—— Taſchen⸗Bibliothek aller Reiſen um die Welt. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verſaßt von M h und herausgegeben von Foachim Heinrich Jaͤck, Königl. Bibliothekar zu Bamberg. V. Theil. 2. Bändchen. ————— Nürnberg. Verlent von Heinrich Haubenſtricker. 4 83 2. Adam Johann von Kruſenſtern's, ruſſiſchen Marine-Officiers und Ritters mehrerer Orden, Reiſe um die Welt, in den Jahren 1803 bis 1806. Von Franz Joſeph Adolph Schnei⸗ dawind. Fortſetzung. — Kruſenßern fand in dem Gouverneur, den engliſchen Oberſten Patton, einen ſehr artigen, zuvorkommenden Mann, der die Ruſſen mit der groͤßten Hoͤflichkeit aufnahm, und mit vieler Bereit⸗ willigkeit alles anbot, was er zu geben im Stande war. Er verſorgte die Mannſchaft der Nadeshda taͤglich mit friſchem Fleiſche, und haͤtte nur zu gerne den Ruſſen eine Quantität Mehl, welche dieſelben bedurften, verabfolgen laſſen, wenn die Magazine 102 eben nicht leer geweſen waͤren, und der Mangel an Mehl ſelbſt bei den Einwohnern nicht ſehr groß geweſen waͤre. Hruſenſtern erhielt auch hier die Nachricht von dem ſeit kurzem ausgebrochenen Kriege zwiſchen Rußland und Frankreich. St. Helena fand Kruſenſtern als einen ſehr guten Drt, nach einer langen Reiſe Erfriſchun⸗ gen einzunehmen. Man findet hier allerhand Lebens⸗ mittel, und beſonders Gemuͤße von der beſten Gat⸗ tung. In einer Zeit von 2— 3 Tagen war man reich⸗ lich mit allem verſehen. Porter und Weine, beſon⸗ ders Madera⸗Weine, waren hier im Uebepfluſſe vor⸗ handen und zu bekommen, ſo wie auch Schiffspropi⸗ ſion, als Salzfleiſch, Erbſen, Butter, ja ſogar Schiffs⸗ takelage. Die Anſtalten zum Waſſereinnehmen konnte nirgends beſſer ſeyn, als hier. In 24 Stunden nahm man ſeinen ganzen Vorrath an Waſſer mit der groͤß⸗ ten Leichtigkeit ein, und nach 43 Stunden war ein Schiff ſchon im Stande, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Freilich waren die Preiſe der Beduͤrfniſſe in St. He⸗ lena hoch.— Die Rhede dieſes Eylandes, das als todbringendes Gefaͤngniß Napoleons ewig in der Geſchichte der Welt fortgenannt ſeyn wird, iſt voll⸗ kommen ſicher. Als Kruſenſtern in St. Helenn die be⸗ ſtimmte Nachricht erhalten hatte, daß zwiſchen Ruß⸗ land und Frankreich der Krieg ausgebrochen ſey, 103 bedauerte er ſehr, daß Capitain Liſianskoy, ſeinen beſſimmten Befehlen zuwider, dennoch an St. He⸗ lena vorbeigeſegelt war. Gegenſeitige Sicherheit haͤtte freilich gefordert, daß beide Schiffe jetzt ſich nicht trennten. Die dieſer ruſſiſchen Expedition unter Kruſenſtern von der franzoͤſiſchen Regierung ge⸗ gebenen Paͤſſe ſchutzten ſie zwar, ſelbſt wenn ein Krieg ausgebrochen war, vor feindlicher Behandlung von Seiten wirklicher Kriegsſchiffe; von Capern ließ ſich indeß nicht immer erwarten, daß ſie aͤhnliche Ruͤchſich⸗ ten nehmen, ſelbſt wenn ſie den Befehl ihrer Regie⸗ rung haͤtten. Da Kruſenſtern einige Kanonen in Kamtſchatka zuruͤckgelaſſen hatte, ſo wollte er dieſe bier nun aus Vorſicht erſetzen. Der Gouverneur Patton ſtellte bereitwillig ſeine Magazine deßhalb zur Dispoſition, allein, obgleich er ſelbſt Alles mit durchſuchte, es fanden ſich keine Kanonen, die Kru⸗ ſenſtern brauchen konnte, und dieſer mußte ſich mit ſeinen 12 Kanonen begnügen. Der viertaͤgige, ſonſt in jeder Ruͤckſicht ſehr ange⸗ nehme Aufenthalt der Ruſſen auf St. Helena wurde durch einen eben ſo traurigen, als hoͤchſtuner⸗ warteten Zufall geſtoͤrt. Der Lieutenant der Na⸗ deshda, Goloratſcheff, ein feiner, artiger jun⸗ ger Mann von 26 Jahren, ein vortrefflicher Seeofſi⸗ zier, nahm ſich hier gewaltſamer Weiſe das Leben. Eine Stunde vor Vollführung dieſer That, hatte Kruſenſtern ihn auf dem Schiffe dem Anſcheine . 104 nach ruhig zuruͤckgelaſſen. Kaum war der Capitain an das Land gefahren, als man ihm die Nachricht brachte, daß ſich Golowatſcheff erſchoſſen habe. Kruſenßern eilte auf das Schiff zuruͤck, fand ihn aber ſchon nicht mehr am Leben. Seit der erſten Ab⸗ fahrt vvn Kamtſchatka nach Japan, bemerkte Kruſenſtern bei dem Lieutenant eine Veraͤnderung in ſeinem Betragen, welche ihren Grund oder ihre erſte Veranlaſſung in Mißverßaͤndniſſen und unangenehmen Erklaͤrungen, welche im Anfange der Reiſe vorgefal⸗ len waren, hatte. Die Bemuͤhungen Kruſenſterns, Peter Golowatſcheff von ſeiner immer mehr und mehr zunehmenden Melancholie zu heilen, blie⸗ ben fruchtlos. Daß dieſe einen Selbſtmord, und zwar kurz vor der Beendigung der Reiſe, zur Folge haben wuͤrde, dies war von Niemanden auf dem Schiffe ge⸗ ahnet worden. Kru ſenſtern hatte geglaubt, der Lientenant wuͤrde, wenn er zu ſeinen Aeltern, Ge⸗ ſchwiſtern und Freunden zuruͤckkehrte, von ſeiner Krank⸗ heit, die nur in ſeiner zerruͤtteten Einbildungskraft beſtand, bald geneſen. Auf dem Schiffe war zu ſei⸗ ner Wiederherſtellung keine Hoffnung, denn weder Kruſenſtern, mit ſo großer Schonung und Theil⸗ nahme er auch ihn behandelte, noch irgend einer der Kameraden Golowatſcheffs, konnte ſich ſein Zu⸗ trauen erwerben, und alle Verſuche, ihn von ſeinem falſchen Wahne zu befreien, ſchlugen fehl.— Der Gonverneur lieb den Ungluͤcklichen mit allen milita⸗ 105 riſchen Ehrenbeteugungen, die ſeinem Range gebuͤhr⸗ ten, begraben; der engliſche Prediger Wilkinſon verrichtete, ohne auzuſtehen, die Ceremonie der Be⸗ erdigung. Der s. Mai wurde von Kruſenſtern zum Tag der Abreiſe feſtgeſetzt. Da Kruſenſtern allein ſe⸗ gelte, ſo hielt er es fuͤr gut, ſeine Fahrt nicht durch den engliſchen Kanal zu nehmen, weil gewoͤhnlich in der Richtung nach dem Kanal die meiſten franzoͤſiſchen Kaper kreuzen. Er nahm, nach Umſchiffung der Azo⸗ ren lieber ſeinen Lauf gerade auf die noͤrdliche Spitze von Schottland zu, um durch den Kanal, der die Shetland von den DOrkaden trennt, die Nord⸗ ſee zu gewinnen; wenn auch dieſes Umweg war. Doch dieſer ſchien in den beſtehenden Verhaͤltniſſen mehr Sicherheit zu gewaͤhren. Den s. Mai Morgens ließ Kruſenſtern einen Anker heben, ſegelte aber erſt am Abend ab, da er die Einladung des engliſchen Gouverneurs an die ruſſi⸗ ſchen Offiziere, den Mittag dieſes Tages bei ihm zu⸗ zubringen, nicht abſchlagen wollte. Um 42 Uhr in der Nacht verließ die Nadeshda St. Helena. Auf ihrer Fahrt nach dem Aequator zu iaitte ſich nichts bemerkenswerthes. Den 19. Mai um s 1/2 Uhr ſahen die Schiffeper⸗ ſonen in 20 43“ ſuͤdlicher Breite und 200 z38s“ weſtli⸗ cher Laͤnge, in NNW., in Entfernung von etwa a2 106 bis 13 Meilen, ein ſonderbares Phaͤnomen, welches ſie aber leider, der ſpaͤten Tagszeiten wegen, nicht lange genug beobachten konnten, um etwas Beſtimmtes dar⸗ uͤber zu ſagen. Ein aufſteigender Rauch, welcher die Höhe eines Schiffes zu erreichen ſchien, verſchwand bald, und erſchien wieder von Neuem, bis er ſich end⸗ lich ganz verlor. Eine Waſſerhoſe war es nicht, auch kein brennendes Schiff, wofuͤr es einige Perſonen an Bord hielten. Fuͤr eine Brandung ſtieg der Rauch zu hoch. Dr. Horner war der Meinung, daß, wenn die ganze Erſcheinuns nicht ein Spiel der Refraetion ſey, ſie einem vulkaniſchen Ausbruche aͤhnlich waͤre, und vielleicht eine Inſel im Entſtehen ſeyn koͤnne. Am 21. Mai feierte die Schiffs⸗Equipage das Feſt des Beſchuͤtzers ihrer Flotte, des heil. Nico⸗ laus. An dieſem Tage durchſchnitt das Schiff die Linie in 220 48“ 30“ weſtlicher Laͤnge. Den 22. Mai in so noͤrdlicher Breite und 230 der Laͤnge, war bei einem friſchen Winde aus Suͤden die ganze Nacht hindurch das Meer außerordentlich erleuchtet; es glaͤnzte ſtaͤrker als die Schiffsleute dies waͤhrend ihrer ganzen Reiſe bemerkt hatten. Sein Glanz warf einen bellen Schein auf die Segel, und das ganze Meer ſchien ein Feuer zu ſeyn*). *) Genau in dieſer naͤmlichen Gegend hatte Capi⸗ tain Garnault vom Schiffe Ganges im Jahre 1792 etwas Aehnliches bemelkt⸗ 107 Die Takelage des Schiffes war ſchlecht geworden, daß ſie faſt taͤglich eine Reparatur bedurfte; die Taue riſſen, ſelbſt die Raa des Mittelmaſtes wurde ſchadhaft u. ſ. w. Wenn die Jahreszeit nicht ſo guͤnſtig gewe⸗ ſen waͤre, ſo haͤtte dieſer ſchlechte Zuſtand des Schif⸗ fes wohl ſeinem Capitain Urſache zu Belorgniſſen ge⸗ ben koͤnnen. Den 9. Juni paſſirte die Nadeshda im z6“ der Länge den noͤrdlichen Tropik, zehn Tage hatte es dann Windſtille. Den 1. Julius in 460 36“ der Breite und 290 46“ der Laͤnge ſah Kruſenſtern bei Ta⸗ ges⸗Anbruch ein dreimaſtiges Schiff gerade vor ſich. Waͤhrend drei Stunden manoͤverirte es unablaͤßig fort, bald lag es nach Oſten, bald nach Weſten, bald hatte es beigelegt. Da es endlich um 40 Uhr ſah, daß Kru⸗ ſenſtern ſich nicht irre machen ließ, ſondern unter allen Segeln ſeinen Lauf nicht veraͤnderte, hielt es den Wind und verlor ſich ſchon um 2 Uhr Nachmit⸗ tag aus dem Geſichte. Es war wahrſcheinlich ein Caper, der nicht wußte, wofuͤr er die Nadeshda halten ſollte, bis er endlich doch rathſam fand, ſich ihr nicht zu naͤhern. Den 12. Juli ſprach Kruſenſtern einen eng⸗ liſchen Caper, der vor 9 STagen aus London abge⸗ gangen war, am 16. aber die engliſche Fregatte Blan⸗ che. Der Capitain derſelben, Lavie, ſagte ihm, daß drei franzoſſche Fregatten in dieſer Gegend ſeit eini⸗ 108 gen Wochen zu ſehen geweſen waͤren, welche ſchon mehrere engliſche Groͤnlandfahrer genommen hätten, und daß, da eine von dieſen Fregatten beſonders in der Naͤhe der Orkaden kreule, die Fregatte Blan⸗ che abgeſchickt worden ſey, ſie aufzuſuchen. Auch fand die Blanche am andern Tage die franzoͤſiſche Fregatte, und nahm ſie nach einem hartnaͤckigen Ge⸗ fechte. Den 17. Juli des Morgens fruͤh ſahen Kru⸗ ſenſtern und die Seinen die Orkaden, nament⸗ lich ſahen ſie Mould⸗Head auf der Inſel Papa Veſtra Nonp⸗Head auf der Inſel Veſtra. Den 18. Juli Morgens um 2 Uhr ſahen ſie die Inſel Fu⸗ lo, und um 4Uhr die Inſel Fairhill. Kruſen—s ſtern fuhr den Kanal zwiſchen Fairhill und den Shetlands⸗Inſeln. Bald nach Mittag überfiel ihn eine Windſtille, die den ganzen uͤbrigen Theil des Tages anhielt. Die Bewohner der Inſel Fairhill machten ſich dieſen Umſtand zu Nutzen, und kamen mit mehreren Boͤten an Bord, den Ruſſen Huͤhner, Schafe, Fiſche und Eier zu verkaufen. Dieſe Leute leben dem Anſcheine nach in großer Armuth, beſon⸗ ders ſchienen dies ihre zerriſſenen und zerlumpten Kleider anzuzeigen. Fairhill et eine hohe Inſel mit ſchroffen Ufern. Man kann ſich ihr bis auf ein halbes Kabeltan naͤhern. Kruſenſtern erfuhr zu ſeinem Erſtaunen, daß auf dieſer kleinen, felſichten, dem Anſcheine nach unwirthlichen Inſel dennoch 260 —,—————— ——— 109 Menſchen wohnten. Sie hatten alle ein friſches, ge⸗ ſundes Anſehen, und wenn ſie gleich dem Aeußern nach arm zu ſeyn ſchienen, ſo muß es ihnen wenig— ſtens nicht an geſunden Lebensmitteln mangeln, wie dies der Vorrath zeigte, den ſie den Ruſſen uͤber⸗ laſſen konnten. Der Kanal iſt nicht uͤber 20 Meilen breit. Die ganze Nacht hindurch hatte die Nadeshda Wind⸗ ſtile, welche auch den folgenden Dag anhielt. Man beobachtete Seant Net, die Suͤdſpitze der Shet⸗ land⸗Inſeln und Hangeliff, die oͤſtliche Spitze dieſer Eylande. Den 22. Julius Abends um 7 Uhr ſprach Kru⸗ ſenſtern die engliſche Korvette Lynx, Capitain Marſchall, und den 28s. die Fregatte Duebeck, Capitain Lord Faulkland. Lord Faulkland ſen⸗ dete einen Offizier an Bord, und ließ Kruſenſtern auf die hoͤflichſte Art jede Unterſtuͤtzung, die er nach einer ſo langen Fahrt beduͤrfen koͤnnte, anbieten. Durch dieſe Fregatte erhielt Kruſenſtern die erſten Nach⸗ richten von der Newa wieder. Dieſes Schiff war vor etwa s Tagen unter Convoy eines engliſchen Kutters aus Portsmouth nach Kronſtadt abge⸗ ſegelt. Abends um s Uhr ſah Kruſenſtern die Kuͤſte von Norwegen in einer Entfernung von 18 Mei⸗ len. Spaͤter ſah er Cap Derneus, die Inſel Ma⸗ la, die ſich durch einen weißen Thurm auszeichnete. 110 Contraͤre Winde und Windſtillen waͤhrend der Fahrt der Nadeshda durch den Skagerrak und das Cattegat ermuͤdete die Geduld der Ruſſen, die bei der jetzt ſtuͤndlich groͤßer werdenden Sehnſucht, bald einen europaͤiſchen Boden in der Naͤhe ihres Vaterlandes zu betreten, keiner großen Probe faͤhig zu ſeyn ſchien. Ein guͤnſtiger Wind fehlte ſchon lange. Es war daher erſt den 2. Auguſt Morgens um ꝛ0 Uhr, als die Nadeshda auf der Rhede von Kopen⸗ hagen vor Anker ging. Auch bei Helfingver ward das Schiff zwei Tage lang durch die widrigen Winde aufgehalten, und Kruſenſtern war daher einen Tag fruͤher nach Kopenhagen gefahren, um dort die noͤthigſten Geſchaͤfte zu beſorgen, damit ſeine— Abreiſe nach Kronſtadt ſobald als moͤglich befoͤr⸗ dert wuͤrde. Die Reiſe von China nach Kopen⸗ hagen hatte s Monate und 24 Lage gedauert. Waͤh⸗ rend dieſer ganzen Zeit brachte die Nadeshda nur 4 Tage in St. Helena vor Anker zu, und ſelbſt dort konnte nur der kleinſte Theil der Mannſchaft an das Land gehen. Deſſen ungeachtet befand ſich die⸗ ſelbe vollkommen geſund, und waͤhrend der ganzen Reiſe war nur der ſchwindſuͤchtige Koch des Geſand⸗ ten Reſanoff, deſſen Tod man vorausſagte, geſtor⸗ ben; Golowatſcheff hatte ſich entleibt. Waͤhrend des Aufenthaltes auf der Rhede vor Kopenhagen beſuchte die Nadeshda der Prinz Ferdinand Friedrich von Daͤnemark, wel⸗ —,— cher in Geſellſchaft ſeines Gouverneurs, des Lieute⸗ nants von der Flotte, Bardenfleth, und des Kammerherrn Buelow, bei einem ſehr ſtarken Win⸗ de auf einer offenen Schalupve an Bord kam. Kru⸗ ſenſtern empfing den Prinzen mit allen Ehrenbe⸗ zeugungen, die einer erlauchten Perſon zukommen, und wurde eben ſo ſehr von der Liebenswuͤrdigkeit dieſes jungen Prinzen, der ſich der Marine widmen ſollte, als von der edlen, feinen Art, mit welcher ſein Gon⸗ verneur, ein ſehr geſchickter Seeoffizier, mit ihm um⸗ ging, eingenommen. Den s. Auguſt Morgens um 7 Uhr verließ die Nadeshda die Rhede von Kopenhagen, und nach einer ungewoͤhnlich langen Fahrt von 43 Tagen kam ſie den 49. Auguſt des neuen, oder den 7. Auguſt des alten Styls, nach einer Abweſenheit von 3 Jab⸗ ren und 12 Lagen gluͤcklich auf der Rhede von Kron⸗ ſtadt an, bewillkommt von ganz Rußland⸗ Der Kaiſer von Rußland zeichnete den erſen ruſſiſchen Weltumſegler ſehr aus. Kruſenſtern ſtieg zur Wuͤrde eines Admirals auf. Mehrere Orden ſchmuͤckten ihn. Im Jahre 1824 erhielt er die Stelle Lievens, das Ehrenamt eines Curators der Uni⸗ verſitaͤt Dorpat. Seine Erſindung der Kompaſſe durch Einfaſſung in Blech gegen die Einwirkung der Kanonen und anderer Sachen von Eiſen auf die Mag⸗ netnadel zu ſichern, wurde as28 bei der ruſſiſchen Ma⸗ 112 rine eingefuͤhrt. Er gab mehrere treffliche Schriften, namentlich nautiſche, heraus. Auch ſeine Reiſe um die Welt hat er beſchrieben. Der Weltumſegler Ko⸗ tzebue war Kruſenſterns Zoͤgling, und er wid⸗ mete auch dieſem die Beſchreibung ſeiner Reiſe um die Welt, welcher mein ſehr verehrter Freund, Dr. und Profeſſor Goͤſch!, bald dem geneigten Leſer mit⸗ theilen wird. Ludwig von Freyeinet, Weltumſeg⸗ ler in den Jahren 1817 bis 1820. Eine biographiſch- nautiſche Skizze von Dr. Franz Joſeph Adolph Schneida⸗ wind, K. Profeſſor der Geſchichte am K. Lyceum zu Aſchaffenburg. Ludwig von Freyeinet, in Frankreich 1778 geboren, widmete ſein Leben den Wiſſenſchaften. In die Marine ſeines Vaterlandes eingetreten, nahm er 1800 Antheil an der Expedition des Capitain Bau⸗ din. Ihm verdankt die von Peron und Keſueur herausgegebene Beſchreibung dieſer intereſſanten Reie den ſchoͤnen Atlas, der als ein Meiſterwerk betrachtet wird. In der Verbindung mit Herrn Klement ent⸗ deckte Freyeinet ein neues Verfahren, um See⸗ waſſer trinkbar zu machen, das ſich ſpaͤterhin vollkom⸗ men bewaͤhrt hat. Auf Befehl des Koͤnigs Ludwig des XVIII. 