E . at* — Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. i Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —————— auf 6 Monat: fl. 30 Kr. 2 fl. K 3 0 1 12 45 2 F 45„ raArr aahr hhnn —— , 2 C 8 S D v 8 S Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen um die Welt. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Ver ſ von M 3 und herausgegeben von Foachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. V. Theil. 1. Bänbchen. ————————— Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 183 2. N⸗ Adam Johann von Kruſenſtern's, ruſſiſchen Marine⸗Officiers und Ritters mehrerer Orden, Reiſe um die Welt, in den Jahren 1803 bis 1806. Von Franz Joſeph Adolph Schnei⸗ dawind. Fortſetzung. — Viertes Buch. Donnerstag den 16. Mai Morgens s uhr ſegelte Kruſenſtern aus der Bai wieder ab. Um 8 Uhr Abends hatte er das Vorgebirs Aniwa umſchift, welches in 460 2“ 20“ der Breite und 2160 29“ 40 der Laͤnge liegt. Den 1. Mai entdeckte man im 460 31 30“ N. und in 2460 20 oo W. ein anderes Cap, das aus einem ſeilen, gelben Felſen beſtand. Kru⸗ ſenſtern nannte dieſes Cap nach ſeinem Freunde dem — Eebe— 3 Commodore der daͤniſchen Marine, Löwenßtern. Das mehrere Meilen ferne Land zeigte große Berge. Eine große Menge Wallfiſche und Seehunde, deren Ruhe wohl nie geſtoͤrt wurde, ſpielten um das Schiff herum. Abends 7 Uhr ſah er ein großes Boot, in welchem Perſonen ſaßen, auf die Nadeshda zuru⸗ dern. Da dieſes Boot die Haͤlfte des Weges zuruͤck⸗ gelegt hatte, kehrte es wieder um, nachdem es eine Weile Halt gemacht hatte. Den 18. Mai ſegelte man einer geraͤumigen Bai zu, und kam am 19. Morgens Uhr der ſuͤdlichen Spitze(Cap Tonyn der Hollaͤn⸗ der?) der Bai auf eine balbe Meile nahe. Da der Anſchein gab, daß kein guter Ankergrund in dieſer Bai ſey, entfernte ſich Kruſenſtern 2 ½ Meile von dem felſichten Cap, legte bei und ſchickte den Lieute⸗ nant Golowatſcheff mit einem armirten Boots ab, dieſe Bai genauer zu unterſuchen. Um 1 Uhr kam Lientenant Golowatſcheff zuruͤck, und machte ſei⸗ nen Bericht. Allenthalben, wo er ſondirt hatte, fand er felſich⸗ ten Boden; allein es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß an der Nordſeite der Bai, wo das Land niedrig iſt, nicht guter Ankergrund ſeyn ſollte. Suͤßes Waſ⸗ ſer fand ſich an mehreren Stellen und Brennholz im Ueberfluſſe. Golowatſchef fand in der Bai meb⸗ rere Wohnungen, wovon aber die meiſten leer waren. Er ſah, einige Frauenzimmer und Kinder iastenet nicht uͤber s— Perſonen, die weder Fupcht noch Schuͤch⸗ — 7 ternheit äußerten. So wie er das Haus betrat, in welches man ihn ſogleich beim Ausſteigen aus dem Boote einzutreten genoͤthiget hatte, warf ſich einer von der Geſellſchaft, welcher ihm der Herr des Hauſes zu ſeyn ſchien, vor ihm nieder, und hielt mit vieler Wuͤr⸗ de eine Rede, die uͤber zehn Minuten dauerte. Dar⸗ auf breitete er eine Matte aus, und bat ihn, ſich dar⸗ auf niederzulaſſen. Die Einwohner waren ganz in Seehundsfelle gehuͤllt, und trugen unter dieſer Klei⸗ dung eine andere von feinem baumwollenen Zeuge⸗ welche bei allen ſehr reinlich war. Die Ainos die⸗ ſer Bai ſchienen dem Lieutenant weit beſſer gekleidet zu ſeyn, und ein freieres und ſolideres Anſehen zu ha⸗ ben, als alle, welche er fruͤher ſah. Auch das Frauen⸗ zimmer fand er beſſer gebildet, wenisſtens glaubte er eine hellere Geſichtsfarbe an ihnen zu bemerken. Dieſe Bai nannte Kruſenſtern dem Admiral Mordwi⸗ noff zu Ehren, Mordwinoff⸗Bai. Sie liegt im 460 46* 00“ N. und 2460 48 00“ W. Um 2 Uhr Nachmittags hob der Capitain die An⸗ ker und ſegelte dem Lande parallel weiter. Den noͤrd⸗ lichen Theil der Mordwinoff⸗Bai ausgenommen⸗ wo das Land niedrig iſt, beſteht auch hier die Kuͤſte aus Bergen, die ganz mit Schnee bedeckt waren; ihre Graͤnze machte eine hohe Landſpitze aus, die er Cap Sinävin, dem Admiral Sinaͤvin zu Ehren be⸗ nannte, und welche im 470 46“ 30“ der Breite und 247 oo' zo“ der Laͤnge liegt. Kruſenſtern der beim Weiterſegeln vielleicht die Moglichkeit einer Ein⸗ fahrt vermuthete, fand ſich getaͤuſcht und daß hier keine Trennung des Landes ſey, ſondern nur eine Bucht. Am andern Morgen ſah er den Spenberg, den er ſchon geſtern auch erblickt hatte, in SW. und eine hervorragende Landſpitze, die im 470 67 45 N. und 2470 16 00 W. lag, und welche er dem Capitain zu Ehren, der ſein erſter Commandeur in der Flotte war, Cap Muloffsky nannte. Auf dem Lande ſah er viele Berge; einer Landſpitze im 480 24“ 00“ N. und 2470 40 00 W., gab er den Namen des beruͤhmten engliſchen Hydrographen Alexander Dalrympl E ein Vorgebirge im 430 32“ 30“ N. und 2160 38“ 30“ W. nannte er Cap Soimonoff zum Andenken eines verdienſtvollen Seeoffiziers unter der Regierung Peters des Großen; einen Fluß, deſſen Muͤndung über eine halbe Meile breit war und im 4900 4“ 40“ N. und 2460 68 W. benannte er Newa. Nirgends bemerkte er Zeichen, daß dieſer Theil von Sachalin bewohnt ſey. Die dem Newa⸗Fluſſe nahe Bai mußte Lieutenant Ratmanoff in ihrem oͤßtlichen Theile unterſuchen. Wohnhaͤuſer fand er nicht; wohl Feuerſtellen an einigen Drten in der Naͤhe eines klei⸗ nen Fluſſes; auch bemerkte er drei Ainos in See⸗ bundsfelle gekleidet; er winkte ihnen, zu ihm zu kom⸗ men, allein ſie entfernten ſich ſogleich. Das Land war theils mit tiefem Moder, theils mit einer fetten ſchwarien 9 Erde belegt; die Baͤume waren meiſt Nadelholz und von kruͤppeligem Wuchſe; Laubholz hingegen ſehr we⸗ nig. Schnee ſah man noch an mehrern Stellen, und die Baͤume nur noch im Anfange des Sproſſens, die Bai war außerordentlich fiſchreich und der Wald in der Naͤhe des ufers des erwaͤhnten Fluſſes ſehr reich an Wildpret. Kruſenſtern nahm nun ſeinen Lauf nach Suͤden. Am 24. Mai erblickte er das gefaͤhrliche Felſenriff welches das Robben⸗Eyland umgibt. Ueberall im Norden ſah er ein großes Eisfeld, unter welchem wahrſcheinlich die Klippen fortgingen, die wohl auch das weitere Treiben des Eiſes in dieſer Richtung aufhielten. Einzelne Brandungen konnte man nach Dſften zu, ſoweit das Auge reichte, wahrnehmen. Den 26. Morgens ſah er Eis. Im Wetten und in Nordweſten beſtand es aus einer einzigen Zuſammen⸗ haͤngeuden Maſſe. Von ND. bis DS. waren es aber einzelne große Stuͤcke, die kleiner wurden, je mehr ſie ſich nach Suden zu erſtreckten. Er mußte daher ſeinen Lauf bis DS. veraͤndern, und nachdem er alle geſehenen Eisfelder umſegelt hatte, richtete er wieder ſeinen Lauf nach Norden zu. Um Mittag zeigte ſich indeß neues Eis, und zwang ihn abermals einen nord⸗ weſtlichen Cours zu nehmen. Die ganze Nacht hin⸗ durch konnte er rings um das Schiff das Brechen der Wellen am Eiſe boͤren, er ging daher unter ganz ge⸗ 10 ringen Segeln. Am folgenden Tage ſah er eine ſo ungeheure Meuge Eis in NW., daß, um es zu umge⸗ hen, er SO. ſteuern mußte. Er konnte leicht vermu⸗ then, daß weiter im Norden noch mehr Eis anzutref⸗ fen waͤre, da ſchon im 4sſten Grade die Navigation mit Gefahr vetbunden iſt, und beſchloß daher, da die weitere Unterſuchung von Sachalin jetzt nicht Statt baben koͤnnte, ſogleich nach Kamtſchatka zu gehen, wo auch der Geſandte Reſanoff ſobald als möglich ausgeſetzt zu ſeyn wuͤnſchte, und dann wieder unver⸗ züglich zum Cap Patienee zurückzukehren. Nach⸗ dem er alſo alles Eis umſchifft hatte, nahm er ſeinen Lauf nach den Kurilen zu, die er in der Parallele von aso zu durchſchneiden wuͤnſchte, in der Hoffnung, bei dieſer Gelegenheit die Lage einiger Inſeln aus der Mitte dicſer Kette beſtimmen, oder genauer be⸗ ſtimmen zu koͤnnen. Am 29. ſah Kruſenſern mit Tagesanbruch Land in SO. und ONO., des truben Wetters wegen aber verlor er es bald wieder aus dem Angeſichte. um 8 Uhr Morgens ſah er einen hohen Pik in ONH:, den er, dem Admiral Sarytſcheffzu Ehren, Pik Sarytſcheff nannte. Er nahm ſeinen Lauf zwi⸗ ſchen der Inſel, worauf dieſer Pik liegt, und dem Lande, das er Morgens geſehen hatte, und welches er für die zwoͤlfte Inſel, oder die Inſel Matua hielt. Den zo. Mai ſteuerte er etwa Morgens 3 Uhr ONO. bet unfreundlichem Wetter; eine Witterung, die uͤber⸗ 11 haupt auf der ganzen Fahrt von Japan geherrſcht batte. Nach einer halben Stunde ſah er ploͤtzlich Land vor ſich, welches eine umaͤhlige Menge Voͤgel, viel⸗ leicht die einzigen Bewohner dieſes Eylandes, um⸗ ſchwaͤrmten. Die Inſel lag im 480 16“ 20“ d. L. und 2060 4s“ 00“ d. Br⸗, mußte daher die zebnte von den Kurilen ſeyn, und Mußir heißen. Jetzt glaubte Kruſenſtern keine Inſel mehr anzutreffen, da ſein Curs DN. und NOO., und der Lauf des Schiffes mit einem friſchen Suͤdoſtwinde bei⸗ nahe fuͤnf Knoten ſtark war. Allein zu ſeinem nicht kleinen Erſtaunen ſah er um 1 Uhr vier kleine Fel⸗ ſeninſeln, von denen eine kaum uͤber die Oberflaͤche des Waſſers hervorraste. Da der Wind jetzt ſehr ſark wurde, mit dickem truͤben Wetter, und der Wind alſo gegen das Land trieb, konnte Kruſenſtern, nicht wie er wollte, dieſe Inſeln umfegeln, ſondern wurde immer gegen dieſelben zuruͤckgetrieben. Man ſah in NO. ein hohes Eyland in Nebel. Es blieb Kruſenſtern jetzt nichts uͤbrig, um ſomehr, da alle Anzeichen eines Sturmes vorhanden waren, als einen Ausweg in's Ochotskiſche Meer zu ſuchen. Er ließ daher alle Segel einnehmen, und ſteuerte unter ganz gerefften Marsſegeln um 64 Uhr SW., WSW., W. und WN. Er konnte ſich ſehr glucklich ſchaͤtzen, daß er in einem heftigen Sturme bei einem Laufe von s bis o Knoten, und ſo truͤbem Wetter, daß man nicht 6o Faden weit ſah, nicht auf eine Inſel oder Klippe ſtieß, welches in einer ſolchen Nacht den un⸗ vermeidlichen Verluſt des Schiffes und der ganzen Mannſchaft zur Folge haͤtte haben muͤſſen. Um 3 Uhr Morgens, den 31. Mai, ſtroͤmte es heftig aus NNO. mit ſtarkem Schneegeßſtoͤber. Um 10 Uhr Morgens ließ der Sturm nach, und das Wetter heiterte ſich auf. Kruſenſtern nannte die von ihm entdeckten gefaͤhrlichen Felſen⸗Inſeln die Falle. Bei weiterer Fahrt erblickte er die Inſeln Schi⸗ aſchkotan, Monkanruſchi, HOunekotan, Poromuſchir, den Pik auf Charamukatan u. ſ. w. Sicher ſegelte er durch den Kanal oder die Straße zwiſchen den Inſeln Charamukatan und Dnnekotan, welche Straſſe s8 Meilen breit iß. Der Morgen des 3. Juni war truͤbe, und verbarg die Kuͤſte von Kamtſchatka. Um 2 Uhr Nachmittag ſah man dieſelbe. Und je naͤher man am 3. und 4. der Kuͤſte kam, unterſchied man einen Pik, den Kru⸗ ſenſtern, ſtatt deſſen ungeſchickten Namens, den Namen Koſcheleff, dem Gouverneur von Kamt⸗ ſchatta zu Ehren, gab, die Inſel Sumſchu, die bohe Inſel Alaid, Cap Lopatka, Cap Powo⸗ rotnoy, Pik Awaſcha, das Schipunskoy Noß u. ſ. w. deutlich und immer deutlicher. Um 6 Uhr Abends lief die Nadeshda in dem Hafen von St. Peter und Paul ein, 48 Tage nach ihrer Ab⸗ fahrt von Nangaſaky, und ging vor Anker. Hier ſetzte Kruſenſtern die Ambaſſade nebſt . 