ee 772 S, Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die Türkei. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Be 6 5 von M e h ren,„ und herausgegeben vyn Joachim Heinrich Jäck, Konigl. Bibliothekar zu Bamberg. w. Theil. 2. Bänbchen. Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenßricher. 1 8 3 1. ——————— 5 ⸗ 2 * Des Freiherrn L. von Stürmer Reiſe nach Konſtantinopel in den letz⸗ ten Monaten des Jahres 1816. Heraus⸗ gegeben von Joſ. Goluchowsky. cgortſetzung.) 3 Wr kamen bald in iene Gegend, wo vom ſchwar⸗ ien Meere bis zu jenem von Marmora die Mauer ſich erſtreckte, welche Kaiſer Zeno im J. 489 nach Chriſtus aufgefüͤhrt hatte zum Schutze gegen das Ein⸗ dringen bulgariſcher Horden. Wir riiten laͤngs des ufers, und ſchon zeigte ſich Silivri meinen Augenz ſeine Haͤnſer thürmen ſich am Abhange eines Huͤgels übereinander auf. Am aͤußerſten Ende einer Ebene, nicht weit vom Meere iſt dieſe Stadt fuͤr den Handel geſchaffen. Die Alten nanuten ſie Selymbria. Ein griechiſcher Biſchof reſtdirt hier. Die Auhoͤhe trägt auf dem Gipfel die Ruinen eines Luſtſchloſſes, weiches vor Zeiten den Sultaneu zum Stützpuntte ibrer Jagd Parthien in dieſer Gegend diente. Unſere Reiſe ging eilig; um Uhr Nachmittags zogen wi * 134 bereits in Bivados ein, durch den unbedeutenden Flecken Kumburgas und neben einem ganz verfal⸗ lenen Prt, welchen die Janitſcharen Sſchiflik nann⸗ ten. Der Name bedeutet einen Meyerhof. Die Gegend iſt hoͤckerig, meiſtens mit unnuͤtzen Geſtruͤppe verwachſen. Es lichtet ſich allmaͤhlich der naͤchtlichs Schleier, und das reizende Thal von Bujuk⸗Sſchek⸗ metſche, im Weſt und Oſt von Gebirgen ummauert, im Nord von ſanften Huͤgeln umgrenzt, entfaltete ſich vor unſern Augen. Dieſer an ſich unanſehnliche Ort heißt auch Ponte Grande, und war das alte Melanthias. Neben Bujuk⸗Tſchekmetſche erblickt man in ſeiner ganzen Ausdehnung den See, welchen die Gewaͤſſer des Karas(des Atyras der Alten) bilden. Man kennt ihn aber bloß unter der Beuennung des Fluſſes Ponte grande, welcher aus der Gegend von Belgrad kommt. Die von Suleiman 1393 angefangene ſehr lange ſteinerne Bruͤcke vollendete Selim. Von da bis Kutſchuk⸗ Tſchekmetſche oder Ponte Picolo ſind 2 Stun⸗ den, Der unbedeutende Flecken liegt an einem un⸗ bedeutenden Bache, uͤber welchen eine ſteinerne Bruͤcke ſich wölbt. Von dieſen beiden Vrucken ent⸗ lebnen beide Drtſchaften den Namen. In den letz⸗ ten Zeiten des byzantiniſchen Kaiſerreiches ſiand hier das koͤnigliche Schloß Reggium; heutzutage ſtehen hier eine Menge ſchlechter Haͤuſer und uralte Ruinen⸗ Die umliegende Gegend iſt ſchoͤn. 135 Freudig ſtiegen wir auf unſere Pferde, um den letzten Ritt zu machen, betraten nun eine vollkom⸗ men gepflaſterte Straße, zogen nordlich uͤber die Fel⸗ der und Wieſen, und paſſirten die Linien. Man fragte die Janitſcharen uͤber mich aus, ließ uns dann weites reiten, und wir kamen zu den Begraͤbnißplaͤtzen des weſlichen Dreiecks der Hauptſtadt. Die vielen tau⸗ ſend Cypreſſen, die zahlloſen Grabmaͤler an beiden Seiten der Straße, die feierliche Stille, machen die⸗ ſen Hain überaus melancholiſch. Durch verſchiedene Gaſſen des aͤußerſten Stadtviertels kamen wir uͤber einen kleinen Huͤgel auf einen freien Platz, welcher ſich mit einer Brucke in das Meer endigt. Hier mie⸗ theten die Janitſcharen ein Paar Lſchaik Maͤhne) zum Ueberfahren. Die ganze Geſellſchaft theilte ſich in zwei Schiſſchen, und wir ſtießen vom Lande. Wir ſind in der Mitte des Hafens, die ungeheure Haupt⸗ ſtadt, das ſolze Stambul, auf 7 Huͤgeln thronend, entfaltet ſich ganz vor meinen Augen. Rechts erheben ſich auf den vielen Anhoͤhen prachtvolle Paläſte, un⸗ zählbare Moſcheen, viele tauſend Minarets, Gebaͤude ohne Zahl, ohne Ende;z und unter dem bunten Ge⸗ miſche der Häuſer erheben Cypreſſenbaͤume ihre hohen Wipfel. Links dehnen ſich uͤber die bergichten Ab⸗ haͤnge die Vorſtaͤdte aus, und das Ganze bildet ein prachtvolles Amphitheater um die weite Bay des Hafens, welcher die Geſtalt eines Halbmondes hat, daher die alte Benennung des goldenen Horns. 136 Halb taumelnd naͤherte ich mich dem Arſenale, nicht weit vom Palaſte des Kapudan Paſcha. Zahlloſe Gondeln voll Türken und Luͤrkinnen ſchwaͤrmen kreuz und auer; mit erlaunlicher Schnelligkeit ſchießen große und kleine Schiffe umher. Der Haupttheil des Arſenals liegt gerade da, wo ſich der Hafen in einem Meerbuſen verbreitet, und ſo ein Hafen in dem Ha⸗ fen gebildet wird. Mebr als hundert gewolbte Nemi⸗ ſen, von welchen ein großer Theil unter Waſſer ſteht, befinden ſich hier um Schutze für Schiffe. Da ſind wir an der Landungs⸗Leiter dee Kaſ⸗ ſim Paſcha; Schiffe fabren an, andere ſtoßen ab. Ein unablaͤßiges Geloͤe beſtuͤrmet die Ohren; man lätmt, ſchreit, hundert Schiffe empfehlen ihre Schiffe. Mit Muͤhe draͤngten wir uns durch die Menge; wir mietheten uns Laſtraͤger(Hamal), welche unſere Ge⸗ paͤcke nach Pera brachten. Che wir aber dasſelbe ex⸗ reichten, mußten wir ö er eine langwierige Anhoͤhe wieder durch Grabſtat'en ſteigen. Sie liegt an einer ziemlich ſteilen Erhoͤbung; wepa im Griechiſchen be⸗ deutet einen jenſeits des Hafens liegenden Ott. Dieſe Vorſtadt von Konſtantinopel iſt bioß für die Franken beſtimmt; indeſſen haben ſich auch Ar⸗ menier und angeſebeue Griechen un er ihnen nieder⸗ gelaſſen. Faſt alle Gebaͤude ſind zwei Stockwerke hoch, aber im Durcbſchnitte die Waͤnde meiſtens mit Brettern beſchlagen und grau angeſtrichen. Prachtvoll nehmen ſich die Palaͤſte des europaͤiſchen Geſandten aus, welche Eigenthum der Nativn ſind, welche ſie repraͤſentiren. In der Mitte wird die Stadt von der Hauptſtraße durchſchnitten, von welcher links und rechts Quer⸗ ſraßen ſich ziehen. Auf ihren beiden Seiten ſind Drottoirs angebracht. Durch die Vorſpruͤnge der Fenſter, welche faſt auf der entgegengeſetzten Sceite zuſammenſtoßen, gewinnen die Seit ein finſteres Auſehen. Die katholiſchen Kirchen, deren die Franken vier nebſt einem Erzbtſchofe haben, durfen weder Thürme noch grohe Glocken haben. Außer Pera gibt es noch einige katholiſche Kirchen in Ghalats. Am weßlichen Ende fuͤhrt von Pera eine zweite Hauptſtraße nach Ghalata. Gegen Oſt verliert es ſich in einen ungepflaſterten Weg, welcher bei den griechiſchen und fraͤnkiſchen Peßſpitaͤlern, bei den praͤchtigen Infanterie⸗Kalernen zwiſchen mancherlei Gebäuden und Todten⸗Hoͤfen vorbeilaͤuft, und ſich in die reizenden Thaͤler von Dolma Bastſche, einem ſehr lieblichen Spazierorte einlenket. An reeſchiede⸗ nen Ecken von Pera, wie von Konſtantinopel, ſtehen Wachthaͤuſer(Culluk). Mehrere Kaffeehäuſer ſind nach europaͤiſcher Art eingerichtet. Hier iſt auch die turkiſche Akademie(Medreſſeb) zu erwaähnen. In ibt werden die jungen Leute, welche in das Serail 138 kommen, gebildet. Sie ſtehen unter ſehr ſtrenger Aufſicht des Kapi Baſchi. Der Stifter dieſer Aka⸗ demie war der beruͤhmte Vezier Dijin Hali Paſcha. Man ſieht die jungen Leute nie, außer wenn ſie zum Dſcherid oder Pferde⸗Tummeln ausziehen. Im Sommer ſind die Straßen Pera's, weil die meiſten Geſandten und ihr Gefolge nach Bujukde⸗ reh eilen, leer. Im Herbſte aber wacht Pera wieder auf, und der Zuſammenfluß von Menſchen aus allen Weltgegenden gibt ihm eine eigene Schat⸗ tirung. Als ich in das Palais des oͤſterreichiſchen Geſand⸗ ten trat, druͤckte mich unverhofft meine vielgeliebte Mutter an ihren Buſen. Mir ſehlte die Sprache, und nur mit der Zeit konnte ich vom uͤberſtroͤmenden Gefuͤhle zur Beſonnenheit kommen. Endlich machten wir uns auf den Weg nach Tophana, wo wir uns einſchiffen, und nach Bujukdereh gelangen ſollten. Dieſer Drt iſt an der europaͤiſchen Kuͤſte des Bosphorus gegen das ſchwarze Meer ſehr angenehm gelegen. Alles wimmelte von Muſelmaͤnnern bei un⸗ ſerer Ankunft. Ich ſtaunte hier zuerſt eine pracht⸗ volle Moſchee und einen Marmor⸗Brunnen in der Mitte eines geraͤumigen Platzes an. Er ſtrotzt vom Golde und ſprudelt auf vier Seiten Waſſer. Aus zinnernen Schalen, an Ketten befeſtigt, loͤſchen die Muſelmaͤnner ihren Durſt. 139 Zu meiner Linken iſt eine Menge von Geſchuͤtz vorhanden, welches in dem nahen Gußhauſe verfertigt wird. Von dieſer Kanonen⸗Gießerei entlehnt Top⸗ bana ſeinen Namen. Sultan Muſtapha legte hier geraͤuuige Kaſernen fuͤr die Toptſchi(Kanoniere) an. Die Vertheidigung des Hafens iſt zwei Batte⸗ rien anvertraut, auf welchen bei den Spazierfahrten des Sultan's, und bei öffentlichen Feierlichkeiten die Kanonen geloͤst werden. Das Getuͤmmel ſſt auf die⸗ ſem Handels⸗Platze einzig in ſeiner Art. Ss erſcheint alles von Kaͤufern und Verkaͤufern vollgepfropft, un⸗ zaͤhlige Schiffe langen augenblicklich hier an, Men⸗ ſchen aus allen Weltgegenden miſchen ſich ſeltſam durch einander. Rechts verliert ſich das Auge in eine unnennbare Majeſtaͤt der ungeheuern Hauptſtadt, wel⸗ che mit ihren Thuͤrmen und Dſchamien, Moſcheen und Minarets, vorgoldeten Zinnen und Halbmonden, Cy⸗ preſſen und Grabmaͤlern, Beluſtigungs⸗Drten und Baͤdern, Cbaͤlern und Huͤgeln, prachtvollen Paläſten und zahlloſen Wohnungen ſich entfaltet, und die Seele mit Staunen erfüuͤllt. Fuͤrſt Kantemir gibt die Haͤu⸗ ſer⸗Maſſe auf a00,000, neuere hingegen auf 88,000 an. Mir gegenuber am aͤukerſten Ende des ſaͤdlichen Dreiecks prangt auf der Stelle des alten Bpian? das beruͤhmte Serai mit ſeinen Palaͤſten und ſchatti⸗ gen Cypreſſen, mit ſeinen ſchoͤnen Gaͤrten, Baͤdern⸗ und Koͤſcht. Die Daͤcher ſind mit Blei Shalata iſt mit Ringmauern, Chuͤrmen und einem Walle umgeben, und dadurch von Kaſſim Baſcha und andern Vorſtaͤdten abgeſchnitten. Die Befeſtigung ſtammt noch aus den Seiten der Genne⸗ ſen. In der Mitte der Stadt gewaͤhrt ein herrlicher Thurm von außerordentlicher Groͤße die herrlichſe Ausſicht. Er iſt von Anaſtaſius erbaut und dienz zu einem Feuer⸗Thurme. In Ghalata wohnen Franken, Juden, Armenier, Griechen und Luͤrken. Die Mevlevi Derwiſche geſtiftet von Mevlana Dſchelaleddin, dem groͤßten myſtiſchen Dichter des Drients, haben hier einen Tempel. Der Grab⸗ bof der Derwiſche enthäͤlt das Grabmal des beruͤchtig⸗ ten Renegaten Bonneval*). Seutari, das Chryfopolis der Alten, Es⸗ kiudar bei den Tuͤrken, dehnt ſich nach Aſten aus. Die Lage von Scutari wetteifert mit jener des gegenuͤber liegenden Serai. Weiter ſuͤdweßtlich uber die Landſpitze fluthet das Meer von Marmora, wel⸗ chein öſllich der Kanal von Vosphorus, die Grenze zwiſchen Europa und Aſſen, entgegenſteht. In dunkler Ferne entßeigen Inſel⸗Gruppen, und vereini⸗ gen ſich in die Fauilie der Prinzen⸗Jiſeln, weſche Penetiauiſche und rrkiſche geh. Begebenhelten des Brafen v. Bonheval. A. d. Frauz. d. Mitone, mit deſſen Bildu. Fraukfurt 4741. 8. 141 in einer Entfernung von 3 Stunden gegen die aſia⸗ tiſche Küſte ſuͤdwaͤrts von Kadi⸗Koi, dem alten Chalcedon, ſich erheben. Am Eingange des Kanals, im Angeſichte ven Seutari, ſteht der faͤlſchlich ſo⸗ genannte Leanders⸗Thurm, welchen die Tuͤrken Kiskula(Jungfer⸗Thurm) nennen. Ehemals ein Gefaͤngniß, dient er jetzt den Serfabtern zum Leucht⸗ Thurme. Wir ſchifften von da durch die erihmte enge zwiſchen Natolien und Romanien nach Budjukdereh. Wir mußten dem Strome entgegen fahren, welcher aus dem ſchwarzen Meere, beſonders an der aſiatiſchen Kuͤſte, ſo ſtark hervorbricht, daß man deutlich den Fluß ſehen kann. Da erhebt ſich Fondukli mit einem Schloſſe, welches Huſſein Aga, Mohammeds IV. Vezier, dicht am ufer er⸗ baute. Weiter hinauf bluͤhet Dolma Bagtſche; dann ziehen wir an dem Serai von Beſchiktaſch vorbei. Nebenbei zieht ſich das Dorf gleiches Namens bin, wo die Aſche des heiligen Hadſchii Bakta's ruht, welcher den Janitſcharen bei ihrer Erſchlafung den Segen gab, und ſie mit einem Aermel ſeines Filz⸗ rockes begluͤckte, deſſen Abglanz gegenwaͤrtig ihre Muͤtzen ſind. An Beſchiktaſch ſoͤßt der an⸗ muthige Ort Orta Koͤiz gegenuͤber an der aſiati⸗ ſchen Kuͤſte liegt Stavros, dem das vergoldete Kreus auf der von Konſtantin erbauten Kinche den Ramen gab. 142 Zwei feſte Schloͤſſer, wel ke ſich in romantiſcher Kuͤhnheit den Blicken darbieten, eines in Europa? Numely Hiſſar; eines in Aſien: Anatoly Hiſſar, erheben ſich auf Vorgebirgen, und ſchei⸗ nen gleichſam den Eingang in einen zweiten Kanal zu bewachen. Sie haben die Beſtimmung, den Zugang zu Konſtantinopel vom ſchwatzen Meere zu beherr⸗ ſchen. Gegen die Meeres⸗Seite ſind ſie ſtark mit Ka⸗ nonen bepflanit, dafuͤr erſcheint der Ruͤcken deſto wehr⸗ loſer. Wir fuhren durch dieſe, und wurden durch den Anblick der Stadt Stenia, welche einem Golfe den Namen gibt, der voll von Schiffen aller Na⸗ tionen iſt, uͤberraſcht. Unweit davon iſt in Europa Jenikoͤi; gegenuͤber in Aſien befinden ſich die Rui⸗ nen der ehemaligen Gaͤrten der Sultaninnen, mit einem Koͤſchk vom Sultan Soleiman erbaut. Das Dorf Beikas vor demſelben, nahe am Kanale, hat viele Anmuth, noch mehr aber Kunkiar Jskeleſſi, ein Dorf in Tempes Thal. Wir ſchieken uns nun an, die Felſen ⸗„Gebirge, welche ſich am europaͤiſchen Geſtade brechen, zu um⸗ ſchiffen, um bald in Bujukdereh zu ſeyn. In einer maleriſchen Gegend erblicken wir Tarapia, einſt Pharmakia, wo die beruͤchtigte Medea ihre Zauber⸗Kraͤuter pfüͤckte. Der heftige Meeres⸗Strom erſchwert im Golf der Griechenßadt das Landen gar ſebr. Hier, wie in den Doͤrfern, von Stenia an⸗ gefangen, haben viele Griechen, welche aus der grie⸗ 143 chiſchen Vorſtadt Konſtantinopel Fanal kommen, ihre Wohnſitze. Es ſind reiche Familien, welche die Pforte mit Dragoman's(Dolmetſchern) verſeben, und die Pflanzſchule der Fürſten aus der Moldau und Wallachey ſind. Vom Meeres⸗ufer fuͤhrt ein Weg die Spazierenden nach Bujukdereh. Noch haben wir Tarapia zur Linken. Die aſiatiſchen und euro⸗ paͤiſchen Geſtade ſcheinen in der Ferne zuſammen zu laufen. Weiter links erblicken wir den Golf und die Bucht von Bujukdereh. Der Kanal iſt ſehr un⸗ gleich breit, windet und kruͤmmt ſich beſtaͤndig, waͤb⸗ rend die Ufer ungleich mit Haͤuſern beſetzt ſind, und bald mit Huͤgeln und bald mit Thaͤlern abwechſeln, welche beſonders an dieſer Stelle durch die Bergketten im Hintergrunde ſehr unſcheinbar gemacht werden. Der hoͤchſte derſelben auf ſeinem Gipfel mit einem Grabmale von außerordentlſcher Groͤße heißt Rieſen⸗ berg. Es ſoll nach der Meinung der Tuͤrken einen Rieſen bergen, deſſen geheiligten Reliquien Wunder wirken. Nach orientaliſchen urkunden iſt dieſer Rieſe Aaron, Moſes Bruder. Am Fuße liegt ein ſchoͤnes Landgut, SchelleduGrand⸗Seigneur, merkwuͤr⸗ dig wegen einer langen Bruͤcke. Hier pflegt der Groß⸗ berr oft die reizende Gegend zu genießen. Am weſtli⸗ chen Ende des daneben liegenden Dorfes iſt ein grůͤ⸗ nes Thal mit einer dichten Platanen⸗Laube in der Mitte bei einem Brunnen der ehemalige Lagerungs⸗Plas der Kreuzfahrer unter Gottfried von Vouillon, 144 ehe ſie 1007 Nizaea belagerten, als der Kaiſer Ale⸗ ris ihnen, der Stadt naͤher zu kommen, verbot. Wir umſchifſten bald den Fels auf der europaiſchen Seite, Keres Burnu, und landeten bald bei Bu⸗ jukdereh. Ich eile in den Schvoß meiner geliebten Aeltern und Geſchwiſtern, nach denen ich mich ſo lange vergebens geſehnt habe. 2 Buiukdereh iſt das ehemalige Bathykolpos (Siefthal); gegen Oſt zieht es bis zum Kap des Gol⸗ fes hin, wo Sari Hiſſari, ein anderes Dorf, be⸗ ginnt. Mit dem weülichen Ende des Geſtades faͤngt das eigentliche Dorf von Bujukdereh an, wenn man es ſo nennen darf, und beſteht in einer Haupt⸗ ßraße und einigen Nebengaͤßchen. Die ſchlecht ge⸗ pflaſterte und unreine Hauptßraße iſt mit Kramlaͤden aller Art angefuͤllt. Auch bemerkt man zwei Kaffeer baͤuſer nach europaiſcher Art eingerichtet. Die hier liegende Abtheilung der Toptſchi, die einzigen an⸗ weſenden Luͤrken, welche unter dem Befehle eines Subaſchi(Lieutnant) ſtehen, bildet die Polizei, und hat zwei Moſcheen zum Gebranche. Den Schluß macht ein Kaffeehaus, welches die Ausſicht auf die Bucht gewaͤhrt. Hier ſteigen die Gaͤſte aus, welche das an⸗ muthige Thal, von welchem Bujukdereh ſeinen Namen fuͤhrt, lieber zu Waſſer als zu Lande beſu⸗ chen. In dieſem zauberiſchen Thale, in der Mitte einer großen Wieſe, insgemein la Prairie genanut, rings von Högeln und Bergen eingezaunt, ſeht eine 4 1 — 145 Gruppe von s Platanus⸗Baͤumen, welche aus einer gemeinſchaftlichen Wurtel entſproſſen, einen ſo dich⸗ ten Kreis bilden, daß ſie nur für einen einzigen Baum angeſehen werden moͤchten. Die ſchoͤnen Raſenplaͤtze unter den ſchattenden Lauben ſprechen die Ruhe lie⸗ benden Spaziergaͤnger uͤberaus an. An Sonn—⸗ und Feiertagen wimmelt es auf dieſer Wieſe von Menſchen aus allen Nationen. Rund herum hat der Landmann den fruchtharen Boden mit Fleiß angebaut; man ſieht vorzüglich viel Weizen; hier und dort wechſeln gruͤne Weingaͤrten mit dunklen Hainen ab. Die Wieſen bieten unzaͤh⸗ lige Blumen und die fernen Gegenden die herrlichſten Ausſichten dar. Lebendige Quellen locken durch ihr friſches Waſſer manchen Spazierenden an. Ein Weg, im Dunkel der Haine ſich ſchlingend, fuͤhrt nach der Waſſerleitung von Bagtſchekoͤi(von Suleimanl. erbaut), gleich einem Triumphbogen auf einer ßteilen Anhoͤhe ſich erhebend mit zwei Geſchoſſen, welche 21 Bogen haben, von denen die untern zehn zweimal ſo ſark ſind, als die oberen. Unter einem der erſtern geht der Weg durch des Waldes duͤſtere Szenen in das ſchon gelegene Belgrad, welches Lady Monta⸗ gue das irdiſche Paradies nennt. Die Schal⸗ meye des Hirten, der Geſang der Voͤgel, die reine Luft belebt und erheitert das Gemuͤth. Zahlreiche Heetden irren auf der blumigen Flur, und ſeitwaͤrts 74. Bd. Tärkei. IV. 2, 2 146 entzieht ſich ein Silberbach dem Auge hinter Bergen. In der Naͤhe erhebt ſich die unter Juſtinian's eigener Aufſicht erbaute kolloſſale Waſſerleitung; ſie verbindet zwei Bergſpitzen, welche durch ein Thal ge⸗ trennt ſind, und fuͤhrt das aus der Ferne herbeigelei⸗ tete Waſſer nach der Hauptſtadt, welche ſich durch dieſe erhaͤlt. Drei uͤber einander ſtehende, 14 Schuhe breite Bogengaͤnge bilden dieſes erhabene Werk der Baukuntt. Zu den beſuchteſten Plaͤtzen in Bujukdereh ge⸗ hört der anmuthige Duai an der Meeres⸗Kuͤßte⸗ Gewöhnlich luſtwandeln hier die Franken, ehe die Nacht einbricht. Im milden Mondes⸗Lichte ge⸗ nießen beide Geſchlechter Arm in Arm des Abends ſchoͤne Stunden. Da ſpielt ein Liebender auf der Guittare, dort ertoͤnt eine Flote, und hier begleitet ein gottlicher Geſang die ſanften Melodien der Harfe⸗ Von hier uͤberſieht man auch eine große Strecke nach Suͤden den Kanal hinab, und gerade gegenuͤber die aſiatiſche Kuͤſte. Am Fuße der aſiatiſchen Gebirge⸗ welche der Ausſicht Grenzen ſetzen, weiter links die weitlaͤufigen Ruinen eines alten Schloſſes und wei⸗ ter hinab Mauern, welche noch von der Groͤße der Genueſen zeugen, mit Geſtraͤuch verwachſen, und mit Spuren von Inſchriften. Um ſie herum woh⸗ nen Türken. Etwas unten liegt das ſchoͤne Dorf Kavak, und oſtwaͤrts von demſelben beherrſchen — 147 mehrere feſte Schloͤſſer, den europͤiſchen gegen⸗ üͤber, die Muͤndung des Kanals des ſchwarzen Meeres. Das Fort auf der europäiſchen Seite liegt in der Mitte von Felſen; das Haus des Paſcha ſteht im europäiſchen Style dabei. Gegen Dſt brechen ſich die ungeſtuͤmen Fluten des Pontus Eu rinus ſchäumend an dem Felſen, welche dem Fort von Fa⸗ nari zum Grunde dienen. Es ſteht einſam, aber furchtbar, und gibt bei finſterer Nacht durch den dum⸗ pfen Ton eines Sprachrohres den Schiffenden das Zei⸗ chen ſich vom ufer entfernt zu halten. ungefaͤhr s0 Schritte vom ufer entdeckt man die Inſel Cyanea— gleichfalls nur ein Felſen— mit ſichtbaren Ueberreſten des Alterthums. Die Zeit hat die lateiniſche Inſchrift unleſerlich gemacht, und kaum erkennt man noch, daß die Buchſtaben lateiniſche ſind. Gegen Norden von Bujukdereh iſt das Thal von Domusdereh, und an deſſen Ende ein halb verfallener Thurm. Er traͤgt allgemein den Namen la Tour dOvide, weil man dafuͤr haͤlt, daß Ooid in demſelben geſtorben ſey. Der Thurm iſt viereckig, und hat 11 Schritte in der Laͤnge und s in der Breite, und iſt in einer oͤden einſamen Gegend eine Stunde von dem ſchwarzen Meere gelegen. Weil aber To⸗ misvar(Eski⸗Pargana) Dvid's Verbannungsort im ſiliſtriſchen Paſchalit liegt, ſo iſt die Meinung, daß dieß anfaͤnglich ein Wacht⸗Thurm war, von welchem herab die Einwohner vor den Koſaken, den ehemali⸗ gen Seeraͤubern dieſer Gegend, gewarnt wurden, wahrſcheinlicher. 