82. Bd. Reiſen um die Welt. V. 2, 2 von Frankreich mußte Freyeinet, als Fregatten⸗ Capitain, mit der Corvette Urania eine Entde⸗ ckungsreiſe in die Suͤd⸗See im Jahre 1848 unterneh⸗ men. Zugleich ſollte er Beobachtungen anſtellen, die geeignet waͤren, die Geſtalt der Erde und die Inten⸗ ſitaͤt der magnetiſchen Kraft in der ſuͤdlichen Hemi⸗ ſphaͤre zu beſtimmen u. ſ. w. Freyeinet ſegelte am 17. September 1817 von Toulon auf der Urania ab. Auf Teneriffa blieb er ſechs Tage, in Rio⸗Janeiro zwei Mona⸗ te, auf Isle de France zehn Monate. Dieſe Eylande, Staaten oder Staͤdte kennt der geneigte Le⸗ ſer ſchon groͤßtentheils aus den mitgerheilten Reiſe⸗ beſchreibungen, oder wird ſie,(z. B. Rio⸗Janeiro) aus den nachfolgenden genauer kennen lernen. In dem Seehunds⸗Bai in Neu⸗Holland vor Anker gekommen, ſchien den Franzoſen, was ſie vor ihrer Ankunft und waͤhrend ihres Aufenthalts in der unermeßlichen Vertiefuns dieſer Bucht zu Geſichte bekamen, mit magern, ſich nicht weit ver⸗ breitenden, meiſt aus dem Sande hervortreibenden Buſchwerke uͤberdeckt zu ſeyn. Pflanzenerde findet man hin und wieder, allein ſie iſt weder rein noch leicht. Von ſuͤßem Waſſer nirgends eine Spur. Die Halbinſel Peron tragt in geringer Anzahl verkruͤp⸗ pelte, nicht uͤber a2 Fuß hohe Baͤume und aͤhnliches Buſchwerk, das mit Muͤhe dem duͤrren Boden ent⸗ keimt. Ungleich beſſer gedeihen die grasartigen Pflam 11⁵ zen, von denen einige ſehr ſtark und kraͤftig ſind Den Geſtraͤuchen fehlt es indeß nicht an feinen Geruͤchen. Eine Art z. B. riecht vollkommen wie die Myrte, eine andere duftet wie Rosmarin u. ſ. f. Einer lieb⸗ lichen und keineswegs kraftloſen Vegetation erfrent ſich die Gegend ſuͤdweſtlich von der Inſel Faure, wo der Boden etwas hoͤher iſt, und ein Baum, aͤhn⸗ lich dem Dleander, von der Kuͤſte des Meeres an, landeinwaͤrts in nicht gar großen Diſtanzen, einen gruͤnenden Buſch nach dem andern darbietet; eine Er⸗ ſcheinung, die um ſo mehr in Verwunderung ſetzt, als das Erdreich uͤberhaupt ſehr trocken und unfrucht⸗ bar iſt, ſeiner Pberflaͤche kein anderes als hoͤchſt ma⸗ geres und ſchwaͤchliches Strauchwerk kriechend ent⸗ keimt, und nur wenige Blumen von lebendiger Faͤr⸗ bung von Zeit zu Zeit das Auge erfreuen. Einen eigentlichen Reichthum von Pflanzen naͤhrt in ihrem Schvoße die Inſel Dirk⸗Hatichs. Baͤume nicht zwar von hohem Wuchſe, aber auch keineswegs ver⸗ kruͤppelt, wechſeln mit mannigfaltigen Arten von Ge⸗ buͤſchen und ſchoͤnbluͤhenden Pflanzen. Ein merkwür⸗ diges Geſchlecht bilden hier die Mimoſen, die in ver⸗ ſchiedenen Geftaltungen zu zehn Fuß hohen Baͤumen erwachſen, die ihre in einander verwundenen Aeſte mehr denn 2s Fuß weit in horizontaler Richtung vom Stamme hinaus ſenken, und deren Hol; ſo hart iſt. daß es zur Feuerung getraucht wird. Ganz vorzuͤg⸗ lich ergotzt ſich das Auge, neben vielen andern Pflan⸗ zen, an einer uͤberaus lieblichen Art Vorretſch, an ei⸗ ner ſehr ſchoͤnen Althea mit Bluͤthen vom zatteſten Vlau, an verſchiedenen Arten von Immortellen. In den geſchuͤtzten Thalgruͤnden wachſen alle dieſe Ge⸗ waͤchſe ſo dicht ineinander, daß es dem Wanderer nicht ſelten Muͤhe koſtet, ſich zw hen den in einan⸗ der geſchlungenen Zweigen hindurch, eine Bahn zu brechen, und unter dieſen natuͤrlichen Gewölben ſu⸗ chen die einzigen Bewohner dieſes Kuͤſtenlandes, die Kaenghuru's, und einige andere kleinere Thiere, ihre Zuflucht. Von eigentlichen Nahrungspflanzen war den Reiſenden in dieſen Gegenden wenig oder nichts vorgekommen. Die Huͤlſen von einer Mimo⸗ ſenart ſcheinen jedoch den Wilden als Nahrung zu dienen. Die wenigen, dieſen ganz traurigen Erdſtrich bewohnenden Saͤugethiere, namentlich diejenigen, wel⸗ che auf den Inſeln Dirk⸗Hatichs, Doore und Bernier, oder auch auf der Inſel F aure und der Halbinſel Peron leben, ſind gezwungen, ihren Durſt mit Meereswaſſer zu loͤſchen; viele Voͤgel beſinden ſich ſogar im naͤmlichen Falle. Auf den drei großen Inſeln am Eingange der Seehundbay findet man das große Kaenghuruz in Dirk⸗Hatichs, eine große Peramelenart, nebſt vielen Kaenghururatten, die den Naturforſchern unter dem Namen Potorus bekannt ſind. Auf der Halbinſel bemerkt man grauli⸗ che Kaengburus, von der Groͤße eines Haſen, Pe⸗ ramelen⸗Bouguainvilie, Kuskus und wilde Hunde⸗ — 117 Ein ungleich groͤßeres Feld ſahen die Jaͤger des Schif⸗ fes ihrer Thaͤtiskeit durch das Geſchlecht der Voͤgel eroͤfnet. Sie erlegten viele ſehr ſchoͤne Tauben, Kraͤ⸗ hen, Adler, Regenpfeifer u. ſ. w., dann Sperlinge von mehrereu Arten, mit ſehr reichem und mannig⸗ faitigem Geſteder. Die ufer wimmeln von ganz wei⸗ ßen Mewen, Peltcanen, Regen⸗, Auſter⸗undeGlut⸗vo⸗ geln u. a. m. Auch erblickt man auf allen Punkten der Bai ganze Schaaren von Tauchern, Sturmvoͤgeln und Toͤlpeln. In koloſſalen Verhaͤltuiſſen erbaut in die⸗ ſem Lande der Adler oder weißbauchige Habicht ſein Neſt. Am 14 September(1818)— alſo erzaͤhlte Herr Duoy— richteten wir nach dem Vorgebirge der Inſchrift unſern Weg, der eine geraume Zeit nach alen Punkten hin denſelben Anblick von Sand und Strauchwerk darbot. Die Kuͤſte, die anfangs ſehr niedrig, bildete weiterhin einen, von dem uͤbrigen Lande durch das zur Springzeit ihn gaͤnzlich umzin⸗ geinde Meer abgetreunten Felſenvorſprung. Auf ſei⸗ nem Gipfel erblickten wir ein rundes, ſechs Fuß ho⸗ hes, aus duͤrren Mimoſenzweigen ſehr regelmaͤßig zu⸗ ſammengefuͤgtes Thuͤrmchen, das Neſt eines Habichts mit weißem Bauche und aſchgrauem Ruͤcken. Es war nicht ſehr tief, und der Vogel konnte fuͤglich uͤber den Rand hinwegſehen. Wir fanden ein einziges Ei dar⸗ in, von röthlich falber Farbe mit braunen Flecken, ſo groß wie ein Huͤhnerei. Den Boden am Fuße des Felſen bedeckten Thierknochen, neberreſte von Fiſchen, Reptilien, Schalthieren u. ſ. w. Dieſe gefraͤßigen Voͤgel verzehren ein ſolches Quantum von Nahrungs⸗ mitteln, daß ſie gewiſſermaſſen gezwungen ſind, ein vereinzeltes Leben zu fuͤhren, denn in mehreren Fami⸗ lien am demſelben Flecke beiſammen, wuͤrden ſie Muͤhe baben, ſich hinlaͤnglichen Fraß zu verſchaffen. An al⸗ lerlei Fiſchen von angenehmen Geſchmacke fehlt es in dieſem Theile von Neuholland nicht. Auch von Seehunden, von welchen die Bai ihren Namen traͤgt, wimmelt es uͤberall. Nicht weniger ergiebig iſt auch auf einigen Punkten der Schildkroͤtenfang, und den Eingang der Bai beleben im Julius, Auguſt und Sep⸗ tember ganze Schaaren von Wallſſchen. Einen aͤuſ⸗ ſerſt feinen Geſchmack haben die Auſtern, womit die Felſen der Continentalkuͤſte der Seehund⸗Baiund weſtlich von derſelben gelegenen Inſeln belegt ſind. Unter den Schlangen gibt es welche, die auf dem Lande leben; andere, zum Theil von ſehr glänzenden Farben, ſah man in der Fluth ſich ſpiegeln⸗ Von den Inſeln der Seehund⸗Bai iſt auch nicht eine bewohnt, und das benachbarte Feſtland hat ebenfalls geringe Beroͤlkerung. Die ſaͤmmtlichen Ein⸗ wohner ſind von mittlerem Wucyſe, haben ſehr duͤnne Beine, ſchmale Schultern und große Koͤpfe; auch ſind ihre Zuͤge weniger flach als die der ſchwarzen Mal⸗ gacher und Mozambiquer. Ihre Zaͤhne ſind ſchoͤn, der Mund groß, die Augen lebhaft, die Haare ſchwarz, ziemlich lang und etwas kraus, ſie winden 119 dieſelben wie einen Turban um den Kopf, und einige Faͤrben ſie roth. Die einzige junge Frau, welche die Franzoſen zu Geſichte bekamen, war ſehr wohlbe⸗ leibt; ihre geſcheitelten Locken hingen zu beiden Sei⸗ ten über die Ohren herab, und auf dem Ruͤcken trug ſie ein Kind, welches eine aus Thierhaaren gewundene Schnur feſthielt. Unter den Maͤnnern trugen einige einen langen zugeſpitzten Bart, die meiſten waren über die Bruſt, jedoch nur leicht, tätowirt; bei meh⸗ reren hatte der Bauch ſich unter dem Nabel in Fal⸗ ten gezogen. Beide Geſchlechter geſielen ſich in ihrer foͤrmlichen Nacktheit. Unter den Maͤnnern ſchien ei⸗ ner vom vorgeruͤckten Alter, mit einem langen Barte⸗ ſich einige Autoritaͤt uͤber die andern angeeignet zu haben. Auf ſeiner Stirne erblickte man eine Binde von Thierhaut, welche mit rothen, eine Art von Git⸗ terwerk bildenden Querſreifen bezogen war; ein Strick⸗ ebenfalls von Thierhaaren, umguͤrtete ſeine Lenden⸗ und eine Quaſte, aus derſelben Subſtanz gefertigt, be⸗ wegte ſich auf ſeinem Kopfe. Alle dieſe Wilden, die elendeſten Geſchoͤpfe die man ſich nur denken kann⸗ waren mit ihren Waffen, d. h. mit fuͤnf bis ſieben Fuß langen, aus Stoͤcken von hartem Holie verfertig⸗ ten und an beiden Enden jugeſpitzten Sagajen, und Nordkeulen verſehen, von denen die einen plumpe, hoͤch⸗ ſtens 2 Fuß lange Scheite, die andern ebenfalls Stuͤ⸗ cke aͤhnlichen Holzes, aber flach und in der Mitte ein⸗ gebogen waren. Ihre, auf den verſchiedenen Punkien 120 der von Freyeinet und ſeinen Franzoſen durch⸗ wanderten Halbinſel, bald einzeln, bald in Gruppen von hoͤchſtens 1 zerſtreut liegenden Huͤtten ſtehen ins⸗ geſammt auf der Hoͤhe der Duͤnen, unter dem Schu⸗ tze einzelner Sandhuͤgel oder Gebuͤſche. Sie beſte⸗ hen aus mehreren von Natur ſich woͤlbenden Hoͤlzern, die mit dem einen Ende auf dem Boden ruhen, waͤh⸗ rend das andere am Giebel mit den gegenuͤberſtehen⸗ den Hoͤlzern zuſammenſtoͤßt und durch dieſes Inein⸗ andergreifen einen unregelmaͤßigen, etwa 4 Fuß hohen Halbzirkel bildet. Eine Reihe auf dieſe Weiſe anein⸗ ander gefügter Stuͤcke Holz bilden das Gekälke der 6— 7Fuß langen Wohnung, die dann noch mit einem Dache von belaubten und ineinander geſchlungenen Baumaͤſten verſehen wird. Einige dieſer Huͤtten ſind durch eine Scheidewand in zwei ungleiche Theile ge⸗ theilt. Mitunter wohnen dieſe armſeligen Neuhol⸗ laͤnder auch in Hütten, die, ohne alles Gebaͤlke, blos aus einer Anzahl ſehr dichter Aeſte von allerlei Gebuͤſch gewoͤlbt ſind; man begreift nicht, wie ein ſolches Obdach menſchlichen Weſen eine Schutzwehr gegen den Winterftoſt, die brennende Hitze, den Am⸗ drang der Stuͤrme und Ungewitter und die perivdi⸗ ſchen Regen gewaͤhren kann. Am Eingange jeder Huͤtte ſah man einen Feuerheerd; zuweilen gibt es dergleichen auch im Innern der Huͤtte. Um dieſe Feuerheerde her liegen neberreſte von Fiſchen, Schaal⸗ thieten, Schildkeoten und ſogar von Voͤgeln und Mu⸗ — — 12¹ ſcheln, auch Huͤlſen von Mimoſen, woraus ſich mit Sicherheit ſchließen laͤht, daß das Meer den Etnwobh⸗ nern der Halbinſet Peron ihre taͤgliche Nahrung an die Hand gibt, ihnen aber zugleich auch ihr Getraͤnk liefert. Es war am 9. Oktober 1818, als Freyeinet in die weite Bai von Coupang und in der Nähe des Forts Concordia, entzuͤckt uͤber den Anblick einer immer⸗ gruͤnen, amphitheatraliſchen und von pittoresken Palm⸗ baͤumen beherrſchten Natur, vor Anker ging. Nachdem er, in Abweſenheit des mit dem vormals zinsbaren, nun aber fuͤr ſeine eigene Unabhaͤngigkeit kaͤmpfenden Rajah Amanoubang eben im Kriege begriffenen hollaͤndiſchen Reſidenten zu Coupang, dem expedi⸗ renden Sekretair Dielmann einen Beſuch abgeſtat⸗ tet und zwei Haͤuſer, das eine für die Dffiziere, das andere zum Gebrauche der Inſtrumente gemiethet und eingerichtet hatte, fingen die Franzoſen ſofort an, ihre wiſſenſchaftlichen Arbeiten zu betreiben. So oft jedoch die Nacht einbrach, kamen ſie in dem Hauſe Tielmanns zuſammen, der nebſt ſeiner Gemahlin alles aufbot, um ihnen die Abende angenehm zu ver⸗ kuͤrzen. Gewoͤhnlich wurde in dieſen Geſellſchaften Thee, Caffee, auch andere Erfriſchungen herumgebo⸗ ten; dann unterhielt man ſich uͤber die Sitten und Gebraͤuche des Laudes. Von Zeit zu Zeit wohnten die Franzoſen einem von Madame Sielmann durch ihre Stlaven gegebenen Conzette bei. An den unte⸗ 122 lodiſchen Loͤnen einer Violine und einer Flote, auf welchen keine andere, als europaiſche Weiſen geradbrecht wurden, fanden ſie nur wenig Gefallen; deſto mehr er⸗ freuten ſie ſich zu wiederholten Malen an einer klei⸗ nen, niedlichen, zwoͤlfjaͤhrigen Timorianerin, die auf eine ſehr geſchmackvolle Weiſe eine kleine Harfe ſpielte. Schon die Art, wie ſie ihr Inßrument an⸗ faßte, hatte etwas ganz Eigenes. Sie ſetzte ſich näm⸗ lich auf einen ganz niedrigen Stuhl und legte die Harfe beinahe horizontal auf ihre Knie, ohne daß dieſe ſeltſame Stellung dem Reize der Ausfuͤhrung den min⸗ deſten Abbruch that. Mitunter ſpielte auch Mad. Diel⸗ mann ſelbſt einige Stücke auf dem Piano, und ob⸗ ſchon ſie eben keine Meiſterin war, ſo ermangelten die hoͤflichen Franzoſen nicht, ihrem guten Willen ſo⸗ wohl als ihrer unermudlichen Gefälligkeit die gebuͤh⸗ rende Gerechtigkett widerfahren zu laſſen. Haͤuſig wur⸗ den dieſe Abendgeſeliſchaften von einem jungen, ſehr liebenswuͤrdigen und einigermaßen gebildeten Chine⸗ ſen beſucht, der hier die Stelle eines chineſiſchen Ca⸗ pitains bekleidete, etwas Engliſch ſprach und in ſei⸗ nem Weſen viel Geiſt und Lebhaftigkeit zu Tage legte. Sein Coſtum glich vollkommen demjenigen, welches auf europaͤiſchen Faͤchern und Windſchirmen zu ſehen iſt, ſiel aber angenehm in die Augen. Mad. Tielmann wurde, obgleich eine Meſtizin⸗ von den Ankoͤmmlingen aus Frankreich gleichſam als eine Landsmaͤnnin begruͤßt. Zu Java geboren 12 und von einem franzöſil“en Vater abſtammend, wurde ſte in Samarang erzogen. Dutchaus unbekannt mit der Sprache ihres Vaters und nur wenig vertraut mit dem Engliſchen, welches ſite ebenfalls nicht ſprach, un⸗ terhielt ſie ſich in hollaͤndiſcher und malayiſcher Mund⸗ art. Mit einem ſchwarzbraunen Teint verband ſie ſchwarze, ſehr ſchoͤne Augen, und ſanfte, wohlwollende Geſichtszuge. Die Naͤgel, zumal den am kleinen Fin⸗ ger, trug ſie nach chineſiſcher Sitte, Lganz ungewoͤhn⸗ lich lang. Ihre, in den Augen eines Suropaͤers ſehr ſonderbare Kleidung beſtand in einem langen, ſchwarzen, der Laͤnge nach gleich einem Chorhemde in Falten gelegten Rocke und einem weiten, bis an die Knie reichenden Camiſole von derſeiben Farbe. Ihre ſchwarzen, volkommen glatten Haare waren bald hin⸗ ten in einem Chignon aufgebunden, bald liet ſie die⸗ ſelben frei uͤber die Schultern herabhaͤngen. Wenn ſie ausging, um Ceremonienbeſuche zu machen, ſo kleidete ſie ſich nach europaͤiſcher Sitte, doch jeder Zeit in ſchwarz ſeidene Stoffe. Timor's Kuͤſte hinfahrend, erſchien bei jeder Landſpitze, die man umſchiffte, dem Auge Frey⸗ einets eine neue, in unmerkliche Abſtufungen ſich veraͤndernde Landſchaft. Nach und nach ward das Ge⸗ maͤlde ſchwaͤcher und verſchwand endlich gaͤnzlich⸗ doch nur um einem neuen Proſpecte Platz zu machen, den ſelöſt wieder mehr oder minder pittoresk, mehr oder weniger durch die glaͤnzenden Farben der Natur ver⸗ 124 ſchoͤnert war. Hier ſtand eine niedliche Wohnung, verſteckt unter unzaͤhligen Palmen, deren zuſammenſtoſ⸗ ſende, zum Theil in einander verſchlungene Wipfel, ein keinem Sonneſtrahle zugaͤngliches Gewoͤlbe bilde⸗ ten. Dort dehnte ſich eine Geßirgskette, die in weiter Ferne mit der duftigen Atmesphaͤre zuſammenfloß; dann wieder eine mehr oder weniger Beugungen bil⸗ dende Ebene, am Horizonte eingefaßt durch gruͤnbe⸗ kleidete Berge, deren Rieſenſpitzen ſelbſt wieder neue Berge uͤber der regelloſen Linie der Nebelduͤnſte zu bil⸗ den ſchienen. In anderen Gegenden wies ein in die Luſt emporſteigender Rauch auf die Stellen hin, wo die Eingebornen ihr Feuer angezuͤndet hatten, und hier waͤhnte die Phantaſte entweder das Lager eines Rajah, oder eine Stadt, oder ein Dotf, oder auch wohl eine reizende Huͤtte zu unterſcheiden. Hier und da endlich bot, obgleich noch immer mit Roſen bedeckt, das Erd⸗ reich ſtatt ſolcher lachenden Gemaͤlde, bloß noch Ab⸗ gruͤnde dar und Berge, nach verſchiedenen Richtungen zerriſſen, deren rauher Anblick das Auge ermüdete, das Herz erkaͤltete. Mit den Naturgemaͤlden erhalten auch die Empfindungen eine andere Geſtalt. Duͤſtere und drückende Vorſtellungen gewinnen im Gemuͤthe die Oberhand. Nicht ohne Schauer verweilen die Ge⸗ danken bei dem Schickſale der Seefahrer, die durch die Unkunde des Piloten oder von einem Drkane ge⸗ jagt, an dieſer furchtbaren Kuͤſte Schiffbruch leiden; man theilt im Geiſte die Angſt des ungluͤcklichen, wel⸗ 125 cher, der Wuth der Wellen entnommen, unter dem giftigen Zahne der Schlange, oder dem des blutduͤrſi⸗ gen Krokodils ſein Leben aushaucht. Kuͤhner gewor⸗ den, jagt jetzt der Wind Euch ſchnell um ein Vorge⸗ birge herum, und wie auf der Bühne das Spiel der Maſchinen die duͤrreſte Wuͤſte augenblicklich in einen mit Blumen prangenden Garten umzaubert, alſo fuͤhrt in dieſen Revieren die Natur faſt mit derſelben Schnel⸗ ligkeit dem Beſchauer jetzt ihre ſcheußlichſten Schreck⸗ niſſe und dann ihre groͤßten Herrlichkeiten, ihre lieb⸗ lichſten Gemaͤlde vor Augen. Als einen bezaubernden Anblick gewaͤhrend, ſchildert man vorzuͤglich die Rhede von Lefav. An dieſer Kuͤſte contraſtiten die gruͤnen Gebuͤſche mit der gelblichen Farbe des Vodens beſon⸗ ders ſtart; hier und da erheben ſich Gehoͤlze von Ka⸗ iaputbaͤumen, welche vermoͤge ihrer wethlichen St aͤm⸗ me dem Ganzen eine andere Faͤrbung verleihen, in de⸗ ren mannigfaltige Abſtufungen der Glanz der Abend⸗ ſonne blendend hineinſpielt. Alle dieſe Gegenſtaͤnde auf den duͤſtern, durch die Wand der Gebirge gebilde⸗ ten Grund gleichſam hingezeichnet, bilden ein wun⸗ dervolles Gemaͤlde, das durch den Lauf des Schiſfes und durch das einbrechende Dunkel der Betrachtung des Seefahrers nur allzubald entzogen wird. Am 2. November landeten die Franzoſen auf der Inſel Ombay. Sie hatten mit ihren Waffen und mit verſchiedenen Gegenſtaͤnden des Tauſchhan⸗ dels kaum das ufer erreicht, als ſie eine zahlreiche 126 Gruppe von Eingebornen zu Geſichte bekamen, die rü⸗ hig unter greßen Baͤumen ſaßen. Die Franzoſen aͤußerten gegen ſie ihr Verlangen, den Rajah zu ſpre⸗ chen. Nach einer Bedenkzeit von wenigen Augenblicken und nach einer kurzen Unterreduns mit ihnen, wieſen ſie die Ankoͤmmlinge an einen der Aelteſten der Truppe, mit Namen Sikmann. Um ſich dieſen Hoͤuptling geneigt zu machen, ließen es die Franzoſen an Geſchenken nicht fehlen; was ihm vorzuͤgliche Freuse zu gewaͤhren ſchien, war ein huͤbſches Halsband von Glasperlen. Nachdem die Franzoſen ſich auf dieſe Weiſe einen heitern Himmel bereitet zu haben glaub⸗ ten, ſuchten ſie von den Eingebornen Huͤhner gegen Meſſer einzutauſchen; allein ſie konnten ſich bald uͤber⸗ zengen, daß nur wenig Geflugel vorhanden ſey. Als ſie dann die Inſulaner baten, ihnen den Weg nach dem Dotfe Bitouka zu weiſen, ſchienen ſie zuerſt nichts weniger als geneigt, dem Begehren der Franzo⸗ ſen zu entſprechen, und gaben denſelben zu perſtehen