Meiſter. Bin ich doch des Königs rechte Hand; Niemand darf die Falken und die zwanzig Jagdhunde fuͤttern, als ich; auch begleite ich die Majeſtät auf alle Jagdrennen, Luſtſchießen, Parforce-Jagden und Pir⸗ ſchen und bin Dero erſter und einziger Muͤnzknecht. Haſt Du noch nichts von dem großen Gonella gehört, wel⸗ cher Hofnarr des Markgrafen Nicolai von Eſte und deſſen Sohn des Herzogs Borſo von Ferrara war? Wie? Du weißt nichts von dieſem beruhmten Mann? Du biſt ſehr dumm geblieben in Deiner Schmiede. Laß Dir einen Schwank von Gonella erzahlen. Einſt fragte der Herzog den Narrn, welches wohl das ſtaͤrkſte Handwerk in Ferrara waͤre, und Gonnella ſagte: das der Aerzte.— Es ſind nur vier Aerzte in der Stadt, erwiederte der Herzog.— Und doch will ich mit Euch um hundert Kronen wetten, daß ich recht habe.— Es ſei! ſagte der Herzog. Am folgenden Tag ſaß Gonella Geſicht und Hals in Pelz gepackt, vor der Kirchthuͤr; jedem, der ihn fragte, was ihm fehle, antwortete er: ich habe die heftigſten Zahnſchmerzen, und Jeder ſagte ihm ein Mittel dafuͤr. Alſo machte er's auch an der Tafel des Perzogs und auch dieſer ſagte ihm ein Mittel. Dieſe Leute ſchrieb Gonella auf, den Herzog oben an, uͤberreichte dieſe Liſte der Aerzte in Ferrara demſelben und erhielt die hundert Kronen als gewonnene Wette. Aber Du lachſt nicht? O heilige Jungftau! Du biſt ein truͤbſeliges Geſicht. Von dieſem Gonella leite ich meinen Urſprung ab und ſieh ich hab's weiter gebracht als er. Er war der PHofnarr eines armen Herzogs; ich bin Kammerdiener des groͤßten und reichſten Königs auf Er⸗ den. Und wenn Du vielleicht waͤhnſt, ich ſei von unedler Geburt, ſo muß ich Dir ſagen, daß mein Großvater von Adel und erſter Falkonir des She von Flo⸗ renz war.“ „Entſchuldigt mich doch ja, verehrteſter Herr Ca⸗ rolo de Bretano,“ beguͤtigte Theophile den in Harniſch gekommenen Mann.„Meine gräßliche Unwiſſenheit wird Euch ſchon verzeihlich erſcheinen, wenn ich Euch ſage, daß ich erſt ſeit drei Wochen in Paris und in dieſer Werkſtatt bin, daß ich, als ein armer Schmiedegeſell, der des Fleißes noͤthig hat, mich noch gar wenig um die große Stadt, die ich fruͤher noch nie⸗ mals geſehen, und um die Herrn Hofnarren und die uſtigen Schwaͤnke, die ſie den Königen und Herzogen vormachen, habe bekuͤmmern können. Doch werde ich gewiß nicht wieder den Euch ſchuldigen Reſpeckt ans den Augen ſetzen, und Euch deshalb ſogleich folgen, wie Ihr wuͤnſcht, nachdem ich nur dies Arbeitskleid mit einem andern vertauſcht habe.“ „Gut, mein Junge, Du ſprichſt wie ein Buch. Aus Deiner Unwiſſenheit kann etwas werden. Ich will Dich in die Scheere nehmen. Wenn Du nur kein Kopf⸗ hänger biſt, ſonſt kommſt Du bei Hofe gleich in—. einer von der Colas⸗*) zu ſein. name für die Calviniſten, deſſen urſprung unb Bederzu mir fremd geblieben iſt. *) Ein damals bei den Katholiſchen ſehr üblicher Schimpf⸗ — —— — 10— Theophile ging halb beſtuͤrzt, nahm ſich jedoch zuſam⸗ men, und als er freundlichen Geſichts umgekleidet wieder zu dem an der Thuͤre auf ihn wartenden Kammerdiener trat, muſterte ihn dieſer mit wohlgrfüligen Blcken, und ſagte: „Du biſt ein ſtatticher Burſche! bei des Teufels ursltermutter! Du wirſt Gluͤck machen am Hofe. Ich wußte ſchon ſo manches ſehnſuͤchtige Hetzchen, das Dich gern in die Arme nähme. Du biſt doch nicht geftoren, oder ein keuſcher, enthaltſamer Betbruder? 6 Keineswegs! Aber aller Anfang iſt ſchwer. Erſt muß ich mich in das Weſen finden. Laßt mich nur in die Wolle kommen. Ei glaubt Ihr, Herr Kammerdiener, ich wiſſe nicht, daß man bei Hofe die Feſte feiern muß, wie ſie fallen? Aber ein Lehrling kann nicht gleich Meiſter ſein. Ich bin der Lehrling, Ihr ſeid der Meiſter. Nehmt mich in Eure Schule. Auf Euer Wort, Signore, wird gar viel ankommen, mich zu empfehlen; deshalb entzieht mir Eure Gunſt nicht, um die ich bitte.“ „Das mein' ich auch,“ ſchmunzelte der Italiener. „Halte Dich nur an mich. Recht gut geſprochen, mein Lieber. Ich bin ein Meiſter. Hi! hi! ein ausgelern⸗ ter Meiſter, der die Praxis von Grund aus verſteht. Du biſt ein Neuling, aber ich ein erfahrner Mann am Hofe; denn mein Vater war ſchon Kammerdiener der Koͤ⸗ nigin Majeſtät, und zog mit ihr uͤber die Alpen. Ich will Dir ſchon die fetteſten Braten zuweiſen. Laß mich 64 — 108— nur ſorgen! Wenn Du ſo gut zu lieben, wie zu ſchmie⸗ den verſtehſt, biſt Du ein gemachter Mann. Und ein trefflicher Schmied mußt Du ſein, ſonſt hätte Dich wahrlich die Majeſtät nicht rufen laſſen. Deine fei⸗ nen Arbeiten, die Herr Peré der Majeſtaͤt gezeigt, haben dieſelbe ganz fuͤr Dich eingenommen. Der König wird Dich liebgewinnen, doch ſtets mußt Du mit mir Compagnie machenz ohne mein Freund zu ſein, kannſt Du nicht exiſtiren. Verſteh' mich wohl!“ „O vollkommen!“ erwiederte Theophile mit ei⸗ nem unterdruͤckten Seufzer. „Uebrigens mußt Du wiſſen, daß die Majeſtät der geſchickteſte Schmied und Muͤnzer im ganzen Kö⸗ nigreich, ja auf der ganzen Erde iſt; Du kannſt ſchlech⸗ terdings nicht beſſer ſein, und waͤreſt Du der Meiſter Vulkanus ſelber. Sieh die herrlichen Sporen, die ich trage; nun, wie gefallen ſie Dir?— Von des Königs hoͤchſt eigenen Händen gefertigt, und mir fuͤr treue Dienſte als huldvolles Geſchenk offerirt.“ „Ein unuͤbertreffliches Meiſterſtuͤck!“ rief Theo⸗ phile voll innerer Traurigkeit, ohne die plumpen Eiſen meht als eines Blicks zu wuͤrdigen; denn den Ton, in welchen er nun einzuſtimmen ſich gezwungen ſah, war ihm allzufremd und that ſeinem offenen redlichen Her⸗ zen wehe. „Du biſt ein Kerl, der ſeine Sache verſteht: das hoöre ich ſchon. Die Majeſtät wird das ſogleich einſehen, und die Königin Mutter glaub' mir— die hat's gar ſehr gern, wenn der Koͤnig recht tapfer am Ambos häͤmmert, ganze Wochen auf der Jagd iſt, ſich mit den huͤbſchen Kindern im Schloß Madrid her⸗ umbalgt, oder ſich recht viel ſchöne Muͤnzen prägt. Das hat mir ſchon oft ihre Gnade verſchafft. Schau her, die Gunſt des Handkuſſes erwarb ich mir neulich durch dieſe Muͤnze, die wir nur im feinſten Golde aus⸗ geprégt haben. Dieſer Mann im Harniſch iſt der Kö⸗ nig. Nicht wahr, herrlich getroffen? Auf ſeinen Schul⸗ tern ſtehen die Säulen des Reichs, welches er hier als eine mit der Krone umgebene Erdkugel trägt; unter ſeinen Fuͤßen die zertretene Schlangenbrut; das ſind die Hugenotten, das Stterngezuͤcht. Auf der Ruckſeite drei Lilien, mit der Umſchrift: Carolus Rex Catholicus Omnipotens. Nun was ſagſt Du zu der Idee, Freund?“ „Sie iſt unvergleichlich ſchoͤn und geiſtreich,“ ver⸗ ſetzte Theophile, ſchon kuͤhner im Luͤgen, aber der heilige Zorn verſagte ihm faſt die Stimme. „Daran kannſt Du ſehen, daß ich ſo etwas von dem in mir verſpuͤre, was man Genie nennt, und fuͤr⸗ wahr ein Hofnarr ohne Genie iſt ein Rindvieh, und dafuͤr ſoll mich keiner halten,“ lachte der bunte Kam⸗ merdiener;„dieſe koſtbare Idee iſt aus meinem Kopfe entſprungen, und die Majeſtät verſchmähte nicht, ſie mit geſchickter Hand ſogleich auszufuͤhren.“ „Das muß Euer Feind einräumen, wenn Ihr — 110— — was uͤbrigens zu bezweifeln iſt— einen ſolchen habt, daß Ihr ein ſehr ausgezeichneter Narr ſeid.“ „Das wollt ich meinen!“ erwiederte Bretano ge⸗ ſchmeichelt,„und es freut mich, daß Du meine Ver⸗ dienſte anerkennſt, mein Junge. Und doch kennſt Du meine großen Talente nur zum Theil, und weißt z. B. noch nicht, daß ich ganz vortreffliche Verſe mache, und die Kunſt das Improviſirens mir als einem Dich⸗ ter italieniſcher Abkunft gleichſam angeboren iſt. Was meinſt Du zu dieſem Verſe: Du biſt ein Schmiedeknecht, ein tüchtiger Geſellez Deshalb umarm' ich Dich, ſogleich hier auf der Stelle. Iſt das nicht koͤſtlich, herrlich?“ Damit um⸗ armte er den erſtaunten Charlot ſtuͤrmiſch und rief:„O moͤchteſt Du doch auch eine poetiſche Ader in Dir ver⸗ ſpuͤren, dann wären ich und Du und der König Eins, ein Herz und eine Seele— denn die Majeſtät iſt der größte Dichter, der je gelebt— dann ſchmiedeten, jag⸗ ten, muͤnzten, dichteten, ſpeiſten, zechten, liebten, machten wir Alles zuſammen. O Peſt auf die Hugenoten die Spitzkoͤpfe! Ich bin ſo vergnuͤgt, daß ich einen ſol⸗ chen Bibelhelden abſchlachten möchte Ehre Gottes und der katholiſchen Kirche.“ Waährend dieſes Geſprächs war Theophile mit dem ſelbſtge fällig lächelnden eiftigen Italiener vor jener Cita⸗ delle angekommen, welche ſpäter unter dem Namen des Louver ſo ſehr bekannt geworben iſt. Dieſes ungeheure — 111— unregelmaͤßig gebaute, ſtark befeſtigte Haus, bewohnte der junge König Karl der Neunte; ſpaͤter iſt es der Palaſt der Koͤnige von Frankreich geblieben. „Ich brauche Dich nicht erſt zu melden,“ ſagte der Kammerdiener,„die Majeſtät hat befohlen, Dich ſogleich einzufuͤhren.“ Waährend ſie durch das hohe, vefeſtigte Thor uͤber den Hof und eine ſchmale ſteinerne Treppe hinauf gingen, regte ſich in Theophile ein been⸗ gendes Gefuͤhl, welches er jedoch durch den Gedanken an den hohen, edlen Zweck ſeines Ganges zu unterdruk⸗ ken ſuchte. Als ſie uber einen kleinen Corridor ſchritten, tönten ihnen Hammerſchlage entgegen. Der Gott der Eſſ⸗ bließ Funken und Dampf aus einem auf den Hof fuͤhrenden Schlot. Bei dieſen Tönen und Bildern er⸗ wachte Theophiles ganzer Muth wieder, und beherzt trat er durch die vom Italiener geoffnete Thuͤr in die Schmiede und Muͤnzwerkſtätte des Königs von Frank⸗ reich. Eine lange, hagere Geſtalt, gebeugt wie ein Greis, aus deren hohen Achſeln ein etwas ſchief ſtehen⸗ der, bleicher, abgezehrter Kopf mit eingefallenen Wan⸗ gen, einer ſchoͤnen Habichtsnaſe, tiefliegenden finſter⸗ blickenden Augen, borſtigen, glatt auf dem Scheitel auf⸗ liegenden Haaren, auf weit vorgeſtrecktem Halſe mit herabhängender Stirn ſaß, trat dem ſich anſtaͤndig ver⸗ beugenden Schmiede entgegen, und betrachtete ihn eini⸗ ge Minuten lang, tuͤckiſch lauernd mit den gruͤnen —————˙—˙—,— f —— Augen, wandte ſie dann wieder ſcheu ab und ſchlug ſie unruhig, mit dem Ausdruck von Simplicität oder Geiſtesbeſchräͤnktheit, zu Boden, nicht ohne einen ſehr ſpoͤttiſchen Zug um den etwas geoͤffneten Mund, deſſen Oberlippe bedeutend vorragte. Auf dem Geſichte des jungen Koͤnigs war keine Spur jugendlicher Anmuth und lebensfroher Heiterkeit zu finden, welche ſonſt im⸗ mer das zweite Decennium des Lebens ſchmuͤcken. Seine Roſen waren ſchon verbluͤht, oder vielmehr von ſeiner eigenen Mutter als Knospe abgepfluͤckt, und der Lebens⸗ keim des ganzen Stammes freventlich zerſtort worden. So ſtand Karl der Neunte, als ein achtzehnjähriger Juͤngling, im Begriff, das ganze kräftige Mannsalter zu uͤberſpringen und zum Greiſe zu werden. Die Klei⸗ dung des Koͤnigs war phantaſtiſch, und das treue Ab⸗ bild eines verwirrten Gemuͤthes. Den kleinen, faſt weiblichen Fuß, der mit dem langen Körper widrig contraſtirte, begleitete knapp anliegend ein ſchwarz ſammtner, abgerundeter Pantoffel, ringsum mit Gold⸗ plaͤttchen und blitzenden Edelſteinen beſetzt; die Beinklei⸗ der, von fleiſchfarbner Seide, waren mit hochrothen Puffen verziert; ſie waren aber, ſo wie die Fußbe⸗ kleidung, ſchmutzig, ja zerfetzt, und von den vom gluͤhenden geſchmiedeten Eiſen abgeſprungenen Funken verbrannt. Ein hellblauer, mit Gold geſtickter Guͤrtel preßte uͤber den Huͤften die ſchmächtige. Taille des Koͤnigs noch mehr zuſammen; daruͤber hing, mit einer ziemlich ſtarken eiſernen Kette hinten befe⸗ befeſtigt, das ſchwarze Schurzfell. Ein einfaches Gi⸗ let lag um die Bruſt, deckte ſie aber nicht; ſie war nakt, und von der Glut der Kohlen braun gebrannt, wie bei jedem Schmied. Uebrigens war er ganz hand⸗ werksmaͤßig im bloßen Hemde, die Aermel hoch aufge⸗ ſtreift; das borſtige Haar deckte eine ſchmutzige Lederkap⸗ pe, wie ſie der gemeinſte Schmied waͤhrend der Arbeit zu tragen pflegt. In der rechten Hand hielt er einen Hammer, in der linken Hand eine Zange, mit der das gluͤhende Eiſen gefaßt wird. Geſicht, Arme, Bruſt und Haͤnde trugen die ſchwarzen Spuren ſeiner Beſchäf⸗ tigung an ſich. Seine hämiſche Miene ging bald in eine gewiſſe aber ſehr zweideutig freundliche uͤber, wie man ſie oft an reichen oder vornehmen einfaltigen Leu⸗ ten ſieht, wenn ſie einen Armen oder einen unter ihnen Stehenden mit ihrer Gunſt begluͤcken wollen, und er ſagte in einem vertraulichen Tone zu Charlot, gleichſam als wären ſie alte Bekannte: „Du ſollſt mir den neuen Wagen der Königin Mutter beſchlagen helfen. Du biſt ein braver Kerl, das ſeh' ich Dir an. Der Doktor hat es auch geſagt. Die Inſtrumente von Dir waren ſehr gut. Ich will noch was von Dir lernen, morbleu! wir wollen zuſam⸗ men ſchmieden! Sieh Junge, eben bin ich an der großen Schraube, in der der Nagel laͤuft, aber die Schrauben⸗ mutter will mir nicht gelingen. Hoͤllenpeſt und Brand uͤber die vermaledeite Schraube! Sieh Du einmal zu!“ „Majeſtaͤt, ſie kann nicht gelingen; denn der Storchs Fanatiker. I. 8 — 114— Schraubenſchneider iſt abgenutzt, und taugt nichts. Man hat Euch nicht gut damit verwahrt.“ So ſprach Theophile unbefangen, nachdem er alles in Augenſchein genommen hatte. „Donner und Blitz! Daß der Teufel alle Ketzer, haͤtte! da ſteckt's! das war brav, mein Junge! lange hab' ich tapfer— und doch ging's nicht. Wie heißt Du?“ „Theophile.“ „Der Name gefällt mir in der Kirche, aber nicht in der Eſſe und auf der Jagd. Sollſt Henrico heißen, wie mein Bruder, der Naſeweiß. cẽheophile war der neue Name nicht unangenehm, wurde er doch dadurch an Henriette erinnert; er ver⸗ neigte ſich ohne alle Ceremonie, und ſagte: „Wenn Ew. Majeſtaͤt wuͤnſchen, ſo wollen wir erſt einen neuen Schraubenſchneider anfertigen.“ „Bravo, Henrico! Friſch daran! Parbleu! wir wollen was Herrliches zuſammen ſchaffen!“ rief die ſchmiedende Majeſtaͤt freudetrunken, griff mit den duͤr⸗ ren Haͤnden raſch in die Kohlen, und haͤufte ſie im Eßofen an; Theophile faßte eben ſo ſchnell die Stange des Balges, und zog; der Konig legte Eiſen ein, und dämpfte geſchaftig die äußere Glut der Kohlen mit dem naſſen Strohwedel, um die innere zu mehren. Bald ſtanden Beide mit den Haͤmmern bewaffnet am Ambos, und ſchlugen im Takt luſtig auf das weiche Eiſen los, welches Charlot geſchickt wendete und formte. Die Fun⸗ — 115— ken ſpruͤhten gewaltig, der Koͤnig ſtieß unarticulirte Tö⸗ ne des Wohlbehagens aus, und triefte von Schweis. „Alle Wetter! ſo laß ich mir's gefallen, Hoͤll und Peſt! Das geht anders, als wie ich mich mit Dir noch abhaͤmmerte, dummer Hansnarr. Du haſt zuweilen gute Einfaͤlle, Carlo; aber ein ſchlechter Schmied biſt Du. Geſteh's nur ein. Mordelement! da weiß mir der Henrico beſſer zuzuſchlagen. Der Doktor iſt doch ein geſcheidter Kerl, daß er Dich mir empfohlen. Wir wollen ihm auch ein Paar Zangen und Meſſer ſchmieden. Bei allen Heiligen! gewuͤnſcht hab' ich mir's lange ſchon ſo, wenn ich Dich nur eher gehabt haͤtte, Junge! Sobald wir mit dem Wa⸗ gen fertig ſind, wollen wir's mit dem Muͤnzen pro⸗ biren, da werd' ich Dich etwas lehren koͤnnen.— Beim Muͤnzen verſteht Bretano auch manches. Ja alle Tage wollen wir ſo arbeiten. Hol mich der Satan!“ Der Italiener entfernte ſich mit muͤrriſchem Geſichte. „Wenn Ew. Majeſtät wollen, ich bin dabei!“ rief Theophile frei und kraͤftig.„Eure Werkſtatt ſoll wohl die beſten Arbeiten in Frankreich liefern.“ Damit griff er zu Raspel und Feile, und nach kur⸗ zer Zeit war der Schraubenſchneider fertig, daß er gehaͤrtet werden konnte. Dieſe Arbeit ließ ſich der König nicht nehmen, der zeither in fröhlicher Stim⸗ mung der Gewandheit und Geſchicklichkeit ſeines Ge⸗ 8* —————— — 16— ſellen bewundernd zugeſehen hatte, nun aber verſi⸗ cherte, Niemand vermoͤge beſſer zu härten, als er. Das wagliche Geſchäft ging auch gluͤcklich von ſtat⸗ ten, und ſogleich ſchnitten die beiden Arbeiter mit ver⸗ einten Kraͤften die Matrize durch, nnd die Schraube des Wagennagels fuͤgte ſich ſehr gut in ſie. „Mille moustaches!“ rief der Koͤnig.„Das iſt herrlich! Ich wuͤrde Dich umarmen, Junge, wenn ich nicht König von Frankreich wäre. Aber ausge⸗ macht und abgethan bleibt's nun, Du biſt mein Ge⸗ huͤlfe. Ich laſſe Dich nicht wieder von mir; wenn wir nicht ſchmieden oder muͤnzen, gehen wir auf die Jagd, und Du biſt mein Falkenir; Carlo iſt ſo nicht flink genug.“ „Alle meine geringen Kraͤfte ſtehen Ew. Maje⸗ ſtät ſtets zu Dienſten. Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein.“ „Ja, das glaub' ich auch, beim heiligen Dun⸗ ſtan, aller Schmiede Schutzpatron! Und die Koͤnigin Mutter wird uns loben, wenn wir ſo rüſtig dran ſind. Im Vertrauen— ſie ſieht es gerade nicht ungern, wenn ich mich nicht beſonders viel um die Staatsaffären bekummere. Meine kräftige Natur, ſagt ſie, tauge eben nicht zum Regieren, dieß ſchwie⸗ rige Geſchaft erfordere gar große Feinheit, die mir nun freilich ein fur allemal abgeht. Meinen Bru⸗ der, den Anjou, den Laffen, hat ſie lieber um ſich, weil er ein Weichling, ein honigſuͤßes Herrchen iſt. — 117— Aber daß ſie ihn im vorigen Jahre ſogar zum Gene⸗ rallieutenant des Königreichs und Oberbefehlshaber des Heeres gegen die Ketzer ernennen ließ, hat mich doch verdammt gergert. Ventre saint gris! Ich wollte das Gezuͤcht ſelbſt vernichten, aber ſie meinte ſehr ſpitzig, es wäre nicht anſtaͤndig fuͤr den König, die Re⸗ bellen ſelbſt zu zuͤchtigen; ich könne meiner Thaten⸗ luſt immerhin auf der Jagd ein Genuͤge thun; das Waidwerk ſei des Konigs wuͤrdig. Sie hatte recht, und doch verdroß es mich. Seitdem aber bin ich ein tüͤchtiger, toller Jager geworden; denn jedes Wild be⸗ trachte ich als einen Ketzer, und ruhe nicht eher, bis es blutend und im Todeskampf zuckend zu meinen Fuͤßen liegt.“ Theophile ſchauderte, von unſeligen Ahndungen ergriffen, im Innern der Seele zuſammen. „Heute Nachmittag ſollſt Du mit mir auf die Jagd reiten; doch duͤrfen wir höchſtens ein junges Böckchen ſchießen; denn jetzt iſt die Brunſt. Duͤrf⸗ ten wir Ketzerjagd halten, ſchoͤſſen wir Alt und Jung zuſammen, und der Papſt und alle Heiligen wuͤrden es uns Dank wiſſen. Aber Vetter Condé und der Admiral hegen die Brut, daß ſie ſich wie Schlangen vermehrt?“ 3 Die Arbeit ruͤckte dabei raſch vor, denn Theo⸗ phile haͤmmerte aus Leibeskräften, um ſeine innere Bewegung zu verbergen, und die Ruͤhrigkeit des Ge⸗ ſellen war fur den königlichen Meiſter Aufforderung, — 118— nicht zuruͤckzubleiben. Als der Mittag heran gekom⸗ men war, trat der bunte Italiener in die Werkſtatt, um dem Koͤnig die Mahlzeit anzukuͤndigen. Dieſer warf Kappe und Schurzfell ab, reinigte ſich Geſicht und Haͤnde im Kuͤhlfaß, und fuhr in den gruͤnſammt⸗ nen Jägerrock, welchen ihm der Kammerdiener reichte. „Majeſtät ſpeißt heute allein,“ fluͤſterte Breta⸗ no dem Schmiede zu,„und wir laſſen es uns zu⸗ ſammen im Vorzimmer gefallen. Es bleibt doch bei unſerer innigſten Freundſchaft? Glaub' nur, ich habe den König erſt auf Deine Vorzuͤge aufmerkſam ge⸗ macht.“— Theophile nickte beifällig und ſtieg mit dem neuen Herzensfreunde eine ſchmale dunkle Treppe in der Werkſtatt hinauf, und gelangte ſo in die Zim⸗ mer des Koͤnigs. Die Thuͤre des Kabinets, in wel⸗ chem ſich Karl befand, war geoͤffnet; er ſaß mit ei⸗ nem leichtfertig gekleideten Frauenzimmer zu Tiſch; im Vorzimmer war fuͤr die beiden Diener gedeckt, doch ſo, daß der Koͤnig ſie ſehen und mit ihnen ſprechen konnte. „Das iſt die jetzige Geliebte des Koͤnigs,“ fluͤ⸗ ſterte der Italiener wieder.„Sie bleibt es etwa vier Wochen, dann kann ſie die Deinige werden. Es iſt Dein Schade nicht, Freund, wenn Du anbeiſt.“ Das verhunzte Geſicht verzog ſich zu einem widrigen Grinſen. Ohne Ceremonien, nach der einfachen Art der Söhne Vulkans wurde geſpeiſt, und ein Frem⸗ — 119— der haͤtte ſich ſchwerlich uͤberzeugen koͤnnen, daß hier der Koͤnig von Frankreich zu Tafel ſitze. Die Ma⸗ jeſtät unterhielt ſich mit ſeiner Tiſchgenoſſin auf eine ſo frivole Art, daß dem tugendhaften Schmiede das Blut zu Kopfe ſtieg, und er nicht wußte, wohin er ſich wenden ſollte, um nur nicht zu hoͤren, welche Frei⸗ heiten ſich der König erlaubte. Noch mehr wurde des frommen Calviniſten Herz durch die erſchrecklichen Fluͤche verletzt, die der Koͤnig in Scherz und Ernſt mit jedem Satze, welchen er ſprach, ausſtieß. Die Unterredung mit der buhleriſchen Dame, mit Bre⸗ tano und Charlot, der nur ſelten ein Wort zu⸗ gab, drehte ſich um Liebeshändel, die Jagd, der Kö⸗ nigin Mutter Wagen und deſſen Eiſenbeſchlag, und um die neuen Muͤnzen. Dazwiſchen ſchimpfte die Majeſtat einigemal auf den Herzog von Anjou, den Herzog Heinrich von Guiſe, und verwuͤnſchte die Hu⸗ genotten in die Hölle. „Carlo!“ rief er endlich,„nachher ſchaff' ein huͤbſches Jagdkleid fuͤr Henrico dort; er reitet heute mit aus, und ſoll ſelbſt ſehen, welch ein ſchlechter Schuͤtz der Duc de Guiſe iſt.“ Darauf erhob er ſich mit ſeiner Freundin von der Tafel, und Beide ver⸗ fuͤgten ſich in die innern Gemächer. „Solcher Puͤppchen hat die Koͤnigin Mutter an dreihundert,“ ſagte Bretano pfiffig.„Eine iſt immer ſchoͤner als die Andere; es ſind die beſten Blu⸗ men aus ganz Frankreich und Italien. Solch huͤb⸗ 120 ſche Jungen, wie Du biſt, haben ſie alle bis zum Raſendwerden lieb. Sei nur nicht bloͤde und verdutzt, wenn ſie es ein wenig arg mit Dir machen; Du biſt noch ſo ein unſchuldiges Blut aus der Provinz. Das giebt ſich ſchon am Hofe.“ Theophile's Herz war wie von Centnerſteinen gepreßt; er wagte nach dem, was er geſehen und gehoͤrt, gar nicht an Hen⸗ riette und Louiſe zu denken, ſo ſehr ſein reiner Sinn ihn auch an dieſe Engelgeſtalten erinnerte. Der Kam⸗ merdiener trug unterdeſſen zwei große blank geputzte Waldhorner, dann die Gewehre und eine Menge gruͤ⸗ ner Jagdanzuͤge herbei, aus denen ſich Theophile den paſſendſten auswaͤhlen mußte. Bald ſtand er vor dem grinzenden Italiener, der ihn geſchaͤftig anputzte, im knappen, gruͤnen Hleide, ſchlank wie eine Tanne, aber kraͤftig gebaut, wie eine Eiche. Sein bluͤhen⸗ des, braͤunliches Geſicht, durch dunkle buſchige Au⸗ genbrauen verſchont, uͤberſchattete die vom Hute wal⸗ lende ſchwarze Feder; er war dem Endymion oder dem Kriegsgott vergleichbar, mit allen menſch⸗ lichen Reizen geziert, die eine Diana oder eine Ve⸗ nus ihm geneigt machen konnten. „Noch einiges Wenige mußt Du lernen, mein Freund,“ ſchwatzte Bretano,„und zu allem, was Dir noch fehlt, kannſt Du in Paris keinen beſſern Lehrmeiſter finden, als mich; auch abgeſehn davon, daß die Freundſchaft ſchnell lehrt und lernt.“ „Ei, ſo fangt Euren Unterricht ſogleich an, Ihr 7 — 121— findet in mir einen lernbegierigen Schuͤler, und gern will ich Euch am Hofe Alles verdanken.“ „Erſtlich, kannſt Du das Waldhorn blaſen?“ „Nein, obgleich ich einſt, als ich Soldat wer⸗ den wollte, mich auf die Signale etwas einblies.“ „Nun es iſt ein Anfang! Wenn Du gut Wald⸗ horn blaſen lernſt, biſt Du des Koͤnigs unvertreibba⸗ rer Guͤnſtling, wie ich ſelbſt. Majeſtät iſt ein Virtuos auf dem Horn, wie kein Jäger und kein Muſikus im Reich. Koͤnnen wir erſt ſo ein Trio zuſammen abjodeln, dann ſind wir das unzertrennliche Kleeblatt. Fuͤrs zweite mußt Du durchaus Italieniſch lernen, wenn Du bei Hofe fortkommen und Dein Gluͤck bei den ſchoͤnen Damen machen willſt. Der Koͤnig ſpricht nur franzoͤſiſch, wenn er bei ſehr guter Laune iſt; heute hat er es bloß Deinetwegen gethan. Sonſt ſpricht am Hofe Alles Italieniſch, von der Koͤnigin Mutter an, bis zur Kammerzofe herab. Wie konnte man ſich auch in dieſer gemeinen, uͤbeltoͤnenden franzöſiſchen Spra⸗ che ſo goͤttlich ausdruͤcken, als in der ſanftklingenden meines Vaterlandes, welches ich mit der Koͤnigin und den vornehmſten und einflußreichſten Männern am Hofe gemein habe! Wir ſind alle Italiener, und Du mußt auch einer werden, wenn etwas rechtes aus Dir werden ſoll. Hät Dir doch ſchon die Majeſtät einen italieniſchen Namen gegeben. Jede Stunde, die wir nicht beim Koͤnig beſchaͤftigt ſind, will ich Dich un⸗ 122 terrichten; daruͤber wird ſich die Majeſtät gewaltig freuen.“ „Topp, Herr Lehrmeiſter!“ ſagte Theophile, „wenn ich Euch etwas lehren kann, ſoll es auch ge⸗ ſchehen. Ich will nicht Euer Schuldner bleiben.“ „Werde ſchon den Lohn fordern!“ lachte Bre⸗ tano ſpitzbuͤbiſch.„Zum dritten mußt Du nun die Schuͤchternheit ablegen, den Mund aufthun, und im Fluchen, Beten und den Damen Liebeserklaͤrungen ſagen, darfſt Du gar kein Maaß und kein Ziel ſetzen!“ „Ihr ſollt mein Vorbild ſein!“ rief Theophile. Der Italiener druͤckte den weißen Hut auf den breiten Kopf, hing ſich und Theophile ein paar Buͤch⸗ ſen um, und ergriff ein Horn, denn eben horten ſie den König kommen. Er war in einem gewöhnlichen Jagdrock gekleidet. Als er Charlot erblickte, blieb er ſtutzig ſtehen, maß ihn mit freundlichen Blicken, ſo gut wie ſeine duͤſtre Phyſiognomie derſelben fahig war, und ſagte: „Der Balafré*) wird große Augen machen, wenn er Dich ſieht, Henrico! Tete bleu! und wenn Du vollends gut ſchießſt! Der arme Duc fehlt ja je⸗ den Schuß. Gewiß wird er Dich gern haben wollen; dann ſoll er von mir verſpottet werden!—— Car⸗ Der Herzog Heinrich von Guiſe hatte eine Narbe auf der rechten Wange, welche den Liebling der vornehmen Damen⸗ welt in Paris noch beſonders reizend, ja unwiderſtehlich ge⸗ macht haben ſoll. Davon hieß er„der Genarbte“(balakré). — — 123— lo, heute fuͤhrſt Du die große Diane mit ihrer gan⸗ zen Familie, Henrico traͤgt den Falken und nimmt den Aktaon. Reite Du voran und hole den Herzog ab.“ Der Kammerdiener entfernte ſich. „Folge mir!“ rief der Konig dem Schmiede zu, und beide eilten in den Hof hinab, wo die Pferde geſattelt ſtanden. Einige Minuten darauf ſauſten ſie im Galopp durch das Thor.„Junge, Du ſitzeſt ja zum verlieben ſchoͤn zu Pferde!“ rief Karl ſeinem Begleiter zu; aber Theophile haͤtte auch eher fuͤr den Konig gelten koͤnnen, als der bleiche, gebeugte grei⸗ ſende Juͤngling. Der junge Herzog von Guiſe em⸗ pfing den Koͤnig auf der Straße, und ſchloß ſich an ihn an. Theophile wurde zu ſtiller Verwunderung der edlen, einnehmenden Juͤnglingsgeſtalt hingeriſſen. Anmuth, Heiterkeit und eine ſuͤße Freundlichkeit ver⸗ ſchwammen auf dem Geſichte, welches durch ein ſanf⸗ tes Roth und eine leichte Narbe verſchoͤnt war. Ein großes blaues Auge, eine hohe gewoͤlbte Stirne, edle Haltung, leichte Grazie in jeder Bewegung, das herrlichſte Ebenmaß voller runder Koͤrperformen voll⸗ endeten die Geſtalt eines Juͤnglings, der zu ſeiner Zeit fur den ſchoͤnſten und liebenswuͤrdigſten in ganz Frankreich galt. Zwoͤlf große Jagdhunde begleiteten die Reiter, die mehr flogen, als ritten; der Koͤnig raſete wie der Sturmwind voraus. In den Gehoͤlzen des Mont⸗ martre angelangt, nahm Karl das Waldhorn, bließ 1 ———————— — bließ einen Marſch mit vieler Kunſtfertigkeit, ließ dann die Hunde losbinden, und ſchickte ſie durch die gegebenen Hornſignale nach allen Gegenden des Wal⸗ des. Haſtig und ungeſtum, wie er Alles that, griff er nun nach ſeiner langen Buͤchſe, ſetzte ſeinem Rap⸗ pen die Sporen ein, und jagte in den Wald. Die Uebrigen ſtiegen von den Pferden, und der nach dem unbekannten Falkner ſich erkundigende Herzog wußte von Theophiles Schickſal bald, was er wiſſen durfte. Die Hunde jagten inzwiſchen manches Wildpret vor⸗ uͤber, auf welches der jagdunkundige Herzog zu ſchie⸗ ßen verſucht war, doch ließ er ſich durch Theophiles Mahnung, daß jetzt nur junge Thiere geſchoſſen wer⸗ den dürften, abhalten. Gleich darauf ſprang ein jun⸗ ger Bock aus der nahen Hecke. „Auf dieſen feuert!“ rief der Schmied. Der Herzog bließ ſchnell die Lunte an, doch es war zu ſpät; das Gewehr ging los, aber er fehlte. Schon war das Thier faſt aus der Schußweite, als Charlot, welcher ſeine Lunte ſtets im friſchen Glimmen erhielt, abſchoß, und das Wild todt zuſammenſtuͤrzte. „Braviſſimo!“ ſchrie der Kammerdiener unbändig. „Palt!“ ſagte der Herzog,„die Ehre dieſes Schuſſes will ich Dir reich bezahlen, tritt ihn mir ab. Wenn der Koͤnig kommt, ſo ſchoß ich den Bock. Auch Du Carlo ſollſt nicht umſonſt ſchweigen?“ Wie der Sturmwind brauſte der Koͤnig ſchon e—— — 125— durch die Buͤſche, und war mit dem Rufe:„Wer hat geſchoſſen?“ auf dem Platze. „Ich!“ rief der Duc lächelnd und unbefangen. „Hier liegt das Ziel, und heute mach ich Euch doch den lang bewahrten Ruhm ſtreitig, Majeſtät.“ „Zum Teufel!“ rief der Koͤnig ergrimmt,„ich glaub' es nicht. Wer hat geſchoſſen, Carlo?“ Verlegen trippelte der Italiener; kaum hörbar ſtammelte er:„Erlauben Ew. Majeſtaͤt, den Bock ſah ich nicht.“ „Aber den Schuͤtzen. Wer ſchoß?“ „Der Dut hat geſchoſſen, und der Henrico hat geſchoſſen, ich weiß nicht wer getroffen hat.“ „Altes Lugengeſicht!“ rief der König aͤrgerlich; dann ſagte er verdruͤßlich zum Herzoge:„meint ja nicht, mein ſchoͤner Duc, daß ich ſo gutmuͤthig bin, Euch alles zu glauben, wie Ihr wohl von Wei⸗ bern gewohnt ſeid.— Henrico folge mir!—“ Charlot, dem Befehl gehorchend, ſchwang ſich auf ſein Roß, und ſprengte hinter dem Könige her. Alle Schranken der Mäßigung uͤberſchreitend, jagte Kari ſein Pferd faſt todt und verfolgte ſogar das Wild zu Fuße. Mit Beute beladen kehrten Beide gegen Abend nach Paris zuruͤck. Der Koͤnig bließ ſehr an⸗ muthige Stuͤcke auf dem Horne, und wandte ſich dann vertraulich zu Theophile:„Der Duc darf nicht wieder mit mir allein jagen; er hat mich belogen. Ich weiß es wohl, er iſt nie gern mitgegangen, wenn + 3 die Frauen nicht mit auf die Jagd ritten, da braucht er nämlich nicht zu ſchießen. Weil er aber bei ihnen, in der Unterhaltung am Hofe und in der Berathung im Cabinet oft uͤber mich ſiegt, ſo konnte ich mir nie den Triumph verſagen, ihn als Schuͤtze ſo ſchlecht beſtehen zu ſehen. kann er bei ſeinen Schaͤtz⸗ chen bleiben. Pardien! er iſt kein Mann, der einen rau⸗ hen Wind unter der Naſe vertragen kann. Der Bock war gut getroffen, und nun biſt Du mein Buͤchſenlader!“ „Ew. Majeſtät uͤberhaufen mich mit Gnade!“ „Still!— das kann ich nicht leiden. In ei⸗ nigen Tagen will ich Dich der Konigin Mutter zei⸗ gen. Es ſoll mir bei Tafel kein Anderer aufwarten, als Du. Bretano iſt ein Spiueß wie alle Italie⸗ ner am Hofe.“ Ehe noch die Sonne untergegangen war, ritten ſie durch das Thor des Louvre. Der Koͤnig ſprang vom Pferde, und winkte einigen niedlichen Mädchen⸗ köpfen zu, die freundlich gruͤßend aus den Fenſtern ſahen. Auf den Gallerien ſchwärmten noch mehrere mit zierlichen Hofherrn herum, faſt alle mit lan⸗ gen, gelockten, fliegenden Haaren, worein Blumen gewunden oder Geſchmeide geflochten waren, leicht gekleidet und hoch geſchuͤrzt; doch nahm die ganze Geſellſchaft eine ernſte Stellung an, ſobald ſich der König am Ende des Corridors zeigte. Dieſer ſagte heimlich zu Charlot:„Sieh das ſind die ſchoö⸗ nen Sirenen meiner Mutter; ſie werden Dir ſo gut die Zeit vertreiben, als wenn Du König von Frank⸗ reich wärſt.“ Alles verneigte ſich tief vor dem Mon⸗ archen, doch kaum war er voruber, ſo flogen die Bli⸗ cke der reizenden Hofdamen dem ſchlanken ſchönen Jäger nach, welcher die Majeſtät begleitete, und von einem Muͤndlein zum andern durch die Reihen der herrlichen Damen, ging die neugierige Nachfrage: wer der ſchoͤne Fremde ſei; und nicht eher war die aufruͤhreri⸗ ſche ſchöne Welt zuftieden und ruhig, bis man erfahren, der ſchlanke kräftige Junge ſei ſeit heute Falkenir und Buͤchſenlader des Koͤnigs. Theophile mochte vor Schaam in die Erde ſinken, als er durch die zu beiden Seiten glaͤnzenden Fronten hindurch mußte, und er haͤtte lieber einen Gang durch die Schwerter der Feinde in der Schlacht thun mögen. „Nun, wie haben ſie Dir gefallen?“ fragte der König, als er mit Charlot in ſeinem Zimmer an⸗ gelangt war.„Es wird ſich Dir bald genug eine, wenn nicht zehne, an den Hals werfen. Lieſ Dir nur was recht Huͤbſches aus. Warte, mir fallt ein herrlicher Gedanke ein. Wir wollen uns mit all den lieben freigebigen Kindern einen köſtlichen Spas ma⸗ chen. Wenn ſie erfahren, daß Du ein Schmie⸗ deknecht biſt, ſo werden viele die Naſe ruͤmpfen, und keine Einzige wird es wagen, öffentlich mit Dir ein Verhältniß zu unterhalten. Du mußt ein Edelmann werden, und das gleich. Dem Carlo und dem Dok⸗ tor wollen wir ſchon die Maͤuler ſtopfen, und der — 128— Duc meint, ihm iſt eine Luͤge aufgebunden. Peſt und Höllenqualm, das iſt luſtig!“ Sogleich öffnete er die Thuͤre und ließ durch den dienſtthuenden Kam⸗ merherrn den zunächſt ſtehe den Hofcavalier herbeiru⸗ fen. Ein langer, bleicher, hohläugiger aber ſorgfaͤl⸗ tig in der Hauptmannsuniform der königlichen Garde geputzter Mann erſchien mit den tiefſten Ehrfurchts⸗ bezeugungen vor dem Koͤnig. „Herr Hauptmann von Villoniers,“ ſagte der Letztere,„ich habe die Ehre, Euch in der Perſon die⸗ ſes jungen Mannes den Herrn Heinrich von Trebiſonde vorzuſtellen, einen edlen Sproß und Nachkommen ei⸗ ner Seitenlinie des beruͤhmten Königshauſes von Tre⸗ biſonde, deſſen große und erſtaunenswerthe Verdienſte Euch hinlanglich bekannt ſein werden, um dieſen wuͤr⸗ digen Nachkommen deſſelben, fuͤr den ich mich ganz beſonders intereſſire, gehoͤrig zu ſchatzen und ihn mit unſerm ganzen Hofe bekannt zu machen. Habt die Gefälligkeit fur mich, Herrn von Trebiſonde, wel⸗ cher mein Hofjunker und Jagdpage iſt, den verehr⸗ ten Damen unſeres Hofs vorzufuͤhren, und bittet ſie in meinem Namen, ihm etwas Unbehuͤlflichkeit und Blödigkeit zu Gute zu halten, weil er, in ſeinen Wäldern aufgewachſen, noch nie Gelegenheit hatte, ſeine Bruſt den Pfeilſchuſſen eines reizenden Frauen⸗ auges bloszuſtellen. Nun, ich empfehle ihn beſonders Eurer Obhut, Herr von Villoniers; ich weiß, Ihr ſeid einer von unſern beſten Raffinirten. Drum iſt — 129— Herr von Trebiſonde unter Euren beſondern Schutz geſtellt.