149 * Reiſe durch die Türkei in den Jahren 1828 bis 1829. Aus dem Engliſchen des Hn. Walsh. Mitgetheilt von F. Deiß⸗ böck, K. B. Rechnungs⸗Kommiſſär. Nach mehrjahrigem Aufenthalte in Konſtan⸗ tinopel beſchloß ich, nach England zuruͤckzukehren. Ich nahm denſelben Weg, den Darius auf ſeinem denkwuͤrdigen Zuge gegen die Seythen vor 2300 Jahren eingeſchlagen hatte. Moͤge man ſich ein im Winter zu bereiſendes Land denken, wo es im Durch⸗ ſchnitte weder Straſſen noch Wege, Gaſthoͤfe, Abend⸗ Fſſen oder Betten gibt. Die Straſſen ſind nichts als Vfade, die ein Reiter veranlaßte, und worauf daun ein anderer ritt, jeder nach ſeinem Belieben. Die Wagen beſtehen aus einigen zuſammengefügten Bret⸗ tern, die auf plumpen Raͤdern ruhen, und von Büf⸗ feln mit Stricken gezogen werden. Die Gaſthoͤfe ſind nichts als große Staͤlle, wo man nur Häckerling fin⸗ 15⁰ det, und das Abendeſſen beſteht aus dem, was man mitbringt. Die Betten ſind Stroh oder Bretter. Mein Gefaͤhrte war mein alter Freund Muſtapha⸗ ein Janitſcharen Tatar, ein geborner Schweizer, der ſehr jung mit einem Kaufmann von Livorno auf das Mittellaͤndiſche Meer ging, von einem afrikani⸗ ſchen Corſaren gefangen, und nach Cairv verkauft wurde, wo er ſpaͤter zum Islam uͤberging.— Er hatte mir einen Janitſcharen-Mantel verſchafft, ſo ſteif wie ein Brett, aber ein vollkommener Schutz gegen Wind und Regen. Ferner wurde eine Kiſte mit Moka⸗ Kaffe mitgenommen, und ein guter Theil Tabak aus Schiras. An meiner Thuͤre fand ich vier Pferde fuͤr uns, das Gepaͤck, und einen bewaffneten Fuͤhrer. Wir reiſeten aus Konſtantinopel uͤber die Vorſtadt der Juden. Dieſe ſind meiſt aus Spanien eingewandert⸗ so,000 an der Zahl, und treiben bier frei die eintraͤg⸗ lichſten Gewerbe. Bei ihnen legen die Luͤrken ihr Vermoͤgen nieder; die juͤdiſchen Frauen beſuchen alle Harems mit ihren Waaren, und ſind die Unterhaͤnd⸗ ler vieler Liebesabentheuer. Auf einem Berge hinter dem Judenviertel liegk ihr ſehr großer Begraͤbnißplatz, mit vielen marm ⸗ nen Leichenſteinen verziert, von denen einige ſehr praͤchtig ſind. Die Häuſer reicher Juden enthalten jeden vrientaliſchen Luxus; die aͤrmern Staͤnde aber ſind, wie in allen Laͤndern, in ihrer Kleidung ſchmu⸗ tzig, ihre Haͤuſer ſchlecht erhalten, ihre Sitten luder⸗ — 151 lich, und dabei ſind ſie immer bereit, veraͤchtliche Dinge zu unternehmen, wovor zartfuͤhlende Menſchen einen Abſcheu hegen. Nachdem wir bei dieſer Hebraͤer⸗Colonie vorbei waren, wo den Augen und Phren, ja ſelbſt der Naſe nichts Angenehmes begegnete, kamen wir zu der Bruͤcke, welche nach Kyat⸗Kana, Papierhaus, fuͤhrt, worin der Sultan Selim eine tuͤrkiſche Buchdruckerei an⸗ gelegt hatte, die aber jetzt wieder aufgegeben iſt. In den beiden Gruben, Ali⸗Bey⸗Su und Kyat⸗Kana⸗ Su, fließt wenig Waſſer; ſie ſind die einzigen in der Naͤhe der Stadt. Dagegen erbauten die Luͤrken in den Gebirgen in der Naͤhe des ſchwarzen Meeres große Waſſerbehaͤlter. Allenthalben, wo ſie auf ein Waſſer⸗ bett ſtießen, ſetzten ſie ihm einen Damm; das Waſſer bildet einen dreieckichten See. Der Damm iſt ge⸗ woͤhnlich mit Marmor überkleidet, mit Bildhauer⸗ Arbeit im vrientaliſchen Geſchmacke verziert, und ge⸗ waͤhrt einen großen, praͤchtigen Anblick. Urſpruͤnglich wurden die Waſſerbehaͤlter von den griechiſchen Kai⸗ ſern erbaut; doch die Turken vervielfaͤltigten ſie, und zeigten darin wirklich Kenntniſſe in der Hydraulik. An die Behaͤlter ſind Baͤume geſetzt, ſie ſchattiger zu machen, und es iſt ſtrenge verboten, einen auszureiſ⸗ ſen, daraus Waſſer zu ſchoͤpfen, oder abzuleiten, In Konſtantinvpel wird dann dieſes Waſſer in unge⸗ heueren Ciſternen aufbewahrt. Die wichtigſe Waſſer⸗ leitung iß noch immer die des Kaiſers Valens. * 152 Als wir uͤber die Bruͤcke waren, und laͤngs dem Fluſſe hingingen, hoͤrten wir in geringer Entfernung eine Kanone abfeuern, und eine Kugel ziſchen. Bald ſahen wir, daß ſie von einer Compagnie Artilleriſten her⸗ kam, die von dem andern Ufer aus nach einem Ziele ſchoßen, das ſich gerade über dem Weg befand. Dieß geſchah ohne die geringſte vorherige Warnung, und ohne zu warten, bis wir voruͤber waren. Ein Beweis der Geringſchaͤtzung der Tuͤrken gegen das Leben An⸗ derer. Wir eilten voruͤber, und duckten uns bei jedem Schuſſe. Dann verfolgten wir unſern Weg nach dem Thore Selyvria, von wo wir anfangen ſollten, in der Ebene weiter fortzugehen. Hier ſahen wir die Graͤber des Ali Paſcha von Janina, ſeiner drei Soͤhne und ſeines Enkels, welche alle enthauptet worden ſind, und wovon die Geſchichte aus der neuern Zeit(1822) noch in Jedermanns Gedachtniß ſeyn wird. Man liest folgende Inſchriften auf dieſen Grabmaͤlern: „Hier ruht der Kopf des ſehr beruͤhmten Ali⸗Pa⸗ ſcha, Statthalter von Janina, welcher mehr als 60 Jahre lang an der Unabhaͤngigkeit von Albanien arbeitete.“—„Hier ruht der Kopf des Veli⸗Paſcha, Stattbalters von Tirhala, Sohn Ali⸗Paſcha's, der enthauptet wurde.“—„Hier ruht der Kopf Muk⸗ tar Paſcha's von zwei Roßſchweifen, Sohn Ali Paſcha's, zur Enthauptung verurtheilt.“— Die uͤbrigen zwei haben aͤhnlichen Inhalt. Nach einer Viertelmeile erreichten wir die Fiſch⸗ 153. kirche. Dieſen Namen verdankt ſie einer Sage, die ſie ſehr beruͤhmt unter den Griechen gemacht hat. Als Muhammed Konſtantinopel belagerte, befand ſch an dieſem Drte ein kleines Kloſter griechiſcher Moͤnche. Am Tage des entſcheidenden Angriffs roſtete ein Moͤnch Fiſche, als eben in dem Kloſter die Nach⸗ richt erſcholl, daß die Tuͤrken in die Stadt einge⸗ drungen waͤren.„Pah! antwortete der Moͤnch; eher glaube ich, daß dieſe Fiſche wieder lebendig aus der Pfanne heraus ſpringen werden.“— Bei dieſen Wor⸗ ten ſprangen die Fiſche in einen Zuber Waſſer, der nahe dabei ftand. Um dieſes Wunder der Nachwelt zu uͤberliefern, errichtete man an dieſem Drte eine Firche, in der ſich ein Waſſerbehälter befindet, worein dieſe Fiſche geſetzt wurden, welche, wie man uns ver⸗ ſicherte, jetzt noch leben. Das Volk kommt alle Jahre bieher, um die Behaͤlter zu beſehen. Als die Tuͤrken den Aufſtand der Griechen vernahmen, zerſtoͤrten ſie die Kirche von Grund aus, und wir ſahen nur noch einen Haufen Truͤmmer. Die Griechen ſagen indeß, daß ihre Feinde die Fiſche nicht haͤtten toͤdten koͤnnen, welche unſterblich ſeyen. Jetzt lebte mitten unter den Frümmern nur noch ein armer Moͤnch, der ein zer⸗ lumptes, blaubaumwollenes Kleid anhatte, und die Kugein ſeines Roſenkranzes abzaͤhlte. Er fuͤhrte mich zu einem Waſſerbehaͤlter unter einem zertruͤmmerten Bogen, und ſchrie mit lebhafter Stimme:„Hier ſnd die Fiſche, mein Herr!“— Ich ſah einen Weiß⸗ 154 ſiſch im Waſſer ſich hin und her bewegen, der aus dem nahen Vache gekommen zu ſeyn ſchien, und mit dem Behaͤlter in Verbindung ſtand. Wir betraten hierauf die Ebene, welche Kon⸗ ſtantinopel umgibt; ſie ſtellt die ſchrecklichſte Ein⸗ ode dar, in der man nur einige verfallene Maierhoͤfe ſieht. Nach vier Stunden erreichten wir San⸗Ste⸗ vhano, ein kleines Dorf, das auf einer Landſpitze erbaut iſt, die in das Meer hinaus geht. Es dient den Wachteln zum Zufluchtsorte, die dort zu der Zeit ihres Zuges anhalten. Es gibt hier eine ſo große Menge, daß man ſie in Konſtantinopel als ein gewoͤhnliches Nahrungsmittel betrachtet, deſſen man bald uberdruſſig wird. Es ſcheint, daß ſie aus Ruß⸗ land kommen, und ſich dann nach Afrika wenden. Die Erde iſt davon bedeckt. Auch gibt es im Drient viele Heuſchrecken. Im Jahre 1823 durchwanderte ich eine große Ebene bei Bru ſa in Kleinaſien, welche mehrere Zoll hoch davon bedeckt war. Sie wandten ſich nachher nordoͤſtlich und bildeten eine ſichtbare Maſſe in der Luft. In Pera fiel eine ſolche Menge nieder, daß Straſſen und Gaͤrten davon verpeſtet wur⸗ den. Eines Morgens wollten ſie uͤber das ſchwarze Meer fliegen; aber ein Windſtoß machte, daß ſie alle in dem ſchwarzen Meere umkamen. Das Wetter fing an, ſich zu verdunkeln, und gegen Abend fiel der Regen in Stroͤmen herab. Jeden Augenblick verloren wir den gebahnten Weg; dennoch 155 langten wir gluͤcklich an dem Geſtade des Meeres an, und gingen an demſelben fort bis Kum⸗Burgazz dann wieder zwei Stunden lang im Schnee, Regen, Wind, und in der Dunkelheit. Endlich langten wir um 9 Uhr, durchnaͤßt und mit Koth bedeckt, in Bra⸗ dos an. Wir fanden in dieſem Dorfe einen vortrefflichen Khan, den ein Grieche hielt, und es befanden ſich darin viele Leute. Vier Zimmer im erſten Stocke, ingerichtet mit einem Geſchmack, wie ich ihn in kei⸗ nem andern Khan angetroffen hatte, waren voll Tuͤr⸗ ken; wir fuͤhlten uns glucklich, im untern Stocke dieſes Kaffee⸗Hauſes einen Platz zu finden. Der Wirth bediente uns mit großer Sorgfalt und Hoͤflichkeit. Außer Reiß und Pillau erhielten wir geſottene Kal⸗ kans und als Getraͤnk Raki, einen ſehr ſarken Brant⸗ wein aus Weintrauben⸗Schalen. Waͤhrend der Nacht regnete es ſehr, und der Wind wuͤthete mit Ungeſtuͤm. Indeß zogen ſich die Wolken endlich in die Hoͤhe, der Himmel wurde rein und beiter. um s Uhr zogen wir vorwaͤrts, und ungefaͤhr nach einer Stunde langten wir bei einer kleinen Brucke in einem Thale an, wo vor 6 Jahren ein deutſcher Courier ermordet wurde, dem man hier ein Grabmal errichtet hat. Um s Uhr langten wir zu Selypria an, wo wir fruͤhſtuͤckten. Auf den Anhohen nimmt man praͤchtige Ruinen wahr. Die vbere Stadt iſt ſchmutzig und wird meiſt von Griechen oder Juden bewohnt; hinter ihr liegt eine andere, beſſer gebaute, am ufer des Mee⸗ res, welche die Tuͤrken inne haben. Wir wanderten das Vorgebirg Erekli voruͤber, verließen das Geſtade des Meeres und kamen in eino ſchoͤne Ebene von anſcheinender Fruchtbarkeit, dis abör ganz vernachlaͤßiget iſt. Ein aufgeklaͤrter Tuͤrke, Namens Osmin⸗Aga, der ein Staatsamt bekleidete, wandte ſeine Einkünfte zu Verbeſſerungen in dieſen Gegenden an. Er erhielt ein großes Stuͤck Land zwi⸗ ſchen Konſtantinopel und Belgrad, und gab ſich viele Muͤhe, es auf europaͤiſche Weiſe anzubauen. Er baute daſelbſt ein ſchoͤnes Schloß, und theilte die Laͤndereien in nehrere Theile, auf eine Weiſe, daß er in kurzer Zeit ein unkultivirtes Grundſtüͤck in ein ſchoͤnes Gut mit reichen Maiereien verwandelte. Sein Gluͤck erregte die Habgier einiger Maͤchtigen. Unte einem unbedeutenden Vorwande wurde er verbannt⸗ und ſeine Güter eingezogen. Die Maiereien wurden von ihren Bewohnern verlaſſen, und die— von ihm unternommenen Verbeſſerungen gaͤnzlich Ste auß⸗ gegeben. Die einzigen lebenden Weſen, denen wir in dieſer Ebene begegneten, waren Soldaten, die aus Jpſara zuruͤck kehrten. Die Flotte des Capudan Paſcha hatte ſie bei Enos an das Land geſetzt, und ſie kehrten zu Lande nach Konſtantinopel zuruͤck. Mehrete ba ten Pfetde mit Korben voller Kinder, die ſie nach dem 156 157 Sklaven⸗Markte nach Konſtantinopel brachten. Die armen Kleinen glichen Laͤmmern, die man auß den Markt ſchleppt, und ſchienen drei bis zehn Jahre alt. Kranke Soldaten ſchlyßen den Zug. Um 2 Uhr kamen wir nuch Kinlikli, die vor“ 20 Jahren noch eine große, bluͤhende Stadt war, wo⸗ von aber jetzt auſſer einigen elenden Haͤuſern nichts mehr übrig iſt. Sie war der Kriegsſchauplatz waͤhrend der Revolution 1806 und s. Einige eingefallene Ver⸗ ſchanzungen neben den Truͤmmern der Stadt zeigen den Reiſenden, daß dort ein Schlachtfeld, und eine große Stadt war. Wir begegneten hierauf einem Manne, der einen Fuͤrbis an dem Halſe haͤngen hatte, und einen Stoch in der Hand hielt. Dieß war der Poſtbote. Der Kuͤr⸗ bis diente ihm, um einen Waſſervorrath aus den Ebe⸗ nen dahin mitzunehmen, wo es keines gibt, und an dem Stock hing ein Roſenkranz von blauen Kugeln, um diejenigen, deren Correlpondenz er trug, vor allen Leiden zu bewahren. Um s Uhr kamen wir nach Tſchurln. Auch dieſe Stadt war der Schauplatz blutiger Gefechte ge⸗ weſen, deren verheerende Spuren ſie noch zeigten. Man ſah die Truͤmmer einer Woſchee von ausgezeichneter Schoͤnheit. Da wir früh angekommen waren, in der Abſicht, da zu ſchlafen, ſo durchwanderte ich die Stadt, deren Bevolkerung faſt aus lauter Suͤrken beſteht. Die Einwohner ſind meiſtens mit Verferti⸗ 158 gung einer Speiſe beſchftigt, die aus Nüſſen und einer ſuͤßen, gallertartigen Subſtanz beſteht, welche aus Weintrauben bereitet wird. Man macht daraus Rollen, die man verkauft, und nach Konſtantinv⸗ pel ſchafft. Wir ſahen mehrere Waͤgen damit bela⸗ den fortfahren. Da wir im Gaſthofe nichts zu eſſen fanden, ſo beſtellten wir ein Abendeſſen in der Bude eines tůrki⸗ ſchen Speiſewirths. Man brachte uns Schoͤpſenfleiſch, junge Kuͤrbiſſe mit Fleiſch gefuͤllt, und eine Schuͤſſel Sauerkraut mit Gurken. Waͤhrend der Nacht hatte ich Fieber, weil wir auf einer Diele in einem er⸗ baͤrmlichen Khan lagen, wo ganz gemeine Leute die ganze Nacht rauchten. Dieſe Art von Tuͤrken ſind ſehr grob. Sie erlauben ſich alles; ſelbſt wenn ſie wiſſen, daß ſie dadurch ihre Nachbarn belaͤſtigen. Endlich legten ſie ſich nieder, und die ganze Nacht durch wurde ich von ihnen immer geſtoßen. Auſſet⸗ dem ſtand bei mir das Kohlenbecken, woran ſie ihre Pfeifen anzuͤndeten, und ihren Kaffee waͤrmten. Mir war es unerträglich, in einer ſolchen Herberge laͤnger zu bleiben. Ich ßrengte mich dahet an, ließ mich auf mein Pferd heben, und ſetzte meine Reiſe weiter fort. Es war Morgens s Uhr; wir hatten einen Regentas erwartet, aber wir bekamen ſchoͤn Wetter, und un s uhr waren durch den erfriſchenden Weltwind die Wirkungen der ſchlafloſen Nacht verſcheucht, und mit meine Kraͤfte wieder gegeben. — 159 Wir befanden uns in einer wellenfoͤrmigen, end⸗ loſen Ebene, in der man keine Spur von Menſchen antraf. Das Erdreich ſcheint vortrefflich zu ſeyn; das Klima in dieſer Jahreszeit war herrlich, und alles ſchien ſich hier zu vereinigen, um die Beduͤrfniſſe des ⸗ Lebens in einem reichlichen Maße zu gewaͤhren. In⸗ deß bemerkten wir lange keine Spur von Menſchen, bis wir endlich in einiger Entfernung einige erblickten. Die ſcharfen und unruhigen Blicke unſers Fuͤhrers nahmen wahr, daß ſie ſich in Hohlwegen verbergen wollten, was uns mit Unruhe erfuͤllte. Dieſer An⸗ blick einiger Menſchen, der uns haͤtte Vergnuͤgen ein⸗ fößen ſollen, brachte in dieſer Einoͤde eine ganz ver⸗ ſchiedene Wirkung hervor; denn die Erinnerung an mehrere Raͤubereien und Mordthaten, die kurz zuvor in derſelben veruͤbt worden waren, hatten die Füͤhrer der Reiſenden mit großer Unruhe erfuͤllt. Gewöhnlich laufen Reiſende keine Gefahr in der Luͤrkei, und man genießt daſelbſt eine auf Erfahrung gegruͤndete Sicher⸗ beit. Die natuͤrliche Rechtlichkeit der Bewohner, ihre wenigen Beduͤrfniſſe, ihre Enthaltſamkeit von ſtarken Getraͤnken, und die furchterliche Beſtrafung eines Ver⸗ brechens floͤßen Jedem mit Recht großen Muth ein. Hausdiebereien ſind unter den Turken faſt unbekannt. Wenn jemand über einen Diebſtahl entdeckt wird, ſo wirft man ihn, wenn gerade ein Feuer angezundet iſt, ſogleich in die Flamme; wird der Diebſtahl an einer Landſtraſſe veruͤbt, ſo wird der Dieb gepfaͤblt.