uaurararhhrrrararararrararar rarararararhrhrhr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„ franz. od. engl. 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr, 30 1 5 5 arhrrararrararararrrarararararrrarararararat — 2 —— ſee, n n — TAdONI.NVWSNOO uo ¶X M S— * — Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die Trkei. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von Mehren,„ und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. W. Theil. 1. Bändchen. Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 1 8 3 1. „ Murhard's Beſchreibung von Konſtan⸗ tinopel im Jahr 1800. (Fortſetzung.) Be dem Beginnen des Beiram donnern die Kanonen des Serail, welche an den Geſtaden des Hafens und der Meerenge ſind, wiederhallen zehn⸗ fach in den nahen und fernen Gebirgketten. Allgemei⸗ ner Jubel ergießt ſich nun uͤber alle Klaſſen der Na⸗ tion. Auf den Plaͤtzen, auf den Straßen, an den Kays, auf den Hugeln und Bergen iſt man eifrig be⸗ ſchaͤftigt, Freuden⸗Feuer anzuzuͤnden. Das Gepraſſel der Piſtolen und Buͤchſen laͤßt ſich von allen Orten boͤren; der aͤrmſte Muſelmann tragt ſeine wenigen Para bei. Aller Verkehr und Handel ſteht ſtill, alles überlaßt ſich der Freude, und vergißt Sorgen und Bekmmerniſſe, um die Stunden der Gegenwart zu genießen. Ueberall erblickt man Muſikanten, Poſſen⸗ reiſſer, Springer, Taͤnzer, Gaukler, Taſchenſpieler, Improviſatoren und Komoͤdſanten. Mit Recht nennen die Reiſebeſchreiber den Beiram Karneval der Luͤrken, dies iſt die wahre Fa⸗ ſchingszeit der Muſelmaͤnner. Doch bleibt der aͤchte Muſelmann immer derſelbe, und uͤberlaͤßt dem Poͤbel die Ausbruͤche des Jubels, die lauten und oft aus⸗ ſchweitenden Freuden⸗Bezeugungen, und die rau⸗ ſchenden Ergoͤtzungen. Ausgelaſſen luſtig ſich zu zei⸗ gen, haͤlt der Tuͤrke vom Stande unter ſeiner Wuͤrde; weder Muſik noch Tanz, Schau⸗ und Hczardſpiele, ſondern nur ſtille Vergnuͤgen haben fuͤr ihn Reiz. Die Frauenzimmer genießen waͤhrend des Beiram beſondere Freiheiten. Man ſieht ſie niemals haͤufiger auf den Straßen, oͤffentlichen Plaͤtzen und Spazier⸗ gaͤngen, als in dieſer Epoche, und ſelbſt Vornehme in wohlgeſchmuͤckten Fuhrwerken machen die freudige Stimmung anſchaulich, in welcher man ſich befindet. Die Tuͤrkinnen kommen in dem Beirams⸗Monat, wie die Maͤnner, haͤufiger zuſammen, als in den uͤbrigen, halten zahlreiche Geſellſchaften, begeben ſich nach ver⸗ ſchiedenen Luſtoͤrtern außerhalb der Stadt, oder gehen in den Straßen ſpazieren. Am erſten Tage des Beiram wuͤnſcht jeder, wie bei uns am Neujahr, dem andern viel Gluͤck. Begeg⸗ net ein Luͤrke dem andern, ſo ſagt er zu ihm: Bei⸗ ram bark, welches einen Wunſch zu einem gluͤckli⸗ chen Feſte bedeutet. Freunde und Verwandte uͤber⸗ ſchuͤtten einander mit Segens⸗Wuͤnſchen. Dieß iſt auch die einzige Gelegenbeit, bei welcher allgemeine 7 Sitte iſt, ſich gegenſeitig die Haͤnde zu berühren und die lebhafteſten Gefuͤhle des Herzens gegen einander auszudrücken. Die Muſelmaͤnner ſoͤhnen ſich dann auch allgemein aus; begegnen ſie einander auf den Stra⸗ ßen, ſo reichen ſie einander wechſelweiſe die Haͤnde. Nachdem ſie die Haͤnde ihrer Feinde gekuͤßt haben, ſo heruͤhren ſie damit ihr Haupt.. Die Luͤrken machen ſich am Beiram auch gegen⸗ ſeitig Geſchenke. Die Wohlhabenden ſchicken einan⸗ der reiche Kleider; die aͤrmern Klaſſen der Nation begnuͤgen ſich mit Kleinigkeiten. Auch die Rajas Richt⸗Muhamedaner) der Tuͤrkei muͤſſen ſich nach dieſer Sitte beguemen, und den vornehmſten Türken⸗ mit welchen ſie in Verbindung ſehen, Geſchenke brin⸗ gen, wie dieſes die Europaͤer in Anſehung der Großen der Pforte, und in den Provinzen in Anſehung der Paſcha's und Kadi's beobachten muͤſſen. Außerdem berrſcht bei den Tuͤrken die Gewohnheit, ſich und ihr Haus neu zu kleiden. Daher iſt von einem ſehr Ar⸗ men zum Spruͤchworte geworden:„Er kann ſich im Beiram nicht einmal ein neues Kleid ſchaffen.“ An die Hausthuͤren und Fenſter üellt mman verſchiedene Zierathen; man ſieht mannigfaltige Freuden⸗Beteugungen mit Triumphbogen, Zweigen von Laub, und Blumen⸗Guirlanden auf den Stratßen und Plaͤtzen. Die oͤffentlichen Gebaͤnde, die Bazars⸗ die unzähligen Kaffeehaͤuſer ſind bekraͤnzt, auf den Schiffen Fahnen aufgeſteckt. 8 Der Buiuk Beiram(der große Beiram zum Unterſchiede von einem kleinern, welcher 70 Tage nach⸗ ber gefeiert wird), dauert eigentlich nur einen Sagez nber das Volk verlaͤngert die Zeit der Luſtbarkeit auf drei Tage, und das Herkommen hat dieſen Gebrauch allgemein geheiligt. Der erſte Tag hat allein den Charakter eines Religions⸗Feſtes, und das Beirams⸗ Gebet wird darum nur einmal, naͤmlich eine Stunde nach dem Aufgange der Sonne, am erſten Beitams⸗ Morgen gehalten. Es iſt nach den Vorſchriften des Geſetzes loͤblich, die verordneten Waſchungen mit ſich vorzunehmen. Auf dem Wege nach Hauſe hat jeder die Worte: Allahu⸗bekber! Allaäh⸗u⸗bek⸗ ber!(Großer Sott! Grober Gott!) zu ſich ſelbſt zu ſagen⸗ Am kaiſerlichen Hofe im Serail gehen zugleich am erſten Beiramstage mit der Fruͤhe ſchon die groͤßten Feierlichkeiten vor ſich, denn dieſes iſt die Zeit, zu welcher der Monarch im hoͤchſten Glanze von den ver⸗ ſchiedenen Staatskprys Beſuche annimmt. Man nennt dieſe Zeremonie Muahjedeb; ſie ſndet gegen den Aufgang der Sonne Statt. Alle Große haben ſich dann nach der Reſidenz zu begeben, der Kaiſer ſitzt im Audienz⸗Saale auf dem Throne, umgeben von den vornehmſten Idſch⸗Oglans und Idſch⸗Agaſt, und den angeſehenſten ſchwarzen und weißen Verſchnittenen. Der Mufti kuͤßt zu die⸗ ſer Zeit mit einer tiefen Verbeugung den Sultan auf * 9 die Bruſt, hebt beide Haͤnde gegen den Himmel, und verrichtet ein inbruͤnſtiges Gebet fuͤr das Wohl des Reiches, und fuͤr das Gluͤck ſeiner Majeſtaͤt. Der Großherr legt die Hand auf die Schulter des Mufti, und neigt ein wenig das Haupt, als wolle er ihn um⸗ armen. Nach dem Mufti erſcheinen auch die beiden Kadileskine, der Istambol⸗SEffendiſſi, der Nakil⸗ul⸗Eſchraf, die vornehmſten Mollas und Muſeriß, um das Kleid des Padiſchah unter tauſend Segenswuͤnſchen zu kuͤſſen. Waͤhrend der ganze Hofſtaat mit der groͤßten Pracht ſich in den aͤußerſten Theilen des Serail verſammelt, begibt ſich der Kaiſer nach dem Innern desſelben. Am vierten Thore empfangen ihn die vornehmſten Diener des Harems, und geleiten ihn in den Thron⸗ ſaal. Die Odaliken nebſt den Baſche Kadunen rufen laut:„Glucklich moͤgen die Tage des erhabenen Sultan ſeyn. Dann beruͤhren alle den Pelz ihres Herrn ehrfurchtsvoll mit dem Munde. Selbſt die Sultaninnen verfuͤgen ſich in verſchloſſenen Wagen zum Großherrn. Nachdem ſie dem Kaiſer ihren Gluͤckwunſch gebracht haben, Katten ſie ſich unter ein⸗ ander Beſuche ab. Wenn von da der Sultan in den aͤußern Palaſt geht, uͤberſchuͤtten ihn alle hohe Staats⸗Beamte mit neuen Wuͤnſchen und Huldigungs⸗Bezeugungen. Alle beugen ſich mit einem Knie auf die Erde, und druͤcken ihre Lippen auf den Saum von dem Kleide des Sul⸗ 10 tan. Nach dieſem großen Zeremoniel werden eine Menge Zobel⸗ und Hemelin⸗Pelze, Brokat⸗Klei⸗ der und Kaftane unter die Diener der hohen Pforte vertheilt. Unmittelbar darauf erfolgt der feierliche und pracht⸗ volle Zug des Kaiſers nach der Achmeds⸗Dſchamie. VIII. Zuſtand der Muſik unter den Luͤrken. Der Prophet Arabiens unterſagt den Geſang nebſt allen muſikaliſchen Inſtrumenten ſeinen Anhaͤn⸗ gern mit der groͤßten Strenge:„Die Muſik hoͤren, iſt ſuͤndigen gegen das Geſetz; ſie ſelbſt ſpielen, iſt Sünde gegen die Religion; Vergnuͤgen daran ſinden, Sünde gegen den Glauben, und macht Jeden des Verbrechens des Unglaubens ſchuldig.“ Obwohl es uͤberall Muſiker in den Staͤdten der Levante gibt, ſo ſpielen die Tuͤrken, welche kein Gewerbe mit dieſer Kunſt treiben, faſt nie ſelbſt ein Inſtrument. Gibt ſich hie und da einer mit Muſik ab, ſo ſpielt er nie in Geſellſchaft, oder laͤßt andere zuhoͤren, ſondern allezeit im Innern ſeiner Wohnung. Ein Muſelmann wuͤrde ſich entehren, wenn er in Geſellſchaft ſich auf einem Inſtrumente hoͤren ließ. Die Muſiker in der Luͤrkei, ſie moͤgen nun Luͤr⸗ ken, Araber, Chriſten oder Juden ſeyn, bilden ge⸗ wohnlich Gruppen von 8 bis 10 Perſonen, und fuͤh⸗ ren ihre Konzerte und Symphonien in allen Haͤuſern auf, in welche ſie gerufen werden. 11 Niemand darf aber in ſeinem Hauſe oder in ſei⸗ nem Dienſte irgend einen Saͤnger oder Muſiker unter⸗ halten. Nur dem Monarchen allein iſt dieſe Freiheit geſtattet. Faſt alle Sultane haben zwei Korps Muſi⸗ kanten, eines unter ihren Itſch⸗Aghaſſi's(Serails⸗ Pagen), das andere unter den Sklavinnen des Ha⸗ rem, welche ſowohl den Sultanen als den Kadinen und Sultaninnen dienen muͤſſen. Noch jetzt iſt eine Art von Etikette, daß, wenn der Sultan in den Kiosk's der Serails⸗Gaͤrten Tafel haͤlt, ſein Drche⸗ ſter ihm dahin folgt, und zu jeder Stunde faſt ver⸗ ſchiedene Muſikſtuͤcke auffuͤhrt. Die Inſtrumental⸗Muſik beſteht in einer kriege⸗ riſchen, und iſt eigentlich nur fuͤr das Feld beſtimmt⸗ und in einer minder geraͤuſchvollen, welche mehr fuͤr das Zimmer eingerichtet it. Erſtere iſt ganz erlaubt, letztere findet nur unter den erwaͤhnten Vorſichts⸗ Maßregeln ſtatt. Außer dem Sultane beſitzen auch der Großvezier, der Kapudan Paſcha, die Generale und alle Paſchen der Provinzen ihre eigene militaͤriſche Muſik. Alle ſpielen in den Beirams⸗Feſten, und bei allen oͤffentlichen Freuden⸗Bezeugungen. Niemals hoͤrt man indeſſen Muſik in den Dſcha⸗ mien und Moſcheen, oder bei irgend einer oͤffentlichen Religions⸗Uebung. Hierher gehoͤren aber nicht jene beſondern Zeremonien verſchiedener Derwiſch⸗Drden⸗ welche Muſik bei ihren religioͤſen Taͤnzen zulaſſen; ſie werden nur durch die Nachſicht der Regierung geduldet. Mafibt). Zymbeln(Snuhdſch). 6) Voruh, 12 Die unter den Tuͤrken uͤblichen Inßrumente bei der ſogenannten Friedens⸗Muſik ſind: 1) die arabiſche Geige,(Keman, oder Kamandſchi). 2) Eine Art Violine mit einem Fuße, wie ein Baß gehend,(Abſakli⸗Keman). 3) Eine andere Art Geige, Viola damore(Sineh⸗Keman). 4) Die Derpwiſch⸗ Flöte(Naie oder Nei). 6) Eine Art kleinerer Floͤ⸗ ten, Ghirif, von nicht ſo tiefem Tone als die Nei. 6) Eine dritte Art Floͤte, Evoi, jedoch nicht bei Fonzerten gewoͤhnlich.) Die Zyther(Tanbuhr). mit 8 Saiten. 3) Das Rebab, ein Jußrument in 2 Bogen mit einem kugelähnlichen Koͤrper, jetzt ſelten in der Levante. 9) Das Hakbret Santihr oder Santur). 10) Eine andere Art Hakbret oder Pfal⸗ tercon Ganun). 44) Zwei kleine Pauken(Na⸗ kara). 12) Die Trommel von Basgue(Diff, suweilen Daira oder Daireh. Ein drei Zoll breiter Sirkel mit Schellen). 13) Das Meſkal oder die Pansflote. Dieſe Inſtrumente machen in der That zuſammen kein unangenehmes Konzert, wenn ſich einmal das Ohr erſt etwas an dieſe Art von Muſik gewoͤhnt hat. Die militariſche Muſtk(Mekter Haneh) hat folgende Inſtrumente: 4) Hautbois(Zurnah oder Summer) welche kuͤrzer ſind, als die europͤiſchen, und einen ſchreienden Laut geben. 2) Das Kabah Surnah, ein großer Dbveh. 3) Trompeten 13 eine beſondere Art von Trompeten. 6) Zil, ein mau⸗ riſches Inſtrument, beſtehend aus zwei runden Metall⸗ ſcheiben, in der Mitte mit einer kleinen Hoͤhlung⸗ Auf der Konvexſeite ſind Deffnungen, in welche die Haͤnde geſteckt werden, wenn die Scheiben aneinander zu ſchlagen ſind. 7) Daul oder Tubbel, große Trommeln. s) Dombelek, Trommeln kleinerer Art, von Holz, werden nach Art der Keſſelpauke (Nakara) geſchlagen. 9) Kios, Heerpauken, beſon⸗ ders zum Gebrauche auf Kameelen. 10) Pfeifen. Unter den Banden der Paſchen von drei Roß⸗ ſchweifen ſind allzeit o, die von zweien haben s große Trommeln. Der Großvezier und der Kapndan⸗Paſcha haben noch mehrere, ſo auch der Sultan. Die Hos⸗ podare der Moldanu und Wallachei haben den Rang der Paſchen von zwei Roßſchweifen, und koͤn⸗ nen darum s große Trommeln halten. Im Allgemeinen haben die Tuͤrken wenige Fort⸗ ſchritte in der Thevrie und den Prineipien der Muſtt gemacht; aber Uebung und Fertigkeit machen ſie ge⸗ ſchickt, ihre Stuͤcke mit Leichtigkeit und Feuer aus⸗ zufuͤhren. Doch findet man bei ihnen noch mehrere Abhandlüngen uͤber die orientaliſche Tonkunſt, welche von ſehr geſchickten Perſern ſtammen. Die Bemuͤhung des gelehrten Fuͤrſten Kantemir, welcher 1691 großen Fleiß auf die Erlernung und Ver⸗ vollkommnuns der tuͤrkiſchen Inßtrumental⸗Muſik ver⸗ wendete, und eine Art mufikaliſcher Noten zuerſt auf 14 türkiſche Arien anwendete, blieb fruchtlos. Die mei⸗ ſten Muſiker ſehen weder auf Prinzipien, noch Me⸗ thode. Sie haben wohl Kunſtnamen fuͤr die Noten und fuͤr verſchiedene Takte, aber keine geſchriebene Muſik. Sie lernen Arien und Symphonien nach dem Gehoͤre, behalten ſie auswendig, und theilen ſie an⸗ dern auf gleiche Weiſe mit, wie ſſe dieſelben gelernt haben, und komponiren ſo auch Stuͤcke durch das Gedaͤchtniß. Sie zeichnen ſich zwar durch alle Nuan⸗ cen der Melodie fuͤr die regelmaͤßige Rethenfolge der Toͤne auf einem und demſelben Inſtrumente beſonders aus, ſind aber weniger geſchickt in der Harmonie und kennen auch keine Theilung der Muſik. Die tuͤrkiſche Muſik hat unſere 12 Halbtoͤne, und weiß dieſe auch noch außerdem auf den Inſtrumenten in andere kleinere Theile zu bringen; daher vielfache Melodien entſpringen. Die morgenlaͤndiſche Singmuſik kommt einem europaͤiſchen Ohre Anfangs ſo fremd vor, als die orien⸗ taliſchen Sprachen. In der Türkei ſind gewoͤhnlich die naͤmlichen Perſonen, welche ſingen, und ſich ak⸗ kompagniren. Sie haben Solos, Duos, Lrios, und jederzeit ſind die Inſtrumente den Stimmen unterge⸗ ordnet. Die mit der Poeſie verbundene Muſik folgt Schritt vor Schritt, und gibt mit Genauigkeit die Zahl, das Maaß und den Takt der Verſe und die Empfindungen, welche ſie ausdruͤcken. Faſt alle Ge⸗ faͤnge ſind epiſchenoder erotiſchen Inhalts. Ihre har⸗ 15 monievollen Verſe druͤcken allzeit im orientaliſchen Geſchmacke die Gefühle der Liebe, ihre Wirkung auf Geiſt und Herz durch ſehr ſinnreiche Allegorien und Metavhern aus. Beſonders wird eine Art Geſang, Maual, ein Mittelding zwiſchen Arie und Rezitativ, ſehr geachtet. Sie wird von einer einzelnen Stimme, ohne alle Be⸗ gleitung von Inſtrumenten ausgefuͤhrt, der Saͤnger greift, indem er eine Hand hinter das Ohr legt, als wenn er ſeine Gehoͤr⸗Trommel gegen das Berlten ver⸗ wahren wollte, ſeine Stimme auf das Aeußerſte an. Der Gegenſtand des Gedichtes iſt gewoͤhnlich trauriger Art. So großen Gefallen auch die Eingebornen an dem Maual haben, ſo koͤnnen ihn doch wenige Fremde anhoͤren, ohne die Geduld zu verlieren, und den ver⸗ kehrten Gebrauch der Stimme zu beklagen⸗ M. Malerei und Bildhauerkunſt unter den Tuͤrken. Der Stifter des Moslemismus verbot auf das Strengſte Darſtellungen von Menſchen und Thieren. Ohne Zweifel hatte dieſe Anordnung zum Zwecke, ein rohes und unwiſſendes Volk abzuhalten, in die Irr⸗ thůͤmer des Goͤtzendienſtes zuruͤckzuſinken. Nichts deſto weniger nahmen die Janitſcharen unter Sultan Ork⸗ bann I. Figuren von Thieren zu ihren Fahnen. Selbſt ſetzt noch ſieht man an dem Hintertheile der turkiſchen Kriegsſchiffe mit vieler Kuaſt vepfertiste Loͤwen. Die 33 16 Baike, in welcher der Sultan gewoͤhnlich faͤhrt, prangt mit einem vergoldeten Adler, ſelbſt in mehrern Bu⸗ den ſieht man Figuren von allen Arten vierfuͤßiger Thiere und Voͤgeln. Endlich iſt noch der beſtändige und allgemeine Gebrauch der chineſiſchen Schatten⸗ ſpiele und der ſiets fortdauernde und im Geheimen getriebene, Verkauf maͤnnlicher und weiblicher Abbil⸗ dungen auf Papier zu bemerken. Die ſchluͤpfrigen Darſtellungen, wohllüͤſtigen Stellungen und uͤppig⸗ ſchmutzigen Sienen, welche lettere enthalten, find dergeſtalt dem Nationalgeſchmacke angemeſſen, daß ſelbſt dieienigen, welche den meiſten Widerwillen ge⸗ gen verbotene Produkte des Pinſels zu affektiren ſchei⸗ nen, ſich doch kein Gewiſſen machen, ihre Portefeuilles mit dergleichen Schildereien anzufullen · Was aber noch auffallender ſevn dürfte⸗ iſt den allgemeine und freie Kours der fremden Gold⸗ und Silbermuͤnzen unerachtet der menſchlichen Figuren⸗ welche durch den Stempel ihnen eingedrückt worden ſind. Was literariſche Werke mit Abbildungen⸗ Figu⸗ ren und Malerei betrift, ſo ſind dieſe ſelten in den Lürkei, und kommen die meiſten von Perſern her⸗ welche als Schuͤten weniger die Verordnungen des Koran mit Puͤnktlichkeit und nach dem Buchſtaben zn befolgen verbunden ſind. Mehrere dieſer Buͤcher enthalten Darſtellungen merkwördiger Begebenheiten⸗ Abbildungen von Helden, Kaliphen⸗ Patriarchen ꝛ6 17 keines aber das Bild Muhammeds. Dieſer Geſetz⸗ geber wird jederzeit nur bedeckt mit den Fluͤgeln einer Legion von Engeln dargeſtellt, welche ſeine Perſon um⸗ geben, und nichts als einen Theil des Turban und der Fuͤße ſehen laſſen. Als Nachahmung dieſer in der Luͤrkei ſehr ge⸗ ſchaͤtzten perſiſchen Werke muß das Unternehmen des Renegaten Ibrahim Effendi betrachtet werden, welcher zu Konſtantinopel unter Achmed III. eine Buchdruckerei errichtet hatte, und auch eine kurze voſtindiſche Geſchichte mit 12 Kupfertafeln, welche menſchliche und thieriſche Figuren vorſtellten, heraus⸗ gab. Die eingebornen Maler ſind gewoͤhnlich Arme⸗ nier oder Griechen. Es fehlt zwar ihnen nicht an Talenten, ſie bringen aber ihre Kunſt nie zur Voll⸗ kommenheit. Der tuͤrkiſchen Maler gibt es kaum 20 im ganzen Lande; ſie beſchaͤftigen ſich nur mit Landſchafts⸗Ma⸗ lereien, Planen und Muſter⸗Zeichnungen. Ein Grad von Annehmlichkeit fehlt zwar allen dieſen Produkten, aber das Verdienſt der vollkommenſten Genauigkeit laͤßt ſich ihnen nicht abſprechen. Einige malen auch Thiere, ſelten aber menſchliche Figuren. Die Voͤlker des Drients haben im Allgemeinen mehr Tendenz zur Skulptur⸗ und Gravir⸗Kunſt, und beweiſen auch in derſelben große Geſchicklichkeit. Eine einzige Art von Gemaͤlden bei den Tuͤrken, 72. Bd. Türkei. IV,. 2 18 veſonders bei den Großen, beſteht in Abbildungen des Tempels(Kehabeh) zu Mekka, und des Grab⸗ mals des Propheten in Medina; jedoch voͤllig ohne Figuren. Gewoͤhnlich ſind dieſe Gemälde uur ſehr ſelten. X, Gallerie von Gemaͤlden der Sultane im Kaiſerlichen Serail. Die Eitelkeit und Eigenliebe bewog ohne Zweifel die Sultane Osman I. und Orkhann I., ſich ma⸗ len zu laſſen, um das Andenken an ihre Perſon in ihrer Familie und den Nachkommen zu hinterlaſſen. Die nachfolgenden Großherrn ahmten dieſes Beiſpiel, nach, und ſo entſtand jene koſtbare Sammlung von Portraits, welche ſich jetzt im großen Serail in einen Kabinette des Sultan befinden. Die Gemaͤlde find in Del auf feiner Pappe ge⸗ malt, welche die Geſtalt eines Buches in Quart, un einen ſehr reichen Einband hat. Herr Chevaliel d Ohrſſon hatte das Gluͤck, dieſe ganze Samw lung zu ſehen, als ſie aus der Reſidenz gebrach wurde, um neu eingebunden zu werden. Jedes Gemaͤlde bat eine Inſchrift in türkiſchel Verſen, und gewöhnlich in einem ſehr emphatiſchen pomphaften Style. Auf dem jeder Abbildung gegel uberſtehenden Blatte ſchildern oder 4 Verſe die Lu genden und Eigenſchaften jedes Sultans, und d merkwürdigſten Ereigniſſe ſeiner Regieruns, neblt do liſche Kaufleute, theils griechiſch 19 Evochen ſeiner Geburt, Thronbeſteigung und ſeines Todes. Zu dieſen Bildniſſen werden von den Sultanen allzeit chriſtliche Mahler in Dienſt genommen, nicht wegen ihrer Geſchicklichkeit, ſondern wegen der Noth⸗ wendigkeit, in welcher ſich dieſe Monarchen befinden, in dieſem Stucke Achtung gegen die Volks⸗Vorur⸗ theile zu beweiſen. XI. Die reitzenden Gegenden von Bujuk⸗ dereh und Belgrad. Die Vorſtadt Bujuckdereh(Großthal, von Bujuk groß, und Dereh Thal) liegt in ernem Thale, welches auf der einen Seite vom Meere be⸗ ſpült, auf der andern von maleriſchen Anhoͤhen be⸗ gränzt wird. Ehemals bieß dieſe Gegend Bathy⸗ kolpos(Liefthal). Ihre Entfernung von Kon⸗ ſtantinopel mag 10— 12 engliſche Meilen, und von der Spitze des großen Hafens 10 M. betragen. Die ſehr gut bebauten Hauſer der einzigen lan⸗ gen Hauptſtraße bewohnen tbeils franzoſiſche und ita⸗ und armeniſchs Familien. In der Mitte heſindet ſich ein Gaſthof fuͤr Fremde(Albergo civile), welcher aber den Fremden nicht viel Lröſtliches darbietet. Wir beſuchten die kuͤnſtlichen Garten⸗Anlagen des ruſſiſchen Palais, welche aber der Park des ſich neben beſindlichen Daͤ⸗ niſchen Palaſtes ubertrifft. 