ſie ſollten dieſen Gang unterlaſſen. Die Franzoſen machten ſich aber nichts deſtoweniger auf den Weg, und ruͤckten im Schatten der Baͤume vor, begleitet von etwa zo mit Pfeilen, Bogen und Kris bewaßf⸗ neten Ombayen, von denen mehrere auch noch mit aus Bockshaut verfertigten Schilden und Cuͤraß⸗ ſen verſehen waren. Die Inſulaner hatten insgeſammt ein kriegeriſches Ausſehen und ſchienen die europäi⸗ ſchen Waffen nicht zu fuͤrchten. Doch bemerkten die — 127 Franzoſen in ihrer Haltung und in ihrem Beneh⸗ men etwas Zweideutiges, weſches ſie feindſelige Ge⸗ ſinnungen von Seite dieſer Inſulaner beſorgen ließ⸗ Am meiſten bemerkungswerth fanden die Fran⸗ zoſen die an den Baumaͤſten aufgehangenen. Cůraſſe und Schilde. Sie baten die Ombayen, ſich damit zu bekleiden und zwei von ihnen willfahrten der Bitte alſobald. Ja einer gab den Franzoſen das Schau⸗ ſpiel eines fingirten Kampfes zum Beſten. Mit einem Bogen vom Bambusrohr bewaffnet fing er an, Pfeile loszuſchießen, wobei er auf eine ſehr ausdrucksvolke Weiſe zu verſtehen gab, daß es ihm ein Leichtes ſeyn wuͤrde, in ſo viel Zeit, als zum Losſchießen einer europäiſchen Flinte erfordert wuͤrde, eine ſehr große Anzahl Pfeile fliegen zu laſſen, und daß er ſeinen Waßen einen ungleich hoͤhern Werth beilege, als den der Franzoſen. Uebrigens warf er ſich, ſo wie er einen Pfeil abgeſchoſſen hatte, auf den Boden nieder und bedeckte ſich mit ſeinem Schilde, als ſuchte er Schutz vor den Angriffen ſeines Gegners. Als der Vorrath ſeiner Pfeile erſchöpft war, legte er den Bo⸗ gen zur Seite und ergriff ſeine Keule. Den Schild in der einen und jene furchtbare Waffe in der andern Hand, ſtuͤrzte er mit Schnelligkeit vorwaͤrts und ſchien ſeinem Feinde graͤuliche Streiche beibrinsen zu wollen. Dabei waren alle ſeine Bewegungen ungeſtuͤm und doch ſicher; ſein Auge funkelte, und man haͤtte den⸗ ken ſolen, er athme nichts als Krieg und Blutver⸗ 128 giefen. Der Cuͤraß, womit die ombayiſchen Krieger angethan gehen, heißt Boru und beſteht aus Buͤffel⸗ haut. In der Mitte iſt zum durchſchieben des Kopfes eine Deffnung angebracht. Vorne und hinten reicht er bis etwas unter die Hoͤhe der Huͤften herab und lie⸗ fert ſomit im groben das Bild eines Meßgewandes. Auf der Vorder⸗ und Hinterſeite des Cuͤraſſes ſnd in horizontaler Richtung eine Menge kleiner Porzellan⸗ muſcheln befeſtigt; groͤßere finden ſich unten, nach Art einer Garnirung, angebracht; zuweilen gebraucht man zu dieſen Einfaſſungen auch kleine Stuͤcke Knochen oder Elfenbein, die in Form von Zaͤhnen ausgeſchnit⸗ ten ſind. Die Spitzen der Pfeile beſtehen aus hartem Holze oder Knochen, mitunter auch aus Eiſen. Fächer⸗ artig zuſammengeſtellt trugen die Krieger ſie an der linken Seite im Gurte ihres Saͤbels oder Kris. Die meiſten Einwohner hatten am Schenkel oder Guͤrtel eine Menge Faͤcherpalmenblaͤtter mit Einſchnitten, durch welche theils rothe, tbeils ſchwarzgefaͤrbte Strei⸗ fen derſelben Blaͤtter gezogen waren, befeſtint. Das fortwaͤhrende Rauſchen des in dieſem Aufzuge Einher⸗ gehenden, das Anſchlagen oder Auseinanderſchlagen der Cuͤraſſe und Schilde, das Geklingel der kleinen, ebenfalls eine Zuthat des kriegeriſchen Aufzuges aus⸗ machenden Schellen, das zuſammen verurſachte ein laͤrmendes Lachen machendes Getoͤſe. Die Ombayer⸗, weit entfernt, hieran Anſtoß zu nehmen, lachten ſelbſt mit den Franzoſen. Einer der Letztern, Arrago⸗ 129 machte vor den Inſulanern einige Taſchenſpielerkuͤnſte, die ſie ins groͤßte Erſtaunen verſetzten. Die Wanderung ſollte nun weiter gehen, nach dem auf einer Anhoͤhe liegenden Dorfe Bitouka. Zwei Wege fuͤhren dahin. Die argwoͤhniſchen Om⸗ bayer beredeten die Franzoſen, den laͤngern ein⸗ zuſchlagen, indeß ſie ſelbſt den kuͤrzern nahmen und vor den Fremden bei ihren Wohnungen ankamen. Indem die Franzo ſen bei einer der Huͤtten der In⸗ ſulaner vorbeikamen, bemerkten ſie etwa zwanzig an der Decke aufgehangene menſchliche Kinnladen. Ggi⸗ mard einer der Franzoſen aͤußerte den Wunſch⸗ daß man ihm einige derſelben gegen ſeine vorzuͤglich⸗ ſten Tauſchartikel uͤberlaſſen moͤchte, erhielt aber zur Antwort: ſie waͤren Pamali(geheiligte Gegenſtaͤnde)⸗ woraus die Franzoſen ſchloſſen, jene Knochen mußten Trophaͤen ſeyn, beſtimmt zur Erhaltung des Anden⸗ kens an Siege, welche die Ombayer über ihre Feinde erfochten hatten. Die Mauren, Decken und Fußboden der ombayiſchen Huͤtten beſtehen aus Blät⸗ tern von Faͤcherpalmen und Kokosbaͤumen, welche von Bambusſtengeln zuſammengehalten werden, Die Schlaf⸗ ſtellen erheben ſich mehrere Fuß uͤber den Boden und das Bett ſelbſt kommt noch hoͤher zu liegen. Ein Huhn, Honig, gruͤne Mangos und einige Kokosnuͤſſe waren alles, was man den Franzoſen von Lebens, mitteln anbot. Gegen ihre Meſſer, Armbaͤnder, Oh⸗ rengehaͤnge, tauſchten die Franioſen Bogen und 52. Bd. Reiſen um die Welt. V. 2. 3 130 Pfeile der Ombayer ein; Schilde hingegen und Cü⸗ raſſe konnten ſie durchaus nicht bekommen. In der Naͤhe der Huͤtten trocknete man weiße Samenkorner, von der Groͤße einer kleinen Mandel, welche einen ſehr angenehmen Geſchmack hatten. Auffallend war es den Franzoſen, daß ſie in Bitouka nicht eine einzige Weibsperſon zu Geſichte bekamen; vermuthlich waren ihre Fuͤhrer ihnen bloß vorgelaufen, um dieſel⸗ ben bei Seite zu ſchaffen. Das Fluͤßchen Ira, in der Naͤhe der Stelle, wo Freyeinet die Landung vorgenommen hatte, ver⸗ ſchaffte ſeinen Matroſen Waſſer. Die Berge der In⸗ ſel ſind hoch, jedoch ohne daß ein einzelner die an⸗ dern bedeutend uͤberragte; ihre Abhaͤnge werden von mehr oder minder tiefen Schluchten durchfurcht. Die Niederungen laͤngs der Kuͤſte ſind, die Dſtſeite aus⸗ genommen, von geringem Umfange. Aus der von den Franzoſen geſammelten Lava und Schlacken zu ſchließen, iſt der Boden groͤßtentheils vulkaniſch. Spu⸗ ren von Anbau kamen den Franzoſen nirgends vor⸗ obgleich an manchen Orten eine kraͤftige Vegetation ſich zu Tage legt. Unter den Baͤumen bemerkte man hauptſaͤchlich die Faͤcherpalme, den Cokos⸗, Caſſten⸗, Mango und Kaſaputbaum mit weißem Stamme, aus welchem das Cajaput⸗ oder Kayon⸗pouti(weißes Baum) Del bereitet wird. Schweine und Hunde ſind die einzigen Saͤugethiere der Inſel. Unter den Voͤgeln bemerkte man: die grauen Turteltauben, eine andere 131 Art mit purvurfarbigen Kaͤppchen, die Ringeltauben, verſchiedene Arten von Raben, die Baumlaͤufer u. ſ. w. Aus der großen Anzahl von Feuern zu ſchließen, die man des Nachts, ſowohl laͤngs der Kuͤſte als tie⸗ fer in das Land hinein, unterſcheiden konnte, muß die Inſel Ombay ſehr ſtark bevoͤlkert ſeyn. Manche Doͤrfer ſind in den Schatten von Waͤldern gebaut, deren Vegetation in den feuchteſten Gegenden ſehr kraͤftig iſt. Mehrere andere Doͤrfer hingegen, worun⸗ ter eines der anſehnlichſten mit Namen Madama, unweit Bitouka, ſahen die Franzoſen zu ihrer Verwunderung, an den Graten der hoͤchſten Berge kleben, an Stellen, wo ſchwerlich ſuͤßes Waſſer zu finden iſt. Die Eingebornen ſind im ganzen genommen von mittlerer Statur, manche ſehr wohlgeſtaltet und von kraͤftiger Leibesbeſchaffenheit; andere hager und von ſchwacher Complexion. Ihr ſchwarzer, olivenfarbiger Teint bietet mancherlei Nüancen dar. Der Geſichts⸗ winkel iſt bei den meiſten weniger weit offen, als bei den Bewohnern von Coupang. In der Regel ha⸗ ben ſie platte, einige jedoch auch wohlgebildete Naen. Ihte Lippen ſind dick; die Zahne geſchwaͤrzt und zum Theil durch den Gebrauch des Betels verdorben, die Mundhaut hellroth. Ihre ſchwarzen, langen, bald glatten, bald krauſen Haare tragen ſie meiſt in einem Büſchel hinten am Scheltel vermittels eines breiten Bandes aus Feigenbaumrinde zuſammengebunden. Einige gehen hinwieder in abgeſchnittenen Haaren und legen um den Kopf eine Art von Ring, welchen ſie Preki heihen. An Einzelnen bemerkte man Narben auf der Bruſt, auch an den Armen und Schlaͤfen. Andere hatten im Geſichte ſowohl als anderen Theilen des Koͤrpers weißliche, fiechtenentige Flecken; zwei waren einaͤugig, und an ſehr vielen bemerkte man un⸗ zweideutige Spuren der Pocken. Ven mußkaliſchen Inſrumenten traf man bei ihnen ein einziges, eine Art von Rohrflöte an, auf der aber die Franzo⸗ ſen nie ſpielen hoͤrten. In Coupang, dem Hauptorte des portugie⸗ ſiſchen Antheils von Dimor blich Freyeinet vier Wechen, bei der Iuſel Rawack in Neuguinea un⸗ ter dem Acguator drei Wochen, bei den Marian⸗ nen(Ladronen, Philippinen) faſt drei Monde, bei den Sandwichs⸗Inſeln drei Wochen, und in Vort⸗Jackſon in Neu⸗Suͤdwales drei Mo⸗ ugte.. Die Urania ſegelte von hier am 28. Dezemder 1849 bis 690 ſuͤdlicher Breite und nach dem Feuer⸗ lande, wo ſie den 7. Februar as20 in der Baidu bon Sucees landete, von einem Sturme aber in die hohe See geworfen wurde, und bei den Malvi⸗ nen in der Bai Franeaiſe den 43. Febr. Schiff⸗ bruch litt; doch war man ſo glucklich, Alles, was man an Bord hatte, zu retten. Freyeinet und die Sei⸗ nen verließen dieſe Einoͤde den 27. April 1820 auf 133 einem amerikaniſchen Schiffe, welches der Zufall dahin gefuͤhrt hatte. Freyeinet kaufte naͤmlich dieſes Schiff, das er la Phyſieienne nannte, um ſeine Enideckungsreiſen fortzuſetzen. Er verweilte hierauf im la Plata⸗Strome ein, und in Rio⸗Janeird drei Monate. Am 13. November 4820 landete Freyeinet wie⸗ der in ſeinem Vaterlande, in dem Hafen von Havre. Den Hauptzweck ſeiner Reiſe, Beobachtungen an⸗ zuſtellen, die geeignet waͤren, die Geſtalt der Erde und die Intenſitat der magnetiſchen Kraft in der füdlichen Hemiſphaͤre zu beßimmen, womit er hydrographiſche Aufnahmen, meteorologiſche Beobachtungen, Drtbe⸗ ſtimmungen und naturhtſtoriſche Sammlungen ver⸗ band, hat er auf eine Art erreicht, die ihm eine ehren⸗ volle Stelle in der Geſchichte der Naturwiſſenſchaften zuſichert. Der franzoͤſiſche Miniſter des Innern ſagte in ſeiner amtlichen Bekauntmachung, Capitain Frey⸗ einet habe während ſeines vierwoͤchentlichen Auf⸗ enthalts am Cap, die Behauptung La Caille's nicht beſtaͤtigt gefunden, daß naͤmlich die fuͤdliche Halbkugel emen groͤßern Bogen bilde, als die noͤrd⸗ liche. Allein La Caille, einer der groͤßten und den⸗ kendſten Koͤpfe leiner Zeit, hielt ſich am Gap beinahe ein halbes Jahr auf. Dagegen ſind die Beobachtun⸗ gen Freyecinets uͤber den Magnetismus von grö⸗ üerm Werthe. Sie beweiſen, daß in der ſüdlichen Hemiſphaͤre eine der noͤrdlichen Halbkugel diametral entgegen laufende Bewegung ſtatt findet. Die taͤgli⸗ chen Schwankungen der Magnetnadel waren inner⸗ halb der Wendekreiſe ſehr klein, und die Inclinativ⸗ nen der Nadel, welche Freyeinet gemeſſen hat, be⸗ ſtaͤttigen vollkommen die eigenthuͤmliche Kruͤmmung des magnetiſchen Aequators im Südmeere, wel⸗ che ſchon aus Cook's Beobachtung hervorzugehen ſchien. Auch wurden mit 63 Flaſchen Meerwaſſer, die Freyeinet mitgebracht hatte, Verſuche ange⸗ ſtellt, um zu beſtimmen, ob das Seewaſſer der ſuͤdli⸗ chen Halbkugel an Salz ſpeziſiſch ſchwerer ſev, als das in der noͤrdlichen. Nach ſeiner Ruͤckkehr nach Frankreich wurde Freyeinet, wie es der Gebrauch iſt, wegen des erlittenen Schiffbruches, vor ein Kriegsgericht, aus Seeoffizieren gebildet, geſtellt, allein auf das Ehren⸗ vollſte losgeſprochen. Als Freyeinet nach ſeiner Ruͤckkehr bei ſeinem Koͤnige Ludwig XVIII. zu einer beſondern Audienz in deſſen Kabinet zugelaſſen wurde, ſagte der Mro⸗ narch zu ihm:„Sie ſind als Fregatten⸗Capitain hier eingetreten, Sie verlaſſen das Zimmer als Schiffs⸗ Capitain; danken Sie mir aber nicht dafuͤr, ſagen Sie vielmehr, was Jean Bart*) zu Ludwig Fean Bart war ein beroͤhmter franzöſiſcher Admzral und Seeheld, dabei ein gaßz vriginei⸗ ler Mann⸗ 135 XIV., als er ihn zum Anfuhrer einer Eskadre machte: „Sire! das haben Sie recht gemacht!“— Anmuths⸗ volle Worte, welche dem Avancement einen beſonde⸗ ren Werth dadurch beilegten, weil daſſelbe nicht als eine Gunſibezeugung erſchien. Die handſchriftlichen Nachrichten von Freyei⸗ nets Reiſe um die Welt, 34 Quartbaͤnde ſind im Sekretariat der Akademie in Paris niedergelegt⸗ Daraus entſtand das Prachtwerk: Voyage autonr du monde fait p. o. du Roi sur 1. corvettes FUranie etc. pend. 1. années 4847— 4820. p. M. L. de Frey- einet. Paris 4825 ete. 8 volum.(mit 4 Atlas von 348 Kupfern) in 4. Otto's Ritters von Kotzebue, ruſ⸗ ſiſch⸗kaiſerlichen Flott⸗ Capitains, Reiſe um die Welt, in den Jahren 1823 bis 26. Bearbeitet von Dr. Gö ſchl, königlichen Profeſſor am Lyceum zu Aſchaffen⸗ burg*) — Erſtes Buch. 8 —tto von Kotzebue ward im Jahre 4823 vom Alerander, Kaiſer von Rußland, zum Be *) Pon demſelben Verfaſſer befindet ſich unter der Preſſe und erſcheint bei Th. Perguay in Aſchaf⸗ fenburg:„Verſuch einer hiſoriſchen Darſtellung der kirchlich⸗chrißlichen Ehegeſetze von Chriſtus bis auf die neueſten Zeiten.“ Fruher erſchien von ihm bei Th. Perßuay:„Denkmal auf das Grab des geiſtlichen Rathes Konrad von Braun.“ Auch redigirte Dr. Goſchl im — 137 fehlshaber des Schiffes Predpriatie G deutſch: die Unternehmungernannt, mit der beſondern Weiſung, von Kronſtadt aus eine Ladung verſchie⸗ dener Materialien nach Kamtſchatka zu bringen, und von da nach der Nordweküſte von Amerika zu ſegeln, um dort dem, von auslaͤndiſchen Schiffen getriebenen, der ruſſiſch⸗amerikaniſchen Compagnie nachtheiligen Schleichhandel zu wehren. Ein Jahr ſollte das Schiff an der ameritaniſchen Kuͤſte verwei⸗ len, und ſodann, von einem andern abgelöst, die Ruͤck⸗ fahrt nach Kronſtadt antreten. Das Schiff hatte die Groͤße einer Fregatte von mittlerm Range, und zaͤhlte, um es nicht unnuͤtz zu belaſten, nur 24 ſechspfuͤndige Kanonen und 446 Per⸗ ſonen*). Dagegen war Kotzebue mit aſtron omi⸗ ſchen, phyſikaliſchen und andern wiſſenſchaftlichen In⸗ ſtrumenten reichlich verſehen; unter andern beſaß er zwei verſchiedene Pendel⸗Apparate und einen von dem beruͤhmten Reichenbach fuͤr dieſe Expedition eigens verfertigten Tbevdolit. Jahre 1830 die„Katholiſche Kirchenzeitung“ (Aſchaffenburg bei Th. Perguay) in welche er 16 Auffaͤtze, Abhandlungen u. ſ. w. zugieich eferte. Jäck. *) Darunter ein Geißlicher, ein Arit, ein Natur⸗ forſcher, ein Aſronom, ein Phhſtker und ein Minetalog.— G. 138 Am 14. July alten Styls(nach welchem bey dieſer Reiſe immer gerechnet worden) ſtand das Schiff vollig ausgeruͤſtet und ſegelfertig im Hafen von Kronſtadt, woſelbſt der Kaiſer genaue Beſichtigung bielt. 1) Am 28 Juli bei guͤnſtigem Winde gab Kotze⸗ bue, der Schiffseapitain, den Befehl, die Anker zu lichten und die Segel aufzuſpannen. Die ganze Mannſchaft war von frohem Muthe und hoher Be⸗ geiſterung fuͤr das vorgeſteckte Unternehmen beſeelt. Der Wind blies friſch in die Segel, und bald war die Feſtung ſammt ihren Thuͤrmen den Blicken der Seefahrer entruͤckt. Bis Gothland ging die Fahrt vortrefflich, aber nun uͤberfiel ſie ploͤtzlich ein Sturm, der 24 Stun⸗ den andauerte, jedoch gluͤcklich voruͤberging, ſo daß Kotzebue am s. Auguſt die Inſel Bornholm er⸗ reichte. Angenehm wurde er daſelbſt uͤberraſcht durch den Anblick des Admirals Crowe, der mit einer ruſſiſchen Flotte bei dieſer Inſel kreuzte. Fruͤh Mor⸗ gens am 10. Auguſt langten ſie vor der freundlichen Hauptſtadt Daͤnemarks an. Von da paſſirten ſie am 12. Auguſt den Sund, und befanden ſich eben in Kattegatt, als in der Nacht ein heftiges Ge⸗ witter losbrach, welches mit ſeinen zu großen Feuer⸗ maſſen gewordenen Blitzen das Schiff zu verſchlingen drohte. Die Fahrt in der Nordſee war bei faſt im⸗ merwaͤhrenden eontraͤren Wind langweilig, und im 139 engliſchen Kanal, des ununterbrochenen Nebels we⸗ gen, gefaͤhrlich. Dennoch langte Kotzebue am 25. Auguſt glücklich auf der Rhede von Portsmuthan. In London hielt ſich Kotzebue nur ſo lange Zeit auf, als erforderlich war, um die noͤthigen aſtro⸗ nomiſchen Inſtrumente, Seekarten und Chronometer ſich anzuſchaffen; jedoch konnte er erſt am 6s. Septem⸗ ber die Rhede wieder verlaſſen. Am folgenden Mor⸗ gen hatte das Schiff das Vorgebirge Portland er⸗ reicht, als ein contraͤrer Wind bei einem Aequinve⸗ tialſturm dasſelbe mit großer Gefahr wieder zuruͤck⸗ trieb. Zum zweitenmal verließ Kotzebue England, wurde aber bei nun eingetretener Windſtille noch neun Tage im Kanal aufgehalten, ehe er in den atlantiſchen Deean kommen konnte. Jetzt trieb ein friſcher Nord⸗ wind das Schiff ſüdwaͤrts, ſo daß es nach manchem Kampfe mit Stuͤrmen am 22. September die Paral⸗ lele von Liſfabon erteichte, und ſomit der Sturm⸗ region entruͤckt war. Der guͤnſtige und friſche Paſſatwind brachte es ſchnell und bequem an die Inſel Teneriffa, wo Kotzebue mit dem Bedarf an Wein ſich zu verſehen beabſichtigte. Schon hatten unſere Seefahrer ihre, aus hohen, ſchroffen und ſchwarzen Lavafelſen beſte⸗ hende noͤrdliche Spitze erreicht, und ſegelten die ſuͤd⸗ liche Kuͤſte entlang, der Rhede von Santa⸗Cruz zu, als ſie an einer ſpitzen Anhoͤhe von ungefaͤhr tau⸗ ſend Fuß uͤber der Meeresſlaͤche einen Telegrapheß in 140 voller Thaͤtigkeit ſahen. Jetzt zeigte ſich ihnen auf dem Abhange eines Berges die amphitheatraliſch ge⸗ haute Stadt mit ihren vielen Kirchen, Kloͤſtern und großen Cheils huͤbſchen Haͤuſern, es uͤberraſchte ſie der maſeſtaͤtiſche Pick, dieſer Rieſe unter den Ber⸗ gen, der im Hintergrunde ſein eisbedecktes Haupt 43,278 Fuß uͤber die Meeresflaͤche erhebt, als plotlich eine von der Feſtung aus abgefeuerte Kugel nicht weit vom Schiffe in's Waſſer fiel. Zugleich nahmen ſie große Thaͤtigkeit auf den Waͤllen war. Die Kanonen wurden geladen, und die Kanoniere ſtanden mit bren⸗ nenden Lunten bereit, nit ſpaniſchen Kugeln das Schiff zu begruͤßen. Da beſchloß Kotzebue, der Inſel und ihrem Pick Lebewohl zu ſagen, und die Fahrt nach Braſilien fortzuſetzen. Der Lauf des Schiffes ging gerade auf den Aeguator zu, den es amn 21. Oktober unter dem 25. Grad der Laͤnge Cvon Greenwich an gerechnet) durchſchnitt. Kotzebue vegrußte die ſudliche Halbkugel durch Abfeuerung des Geſchutzes. Ein friſcher Suͤdoſtpaſſat fuͤhrte das Schiff ſchnell an die Kuͤſte Braſiliens. 