S . 0 Laſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Griechenland. WMit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von M und herausgegeben von JFoachim Heinrich Faͤck“ Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 3. Bändchen. Nürnberg⸗ Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 8 3 — Dr. Holland's Reiſen durch die Joni⸗ ſchen Inſeln, durch Albanien, Theſ⸗ ſalien, Mazedonien und Griechen⸗ land in den J. 1812 bis 1813. Aus dem Engliſchen überſetzt. Cx Ich ſegelte im Fruhlinge 1812 von England nach Portugal, begab mich nach Gibraltar, nach Cagliari in Sardinien, nach Trapani in Sizilien, nach Palermo, nach den Lipgriſchen Inſeln, nach Meſſina, und nach den Foniſchen IFnſeln. Die Inſel Sante hat vielleicht 6o Meilen im Umfange, und eine großtentheils verbreitete Ebene Die Zahl ihrer Einwohner beläuft ſich auf 40,000, de⸗ ren Haͤlfte die Stadt gleichen Namens bewohnen. Die äppigſte Fruchtbarkeit des Vodens wird durch deſſen fleißige Bearbeitung ſehr erhoͤht. Die Ebenen ſind mit zahlreichen Doͤrfern und Landhaͤuſern beſetzt⸗ welche von Gaͤrten, Dliven⸗ und Drangen⸗ Wäldern umgeben ſind. Die Stadt hat eine Laͤnge von faſt 262 11 engl. Meilen; allein außer der Schloß⸗Gegend nur eine Breite von 300 Ellen. Der Geſchmack im Bauweſen iſt ganz italiſch, die ziemlich maſſiven Haͤu⸗ ſer der vorzglichſten Gaſſen ſind 4 biss Stockwerke hoch; doch gibt es außer den vielen Kirchen keine oͤf⸗ fentlichen Gebaͤude. Die Hauptſtraße lauft mit der Rhede parallel, bildet mehrere ofentliche Plaͤtze, und enthaͤlt viele Kauflaͤden voll Kolontal⸗ und Manu⸗ faktur⸗Waaren. Sind gleichwohl wenige Alterthuͤmer zu finden, ſo wird man entſchaͤdigt durch die natuͤrliche Merk⸗ wuͤrdigkeit der Pech⸗Duellen zu Chieri. Sie ſind an 2 oder 4 Stellen des ſumpfigten Landſtriches, und bilden kleine Teiche. Die Ufer und der nur einige Fuß tiefe Grund derſelben ſind ſtark mit Stein⸗Del belegt, welches die Fruͤhlings⸗Gewaͤſſer gegen die Dberflaͤche treiben, und abſetzen. In der Regel wer⸗ den jaͤhrlich 100 Tonnen ſolches Peches geſammelt, welches zwar nicht zum Tauwerke, aber doch zum kal⸗ fatern der Schiffe verwendet wird. Auffallend iſt, daß die Quellen gerade noch ſo ſind, wie ſie Herodot beſchrieben hat; nur ſind ſie zur Zeit eines Erdbebens ergiebiger. Etoſtoße ſind in jedem Monate zwei⸗ bis dreimal, und ſcheinen ſich nur auf dieſe Inſel zu er⸗ ſtrecken; ſie gleichen mehr einer wellenfoͤrmigen, als fibrierenden Bewegung, und werden gewoͤhnlich durch eine druͤckende, mit Schwefeldunſt geſchwängerte 6 Atmoſphaͤre angezeigt. 8 263 Zwei Dritttheile der Inſel bringen Wein hervor, und 4— 6 Wochen vor dieſer Ernte werden die Korin⸗ then geſammelt, von welchen gewoͤhnlich 7— 8 Millio⸗ nen Pfund gewonnen werden⸗ Man rechnet jaͤhrlich 6o,000 Tonnen Del, und 4000 Tonnen Wein; nebü⸗ dem iſt die Ausfuhr der Limonien und Prangen ſehr groß. Dieſe Gegenſtaͤnde werden getauſcht fuͤr Kolo⸗ nial⸗ und Manufaktur⸗Waaren, auch fuͤr Korn, deſ⸗ ſen Bedarf die Inſel nur zum dritten Theile hervor⸗ bringt, und aus Morea erſetzt wird, woher auch das Vieh und Gefluͤgel kommt. Die Sitten und Gebraͤuche der Einwohner haben durch die Herrſchaft der Venetianer einen italiſchen Anſtrich bekommen. Durch das uͤble Beiſpiel der No⸗ bili iſt die Sittlichkeit und Civiliſation geſunken, und der wiſſenſchaftliche Sinn ganz erſtorben. Die Er⸗ ziehung der Frauenzimmer beſchraͤnkt ſich auf die ge⸗ meinſten Kenntniſſe, weil ſie ihre Wohnungen wenig verlaſſen. Sind gleichwohl viele Katholiken auf der Inſel, ſo iſt doch die griechiſche Religion vorherrſchend⸗ Das Feſt Allerheiligen wird von den meiſten Einwoh⸗ nern der Stadt in dem nahen Pliven⸗Waͤldchen auf das feierlichſte begangen; man tanit, ſpielt Guitarre, und lagert ſich gruppenweiſe zum Eſſen. Am Bſter⸗ tage beſucht man ſich wechſelſeitig und tauſcht Eier aus. Deffentliche Vergnuͤgungen waren ſelten bis zur Ankunft der Englaͤnder. ungeachtet der vie ljaͤhrigen Herrſchaft der Venetianer iſt doch nur die alt⸗ und 264 neu⸗griechiſche Sprache mit der italiſchen nur etwas vemmiſcht worden; letztere hoͤrt man nur von der ge⸗ bildeten, erſtere von der gemeinen Klaſſe. I. Von Zante begab ich mich nach Cephalv⸗ nien. Der Hafen von der Hauptſtadt Argoßoli iſt 20 engl. Meilen von der Rhede der Inſel Zante entfernt, erſtreckt ſich ſehr tief in das Land, und ſchuͤtzt die Schiffe. Die Stadt hat etwa sooo Ein⸗ wohner; ihre Umgebung iſt ſehr reizend. Cephalo⸗ nien hat vielleicht 400 Meilen im Umfange. Das ehemalige ſchwarze Gebirge iſt verſchwunden, ſeitdem die dichten Fichtenwalder ausgehauen ſind. Die Zahl der Einwohner mag ſich auf 60,000 belaufen, deren groͤßter Theil in der umgebung von Samos und in jener von Argoſtoli wohnt. Der Boden hat nur eine duͤnne urbate Schichte uͤber dem kalkartigen Fels⸗ grunde, iſt daher nicht fruchtbar. Die meiſten Guͤter werden auf ein Jahr gegen die Haͤlfte der Fruͤchte verpachtet. In der Naͤhe von Samos finden ſich noch ver⸗ ſchiedene Alterthuͤmer. Die Einwohner ſind ſehr un⸗ ternehmend; ihte Jünglinge beſuchen die Italiſchen Hochſchulen, theils fuͤr die Rechts⸗, theils für die Arznei⸗Wiſſenſchaft, und finden ihre Verſorgung ge⸗ woͤhnlich in der europaiſchen Tuͤrkei. Cerigo iſt das alte Cythere, und das Vater⸗ land der beruͤhmten Helene. Dieſe Inſel hat nur 000 Einwohner, und dennoch 260 Kirchen und Ka⸗ ℳ 265 pellen. Die Landesprodukte ſind Korn, Del, Wein, Honig, Wachs und Ziegenkaͤſe; auch etwas Baum⸗ wolle und Flachs. III. Ithaka, welches einſt durch Ulyſſes ſo beruͤhmt geworden iſt, hat jetzt Vathi zur Haupt⸗ ſtadt, und ſehr gaſtfreundliche Einwohner. Die Inſel iſt vielleicht von Nord nach Suͤd 17 Meilen lang⸗ kaum 4 breit, beſteht aus einer fortlaufenden Kette von Kalkſtein ⸗Felſen, bietet auf den Abhaͤngen der Bergruͤcken intereſſante Anſichten, und in den Thaͤ⸗ lern ſchoͤne Waͤlder von Hliven, Drangen⸗ und Man⸗ del⸗Baͤumen dar. Die Ausfuhr⸗ Gegenſtaͤnde ſind Del, Wein und Korinthen, welche groͤßtentheils ge⸗ gen Getraide getauſcht werden. In einer Entfernung zu faſt 30 engl. Meilen von Ithaka liegt das alte Leukadien oder St. Mau⸗ ra mit ihren hohen Bergen. Die meiſten Einwohner ſind Akarnanien gegenuͤber; die Stadt hat sooo. Die Haͤuſer ſind wegen der haͤufigen Erdbeben nur aus Holz. Der ſtarke Handel mit Manufaktur⸗Waa⸗ ren nach Albanien wird aus der Inſel Mailta beför⸗ dert. Die Stadt und das Fort ſind durch einen ſchmalen Damm, welcher durch 366 Bogen getragen wird, unter der Venetianiſchen Regierung verbunden worden. IV. Von St. Maura begaben wir uns nach Preveſa in einem ſchmalen Boot durch einen äußerſt ſeichten Kanal. Die Stadt liegt am noͤrdlichen Ufer 266 der Durchfahrt, welche den Golf von Arta mit dem Joniſchen Meere verbindet. Die Stadt hat eigent⸗ lich nur eine einzige Straße, nebſt einigen Gruppen von Huͤtten zwiſchen Dliven⸗Gebuͤſchen. Die Klei⸗ dung der Einwohner hat ein Ernſt gebietendes An⸗ ſehen; ſie beſteht in einem nachlaͤßig uͤber die Schul⸗ tern geworfenen, bis an die Knie reichenden Mantel aus braunem und grobem Wollen⸗Zeuge, in einer DOber⸗ und Unter⸗Weſte, in einer Scherpe um die Huͤfte, in einem grob katunenen Hemde und Bein⸗ kleide; Knie und Veinknoͤchel ſind durch geſchlagenes Metall geſchuͤtzt. Die Struͤmpfe und Sandalen ſind vielfaͤrbig, der Scheitel iſt durch ein kleines rothes Kaͤppchen bedeckt; das Haupthaar haͤngt hinten lang binab. Das neue Serail iſt im Erdgeſchoſſe aus Stein, weiter vben aus Holz, hat verſchiedene Zimmer von so Fuß in der Laͤnge und zo in der Breite mit pracht⸗ vollen Verzterungen, und von Auben ſchoͤne Schnitz⸗ Werke. Zu den Ruinen von Nikopolis, welche 3 Mei⸗ len von Preveſa entfernt ſind, fuͤhrt ein von Bli⸗ ven⸗Waͤldchen begrenzter Weg. Ihr Umfang iſt be⸗ deutend und ihre Gruppen ſehr eindrucksvoll. Im roͤmiſchen Bau⸗Style findet man noch einen Cheil der ſtarken Stadtmauern mit gewoͤlbten Gaͤngen un⸗ ter denſelben, 2 Theater, eine Waſſerleitung, das Stadium, und ein großes Gebaͤude, in welchem man einen marmornen Fußboden, und Bruchſtuͤcke korin⸗ — — 267 thiſcher Saͤulen gefunden hat. Kaiſer Auguſt gruͤn⸗ dete die Stadt Nikopolis zum Andenken der von ihm gewonnenen Schlacht bei Aetium; aber ſie uͤberlebte ihren ſtesreichen Erbauer nur wenige Jahr⸗ hunderte, und wurde von den Gothen im 1V. ſchon zerſtoͤrt. Von Preveſa ſchifften wir nach Salaora⸗ um uns nach Jvannina zu begeben, welches viel⸗ leicht 6o Meilen von Preveſa entfernt iſt. Die Einfahrt dieſes weiten Meerbuſens iſt 2— 3 Meilen weit, aͤußerſt enge, und die Seichtigkeit ſeines Aus⸗ fluſſes hindert die Durchfahrt ſchwer beladener Schiffe. Die Landſpitze an der Suͤdſeite der Einfahrt iſt das in grauer Vorzeit beruͤhmte Vorgebirge Aetium. Jenſeits desſelben dehnte ſich allmaͤhlig die Durch⸗ fahrt aus, und bald lag die ganze, ſehr ſchoͤne⸗ uͤber 30 Meilen lange und 10 breite Waſſerflaͤche von Arta vor uns. Die Winde bewegen ſich daſelbſt noch ſo regelmaͤßig, wie zur Zeit der See⸗ ſchlacht; des Morgens iſt er ͤſtlich, und von der Mittagszeit weht er ſeewaͤrts. Nach einer sſtuͤndigen Fahrt von Preveſa landeten wir zu Salaora. Des andern Tages ſetzten wir unſere Reiſe nach Arta fort, welches noch 10— 12 Meilen euntfernt war. Die daſige Ebene iſt einer der fruchtbarſten Bezirke Alba⸗ niens, wird zum Theile fuͤr die Viehweide, zum Sbeile för indiſches Korn, Waiten, Reis und Tabat 268 benutzt. In der Naͤhe von Arta gibt es auch viele Weinberge, Drangen⸗ und Feigen⸗Baͤume. 3 V. Zur Stadt Arta gelangt man uͤber den Fluß Argetus, welcher ſie in einem halben Sirkel um⸗ fließt. Am Eingange ſtehen noch s prachtvolle Kup⸗ veln einer alten griechiſchen Kirche, neben welcher das Serail ſich befindet. Wir wurden zwar von einem Griechen, als engliſchen Agenten, waͤhrend ſein Be⸗ dienter ein Quartier fuͤr uns ausmiethete, mit Zuker⸗ werk, Tabakspfeifen, Kaffee bedient; allein wir muß⸗ ten uns mit einer ſchmutzigen Wohnung begnügen, deſſen Einwohner durch Zuvorkommenheit alles zu er⸗ ſetzen ſuchten. Arta war noch im 14. Jahrhunderte eine bedeutende Stadt, als Andronikus Palaͤolo⸗ gus ſie belagerte und eroberte, nachdem die Einwoh⸗ ner ſich gegen ihn aufgelehnt hatten. Sie zaͤhlt mehr als 6000 Einwohner, enthaͤlt 6 Moſcheen und 24 griechiſche Kirchen. Am Abende unſerer Ankunft be⸗ ſuchten wir noch den Handelsplatz oder Baz ar, welcher von Juden und Griechen belebt, und mit Waaren aus dem weſtlichen Europa beſetzt war. Man rechnet mehr als so Ladungen Waizen und indiſches Korn, welches jaͤhrlich nach Italien, den Joniſchen In⸗ ſeln und Malta geliefert wird. Brenn⸗ und Bau⸗ Polz laufen jaͤhrlich 20 bis 30 Ladungen nur nach Malta, Tabak und Del ſind von beſonderer Guͤte. Von Arta begaben wir uns nach Cinque Pozzt auf eine Entfernung von 20 bis 22 Meilen; wir hat⸗ 269 ten s Pferde zum Reiten, und 2 zum Tragen unſeres Gepaͤckes. Die Pferde waren klein und hatten ein ſchlechtes Ausſehen; aber ſtark und zur Arbeit abge⸗ härtet. Von der ehemaligen Unſicherheit iſt keine Spur mehr zu finden, ſeitdem der kraftvolle Ali Paſcha ſeine wirkſame Polizei im ganzen Gebjete durchgeſetzt hat. Das Serail Mouliana liegt 15 Meilen von Arta, iſt ein großes zwiſchen Bergen und Waͤldern gelegenes Gebaͤude, wo der Vesier ſich auf ſeinen Reiſen an den Seekuͤſten manchmal aufhielt. Die Ge⸗ gend zwiſchen Mouliana und Cingue Pozzi iſt ſehr wild und unbebaut. Die Berge dieſer Gegend haben einen dichten Kalkſtein⸗Felſen von milchweißen Farbe zur Grundlage. Cingue Pozzi iſt ungefaͤhr der halbe Weg zwiſchen Arta und Jvannina, und 1800 bis 1600 Fuß uͤber die Meereslaͤche erhaben. Der s bis Fſtuͤndige Weg wurde uns durch einen Zu⸗ fall ſehr verſuͤßt, wir begegneten naͤmlich einem gan⸗ zen nomadiſch herum ziehenden Schaͤfer⸗Volke, wel⸗ ches mit ſeinen Familien, tragbaren Wohnungen, Geraͤthſchaften und Heerden von ſeinem Sommer⸗ Sitze auf den Gebirgen Albanien's herabzog, um ſie in der Naͤhe von Arta und andern Kuͤſten uͤber⸗ wintern zu laſſen. Der ganze Zug dauerte faſt2 Mei⸗ len, und die Zahl der Pferde, auf welchen Wohnun⸗ gen, Geraͤthe und Kinder fortgeſchafft wurden⸗ betrug meht als 1000. Das Volk war geſund, kraͤftig, batte iedoch das Kußere Gepraͤge ſeiner rauhen Lebensweiſe. Die Maͤnner waren in weiß wollenen groben Ober⸗ „kleidern; die Weiber ebenſo, aber vielfarbig und zier⸗ liches Weſen um die Bruſt. Die Rocke zogen ſich kaum uͤber die Knie, und ließen faſt die ganze Laͤnge der vielfarbigen wollenen Strümpfe ſehen. Faſt alle junge Maͤdchen und Kinder waren am Kopfe mit ver⸗ ſchiedenen ſilbernen Muͤnzen geziert, wie an andern Dheilen des Anzuges. Der erſte Blick auf Foanning iſt ſehr anziehend. Ein großer See breitet ſich am Fuße eines ſteilen Ber⸗ ges aus, welcher zur Kette des Pindus gehoͤrt, und 2600 Fuß uͤber die Ebene ſich erhebt. Eine Halbinſel bildet das Fort von Foannina, welches an der Landſeite durch eine hohe Mauer gedeckt iſt. Im vor⸗ deren Grunde dieſer Halbinſel ruht das Auge auf der hier ausgebreiteten Stadt Jvannina. Weder Dampf⸗ Wolken noch Wagen⸗Geraſſel ſtört hier die ſtille ſchoͤne Anſicht. Die hohen Pallaͤſte des Veziers und ſeiner Soͤhne, die Minarets der zahlreichen Moſcheen, deren jede mit einem Cypreſſen„Haine umgeben iſt, die Miſchung von Haͤuſern und Baͤumen in der ganzen Stadt, vereint mit ihrer prachtvollen Lage, macht auf jeden gefuͤhlvollen Reiſenden einen uͤberraſchenden Eindruck.. VI. Der urſprung der Albaneſer iſt ſehr zweifel⸗ haft; ihr Name und manche lateiniſche Worte ihrer Sprache lieben vermuthen, daß ein von Alba in — 1 Italien ausgewanderter Stamm die Stadt Alba⸗ nopolis in Illyrien gegründet habe. Allein die griechiſchen und gothiſchen und andere Woͤrter, welche mit neueren Sprachen verbunden ſind, widerſprechen der Vermuthung, daß die Albaneſer von jener Stadt abſtammen. Da ſie der Kriegsmacht der tuͤrkiſchen Herrſcher dienten, ſo haben ſie durch ihre Thaten ſo viel Macht und Anſehen erworben, dab ihre Herr⸗ ſchaft von den Luͤrken, wie von den Griechen, im Innern des Reichs gefuͤrchtet wird. Die Zeit von der Eroberung Albaniens durch die Tuͤrken bis zur Erhebung Ali Paſchas iſt nichts als ein Gemaͤlde innerer, nur zu oft durch Barbarei beieichneter Feh⸗ den. Dieſer gefurchtete Fuͤrſt iſt in mehreren Hand⸗ buͤchern bereits nach ſeinem Leben und Charakter geſchildert. vII. Die Stadt Jvannina dehnt ſich am weſt⸗ lichen ufer des Land-Sees aus, welcher vielleicht s Meilen lang, und 2 breit iſt. Die Halbinſel, wel⸗ che die Feſtung der Stadt bildet, erſtreckt ſich tief in den See hinein, und hat an ihrer Spitze zwei felſichte Vorgebirge, auf deren einem eine große von Cypreſ⸗ ſen umgebene Moſchee ſteht. Auf dem andern ſieht man das alte Serail des Paſcha von Jvannina⸗ Der Anblick wird verherrlicht durch eine im See der Stadt gegenuͤber liegende Inſel, auf welcher ein klei⸗ ner Pallaſt des Vetiers ſeht. Die Stadt iſt nicht ſo bevolkert, als man nach dem Umfange ſchließen ſolltes * 272 nur der mittlere Theil, als der Sitz der Kanfleute, iß mit foitlaufenden Rethen von Haͤuſern beſetzt. Dio Straßen ſind unregelmaͤßig, die unterſte Volksklaſſe, wohnt in Lehmhuͤtten, die mittlere in Haͤuſern, deren oberer Theil aus Holz und mit einer vorſpringenden Gallerie verſehen iſt. Die Haͤuſer der vornehmſten und reichſten Einwohner ſind zwar gewoͤhnlich ſehr groß; doch auch mit Gallerien nach tuͤrkiſcher Bauart verſehen, welche die Fenſter ſo bedecken, daß die Haͤu⸗ ſer wie Gefaͤngnſſe ausſehen. Die Kauflaͤden fuͤllen 20 bis 22 Straßen, welche ſich in unregelmaͤßigen Winkeln durchſchneiden, ſehr enge ſind, und durch die vorſpringenden Daͤcher noch duͤſterer werden; deſ⸗ ſen ungeachtet bietet der lebhafte Verkehr manche An⸗ nebmlichkeit dar. Zu Jvannina gibt es 16 Moſcheen und 7 oder s griechiſche Kirchen mit einem Exzbiſchofe, welchem mehrere Biſchoͤfe im noͤrdlichen Albanien unter⸗ geordnet ſind. Doch koͤnnen manche gottesdienſtliche Handlungen wegen der vielen Türken nicht ausgeuͤbt werden. Die Zahl der daſelbſt wohnenden Sürken, Albaneſer, Griechen und Inden mag ſich, mit Aus⸗ ſchluß der Beſatzungen, auf 30,000 belaufen. Die Griechen ſind die zahlreichſten, wohlhabenſten und aͤl⸗ teſten Bewohner, und bilden gleichſam die Kauf⸗ mannſchaft. Die Cuͤrken ſind ſtumpf, traͤge, vorur⸗ theitsvoll, und von ihrem bekannten National⸗Stolze esfoͤllt. Die Juden ſind S pder Handwetrker, verſehen den Dienſt der Agenten, wie die Griechen, genieſſen religioͤſe Toleranz, und haben gegen eine jaͤhrliche Abgabe ihren Begraͤbnißort in der Mitte der Stadt. Die gemiſchte Volksmenge, welche durch Araber, Moren und Neger noch mannigfaltiger wird, gewaͤhrt einen ſeltſamen Anblick auf den Straſſen. Frauen⸗ zimmer ſieht man nur aus den niedern Staͤnden, und ſelbſt dieſe ſind ſo verhuͤllt, daß man von ihrer Geſtalt nichts wahrnehmen kannn. Die vornehmen Tuͤrkinnen verlaſſen ihre Wohnungen nur in gaͤnzlicher Verhuͤllung durch einen dunkelfaͤrbigen Schleter, wel⸗ cher blos dem Auge eine kleine Deffnung frei laͤßt. Die Naͤhe hoher Gebirge hat auf das Klima der Stadt einen vortheilhaften Einfluß; ſie liegt vielleicht 10— 12 Fuß über die Meeres⸗Flaͤche. Im Winter ſoll die Kaͤlte daſelbſt, jener in den oͤſtlichen Theilen von England nicht nachſtehen. Erdbeben ſind ſebr haͤuſig, nach ihnen folgen gewoͤhnlich Regen. Die Naͤhe der Gebirge und die langen Thäler, welche dieſe durchkreuzen, veranlaſſen oͤfters ſehr heftige Stürme. Der See iſt ſehr ſeicht, und hat moraſtige ufer; er ergaͤnzt ſich aus Quellen, und mundet in einen andern s Meilen entfernten See. Er hat ſehr viele Fiſche, beſonders große Aale, auch vortreffliche Karpfen, und an ſeinen ufern finden ſich viele Raub⸗ Vögel. Verſchiedene Gattungen wilder Enten veran⸗ laſen ſehr angenehme Jogd⸗„Parthien zu Waſſer auf 67. ₰d. Sriechenland III. 3. 