20 Wegen des ſchoͤnen Wetters machten wir einen Spatziergang außerhalb Bujuckdereh. Wir gingen immer am Kay fort, hatten Rechts das Meer, und Links die auf der Dſtſeite der Ebene liegenden uͤbrigen Sommerpalaͤſte der europaͤiſchen Geſandten. Als wir die verſchiedenen Landhaͤuſer am Ufer des Kanals zu⸗ ruͤckgelegt hatten, gelangten wir endlich bis nach dem ſchwarzen Meere. Auf einem bergigten Fußſteige ka⸗ men wir zu einer Reihe Gebaͤude, unter welchen eine mit Kanonen bepflanzte Batterie hart am Bosvorus liegt. Wir hatten hier die Ausſicht nach Klein⸗ Aſien, wo die Ruinen eines alten Forts auf dem Gipfel eines Berges vorzuͤglich gut ſich ausnchmen. Als wir in die Stadt zuruͤckgekehrt waren, gingen wir aus Neugierde in eine tuͤrkiſche Garkuͤche, wo wir eine hier gewoͤhnliche Volksſpeiſe, friſchgebratene Hammelkoͤpfe fanden. Zum Nachtiſche ließen wir uns eine ſehr angenehme und bei den Einwohnern be⸗ liebte Speiſe, Jurt genannt, auftragen. Sie wird aus ſauer gewordener Milch bereitet, und mit eben ſo viel friſcher Milch, als man hat ſauer werden laſſen⸗ vermiſcht, und mit Zucker genoſſen. Das Schloß von Bujuckdereh auf einem ſeht hohen Berge, wurde im fuͤnfzehnten Jahrhundert auf Beſehl Sultan Muhammed's II. erbaut.— Die ganze Gegend laͤngs der Geſtade, zwiſchen Tarapi und Bujuckdereh, nimmt ſich ſehr ſchön au Fuͤnfhundert Schritte vvn Tarapig ſoͤßt man a 21 eine Erhoͤhung, welche die Tuͤrken Kerehs⸗Bu⸗ run, die Griechen Dialitra nennen. Die Felſen, welche die Spitze von Dialitra bilden, hatten, vom Waſſer betrachtet, ehemals die Geſtalt eines Tannen⸗ Zapfens, und wurden von den Alten Petra Zikaa Ggerechte Steine) genannt. Die Fabel, welche zu dieſer Benennung Veranlaſſung gab, erzaͤhlt uns Dionys von Byzanz.„Zwei Schiffer,“ ſagt er, „legten in die Hoͤhlung dieſer Felſen ihren gemein⸗ ſchaftlichen Schatz, mit dem Schwure, daß keiner ohne den andern ihn beruͤhren ſolle. Uneingedenk der beſchwornen Zuſage, wollte einer von ihnen den Schatz entwenden. Da widerſetzten ſich die Steine, und machten ſeine Untreue zu Schanden.“ Ueber Kerehs⸗Burun entdeckt man die Rui⸗ nen des Kloſters der heil. Suphaͤmia, und ein Agi⸗ asma, welches jetzt noch den Namen dieſer Heiligen traͤgt; weiterhin nimmt der alte Golf Bathykol⸗ vos ſeinen Anfang. Gegen Abend naͤherten ſich viele Menſchen dem weſtwaͤrts von der Vorſtadt entfernten, beruͤhmten Spatzierplatze, welcher unter dem allgemeinen Namen Wieſe bekannt iſt. Wir fanden hier Griechen, Ar⸗ menier, Tuͤrken, Juden und Franken in einem hun⸗ tem Gewirre. Viele gingen ſpatzieren, Andere rit⸗ ten, wieder andere fuhren ganz europaͤiſch, und an⸗ dere waren unter dem Schatten der Baͤume gelagert. Am Sonntage kommen ſogar die Einwohner von W den benachbarten Gegenden zuſammen, und die man⸗ nigfaltigen Gruppen, welche ſie bilden, die verſchie⸗ denen Lrachten der vielen Nationen, gewähren ein ſehr angenehmes unterhaltendes Schauſpiel. Auch die Suͤrken aus Konſtantinopel fahren oft nach die⸗ ſem Drte; ſelbſt der Großherr kommt nicht ſelten hier⸗ her in Begleitung einiger ſeiner Hofleute, und ſieht den mancherlei Volks⸗Beluſligungen zu. Auf dieſer Ebene war es, wo die Kreuzfahrer un⸗ ter Gottfried von Bouillon, um Jähre 1097, vor der Belagerung von Nizaea, mehrere Monate im Lager ſtanden. In der Mitte dieſer ſchoͤnen, ſo ſtark von Einhei⸗ miſchen und Fremden beſuchten Ebene erhebt ſich die beruͤhmte, große, majeſtaͤtiſche Baumgruppe von Pla⸗ tanen. Dieſe Platanen von ungeheuerer Groͤße und ſeltenem Umfange ſind unter der Benennung der Siebzehn Bruͤder bei den Franken bekannt. Sie erheben ſich zirkelfoͤrmig, und bilden einen runden Schattengang von mehr als 28 Fuß im Durchmeſſer⸗ Baron v. Tott, welcher einen Kranich(Ma⸗ ſchine zum Bemaſten eines Schiffes) einer ſchöͤnen Gruppe von Platanen weit vorzog, ließ ein ſolches merkwurdiges Gehoͤlz, das die öſtliche Seite dieſer Wieſe ſchmuͤckte, ohne Umſtaͤnde weghauen, um dort einen Platz zum Zuhauen des Holzes anlegen in laſ⸗ ſen, deſſen er gerade bedurfte. Alle Bewohnet von 23 Pera und Bujuckdereb verünſchen ihn darum noch jetzt. Die Armenierinnen leben hier, wie überall, eingezogen, und zeigen ſich auf den Straßen nur ver⸗ ſchleiert. Die Griechinnen ſind eben ſo zwanglos, wie zu Konſtantinopel, und tragen viel dazu bei, die Monotonie der hieſigen Geſellſchaften ertraͤglich zu machen. Zu wuͤnſchen waͤre es, daß ſie mit ihrer gewoͤhnlich ſehr artigen Figur und naturlichen Luſtig⸗ keit, einen gebildeteren Geiſt und ein zaͤrtlicheres Herz verbaͤnden, und weniger Habſucht fuͤr das Geld und Geſchmack an Frivolitaͤten offenbarten. Die Euro⸗ paͤerinnen fuͤhren uͤbrigens ein eben ſo freies Leben, wie zu Pera. Da die Mehrzahl immer aus Griechen beſieht. ſp ſind auch die Auftritte griechiſcher Gewohnheiten die vaͤufigſten. Taufen, Hochzeiten, Begraͤbniſſe werden mit den gewoͤhnlichen Ceremonien gefeiert. Waͤhrend ein Grieche ſich um ein Frauenzimmer bewirbt, bringt er als Liebhaber entweder in der Fronte ihres Hauſes⸗ oder vom Waſſer her Serenaden. Dieſe der Liebe ge⸗ weihten Serenaden ſind in Bujuckdereh ſo haͤufig, daß ſie die Einwohner beſtaͤndig in ihrem Schlafe un⸗ terbrechen. Wer eine feurige Einbildungskraft hat⸗ ſchreibt ein reiſender Englaͤnder, muß glauben, der Gott der Liebe habe an dieſem DOrte wegen der bezau⸗ bernden Schoͤnheit und Annehmlichkeit deſſelben ſei⸗ nen Wobnſitz aufgeſchlagen⸗ 2. Sobald man Bujuckdereh im Ruͤcken hat', be⸗ merkt man ſowohl auf der europaͤiſchen als auf der aſiatiſchen Kuͤſte unverkennbare Spuren eines Vul⸗ kan, mehrere Stunden weit. Ueberall ſößt man auf gethuͤrmte Maſſen und unordentlich durcheinander ge⸗ worfene Erdſchichten. Es zeigen ſich Jaspis⸗Arten von verſchiedenen Farben, Karneole, Achate, Kalze⸗ done in ganzen Adern und Gaͤngen, zwiſchen mehr oder minder umgewandelten Porphyren u. ſ. w⸗ In einiger Entfernung vom Thale Bujuckde⸗ reh kommt man an ein Dorf, welches die Griechen Selektrina und die Tuͤrken Sariken nennen, und am Eingange des alten Golfs Seliktrinum liegt. Jetzt erblickt man da eine furchtbare im Jahre 06 errichtete Batterie von 25 Kanonen ſchweren Kalibers, deren Exbauer der Ingenieur Monnier war. Nicht weit von hier ſteht das Schloß von Europa⸗ Rumeli Kavak, wo 1783 Touſſaint eine Bat⸗ terie erbaute, welche Monnier 794 verbeſſerte. Die Ruinen in der Naͤhe des europaͤiſchen Schloſſes ſind Ueberbleibſel der ehemaligen genueſiſchen Feſtung, welche dieſen Platz einnahm. Der Fluß, welcher ſich in dieſer Gegend mit dem Meere vereinigt, fuͤhrt von ſeinem Goldſande den Namen Cryſorhoas. Auf einer Anhoͤhe gegen Norden, nahe bei dem Fluſſe, Kand der Thurm Timen mit einem Fanar⸗ um den Schiffen den Eingang in den Bosphorus zu 25 bezeichnen. Von dieſem Punkte entdeckt man das ſchwarze Meer, die Thraziſche Meerenge, Konſtantinopel und das Meer von Marmora. Der Hafen von Bojuck⸗Liman bei dem Aus⸗ fluſſe des Chryſorhoas iſt der alte Hafen der Epheſier. Von da bis zum Fort Karipſcheh, wo der Hafen der Lyzier war, umgeben ſteile Felſen von außerordentlicher Hoͤhe, deren Kette nur der Golf von Bojuck⸗Liman unterbricht, den Ka⸗ nal. Die Batterie von Bojuck⸗Liman mit 12 Kanonen errichteten die Ingenieur's Lafitte und Monnier. Das Fort Karipſcheh mit 23 Kano⸗ nen, ward nach den Planen und unter Leitung des Baron Tott im Jahre 1773 erbaut. Weiterhin ſteht auf einem faſt ganz ſpitzigen Fel⸗ ſen ein Leuchtthurm, welcher Fanal von Europa (Rumeli⸗Fener) zum Unterſchiede von dem gegenuͤber, auf der aſiatiſchen Kuͤſte befindlichen, genannt wird. Nicht weit davon befindet ſich das Schloß Fa⸗ naraki zur Vertheidigung der Kanals⸗Muͤndung auf der europaͤiſchen Seite, welches 69 ein griechi⸗ ſcher Baumeiſter erbaute. Das Meer bricht ſich mit Ungeſtuͤme an den Felſen, welche dem Fanaraki⸗ Fort zur Grundlage dienenz wenn es ſehr ſtuͤrmiſch iſt, ſo ſchlaͤgt es ſogar bis an die Waͤlle. Stets ſind 24— 36 pfuͤndige Kanonen mit Kugeln geladen, aus Furcht vor den Ruſſen. Die Ungluͤcklichen, welche bier als Staatsgefangene eingeſperrt ſind, muß man bedauern. Der beruͤhmte Reiſende und Aſtronom Beauchamy ſchmachtete hier lange, bis er durch den Frieden der Pforte mit Frankreich ſeine Freiheit wieder erhielt. Nachts ſchreien die in dieſer Feſtung befindlichen Soldaten unaufhoͤrlich durch Sprachrohre, um die Schiffe zu benachrichtigen, ſich entfernt zu halten. Obwohl ein Fanar hier unterhalten wird, ſo ſind doch Mißbraͤuche in dieſer Gegend nichts Selte⸗ nes, weil Tuͤrken und Griechen das Meer ohne Kom⸗ paß befahren. Sie duͤrfen ſich nie ſehr weit von den Kuͤſten entfernen, ohne Gefahr zu laufen, ſich zu ver⸗ irren. So begegnete Beaucamp, als er von Tra⸗ pezunt zuruͤckkehrte, einem tuͤrkiſchen Schiffe, wel⸗ ches öülich fuhr, und nach Konſtantinopel zu ſe⸗ geln glaubte. Am Fuße des europaͤiſchen Fanal, etwas weiter gegen Suͤden, befindet ſich die Inſel Syanea, oder vielmehr die Gruppe der Zyganeiſchen Felſen⸗Inſeln. Sie ſind nichts, als aus dem Waſſer hervorragende Steinſtücke von ſehr geringem Umfange. Man nannte ſie auch Symplegaden, weil ſie von dem Punkte, wo man ſie betrachtete, alle nur eine Inſel zu bilden ſcheinen. Sie ſind mehr oder minder ſichtbar, ie nach⸗ dem der Nord⸗ oder Suͤdwind die Gewäſſer erhebt, oder niederſchlaͤgt. Auf einer dieſer Inſeln ſteht noch ein merkwuͤr⸗ diges Ueberbleibſel des Altertbums, ein weiber Man 27 mor⸗Block mit einer jetzt unleſerlich gewordenen la⸗ teiniſchen Inſchrift. Aeltere Reiſende, welche ſie la⸗ ſen, ſagen, daß er ein zur Ehre K. Auguſt's en bauter Altar war. Ohne Grund nennt man dieſes Denkmal die Saͤule des Pompejus. Die Gegend iſt wegen der Brechung der ſcheu⸗ menden Meeres⸗Wogen furchtbar, und das Klima wegen der kalten Winde aͤußerſt unangenehm. Nicht weit von Fanaraki g. N. liegt das Thal Domaus⸗ deirek, an deſſen Ende die Ruinen eines Thurmes ſind, welchen manche fuͤr jenen halten, in welchem Dvid ſtarb. Das Vorgebirge Klein⸗Aſiens, welches dem von Panium auf der entgegengeſetzten Seite in Eu⸗ ropa entſpricht, iſt das beruͤhmte Vorgebirge des Ankers(Ancyreum), von einem ſteinernen Anker, welchen die Argonauten nach dem Ausſpruche des Orakels hier nahmen; den nahe dabei befindlichen Golf nennen die Griechen Ajos⸗Sideros. Der Fanal von Aſien auf dem Vorgebirge An⸗ eyreum wird durch das Fort vertheidigt, welches zu gleicher Zeit und von demſelben Baumeiſter, wie das gegenuͤber liegende auf der europäiſchen Küſte, erbaut wurde. Am Fuke des Aneyreum befinden ſich die Svanueiſchen Inſeln in Aſien. Das Vorgebirge Korazion, ſo genannt von den vielen da befindlichen Raben, jetzt Fil⸗Bunum, lag dem Hafen der Epbeſier gerade gegenuͤber. 28 Nahe dabei liegt das Fort Parcas⸗Liman mit 23 Kanvnen, welches 1773 Baron Tott erbaute. Den Golf von Pantichium(jetzt Ketcheli⸗Liman) hielt man faͤlſchlich fuͤr einen Beluſtigungsort Beliſar's. Die Batterie von Kavak in Aſien erbaute 1783 Touſſaintz ſie enthielt damals 25 Kanonen und 8 Moͤrſer, wurde aber 1794 durch Monnier mit 12 Kanonen und 6 Moͤrſern vermehrt. Am Fuße dieſer Batterie bemerkt man unter dem Waſſer Truͤmmer des Damms, an welchem die Kette befeſtigt war, welche den Eingang des Bosporus verſchloß, und deren an⸗ deres Ende bis an das gegenuͤber liegende europaͤiſche Schloß reichte. Dieſer Damm begraͤnite auch einen trefflichen Hafen, welcher den Nanen Hafen des Tempels fuͤhrte. Das aſiatiſche Schloß An ward an der Stelle, oder wenigſtens in der Naͤhe des be⸗ ruͤhmten Tempels des Jupiter Urius erbaut. Die neuern Griechen nennen ihn Jervn.. Das Vorgebirge Argonyrium, zunaͤchſt nach dem Hafen des Tempels, heißt jetzt Magiar Bur⸗ nu. Man ſieht da die Batterie von Puſcha, mit 23 Kanonen und 12 Moͤrſern, welche Monnier er⸗ baute. Die Kirche des heil. Pantaleon, deren Lruͤmmer man auf den hohen ſteilen Felſen, welche dieſe Batterie beherrſchen, bemerkt, erbaute der Kaiſer Juſtinian wahrſcheinlich aus den Ruinen des Tem⸗ pels des Jupiter Urius. 29 Nahe dabei liegt der Bersg der Rieſen, die groͤßte aller Anhoͤhen, welche ſich auf den beiden Ge⸗ ſtaden des Bosphorus erheben. Beruͤhmt iſt dieſer Berg durch eine unendliche Menge Fabeln der Grie⸗ chen. Auf dem Gipfel zeigen die Luͤrken ein Grab von einer außerordentlichen Groͤße, in welchem der Sage nach die Gebeine eines Rieſen ruhen ſollen. Es iſt zu bewundern, daß Peter Gilles, dieſer eifrige und ſcharfſinnige Erforſcher der Alterthuͤmer am Bosporus, hier nicht das Grab des Anykus er⸗ kannt hat, welcher durch Polux uͤberwunden ward, den Valerius Flakkus den Rieſen nennt. Denn nach dem Berichte des Dionysvon Byzanz hatte dieſer in einem der benachbarten Golfe ſeine Wohnung aufgeſchlagen. Der Huͤgel ſelbſt iſt ſchie⸗ ferhaltig, und hat außer der Fruchtbarkeit des Bodens nichts Merkwuͤrdiges. Wir begaben uns nach Bujuckdereh zuruͤck, um die beruͤhmten Konſtantinopolitaner Waſſerleitungen im Augenſchein zu nehmen. Von der großen Wieſe kamen wir auf einen gut gepflaſterten Weg, welcher ſich zwiſchen hohen und mit Wald bewachſenen Ber⸗ gen hinzieht. Nach einer ſtarken Stunde befanden wir uns unter einer, in dieſer Gegend, befindlichen Waſſerleitung. Ein und zwanzig maſſive, aus Quadern gebaute Bogen verbinden hier zwei Berge mit einander. Ueber dieſe Berge wird das Waſſer uͤber das Thal nach Ga⸗ 30 lata geleitet. Dbgleich die Gewoͤlbe ſpitzig zulaufen, und etwas gothiſch ſind, ſo haben doch die Bogen ein leichtes Anſehen. Das Werk, eine Nachahmuns der Waſſerleitung Juſtinian's, wurde vor 70 Jahren erbaut. Der Großvezier, welcher den Bau anſing und vollendete, rechnete dem Großherrn? Millionen Piaſter an, ſiel deßwegen in Ungnade und verlor den Kopf. 8 Der Weg unter dieſer Waſſerleitung ging nach dem Dorfe Bachtſchekioi, daher auch dieſe W a ſ⸗ ſerieitung von Bachtſchekioi genannt wird. An dieſem Brte trifft man guten Landwein; links dehnt ſich zwiſchen Bergen ein ſchoͤnes grünes Thal aus, in welchem gewoͤhnlich fette Hammel und Schafe weiden. Auch fuͤhrt hier ein Weg nach Belgrad⸗ In einiger Entfernung von dieſer Waſſerleitung liegt das ſogenannte lange Aquaͤdukt⸗ in welchem das Waſſer uͤber so Bogen geleitet wird⸗ Gebt man von der Straße, welche nach Bel⸗ grad führt, etwas ab, ſo kommt man zu den Ju⸗ ſinianiſchen Waſſerleitungen. Sie fuͤhren der Stadt ſuͤßes Waſſer zu, weil es ihr an Quellen mangelt. Dieſes Monument der griechiſch⸗ roͤmiſchen Baukunſt ward unter der Regierung des juͤngern Kai⸗ ſers Juſtinian, und unter ſeiner unmittelbaren Aufſicht angelegt. Ueber 2 bohe Berge wird das Waſſer uͤber ein nicht breites Thal geleitet. Zwei Reihen bober und rundgewoͤlbter Bogen erbeben ſich 31 im Thale und verbinden dieſe Berge. Die Laͤnge des gauzen Werkes betragt aao, und die Hoͤhe 0 eng⸗ liſche Fuße. Unter den Bogen geht ein Weg uͤber den, im Thale ſich hinſchlaͤngelnden Fluß; eine ſchoͤne, maſſive Treppe führt hinauf. Die hohen Schwibboͤ⸗ gen ſind aus Quadern aufgefuͤhrt, und das Waſſer wird durch bleierne Roͤhren 2 Tagreiſen weit in die Stadt geleitet. Das Gemaͤuer dieſer Arkaden iſt wobl 14 Schuh dick. Das Ganze, welches 2 ungeheueren Bruͤcken ahn⸗ lich iſt, wovon jede von 4 ſchoͤnen Bogen getragen wird, iſt zwar nicht im reinſten Geſchmacke aufgefuͤhrt, ſticht aber gegen die ſchweren und plumpen muſelmaͤn⸗ uiſchen Arbeiten aͤhnlicher Art ſehr hervor. Faſt 12 Jahrhunderte trotzt dieſes Werk der ſonſt alles zerſtö⸗ renden Zeit; obwohl wahrſcheinlich, durch haͤuſige Erdbeben in dieſer Gegend, an verſchiedenen Orten Fugen entſtanden ſind, durch welche ein immerwäh⸗ render Staubregen einfällt; die Bogen ſelbſt litten nur werig durch die Laͤnge der Zeit. Wir beſahen die Waſſerleitung, und ſtiegen bis zur zweiten Reihe von Vogen. Dieſer Weg ſchien haͤufig betreten zu ſeyn, da auf mancher Stelle die Steine ziemlich ausgehoͤlt waren. Mau genießt hier eine treffliche Ausſicht, und erblickt in einer kleinen Entfernung, ſie mag vielleicht eine halbe Stunde betragen, das Dorf Burgas, welches Griechen bewohnen, und 376 Haͤuſer zählt. Hier ſoll der ungluͤckliche Feldberr des Kaiſezs Ju⸗ .— 32— ſtinian, Beliſar, verfolgt⸗ verkannt, und in Blindheit und Armuth ſein Leben beſchloſſen haben. Nicht weit von Burgas liegt ein tuͤrkiſches Dorf. Von Burgas gelangten wir in einen ſchoͤnen Eichen⸗Wald, in welchem man eine Menge rundum⸗ mauerter Deffnungen ſieht, welche bis auf die in der Erde liegenden Waſſer Roͤhren herabgehen, und ka⸗ men einem großen, aus Quadern erbauten Waſſer⸗ Behaͤlter vorbei, wo das Waſſer ſtark rauſchend aus einer weiten Roͤhre herabſtuͤrzt, und ſich von hier in mehrere andere Roͤhren vertheilt. Ein verfallener Kiosk war uͤber dieſem Baſſin erbaut, und lag anmu⸗ thig unter ſchattigen Baͤumen uͤber dem toſenden Waſ⸗ ſerſturz verſteckt. Man ſieht noch einen andern groſ⸗ ſen Waſſer⸗Behaͤlter, der ſehr breit, und einem Fluſſe gleich ſich zwiſchen den Eichen hinzieht. Auf einer Stelle ſtuͤrzt ſich das Waſſer mit Geraͤuſch in die Tiefe, und bildet einen ſchoͤnen Fall. Von hier führt eine lange Bruͤcke auf ein großes, angenehm gelegenes Sommerhaus; von hier erhalten die meiſten Leitungen ihr Waſſer. Nach zwei Stunden erblickten wir das ſchoͤne Dorf Belgrad; es liegt in einem reitzenden Walde, welchen mehrere Baͤche klaren Waſſers kuͤhlen. Das Klima iſt faſt das ganze Jahr mild; die Gegend von Belgrad enthaͤlt viele Haine und ſchoͤne Waldſcenen. Das von der Lady Maria Wortley Montague ſo geprieſene Belsrad iſt zwar nicht das Paradies 33 ſelbſt, doch unſtreitig einer der ſchoͤnſten Orte in die⸗ ſem Theile der Erde. Der Wald von Belgrad enthalt viele fur Kuͤnſte und Medizin brauchbare Dinge, und eine außeror⸗ dentliche Ausbeute fur die Jagd. Die Doͤrfchen in Belgrad's umgebung liegen nahe bei einander, und werden von Griechen bewwohnt. Die Felder zeigen einige Kultur, und man ſieht da Weinßoͤcke in Menge und artige Gaͤrten. In Bel⸗ g rad ſind mehrere Palaͤſte fremder Geſandten; weil man aber hier den Wechſelfiebern ausgeſetzt iſt, ſo zieht man Bujuckdereh der ſchoͤnen und laͤndlichen Lage Belgrads vyr. Die Luft wird naͤmlich in dieſem ſumpfigen, von Bergen umgebenen Thale, oft ungeſund und erzeugt dann epidemiſche Krankheiten. Dieſer Fall iſt ſeit der Zeit, als man aufgehoͤrt hat, einen kleinen See zu unterhalten und zu reinigen, welcher ſich neben dem Dorfe befindet. Dieſer See ward in einem Thale durch dicke Mauern gebildet, welche das Regenwaſſer aufhielt, wozu noch das Waf⸗ ſer von mehrern kleinen Fluͤſſen hinzukam. Durch den Abfluß wird ein Theil von den Waſſerleitungen verſehen. XM. Die Dſchamie der Sultane⸗Valideh, Mutter Sultan Muhammeds IW. Es iſt immer ein ſeltener Fall, daß Sultaninnen Dſchamien oder Moſcheen konnen aufrichten laſſen, 72. Vd. Türkei. IV, 47 3 „ 34 ja es war nur eine beſondere Beguͤnſtigung, welche Terkhann⸗Sultane, die verwittwete Gemahlin Sultan Ibrahim's l., als Sultane⸗Valideh, von ihrem Sohne Sultan Muhammed W. ſich zu verſchaffen wußte. Sie war eine der groͤßten und geiſtreichſten Damen, welche je im vsmaniſchen Sul⸗ tan⸗Serai zu Konſtantinopel geherrſcht haben. Dieſes Prachtgebaͤude wurde hart am Hafen, nur durch einen breiten Kay von demſelben geſchieden, in der Naͤhe des großen Serail aufgefuͤhrt, nicht weit von dem Orte, wo zwei ſchoͤne Kiosk dem Großherrn und ſeinen Sultaninnen oft die Anſicht des Hafen⸗ Gewuͤhls gewaͤhren. An Zierlichkeit, Schoͤnheit und Geſchmack duͤrf⸗ ten wohl wenige tuͤrkiſche Gebaͤude dieſem gleich kom⸗ men; aber vorzuͤglich ausgezeichnet iſt es durch ſeine einzige und unvergleichliche Lage. Gegen Nord und Weſt wird dieſer Palaſt mit ſei⸗ nen Nebengebaͤuden, welches, gleich den meiſten a⸗ dern Moſcheen, einen viereckigen Raum einnimmt, von den Stadtmauern, gegen Suͤden von dem Sul⸗ tane⸗Valideh⸗Baſar und dem Grabmale der Kaiſerin, und gegen Dſt von einer andern Maueb umgeben, in welcher ſich der Haupteingang zum Vor⸗ bofe des Dempels an einem Drte beſindet, welcher gerade einem nicht weit von den Serails⸗ Gärten, end fernten Stadtthore entſpricht. Auberhalb der den Vorhof der Dſchamie umge 35 benden Mauer bemerkt man auch in der Naͤhe der vor⸗ nehmſten Thorwege zwei anſehnliche Waſſe rbehaͤlter (Sebil Kanas), um den Durſt der Muſelmänner zu ſtilen. In heißen Tagen ſetzen oft die Waſſerſchenker Sibilſchi) ihre Kruͤge in große, mit Schnee gefuͤllte Gefaͤße, um dann ihre Gabe recht erfriſchend darbrin⸗ gen zu koͤnnen. Die, welche ſich an dem Genuſſe des kuͤhlenden Getraͤnkes gelabt haben, ſprechen dann oft: Rakmet ulla alla men aukaf!