2) Am Morgen des 1. Novembers, der auf der ſüdlichen Hemiſphaͤre ein Fruͤhlingsmorgen war, et⸗ blickte Kotzebue das Cap Frio, und an demſelben Abend kounte er ſchon deutlich die, durch einen zu⸗ cerhutfoͤrmigen Berg iehr kenntliche Einfahrt der Bucht Rio⸗Janeiro unterſcheiden. Eine Wind⸗ ſtille binderte ibn aber, noch am nämlichen Abende 141 in den Hafen einzulaufen, an deſſen Muͤndung er ge⸗ zwungen war, die Anker fallen zu laſſen. Die ſo rei⸗ tzenden Umgebungen nahmen ihn und ſeine Gefaͤhrten ganz in Anſpruch. Ein erquickender Landwind fuͤhrte ihnen die angenehmſten Wohlgeruͤche und eine Menge ſchoͤner Schmetterlinge und Inſekten zu. Voͤgel, wie nur die Dropenlaͤnder ſie hervorbringen, umſchwebten ſie. Alles zeugte, daß die Natur dieſes Land vor⸗ zugsweiſe zum frohen Lebensgenuß und zum Gluͤck ih⸗ rer Geſchoͤpfe beſtimmt hat. Nur dem Neterſklaven wird bei ſeiner ſchweren Arbeit, unter der Peitſche ſeines Tyrannen, dieſer Himmel zu einer Hoͤlle.— Waͤhrend der ganzen Nacht hoͤrte man faſt ununter⸗ brochen von der Stadt her Kanonen⸗ und dazwiſchen auch Flintenſchuͤſſe fallen, wobei eine Menge Raketen in die Luft ſtiegen. Es wurde, wie Kotzebue nach⸗ ber erfuhr, vom Volke ein Freudenfeſt gefeyert, we⸗ gen der Verhaftung dreier Miniſter, die einer Ver⸗ ſchwoͤrung gegen den Kaiſer beſchuldigt waren. Beim Anbruch des Tages meldete ſich der braſi⸗ lianiſche Boetsdirektor auf dem Schiffe, ein Mann bei Jahren, klein, dick und ohne alle Bildung, der ſich auf ſeinen Namen Vasco de Gama viel zu gute that, den er mit dem erſten Umſchiffer des Vorgebirges der guten Hoffnung gemein hatte, von welchem er in gerader Linte abzuſtammen vorgab. Der Anker wurde gelichtet, und das Schiff lief ein in die Bucht von Rio⸗Janeiro, deren ſchmaler Eingans —— 1⁴2 einen Kanal bildete, und von einem ſtarken, auf einer Anhoͤhe liegenden Fort beherrſcht wird, wodurch ſie vor feindlichen Fahrzeugen ziemlich geſichert iſt. Ueber⸗ raſchend und ergoͤtzend zeigte ſich die amphitheatraliſch gebaute, von dort aus ſehr hubſch erſcheinende Stadt Rio⸗Janeirv. Zwiſchen den Gebäuden erheben ſich ſtolz die hohen ſchlanken Palmen, welche die freund⸗ lich weißen Haͤuſer beſchatten. Den Hintergrund bil⸗ det ein ſchroffer Abhang des Gebirges, der mit meh⸗ rern Kloͤſtern geziert war. Kaum hatte Kotzebue die Segel eingenommen, als der ruſſiſche Vice⸗Conſul von Kielchen und ein von der braſilianiſchen Regierung abgeſandter Of⸗ ſicier an den Bord kamen, um ihm zu ſeiner Ankunft Gluͤck zu wuͤnſchen. Letzterer machte ihn zugleich mit der Verordnung ſeiner Regierung bekannt, daß jedes ankommende Kriegsſchiff die Feſtung mit 21 Kanonen⸗ ſchuſſen begrüßen muͤſſe. Kotzebue befahl ſogleich⸗ die 21 Kanonen abzufeuern, und erhtelt unverzuglich von der Feßung eine gleiche Anzahl Schuͤſſe zur Er⸗ wiederung. Uum die gute Jahreszeit am Cap Horn nicht zu verſaͤumen, erſuchte Kotzebue Herrn von Kiel⸗ chen, die zur Fortſetzung ſeiner Reiſe erforderlichen Lebensmittel und die uͤbrigen Beduͤrfniſſe ſo bald als möglich zu liefern. Dazu war aber eine Zeit von vier Wochen noͤthig, die er vorzuͤglich zu aſtronomiſchen und Pendel⸗Betrachtungen anzuwenden gedachte, zu 1¹3 welchem Behufe ihm von Kielchen ein beguemes Landhaus, an der kleinen romantiſchen Bucht Bota⸗ fogo gelegen, einraͤumte, waͤhrend die Offiziere die Arbeiten auf dem Schiffe beſorgten. In der reizenden umgebung dieſes Landhauſes, un⸗ ter ſteter Beſchaͤftigung für die Expedition, floß ihm die kurze Zeit ſeines Aufenthaltes in Braſilien ſchnell und angenehm dahin. Von Botafogo fuͤhrt ein anmuthiger, ſich zwi⸗ ſchen huͤbſchen Landhaͤuſern hinſchlaͤngelnder Wes zur Stadt, deren Name Rio⸗Janeiro(d. h. Januar⸗ ſluß) aus einem Irrthum des erſten Entdeckers der Bucht entſtand, der ſie fuͤr die Muͤndung eines Fluſ⸗ ſes hielt, welchen er nach dem Monat der Entdeckung nannte. So ſchoͤn ſich die Stadt von der Bucht her ausnimmt, ſo ſehr wird man auf unangenehme Weiſe überraſcht durch die ſchmalen, ſchlecht gepflaſterten, ſchmutzigen Straßen und durch den gaͤnzlichen Mangel an geſchmackvollen Gebaͤuden. Plumpe Kirchen und Kloſter gibt es in großer Menge. Der Umfang der Stadt iſt ziemlich betraͤchtlich; auch zahlt ſie ungefaͤhr 230,000 Einwohner, wovon aber zwei Drittheil Ne⸗ ger ſind und das dritte Drittel wieder großen Theils aus Mulatten, Meſtizen und andern farbisen Leuten beſteht. Das Sehenswertheſte in der Stadt it das Muſeum, welches einige ſeltene Naturalien enthält und mit koſbaren Steinen angefullt iſt. Am 19. November wohnte Kotzebue der Feier 144 des Kroͤnungstages und der Stiftung des Ordens vom ſuͤdlichen Kreuie in der Stadt bei; und am 28. No, vember Morgens s Uhr, ſetzte er ſeine Reiſe weiter fort. Die Reſultate der auf dem Lande angeſtellten Obſervationen zur Drtsbeſtimmung ſind folgende: Breite von Botafogö 24 66 6 Suͤd.— Leuge, aus vielen verſchiedenartigen Beobachtungen, die Mitte: 43 7 32“ Weſt. Die Abweichung der Magnetnadel betrug 30 oͤſtlich, ihre Inelination 9o 28“. Die Laͤn⸗ gendifferenz zwiſchen Cap Frio und Botafogo be⸗ trug 1 6“ 20“ folglich die wahre Laͤnge vom Cap Frio 42* 1 12“ W. von Greenwich. 3) Auf der weitern Fahrt nach Suͤden konnte Kotze⸗ bue unter dem 39o der Breite wahrnehmen, wie viel weiter der Suͤdpol ſeinen unfreundlichen Einfluß er⸗ ſtreckt, als der Nordpol. Die Vorboten der nahe lie⸗ genden Sturmregion, der Walifiſch und der Rie⸗ ſenvogel, Albatroß genannt, zeigten ſich haͤufig. zwiſchen den Falkeninſeln und der Kuͤſte Pata⸗ goniens verkündete eine unendliche Menge grauer Sturmvoͤgel die Naͤhe des Landes; und am Morgen des 23. Deiembers waren in einer Entfernung von so Meilen die hohen, mit Schnee bedeckten eckigen Berg⸗ ſpitzen des ſchauerlichen Staatenlandes zu ſehen. Ein friſcher Wand fuͤhrte das Schiff bald dieſer un⸗ wirthbaren, von der Natur ſo ganz verwahrloſeten Inſel nahe genug vorbei, daß Kotzebue die Gegen⸗ ſaͤnde auf ihr ohne Fernrohr erkennen konnte. Der 145 ſchwache Wind erlaubte erſt am folgenden Morgen das oſtliche Vorgebirge vom Staatenlande, Cap John⸗ zu umſchiffen. Kotzebue ließ jetzt, ohne ſich vom Lande zu entfernen, einen weſtlichen Cours laͤngs der ſuͤdtichen Kuͤſte vom Staatenlande nehmen, um auf dieſe Weiſe das Cap Horn ſchneller zu erreichen und es im Angeſicht des Landes zu dubliren. Rechts lag in ſchauerlichen Formen das Feuérland. Schon an Mittage des folgenden Tages wurde das ſo ſehr ge⸗ fuͤrchtete Cap Horn in einer Entfernung von 25 Mei⸗ len ſichtbar als boher runder Berg. Eine Windüiüe verzogerte die Fahrt; am Weihnachtstage wurde das Cap ohne alle Beſchwerden dublirt, und am Abende ganz nahe den kleinen Felſeninſeln Diego Rami⸗ rez, von einer unendlichen Menge Seevoͤgel bewohnt, vorbeigeſegelt, ſo daß ſich das Schiff nun in der Säd⸗ ſee befand. Mit Huͤlfe eines friſchen fuͤdlichen Win⸗ des, der das Schiff in einer Stunde 11 Meilen weit trieb, ward nach einem kleinen Sturm das Feuerland am s. Januar gluͤcklich umſchifft, und die Fahrt nach Norden fortgeſetzt. Bei dem Cap Horn zeigte das Reaumürſche Thermometer am Mittag nur 4 Grad Waͤrme. Froͤhlich wurde das Jahr 1824 von der Schiffs⸗ mannſchaft begonnen, weil mit der umſeglung vom S Horn die groͤßte Gefahr der Reiſe uberſtanden ar. Den 15. Januar zeigte ſich in weiter Ferne die 82. Bd. Reiſen um die Welt. V, 2. 4 146 Inſel St. Maria, und am folgenden Mergen er⸗ kannte Kotzebue ſchon an den beiden hohen runden Bergen, welche Biobies⸗B uſen genannt werden, nach dieſem Fluſſe, der zwiſchen ihnen durchßießt, daß er ſich in der Naͤhe der Bucht Conception befand. Ein friſcher Suͤdwind trieb das Schiff raſch dem Lande zu, welches dem Auge eine faſt ununterbrochene, er⸗ müdende, wagerechte Linie darbot. Der runde Berg⸗ rücken iſt ſpaͤrlich bewachſen, und hatte in dieſer trok⸗ zenen Johreszeit faſt das Anſehen einer Wuͤſte. Am Mittage wurde die am Eingange der Bucht liegende Inſel Quiguirino dublirt, und nun befand ſich das Schiff auf der geraͤumigen, jetzt ſpiegelglatten Waſſer⸗ Faͤche, von einer Menge Wallfiſchen, Seehunden, Del⸗ phinen und Waſſervoͤgel umringt, welche das Meer an Chili's Kuͤſten in großer Aniahl beleben. Die Wind⸗ ſtile machte es unmoͤglich, noch am uaͤmlichen Tage den Flecken Talcoguano, wo die Schiffe gewoͤhn⸗ lich vor Anker gehen, zu erreichen, und nur noch we⸗ nige Meilen von demſeiben entfernt, ließ Kötzebue die Anker fallen. Am folgenden Morgen ſchickte er einen Offizier ans Land, um den Commandanten des Ortes um die Erlaubniß zu bitten, mit friſchen Lebens⸗ mitteln und Waſſer zur Fortſetzung der Reiſe ſich ver⸗ ſorgen zs duͤrfen. Und als dieſer mit guͤnſtiger Nach⸗ richt zurückkam, ließ Kotzebue die Anker lichten⸗ und in der Entfernung eines Flintenſchuſſes von DTal⸗ coguanv wieder fallen. Am Nachmittage fuhr er ——— 147 ans Land, um dem Commandanten einen Beſuch zu machen. Dieſer, ein alter, ſehr republikantſch geſinn⸗ ter, Mann empfing ihn mit ſpaniſcher Etikette, und wies ihn an den erſten Praͤſidenten der Republick, Freire, der ſich in der Stadt Coneception befand, von dem er eine Anweiſung haben muͤſſe, wie weit er in ſeinen Dtenſtleiſtungen gegen ihn zu gehen habe. Kotzebue machte ſich ſogleich auf den Weg dahin⸗ um dieſe Forderung zu erfuͤllen, und benützte dabei ein Empfehlungsſchreiben, das er aus Rio⸗Janeiro an einen Kaufmann in Conception, Namens Men⸗ diburu, mitbekommen hatte. Der kleine, bejahrte Mann bewillkommte ihn aufs freundſchaſtlichſte, bot ihm Wohnung an, und begleitete ihn ſelbſt zum Praͤ⸗ ſidenten. Dieſer empfing ſie in voller Generalsuni⸗ form nach ſteifer Etikette, aber doch freundlich, ob⸗ gleich nicht ganz ohne Mißtrauen, Rußland mochte Abſichten auf Chili haben. Das Geſuch, eine Reiſe in die Cordilleren zu machen, ſchlug er geradezu hoͤflicht ab, weil man mit den Gebirgsvoͤlkern im Kriege begriffen ſey; wohl aber ertheilte er die Er⸗ laubniß, die Umgebungen von Talcoguano und die Ufer der Bai Coneeption zu bereiſen, wozu der Paß ausgefertigt und ein Unteroffieier zum Begleiter beſtimmt ward. Der gefaͤlige Mendiburu beglei⸗ tete ihn am folgenden Tage nach Talcoguano zu⸗ rück, wo er ihm ein großes, eigenes Haus zu den aſtro⸗ nomiſchen Beobachtungen einräumte. Die Erdolungs⸗ ſtunden brachten Kotzebue und ſeine Ofſiziere bei den ſehr gaſtfreien Talcoguanern angenehm zu.— Baid ward das Staͤdtchen von kriegeriſchem Getuͤmmel er⸗ fuͤt. Ein von Conception kommendes Grenadiet⸗ 1 regiment zog ein, mit wirbelnden Trommeln und ſchö⸗ ner Muſik. Ein paar Regimenter wurden auch nach der Inſel Quiquirino uͤbergeſetzt, wo ſie im Lager ſtehen und in den Manoͤvern geuͤbt werden ſollien. Dteſe ganze Macht, zuſammen aus 8000 Mann beſte⸗ hend, war beſtimmt, den einzigen Punkt, den die Spanier noch beſetzt hielten, anzugreifen. Man war⸗ tete nur auf die erforderlichen Schiffe, die aus Val⸗ ar aiſo kommen ſollten, um die Truppen zu ihrer Beſtimmung zu führen. Deſters wurden auf dem Schiffe Beſuche von Herren und Damen gemacht. Ein Mal befand ſich auch ein, mit den Chiliern befreundeter araucani⸗ ſcher Haͤnptling, nebſt ſeiner Tochter und einem klei⸗ nen Gefolge darunter. Es ward ein Fruͤhſtück gereicht, wobei ſich die Araueaner, Meſſer und Gabel ver⸗ ſchmäbend, mit den Fingern ſehr tapfer hielten⸗ Nach der Mahlzeit wurden ihnen kleine Geſchenke gemacht, die viele Freude erregten. Der Haͤuptling bot ſich aber uͤberdieß noch einen Piaſter aus, und ſeine Toch⸗ ter einen Spiegel. Nachdem ſie ſich eine Weile mit Wohlgefallen in demſelben betrachtet hatte, ging die⸗ ſes Kleinod von Hand zu Hand unter ihren Lands⸗ leuten. Sie ſind von mittlerem Wuchs, ſarkem Koͤr⸗ 149 perbau und dunkler Farbe. Ihr ſchlichtes, ſchwaries Haar haͤngt frey uber die Schultern herab, die klei⸗ nen, chineſiſch gezogenen Augen und die vorſtehenden Backenknochen ſcheinen auf aſiatiſche Abkunft zu deu⸗ ten. Der Ausdruck ihrer Geſichter iſt freundlich, leb⸗ haft und nicht ohne Geiſt. Ihre Kleidung iſt ſehr einfach und beſteht blos aus einem viereckigen, mehr langen als breiten, der Laͤnge nach bunt geſtreiften Stuͤcke wollenes Zeug, das ſie ſelbſt verfertigen. In der Mitte iſt ein Loch, wodurch der Kopf geſteckt wird, ſo daß die laͤngern Theile vorn und hinten bis an das Knie, die kürzern aber zu beiden Seiten, bis et⸗ was uͤber die Schultern hinaus, den ſonß ganz ent⸗ bloͤsten Koͤrper bedecken. Die Offieiere des garniſonirenden Regiments hat⸗ ten die Aufmerkſamkeit, dem Capitain Kotzebue und ſeinen Officieren einen Ball zu veranſtalten, wogegen auch dieſe auf ihrem Schiffe einen gaben, der aber durch das Geruͤcht, als habe man die Abſicht, in der Stille die Anker zu lichten, und mit der ſchoͤnen Beute davon zu ſegeln, beinahe geſtoͤrt worden waͤre. Nur den Bemühungen des Mendiburun gelang es, den laͤcherlichen Wahn zu verſcheuchen und die Ruhe wieder herzuſtellen. Das vorzuglich heitere Wetter bewog Kotzebue, eine Luſtfahrt nach dem gegenuͤberliegenden Ufer der Bai zu unternehmen, um dort die Ruinen der alten Stadt Coneception zu beſehen. Mendiburn 150 war von der Geſellſchaft, ſo wie alle Gelehrte auf dem Schiffe, und die Offieiere, denen der Dienſt es geſtattete. Sie landeten nach zweyſtuͤndiger Ueber⸗ fahrt in drei großen Böten bei dem Flecken Penen, der, wie Portici uͤber Herculanum, auf den Trüm⸗ mern der verſchlungenen Stadt Coneception er⸗ baut iſt. Ungefaͤhr fuͤnfzehn, von Gaͤrten umgebene Haͤuſer, liegen hier zerſtreut auf einer anmuthigen Ebene, durch welche ein ſchmaler Strom, St. Pe⸗ ter genannt, ſich rauſchend windet. Man haͤlt dieſe Gegend fuͤr eine der reitzendſten an der ganzen Bai. Schon war Kotzeb ue im Begriff, Chili zu verlaſſen, als die freundſchaftliche Behandlung, die er datelbſt erfahren hatte, ſich in merkbares Mißtrauen umaͤnderte. Es wurden geheime Anſchlaͤze gegen ſeine Leute gemacht. Den erſten Anſtoß gab der Schnurbart, den einer derſelben trug, an welchem die Chilier einen verkappten Spanier zu erkennen glaub⸗ ten, der mitgekommen ſei, um Unruhen zu eyregen⸗ und die Gemuͤther fuͤr die feindliche Regierung zu ge⸗ winnen. Zweimal erhielt Kotzebue deshalb eine Watnung, auf ſeiner Hut zu ſeyn, worauf er kriege⸗ riſche Anſtalten traf, die nicht unbemerkt mochten ge⸗ blieben ſeyn, denn er konnte ruhig die Anker lichten, um die Reiſe fortzuſetzen. Schon waren die Segel aufgeſpannt, da brachte Mendiburu die Nachricht, daß bei der Inſel Quiguitrino am Eingange der Bai eine chiliſche Fregatte und eine Corvette vor An⸗ 15¹ ker laͤgen, die vor zwei Tagen aus Valparaiſo dott angelangt ſeien, um Truppen nach Chili zu briu⸗ gen, und daß dieſe Schiffe den Befehl haͤtten, das Auslaufen des Schiffes Kotzebue's aus der Bucht zu verwehren. Letzterer nahm dieſe Nachricht dantbar auf, traf ſeine Anſtalten, und verließ gluͤcklich die Bucht, ohne daß die chiliſche Fregatte etwas anders unternehmen konute, als beim Begegnen durchs Sprach⸗ rohr etwas unverſtaͤndliches zuzurufen. Die am Lande gemachten Beobachtungen wareit folgende: Breite von Mendiburus Hauſe in Talcopuano 36 42˙ 45*. Weſtliche Laͤnge deſſel⸗ ben 730 8 20. Deelination der Magnetnadel 140 oo' oo“ öſtlich. Inelination derſelben 800 47. 