Laſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die T rkei WMit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Pe faſ von ren und herausgegeben von Joachim Heinrich Jack, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. IW. Theil. 3. Bändchen. —.—.— Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 48 3 Johann Carne's Reiſe durch das tür⸗ kiſche Reich während des türkiſch⸗griechi⸗ ſchen Kampfes. Von Franz Joſeph Adolph Schneidawind.*) Erſtes Buch. Johann Carne, uͤber den Canal aus ſeinem Va⸗ terlande, England, nach Frankreich uͤbergeſchifft, ſetzte ſich in Marſeille zu Schiff, um eine Reiſe nach dem osmaniſchen Reiche anzutreten. Waͤbrend einer glücklichen Ueberfahrt von Mar⸗ — *) Einen Sheil von Carne's intereſſanter Reiſe im Oriente haben die verehrlichen Leſer im baſten Baͤndchen der T. B. oden im zten Theil zten Baͤndchen der Reiſen durch Aegypten pag. 326 und fgld. empfangen. Durch dieſen Aufſatz wer⸗ den Carne's Reiſe, Abeutheuer und Bemer⸗ kungen bei derſelben vollendet. Jäck. 246 ſeille nach Pera bei Conſtantinopel von acht⸗ zehn Tagen traf den Reiſenden nur die Unannehm⸗ lichkeit einer Windſtille von vier Tagen, nachdem man die Inſel Sardinien aus dem Auge verloren hatte. Als am fuͤnften Tage ein friſcher Wind erfreute, war die Seekrankheit und das Unbehagen waͤhrend der Windſtille verſchwunden, und Carne erblickte More⸗ as Kuͤſten und an einem folgenden ſchoͤnen Abend lag ihm die freundliche Inſel Zea und ihre griechiſche Hauptſtadt mit weißen Haͤuſern und flachen Daͤchern zur Seite. An ſeiner linken Seite erblickte er das griechiſche, romantiſche, unfruchtbare Hochland hinter deſſen Bergen die Sonne glaͤnzend unterging. Die Doͤmmerung iſt in die ſem Klima kuͤrier, als im noͤrd⸗ lichen Suropaz zwar ſind die Farben des abendlichen Untergangs der Sonne zarter und ſanfter gemiſchtz verſchwinden aber um ſo ſchneller. Die griechiſchen Vorgebirge Colonna und Negroponte lagen ſebr boch und die niedrigen Huͤgel hatten ſchoͤne Waldung⸗ indeß die Spitzen des Gebirgs mit Schnee bedeckt wa⸗ ren. Weiterhin erblickte er erſt Mitylene, dann Jpſara, nachher Senedos und Trojas altes Ge⸗ biet. Gegen die Zeit des Einlaufens in die Meerenge der Dardanellen bielt ſich das Schiff dem Ufer von Aſien nahe. Ein paar andere Schiffe ſegelten ihm voraus, als es ein Kanonenſchuß erinnerte, daß bier kein Friede herrſche. Eine tuͤrkiſche Fregatte be⸗ fahl dem Schiffe, auf dem Carne fuhr, ſich nahe an 247 der Kuͤſte zu halten, worauf der Capitain ſein baares Geld verbarg und an jeder Seite ſeines Schiffes ein bemanntes turkiſches Boot anlegte; als ſie aber wahr⸗ nahmen, daß das Schiff keine Abſicht haͤtte, den Grie⸗ chen Kriegsmunition zuzufuͤhren, ſo gaben die Tuͤr⸗ ken die Erlaubniß zum Weiterfahren. Nach dieſem kurzen Aufenthalte ſegelte Carne in das Meer der Dardanellen, indem Aſien ihm rechts, Europa ihm aber links lag. Die tuͤrkiſchen Staͤdte und Doͤrfer lieferten einen ſchoͤnen Proſpect wegen der vielen zwiſchen den Haͤuſern ſich erheben⸗ den Baͤume, welche mit ihrem hohen Gruͤn den groͤß⸗ ten Theil der Haͤuſer beſchatten, die meiſtens niedrig, von Holz gebaut und mit ſehr flachen Daͤchern verſe⸗ ben ſind. Sie haben entweder einen rothen, weißen oder grauen Anſtrich und mit Holz eingefaßte Fenſter⸗ In jedem Dorfe erhebt ſich das ſchöne weiße Minaret einer Moſchee. Das Getreide war meiſtens ſchon ge⸗ ſchnitten und Carne erblickte in dieſem Hochwalde manchen kuͤhlen Kiosk. Es wurde Nacht, ehe er das ſogenannte Stambul erreichte. Waͤhrend der letzten Tage ſeiner Reiſe hatte er ſtets einen blauen, mit wei⸗ ßen Wolken eingefaßten Horizont erblickt, und am freundlichſten war gerade ſein letzter Reiſetag geweſen⸗ als ihn ein ſanfter Suͤdwind nach der Rhede der Hauptſtadt des Drients brachte. Sobald man in dem engen Canal die Spitze des Serails umſchifft hat, ſo erblickt man das ſchoͤne Amphitbeater der 248 Hauptſtadt mit Pera und Galata, deren dunkle Cypreſſenwaͤlder die Grabſtaͤtten auf der Spitze des Huͤgels beſchatten, und bewundert Conſtantino⸗ pel, wenn auch die einzelnen Haͤuſer nichts weniger als groß, und ihre Fagaden mit Fenſtern beſaͤet ſind, weil man in Europa nicht gewohnt iſt, zwiſchen den Haͤuſern ſo viele immer gruͤne Baͤume zu ſehen, und eben ſo wenig die zahlreichen Minarets mit vergolde⸗ ten Dachſpitzen oder das prachtvolle Aeußere der gro⸗ ßen Moſcheen, welche uber die Privatgebaͤude hervor⸗ agen. Da das Schiff, auf dem Carne von Marſeil⸗ le abgefahren, nach Odeſſa beſtimmt war, ſo ging die fernere Fahrt nach dem reizenden Dorfe Buyn k⸗ dere. Der Paß bei dieſem Dorfe mag bisweilen eine engliſche Meile und an andern Stellen nur halb ſo breit ſeyn, und ſeine Ufer ſind mit Wohnungen dick beſäet. An einer Stelle zeigte ſich eine im Aeußern prachtvoll geſchmuͤckte Moſchee von reinem weißen Marmor, mit vergoldeten Minaret und dunkeln Cy⸗ preſſen umher. Links liegt das kleine Sommerſerail des Sultans mit dem kleinen Garten am Ufer. An der europäiſchen Seite ſind die dem ufer nahen Huͤ⸗ gel ſchoͤn bewaldet und die kleinen tuͤrkiſchen Garten⸗ Haͤuſer am ufer oder auf den Seiten der Huͤgel ha⸗ ben ſaͤmmtlich eine einſame Waldung im Hintergrunde, mit Proſpeeten einer chineſiſchen Landſchaft. Beſon⸗ ders vetweilte Carnes Blſck gerne an den Kuͤſten 249 Aſiens, wo er ſo manches Vergnuͤgen zu erleber hoffte. Nachdem das Schiff zu Buyukdere Anker ge⸗ worfen hatte, ließ der Capitain Carne nach Kon⸗ ſtantinopel auf einem Ruderboote bringen. Der Ruderer desſelben mußte mit Muͤhe mehrere Meilen gegen den Wind rudern, wofuͤr er gut bezahlt wurde; aber wegen des Ramadan-Feſtes zeigte der arme Schelm auf ſeinen Magen, um zu belehren, daß er bisher ge⸗ ſaſtet hatte. Abends kam Carne im Hafen von Con⸗ ſtantinopel an. Gegen ihm uͤber nahmen ſich die weißen Gebaͤude des Serails mit uͤberhaͤngenden Blei⸗ Daͤchern dicht am ufer trefflich aus, obgleich ihre Ar⸗ chiteetur nichts Prachtvolles zeigte. Hoͤher am Berge erhob ſich eine Maſſe von Cypreſſen, in welchen der große Pallaſt lag, welcher bald durchſchimmerte, bald uͤber die Waldung hervorragte. Links lag an der Kuͤßte von Aſien die Vorſtadt Seutari mit ihren weißen Woſcheen, und als man dem Landungsplatze naͤder kam, ruderten große Boote mit Tuͤrken von jedem Range und der verſchiedenſten Kleidung ſchnell an Carne vorbei. Carne war es damals unbekannt, welche Tumulte und Mordthaten in Conſtantinopel eben ſattge⸗ funden hatten. Als er in Galata landete und in's Caffeehaus trat, warnten ihn und ſeine Begleiter ſo⸗ fort die drohenden Mienen der Tuͤrken, weiter zu eilen. Selblt der Poͤbel war in Waffen und Knaben 250 fuͤhrten Piſtolen oder Meſſer, womit ſie ſchon Blut vergoſſen batten. Der Grieche war nirgends mehr ſicher als in den Palaͤſten der chriſtlichen Botſchafter. Die Fenſter der Wohnung, die Carne bezog⸗ hatten ihre Ausſicht nach dem Cypreſſenhain eines Begraͤbnißplatzes. Sobald der Abend angebrochen war⸗ feuerten die Tuͤrken bis tief in die Nacht ihre Feu⸗ ergewehre ab, und von den griechiſchen Primaten oder Fuͤrſten war faſt keiner mehr uͤbrig. Die nicht erſchla⸗ genen Griechen waren entflohen und hatten Haͤuſer und ihre Familien im Stiche gelaſſen. Einſt war das Dorf Sberapia wegen der Schonheit ſeiner griechi⸗ ſchen Bewohnerinnen und ſeiner lieblichen Lage be⸗ ruͤhmt. Dort erblickten die Fremden an kuͤhlen Aben⸗ den in den Spatziergaͤngen die griechiſchen Dames und Prinzeſſinnen mit rabenſchwarzen Haaren und wehendem Schleier, mit elaſſiſcher Phyſiognomie und reizendem Wuchs. Jetzt war es ſtill in dieſen Gaͤngen und die Pallaͤſte waren verlaſſen. Als Carne an einem Nachmittage nahe beim Saulengange eines Pallaſtes der Janitſcharen ſeinen Sitz genommen batte, brachte eine Wache zwei vor⸗ nehme Griechen herbei. Beide waren bejahrte Maͤn⸗ ner, gingen mit feſtem Schritte ihrem unvermeidlichen Tode entgegen, da ihr bis dahin verborgener Aufent⸗ balt entdeckt und ſie dem Schvote der Ihrigen ent⸗ riſſen worden waren, um getoͤdtet zu werden. Carne hatte oft mit gleicher ruhiger Ergebuns in ihr trauti⸗ 251 ges Schickſal, die Griechen ſterben geſehen. Kein anderes Volk iſt ſo gewandt in der Geſchicklichkeit, das Haupt vom Rumpfe zu trennen, als die Muſel⸗ Maͤnner. Nach ihrer Weiſe pflanzten ſie das abge⸗ ſchlagene Haupt zwiſchen den Knieen des Gemordeten in aufgerichteter Stellung auf der Straße auf. Etwas beſſer behandelte man die Griechinnen. Wenn ſie aber irgend eine Schoͤnheit beſaßen, ſo mußten ſie als Sklavinnen der tuͤrkiſchen Wolluſt im Harem dienen, indeß ſich um die minder ſchoͤnen Frauen Niemand bekuͤmmerte.— In verſchiedenen Magazinen der eng⸗ liſchen Kaufleute in Smyrna traf man Frauenzim⸗ mer von jedem Range, Alter, Reizen und Geweirbe, welche ſich gluͤcklich ſchaͤtzten, den Moͤrdern entriſſen iu ſeyn, aber nicht wagten, ihren Aufenthalt zu ver⸗ laſſen, und welche taͤglich Nahrung von ihren Be⸗ ſchützern empfingen. Die Meiſten trugen ein weites Kleid und einen dichten weißen Schleier, welcher den obern Theil des Geſichtes bedeckte. Ihre auffallende Bläſſe mit den dunkeln durchdringenden Augen gab ibnen ein geiſtermaͤßiges Anſehen. Der Auslaͤnder ſieht immer gerne die Tuͤrken in ihrer mannigfaltigen Kleidung. Ihre außere Bil⸗ dung darf man ſchoͤn nennen und ſie wird durch ihre prachtvolle Kleidung, beſonders waͤhrend des Beirams, erboben. Ihre Geſichter pflegen niemals oval zu ſeyn. Ihre dicken Augenbraunen bedecken ein volles, rundes, dunkles Augez die Raſe iſt gerade, das Kinn rund, 252 der Mund ſehr ſchoͤn. Die Tuͤrken gehen niemals ge⸗ kruͤmmt und ihre hohe Statur, ihr langſamer Schritt, ihre weite Kleidung gibt ihnen ein majeſtaͤtiſches An⸗ ſehen. Die Tuͤrken ſitzen gerne auf Baͤnken mit weichen Kiſſen in freier Luft. Wenn man ſie ohne alle Bewegung mit dem Ruͤcken an Kiſſen gelehnt und mit einem weißen, bis zur Bruſt herabhaͤngenden Barte in Kleidern heller Farbe erblickt, ſo gleichen ſie den ehrwuͤrdigen Senatoren Roms, welche aus ihren euru⸗ liſchen Sitzen die Gallier, wie ſie in die Hauptſtadt der Welt einzogen, fuͤr Statuen hielten. Man kann aber nichts Unthaͤtigeres, als jene Tuͤrken ſehen, welche einen bunten Gebetkranz in der Hand halten und gedankenlos mit den bunten Kugeln desſelben wie die Kinder ſpielen, wobei ſie beſtaͤndig rauchen und an nichts denken⸗ Wegen ihres regelmaͤßigen Lebens, wegen der Ruhe ihres Geiſtes und ihres Mangels an ſtarken Leidenſchaf⸗ ten trifft man unter dieſem Volke ſo wenige Wahn⸗ ſinnige an. Als Carne das einzige Haus fuͤr Wahn⸗ ſinnige in Conſtantinopel beſuchte, fand er darin wenige Kranke; ihre Geiſtesverwirrung, wenn man ſich ſo ausdruͤcken darf, war ruhig und nachdenkend. Er erblickte unter dieſen Ungluͤcklichen keine Spur vol Gewaltthaͤtigkeiten oder wilder Raſerei. Ein dortiger geiſtes ſchwacher Greis hatte ſeine Freude daran, ſeine Guitarte zu ſpieien und den Fremden etwas vorzuſin⸗ gen. usbrigens wohnten die Unglucklichen in Zellen 253 8 um einen geraͤumigen Hofraum, mit einem Spring⸗ Brunnen und Vaͤumen in der Mitte. Die edlere Liebe kann nur geringe Macht auf ſol⸗ che Gemuͤther haben, die vor der Einſperrung der Ge⸗ liebten im Harem keine freie Verbindung beider Ge⸗ ſchlechter oder gegenſeitige Pruͤfung der Charactere kennen. Der Luͤrke ſpuͤrt ſelten die Stacheln des Ehrgeizes; aber die Gier, Schaͤtze zu ſammeln, iſt un⸗ ter dieſem Volke haͤufig. Der Familienſtolz, oder die Sorge, die Familie mit Glanz in der Welt auftreten zu laſſen, plagt den Tuͤrken ſelten. Man gebe dem Luͤrken ein arabiſches Roß, glaͤnzende Waffen, eine Pfeife und Caffee, einen ruhigen Sitz im Schatten, ſo wird er mit der Lage, worein ihn Allah verſetzt hat, ſehr zufrieden ſeyn. Die Freuden der Lafel haben fuͤr dieſes maͤßige Volk wenig Reiz. Nur fuͤr eine einzige Leidenſchaft verwendet er viel, naͤmlich ſchoͤne Weiber im Harem zu beſitzen. Wenn die Reize ſeines erſten Weibes fuͤr ihn zu welken beginnen, ſo ſucht er ſich eine zweite, welche ihm verfuhreriſcher ſcheint, und es gilt ihm gleich, welchem Volke ſie angehoͤrt. Maho⸗ meds Paradies iſt fuͤr die Leidenſchaft ſeiner Lands⸗ leute trefflich berechnet. Der Sitz auf weichem Raſen, die Palmen, die Orangen, die Baͤume mit wohlriechen⸗ den Bluͤthen und dichten Schatten, ſelbſt die Quellen, deren ſanfter Fall das Dhr melodiſch zu erfreuen ver⸗ mag, bezaubern die Erwartung des wahren Muſel⸗ ————— 254 mannes vom kuͤnftigen Paradieſe nicht ſo ſehr, als die Houris mit unſterblicher Schoͤnheit. Waͤhrend des Bairamsfeſtes ſah Carne ſechs junge Türken, bedient von drei Janitſcharen, mit Gewand⸗ beit den Djerid werfen⸗ Dft bewunderte er die herrliche Lage und den dich⸗ ten Schatten der Caffeehäuſer in den Vorſtädten. Bei einem ſolchen Hauſe waren eine Menge kleiner, bun⸗ ter und weichgevolſteter Karren mit Teppichen belegt, in ſolchen ſtreckten ſich die Tuͤrken nach Bequemlich⸗ keit aus und ſchoben ſich mittels einer Stange belie⸗ big vorwaͤrts. Das Wetter war ſehr heiß und Ca nes Pfad fuͤhrte ihn uͤber den groben Begraͤbnißplatz auf der Spitze des Huͤgels, beſchattet von hoben Cy⸗ preſſenbaͤumen. Die ſchmalen Grabſteine von 4 bis 5 Fuß Hoͤhe. mit einem Turban auf der Spitze mit ver⸗ goldeten Inſchriften, waren, da der tuͤrkiſche Geſchmack überall gerne Gold erblickt, vft mehr oder weniger ver⸗ goldet. Sparſam erblickte man hier und da ein ſitzen⸗ des Frauenzimmer, welches am Grabe eines Gatten oder Sohnes trauerte; aber ihr Schmeri erpreßte keine und ihr bleiches Antlit hatte etwas Geiſtermä⸗ iges. Als er dieſen Hügel hinabſtieg, betrat er einet kleinen Hain mit Gruppen von Tuͤrken, welche im Schatten, unter Gezelten ſaßen, rauchten, ſprachen, oder ſich von irgend einem Gaukler in froͤhliche Laune verſetzen ließen. Das Ganie glich einem Amphithes⸗ 255 ter, deſſen niedergehende Stufen mit unzahligen, in Reihen uͤber einander ſitzenden Zuſchauern, mit Tur⸗ banen ſo vielfarbig als der Regenbogen, bedeckt wa⸗ ren. Auf der hoͤchſten Spitze ſtanden Zelte aufgeſchla⸗ gen, und neben ſolchen verſchiedene unbedeckte Wagen mit tuͤrkiſchen verſchleierten Damen. Der Sultan ͤberſah aus einem Kiosk das Ganze und vor ſolchem varadierte ſeine Leibwache, aus ſchoͤnen weißgekleide⸗ ten Maͤnnern belehend. Seine Leibdiener hielten ſchoͤne arabiſche Renner mit reichem Geſchirr. In einem en⸗ gen Thale wurde der Djerid geworfen, auch erſchallte die wilde tuͤrkiſche Muſik. Kennt man hier gleich keine Eauipagen, ſo macht man dagegen viel Aufwand mit tuͤrkiſchen ſchnellrudrigen Boͤten. Sie ſind leicht ge⸗ baut, haben zierliche, oft vergoldete Bildhauer⸗Arbeit im Innern. Tritt man an das ufer, ſo bieten ſich uͤberall Ruderer zum Ueberfahren an, von denen man⸗ che Verwandte Muhameds ſeyn mußten, weil ſie gruͤne Turbane trugen. Carne beſuchte einmal an einem ſchönen Morgen die ſieben engliſche Meilen von der Stadt entlegenen Inſeln Chalce, Prinkipo und andere mit reizend gelegenen Kloͤſtern. Auch dort ſch er Eingeborne im Schatten ihren Caffee trinken und rauchen. Der Türke bewohnt gewiß einen der ſchoͤnſten Theile der Welt und ſchluͤrft aus kleinen Taſſen Caffee, oder Scherbet, indem er tief nachzuſin⸗ nen ſcheint, oder wie ein Kind begierig Zuckerwerk iöt, womit ſeine feierliche ſußete Wütde, ſeine vielfal⸗ 256 tige Bewaffnung und ſeine hohe Statur ſonderbar contraſtiren. Als Carne in Geſellſchaft zà Prinkipo lande⸗ te, umgaben ihn eine Menge ungluͤcklicher Griechen⸗ welche au der Revolution ihrer Nation keinen Antheil genommen hatten, jedoch von den Tuͤrken hierher transportirt worden waren, und die Beſtimmung ihres weitern Schickſals erwarten ſollten. Neugierig erkun⸗ digten ſich dieſe Unglucklichen nach dem Loos, welches ſie wahrſcheinlich erwarte. Das aͤußere Anſehen detr meiſten war bleich und abgehaͤrmt. Leider konnte man ihnen keine Worte des Troſtes bringen. Carne machte fruͤhe Morgens an einem andern, zufaͤllig nebligen und wolkigen Tage in Geſellſchaft von ſechs Perſonen zu Fuß einen Spatziergang um die Mauern von Conſtantinopel. An manchen Stellen ſind die Mauern 40 Fuß hoch und die Thuͤrme mit Epheu bedeckt. Der Umkreis der Mauern iſt acht⸗ zehn engliſche Meilen; aber die Mauern längs dem Meere ſind nicht ſo hoch, als dieienigen an der Land⸗ ſeite. Man zeigte ihm den hohen Huͤgel, auf welchen der Eroberer Conſtantinopels, Mahmu d, ſeine Standarte pflanzte, und als er die ſchoͤne Stadt er⸗ blickte, beim Propheten ſchwur, daß er ſie einnehmen wolle. Der Hügel liegt gerade dem Thore Topbant gegenuͤber, aus welchem der ungluckliche Griechen⸗ Kaiſer Conſtantin ſeinen letzten Ausfall that, und tödtlich verwundet nahe dabei im Schatten einiges 257 Baͤume ſeinen Geiſt aufgab. An der naͤmlichen Stelle ſchenkt jetzt ein Armenier Caffee außer den Mau⸗ ern. Erſchopft durch Hitze und Ermuͤdung ruhet man hier auf reichen Kiſſen an einem Springbrunnen, trinkt arabiſchen Caffee oder Scherbet und raucht kuͤhlen Ta⸗ bak aus einer durch Waſſer geleiteten Roͤhre. Bald nachher erblickte Carne den Schutthaufen einer eben zerſtorten griechiſchen Kapelle, mit einem heiligen Fiſchteich. Als naͤmlich der wilde Mahmud die Stadt mit Sturm in Beſitz nahm, briete ſich ein griechiſcher Prieſter einige Fiſche, welcher, als ihm ein Bote die Eroberung von Conſtantinopel verkuͤn⸗ dete, ausrief:„Ich glaube es nicht, ehe ich meine gebratenen Fiſche aus der Pfanne ſpringen und im Zimmer ſchwimmen ſehe.