(Gott ſchenke ſeine Gnade dem, welcher mir dieſes Gute erzeigt hat). Der Anblick des Ganzen iſt eindrucksvoll. Die große Kuppel wird von einer außerordentlichen Menge kleinerer umgeben,(man kann mehr als 60 von einem Standpunkt zaͤhlen), auf beiden Scken der Weßſeite ſtreben 2 Minarets empor; jedes derſelben iſt mit 3 Gallerien verziert; auf den Thuͤrmen ſind vergoldete Halbmonde. Die Dome, die ftarken Woͤlbungen und Folonnaden, die vielen gothiſch morgenlaͤndiſchen Fen⸗ ſer, die großen und erhabenen Eingaͤnge gewaͤhren dem Auge ſo viele merkwuͤrdige Ruhepunkte, daß man lange verweilen muß, um der Phantaſte ein voll⸗ ſtaͤndiges Gemaͤlde der Anſicht einzupraͤgen. Eine Treppe an der Nordſeite der Mauer fuhrt zum Haupteingange in den Vorhof der Dſchamie⸗ Das Eingangsthor zum Vorhofe auf der noͤrdlichen Seite iſt, wie gewoͤhnlich bei den tuͤrkiſcheh Gottes⸗ haͤnſern, mit Ketten in der Mitte behangen. An der Vorhof⸗Mauer ſind mehrere Springbrun⸗ 36 nen zu den verordneten Waſchungen der Muſelmaͤnner beſtimmt. Inwendig iſt die Dſchamie an vielen Drten mit ſchoͤner Fayance uͤberzogen. Die vielen praͤchtigen Saͤulen aus Marmor mit Knaͤufen nach tuͤrkiſcher Art, von welchen ein großer Theil von den trojaniſchen Ruinen genommen ſeyn ſoll, die zierlichen Gallerien, Gelaͤnder und Baluſtraden, die zahlloſen Lampen, die Kugeln von Elfenbein, und die groͤßern von Kryſtall, die, wenn ſie waͤhrend des Gebetes erleuchtet werden, Allem ein feenartiges Anſehen geben; die Tribunen und Sitze für den Mufti, fuͤr den Sultan,— alles feſſelt Sinne und Einbildungskraft. Die freie Kolon⸗ nade, vorn an der Dſchamie mit Kuppeln beſteht aus Saͤulen von weißem, bisweilen auch grauem Marmor. Da dieſe Dſchamie dem Serail gegenuͤber ſteht, und zwar an einem Orte, welcher ſchon wegen ſeiner Lage und Umgebungen immer mit Menſchen angefullt iſt, und im Angeſichte des ganzen Hafens und ſeiner ufer liegt; ſo wird ſie bei oͤffentlichen Freudentagen Volks⸗ und Hoffeſten allen andern vorgezogen. Wurde shemals eine Stadt erobert, oder ein Sieg erfoch⸗ ten, ſo erblickte man hier die glaͤnzendſte Illumination; ſind Aufruͤhter bezwungen, oder hat ſich ein gluͤckli⸗ ches Ereigniß im Serail zugetragen, oder iß irgend ein Jahres⸗Feſt, ſo erſcheint die Sultane⸗Valideh⸗ Dſchamie zuerſt in praͤchtiger Erleuchtung. Auf der Suͤdſeite der Dſchamie ſebt ein Zypreſſen⸗ 37 Hain von Mauern umgeben, und in demſelben das koſbare Grabmal der Stifterin. Hinter dieſem ragen noch die Kuppeln eines ſehr ſchoͤnen Timarkana (Hoſpitals) von betraͤchtlichem Umfange und noch be⸗ traͤchtlicheren Einkuͤnften hervor, welches gleichfalls dieſe Sultanin gruͤndete, und mit dem Tempel⸗Ge⸗ baͤude verband. 3u Konſtantinopel iſt noch eine Valideh⸗ Dſchamiſſi, welche mit der beſchriebenen Yeni⸗ Dſchamie, auch ſchlechtweg Valideh⸗Sultane genannt, nicht zu verwechſeln iſt. Ihre Erbauerin war Rabiah, Gutnuſch⸗Sultane, die Mutter Muſtapha's II. und Achmeds II. XMH. Beſchreibung des alten Serail (Eski⸗Seraid). Nach der Eroberung Konſtantinopels beſchloß MuhammedU. ſich eine Reſidenz in der Stadt auf⸗ bauen zu laſſen. Ein geraͤumiger Drt, der Dſchamie Soliman's gegenuͤber, wurde der Ausfuͤhrung des kaiſerlichen Entwurfes am angemeßenßen gefunden, und bald ein Sultan„Sitz von großem Umfange er⸗ baut. Mehrere Großherren reſidirten hier wirklich; ſeitdem aber das neue große Serail auf der Land⸗ enge, auf welcher das alte Byzanz ſtand, erbaut wurde, bezogen die Kaiſer das alte Serail nicht mehr, und es erhielt auch dadurch eine andere Beſtimmung. Das alte Serail hat wenigſtens /½ franzoͤſiſche 38 Meile im Umfange, iſt in das Quadrat gebaut, und auf allen Seiten von Mauern umgeben, welche wohl 20 Ellen hoch und 4 dick ſind. Innerhalb dieſer Mauern befinden ſich uͤber 28 groͤßtentheils maſſive Gebaͤude, eine Menge Gaͤrten, Hoͤfe und andere Anlagen. Zwei große Thore zeigen ſich von Außen, deren eines im⸗ mer verſchloſſen iſt. Gegenwartig dient es zur Aufbewahrung und zum Aufenthalte der Frauenzimmer, welche ein regierender Sultan bei ſeinem Tode hinterlaͤßt, und ſein Nach⸗ folger nicht unter die Zahl ſeiner Frauenzimmer aufnimmt. Die Ddaliken, welche Kinder geboren haben, bringen nach dem Tode ihres Gemahls ihre ganze uͤb⸗ rige Lebenszeit hier zu, leben im Prunk und Ueber⸗ fluſſe und genießen alle Gemaͤchlichkeiten. Kinderloſe Odaliken, deren Anzahl immer bei weitem die groͤßte it, werden bei ihrem Austritte aus dem großen Serail in einem Sterbefall, von den Kadunen haͤufig der Koſtbarkeiten und ihres Schmu⸗ kes beraubt. Eben deshalb ſind ſie auch ſchon bei Leb⸗ zeiten des Sultan bedacht, ſich Schaͤtze zu ſammeln, und außerhalb des Serail anzulegen. Wenn dieſes der Fall nicht iſt, ſo fuͤhren ſie im Eski⸗Serai ein eingezogenes, wenig glaͤnzendes Leben, verfertigen ſogar allerhand niedliche Frauenzimmer⸗Arbeiten, welche Juͤdinnen, die ſie beſuchen, verkaufen. Wenn ſolche kinderloſe Odaliken Maͤnner be⸗ 39 kommen, ſo koͤnnen ſie das Eski⸗Setai wieder ver⸗ laſſen. Gemeiniglich nimmt der neue Sultan die zu⸗ ruͤckgelaſſenen, noch jungfraͤulichen Frauenzimmer ſei⸗ nes Vorgaͤngers in ſein Harem auf. Iſt dieſer Fall nicht, ſo kommt es bei den Vermaͤhlungen darauf an, ob der Sultan dieſelbe erlaubt, die Kadune oder Ober⸗ hofmeiſterin ſie beguͤnſtigt, und ob die zu Vermahlen⸗ den Geld und Kredit haben. Die Sultaninnen ſind von den uͤbrigen Frauen⸗ zimmern getrennt. Unter den Vergnuͤgungen des Harem erwarten ſie auch den Zeitpunkt mit Verlan⸗ gen, in welchem ſie der Großherr mit den Großen des Reichs vermaͤhlt. Jedes der vornehmſten hier wohnenden Frauenzimmer hat eine Art von eigenem abgeſonderten Hofſtaat; wie jedes der 23 Hauptge⸗ baͤude des Eski⸗Serni ſeine beſonderen Zimmer, Saͤle, Kuͤchen und Gaͤrten hat. Zwei derſelben ſind ſehr prachtvoll eingerichtet, und werden von Niemand be⸗ wohnt, weil der Sultan zur Zeit ſeines Aufenthaltes dahier ſie bezieht. Das offene, obengenannte Thor bewachen Tag und Nacht zo weiße Verſchnittene. Außer dem Kai⸗ ſer iſt jeder Mannsperſon der Eintritt unterſagt. Der Gouverneur des Palaſtes und der Dberhof⸗ meiſter aller der in demſelben wohnenden Frauenzim⸗ mer iſt Kapi⸗Agaſſi, welcher außer den Thurhuͤ⸗ tern gegen 40 Verſchnittene unter ſich hat, taͤglich 100 Aſper und iaͤhrlich mehrete Kleider von Goldſtoff, die 40 Pelte und Kaftani abgerechnet, erhaͤlt.— Ein Frauen⸗ zimmer, welches Kinder geboren hat, genieht taͤglich eine Penſion von 30 Aſpern, und empfangt dreimal im Jahre einen Anzug von Goldſtoff. Die Toͤchter und Prinzeſſinnen werden in der Kleidung den Muͤt⸗ tern gleich gehalten, und haben taͤglich 100 Aſper. gedes andere Frauenzimmer erhaͤlt taͤglich 15 Aſper⸗ die Sklavinnen 10, und dreimal im Jahre Gewaͤn⸗ der von Seide und Brokat. Alle Morgen kommen 10 turkiſche Weiber aus der Stadt(Terdizler) um den Frauen unterricht im Naͤhen und Sticken zu ge⸗ ben, Sie muͤſſen ſich aber vorher immer eine Unter⸗ ſuchung von den weißen Verſchnittenen gefallen laſ“ ſen, damit keine verkleideten Maunsperſonen ſich ein⸗ ſchleichen. Stattet der Kaiſer im Eski⸗Serai einen Beſuch ab, ſo laͤßt er bisweilen ſaͤmmtliche Frauenzimmer ſchoͤn angekleidet im zweiten Hofe verlammeln, dutch⸗ reitet mit ſeinen Verſchnittenen die zwei Reihen, welche ſie bilden, und grußt jede einzeln ſehr freund⸗ lich. Zuweilen macht er in ihrer Geſellſchaft Spa⸗ ziergaͤnge, und wohnt den Feſien bei, welche zu ſeiner Ehre gegeben werden. Sehr glaͤnzend wird die Feierlichkeit begangen, wenn eine der hier wohnenden Sultaninnen an einen Großen des Reiches verheirathet wird. Ihre Kleider, ihr Schmuck, Meubels u. ſ. w. jedes einzeln, wer⸗ den auf Kameelen oder Pferden dem Auge zur Schau 11 dargeſtellt. Ihre Sklaven und jene, welche der neue Gemahl verehrt hat, gehen vor ihr her. Sie ſelbſt reitet unter einem praͤchtigen verdeckten Baldachin, umgeben von ihren Verſchnittenen, worauf ihre Wa⸗ gen folgen. Zur Ausſteuer muß der Gemahl wenig⸗ ſtens soo,000 Sultanins(2 Millionen Livres) nebſt einem reichen Schmucke von Sdelſteinen, Perlen und goldenen Bijouterien ſchenken. Sum Zeichen ihrer Wurde tragen die Sultanin⸗ nen einen mit Brillanten beſetzten, kleinen Dolch Mariar) im Guͤrtel. Selbſt wenn ſie vermaͤhlt ſind, beſuchen ſie zuweilen den Sultan im Serail. Der Gemahl muß ſich in Vielem nach dem Willen einer ſolchen Frau beguemen, und erlaubt es der Sultan, ſo kann ſie ihn verſtoßen und einen andern Mann nehmen. Xv. Der Weiber⸗Markt zu Konſtantinopel. Zu dem Weiber⸗Markt(Avret⸗Baſar) gelangt man, wenn man ſich von dem großen Beſeſtin ößtlich wendet, und die Dsmanen⸗Dſchamie liegen laͤßt, während man das Vezir⸗ haneh und die Vezier⸗haneh⸗ Dſchamie im Suͤden hat. Durch ein Thor fuͤhrt ein ſchmaler Gang zu dem viereckigen Platze, welcher mit den ihn umgebenden Gebaͤnden, den Frauen⸗Baſar ausmacht. Ein viereckiges Gebaͤnde umgibt einen mit Raſenplatzen verſehenen innern Hof auf allen Seiten⸗ Im ganzen Umfange geht ein Saͤulengang vor dem 42 Gebaͤnde nach dem Hofraume zu. Hier und unter die⸗ ſen Kolonnaden, wo die Thuͤren zu den Gemaͤchern der Sklavinnen ſind, iſt rings um die Mauer eine Bank, damit die Maͤdchen, wenn ſie vielleicht durch die Hitze der Sonne oder durch Regen aus dem Hofe zu geben genoͤthigt werden ſollten, mit Bequemlichkeit zum Verkaufe ausgeſtellt, und von den Kaͤufern ge⸗ boͤrig beſichtigt und gepruͤft werden koͤnnen. Die Zim⸗ mer hinter den Gaͤngen erhalten ihr Licht durch die Thuͤre und ein kleines Gitterfenſter zur Seite. Bei ſchoͤnem Wetter ſieht man die Sklavinnen in der Mitte des Hofraumes auf Matten ſitzend, mit untergeſchla⸗ genen Beinen. Den Chriſten und Juden in der Tuͤrkei iſt der Sklavenhandel unterſagt; nur Muſelmaͤnnern wird der Zutritt in den Weiberbaſar geßattet. Europaͤer koͤnnen dieſen ohne einen großherrlichen Firman nicht beſuchen; er wird nur Geſandten und Agenten frem⸗ der Maͤchte ertheilt, wenn ſie im Begriffe ſind, die Hauptſtadt zu verlaſſen. Wehe dem Fremden, welcher unbekannt mit den Sitten des Drients und den National-Vorurtheilen der Tuͤrken wagen wollte, die Schwelle dieſes ihm verbotenen Quartiers zu uͤbertreten. Den groͤßten Be⸗ leidigungen und Mißhandlungen wuͤrde er ſich aus⸗ ſetzen, und ſelbſt ſein Leben dabei in Gefahr kommen⸗ Konſtantinopel iſt der Hauptſtapelplatz fuͤr den Handel mit weißen Sklavinnen, wie Kairo fuͤr den 43 mit ſchwarten; von da werden die meiſten Hatem der Großen des Drients bevoͤlkert. Unter den weißen Sklavinnen, die auf dem Baſar zu haben ſind, ruͤhmt man beſonders die Kaukaſ⸗ ſierinnen und die Griechinnen. Erſtere haben beſonders ein reizendes Ebenmaß im Gliederbaue, wenn ſie noch jung ſind. Ihre Haut hat meiſtens eine matte Weiße; die Haare vieler ſind braun oder blond, die Augen blau. Letztere zeichnen ſich vorzuglich durch koͤrperliche Fuͤlle und Dickleibigkeit aus, welche die Luͤrken fuͤr Schoͤnheit halten. Die Anzahl der ſchwarzen Frauenzimmer, welche nach Stambul zum Verkaufe gebracht werden, iſt von Zeit zu Zeit ſo groß, daß ſelbſt Kaufleute von der Barbaxei ſie von da in ihr Vaterland bringen, obgleich man denken ſollte, daß ſie dieſelben in ihrer Naͤhe wohlfeiler haben koͤnnten. Der Preis der Sklavinnen iſt nach Zeit und Um⸗ ſtaͤnden verſchieden. Gewoͤbnlich wird fuͤr ein Indivi⸗ duum soo bis 1000 Piaſter bezahlt. Sklavinnen von ſeltener und ausgezeichneter Schoͤnheit werden oft zu außerordentlich hohen Preiſen verkauft. Ganz nackt zeigt ſich eine Sklavin dem Kaͤufer in keinem Fall, weil die Strenge und der Anſtand der osmaniſchen Sitten dagegen ſtreitet. Aber er kann eine Matrone auf den Baſar ſchicken, durch ſie die gehoͤrige Beſichtigung anſtellen laſſen, beſonders in der Abſicht, daß ſie noch Jungfer ſey. Auch beſehen 44 ſie die Tuͤrken an manchen Theilen, ohne jedoch den Wohlſtand zu beleidigen. Sie heben ihten Schleier auf, oͤffnen den Mund, betrachten ihre Hände und ſcheinen ſie ſo ganz zu unterſuchen, wie man mit Thieren, beſonders Pferden zu thun pflect. Die Sklavinnen tragen gewoͤhnliche Kleider von xoher, weißer over blauer Leinwand. Die Negerin⸗ nen ſieht man auf dem Baſar nicht ſelten ganz nackt bis auf ein grobes Hemd, das ihre Bloͤße bedeckt, und welches durch einen ſchlechten Guͤrtel um die Len⸗ den feſgeknuͤptt wird. Sklavinnen von Werth und Schoͤnheit werden auf das reizendſte angezogen. In der Regel ſcheinen die Sklavinnen auf dem Baſar nichts weniger als betruͤbt zu ſeyn. Man ſieht ſie oft lachend und ſcherzend; die Vergangenheit ver⸗ geſſend, denken ſie bloß an die Gegenwart. Da die meiſten Loͤchter armer Aeltern ſind, ſo hat ſich ihr Zuſtand verbeſſert; ſie ſchmeicheln ſich einer heitern Zukunft, denn dadurch, daß ſie in fremde Hoͤnde kom⸗ men, hat man aus Intereſſe meißens die groͤßte Sorg⸗ falt fuͤr ſie. Daß alle Nichtmuhammedaner ausgeſchloſſen ſind von dem Rechte, Sklaven zu kaufen, kommt daher, daß alle von den Tuͤrken als Sklaven an und fuͤr ſich betrachtet werden. Daß aber weder Chriſten, noch Juden, weder Rajas, noch Franken, den Sklaven⸗ Markt beſuchen duͤrfen, hat ſeinen Grund in dem lacherlichen Voturtheile, weil ſie fuͤrchten, daß ein 45⁵. Maͤdchen, oder ein Weib nicht koͤnne von ihnen an⸗ geſehen werden, ohne dadurch in ihrem Werthe her⸗ abgeſetzt zu werden, ohne Gefahr zu laufen, ihrem bösartigen Einfluſſe ausgeſetzt zu ſeyn. In der Tuͤrkei ſowohl, als in Perſien wer⸗ den die Sklaven beiderlei Geſchlechts gewoͤhnlich in fruher Jugend erkauft, in der muhammedaniſchen Re⸗ ligion unterrichtet, und faſt mit der Aufmerkſamkeit behandelt, wie die Kinder des Hauſes. Selten ver⸗ kauft ein Tuͤrke eine Sklavin, mit der er unzufrieden iſt; es genuͤgt ihm, ihr zu drohen, ſie zu ſtrafen, wie ſeine Kinder. Nach einem mehr oder weniger langen Dienſte, je nachdem ein Muſelmann mehr oder we⸗ niger die Vorſchriften ſeines Propheten beobachtet, welcher die Sklaverei nicht laͤnger, als auf eine Zeit von o Jahren feſiſetzt, ſchenkt er ſeinen Sklaven die Freiheit, und verheirathet ſie. Bei ſeinem Tode wer⸗ den die Sklaven und Sklavinnen ſeines Hauſes faſt allezeit frei. Die Kriegsgefaugenen, wenn ſie nicht bald nach dem Kriege ausgeloͤſet werden, ſind, ſobald ſie nicht dem Schwerte unterliegen, natuͤrliche Sklaven, und fallen denen als Eigenthum zu, deren Beute ſie ſind. Man benutzt ſie zu den beſchwerlichſten Arbeiten, und ſie koͤnnen nicht hoffen, ihre Befreiung zu erhalten, in ſofern ſie nicht ihrem Glauben entſagen, oder ſich durch Geld ausloͤſen koͤnnen. Die Reger⸗Sklavinnen aus Aethiopien und N ubien, werden, gleich den weißen, in der muham⸗ medaniſchen Religion auſerzogen, und eben ſo mild als dieſe behandelt. Sie ſind großtentheils zum Dienſte des Harem beſtimmt, und theilen ſelten das Bett mit dem Herrn, beſonders wenn er angeſehen und reich iſt. Nach einigen Dienſtjahren werden ſie ge⸗ woͤhnlich an weiße Sklaven verheirathet, und beide auf gleichen Fuß geſtellt. Bisweilen behaͤlt man beide im Hauſe, ohne ſie frei zu machen; die Frau faͤhrt dann fort in dem Harem zu dienen, und der Mann bleibt wie vorher um den Herrn, begleitet ihn auf Reiſen, und folgt ihm auch in dem Kriege nach⸗ Xv. Palaͤſte der Großen im Morgenlande. Dieſe Palaͤſte, vorzugsweiſe Serails genannt, beſtehen nicht aus einem, ſondern aus der Zuſammen⸗ ſetzung mehrerer Gebaͤude, bei welchen haͤuſig die Sy⸗ metrie auf eine verkehrte Weiſe verletzt iſt. Die Vor⸗ derſeite eines ſolchen Palaſtes iſt gewoͤhnlich durch die unordentliche Stellung der Fenſter und durch das Neber⸗ ſpringen der Kioske und Erker in ungleichen Hohen entſtellt. Das vordere Eingangs⸗Thor hat Bogen und iſt mit Marmor von verſchiedenen Farben ausgeſchmuckt. Durch dasſelbe gelangt man in einen großen unge pflaſterten Hof, welcher von niedrigen Gebaͤnden um⸗ geben iſt, welche der Dienerſchaft eingeraͤumt ſind. Durch ein anderes Thor reiten Leute vom Stande in den zweiten Hof. In dieſem fuͤhrt eine Wendel⸗ 47 trevpe zu einer großen Saͤulen⸗Reihe, welche gegen Nord oder Weſt ſieht, und durch ein Geruͤſte von Holz, welches oben hervorſpringt und reichlich bemahlt oder vergoldet iſt(Rifraf genannt), oder durch Vor⸗ haͤnge zwiſchen den Saͤulen gegen die Sonne geſchuͤtzt iſt. Man findet hier auch kleine Springbrunnen und Divans an den Seiten für die Leute, welche die Auf⸗ wartung machen. In den Nebengebaͤnden ſind die Zimmer der Haupt⸗ offiziere des Seraiherrn. Sie ſind in der Regel ſchoͤn und geraͤumig, jedoch nicht beſonders gut meublirt. Die Zimmer der niedern Hofbedienten ſind klein und mit Gepaͤcke uͤberladen. Das Gebaͤnde im Hintergrunde des zweiten Ho⸗ fes faßt die Staats⸗ und Audienz⸗Zimmer des Herm in ſich. Diejenigen, welche ſich auf dem Erdgeſchoſſe befinden, haben ſelten mehr als eine Reihe Fenſter auf einer Seite; ihnen gegenuber ſtehen auf der an⸗ dern Seite eben ſo viele Kredenz⸗Tiſche mit Thuͤren, welche, wie das Lafelwerk, bemalt ſind. Einige dieſer Zimmer haben in der Mitte oder an der einen Seite einen kleinen, niedlich verzierten Springbrunnen zur Kuͤhlung in der heißen Jahreszeit. Ein ſolches Prunkiimmer iſt gewoͤhnlich laͤnglich, mit einem hohen und flachen Tafelwerke umgeben. Das Licht faͤllt durch eine Reihe breiter Fenſter reich⸗ lich ein. Mauern, Waͤnde und Decke ſind mit Blu⸗ men, Fruchten und andern Verzierungen bemalt. An 48 den Leiſten uͤber den Fenſtern und auf den Kredent⸗ Ciſchen ſind Spruͤchwoͤrter vrientaliſcher Weiſen, Spruͤche aus dem Koran, Stellen aus perſiſchen, ara⸗ viſchen und tuͤrkiſchen Dichtern, zuweilen auch Ehren⸗ bezeugungen an den Hausherrn in Verſen mit arabi⸗ ſchen Buchſtaben geſchrieben. Zwiſchen der Thuͤre und dem Divan iſt ein Naum der Groͤße des Zimmers angemeſſen, deſſen Pflaſter entweder aus Marmorſtuͤcken oder andern vft roͤthli⸗ chen und weißen Steinen von verſchiedener Farbe be⸗ ſteht. Dieſer Raum heißt Atabi, und nimmt we⸗ nigſtens die Haͤlfte, oft aber auch noch weit mehr von dem Gemache ein. Der uͤbrige Theil des Zimmers iſt fuͤr den Divan beſtimmt, um anderthalb Schuhe erhöht, und mit einer Terraſſe verſehen. Durch das dritte Thor gelangt man endlich in den dritten Hof, welcher mit den Gebaͤuden des Harem umſchloſſen iſt. Dieſer Hof, der Haupttbeil des Se⸗ rail, ſteht mit andern viel kleinern auf den drei Sei⸗ ten in Gemeinſchaft, in welchen ſich das Bad, die heſondere Kuͤche, das Waſchhaus, die Bleiche ꝛc. be⸗ ſinden. Ein Cheil des Hauptbofes iſt mit Baͤumen und bluͤhenden Geßtraͤuchen bepflanzt, der uͤbrige ge⸗ pflaſtert Am Ende auf der Suͤdſeite iſt ein vierecki⸗ ges Becken mit Springbrunnen und dicht an demſel⸗ ben auf einem ſteinernen, etwa 2 bis 3 Schuhe uͤber das Pflaſter des Hofes erhoͤhten Grund(Muſtabi) ein kleiner Pavillon gebaut. R 49 Vor dieſem Becken ſieht gemeiniglich ein hoher, weiter, mit Bogen gewoͤlbter Salon(Alkove), un⸗ gefaͤhr 4s Zolle hoͤher, als das Pflaſter und nach dem Hofe ganz offen. Er iſt ebenſo bemalt, wie die uͤbri⸗ gen Zimmer, die Decke aber von einfacher oder ver⸗ goldeter Stukkatur⸗Arbeit, und der Boden rund um einen kleinen Brunnen mit verſchiedenfarbigem Mar⸗ nibr belegt, mit ſpringenden Waſſerſtrahlen in der Mitte. Hier wird der Diwan zugerichtet und mit Zitzen und Strohmatten von Kairo belegt, weil er nur fuͤr den Sommer beſtimmt iſt. Er heißt auszeich⸗ nungsweiſe Diwan, und wird immer verſtanden, wenn das Wort allein gebraucht wird; denn andere werden durch den Namen der Zimmer bezeichnet, zu welchen ſie gehoͤren. Auf beiden Seiten dieſes Salon iſt gewoͤhnlich ein kleines Kabinet zum einſamen Aufenthalte und zur ſtillen Ruheßtelle. Dieſes Kabinet heißt Kubbe. Man gibt dieſen Namen nicht blos kleinen Zimmern, welche an den Diwan ſtoßen, ſondern. auch innern kleinen Zimmern uͤberhaupt, wenn ſie an andern großen Gemaͤchern ſich befinden. Auf der andern Seite dieſes Hofes beſindet ſich in der Regel noch ein anderer Saal Maah), welcher und eingerichtet iſt. In der Mitte hat dieſes freie, viereckige Vorgebaͤude gemeiniglich eine Kuppel, wel⸗ che auf drei Seiten drei weite Bogen ſtützen. Das 72, Bd. Türkei. W. 4 ——— — 60 S Pfaſter(Attabi) unter der Kuppel iſt von Marmor oder Quaderſteinen; im Mittelpunkte ſieht man einen runden Springbrunnen. Die hintern Ecke des Saals, durch holzerne Abtheilungen getrennt, bilden oft zwei leine viereckige Zimmer, welche den Namen Kub⸗ taldaah fuͤhren. Die drei großen Zwiſchenraͤume unter den Schwib⸗ bogen dienen zu Diwans. Der Kaah iſt immer reich ausgeziert, und kann auch angenehm kuͤhl gemacht werden, wenn man den ganzen Attabi unter Waſſer ſetzt. In dieſem, als in allen andern Zimmern, die Staatszimmer ausgenommen, geht inwendig rund perum, drei Schuhe vom Tafelwerk, ein Geſimfe (Riff), auf welchem große Becher von Porzellan, mit Gefaͤben von Silber und Kriſtallglas abwechſeln. Der Diwan und der Kaah werden als gemein⸗ ſchaftlich angeſehen. Die Hauptzimmer des Harem ſehen alle in den Hof und ſind faſt immer reichlich gusgeziert. Die Schlaf und Wohnzimmer fur die Frau⸗ enzimmer ſind meiſtens auf dem Erdgeſchoße; die obern Gemaͤcher heitzen Marubba, ſind groß und pracht voll eingerichtet, da man ſich ihrer bei feierlichen Gelegenheiten bedient. Die Marubbas haben nicht ſelten ſchoͤne Kioſts. Aus der Beſchreibung der Palaͤſte orientaliſcher Großen ſieht man, daß ſie im Kleinen dartellen,8 was 51 das kaiſerliche Serail im Großen zeigt. Die Serails der Vornehmen dienen wieder den niedern Klaſſen der Stadtbewohner zum Muſter; ihre Wohnungen naͤhern ſich erßern oder ſtehen ihnen weit nach, je nachdem ihr Vermoͤgensſtaud groß oder gering iſt. Umblick auf einer Reiſe von Konſtanti⸗ nopel nach Bruſſa und dem Olympus, und von da zurück über Nizäa und Ri⸗ kodemien, von Joſeph v. Hammer im Jahre 1804*. — De Reiſende, welcher zu Waſſer die Reiſe von Konſtantinopel nach Bruſſa unternimmt, koͤmmt zuerſ zu der Hafenſtadt Modania, in dem Meer⸗ *) Mit Kupfern, Karten und Inſchriften. Peſtb bei Adolph Hartleben. 