“ „Ich werde mich der beſondern Gnade Eurer Majeſtät wuͤrdig zu machen ſuchen,“ verſetzte der lange Edelmann mit tiefem Buͤckling.„Wann befehlen Ew. Majeſtät, daß ich Herrn von Trebiſonde dem auf ſeine naͤhere Bekanntſchaft begierigen Hofe vorſtelle?“ „In einigen Tagen iſt große Cour im Schloß Madrid bei der Koͤnigin, da koͤnnt Ihr's abrachen. Holt dann Euren Empfohlenen ab. Adieu!“ Der Edelmann entfernte ſich mit unzähligen Sue und der Koͤnig lachte unmaͤßig. „In einer Stunde biſt Du Herr von Trebi⸗ ſonde am ganzen Hof,“ rief er vergnügt. „Aber, wenn man erfaͤhrt, daß ich kein Edel⸗ mann bin.——“ „Du ſollſt einer ſein! So will ich Dir ein Adelsdiplom geben und Dich zum Herrn von Trebi⸗ ſonde machen. Jetzt ziehe Dich aus.“ Seufzend kam Theophile in das fur ihn beſtimmte Zimmer. Storchs Fanatiker. I. 9 6— 130— Wchtes Kapitel⸗ Als mir ihre licht⸗ en Blicke Freundlich ſchimmerten ins Herz hinein, Träumt' ich ſchon von ſüßem Glücke, Wähnt' ich ſchon der Weiber ſchönſtes mein. Ach, wie traurig ſie's verkehrte! Wie mich ſtreng ihr Kaltſinn lehrte, Was bekümmern iſt und Pein 8 Und der Hoffnung falſcher Schein! Nach Walter von Klingen.(Minneſinger um 1250.) Ceſar d'Alban kehrte von der hohen Schule, die er mit viel Luſt, Fleiß und gutem Erfolge in Paris beſuchte, munter und wohlgemuth in das Haus ſei⸗ nes Pflegevaters, des Kaufmanns Gaſtine, zuruͤck. Als er durch den Laden ſchreiten wollte, rief ihn der kleine André hinter den Waarenballen hervor, freund⸗ lich an. „Wertheſter Junker, wollt mir ja verzeihen, wenn ich, um ein paar Wortchen mit Euch zu ko⸗ ſen, Eurem Gange Einhalt zu thun mich unterſtehe. Seid Ihr doch die einzige Perſon im ganzen Hauſe, die mir einige Liebe erzeiget, und zu der mein dankbares Herz ſich hinwiederum ſchuldigermaßen allein voller Vertrauen hinneigt. Der Herr unſer Gott, der den Gerech⸗ ten erhebet und den Böſen fället, wird mein bruͤn⸗ ſtiges Gebet fuͤr Euer Wohl erhoren und mir die Bitte gewaͤhren, daß Ihr bald ein gluͤcklicher gutbeſtellter Mann werdet, wie's Eure Tugend und Gottesfurcht verdient.“ 3 „Mein vielwertheſter, beſonders geliebter Mon⸗ ſieur André,“ ſpoͤttelte Ceſar— doch dem Kleinen waren ſolche Worte ein unerhoͤrter Ohren- und ein nie empfundener Herzensſchmaus, ſo daß er ſich mit ausgeſpreizten Beinen ſo tief als möglich zur Erde neigte,—„Ihr erwerbt Euch unſterbliche und nie zu vergeltende Dienſte um meine unbedeutende Perſon, daß Ihr den lieben Herr Gott an mich erinnert und nicht nachlaßt, mich ihm ins Gedächtniß zu rufen, ſo daß er Eurer beiſpielloſen Frihg nigkeit wegen ſchier genoͤthigt iſt, bei vorkommenden Lalen ah hiier Wenigkeit Ruckſicht zu nehmen. Auch wiſſet Ihr u zu gut, wie ſehr ich Euch gewogen und zugethan bin; deshalb oöffnet nur getroſt Eures Herzens Schrein, und langt her⸗ vor, was Euch zu meiner Mitwiſſenſchaft fuͤr nöthig ſcheint; denn daß Ihr, edelſter aller Ladendiener in Paris, mir etwas Wichtiges mitzutheilen habt, wuͤrde ich ſchon aus Eurem haſtigen Anfall auf mich ab⸗ merken konnen, ſtaͤnde es nicht deutlich genug auf Eurem ehrenwerthen Geſichte geſchrieben, und da die litterae nun einmal meine Lieblingsbeſchaftigung ſind, ſo werdet Ihr Euch nicht wundern, daß ich bereits ſo viel entziffert habe, Euer Anliegen betreffe die uber⸗ muͤthige Madelon.“ „Und ſeid Ihr auch ein Daniel an propheti⸗ 9— — 132— ſchem frommen Geiſte, ſo hat Eure ſtarke Divina⸗ tionsgabe, verehrteſter Junker, Euch doch diesmal nur die eine Seite des Blattes leſen laſſen, waͤhrend auf der andern noch ſteht: Was hat es mit dieſem Schmiede fuͤr eine ſonderbare Bewandniß, der vor vier Wochen in der Nacht in dieſes Haus kam, ſo freundlich aufgenommen wurde, und ſeit jener Zeit nur zweimal Abends erſchienen iſt, wo er jedesmal eine lange und ſehr geheime unterredung mit Herrn Gaſtine gehabt? Wo hält er ſich auf? Was treibt er in Paris? Beim Meiſter Dufras arbeitete er nur kurze Zeit. Iſt Euch noch nichts aufgefallen, habt Ihr noch nichts bemerkt, wertheſter Junker? Der Herr hat Euch doch ſonſt gewurdigt mit ſeinem Gei⸗ ſte und Euch erleuchtet mit ſeiner Weisheit.“ „Nun ſage mir beim Apoſtel Paulus! kleiner ohrenſpitzender Aufpaſſer, was haſt Du mit dem Schmiede zu ſchaffen? Und wundern ſollte mich es in der That, wenn, Deinem pfiffigen Geſichte nach zu ſchließen, Du nicht mehr von dieſem mir ſelbſt räthſelhaften Manne wiſſen ſollteſt, als ich; und Dei⸗ ne Fragen waren demnach nur die Einleitung zu. was Du mir anvertrauen willſt.“ „Nun Ihr wißt ja, edler Junker, wie die ſtrenge Madelon ſeit einiger Zeit— und ich wollte wetten, gerade ſo lange, als der Schmied in Paris iſt— weit mürriſcher und ungefälliger gegen mich geworden iſt, als ſie wohl ſonſt war, ja daß ſie mich — 133— faſt keines Wortes, nicht einmal eines böſen mehr wuͤrdigt, der ich ihr doch ſtets in Zuͤchten und Eh⸗ ren mich genaht und ſchier um ſie gedient„wie der Erzvater Jakob um ſeine beiden Weiber.“ „Armer André, und Du biſt gewiß der treueſte, innigſte und redlichſte Liebhaber, den die Tochter die⸗ ſes Hauſes jemals haben kann. Aber die Undankbare — ich weiß es wohl— will Deine zaͤrtlichen Blicke, Deine ſtuſumen Seufzer nicht verſtehen, und kann es ſogar grauſam mit anſehen, wie Du Dich ab⸗ zehrſt, und dem Grabe zueilſt. Doch dieſem ſchaͤnd⸗ lichen Spiele muß ein Ende gemacht werden, vertraue auf mich und meine Ritterlichkeit; ich will eine Lanze fuͤr Dich brechen, ich will fuͤr Dich Sturm laufen auf dieſes ummauerte Herz, und Du ſollſt dann durch die von mir geoͤffneten Thore deſſelben einziehen!“ „O Ihr uͤberſchuͤttet mich armen Verzweifelten mit Eurer Guͤte, erquickt und richtet mich wieder auf. Ihr ſeid mir ein Engel in der Wuͤſte, vom Herrn geſandt, mich zu erloͤſen aus dieſer Marter, der meine Schläͤfe kuͤhle in dieſer feurigen Liebespein, in der ich ſonſt umkommen muͤßte. Ja, mein unausſprechlich ver⸗ ehrter Junker, Ihr kommt zu mir und nehmt Euch meiner an, wie der Engel der drei Maͤnner im feu⸗ rigen Ofen ſich annahm, daß ſie nicht verbrannten, alſo auch Ihr, daß mich dieſe ungeſtillte Liebesglut nicht umbringe. Wie ſoll ich Euch vergelten, mein innigſt verehrter Junker d'Alban?— Doch um wie⸗ der auf beſagten Schmied zu kommen, ſo habe ich ſtarke Vermuthung, daß er an Madelons Betragen ſchuld iſt. Erſt glaubte ich, er ſei Ihr beſtimmter Braͤutigam, und obgleich er unſer Haus ſo wenig beſucht, ſo kann ich, bring' ich Herrn Gaſtines mehr als freundſchaftliches Benehmen gegen ihn und lau⸗ tes Anpreiſen ſeiner Tugenden in Anſchlag, dieſen Glauben immer noch nicht fahren laſſen. Iſt er aber nun erklärter Braͤutigam, hat ihm, dem gro⸗ ben Schmiede, die holde Madelon ihr zartes Herz⸗ chen und ihr weiches Haͤndchen wirklich dargereicht, ſo kann ich durchaus nicht begreifen, warum er ſeine verliebten Zuſammenkuͤnfte nicht im Hauſe hier mit ihr hält, was ihm vom Herrn Gaſtine ſicher⸗ lich unverwehrt waͤre, ſondern ſich vielmehr Abends mit ihr an den Barrieren vermummt herum⸗ treibt.“ „Was Ihr mir ſagt, Freund!“ verſetzte Ceſar, aus ſeiner Rolle fallend, ernſt und nachdenklich.„Wißt Ihr das gewiß?“ „Glaubt nur, daß Maurice André nichts be⸗ hauptet, wovon er ſich nicht uͤberzeugt hat. Mit Eu⸗ rer Erlaubniß verſichere ich Euch, daß ich das Pärchen mit eigenen Augen ſchon zweimal erblickt habe, ach! und ich will nicht des Schmerzes gedenken, der mein Herz bei dieſem Anblick zerfleiſchte. Gleich wie der mater dolorosa gingen mir gluͤhende Schwerter durch den Leib.“ ——.——— — — — 135— „Was ſchwazt Ihr da fuͤr katholiſches Zeug, An⸗ dré!“ ſagte der Junker. Der Kleine erſchrak, faßte ſich aber, indem Ceſar fortfuhr:„Hört, guter Freund, laßt Euch nicht auf einer Luge ertappen! Ihr wißt, daß die Calviniſten ſich derlei weit uͤbler nehmen, als die Ka⸗ tholiken.“ „Ehrenwertheſter Junker, wo denkt Ihr hin? Ich Euch beluͤgen! Ich mich ſo vergeſſen! den ſchul⸗ digen Reſpoct ſo vernachlaͤſſigen! Der Herr ſoll mich anſehen in ſeinem Grimme, wie er die falſchen Prophe⸗ ten anſah, die gegen den Elias zeugten. Nein, bei den Apoſteln ſchwoͤr' ich es Euch, ich habe an zwei Abenden ſchon die ſchnippiſche Jungfer Madelon am Arme des Schmiedes Charlot geſehen, ja, was noch weit ſchlimmer iſt, und was ich faſt gar nicht zu berich⸗ ten wage, obgleich es ebenfalls die reine Wahrheit iſt, — ſo mir Gott helfe, der ins Verborgene ſiehet und die Nieren pruͤfet, der mich verderben mag, ſo ich hicht die Wahrheit rede!— im Arme und im Mantel des Schmiedes ſah ich ſie vertraut mit ihm luſtwandeln. Ja freilich, das iſt auch ein ſtattlicher junger Geſell, iſt ſchlank gewachſen, trägt einen Zwickelbart, und hat raſches Blut in ſich; zu mir beliebte die Jungfer dage⸗ gen zu ſagen: Wenn ſie mich freien ſolle, muͤſſe ich mich etwas dehnen und mir die Beine gerade ſtrecken laſſen.“ „Toller Schnack!“ rief Ceſar wieder launig, „als wärt Ihr nicht ein allerliebſter, niedlicher Mann, — 136— freilch nicht zum Helben, aber doch ganz zum Ehe⸗ mann geſchaffen. Doch gib Dein Spiel nicht verloren, guter ehrlicher André; denn ich ſtehe Dir ja zur Seite. Lieber erzaͤhle mir umſtaͤndlich, wie Du die wichtige Entdeckung gemacht haſt, damit wir dem Feinde ſeine Blöße abmerken, und ihm dann zu Leibe gehen konnen.“ „Es fiel mir auf,“ begann der Kleine redſelig und vertraulich zu erzaͤhlen, indem er ſeinen vermeint⸗ lichen Freund und Beſchuͤtzer zur Seite hinter einen Waarenballen zog, die kurzen Arme in einander ſchlang und auf den Ballen auflegte, ſein ſchweres Haupt nach der Bruſt des Hoͤrers neigte, und leiſe und geheimnißvoll fluſterte:„Es fiel mir auf, daß Madelon oft Abends in der Familie fehlte, und wenn ich nach ihr fragte, war ſie, nach der Antwort der Mutter, bald zu dieſer, bald zu jener Freundin gegangen. Im An⸗ fang des Mai ſah ich aber eines Abends an der hintern Thuͤre, die in das Seitengäßchen fuͤhrt, als mich zufaͤllig ein Geſchäft eben dorthin brachte, einen Gruͤnrock, wie einen Jäger oder einen Bedienten, der Madelon etwas in die Hand druckte, bei meinen Anblick ſich aber ſogleich da⸗ von machte. Schnell ſprang ich zuruͤck, und that nicht, als ob ich etwas geſehen. Noch verdächtiger wurde mir der Handel, als ſich Madelon gleich darauf wieder ent⸗ fernte. Schnell hatte ich mein Barett bei der Hand, und erbat mir vom Principale die Erlaubniß eines Ganges zu meiner Mutter in der Vorſtadt St. Ger⸗ main.“ —— — 137— „Sieh, daß Du luͤgſt, daß Du gelogen haſt, kleine falſche Hugenottenſeele!“ unterbrach ECeſar la⸗ chend den Erzaͤhler. „Eine Nothluͤge, Mittel zu einem guten Zwecke, deßhalb laßt es nur hingehen, geſtrenger Herr.“ „Bin ich ein Jeſuit, kleine Himmelslampe? An Dir verſpuͤr' ich wohl ſo eine Ader.“ „Ohne daß es die ſpröde Schoͤne ahnte, verfolgte ich ſie von fern, und ließ ſie nicht aus den Augen. Je weiter ihr Weg ging, und je mehr ich mich uͤberzeugte, daß er nicht zu einer Freundin, ſondern zu einem Freunde fuͤhre, deſto geſpannter wurde meine Aufmerk⸗ ſamkeit. An der einſamen Barriere ſah ſie ſich um, ein Mann in einem weißen Mantel ſtuͤrzte auf ſie zu, ſie in ſeine Arme, ihre Kuͤſſe brannten mir in der Seele, ich falle wie ein Raſender zu Boden, und heule den Winden meine Verzweiflung vor. Unterdeſſen iſt ſie dem Geliebten unter den Mantel geſchluͤpft, und das verliebte Paar iſt mir bald aus den Augen. Ich aͤr⸗ gerte mich, daß ich wie ein Kind gejammert, renne nach, und— finde ſie nicht. Als ein mich ſelbſt ver⸗ loren gebender Mann komme ich nach Hauſe, und zer⸗ quäle mich faſt mit meiner Liebespein. Die Hand des Herrn lag ſchwer auf mirz ich verſank in namenloſem Jammer und Elend. Eine Woche vergeht, und die Jungfer Madelon ſchleicht eines Abends wieder durch den Laden davon, ich ohne des Prinzipals Erlaubniß ihr — 138— nach, wie Petrus dem Herrn, als ihn die Kriegsknechte gefangen hatten und vor den Hohenprieſter fuͤhrten. Die Zuſammenkunft war an einer andern Stelle, der Empfang nicht minder zaͤrtlich. Unfern der Barriere ſtehen mehrere Haͤuſer, von denen das Eine ein Wirths⸗ haus iſt, das Pärchen ſchluͤpft hinein; ich will nach, ein baumſtarker Kerl, den ich fruher gar nicht bemerkt in einem gruͤnen Rock, mit vielen Federn auf dem Hut, verwehrt mir mit barſcher Stimme den Eingang. Ich behaupte, dies ſei ein Wirthshaus, er antwortet: Nur heut Abend nicht! und wirft mich, da ich den Eingang erzwingen will, auf den Erdboden, daß mir die Rippen krachen. Faſt waͤr mir's gegangen, wie den Erzvater Jakob, als er mit dem Engel des Herrn rang. Heu⸗ lend vor Wuth lange ich zu Hauſe an, erhalte vom Prinzipale einen derben Verweis uͤber mein Fortlaufen, und andern Tags im Beiſein Madelons das ſtrengſte Verbot, niemals wieder in der Woche das Haus zu ver⸗ laſſen. Ich wollte herausplatzen, wollte dem Vater alles entdecken, da trat Madelon zu mir, ſchön wie Rahel und freundlich wie Abigail, fuhr mir mit dem Sammtpfotchen uͤber das Geſicht, druͤckte mir die Hand und nannte mich ihren lieben guten André— und ich hatte alles vergeſſen.“ Ceſar hatte mit verbiſſenem Lachen die Erzählung angehort, jetzt brach er los, und als er ſich ſatt gelacht, rief er:„Nun, das muß ich ſagen, die Verſoͤhnung — 139— war billig erkauft. Ihr tragt ein liebevolles, zur Verge⸗ bung geneigtes Herz in Euch, Andrè, aber obgleich Ihr ein ſo vortrefflicher Calviniſt ſeid, wie man in Frankreich ſchwerlich noch einen finden mag, ſo habt Ihr den verma⸗ ledeiten Rencontre doch nicht vergeſſen können. Nun ſagt mir aber, ſcharfſinniges Freundchen, wie in aller Welthabt Ihr denn nun aus jenem Euch vorgezogenen Glücklichen im weißen Mantel den Schmied Charlot herausfinden koͤnnen?“ ⁰ „Hoͤrt nur weiter, guͤtigſter Junker!— Ihr Euch wohl, daß der Schmied einen grien weißen Mantel trug, als er zu uns kam?“ „Nun, das ſoll doch nicht etwa Euer Beweis ſein? Die Verliebtheit iſt Euch wohl in das Gehirn getreten, daß Ihr glauben könnt, in ganz Paris ſei nur ein weißer Mantel, und den habe der Schmied Charlot erſt von la Rochelle mitbringen muͤſſen?“ „Bei Leibe nicht, Gnaͤdigſter! Aber es war auch des Schmiedes ganze Geſtalt, ſeine Haltung, und nun kommt noch hinzu: Verwichenen Sonntag geh' ich am Louvre voruͤber; eben will ſich der Koͤnig zu Pferde ſetzen; ich bleibe unter dem nach dem Hofe gaf⸗ fenden Leuten ſtehen, und erblicke zu meinem Erſtaunen neben dem Koͤnig und mit dieſem im Geſpraͤch— nun wen?— den Schmied Charlot!!! Im grunen Rocke, den Hut voll Federn, gerade ſo, wie ich ihm am Hinter⸗ pförtchen im Zwiegeſpräch mit Madelon geſehen. Der König ſaß auf mit den Prinzen und Herzögen unſer — 140— Schmied jngte ſelbſt wie ein Prinz mit den Jagbjun⸗ kern ſtattlich hintennach.“ „Hört André,“ ſagte Ceſar ſich erhebend, im Ton der großten Mißbilligung,„die Liebe hat Euch zu einer Faſelhanſen gemacht. Ihr träumt mit offe⸗ nen Augen am hellen Tage auf der Straße, und aus allen jungen Mannsgeſichtern, die ſchöner ſind als das Eurige, guckt Euch der Schmied entgegen, dem Ihr nun einmal vom erſten Augenblick ſeines Eintritts in dies Haus nicht gewogen wart. Seid Ihr doch damals zum Tode erſchrocken, als er Euch das erſtemal anredete, und dieſen verderblichen Eindruck ſcheint Euer Gehirn nicht wieder los werden zu können.“ „Geſtrenger Herr und Freund!“ rief der Kleine verzweifelt, und hielt den zum Gehen ſich Anſchickenden an den Hefteln des Wamſes zuruͤck.„Wollet mir doch nicht ungnaͤdigſt zurnen, wenn ich dennoch Euch ſage und beſchwoͤre, daß der Schmied mit dem Konige gerit⸗ ten iſt. Ich will im holliſchen Feuer braten, ſo ich Euch nicht Wahres berichte!“ „Narrenspoſſen! Wie ſoll der Schmied zum Ko⸗ nig kommen?“— Andrè zog den erbitterten jungern Freund aber⸗ mals zu ſich hin, um ſeine umſtändlichen Demonſtratio⸗ nen von neuem zu beginnen, da raſſelte Sporentritt hinter ihnen, und durch den ſchon daͤmmernden Laden ſchritt Theophile, im uͤberreich verzierten Kleide des kö⸗ niglichen Falkners und Jagdjunkers; auf den ſchoͤnen ——————— 2+—— — 141— braunen Locken ſaß der breite, weiße Hut, von dem die Fuͤlle ſchwarzer Federn herabnickte. Eilig voruͤber ge⸗ hend, gruͤßte er die Beiden leicht, und war ſchon durch das Comptoirſtubchen verſchwunden. Ceſar ſah den kleinen Ladendiener wie verſteinert an, dieſer ſchnitt aber ein ſehr pfiffiges Geſicht, klopfte leiſe in die fleiſchigen Haͤnde, und guieckte triumphirend:„Nun, geſtrenger Junker, bin ich noch ein Faſelhans, den die Liebe ver⸗ ruͤckt gemacht? Traͤume ich noch am hellen Tage auf der Straße gehend? Glaubt mir nur, ich habe ſcharfe Au⸗ gen, und fuͤr mich iſt's genug, wenn ich nur einmal hinſehe.— Doch um des Himmels ewiger Gnade!“ fiel er plötzlich ſich ſelbſt ins Wort, veraͤnderte aber Ton und Stellung, fuhr ſich in das ſchwarz gekrauſte Haar, und warf die krummen Beine im Sprunge durcheinan⸗ der.„Er iſt gewiß gekommen, um ſich von Herrn Gaſtine das Jawort zu holen.“ Die kleine Mißgeſtalt ballte die Fäuſte, ſtrampelte mit den Beinen, und knirſchte mit den Zaͤhnen. „Peſt und hölliſches Feuer auf den verdammten Schmied!“ murmelte er dann, und beging durch die⸗ ſen Fluch eine Suͤnde, die dem Calviniſten nie wieder vergeben werden konnte. Ceſar hatte den Armen ſchon verlaſſen, der zu ſeiner gänzlichen Verzweiflung gerade jetzt den Laden huͤten mußte. Als Theophile mit freudiger Haſt, wie ſie den Geliebten nur immer der Geliebten zufuͤhrt, in das Fa⸗ milienzimmer des Kaufmanns getreten war, uͤberhauchte — 142— die unſchuldige Schaam der Ueberraſchung Louiſens Ge⸗ ſicht mit holder, jungfräulicher Röthe und Anmuth. Der freudige Ausruf:„Ei, da ſeid Ihr ja!“ zeigte genugſam, mit wem ſich ihre Gedanken eben beſchäftigt hatten, und ihr ungezwungenes Aufſpringen und ihm Entgegeneilen beſtätigte, wie willkommen er ihr war. Als wenn ſich das von ſelbſt verſtuͤnde, erfaßte Theo⸗ phile des lieblichen, natuͤrlichen Kindes Hand, nach⸗ dem er ſich ehrerbietig, doch nur kurz gegen die Uebrigen verbeugt hatte, druckte die ihm uͤberlaſſene herzinnig, und ſagte:„Habt Ihr mich erwartet, edles Fräulein?“ „Ei, wir hofften jeden Abend auf Euch, wir glaubten, Ihr wuͤrdet vielleicht einmal am Tage bei uns— wenn auch nur auf einige Augenblicke— ein⸗ kehren, aber Euer gaͤnzliches Ausbleiben machte uns zuletzt alle recht traurig.“ „O dann druͤckt mich meine ſchwere Pflicht vol⸗ lends zu Boden!“ ſeufzte der Juͤngling.„Glaubt mir mein Herz war ſtets bei Euch, aber— ich habe einen gar zu ſchweren Stand!“ „Dulde und ertrage mein gepeinigter Sohn!“ ſagte Gaſtine, ihn gutmuͤthig bei der Hand faſſend. „Die Anforderungen des Schickſals an uns muͤſſen wir nun einmal erfullen, und ſollten ſie noch ſo ſtrenge ſein; das iſt das Loos der ſterblichen Menſchen. Aber jeder Entbehrung folgt ja auch die Genuͤge, dem Man⸗ gel die Fuͤlle, dem Streite der Sieg oder der Lohn. Und glaubt mir, beſter Charlot, der gnaͤdige Admiral —„ ——— —. —. 7— —————————— —, — 1— und der ehrenwerthe Maire werden Euch nach Wuͤr⸗ den zu belohnen wiſſen. Drum harret nur aus, Euch winkt ein ſchoͤnes Ziel.“ Dabei ruhten die Augen des braven Mannes ſo wohlgefällig auf Theophile und Louiſe, daß dem Juͤng⸗ ling die ſchoͤne Deutung ſeiner Worte nicht zweifelhaft ſein konnte; und:„Ich danke Euch, guter Herr, fuͤr Euern heilſamen Troſtſpruch!“ ſagte er lebhaft,„er ſoll mich ſtarken, wenn das Herz ſich mir in der Bruſt empoͤrt und umwälzt.“ „Aber was habt Ihr denn ſo Schlimmes zu ver⸗ richten, werther Charlot?“ fragte Louiſe bekuͤmmert. „Ihr arbeitet mit dem Könige und geht mit ihm auf die Jagd, wie uns Herr Gaſtine eben erzaͤhlt hat; iſt das nicht Euer ganzes Geſchaͤft?“ „Ach liebe Louiſe!“ ſagte Madelon laͤchelnd, „waͤhnſt Du wohl, daß man am Hofe ſo fromm iſt und ſo unſchuldig als wir?— Ich habe ſchreckliche Dinge gehört,“ fluͤſterte ſie der Geſpannten ins Ohr. „Wertheſtes Fraͤulein!“ entgegnete Theophile, „Eure Guͤte muß mir ſchon einmal erlauben, daß ich Euch die umſtaͤndliche Antwort auf dieſe Frage ſchuldig bleibe. Was mein Herz alſo empoͤrt, ſind Dinge, welche fuͤr das Ohr einer zuͤchtigen, frommen Jung⸗ frau Graͤuel ſind, Gräuel, an die ich fruͤher nicht ge⸗ glaubt haben wuͤrde, hätte man ihr Vorhandenſein mir auch zugeſchworen. Doch denkt um Gotteswillen nicht, daß ich mit dieſem Unweſen etwas gemein habe; wie —— auch die Hölle um mich ſich ſchmuͤcken und ihre Netze nach mir auswerfen mag, ich werde mein Herz rein zu halten wiſſen.“ „O Ihr ſeid ein recht edler und frommer Mann!“ ſagte Louiſe treuherzig zu ihm, ließ ihn aber ſtehen, und fragte ſo leiſe als möglich Madelon ins Ohr fluͤſternd: „Ei ſage doch, liebes Schweſterchen, was haſt Du denn gehoͤrt? Was geht denn eigentlich am Hofe ſo Schreck⸗ liches vor? Ich kann mir gar keinen Begriff davon ma⸗ chen. Bitte, bitte, erzähle mir ſchnell!“ Und damit zog ſie die Widerſtrebende nach der Ecke am Kamin auf die Bank. „Ei!“ begann die Gedrängte, ebenfalls leiſe fluſternd,„die vornehmen Frauen am Hofe haben mehr als einen Geliebten.“ „Wie iſt denn das nur möglich? Wie kann man denn zwei zugleich innig und wahr lieben?“ unterbrach ſie Louiſe. „Das weiß ich ſelbſt nicht. Ich könnte auch nur einen Mann lieben, aber die Hoffrauen lieben alle Maͤnner gleich ſtark, und ſuchen deren ſo viel als mög⸗ lich zu Liebhabern zu bekommen, und je mehr eine ſolche hat, je ſtolzer iſt ſie; und die Dame, um welche ſich mehrere ihrer Liebhaber im Zweikampf todt geſchoſſen oder geſtochen haben, wird am meiſten ver⸗ ehrt, und alle Hofherrn bewerben ſich um die Gunſt derjenigen, welche die meiſten Morde veranlaßt hat. Nit allen lebt dieſe Dame nun auf dem vertrauteſten — 145 Fuße, wie es nur die Ehe mit einem Manne erlaubt, und ſo wuͤthen Unzucht und Laſter, Mord und Todt⸗ ſchlag; und das nennen ſie bei Hofe Galanterie.“ „Das iſt ja ganz abſcheulich!“ ſagte Louiſe, und wendete entſetzt das Geſicht ab. „Aber woher weißt Du denn das Alles?“ fragte ſie ſchnell wieder. Madelon wurde ſichtbar verlegen, und unfähig, Louiſens forſchenden Scharfblick auszu⸗ halten, heftete ſie die ihrigen auf den Boden.„ Lolot⸗ tes Tante hat mir es erzaͤhlt,“ ſtammelte ſie endlich, „ſie iſt oft bei der Kammerfrau der Herzogin von Nevers.“ Trotz der Daͤmmerung ſah Louiſe die Roͤthe in Madelons Geſicht, und fuhr, von irgend einer Ahnung beruͤhrt, ſchelmiſch fort: „So werd' ich mir auch von ihr erzählen laſſen; ich höre gern vom Hofe ſprechen, und danke jedes⸗ mal Gott im Herzen, daß ich nicht auch eine Hof⸗ dame und ſo ſuͤndhaft geworden bin.“ „Nein, liebe Louiſe!“ ſagte Madelon noch be⸗ tretener,„das wuͤrde ſich nicht ſchicken.... ein Madchen kann dergleichen Dinge nicht mit einer Frau ſprechen.... Mir hat ſie es auch nicht ſo um⸗ ſtäͤndlich erzählt.... ſie wurde boͤſe auf mich wer⸗ den, wenn ſie erfuͤhre, ich habe es weiter geplau⸗ dert.... Ich horchte ja auch nur zu, wie ſie es einer andern Frau erzahlte.... Ich horchte an Storchs Fanatiker. I. 10 — 146— Mit vermehrtem Verdachte entließ die reizende Neugierige ihre gequaͤlte Freundin, um wieder auf das Geſpräch der Männer zu hören, welches ſich un⸗ terdeſſen um die Verhaͤltniſſe des Hofs gedreht hatte. Ceſar war auch in das Zimmer gekommen, Madelon aber hinaus geeilt. „Und ſo ſteht uns ein gnädiger Gott ſichtbar bei,“ ſagte Gaſtine eben mit fromm gefalteten Haͤnden, er thut Wunder an Euch, mein lieber Sohn, daß er Euch Muth und Kraft ſchenkt. Wahrlich Ihr gemahnet mich, wie der Daniel in der Lowengrube.“ „Ja, ich bin mit des Herrn Beiſtande weiter gekommen, als ich jemals geglaubt hätte. Nicht al⸗ lein, daß ich einen guten Muͤnzſtempel nach des Koͤ⸗ nigs vollkommener Zufriedenheit ſchneiden gelernt habe, ich ſpreche ſogar ſchon ziemlich italieniſch und blaſe das Waldhorn wie ein alter Jäger. Der Koͤnig glaubt mir deshalb auch nicht genug Beweiſe ſeines Wohlwollens geben zu können.“ „Ihr habt ſchon ein thatenreiches Leben gelebt, ſo jung Ihr auch noch ſeid,“ bemerkte die Hausfrau. „Der Herr hat ſchutzend ſeine Hand in den Schlach⸗ ten uͤber Euch gehalten, um Euch zu großen Zwek⸗ ken aufzuſparen, waͤhrend ſein Rathſchluß ſo Viele dahin raffen ließ. Vor fuͤnf Jahren verlor ich in der Schlacht bei Dreur zwei Bruͤder auf einmal— ein hartes Schickſal fuͤr mich und unſere ganze Fa⸗ milie. Der Herr pruͤfte unſere Geduld.“ — 147— „Ich wurde auch in jener Schlacht verwundet,“ verſetzte Theophile, doch war es nur ein Streifſchuß; mein Fieber wurde aber ſchlimmer, als Poltrot den großen Feind unſeres Glaubens und der Bourbons erſchoß. Die That griff mich an, und verzögerte meine Herſtellung. „Ha, wäͤr' ich doch Poltrot geweſen, die Pa⸗ piſten hätten mich nicht erwiſchen ſollen!“ rief hier plötzlich Chretien, Gaſtine's Sohn, deſſen Augen bis⸗ her an Theophiles Munde gehaͤngt hatten.„So ei⸗ nen boͤſen Guiſen todtzuſchießen, muß doch eine wahre Luſt ſein!“— Der Vater ſchalt den Knaben uͤber die unbeſonnene, kindiſche Rede, und Theophile ver⸗ wieß den Muth deſſelben auf beſſere Thaten, als den Meuchelmord. Madelon, die mit errungener Faſſung wieder in das Zimmer gekommen, ſtatt aber zu Louiſe zu gehen, zu den Sprechenden Hetreten war, erbleichte plotzlich. Theophile ſah ihre Lippen beben und ihre Augen Zornblicke auf den Bruder ſchie⸗ ßen.„Gottloſer Schwaͤtzer!“ murmelte ſie, und Theophile ahnete, daß dieſe ungewöhnliche Bewegung wohl einen tiefern Grund als den Abſcheu an der That haben muͤſſe. Theophile ſchickte ſich zum Gehen; denn die Nacht war ſchon hereingebrochen, und bei der Tafel des Koͤnigs durfte er nicht fehlen. Louiſens heiteres Ge⸗ ſicht uberflog ein Schatten. „Nun, geht nur mit Gott, werther Meiſter!“ 10* — K — 148— ſagte die Hausfrau,„ſchmiedet das Eiſen, dieweil es heiß iſt, und kommt nur, ſo oft es Eure Zeit erlaubt, zu uns, um Euch friſchen Muth und neues Feuer zu holen.“ Louiſe wußte ſelbſt nicht, warum ihr Herz unvermerkt in dieſen Worten eine Deutung ah⸗ nen wollte, die ihr das Blut in die Wangen trieb. „Vergönnt uns doch recht bald wieder einen Bericht von Euern Schickſalen und Kriegsthaten,“ ſagte ſie offen und frei zu dem Scheidenden,„ich hoͤre Euch gar gerne zu.“ „Ich gewiß auch!“ rief Chretien aus der Ecke, in die ihn Madelon verwieſen,„und aus Euren Er⸗ zaͤhlungen will ich lernen man ein guter calvi⸗ niſtiſcher Soldat 3 Raſ Neuntes Kapitel Bei Nacht ſind alle Katzen grau. Sprichwort. Kaum hatte der Schmied die Schwelle verlaſſen, als ſich Madelon zum Ausgehen und Beſuchen einer Freundin anſchickte. Es hatte Louiſen ſchon lange auf die Schweſter verdroſſen, daß dieſe wochentlich Se Se —— — 149— ein⸗ oder zweimal allein Beſuche machen wollte; heute fiel es ihr doppelt auf, und mit dem kleinen Argwohn gegen Madelon in der Seele, zog ſie, der Mittheilung beduͤrftig, ſchnell ihren Bruder bei Seite, um ihr Herzchen, hinſichtlich der an Madelon ge⸗ machten Entdeckung, auszuſchuͤtten. Ohne ſich ſelbſt etwas merken zu laſſen, hoͤrte ſie dieſer an, ſuchte ihr dann den Verdacht auszureden, und war ſogleich hinter Madelon her, als dieſe eilig das Haus ver⸗ laſſen hatte. Ohne gerade ein größeres Intereſſe als das bruͤderliche an dem Maͤdchen zu nehmen, das nicht einmal ſtets ſchweſterlich-freundlich mit ihm umging, fuhte er doch ein Bedurfniß, ihrem Liebesabenteuer auf die Spur zu kommen; vielleicht war die Grund⸗ lage ſeines Gefuͤhls ein gewiſſer Neid auf Liebesgluͤck, von dem er ſelbſt ſo grauſam verſtoßen worden war; oder auch die Begierde, zu wiſſen, in wie fern der räthſelhafte Schmied, uͤber den er vergebens von Loui⸗ ſen Näheres erfahren wollte, mit Madelons geheimen Gaͤngen zuſammenhing. Schon hatten ſie die Bar⸗ riere erreicht, als er, unvorſichtiger als Monſieur André, ihr zu nahe gekommen war. Plötzlich ſtand das Madchen ſtille, ſah ſich nach allen Seiten um, und eilte, da ſie Ceſar erblickte, auf ihn, als den ver⸗ meintlichen Geliebten, zu. Unentſchloſſen blieb er ſtehen, ließ aber, da ſie ihm nahe kam, den Mantel aus einanderfahren. Sie bebte zuruͤck; doch mit der Faſ⸗ 5 ſung einer ſtarken Seele ſammelte ſie ſich ſchnell, und ſprach im erzwungenen feſten Tone: „Wie konnt Ihr Euch unterſtehen, Monſieur d'Alban, meinen Schritten wie ein Spuͤrhund nach⸗ zuſchleichen? Was ſucht Ihr hier?“ „Das moͤchte ich Euch wohl fragen, ſtrenge Jungfer!“ verſetzte Ceſar ſehr gleichguͤltig. „Wer giebt Euch ein Recht zu dieſer Frage?“ Seid Ihr mein Herr? Wie kommt Ihr mir vor? Bin ich ein Kind, und Ihr mein Lehr- und Zucht⸗ meiſter? Wollt Ihr mir wehren, daß ich gern allein luſtwandle, in der Einſamkeit meinen Gedanken nach⸗ haͤngend und die wuͤrzige Luft des Abends einathmend?“ „Und Eure Spaziergaͤnge hätten keinen Zweck weiter, ſchoͤne Madelon? Wenn mich nun Euer Va⸗ ter Euch nachgeſchickt haͤtte?“ „Ich begreife nicht, was Ihr wollt? Von Zwek⸗ ken ſprecht Ihr? Vom Vater?— Es iſt gut! Ich nehme Euern Arm, und wir gehen nach Hauſe, dort will ich mich ſchon vertheidigen. Habt Ihr etwas Unziemliches von mir geſehn, deſſen Ihr mich dort zeihen koͤnnt?“ Damit kehrte ſie ſogleich um, und eilte mit ſchnellen Schritten, Ceſar mit fortreiſſend, der, uͤber⸗ liſtet, nicht wußte, was er ihr antworten ſollte. Kaum aber waren ſie eine kleine Strecke ſo gewan⸗ delt, als ſich noch raſchere Tritte hinter ihnen hoͤren ließen. Madelon zitterte ſtark. Als der Nachſetzende — ſie ereilt hatte, fragte er heftig:„ Madelon, was iſt vorgefallen? Wer iſt dieſer Menſch?“ Sie ſtieß ſtatt der Antwort einen Schrei aus, und warf ſich, wie der Sinne ledig, dem Frager in die Arme. Ceſar ſtand in der peinlichſten Verlegenheit. „Wer ſeid Ihr, deſſen Gegenwart ſolch einen böſen Einfluß auf dieß holde Geſchopf äußert? Was wollt Ihr von ihr?“ donnerte Madelons Geliebter mit wuͤthender Stimme. Doch dieſe Anrede gab Ce⸗ ſar ſeinen ganzen Muth wieder. „Erſt ſage Deinen Namen, Nichtswürdiger, der Du mit dieſem mir theuren Mädchen ein ſchlech⸗ tes Spiel treibſt!“ verſetzte Ceſar ebenſo. „Zieh, Schurke, der Du ſolche Worte zu mir zu reden wagſt!“ rief der Andere, und hatte den De⸗ gen ſchon in der Fauſt. Ceſar war ſogleich bereit, aber Madelon warf ſich zwiſchen ſie, fiel dem Gelieb⸗ ten wieder in die Arme, und ſtieß ihm dabei zufaͤllig den Hut vom Kopfe. „Es iſt ja Ceſar d'Alban!“ rief ſie. Dieſer aber ſtand wie verſteinert, ſein Arm war erſchlafft, ſeine Zunge wie gelaͤhmt, denn er hatte in ſeinem Gegner den Herzog Heinrich von Guiſe erkannt. Wei⸗ nend und jammernd wandte ſich Madelon fluͤſternd zu Ceſar:„Habt Barmherzigkeit mit mir, und verderbt mich nicht; Ihr konnt, Ihr duͤrft nicht mit meinem Her⸗ zen rechten. Ich ſah dieſen Mann, ich liebte ihn; es ſchmeichelte mir, von ihm bemerkt worden zu ſein, — 152— um deſſen Gunſt die ſchoͤnſten und vornehmſten Frauen von Paris buhlen; ich vermochte ihm nicht zu wider⸗ ſtehen, als er mir ſeine Liebe verſichern ließ. Wollt Ihr nun, daß ich morgen in den Fluthen der Seine ein naſſes Grab finde, ſo geht nach Hauſe, entdeckt meinem Vater, was Ihr geſehen, und mordet auch ihn mit der Nachricht!“ Ceſar, erſchreckt von der furchtbaren Leidenſchaft⸗ lichkeit des Mädchens, und plötzlich voll ſuͤßer Erin⸗ nerungen an Jeannette Charlot und ſein aͤhnliches zaͤrtliches Verhältniß mit derſelben, ſagte beruhigend: „Glaubt Ihr, daß ich ſo unedel ſein werde, Made⸗ lon, ſo mag des Herzogs Degen mich zur Stelle durchboren, ich will die Waffe nicht gegen ihn erhe⸗ ben. Fuͤrchtet von mir nichts fuͤr Euer Geheimniß, kenn' ich doch die Qualen einer ſolchen Liebe. Mein Verrath wuͤrde Euch dem Verderben, das Euch ſchon erfaßt hat, nicht entreißen; deshalb bedaure ich Euch nur!“ „Wenn Ihr die Seligkeit der Liebe zu ahnen verſteht, Monſieur!“ ſagte der Herzog, auf Ceſar zutretend,„ſo weiß ich nicht, was Euer Mitleid ſoll. Es iſt bei dieſem Engel, den ich mein nennen darf, uͤbel angebracht. Euer Entſchluß, zu ſchweigen, iſt uͤbrigens ſehr vernuͤnftig und loͤblich. Er macht mich Euch gewogen. Verſchmaͤht Ihr es nicht, zu den Freunden des Herzogs von Guiſe zu gehoͤren, ſo ſucht mich auf. Dem Hausgenoſſen meiner ſchoͤnen Ge⸗ Ke Ke — 153— liebten ſteht meine Thuͤre zu jeder Zeit offen, und es wird weder Madelons Ungluͤck, noch Euer Schaden ſein, wenn Ihr, Eurem Verſprechen treu, ſchweigt, und mir Freund werdet.“ „Ihr uͤberraſcht mich mit Eurer Guͤte, Herr Herzog,“ erwiederte Ceſar geſchmeichelt. „Ich bin Euch ſchon durch meiner liebenswuͤr⸗ digen Madelon vortheilhafte Erzählungen von Euch gewogen, Herr d'Alban. Iſt es Euch gefällig, ſo koͤnnt Ihr uns dieſen Abend auf unſerm Spaziergan⸗ ge begleiten, und meine Theure dann nach Hauſe bringen.“ Der eitle Ceſar ſchätzte es ſich fuͤr ein Gluͤck, mit dem maͤchtigſten Vaſallen der Krone Frankreichs, mit dem Liebling von ganz Paris zu gehen, und be⸗ merkte kaum Madelons hingebende Zärtlichkeit und des Herzogs uͤbertriebene Galanterie, die ſich durch die Gegenwart eines Augenzeugen keine Feſſel anlegen ließ. Entzuckt uͤber die liebenswuͤrdige Zuvorkommen⸗ heit, mit der er vom Herzog behandelt worden, ſchied Ceſar von ihm, und ſtimmte auf dem Heimwege in der nun ganz lebendig gewordenen Madelon glaͤnzende Lobſpruͤche auf den Geliebten ein. Als ſie durch den Laden gingen, ſtand André auf den Zehen dicht am Weges auf ſeinem Geſichte war nichts als Neugierde und Erwartung zu leſen. Geſchickt zupfte er Ceſar am Wamms, und fragte den Zuruckbleibenden haſtig:„Nun, Ihr ſchlichet heute — ſelbſt hinter dem gottloſen Maͤdchen her? Habt Ihr Euch uͤberzeugt? Habt Ihr ſie zuſammen erwiſcht, allerwertheſter Junker? Was hat es gegeben, daß Ihr ſie ſelbſt nach Hauſe bringt? Sprecht, ſprecht; ich bitt' Euch dringend! Wollet aber guͤtigſt meiner un⸗ ſchicklichen Haſt verzeihen. Die Umſtände muͤſſen mich entſchuldigen. Meine Seele lechzet nach Gewißheit.