“ Aber das Wunder geſchah und zu deſſen Andenken wurden die Fiſche in einem Teiche aufbewahrt. Jetzt ſind die Geiſtlichen mit ihren Fiſchen von den Luͤrken erſchlagen. Ein Paar, Carne begleitende Griechen vergoſſen Thraͤnen, als ſie dieß Heiligthum als Ruine ſahen. Hier nahm Carne mit ſeiner Geſellſchaft ein Boot und landete nicht weit von Atmeidan, oder dem Hauptplatz in Conſtantinopel mit der praͤchtigen Moſchee Sul⸗ tan Mahmudsz aber damals war es keinem Euro⸗ päer vergoͤnnt, das Innere der Haupt⸗Moſchee zu betreten. Indem er bei dem Serail vorbeiging, konnte er im Pintergrunde reiche Gaͤrten wahrnehmen, ohne ſich dahin wagen zu duͤrfen. Am Fuße des Tho⸗ S1tes Bändchen. Türkei W3. 2 258 res ſpielten tuͤrkiſche Knaben mit vielen griechiſchen Koͤpfen, wie mit Kugeln auf den Kegelbahnen. Nahe dabei zeigte ein Springbrunnen mit vergoldeter Ein⸗ faſſung ſeine hohen Waſſerſtrahlen in der Luft. Viel wendet man uberall im Drient an friſches Waſſer und ſelbſt den Landſtraßen feblen keine ſteinerne Sprins⸗ Brunnen im Schatten von Baͤumen mit einem an ei⸗ ner Kette befeſiigten Becher von Zinn, um den Durt zu löſchen. In dem nahen Bazar Bezeſtein hatte jedes Handelsgewerbe ſein eigenes Quartier, und man konnte auf den Kiſſen neben einem Verkaͤufer ſitzend, Kaufleute aus Perſien, Armenien, Nubien und der Tatarei mit Pilgrimen aus Mekka in gruͤnen Turbanen, welche ſie nach zuruͤckgelegter Wall⸗ fahrt ſtolz zu tragen pflegten, und bald nackte, bald lächerlich gekleidete Derwiſche erblicken⸗ Carne brachte u Therapia bei einer Familie, deren Bekanntſchaft er gemacht hatte, einige vergnuͤgte Tage zu. Nach Sonnen⸗Untergang beſtieg er einmal in Geſellſchaft die Huͤgel hinter dem Dorfe, genoß voh da die herrlichſte Ausſicht auf die Meerenge des Bos⸗ porus, den Eingang des ſchwarzen Meeres und die Stadt mit ihren ſeben Hügeln, wurde aber, ab er mit der Hauswirthin den Fußpfad am Strande des Meeres, wo kuͤrzlich aus Aſien eingetroffene Solda⸗ ten ihr Lager errichtet hatten⸗ einſchlug, mit der Da⸗ me verhaftet, weil man Beide fuͤr Griechen hielt. In Ermanglung eines Dollwetſchers trus der Offüie 2⁵9 vor den Carne mit ſeiner Hauswirthin gefuͤhrt wur⸗ de, Bedenken, ihn freizulaſſen, und ſchickte Beide an den Paſcha. Man verſtaͤndigte ſich. Der Paſcha be⸗ wirthete in ſeinem Zelte Beide mit Caffee, ließ ſeine tuͤrkiſche Muſik ſpielen, dann Carne und die Dame durch ſechs Tuͤrken nach STherapia zuruͤckgeleiten. Waͤhrend des Bairams beſuchte Carne, nachdem er ſeine Schuhe ausgezogen, die Moſchee der ſich ſtets drehenden Derwiſche, oder tuͤrkiſchen Moͤnche. In der Mitte verrichteten ungefaͤhr zwanzig Derwiſche ihre Andacht, ſangen Stellen aus dem Koran im Cbor und als allmaͤhlig die Muſik hoͤchſt laut wurde, ſing eine Zahl der Derwiſche ihre runde ſchnelle Bewegung um einen engen Kreis an, ohne daß einer den andern mit ihren fliegenden Gewaͤndern beruͤhrte. Dieſen Wirbel ſetzten ſie laͤnger als eine Stunde fort, indem ſie nur etwa zwei⸗ oder dreimal ſich einige Minuten erholten. Am naͤmlichen Tage hatte Carne das Vergnuͤ⸗ gen, den Sultan in einer Prozeſſion eine Moſchee be⸗ ſuchen zu ſehen. Er landete in einer glaͤnzenden Bar⸗ ke und ritt langſam auf einem praͤchtigen Roſſe, in⸗ dem ihn eine Leibwache zu Fuß umgab. Den Anfang des Zuges machten die Janitſcharen in rother Uni⸗ form; dann folgten Soldaten mit praͤchtigen weißen Federn in der Form eines Halbmondes auf vergolde⸗ ten Helmen befeſtigt, und mit ſchoͤn geſchmuͤckten Schlachtbeilen. Zunächſt um den Sultan ging ſeine Leibwache aus beſonders ſchoͤnen Maͤnnern, mit Tur⸗ 260 banen, und in weißer Uniform. Der Sultan ſelbſt iſt ein ſchoͤner Mann, damals, als Carne ihn ſah, von mildem, aber ſchwermuͤthigem Anſehen.*) An einem Nachmittage ließ ſich Carne mit eini⸗ gen Landsleuten nach Seutari in einem Boote hin⸗ überſetzen, um die heulenden Derwiſche zu ſehen. Ihre Moſchee war ohne allen Schmuck; er wartete mit ſei⸗ nen Reiſegefaͤhrden auf einer Gallerie, waͤhrend die Derwiſche durch einen Trunk ſich zu ihren andaͤchtigen Geſtikulationen ſtaͤrkten. Da es lange dauerte, ſo er⸗ munterte die Englaͤnder ein Capitain der Janit⸗ ſcharen, der mit ihnen gekommen, ſich auf die Stufen vor der Moſchee zu verfuͤgen, woſelbſt ein junger Der⸗ wiſch mit lauter und klagender Stimme die Glaͤubigen aufforderte, ſich zu verſammeln. Nun erſchienen alle Derwiſche, ſtellten ſich in eine lange Linie, bewegten ihre Koͤrper zu gleicher Zeit nach irgend einer Rich⸗ tung. Allmaͤhlig wurden dieſe Bewegungen immer ſchneller und die anfangs nur leiſe ausgeſprochenen Worte Allah und Muhamed ſtroͤmten ſpaͤter mit Heftigkeit von ihren Lippen, dann warfen ſie ihre *) Nach dem Berichte eines in ganz neueſter Zeit im Driente gereiſten Britten, ſoll ſich dieſes ſchwermuͤthige Ausſehen ganz verloren und einer Energie Platz gemacht haben, die ſich in allen Mienen und Gebaͤhrden ausdruͤcke. S 261 Dberkleider von ſich, ſprangen in die Hoͤhe und ſchleu⸗ derten wie Wuͤthende ihre Arme um ſich her. Als ihre Einbildungskraft ſich noch mehr erhitzt hatte, ſtanden einige faſt nackt da, andere ſchaͤumten aus dem Munde und ein Paar erſchoͤpfte Greiſe ſielen unter lautem Ausruf Gottes und des Propheten zur Erde nieder. Einige bezeichneten mit rothgluͤhendem Eiſen Cheile ihres Koͤrpers, heulten vor Schmerz und fuhren doch fort, den Namen des Ewigen anzurufen. Oft hatte Carne von gebildeten Luͤrken gehoͤrt, daß viele Derwiſche liederliche Buben waͤren. Es gibt unter ihnen mehrere Orden; einige leben in Kloͤſtern, andere wandern als Pilgrime und leben beſonders von der Gaſifreundſchaft der Glaͤubigen. Carne ſah einmal einen Derwiſch von der letzten Klaſſe, der jung und mit weibiſch⸗ſchoͤner Bildung war. Er hatte ein lan⸗ ges Haar, welches ihm aus Nacken und Bruſt wallte, woran er buntes Glas gehaͤngt hatte. Andere Der⸗ wiſche ſieht man wallfahrten mit dickem ſtruppigen Haare, wildem Blicke und halb nackend; gerade dieſe ſind bei den Muſelmaͤnnern in groͤßter Achtung; denn es gibt unter den Derwiſchen treue Lehrer und ſittli⸗ che Menſchen, welche theils wallfahrten, theils mit vieler Enthaltſamkeit als Einſiedler leben, und wenn man ſie um Rath fragt, mit Geſchenken belohnt zu werden pflegen. Die hochſte Klaſſe dieſer Heiligen heißen Santone, ihre Graber haben ſchoͤne Denkmale und auch nach ihrem Ableben erweiſt man ihnen Ehrerbietung. . 262 Woͤhrend des Ramadan⸗Feſtes genießen die Tur⸗ ken von einem SonnenUntergang zum andern nichts als Tabak und Caffee, ſie pflegen dann in Gruppen bei der Muſik der Guitarre und der Trommel wilde Taͤnze zu üͤben. In der Nacht, womit die Faſten ſchließen, ſind die Minarets der großen Moſchee von der Spitze bis zum Boden mit Lampen erleuchtet. Alle Straßen waren voll Volkes in der Mitternachtsſtunde und er⸗ warteten den Anfang der Erleuchtung, ſobald die Imans den erſten Schimmer des Neumondes wahrge⸗ nommen haben, womit die Faſtenzeit ein Ende hat. Von dieſem Augenblicke an herrſcht unter den Tuͤr⸗ ken Gleichheit zwiſchen den Vornehmen und Gerin⸗ geren nicht bloß im Coran, ſondern auch im geſelligen Umgange; Jeder fuͤhlt ſich glücklicher, putzt ſich mit ſeinen beſten Kleidungsſtuͤcken, uͤberall toͤnen Muſik und religioͤſe Geſaͤnge.— Auffallend iſt jedem Frem⸗ den die Zäͤrtlichkeit der Tuͤrken und Tuͤrkinnen zu ihren Kindern, deren ausgezeichnete Schoͤnheit auffaͤllt. Die Bevoͤlkerung des eigentlichen Conſtantino⸗ pels betraͤgt nicht über a0o,000 Koͤpfe und die Vor⸗ ſtaͤdte Pera, Galata, Seutari u. ſ. w. mit den Döͤtfern an der Kuͤſte des Bosphorus enthalten noch 800,000 Koͤpfe. Ueberall trifft man eine Menge von Gaͤrten, und vor jeder Moſchee einen Hain, ſowie am Eingange einen oft reichgeſchmuͤckten Springbrun⸗ den, ſelten betritt ein Turke die Moſchee, ohne vor⸗ 263 her ſeine Fuͤße gewaſchen und ſeine Stiefeln mit Pau⸗ toffeln vertauſcht zu haben. Sobald ein Tuͤrke be⸗ tet, ſey es in der Moſchee oder unter freiem Himmel, ſo beſchaͤftigt ihn nichts als ſeine Andacht und man hoͤrt nur daß er leiſe den Namen Allah aus ſpricht. Alle Moſcheen haben eine einfache Bauart und keinen andern Schmuck, als Inſchriften mit dem Namen Gottes und einiger Stellen aus dem Coran, mit gol⸗ denen Buchſtaben auf den Mauern. Ein weiter Um⸗ gang umgibt das innere Saͤulengewoͤlbe, deſſen Dom durch eine Deffnung in der Spitze erleuchtet wird, wo der Pult des Imans zu ſiehen pflegt. Die Verſam⸗ melten ſitzen auf Matratzen und Teppichen umher und die Meiſten verrichten ihr Gebet. Niemand kann einfacher leben, als ein Orien⸗ tale, welcher, treu der Sitte ſeiner Vaͤter, keine Zer⸗ ſtreuung und oͤffentliche Vergnuͤgungen kennt. Ein wohlhabender Tuͤrke ſteht mit dem Aufgange der Sonne auf. Da er auf ſanften Kiſſen ſchlaͤft, ſo legt er nur wenig von ſeinen Kleidungsſtuͤcken ab und kaun ſich daher ſchnell ankleiden, dann pflest er zu beten⸗ ſchluͤrft eine Taſſe Caffee, genießt einiges Eingemach⸗ tes und raucht dabei ſeine Pfeife. Zu ſeiner Beſchaͤf⸗ tigung lieſt er etwa ein Capitel des Coran, vder ein wolluͤſtiges Lied von Hafiz oder Sadi, denn die Kenntniß der perſiſchen Sprache pflegen vornehme Türken beider Geſchlechter zu beſitzen. Nachher be⸗ ſieigt er ſein araviſches Rob und peitet ein Paar Stun⸗ 264 den oder wirft den Djerid; Mittags verzehrt er einen Neißbrei mit vielem Gewuͤrz; Nachmittags hoͤrt er in den Caffeehaͤuſern orientaliſche Maͤhrchen erzaͤhlen, oder er ſitzt in ſeinem kuͤhlen Kiosk am Geſtade des Bosphorus im Nachdenken, ohne Zerſtreuung. Wenn aber die Sonne untergegangen iſt, ſo haͤlt er ſeine Mahlzeit mit mehreren gewuͤrzten Gerichten, trinkt ſeinen Scherbet mit Eis in der Geſellſchaft ſei⸗ ner Freunde und beſucht Abends ſeinen Harem, wo⸗ ſelbſt ihn ſeine Lieblingskinder bewillkommen, und ſei⸗ ne Gattin oder Gattinnen, mit ihrer Dienerſchaft, ſich alle Muͤhe geben, ihrem Herrn Vergnuͤgungen zu ver⸗ ſchaffen. Seine Nubierin bringt ihm das koſtbarſte Rauchwerk, ſeine liebenswuͤrdige Eireafſierin ſetzt ihm einen mit eigener Hand bereiteten ſtarken Caffee vor und ſtimmt dabei ihre Guitarre oder Laute, deren melodiſche Tone ſich bald mit dem Murmeln eines Springbrunnens in der Marmorſaͤule vermiſchen. eichts fand Carne oͤder, als das große Quar⸗ tier des Fanar, welches einſt die reichen Griechen bewohnten. Eben ſo verlaſſen fand er jetzt in den Abendſtunden an dem Bosphorus die ſonſt mit ſchoͤnen und froͤhlichen Griechinnen angefuͤllten Luſtboͤte. Zwei ſchoͤne Palaͤſte hart am ufer wurden von zwei griechiſchen Bruͤdern bewohnt, welche Fi⸗ nanzbedienungen verwalteten. Beiden wurden die Koͤpfe abgeſchlagen und ihr Vermoͤgen wurde conſis⸗ eirt. Im Schatten der lieblichen kleinen Landſitze 265 tanzte einſt in Gruppen dieß gluͤckliche Volk beim Schall der Mandoline und ſang dabei vaterlaͤndiſche Lieder, welche verſtummt ſind. Jetzt ſieht man dort nur verſteckte Fluͤchtlinge, oder Leichname ſchwimmen. Letztere erblickten die Tuͤrken mit Wonne. Als einſt ein Tüͤrke mit einer Stange einen erſchlagenen Koͤr⸗ per in die Fluthen ſtuͤrzen wollte, eilte ein anderer Muſelmann herbei und eignete ſich vorher die Kleider des Erſchlagenen zu und nun erſt wurde der Koͤrper in das Waſſer geſtuͤrzt.— In einer ſchoͤnen Herberge nahe am Fanar, in welche reiche griechiſche Kauf⸗ leute einzukehren pflegten, ſah Carne nur zwei per⸗ ſiſche Handelsleute in freier Luft Tabak rauchen, mit bleicher Geſichtsfarbe und langen ſchwarzgefaͤrbten Baͤr⸗ ten. In den Zimmern lag noch manches Eigenthum erſchlagener oder gefangener Griechen. Gerade als Carne bei der Dardanellen⸗Stadt landete, war ein großes griechiſches Dorf gegenuͤber von den tüͤrkiſchen Soldaten angefallen und mehrere Hundert Maͤnner, Weiber und Kinder waren erſchla⸗ gen worden. Als die armen Pargioten ihre ungluͤckliche Stadt raͤumen mußten, boten griechiſche Eltern einem britti⸗ ſchen Pffizier, der Carne dieß ſelbſt erzaͤhlt hat, ihre einzige ſchoͤne Tochter an, mit den Worten:„Nehmt ſie hin, mein Herr, damit ſie aus Ali Paſchas Klauen komme, behandelt ſie gut und mag ſie dann mit Euch leben.“ Die junge Griechin lebte noch 266 bei ihm, aber ihre Eltern waren wahrſcheinlich umge⸗ kommen. Wie viele G riechen ſind vor den Augen ihrer Kinder getoͤdtet worden, indeß man dieſe in den Harem des Moͤrders ſchleppte!! Nach den erſten Ex⸗ mordungen der Griechen in Smyrna verſchloſſen ſich die öberlebenden Griechen in ihren Haͤuſern. Wenn ßie aber wahrzunehmen glaubten, daß ihre Feinde ſich nicht am ufer befanden, ſo eilten ſie dahin, um ſich in Boͤten an chriſliche Schiffe zu flüchten. Kaum waren die Ungluͤcklichen abgefahren, ſo feuerten die tuͤrkiſchen Wachen auf ſolche, und wir ſahen, wie man⸗ che durchbohrt von Kugeln, niederſanken. Zu den angenehmſten Spazierfahrten um Con⸗ ſtantinopel rechnet man den Weg nach Juſtini⸗ ans Waſſerleitung und nach dem vierzehn Meilen entfernten Wald von Belgrad. Carne begab ſich dahin zu Pferde, und in Begleitung des Janitſcharen Muſtapha, eines ehrlichen Mannes, welcher gewohnt war, oft ſehr weite Reiſen im tuͤrkiſchen Reiche zu machen. Nur wenige Meilen von der Stadt liegt des Sultans Lieblings⸗ Aufenthalt im Sommer, der Pa⸗ laſt am ſuͤßen Waſſer. Nach einem Wege durch eine reizende Gegend erreichte die Geſellſchaft die hohen Boͤgen von Fuſinians Waſſerleitung und bald nach⸗ ber die von Bo urgas. Die kleinen Seen mitten im Walde mit hohen ufern und dichten Schatten am Rande des Waſſers nehmen ſich ſchoͤn aus. Die Reiſe⸗ Geſellſchaft machte bei einem von wenigen Griechen 267 bewohnten Dorfe Halt und wollte in einem aͤrmlichen Caffeehauſe Erfriſchung zu ſich nehmen. Schnell ſetzte man ihr Hammelfleiſch und Fruͤchte vor und zugleich einen trefflichen weißen Wein. Waͤhrend dieſer Mahl⸗ zeit ließ ſich einige türkiſche Reiterei ſehen, welche ſich im Djerid⸗Werfen uͤbte, ſogleich verſteckten die er⸗ ſchrockenen Griechen den Wein und ſetzten der Siſchgeſellſchaft eine Flaſche mit Waſſer hin. Die Suͤrken thaten nun allerhand Fragen, aber Muſta⸗ pha fertigte ſie raſch ab, und nachdem ſie etwas zu eſſen erhalten hatten, kehrten ſie zuruͤck. Als am Nach⸗ mittage die Hitze nachgelaſſen hatte, eilte Carne mit ſeiner Gefellſchaft nach Bujukdere und ſah, daß das tuͤrkiſche Lager dort noch nicht aufgebrochen war⸗ blieb in Therapia bei dortigen Freunden und ſen⸗ dete den Janitſcharen Muſtapha mit den Pferden nach der Stadt zuruͤck. Am folgenden Tage beſuchte er die kuͤhlen Schattengaͤnge am Palaſte des franzoͤſi⸗ ſchen Botſchafters und Abends den Garten mit einer Ceraſſe eines nahe wohnenden Kaufmanns aus Schott⸗ land,(welcher mit Carne geſpeiſt hatte), um da⸗ ſelbſt ein Pfeifchen zu rauchen. Der Zuſtand der Frauenzimmer in der Tuͤrkei iſt fuͤr ſolche nicht ſo ſchrecklich, als es uns Fheinen mag. Wenn ſie ſich nur nicht anzuſtrengen bisuchen, ſo hat das Leben in freier Luft nur wenig Reiz fuͤr ſie; aber deſto mehr lieben ſie die Baͤder, geben ſich dort Beſuche, zeigen einander ihre ſchoͤnen Kleider⸗ 268 ſchwatzen und nehmen Erfriſchungen zu ſich. Wegen dieſer Lebensart haben die tuͤrkiſchen Damen eine ſehr blaſſe Geſichtsfarbe. Sie ſchiffen in Luſtböten nach ir⸗ gend einem Lieblingsplatze am Bosphorus oder ſpatzieren verſchleiert mit ihren Dienerinnen nahe bei den Kirchhoͤfen oder in den Gaͤrten von Dolma Batcke. Im innern Haushalt uͤberlaͤßt der turkiſche Gemahl der Gattin alle haͤuslichen Einrichtungen, und wenn er ſich von ihr ſcheiden laͤßt, ſo wird wenigſtens ihr Privatvermoͤgen ihr immer richtig ausgeliefert. Die ſogenannten Theriakis d. h. Dpium⸗Eſſer, ſind nicht ſo haͤufig in der Tuͤrkei, als man gewoͤhn⸗ lich glaubt. Die todtenbleiche Geſichtsfarbe und die eingefallenen Züge mit dem matten und oft unnatur⸗ lich glaͤnzenden Auge, verrathen dieſe Greiſe, welche ſelten uͤber dreißig Jahre leben, wenig Appetit, als nach volliger Erſchoͤpfung des Rauſches ihrer Sinne, haben, und je mehr ihre Kraͤfte abnehmen, deſto begie⸗ riger nach Opium werden. Die meiſten dieſer Un⸗ gluͤcklichen finden ſich am Morgen in Conſtantino⸗ pel in einem gewiſſen Caffeehauſe dicht bei der praͤch⸗ tigen Moſchee Soleymans ein, nehmen ihre Pille Dpium und ſetzen ſich in den ſchattigen Portieus. Ruhig haͤngt der Theriaki dort den Traͤumen ſeiner Einbildungskraft nach; bis die Sonne untergeht. Al⸗ lein gegen Abend fuhlt er ſich matt und huͤlflos, und ſpuͤrt einen nagenden Hunger, eilt deßwegen zu Hauſe, bis er am naͤchſten Morgen ſeine Pille erneuert. 