1818. 4. Er wurde 1774 zu Graͤtz gebbren, a78s in die vrientaliſche Aka⸗ i zu Wien gebracht, wurde 1798 Vertrauter des Geſchichtsſchreibers Joh. v. Muͤller, kam 1799 als Sprachknabe nach Konſtantinopel zum öſterreichiſchen Geſandten, reiste im Herbſte 1804 über Ralta und Gibraltar nach England, im April 1802 nach Wien, 1804 uber die Moldau nach Fongtantinopel, kehrte 1807 nach Wien zu⸗ ruck, wo er noch ganz der vrient. Litteratur lebt⸗ 53 buſen, welchem ſie den Namen gibt, als dem naͤchſten Landungsplatz. Die Kuͤſte gewaͤhrt den Anblick rohen und unbebauten Landes; gegen das Vorgebirs Trig⸗ lia, an dem ſuͤdlichen Ende des Buſens, ſchlaͤgt das Meer an den Fuß des ſich zu demſelben hinabſenken⸗ den Gebirges und laͤßt nur einen Streif von ebenem Ufergrund, auf welchem die Doͤrfer Sigle und Triglia angebaut ſind; jenes zwei, dieſes drei Stunden von Modanig entfernt. Auf dem Wege dahin und 1/½ Stunde von der Stadt haͤngt an dem Abhange des Gebirges ein, aus 20 und einigen Haͤu⸗ ſern beſtehendes Doͤrfchen, auf tuͤrkiſch Fenikot (Neudorf), auf griechiſch Albanitochori(Albane⸗ ſerdorf) genannt; es ward vor 28 Jahren von ſchutz⸗ ſuchenden albaneſiſchen Familien angebaut. Auf der andern Seite Modanin's und gegen die Mitte des Meerbuſens entfernt ſich das Gebirg vom Geſtade, welches bald mehr, bald weniger als eine Stunde breit„ein wohlbebauter Kuͤſtenſtrich iſt; die Doͤrfer Burgas(Burg oder Thurm), oder Neachorati(Neuburg), Altuntaſch(Goldſtein), Kurſchunlii(Blehern), Gendſcheli(Winkel⸗ ried) und Engurdſchik(Gurke oder Gurk), jedes eine Stunde von dem andern gelegen, bezeichnen in gleichen Entfernungen die Straſſe vovn Modania nach dem Staͤdtchen Gemlik in der großten Tiefe des Meerbuſens. Modanin vexaͤndert das Meer mit einem langen 54 Darm aͤrmlicher, halbverfallener Haͤuſer ohne Lan⸗ dungstreppen. Nur eine führt zur Mauth, weil Modania die Stapelſtadt von Bruſſa und der Ausfuhrort der Erzeugniſſe der Umgegend iſt. Dieſe Stadt wurde 1361 unter Osman's I. Regierung auf ſeinen ausdruͤcklichen Befehl und unter dem Segen des frommen Derwiſches Hadſchi Begtaſch, des nachmaligen Heiligen der Janitſcharen, erobert und das Schloß derſelben zerſtoͤrt. Sie zaͤhlt drei Moſcheen und ebenſo viele Chane, ein Bad, eine tuͤrkiſche und eine griechiſche A B C Schule. Die Einwohner meiſt Griechen, leben vom Wein und Gartenbau. Modania's Feigen und Trauben, Moſt und Eſſig ſtehen im groͤßten Rufe. 7 Eine Viertelſtunde von Modania, gegen SW. liegen mitten unter Weingaͤrten die Ruinen zerfalle⸗ ner Mauern, deren Steine Gartenmauern gegen die herabrollende Erde bilden. Vermuthlich ſind ſie die Reſte der alten Stadt Apamea, deren Name ſich in jenem der Ruinen erhalten hat, welche von den Einwohnern Amapoli genannt werden. Von hier angefangen ſtellt das Land das ſchonſte Gemaͤlde wu⸗ chernder Pflanzung und emſigen Anbaues dar. Die Straſſe iſt von beiden Seiten mit Weingehegen und Maulbeerpflanzungen eingeſaͤumt, wie die ſchoͤnſten Straſſen Italiens. Kuͤhle Quellen, welche ſich in gewoͤlbten Behaͤltniſſen ſammeln, vder aus Fontaͤnen — 55 hervorſpringen, traͤnken uͤberall den durſtigen Wande⸗ rer und Boden. Nach einer halben Stunde immer aufſteigenden Weges erblickt man rechts auf der Hoͤhe des Berges Miſopolis ein großes von Griechen bewohntes Dorf, und eine Stunde weiter zieht man durch das türkiſche Dorf Tſchakirchan. Die Straſſe ſenkt ſich nun weiter fort auf der andern Seite des Berg⸗ walles, welcher Bruſſa's Ebene vom Meere trennt. Eine Schlucht, durch welche ſich der Weg ſenkt⸗ oͤfnet auf ein Mal die große Ausſicht der Ebene, des Fluſſes und des Huͤgeldammes, von welchem ſie durchſchnitten wird, und der großen Maſſe des Olympus im Hintergrunde. Von dem Fluß Nilufer(Lotos Nenufar), wel⸗ cher wie eine ſilberne Schlange auf der Paradieſes⸗ flaͤche Bruſſas ausgedehnt liegt, fuͤhrt der Weg durch das tuͤrkiſche Dorf Befler(Naͤhrend). Sanft erhebt ſich der Wes durch die Huͤgelreihe, welche zwiſchen dem Diympos und dem Meere mit dem zuruͤckge⸗ laſſenen Gebirgswalle faſt gleich laͤuft. Bei dem Dorf Ahmedie thut ſich die Ebene von Bruſſa in ihrer ganzen herrlichen Weite auf, und das Auge mißt in ſeiner ganzen Groͤße den Rieſen des Dlympos vom Kopfe, welchen die Stirnenbinde ewigen Schnres ſchmuͤckt, bis. jum Fuße, welchen die Gaͤrten Bruſſas, wie ein reiches kaſchmiriſches Shawl umhuͤllen. Nach einer Stunde ſetzt man zum zweiten Male uͤber den 56 Nilufer, welcher nun in einer ganz entgegengeſetz⸗ ten Richtung daher ſtroͤmt. Er entſpringt in den weſtlichen Thaͤlern des Olym gos, umfaͤngt den⸗ ſelben in ſeiner ganzen Breite von Weſt nach Dſt, nimmt in ſeinem Laufe alle Baͤche und Gebirgsſtroͤme der oͤſtlichen Thaͤler des Dlympos auf, kehrt hier⸗ auf in der Richtung ſeines erſten Weges zuruͤck, um⸗ guͤrtet das Ende der Huͤgelreihe, welche die Flaͤche durchſchneidet, fließt dann laͤngs derſelben und in einer, ſeiner erſten ganz entgegengeſetzten Richtung von Oſt nach Weſt gegen den Rhyndakos, mit welchem er ſein Waſſer, ein wenig ober der Muͤndung deſſelben, vereinigt. Naͤchſt der grofen ſteinernen Bruͤcke bei dem zwei⸗ ten ebergang uͤber dem Nilufer iſt die große Fon⸗ taͤne Adſchemler Sſcheſchmeſſi(der Perſer⸗ brunnen), mitten auf einer kleinen, von Platanen beſchatteten Halbinſel des Fluſſes. Das Dorf oder vielmehr die Vorſtadt Tſchekirdſche, auf der unmittelbar von der Fontaͤne an ſich erhebenden Hoͤhe gelegen, ſellt ſich mit der großen Moſchee und ſeinen Baͤdern als das ſchoͤnſte Gemolde dar. Vön der Stadt führen gepflaſterte und von großen Baͤumen beſchattete Wege zu dem Perſerbrunnen, als ihr gemein⸗ ſchaftliches Ziel. Der groͤßte derſelben führt von hier faſt geraden Weges und immer aufwaͤrts, an die Thore der Stadt. Hier ethaͤlt man die volle Ausſicht des Zauberthaſes. 57 Ein unermeßlicher Hain von Maulbeerbaͤumen, deren wogende Gipfel ein weites Meer bilden, welches, ſo weit die Blicke reichen, gruͤne Fluthen ſchlaͤgt. Aus der Mitte deſſelben erheben ſich als Zauberinſeln die majeſtaͤtiſchen Dome der großen Baͤder, welche im Glanze der Sonne, wie die Magnetbetge oder De⸗ mantkuppeln im grünen Meere der blauen Maͤrchen der tauſend und einer Nacht ſtrahlen. Köſchke, Fontaͤnen, Baͤder und Moſcheen erheben ſich überall oberhalb der Straſſe auf dem Berge und unterhalb derſelben im Thale. Die Stadt Bruſſa beſteht aus der eigentlichen Stadt, aus dem Schloſſe und aus den Vorſtaͤdten. Das ganze bildet eine Binde von Gebaͤuden in der Laͤnge einer Stunde und kaum /4 Stunde breit, welche auf dem letzten Abhang des Olympos den Fuß deſſelben als eine praͤchtige Sandalenbinde um⸗ faͤngt. Die Schlucht Goͤgdere(das himmliſche Thal) durchſchneidet die Stadt und verlaͤngert ihre Muͤndung bis jenſeits derſelben in die Flaͤche hinaus. Die Vorſtaͤdte ſtoßen an die aͤußerſten Ende dieſer langen Fußbinde des Olympos, und das Schloß S ſich in der Ritte der Stadt uͤber ſenkrechten elſen. In den Vorſtaͤdten Tſchekirdſche und Emir Sultan ſind zwei ſchoͤne Moſcheen bemerkenswerth: in Tſchekirdſche die Moſchee vom Pberrichter Sultan Orchans erbaut, welche noch in der einfa⸗ chen Wuͤrde der alten Baukunſt daſteht. Die ſchoͤne Moſchee in Emir Sultan war zwar im Anfange dieſes Jahrhunderts durch Feuer zerſtort, erſtand aber wieder mit aller Zierlichkeit der neuen Baukunſt. Auf der Weſtſeite der Stadt gewaͤhrt die Moſchee, vvn Sultan Murad erbaut, hoͤchſt maleriſche Geſichts⸗ vunkte. Die Moſchee des Sultan Bajasid auf der Oſtſeite bei dem Eingange der Stadt iſt ausgezeichnet durch die edle Einfachheit des Peryſtils und ihrer Form. In der Stadt ſelbſt ragt die große Moſchee durch ihren Kuppelwald, unzerſtort von den Verhee⸗ rungen des Wetters und des Feuers, weit hervor. In dem Umfange des Schloſſes war die alte Katbe⸗ dral⸗Kirche durch Orchan in eine Moſchee verwan⸗ delt, und auch eine andere von ihm innerhalb des Palaſtes der erſten Sultane der Osmanen erbaut. Endlich zeichnen ſich noch die beiden Wallfahrtsorte von Murad Abdal und Seid Naſſir hinter dem Schloſſe auf einer ziemlichen Anhoͤhe des Olym⸗ pos aus. Haine von Zedern und Zypreſſen, von Platanen und Pinien, von Kaſtanien und Tannen, durch den reichſen Neberfluß an kleinen Quellen und Spring⸗ brunnen bewaͤſſert, verſchoͤnern die herrliche Lage Bruſfas. Morgen⸗ und abendlaͤndiſche Reiſebe⸗ ſchreiber haben im Dſten und Weſten nur zwei Staͤdte gefunden, welche durch die Schoͤnheit ihrer Lage und den Reichthum ihrer Naturgaben mit derſelben vergli⸗ 59 chen zu werden verdienen, Damaskus und Gra⸗ nada. Beide Staͤdte, Reſidenzen des Chalifen aus dem Hauſe Ommiah ſind von ſyriſchen und andaluſiſchen Dichtern im hoͤchſten Glanze ara⸗ biſcher Proeſie gefeiert worden. Ebenſo haben tuͤr⸗ kiſche Dichter die erſte Reſidenz der Sultane aus der Familie Dsman im hoͤchſten Schwunge des Liedes gefeiert, und in ihren Scherengis(Stadtauf⸗ ruhr) genannten Lobgedichten, nicht nur die Schoͤnheit der Frauen und Juͤuglinge Bruſſas als die ganze Stadt durch Liebe in Aufruhr ſetzend, ſondern auch die Schoͤnheit der Stadt ſelbſt als eine ſolche geprie⸗ ſen, welche die ſchoͤnſte Stadt der Welt durch Eifer⸗ ſucht in Aufruhr ſetzt. Ueberall erblickt man eine unzählige Menge von Quellen und Brunnen von kalten und warmen Flu— then. Unter dem regen Gewimmel und Getuͤmmel kalter und warmer Waſſer, welche dem Wanderer in Bruſſa auf allen Schritten und Tritten rechts und links, aus Felſen und Behaͤltern, aus Brunnen und Fontänen, aus Kanaͤlen und Baͤdern entgegen ſpru⸗ deln, murmeln, fluthen und dampfen, zeichnen ſich drei kalte Quellen aus, ſo reichhaltig, daß ſie gleich bei ihrem Urſprunge Baͤche bilden und mit ihrem Waſſer die 6 Quartiere der Stadt verſor⸗ gen: dann 7 warme Vuellen ſo heilſam, daß man dieſelben mit Gebaͤnden umfangen und daß durch ſie 60 Bruſſa ſchon von der aͤlteſten Zeit her im Morgen und Abendlande weit beruͤhmt geworden. Die halb verfallenen Mauern und die zerwworfenen Chuͤrme des Schloſſes, in der Mitte des bluͤhendſten und uͤppigſten Wachsthumes der Natur, floͤßen eine ſuͤße Melancholie ein, welche durch die hohen Cypre ſen und Grabſteine zu beiden Seiten des Weges noch erhoͤht wird. Die Zahl der oͤffentlichen Baͤdern belaͤuft ſich auf ſieben; von welchen ſich vier auf der Ebene am Fuße des Berges und drei auf dem Abhange deſſelben in der Vorſtadt von Tſchekirdſche befinden. Die Zahl der Privatbaͤder gibt man auf 3000 an. Bruſſa zaͤhlt nach der Angabe ſeiner Einwohner und der tuͤrkiſchen Reiſebeſchreiber 365 Moſcheen⸗ ebenſo viele Kloͤſter und Spaziergaͤnge. Bei einer ge⸗ nauern Ueberſicht moͤchte vielleicht die Halfte heraus⸗ kommen. Auf dem Schloſſe ſind außer der Moſchee Or⸗ chans und den Grabmaͤlern der erſten osmaniſchen Sultane nur noch die Ruinen der beiden Palaͤſe merkwuͤrdig, welche Murad und Mohammed, der Erſte dieſes Namens, an den beiden Enden der gro⸗ ßen Felſenterraſſe erbauten. Die hier ſenkrecht abſtuͤr⸗ zenden Felſenwaͤnde fuͤhrt die auf denſelben gegruͤndete Mauer ſenkrecht in die Hoͤhe fort. Dieſe aus Qus“ derſteinen erbaute und mit Moos bedeckte Mauer wird dupch viereckige Thurme beſchirmt. Das Arſenal des 61 Schloſſes iſt jetzt ein Gemüſegarten, von welchem aus man eine herrliche Ausſicht auf die Stadt und ihre Umgebung hat. Die Palaͤſte der erſten osmaniſchen Sultane laſſen noch den Plan des Ganzen, die Eintheilung der verſchiedenen Gemaͤcher, die Baͤder und Gaͤrten, die Koͤſchke und Fontainen erkennen. Die Gaſſen des Schloſſes ſind faſt alle oͤde und wuͤſt, viele Haͤuſer zerfallen in Schutt und die ſehr zahlreichen Fontainen ſind ſchlecht unterhalten. Bruſſa, die Wiege osmaniſcher Herrſchaft und Groͤße, enthaͤlt außer den Graͤbern der s erſten Sultane, der Vorfahrer Mohammeds I., ihrer Frauen und Kinder, noch eine große Anzahl von Graͤ⸗ bern großer, frommer und gelehrter Maͤnner. Dsman, der Gruͤnder des Reiches, und ſein Sohn und Nachfolger Orchan, der Eroberer von Bruſſa, liegen mit ihren Familien in der alten griechiſchen Kathedralkirche begraben. Zwanzig mit Kalk uͤbertuͤnchte und alles veberzuges entbloͤßte Saͤrge, welche die ganze alte Kirche fuͤllen, ſchließen die Aſche der erſien Herrſcher des osmaniſchen Stammes ein, welche ſich damals aus Beſcheidenheit bloß Bege (Fuͤrſten) nannten. Die ſehr ſchoͤne Kirche iſt mit vielfarbigen Mar⸗ mortafeln in ſymmetiſcher Ordnung bekleidet. Vier Marmorſtufen erheben ſich in der halben Runde des ehemaligen Hochaltars, und ſechs Saͤulen von altem 62 Gruͤnſtein, welche den Eingang bildeten, ſehen noch aufrecht da. Der Chor, deſſen Wölbungen, ſo wie die aller Fenßer von Saͤulen unterſtützt ſind, ward vermauert, aber auf der aͤußern Vorderſeite ſieht man noch in halb erhabener Arbeit das Kreuz auf der einen Seite von einem Greifen, und auf der andern Seite von einer runden Verzierung bekleidet. Die Graͤber ſind alle gut erhalten; ausgenommen das Grab Ds⸗ mans, welches bald die Aſche des Ahnherrn der Osmanen an das Licht zu bringen droht. Das ſchoͤnſte aller Grabmaͤler iſt das des Sultan Moham⸗ meds I., ſo wie das ſeines Sohnes Murads K. Das groͤßte und weitlaͤufigſte der zu Bruſſa begr⸗ benen erſten ſechs Sultane.. Das Grabmal Emir Sultans, ehemals durch ſeine Schoͤnheit und ſeinen Reichthum ausgeieichnet, gab an Glanz den beruͤhmteſten Wallfahrts-Dertern des Islams, dem Grabe des Propheten zu Medina, dem Aliszu Kerbela, dem ſeiner Soͤhne zu Meſch bed, dem des Jmams Muſſa Ali Ben Muſſt Riſa zu Tuß in Choraſſan, und des Jmans Muſſa Kaſim zu Bagdad wenig nach, und iſt noch heute, nebſt dem beruͤhmten Grabmale Sid Ghaſis und Mewlana Dſchelaledin's it Konia der beruͤhmteſte Wallfahrtsort des osman“ ſchen Reichs. Die Schatze ſind theils durch Feuers brunſte, tbeils durch Nachläͤßigkeit verſchwunden. Die Zahl der Einwohner ſoll ſich auf 100,000 6 Moslimen belaufen, was uͤbertrieben ſcheint, ſelbſt wenn man 6000 Armenier, 3s00 Griechen und 1200 Juden darunter als nicht mohammedaniſchen Theil der Bevoͤlkerung begreift. Die armeniſche und grie⸗ chiſche Kirche ſteht unter Metropoliten, welche von den Patriarchen zu Konſtantinopel abhaͤngen. Faſt alle Einwohner von Bruſſa, Maͤnner und Weiber und ſchon die kleinſten Kinder haben einen ſichtbaren Mangel im Auge. Es iſt eine Art ſchie⸗ lenden Blickes, eine Art geblendeter Augen, denen die zu große Lichte des Tages weh gethan zu haben ſcheint. Schwer iſt es, die Urſache dieſes Fehlers zu ergruͤnden. So merkwuͤrdig für den Arzt Bruſſa durch ſeine Baͤder iſt, ebenſo verdient es die Aufmerkſam⸗ keit des Kaufmanns durch feinen Seidenbau und ſeins Seidenfabrikate. Das Erzeugniß der rohen Seide um Brußſa wird jaͤhrlich faſt auf 3000 Zentner geſchatzt. Man zaͤhlt nicht weniger als 7 Arten Maulheeren und 40 Arten von Birnen in den Umgebungen Bruſ⸗ ſas. Noch ſind die Trauben, Aprikoſen und Kirſchen, vorzuͤglich aber die guten Kaſtanien, ihrer Groͤße und Geſchmackes willen berühmt. Sie wiegen bis zu 40 Drachmen eine und werden mit dem ſaftigen Fleiſche, der auf dem Olympos weidenden Hamel zu einem Braten verwendet, welcher ifür einen der großten Leckeybiſſen gilt. 64 Bruſſa iſt als die dritte Stadt und älteſte Ne⸗ ſiden; des Reichs, als Handels- und Hauptſtadt des Sandſchaks Chodawend⸗Kiar beſonders merk⸗ wuͤrdig. Die Landſchaft Chodawend⸗Kiat(des Selbſtbeherrſchers, nach Murad I. ſo benannt) zaͤhlt 240 große Reiterlehen und 10os kleine. Der Richter (Molla) von Bruſſa ſteht auf einer der hoͤchſten Stufen der Wuͤrdeleiter der lemas, indem er u⸗ mittelbar zu den Richterſtellen der zwei erſten Reſ“ denzen des Reiches Adrianopel und Konſtanti⸗ nopel aufſteigt. Von der am Fuße des Olympos gelegenen Stadt, welchen das Alterthum von ſeinen gleichnami⸗ gen Rieſenbruͤdern durch den Namen des myſiſchen Dlympos unterſchied, ging nun die Wanderung in die hoͤheren Regionen dieſes Berges. Der Weg geht zuerſt hinter der Stadt gegen Ot gewendet bergauf, wo nach einer halben Stunde ſich der Eingang eines herrlichen Amphitheaters von Fe ſen eroͤffnet, welche ſich hinter dicht verwachſene Baͤume verſtecken. Nusbaͤume, Kaſtanien, Buchen und Eſpen bekleiden die erſte Stufe des Olympos. Der ſchmale und ſchlimme Steis klimmt am Nande des himmliſchen Thales hinan. Hier erſcheint daſſelbe als ungeheuere Stufe, geteppicht mit Wieſen⸗ behangen mit Waͤldern, welche wie vorgeſchobene Seenen vor einander laufen, ſo daß das Auge mehrere auf einander ſete durchlaͤuft, welche aber 65 zuſammen nur ein einziges großes, von der Wurzel des Berges auslaufendes Thal bilden. Nach einem Wege beiläufig von einer Stunde am Felſenabhange dieſes gruͤnen Abgrundes folgt eine große Wieſenplatte, an 3 Seiten voffen, auf der Suͤd⸗ ſeite aber von einer hohen Felſenwand ummauert. Von dieſer Seite taucht der Blick rechts und links in die tiefſten Thaͤler des Olympos, rechts in das bimmliſche Thal und links in die ungeheure Kluft, welche ihn von dem gegenuͤber liegenden Ge⸗ birge Katirli(dem Arganthionios) trennt, und deſſen Ausſicht mit dem See von Feniſchehr ſchließt. Auf der Wieſenplatte iſt der vorzuͤglichſte Sitz der turkomaniſchen Hirten, deren Senne⸗ reien niedere, durch Reife bogenfoͤrmig gewoͤlbte, mit Pelz bedeckte Huͤtten ſind, welche wie halbverſunkene Laſtwaͤgen ausſehen. Dieſe herumziehenden Horden halten ſich, 40—60 Familien beiſammen, in ſolchen Alvengegenden auf, welche Jaila(Sommerwohnungen) heißen. Dieſe Hirten ſind augenſcheinlich ein von den Suͤrken verſchiedener Menſchenſchlag, munter, lebhaft, thaͤ⸗ tig, unternehmend, frei in der Ausſprache, gaſt⸗ freundlich im Empfang und wegen ihren Verbindun⸗ gen mit den Stadtbewohnern hinterliſtig und mißtrau⸗ iſch. Sie muͤßen Weidegeld dem Paſcha von Bruſſa entrichten. Nach dem Abgange der Surkomanen⸗Platte 72. Vd. Türkei. IV, 3. 