— Deut⸗ 160 ungeachtet ſetzten die Fuhrer und der Fanitſchar ihre Piſtolen in Bereitſchaft und gingen mit großer Vor⸗ ſicht weiter, den Punkt jmmer in das Auge faſſend⸗ wo ſie glaubten, daß dieſe Raͤuber ſich auf uns ſtür⸗ zen wuͤrden. Wirklich kamen ſie mit einem Male ans ihrem Hohlwege heraus in unſere Naͤhe; alein es fand ſich, daß es Falkonier, und keine Raͤuber waren. Sie bielten Falken auf ihrer Fauſt, und jagten nach Haſen. Wir kamen hierauf zu einem Brunnen an der Landſtraße, ein einſamer Baum ſtand in einige Entfernung, und an dieſer Stelle war ein engliſcher Reiſender, Namens Wnod⸗ einige Jahre zuvor et⸗ wordet worden. Ein Stein bezeichnet ſein Grab. Zu Mittag erreichten wir die Bruͤcke von Cati grem. Dieſe Stadt liegt ein wenig zut Rechten von der Landſtraſſe. Als wir von dort weggingen, ſahen wir vor uns einen ungeheuren Hügel, vielleicht den anſehnlichſte kuͤnſtliche Berg, den Menſchen je aufge⸗ thurmt haben. Als Soliman I. 1323 von Kon⸗ ſtantinopel auszog, um Dfen wieder einzuneh⸗ men, ſchlug er ſein Lager in dieſer weiten Ebene auf⸗ um dort alle ſeine europäiſchen Streitkraͤfte zu ſam⸗ meln, und ließ durch die Soldaten ſeiner Armee die⸗ ſen Berg aufwerfen, nm ein Andenken ſeines Zuges zu hinterlaſſen. Als er fertig war, pflanite er oben auf die Spitze die Fahne Mahommeds auf, weßwegen dieſer Hugel von den Tuͤrken der große Fahnenbers genannt wird. Bei der Weiterteiſe erblickten wir noch 161 eine Menge ſolcher Hügel, die aber alle nicht mehr ſo groß waren. Als wir der Stadt Burghaz nahe kamen, fan⸗ den wir Trümmer von Straſſen mit großen platten Steinen gepflaſtert. Ein Theil iſt mit Gras und Moos bedeckt. Die Tuͤrken legen nur auf ſumpfigen Boden eine Straſſe an. Die Steine ſind ſo wenig geordnet, daß ſich große Loͤcher dazwiſchen befinden, in welche die Pferde alle Angenblicke mit dem Fuße hineinge⸗ rathen. Die Reiſenden reiten daher lieber neben der Straſſe bis an den Gurt im Waſſer. Die Stadt Burghaz hat ein reinliches und wohlhabendes Anſehen, was ſie ihren Lopffabriken verdankt. Man findet in der umgegend einen ſeinen Thon, wovon Becher, Laſſen und andere Geraͤthe verfertigt werden. Sie ſind nicht geſirnißt, werden aber ſorgfaͤltig polirt und mit Vergoldungen verſehen. Man kellt ſie in den Laͤden des Bazars, der die Haupt⸗ ſraſſen bildet, zum Verkaufe aus. Da dieſe Laͤden mit Seppichen verziert und gut gehalten werden, ſo bieten ſie einen ſehr ſchoͤnen Anblick dar. Die Ein⸗ wohner ſind ſtolz auf ihren Kunſifleiß, und richten den Preis der Produkte dem gemaͤß ein. Waͤhrend ich auf den Straſſen umher ging, kam ſchnell ein Trupp Tataren, welche aus Adriauo⸗ pel kamen, und das eingenommene Geld fuͤr die Kopfſtener trugen. Die Summe ſteckte in leinenen Säcken, die mit einem Retz von dickem Bindfaden 70. Bd. Türkei. IV. 2. 3 ledeckt waren. Am Ende des einen Sackes befand ſich ain Stuck Holz, an einem andern ein Ring. Das Stuͤck Holz wurde durch den Ring geſteckt, und die beiden Saͤcke uͤber ein Pferd gelegt, ſo daß ſie einan⸗ der das Gleichgewicht hielten. Jeder Sack ſchien 100 Pfund zu wiegen. Sobald ſie abgeladen waren, legte man ſie in den Hof der Caravanſerei, und goß eine Menge Waſſer daruͤber, um die Wirkung der Reibung z verhindern. Der Anfuͤhrer war ein ruͤſtiger Mann von hohem Wuchſe. Er gab einigen Griechen ſeine Vefehle in einem Tone, bei dem ſie zitterten; dann ſetzte er ſich nieder, um ſeine Pfeife zu rauchen, aber im Angeſichte ſeines Schatzes und geladene Piſtolen vn ſich hinlegend⸗ Man verſucht wohl auch, einige von den Säcken zu ſtehlen, wenn ſie eben abgeladen worden ſind. Vor Kurzem langten ebenfalls vier Tataren mit dem Gelde der Kopfſteuer an; als ſie wieder fort wollten⸗ fand es ſich, daß einer der Saͤcke fehlte. Der Statthalter leß ſogleich alle Zugänge der Stadt beſetzen, alle Per⸗ ſonen der Caravanſerei arretiren, und eine Menge von ihnen ethielten die Baſtonade. Dieß widerfubr auch dem Anführer der Tataren. Indeß zeigte ſich keine Spur von dem verlornen Golde, bis ein junges Maͤdchen, die von dem Fluſſe zuruͤckkam, ausſagte⸗ ſie habe Jemanden etwas Schweres in das Waſſer werfen ſehen. Sie wußt die Stelle zu bezeichnen⸗ wr Fluß wurde abgedmmt, und der Geldſack fand 163 ſich an dem bezeichneten Orte. Ein armer Kurde, der zufällig der Beſchreibung glich, welche das Mäd⸗ chen gegeben hatte, wurde ergriffen, und in dem Blußberte lebendig geſpießt.. Am andern Morgen verließen wir den Drt bei troͤbem Wetter, veririten uns mitten in Gaͤrten und alten Haͤuſern, und es dauerte lange, bis wir uns wieder zurecht finden konnten. Gegen 9 Uhr erreich⸗ ten wir einen Wald, in welchem wir ſeit unſerer Abreiſe vvn Konſtantinopel wieder die erſten Baume ſahen. Faſt 3 Stunden wandelten wir durch denſelben, bis wir nach Kirklesi kamen, einer ſchmutzigen Stadt, voller Ruinen, welche ungefaͤhr 4000 von Tuͤrken bewohnte Haͤuſer, und 2300 griechi⸗ ſche Familien enthaͤlt. Das Poſthaus war eine er⸗ baͤrmliche Huͤtte, mit Fenſtern von Papier. Inner⸗ balb befand ſich jedoch ein Kaffee⸗Haus, wo der Poſt⸗ meiſter, und einige ſtattliche Tuͤrken ihre Pfeife rauch⸗ ten, und Kaffee dazu tranken. Mein Mantelſack wurde in einen Winkel geworfen, und ich ſetzte mich, mein Fruͤhſtuͤck erwartend, darauf. Da Muſtapha ein⸗ trat, richtete ich in engliſcher Sprache einige Fragen an ihn; er antwortete nicht, was mich bewog, lauter mit ibm zu reden; allein zu meinem Erſtaunen wurde er nur noch aͤngßlicher, und verließ ſchnell die Stube. Ich folgte ihm einen Augenblick darauf nach, und' fand ihn mit der Vorbereitung zu unſerer Abreiſe be⸗ dräng in mich, mein Pferd zu beßeigen,⸗ . machte ſich ſelbſt ſogleich auf den Weg, und uͤberließ es mir, ihm nachzufolgen, wie ich konnte. So gallb virte ich mit ihm bis in die Vorſtadt, wo er vo einem hulgariſchen Wirthshauſe anhielt. So wie et in dem Hauſe eines Chriſten angelangt war, leste ſich ſeine Unruhe, und er theilte mir die Urſache ſeines Benehmens mit. Die Luͤrken zu Kirklesi ſind ſo dumm, daß ſie meinen, ein Menſch erniedrige ſich, wenn er eine andere Sprache, als die tuͤrkiſche rede⸗ Als ich daher in dem Kaffeehauſe einige engliſcht Worte an ihn richtete, antwortete er nicht, um uns nicht Beſchimpfungen ausiuſetzen. Wenn Muſtapha ſich einer fremden, ſtatt der tuͤrkiſchen Sprache b⸗ diente, ſo geſchah dieß immer mit Gefahr ſeines L bens. Dieſes Vorurtheil ſindet man ſelbſt unter den vornehmen Luͤrken. Sie muͤßen daher bei ihren Zu ſammenkuͤnften mit Fremden ſich immer der Dolmer ſcher bedienen. Der wichtige Poßen eines Dragomm der Pforte wurde immer von Griechen bekleidet, bis auf den letzten Aufſtand. Als nun dieſe nicht mehr das Vertrauen der Tuͤrken beſaſſen, konnte man im ganzen Reiche nicht einen einzigen Tuͤrken finden, der faͤhig geweſen waͤre, eine fremde Sprache zu reden. Wan fand ſich daher genöthiget, den Poſten eins Dolmetſchers einem Iuden zu uͤbertragen. Seitden aber hat die tuͤrkiſche Regieruns eine Anſtalt gegrün det, wo einige junge Muſelmaͤnner europätſche Sprache lernen. 165 Wir relsten nun in Bulgarien. Am Abende, nach Aufgang des Mondes, gelangten wir zu dem Oorfe Dulathhaghe, welches nur von Bulgaren bewohnt wird. Wir wollten uns nicht in dem Poſt hauſe mitten unter groben Tuͤrken aufhalten, ſondern ſuchten in einer Schuſterhuͤtte Unterkommen. In der erſten, wo wir uns zeigten, fanden wir nur Frauen, und da die Maͤnner der Familie ſich abweſend befan⸗ den, machten ſie einige Schwierigkeiten Fremde auß⸗ zunebmen. Wir meinten bei uns, daß ſie daran nicht Unrecht thaͤten. Endlich fanden wir eine Huͤtte mit zwei Zimmern, wovon das eine leer war. Dort wurde ein Feuer angemacht, man breitete grobe Teppiche aus, und nach einer halben Stunde fanden wir uns weit beſſer eingerichtet, als wir es in dem beſten tuͤr⸗ kiſchen Kaffeehauſe haͤtten ſeyn koͤnnen. Wir fragten dann, was ſte uns zum Abendeſſen geben koͤnnten; allein leider war die Antwort: Nichts. Ein bedeutender Haufe Artilleriſten mit ihren Fahnen und Offizieren hatte am Morgen in der Naͤhe dieſes Dorfes Halt gemacht, und da er auf Koßen der Einwohner lebte, waren alle ibre Hilfsmittel ſo erſchoͤpft, daß kaum ein Ey im Dorfe uͤbrig blieb. Der Kiaya indeſſen benabm ſich ſo gut, daß er bald darauf mit Lebensmitteln und Wein, welcher der Raubgier dieſer Soldaten entgangen war, zuruͤcktehrte. Die Boba oder Hausfran bereitete uns ein ſehr gutes Abendeſſen. Beim Aubruch des Tages machten wir 165 uns wieder auf den Weg. Das Geſchrei vieler Haͤhne zeigte deutlich an, daß dieſe Thiere verſtanden haͤtten, den tuͤrkiſchen Soldaten zu entwiſchen. Das Land war mit Waͤldern bedeckt und wurde gebirgig. Muſtapha glaubte galloppiren zu muͤſſen; aber ich fuͤhlte mich dadurch ſehr angegriffen, die mindeſte Bewegung machte mir Schmerzen. Ich glaubte, die⸗ ſer Jagdritt wuͤrde mich krumm und lahm machen, und mich außer Stande ſetzen, meine Reiſe zu verfol⸗ gen; allein Muſtapha verſicherte, daß ſeiner Erfah⸗ rung nach dieß gerade eine entgegengeſetzte Wirkung haben muͤßte, und in der That war es ſo. Dieſer heftige Ritt wirkte auf mich gerade wie ein tuͤrkiſches Dampfbad. Die Muskeln wurden gelenk, und bei dem Abſteigen fuͤhlte ich mich kraͤftiger, als in dem Augenblicke meiner Abreiſe. Das Dorf Fahki, in einem Thale gelegen und ganz von Bulgaren bewohnt, war das erſte, was ich an dieſem Tage ſah, und ich wurde ſo ſehr davon uͤberraſcht, daß ich mich in ein chriſtliches Land ver⸗ ſetzt glaubte. Auf dem Grasplatze vor den Häuſern befand ſich eine große Menge Schweine, welche die Suͤrken ſo ſehr, wie die Juden verabſcheuen. Auch iſt es auf das ſtrengſte verboten, nicht allein davon zu eſſen, ſondern es ſelbſt auf den Straſſen herum gehen zn laſſen. In den Waͤldern in der Naͤhe des ſchwar⸗ zen Meeres, und ganz nahe bei Konſtantinopel gibt es einen neberfluß von wilden Schweinen, deren Fleiſch —— ——— . 167 vortrefflich iſt; dennoch koͤnnen die Franken, zu Folge dieſes Verbotes, nur mit Muͤhe ihr Fleiſch ſich verſchaffen. Innerhalb der Haͤuſer bemerkten wir Ma⸗ rien⸗Bilder, vor welchen Lamven brannten. Die wenigen Tuͤrken, die ſich dort aufhielten, waren ſehr hoͤflich, und floͤßten daher Muſtapha keine Unruhe ein. Ich ließ mich auf der Matte vor dem Poſthauſe nie⸗ der; man bediente mich mit Brod und Milch, und als wir um Mittagszeit wieder abreisten, umgaben uns Haufen von Kindern, welche uns Haͤnde voll Getraide vorſtreuten, wodurch ſie andeuten wollten, daß ſie es waͤren, welche dieſe Koͤrner bauten, und uns mit Getraide verſorgten. Wir warfen ihnen dafur einige Paras hin, wofuͤr ſie uns eine gluͤckliche Reiſe wuͤnſchten. Wir ſtiegen nun eine Reihe niedriger Berge hin⸗ auf, welche fuͤr die erſten des Valkans angeſehen werden. Verſchiedene romantiſche Landſchaften zeigten ſich unſern Blicken; um zwei Uhr befanden wir uns in einer ungeheuren Ebene, die ſich auf der unmittel⸗ baren Hohe des Valkans befand. Weiter hin zeig⸗ ten ſich ungeheuere, mit Heerden bedeckte Wieſen⸗ oder auch erſt vor kurzem beſaͤte Getraidfelder. In der Mitte derſelben liegt das Dorf Ruſu⸗Kestri⸗ wo wir nach drei Stunden ankamen. Dann ging unſer Weg durch ein angenehmes Land, das von bei⸗ den Seiten der Straſſe viel Gebuͤſch zeigte. Meis Fuͤhrerkſagte mir, es kaͤmen jaͤhrlich viele Leute nach 168 Adrianopel, um in dieſen Wäldern Arinei⸗ oder Farbe⸗Kraͤuter zu ſammeln, die ſich in großer Menge daſelbſt befinden. um ſechs Uhr Abends erreichten wir das Dorf Bini, wo wir uͤbernachteten. Wir ſuchten wieder eine Huͤtte, in der ſich nur ein Simmer befand, ſo daß wir uns der darin wohnenden Familie beigeſellen mußten. Dieſe beſtand aus dem Hausvater, der Hausmutter, drei Kindern und zwei Schaͤfern. Die Mauern waren ſo niedrig, daß ich in der Mitte der Stube kaum aufrecht ſtehen konute; aber ſie war rein⸗ lich und mit Teppichen verſehen. Auch brannte ein luſtiges Feuer am Kamin, und als ich mitten unter den Leuten ſaß, in deren Geſicht ſich ein unverdorbe⸗ nes Gemuͤth zeigte, kam ich mir wie zu Hauſe vor. Die Boba legte eine runde, eiſerne Blatte auf das Feuer, auf welcher ſie einen dicken Kuchen von Waf⸗ ſer, Mehl und Eyern bereitete. Dieſen legte ſie in eine Schuͤßel, that Butter und Kaͤſe darauf, und legte dann noch einen zweiten, und immer ſo fort⸗ bis das Ganze eine Pyramide bildete. Auch fügte ſie dazu noch einige andere Gerichte, nebſt Wein und Raki. Waͤhrend der Vorbereitung hatte ſie einen Rocken an der Seite, und eine Spindel, die ſie in beſtaͤndiger Bewegung erhielt, und mit Hilfe dieſes einfachen, nie ruhenden Werkieuges, wurde die Klei⸗ dung für die Familie verfertiget. Nach dem Abend⸗ eßen ſtreckten wir uns alle auf dem Teppich aus, die 1690 Fuͤbe nach dem Feuer zu, und ſchliefen im Frieden. Als ich am Morgen erwachte, ſaß die Hausfrau und eine Tochter ſchon am Feuer, und zwar beide an ihrem Rocken mit Baumwolle ſpinnen beſchaͤftiget. Sie ſa⸗ ben mich an, und ſangen mit leiſer Stimme ein Lied mit einer ſanften Melodie. Von dieſem Liede wurde ich bewegt. Wir kamen noch durch mehrere bulzuriſche Voͤrfer iu dieſem fruchtbaren Lande. Daſelbſt ſahen wir ſebr viele Schafe, Zietzen, Ochſen und Buͤffel, aber kein einziges Pferd. Fruh um zehn Uhr langten wir in der Stadt Haydbos an, und verfuͤgten uns gleich zu dew Poſthauſe. Dieſe Stadt liegt am Fuße der Bergkette des Hoch⸗Balkans. Sie it beruͤhmt wegen ihren heißen Quellen. Man erbaute gerade ein Haus, und ein Mann war beſchaͤftigt, ein Inventarium aufzunehmen. Alle, die ich arbeiten ſah, verfuhren dabei auf die entgegen⸗ geſetzte Weiſe, wie in dem uͤbrigen Europa. Der Barbier, bei jedem Zuge des Barbier⸗Meſſers, eut⸗ fernte es von ſich, waͤhrend wir dieſes Inſtrument nach uns zu fuͤhren. Der Zimmermann dagegen kebrte die Zahne der Saͤge nach ſich zu, waͤhrend wir fie nach außen zukehren; der Maurer ſaß bei dem Behauen der Steine, die unſern ſtehen dabei; der Schreiber ſchrieb von der Rechten zur Linken auf ſeiner Hand, während dem man ſich bei uns eines Tiſches bedient, nud in entgegengeſetter Richtung ſchreibt. Dieſe 17⁰ Einzelnheiten geben eben ſo viele Charakterzuͤge bei den Tuͤrken an. Vier Jahrhunderte iſt es her, daß dieſes Volk den Helleſpont uͤberſchrittz waͤhrend dieſer Zeit ſind ſie in beſtaͤndiger Beruͤhrung mit den euto⸗ päiſchen Sitten und Gewohnheiten, ſie ſind bis nach Wien gedrungen; und waͤhrend rings um ſie herum alle chriſtlichen Voͤlker in Künſten und allen Zweigen des Gewerbsſleißes Fortſchritte gemacht haben, ſind ſie auf demſelben Punkte ſtehen geblieben. Mit weni⸗ ger Ausnahme iſt die große Menge der Luͤrken heut zu Tage noch eben ſo unwiſſend, aberglaͤubiſch und ungetähmt, wie ſie in den Gebirgen von Aſien waren. Nach unſerer Abreiſe erſtiegen wir die erſte Kette des Hochbalkans. Der Wind hatte ſich nach Sů⸗ den gedreht, und Nebelmaſſen bedeckten die Seiten der Gebirge. Nach einer Stunde gelangten wir zu einer von den weiten und fruchtbaren Ebenen, die man ſo haͤu⸗ ſia in den Zwiſchenraͤumen dieſer Gebirgen antrift. Ein Fluß ſchlaͤngelte ſich mitten durch, wir ſahen Doͤrfer, Heerden, Getraidefelder und Obſtbaͤume. Die Baͤume und Wieſen waren noch mit Gruͤn beklei⸗ „ det; der Anblick der Gebirge, welche uns umgaben, ſetzte uns in Erſtaunen. Sie erſchienen uns durchaus unerſteiglich; ich vermochte durchaus nicht einen Weg zu entdecken, der hinauf fuͤhrte. Wir verfolgten im⸗ mer den Lauf des Fluſſes, bis wir an den Fuß des ſenkrechten Gebirges kamen; dort ſchien es ſich auf . 171 einmal zu oͤfnen, und wir bemerkten einen Fußpfad, den wir betraten. Dieſer Fußpfad iſt vielleicht der merkwuͤrdigſte in Europa. Seine ſenkrechten Seitenwaͤnde erheben ſich bis zu einer ungeheuren Hoͤhe, und ſind mit Holz bis an den Gipfel bedeckt; nur ein ſchmaler Reif ſchimmert von dem blauen Himmel durch. Almaͤhlig ſtiegen wir hoͤher, bis wir den Gipfel erteichten. Hier fanden wir, daß die Wolkenmaſſen, die uns einen ſo maleriſchen Anblick gewaͤhrt hatten, ſich wie ein Bollwerk hin etſtreckten, und ſie ergoſſen ſich bald in Regenſtrömen. Der Weg wurde ſchlecht und gefahr⸗ voll; oft ging er gerade hinunter, und war ſo ſchluͤpf⸗ rig, daß die Pferde ſich nur mit Muͤhe aufrecht erhalten konnten. Ueber mehrere Hohlwege gingen wir auf Bruͤcken, deren Bohlen ſo wankten, daß ſie auf der einen Seite in die Hoͤhe gehoben wurden, waͤhrend wir uns auf der andern befanden. Die Sche ten des Abends trieben uns zuletzt zu groͤßerer Etle an. Wir waren eben im Begriffe, uͤber eine von dieſen gebrechlichen Bruͤcken zu ſctzen, als ſie mit einem ſchrecklichen Krachen zuſammen brach. Uunſer Fuͤhrer und ſein Pferd waren verſchwunden. Der Fuhrer hatte ſich vorwaͤtts geworfen, und ſich an den Geſtraͤuchen anhaltend, gelang es ihm, an der andern Seite des Hohlweges wieder aufwaͤrts zu klimmen; allein ſein Pferd war in den Abgrund gefallen. Die Hinterfuͤße desſelben waren naͤmlich in den Srüͤmmern 172 der Brucke haͤngen geblieben, und es hieng daher in der Schwebe. Wir ſtiegen von unſern Pferden ab, und ürengten uns an, das arme Thier aus dieſer Lage zu befreien; allein ich hielt dieß fuͤr vergebliche Mühe, weil es gerade ſo ſtoͤhnte, als wären alle ſeine Glieder zerbrochen. Unſere Lage war in der That ſehr unangenehm; wir konnten nicht vorwaͤrts, und es war zu ſpaͤt, um an den Ort zuruͤckzukehren, von wo wir abgereist waren; wir hatten daher keine andere Ausſicht, als die Nacht ohne Obdach zuzubringen. Deßwegen überlegten wir mit einander, ob es nicht beſſer ſey, daß Pferd durch einen Piſtol nſchuß zu toͤdten, als in demſelben Augenblick ein Janitſchar und ſein Fuͤhrer anlangten. Mit ihrer Hilfe ſtellten wir neue Verſuche an, ſtiegen den Hohlweg hinab⸗ und mittels einiger Stricke brachten wir das Pferd wieder hinauf. Dort kam es auf die Beine, und in unſerer Verwunderung batte es wirklich duſchaus kei⸗ nen Schaden genommen. Darauf ſtellten wir die Brucke wieder her, gingen mit aller Vorſicht daruͤber und ließen ſie, wiewohl wieder unſern Willen, in einem Zuſtande zuruͤck, der dem erſten Reiſenden nach uns eben ſo unheilvoll ſevn mußte. Die Schatten der Nacht waren indeß ſchon dicht geworden, als wir in einem Thale, und in dem hoͤbſchen Dorfe Lope⸗ nitza anlangten. Ein erſt neu erbauter Meierhof nahm uns auf; ein flackerndes Feuer wurde im Ka⸗ min angezuͤndet, weiche Seppiche wurden auf dem 173 Fußboden ausgebreitet, und bald befanden 6 uns in einem ſehr behaglichen Zuſtande. Ein Haufe junger Maͤdchen trat in die Stube die groͤßte und huͤbſcheſte ging voraus, ein weißes Sacktuch in der Hand haltend. Sie begannen einen Tam und ſangen eine ſanfte Arie dazn; es war eine Hymne zu Ehren der Fremden. Ihte Kleidung be⸗ ſtand aus blauem Zeuge; weite faltige Hemden be⸗ deckten die Bruſt und Arme, die Haare waren durch⸗ flochten mit Goid⸗ und Silbermuͤnzen. Auch trugen ſie große Ohrringe und um die Arme ſilberne Arm⸗ baͤnder. Als der Tag zu Ende war, kam die Vortaͤn⸗ zerin zu mir und warf mir ihr Schnupftuch zu, worauf ſie ſich zuruͤck zogen. Muſtapha gab mir zu verſte⸗ hen, daß dieß eine Bitte um einiges Geld ſey. Ich wickelte daher einige Paras in das Luch, ſuchte dee Taͤnzerinn in der Vorhalle auf und gab ihr das Ge⸗ ſchenk, worauf ſich alle froh entfernten. Unter den Annehmlichkeiten, welche man hier dem Fremden anbietet, befindet ſich immer ein ungeheures Feuer von ſechs Fuß Hoͤhe. Die Einwohner ſcheinen, wie die Ruſſen, eine ſtarke Hitze zu lieben. Ich fand dieſelbe bald unerträglich, und bat ſie daher, das Feuer in verkleinern, was ſie auch, wiewohl mit einigem Befremden gethan haben⸗ Am folgenden Morgen fuͤhrte unſer Weg mitten durch ßeinige und mit Hohlwegen durchſchnittene Gebirge. Wir ſtiegen endlich die letzten Bergketten 174 des Balkans hinab, und betraten den Weg nach Schum la, wo wir um drei Uhr Nachmirtags an— langten. Meine Glieder waren von der Kaͤlte ſo ſehr erſtarrt, daß ich beim Abſteigen vom Pferde wie ein Mehlſack zur Erde fiel. Ich fand in dem Poſthauſe bald ein gutes Unter⸗ kommen, damit ich mich wieder erwaͤrmen konnte. Mir ſiel daſelbſt ein Greis auf in einem leinenen Gewande, der dicht neben dem Feuer ſaß. Er ſeufzte und wiederholte oft die Worte:„Sakar Alla!