“ „Du biſt ein goͤttlicher Kerl, André,“ erwie⸗ derte Ceſar;„Deine Augen ſind ſo ſcharf und klar, wie Dein Verſtand. Es war niemand als der Schmied, der an der Straßenecke noch auf Madelon wartete. Aber wie der Engel mit dem Flammenſchwerte, bin ich zwiſchen ſie getreten, und habe ſogleich als Dein Ritter Deine Sache vertheidigt. Laß mich nur ſor⸗ gen, wir wollen die Tenne bald gefegt haben.“ „O habt Ihr fuͤr mich geredet? Habt Ihr's? Ihr ſeid ein engliſcher Junker! ein Mann Gottes, ein Gerechter in Israel! Ich bleibe Euer ewiger Schuldner. Aber erzaͤhlt mir doch weitläufiger, wie trug ſich alles zu?“ Ceſar war bald mit einer ruͤhrenden Geſchichte fertig, und ehe er noch geendet hatte, war André auf eine Kiſte geſtiegen, um ſeinen Freund und Bun⸗ desgenoſſen dankbar zu umarmen. — 155— Zehntes Kapitel Es wird mir der Hammer ſo ſchwer in der Hand⸗ Ich kann ihn beinah' nicht erſchwingen⸗ Seh' ich vorüber in Mieder und Band Ein Mädchen die Werkſtätte ſpringen.— Es mahnt mich an's freundliche Heimathland Das roſige Mieder mit lichtblauem Band⸗ Es tragen's die Mädchen daheime, Und Eine— Ach wohl iſt's der Bruſt nur daheime!— Aus: Der Schmied, Gedicht von Franz Ernſt Scherer.*) An einem heitern Sommermorgen klapperten die Haͤmmer in des Koͤnigs Eſſe nach dem Takt. Selbſt der verwachſene Hofnarr mußte mit ſchmieden. Der Koͤnig war muͤrriſch und ſehr uͤbelgelaunt, es konnte ihm nichts zu Danke gearbeitet werden. Bretano ſchwitzte vor Angſt und Anſtrengung, und machte ein eſſigſaures Geſicht dazu. Theophile that ſeine Schul⸗ digkeit und kuͤmmerte ſich nicht um des Königs furcht⸗ bare Fluͤche, die dieſer faſt jeden Augenblick ausſtieß, denn der ſchoͤne Glaube, er ſtehe in Gottes Hand und der, welcher keinen Sperling vom Dache fallen E *) Gedichte von Franz Ernſt Scherer. Als Feſtgeſchenk für teutſche Frauen. Wien. Bei C. Schaumburg und Compag⸗ nie. 1830. 8. Zarte duftende Blüthen und Zeugen eines tiefen dichteriſchen Gemüths. 3 16— laſſe, werde auch ihn beſchuͤtzen und bewahren, hatte ſich ſo ſehr in ſeiner Seele befeſtigt, daß ihn nichts zu erſchuͤttern vermochte. Deshalb waͤre der ehrliche fromme Schmied doch heiter und guten Muths ge⸗ weſen, wenn auch noch Schlimmeres um ihn gewü⸗ thet haͤtte, als des Koͤnigs kindiſch zorniger Eigen⸗ ſinn, welcher ſich in pöbelhaften Ausbruͤchen Luft machte. In ſolchen Augenblicken lebte ſeine Seele, wenn ſie im ſtummen Gebet erſt bei Gott verweilt, in la Rochelle, und die geliebte Henriette, das Ziel all ſeiner Wunſche und Hoffnungen ſchwebte ihm vor, wie ein friedebringendes, ſchmerzſtillendes Engelbild. Dann war's ihm, als thäte er das Alles nur, um ſie zu erkäͤmpfen, als litte er alle dieſe namenloſe Pein, um ſie zu verdienen. Und wenn er das liebe Bild nun erfaſſen wollte, ſo war's Louiſe. Dann wurde ihm der Hammer wieder ſchwerer und er ſeufzte uͤber das wunderliche Spiel ſeiner Phantaſie, und wußte nicht, wen er eigentlich lieben ſollte. Nach einiger Zeit verſtummte der König und ſchien in tiefes Nachdenken oder vielmehr gedankenlo⸗ ſes Hinbruͤten verſunken. Plötzlich warf er den Ham⸗ mer aus der Hand und rief wie unſinnig: jetzt hab' ich den verdammten Reim und mit ihm das ganze Gedicht, welches mir eine ſchlafloſe Nacht und einen ſchlechten Morgen gemacht. Ja das wußt' ich, daß es mir in der Eſſe kommen wuͤrde.“ Und in⸗ „Ha, beim Apoll, dem älteſten Verſeſchmied! . 3 — 157— dem er dieſe Worte ſprach, rannte er die Stiege hin⸗ auf in ſeine Zimmer. „Was wandelt die Majeſtaͤt an?“ fragte Theo⸗ phile verwundert uͤber das ſeltſame Betragen des Koͤnigs. „Ich ſah geſtern ſchon den Anfang eines Gedich⸗ tes an die Koͤnigin Mutter auf des Koͤnigs Schreib⸗ tiſch liegen,“ verſetzte Bretano.„Er verglich ſie dar⸗ in mit der Eybele und hatte ſich artig ausgedruͤckt. Aber da war ihm etwas begegnet, was Du freilich mit Deinem proſaiſchen Kopfe nicht begreifen wirſt. Er konnte naͤmlich, wie Du mit Deinen eignen Oh⸗ ren gehört haſt, auf irgend ein ſchoͤnes Wort nicht den rechten und paſſenden Reim finden. O das iſt eine Qual! Ich kenne das aus eigner Erfahrung. Da hat man weder Ruh noch Raſt, es ſchmeckt ei⸗ nem nicht Eſſen noch Trinken und wenn's das Beſte waͤre, ja man iſt ſogar unempfaͤnglich fuͤr die Freu⸗ den der Liebe. Die ganze Welt wird einem gleich⸗ gultig; nur der Reim, der Reim und nichts als der ſteckt einem im Kopfe. Und wenn man ihn nun end⸗ lich glucklich gefunden, wenn er heraus iſt der gött⸗ liche Reim, o da fuͤhlt man ſich gluͤcklich, namenlos wohl! Man gaͤbe ihn nicht um die Koͤnigreiche der Erde hin; man iſt berauſcht von Wonne und Selig⸗ keit. Als der Konig von Navarra von den Huge⸗ notten abgefallen und in den Schoos der katholiſchen Kirche zuruͤckgekehrt war, verfaßte ich ein großes Hel⸗ — 156— dengedicht auf ihn, das hat mir baare hundert Fran⸗ ken von ihm eingetragen. Ich brachte aber auch volle vier Monate damit zu und galt wegen der heftigen Aeußerungen meiner Begeiſterung allgemein fuͤr ver⸗ ruͤckt, ſo daß mich die Königin ins Narrenhaus brin⸗ gen laſſen wollte. Da zeigte ſich plotzlich, daß mich der poetiſche Wahnſinn ergriffen hatte, und die Geburt mei⸗ nes Geiſtes entwaffnete alle meine Gegner. Schade, daß das Werk nicht gedruckt worden iſt! Es war groß und erhaben. Nun ich beſitze noch eine Abſchrift da⸗ von, und ſobald Du das Italieniſche von Grund aus verſtehſt— denn das gehört unumgaͤnglich dazu— werd' ich Dir's vorleſen.“ „Du biſt ſehr guͤtig, mein Lieber! Ich werde ſchwerlich eine ſolche Fertigkeit in Deiner Mutterſpra⸗ che erlangen, um dem kuͤhnen Gedankenfluge Deines Geiſtes ſtets folgen zu konnen. „Thut nichts; ich leſ' es Dir dieſen Abend l vor. Du ſollſt mich bewundern. O wir Poeten ſind gar ein wunderliches Volk, das ſieht man ſchon an der Majeſtät, die ohnſtreitig zu den großten Poeten gehort. Weißt Du was, der Koͤnig ſcheint jetzt nicht wieder zu kommen, ich hole Dir mein Heldengedicht, und wir benutzen die freie Zeit zur Lektuͤre deſſelben.“ Ohne ſich an Charlots Einwendungen zu kehren, eilte der Kammerdiener davon und uͤberließ den armen Schmied der Qual des Gedankens, ſich bald auf eine ſchreckliche Weiſe langweilen und ſeine Ohren martern laſſen zu muͤſſen. Seufzend erwartete er Bretano's Ruͤckkehr, welcher auch bald mit einem dickleibigen Manuſcript in Folio unter dem Arm wieder herein⸗ trat, ſich aber mit einem hoͤchſt pfiffigen Geſicht zu Charlot hinſchlich und ihm ins Ohr fluͤſterte: „Guter Freund, Dein Waizen fängt ſchon an, herrlich zu bluͤhen. Komm mit mir heraus, am Ende der Gallerie wartet Deiner ein angenehmer Bote.“ „Wer iſt's?“ fragte Charlot befremdet. „Ein weiſer Mann, ein Wahrſager, ein Aller⸗ weltsmann, der Alles vermag und Alles thut, ein wahrer Zauberer, mit dem man's nicht verderben darf. Ein Mann, wie es in Paris Viele gibt, welche aus der Hand und dem Geſichte wahrſagen, die Todten befragen, Neſteln knuͤpfen und löſen, Liebestraͤnke brauen, kurz, die Allen Alles machen. Aber Meiſter Rinaldo iſt ein Italiener und verdient und hat deshalb den Vorzug vor ſaͤmmtlichen Andern. „Aber was hat dieſer Mann mit mir zu ſchaf⸗ fen?“ fragte der Schmied, ſchier noch verwunderter. „Das wirſt Du bald erfahren. Komm nur, um ſeine Botſchaft zu vernehmen.“ Er zog den Schmied hinaus, und dieſer ſah in einiger Enfernung ein kleines runzeliges Männlein in ſchwarzer Tracht, aus deſſen verſchmißtem Geſichte ein Paar ſtechende Augen blitzten. „Iſt's wahr, daß Ihr mich begehrt?“ fragte Charlot den winzigen Mann. „Wenn Ihr der Herr von Trebiſonde ſeid, ſo hab' ich Euch mancherlei anzuvertrauen,“ verſetzte der Schwarzkittel pfiffig, indem er, trotz aller Ver⸗ ſtellung, doch ſeine Verwunderung uͤber das Aeußere des Mannes, an den er geſchickt war, nicht verber⸗ gen konnte. „Ich bin's, den Ihr ſucht. Sagt an, was wollt Ihr von mir.“ „Ich will nicht ſtören,“ ſagte Carlo wichtig⸗ thuend und entfernte ſich. Meiſter Rinaldo zog den Schmied in eine Ecke und begann, des Juͤnglings Hand vertraulich faſſend, leiſe:„Ihr ſeid unter guͤn⸗ ſtigen Sternen geboren. Die Venus und der Mer⸗ kurius kreuzten ihre Strahlen im Augenblick, als ihr die Welt betratet, darum ſeid Ihr auch zu Reichthum, Liebesgluͤck und Ehrenſtellen auserſehen, ſeid ein gluck⸗ licher Mann, wie ganz Paris——“ „Ich bitt' Euch, kommt zur Sache!“ unterbrach der Schmied muͤrriſch die allzuvertrauliche leere Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit des ihm ſehr verdaͤchtig ſcheinenden Mannes. „Nun, nun, nur nicht zu heftig! Nicht ge⸗ ſchmollt! Ihr brennt wohl ſchon lichterloh vor lauter Ungeduld, eh' Ihr erfahret, zu welcher Holden und um welche Stunde ich Euch beſtelle. Das Letztere ſollt Ihr erfahren, das Erſtere nicht. Aber wiſſen ſollt Ihr, daß bereits vier der ſchoͤnſten und liebens⸗ wuͤrdigſten jungen Hofdamen mir Aufträge hinſicht⸗ lich Eurer gegeben haben. Nun, was meint Ihr — — 161— dazu? Aber ich kann Euch auf meine Ehre verſichern daß Ihr's durch Eure Galanterie und ritterliche Ta⸗ pferkeit bis zu vierzig bringen konnt. Doch hoͤrt mich an. Die Ausſichten auf eine ſchoͤnere Zukunft duͤr⸗ fen uns den Genuß der ſchoͤnen Gegenwart nicht verleiden. Darum ſeid dieſen Abend Punkt Acht Uhr am Quais, draußen vor dem Louvre, ein dort hal⸗ tender Schiffer wird Euch auf die Worte:„Liebe und Freude“ in ſeinen Kahn aufnehmen, und an einen Ort bringen, wo Ihr mich finden und durch mich ein Gluͤck erlangen werdet, wie Ihr's Euch vielleicht noch nie als moͤglich gedacht habt. Aber Ihr zieht ja ein ſo truͤbſeliges Geſicht, als waͤrt Ihr zu einem Leicheneſſen gebeten.“ Charlot ſuchte ſo ſchnell als moͤglich ſeine Phyſiog⸗ nomie in freundliche Falten zu legen, und den Schrek⸗ ken, der ſich ſeiner bemeiſtert hatte, zu verlaͤugnen. „O nein,“ verſetzte er kleinlaut.„Ich freue mich ſehr uͤber mein Gluͤck, aber ich bin aus der Provinz, und kann mich in die Sitten des Hofes und der Haupt⸗ ſtadt noch nicht finden.“ „Ich verſtehe! Deshalb werd' ich Euch dieſen Abend zu einer Meiſterin bringen. Sie wird Euch in Unterricht nehmen, und ehe vier Wochen ins Land ſind, werdet Ihr ſchon in die Myſterien der Hofſitte eingeweiht ſein, und Euch nicht minder darin gefal⸗ len, wie viele Provinzialen, deren Kundſchaft ich auch beſaß. Fuͤgt Euch nur huͤbſch in den Willen der Da⸗ Storchs Fanatiker. I. 11 162 me; dann werdet Ihr's morgen einer andern weit vornehmern ſchon recht machen, zu der ich Euch eben⸗ falls bringen will. Nun, Adieu, mein ſuͤßer Lie⸗ besritter. Bekaͤmpft Eure Blodigkeit heute noch etwas, ſo wird's dieſen Abend ſchon gehen.“ Meiſter Rinaldo empfahl ſich und verließ eilig das Schloß. Charlot ſah vor ſich hin, und machte ein ziemlich albernes Geſicht dazu, und wuͤrde noch lange ſo geſtanden haben, wenn ihn nicht Bretano's Stimme aus ſeiner nuͤchternen Gedankenloſigkeit auf⸗ geſcheucht haͤtte. „Ich gratulire!“ ſchmunzelte der Kammerdiener. „Bald wird Dir gar nichts mehr zu der Vollkom⸗ menheit fehlen, auf welcher ich ſtehe. Wer iſt die Dame?“ „Ich weiß es nicht!“ „Deſto beſſer! Sie wird ſich doch ins Geſicht ſehen laſſen. Nimm Dich nur vor Nebenbuhlern in Acht, damit Du nicht auf dem Pré aux Cleres die Luſt buͤßen mußt. Vorſicht iſt zu allen Dingen nutze.“ „Ich werde gar nicht hingehen,“ ſagte Charlot verdrießlich. „Biſt Du toll, Junge!“ lachte Bretano und maß ihn mit erſtaunten Blicken.«„Haſt Du den Sonnenſtich? Nicht hingehen? Den Antrag einer Hof⸗ dame ausſchlagen, nicht hingehen! Das waͤre uner⸗ hoört! Und glaubſt Du nicht, daß binnen wenigen Tagen der gerechte Rachedolch Dir zwiſchen den Rippen durch⸗ — 163— ſpazieren wuͤrde, eh' Du Dich deſſen verſaͤheſt? Wenn Dir Dein Leben lieb iſt, Burſche, ſo geh. Nicht vergebens hat Dich des Koͤnigs Majeſtät zum Herrn von Trebiſonde gemacht; Du mußt nun auch adlich Thun und Weſen beobachten.“ Sie waren unter dieſem Geſpraͤch wieder in die Schmiedeeſſe zuruͤckgekehrt, und der Koͤnig ſtuͤrmte gleich darauf die Treppe herab, einen Bogen Papier in der Hand.„Hört, Ihr Spitzköpfe!“ rief er freu⸗ detrunken,„wie mir das Gedicht gelungen iſt.“ Und alſogleich las er ſeine Arbeit ſehr nachläſſig vor. Bre⸗ tano ergoß ſich in Lobſpruͤchen, Charlot wollte ſein Wortchen auch dazu geben, aber der König uͤberſchrie ſie Beide und verſicherte, dies ſei das Gelungenſte, was Frankreich aufweiſen koͤnne. Vergnuͤgt befahl er Bre⸗ tano darauf, heute allen koͤniglichen Jagd⸗Hunden eine doppelte Ration Fleiſch zu geben; auch erhielten Schmied und Kamn erdiener anſehnliche Geldgeſchenke. Als ſich der Letzter e entfernt hatte, um die Befehle des Herrn zu vollſtrecken, ließ der Koͤnig Wein kommen, und zechte waͤhrend der fortgeſetzten Arbeit wacker, den Gehuͤlfen zum Trinken und Froͤhlichſein ermunternd. Dieſem aber lag es wie Blei in den Gliedern, wenn er an den Abend dachte, und jedes Wort, welches er mit Verſtellung ſprach, trug die Färbung dieſer Angſt. „Aber Donner und Blitz,“ rief der König, „Du ſiehſt ja aus wie der vortreffliche du Bourg, 11* — 164— der Hugenot, als ihm die Königin Mutter das Fett wollte ausbraten laſſen. Du biſt wohl verliebt, Hen⸗ rico?“ „Keineswegs, gnädiger Herr.“ „Nun ich habe mehrmals mit Freuden bemerkt, daß Dich die Schaar der leichten Kinder mit den Au⸗ gen verſchlang, wenn Du Dich in meiner Geſellſchaft unter ihnen zeigteſt. Haſt Du noch nicht gewählt?“ „Ihr wißt es ja, ich kann mich der Art und Weiſe, wie man am Hofe liebt, nicht accommodiren.“ „Dazu braucht's nicht viel. Sei dreiſt, weiße kein Abentheuer von der Hand, und fuͤhre den De⸗ gen gut. Darin beſteht die ganz Hererei. Du mußt Raiſon annehmen. Laß mich uͤberlegen, wie wir das Ding anfangen, um Dich mit Rieſenſchritten in die Kunſt der Liebe einzufuͤhren. Nachdem mir mein Ge⸗ dicht ſo gut gelungen iſt, bin ich heute bei guter Laune. Drum denk' ich, wir machen's kurz ſo. Ich ziehe heute Abend auf Liebesfahrten aus, und Du begleiteſt mich. Da will ich Dich in Allem inſtruiren, was noth thut, um den Damen zu gefallen.“ „So muß ich Euch nur geſtehen, daß mich eine mir unbekannte Dame dieſen Abend an das Ufer der Seine ohnweit des Lonvre hat hinbeſtellen laſſen. „Oho deſto beſſer!“ jubelte der Koͤnig, ſo be⸗ gleit' ich Dich. Weißt Du, daß ich Deinen Diener machen will. Teufel, das wird ein S whe 9 „Aber, Eure Maieſtät—— — ———,—— — „—— daß vier Hofdamen zu gleicher Zeit ihrem — 165— „Ein koͤſtlicher Einfall! Schweig', ich will es ſo. Trink Wein und ſtärke Dich, Du wirſt Stär⸗ kung brauchen können. Auf dieſen ausgezeichneten Witz mach' ich ebenfalls ein Gedicht und— o hoͤre, das iſt der ſchönſte Gedanke— wir prägen eine Muͤnze darauf; ja eine Muͤnze, und ich ſteche den Stempel ſelbſt dazu.“ WMit des Konigs ſteigendem Frohſinn ſtand Char⸗ lots ſchwermuͤthiges Bangen ſtets im richtigſten Ver⸗ haͤltniß, und er mußte ſich abmuͤhen, um nur hei⸗ ter zu ſcheinen. Auf des Koͤnigs Begehr mußte der Schmied alle Einzelheiten ſeiner Unterhaltung mit Meiſter Rinaldo, welcher dem Koͤnige ſehr wohl be⸗ kannt war, herſagen, und Karl fluchte und jubelte in ſeinem Entzuͤcken untereinander uͤber den Luft gemacht hätten, und erging ſich in me auf die andere rieth und damit Stunden zubre Nachmittags kam zu Charlots böſer Laune fang bis zu Ende mit anhoͤren und loben en daß ihn die Stunde des Stelldicheins zermar Der Koͤnig ließ ſich in einen Bedientenrock einen ſchlechten Mantel umwerfen; Charlot wurde wie ein Fuͤrſt herausgeputzt. Beide nahmen ſchwarze Sammtlarven vor das Geſicht, und verließen das Louvre. — 166— Der bezeichnete Schiffer war bald gefunden, nach gegebener Loſung nahm er beide Ankoͤmmlinge in den Kahn, und ſetzte quer uͤber den Strom an das weſt⸗ liche Ende des Pré aux Cleres, in der Gegend wo jetzt die Rue du Bac auf den Pont royal ſtößt. Die⸗ ſer große Platz, ſo beruͤhmt in der Geſchichte von Paris durch das unermeßliche Blut, welches, im Duell vergoſſen, dieſen klaſſiſchen Boden franzöſiſcher Rit⸗ terlichkeit tränkte, erſtreckte ſich von der Gegend, wo ſich jetzt die Rue du Bac befindet öſtlich bis dahin, wo die Rue des Petits Angustins iſt, und ſuͤdlich bis an die Hinterhäuſer der damals ſchon beſtehenden Rue St. Dominique, und war mit Raſen, Geſtraͤuch und etwas großerem Gehoͤlz beſetzt. der Schiffer landete, ſtieß der Koͤnig einen und ſagte:„Hat uns der Spitzbube zu nelle gefuͤhrt. Vielleicht haben's die Raffinir⸗ Dich abgeſehen und wollen Dir eins aus⸗ Haſt Du ſchon Verſtoß bei einer Dame Beſinne Dich!“ Daß ich nicht wuͤßte!“ verſetzte Charlot.„Doch kommt ja Meiſter Rinaldo, in ſeinen Man⸗ t. 7 „Es komme, wie es wolle, Degen und Dolch fuͤhren wir blank und ſcharf bei uns. Doch ſtill nun, jetzt gilt's Verſtellung!“ Der kleine ſchwarze Zauberer war herbeigekom⸗ men, und ſtutzte, als er zwei ſtatt eines fand.„Lo⸗ . Shh g gegangen, und wenn der Abend nicht bald dunkler wird, — 16— 6 ſung!“ rief er an, und Charlot verſetzte:„2 Freude! 1“ und nahm die Larve ab. „Wer iſt der andre Mann?“ fragte Ninaldo. „Mein Diener,“ war Charlots Antwort. „Ihr hättet des Dieners nicht nothig gehabt. Fir all Eure Beduͤrfniſſe iſt geſorgt.“ „Vorſicht iſt zu allen Dingen nuͤtze, ſagte Jemand dieſen Morgen zu mir, und ich hab' es mir gemerkt.“ „Nun wie Ihr wollt. Ihr werdet der Dame aber keinen Gefallen thun. Wir wollen uns rechts hinter dem Gebuͤſche hindruͤcken, damit uns jene Cavaliere nicht bemerken, welche ſchon ſeit geraumer Zeit in einem hef⸗ tigen Streite begriffen ſind. Heute iſt's ſchon heiß her⸗ ſo iſt's leicht noch um ein Menſchenleben Der Aſtrolog ging vorſichtig voraus, die bei ſhe ebenſo. S Getoöſe, von mee konnten jedoch nichts vernehmen. plötzich uun angerufen.„Halt!“ lauteten die Worte,„wer auch ſeid, Ihr Herrn, verweilt einen Aug helft uns einen Streit ſchlichten, den wir auszumachen vermoͤgen.“ Mit dieſen Wortt eil ein feingekleideter Mann auf ſie zu, welcher bald als der Marquis von Villoniers erkannt wurde.„Ei ſeht doch, Ihr ſeid es, Herr von Trebiſonde,“ fuhr er fort. „Das iſt mir ganz beſonders lieb; denn Ihr ſeid neu in Paris und am Hofe, habt bis jetzt weder Liebſchaften, — 168— noch Parteien gehabt, kennt den Mann, um den es ſich hier handelt, ſchwerlich mehr als nur von Anſehn und dem Namen nach, habt einen ſehr geſunden Ver⸗ ſtand und ſcharfe Beurtheilungsgabe, und deshalb iſt wahrlich Niemand geſchickter als Ihr, den vorliegenden Fall ſogleich zu unterſcheiden. Habt alſo die Guͤte, mir dorthin zu folgen. Die Sache wird ſchnell abgemacht ſein und Ihr könnt dann unſerm vortrefflichen Meiſter Rinaldo immer noch nachkommen; die Nacht iſt lang, und wenn Ihr jede Stunde derſelben zu einer Schaͤfer⸗ ſtunde macht, ſo ſeid Ihr ein Mann, wie Paris weni⸗ ge zaͤhlt, und habt auf dem Pré aux Cierecs nichts verſaͤumt.“ Der Koͤnig gab Charlot einen Wink, zu folgen; g ſchon der Ehre halber nicht anders. Meiſter war feig und verdrießlichen Geſichts entwichen. Als die Drei auf dem Kampfplatz ankamen, hielt ſich der Konig, wie's dem Diener ziemt, im Hinter⸗ grund zuruͤck; doch ſo, daß ihm von der Unterhaltung kein Wort entging. en⸗ Herrn,“ redete der Marguis von Villo⸗ ie Andern an,„Ihr kennt alle Herrn von Trebiſonde als einen braven Edelmann, als einen Lieb⸗ ling des Königs, und dies reicht hoffentlich hin, ihn all⸗ gemein als Schiedsrichter in dieſer Sache anzuerkennen. Seid Ihr dazu Alle gewillt, ſo erzählen wir ihm den Vorfall.“ „ .——— .——— — 45— „Wir ſind's!“ riefen die Andern 16 eurzem Beſinnen. Nur einer ſchwieg. „Hoören Sie aufmerkſam auf meine Worte,“ ſh Villoniers fort.„Der Baron von Chaulis iſt lange ſchon erklaͤrter und allein begunſtigter Liebhaber der ſchönen Gräfin de la Bruyere. Seit einiger Zeit hat ſich aber die reizende Dame bewogen gefuͤhlt, auch dem Ritter Gerard ihre Huld nicht zu verſagen. Wer hat ein Recht, eine Dame um ihre Handlungen zu befragen? Wer, uͤber ſie zu richten? Die Graͤfin de la Bruyere hat wohl ſchon zu mehr als dreißig der eh⸗ renvollſten Duelle Veranlaſſung gegeben, und wenn dieſer Boden, welchen wir treten, reden koͤnnte, er wuͤrde nebſt dem Ruhm ſehr vieler Andern, den der lie⸗ benswuͤrdigen Grafin ganz vorzuglich verkunden.“ „Spart Euer Lob,“ fiel hier der Baron von Chaulis ein,„es klingt faſt, als wärt Ihr ſelbſt in die Graͤfin verliebt.“ „Und wenn ich es ware,“ erwiederte Villoniers pitig,„ſo wuͤrdet Ihr mir es wahrlich ſo wenig ver⸗ wehren, als dem Ritter Gerard.“ Das ſollt Ihr auf der Stelle ſehen,“ brauſte Chaulis wild auf, und ſchwang ſeinen bloßen Degen in der Luft.„Ich will es Euch und Allen wehren und die Gräfin ſoll eher von meiner Hand ſterben, eh' ich zugebe, daß ein Andrer aus dem Becher Wonne trinke, aus dem ich mich zum Gott berauſcht habe.“ Während dieſer wild herausgeſtoßenen Rede, ſag⸗ ten einige der unſtehenden ziemlich vernehm⸗ lich:„er iſt verruͤckt, er iſt ganz wahnſinnig, er iſt raſend.“ „Eure Hitze— ich will nich gelind ausdruͤcken— reißt Euch wieder von dem zu beſprechenden Gegen⸗ ſtande fort, und wir werden nie zur Entſcheidung kom⸗ men,“ ſagte Villoniers ruhig.. „Nun ſo ſtellt Euch vor meinen Stoßdegen, und Ihr Ritter Gerard, und Ihr Baron Remis und Ihr Alle, dann ſoll die Sache bald entſchieden ſein.“ „Aber wollt Ihr denn gar nicht bedenken, daß dies eben der Caſus iſt, um den es ſich hier handelt! Es wäre fuͤr die Ehre eines franzoͤſiſchen Edelmanns die größte Schande, ſeine Waffe gegen einen Wahnſin⸗ nigen zu ziehen, und daß Ihr an einem partiellen Wahnſinn leidet, habt Ihr uns jetzt abermals be⸗ wießen.“ „Poͤll' und Teufel!“ bruͤllte Chaulis und drang mit gezucktem Degen auf Villoniers ein. „Haltet den Raſenden!“ riefen die Andern und fielen ihn in die Arme und entwaffneten ihn. Ein wir⸗ res Durcheinanderſchreien und ein wildes Handgemenge waren an die Stelle der Ordnung getreten, und weder Chartot, noch der Koͤnig konnten aus der ganzen Ge⸗ ſchichte klug werden. Der Erſtere wollte ſich entfernen, aber der Letztere fluͤſterte ihm zu:„Laß uns doch erſt abwarten, wo das hinaus will.“ Und ſie blieben. 3 „Obgleich der Baron Chaulis vor Wuth ſchaͤum⸗ te, ſo war ſeine Kraft doch bald gebäͤndigt, er wurde bei Seite gefuͤhrt, und Villoniers bat um Ruhe und fuhr dann fort:„Baron Chaulis ſprach geſtern zur ungelegenen Stunde bei der Gräfin vor, und fand un⸗ ſern Ritter im ſchönſten Negligé bei ihr. Er zog ſogleich den Degen und wollte Gerard und die Grofin ermorden. Die Letztere entſprang gluͤcklich, Gerard entwaffnete ſeinen Gegner, bei welchem ſich Spuren von Geiſteszerruͤttung zeigten, konnte ihn aber nur mit dem Verſprechen, heute Morgen hier zu ſein, zum Weichen vermögen. Als Gerard zur beſtimmten Stunde hier anlan t, ſtuͤrzt ihm Chaulis mit bloßem Degen wuthſchäumend entgegen, um ſeinen Gegner meuchelmörderiſch ſogleich nieder zu ſtoßen, ſeine Freunde und Sekundanten vermoͤgen ihn nicht zu⸗ ruͤckzuhalten, und nur Gerards Ruhe und Kaltbluͤ⸗ thigkeit gelingt es zum zweitenmal, den Tollen zu ent⸗ waffnen. Der Baron iſt und bleibt außer ſich, und die Sekundanten erklaren, unter ſolchen Umſtänden könne das Duell nicht ſtatt finden. Gerard willigt auf ihre Bitten ein, Nachmittags wieder zu erſcheinen. Wir gehen, von der ſonderbaren Geſchichte benachrich⸗ tigt, alle mit. Die Scene von dieſem Morgen wie⸗ derholt ſich. Unterdeſſen hat verlautet, daß Chaulis der Graͤfin de la Bruyere den Tod geſchworen, und ſich auf eine Weiſe benommen hat, wie ein Mann von Ehre unmoͤglich kann, er muͤßte denn wahnſin⸗ nig ſein. Wir waren bald uͤber den Zuſtand des Ba⸗ rons klar, und Gerard und ſeine Sekundanten, dieſe Herrn hier, erklärten, daß es gegen Ritterpflicht und Sitte ſei, mit einem Verruͤckten zu kämpfen. Chau⸗ lis und ſeine Freunde widerſprachen und behaupteten, der Baron ſei bei vollkommen geſundem Verſtande, wir bewieſen ihnen durch die Thaten des Barons das Gegentheil, und ſo entſtand der heftige Streit, wel⸗ cher ſchon üͤber eine Stunde gewaͤhrt hatte, als Ihr bei uns erſchient, Herr von Trebiſonde. Sagt nun ſelbſt, iſt ein Mann, der die Geſetze der Galanterie, Courtoiſie und Chevallerie ſo gröblich verlett, wie Herr von Chaulis, fuͤr etwas als verruckt zu erklären?“ „Es kommt nur darauf an, ob er es wirklich ſt,“ verſetzte Charlot.„Ein hoher Grad von Ei⸗ ferſucht kann nicht fur Geiſteszerruͤttung gelten; er⸗ laubt mir daher, meine Herrn, mich mit dem Baron einige Augenblicke geheim zu unterhalten. Charlot ging nach der Seite, wo Chaulis feſtgehalten wur⸗ de; der König folgte ihm.„Herr von Chaulis,“ ſagte Charlot,„ich habe Euch etwas Wichtiges zu ſagen, tretet mit mir und meinem Diener eine kleine Weile in dies Gebuͤſch; und Ihnen, meine Herrn,“ wandte er ſich zu denen, welche den Wuͤthenden hielten, garantire ich, daß von Seiten des Herrn Baron in dieſen Augenblicken nichts geſchieht, was. Ehre eines frunzöſiſchen Chevaliers zuwider wäre.“ Die jungen Edelleute ließen Sfangenen los, der mit * . ₰ Charlot und dem verkappten König ſogleich an den bezeichneten Platz ging. „Baron Chaulis,“ ſagte der Koͤnig, indem er Hut und Larve abnahm,„Ihr ſeid ein großer Narr, ſo wahr der Teufel ein ſehr kluger Mann iſt!“ „Ew. Majeſtät!“— rief der Erſchrockene in tiefſter Unterwuͤrfigkeit. „Still!“ verſetzte der Koͤnig.„Ihr habt ſehr dumme Streiche gemacht, aber dieſer Gerard iſt eine Beſtie. Ich wollte, er erhielte ein tuͤchtiges Denkzei⸗ chen; und wart', wir wollen das Ding klug anfan⸗ gen. Geh Du jetzt hin, Henrico, und ſage: Ich finde den Baron Chaulis ſehr vernuͤnftig, und wun⸗ dere mich uͤber ſeinen Gegner, der zu ſolch einem Geruͤchte Veranlaſſung gab. Gerard iſt einer der ſchlimmſten Kampfhähne unter den Raffinirten und er wird ſogleich mit Dir anbinden. Dann zeichne ihm mit der Spitze Deines Degens wo moͤglich eine Schlangenlinie ins Geſicht.“ „Ich denke, das ſoll unnothig ſein,“ ſagte Chaulis,„wenn er nur den Kampf erſt mit mir an⸗ nimmt.“ Charlot that, wie ihm befohlen war.„Es iſt gut, mein Herr von Trebiſonde,“ erwiederte Ge⸗ rard,„ich habe mich Eurer Entſcheidung unterwor⸗ fen und werde Chaulis Degen nicht mehr zuruͤckwei⸗ ſen. Fuͤr Eure ſonderbare Verwunderung werdet Ihr aber nachher die Guͤte haben, mir beſonders Rede zu — 11— ſtehen. Ich wuͤrde Euch gleich zuerſt vornehmen, wenn es nicht Sitte unter uns wäre, wie Ihr viel⸗ leicht nicht wiſſen mögt, nicht eher eine andre Ehren⸗ Sache anzunehmen, bevor die fruͤhere nicht ausge⸗ macht iſt. Alſo nachher davon. Jetzt fuͤhrt Chau⸗ lis herbei. Wir wollen bald mit ihm fertig ſein.“ Kaltblutig legte er ſeine Kleider von ſich, pruͤfte die Spitze ſeines Degens, winkte ſchweigend ſeinen bei⸗ den Sekundanten und ſtellte ſich, als Chaulis mit den ſeinigen auf der andern Seite ſich zeigte, ſogleich ruhig in Poſitur. Chaulis ſtieß und hieb ſogleich blind auf den Gegner ein, Gerard parirte ſtets ge⸗ ſchickt aus, ohne daß ſein Geſicht groͤßere Unruhe verrathen, als wenn er einer ſchoͤnen Frau die Hand kuͤßte. Als Chaulis Arm einen Augenblick zu er⸗ ſchlaffen ſchien, ſchwang Gerard ſeinen Degen, gleich⸗ ſam als wolle er den Baron uͤber den Kopf herhauen. Schnell wollte ſich dieſer decken, gab unter dem Arm eine Bloße, und hatte in demſelben Moment Ge⸗ rards Degen uͤber einen halben Schuh lang in der Bruſt. Der Ritter zog die blutige Waffe heraus und ſagte, indem er das Blut von der Spitze derſel⸗ ben an ſeinen Hemdärmel wiſchte:„Wir ſind fertig! Herr von Trebiſonde beliebt's?“ Der Getroffene war mit einem halb erſtickten Schmerzenslaut in die Arme ſeiner Sekundanten ge⸗ fallen, weiße Blaſen ſtiegen aus der Wunde, untruͤg⸗ liche Verkuͤndet des Todes. 6 — 175— „Ich habe genug,“ ſagte er.„Der Teufel geſegne der Gräfin die neue Mahlzeit. Die Schlange!“ „Sollen wir Euch einen Moͤnch holen? Wollt Ihr beichten?“ fragten die Sekundanten. „Bleibt mir mit all dem Schnickſchnack vom Leibe. Meine Goͤttin war die Liebe und Amalie de la Bruyere meine Prieſterin. Nie hab' ich einen an⸗ dern Glauben gehabt, und werd' ihn jetzt nicht an⸗ dern. Und dieſer hat mich betrogen. Drum herrſche der Teufel uͤber die Welt, ihm gehoͤrt ſie. Die Men⸗ ſchen ſind alle ſchlecht, und ich habe eben keine Aus⸗ nahme von der Regel gemacht.“ Damit verhuͤllte er ſein Haupt und legte ſich auf die andre Seite. In wenigen Minuten zuckte er nicht mehr. „Er hielt ſich fur ſchlechter, als er war,“ ſagte der Baron Remis,„fuͤrwahr ein ſeltner Fall.“ „Unterlaßt alle Leichenreden,“ bemerkte Villo⸗ niers, der bei Chaulis Gotteslaͤſterungen ſtill einen Roſenkranz hervorgezogen und einige Paternoſter und Stoßſeufzer gebetet, ſich auch zu verſchiedenen malen bekreuzt hatte.„Den hat der Boͤſe ſchon, und nichts iſt mehr an ihm zu retten.“ „Laſſen wir ihn beim Voͤſen oder beim Guten, oder wo er ſonſt hingekommen ſein mag,“ ſagte Gerard,„was kuͤmmern uns die Todten, ſo lange wir's noch mit den Lebenden zu thun haben. Herr von Trebiſonde, nehmt gefälligſt die leergewordene Stelle ein.“* „Ich ſteh' zu Dienſten,“ verſetzte Charlot mit einer Kaͤlte, die Gerard einen Augenblick aus der Faſſung brachte. „Hau' dieſem Hundsfott den Schädel von ein⸗ ander,“ raunte der Koͤnig dem Schmiede ins Ohr. „Meine Herrn,“ erinnerte jetzt Villoniers,„ſeht Ihr nicht, daß es bereits zu dunkeln beginnt. In wenig Minuten wird Keiner von Euch wiſſen, wohin er haut.“ „So eilen wir, um die Sache zu beendigen, eh' jene Zeit eintritt,“ ſprach Charlot.„Sie iſt zu unbedeutend, um ſie bis morgen aufzuſchieben.“ Damit zog er Degen und Dolch, nahm den erſtern in die linke Hand, und ſtellte ſich in Poſitur. Es war nämlich damals Sitte, mit beiden Waffen zu kaͤmpfen und das tellerfoͤrmige Stichblatt des Dolches diente uͤberdies noch dazu, Hieb und Stich des Geg⸗ ners aufzufangen. Gerard ſchien betreten, doch warf er ſich in die Bruſt, ſtrich ſich den Bart, und er⸗ wartete ein aͤhnliches Duell wie das erſtere. Aber er irrte. Denn mit den erſten Hieben wollte Charlot nur die Kraft ſeines Gegners pruͤfen, und als er ſich erſt uͤberzeugt, daß es damit nicht weit her war, fuͤhrte er einen ſo herkuliſchen Schlag, wie ihn nur ein ſo kräftiger geſunder Schmied thun konnte, nach Gerards Kopfe, hieb die Parade durch und zerſchnitt das ganze Geſicht vom rechten Schlaf an bis zum linken Theil des Kinns herab, quer uͤber die Naſe in — 17— zwei Theile.„Das war ein Meiſterhieb!“ rief Ge⸗ rard, wurde aber ſchwindlich und ſank ohnmaͤchtig zu⸗ ſammen, waͤhrend ihm das Blut ſtromweiß aus der Wunde ſchoß. Die andern Edelleute fielen uͤber ihn her, um ihn zu verbinden. „Legt ihn nur zu Chaulis,“ ſagte der Koͤnig. „Er wird auch genug haben.“ Alle horchten hoch auf; denn ſie erkannten die Stimme. Schnell faßten mehrere Haͤnde den Verwundeten, um ihn nach dem Fluſſe zu tragen. Die Andern verloren ſich.„Ich bitte dringend um Eure innige Freundſchaft,“ ſagte Villoniers im Weggehen zu Charlot.„Euer Ruhm iſt morgen am Hofe bleibend gegruͤndet.“ Drauf eilte auch er dem Ufer der Seine zu, in welcher ſich der eben aufgehende Mond blutroth ſpiegelte. „Du haſt Deine Sache brav gemacht,“ ſagte der Koͤnig,„und ſollſt morgen ein gutes Geſchenk dafur haben. Schmiedefaͤuſte muͤſſen hinter dies Nar⸗ renvolk kommen, um ihm Mores zu lehren. Du biſt ein prächtiger Kerl, Henrico. Aber am Ende ſind wir durch dieſen kleinen Abſtecher um unſer ſchoͤ⸗ nes Abenteuer gekommen. Das waäre verflucht. Laß uns dem kleinen ſchwarzen Hexenbalg pfeifen.“ Schnellen Fußes eilten ſie nach dem hintern Theil des Platzes, und der Koͤnig pfiff dabei gellend auf einem Finger. Plotzlich ſchlupfte Rinaldo aus einer alten Gartenthuͤre, welche auf den Pré aux Cleres fuͤhrte, und rief den Beiden zu, herbei zu kommen. Storchs Fanatiker. I. 12 — 128— „Die Dame hat ſchon ſehnlich auf Euch ge⸗ wartet,“ ſagte er, doch hat ſich durch Euren Waf⸗ fenſtreit ihr Antheil an Euch noch um ein Großes geſteigert.“ „ 6 Elfte s R d p i Und ſiehe, da begegnete ihm liſtig, wild und unbändig, daß ihre Füße in ihrem Hauſe nicht bleiben können. Jetzt iſt ſie draußen, jetzt auf der Gaſſe, und lauert an allen Ecken. Und erwiſchte ihn, und küßte ihn unverſchämt, und ſprach zu ihm: Ich habe Dankopfer für mich heute bezahlet, für meine Gelübde. Dar⸗ um bin ich herausgegangen, Dir zu begegnen, Dein An⸗ geſicht frühe zu ſuchen, und habe Dich gefunden. Ich habe mein Bette ſchön geſchmücket mit bunten Teppichen aus Egypten. Ich habe mein Lager mit Myrrhen, Aloes und Cynnamen beſprenget. Komm laß uns genug buhlen, bis an den Morgen, und laß uns der Liebe pflegen. Die Sprüche Salomonis, 7. 10— 18. — Die beiden Abenteurer traten in die Pforte; der Aſtrolog verſchloß ſie ſorgfaltig. Das Innere des kleinen Gartens war bei weitem ſchoͤner und ange⸗ nehmer, als die unſchimmere breterne Umzaͤunung und Pforte hatten erwarten laſſen. Duftende Blumen reihten ſich in bunter Abwechſelung auf weichen mit „—— —— — 19— Buchsbaum eingefaßten Beeten aneinander, und dieſe Beete wechſelten wieder mit grunen ſchwellenden Ra⸗ ſenteppichen ab. Hinter Taruswaͤnden waren Lauben verſteckt, weiche Raſenſitze ladeten unter bluͤhenden Bäumen zur wohlluͤſtigen Ruhe ein. „Der Diener mag hier in einer Laube verwei⸗ len,“ ſagte Rinaldo, und deutete nach einer ſolchen rechts ohnfern dem Eingange,„bis ich ihm einen an⸗ dern Aufenthaltsort anweiſen werde. Fuͤr gute Er⸗ friſchung werde ich ſorgen, und wenn derſelbe, waͤh⸗ rend Herr von Trebifonde ſich mit Madame unterhaͤlt, mit der Zofe die Zeit verplaudern will, ſo braucht er nur zu wuͤnſchen, und das nette Kind ſoll ſogleich da ſein.