4) Von Chili aus richtete Kotzebue den Lauf ſeines Schiffes nordweſtlich, um zwiſchen den Paralle⸗ len des 150 und 165 ſuͤdlicher Breite den Archipel zu erreichen. In drei Tagen hatte er bei ununterbro⸗ chenem friſchen Suͤdwind 660 Meilen zurückgelest⸗ Die Inſel Juan Fernandez blieb ihm links, und die kleinen unbewohnten, felſigen Inſeln Felir und Ambroſio in geringer Entfernung rechts. Schnell erreichte er den ſudlichen Wendekreis, und in drei Wochen von Chili ſchon 4000 Meilen entfernt, be⸗ fand er ſich in der Naͤhe des gefährlichen Archi⸗ pels, der von kleinen Koralleninſeln gebil⸗ det wird. Am 3. Maͤtz entdeckte er im 13* der Breite und 2390 der Laͤnge eine neue, ſtark bewaldete Inſel⸗ 152 welcher Kotzebue den Namen ſeines Schiffes, Pred⸗ priatte, gab. Er kam dem Lande ſo nahe, daß er die Gegenſtände auf demſelben mit bleßen Augen deutlich unterſcheiden konnte. In ihter Mitte ſchließt die Inſel einen großen See ein, auf welchem Kaͤhne herumſegelten. Die ganz nackten Wilden, eine lange, ſtarke, dunkelfarbige Menſchenrage, waren in großer Bewegung. Sie verſammelten ſich am Ufer, und be⸗ trachteten das Schiff mit Gebaͤrden des Erſtaunens. Einige, mit Speeren und großen Knitteln bewaffnet, liefen unruhig umher, Andere zuͤndeten Holzſtoͤße an, wahrſcheinlich, um durch den aufſteigenden Rauch be⸗ nachbarten Inſeln ein Zeichen ihrer Hülſsbedurftigkeit gegen das nie geſebene Seeungeheuer zu geben. Un⸗ ter den ſchattigen Brodbaͤumen ſtanden niedliche, von Schilf geflochtene Huͤtten, aus welchen Weiber, zum Theil mit Kindern, die ſich ihnen an den Hals hin⸗ gen, eiligſt entflohen und ſich im Walde verbargen. Kotzebne ſegelte rund um die Inſel herum, ohne einen Platz zu finden, wo er haͤtte landen konnen. Die groͤßte Ausdehnung dieſer kleinen Inſel von DNO. nach WSW. betraͤgt nur vier Meilen. Nicht weit von ihr entfernt liegt die Inſel Araktſche⸗ jef(vom ruſſiſchen Flotteapttain Bellingshau⸗ ſen im FJahre 1849 entdeckt), welche in Anſehung ihrer Groͤße und Beſchaffenheit ſehr viele Aehnlich⸗ keit mit der Inſel Predpriatie hat. Im Suͤd⸗ weſten ſah man die noͤrdliche Spitze der Inſelgruppe 153 Wolchonsky, und am Morgen des s. Maͤrt be⸗ kam Kotzebue die Romanzowinſel zu Geſüchte, ſo wie Abends die nach dem Admtral Spiridow benannte Inſel. Nun befand er ſich mitten im ge⸗ faͤhrlichen Archipel, aus dem er nach einem naͤcht⸗ lichen Gewitter mit Regenguͤſſen und Windſtoͤßen bei erfolgtem guten Wetter herauskam, und mit vollen Segeln nach der oͤſtlichſten, der von Cook entdeckten Palliſerinſeln ßteuette. Jetzt trat auch der Suͤd⸗ oſt⸗Paſſat wieder ein, und Kotzebue nahm, von ihm beguͤnſtigt, den kuͤrzeſten Weg nach D Tahaiti. s) Am ſchoͤnen, heitern Morgen des 22. Maͤrz hatte Kotzebue die Freude, das herrliche D Ta⸗ barti wie ein leichtes Woͤlkchen am reinen Hortzonte vor ſich zu ſehen. Aber noch hatte er 70 Meilen zu⸗ ruͤck zu legen, bis er das Land betreten konnte, wel⸗ ches ihm jetzt als drei getrennte Huͤgel zu zwei ver⸗ ſchiedenen Inſeln geboͤrig erſchien. Erſt am a4. ge⸗ lang es ihm, bis zum Cap Venus zu kommen, welches einen uͤberaus reitzenden Anblick gewaͤhrt. Auf das Abfeuern einer Kanone, wodurch Kotzebue den Wunſch ausſprach, einen Lootſen zu haben, ru⸗ derte ein europaͤiſches Boot auf ihn zu, aus dem ein Mann auf ſein Schiff ſtieg, der zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen in ruſſiſcher Sprache ihn anredete, da er die Flagge fuͤr die tuſſiſche erkaunt hane. Es war ein Englaͤnder, Nameus William, der fruͤher im Dienſie der ruſſiſch⸗amerikaniſchen Compagnie gellandeu, und 154 nun in Tahatti das Geſchaͤft eines Lootſen ver⸗ richtete. Den Lootſen am Bord ſteuerte man gerade der aͤußerſten Spitze des Cap Venus zu, auf wel⸗ cher die Tahattiſche Nationalflagge wehte, roth mit einem weißen Stern in der Mitte. Glucklich wurde die von der weßtlichen Seite, vor der Mata⸗ wai⸗Bai liegende Liefe, Delphin genannt, um⸗ ſchifft, und endlich, dem am Ufer liegenden Dorfe Matawal gegenuͤber, 200 Faden vom Lande wur⸗ den die Anker geworfen. Das ufer wimmelte von Neugierigen, welche mit jubelndem Freudengeſchrei die in die Bucht hinein ſegelnde Fregatte begruͤßten. Eine Menge Canots mit allerlei Lebensmitteln, Fruch⸗ ten und andern zum Lauſchhandel dienenden Sachen beladen, ſtießen eiligſt vom Uufer, und bald war das Schiff in einen lebhaften Markt verwandelt. Um eine bequeme Stelle zu aſtronomiſchen Be⸗ obachtungen zu erhalten, entſchloß ſich Kotzebue zu Herrn Wilſon, dem Miſſionaͤr daſelbſt, an's Land zu fahren. Er landete am folgenden Tage an der Spitze des Caps, wo der Schatten eines dichten Pal⸗ menhuins vor den brennenden Sonnenſrahlen Schutz gewaͤhrte. Kein Menſch war am Strande zu ſehen, weit und breit alles ſtill ringsum. Die Bewohner Tahattis feierten den Sonntag, und verließen des⸗ halb ihre Wohnungen nicht, wo ſie auf dem Bauch liegend und laut heulend die Bibel laſen. Auf einem ſchmalbetretenen Pfade, im Schatten von Apfelſinen⸗, 155 Citronen⸗ und Bananen⸗Baͤumen gelangte Kotze⸗ bue zu den Wohnungen der Tahattiſchen Chri⸗ ſten, deren lautes Gebet ihm ſchon entgegentoͤnte. Auf einem fieien Platze lag das kleine freundliche, nach europäiſcher Art gebaute Haus des Miſſionaͤrs, von einem Gemuͤſegarten umgeben, der mit allerlei europaͤtſchen Kuͤchengewaͤchſen reichlich beſetzt war. Herr Wilſon hieß ihn herzlich wilkommen, und ſellte ihm ſeine Frau, eine Englaͤnderin, ſeine Kin⸗ der und zwei engliſche Miſſionaͤre vor, und da es eben Zeit, zur Kirche zu gehen, war, ſo lud er ihn dazu ein, was Kotzebue auch annahm. Von des Miſſionärs Hauſe führte ein huͤbſcher, breiter, chauſ⸗ ſeeartig angelegter, ſchnurgerader Weg, mit tiefen Graben zu beiden Seiten, und mit Cocospalmen und den hohen, ſchattigen Brodfruchtbaͤumen bepflanzt, dahin. Die Kirche war ein huͤbſches Gebaͤude, von außen mit Lehm beworfen und mit Kalk geweißt, mit einem Schilfdache, ohne Thurm und Glocken. Ko⸗ miſch nahm ſich der Sonntagsſtaat der Tahatter aus. Da es bei ihnen keine Schneider gibt, ſo erhan⸗ deln ſie Kleidungsſtuͤcke von Schiffern, die Tahatti beſuchen, wodurch aber eine vollſtaͤndige Kleidung ſehr theuer wird; daher begnuͤgt man ſich mit irgend ei⸗ nem Stuͤck derſelben. Der eine paradirt mit einem Frack oder einer engliſchen Soldatenuniform, iſt uͤbri⸗ gens, bis auf den Tapaguͤrtel, ganz nackt; der andere hat blos Pantalons oder eine Weſte; ein dritter traͤgt 156 blos ein Hemd oder ſchwitzt unter einem dicken Man⸗ tel von Tuch u. ſ. w. Die Frauenzimmer tragen kurze, wetße, auch wohl geſtreifte Maͤnnerhemden mit breiten Krauſen verſehen. Die kahlgeſchorenen Koͤ⸗ pfe, eine von den Miſſionaͤren eingefuͤhrte Mode, zie⸗ ren kleine, europaͤiſche Baſthuͤte, mit Baͤndern und Blumen beſetzt. Es berrſchte in der Kirche eine lo⸗ benswerthe Stille. Durch Wilſons Einfluß wurde dem Kotzebne zu aſtronomiſchen Beobachtungen ein Haͤuschen auf dem Cap Venus eingeraͤumt, und ein nahe dabei gelegenes koͤnigliches Luſſchloß, aus beſonderer Be⸗ guͤnſtigung vom Regenten, zu ſeiner Wohnung be⸗ ſtimmt. Es hatte ein tempelartiges Anſehen. Ein Dach von Blaͤttern ruhte auf vielen Saͤulen, ohne von Waͤnden eingeſchloßen zu ſeyn. Die Umgebun⸗ gen waren ſehr reitzend. Eines Morgens trat ein rieſenhafter Jeri ſolz, in Begleitung des Lvotſen, als Dolmetſchers, in Ko⸗ tebue's Wohnung, und meldete ihm einen Beſuch der Koͤnigin mit ihrer Familie. Vald erſchien auch der koͤnigliche Ceremonienmeiſter, der mit ungeheurer Lebhaftigkeit das ganze Gebaͤude in Beſchlag nahm; ihm folgten mehrere Bedlente mit dem Gepaͤck zur Beguemlichkeit der Herrſchaſt, die den Boden mit feinen Matten belegten, und alles an den gehoͤrigen Drt fellten. Nun kam eine lange Reihe paarweiſe gehender Dahntter beran, dien an Bambusſtangen 157 befeſtigte Lebensmittel verſchiedener Art auf den Schul⸗ tern trugen. Es waren die von der Koͤnigin fuͤr Ko⸗ tzebue beſtimmten Geſchenke: drei großfe Schweine. Pataten, Jams, Kartoffeln und ſchoͤne Fruͤchte von allerlei Art. Endlich erſchien auch die Koͤnigin mit einem zablreichen Gefolge, den kleinen Koͤnig auf dem Arm, und ihre Lochter an der Hand. Pinter ihr gingen ihre drei Schweſtern, ſaͤmmtlich, wie ſie, große und dicke Frauen, denen ſich die ganze Maſſe des Hoſſtaates nachdraͤngte. Zuletzt wurde die koͤnigliche Kuͤche in Kuͤrbisgeſchirren von Leuten der niedern PVolksklaſſe getragen. Die Koͤnigin und ihre Schwe⸗ ſtern waren in Betttuͤcher gehͤllt, und ihre Strob⸗ hüte, zum Zeichen der Tauer wegen des verſtorbenen Koͤnigs, mit großen ſchwarzen Kreppſchleifen beſteckt. Der kleine Pomareh, ein niedlicher, lebhafter Kna⸗ be, war ganz auf europaͤiſche Art in ein Jaͤckchen und Hoſen von Vombaſſin gekleidet, auf dem Kopf ein rundes Huͤtchen, aber mit bloßen Fußen, wie bei al⸗ len Tahattern. Die Prinzeſſin, ein huͤbſches Maädchen, war ganz leicht, mit einem kurzen, geſtreif⸗ ten Hemde umgethan. Nachdem die Koͤnigin dem Andenken ihres verſtorbenen Gemahles, ſeit deſſen Tod ſie dieſen Pallaſt nicht mehr betreten, einige Thraͤnen geweiht hatte, grußte ſie freundlich, ſetzte ſich Kotzebuern gegenuͤber auf einen Stuhl, und ſtellte verſchiedene Fragen an ihn, mittelſt des Doll⸗ metſchers. Nun brachte Kotzebne einige Geſchenke 158 fuͤr die Koͤnigin, ihre Familie und ihre naͤchſte Um⸗ gebung, welche, ſo unbedeutend ſie auch waren, große Freude erregten. Sie beſtanden in ſeidenen und baum⸗ wollenen Tuͤchern, Glasperlen, Spiegeln und Schee⸗ ren u. ſ. w. Unterdeſſen hatte der Ceremonienmeißer ein mit⸗ gebrachtes Schwein geſchlachtet und auf tahaiti⸗ ſche Art in der Erde gebacken. Er trug es auf ei⸗ nem großen Bananenblatte herein, und ſetzte es der Koͤnigin vor; noch andere Speiſen wurden gebracht, welche, nach einem vom Ceremonienmeiſter laut her⸗ geſagten Gebete, von der koͤniglichen Familie ohne Gabel und Meſſer, mit gutem Appetit verzehrt wur⸗ den. Nach geendigter Mahlzeit wurde wieder gebe⸗ tet. Die hohen Herrſchaften wuſchen ſich die Haͤnde mit Waſſer und den Mund mit Cocvsmilch, und hiel⸗ ten die Sieſte, d. i. ſie legten ſich ſoͤmmtlich ſchlaſen. Die Dienerſchaft entfernte ſich. Nach Beendigung der Sieſte verlangte die Koͤnigin, die Fregatte zu be⸗ ſehen, Kotzebue beorderte ſogleich einen Dffleier, der ſie dahin begleiten mußte. Beim Abſchiede druckte ſie ihm die Hand und rief im Weggeben ein freundli⸗ ches Jorona, Jorona. Am Ufer lagen die Canots zur Ueberfahrt be⸗ reit. Bei der Fregatte angekommen, eilte die Koni⸗ gin ſogleich, ohne von irgend einem Gegenſtande auf dem Verdecke angezogen zu werden, in die Capitains⸗ Cajuͤte, von ihrer Familie gefolgt, und verließ ſie — 159 nicht eher, als bis ſie wieder an's Land fuhr. Die Einrichtung des Sckiffes mochte vielleicht ihre Neu⸗ gierde deshalb weniger erregen, weil ſie ſeibſt ein gu⸗ tes, in England gebautes Kauffartheiſchiff beſaß. Da⸗ gegen bewunderten die Domen alle Sachen in der Cajuͤte, und wollten ſie haben. Ein paar Ellen brei⸗ ter, unächter Treſſen, die ibnen zum Geſchenke dar⸗ geboten wurden, erbielten ſie jedoch in guter Laune, die bei der Verweigerung der unentbehrlichen Gegen— ſtaͤnde getrüͤbt zu werden ſchien. Das Gefolge war unterdeſſen auf dem Verdeck geblieben, und kaufte von den Matroſen allerlei alte Kleidungsſͤcke fuͤr ſpaniſche Piaſter zum hundertfachen Wertb. Erſt beim Untergange der Sonne, nachdem die hohen Gaͤſte und ihr Gefolge auch noch die Mittags⸗ tafel daſelbſt gehalten hatten, wobei ſie ſich aber der Loͤffel, Meſſer und Gabeln bedienten, und auch Wein, wiewohl ſehr maͤßig genoßen, verließ die koͤnigliche Familie das Schiff, und ſteuerte gerade ihrer Reſi⸗ denz zu. Nach einiger Zeit empfing Kotzebne noch einen Beſuch von der koniglichen Familie, und zwar in Be⸗ gleitung ſämmtlicher in Tahatti anweſenden Un⸗ terkoͤnige mit ihren Gemahlinnen, worunter ſich auch der Großrater des kleinen Koͤnigs befand. Sie tru⸗ gen gemeinſchaftlich eine ſehr dringende Bitte vor⸗ die darin beſtand, dem kleinen Koͤnige ein Paar Stte⸗ feln machen zu laſſen, weil ſeine Kroͤnuns bald ſtatt⸗ 160 finden wuͤrde. Kotzebue befahl ſogleich ſeinem Schuſter, dleſem koͤniglichen Betuͤrfniß abzuhelfen.. Auch bei dieſem Beſuche ward wieder gegeſſen und geſchlafen. Am Morgen des 24. Maͤrz ließ Kotzebue die Zelte auf der Venusſpitze abbrechen, die aſtrono⸗ miſchen Inſtrumente auf das Schifß bringen, und er ſelbſt vertieß ſeine Wohnung am Lande, um Nach⸗ mittags abzureiſen. Die Tahatter brachten noch Geſchenke an Lebensmitteln, ohne Gegengeſchenke an— nehmen zu wollen, und begleiteten das Schiff auf ih⸗ ren Canots bis zur Muͤndung der Bai⸗ 6) Bei Tagesanbruch des 23. Maͤrz ſah Kotze⸗ bue in Norden die Inſel Guagein, und im Nord⸗ weſten Ulietea, und am Abend hatte er bereits alle Soeietaͤtsinſeln im Ruͤcken. Als er ſeinen Lauf nach Weſten fortſetzte, entdeckte er eine Gruppe niedriger, mit dickem Geſtraͤuch bedeckter Korallen⸗ inſeln, in der Ausdehnung von 3 Meilen Laͤnge, und 2 1/2 Meilen Breite. Kotzebue gab ihr den Namen des verdienſtvollen Seefahrers Bellings⸗ hauſen. Die haͤuſige Erſcheinung großer Schwaͤr⸗ me von Seevoͤgeln ließ zwar haͤufig auf die Naͤhe von noch unbekannten niedrigen Inſeln ſchließen, ohne je⸗ doch einige zu ſehen. Erſt am 2. April ſah man wie⸗ der Land. Kotzebue entdeckte eine kleine unbe⸗ wohnte Inſel von 440 32“ 39“ ſüͤdlicher Breite und 165 6“ oo“ Laͤnge, welcher er den Namen ſeines 161 erſten Lieutenants Kordinkoff gab. Noch in der⸗ ſelben Nacht erblickte man bei hellem Mondſchein die oͤſliche der Navigatorinſeln, Opoun, als ei⸗ nen hohen runden Berg. Weſtlich von ihr liegen die beiden kleinen Inſeln Leoneh und Fanfueh nahe bei einander. Sodann folgt die Inſel Maouna, an deren Nordoſtſpitze noch eine kleine Inſel ganz in der Naͤhe liegt. 46 Meilen weiter liegt die Inſel Dialva, und 10 1/2 Meilen von dieſer die weßlichſte der Navigatorinſeln, Pola, welche auch die groͤßte und hoͤchſte derſelben iſt. Zwiſchen ihnen lie⸗ gen noch einige kleine Inſeln. Alle dieſe Inſeln ſind hoͤchſt fruchtbar und ungemein ſtark bevoͤlkert. Dja⸗ lava bietet einen uͤberaus freundlichen Anblick, dem ſelbſt Tabatti nachſtehen muß. Pola hat ein ma⸗ ieſtätiſches Anſehen. Die ganze Inſel beſteht aus ei⸗ nem großen, hohen, oben rundgeformten Berg. Ver⸗ gebens forſchte Kotzebue an allen Kuͤſten nach einem ſichern Hafen, bis er endlich den der Inſel Mao⸗ ung erblickte, der die Benennung Maſſaere⸗Bai führte. Die Ufer waren mit Cocosbäumen eingefaßt, und das Innere des Landes prangte in der uͤppisſten Vegetation. Ein kleines, nur drei Mann tragendes Canot ruderte auf das Schiff zu, dem bald eine Menge Canots folgten. Nur durch Bajonette und Lanzen waren dieſe zudringlichen Wi den vom Erklettern des Schiffes abzuhalten. Auſſer wenigen Coeosnuͤſſen brachten ſie keine Lebensmittel. Sie erſchienen unbe⸗ 32. Bd. Reiſen um die Welt, V. 2. 6 waffnet, hatten aber hinterliſtig in ihren Canots Keu⸗ len und kurze Lanzen verborgen. Daher wurde nur wenigen vergoͤnnt, auf dem Schiffe zu bleiben. Die kleinen Geſchenke, die unter ſie vertheilt wurden, ſchie⸗ nen ihre Habgier zu reitzen. Sie ſuchten mit Gewalt zu nehmen, was man ihnen nicht gutwillig gab. Sie glichen reiſſenden Thieren, und wirklich wurde bei einem durch die zufällige Eatbloͤßzung des Armes ei⸗ nes Matroſen, der Appetit nach Menſchenfleiſch ſo erregt, daß er ſich nicht enthalten konnte, nach dem weißen Arm zu ſchnappen. Die Bewohner von Ma⸗ vuna ſind Menſchenfreſſer, und vielleicht die verwor⸗ fenſten, welche die Südſee beherbergt. Sie ſind groß, ibre Farbe dunkelbraun. Bei laͤngerm Aufenthalte unter dieſen Wilden waͤre wohl Kotzebue gezwun⸗ gen geweſen, ſee die Macht der Kanonen fuͤhlen zu laſſen, denn ſie machten foͤrmlich Anſtalten zu einem Angriff; daber ließ er die Segel hiſſen, und das Schiff nahm einen raſchen Lauf, wodurch es viele Kaͤhne, die ſich an daſſelbe feſtgehakt hatten, umſtieß. Rache ſchnaubend ſuchten ſie das Schiff wieder einzu⸗ holen; mehrere hatten ſich mit ihren langen Nägeln an den Seiten des Schiffes, wie Katzen, angekrallt⸗ von denen ſich die Matroſen nur vermittelſt einer langen Stange befreien konnten. Einen auffallenden Gegenſatz zu der verwegenen Zudringlichkeit der Maouaner bildete das beſchei⸗ dene Betragen der Bewohner einer kleinen Inſel, wel⸗ ——— 163 che Kotzebue in der Naͤhe der Inſel Hlajavs entdeckte, un Fiſcherinſel nannte. Ihre Canors waren faͤmmtlich mit Geraͤthſchaften zum Fiſchen, mit großen, aus Perlmutter geſchnitzten Angeln, an lan⸗ gen, dünnen Stricken, verſehen, und mit großen le⸗ bendigen, makrelartigen Fiſchen gefuͤllt. Auf ihren Geſichtern lag Pffenheit und Zutrauen, Sie gaben ihre Fiſche hin, und warteten ruhig ab, was ſie dage⸗ gen erhalten wuͤrden, und jedesmal waren ſie damit zufrieden. Auch die Bewohner von Dlajava und der ſogenannten flachen Inſel kamen auf Kaͤhnen her⸗ bei, und boten Lebensmittel an. In weniger als ei⸗ ner Stunde hatte Kotzebue 6o große Schweine und einen Ueberfluß an Huͤhnern, eßbaren Wurzeln und verſchiedenen Fruͤchten eingehandelt, der das ganze Verdeck einnahm. Alles das koſtete einige Stücke al⸗ tes Siſen, einige Schnuͤre Glasperlen und ungefaͤbr ein Dutzend Naͤgel. Den boͤchſten Wetth hatten blaue Glasperlen. Der Handel ward durch die Ankunft eines groͤ⸗ ßern Canots, welches von kleinern umringt war, un⸗ terbrochen. Auf dem Vordertheile des eleganten, mit vielen Muſcheln verzierten Canots, ſaß ein ältlicher Mann nach aſiatiſcher Weiſe mit untergeſchlagenen Beinen, einen aufgeſchlagenen, gruͤnſeidenen Sonnen⸗ ſchirm in der Hand haltend. Um ſeine Schultern hing eine ſehr feingeflochtene Grasmatte; ſein Kopf war mit einem Stuͤcke weißen Zeuges in Form eines 164 Turbans umwickelt Es war der Eigeh der flachen Inſel, und