“ Ich nahm wahr, daß er mit Ketten belaſtet war, und ein furchtbar ausſehender Tuͤrke trat herein, der ſich mit wichtiger Miene anſchickte ſeine Pfeife zu rauchen. Gelegenheitlich erfuhr ich, daß dieſer Greis ein Ge⸗ fangener ſey, der aus Klein⸗Aſien kam. Er hatte ſich uͤber den Aga der Stadt, die er bewohnte, wegen Erpreſſungen zu beklagen; man hatte deswegen einen Mann abgeſchickt, der die Sache an der Stelle unter⸗ ſuchen ſollte. Allein der Aga, nachdem er denſelben mit 600 Piaſtern beſtochen, klagte den Greis als Verlaͤumder an, und ſo wurde er nach Rasgrad, in der Naͤhe der Donau verwieſen, wohin ihn dieſer Tuͤrke brachte. Waͤhrend der Zubereitungen zum Nachteſſen ging ich in der Stadt herum. Bei der Zuruͤckkunft fand ich als Tiſch einen umgekehrten Seſſel, uͤber dem eine Melallplatte lag, mit hoͤlzernen Loͤßeln und Scheiben ſchwarzen Brodes. Wir ließen uns um den Liſch auf den Boden nieder, naͤmlich der Luͤrke, Muſtapha, der Gefangene und einige andere Reiſende. Zuerſt wurde uns die Suppe aufgetragen, welche mittels hoͤlzernen Löffeln bald gegeſſen war. Dann kam eine Schuͤßel mit Fleiſch an die Reihe, was ziemlich einladend duftete. Jeder der Gaͤſe hielt ein Stuck Brod zwiſchen dem Daumen und Zeigefinger, und holte mit derſelben Hand einen Biſſen Fleiſch aus der Schuͤßel, den er auf das Brod legte und dann zum Munde führte. Dieſe in der Luͤrkei gebraͤuchliche Art zu eſſen iſt ein Beweis, wie unveraͤnderlich die Gewohnheiten im Driente ſind. So wie wir zuſammen gegeſſen hatten, ſchliefen wir auch zuſammen auf demſelben Kiſſen; und da ich ſehr muͤde war, ſo ſchlief ſch bald feſt ein. Indeß träͤumte ich von Ketten und wurde plotzlich durch das Raſſeln derer des armen Göfangenen aufgeweckt, der die ſeinigen ganz an mein Ohr gebracht hatte. Am andern Morgen kamen wir noch mit Sonne⸗ Aufgang zu einem Berg, der uͤber das ganze Land hervorragte. Hinter uns war die große Kette des Balkans ſichtbar. Am Horizonte bildete ſie eine gerade Linie, und glich einer gewaltigen Mauer, die ſich bis zu den Wolken erhob. Der Umfang derſelben iſt eben ſo erſtaunlich; von der einen Seite reicht ſie bis zu dem Meerbuſen von Venedig, von der andern bis zu dem ſchwarzen Mecre. In der Gegend von Schumla bilden die Berge 176 ein Amphitheater im Halbkreiſe, und ſind bis an den Gipfel hinan mit Gaͤrten und Pflanzungen bedeckt. Am Fyß dieſer Bergkette fängt eine unermeßliche Ebene an, die ſich bis zu der Donau nach Norden und bis zum ſchwarzen Meere nach Dſten hin erſreckt. In dieſer Richtung liegt Varna zwiſchen zwei Ven gebirgen. Schumla zoͤhlt 6o,000 Seelen; ſie iſt in zwei Theile getheilt, der eine von Tuͤrken, der andere Lan Chriſen bewohnt. Der erſte iſt voller Moſcheen, deren Dome mit Zinn bedeckt in der Sonne hell giaͤnten. Man findet hier eine ungewoͤhnliche Neuheit fuͤr eim türkiſche Stadt, naͤmlich eine Thurmuhr, welche ein Paſcha einrichten ließ, der lange in Rußland gefangen war, und eine Vorliebe fuͤr die Glocken gefaßt hatte. Außerdem habe ich nie gehoͤrt, daß in dem tuͤrkiſchen Reiche noch eine Thurmuhr waͤre. In Schumla beſinden ſich die beruͤhmteſten Eiſen- und Kupfer⸗ Schmiede der Lürkei, welche Kon ſtantinopel mit allen Gegenſtaͤnden ihres Kunſifleißes verſehen⸗ Die Stadt hat einige regelmaͤhige Feſtungswerke⸗ tiefe Graben und Erdwaͤlle. Als militaͤriſche Poſition ſcheint dieſer Ort von großer Wichtigkeit; er iſt des Punkt, wo alle Straſſen zuſammen treffen, welche zu den tuͤrkiſchen Feſtungen an der Donau fuͤhren. Die Ausdehnung und die Unebenheit der Pberflaͤche ver⸗ hindern, daß dieſer Ort volltaͤndig berennt werden kann. 177 Nachdem wir Schumla verlaſſen, langten wir bei einem tuͤrkiſchen Dorfe an, wo man ein Haus fuͤr die Fremden erbaut hatte, was gewiß ſehr ſelten in der Tuͤrkei iſt. Wir wollten ein Fruhſtuck haben; allein der Mann, der die Aufſcht führte, war nicht zu Hauſe. Keiner von uns wagte es zu einem türkiſchen Bauer zu gehen um darum zu bitten, aus Furcht einen Wi⸗ ſiolenſchuß zur Antwort zu erhalten. Die rohe Un⸗ gaſtlichkeit der tuͤrkiſchen Bauern iſt ſo bekannt„ daß Niemand es wagt einem Hauſe zu nahen. Dicht vor den Wohnungen hat man ſchon Reiſende gefunden, die vor Kaͤlte erſtarrt ſind. Nach vier Stunden erreichten wir das Dorf Ar⸗ uaut Kui, oder die Stadt der Arnauten, weik ſie von einer Kolonie griechiſcher Arnauten angelegt worden iſt. Sie wurde vor wenigen Jahren von den Ruſſen gänzlich zerſtort, ſo daß nur noch 460 Häuſer bewohnbar ſind. Nach einer Stunde langten wir in Rasgrad an, das 300o gut erhaltene Haͤuſer zaͤhlt. Daſelbſt übernachteten wir.— Byzants war das letzte bul⸗ gariſche Dorf, auf welches wir ſtießen, und ungern verließ ich die Wohnung dieſer guten Leute. Die Bulgaren gehoͤren zu den nordiſchen Horden, wel⸗ che ihr unfruchtbares Klima verließen, und im Süden einen angenehmern Aufenthalt ſuchten. Sie ſetzten im ſiebenten Jahrhundert uber die Donau, kaͤmpften lange gegen den Andrang der griechiſchen Kaiſer, bis 74. Bd. Türkei. IV, a. 3 178 3 ſie dieſem und zuletzt den Luͤrken unterlagen. Ihre Hauptſtadt war Sophia. Sie ſind nach und nach in die Bergketten eingedrungen, und die Zahl dieſer friedlichen und betriebſamen Ackerleute waͤchst nach und nach mehr. Die heutigen Bulgaren haben ganz den milttaͤriſchen Charakter verloren, der ehemals ihre Vorfahren auszeichnete. Es iſt durchaus ein. Hirtenvolk; ſie beſitzen indeß nur Manufakturen und einigen Handel, beſonders grobes Tuch und geiogene Flintenlaͤufe, die ſehr geſchaͤtzt werden. Was aber mehr in Beziehung zu ihrem Hirtenleben ſteht, iſt die Bereitung des ſogenannten Roſenoͤls. Ein großer Strich Landes um Selymnia iſt zu dieſem Zwecke in Gaͤrten umgewandelt worden, und die Menge Roſenſtoͤcke, die man daſelbſt findet, vermehrt noch die Schoͤnheit des Landes. Von allen Landleuten ſind die Bulgaren die gefoͤlligſten. Sie bilden einen auffallenden Contraſt mit den groben Tuͤrken. Man erkennt dieſe an ihrem Turban, Guͤrtel, Piſtolen und Meſſern, noch mehr aber an ihrem rohen Weſen. Niemals lenkten ſie aus dem Wege, um uns vorbei zu laſſen; ſie ſchienen ſich im Gegentheile zu freuen, wenn ſie uns gezwun⸗ gen hatten, im Schlamm zu waten. Die Bulgaren unterſcheiden ſich durch ihre braune Muͤtze von Schaffell; ſie tragen kurze Jacken von ungefaͤrbtem Baumwollenzeuge, das ihre Frauen ſpinnen und weben. Dann haben ſie Pantalons vol 179 weißem Zeuge und lederne Sandalen, die mit Rie⸗ men feſt gebunden werdeh. Sie tragen keine Waffen. Vorzuͤglich unterſcheiden ſie ſich durch ihr Benehmen. Sie ſind freimuͤthig, herzlich, hilfreich. Ihre Haͤuſer ſtanden uns offen und unſere Ankunft war eine Ver⸗ anlaſſung zur Freude für die Fam⸗te. Die tuͤrkiſchen Frauen ſieht, man nie; die bulgariſchen hingegen nehmen Theil an allen hauslichen Geſchaͤften. Ihre Kleidung iſt ſehr reinlich; ſie beſteht aus Rock und Leibchen von dunkelbraunem Zeuge mit einer Einfaſ⸗ ſung von heller Farbe und einem leinenen Hemde, das laͤnger, als der Rock iſt, und um den Hals, ſo wie um die Arme eine Menge Falten bildet. Die ver⸗ heiratheten Frauen bedecken den Kopf mit einem Luche, von dem ein Sipfel auf die Schuiter herab haͤngt; die Maͤdchen ſchmͤcken ihre Haate mit ver⸗ ſchiedenen Stuͤcken Geld. Alle tragen Ohrringe, Armbaͤnder, Ringe; gehen aber dabei barfuß. Sie tragen immer Rocken und Spindel bei ſich. Ihre Haͤuſer ſind zu 40 bis 6o betſammen, mit Lehm bewor⸗ fen, im Innern ſehr reinlich und beguem. Man wird weder Rauch noch Muͤcken darin finden. Die Bul⸗ garen ſcheinen alles zu beſitzen, was das Leben gluͤcklich macht: ein mildes Klima, einen fruchtbaren Boden, ein angenehmes Land, Heerden, Getraide, Wein, Holz und klares Waſſer. Ihre Sprache gleicht der Slavoniſchen. Als ſie ſich in dieſer Gegend niederließen, giugen ſie zun 180 Chriſtenthume uͤber. Sie ſind Mitglieder der griechi⸗ ſchen Kirche unter dem Patriarchen zu Korſantinopel. Ihr Gottesdienſt, ihr Unterricht in den Schulen iß griechiſch; daher ſie nichts davon verſtehen, alſo immer in Unwiſſenheit leben. Sie haben weder Kir⸗ chen, noch Schulen, noch Buͤcher; faſt Niemand kann leſen oder ſchreiben. Dagegen iſt bei ihnen, wie bei den Volkern des goldenen Zeitalters, das Verbrechen vnbekannt, und der Reiſende iſt nicht allein vollkom⸗ men ſicher, ſondern erfaͤhrt auch alle die Guͤte, welche das Reſultat der liebenswürdigſten Tugenden iſt. Wir reisten am Morgen ab und kamen bei Rus⸗ tſchuk an das Uufer der Donau, welche hier zwei Meilen breit iſt, und durch ein flaches, unbelebtes Land fließt, ſo weit nur das Auge nach dem Meere zu hinreicht. Auf der andern Seite der Donau liegt Giurgewo in den traurigen Suͤmpfen der Walla⸗ chei. Wir betraten die Stadt Rustſchuk durch ein ſchoͤn ausſehendes Thor mit Trophaͤen und Waffen geſchmuͤckt. Nachdem wir uͤber den Markt gegangen waren, der voller Heerden und Mais war, erreichten wir ein zweites Thor, das mit Palliſaden gedeckt wak⸗ Hierauf durchwanderten wir regelmaͤßige Straſſen⸗ und kamen, von mehr als 00 Hunden begleitet, 3n dem Poſthauſe. Die Stadt Rustſchuk hat bei 20,000 Haͤuſer, welche ſich alle ſchon von ferne durch ihre weißen Schornſteine kenntlich machen. Alle Stpaſſen neigen 181 ſich der Donau zu. Grie hen, Juden und Armenier bewohnen ohngefaͤhr 7000 Haͤuſer, und treiben mit der Wallachei einen lebhaften Handel.*) Wir fuhren auf einem Kahne von Rustſchuk auf das andere Ufer hinuͤber. Die Donau iſt ſehr ſchlammig: der Strom reißt unaufhoͤrlich Maſſen von Thon mit ſich fort. Wenn man in gleicher Entfer⸗ nung von beiden ufern iſt, ſo faͤllt einem der Contraß auf, den der Anblick desſelben darbietet. Man kann nichts reitzenderes ſehen, als die Ebenen am ſuͤdlichen ufer. Sie ſind mit einer ſolchen Menge von Wein⸗ bergen bedeckt, daß die Ruſſen nur von Weintrauben lebten, als ſie ihr Lager dort aufſchlugen. Hinter den Weinbergen erhebt ſich nach und nach der Boden und bietet dem Auge dicht belaubte Waͤlder, urbarge⸗ machte, oder mit reichen Ernten bedeckte Laͤndereien, und herrliche Weideplaͤtze mit zahlreichen Heerden dar. Doͤrfer ſind auf dieſen Huͤgeln zerßreud, und ſo weit das Auge reicht, wird es durch das lachendſte Gemaͤlde ergoͤtzt. Der Norden hingegen hat nacktes und flaches Land und eine todte Natur; umſonſt ſucht das Auge *) Dieſe Gegend iſt uͤbrigens auch merkwuͤrdig durch die Kriegsvorfaͤlle zwiſchen den Tuͤrken und Ruſſen in den Jahren 1806— 1812 dann 1829, wo die Ruſſen, beſonders in dem letzten Feldzuge, die bisher fuͤr unuͤberwindlich gehal⸗ tenen Hinderniſſe glucklich überwanden. 182 ein Thal, Baͤume, ein Dorf, es entdeckt nur un⸗ fruchtbare Suͤmpfe, aus denen peſtialiſche Dunſte ſich erheben. Wir landeten bei Giurgewo, das eine merk⸗ wuͤrdige Feſtung hat. Der Platz war mit wallachiſchen Wagen bedeckt, mit Produkten des Landes beladen. Dieſe beſtanden vorzuͤglich in gedoͤrrtem Buͤffelfleiſche, in Bratwuͤrſten in Form eines Hufeiſens und in Steinſalz, welches von vorzuͤglicher Guͤte war. Im Ruͤcken iſt es blaͤulich und durchſichtig wie Eis, ge⸗ puͤlvert aber weiß wie Schnee. Als wir weiter reiſen wollten, brachte man uns einen aus mehreren Dauben verfertigten Wagen, der etwa drei Fuß hoch, zwei breit und hoͤchſtens vier lang war. Das Innere war mit einer Weldenmatte verſehen, und mit Heu ausgefuͤllt. Dieſe Art von Wagen rollt auf vier kleinen Raͤdern von ohngefaͤhr 12 Zoll im Durchmeſſer. Ich band meinen Mantelſack auf dem hintern Brette feſt, um mich darauf zu ſtuͤ⸗ tzen und nachdem ich nicht ohne Muͤhe in dieſe Art von Schachtel geſtiegen war, mußte ich, wenn ich mich ausſtrecken wollte, die Beine zwiſchen den Vor⸗ derraͤdern hinausſtrecken, wobei ich Gefahr lief, ſie mir zerbrechen zu laſſen. An dieſe Maſchine ſpannte man vier Pferde mit ſehr duͤnnen Stricken. Ein Po⸗ ſtilion mit einer weißen Flanel-Weſte, Beinkleider und Mütze beſtieg eines der hintern Pferde. Er hatte keine andere Leftſraͤnge, als duͤnne Stricke, die al 183 den Kopf des erſten Pferdes gebunden waren. Als ich eingeſttegen war, ließ er ſeine Pferde im Galvpp ja⸗ gen, indem er mit der Peitſche knallte, und ein ge⸗ dehntes, ſehr unangenehmes Geſchrei ausſtieß. Dieß hoͤrten wir auf dem ganzen Wege, und legten 8 bis 10 Meilen in einer Stunde zuruͤck; denn in zwei Stunden erreichten wir Bangaska. 8 Die Wallachen kleiden ſich in Schaffelle, ſo wie ſie dieſelben dem Thiere abziehen. Ihre Huͤtten ſind unter der Erde, und man bemerkt nur das Dach davon, in welchem mehrere Defnungen angebracht ſind, um dem Rauche, der Luft und dem Lichte Durchzug zu geſtatten. Sie ſind mit einem Gitter⸗ werke von Weiden umgeben, und man ſteigt auf einer Treppe hinunter. Eine von denen, die ich betrat⸗ war ein Weinladen; ſie hatte einen Keller voll großer Faͤſſer und mehrere andere Zimmer, die mit einander in Verbindung ſtanden; in allen war ein unangeneh⸗ mer Kellergeruch. Die Wallachei beſitzt eine an⸗ ſehnliche Menge Pferde; man behauptet, daß die Wallachen ihren Pferden zur Ader laſſen, und das Blut derſelben mit Milch vermiſcht trinken; aber un⸗ geachtet aller angeſtreng„ Erkundigungen habe ich Niemanden getroffen, der dieſe Gewohnheit kannte. um acht Uhr Abends waren wir ſchon in Bucha⸗ reſt, nachdem wir in einem Tage 45 Meilen zurück⸗ gelegt hatten. Wir hielten vor einem Gaſthöfe, deſſen Wirth ein Deutſcher war. Mit Muͤhe nahm er uns — 184. auf; denn die Peſt wüthete in der Stadt und verbrei⸗ tete uͤberall Schrecken und Beſorgniß. Die Kanzlei und alle oͤffentliche Anſtalten waren geſchloſſen; die Kaufleute hatten ihre Geſchaͤfte eingeſtellt, wer ſich entfernen konnte, hatte die Stadt verlaſſen, und die andern hatten ſich in ihre Haͤuſer verrammelt und ſprachen mit Niemanden. Ich hatte einen Brief an den oͤſterreichiſchen Konſul, den ich ihm ſchickte. Er antwortete mir auf der Stelle und bat mich dringend die Stadt ſobald als moͤglich zu verlaſſen. Am Morgen kam ſein Dra⸗ goman mit einem Wagen, um mich in das Haus des Konſuls zu geleiten. Auf den Straſſen begegneten uns eine große Anzahl glaͤnzender Equipagen. Die Bojaren ſetzen einen großen Stolz in den Beſitz eines ſchoͤnen Wagens; ſie wickeln ſich in weiche Pelie und tragen große Muͤtzen mit Sammet uͤberzogen. Hinge⸗ gen iſt ihr Kutſcher gewöhnlich ein langer, ſchmutziger Kerl in einem weiten, grauen Ueberrock mit einem großen Hute, die Haare unordeutlich uͤber Geſicht und Schulter hangend. Die Eitelkeit dieſer Bojaren iſt ſo groß, daß ſie ſelbſt in den Zeiten der Peſt nicht unterlaſſen koͤnnen, ihre eichthuͤmer auszukramen, und ſich von einem Hauſe in das andere fahren zu laſſen. Eine große Menge Thuͤren und Fenſterlaͤden⸗ wo die Peſt herrſchte, ſah ich verſchloſſen. Als wir in das Haus des Konſuls kamen, erfuhr ich erſt eine lange Raͤucherung, ehe ich zugelaſſen 185 wurde. Indeß empfieng mich der Konſul ſehr guͤtig und ſagte mir, dat er ſeine Frau und Kinder fortge⸗ ſchickt babe. Er bedauerte, daß er mir nicht rathen koͤnne, laͤnger in Buchareſt zu bleiben, und gab mir einen Brief an den Gouverneur in Siebenbuͤrgen mit, der in Herrmanſtadt wohnte, in welchem er ihn bat, die Zeit meiner Quarantaine abzukuͤrzen. Von dem Konſul begab ich mich zu Herrn Meitani, an den ich einen Creditbrief hatte. Er hatte ſich ver⸗ rammelt, wie die andern; indeß nahm er mich doch auf und bezahlte mich in Piaſtern. Er ſchickte mir die Form des Empfangſcheines zu, den ich ausßellen ſohte; aber als ich ihn geſchrieben hatte, war ſein Diener ſehr in Verlegenheit, wie er ihn von mir be⸗ kommen ſollte, ohne ihn anzuruͤhren. Endlich fand er in dem Zimmer einen eiſernen Loͤffel, zog ein Stuͤck Wachstuch aus der Laſche und wickelte meinen Em⸗ pfangſchein mit Hilfe des eiſernen Loͤffels hinein; dann hielt er ſich ferne und vermied dabei immer, ſich in den Luftzug zu ſtellen. Buchareſt, die Hauptſtadt der Wallachei, bat 80,000 Einwohner, keine Moſcheen, wohl aber griechiſche Kirchen mit Kuppeln gleich den Moſcheen. Man ſieht darin ſo viel Europaer als Brientalen. Das Merkwuͤrdigſte in Buchareſt iſt wohl das Straſſenpflaſter, welches ganz von Holz und wie ge⸗ dielt iſt. Unter demſelben ſind große Baͤche voll ſte⸗ hendem Schlammes, der im Winter durch die Ritzen 186 der Bretter ſprudelt, und im Sommer als ſchwarzer Staub in die Wolken empor fliegt. Zu allen Jahres⸗ Zeiten aber herrſcht ein ſinkender Geruch, der Fieber und Peſt erzeugt. Die Stadt hat 366 Kirchen, 20 Kloͤſter, 30 mor⸗ genlaͤndiſche Gaſthoͤfe und viele Weinhaͤuſer. Um in die letztern Kunden hinzulocken, ſieht man eine Menge Weiber, die in dem Saal, wo man ſich vereiniget, ſingen und tanzen. An dieſen D. en bringen die Bo⸗ jaren, die ihre Familien verlaſſen, ihre Abende mitten unter den ſchamloſeſten Weibern zu, deren es eine große Menge gibt. Kaum hatten wir Buchareſt verlaſſen, ſo ſielen Regenſtroͤme mit Schnee untermiſcht. Nun fing ich erſt an, alle Unannehmlichkeiten dieſer Reiſeart zu fuͤhlen; die Wege waren mit Schnee bedeckt, der gleich wieder ſchmol; und einen duͤnnen Schlamm bildete, durch welchen die Pferde galoppirten, ſo daß ſie meinen Wagen damit anfuͤllten, und mich bald vom Kopfe bis zu den Fuͤßen damit bedeckten. Die Stoͤße dieſer verwuͤnſchten Maſchine waren ſo heftig, daß ich in allen Gliedern einen empfindlichen Schmerz empfand, und vergebens hoffte ich, mich daran zu gewoͤhnen. Ich bekam im Gegentheil ſo heftige Kopf⸗ ſchmerzen, daß ich beſchloß, in dem erſten Hauſe anzuhalten. Erſt nach drei Stunden erreichten wir Bolentina, wo man mir erklaͤrte, daß die Peſt ſchon ganz nahe am Dorfe ſey, und ſo wollte ich mich — 187 der Gefahr nicht ausſetzen und reiste augenblicklich ab. Wir waren genoͤthiget, die