“ „Ich danke fur Alles,“ verſetzte der Koͤnig mit verſtellter Stimme, und warf ſich auf die Bank in der Laube, durch deren Blatterdach der Mond ſein Licht verſtreut ſpielen ließ. Charlot folgte mit hoch⸗ klopfendem Herzen dem zweibeutigen Manne und langte bald an den gesffneten Flügelthren eines Gar⸗ tenſalon an. Eine an der Decke haͤngende Lampe erhellte ihn nicht allein, an den drei Waͤnden waren viele Armleuchter und auf mehreren Tiſchen ſtanden noch Lichter. Das Gemach war klein aber ſchoͤn de⸗ korirt; rings an der Wand zogen ſich breite Ruhe⸗ betten hin, mit einzelnen weichen Polſtern und ſeid⸗ nen Decken belegt, auf den Tiſchen ſtanden allerhand Leckereien. Den Flugelthuͤren gegenäber war eine 12* — 280— kleine Thuͤre, durch welche Rinaldo ging. Als Char⸗ lot ſich allein ſahe, verließ ihn vollends aller kunſtlich geſammelter Muth, und er zitterte wie ein Kind, wel⸗ ches eines Vergehens halber die Strafe erwartet. Troſtlos ſah er in den Garten hinaus, aus welchem ihm Blumenduͤfte und Mondlicht entgegen quollen. Durch die Gänge ſah er den Konig heran an die Thuͤre ſchleichen. Plotzlich trat eine hohe ſchlanke Frau raſch von hinten in den Salon. Sie war in ein italieni⸗ ſches Nachtkleid gehuͤllt, welches ihre Reize zu ver⸗ huͤllen ſchien, ſie aber eigentlich dem lauſchenden Auge verrätheriſch zeigte. Sie war majeſtatiſch gebaut, aber ach! der Mann ihr gegenuͤber hatte fuͤr all dieſe Vollkommenheiten keinen Sinn. Ihr Geſicht war mit einer Sammtmaske bedeckt, und ſo war nur aus ihren uͤbrigen Formen auf ihre Jugend zu ſchließen. Sie winkte graziös mit der Hand und verband da⸗ durch den Bewillkommungsgruß zugleich mit der Ein⸗ ladung, ſich nieder zu laſſen. Charlot that's, indem ihm das Blut faſt erſtarrte. Wie eiskalte Waſſer⸗ ſtrome rann's ihm dem Ruͤcken herab und er konnte in dem Augenblick die lebhafteſte Vorſtellung des ſterbenden Chaulis und des ſchwer verwundeten Ge⸗ rard nicht los werden. Der Schrecken des Mordes zitterte ihn jetzt weit furchterlicher durch die Seele, als in dem Augenblicke, wo er geſchehen war. 6 „Habt Ihr noch nie geliebt, mein Herr?“ fragte die Dame mit einer melodiſchen Stimme. —— 8 ————— — 181— Der Schmied, ſelbſt in dieſem Augenblick ehrlich, erwiederte;„Ich glaubte zu lieben, doch durft' ich mich der Dame meines Herzens nicht entdecken.“ „So habt Ihr nie die Seligkeit ſußer Erhörung genoſſen?“ rief ſie begeiſtert.. „Ich kann mich deſſen nicht ruͤhmen.“ „Herrlich!“ jubelte die Dame.„Hat auch, ſeit Ihr in Paris verweilt, keine Dame einen blei⸗ benden Eindruck auf Euer Herz gemacht?“ „Ich habe noch keine recht anzublicken gewagt.“ Die Dame lachte laut auf und ſagte dann: „Wahrlich, Ihr ſeid ſehr unſchuldig, Herr von Tre⸗ biſonde, unſchuldiger, als ich je vermuthet hätte. Ich hielt Euch blos fur linkiſch und unbeholfen, aber Ihr ſeid ein Kind der Natur. Herr von Trebiſonde, ich nehme das groͤßte Intereſſe an Euch, und ich moͤchte mir um Alles nicht das mir ſuͤße Geſchaͤft nehmen laſſen, Eure Bildung fuͤr den Hof zu uͤbernehmen. Ich weiß, Ihr habt ein empfäͤngliches Gemuͤth, einen klaren Verſtand und ein edles Herz. Es kann nicht fehlen, daß mir Eure Bildung gelingt, und ich mochte um der Welt Schätze nicht das Gluͤck entbehren, Euch zum vollkommenſten Cavalier am franzoſiſchen Koͤ⸗ nigshofe gemacht zu haben. Es fehlt Euch noch viel, ſehr viel, die hoͤhere Entwickelung des geſelligen Le⸗ bens, die leichte Beweglichkeit im Damenzirkel, die Bluͤthe der Chevallerie; alle Knospen ſind in Euch vorhanden, aber nur einer zarten Frauenhand darf und kann es gelingen, ſie zur Bluͤthe zu bringen. Wollt Ihr Euch mir ganz anvertrauen, Herr von Tre⸗ biſonde?“ „Ich weiß nicht, was ich Euch darauf erwie⸗ dern ſoll,“ ſtammmelte der Schmied hoͤchſt verlegen, beſtochen und ſchon halb gewonnen von den verſtän⸗ digen theilnehmenden Reden der Dame. Er hatte ſich ein gemeines nichtswuͤrdiges Weib, voll ekelhafter Sinnlichkeit und alle weibliche Wuͤrde frech verlaͤug⸗ nend, gedacht, und fand eine feine Dame, welche ſich mit dem größten Anſtand gegen ihn benahm und ihm eine Theilnahme zeigte, welche er in ſolchem Grade noch nie bei einem fremden Menſchen und vorzuglich noch nicht bei einer Dame gefunden hatte. Unbekannt mit den Fallſtricken der höhern Genuß⸗ ſucht, die nur aus feinen Fäden beſtehen, unſichtbar fur das ungeubte Auge, fuhlte er ſich nicht von der Dame abgeſtoßen; ihre innige Theilnahme that ihm ſehr wohl, und in der Ueberwallung ſeines Gefuͤhls ergriff er ihre Hand, die ſie ihm gern und willig uͤberließ. 4 „Ihr wollt mich auf eine Weiſe verbinden, Madame,“ ſtammelte er,„die mich in Erſtaunen ſetzt; auch komm' ich in die groͤßte Verlegenheit, nicht wiſſend, wie ich Euch ſolches vergelten kann.“ „Mit Deiner Liebe, Deiner Treue, ſuͤßer, un⸗ ſchuldiger Junge,“ rief die Dame, und ließ, um ihn durch die Macht ihrer Reize und ihrer Hingebung — 183 ſogleich ganz zu beſiegen, ſowohl die Maske des Ge⸗ ſichts als die des Charakters fallen.„Sieh!“ rief ſie triumphirend,„wen Du Deine Liebe ſchenkſt, ſieh, wer die iſt, welche Dich mit aller Glut der Leidenſchaft liebt, und Dir das hoͤchſte Gluͤck bereiten will.“ Und ſogleich umſchlang ſie ihn, und bedeckte ihm Mund und Stirn mit gluͤhenden Kuͤſſen. Charlot war aber zum Tod erſchrocken, denn er hatte das ſchoͤne geſchminkte Geſicht der Graͤfin de la Bruyere erkannt. Der treuherzige Schmied hatte die Schrecken des Buͤr⸗ gerkriegs erlebt und ſelbſt ertragen, hatte in mancher Schlacht ſchon dem Tod ins Auge geſehen, aber ſolch peinliches Gefuͤhl hatte ihn noch nie uͤberwältigt. Wenn der allzu ſtrenge Chauvin auf der einen Seite alle geſellige Freude aus dem Leben ſeiner Anhaͤnger verbannte, und die Bluͤthe der Jugend, die zärtliche Geſchlechtsneigung, im freundſchaftlichen Umgange ausgebildet, mit eiſiger Kälte verdarb, ſo hatte auf der andern Seite die ſittenloſeſte Konigin, welche je Frankreichs Thron getheilt, das Heer aller verfuͤhre⸗ riſchen Kuͤnſte von Florenz mit nach Paris gebracht, und damit die Bluͤthe des weiblichen Geſchlechts in Frankreich vergiftet; von der leichteſten Coquetterie bis zu der frechſten Preisgebung aller weiblichen Wuͤrde und Schaam, hatte das Laſter ihrer reizenden weib⸗ lichen Umgebungen in allen Stufen die Meiſterſchaft erreicht. Der Gedanke errothet, und die Sitte ſchau⸗ dert zuruͤck vor der Verderbtheit jenes Heeres von Midchen und Frauen, welche ſich Katharine von Medicis aus den ſchoͤnſten Töchtern der hoͤhern und niedern Adelsfamilien in ganz Frankreich ausgeſucht, und ſie, als eine Meiſterin vom Fache, geſchickt un⸗ terrichtet und abgerichtet hatte, um ſie zu ihren per⸗ ſönlichen Zwecken zu gebrauchen, naͤmlich die vorneh⸗ mere Maͤnnerwelt am Hofe zu beherrſchen und zu lenken. Hier ſaßen die größten Extreme auf dem weichen Pfuͤhle zuſammen, ein treuer Schuͤler Jean Chauvins und eine treue Schuͤlerin Katharina's von Medicis. Die Letztere konnte nicht um die Art ver⸗ legen ſein, wie ſie die Blödigkeit des ſchoͤnen Juͤng⸗ iings beſiegen möchte.„Laß Deine Zuruͤckhaltung fahren!“ ſagte ſie mit Schmeichelei.„Ich bin ganz Dein!“. „Aber Chaulis.— Gerard!“ rief der S in ſeiner Angſt. „O befreie mich von jenem eſferſüchtigen Narren und dieſem widrigen Suͤßling! Sie ſind mir Beide verhaßt. Ich weiß, was dieſen Abend zwiſchen Bei⸗ den vorfiel, ich weiß auch, daß Du Deinen Degen gezogen, gleichſam wie in ſchoͤner Ahnung, daß es fur Deine kuͤnftige Geliebte geſchaͤhe, die Dich dafuͤr noch dieſen Abend mit allem Gluͤck der Liebe beloh⸗ nen will. Doch den Ausgang der Sache weiß ich noch nicht.“ „Der Baron iſt todt.“ „Das iſt mir lieb.“ ₰— — — 185— „Der Ritter wahrſcheinlich auch; mein Degen hat ihn ſchwer verwundet.“ „Deſto beſſer! So ſind wir ſie ja los und kön⸗ nen uns ungeſtoͤrt und ohne Gefahr angehören. O wie gluͤcklich machſt Du mich!“ Charlots Haar ſtraͤubte ſich vor Entſetzen, und in demſelben Augenblick flammte der Gedanke an Hen⸗ riette und Louiſe ſo ſtark in ihm auf, daß er ſich den Umarmungen der Gräfin heftig entwand, ſie von ſich ſtieß, und rief:„Wenn Ihr einen Menſchen, der nichts mit Euch gemein haben will, nicht raſend machen, und zu einem verzweifelten Schritte bringen wollt, ſo laßt ab von mir!“ Befremdet uͤber den beſtimmten Ton ſah ihn die Schoͤne einen Augenblick an, und ſagte dann im ſpöttiſchſten Ton, deſſen ein Weib faͤhig iſt:„Ihr ſeid verteufelt langweilig, Monſieur; und wenn Ihr nicht des Koͤnigs Falke⸗ nir waͤrt, ſo wuͤrde ich darauf ſchwören, Ihr waͤrt ein Hugenott.“— Der Schrecken, welcher ſich Theo⸗ philes bemaͤchtigte, und nicht undeutlich auf ſeinem Geſichte abdruͤckte, entging zum Gluͤck der Aufge⸗ brachten.„Und das ſag' ich Euch, bei meiner Ra⸗ che, Ihr ſeid nun mein erkläͤrter Liebhaber; ich wuͤrde mich vor mir ſelbſt und allen meinen Geſpielinnen ſchamen muͤſſen, ließ ich mich ſo ſpröde von Euch abweiſen. Nein, Monſieur, das waͤre etwas Uner⸗ hörtes am Hofe. Beſinnt Euch uͤber Nacht; heute iſt nichts mit Euch anzufangen. Ihr ſeid ein Töl⸗ pel, welcher nie mit einer Dame ein Wort geſprochen.“ „Ja ein ungeheurer Tölpel biſt Du, ein Dumm⸗ kopf, wie mir noch keiner vorgekommen!“ rief der König zornig, indem er durch die Thuͤre herein und auf die Gräfin loseilte. Verwirrt erhob ſich dieſe vom Sitze.„Mein Koͤnig!“ rief ſie erſtaunt. „Der wahrlich empfaͤnglicher iſt fur Liebesgluͤck, und die Reize meiner ſchoͤnen Grafin beſſer zu ſchä⸗ tzen weiß, als dieſe gute ehrliche Haut. Man muß die Perlen nicht vor die Säue werfen, merkt Euch das. Dieſer Schlagtodt iſt wohl gut, Euch die al⸗ ten Liebhaber vom Halſe zu ſchaffen, aber erſetzen kann er Euch keinen. Nehmt aber von mir die Verſiche⸗ rung, daß ich Euch anbete, ſchönſte Frau unſeres Hofs, und verzeiht, daß erſt eine ſolche Gelegenheit mir den unſchätzbaren Werth Eurer Vollkommenheiten im rech⸗ ten Lichte zeigen mußte.“ „Welche Gnade, mein Koͤnig!“ „Henrico, jetzt wollen wir die Rollen wieder auswechſeln, trete jeder in ſein natuͤrliches Verhält⸗ niß zuruͤck. Ich werde bei der Graͤfin bleiben, geh' Du hinaus in die Laube, und halte Wacht, daß wir nicht geſtört werden. Ich weiß, dorthin paſſeſt Du beſſer, als hierher.“ Charlot athmete tief auf und verließ den Salon, deſſen Thuren hinter ihm geſchioſſen wurden. Lange ſaß er in der Laube, eh er all die widrigen Gefuͤhle loswerden konnte, die ihn beängſtigt hatten; endlich — 187— aber theilte ſich die Ruhe der Natur auch ſeiner Seele mit. Aus den mondbeſtrahlten Buͤſchen wehte es ihm ſchmerzlich ſuͤß entgegen, wie ſturmbeſchworende Er⸗ innerungen tauchte es am dunkelblauen reinen Him⸗ mel auf und bald verlor ſich ſein Geiſt in Gedan⸗ ken an Henriette und Louiſe. Erſt gegen Mor⸗ gen glitt der Kahn mit dem König und dem Schmied wieder über die Seine nach dem Louvre zu. —— Sacß iutsle Eines Mannes gugend Erprobt allein die Stunde der Gefahr. S Katharina, die herrſchſuͤchtige Wittwe Heinrichs II., die verderbliche Mutter dreier der ſchlechteſten Koͤnige von Frankreich, die ränkevolle Tochter Loren⸗ zo's von Medicis, Großherzogs von Toscana, von Intriguen geſaͤugt, unter Banditendolchen groß gezo⸗ gen, und durch machiavellſche Lehrſaͤtze ausgebildet, ſcheute ſich nicht, das Heiligſte mit frecher Hand zu entweihen, waͤhrend ſie äußerlich die bigotteſte Frau war, wenn es nur zu ihrem Zwecke fuͤhrte; unum⸗ ſchraͤnkte Herrſchaft uͤber Frankreich. Sie kannte keinen hoͤhern, und betrachtete die Macht nie als Mittel. Was waren ihr die Eide, mit denen ———— —— ſie einen Frieden beſchwor. Entledigte ſie ſich doch ſchnell der drohenden Gefahr oder anderer Uebel und Hinderniſſe, wenn ſie ihr königliches Wort verpfän⸗ dete. Als Prinz Conde in allen Vortheilen ihr mit den Hugenotten zu nahe geruckt war, hatte ſie ſchnell die teufliſche Larve vorgezogen, und den weniger um⸗ ſichtigen Hugenottenanfüͤhrer getäuſcht. Der Prinz und viele Große ſeines Heeres waren des Krieges muͤde, und zogen ein uͤppiges Leben der Unruhe vor. Alle dieſe Leichtgläubigen erkannten die verlarvte Tuͤcke nicht, und trauten thoͤricht den Verſicherungen des wortbruͤchigſten Weibes, das die Erde geſehen hat. Katharine hatte wieder Zeit gewonnen, und ſchon war der Plan fertig, die beiden Haͤupter der Partei unſchaͤdlich zu machen, die ohne ſie und unter an⸗ dern Bedingungen allmaͤhlig ein harmloſes, geiſtes⸗ ſchwaches Völkchen geworden wäre, wie die Geſchichte mehrere aufweiſt. Noch hatte die Gelegenheit gefehlt, den böſen Anſchlag auszufuͤhren;— auch ſie kam. Der Konig beſuchte ſeine Mutter in St. Ger⸗ main en Laye, welche dort, um die Annehmlichkeiten des Sommers zu genießen, ihren Wohnſitz aufge⸗ ſchlagen, und den Hof, ihre Aſtrologen, Wahrſager, Banditen und Sirenen um ſich verſammelt hatte. Der ganze Hof war im größten Staat, denn nach einem kleinen Uebelſein, welches die Königin Krank⸗ heit zu nennen beliebte, feierte ſie ihre Wiedergene⸗ ſung mit einem glänzenden Gallatage. Theophile 7 ,— — 189— hatte, wie immer, ſeinen koniglichen Herrn und Mei⸗ ſter blgleitet; aber alle höhern und niedern Diener, alle Barone, Grafen und Füͤrſten, welche zur Um⸗ gebung des Koͤnigs gehörten, fuͤllten heute ihre Plä⸗ be, ihm zu Pferde folgend. Die großen Vaſallen des Reichs hatten ſich bereits in St. Germain mit ihrer ſehr zahlreichen Dienerſchaft eingefunden, um den Koͤnig glaͤnzend zu empfangen. Mit Erſtaunen bemerkte Theophile waͤhrend der Begruͤßungsſcene auf dem Platze vor dem Schloſſe, unter dem Gefolge des Herzogs von Guiſe, ſeinen Landsmann und Glaubensgenoſſen, Ceſar d'Alban. Nachdem er ſich uͤberzeugt hatte, daß ſeine Augen ihn nicht getaͤuſcht, fuͤrchtete er ſogleich Gefahr von einem Menſchen, deſſen Betragen ihm bis jetzt immer zweideutig ge⸗ weſen war, und deſſen Erſcheinen im Gefolge des groͤßten Hugenottenfeindes, ihm eben ſo unerwartet als unbegreiflich ſein mußte. Furcht und Zweifel brachten endlich den Falkenir des Koͤnigs zu dem Ent⸗ ſchluß, den jungen d'Alban aufzuſuchen, und auf Ehre und Gewiſſen wegen ſeines Hierſeins zu befra⸗ gen, ſobald ſich nur die Gelegenheit dazu erſehen ließe. Als aber der König und die Edlen des Reichs in die Zimmer der Königin Mutter getreten waren, um ihre Gluͤckwuͤnſche darzubringen, ſtand Ceſar ſchon neben Theophile, und bot ihm den Gruß.„Ich habe die Ueberraſchung uͤber meinen Anblick auf Eurem Geſichte geleſen,“ redete er ſehr leiſe,„hier in dieſem Getummel ſind wir vor Lauſchern nicht ſicher, und ein einziges Wort konnte uns verrathen. Gefuͤllt es Euch, ſo gehen wir in die Gäͤrten des Schloſſes, um uns zu un⸗ terreden.“ „Gern bin ich Euch zu Willen,“ verſetzte Theo⸗ phile,„um nur die Zweifel los zu werden, welche mich martern. Laßt uns jedoch jenem verhunzten Italienergeſichte aus dem Wege gehen, das wie ein. Spuͤrhund nach irgend Jemandem, vielleicht nach mir ſelbſt, zu ſchnuffeln ſcheint. Kaum aber hatte er dieſe Worte geſprochen, als Signore Bretano ſo ſchnell, als es ſeine Gravitaͤt erlaubte, durch die Menge auf die beiden Rocheller zuſchritt, die ihm vergebens auszuweichen ſuchten.„Ach, Amico, zur guten Stunde find ich Euch!“ rief er freudig.„Schon ſeit zehn Minuten ſeh' ich mich ſehnſuͤchtig nach Euch um, damit ich Euch etwas höchſt Angenehmes ver⸗ kunde. O Ihr ſeid ein Gluͤcksſohn und ich ſeh' Euch ſicher nicht lange mehr als Falkenir des Koͤnigs.“ „Koͤnnte wohl der Fall ſein,“antwortete Theo⸗ phile, doch in einem ganz andern Sinne. „Nun hört, als ich vorgeſtern fruͤh hier anlangte, zuzuſehen, ob alle für des Koͤnigs Empfang und Wohnung getroffenen Einrichtungen in beſter Ord⸗ nung ſeien, hatte ich von der Majeſtät ſogleich den Auftrag, der Königin Mutter ein Gedicht, einen 1 Gluͤckwunſch zur Geneſung der Majeſtaͤt enthaltend, zu überreichen. Ihre Majeſtät empfing mich höchſt ——————————————— — 191— gnaͤdig, geruhte, ſich meines ſeligen Vaters zu erin⸗ nern, auch meiner Jugend huldreichſt zu gedenken und mir zu ſagen, daß die Italiener als ihre Landsleute ſtets in ihrer Gewogenheit obenan ſtaͤnden. Und hier⸗ auf— denkt Euch Freund! hielt ſie mir die Hand zum Kuſſe dar!“ „Ihr Gluͤcklichſter unter den Sterblichen!“ ſpot⸗ telte Theophile, während Ceſar ſich abgewendet hatte, um dem Begeiſterten nicht ins Geſicht zu lachen. „Wie gefallt Dir der neue Falkenir des Königs? fragte ſie mich ſodann. O Majeſtät, antwortete ich, das iſt ein vortrefflicher Menſch, ganz fuͤr unſers gnaͤdigſten Königs Majeſtät geſchaffen. Darauf ſagte ſie: Es freut mich, mein lieber Carlo, daß Du mit mir gleiche Anſicht uͤber Henrico haſt, verſichere ihn meiner Gnade, er ſoll dieſer Tage noch eine Audienz bei mir haben.— Nun, was ſagt Ihr dazu, Sig⸗ nore Henrico?“ „Daß ich Euch und nur Euch allein all mein Gluͤck zu danken habe, Signore de Bretano und Ihr in mir eben keinen Undankbaren finden ſollt.“ „O laßt Euch umarmen, innigſter Freund, Ihr ruͤhrt mich zu Thraͤnen. Ich werde eine große Ode auf unſere Freundſchaft machen, Oreſtes und Pyla⸗ des uͤberſchrieben.“ „Oder David und Jonathan.“— „Das riecht nach der Bibel. Doch mir recht Wir ſind unzertrennlich bis in den Tod.“ „Bis in den Tod!“ beſtätigte Theophile, und ſchob den widrigen Geſellen von ſich⸗ „Kommt, den beſten Portowein auf dieſes er⸗ neute Buͤndniß.“ „Geht derweil in den Kellr ich habe mit die⸗ ſem Pen einen nothwendigen Gang und bin bald wieder bei Euch.“ „Ich begleite Euch.“ „Wir danken fuͤr Eure Guͤte; ich bin ſelbſt die Begleitung dieſes Edelmanns, der einen Ehrengang thut, welcher keine Zeugen weiter verträgt.“ „Ach ſo! verſtehe!“ ſagte der Italiener mit einem verdrießlichen Schaafsgeſichte und blieb ſtehen. Theophile und Ceſar eilten ſchnell davon. „Wir muͤſſen ihn irre fuͤhren,“ ſagte der Erſtere, „die böſe mißtrauiſche Seele könnte uns nachſchleichen.“ Und ſo verloren ſie ſich denn in die weiteſten und ent legenſten Irrgaͤnge der buſchigen Gartenanlagen. „Faſt ſcheint es mir,“ begann Ceſar die Rede, als ſtießet Ihr das Gluck eigenſinnig von Euch, wel⸗ ches nichtsdeſtoweniger ſich Euch aufdringt. „Das Gluͤck?“ betonte Theophile ſcharf.„Ihr beliebt doch nicht etwa meine Lage ein Gluck zu nen⸗ nen? O es ware mir wahrlich beſſer, in Rochelle vor meinem Ambos zu ſtehen, als hier unter den graͤßlichen Menſchen in dem goldgeſtickten Rocke her⸗ umzuwandeln, obgleich ich freilich auch dort gluͤcklich ſein wůrde.“ „Nein wahrlich, Ihr könnt es dort weniger, als hier,“ verſetzte Ceſar heftig.„Das todte einformige Leben wird einem zur Laſt. Dieſe ewige Bethaus⸗ ſtille, dieß uͤbertriebene Frommthun muͤſſen Eure Jugend ſo gut anekeln, wie die meinige. Der Wein gaͤhrt ja auch und tobt, jung Blut will in Saus und Braus einherfahren und ſich die heiße Luſt ab⸗ kuhlen. Aber wir ſollen dort nichts als beten und ſingen. Kann ein gnädiger Gott daran Wohlgefallen finden?“ Theophile hatte die Rede des Unmuths mit ſteigender Aufmerkſamkeit und nicht undeutlichen Zei⸗ chen der Mißbilligung angehoͤrt. Jetzt ſtarrte er den Sprecher an und fragte:„Seid Ihr ein Calviniſt? Wollt Ihr Gott dienen, und auch zugleich der Welt? Eure Rede macht mir bange. Eh wir uns deshalb auf etwas weiter einlaſſen, ſagt mir kurz und offen: wie kommt Ihr in das Gefolge des uns ſo gefaͤhrli⸗ chen Herzogs von Guiſe? Gehoͤrt ein Calviniſt dahin?“ „Charlot,“ entgegnete jener ruhig,„ich könnte Euch ebenſo fragen, wie kommt Ihr in das Gefolge des uns noch weit gefaͤhrlichern Koͤnigs von Frank⸗ reich? Gehoͤrt dahin ein Calviniſt? und ein ſo from⸗ mer, wie Ihr? Doch ich habe Euer Geheimniß ge⸗ ehrt und ehre es noch; ehrt Ihr das meinige!“ „Ihr verſteht es, mich fuͤhlen zu laſſen, daß ich Euch nicht ſo fragen durfte. Doch das Gefahr⸗ liche meiner Lage mag mich entſchuldigen. Bedenkt: ſobald der Koͤnig erfaͤhrt, wer ich bin, ſo iſt mein Storchs Fanatiker. I. 13 — 194— Untergang gewiß. Aber ein groͤßerer Verluſt als dieſer iſt fuͤr alle Glaubensgenoſſen zu befurchten. Ein einziger Wink von Euch dem Duc gegeben, ver⸗ dirbt ein edles, muͤhſam begonnenes, ſchwer fortge⸗ fuͤhrtes Werk. Wer buͤrgt mir dafuͤr, daß Ihr, in deſſen Macht ich jetzt gegeben bin, Euch nicht vom Teufel verblenden laßt, dergleichen zu beginnen?“ „Ei Charlot!“ fuhr Ceſar unwillig heraus, „wißt, daß ich ein Edelmann bin und kein Schurke. Wo gab ich Euch je Veranlaſſung, mich fur einen niedrigen Verräther zu halten?“ „Verzeiht und bedenkt, wenn Eure Hitze es zulaßt, daß Eure eben mir angedeuteten Grundſätze nicht ſo calviniſtiſch ſind, als daß ein Calviniſt ihnen feſt vertrauen könnte. Nehmt es mir nicht uͤbel, man hat mir geſagt, Euer eigener Vater ſei wieder ein Papiſt geworden; was Ihr vorhin ſpracht, zeigt eben⸗ falls keine beſondere Anhaͤnglichkeit an den Calvinis⸗ mus; Ihr ſeid jung, eitel, lebensluſtig, genußſuͤchtig und ein Edelmann dazu, und wo ſind der Lockungen mehr, als in der Umgebung des Herzogs von Guiſe? Wie leicht ſeid Ihr verfuͤhrt? Und muͤßt Ihr als Apoſtat nicht mein Feind ſein? Zudem duͤrftet Ihr wegen unſeres fruͤheren Begegnens, welches als fuͤrchteten wir uns vor der Erwaͤhnung— keiner von uns wieder mit einem Worte beruͤhrt hat, ei⸗ nen Groll auf mich geworfen haben, obgleich ich an Euch unſchuldig war, und mir vergelten wollen.“ — 195— „Lieber Charlot,“ ſagte Ceſar weich, und ſein ſchwarzes Feuerauge glaͤnzte, wie von Thranen ge⸗ feuchtet,„ohne daß Ihr es wißt, habt Ihr mich durch zwei von Euch erwähnte Dinge gar ſehr geruͤhrt. Zuerſt ſagt mir, ich bitt' Euch freundſchaftlich, wißt Ihr etwas Näheres von meinem unglücklichen Va⸗ ter? Schon fruͤher hörte ich einmal dunkel, er ſei zur katholiſchen Kirche zurückgekehrt, und ſeitdem nie wieder etwas, als Euer Wort, welches jene Kunde veſtätigt.“ Als Theophile verſicherte, daß er nicht das Geringſte mehr von dem Beſprochenen wiſſe, fuhr dAlban fort:„Und wenn ich zu Allem gebracht wer⸗ den könnte, Euch vetrathen wuͤrde ich nicht, um Eu⸗ rer mir ſehr theuren, unvergeßlichen Schweſter nicht. Ja, Ihr habt jenes Schweigen zuerſt gebrochen, Charlot, und habt mir einen Stein von der Bruſt gewälzt; denn ich fühlte, daß ich mit Euch daruͤber ſprechen mußte, und konnte doch keine paſſende Gele⸗ genheit finden. Ihr hegtet den Wahn, ich habe un⸗ redliche Abſicht auf den Engel, welchen Euch der Him⸗ mel zur Schweſter gegeben, und ich will nicht ent⸗ ſcheiden, ob ich anfangs nicht leichtſinnig uͤber das Verhaͤltniß dachte. Euer Argwohn, die Strenge mei⸗ nes Großvaters und die zelotiſche Unvernunft des mir verhaßten Doktor Severin vertrieben mich aus la Ro⸗ chelle. Aber bei Gott ſag' ich Euch zu, als Ihr am Abend Eurer Ankunft mich bei Jeannette uͤberraſch⸗ tet, war es ſchon mein heiligſter Entſchluß, Jean⸗ 13* ——— Thuͤre; Jeannette erkennt Euch ſogleich an der Stim⸗ me, als Ihr in das Haus tretet; ſie zittert ſtark; — 106— netten zu meinem Weibe zu machen. Mein Groß⸗ vater horte nicht auf die feſte Erklärung, als er mich ſtreng befragte, doch vernehme ich mit Entzucken, daß er Jeannetten in ſein Hans genommen, daß Tante Henriette ſie ſehr liebt und die eigene Bildung auf ſie uͤberzutragen ſucht. Dieß gibt mir neue Hoffnung, mein Großvater werde meinen Wüe nicht lange mehr entgegen ſein.“ „Ihr ſcheint es ſehr ehrlich zu meinen,“ ver⸗ ſetzte Theophile erleichtert.„Doch wenn das damals ſchon der Fall war, ſo ſagt mir doch, weshalb ſchrie Jeannette laut auf;, als ich eben in das Haus ein⸗ getreten war und noch in der Werkſtatt ſtand, wes⸗ halb rangt Ihr mit ihr, neih Lingt Ihr ſ. tro⸗ big an mir voruͤber?“ „Der Zufall ſpielt ſndeharj⸗ entgegnete Ce⸗ ſar laͤchelnd.„An jenem Abenden machte ich ſie mit meinem Entſchluſſe bekannt, ſie zu meiner Ehefrau zu erkieſen. Sie antwortet mit einem Strom von Thraͤ⸗ nen; ich dringe in ſie, ſich zu erklaͤren, und— denkt Euch— ſie ſchlagt mir ihre Einwilligung rund ab. Sie will mich nicht unglücklich machen, will keinen Streit in meine Familie bringen, will ſich lieber ſelbſt aufopfern,— denn ſie läugnet nicht, daß ſie mich uͤber Alles liebe. Vergebens bitte, beſchwoͤre ich ſie, dieſe Meinung zu ändern. Da klopft es an der — 205— ſtarken Huͤften rauſchte ein prachtiges ſtoffenes Kleid von hellblauer Farbe, und uͤber die eine Achſel hing nachläſſig der leichte konigliche Hermelin mit Purpur ausgefuͤttert. An ihrem Arme fuhrte ſie ihren Lieb⸗ lingsſohn, den ſchmächtigen, bleichen, kindiſchen Her⸗ zog von Anjou. Zu ihrer Rechten wandelte eine teufliſche Larve, in grinzend freundliche Zuge gezerrt, der Graf und Marſchall Gondi⸗Retz, ein bubiſcher Italiener und Hofmeiſter von Katharina's Söhnen. Ihnen folgten die Herzöge von Montpenſier und Ne⸗ vers, des Koͤnigs jüngſter Bruder, den kleinen buck⸗ lichen Herzog von Alengon, fuͤhrend. Der Großprior Graf Angouleme, der Großſiegelbewahrer Biraga, ein tuͤckiſcher Mailander, und der vortreffliche Kanzler Mi⸗ chel de[Hopital umgaben den jungen in Schön⸗ heit und Kleiderpracht ſtrahlenden Herzog Heinrich von Guiſe, ſeine Bruͤder, den Herzog Karl von Mayenne, und den Kardinal Ludwig von Guiſe, Beide kaum dem Knabenalter entwachſen, und endlich deren Oheime, den Kardinal Karl von Lothringen und den Herzog von Aumale. An allen Seiten liefen die uͤppig gekleideten friſirten Pagen mit ihren hellleuch⸗ tenden Fackeln, und aus dem geoffneten Saale er⸗ goß ſich ein neues Glanzmeer, ſo daß das geblendete Auge nicht wußte, wohin es ſich wenden ſoltte. Als man ſich an der reichbeſetzten Tafel ausge⸗ breitet hatte, fiel das Geſpräch in der Nähe der Kö⸗ nigin, wie ſehr gewoͤhnlich der Fall war, auf die Hu⸗ — 206— genotten. Theophile horchte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit, und kein Wort der Unterhaltung ent⸗ ging ihm. „Ich wage, Ew. Majeſtät unterthaͤnigſt zu verſichern, daß es die hoͤchſte Zeit iſt, der verderbli⸗ chen Schlange den Kopf zu zertreten.“ ſprach, zum Koͤnig gewendet, der Graf Retz,„es iſt ſonſt wahr⸗ lich zu befurchten, daß ſie ſich kuͤhner und kräftiger erhebt, als je zuvor.“ „Wenn ſie deren nur nicht zwei hätte,“ erin⸗ nerte der Kardinal von Lothringen,„und der kleinere gerade der ſtärkere und ſchlimmere waͤre. Wir wiſſen Alle, woher die Kugel kam, die meines Bruders Le⸗ ben endigte.“ „Nun ſo ſchlagt beide— ab!“ ſagte die Koͤnigin Mutter anmuthig, warf das ſtolze Haupt zuruͤck, den Herzog von Guiſe mit huldreichen, doch immer majeſtätiſchen Blicken muſternd.„Nicht wahr, Herzog, Euer Vater und der Condé, und Navarra und Coligni— Kopf gegen Kopf?— Wir haben ſchon noch einige; während jener träge nichtsnutzige Leib des Hugenottenvolks ohne Haupt verfaulen muß.“ „Ew. Majeſtät Rath waͤre der beſte,“ verſetzte der Kardinal,„lebte nicht Condé in Noyers und Coligni in Chatillon; faßten wir den einen gluͤcklich, entwiſchte uns der andere. Glaubt nur, daß ſie ſehr auf ihrer Hut ſind, daß ſie ihre Spione in der B ſtadt und wohl gar am Hofe haben.“ — 207— Theophile erblaßte und trat einen Schritt zuruͤck. „Der Blitz ſollte die Höllenbrut zerſchmettern!“ rief der König aufgebracht,„oder ich und Henrico wollten ihnen die Köpfe zerhaͤmmern, als waͤren ſie friſches Stangeneiſen. 4 „Nein wir können es nicht länger erdulden!“ ſagte der winzige Herzog von Anjou mit kindiſchem Trotz und ſchob die ungeſtalteten Männer bei Seite, die er ſich aus Zuckerbrot geſchnitzt und geformt und als feindliche Truppen gegen einander geſtellt hatte— eine Beſchäftigung, mit der er ganze Tage hinbringen konnte.—„Dieß ubermuͤthige Volk in la Rochelle darf ſich nicht laͤnger weigern, eine Beſatzung aufzu⸗ nehmen. Ich ſelbſt will ſie dorthin fuͤhren und dem Hugenottenvott den Uebermuth vertreiben.“— Wah⸗ rend dieſer kindiſch⸗brutalen Rede hatte der Marſchal, der ſchon lange eine große Liſt im Geſichte nicht hatte verbergen koͤnnen, einen Brief aus ſeinem Portefeuille gezogen und uͤberreichte ihn jetzt mit ſuͤßlichem Buͤck⸗ ling der ihn ſcharf beobachtenden Königin. „Empfangen Ew. Majeſtät den Erfolg meines ſchuldigen Eifers und meiner unabläſſigen Liebe fuͤr Dero Thron und die alleinſeligmachende Kirche. Vor einer Stunde hatte ich das Gluck, dieſen Brief durch einen reitenden Eilboten von Paris von einem meiner getreueſten Kundſchafter zu erhalten, aber ich that mir Gewalt an und hielt ihn zuruͤck, um Ew. Maje⸗ „ — 208— ſtät die Freuden der Tafel damit zu erhohen und zu verſuͤßen.“ Die Koͤnigin hatte w ohne auf des Marſchalls Rede zu horen, das Schreiben mit neu⸗ gierigen Augen entfaltet, die jedoch beim Durchleſen deſſelben immer mehr von freudigem Erſtaunen glaͤnz⸗ ten, und endlich wie Stnnin auf den liſtig lächeln⸗ den Marſchal hinuͤberſtrahlten. „Alſo moörgen wird der Herr Admiral dem Feni Condé einen Beſuch in Noyers abſtatten!“ rief ſie mit jubelnder Stimme und zerdrückte das ver⸗ haͤngnißvolle Popier in der wonnebebenden Hand. „Da ſind ja die Mäuſe von ſelbſt in die Falle ge⸗ Marſchal, auf dieſe herrliche Nachricht ein volles Glas!“ Retz nahm mit der grinzenden Freund⸗ lichkeit eines Veuftls, der dem Himmel eben eine Seele entzogen, ſeinen gefüllten Vecher; die Königin that ihm die hohe Ehre an, mit ihm anzuſtoßen, ſturzte dann den ſchäumenden Wein hinab, erhob ſich, ſchob den Seſſel mit vielem Geräuſch zuruͤck, warf den Hermelin um die Schultern und winkte mit dem Faͤcher uber die Tafel hin, ein Zeichen, daß ihre Geheimen ihr folgen ſolten. Ueber alle Anwe⸗ ſende hatte ſich ein allgemeines Erſtaunen wegen die⸗ ſes ſonderbaren Erreigniſſes verbreitet; aus allen Ge⸗ ſichtern ſprach Erwartung und Neugierde, bald ent⸗ ſtand ein leiſes Murmeln, welches lauter wurde, als die Pn gleichſam mit noch echoͤhter Majeſtät, — 209— als hielte ſie einen Triumphzug, von dannen rauſchte, die Pagen haſtig ihr vorleuchteten, und der König, der Herzog von Anjou, die Prinzen von Guiſe, Retz, Biraga und einige Andere ihr folgend durch die hohe Thuͤre verſchwanden. Die Tafel war aufgehoben, es bildeten ſich Gruppen im Saale; man theilte ſich hier heimlich, dort öffentlich ſeine Vermuthungen mit; der ganze Hof war in Verwirrung, eben weil doch Nie⸗ mand recht wußte, was in dem Briefe geſtanden und doch die Veranlaßung dieſes unerhoͤrten Aufbruches und der Störung der Tafelgenuͤſſe geweſen war. Charlot hatte die Worte der Königin in ihrer ganzen Bedeutung begriffen, er ſtand ihr zur Seite hinter dem König, als ſie dieſelben ſprach, und zitterte vor Schrecken, denn es galt jetzt nicht Geringeres als des Prinzen Condé und des Admirals Leben. Be⸗ ſtuzt, und auſſer Faſſung gebracht, rang er verge⸗ bens nach einem Entſchluß. Wohl ſah er, daß die Gefahr dringend war, und die Huͤlfe ſchleunig kom⸗ men mußte, ſollte nicht Alles verloren gehen. Statt, wie es der Dienſt mit ſich brachte, dem Koͤnig zu folgen, blieb er wie von Tadesangſt gemartert, in duͤſterem Nachſinnen, in einer Fenſterniſche des Saals ſtehen, und ſtarrte in die daͤmmerreiche Nacht hin⸗ aus. Der Mond beleuchtete einen Theil des Platzes vor dem Schloſſe, den er von hier aus uͤberſehen konnte. Zuerſt zuckte ihm der Gedanke durch den Sinn, noch in dieſer Nacht heimlich zu entweichen, Pferd Storchs Fanatiker. 1. 14* 210 auf itgend eine ſchickliche Art aus dem königlichen Stalle zu nehmen, und in angeſtrengtem Ritt nach Noyers zu eilen, das von St. Germain wohl in vier und zwanzig Stunden durch ununterbrochenes Reiten zu erreichen war, um den geliebten Admiral zu retten, aber bald ſah er die Unmoglichkeit der Aus⸗ fuͤhrung dieſes Planes ein, den ihm nur die augen⸗ blickliche Verzweiflung eingegeben hatte. Die Fete dauerte gewiß, wie gewoͤhnlich, die Nacht hindurch, ja er mußte vermuthen, daß die Koͤnigin, nach ihrer ſo laut und offen gezeigten Freude uͤber die empfan⸗ gine Nachricht die unterbrochene Luſt nur deſto ſcho⸗ ner wieder hervorrufen, und mit ihrer bewunderns⸗ wuͤrdigen Erfindungsgabe die Freuden des Hofſteſtes recht glaͤnzend und geraͤuſchvoll wieder herſtellen wurde. Der Koͤnig wuͤrde ihn jeden Augenblick vermiſſen, und wie ſollte er in dieſen ſeinen Gallakleidern im Stall erſcheinen, um ſein Pferd zu holen, ohne ſogleich die Aufmerkſamkeit der Knechte und der uͤbrigen Die⸗ nerſchaft zu erregen? Wie konnte er uͤberhaupt in dieſen Kleidern und ohne Geld, wie er war, den lan⸗ gen Ritt machen? Und die Kleider zu wechſeln, war voͤllig unmoͤglich, da er wohl wußte, wie Bretano ihn ſtets mit einem gewiſſen Mißtrauen beobachtete, und ſelten aus den Augen ließ. Alle dieſe Betrach⸗ tungen draͤngten ſich raſch durch den Kopf des rath⸗ loſen Schmiedes. Der Angſtſchweiß ſtuͤrzte ihm ſtrom⸗ weis von der Stirne, und mit jeder Minute, die — 211— ihm keinen Ausweg aus der ungeheuren Verlegenheit zeigte, vermehrte ſich ſeine Verwirrung. Da war's ihm ploͤtzlich, als erkenne er untert den uͤber den Platz in Mondſchein hinwandelnden Menſchen Ceſar d'Al⸗ bans Geſtalt, und ſogleich fiel es ihm wie ein Licht⸗ ſtrahl in die Seele, daß dieſer das einzige Werkzeug zur Errettung des theuren Greiſes und der ganzen Macht der Hugenottiſchen Partei ſei. Ohne ſich um⸗ zuſehen, ja ohne vom ganzen im Saal auf und ab⸗ wogenden Hofperſonal einen Menſchen zu bemerken, ſchoß er durch das Portal die breite Treppe hinab, und uͤber den Platz bis zu der Stelle, wo er ſeinen Landsmann erblickt zu haben glaubte. Menſchen wan⸗ delten da genug umher, aber wie er ihnen auch gleich einem Wahnſinnigen in die Geſichter ſtarrte, ſo daß ſie entſetzt vor ihm zuruͤckfuhren, den mit Angſt ge⸗ ſuchten Ceſar fand er nicht. Unabläſſig rannte er von Einem zum Andern, und ſtöhnte den Namen: Ceſar! mehr als er ihn rief. Verwundert über ſein Benehmen, folgte ihm ſchon ein Haufe Menſchen. Ceſar war nirgends. Die Verzweiflung trieb ihn in das Schloß zuruͤck, er rannte durch mehrere Zimmer im Erdgeſchoß, ſuchte das uͤberreiche Gefolge des Her⸗ zogs von Guiſe auf, aber beftagte ſich uͤberall ver⸗ gebens. Niemand hatte den Jüͤngling vor Kurzem geſehen. Zernichtet, ohne Rath und Entſchluß, ge⸗ peitſcht von den graͤßlichſten Gedanken und Vorſtellun⸗ gen, wollte er, doch ohne einen Schimmer von Hoff⸗ 14* — 212— nung, das Letzte verſuchen, und zuſehen, ob Ceſar vielleicht auf den Gallerien des Saals oder im Saale ſelbſt zu finden ſei, und jagte die Treppe noch ſchnel⸗ ler hinan, als er herabgeeilt war. Doch ehe er noch die Thuͤre erreichte, ſchoß ihm Bretano mit gleicher Haſt entgegen, faßte ihn ſogleich mit ſolchem Ungeſtum beim Kragen des Rocks, daß Theophile im Augenblick nicht anders meinte, als daß er ſchon verrathen ſei. Doch entriß ihn die Fluth der Worte aus des Ita⸗ lieners Munde bald dem Irrthum.