13 den aus Kamtſchatka zur Ehrenwache mitgenom⸗ menen Soldaten an das Land; auch ließ er hier das den Leuten ſeines Schiffes in Japan geſchenkte Salz und einen Theil des Reiſes in die Kornmaga⸗ zine ausladen, ergaͤnzte ſogleich ſeinen Vorrath an Waſſer und Holz, und ging ſchon den 16. Juni wie⸗ der in die Bai Awaſcha, um bei erſter guͤnſtigen Ge⸗ legenheit in die See gehen zu koͤnnen, um die Unter⸗ ſuchungen der Inſel Sachalin fortſetzen zu können. Unter den Soldaten, die als Ehrenwache gedient batten, hatte einer bald nach der Abfahrt von der Ja⸗ vaniſchen Stadt Nangaſaky die Poken be⸗ kommen. Dr. Eſpenberg heilte ihn. Ehe dieſer Soldat aber an das Land ſtieg, ließ Kruſenſtern aus Vorſicht, da in Kamtſchatka die meiſten Er⸗ wachſenen und die Kinder ohne Ausnahme die Pocken noch nicht gehabt batten, die Kleidungen, Wäſche, Haͤngematten u. ſ. w. kurz, was den Kranken ange⸗ boͤrte, uͤber Bord werfen, und die Sachen derſenigen, die das Schiff in Kamtſchatka verlaſſen ſollten, raͤuchern. Die Soldaten mußten drei Wochen Qua⸗ rautaine halten, die Matroſen durften waͤhrend ihres Aufenthaltes in Petrvpawlosk(St. Peter und Paul) nicht die geringſte Gemeinſchaft mit den Einwohnern haben, und das Schiff wurde gereinigt. In dem Kafen von St. Peter und Paut hatte Kruſenſtern zwei Schiffe der ruſſiſch⸗ame⸗ rikaniſchen Handelsgeſellſchaft getroffen, und ſich von 14 der erbaͤrmlichen Lage und Exiſtenz der Schiffsleute und Pelzjaͤger dieſer Handelsgeſellſchaft uͤberzeugt. Selbſt die Kranken hatten ſich mit ſtinkendem Salz⸗ fleiſch begnuͤgen muͤſſen. Auf einem dieſer Schiffe, der Brigg Maria, ſchiffte ſich NReſanoff nach Kadiak ein; Dr. Langsdorf verließ die Na⸗ deshda, um ihn zu begleiten. S Mariga ſegelte Nachts am 24. Juni ab. In der Bai Awatſcha ward Kruſenſtern ſchon am 24. Juni wieder ſegelfertig, als er auf dem Schiffe entdeckte, daß die Keſſel ſchadhaft ſeyen, und einer Reparatur beduͤrften. Man brachte dieſe auf das Land, aber die Ausbeſſerung koſtete laͤngere Zeit. Den 23. Juni kam der von hier aus an den Gou⸗ verneur Koſchaleff abgeſendete Eilbote mit der Nachricht zuruͤck, daß der General am andern Tage unfehlbar eintreffen wuͤrde. Da der General fünf Sage uͤber den Termin ausblieb, und ſeine Ankunft zweifelhaft ward, lichtete Kruſenſtern am so. Juni Morgens 3 Uhr die Anker, in die See ju gehen. Al⸗ lein um s Uhr wandte ſich der Wind, und er mußte der Bai Rakowyna gegenuͤber den Anker fallen laſſen. Den 4. Julius Morgens um 10 Uhr war der Wind günſtiger, und Kruſenſtern lichtete den An⸗ ker; allein der Wind ſprang ſogleich wieder um und zwang ihn zum Haltmachen. In dem Momente meldete man ibm die Ankunft I. 15 des Gouverneurs Koſchaleff. Er eilte ſogleich zu ihm in die Stadt. Durch den jetzt uͤberall ſchmelzenden Schnee wa⸗ ren die Stroͤme ſehr angeſchwollen, und ſo reißend, daß die Reiſe des Gouverneurs uͤber alle Erwartung verzoͤgert, und er ſchon die Hoffnung aufgegeben hat⸗ te, Kruſenſtern und die uͤbrigen Reiſenden noch anzutreffen. Seine Reiſe war außerordentlich be⸗ ſchwerlich, er mußte beinahe 700 Werſte machen, und oft mit augenſcheinlicher Gefahr war dieſe Reiſe ver⸗ bunden. Die groͤßere Haͤlfte des Weges, bis zur Stadt Werchnoy, nuß auf dem Kamtſchatka⸗ Fluße in einem elenden Boote gemacht werden. Wenigſtens 20 Tage faͤhrt man in dieſem Fahrzeuge ſromauf. Der Reiſende liegt waͤhrend dieſer Zeit ausgeſtreckt im Boote, welches von Kamtſchada⸗ len, die ſich bei jedem Oſtrog abloͤſen, Tag und Nacht hindurch nahe am Ufer mit langen Stangen fortgeſtoßen wird. Bei der veinlichen Lage, in der man eine ſo lange Zeit bindurch in dem Boote zu⸗ bringen muß, auf einer Fahrt durch ſo traurige, ms⸗ lancholiſche Gegenden, iſt man jeden Augenblick, be⸗ ſonders Nachts, der Gefahr zu ertrinken ausgeſetzt, indem das Boot ſehr leicht durch einen Windſtoß, bald durch Anſtoßen an Baumſtaͤmme, deren ſehr viel ſich im Fluſſe herumtreiben, umgeworfen werden kann. Das Ungluͤck wiederfuhr in der That dem Gouver⸗ neut Koſchaleff auf der Ruckreiſe nach ſeiner Re⸗ 16 ſidenzſtadt Nish ney ⸗Kamtſchatsk. Nur die Liebe einer ſeiner Begleiter, der mit der hochſten Le⸗ benögefahr ihn bei den Haaren an das ufer zog, ret⸗ tete ihm das Leben. Solche Reiſen oft zu machen, dazu gehoͤrt die Thaͤtigkeit und der nicht zu ermuͤdende Eifer eines Gouverneurs Koſchaleff. Koſchaleff war ſo guͤtig, in der wenigen Zeit, welche Kruſenſtern und ſeinen Pffizieren vergoͤnnt war, ſeine Geſellſchaft zu genießen, ſie ihnen ganz zu ſchenken. Den Tag nach ſeiner Ankunft kam er des Morgens an Bord, und blieb bis zum folgenden Tage Nachmittags auf der Nadeshda. Die Ofiziere fuhren dann mit ihm an das Land, um an einem klei⸗ nen Balle, den man veranſtaltet hatte, Theil zu neh⸗ men. Um 1 Uhr in der Nacht kamen Kruſenſtern und ſeine Begleiter an Bord des Schiffes zuruͤck, und da der Wind guͤnſtig ſchien, ließ Erüerer ſogleich die Anſtalten zur Abfahrt machen. Um 4 Uhr des Morgens des s. Julius war ſchon die Nadeshda aus der Bai, und richtete den Lauf auf die Ku⸗ rilen⸗ Am 9. Juli ſah Kruſenſtern den ſuͤdlichen Pik auf der Inſel Onnekotan, den Pik auf der Inſel Charamukatan, den Pik Sarytſcheff; am 41. Juni die Inſeln Jkarna, Lſchirinko⸗ tan, Mußir, Raukote, und ſegelte den Kanal zwiſchen Raukote und Matua durch, wobei er die Inſel Raſchaua und einen Theil der Inſel Ke⸗ 17 tov erblickte. Gluͤcklich durch die Kurilen geſe⸗ gelt, richtete er ſeinen Lauf genau nach Cap Pa⸗ tience und Sachalin. Eine große Menge See⸗ hunde und Schaaren von Voͤgeln umringten am 43. den ganzen Morgen das Schiff. Das Wetter war faſt beſtaͤndig nebelig. Den 14. zertheilte ſich der Nebel. Kruſen⸗ ſtern wollte dieſen guͤnſtigen Augenblick eines nobel⸗ freien Himmels benutzen, um das Land aufzuſuchen, ehe noch der Sturm, den das Fallen des Barometers verkuͤndete, ausbrach. Seine Geduld ſollte indeß aufs Neue erprobt werden. Der Himmel umwoͤlkte ſich ſogleich, es regnete heftig, und der Wind war ſo ttark, daß er die Marsſegel reffen laſſen mußte. Ge⸗ gen Mittag wuchs der Wind zu einem Sturm an. Am heftigſten wehete er um s Uhr Abends. Er zer⸗ riß die Marsſegel, und das Schiff blieb unter einem Fok— und den Sturmſegeln. Dieſer Sturm, der aus NO. anfing, und allmaͤlig nach Norden herum⸗ ging, und ſich in NW. endigte, trieb daſſelbe so Mei⸗ len weit von der Kuͤſte. Gegen Mitternacht gab der Staurm nach, und man hatte am folgenden Tag ſo gutes Wetter und guten Wind, daß Kruſenſtern wieder auf das Land zulaufen konnte. Man ſah am 1., 15. und 19. Land, das Cap Patienee und die Robben„Inſel, mehrere Male, da der Nebel im⸗ mer wieder die Ausſicht verdarb. Am 19. nach Mit⸗ tag ſah man die Kuͤſte von Sachalin und das Cap 80. Vd. Reiſen um die Welt. V. 1. 2 18 Patienee deutlich. Das Cap Patienee war ein dopgelter Hügel, der ſtumpf abgebrochen iſt. Seine Lage wurde beſtimmt in 480 s2“ noͤrdl. Breite und 2160 13“ 45“ weſtl. Laͤnge. Den Curs weiter nach Norden nehmend, ſah Kruſenſtern in 49 os“ der Breite eine Bai, die er, wegen des dieſelbe umgeben⸗ den niedrigen Landes, die Flache Bai nannte, ſpaͤ⸗ ter ein Vorgebirg, das in 490 35“ N. und 2180 14* 45“ W. liegt, und welches er nach dem fuͤnften Lieu⸗ tenänt ſeines Schiffes, Cap Billingshauſen nannte, hierauf ſah er so o3“ N. und 2460 23, W⸗ einen ziemlich hohen flachen Bers auf Sachalin, der ſich dadurch auszeichnete, daß er in der Mitte ei⸗ nen Aufſatz von drei Spitzen hatte, und aus dieſer Urſache den Namen Tiara erhielt, und soe 11 30 N. und 246* 37“ 00“ W. ein Cap, das er Cap Rim⸗ nik nannte. Die ſuͤdlichen Kuͤſten von Sachalin nahmen ſich jetzt beſſer aus, wie fruͤher; das wiewohl einfache Gruͤn that dem Auge unausſprechlich wohl. Am 20. Julius ſtuͤrmte es heftig aus Norden. Am 2u. ſah man auf dem Lande uͤppiges Gruͤn, Waͤl⸗ der, Thäler, allein nirgends eine Spur von Kultur. Wallfiſche, Seeloͤwen und Seehunde zeigten ſich nebſt einer Menge von Voͤgeln, an der Kuͤſte und um das Schiff. Ein Vorgebirg, welches in so0 48“ 00“ N. und 216 06 46 W. liegt, erhielt vvn Kruſen⸗ ſtern den Namen Ratmanoff, von einem Lieu⸗ U 19 tenant ſeines Schißes. Das Land zeigte noch meh⸗ rere Berge, allein der Nebel verweigerte und hinderte beſtaͤndig die Ausſicht. Ein Cap nannte der Capitain Cap de Lisle de la Croyere, nach dem Aſtrono⸗ men, welcher den Capitain Tſchirikoff auf ſeiner Reiſe nach Amerika begleitet hatte, und auf dieſer Erpeditivn geſtorben war. Ununterbrochener Nebel und ſtürmiſches Wetter dauerten vom zaſten bis 29ſten ununterbrochen fort, waͤhrend welcher Zeit man das Land ſehr ſelten und nie anders als auf einige Au⸗ genblicke gewahr werden konnte. Erſt am 29. begann die Witterung wieder guͤnſtig zu werden. Um 4 Uhr Nachmittags zeigte ſich ein hohes Land in NW., wel⸗ ches ſich wie eine Inſel in dieſem Sandmeere erhob. Tiefer im Lande war alles mit undurchdringlichen Waldungen bedeckt. um 8 Uhr ſah man eine Spitze, welche die Grenze der Sandkuͤſte zu ſeyn ſchien, und ward durch einen Huͤgel von runder Geſtalt