ganze Nacht zu fah⸗ ren, weil wir in allen Doͤrfern, durch die wir kamen, die Peſt fanden. Endlich ſechs Uhr Morgens kamen wir in die Naͤhe der Stadt Peteſch. Ein geſchloſ⸗ ſenes Thor hielt uns auf, man wollte uns nicht hin— ein laſſen, weil wir von verpeſteten Drten kamen. Indeß zeigte Muſtapha unſere Depeſchen vor, und wir hatten hierauf das Gluͤck bald ein ſehr reinliches Zimmer bei einem Griechen zu finden. Ich trank eine Taſſe Kaffe, und nachdem ich eine Stunde geſchlafen hatte, ſtand ich vollkemmen geſund wieder auf. Die Stadt Peteſch hat ungefaͤhr 1000 Haͤuſer, wovon mehrere den Bojaren gehoͤren. Sie haben alle einen Hof von Palliſaden umgeben, und nehmen ſich ſehr ſchoͤn aus. Die Stadt liegt am Fuſſe des Kar⸗ vathen⸗Gebirgs. Jetzt hatten wir alſo nicht mehr das ſo eben durchwanderte flache Land vor uns, ſondern Berge mit dichten Waldern, in deren Mitte man Schloſſer, Kirchen und Kloͤſter bemerkte. Auch die Bauern hatten Charakter und Tracht veraͤndert; ſie hatten ganz das Anſehen der Zufriedenheit und euro⸗ vaͤiſchen Unabhaͤngigkeit. Die Turbans und Muͤtzen waren verſchwunden; hraune Roͤcke und Filzhuͤte tra⸗ ten an ihre Stelle. Wir gingen uͤber den Fluß Argiſch und kamen nach Corte, der alten Hauptſtadt der Bberwallachei. Irtzt iſt es nu, bee kleine Stadt, die jedoch eine 188 ſchöne Lage, huͤbſche Kirchen und ein Kloſter hat, das ich beſuchte⸗ Auch nach Rimenik kam ich, welcher Ort durch das Treffen von Drageſchan beruͤhmt iſt, und wo 4821 die 600 heldenmuͤthigen, griechiſchen Jünglinge ſielen, welche in der Geſchichte unter dem Namen Hetaͤriſten wohl bekannt ſind. Noch hat Niemand gewagt, dieſen bewunderungswurdigen Helden ein Denkmal zu errichten. Es war ſchon ſpaͤt, als wir im Dorfe Sala⸗ truk, am Eingange des Engpaſſes, der durch die Karpathen fuͤhrt, ankamen. Unerachtet des Gerüch⸗ tes, daß allenthaiben die Peſt herrſche, fanden wir doch, daß ſie ſich bis dahin nicht verbreitet habe, da⸗ ber entſchloſſen wir uns die Nacht im Poſthauſe zuzu⸗ bringen. Wir fanden eine von dem Hauſe etwas entfernte Hutte, die fuͤr Reiſende beſtimmt iſt und viel Aehnliches mit den Huͤtten der Bulgaren hat. Darin trafen wir einen Ofen und eine Bank, die ich mir zur Lagerſtaͤtte auswaͤhlte. Am andern Morgen war viel Schnee gefallen⸗ und wir betraten bald darauf den großen Paß des rothen Thurmes, der über das Karpathen⸗Gebirge aus der Wallachei nach Siebenbuͤrgen führt. Steile Hoͤhen, bis an den Gipfel mit Wald bedeckt, ragten über das Thal hervor.. um acht Uhr Morgens kamen wir zu dem Dorfe Repora, wo ſich die Poſt aut em hohen Berße 189 beſndet. Wir verweilten, um iu fruͤhſtuͤcken. Als ich meinen Mantel ablegen wollte, trat ein Mann heran, um mir zu helſen. Fruͤher hatten wir gehoͤrt⸗ daß die Peſt in dem Dorfe ſey; als ich nun dieſen Menſchen anſah, bemerkte ich eine Geſchwulſt in der Groͤße eines Kinder-Kopfes unter ſeiner Kinnlade. Unwillkuͤhrlich fuhr ich zuruͤck, um eine Beruͤhrung zu vermeiden. Der Poſtmeiſter ſagte ihm ſogleich auf la⸗ teiniſch, ſich zu entfernen und wandte ſich dann in demſelben ſchlechten Latein zu mir: Tumor non esti pesti, Domine, esti gunsca.(Die Geſchwulſt iſt keine Peſt, ſondern ein Kropf.) Ich fand überhaupt, daß die Bauern hier lateiniſch ſprechen und an den in den Alpen ſo gewoͤhnlichen Kroͤpfen litten, und zwar ſo haͤufig, daß von ſieben Perſonen, die ſich in dem Poſthauſe befanden, nur zwei davon befreit waren. Einen Augenblick nachher trat ein ſehr kleiner Mann, der das Anſehen eines Zwerges hatte, herein; er ſah bloͤdſinnig aus, und ſchien nur unartikulirte Toͤne her⸗ vorbringen zu koͤnnen; denn er ßeckte die Hand in. den Mund, um anzudeuten, daß er Hunger habe. Ich fragte den Poſtmeiſter, ob dieſe Zwerge haͤufig waͤren, und er antwortete mir, ſie waͤren unzaͤhlig, ſo daß ich alſo die Kroͤpfe und Cretinen der Alten da fand, wo ich ſie nicht erwartet hatte. Das Poſthaus war in einem ſehr ſchlechten Zu⸗ ſtande, und die Lebensmittel waren ebenfalls ſchlecht; aber Muſtapha, der das ſchon voraus geſehen, hatte 190 einen Schinken aus Buchareſt mitgebracht. Eine junge Frau bot mir Aepfel und Birnen an; ich uber⸗ reichte ihr dagegen eine Taſſe Kaffe, die ſie auf eine ſehr zierliche Wetſe annahm, nachdem ſie mir zuvor die Hand gekuͤßt hatte. Dieſer Katfe war indeß der erſte, den ſie je koſtete, und ſchmeckte ihr ſo ſchlecht, daß ſie ihn, ungeachtet ihrer Hoͤflichkeit, nicht trinken konnte. Ich fragte den Poſtmeiſter, ob das junge Frauenzimmer ſeine Schweſter ſey, und er antwortete mir: non soror, Domine, esti uxor.(nicht meine Schweſter, ſondern meihe Frau). Ich gab ihr andere Leckerbiſſen als Kaffe, und ihr Mann dankte mir auf lateiniſch. Dieſe Ausdruͤcke ſind noch Ueberreſte derjenigen Sprache, welche die Roͤmer vor 1600 Jahren den Daeiern hinterließen. Die Kleidung der hieſigen Ein⸗ wohnern deutet gleichfalls auf dieſen Urſprung binz ſie beſteht aus einer Tunica, die bis nuf das Knie herab reicht und uͤber die Huͤften mit einem ledernen Gurt befeſtiget iſt. Der Fuß ſteckt in einer mit Rie⸗ men geſchnuͤrten Sandale; ein Pallium oder Mantel haͤngt uͤber der Schulter und wird bei kaltem Wetter um den Koͤrper geworfen. Ich nahm Abſchied von dieſen Nachkommen der alten Roͤmer mit den Wor⸗ ten: Valete! welches ſie wiederholten, und worauf wir unſern Weg in dem Gebirge fortſetzten. Nach einem Marſch von einer Stunde kamen wir in einer offenen Gegend an und die hoͤlzernen Kreuie⸗ die wir an den Straſſen fanden, zeigten, daß wir uns noch in der Wallachei befaͤnden. Dieſe Denkmaä⸗ ler fangen bei der Donau an und dauern bis zu dem aͤußerſten Ende des Karpathen⸗Gebirgs. Sie ſind 22 Fuß hoch, mit Inſchriften, Chriſtus- und Heiligen⸗ Bildern uͤberdeckt, Es gibt ihrer aus ſehr alten Zeiten. So oft ein Wallache ſich in einer ſchlimmen Lage be⸗ findet, ſo gelobt er, vor ſeinem Tode eine Bruͤcke, einen Brunnen oder ein Kreuz zu erbauen. Iſt Je⸗ mand auf eine gewaltſame Weiſe um das Leben gekom⸗ men, ſo errichtet man ein Kreuz auf der Stelle, wo er umgekommen iſt, damit der Lodte nicht zu einem Vampir umgewandelt werde. Wir erreichten den großen Fluß Ulta⸗Ap, wo eine Faͤhre iſt, und dann Kimeni, die letzte Poſt⸗ Station in der Wallachei. Von da folgt man zwei Stunden lang den Ufern des ulta zu ſeiner Quelle hinauf. Der Weg iſt faſt uͤberall ein uͤber den Fluß ſchwebender Abgrund. Wir gelangten um vier Uhr an die ufer eines andern kleinen Fluſſes, der aus einem engen Thale hervor fließt und in den ulta ſtroͤmt. Wir ſetzten uͤber denſelben, und befanden uns nun auf dem oͤßterreichiſchen Gebiete. Hier trafen wir eine Wache von Soldaten und einige Haͤuſer an, in wel⸗ chen man Quarantaine halt. Wir wurden aufgefor⸗ dert uns einige Zeit zu verweilen, damit man unſert⸗ wegen die noͤthigen Anordnungen treffen könnte. Dieſer Ort war zugleich auch die Quaantaine fuͤr die 192 Heerden; Schafe, Ziegen, Kühe, Schweine bedeckten die Ufer des Fluſſes. Auf der Graͤnzlinie hat man ein großes Gebaͤude erbaut. Ein Theil davon ſteht auf dem öſterreichiſchen und der andere auf tuͤrkiſchem Gebiete. Das Innere wird durch eine große Tafel von einander abgeſondert. Auf der einen Seite ſtehen dio Verkäufer, auf der andern die Kaͤufer. Das Vieh befindet ſich in Haufen auf einer eingezaͤunten Wieſe. Die Kaͤufer treffen ihre Wahl, und ſo wie man uͤber den Preis uͤbereingekommen, wird das Geld auf die Cafel gezaͤhlt. Das, welches die wallachiſchen Bau⸗ ern bezahlen, wird in Weineſſig getaucht, der deshalb auf der Lafel ſteht. Das gekaufte Vieh fuͤhrt man hierauf zu einem Seiche, treibt es durch, und nach dieſer Waͤſche bringen es die Kaͤufer weiter. Mittels dieſer Vorſichtsmaßregeln kommen 5 bis 600 Bauern zweimal die Woche auf einem offenen Markte zuſam⸗ men, wo die Peſt ungehindert wuthet, und tauſchen ihre Beduͤrfniſſe aus, ohne mit einander in Beruͤhrung zu kommen und Gefahr zu laufen, angeſteckt zu wer⸗ den. Jedesmal, wenn ich mich den Heerden nähern wollte, wenn ſie gewaſchen worden waren, rief man mich augenblicklich zuruͤck und geſtattete mir durchaus nicht, mich ihnen in den Weg zu fiellen, aus Furcht⸗ ſie nach ihrer Reinigung zu berͤhren, und ihnen die Peſt mitzutheilen. Nachdem wir das Thal hinauf gewandert waren⸗ langten wir bei einer Batterie von acht Stück Kanonen 193 an, welche nach der Wallachei zu, den vorgeſchobenen Poſten der Deſterreicher bildete. Eine halbe Stunde ſpaͤter kamen wir bei der zweiten Quarantaͤne an. Dieſe Station gehoͤrt mit zu dem großen Geſund⸗ heits⸗Kordon, welchen die europaiſchen Nationen rings um das tuͤrkiſche Reich, zu Land und zu Waſſer ge⸗ zogen haben. Die Gebirge, welche Zeſterreich von der Wallachei und Moldau trennen, bilden eine na⸗ tuͤrliche Schutzwehr, die man nur an drei Stellen uͤberſchreiten kann. Die eine iſt der Engpaß Volkan, die andere Timosk, die dritte der Engpaß Rothen⸗ thurm, durch welchen wir gingen. Er heißt der Rothenthurm⸗Paß wegen eines feſten Schloſſes, welches dieſe Farbe hat, und ungefaͤhr 4 engliſche Mei⸗ len von der Graͤnze liegt, wobei man faͤlſchlich an⸗ nimmt, daß man die Quarantaͤne dort halten muͤſſe. Die Quarantaͤne⸗Anſtalt liegt in einem Thale, an den Ufern des Olt. Man findet daſelbſt zwanzig Haͤuſer, eine Kapelle, ein Gaſthaus, was zuſammen ein Dorf ausmacht. Sechs Haͤuſer ſind zur Einker⸗ kerung für die Reiſenden beſtimmt, die aus der Tuͤr⸗ kei zuruͤckkehren; die andern werden von den dort angeſtellten Perſonen bewohnt. Dieſe beſtehen aus einem Direktor, einem Arzt, zwei Sekretaren, einem Controleur, einem Inſpektor, 12 Bedienten und 40 Soldaten. Die fur die Quarantaͤne beſtimmten Hau⸗ ſer ſind von den andern getrenntz ſie ſind von Holz, mit Gyps beworfen, und weiß angeſtrichen. Ein je⸗ 74. Vd. Türkei. IV. 2. 5 194 des liegt in der Mitte eines kleinen Geheges, welches mit Pfählen von 8 bis 2 Fuß Hohe eingezaͤunt iſt. Es gibt nichts Empörenderes fuͤr einen Reiſenden, gls die Art, womit er an dieſem Drte aufgenommen wird, ſo wie es auch nichts Traurigeres geben kann, als die Stube, worin er eingeſchloſſen wird. Der Wagen, worauf ich mich befand, hielt vor der Thüre aines von dieſen Haͤuſern au. Mehrere Perſonen nä⸗ perten ſich, hielten ſich aber doch in einer gewiſſen Eutfernung von mir. Ich ſchritt daher auf einen zu, der ein Bund Schluͤſſel in der Hand hielt, und eine Art von Anſehen über die andern zu haben ſchien; allein er machte mir ſogleich mit der Hand ein Zeichen, mich zu entfernen⸗ und trat dann ſelbſt, gleichſam wie von Furcht ergriffen, zuruͤck. Auch bemerkte ich, dab man mich fuͤr einen von der Peſt angeſteckten hielt⸗ und mich dem gemaß behandelte. Man gab mir des⸗ wegen durch Zeichen zu verſtehen, in das Haus ein⸗ zutreten; und kaum hatte ich dieſes gethan, ſo wurde auch die Pforte hinter mir geſchloſſen. Dort hatte ich nun das Vergnuͤgen, mein Gefaͤngniß naͤher betrachten. Es war eine Stube von 10 bis 12 Quad⸗ rat⸗Fuß⸗ welche wahrſcheinlich, ſeitdem ſie erbaut worden, nicht gekehrt worden war. Die Mauern wa⸗ ren mit Spinnweben bedeckt, und der Boden mit ſeuchtem Schmutz uͤberzogen. Das Geräthe beſtand aus einer langen Kuͤchentafel, und aus einem Feld⸗ lette. In einem Winkel ſtand ein kleiner Ofen, voll 195 von Aſche. Durch den ſchlechten Geruch in dieſer Stube wurde mir ſo uͤbel, daß ich ſogleich das kleine Gitterfenſter, welches ſich darin befand, oͤffnen wolltes allein ich konnte nicht damit zu Stande kommen, weil alles verroſtet war. In dieſem Augenblicke trat Mu⸗ ſapha mit meinem Gepaͤcke und meinem Mantel in die Stube; einer von den Bedienten begleitete ihn, und dieſer hatte einen großen, weißen Mantel an, und einen ungeheuren großen Hut auf dem Kopfez auch hielt er in einer Hand ein Bund Schluͤſſel, wie ein Kerkermeiſter. Er hielt ſich an der Thuͤre auf, und wagte nicht, einzutreten. Muſtapha zeigte er an, was er zu thun habe, und mich unterrichtete er im ſchlechten Italieniſch, daß ich mich Niemanden nähern duͤrfte, ſo lange ich mich in Quarantäne be⸗ taͤnde. Darauf brachte man ein Bett, welches man auf das Feldbett warf, und nun zeigte ſich auch der Arit. Dieſer arme Teufel, vielleicht der Unwiſſendſte in ſeiner Kunſt, verſtand keine andere Sprache, als die deutſche. Ich verſuchte, mich ihm in der franzö⸗ ſiſchen, italieniſchen und endlich in der lateiniſchen verſtaͤndlich zu machen; allein er konnte nicht ein ein⸗ tiges Wort darauf antworten. Er verweilte in der Naͤhe der Thuͤre, examinirte mich einige Minuten, und entfernte ſich, mich meinen Betrachtungen uͤber⸗„ laſſend. Jeder, der auf dieſe Weiſe eingeſchloſſen iſt, Leräth auf den Gedanken, ſich von dieſer Krankheit, die ihn zu dem Gegenſtande des Schteckens macht, für angeſteckt zu halten, und hat ſeine Einbildunge⸗ kraft dieſen Gedanken aufgegriffen, ſo vermag wohl der Anblick eines ſo traurigen und unreinlichen Drtes in ihm den Keim zu disſer Krankbeit zu entwickeln. um den Reiſenden fuͤr den Verluſt ſeiner Freiheit zu entſchuldigen, muͤßten ſolche Anſtalten ſehr reinlich ſeyn, und alle moͤgliche Annehmlichkeiten enthalten, während ſie ihm im Gegentheile nur das Bild des traurigſten Krankenhauſes geben. Da ich Muſtapha nun nicht länger mebr brauchte, ſo verabſchiedete ich ihn; doch kaum war er abgereist, als es mich dünkte, ich haͤtte meinen letzten Freund verloren. Ich machte mir mein Bett ſelbſt, und warf mich mit einem traurigen Gefuͤhle darauf. Am andern Morgen, noch ſehr fruͤhe, offnete ſich meine Thuͤr, und herein trat ein Deutſcher, mit einer brennenden Pfeife im Munde. Nachdem derſelbe lange Zeit rauchend und ausſpuckend in der Stube herum gegangen war, ſchickte er ſich an, ſein Bett neben dem meinigen aufzuſchlagen, und ſagte mir im ſchlech⸗ ten Italieniſch, daß er von Seite des Direktors ab⸗ geſchickt worden, mich zu bewachen. Ich war alſo ein Gefangener, und wurde ſorgfaͤltig bewacht, ohne die Einſamkeit genießen zu können. Auch der Doktor kam zum zweitenmale in Begleitung des Sekretaͤrs, und ließ, wobei er ſich ſehr weislich an der Thuͤre aufhielt, von mir das Verzeichniß meiner Waͤſche und meiner Kleider ſich vordiktiren, indem er dabei erklaͤrte⸗ 197 daß dieſe weder gewaſchen, noch heraus getragen wer⸗ den ſollten, bevor meine Quarantaͤne abgelaufen ſey. In der That iſt es das ſicherſte Mittel, den Keim der Seuche zu bewahren, wenn man verbietet, die Waͤſche zu waſchen, und wenn meine Kleider in den Laͤndern, die ich durcheilt harte, verpeſtet worden waͤren, ſo wuͤrden ſie gewiß den Giftſoff, ſo uͤbereinander ge⸗ haͤuft, aufbewahrt haben. Ich fragte, ob ich ungluͤcksgefaͤhrten haͤtte, und wo ſie waͤren, und erfuhr nun, daß in dem Hauſe nebenan ein ruſſiſcher Courier im Bette liege; neben ihm befand ſich ein helvetiſcher Kaufmann aus Pern, der an einer fraͤnkiſchen Geſellſchaft Theil genommen hatte, wovon ich ebenfalls Mitglied war; und bei ihm befinde ſich ein junger Bojare aus der Wallachei. Auch erkundigte ich mich, ob ich eſſen koͤnnte, und mein Waͤchter antwortete mir mit einem langgedehnten Ja, ging ſogleich hinaus und brachte mir Kaffee und Brod, was er auf einen ſehr ſchmutzigen Liſch ſetzte, ohne denſelben vorher mit einem Ziſchtuche zu bedecken. Am Abende erhielt ich auf dieſelbe Weiſe ein Stuck hartes Schweinefleiſch, ſauern Wein und ſchlechten Raki. Ich ſuchte daher den Wein durch ein wenig Raki zu verbeſſern; allein ſtatt des reinen und aroma⸗ tiſchen Brantweins, wie ihn die Griechen in der Tür⸗ kei bereiten, war dies nur ein ſchwacher und uͤbel⸗ ſchmeckender Likör, der aus Pflaumen verfertigt wird. Daher konnte ich nichts anders als Waſſer trinken; X 16 aber auch dies war nicht beſſer als das Uebrige; denn es war geſchmolzener Schnee. Es gibt naͤmlich in die⸗ ſem Lande durchgehends keine Quellen, das Waſſer aus der Olt iſt ſchmutzig und ſchlammig; daher trinkt man nur das, was man durch das Zerſchmelzen des Schnee's erhaͤlt, und in einem Waldbache aus den Gebirgen herabſließt, die uͤber dem Quarantaͤne⸗Drt ſiegen. Ich mag nicht in alle Einzelnheiten dieſer Unan⸗ nehmlichkeiten eingehen, die ich taͤglich in einem hoͤchſt traurigen Gefaͤngniſſe zu erdulden hatte. Einige von denen, die daſelbſt eingekerkert waren, wurden, nach⸗ dem ſie eine große geiſtige Mattigkeit empfunden, ernſt⸗ lich krank, was beinahe immer den Fremden begeg⸗ nete, die man verdammte, die unreine Luft einzu⸗ athmen, die in dieſem langen und tiefen Thale verrſchte. Pft erſchuͤtterten auch heftige Stuͤrme un⸗ ſere Huͤtten, und drohten, ſie umzuſtuͤrzen. Zu an⸗ dern Zeiten wurden die Thaͤler durch dicke Nebel verdunkelt, die gar ſonderbar ausſahen, und von boͤ⸗ ſer Vorbedeutung zu ſeyn ſchienen. Sie kamen in das Thal, indem ſie in alle Kruͤmmungen desſelben eindrangen, und es endlich ganz und gar mit einem un⸗ durchdringlichen Schleier verhuͤllten. Selten jedoch ſenkten ſie ſich ſo niedrig, als das Dorf lag; aber ſich von einer Seite zur andern auf dem Gipfel der Gebirge verbreitend, bildeten ſie ein großes Dach⸗ welches das Durchbrechen der Sonneſtrahlen verhin⸗ 199 derte, und waͤhrend dieſe Nebel freie Cirkulation der Luft im Thale nicht aufhoben, huͤllten ſie das⸗ ſelbe bei hellem Tage in dichte Finſterniß. Von Zeit zu Zeit durchbrach zwar ein Sonneſtrahl dieſen Schleier und erhellte die Gegenſtaͤnde mit einem blaſſen Scheine, ähnlich dem einer Fackel in einem weiten Grabgewoͤlbe. Zu dieſem allen fuͤge man noch eine kalte Näſſe, un⸗ geſunde Luft, ſchlechte Nahrungsmittel, Mangel au Bewegung, ſchmutzige Kammern, und man wird es glaublich ſnden, daß Geiſt und Gefundheit an einem ſolchen Drte viel auszuſtehen hatten. Um diet noch beſſer zu zeigen, will ich das Geſundbeits⸗Bulletin von einem dieſer Tage mittheilen. Meine Gefaͤhrten beklagten ſich; ich litt anf eine ſchreckliche Weiſe an einem Fieber und Kopfwehs den ruſſiſchen Courier hatte man auf ſeinem Bette liegen laſſen, weil er, wie man ſagte, im Sterben läges das Kind des Arztes, der mir gerade gegenuͤber wohnte⸗ war ſo eben geſtorben; das Thal war mit einem ſo dichten Schleier bedeckt, daß die Fackeln, die neben der Leiche des Kindes brannten, am hellen Mittage die einzigen ſichtbaren Gegenſtaͤnde waren. Dieß Kind war das vierte, das er verlor; den ganzen Tag hin⸗ durch ertoͤnten Glocken wegen ſeines Todes, und ſo vereinte