2 274 Boots, welche aus einem einzigen Stuͤcke Holz ge⸗ fertigt ſind. VIII. Für den Handel iſt Jvannina nichts weniger als unbedeutend; manche Kaufleute erſtrecken ihre Verbindung, nicht nur in die Türkei, ſondern auch nach Deutſchland, Italien und Rußland. Da die Griechen von allen Staats-Angelegenheiten ausgeſchloſſen ſind, ſo widmen ſie ihre ganze Thäͤtig⸗ keit dem Handel. Manche wandern aus, laſſen ſich anderswo nieder, und bleiben mit den zuruͤckgelaſſenen Gliedern ihrer Familie in Verbindung, durch welche alle alten Handels⸗Geſchaͤfte ſich erhalten. Die mei⸗ ſten anſehnlichen Griechen kennen die Sitten und Sprachen der vorzuͤglichſten Laͤnder in Europa; doch vorzuͤglich Teutſchland und Rußland. Er⸗ ſter Handel zieht ſich uͤber Drieſt, Wien, nach Leipzig, letzterer beruht theils auf der oͤrtlichen Laae Griechenlands, theils auf der gleichen Religion, theils auf den politiſchen Verbindungen. Sehr viel griechiſches Eigenthum war in der Bank zu Moskau vor dem Brande von 1812 niedergelegt. Albanien und die benachbarten Bezirke erhalten zum Cheile ihre Handels⸗ Beduͤrfniſſe durch die Kaufleute von Jvan⸗ nina; weßwegen dieſe Stadt für das ganze Land eine ſehr wichtige Niederlage bildet, welche durch die jaͤhrliche Herbſt; Meſſe immer ergaͤnzt wird. Die Ebenen um die Stadt ſind ſehr fruchtbar an Waizen und Mais, und die nordlichen Beſirke bringen einen 275 durch ſeine Quslitaͤt ausgezeichneten Daback hervor. Andere Ausfuhr-⸗Gegenſtaͤnde Albaniens ſind Korn, Bauholz, Wolle, Del ꝛe. Auch in litterariſcher Bilduns zeichnen ſich die Griechen von ihren uͤbrigen Landsleuten aus, wozu ihr Vermoͤgen, ihre auswaͤrtigen Verbindungen und Reiſen ſehr viel beitragen. Faſt zwei Dritttheile der neueſien in neugriechiſcher Sprache erſchienenen Werke ſind Ueberſetzungen aus andern Sprachen, werden zu Wien, Venedig, Leipzig, Moskau und Paris gedruckt, und durch Griechenland vertheilt. Zu Joannina treiben mehrere Buchbaͤndler ſehr vortheilhafte Geſchoͤfte mit ſolchen Werken. Es giht 2 Akademien in der Stadt, auf welchen der groͤßte Theil der jungen Griechen unterrichtet wird. Auf dem Gymnaſium, deren Fond's ebenfalls in der Bank zu Moskau lagen, werden Sprachen, Geſchichte, Geographie und mehrere Zweige philoſophiſcher Wiſ⸗ ſenſchaften gelehrt. Die zweite Lehranſtalt iſt fuͤr juͤngere Schuͤler beſtimmt, und beruht groͤßtentheils auf Stiftungen der Familie Soſimades. Die Lebensweiſe der Griechen zu Jvannina iſt zwar im Ganzen ſehr einfach; doch gibt ihre natuͤr⸗ liche Lebhaftigkeit jeder Geſellſchaft um ſo mehr charak⸗ teriſtiſches, wenn der Reiz derſelben durch auslaͤndiſche Bildung der Tbeilnehmer erhoͤht wird. Die Frauen⸗ zimmer erhalten faſt gar keine Erziehung, find von aller Geſellſchaft ausgeſchloſſen, und verlaſſen gewoͤhn⸗ lich nur ihre Zimmer und Gallerien, um dem Gottes⸗ dienſte betzuwohnen, oder um die warmen Baͤder zu beſuchen. Unter orthodoren Familien wird ſelbſt der Braut nicht geſtattet, ſich vor dem Augenblicke der Heirath dem Braͤutigam ſehen zu laſſen. Da die Reife der Maͤdchen fruͤher, als im uͤbrigen Europa eintritt; da ſie im 10 oder 41 Jahre verlobt, und im a3 oder 14 ſchon varheirathet werden, ſo iſt jede Art von Er⸗ ziehung faſt unmoglich. Ihre unterhaltung iſt zwar gewohnlich lebhaft, aber ohne alle Mannigfaltigkeit; ſie leſen wenig, und haͤngen an vielen aberglaͤnbiſchen und vorurtheilsvollen Gebraͤuchen. In allen ihren Be⸗ wegungen haben ſie ein langſames ſchmachtendes Weſen, und ſelbſt in ihren gewoͤhnlichen Beſchaͤfti⸗ gungen tragen ſie eine Unluſt und Traͤgheit zur Schau. Dagegen iſt ihnen eine bewunderungswuͤrdige Sanft⸗ muth in ihrem ganzen Weſen nicht abzuſprechen, und ihre in Form und Pracht des Drientaliſchen ſich naͤ⸗ hernde Kleidung bezaubert die Einbildungskraft. Es gibt Frauen der hoͤheren Klaſſen, welche ſich in den meiſten Zirkeln SCurspa's mit Anſtand zeigen koͤnn⸗ ten, obgleich ihre Theilnahme negativ iſt. Die Grie⸗ chinnen machen ſich nicht wechſelſeitig Beſuche. Freun⸗ dinnen ſehen einander nur in Baͤdern, weßwegen ſie laͤnger verweilen, als ibrer Geſundheit und Schoͤnheit zutraͤglich iſt. Zwar leiten ſie ihre Haushaltung; allein bei dem zahlreichen Geſinde und bei der einfachen Lriechiſchen Lebensweiſe, iſt das Geſchaͤft nicht be⸗ 277 ſchwerlich. In der Vertraulichkeit zwiſchen der Die⸗ nerin und Gebieterin erkennt man jene alte griechiſche Sitte, welche die Dramatiker der Vorzeit ſchildern. Die Amme iſt die erſte Perſon des Haufes, und wird von der ganzen Familie auf das hoͤchſte geehrt. In den ſchattigen Galerien des Hauſes ſieht man die Griechinnen, in Begleitung einiger Dienerinnen ſeidene Schnuͤre flechtend, auf und nieder wandeln. Ihre Bewegungen ſind traͤge, und zeigen einen ſchleppenden Gang, welcher durch ihre locker uͤber die Fuͤße gezoge⸗ nen Pantoffel verurſacht wird. In ihren Zimmerm ruhen ſie mit abgelegten Pantoffeln auf ihrem Läger, umfloſſen von dem weiten und reichen Faltenwurfe ihrer Gewaͤnder, manchmal mit Stickerei und aͤhnli⸗ chen Arbeiten beſchaͤftigt; hier empfangen ſie die er⸗ laubten Beſuche, waͤhrend der Mann auf einem andern Lager mit ſeinen Freunden Taback raucht. Im Erdgeſchoſſe wohnt nur die niedere Volks⸗ Klaſſe; im erſten Stockwerke die Familie des Hauſes, auf 4— 5 Zimmern, deren ganze Zierde in Gemaͤlden, Waͤnden, Fußdecken, Spiegeln und Divans beßeht. Die Fenſter bieten ſelten einige Ausſicht dar; ein Lager oder niedriger Divan zieht ſich auf 3 Seiten an den Waͤnden umher, und macht den Gebrauch der Stuͤhle und Ciſche ganz entbehrlich. Schlafzimmer ſind in den griechiſchen Wohnungen ſo ungewoͤhnlich⸗ als in denen der Luͤrken; die Sophas, uͤber welche vor dem Schlafen baumwollene Betttuͤcher ausgebrei⸗ . tet werden, dienen den hoͤhern Klaſſen; die Hausflur den untern zum Ruheplatze. Beide Geſchlechter ent— kleiden ſich Nachts ſehr wenig; die niedere Klaſſe gar nicht, und ihr Nachtlager beſteht nur in einem gro⸗ ben wollenen Mantel. Die Verbindung der Zimmer durch offene Gallerien macht die griechiſchen Haͤuſer des Winters ſehr kalt; die Vornehmeren erwaͤrmen ſich blos an einem mit Kohlen gefuͤllten Becken. Bei Beſuchen maͤnnlicher Verwandten und Freun⸗ den begruͤßt man ſich wechſelfeitig, indem man die rechte Hand auf das Herz legt. Der Ankommende nimmt Platz auf einem Lager; eine Taſſe Kaßfee, eine Tabacks⸗Pfeife und etwas Gebackenes iſt die ganie Vewirthung. Der tuͤrkiſche Taback iſt jedoch nicht ſo ſchmackhaft, als der amerikaniſche. Jeder gebildete Grieche ſpricht gern bis zum Ueberdruſſe der Fremden von der Undankbarkeit des eiviliſirten Europa gegen ſein Vaterland. Denn unter den Griechen herrſcht, ungeachtet ihrer pelitiſchen Herabwuͤrdigung, eine große nationelle Eitelkeit, welche zum Dheile auf ihre Vorfahren, zum Dheile auf das Gefuͤhl ihrer eigenen Talente, Thaͤtigkeit und Geiſtes⸗neberlegenheit uͤber die ſie umgebenden Tuͤrken gegruͤndet iſt. Der Ehr⸗ geiz, ſich aufgeklaͤrt und vorurtheilsfrei zu zeigen, it unter ihnen allgemein. Deßwegen ſpielen manche neusriechiſche Gelehrte ſehr vornehme Seeptiker. Im Ganzen verdienen die griechiſchen Aerzte die Achtung, welche ihnen gezollt wird, durch Kenntniſſe, wie durch 279 Eifer in der Ausubung ihrer Kunſt, und ſie ſtehen ihren Berufsgenoſſen im ſudlichen Europa nur in der Wund⸗Arzneikunſt nach. Selbſt der herabgewuͤrdigte politiſche Zuſtand der Griechen hat eine gewiſſe Titel⸗ ſucht nicht unterdruͤcken koͤnnen, welche ſich durch alle Staͤrde verbreitet. Nur der Prieſterſtand wird durch geringe Beſoldung und die daraus entſtehende Folge, daß nar die gemeinſten Menſchen ſich demſelben wid⸗ men, von der noͤthigen Bildung ausgeſchloſſen. Die Kleidung der Griechen in Jvannina und deſſen umgebong iſt faſt, wie im ganzen Griechenland. Die Maͤnner bedecken ihren Kopf mit einer weißen Filz⸗ Kappe orne Band, haben kurze gelb lederne Stiefel⸗ und kleiden ſich in den mannigfaltigſten Farben, wie die Tuͤrken, unter welchen die gruͤne Farbe den Emirs oder unmittelbaren Nachkommen Mahumets allein zuſteht. Deſto mehr Putz haben die Frauen daſelbſt vor andern Griechinnen. Obgleich ſie in der Ordnung ihrer Haare, in dem Guͤrtel und Schleier an die alterthuͤmlichen Statuen erinnern, ſo haben ſie doch viel ſteifere und reichverzierte Kleider. Den Haaren ſchenken ſie eine beſondere Aufmerkſamkeit; faͤrbten ſie die ſelben nicht kuͤnſtlich mittelſt eines vegetabiliſchen Pulvers aus Afrika, in der Farbe des Mahagony⸗ Holzes; ſo wurde in den Flechten, Ringeln und locker umherflatternden Maſſen von Haaten ſehr viel Grazie ſeyn. Schon vom ꝛ0. Jahre faͤrben die Maͤdchen ihre Haare auf dieſe rothliche Weiſe; bei der Verehelichung 280 geben ſie ihnen eine Raben⸗Schwaͤrze, und durch⸗ flechten ſie mit Perlen, Goldfaͤden„ goldenen und klbernen Muͤnzen. Selbſt Maͤdchen aus der hiheren Klaſſe tragen oͤfters auf dem Scheitel ein rundes mit dergleichen Zierathen bedecktes Stuckchen rothes Luch. Der volle Putz einer Griechin iſt noch geſchmakloſer und unnatuͤrlicher. Den Alt⸗Griechinnen naͤhem ſich die neueren auch darin, daß ſie ſehr reichlich Schminke anwenden. Sie faͤrben und verdſcken ihre Augenbrau⸗ nen und verbinden ſie oft mit einander. Sie ſchwaͤr⸗ zen ihre Augenwimpern, und faͤrben die Ragel blaß⸗ roth. Bei Hochzeiten und andern Feierlichkeiten werden dieſe Verzierungen noch verſchwenderiſcher und geſchmackloſer angebracht; eine griechiſche Braut wird mit einer ſo gekuͤnſelten Pracht geſchmuͤckt, daß das Auge beleidiget wird. Eben ſo geſchmackwidrig ſind auch die Begleiterinnen geputzt, und haben unter jedem Auge ein rundes Stuͤckchen Goldblatt. Der übrige Anzug einer Griechin beßteht vorzuglich in einem ſeide⸗ nen Schlepp⸗Kleide, einem reichgeſtickten Leibchen, wetten mouſelinen Bein⸗Fleidern und buntfaͤrbigen Struͤmpfen und Schuhen. In den kalten Monaten bedienen ſie ſich eines atlaſſenen Pelz⸗Rockes; den Faltenwurf ihres praͤchtigen Schleiers wiſſen ſie mit beſonderer Grazie zu ordnen, und ihr auf den Huͤften teſt anliegender, vorn etwas geſenkter Guͤrtel, wird durch mafſive ſlberne Hefte befeſtiget. Die Griechen zchnen üch jedoch im Geſichte und in der Geſtalt vor den 281 meiſten Einwohnern des ſüdlichen Europa ſehr vortheilhaft aus; ihr kraſtvoller Körper, in voller Aehnlichkeit mit den altgriechiſchen Statuen, iſt ſelten anderswo zu treſſen. Sehr auffallend iſt die phyſiſche und moraliſche Verſchiedenheit der Tuͤrken, welche unter ihnen wohnen, und kann ohne alle Vermiſchung mit ihren Nachbarn bleiben. Zu Jvannina wird das beſte Neu⸗ Griechiſche geſprochen. Es verhaͤlt ſich zu dem Alt⸗ Griechiſchen, wie das Ftaliſche zu dem Lateiniſchen. Der Aus⸗ laͤnder wird jedoch die Neu⸗Griechiſchen Schriftſteller leicht verſtehen, weil die Schrift⸗Sprache ſich immer mehr dem Alt⸗Griechiſchen naͤhert, und mehrere Schriftſteller ſich ſehr bemuͤhten, dieſes Ziel zu errei⸗ chen. Daß die vaterlaͤndiſche Litteratur, die Liebe zur Freihett, die allſeitige Civiliſation rieſenhafte Fort⸗ ſchritte gemacht hatte, kann keinem aufmerkſamen Beobachter entgehen. IX. Zu unſerer Reiſe nach Theſſalien lies uns Ali⸗Paſcha einen Tataren von mehr als 45 Jahren, Namens Osmin, an die Seite geben. Er war in ſeiner National⸗Kleidung, hatte eine hohe, ſpitzige gelbe Mutze, den Hals entbloͤßt, ein braunes Oberkleid mit rother Figuren⸗Stickerei, und 2—3 zum Theil in Silber geſtickte Unterweſten uͤbereinander. Seine breite Scherpe war ein mehrmals um den Leib gelogener Shawl, in welcher zwei große mit Silber 282 ausgelegte Piſtolen ſteckten; ſeine weiten Stifeln waren aus gelbem Leder. Am Tage unſerer Abreiſe von Fvannina kamen wir nur 10— 12 Meilen von der Stadt bis zu dem Khan von Kyra. Dieſes iſt ein einſam liegendes Gelaͤude am Abhange des Berges, welchen wir uͤber⸗ ſtiegen hatten, und war mehr fuͤr die Aufnahme der Pferde, als der Menſchen eingerichtet. Denn wir fanden weder Fenſter, noch andere Geraͤthe, als eine Stroh⸗Matratze; Brod, Siegen⸗Kaͤſe, Milch und Wein war unſere Nahrung. Des andern Tags reisten wir bis Metzovo, einer Stadt an dem Gebirge des Pindus, nicht weit von einer der Quellen des Fluſſes Arta. Die breite und gepflaſterte Straſſe zwiſchen Metzovo und Jvannina windet ſich in krummer Linie durch das Gebirge und jenſeitige Thal. Am öſtlichen ufer des Fluſſes, vielleicht s Stun⸗ den von Joanntna, liegt die bluͤhende und regel⸗ maͤßig gebaute Stadt Kalarites. Die Volks⸗Menge iſt bedeutend, groͤſtentheils wallachiſchen Urſprungs, und lebt vorzuͤglich vom Handel. Der Beirk von Zagora, obſchon er großtentheils bergigt iſt, enthaͤlt mehr als 40 volkreiche Doͤrfer, welche ſich von der Schafzucht und dem Landbaue naͤhren, und groößten⸗ theils wallachiſchen Urſprungs ſind. Eine vorzugliche Straſſe uͤber den Pindus zieht ſich durch den Bezirk Sagora, wohin die Tataren, welche mit Poſt⸗ Pfer⸗ ————— . 283 den von Joannina nach Konſtantinopel ſich begeben, gewoͤhnlich ihren Weg nehmen. Metzova liegt ſehr ſchoͤn am Fluſſe Arta, mit hohen Bergketten umgeben, auf einer Berg⸗Ebeue, etwa 3000 Fuß uber die Meeres⸗Flaͤche, und iſt durch einen Arm des Arta in zwei ungleiche Theile geſon⸗ dert. Der groößere Theil der Haͤuſer liegt mehrere 100 Fuß hoͤher, als der niedrige Theil. Die Stadt hat gegen 8000 Einwohner in s0oo Haͤuſern, welche nach turkiſcher Weiſe durch Gruppen der Baͤume von einander getrennt, und mit offenen Gallerien verſehen ſind. Die Einwohner naͤhren ſich großtentheils von Heerden, Wollen⸗Manufaktur und Weinbau; doch laͤßt ſich der Wein nicht gut aufbewahren, wenn er nicht mit jehr viel Terpentin vermiſcht wird. In der Nähe dieſer Stadt iſt einer der intereſſanteſten Huͤgel der ſuͤdlichen Tuͤrkei, indem 4 breite Stroͤme aus dem Pindus nach dem Meere eilen. Der unbedeutendſte iſt der Arta. Der Aſpropotamo⸗ einſt Achelous, fließt zwiſchen den alten Akarna⸗ nien und Aetolien an die Stadt Meſſalongi wo er ſich in das joniſche Meer ergießt. Der Sa⸗ lympria, einſt Peneius genannt, fließt durch die Ebenen Theſſaliens und durch das Thal von Tempe in den Archipel. Der Vioſa, einſt Aveus, lauft nach STepelini, und ergießt ſich bei der ehemaligen Stadt Apollonia in das Adri⸗ atiſche Meer. 284 Der vorzuglichſte Beſtandtheil des Felſengrundes der Pindus⸗Kette iſt Serventin⸗Stein, welcher, wo ſeine glasartige Oberflaͤche der Sonne ausgeſetzt iſt, wie ein Edelſtein glaͤnzt, und eine in das ſchwaͤrzliche fallende, dunkelgruͤne, mit etwas voth gemiſchte Farbe hat. X. Auf unſerem Wege nach dem Staͤdtchen Kalabaka ſahen wir die wunderbaren Pyramiden der Felſen von Meteora, einer Gruppe iſolirter kegelfoͤrmig emporragender Felſen⸗Maſſe. Das Staͤdt⸗ chen mag 200 Haͤuſer haben. In deſſen Naͤhe ſind noch 10 Floͤſter, von welchen 7 auf den Felſen⸗ Maſſen ruhen. Von Lalabaka reisten wir nach STrikalaz dieſe Stadt liegt an der oͤſtlichen Seite der Huͤgel⸗Kette, welche ſich in die Ebene, von deren noͤrdlichen Graͤnze erſtreckt. Die Stadt hat vielleicht 2000 Haͤuſer, und mehr als 10,000 Einwoh⸗ ner, und ſcheint, wie andere tuͤrkiſche Staͤdte, in einem Walde zu liegen, aus welchen die hohen Mi⸗ narets von 7 Moſcheen hervorragen. Pbſchon die meiſten Einwohner Tuͤrken ſind, ſo gibt es doch 10 griechiſche Kirchen mit einem Biſchofe, und zwei uͤdiſchen Synagogen. Die Beſitzungen in dieſen Ebenen ſind ſehr vertheilt, und gehoren vorzuglich Luͤrken. Die groͤßten griechiſchen Gutsbeſitze in Drikala haben nicht mehr als 4— sooo fl. jaͤhrlicher Pacht⸗Einkuͤnfte. Die Baumwolle⸗ Staude wird ſo eifrig gepflogen, daß man 6o,000 Zentner jaͤhrlich 285 rechnen darf. Auch die Zucht der meiſen ſchwarz⸗ wollichten Schafe wird ſtark getrieben, und die Wolle zu groben Zeugen verwendet. Von Trikala kamen wir in zwoͤlf Stunden uͤber Zarbo nach Lariſſa, welche mit 24 Moſcheen geziert iſt. Sie war eine der anſehnlichſten Städte des alten Theſſalien's, iſt jett die Hauptſtadt der Provinz, und der Sitz der Regierung. XI. Die eribiſchoͤfliche Stelle zu Lariſſa iſt eine der eintroͤglichſten der griechiſchen Kirche; neun Bißthuͤmer ſind ihr untergeordnet, und die Einkuͤnfte betragen mehr als so,000 fl. Lariſfa enthaͤlt 20,000 Einwohner in 4000 Haͤuſern; ihr Inneres iſt ſchlecht und unregelmaͤßig, die Straſſen ſind krumm, die Haͤuſer ſowohl als die Bewohner haben das Gepraͤge der Armuth. In den Vorſtaͤdten ſind viele Neger⸗ drei Viertheile der Einwohner ſind Tuͤrken. Die Griechen und Juden belaufen ſich kaum auf 1000 Fa⸗ milien. Die Tuͤrken werden eines ſehr wilden und rauhen Charakters, und ſehr feindſeligen Geſinnun⸗ gen gegen die chriſtliche Religion beſchuldigt. KII. Die Ebenen von Lariſſa ſind ebenſo fruchtbar, als die uͤbrigen Gegenden Theſſalten's. Mais, Waizen und Tabak gedeihen vorzglich; zabl⸗ reiche Heerden von Schafen weiden im noͤrdlichen cheile dieſer Ebenen. Der fette Boden beſtaͤtigt die Sage, daß das ganié weite Thal einſt mit Waſſer bedeckt war. Jetzt fuͤhrt es einen bedeutenden Aus⸗ 286„ fahrt⸗Handel von Seide, Reis und Taback. Rechnet man zu dieſen edlen Erzeugniſſen des Bodens noch die vielen Manufakturen Theſſalien's, ſo erhellt, daß umter einer beſſeren Regierung die hoͤchſe Stufe des Wohlſtandes leicht erreicht werden koͤnnte. XIII. Am 24. Nov. brachen wir in das alte Mazedonien auf. Unſer erſter Ruhepunkt war Amphilochia, eine Stadt nahe am weſtlichen Eingange der engen Paͤſſe von Tempe„und vielleicht 20 Meilen von Lariſſa. Waͤhrend unſeres Fort⸗ ſchreitens wurde die Anſicht der Berge Dlymp und Dſſa ſtets anziehender. Die Stadt Elaſſon liegt vielleicht s Stunden von Lariſſa, hat 660o tuͤrkiſche und griechiſche Ein⸗ wohner, und mehrere Moſcheen und Kirchen. Hier ſtand einſt die Stadt Dlovaſon, deren Homer im 2. Buch der Illade erwaͤhnt. Als wir etliche Meilen von Lariſſa entfernt waren, kamen wir an einen weiten Moraſt, welchen eine gepflaſterte Kunſt⸗ Straſſe durchſchnitt. Dieſer war vermuthlich der See Neſon Theſſaliens, deſſen Strabo zum Beweiſe ſeiner Vermuthung erwaͤhnt, daß dieſes Land uͤberſchwemmt war, ehe das Thal Lempe dem Meere einen Ausweg geoͤffnet hatte. Erſt nach Sonne⸗Untergang erreichten wir Dempe, und im Abend⸗Schatten ſahen wir die umriſſe der Felſen⸗ Abhaͤnge und der ſteilen, das Thal verengenden, Hoͤhen. Der Fluß Peneus ſetzt ſeinen Lauf durch die tief⸗ 287 ſten Niederungen des Thals ruhig fort, und bildet hin und wieder kleine belaubte Inſeln. Bald erreich⸗ ten wir die Stadt Amphilochia an einem unregel⸗ maͤßigen Abhange; ihr niedrigſter Theil iſt mehr als 60o Fuß uͤber die Flaͤche des Fluſſes erhaben⸗ Nichts kann maleriſcher ſeyn, als die verſchiedenen Haͤuſer⸗ Gruppen. Sie erheben ſich aus dick belaubten Gebü⸗ ſchen, oder überhangenden tiefen Berg⸗Kluͤften, und die offenen Gallerien mit den vorſpringenden Daͤchern überraſchen das Auge um ſo mehr. Eichen, Delbaͤume und Cypreſſen, abwechſelnd mit dem Laube der Weinberge, bedecken den gebrochenen Grund, auf welchem die Stadt ruht, waͤhrend die hoͤheren Berg-Ketten mit langen Reihen von Tannen⸗Baͤu⸗ men beſetzt ſind. Nur wenige Haͤuſer ſind im Geſchmacke des uͤbrigen Europa gebaut und einge⸗ richtet. Die Stadt wird meiſtens von Griechen bewohnt, welche als Kaufleute die vorzglichſten Handels⸗Staͤdte des feſten Landes beſucht, und ſich daſelbſt Verbindungen erworben haben, durch welche ſie eine große Wohlhabenheit errangen. Der daſige Handel beruht auf Mauufaktur⸗Waaren und Verfer⸗ tigung des baumwollenen Garns, von welchem jaͤhr⸗ lich mehr als 3000 Ballen, jeder zu 200 Pfund, nach Deutſchland geliefert werden. So eifrig indeſſen die Einwohner auf die Befoͤr⸗ derung des Handels ſind, ſo vernachlaͤbigen ſie doch nicht ihre Geiſtes⸗Bildung; vielmehr haben ſie ſich 288 durch ihre Einwirkung auf die Befoͤrderung der Wiſ⸗ ſenſchaften, beſonders mittelſt ihrer bedeutendſten Schule in Griechenland, ſehr beruͤhmt gemacht. Von den Hoͤhen der Stadt Amphilochia ßie⸗ gen wir in, das Thal hinab, und erreichten die Ufer des Fluſſes da, wo er in die tiefen⸗Kluͤfte ſtroͤmt, welche ihn in das Meer leiten. Ungefaͤhr in der Mitte des engen Paſſes ſieht man an deſſen ſuͤdlicher Seite, und rechts von der Landſtraſſe einige hohe verfallene, zum Theile aus römiſchen Ziegeln beſte⸗ hende Mauern, und auf einer uͤber dieſe Stelle her⸗ vorragenden Klippe ſind die Ruinen einer alten Burg, durch welche die Kunſt der Natur zur Vertheidigung dieſes engen Paſſes zur Huͤlfe kam, von welchem Livius ſagt, daß 10 Mann ihn vertheidigen koͤnnen. Gerade unter dieſen Ruinen faͤllt von den Hoͤhen des Berges Ofſa ein Strom in den Peneus herab, welcher, in ſeiner Vereinigung mit dieſem, eine herr⸗ liche Natur-Srene gewaͤhrt. Richtet man ſeinen Blick aufwarts zwiſchen den Felſen-Klüften au dieſer Seite, ſo ſcheint unbegreiflich, wie Alexander der Große ſein Heer aus Mazedonien nach Theſſalien die Abhaͤnge des Oſfa hinabfuͤhren konnte, um die Hinderniſſe zu beſeitigen, welche die Einwohner ſeinem Zuge durch Tempe ſetzten. Nachdem wir Tempe verlaſſen, und die Ebene erreicht hatten, zogen wir nordweſtlich uͤber den Fluß⸗ deſſen ufer lieblich mit Waldungen begraͤnzt ſind. 289 Wir kamen bald an die kleine Stadt Pyrgetes⸗ wo wir die Gallerien und Vorhoͤfe aller Haͤuſer mit indiſchen Korn⸗„Aehren, welche zum Trocknen auf Faͤden gehangen waren, gefuͤllt ſahen, indem dieſe Getraid⸗Art daſelbſt im Ueberfluſſe gedeihet. Des anderen Tages erreichten wir Litochori. Reiche Waldungen, Platanen und Maulbeer„Baͤume vo ſeltener Groͤße und Staͤrke waren uͤber die ganze Flaͤche verbreitet. Der daſelbſt gebaute Mais und Waizen, wie das Bauholz, werden nach Salonika geliefert. Gegen Mittag waren wir ſchon an den Kuͤſten des Archipel. Bald gelangten wir an das Kaſtell Platomana, welche eine große und un⸗ regelmaͤßige Gruppe von Gebaͤuden auf einem uͤber das Meer hervorragenden Vorgebirge iſt. Sůdwaͤrts dieſes fließt in einem tiefen Bette ein Strom, uͤber welchen wir ſchritten, und dann in eine Kluft zwi⸗ ſchen der Burg und dem Huͤgel linker Hand gelangten. Hier begiunt der ſchmale Landſtrich zwiſchen dem Meere und der Grundlage des Olymps, welcher die große Landſtraſſe von Theſſalien nach Mazedo⸗ nien bildete, und die vorzuͤglichſte Scene beider Feldzuge war, welche die Dberherrſchaft und das Geſchlecht der mazedoniſchen Koͤnige beendigte. Die Gegend zwiſchen Platomana und Litochori iſt offen, und ſenkt ſich von der Grundflaͤche zum Meere; ihre Thaͤler fuͤhren die Gewaͤſſer von der öſlichen Seite der Gebirge herab. Der Fels⸗Grund an der 67. Bd. Briechenland. III. 3. 