aufal⸗ lender, der den Namen Döünnen⸗Spitze erhielt. Am 30. Juli Mittag ſah man MW. eine Reihe von fuͤnf wellenformtgen Hoͤgeln, die wie eine Kette von Inſeln in dieſer unabſehbaren Flaͤche gruppirt lagen. In den Gewaͤſſern der dortigen Region war eine ge⸗ fahrliche Untiefe. Ein nahes Cap nannte Kruſen⸗ ſtern daher das Cap der Untiefe. Es liegt im 62* 32* 30 N. und 2160 43 30 W. Das ſich zei⸗ gende Land war eine zum Sckel andauernde Sand⸗ käſte. Eine Landſpitze, die Kruſenſern an 2. Au⸗ wird die Anſicht ſchon duͤßerer. Nirgends wird man 20 guſt im 52 67 zo“ N. und 2160 42 30“ W. fand, Lab er den Namen ſeines Freundes, des Etatsrathes Wurſt. Eine andere Landſpitze im 630 41 und 2160 *s ethielt am 4. Auguſt den Namen ſeines Freundes, des Generals Klokatſchef. Am s. Auguſt fing um 4 Uhr Morgens der Nebel an ſich zu vertbeilen, und um s Uhr ſah er Land, das ſich SW. nach NMW. erſtreckte. Man war hier gleich⸗ ſam in einen ganz neuen Erdſtrich verſetzt. Statt der flachen Sandkuͤſe, längs welcher man ſeit mehr als zwei Wochen geſegelt war, ſah man ein hohes, ge⸗ birgichtes Land, mit nur geringen und wenig begrenz⸗ ten Schluchten zwiſchen Bergen. Die Ufer waren durchgangig ſchroff und an mehreren Stellen beſtan⸗ den ſie aus Kreide aͤhnlichen Felſen. Ein großes Vor⸗ gebirg, von welchem die Kuͤſte eine mehr weſtliche Nichtung nahm, lag in 600 3“ 43 N. und 2160 45* 0 W. Es erhielt den Namen Cap Loͤwenſtern, nach dem Schiffslieutenant Löwenſtern. Kruſenſtern unterſuchte die Verbindung die⸗ ſer Laänder genauer. Suͤdlich vom Cap Loͤwenſtern lag nahe am ufer ein reizendes, großtentbeils von ho⸗ ben Bergen umſchloſſenes Thal. Wahrſcheinlich er⸗ gießt ſich auch hier ein Bach in das Meer. In die⸗ ſem Thale ſtanden zwei Wohnhaͤuſer, die erßen, die man an der Oftkuͤſte von Sachalin ſah. Noͤrdlich von dieſem Cap bis zur aͤuſſerßen Spitze dieſer Inſes U einige Spüren von Vegetation getwahr. Das Wetter ward truber, es regnete und ſtuͤrmte. Den 9. Auguſt ſah Kruſentern die Nordſpitze von Sachalin deutlicher, wie geſtern; auch das Nordweſt⸗Cap von Sachalin. Dieſe beiden Vorgebirge, welche die Nordkuͤſte von Sachalin ausmächen, nannte er Ma⸗ ria und Eliſabeth. Erſteres liegt in 64 0 47 30“ N. und 2172 42* 46 W., letzteres in 64 24 30 R. und 247 43 30“ W. Vor dem Cap Maria iſt ein grfaährliches Felſenriff bei heftigen Stroͤmungen. Zwi⸗ ſchen beiden Caps bildet ſich eine große Bai von an⸗ ſehnlicher Vertiefung. Das Land war in dieſer Bai groͤßtentheis von mäßiger Hoͤbe, und an einigen Stez⸗ len ſo niedrig, daß man mit Gewißheit einen ſehr guten Hafen verborgen zu finden glaubte. Ihn ſu⸗ chend ſteuerte man in dieſe Baj. Man fand ſich be⸗ trogen. Indeß entdeckte man in der Naͤhe des ſuͤd⸗ weſtlichen Ufers am Fuß einiger Berge ein Thal, welches in einer aͤußerſt reizenden Gegend lag, und in demſeiben ein großes Dorf, worin man 27 Haͤuſer zäblte. Fuͤnf und dreißig Perſonen ſaßen am Ufer in einer Reihe verſammeit. Dieſe waren die erſten Be⸗ wohner von Sachalin, die man ſab, ſeit die Na⸗ deshda die Patience⸗Bai verlaſſen hatte. Hru⸗ ſenſtern ſchickte den Lieutenant Lowenſtern an das Land, um einige Nachrichten uͤber ſie und ihr Land einzuzieben. Da er aber vermutbete, daß auch Tataren von der gegenüberliegenden Kuͤſte ihren 2 Wohnſiß hier aufgeſchlagen haben koͤnnten, ſo gab er dem Lieutenant Loͤwenſtern den Befehl, in dieſem Falle ſich nicht weit vom Uſer zu entfernen, und ſich bei irgend einer verdaͤchtigen Bewegung ſogleich wie⸗ der einzuſchiffen. Die Drs, Hyorner und Tile⸗ ſius begleiteten den Lieutenant. Um 2 Uhr fuhren ſie ab; das Schif hielt indeh. Nach einer Fahrt von einer halben Stunde lan⸗ dete das Boot dem Dorfe gegenuͤber. Drei Bewoh⸗ ner, die, der beſſern Kleidung nach zu urtheilen, Chefs ſeyn mußten, gingen, ſo wie das Voot ſich dem ufer naͤherte, ihm ſogleich entgegen. Ein jeder von ihnen batte einen Fuchsbalg in der Hand, welchen ſie in die Luft ſchwangen, und dabei ſo laut aufſchriern, daß man es deutlich am Bord horen konnte. Löwen⸗ ſtern und ſeine Begleiter ſtiegen indeß an⸗s Land, wo man ſie mit vieler Herzlichkeit umarmte. Das Weitergehen ſchien man ihnen aber gewiſſermaſſen zu verweigern. In demſelben Augenblicke kamen die Be⸗ wohner des ganzen Dorfes auf ſie zu, und da ein je⸗ der von ihnen mit einem Dolche, die Chefs aber mit Saͤbeln bewaffnet waren, ſo ſchien dieſer Empfang ihnen zu verdachtig. Loͤwenſtern ſchiffte ſich daher, ſeines Capitains Befehlen gemaͤß, ſogleich wieder ein. Er landete indeß an einem andern Theile der Vai, etwas nördlicher von dem erſten Landungsorte, und unterſuchte einen See, der nicht weit hinter einer kleinen Anhoͤhe lag, und ſich tief in's Land hinein zu 23 erſtrecken ſchien. Obgleich Loͤwenſtern die Bewoh⸗ ner dieſer Bai nur einige Minuten lang geſehen hatte, ſo ſchloß er dennoch mit Recht aus ihrem Aeußern, daß ſie zu einer von den Ainos ſehr verſchiedenen Menſchengattung gehoͤrten. Die drei Chefs trugen bunte ſeidene Kleider, ſo wie auch mehrere andere ſolche Kleidung, die uͤbrigen waren in Zeuge gekleidet, wie auch die Ainos trugen. Es ſchien keinem Zweifel unterworfen, daß dieſe Leute Tataren waͤren, was ſich auch nachmals beſtaͤtigte. Der Lieutenant Lo⸗ wenſtern kehrte um 4 Uhr an Bord zuruͤck. Dieſe Bai, wy das tatariſche Etabliſſement ſich fand, hat ein angenehmes Land, mit üppigem Graſe, Anhoͤhen mit Fichtenwaldungen, zeigte noch ein Dorf in der Ferne, und zwiſchen beiden Doͤrfern ſah man mehrere Rennthiere am Ufer weiden. Da Kruſenſtern ſich immer des Gedankens nicht entſchlagen konnte, am nordweſtlichen Theile von Sachalin einen ſichern Hafen zu finden, in wel⸗ chem er einige Zeit zu weilen gedachte, und da das Wetter zu Unterſuchungen ſchoͤn war, ſo hielt er ſich in dieſer Bai nicht lange auf, ſondern ſegelte fort. Allein baldiges unguͤnſtiges Wetter zwang ihn, eine Weile in dem Kanale, welcher Sachalin von der tatariſchen Kuͤſte trennt, die man indeß nicht ſah, zu laviren. Abends am a2. Auguſt ging er in einer Bai vor Anker, die er hinter einem Cap gefunden hatte, dem er den Namen Cap Horner gab. Einen Berg⸗ 24 den er in ss* oa“ 10“ N. und 2470 10“ 00“ W. ſah, nannte er Pick Espenberg, nach dem Arzte ſei⸗ nes Schiffes. Das nordweſtliche Sachalin hat unendliche Vonuͤge vor dem ſuͤsweſtlichen. Man ſieht zwiſchen den, bis zu ihren Spitzen mit dichteſten Waldungen bewachſenen Bergen mehtere Thaͤler, die, nach dem üppigen Graſe, mit welchem ſie bewachſen ſind, zu urthetlen, einer Kultur ſehr faͤhig ſind; die ufer wa⸗ ren ſchroff, an einigen Stellen ſah man ſie durch Nie⸗ derungen unterbrochen, an welchen dann auch gewoͤhn⸗ lich Wohnhaͤuſer ſtanden, oder doch andere Merkmale, deß in der Naͤbe Wohnungen ſeyn muͤſſen, a's Boot, Stangen zum Trocknen der Fiſche u. dgl. Man ſah Doͤrfer, auch ſogar ein bebautes Ackerfeld, deſſen Bearbeitung wohl von einer Nation zeigte, welche mehr Cultur hat, als die Ainos. Bei Tages Anbruch, den 13. Auguſt, ſetzte Kru⸗ ſenſtern alle Segel bei, und ſteuerte zuerſt SO., um das Land, das er in dieſer Nichtung ſah, genau zu erkennen. Um s Uhr veraͤnderte er den Lauf zu SW. Jetzt ſah er die am vorigen Abend, wenn gleich in einiger Entfernung, erblickte Sandkuͤſte, und bald darauf auch ihre Fortſetzung, die immer weiter und weiter nach Weſten zu fortging. Um 41 Uhr ſah er von SWW. nach Weſten hohes, gebirgiges Land, welches man bis dahin, des Alles umbhuͤllenden Nebels wegen, nicht hatte ſeben koͤnnen. Dieß mubte die Kuͤſte der Tatarei ſeyn. Zwiſchen der aͤußerſten erſten Spitze dieſer gebirgigen Küſte, hinter welcher tiefer im Lande man noch zwei Bergruͤcken von maäͤßi⸗ ger Hoͤhe ſah, und der Kuͤſte von Sachalin zeigte ſich eine Deffnung von hoͤchſens 6 Meilen. Hier ſchien endlich der Kanal zu ſeyn, der zur Muͤndung des Amurs fuͤhrt, und auf dieſen nahm Kruſen⸗ ſtern gerade ſeinen Lauf zu. Er war hoͤchſtens noch s Meilen von der Mitte deſſelben entfernt, ſo hatte ſich die Tiefe bis auf 6 Faden verringert, und da er es nicht wagen durfte, mit dem Schiffe weiter zu ge⸗ ben, ſo legte er bei und ſendete den Lieutenant Rom⸗ berg zum ſondiren u. ſ. w. ab. Man hatte, nach ſeinem Berichte und den andern Anzeichen, z. B. der Suͤße des Waſſers, Urſache zu glauben, daß hier in der Naͤhe, vielleicht nicht weit von dem Vorgebirgs der tatariſchen Kuͤſte, der Ausfluß des Amurs ſeyn muͤſſe. Die beiden Spitzen, welche dieſen Kanal bil⸗ den, benannte Kruſenßern nach zweien ſeiner Lien⸗ tenants; die weßlichſte an der Küſte der Sata⸗ rei in 630 26“ 30“ N. und 2480 15“ 16 W. Cap Romberg, und die oͤßliche an der Kuͤſte von Sa⸗ chalin in s20 30“ 15“ N. und 2480 os“ oo0“ W. Cap Golowarſcheff. Er nahm nun den Lauf auf die tatariſche Kuͤſte zu. Etwas im Norden von Cay Rombers ſah er zwei kleine Inſeln, und von dieſen erſtreckte ſich noch ein niedriges Vorland nach NW. ganz in der Rich⸗ 26 tung der Kuͤſte. An einigen Stellen ſah man Nie⸗ derungen, welche es zweifelhaft machen, ob dieſes ſlache Vorland nicht aus einer Kette von einzelnen kleinen Inſeln, oder ob es aus einer einzigen Inſel von anſehnlicher Groͤße beßteht, die von dem dahinter⸗ liegenden Lande durch einen Kanal getrennt iſt. Die noͤrdliche Spitze der tatariſchen Kuͤſte, welche in 630 33 00“ und 2480 34“ c0“ W. liegt, nannte Kru⸗ ſenſtern Cap Chabaroßf, nach einem bekannten ruſſiſchen Seefahrer, der im Jahre 2649 auf eigene Koſten den Fluß Amur unterſuchte, und die Entde⸗ ckungen erweiterte. Mit Tages Anbruch ſetzte er alle Segel bei, um ietzt laͤngſt der tatariſchen Kuͤſte aus dieſem Kanale zu ſegeln. Der Strom trieb aber aus Suͤden ſo ſtark, daß, obgleich der Wind ſehr friſch und alle Segel beigeſetzt waren, es nicht moglich war, das Schiff zu einem NW., geſchweige denn zu etnem WSWCurs, den er nehmen wollte, zu bringen. Zwei Stunden lange verſuchte er es vergebens, obgleich der Lauf des Schiffes nach