ſich an dieſem ſchrecklichen Drte alles, was den Geiſt beunruhigen und die Geſundheit angreifen konnte. Eine Geſundheits⸗-Anſtalt, zur Erhaltuns 200 des menſchlichen Lebens errichtet, enthielt alles, was ihm ſchaͤdlich ſeyn konnte. war glaubte ich, daß wir den Sonntag wuͤrden feiern duͤrfen, und wollte mich deshalb mit einigen Deutſchen, die, wie ich erfuhr, Proteſtanten waren, zu dieſem Zwecke vereinen; allein es war uns durch⸗ aus verboten, zu einander zu gehen. Als man es uns endlich geſtattete, geſchah dieß auf einer Sandbank an den Ufern des Olt, wohin uns ein Mann fuͤhrte, der einen großen Hut, einen Mantel und einen lan⸗ gen Stock hatte, und ſich immer 3 oder 4 Schritte von uns entfernt hielt. Da wir auf einander zu gin⸗ gen, oͤffnete er ſeine grimmigen Augen, hielt ſeinen Stock zwiſchen uns, und ſchalt uns auf deutſch heftig aus. Eines Tages geſchah es, daß der Windſtoß ſei⸗ nen Mantel mit dem meinigen in Beruͤhrung brachte; ſogleich reinigte er ihn ganz erſchrocken in dem Fluſſe, indem er ihn mit der Spitze ſeines Stockes in das Waſſer tauchte. Der mindeſte Vorfall, der die Einfoͤrmigkeit einer ſolchen Lage unterbricht, reicht hin, den Geiſt zu beſchaͤftigen. Dbſchon es mir verboten war, mit ir⸗ gend jemanden in Verbindung zu ſtehen; erhielt ich doch eines Sages einen unerwarteten Beſuch. Ich war eben bei dem Fruͤhſtuͤck, als ein Vogel durch mein Fenſter herein flog, welches ich, ohnerachtet der Käͤlte, hatte offen ſtehen laſſen muͤſſen. Es war eine Art von Baumhacker, von der Groͤße einer Droſſel⸗ 201 Er war hellbraun und hatte in der Naͤhe des Schna⸗ bels ſchwarze Flecken. Mit der Vertraulichkeit eines alten Freundes kam er herein, flog auf den Tiſch⸗ und aß daſelbſt Brodkrumen und Fliegen. Dieſer Vogel hatte dem Kinde des Arztes gehoͤrt, welches ſo eben geſtorben war, und zu Folge eines ſonderbaren Inſtinktes hatte er das Haus ſeines alten Herrn ver⸗ laſſen, und war in meine Stube gekommen. Er war dabei neugierig und vertraulich, und kletterte die Mauer hinauf, um Fliegen zu fangen. Manchmal ſetzte er ſich auf meinen Fuß, hüpfte von dort auf mein Knie, meinen Arm, ſetzte ſich auch wohl auf meine Schulter, und auf den Tiſch, wo er mit ſei⸗ nem Schnabel ein eben ſo großes Geraͤuſch machte, als ſchluͤge man mit dem Hammer darauf. Auf glei⸗ che Weiſe verfuhr er mit jedem Stuͤck Holz in meiner Stube, und gab dabei immer Acht, ob nicht irgend ein Inſekt daraus hervorſliege. Die Waͤlder rings um den Drt ſind voll von dieſen Voͤgeln. Auch fand ich eine ſehr angenehme Zerſtreuung, durch das Leſen der Buͤcher, die mir mein Freund, der helvetiſche Kaufmann, ſchickte. Ein Mann brachte ſie in einer Buͤchſe zu mir, die er an die Spitze einer Stange hieng. Die Quarantaͤne meiner Gefaͤhrten ging zu Ende, und ſie begaben ſich daher nach Herrmanſtadt, in⸗ dem ſie mich allein als Gefangenen in den Gebirgen iurück lieben. Da wir iedoch uͤberein gekommen w. 202 ren, die Reiſe nach Wien mit einaͤnder zu machen, wandte ſich mein Freund perſoͤnlich an den Gouver⸗ neur von Herrmannſtadt, um von ihm fuͤr mich die Erlaubniß zu erhalten, zu ihnen zu ſtoßen, weil ſie von mir keine Anſteckung befuͤrchteten, und ſobald dieß geſchaͤhe, man ja die Reiſenden in eine Quaran⸗ täne⸗Anſtalt, einige Tagreiſen davon, ſchicken koͤnnez allein der Gouverneur war unerbittlich. Ich mußte mich daher in Geduld fügen, entſchloß mich aber, die Graͤnzen meines Gefaͤngniſſes zu uͤberſchreiten, und am andern Morgen ſchritt ich auch dem Gebirge zu. Mein Waͤchter, ein braver Mann, folgte mir, nach⸗ dem er mir vergeblich Vorſtellungen gemacht hatte. Man kann nichts praͤchtigeres und maleriſcheres gehen, als die Straſſe, auf der wir vorwaͤrts ſchrit⸗ xen. Es war ein breiter Fußpfad, der uͤber die hoͤch⸗ ſten Gebirge fuͤhrte; auf jeder Seite bemerkten wir mit Wald bewachſene Abgruͤnde, und eine zahlloſe Menge tiefer Thaͤler, durch welche kleine Fluſſe von den Bergen herab floßen. Auf ihrem Grpfel uͤber⸗ ſchaute der Blick beinahe das ganze Thal Rothen⸗ thurm, wodurch die Wallachei mit Siebeu⸗ buͤrgen in Verbindung ſteht, und man bemerkt in der Ferne die Ebenen des letztern Landes. Die Huͤgel waren mit Buchen, Birken und Pappeln bedeckt. An den ufern des Olt findet man auch einige Baͤume, welche durch Stuͤrme mit ſammt den Wurzeln aus⸗ geriſſen wurden. Sobald ſie faulen, bildet ſich in der 203 Ritte, rings um das Mark, eine ſehr leicht entzund⸗ bare Subſtanz, die man ſammelt und nach Konſtan⸗ tinopel ſchickt; man nennt ſie Amadhu, und die gürken brauchen ſehr viel davon, um damit ihre Pfei⸗ fen anzuzuͤnden. Brombeerſträuche und Hagebutten bildeten die Gebuͤſche. Jenſeits der Donau findet man keine Weiden und Kreuzbeere, die auf den tuͤr⸗ kiſchen Gebirgen wachſen. Auch dieß war ein Beweis, daß wir uns nicht mehr auf muhammedaniſchem Ge⸗ biete befanden. Die Vegetation zeigte ſchon an, daß wir ein chriſtliches Land durchreisten. Der Fels be⸗ ſteht aus einem Thonſchiefer in verſchiedenen Lagen uͤber einander; Quarzadern zeigten ſich hie und da, und glaͤnzende Mika lag uͤber dem Boden zerſtreut. Wir gingen eine ſchoͤne Straſſe und auf dem Gipfel des Berges weiter fort, deſſen faſt ſenkrechte Seiten wie das Dach eines Hauſes, auf einer Seite nach der Cuͤrkei, auf der andern nach Deutſchland zu, hinab⸗ laufen. Bald wanderten wir auch uͤber grune, mit Holz umgebene Wieſen, die ſelbſt in dieſem hohen und kalten Himmelsſtriche mit kleinen Huͤtten uͤber⸗ ſaͤet waren, die den Schaͤfern in den Sommermona⸗ ten zum Aufenthalte dienten, jetzt aber faſt alle von ihren Bewohnern verlaſſen waren. Der Jahreszeit ohnerachtet, bemerkte ich indeß noch einige Schaͤfer mit ihren Heerden. Des Abends zuͤnden ſie ein Feuer an, und in ihre Schaffelle gehuͤllt, bringen ſie die Nacht, dem Ungeſtuͤm der Luft ausgeſetzt, zu. Def⸗ 204 ters faͤllt wohl auch ein Baͤr oder ein Wolf ihre Heer⸗ den an, und wir hoͤrten ſehr deutlich das Geſchrei der Maͤnner und das Geheul der Hunde, die ſie ver⸗ ſcheuchten. Wir begegneten auch zwei Bauern, welche Schafe und Ziegen huͤteten, und einem jungen Maͤdchen, die eine Kuͤrbißflaſche voll Milch trug. Sie waren alle drei ſehr klein, und das Maͤdchen beſonders ſehr baͤßlich. Sie trug einen weiten Pberrock von braunem Tuche, der ihr bis auf die Knie reichte, und darun⸗ ter ein leinenes Hemd, welches ihr nur die Haͤlfte der Beine bedeckte. Maͤnner und Weiber tragen ihre Unterkleider laͤnger, als die andern Kleider, die ſie daruͤber oder datunter ziehen; dabei umwickeln ſie mit Flanell ihre Beine, und haben kein anderes Schuh⸗ werk, als lederne, ganz leicht mit Riemen an den Zehen und um die Knorren befeſtigte Sandalen. Einer von den Maͤnnern war ſehr blaß, und hatte langes, dichtes, ſchwarzes Haar, welches über ſein Geſicht und ſeine Schultern herabſiel; der andere batte einen ungeheuren Kropf am Halſe. Ihre Huͤt⸗ ten lagen auf dem Gipfel des Berges. Sie bewohn⸗ ten dieſelben im Sommer, und ietzt waren ſie in das Thal herab gekommen, weil der Schnee ihre Woh⸗ nungen bedeckt hatte. Sie ſprachen alle drei eine Art Latein. Mein Waͤchter ſagte zu ihnen: Quitas eapri et oves habets?(Wie viel habt ihr Ziegen und Scha⸗ fe ²) und ſie antworteten hierauf; Sun inuumerabili. 205 (Sie ſind unzaͤhlig.) Einer von ihnen nahm darauf eine ſehr plump gearbeitete Schalmei mit vier Loͤchern, und oberhalb einem Rohre, welches der Ouere lief, und ein anderes, welches gerade hinunter ging; er gab darauf einen ſehr ſtarken Ton an, welchen die Heerde hoͤrte, die darauf die Koͤpfe in die Hoͤhe hob, und ihm nachfolgte. Ich kaufte ihm dieß Inſtrument fuͤr einige Kreuzer ab, und wir verließen ſie, worauf ſie uns eine bona nopte wunſchten. Als wir in un⸗ ſerer Wohnung wieder ankamen, war es indeß Nacht geworden. Wabrend der Zeit unſerer Einkerkerung wurden oft ganze Haufen von dieſen Bauern, die aus der Wallachei kamen, in große Hutten eingeſperrt, um Quarantaͤne zu halten. Rings um ihre Hütten haͤn⸗ gen ſie Fleiſch auf, was ſie zu ihrer Nahrung mit ſich genommen haben, ſo daß ſie den Fleiſchlaͤden nicht unähnlich ſind. Obſchon ſehr arm, ſind ſie doch ſehr luſtig, und wenn ſie ſich haufenweiſe zu dem Fluſſe begeben, um dort Waſſer zu holen, beſpritzen ſie ſich wie die Kinder, und laſſen Freudengeſchrei ertonen. Indeß fehlt es ihnen auch nicht an Urſachen zu Kum⸗ mer. Einsmals langte ein Haufen von 200, Frauen und Kinder mit eingerechnet, an, die kein Unterkom⸗ men finden konnten. Sie waren daher genoͤthiget, an den ufern des Olt Biwacht zu halten, und nach⸗ dem ſie zehn Tage hinter einander alle Unannehmlich⸗ Kiten der Wittetuns ertragen hatten, ließ man ſie 206 endlich, nachdem ſie ihre Kleider in das Waſſer ge⸗ taucht, weiter ziehen. Dennoch kamen ſie, wie man iagte, aus einem Lande, wo die Peſt herrſchte, und ſie waren mit Schaffellen bekleidet, woran die Wolle ſaß, was ganz eigentlich eine Kleidung iſt, wodurch die Anſteckung weiter verbreitet wird. Endlich kam der letzte Tag einer dreiwoͤchentlichen Einkerkcrung herbei, und ich wurde benachrichtet, daß ich am andern Morgen fortreiſen koͤnnte. An demſel⸗ ben Morgen kam der Arit. Ein Mann, der ihn be⸗ gleitete, trug ein Becken mit Kohlen, worauf er einige Meſſerſpitzen Salpeter ſreute) und nachdem er, wie ein Zauberer, mehrmal um mich herum ge⸗ gangen war, wurde ich fuͤr Peſtfrei erklaͤrt. Ebenſo kam auch der Inſpektor, und durchſuchte meine Klei⸗ der, die in einem Winkel der Stube aufeinander la⸗ gen. Die, welche ich durch die verpeſteten Orte ge⸗ tragen, durch die ich gekommen war, wurden in meinen Mantelſack geſteckt, ohne daß ſie durch Luft oder Waſſer gereiniget worden waͤren. Darauf kamen zwei Perſonen mit furchtbaren Rechnungen; die eins forderte einen uͤbertriebenen Preis fuͤr die ſchlechten Nahrungsmittel und den Wein; die andere fuͤr jede Nacht vier Papier⸗Gulden fuͤr das ſchlechte Stroh⸗ bett, das auf das Brett des Feldbettes geworfen wor⸗ den war. Ich drohte deßhalb, mich bei dem Gouver⸗ neur von Herrmannſadt zu beklagen; allein man fpottete nur daruͤber. 207 Da ich um einen Wagen gebeten hatte, der mich und meinen Mantelſack aus dem Dorfe bringen ſollte, ſo ſah ich endlich einen Karren anlangen, der das Gepäck von einer gauzen Kompagnie Soldaten haͤtte fortbringen koͤnnen. Vor meiner Abreiſe ſah ich noch, wie man eine eben angekommene Perſon in eine Stube ſteckte, die der ruſſiſche Courier bewohnt hatte. Nach dem gewoͤhnlichen Gebrauche war ſie weder gereinigt, noch geluͤftet worden. Auch noͤthigte man die Per⸗ ſon, in demſelben Bette zu ſchlafen, und auch in den⸗ ſelben Decken, worin drei Wochen lang ein Menſch gelegen, der ſo ſieberkrank war, daß man ihn eines Tages fuͤr todt ausgab. So kaͤßt man alſo, um zu verhindern, daß ein Reiſender die Peſt nicht weitet verbreite, denſelben in Decken ſchlafen, die ein vom Fieber befallener gebraucht hat. Solche Uniiemlich⸗ keiten ſcheinen in der That kaum glaublich. Zuerſt uberſchritt ich eine kleine Bruͤcke, die uͤber einen Bach fuͤhrte, der ſich zu Aufange des Dorfes in den Bergen verlor, und wohin man mir nie et⸗ laubt hatte, zu gehen, obſchon es nicht viel weiter, als 30o0 Schritte von meiner Hutte war. Auf der andern Seite ſand eine kleine und ſchmutzige Herberge, welche die Gefangenen in der Quarantaͤne mit den nöthigen Lebensmitteln verſah, und ich wunderte mich böchlich, da ich das erbaͤrmliche Innere betrachtele daß die Nahrungsmittel nicht noch viel ſchlechter ge⸗ weſen waren. Da mein Karren bier ſtill hielt, ging 208 eine junge Baͤuerin mit einem Kinde mich mit der Bitte an, ihr zu geſtatten, meinen Wagen zu beſtei⸗ gen, und ſie mit bis in die naͤchſte Stadt zu nehmen⸗ Ich vermochte nicht, ihr dieſe Bitte abzuſchlagen. Die Baͤuerin war klein und braun, und hatte ſchwarze Augen und Haare. Auſſerdem hatte ſie eine Jacke von Schafpelz an, deſſen Wolle innerhalb war. Ihre Fuͤße ſtacken in breiten, plumpen Stiefeln; eine kleine ſchwarze Schuͤrze reichte kaum bis zu den Knien und darunter trug ſie einen Veberrock, der bis auf die Haͤlfte der Beine herab ging. Unerachtet der ſtrengen Kaͤlte hatte ſie doch keine andere Kleidung an. Ihr Kind war in leinene Windeln gewickelt, die ſo ſtark mit Stricken befeſtigt waren, daß es einem Wollſacke glich, und ich nicht im Stande war, meine Finger zwiſchen den Baͤndern hindurchzuſtecken, die es umga⸗ ben. Es war ſehr zu wundern, daß das Kind nicht erſtickte. Dieß ſchien im Gegentheile ſich recht be⸗ haglich zu befinden. Die Mutter wandte ſich mit einer Leichtigkeit und Vertraulichkeit einer alten Bekann⸗ ten an mich, und wir unterredeten uns lange im parhariſchen Latein, wovon mehr als die Haͤlfte fuͤr den einen wie fuͤr den andern verſtaͤndlich war. Nach Verlauf einer Stunde langten wir bei den růmmern eines Schloſſes an, wovon einige Stucke Mauern, welche laͤngs dem Fluſſe hinliefen, erſt am Fuße des Gebirges endigten. Es war vordem erbaut worden, um die Luͤrken an dem Nebergange uͤber den 209 HOlt zu verhindern. An dem aͤußerſten Ende des Thales befand ſich das beruͤhmte Schloß Rothen thurm. Es iſt auf einer ſehr hohen Spitze des Ge⸗ birges erbaut, und deckt das Thal und den Fluß nach der Tuͤrkei zu. Dort befindet ſich aufh ein rothge⸗ malter viereckiger Thurm. Unſer Karren wurde von einer Schildwache angehalten, und man ſagte mir, daß ich zwanzig Kreuzer zu bezahlen haͤtte, nicht etwa fuͤr die Ausbeſſerung der Straſſen, ſondern als einen Soll. Auch lud man mich ein, der Schildwache bis in dem Schloſſe zu folgen, wohin man durch eine ſteile und ſehr ermuͤdende ſteinerne Treppe aufwaͤrts ſteigt. Ich wurde zu dem Gouverneur gefuͤhrt, der mich, und meine Paͤſſe unterſuchte. Er empfing mich auf eine artige und freundliche Weiſe. Nachdem er ſich nach meiner Geſundheit erkundiget, wie wenn ich wirklich die Peſt gehabt haͤtte, druͤckte er mir ſein Bedauern daruͤber aus, daß ich eine ſo lange Qua⸗ rantaͤne haͤtte ausſtehen mäſſen. Waͤhrend er metne Paͤſſe durchſah, ging ich im Schloſſe herum. Auf der einen Seite liegt es auf der Spitze eines ungeheuern Felſens, und iſt durch Kanonen befeſtiget, die das enge Thal zu ſeinen Fuͤßen beſchuͤtzen; auf der andern Seite beherrſcht es ein bedeutendes Thal, und die Ebenen Siebenbuͤrgens, welche au den Gebir⸗ sen anfangen oder endigen. Das Schloß iſt durch eine Niederlage, welche die Tuͤrken erlitten, merk⸗ würdig geworden. Nachdem ſie naͤmlich Mathias 74. Vd. Tärkei. IV. 2. 6 21⁰ Corvinus, Koͤnig von Ungarn, aus Siebenbuͤr⸗ gen verjagt hatte, zogen ſie ſich durch dieſen Paß zu⸗ ruͤck, wobei ſie auf das hartnaͤckiaſte verfolgt wurden. Der Eingang zu dieſem Thale war durch die Fluͤcht⸗ Uinge vollgeſtopft, wovon ein großer Theil die An⸗ hohe beſtieg, auf welcher jetzt Rothenthurm liegt. Unter der ungeheuern Menge Soldaten, Pferde und Munitions Karren brach der Thum zuſammen und erſchlug, nach der Seite des Olt zu fallend, alle die, welche den Paß an dem Fuße des Gebuͤrges ver⸗ theidigten. Sobald wir wieder meinen Karren beſticgen hat⸗ ten, gingen wir einen engen Fußpfad aufwärts bis zu dem Dorfe, welches an dem Fuße der Stadt lag. Nachdem wir durch dasſelbe gefahren, gelangten wir zu einer großen Menge Hütten, deren unterer Theil in die Erde gegraben war, und welche eine Art von Vorſtadt bildeten. Dieſe Huͤtten wurden von Zigen⸗ nern bewohnt, die des herumirrenden Lebens muͤde, ſich an dieſem Orte niedergelaſſen hatten. Dort ver⸗ ließ mich auch meine Reiſegefaͤhrtin und ihr Kind. Zum erſtenmale in meinem Leben hatte ich mit einer Zigeunerin eine Reiſe gemacht, und ich glaubte auch⸗ daß ſie, nach dem Gebrauche ihres Stammes, mir aus der Hand wahrſagen wuͤrde; allein es war eine gute Frau und gute Mutter. Bevor ich noch abreiste, kehrte ſie mit mehrern ihrer Verwandten zuruͤck, um mir zu danken, und von mir Abſchied zu vehmen⸗ 211 Ich befand mich jetzt in dem Lande, wo ſich dieſe auſſerordeutlichen Weſen in großer Anzahl befinden, und wo ſie auch zuerſt wahrgenommen wurden; denn um das Jahr 1408s zeigten ſie ſich znerſt in Ungarn und Boͤhmen. Gegenwaͤrtig ſchaͤtzt man ihre Zahl auf 222,000 in der Moldau, Wallachei und Stebenbuͤrgen. Wie die Juden, haben ſie beſtimmte und unverkenn⸗ bare Merkzeichen an ſich: tiefe Augen, braune Ge⸗ ſichtsfarbe und ſchwarze Haare; einen ſtarken Abſchen vor Arbeit, und eine große Neigung zu kleinen Die⸗ bereien. Sie bekennen ſich noch zu keiner Religion, obwohl ſie meiſtens den griechiſchen Religionsgebraͤu⸗ chen folgen, wovon ſie aber eine ſehr unvollkommene Kenntniß haben. Ihre Kinder taufen ſie meiſ ſelbſt, und zwar in einem oͤffentlichen Hauſe und in der Mitte ganz gemeiner und unanſtaͤndiger Umgebungen. Auch ſchließen ſie Ehebuͤndniſſe, ehe ſie noch mann⸗ bar ſind, und geben ſie nach Belieben auf. Daher iſt es auch nicht ſelten, Muͤtter zu ſinden, die Kinder von verſchiedenen Vaͤtern umringen. In einem ge⸗ wiſſen Alter laͤßt man die Knaben ganz nackt gehen, ſelbſt in der ſtrengſten Jahreszeit. Sobald mehrere Familien ſich anſtedeln wollen, errichten ſie eine Huͤtte, die ſie mit ihrem Vieh bewohnen. Die Zigeuner ſind ſehr rachſuͤchtig; oft ſteigt ihre Leidenſchaft bis zur Wuth. Auſſerdem ſind ſie Schwaͤ⸗ ter und Luͤgner. Sie hegen große Achtung gegen einige Familien unter ſich, die ſie Woiwoden nennen, und aus welchen ſie eine Perſon auswaͤhlen, die ſie Haͤuptling nennen. Sie tragen dieſen, ein furchtba⸗ res Geſchrei ausſtoßend, dreimal um ihre Huͤtten herum, und hiedurch erhaͤlt er die Weihe. Dieſs Haͤuptlinge genießen einige Freiheiten, worauf dis ſiebenburgiſchen Zigeuner ſehr ſtolz ſind. Auſſer ihrer allgemeinen Verſchlechterung haben ſie Grade von Ehrloſigkeit. Einige ſind ſo boshaft, daß ſie allgemein als verſtoßen betrachtet werden. Unter dieſen ſucht man auch die Henkersknechte aus, und dieſe erfuͤllen ihr ſchaͤndendes Gewerbe mit Vergnügen, erfinden nene Marterwerkzeuge, und ergoͤtzen ſich daran, ihren Schlachtopfern eine vollſtaͤndige Beſchreibung von der Todesſtrafe zu entwerfen, die ſie zu erdulden haben. 