„Signore Hen⸗ rico!“ rief dieſer ganz entruſtet,„ſeid Ihr vom leib⸗ haftigen Teufel beſeſſen? Oder welcher Geiſt der Ver⸗ wirrung treibt Euch, ſonſt den aufmerkſamſten Die⸗ ner am Hofe, im allerwichtigſten Moment von dan⸗ nen, ſo daß Ihr nirgends zu finden ſeid? Hat Euch die Hitze des Auguſtmonats das Gehirn verbrannt? Hat Euch der Hundsſtern toll gemacht? Spukt Euch die Balgerei von heute noch im Kopfe? Lauft davon, Niemand weiß, wohin, gerade wenn Euch der König am nöthigſten braucht! Dreimal hat die Majeſtät ſchon nach Euch gefragt, und alle Fluͤche ausgeſto⸗ ßen, die im Italieniſchen und Franzoͤſiſchen aufzu⸗ treiben ſind. Ich renne ſelbſt wie toll umher, und find' Euch nirgends, und doch preiſ' ich mich gluck⸗ lich, Euch noch erwiſcht zu haben; zehn Diener lau⸗ fen nach Euch umher; denn der Koͤnig hat den ſtreng⸗ ſten Befehl gegeben, Euch im Augenblick zur Stelle zu ſchaffen.“ 213— Unter dieſer mit Blitzesſchnelle hervorgegurgelten Rede hatte der Italiener den zum Tode erſchrockenen Theophile in die Vorzimmer des Koͤnigs geſchleift, wo er ihn verließ, um ſein Auffinden der Majeſtät anzuzeigen. Sogleich ertoͤnte des Koͤnigs unharmoni⸗ ſche Stimme laut von innen:„Henrico!“ und zit⸗ ternd trat der Gerufene ein. „Wo warſt Du jetzt, Spitzbube?“ rief der koͤ⸗ nigliche Herr grimmig, der ohnfern ſeiner Mutter an einem Tiſche ſtand, worauf mehrere Papiere lagen, mit denen die Koͤnigin eben beſchäftigt war. Als Theophile keine Silbe hervorbrachte, ſchritt der Koͤnig wuͤthend auf ihn zu, da gab der Geiſt dem Be⸗ draͤnßten einen gluͤcklichen Gedanken ein, und fluͤ⸗ ſternd ſagte er zum Koͤnig:„Ew. Majeſtät, Gnade! Eine Liebſchaft lockte mich aus dem Saale!“ Da wurde Karls finſteres Geſicht plotzlich heiter, er ſchlug ein unmaäßiges Lachen auf, und rief vergnugt:„Ei, hat das fromme Fiſchlein doch endlich den Koͤder an⸗ gebiſſen?! Maledetto! Es muͤßte ja vom Teufel ſein, wenn die Weiber Dich nicht fangen ſollten. Nun, laß es nur gut ſein! Ich lobe Dich darum. Gib Deine Gunſt nur nicht zu billig hin; denn wahrlich, ſolch kräftige, ſchoͤne Burſche gibt es wenig am Hofe. Auch weiß ich, wie Du Deine Ehre gegen einige Laffengeſichter vertheidigt haſt. Jetzt haſt Du's weg, ein tuͤchtiger Cavalier zu ſein. Doch nun von etwas Anderem. Du haſt jetzt Dein Gutes genoſſen, und — 214— kannſt die Nacht nun auch eine Muͤhe uͤbernehmen. Die Königin Mutter ſendet ſogleich einen Kammer⸗ hern nach Paris mit wichtigen Befehlen an den Mar⸗ ſchall Tavannes und den General Martinengo. Es liegt mir viel daran, daß die Papiere in der mog⸗ lichſt kurzeſten Zeit an ben rechten Mann kommen, und auf Dich kann ich mich mehr verlaſſen, als auf alle meine und der Konigin Kammerherrn. Deshalb er⸗ hältſt Du die Abſchrift der Befehle, und begleiteſt den Abgeſandten der Königin. Stößt ihm etwas auf— was bei dieſen Herren leicht möglich iſt— ſo haſt Du unverzuglich Deinen Weg zu verfolgen, und dem Marſchall die Briefe zu uͤberreichen.“ Theophile athmete tief auf; denn ein neuer Hoffnungsſtrahl fiel in die Verzweiflungsnacht ſeiner Seele; er ſelbſt war zu dem verhaͤngnißvollen Ritte beſtimmt, und konnte das Verderben von den ver⸗ ehrten Haͤuptern abwenden. „Eure Majeſtät ſoll mit mir zufrieden ſein, vorzug⸗ lich wenn es den Ketzern gilt, wie ich wohl merke.“ „O vortrefftcher Junge! Beim Teufel! Dein aufgeweckter Witz hat es errathen. Der alte Gau⸗ ner, der Admiral laͤßt ſich es einfallen, meinen lie⸗ ben Vetter in Noyers zu beſuchen. Wir haben Wind davon, und morgen in der Fruhe ſoll Tavannes auf⸗ brechen, über das Reſt herfallen, und die zwei fetten Voögel herausnehmen. Drum reite, daß die Steine Feuer geben.“ — 215— „Ihr ſollt mich morgen bei guter Zeit wieder ſehen, Majeſtät!“ ſagte Theophile mit freudiger Zu⸗ verſicht. „Laß Dich morgen bei mir melden, mein Freund, 5 ſaßte die Konigin ſehr hulbreich, indem ſie ihm einen großen Brief uͤbergab und dann die Hand zum Kuß hinreichte.„Ich werde Dich zu belohnen wiſſen, wenn Du bald bei mir erſcheinſt!“ Theophile druͤckte ehrerbietig ſeinen Mund auf die weiße ſammtne Hand und entfernte ſich, um ſich umzukleiden, und ſein Pferd zu beſorgen.„Ein netter Junge! Und ein Liebchen am Hofe? Wer mag ſie ſein?“ horte er noch die Königin laut zum Koͤnig ſagen, ehe er das Zimmer ganz verlaſſen hatte. Halb taumelnd, er wußte nicht, ob vor Freude, daß er den Auftrag be⸗ kommen hatte, oder vom Nachklange ſeiner Angſt, oder aber ob der neuen Beſorgniß, wie er von dem Kammerherrn loskommen ſollte, um von Paris ſo⸗ gleich weiter nach Noyers zu reiten, eilte er uͤber den mit Menſchen angefuͤllten Corridor nach ſeinem Zim⸗ mer zu. Plötzlich vertrat ihm Jemand den Weg, und als er, aus dem Nachſinnen erwachend, die Au⸗ gen aufſchlug, ſah er den vorhin ſo geſuch⸗ ten Eeſar vor ſich ſtehen. „Habt Ihr etwas in Gaſtine's Hauſe zu beſtelen“ fragte Ceſar leiſe,„ich reite morgen in der Frähe nach Paris, meine Studien rufen mich, — 216— und der Herzog hat mir einige Aufträge ertheilt, die ich morgen ſchnell in Paris beſorgen muß.“ „Ei, wenn es Euch recht iſt, Junker d'Alban,“ verſetzte Theophile eilfertig,„ſo begleitet mich noch in dieſer Nacht; denn auch ich werde ſogleich nach Pa⸗ ris reiten.“ 16 1 „Ihr auch?“ fragte Ceſar verwundert. „Nun ja doch! Beſinnt Euch nicht lange. Eilt, laßt Euer Pferd ſatteln! Ich habe Euch etwas höchſt Wichtiges auf dem Wege zu entdecken„— eine Sa⸗ che, die Leben und Tod von uns ſehr theuern Men⸗ ſchen beſtimmt. Wo waret Ihr? ich habe Euch vor einer halben Stunde geſucht wie ein Verzweifelter!“ „Im Keller, wo ich mit den Edelleuten, die heute auf unſter Seite waren, zechte. Ich machte intereſſante Bekanntſchaften.“ „O hättet Ihr ahnen konnen, was unterdeſſen vorging, Ihr wäͤret aufgeſprungen, wie von einer Schlange geſtochen. Doch eilt! noch iſt nichts ver⸗ ſäumt, und Gottes Gute ſelber wirft Euch mir jetzt in den Weg. Ihr trefft mich in zehn Minuten ſat⸗ telfertig auf dem Hofe.“ Damit ſchob er den er⸗ ſtaunten Ceſar bei Seite, und eilte, ſeine Kleider umzutauſchen. Kopfſchuͤttelnd ging der Junker mit mancherlei Ahnungen und Vermuthungen beſchaftigt, um ſich ebenfalls zum naͤchtlichen Ritte fertig zu machen. — 217— Vierzehntes Kapit el Sie hat zwei Brüſte, die ſind weiß, Hut Du Dich! Sie hat zwei Brüſte, die ſind weiß, Sie legt ſie hervor nach allem Fleiß, Hut Du Dich! Hut Du Dich! Vertrau' ihr nicht, ſie narret Dich! Deutſches Volkslied. Am andern Morgen hielt Theophile wirklich das Verſprechen, welches er der Königin Mutter gegeben, obgleich er im Augenblick, als er es gab, nichts we⸗ niger, als es zu halten im Sinne gehabt hatte. Er ſtand wieder, mit dem Staatsrocke angethan, in Ka⸗ tharinens Vorzimmer, ihre Befehle erwartend. Um und neben ihm hatte ſich eine nicht unbeträchtliche Anzahl reich gekleideter und vornehm ausſehender Leute beiderlei Geſchlechts, die er zum Theil als hohe Adliche und Beamte des Hofes kannte, verſammelt, die dieſelbe Abſicht hierher gerufen hatte. Des Kam⸗ merdieners gewärtig, der ihn, unter allen hier den Geringſten und Unbedeutendſten, zuerſt abweiſen, und eine gelegenere Zeit zum Aufwarten bei der Monar⸗ chin beſtimmen wuͤrde, zog ſich der Schmied zuruck, und lehnte nachdenkend in der Fenſtervertiefung, gleich⸗ ſam im ſtillem Gebet, daß die Rettung ſeiner eigent⸗ lichen Obern und Glaubensgenoſſen gluͤcklich gelingen — moͤge, woran ſein freudiger Muth und friſch erwachtes Gottvertrauen keinen Augenblick zweifelten. Da trat der Kammerdiener aus der geoffneten Flugelthuͤre, und meldete den Verſammelten, daß die Majeſtät von der allzulangen, froͤhlichen Dauer des Feſtes noch zu er⸗ muͤdet ſei, um jetzt ſchon Audienz ertheilen zu koͤnnen. Theophile wollte ſich mit den Uebrigen entfernen, da fuͤhlte er ſich am Aermel ſeines Rockes gefaßt. Der Kammerdiener zog ihn ſanft bei Seite, und als das Vorzimmer leer war, ſagte der Menſch ſehr ſuͤß: „Euch allein, mein wertheſter Freund, wuͤnſcht die Majeſtät jetzt zu ſehen. Sie iſt ſehr begierig, zu er⸗ fahren, wie Eure Reiſe abgelaufen iſt, und hat ſchon mehrmals nach Euch gefragt. Ihr ſteht ſehr in Gna⸗ den, Signore; Ihr werdet doch Eures ergebenen Freundes nicht vergeſſen?“ „O ich bitte mir Eure ſtete Gewogenheit aus! Eine Hand waͤſcht ja die andere,“ ſagte Theophile ſo freundlich, als er es vermochte, und der Kammer⸗ diener fuͤhrte ihn entzuckt durch zwei reich ausgeſchmuͤck⸗ te Zimmer und ſchob ihn dann durch die offene Thuͤre in das dritte. Die Koͤnigin ſaß auf einem ſehr breiten Sopha, und hatte die Fuͤlle ihres immer noch ſchön zu nen⸗ nenden Körpers nachlaͤſſig auf die dicken Seitenpol⸗ ſter gelehnt; ein bluͤthenweißes Morgengewand floß in reichen Falten an ihrer Geſtalt herab, die Bruſt war, nach der freien Sitte damaliger Zeit, unbedeckt; — 210— Kopf und Wangen waren ſchon arge Lugner, jener durch die Menge der ſchoͤnen falſchen Locken, dieſe durch die zarte Röthe der Schminke. Theophile ver⸗ neigte ſich mit einer gewiſſen Schuͤchternheit, die ihm wohl anſtand; der Koͤnigin Augen ruhten mit Wohl⸗ gefallen auf ihm.„Tritt näher, mein Lieber,“ ſagte ſie freundlich, winkte ihm mit der Hand, und hielt ſie ihm dann zum Kuß hin. Theophile wollte ſich auf ein Knie niederlaſſen, um ſo ihren angedeuteten Willen zu erfuͤllen, doch ſie zog ihn ſanft in die Höhe und ſagte:„Nicht ſo knechtiſch, mein Freund, wenn wir allein ſind. Koͤnige ſind auch Menſchen, und wollen nur uͤber die Menge herrſchen, dem Ein⸗ zelnen geſtehen ſie dagegen oft gern wieder Ge⸗ walt uͤber ſich zu.“ Theophile's Geſicht war mit Purpur uͤbergoſſen, und kaum vermochte er zu ſtam⸗ meln:„Zuviel Gnade, Ew. Majeſtät!“ „Wie iſt der Ritt abgelaufen? Er hat Dir doch nichts geſchadet?“ fragte Katharina theilnehmend, und ihre ſchwarzen Augen leuchteten.„Doch nein, Du ſiehſt ja ſo munter und friſch aus, und bluͤhſt heute, gleich geſtern, wie eine Roſe.“ Theophile konnte vor Verwirrung die Augen nicht vom Boden erheben, ge⸗ ſchweige denn, daß er zu antworten vermocht hätte. „Nicht ſo ſchuchtern!“ fuhr die Königin ſehr guͤtig fort.„Wir ſind ja allein, und ſobald keine Zeugen um uns ſind, darfſt Du Dir ſchon etwas erlauben. Haſt Du mir nichts zu erzählen?“ — 2— „Den Marſchall Tavannes trafen wir im Bette, den General Martinengo ſchon unter ſeinen Reitern. Ohne Verzug mußten 800 derſelben aufſitzen, Ew. Majeſtaͤt ſtrengem Befehl zu Folge, und ehe ich noch Paris verließ, ſah ich ſie, den Marſchall an ihrer Spitze, mit verhaͤngtem Zügel davon ſprengen.“ „Du haſt Deine Sache vortrefflich ausgefuhrt, und ich bin Dir deshalb recht gewogen. Ich werde mit dem Köͤnig ſprechen, und ihm gern ein andres Opfer bringen, daß er Dich mir ablaͤßt. Du ſollſt mein Kammerjunker werden. Wie alt biſt Du?“ „Sechs und zwanzig Jahre!“ „Und wo biſt Du her?“ „Aus Luſignan in Poitou,“ ſtammelte Theophile verlegen. „In Poiton ſind viel Ketzer. Kennſt Du keine ſolche?“ m „Ich hatte nie mit irgend einem Gemeinſchaft; ſtreng katholiſch erzogen, hielt ich es fuͤr eine Suͤnde.“ „Das iſt der rechte Glaube, Du biſt ganz nach meinem Wunſche, und ich werde Dich glucklich machen. Doch ſprichſt Du das Italieniſche noch zu ſchlecht, und mußt, um Dich kuͤnftig angenehm mit mir zu unterhalten, Dich gewandter auszudruͤcken wiſſen. Deshalb werde ich Dir einen Lehrer halten. Du Froiſſet, der Kammerherr des Marſchalls Gondi⸗Retz, iſt der einzige mir bekannte Franzoſe, der das Ita⸗ lieniſche eben ſo fertig ſpricht und ſchreibt, als ſeine — 221— Mutterſprache. Er hat ſchon mehrere meiner Lieb⸗ linge zu meiner groͤßten Zufriedenheit unterrichtet.“ „Ew. Majeſtat, wie verdiene ich all dieſe Gnade?“ „Still!“ ſagte Katharina lächelnd;„ich werde meine Schulden bald genug eintreiben. Sobald Du ein fertiger Italiener biſt, ſollſt Du mir Abends vor⸗ leſen. Noch eins! Huͤte Dich vor dem Bretano. Der Kerl iſt ein Schurke, und ſucht Dich bei mir und dem Koͤnig zu verläumden.“ Sie ſchellte. Der Kammerdiener trat ein, und warf einen ſtaunenden, doch zugleich neidiſchen Blick auf den in ſo vertraulicher Nähe der Königin ſtehen⸗ den Charlot. „Du Froiſſet ſoll kommen!“ herrſchte die Ma⸗ jeſtät. Als der Kammerdiener wieder verſchwunden war, um dem Befehl ſo ſchnell als moͤglich nachzu⸗ kommen, weidete Katharina wieder ihre lebhaften, bli⸗ tzenden Augen an den kräftigen Formen des bluhen⸗ den Juͤnglings. Sie ſtand damals in ihrem neun und vierzigſten Jahre, aber nach der blendenden, unver⸗ gleichlichen Weiße und der Zartheit ihrer Haut, nach der Beweglichkeit ihres ſchoͤnen Geſichtes, der Fri⸗ ſche ihrer Farbe, der freilich die Kunſt bedeutend nach⸗ half, konnte man ſie fuͤr zwanzig Jahre junger hal⸗ ten, ſo gut hatte ſie ihre Reize zu erhalten gewußt. Auch war ſie nichts weniger als unempfaͤnglich fur die Freuden der Liebe geworden, ſondern hoͤrte es aus dem Munde ihrer beguͤnſtigten Anbeter gar gern, daß ſie die Maͤnnerherzen zu bezaubern verſtehe. „Gib mir Deine Hand!“ ſagte ſie zu dem Juͤngling. Er gehorchte. Ihre weichen weißen Haͤnde druͤckten die harte braune Hand des Schmiedes.„Du haſt ein Liebchen?“ fragte ſie ſchelmiſch. Er vermochte nicht zu antworten. Henriette und Louiſe ſchwebten ihm in einem Bilde vor.„Du geſtandeſt es ja dem Konig geſtern Abend, als Du lang geſucht worden warſt. Wer iſt die Gluckliche? Mache mich zu Dei⸗ ner Vertrauten!“ Theophile ſtand auf Kohlen. Wem ſollte er nennen, um ſich aus der Verlegenheit zu ziehen, in die ihn ſeine Luͤge geſtuͤrzt? Doch galt es einen ra⸗ ſchen Entſchluß, und ohne ſich lange zu beſinnen, ſagte er:„O es war nur ein leichtes fluchtiges Aben⸗ teuer mit einer niedlichen Zofe. Ein Liebchen habe ich nicht; denn ich bete in Paris nur eine Dame an, die ich Ew. Majeſtaͤt am wenigſten nennen darf.“ Es wurde ihm leichter in der Bruſt, als er die Worte heraus hatte, und er geſtand ſich mit Zufrieden⸗ heit, daß ihn der Admiral loben muͤſſe, ſähe er ihn jetzt die ſchwere Rolle ſpielen. Der Koͤnigin Augen funkelten; ſie zog ihn am Arme ſanft zu ſich herab, und fragte ihn mit dem ſuͤßeſten Ton ihrer Stimme: „Kannſt Du mir gewogen ſein, Henrico?“ Da oͤff⸗ nete ſich die Thuͤre leiſe, und ein kleiner Mann mit einem ſtark ums Kinn gekrauſten Bart, ſchwarzen, — —— ſchon in das Graue ſchimmernden, lang herab hängen⸗ den Haaren, hoher Stirn, tiefliegenden Augen, ein⸗ gedruͤckter Naſe, in einem kurzen Philoſophenmantel gekleidet, und einen kleinen Filzhut unter dem Arm, guckte herein.„Nur naͤher, Benedikt!“ rief Katha⸗ rina, nicht im Geringſten außer Faſſung gebracht. „Ihr kommt zur rechten Zeit, Luͤgenprophet!“ Und damit zog ſie den zitternden Charlot vollends an ſich, druͤckte ihm einen feurigen Kuß auf die gluͤhende Wange, ſchob ihn dann bei Seite, und winkte dem eingetretenen aͤltlichen Maͤnnlein.„Ihr könnt dieſem jungen Rit⸗ ter ſogleich wahrſagen, welch ein Gluͤck ihm bluͤht, und obgleich ich ſeit meines gelehrten Noſtradamus Tode keinem Chiromanten und Aſtrologen mehr etwas glaube— denn nur er allein verſtand die geheime Wiſſen⸗ ſchaft— ſo will ich Euch doch wieder einmal anhören.“ Benedikt, einer von den Propheten, deren Rath Ka⸗ tharina bei jeder Gelegenheit benutzte, vor denen ſie kein Geheimniß hatte, und die zu jederzeit unangemel⸗ det in ihr Zimmer treten durften, nahm Charlots rechte Hand, und verfolgte mit blitzenden Augen die Linien in derſelben. Dann ſagte er in langgezogenen Toͤnen: „Dieſer Mann iſt ein Ritter an Tapferkeit, und wird es auch dem Stande nach werden. Er iſt treu im Glauben und in der Liebe, und wird durch Treue und Liebe belohnt werden. Er fuͤllt jetzt ſchon einen wichtigen Platz aus, aber er wird noch zu einem hoͤ⸗ heren gelangen.“ — 224— Der Kleine ließ die Hand fahren, und Katha⸗ rina ſagte lachend:„Nun, wie immer, iſt an Euern Worten etwas Wahres, und damit Ihr an der an⸗ dern Haͤlfte nicht zum Luͤgner werdet, will ich ſelbſt die Bedingungen erfuͤllen, die das Wahrmachen Eu⸗ rer Prophezeihung erfordert. Ich werde Dich zum Rit⸗ ter ſchlagen laſſen,“ wandte ſie ſich zu Theophile,„ich werde Deine Liebe reich belohnen, ich werde Dich an einen noch hoͤhern Platz erheben. So macht Katharina von Medicis die Prophezeihungen ihrer Aſtrologen 3 wahr.“ Theophile wollte wieder Worte des Dankes ſagen, die ihm ſeine Verlegenheit eingab, doch die Koͤnigin legte ihm mit Grazie die Hand auf den Mund, und er verſtummte gern. Der Kammerdiener meldete die Ankunft des Herrn du Froiſſet und die Koͤnigin befahl, ihn ſogleich herein zu fuͤhren. Ein fein gekleideter Mann mit einer edeln Ge⸗ ſichtsbildung erſchien, die fuͤr Theophile ſo viel bekannte Zuͤge hatte, als waͤre ſie ihm ſchon oft vorgekommen. Indem er den Mann genau betrachtete, erinnerte er ſich, daß ihm derſelbe im Gefolge des Marſchalls ſchon oͤfters aufgefallen, und daß derſelbe auch Tags vor⸗ her im Keller bei dem heftigen Auftritte zugegen ge⸗ weſen war. Er fuͤhlte ſich augenblicklich zu dieſem ſei⸗ nem kuͤnftigen Lehrer ſo hingezogen, wie zu einem al⸗ ten, lang entbehrten Freund. — 225— „Ich uͤbergebe Eurer Sorgfalt einen neuen Schu⸗ ler, du Froiſſet,“ wandte ſich die Koͤnigin zu dem in ehrerbietiger Entfernung Stehenden. Ich ſchaͤtze ihn hoch, und es liegt mir viel daran, mich mit ihm bald in der Sprache meines Vaterlandes zu unterhalten. Er wird Euch ein angenehmer Schuͤler ſein; denn er iſt Euer Landsmann, aus Poiton geburtig, wie Ihr. Eure Geſchicklichkeit iſt mir von der beſten Seite bekannt: thut das Eure!“ Hierauf befahl ſie ihre Kammer⸗ frauen zur Toilette, und verabſchiedete die Anweſen⸗ den gnadig durch eine leichte, anmuthige Bewegung der Hand. Auf Theophile fiel noch ein Glutblick ſchwarzen Augen. „Junger Menſch,“ fluͤſterte ihm der Aſtrolog ins Ohr, als ſie aus dem Vorzimmer getreten waren, „ſeid auf Eurer Hut, Ihr ſteht auf einem ſpiegel⸗ glatten Boden, und ſeid fuͤrwahr kein gar geſchickter Eisläufer. Euer Spiel iſt gefährlich, zieht den Kopf aus der Schlinge, ehe ſie Euch die Kehle zuſchnuͤrt. Vor mir ſeid Ihr ſicher. Meine Kunſt, wenn ſie wahrhaftig iſt, duldet keinen Verräther unter ihren Bekennern, doch fuͤr Eure Sicherheit vermag ich nicht zu buͤrgen.“— Ehe ſich Theophile von der neuen Beſtuͤrzung nur einigermaßen ſammeln konnte, war der Prophet durch einen Seitengang verſchwunden, und den Kopf voll wäſter, ſich wild durchkreuzender Ge⸗ danken, die Bruſt voll Angſt, Sorgen und Beklom⸗ Storchs Fanatiker. 1. 15 — 5— menheit, ging Charlot wankenden— hinter 5 nem Fuͤhrer her. „Wann wird es Euch gefällig ſun, mein— den Unterricht zu beginnen?“ fragte der Kammerhert. „Die Koͤnigin wuͤnſcht als smslchzi⸗ ver⸗ ſetzte Theophile. „Und der Koͤnigin Wunſch iſt mir Befehl, erwie⸗ derte Jener.„Darum folgt mir auf mein da⸗ mit wir ſogleich anfangen.“ r12 1 „Ihr werdet dem Vernehmen—. einen ang ſehenen Poſten bei Ihrer Majeſtaͤt begleiten?“ fragte du Froiſſet, als ſie in deſſen Behauſung angelangt wa⸗ ren, mit einem mitleidigen Blick auf Theophile geheftet. „Auch mir iſt der Königin Wunſch Befehl,“ ent⸗ gegnete Theophile beſtimmt. „Glaubt mir,“ ſagte der Andere plötzlich warm, „ich nehme Antheil an Euch, junger Mann, Ihr ſeid mein Landsmann, und das allein vermoͤchte mich, Euch zu lieben, haͤtte mir Euer offenes, von Tugend und Rechtlichkeit zeugendes Geſicht und Euer edles wurdevol⸗ les Betragen gegen einen Nichtswuͤrdigen geſtern im Weinkeller nicht ſchon volles Zutrauen eingefloͤßt. Ihr ſteht wahrſcheinlich an einer gefaͤhrlichen Stelle; kann ich Euch rathen, dienen, helfen: mit Freuden thue ich es. Wendet Euch an mich. Ihr ſollt an mir einen ver⸗ ſchwiegenen, einen väterlichen Freund finden. Dabei ſtrich er ſich mit der Hand uͤber die Stirne, als wolle er ſchmerzlich⸗ſuße Erinnerungen dort zuruck draͤngen. — 227— „Ihr zeigt Euch mir ſehr gütig, Herr Kammer⸗ herr,“ verſetzte Theophile geruͤhrt,„und ich muß Euch nur geſtehen, daß auch ich zu Euch ein großes Zu⸗ trauen gefaßt habe, ja daß Ihr eigentlich der erſte unter den faſt unzähligen Menſchen am franzöſiſchen Hofe ſeid, zu dem ich ein ſolches uͤberhaupt nur faſ⸗ ſen kann; das mag wohl daher kommen, weil Ihr, was mir in dieſem Augenblick erſt recht klar wird, viel Aehnlichkeit mit den Gliedern einer mir ſehr theuern Familie habt.“ Der Kammerherr ſchien zu ſtutzen; dann fragte er ploͤtzlich:„Wart Ihr jemals in la Rochelle?“ Theophile wurde uͤber die Frage ſehr betreten, doch die Augen des Kammerherrn firir⸗ ten ihn ſo ſcharf, daß er keine neue Luͤge zu ſagen wagte, und auf. gefaßt, friſch mit„Ja“ ant⸗ wortete. „So meint Ihr die Familie des Buͤrgermeiſters d'Alban?“ fragte der Kammerherr ſtark betont, und ſtellte ſich Theophile hart gegenuͤber. Die Purpurroͤthe, welche uͤber Charlots Geſicht bei dem Tone des geliebten Namens fuhr, hatte ſchon fuͤr ihn geantwortet, und mehr geſagt, als ſein Mund hier wagen durfte. Doch um nicht beſturzt zu erſcheinen, er:„Ihr habt recht; ich meine ſie.“ „Und dieſe Familie iſt Euch— „So iſt es.“ „So ſeid Ihr ein Hugenott.“ Theophile war wie vom Blitze niedergeſchmettert; 15* — 2— er erbleichte. Der Gedanke, ſich ſelbſt verrathen zu ha⸗ ben, fiel ihn an, wie ein wildes Raubthier, verdrängte alle Ueberlegung und——— ,. h die zu läugnen. nnn „Ich will Euer Herz nicht mit und Schrecken erfuͤllen,“ beſänftigte ihn du Froiſſet.„Fuͤrch⸗ tet von mir nichts; denn obgleich Katholik, bin ich durch⸗ aus kein Feind der Calviniſten. O ich bin im Gegen⸗ theil ihr Freund!“ ſetzte er leiſe und wehmuthig hinzu; und an ſeinen langen Augenwimpern zitterten ein Paar Thränen, die dem ungluͤcklichen Theophile wieder— in die zerriſſene Seele traͤufelten. „Wenn ich Euern Glauben, Euer Geſiht und Eure Umgebung zuſammen vergleiche, ſo muß mir der Zweck Eures Hierſeins klar werden,“ fuhr der geruͤhrte Kammerherr fort;„aber ſtatt Euch mein Mitleid zu ſchenken, wie ich vorhin that, daß Ihr in die Netze des ſinnlichſten Weibes in Frankreich gefallen, ſtatt Euch zu warnen vor ihr, die die Bluͤthe Eurer Jugend ver⸗ giften wuͤrde, wie ſie ſchon Unzähligen vor Euch gethan, ſchenke ich Eurem Muth, Eurer Kuhnheit, die ſich ſo keck mitten in die größten S.—. meine volle Bewunderung“ „Ihr ſeid ein ehrlicher Mann unhn tauſend Schur⸗ ken,“ ſagte Theophile ermuthigt.„Ich darf Euch trauen. Aber wie könnt Ihr gerade ei des Marſchalls Gondi⸗Retz ſein?“ „Wie, wenn ich nun denſelben Grund dazu hätte, welchen Ihr habt, des Königs Falkenir und Jagdjun⸗ ker, und vielleicht bald Kammerjunker der Königin zu ſein? Ihr habt einen öffentlichen Zweck; ich könnte ei⸗ nen ſtillen Privatzweck haben; beide liefen vielleicht auf Eins hinaus. Doch laßt das! Euer Geheimniß ruht in meiner Bruſt, wie im Grabe. Und damit Ihr mir das nicht zu hoch anrechnet, mein. junger Freund, ſo wißt, daß es mein eigener, mein groſſer Vortheil, daß es die heiligſte Sache meines Perzens iſt, die Ca ini⸗ ſten auf alle Weiſe zu ſchonen. Erzählt mir nun für dieſe Verſicherung, um Vertrauen mit Vertrauen,? zu lohnen,— denn ich weiß ſchon, daß wir ſehr gute Freunde werden werden— ſchnell recht viel von dem aſe des Simr pN und allen wnn vjel von den. Vben zu uitgg“ Theophil⸗ üͤberließ ſich dem Zuge ſtines Herens und erzahlte von der Guͤte und Herzlichkeit des alten Herrn, vom Eheglück der älteſten Tochter, Marion, von der Schönheit und Liebenswuͤrdigkeit der jungeren, Hen⸗ riette, von der Biederkeit und Tapftreit des Oberſten, und endlich von Lauiſe und Ceſar, was ihm Liebe und Freundſchaft eingaben. Des Fammecherrn Seußzer unterbrachen oft den Fluß ſeiner Rede, bald aber leuch⸗ teten du Froiſſets Augen wieder, und was des Füng lings Begeiſterung ſprach, weckte gleiche Begeiſterung in des Mannes Bruſt.. „O meine Kinder! rief dieſer im Z = 6— ſche des Entzůckens ſich en Könnt ich Euch an mein Herz preſſen!“ Fit „Wie, Iht ſeid 2 9 „Ceſars und Louiſens ungluͤcklicher Vater, An⸗ toine d'Alban, der unbarmherzig, um menſchlicher Schwaͤchen verſtoßen, ſein Vaterhaus, ſeine Geburts⸗ ſtadt meiden, ſeinen Glauben, ſeinen Namen ablegen mußte, um nur vor den Verfolgungen fanatiſcher Hugenotten ſicher zu ſein, der ſich unter fremde, herz⸗ loſe, böſe Menſchen verſtecken mußte, niemals bas Weib ſeiner Wahl, ſeine Kinder, und alle, die er tiebte, an ſeine liebebedürftige Bruſt legen durfte, der keine Gnade, keine Vergebung unter den Calviniſten fand, und dem der katholiſchen Kirche liebender Mut⸗ tertroſt erſt wieder Linderung und Ruhe in die ver⸗ zweifelte Seele goß. O Euer Glaube, junger Mann, iſt nicht der Glaube 8 Liebe, wie ihn Wru⸗ ge⸗ ihit!“ cheophile konnte dieſe tnieii Neuße rung nicht widerlegen, hatte ihm doch oft auch ſchon Aehn⸗ liches vorgeſchwebt; er vermochte jetzt nicht einmal den Widerſtreit ſeiner eigenen Gefühle zu beruhigen. Es wurde ihm ſo manches klar, was er fruher nur dunkel geahnet, und doch duͤnkte ihm dieſe Klar⸗ heit ein Frevel an Gott zu ſein. Endlich gewann der Gedanke, dieſem bedauernswurdigen Manne ein Gluͤck zu bereiten, wie er noch keines auf Erden ge⸗ noſſen, und ihm einigermaßen zu verguͤten, was ſeine Glaubensbruͤder ihm zugefuͤgt, die Oberhand in S— lots edler Seele. „Eure beiden Kinder( in Paris,“ ſagte er, „und Ceſar hat mir ſelbſt entdeckt, welch ein Ver⸗ langen nach Euch ſein Herz erfullt.“ „In Paris! O laßt uns fort nach Paris eilen, ſie aufzuſuchen!“ „Gemach! Euer Erſcheinen in dem Hauſe, deſ⸗ ſen Kinder ſie gleichſam geworden ſind, wurde mich zum Verräther ſtempeln, und Euch wenig helfen Ich furchte mich keiner Suͤnde, Euch Euren Sohn Ceſar zuzufüͤhren; durch ihn werdet Ihr Louiſen am beſten heimlich ſehen können““ „Ihr ſeid mein Schutzengel!“ rief der Kam⸗ merhert entzuͤckt, und ſchloß den mit ſeiner That zu⸗ friedenen jungen Mann in die Arme. „Ihr kennt Euren Sohn ſchon, er war mit mir im Weinkeller.“ „Ha! meine ahnende Seele! mir r wurde ohl als ich dieſen bluͤhenden Jungen ſah. Und er iſt wieder nach Paris zuruͤck?“ une „ S voriget Nacht!“ 8 pn zin O ichn mochte Euch Sohn en junger denn auch Ihr ſeid meinem Herzen verwandt.“ „Thut das, mein edler Herr!“ ſagte Theophile von ſuͤßen Ahnungen durchſchauert. 3 „O die Natur, die gutige Mutter aller Weſen, weiß nichts vom unſeligen Glaubenszwieſpalt! Sie — 232— mahnt ſtreng an ihre Rechte und treibt ſie ein. Na⸗ tur, Gott, oder wie Du ſonſt heißeſt, Du biſt mein Hoͤchſtes, mein Alles, und Dich bet' ich an in dieſer glucklichen Stunde.“ d 4 Funfzehntes a pint enle 1d0 und Hurrah, Hurrah, hopp, hopp, hopp.* min Gings fort in ſaußenbem Galopp,. Daß Roß und Reiter ſchnoben, Und Kies und Funken ſtoben. In einem kleinen, verſchloſſenen Zimmer, im abgelegenen Hinterhauſe des Kaufmnann Gaſtine, ſa⸗ ßen dieſer, der Prediger le Char, Ceſar und Theo⸗ phile, im traulichen Geſpräch zuſammen Der Sep⸗ temberabend erfüllte den Raum ſchon mit Dunkelheit. „Es war ſchon ſpät,“ erzählte Ceſar,„als ich am zweiten Tag meiner ſchnellen Reiſe, durch das Thor von Noyers ritt, mein Pferd war todtmuͤde, aber ich ſtrengte ſeine letzten Kräfte an, um den Palaſt des Prinzen zu erreichen. Die Diener fuhren erſchreckt empor, als ich mit Ungeſtüm verlangte, ſo⸗ gleich zum Prinzen und zum Admiräl gebracht zu werden. Auf die Meldung, daß ich der Ueberbrin⸗ — 4— ger ſehr wichtiger Nachrichten ſei, kam der Admiral ſogleich in das Zimmer, in welches ich gefuͤhrt wor⸗ den war. Mit kurzen Worten ſchilderte ich ihm die Gefahr, in welcher ſie ſchwebten, und nannte Euch, Charlot, als meinen Sender. Der beſonnene Mann fußte ſich ſchnell, gab ſogleich mehreren Dienern heim⸗ liche Befehle, ließ ſich ſodann den ganzen Vorfall, ſo wie ich ihn aus Eurem Munde wußte, und was ich nachher ſelbſt mit angeſehen, von mir erzaͤhlen, und verfuͤgte ſich zum Prinzen. Noch war keine halbe Stunde vergangen, als es auf allen Straßen ſehr lebendig wurde; Laufen und Rennen, Menſchen⸗ ſtimmen, Pferdegetrab wurde hoͤrbar. Im Hauſe lief ebenfalls alles durch und wider einandev, Kinder⸗ und Frauengeſchrei wurde vernommen, man packte ein, kleidete ſich an, ſchrie und lärmte. Enblich wa⸗ ren Menſchen und Pferde auf dem Hofe des Pala⸗ ſtes verſammelt, Coligni ließ mir ein friſches Pferd reichen, und ich ſchloß mich dem Zuge an, der aus zweihundert Berittenen, nebſt vielen Frauen und Kin⸗ dern, zu Roß und zu Wagen, beſtand, und ohnge⸗ faͤhr eine Stunde nach Mitternacht, den 26. Auguſt in möglichſter Eile Moyers verließ, und den Weg nach Poiton einſchlug. Kaum aber war der Tag angebrochen, als wir ſchon auf den Hoͤhen hinter uns die uns verfolgende feindliche Reiterei erblickten, Angſt und Schrecken beſchleunigte die Flucht; in wilder Un⸗ ordnung ſtuͤrzte alles die Straße dahin, die Weiber ſchrieen, und ihre Maͤnner trieben die Pferde an, um ſie ſchneller fortzubringen. Immer hart gedraͤngt vom Feinde, doch von gutmuͤthigen Landbewohnern mit friſchen Pferden und Nahrung unterſtützt, er⸗ reichten wir in außerordentlichen Eilmaͤrſchen am Mit⸗ tag des ſechſten Tages unſerer Flucht la Rochelle, und fuhlten uns jetzt erſt in der wohlbefeſtigten Stadt ſicher vor unſern Verfolgern. Wie ruhig die Ober⸗ haͤupter in Noyers beiſammen gelebt, wie wenig ſie an einen neuen Friedensbruch, an eine abermalige Treuloſigkeit des Hofes gedacht, beweiſt, daß der Prinz erſt einige Tage zuvor des Admirals Schwie⸗ gerſohn, den Grafen Teligni, mit einer ganzen De⸗ putation, aus lauter vornehmen calviniſtiſchen Edelleu⸗ ten beſtehend, an den Hof abgeſchickt hatte.“ „Die ſich auch noch in St. Germain aufhal⸗ ten,“ erläuterte Theophile,„und gegen die man ſich benimmt, als ſei nicht das geringſte vorgefallen, ja, die Königin hat gegen Teligni frech gelaͤugnet, daß man einen Anſchlag auf Condé und Coligni nur im Sinne gehabt habe. Vor einigen Tagen ſpottete ſie in ſeiner Gegenwart an der Tafel uͤber die Haſen⸗ furcht der Calviniſten, die ſich durch einige verlaufene Reiter ſo in Schrecken und Flucht haͤtten ſetzen laſſen,“ „Doch mein lieber Sohn,“ bemerkte Gaſtine, freundlich zu Ceſar gewendet,„Ihr ſeid unſerm Freunde noch manchen Bericht aus der lieben Hei⸗ math ſchuldig, und da Ihr den frommen Calviſten nun genugt habt, ſo könnt Ihr dem treuliebenden — und Freund Euch nun gleichfalls verbinden.“ und dann werdet Ihr mir uͤber den religiöſen Zu⸗ ſanb unſter Glaubensgenoſſen etwas mittheilen⸗ er⸗ innerte le Char mit frommer Miene. „In la Rochells war unſre Ankunft ſchnell be⸗ kannt worden,“ fuhr Ceſar fort,„und die Buͤrger⸗ ſchaft, den Magiſtrat und die Geiſtlichkeit an ihrer Spitze, zog dem Prinzen entgegen. Ich ritt an der Seite des Admirals. Mein Großvater umarmte ſei⸗ nen alten Freund mit Thraͤnen, dann zeigte Coligni auf mich, und das Erſtaunen uͤber meine Anweſenheit maltt ſich deutlich in den Wen e Zuͤ⸗ gen des Greiſes ab.— Er und unſer braver Schmied ſud uſt Retter, fagte der Admiral, und mit freudiger Haſt ſchloß der Geruͤhrte auch mich in die Arme. Während Coligni den Hergang der Sache erzahlte, ſchritten wir, ich mit hochklopfender Bruſt voll bebender Erwartung, nuch unferem Wohnhauſe zu. Auf den Stufen deſſelben ſtanden Henriette und Jeanette. Indem jene freu⸗ dig herbei eilte, uns zu begruͤßen, ſtand dieſe, die Roſen holder Verſchämtheit auf den Wägen, mit ge⸗ ſenktem Blick. Sie hatte mich erkannt. Von der Tante Kuß geſtärkt, eile ich ruckſichtslos die Stufen hinauf, und ſchließe die Holde in meine Arme. Sie ſträubt ſich nicht, ſie entzieht ſich nicht meinen Kuͤſ⸗ ſen; ſie gibt ſich mir hin, und ich ſehe den Ruͤckglanz meiner Seligkeit in ihren Blicken. Der Großvater blickt laͤchelnd auf unſere trunkene Vergeſſenheit, und legt die Haͤnde ſegnend auf unſere Haͤupter, die ſich eben in einem langen Kuſſe verbunden hatten. Mein Eintritt in das großväterliche Haus war ein Tri⸗ umphzug, ich ſegnete meine Verbannung daraus, um des Eützuͤckens dieſer Stunde willen. Von den Ta⸗ gen, die ich, mit Jeanetten vereint, darin verlebte, kann ich nichts erzählen. Ich war gluͤcklich— das iſt genug Jeanette iſt durch ſchnel le Ausbil bung des hochſten Standes wurdig geworden. Tante Henriette war ihre Freundin und Lehrerin geworden, und keine machte der Andern Schande. Doch neue Trennung drohte mir. Der Preis iſt nicht ſo leicht errungen, ſagte der Admiral; es gilt, daß Ihr wieder nach Paris und noch weiter eilt, mum unſere Freunde vom Stande der Dinge zu benachrichtigen. Ich riß mich los, doch nur, um bald wieder m la Rochelle zu⸗ ruͤck zu eilen. „Und welches iſt dieſer Stund d. der Dinget eſgſ le Char begierig.