der Staͤrke des Windes und der Menge der beigeſetzten Segel wenigſtens ſeben Knoten haͤt⸗ te ſeyn muͤſſen. Endlich um s Uhr Abends, da er es nicht von der Heftigkeft des Stromes ertrotzen konnte, nach Weſten zu kommen, nahm er ſeinen Lauf NOD. auf die Nordweſtſpitze von Sachalin zu, wo er in der Bai, in welcher man ein anſehnliches Dorf geſehen hatte, ankern wollte, um die nähere Be⸗ 97 kanntſchaft der Tataren, die ſich die Herrſchaft des noͤrdlichen Sachalins angemaßt hatten, zu ma⸗ chen. Abends ankerte er daſelbſt, eine Meile vom naͤchſten Lande. Es war ſchon zu ſpaͤt geworden, um noch den naͤmlichen Abend an das Land zu fahren; Kruſſen⸗ ſtern ſchickte daher nur ein Boot zum Fiſchen ab. Nach zwei Stunden kehrte es mit einem reichen Fange zuruͤck, welcher einen Vorrath auf wenigſtens drei Lage fuͤr das ganze Schiffsvolk verſchaffte. Die i⸗ ſche gehoͤrten faſt alle zur Lachsgattung. Den folgenden Morgen ſchickte Kruſenſtern ſogleich zwei Boote ab, das eine zum Fiſchfang, das andere nach einigem Holz, das am Ufer zeyſtreut lag, indem der Vorrath des Schiffes meiſt zu Ende war. Kruſenſern ſelbü fuhr faſt mit allen Pffizieren um s Uhr an das Land. Da es den Pffizieren ſo ſehr darum zu thun war, einen Spaziergang am Lande zu machen, eine Erholung, die ſie ſchon ſo lange hatten entbehren muͤſſen, ſo landeten ſie im Dorfe nicht, ſondern eine Meile davon, an einer Stelle, dem Schiffe gegenuͤber, wo ſich ein kleiner Bach zu ergießen ſchien. In der Erwartung einer angenehmen Promenade, fanden ſie ſich indeß getaͤuſcht. Das Meeresufer be⸗ grenite ein undurchdringliches Gebuͤſch, welches mit Geſtraͤuch und hohem Schilfgras ſo durchwebt war, daß alle Moglichkeit, dort zu geben, wegſiel, und ſie 28 mußten durch einen tiefen Sand links dem ufer nach dem Dorfe zu waten. ſ Ehe ſie noch gelandet waren, begegnete ihnen nicht weit vom ufer ein großes Boot mit zehn Per⸗ ſonen, welche, ſobald ſie ihnen ſich näherten, ſich ge⸗ gen ſie verbeugten, und ſie an das Land zu kommen winkten. Ihre Art, ſie einzuladen, war ganz die nm⸗ liche, wie die in der Bai an der Nordſpitze von Sa⸗ ch alin. Sie hatten Fuchsbaͤlge in der Hand, ſchwenk⸗ ten ſie in die Hoͤhe, zeigten alsdann auf das ufer, und verbeugten ſich dabei jedesmal ſehr tief. Da ſſe merkten, daß es ohnehin der Ruſſen Abſicht war, zu landen, ſo ruderten ſte nach dieſer Ceremonie ei⸗ ligſt an das Land, wo ſie auch einige Minuten fruͤber ankamen, und ſogleich das Boot an das Ufer zogen. Die Zuſammenkunft der Einwohner und Ruf⸗ ſen war die freundſchaftlichſte, die man denken kann. Sie umarmten ſich gegenſeitig berzlich, und die Spra⸗ che der Pantomime, daß ſie Freunde ſeyn wolten, war nicht zu verkennen, ob gleich von Seite der Ruſ⸗ ſen es gewiß aufrichtiger damit gemeint war, als von der andern Seite, denn dieſe bemerkten bald, wie ſehr verlegen die Einwohner uͤber ihren Beſuch wa⸗ ren. Kruſenſtern war erſtaunt, nicht einen einzi⸗ gen Aino hier zu ſeben, da dieſe doch die urſprüng⸗ lichen Einwohner von Sachalin ſehn muͤſſen, und et deren an der Suͤdſpitze dieſer Inſel ſo viele geſe⸗ ben batte, ſondern ſtatt ihrer eine Raſſe von Men⸗ ſchen zu finden, die ganz Tataren aͤhnlich waren. Jor Boot zog zuert ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Nachdem die Ruſſen es genau unterſucht hatten, berzeugten ſie ſich, daß die Einwohner in ihnen nichts weniger als Freunde erwarteten, und daß ihre vem ſtellte Freude uͤber die Ankunft der Fremden nur eine Klugheitsmaßregel war, bei einem ſchlechten Spiele eine gute Miene anzunehmen. Es enthielt eine große Menge Waffen; allein es war kein Feuergewehr dar⸗ unter, ein Beweis, daß ſie mit dem Gebrauche desſel⸗ ben nicht bekannt waren, denn ſonſt haͤtten ſie wohl nicht unterlaſſen, dieſelben mitzunehmen, indem ſie nur in der Abſicht abgefahren ſeyn konnten, ihre Kolonie ge⸗ gen die Fremdlinge zu vertheidigen. Das Boot ſelbſt war von anſehnlicher Groͤße, hatte aber weder Maſten noch Segel. Die Ruſſen traten nun ihren Weg nach dem Dorfe an, obgleich die Einwohner ſuchten, ſie auf alle Weiſe davon abzuhalten. Als ſie aber ſahen, daß es nichts half, ſo liefen ſie alle nach ihrem Boote, ſtießen es in das Waſſer, ſchifften üch ein und ruder⸗ ten eiligſt davon. Bei dez Ankunft der Ruſſen im Dorfe fanden ſte ohngetaͤhr 20 Perſonen einige bundert Schritte von ihren Wohnungen verſammelt, unter denen man auch diejenigen erkannte, de wruſenſern im Bov⸗ te entgegengekommen waren. Einer von ihnen erſchien jekt in einem praͤchtigen ſeidenen, mit vielen Blumen durchwirkten Kleide, das ganz chineſiſchen Zuſchnitt hatte. Das Uebrige ſeines Anzuges entſprach jedoch 6 dieſem koſtbaren Pberkleide nicht. Dhne Zweifel war es der Chef dieſer Colonie. Um ſich ſogleich bei ihm iu inſinuiren, beſchenkte Kruſenſtern ihn mit ei⸗ nem Stuͤcke vrange⸗farbenen Tuches, welches dem Chef gewaltig zu gefallen ſchien. Auch unter die Uebrigen ließ Kruſenſteyn einige Kleinigkeiten, z. B. Meſſer, Tuͤcher, Nadeln, u. ſ. w. vertheilen. Jetzt glaubte er, ſie uͤberzeugt zu haben, daß er nur als Freund ge⸗ kommen waͤre, und daß jeder Argwohn bei ihnen ver⸗ tilgt ſeyn mußte. Er machte daher Miene, mit ſeinen Offiieren nach ihren Wohnungen zu gehen. Dieſes veraͤnderte aber die Seene ſogleich. Die Einwohner ſellten ſich den Ruſſen ſogleich in den Weg, und außerten auf jede Art ihre Abneigung, diefes zuzugeſte⸗ ben. Die Nuſſen ſchienen nicht darauf zu achten, ſondern ſetzten ihren Weg mit ſehr langſamen Schrit⸗ ten in Begleitung des ganzen Haufens fort. Jetzt aber verſammelten ſich die Einwohner auf einen Klumpen, chrieen laut auf und gaben deutliche Zeichen ihres Schreckens und ihrer Furcht, ohne den Ruſſen je⸗ doch zu folgen. Da Kruſenſtern dieſen mißtraui⸗ ſchen Leuten keine gegruͤndete urſache zum Verdruß üͤber ſeinen Beſuch geben wollte, ſo kehrte er ſogleich zu ihnen zuruͤck, nahm den Cbef bei der Hand, ſuchte ihm zu verſtehen zu geben, daß er nicht im Geringſten feindſelig gegen ſie geſinnt wäre, und legte zum Be⸗ weiſe ſeiner freundſchaftlichen Geſinnungen, und um ₰ 31 ihnen alle Furcht zu benehmen, ſeinen Degen ab. Er gab ihnen ferner zu verſtehen, daß er nicht in ihre Haͤu⸗ ſer gehen, ſondern ſich nur in ihrer Naͤhe aufhalten wollte. Dann nahm er den Chef nochmals bei der Hand, und uͤberredete ihn, wie ſeine Begleiter, mit ihm zu gehen. Jetzt erfolgte eine Berathſchlagung unter ihnen, nach welcher ſie ſich entſchloſſen, den Fremdlingen ihre Erlaubniß nicht laͤnger zu verwei⸗ gern, und mit denſelben zu gehen. Ihre erſte Abſicht, zurück zu bleiben, als die Ruſſen, trotz ihres Wider⸗ willens Miene machten in's Dorf zu gehen, ſchien Kruſenſtern mit ihrer aͤngſtlichen Furcht im gro⸗ ßen Widerſpruche zu ſtehen. Auch kann er ſie ſich nicht anders erklaͤren, als wenn er annimmt, daß ſie in ſeiner und ſeiner Pffiziere Abweſenheit ſein Boot, auf welches ſie oft ihre Blicke richteten, zerſtoͤrten, und alsdann ſich an den Ruſſen raͤchen wollten. Das Boot war nur von zwei Mann bewacht, und der beftigen Brandung wegen, auf's Srockene gezogen worden. Sie konnten dieſes alſo ſehr leicht bewerk⸗ üelligen. Indeß blieben die Einwohner auch jetzt nicht alle bei den Ruſſen, und ſtatt dieſe zu begleiten, liefen ſie ſchnell voraus, um fruͤher im Dorfe zu ſeyn, wobei ſie einen kuͤrzern Weg durch ein Gebuͤſch nahmen. Endlich kam Kruſenſtern mit den Sei⸗ nen zu ihren Wohnungen. Das erſte Haus gehoͤrte dem Chef, der ſich wieder mit ſeinem ganzen Gefolge vor dem Hauſe verſammelt hatte, und den Fremden 50 ſogleich zu verſtehen gab, daß dieſes Haus das ſeinigs ſey. Vor der Thoͤre ſtanden zum Ueberfluſſe noch, ats ächter des Palaſtes ihres Herrn, zwei ganz ruſtigs Leute, die durch Pantomimen anzeigten, daß ſie Kru⸗ ſenſern nicht hereinlaſſen wuͤrden. Da er dieſes ohnehin verſprochen hatte, ſo mußte er von ſeinen Neugierde, das Innere der Haͤuſer zu ſehen, abſtehen. Er vertheilte wieder einige Geſchenke, und ging wei⸗ ter bis an das Ende des Dorfes. Zur etwaigen Ve⸗ rubigung der uͤbrigen Einwohner uͤberredete er den Chef, ihn zu begleiten. Hand in Hand gingen bei⸗ de; das ſchien eine große Vertraulichkeit anzudeuten! allein nur mit Widerwillen machte der Chef dieſon Gang, blieb jeden Augenblick ſtehen, mit der bittend⸗ ſten Miene den Wunſch zu erkennen gebend, die Fremd⸗ linge möchten zuruͤcktehren, und nur durch ein neues Geſchenk konnte er vorwaͤrts gebracht werden. Am Ende des Dorfes erblickte Kruſenſtern in einiger Entfernung etliche Haͤuſer, die ihm beſſer ge⸗ baut ſchienen, da ſie mit Schornſteinen verſehen wa⸗ ren. Man ging auf ſie zu. Da eines dieſer Haͤuſer leer war— es ſchien vor Kurzem verlaſſen— ſo wur⸗ de den Fremdlingen der Zutritt nicht verſagt. Allein weiter erlaubte ſich Kruſenſtern nicht, zu gehen, und kehrte zum Hauſe des Chefs zuruͤck, wo ſich eins Menge Menſchen verſammelt hatte, welche einige Klei⸗ nigkeiten, fuͤr die Reiſenden Seltenheiten, verhan⸗ delten. 33 Tuch und Taback hatte fuͤr die Einwohner den meiſten Werth. Sie weigerten ſich oft, Sachen vom groͤßten Nutzen anzunehmen, wenn ſie ſtatt derſelben einige Blaͤtter Taback erhalten konnten. Selbſt der Chef ließ ſich herab, ſein praͤchtiges ſeidenes Kleid zu verhandeln. Um aber doch in den Augen der Fremd⸗ linge nicht weniger brillant zu ſcheinen, und vielleicht ihnen eine Idee von ſeiner Wuͤrde, oder ſeinem Reich⸗ thume zu geben, ging er ſogleich in ſein Haus und erſchien hierauf in einem rothſeidenen, mit goldenen Blumen durchwirkten Kleide. Auch dieſes haͤtte er wahrſcheinlich verkauft, wenn ſich ein Liebhaber gefun⸗ den haͤtte. Habſucht ſchien ein hervorſtechender Zug ſeines Characters zu ſeyn, und er gab auffallende Bei⸗ ſpiele davon. Die Kleidung dieſer Einwohner beſtand aus einer Parka von Hundsfellen, oder aus einem Kleide von Fiſchgedaͤrmen. Ihre Stiefeln waren durchgaͤngig von Sechundöfellen gemacht. Sie trugen auf dem Kopfe einen flachen Strohhut. Ihr Hemd war aus blauem baumwollenen Zeuge gemacht, und mit zwei meſfinge⸗ nen Knoͤpfen zugeknoͤpft. Ihre Beine bedeckten ſie mit langen weiten Hoſen aus grober Leinwand. Der Chef, nur ſein ſeidenes Oberkleid abgerechnet, war eben ſo einfach und unreinlich gekleidet, wie die uͤbri, gen⸗ Das Haar batten ſie lange geflochten, und reichte ihnen bis unter die Huͤften. Der Chef war der einzige, 8o. Bd. Reiſen um die Welt. V. 1. 