269 Die vormalige große Menge von Caffeehaͤuſern hat der Sultan ſehr verringert, da ſie in Verdacht ge⸗ kommen waren, Sammelplaͤtze von mißvergnuͤgten Tuͤrken zu ſeyn. Deſto groͤßer iſt die Zahl der Ge⸗ woͤlbe, wo Zuckerwerk und Eingemachtes verkauft wird. In dieſen Reſtaurationen in Leckereien fuͤhrt jeder Gaſt ſeinen Tabacksbeutel mit ſich und theilt auch da⸗ von ſeinem Nachbar mit, der ihn vergeſſen hat. In den Privathaͤuſern wird jeder Fremde mit einer Taſſe Caffee und einer Pfeife Tabak bewirthet; letzterer iſt ſehr leicht. Selbſt der alte Janitſchar, der Carne auf den Wanderungen durch die Stadt begleitete, war auf ſuͤße Sachen ſo erpicht, wie ein kleines Kind⸗ Die hieſige Kaufmannſchaft der Franken lebt bloß fuͤr ihre Geſchaͤfte, und Wenige derſelben ſind verhei⸗ rathet; oͤffentliche Vergnuͤgungen kennt man hier nicht⸗ aber gegen empfohlene Fremde iſt man uberaus gaſt⸗ frei. Damals lebte im Palaſte des engliſchen Bot⸗ ſchafters, Lord Strangford, eine juͤngere Schweſter der im Driente ſo bekannten Lady Stanhope, welche eben ſo unternehmend und herzhaft, aber we⸗ niger romantiſch und vrientaliſch war, als die bekannte aͤltere, die am Libanon lebt. Sie, die juͤngere Schwe⸗ ſter, kam eben durch Georgien aus Perſien und hatte dieſen Weg meiſtens zu Pferde zuruͤckgelegt. Einen Antrag des Kronprinzen von Perſien, Ab⸗ bas Mirza, in ſeinen Harem zu treten, hatte ſie ab⸗ gelehnt. 270 Uebrigens ſind die Suͤrken aus den untern Klaſ⸗ ſen ein ehrliches Volk. Als Carne in Galata, ei⸗ ner Vorſtadt Conſtantin opels, einem Lraͤger ſein Gepaͤcke zum Fortſchaffen gegeben hatte, verſchwand ihm dieſer im Gedraͤnge aus den Augen; aber bald kam dieſer, um ihn wieder aufzuſuchen, ſelbſt zuruͤck. — In den Bazars pflegt man, wenn man etwas lie⸗ gen läßt, niemals ſein Sigenthum zu verlieren. Auf ſeiner langen Reiſe in der Tuͤrkei iſt Carne nie⸗ mals etwas, auch nicht das mindeſte, entwandt worden. 3 weites Buch. Carne ſegelte von Co nſtantinopel, dem Stolze des Drients, am Bord eines engliſchen Schiffes nach Smyrna. Als das Schiff bei den Dardanellen am folgenden Morgen Anker warf, benutzte er dieſe Gelegenheit, den hohen Huͤgel mit einigen Mauerruinen an der Seeſeite zu beſuchen, wo einſt Abydos, zwei engliſche Meilen vom Meere ſand, welches dort kaum eine engliſche Meile breit iſt. Furs vor ſeiner Ankunft ſtarb hier an einem heftigen Fieber wegen uͤbergroßer Anſtrengung ein junger eng⸗ liſcher Schiffer, welcher dem beruͤhmten Lord Byron das Schwimmen hatte nachahmen wollen, ohne ſeine 271 Geſundheit zu beſitzen.*)— Am Bord des ensliſchen Schiffes befanden ſich zwei Britten aus Nord⸗Eng⸗ land, welche ſich hatten verleiten laſſen, im Tauris in Perſien eine Baumwollen⸗Manufactur anzulegen, aber bei dieſem unzweckmaͤßigen Verſuch ihr kleines Vermoͤgen verloren hatten. Von ihrer Fußreiſe über Berge, welche mit Schnee bedeckt waren, und in Ebe⸗ nen, wo ihnen die Hitze laͤſtig ſiel, erzaͤhlten ſie viel Intereſſantes. Ein beſonderer Gluͤcksfall verſchaffte in Conſtan⸗ tinopel Carne zum Diener und Begleiter, einen Selavonier, Namens Michael Milovich, einen treuen und braven Menſchen, der ſieben Sprachen re⸗ dete, mehrere auch leſen konnte, viel gereiſt und mit Verſtand unterhaltend war. Am vierten Morgen nach ſeiner Abfahrt befand ſich Carne bei Aufgang der Sonne auf der Hoͤhe der Inſel Sciv. Sechs oder acht engliſche Meilen vom Ufer erhebt ſich eine hohe Kette kahler, rother Felſen, welche jede Ausſicht in das Innere verſchließt. Den Raum zwiſchen dem Meere und dieſem Felſen bedecken grne Weiden und reizende Gaͤrten, und um⸗ ringen die Stadt des Silandes von der Landſeite. Vormals hielten hier ſich fremde Reiſende gerne — *) Dieſer beruͤhmte Dichter ſchwamm uͤber den * Hellespont. 8 auf, weil das Clima ſo mild, die Fruͤchte ſo köſtlich ſind, auch trug dazu die Schoͤnheit der Griechin⸗ nen und die Gaſtfreundſchaft der dortigen Einwohner bei. Nach ſeiner Landung fand Carne im Hauſe des Conſuls, eines gebornen Scioten, eine gaſtfreund⸗ liche Aufnahme. Seine huͤbſche Frau und Lochter ließen ſich vor der Geſellſchaft ſehen, und Zuckerwerk, Waſſermelonen, Drangen und Caffee wurden herumge⸗ geben, eine an einem ſo heißen Tage erquickende Er⸗ friſchung. Hier erfuhr Carne alle Umſtaͤnde, die bei der Verheerung der Inſel Seio und Pluͤnderung derſelben durch die Tuͤrken vorgefallen; 20,000 Men⸗ ſchen wurden umgebracht und noch mehrere gefangen in die Sklaverei fortgeſchleppt; vielleicht haͤtte— nach den Aeußerungen, die man that— dieſes Ungluͤck ab⸗ gewehrt werden koͤnnen, wenn die Eingebornen nicht ſo unentſchloſſen und weibiſch geweſen waͤren. Was ſich von den Seioten in's Gebirge fluͤchten konnte, vermochte ſich dort zu verſtecken, oder auf Böten nach chriſtlichen Schiffen zu fliehen. Ueberall ſah Carne im tuͤrkiſchen Reiche eine Menge von der Inſel ent⸗ flohene Griechinnen, welche im Elend darbten, Freunde oder Verwandte außer ihrem Geburtslande ſuchten, aber niemals wieder fanden. Zwei bis drei Stunden von der Stadt zeigt man die Stelle, wo Homer ſeine Lieder geſungen haben ſoll. Es iſt dieß ein Felſen mit ausgehauenen Sitzen, von einer ſo ſchoͤnen Lage, daß man den Geſchmack 273 des Dichters und Saͤngers ruͤhmen muß. Nahe dabei ſeht eine Gruppe hoher Baͤume mit einer klaren Quelle, einem nahen ſchoͤnen Hafen und reizenden, in Gaͤrten gelegenen Landhaͤuſern, an der Abdachung ro⸗ ther Felſen. Die Tuͤrken Cuͤberhaupt die Drien⸗ talen) ſchaͤtzen ſehr den Schatten und die Kuͤhle, und an dem Platze, wo einſt der begeiſterte Maͤoni⸗ de(d. h. Homer) ſang, rauchten nun Muſelmaͤn⸗ ner ihre Pfeife und nahmen ihre Waſchungen vor. Einige Meilen von der Stadt liegt an einem fel⸗ ſigen Pfade das große Kloſter Nehamonte, mit einer reich geſchmuͤckten Capelle und einem Dom von Marmor verſchiedener Farben, indeß die Waͤnde mit Marmor und farbigem Glaſe nach dem ſonderbaren Geſchmack der Levante geſchmuͤckt waren. Carne fand hier die verheiratheten griechiſchen Prieſter freier und geſelliger als die eatholiſchen Geiſt⸗ lichen im Drient, und die griechiſchen Kloͤßer pfle⸗ hen zierlicher und reinlicher, als diejenigen der Cathv⸗ liken zu ſeyn. Jeder Fremde wird, wenn ek einige Tage im Kloſter Nehamonte verweilen will, an⸗ ſtaͤndig logirt und bewirthet, auch fehlt es nicht an gutem griechiſchen Wein und herrlichen Fruͤchten, wo⸗ von immer die Moͤnche das Beſte zu beſitzen pflegen. Von ganz vorzäglicher Güte iſt hier der rothe Wein, alein die Griechen, welche ihn gerne trinken, fuͤh⸗ ren wenig davon aus. In der ganzen Levante lebt auf dieſer Inſel und auf Rhodus ein Fremder am Brtes Bändchen. Türkei. IV. 3. 3 angenehmſten und wohlſeilſten. Im Innern der In⸗ fel ſieht man manchen ſchoͤnen Landſitz reicher Grie⸗ chen und Tuͤrken von Quaderſteinen erbaut, mit nahen Luxus⸗Gaͤrten in oft romantiſchen Lagen. Wohl⸗ riechende Pflanzen und Bluͤthen ſind hier ſo haͤuſig, daß ihr lieblicher Geruch uͤberad erfreuet. Auch wird hier der bei den Griechinnen und Tuͤrkinnen ſo beliebte Maſtir Gummi gewonnen. Die hieſigen Briechinnen ſuchen durch Schwinke, bunten Putz und reiche Kleider ihre unverſchleierten Reize zu erhoͤ⸗ pen. Welche Reize auch griechiſche Damen beſitzen moͤgen, ſo iſt doch die Wuͤrde, der Gang, die Elegant, die Sanftheit des Charaeters der tüͤrkiſchen Damen vorzuͤglicher. Dennoch wird jeder Fremde eine grie⸗ chiſche Inſel immer ungerne verlaſſen. Nachdem Carne in Chios wieder unter Segel gegangen war, kam er am naͤchſten Abend in dem ſehr vaͤumlichen Hafen von Smyrna an. Ehe man zur Stadt gelangt, ſegelt man lange zwiſchen Ufern mit xauhen Felſen; jedoch iſt der Fuß und die Abdachung derſelben bewaldet und mit uͤbpigem Gruͤn ausgeſtattet. Smyrna hat eine arvße Bevoͤlkerung und einen rei⸗ chen Handel, aber enge Gaſſen; allein im Quartier der Franken findet man viele treffliche Haͤuſer mit platten Daͤchern, auf denen man ſpatzieren geht. Es heirathen dort haͤufig die Franken die Coͤchter grie⸗ chiſcher Familien, deren Toͤchter ungemein reizend zu ſeyn pflegen, wenn ſie in ihrem Turban, auf der Ha⸗ fe oder dem Pianoforte muſiciren, und europaͤiſche Lieder werden bezaubernder, wenn ſie eine Griechin ſingt. Der tuͤrkiſche Begraͤbnißplatz liegt an einem Hu⸗ gel nahe bei Smyrna, nahe am juͤdiſchen Begraͤb⸗ nißorte, und iſt mit ſchattigen Cypreſſen eingefaßt, da kein anderer Baum ſich mit ſeinen haͤngenden Zwei⸗ gen ſo ſehr, als dieſer, für den Schatten der Begraͤb⸗ niſſe eignet. Reiche Tuͤrken in Conſtantinopel pfiegen ſich gemeiniglich am jenſeitigen ufer in Aſien beerdigen zu laſſen, da eine Volksſage geht, daß einſt ein nordiſches Volk ſie aus Suropa vertreiben wer⸗ de; dagegen hoffen ſie im Beſitze Klein⸗Aſfiens laͤnger zu verbleiben⸗ Unter der Kaufmannſchaft der Suropaͤer(Fran⸗ ken) in Smyrna herrſcht viele freundliche Geſellig⸗ keit. Solche beſitzt zum oͤffentlichen Vergnügen ein ſchoͤnes Caſino, mit Leſezimmern, welches jeden Abend von acht Uhr an offen iſt. Auch fremde Reiſende koͤn⸗ nen hieran und an den Baͤllen Dheil nehmen; aber waͤhrend Carnes Aufenthalt war alles ſehr todt, weil die Leichſten griechiſchen Familien gefluͤchtet, die Ba⸗ zars ſtill und leer und die zahireichen Karawanen aus dem Innern lange ausgeblieben waren. Das Dorf Bournabat mit vielen huͤbſchen Villen europäiſcher Kaufleute liegt nur wenige Meilen von der Stadt in einer ſehr wohlangebauten Gegend, und beſitzt viels Oliven⸗ und andere Fruchtwaͤder. Zu gewiſſen Jat⸗ 276 res eiten ſieht man hier viele Stoͤrche, weſche die uͤrken aus Aberglauben in Ehren halten; ſie bauen ſch gerne Neſter in Ruinen der Staͤdte und Doͤrfer, mit deren jetziger Verfallenheit ihr emſiges Geraͤuſch nicht uͤbereinſtimmt. Beſſer gefielen Carne als ſym⸗ pathetiſche Waͤchter der von Menſchen verlaſſenen Ge⸗ bire Trümmer die buntfarbigen Tauben, welche ſich ſo haͤufig in den Ruinen des Sonnen⸗Lempels zu Balbeck eingeniſtet hatten. Iu Smyrna wohnte Carne im Gaſthoſe eines Jtalieners, und ſeine Fenſter hatten eine reizende Ausſicht nach dem Hafen und nach der Bai. Unter den täglichen Tafelgaͤſten fanden ſich verſchiedene grie⸗ hiſche Kaufleute und Prieſter, deren Blicke den Kum⸗ d die Sorgen, jeden Tag ermordet werden zu en, verriethen. Vor Carnes Augen ermordete mrkiſcher Schlaͤchter einen griechiſchen Hausdie⸗ mit ſeinem langen Meſſer, da ihm dieſer kein iſch hatte abkaufen wollen. Carne ſah an einem en Morgen 23 Griechen in turzer Friſt hinrich⸗ Ungefahr so Griechen hatten einen Capitain us Raguſa eine ſiarke Summe Geldes bezahlt, um ſſe von Smyrna wegzubringen. Statt ſogleich ab⸗ zuſegeln, wie ihm der Conſul gerathen hatte, verweilte Dieſer Capitain zu lange im Hafen, und in einer Pacht wurde er mit ſeiner ganzen Mannſchaft durch die Beſatzung von drei tuͤrkiſchen Schiffen gefangen Der Capftain pnd ſeine Mannſchaft wul⸗ 277 den aufgehangen, und beim Aufgange der Sonne wur⸗ den, wahrend Carnes Aufenthalt, die ungluͤcklichen Griechen gekoͤpft. Dem franzoͤſiſchen Conſul ge⸗ reicht es zur unſterblichen Ehre, daß er den Haͤnden der Moͤrder viele Hundert Griechen entriſſen hat. Wenn man durch Smyrna ging, ſo lockte die Neu⸗ gierde die verfolgten Griechen ungeachtet aller dar⸗ aus fuͤr ſie entſehenden Gefahr uͤber ihre Mauern, um durch halbgeoͤffnete Hausthuͤren beim mindeſten Gerauſch nach der Straße zu blicken, und ſogar an den Fenſtern ſah man manchen ſchoͤnen griechiſchen weibli⸗ chen Kopf, um ſchnell zu erfahren, was es Neues gaͤbe. Hier fah Carne auch am Eingange einer duͤrf⸗ tigen Wohnung den Kopf einer Griechin nach dem ſchonſten Ideal des Alterthums. Ihre maſeſtätiſche Figur hatte ihr Haupt zu einigen ungluͤclichen Lands⸗ maͤnninnen geneigt, mit denen ſie ſch gerade unter⸗ hielt. In der traurigen Lage, in der ſich die Natinn befand, war die Leichtigkeit, womit ſie ſich in ihr jent⸗ ges Elend fand, ein wahres Gluͤck. Im Kriege es⸗ ſchreckt ſie kein unerwartetes unglückliches Ereigniß, oder bringt ſie zur Verzweiflung. Weil die G rie⸗ chen kuͤhn und unermüdet ſind, ſo ſind ſie zwar treſß liche Soldaten, jedoch bei einigem Gluͤcke phantaſtiſch in ihren Hoffnungen. Als ſie aus Tripolitza mar⸗ ſchirten, um die Luͤrken anzugreifen, hoͤrte Car⸗ ne ſte ausrufen:„Neulich haben wir ſie mit Staben geſchlagen, und werden ſie jetzt mit unſern Sabeln ⸗ 278 vor uns hertreiben.“ Fuͤhlt der Grieche, daß er ſterben muß, ſo nimmt er von der Welt Abſchied, wie es ſcheint ohne Leidenſchaft und Anhaͤnglichkeit an ſein irdiſches Leben; gibt man ihm eine Guitarre und Wein, ſo glaubt er ſich zum Tanze berufen, ſchwatzt in froͤhlicher Laune und ſingt die ganze Nacht moreo⸗ tiſche Siegeslieder. Eine wunderbare Geiſtesſtaͤrke, Anhaͤnglichkeit an das, was ſie lieben, und Verachtung fuͤr den Gelieb⸗ ten, wenn er ſich ihrer Verehrung unwuͤrdig macht, zeichnet ſich noch immer im Charaeter der Griechin⸗ nen, wie im Alterthum aus. So hatte eine tuͤrkiſche Landung die Maͤnner auf einer kleinen Inſel in einem großen Boote zur ſchnellen Flucht ohne Weiber und Kinder bewogen. Ein junges Weib von ſeltener Lie⸗ benswuͤrdigkeit ſah ihren Gatten abreiſen, fluͤchtete, gedraäͤngt vom Feinde nach dem Strande, flehete mit ausgeſtreckten Armen, auch ſie mitzunehmen. Statt ſich ruͤhren zu laſſen, eilten die Feigen davon und der unwürdige Gatte beſchleunigte die eiliaſte Flucht ſei⸗ ner Gefaͤhrten. Die Unglückliche mußte nun mitten durch die Feinde ihre Rettung verſuchen, Schwierig⸗ keiten, Gefahren, Spott, Leiden dulden. Der Kum⸗ mer brach ihr Herz. Von ihrem Gatten hoͤrte ſie nichts weiter. Bei ihren Wanderungen im Gebirge muſite ſie in verlaſſenen Huͤtten und Hoͤhlen uͤbernach⸗ ten, und, ſo erſchoͤpft ſie war, dennoch weiter ftehen. Die Liebe zu dem Unwuͤrdigen und die Hoffnung, 5 279 daß er ſie wieder aufſuchen werde, ließz ihren Muth nicht ſinken. Als die Tuͤrken ſich von der verheer⸗ ten Inſel zuruͤckgezogen hatten, kehrten die entflohenen Maͤnner nach ihrer Heimath zurück; der Fluͤchtling erfuhr der Gattin jetzige Lage und empfand die ſtaͤrk⸗ ſten Gewiſſensbiſſe. Sie dder hatte alle Hoffnuns laͤn⸗ geren Lebens gaͤnzlich fahren laſſen und fuͤhlte ſich an Geiſt und Koͤrper erſchoͤpft; uͤber ihren Gatten, den ſie zaͤrtlich geliebt hatte, ſprach ſie ihre Verachtung aus, wollte ihm ſeine bereuete That nicht vergeben und ihn nicht wieder ſehen. um ihr Bett ſtanden ihre Schweſtern und Verwandten. Nach deren Verſiche⸗ rung war die Sterbende niemals ſchoͤner, als vor itze rem Hinſcheiden; ſie trauerte nicht uͤber ihren nahen Tod, ſondern uͤber die Unfaͤlle, die ihn veranlaßten. Heetiſche Roſen malten ihre blaſſen Wangen und ibr rabenſchwarzes Haar erhob deren Schoͤnheit. Aber keine Verſoͤhnung konnten ihr reuiger Gatte und die Bitten ihrer Verwandten von der Sterbenden erin⸗ gen. Er ſollte gehen, winkte ſie mit der Hand, und wandte ihr Geſicht nach der andern Seite. Bald nah⸗ men die Beaͤngſtigungen der Todesſtunde zu, und noch einmal ſiegte die Liebe uͤber den Haß gegen den Un⸗ wuͤrdigen. Plötzlich drehte ſie ſich um, blickte mit milder Vergebung den Gatten an, legte die Hand in die ſeinige und ſtarb. An Bord eines Schiffs franzoſiſcher Flagge ſchiffte Carne von Smyrna nach Alerandrien; ihm begegnete eine griechiſche Flotte, welche mit Glimpf Schiffspapiere, Schiff und Ladung unterſuchte. Die groͤßten dieſer Schiffe waren vormalige Kauffahrer, fuͤhrten 20 Canonen und gehoͤrten Hydrioten. Un⸗ geachtet der Windſtille herrſchte doch froͤhlicher Muth auf dem Schiffe, auf dem Carne fuhr, unter den Schiffern und Paſfagieren.