„Was haben die Häupter beſchloß ſen? fragte Charlot ebenſo. „Ach, wie auch Ihr ſo kalt fragen ie Char⸗ lot! dem Prediger, dem bejahrten Mann, den nur das Emporbluͤhen des Glaubens auf Erden intereſſirt, iſt dieſe Frage angemeſſen, aber aus Eurem Munde, der Ihr dort mit ſo ſchoͤnen und heiligen Banden ſelt ſeid, klingt ſie mir kalt.“ 3 — 237— „Auch mir iſt der Glaube das Hoͤchſte. Alles Irdiſche opfrè ich gern dem Himmliſchen auf.“„ Gott ſegne Dich, mein Sohn! Du biſt der wahrhaftigſte Anhänger— reinen— ſchal⸗ tete le Char ein. „Aber ich bitt' Euch!“ rief Ceſar,“ ſtat die tau⸗ ſend ſuͤßen Gruͤße von Eurer Schweſter, vom Admi⸗ ral, Großvater, Onkel und Tante zu vernehmen, ſtatt zu hören, wie Euch alle bis zur Abgötterei lieben, wie man nur von Euch, und ſtets von Euch geſprochen, wie alle Eurer Tugend ruͤhmlichſt erwaͤhnt, wie in eannettens Mund ſtets Liebe zu Euch, und Hen⸗ riette ſtets voll Eures Lobes war— wollt Ihr wiſſen, wie ſich die Calviniſten nur gegen die neue Tuͤcke ih⸗ rer Feinde verwahren. Doch es ſei! Ihr ſeid ein Mann, den ich bewundere; doch wenn ich ſelbſt jetzt nur von Liebe träume, wenn ich Calvinimus und alle Feindſchaft vergeſſen habe, ſo dürft Ihr das dem glücklchſten Juͤngling nicht verargen.“ „Ich werde kein ſtrenges Richteramt. Euch uüben⸗ verſetzte Theophile ſeufzend; in ſeinem Her⸗ zen hatten einige wehmuͤthe Saiten geklungen. Doch man beſtrebe ſich, ſein Fleiſch zu bekäm⸗ pfen,„ermahnte le Char. „Von allen Seiten ſtroͤmen die Catviniſten mit Waffen nach la Rochelle,“ fuhr Ceſar fort. Ein zahlreichet Adel hat ſich beritten ſchon dort berſammelt. Die Auffordetungen an ihre Glaubensgenoſſen fliegen durch Frankreich; ich habe den Befehl, ſie im Oſten zu verbreiten. La Rochelle iſt der Sammel⸗ und Waffenplatz. Dort regen ſich alle Haͤnde, ſelbſt die zarteſten, ein großes Heer auszuruͤſten; denn jedes Herz gluͤht vor Rache und Kampfgier ob des neuen Wortbruches. Zwei Tage vor meiner Abreiſe zog die Königin von Navarra, Johanne d'Albret, mit ihrem liebenswuͤrdigen Sohne, dem fuͤnfzehnjahrigen Heinrich und ihrer uͤbrigen Familie, ihrem ganzen Hofſtaate und einem anſehnlichen Haufen bewaffneten Volkes, unter dem lauteſten Jubel der Rocheller und aller ſchon daſelbſt befindlichen proteſtantiſchen— dort ein „Der Hert ſegne ihren St rief le 6 begeiſtert. „So iſt meine Rolle hier ausgeſpielt,“ ſigte Theophile mit einem Anſtrich von Freude.„Dhue dieß möchte Bretano's Spuͤrnaſe oder eine von den Dolchſpitzen Katharinens ihr bald ein Ende gemacht haben. Denn wahrlich, eine Königin von Ftankreich — und am wenigſten Katharina von Medicis— durfte ſich nicht lange ungeſtraft von einem Schmiebe verſchmähen laſſen. Bald muͤßte die Larve der Blö⸗ digkeit fallen— mit ihr mein Leben.— Dort hin ruft die heilige Pflicht.— „Zieh aus, mein Streiter Gottes! ſ au, mein Giden, mein Judas Maccabus. Der Herr wird mit Dir ſein!“ rief le Char mit immer hoͤher geſteigertem Affecte. oi Gaſtine hatte unterdeſſen einen Brief herbeige⸗ holt, den er Charlot uͤbergab.„Empfangt nun noch das Letzte und Schoͤnſte, wertheſter Freund,“ ſagte er,„ein eigenhaͤndiges Schreiben des Admirals an Euch, worin Ihr gewiß finden werdet, was Ihr zu thun habt und wünſcht.“ Theophile durchflog den Brief, und ſagte dann ruhig:„Noch in dieſer Nacht werde ich Paris ver⸗ laſſen; der Admiral hat mich als Oberhauptmann be⸗ rufen.“ Seine Augen glänzten bei dieſen Worten, ſein ganzes Geſicht war verklärt, und doch durchzuckte ein wehmüthiger Zug daſſelbe. „Schon in dieſer Nacht?“ rief Gaſtne beſtuͤrzt. „Ei, da muͤſſen wir ja Anſtalt treffen, daß alles be⸗ reit iſt, und Euch auf der Reiſe nichts abgeht, auch daß wir den Abend noch freundſchaftlich bei einander zubringen.“ „Ihr kommt meinem heißeſten Wunſche nur zu⸗ vor,“ verſetzte Teophile, und Gaſtine eilte davon, um ſeiner Familie die Abreiſe des Schmiedes und die da⸗ zu nöthigen Einrichtungen anzukundigen. „Noch in dieſer Nacht!“ jubelte le Char.„Das muß ich den treuen Bruͤdern verkuͤnden. Auch werde ich einen Brief an Severin, den ruͤſtigen Arbeiter im Weinberge des Herrn, ſchreiben. Bald bin ich wieder — 240— bei Euch, um Euch zu nn⸗ 4 eilt' er davon. „Fur die mir uͤberbrachten Nuchrichten bin 6 Euch den groͤßten Dank ſchuldig, mein lieber Ceſar,“ ſagte Theophile, als ſie allein warenz„und ich denke, Euch denſelben nicht beſſer abtragen zu konnen, als wenn ich Euch mit gleicher Muͤnze bezahle. Ich habe Eu⸗ rem Herzen eine ſehr angenehme Nachricht mitzutheilen, doch muͤßt Ihr mir die großte Sen dar⸗ uͤber angeloben.“ „Mein Ehrenwort dieſen v zum Pfande!“ „Ich habe Euren Vater gefunden.“ „Meinen Vater? Iſt's möglich?“ „Er erwartet Euch mit der Ungeduld ticbender Sehnſucht.“ „Barmherziger Gott! ſoll denn alle Freud⸗ ſo ſchnell nach einander uͤber mich kommen! Wird mich denn dieß Uebermaß nicht erdrucken? Doch ſagt, wo finde ich ihn? Mein Herz verlangt ſein Recht, laut an dem ſeinigen zu ſchlagen.“ „Ich werde Euch ſogleich zu ihm fuͤhren. Vor Nacht kehrt Ihr zuruck, damit wir noch eine Stunde zuſammen verleben.“ Sie gingen. In der Hausflur ſtand Madelon, und winkte Ceſar; er aber ſchien ſie zu vermeiden, und ſchritt, als hätte er nichts bemerkt, voruͤber burch den Laden, wo ihnen Monſieur Andre eine ſehr tiefe — 241— Verbeugung machte. Ceſar zog den Freund haſtig fort; bald trat er verwundert mit ihm in das Hotel Marſchalls Gondi⸗Rez ein. Ein Diener fuͤhrte ſie zum Kammerherrn. 8 16 „Er iſt es!“ rief Charlot. „Mein Sohn!“ rief du Froiſſet.„Ich ſah Dich ſchon in St. Germain.“ „Ihr mein Vater?“ rief Ceſar. Doch die Na⸗ tur fuͤhrte ſie ſtuͤrmiſch einander in die Arme. In Teophiles Auge glaͤnzte eine Thraͤne, und ſtill ſchlich er ſich hinaus, die ſchöne Scene nicht zu ſtoͤren. Seine Einrichtung war bald gemacht, ſein gutes Roß be⸗ ſorgt. Das Louvre betrat er nicht wieder. Auf den ſtets moöglichen Fall einer Flucht, lag bei Gaſtine die Kleidung eines koniglichen Offiziers. Als er mit Pa⸗ ris fertig war, kehrte er in das ihm theure Haus zu⸗ ruͤck, um dort bis zur Stunde der Abfahrt zu verwei⸗ len. Im Laden ſtand Louiſe, und ſchien ihn zu erwarten. „Ihr wollt uns verlaſſen, Charlot?“ fragte ſie mit erzwungener Faſſung, doch zitterte ihre Stimme merklich. „Die Pflicht ruft mich.“ „O koͤnnte ich mit Euch ziehen! Moch nie ſch ich la Rochelle, und doch iſt mein Herz dort mehr als hier.“ „Und das meinige wird hier ſein— bei Euch.“ Er beugte ſich nieder, der Hauch ihres Mundes be⸗ ſtreifte ihn, er ſog ihn von ihren Lippen. Ein Ge⸗ raͤuſch ſchreckte ſie aus der erſten Umarmung. Mon⸗ Storchs Fanatiker. I. 16 ſieur André ſprang vergnuͤgt hinter einem Faſſe her⸗ or, er hatte die Liebenden belauſcht, doch ſein Ver⸗ gnuͤgen ließ ihn nicht ausdauern. War er doch jetzt aller Zweifel los; der Schmied hatte mit Madelon ge⸗ brochen, gewiß auf Ceſars Antrieb, und ſich zu Loui⸗ ſen gewendet. Ein Ruͤckfall war auch nicht zu be⸗ fuͤrchten; denn der gefaͤhrliche Charlot wollte ja Paris auf immer verlaſſen. Sich die buſchigen ſchwarzen Haare aus der Stirne ſtreichend, und mit einer huͤ⸗ pfenden Bewegung eilte er auf Theophile zu, und legte ihm ſein Bedauern an den Tag, daß er ſich ſo ſchnell entferne, doch klang ſein Beileid wie Jubelge⸗ ſang. Theophile antwortete ihm freundlich, und ging an Louiſens Hand in die Wohnzimmer der Familie hinauf. Das ganze Perſonal derſelben war verſam⸗ melt außer Chretien und Ceſar; der letztere ließ je⸗ doch nicht lange auf ſich warten. Er trat ſehr aufge⸗ regt in das Zimmer, und druͤckte Theophile ſchweigend, doch innig die Hand. Monſieur André ſchloß den Laden heute etwas fruͤher als gewoͤhnlich, und ver⸗ fugte ſich, vom Principal eingeladen, ebenfalls zur Geſellſchaft. Die Kinder jubelten. Ceſars innere gluͤck⸗ ſelige Zufriedenheit verkundete jeder ſeiner Blicke, jede Bewegung, jedes gleichgultige Wort; denn er ſprach es mit einem ganz beſonders weichem Klang und ei⸗ ner außergewoͤhnlichen Wärme. Sein Blick ruhete oft wonnetrunken auf Louiſen, aber ſie hatte keinen Sinn fuͤr ihn. Der lang ſchon ſuͤß geahnte Himmel „ — 243— der Liebe hatte ſich für ſie aufgethan; ſein Lichtglanz umwob ſie, ſeine Töne umrauſchten ſie. Das Wort war ausgeſprochen, und mit ſeinem Tone war ſie ſich nun aller tiefen Gefuhle fur Theophile bewußt gewor⸗ den. Verklärt von ſtiller Wonne ruhten ſeine Blicke auf ihr. Die Mutter des Hauſes webte in froher Ge⸗ ſchaͤftigkeit, das Abſchiedsmal zu beſorgen. Nur Ga⸗ ſtine war nicht ſo heiter, ſo geſpräͤchig als ſonſt; man hörte ihm an, daß er ſich zwang, eine duͤſtere Laune zu verſcheuchen. Aber den ſchaͤrfſten Gegenſatz zur allgemeinen Heiterkeit bildete Madelons eigenſinniges, heftiges Weſen, ihre nicht zu verbergende Unruhe und ihre muͤrriſchen Worte gegen die juͤngeren Geſchwiſter, die Maͤgde, die Mutter, und alles, was ihr bei der Zubereitung des Tiſches in den Weg kam. Die an⸗ dern waren jedoch alle zuviel mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um ihr eine beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Auch le Char hatte ſich wieder eingeſtellt, und das Häuflein Menſchen ſaß zuſammen, ſich mit ihren Hoffnungen und der dunkeln Zukunft beſchaͤftigend. „Mich beſchleicht heute eine gar abſonderliche Weh⸗ muth,“ bemerkte Gaſtine bei Tiſche.„Ich habe Euch ſehr liebgewonnen, mein Sohn Charlot, und deßhalb ergreift mich die Trennung von Euchöſo ſchmerzlich.“ „Wir werden uns bald wiederſehen, mein Va⸗ tet,“ entgegnete Theophile,„und ich hoffe unter beſſeren Verhältniſſen.“ ⸗ „Mir iſt es, als könnte ich keinen Glauben da⸗ 16* — 244— ran gewinnen; eine truͤbe Ahnung bemächtigt ſich meiner Seele, als ſchieden wir auf ewig.“ „Ihr verderbt durch ſolche Reden gewiß jedesmal die Freuden des Zuſammenſeins,“ warf Madelon ſehr empfindlich ein, vielleicht, um einer erwachenden inneren Stimme kein Gehor zu geben. m „Es iſt wahrz laſſen wir das! ſagte Gaſtine in ſeinem gewoͤhnlichen gutmuͤthigen Tone, und ſchien, wie immer, das Harte in Madelons Rede ganz zu uͤberhören.„Wir wollen uns mit den Hoffnungen ei⸗ nes herrlichen Sieges uͤber unſere Glaubensfeinde und Verfolger den letzten Abend zu verfuͤßen ſuchen.“ „Vertraue auf den Herrn; er wird's wohl machen,“ ſagte le Char. 0 3 „Aber wo iſt denn Chretien?“ fragte plötzlich Ga⸗ ſtine!„Der junge Menſch war den Abend noch nicht geſehen worden, ſein Platz am Tiſche war unbe⸗ ſetzt. Niemand konnte Rechenſchaft uͤber ihn geben. Doch indem man ſich noch uͤber ſeine Abweſenheit wunderte, öffnete ſich die Thuͤre, und der Vermißte trat im Reitkleide herein, ging auf den Vater zu, ließ ſich auf ein Knie nieder, und ſagte:„ Gebt mir Euren Segen, Vater, und entlaßt mich aus Eu⸗ rem Hauſe. Etuiſt mein feſter Entſchluß, unter die Kämpfer meines Glaubens zu treten; verſagt mir Eure Einwilligung nicht; denn ich bekenne, daß“ ich auch ohne ſie nach la Rochelle eilen wuͤrde. Ich bin alt und ſtark genug, Soldat zu werdenz die Calvini⸗ —,— —— — 245— ſten beduͤrfen junger Arme; Ceſars Erzahlung hat den Funken in mein Herz voll Zunder geworfen, es brennt in lichten Flammen des Muthes und der Begeiſte⸗ rung fur die Sache unſeres Glaubens. Darum laßt mich mit dieſem Manne ziehen, der mein Vorbild iſt. Und Ihr, Verkuͤnder des göttlichen Worts, der Ihr mich erzogen und im reinen Glauben unterwieſen,“ wandte ſich der Juͤngling zu le Char,„gebt auch mir Euren prieſterlichen Segen zu meinem Vorhaben.“ Alle waren ſtumm vor Erſtaunen; Chretien, der ge⸗ ſtern noch ein Knabe ſchien, war heute zum vollende⸗ ten Juͤngling geworden. Seine Geſtalt war erhabe⸗ ner, ſein Blick ſicherer, ſeine Stimme ſtärker und fe⸗ ſter, ſein Ausdruck gewandter und bezeichnender. „So willſt auch Du mich verlaſſen?“ rief der Vater endlich ſchmerzlich. p „Ihr habt der Kinder noch mehr, Ihr habt noch Söhne“ verſetzte Chretien geſetzt. „Laßt ihn ziehen! Er iſt ein Werkzeug des Himmels,“ ſagte le Char.„Gott thut Zeichen und Wunder, und erweckt Loͤwenkraft in den Herzen der Kinder. Er gibt uns dadurch ein Zeichen des Sieges.“ Der Vater legte wehmuͤthig ſeine Hand auf des Soh⸗ nes Haupt, und ſchien ſtill zu beten; die Mutter ſchluchzte laut, dem Vater, Theophile und Louiſen wudden die Augen ebenfalls feucht, und nur Made⸗ lon ſchien nicht geruͤhrt. Des Predigers Geſicht ſtrahlte hohe Wonne aus.„Ziehe mit Gott!“ ſagte — 246— Gaſtine mit ſchwankender Stimme,„Du willſt für keine ſchlechte Sache kaͤmpfen, und ich darf Deinen Arm ihrem Beiſtande nicht entziehen. Sieh unſern wackern Freund Charlot als Deinen Vater an, und folge ſeinem Rath. Und Ihr, mein Liebwertheſter, entzieht ihm Eure Liebe nicht„uͤberlaßt ihn nicht ſich ſelbſt, leitet ihn, laßt ihn Euren Sohn ſein.“ Theo⸗ phile gab dem weinenden Manne mit einem Hand⸗ ſchlag das Verſprechen, ſich des Jünglings nach Kräften anzunehmen, und umarmte dann den muthigen Chre⸗ tien. Dieſer erzählte nun, wie er im Stillen ſich al⸗ les zur Reiſe angeſchafft. Sein Pferd ſtand ſchon geſattelt, ſein Buͤndel war geſchnuͤrt und darauf ge⸗ ſchnallt; ar war in jeder Minute zum Aufbruch be⸗ reit. Unter mancherlei Geſprächen verflogen noch ei⸗ nige Stunden; aber ein duͤſterer Geiſt brutete uͤber der Geſellſchaft. Die Scheideſtunde ſchlug. Theo⸗ — phile erhob ſich; da ſturzte Louiſe, alle Umgebung ver⸗ geſſend, in ſeine Arme, und der Liebe reinſte Küſſe glühten ihr auf Wange und Stirn. Der Abſchied löſte das Siegel von den ſich ſtumm liebenden Her⸗ zei.„Gott ſigne Euren Bund!“ rief Gaſtine.„Ja, — Ihr werdet gluͤcklich ſein. Ihr verdient es, und ſeid geſchaffen„einander zu begluͤcken.“ Der Prediger hatte ſeine Hände auf ihre Häupter gelegt und be⸗ tete fromm uud inbruͤnſtig. Dann ſprach auch er ſeinen kräftigen Segen uͤber ſie aus. Madelon hatte ſich, von einem ſehr ſchmerzlichen Gefuhl uͤberraſcht, — 247— abgewendet; André ſuchte ſich ihr in dieſem Augen⸗ blicke bemerklich zu machen; mit Verachtung ſchob ſie ihn bei Seite. „Der Buͤrgermeiſter in la Rochelle wartet auf Deine Erklärung,“ ſagte Ceſar an Theophile's Bruſt, als ſich Alle gegenſeitig umarmten.„Eile damit, und hole die Schweſter als Deine Braut, dann lege mir die Deinige mit derſelben Freude in den Arm, mit der ich die meinige an Deiner Vruſt liegen ſah.“ „Gott befohlen!“ rief Theophile.„Huͤte Dich vor dem Duc!“ fluͤſterte er Ceſar zu, als die An⸗ dern mit dem ſcheidenden Chretien beſchaͤftigt waren. „Ich werde ſeine Schwelle nicht wieder beſchrei⸗ ten. Verlaß Dich darauf!“ entgegnete Ceſar ebenſo. „Es gibt der Verſuchungen viele, und Dein Blut hat noch nicht Ruhe genug!“ warnte Theophile. „Ich ſtehe fuͤr mich! Ein Wort zieht mich zu Euch nach la Rochelle wie mit Ketten, und das heißt: Jeannette!“ Chretien wand ſich aus Vater⸗ und Mutterarmen. Theophile riß ſich von Louiſen los. Le Char ſprach Segensworte und himmliſche Troͤſtungen, ver⸗ hieß Sieg und Wiederſehen, und verfußte durch ſeine Zuſprache das Herbe des Abſchieds. „Unter Colignis Fahnen ſehen wir uns näch⸗ ſtens wieder!“ rief Ceſar den davon Eilenden zu. Im Hofe ſtampften die Roſſe. Die Reiter ſchwangen ſich hinaufz große weiße Maͤntel umhuͤll⸗ ten ſie. Hinaus ging's in die Nacht dem Morgen entgegen. Als ſie durch die Hinterpforte verſchwun⸗ den waren, jubelte André allein innerlich; denn der ihm vom erſten Augenblick ſeines Erſcheinens ſo ge⸗ faͤhrliche Weißmantel war ja fort, und der kleine Mann athmete freier. Mit ganz beſondern Plaͤnen beſchaͤftigt, die bald zur Ausfuͤhrung kommen ſollten, legte er ſich zu Bette. Aber ſo wie er, trug jedes Mitglied des Gaſtiniſchen Hauſes in dieſer Nacht ſeine eigenthuͤmlichen, von denen des Andern himmelweit verſchiedenen Gedanken mit in ſeine Kammer. Doch ſo ſehr auch die Gegenſtaͤnde und die daruber ange⸗ ſtellten Betrachtungen von einander abwichen, darin ſtimmten alle uͤberein, ihren Beſitzern den Schlaf zu rauben, und ihnen nur einen unruhigen, ermuͤden⸗ den Morgenſchlummer zu gonnen. Sechszehntes Kapitel. —— Meßbuch oder Bibel— Mir iſt's all Eins— Ich hab's der Welt bewieſen. Schiller in Wallenſteins Tod. „Du ſollſt mich anhören, abſcheulicher Menſch!“ ſagte Madelon am zweiten Tage darauf, als es ihr gegluͤckt war, enblich mit Ceſar allein zu ſein.„Und wenn Du auch wieder ein ächter Calviniſt geworden ——— — 249— biſt, ſeit Du Dein ſchmachtendes Liebchen in la Ro⸗ chelle geſehen, ſo bedarf ich doch Deiner Huͤlfe, Dei⸗ nes tuͤchtigen Beiſtandes jett, und den wirſt Du mir doch nicht entziehen, wenn ich Dich verſichere, daß ich ſeiner ſehr, ſehr bedarf.“ „So laßt horen, ſtolze Schöne; ich bin zu thun bereit, was in meinen Kräften ſteht.“ „Ich habe den Herzog in drei Wochen nicht geſprochen; er war zu ſehr am Hofe und in St. Ger⸗ main beſchäftigt.“ „Nun, was folgert Ihr daraus fuͤr mich?“ „Ei ſeht doch! Hat ſich das Blättchen ſo ſchnell gewendet? Ihr waret doch ſonſt ſehr eitel auf des Herzogs Gunſt! Hat ſie Euch etwa geſchadet, jun⸗ ger Herr?“ „Verſchont mich mit Euern Sticheleien, und ſagt mir lieber, was Ihr von mir begehrt. Ihr habt mein Wort, ich erfulle jeden Eurer Wuͤnſche, wenn es mir nur einigermaßen möglich iſt.“ „So geht ſogleich zum Herzog, und meldet ihm— daß er Vater ſein wird.“ „O Gott erbarme ſich Eurer! Meine Ahnung!“ „O ſchweigt, ich bitte Euch! Von Euch erwarte ich weibiſche Klagen, calviniſtiſche Winzeleien und ſtrenge Gerichtsſpruͤche am allerwenigſten, und des⸗ halb beehre ich Euch mit meinem ganzen Vertrauen. Ich weiß, wie Ihr uͤber unſern Glauben denkt, und oft genug ſind ſich unſere Anſichten begegnet. Dar⸗ — 250— um werdet Ihr ſo wenig wie ich glauben), ich habe eine Suͤnde gethan. Wenn lieben eine Suͤnde iſt, ſo iſt die Erhaltung des Geſchlechts ein Graul. Oder meint Ihr, ich hätte mein liebegluhendes Herz in die⸗ ſen calviniſtiſchen Eisgruben vergraben ſollen, um es abzukuͤhlen? Ich hätte geduldig warten ſollen, bis es einem langweiligen Froͤmmling gefallen, mich mit Singen uud Beten ins Ehebette zu fuͤhren? O laßt Euch nicht auslachen, junger Mann! Euer Geſicht ſtraft Euch ſelbſt Luͤgen. Die Geſetze der Natur hab' ich erkannt, und ſie befolg' ich. Was gehen mich die des alten ausgedorrten Calvin an! Der hatte keine Ahnung, wie's dem verlangenden ſehnſuͤchtigen Perzen zu Sinne iſt. Ich habe den Herzog geliebt, ich lieb' ihn noch bis zur Raſerei. Ich war vom erſten Augenblick ſein mit Leib und Seele, und bereue es auch heute nicht, was auch daraus folgen mag? Doch denkt daruͤber wie Ihr wollt, mein Freund, ich werde dem Herzog ganz und gar angehoͤren, ſo lang er mich mit ſeiner Liebe begluͤckt. Wozu be⸗ darf es der Ehe? Der Herzog darf mich nicht hei⸗ rathen; aber lieben darf er mich; und Liebe, nur Liebe verlang' ich von ihm.“— „Und was ſoll ich vom Herzog fordern?“ „Daß er mich aus dieſem Hauſe entferne und mich vor der Rache der Calviniſten ſichere.“— „Und wenn er es nicht thut? Wenn er nur eine — 2⁵51— Galanterie mit Dir trieb, Madelon? Wenn er Dich in den Armen einer Andern vergeſſen hat?“ „So ſtoß ihm den Degen durch die Bruſt! Das iſt Deine Ritterpflicht! Sie biſt Du mir ſchul⸗ dig als mein Freund und Vertrauter. Wo nicht, ſo ermord' ich ihn mit dieſem Dolch.“ „Ihr ſeid fuͤrchterlich, Madelon, und reißt mich mit Eurer Heftigkeit hin. Ich werde zum Herzog gehen.“ „Das rathet Euch Gott!“ ſagte das ſtolze Maͤdchen und verließ den in duͤſtre Gedanken verſun⸗ kenen Jüngling. Er machte ſich ohne Verzug auf den Weg nach dem Palais des jungen Guiſe. Freund⸗ lich kam ihm der Herzog Heinrich bis an die Thuͤre ſeines Vorzimmers entgegen.„Ei!“ rief er herab⸗ laſſend,„ſeit St. Germain habt Ihr nicht wieder an mich gedacht. Schon glaubte ich, etwas bei Euch ver⸗ ſehen zu haben, oder Euch mit reuigem Gemuͤthe in die Betkammer der Calviniſten verſchloſſen, als mir der Kammerherr du Froiſſet, mein beſonders hochge⸗ ſchätzter Freund, geſtern bei der Cour anvertraute, daß er in Euch ſeinen Sohn gefunden habe. Meine Freude daruͤber kennt keine Grenzen; denn Ihr ſeid nun ganz der Unſtige. Doch erlaubt mir Eigennuͤz⸗ zigen eine Frage, mich ſelbſt betreffend: Wie befindet ſich meine geliebte Madelon, deren gärtlichkeit mich in einer Ewigkeit nicht erquickte?“ Ceſar richtete mit moͤglichſter Ruhe ſeinen Auf⸗ — 252— trag aus. Der Herzog horte mit ſteigender Aufmerk⸗ ſamkeit zu. Als der Ungluͤcksbote fertig war, rief Heinrich Haͤnde ringend aus:„O eilt! eilt, mein Theurer, die Angebetete von der Angſt zu befreien! Sagt ihr, daß ich ſie mit Sehnſucht, mit der Liebespein eines Bräutigams erwarte. Ich will ſie ſchuͤtzen, lieben, verehren; auf den ſchönſten meiner Schloͤſſer ſoll ſie wohnen, und ſie ſoll dort herrſchen, wie uͤber mein Herz.“ „Euer Edelſinn entzuͤckt mich, Herr Herzog,“ ſagte Ceſar,„und ich kann Madelon nicht um ihre Liebe tadeln. Aber laßt uns ruhig uͤberlegen, wie wir das Maͤdchen ohne Aufſehen aus ihrem elterlichen Pauſe und aus der Stadt entfernen!“ „O uͤberlegt Ihr fuͤr mich! Ich gebe Euch Macht und freie Hand! Thut was Euch beliebt, nur ſchnell, damit ich die Liebenswurdige bald umarme. Ihr ſeid ja unſer Freund, und ich werde einen kleinen Theil der Euch ſchuldigen Verbindlichkeiten noch heute abzu⸗ tragen ſuchen. Ruft mir Euren Vater! Ja ihm, ihm darf und will ich mich anvertrauen. Er ſoll Madelon begleiten; er ſoll ſie auf mein Schloß fuͤh⸗ ren. Auch will ich wegen Eurer mit ihm ſprechen.“ Ceſar wollte ſich empfehlen.„Noch Eins!“ rief ihm der Herzog lächelnd zu.„Die drei ſchoͤnſten Damen unſeres Hofes haben ihre Blcke auf Euch geworfen, als ſie Euch in St. Germain geſehen. O ſie haben ſcharfe Augen! Und wer meint Ihr wohle „——— c———— — 2⁵3— Wahrlich nichts Geringeres als des Königs Schwe⸗ ſter, die reizende Margot Valois, die liebenswuͤrdige junge Herzogin von Nevers und die ſchöne Gräfin de la Bruyere. Man hat mich mit Fragen beſtuͤrmt, wer Ihr ſeid, und ich habe Euch meinen Kammerherrn und Oberſtallmeiſter genannt. Wollt Ihr mich Lugen ſtrafen? Ihr erhaltet noch heute das Patent; dann beginnt Eure Erobetungen mit Gluͤck, und ich ſeh' Euch ſchon als Hofmarſchall. Nun geht, ruft mir Euren Vater!“ Ceſar wußte nicht, wie ihm geſche⸗ hen war. Er taumelte fort und die Worte: Kam⸗ merherr, Oberſtallmeiſter, Margot Valois, Herzogin von Nevers, Gräfin de la Bruyere, klangen ihm un⸗ aufhörlich in den Ohren. Er konnte gar nicht zur Beſinnung kommen, ſo viel Muͤhe er ſich auch gab, ſich zu ſammeln. Bald ſchwebte ihm die Geſtalt der mit allen Reizen weiblicher Jugend geſchmuckten Prin⸗ zeſſin Margaretha vor, deren Schoͤnheit damals nicht ubertroffen wurde, er meinte in die unergruͤndliche flammende Tiefe ihrer ſchwarzen Augen zu ſehen, und erblindete faſt durch die Einbildung; bald meinte er ſeinen Namen, von der klangvollen zarten Stimme der ſchoͤnen Herzogin ſehnſuͤchtig gelispelt, zu verneh⸗ men, bald lockten ihn die liebefordernden Blicke der Gräfin; bald ſah er eine ganze reizende Frauenſchaar ſich um ihn ſtreiten, hörte ihre Schmeicheleien und Gunſtbezeugungen; bald glaubte er ſich im goldgeſtickten Kleide an der Seite des Herzogs am glaͤnzenden Hofe — 254— zu erblicken, ſah ſich höher ſteigen, und von Mar⸗ gots Armen umſchlungen, von ihren Glutkuͤſſen be⸗ geiſtert, griff er kuͤhn nach den höchſten Wuͤrden des Reichs. Mit ſolch gigantiſchen Luftſchlöſſern im Kopfe, die natuͤrlich für keine andre Ueberlegung Raum lie⸗ ßen, langte er bei du Froiſſet an. Die zärtlichſte Vaterneigung empfing ihn. Ce⸗ ſar theilte dem Glucklichen, ſo viel ihm in ſeinem jetzi⸗ gen Zuſtande moͤglich war, Charlots Abreiſe und die endliche Erklärung ſeiner Liebe an Louiſe, ſo wie deren Leidenſchaft fuͤr ihn mit. Des Vaters Herz erfullte immer großere Wonne. Dann verabredeten ſie mit einander, wie Ceſar ſich Louiſen entbecken und ſie hierher fuͤhren ſollte. Zugleich ſprach der Sohn den Wunſch des Herzogs von Guiſe aus, daß der Vater ihm ſchnell zu jenem folgen ſollte, und verheimlichte auch den Grund dieſes Verlangens nicht. „Ich bedaure das Mädchen,“ ſagte du Froiſſet. Der Dut iſt kein treuer Liebhaber; ich wette, er liebt ſchon eine Andre, und nur augenblickliche Ruͤhrung vermag ihn zu dieſen Schritten. Aber an ſolchen Vergehungen iſt die verkehrte Einkerkerung der Cal⸗ viniſten Schuld. Sie wollen die Suͤnde im Keime erſticken, allein ſie bedenken nicht, daß die gedruͤckte Feder um ſo wilder und gewaltiger aufſchnellt, wenn ſie einmal ſich losreißt, je ärger ſie fruher gepreßt wurde. Sie haben die Klöſter aufgehoben, aber ihre ganze Kirche bildet ein Kloſter. O Madelons Ungluͤck — — 2⁵5— erinnert mich nur allzu lebendig an die unſelige Ge⸗ ſchichte meines eignen Herzens. Wayrlich, ich liebe die Lehren der katholiſchen Kirche nicht, ich muß ihre Prieſter verachten, aber ſie iſt mir doch lieber als die calviniſtiſche, die aus dem Menſchen einen gefuͤhlloſen Klotz machen will, der nur Gebete und wieder Gebete herplappert. Arme Madelon! Auch Du biſt ein Opfer dieſes Unſinns geworden. Ich kenne Dich nicht, aber mein Herz nimmt großen Theil an Dir. Doch wir muͤſſen des Herzogs Stimmung zu Madelons und Deinem Beſten ſogleich benutzen. Er iſt Dir ſehr gewogen, und wͤnſcht Dich in ſeine Dienſte.“ „Mein Vater, ich gelobte einer Braut, ſchnell heimzukehren, ich verſprach dem Großvater, bald wie⸗ der ſeinem Hauſe anzugehoren, ich ſchwur dem Ad⸗ miral zu, mich unter ſeine Krieger zu ſtellen. Darf ich drei Eide brechen?“ „Was weiß die Liebe von dieſem blutigen Streite der Meinnngen; ſie liebt. Und wenn Jeannette Char⸗ lot dem Katholiken Ceſar nicht mit derſelben Freudig⸗ keit ihre Hand reicht, als dem Calviniſten, ſo preiſe Dich gluͤcklich, ſie nicht zu beſitzen. Iſt ſie Dir aber ergeben, wie eine wahrhaftige Braut muß, ſo gibt es ſchon Mittel und Wege, ſie Dir zuzufuͤhren, und ich ſchwore es Dir: ſie ſoll Dein ſein.“ 1 Ceſar ſchuͤttelte ungläubig den Kopf.„Euch ſind die Calviniſten fremd geworden„“ ſagte er dann. „Als Du dem Großvater wiederzukehren ver⸗ — 256— ſprachſt, hatteſt Du noch nicht den Vater gefunden⸗ Wer hat nun ein näheres Recht auf Dein Herz? Bei ihm, in ſeinem Hauſe warſt Du lange, und der Unduldſame, der finſtre, zelotiſche Calviniſt ſtieß Dich hinaus, weil Du liebteſt, und nur des Schmiedes ungewöhnliche Thaten erwarben Dir erſt ſeine Zuſtim⸗ mung zu Deiner Liebe. Ich beſaß Dich noch nie. Mein Herz ſehnte ſich viel lange Jahre vergebens nach Dei⸗ nem Umgang; und nun hätte ich kaum Minuten das größte Gluck genoſſen, was mir auf Erden noch blůͤ⸗ hen konnte, und Du wollteſt es mir ſchon wieder grau⸗ ſam mit Dir entreißen? Ich ſollte allein, huͤlflos, kin⸗ derlos dem Alter entgegen wanken, und mich im Schmerz verzehren, Dich nicht um mich zu haben, von Dei⸗ net Liebe nicht gepflegt zu werden? O dann wäre mir beſſer geweſen, ich hätte Dich nicht gefunden! Die Wunde ſchmerzte mich wohl noch zuweilen, aber ſie blutete doch nicht mehr. Du wuͤrdeſt durch Deine Entfernung nicht nur die alte wieder aufreißen, ſon⸗ dern mir noch eine neue und tiefere ſchlagen. Und welcher Sache wollteſt Du Deinen Vater aufopfern! Dem Fanatismus eines Glaubens, den Du ſelbſt nicht fuͤr den wahren erkennſt, dem Dein Herz ſo wenig zugethan iſt, wie das meine. Haſt Du mir nicht geſtanden, wie ſehr dieſe Nebelſchwere Duͤſter⸗ heit Dich beaͤngſtige, wie dies ewige Frommthun Dir zuwider ſei? Und Du wollteſt Dich desohngeachtet zu uͤberreden ſuchen, Du ſtritteſt fuͤr die Freiheit dieſes — 257— Glaubens, da es doch eigentlich nur die Abſichten des zuruͤckgeſetten Hauſes Bourbon auf die Theilnahme an der Verwaltung des Reichs ſind, fur die ſich die ungluͤcklichen Hugenotten in ihrem Wahne hinſchlach⸗ ten laſſen? Du bewunderſt dieſen Schmied. Es iſt wahr, er iſt ein ehrenwerther Mann. Aber iſt er auch ein freier, ſelbſtſtändiger Mann? Vermag ſein beſchraͤnkter Geiſt ſich zur Sonnenhoͤhe des freien Ur⸗ theils über die Schwäche ſeiner Kirche zu erheben? Er iſt Sklave der Prediger und des Admirals, er be⸗ folgt blindlings ihre Befehle, und iſt nichts als ein Werkzeug in ihren Händen. Er hat keinen freien Willen, und wurde unglücklich ſein, wenn er ihn haͤtte. Stehſt Du nicht höher, weit höher, Ceſar? Du haſt mit ſcharfem Blick die Verhaͤltniſſe ſchon geſchieden und die beſſern erkannt.— Kannſt Du noch waͤh⸗ len, Ceſar?“ „Ich bleibe!“ ſagte dieſer nach kurzem Kampfe „So erſt biſt Du mein Sohn!“ rief du Froiſſet und umarmte den Juͤngling.„ So erwartete ich Dich, und die Wahl ſoll Dich nie gereuen. Nun zum Herzog!“ Ceſars Patent war ſchon ausgefertigt, als ſie dort ankamen; der Herzog begrußte ſie mit der groß⸗ ten Herablaſſung und unterſchrieb es dann in ihrem Beiſein. Unter dem Namen ſeines Vaters, du Froiſſet, wurde Ceſar zum Kammerherrn und Oberſtallmeiſter Storchs Fanatiker. I. 17 des Herzogs mit einem ſehr hohen Gehalte beſtellt. Ceſar dachte an keine Widerrede mehr; denn ſchon tanzten ihm die Prinzeſſin Margot, die Herzogin von Nevers, die Gräfin de la Bruhere und alle die reizenden Hofdamen wieder vor den Augen ſeiner üppigen Phanta⸗ ſie. Der Herzog beredete nun mit dem Vater Madelons Flucht. Es wurde beſtimmit, daß Ceſar ſich ſogleich— — verfügen und ihr den Plan mittheilen ſollte. Gegen Abend ſollte er ſich zuerſt aus Gaſtine's Haus entfernen, und am äußerſten Ende der Straße St. Denis des Heizogs Wagen beſteihen, welcher dort ſeiner warten ſollte, um kein Aufſehen zu erte⸗ gen; Madelon ſollte ſich ſpäter wegſchleichen, ſchnell in den Wagen gehoben, und nach des Herzogs Pa⸗ lais gebracht werden, von wo aus nach einer Stunde der Liebe du Froiſſet ſie auf ein einſames aber— gelegenes Jagoſchloß bringen ſollte. Mit dieſer Inſtruction verließ Ceſar den c, um noch heute als Diener zuruͤckzu⸗ kehren. ——— ——————————— — 250— Si eb enzehntes Kapitel. Geſelle und Meiſter Die hatten Streit, Da ließ der Geſelle Die Arbeit zur Stelle, Und iſt nun gezogen 120 ½ Gar weit, gar weit. Der Schmied, von F. E. Scherer. m Dem kleiten André hatte die Enthuͤllung lieben⸗ der Zuneigung zwiſchen Charlot und Louiſe d'Alban kurß vor des Erſteren Abreiſe mit mancherlei ſeltſamen Gedanken erfullt. Zuvörderſt war er bei Madelon vor dem ſo ſehr gefurchteten Schmied als Nebenbuhler ſicher, und glaubte ſich ſchon deshalb ſeinem Ziele um einen Rieſenſchritt näher. Sodann aber regte ſich in ſeinem Hetzitt ein gar maͤchtiges Verlangen, die ſchoͤne Kaufmannstochter eben ſo an ſich zu ziehen, und mit Zärtlichteiten zu überhaufen, wie Charlot mit Louiſen gethan hatte. Dieſer köſtliche Anblick hatte in ſeiner Bruſt Wuͤnſche und Sturme erregt, die die Einſamkeit der Nacht nicht befriedigen und ſaͤnftigen konnte. Mit Ungeduld erwartete er den Nachmittag des folgenden Tages, wo er um die Erlaubniß eines Ausganges bitten durfte. Ohne Verzug begab er ſich zu ſeiner Mutter, die fur ſehr reich und fromm galt, ein gro⸗ ßes Haus in der Vorſtadt du Temple beſaß und ſtets 13 vielen Beſuch von Moͤnchen, Jeſuiten und andern gut katholiſchen Leuten um ſich verſammelt ſah. Die gute Frau hatte nicht die entfernteſte Ahnung vom Abfall ihres einzigen geliebten Sohnes, noch von der Ketzerei des Hauſes, in welchem er ſeine Lehrjahre ge⸗ ſtanden, und nun als Diener conditionirte, und wo⸗ rin er ſich ſo wohl zu befinden ſtets vorgab. André war klug genug, in ihrem Beiſein den Heiligen ſo geſchickt zu ſpielen, daß ſie nicht an die Wahrheit wuͤrde geglaubt haben, ſelbſt wenn man ihr ſolche hinterbracht haͤtte Maurice hatte einé lange geheime Unterredung mit der Mutter, an der nur ein einziger Hausfreund von der Geſellſchaft Jeſu⸗ der Pater Ambroſius, Antheil nahm, und verfugt⸗ ſich dann gegen Abend wieder nach der Straße St⸗ Denis. Mit hoffärthigem Pfauentritt ſtolzirte er durch den Laden, zog den Hut mit ausnehmender Freund⸗ lichkeit vor Herrn Gaſtine, gruͤßte Madelon mit zärtlichen Blicken und lächelte recht ſeelenvergnugt und ſelbſtgefällig in ſich hinein. Er war denſelbeh Abend ſehr geſprächig, obgleich ihm Niemand ant⸗ wortete, und verrichtete alle Sſchiſte n mit einer un⸗ gewohnten Haſt. Die heutige Nacht anſchabigte ihn fuͤr d Schlafloſigkeit der vorigen; denn ſie wiegte ihn in die ſuͤßeſten Traͤume, in die alle Madelons Bild verwebt war. Am andern Morgen rumorte er ſörn ſuy in ſeiner Kammer, putzte und vuͤrſtete, und dieſe Be⸗ weglichkeit verließ ihn den ganzen Vormittag im La⸗ den nicht. Gaſtine, der dies bemerken mußte, ſagte ſehr freundlich zu ihm:„Ei, mein Lieber, es ſcheint, als wollt Ihr heute Euren aͤußeren und inneren Men⸗ ſchen recht reinigen und ſäubern, und Euch ſo wuͤr⸗ dig vorbereiten auf das hohe Feſt des Engelfalls, welches wir dieſe Nacht mit dem Abendmahle unſeres Herrn und Heilandes feierlich begehen werden?“ „Ja wohl, mein hochverehrter Herr Prinzipal, ge⸗ denke ich das, und noch mancherlei mehr, wie ich z. B. kuͤnftig ein noch weit frömmeres, beſſeres und gluck⸗ licheres Leben fuͤhren will,“ antwortete der kleine Mann und lächelte pfiffig dazu. „Das iſt ſehr löblich von Euch!“ bemerkte Gaſtine. 5 Als das Mittagsmahl eingenommen war, und Herr Gaſtine ſich, wie gewöhnlich, auf ſein Zimmer zuruͤckgezogen hatte, trat André die heute ſehr lebhafte Madelon mit der hoflichen Bitte an, ſeine Funktio⸗ nen im Laden doch während einer halben Stunde gutigſt zu verrichten, weil er mit dem Vater etwas hoͤchſt Nothwendiges allein zu ſprechen habe. Nach erlangter Zuſage des ſchönen ſtolzen Mäd⸗ chens, nahm er ſich die Freiheit, was er noch nie⸗ mals gethan; ſich mit einem zaͤrtlichen Handkuß von ihr zu beurlauben. Lächelnd ſah Madelon dem Gluͤck⸗ ſeigen nach, als ahnete ſie, was er vorhabe. Er — 262— aber eilte nach ſeiner Kammer, warf ſich ſchnell in ſeinen beſten Staat und ſchritt gravitätiſch, doch mit hochklopfendem Herzen nach des Prinzipals Zimmer. Als er ſich noch einmal friſchen Muth geſchöpft hatte, trat er hinein. Gaſtine erhob ſich, nicht ohne Zeichen des Erſtaunens ſogleich hinter ſeinen Buͤchern aus dem großen heſth ging auf 5 Diener— und ſagte: „Ei Monſieur André, ſo im Staatel Sb Ihr vielleicht gekommen, mir und meinem Hauſe Valet zu ſagen, weil heute des Quartals Ende iſt, ſo thut es mir leid; denn ich verliere einen ſo thäti⸗ gen frommen Gehuͤlfen nicht gern aus meiner Hand⸗ lung.