6 66 beginnt die zweite Negion des Olympos, von Bu⸗ chen, Fichten und Tannen bedeckt mit dazwiſchen her⸗ vorſchauenden Felſen. Die Hirten lichten dieſe Waͤl⸗ der ſehr. Sie legen Feuer an die Zweige und Rinde der Baͤume, welche oft eine Beute der Flamme wer⸗ den. Die geſchaͤlten und gebleichten Staͤmme ohne Zweige und Wipfel gewaͤhren einen traurigen Anblick in der Mitte ihrer hoch gruͤnenden Bruͤder. Sie ſte⸗ ben da als hohe Saͤulen ohne Kapital in der Mitte gruͤner Pyramiden. Wenn der Schnee ſchmilzt und das Waſſer in Stroͤmen in die Thaͤler hinabſtuͤrzt⸗ werden dieſe geſchaͤlten Stämme gehauen und in die Thäler hinab geworfen. Nach einem zweiſtuͤndigen Wege von der Tur⸗ komanenplatte gelangt man zur Alpe Sobra Jaila, welche, zwei Drittheile der ganzen Hoͤhe des Berges, hoch an den Grenzen der zweiten Region ge⸗ legen iſt. Dieſe Alpe iſt eine Thalſchlucht, deren Wände mit Fichten und Tannen bekleidet ſind. Die Gegend iſt außerordentlich merkwuͤrdig durch die ſon⸗ derbare Geſtalt der Felſen, von welchen der Kamm des Berges ſtarrt. Es ſind ungeheuere Felſenbloͤcke bie und da, wie zerſtreut umhergeworfen, welche ſich berall in den angenehmſten Formen und in lieblichen Rundungen darſtelen. Selbß die, durch die verſchie⸗ denen Steinſchichten, auf dieſen weißen und ſchwat⸗ zen Felſen gezogenen Linien ſind alle wellenfoͤrmige Rundungen, dem Auge durch die Leichtigkeit ihter 67 kmriſſe wohltbuend. Man mochte ſich in eine Bilb⸗ hauerwerkſaͤtte verſetzt glauben, in welcher Nieſentore⸗ ſos von allen Gattungen nur die Hand des Kunſtlers erwarten, und das geſammte Spiel verborgener, noch in Stein gebranuter Sliedmaßen zu entfalten. Siehe⸗ da Ringer, Kentauren, Buͤſten, Statuen und ganze⸗ Gruppen in Felſenmaſſen vorgezeichnet. Man moͤchte ſagen, es ſeyen die zuſammengeſetzten Trümmer eines ungeheueren Tempels; Altaͤre, Sphinxe, Sarkopha⸗ gen! oder man moͤchte ſich auf dem Schlachtfelde der Gigauten glauben, welche den Himmel erſtuͤrmen woll⸗ ten; dieß ſind ihre Glieder, welche der Blitz zerworfen und in Steine verwandelt hat! Auf dem weißen und ſchwarzen Grunde, welcher die Formen dieſer Felder⸗ abſtechend erhebt, hat die Natur mit gruͤnem, gelbem und violettem Mooſe Hieroglyphen in friſcheren und nicht weniger dauerhaften Farben gemalt, als die der⸗ ägyptiſchen Tempel und Koͤnigsgraͤber. Die Gegend dieſes Keſſels iſt herrlich für das Auge. Ein Alpenſtrom, aus dem ewigen Schnee des Gipfels des Olompos ſich losgerungen, verfolet hier ſeinen Lauf ſpringend und ſchaͤckernd, knirſchend⸗ und ſchaͤumend uͤber Felſenbloͤcke, welche umſonſt den muthigen Laͤufer und Springer hemmen wollen. Am ſeinen beiden ufern erheben ſich Felſen mit Fichtem, Tannen und Weymuthskiefern gekroͤnt. Einige dieſer Felſen erheben ſich vereinzelt in ma⸗ leriſchen Geſtalten wie Statuen in diſcher Gotthenen 68 aus der Maſſe des Felſens roh gehauen; die Pberflaͤche anderer ſcheint mit aller Sorgfalt des Meiſſels geglat⸗ tet. Dort ſcheint ſich der Eingang von Koͤnigsgraͤbern zu öffnen, welche das Alterthum in die Felſen zu hauen liebte, und hier ſpringen auf unerſteiglichen Hoͤhen Tafeln hervor, auf welchen die Zeit und das Moos Inſchriften zeichnete. Auf dem Gipfel des Fel⸗ ſenwalles, welcher dieſes Thal von Sobra trennt, thuͤrmt ſich eine Felſenmauer auf, ſo merkwuͤrdig durch die ungeheueren Bloͤcke ſchwarzen und weißen Geſtei⸗ nes, daß dieſelbe unter dem Namen: Lſchoban Kijaſſi Oder Fels der Hirten) bekannt iſt. Demſel⸗ ben gegenuͤber, d. j. am andern Ufer des Bergſtromes der 40 Duellen, erhebt ſich in weit großerer Hoͤhe die Tombackgrube. Von dem Nachtlager am Ufer des Bergſtromes, am Fuße des Felſens der Hirten, und gegenuͤber des Felſens der Tombackgrube ſind bis auf den Gipfel des Berges noch 2 Sunden Weges. Eine halbe Stunde unter dem Gipfel hoͤrt das Pflanzenleben auf. Schnee⸗ felder bekleiden die ausgehoͤlten Flanken des Berges und fuͤllen die Thalſchluchten aus. Es war den 16. Auguſt 1804, an welchem die Reiſenden noch vor Auf⸗ gang der Sonne den Gipfel erſtiegen hatten. Jubelnd begruͤßten ſie dieſelbe, als ſie aus dem Landozean wo⸗ gigter Berggipfel zu ihren Fußen in Oſten auftauchte. An der Grenze des Schneefeldes, wo Veilchen und Schneegloͤckchen bluͤhten, wurde das Fruͤhſtuͤck einge⸗ 69 nommen. Dieſe Schneefelder ſind eine unerſchoͤpfliche Eisgrube fuͤr Bruſſa und Konſtantinopel. Der Gipfel des Olympos theilt ſich in 2 Spi⸗ tzen, von welchen die hoͤhere Moͤnch heißt; von die⸗ ſem erhielt bei den Suͤrken der ganze Berg den Namen: Moͤnchsbergs(keſchiſch taghi). Zur Zeit des byzantiniſchen Kaiſerthums ſtand hier ein Kloſter, deſſen Ruinen noch ſichtbar ſind. Dieſes Floſter in einer unwirthbaren Schneegegend und der Name: der Moͤnch erinnern an das Kloſter des Bernhardsberges und an den gleichnamigen Berg der Schweiz. Die feurige Einbildungskraft des Morgenlaͤnders, unbekümmert um die Ruinen des Floſters, ſchaut in dem Dlympos ſelbſt einen Moͤnch oder frommen Derwiſch, welcher mit der Schneehaube auf dem Kopfe, mit dem Felſenguͤrtel“ um die Mitte, in das Gruͤn der Waͤlder und Alpen⸗⸗ wieſen, als in die Lieblingsfarbe des Propheten geklei⸗ det, auf dem blumigen Teppich des Landes ſteht, um ſein Gebet zu verrichten. Welch eine Ausſicht breitet ſich von dem Gipfel! des Olympes aus! Das Meer von Marmora mit: ſeinen Inſeln, Buchten und Vorgebirgen. Der⸗ Bosphorus, wo man die Dome der hohen Stam⸗ bul entdeckt; die Seen von Apollonia, Nizaa und Jeniſchehr, gleich Spiegeln in gruͤne Wandta⸗ veten gefaßt! Doch wird die Ausſicht durch Gebirge beſchraͤnkt. Gegen Soͤden durch die von Cutahia 7⁰ (Cotyaͤum), auf welchem die Erſcheinung des Neu⸗ mondes beobachtet wird, um den Anfang und das Ende der Feſte zu beſtimmen. Gegen Weſten durch den zweigipflichen Arganthonios. Gegen Weſt durch das Gebirg Boſaghan, von Olympos durch das Thal Adranos getrennt. Gegen Norden die entfernten Kuͤſten des Meeres von Marmora, deren Berge mit den Wolken verfließen. Gegen Norden die Huͤgelkette von Simao und Dhiledar, welche die Ebene Bruſſa's vom Meere Lrennt; der Buſen von Modania und das Eiland Kalvlimni, welches ſich wie ein Purpurſtreif von dem Gewoͤlbe des Meeres und des Himmels ausſchei⸗ det. Die Ebene von Bruſſa iſt ein Diean von wo⸗ gendem Gruͤn, und das Meer von Marmora eine azurne Flaͤche, an deſſen weßtlicher Grenze lange Wol⸗ en ſchweifen, auf den in Duft ſchwebenden ufern wuhen und die Erde und den Himmel in Harmonie verflöſſen. Gegen Suͤden kein Waſſer, kein See, kein Fluß; dagegen Berge auf Berge gehaͤuft, deren Gipfel und Kaͤmme, einer uͤber den andern hervorragend, einen zu Stein gewordenen Dzean verſtellen. In der Mitte dieſer in vollem Aufruhr unbeweglich feſtgebann⸗ ten Gebirgswogen ſteht der Berg von Tomanidſch vereinzelt, wie die Arche einer vorſteinten Suͤndfluth! Von dieſer Seite gibt es keine Flaͤche wie von der MNord⸗ und Oſtſeite. Die großen und tiefen Thaͤler des Olympos laufen auch alle gegen N. W. aus⸗ 71 und alle Waͤſſer nehmen dieſe Richtung, um ſich dans mit dem Nielufer zu vereinigen. Auf der Dftſeite des Berges iſt noch nach der Verſicherung der Turkomanen der anmuthigſte Ru⸗ beplatz und die ſchoͤnſte Alpe, wo der Brunnen von Suleiman mit einem Forellenteiche und einer Art natuͤrlichen Felſendammes ſich befinden ſoll.— Die Straße von Bruſſa nach Nizaͤa fuͤhrt uͤber die oben erwaͤhnte Brucke am Vereinigungspunkte der von dem Olympos niederſtroͤmenden Waſſer gegen den innerſten Theil des Meerbuſens von Modania und von da laͤngs des See's von Nizäa bis zur alten Stadt, welche ihm den heutigen Namen gibt. Der Arganthonios, auf dieſem Wege liegend, er⸗ hebt ſich als eine große Gebirgsmauer zwiſchen der Edene von Bruſſa und dem See von Nizaͤa. Hart am Fuße deſſelben jenſeits der Bruͤcke iſt das kleine griechiſche Dorf Depedſchick mit beilaͤufig 60 Haͤnſern. Zwei Stunden lang geht nun der Weg in die Hoͤhe und dann durch eine maleriſche Bergſchlucht wieder thalabwaͤrts. Nach einer Stunde erreicht man das von Kornfeldern umgebene, tuͤrktſche Dorf Mu⸗ rad Babaz in gleicher Entfernung liegt das tuͤr⸗ kiſche Dorf Omurkvi, unmittelbar ober Kemlik in der Tiefe des Meerbuſens von Modania, wel⸗ chen die Tuͤrken noch heute Meerbuſen von Kemlik heißen, waͤbrend er von den Griechen und europäiſchen Reiſenden Modania nach dem naͤchſten Landungs⸗⸗ platz bei Bruſſa genannt wird. Wie das alte Myrlea(an der Stelle des heuti⸗ tigen Modanta) der unmittelbare Stapelplatz des al⸗ ten Pruſa, ſo war Kios(das heutige Kemlik) ſpaͤ⸗ ter vom Koͤnige Pruſias wieder aufgebaut und nach ihm auch Pruſias am Meere genannt, die Sta pelſtadt des wie Bruſſa tief landwaͤrts gelegenen Nizaͤa, und in demſelben Verhaͤltniß ſehen noch heute mit Bruſſa und Jsnik(Nizaa) die Haͤfen von Modawia und Kemlik. Die alte Hafenſtadt Kios von den Argonau⸗ ten erbaut und nach ihrem Erbauer Kios, von den Kreuzfahrern Kibot oder Civot genaunt erhielt den 2 heutigen Namen Kemlik von den Dsmanen, welche es nach einer zweimal vergeblichen Belagerung unter der Regierung Sultan Orchan's im J. 1333 eroberten. Sie liegt im Mittelpunkte des Meerbuſens, welchen die Alten den Kianiſchen nannten, und welcher heute bald Meerbuſen von Kemlich, bald Buſen von Modania heißt. Trilia liegt an dem ſuͤdlichen Ende dieſes Vuſens, welcher noͤrdlich von dem Vorge birge Bosborum(Eiskap) geſchloſſen wird; Kem lik liegt in der Mitte. Will man ihn laͤngs der Kuͤſte zu Lande umkreiſen, ſo fuͤhrt der Weg von Drilia uͤber Modania durch Altuntaſch, Kur⸗ ſchunli und Ingurdſchick nach Kemlik und von hier laͤngs der nordlichen Kuͤſte uͤber Kumla(das — 73˙ ſandige); Fistikli(das piſtazienreiche) und Am⸗⸗ rudli(das birnenreiche) nach Bosborum, dem noͤrdlichen Vorgebirge und Ende des Buſens. Hat man das Dorf Omurkoi im Ruͤcken, ſo oͤfnet ſich von der Hoͤhe der große Spiegel des See's von Nizaͤa. Nach dem Wege durch ein enges Thal verfolgt man die Straße rechts am Fuße der Berg⸗ kette, welche den See und das große Thal von Ni⸗ zäa von den noͤrdlichern Thaͤlern des Olympos trennt. In 2 guten Stunden erreicht man das Ufer des See's, zwiſchen welchem und dem Ufer des Ge⸗ birgs das hohe und zarte Gruͤn eines ſchmalen Strei⸗ fes von Weingaͤrten und Reisfeldern mit dem tiefen und hohen der Fichten⸗ und Taunenwaͤlder des Ber⸗ ges wunderbar ſchoͤn abſticht. In dem großen tuͤrki⸗ ſchen Dorfe Soͤlis wurde uͤbernachtet. Der Weg von Soͤlis nach Nizaͤa geht immer laͤngs des Sees, welcher ſich nah an den Fuß des Gebir⸗ ges draͤngt, daß mam oͤfters ſteigen muß, um trocknen Fußes fortzuwandeln. Die Richtung der Ufer laͤuft immer von Weſt gen Dſt, von Nord⸗Weſt gegen Suͤd⸗Pſt; oder von Weſt⸗Nord⸗Wehß gen Oſt⸗Suͤd⸗ Dſt. Das einzige Dorf auf dieſer Seite zwiſchen Soͤlis und Nizaͤa iſt Tſchatalkvi(Gabeldorf), welches vornehmlich ſeinen Namen von 2 Felſenpyra⸗ miden traͤgt, zwiſchen welchen es auf halbem Bergab⸗ hange, wie zwiſchen einer Gabel liegt. Eine Stunde vor Nizaͤn vereinigt ſich der Wes mit der Landſtraße⸗ 74 welche von Bruſſa uͤber Jeniſcheh und von dort uͤber das Gebirg lͤuft. Den Vereinigungspunkt be⸗ zeichnet ein großes umgeſtuͤrztes Kapital auf ebener Erde, und die tuͤrkiſche Bergpaßwache Dewrend (ſtatt Derbend, d. i. Thorband), welche alle Reiſen⸗ den, welche ihr Ferman nicht von den Wegzoͤllen los⸗ ſagt, die Paßgebühr abfordert. Wenn der Reiſende die hohen Feſtungsmauern Nizäa's erblickt, wie muß er bei ſeinem Eintritt in die Stadt ſtaunen, wenn ſein Blick zwiſchen ſchlecht be⸗ bauten Gaͤrten, Schutthaufen und einigen Baumgruppen ungewiß umherirrt. Keine Palaͤſte, keine Tempel, keine Straßen, keine Gebaͤude, ſieht man mehr von der einſt ſo beruͤhmten Stadt. Der Reiſende ſucht Nizaa in Ni⸗ zäa ſelbſt, und die Ruinen der verſchwundenen Stadt innerhalb der noch wohl erhaltenen Mauern. Es gibt wenige Orte, in welchen Geiſt und Leib des Reiſenden mehr zu Boden gedruͤckt werden, als innerhalb der Mauern des elenden Nizaͤa, wo er unter Schutthaufen und Brandſtaͤtten eine brennen⸗ de, ſieberſchwangere, durch die Ausdünſtungen der Moraͤſte am See vergiftete Luſt einathmet. Ein un⸗ ertraͤgliches Gefuͤhl von koͤrperlichem Unbehagen und tiefer Schwermuth beſiel die Reiſenden. Sie zogen zwiſchen Schutthaufen und Gartenhek⸗ ken bis zum Dorfe Jsnik fort, welches innerhalb der Ringmauern der alten Stadt am noͤrdlichen Win⸗ kel derſelben liegt. Das ruͤrkiſche nene Isnik war 75 ganz aus den Ruinen des alten byzantiniſchen Nizaͤa entſtanden. Isnik iſt ein elendes Dorf von 200 Haͤuſern, unter welchen zwei Moſcheen und eine griechiſche Kirche noch halb erhalten ſind. Die Hauptkirche der Stadt, in welcher das Con⸗ cilium gehalten ward, iſt jetzt die in Ruinen liegende Moſchee Drchan's. Diſteln und Dornengebuͤſche, Schutt und Steinhaufen verwehren den Eingang. Der Fuͤhrer mußte uͤber die Mauer ſteigen und die Steine wegwaͤlzen, welche von innen des Thor verrammelt hatten. Ober dieſem Thore iſt das Tughra, d. i. der verſchlungene Namenszug Sultan Orchan's in Stein ausgehauen. Die Mauern der alten Kathedrale ſtehen noch aufrecht und ſind mit tuͤrkiſchen und ara⸗ biſchen Inſchriften bedeckt. Das Dach iſt ganz ein⸗ geſtuͤrzt. An den beiden Seiten des Hauptaltars, wel⸗ cher in der Mitte einer ſich ſtufenweis erhebenden amphitheatraliſchen Rotunde ſtand, waren 2 Kapellen angebracht. Hier iſt die ehrwuͤrdige Staͤtte, an welcher 38 Biſchoͤfe aus dem Morgen⸗ und Abendlande verſam⸗ melt, in des Kaiſers eigener Gegenwart das große ökumeniſche Coneilium bildeten, von welchem das Glaubensbekenntniß der katholiſchen Kirche, die Verdammniß der arianiſchen Lehre, die Beſtim⸗ mung des Dfterfeſtes und der Grundriß der Kirchen⸗ zucht ausging. Sollten die Vaͤter ſich jetzt zu Ni⸗ iäa verſammeln koͤnnen, wie wuͤrden ſie die Veraͤnde⸗ rung der Zeit und des Drts und die Umwaͤlzungen der Lehren und Begriffe beſtaunen!— Statt des hei⸗ ligen Dunkels der byzantiniſchen Kirche fällt der volle Tag durch das eingeſtuͤrzte Dach auf die Trophaͤen der verwuͤſtenden Zeit, ſtatt der goldenen, in lazurnem Felde muſiviſch eingelegten Sterne des Platfonds ſchei⸗ nen vom lazurnen Dome des Himmels die goldenen Strahlen der Sonne herunter. Das Gitterwerk und die Bilderwand des Allerheiligſten iſt verſchwunden; ſtatt bibliſchen Spruͤchen reden die Verſe des Koran's von den Waͤnden und die Staͤtte der in allen griechi⸗ ſchen Kirchen uͤber dem Kreuze prangenden Inſchrift: „In dieſem Zeichen wirſt du ſiegen“ nimmt das is⸗ lamitiſche Glaubensbekenntniß ein. Dieſes Glaubens⸗ vekenntniß ſtatt des nizaͤniſchen an die Waͤnde der alten Kirche geſchrieben, wo dieſes verfaßt ward, wie viel Stoff zum Denken moͤchte es den Vaͤtern geben⸗ welche hier uͤber die Art und Weiſe, wie der Sohn aus dem Vater hervorging, und uͤber ihre gleiche We⸗ ſenheit ſtritten! Um wieviel nachſichtiger waͤren die beiden Alerander von Byzanz und Aleran⸗ drien wider die beiden Euſebius von Nikome⸗ dien und Caeſarea, um wieviel duldſamer Arius gegen Athanaſius geſinnt! Wenn die Biſchoͤfe aus Griechenland und Aegypten, aus Perſien und Armenien auf ihren Sitzen die Muftis und Mollas, die Kadis und Irmame, welche dieſel⸗ ben heute einnehmen, und der Chriſtusliebende Kon⸗ ſtantin auf ſeinem Thron den Sultan als Nach⸗ folger der Chalifen erblickte, wie muͤßten ſie ver⸗ ſtummen in dem Gefuͤhle der Nichtigkeit aller menſch⸗ lichen Weisheit und Groͤße!— Nichts iſt melancholiſcher, aber auch Nichts ma⸗ leriſcher als der Anblick der Mauern und Thuͤrme der Stadt, von unten bis oben mit uͤppigem Gruͤn uͤber⸗ wachſen und von den Zweigen der Baͤume beſchattet, welche aus den Grundfeſten hervorgipfeln und auf den Plattformen wurzeln. Ein ſiehender Thurm auf der Nordſeite, wo die Sarazenen fruchtlos anſtuͤrmten und an dem Fuße deſſen Schimpf und Tod fanden, iſt das merkwuͤrdige Gegenſtuͤck von jenem beruͤhmten Kniebeugenden auf der Suͤdſeite, welcher bald auf das Feld hingeſtuͤrzt ward. Erſterer ſteht noch nach 9 Jahrhunderten als Todes⸗ und Siegesdenkmal aufrecht da und ſcheint den Sinnſpruch gewaͤhlt zu haben:„Ich werde gebrochen, aber nicht gebeugt.“ Nach ſeiner Inſchrift wurde er von Leo(dem Arme⸗ nier) und ſeinem Mitherrſcher Konſtantin, den Herſtellern der Stadt, mit dem Aufwande ſiebeniah⸗ riger Arbeit und eines Zentner Goldes erbaut. Die alten Waſſerleitungen fuͤhren heute noch ihr Waſſer nach Jsnik durch das Konſtantinv⸗ politaner Thor, wo es in langen Casecaden den Wall herabfaͤllt. Am Fuße des gegen Oſten gelegenen Berges ſteht auf der Haͤlfte eines Felſenabhanges ein ungeheuerer Sarkophag aus einem einzigen Steine ten Grabesſtaͤtten, welche ſich zu ſeinen Fuͤßen bis an die Stadt hin ausdehnen. Faſt alle Grabmale ſind ſchoͤne Reſte von Denkmalen alter Kunß. Die Grab⸗ pfeiler ſind ebenſoviele Saͤulen, Architrave oder Pie⸗ destale. Es ſcheint, als ſey hier das Thal Joſa⸗ phat der Denkmale alter Architektur, deren zerſtreute Steinglieder ſich von allen Seiten aus der Erde erhe⸗ ben, um in ein harmoniſches Ganze verſammelt zu werden, als ſey hier die Auferſtehung nicht der Tod⸗ ten, ſondern der Graber. Ehemals bluhten in Nizäa große Fabriken per⸗ ſiſchen Porzellans außerhalb der Mauern der Stadt gegen die Seeſeite hin, deren Reſte jetzt Dfchine⸗ gehauen. Er beherrſcht von ſeiner Felſenhoͤhe die wei⸗ wislik heißen. Die ſchoͤnſten Arbeiten dieſer Kunſt die lazurnen Felder mit ſtlberweißen Inſchriften, mit welchen die grotßen Moſcheen aus der ſchonſten Zeit des osmaniſchen Reiches ausgeſchmuͤckt ſind, wur⸗ den hier verfertigt. Dieſe Kunſt, welche jetzt in der guͤrkei ganz verloren zu ſeyn ſcheint, blühte im 14. und 13. Jahrhundert gleichzeitig in Perſien, in der Tuͤrkei und in Aegypten. In der Nähe der Stadt auf der Nordſeite liefert der Fuͤrßenbrunnen vortreffliches Waſſer. Eine Viertelſtunde von dieſem Brunnen auf einer kleinen Anhöhe des Bergabhanges hat die Natur eine hert“ liche Grotte in den Felſen gewolbt in der Richtuns von Vord⸗Oſt gen Suͤd⸗Oſt. Es hat kein fruͤherer 79 Reiſebeſchreiber ihrer erwaͤhnt. Sie iſt beilaͤufig 200 Schuhe hoch und auf beiden Seiten oſſen. Die Tür⸗ ken heißen dieſes Naturwunder den durchloͤcher⸗ ten Stein(Deliklitaſch). Laͤngs des Fußes des Berges Samanli, auch Katirlitagh genannt, Lelangt man in einer Stunde zu einem Luſthain mit Sopreſſen von wunderbarer Hoͤhe und mit ungeheue⸗ ren Platinen bepflanzt. Etwas weiter auf der Straße hin in der Ebene erhebt ſich ein dreieckiger Obelisk, dem Andenken des Cajus Philiskus errichtet. Statt der Landßraße zu folgen vertieften ſich die Reiſenden gleich in den Schluchten der hohen Gebirgskette Samanli, wel⸗ che ſich zwiſchen den See von Nizaa und dem Meer⸗ buſen von Nikomedien erhebt. Das erſte Dorf an der Mundung der Bergſchlucht heißt Elbeili und iſt nur eine kleine Viertelſtunde von dem Bbelisken eut⸗ fernt. Nun ging es bergan und nach einer Stunde iu dem Dorfe Htrmisli, von Holzhauern mitten in Waͤldern bewohnt. Sechs Stunden lang ritt man durch die herrlichten Wälder von Buchen und Eichen. Hier wird ein großer Theil des fuͤr die osmani⸗ ſchen Werften noͤthigen Schiffbauholzes gefaͤllt. Drei Stunden lang ging der Weg aufwärts und mehrmals uͤber den Koru ſu. Man zog an mehreren Waldwieſen vorbei, welche mitten in der Hitze der Hundstage das ſchoͤnſte Grün behalten. Sie geben dieſem Theile des Gebitges den Namen: Wieſenberg(Tſchairlitagh)⸗ Dann geht es drei Stunden bergabwaͤrts gegen den Meerbuſen von Nikomedia, deſſen Meerantlitz hie und da durch Thalmuͤndungen und Waldoͤffnun⸗ gen hereinſchaut, bis zum Dorfe Baghd ſchedſchik, welches in der Entfernung einer Stunde vom ufer des Buſens noch im Gebirge liegt. Nachdem die Rei⸗ ſenden in gerader Linie zu dem Meerufer hinabgeſtie gen waren, kamen ſie laͤngs desſelben in 2 Stunden nach Nikomedia, welches nicht im innerſten Grunde des Buſens, ſondern ein wenig daruͤber hinaus auf der noͤrdlichen Seite desſelben gelegen iſt. In der innerſten Tiefe des Buſens fuͤhrt eine Bruͤcke uͤber das Fluͤßchen Kirſchenwaſſer(Kiraſu). Nikomedia von den Luͤrken Isnikmid ge⸗ nannt, auf einem Bergabhange gelegen, ſtellt gin zauberiſches Gemaͤlde dar. Auf dem Gipfel ſind die Reſte des alten Nikomedia(nicht Olbia's, wie einige Reiſebe ſchreiber geglaubt batten, indem dieſes gerade gegenuͤber am fuͤdlichen Winkel des Buſens ſtand). Die älteſte Moſchee auf dem Markte war die ehe malige griechiſche Kirche; die ſchoͤnſte, die Pertew⸗ paſcha's hart am Meere von einem Weſire Sulei⸗ mans erbaut. Sie iſt ganz im großen Style, zur Zeit des groͤßren Herrſchers des osmaniſchen Rei⸗ ches, vom groͤßten Architekten desſelben, Sinan⸗ er⸗ baut, welcher gleichzeitig hier auch den Bau der Mo⸗ ſcheen dreier Bege, und des großen Karawanſerais 81 Pertewpaſchas leitete. Der Eingang in die Mo⸗ ſchee wurde den Reiſenden nicht geſtattet, dagegen konnten ſie den Vau des herrlichen Karavanſerais be⸗ wundern, in welchem ſie übernachteten. Am Ufer des Meeres ſind große Niederlagen füͤr das Schiffbauholz angelegt, welches aus den Waͤldern des Arganthonios und aus jenen des Baummee⸗ res auf dem Wege nach dem See von Saband⸗ ſchah gefaͤllt und behauen wird. Das kaiſerliche Ar⸗ ſenal und der ſchöne Palaſt M urad's 1V. ſind ein Raub zahlreicher Feuersbränſte geworden. Nikomedia, in der aͤlteſten Seit die Reſidenz der bithyniſchen Koͤnige, war auch ſpaͤter der Sitz der byzantiniſchen Kaiſer. Konſtantin, ſo wie Juſtinian, der Große, ſchmuͤckten es mit Palä⸗ ſten, welche von zahlreichen Erdbeben bald zerſtort wurden. Hier war es auch, wo im J. 370 der Wuͤth⸗ rich Valens vo rechtglaͤubige Biſchoͤfe mit dem Schiffe. auf welchem ſie ſich befanden, verbrennen ließ. Das Schiff wurde mit ſeinen Schlachtopfern von den Flam⸗ men und Winden bis Dakiſon getrieben, bis endlich die Fluth die Aſche der Martyrer kuͤhlte. Hier wurde der byzantiniſche Feldherr Mutelon den 27. Jult 1302 unter der Regierung des aͤltern Androntkus geſchlagen, und 28 Jahre ſpäter, unter der Regierung des juͤngern Andronikus, erlag Nikomedig in demſelben Jahre, wie Nizaea, den ſiegreichen Waf⸗ fen Sultan Orch an's, weſcher ſeinem Sohne Su⸗ 72. Sd. Türtei. 1V, 8 6 82 leiman Paſcha die Statthalterſchaft uͤbertrug. Sie ward in der Folge bei der unter Sultan Moham⸗ med II. angeſtellten Landesbeſchreibung der Hauptort des Sandſchaks Kodſcha Fli, welches ſeinen Namen von Aktſche Kodſcha(Silbergreis), einem Waf⸗ fengefaͤhrten Sultan Dsman's erhielt. Als Wallfahrtsort iſ Nikomedia durch die Grabſtätte Scheichſade Mohammed Efendi's, eines Scheichs, aus dem Orden des Chalweti auf der Weſiſeite der Stadt merkwuͤrdig. So hat ſich jetzt in der alten Reſidenz der bythin iſchen Koͤnige und der römiſchen Stadthalter, in welcher Pli⸗ nius lebte und Konſtantin ſtarb, in welcher die Komnenen und die Sultane der Osmaneß thron⸗ ten, nur das Andenken eines Dezwiſches im An⸗ gedenken des Volkes erhalten. 