3 . Kuͤſte bei Platomana iſt ſchoͤner Marmor; der Abhang des Olymp gegen das Meer iſt vorzüglich mit angehaͤuften, aus verſchiedenen Gattungen der urgebirge zuſammengeſetzten Brul ſtuͤcken bedeckt, welche viel Marmor und Serpentin enthalten. Auf einigen Theilen des Olymp ſoll waͤhrend des gan⸗ zen Jahres Schnee liegen. Doch kann man waͤhrend des Sommeis den Berg ohne Schwierigkeit erſteigen, und nahe am hoͤchſten Gipfel iſt ſogar eine kleine griechiſche Kapelle, wo jaͤhrlich einmal, im ſonder⸗ baren Kontraſt mit den mythologiſchen Erinnerungen dieſes Bezirks, griechiſcher Gottesdienſt gehalten wird. Die hochſte bewohnte Gegend des Berges iſt mit einem Kloſter beſetzt, welches dem heiligen Dio⸗ niſius geweiht iſt. Einige ſchaͤtzen die Hoͤhe des Olymps uͤber sooo Fuß, Bernouilli bingegen guf 1017 Toiſen. XIV. Von Litochori reiſten wir in 12 Meilen nach der Stadt Katrina, welche vielleicht nur 300 Haͤuſer mit einer großen Moſchee enthaͤlt. Da dieſe Stadt eine Poſt⸗Station iſt, ſo mußten wir die Pferde, welche uns von Lariſſa hieher gebracht hatten, zuruͤcklaſſen, und andere dingen, welche nur um hohen Preis zu finden waren. Etwas Meilen von Katrina gelangten wir durch ein ziemlich brei⸗ tes Thal, und dann zu einer Huͤgel⸗Kette⸗ auf welcher die Stadt Kitros ſteht, wo ehemals das alte Pydna lag, leine Stadt, welche als der 291 Schauplatz der Schlacht bekannt iſt, in welcher Ae⸗ milius den Perſeus beſiegte, und das maze⸗ doniſche Reich vernichtete. Kitros wird vor⸗ zuͤglich von Tuͤrken bewohnt, und hat eine Moſchee, welche auf einer An hoͤhe liegt. Am 29ten kamen wir an die Kuͤſte, und ſchiften uns mit mehrern albaneſiſchen Soldaten und Bauern nach Salonika ein. Der Anblick dieſer Sradt aus dem Meere iſt ſehr eindrucksvoll; man ſteht ſie ſchon aus weiter Ferne, am Abhange eines keilen Huͤgels, welcher vom Meerbuſen ſich nordweſtlich erhebt, am⸗ geben von hohen ſteinernen Mauern und Feſtungs⸗ Werken mit 7 Thuͤrmen. Die Kuppeln, Minarets und zahlreiche Moſcheen erheben ſich zwiſchen andern Gebhaͤuden, und gewaͤhren einen herrlichen Anblick. Bei unſerer Annaͤherung ſegelten wir durch ſehr viele Handelsſchiffe, und die Ufer waren mit Laſt⸗ Draͤgern, Schiffern und Kaufmanns-Guͤtern bedeckt. XV. Die Thore von Salonika werden bei dem Untergange der Sonne geſperrt. Wir ſchaͤtzten uns daher ſehr gluͤcklich, daß wir in einem tuͤrkiſchen Kaffe⸗Hauſe am Landungs⸗Platze ein Zimmer finden konnten. Des andern Morgens beſuchten wir die mit vieten Franken beſetzte Stadt, und den engliſchen Konſul Charnand, deſſen Familie uns ſehr guͤtig begegnete. Salonika, einſt Theſſalonika, und noch fruͤher Thermg, wegen der heißen Quellen an eini⸗ 292 gen Stellen der Kuͤſte genannt, war einige Zeit Ciceros Aufenthalts⸗Ort waͤhrend ſeiner Verban⸗ nung, aus welcher er mehrere Briefe an Attikus ſchrieb. Der Apoſtel Paulus beſchreibt dieſe Stadt groß, bevoͤlkert und wohlhabend, und die byzantini⸗ ſchen Geſchichtſchreiber ruͤhmen ſie auf gleiche Weiſe. Bekanntlich ließ K. Theodos in ſeiner Wuth 16,000 Einwohner niedermachen, fuͤr welche Grau⸗ ſamkeit ihm vom unerſchrockenen Ambros eine ſtrenge Buſſe aufgelgt wurde. Gegenwaͤrtig mag dieſe Stadt die dritte der europaͤſchen Tuͤrkei nach Konſtantinopel und Adrianopel ſeyn; im Handel aber folgt ſie un⸗ mittelbar nach der erſten. Obwohl ſie im Innern alle Unregelmaͤßigkeiten tuͤrkiſcher Staͤdte hat, ſo befoͤr⸗ dert doch ihre Lage am ſteilen Abhange die Reinlich⸗ keit und Bequemlichkeit vor allen tuͤrkiſchen Städten. Mit Ausnahme der Straſſen der Luͤrken-Wohnungen herrſcht uͤberall großes Leben und große Bewegung. Zahlreiche Volks⸗Gruppen umgeben die Schiſfe und Waaren⸗Lager, und die Bazars ſind mit Waaren ebenſo, wie mit juͤdiſchen und griechiſchen Kaͤufern und Verkaͤufern uͤberfullt. Die Hauſer ſind in tuͤrkiſchem Geſchmacke gebaut, und haben gewoͤhnlich kleine mit Baͤumen beſetzte Vorplaͤtze; doch gibt das Laub zwiſchen den Gebaͤunden keinen ſo reizenden Anblick, als zu JFvannina. Die im untern Tbeile der Stadt befindlichen Bazars * 293 bilden lauge ſchmale Straſſen, welche durch Reben⸗ Gelaͤnder oder vorſtehende Schutz⸗Daͤcher beſchattet ſind. Die meiſten Kaufleute ſind Juden. Wir be⸗ merkten auf den Bazars einen großen Ueberfluß von Haviar; der Stoͤr, welcher ihn liefert, wird im ſchwarzen Meere gefangen, und vorzuͤglich von den Griechen waͤhrend ihrer Faſten genoſſen. Die vielen Minarets in Salonika erhoͤhen das prachtvolle Anſehen der Stadt, und mehrere Moſcheen ſind wegen ihrer Bauart und ihres Alterthumes merkwuͤr⸗ dig. unter den Kirchen ſind die der hl. Sophia und des hl. Demetrius geweihten griechiſchen die vorzuglichſten; erſtere wurde auf Befehl des Kaiſers Juſtinian nach dem Model jener zu Konſtanti⸗ nopel durch den Baumeiſter Artemias errichtet. Jetzt iſt der Fußboden nach tuͤrkiſcher Art mit Deppi⸗ chen belegt. Die zweite iſt wegen ihren vielen alter⸗ thumlichen Saͤulen merkwurdig, deren man im Ganzen 360, theils aus Marmor, theils aus Verde antico, theils aus Sienit oder ſchoͤnſtem Porphyr zaͤhlt. Nebſt dieſen Merkwuͤrdigkeiten der Baukunſt gibt es noch Bruchſtuͤcke von Triumphbogen fuͤr die Kaiſer Auguſt und Konſtantin. Gegenwaͤrtig moͤgen mehr als 70,000 Einwohner in der Stadt ſich befinden, welche Tuͤrken, Griechen, Juden und Franken ſind; letztere treiben den vorzuͤg⸗ lichſten Handel. Dem griechiſchen Erzbiſchofe ſind 8 Biſchoͤfe uutergeorduet. Die Juden bewohnen viel⸗ — leicht 4000 Häuſer, ſtammen aus Spanien, und haben bei ihrer Niederlaſſung vortheilhafte Bedingun⸗ gen errungen, welche von den Tuͤrken gewiſſenhaft bisher erfuͤllt wurden. Sie leiſten theils als Maͤckler, theils als Waaren ⸗Traͤger Dienſte, und ſind als ſo gefaͤhrlich im umgange bezeichnet, daß man im ge⸗ meinen Leben ſagt: man huͤte ſich vor den Griechen zu Athen, vor den Tuͤrken zu Negropont, und vor den Juden zu Salonika. Waͤhrend des Konti⸗ nental-Syſtems Napoleons war der Einfuhr⸗ Handel am meiſten gediehen, beſonders in Zucker, Kaffee, Indigo und Baumwollen⸗Garn, welche nach Deutſchland befoͤrdert werden. Korn, Baum— wolle, Taback und Bauholz werden vorzglich ausge⸗ fuͤhrt; letzteres zum Bau der Schiffe im mittellaͤn⸗ diſchen Meer benutzt. Die gewoͤhnlichen Einfuhr⸗ Gegenſtaͤnde ſind Rohr⸗ Zucker, Moecea und weſt⸗ indiſcher Kaffee, Faͤrbe⸗Holz, Indigo, Cochenille, Mouſſeline, Kalinots, Eiſen, Blei, Zinn, Uhren ꝛe. Die gewoͤhnlichen Einfuhr⸗ und Ausfuhr-Abgaben ſind 3 Procent fuͤr den Werth der Waaren, welche an den Gouverneur der Stadt verpachtet ſind. In den Herbſt⸗Monaten iſt der Aufenthalt daſelbſt, wegen vieler allgemein herrſchender Fieber, füt Fremde ſehr ungeſund. XVI. Nach dem Rathe mehrerer greunde ſegelten wir von Salonika nach Zeitun, einen Hafen, welcher an der Spitze des Meerbuſens von Maliak⸗ 295 nicht weit vom Paſſe Therm opylaͤ liegt. Wir hatten 13 Tage eine aͤußerſt gefaͤhrliche Fahrt, beſon⸗ ders bei Sarakind und Skopelos. Letztere Inſel bietet in ihrem umfange von mehr als 30 engliſche Meilen nur eine Reihe von See⸗Klippen dar, und ſcheint urſpruͤnglich mit Chilidromi verbunden geweſen zu ſeyn. Pbſchon der groͤßte Theil von Skopelos nicht bebaut iſt, ſo bringen doch vorzug⸗ lich die der Stadt naͤchſten Bezirke etwas Korn, Trauben, Dliven und andere Fruͤchte dar. Vielleicht iſt dieſe Inſel das alte Peparethos, deſſen Wein nach Plinius B. 14. K. 7. vom Arzte Apollo⸗ dorus dem Koͤnige Ptolemaus ſehr dringend empfohlen wurde. Eines Abends gelangten wir endlich in die Meer⸗ enge zwiſchen der Nordkuͤſte von Negropont, dem alten Euböa, und dem Theile von Theſſalien⸗ welcher ehemals Magneſia genannt wurde; dann zwiſchen den Felſen Trikeri und den Golf von Volv. XvII. Am 17. Dec. ankerten wir vor der Stadt Stelida, welche durch ein ſie umgebendes Gehoͤlz von Bliven⸗ und Drangen⸗Baͤumen eine große An⸗ nehmlichkeit gewinnt. Der Aga empfing uns ſehr hoͤflich, bot uns Kaffee und Tabaks⸗ Pfeifen an, und verſchaffte uns Eſel zum weitern Fortkommen nach der 10 Meilen entfernten Stadt Zeitun, vor welcher der Fluß Sperchius fließt, welchem Achilles das Haar ſeines Hauptes gelobte, wenn er aus dem Trojaniſchen Kriege geſund zurüͤckkaͤme— ein Geluͤbde, deſſen Erfuͤllung durch ſein Schickſal verhindert wurde; jetzt heißt der Fluß Hellada. Zeitun liegt am Abhange eines Huͤgels, auf welchem noch Reſte einer großen Burg ſind, und hat gegen 600 Haͤuſer, nebſt mehrern von Cypreſſen umgebenen Moſcheen. Nach einem ſchlechten Nachtlager ſtiegen wir des andern Dages uͤber die lange Huͤgel ⸗Kette. Die Gegend iſt offen und unbebaut, der Fels⸗Grund kalkartig. Nachdem wir eine Strecke zuruͤckgelegt hatten, ſtiegen wir etwa 10 Meilen von Zeitun zu dem Khan von Berbent, und gelangten dann in eine ausgedehnte Ebene mit Doͤrfern und einem See. Nach der Peberſteigung einer zweiten Berg⸗Kette erreichten wir einen Gipfel, welcher nordwaͤrts ſchnell abbricht, eine Ausſicht in eine ununterbrochene Ebene von wenigſtens 160 engliſchen Meilen darbietet, und einem weiten Land⸗See gleicht.— Ein Eindruck, welcher nicht zu beſchreiben iſt. Durch einen engen Paß zwiſchen Kalkfelſen ge⸗ langten wir in die Stadt Tzatatze, in der Geſchichte als Pharſalia bekannt, wo Julius Caͤſar ſich durch eine große Schlacht zum Herrn ſeines Vater⸗ landes machte. Dieſe Stadt iſt in zwei Halften getheilt, deren groͤßere von Luͤrken, deren kleinere von Griechen bewohnt wird. Des andern Tages 297 kamen wir nach Lariſſa, wo wir vom Erzbiſchofe mit groͤßter Herzlichkeit und Gaßfreundlichkeit em⸗ pfangen wurden. In einer Unterredung über die Verhaͤltniſſe unſerer Zeit, aͤußerte er ſich uͤber die Trennung der lateiniſchen von dem Schoße der erſten, d. i. Griechiſchen Kirche;„ſie ſey die erſte große Verletzung der Einheit in der chriſtlichen Welt, und die Duelle faſt aller Uebel und Ketzexeien geweſen, welche bisher entſtanden ſind.“ Mit großer Anſtren⸗ gung und unter vielen Stuͤrmen kamen wir nach Zeitun zuruͤck. 3 XVIII. Nach kurzer Verweilung brachen wir gegen den Paß von Thermopylaͤ auf. Die heißen DQuellen ſind ſehr bemerkenswerth, und noch ganz ſo beſchaffen, wie zur Zeit Leonidas. Sie entſpringen aus 4— 6 Stellen, und ihre Lage erleichtert, die Standpunkte der Kaͤmpfer anzugeben. In einer kur⸗ zen Eutfernung ſind zertrümmerte Ueberbleibſeln einer Mauer quer uͤber dem Moraſte, nahe am Fuſſe der Klippen. Dieſer Punkt bildet den noͤrdlichen Eingang in den Paß; auch iſt hier der Marſch durch die gegen die See hervorſpringenden Felſen, welche die Tra⸗ chiniſchen Klippen genaunt werden, am meiſten verengt. Obſchon ſie 4 bis 600 Fuß ſeyn mögen, ſo ſenken ſie ſich doch gegen Suͤden. Der Boden beſteht gaͤnzlich aus einem aſchfarbigen Kalkfelſen, und bietet eine rauhe gebrochene Oberflaͤche von Felsmaſſen dar, welche mit wilden Delbaͤumen, niedrigen Eichen und Die Ruinen einer alten griechiſchen Feſtung zeigen 298 anderm Geſtraͤuche zum Theile bewachſen iſt. In ei⸗ niger Entfernung nordweſtlich von den heißen Quellen, und nahe am Eingange des Paſſes iſt eine Spalte in den Klippen, die das rauhe Bett eines Berg⸗ Stromes bildet, welcher nach Herodot der Aſo⸗ pus der Alten iſt, wie die Deffnung in den Bergen, vermuthlich jene, welche Anopeia genannt wurde. ſich auf einem der vorſpringenden Felſen-Gipfel, und ſind Theile der von Livius erwaͤhnten Schloͤſſer⸗ In dieſem Theile von Thermopilaͤ, obſchon der ganze Paß s engliſche Meilen lang iſt, ſiel die Schlacht vor zwiſchen Eerxes, als Anfuͤhrer der Perſer, und Leonidas, als Held der Spartaner, wie auch ſpaͤter zwiſchen dem barbariſchen Gallier Brenus und den Athenienſern, und endlich zwiſchen den Roͤmern und dem Heere des Antiochus. Das Waſſer der heißen Quellen entſpringt an mehreren Stehen des Fuſſes der Felſen, doch vorzuͤg⸗ lich ſammelt es ſich nur an zwei Orten, und bildet kleine Becken, deren Rand von den Beſßtandtheilen der Quellen mit eben der Rinde uͤberzogen iſt, welche man auf der Pberflaͤche des Landes bemerkt, uͤber welche es in den Moraſt ſich ergießt. Die Beſtand⸗ theile ſind verkohlter Kalk. Das Waſſer hat einen ſtarken Geruch nach Schwefel, iſt klar, hart, und von ſalzigem Geſchmacke. An der Duelle bat es eine 209 Waͤrme von 103— 104 Fahrenheit. Zwei dieſer Quellen bilden einen bedeutenden Bach, welcher eine Muͤhle innerhalb des Paſſes treibt, und ſich in den Moraſt verliert. Eine halbe Meile ſuͤdwaͤrrs von die⸗ ſer Muͤhle verengt ſich dieſer Paß wieder durch rauhe Hoͤhen links am Wege, welche zwiſchen den Klippen und der See liegen. Auf der hoͤchſten dieſer Anhoͤhen ſteht ein Wachthaus, in welchem einige albaniſche Soldaten liegen. Unter demſelben befindet ſich ein Grabhuͤgel, wo die bei Thermopylaͤ gefallenen Griechen von ihren Landsleuten begraben ſeyn ſollen. Wir ſetzten unſern Weg nach Leuterochori uͤber den Berg Detna fort. Die hohe Berg⸗Ebene auf welcher jenes Dorf liegt, iſt ohne Zweifel die naͤmliche, welche die durch Strabo und Pauſa⸗ nias verewigten Denier bewohnten. Auf einer der benachbarten Hoͤhen ſoll Hereules das Feuer ange⸗ zuͤndet haben, welches der Scheiterhaufen ſeines Begraͤbniſſes wurde. Der Weg von hier nach Salona und den Meer⸗ buſen von Korinth zeigt die ſchoͤnſten Naturſeenen. Die Gipfel waren mit Schnee und ausgedehnten Tannenwaͤldern bedeckt; das 3—4 Meilen breite Thal des Cephiſſus iſt mit ſchoͤnen Eichen und Plata⸗ nen⸗Holzungen bedeckt. Nach einigen Abwechſelungen von Huͤgel und Thal fuͤhrte uns eine bequeme Straſſe nach Salona, dem alten Amphiſſa. Dieſe Stadt liegt ſehr ſchoͤn in einem balbzirkelfoͤrmigen 300 Shale, welches ſich ſtufenweis gegen das fruchtbare Ufer des Meerbuſens von Salona, eines Zweiges jenes von Korinth herabſenkt. Sie enthaͤlt mehr als s00 Haͤuſer, deren groͤſter Theil von Griechen bewohnt iſt, 7 griechiſche Kirchen und 7 Moſcheen. Die umliegenden Thaͤler bringen Baumwolle, Wein nicht nur, ſondern auch ſoviel Getraid und Bel her⸗ vor, daß ein großer Theil der beiden Letztern, wie die Wolle der benachbarten Berg⸗Heerden ausgefuͤhrt wird Die jaͤhrliche Ausfuhr mag einen Werth von 800,000 Piaſter betragen. Salona kann von einer Seite als der Eingang in die wichtigſten Gegenden des alten Griechenlands betrachtet werden. XIX. Kaltes und ſiuͤrmiſches Wetter beſchleunigte die Reiſe von Salona nach Athen. Der erſte Gegenſtand, welcher der Aufmerkſamkeit wuͤrdig war, iſt das ehrwuͤrdige Delphi geweſen, deſſen ſchoͤne Lage noch heilige Gefuͤhle erregt, und auf deſſen Ruinen das elende Dorf Kaſtri ſteht. Iſt auch die Pracht der Kuͤnſte hier verſchwunden, ſo muß man doch die gluͤckliche Wahl des Platzes zu Volks⸗Ver⸗ ſammlungen der alten Griechen bewundern. Die im Hintergrunde ſich erhebenden hohen und ſchroffen Klippen, welche die beiden Gipfel des delphiſchen Berges bildeten, der Schlund und die kaſtaliſche Duelle zwiſchen dieſen, das tiefe, an der entgegenge⸗ ſetzten Seite von einer Bergkette begraͤnzte, Thal unter denſelben bieten noch immer dem Auge ihre alten * 301 umriſſe dar. Die Spuren der Kunſt ſind mit Aus⸗ nahme des Stadiums, der Grabmoͤler, und der in den Felſen gehanenen Niſchen ebenſo dunkel; nicht einmal die Lage des Apollo⸗Tempels iſt genau zu beſtimmen. Von Delphi begaben wir uns durch das Thal des Pliſtus nach Arakova, einer Stadt auf den Hoͤhen einer der Berg⸗Ketten, welche ſich von Par⸗ naſſus herabſenken. Wir verfuͤgten uns nach dem alten Daulis, welches in einer maleriſchen Ge⸗ gend, am oͤſtlichen Fuſſe des Parnaſſus liegt. Von Daulis oder Davlia dehnen ſich die Ebenen Boͤotiens vor dem Auge des Wanderes aus; vor ihm liegt das breite fruchtbare Thal des Cephiſſus, in der Ferne die ſumpfige Ebene des Kopais; und in weiter Entfernung zeigen ſich die Berge, welche die Durchfahrt des Euripus begraͤnzen. Dieſes Chal gegen Cheron aͤa iſt beruͤhmt durch den gro⸗ ßen Sieg K. Philipps, durch die erſten Großthaten Aleranders und durch den Geburtsort Plutarchs. Hier wurde der Anfuͤhrer der Phozier Onomarchus von den Thebanern geſchlagen; hier gewann Solla den Sieg uͤber Archelaus, als Befehlsha⸗ ber der Truppen des Mithritades. In wenigen Meilen erreicht man Livadia, einſt beruͤhmt durch das Drakel Trophonius. Die Lage der Stadt am Abhange eines ſteilen Huͤ⸗ gels, auf welchem die Ruinen einer alten Feſtung 302 ſich zeigen, gibt ein prachtvolles Anſehen. Sie ent⸗ baͤlt vielleicht 2000 Haͤuſer, welche von reichen und angeſehenen Griechen bewohnt werden, und zwiſchen welchen die Minarets von 6 Moſcheen ſich erheben. Der bedeutende Handel von Livadia aͤußert ſich vorzuͤglich durch den Meerbuſen von Korinth. Db⸗ ſchon vorzuͤglich der in den Ebenen Boöotiens uberfluͤßig wachſende Waizen ausgefuͤhrt wird, ſo ſind doch auch Gerſte, Hafer, Mals, Wolle, Baumwolle, Honig, Kaͤſe beachtete Gegenſtaͤnde. Erdſioͤße ſind nichts weniger als ſelten, fuͤr welche die Kalkſtein⸗ Formation Griechenlands vorzͤglich empfaͤnglich zu ſeyn ſcheint. Der Landſee Kopais iſt jetzt noch, wie in der Porzeit, ein ausgedehnter, zum Theil bebauter, zum Cheil mit niedrigem Waſſer bedeckter Moraſt. Zahl⸗ reiche Doͤrfer liegen an ſeinen Ufern, oder auf kleinen Anhoͤhen, welche ſich aus ſeiner Mitte erheben. Die Ebenen zwiſchen Livadien, Drchomenos und dem Kopais werden für die ſchoͤnſten in Bövtien gehalten, und bringen Getraide, Reis und Baum⸗ wolle uͤberfluͤßig hervor. Durch dieſe Flaͤche windet ſich der ruhig flieſſende Cephiſſus, deſſen Ufer noch immer jenes Rohr hervorbringen, welches Plutarch wegen ſeiner vorzuglichen Brauchbarkeit zur Verferti⸗ gung der Lauten empfiehlt. In einer Strecke von 16— 41 Meilen kommt man uͤber eine Hügel⸗Reibe, welche die Ebenen des Cephiſſus und Kopais 303 von den Thebaniſchen trennt. Der Blick von der Hoͤhe dieſes Paſſes iſt ausgedehnt, prachtvoll und ſehr anziehend. Durch die große Ebene von Theben, jetzt Theva genannt, gelangt man in die Stadt. Die Erinnerung vieler geſchichtlichen Wichtigkeiten, und die lebende Natursſeene erhitzt die Einbildungskraſt aller gebildeten Reiſenden ſo ſehr, daß weder der kleine Haufen ſchlechter Haͤuſer, noch der unbedeuten⸗ den griechiſchen Kirchen und Moſcheen die angenehms Erinnerung vertilgen kann. Zwar findet man einige griechiſche Inſchriften und Sruͤmmer großer Denk⸗ maͤler. Allein noch fehlen enthuſiaſtiſche Alterthums⸗ Forſcher, welche koſtſpielige Nachgrabungen vornehmen. Schon in alten Zeiten gehoͤrte zur charakteriſtiſchen Eigenheit Boͤotiens, ſowohl Kälte, als eine dichte neblichte Atmosphaͤre— die