brachte dem Kotzebue drei große, ſtark gemaſtete Schweine und einige Fruͤchte als Geſchen⸗ ke, wogegen ihm dieſer ein großes Beil, zwei Schnüre blauer Perlen und ein buntes, ſeidenes Tuch ſchenkte. Der Sigeh ſuchte ſeine Dankbarkeit durch Geſtiku⸗ lationen auszudruͤcken. Nun beſichtigte er das Schiff, desgleichen er ſchon fruͤher geſehen haben mochte, denn er druͤckte das Erſtaunen und die Bewunderung nicht aus, wie ſein Gefolge. Aber die Anzahl der Kano⸗ nen und Flinten fiel ihm ſehr auf; er ſchlug vor Er⸗ ſtaunen die Haͤnde uͤber den Kopf zuſammen, ſuchte den Knall nachzubilden, und ließ dann den Kopf mit geſchloſſenen Augen haͤngen, wodurch er anzeigen woll⸗ te, daß er mit der Wirkung der Kanonen bekannt ſey. Ein Fernrohr, das Kotzebue in der Hand bielt, reitzte ſeine Wißbegierde. Er hielt es fuͤr eine Art Schießgewehr. Als ihn aber Kotzebue auf ſeine Inſel ſehen ließ, und er dieſe ſo nahe erblickte, daß er die Menſchen auf derſelben unterſcheiden konnte, da erſchrack er ſo, daß er nicht zu bewegen war, das Zau⸗ berinſtrument wieder zu beruͤhren. Der Eigeh gab ſich alle Muͤhe, den Kotzebue zu uͤberreden, ihn auf dem Lande zu beſuchen; aber vergebens. Kotzebue hielt ſeine Lage bei laͤngerm Verweilen für bedenklich; es war voͤllige Windſtille, und das Schiff wurde durch Stroͤmungen dem Lande zugetrieben. Er benutzte da⸗ ber den erſten Luftzug, um ſich von demſelben iu ent⸗ ₰ . ¹ 165 fernen, woruͤber die Inſulaner in nicht geringe Trauer geriethen. Den folgenden Tag beſchaͤſtigte ſich Kotzebue mit der Aufnahme der herrlichen Inſel Pola. Das hohe Gebirg war mit dichten wetßen Wolken umge⸗ ben, die ſich an dem Abhange berab zu waͤlzen ſchie⸗ nen, und uͤber welche der runde Gipfel des Gebirges, hoch erhaben, in wolkenfreier Region majeſtätiſch da⸗ ſtand. Vom ufer des Meeres bis zu einer beträͤchtli⸗ chen Hoͤhe, bietet die Inſel rund herum ein reitzen⸗ des Amphitheater von Doͤrfern und Pflanzungen dar⸗ und beſtaͤtigt die Meinung, daß die Navigatorin⸗ ſeln die ſchoͤnſten in der Suͤdſee und mithin der gan⸗ zen Welt ſind. Das ufer war mit Menſchen beſett, von denen einige in Canots zu dem Schiffe ruderten⸗ um auch, wie die Bewobner der flachen In ſel⸗ Handel zu treiben. Am 7. April hatte Kotzebue ſeine Obſervatio⸗ nen geendigt und richtete nun, bei einem friſchen Paſ⸗ ſat, unter vollen Segeln ſeinen Lauf nach Nordweſten⸗ 7) Am 22. April durchſchnitt Kotzebue den Ae⸗ guator in der Laͤnge von 179 43“ und befand ſich nun wieder auf der nordiſchen Hemisphaͤre. Einem zieimlich heftigen Winde, der mehrere Tage anhlelt⸗ verdankte er es, daß er ſchon an Morgen des 25. Aprils die Radakinſeln von der Spitze des Maſtes ſeben konnte, welche Kotzebue ſchon im Jahre 1816 entdeckt hatte. Dieſe Inſelkette beſteht aus mehrern Inſelgrußpen, die nicht weit von einander entfernt liegen, und jede dieſer Gruppen beſteht wieder aus vielen kleinen Inſeln, die mehrentheils, durch Riffe mit einander verbunden, rund um ein großes Waſ⸗ ſer⸗Baſſin liegen. Die bedeutendſte Inſel einer Gruppe gibt gewohnlich der ganzen den Namen. Dicht an dem aͤußern Riff der Inſelgruppe Otdia, ſegelte Kotzebue der Schiſchmareſſtrate zu, durch welche er in das Baſſin zu dringen geſonnen war. Auf allen Inſeln, denen er vorbeikam, verbreitete der Anblick des Schiffes einen ſolchen Schrecken, daß alle Inſu⸗ laner in den Wald flohen, um ſich zu verbergen. Ein contraͤr blaſender Wind fuhrte das Schiff jedoch durch die Lagediackſraße in den ſchoͤnen glatten Baſſin⸗ Wegen einbrechender Dunkelheit mußte in der Naͤbe der Inſel Ormed Anker geworfen werden. Die In⸗ ſel ſchien bei der Ankunft des Schiffes ganz ausge⸗ ſtorben zu ſeyn. Aber bei eingetretener Dunkelheit wurde man an zwei Stellen, in betraͤchtlicher Entfer⸗ nung von einander, große Feuer gewahr, zwiſchen de⸗ e nen mehrere kleine Feuer bin⸗ und herliefen; auch poͤrte man einen kreiſchenden Geſang von Lrommeln begleitet. Es war dieß die Art der Inſulaner, die Gotter um Hilfe anzuflehen⸗ Die ganze Nacht dauerte dieſe religioͤſe Handlung, und am Morgen hatten ſich vie Inſulaner bereits wieder verkrochen. Am Mittag des andern Lass ließ Kokebue⸗ der Inſel Otdia gegenüber⸗ die Anker fauen, und fuhr in einem klei⸗ ———, 167 nen, nur zweirudrigen Bovt ans Land. Kein Menſch ließ ſich ſehen. Selbſt ein kleiner, von einer benach⸗ barten Inſel kommender⸗ Kahn von drei Maͤnnern be⸗ ſetzt, ſuchte auszuweichen. Aber als nun Kotzebue ſeinen Namen, den die Inſulaner bei ſeiner erſten An⸗ weſenheit kennen gelernt und in Totabn geradbrecht hatten, austief, berließen ſie ſich den lebhafteſten Ausbruchen der Frende, und ſchrien nach dem Lande zu hei Totabu! Totabu! Die Bewohner von Otdia, welche hinter Gebuſchen verſteckt lagen⸗ ſprangen hervor, und gaben durch Tanz und Geſans ihre Freude zu erkennen. Bis an die Huͤften im Waſ⸗ ſer gehend, kamen ſie auf das Boot zu, und vier In⸗ ſulaner trugen den Kotzebue unter lautem Jubelge⸗ ſchrei ans Land. Der Haͤuptling der Inſelgrurpe Otdia, Rarik, kam in vollem Laufe auf ihn zu“ und umarmte ihn mehrere Male. Auch Weiber und Kinder kamen jetzt zum Vorſchein. Auf einem freien von Brodfruchtbaͤumen umgebenen und beſchatteten Platze, vor welchem junge Mädchen beſchaͤftigt waren⸗ feine Mattèn auszubreiten, mußte Kotzebne ſch niederlaſſen, und wurde von Weibern mit Blumen bekräͤnzt. Pandanusſaft und konfektartiger Mogan wurde ihm gereicht. In Raril's Wohnung wurde ibm zu Ehren eine mimiſche Darſtellung, Sb genannt⸗ gegeben. Die Furcht war nun allenthalben verſchwun⸗ den; die Inſulaner machten auf dem Schiffe Beſuche⸗ und wurden wieder beſucht, und dabei wechſelſeitis Geſchenke ausgetheilt. Auch der Tamon(Befehloha⸗ ber) der Inſel Ormed, Langediu, ein Greis mit weißem Haar und Bart, vor Schwäche auf Haͤnden und Füßen kriechend, kam auf Beſuch, um, wie er ſagte, den alten Bekannten Totabu noch einwal vor ſeinem Tode zu ſehen. Die Zeit verſtrich dem Kotzebue und ſeinen Gefaͤhrten auf Otdia ſehr an⸗ genehm. Zum großen Leidweſen der Inſulaner nahte der Tag ſeiner Abreiſe heran, es war der 6. Mai. Kotzebue ſegelte durch die Schiſchmaref⸗ ſtraße, zwiſchen den Inſelgruppen Otdia und Aur, gerade auf die Gruppe Ligiep u, um ihre oſtliche Seite zu unterſuchen. Am folgenden Tag ſchon er⸗ reichte er den ſüdlichen Rand dieſer Gruppe, und kam ihm ſo nahe, daß er uͤber ihn weg auf den noͤrd⸗ lichen ſehen konnte. Auf der Nordweſtſeite der Gruppe Ligiep fand er mehrere groͤßere Inſeln, welche mit ſchoͤnen Coeosbaͤumen bedeckt waren. Die Breite der Gruppe Ligiep betrug 100 3˙ 40 noͤrdlich, und ihre Laͤnge 1900 68“ 3“. Das bisherige ſchoͤne heitere Wetter verwandelte ſich jetzt in ein äußerſt truͤbes, welches den Capitain Kotzebue beſtimmte, gerade nach Kamtſchatka zu ſteuern. 169 8weites Buch⸗ 4) Auf der weitern Reiſe fͤhlte Kozebue immer gaͤrker die Unannehmlichkeiten des nordiſchen Klima's. Der bisher ſo heitere Himmel war faſt immer truͤbe, oft mit drohenden Sturmwolken bedeckt. Wallfiſche und Sturmvoͤgel in großer Menge verkuͤndeten den nahen Norden. Schon am 7. Juni ward das hoͤhere Gebirge Kamtſchatka's in ſeinem Winterſchmucke ſichtbar. Die himmelanſrebenden Berggipfel, von ewigem Eiſe bedeckt, glaͤnzten in der Sonne, waͤhrend der niedere Theil von Wolken umguͤrtet war. Am folgenden Tage erreichte Kotzebue die Awat ſcha⸗ Bai, und am Abende ließ er die Anker im Peter⸗ Pauls⸗Hafen fallen. Ueber ganz Kamtſchatka er⸗ ſtreckt ſich der Laͤnge nach ein Gebirge, deſſen Baſis die ganze Breite der Halbinſel einnimmt, und das nur ſehr wenige kleine Thaͤler bildet- Auf dieſem Se birge, mit ſeinen Gletſchern und Vuikanen, erheben ſich Rauch⸗ und Feuerſaͤulen⸗ oft mitten aus dem Eiſe, was mit dem ſchoͤnen Graͤn der Thaͤler einen maleriſchen Contraſt bildet; waͤhrend die Kryſtallen⸗ berge an der weßlichen Kuͤſte im Lichte der Sonne Brillantfarben ſpielen, und der Schwefelkies goldene Berge bildet. In dem Städtchen od. vielmehr Dorf am Peter⸗ Paulshafen, welches nur aus ein Paar Haͤuſern und 170 ungefaͤhr funftig Huͤtten am Abhange eines Berges beſtand, fand Kotzebue mit ſeinen Gefaͤhrten bei dem Befehlshaber von Kamtſchatka ſowohl, der bier als an dem Hauptorte der Halbinſel ſeinen Auf⸗ enthalt nimmt, als bei den Einwohnern gaſtfreie und treundſchaftliche Aufnahme. So unbedeutend der Ort auch war, ſo war doch bei einer langen Seereiſe die Erholung auf dem Lande immer ſehr angenehm. Da bier die Baren in zahlreicher Menge zu treffen ſind, ſo konnte ſich Kotzebne mit Baͤrenjagen die Zeit vet⸗ treiben. Nachdem aber Alles, was das Schiff für Kamtſchatka eingenommen hatte, abgeliefert war, verließ er am Morgen des 20. Juli mit günſtigem fri⸗ ſchen Winde den Peter⸗Paulshafen und ſegelte der ruſſiſchen Niederlaſſung Neu⸗Archangel auf der Nordweſtkuͤſte Amerika's zu. 2) Bei beſtaͤndigem ſtarken weſtlichen Winde, ſegelte Kotzebue die aleutiſchen Inſeln ſuͤdlich vor⸗ bei. Auf der ganzen Fahrt veranlaßte die neblichte, naßkalte Witterung eine truͤbe Stimmung der Gemuͤ⸗ ther, die noch geſteigert wurde durch den Verluſt eines der beſten Matroſen, der von der Spitze des Maſtes in den Maſtkorb ſiel, und ſogleich den Geiſt aufgab. Nun befand ſich das Schiff in der Naͤhe der amerika⸗ niſchen Küſte, und mit Anbruche des 7. Auguſts hei⸗ terte ſich auch der Himmel wieder auf; ie naͤher es dem Lande kam, deſto milder und angenehmer ward die Luft. Am Morgen des 2. Auguſts verbarg ein 171 dicker Nebel alle Gegenſtaͤnde, auch in kurzer Entfer⸗ nung; als aber die Mittagsſonne den Nebelvorhang ſchnell wegzog, gewaͤhrte die nahe liegende amertka⸗ niſche Kuͤſte einen uͤberraſchenden Anblick. Das Schiff befand ſich gerade vor der Einfahrt der Bucht, welche von den Englaͤndern Norfolkſund, von den Ruſ⸗ ſen Sitka⸗Bai genannt wird, nach der im Hinter⸗ grunde derſelben liegenden Inſel, Sitchachan(ruſ⸗ ſiſch: Sitka), von der ruſſiſch„amerikaniſchen Com⸗ pagnie Neu⸗Archangel genannt. In geringer Entfernung erhebt ſich das Vorgebirg Edgecumbe, deſſen hoher abgeplatteter Gipfel bei pelem Wetter auf 60 Meilen zum ſichern Wegweiſer dient. Windſtille hinderte an dieſem Tage noch die Einfahrt in die Bucht, truͤbes Wetter und ſtarker Re⸗ gen erſchwerte andern Tags dieſelbe, denn ſie erſtreckt ſich, von der Einfahrt bis Neu⸗Archangel, auf 26 Meilen in die Laͤnge, und iſt voll kleiner Inſeln und Untiefen. An Lootſen war hier nicht zu denken. In⸗ deſſen wand ſich doch das Schiff durch alle Kruͤmmun⸗ gen gluchlich hindurch, ſo daß Kotzebue auf Flinten⸗ ſchußweite von der Feſtung die Anker werfen konnte. Hier fand er die Fregatte Kreitßer, unter Befehl des Capitains Laſaref, welche von der Regierung zur Beſchutzung des Handels pergeſchickt war, und die Kotzebue abzuloͤſen beſtimmt war. Da letzterer ſein Schiff noch bis zum 4. Märi des nächſten Jahres(826) frei benutzen konnte, ſo ſegelte er nachz Califor⸗ 172 nien, beſuchte die Sandwichinſeln und war be⸗ reits am 23. Februar 1825 wieder in der Naͤhe von Neu⸗Archangel. Nach einer ſtürmiſchen Nacht gelang es ihm, am 24. den Hafen gluͤcklich zu errei⸗ chen, und vor der Feſtung Anker zu werfen. Das Klima von Sitka iſt nicht ſo rauh, als man es von ſeiner Lage erwarten koͤnnte. Mitten im Winter ſteigt die Kaͤlte nur auf wenige Grade und haͤlt nie jange an. Demungeachtet gelingt der Acker⸗ bau nicht. Es gibt gar keine Ebenen von etwas be⸗ traͤchtlichem umfange, uͤberall ſind die kleinen Thaͤler von hohen, ſteilen, mit dichten Waldungen bedeckten Granitbergen umgeben und den groͤßten Theil des Tages beſchattet. Die Waͤlder, vorzuͤglich aus Tan⸗ nen, und Lerchenbaͤumen beſtehend, ſind hoch und dicht. Das merkwuͤrdigſte Thier, welches aus fernen Gegenden Menſchen hieher gezogen hat, iſt die See⸗ otter. Dieſes Thier bewohnt nur die Nordweſt⸗ kuͤſte von Amerika zwiſchen 6soo und 30 der Breite, in geringerer Anzahl die Ufer der aleutiſchen In⸗ ſeln, und vormals auch die Küſten Kamtſchatka's und der kuriliſchen Inſeln. Die Sitka⸗In ſulaner(Kaluſchen) und ihre Nachbarn auf dem feſten Lande(Kamtſchatka) ſind groß, von ſtarkem Knochenbau, aber ihre einzelnen Gliedmaaßen ſtehen in ſo uͤbelm Verhaͤltniſſe gegen einander, daß ſie eigentlich ein Volk von lauter Miß⸗ geſtalten ausmachen. Das ſchwarze ſchlichte Haar 173 haͤngt unordentlich uͤber die breiten fleiſchigen Geſich⸗ ter. Die Backenknochen ſtehen ſtark hervor, die Naſe iſt breit und platt, der Mund groß, die Lippen ſind dick, die Augen klein, ſchwarz und feurig, die Zaͤhne auffallend weiß. Ihre natuͤrliche Farbe fällt nur we⸗ nig ins Braͤunliche; aber ſie beſchmieren ſich täglich das Geſicht und den ganzen Leib mit Oter und einer ſchwarzen Erde, ſo daß ſie von ſehr dunkler Farbe zu ſeyn ſcheinen. Gleich nach der Geburt wird den Kin⸗ dern der Kopf zuſammengedruͤckt, wodurch ſich die Au⸗ genbraunen ſehr in die Hoͤhe und die Naſenloͤcher weit auseinander ziehen. Ihre Kleidung beſteht mehren⸗ theils nur aus einer kleinen Schuͤrze. Maͤnner und Weiber durchbohren den Naſenknorpel, und ſtecken Federkiele, eiſerne Ringe und allerlei Zierathen hin⸗ ein. Das ſchauerlichſte bleibt indeß die hoͤlzerne Un⸗ terlippe der Weiber, die, trogartig ausgehoͤblt, den Speichel aufbewahrt, der ihren Maͤulern durch das immerwaͤhtende Tabakskauen, wovon ſie große Lieb⸗ baberinnen ſind, reichlich entquillt. Indeſſen findet der Kaluſche ſeine widerwaͤrtigen Landsmaͤnninen mit ihren Lippentroͤgen doch ſo reizend, daß ſie oft die heftigſte Leidenſchaft in ihm erregen. Einen Be⸗ weis davon lieferte dem Capitain Kotzebue eine Be⸗ gebenheit, die ſich waͤhrend ſeines Aufenthaltes daſelbſt zuttug. Ein Maͤdchen hatte vier Liebhaber, deren Ei⸗ ferſucht in heftigen Streit ausbrach. Nachdem ſie ſich lange herumgeprugelt hatten, und Keiner abſtehen 17⁴ wollte, beſchloſſen ſie die Geliebte iu ermorden, die auch ſogleich unter ihren Lanzenſtößen verblutete. Um den Scheiterhaufen⸗ auf welchem der Leichnam ver⸗ brannt wurde, verſammelte ſich die ganie Horde und ſang ein Lied, von dem einige unſrer Landsleute, die ſchon lange hier geweſen waren⸗ die Worte verſtanden: „du warſt zu ſchoͤn; du durfteſt nicht leben. Man brauchte dich nur anzuſehen, um raſend zu werden.“ Kotzebue erhielt oͤfters am Schiffe Beſuche von Haͤuptlingen der Kaluſchen. Gewoͤhnlich kamen ſie mit ihrer ganzen Familie und Dienerſchaft, um das Schiff zu beſehen, ſich beſchenken zu laſſen, und ſich ſatt zu freſſen⸗ wofuͤr ſie denn ihre Dankbarkeit durch ihren gräulichen Nationalſiolz zu bezeigen ſuch⸗ ten. Die Weiber tanzten nicht, ſondern waren die Muſikanten. Ihr Geſang ward von dem dumpfen Schall des Tambourins vegleitet, und dabei mit den Fuͤßen taktmaͤßig geſtampft. Die Erfriſchungen, welche Kotzebue ihnen bei der Pauſo reichen ließ, beſtanden in Tabacksblaͤttern, welche ſogleich von beiden Ge⸗ ſchlechtern mit großen Gier ins Maul geſteckt wurden⸗ worauf Muſik und Tanz mit neuer Kraft begann. Am Ende des Spektakels wurde die Lieblingsſpeiſe der Kaluſchen, ein Brei von Reis mit Syrup, gekocht, in doͤlzernen Schalen aufgetragen, um den ſie ſich lager⸗ ten und ihn hoͤchſt unappetitlich, bloß der ſchmutzigen Haͤnde ſich bedienend, verſchlangen. Zum Abſchied echielten ſie immer einen Schluck Branntwein, von 175⁵ dem ſie große Liebhaber ſind, und viel vertragen kön⸗ nen. Am 3o. Juli langte zu Neu⸗Archangel das der Compagnie gehoͤrige Schiff Helena aus Peters⸗ burg gluͤcklich an, mit einer reichen Ladung an Bedurf⸗ niſſen der Kolonie, welches fuͤr Kotzebue die freu⸗ dige Erlaubniß mitbrachte, ſeine Station verlaſſen und nach Rußland zuruͤckkehren zu duͤrfen. Das Mittel aus den, waͤhrend fuͤnf Monaten an⸗ geſtellten aſtronomiſchen Beobachtungen igab fuͤr die geographiſche Laͤnge von Neu⸗Archangel 1380 33˙ a3“ und für die Breite 670 20 677. Der 41. Auguſt war der lang erſehnte Tas, an welchem Kotzebue, beguͤnſtigt von einem friſchen Nordwinde, Neu⸗Archangel verließ. Er beſchloß, die Ruͤckfahrt nach Kronſtadt durchs chineſiſche Meer, und um das Cap der guten Hoffnung berum, zu machen. 3) Dem Capitain Kotzebne war geſtattet, den Winter von 1824 auf 1826 in Californien und auf den Sandwichinſeln zuzubringen, aber bis 4. Maͤrz wieder in Neu⸗Archangel einzutreffen Dieſe Interimsreiſe muß hier nachgetragen werden. Am 0. September 1824 ging er in See, und ein günſtiger Nordwind brachte ihn ſchnell in eine ſuͤdli⸗ chere Region, dem fruchtbaren Californien ent⸗ gegen. Die Fahrt war gluͤcklich, und er erlebte auf derſelben eben nichts beſonders Merkwuͤrdiges, außet 176 unter dem 40 Grad der Breite das ſeltene Schau ſpiel einee Kampfes zweier entgegengeſetzter Winde. Den 2s. September befand er ſich ſchon ganz in der Naͤhe des von ſpaniſchen Seefahrern ſogenannten Vorge⸗ virges der Könige, von wo auch die Bucht St. Francisev nicht weit iſt. In einer Entfernung von drei Meilen umſchiffte Kotzebue dieſen Felſenkonig, und hatte in der Naͤhe das Schauſpiel einer ſehr ſtar⸗ ken, durch den ſchnellen Wechſel zweier heftigen Mee⸗ resſrömungen entſtandenen Brandung, die mit aller blinden Wuth der Empoͤrung vergebens gegen den feſtſtehenden, uͤber das tolle Toben ruhig erhobenen Monarchen ankämpfte. Der Kanal, welcher in das ſchone gerͤumige Waſſerbecken von St. Franeisco fuhrt, iſt nur einen halben Kanonenſchuß breit, und wird von der am linken ufer deſſelben, auf einem ho⸗ hen Felſen, nach dem heiligen Jvachim benann⸗ ten Feſtung beherrſcht. Von da aus rief eine Schild⸗ wache, mittels eines langen Sprachrohres dem Schiffe zu:„von welcher Nation und woher es kaͤme?