— Endlich lag die niedrige Steppe Alerandriens vor den Augen, mit ihren ehrwuͤrdigen Denkmaͤlern der Vorzeit. Carne machte nun Reiſen in Aegypten, in Syrten, begab ſich dann vom Berge Tabor nach Nazareth, nach Jaffa und Ramla, um von da ſich nach Jeruſalem zu begeben. Dieſe Reiſen und die Abentheuer Carnes dabei, hat der verehrte Leſer ſchon im III. Theile,. Baͤndchen der Reiſen durch Aegypten, oder sa. Baͤndchen unſerer Taſchenbiblio⸗ thek der See⸗ und Landreiſen, pag. 328 bis 366 ken⸗ nen gelernt. Von Ramla war Carne zeitig aufgebrochen. Schon am Morgen um 3 Uhr war er in der Ebene auf dem Wege nach Jeruſalem. Als er in das Gebirge kam, fand er die Pfade oft ſo ſchmal, daß keine zwei Pferde ſich begegnen konnten, und um ſo gefaͤhrlicher, da die Regenguͤſſe die engen Pfade noch mehr verdorben hatten. Nachdem Carne das Thor von Bethlehem in Jeruſalem erreicht hatte, fand er ſchnell Einlaß und eine Wohnung bei einem Buͤrger nahe beim 281 Lhurm Davids, da er es ſatt hatte, ſich nach dem Brauch der Kloͤſter, wo man gewoͤhnlich einkehrt, zu richten. Er hatte hier Divan, Caffee, guten Wein, auch Abendmuſik, und wuͤnſchte, hier zu bleiben; aber⸗ als wenn es vom Schickſale beſchloſſen waͤre, daß er im Driente vorzugsweiſe in Kloͤſtern leben ſollte, batte er die Schwaͤche, der Furcht nachzugeben, daß ein Fremder bei Buͤrgern weniger ſicher ſev. Das Kloſter wieß ihm eine kleine kalte Zelle mit einem einzigen Tiſch und Stuhl, und ein kleines Bett mit Wolldecken an, als wenn er ein Pilger waͤre. Fuͤr das Fehlende ſollten ihn die Gemaͤlde von Heiligen und Maͤrtyrern entſchaͤdigen. Schon am naͤchſten Tage, im warmen Februarmo⸗ nat, beſtieg er die im Suͤden der Stadt gelegene Schaͤdelſtaͤtte neben dem tiefen Felſenthale Hin⸗ non, wo alles jetzt fill war. Rechts liegt der ſchoͤns Delberg und an deſſen Fuße das Thal Joſaphat⸗ Zwiſchen großen Felſen und Baͤumen erblickt man das Grab des letzten erſchlagenen Propheten Zacharias. Aus der Quelle Silvah gegen dem Berg Zion uͤber fließt der einzige ſichtbare Bach. Die eigentliche Got⸗ tesſtadt iſt verſchwunden mit ſo manchen einſt heiligen Plaͤtzen in ihren Mauern, denn ſelten kann man ſich von der richtigen Angabe der benannten Flaͤtze uͤberzeugen; aber die Felſen, Berge, Teiche, Dhaͤler ſind unveraͤn⸗ nur daß ſie jetzt einſam ſind und in Wildnis ſegen. 282 Die jetzigen Straßen der Stadt ſind eng und ſchlecht gepflaſtert, auch haben die Haͤuſer ein ſchlech⸗ tes Anſehen und der Bazar iſt nichts Außerordentli⸗ ches; dagegen iſt das armeniſche Quartier das ange⸗ nehmſte in der Stadt, deſſen Kloſter nahe am Zi⸗ ons⸗ Thor ſehr geraͤumig und huͤbſch iſt, einen gro⸗ ßen Garten hat und soo Pilgrime beherbergen kann. Die reiche Kirche iſt orientaliſch geſchmuckt und hat ſchoͤne Deppiche. Die hauptſaͤchlich von Juden im Oſten bewohn⸗ te Unterſtadt iſt ſchmutzig und ſtinkend; doch leben bier manche Iſrgeliten hoͤchſt gemaͤchlich. Beide Geſchlechter dieſer Nation haben aͤußere Anmuth und nicht das hebraͤiſche Seſicht ihrer europaͤiſchen Glau⸗ bensgenoſſen. Um von den Tuͤrken wegen Verdacht des Reichthums nicht noch mehr beſchwert zu werden, kleiden ſich ſowohl die Juden als Chriſten hier ärm⸗ lich. Kaum mögen hier jetzt 10,000 Juden, so00 Chri⸗ ſten und eben ſo viele Muſelmaͤnner leben, und in 3/4 Stunden kann man die Stadt umgehen. Dmars Moſchee, in welche kein Chriſt Zugang erhaͤlt, iſt das ſchoͤnſte Gebaͤude im turkiſchen Reiche und ſteht da, wo Salomons Tempel ſtand. Der freie Platz um die Moſchee iſt mit hohen Baͤumen be⸗ ſchattet und der einzige Spatziergans in der Stadt, ͤbrigens wenig hoher, als die Straße, und jetzt der boͤchſe Theil der Stadt die Stelle, wo die Kloͤſter liegen, zwiſchen den Thoren von Bethlehem und 283 Zion. An der Seite dieſes Berges erblickt man eini⸗ ge Delbaͤume, wenige Gaͤrten und etwas Kornbau. Am ſuͤdlichen Ende liegt die Moſchee Davids, in welcher die Tuͤrken behaupten, daß die Graͤber Da⸗ vids und Salomons noch vorhanden ſind. In einem kleinen Gebaͤude bei der Moſchee, wo vormals eine Kirche ſtand, iſt das Zimmer, wo der Erloͤſer ſein letztes Abendmal mit ſeinen Juͤngern feierte. Durch eine Spalte ſah Carne, daß es nackte Waͤnde hatte. An einem Abend beſuchte er die Kirche des heiligen Grabes, wo am Eingange ein Tuͤrke von jedem Pilger ein Eingangsgeld erhaͤlt, wovon in⸗ deß Carne frei war. In der Mitte der Vorhalle ſteht ein großer Marmortiſch mit einer Lampe an der Decke. Hier ſoll der Leichnam des Herrn zum Be⸗ graͤbniß geſalbt worden ſeyn. Links tritt man in die große Rotunda mit einer Kuppel, und in der Mitte liegt das heilige, etwas laͤnglichte Grab von marmor⸗ artigem, roͤthlichem Stein vom rothen Meere. Wenn man ein Paar niedrige Stufen hinaufgeſtiegen iſt, zieht man die Schuhe aus und tritt in das erſte kleine Marmorgemach. In der Mitte ſteht eine niedrige Saͤule von Marmor, nach welcher der Engel den Grab⸗ ſtein waͤlzte und ſich darauf ſetzte. Dann buͤckt man ſich, um in die ſchmale Thuͤr nach der Seite des Gra⸗ bes zu treten, welches von hellbraunem und weißem Marmor, ſechs Fuß lang und drei Fuß hoch iſt; wi⸗ 284 ſchen dem Grabe und der Mauer gegenuͤber haben uur vier bis fuͤnf Perſonen zu gleicher Zeit Raum, und von der niedrigen Kuppel leuchten 27 große ſilberne, ſtets brennende Lampen, welche uber das heilige Grab und die dortigen Gemaͤlde Helle verbreiten, indeß ein griechtſcher und ein roͤmiſch⸗katboliſcher Prieſter ihr ſilbernes Rauchgefaͤß uͤber die Pilgrime ſchwenken. Carne ſah hier andaͤchtige Chriſten der verſchieden⸗ ſten Confeſſionen; aber auch einige, welche die Gele⸗ genheit ergriffen, Roſenkraͤnze und Kreuze in Menge an das Grab zu ſtellem um ſie weihen zu laſſen, und dieſe ſo geheiligten Sachen in ihrem Vaterlande zu hohen Preiſen zu verkaufen.— Er ſah auch wohlge⸗ kleidete Tuͤrken in der Kirche, welche ſich ſehr au⸗ ſtaͤndig betrugen. In einer Capelle, ein wenig links an der Notun⸗ da, zeigt man die Stelle, wo Chriſtus der M arta im Garten erſchien. Nahe dabei beginnen die 48 hohen Stufen des Calvarienberges, und nachdem man ſolche erſtiegen, befindet man ſich auf einer bunten Marmorflaͤche, mit drei bis vier ſchlanken weißen Pfeilern, welche das Gewoͤlbe tragen, und die ſoge⸗ nannte griechiſche Kirche von der catholiſchen trennen. Die Pfeiler ſind zum Theil durch reiche ſeidene Um⸗ baänge umkleidet und am Ende ſtehen zwei kleine huͤb⸗ ſche Altaͤre. Der Altar der Catholiken hat ein die Kreuzigung darßellendes Gemaͤlde, und der griechiſche Altar die Abnahme des Leichnams vom Kreuze. Auch „ — hier brennen beſtaͤndig Lampen. Die zum Calva⸗ rienberg leitende Straße iſt etwa 20 Fuß hoch und man ſagt, daß die Spiltze erniedrigt worden iſt, um der Kirche des heiligen Grabes Raum zu verſchaffen, was man auch bemerkt. Auch zeigt man hier die Stelle, wo das Kreuz in den Felſen beſeſtigt wurde, vor welcher jeder Pilger niederkniet und ſie andaͤchtig koͤßt. Carne blieb in der Nacht in der Kirche um den Gottesdienſt in der eatholiſchen untern Capelle beizu⸗ wohnen. Bald nach Anbruch des Tages kehrten die Pilger zuruͤck; die Moͤnche klagten aber ſehr uͤber die Nachtheile der griechiſchen Revolution und der langen Fehde der beiden Paſchen zu Damask und zu Ar⸗ re, derenwegen jetzt wenige Pilgrime nach JFeruſa⸗ lem kaͤmen, und wenn davon die Flöſter einigen Ge⸗ winn ziehen, ſo werden ſie deſſen wieder durch die tuͤrkiſchen Erpreſſungen entledigt. Vor einigen Jahren (vor Carnes Ankunft) kam es am heiligen Grabe zum blutigen Handgemenge, ſo daß die Chriſten der verſchiedenen Secten ſogar die Meſſer gegen einander togen.— Bethlehem liegt ſechs engliſche Meilen von Jeruſalem und hat 700 arme Einwohner. Erſte⸗ res liegt an einem felſigten Hügel, deſſen Seiten mit Delbaͤumen beſetzt ſind. Das rechts am Wege llegen⸗ de Grabmal der Rahel hat alles Aeußere eines Grab⸗ 286 mals fuͤr einen türkiſchen Heiligen. Carne beſuchte in Bethlehem die Kirche, welche die Kaiſerin He⸗ lena erbaut hat, und ohne alle Verzierung iſt. Wenn man aus der Kirche as Stufen hinabſteigt, ſo ſoll man ſich in dem Stalle befinden, worin der Erloͤſer ge⸗ boren wurde. Jetzt ſieht der Stall aus, wie eine aus dem Felſen gehauene Grotte, deſſen Seiten durch ſei⸗ dene Gardinen verhuͤllt ſind. Der Fußboden iſt mit Marmor gepflaſtert. neber der Stelle, wo Chriſtus geboren wurde, errichtete man einen Altar mit immer brennenden Leuchten, und ein ſilberner Stern bemerkt die Stelle der Geburt. Gegenüber ſteht ein anderer Altar an der Stelle, wo die Weiſen aus dem Morgenlande der Fungfrau und ihrem Kinde huldigten. Die Grotte iſt klein und nicht hoch, und die Glorie von Marmor und Jaspis um den ſilbernen Stern verkuͤndigt in einer lateiniſchen Inſchtift, daß Jeſus Chriſtus hier geboren wurde. Ein enger Pfad leitet nach dem Andachtszimmer des heiligen Hieronymus, und nahe dabei ſind die Graͤber der heiligen Paula und einer andern eben ſo frommen Dame. Ungefaͤhr eine Meile weiter im Thale zeigt man in der Flur das romantiſch liegende Feld, wo die Schaͤfer wachten, als die Engel die Ge⸗ hurt des Heilan des ankuͤndigten; in der Mitte des Feldes ſtehen zwei ſchone ehrwuͤrdige Baͤume und der Raſen iſt dick mit Blumen bedeckt. Die drei Cyſter⸗ nen Salomons, welche nach Jeruſalem Waſſer 287 leiten ſollten, gewiß ein Werk des hoͤchſten Alter⸗ tbums, ſind aber jetzt ganz verfallen. Unzaͤhlig ſind in Jeruſalem die Erinnerungen aus der bibliſchen Geſchichte; ſo zeigte man Carne s. B. den Platz, wo Vathſeba ſich badete, als ſie von David geſehen wurde; den Ceich zu Bethes⸗ da, in dem jetzt ein Paar Baͤume ſtunden und Gras wuchs. Der Palaſt des hieſigen Statthalters iſt ge⸗ räumig und von römiſcher Bauart, mit einer hübſchen Ausſicht nach der Moſchee Omars. Die Moͤnche verfehlten nicht, Carne hier das Zimmer zu zeigen, wo Chriſtus verweilte, als ſein Verhor anging und nicht weit davon die dunkle Gerichtshalle des Pila⸗ tus, auch die Stelle, wo der Erloͤſer ſtand, als der Landyfleger austief:„Sehet, welch' ein Menſch!“ Ferner die Gaſſe, wo Chriſtus ſein Kreuz trug und auf dem Wege nach dem Calvarienberge ſogar die drei Stellen, wo er unter ſeiner Laſt niederſank, indem kleine Pfeiler jede ſolche Stelle bezeichnen. Noch zeigt man das Haus des reichen Mannes und das Thor, wo Lazarus ſaß, und doch lehrt uns die Ge⸗ ſchichte, daß Litus die Stadt Jeruſalem ſchleifen ließ. An der Quelle Silvah wird jetzt ſchmutzige Leinwand gewaſchen; aber die ufer ſind noch mit Baͤumen beſchattet. Ein armer turkiſcher Caffeeſchen⸗ ker bediente Carne und ſeinen Wegweiſer Ants⸗ niv bier mit Pfeifen und Brod. Carne fand dieſes 288 4. Thal romantiſch, oögleich es von Wenigen beſucht wird. Nahe bei der Stadt im Norden zeigte man ihm die wohlverſchloſſene Hoͤhle, wo der Prophet Je⸗ remias ſeine Klagelieder niedergeſchrieben haben ſoll. Im Suͤdoſten Jeruſalems hat man eine herrli⸗ che Ausſicht zwiſchen der Schaͤdelſtaͤtte und dem Del⸗ berge nach dem todten Meere und nach den Ber⸗ gen des ſteinigten Arabiens. Die hohe und ſtarke Lage der Burg Zion kann der einzige Grund geweſen ſeyn, warum man Jeru⸗ falem zur Hauptſtadt waͤhlte; denn in allen uͤbrigen Ruͤckſichten liegt Jeruſalem ſehr unbequem und litt ſogar Mangel an Muſtr— Aber, obgleich Jeru ſa⸗ lem niemals groß war, ſo war doch ſeine Lage an der Seite ſteiler Huͤgel und umgeben von tiefen und wilden Thaͤlern, deren Seiten mit Pflanzungen und Gärten bedeckt waren, allerdings prachtvoll. Die ſchoͤnſte Gegend in der Naͤhe iſt jetzt das Thal Joſaphat, indem man aus dem Stephans⸗ Thore den Huͤgel nach dem Bache Kidron hinab⸗ ſteigt, deſſen Bette jetzt trocken war; doch mag er im Winter ein ſchneller Gießbach ſeyn. Links liegt eine ſchoͤn geputzte Grotte, angeblich das Grab der Jüngfrau Maria, welche hier gewiß nicht begraben wurde. Wie verfallen iſt jett der Garten von Gethſe⸗ mane. Zwar umgibt ihn eine niedrige Hecke, aber der Boden iſt kahl, ohne anderes Gruͤn, als von ſechs 289 uralten Delbaͤumen. Hier hat man eine ſchoͤne Aus⸗ ſicht in das romantiſche Thalz hinten erhebt ſich ein Berg, uud geradeaus die Mauern der heiligen Stadt. Von hier aus windet ſich ein Pfad nach dem ſchoͤnen Huͤgel des Delberges, von dem man die Stadt uͤber⸗ ſieht. Wenn man vom Delberge in das enge DThal Joſaphat hinabßeigt, kommt man zum Pfeiler Ab⸗ ſalons von gelbem Stein, mit Halbſaͤulen, welche drei Abſatze haben und mit einer Kuppel bedeckt ſind⸗ Das nahe Grab des Sacharias iſt viereckig, hat vier bis fuͤnt Pfeiler und iſt aus Felſen gehauen. Nicht weit davon ſteht eine andere Grotte, worin die Apo⸗ ſel verhaftet geweſen ſeyn ſollen. Das kleine elende Dorf Silvah liegt an einem felſigen Huͤgel zwiſchen den Thälern Hinnon und Jofaphat und einem Winkel des Berges Sion mit einigen zerſtreuten Del⸗ Baͤumen. Deſto kahler iſt der Berg, wo der Palaſt des Kaiphas ſtand, obgleich er hoͤher iſt, als der Delberg. Zur Seite zeigt man den Blutacker, welchen die Hohenprieſter mit dem GSelde kauften, fur das Judas Iſchariot Jeſum verrieth, und wo jetzt ein kleines Haus zur Beerdigung von Leichen ſteht. Die intereſſante⸗ ſe Stelle des Huͤgels iſt da, wo er ſteil in das Thal Hinnon hinabſteigt und mit vielen zerſtreuten Hel⸗ Baͤumen beſetzt iſt. Alle dieſe Felſen haben eine Men⸗ ge Graͤber, vormalige Grabſtaͤtten der Juden, von de⸗ nen manche kleine Fenſteroͤfnungen haben. Solche 8rtes Bändchen. Türkei. IV. 3. 4 ——— —— 290 ſind oft ſo hoch und ſo maleriſch, daß man mit Ver⸗ gnügen ſtundenlang darin verweilen kann. Am Thale Hinnon beginnt die Ebene Jere⸗ mia, welche ſtark bewaldet iſt. Eine halbe Stunde von den Mauern liegen die Graͤber der Koͤnige; die der Richter aber liegen in einer wilden Gegend, zwei Meilen von der Stadt. Das Clima der Stadt und des Landes iſt im Gan⸗ zen ſehr geſund. Eigenthuͤmlich iſt, daß die Huͤgel ſo einzeln ſtehen. Bergketten findet man nur am Kat⸗ mel, in der Wuſte, wo Chriſtus faſtete, am Ufer der Seen und im Thale des Jordan. Da Palaͤſtina ſo ſtark bevoͤlkert war, ſo muß der felſige Boden vor⸗ mals haͤuſig terraſirt worden ſeyn, da dieß auch jetzt noch Statt zu finden pflegt, wo man die wenigen Weinſtoͤcke, Del⸗ und Feigenbaͤume ſieht. An einem ſchoͤnen Abend ritt Carne in die Wuͤ⸗ ſte Johannes, an deren Eingang das Joh annis⸗ Kloſter ſteht. Dieſes iſt ein raͤumliches Gebaͤude mit Terraſſen und der Ausſicht nach dem hohen Huͤgel Mo⸗ din und mit Ruinen des Palaſtes der Maccabaͤer auf der Spitze des Berges. In einem nahen kleisen Dorfe zeigt man das verfallene Haus, wo Maria und Eltſabeth zuſammenkamen. Carne, um auszuruhen, legte ſich in einer klei⸗ nen Zelle des Kloſters nieder; waͤhrend er ſchlief⸗ les⸗ ten die Moͤnche friſche Kohlen in das Becken, das man gebracht hatte, weil das Wetter kalt war, und ſchlu⸗ ſen die Thuͤre ſeiner kleinen Zelle. Nach ein Past 291 Stunden wachte er auf, befand ſich aber— durch den Dampf— ſo ſchwach und angegriffen, daß er nicht aufſtehen konnte und wahrſcheinlich geſtorben waͤre, wenn nicht zufaͤllig ſein Diener Michael Milo⸗ zwich in der nahen Zelle ſein ſchwaches Rufen um Püfe gebört, und ihn ſogleich in freie Luft geſchafft, auch dadurch, daß er kaltes Waſſer uͤber ihn goß, ſeine Lebenskraͤfte erfriſcht hatte. Au naͤchſten Morgen beſuchte Carne die ſchmale, ium Theil urbar gemachte Woͤſte mit zerſtreuten Baͤu⸗ men. Hoͤher hinauf zeigt man an der linken Seite der Huͤgel die Grotte des heil. Johannes zwiſchen vie⸗ len Baͤhmen und eine dicht dabet entſtehende UQuelle. Uebrigens muß man ſich in Palſſtina Wöſten, Berge, Ebenen nicht ſo, als in groͤßeren Laͤndern vor⸗ ſellen.