vereinigte Wirkung der nahen Berge und Moraͤſte. Die moraliſche Wirkung derſelben auf ihre Bewohner iſt in unſern Zeiten um ſo auffallender, da alle Griechen unter gleicher Botmaͤßigkeit ſchmachten. Heſſen ungeachtet iſt im Uebergange aus Bootien nach Attiea eine auffal⸗ lende Veraͤnderung bemerkbar, und der Reiſende findet in letzterer Gegend ein viel heitereres, belebteres und muntereres Volk, als in den Ebenen Boͤotiens oder Theſſaliens. Die Schoͤnheit der Frauen⸗ zimmer in Boͤotien, ſelbſt jener gemeinen Stanbes, weiche zum Waſchen an die oͤßentlichen Quellen 304 kommen, naͤhert ſich am meiſten dem Ideale der Schoͤnheit, obſchon üe ihren Putz durch die vielen Muͤnzen am Kopfe verunſtalten. Statt geraden Wegs von Theben nach Athen, verfuͤgten wir uns zu den Ruinen von Theſpia. Die Lage dieſes Orts wird durch die Naͤhe des He⸗ likon ſehr verſchoͤnert. Auf unſerem Wege nach Leuctra erhob ſich rechts die nahe Bergkette des Cithäron, als Graͤnze zwiſchen Bootien und Attika. Die Stadt Platea, obſchon ſie durch die Feindſchaft und Uebermacht der Thebaner zweimal zerſtoͤrt iſt, bietet doch heute noch mehrere Sputen ibres ehemaligen Zuſtandes dar, als Leuetra. Die Umriſſe der Mauern zeigen noch die griechiſche Bau⸗ art, und ſind zuweilen noch 20— 26 Fuß uͤber die Erde erhaben. Die Lage von Platea war ſchoͤn; an einer Anhoͤhe, welche ſich oberhalb des Aſopus ſanft erhebt, hinter welcher der beholte Bergruͤcken des Cithaͤron ſich erhob, beherrſchte ſie eine ausge⸗ debhnte Ausſicht. Ueber dem Gipfel des Cithaͤron naͤherten wir uns der alten Stadt Eleuthera, gelangten auf die große Thriaſiſche Ebene, dann auf den heiligen Weg. auf welchem die großen Prozeſſionen von Athen zum Tempel der Ceres nach Eleuſis zogen, zwi⸗ ſchen Huͤgel vor dem Kloſter vor Daphne vorbei, wo Einige wiſſen wollen, daß der Tempel des Apollo geſtanden ſey. Eine balbe Meile tenſeits 305 patten wir die Anſicht des obern Theils der Ebenen von Athen, und bkald lag die heilige Stadt vor unſern Augen. Von dem Paſſe des heiligen Weges ſtiegen wir in die Ebene hinab, wandelten durch den Pliven⸗Wald, ſchritten uͤber den kleinen Oephiſus, und kamen nahe am Tempel des Theſeus in die Stadt. XX. Wer heute noch in Athen die glaͤnzen⸗ deren Zeugniſſe ſeines ehemaligen Zuſtandes zu finden glaubt, der wird auf das angenehmſte ſich getaͤnſcht ſin⸗ den, denn nicht die einzelnen Gegenſtaͤnde waren ſo anziehend, ſondern die bewundernswerthe durch Natur und Kunſt bewerthe Gruppirung des Ganzen. Wer auch nicht alle Schoͤnheiten der Baukunſt zu wuͤrdigen weiß, wird doch das prachtvolle Gauze be⸗ wundern, welches ſie durch ihre Lage, Umriſſe und Farben⸗Miſchung bilden. Er betritt wenigſtens die Stellen, welche durch den Genius der Philoſophie, deſſen Sitz ſie einſt waren, geweiht ſind. Der Hägel des Arropag, die Akademie, das Lyzaum, der Porticus, der Pnyr ſind alle wahrſcheinlich wieder zu finden, und man kann ſich von der Stelle uberzeugen, wo Demoſthenes ſeine Reden an die Athener hielt, wo Plato und Arikoteles mit ihren Schuͤlern ſich unterredeten. Die Lage und Um⸗ riſſe des Hymettus und die Gipfel des Peuteli⸗ eus, welche die Landſchaft oſtwaͤrts begränzen, erhoͤhen ſehr ihre Schoͤnheit. Der ſchoͤne Himmel⸗ 67. Vd. Griechenland. III. 3. 4 306 ſtrich von Attiea, deſſen klare, trockne und gemaͤ⸗ ßigte Atmosphaͤre iſt theils der Natur ſeines Bodens, theils der halbinſelfoͤrmigen Lage dieſer Gegend zu⸗ zurechnen. 1 Pbaleich der fünfte Theil der 12,000 Einwobner von Athen aus Tuͤrken beſteht, obſchon die Stadt und Burg Aeropolis von ihnen beherrſcht werden, ſo bezeichnen doch die griechiſchen Einwohner vorzuͤg⸗ lich den Volks⸗Charakter. Sie ſind heute noch ſo bekannt, wie in der Vorzeit, durch ihre ſchnelle Faſ⸗ ſungskraft, Lebhaftigkeit, und durch ihren Hang zu Raͤnken. Auch der geſellſchaftliche Zuſtand iſt lebhafter und zwangloſer durch die haͤuſigen Beſuche der Frem⸗ den geworden. Englaͤnder, Franzoſen und Teutſche findet man faſt uͤberall mit den Einwohnern von Athen vermiſcht. Wir beſuchten die 22 engliſche Meilen von der Stadt entfernte Ebene von Marathon an der ent⸗ gegengeſetzten Kuͤſte der Halbinſel. Wir beſtiegen die hohe maleriſche Berggruppe Pentelieus, aus welchen die Athener die marmornen Bloͤcke fuͤr ihre kuͤnſtlichſten Denkmaͤler nahmen. Dieſes Gebirge iſt auch noch dadurch anziehend, daß es die gevlogiſche Beſchaffenheit des Marmors hinſichtlich ſeiner Verbin⸗ dung mit dem unter ihm liegenden Sandſchiefet erlaͤutert. Von Athen begaben wir uns uͤber den heili⸗ gen Weg, neben den Salz⸗Leichen vorbei; nach 307 dem jetzt armſeligen Dorfe Eleuſis. Von hier nach Megara fuͤhrt der Weg uͤber den Berg Kerata. Megarg enthaͤlt jetzt ungefaͤhr 400 Haͤuſer mit plat⸗ ten Dächern; die Mauern derſelben ſind reicher an Inſchriften, als in irgend einer andern Stadt Griechenlands. Von hier gelangt man uͤber die Bergkette Gera⸗ nion in die kleine Stadt Korinth von sco Haͤu⸗ ſern mit 2 Moſcheen und einem tuͤrkiſchen Palaſt, und dann durch unwegſame Striche nach N emea, welche durch die Ruinen des großen Tempels Fupiter und andere Spuren der alten Stadt bemerkenswerth iſt. Nach s Meilen erreichten wir die Ruinen des ehrwuͤrdigen Myzena, wo nach 2200 J. noch Spu⸗ ren der cyklopiſchen Mauern, des Lowen⸗Thores und einiger von Pauſanias geruͤhmten Gewoͤlbe ſich ſinden. Es herrſcht in dieſen Truͤmmern eine maſſive Einfachheit und ein Umfang, daß man ſchon auf den Charakter der vorigen Groͤße ſchließen kann. Der große Steinbloch, welcher in Geſtalt eines laͤng⸗ lichen Viereck, den Unterbind⸗Balken der Thuͤre zur ehemaligen Schatzkammer des Atreus bildet, iſt 27 Fuß lang, und die naͤmliche Groͤhe haben mehrere Steinbloͤcke des Loͤwen⸗Thores. Wir wandelten durch die fruchtbaren Ebenen von Argos, bewaͤſſert vvm Inachus der Alten, und fruchtbar an Korn, Baumwolle, Tabak und Wein. Wir gelangten in die Stadt Argos ſelbſt, wo ſich 308 noch Bruchſtuͤcke doriſcher Saͤulen finden, welche wahrſcheinlich zum Tempel der Minerva gehoͤrten. Wir begaben uns nach Tripolitza, wo lange Zeit der Paſcha von Morea wohnte. Dieſe mit Mauern umgebene Stadt von ungefaͤhr 18,000 Einwohnern liegt auf ebenem Grunde, und iſt kaum zum vierten Theile mit Türken bevoͤlkert. Wir zogen nach dem ehemaligen Standorte der Stadt Tegea, welche ihre fruͤhere Exiſtenz nur durch zertruͤmmerte Saͤulen und Kapitaler noch verkuͤndigt. Ebenſo verfugten wir uns zur Stelle des durch Epaminondas beruͤhm⸗ ten Mantinea. Wir wandelten durch die Doͤrfer Lebedi und Southena nach Kalavrita, dann durch mehrere Gehoͤlze nach Patras, einer Stadt von faſt 10,000 Einwohnern, welche bedeutenden Han⸗ del mit Korinthen, Getraide und Del treiben, und wo mehrere europaͤiſche Konſule wohnten. XXI. Am 4. Februar verließen wir Mittags in einem großen bedeckten Boote die Stadt Patras, und der Wind bließ vorzuͤglich gegen Abend ſo heftig aus Nord⸗Oſt, daß wir noch in der naͤmlichen Nacht den Hafen von Zante erreichten. Am 17 Februar ſegelten wir nach Santa Maura, und dann nach Preveſa, wo wir unter einem dichten Haufen albaniſcher Soldaten landeten. Kaum hatten wir dem Ali Paſcha, welcher uns recht herzlich aufnahm, den Wunſch eroͤffnet, den obern Theil des Meerbu⸗ ſens von Arta zu beſuchen, ſo beorderte er gleich 309 2 ſeiner Soldaten als Begleiter. Wir kebrten nach Preveſa zuruͤck, beſuchten dann das Suli⸗Ge⸗ birge, auf welchem wahrſcheinlich der beruͤhmte Fluß Acheron hervorſtuͤrzt. Der Weg zu dem ein⸗ zein ſtehenden Huͤgel, auf welchem die von Ali Paſcha erbaute große Feſtung oder das Serail Suli liegt, fuͤhrt durch zerſtoͤrte Doͤrfer. Die Sulioten hatten bekanntlich mit den Truppen Ali Paſcha's 17 Jahre gekaͤmpft. Die Weiber nahmen an den Gefahren des Krieges thaͤtigen Theil, und trugen gerne mit ihren Maͤnnern das Elend, welches den ganzen Volksſtamm in Folge deſſelben traf. Man ſagt, daß der Vorrang der Weiber bei dem Waſſer⸗ ſchoͤpfen an dem Brunnen von Suli nach dem Grade der Tapferkeit ihrer Maͤnner in der Schlacht ſich rich⸗ tete. Doch war dieſe Tapoferkeit mehr die einer Räuberbande, weßwegen ſie der Schrecken des ſuͤdli⸗ chen Albaniens geworden ſind. Das Serail von Suli liegt innerhalb der großen neuerlich errichteten Feſtung. In Hinſicht ſeiner Bauart gleicht es andern aͤhnlichen tuͤrkiſchen Gebaͤuden, doch iſt es nach ſeiner Lage kaum mit einem andern zu vergleichen. Aus der großen Gallerie ſieht man in einen 1000 Fuß tiefen Abgrund auf das dunkle Gewaͤſſer des Fluſſes. Auf allen Seiten zeigen ſich die wildeſten und auffal⸗ lendſten Naturſenen. Gegen Suͤd ſolgt man dem langen, einem Schlunde gleichenden, Bette des Ache⸗ ronz jenſeits dehnt ſich die Landſchaft bis zum 310 Meerbuſen von Arta aus, der ſich nebſt den Gebir⸗ gen von Akarnanien in dunkler Ferne zeigt. Weſtwaͤrts ſieht man auf Abgrunde, in welchen ſich der Fluß Zagouri noͤrdlich mit dem Acheron ver⸗ einigt. Der Berg, auf welchem die Feſtungswerke von Suli errichtet ſind, hat die Geſtalt eines Halb⸗ monds, und der Ruͤcken deſſelben iſt ſo ſchmal, daß nur ein enger von einem Drt zum andern fuͤhrender Pfad uͤbrig bleibt. Nur das Fort des Serails iſt mit Kanonen beſetzt, in 2 andern liegen albaniſche Solda⸗ ten; ein viertes auf dem hoͤchſten Gipfel blieb unvol⸗ lendet, weil es zweimal vom Blitz getroffen wurde. Auf einem andern geſonderten Berg⸗Ruͤcken iſt noch ein großes Fott, welches die Straſſe in die Ebene von Paramithig beherrſchet. XXII. Das breite Thal von Paramithin wird bewaͤſſert vom Fluſſe Glyky, iſt fruchtbar, und mit vielen Doͤrfern beſetzt. Die Stadt Paramithia liegt am obern Ende der Ebene ſo abhaͤngig, daß ihr boͤherer Theil soo Fuß uͤber ihren niedrigeren erhaben i. Sie hat ungefaͤhr 9000 Einwohner, deren Häuſer in ſehr unregelmaͤßigen Straſſen liegen. Die meiſten Einwohner ſind Tuͤrken; doch haben auch die Grie⸗ chen einen Biſchof daſelbſt. Von Paramithia kamen wir durch mehrere Doͤrfer zur Stadt Soulias, deren Haͤuſer in einem dichten Oliven⸗Walde zerßreut liegen, und auf ver⸗ ſchiedenen Anhoͤhen mannigfaltige Ausſichten auf die 31¹ entfernten Verge und Thaͤler gewaͤhrten. Wir kehrten uber Paramithia nach Jvannina zurück. XXIII. Von bier reisten wir durch das noͤrdliche Albanien in Begleitung zwei chriſtlicher und zwei tuͤtkiſcher Soldaten, und zwar vorerſt uͤber das Dorf gitza durch das Thal des Kalama in das Kloſter von Soſinv. Einige Meilen jenſeits des Kloſters verleßen wir die Land-Straße, um die einzigen Pul⸗ ver Muͤhlen Albaniens zu beſuchen, zu welchen der Salpeter und Schwefel auf dem Lande gebracht, die Kohlen aber am Platze ſelbſt zubereitet werden. Wir kamen dann an den faſt zirkelfoͤrmigen Landſee Zero⸗ vina, und dann in die Stadt Delvinaki von 3000 Einwohnern, welche unter großem Drucke ſeuf⸗ zen. Von hier gelangten wir durch das Thal Dero⸗ poli oder Agyro⸗Kaſtro, welches ſich durch uͤppige Fruchtbarkeit und den hoͤchſten Gewerbsſleiß einer zahlreichen Volksmenge auszeichnet. Die Stadt gleiches Namens, mag 20,000 tuͤrkiſche Einwobner in 4000 Haͤuſern haben. Auf dem mittelſten der drei Bergruͤcken, welche den groͤßten Theil der Stadt enthalten, ſteht das neue Schloß, welches fur griechi⸗ ſche Vorfaͤlle ſehr wichtig iſt. Nach dem Beſuche der umgebung von Gardiki, Maſchuri und Depe⸗ lini kamen wir uͤber Lopeſi, Lunetzi, Kalutzi in die Stadt Karbonara, deren Haͤuſer zwiſchen Oliven⸗ und andern Baͤumen an einem Huͤgel male⸗ riſch zerſtreut liegen, und von Mahumedanern bewohut 312 find. In einer Entfernung von 2 Meilen beſtieget wir den Huͤgel der vernichteten Stadt Gradiſta, wo noch mehrere koſtbare Ruinen mit Inſchriften ſich befinden, von welchen wir eine abſchrieben, welche ſich auf die Verbeſſerung der Laͤndſtraſſe bezieht. Der Blick vom Gipfel des Huͤgels von Gradiſta dehnt ſich bis an die ufer des adriatiſchen Meeres aus. Wir kamen uͤber das Dorf Frakola zum Kloſter Bollina, welches an der Stelle der alten Stadt Apollonia liegt. Site war von Korinthern gegrin⸗ det, und ſcheint bis zum Zeitalter der toͤmiſchen Kaiſer an Wohlſtand zugenommen zu haben. Cicero nennt ſie eine große und wichtige Stadt, und der junge Detavius, der nachherige Beherrſcher Roms, wurde zur Erziehung dahin geſchickt. Sie war einer der vorzuͤglichſten Verbindungspunkte, zwiſchen Ita⸗ lien und der noͤrdlichen Theile von Griechen⸗ land, Macedonien, Thrazien. Weder die Zeit ihres Verfalls, noch ihr umfang laͤßt ſich genau angeben. Das Kloſter Pollina hat eine ſehr male⸗ riſche Lage; Baumgruppen ſind uͤber dem Huͤgel zerſtreut, auf welchem es ſteht. Es iſt groͤßtentheils aus den Ruinen der Stadt aufgeführt; daher man noch Bruchſtuͤcke und Saͤulen in den Kloſter-Mauern findet. Wir kamen uͤber den Fluß Vioſſa in die Stadt Avlona, an deren Eingange ſchon eine ſchoͤne Straſſe ſich zeist, welche mebr den italiſchen, als 313 türkiſchen Styl in der Bauart der Haͤnſer verrieth. Im Kriege zwiſchen Caͤſar und Pompejus kaͤmpfte ſie fortdaurend fuͤr die Parthei des erſern, und ſchlug den Angriff des M. Detavius, als Feldherrn des Pompejus zuruͤck. Sie enthaͤlt faſt 1000 Haͤuſer, 6 Moſcheen und eine griechiſche Kirche. Der Haven derſelben iſt durch ſtete Ausfuhr der Landes⸗Erzeug⸗ niſſe ſehr wichtig geworden. Dieſe beſtehen in Wai⸗ zen, Mais, Wolle, Del und Pech, welches letztere aus den Minen von Selenitza genommen wird. Auch iſt Avlona ſchon lange ein vorzuglicher Durch⸗ gangsort italiſcher und teutſcher Waaren in das Innere von Albanien. Am 21. Maͤrz kehrten wir nach Jvannina zuruͤck; eine neue Landſtraſſe fuͤhrte uns uͤber eine Huͤgelkette, und dann gelangten wir durch das Thal des von Delvino flieſſenden Stromes an die Pech⸗ Minen von Selenitza am Wege nach Karbo⸗ nara. Die Huͤgel an dieſer Stelle ſind durch tiefe Schluͤnde durchbrochen, an deren Abhange das arm⸗ ſelige Dorf Selenütza liegt, welches nur von Bergleuten bewohnt wird. Die mineraliſche Pech⸗ Formation daſelbſt iſt eine der betraͤchtlichſten, obſchon ſie jener an den ufern des kaſpiſchen Meeres weit nachſteht. Das bieſige Bett muß wenigſtens« Mei⸗ len im Umfange haben. Das Pech zeigt ſich au mebreren Stellen des Abhanges der Bersſchluchten⸗ 3¹4 und wird zum Theile in dieſen Lagen, jedoch ge⸗ woͤhnlicher in ſenkrechten Schachten herausgebracht. Es iſt nur mit einer lockern Lage von kalkichter Erde und Ton oder Schiefer bedeckt. Die Maſchinerie in den Schachten iſt aͤußerſt einfach, und beſteht nur aus Stricken, Winden und Koͤrben. Von den Minen begaben wir uns uͤber Karbo⸗ nara, Tepelini, den Khan von Valiera, und das Kloſter Spiliv nach Jvannina, wo wir den 26. Maͤrz eintrafen. Ali Paſcha nahm uns ſehr guͤtig auf, forſchte begierig nach unſern Entdeckungen, uͤber Gold- oder Silber-Minen und verborgene Schaͤtze. Als wir ihm den Vorſchlag machten, er moͤge ſeinen juͤngſten Sohn s— 6 Jahre durch Europa reiſen laſſen, erwiederte er, er wuͤrde dieſen Rath befolgen, ſobald derſelbe 46 Jahre alt ſey. Vorerſt wuͤrde er ihn aber auf ein Jahr nach Marokko ſchicken, ehe er England, Frankreich, Teutſchland, Rußland, Konſtantinopel, und einige tuͤrkiſche Staͤdte Aſiens beſuchen duͤrfe. Am 7. April machten wir dem Ali Paſcha unſern Abſchieds⸗Beſuch. Er war ſehr unzufrieden üͤber unſere baldige Abreiſe; doch ergab er ſich in die unſchicklichkeit, uns laͤnger aufzuhalten. Er entließ uns mit dem Erſuchen um ferneren aͤrztlichen Ratb, und mit Gruͤſſen an unſere Familie. Wir 31⁵ reisten uͤber Salavra, Preveſa, Santa Maura nach Zante, auf welchem Wege das Bild der Inſel Jthaka und manche andere merkwuͤrdige Gegenſtaͤnde uns noch einmal vorſchwebten. Dann fuhren wir uͤber die See in unſer liebes Vaterland zuruͤck. 316 Alvano's Reiſen und Abentheuer durch einen Theil von Deutſchland, Schweiz, Italien und Griechenland in den Jahren 1821— 22. Sr ſt er Shel. — lit Uebergehung der Phantaſien unſeres Rei⸗ ſenden, als Kandidaten der Thevlogie in Deutſchland, begleiten wir Alvano aus Dresden nach Gotha, Meiningen, Wuͤrzburg, Stuttgard, Schaf⸗ bauſen, St. Gallen, Zuͤrich und Interla⸗ chen waͤhrend des Sommers 1821. Am 15. Auguſt ſchloß er ſich an mehrere Studenten aus Zuͤrich und Baſel. Sie fuhren nach Arth, und ſtiegen uͤbe⸗ Goldau auf den von den Schwetzern vergoͤtterten Berg Rigi, in deſſen Naͤhe ein fuͤrchterlicher Berg⸗ ſurz usos mehr als sdoo Menſchen begrub. Abends um Uhr kamen ſie in dem Gaſthofe zum Ochſen in Rigi an. Am ten beſtiegen üe die Spitze des „ 317 Berges, der Kulm genannt. Das Caos lag zu ihren Fuͤßen, der eiſte Lichtſtrahl gab ihm Geſtalt; bald entwickelte ſich Neues, und nach und nach geſtalteten ſich aus 43 verſchiedenen Nebeln 13 Seen! Der Pilatus, die Jungfrau, das Alp⸗Horne. erglaͤnzen mit ihren Eiskriſtallen, wie die Diamanten. Endlich erhebt ſich der Koͤnig des Lichtes, wie eine Braut mit ihrem Strahlen-Kranze. Gegen Abend ſttegen ße den ſteilen Berg hinab, und kamen nach Luzern. Des andern Tags begaben ſie ſich uͤber den Vier⸗ waldſtaͤdter⸗-See nach Stans, nach Lungeren, Bruͤning und Brienz. Sie beſtiegen die Senn⸗ Huͤtte, und kehrten vor dem Untergange der Sonne nach Interlachen zuruͤck, auf welchem Wege es ihney oͤfters vorkam, als ſeyen ſie im Himmel er⸗ wacht. Auf einer Seite war der Brienzer⸗, auf der andern der Thuner⸗See; vor ihnen die herr⸗ lichbe Jungfrau, und xingsum eine uͤppige Vege⸗ tation, daß ſie plotzlich glaubten, nach Italien verſetzt zu ſeyn. Lange nach dem Untergange der Sonne, als ſchon die dunkelſte Nacht eine Stunde lang ihre Fluͤgel uͤber das Thal ausgebreitet hatte, erglaͤnzte auf einmal die Spitze der Jungfrau, wie eine Feuer⸗Pyramide. Dieſe Erſcheinung iſt gewoͤhn⸗ lich nach Gewitter-Regen, wenn der Himmel ſich wieder aushellt; noch kein Naturforſcher gab eine genuͤgende Erklaung. Von Interlachen beſuchten 318 ſie die umliegenden Berge, und trafen den 24ten zu Bern ein. Dieſe Stadt iſt den Schweizern ſo werth, als Paris den Franzoſen; man ſpricht auch bier mehr framzoͤſiſch, als deutſch. Die Stadt⸗Bib⸗ liothek iſt ſehr reich; die Kunſt- und Naturalien⸗ Sammlung ausgezeichnet, wie die Muͤnſterkirche durch ihre herrlichen Glasmalereien beruͤhmt iſt. Auch die Schul⸗Anſalten ſind im beſten Zuſtande. Sie begaben ſch nach Hof⸗Wyl, um Fellenbergs⸗Landwirth⸗ ſchaft kennen zu lernen; uͤber Hindelbank nach Solothurn. Von hier verfuͤgten ſie ſich nach Ifferten in das beruͤhmte Erziehungs-Inſtitut von Peſtalozzi, dann nach Genf, Salenche gegen den Montblank, deſſen Schnee-Region ſo grau it, wie eine ungeheure Granit-Maſſe, und in der Nacht noch herrlicher ergläht, als die Jungfrau. Des andern Tags wurden ſie auf Mauleſeln uͤber den Col de Voſa gebracht. Unſer Reiſender wurde von Schrecken durchbebt, als ſein Mauleſel auf einer Schwindel erregenden Hoͤhe den Hals nach einigen Gras⸗Arten neigte, welche an dem Abhange Kanden. Der Fuͤhrer lachte uͤber dieſe Furcht, und fuͤgte bei, daß noch kein Fremder auf einem Mauleſel verun⸗ gluckt ſey. Am 6. Sept. ſtiegen ſie auf den beruͤhmten Montan Verd, wo ſi in einem niedlichen Hauſe, aus der nahen Sennhuͤtte mit Milch, Raum und Butter geſtaͤrkt wurden, um den 7 Stunden langen — 319 Gletſcher, einen Abfall des ungeheuren Rieſenber⸗ ges zu erſteigen. Groß iſt die Gefahr, in Abgruͤnde zu ſtuͤrzen, welche oft unter dem Schnee verborgen ſind, weßwegen jeder Fremder einen Fuͤhrer haben muß. Aus der unuͤberſehbaren Schnee-Wuͤſte ragen hier und da Felſen, wie Nadeln, wie Thuͤrme, wie Schloͤſſer hervor, Duellen rieſeln unten weg, und bilden Baͤche, welche ſich zu einem Strom vereinigen. Jeder Theil der Schnee⸗Wuͤſte iſt das Bild einer Landkarte. Am ſten