“ Kotzebue ſalutirte, aber ſeine Schuͤſſe wurden nicht erwiedert. Ein Abgeſandter aus der Feſtung loͤste das Raͤthſel bald, indem er Kotzebue'n um ſoviel Pul⸗ ver bat, als zum pflichtſchuldigen Erwiedern ſeines Grußes noͤthig ſen. Kotzebue ließ nun dem Kom⸗ mandanten ſeine Ankunft in gebuͤhrlicher Form mel⸗ den, und ihn zugleich erſuchen, ihm bei der Verſor⸗ gung mit fitſchen Lebensmitteln behuͤlflich iu ſevn⸗ 177 was ihm auch zugeſichert wurde. Wegen des Bedarfs an Gemuſe gab er ihm aber den Rath⸗ein Boot nach der Miſſion St. Clara zu ſchicken, wo es in Ueber⸗ fluß vorhanden ſey. Kotzebue beſchloß nun, ſelbſt am folgenden Tage eine Fahrt dahin mit ſeinem gro⸗ ßen Schiffsbvot zu machen⸗ Die Bai St. Fruneiseo enthaͤlt im Umfang vollkommen 9o Meilen. Sie wird durch Inſeln in zwei ziemlich gleiche Waſſerbecken, lein ſuͤdliches und ein nördliches, getheilt. An den Ufern des ſudlichen, das eine öſiliche Richtung in's Land nimmt⸗ liegen die drei Miſſionen St. Franeisco⸗ S„ Clara und St. Joſe. 11 zitee Am 28. September Morgens ſegelte Koßevue in gant öülicher Richtung, reitenden Ufern, Inſeln und Vorgebirgen vorbei, der Miſſion St. Clara zu, welche in gerader Linie ungefähr 26 Meilen vom Schiffe entfernt lag. neberall, wohin ſich das Auge wandte, erſchien das Land ſchön und fruchtbar. Die ufet ſind mit dem ſchoͤnſten Gruͤn uͤberiogen, und gegen das Innere des Landes erheben ſich wellenattig und amphitheatraliſch Hügel, deren Hintergrund hobes bewaldetes Land bildet. Auf den ſchoͤn gerundeten Huͤgeln ſtehen kleine Eichenwäldchen zerſireut⸗ und bilden, durch freundliche Wieſen getrennt, anmutht⸗ gere Gruppen, als die Kunſt ſie hervor zu bringen vetmag. Aber ſo weit das Auge reichte, war rgend eine Huͤtte, nirgend eine menſchliche Spur iu ſeben⸗n 32. Vd. Reiſen um die Welt. V. 2. 6 342 178 Ein paat Stunden weiter eroͤfnete ſich rechts ein⸗ tiefe Einbucht, an deren Uſer die Miſſion St. Fran⸗ eisco zwiſchen bewaldeten Huͤgeln lag. Eingetretens Ebbe und ſchwacher Wind bewog Kotzebue, an einer kleinen, freundlichen Inſel zu landen. Das nördliche Ufer war ziemlich hoch, und ſtieg faſt ſenk⸗ recht aus dem Meer empor. Der Boden der Inſel unter der Dammerde beſteht, wie der alles Landes um die Bucht St. Fran eisco herum, aus ver⸗ ſchiedenfarbigem Schiefer. Keine Spur zeigte, daß jemals Menſchen auf dieſer Inſel geweſen waren; von wilden Enten und andern Seevoͤgeln war ſie umgeben; weißköpfige Adler ſchwebten uͤber den Eichen und machten Jagd auf eine Gattung ſebr kleiner Haſen und eine Art niedlicher Rebhuͤhner, welche hier ſehr haͤufig ſind. Bei friſchem Winde ſetzte Ko⸗ tebne ſeine Fahrt weiter fort, und mit untergehen⸗ der Sonne naͤherte er ſich dem oͤſtlichen Ufer der Bucht. Mit vieler Anſtrengung ruderten die Matroſen durch die Kanäle, deren eine Menge einen Sumpf in Schlan⸗ genwindungen durchſchneiden, und erſt um 42 Uhr in der Nacht erreichten ſie den Landungsplat. Hier war ein großes Feuer angemacht. Zwei Dragoner mit Reitpferden und einige halbnackte Indianer waren daſe bſt zu ihrem Empfange bereit. 93 Mit Aufgang der Sonne ließ Kotzebue die Pfeide ſatteln, und trat ſeine Reiſe nach der Miſſion an„die üch hinter ungebeuer groben Kornfsldern 179 zeigte. Nach einem Rikt von anderthalb Stunden langte er in St. Clara an, wo er von den Moͤn⸗ chen aufs freundlichſte empfangen wurde. Von der Miſſion aus machte Kotzebue einen Spatziergang nach dem, eine halbe Stunde entfernten Pueblo. enem Dorfe, welches von verheiratheten Invaliden und verabſchiedeten Soldaten aus den Preſidien und deren Nachkommen bewohnt wird. Es liegt in einer anmuthigen Gegend. Die freundlichen Haͤuſer ſind von Stein erbaut und mit Fruchtgaͤrten umgeben⸗ uber deren Zaͤune Weintrauben aulockend herabhaͤn⸗ gen. Ackerbau und Viebzucht wird da getrieben. Der⸗ gleichen Pueblos gibt es mehrere in Califor⸗ nien.— Nach dreitagigem Aufenthalte bei den Moͤnchen in St. Clara trat Kotzebue ſeine Ruͤck⸗ reiſe mit einer Ladung Gemuͤſe und Fruͤchte an, die er zu ziemlich billigen Preiſen eingekauft hatte⸗ und die auf zweiraͤdrigen, mit Ochſen beſpannten Karren zum Landungsplatz gefahren wurden⸗ Von der Ebbe beguͤnſtigt, verließ er das Ufer, und ſah bald einen fubaͤhnlichen Arm des Meeres ſich nach Dſten erſrecken, an deſſen Ende die Miſſion St. Joſe im Jahre anon in einer ſebr fruchtbaren Ge⸗ gend erbaut iſt, welche eine der reichſten in Cali⸗ fornien iſt, in deren Näbe auch ſchon ein Pueblo entſtanden. 66 52 Nothwendige Dienſtgeſchaͤfte riefen den Kapitain Kotzebue nach dem Etabliſlement der ruſſiſch⸗ame⸗ 180 rkaniſchen Compagnie, Roß genannt, welche unge⸗ faͤhr 30 Meilen von St. Franeisco nach Norden zu liegt. Er beſchloß, die Reiſe dahin zu Lande zu machen, wozu ihm der Commandant behuͤlflich war, indem dieſer ihm eine Anzahl Reitpferde und eine militaͤriſche Escorte zugeſtanden, und dann ſich eut⸗ ſchloß, das Abentheuer ſelbſt mitzumachen. Mit An⸗ bruch des Tages beſtieg Kotzebue mit dem kleinen wohlgetuͤſteten Heere die Barkaſſe, mit der er in nord⸗ öſtlicher Richtung uͤber die Bucht St. Franeiseo bet voͤliger Windſtille, dem ſchoͤnſten Wetter und einer entzuͤckend milden Luft ruderte, indem er die Land⸗ reiſe erſt bei der am noͤrdlichen Ufer der Bucht gele⸗ genen Miſſion St. Gabriel antteten wollts. Die Sonne trat eben in voller Pracht hinter dem Berg⸗ gipfel hervor, als er zwiſchen den Inſeln tuderte, welche den ſüdlichen Theil der Bucht von den noͤrd⸗ lichen trennten, und bald eroͤffnete ſich ihm die Aus⸗ ucht auf den großen freien Waſſerſpiegel, wo er das naͤchſte Ziel ſeiner Fahrt, die Miſſton St. Gabriel, nür an den Bergen iin Hintergrunde erkannte. Das vorliegende flache Land iſt ſo niedrig, daß es noch un⸗ ter ſeinem Horizonte lag. Eine andere, erſt kurz an⸗ gelegte Miſſion, St. Franeisev Solona, erblickte er im Nordweſten. Mittelſt eines friſchen güͤnſtigen Windes gelangte die Barkaſſe durch einen ſchmalen Kanal, der ſich in ſumpfigem Lande gebildet hat, jum Landungslatz, von wo noch eine gute nautiſche Meil⸗ 181 bis zu der, zwiſchen alten Sichen hervorſcheinenden Miſſion St. Gabriel war. Nun ging es auf ebe⸗ nem Lande in vollem Galopp, zwiſchen einzeln tehen⸗ den Eichen hindurch der Miſſion zu, wo Kotebue von dem einzigen Geiſtlichen, unter deſſen Verwal⸗ tung ſie ſtand, freundlich empfangen wurde. End⸗ lich erreichte er die Feſtung Roß⸗ das Ziel ſeiner Landreiſe. ni Vur t Die Niederlaſſung Roß liegt in der Breite von z8 33“ auf einer Anhoͤhe am Meeresufer und an einem unbedeutenden Strem. Sie wurde von den Ruſſen im Jahre 18142 gegruͤndet, um den Fang der See⸗Ot⸗ tern an der Kuͤſte von Californien mit mehr Be⸗ guemlichkeit zu betreiben. Die Feſtung iſt ein mit bohen, dicken Balken verpalliſadirtes Viereck, mit zwei Thuͤrmen, auf denen füͤnfzehn Kanonen ſtanden. Nach einem Aufenthalt von zwei Tagen werließ Kotzebue Roß und kehrte auf dem naͤmlichen We⸗ ge, auf welchem er dahin gekommen war, wieder zu⸗ ruͤck, ohne das ihm etwas Bemerkenswerthes aufge⸗ ſtoßen waͤre. Da der Ankerplatz in der Winterzeit bei den haͤu⸗ ſigen Stuͤrmen nicht ſicher genug war, ſo ſegelte Ko⸗ Bebue einige Meilen nach Oßen in eine kleine, von einer romantiſchen Laudſchaft ungebene Bucht, von den Spaniern nach einem wohltiechenden Kraute, das an den Ufern waͤchst, Herba buena genannt. Kotzebue hatte die Abſicht, einige Zeit an die 182 unterſuchung der noch ſehr unbekannten Fluͤſſe zu verwenden, welche ſich in die St. Franeisco⸗Bai ergießen, und traf nun alle Anſtalten zu dieſer Fahrk. Am 18. November fuhr er bei guͤnſtiger Witterung ab, und verfolgte anfaͤnglich den Weg nach der Miſ⸗ ſton St. Gabriei, durchſchnitt das ſuͤdliche Waſſer⸗ becken der Bucht, arbeitete ſich zwiſchen den Inſeln durch und gelangte in das nordliche. Nun ſegelte er in ößtlicher Richtuns, wobei ibm St. Gabriel in betraͤchtlicher Entfernung links in Nordoſten blieb, und gegen Mittag erreichte er die gemeinſchaftliche Mündung der beiden Fluſſe, die ſich hier in die Bai ergießen. Die Breite dieſer Muͤndung betraͤgt an⸗ derthalb Meilen, und die ufer ſind auf beiden Sei⸗ ten derſelben hoch, ſteil und wenig bewaldet. Am linten Ufer der Muͤndung landete Kotzebue, und beſtieg eine der hoͤchſten Stellen des ufers, dus aus Schieſer, von Quarzſchichten unterbrochen, beſteht⸗ und von wo aus eine ſchoͤne weite Ausſicht war. Im Suͤden lag die beneidenswerthe unabſehbare Bai St⸗ Franeiseo mit ihren vielen Inſeln und Einbuch⸗ ten; von Norden her ſchlaͤngelte ſich der große⸗ ſchoͤne, bier noch nicht getbeilte Fluß bald zwiſchen hohen, ſteilen Felſen, bald zwiſchen freundlichen, weniß br⸗ waldeten Wieſen pindurch, auf welchen grobe Heer⸗ deñ Hirſche verſchiedener Gattung weideten. Nach allen Richtungen hinaus waren die Landſchaften rei⸗ zend, und trugen den Charakter einer urpigen Natut⸗ 183 Kotzebue ſegelte ſtromaufwaͤrts, von Fluth und Wind beguͤnſtigt, in faſt ganz, noͤrdlicher Nichtung raſch vorwarts. Der Fluß veraͤnderte nunmehr oft ſein Anſehen. Seine Breite aͤnderte ſich von einer bis auf zwei und drei Meilen. Die ſteilen Ufer wech⸗ ſelten mit reizenden Ebenen ab, wo im Schatten von Eichenhainen Hirſche weideten. 23 Meilen von der Muͤndung vereinigen ſich die beiden Flüſſe. Der eine koͤmmt von Oſten, und der andere von Norden her. Der eine, den die Spanier Pescadores nennen, nimmt tieſer im Lande noch zwei Fluſſe in ſich auf; den andern, Saeramento genannt, fuhr Kotzebue hinauf, und landete an der Weſtſeite des Fluſſes. In Oſten und Südoſten erhob ſich boch uͤber dem Hori⸗ zont das Eisgebirge⸗ die Sierra Nevada⸗ das ganz Amerika von Norden nach Suͤden durchſchnet⸗ det. Zwiſchen dem Gebirge und dem Fluſſe iſt das Land eben, ſebr niedrig⸗ ſtark mit Wald bewachſen⸗ und von vielen Stroͤmen durchſchnitten⸗ Von da konnte Kotzebue nur eine kleine Tagreiſe noch ſtrom⸗ aufwaͤrts machen, denn die ungunſtige Witterung er⸗ laubte ihm nicht, weiter zu gehen, ſondern er mußte den Ruͤckweg nehmen, der am 23. November zuruͤck⸗ gelest war. Sogleich nach ſeiner Ankunſt beim Schiffe wurde dasſelbe in ſegelfertigen Stand geſetzt, das Lager am Lande abgebrochen und ſammt den aſtronv⸗ miſchen Inſtrumenten an Bord gebracht. Am 25. November, als die Ebbe eintrat⸗ lavirte er bei Nond⸗ 184 weſtwinde aus der Bai St. Franeisco heraus, und ſtach in die offcne See⸗ Nachdem Kotzebue die Kuſe Califor⸗ niens aus dem Geſichte verloren hatte, richtete er ſeien Lauf nach Suden, um ſo ſchnell als möglich den Paffatwind zu erreichen, und alsdann geraden Weges nach den Sandwichinſeln zu ſegeln. Am 1. Dez. hatte er ſchon die Hauptinſel in der Sandwich⸗ grußpe, D Wahi mit dem weltberͤhmten Rieſenberge Mounarrva, erreicht, und ſah im Weſten von ihr die hohe Inſel Muwe. Laͤngſt der noͤrdlichen Kuͤſte diefer und der nächsfolgenden Inſel Morotai ſchiffte er hin nach der Inſel Wahu, wo er zu landen ge⸗ dachte. Schon erhob ſich die hohe, aus gelben Fel⸗ ſen beſtehende Pſtſpitze dieſer Inſel deutlich über ſei⸗ nen Horizont; da umſchiffte er, laͤngſt der ſuͤdlichen Kuͤſte Wahus hinſegelnd, das Vorgebirge, auf wel⸗ chem der zuckerhutfoͤrmige, ſogenannte Diamanten⸗ berg ſteht, und plötzlich erblickte er den Hafen Ha⸗ naruro, in welchem eine Menge Schiffe von ver⸗ ſchiedener Flagge lagen. Bald nach dein gegebenen Zeichen, wodurch ein Lootſe begehrt wird, ſah Ko⸗ tzebue ein Boot von europaͤiſcher Bauatt auf ſich zukommen. Es ward von nackten Kana ckas, ſo wird die niedrigſte Volksklaſſe dortſelbſt genannt, ge⸗ rudert, der Lvotſe ſaß am Steuer, und war vollig auf eurppaͤiſche Weiſe gekleidet; es war ein Englaͤnder, Namens Alerander Adams, den Kotzebne 185 ſchon, von ſeiner froͤhern Reiſe her, kannte, und der ſeit der Zeit Lootsdirektor geworden. Erſt nach eini⸗ sen Stunden, da der Wind anfangs nicht günüig war, gelangte das Schiff mit Huͤlfe des geſchickten Lootſen durch den ſchmalen, ſchlangenfoͤrmigen Kaual glͤcklich in den Hafen. Hinter dem durch Korallenriffe vor den Meeres⸗ wellen geſchuͤtzten, ſichern Hafen liegt die ſogenannte Stadt Hanaruro in unregelmaͤßigen Reihen von Wohnungen auf einer Ebene ausgebreitet. Sie be⸗ ſteht theils aus Huͤtten von verſchiedener Geſtalt, theils aus Haͤuſern, nach europaͤiſcher Art von Stein gebaut. Hart am ufer erhebt ſich die mit Kanoneu bepflanzte Feſtung, ein Viereck von ſtarken Mauein, auf welcher die buntgeſtreifte Nationalflagge der Sand⸗ wichinſeln weht. Ueber die Stadt binaus gewahrt das amphitheatraliſch gebildete Land, mit ſeinen An⸗ pflanzungen von Tarrowurzeln, Zuckerrohr und Ba⸗ nanen, einen ungemein reitzenden Anblick, den das ſteil und wild bis in die Wolken reichende, mit gro⸗ ßen Baͤumen dicht bewachſene Gebirge begrenit. We⸗ gen der großen Fruchtbarkeit wird die Inſel Wahn auch nur der Garten der Sandwichinſeln ge⸗ nannt.. 17 n Die eilf Inſeln, welche ihr erſter Entdecker Cook nach ſeinem Protektor, dem Graſen Sandwich⸗ be⸗ nannt hat, und welche dieſe Benennung behalten ha⸗ ben, da ihre Bewohner ſie durch keinen gemeinſchaft⸗ 186 lichen Namen bezeichnen, liegen zwiſchen dem 190 und 22 noͤrdlicher Breite. Sie ſind alle ſehr hoch und vulkaniſcher Natur. Am Morgen nach ſeiner Ankunft fuhr Kotzebue mit einigen Dfficieren an's Land, um der Koͤnigin Nomahanna ſeine Aufwartung zu machen. Ein am Landungsplatz getroffener Spanier, Namens Marini, diente ihm als Dollmetſcher. Die Wohnung Nomahanna's lag nahe bei der Feſtung am Ufer. Es war ein aus Bohlen nach europäiſcher Art zuſammengezimmertes niedliches Haͤuschen von zwei Etagen, mit ſchönen großen Fenſtern und einem Balkon, auch recht huͤbſch mit Delfarbe angeſtrichen. Auf der Treppe empfing ihn Chinau, der Gouver⸗ neur von Wahu, mit einem A⸗B⸗C⸗Buch in der Hand. Die Treppe ſelbſt war von unten an bis zur Chür des Zimmers der Koͤnigin mit Kindern, Er⸗ wachſenen und ſogar alten Leuten beiderlei Geſchlechts beſetzt, die unter Nomahanna's eigener Anleitung eilig beſchaͤftigt waren, ſich aus A⸗ B⸗C⸗ Buͤchern im Leſen und auf Tafeln im Schreiben zu uͤben. Die Thuͤren wurden geoffnet, und Chinau ſiellte Ko⸗ tzebue Ihrer Majeſtaͤt als den Capitain der ange⸗ kommenen ruſſiſchen Fregatte vor. Das Simmer war auf europaͤiſche Weiſe mit Stuͤhlen, Tiſchen und Spie⸗ geln moͤblirt. Nomahanna lag in der Mitte des Zimmers auf ſchoͤnen feinen Matten, der Laͤnge nach ausgeſtreckt auf dem Bauche, die Atme auf ſeidene —— 187 Polſter geſtuͤtzt. Zwei junge Maͤdchen, in leichten Zitz⸗ gewaͤndern, ſaßen mit untergeſchlagenen Beinen zu beiden Seiten der Koͤnigin, und wehten ihr mit gro⸗ ßen, an langen Rohtrſtielen befeſtigten Federbuͤſchen die Fliegen ab. Als Nomahanna die Eintreten den bemerkte, ſchob ſie das Geſangbuch, in welchem ſie eben geleſen hatte, zur Seite, und richtete ſich zum Sitzen auf, lund auch Kotzebue ein⸗ ſich auf einen Stuhl neben ihr nieder zu laſſen. Sie erkannte in ihm ſogleich den naͤmlichen ruſſiſchen DPffizier, der fruͤher den verſtorbenen Konis Tameamea auf der Inſel D Wahi beſucht hatte. Seine Erſcheinung brachte bei ihr daher auch eine lebhafte Erinnerung an ihren verſtorbenen Gemahl hervor, und ſie konnte ſich der Thraͤnen nicht enthalten, als ſie von ſeinem Tode ſprach. Sie eroͤffnete ihm nun, daß ſie ein⸗ Chriſtin ſei und taͤglich mehrere Mal das Bethhaus beſu⸗)e. Bald aber floßen ihre Thraͤnen wieder um ihren verſtorbenen Gemahl; ſie entbloͤßte ihren Arm, auf welchem mit lateiniſchen Buchſtaben in der D Wa⸗ bi⸗Sprache die Worte tattowirt waren:„Unſer guter König Tameamea iſt am 8. Mai 15% geſtorben,“ zum Zeſchen der größten Trauer. Das Geſpraͤch ward durch Wagengeraſſel und laute Men⸗ ſchenſtimmen unterbrochen; es fuhr ein kleiner Block⸗ wagen, von einer Menge tuͤſtiger Jünglinge gezogen⸗ vor, um die Koͤnigin nach der Kirche zu fahren⸗ Kotzebue erhieit das Verſprechen, in Ueberflus 188 mit friſchen Lebensmitteln verſorgt zu werden, und in der Naͤhe der koniglichen Wohnung ein Socſtn zu aſtronomiſchen Beobachtungen. Bei den haͤufigen Beſuchen, welche Foteine bei der Koͤnigin Nomahanna machte, traf er ſie einmal bei der Mittagsmahlzeit. Sie lag auf dem Bauche, einem großen Spiegel gegenuͤber; eine Menge verſchiedener Speiſen auf chineſiſchen Porzellainſchuſ⸗ ſeln in einem halben Kreis vor ihrz ein Paar Kna⸗ ben huckten zu beiden Seiten, und wehrten mit gro⸗ ßen Federbuͤſcheln die Fliegen ab, waͤhrend ſie ſelbſt ales mit den Fingern verſpeißte. Nach geſtilltem Ap⸗ petit wandte ſie ſich, mit Hilfe ihrer Dienerſchaft, auf den Ruͤcken, und winkte mit der Hand einen lan⸗ gen und ſtarken Bedienten herbei, der, mit ſeinem Geſchaͤfte befannt, ihr ſogleich auf den Leib ſprang, und ſie ohne alle Umſtaͤnde mit den Knien und mit den Fäuſten ſo unbarmherzig zerknetete, als ber einen Brodtrog vor ſich gehabt haͤtte. Das geſchah, um die Verdauung zu befoͤrdern. Hierauf ließ ſich die Koͤnigin wieder auf den Bauch lesen, und ksn 2 ie Mahlzeit von Neuem. Am 17. Januar langte der Stellvertreter des Kö⸗ nin Karemaku, auf einer Escadre, die aus meh⸗ rern zwei⸗ und dreimaſtigen Schiffen beſtand, mit vielen Truppen vor dem Hafen von Hanaruro an; er kehrte aus einem Kriege zuruͤck, den er auf O Tuai ganz zu ſeiner Zufriedenheit beendigt hatte. Er war 189 ſehr erfreut, Kotzebue wieder zu ſehen, umarmte ihn herzlich, und ſtellte ihm ſeine junge Gemahlin vor. Er ließ ſich das Schiff zeigen, und betrachtete Alles mit der groͤßten Aufmerkſamkeit, wobei er oͤfters des zu fruͤhe verſtorbenen Tameamea ſchmerzlich gedachte. Da Kotzebue bei ſeinem fruͤhern hieſigen Aufenthalte den Dam eamea malen ließ, ſo ſchenkte er jetzt dem ehrwuͤrdigen Karemaku einen Kupfer⸗ ſtich von dieſem Portrait, woruͤber dieſer eine ruͤh⸗ rende Freude bezeigte. Er druͤckte dem Geber die Hand, und ſagte:„Auch ich bin ein Chriſt und kann leſſen und ſchreiben.