3 „ der einen Spitzbart trug, die uͤbrigen alle hatten ihre Baͤrte geſchoren. Die Haͤuſer waren von anſehnlicher Groͤße, auf Pfaͤhle gebaut, die 4— Fuß uͤber der Erde hervorrag⸗ ten. Der unter den Huͤuſern zwiſchen den Pfaͤhlen befindliche Raum wurde von den Hunden eingenom⸗ men, die in Menge ſich vorfanden, und zu Winter⸗ fahrten wahrſcheinlich auch dienen. Außer Hunden ſah man kein einziges Hausthier. Auch kein Geflügel, keine Spur von Ackerbau, keinen Gemuͤſebau. Nur Balagans zum Lrocknen der Fiſche ſah man. Den Chef ſchien man wenig Ehrfurcht zu bezei⸗ gen, ſondern ziemlich auf dem Fuße der Gleichheit mit ihm umzugehen. Das noͤrdliche Sachalin wird alſo nicht von den Eingebornen des Landes, den Ainos, bewohnt, ſondern von Tataren, welche von den Gegenden des Amurs, uͤber die Landenge die Sachalin von der Tatarei ſcheidet, ihren Weg hierber gefunden, und die guten Ainos verdraͤngt und unterdruͤckt haben. Da der Wind friſch zu werden anfing, ſo noͤthigte er Kruſenſtern, ſchon um halb 11 Uhr an Bord zuruͤck zu kehren. Seine und der Pffiziere Neugierde war zum Theil befricdigt, und ihre gaͤnzliche Unkunde der Sprache der Einwohner ließ von einer naͤhern Be⸗ kanntſchaft nichts Intereſſantes mehr etwarten, da be⸗ 35 ſonders der Zutritt zu den Haͤuſern, die noch dazu ſchnelle verrammelt worden waren, ganz unterſagt ward. Fünftes Buch. Um Uhr Nachmittags kam Kruſenſtern an Vord zuruͤck, ging ſogleich unter Segel und verlietz die Bai, die er Bai Nadeshda nannte. Dieſe Bai liegt in 64 10 16“ noͤrdl. Breite und 2170 32“ 36“ weſil. Laͤnge. Er ſuchte die Kuͤſten der Tatarei etwas genauer zu beſichtigen, allein er konnte ſie nicht erblicken. So gerne er ſeine Uuterſuchung im Kanal fortgeſetzt haͤt⸗ te, und die ganze Kuͤſte der Tatarei vom Aus⸗ fluſſe des Amurs bis zur ruſſiſchen Grenze verfolgt haͤtte, ſo durfte er dieſes nicht unternehmen, weil er be⸗ deutet worden war, bei der chineſiſchen Regierung, die uͤber einen Theil der Latarei herrſcht, dadurch nicht Verdacht zu erregen, und da dieſe ſehr argwoͤh⸗ niſch ſey, nicht Anlaß zu einem Bruche mit der Krone Rußlands zu geben, Er trat daher den Ruͤckweg nach Kamtſchatka an, uͤberzeuat, daß im Suͤden von Amur keine Durchfahrt zwiſchen der tatariſchen Kuͤſte und Sachalin ſeyn koͤnnte. Den 16. Auguſt Abends s Uhr veraͤnderte Kru⸗ ſenſtern den Lauf von Weſten nach NNO. Bei ſeiner Abreiſe von St. P etersburg war ihm wohl auch die naͤhere Unterſuchung der Spantar Juſeln auf, da ihm nicht die Zeit dazu blieb, um ſo mehr, da er in den erſten Tagen des Novembers in Can⸗ ton eintreffen mußte, um dort die Newa zu finden, die mit einer Ladung Pelzwerk dort eintreffen ſollte. Den 17. Auguſt ſah er die Inſel Jonas und eine andere, die ein großer Felſen nur war, wie die erſere. Die Inſel Jonas liegt im 360 26 36 W und 2460 4 13 W. Am 26. Auguſt durchſchnitt aufgetragen worden, er gab jedoch dieſe unterſuchung Kruſenſern die gefaͤhrliche Kette der Kurilen zwiſchen den Inſeln Poromuſchir und Onneki⸗ tan. Die ſudliche Spitze von Poromu ſchir nann⸗, te er Cap Waſilieff, dem Grafen dieſes Namens zu Ehren. Mit Anbruch des Tages am 27. ſah er den Pik Koſcheleff auf Kamtſchatka, die Inſel — Sum ſchu, die durchgaͤngig niedrig iß, Cap Lopat⸗ ka, u. f. w. Am 28. Auguſt erblickte er Cap Nowo⸗ roknoy, den Volcan, Schtpunsköy Noß, u. ſ. w. Windſtille machte, daß ani 29. Auguſt Abends um s Uhr die Nadeshda erſt in der Bai Awat⸗ ſcha ankern konnte. Den folgenden Nächmittags Uhr ankerte ſie im Hafen St. Peter und Panul, genau 8 Wochen, nachdem ſeKamtſchatki perlaſſen hatte. In dieſer Zeit war ſelten ein Tag vergangen, an wel⸗ chem nicht das Schißvolk von Regen oder Nebel durch⸗ näbt worden war, und doch war Niemand krank ge⸗ worden. 37 Die Ankunft des Schiffes in St. Peter und Paul verurſachte dießmal nicht geringen Schrecken. Obgleich der Termin der Abweſenheit von dieſem Drte, nach deſſen Veriaufe das Schiff erwartet wer⸗ den konnte, auf zwei Monate feſigeſetzt war, ſo ſchien es den Dffizieren und den meiſten Einwohnern der Stadt dennoch unwahrſcheinlich, daß Kruſenſtern dieſen Termin puͤnktlich halten werde, und als ſich die Nadeshda zeigte, wollte Niemand glauben, daß ſie es wirklich ſey. Da indeß kein anderes Schiff von dieſer Groͤße erwartet wurde, ſo ſchloß man ſogleich, daß es ein feindliches Schiff ſeyn muͤßte und einige Familien fingen ſchon an, mit ihrem Eigenthume auf die umliegenden Berge zu flͤchten. Vebermaͤßige Furcht verwirrte die Gemuͤther, und machte kalte Ueberlegung unmoͤglich. Es ſchien den Bewohnern von Petro⸗ vawlvosk wahrſcheinlicher, daß irgend eine feindliche Macht ſich es haͤtte angelegen ſeym laſſen, eine Fre⸗ Latte um die halbe Welt zu ſchicken, um einen Flecken zu erobern, deſſen ganzer Reichthum in einigen getrock⸗ neten Fiſchen beſtand, und wo die Mannſchaft dieſer Fregatte kaum auf einen halben Monat Proviſion fin⸗ den konnte, als zu glauben, daß das ankommende Schiff die Nadeshda ſey, die doch zu dieſer Zeit ankom⸗ men konnte. Nach den letzten Nachrichten, die nicht über ein halbes Jahr alt waren, lebte Rußland mit allen Maͤchten der Welt im Frieden; demungeach⸗ tet beruhigte man ſich nicht cher, als bis der Soldat, 38 der ſeinen Poſten auf dem Berge in der Naͤhe der Einfahrt hatte, in die Stadt ging, und verſicherte, daß das gefuͤrchtete Schiff doch wohl die Nadeshda ſeyn muͤſſe, da ihre Geſtalt, ihre Eigenthuͤmlichkeiten ſie ſehr kenntlich mache. Als ein alter Gefaͤhrte des beruͤhmten Seefahrers Billings, hatte der Soldat den Ruf, ſich auf ſolche Dinge zu verſtehen, und ihm ward mit Freuden geglaubt. Im Hafen fand Kruſenſtern das Schiff nicht, welches ihm den von ihm verlangten Proviant uͤber⸗ bringen ſollte. Am 2. September kam dasſelbe an, unter Lieutenant Steinheil. Allein die aus Ochotzk uͤberbrachten Lebensmittel waren ſo ſchlecht, daß Kru⸗ ſenſtern nur einen geringen Theil derſelben in ſein Schiff laden ließ. Eine Summe von 13000 Rubel war ohne den geringſten Nutzen verwandt worden. Das Schiff lieb Kruſenſtern aysbeſſern; auch namentlich alles Holz einnehmen, was er bis zu ſei⸗ ner Fahrt nach Kronßadt bedurfte, denn das Holz iſt ſelten und theuer in China, in St. Helena wie auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Bei ſeiner Ankunft in St. Peter und Paul hatte Kruſenſtern einen Eilboten nach Niſhney⸗ Kamtſchatks geſchickt, um den Gouverneur von ſe⸗ ner Ankunft zu benachrichtigen. Der Gouverneur ſen⸗ dete ſeinen Bruder, den Lteutenant Koſcheleff ab⸗ mit der Volmacht, die Nadeshda mit allem reich lich zu verſoigen. Nur einen Wunſch durfte Kru⸗ 39 ſenſtern fallen laſſen, und der juͤngere Koſcheleff ſein Begleiter nach Japan ſuchte ihn zu erfuͤlen⸗ Sechs Ochſen, Zwieback, Kartoffeln, wilder Knob⸗ lauch, geduͤrrte Fiſche wurden eingeladen, ſelbſt etni⸗ ges Gemuͤſe, das man 300 Werße weit herbringen mußte. Am 21. September kam ein Fahrzeug, der ameri⸗ kaniſchen Kompagnie gehorig und Konſtantin ge⸗ nannt, aus Unalaſchka, im Hafen an. Von dem Steuermann deſſelben Potopof erhielt Kruſen⸗ ſtern die Nachricht, daß das Schiff Newa in Sitka ein blutiges Gefecht mit den Wilden gehabt baͤtte, in welchem einige getoͤdtet und mehrere ver⸗ wundet worden waͤten. Da die Ausbeſſerung und Beladung des Schiffes Nadeshda mehrere Wochen erforderten, ſo hatten die Offiztere deſſelben beſchloſſen, das Grabmal des beruͤhmten Seefahrers Clerke, das ſchon einmal Pe⸗ ronſe hergeſtellt hatte, zu erneuern. Unter einem Baum war Clerke begraben. Nahe bei ihm der Aſtro⸗ nom de l'Isle de la Croyere. Neben dieſem Baume baute der Lieutenant Ratmanoff eine Pyra⸗ mide auf einem dauerhaften Piedeſtale. Auf einer Seite derſelben heftete man die Platte an, die La Perouſe hatte bezeichnen laſſen, auf der zweiten Seite eine von Dr. Dileſfius verfertigte Copie von Cler⸗ kes Wappenſchilde, auf der dritten Seite eine neue Inſchrift, die alſo hieß:„Auf der erſten Reiſe der 40⁰ Ruſſen um die Welt, unter dem Befehle des Capitain Kruſenſtern, haben die Offiziere der Fregatte Nadeshda dieſes Denkmal dem engliſchen Capitain Clerke errich⸗ tet, am 18. September sos;“ und auf der vierten Seite eine zweite neue Inſchrift:„Hier ruht die Aſche des zur Expedition des Kommodvre Behring im Jahre 1744 gehoͤrenden Aſtronomen De l'Isle de la Croyere.“— Ein tiefer Graben wurde um die⸗ ſes Monument gezogen, und um es vor zufalligen Be⸗ ſchaͤdigungen zu ſichern, wurde das Ganze mit einem hohen Gelaͤnder umgeben, welches mit einer Thuͤre verſchloſſen wurde; der Schluͤſſel von dem Gelaͤnder wurde den Haͤnden des Kommandanten von Petro⸗ pawlovsk anvertraut. Waͤhrend des hieſigen Aufenthaltes erhielt Kru⸗ ſenſtern mehrere Depeſchen, eigenhaͤndig von dem Kaiſer geſchrieben, oder von den Miniſtern der See⸗ macht und des Handels, die in ſehr ſchmeichelhaften Aus⸗ druͤcken abgefaßt waren, und die Befoͤrderung oder Lob über das ſchon Vollbrachte enthielten. Dieß machte natuͤrlich Kruſenſtern ſehr gluͤcklich. Freitag den 4. Detober hatte man Alles am Pord der Nadeſbda genommen. Dieſes Schiff befand ſich ganz in ſegelfertigem Zuſtande. Kruſenſtern verließ Kamtſchatka zum letzten Male, denn er trat ſeine Rückteiſe uͤber China nach Rußland an. Kamtſchatka iſt, wie hinlaͤnglich bekannt iſt, eine Provinz des weiten ruſſiſchen Reſches. 