gingen ſie nach Martigni uͤber den ſchwarzen Kopf in das durch ungeheure Kaſtanien⸗ Baͤume ausgezeichnete Thal der Rhone. Am sten kamen ſie nach Sion, und zu den Waldbruͤdern, welche ſich Wohnzimmer, eine Kapelle und eine Sa⸗ kriſtei in einen Felſen gehauen haben. Am oten zog ſich der Wes uͤber Turtimon, Brieg; am ioten— uͤber Simplon nach Domo doſſolla. Hier iſt das ſchoͤnſte Denkmal der Straſſe Napoleons, welche er durch die Felſen gebrochen hatte. Sie ißt ſo bequem, daß man das Aufſteigen kaum wahr nimmt, und zugleich ſo breit, daß 3 Wagen nebenein⸗ ander Raum haben. Ueberall ſind Barrieren aus Stei⸗ nenz oͤfters Thorwege durch die Felſen gehauen, einer derſelben iſt 70 Schritte lang, und bekommt Licht durch die Deffnungen, welche in die Granitfelſen ge⸗ hauen ſind. Ueberall finden ſich Haͤuſer mit Wirth⸗ ſchaiten zum Beiſtande der Reilenden bei Unzlucks⸗ 320 Faͤllen. Auf allen Seiten wechſeln liebliche Waſſer⸗ faͤlle, ſchauerliche Abgruͤnde, und furchtbare Felſen⸗ Gruͤnde mit einander ab. Am ttten reisten ſie von Domo doſſola nach Feriola, dann uͤber den großen See nach den Boromaͤiſchen Inſeln. Sie ſchwammen auf einer ſchoͤnen mit einem Baldachin bedeckten und von zwei Schiffen bedienten Gonteln dahin. Im daſigen Lorber⸗Walde ſind Baͤume, welche an Groͤße 20oo jaͤhrigen Eichen gleichen. Im Drangen⸗ Walde finden ſich mehr als 200 Sorten von Drangen. Hier erfullt ein niedlicher Napolino, in der Ge⸗ ſtalt eines kleinen Tuͤrkenbunds, die Luft mit Wohl⸗ geruͤchen; dort haͤngt eine Drange in der Geſtalt eines langen krummen Hornes, welche den koͤſtlichſten Saft hat, und deren Schale den gewuͤrzhaften Citronat liefert; dieſer Hain wird im Winter bedeckt. Der Schoͤpfer dieſer Anlagen hat einen Saͤulen⸗Pallaſt und mehrere kleinere Inſeln hingezaubert, weßwegen man dieſe Gegend das irdiſche Paradies nennt. Die Reiſenden ſetzten uͤber den Fluß giniod nach Mailand. In dieſer ungeheuren Stadt iſt nichts merkwuͤrdiger, als die Domkirche, deren Dach mit sooo Statuen beſetzt iſt. Ihr Bau wurde ſchon im J. 1308 begonnen, konnte aber nur zur Halfte bis zur Reglerung Napoleons vvllendet werden, was er in 4 Jahren ausfuͤhrte. Unter den 40 Theatern iſt ſenes Ala Srala das umfaſſendſte, indem os 6o0o 32¹ Menſchen aufnimmt. Ebenſo faßt das Amphitheater bei Mailand gegen 40,000 Menſchen. Der Freund, welchen Albanv zu Mailand fand, begleitete ihn uͤber Venedig nach Raguſa, von dieſer Inſel uͤber Morea nach Szio. Waͤhrend ſeines kurzen Aufenthaltes daſelbſt bekam er Gelegen⸗ heit durch einen Freund in viele Familien und Zirkel gefuͤhrt zu werden, in welchen er die griechiſchen Maͤdchen und Weiber vorzuͤglich genau kennen lernte. In der Darlegung der Gefuͤhle ſind dieſe mehr wahr und offen, als unſere deutſchen. Sie haben mehr Freiheit in der Wahl ihrer Gatten, als die Deutſchen; nie legt in Griechenland ein Vater oder eine Mutter in dieſer Hinſicht der Cochter den geringſten Zwang auf. Sie finden hochſt laͤcherlich ſich ſtandesmaͤßig ver⸗ heirathen zu müſſen, oder gar auf den Rang und Stand des Vaters bei ber Verehelichung Ruͤckſicht zu nehmen. Sie zeichnen ſich durch Vieles aus, was unſern Deutſchen entgeht, wie auch die Unſrigen Manches vor ihnen haben. Die liebenswuͤrdigſte Un⸗ befangenheit, die gefaͤlligſte Naivitaͤt, der treffendſte Witz, die einnehmendſte Freundlichkeit iſt gleichſam das Erbtheil der ſchoͤnen Sziotinnen. Sie ſind reine Naturmenſchen, ohne das Zartgefuͤhl zu verletzen. In ihren Zirkeln vergißt man gern den Glanz der 6y. Bd. Guechenland III. 3. 5½ 322 europaͤiſchen Geſellſchaften, in welchen ſo viele falſche Muͤnzen ausgewechſelt, und ſo viele leere Artigkeiten ſelbſt aͤlteren Frauenzimmern gemacht werden. In Szio weiß man nichts von einem Vorrange an einer Tafel oder bei feierlichen Gelegenheiten. Die Koket⸗ terie hat nicht noͤthig, Hoffnungen zu erregen, oder ſie gewaͤhren zu wollen. Bei den Szioten ſieht man nur auf die Augen, um in Geſeliſchaften die Maͤnner zu erkennen, fuͤr welche ihr Herz ſchlaͤgt. Bei uns Deutſchen koͤnnten oͤfters 40 Juͤnglinge die Liebes⸗ Erklaͤrung des naͤmlichen Maͤdchens vorzeichnen, wenn die Zauberringe ihre Liebesblicke mit Druckerſchwaͤrze verewigten. Dbſchon die Sziotinnen keine Schau⸗ ſpiele leſen, ſo ſind ſie doch vortreffliche Schauſpiele⸗ rinnen, beſonders in der Pantomime. Die griechiſchen Szioten ſtimmen gar nicht fuͤr die Befreiung ihres Vaterlandes. Die meiſten ſind zu reich, als daß ſie eine Revolution beguͤnſtigen ſol⸗ len, in welcher ihr Reichthum auf irgend eine Art entriſſen werden koͤnnte. Deſſen ungeachtet war Alerander Ypſilanti ſchon vor ſeinem Einzuge in Jaſſy, und vor der Verkuͤndigung ſeines Beru⸗ fes zur Befreiung Griechenlands, im Maͤrz 4824 mit Achilles Polizzo auf Szio und mit andern in Europa ausgebildeten Griechen in der gebeimſten Verbindung geſtanden. Waͤhrend faſt alle Inſeln fuͤr die Befreiung ihres Vaterlandes ſich erklärten, nahm Szio nicht den geringlen Theil an der allgemeinen N 323 Bewegung. Leider! hegten viele griechiſche Freiheits⸗ Prediger nur ſelbſtſuͤchtige Plane, nach welchen die Oomanen in eben ſo ſchmaͤhliche Knechtſchaft gewor⸗ fen wuͤrden, als jene war, unter welcher die Griechen ſchmachteten. Zu den Verraͤthereien, welche vorzug⸗ lich zu Konſtantinopel gegen den Fuͤrſten Maruſi und den Patriarchen ſtatt fanden, wurden die um Geld fuͤr Alles feile Juden mißbraucht. ünter dem Vorwande einer Fahrt nach Räguſa begab ſich Albano mit Achilles Polizzo auf die Inſel Attika. Der Kommandant in der Akropo⸗ lis, Omer Vrione benahm ſich bei ſeinem Rück⸗ zuge in die Citadelle ſehr mäßig und menſchenfreund⸗ lich, und beſchaͤdiste kein einziges Haus, ſtatt daß jeder andere tuͤrkiſche Befehlshaber die ganze Stadt Athen wuͤrde gepluͤndert, zerſtoͤrt und in Brand ge⸗ ſteckt haben. Das ganze Attika war unter der Herrſchaft der Luͤrken in vier Bezirke getheilt. Dieſe enthielten ge⸗ Lgen 6o Ortſchaften mit ungefaͤhr 142,000 Einwohnern, von welchen kaum 1000 Suͤrken waren. Die Zahlung des Kopfgeldes geſchah nach der Groͤße des Eigen⸗ thums in einem dreifachen Maaße; die erſte Klaſſe zahlte 11 Piaſter, die zweite 3 /½2, die dritte 100 Paras. In jedem Bezirke war ein Soubeshi und ein Rent⸗ meiſter; die Leiſtungen an den Woiwoden beſtanden in dem Zehnten von allem geaͤrnteten Korn, Wein 8 Baumwolle, 8 Paras fur jedes Stuck Boden von 40 324 Quadratfuß. Wer reich war, kaufte viele ſolche Ab⸗ theilungen des Vodens, baute Huͤtten, ſetzte fleißige Landleute hinein, verſah ſie mit Korn, Viehe, und ließ ſie arbeiten. Nach der Aernte nahm der Sou⸗ beshi fuͤr den Woiwoden den Zehnten ein; der uͤbrige Ertrag wurde in 3 Theile getheilt, von wel⸗ chen 2 der Grundbeſitzer und einen der Arbeiter bekam. Nichts war in Attika reichlicher zu finden, als Del; von welchem gegen 20,000 Gefaͤße gebaut werden, deren jedes um 100 Paras verkauft wird. Man rech⸗ net die Zahl der Ziegen auf 100,000, jene der Schafe auf 60,000. Waͤhrend der Winter⸗Monate trieb ge⸗ wohnlich ein Stamm von Nomaden aus den theſſa⸗ liſchen Gebirgen in die Ebenen von Attika, und zahlte dafuͤr eine Entſchaͤdigung an den Woiwoden zu Athen. Dieſe Nomaden erlangten einen beſonderen Ruf durch ihre Wollen⸗Produkte, beſonders durch die Maͤntel, welche ſie fuͤr die griechiſchen Seeleute verfertigen. Aus den Ziegen⸗Fellen werden Saͤcke gefertigt, um ſie mit Wein, Honig und Del zu fuͤllen. Athen, Cneugriechiſch Setenna, griechiſch Atina) hat jetzt nur noch 1300 Haͤuſer. Die Straßen ſind enge und ſchmutzig. Die Alterthuͤmer, welche noch uͤbrig ſind, beſchraͤnken ſich auf die Dempel der Artemis, des Theſeus, und die Saͤulen des Tempels des olympiſchen Jupiters; dann der Ares⸗ vag, die Waſſerleitung Adrian's, das Denkmal 325 von Lyſikrates, s Moſcheen, mehtere griechiſche und eine katholiſche Kirche. Die Erinnerung an die Akademie und an die Stoa wird durch ein Lyzeum und eine Geſellſchaft der Muſenfreunde im Andenken der Griechen erhalten. Nach einem ungluͤcklichen Ver⸗ ſuche zur Eroberung der Akropolis mitzuwirken, kehrten unſere Verbuͤndeten nach Szio zuruͤck. Auf dieſer Inſel iſt jeder ernſtliche Verſuch zur Abwälzung des tuͤrkiſchen Joches ungluͤcklich. Denn die Szicnen ſind Kaufleute im eigentlichſten Sinne, welche fuͤr etwas Hoͤheres, als Gelderwerb ſo wenig empfaͤnglich ſind, als die Juden. Dies darf gar nicht befremden, da die Szioten von erſter Jugend nach Gelderwerb geleitet wurden, wie die Juden, Kauf⸗ leute und Englaͤnder. Aus dieſem Grunde konnte die Landung der Samier auf Szio nichts anderes zur Folge haben, als die Vereinigung und Zuruͤckziehung der reichen Griechen zu den Tuͤrken in die Citadelle, und eine große Kraftaͤußerung der tuͤrkiſchen Regie⸗ rung zur Behauptung oder Wiedereroberung der Stadt. Der hartnaͤckige Widerſtand der Samier und einiger tapfern Anfuͤhrer hatte die Zerſtoͤrung der Stadt zur Folge. Auch unſer Albano wurde von 3 Meſſer⸗ ſtichen verwundet, faſt verblutend vor dem Hauſe des franzoͤſiſchen Konſuls in Szio gefangen genommen, in das von der Zerſtoͤrung verſchont gebliebene Haus Pollizzo's gebracht, und endlich als Gefangener nach Konſtantinopel gefuͤhrt. 326 Auf der Fahrt wurden die Feſſeln ihm und Po⸗ lizzo abgenommen, und ſie durften ſich offen mit einander unterhalten, was jedoch nur in deutſcher Sprache geſchah. Sie landeten zuerſt auf der Inſel Tenedos, wo ſie von einem vertrauten Freunde Poliizo's mit großer Gaßfreundſchaft aufgenommen wurden. In Tenedos bietet ſich ein herrlicher Blick auf die faſt zahlloſen Inſeln dar, welche rings herum zerſtreut ſind. Auf dieſem Labyrinthe der Inſeln zwi⸗ ſchen Europa und Aſien, herrſcht auch der ſon— derbarſte Kontraſt zwiſchen althelleniſchem Geiſte und neuosmauniſchen Sitten. Während Europa im ewigen Wechſel der Formen ſich drehet, herrſcht in der ganzen Levante immer derſelbe Geiſt, der vor 3000 Jahren ſichtbar war. Nach der Einfahrt in die Dardanellen legte das Schiff auf einer der Prinzen⸗Inſeln, Kalkis an, wo Polizzo in der Perſon Hilarion's wieder einen Gaſtfreund hatte. Als ſie ſch der Stadt Kon⸗ ſtantinopel naͤherten, ſahen ſie die goldenen Zin⸗ nen des Serails und eine unermeßliche Anzahl ſchim⸗ mernder Thuͤrme und Palaͤſte; bald aber zog am ößt⸗ lichen Horizont ein Heer ſchwvarzer Wolken heran; zuckende Blitze durchkreuzten ſich, furchtbare Donner⸗ ſchlaͤge ertoͤnten, und hallten wieder von den Felſen des nahen Geſtades. Der Donner verlor ſich oͤfters wie der dumpfe Schall ungeheurer Glocken. Der Wechſel ron vhosphorſſcher Gluth und dicker Finſet⸗ 327 niß, die Lavinen von Gewaͤſſern, mit welchen das Schiff oͤfters uͤberdeckt war, der fuͤrchterlichſte Don⸗ ner, welcher von 20 verſchiedenen Gewittern zugleich zus dem ſaͤrkſten Tone in den leiſeſten ſich verſchmolz, war mit nichts Aehnlichem zu vergleichen. Deſto un⸗ begreiflicher war die Ruhe und Gleichgültigkeit, wel⸗ che alle Tuͤrken auf dem Schiffe waͤhrend des furcht⸗ barſten Schauſpieles zeigten. Erſt als das Zeichen zu ihrem Gebete, Ramaz, gegeben wurde, ſtanden alle mit ehrfurchtsvoller Miene auf, legten die Daumen an die Ohren, und ſagten eine Stelle aus der Vor⸗ rede des Koran her, waͤhrend ſie die rechte Hand uͤber die linke unter den Guͤrtel legten, und zugleich die Augen demuͤthig auf die Erde warfen. Dann brachten ſie die Koͤrper in eine horizontale Stellung, legten die Finger weit ausgebreitet uͤber die Knie⸗ und ſagten das Gebet her. Nach deſſen Vollendung erhoben ſie ſich, traten wieder in die zweite Stellung⸗ und warfen ſich zur Erde, wobei die Fußzehen, die Haͤnde, die Naſe, und die Stirne die Erde beruͤhr⸗ ten. Dann richteten ſie den Oberleib in die Hoͤhe, blieben jedoch auf den Ferſen ſitzen und legten die Haͤnde auf die Beine. Waͤhrend des ganien Gebetes hatten alle ſich nach Mecea gewendet. Dieſer Auf⸗ tritt war jedoch nicht Folge des Gewitters, ſondern alle Tuͤrken ſind ſo ſtreng verbunden, den Namat taglich fuͤnfmal zu gewiſſen Stunden und unter ſol⸗ chen Ceremonien zu verrichten, daß ſie durch nichts 328 entſchuldigt werden koͤnnten, wenn ſie eine dieſer Stunden verſaͤumen. Dieſes Gebet kann weder nach⸗ gebolt noch durch einen Ablaß erſetzt werden; jede Unterlaſſung wird mit einem Tage im Fegfeber ge⸗ ſtraft. Nur waͤhrend der Schlacht kann man Gott eben ſo dienen, als durch Gebet. Zu Konſtantinopel wurden Albano und Polizzo im Hauſe des Kapudan Paſcha aufge⸗ nommen und wie Freunde behandelt. Durch ihren Zutritt in angeſehene Haͤuſer gewannen ſie Gelegen⸗ heit, das Familien-Leben der Luͤrken genau keunen zu lernen; doch beſchraͤnkte ſich dieſer Zutritt nur auſ die maͤnnlichen Glieder. Denn ſelbſt die ganz nahen Glieder des Hauſes, die Bruͤder, Dheime und Vaͤter der Frauen werden an den großen Bairams⸗ Feſten, bei Hochzeiten und bei Beſchneidungen der Kinder zugelaſſen, und ſelbſt dann darf keiner der maͤnnlichen Verwandten ſeine Frau allein ſprechen, immer ſind ihre Aufſeherinnen und Sklavinnen an der Seite. Dbſchon der Arzt den Puls einer Kranken nur dann fuͤhlen darf, wenn ein Stuͤckchen Muuffelin an dieſer Stelle befeſtigt iſt; ſo werden doch nur wenige männliche Aerzte in manchen Harems zugelaſſen, in⸗ dem ſehr viele Frauen die Arznei⸗Wiſſenſchaft aus⸗ ͤben. Maͤnnliche Geburts⸗Helfer gibt es in der Tur⸗ kei gar nicht. So reich auch die Tuͤrkei an Produkten des Thier⸗ und Pflanzen⸗Reiches iſt, ſo ſind doch die Osmanen 329 zußerſt maͤßig im Genuſſe der Speiſen und Getraͤnke; ſelbſt die Reichſten in den hoͤheren Staͤnden weichen von dieſer Regel nicht ab. Ihre vornehmſte Speiſe iſt der Pillau, d. i. Reis mit Waſſer gekocht, mit braun geſchmolzener Butter und Pfeſſer, und etwas klein geſchnittenem Fleiſche von Tauben, Enten und Schoͤpſen vermiſcht. Ihr koͤßlichſtes Getraͤnke iſt Kaffee und Yurt, dann Kaimack, d. i. eine durch langes Kochen zur feſten Maſſe gebrachte Milch, welche mit Honig und Zucker genoſſen, manchmal auch mit Thee vermiſcht wird. Der Scherbet oder Sorbet wird aus dem Safte von Fruͤchten mit Moſchus bereitet, und in trocknen Maſſen wie die Täfelchen des Choko⸗ lades aufbewahrt. Doch iſt durch das Geſetz verboten, bei den Mahlzeiten zu ſprechen. Die Tuͤrken liegen gewoͤhnlich ſo umm bei ihren Mahlzeiten, daß man ſelten mehr als die Worte hoͤrt:„Gott ſey gelobt.“ Auch darf kein Tuͤrke ſich zum Liſche ſetzen, ſondern nur legen; und auch dieſes nicht in Geſellſchaft von Chriſten. Ebenſo duͤrfen ſie kein Schweine⸗Fleiſch, nichts Erſticktes, und kein Blut genieſſen. Iſt bei dem Schlachten eines Viehes der Name Gottes nicht ausgerufen worden, ſo darf Niemand davon eſſen. Zu den Leckerbiſſen der Tuͤrken gehoͤren Pillen von Dpium, welches theils als Arzneimittel, theils als Reitzmittel zubereitet wird. Jene, welche unge⸗ woͤhnlich viel genieſſen, ſcheinen in einem Mittel⸗ zuſtande, wie unſere Magnetiſirten, zwiſchen Leben 330 und Tode zu ſchweben, ſprechen prophetiſche Worte, und vernehmen durch Mauern leiſe geſprochene Reden. Die Soldaten begeiſtern ſich mit Dpium vor jeder Schlacht. Denn ſie ſind uͤberzeugt, daß ſie, wenn ſie umkommen, fogleih im Paradieſe auftreten. Obſchon die Tuͤrken den Unglaͤubigen keine Men⸗ ſchen⸗Rechte zugeſtehen, und ſich Betrug und Wort⸗ bruͤchigkeit eben ſo erlauben, wie die Juden gegen nicht Juden, ſo findet man doch unter ihnen ſelbſt — mit Ausnahme des Sultans, vor welchem alle nur Sklaven ſind— keine Spur der abendlaͤndiſchen Un⸗ terwuͤrfigkeit, Kriecherei und Entaͤnſſerung aller Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit. Deßwegen kann auch der Geringſte in der Tuͤrkei zu der hoͤchſten Wuͤrde des Reiches gelangen, ohne daß dadurch ſeine Familie auch einen Rang erhielt. Denn ſobald er ſeiner Stelle entſetzt wird, ſinkt er wieder in den Sklavenſtand zuruͤck. Vielen Europaͤern kommt die tuͤrkiſche Kleidung ſehr zweckmaͤßig vor. Der Koͤrper kann ſich in der⸗ ſelben viel freier bewegen, als in der unſrigen. Das tuͤrkiſche Mannshemd gleicht einem Frauenhemde; die Fuͤße und Schenkel ſind mit Leinwand begleitet. Dann folgt eine Weſte, welche weit über das Knie — und der Kaftan, welcher bis an die Fuͤße hinab reicht. Letzterer iſt mit einem Guͤrtel befeſtigt, und kann auf beiden Seiten zuruͤckgeſchlagen werden. Zu dieſer Hauskleidung gehoͤren noch ein paar Pantoffel. Geht man gus, ſo wirft man uͤber den Kaftan, noch 331 ein kuͤrzeres offenes Kleid, deſſen Aermel nur bis au die Ellenbogen— waͤhtend jene des Kaftans uͤber die Haͤnde reichen. Der Kopf iſt geſeoren, mit einer rothen wollenen Mutze bedeckt, auf welcher der Tur⸗ ban ruht. Vornehme Tuͤrken laſſen ſich den Bart wachſen, ßtreichen ihn mittelſt eines bleiernen Kam⸗ mes, geben ihm durch die Scheere eine ſchoͤne sunde Form und benetzen ihn mit koͤſtlichem Roſenwaſſer. Die Suͤrken zaͤhlen wenige Gebrechliche unter ſich: faſt ale ſind groß, ſtark, kraͤftig. Man ſchreibt die⸗ ſes ihrer naturgemaͤßen Erziehung und Kleidung zu, denn die Kinder der Osmanen werden nicht durch den Genuß warmer Getraͤnke in froher Jugend erſchlafft, und fuͤr Kraͤmpfe empfaͤnglich gemacht. Die zarten Glieder der Kinder werden nicht durch Wickeln und Schnuͤren eingezwaͤngt. Ihre Speiſen ſind ſo ein⸗ fach, daß ſie ſich ſehr leicht mit der kleinen Geſtalt vereinigen. Naͤhert ſich ein Tuͤrke dem Tode, ſo wird er auf dem Ruͤcken mit dem rechten Auge nach Mecea gelegt. Dann wird Rauchwerk im Zimmer angezuͤn— det und der Iman oder Pfarrer aus der naͤchſten Mo⸗ ſchee herbeigerufen. Dieſer liest ein Stuͤck aus dem Koran vor, welches der Kranke nachlallt. Sobald er todt iſt, wird auf ſeinen Bauch ein Saͤbel gelegt; dann wird der Bart des Verſtorbenen feſt angedruͤckt, der Leichnam gewaſchen, mit wohlriechenden Waſſern begoſſen, in Leinen gehuͤltt und in den Sarg gelegt, waͤhrend der Iman zoch eiuige Gebete ausſpricht. 332 Sogleich wird der Sarg mit einem Tuche, mit einem Turban des Verſtorbenen und mit einem Stüͤckchen Leinwand belegt, welches auf dem Grabe des Prophe⸗ ten zu Mececa gelegen war. Dann wird der Leich⸗ nam nach der Vorſchrift des Korans ſchnell auf den Begraͤbnißplatz in groͤßter Stille gebracht. Wir hoffen, daß dieſer Auszug einer auf dem Zimmer gedichteten Reiſe unſeren Leſern nicht unan⸗ genehm ſeyn moͤge, indem er mehrere Nachrichten uber Griechen und Tuͤrken mittheilt, welche in keiner bisherigen Reiſe⸗Beſchreibung waten. Reiſe des Philhellenen Gottfried Müller nach Griechenland in dem Jahre 1822*. De⸗ Auflehnen des griechiſchen Volkes gegen ſeine barbariſchen Zwingberren erregte in der ganzen ziviliſirten Welt ein ſo allgemeines Jutereſſe, daß nicht nur jeder Freund der Humanitaͤt und der Frei⸗ heit dem griechiſchen Unternehmen ein guͤnſtiges Ende wuͤnſchte, ſondern auch, daß man in allen Pro⸗ vinzen freiwillige Beitraͤge darbot zur Unterſtuͤtzung der heiligen Sache. Beſonders zeichnete ſich das friedliche Deutſchland durch ſeinen Eifer fuͤr die neu erſtan⸗ *) Dieſe Reiſe erſchien zu Bamberg bei Dreſch 1825— 26. 8. in 2 Theilen und 2 Auflagen; der Verfaſſer iſt gebuͤrtig aus Guttenberg im K. Bayer. Obermainkreiſe, und jetzt zu Bremen als Compagnon ſeines Schwieger⸗ aters. 