“ Ein Beweis, welch großen Werth er auf's Chriſtſeyn legte⸗ Merkwuͤrdig war der Empfang des Befehlshabers von den Inſulanern. Kaum hatte er den Fuß an's Land geſetzt, als das Volk ſich untereinander mit den Naſen beruͤhrte, und auf ein gegebenes Signal zu weinen anfing.— Karemaku lachte uͤber dieſen Empfang, und ließ ſich in großer Proeeſſion zu No⸗ mabanna fuͤhren, die ſich nicht herabgelaſſen hatte, ihm entgegen tzu kommen. Den ganzen Tag blie⸗ ben die Bewohner von Hanaruro in großer Be⸗ wegung. zum du Lhu nni n6 Einige Tage nach Karemaku's Ankunft kam ein Abgeſandter von Nomahanna auf's Schiff und uͤberbrachte Kotzebue einen Brief, in wel⸗ chem ſie ihm zu wiſſen that, daß ſie ihn noch heuts beſuchen wolle. Auf ihr Verlangen ſchickte Kotzebn⸗ 190 ſeine Schaluppe mit einem Offſieſer nach ihr ab. In groͤhtem Staate, mit einem Sonnenſchirm in der Hand, kam ſie an, und erfieg muͤh ſam die Schiffs⸗ treppe, an der Kotzebue mit mehrern Dfficieren ſis empfing. Gleich beim Eintritt, da ſie auf europaͤiſchs Weiſe einen Knix machen wollte, verlor ſie das Gleich⸗ gewicht, und waͤre in's Waſſer gefallen, wenn nicht ein Paur handfeſte Matroſen ſie in ihren Armen auf⸗ gefangen haͤtten. Alles auf dem Schiffe erhielt ibren großen Beifall. Ein Sopha, das in der Cajuͤte ſtand, ſaß die korpulente Majeſtät gleich durch. Ihre be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit erregte das Portrait des Kai⸗ ſers Alexander, dem gegenuͤber ſie ſich nun auf die Diele ſetzte. Kotzebue ſetzte ihr Wein vor, der ibr ſehr gut zu ſchmecken ſchien, weßbalb er ihr auch noch eine Bouteille ſchenkte, wozu ſie ſich auch Glaͤ⸗ ſer ausbat, die ſie beim Fortgeben gleich ſelbſt ohne alle Umſtaͤnde vom Liſche wegnahm. unterdeſſen war auch eine andere Gemahlin Ta⸗ meamea's, Kahumana, von D Tuai mit dem Bruder des Königs, einem a jährigen Knaben, in Hanaruro angekommen- Auch ihr ſtattete Kotze⸗ bue einen Beſuch ab, und wurde ſehr gnaͤdig em⸗ pfangen. Sie war weit aͤlter, als No mahannaz; ibr Geſicht trug aber Spuren ehemaliger Schoͤnheit an ſich. Sie bewohnte ein eigenes, halb von Stein and balb von Holz erbautes Haus. Auch ſie trug auf dem Arme das Datum von Tameam ea's Tode. 191* Nun rüͤckte die Zeit heran, in der Kotzebue die Fahrt nach Neu⸗Archan gel wieder antreten mußte. 3 Am 31. Januar 1825 verließ er den Hafen von Hanaruro, unter Begleitung Karemaku's. Mit den herzlichſten Ausdruͤcken nahm Karemaku Ab⸗ ſchied, und ließ von der Feſtung fuͤnf Kanonen ab⸗ feuern, die von Kotzebue erwiedert wurden. Kotzebue waͤhlte die Fahrt durch den Kanal zwiſchen den Inſeln Wahu und D Tuai, den er ſchon am folgenden Tage durchſchiffte, und nun rich⸗ tete er ſeinen Lauf gerade nach Neu⸗Archangel, wo er gluͤcklich ankam, und zwar ſchon am 24. Febr. 1825, alſo einige Dage fruͤher, als ihm feſtgeſetzt war. (Siehe oben Nr. 3. Buch 1I.) s) Nach einem 6 1/2 monatlichen Aufenthalt in Neu⸗Archangel trat Kotzebue, wie oben Nr. 2 bemerkt wurde, ſeine Ruͤckreiſe an. Er hatte dabei die Abſicht, durch bisher noch nicht befahrne Gegen⸗ den nach der Radackkette zu ſegeln. Am s. De⸗ tober erreichte er die noͤrdlichſte, zur Kette Radack gehorige Inſeluruppe Udirik, ſegelte aber ihrer ſüdlichen Svitze in einer Entfernung von 3 Meilen vorbei, und ſetzte ſeine Fahrt gerade nach Weſten fort, in die Ge⸗ gend, wo die Pescadoresinſeln liegen muͤſſen, um ſich zu überzeugen, daß dieſe Inſelgtuppe und Udirik nicht eine und dieſelbe ſind. Bald ſtieß er auf eine Sruppe von niedrigen, ſtark bewaldeten Corgl« . 192 leninſeln in einer Ausdehnung von 40 Meilen von Weſten nach Oüen. Ungeachtet er allen dieſen In⸗ ſeln ſehr nahe vorbei ſegelte, ſo konnte er auf keiner eine Spur von Menſchen entdecken. Es waren die von Cäpitain Wallis entdeckten Pesecadoresin⸗ ſeln. Nicht ferne von ihnen bemerkte Kotzebus wieder eine Gruppe durch Riffe verbundener Koral⸗ gleninſeln, auf denen in uͤppiger Vegetation hohe Co⸗ evsbaͤume hervorragten, aber ebenfalls keine Spur von Menſchen zu ſehen war. Er nannte ſie nach ſeinem zweiten Lieutenaut, Rimski⸗Korſakoff. Die groͤhte Ausdehnung dieſer Inſelgruppe iſt von Dſt⸗ nordoſt nach Weßtſfuͤdweſt s4 Meilen, ihre groͤßte Breite betraͤgt nur 10 Meilen. Am folgenden Tage, den „ Detober, entdeckte er eine dritte Gruppe niedriger Inſeln unter 11* 4o 14 Breite und 1940 37 38“ Laͤnge weſtlicher Grenie⸗ gleichfalls ohne Spur einer Bevoͤlkerung. Kotzebue nanhte ſie nach ſeinem Na⸗ turforſcher, Eſchſcholz⸗Inſeln.. Am 4. Detober bekam er die Bronus⸗In⸗ feln zu Geſichte, unter 44* 20 60“ Breite und 1910 28 30 Länge, ſüdlicher Spitze; und nahm dann ſei⸗ nen Cours gerade nach den Ladronen⸗ oder Ma⸗ vianen⸗Inſeln, wo er geſonnen war, friſche Lebens⸗ mittel einzunehmen. s) Friſcher Wind und ſchoͤnes Wetter machten die Fahrt ſchnell und angenehm. Am Morgen des ap. Detobers ſah Kotzebue ichon die zu den La⸗ 193 dronen gehoͤrige Inſel Sarpani in einer Ent⸗ fernung von 25 Meilen vor ſich liegen, und bald dar⸗ auf zeigte ſich auch die Hauptinſel Suabam, nach der er wollte. Die Laͤnge der oͤſtlichen Spitze von Sarpani fand er 214 38 00“ Da der Hafen Caldera de Apra eben nicht der ſicherſte iſt, und Kotzebue nur ein Paar Tage hier verweilen wollte, ſo beſchloß er, gar nicht einzu⸗ laufen, ſondern das Schiff in der Naͤhe der Stadt unter Segel zu halten, und ſchickte einen Hfficier an den Gouverneur mit der Vitte ab, ihn mit Lebensmit⸗ teln zu verſorgen. Am andern Morgen fuhr Kotze⸗ bue mit einigen Offieieren an's Land, und wurde von dem Gouverneur dieſer Inſeln, Don Gango⸗ Errerd, der ſchon alle erforderliche Maaßregeln ge⸗ troffen hatte, ihn ſchnell mit Lebensmitteln zu verſor⸗ gen, zwar freundlich, aber doch nicht ohne Verleug⸗ nung der ſpaniſchen Grandezza, empfangen⸗ Nach viertaͤgigem Aufenthalte vor der Stadt Agadna richtete Kotzebue, reichlich mit Lebens⸗ mitteln verſorst, ſeinen Lauf nach den Bashi⸗In⸗ ſeln am 22. Detober, um zwiſchen dieſen durch in's chineſiſche Meer zu gelangen, und dann gerade auf Manilla zuzuſegeln. Den 4. November befand er ſich ſchon in der Raͤhe der Bashi⸗ oder Babuvan⸗Inſeln; er er⸗ hlickte die drei hohen Richmondfelſen, welche in der Mitte der Straſſe zwiſchen dieſen Inſeln lieg en ba. Bd., Reiſen um die Wekt. V. 2. 7 194 und bald zeigte ſich ihm auch die Inſel Bantan mit ihrem hohen Felſenruͤcken. Stuͤrmiſch und ge⸗ foͤhrlich war die Fahrt durch die Inſeln hindurch, da ein ſtarker Strom aus dem chineſiſchen Meere durch dieſe Straße in den Deean geht. Mit furchtbarer Gewalt wurde das Schiff hin und her geſchleudert, doch erreichte es gluͤcklich das chineſiſche Meer, und befand ſich nun auf ruhigem Waſſer. Mit guͤnſtigem Winde ſegelte Kotzebue im Angeſichte der weſtli⸗ chen Kuͤſte von Lugon nach Suͤden fort, bis er das Vorgebirge Bajador erreichte, wo er einige Tage durch Windſtille aufgehalten worden, ſo daß er erſt am 7. November die Manilla⸗Bucht erblickte. Hier wehte ihm ein heftiger Wind entgegen und ver⸗ wehrte ihm den Eingang; döch gelang es ihm durch Laviren bedeutend vorwaͤrts zu ruͤcken, ſo daß er end⸗ lich in die Bucht durch ihre ſuͤdliche Einfahrt zwi⸗ ſchen ihrem Ufer und der Inſel Coregidor einlau⸗ fen konnte. Am Morgen des s. Novembers ließ er die Anker vor der Stadt Manilla fallen. Freund⸗ lich wurde Kotzebne vom Generalgouverneur der Philippinen, Don Mariano Ricofort, empfangen, und erhielt auf ſein Anſuchen von ihm die Erlaubniß, nach Cavite zu ſegeln, einem an der Bucht, nur ein Paar Meilen von der Stadt liegenden Flecken, wo ſich eine Admiralität befindet, und Schiffe mit Bequemlichkeit Reparaturen vornehmen koͤnnen, doren das ſeinige beduͤrftig war. 195 Angenehm verſtrich ihm die Zeit in dieſem ſchö⸗ nen Tropenlande; unter andern war er auch Zeuge eines feierlichen Aufzuges, der der Aufſteilung des Portraits des Koͤnigs von Spanien galt, welches dieſer Koͤnig den Bewohnern der Stadt Manilla zum Zeichen ſeines ganz beſondern Wohl⸗ wollens geſchenkt hatte. Aus allen Provinzen war zu dieſem Feſte eine ungeheuere Menſchenmaſſe nach Ma⸗ nilla geſtroͤmt. Elegante Equipagen durchkreutzten in eiliger Geſchaͤftigkeit die Gaſſen, und konnten ſich nur mit vieler Muͤhe durch die bunten Reihen der geputzten oder maskirten Fußgaͤnger den Weg bah⸗ nen. um o Uhr donnerten die Kanonen von der Fe⸗ ſtung, und um 12 Uhr begann die Proeeſſion, bei der ein Gemiſch von aſiatiſchem und ſpaniſchem Geſchmack obwaltete. Der Zug ward von Chineſen eroͤffnet. Zuerſt kam ein Chor von 24 Muſikanten, von denen ein Theil mit Staͤben auf große, runde, kupferne Platten ſchlug, und dadurch eine Art dumpfer Glo⸗ ckentoͤne hervorbrachte, und der andere auf elarinett⸗ aͤhnlichen Inſtrumenten gar widerlich pfiff. Den Mut ſikanten folgte ein Zug Chineſen mit ſeidenen Fah⸗ nen, auf welchen ihre Goͤtzen und Drachen von ver⸗ ſchiedener Geſtalt, mit Hieroglyphen umgeben, abge⸗ bildet waren. Hierauf wurde in einer Art von Sef⸗ ſel, der reich verziert und mit dem glaͤnzendſten Lack uͤberzogen war, eine junge Chineſin getragen, die eine Wage in der Hand batte, die Goͤttin der Ge⸗ * 196 rechtigkeit vorſtellend, von einigen Muſikanten umge⸗ ben. An ſie ſchloß ſich an der Reſt der Chineſen nach ihren verſchiedenen Gewerben, deren Sinnbilder auf Fahnen prangten. Nun kamen vier Bachantinen, mit Weinlaub bekraͤnzt, und Trinkſchalen in den Haͤnden haltend, einen pantomimiſchen Tanz nach dem Tam⸗ bourin des Bachus auffuͤhrend. Jetzt folgte ein Trupp Indianer, verſchiedenartig und ſonderbar koſtuͤmirt, Wilde vorſtellend, mit Spießen und Schildern ver⸗ ſehen, in fortwaͤhrendem Kampf miteinander begrif⸗ fen. Darauf marſchirte ein Bataillon Infanterie, aus Knaben beſtehend, mit hoͤlzernen Flinten und papier⸗ nen Patrontaſchen, und dieſen folgte eine Escadron Huſaren, gleichfalls Knaben, mit gezogenen, hoͤlzer⸗ nen Saͤbeln und Pferden von Pappe, die, ſtatt die Reiter zu tragen, von ihnen getragen wurden. Hier⸗ auf beluſtigte eine Geſellſchaft zwei Faden langer, als Stutzer gekleideter Rieſen, deren oberer Koͤrxer aus Pappe beſtand, mit eben ſo großen und berausgeputz⸗ ten Damen, nebſt einigen ſehr kleinen Zwergen, das Velk durch komiſches Betragen und Tanz. Auf ſie folgten allerlei Thiere, Loͤwen, Baͤren, Ochſen u. dgl. ebenfalls von rieſenhafter Groͤße, ſo daß in jedem Beine derſelben ein Menſch ging. Sodann folgte mit ernſtem, hohen Anſtande Don Quirote, von ſei⸗ nem treuen Sancho begleitet. Hinter ihm mar⸗ ſchirte, gleichſam als ob er der Anfuͤhrer waͤre, eini⸗ ges wirkliches Militnir mit ſchoͤner Muſik, worauf 197 200 junge Maͤdchen aus ſaͤmmtlichen Provinzen der Philtppinen, in ihrer verſchiedenen Landestracht reich gekleidet, folgten. Fuͤnfzig von dieſen Grazien zogen den praͤchtigen, mit rothem Sammet und vie⸗ lem Golde verzierten Triumphwagen, auf welchem das Bild des Koͤnigs Fernando's prangte. Ge⸗ genuͤber, etwas zur Seite, ſaß auf einer Erdkugel eine hohe weiße Geſtalt, die in der einen Hand ein aufge⸗ ſchlagenes Buch, und in der andern einen Stab hielt, mit dem ſie auf das Bild zeigte. Sie ſtellte die Muſe der Geſchichte vor. Hinter dem Triumphwagen ritt eine Abtheilung Dragoner, und den Beſchluß des Zuges machten eine Menge Wagen, in denen die an⸗ geſehenſten Perſonen der Stadt fuhren. Mehrere thurmartige, chineſiſche Ehrenpforten ſchmuͤckten den Weg, den die Prozeſſion durch die weitlaͤuſigen Vor⸗ ſtaͤdte nach der Stadt nahm. Als das Bild in der Stadt ankam, ward es von dem Gouverneur und der ganzen Geiſtlichkeit von Manilla empfangen, und ſtatt der jungen Maͤdchen zogen nun Buͤrger den Triumphwagen unter beſtaͤndigem Rufen: Viva el Rey Fernando. Von allen Waͤllen wurden die Ka⸗ nonen geloͤst, eine ſchone militaͤriſche Muſik ertoͤnte, und die Truppen, welche vom Thor an bis zur Haupt⸗ kirche in zwei Reihen aufgeſtellt waren, praͤſentirten das Gewehr, wobei ſie in das Viva des Volkes ein⸗ ſimmten. Bei der Kirche ward Halt gemacht, das Bild bineingetragen, und nach dem Gottesdienſ, den 198 der Biſchof hielt, ward es wieder auf den Wagen ge⸗ ſetzt, und in die Wohnung des Gouverneurs gebracht, wo es endlich zur Ruhe kam. Drei Tage dauerte die Feierlichkeit noch fort. Abends war die ganze Stadt und Vorſtadt praͤchtig beleuchtet. Das Volk ging Abends maskirt in den Straſſen herum, ließ Raketen ſteigen und brannte chineſiſches Feuerwerk ab. Auch wurden öͤffentliche Baͤlle mit freier Bewirthung ge⸗ geben. Am 40. Januar 1826 war Kotz ebue's Fregatte wieder ſegelfertig und er verließ Manilla⸗ 3) Beguͤnſtigt von einem friſchen Nordoſtmanſun, durchſchnitt Kotzebue ſchon am 24. Januar den Ae⸗ guator in der Laͤnge von 2330 z8“, und erreichte am 2s zwiſchen den Inſeln Sumgtra und Java den Deean, nachdem er das chineſiſche Meer von ſeiner nordlichen Grenze bis zur ſuͤdlichen gluͤcklich durch⸗ ſchifft hatte. Nun richtete er ſeinen Lauf nach dem Vorgebirg der guten Hoffnung. Widrige Winde hielten ſeine Fahrt auf. Am 15. Maͤrz um⸗ ſchifſte er das Cap der guten Hoffnung, und ſchlug den Weg nach St. Helena ein, wo er am 29. Maͤrz vor dem Staͤdtchen St. Jamees die Anker fallen ließ.„ Kotzebue hatte ſich hier der ausgezeichnetſten Aufnahme von dem Gouverneur, Alerander Wak⸗ ker, zu erfreuen, von dem er auch die ſonſt ſchwer zu erlangende Erlaubniß erhielt, das ſo beruͤhmt ge⸗ 199 wordene Longwood zu beſuchen, wo Napoleon ſeine glaͤnzende Laufbahn in freudenloſer, oͤder Ein⸗ ſamkeit beſchloß. Muͤhſam ſchlaͤngelte ſich der Weg an einen faſt ſenkrecht aufſteigenden Felſen hin. Un⸗ gefahr eine deutſche Meile von der Stadt fuͤhrte ein ſchmaler Steg den Abhang hinunter in gein kleines, von Huͤgeln umringtes, keſſelfoͤrmiges Thal, wo die Ueberreſte Napoleons ruhten. Ein alter Invalide, deſſen einſame Huͤtte in der Naͤhe des Grabes ſteht, und der es bewacht, kam Kotzebue entgegen, und fuͤhrte ihn zu dem, von einem niedrigen Gitter um⸗ gebenen, ſchmuckloſen, flachen Leichenſtein, den fuͤuf Trauerweiden beſchatten, aber keine Inſchrift bezeich⸗ net. Der Invalide fuͤllte aus einer nahen Quelle eine ganz gemeine irdene Kanne mit ſchoͤnem klaren Waſſer, und reichte ſie ibm mit der Bemerkung, daß Napoleon, bei ſeinen Spatziergaͤngen hieher, ſich mit dieſem kalten Waſſer aus dem naͤmlichen Geſchirr iu erquicken pflegte. Es war im Leben ſein Wunſch, euſt hier begraben zu ſeyn, welcher auch erfüllt wurde. Eine deutſche Meile weiter in einer unwirthbaren Gegend zeigte man ihm auf einem der hoͤchſten Hů⸗ gel Longwood, die ehemalige Wohnung Napo⸗ leons, aus der jetzt die Engländer einen Pferdeſtall gemacht haben. Nach neun froh verlebten Tagen ſegelte Kotze⸗ bue wieder von St. Helena ab, und durchſchnitt ſchon am 16. den Aeguator jn der Laͤnge von 22 37. 200 Aber in der Region der Windſtillen verurſachte die ſeuchte Hitze unter der Mannſchaft das Nerbenfieber, ſo daß Kotzebue, nach allen bisher glucklich uͤber⸗ ſtandenen Gefahren, den traurigſten Ausgang ſeiner Reiſe furchtete, da ſelbſt ſein geſchickter und thaͤtiger Arzt untersden Kranken ſich befand. Aber glüͤcklicher Weiſe erhob ſich ein Wind, der das Schiff ſchnell in eine kuͤhlere und trocknere Region brachte, wodurch die Patienten bald genaſen. Den 42. Maͤrz, als Ko⸗ tebue die azoriſchen Inſeln umſchiffte, war die ganze Mannſchaft wieder im beßten Wohlſeyn. Den 3. Juni erreichte er Portsmouth, wo er einige Tage verweilte. Den 29. beruͤhrte er Kopenha⸗ gen, und ließ am 10. Juli auf der Rhede von Kron⸗ ſtadt jubelnd ſeine Auker fallen, nachdem er vor drei Jahren, weniger drei Tage, von hier ausgsſegelt war.