2 Gewoͤhnlich friſten ſie ihr Leben durch die Verferti⸗ gung eiſerner Geraͤthſchaften, Pulverhörner, Körbe K. Auch braucht man ſie in der Wallachei zur Aufſuchung des Goldes in dem Olt, und in andern Fluͤſſen. Von der Natur mit einem feinen Gehoͤr begabt, ſind ſie zur Muſik, die ſie lieben, ſehr geſchickt. Faſt alle Muſikanten dieſes Landes ſind Zigeuner; am meiſten zeichnen ſie ſich auf Blasinſtrumenten aus. Ich habe ſte oft gehoͤrt, und immer mit großem Vergnuͤgen. Ihre Sprache iſt ein Gemiſch von Bulgariſchen, Un⸗ gariſchen und Arabiſchen Woͤrtern, und andern orien⸗ taliſchen Dialekten. So wie ich aus den Gebirgen herauskam, betrat ich die Ebenen Siebenbuͤrgens. Rechts floß der 21¹3 Dlt, und man bemerkte hinter dieſem Fluſſe einige von den hoͤchſten Karpathen. Am Fuße lagen einige Doͤrfer, und auf jeder Erhohung, die das Erdreich darbot, ſtand auch eine Kirche. Wir kamen durch mehrere Doͤrfer, die nicht mehr ſo zerſtreut waren, wie in der Wallachei; ſie hatten im Gegentheile ſehr regelmaͤßige Straſſen, die Wohnungen waren aus Holz gezimmert, mit Gyps und Moͤrtel beworfen, ſo daß ſie huͤbſch ausſahen. Die Fenſterrahmen waren mit einem in Del getraͤnkten Papier verſehen; zu jedem Hauſe gehoͤrte eine ſchoͤne und große Maierei. Die Wagen werden nicht mehr durch Dchſen oder Buͤffel gezogen, ſondern durch ein Geſpann von 6 Pfer⸗ den. Nach einem halbſtuͤndigen Marſche langten wir an dem Fuße eines bohen Berges an, auf deſſen Gipfel wir ein Schloß in Truͤmmern wahrnahmen. Es iſt eines von den zahlreichen Schloͤſſern, die in die em Lande vor ungefaͤhr 400 Jahren von den Tem⸗ pelherrn erbaut wurden. Bald darauf erblickten wir die Thuͤrme von Herrmanſtadt, und um Mitter⸗ nacht betraten wir dieſen Ort durch ein mit ſehr hohen Mauern umſchloſſenes Thor. Vergebens machte ich mich den Leuten in der Herberge verſtaͤndlich; ſie verſtanden nur Ungariſch. Ich ließ mich zu Herrn Popp, einen gebornen Gris⸗ gen fuͤhren, an den ich Briefe hatte. Er empfing mich mit der groͤßten Hoͤflichkeit, und ftellte mich ſei⸗ ner Familie vor, die zu meinem Exſtaunen ſehr ge⸗ 2¹⁴ läufig engliſch ſprach. Herr Popp iſt einer der Un⸗ terrichtetſten unter den neuern Griechen, er hat eine ſchoͤne Bibliothek in allen Sprachen, und des Abends verſammelt ſich bei ihm die beſte Geſellſchaft in Herrmanſtadt. Am andern Morgen weckte mich ein Mann, noch ehe es Tag war. Er hielt ein Glas in der Hand und ſagte zu mir: Visne Schnaps, Domine?— Erfreut⸗ eine Sprache zu vernehmen, in der ich mich verſtaͤnd⸗ lich machen konnte, fragte ich ihn; Quid est Schnaps?— Er antwortete mir: Schnaps, Do- mine! est res maxime necessaria omnibus homini- bus omni mane.— Ich war erfreut, daß ich nun mehrere Leute fand, die Latein ſprachen, und jwar ſolches, wie man es bei uns in Schulen ſpricht. Dieß iſt die erſte Sprache, die ein Kind darin lernen muß⸗ und dieß iſt auch in der That ſehr noͤthig; denn latei⸗ niſch ſind alle öffentlichen Verordnungen heſchrieben⸗ und es iſt auch die Sprache, die man bei Geſchaͤften braucht. Die Bauern bedienen ſich großer Karten, um ihre Erieugniſſe aus Siebenbuͤrgen duſch Ungarn bis nach Wien fortzuſchaffen. Da ihr Fuhrwerk nie ganz voll iſt, ſo findet man darin immer noch einen Platz fuͤr einen ſehr maͤßigen Preis. Ich traf einen⸗ der nur zur Haͤlfte angefuͤllt war, und miethete ihn. Es war ein ungeheurer Ruͤſtwasen, der mit einem Binſen⸗ oder Stroh⸗Dach bedeckt war, von 10 Pfer⸗ 215 den getogen, und von drei Wallachiſchen Bauern ge⸗ fuͤhrt wurde. Mein Gepaͤck wurde hinterwaͤrts gelegt, und wir befanden uns vorn in einer Art von Stuvel, in der man ſich ſetzen, legen, oder auch wohl auf⸗ recht ſtehen konnte. Herrmanſtadt zaͤhlt etwa 2600 Haͤuſer und 40,000 Einwohner, welche groͤßtenthetls Sachſen und Lutheraner ſind. Es gibt aber auch daſelbſt Wallachen, Griechen und Katholiken, die vollkommene Religions⸗ freiheit genießen. Die Bibliothek, von Freiherrn von Brockenthal gegruͤndet, hat 13,000 Baͤnde, und die Einwohner zeigen viel Geſchmack an Literatur. Doch hat die Reglerung eine ürenge Cenſur einge⸗ fuͤhrt, wodurch die beſten Buͤcher verboten wurden. In der Naͤhe, noͤrdlich von Herrmanſtadt, entdeckte man vor Kurzem einen roͤmiſchen Bergbau⸗ Das Haus des Münzmeiſters iſt eben ſo gut erhalten, als die vom Herkulanum. Es iſt mit Steinen von verſchiedenen Farben gepflaſtert, und mit ſehr gut erhaltenen Bildſaͤulen verziert. In mehrern Stuben fand man Urnen voll Goldſtucke. Wir gingen durch das nordoͤſtliche Thor aus H err⸗ manſtadt, und betraten ſogleich ein reiches, wohl⸗ angebautes und velkreiches Land, welches fruͤher eine ſͤchſiſche Heptarchie war. Dieſer Theil von Sie⸗ benbuͤrgen wird vom einem Volke bewohnt, wel⸗ ches durch Sprache, Sitten und Aeußeres gar ſehr von denen verſchieden iſt, die es umgeben. Einer der 2¹6 außerordentlichen umſtaͤnde, welche die Lage der Sach⸗ ſen betreffen, iſt der geheimnißvolle Schleier, der ihren urſprung und die Zeit bedeckt. Sie ſollen von den Sachſen abſtammen, die Karl der Große aus Nord⸗ Deutſchland dorthin verpflanzte; nach andern von den Saei, einem alten, Daciſchen Volke. Die ſaͤchſiſche Heptarchie beſteht aus ſieben, mit einer großen Anzahl Doͤrfer umgebenen Hauptſtädten⸗ In den Städten wohnen die beſſern Klaſſen des Lan⸗ des, die weder Edelleute noch Unterthanen, ſondern Halbadeliche ſind; in den Doͤrfern findet man faſt lauter Proteſtanten. Ueber allen Hausthuͤren liest man einen religioͤſen Denkſpiuch. Man ſieht weder Huͤtten noch Paläſte, ſondern Haͤuſer, welche Wohl⸗ ſtand verkuͤnden. Die Landleute ſind Eigenthuͤmer des Bodens, den ſie bebauen, und wobei ſie viele Freiheiten genießen. Nur kleine Steine bezeichnen die Graͤnze ihres Eigenthums. Nicht gar weit von Herrmanſtadt gelangten wir nach Chriſtiana. Dieß iſt ein ſehr bevoͤlkertes Dorf, in der Mitte einer fruchtbaren Ebene. Spaͤter erreichten wir Saleſti, von Waldungen umgeben. Erſt in der Nacht kamen wir nach Muͤhlenbach⸗ wo wir durch ein eingeſtuͤrztes, ehemals befeſtigtes Thor einwanderten. Man pflegt hier zu Lande neue Thore neben den verfallenen zu errichten, und dieſe als Andenken ſtehen zu laſen. Dieſer Ort war die Hauptuiederlaſſung der Sachſen, und zählt jetzt fal 217 15,000 Einwohner, liegt in einer Ebene, und iſt mit Mauern umgeben. Wir verließen Muͤllenbach um 7 Uhr Mor⸗ gens, und fuhren dann wieder durch ein ebenes, rei⸗ ches und bevoͤlkertes Land, von Menſchen mit ern⸗ ſem, ſtolzem Blicke bewohnt. Um 9 Uhr langten wir an den ufern des ſchoͤnen Fluſſes Maroſch an, und fruͤhſtuͤckten darauf in einem Gaſthofe des Dorfes Szosvaros. In einem Zimmer befanden ſich zwei Ungarn, die Billard ſpielten, und in einem andern zwet Zigeuner, die ein Duett auf der Clarinette blie ſen.. Als wir hierauf an dem ufer des Fluſſes fort⸗ reisten, kamen wir nach Deva, wo wir uͤbernachteten, und am andern Morgen zogen wir auf einer reichen Ebene weiter fort. Am Ende fanden wir einen un⸗ uͤberſteiglichen Wall von Bergen. Wir folgten jedoch dem Laufe des Fluſſes, der ſich mitten hindurch Babn gemacht hatte, und kamen mit ihm durch den Paß⸗ dann zu der huͤbſchen Stadt Broniska. Die Lage derſelben gab uns den Anblick von laͤndlichem Gluͤck. Ihre gutgebauten Haͤuſer ſtanden in einer ſchoͤnen, mit vielen Baͤumen beſchatteten Wieſe, an den Ufern eines breiten, ruhig dahin rollenden Fluſſes. Die Straße fuͤhrt von dort uͤber ein Vorgebirg, und nach zehn Stunden zu der Stadt Eleu, welche ſich eben ſo huͤbſch ausnimmt. Nach einem Narſche von zwei Stunden kamen wir zu einem Punkte, von 218 wo zwei Landſtraßen nach Wien fuͤhrten. Wir zogen diejenige vor, welche uns die kuͤrzeſte ſchien, und nachdem wir bald darauf uͤber den Maroſch geſetzt batten, befanden wir uns auf ungartſchem Boden. Unterchaltung gewaͤhrte uns nun zu Radna das Kloſter der Franziskaner mit dem Wunder wirken ſol⸗ lenden Marienbild. Wir verlangten die Bibliothek zu ſechen; aber der Moͤnch, welcher uns herumfuͤhrte, ſagte, daß ſie nur ein einziges Buch beſaͤßen, nicht die Bibel, ſondern die Beſchreibung der vielen Wunder, welche hier geſchehen ſeyn ſollen. In Peſth fiel uns beſonders die von Kaiſer Joſeph erbaute Kaſerne auf, welche 18,000 Mann enthalten kann. Sie gleicht einer Feſtung. In Dfen ſind mit Recht die oͤffentli⸗ chen Baͤder berühmt, die ſchoͤnſten in der Welt. Nachdem wir weiter durch Weibenberg und Chrunsburg gekommen waren, wobei wir Preß⸗ burg zur Rechten liegen ließen, gelangten wir an das ufer der Leitha, welche die Graͤnze zwiſchen Ungarn und Deſterreich bildet. Bald merkten wir aus einem andern Umſtande, daß wir uber die Graͤnze ge⸗ kommen waren. Wir wurden naͤmlich mitten auf der Straße von Zollbeamten angehalten, die uns ſtreng viſitirten; dieß geſchah uns oͤfter, bis wir Wien erreichten. 2 Von Wien begaben wir uns nach München, wo ich Gelegenheit hatte zu bemerken, daß man viel Antheil an der Sache der Griechen nahm; und von 2¹19 dort uͤber Augsburg nach Frankfurt und Mainz, wo mich ein Schiff aufnahm, das mich auf dem ſchoͤ⸗ nen Rhein⸗Fluß in das Meer fuͤhrte, uͤber welches ich nach England fuhr, das ich nach einer fuͤnfmonat⸗ lichen Reiſe durch einige der anziehendſten Gegenden Europa's glucklich wieder erreichte. Konſtantinopel im Jahre 1831. De Dömanen ſind in unſern Augen ein Volk, das ſich in einem hoͤchſt ſchwankenden Zuſtande beſin⸗ det, da es kein Vertrauen mehr in ſeine Kraft ſetzt; ein Volk„das auf der einen Seite durch die Gebote einer Religion, die zugleich die ganze geſellſchaftliche Drganiſation ausmacht, zu ſehr beſchraͤnkt iſt, als daß es einen gewaltſamen Uebergang zu einem neuen Sy⸗ ſteme wagen ſollte, und ſich doch auf der andern Seile bereite zu ſehr von den Vorſchriften des Korans ent⸗ fernte, um ferner Einheit des Handelns und jenen Fanatismus aus ihm zu ſchoͤpfen, der es ſo lange Zeit bindurch zum Siege fuͤhrte. Sie blieben zuruͤck, da ſie nur Schritt vor Schritt vorwaͤrts gehen, waͤhrend Europa in ſchuellem Laufe die Bahn der Civiliſation durchfliegt. Seit den Zeiten Friedrichs des Großen, bat die ungeſchickte Politik Frankreichs ſie von allen Haupt⸗ und Staatsaktivnen autgeſchloſſen; lange ſchyn haben 221 ſie keinen Antheil an den Kriegen der uͤbrigen Maͤchte genommen, und jetzt ſtehen ſie in keinem Gleichge⸗ wichte mehr zu den Voͤlkern, die ſie einſt beſiegten. Sie bewegen ſich fuͤr ſich in ihrem Syſteme, muͤſſen aber dabet fuͤrchten, daß ſie auf ein feſter begründe⸗ tes Gantes ſtoßen, an dem ſie mit ihrer Revolution ſcheitern. pp Mit der Diplomatie, die nicht im Großen ſchafft, die nur ausbeſſert und nichts baut, werden ſie noch lange ihre faulende Gaͤhrung bekaͤmpfen; allein von dem Augenblicke an, wo man ernſtlich daran denken wird, Europa nach einem neuen Plane umzugeſtalten, unſre unfoͤrmlichen Staaten zurecht zu ſchneiden und unſte unnatuͤrlichen Graͤnzen zu berichtigen; von dem Augenblicke an, wo wir im Stande ſeyn werden, die Zukunft der Menſchheit zu beſchleunigen, werden wir vielleicht der Politik eine andere Richtung geben und dann, ſtatt das tuͤrkiſche Staatsgebaͤude uͤbertuͤnchen iu helfen, werden wir es vielmehr auf eine oder die andere Art zertruͤmmern. Dieſes Reich beſteht, wie bei den Alten, noch ans unverarbeiteten Stoffen; die Kraͤfte ſind entweder vereinzelt oder gehen verloren;*) es beſteht aus meh⸗ —————— * Die Maſſe der in Umlauf befindlichen Fdeen, die perſonliche Tapferkeit, der Werth des Le⸗ bens ſind hier weit geringer, als in den eivi⸗ liſirten Laͤndern; ein Menſch kann immer duſch 222 reren Voͤlkerſchaften, Kaſten, Sklaven, Leibeigenen, aus einer Thevkratie, einem militaͤriſchen Deſpotisinus; die Frau iſt da nur eine Sache, ein Geraͤthe, ſie iſt ganz außer der Geſellſchaft. Das Centraliſationsſy⸗ ſtem iſt das faſt allein herrſchende. Allerdings hat der Sultan, um dem Staate einen feſiern Halt zu geben, die meiſten der großen Lehen⸗ trager des Reichs unterworfen; die Hertſchaft uͤber ſeine Unterthanen iſt unmittelbarer und minder abhaͤn⸗ gig geworden; durch die Aufloͤſung der Jauitſcharen wurde ſeiner Militaͤrmacht das Prinzip der Subordi⸗ nation eingefloßt; das Volk iſt entwaffnet. Meinet Meinung nach war die Trennung Griechenlands ein Nutzen fuͤr das turkiſche Reich, denn es hat dadurch einen Herd der Anarchie weniger, und ſelbſt Albanien⸗ das ſich im Aufſtande befindet, waͤre kein Verluſt. Sind die Osmanen dem europaͤiſchen Syſtem unnütz oder ſchaͤdlich, ſo iſt kein Zweifel, daß ſie nach Aſien zuruͤckgedraͤngt werden; kann ſich hingegen ihre Exi⸗ ſtenz mit der unſrigen verſchmelzen, ſo wird ihr Un⸗ ſtern, oder das, was man ſo nennt, zu ihrer kuͤnftigen Große beitragen, denn er wird neue Kräfte in ihnen einen andern erſetzt werden, der Vezier und der Kraͤmer gleichen ſich. Todten, einkerkern iſt uut eine Verminderung der Einbeiten. Es gibt keine Zehner. Die Abſchaffung der Todesſtrafe wird die Fortſchritte des Menſchengeſchlechts beurkundeſ⸗ 3 223 entwickeln, um ſich auf gleiche Hoͤhe mit uns ju ſiellen. Das gegenwaͤrtige Verhoͤltniß der Raya's iſt ein großes Hinderniß; um ihm eine vollſtaͤndige Geſtaltung zu geben, muͤßte der Koran auf eine freiſinnigere Art erklaͤrt werden, wie zur Zeit der Kaliphen von Spa⸗ nien oder Bagdad, wo die Kuͤnſte und Wiſſenſchaften unter den Haͤnden der Moslemin bluͤhten. Bis dahin wird jede Reform nur Stuckwerk ſeyn; denn die ſchis⸗ matiſchen und katholiſchen Armenier, dann die Grie⸗ chen und Juden ſind lauter Volker, denen die Politik des Serails nur darum geſtattet, ſich nach und nach zu bereichern, um ſie dann nach Belieben wieder zu vluͤndern. Von einem großen Theile menſchlicher Thaͤ⸗ tigkeit ausgeſchloſſen, immer unter Vormundſchaft und beargwohnt, dienen ſie nur als eine Art von Beute. Ihr Einfluß auf die Regterung iſt nie unmit⸗ telbar, ſondern immer haben ſie dabei einen kaufmaͤn⸗ niſchen oft feindlichen Zweck im Auge; daher iſt auch ihr Gewerbſteiß ſchuͤchtern, ohne große Huͤlfsmittel, und kraͤmerhaft. Bei großen Kriſen btingen ſie Un⸗ Kluͤck, in den letztern Zeiten hat man die aſtatiſchen Armenier den Kavalleriekorps des General Paskewitſch kieferungen zufuͤhren ſehen; die Griechen und Bul⸗ gaten wanderten haufenweiſe nach den ruſſiſchen Pro⸗ binzen aus, und die Raya's in Konſtantinopel dienten en Fremden als Agenten, und erkauften mit dem 24 Gold einer benachbarten Macht die Geheimniſſe und die Stimmen des Divans.* ungluͤcklicherweiſe ſtehen die Ulemas, Rechtsge⸗ lehrte, denen in der Tuͤrkei die Aufrechthaltung der geſellſchaftlichen Ordnung auvertraut iſt, noch in gro⸗ ßem Anſehen; die Einwilligung des Mufti iſt noch immer eine gewichtige Formalitaͤt, und der Großhen traͤgt, wie ich glaube, ihm zu Gefallen den Kopf noch immer glattgeſchoren. Se. Hoheit wagt ſogar nicht mehr nach dem großen Serail zuruͤckzukehren, aus Furcht wieder unter das Joch der religioͤſen Etikette zu gerathen, taͤglich die graͤßlichen Blicke der Eunu⸗ chen ertragen zu muͤſſen, und von dem Aufſeber des Harems ſeine Pantoffeln umkehren zu ſehen, wenn er fich laͤnger als eine Stunde bei einer ſeiner Frauen ver⸗ geſſen ſobte. Um ſich von dieſer Formlichkeit einen Begriff zu machen, muß man wiſſen, daß die Veraͤn⸗ derung ſeiner Kleidung eine Revolution veranlaßte, und daß fuͤr einen Ulema zwiſchen dem Feſſi und dem Curban der naͤmliche Unterſchied iſt, als fuͤr uns zwi⸗ ſchen Luthers Reformation und dem Katholieismus. Mitten in dieſer theokratiſchen Kombination nimmt die Militaͤrverwaltung ihre Stelle ein. Das tuͤrkiſche Reich iſt ein Lager; ſeine Provinzen haben ihre Rot⸗ ſchweife(Sandſchaks) und die Bevolkerung wird vff⸗ ziell in einen rechten und linken Fluͤgel eingetheilt, die immer bereit ſind, ſich im Centrum Konſtantino⸗ pel zu ſammeln. Die Paſcha's ſind die Senerale det 35 Armee; ſie ſprechen ein Todesurtheil ohne weitere Berathung, als ob ſie im Felde waren, und der Sul⸗ tan befehligt das Ganze. Gegenwaͤrtig ſind die religioſe und die Militaͤr⸗ verwaltung mit einander im Kampfez die religioͤſe, der man die großen Thaten der Vorzeit verdankt, iſt ietzt nicht viel mehr als ein Wirrwart. Unter den Sultanen, welche die Provinzen des ſinkenden roͤmiſchen Reichs eroberten, waren mehrere, die recht gut Latein verſtanden, und den Homer und 8 die Bibel laſen. Die Politik Suleimans des Großen war minder fanatiſch als die Franz 1; an der Seite der Moſcheen verrichteten die Prieſter mit voller Freiheit den Dienſt ihrer Kirche in der Kapelle, und der griechiſche Moͤnch baute ſein Kloſter auf dem näͤmlichen Berge, wo der Derwiſch die Lampen ſeines Leke anzundete. Selbſt ietzt noch geht die katholiſche Prozeſſion unter dem Gelaute der Glocken ehrfurchts⸗ voll von turkiſchen Wachen begleitet durch die Straßen von Pera, und die Muſelmänner haben dem heiligen Grab und dem Delberg ihre Heiligkeit gelaſſen. Bis zu Luthers Reformation ſtanden die Chriſten vielleicht weit unter den Bekennern Mohammed's; die Heere der letztern hielten Europa lange Zeit im Schach. Die Leppiche von Smyrna, die reichen Stoffe von Bruſſa, die angeriſche Wolle und die damascener Waffen, waren der Luxus unſter Hoͤfe und Schlöſſer. Im ganzen Morgenlande ſah man 74. Pd. Türkei, IV. 2, 7 fromme Stiftungen entſtehen, Woſcheen mit ihren Bibliotheken, Schulen, Verpflegungshaͤuſer, Khans mit ſchweren Steinpfeilern, Karawanſerais mit ori⸗ entaliſchen Arkaden und chineſiſchen Kivsks. Auf einem wenig beſuchten Fußpfad mitten im Wald ſieß der Wanderer oft, freudig uͤberraſcht, auf einen Springbrunnen, deſſen Marmorbecken mit goldenen und azurnen Verzierungen prangten, und den irgend eine fromme Sultanin dem Propheten geweiht hatte. Die Ruheſtaͤtte der Todten war von Cypreſſen und die der Lebenden von Platanen beſchattet. Tanz, Muſik und Geſang wurden von den Derwiſchen geuͤbt, deren zarte Gemaͤlde auf Stoffen man bewunderte. Die mohammedaniſche Religion hatte bei allen Lebensverhaͤltniſſen die Hand im Spiele, man mochte nun im Mai den Pelzrock gegen das Sommerkleid vertauſchen, oder in den Krieg zichen, oder zur Zeit der Noth, wie es das Geſetz vorſchreibt, nur ſechs Schuͤſſeln auf dem Tiſch haben. Dieſe Religion wat ein geiſtiges und materielles Syſtem wie der St. Si⸗ monismus; ſie vereinigte unter ſich alle Kraͤfte des Menſchen. Die Dienſtbarkeit ſchloß keineswegs eine ganze Klaſſe von der politiſchen Ordnung ausz des Sklave, der am Abend tief gebuͤckt dem Vetier die Pfeife und das Liſchchen brachte, war oft am andem Morgen mit einem Ehrenkaſtan bekleidet und ſah ſeinen Herrn an der Thür ſeines Konak(Haus) Wal⸗ ſermelonen feil haben; Rechte gab die Geburt nur auf 227 den Thron. Dieſe ganze religiöſe Lebensordnung wird ohne Zweifel auch von den heutigen Tuͤrken noch beobachtet, doch weit oberflaͤchlicher und minder ſtreng. Die Janitſcharen, eine militariſche Verbrůderung, veranlaßten Spaltungen in der geſellſchaftlichen Thä⸗ tigkeit, verwieſen den Sultan ins Innere ſeines Ha⸗ rems und erhielten ihren Familien den beſtaͤndigen Beſitz der Lehen(Timars), die nun nicht mehr der Lohn der Tapferkeit und des Verdienſtes waren. Eine ſchwankende Toleranz gegen die Chriſten, die bald durch Gelderpreſſungen und Konfikationen verletzt wurde, bald wieder die Schulen von Chio und Tſchesmeh beſchuͤtzte, hat nicht wenig dazu beigetra⸗ Len, die Einheit des Staates zu vernichten Die Luͤrken, die in ihren europaͤiſchen Beſitzungen hoch⸗ ſtens ein Drittheil, und in ihren aſtatiſchen etwa dret Viertel der Bevoͤlkerung ausmachen, verlieren ſich unter den vier bis fünf Millionen in dem Umkreiſe ibres großen Reiches*). Die Kurden, großtentheils Yeidis, oder Anbeter des boͤſen Geiſes, und die Tur⸗ komanen ſind der Krebsſchaden Anatoliens, wo man oft 14 bis 23 Stunden reist, ohne die geringſte Kul⸗ tur oder eine andere menſchliche Spur zu treffen, als ein verlaſſenes Kaffeehaus. Die Fůͤrſtenthůmer, Ser⸗ *) Ich glaube, daß ihre Zahl bis jetzt ſehr uͤber⸗ trieben wurde. 