334 denen Hellenen aus. Obgleich das Unternehmen Ypſfilantis einen ungluͤcklichen Ausgang hatte und die heilige Schaar vernichtet worden war, ſo erſtarb doch der Muth der Hellenen nicht, ſondern erſtarkte vielmehr in ſeinem Ungiuͤcke. Auch auswaͤrtige Juͤnglinge, von dem Werthe der heiligen Freiheit durchaluͤht, ermannten ſich ge⸗ gen das Verderbniß wiüder Barbaren und zogen begei⸗ ſtert fuͤr Menſchheit und klaßſiſches Alterthum dem feindlichen Kampfe entgegen. Unter andern hochher⸗ zigen und freiheitliebenden deutſchen Juͤnglingen be⸗ fand ſich auch Gottfried Muͤller aus Bamberg, welcher ſich in Bremen dem Handel widmete. Mit ſeinem gleichbegeiſterten Freunde Duntze verließ er am 3. Juni 1322 genannte hanſeatiſche Stadt, reiste uͤber Pyrmont, Kaſſel, Aſchaf⸗ fenburg, Darmſtadt, Heidelberg, Straß⸗ burg, durch die Schweiz nach Frankreich. In Marſeille kauften die Reiſenden ſich trotz der unguͤnſtigen Nachrichten aus Griechenland Piſtolen, Saͤbel, Pulver, Kugeln und andere kleine Kriegsbeduͤrfuiſſe. Ihre Uniform beſtand in einer ſchwarzen Jacke mit blauen Aufſchlaͤgen und weißen Fnoͤpfen, einem Leibguͤrtel fuͤr Pißolen, einem Dolch und einer Patrontaſche, einem Paare ſchwarzer tuche⸗ ner, und einem Paare leinener Hoſen, einem Tſchako mit Verzierungen und dem griechiſchen Freiheitswap⸗ ven mit der Inſchrift;„Fretheit oder Tod.“ 335 Den 13. Auguſt gingen die Philhellenen, 21 an der Zahl, zu Marſetlle an Bord. Bald verlor ſich die Stadt aus den Augen der Reiſenden, ſie ka⸗ men an den Inſeln voruͤber, die Küſten wurden im⸗ mer kleiner und waren ſchon Nachmittags thren Augen entſchwunden. Einen ſehr erfreulichen Anblick ge⸗ waͤhrte dem Auge der Griechenfreunde die lieb⸗ liche Kuͤſte Siziliens; man ſah gruͤne Felder auf der Ebene, ſchoͤne romantiſche Doͤrfer und Windmuͤh⸗ len auf den Bergen. Es iſt ein ſchoͤner Anblick von dem hohen Maſt eines Schiffes Kuͤſten und Meer zu uͤberſchauen; Waͤlder und Haͤuſer ſcheinen zu ſchwim⸗ men, eine Landzunge verſchwindet nach der andern; man glaubt auf einem Baume zu ſitzen, welcher vom Winde getrieben, ſich hin und her bewegt. Als ſie die Kuͤſte aus den Augen verloren hatten, ſahen ſie nichts als Himmel und Waſſer und einen Zug Delphine, welche unſerm Schiffe ſpielend folg⸗ ten. Bei dem Anblicke dieſer Thiere ſielen unſerm Reiſenden Schillers Worte: luſtige Delphinen⸗ Schaaren— aus Hero und Leander ein. Belu⸗ ſtigten ſich die Reiſenden nicht mit Fiſchfang, ſo un⸗ terhielten ſie ſich mit Spielen und andern luſtigen Scherzen. Vor Untergang der Sonne verrichtete der Capitain mit ſeinen Leuten ein lautes Gebet, an wel⸗ chem die Reiſenden ſtillen Antheil nahmen, dann ihr Abendbrod aßen, auf dem Verdecke kriegeriſche Lieder ſangen und ſo ſelig auf einem kleinen Raume lebten. 335 Den zoſten erreichten ſie eine kahle und unbe⸗ wohnte Inſel, vielleicht Strophadi, und erblickten dann zu ihrer unausſprechlichen Freude die Kuͤſte von Morea. Es waren die Kuͤſten von Arkadien, welche ſie zuerſt erblickten; aufſteigende Feuer verkuͤn⸗ digten Leben am Lande, und erinnerten an die Signale der alten Griechen. Ungluͤcklicher Weiſe landeten die Reiſenden zu Modon ſtatt zu Navarin, und waͤren auf dieſe Art den Türken bald in die Haͤnde gefallen. Ein Boot, welches ſie zur Unterſuchung ausgeſendet hat⸗ ten, kehrte eilends zuruͤck und ermunterte zur Flucht. Die tuͤrkiſche Hafenwache hatte die Geaͤngſtigten angehalten, mit der Frage: was ſie wollten und wer ſle waͤren? Ein Kaufmann, welcher die Stelle eines Dolmetſchers begleitete, gab zur Antwort: ſie ſeyen Franzoſen und ſeyen gekommen, um Waſſer einzu⸗ nehmen und Fleiſch zu kaufen. Die Tuͤrken hießen ſie auch naͤher zu kommen, welches ſie mit der Entſchul⸗ digung, Geld und Gefaͤße zu holen, abwieſen. End⸗ lich erreichten ſie den Golf von Koron, in welchem ſte nicht leicht Gefahr liefen, verfolgt zu werden. Die Feſtunaswerke dieſer Stadt ſind im Halbkreiſe an der Meereskuͤſte erbaut und ſcheinen ſehr ſtark zu ſeyn. Hohe Haͤuſer ragten auf der Morgenſeite hin⸗ ter den Mauern hervor. 3 Sie kamen immer tiefer in den meſſeniſchen Meerbuſen; zur Rechten waren ſchoͤne Doͤrfer, Gaͤrten und Felder mit lachendem Grün auf den Hoͤhen der Berge; hinter denſelben erheben ſich die Arme des rauhen Taygetus; zur Linken hatten ſie die Gebirgs⸗ Reihen hinter Koron, und konnten bei einer großen Ebene nach Norden tief in das Land ſehen. Im Hin⸗ tergrunde ragte der große Ithome maͤchtig und einſam hervor.— Den Augen der Reiſenden eroͤffnete ſich bald eine reizende Kuͤſte mit gruͤnen Baͤumen, Doͤrfern und Landſchaften geſchmuͤckt; bei der Anna⸗ herung des Abends erblickten ſie nahe am Meere auf der Hoͤhe die Stadt Kalamata, in deren Hafen ſte ankerten. Bei der Erkundigung nach den juͤngſten Ereigniſſen erhielten ſie die traurige Bothſchaft, daß Korinth von den Duͤrken genommen, die Griechen bei Arta geſchlagen, und das Philhellenen⸗Korps aufgeloͤßt ſey, und in Morea die Peſt herrſche. Nichts konnte aber unſere Griechenfreunde mehr be⸗ truͤben, als die Nachricht von dem Tode ihrer Bruͤder, mit welchen ſie ſich vereinigen wollten. Bei der Ausſchiffung wurden die Philhellenen von den Griechen durch Neigung des Hauptes begruͤßt, indem ſie die rechte Hand auf das Herz legten; ein Gruß, welcher uͤberaus einnehmend iſt. Doch nur wenige konnten mit ihnen ſprechen, weil ſie nur Italiſch verſtanden. Die langen Pfeifen, welche die Griechen mit edlem Anſtande reichten, gingen von einem zum andern, bis ſie wieder zu ihren 67. Bd. Griechenland. III. 3. 6 — 338 Eigenthuͤmern kamen. Kaͤhne mit halbnackten Aube⸗ rern brachten das Gepaͤcke der Reiſenden an das Land. Es war der 31. Auguſt(nach griechiſcher Zeitrechnung der 18.) der Tag unſerer Landung, an welchem im J. 1821 Odyſſeus die Tuͤrken bei Fontana geſchlagen hatte. Kamele waren nun beſtimmt das Gepaͤcke der Reiſenden zu tragen. Die Griechen riefen mit Stolz, auf dieſe Thiere deutend:„preda dei Turchi— Beute von den Tuͤrken“.— Nachdem Alles aufgepackt war, ſtellten ſie ſich in Reihen und zogen unter Trommelſchlag und Geſang der Stadt zu, waͤhrend eine Menge Erwachſener und Knaben am Ufer nachfolgte. Der Weg ging durch Drangen und Granatbaͤume, durch Cactus und Oleander. Ein großer Haufen Volkes hatte ſich vor der Stadt zum Empfange der Reiſenden verſammelt. Kaum war es moͤglich durch das Gedraͤnge der engen und ſchmu— tzigen Straſſen zu kommen. Muͤheſam erreichten ſie den Marktplatz, auf welchem das freudige Volk ſich um ſie draͤngte und neugierig ſie vom Kopfe bis ju den Fuͤßen beſchaute. Alles war bewaffnet mit Piſtolen und Handſchar. Ein Polizei⸗Perſonale draͤngte ſich wuͤthend mit Stoͤcken auf die Umſtehenden und verſchaffte den Rei⸗ ſenden ſoviel Platz, daß ſie vor den Senatoren das Gewehr praͤſentiren konnten. Auf dem Rathhauſe, einem gewohnlichen Bau⸗ ernhauſe mit Fenſtern ohne Scheiben und mit holzernen 339 Bänken, wurde ihnen ein Zimmer angewieſen. Auf demſelben wehte triumphirend eine weiße Fahne mit blauem Kreuze. Ein dienſfertiger Grieche brachte Kafee in kleinen Daſſen, welcher ſchwarz, mit dem Satze gekocht war und kraͤftig ſchmeckte; mehrere lange Pfeiſen folgten dieſem nach, alsdann brachte man wieder friſches Waſſer.— In der Folge wurden ihnen in Privathaͤuſern Wohnungen angewieſen, in welchen ſte ſich um die haͤuslichen Angelegenheiten bewerben mußten. Das Erſte, was beſorgt werden ſollte, war Kochen. Mehrere Weiber erboten ſich zu dieſem Dienſte, fragten aber ſo viel, daß man am Ende die Sache ſelbſt uͤbernehmen wollte. Die Noth wurde jetzt noch groͤter, denn die Reiſenden wußten nicht einmal Waſſer auf griechiſch zu nennen; alles mußte durch Pantominen benannt werden, bei welchen die muth⸗ willigen Weiber oͤfters in lautes Gelaͤchter ausbrachen. So ſchmerzlich auch den Reiſenden die gaͤnzliche Vernichtung des Philhellenen⸗Korps fallen mußte, ſo erfreulich war ihnen dagegen die Nachricht von der großen Niederlage der Tuͤrken bei Argos und Korinth. Machmud Paſcha drang naͤmlich, nachdem die Feſtung von Korinth von ihrem feigen Befehlshaber verlaſſen worden war, mit 12,000 Mann durch die Paͤße zwiſchen Korinth und Napoli und erſchien am 20. Juli auf der Ebene von Argos. Er entſetzte zwar Napoli di Romania, be⸗ ging aber die Unvorſichtigkeit keine Lebensmittel iit⸗ 340 zunehmen. Dieß brachte ihm den Untergang; denn durch die Tapferkeit Colocotronis, welcher Mu⸗ lino, das alte Lerna, verſchanzt hatte, um den Feind abzuhalten, und durch die Herzhaftigkeit des Fuͤrſten Demetrius Jpſilanti, welcher die zerſtoͤrte Feſtung von Argos beſetzt hatte, wurden die Tuͤrken an weiterem Vordringen gehindert. Der Mangel an Lebensmittel zwang den Paſcha, nach Korinth zuruͤckzukehren. Er ſchickte einen Vortrab in die Gebirge, welchem er mit ſeinen uͤbrigen Trup⸗ pen folgte. Colocotroni, von dem Marſche des Paſcha ſchon unterrichtet, ließ die Gebirgs⸗Paͤße beſetzen, und ruͤckte dem Paſcha mit dem Belagerungs⸗Korps von Napoli, welches ſich rechts auf die Gebirge zuruͤckgezogen hatte, auf dem Fuße nach und ſchlug die Tuͤrken auf das Haupt.— Der Kapudan Paſcha, welcher den Machmud Paſcha zur See unterſtuͤtzen wollte, erſchien in dem Meerbuſen von Argos, zog ſich aber ſogleich zuruͤck, als er die Flotte des tapfern Miaulis aufgeßtellt fand. Bei der Ankunft unſerer Reiſenden in Mores waren noch die Feſtungen Napoli di Romania, Korinth, Patras, Modon und Koron in türkiſchen Haͤnden; ſaͤmmtlich zu Land von griechiſchen Truppen belagert; Colocotroni war in Dripo⸗ lizza, Normann wirkte mit Maurokordato in Miſolunghi, Ipſilanti war in Livadien, 341 Nikitas lag vor Korinth und Odyſſeus hatte die Paͤße von Thermopyla beſetzt. Die tuͤrkiſche Flotte kreuzte, von der griechiſchen verfolgt, an den Kuͤſten und drohte zu landen. Unſerm reiſenden Muͤlter machte anfangs viele⸗ Beſchwerlichkeit das Sitzen mit untergeſchlagenen Beinen und das Schlafen auf dem bloßen Boden⸗ Jedoch freute ihn die Liebe der Einwohner zu den Waſfen, denn er ſah Knaben von 10— 12 Jahren mit Piſtolen im Guͤrtel. Als er einſtmal mit einem ſchlanken Spartaner auf die Jagd ging, ſtaunte er uͤber den Reichthum der Pflanzenwelt. Baͤume und Geſtraͤuche, welche man bei uns mit ſo vieler Sorg⸗ falt in Glashaͤuſern zieht, ſteht man hier in ihrer ſchoͤnſten Pracht, meiſt ungeachtet. Er ſah Cactus als Bezaͤunung wohl 2s Fuß hoch mit ſchoͤnen gelben Fruͤchten, Myrthen, Lorbeer, Laurus, Jasmin, Drangen, Feigen⸗ und Hlivenwaͤlder in großer Zahl. Die Stadt Kalamata, 1/2 Stunde vom Meere auf einer Anhoͤhe gelegen, gewaͤhrt in der Ferne einen ſchoͤnen Anblick, welcher aber in der Nähe wegen der engen und ſchmutzigen Straſſen und der kleinen unanſehnlichen Haͤuſer bald verſchwindet. Die Hauptſtraſſen ſind mit Laͤden aller Art umgeben. Ein großer Theil der Stadt iſt am Berge erbaut und be⸗ ſitzt hohe und geſunde Wohnungen. Auf der Spitzs des Berges ſind die Ruinen eines alten Schloſſes, welches wieder bergeſtellt, die Stadt ſehr gut ſchuͤtzen 342 koͤnnte. Die Einwohner ſind gute Leute, ſtark, und von ſchoner Geſichtsbildung, beſonders zeichnen ſich die Frauen durch Schoͤnheit aus; nur ſind ſie ſehr unreinlich und geſchmacklos im Anzuge bis auf den Kopfputz, welchen ſie durch ihr langes Haar zu einem Lurban flechten, der ihnen ſehr gut ſteht. An der Stelle der heutigen Stadt lag ehemals Cardamyla. Nach einem Aufenthalte von 3 Tagen aͤußerte der Senat den Wunſch, daß die Philhellenen nach Navarin marſchiren moͤchten, weil dieſe Stadt von der tuͤrkiſchen Flotte bedroht werde. Sie folgten dem Auftrage gerne; doch ſonderten ſich hier Kotſch, Dombrowsky, Gillmann, Thomas, Do⸗ nauer, Theobald und Lugheſi wegen vorgefal⸗ lenen Uneinigkeiten von ihnen ab und entſchloſſen ſich nach Tripolizza zu gehen. Die Haupturſache der Trennung war, daß beinahe die Haͤlfte des kleinen Philhellenen⸗Korps Pffiziere waren, welche alle in ihrem Gende angettellt zu ſeyn wuͤnſchten. Bei der Abreiſe von Kalamata ließ der Senat die Reiſenden warnen, vor den raͤuberiſchen Mai⸗ notten ſich in Acht zu nehmen. Als ſie vom Solde ſprachen, vertroͤſtete ſie die griechiſche Regierung auf die Beute, welche ſie von den Tuͤrken machen wuͤrden; ja es wurden nicht einmal Verſprechungen auf die Zukunft gemacht, welches fuͤr die meißen ein ſchlechter Troſt war, indem ſie faſt von aller Baar⸗ ſchaft entbloͤßt waren. 343 Bei der Abreiſe ſchuͤtzte ein langer dichter Bliven⸗ Wald vor dem Drucke der Sonne. Sie kamen uͤber mehrere Doͤrfer auf eine ſchoͤne große Ebene, von wel⸗ cher man viele Dorfſchaften und den Gipfel des Ithome ſehen konnte. Vor Niſſi ſtießen ſie auf eine große Heerde Pferde, welche von bewaffneten Fuͤhrern geweidet wurden, dann kamen ſie an die ſchoͤnen Ufer des Pamiſus— ein Fluß, wie die Regnitz bei Bamberg— deſſen klares Waſſer ihren heißen Durſt ſtillte. Weſtlich am jenſeitigen Ufer lag Niſſi. In Ermanglung einer Bruͤcke mußten die Reiſenden den Fluß durchwaten. Unter Trommelſchlag zogen ſie in Niſſi ein, deſſen Umgebungen ſehr reitzend ſind. Es dauerte lange, bis ihnen eine Woh⸗ nung angewieſen wurde; erſt am ſpaͤten Abende er⸗ hielten ſie etwas Speiſe und Wein. Ein Theil der Griechenfreunde ging an den Fluß zuruͤck, um ſeine Waͤſche zu reinigen und ſich zu baden.— Einige grie⸗ chiſche Hausväter, welche ſich zu ihnen geſellten und etwas italiſch ſprachen, erzaͤhlten von den Be⸗ druͤckungen der Tuͤrken und zeisten auf viele Haͤuſer, in welchen tuͤrkiſche Familien gewohnt hatten, die bei dem Ausbruche der Revolution alle umgebracht wurden. Sie machten dabei das Kreuz und riefen: Dio ci ajutéra: Gott wird uns helfen. Der Wunſch in Niſſi Pferde zu erhalten, wurde vereitelt; auch in dem naͤchſten Dorfe fanden ſie keine, weil ſich weder Orttbehoͤrds, noch ſonſt ein 344 Mann ſehen ließ. Man traf blos Weiber in den klei⸗ nen Huͤtten an. Kaum waren ſie aus dem Dorfe, ſo entfloh ein Eſeltreiber, welchem bald ſein Eſel nachfolgte. Sie erſetzten deſſen Stelle durch einen Mauleſel, welchen ſie auf der Weide fanden, und zo⸗ gen weiter. Der Weg fuͤhrte durch eine huͤglichte Gegend, welche ganz verwildert war. Stundenweit hatte man das wilde Geſtraͤuch abgebrannt, keine Spur von Kultur war zu ſehen, alles war Wuͤſte. Sie kamen dann bald auf felſige Berge, bald in ßtei⸗ nige Thaͤler mit ausgetrockneten Flußbetten, von Dleander, Myrthen und Laurus bewachſen. Am Abende erreichten ſie ein ſchoͤnes gruͤnes Thal mit einem klei⸗ nen Fluſſe und einer Muͤhle; letztere ſchien eher ein Viehßall, als eine Muͤhle zu ſeyn; die Truͤmmer eines abgebrannten Nebengebaͤudes dienten den Durch⸗ wandernden zur Feuerſtaͤtte. Da hier kein Nachtlager zu haben war, ſo reisten ſe einige Stunden weiter durch wilde romantiſche Gegenden, welche mit Epheu, Lorbeer, Myrthen und andern ſchoͤnen Geſtraͤuchen und Pftanzen bewachſen waren, immer bergauf. Mit Einbruch der Nacht aurde der Weg immer gefährlicher; mit großen Schwierigkeiten und ganz entkraͤftet erreichten ſie den Gipfel des Berges.— Vichts iſt unangenehmer, als Nachtmoͤrſche in einem feindlichen Lande zu machen, mit einem Fuͤhrer, deſſen Warnungen man nicht ein⸗ mal verſtehen kann. Det griechiſche Fuͤhrer wurde 34⁴5 mehrmals ſehr unruhig, und ließ den Namen Sukchi ſo oft in ſeinem klagenden Selbſtgeſpraͤche hoͤren, daß den Reiſenden ihre Lage bedenklich vorkam; hayti, hayti,(vorwaͤrts, vorwaͤrts,) ſagte er aͤusſtlich, als wenn er die Stelle fuͤrchtete, auf welcher wir uns befanden. Die Griechenfreunde waren auf das Aeu⸗ ßerſte gefaßt, und hielten ſich Mann an Mann zuſam⸗ men. Leiſe, leiſe, hieß es ploͤtzlich uud der Grieche lag mit dem Kopfe auf der Erde, um zu horchen. Er hoͤrte Hundegebell und wurde muthiger. Auf einer Anhoͤhe erblickten ſie Feuer und ver⸗ nahmen den freudigen Ausruf des Fuͤhrers: Romecos, Romecos,(Griechen, Griechen). Die auflodernden Flammen des Feuers kuͤndigten ein Dorf an, deſſen Bewohner ruhig um ihre Feuer lagen. Die Phil⸗ hbellenen wurden mit dem traulichen Gruße: Kali sperra Christianos(guten Abend, Chriſten)! empfan⸗ gen und erhielten von den Frauen Waſſer zur Erqui⸗ ckung und etwas Kaͤſe und Brod nebſt einigen Eiern. Die guten Gebirgsbe wohner ſiellten tauſend Fragen an die Fremdlinge, welche dieſe aber wegen Unkunde In der griechiſchen Sprache nicht zu beantworten ver⸗ mochten. Einige von den Griechenfreunden, welche verſucht hatten, im Freien zu ſchlafen, kamen am Morgen ganz erfroren und durchnaͤßt von Thau und fuchten ein Obdach. Am folgenden Tage konnten ſie die ganze Land⸗ ſchaft und den Meerbuſen von Meſſene uͤberſeben 346 und hatten eine herrliche Ausſicht. Die lazedaͤmv⸗ niſchen Gebirge mit den Gipfeln des Koͤnigs Ithone lagen ſtolz in blauer Ferne vor ihnen, und begraͤnzten den ſuͤdlichen und weſlichen Horizont. Weſtlich lagen naͤher groͤßere Gebirgsmaſſen und noͤrdlich ragten ei⸗ nige Felſenhoͤrner, gleich Gletſchecn, hoch in die Wolken empor. Da die Landleute ſehr arm zu ſeyn ſchienen, bezahlten die Griechenfreunde die erhaltenen Lebensmittel und ſetzten dann ihre Reiſe fort. Am Fuße des Berges Baphrus ſtreckt ſich eine ſchoͤne große Ebene nach Norden hin, welche mit Ei⸗ chenwaͤldern und ſchoͤnen Wieſen bedeckt iſt. Die Natur hat hier alles gethan, um dieſe Gegend zu einem Paradieſe zu machen; doch laſſen die Einwoh⸗ ner den herrlichen Boden lieber unbebaut, als daß ſie ihm Erzeuaniſſe zur Befriedigung des Gelddurftes ihrer Zwingherren abzwingen. Hirten durchziehen das Land mit ihren Heerden, aber ſie ſind roh und un⸗ kundig der erhabenen Gefuͤhle ihrer Urvaͤter. Nach einigen Stunden Weges neigt ſich die Ebene gegen das Meer hin, welches man bald in ſchoͤner Pracht vor ſich erblickt. An einem Myrthen- und Laurus⸗Waͤldchen la⸗ gerten ſich die Reiſenden an den gruͤnen Ufern einer großen und klaren Quelle, von welcher ein Kanal in die, noch einige Stunden entfernte, Stadt Nava⸗ rimo fuͤhrt. Wahrſcheinlich trank Neſtor mit ſeinen Soͤhnen aus dieſer Quelle, denn viele Spuren 347 einer alten Waſſerleitung deuten auf ihren griechiſchen Urſprung. Hart war der Wes bis zur Stadt Nava⸗ rino. Hunger und die ſtarke Mittags⸗Sonne guaͤlten die Reiſenden. Viele, zum Theile ausgetrocknete Bergtroͤme, welche von ſchoͤnen Pflanzen umgeben ſind, durchſchneiden den Weg und bilden romantiſche Gruppen. Ermudet langten ſie in Navarino an. Die Stadt liegt auf einem kleinen Berg, iſt gut befeſtigt und grenzt von der einen Seite an die Meeresbucht. Die Vorſtadt am Hafen wurde bei der Einnahme nieder⸗ gebrannt; von hier fuͤhren Treppen zum Thore auf dem Berge. Im Hauſe des preußiſchen Pffiziers Apel, welcher Stadt⸗Commandant war, yflegten die Reiſenden der Ruhe einige Stunden, beſahen dann die alte, aber feſte Zitadelle, und ſtaunten uͤber die ſchlechten Haͤuſer und ſchmutzigen Straſſen. Durch Herrn Apel erfuhren die Philhellenen, daß die tuͤrkiſche Flotte zwar vor der Bucht gewe⸗ ſen ſey, aber keinen Schuß gethan habe. Zugleich beſchrieb er ihnen die Gefahr, in welcher er mit ſeiner wenigen Mannſchaft geſchwebt habe, und ſetzte hinzu, daß die Mannſchaft bei einer Landung der Luͤrken verloren geweſen waͤre. Im Auguſt 1821 ergab ſich Navarino durch Kapitulation. Das Belagerungs⸗ Korps beſtand meiſt aus Joniern, welche den Tod ihres ungluͤcklichen Patriarchen zu Konſtantinopel mit einer großen Anzahl Ermordeten von der Garniſon 348 2 fuͤhnten. Zweckmäßig vertheidigte auch General Nor— mann die Stadt, welcher die Tuͤrken bei ihren Landungsverſuchen mit Verluſt zum Ruͤckzuge zwang. Da die Gegenwart der Griechenfteunde in Na⸗ varino nicht mehr nothwendig wurde, ſo zogen ſie mit dem griechiſchen General Anagnoſtara nach Tripolizza. Ein griechiſcher Unterkapitaͤn fuͤhrte die Mannſchaft, welche ſich bei der, zwei Stunden von Navarino entfernten, Quelle lagerte und die Fahnen des Kreuzes aufſteckte. Bei dem Mahle ſetzten ſich die Philhellenen zu den Grie⸗ chen, welche vor und nach dem Eſſen Kreuze machten und nach ihrer Sitte die Haͤnde wuſchen. Auch iſt es griechiſche Sitte, nach gehaltener Mahlieit ein Lied zu ſingen, welches oft mehrere Stunden lang dau⸗ ert. Der Geſang