“ „Keineswegs, hochgeehrter Hrrt Gaſtine. Mein Erſcheinen hat vielmehr gerade das Gegentheil von Eurer Muthmaßung zum Zwecke,“ erwiederte André froh, einen ſo ſchicklichen Mlng ſeines Vortrages gefunden zu haben. „Es wird Euch bekannt ſein, wertheſter Hert Prinzipal,“ fuhr er fort, nachdem ernſich geraͤuspert hatte,„wie ich, als das einzige Kind meiner Frau Mutter, der Erbe eines nicht ganz unbedeutenden Ver⸗ mogens bin. Es hat der guͤtigen Mama aus ganz beſonderer Liebe zu mir gefallen, mir den großeren Theil ihrer Habe noch bei ihren Lebzeiten und zwar dieſer Tage noch abtreten zu wollen. Ein begüterter Freund derſelben will mir dazu noch ein großes Ka⸗ pital ohne Zinſen vorſtrecken, ja er hat mir ſogar Hoffnung gemacht, daß er daſſelbe niemals zuruͤckfor⸗ dern wuͤrde. Da ich nun in diejenigen Jahre gekom⸗ men bin, wo jeder gern ſein eigner Herr ſein moͤchte, da mir die Mittel nicht fehlen, ein eigenes anſehnli⸗ ches Geſchäft zu betreiben, da ich endlich in Eurem Hauſe in der edlen Handlungswiſſenſchaft ſo viel pro⸗ fitirt zu haben glaube, daß ich mit Gottes Beiſtand ein ſolches Unternehmen wohl wagen duͤrfte, ſo wuͤrde mich deſſen gewiß Niemand weniger verdenken, als Ihr, werthgeſchätzter Herr Gaſtine. Dahin ſteht aber, wie ſchon einmal reſpectvoll verſichert, keineswegs mein Sinn, ſondern ich möchte meine bei Euch geſammel⸗ ten Erfahrungen und Kenntniſſe noch ferner zu Eu⸗ rem Nutzen verwenden, und auch die mir zur Ver⸗ fugung geſtellten Kapitalien in Eurer Handlung an⸗ legen, undzmir, mit Eurer guͤtigen Erlaubniß, nur einen kleinen Mutzen dabei bedingen. Wozu der Herr im Himmel ſeinen Segen geben möge!“ „Das heißt mit andern Worten: Ihr wuͤnſcht mein Compagnon zu werden,“ verſetzte Gaſtine. „Es ſoll noch etwas mehr heißen, verehrteſter Herr,“ fuhr der kleine Diener lächelnd fort,„wie Euch ſogleich klar werden wird, wenn es Euch beliebt, mir noch einiges geneigtes Gehor zu ſchenken. Gern mochte ich unter Eurer verſtäͤndigen Lei⸗ tung mir kuͤnftig mein Leben gewinnen, und mit Euch zu gemeinſchaftlichem Vortheil verbunden ſein, — 264— doch unterſteht ſich mein Herz Euch noch ein weiteres Band zwiſchen Euch und mir vorzuſchlagen, ein un⸗ auflöslicheres, als jede Compagnieſchaft, ja das mich ewig an Euch und Euer Haus feſſeln wuͤrde.“ „Ihr macht mich ſehr begierig, dies kennen zu lernen.“ „Sollte Euer Scharfſinn noch nicht errathen haben, daß Ich Eure liebenswurdige Tochter Made⸗ lon meine? Der Menſch iſt nicht geſchaffen, daß er allein ſei. Ein Weib macht erſt den Mann, und ſo gedenk' ich es denn mit Madelon zu verſuchen, der mein Herz lange ſchon im Stillen abſonderlich zu⸗ gewandt iſt. Zwar iſt ſie etwas ſtolz und hochfah⸗ rend, doch denk' ich, wenn ich ihr von vorn herein gleich das Hausregiment zugeſtehe, wird ſich Alles zu gegenſeitiger Zufriedenheit machen. Der Erzvater Ja⸗ cob kam auch in das Haus ſeines Schwiegervaters Laban und dienete um deſſen Töchter. Laßt mich's nur geſtehen, ich habe Euch eigentlich auch nur um Eure Tochter gedient; denn mein Herz hat ſie ſchon ſeit Jahren verehrt. Aber ich habe es beſſer mit Euch vor, als Jacob mit Laban. Ich will Euch die ge⸗ liebte Tochter nicht aus dem Hauſe fuͤhren und mit ihr und meinem verdienten Gute davon ziehen, ſondern ich will ſeblſt bei Euch bleiben und meinen Reichthum noch zu dem Eurigen ſchlagen. Es kommt demnach nur auf Euer väterliches Jawort an, um welches ganz ergebenſt nachzuſuchen ich vor Euch erſchienen bin.“ ueber des Kaufmanns rundes Geſicht wären im Verlauf der Rede des kleinen Handlungsdieners all⸗ maͤhlig Wolken gezogen. Als André geendet, ſtand Gaſtine auf, rieb ſich die Stirne und maß die Stube einigemale mit langen Schritten. „Ich weiß die Ehre zu ſchätzen, die Ihr mir durch Euren Antrag erweißt, Monſieur André, be⸗ gann er endlich in einem Tone, dem man anhoͤrte, daß es ihm ſelber leid that, alſo reden zu muͤſſen. „Ich bin Euch auch ſehr dankbar dafuͤr. Wenn Ihr aber meint, es komme jetzt nur auf mein Jawort an, ſo irret Ihr Euch doch gar ſehr, und ich gebe Euch zu bedenken, daß es hauptſaͤchlich auf Madelons Nei⸗ gung zu Euch und ihre Wilffährigkeit zur Ehe an⸗ kommt. Waͤren dieſe vorhanden, ſo ſollte Euch mein Jawort nicht fehlen.“ „Aber Ihr ſeid doch Vater. Euer Wille muß ihr heilig, muß ihr Befehl ſein.“ Wohin denkt Ihr, Monſieur André! Wie wuͤrde ich meinem Kinde meinen Willen aufzwingen, wie ſie zum Traualtar ſchleppen, wenn ihr Herz nicht Ja und Amen zu dem Bunde geſagt hätte! Wie konnt Ihr mir als ein wahrer Calviniſt ſolches anmuthen? Es wäre ja nicht nur lieblos, ſondern tyranniſch und gott⸗ los. Nein, Monſieur André! Und da ich nun von meiner Madelon oft und viel gehort, daß ſie zu Euch nicht die geringſte Zuneigung verſpuͤre, dieweil Ihr mit Eurer Bewerbung eben nicht heimlich gethan habt, ſo muß ich Euch deshalb inſtaͤndigſt bitten, Euch dieſe Gedanken vergehen zu laſſen. Behaltet Ihr Euer Gelds ich will meine Tochter behalten.“ „Iſt das Euer letzter Beſcheid?“ fragte André trotzig. minh „Ihr wißt meine Geſinnug ein fuͤr allemal.“ „So werdet Ihr mir meine Zeugniſſe ausſtellen⸗ und mir erlauben, daß ich morgen Euer Haus ver⸗ laſſe; ich wuͤrde es nicht ertragen koͤnnen, mich da verachtet zu ſehen, wo ich liebte.“ 16( „Laßt Euch von Eurer gereizten Empfindlichkeit nicht verblenden,“ bat Gaſtine wieder ſehr milde. „Es verachtet Euch Niemand in meinem Hauſe, wir ſind Euch im Gegentheil alle ſehr zugethan, aber Ma⸗ delon liebt Euch nicht ſo, um Eure Frau werden zu können. Das iſt der ganze Unterſchied. Ihr werdet ein auderes treues Weib unter unſern jungen Glau⸗ bensgenoſſinen finden, und mit ihr glucklicher ſein, als ihr es mit Madelon geworden ſein wuͤrdet, die meiſt gar wunderliche, abſonderliche Launen hat, mir ſchon viel zu Schaffen macht, und Euch nun vollends viel Ehearger bereiten wurde. Bleibt hei mir! Lauft nicht in Blindheit von dannen! Es könnte Euch ſchwer gereuen. Ihr koͤnntet in die Stricke des Satans fallen, die Euch— ich weiß es— im Hauſe Eurer Mutter gelegt werden. Ihr ſeid der beſte und froͤmmſte Cal⸗ viniſt, allein der Beſte kann ſich ubereilen. Ueberlaßt mir die Sorge fuͤr Eure Verheirathung. Ich will Euch ein gutes Weib ſuchen, die auch nicht arm iſt; ich will den Freiwerber machen, Ihr ſollt mit mir „Ich danke fuͤr Eure Gäte!“ verſetzte An⸗ drs ſpöttich.„Pemäht Euch nicht. Ich will mir eine Condition und Frau ſelber ſuchen.“ „Nun wie Ihr wollt,“ ſagte Gaſtine, von An⸗ dre's Tone beleidigt.„Uebrigens werde ich Euch nach Eurem eignen Wunſche, wenn Ihr Euch nicht noch eines Beſſeren beſinnen wollt, mit dem gebuͤrenden Lobe aus meinem Hauſe entlaſſen.“ eb zpiktn Vernichtet und den Ruin all ſeiner ſchoͤnen Hoff⸗ nungen und Pläne im Geiſte grimmig uͤberſchauend, empfahl ſich André; und wie er ſo zuverläßig, das Herz voll Seligkeit durch die Thuͤre in das Zimmer getreten war, ſo ſchritt er jetzt gedemuthigt, das Herz voll Rache und Bosheit hinaus. Es koſtete ihm lange Zeit, eh' er im Laden die gehörige Faſſung gewinnen konnte; denn die Taͤuſchung hatte ihn all⸗ zuheftig zu Boden geſchmettert. Endlich gewann er es über ſich, die Geſchäfte des Ladens noch einmal zu beſorgen und ſich mit Ordnen ſeiner Angelegenhei⸗ ten auf die morgende Abfahrt vorzubereiten. In ſei⸗ ner Bruſt kochten dabei Gift und Galle, vorzuͤglich gegen Madelon und Ceſar, der ihn ſtets mit ſo ſchmeichelhaften Hoffnungen hingehalten hatte. Der ungluͤckſeligſte Tag in Andrés Leben hatte ſich unter dieſen ſeinen ſtillen Betrachtungen, die eben nicht die chriſtliche Liebe erzeugte, geneigt. Da ſchritt Ceſar eilig durch den Laden der Straße zu. André wollte ſogleich uͤber ihn herfallen und ihn mit Vor⸗ wuͤrfen übetſchtten, aber der kräftige Junker entle⸗ digte ſich des zubringlichen Geſellen durch einen un⸗ ſanften Rippenſtoß, indem er rief:„Morgen Alles, Alles! Jetzt gar nichts; denn die Zeit draͤngt Ich habe ſehr wichtige Geſchaͤfte!“— Das verſtörte Geſicht, welches Ceſar dabei dem Labendiener zeigte,— dieſ en— und nachdenklich. „Was mag der vch wieder im Schilde ſih⸗ ren?“ brummte er vor ſich hin, und ſchob ſich, dem haſtig davon eilenden Junker argwoͤhniſch nachblickend, wieder hinter ſeinen Verſteck. Kaum mochte er eine halbe Stunde dort gebrutet haben, als er Madelons teichten Fuß durch den Laden ſchluͤrfen hörte. Hor⸗ chend und mit den Augen blinzelnd, ſteckte er den Kopf hervor. Da ſchwebte ſie daher reizend wie die Göttin der Liebe, und ihm, dem armen Verſtoßenen, mochte das Herz im Buſen ſchmelzen vor Schmerz und Verlangen. Durch einen langen Mantel war ſie gegen die Friſche des Septemberabends geſichert, doch glaubte André zu bemerken, wie ſie etwas dar⸗ unter verborgen halte. Blitſchnell ſchoß ihm der Ge⸗ danke durch den Kopf, wie dieſer abendliche Ausflug wohl wieder einer neuen Liebelei gelte, wie ſie wohl mit dem preſſirten Davoneilen des zweideutigen Ce⸗ — 260— ſar zuſammenhuͤnge Ohne weiter darüber machzugri⸗ beln, ſchrzte et ſein Hütchen auf den Kopf und folgte der raſch ſchreitenden Madelon durch die Daͤmmerung der Straße nach, wie er ſonſt ſchon gethan hatte. War er doch dem Laden und ſeinem Beſiber keine Pflichten mehr ſchuldign und konnte das Haus ohne beſondere Erlaubniß des Principals werlaſſen Am Ende der Straße erblickte er den ungeheuren Wagen⸗ ſehſwie Madelon an demſelben ſiehen blieb und be⸗ flügelte ſeine Schritte, um ihn von der andern Stite zu erreichen. Eben, als er anlangte, heb ſie der Kut⸗ ſcher hinein undſchwang ſich auf den Bock. Fuͤr Andre gabs keine Ueberlegung. Mit einem Satzr war er hinten auf, und das ſchwere Fuhrwerk raß ſelte mit ungemeinem Lärm durch die ſtaubjge Straße davon: André wagte kaum zu athmen, ſo ſehr war er mit ſeiner neuen Eutdeckung und der Angſt⸗ ſelbſt entbockt zu werden/ beſchäftigt. 0( an un n Vor des Herzogs Palais wurde gehalten. Ker zenglanz erhellte die Hausflur; das Portal wurde ge⸗ öffnet. Andrs druͤckte ſich ſtil vom Wagen herunter Dieſet fuhr duch das Thor. Im Hauſe erwartete ihn zwiſchen zwei Fackeln tragenden reichgeſchuck⸗ ten Pagen im höchſten Liebreiz ſeiner männlichen Schönheit der junge Herzog von Guiſe. Er ſelbſt oͤffnete den Schlag und Madelon ſprang heraus in ſeine Arme, um alle die Küſſe zu erwiedern, mit de⸗ nen er ſie überdeckte. Eeſar ſtieg hernich aus. Die —— Geſellſchaft Wandelte unter Liebkoſungen der Liebenden die breite Treppe hinauf, und Andté, der dis ganze Scene mit angiſehen hatte, ſtand von Fieberfcoſt ge⸗ ſchuͤttelt, wie in den Boden gewürzelt, an der Thuͤre. Endlich kam der Portier, um ſis zu verſchließen, und ſchleuderts den kleinen mißgeſtalteten Geſellen, der auf das Wort nicht———— in die Straß⸗ hinuus. un 1 hilä 0 Wie züt vn er et geſtan⸗ den, ohne Bewegung, aber auch ohne Leben, ohne Gedanken Der unetwartete Schlag hatte ihn hart getroffen. Nun ber, als der Portier das kleine Scheuſal, vor wlchem der Manti ſichlentſetzte, auß die Straße hinusgewbrfen, nun fand ſich wieder Leben und Bewegung bei dem Unhold ein. Mber welches Keben, welche Beiegung Zuerſt uͤberlief ihn ſiedende Hitze domm Wirbtl ſeines Hauptes bis zur Fußſohle hinab, nun ſträubte ſich ſein Haar zu Berge wie die Bpr⸗ ſten des Igele dienerſt von Schrecken ausgeſtrckten, ſteifen Arme uid Finger kruͤmmten ſich krampfhaft ʒůſumen und errafften, auf dem ſtaubigen Bo⸗ den hinſchlurfend, Steine, Holz und Erde, die Hände ballten ſich feſt zuſammen and preßten ſich an das Kin, über welches aus dem Munde ein Heißer Schaum floß Die halb ſchloßnen Augen wur⸗ den mit jedem Augenblick größer und gewannen i⸗ nen immer entſetzlichern Ausdruckz zuletzt rollten ſie wie feurige Räder lund aus dem Munde erſchallte ein ohrqualendes Geräuſch, durch das Küirſchen mit den Zähnen verurſacht. Und immer mehr wich der graͤßliche Staarkrampf und machte einet noch gräßli⸗ chern Bewegung Platz unb inimer mehr ſchwänd die Ohnmacht und ein futchtbares Bewußtſein überflügelte den Kaufmannsbiener. Denn nichts als entſetzliche Fluͤche murmelte ſein Muld, die aimählig lauter wulden, zületzt belltb et wie ein toller Hunb, und ver⸗ ſcheuchte die Vorbergehenden, welche; von Mitleid angelockt, herbei kamen, dem an⸗ der Eide disgenden Menſchen Beiſtand zu leiſten Verzweiflung rikelte ihn einpot, t fuͤhlte heftige Schmerzen im Kopfeſ im Rücken in den Glidern. Nüm erſt äffte e ſich auf utb rannte öhne Hut, voll Koth und Staub, mit detwiteten Haaren, vollenden Augen, ſchäutkenb und fluchend, gleich einem Wahnſinnigen flüchtiß wis ein ghettes Reh, ein Bild des Entſetzens, durch meh⸗ tett Straßen, eh er einen anbern Gedanken als Rache⸗ fürchterliche Rache faſſen konite. Endlich aber müßte et doch uͤberlegen, auf welche Art er ſich üm nachdrück⸗ ichſtni und zugleich am ſchüelſten cächen ver⸗ möchte. Aber irgeid eines Nachdenkens hanz üufü⸗ hig, erhiff er den erſten beſten Gedauken, der ihm durch den Kopf führ, mit wiber verzweifeltet Haſt. Unb ebet fiel ihm ein, daß it dieſer Nacht Gottes! dienſt und Abendmahl in Gaſtine's eller ſei, und ſogleich faßte er den Eutſchluß, Madileh ub Coſat an den ſtrengen Prebiger ie Chu zu verchet, da⸗ —— mit dieſer ſogleich Anſtalten zur Verfolgung und Be⸗ ſtrafung der Treuloſen treffen könnte. Weiter dachte er nicht, ſondern nach Befriedigung ſeiner Rachier lechzend und nur eben dies eine Mittel gewahrend, ſturmte er davon nach einem der kleinen Gaſſen, welche ſich zwiſchen den Straßen Thevenot und de Cleri an der linken Seitender Straße St. Denis be⸗ finden. Dort wohnte der Prediger le Char. Das abgelegene PHauschen, worin ſich die ärmliche Woh⸗ nung des Gottesmannes befand, war ſchon verſchloſ⸗ ſen. André trommelte mit ungeheuren Fauſtſchlägen an die czerbrechliche Thuͤr, daß ſie von einander gefah⸗ ren ſein würde; wenn ſie vicht allſogleich von einer zum Tod erſchrockenen Magd geöffnet worden wäre. Nochumehr entſetzt von dem wirklich gräßlichen An⸗ blick des kleinen Mannes, fluͤchtete ſich das Weib krei⸗ ſchend; Andrs raſſte ihr nach, fiel in der Dunkel⸗ heit uber mehrere Gegenſtaͤnde, erreichte endlich in wil⸗ der Haſt le Chars Stube, riß die Thuͤre auf und — die hohe Schwelle, ſo daß er vprwirts — und Naſe arg verlette und Blutſtrme— Das ganze Paus, in welchem nur fur einige Huge⸗ nottenfamilien Platz war, gerieth in Aufſtand, die er⸗ ſchrockenen Leute waren ſich keines Geringern gewär⸗ tig, als Verhaftung des Prieſters; le Char hatte in der größten Eile ſein Predigerkteid von ſich geworfen — denn er war ſchon halb zum Gottesdienſt ange⸗ „ — 273— kleidet geweſen— und es in einen großen alten Reiterſtiefel geſteckt, der ihm zum Flicken gebracht worden war, ſich ſelbſt hatte der gewaltige Knecht Gottes auf ſeinen Schuſterſchemel geworfen, hatte ei⸗ nen Schuhdraht, Pfrieme und Pech ergriffen, und arbeitete ſo friſch drauf los, als wuͤrde noch in dieſer Nacht die Fußbekleidung hochſt nothwendig gebraucht. Alſo erwartete er, dem Anſchein nach, ruhig die Dinge, die da kommen ſollten. Als aber der kleine Kauf⸗ mannsdiener auf ſo ganz originelle Weiſe ſeinen Ein⸗ tritt in das Zimmer nahm, fuhr der gefaßte Schuh⸗ flicker doch mit Entſetzen und Grauen vom Schemel in die Höhe, ließ Leiſten und Pfrieme fallen, ſtieß den Werkeltiſch um und retirirte ſich in die Kammer. André erhob ſich und ſuchte den Prediger mit den Augen, indem er die unzuſammenhaͤngenden Worte ausſtieß:„Monſieur le Char— Duc de Guiſe— Madelon— Rache— niederträͤchtig—„Wo ſeid Ihr? Helft! Rettet! Räͤcht! Tod und Verderben!“ Dabei ballte er die Fäuſte wieder, weinte und ſtöhnte und trocknete ſich mit ſeinem Rocke Blut und Thraͤ⸗ nen ab. Der Prediger in der Kammer ſchwitzte vor Angſt; denn er war feſt uͤberzeugt, der arme André ſei verruͤckt geworden, und werde Gewaltthätigkeiten an ihm verrichten. Er verhielt ſich daher eine Weile„ ruhig, und als André, von Schmerz und Verzweif⸗ lung gefaßt, von Abſpannung hingeriſſen, ſich auf ei⸗ nen Stuhl geſetzt und ſein brennendes Geſicht auf Storchs Fanatiker. 1. 18 — 2741— eine Hand geſtuͤtzt hatte, und Ströme von“ Thra⸗ nen aus den Augen fallen ließ, da faßte le Char den heroiſchen Entſchluß, ſich aus ſeinem Verſteck hervor⸗ zuwagen, gleich einem Pfeile an André hinzuſchießen, und die Thuͤre der Stube zu gewinnen. Aber der eilige Bibelheld hatte noch nicht die Hälfte des Wegs zuruckgelegt, als der Kleine ſeiner gewahrte, aufſprang und den Fliehenden beim Schopfe faßte, um ihn zu⸗ ruͤck zu halten und ihm die hoͤchſt wichtigen Nachrich⸗ ten mitzutheilen. Aber der Aufgehaltene ſchrie aus vollem Halſe um Huͤlfe, und ließ den Ladendiener na⸗ turlich nicht zum Worte kommen. Die kleine Stube war bald voll Menſchen; denn alle Hausbewohner dran⸗ gen mit Geſchrei hinein.„ „Befreit mich von dieſem tollen Menſchen!“ rief le Char.„Er hat den Verſtand verloren. Ret⸗ tet mich aus ſeinen Händen, ſonſt bringt er mich um in der Raſerei.“ Sogleich packten ein Dutzend Faͤu⸗ ſte den verzweifelten André, welchem all ſein Proteſti⸗ ren nichts half— da Benehmen und Ausſehen uͤber des Predigers Ausſage keinen Zweifel ließen— ſo daß er in die Kammer geſperrt und an ſein Toben und Wuͤ⸗ then ſich nicht gekehrt wurde. Nachdem der entſetzte Prediger ſich nur einiger⸗ maßen wieder erholt hatte, gebot er Stille im Kreiſe, faltete ſeine Hände und erbat ſich Kraft und Stäͤrke von Gott, daß er Macht erhielte über den unſaubern = — 275— Geiſt, welcher in André gefahren ſei, und denſelben austreiben koͤnne. Hierauf verfugte er ſich vor die Kammerthuͤre, erhob ſeine Stimme und rief:„Der Herr, welcher den beſeſſenen Menſchen aus den Grä⸗ bern geheilt und ihm die Legion Teufel ausgetrieben, der Herr, welcher den mondſuchtigen Sohn geheilt, hat mir die Macht verliehn, Dich zu beſchwören, hoͤlliſcher BGeiſt, daß Du ausfahreſt aus Maurice André und Dich an einen andern Ort begebeſt. Haſt Du Luſt auch in die Saͤue zu fahren, wie jene Legion, welche der Herr Chriſtus austrieb, ſo fahre hin in die Säue der Katholiſchen und ſtuͤrzte ſie ins Meer, beſſer abet thuſt Du, wenn Du in ſie ſelbſt fährſt— denn ſie ſind nicht beſſer als Saue— und jage ſie in die Seine, daß ſie alle darin umkommen. Fahr' aus, Kobold, im Namen Gottes des Vaters und des heiligen Gei⸗ ſtes!“ Aber der böſe Geiſt fuhr nicht aus Andreé, ſo oft der gläubige und auf ſeine Wunderkraft ver⸗ trauende le Char auch die Bannformel wiederholen und verſtärken mochte. Vielmehr ging's ihm, wie g9eſchrieben ſtehet vom blödſinnigen Sohne: Und alſo⸗ bald, da ihn der Geiſt ſahe, riß er ihn, und fiel auf die Erde, und wälzte ſich und ſchäͤumte. André tobte immer fuͤrchterlicher und der ängſtliche Prediger ließ endlich den Glauben an ſeine göttliche Heilkraft fahren und beſchloß nun, zur menſchlichen eines geſchickten Arztes ſeine Zuflucht zu nehmen. Le Char warf ſich nun raſch in die Kleider, um . 18* — 6— einen calviniſtiſchen Arzt herbeizuholen, welcher dem Tollgewordenen Huͤlfe leiſten ſollte. Kaum hatte er das Haus verlaſſen, als André mit dem Aufgebot all ſeiner Kräfte, welche die Wuth Bedeutendes geſteigert hatte, die Kam⸗ merthuͤre ſprengte, und wie ein angeſchoſſener Eber heraus raſ'te. Männiglich floh vor ihm, und mit ei⸗ nem ganz andern Entſchluße im Kopfe jagte er davon dem Faubourg du Temple zu. Als le Char mit dem Arzte kam und den Vo⸗ gel ausgeflogen fand, ſuchten die Leute ſich gegenſei⸗ tig zu beruhigen, löſchten die Lichter und warteten noch einige Zeit, um recht vorſichtig zu ſein; denn der Lärm hatte doch einiges Aufſehn in der Gaſſe ge⸗ macht. Dann ſchlich Einer nach dem Andern davon in duͤſtre Mäntel gehüllt, und le Char blieb bis zuletzt, um ſich ſeine Predigt wieder ins Gedächtniß zuruͤck zu rufen, die er üͤber den ſchrecklichen Anfall faſt ver⸗ geſſen hatte. noch um ein — 27— Achtzehntes K pit Es war aber der Satanas gefahren in den Judas, ge⸗ nannt Iſcharioth, der da war aus der Zahl der Zwölfe. Und er ging hin und redete mit den Hohenprieſtern und mit den Hauptleuten, wie er ihn wollte ihnen überant⸗ ten. Und ſie wurden froh, und gelobten ihm Geld zu geben. Evangelium Lucä, 22, 3— 5½ Traulich im Stubchen ſaßen der Pater Ambro⸗ ſius und Madame André zuſammen, vertieft in geiſt⸗ liches Geſpräch. Sie war eine huͤbſche Frau in ih⸗ ren beſten Jahren, der Pater ein wohlgebildeter ge⸗ ſprächiger Mann. „Ihr habt alſo drei Meſſen heute gehort?“ fragte der Jeſuit, mit der ſchönen Pand der Witwe taͤndelnd. „Ich rief die Heiligen alle an, ſich meines Mau⸗ rice zu erbarmen und ihn recht gluͤcklich zu machen.“ „Ihr habt mir noch nichts vom Erfolg ſeines Vorhabens berichtet; wie iſt ſeine Freiwerbung bei ſeinem Prinzipal abgelaufen? Pat er mit der Braut Euch heute noch keinen Beſuch gemacht?“ „Er war noch nicht wieder hier, und ich wundre mich ſelbſt daruͤber.“ „Er wird doch nicht abgewieſen worden ſein.“ „Das befuͤrcht' ich nicht. Herr Gaſtine liebt meinen Maurice dazu viel zu ſehr, wie mir Beide oft — 278— verſichert haben. Herr Gaſtine hat mich zu verſchie⸗ denenmalen mit der Troͤſtung erfreut, daß Maurice nicht nur ein ſehr geſchickter Kaufmann, ſondern auch der beſte gottesfurchtigſte Menſch ſei, und daß er noch niemals einem ſeiner Ladendiener ſo wohl gewollt, als dem kleinen Burſchen. Maurice iſt dem Herrn Ga⸗ ſtine unentbehrlich geworden, das weiß ich ſchon lange; deshalb hat er ihn auch nicht wieder aus ſeinem Hauſe entlaſſen. Und Herr Gaſtine kennt als ein guter Kaufmann wahrlich ſeinen Vortheil beſſer, als einen ſo brauchbaren, mit dem ganzen Handesgeſchäft ſo gut vertrauten Geſellen, der ihm noch dazu ſo ein an⸗ ſehnliches Vermoͤgen zubringen will, von der Hand zu weiſen. Nein, mein lieber Pater, habt deshalb keinen Kummer. Maurice wird Gaſtine's Schwieger⸗ ſohn. Wenn ich Alles ſo gewiß wuͤßte, ſo koͤnnt' ich eine Prophetin abgeben.“ „Wenn ich nicht ſehr irre,“ ſagte der Pater, „ſo war es derſelbe Gaſtine, welcher vor den Glau⸗ benskriegen im Geruch der Ketzerei ſtand.“ „Mein ſeliger Mann hat mir davon geſagt, daß Gaſtine einmal ein Verächter der Meſſe und Anhäͤn⸗ ger der Predigt geweſen ſein ſollte. Doch iſt das da⸗ mals gar nicht erwieſen worden. Ihr wißt am be⸗ ſten, wie viele Leute damals der Abtruͤnnigkeit von der alleinſeligmachenden Kirche beſchuldigt wurden, die ſich doch ſpäter als die treuſten eifrigſten Verthei⸗ diger des Stuhles Petri gezeigt haben. Aber geſetzt, — 279— Herr Gaſtine ſei einmal gewankt, ſo iſt er doch nicht gefallen, iſt von ſeinen Irrſalen zuruͤck gekommen und in den Schoos unſter Mutterkirche zuruͤckgekehrt. Mau⸗ rice hat mir nie genug Ruͤhmens von der Frömmig⸗ keit des ganzen Gaſtine'ſchen Hauſes machen koͤnnen. Sie hören täglich ihre Meſſe, thuen Wallfahrten und richten Geluͤbde aus.“ „Wofüͤr die Heiligen gnädig aus dem Himmel auf ſie herabblicken werden,“ ſagte der Pater ſ ſrommen Blicken nach oben, die Haͤnde gefaltet.„Auch ich will dies Haus in mein Gebet einſchließen und dem heiligen Ignatius empfohlen ſein laſſen. Denn iſt dieſer Mann zuruͤckgekehrt von den Wegen des Satans, hat ſich wieder los gemacht aus den Stri⸗ cken der Hölle, hat die Ketzerbrut verlaſſen, um wieder zur Schaar der Altgläͤubigen, Gott Treugebliebenen zu gehören, ſo muß man ihn darum loben und dem Himmel zu Gnaden empfehlen. Sagt mir doch, meine Liebſte, wie iſt denn Euer einzig Söhnlein in das Haus des Herrn Gaſtine gekommen?“ „Mein ſeliger Mann und Herr Gaſtine waren alte Handelsfreunde und oft hoͤrt' ich meinen Schatz ſagen, daß in Paris wenig ſolcher geſchickten Kauf⸗ leute zu finden ſeien, wie Gaſtine. Da nun mein Gemahl nach des Himmels Schluß mir und der Er⸗ de ſo fruͤh entriſſen und von den Engeln in Abra⸗ hams Schoos getragen wurde, wußte ich in meiner Bekummerniß lange nicht, an wen ich mich meines — 280— Söhnleins halber, welches damals vierzehn Jahre alt war, wenden ſollte. Ich verkaufte die Handlung und alle Waaren meines Seligen und ſtellte es dem hei⸗ ligen Antonius, meinem Schutzpatron, anheim, was aus Maurice werden ſollte. Zu meinem unausſprech⸗ lichen Entzucken zeigte derſelbe große Luſt und Ver⸗ langen zum geiſtlichen Stande, und ich war ſchon im Begriff, ihn in ein Collegium zu ſchicken, als er ei⸗ n Sonntags, nachdem er auf einem Spaziergange Herrn Gaſtine getroffen und ſich lange mit ihm un⸗ terhalten hatte, mir zu meinem Kummer erklaͤrte, er werde nicht Geiſtlicher, ſondern Kaufmann werden, und ich möchte ihn zu Herrn Gaſtine in die Lehre ſtellen. So ſehr ich auch anfangs dagegen eiferte, ſo gab ich doch den inſtändigen Bitten des guten Jungen nach; denn er beſtand darauf, heulte und ſchrie, drohte krank zu werden und zu ſterben. Und wo kann eine Mut⸗ ter ſein, die ſich nicht erbarme uͤber den Sohn ihres Leibes? Ich ſuchte die Kirche fuͤr den Verluſt auf andre Weiſe zu entſchäͤdigen, ſprach mit Herrn Ga⸗ ſtine, welcher meinen Wuͤnſchen auf das Guͤtigſte entgegen kam, und vier Wochen darauf ſtand mein geliebter Maurcie in Gaſtine's Laden.“ „Ihr ſeid eine eben ſo vortreffliche Mutter als fromme Frau,“ ſagte der Pater und druͤckte Mada⸗ me André feurig die Hand. Hierauf gingen ſie zu andern inbrunſtigen und geiſtlichen Unterhaltungen uber, — 281— und die gute Frau prieß ſich glucklich, einen in jeder Hinſicht ſo ausgezeichneten Beichtvater zu beſitzen. So war die zehnte Stunde ſchon voruͤber, und der Pater ſchickte ſich an, das Haus der frommen Witwe zu verlaſſen, um der böſen Welt keinen ar⸗ gerlichen Verdacht zu geben. Er griff nach dem Buchsbaumzweig, welcher unter dem Bilde des heili⸗ gen Antonius unter der Thuͤr quer uͤber dem Weih⸗ keſſel lag, tauchte ſeine Blätter in das geweihte Waſ⸗ ſer und beſprengte damit die Witwe und ihr keuſches Lager, um ihr dadurch eine ruhige Nacht zu bereiten. Sie dagegen ergriff den Saum ſeines Rockes, um einen demuͤthigen Kuß darauf zu druͤcken, da raſſelte und toſete es plötzlich gewaltig an der Hausthuͤre. Staunend ob der ſpäten Störung gab Frau André Befehl, aufzumachen, huͤllte ſich in ihr Nachtkleid und erwartete den ungeſtuͤm Eintretenden. Aber kaum ward die Zimmerthuͤre geoffnet und die Lichtſtrahlen fielen auf Maurice's bleiches mit Blut beſchmiertes Geſicht, auf ſein zerzauſtes mit Gaſſenſtaub gepuder⸗ tes Haar, auf ſeinen zerriſſenen und beſchmuzten Rock, als die erſchrockene Frau einen furchtbaren Schrei ausſtieß und ohnmächtig in die Arme des beſorgten Pater Ambroſius ſank. Dieſer hatte nichts Eiligeres zu thun, als das Marmorbild auf das Ruhebette zu tragen, nach dem Buchsbaumzweige zu greifen, und die Ohnmächtige damit weidlich zu benaͤſſen. Zwi⸗ ſchen die Gebetformel, welche er dabei durch die Zähne — 28— murmelte, ſchimpfte er auf Maurice, der wie ein armer ſein Todesurtheil erwartender Suͤnder an der Thuͤre ſtehen geblieben war. „Plagt Dich denn der boͤſe Feind, daß Du in der Nacht die gute Mutter uberfallſt, nicht anders als wollteſt Du ihr den Hals umdrehen? Was willſt Du, unbeſonnener Bube, ungerathener Sohn, der ſeiner Mutter den Tod einſchenkt? Du Beſtie, Du Sa⸗ tansbrut!“ „Es iſt Alles aus!“ rief der Kleine endlich zur Sprache gebracht,„ ehrwuͤrdiger Pater Ambroiſe. Ich brauche Euer Geld nicht! Sie hat mich verlacht! Ich bin geſchmaͤht!—— Die Geliebte des Herzog Hein⸗ rich von Guiſe iſt ſie! des Erbfeindes der Calvini⸗ ſten!— Und dieſer ſchändliche Ceſar fuͤhrt ſie ihm zu!— Ha! Rache! Mord! Blut!“ So bruͤllte das Ungethuͤm; und der Jeſuit rief, durch die Aeußerun⸗ gen des Verzweifelten ſtutzig gemacht:„Welch ketze⸗ riſche Worte haſt Du ausgeſtoßen, Maurice? Ich muß denken, Du biſt wahnſinnig geworden. Hat Dir Dein Prinzipal die Tochter verſagt? Hat Dir einen Repuls gegeben?“ „Ha Tod und Teufel! woran erinnert Ihr mich! Es iſt wahr, ich bin ſchmählich abgewieſen worden.“ „Und haſt Deinen Verſtand daruͤber verloren, armer Junge? O weh!“ „Sprecht mir nicht ſo, Pater Ambroiſe, oder ich — 283— werde wirklich raſend werden. Auf dem Wege dazu bin ich, und Niemand, der mein Schickſal kennt, wird mich darum verdenken.“ „Aber was haſt Du mit dem Herzog von Guiſe? Was ſchwatzeſt Du von Calviniſten und Ketzern? Was iſt Dir widerfahren, daß Du den edlen Her⸗ zog von Guiſe alſo mit dem Teufelsvolk zu gleicher Zeit in den Mund zu nehmen wagſt?“ Die Mutter hatte ſich indeſſen wieder erholt; die Meugierde mochte dazu mehr gewirkt haben, als das Weihwaſſer. Maurice war auf ein Lotterbette nieder geſunken. „Biſt Du in die Haͤnde von Moͤrdern gefallen, Maurice?“ kreiſchte ſie.„Helft doch, Ambroiſe!“ „Still,“ verſetzte dieſer.„Laßt ihn reden.“ „Ja Ihr ſollt es wiſſen! Ihr ſollt Alles wiſſen!“ ſchaͤumte der Unhold.„Ich bin ein Ketzer geworden, um ihren Beſitz zu erlangen, weil Gaſtine's ganzes Haus hugenottiſch iſt.“— Die Mutter ſtohnte wieder laut auf, ſchlug ein Kreuz vor ſich, wehrte mit den Händen ab, ſchrie dann wie außer ſich, gab den groͤßten Abſcheu zu erkennen, und ließ ſich von dem mitleidigen Pater Weihwaſſer rei⸗ chen, während der Verraͤther wie in Zuckungen ſich auf dem Lotterbette wälzte. „Haben meine Ohren recht gehört? Oder hat mir der Fuͤrſt des Flammenabgrunds ein Blendwerk vor⸗ gemacht?“ tobte der Pater auf Maurice ein.„Halloh! — 281— halloh, Burſch, biſt Du von Sinnen oder iſt's Wahr⸗ heit, was Dein Mund Abſcheuliches ausgeſtoßen hat?“ „Schlagt mich, tretet, ſchindet, ſpießt mich, es iſt wahr, ich habe die Meſſe verflucht, ich habe zur Predigt auf die Bibel geſchworen. Ich bin zu den Proteſtanten uͤbergegangen, Alles, um mir die Ma⸗ delon zu erwerben. 8 „Ungeheuer!“ rief der Jeſuit im Eifer.„Der Herr wird Dich verderben in ſeinem Zorn! Eines Weibes wegen haſt Du die Bahn des Heils verlaſ⸗ ſen? Biſt von Gott und all ſeinen Heiligen frevent⸗ lich abgefallen? Haſt zur Hölle geſchworen? Haſt Deine arme Seele der ewigen Verdammniß uͤberge⸗ ben? Der Herr der himmliſchen Heerſchaaren wird ſchwer mit Dir ins Gericht gehen, Du wirſt von ſeinem Angeſichte vertilgt werden, und ewig, ewig— hoͤrſt Du, ohn' Ende— im hölliſchen Feuer braten muͤſſen.“ „Mein Maurice ein Hugenott! Ein Ketzer! Ein Verdammter!“ jammerte die Frau und raufte ſich das Haar.„Muß ich das erleben an meinem einzigen Kinde. Fort, Abſcheulicher! Geh' mir aus den Augen.“ „Wenn Ihr mich auch verſtoßt, ſo ſpring' ich noch dieſe Nacht in die Seine.“ „Nein das thu' nicht, mein Kind. Um der heiligen Mutter Gottes willen nicht, hoͤrſt Du, Mau⸗ — 285— rice, thu Dir kein Leids an! Ach, aber daß Du ein Ketzer geworden biſt!“ „Laßt ihn gewaͤhren, ehrſame Frau,“ ſprach der Pater gelaſſen; denn nun hatte er den richtigen Jeſuitenton wiedergefunden.„Wenn er wahrhaftige Buße thut, der katholiſchen Kirche ſich ganz auf Gna⸗ de oder Ungnade hingibt, ſo kann er vielleicht wieder in den Schoos derſelben aufgenommen und dereinſt ſelig werden. Die erſte Bedingung iſt aber ein offe⸗ nes Bekenntniß.“ „Ich will Alles thun, was Ihr wollt hochwuͤr⸗ diger Pater, will mich ganz Eurer Gnade anheim geben, verfuͤgt mit mir nach Belieben. Auch beken⸗ nen will ich Alles, fragt mich nur. Keine Antwort will ich Euch ſchuldig bleiben. Nur erlöſt mich aus der Verdammniß. Die ganze Ketzerbrut ſollt Ihr kennen lernen. Räͤcht Ihr die Schmach, die man mir angethan hat. Ja Ihr ſollt mein Raͤcher ſein. Ha! ich bin ſcheußlich betrogen, geſchaͤndet. Hilf Himmel! ich bin ja eigentlich gekommen, Euch zu ver⸗ rathen, daß ſie dieſen Abend beiſammen ſind und die Predigt horen und das Abendmal mit Brot und Wein genießen. Aber Ihr muͤßt mir Vergebung aller mei⸗ ner Suͤnden geloben, muͤßt mich reinigen und als ein Schuldloſer in die Kirche wieder aufnehmen. Denn wahrlich, ich kann ihr Großes nutzen.“ Milde und Sanftmuth auf dem Geſicht, Ver⸗ gebung auf den Lippen trat der Pater zu dem Klei⸗ — 286— nen, aber ſein Auge gluhte vor heftiger Begierde, et⸗ was hoͤchſt Wichtiges zu erfahren. „Mein lieber Sohn,“ begann er,„ich weiß es ja, daß der Menſch ſchwach iſt und der Teufel liſtig. War er, der Vater der Suͤnde und Finſterniß, nicht auch erſt einer der Engel des Himmels? Und ſtrau⸗ chelte doch und fiel und ward herabgeworfen in die Tiefe. Wohl dem, welcher noch zur rechten Zeit ſei⸗ nen arger Fehl erkennt, und zuruͤckkehrt in das Haus des himmliſchen Vaters, dem er entronnen war, um in der Irre umher zu laufen! Und dreimal wohl dem, welcher durch einen großen Dienſt ſich wieder in die wahre und einzige Kirche Chriſti einkauft! Ich kenne Dich ja, Maurice; Du haſt kein böſes Herz, und biſt ſicherlich verfuͤhrt worden. Ja, ja, was thut die Verfuͤhrung beim jungen Blute nicht!“ „Verführt bin ich worden; Ihr habt Recht, Pa⸗ ter Ambroſius. Sie haben mich beſchwatzt, ſie ha⸗ ben alle Kuͤnſte der Ueberredung aufgeboten, bis ſie mein ſchwaches Herz zur Ketzerei gebracht. Madelon, Madelon hat mich verfuͤhrt!“ Alſo kreiſchte André und gebehrdete ſich dabei wie unſinnig. „Sicherlich hat die freche Dirne Kuͤnſte der Zauberei angewendet, um dem Himmel eine rechtgläu⸗ bige Seele zu entreißen und ſie ihren abſcheulichen Goͤtzen zu uͤberliefern. Eine Hepe iſt dieſe Madelon; ich weiß nun Alles, mein lieber Maurice, Du biſt rein und unſchuldig. Auch ſollſt Du vollkommene — 287— Abſolution erhalten. Verlaß Dich auf mein Wort, armer, guter verfuͤhrter Junge. Doch erzaͤhle nun ſchnell, wie das Alles gekommen und berichte von der uns ganz unbekannten Ketzerei in Deines Prinzipals Hauſe.