41 Der erſte Anblick von St. Peter und Paul in dieſem Theile des Zaaren⸗Reiches, moͤchte bei ei⸗ nem, mit der Geſchichte dieſer ruſſiſchen Beſitzung nicht bekannten. Ankoͤmmling den Gedanken erregen, daß es eine Kolonie ſey, die man vor einigen Jahren an⸗ gelegt habe, nun aber geſonnen ſey, ſie aufzugeben. Man ſieht hier nichts, was einen glauben machen koͤnnte, daß dieſer Ort von eiviliſirten Menſchen be⸗ wohnt ſey. Sowohl die Bai Awatſcha, als dis daran foßenden Buchten ſind leer und unbewohnt, auch nicht ein einziges Boot ziert das ſchoͤne Baffin in St. Peter und Paul. Statt deſſen ſind die Ufer mit ſtinkenden Fiſchen beſaͤct, in welchen bung⸗ rige Hunde wuͤhlen, die ſich um die verfaulten Ueber⸗ reſte zerreißen. Vergebens ſieht man ſich, wenn man an das Land getreten iſt, nach einem einzigen wohlgebauten Hauſe um. Umſonſt ſucht das Auge einen gemachten Wes, oder auch nur einen Fußſteig, welcher ohne Gefahr zur Stadt fuͤhrte. Kein Garten, keine Wieſe, keine Pflanzung oder Einzaͤunung irgend einer Art, welche nur die geringſte Cultur ahnen ließe, wird man ge⸗ wahr; man ſieht nichts als elende, meiſtens verfallene Huͤtten, Jurten und Balagans, ſtatt der Bruͤcken uͤber einige kleine Baͤche, die von den nabe liegenden Ber⸗ gen in das Thal fließen, in welchem die Stadt ge⸗ baut iſt, ſind nur einige Balken uͤber dieſe Baͤche ge⸗ lest, die man nicht anders, als mit Vorſicht betreten 42 kann. Dieß, nebſt s—6 Kuͤhen, die zwiſchen den Hauſern weiden, und wiederum Hunde neben ihren unzaͤhlichen Gruben, die ſie zu ihren Ruheplaͤtzen und zum Schutze wider die Muͤcken ausgeſcharrt haben, und die das Gehen im Dunkeln, wo nicht unmoͤglich, doch wenigſtens ſehr gefaͤhrlich machen„— dieſes ſind die einzigen Gegenſtaͤnde, die ſich dem Auge in St. Peter und Paul darbieten. Da die meiſten Ein⸗ wohner den ganzen Tag üͤber abweſend ſind, ſo kann man mehrere Stunden hier verweilen, ohne nur einen Menſchen zu ſehen; und in den bleichen abgezehrten Geßalten, die man endlich zu Geſichte bekommt, glaubt man nicht leicht die Bruͤder der Helden von Rim⸗ nik und von der LTrebia zu finden. Unter den Ruſſen, die auf Kamtſchatka leben, findet kaum ein Unterſchied zwiſchen der Lebensart des Hffiziers, des Kaufmanns, des Geiſtlichen und des Soidaten Statt. Der eine mag wohl reicher am Gelde ſeyn, als der andere; da aber hier fuͤr Geld nichts zu b ben iſt, ſo hat dieß etne zlemliche Gleichheit in den Staͤnden, wenigſtens in ihrem Wohlleben, zur Folge. Brod und Salz find unſtreitig zwei Artikel, an welchem den aͤrmſten Bettler in Europa es nicht ge⸗ bricht. Allein in Kamtſchatka iſt Mangel, großer Man⸗ gel daran. Selbſt der Soldat empfaͤngt nur ſein Brod zur Hälfte in natura. An Salz iſt der Mangel noch groͤher, als an Brod. Die Ankunft der Na deſhda war in dieſer Hinſicht dem Lande eine ſehr große Wobl⸗ ¹3 that. Denn die Mannſchaft uͤberließ den Salz⸗Vor⸗ rath, den ſie als Geſchenk von dem Kaiſer von Ja⸗ pan erhalten hat, zur Verfügung des ruſſiſchen Gou⸗ vernements auf Kamtſchatka, und uͤberließ ohne ſich zu beſinnen, oder zu feilſchen, ihrer Regierung⸗ ſie dafuͤr zu entſchädigen. An Branntwein fehlt es aber nie. Er iſt die Leidenſchaft der Bewohner. Die Wohnungen ſind durchaus ſchlecht; im Win⸗ ter ganz mit Schnee bedeckt, ſo zwar, daß die Stuben den ganzen Winter nicht geluͤftet werden koͤnnen. Und doch iſt der Bau eines Hauſes in St. Peter und Paul ſehr koſtbar, weil hier kein Bauholz waͤchſt und man ſolches weither bringen muß, indem man es mit großer Gefahr die reißenden Stroͤme herabfloͤſt. Selbſt in den Wohnungen der ruſſiſchen Staabsoffiziere fand Hru ſenſtern weder Siſchgeraͤth von Portellan, Glaͤ⸗ ſer, Kgraffen, noch ſchoͤne Meubels. Einige holzerno Tiſche, Baͤnke, zerbrochene Stuͤhle, einige beſchaͤdigts Meſſer und Gabeln, 2— 3 Laſſen, ein Glas, einige Loͤffet aus Zinn machten den ganzen Hausreichthum aus. Selbſt die Fenſter beſtanden aus zerbrochenen Scheiben. Die urſache, warum die Einwohner von Kamt⸗ ſchatka ſo ſelten ihren Tiſch mit Rennthieren, Ha⸗ ſen, Argalis, Euten, Gaͤnſen verſehen, iſt der Man⸗ gel an Pulver. Nur mit Muͤhe und großen Koſten können ſie daſſelbe erzielen. Die Kamtſchadalen wohnen niemals in den 44 von den Ruſſen angelegten Staͤdten, ſondern zer⸗ ſreut im Innern des Landes in kleinen Dorfern, die man Oſtrogs nennt. Die Einwohnerzahl hat ſich ſehr verringert. Die Ausſicht zur Vergroͤßerung der Volks⸗ menge iſt aber dadurch ſehr begrenzt, daß die Zahl der Weiber auf Kamtſchatka in keinem Verhaͤltniſſs mit der Zahl der Maͤnner ſteht. In St. Peter und Paul, wo ſich die Anzahl der Maͤnner auf 180 bis 180 Perſonen belief, eine Anzahl, die auf 300 ge⸗ ſteigert wurde, wenn Schiffe in dem Hafen uͤberwin⸗ terten, befanden ſich nur 25 vom weiblichen Geſchlechte. Die Folgen eines ſo ſchudlichen Verhaͤltniſſes ſind ein gaͤnzlicher Verfall der Woralitaͤt, und unfruchtbare Eben. Die Kamtſchadalen ſind gaſtfrei und red⸗ lich. Sie haben die Verpflichtung die Reiſenden und Eſtafetten von Oſrog zu Oftrog zu transportiren. Alle haben die chriſtliche Religion angenommen. Wenn die Krone will, ſo koͤnnen in Kamt⸗ ſchatka eine Menge Vepbeſſerungen vorgenommen werden. Faſt aller Boden z. B. kann Fruͤchte jeder Art tragen, es braucht alſo nur eine Civiliſation, eine Pflege die ſer Provinz. Freitag am 4. Oktober hatte Kruſenſtern ſein Schiff fertig. Morgens um 4 Uhr ließ er es in der Bai warpen. Der Wind war guͤnſtig in die See zu gehen, und der Capitain hatte beſchloſſen, noch den naͤmlichen Nachmittage aus der Bai zu ſegeln. Die Trennung von Ko ſcheleff und den anderen Freun⸗ 45 den war ſchmerzlich. um 2 uhr nach Nittag lichtete man die Anker der Nadefhda. Der Himmel hatte ſich zwar ſeit Mittaß umwolkt, und es fing an, zu ſchneien. Da aber alle Gegenſtaͤnde in der Bai noch deutlich zu ſehen waren und Kruſenſtern den guͤn⸗ ſtigen Wind nicht verlieren wollte, ſo hoffte er fruͤher die See zu gewinnen, ehe das Wetter ſchlimmer wurde. Kaum hatte er aber die Anker gehoben, und die Mars⸗ ſegel beigeſetzt, als auch der ſtarkfallende Schnee das umgebende Land verbarg. Der einzige Punkt, den man zu ſehen beſonders noͤthig hatte, um dem der Bai Rokaweina gegenuͤberliegenden, und von dem Schiffe nun nicht weit entfernten Riffe nicht zu nahe zu kom⸗ men, ließ ſich nur noch im Nebel ſehen. Aber auch er verſchwand bald. Indeß glaubte Kruſenſtern, nun ſchon das Riff pafſirt zu ſeyn und ſetzte ſeinen Lauf unter den Marsſegeln auf den Eingang der Bai fort, als das Schiff ploͤtzlich aufſtieß. Jetzt erkannte er, wiewohl zu ſpaͤt, daß es viel zu ſehr gewagt war, unter ſo unguͤnſtigen Umſtaͤnden aus der Baizu ſegeln. Der Unfall hatte indeß keine andere Folge fuͤr ihn, als einen Aufenthalt von einigen Tagen. Den folgenden Nachmittag wurde das Schiff, nachdem man es abgetakelt hatte, die Barkaſſe und einen Anker ausgeſetzt, und gegen 60 Tonnen Waſſer alsgeleert hatte, von ber Sandbank abgezogen, ohne daß es den geringſten Scha⸗ den gelitten haͤtte; denn das Waſſer in der Bai war, obgleich der Wind friſch wehte, vollkommen puhig⸗ 46 Der junge Koſcheleff war eben im Begriße gewe⸗ ſen, von Petropawlovsk abzuſegeln, als er den Unfall erfuhr, welcher der Nadeſhda begegnet war. Obgleich es nicht wenig gefaͤhrlich war, ſeine Reiſe nach Niſchney⸗Kamtſchatsk, der ſo ſpäten Jabreszeit wegen, noch zu verzoͤgern(denn ſchon im Detober ſellt ſich der Winter dort ein), ſo hielt ihn dieſes doch nicht einen Augenblick ab ſeine Reiſe auf⸗ zuſchieben, und ſogleich zu ſeinen Freunden an Bord ju kommen. Er beorderte einige Baidaren mit 60 Soldaten zu Hülfe des Schiffes, und dieſe trugen nicht wenig dazu bei das Schiff flott zu machen. Auch traf er in Petropawlovsk die zweckmaͤßigſten Anſtal⸗ ten, daß den Schiffleuten beim Wiederfullen der Waſ⸗ ſertonnen alle Huͤlfe geleiſtet wurde, und ſo ward es Kruſenſtern moͤglich, innerhalb zwei Tagen wieder ſegelfertig zu ſevn. Den 9. Oktober, Morgens ſechs Uhr, ſegelte er mit einem friſchen NNW. Winde und bei heiterem bellen Wetter aus der Bai Awarſcha. Obgleich die Jahreszeit ſchon ziemlich vorgeruͤckt war, wuͤnſchte er dennoch auf dieſer Fahrt nach China, wenn es ohne großen Zeitverluſt geſchehen und die Winde nicht zu unguͤnſtig ſeyn moͤchten, ver⸗ ſchiedene Gegenden dieſes Hceans zu unterſuchen, in welchen, alten Nachrichten zu Folge, das Daſeyn einiger Inſeln gemutbmaßt wurden, und nach dem 47 Lande zu forſchen, das die Spanier im Jahre 1634 geſehen hatten(oder geſehen haben wollten).— Der Wind wurde nach kurzer Fahrt unguͤnſtig, und dicker Nebel ſtieg auf. Den 16. Dktober ſah Kruſenſtern Voͤgel um das Schiff herum, die ſich meiſtens nicht weit vom Lande entfernen. Die Wit⸗ terung wurde am andern Tage ſtuͤrmiſch. Die anhal⸗ tende unguͤnſtige Witterung machte Kruſenſtern das fernere Suchen des von den Spaniern im Jahre 1634 geſehenen Landes unmoͤglich, und er nahm den Lauf auf Chin a. Die Nadeſhdamußte nun heftige Stür⸗ me im ztſten und zsſen Grade der Breite beſtehen. Ein Sturm dauerte 26 Stunden. Mehrere Male vom 21. bis 31. Dktober hatte Kruſenſtern viele Anzeigen von nahem Lande(z. B. man ſing Loͤlpel und andere Landvogel); am 22. Dktober glaubte er ſogar Land zu ſeben, ſteuerte darauf los, fand aber, daß es Wolken waren. Allein er ſah und fand kein Land. Am 31. Oktober nahm er ſeinen Lauf ſo, daß er die Gegend durchſegeln mußte, in welcher auf ſeinen Karten die Gruppe der Guadelvupas liegt. Auf dieſer Fahrt wurde nach einiger Zeit die Wit⸗ terung beſſer, der Horizont rein. Trotz dem war ſein Suchen der Inſeln Guadeloupas, der Mala⸗ brigos und der Inſel Don Juan vergeblich. In den erſten Tagen des Novembers wurde das Schiff nach Norden getrieben, und Kruſenſtern wider ſeinen Willen dem Sud⸗Eyland, einer zunden In⸗ 48 ſel, die aus einer Felſenmaſſe beſtand, nahe gebracht. Am s. November ſah er dieſe Inſel. Auch die Schwe⸗ fel⸗Inſel ſah er demſelben Tage. Er nahm nun ſeinen Lauf nach 70 1/2 N. und WN. Bei einem Sturme, der lange