der Griechen iſt widerlich und beleidigt das Ohr; ſie ſchreien ſo ſehr, als ſie koͤnnen durch die Naſe, und halten es fuͤr eine Kunſt, einen ſolchen gellenden Ton recht lange auszuhalten. Luſtig ging man den Weg durch einen ſchattigen Eichenwald, auf deſſen alten Staͤmme die Griechen viele Gewehre abfeuerten. Muͤller dachte bei dem Anblick der bejahrten Baͤume an die Eichen bei Pyr⸗ mont, unter welchen er mit ſeinen Kampfgenoſſen Herman's Andenken feierte. Muͤhſam ging nun die Reiſe durch ſteinige Berge und Thaͤler. Mehrers Landleute, welche dem Zuge mit bepackten Pferden „ 349 oder Eſeln begegneten, mußten ſo viel Ftuͤchte oder Eßwaaren hergeben, als man wolle. Bei der Ankunft zu Niſſi erklaͤrte der General den Philhellenen, daß er Truppen ſammeln werde, um nach Korinth zu ziehen. Dieſer Antrag war ſehr wilkommen. Von Niſſi nahmen ſie die Richtung gegen Tripolizza. Waͤhrend der Kapitaͤn und der General abweſend waren, um Leute aufzu⸗ treiben, gingen die Reiſenden von Dorf zu Dorf und hatten die groͤßte Langweile. Dieſe Doͤrfer liegen ſehr romantiſch auf Anhoͤhen, verkuͤnden aber in der Naͤhe die groͤßte Armuth. Bald fehlte es an ordentlichen Lebensmitteln und oft gab es nur Kaͤſe und Brod fuͤr den ganzen Tag, welches den Reiſenden ſehr hart ankam. Der Kaͤs iſt ſcharf und in Bocksfelle eingemacht, welche ihm einen ſehr widerlichen Geſchmack geben. Am aten Tage beſtie⸗ gen ſie den hohen Jthome, welcher hier einen ſehr wichtigen Engpaß bildet. Leicht und ſchnell ſind die Griechen im Beſteigen der Berge. Mit beſonderer Schnelligkeit laufen ſie bergauf und bergab. Der Weg fuͤhrte uͤber Felſen an ſteilen Abgruͤnden voruͤber zu einem Char. Die Gebirge waren hier noch weit rau⸗ her und unfreundlicher, als jene beim Marſche nach Navarino. Als ſie den ſehr hohen Berg im Ruͤcken hatten, kamen ſie in ein angenehmes, keſſelartiges Thal Arkadiens, in welchem ſie einige Tage liegen blieben. Feigen, Nuͤße und Trauben gab es in — Menge; die Bewohner dieſer Gegend ſind reich an 350⁰ Heerden. Eines Tags ſtießen die Reiſenden in einem Ge⸗ hoͤlze auf eine Heerde, von welcher der Kapitaͤn mehrere Stuͤcke mitzunehmen befahl, ohne daß der Eigenthuͤ⸗ mer einen Erſatz erhielt. Der Landmann gerieth mit dem Kapitaͤn in einen heftigen Streit. Das Nichtsthun, die Unreinigkeit und die Unbe⸗ quemlichkeit in den Bauernhuͤtten wurden den Reiſen⸗ den recht laͤtig. In den Bauernhuͤtten ſind die Wohnung, Vorrathskammer und Scheuer nicht durch Waͤnde unterſchieden. In der Mitte der Huͤtte wird in einem großen, kaſtenartigen Gemaͤuer das Getraide aufbewahrt. Im Hintergrunde iſt eine Feuerſtelle, deren Rauch die Decke ganz ſchwarz macht. Um das Feuer legt man ſich Nachts, um zu ſchlafen, im Sommer ruht man wegen des Ungeziefers gewoͤhnlich vor dem Hauſe. Der Hof iſt ein, von einer Lehm⸗ mauer umgebener Raum, welcher alle Sorten Vieh Nachts aufnimmt. Die Philhellenen mußten gewoͤhnlich in einem Winkel dieſes Hofes uͤbernachten. Die ſchlechte und arme Stadt Leondari fanden ſie balb zerſtoͤrt und die alte Moſchee in eine chrißtliche Kirche verwandelt. Sie bezogen ein leeres, halb zer⸗ ſtoͤrtes tuͤrkiſches Haus und erhielten auf einem Dachziegel Kaͤs, welcher, ſo ſchlecht er auch war, zum trocknen Brode herrlich ſchmeckte. Am Abend erreichten ſie das beruͤhmte Dorf Valdeiza, bei 351 welchem am s. Juni 1824 ein fuͤr die Griechen guͤnſtiges Treffen vorfiel. Kolokotroni, Nikitas, Anagnoſtara und der Bey von Maina verthei⸗ digten ſich tapfer gegen die wuͤthenden Angriffe der tuͤrkiſchen Reiterei unter Kiajah und trieben dieſe mit großem Verluſte zuruͤck. In der Naͤhe von Tripolizza wurden die Berge ganz kahl und die Ebenen trocken und oͤde. Eine junge griechiſche Baͤuerin, mit welcher Muͤller ſcherzen wollte, begruͤßte ihn mit einem Steinregen. Müller ſah hier zum erſten Male ſeinen General, welcher ihn aus ſeiner Flaſche Wein trinken ließ. Das Be⸗ nehmen des Generals war ernſt. In der Mitte trauriger Huͤgel und Bergſpitzen ſahen ſie die Stadt Tripolizza, deren roth bemalte Haͤuſer in der Ferne gut ſich ausnehmen. Craurig und niederſchlagend iſt das Innere der Stadt. Das unfreundliche Benehmen des General Ang⸗ gnoſtara bewog unſere Philhellenen ſich zu dem Korps des General Kolokotroni zu begeben, welcher ſie auch freundlich aufnahm. Durch einen Dolmetſcher ließ er ihnen anzeigen: daß es ihn recht berzlich freue, daß die Deutſchen ſo warmen An⸗ theil an dem Streite der Griechen nehmen, und ſetzte hinzu, die griechiſche Nation wuͤrde zu ihrer Zeit gewiß dankbar ſeyn. Auf das Geſuch unſerer Griechenfreunde, in ein Korps gebracht zu werden, wo ſie geachtet und gut behandelt wuͤrben, exwiederte 352 Kolokotroni, daß ſie noch einige Wochen in PDripolizza verweilen ſollten, bis Jpſilanti aus Livadien zuruͤckkaͤme, bei welchem ſie ſich am beſten befinden wuͤrden. Die Truppen ſind alle in Kapitaͤnſchaften einge⸗ theilt. Jeder, welcher nur einige Mittel hat, bildet ſich ein Korps, welchem er in Ermanglung der Unter⸗ ſuͤtzung von der Regierung einige Hilfe angedeihen laͤßt. Es gibt Abtheilungen von 20— 1000 Streitern. Die kleineren ſind den groͤßeren untergeordnet. Nach dem Siege bei Valdezza ruͤckten die Griechen naͤher an die Stadt Tripolizza und ſchloſſen ſie immer enger ein. Trotz ihrer haͤufigen Ausfaͤlle wurden die Tuͤrken allzeit mit Verluſt zu⸗ ruͤckgetrieben. Die Griechen nahmen eine ſteinige Anhoͤhe in der Naͤhe der Stadt in Beſitz, von welches ſie die Stadt beſchießen konnten. Obwohl die Tuͤr⸗ ken die Batterien der Griechen vernichten konnten, ſo blieben ſie nach ihrer Weiſe gans ſorglos und feu⸗ erten ſelten Kanvnen ab, weil ſie ſich fuͤrchteten, dem Feuer der griechiſchen Schuͤtzen ausgeſetzt zu ſeyn, welche ſich hinter den Steinen verborgen hielten, Geduldig ließen die Tuͤrken ihre Haͤuſer und Mauern zuſammen ſchießen. Endlich ſtieg die Noth ſo weit⸗ daß die Lebensmittel nur aus Pferdefleiſch und etwas Brod beſtanden. Ungeachtet des ſtrengſten Verbotes verhandelten viele gewinnſuͤchtige Griechen Lebens⸗ mittel an die Velagerten fuͤr Piſtolen und Handſchare⸗ 353 Eines Tages entſtand durch Mibverſtaͤndniſſe ein Streit zwiſchen Tuͤrken, welche auf ein Zeichen der Griechen heraus gekommen waren, um ihre Piſtv⸗ len gegen Fruͤchte zu vertauſchen. Da die Griechen anfangs weichen mußten, ſo ſchickten die Tuͤrken ſogleich Verſtaͤrkung. Bald entſtand ein allgemeines Gefecht, welches mit einem ſtarken Verluſte der Tuͤrken endigte. Beſonders zeichneten ſich Kolo⸗ kotroni und ein franzoͤſſcher Offizier, Namens de Lavillaſſe aus. Man fing nun Unterhandlungen an. Zwei tauſend Albanenſer ergaben ſich, unter der Bedingung, mit den Waffen frei abziehen zu duͤrfen. Auch die uͤbrigen Feinde wollte man zu einer Kapitulation bewegen, als folgender Umſtand dieſes vereitelte. Mehrere griechiſche Soldaten brachten in Koͤrben den Belagerten Fruͤchte und unterhandelten mit den Schildwachen. Dieſe begingen nun die Unvorſichtigkeit, daß ſie die Griechen mit den Foͤrben ahf die Mauer zogen. Die Griechen warfen ſogleich die Suͤrken von der Mauer herab; oͤffneten das Thor von Argos und pflanzten die Fahne des Kreuzes auf. Auf dieſes Zeichen drang die chriſtliche Armee von allen Seiten in die Stadt und bemeiſterte ſich derſelben nach einem fuͤrchterlichen Blutbade. Alles wurde niedergemacht; das Mord⸗ und Rache⸗ Schwert wuͤthete 3 Tage. Dieß war der Zuſtand der Zauptſabt Moreas vor einem Jahre. Noch bei der Ankunft unſerer Phil⸗ 67. Vd. Griechenland. III, 3. 7 354 hellenen lag die halbe Stadt in Aſche; das Serail in Truͤmmern und dem Boden gleich, wurde noch immer von den Griechen mit Abſcheu genannt. Die tuͤrkiſchen Haͤuſer waren meiſt zerſtoͤrt und zum Cheile mit den Gebeinen der Erſchlagenen ansefuͤllt. Ganze Haufen von Leichnamen lagen außerhalb der Stadt noch unbeerdigt. Viele Türken ſollen ſich ſelbſt mit Weibern und Kindern verbrannt haben, um nicht in die Haͤnde der Griechen zu fallen. Einige tuͤrkiſche Sklavinnen, welche Muͤller ſah, befan⸗ den ſich in dem elendeſten Zuſtande und konnten kaum ihre Bloͤße bedecken. Dieſe ungluͤcklichen Ge⸗ ſchoͤpfe verrichteten die gemeinſten Arbeiten und muß⸗ ten ſich verſchiedene Mißhandlungen der rohen grie⸗ chiſchen Soldaten gefallen laſſen. Sie ſollten aus vornehmen Familien ſeyn. Tripolizza nimmt einen großen Umfang ein⸗ hat viele keinerne, runde Thuͤrmchen und enge und ſchlechte Straſſen. Die vornehmſten turkiſchen Haͤuſer ſind zu Kanzleien und Gefaͤngniſſen eingerich⸗ tet; die Moſcheen in chrißliche Kirchen umgeſchaffen⸗ Das Verſammlungszimmer der Senatoren iſt ein gro⸗ ßer Saal, mit allerlei groben bunten Gemaͤlden, nach türkiſchem Geſchmacke ausgeſtattet. An der Haupt⸗ ſtraſſe der Stadt beünden ſich auf beiden Seiten Laden von Kaufleuten und Handwerkern; eine andere Straſſe iſt mit lauter Speiſehaͤuſern angefuͤllt, in welchen unreinlich gekocht wird. In andern Straſſen ſiebt 355 man viele Bettler, aber weder in noch außerhalb der Stadt Baͤume oder Pflauzen. Der Senat beſteht aus Primaten und hat farken Einfluß bei der Central-Regierung, unter welcher er ſteht. Zur Zeit unſerer Philhellenen wohnte Kolokotroni den Verſammlungen bei und hatte große Gewalt. Er wurde gefuͤrchtet und verehrt. Stolz tritt er in ſeiner aͤcht griechiſchen Geſtalt einher. Die Züge des finſtern Helden muͤßen bei Jedem Furcht und Grauſen erregen. Das Finſtere, Heftige und Habſuͤchtige ſeines Charakters hat er aus ſeinem fruͤ⸗ hern Leben beibehalten. Von ſeiner Kindheit an lebte er in den rauhen Gebirgen Arkadiens und beun⸗ ruhigte ſpaͤter durch ſeine Streifzuͤge die ganze Gegend. Regeimaͤßige Kriegsfuͤhrung liebt er nicht; auf den Vorſchlag europaͤiſcher DPffiziere, regelmaͤßige Truppen-Abtheilungen zu organiſiren, antwortete er, daß ja ſeine Feinde auch nicht in dieſer Kunſt erfahren waͤren. Im Gebirge iſt er unuͤberwindlich, trotzt jeder Gefahr und iſt reich an Kriegsliſt. Bei aller Strenge und Unerbittlichkeit in der Ausuͤbung ſeiner Befehle beſitzt er auch Herzensguͤte und hilft dem Nothleiden⸗ den gerne. In den erſten Jahren des Aufſtandes lei⸗ ſtete er ſeinem Vaterlande ſehr wichtige Dienſte. Als ein Theil der Philhellenen ſpaͤter zur Plokade nach Napoli abging, munterte er ſie zur Ausdauer auf und gab die ſchriftliche Verſicherung, dat jeder derſelben bei der Einnahme der Stadt, sin 356 tuͤrkiſches Haus in Beſiz nehmen und als ſein Eigen⸗ thum betrachten koͤnne, wodurch zugleich ſie Buͤrger der Stadt werden wuͤrden. Dieſes Verſprechen wurde auch gehalten. Das waͤrmere Klima und die verſchiedene Lebens⸗ art verurſachten bei mehrern Philhellenen Krank⸗ heiten. Bei ſeiner Abreiſe von Tripolizza ließ Muͤller ſein Gebaͤck zuruͤch und nahm geruͤhrt von ſeinem kranken Freunde Duntze Abſchied. Ein be⸗ ſchwerlicher Weg uͤber Verge fuͤhrte unſern Kaͤmpfer. Auf dem hoͤchſten Gipfel eines Verges erblickte er das Meer des großen Golfs von Argos. Man muß beinahe eine Stunde auf dem hohen Bergruͤcken fort⸗ ziehen, bis man Napoli Argos und die ſchoͤne große Ebene vor ſich liegen ſieht. Der Anblick dieſer Gegend iſt ſelten und maleriſch. Die Berge ragen vom Meere zu einer Hoͤhe empor, welche man beinahe mit jener des Spluͤgen vom Como⸗See verglei⸗ chen kann. Tief unten lag klein und in aufſteigende Rauchwolken gehuͤllt, hinter dem Felſen des jenſeitigen ufers verſteckt, die feſte Stadt, deren Haͤuſer man kaum von einander unterſcheiden konnte. Auf dem Felſen erhob ſich, wie kleines Gemaͤuer, die ſtolze Feſie Palamydi. Das uͤber eine Stunde breite Meer des Golfes und die Landhaͤuſer und Baumgruppen gaben nur einen ſchwachen Schimmer. Noͤrdlich zog ſich das freundliche Argos am Fuße der Gebirge hin. Eine rauhe, traurige hohe Felſenkette umſchloß das 357 ſchoͤne Thal. Suͤdlich erſtreckten ſich die hohen Ge⸗ birge Lakoniens weit in das Meer; im Hintergrunde ragten Vorgebirge und kleine Inſeln aus dem ſilber⸗ klaren Meere hervor. An Agamemnon, Diomedes, Menelaus und andere griechiſche Helden ſich erinnernd ver⸗ doppelte Muͤller ſeine Schritte, um das beruͤhmte Thal zu erreichen. Muͤhſam ging es den hohen Berg herab, der Weg wurde immer ſteiler, die Hitze druͤ⸗ kender, der Durſt groͤßer, ſo daß er glaubte vor Ma⸗ tigkeit vergehen zu muͤßen, ehe er das laͤngſt erſehnte Mulino erreichen konnte. Mehrere zerfallene und 6— 6 ganze Hauſer am Meere bilden Mulino, welches Napoli gegenuͤber liegt. Einige Kanonenſchuͤße auf griechiſchen Bar⸗ ken im Meere verkuͤndeten den Trotz der Belagerten. An der Wand eines Hauſes hingen Luͤrkenkoͤpfe, welche mit Zweigen durch die Ohren an einander gereiht und ſcheußlich zerhauen waren. Die kahlen abraſirten Koͤpfe machten den Anblick noch graͤulicher. Alle Wunden und Deffnungen waren ſchwarz und mit Muͤcken beſetzt. Die Griechen ſanden lachend und kalt bei dieſer ſchauderhaften Szene, mibßhandelten die Koͤpfe und ſpuckten ſie an. Von den Tuͤrken lernten die Grie⸗ chen auch Gefuͤhlloſigkeit; ſie halten es fuͤr ein religioͤſes Verdienſt, recht viele Tuͤrken zu ermorden⸗ Dem, an einer reizenden Kuͤſte ſich befindlichen, Mulino liegt gegenuͤbet die befeſtigte Stadt Napolt 358 am Meere, hinter welcher ſich die Zitadelle maſeſtaͤtiſch erhebt. Die vielen Thuͤrme, die ſchoͤnen hohen Zy⸗ preſſen, welche uͤberall hervorragten, erregten in den Philhellenen den Wunſch nach ihrer baldigen Beſiznahme. Vor der Stadt, in der Mitte des Meer⸗ buſens, lag das griechiſche Kaſßtell. Das Lager hier war zur Beobachtung der Ebene ertichtet. Von hier kamen die Griechenfreunde auf eine Anhoͤhe, auf welcher ſich das zweite Lager befand. Sie geſellten ſich zur Truppe des franzoͤſiſchen Offiziers de Lavillaſſe. Das Oberkommando von der Blo⸗ kade hatte der tapfere Krieger Staieo. Das Lager war etwa eine Stunde von der Stadt entfernt, in einem halb zerſtoͤrten Donfe. Die Garniſon von Napoli ſetzte durch ihre haͤu⸗ ſigen Ausfaͤlle das Belagerungskorps beinahe taͤglich in Bewegung. Die Philhellenen ruͤckten mit den Griechen vor Tages⸗Anbruch aus, zogen ſtille bis unter die Mauern der Feſtung, nahe an die Stadt, vertheilten ſich rings um die verſchiedenen Wege und verbargen ſich hinter Steinen und Felſen. Da lag man Stunden lang ohne ſich zu ruͤhren, bis durch die erſten Schuͤße auf die Feinde das Zeichen zum Auf⸗ bruch gegeben wurde. Sogleich eilten die Zuruͤckſte⸗ benden zur Huͤlfe, immer Steine und Felſen benutzend, um ſich vor den feindlichen Kugeln zu ſchuͤtzen. Ging es gluͤcklich, ſo drang man unter dem Jubelgeſchrei: Juria! Juriat vor; wazen die Feinde zu müchtig⸗ 359 ſo zog man ſich in großter Eile, unordentlich und ſtille bis zur naͤchſten Stellung zuruͤck, bei welcher unter Schimpf und Geſchrei ein lebhaftes Feuer auf den Feind eroͤffnet wurde. Ebenſo ſchrien und ſchimpf⸗ ten die Tuͤrken, wenn ſie vordrangen. Die Bewe⸗ gungen der tuͤrkiſchen Reiterei fielen wegen der Felſen und Steine gewoͤhnlich zum Vortheile der Griechen aus. Gefallenen Feinden, waren ſie lebend oder todt, ſchnitten die Griechen die Koͤpfe ab, und ſchickten ſie dann mit den Kleidern und Waffen der Gefallenen in das Lager. Eines Tages begab ſich Muͤller mit ſeinem Freunde Theobald auf eine der vorderſten Stellun⸗ gen, um einige tuͤrkiſche Piſtolen zu erbeuten. Einige Tuͤrken, welche ſich aus der Stadt wagten⸗ ließ man ganz nahe kommen, um ſie ſaͤmmtlich zu erlegen. Schreiend ſtüͤrzten die Griechen auf dieſelben und bemuͤhten ſich eifrigſt den Gefallenen die Koͤpfe abzuſchneiden, als plotzlich tuͤrkiſche Reiteret an⸗ ruͤckte. Schnell wurden die alten Stellungen einge⸗ nommen, aber ſtarkes Musketenfeuer vertrieb die Griechen aus denſelben. Bald war Muͤller verlo⸗ ren, wenn er nicht die zweite Stellung und mit ihr ſein Heil erreicht haͤtte. Hier erneuerte ſich der Kampf, die Luͤrken wurden öberflugelt und mit Verluſt zuruͤckgetrieben. Die Griechen hatten 40 Koͤpfe und a Gefangene erkaͤmpft, dagegen uur einen Verluſt von 6 Todten 360 und 2 Verwundeten erlitten. Ganz erſchoͤpft kamen ſie im Lager an und mußten ſich gluͤcklich preiſen, Waſſer und ein wenig des ſchlechten Commisbrodes zu erhalten. Bald wurden die Philhellenen auf einen ſchauderhaften Auftritt aufmerkſam gemacht; einer der Gefangenen ſollte enthauptet werden. Er hatte ſich wuͤthend in einem Landhauſe vertheidigt; als man ihn deßwegen zur Rede ſtellte, antwortete er:„er ſey ein Tuͤrke.“ Dieſer Trotz brachte die Griechen ſo in Wuth, daß ſie ihn unbarmherzig, ſo elend er auch war, aus dem Landhauſe ſchleppten, die blutigen Kleider vom Leibe riſſen, enthaupteten. Solche grau⸗ ſame Schauſpiele waren haͤufig im Lager! Die Ankunft einer Heerde Ziegen im Lager ver⸗ kuͤndete einen Fleiſchtag. Die Ziegen wurden ſo ver⸗ theilt, daß auf 15 Mann eine kam. Die Griechen ſind alle Metzger; in Geſchwindigkeit waren die Thiere abgezogen und an den Spieß geſteckt. Als man den Braten am Feuer herumdrehte, und die Eingeweide zuerſt bereitete und koſtete, fielen unſerm Reiſenden PHomers Worte ein: „Als ſie die Lenden verbrannt, und die Eingeweide gekoſtet, Schnitten ſie auch das nebrige klein, und ſteckten's an Spieße, Brietens mit Vorſicht uͤber der Glut, und zogen's herunter.“ Muͤllez glaubte, ſich bei der großen Aehnlichkeit des 361 Mahles, mit dem der Alten im griechiſchen Lager vor Troja zu befinden. Um die Handlung noch voll⸗ kommener zu machen, kauften ſie ſich von den Beute⸗ Geldern herzerguickenden Wein, verwahret im Schlauche von Geisfell, und opferten der Pallas Athenä. damit ſie Schutz und Kraft im Kampfe gewahre. Es fehlten an dieſem Abende nur die Maͤgdlein mit roſi⸗ gen Wangen und die Thierfelle zum weichen Lager, um ſich eben ſo gluͤcklich, wie jene Belagerer nach gewonnener Feldſchlacht zu machen. Doch kaͤmpften die Philhellenen nicht fuͤr ein geraubtes Weib, ſondern fuͤr Selbſterhaltung auf vaterlaͤndiſchem Boden, und aus Rache fuͤr viele Tauſend gefallene Soͤhne, entfuͤhrte Maͤgdlein und Frauen der Griechen. Wegen der herannahenden Kaͤlte begab ſich Muͤl⸗ ler nach Tripolizza, um ſich einen Mantel zu kaufen. Seinen Freund Duntze fand er ziemlich außer Gefahr; auch Kuͤner war wieder hergeßtellt; aber Gillmann befand ſich dem Tode nahe und wurde von einer jungen Franzoͤſin gepflegt. Bei der An⸗ kunft Muͤllers in Mulino traf das laͤngſt erwartete erſte Regiment ein, um zur Belagerung von Napoli verwendet zu werden. Das Regiment beſtand aus 260 Mann, welche regelmaͤßig in den Waffen geuͤbt waren und meiſt Auslaͤnder zu Befehlshabern hatten. Die teutſchen DPffüziere des Regiments waren von WMandelslob, Specht und Sreiber, welche 362 in der Schlacht bei Peta im Anfange des Juli 1822 ſehr viel gelitten hatten.. Von ſeinem Freunde, dem Lieutenant Dom⸗ browsky wurde Müller dem Pberſten des Regimen⸗ tes vorgeſtellt. Bei dem regulaͤren Korps war nun ein ganz anderes Leben; Morgens, Mittags und Abends hoͤrte man den Schlag der Trommel; man erhielt oͤfter Fleiſch als ſonſt, auch war der Dienſ er⸗ muthigend. Am 2. Tage nach der Ankunft des Regiments kam es auf den Ruinen von Siryns zu einem Gefechte, in welchem ſich die Griechen zuruͤckziehen mußten. Die Suͤrken brachten Lebensmittel und 300 Mann vach Napolt. Jetzt erſt kam man auf den Gedanken, die Engpaͤſſe zwiſchen Korinth und Napoli be⸗ ſaͤndig zu beſetzen, welche man fruͤher nur, wenn man ein Unternehmen des Feindes befuͤrchtete, mit Mannſchaft verſah. Dft mußten die Griechenfreunde in der Mitte der Nacht aufbrechen und einen Weg von s— 6 Stunden zurücklegen, bis ſie die hohen Berggipfel erſtiegen hatten, bei welchen ſie gewoͤhnlich mit Anbruch des Tages ankamen, und ſo lange liegen blieben, bis ſie Nachricht erhielten, daß die Feinde auf einer andern Seite durchgedrungen, oder wieder zuruͤckgekehrt ſeven. Dieſe Gebirssmaͤrſche waren ſehr ermüdend. Bei einem ſolchen naͤchtlichen Streifzuge fanden ſie noch Spuren der Verſchanzungen, welche die 363 Griechen unter Coloeotroni im Auguſt, gegen die Armee des Machmud Paſcha errichtet hatten. Wenn man ſolche Paͤſſe ſieht, hegreift man leicht, daß die Griechen, als Inhaber der Verge, immer mit ſo wenig Verluſt, ihre Feinde beſiegen und auf⸗ reiben. Es iſt beinahe nicht moͤglich, daß bei zweck⸗ maͤßigen Anſtalten nur ein Mann durchkommen kann. Die hohen Felſengipfel der Berge ſchlingen ſich gleich Mauern um die Paͤſſe herum; man kann keinen Schritt thun, ohne auf den Weg ju ſchauen, welcher mit Steinen ganz angefuͤllt iſt.