— Peſtlich an die Wildniß ſtoͤßt das beruͤhmte Thal Elah mit vielen Delbaͤumen, und noch jetzt ſind die Hugel kenntlich, worauf nach der Beſchrei⸗ bung der Bibel beide Heere ſtanden. Noch ſchlaͤngett ſich der Bach, an dem David die Kiefelſteine ſam⸗ melte, mit denen er Goliath todt niederwarf. Der Boden des Thales iſt wellenfoͤrmig, nicht breit und ohne Wohnungen. 3 Carme fand in einer Audienz heim Statthalter in Jeruſalem, nachdem er dahin zuruͤckgekehrt war, kein ſchoͤnes Mobiliar; aber einladend war der Pab⸗ menbain um den Tempel unter den Fenſtern des Pulaſtes, wo oft tuͤrkiſche Frauen wazieren gehen. Während der Audienz kam ein alter„wohlgekleideter — ———— 202 Jude und uͤberreichte dem Paſcha eine mit goldgezierte Vaſe mit koſtbarem Eingemachten, worauf der Muſel⸗ mann ſogleich befahl, daß dieſe Leckereien den Frem⸗ den, die ſich bei ihm befanden, vorgeſetzt werden ſol⸗ ten, welches eine Grobheit gegen den Juden war⸗ Gleich hernach ſchleppten einige Wrabanten einen wubier herein, der ſich dagegen geſtraͤubt hatte, Indeß die Soldaten den Menſchen bei den Armen und Beinen hielten, ſchlug ihn der Statthalter mit dem bleiernen Knopf eines Stabes auf den Leib, wobei er jedoch ſeine Schamtheile ſchonte, indem der Ungluͤck liche auf das Heftigſte ſchrie. Im Suͤdoſten des Berges Zion, im Thale Jo⸗ ſaphat und am Huͤgel nahe beim Delberg lag der Garten Salomons. Die Lage war nicht uͤhel ge⸗ waͤhlt, aber er war nicht groß. Jetzt liegen dort viele kleine Gaͤrten, aber man ſieht auch nicht eine einzige Palme mehr, und am hoͤhern Felſen liegt ein erbaͤrmliches Dorf. An einem ſchoͤnen Morgen ſpazierte Carne auf einem Pfade laͤngs dem Delberge, welchen der Er⸗ löſer ging, als er ſeinen letzten Einzug hielt, durch das zerſtoͤrte Dorf Bethphage nach dem ſchoͤngele⸗ genen, zwei Meilen entfernten Dorſe Bethania⸗ woſelbſt man noch die Ruinen des Hauſes von Lazarus zeigte. Rechts liegt das aus dem Fel⸗ ſen gehauene Grab des Lazarus, wohin Carne⸗ begleitet von Fackeltraͤgern, auf 10— 42 ſteinernen „ 293 Stufen hinabſties. Von dem Felſen, an deſſen Fuße Bethania liegt, hat man eine praͤchtige Ausſicht nach dem todten Meere und nach dem Thale, aus dem der Jordan ſich in das Meer muͤndet. Am Abhange des Delberges zeigte man Carne die Stelle, wo Chriſtus uͤber Jeruſalem weinte, und die Traditivn konnte keinen wohlgelegenern Punkt waͤhlen, als denſenigen, wo auch David weinte, als er vor Abſalon floh. 8 An einem Morgen beſuchte Carne, natuͤrlich in Begleitung ſeines treuen Michael das Grab Davids und Sauls an dem ſechs Meilen von Jeruſalem entfernten Huͤgel Engaddi. Jetzt bewohnte dieſe Grotte in dem Felſen der wilden Ziegen eine arabiſche Familie. Die Grotte ſcheint Anfangs weder hoch, noch räumlich, doch ſind dieß die inneren Gemaͤcher. Gegenuͤber der Wildniß von Ziph erblickte Carne das traurige ufer des todten Meeres. Mit Hilfe des Arabers Ibrahim, als Wegweiſer gegen gute Belohnung*), gelangte Carne von Engaddi, auf einem wilden, aber intereſſanten Wege, um das todte Meer zu beſuchen, zum Kloſter der heilig. Saba, welches am Rande eines tiefen Thales, durch das der Kidron fließt, erbaut und mit ſehr ſtarken Mauern und Strebepfeilern umgeben iſt. Die alte Kirche it Kloſers bat einige arbge⸗ *) Dieſer Ibrahith vewhnte die Grotte. — 204 malte Heiligenbilder, und unter der Kuppel das nach chineſiſcher Weiſe ſo unpaſſend vergoldete Grab der beil. Saba. Von hier kommt man auf Stufen in eine kleine, aus dem Felſen gehauene Kirche, worin bisweilen beim Schein der Fackeln Gottesdienſt gehal⸗ ten wird. Ueberall ſah man Spuren des Fleißes der griechiſchen Moͤnche. Mit Hilfe ſeinerner Stufen gelangte man zu verſchiedenen⸗ uͤber einander gelegten Lerraſſen, und ſie erzogen dort viele Gartenfruͤchte, nachdem ſie fruchtbare Erde auf den Cerraſſen nie⸗ dergelegt hatten. Dieſes Kloſter in der Einode ſoll vor 1200 Jahren erbaut worden ſeyn, doch wohnten hier ſchon fruͤher aſeetiſche Einſiedler. Carne ruhte einige Stunden, wurde aber um Mitternacht vom Prior geweckt, auf einem langen Gang nach einem Fenſter gefhrt, aus welchem er und ſeine Begleiter mit Hilfe einer Leiter in die Wuͤſto kam. Auf dieſe Weiſe hoffte er den ſtreifenden Ara⸗ bern zu entgeden. Er hatte genug mit ſeiner erſten Gefangenſchaft am Berge Sinai, deren ſich der ge⸗ neigte Leſer aus Carne*s Reiſs in Aegypten erin⸗ nern wird.— Im glaͤnzenden Mondenſchein ging Carne mit den Seinen das enge Thal hinauf und beſtiegen dann einen Huͤgel. Carne⸗ Michael⸗ Ibrahim waren bewaffnet, dagegen der junge An⸗ tonio, ſein Wegweiſer von Jeruſalem phne Waß⸗ fen; die Nacht war kuͤhl, das Geſtein der Felſen rein und in der ganzen Natur umber Alles ſiill außes daß 295 pisweilen ein Vogel der Wuͤſte, durch die Ankunft der vier Wanderer erſchreckt, einen Schtei ausſtteß. Unerwartet ſtieß Carne hier auf ein Lager von Arabern, welche ihn und die Seinen nicht bemerk⸗ ten, wohl aber ihre Hunde; aber wie erſchracken die vier Wanderer, als ſie nach 20 Minuten links ein an⸗ deres Lager von Zelten erblickten. Weil der Ruͤckzug noch gefaͤhrlicher, als das Vorwaͤrts war, ſo gingen ſie nahe an der Spitze des Lagers vorbei, in welchem abermals die Hunde wach wurden, doch wurden ſie auch dieſes Mal nicht verfolgt. Endlich erreichten ſie mit Anbruch der Morgendaͤmmerung die ſteilen Ufer des langen todten Meeres, indeß das gegenuͤber lie⸗ gende arabiſche Gebirge mit Dunkelheit gefullt war⸗ Als ſie mit Muͤhe bis zum Rande des ufers hinabge⸗ ſtiegen waren, gluͤhte das Morgenroth an der Spite der uͤber ſie haͤngenden Felſen. Die Breite des Fußes der Felſen bis an das Ufer war etwa 300 Fuß; aber einige Fuß vom Rande, verſanken Carne und ſeine Begleiter faß in einem ſchwarzen Moraſt und die Oberflaͤche des Meeres war allenthalben mit einer grauen Kruſte bedeckt, die man erſt wegſtoßen mußte, um das Seewaſſer zu verkoſten. Wirklich kann man nichts:Schrecklicheres in der Natur ſehen, als dieſen See, welcher, weil ihn ſteile und hohe Felſen von allen Seiten umgeben, ſelten vom Winde bewegt wirdz ſelbſt der wilde Araber hat eine abergläubige Scheu vor demſelben. An einigen Stellen haben die Selſen 296 des ufers eine dicke Schwef⸗lineruſtativn und an an⸗ dern von Salz; auch trifft man dort einige tiefe Hoͤh⸗ len, welche bisweilen der Beduine bewohnt. Der See hat keine dem Geruch widrige Atmoſphaͤre, und Carne hat geſehen, daß Voͤgel quer uͤber ihn hinflo⸗ gen. In betraͤchtlicher Entfernung von den ufern das Waſſer ſehr ſeicht zu ſeyn. Das todte Meer hat keinen Abſiuß, obgleich der Jordan hin⸗ einftießt; aber die Baäche Kidron und Arnon er⸗ giehen ſich jetzt darein nicht mehr. Am weſtlichen Ende verliert ſich das Meer in einer zum Theil angebauten Ebene mit Baͤumen und einer ſchlechten ſandigen Ka⸗ meelweide der Beduinen, und es iſt niemals be⸗ ſchifft worden. An den Felſen bemerkt man nur hier und da einiges abgebiſſenes Gebuͤſch und Moosgrun. Vergeblich ſucht man hier die Sodomsaͤpfel und trifft keine Schiffe im Meere, welches wahrſcheinlich 60 eugliſche Meilen lang und 6—8 Meilen breit iſt. Vom todten Meere ging Carne auf Jeri⸗ cho. Durch ein ſteinernes Thor, welches zugleich das Caſtell des Befehlshabers dieſes Orts iſt, wanderte er in daſſelbe ein. Jericho iſt ein Dorf von etwa 30 Hütten ohne alle Denkmaͤler. Als Carne ſich daſelbſt gegen Abend erholt hatte, machte er einen Spazier⸗ gang nach der reichen, ſchoͤnen Quelle am Fuße des Berges Quarantina, welche der Prophet Eliſa aus einem Brunnen bitteren Waſſers in ſuͤßes Waſſer verwandeit hat. Der Sage nach ſoll der Eyloͤſer 297 in der Wuͤſte des Berges Quarantina verſucht wor⸗ den ſeyn. Am folgenden Tage ritt Carne mit ſeinen Be⸗ gleitern und unter Bedeckung der ſich vor den Ara⸗ bern ſehr fuͤrchtenden Soldaten des Kommandanten von Jericho*), nach dem vier Meilen entfernten Jordan, der ſehr tief, aber nur etwa z0 Fuß breit war; deſſen Ufer ſind mit Acazien, Tamarinden, He⸗ buͤſchen und wilden Blumen geſchmuͤckt. Der Fluß batte wegen vielen Regens einen raſchen Fall und war ſehr truͤbe, ſein Waſſer ſchmeckte aber ſüß⸗ Carne wollte wiſſen, wo der Berg Nebo laͤge; al⸗ lein von keiner Seele konute er es erfahren. Nach Jericho zuruͤckgekehrt, regnete es die ganze Nacht ſehr ſtark, und Carne hatte Muͤhe mit den Seinen in ihrer Schlafkammer einen trockenen Plat zu finden. Auf einem duͤrren Wege, waͤhrend eines faſt ununterbrochenen Regens, eilte am andern Tage Carne nach Jeruſalem zuruͤck, wo er den Ara⸗ ber Ibrahim mit guter Belohnung nach Hauſe entließ. Carne ging, nachdem er mit einer Prozeſſion das Grab des Lazarus beſucht hatte, mit ſeinem Wegweiſer Antonio an einem fruͤhen Morgen auf *) Die Garniſon von Jerichv beſtand aus etwa 30 Mann. 298 das Feld Miſchmaſch, wo einß die Heere Sauls und der Philiſter gelagert waren; jetzt fehlen aber die Gebuͤſche. Von dem ehemaligen Walde Ephraims, worin Abſalon ſeinem Vater David eine Schlacht eferte, iſt auch nicht ein Stamm mehr uͤbrtg. Die Graͤber der Chriſten aller Seeten fand Carne auf dem Friedhofe am Berge Moria, und die der jetzi⸗ gen Juden am Abhange des Zions und des Del⸗ berges. Er beſuchte mit einem Pilger aus Europa zum zweiten Male das Kloſter der heil. Saba und ſah an der Stelle, wo Salomons Kebsweiber wohnten, das elende Dorf Lazarea und im Thale, wo ſein Garten einſt bluͤhte, einen ſchönen Raſen und einen angenehmen Spaziergang. Der Anzuͤndung des heil. Lichts am Dßterabend in der Capelle des heil. Brabes, welches durch ein Wunder geſchehen ſoll, unterließ er nicht mit vielen Griechen, Katholiken, Kopten, Arme⸗ niern beizuwohnen. Bis dahin herrſchte in der Kirche vollkommene Dunkelheit und deſto groͤßer war die Frende, als das Licht nach langem Gebete der An⸗ weſenden erſchien. Carne verließ mit ſeinem Diener Jeruſalem, ging nach Ram la und ſchiffte auf einem Segelbvot nach Aere. Jetzt iſt Aere, nachdem es eine Mauer erhalten, die Faͤrkſte Feſtung in Syrien. Der grau⸗ ſame Djetzar(Paſcha von Acre— Schlaͤchter) dem das Zerſören eine Wonne war, batte dennoch in 299 Aene die ſchoͤnſte Moſches und das ſchoͤnſte Badehaus in Sprien gehaut*). Bei der erſteren ſtehen ſchoͤne Palmen und ein huͤbſcher Brunnen. Rachdem Carne einen guten Wegweiſer erhal⸗ ten hatte, eilte er auf weitem Umwege von Aere nach Damask. In einem ſchoͤn gelegenen Drte, Ebilene genannt, uͤbernachtete er zuerſt. Man zeigte ihm bierauf ein Paar Meilen von Tiberias das Feld, wo die Juͤnger des Herrn die Aehren ausriſ⸗ ſen und aßen. Auf einem kleinen Seitenwege beſuchte er links den Ort, wo Chriſus die Berg⸗Predigt bielt. Es iſt ein niedriger gruͤner Huͤgel, welcher üch allmälig erhebt und mit kleinen zerſtreuten Fels⸗ bloͤcken belegt it. Es konnten hier eine Menge Zu⸗ hoͤrer die Predigt des Erloſers vernehmen. Von der Ebene ſah man den niedriger gelegenen See, und noͤrdlich die ſchönen Berge von Gilbap und Be⸗ thulia. Weiterhin zeigte man Carne links an ei⸗ nem ſchoͤnen Verge die Stelle, wo Cbriüns 5000 Mann ſpeiste. Di e Liuetia die cuun⸗ nun boſuchts, . Peber veſen ventwůrdigen aſch— einen der grauſamlten Menſchen ſeiner Zeit— ſiehe: neGeſchichte der Expedition der Franzoſen nach äegpten und S in den Jahren 4708 bis 480 v Dn F. A. Schneidaweind⸗ Zwepbrücken, dei 8.2 Rities⸗ 3 Baͤnde.“ 300 iſt mit Mauren umgeben, aber im Innern ein elender Drt ohne ehrwuͤrdige Alterthümer, außer der kleinen St. Peters⸗Kirche, in die man auf einigen Stu⸗ fen hinab ſteigt. Am ufer, etwas ſuͤdlich von der Stadt, ſind warme, heilſam befundene Quellen und am aͤußerſten nordoͤſtlichen ufer des Sees von Tibe⸗ rias ſollen einige Ruinen das alte Capernaum be⸗ zeichnen. Die meiſten Einwohner von Tibetias ſind Fuden⸗ und wenige ſind Tuͤrken. Beſonders ſchoͤn nahm ſich der See im Monden⸗ ſchein aus und man konnte ſich Chriſtum öor ſellen, wie er uͤber denſelben ſchreitend zu ſeinen Juͤngern eilte. Die Natur iſt noch immer ſchoͤn zu Tiberias und hat hier keinen ſolchen Fluch, als uͤber das todte Meer ausgeſprochen. Der See mag etwa 1a Meilen lang und 6 Mei⸗ len breit ſeynz die Fiſche ſchmecken lieblich und glei⸗ chen einer Seebarbe. Weil einige enge Thaͤter ſich nach dem See oͤffnen, ſo iſt die Schifffahrt auf ſolchen wegen ſchneller Veraͤnderung des Windzuges gefaͤhr⸗ lich; das Waſſer aber iſt ſuͤß und klar, und den Lauf des Jordans kann man durch den ganzen See deut⸗ lich verfolgen. Das oͤßliche ufer iſt ſehr hoch und bat kahle Felſen, jedoch einige Baumgruppen au de⸗ ren Spitze. Das weſtliche Ufer, wo die Stadt ſteht, iſt niedriger, indem die maleriſchen Huͤgel durch ſchoͤne Thaler mit reichem Raſenteppich, ſedoch ohne Baͤume, bedeckt ünd. Sehr angenehm iſt beſonders 301 ein Syazierritt nach dem ſuͤdlichen Ende des Sees, wo der Jordan ausfließt und eine alte Brucke mit hohen Pfeilern den Proſpekt erhebt. Carne badete hier im Jordan, deſſen klarer und hier ſeichter Strom so Fuß breit war, und durch ein reiches, aber oͤdes Thal floß, das hohe und kahle Berge einſchloſſen. Von Tiberias ging Carne, nachdem er in einem Dorfe uͤbernachtet hatte, nach Safet. Auf der Spitze des Berges Bethulig liegt dieſe in neue⸗ rer Zeit erbaute Stadt, und in der Mitte derſelben auf einem Felſen das Schloß, worin der Beſehlshaber des Platzes wohnt. Vermoͤge dieſer Lage liegt der Drt ſo romantiſch, daß einige Straen uͤber die Daͤ⸗ cher der Haͤuſer ſreifen und bis zur Spitze des Felſen binauf reichen. Dieſer aus den Maecabaer Zeiten bekannte Platz koͤnnte alſo in Folge ſeiner Lage, ei⸗ nem neuern Holofernes auch ohne den Beiſtand einer ſchoͤnen Iudith Trotz bieten. Wegen der gro⸗ ten Hitze des Tages ſetzte ſich Carne neben einem Springbrunnen in den Schatten eines Baumes, wo⸗ ſelbſt die Frauensperſonen Waſſer ſchoͤpften; er ſah aber wohl, daß Keine der herviſchen Judith glich. Von Safet aus erreichte Carne die reiche Ebene, welche Sprien von Palaͤſtina ſcheidet. In einem arabiſchen Lager ließ der Haͤuptling der Beduinen ihm gekochten Reiß, Brod und ſchone Butter vorſetzen. Die ſyriſchen Beduinen ſind rei⸗ cher und daher nicht ſo raͤnberiſch, als die der Wuße. * 302 Während Carne dort verweilte, erſchien ein Offzier des Fuͤrſten der Druſen, um zum Ktiege einige Mannſchaft aufzubieten, welches den Arabern nnan⸗ genehm zu feyn ſchien. Der Iffizier wurde geſpeist und erhielt hierauf ſeine Abfertigung. neber die alte und volkreiche Stadt Hasbeia, das zerßoͤrte Ra⸗ ſheia, und einen andern ebenfalls durch die damalige Fehde der Paſchen von Aere und Damascus zer⸗ ſtorten Dorfe, gegangen, uͤber einige Berge, die mit Schnee bedeckt waren, geſtiegen, erblickte Carn e, nach⸗ dem er ein paar Tage den hohen Berg Gibl Sheich ſtets mit ſeinen Schneegipfeln vor Augen gehabt batte, die Kuppeln und Minarets von Damas⸗ eus in einem Walde von Gaͤrten und Baumen, durch welchen a bis s kleine Baͤche foßen. In Damns⸗ eus ſtteg er in einem ſehr angenehmen Quarlier, bei einem ſpriſchen Griechen und Handelsmanne, ab. Damasecus hat einen umfang von ſieben engl. Metlen, iſt jedoch nur zwei Meilen breit und die Mau⸗ ren disſer aͤlteſten Stadt auf der Erde ſind niedrig und umgeben nur zwei Dyittheile der Stadt. Am ſchoͤnken iſt die Gaſſe, wo der heil. Paulus gewohnt baben ſoll und zugleich breit und wohſgepflaſtert. Man zeiste Carne ein hobes Fenſter in einem öſlichen Fburm, aus welchem der Apoſtel in einem Korbe hin⸗ abgelaſſen wurde. In Damascus muß jeder Chriß in tuͤrkiſcher Kleidung erſcheinenz aber die hieſigen abetglubigen Tuͤrken geliatten thren Welbern, jeden „ Abend am Fluſſe zu ſitzen oder ſpazieren zu gehen; doch haben die vornebmern Damen Waͤchter in der Naͤhe, wenn ſie hier ein Concert anhoͤren. Viele trugen einen duͤnnen, weißen Schleier, waren aber vft ſo guͤtig ihn zuruckzuſchlagen, damit Carne ihre Schoͤnheit bewunderte, welche außer geſunder Ge⸗ ſichtsfarbe, ſchwarzen Augen und Haar nicht ausge⸗ zeichnet war, oder weil ſie Kuͤhlung genießen wollten. Man ſieht hier Freudenmaͤdchen unverſchleiert in Ge⸗ ſellſchaft mit Freundinnen reiten; jedoch haben ſte ſtets zum Schutz einen maͤnnlichen Begleiter. Viel Lurus herrſcht in dieſer Genußliebenden Stadt. Drangen, Citronen und Aprikoſen werden hier trefflich eingemacht. Aber votzugliche Sorgfalt widmet man hier den Roſengebuͤſchen, welche einen Raum von 3 Meilen einnehmen. Nie hat Carne koſlicheres Gebaͤcke gegeſſen, als in Damascus von nichts, als Roſenblaͤttern. Ueberaus groß iſt der Bazar fuͤr die Caravnnen, hat bohe Raͤume auf Pfeilern, und in der Mitte ein nen großen Springbrunnen. Eben ſo ſchoͤn und raum⸗ lich iſt die große Moſchee. Bei aller Pracht des It⸗ nern der Haͤuſer, ſieht man nach der Gaſſe hin nichts als Mauren. Die durch die Stadt ſtroͤmenden Baͤche, welche mit Baͤumen beſchattet ſind, geben bier viele Kuͤhluns, und eben ſo viele Bequemlichkeiten bieten die bohen Bruͤcken mit Polſtern zur Seite an. Vor einem Thore fließen bis s Baͤche zuſammen und b 304 den kurz bei der Mauer einen ſchaͤumenden Waſſerfall. In Nordmeſten der Stadt fließt der Fluß Barrady (vormals Abana), nachdem er durch einen andern ver⸗ ſtaͤrkt worden, in s bis 7 Baͤchen weiter, in Folge einer am Fuß der Felſenhuͤgel getroffenen Ableitung, um ſich Waͤſſerungen zu verſchaſſen, welche am Ende bei dem erwaͤhnten Waſſerfall wieder zuſammenfließen. Viele der Caffehaͤuſer haben eine angenehme Lage und Ein⸗ richtung. In der Umgebung der Stadt trifft man mehrere große Begraͤbnihplaͤtze. Ein ſehr intereſſanter Ausflug iſt nach dem ſchoͤnen Dorf Salehieh.