2²8 bien, die Kurdenlaͤnder, die Paſchaliks von Syrden, Aegypten, das tuͤrkiſche Albanien gehoͤren nur dem Namen nach zum Reiche. Die Tuͤrken ſind eigentlich nur in Konſtantinopel eine Macht; Alles außerwaͤrts iſt abgeſtorben, Alles ſtuͤrzt zuſammen, wie die Mau⸗ ern ihrer alten Feſtungen. Indeß ſahen wir noch einen Nachklang ihrer alten Kraft im Jahre 1828, wir ſahen ſie die Ruſſen ſchla⸗ gen, wir ſahen in der Schlacht bei Kulaktſcheh, die jungen regulaͤren Truppen das Feuer von drei Batte⸗ rien und die wiederholten Angriffe der ruſſiſchen Rei⸗ terhaufen aushalten, ohne zu weichen und zu wanken. Reihenweiſe bedeckten ſie mit ihren Leichen das Schlachtfeld wie Getreidegarben. Geſtehen muß man aber auch, daß die Tuͤrken, mitten unter der Verworfenheit der Juden, der Traͤg⸗ heit und dem Eigennutze der Armenier und der Spit buͤberei der Griechen, ſich einfachere und unbeflecktere Sitten erhalten haben, als man denken ſollte, denn Betruͤgerei und Diebſtahl ſind unbekannt unter ihnen, und als einſt ein Brudermord begangen wurde, ſtand das Volk beſtuͤrzt, erſtarrt, und der Moͤrder entkam; er hatte ein bisher unbekanntes Verbrechen begangen. Da endlich die Muſelmaͤnner uns praktiſch nicht leicht anders als durch die Intriken und die Verworfenheit der Bevoͤlkerung der Levante, durch ſchlechte Euro⸗ päer, Leute ohne eigentliches Vaterland, ohne Pflicht, folglich auch ohne Treu und Glauben kennen lerntenz 2²9 da ſie gegen die kleinliche Eiferſucht und das gegen⸗ ſeitige Mißtrauen der verſchiedenen Diplomatien zu kämpfen hatten, ſo konnten ſie nur wenig Neigung für Europa fuͤhlen, mußten in Zweifeln und unthaͤ⸗ tigkeit verſunken bleiben, und ſelbſt Frankreichs wohl⸗ gemeinte Abſichten fuͤr Wiederherſtellung des ottoma⸗ niſchen Reichs mißverſtehen. Mahmud, ein Zoͤgling Selims, ein Sultan, der durch die Griechen, die ehemals bei der Pforte angeſtellt waren, zuerſt mit europaiſchen Anſichten vertraut gemacht wurde, zeigt allerdings, daß er die Beduͤrfniſſe ſeines Zeitalters fuͤhlt; aber er kann nicht ſeyn, was Peter der Große war, deſſen Leben er, wie man ſagt, ſudirt hat. Man wird in ihm immer den Luͤrken, den Mann des Serails erkennen. Der Czar war nicht wie er von den Netzen einer Relfgion um⸗ ſrickt, die alle ſeine Schritte hemmte, und die Bil⸗ dung, die er ſeinem Volke gab, hatte er zuerſt ſich ſelbſt angeeignet. An welchem fremden Hofe hat aber Mahmud gelebt? Die Geſellſchaftsoffiziere Sr. Poheit ſind noch aus dem vierzehnten Jahrhundert, aus den ſchoͤnen Zeiten der Alchymie. Einer von ihnen, ein Muſahib, fragte, ob es wahr ſey, daß der Sohn Napoleons eine Schachtel beſitze, in die er ſich legen und die Luͤfte durchſchiffen könne. Junge Griechen und Juden wurden dort wie Frauen erzogen, man unterrichtete ſie in deren Taͤnzen und Liebkoſungen. Die Gunſt war vft der Preſs der männlichen Schoͤn⸗ 280 beit. Das Serail war ein etwas beſſeres Gefaͤngniß, und noch jetzt verlebt der groͤßte Theil der Hoͤflinge ſeine Zeit zu den Fuͤßen ſeines Herrn, oder auf wei⸗ chen Divans; ihre einzige Uebung beſteht darin, daß ſie eine gewiſſe Zahl von Pfeilen nach einem Ziel in ihren Gemaͤchern abſchießen. Uebrigens ſind ſie weder von Luxus noch eleganten Formen umgeben; da gibt es kein Gemälde, keine Buͤcher; nichts was der mate⸗ riellen Richtung ihrer Ideen einen hoͤhern Schwung geben koͤnnte. Da ſind nur nackte Waͤnde, einige Truhen, Saͤbel und Piſtolen trophaͤenartig aufgehan⸗ gen, und ein unbeweglich ſtehender Sklave. Zuweilen ſieht man ſie ſtumpfſinnig mit unbeweglichen Augen durch ein großes Fenſter ſtarren, durch welches ſie die Welt ſtudieren. Auf dem Schreibtiſch des Sultans ſieht man kein Kalem(Feder), kein Blatt Papier; nur wenn die Europaͤer erſcheinen, ſetzt ſich ſogleich der Lelegraph ſeiner Finger in Bewegung; die Spra⸗ che der Stummen gehoͤrt fuͤr Sklaven. Die Teufelsbanner ſind noch uͤblich; die Derwi⸗ ſche kommen ins Serail, um kleine Wachsfiguren zu beſchwoͤren, und Achmet, der Kapudan Paſcha, glaubte, daß ſeine Waſſerſucht von einem Wieſel herruͤhre, das er im Bauch habe. Die Feſtungen am ſchwarzen Meere lagen den Großen der Pforte nur deßhalb ſo ſehr am Herzen, weil ſie ihnen als Niederlagen fuͤr die Sklavinen dienten, die ſie aus Georgien und Cirkaſſen bezogen. Endlich iſt es der Umfreis des 231 1 Palaſtes, wo man die groͤßte Unreinlichkeit erblickt: die Hunde, Geier und Moͤven ſtreiten unter den Hu⸗ fen der Pferde des Sultans um ihre Beute. Noch immer ſieht man an den Thoren des Palaſtes, die Cavas(Scharfrichter), Koͤpfe in Stroh eingemacht, und Saͤcke mit Ohren. Drei Maͤnner haben jetzt großen Einfluß: der Sekretaͤr des Sultans, Muſtapha Effendi, Chosrew Paſcha und Caſſas⸗Artin. Der erſtere iſt ein herrlicher junger Mann, fruͤher Schiffer, der ſich in den Schulen der Moſcheen durch ſeine ſchoͤne Stimme bemerkbar machte; er leitet ſei⸗ nen Herrn, und wird wieder von einem alten fraͤnki⸗ ichen Diener geleitet. Er bemuͤht ſich, wie er ſagt, Handel und Induſtrie emporzubringen, d. h. er ſendet drei bis vier Schiffe fuͤr ſeine Rechnung ins ſchwarze Meer, treibt ein Monopol mit Lebensmitteln, hat einen Pflug und einen Landwirth aus England ver⸗ ſchrieben, und Se. Hoheit und er ſchachern wie Ba⸗ kals Kraͤmer) und halten Schneiderkonferenzen mit einander. Chosrew Paſcha, genannt der hinkende Paſcha, ein eirkaſſiſcher Sklave des Großherrn, ſteht an der Spitze der Militarreform. Er iſt ein kleiner Mann, der mit ſeinem farbigen Geſicht und weißen Backen⸗ Bart ziemlich einem Affen gleicht; ſeine Geſchmeidig⸗ keit hat ihm durch alle Revolutionen des Serails den Kopf zwiſchen den Schultern erhalten. Man halt ihn fuͤr den groͤßten Luͤgner des Reichs. Seine unge⸗ heure Thaͤtigkeit macht, daß man ihn uͤberall ſieht⸗ er verwaltet die Straßenpoltzei und ſpricht im Divan. Er war es, der im Augenblicke der Einnahme von Adrianvpel durch die Ruſſen mit 1600 Mann durch die Straßen von Konſtantinopel zog, und die Ueber⸗ reſte der Janitſcharen in Ordnung hielt. Er will ſeine Truppen ſelbſt in den Waffen uͤben und bezah⸗ len; er ſtahl, ſo zu ſagen, den taktiſchen Lehrmei⸗ ſtern ihre Buͤcher und ſchriftlichen Auffaͤtze, um in der Folge ihres Raths entbehren zu koͤnnen. Dieſe beiden Männer ſind nicht ohne große Ta⸗ lente, aber fur ſie und ihren Herrn muͤßte Mohammed ein neues Wunder thun, um ſie von allen Fehlern ihrer Nation zu reinigen. Der Armenier Caſſas⸗Artin, ein alter Diener der Familie Duz⸗Uglu, zu deren Sturz er mitwirkte, iſt einer der Urheber der Verfolgungen gegen die Ka tholiken; er hat es ſo welt gebracht⸗ das ganze S zu kaufen. In der Mitte die ſes Hofes, den ic nur in eini⸗ gen Zuͤgen darſtellte, arbeitet der Sultan an der Wiedergeburt des Reichs. Er hat bereits angefangen mit den andern Mich⸗ ten Verbindungen anzuknuͤpfen, und zwar nicht meht nach alter barbariſcher Sitte. Vormals als die Tuͤr⸗ ken die Europaͤer nur durch Dragomans kannten, und noch glaubten, es koͤnne gar keine Politik ohne Ju⸗ 233 trike beſtehen, uͤberließen ſie ihre Angelegenheiten den Haͤnden der Griechen, ausgelernten Meiſtern in der Beſtechungskunſt. Erſt ſeit dem Jahre 1524 fangen ſie an, mit eigenen Augen zu ſehen, und ſeit jen Zeit leuchtet auch mehr Aufrichtigkeit und Wuͤrde aus iy⸗ ten Unternehmungen. Noch ſicht man iwar einige Dragomaus, die den Großen der Pforte das Fleid käſſen, oder ſich zu ihren Fütßen werfen; allein die Zeiten ſind voraͤber, wo ein ſolcher Dolmetſcher Ko⸗ vfe und Paſchaliks verkaufte. Man uͤberſetzt unſre militaͤriſchen Reglements und Lheorien, ja ſelbt unſere Geſetbuͤcher. Die Franzo⸗ ſen werden bei den Turken als die Meiſter aller ver⸗ nünftigen Einrichtungen, und Näpoleon als ein lweiter Prophet betrachtet. Junge Muſelmänner wer⸗ den nach Paris geſchickt, und bald wird man in Kon⸗ ſtantinopel Militärſchulen ſeben, die aus den franzs⸗ ſiſchen hervorgingen. Selbſt die franzöſiſche Sprache ſcheint die Hofſprache werden zu wollen. 6 Schon im achttehnten Jahrhundert ward die tur⸗ kiſche Artillerie durch franzoſiſche Agenten verbeſſert, und Bonaparte hatte vom Wöhlfahrtsausſchuſſe die Volmacht erhalten, in türkiſche Dienſte öberutreten. Die Befeſtungen des Bösvorus und der Dardanellen ſnd das Werk framoſiſcher Sngenicurs. Geſundheits⸗ ofiziere der framzoſiſchen Armeen ſind in den türkiſchen Spitülern angeßellt, allein es iſt wahr, daß der Un⸗ 234 terticht in der Arzneikunde einem uhgitiſchen — Die Verwaltung der Finanzen hat bedeutende Vetteſſerungen etfahren; Einnahme und Ausgabe ſi ſind einer Lettennten Verwaltung und einer Kontrole un⸗ terſbptfen worden. Es iſt dem Sultan auch gelungen, den Geſchaͤftsſiyl der Effendi's zu aͤndern; der, zu dem er die PVorſchritt ſelbſt entworfen hat/ iſt einfacher und beſimmter⸗ Die türkiſche Kanzlei wird ihre Terminologie behalten; der vrientaliſche Schwultt iſt worden. Die militäriſche Reform ſchreitet, von franzoͤſiſchen Rathſchlaägen unterſtuͤtzt, vorwaͤrts, nimmt aber den⸗ noch zuweilen einen indiſchen Charakter an. Die Tuͤrken glauben die Weisheit gleichſam an der Thůte erhorchen zu wolen, ſie verlangen den Erfolg auf der Stelle. Im Anfange glaubten ſi ſie, daß einige Unter⸗ redungen mit franzoſiſchen Dffizieren hinreichten, um eine neue Armee zu ſchäffen, und ſie verſuchten mit Huͤlfe des einzigen Unterlieutenants Gaillard ſechzig Bataillons Jufanterie zu organiſiren. Uebrigens ſchla⸗ ſen die Soldaten in ihren Uniformen, die Pferde in ihrem Geſchirr, und die Aaneshetwaltuns koſtet zwei Drittel mebr als in Frankreich⸗ 16 Im Jahr 1826 ſah man in Konſtantinopel noch eine ernſte, majeſtaͤtiſche, mit Kaſchmirſhawls, Gold⸗ ſtoffen und prachtvollen Waffen bedeckte Bevoͤlkerung⸗ 235 der Effendi, der Vezier, unter ihren eslinderformigen Turbanen und pytamidenfoͤrmigen Muͤtzen hatten große iwpoſante Geſichtszuͤge; bald ſah man ſie auf Tepi⸗ cben oder Divans den langen, bis auf die Bruſt her⸗ abdaͤngenden Bart ſtreichen, bald auf einem arabiſchen Renner, deſſen vergoldete Zuͤgel ein Stulmeiſter hielt, langſamen Schritts wie in einem Triumphzug durch die Straßen reiten. Hier gingen Janitſcharen voruͤber, die als Kopfbedeckung den Aermel Beſchik⸗ taſchs, ihres Patrons, trugen; dort aſiatiſche Ban⸗ den mit ihren langen Luntenflinten, deren grobe Kolben mit der Axt zugehauen waren. Der Drient ſand noch da in der bunten Pracht ſeiner Gewaͤnder wie zu erxes Zeiten. Vormals war der Franke de⸗ muͤthig, er zitterte vor den Hunden und den Schuͤ⸗ lern der Moſcheen, und wenn die berühmten Mlaw⸗ keſel mit ihren drohenden Loͤffeln voruͤbergetragen wurden, blieb er ehrfurchtsvoll ſtehen und kreuzte die Arme üͤber der Bruſt. Der Rava verlebte jeden Tag in der Furcht, ſeine Boͤrſe oder ſeine Frau mit den Soldaten des Propheten theilen zu mäſſen, die Länge ſeines Kleides und die Größe ſeines Kalpacks waren ihm durch Fermans vorgeſchrieben.. Die Kaffeehaͤuſer hatten damals ihre täglichen Beſuche von Dpiumfreſſern mit ihren Konvulſionen und PVerzuͤckungen; die Pforten des Serails ihre Lrophäenz die Kreuzwege ihre Dpferz man ſah den Bakal mit dem Dhr an die Thuͤre ſeines Ladens ge⸗ 236 nagelt, und die tuͤrkiſche Frau, die ihren Yachmak (Schleier) zu ſehr luftete, oder deren Feredge(Man⸗ tei) zu koſtbar war, in einen Sack geſteckt und ins Meer geworfen. Damals toͤnten in den Straßen die dreiſaitige Lyra, die baskiſche Trommel, der Dudel⸗ ſack, die maͤckernde Klarinette in eintoͤnigen oder klaͤglichen Weiſen, wozu man raunzende Lieder durch die Naſe ſang, der Hamal(Laſttraͤger) ſchritt ernſt mit einem Peſtkranken auf dem Ruͤcken voruͤber, und der Spritzenmann verkaufte Del, oder ſchuͤttete es in's Feuer. Die Majeſtaͤt des Sultans war faſt im⸗ mer hinter den dreifachen Mauern des Serails ver⸗ borgen, und wenn er ſich zeigte, ſo geſchah dieß ent⸗ weder unbekannt, mitten im Volksgedraͤnge, um die Klagen und die Beſchwerden zu hoͤren, und die Strafbaren herauszufinden; oder geheimnißvoll durch die hohen Reiherbuͤſche ſeiner Pagen verſchleiert und daun warfen ſich die Moslimen zur Erde, aus Furcht dem Blitze ſeiner Angen zu begegnen. Heutzutage ſehen die Luͤrken in ihren Feſſis und engen Jacken duͤrftig und mager aus; ihr Gang it eckig und erzwungen, und nur mit dem ſpaniſchen Mantel bekleidet, gewinnen ſie ein edleres Ausſehen. Fndeß hat doch ihre Haltung ſchon um Vieles an Gewandtheit gewonnen, und das Denken wird ſchon hinter den lebendigeren Bewegungen des Koͤr vers herkommen. Die hohen ſammtnen Saͤttel und 237 die tatariſchen Steigbuͤgel ſind abgeſchafft; man ſtu⸗ dirt die Sitten des Franken, der jetzt ſtolz unter ihnen herumgeht, geachtet und beneidet wird, und den Kopf in ſeiner Halsbinde hochtraͤgt. Die Paſchas, die Ridjals(Großen) beſuchen, demuͤthig, verlegen, als lächerliche Kopien unſter Sitten die europäiſchen Cirkel, und berauſchen ſich leicht. Junge Griechen tanzen die Romaika vor dem Sultan, und Saͤngerinnen werden von ihm beſoldet. Unter ſeinen Fenſtern und an der Spitze ſeiner Regi⸗ menter hoͤrt man Roſſiniſche Muſit und die Marſeil⸗ laiſe; Se. Hoheit zeigt ſich in den Palaͤſten der Ge⸗ ſandten und gibt Privataudienzen. Seine Frauen ſind, wenn ſie im Mai ſich auf den Grasplaͤtzen im Thale der ſuͤßen Waſſer ergehen, minder von Waͤchtern um⸗ tingt als ehedem, und die Einfuhr der Verſchnittenen iß jett weit geringer. Die Sklaven haben die Bekeh⸗ lungswuth ibrer Herren nicht mehr zu fürchten, und ein gruͤner Schleier bringt die fraͤnkiſchen Damen letzt nicht mehr in Gefahr, geſteinigt zu werden. Mit einem Wort, der Drient exiſtirt nur noch in unſern Gemaͤlden; jetzt ſieht man ein Volk, welches Kleider und Sirten wechſelt, und das iſ nicht der Lünſige Augenblick, um es zu bewundern; warten wir alſo, bis es ganz europaͤiſch geworden iſ. Zu bemerken iſ noch, daß es in der Lürkei faſt keine andere Kunſt gibt, als die Baukunſt, und daß 238 dieſe nur nach altem Brauch und Herkommen von Baumeiſter und Maurern ausgeuͤbt wird; daß die Literatur nur von den Kaffeehauserzaͤhlern und den Petſchaftſtechern gepflegt wird; daß die ſo heilſame St aßenpoltzei unbekannt iſt; daß, aller Bemuͤhunz Muſtapha Paſcha's ungeachtet, Handel und Gewerle abgeſtorben darnieder liegen; daß die Einfuhr die Aus, fuhr um mehr als ein Zehutheil uberſteigt; daß di Türkei aus Rußland Getraide bezieht, das fruͤher in Ueberſtuß aus Numelien und Macedonien nach den Maͤrkten von Konſrantinopel gefuͤhrt wurde; daß di Herabſetzung des Muͤnzwerthes und das Monopol große Huͤlfsmittel fuͤr die Verwaltung waten; di durch die Taxen, welche auf allen Lebensmitteln laſten, die aber den Ort, wo ſie erzeugt werden, nicht treß fen, die Märkte leer bleiben, und die Conſumtiol vermindert wird; daß der Bergbau vernachlaͤſſigt it und das Fabrikweſen ſtockt; daß der groͤßte Theil da turkiſchen Arbetter ſeit der Aufloͤſung der Janitſchare verſchwunden iſt, und daß endlich die Pforte, ohl eigene Huͤlfsmittel zu beſizen, die Rotbſchildiſc Anleihe, um Rußland zu bezahlen, ausgeſchlagen hal⸗ Laͤßt ſich nun nach allem dieſem von dem Sultin irgend ein thaͤtiges Eingreifen in die europaiſchel Verhältniſſe erwarten? Seine auswaͤrtige Politt war uͤberdieß immer ſebr mittelmäßig und von do Vorurtheilen des mohammedaniſchen Geſetzes bé perrſcht, das Prinzip der Nothwendigkeit war do ——— ———— 239 eniae, das man anerkannte. Mahmud verſtand nicht den Traktaten von London und Adrianvpel auszuwei⸗ chen, was er leicht mittelſt geringer Konreſſionen fur die Griechen gekonnt haͤtte. Es iſt demnach ſecht zu bezweifeln, daß die Pforte, die von Albanien bedroht wird, ſich dazu entſchließen ſollte, ihre Schuld mit Kanonenſchuͤſſen zu bezahlen; ſie hat ſich aufs neue als ruſſiſche Provinz bekannt. Die Militaͤrreform hindert mehr als ſie foͤrdert; das Volk hat keinen Sinn fuͤr neue Einrichtungen, keine Liebe für ſeinen Herrn, und keine Erinnerung an die Vergangenheit; es verlangt nichts als wohlfeilen Reiß. Nach einigen Jahren, wofern denn Europa min⸗ der gedruͤckt ſeyn wird, und ſich nach einem allgemei⸗ nen Plan neu geſtalten will; wenn die Civiliſations⸗ verſuche in der Tuͤrkei Sproſſen getrieben haben wer⸗ den; wenn die Ulemas ſich mit der neuen Ordnung der Dinge verſoͤhnten, wenn der Mufti eine neue Auslegung des Korans geſtattet, wenn, wie ein Fir⸗ man es verkuͤndet, der Raya und der Luͤrke vor dem Geſetze wirklich gleich ſind, dann wird das ottomani⸗ ſche Reich wieder eine wuͤrdige Stelle in der Geſchichte einnehmen, und über Aſien kann von ihm das Licht der Aufklaͤrung ausgehen. So ſind die Lürken, die zuerſt, obgleich minder kuhmvoll als die Polen, das Geheimniß der Schwaͤche Rußlands aufdeckten. Vielleicht find ſie, wenn einſt 2⁴⁰ ihte Vegriffe ſich erweitert haben werden, beſtimmt, die Horden des Nordens in die tatariſchen Steppen zuruͤckzudraͤngen, und zu beweiſen, daß ſie Europa nur durch Ueberfall eroberten. (Aus dem Auslande.) . S