— Von der Zeit an, daß genannter Paß beſetzt war, wurden der Garniſon von Napoli alle Lebensmittel abgeſchnitten. Die Ruinen von Tiryns, welche unſere Grie⸗ chenfreunde von einem aͤhnlichen Schickſale, wie jenes der Philhellenen bei Peta war, befreiten, be⸗ trachtete Muͤller ſpaͤter genauer. Das Ganze hat den Umriß einer uralten feſten Stadt, deren Mauem von kuͤhner, koloſſaler Bauart, aus großen Felſenbloͤ⸗ cken zuſammen geſetzt, und wohl 20 Fuß dick ſind. Da die tuͤrkiſchen Diviſionen in Korinth ruhig blieben und die Garniſon von Napoli ausge⸗ ſtorben zu ſeyn ſchien, ſo machte Muͤller mit Dom⸗ browsky einige Streifzuͤge in die Umgegend. Er beſuchte Argos, welches im Vergleiche mit den andern griechiſchen Stadten keineswegs ein Dorf iſt, wie Chateaubriand ſagt; denn, wenn man es der Laͤnge nach durchgeht, brancht man faß eine Stunde⸗ 364 Die Haͤuſer waren zur Haͤlfte niedergebrannt und nicht einmal ein Thier war in der Stadt zu finden. Muͤller beſuchte verſchiedene Alterthuͤmer und das zerſtoͤrte Schloß, in welchem ſich Jpfilanti im Juli 1822 recht tapfer gegen die tuͤrkiſchen Detaſchements des Machmud Paſcha vertheidigt hatte. Die Umgebungen von Argos ſind bis auf die Berge ſehr reitzend. Die ganze Ebene iſt mit Doͤrfern und Landhaͤuſern angefuͤllt. Die verſchiedenen Baum⸗ gruppen, verbunden mit den gruͤnenden Weingaͤrten machen die Gegend zu einer der reizendſten vovn Mo⸗ rea. Doch haben die vielen Truppendurchzuͤge und Gefechte ihm einen außerordentlichen Schaden zugefugt. Von Argos wandten ſich unſere Reiſenden zu den Ruinen von Mpyzen a, begruͤßten bald den rei⸗ ßenden Inachus und erreichten nach einigen Stunden das Grabmal Agamemnons, an welchem ſie den hier beſtatteten, im heiligen Kampfe gebliebenen Philhellenen ihre Verehrung bewieſen. Dieſes Grabmal iſt aus großen Felſenſteinen zuſammengeſetzt, und bildet eine Hoͤhle, welche oben durch eine Pff⸗ nung Licht erhaͤlt. Etwas weiter fanden ſie die Ruinen von Mozenaͤ in einem duͤrren unbebauten Seiten⸗ thale. Sie ſahen große, auf einander gethuͤrmte Steinmaſſen, welche die Stadtmauer bildeten. Durch die Ebene von Argos kehrten ſie in das Lager zuruͤck, wo ſie gerade einen Ausfall auf den Feind machten. Als ſich keine Feinde ſehen ließen, erſchlu⸗ 365 gen ſie den Fuͤhrer einer Heerde Mauleſel, waͤhrend die Tuͤrken gleichguͤltig von der Mauer zuſahen und Tabak rauchten, obwohl dieſe Thiere ihnen die letzten Nahrungsmittel zufuͤhren ſollten. Als ſie die Eſel forttrieben, waren ſie lange den Kanonen ausge⸗ ſetzt, und ein Kartaͤtſchenfeuer konnte ihnen ſehr viel ſchaden, aber die Tuͤrken thaten keinen Schuß. Wegen der kalten Jahreszeit und aus Mangel an Kleidern ſchickten die Philhellenen einige Abgeord⸗ nete an das Gouvernement in Castri, einem Dorfe auf der Stelle des alten Hermione. Die Gegend iſt angebaut und beſonders am Meere hin ſehr frucht⸗ bar an Wein, Mandeln, Feigen und Drangen. Die Verſtellungen der nothleidenden Philhel⸗ lenen fanden bei dem Kriegsminiſter kein Gehoͤr und wurden ſogar unguͤnſtig aufgenommen. Mehrere Male hieß es, ſeine Exzellenz ſeyen nicht zu Hauſe, obwohl ſie ſich zu Hauſe befanden. Einem Diener, welcher die Anweſenheit des Kriegsminiſters verlaͤugnete, gab Muͤller einen Stoß, daß er umfiel; dann begab er ſich in das Zimmer des Miniſters. Dieſer ſaß auf einem Polſter und rauchte Tabak. Bei der Vorſtellung, daß ſie nur wenige Maͤntel und zerriſſene Schuhe haͤtten, antwortete der Miniſter, es ſeyen keine Mit⸗ tel da, um ihnen zu helfen. Auf die Bemerkung der Philhellenen, daß ſie ohne Unterſtuͤtzung von der Regierung und ohne allen Sold genoͤthigt ſeyn wuͤr⸗ den, Gpriechenland zu verlaſſen, bemerkte der 366 Miniſter:„es thue ihm leid, aber ſie wuͤrden ohne Mittel auch eine ſchlechte Ruͤckreiſe haben“. Obwohl die Erklaͤrung des Miniſters ſehr beunru⸗ higend war und nur die ſchlimmſte Zukunft erwarten ließ, ſo wollte Muͤller, da Duntze noch krank war, die Einnahme von Napoli noch abwarten, und kehrte dann in das Lager von Napoli d. R⸗ um Schuhe kaufen und die Ruͤckreiſe antreten zu koͤnnen, verkaufte Muͤller ſeine Piſtolen, welche bei den Griechen nicht nur eine Waffe, ſondern auch eine Zierde ſind. Bei der Ruͤckreiſe wurde Muͤller in den griechi⸗ ſchen Doͤrfern unguͤnſtig aufgenommen. Die Bauern und Papen weigerten ſich, Lebensmittel herzugeben, und ließen ſich dieſelben theuer bezahlen. Die umgebungen des Dorfes Cranit, in der Gegend des alten Maſes, ſind angenehm und fruchtbar. Die Einwohner ſind ſtarke ſchoͤne Leute, beſonders ſchoͤn iſt das weibliche Geſchlecht. Sie ſind grob, ſinſter und kalt gegen Fremde und haben einen ſo wilden Charakter, daß ſie ſelbſt von den Luͤrken gefuͤrchtet werden. In einem Kloſter, nahe an der Bucht, bei einem kleinen Dorfe, erzwangen ſie ſich Lebensmittel mit Gewalt. Unwillen erregt die G⸗ fuͤblloſigkeit dieſer Menſchen! Muͤller war froh, dieſes undankbare Kuͤſtenland verlaſſen zu koͤnnen. Die Fahrt an der Kuͤſte war aͤußerſt angenebm; immer eine neue Landſchaft oder 367 ein großer Fels, oder eine Kruͤmmung der Ufer. Die Reiſenden kamen an mehrern kleinen Inſeln voruͤber, deren ufer mit Heerden von Schafen und ganzer Schaaren wilder Tauben bedeckt waren. Als Muͤller die luſtigen Schwaͤrme von einem Felſen zum andern am Ufer hinflattern ſah, erkannte er Homers Kuͤ⸗ ſten, von ſchuͤchternen Tauben umflattert. In das Lager zuruͤckgekebrt fand Muͤller den groͤßten Mangel. Dft machte er mit Griechen Streifzuͤge auf halbreiſe Citronen und Feigen. Bei warmer Witterung hatten ſie auch mit ihren gefraͤßi⸗ gen Paraſiten in den Hemden zu kaͤmpfen. Jeder ſuchte ſich ein Plaͤtzchen im Freien, um dieſe Hand⸗ lung ungeſtoͤrt vornehmen zu koͤnnen. Einſt wurden ſie in dieſem Geſchaͤfte durch den Ausruf: Turchi, Turchi! geſtoͤrt. Auch war wieder Fleiſch ange⸗ kommen, ſie aber mußten mit leerem Magen abziehen und fanden nach einem vierſtuͤndigen Kampfe bei ihrer Rückkehr ihre zuruͤckgelaſſene Speiſe von andern Griechen aufgezehrt. Bei dieſem Zuge erbielt Muͤller einen Prellſchuß auf die Wade. Der Mangel an Lebensmitteln wurde immer groͤ⸗ ber und das Brod ſo ſchlecht, daß man es bei dem groͤßten Hunger kaum hinunterbringen konnte. In den ſteilen Gebirgsſchluchten wurden die Anſtrengun⸗ gen groͤßer, die Koſt aber wurde ſchlechter. Hehzbirnen und Schlohen waren oft etwas koͤſtliches. Fieberanfaͤlle 368 verurſachten auch bald das Uebernachten unter freiem Himmel. Im Monate Dezember wurden die Anſtalten zur Blokade von Napoli noch mehr verbeſſert. Kolo⸗ kotroni ſtieß mit ſeinem Truppe zu dem tapfern Nikitas von Korinth. Es wurde nun jeder Ver⸗ ſuch der Suͤrken nach Napoli vorzudringen vereitelt. Auf die ſchmerzliche Nachricht von dem Wuͤthen des Todes unter den Philhellenen kehrte Muͤl⸗ ler nach Tripolizza zuruͤck. Sein Freund Duntze lebte noch. Küner, Theobald, Donauer befan⸗ den ſich ſchon im Reiche der Schatten; Thomas und Gillmann naͤherten ſich allmaͤhlich dem Nachen Charon's. um Duntze's voͤllige Herſtellung zu be⸗ wirken, brach Muͤller mit ihm nach Hydra auf, um ihn bei einem deutſchen Arzte zuruͤck zu laſſen. Vor ſeiner Abreiſe ſuͤhnte er noch die Manen der ge⸗ ſtorbenen Philhellenen durch Thraͤnen uͤber ihr fruͤhes Dahinſinken. Beſchwerlich war der Wes bis Sripolizza und dem durchnaͤßten kranken Wande⸗ rer verſchloß man hartherzig die Thuͤre und hielt ihn von dem Feuer des heimathlichen Herdes ab, um ſeine feuchte Kleidung zu trocknen. Bei der Einſchiffung ſtiegen ſie in einen kleinen Kahn, welcher ſo mit Menſchen angefuͤllt war, daß man kaum fuͤr die Fuͤße Platz hatte. Durch dieſen umſtand wurden Muͤllers Fuͤße ſo zuſammengepreßt⸗ —— 369 daß er bei dem Landen zu Spezia kaum von dem Schiffe ſich an das Ufer zu begeben vermochte. Fruͤher war Muͤller um ſeinen Gefährten be⸗ ſorgt, jetzt durfte er es um ſich ſeyn. Er war froh, nicht in dem Lager krank geworden zu ſeyn, um nicht gleich andern Kranken in Muliny's feuchten Kellern ſeinen Geiſt aushauchen zu müſſen. Da ſie gerne et⸗ was Warmes zu ſich genommen haͤtten, beſchloßen beide Freunde in die Stadt zu gehen. Alle 6 Schritte aber mußten ſie ausruhen; und doch gingen die Grie⸗ chen gefühllos vorüber. In der Stadt ſelbſt wurden ſie von nächtlichen Raͤubern angefallen und Muͤller wurde ſeines Dolches beraubt. In Hydrn verſchlimmerte ſich der Zuſtand bei⸗ der Freuͤnde. Beide mußten das Lager hüten. In einer Stube, eine Stiege hoch, mir 3 Fenſtern ohne Scheiben, einer Bank und einem kleinen Bretter⸗ Tuffatze zum Llegen, ſollten ſie geneſen. Es war keine Feuerſtätte, keine Spreu vorhanden, Winde und Kälte drangen durch die offenen Fenſter. In die Maͤntel gehullt, ihre Saͤcke unter dem Kopf, lagen ſie, von allen Menſchen verlaſſen. Da ſchickte Gott einen ret⸗ tenden Engel in der Perſon eines deutſchen Juweliers⸗ Franz mit Namen. Dieſer pflegte der Reiſenden ſo viel er konnte, und brachte ihnen die ärztliche Huͤlfe des Doktors Leander, welchem Müller ſein Leben zu verdanken hatte. um dieſe Seit kam die große Expedition der deutſchen Legton zu Hydra an. Aber wie ſchauderte ieder bei dem Eintritte in das Zimmer der Franken. Einige drückten gerührt die Hände der Kranken, andere blickten ſtaunend nach dem Ungeziefer⸗ welches an ihren Uniformen herum kroch. Das Mit⸗ leid auf allen Geſichtern und die herzliche Theilnahnte aller an dem traurigen Zuſtande der Kranken vührte dieſe bis zu Thraͤnen. Lohmann aus Sremen, 67. Bd. Griechenland. III. 3. 5 371 Zugleich mußte eine turkiſche Diviſion von 2000 Mann, weiche ſich nach Patras gewendet hatte, bei dem Dorfe Akrata, nachdem die Halfte durch Krankheit aufgerieden war, kapituliren. Auf Geheiß des Odyſ⸗ ſeus ſchenkte man den Lebrigen das Leben und ſchiffte ſie nach Abgabe ihrer Sffekten ein. Als Mülter mit entzündeten Augen, ſchwach zum Umſinken und mit der Kruͤcke zu Hermione ankam, erregte ſein trauriger Zuſtand das Mitleid aller Kameraden. Man verſchaffte ihm ſogleich eine Wohnung und ſuchte auf jede moͤgliche Art ſeine Lei⸗ den zu erleichtern, ſo zwar, daß er bald wieder iu Kraͤften kam. Die deutſche Legion wurde unter ſich un⸗ einig, empoͤrte ſich gegen ihren Capitain und bewirkte, daß mehrere ihrer Mitgliederzur Ruͤckreiſe nach ihrer Hei⸗ math ſich anſchickten, weil ſie ohne Soid dienen ſollten. Muͤller faßte nun den Entſchluß zur Ruͤckretſe, welchen auch der Kriegsminiſter billigte. Er ließ ihm 20 FPiaſter— ungefaͤhr 6 fl. 40 kr. auszahlen, mit welchen er nach Hydra gehen ſollte. Hier blieb er ohne alle Unterſtuͤtzung. In dieſem traurigen Zuſtande eutſchioß er ſich zu ſeinem Freunde Dombrowsky nach Athen ju reiſen. Muͤller beſah hier die Al⸗ terthuͤmer von Minervas Stadt und bewunberte vorzüglich die herrlichen Vebetreſte des Pantheon. Er glaubte bei deſſen Anblick in eine andere Welt ver⸗ ſetzt ju ſeyn und wunderte ſich nicht, wenn es damals Menſchen gab, welche vergottert wurden. Welche Wahrheit liegt in Schillers Worten aus den Goͤt⸗ tern Griechenlands: „Da die Goͤtter menſchlicher noch waren „Waren Menſchen göttlicher!“ Der Thefeus Tempel iſt das faſt noch ganz erhaltene Denkmal Athens und dient den Grie⸗ chen zu einer Kirche. Die Beſchreibung der uͤbtigen 372 X Denkmaͤler koͤnnen wir fuglich uͤbergehen, da es nicht unſere Abſicht iſt, früher Geſagtes zu wiederholen. Ueber den Zuſtand Morea's und ſeiner Bewoh⸗ ner aͤußert ſich Müller alſo: Morea iſt ein Ge⸗ birgs⸗Land, wie die Schweiz, nur daß in Morea alles enger zuſammengedraͤngt, die Thaͤler kleiner, und die Gebirge nicht ganz ſo hoch, wie die Schwet⸗ zer Berge ſind Bei den groͤßern Meerbuſen und Buchten befinden ſich gewoöhnlich reizende und ſehr fruchtbare Ebenen, welche zum Theil tief in das Land hineingehen. Im Innern bildet das Land lauter keſ⸗ ſelartige Thaͤler, welche alle mit bohen, oft unzu⸗ Laͤnglichen Gebirgen umgeben ſind. Schmale, ſteiniate Wege, oft kaum 3 Fuß breit, unterhalten die Ver⸗ bindungen von eineim Drte zum andern und laſſen nicht leicht einen Feind in das Land. Die Gebirge nahren die zahlreichen Heerden von Ziegen und Lämmern, und die Thäler, Ebenen und Kuͤſten ſind groͤßtentheils angebaut. Die Produkte, welche Moreg erzeugt, ſind hinreſchend, das Volt zu ernaͤhren. Die vorzoglichſten Erzeugniſſe des Landes Und: Getreide, tuͤrkiſches Korn, Del, Feigen, Wein und Seide; außerdem liefert die Halbißſel noch Ho⸗ vig, Drangen, Baumwolle und Fräüchte aller Art; be⸗ [onders reich iſt Morea an Viehzucht, ſowohl der Pferde und Stiete, als auch der Laͤmmer, Siegen und Eſel. 2 In Gewerben ſind die Griechen weniger vorge⸗ ſchrizten. An Fabriken iſt wegen der R ubſucht der Tuͤrken nicht zu denken. Der Landmann verfertigt feine Beduͤrfniſſe an Kleidung ſelbſt; die Frauen und Jungfrauen weben nicht allein Hemden aus Baum⸗ wolle und Seide, ſondern auch eine Art weißes Wol⸗ lentuch zum Schutze gegen Kaͤlte und Teppiche zum Schlafen. Man findet beinahe in jedem Hauſe einen Webſtuhl.. — 373* Vermoͤge der dreihundertjahrigen K Kuechtſchaft und der ſchrecklichen Zwingherrſchaft der Tuͤrken kann man bei den Griechen keine Tugenden ſuchen. Falſchheit, Betrug, Eiferſucht, Geiz, Rachſucht, Argwohn und noch viele andere Untugenden ſcheinen ihnen angeboren zu ſeyn; doch haben ſich die Grie⸗ chen ſeit ihrer Befreiung vom Sklavenjoche bedeu⸗ tend in ihren Sitten verbeſſert. Wenn ſie auch tief geſunken ſind, ſo müſſen uns doch wieder viele Eigen⸗ ſchaften, welche ſie beſitzen, überzeugen, daß ſie ſich wieder zu einem befferen Geſchlechte erheben können und werden. Betrachten wir ſie als Familienvaͤter und als Freunde unter ſich, ſo finden wir gewiß alle lobenswuͤrdigen Eigenſchaften, welche ſich von dem moraliſchen Penſchen, als Gatten, Freund und Bru⸗ der erwarten laſſen. Dagegen iſt ihr Benehmen gegen Fremde wirklich undankbar und ſogar falſch. Talente, Fleiß und Wißbegterde beſitzen ſie im hohen Crade, aber ſie entwuͤrdigen dieſe Vorzuͤge jetzt noch durch Ciſt und Betrug. Die Religioſttär und ſtrenge Sittſamkeit der Frauen ſind vortreffliche Eigen⸗ ſchaften eines Volks⸗Charakters, nur mäßten Le von Verſchmitztheit, Haß gegen Andersglaͤubige und Fremde gereinigt ſeyn, wenn ſie im ſchoͤnen Lichte erſcheinen ſollten. Stolz, Uebermuth, Frechheit und noch viele andere boͤſe Leidenſchaften beherrſchen die Griechen. Die Nachahmung der tuͤrkiſchen Sttten ſcheint nach und nach von den Patrioten verdraͤngt zu wer⸗ den. Deſto lobenswuͤrdiger iſt die Erhaltung vieler alter Sitten, welche der Nation wirklich Ehre machen. Des ſchoͤnen Wuchſes und der ausgezeichneten Geſichtsbildung der Griechen wollen wir im Vor⸗ übergehen erwaͤhnen. Nicht minder iſt dieſes der Fall bei dem welblichen Geſchlechte. Der ſchlanke regelmaͤßige Wuchs, die ſchoͤne Geſichtsbildung, ver⸗ bunden mit einer blendend Grundfarbe, einem Flammenauge, einer ſanft gebogenen Naſe, einem vollen, wogenden Buſen, und einer zierlichen Haar⸗ ſlechte machen die feurigen Madchen zu wahren Bra⸗ sien. Starr bleibt das Auge auf die teizenden Nym⸗ Lhen geheftet, wenn ſie ſcherzend zur Kirche wan⸗ dern und mit freundlichem Blicke an einem Manne vorübergehen. Die griechiſchen Frauen verlaſſen ſelten ihre Wohnung aus einem andern Grunde, als um dem Gottesdienſte beizuwohnen. Im Fruͤhjahr 4823 verließ Muͤller die Kuͤſten Moreas, begab ſich nach Syra und Secios, wo die ſchoͤnten Baumgruppen, von unzaͤhligen Land⸗ haͤuſern unterbrochen, die reizenden Ufer beleben, hin⸗ ter welchen ſich hohe Schneeberge majeſtätiſch erheben⸗ Der Anblick dieſer Uer erinnerte unſern Relſeßden an die zauberiſchen Umgebungen von Marſeille. Erotz der ſchrecklichen Verheerungen ſah man hier koch ein Landhaus an dem andern, und ſoweit das Auge an der weiten Kuͤſte hinab reichen konnte, Pracht und Schoͤnheit der Natur. Aber es zeigten ſich auch Brandſtellen und zerftoͤrte Doͤrfer, bei deren Anblick man über die Greuel ſchgudern muß, welche ein Jahr zuvor auf der Inſel veruͤbt wurden! 2 In der Stadt Motilene begab ſich Müller sum öſterreichiſchen Konſul, welcher ihm aber grob begegnete und ihn mit einem Piaſter(20 kr.) unterſtuͤtzte. Auch lief er Gefahr, in dieſer Stadt als bilhellene entdeckt zu werden, welches ihm ohne weifel das Leben gekoſtet haͤtte, wenn ihn nicht der öſterreichiſche Konſul aus der Gefahr befreit bätte. Die Griechen in Mytilene ſind mehr ge⸗ druͤckt, als alle andern; ſie tragen ſogar ſklaviſche Auszeichnungen an ihren Kieidern. Von Mytilene ſieuerte das Schiff den ganzen Tag an der Kuͤſte. Auf der Hoͤhe der Berge ſah man vomantiſche Doͤrfer, und unten ſchon bebauts gruͤne ——— — — 8 375 Uſer von Hrangen, und Blivenwaͤldern unterbrochen. Am nächſten Morgen waren die Reifenden mebr rück⸗ als vorwärts gekommen. Als Müller an das Land ſteigen wollte, um von dem öſterreichiſchen Kon⸗ ſut Brod zu erflehen, verbot ihm diefer das Landen, wenn ihm ſein Leben lieb wäre, denn die Tuͤrken hätten erfahren, daß er(Muͤller) ein Philhel⸗ lene ſey und in Morea gekaͤmpft habe. Auf der Reiſe nach Smyrna wurde der Man⸗ gel an Lebensmitteln ſehr druͤckend. Muͤller ver⸗ kaufte das Letzte, was er zu verkaufen hatte— ſeine Philhellenen Muͤtze— fur 4 Piaſter, für welche er ſogleich Brod ankauſte. Er aß zwei Laibchen und trank viel Regenwaſſer, welches ihm das Fieber zu⸗ zog. Als er etwas Reis zu eſſen verlangte„war der Capitain und das Schiffsvolk ſo unbarmheriig, wäh⸗ rend ſie alle aßen, ihm ſeine Bitte abzuſchlagen. Um ihm nun etwas Warmes zu verſchaffen, kochten ihm ſeine Gefaährten eine Waſſerſuppe, welche ſie mit Schuhſchmiere ſchmalzten. 2 In Smyrna kam Muͤller in das franzoͤſi⸗ ſche Hyſpital. Viele Deutſche von der Legion waren hier verſammelt, betrachteten die Philhel⸗ lenen mit Staunen und reichten ihnen bruͤderlich die Haͤnde. Die Weiber des Hauſes weinten bei de⸗ ren Anblick. Als er wieder dergeſiellt war, bot er verſchiedenen Kaufleuten und Konſuln ſeine Dienſte au, wurde aber abgewieſen. Endlich trat er in den Dienſt eines holländiſchen Krämers, bei welchen er Sklavendienſe verrichten mußte. Kaum war er 1 ½ Tage im Dtenſte, ſo horte er die erfreuliche Nach⸗ richt, daß der öſterreichiſche Konſul alle Deu⸗ in in Schutz nehme und nach und nach einſchit⸗ en laſſen wolle. Der Gefandtſchafts⸗Sekretär, Herr Balduini nahm die unglücktichen Deurſchen in ſein Haus auf und lorgte für ihre Rettung. 376 Endlich nahte der Tag der Einſchiffung heran. Mit Müller ſchiffte ſich ein, Bauer, ein Apothe⸗ ker Gehuͤlfe von der deutſchen Lesion. Perr Balduini ſorgte fuͤr Lebensmirtel auf die Reiſe und gab ihnen noch ein kleines Taſchengeld. Herz⸗ 4 lich froh und ihren Wohlthätern noch einmal Dank wiſſend verließen beide am 2s. Junt Smyrna und lang⸗ ten bald in dem Kanale von Meſſina an Müller durchwanderte Jtalien, beſah Rom, Mailande. und langte dann in ſeiner Vaterſadt Bambersg an⸗