— In Damasecus leben etwa a0,000 Chriſten, neben Luͤrken und Inden. Der Paſcha von Damaseus war ein milder menſchenfreundlicher Beamter, unter dem ſich das Volk gluͤcklich zu befinden ſchien.— Waͤbrend Car⸗ ne's Aufenthalt hieſelbſt, ſah er eine Zahl von Haͤupt⸗ lingen aus der Wuͤſte, welche dem Paſcha einen Eh⸗ renbeſuch machten. Sie waren in Baumwollenzeng mit bunten Randbeſetzungen und bellen gelben Turba⸗ nen gekleidet, und ſchienen geneigter zu ſeyn, die Stadt antugreifen als dem Paſcha ſelaviſch zu gehorchen. Auf dem Bazar ſieht man haͤufig Frauenzimmer in weißen Kleidern und Doppelſchuhen, welche im Ganzen huͤbſcher zu ſeyn ſcheinen, als in Conſtan⸗ tinopel oder Cairo. Die kurze Tunica iſt oft reich geſtickt und im Winter von Luch mit Pelzwerk garnirt. Ihr langes Beinkleid iſt ſets von Seide und — 305 mit einem Schnallenguͤrtel an ihr Leibchen befeſtigtz zugleich tragen ſie ſtets ein Oberkleid. Die Augen der tuͤrkiſchen Damen ſind niemals blau, ihre Haͤnde ſind klein und weiß und mit Ringen und Armbaͤndern ge⸗ ſchmuͤckt. Die Mode gibt hier dem Buſen niemals eine Stütze, und ihre Kleidung ſteht ihnen, beſonders durch den zierlichen mit Caſchemir⸗Shawls umguͤr⸗ telten Turban, ſehr wohl, welchen keine europaͤiſche Dame ſo gut zu legen verſteht. Nach einer Reiſe von 3 Tagen erreichte Carne die Ruinen von Balbeck, welche er erſt ganz nahe beim Platze wahrnahm. Das Dorf Balbeck iſt un⸗ bedeutend, hat aber doch eine Moſchee. Indem Carne auf dem Wege nach den Tempel⸗Ruinen war, erſchien der Sheit des Dorfes, nicht ſo wohl, um zu unterſuchen, wer die Fremden waͤren, als 21 Piaſter zur Erlaubniß, die Tempel⸗Ruinen zu beſehen, abzu⸗ nehmen.— Die Sonne ging gerade uͤber dem großen Tempel unter, und vor Carne war der Anti⸗Li⸗ banon mit Schnee bedeckt; ͤbrigens war die Ebene ſchoͤn, ſo weit das Auge reichte. Bunte Tauben fio⸗ gen um das Gemaͤuer der Ruinen, zwiſchen welchen viele Baͤume und Blumen ſtanden und klarer reißen? der Fluß ſtroͤmte. Die aͤußere Mauer in Norden des großen Hauptgebaͤudes iſt ungemein hoch und etwa 600 Fuß lans; die weſtliche Mauer iſt niedriger und mehr beſchaͤdigt. Der Tempel ſelbſt iſt ungefaͤhr 180 Fuß lang und oo breit; auch von 44 Pfeilern faſt 60 81tes Bändchen. Türkei. IV. 3. 5 306 Fuß hoch und von 26 Fuß Umfang umgeben; uͤbri⸗ gens, ſo wie der Tempel, von feinem hellrothen Gra⸗ nit. Die Capitaͤler haben wenig gelitten, ſind von eorinthiſcher Ordnung und haben an dem Architrav und Corniſchen ſchoͤne Bildhauerarbeit. Groß iſt die Pracht des Saͤulenganges um den Lempel und zu den Fuͤßen liegen Maſſen von zerbrochenen Pfeilern, Capitaͤlern und Frieſen, uͤber welche man in den Tem⸗ pel ſteigen muß. Noͤrdlich vom Tempel, beim Dorfe an der fůdoſt⸗ lichen Seite, u. ſ. w. ſieht man andere ehrwuͤrdige Ruinen von einſt praͤchtigen Gebaͤuden und Saͤulen⸗ gaͤngen. Ungefaͤhr eine engl. Meile entfernt, iſt der Steinbruch, wo die ungeheuren Maſſen fuͤr Balbeck gehauen und bearbeitet wurden.— Statt vormaliger Pracht in Balbeck ſieht man hier nur menſchliches Elend, und Zeichen der Zerßoͤrung. Durch ſchoͤne Ebenen, Dörfer und urbare Felder ging Carne weiter. Vor Sonnenaufgang erreichte er das hoͤchſte Gebirge des Libanon, woſelbſt ihn Wolken umgaben und die Luft ſehr kalt war; wenn ſich die Wolken bisweilen zerſtreuten, ſo genoß er des Proſpeets einer wilden, felſigen Gegend, gemiſcht mit Doͤrfern und vielem Gruͤn. Nachdem Carne in einer elenden Dorfherberge uͤbernachtet hatte, ſetzte er ſeine Reiſe zwiſchen gruͤnen Feldern, dann durch einen ſteilen, engen nach dem Meere hüngigen Vaß fort⸗ und erteichte Bairut. 307 Auf dem Berge Libanon baben jetzt haͤußg die Waͤlder und ſekbſt die Cedern den unzaͤhlichen Wein⸗ bergen Platz gemacht. Jedoch hat der Berg Karm el ſeine Hochwalder. In dem Emir der Druſen, Bufhir, fand Carue einen kraͤftigen, aber ehrgeizigen Fuͤrſten, und obgleich der Emir alt war, ſo erhtelt er ſich doch durch Verbrechen und Staatsklugheit im Beſitz ſeiner Macht, welche die Willkuͤr regelt. Drittes Buch. In einem offenen Boote ſchifte Carne an einem ſchoͤnen Nachmittage von Batrut nach Cypern. Er dachte in 24 Stunden dort einzutreffen, mußte aber wegen der Windſtille 4 Naͤchte und 6 Tage auf der See zubringen. Am sten Tage lief er in Larnika ein.— Felſig und Baumkos iſt jetzt die Koͤſte von Cypern und ſchwuͤl und ungeſund iſt die Luft von Larnika. Nur in wenigen Hausgaͤrten hat man bei der ſchrecklichen Hitze den Schatten gruͤner Baͤunte. In Begleitung machte ſich Carne auf, Cypern iu bereiſen. Er fand uͤberall die Wuth der Luͤrken gegen die Griechen. In die dichten Waͤlder von Cytheren eingetreten, fand Carne den willkom⸗ menen Schatten. Auf abwechſelnden Wegen traf er in Nikoſia ein, wo ihm der griechiſche Stzbiſchof 308 ein ſchönes Quartier anwies. Dieſer fromme Prieſter erwartete jede Stunde ſeinen Tod durch die Tür⸗ Die Venetianer hatten Niepfia z breiten Straßen angelegt; daher hatte die Stadt wenige Ruͤh⸗ lung, aber 3 Thore und ſtarke Mauemn. Da ſo viele Griechen umgebracht wurden, iß Nicoſia's jetzige Bevoͤlkerung unbekannt. Carne beſuchte in Nikoſia mehrere griechiſche Familien. Sie lebten natuͤrlich in Zuruͤckgezogenheit. Die weiblichen Familienglieder waren zugegen. Große Schoͤnheit beſitzen die eypriſchen Damen nicht mehr. Zwar bemerkt man wohl griechiſche Ge⸗ ſichter; aber dem Ganten fehlt die ſymmetriſche leichte und zierliche Form. Es iſ uͤberhaupt— nach Carne's Anſicht— nicht gewiß, ob die Ideale griechiſcher Weiblichkeit in Statuen nicht bloß ein Ideal des Kuͤnſtlers waren. Die Griechen vermiſchten ihre Geſchlechter nicht gerne mit Auslaͤndern, und di Suͤrken wuͤrden kein ſo ausgezeichnet ſchoͤnes v ſeyn, wenn ſie nicht aus allen Gegenden mit den ſchoͤnſten Weibern der Erde ihre Harems bevoͤlkerten⸗ Carne machte Beſuch beim Statthalter von Nikoſſia und deſſen Kiaya LSicreieh Der Statthalter hatte das Anſehen eines Wuͤtherichs und Wilden und hatte Nichts von der aͤußern ſonſtigen Wuͤrde der tuͤrkiſchen Beamten. Er ſchimpfte in der Andiem wuͤthend auf die Griechen und bedrohte ſis 309 fürchterlich. Stin Gelſ ping mit neuen Mordthten ſchasßet. Bald gebar er das inheit. Er ließ den Eizbiſchof Cyprbhn die Moͤnche; bie uͤbrigen Grie⸗ chen ermorden. In Nikoſia wurden, wie in Seio, die Griechen veftiltzt, Kur war die Zahl der Schlacht⸗ opfer kleiner. Auch den in Cypern befehligenden aͤgyptiſchen Ober⸗General beſuchte Carne. Der General war befahrt, ſchien dutch Ausſchweifungen erſchoͤpft und pflegmatiſch zu ſeyn. Er fragte, da der Tag ſehr heitz war, ob es in Sugkand weniger heiß ſey, als in Shbött. 10 vbhalh aünk ait Von Nikoſta machte Carne eine Reiſe nach dem Dorfe Hale Sdalium). Sobald die fuͤrch⸗ terliche Hitze einigermaßen es zulteß, fing Carne an, Dake und die ſchöne Gegend umher mit kleinen Hai⸗ nen voll wohlriechender Gebuſche zu unterſuchen. Ein kleiner Bach, an deſſen ufer das Dorf gebaut iſt, kuft durch die Ehene. Der Boden iſt reich, ob er gleich nur zum Theil angebaut iſt. Ungefaͤbr eine Meile von dem Dorfe liegen grobe zerſtreute Ruinen, aber ohne ſchoͤne Saͤulen und ſonſtige Denkmaͤler. Eine hohe Ebene zur Seite iſt mit aͤhnlichen Ueber⸗ bleibſeln der Vorzeit in groherm Styl bedeckt. unge⸗ achtet des verfallenen Zuſtandes kann man eine runde Mauer noch deutlich wahrnehmen, und hat von die⸗ ſem Hugel eine ſehr ſchoͤne Ausſicht, ſo daß nicht leicht eine bertlichere Enge fuͤr eine Stadt dargeſtellt 31¹0 werden kann. Mit Vergnügen ſah Carne hinter den Hainen und dem Bache Idaliums die Sonne un⸗ tergehen und kehrte dann in ſein laͤndliches Schlaf⸗ guartier zuruͤck. Nach eilig eingenommenem Fruͤhſtucke eilte Carne om anderen Morgen nach Larnika zurück, durch eine romantiſche Gegend und einem langen, ſich ſchlaͤn⸗ gelnden Paß mit ſteilen Felſen zur Seite und einem Kloſter auf der Spitze eines kleinen duͤnnen kegelfoͤr⸗ migen ganz kahlen Hügels. An einem ſchoͤnen Abend ging Carne an Bord eines Schiffes mit joniſcher Flagge, deſſen Capitain gegen ein außerordentliches Geſchenk auf ſeiner Fracht⸗ reiſe nach Srieſt, ihn nach Navarino in Mo⸗ rea liefern wollte. Dieſe Reiſe konnte bei gutem Winde in 4— Lagen abgemacht werden; allein die Hoffnung wurde ſehr getaͤuſcht. An Paſſagieren befanden ſich am Bord ſchoͤne arabi⸗ ſche Roſſe, welche ein alter jüdiſcher Kaufmann dem Katſer von Oeſterreich zum Geſchenk ſendete, mit ein Pnar Stallknechten zu ihrer Bedienung; aber bei dem ſchwuͤlen Wetter zogen dieſe Thiere eine Menge Fliegen zur Qual der Menſchen an ſich; ferner ein vaar ebrliche, aber ſehr aberglaͤubige Franziskaner⸗ Moͤnche, welche in Jeruſalem eine Veihuͤlfe an Geld fuͤr das dortige Kloſter abgeliefert hatten, die unbekannt mit Seereiſen, ſich herzlich langweilten, aber unter anderer Proviſion viele Huͤhner und treff⸗ 3¹1 lichen Wein am Bord beſaßen; auch ein ſchoͤner rei⸗ cher Albaneſer, der lange unter den Tuͤrken ge⸗ lebt hatte, nun mit ſeiner Dienerſchaft nach Drieſt ging, um ſein Erworbenes in Sicherheit zu bringen, und welcher ſowie ſeine Diener, wilde, lebensluſtige Menſchen waren, in Albaneſertracht mit Dolch und Piſtolen im Guͤrtel; ein Slavonier; ein unglaͤcklicher Servier mit ſeiner Frau, welcher, was er haͤtte er⸗ ſwaren koͤnnen, den Prieſtern des heil. Grabes in Jes ruſalem 40 Pfund Sterling verehrt hatte, u. ſ. w. Auch einige junge Griechen befanden ſich auf dem Schiffe, die nach Navarino gingen⸗ um dort fuͤr ibren Glauben zu fechten. Jeder trug unter dem rech⸗ ten Arm ein Stilet, mit der Spitze nach dem Sllen⸗ bogen und dem Griff nach dem Handgelenk gerichtet. Einer derſelben hatte ſeine Guitarre mitgenommen und erheiterte durch ſein rohes Inſtrument den Paſſa⸗ gieren manche ſonſt langweilige Stunde. War dem Schiffe bald Windſtile, tald ein widri⸗ ger Wind entgegen, ſo war dieß um ſo gefaͤhrlicher, als der Capitain das Fabrwaſſer nicht kannte und in Schifffahrtsbegebniſſen ganz unerfahren war; bald man⸗ gelte manchem Paſſagier die Schiffsproviſion, da Kei⸗ ner auf eine ſo lange Fahrt gerechuet hatte. Den Moͤnchen verſchwanden bisweilen Nachts ein Paar Huͤhner, welche ſie unter dem Boot auf dem Verdeck verſteckt glaubten. Da indeß Einer dem Andern mit 312 dem, was er ſelbſt entbehren konnte, aushalf, ſo ſtarb doch kein Reiſegefaͤhrte Hungers. Einer der jungen Griechen, den Mangel druͤckte, war doch zu üolz, ſeine Gefaͤhrten um Hilfe zu bit⸗ ten. Er begnuͤgte ſich mit etwas Mehl und etwas Kaͤſe, ſchlug auch eine Gabe des Albaneſers von 16 Piaſtern aus, wenn er ihm nicht so ſchenken wolle. Man ſah, daß er beſſere Tage gekannt hatte. Carne ſah ihn tief gebeugt in Tripolizza wieder, Dei Grieche hatte gehofft, daß, wenn er unter ſeinen Landsleuten in Morea angekommen ſeyn wuͤrde, ſis ſeiner Entbehrung ein Ende machen wuͤrden. Zu Ar⸗ beiten war er zu ßolz und zu ſehr Schwaͤchling um die Muskete zu tragen. Deßwegen achteten ihn ſeine Landsleute immet weniger, und er ſank zum— binab. Die Irtfahrt brachte das Schiff endlich nih Rhodusz aber der Capitain hatte eine gerechte Futcht⸗ daß die Türken ſein Schiff unterſuchen und die jun⸗ gen Griechen, welche nach Morea ſich begeben wollten, wegnehmen wuͤrden, er ſchloß ſolche daher ein und litt nicht, daß ſie einen Fuß an das Land ſetzen durften. Die anderen Paſſagiere wanderten deſto freier in den herrlichen Gaͤrten der Inſel, ver⸗ ſchlangen unmätig die Hrangen und ergösten ſich in den Caffeehaͤufern, wo man ſich um die Springbrun⸗ nen ſetzte; auch beſuchten ſie das katholiſche Kloſſer witten in einem Garten, welches nut ein einziger al⸗ 313 ter Moͤnch bewohnte, welcher ein Lebemann und Wohlluͤſlung war; den Anſtand jedoch wohl zu beob⸗ achten wußte. n i e b Die dicken Mauern, der von den Johanniter⸗ Ritterm etbauten Feſtungen mit vielen Thuͤrmen, ver⸗ fallen unter tuͤrkiſcher Botmaͤßigkeit und ſind nicht mit Geſchuͤtz verſehen. Die Ruinen des ehemaligen Palaſtes des Ordens⸗Großmeiſters: zeigen, wie glaͤn⸗ zeud die Ritter auf Rhodus lebtenz doch iſt er jetzt faſt Ruine; die Stadt iſt regelmaͤßiger, breiter und reinlicher als die meiſten Straßen des Drients; auch haben die Gaſſen, zum Theil mit Baumgaͤngen ver⸗ ſchoͤnert, Fußbaͤnke laͤngs der Haͤuſer. Die Haͤuſer haben Europäer gebaut, daher ſehen ſie noch jetzt nicht tuͤrkiſch aus. Die Juden haben eine eigene enge Gaſſe jur Wohnung; die Griechen dagegen ein gro⸗ hes und reinliches Quartier: In den ſchoͤnen Caffee⸗ haͤuſern war es um ſo woller, da die wohlgekleideten und gehen Carne und ſeine Begleiter ſehr hoͤfliche Tuͤrken den erſten Tag des Beiramsſeſtes feierten. Der kleine Hafen, deſſen Felſen am Eingange ſich ſo nahe ſind, daß zu gleicher Zeit nur ein Schiff hinein⸗ ſegeln kann, wird immer ſeichter fuͤr Kauffahrteiſchiffe. Ein Theil der Haͤuſer ſteht nahe am kurzen, aber mit berrlichen Bäumen beſchatteten Kai. Die Luft iſt hier vorzuͤglich rein und geſund und anſteckende Krank⸗ heiten ſind dort faß unbekannt, indem die in der hei⸗ hen Jahretzeit gewoͤhnlich hertſchenden Weſwinde die 314 ſonſt druͤckende Hitze kuͤhlen. Nach einer alten Sage ſcheint die Sonne in Rhodus an jedem Dage, ſelbſt in der Regenzeit; und die nahen hohen Gebirge Ca⸗ ramaniens liefern eine reizende Ausſicht. Weil die Stadt amphitheatraliſch am Ufer liegt, ſo hat man auf ihren Mauern eine wunderſchoͤne Ausſicht. Die Landhaͤuſer der Türken liegen meiſtens an Abhängen nach dem Meere, in Gaͤrten mit vielen Fruchtbaͤumen und zum wohlloͤſtigen Schlummer gleich⸗ ſam einladenden Springbrunnen. Hier lebt der reiche Tuͤrke lieber als in der Stadt, und dieſe Villas er⸗ ſtrecken ſich 2— 3 Meilen von derſelben am Geſtade des Meeres. Im Innern trifft man manches einſame, aber ro⸗ mantiſche Thal, mit tteilen Felſen zur Seite, Erwei⸗ terungen nach dem Meere und einer reichen Vegeta⸗ tion an Roſen und Myrthen. Nur ein kleiner Sheil der herrlichen Inſel iſt angebaut, deßwegen man nur wenige Doͤrfer im Innern antrifft. Es enthaͤlt die Inſel, wie man ſagt, 30,000 Einwohner, von denen Zweidrittheile Tuͤrken ſeyn ſollen. Bei Vernachlaͤſ⸗ ſigung des Landhaues bauet man nicht Korn genug fuͤr die Einwohner, und fuͤhrt ſelbſt wenig Wein aus. Dagegen lebt man nicht leicht auf der Erde irgendwo wohlfeiler; als auf Rhodus und alle erſte Lebensbe⸗ duͤrfniſſe find bei ihrer Wohifeilheit köſtlich. Witten auf der Inſel erhebt ſich ein hoher Berg⸗ mit einer kleinen griechiſchen Capelle auf der Spitze. 