6 Da Nikomedia nichts Merkwuͤrdiges darbietet, ſo wendet der Verfaſſer ſeine Aufmerkſamkeit den Ků⸗ ſten des Meerbuſens zu, und zwar um ſo mehr, da die genaue Prtsbeſchreibung bisher in Reiſebeſchrei bungen und auf Landkarten vernachlaͤßigt worden iſt. Der Meerbuſen, ehemals von der alten Stadt Aſtakus, der aſtakeniſche und heute von Jsnik⸗ mid genannt, hat zur aͤußerſten Grenie die beiden Vorgebirge: das vom Laternengarten(Fanat bagdſcheſn) bei Ptolemaͤus Akritas, bei Plinius Leukates, ſn der Naͤhe von Skutari, zugleich das Ende der aſiatiſchen Kulle des Bosphorus dann — 83 6 Bosborun, das Ende der fuͤdlichen Grenze des Meerbuſens. Bosborun(Eisgebirg), Paſidon tum, dem Fanarbagdſcheſſi gegenuͤber gelegen, iſt der aͤußerſte Punkt zweier Meerbuſen, des kianiſchen und aſta⸗ keniſchen. Das der Muͤndung des Meerbuſens am naͤchſten gelegene Dorf heißt Samanli, und hat einen Chan und ein Bad. Merkwuͤrdiger iſt der weiter gegen Dſt am Ufer gelegene Ort Jalaikabad, gewöhnlich Kara Ja⸗ lovadſch, mit warmen Baͤdern und Heilgquellen in einer Entfernung von 3 Stunden. Es iſt das glte Drepanum oder Suga, welches ſpaͤter nach den von Helene angelegten Gebaͤuden Helenopolis genaunt wurde. Die Bäder werden haͤufig von den Bewohnern Stambuls beſucht. Die alten Kup⸗ veln, welche die warmen Uuellen decken, ſchreibt die Sage noch heute der griechiſchen Kaiſerin Helene iu. Die tuͤrkiſchen Geſchichts⸗ und Reiſebeſchreiber neunen ſie Eline, die Tochter Jankos. Noch ſieht man Spuren anderer Gebaͤude. Nach Helenopolis hatte ſich das erſte Heer der Kreuzfahrer, unter Anführung Peters, des Sinſiedlers und Walters, des Habenichts nach Nizaea zuruͤckgezogen, um die Verbindung mit der noͤrdlichen Kuͤſte beguemer zu unterhalten. In der Naͤhe von Helenopolis wurden die Gebeine der erſchlagenen Kreuifahrer von den Sara⸗ 84 zenen als Thurm und Pyramiden aufgeſchichtet; ein Denkmal, nicht an der Barbatei des Sinnes, wohl aber an umfang uͤbertroffen von jenen ſpaͤtern Ge⸗ beinthoͤrmen, welche Timur zu Samarkand und Isfahan von 70— 80,000 Koͤpfen erſchlagener Feinde auffuͤhrte, gegen welche die Beinhaͤuſer von Murten und an der Laa nur Kartenhaͤuſer kriegsſpielender Kinder ſind. unglaublich und unnatuͤrlich iſt es, was Alerias Komnena von der Barbarei der Kreufahrer erzaͤhlt: daß dieſelben naͤmlich in der Naͤhe des Schlachtfeldes, auf welchem Walter der Habenichts und die 25,000 Mann ſeines Heeres fielen, einen Drt mit Mauern umtingelt, die Schedel als Steine gebraucht und zerſtoßene Gebeine dem Moͤrtel beigemiſcht hät⸗ ten, ſo daß der Wall zugleich Grabmal den Todten und Schutzwehr den Lebendigen war. Zwiſchen Jalova und der Landzunge von Her⸗ ſek(Proneetus) muͤndet der kleine Fluß Kirkget⸗ ſchid, d. i. die vierzig Fuhrten, deſſen türkiſcher Name, wie ehemals ſein griechiſcher Drako(det Schlangenfoͤrmige) die zahlreichen Umſchweife bezeich⸗ net, mit welchen er ſich durch das Gebirg in der Ge⸗ gend Nizaea's herabwindet. Die Morgenlaͤnder lieben die Zahl 40 als eine beſtimmte ſiatt einer be⸗ ßimmten, ſo nennen ſie die Ruinen von Perſep“ lis die 40 Saͤulen, die Quellen des Menander die o Quellen und ſo auch dieſen Fluß die 40 Fuhrten. 85 Dieſes Fluͤöchen war die Grenze des byzanti⸗ niſchen Reiches gegen die Seldſchuken, als Ale⸗ rius Comnenus, auf der Wettſeite des Reiches von den Normanen ⸗Fuͤrſten Robert Guichard be⸗ droht, mit dem Seldſchuken Fuͤrſten Suleiman Friede zu ſchließen gezwungen ward. Herſek, der an dem vorſpringenden Lande ge⸗ legene Flecken, wo der Buſen ſich ſo ſehr verengt, daß die Entfernung nach der gerade gegenuͤber auslau⸗ fenden Landzunge Dilf nicht mehr als 6 Miglien be⸗ betraͤgt, hat ſeinen Namen von dem Groß⸗Weſire Herſekſade Ahmed Paſcha, welcher hier einen Chan, ein Bad und eine Moſchee erbaute. Naͤchſt an Herſek liegt der Flecken Kara⸗ Mur⸗ ſal, von einem der erſten Siegesgefaͤhrten Sultan DOsmau's ſo genannt; auch die Drte Kara Jalo⸗ vadſch und Samanli erhielten von ſolchen großen Maͤnnern ihre Benennung, ſo daß die ſudliche Kuſte den Osmanen lauter große Erinnerungen aus den aͤlteſten Zeiten ihres Reiches durch die Namen der tapfern Kaͤmpfer in das Gedaͤchtniß zuruͤckruft. Auf Karamurſal folgt der Flecken Sregli; oberhalb desſelben geht der Weg der Kuͤſte vorbei, in eini⸗ ger Entfernung von derſelben ber die Doͤrfer Kan⸗ dſcha, Haladra, Dermen Dereſſi, Seraili, bis er wieder bei Juvad ſchit(das kleine Neſt) an das Ufer des Meerbuſens im ſuͤdoͤßlichen Winkel desſelben beranstritt. Hier endet der Periplus der fuͤdlichen Köſte; 86 wir wenden uns zu dem der noͤrdlichen, laͤngs wel⸗ cher der Weg nach Konſtantinopel zuruͤckfuͤhrt. Der Buſen iſt hier ſo ſeicht, daß die Holzſchiffe zu Ifnikmid gar nicht an der Stadt landen koͤn⸗ nen, ſondern daß auf die Laͤnge von 100—600 Schrit⸗ ten hoͤlzerne Treppen in das Meer hinausgebaut ſind, auf welchen das Holz in die Schiffe geſchafft wird. Gleich außerhalb der Stadt beginnen die Gaͤrten; links am Wege liegt der armeniſche Kirchhof. Al⸗ terthumsforſcher und Inſchriften-Liebhaber duͤrfen in dem Morgenlande keine Grabſtaͤtte unbemerkt laſſen, indem man gewoͤhnlich die Reſte griechiſcher und roöͤmiſcher Denkmale zu Grabmaͤlern verwendet hat. Die Reiſenden ſahen das Grab Toͤkelis mit⸗ſeinem Wappen auf dem Sarkophage und einer lateiniſchen Inſchrift. 3 Die Karawanenſtraße von Nikomedia nach Konſtantinopel laͤuft mit wenigen Abſchnitten von Kruͤmmungen des Geſtades laͤngs derſelben fort. Fuͤnf Stunden lang ſieht man keinen Drt, Jarim⸗ dſche ausgenommen, welches halben Weges zwiſchen Nikomedia und dem Chan von Haraka rechts auf der halben Hoͤhe des Berges haͤngt. Die Mauern eines alten byzantiniſchen Schloſſes laufen vom Berge bis zum Meere hinab. Haraka iſt vielleicht das verſtuͤmmelte Ankyron, eine alte, nicht weit von Nikomedia gelegene Villa. Eine Stunde weiter ſchaut auf einem Vorgebirge 87 Tapſchandſchil weit in das Meer hinaus, es iſt unſtreitig von allen auf dieſer Straße angebauten Doͤr⸗ fern das ſchoͤnſte und maleriſchſte. Seine trinkbaren Heilquellen, /½2 Stunde vom Meere, ziehen eine Menge Menſchen von allen Klaſſen der Hauptſtadt derbei. Die tuͤrkiſchen Weiber ſind hier freier und zeigen ſich entſchleiert, beſonders wenn ſie ſich von Türken unbeobachtet glauben. Die Einwohner des Drts wollten den Reiſenden nicht erlauben, eine grie⸗ chiſche Inſchrift an der Fontaine des Marktplatzes ab⸗ zuſchreiben. Eine halbe Stunde weiter von dieſem Orte iſt die Erdzunge, auch im türkiſchen Dil, d. i. Zunge ge⸗ nannt, welche weit in das Meer hinauslaͤuft, und wo, als dem, der gegenuͤber liegenden Kuͤſte am naͤch⸗ ſten gelegenen Punkte die Ueberfahrt nach Herſet Statt findet. Dieſe Erdzunge heißt die von Gebiſe, ſo wie die gegenuͤber liegende die von Herſek. Eine Stunde weiter als Dil und 4 ½ Stunde vom Meere befindet ſich an der Straße Mahalletol aalime (das Quartier der Almen, aͤgyptiſcher Taͤnzerinnen), und eine Stunde weiter Gebiſe, der verſtuͤmmelte Name Libyſſa, wo Hanntbal begraben liegt. Den Hafen von Gebife ſchuͤtzte ein feſtes Schloß, in welchem der Sage nach Geiſter aller Art im mit⸗ ternächtlichen Grauen wandeln, nur nicht der Geiſt Hannibals, welcher laͤngſt mit Grauen aus dieſer Gegend geflohen iſ. 88 Vom Gebiſe aus geht der Weg landeinwaͤrts, doch hat man immer das Meer im Geſichte. Das eine Stunde von Gebiſe entfernte, feſte Schloß Darid⸗ ſcha aus byzantiniſcher Zeit wurde 1423 von Mohammed II. erobert. Hier wohnt der Aufſeher der Kalkoͤfen. Pentik(das alte Pantichium) liegt eine Stunde von Gebiſe und Kartal eine Stunde von Pentik. Hier iſt das erſte Nachtlager der von Konſtantinopel ausziehenden Pilgerkarawanen. Laͤngs der Kuͤſte ſind ſehr nahe am Lande die E ſelns⸗ Inſeln, auf griechiſch Gaiduria, auf tuͤrkiſch Fſchekadalari. Eine halbe Stunde weiter als Katal iſt ein Huͤgel und ein anſehnliches Dorf Mal⸗ depe, d.i. Schatzhuͤgel genannt, beruͤhmt dulch die Sagen von hier vergrabenen Schaͤtzen. Maldepe peißt die ganze Hugelreihe, welche ſich von hier bis nach Tusla an das Ufer hinabzieht. Maldepe iſt vermuthlich das Pelekanum der Kreutfahrer, wo Alerius den Erfolg der Unternehmung gegen Ri⸗ zaen windfeiernd abwartete. Auf dem nahe vor Chalzedon gelegenen Vor⸗ gebirge Fanarbaghdſcheſſi(Garten des Leucht⸗ thurmes) erhebt ſich an der Stelle des alten Aphro⸗ ditentempels ein Leuchtthurm zwiſchen lieblichen Baumpflanzungen. Das Vorgebirg ſchließt den niko⸗ mediſchen Meerbuſen und dieſe Reiſe. Als Opfer fur die gluckliche Vollendung derſelben ſey bier, wo ſich der alte Tempel der See⸗ Venus geſetzt: 89 erbob, und nun der Leuchtthurm ſteht, der Reiſeſtab aufgehangen und die dieſer Goͤttin von Horaz gedich⸗ tete Weihe als Votivtafel hierher nach Voß II. B. 20 „Run hier die Waffen und die Leier,. „Mude des Kampfes, an die Wand gehaͤngt, „Die links der Wogenherrſcherin Venus Seit' „Einſchließet. Hier, hier leget die leuchtenden „Windfakeln.“ Des Freiherrn L. von Stürmer*) Reiſe nach Konſtantinopel in den letz⸗ ten Monaten des Jahres 1816. Heraus⸗ gegeben von Joſ. Goluchowsky. Von Wien ging unſere Fahrt ſo treibend, daß wir hereits nach zwei Tagen in Ofen anlangten. Um dieſe Beſchlennigung hatte die treffliche Straße kein geringes Verdienſt; nur ermuͤdete die eintoͤnige Ebene⸗ auf welcher ich immer fortrollte, meine Wechſel ver⸗ *) Sohn des von as02 bis 4819 zu Konſtantino⸗ pel geweſenen k. k. Internuntius und bevoll⸗ Pforte, weſcher nach ſeiner Ruͤckkehr als geh. Staats⸗ und Konferenzrath in Abweſenheit des ſtten von Metternich die oberſte Leitung er auswärtigen Angelegenheiten zu Wien ofters fuͤhrte— und Bruder des k. k. Geſand⸗ ten zu Liffabon, St. Helena, Rio Ja⸗ neito und in Nyrd⸗Amerika. mächtigten Miniſters an der Ottomaniſchen langenden Sinne. Nicht weit von Ofen in der Graner⸗Geſpannſchaft, faͤngt der Weg an hoͤ⸗ kericht zu werden, das Land wird bergichter, Huͤgel iſt an Huͤgel gereiht; aber doch hat auch die Natur zwiſchen dieſelben breite Thaͤler mit vieler Anmuth geſchoben. Das Land, welches ich durchreist bin, bot den Anblick der reichlichſten Fruchtbarkeit dar. Unter den Ein Johnern fand ich viele Deutſche und Slavenz ia in der Wieſelburger Geſpannſchaft gibt es ſo viele Deutſche, daß man es ſich kaum verſieht, ſchon in Ungarn zu ſeyn. Hingegen hat ſich die Raa⸗ ber Geſpannſchaft ziemlich rein⸗ungariſch er⸗ halten. Ofen, als eine der merkwuͤrdigeren Staͤdte die⸗ ſer Reiſe, ließ einen bleibenden Eindruck in meiner Seele zuruͤck. Ich moͤchte es zeichnen; aber ſchon ſind die Pferde umgeſpannt; wir eilen fort, es iſt noch Nacht; es geht uber Peſth, Sarokſar,Colthaze. Der gute Weg hat ſein Ende erreicht. Alles iſt voll Sand, in welchen kleine zerbrochene Muſcheln gemengt ſind; die wenigen Steine allda ſind gleichfalls aus dem Sande gebacken. Hin und wieder nur zeigt ſich ein Ackerfeld; auch fehlt es an guten Viehweiden in dieſen Wuͤſten. Ganze Schagren von Adlern, Trap⸗ den ꝛc. ſchweben in der Luft, und eine Menge anderer Vogel flattert um die Moräſte. Zahlloſe Muͤcken ver⸗ kümmern Menſchen und Thieren die warme Jahres⸗ Zeit. Im Sommer bernſcht bei Tage die großte Hitze, 92 und Nachts eine auffallende Kaͤlte. Es fehlt an ge⸗ ſundem Waſſer. Dieſe Heide, welche faſt so Meilen lang und eben ſo breit iſt, führt von der Stadt Kets⸗ kemet ihren Namen. Ueber Paka, Felegyhast, Peteri, Kiſtelek trafen wir den andern Tag in Szatymar ein. Mit der Poſt ſah es ſchlecht aus. Ich habe ſelbſt einmal von Mittag bis Abend warten muͤſſen, weil die Poſipferde geackert haben. In Rekas mußte ich Ochſen nehmen; ich nahm deren nicht weniger als ſechs, brauchte aber auch nicht weniger äls 6 Stun den, um nach Kiſetto, der nächſten Station zu ge langen. Wir fuhren durch die Chongrader Ge ſpannſchaft, durch Szegedin, Horgas und Groß⸗Kaniſa, wo uns die Nacht uͤberraſchte, und an der Theiß zu ſchlafen zwang. Tags darauf fuͤhrte eine Floͤhe uns vor dem Aufgange der Sonne auf das jenſeitige Ufer. Temesvar erblickten wir in der Nittagsſtunde. Das ganze Gebiet iſt von furchtbaren Bergen umiaͤunt, welche es von Siebenbuͤrgen und der Walla⸗ chey ſcheiden. Das platte Land iſt an Wein und Getreide geſegnet. Stark iſt die Viehzucht und grole Schafheerden moͤckern durch die weiten Auen. Wild⸗ pret und Fiſche gibt es in Menge. Die Einwohnet beſtehen aus Raizen, Seribe(Servier) Walls chen, Bulgaren, Zigeunern, Juden, Its⸗ liſchen und Franzoͤſiſchen Koloniſten⸗ Un⸗ ————— 93 garn und Deutſchen. Die Straſſen ſind elend, und die haͤuſig austretenden Fluͤſſe laſſen weitgedehnte Suͤmpfe und Moräſte zuruͤck, welche theils die Luft verpeſten, dafuͤr aber Torf geben, theils die Verbin⸗ dung unterbrechen. Wir kamen an die Grenze Siebenbuͤrgens. Der Weg windet ſich uͤber ſeile Gebirge, welche als eine Fortſetzung der Karpathen angeſehen werden. Endlich langte ich in Hermannſtadt an, ging in Geſellſchaft zweier Pffiziere unter dem praͤchtigſten Wetter ab und durcheilte die anmuthigen Doͤrfer Schillinsberg⸗ Weſt, wo wir ſchon Garniſon ſahen. Zu Dolmatſch, einem huͤbſchen ſächſiſchen Marktflecken wurden die Pferde gewechſelt. Noch wa⸗ ren wir eine Stunde von dem Paſſe des Rothen Thurmes. Schon zeigten ſich die ungeheueren Fel⸗ ſen in ihrer Majeſtaͤt. In ſeierlicher Stille tragen dieſe Pyramiden ihre Gipfel durch die Luͤfte empor, und bepantert mit ewigem Schnee glaͤnzen ihre Zinnen hoch uͤber den Wolken. Da wo ſich ihre Waͤnde ſpal⸗ ten, iſt ein Weg durch die Felſen gehauen, welcher ſich uͤber die Hoͤhe ſchlaͤngelnd, in die Wallachey ſen⸗ ket. Der Rothe Thurm iſt nur drei Meilen von Hermannſtadt entfernt, nahe bei dem Fluſſe Aluta, am Fuße des hohen Grenz⸗Gebirges. Es iſt ein Wachthaus auf einer Anhoͤhe, ganz im gothiſchen Style, einſam gebaut zur Bewahrung des Enspaſſes. In den alten aber feſten Mauern liegt ein Militair⸗ 94 Poſten; auch beſindet ſich hier ein Dreißigſt⸗Amt mit mehrern Gebaͤuden fuͤr Beamten. Der Thurm hat vielleicht von ſeinem rothen Anſtriche, oder von dem haͤuſig hier vergoſſenen Blute in moͤrderiſchen Gefech⸗ ten ſeinen Namen. Die Karoliner Straße hat ihren Namen vom Kaiſer Karl II., ihrem Schöpfer, welcher die⸗ ſen s Schritte breiten Weg mit unendlichem Auf⸗ wande in die Felſen hauen ließ. Sie reicht vom Ro⸗ then Thurme bis zum Kloſter Hoſchia, auf 10 bis 41 Stunden weit; Laſtwagen kommen bequem fort. Im Thale erblickte ich einen alten, verfallenen, vier⸗ eckigen Thurm, uber deſſen Urſprung ich nichts in ſagen weiß. Die Aluta iſt hier beſonders ſiſchreich. Dieſer Fluß, Alt, Plt, vor Alters Tutes oder Muta genannt, entſpringt in den Karpathen auf dem Berge Farka, und windet ſich nach der Aufnahme der kleinen Fluͤſfe Hargith, Fegete⸗ Farkas, Wagis und des Som mer⸗Bachs, indem er ganz Siebenbuͤrgen und die Wallachey von Nord nach Suͤd durchſtroͤmt, bei dem Schloſſe Fogaras und dem Paß des Rothen Thurmes vorbeifließend, bei Nikopolis in die Donau. Nach einer beſchwerlichen Fahrt von 2 Stunden langte ich in der Kontumai an⸗ Sie liegt in einem Vergkeſſel, und man kann ſich nicht ſobald etwas Traurigeres vorßellen. Nirgend rest ſich ein Leben⸗ 95 Einige Ants⸗ Gebaͤnde und 6 bis 42 Lazarethe ſind ales, was man ſieht. Jedes dieſer Haͤuſer enthält nur ein Zimmer mit einem langen Tiſche und einer ſolchen Bank. Wer kein Bett mit ſich fuͤhrt, muß auf Stroh liegen. Die Lebensmittel ſind gleichfalls ſehr theuer. Die Zeit der Quarantaine iſt nach den umſtaͤnden, welche die oͤffentliche Geſundheit mehr oder weniger gefaͤhrden, verſchieden. Ihre Beſtim⸗ mung richtet ſich zuerſt nach dem Grade des Pett⸗Meſ⸗ ſers in der Tuͤrkei, haͤngt aber auch von der Beſchaf⸗ ſenheit der Waaren ab, welche aus jenem Lande an⸗ kommen, vb ſie fuͤr den Peſt⸗Stoff empfaͤnglich ſind oder nicht. Alle aus Bukareſt und Konſtantino⸗ pel kommenden Briefe werden hier durchſtochen oder geoͤffnet und geraͤuchert, und mit dem Sanitäts Sie⸗ gel verſehen. Jeder aus den tuͤrkiſchen Staaten kom⸗ mende unterliegt hier der Unterſuchung; er darf als Unreiner(ſo werden die Quarantaine haltenden genannt) ſich nicht mit den Uebrigen aus einer an⸗ dern Klaſſe vermiſchen, und muß in ſeinem Zimmer allein bleiben. Das Eſſen wird vor die Thuͤre geſtellt⸗ wo es der Hungernde ſelbſt holen muß. Jede Stube bat ihren eigenen Reinigungs⸗Diener; ringsum ke⸗ hen Schildwachen. Eine halbe Kompagnie unter einem Lieutenant bildet die Garniſon. Iſt die Quarantaine⸗ Zeit vorbei, ſo erhaͤlt der Gereinigte eine Geſund⸗ beits⸗Urkunde, worin ſein Stand, Charakter⸗Alter⸗ Wohnung ꝛe. genau angegeben werden. 96 Ich hatte dieſes auf der Hinreiſe nicht noͤthig. Als wir von der Kontumaz aufbrachen, ſtiegen wir in dem Unter⸗Lazarethe in ein auslaͤndiſches Fuhrwerk. Es iſt ein elender Leiterwagen,1 1/½ Elle hoch, viel⸗ leicht eben ſo lang, und keine Elle breit, in welchem nur eine einzige Perſon gekruͤmmt auf Strod ſitzen kann. Nirgends bemerkt man ein Stuͤckchen Eiſen. Vier ruſtige Pferde ſind mit Stricken an den leichten Wagen feſtgebunden. Die Poſtknechte erhoben ein jämmerliches Geheul, durch welches ſie das Poſthorn erſetzen, und ſchnalzten und knallten, daß es weit wiederhallte. Wir gelangten bald an den kleinen Bach, die Grenze zwiſchen Deſterreich und der Tuͤrkei. An den ufern deſſelben wohnten zerſtreut einige Grenzhuter. Nicht viel weiter erblickte ich eine wallachiſche Schildwache.. Das Land von der Siebenbuͤrger⸗ Grenie anfangend, vier Stunden in die Breite und Laänge, an den beiden ufern des Alt nennt man Loviſchta, in wallachiſcher Sprache Fiſchgrube bedeutend, wahrſcheinlich, weil ſein felſiger Waſſergrund Fiſche naͤhrt. Nach anderhalb Stunden waren wir ſchon in Kinäny, der erſten wallachiſchen Poſt⸗Station. Wir bezahlten hier nicht nur die gemachte Station⸗ ſondern alle eilf kommenden Poſten, welche nach Bu kareſt fuͤhren. Die Fuͤrſten unterhalten fuͤr Staats⸗ boten und Reiſende eine gute Anzahl Poſtpierde. Man —— ————— 97 erhaͤlt in der Regel vier mit einem leichten Fuhrwerk. Die Stationen ſind gewoͤhnlich vier Stunden von ein⸗ ander entfernt. Vier Perſonen ſpielen auf den walla⸗ chiſchen Poſten eine Hauptrolle: der Kapudan (eigentliche Poſtmeiſter), der Logothet(ſein Sekre⸗ taͤr), der Tſchauſch(Oberpoſtknecht) und der Ro⸗ taro(Wagen⸗Verfertiger). An Pferden mangelt es nicht. Bei Kinaͤny fließt der Alt und wir paſſirten uͤber eine Schiffbruͤcke in das jenſeitige Kinaͤny. Die umliegende Gegend iſt bergig und waldig. Hier errichtete der General Stainville 1747 zur Ver⸗ wahrung der ganzen Straſſe auf dem Luͤrken⸗ Huͤgel (Deal Turtſchilor) die Schanze, und weiter hinauf das Schloß Straſzburg(Arkavilla) nicht weit von dem ſogenannten Trajaniſchen Thore(Puarte Romanilor), wo ſchon die Roͤmer ein Bollwerk hat⸗ ten. Ueber Stein, Geſtraͤuch, Felſen und Berge ging es nun drei Stunden auf Pripora, nach der zweiten Station. Um 6 Uhr Abends war ſchon Saletrug erreicht. Ich fuhr zwiſchen Kinäny und Saletrug, einen ungeheuren, von Bergen umſchloſſenen Wald. In dieſem Thale iſt der ganze Weg beinahe nichts ats Bruͤcke aus Eichenſtaͤmmen; das Ganze iſt aber ſo leck und elend, daß man nur mit Gefahr daruͤber fahren kann. Wegen der Erbaͤrmlichkeit der Wege und des ſchlechten Fuhrwerkes iſt beinahe keine Poſt⸗Station, 7. Bd. Türkei. IV. I. 7 98 wo nicht der Poſtillivn genoͤthigt waͤre, 10— 15 mal abzuſteigen, um bald an dem Pferdegeſchirre, bald an dem Wagen etwas zu beſſern. Durch ſchnelles Fahren ſuchen ſie die verlorne Zeit wieder einzubringen. In der Naͤhe des Poſthauſes rennen die Kerle wie Beſeſ⸗ ſene demſelben entgegen und der betaͤubte Reiſende duͤnkt ſich wie vom Teufel geholt. Die Poſthaͤuſer in der Wallachei ſind kleine Huͤt⸗ ten aus Lehm mit Stroh gedeckt. Ein in Del ge⸗ tränktes Papier muß die Stelle des Fenſterglaſes vertreten. um das große Feuer in der Mitte der Stube, deſſen Rauch durch eine in die Decke gemachte Deffnung geht, ſitzen im Kreiſe halbnackte Kinder an der Seite ihrer duͤrftigen Aeltern, und wachſen ſo in dumpfer Abſtumpfung auf. z Die gewoͤhnliche Koſt der gemeinen Wallachen iſt eine dicke, geſunde und nahrhafte Suppe(Mame⸗ lita) aus Mehl und Mais. Den Mais(Kukurutß) verzehren ſie auch nach Brodes⸗Art. Gurken und Melonen, beſonders die Waſſer⸗Melonen, gehoͤren unter die vorzuͤglichſten Nahrungsmittel des gemeinen Mannes. Die jetzigen Bewohner der Wallachei gleichen in ihrer Sommertracht genau ihren Vorfahren⸗ wie ſie auf der Traians⸗Saͤule abgebildet ſind⸗ Man denke ſich eine wilde Figur in einem weiten Hemde, welches um den Leib zuſammen geſch nuͤrt iſt, mit lan⸗ gen, weiten Beinkleidern. Am Guͤrtel haͤngt ein Beil⸗ ——— ———— . 