anhielt, ſegelte er in der Nacht von 17— 18 Novbr. durch den Kanal zwiſchen For⸗ moſa und den Bashee⸗Inſeln, ohne Verluſt zu erleiden. In der Nacht um ein Uhr des 20. Novbn⸗ ſah er ſein Schiff von einer Menge chineſiſcher Fiſcher⸗ boͤte umringt. Dieſe zwangen ihn, den uͤbrigen Theil der Nacht wenige Segel beßuſetzen, um nicht einige von ihnen zu uͤberſegeln. Wie es Tag zu werden an⸗ fing, ſah er den Felſen Petro blaneo und hierauf die ganze Kuͤſte von China, der er ſich bis auf einige Meilen naͤherte und alsdann einen Weſt⸗Cours auf die Inſel Lingting, zwiſchen den Inſeln Groß⸗Le⸗ ma und Potoy, zu nahm. Die Paſſage zwiſchen den Lema⸗Inſeln nach Maeao iſt, wenn man von Oſten kommt, der aͤußern weit vorzuziehen. Sie ver⸗ kuͤrzt den Weg ſehr, um ſo mehr, da man uͤber dem Winde bleibt, und ſich auf dieſe Art einen günſtigen Wind erhaͤlt. Man muß, wenn man ſuͤdlich von den Eſels⸗Dhren und der großen Ladronen⸗In⸗ ſel ſeinen Lauf nimmt, oft mehrere Tage laviren, um die Rhede von Maeao zu gewinnen; ſowohl der Wind, als die Stroͤmungen ſind dazu nicht guͤnſtig. Kruſenſtern ſah kein Boot, mußte folglich die Paſſage ohne Lootſen wagen. Kaum war er aber die 49 Inſelu Groß⸗Lema und Potoy paſſirt, ſo bekam er einen Lootſen an Bord. Der Wind wehte ſtark⸗ und Kruſenſtern ſteuerte unter allen Segeln zwi⸗ ſchen den auf dieſer Route liegenden Inſeln, die alle, ohne Ausnahme, auf der Karte im oſtindiſchen Atlas ſehr fehlerhaft verzeichnet ſind. Um s Uhr Abends ſah er eine große Flotte von Booten, die aus 300 Segeln zu beſtehen ſchien, unter der Inſel Lantoo vor An⸗ ker liegen. Er mit den Seinen hielt ſie fur Fiſcher⸗ boote und ſegelte ihr daher ruhig voruber. Nachher erfuhr er aber in Macao, daß dies eine Flotte von chineſiſchen Seeraͤubern geweſen war, welche an den ſudlichen Käſten von China ſchon ſeit drei Mo⸗ naten raubten, und jedes Schiff, das nicht auf ſeiner Hut war, und ihnen nicht ſtark bewaffnet zu ſeyn ſchien, angriffen. Dieſe Seeraͤnber hatten in ihrer Flotte Schiffe von 200 Tonnen, welche mit 160 bis 260 Mann bemannt und mit 10— 20 Kanonen bewaff⸗ net waren. Die geringſten ihrer Boote haben eine Be⸗ ſatzung von 40— 60 Mann; gelang es ihnen, ein Schiff zu entern, ſo waren ſie ihrer uͤberlegenen Anzahl von Mannſchaft wegen ihrer Beute gewiß. Sie wuͤrden weit gefaͤhrlicher geweſen ſeyn, wenn ſie mehr Muth und mehr Geſchicklichkeit in ihren Manovern beſeſſen, und mit ihrer Artillerie umzugehen verſtanden hätten. Selbü auf der Rhede von Macao, und ſogar in der Typa, war man vor ihren Angriffen nicht ſicher. Die Fahrt zwiſchen Macav und Canton war be⸗ 80. Vd. Reiſen um die Welt, V. 4. 4 50 ſonders gefaͤhrlich. Die Englaͤnder und Portu⸗ gieſen ließen eben zum Schutze ihres Handels und ihrer Schiffe bewafſnete Fregatten und Briggs daſelbſt kreuzen. Nur der ſtarke Sturm konnte die Raͤuber⸗ ſiotte abgehalten haben, die Nadeshda anzugreifen. Die Raͤuber haͤtten um ſo gewiſſer ihres Erfolges ge⸗ gen die Ruſſen ſeyn koͤnnen, da dieſe nicht den ge⸗ ringßen Argwohn hatten, und die Boote der Raͤuber fur Fiſcherkaͤhne hielten, die, wie bekannt, hier in großen Flotten auf den Fiſchfang ausgehen. Um 7 Uhr Abends den 20. November ließ die Nadeshda ihre Anker auf der Rhede von Macao fallen, nachdem ſie ſchon eine Stunde in finſterer Kacht bei ſtakem Sturm und Regen geſegelt wm. Bei Tages⸗Anbruch fand Kruſenſtern, daß die Stadt Maeao ihm in NW. s6o ungefaͤhr s Meilen weit lag. Die kleine Inſel Potoe in SW. 60. Um s Uhr des Morgens den 21. November ſah Kruſenſtern ein Boot abfahren. Obgleich der Wind noch ſehr ſark, und die Entfernung der Nadeshda vom Landes Meilen betrug, ſo kam es dennoch an Bord. Es war ein chineſiſcher Comprador, der ſeine Dienſie anbot. Compradore nennt man in Chinn Leute, welche Schiffe waͤhrend ihres Aufenthaltes in Macao oder Whampoa mit allen Vedürfniſſen verſorgen. Man kann ſich nut mittelſt eines Com⸗ pradors mit Proviſivn und anderen Bedurfniſſen ver⸗ ſorgen. Die erſte Frage Kruſenſterns betraf die 51 Newa. Zu ſeinem Erſtaunen erfuhr er, daß ſie noch nicht angekommen war. Dem Plane und der Ordre gemaͤß, mußte die Newa ungefaͤhr im Monate He— tober mit einer Ladung Pelzwerke aus Kodiak hier eingetroſſen ſeyn. Der Betrag dieſer Ladung ſollte in chineſtſchen Waaren an Bord beider Schiffen ver⸗ laden werden. Kruſenſtern war daher jetzt en keine geringe Verlegenheit geſetzt, und er mußte ſich entſchließen, in Macao die Newa abzuwarten, ob⸗ gleich die Puͤnktlichkeit der Chineſen auch dies weiterhin ſchwierig machte. Mit dem Comprador kam auch ein Lootſe an Bord, der ſich erbot, ihn in die Zypa(die Typa iſt ein ſicherer Ankerplatz, zwwei Meilen ſüdlich von Maeao) zu fuͤhren; denn ſowohl der Seeraͤuber, als der Jahreszeit wegen, war es ge⸗ faͤhrlich, auf der offenen Rhede von Maeao zu blei⸗ ben. Kruſenſtern ließ alſo, nachdem er eine Stunde früher den Lieutenant Löwenſtern nach Macao abgeſchickt hatte, um den portugleſiſchen Gouverneur von ſeiner Ankunft und von ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, in die Typa zu gehen, zu benachrichtigen, die Anker heben. Um 2 Uhr Nachmittags ankerte er in der Typa. Mit ihm zugleich ſegelte auch eine engliſche Brigg von 18 Kanonen hinein. Sowohl von dieſer, als von einem kleinen portugieſiſchen Fahr⸗ zeuge von 12 Kanonen, erhielt er, bald nachdem er ſeine Segel hatte einnehmen laſſen, einen Beſuch. Der engliſche Offiziet erzaͤhlte dem zuſſiſchen, daß 52 das Schiff, zu welchem er gehoͤre, vor einigen Wochen in Whampog geweſen ſey, wohin es von dem Com— modore der in dieſen Gewaͤſſern befindlichen engliſchen Escadre, Herrn Wood abgeſchickt war, um von dem chineſiſchen Viekoͤnig der Provinz die Auszahlung von s0000 Pf. Sterl. als Schadloshaltung fuͤr eine in der Naͤbe von Manila gemachte ſpaniſche Priſe zu fordern, welche waͤhrend eines heftigen Sturmes an der Kuͤſte von China geſtrandet, und von den Chine ſein gepluͤndert worden war. Es iſt bekannt, daß nach den chineſiſchen Geſetzen ein Kriegsſchiff die Bocca Tigris Cdie Muͤndung des Tigris) nicht vafftren darf. In der Boecea Tigris, die durch zwei Batterien, welche aber ohne Kanonen ſind, be⸗ ſchuͤtzt werden ſoll, kommen gewoͤhnlich zwei Manda⸗ rinen an Bord, um ſich nach der Ladung des Schif⸗ fes zu erkundigen; zwei andere begleiten dann das Schiff nach Whampoa. Auch auf dem engliſchen Kriegsſchiffe hatten ſich die Mandarinen, der Ordnung gemß, gemeldet. Auf die Frage, worin die Ladung des Schiffes beſtaͤnde? zeigte ihnen der Capitain eine Kanonenkugel, worauf ſie ſogleich das Schiff verlie⸗ ßen. Die Brigg hatte den Weg nach Whampoa ohne Lootſeen gefunden, und der Capitain war mit einer Wache von 12 Mann nach Canton gekommen, um die Bezahlung der zu fordernden Summe zu er⸗ trotzen. Dieſe Verwegenheit hatte den Vizekoͤnig in Erſtaunen, und wahrſcheinlich auch in Schrecken ge⸗ 53 ſetzt; denn wenn die Feigheit der Chineſen nicht ſo ſehr groß waͤre, ſo wuͤrden ſie wohl ſich anders be⸗ nommen haben. Nachdem der Capitain laͤngſt Can⸗ ton verlaſſen hatte, fuͤhlte der Vizekoͤnig wohl, er habe dieſe Verwegenheit ahnden muͤßen; er ahndete ſie jetzt noch, aber auf eine ganz eigene Art. Zur Schadloshaltung fuͤr dieſe Verwegenheit des Brit⸗ ten legte er dem Kohong oder Hong Ceine Ge⸗ ſellſchaft von s— 40 Kaufleuten, welche das Privile⸗ gium des europaͤiſchen Handels haben) eine große Geldſtrafe auf, obgleich die Mitglieder deſſelben mit der ganzen Sache nichts zu thun hatten. Die Ergrei⸗ fung ſolcher Maßregeln iſt aber bei den chineſiſchen Regierungsbeamten, wenigſtens in Canton, uͤblich. Nachmittags 3 Uhr kam Lieutenant Loͤwenſtern vom portugieſiſchen Gouverneur zuruͤck. Dieſer hatte den ruſſiſchen Pffizier ſehr gut aufgenommen, dabei aber zu verſtehen gegeben, daß, da ſeine Verhaͤltniſſe mit den Chineſen nicht von der beſten Art waͤren, die Ankunft der Ruſſen ihn in einige Verlegenheit ſetzte, und er daher ſo bald als moͤglich mit dem Ca⸗ pitain Kruſenſtern ſelbſt zu ſprechen wuͤnſchte. Die Chineſen naͤmlich wuͤnſchten zu wiſſen, ob die Nadeshda ein Kriegsſchiff ſey; denn in dieſem Falle nur allein koͤnnte ſie in der Typa bleiben. Waͤre ſie ein Kauffartheiſchiff, und ſie haͤtte nicht zur Abſicht, nach Whampoa zu gehen, ſo wuͤrde ihr der Aufenthalt in der Typa nicht verſtattet werden 54 koͤnnen, da nur allein portugieſiſchen Kauffartheiſchiſſen dieſe Erlaubniß von den Chineſen verſtattet wurde. Kruſenſtern fuhr alſo den folgenden Morgen, den 22. November, zum Gouverneur, und erklaͤrte ibm, daß die Nadeshda allerdings ein ruſfiſches Kriegs⸗ ſchiff ſey, daß er aber den Befehl habe, zum Vortheile der amerikaniſchen Compagnie einen Theil des Er⸗ trags der Ladung der Newa, fuͤr welchen ſie nicht Raum haben wuͤrde, in ſeinem Schiffe zu verladen, und daß er ſogleich nach Whampoa gegangen ſeyn wuͤrde, wenn die Newa dort angekommen waͤre, jetzt aber hier ſie erwarten muͤſſe. Die Ungewißheit Kruſenſterns und ſeiner Schiffe ſetzte ſowohl den Gouverneur als ihn ſelbſt in keine geringe Verlegen⸗ beit, und Kruſenſtern mußte auf die Aufrage, welche jetzt von Seiten der Chineſen an ihn ſelbſt uͤber ſeine Beſtimmung geſchah, antworten: daß er nicht nach Whampon gehen, ſondern in der Typa bleiben wuͤrde, um ſich zu ſeiner Reiſe nach Europa mit Waſſer und Lebensmitteln zu verſorgen. En konnte dieſe Antwort um ſo eher geben, da ſowohl der Gou⸗ verneur, als auch ein Mitglied der hollaͤndiſchen Fae⸗ torei, Bachmann, der den Ruſſen viele Freund⸗ ſchaft erzeigte, ihn verſicherte, daß, ſobald die Newa ankommen wuͤrde, die Erlaubniß ſehr leicht auszuwir⸗ ken waͤre, nach Whampon zu gehen. Der Gewinn von den nach Canton bandelnden Schiffen ſey, ſo⸗ wohl fuͤr alle Beamten der Regierung, als auch fuͤr 55 die Kaufmannſchaft zu bettaͤchtlich, als daß man den Ruſſen in ihren Geſchaͤften einige Schwierigkeiten machen wuͤrde. Der Gouverneur war durch die