315 Weil er ſo ſeil iſt, kann er nur von Fußgngern be⸗ tiegen werden, welche wegen der Wahfahrt zur Ca velle, oder wegen der ſchoͤnen A sſicht, ſich dieſs, Muͤhe nicht verdrießen laſſen. Einige Theile des ſchö⸗ nen Berges ſind bewaldet; gllein die Huͤgel und Thaͤ⸗ ler zur Seite ſind meiſtens kahl, ſeitdem die Tür⸗ ken ſo vieles Schiffsbauholz hieſelbſt gefaͤllt haben. Als das Schiff, und auf demſelben Carne, die Inſel verließ, wurde der Wind ihm ziemlich guͤnſtigz doch war abermals eine Windſtille daran Schuld, daß man erſt nach einer Kahrt pon 40 Tagen in Naya⸗ rino landete, woſelbſt der Albaneſe in praͤchtigſter Kleidung an das Uufer ging. 15 Die hofichen Griechen fuͤhrten die Paſſagiere ſogleich zum Commandanten, einen Deutſchen, weicher ihnen auf der Stelle einen Paß jur Reiſe in das Inuere, u. ſ. w verlieh, und Carne 6 treuer Diener fand bald für ſeinen brittiſchen Herrn ein. ſchoͤnes Quartier mit einem Garten und. einer Galle⸗ rie, auch herrliche Ausſicht nach dem Hafen. Aber dieſe Wohnung theilte Carne mit 3 unglucklichen Franzoſen und einem Deutſchen. unter den Franzoſen fand er einen jungen gebildeten Difüſer⸗ welcher unter Napoleon einige Feldzüge gemgcht hatte, und jetzt gegen den Willen ſeiner Muttet, defen einziges Kind er war, ſich zum Feldzug in Grie⸗ Genland eßtſchloſſen hatte, um Ehre ußd gulen Sold zu erwerben. In ſeiner Erwartung fand er 316 ſich aber ſehr betrogen, und warjetzt in Navarin, welches eiße Mauer mit 12 Kanvnen vertheidigte, er⸗ ſter Artillerie⸗Ofüzier. Die Beſitzung beſtand aus 3 anderen franzöſiſchen Offizieren und etwwa 100 Griechen. In einer Nacht ubetſiel ein Theil der tuͤrkiſchen Be⸗ ſatzung aus dem nahen Modon das ſchwach beſetzte Navarino, und ſchon wollten die Suͤrken ſtuͤr⸗ men, als der Franzoſe mit Muͤhe 6— 6 Grie⸗ chen zuſammenbrachte, um 2— 3 Kanbnen abzufeuern; indeß die andern Griechen davon liefen. Dieſes Feuern erſchreckte dergeſtalt die Tuͤrken, daß ſie ſich eiligſt wieber einſchifften. Von der griechiſchen Re⸗ gierung erhielten dieſe Fremden Nichts, als Düartier, eine Ration Wein, Fleiſch und Brod taͤglich, aber nicht einen Pfennig baares Geld, um ſich andere Noth⸗ wendigkeiten zu verſchaffen. Selbtt der Wein war da⸗ mals in Moren ſchlecht; er hatte die Fabe von Kornbranntwein und einen Beigeſchmack, welchen ihm die Griechen durch Zumiſchung abſichtlich gaben, ſo daß er wie Gift ſchmeckte. Carne bewirthete die Dffiiere mit einem Schaf und etwas ihm noch uͤbrig gebliebenen Cypernwein und lieh den Ungluͤcklichen einige Piaſter, um ſich Schuhwerk zu verſchaffen.— Nur durch Punger und Durſt waren die Griechen zum Beſitz von Navkrinv gelangt, welches die Suͤrken ſo lange vertheidigt hatten, bis ſie aus Mangel an friſchem Waſſer Seewaſſer hatten trinken mſſen. Die verſprochene Capitulation war ſchlecht 317 gehalten, und nicht bloß die Männer, ſondern auch die Weiber und Kinder wurden von den Gniechen niedergehauen. Doch hatten jetzt die Griechen auf⸗ gehoͤrt, ſich ſolche Wortloſigkeit und Rache zu erlau⸗ ben. Die Gegend um Nagene ſt iſt reizend, romantiſch, und ſteile Felſenhügel mit ſcharfen Spitzen erheben ſich dicht hinter der Stadt. Der Hafen iſt einer der ſicherſten der Welt und man ſegelt in der engen Einfahrt zwiſchen der Kuͤſte und kleinen Inſeln und Felſen, ven welchen letztern man⸗ che durch Wellenſchlag ſo ausgehoͤhlt ſind, daß ſie in ihren Baſen vffne Vogen bilden.— Die Inſel Sphacteria liegt 3 Meilen von der Stadt, iſt klein und felſig, und n5 jetzt zeigt man die Stellen, welche die Spartaner ſo hartnaͤckig vertheidigten und die Graͤber der Erſchlagenen. Vebrigens kennen die Griechen ſo wenis manche Alterthuͤmer ihres Landes, daß Carne in Dripolizza einige dem Anſchein nach gebildete Griechen nicht das berühmte Schlachtfeld von Mantinea genau angeben konnten, welches nur 3 Stunden davon entfernt iſt.— In ei⸗ nem Caffeehauſe zu Navarino, welches einen ſchoͤ⸗ uen Garten hat, pflegten ſich die Einwohner und die Beſatzung wegen des Schattens und beguemer Baͤnke zu verſammeln. Uebrigens iſt die Stadt in bolge den Eroberung ſehr verbeert worden. Carne machte ſeine Weiterteiſe zu pferde, mit 318 einem Wegweiſer; nach einigen Stunden erreichte er einige Hätten und trank unter dem Schatten der Bäume Milch, welche die Bewohner geliefert hatten. Spaͤter begegneten ihm in einem dicken Walde ein Haufen ungluͤcklicher Sei oten, welche mit Weibern und Kindern an allem Mangel litten. Auf dem wei⸗ tern Wege nach Kalamata verließen Carne und ſeine Begleiter letztere nicht eher, bis ſie einige, ihnen moͤgliche Unrerſuͤtzung denſelben hatten angedeihen laſſen; denn die Landsleute derſelben hatten ſie ſogar Hungersnoth leiden laſſen. Auf einem hohen und ſteilen Berge erblickte Carne am halben Abhange auf einem vorſpringenden Winkel ein geräumiges Kloſter. Sein weiterer Pfad ging durch prachtvolle Hochwaͤlder; oft ſah er am Pfade die hohen und ſchoͤnen Bläthen der Daphne und überall einen reichen, aber wenig angebauten Bo⸗ den. Welch ein Land koͤnnte Grtechenland wer⸗ den, wenn hier Induſtrie und ein erleuchtetes Volk wohnte? In einem groͤßern Dorfe nahm Carne ſein Nachtauartier. Sein Paß wurde hier von der Obrig⸗ keit unterſucht, waͤhrend welchen Aet der Vorſtand des Drtes ihn zum Caffee einlud. Bald hatte ſich eine neu⸗ gierige und großſprecheriſche Menge um Carne ver fammelt, welche gegen ihn, als Britten, laut klagte, daß Schiffe mit engliſcher Flagge ihren Fein⸗ den Lebensbedarf zugefuͤbrt hätten. In hoͤherer Ach⸗ tuug ſand damals beiden Griechen die Menſchlich⸗ 3¹9 keit und Rechtlichkeit der Franzoſfen, deren Con⸗ ſuls und Kaufleute ſo vielen ungluͤcklichen Griechen in der Levante doch wenigſtens das Leben zu retten bemuͤht geweſen waren, und viele Hunderte nach Mo⸗ ren und den Haͤfen Italiens geſchafft hatten. Im Gebirge erblikte Carne keine Wohnung, bis er wieder in der Ebene ein ſchoͤnes Dorf auf einer Hoͤhe antraf; die reizende Ausſicht hier hieß ihn eine Zeit⸗ lang angenehm verweilen. Aber in dieſem vormals tͤrkiſchen Dorfe wohnte jetzt nur eine griechtſche Wittwe, welche ihn verſicherte, daß er hier nicht die mindeſte Erfriſchung finden koͤnnte.— Hier war eine der ſchoͤnſten Gegenden in Griechenlan dz aber die Griechen hatten die ganze Bevoͤlkerung des Drtes, mit Frauen und Kindern erſchlagen. Das Dorf lag zwiſchen Baͤumen und Gärten und ein koßlicher Bach floß durch daſſelbe. Noch ſtand zwar die Moſchee und das Minaret, aber der Muezzim rief nicht mehr zum Ge⸗ bet. Einſam und veroͤdet waren die Gärten und die unverſehrten Haͤuſer ſtanden leer. Weiterhin wurde die Gegend wieder wilder und die Berge wurden hoͤher; Carne wollte die Thaͤler Mefſeniens aufſuchen, aber ſein Fuͤbrer kannte da⸗ bin keine Wege. Man wanderte dennoch fort. Am Fuße des Berges Ithome lag ein kleines griechiſches Dorfz die Reiſenden ſtiegen einige Stufen zu einem der Haͤuſer hinauf, wurden gut aufgenommen und ergriffen Beſitz vom nächſten Zimmer an der Bergtrepps. 320 Carne ſah die Ruinenhaufen der vormaligen Stadt Meſſene, und beim Felsbrunnen des Dorfes die jungen Frauenzimmer desſelben, die kamen um Waſ⸗ ſer zu holen. Wenige Frauensperſonen waren wohl⸗ gewachſen, ſie hätten angenehme Geſſhter, ſchwarze Augen mit einer nicht gerade ausgezeichneten Geſichts⸗ farbe, aber ihre Gewaͤnder, ihr leichter Schritt und ihre niederwallende Locken gaben ihnen ein griechi⸗ ſches Anſehen. Es war in dieſer Zeit nicht rathſam, wegen der ſtreifenden Mainotten ſich hier lange aufzuhalten, und wegen der jetzigen Kriegeszeit durfte Carne gar nicht daran denken, Lakonien zu beſuchen. Er reiſte durch einen engen Paß mit vielem Hoch⸗ wald, und ſah die Ruinen einer Kirche; weiterhin wurde der Paß breiter und zog ſich ſanft an der Seite des Berges hinab, welche faſt bis zum Fuße mit Wald bedeckt war, und als die Reiſenden die ſchoͤne grüne Ebene betraten, umgab ſie ein Amphitheater von Bergen; aber ſie ſahen nicht ein einziges Dorf, ſo reich auch der fuͤr iede Beſtellung zu ſeyn ſchien. Das kicht des Dages patte die Wanderer verlaſ⸗ ſen, und ſie irrten in einem dichten Walde, worin ihr Fuͤhrer den Pfad verloren hatte, und ſo unſicher es auch in jetziger Kriegeszeit war, ſo blieb ihnen doch nur uͤbrig, auf kahler Erde unter den Baͤumen zu ſchlafen. Unerwartet hoͤrten ſie eine weibliche Stimme⸗ 321 Carne's Diener, Michael Milovich, gab ſich in ſlavoniſcher Sprache kund und erhielt in der naͤmli⸗ chen Antwort. Hier wohnte naͤmlich in einer niedri⸗ gen, rauchigen Huͤtte, in deren Mitte ein Feuer brannte, ein Albaneſer mit ſeiner Familie, und bot den Reiſenden den Willkomm. Weil es aber in der Huͤtte ſo ſchmutzig ausſah, ſo zogen Carne und ſeine Leute vor, außerhalb derſelben zu ſchlafen, zun⸗ deten ein Feuer an und ihr maͤßiges Mahl beſtand aus ein wenig Thee mit Brodrinden. Bald nachher er⸗ ſchienen mehrere Waldbewohner, ſetzten ſich mit den Ankoͤmmlingen um das Feuer und erzaͤhlten ihnen, daß ſie Trivolizza mitgeſtuͤrmt und gepluͤndert haͤt⸗ ten. Carne's Wirth hatte aus dem allgemeinen Morde der Türken eine junge T rkin als Gefan⸗ gene nach Hauſe zuruͤckgebracht. Ihr Gatte war im Sturm erſchlagen worden und ſie war jetzt eine Skla⸗ vin, welcher man mit Verachtung begegnete; ſie ſah gut aus, aber ihre Niedergeſchlagenheit bewieß, wie ſehr ſie ihr ungluͤck heugte. Es wollte ſie ibr jetziger Herr an Carne's Diener fuͤr 6 Piaſter verkaufen; aber Michael Milovich hatte ſo viel Gefuͤbl, dieß auszuſchlagen. Die Mainotten halten dieſe Arn auten, ſo wie ganz Griechenland in Furcht; denn ſo brav jene auch ſeyn moͤgen, ſo geſetzlos plündern ſie nach Gewohnheit Feinde und Freunde. Aus Furcht vor idnen, da ſie s1tes Bandchen. Türkoi. 1v. 3. 6 322 ſetzt in der Naͤhe ſtehen, ſagten die Arnauten, muͤf⸗ ſen wir mit den Waffen in der Hand ſchlafen. Am naͤchſten Morgen ging es quer uͤber die Ebene, und nachher bergan, wo der Pfad hie und da ſteinigt, die Gegend unfruchtbar wurde. Als man noch ein paar Stunden in eine andere Ebene hinabſtieg, wurde die Gegend reicher und mannigfaltiger; nur fehlte ihr Waſſer und deßhalb mut man tiefe Brunnen aus⸗ graben. Der Eurotas war gaͤnzlich ausgetrocknet, und der Kiſſus eben ſo, und man kann lange reiſen, ehe man den kleinſten Bach entdeckt. um Mittag machte Carne Halt auf der Spitze eines Berges mit einer romantiſchen Ausſicht nach den Ebenen und Bergen Arkadiens. Große Schaafheerden weideten an den gruͤnen Huͤgeln, aber man fah wenige Woh⸗ nungen. Kurz vor Untergang der Sonne ruhte Car⸗ ne mit ſeinen Begleitern bei einem Brunnen aus, und erfuhr dort von einem Griechen aus Sripo⸗ lizza, daß ſeine Landsleute vor einigen Stunden 20 tuͤrkiſche Frauen ohne Autoriſation ihrer Offtziere er⸗ mordet hatten. Michael Milovich hatte bis dahin die Abſicht gehabt, fur die griechiſche Freiheit mitzu⸗ fechten, ſobald er ſeinen Abſchied von Carne empfan⸗ gen haͤtte. Dieſe Unthat ſtimmte ihn jedoch um, weil er annahm, daß der Himmel ſolche kaltbluͤtige Grau⸗ ſamkeit nicht ungeraͤcht laſſen werde. Schon wurde es etwas dunkel, als Carne eiuigen Mainotten von Colocotronis Heeps ₰ 323 begegnete; denn dieſer Strateges hatte vloͤtzlich, oßne Einwilligung des Senates die Belagerung von Pa⸗ tras aufgehoben, ſeine meiſten Krieger hatten ſich verlaufen und man glaubte, daß er mit einem kleinen Corps, auf das er rechnen konnte, nach Tripoliz⸗ za gelogen ſey. Dieſe Mainotten luden Carne und ſeine Leute ein, mit ihnen in einem kleinen Dorfe der Ebene zu uͤbernachten, wo ſie ein Lamm fuͤr ſie ſchiachten wollten. Aber da noch mehrete Mainot⸗ ten folgen ſollten, ſo trug der Britte Bedeuken, dieß anzunehmen und eilte, obgleich die Griechen boͤſe wurden, auf ſeinen Roſſen ſchnell von dannen⸗ Schon war es voͤllig ſinſter, als er an den Thoren Tripolisza's ankam, erhielt aber nur durch Ver⸗ mittlung eines ebenfalls ſpaͤt vor das Thor ankon⸗ menden Griechen den gewuͤnſchten Einlaß. Da es ſchon Nacht war, ſo bat Carne die Wache um Quar⸗ tier bis zum folgenden Morgen, und ein Soldat bot ibm und ſeinen Begleitern ſolches in ſeiner eigenen Wohnung an, woſelbſt die Fremden ein Zimmer mit Tevpich und Kiſſen fanden; eine kleine Lampe wurde in die Mitte des Zimmers geſetzt und auf einem nie⸗ drigen Tiſche machte die Tochter dieſes Soldaten An⸗ ſtalten zu einem maͤßigen Abendeſſen. Sie war eine lange, wohlgebaute griechiſche Schoͤn⸗ heit, deren ſchwarzes Haar in zierlichen Locken wal⸗ lete, hatte eine ſuße Stimme und verrichtete ales juuk und mit gutem Willen. Die ſchoͤnen Augen die⸗ 324 ſer lieblichen Aufwaͤrterin machten Carne einen Trunk Waſſer, welchen ſie darbot, fuͤßer und treffii⸗ cher als Wein von Schiras. Bald eiſchienen auch andere Krieger und Freunde ihres Vaters, welche, mit dieſem ſpeißend, mit kaltem Blute von der heute verübten Mordthat ſprachen. Als ſie davon gingen, ſchlief Carne ſanft auf dem Ceppich und Kiſſen. Am folgenden Morgen zeigte er ſeinen Paß aus Na⸗ varino vor, und fand Wohnung bei einem gewiſſen Nicolat. Tripolizza liegt mitten in einer großen, aber wenig angebauten Ebene, welche amphitheatraliſche Berge umgeben. Die Luft iſt hier geſund, aber die große Stadt iſt ſchlecht gebaut, hat nur ein Drittheil“ ihrer vorigen Bevoͤlkerung und uͤberhaupt wenige Baͤu⸗ me oder Gaͤrten. Die Mauern ſind hoͤchſt verfallen, ein paar außer der Stadt gegrabene Brunnen verſor⸗ gen die aͤrmere Klaſſe mit Waſſer, und die beſten Haͤuſer waren zum Theil Ruine. Der damals in Dripolizza regierende griechiſche Senat hatte ſeine Reſidenz in einem huͤbſchen tuͤrkiſchen Hauſe und ſchien ſich ſeine Geſchaͤfte ſehr bequem zu machen, obgleich Colocotroni die Belagerung von Pa⸗ tras aufgehoben hatte und Reſchid Paſcha ſchnell vordrang; auch ſetzten die griechiſchen Soldaten ihren gewoͤhnlichen Zeitvertreib ununtetbrochen fort. Die vielen tuͤrkiſchen Moſcheen waren ſchnell in Kirchen verwandelt worden; aber es ſchien, daß der Gottes⸗ 325 dienſt jetzt von Wenigen beſucht wurde. Carne ſah in den dortigen Caffeehaͤuſern manche Prieſter mit den gemeinen Soldaten trinken, und ſelbſt dieſe Popen waren bewaffnet, machten aber ungerne die Feldzůge mit. Man verbrannte alle hier vorgefundenen Exem⸗ plare des Koran, oder ſchaffte ſie außerhalb Landes. tur ein Iman, der wegen ſeines menſchenfreundlichen Charakters fruͤher unter den Griechen einer allgemei⸗ nen Achtung genoß, war am Leben geblieben; ſeine beiden Soͤhne waren erſchlagen worden, und er hatte Muͤhe, ſich zu ernaͤhren, trank aber gerne ein Glas Wein, welches ihm Carne vorſetzte, ſchwatzte viel und ertrug ſein großes Ungluͤck mit Faſſung. Der Iman hatte bei der Pluͤnderung ſeiner Moſchee ein ſchoͤnes Exemplar des Koran gerettet, welches er Carne verkaufte. Auf deſſen Frage, ob nach dem Koran die Weiber in das Paradies kommen koͤnnten, erwiederte dieſer turkiſche Geißtliche, daß ſie zwar mit den Maͤnnern nicht das naͤmliche Paradies theilen, je⸗ doch dagegen in ihrem eigenen Paradieſe bei einander leben wuͤrden. Weil Carne in dem Hauſe einer Polizei⸗Perſon, bei Nikolai, wohnte, ſo war er vor den Pluͤnderun⸗ gen der Mainotten ſicherer, als Andere. Ein jun⸗ ger framoͤſiſcher Wundarit aus Marſeille hatte hier jetzt die ſtaͤrkſte Praxis, war, weil er vielen Verwun⸗ deten ſeine Kunſt widmete, allgemein beliebt, und dennoch pluͤnderten die Mainotten in ſeinem Hauſe, 326 ohne daß ihm der Senat Erſatz ſchaffen konnte. Aber obgleich bei den Mainotten der Raub erlaubt iſt, ſo ſind ſie doch im Uebrigen zuverlaͤfſger, als die Ar⸗ nauten, welche fuͤr Geld Jedem dienten und ihre Religion wechſelten. Noch lernte Carne hier einen italieniſchen Aben⸗ theuer kennen, welcher die beiden Feldſtuͤcke der Griechen bei der Belagerung von Dripolizza bedient hatte, und gerne von ſeinen Thaten ſprach. Carne beſuchte ihn auf ſein Verlangen und faud, daß er ein durchtriebener Schelm und hochſ ſinnlicher Menſch war. In ſeinem Hauſe hielt er ſich einen Harem von s— 10 Tuͤrkinnen oder Griechinnen, weiche im Elend ſich dieſen traurigen Unterhalt gefal⸗ ien ließen. Der Italiener hatte kein Geld, aber er erhtelt von der griechiſchen Regierung ſo viele Ra⸗ tionen, als er Hausgenoßen zͤhlte. Wenn er nach ſeiner Sinnlichkeit leben konnte, ſo war ihm gleich⸗ guͤltis, ob er den Griechen oder Suͤrken diente. Jedoch gab es in Lripolizza auch andere Aben⸗ theuere mehr und gleichen Schlages. Seltſam genug bauten die Griechen in Dyi⸗ polizza, ungeachtet der vielen in Beſitz genommenen Woſcheen, eine neue Kirche, ſo groß auch ihre Be⸗ duͤrfniſſe zum Krieg fuͤhren waren. Auch