99 um die linke Schulter ein Schaffell, welches auf der Bruſt befeſtiget iſt. Sandalien von ungegaͤbtem Leder ſind um die Fuͤße gebunden. Alles Aeußere deu⸗ tet auf eine große Verwahrloſung und auf eine tiefe Verſunkenheit in die thieriſche Natur. Der Walla⸗ che iſt von ſtarkem Koͤrperbaue, wohlgewachſen und geſund— nur die Gebirgsbewohner pflegen mit Kroͤ⸗ pfen geplagt zu werden— aber trage und unbehuͤlflich. Seine Seele iſt geſtempelt mit dem Fluch⸗ Siegel der Sklaverei; er vermißt am gleichguͤltigſten unter den Bewohnern der europaͤiſchen Tuͤrkei den unerſetzlichen Verluſt der Freiheit. Nicht ſo iſt der deſpotiſche Adel geſinnt. Die Adelichen heiben Bofaren und die Bauern Rumum, d. j. Noͤmer. Die Einwohner, im Tuͤrkiſchen Ak⸗Fflik, nennen dieſe Laͤnder Sara Rumanaſea(roͤmiſches Reich). Die Ru⸗ mum bebauen die Laͤndereien der Bojaren und Grund⸗ eigenthuͤmer, und entrſchten ihnen den Sehnten. Die Zahl der Einwohner macht die unbedeutende Summe von 660,000 Köpfen aus.. Kaum waren wir eine Stunde Weges gefahren, ſo lag mein Wagen guf dem Boden und ich war ganz ſauft heraus gerollt. Nach einer kleinen Weile, als ich mein Naſentuch gebrauchen wollte, wurde ſch ſo gewaltig geſchoben, daß ich, wie ein Ball, hinausge⸗ ſchlendert wurde. Nicht weit von Argiſch lauerte mir wieder ein Ungluͤck auf. Unmerklich machte ſich das Vordertheil meines Wagens los, und ich kutſchte 100 in einem Augenblicke von meinem Hinterſitze hinab. Als ich auf der Erde lag, war mein lieber Fuhrmann ſchon um ein gutes Stuͤck mit den Vorder⸗Raͤdern davon gerennt, bis er endlich mich vermißte. Bei Argiſch wechſelten wir fruͤhe um 4 Uhr die Pferde. Dieſe Stadt, am Fuße gleichen Namens, heißt auch Kurte de Argiſch, Hof von Argiſch oder Ardſchiſch, weil hier die erſten Fuͤrſten ihre Reſidenz aufgeſchlagen hatten, ſie liegt, nach Sulzer, auf der naͤmlichen Stelle, wo im Alterthume Hydata geſtan⸗ den war. Sie verlor ſehr viel von ihrem alten Glante, und iſt jetzt ein großer Marktflecken mit einer ſchoͤnen Kloſterkirche, welche als die reichſte in der Walla⸗ chei angegeben wird. Nebſtdem gibt es hier noch 6 Kirchen; auch reſidirt hier ein griechiſcher Biſchof. Noch ſieht man die Ruinen des alten Fuͤrſten⸗Schloſ⸗ ſes und mehrere gemauerte Haͤuſer. Von Argiſch⸗ der Haͤlfte des Weges bis an die Grenze von Buka⸗ reſt, fängt eine ordentliche Straſſe an, welche bis fuͤhrt und die Piteſchter Straſſs eißt. Von Argiſch fuhren wir gerade gegen Mani⸗ eeſt. Piteſcht war nach Manieeſt die naͤchſte Station, welche wir um die Mittagsſtunde ſahen⸗ Es iſt eine wallachiſche Stadt, oder ein deutſcher Marẽtflecken in einer ſchoͤnen Ebene, groß und anſehn“ lich, mit einem Kloſter, acht Kirchen und mehreren anſehnlichen Haͤuſern. Der Iſpravnik(Oberamt⸗ 101 mannd uͤber einen Gerichtsbezirk, hat hier ſeinen Sitz. Die Gaſſen in Piteſcht ſind ſchlecht mit Brettern gedielt. Vortrefflich gedeiht der tuͤrkiſche Waizen; weit herum prangen die Felder mit demſelben. Auch gedeiht die Gerſte, welche das allgemeine Futter fuͤr die Pferde abgibt. Wir rollten uͤber die geſegneten Auen froͤhlich hin und hatten in ihrem Anblicke einen ſo angenehmen Zeitvertreib, daß wir zwei Stationen, Kurzinop und Goͤyeſcht, unangefochten von der langen Weile zuruͤcklegten. Als wir uͤber letztere eine Meile hinaus waren, konnte ein ermuͤdetes Pferd nicht mehr von der Stelle ſich bewegen. Zufaͤlliger Weiſe kam ein Bauer mit einem ruͤſtigen Pferde; auf den Rath des Unteroffiziere drang man ihm das abgemergelte Pferd mit dem Bedeuten auf, daß er ſein Pferd von der naͤchſten Poſt abholen könne. Unter mancherlei Betrachtungen uͤber dieſen Vor⸗ fall kam ich nach Morunſchuß und Floreſcht. Um ein Uhr in der Fruhe fuhren wir durch Bolen⸗ tin und hielten mit der Sonne unſern Einzug in Bukareſt. Bei dem ößterreichiſchen General⸗Konſul, Fleiſchhackel von Hackenau, wurde ich herzlich und gaſtfreundlich aufgenommen. Bukareſt, die Hauptſtadt der Wallachei, eigentlich Bukureſcht oder Bukareſcht, von Bukaria, d. i. Freude, alſo Freudenſtadt, liegt an der kleinen Dumbo witza, 12 Stunden von der 102 Donau, nicht weit von dem alten Pinum, unter dem 440 26“ der noͤrdl. Breite. Sie iſt die Reſidenz des Hoſpodars und eines Erzbiſchofes, und wurde 182 faſt gaͤnzlich durch ein Erdbeben zerſtoͤrt, hat ſich aber ſeitdem wieder erholt. Die Gaſſen ſind mit Ei⸗ chenſtaͤmmen belegt; wo dieſe fehlen, verfinkt man faſt in Koth und Schlamm. Sie ſoll in 67, nach andern in 70 Quartiere getheilt ſeyn, und uͤber s0,000 Einwohner in ihrem Bezirke hegen. Um ſie von Norden nach Säden zu durchſtreifen, braucht man 1 1/2 Stunde und eine Stunde von dem Weſt⸗ bis zum Oſt⸗Ende. Denkmaͤler der Kunſt und Monumente des Alter⸗ thums beſitzt Bukareßt nicht. Bemerkenswerth iſt aber in dem Lande der Unordnung der Feuer⸗Thurm (Fviſchon de Fok), ein hoͤlzernes Geruͤſt mit verſchie⸗ denen Abtheilungen, zur Anzeige, wenn vielleicht Feuer ausbrechen ſollte. Von hier genießt man die Ausſicht uͤber die ganze Stadt in ihrer weiten Aus⸗ dehnung. Hier erblickt man die vielen Chans, oder Aufenthalts⸗ und Verkauf-Haͤuſer fuͤr fremde Kauf⸗ leute. Pbgleich die Haͤuſer an einander ſtehen, ſo ſcheinen doch die Straſſen leer, weil die Gebaͤude in der Mitte großer Hoͤfe und Gaͤrten ſtehen. Sie ſind zum TDheile aus Vackſteinen aufgefuͤhrt und mit Gyps uͤbertuͤncht. Selbſt Daͤcher beſteben aus Backſteinen. Kirchen findet man ſehr viele in Bukareßt; die Katholiſche mit einem Franziskaner⸗Kloſter ſteht un⸗ 103 ter oͤßterreichiſchem Schutze. Der katholiſche Biſchof reſidirt zu Nikopolis, hat ſeinen Kirchenſprengel in der Wallachei und Bulgarien, und wird vom Papſte ernannt. Die evangeliſch⸗lutheriſche Kirche ſchuͤtzt der ſchwediſche Geſandte zu Konſtan⸗ tinopel. Die Juden haben auch eine Synagoge. Die griechiſchen Kirchen mit drei, auch fuͤnf bis neun Thuͤrmen, ſind im Ganzen genommen plumpe Gedaͤude, deren Waͤnde von Innen und Außen mit grotesken Abbildungen von Heiligen und Wunder⸗Geſchichten geſchmuͤckt ſind. Kloͤſter gibt es nicht wenige, und die meiſten ſind mit Ringmauern umgeben. Die Metropolitan⸗Kirche und die erzbiſchoͤfliche Reſidenz iſt eines der vorzuglichſten Gebaͤude. Die Reſidenz des Fuͤrſten unterſcheidet ſich durch ihr äußeres Anſe⸗ hen in Nichts von andern Haͤuſern, als durch die aufgeſtellte Wache. Chane zaͤhlt man 7 bis s. Der beruͤhmteſte iſt der Chan Scherban Wado, vom Füͤrſten Scher⸗ ban Kantakuſaͤn erbaut.— Der Markt(Bazar)⸗ beſeht aus mehreren Gaͤngen mit Wetterdaͤchern und iſt mit Waaren aller Art gepfropft. Schenken und Keller werden haͤufig beſucht, die Kaffeehaͤuſer ſtehen in keinem ſonderlichen Rufe. Zu bemerken iſt der hohe Glockenthurm, nach deutſcher Art auf 4 Ecken uͤber dem großen Thore der Ringmauer aufſtrebend, deſſen unterſtes Stockwerk rechts und links die Abbil⸗ dung zweier Soldaten darſtellt in deutſcher Montur, ungefaͤhr wie ſie im Anfange des vorigen Jahrhunderts gewoͤhnlich war, mit dem Gewehre auf der Schulter. Die Stadt hat auch ein Lyzaͤum und eine oͤffent⸗ liche Bibliothek. Wenn man den Wallachen auf dem platten Lande zennt, ſo muß man nach Bukareſt gehen, um die Vornehmen zu ſtudieren. Ihr Leben iſt in den Städ⸗ ten auf die Schrauben des Ceremonienweſens geſtellt⸗ der vertraute umgang aus ihrer Mitte verbannt, mit den Fremden beinahe unterſagt; doch auß ihren Land⸗ haͤuſern wird man zuvorkommend aufgenommen. Der Hang zum Spiele iſt entſchieden, der Geſchmack er⸗ ſchöpft ſich in den praͤchtigen Kleidern und reichen Eauipagen. Der Wagen gehoͤrt unter die erſten Lu⸗ vus⸗Artikel, alles faͤhrt, nur das gemeine Volk geht. Beſuchte Spazierorte im Fruͤhlinge und Sommer ſind: Chereſtné, eine große Wieſe, welche ein Arm der Dumbowitza umfaßt, an welchem ein Koͤſchk (Pavillon) pranget; Kole ntina und Tſcheſchme⸗ Fontaine de Maurojeni, ein huͤbſcher Koͤſchk⸗ mit welchem der zuͤrſt Maurvieni das ſpatzierende Publikum beſchenkte. Eine der ſchonſten Landſchaften um Bukaveſt iſt die kleine Inſel Sweti Chleoteri, ungenoſſen von den Wallachen bluͤhend. Am Fuſſe des ſanften Abhanges reich fruchtender Rebenhuͤgel, welche ſich bis an die Ufer der Dumbowitza in die einladend⸗ ſten Obſtgaͤrten verlieren, ſteigt dieſe Zauber⸗ Infel 105 aus den rieſelnden Gewaͤſſern hervor. Auf derſelben ſteht ein Dempel mit der einſamen Wohnung eines Popen. Die wallachiſchen Schoͤnen putzen ſich zur Spa⸗ tzierfahrt, wie die unſrigen zum Balle. Ihre Tracht fäͤllt in das Ruſſiſche. Fuͤr die Haushaltung laſſen die Haushofmeiſter ſorgen; ſie ſind große Meiſterinnen in der Stickerei, beſonders nach vrientaliſcher Art auf dem Siebe(Tamburin). Das Volk durchtanzt die Feiertage. In den wallachiſchen Taͤnzen druͤckt ſich das Schmachten aus⸗ die Muſik charakteriſirt ſich durch Einfachheit und ermuͤdende Eintoͤnigkeit, die Gebahrde durch ein wohl⸗ lüſtiges Dahingeben. Die Boiaren naͤhern ſich dem Fuͤrſten in der tiet⸗ ſten Ehrfurcht und kreuzen ſich, wie vor einem boͤſen Geiſte, bei dem Betreten des Audienzzimmers. Er bat eine Leibwache von so rothgekleideter Albanenſer des griechiſchen Ritus mit rothen Muͤtzen. Sie halten vor der Reſidenz Wache, und uͤben die Polizei aus. Fuͤr geringe Vergehen erhaͤlt der Verbrecher entweder die Baſtonade, oder wird zur oͤffentlichen Arbeit ge⸗ ſchickt. Auf Verbrechen folgt eine ernſthaftere Zuͤchti⸗ gung in dem Straſſenlaufen. Für größere Verbrechen wird der Bauch mit einer guten Tracht Schlaͤge be⸗ legt, und der Verbrecher lebenslaͤnglich in die Sali⸗ Minen verurtheilt, oder auch der Ohren und Haͤnde verluſtig erklaͤrt. Todesſtrafen gehoͤren zu den Außer⸗ 106 ordentlichkeiten. Die Koͤpfe der Hingerichteten werden zur Abſchreckung 24 Stunden vor dem Kriminalhauſe aufgeſpießt. Die hoͤchſte buͤrgerliche Magiſtratsperſon fuͤr die PHauptſtadt iſt der Iſpravnik, wrelcher zugleich Naturalien aus dieſer Provinz fuͤr Konſtantinopel beſorgen muß. Die Bojaren umgeben den Fuͤrſten, duͤrfen Baͤrte tragen und haben Titel ohne RMittel⸗ So gibt es einen General der Armee, obgleich in der ganzen keine 200 Mann Soldaten ſich be⸗ Seh Der Divan⸗Efendi iſt der einzige Muſel⸗ mann im Dienſte des Fuͤrſten. Er ſchreibt die offiei⸗ ellen Depeſchen an die Pforte, uͤberſetzt die Firmans und entſcheidet alle Streitigkeiten, welche das Inter⸗ eſſe tuͤrkiſcher Unterthanen betreffen. Dbwohl die Luͤrken in ſehr großem Anſehen bei der Pforte ßehen, ſo duͤrfen ſie ſich doch nur als Kaufleute hier aufhal⸗ ten, aber weder Haͤuſer, noch Aecker, noch Moſcheen beſitzen. Man ſieht daher wenige Tuͤrken; aber deſto mehr Zigeuner(Lſchinganehs), aus welchen der Adel ſeine Kutſcher, Koͤche, Baͤcker u. ſ. w. macht. Ihr Lalent iſt in der Muſtk; auf das Hoͤren ſpielen ſie die ſchwerſten Stuͤcke, ſind dafür auch die einzigen Muſikanten in der Wallachei. Die freien Sigeuner treiben auch Vieh⸗ und Pferdezucht und verfertigen allerlei Geraͤthſchaften, mit welchen ſie Handel 107. Kommen die Bojaren mit ihres Gleichen zuſam⸗ men, ſo entbieten ſie einander den Gruß dadurch, daß ſie die Muͤtze etwas ſeitwaͤrts in die Hoͤhe ruͤcken und das Haupt gegen die Schultern des andern an die Wange neigen, ohne ſie jedoch zu kuͤſſen. Der Ge⸗ ringere ehrt die Hand des Vornehmeren durch einen Kuß, wofuͤr ihm dieſer den Gegenkuß auf die Stirne praͤget. Bei dem Eintritte eines Gaſtes erhebt ſich die ganze Geſellſchaft, welche auf dem Sopha mit kreuzweiſe uͤber einander geſchlagenen Fuͤßen ſitzt und bleibt ſo lange ſtehen, manchmal ſogar auf dem So⸗ pha, bis der Angekommene den ihm in ihrer Mitte angewieſenen Platz eingenommen hat. Zuvor mußte er nach tuͤrkiſchem Gebrauche die Dberpantoffeln an der Thuͤrſchwelle, oder auf dem Geſtelle des Sopha den uͤbrigen angereiht haben. Fremde von niederer Klaſſe erhalten ſtatt des Divan(Ruhebettes) Baͤnke, oder Seſſel zum Sitzen. Dem Gaſte vom Range reicht man Pfeifen, Kaffee und Konſituren(Dultſchazury) aus Früchten oder Blumen nebſt einem friſchen Glas Waſſer. Vor meiner Abreiſe aus Bukareſt wurde ich durch den k. k. Generalkonſul dem regierenden Fuͤrſten vorgeſtellt. Er iſt aus der griechiſchen Familie Ka⸗ radſcha und verbindet mit einem edlen Aeußern viel innere Bildung und Einſicht. Sein Kabinet war blos mit Kalk uͤbertuͤncht und hoͤchſt einfach eingerichtet. Der Fuͤrſt ſaß auf einem Divan, auf einen Polſter 108 geſtuͤtzt, umhaͤuft von vielen Pavieren. Er ſchrieb wie die Morgenlaͤnder auf den Knien. Bei unſerem Ein⸗ tritte richtete er ſich ſogleich auf und ruͤckte ſeinen Kalpak. Wir nahmen auf dem Divan Platz und lei⸗ teten nach den gewoͤhnlichen Hoͤflichkeitsbezeugungen in franzoͤſiſcher Sprache das Geſpraͤch auf verſchiedene BGegenſtaͤnde, wobei der Fuͤrſt eben ſo ſcharſe Beur⸗ theilung, als ausgebreitete Kenntniſſe blicken ließ. Wir wurden mit Pfeifen bedient. Statt der Zugglo⸗ cken bediente er ſich des Haͤndeklatſchens fuͤr ſeino Dienerſchaft. Die koͤniglich baieriſche Familie ſchien ihn fuͤr den Augenblick zu intereſiren, indem er die Portraits J. J. MM. des Koͤnigs und der Koͤnigin von Baiern, Sr. k. Hoheit des Kronprinzen und des Prinzen Sugen, wie Ihrer Majeſtaͤt der Kaiſerin von Deſterreich— alle geſchabt— vorzeigte, und mich um die Ueberſetzung der deutſchen Unter⸗ ſchriften bat. Bei dem Weggehen begleiteten uns mehrere ſeiner Hofbedienten die Treppe hinab, denen man, wie den Leibwachen, Geſchenke macht. Ihrs Titel und Aemter ſind mit jenen zu Konſtantino⸗ vel gleichartig. Die Regierungsform iſt eine theils eingeſchraͤnkte, theils uneingeſchraͤnkte Monarchie. Der Fuͤrſt vereinigt in ſeiner Perſon die hoͤchſte Ge⸗ walt, ihm ſteht der Divan der vornehmten Bejaren zur Seite. Die Fuͤrſten unterhalten zwei Gattungen Kuriere: die einen beiben Lipeani und werden nur im Lande 109 gebraucht; die andern tragen den Namen Calaraſch und rennen nach Konſtantinopel. Sie ſind aber nicht ſo geachtet wie die Janitſcharen. An einem Freitage verließen wir Bukareſi. neber ſanfte Huͤgel rollten wir in liebliche Thaler, ſchoͤne Ebenen und weite Maisfelder. Nicht lange dauerte es und wir ſetzten uͤber den Potok. Statt der Bruͤcke ſind Weidenſtaͤmme der Laͤnge nach neben einander in das Flußbett gelegt, uͤber welche man ſo faͤhrt, als wenn man jeden Augenblick in Schlamm verſinken ſollte. Hinter Copaezen, der erſten Station, verliert ſich der Weg in ein langwieriges Geſtraͤuch. Ich mußte auch ein Andenken bekommen. Ein ſtarker Aßt gab mir einen ſo derben Hieb auf den Geſichtsvor⸗ ſprung, daß ich in dieſem Augenblicke weder ſah noch borte und ſehr ſtark zu bluten anfing. Von den naͤchſten Poſten: Falaſtok, Pietri und Daia erreichten wir an dem Abende des naͤmli⸗ chen Tages Dſurdſuevo, welches die Wallachen Dſchjurdſchiu, die Tuürken Jerkoͤi(Erddorf) nennen. Es iſt eine große Stadt, nahe an der Do⸗ nau, 12 Meilen(Tſchaſſur) von Bukareſt, mit mehreren Stunden im Umkreiſe bis an den Ses Kurmatura oder Graka reichend, welcher durch eine große Bucht der Donau gebildet wird und reich an Karpfen iſt. Die Donau ſoll bei dieſem See uͤber zwei Stunden breit ſeyn. 110 Nun bin ich an der Donau, welche ihre Fluthen majeſtaͤtiſch dahin waͤlzet. Seit meiner Abreiſe von Wien ſah ich zu Ofen die Donau das letzte Malz bier trafen wir wieder zuſammen, nachdem ſie gegen 600 Meilen, ich nicht volle 200 zuruͤckgelegt hatte. Ich beſtieg mit meinen Begleitern eine Tſchaik. Wir naͤherten uns der Inſel Stoboſia, welche hier der Donau romantiſch entſteigt. Ein furchtbares Kaſtell, welches uͤber die Gegend herrſcht, ſteht dro⸗ hend da. Die Veberfahrt dauert zwei gute Stunden: denn der reißende Strom dehnt die gerade Linie ſehr in die Schiefe. Die zerſtoͤrten Feſtungswerke, nahe am Ufer mahnen an die Tapferkeit der Ruſſen, welche dieſelben 1841 erſtuͤrmten. Wir ſtiegen uͤber die Leiter an das Land, und eilten in das naͤchſte Kaffeehaus, um zu beſchließen, ob wir ſchlafen oder reiſen ſollten. Die uns begleitenden Janitſcharen ſtimmten gegen das weitere Reiſen, und es blieb dabei. Ruſchtſchuk, auch Ruſdſchuk, Ruſſi, Roſezig, Ruſchtuk, eine der beruͤhmteren Han⸗ delsſtaͤdte des tuͤrkiſchen Reiches mit einem Kaſtelle⸗ iſt an der Donau auf Anhoͤhen gelegen, welche ſich auf einer Ebene erheben. Sie hat einen großen Um⸗ fang, 6— 6000 Haͤuſer und einen bedeutenden Handel. Die meiſten aus den oͤſterreichiſchen Staaten uͤber Bukareſt nach Konſtantinopel Reiſenden ſetzen von hier uͤber Schumla und Kolidſcha den Weg bis Varna fort, wo ſie ſich einſchiffen. Zwei Fluſſe, 11¹ Aklom und Karalom, fallen nahe bei Ruſchtſch in die Donau. Am folgenden Tage ſetzten wir unſere Reiſe zu Pferde fort, und hoͤrten bei unſerm Zuge durch die Stadt von den Minarets herab das Rufen der Mue⸗ ſin oder Gebet⸗Ausrufer. Sie ſingen vom hoͤchſten Thurme der Dſchamie:„Gott, Hoͤchſter! ich bekenne, daß kein Gottiſt außer Gott. Ich bekenne,daß Mobammet der Prophet Got⸗ tes iſt. Kommt zum Gebet! Kommt zum Zufluchtsorte, wo ihr Heil findet! Großer Gott, es iſt kein Gott außer Gott!“— Alle ſroͤmten zu den Bethaͤuſern. So ritten wir durch dieſes Schauſpiel hinaus. Gewoͤhnlich ging es dann im kleinen Trabe; doch erklimmten wir auch nicht ſelten Berge im ſchnellen Laufe, und gallopirten hinab. Man muß ſich dazu entſchließen, wenn man ſich nicht dem Spotte des tuͤrkiſchen Kriegers Preis geben will. Die meſſingen, breiten, ſchweren und beſchwerlichen Steigbuͤgel an kurzen Riemen ſchinden mit ihren ſcharfen Kanten und Spitzen die Pferde jaͤmmerlich auf. Man laßt ſie des Tages öfters ausruhen, ohne daß ſie gefüttert werden. Die tuͤrkiſchen Pferde ſind von ſchoͤnem Baue und ungemein gelehrig. Sie werden ſehr rein und glaͤn⸗ jend durch haͤufiges Waſchen mit Seife gehalten, mit dicken Zeugen und Kappen bedeckt und beßaͤndig an⸗ gebunden, daß ſie ſich nicht niederlegen. Sie werden des Tages einmal getraͤnkt und gefuͤttert. Ihr eigener 12 Miſt an der Sonne getrocknet dient ihnen zur Untet⸗ lage. Der Sattel wird nur bei der Reinigung vom Ruͤcken genommen. Im Fruͤhjahre werden die Pferde fuͤr einen ganzen Monat auf die gruͤnenden Wieſen gefuhrt. Das Poſtweſen iſt in der Tuͤrkei auf einer ſehr niederen Stufe der Vollkommenheit. Es gibt keine fahrenden, ſondern blos reitende Poſten, weil nach orientaliſcher Sitte alle Mannsperſonen reiten. Ehe⸗ mals hatten die Kouriers lange die Freiheit den Leu⸗ ten unterwegs die Pferde wegzunehmen und damit fortzueilen. Murad II. ſchaffte dieſe Gewohnheit ab und legte Poſthaͤuſer an. Im großherrlichen Dienſte ſind 100 Tataren angeßtellt, welche die Befehle der Regierung ſchnell an Drt und Stelle bringen. Sie koͤnnen fuͤr die ihnen anvertrauten Paquets zur Ver⸗ antwortung gezogen werden. Dieſe Tataren, von ihrem tatariſchen Kalpak ſo genannt, ſind in der Regel ordentliche Leute und zeichnen ſich durch ihre Sreue und Puͤnktlichkeit beſonders aus. Sie haben eine feſte Koͤrper⸗Konſtitution und können die großten Beſchwerden ertragen. Vornehme Tuͤrken haben auf Reiſen gewoͤhnlich einen ſolchen Tatar und einen Mihmandar(Fuͤhrer) bei ſich, welche fuͤr die Lebensmittel und fuͤr ales zur Reiſe Noͤthige zu ſor⸗ gen haben. Die meiſten Poſthaͤuſer auf den Stationen ſind auch Kafeehaͤuſer und hinlaͤnglich mit Pferden verſe⸗ 113 hen. Fuͤr das Gepaͤck ſind eigene ruͤſtige Karavan⸗ Pferde auserkoren. An beiden Seiten haͤngen große lederne Saͤcke(Churtſch), deren jeder uͤber 6o Okka (eine Okka betraͤgt 2 /4 Pf.) wiegen mag. Unter dieſer Buͤrde muß das arme Thier mit den Reiſenden fortgallopiren. Mit einem Poſtfirman verſehen erhaͤlt der Reiſende Lebensmittel unentgeldlich; ohne dieſen muß er ſich ſelbſt verkoſtigen. Das Nachtlager muß man auf einem halb verfaulten Fußboden nehmen. Auf dem Wege von Rutſchtſchuk nach Kon⸗ ſtautinopel iſt von der Vorzeigung der Paͤſſe nie die Rede. In einer guten Entfernung von Rutſch⸗ tſchuk ſahen wir bald die Gegend, wo das alte Cſernovada geſtanden haben ſoll, aber nichts mehr von ihren Tempeln und Palaͤſten. Nach 12 Meilen erreichten wir die naͤchſte Sta⸗ tion Rasgradz ſie heißt auch Heſargrad, iſt nicht groß, aber ziemlich belebt, und ausgezeſchnet durch ſeine maſeſtätiſche, aus Quaderſteinen aufgefuͤhrte Moſchee mit zwei hohen, ſchoͤnen Minarets. Auf dieſen wird des Tages fuͤnfmal zum Gebete gerufen, und zwar in ſolchen Loͤnen, als kaͤmen ſie aus Kna⸗ benkehlen; je hoͤher es die Schreier treiben, deſto mehr werden ſie geſchaͤtzt. Sie wenden ſich nach den vier Himmels⸗Gegenden, und rufen auch die Tages⸗ Stunden aus. Wir ritten in das Poſthaus, wo ich mich unter nichts als Luͤrken befand, welche ernſthaſt und feierlich ſitzend, Tabak rauchen und Kaffee trin⸗ 72. Bd. Türkei. IV. 1. 