“ „Biſt unſchuldig, lieb Söhnlein,“ hätſchelte Madame André,„verfuͤhrt, beinahe fuͤr ewig verlo⸗ ren. O heiliger Antonius, Todesſchauer uͤberlaufen mich, wenn ich nur daran denke. Doch erzaͤhle, mein unglucklicher Liebling.“ „Nach meines Vaters Tode wollte ich Geiſtli⸗ cher werden. Doch einſt ſah ich die älteſte Tochter des Kaufmann Gaſtine, eben dieſe Madelon. Sie war damals erſt vierzehn Jahr alt, aber ſchon eine ausgezeichnete Schoͤnheit. Ich muß geſtehen, ich ver⸗ liebte mich ſogleich damals ſterblich in ſie und faßte auch ohne Weiteres den Plan, ein Kaufmann zu werden und mich bei Herrn Gaſtine, dem Handels⸗ freunde meines Vaters in die Lehre nehmen zu laſſen. Durch Fleiß, Ordnung, Aufmerkſamkeit und unaus⸗ geſetzte ſtrenge Dienſte, ſowohl Herrn Gaſtine als der ſchoͤnen Madelon geweiht, wollte ich mir Beider Gunſt erwerben und mein begehrliches liebeentzuͤnde⸗ tes Herz zweifelte keinen Augenblick daran, daß ich durch alle dieſe Tugenden die Hand der Angebeteten gewinnen wuͤrde. Ich fuͤhlte Tag und Nacht keine Ruhe, bis ich mein naͤchſtes Ziel erreicht hatte, und nun täglich und ſtuͤndlich um Madelon ſein durfte, — 288— deren Reizesfuͤlle ſich unter meinen Augen entwickelte und enthullte. Meine mit jedem Tag heißer werdende Leiden⸗ ſchaft zu ihr bildete mich zum dienſtfertigſten, gewandte⸗ ſten Diener, zum geſchickteſten Kaufmann. Herr Gaſtine zeigte mir oft die größten Beweiſe ſeiner Zufrieden⸗ heit und ſeines freundſchaftlichſten Wohlwollens; auch Madelon benahm ſich immer hoͤchſt liebreich gegen mich, Madame Gaſtine ſchmeichelte mir, und eh' ein Jahr verging, war ich im Hauſe nicht mehr Lehrling, ſondern Kind geworden. Zu jener Zeit ließ ſich Herr Gaſtine zuweilen in mir damals ganz ſeltſam vor⸗ kommende Unterhaltungen ein, wenn ſich's traf, daß ich mit ihm allein war, und bald bemerkte ich, daß er abſichtlich mit mir allein zu ſein und mit mir uͤber die Religion zu ſprechen ſuchte. Nach langem Reden entdeckte er mir endlich, daß er mit ſeiner ganzen Fa⸗ milie dem Calvinismus zugethan und daß dies die wahre apoſtoliſche Kirche Chriſti ſei. Mehr als ſein heftiges Zureden wirkte Madelons Freundlichkeit. Die Verfuͤhrung gelang, ich wurde ein Ketzer, weil ich gewiß wußte, ich wurde außerdem Madelons Hand nie erhalten. Und um ihren Beſitz haͤtte ich damals Alles gethan.“ „Der Teufel hat Dich verblendet, mein armer Sohn,“ ſagte hier der Pater Ambroiſe, und Mada⸗ me André ſchlug in einer Anwandlung von boͤſem Grauen vor dem Trug der Hölle ein maͤchtiges Kreuz. Maurice aber fuhr fort, mit giftiger Zunge ſeine Schick⸗ — 289— ſale in des Kaufmanns Hauſe zu ſchildern bis an dieſen Tag und fuͤgte dann noch ſeine Erfahrungen hinſichtlich Madelons Flucht aus dem elterlichen Hauſe hinzu. Staunen erfaßte den Jeſuiten, Staunen die fromme Betſchweſter. „Und dieſe Nacht iſt Verſammlung in Gaſtine's Hauſe?“ rief der Pater freudig geſpannt. „In ſeinem Keller befindet ſich der geheime Betſaal der Hugenotten, dort kommen ſie allwöchent⸗ lich in der Mitternacht zuſammen und genießen das Abendmahl in beiderlei Geſtalt, dort feiern ſie in einer Stunde das Michaelsfeſt, und wenn Ihr ſie huͤbſch Alle beiſamen erwiſchen wollt, Herr Pater, ſo muͤßt Ihr eilen und dieſe Gelegenheit benutzen.“ „Wohlauf, wackrer Burſch, und fuͤhre mich! Zeige mir den Weg zu jenem Schlupfwinkel. Wir wollen die ganze Schlangen⸗ und Drachenzucht zu⸗ ſammen fangen und ihr die Koͤpfe zerſchmettern. Und wenn uns der Streich gluͤcklich gelingt, ſo ſollſt Du nicht allein Abſolution und Benediction, ſondern noch obendrein ein artiges Geſchenk von tauſend Li⸗ vres haben, und zwar aus der Chatulle unſerer großen Königin ſelbſt. Triumph! Das Ketzerblut ſoll in Paris den Boden duͤngen, damit die Kirche des heili⸗ gen Petrus deſto herrlicher gedeihe.“ Der nichtswuͤrdige Bube ſprang hoch erfreut, ſeine Rache ſo ſchnell reifen zu ſehen, auf ſeine Fuße, kuͤßte ſeiner Mutter die Hand und ließ ſich von ih⸗ Storchs Fanatiker. I. 19 — 290— rem frommen Munde ſegnen, dann verließ er mit dem Jeſuiten das Haus und durch die finſtere Nacht wanderten in moglichſter Eile die Kinder der Finſter⸗ niß. Eh' ſie die Wohnung des Jeſuiten⸗Generals er⸗ reicht hatten, kannte Ambroiſe die Namen der mei⸗ ſten Hugenotten, welche ſich in Gaſtine's Kellern zu verſammeln pflegten, wußte den Haͤndedruck und die andern Zeichen, an welchen ſie ſich erkannten, die Eingänge in den verſchiedenen Haͤuſern in den Neben⸗ ſtraßen, die genaue Zeit, wann das Abendmahl be⸗ ginnen ſollte, und überhaupt Alles, was er nur zu wiſſen verlangte. Neunzehntes Kapitel. Ihr ſeid, als zu einem Mörder, mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen. Ich bin täglich bei Euch im Tempel geweſen, und Ihr habt keine Hand an mich ge⸗ leget; aber dies iſt Eure Stunde und die Macht der Finſterniß.* Evangel. Lucä 22. 52, 53. Herr Gaſtine mußte den Laden heute ſelbſt ſchlie⸗ ßen. Er that es mit einem kleinen Aerger auf An⸗ dré's unverſchaͤmte Entfernung; doch war er gewiß, 291 daß der Empfindliche im Betſaal erſcheinen wurde, da er ja ſtets einer der eiftigſten Beſucher deſſelben gewe⸗ ſen war. Als der Kaufherr ſich anſchickte, mit ſeiner Familie die Wallfahrt durch die unterirdiſchen Gänge anzutreten, fragte ihn die Hausmutter aͤngſtlich, ob er nichts von Madelon bemerkt habe. Auf ſein Ver⸗ neinen wurde das Haus durchſucht und durchrufen, doch vergebens. Auch Ceſar wurde vermißt, und Al⸗ len war es unerklarlich, wo um dieſe Stunde die beiden Hausgenoſſen ſein möchten. Louiſe wollte Beide ſchon in der Daäͤmmerung und Madelon mit dem Mantel weggehen geſehen haben. Der Mantel fehlte wirklich und ſo ſehr ſich auch die Eltern uͤber die ſon⸗ derbare Entfernung abhaͤrmten, ſo war es ihnen doch ein Troſt, daß Ceſar mit ihr ſei. Mit ſchwerem Herzen voll böſer Ahnungen traten ſie in den Betſaal und hofften, die Beiden ſeien mit Bekannten, zu welchen ſie zum Beſuch gegangen, auf andern Wegen dorthin gegangen, und ſie wuͤrden ſie dort finden. Der Saal fullte ſich allmählig. Dichtvermummte traten mit Andern in die Häuſer, reichten dem im Finſtern an der Thoͤre wartenden Bruder den Hand⸗ druck, und ſchlichen unſicher hinter den Andern durch die gewundenen Gaͤnge. Den Haupttrupp fuͤhrte eine kleine Geſtalt an, die frech und ſicher die geheimen Wege betrat und einen großen kraͤftigen Mann an der Hand nachzog. Der duͤſtre Saal wurde ungewöhn⸗ lich voll, doch da das Gedrange vorzuglich im finſtern 19* — 292— Hintergrunde ſtatt fand, ſo merkten die auf den vor⸗ dern Sitzen nichts und ſchöpften nicht den leiſeſten Argwohn. Le Char erſchien endlich in ſeinem Predi⸗ gerrocke und betrat die Kanzel. Der Gottesdienſt begann. Die Geſänge wurden geſummt, und die Pre⸗ digt kam an die Reihe. Herr und Madame Gaſtine ſuchten mit den Blicken der Elternliebe und Beſorg⸗ niß umher, um ihre Tochter unter den unverhei⸗ ratheten Frauen, welche ihre abgeſonderten Sitze hatten, zu erſpähen doch vergebens. Ihre Angſt und Beklemmung ſtieg mit jedem Augenblick. Louiſe ſah ſich nicht minder nach ihrem Bruder um. Wie Gewitterſchwüle hing's auf der Verſammlung. Le Char begann ſeinen Vortrag mit den Worten:„ Lie⸗ ben Bruͤder und Schweſtern in Chriſto und den Apo⸗ ſteln. Der Herr befiehlt mir, Euch mit einer ſchlim⸗ men Nachricht zu betruben. Es iſt nämlich ein from⸗ mes Glied unſrer Gemeinde von einem böſen Geiſte eingenommen und beſeſſen worden. Dies iſt der ehr⸗ ſame Junggeſelle Maurice André, wie Ihr alle wißt, einer der Eifrigſten von der wahren Lehre. Der un⸗ ſaubre Geiſt hat den Armen ſeines Verſtandes beraubt und er rennet umher als ein Toller und Verruͤckter, und wer kann wiſſen, welche Werke der Finſterniß der Teufel durch ihn verrichtet. Deshalb laßt uns fur ſeine Seele beten, daß ſie befreit werde vom un⸗ ſaubern Geiſte.“ „Ha Dir ſoll der Teufel uͤber den Kopf und durch die Seele fahren, Canaille!“ flüſterte hinten eine wohlbekannte Stimme und ihr Beſitzer knirſchte mit den Zähnen, und ballte die Fauſt, welche den Griff eines Dolches umſpannte. Gaſtine aber und ſeine Frau wurden durch die Worte des Predigers von einem ungeheuern Schrecken befallen; denn in Beiden ſtieg zu gleicher Zeit der Gedanke auf, daß André, durch die abſchlägliche Antwort des Prinzipals verruͤckt geworden, ihrer Tochter ein Leids angethan, ja ſie vielleicht gar in wilder Liebesraſerei ermordet habe. Doch hatte keins von ihnen den Muth, durch Entfernung aus dem Betſaal den Gottesdienſt zu ſtöͤren. Eine dumpfe gräßliche Angſt hielt ihre That⸗ kraft gefangen. Sie konnten nicht mehr ausweichen. Ihr Schickfal erwartete ſie. Ein ſchwarzes furchtbar drohendes Wetter hing ſchon uͤber ihren Haͤuptern, hatte ſeine grauſigen Rabenfittige ſchon um ihre Schlaͤfe gelegt. Angſt und Schwüle waren zum Erſticken. Nachdem der Prediger ſein inbruͤnſtiges Gebet fuͤr André beendigt, legte er nach gewohnter Weiſe einen Pſalm aus, und verkuͤndete der Gemeinde dann die nahe Erlöſung aus dem Drucke. „Ja, meine Bruͤder und Schweſtern,“ rief er eutzuͤckt— denn ſeine Seele hatte keine truͤbe Ah⸗ nung beſchlichen—„bald ſchlägt uns die Stunde der Erlöſung! Bald werden wir nicht mehr in der ſtillen Mitternacht, tief unter der Erde in dieſen Kellern unſer Gebet halten; wir werden den alleinigen —— —— Gott und ſeinen gekreuziglen Sohn wahthaftig und offenbar vor allem Volke am hellen Tage in den ſchoͤn⸗ ſten Kirchen und Bethäuſern verehren. Die Zeit na⸗ het mit Rieſenſchritten, wo Belial, der ſich fur ei⸗ nen Statthalter Chriſti ausgibt, von ſeinem Throne geſtuͤrzt wird, und wir regieren werden. Die Schlange wird an ihrem eigenen Gifte umkommen. Verkuͤn⸗ det ſei es allen wahrhaftigen Chriſten, daß, waͤhrend wir hier im ſchlimmen Druck noch heimlich die Feier des Michaelsfeſtes begehen, in unſter geliebten rein⸗ gläubigen Stadt la Rochelle in Poitou ein großes, ſtarkes, gut bewehrtes Heer unſerer Glaubensgenoſſen ſchon ſchlagfertig beiſammen ſteht, daß der große Ad⸗ miral Gaspar von Coligni, unſer Fels, auf den wir getroſt bauen können ſein hartes ſcharfgeſchliffenes Schwert mit alter gewohnter Tapferkeit ſchwingt, und in der Seele vor Kampfgier gluht, das ſchlechte Pfaffen⸗ volk abzuſchlachten, daß die fromme, gottbegeiſterte Kö⸗ nigin von Navarra mit ihrem einzigen hoffnungsvol⸗ len Sohne in Rochelle angelangt iſt, ihren Prinzen, einen Bourbon— hoͤrt es ihr Freunde!— einen Bourbon an die Spitze des Heers ſtellen will, und dadurch alle calviniſtiſchen Herzen zu kuhnen gewal⸗ tigen Thaten entflammt hat. Viele hundert der tapferſten Edelleute ſind in la Rochelle, der Prinz Condé füͤhrt ſie an; unſre Bruͤder, die Proteſtanten in Deutſchland, ſenden große Heere wackerer Streiter — und die Deutſchen kennt Ihr ja als Eiſenfteſſer —— — 295— — zu unſerer Unterſtuͤtzung. Der Prinz von Oranien ſchickt uns Schaaren ausgewanderter Niederländer, wo die ſpaniſchen Bluthunde die Grafen Egmont und Horn vor wenigen Monaten geſchlachtet haben. Sind wir erſt frei, dann wollen wir ihnen beiſtehen und das ſpaniſche Volk fortjagen und Chriſti reine Lehre uͤber die Welt ausbreiten, damit bald ein Hirt und eine Herde ſei. Darum habt nur noch ein klein wenig Geduld, meine armen Schaͤflein; bald ſingen wir froh und laut: Ehre ſei Gott in der Höhe! Laßt uns fleißig beten, daß das Werk zu Stande kom⸗ me! c.“ 16 Nach beendigter Predigt ſchickte ſich der Predi⸗ ger und die andern ihm untergeordneten Geiſtlichen zur Feier des Abendmahls an. Brot und Kelch wur⸗ den auf den Altar geſetzt, die Einſetzungsworte ge⸗ ſungen. Das Brot wurde von le Char herumge⸗ reicht; doch als er den Kelch faßte, ſchmetterte plotz⸗ lich ein gellender Pfiff in Aller Ohren. Erſchrocken wandten ſich alle Haͤupter der Calviniſten, aber der Schrecken wurde zum Entſetzen, als ſie ſich von ei⸗ ner anſehnlichen Schaar wuͤthender Jeſuiten und be⸗ waffneter Soldaten umgeben ſahen. Ein wirres Schre⸗ ckensgeſchrei des weiblichen Perſonals wurde von ei⸗ nem lauten Getöſe von außen uͤbertäubt. Es kam näher durch Gaſtine's Gang. Die geheime Thuͤre wurde geſprengt, und eine unzählige Maſſe Soldaten ſtrömten hohnlachend und ſpottend herein. Sie wur⸗ — den von dem Gardehauptmann Villoniers angefuͤhrt, welcher ſogleich zum Angriff commandirte. An eine Ge⸗ genwehr war gar nicht zu denken. Schon knallten einige Piſtolen, ſchon ſchwammen Einige, die ſich durchzuſchlagen verſucht hatten, in ihrem Blute⸗ „Hier, Pater Ambroiſe, hier Hauptmann von Villo⸗ niers,“ jubelte der kleine André mit teufliſcher Scha⸗ denfreude,„hier iſt der gute Herr Gaſtine, welcher mir heute ſeine Tochter abſchlug, ſchlagt ihm dafuͤr etwas anders ab, naͤmlich den Kopf. Seht mein hochverehrter Herr Prinzipal, ſo weiß ſich Maurice André fuͤr die ihm angethane Smaß zu he 3 grinzte der Unhold. „Judas, Du haſt Deinen— und Meiſer verrathen,“ ſagte der Kaufmann, indem er geeſſe von Soldaten abgefuͤhrt wurde. Viele Calviniſten ſchimpften André, er ſchirg eine graͤßliche Lache auf und ergoͤtzte ſich daran, 6 mit ſeinem Dolche zu ſtacheln. Die Verzweiflung ſah keinen Ausweg und er⸗ gab ſich mit dumpfer Angſt in das unvermeidliche Schickſal. Die ungluͤcklichen, ſtill jammernden Op⸗ fer der Bosheit und des religiöſen Fanatismus wur⸗ den nach der Reihe gefeſſelt und jedes einzeln mehre⸗ ren Trabanten uͤbergeben, die ſie von hier aus gerade nach der Baſtille befoͤrderten. Auf der Straße war ein Auflauf entſtanden, der ſich jeden Augenblick ver⸗ groͤßerte. Bald war der groͤßere Theil der Stadt in — 297— Bewegung, als man das Geſchehene erfuhr. Unter den gröbſten Beleidigungen des Pöbels fuͤhrte man die Hugenotten durch die Haufen, die Glut der vie⸗ len Fackeln warf auf einzelne Scenen der großen Verwirrung ein gräßliches Licht. Der Hauptmann Villoniers konnte ohngeachtet ſeines großen Abſcheues vor der Ketzerei und des fürchterlichen Augenblicks, doch ſeine wahre Natur, Galanterie gegen Damen, nicht verlaͤugnen. Er redete den jungen ſchoͤnen Ketzerinnen mit allen nur erdenklichen Troſtſpruͤchen zu, und als er die rei⸗ zende Louiſe ohnmächtig in den Armen einer Andern liegen ſah, zog er ſchnell ein Flacon voll geiſtigen Waſſers hervor, rieb ihr Augen, Schlaͤfe und Ober⸗ lippe, und als die Ungluͤckliche wieder zu ſich kam, und laut aufjammerte, richtete der theilnehmende Soldat ſeine ganze Sorgfalt auf ſie allein, und bot ihr, als der Saal leer war, hoͤflich ſeinen Arm, um ſie als ſeine Gefangene nicht in die Ba⸗ ſtille, ſondern in ſeine Wohnung zu fuͤhren, und dort einige Bekehrungsverſuche mit ihr vorzunehmen. Denn er konnte ſich nicht verhehlen, daß er an der jugendlichen graziöſen Calviniſtin ein groͤßeres Inter⸗ eſſe gefunden hatte, als einem Katholiken und vor⸗ zuglich einem ſo ſtrengen Katholiken, wie er war, erlaubt ſein durfte. Deshalb nahm er ſich vor, ſich keine Zeit und Muͤhe verdrießen zu laſſen, und alle nur möglichen Mittel anzuwenden, um dem Himmel — 298— eine ſchon halb verloren gegangene Seele wieder zu gewinnen. Der Betſaal war leer, die Lichter brannten noch, aber die Helle, die ihre Flammen verbreiteten, war unheimlich und grauenvoll in der weiten, oͤden, un⸗ terirdiſchen Halle. An den feuchten Steinwaͤnden flog es hin wie geſpenſtige Schatten, wie grinzende Ge⸗ burten der Hoͤlle, wie Rachegeiſter der Mitternacht. Kein Laut mehr regte ſich in der Tiefe, ein Licht um's andre brannte aus, ein trauriges Vorbild der Ungluͤck⸗ lichen, die ſonſt hier gebetet hatten. Der Saal wurde finſter. Nacht, ſchwere Nacht lag auf den Beken⸗ nern von Chauvins Lehre in Paris. 8 wanzig ſt es„ gpitel. O Herr, nun will ich zu Dir kommen, Als ein Schlacht⸗Schäflein wohl bereit, Das man all auf den Altar leit, Als David ſeit, Die Kron' des Lebens haſt Du ihm bereit. Lied der Wiedertäufer. Eh' zwei Stunden vergingen, war halb Paris in Aufruhr und auf den Beinen. Die Nachricht, daß man einige Hundert Ketzer entdeckt, beim Abend⸗ — 299— mahl uͤberraſcht und gefangen nach der Baſtille gefuͤhrt hatte, durchziſchte alle Häuſer wie ein Lauffeuer, ſcheuchte die Bewohner derſelben aus dem Schlafe, ſetzte ihre Herzen in Flammen und jagte die Frohlok⸗ kenden auf die Straße hinaus, damit ſie ihren Ju⸗ bel ausraſen moͤchten. Von der Straße St. Denis bis zur Baſtille wogte es von Menſchen und ganze Choͤre ſangen die damals beliebten Spott⸗ und Schmaͤhlieder auf die Hugenotten. Sogar viele Herrn und Damen von Hofe hatten ſich dem uͤppigen Pfuͤhle entriſſen und ſchlichen in Maͤntel gehuͤllt auf und ab, die ſcharfe Morgenluft nicht furchtend. Es war naͤmlich bald bekannt geworden, daß die Gefangen⸗ nehmung der Hugenotten auf ausdruͤcklichen und ei⸗ genen Befehl der Königin geſchehen ſei. Man wußte, daß der Jeſuiten⸗General kurz vor Mitternacht bei ihr vorgelaſſen worden und gleich darauf ſchleunige Ordre an den Gardehauptmann Villoniers ausgegeben wor⸗ den war. Seit jener Stunde war die Koͤnigin wach geweſen und einige ihrer Getreuen hatten bei ihr Zu⸗ tritt gehabt, Gruͤnde genug fuͤr den Hofadel, ſich ſehr fur den Vorfall zu intereſſiren. Ceſar d'Alban erhielt bald nach der That vom jauchzend einherſtrͤmenden Poͤbel die Schreckensnach⸗ richt. Sein Zuſtand grenzte an Verzweiflung. Kaum ſeiner ſelbſt maͤchtig eilte er in des Herzogs Schlaf⸗ zimmer und hinterbrachte das Geſchehene auf eine Art, die dem ſchlauen Guiſen wohl merken ließ, welchen — 5— Eindruck die Gewaltthat auf das Herz des feurigen Juͤnglings gemacht und wozu ſie ihn bringen könne. Mit Nachdruck wieß der Herzog zuerſt die Vorwuͤrfe ſeines jungen Freundes und Kammerherrn zuruͤck, und verſicherte ihn, ſobald er ihn nur einigermaßen beruhigt hatte, daß er nicht allein nicht die entfernteſte Ahnung von dem Geſchehenen gehabt, ſondern auch all ſeinen Einfluß aufbieten wollte, um größeres Un⸗ gluͤck zu verhuten. „Dieſen raſchen und ſichern Coup kann nur ein Meiſter ausgefuͤhrt haben,“ ſagte er,„und fuͤr⸗ wahr dieſer Meiſter kann Niemand anders als die Koͤnigin ſein, welche die Liſt des Fuchſes mit der Macht des Löwen verbindet. Nach der Vereitlung ihres ſo gut und ſchoͤn ausgedachten Planes auf die Oberhaͤupter der Hugenotten in Noyers hat ſich jeden⸗ falls ihre Picanterie auf die Ketzer zur Wuth, ihre Unduldſamkeit zur unerbittlichſten Strenge geſteigert. Und doch hat ſie ſelbſt mir nicht das Mindeſte von ihrem Vorhaben merken laſſen. Doch ſei getroſt, ich vermag viel uͤber ſie; und es wäre nicht gut, wenn ich nicht morgen ſchon die Freilaſſung der Calviniſten durchſetzen wollte.“ „Morgen?!“ rief Cäſar traurig.„Morgen könnte es zu ſpät ſein. O bedenkt, Hoheit, daß es die Eltern Eurer innig geliebten Madelon ſind. Ich will Euch nicht ſagen, daß es auch meine Pflegeeltern, daß ſie rechtſchaffene edle Menſchen ſind, die ich ſehr — 301— tiebe und an denen ich Euretwegen einen ſchweren Verrath begangen habe. Ich will Euch nicht erinnern, daß unter den gefeſſelten Calviniſten meine einzige Schweſter, meine Zwillingsſchweſter ſich befindet; ich will Euch nur ſagen, daß Louiſe die beſte Freundin und Geſpielin Eurer Madelon war. Darum beſchwoͤr' ich Euch, Herr Herzog, bei Allem, was Euch und mit heilig iſt, ſchiebt die Rettung nicht bis morgen hin⸗ aus; thut bald, was Ihr thun wollt, thut es auf fri⸗ ſcher That.“ Dabei ſturzte er dem Herzog zu Fuͤ⸗ ßen, umklammerte die Kniee deſſelben und jammerte wie ein Kind. „Steh auf, du Froiſſet!“ ſigt der etzen „Du ſollſt ſehen, daß ich Madelon in herzlicher Liebe, daß ich Dir in wahrer Freundſchaft zugethan bin. Dein Wille ſoll geſchehen. Ich will noch in dieſer Nacht mein ganzes Anſehen, all meinen Einfluß auf⸗ bieten, um Dir zu genuͤgen. Rufe meinen Kammer⸗ diener herbei, ich will mich ankleiden laſſen, gib dem Stallmeiſter— daß er uns Pferde vorführen täßt.“ n 5 Eeſar flog und weckte die Leute. Eine Stunde darauf ritten Beide durch die menſchenvollen Straßen der Buſtile zu. Es koſtete dem Herzog viel Muͤhe, gegen ſeine Garäntie Louiſens Freilaſſung zu bewerk⸗ ſteligen; aber wer malt Ceſars Schrecken, als der Gefunhentärter mit det troſtloſen Nachricht zurück⸗ kehrto, Loulſe dAlban ſei nicht unter den Gefangenen L und Niemand wiſſe, wohin ſie gekommen ſei. Da der ſtrengſte Befehl der Königin dahin lautete, daß Niemand, ſei es auch wer da wolle, zu den eingeker⸗ kerten Hugenotten zugelaſſen werden durfte, ſo ſchickte Ceſar den Wärter noch einmal hinein und der Her⸗ zog unterſtuͤtzte das Geſuch mit ſeiner vollen Boͤrſe. Noch eh' der Mann wiederkehrte, langte der Haupt⸗ mann Pilloniers an und berichtete dem Herzog auf deſſen Anftage, daß er von der Königin Mutter kom⸗ me und derſelben die gluͤckliche Ausfuͤhrung des An⸗ ſchlages auf die verſammelten Ketzer überbracht habe. Zugleich meldete er, daß die Königin ſo eben Befehl gegeben, mit dem erſten Strahl des Morgens Hand an Gaſtine's Haus zu legen und daſſelbe, wo der gräßliche Graͤuel der Religionsſchändung vor ſich ge⸗ gangen ſei, der Erde gleich zu machen. Das Haus und Alles, was darinnen ſei, habe ſie dem Po⸗ bel geſchenkt. Ein neuer Schrecken fuͤr Ceſar, wel⸗ cher anſcheinend theilnamlos dies Alles mit anhoͤrte. Als nun aber der Gefangenwärter abermals mit der Beſtatigung ſeiner früͤhern Kunde, daß Louiſe nicht unter den Gefangenen ſei, zuruͤckkehrte, da brach ſein verbiſſener, lang zuruͤckgehaltener Schmerz in laute Klagen aus. Villoniers erkundigte ſich beim PHerzoge uͤber die urſache dieſes Jammers, es kam zu Erklä⸗ rungen, und der galante Hauptmann, ſhätte ſich glucklich, dem jungen Kammerherrn die beruhigende Verſicherung zu geben, daß die vermißte Schweſter —— ——— — 303— ſehr wohl im Hauptmannsquartier aufbewahrt ſei. Ceſar war nun nicht mehr zu halten. Der Herzog befahl dem Hauptmann, das Maͤdchen ſogleich abzu⸗ liefern, und ſo ſauer auch dieſem das Gehorchen an⸗ kam, ſo machte er doch ein gar ſuͤßes Geſicht dazu, überhaͤufte den tiefbekummerten Ceſar mit Complimen⸗ ten uͤber die Schönheit und Liebenswuͤrdigkeit ſeiner Schweſter, und pries den Teufel gluͤcklich, der einſt ein ſo koſtliches Brätchen erhalten wuͤrde. Ceſar uͤber⸗ hörte all ſein Geſchwätz und ſchloß dagegen hoch entzuͤckt die befreite Schweſter in die Arme, welche einige Stun⸗ den in unbeſchreiblicher Angſt in Villoniers Wohnung zugebracht hatte. Schnell theilten ſich die Geſchwiſter das Nothwendigſte mit, und Ceſar fuͤhrte Louiſen in das Palais Heinrich Guiſe. Auf dem Wege dahin machte er ſie mit der Nachricht von dem wiedergefun⸗ denen Vater, ſo wie mit der Gewißheit bekannt, daß ſie ihn denſelben Tag noch ſehen und ſodann bei ihm wohnen werde. Louiſe war von all den wunderbaren, einander bekaͤmpfenden Eindruͤcken wie betaubt, und langte nicht anders als eine Traͤumende im Palais an, uͤberließ ſich der Sorgfalt der herbeigerufenen Frauen und brach, nachdem ihr Bruder ſie mit zaͤrtlichem Abſchied verlaſſen hatte, in einen Thränenſtrom aus. Dieſen trieb es wieder auf die Gaſſen hinaus, wo die Herolde der Koͤnigin den Befehl derſelben hin⸗ ſichtlich Gaſtine's Haus laut ausriefen. Der raſende Pöbel ſtuͤrmte auf die ſtille Wohnſtatt des Friedens, Storchs Fanatiker. I. 20 5 wie die toſende Brandung des wild empoͤrten Meers an die Uferfelſen donnert. In groͤßter Haſt, gepeitſcht von verzweifelten Gedanken, uͤberholte Ceſar die ſich heran waͤlzende Menge. Er war's, der mit kräftigen Schlaͤgen die Thuͤre ſprengte, er, der zuerſt durch die duͤſtern Hallen und Gänge des ihm wohl bekannten Hauſes eilte, fluͤchtig und ſicher wie ein Geiſt. Und athemlos erteichte er das Schlafzimmer der Kinder⸗ Da lagen die Kleinen ruhig ſchlummernd, waͤhrend das Verderben ſchon ſeine zackige mordgluͤhende Fauſt uͤber ihren lockigen unſchuldigen Haͤuptern ausſpannte, um ſie zu faſſen und zu wuͤrgen. Ceſar riß ſie vom warmen Lager auf, nahm die Kleinſten auf die Arme, die Groͤßern an die Hand und rannte mit den Schreien⸗ den von dannen, als waͤre ihm der Tod hinter den Ferſen. Gluͤcklich wurden ſie gerettet; aber kaum hatte der Juͤngling die unſelige Schwelle verlaſſen, als der vernichtende Sturm uͤber dieſelbe hinein brauſte und die friedlichen Penaten gieriger Racheluſt opferte. Ohne Zweifel wuͤrden die ketzeriſchen Kinder im erſten Augenblick vom Meſſer des blutdurſtigen Fanatismus geſchlachtet worden ſein, wenn ihr Retter nicht ſo ſchnell geweſen waͤre. Es war ein gräßlicher Anblick, als man das aus allen Schranken der Menſchheit herausgetretene ge⸗ meine Volk mit dem erſten Strahl der Morgendäm⸗ merung uͤber das ſchoͤne Haus herfallen und Alles, was ihm vorkam, rauben und verwuͤſten ſah. Tau⸗ N — 305— ſende ſturzten ſich wie hungrige Raubthiere auf die Beute; Tauſende halfen an dem chriſtlichen Werke. Wände und Balken fielen zuſammen, mit dem Schutte wurden die verhaͤngnißvollen Keller gefullt. Alle fahrende Habe, alle Kaufmannswaaren wurden gepluͤndert, und was nur Hände hatte, griff zu; Kin⸗ der und Greiſe ſchleppten davon. Staubwolken und Jubelgeſchrei erfuͤllte die Luft. Ehe die Mittagsſtunde ſchlug, war an der Stätte des ſtattlichen Hauſes ein großer wuͤſter Platz mit einzelnen traurigen Ruinen. Das wuthende Volk bemuͤhte ſich während dem übri⸗ gen Tage, unter Abſingung gemeiner Siegs⸗ und Schandverſe auf die Hugenotten, noch die letzten Bal⸗ ken und Steine wegzuſchleppen, und ſich damit zu be⸗ reichern. Ceſar und Louiſe weinten kindliche Thraͤnen. Der zuruckgekehrte du Froiſſet ſchloß ſein ſchönes Kind in die Arme und verſuͤßte der holden Tochter durch väterliche Zäͤrtlichkeit den herben Schmerz. Es war immer eine beſondere Vergunſtigung des Gluͤcks zu nennen, daß Louiſe nur wenige Stunden nach dem Verluſt ihres Pflegevaters ihren wirklichen Vater fand. Du Froiſſet fuͤhrte, von ſeligen Gefuͤhlen durch⸗ ſtrömt, das liebenswuͤrdige, durch ſolch ungeheuern Glückswechſel noch immer wie betäubte Mädchen in ſeine Wohnung. Ihr mußten Gaſtine's Kinder fol⸗ gen, von denen ſie ſich nicht zu trennen vermochte, und denen ſie fortan Mutter zu ſein„ſich vornahm. 20* — 306— An demſelben Morgen hatte der Herzog Heinrich von Guiſe eine Audienz bei der Koͤnigin. Sie war ſehr bei Laune. „Wißt Ihr auch, Herr Herzog, daß wir heut Nacht ein ganzes Neſt voll Maͤuſe gefangen haben? Was meint Ihr, wir wollen ſie braten laſſen, daß die uͤbrigen in Frankreich, vom Geruche vertrieben, Reißaus nehmen?“ Der Herzog uͤberhäufte die Königin mit Lob⸗ ſpruͤchen wegen ihrer Wachſamkeit, und legte dann ſchuchtern eine dringende Bitte fuͤr das Leben des Faufmanns ein, aber Katharina maß ihn mit großen Augen und verhehlte ihm ihr Staunen ob ſolcher Bitte nicht. Sie ſchlug ihm das Geſuch rund ab, und bat ihn, dergleichen nicht wieder zu erwaͤhnen. Er mußte ſchweigen, wollte er nicht Alles be⸗ fürchten. Um jedoch nichts unverſucht zu laſſen, ſteckte er ſich hinter den edlen menſchenfteundlichen Fanzler de[Hopital, deſſen Rath ſonſt viel bei Katha⸗ rinen galt. De l[Hopital rieth zur Milde gegen die Hugenotten; er bat, flehte, wurde heftig— und ward am andern Tage ſeiner Stelle entſetzt. Die Konigin betrieb dagegen den Proceß der ge⸗ fangenen Hugenotten mit der ſtrengſten Haͤrte. Die Kammern vekdammten die Prieſter und Oberhaͤupter zum ewigen Gefaͤngniſſe, Gaſtine als Rädelsführer zum Tode, Alle nbe zur Landesverweiſung. 30— Schon nach einigen Tagen verbreitete ſich in Pa⸗ ris das Geruͤcht, daß Gaſtine zum Tod durch den Strang verurtheilt worden ſei und die Execution mög⸗ lichſt bald an ihm vollzogen werden ſollte. Louiſe ge⸗ rieth in Verzweiflung; ſie beſtuͤrmte ihren Vater mit Bitten, denen nur ein Felſenherz hätte widerſtehen können, und nur um ihr zu genügen— denn er wußte ja, daß er nichts ausrichten und ſich ſogar durch dieſen Gang ſchaden wurde— wandte er ſich an ſeinen Herrn, den Marſchall Rez. Mit kaltem Hohn wieß ihn dieſer an die Königin ſelbſt; du Froiſ⸗ ſet wagte an ſie die Bitte um Gaſtine's Leben; ſie lachte mit Anmuth und drohte ihm mit dem Fächer; „Maͤnnlein“ ſagte ſie,„Ihr ſtellt meine Geduld auf eine harte Probe: erſt laßt Ihr mir Euren huͤbſchen Schuͤler von dannen laufen, und ich wollte mich ſelbſt drauf haͤngen laſſen, Ihr habt ihn zur Flucht bere⸗ det, und nun kommt Ihr gar, fuͤr den erſten Ketzer in Paris zu bitten. Wißt Ihr was, Kammerherr; Ketzer gegen Ketzer, ſchafft mir den Henrico, den ſo⸗ genannten Herrn von Trebiſonde wieder zur Stelle, und Ihr ſollt den Kaufmann haben.“ Und ſomit ließ ſie ihn ſtehen und ging lachend von dannen. Du Froiſſet kam ſchwermuͤthig nach Hauſe; Louiſe eilte ihm zagend entgegen, aber ſie las in ſei⸗ nen Zuͤgen ihres geliebten Pflegevaters Geſchick, und weinend eilte ſie zu den Kindern, um in ihren un⸗ — 308— ſchuldigen Umarmungen Troſt fuͤr den Schmerz zu ſuchen, von welchem ſie nichts verſtanden. Es konnte nicht fehlen, daß die Kleinen nach Vater und Mutter fragten und nach Hauſe gebracht zu werden begehrten, und Louiſe konnte ſie nicht eher beruhigen, bis ſie ihnen verſprach, die Eltern mit ihnen aufzuſuchen. Schon dunkelte es, als ſie von einen der Knaben fortgezogen durch die Straßen ging. Die Kinder eilten natuͤrlich der väterlichen Wohnung zu, und Louiſe hinderte ſie in ihrem eintoͤnigen Schmerze nicht daran, ſondern folgte den ungeſtuͤmen Kleinen mechaniſch nach. Schon von fern bemerkte ſie einen Menſchenhaufen, in der Straße. Hinzuge⸗ kommen ſah ſie mit Erſtaunen, wie der wuͤſte Platz, auf welchem das Haus geſtanden hatte, bereits ge⸗ reinigt und gepflaſtert war. Eben waren die Hand⸗ werksleute noch bemuͤht, in der Mitte des Platzes ein großes, maͤchtiges, hoͤlzernes Kreuz aufzurichten. Die Kinder ſchrieen laut und verzweifelt auf, und konnten es nicht begreifen, daß ſie das Haus ihres Vaters nicht fanden. Sie wurden ganz irre und klammerten ſich an die unglückliche Louiſe, gleichſam ihre letzte Stuͤtze an. Dieſe draͤngte ſich durch die gaffende Menge und fragte einen der Arbeiter weshalb dieſes ungeheure Kreuz hieher gepflanzt würde. „Das geſchieht auf Befehl Ihrer Majeſtaät der Koͤnigin,“ verſetzte der Menſch,„und ſoll zweierle bedeuten. Erſtens ein Siegeszeichen der katholiſchen Kirche, denn der wahre Glaube hat allemal durch das Kreuz geſiegt. Zweitens ſoll es ſein ein Warnungs⸗ zeichen fuͤr das Ketzervolk, damit es nie wieder wagt, ſich in Paris wichtig zu machen.“ Louiſe ging trauernd von dannen. Am andern Tag erging von der Koͤnigin eine Einladung an den Hof, der Hinrichtung des Ketzers beizuwohnen. Du Froiſſet verheimlichte dieſe Nach⸗ richt ſeiner Tochter, aber ſie hatte das Schreckliche doch erfahren, und während er gezwungen war, dem Marſchall zu dem graͤßlichen Schauſpiele zu foigen, eilte Louiſe mit Gaſtine's Kindern jammernd davon, um ſich der Königin zu Fuͤßen zu werfen. Sie wurde von den Wachen nicht vorgelaſſen, und mußte warten, bis Katharina erſchien, um ſich in der Sänfte nach dem Greveplatz bringen zu laſſen. Louiſe warf ſich nieder, und riß die Kinder mit ſich auf den Boden. Sie rangen alle die Haͤnde und Louiſe bat mit der Angſt der Verzweiflung um Gaſtine's Leben. „Gebt doch den Kleinen ein Zuckerbrot,“ ſagte die Koönigin zu einer ihrer Hofdamen, und zum Kar⸗ dinal von Lothringen, der an ihrer Seite ſtand, ſprach ſie:„Und Ihr ſorgt, daß dieſe hubſche Schwärmerin in den Lehren der katholiſchen Kirche unterrichtet werde. Sie wird eine gute Katholikin geben.“ Und ſomit ſtieg ſie in die Sänfte. Louiſe raffte ſich auf; kein Schmerzenslaut wurde mehr von ihr gehoͤrt; ſie nahm die Kinder an den Haͤnden, und ſchreckte mit einem verzweifelten Blick die Hofdame zuruͤck, die ihr das Fortgehen wehren wollte. Fluchtigen Schrittes eilte ſie auf den Greve⸗ platz. Unzähliges Volk war ſchon verſammelt, ſo wie der ganze Hof, männlichen und weiblichen Geſchlechts. Louiſe ſtellte ſich mit ihren kleinen Begleitern vorn an. Nicht lange dauerte es, ſo nahte der Gerichts⸗ zug. Der ungluͤckliche Gaſtine ſaß auf einem Wagen hinter ihm zwei Henker, neben ihm ein katholiſcher Prieſter, der ſich vergebens bemuͤhte, ihn zur allein⸗ ſeligmachenden Kirche zuruckzufuͤhren. Die Kinder er⸗ kannten ihren Vater; ſie ſtreckten rufend die Hände nach ihm aus. Gaſtine ward ſichtbar erſchuttert. Er bat den Prieſter einen Angenblick halten zu laſ⸗ — 310— ſen, damit er von ſeinen Kindern Abſchied nehmen könne. Der Mann Gottes verſetzte:„ Nur unter der Bedingung, daß Ihr Euch gleich zum katholiſchen Glauben bekennet und darin ſterbet, damit Eure Seele gerettet werde.“ Gaſtine warf ſeinen Lieben noch ei⸗ nen Blick zu und ließ ſich an den Galgen bringen. Ceſar hielt zu Pferde im Gefolge des Herzogs von Guiſe. Er glaubte vor Jammer ſterben zu muͤſ⸗ ſen, als er ſeinen edeln Pflegevater den Tod der Ver⸗ brecher als Märtyrer ſeines Glaubens ſterben ſah⸗ Der fanatiſche Poͤbel jauchzte, der Hof gratulirte der Koͤnigin, als Gaſtine ſeinen Geiſt ausgehaucht hatte. Als Ceſar ſeinem Herrn folgen wollte, fühlte er ſich am Arme gehalten. Ein verſchmitztes Italienergeſicht grußte ihn freundlich, ſteckte ihm ein Briefchen zu und verſchwand im Haufen. Neugierig entfaltete Ceſar das Blatt. Es war eine zaͤrtliche Einladung der Herzogin von Nevers zu einem Rendezvous in ihrem Gartenhauſe. Ceſar kußte das Papier. Ga⸗ ſtine war vergeſſen.—— Das verhängnißvolle Kreuz in der Straße St. Denis hatte in ganz Paris bald den Namen des Gaſtine-Kreuzes. „ 3 OS 8 1