viele un⸗ glöckliche Seioten lebten dacals in der Stadt, und die Griechinnen aus Chios zeichneten ſich durch eichte Schritte, munteres Auge und lebendige Ge⸗ 327 behrden vor den Moreotinnen aus, welche weni⸗ ger ſchoͤn ſind. Mauche waren ſo weit herunterge⸗ bracht, daß ſie Kuchen und Zuckerwerk auf den Stra⸗ ßen feil boten. Die ſchoͤnſten Weiber in Griechen⸗ land ſind gewiß Albaneſerinnen oder aus Suli; von den Athenerinnen nimmt man allgemein an, daß ſie häßlich ſind. Groß war das Elend der wenigen tuͤrkiſchen Fa⸗ milien, welche dem Morde in Sripolizza entron⸗ nen waren, wenn ſie nicht zufaͤllig ein wenig Geld noch gerettet hatten. Mehr durch Elend, als durch Armuth, befand ſich die Familie eines Aga, beſtehend aus einer Mutter und s Kindern, ſchutzloss. Die Mutter war eine freundliche und angenehme Frau, mittleren Al⸗ ters, deren aͤlteſte Tochter as Jahre alt, der Sohn Conſtantin etwas juͤnger war. Eine hubſche tür⸗ kiſche Waiſe von as Jahren lebte noch bei dieſer Fa⸗ milie, die ſich ſehr verſteckt hielt. In einem anderen Theile der Stadt lebte der Aga, krank an fuͤnf em⸗ pfangenen Wunden und jeder Hilfe beraubt, welche ſeine Schwaͤche verlangte. Er hatte ein edles Anſe⸗ ben, und ertrug ſeine Leiden mit Wuͤrde. Mit Ver⸗ gnügen erleichterte Carne den Zuſtand dieſes un⸗ glůcklichen. Er war ſeiner Gattin und ſeinen Kindern hoͤchſt zugethan, hatte ſie aber ſeit der Eroberung der Stadt im Sturme nicht geſehen, ſo ſehr er auch dieß wuͤnſchte. Die Naͤchte waten bisweilen ſehr kalt und 328 dennoch mußte er ohne Decke auf der Erde liegen, welches um ſo druͤckender war, da er vormals im Reich⸗ thum hatte leben koͤnnen. War er gleich verwundet und verdiente groͤßtes Mitleid, ſo hatten ihm doch fuͤhlloſe Griechen bisweilen das Wenige genommen, was eine fremde Hand ihm zur Erleichterung darbot. Dennoch entfiel dem gemißhandelten Krieger keine Klage; nur bat er Carne, nicht daran zu denken, ſeinen Sohn Conſtantin, der ſich verſteckt hielte, um nicht erſchlagen zu werden, zu einem Chriſten zu machen. Die Mutter bat Carne, den Juͤngling ent⸗ weder aus Morea hinaus zu geleiten, oder ihn in ſeiner Wohnung zu verſtecken. Beides verſprach der Britte, und nahm ihn ſofort in ſeine Behauſung, obgleich den jungen Konſtantin auf der Gaſſe die Mainotten ſchon aufs Korn nahmen, aber durch die Drohungen des ſchwer bewaffneten Michael Milv⸗ vich, von Gewaltthaͤtigkeit zuruckge ſchreckt wurden, wodurch ſich abermals der Nutzen bewaͤhrte, dem Drientalen keine Nachgiebigkeit ahnen zu laſſen, ſon⸗ dern Widerſtand entgegen zu ſtellen, wenn er Gewalt uͤben will. Uebrigens betrugen ſich die Griechen oft feig, und überlteßen die fuͤr ſie fechtenden Deutſchen, Franzoſen u. ſ. w. ihrem Schickſale, wenn dieſe muthig den Tuͤrken die Spitze boten; und doch zeichneten ſich der ehemalige wurtembergiſche General —.————— 329 Normann*) und die Deutſchen uͤberhaupt beſon⸗ ders durch Tapferkeit, Geduld und Ausdauer aus. An Bezahlung threr Loͤhnung war nicht zu denken. Am intereſſanteſten unter den am Leben gelaſſenen und gefangenen Türken in Tripoltzza, war eine türkiſche Wittwe von 18 Jahren, Handivia Du⸗ du, deren Ehegatte und Teltern beim Sturme ermor⸗ det wurden. Die griechiſchen Krieger verſprachen ih⸗ rem Manne das Leben zu laſſen, wenn ſeine Gattin ſeine Schaͤtze und alles koſtbare Eigenthum ihrer Per⸗ ſoͤnlichkeit hergeben wuͤrde. Sie hielt Wort, und den⸗ noch wurde ihr Gatte ermordet, nachdem die Barba⸗ ren ihm erlaubt hatten, ſeine Gattin zum letzten Male zu umarmen. Ihr geſchah nach der Auspluͤnde⸗ rung kein wetteres Leid, denn ſie lebte bei 2 Grie⸗ chinnen. Ihr Gatte war ihre erſte und einzige Liebe ſeit ein paar Monate; alle ihre Verwandten wa⸗ ren erſchlagen, und ſie wünſchte ſich den Tod. Ihr Auge war dunkelſchwarz, ihre feine Haut ſehr weihß, ihre Statur von kaum mittlerer Groͤße, aber wohlbe⸗ leibt; ihr Buſen bewegte ſich unter ſchwarzen Locken, Arme und Hände waren von vorzuͤglichſter Schönheit⸗ Ihr Geiſt hatte, wie bei den Drientalinnen ge⸗ wöhnlich, geringe Bildung; doch ſprach ſie Türkiſch und Rumeliſch, und kickte ſchoͤn. Freundlich und mild * Dieſer General Normann ging bei Leipzig aus eigenem Antriebe mit ſeinen Leuren zu dei Alltirten uͤber. Dadurch, und daß ſein Foͤnig ihn ſeiner Wuͤrde entſetzte, machte ſich Nor⸗ mann einen Namen. Vergl. die Feldzuͤge in den Jahren 1312 bis 1345 von F. J. A. Schnei⸗ dawind⸗ zr u. 3r Band.(Bamberg beſ J. E. Drebte.) 330 war ihr Gemth, aber zur tiefen Trauer geneigt; von ihrer Religion hatte ſie nur fparſame Kenntniſſe. Aus Muthwillen ermordete waͤhrend Carne's Aufenthalt mancher Grieche dieſen oder jeen Sär⸗ ken, und manche turkiſche Mutter bettelte bei Tar⸗ ne fuͤr ſich und ihre Kleinen. Wit. Hilfe eines Popen, der Carne's Eiecerone wurde, ihn dann auch beherbergte, erhielt der Britte folgende Kenntniß des von ihm beſuchten Schlachtfel⸗ des von Mantinea. Solches giebt eine amphithea⸗ traliſche maͤßige Hügelreihe, hinter welcher ſich hoͤhers Berge erheben. Rechts liegt die einzige Hoͤhe der Ebene, auf welcher das Fußvolk der Spartauer aufgeſtellt war, und wo jetzt eine unbedeutende Hütte ſeht. Nahe bei dieſem Hügel fiel Epaminondas und ſeine Thebaner ſtanden von dort an, ſo breit die Ebene war. Dicht daran liegt das zerſoͤrte Man⸗ tinea, von2 ℳ engl. Meilen Umfang mit 8— 10 Fuß dicken Mauern. Im Winter iſ dieſe ganze Ebene ein Sumpf. Jetzt deckte fie ein ſchoͤner, grüner Ra⸗ ſen, und ſo wett das Auge reicht, erblickte man nur wenige Meiereien und einige Hütten von Buſchwerk fůͤr die ſtets bewaffneten Hirten; ſonſi aber keine Baͤume. So lange Carne in Moren verweilte, war im Junt und Juli die Luft ſets rein, und ſo mild, daß er im Garten unter freiem Himmel zu ſchlafen pflegte, denn es regnete nur einmal. Der ärmere Bewohner lebt bloß aus dem Pflan⸗ zec und von Gemüſe. Baumfruͤchte ſind dort elten und der Wein iſt ſchlecht. Man ißt in den wohlhabenden Claſſen der Moreoten viel Schaß⸗ ſleiſch, und beſonders die Keule mit dem wohlſchme⸗ ckendeu Landeshonig gekocht. 3 Fanden hier die Türken zwar ſchoͤne Weiber, ſo war doch Tripolizin fuͤr ſe ein Spbirſen, denn 231 es fehlten hier Baumſchatten, Gaͤrten und Quellen. Die duͤrre Heide und die noch duͤrreren Hugel haben freilich nicht die liebliche und reiche Naturausſtattung des ſchoͤnern Iriens. Aus Gefaͤlligkeit fuͤr Carne veranſtaltete, unge⸗ achtet der traurigen Zeft, ſein guͤtiger Wuth in Trt⸗ polizza eine griechiſche Tanzpartie aus den beſten Tänzerinnen, welche er nach Landesſitte nachher be⸗ wicthete. Merkwürdig war, daß ein gefangener Zürke dazu muſterbaft die Guſtarre ſpielte. Vieleicht erhielt ihm dies Talent das Leben. Seine ſchoͤne Lochter war eine der trefflichſten Taͤnzerinnen. Bei der Revolution in Griechenland hat nur der Bauernftand gewonnen. Alle Unterdruͤckungen, Frohnden und gutsherrlichen Abgaben und Pachtgel⸗ der an die Türken haben aufgehoͤrt. Selbſt der Krieg drüͤckte uur dieſe Klaſſe nicht ſchwer, denn der zum Dienk requirirte Bauer dlente nur einige Monde im Felde oder in einem feſten Platze, und beasbeitete ſein Feld in der uͤptigen Zeit. Deſio mehr haben die griechiſchen Kaufleute an Waaren, Häuſern und Schiffen verloren. Dieſent⸗ gen, welche auf dem feſen Lande der Levante wohn⸗ ten, oder auf den Eylanden, wo die Türken die Oberhaud behielten, haben ihre Heimath verlaſſen, und viel Eigenthum im Stiche laffen müſſen. Man⸗ cher fonſt eintraͤgliche Handelszweig iſt jetzt gaͤnzlich für ße verloren, daher ind in diefer Klaſſe nicht alle Griechen Patrioten. Einige griechiſche Generale und beſonders Colocotroni, haben im Beutemachen gute Ge⸗ ſchaͤfte gehabt, und von Vielem, was den Tuͤrken geraubt wurde, hat die Stadt Nichts, und ſelbſt der Raͤuber oft wenig Nutzen gezogen.— Der Harem Pafcha wurde von dieſem ran⸗ zionirt. 332 uͤbergehen hier den Feldzug Churſchids aſcha.* Da, wo es Tuͤrfen noch wohl geht, erhaͤlt. natuͤr⸗ lich kein chriſtlicher Reiſende Zutritt zu ihren Fami⸗ lien, aber deſtv leichter findet man ihn dort, wo ſie ſich im Elende befinden, und Carne fand ihm beſon⸗ ders leicht in dem groten Hoſpital der Kranken und Verwundeten dieſer Nation, wo freilich von Seiten der Griechen Nichts zur Erleichterung des Elendes ihrer Feinde geſchah; deſto daukbarer nahmen die Tür⸗ ken jede Wohlthat und Milde hieſelbſt aus chrißtli⸗ cher Hand an. Alle zeichneten ſich durch Geduld⸗ Ergebung in ihr Unglück und Unterwerfung in den Willen des Himmels aus. Carnetraf Handtvia Dudu in ihrer Woh⸗ nung beſchaͤftigt, ſich zur Abreiſe in die Gebirge fer⸗ tig zu machen. Eine vieljährige Buſenfreundin der⸗ ſelben nahm auf das Ruͤhrendſte Abſchied von ihr, in der Furcht, die Freundin nimmermehr zu ſehen⸗ Handitvia hatte mit ihren beiden griechiſchen Be⸗ kanptinnen kaum drei Meilen hinter Tripolizza zuruͤckgelegt, als ihr eine Partei Mainotten begegnete, und ihr das Werthvollſte ihrer Sachen raubte. Sonſt kam ſie wohlbehalten im Gebirge Dre Anſtalten der Griechen in Tripolizza zur Vertheidigung waren ſchlecht genug, und die Tuͤr⸗ ken wüͤrden den Prt leicht genommen haben, wenn ſie ihn angegriffen hatten. Auch bei dieſer Gelegen⸗ beit zeigten die Grlechinnen im Ganzen mehr Muth, ais die Maͤnner. Die ſo beruͤhmte Bobolina er⸗ klärte feierlich, daß ſie ihre uͤberaus retzende achtzehn⸗ jaͤhrige Schweſter Emeralda, weiche franzöſiſch verſtand und eine kurze Zeit in Rußland gelebt hatte, mit eigener Hand toͤdten werde, damit ſie keine Beute der Tuͤrken werden könne.— 2 Sobald Colocotroni mit voo Mann Verſtär⸗ 333 kung in die Stadt eingeruͤckt war, kehrte der Muth der Griechen in Tripolizza zuruͤck. Er verſam⸗ melte den Senat am Morgen nach ſeiner Ankunft und hielt demſelben vor, daß er unthaͤtig ſey, ſchlafe, rauche und mit gefangenen huͤbſchen Tuͤrkinnen ſich vergnüge, indeß er und ſeine Krieger die Laſten des Frieges allein truͤgen. Jetzt muͤſſe alle Mann⸗ ſchaft des Landvolkes nach Tripolizza entboten werden, um den Türken entgegen zu marſchiren. Als er nur einige Verſtaͤrkung vom Lande erhalten hatte, bot er ſelbſt in Tripolizza alle Maͤnner bei Todesſtrafe auf, die Waffen zu ergreifen. Von allen Seiten kamen friſche Aufgebote an und Eoloeo⸗ troni eilte, um alle Paͤſſe nach Apgos ſtark zu be⸗ ſetzen. Manche gefangene Tuͤrken flüchteten bei die⸗ ſer Verwirrung aus Sripolizza, fanden aber ihren Tod, da ſie den vielen nach der Stadt rückenden Griechen begegnen mußten. Der fruͤher erwaͤhnte ver⸗ wundete tuͤrkiſche Aga, Ali Cochi mit Namen⸗ wurde von den Mainotten in das Haus eines Se⸗ nators geſchleppt, wo vermuthlich die Abſicht war, ihn in der Stille hinzurichten, da ſeine großen An⸗ ſtrengungen, Tripolizza zu vertheidigen, und ſein Haß gegen die Griechen bekannt waren. Carne empfahl er ſeinen Sohn Konſtantin und ſegnete ſeine Frau und Kinder. Carne fand Gelegenheit, den Sohn und die älteſte Tochter nach einem Hafen an der Küſte und von dort nach Konſtantinopel zu befoͤrdern, wo ſie viele Freunde hatten; die Mutter ſelbſt hatte beſchloſſen, mit ihren juͤngſten Kindern das Schickſal ihres Gatten zu theilen. Als Carne Tripolizza verließ, waren die Griechen dort voll Wuth, weil der turkiſche Gene⸗ ral Dramali ſo unvorſichtig geweſen war, ungeach⸗ tet ſeiner überlegenen Reiterei, ſich in den Paͤſſen des Berge umher von Colveotroni einſchließen zu laſ⸗ * 334 ſen. Als die Tuͤrken ſich Argos naͤherten, brann⸗ ten die Griechen die Stadt ab, und die fllehenden Einwohner wurden von den Mainotten, ſtatt von ihnen unterſtuͤtzt zu werden, gepluͤndert. Gleiches Schickſal hatte viele der Fluͤchtliuge aus Tripolizza durch eben dieſe Mainotten getroffen und in dem kleinen griechiſchen, zwiſchen Keilen Hoͤhen gelegenen Gebirgs-Dorfe fanden die Fluchtlinge, meiſtens was Weibern, Kindern und Gretſen beſtehend, weniges Gras fuͤr ihre zerſtreuten Ziegen und Huͤhner und mußten ſich meiſt von Brod und Milch ernähren. Auch in dieſem einſamen Dorfe hoͤrten im aͤußerſten Elende die ſchoͤnen Türkinnen nicht auf, die Nägel ihrer kleinen, zierlichen Haͤnde mit rother Hennoch oder Henneh zu faͤrben. Begegnete man hier den Gefan⸗ genen menſchlich, ſo ließen ſich doch die Griechen nicht bewegen, ſie entrinnen zu laſſen. Auf Carne's Reiſe von Tripolizta nach der Käſte, ging ſein Pfad durch eine rauhe und ſteinige Gegend; auch begegnete er in einem Paſſe einem Corps griechiſcher Vauern, welches zur Armee ſtoßen wollte, und von einem militaͤriſch gekleideten Popen begleitet wurde, welchen ſeine Landsleute gezwungen hatten⸗ mit zu gehen. In einem kleinen Dorfe wurde Carne ungaſtfreundlich aufgenommen, und mußte die Nacht unter einem ſchattigen Baume zubringen. Am folgen⸗ den Tage begegnete er Griechen, welche in den Ge⸗ fechten mit der türkiſchen Armee verwundet worden waren, und erreichte gegen Abend ein tiefes, grünes Thal, mit einem kleinen Bache, wo man ihm zum Abendeſſen eine junge Ztege lieferte. Am dritten Tage erſtieg er einige hohe mit Waid bedeckte Berge, rei⸗ ſete dann durch ein fruchtbares Land und weilte Mit⸗ tags an einer Quelle, bis er Abends in einer einſa⸗ uen Huͤtte Quartier ſuchen wollte. Das Wetter war ſo rubig und die Soune ging ſo glaͤnzend hinter dem —— 335 wilden Gebirge unter, daß er das Haus des Bauern nicht betrat, ſondern mit den Seinen die Nacht unter freiem Himmel zubrachte. Am vierten Abend erreichte er ſpaͤt die Seekuͤſte und ſah Lickt in einem Wein⸗ hauſe, im Dorfe Klaranza, wo er einige Bequem⸗ lichkeiten fand und 8 Tage blieb, bis er ein Boot fand, um ihn nach Sante hinuͤber zu ſchiffen. Schon am naͤchſten Morgen ſah er die Felſen der Inſel vor ſich. Weil aber das Lazareth voll war, ſo mußten Carne und ſeine Bedienung 30 Tage und Naͤchte Duarantaine in einem hoͤchſt elenden Gemache ohne alle Bequemlichkeit verleben. Carne's einzige Un⸗ terhaltung oder einziges Vergnuͤgen beſtaud darin, durch ein offenes Fenſter ſtundenlang eine ſchoͤne Gegend zu ſehen, welche er nicht betreten durfte; auch einen Hü⸗ gel mit einer weißen Huͤtte und einem Garten, auf der Spitze der Hoͤhe einige hundert Ellen von ihm, zu betrachten. Eine Treppe führte zu einem Brunnen unten im Thale und er konnte taͤglich die Griechen in ibrem Saͤulengange in kuͤhler Luft ſitzen ſehen, in⸗ deß er mit allen Qualen des Tantalus fogar eine friſche Atmosphaͤre entbehrte. Einige der Mannſchaft des Schiffes, auf dem Carne gekommen war, wur⸗ den vom Nervenfieber befallen und ſtarben. Auch der treue Michael Milovich wurde krank und verlegte ſeine Matratze ans der traurigen Kammer hinaus, da⸗ mit Carne nicht angeſteckt würde, und wäre faſt hier nach beendigter großen und gefaͤhrlichen Reiſe geſtor⸗ ben. Endlich hatte die Quarantaine ein Ende; Carne und ſeine Bedienung dufte friſche Luft einathmen, int Schatten der Baͤume am Strande ſpatzieren gehen, und glles fuͤhlte ſch ſo glücklich wie Gefangene, wei⸗ chen ihre Feſſeln gebrochen wurden. Dertreffliche und treue Michael, den Carne als Diener von Con⸗ kanttnopel mitgenommen hatte, kehrte dahin zu⸗ ruͤck, und John Carne ſelbſt ſah nach einer Fabrt 3³6 von 7 Wochen, nach manchem Wechſel der Winde und des Wetters, ſein Vateriand wieder*). * * Von Dr. F. J. A. Schneidawind werden unter dem Titel:„Materialien zur Ge⸗ ſchichte, namentlich des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts“ Dri ginal⸗Geſchichts⸗Werke und Ueberſetzungen der intereſſanteſten Denkwürdigkeiten unſerer Zeit, im Verlage bei Herrn Eyraud in Neuhaldens⸗ leben erſcheinen. Der Zweck dieſer Materia⸗ lien iſt Belehrung und Unterhaltung, und auch namentlich ſo wohlfeil, wie zuvor die Memoiren z. B. einer Herzogin von Abran⸗ tes, eines Marſchall Ney, Grafen Lavalette, Koͤnig Ludwigs XVIII. u. a. m. dem leſenden Publikum bieten zu koͤnnen. Endlich fuͤr den Geſchichtſchreiber werden viele Urkunden, Cor⸗ reſpondenzen der Fürſten, Feldherrn und Di⸗ plomaten u. ſ. w. mehr als erwuͤnſcht ſeyn. Dieſe Materialien der Geſchichte er⸗ ſcheinen in aͤußerſt wohlfeilen Heften, da der Pr. Verfaſſer nur fuͤr die ſchoͤne Sache der Wiſ⸗ ſenſchaft arbeitet. Eine eigene Aufforderung des Verlegers ladet zu zahlreicher gefaͤlliger Un⸗ terzeichnung ein. Um Unterkuͤtzung der guten Sachen erſucht ——— ———— . S