8 114 ken, ohne ſich um ihre Nachbarn zu bekuͤmmerm. Wir ließen uns dann ein Eſſen bereiten. Der Wirth mit einigen ſeiner Gaͤſte und die Janitſcharen waren meine Tiſchgenoſſen. Da war aber an keinen Leller⸗ an kein Beſteck zu denken. Die tuͤrkiſche Art zu ſpei⸗ ſem, und das Sitzen mit untergeſchlagenen Beinen behagte mir uichtz ich legte mich wie ein Roͤmer hin, und ſchmauſte wie ich konnte. Der Herr des Häuſes machte die Honneurs, indem er ſich ſelbſt zuerſt vor⸗ legte und trank, ohne ſich weiter um die uͤbrige Ge⸗ ſellſchaft zu bekuͤmmern, welche ihm Geſundheit wuͤnſchte, wenn er den Becher geleert hatte. Die übriggebliebenen Speiſen wurden unter die Armen vertheilt. Vor und nach dem Eſſen goß uns ein Auf⸗ waͤrter Waſſer auf die Haͤnde und kehrte die Stelle aus, wo wir gegeſſen hatten. Mein Wesweiſer leerte den von mir ausgeſchlagenen Wein auf einem Buge. Legt der Tuͤrke einmal die Religionsſerupel weg, ſo betrinkt er ſich vollkommen und wird dann aͤußerſt laͤrmend, aufruͤhreriſch und ſehr gefaͤhrlich⸗ weil er nicht leicht unbewaffnet iſt. Er traͤgt entwe⸗ der ein langes Meſſer, oder Piſtolen, oder beides zu⸗ gleich, reichlich mit Silber beſchlagen und ſchͤn grfaßt, in ſeinem Guͤrtelz ſelbſt Kinder haben an ihren Gärteln Meſſer. Nach der Mahlzeit wurde zum zweiten Mal Kaf⸗ fee herumgetragen. Die Pfeife wird ſelten aus dem Mund gelegt, und iß ſo hei den meiſten Geſchaͤftem 7 5 des Tuͤrken die wahre Gefaͤhrtin ſeines Lebeus. Der⸗ Taback heißt Javaſch, und aus einem drei Ellem langen Rohre ſteigt der Dampf, von aller Schaͤrfe⸗ gelaͤutert, zum Mund empor. Der Rauch dos turki⸗ ſchen Tabacks iſt uͤberaus angenehm, und laͤßt keinem bleibenden Geruch in den Kleidern zuruͤck. Ich ſah' auch viele Tuͤrken denſelben ſchnupfen, und mein Ibrahim ſtopfte ſeine Naſe gewaltig mit Buka⸗⸗ reſter. Kaum zwei Stunden von Ra sgrad entdeckte ich weit und breit verfallene Mauern und Haͤuſer. Ueber⸗ all Trümmer, aber kein Leben, kein Menſch, keim Echo Von den Janitſcharen erfubr ich, daß dieß Arnaudkoͤi ſey. Schweigend ritten wir waͤhrend' der Nacht neben einander. Meine Seele war bei dem Klageliedern der vorausreitenden Poſtknechte, welche oft ſtundenlang ein Lied ſingen, das in vielen Strophen meiſßtens eine Geſchichte zum Gegenſtande hat, und von dem naͤchtlichen Dunkel, welches das matte Mondeslicht etwas verſcheuchte, wunderbar er⸗ griffen.— Ein Drittel ſchlafend, ein anderes Drittel wachend, und wieder eines traͤumend, kam ich mit Tagesanbruch in Schumna an. Die Janitſcharen zeigten mit vieler Selbſtgenug ſamkeit triumphirend den Kampfplatz, wo der Angriff der Moskowiten auf dus tuͤrkiſche Lager ſo ſtegreich von Juſſuf Paſcha iuruͤcgewieſen wurde. Schumna, auch Schumla, iſt eine alte„im 116 Driente beruͤhmte Stadt, in einer angenehmen und fruchtbaren Gegend. Die Anzahl ihrer Haͤuſer gibt man auf 3— 4000 an. Sie ſoll eine Feſtung vorſtellen. Die meiſten tuͤrkiſchen Feſtungen beſtehen in alten thurmfoͤrmigen Kaſtellen auf Anhoͤhen mit hohen Mauern, und ihre Ausbeſſerung wird wenig beſorgt. Geſehen zu werden verdient hier das praͤchtige Grab⸗ mal des um das osmaniſche Reich ſo hochverdienten Großvezier Geſfairli Haſſan Paſcha. Alle Haͤu⸗ ſer, die oͤfſentlichen Gebaͤude ausgenommen, ſind aus Holz gezimmert; ihre Waͤnde bekommen duſch die große Hitze Riſſe und haben ein baufalliges Aus⸗ ſehen. Bei vielen ſah ich keine Fenſter, ſondern blos Gitter. Bei ſtarkem Regen werden in den Zimmern Schaffeln ausgeſtellt, welche das eindringende Waſſer auffangen. Kamine findet man ſelten, Defen ſind nicht gebraͤuchlich. Meißens werden Mangals (Kohlpfannen) in die Mitte des Zimmers geſtellt. In dem Harem iü der Tandur(Feuerherd) Mode, welcher in einem rechten Winkel an das Sopha geſtellt wird, und zugleich Tiſch⸗ und Loiletten⸗Dienſte verſieht. Er iſt ein viereckiger, bis auf den Fußboden bedeckter Tiſch, deſſen unterſter Boden ein irdenes oder kupfernes Kohlenbecken mit heißer Aſche gefullt, verbirgt. In einem hinlaͤnglichen Abſtande iſt um die Scke des Siſches eine gepolſterte Bank geführt, welche die Wärme⸗Kandidaten einnehmen, um ihre Fuͤhe unter die Decke zu legen. Dieſe zuruckgehaltene Waͤr⸗ me iſt maͤßig und wohlthuend, aber nicht umfaſſend, ſo daß man bei ſtrenger Kaͤlte dem uͤbrigen Koͤrper leicht eine Abkuͤhlung zuziehen kann. Gerade dem Poſthauſe gegenuͤber, nur durch die Straſſe getrennt, erhebt ſich aus einem ſanften Huͤgel die Begraͤbniß⸗ Stätte, deren Beſchreibung als etwas hinlaͤnglich be⸗ kanntes wir uͤbergehen. Nach einer maͤßigen Ruhe von einigen Stunden, welche der ermuͤdende nächtliche Ritt nothwendig ge⸗ macht hatte, ſetzten wir die Reiſe fort. Wir waren jetzt in dem Diſtrikte Kirli Ova. Es wurde Mit⸗ tag, der Ritt dauerte ſchon 6s Stunden, und noch war die naͤchſte Station noch nicht da. Die Sonne goß ihre Gluth auf uns aus, und ihr alles verſengender Strahl loͤſte noch das Bischen Kraft auf, welches die vielen Beſchwerlichkeiten und der entbehrte Schlaf uͤbrig gelaſſen hatte. Entzuckt war ich immer, wenn es ausruhen hieß. Aber meine Glieder waren ſo ge⸗ lahmt, daß ich ohne fremde Nachhuͤlfe nicht vom Pferde ſeigen und nicht aufſteigen konnte. Die abge⸗ haͤrteten Janitſcharen hatten fuͤr unſere Klagen, wie fuͤr unſere Leiden wenig Sinn. Nachmittags hatten wir auf einem Felſenwege zu klimmen, bis wir endlich am Fuſſe deſſelben die Stadt Paravadi, oder Pra⸗ vadi entdeckten, welche zwiſchen zwei Felſenbergen der nördlichen Abdachung des Haͤmus, welche ſich ſteil wie Mauern erheben, in einem vielleicht halben Stunde breitem Thale verborgen liegt. Dber der 118 Stadt bis zum Gipfel des Berges erſtrecken ſich die Ruinen eines alten Roͤmer Schloſſes. Nicht ohne Gefahr mußten wir uns uͤber einen langen, jaͤhen, ganz mit Steinen uͤberſchuͤtteren Sreppenweg hinabſenken, wo ſich uns alles verſchloß. Man findet auf den glat⸗ wen Pberflaͤchen der Felſen in horizontaler Lage große eiſerne Ringe befeſtigt, deren Zweck raͤthſelhaft iſt. Paravndi hat mehrere ſchoͤne Moſcheen und auch Baͤder. Die Straſſen erſchtenen, weil der Abend nicht mehr ferne war, ziemlich leer. Nur hier und da nahm ich tuͤrkiſche Weiber in gruͤner Kleidung, mit ver⸗ mummtem Kopfe und einem hinter einem weißen Tu⸗ che verbargenen Geſichte, wahr; blos die Augen fun⸗ keln heraus und ein Theil der Naſe ragt hervor. Die Frauenzimmer⸗Tracht iſt die Einfachheit ſelbſt. Sie legen ein langes grunnes Kleid an, welches rckwaͤrts ſehr weit hinab reicht, mit einem viereckigen Kragen. Es ſieht im Ganzen unſerm Reitkleide etwas aͤhnlich und heißt Ferradſche. Ueber das Antlitz breitet ſich ein weißer Schleier und an den Fuͤßchen haben ſie gelbe Sandalen. Außerhalb des Hauſes duͤrfen ſie nicht mit ihrem Manne erſcheinen; auch keine galan⸗ ten Herren ſich einfinden, und ihnen Aufmerkſamkeit ſchenken. Es iſt nicht rathſam eines der begegnenden Frauenzimmer ſtarr zu betrachten, ſondern man trete ihnen lieber ſchon in der Ferne aus dem Wege: denn ſie werden ſehr leicht beleidigt und ſind meiſtens uber⸗ trieben fanatiſch. 1¹9 Mit dem Eintritte der Nacht ritten wir von Pn⸗ wavadi weg und erblickten, als wir durch ein bulga⸗ wiſches Dorf kamen, die Weiber deſſelben, im Freien einen Kreis bildend, um ein Feuer litzen. Sie drehten fleißig die Spindel., und bereiteten in laͤndlicher Un⸗ ſchuld die flockige Wolle, indem ſie in harmvniſcher Fuͤlle einen Choralgeſang anſtimmten, deſſen Melvdie mich ruͤhrte. Ihre Kleidung naͤhert ſich der wallachi⸗ ſchen; ſie ſelbſt ſind reitzend, und vereinigen mit der Regelmaͤßigkeit der Zuͤge und dem ſchönen Baue des Koͤrpers, den Vorzug eines hohen edlen Wuchſes und eines majeſtaͤtiſchen Ganges. Wir mußten nun nach der Ruhezeit aufbrechenz der Weg verlor ſich in die unabſehbaren Waͤlder des Haͤmus, war ſo voll von Geſtraͤuchen und ſo ver⸗ wachſen, als wenn er nie befahren wuͤrdes vie hin⸗ überragenden Aeſte mahmen uns bei dem Dunkel der MNacht unablaͤßig die Muͤtzen ab. Dieß war ſehr un⸗ angenehm, und das häufige Abſteigen um das Verlorne zu ſuchen, ſehr laͤſtig. Als wir das naͤchſte bulgariſche WDorf erreichten, wurde beſchloſſen hier Nuchenunis zu halten. In den Ortſchaften, durch welche wir jetzt zogen, borten wir keine Gluckwuͤnſche mehr, obgleich jene in Bulgarien liegen. Der Fanatismus wird ſchon finſterer; doch gibt es auch Lürken, welche frei von Vorurtheilen ſich zu dem hohen Standpunkte einer Aberalen Toleranz gehoben haben. In wiefern ich die Tuͤrken kennen lernte, kamen ſie mir ehrlich, aufrich⸗ tig, gutthaͤtig, liebreich, maͤßig, ja auch artig vor; und ich bemerkte unter ihnen jfleißige und geſchtekte Leute. Unſere Reiſe ging raſch fort, und wir befinden uns nun am Fuße des Haͤmus, welchen die Tuͤrken, wie jedes andere hohe Gebirg den Balkan nennen. Seine Kette erſtreckt ſich vom adriatiſchen bis zum ſchwarzen Meere, beinahe s0 Meilen. Er ſcheidet Bulgarien von Rumelien. Die Graͤnzen Bul⸗ gariens ſind aber lange verwiſcht; ſeine meiſten Staͤdte von Luͤrken eingenommen und ſogar die Bul⸗ garer wiſſen kaum mehr, daß ſie in Bulgarien ſind. Das Land iſt voll von Bergen und Huͤgeln; letztere geben vortrefflichen Wein, erſtere treffliche Weiden. Die Hirten pflegen in Dienſten der Paſcha und der Großen zu ſtehen, oder ſie bebauen, in ihre Gebirge zuruͤckgezogen, die kargen Felder. Die Bulgaren⸗ ehemals ein kriegeriſches und furchtbares Volk, leben jetzt in Düͤrftigkeit, Demuth und politiſcher Erſchlaf⸗ fung; muſizieren, tanzen, ziehen nie ohne Tudelſack aus, kleiden ſich in eine Jacke von Schafpels, in weite Beinkleider von Leinwand, in Muͤtzen von Laͤmmer⸗ Fellen und in Schuhe vom rohen Leder der Wild⸗ ſchweine. Der Bart iſt nicht ſtark, die Haut oliven⸗ faͤrbig, das Ausſehen welk, der Wuchs ſchoͤn, die Miene geiſtlos. Wir klimmten muthig den Balkan hinauf, je ni⸗ 121 ber Koparan, deſto hoͤher thuͤrmten ſich die Berge. Wir hatten durch einen vier Stunden langen Wald zu reiten, dem Aufenthalte vieler Adler, deren Keile zu Pfeilen gebraucht werden. Seit 6 Stunden ſahen wir kein Dorf; endlich lagerten wir uns bei einer ſchattigen Quelle, waͤhrend deſſen die Pferde graſeten. Hierauf ließen wir den Flecken Karinabad mit einem Schloſſe auf der Straſſe nach Adrianopel rechts liegen, und verfolgten durch Nadir Derbend den Weg nach Aidos, welches wir auch um 3 Uhr erreichten. Hier toͤnten uns wieder von allen Seiten Segenswuͤnſche zu. Mein Reiſegefaͤhrte, welcher hin⸗ ter uns etwas zuruͤck blieb, wurde von der tuͤrkiſchen Jugend verſpottet, und da er drohte, ſo mit Kotb zerworfen, daß er wie ein geflecktes Thier ausſah und endlich den Ruͤckzug nehmen mußte. Aidos(nach Buͤſching das alte Idos), ehemals eine anſehnliche Stadt, iſt jetzt ein großer Marktfle⸗ cken mit warmen Heilbaͤdern, welche im Herbſte ſtark beſucht werden. Suleiman erbaute eine große Kuppel darüber. Im Poſthauſe abgeſtiegen, hatte ich Muſſe genug, einen gravitaͤtiſch daher ſchreitenden Muſelmann genau zu betrachten. Sein Kopf war ſo rein geſchoren, wie unſer Kinn; nur ein kleines Haarbuͤſchel bleibt auf dem Scheitel ſtehen, den ein rothes Muͤtzchen von Wolle deckt. Daruber wird der Turban geſetzt. Die Emirs, angebliche Abköͤmmlinge Mabommeds, tragen ihn urſpruͤnglich gruͤn. Ibre — 1M Anzahl iſt ſehr groß, alle Klaſſen der Geſellſchaft ſitd davon voll, beſonders die niederen noch mehr, als die hoheren. Faſt alle Stallknechte und Laſttraͤger ſind Emirs. Sein Kleid hat keine Knoͤpfe, wenige an den Aermeln ausgenommen. In dem Shawlguͤrtel ſteckt ein langes, krummes, reich mit Silber beſchlagenes Meſſer. Als er eine Pfeife verlangte, brachte man ihm eine mit Waſſer gefuͤllte Flaſche nebſt einer viel⸗ leicht zwei Ellen langen Roͤhre, das iß die ſogenannte perſiſche Pfeife(Nargile). Man bekoͤmmt den Dampf kalt in den Mund, und er hat nach der Verſicherung des Tuͤrken bei der ſchmelzenden Tageshitze eine ſehr erfriſchende Kraft. Dabei ſoll aber die Lunge leiden, und dieſe Art zu rauchen, die Geſundheit untergraben. Auch ſah ich Derwiſche, welche im Namen des barmherzigen Gottes um Almoſen flehten. Die Der⸗ wiſche ſind tuͤrkiſche Bettelorden, wohnen in einem Gebaͤude beiſammen, welches ziemlich das Bild unſerer Klöſter iſt. Ihr perſiſcher Name bedeutet Thuͤr⸗ ſchwelle, und ſoll hier die vor der Chuͤrſchwelle ſtehend bleibende Demuth bezeichnen. Sie leben vom Almoſen, ſind unverheirathet, eſſen gemeinſchaftlich, aber nur wenig, trinken ſparſam und ſollen Nachts nur drei Stunden ſchlafen, die uͤbrige Zeit aber mit Gebeten und Leſen zubringen. Zu Konſtantinopel⸗ wo ſie ein Kloſter haben, ſchaute ich ihren Ceremonien mit eigenen Augen zu. Der Verſammlungsort ihrer Froͤmmigkeit befindet ſich bei jedem Kloſter und iſt ein 123 Cirkus(Tewhidchan). Die Waͤnde ſind mit Lafeln behangen, auf welchen der Name Gottes und des Stifters pranget. Bei ihrem demuͤthigen Eintritte verbeugten ſich die Derwiſche gegen ihren Obern. Einer ſieg auf eine Art von Kanzel und hielt eine Anrede⸗ Hierauf fingen die Begeiſterten an, bei dem Tone einer Floͤte und kleiner Trommeln ſich mit ausgeſtreck⸗ ten Armen in der Runde umzudrehen; vald hielten ſie die Hand an das Herz, bald an den Hals, bald an andere Glieder, um dadurch anzuzeigen, daß ſie fur Gott, Herz, Hals und den ganzen Leib hinzugeben bereit ſeyen. Ich bemerkte unter ihnen ſogar Knaben von 12—44 Jahren. Nachdem ich mich geſaͤttigt und geßͤrkt fühlte, beſtieg ich gerne die neuen Pferde, welche geſattelt im Pof ſtanden, um das 12 Stunden entfernte Fakih zu erreichen. Unſer Weg fuͤhrte in der Nacht durch einen langen Wald; hierauf langten wir glucklich in Fakih auf der naͤchſten Station an, wo uns die Hunde mit einem furchtbaren Lärm bewillkommten, und erſt nach langer Zeit ſchwiegen. In allen tuͤrki⸗ ſchen Stadten trifft man deren eine Menge an, ſie gleichen unſern Schaͤfer-Hunden und laufen herrenlos umher. In der Nacht iſt das Geheul dieſer halbver⸗ hungerten und gefraͤßigen Thiere furchtbar. In Hau⸗ fen erblickt man ſie, wie ſie Miſt⸗Haufen anatomiren, oder wie ſie in den Kehrigtbergwerken genießbare Adern aufſuchen und an dem verpeſteten Aaſe nagen. 124 Doch ſtellt auch die Barmherzigkeit des Muſelmannes gerne die Ueberbleibſel der Mahlzeil zu dem Vortheile derſelben vor das Haus. Vornehme laſſen ſogar eine Menge Fleiſch einkaufen, und ſie an gewiſſen Tagen unter dieſelben vertheilen. Sie gelten fuͤr unrein und auch derjenige, welcher ſie beruͤhrt. Dagegen iſt Suͤnde, den Katzen, als Lieblingen des Propheten, ein Leid zuzufugen. Nach gewechſelten Pferden verließen wir Fakih⸗ und endlich war der Balkan zuruͤckgelegt. Wir be⸗ ſinden uns in dem Sandſchak kirkkiliſſe, wo es viele Weingaͤrten, viel Holz, aber wenig Waſſer gibt. Die Hauptſtadt Kirkkiliſſe, ehemals Kirkek⸗ kleſie, d. j. 40 Kirchen, von eben ſo vielen Kirchen der Chriſten ſo genannt, von welchen blos der Name übrig iſt, liegt weſtlich vom Stranchea⸗Gebirge und 12 Stunden von Adrianopel. Sie ruͤhmt ſich mit vielen Moſcheen, Baͤdern und einem großen Chan. Hier haben der Sandſchakbeg und der Kadi ihre Sitze aufgeſchlagen. Sie iſt eine der vorzuglichſten unter den tuͤrkiſchen Staͤdten. Ich beſuchte den B ſar(Markt). Was fuͤr Seltenheiten hat hier ein europaͤiſches Auge zu ſehen, die im Lande nur Ge⸗ meinheiten ſind? Da iſt ein Haufen ſonderbarer Pantoffeln, Socken(Paputſchen), einige Muſelmän⸗ ner ſtehen herum und ſchieben ſie an ihre Füße, weil die Schuſter kein Maß nehmen. Dort ſind uͤberaus ſchone Pfeifenkopfe, prachtvolle Mundſtuͤcke, von ich⸗ 6 125 tem und gegoſſenem Bernſtein mit gruͤner und rother Verzierung, hier koſtbare Rauchwerke, vrientaliſche Wohlgeruͤche; dort Tabak aller Gattungen in großen Zucker⸗Glaͤſern, irdene Schalen zum Trinken, und das bunteſte Farbenſpiel wollener und ſeidener Stoffe. Von da beſuchten wir die engen Straſſen der Stadt mit ihren hoͤlzernen Haͤuſern auf einer Grundlage von Steinen. Die oͤffentlichen Gebaͤude ſind aus Stein aufgeführt. Dann ſetzte ich mich auf meinen Divan, einen Sitz, wel her ungefaͤhr einen Fuß hoch ſich erhebt, in der Breite an s Fuß, in der Laͤnge an 2—4 Klaftern haben mag. Die darauf liegenden Matrazen ſind mit Zeug oder Leinwand uͤberzogen, und ruͤckwaͤrts werden an die Wand Kiſſen gelehnt. Die Tuͤrken ſchlafen auch auf denſelben, wobei ſich beide Geſchlechter nie voͤllig entkleiden. Als ich meine Schreibtafel aus der Taſche zog, um das Geſchebene anzumerken, vermißte ich meinen Bleiſtift. Ich mußte daher zur tuͤrkiſchen Tinte und Feder meine Zuflucht nehmen. Die Feder iſt ein hoͤlzernes Robr, das Knie wird zum Schreibti⸗ ſche umgeſchaffen, die Tuͤrken legen ein Blatt Papler darauf, und ſchreiben von der Rechten zur Linken. Daß aber aus ihren holzernen Federn nur hoͤlzerne Buchſtaben entſtehen koͤnnen, kann ſich Jeder leicht einbüden. Das Papier war ſo dick wie Leder, glaͤn⸗ ijend und von einem uͤberaus großen Formate. Die Anfangsbuchſtaben, Kolumnentitel, Zeichen und Un⸗ 126 terſchriften werden gerne mit goldener, ſilberner, gruͤner oder rother Farbe ausgemalt. Die Tinte be⸗ ſteht aus feſten Stuͤcken und wird in Eſſig aufgeloͤst. Gelehrte Türken, ſolche, welche ſchon leſen, ſchreiben und zterlich tuͤrkiſch reden koͤnnen, gelten fuͤr Gelehrte und tragen das Eintenfaß in dem Guͤrtel. Das Sie⸗ gelwachs ſah ich blos in Stangen, es iſt eine Art rothlichen Wachſes, und etwas weicher zu fuͤhlen. Mit Tages Anbruche verlieten wir Kirkkiliſſe. Die ſchöne Witterung dauerte noch fort. Bisher wa⸗ ren wir auf unſerm Wege nur durch öde Gegenden geritten und ſelten einem Menſchen begegnet. Aber. uichts deſto weniger, obwohl ich nur jetzt einen erfreu⸗ licheren Anblick verſprach, waren die fruchtbarſten Strecken in der Naͤhe der Hauptßadt unbenutzt. Die naͤchſte Stadt, welche wir erreichten, war Borgas, in einer fruchtbaren, aber wenig fruchten⸗ den Gegend. Allem Anſcheine nach iſt es das vormal⸗ lige Bergull, wovon bei den Byantinern Erwaͤb⸗ nung geſchieht. Ein verfallenes Schloß zu meiner Linken fiel mir zuerſt auf. In einer breiten Straſſe fanden wir einen Springbrunnen. Rechts ſtaunte ich die prachtvolle Moſchee an, die ſchoͤnſte, welche ich bisher auf meiner Reiſe geſehen habe. Dieſes Ge⸗ baͤude der Pracht und der Religion ſteht in der Mitte eines geraͤumigen Hofes, dem hohe Cypreſſen eine überirdiſche Feierlichkeit geben. An der Kryoſtallauelle waͤſcht ſich der andaͤchtige Muſelmann nach dem 1W Willen des Propheten vor dem Gebete rein. Rings um zieht ſich eine ſchoͤne Saͤulen⸗Drdnung als Vor⸗ balle, wo Frauen ihr Gebet verrichten, weil das In⸗ nere der Moſchee ihnen verſchloſſen iſt. Als wir der erwaͤhnten Moſchee vorbei waren, ritten wir in das zunaͤchſt gelegene Kaffeehaus. Hier ſaben wir einen Myſelmann beten. Sein Blick war zur Eide geheftet, vor ihm ein Cuch ausgebreiter. Er blickt gegen Aufgang, bringt die Haͤnde an die Ohren, ſieckt ſie zur Haͤlfte in den Guͤrtel, legt die Rechte uͤber die Linke, knieet ſich nieder, die Haͤnde uͤber ſeine Beine gebreitet. Er ſteht auf, die Haͤnde ſind kreuzweis uͤber einander, legt ſich dann foͤrmlich auf die Erde, und beruͤhrt ein weißes Papier mit der Stirne. Hierauf richtet er ſich auf, wiederholt eine frhere Stellung und endet mit der zweiten. Nach dieſen Ceremonien endigt ſich das Gebet, welches⸗ vielleicht eine Viertelſtunde gedauert haben mag. Nach eingenommenen Erfriſchungen verließen wir ungeſaͤumt Borgas, ritten s Stunden durch ein ebenes, von wenigen Baͤchen, mit mehrern gruͤnenden Pugeln geſchmücktes Land, und kamen Abends in dem ſchlechten Dorfe Kaliſteran an, wo wir in dem finſteren Loche des elenden Chans zu uͤbernachten be⸗ ſchloſſen. Um Mitternacht wurde aufgebrochen. Ich wußte mich nicht in die türkiſchen Uhren zu richten. Die Turken zaͤhlenkil re Stunden vom Untergang der 128 Sonne wie die Roͤmer. Die Taſchenuhren ſind faß allgemein in Gebrauch gekommen. Dbwohl wir auf unſerer weitern Reiſe durch das oͤftere Stuͤrzen der Pferde aufgehalten wurden, ſo er⸗ reichten wir doch fruͤhe Tſchorli, welches die Tuͤr⸗ ken Tſchorlu ausſprechen. Die verfallenen Mauern und ehrwuͤrdigen Ruinen zeugen, daß es das alte Tyrilos der Byzantiner am Fluſſe Zorulus ſey. Daneben thuͤrmten ſich Felſen auf, mit furcht⸗ baren Hoͤhlen in ihren Eingeweiden. Ueber Schutt traten wir in die ziemlich bevoͤlkerte Stadt, in welche ſich Tuͤrken, Griechen und Armenier getheilt haben. Hier ſah ich Karavanen, welche alle Stappelplaͤtze der gürken durchzieben, und dieſes Land mit ESuropa in Verbindungbringen. Von Adrianopelnach Konſtan⸗ tinopel braucht die Karavane gewöhnlich 4 biss Tage⸗ Mittags trafen wir zu Kinikli, einem unbe⸗ deuntenden Marktflecken ein. Zuvor paſſirten wir eine große Bruͤcke uͤber den Fluß gleiches Namens, welche auf 32 Schwibbogen ruht, und von Soleiman, als er das erſtemal gegen Wien zog, errichtet war. Wir ſtiegen in dem naͤchſten Kaffeehauſe ab, und wurden von einem Boſtandſchi freundlich empfangen. Der Luͤrke laͤßt ſich aber wenig angelegen ſeyn, die Gaͤſte mit Geſpraͤchen zu unterhalten Er gibt ihnen Kaffee, oder ſonſt etwas, und bekuͤmmert ſich nicht weiter um ſie⸗ (Fortſetzung folgt.) . S