den Chineſen gegebene Antwort Kruſenſterns aus einer großen Verlegenheit geriſſen, da er ihm ſelbſt den Befehl haͤtte geben muͤſſen, die Rhede der Tyva nach einigen Tagen zu verlaſſen, und Kruſenſtern waͤre gezwungen geweſen, bis dahin eine Menge chi⸗ neſiſcherZollbeamte an Bord aufzunehmen, welches leicht Veranlaſſung zu Seenen bätte geben koͤnnen. Die Lage der Portugieſen in Maeao war und iſt aͤuſſerſt bedraͤngt. Obgleich die Gouverneure ſich wohl immer mit der groͤßten Vorſicht benehmen, ſo ereignen ſich doch Faͤlle, in denen ſie nicht nach⸗ geben duͤrfen, ohne die Wuͤrde der Nation, welche in den Augen der Chineſen ſchon ſehr geſunken iſt, ganz auf's Spiel zu ſetzen. Nur einige Monate vor der Ankunft Kruſenſterns hatte eine Begebenheit, welche ſich ereignete, dies bewieſen⸗ Ein in Maeav wohnender Portugieſe erſiach einen Chineſen. Da er reich war, ſo bot er der Familie des Ermotdeten eine Summe Geldes an, die Sache zu unterdruͤcken. Man willigte ein, und er zahlte 4000 Piaſter. Kaum aber iſt das Geld ausge⸗ zahlt, ſo wird die Sache bei der chineſiſchen Ob⸗ rigkeit angegeben, welche von dem portugieſiſchen Goyuverneuy verlangte, daß der Woͤrder ihr ſogleich 56 ausgeliefert werden ſolle. Der Gouverneur ſchlaͤgt es ab, indem er erwiedert, daß, da die That in Macao veruͤbt ſey, er den Moͤrder als Portugieſen ſeinem Ge⸗ richte uͤbergeben, und ihn, wenn er des Verbrechens überwieſen waͤre, nach den portugieſiſchen Geſetzen ver⸗ urtheilen wolle. Die Chineſen, welche den Por⸗ tugieſen ſelbſt hinzurichten verlangten, laſſen auf dieſe Antwort ſgleich alle Buden ſchließen, und ver⸗ bieten die Einfuht von Lebensmitteln nach Macav. Der Gouverneur, der fuͤr ſeine Garniſon Proviſion auf zwei Jahre im Vorrathe hatte, laͤßt ſich duich dieſe Drohung nicht irre machen, und ubergibt den Chineſen den Verbrecher nicht. Indeß wird die⸗ ſem der Proieß gemacht, er wird des Mordes ſchuldig befunden und ſogleich aufgeknüͤpft. Die Chineſen verſammeln ſich, um einen Verſuch zu wagen, ſich des Verbrechers, waͤhrend er zum Richtplatz ge⸗ fuͤhrt wird, mit Gewalt zu bemaͤchtigen. Der Gou⸗ verneur verſammelt ſeine Truppen, laͤßt die Kanonen auf den Batterieen ſcharf laden, und erwartet ſo ih⸗ ren Angriff. Durch die ernſthaften Maßregeln des Gouverneurs abgeſchreckt, ziehen ſich die Chineſen unter dem Vorwande zuruͤck, daß ſie mit der Hinrich⸗ tung des Verbrechers vollkommen zufrieden ſeyen, und das gute Vernehmen war ſogleich wieder her⸗ geſtellt. Uebrigens waͤre Maeav in den Haͤnden der Eng⸗ laͤnder, ſo wuͤrde die ſchimpfliche Abhaͤngigkeit die⸗ 57 ſer Beſitzungen den Chine ſen ieitig weggefallen ſeyn! Sechſtes Buch. Dbgleich die engliſch ⸗oſtindiſche Flotte hier noch nicht angekommen war, hatten die Mitglieder der engliſchen Factorei doch ſchon vor einigen Wochen Maecao verlaſſen, und hielten ſich jetzt, um ihre Flotte zu erwarten, in Canton auf. Kruſenſtern muhte folglich Verzicht darauf thun, den Praͤſiden⸗ ten der engliſchen Faetorei, Drummond, den er waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Canton im Jahre 1766 kennen gelernt hatte, zu ſehen. Kruſenſtern unterließ jedoch nicht, ihm ſogleich ſeine Ankunft zu melden. Sobald Drummond davon benachrichtiget wat, daß Kruſenſtern ſich einige Wochen in Ma⸗ eao aufhalten wuͤrde, bot er dieſem ſein ſehr ſchoͤnes Wohnhaus in Macao an, welches K ruſenſtern mit Dank annahm. Drummond ließ auch ein Ge⸗ baͤude, das der oſtindiſchen Compagnie gehoͤrte, den ruſſiſchen Offizteren einraͤumen, die am Lande zu wob⸗ nen wuͤnſchten, und Dr. Horner, Pr. Sileſius und Maior Friderici bezogen es. Drummond beſaß neben ſeinem Hauſe einen großen, mit vielen Koſten unterhaltenen Garten⸗ In dieſem Garten be⸗ ſindet ſich die Grotte, in welcher der Homer Por⸗ tugalls ſeine Luſinde gedichtet haben ſoll, und 58 welche aus dieſer Urſache auch unter dem Namen: Camoens Grotte bekannt iſt. Von den Mitgliedern der engliſchen Factorei hielt ſich nur noch Metealfe, welcher verheirathet war in Macav, bis zur wirklichen Ankunft der Flotte auf. Seine Frau, eine ſehr angenehme, gebildete Da⸗ me, war das einzige eutopaͤiſche Frauenzimmer, wel⸗ ches in Maecao wohnte. Das Haus Metralfe's war allen Offizieren der Nadeshda offen, und es konnte nicht fehlen, daß es nicht namentlich Kru⸗ ſenſterns angenehmſter Aufenthalt war. Sehr mußte Kruſenſtern bedanern, daß der Gouberneur Don Caetano de Souza keine andere Sprache, als die vortugteſiſche ſprach, und um ſö mehr, da er auch See⸗Pfftzier war. Ein eben ſp angenehmer Mant war der Dberrichter Don Niguel Arriags Bruno de Silveira, ein junger Mann von feiner Etziebung und vielen Kenntniſſen. Marao iſt das Symbol gefallener Groͤße. Man ſieht dier eine Menge ſchöner Gebaͤude, welche auf großen Platzen ſtehen, und mit anſehnlichen Hoͤfen und Gaͤrten umgeben ſind; die meiſten von ihnen ſind unbewohnt, da die Zahl der hier wohnenden Portu⸗ gieſen ſich ſehr vermindert hat. Die vorzuglichſten Privatgebaͤude ſind diejenigen, welche von den Mit⸗ gliedern der hollaͤndiſchen und der engliſchen Factorei bewohnt werden. Da ihr Aufenthalt hier zwiſchen 16 bſs as Jahre waͤhrt, ſo wenden ſie Alles an, nicht 59 nur die beſten Haͤuſer zu beſitzen, ſondern auch ſie nach ihrem Geſchmacke einzurichten. Die großen Ein⸗ kuͤnfte der hier wohnenden Britten ſetzen ſie in den Stand, ihren Hang zum angenehmen und beque⸗ men Leben, wodurch ſie ſich ſelbſt vor der reichern Klaſſe der Portugieſen hier ſehr auszeichnen, zu befriedigen. Man rechnet in Maecao 12— 46000 Einwohner, wovon indeß die meiſten Chineſen ſind, welche ſich dieſer Stadt ſo ſehr bemeiſtert haben, daß man ſelten einen Europaͤer in den Straßen ſieht, Prieſter und Nonnen allenfalls ausgenommen.„Wir haben hier mehr Prieſter als Soldaten,“ ſagte Kruſenſtern ein bieſiger Bürger, und in der That war dieſe Spoͤt⸗ terei im buchſtaͤblichen Sinne wahr. Die Anzahl der bieſigen Soldaten der portugieſiſchen Regierung be⸗ lief ſich damals nur auf as0 Mann, unter denen ſich nicht ein einziger Europaer befand. Sie waren alle Mulatten aus Macao und Goa. Selbſt die Offi⸗ itere waren nicht alle Europaͤer. Mit einer ſo kleinen Beſatzung hielt es ſchwer, vier große Veſtun⸗ gen zu vertbeidigen. Die den Chineſen eigem thmliche Inſolenz findet in dieſer Schwäche des Mi⸗ litairs binlaͤnglichen Grund, Beleidigungen auf Be⸗ leidigungen zu haͤufen. 2 Nachdem Kruſenſtern ſein Schiff zu ſeiner Rückreiſe nach Europa ſchon faſt ganz in Stand ge⸗ ſetzt hatte kam die Newa am s. Delember in Ma⸗ 2 60 eav an. Die Mannſchaft der Newa befand ſich im beſten Wohlſeyn. Capitain Liſianskoy, Kommandant der Ne, wa, berichtete Kruſenſtern, daß er eine ſehr rei⸗ che Ladung von Pelzwerk aus Kodiak und Sitka an Bord haͤtte, von welcher er glaubte, daß der Be⸗ trag hinlaͤnglich waͤre, beide Schiffe mit chineſi⸗ ſchen Waaren zu beladen. Dies bewog Kruſen⸗ ſtern, mit der Nadeshda nach Whampoa zu gehen. Er hielt alſo um den dazu noͤthigen Paß und um einen Lootſen an; der in Maeao reſidirende Mandarin verweigerte aber ihm beides, wie der Ca⸗ pitain wohl erwarten konnte, da er bei ſeiner Ankunft in Maeao erklaͤrt hatte, nicht nach Whampoa ge⸗ hen zu wollen. um dieſe Mißverſtaͤndniſſe ſobald als moͤglich zu beendigen, entſchloß ſich Kruſenſtern ſelbſt nach Canton zu reiſen. Er gab daher das Kommando der Nadeshda ſeinem erſten Lieutenant Makary Ratmanoff ab, und begab ſich an Bord der Newa, auf welcher er in Whampoa am s. Dezember ankam, und von dort ſogleich nach Can⸗ ton fuhr. Man machte zwar in Betreff der Na⸗ deshda einige Schwierigkeiten; da aber Kruſen⸗ ſtern ſich dazu verſtand, die Zollgebuͤhren und ge⸗ woͤhnlichen Abgaben eines Kauffartheiſchiffes zu be⸗ zahlen, ſo erhielt er nach einigen DTagen die Erlaub⸗ niß, ſein Schiff nach Whampoa kommen zu laſſen. Doch ſchickte man einige Perſonen von Canton nach 61 Maeva, um die Nadeſhda naͤher in Augenſchein zu nehmen, ob ſie nicht vielleicht mehr Kanonen und Mannſchaft habe, als der Capitain angegeben hatte. Nach dieſer Unterſuchung wurde ſogleich ein Lvotſe an Bord geſchickt und den 23. Dezbr. ankerte die Na⸗ deſhda in Whampoa. Kruſenſtern wendete ſich an das engliſche Haus Beal, Shank und Maquiak, von welchem er die Herren Beal und Shank waͤhrend ſeines erſten Auf⸗ enthalts in Kanton kennen gelernt hatte, um den Verkauf der Schiffs⸗Ladung und den Ankauf der neuen Ladung zu beſorgen: welches ſich nicht fuglich ohne Huͤlfe eines in Kanton etablirten Kaufmanns (da die Ruſſen hier keine Faetorei haben) thun laͤßt. Kruſenſtern hatte ſeiner Seits mehr urſache, mit der Wahl zufrieden zu ſeyn, welche er getroffen hatte, als es das Handelshaus ſeyn konnte, daß auf daſſelbs des Capitains Wahl gefallen war, weil die Beſorgung der Geſchaͤfte Kruſenſterns, aus mehreren Urſa⸗ chen, mit groͤßeren Unannehmlichkeiten verknuͤpft war, als ſie bei anderen Schiffen zu ſeyn pflegt. Pögleich man den Ruſſen ohne die geringſten Hinderniſſe er⸗ laubte, ihren Handel in Kanton zu eroͤffnen, ſo fand ſich doch nicht ſogleich ein Kaufmann aus dem Hong, welcher den Kauf der Ladungen uͤbernehmen, und fur die Schiffe gut ſagen wollte. Die aͤltern Kauf⸗ leute ſcheuten ſich, ſich mit den Ruſſen einzulaſſen, da es ihnen nicht unbekannt war, dab Rußland in 62 gewiſſen Verbindungen mit China, als Handels⸗ und Grenzmacht, tand. Sie kannten den Geiſt ihrer Regierung zu wohl, um nicht zu befuͤrchten, daß, da die Ruſſen hier zum Erſtenmal erſchienen, dieſe nicht noch einigen Unannehmlichkeiten ausgeſetzt ſeyn konn⸗ ten. Die Bemuͤhungen Beals, den Ruſſen einen ſolchen Sicherheits⸗Kaufmann zu verſchaffen, blieben daher lange fruchtlos; denn er wuͤnſchte ſehr, daß ei⸗ ner von den aͤlteſten Mitglieder des Hongs ſich dazn verſtehen moͤchte. Dieſe lehnten es aber alle ab. End⸗ lich fand ſich ein junger Kaufmann, der juͤngſte aus dem Hong, Lucgua, der auf Beals Ueberreden und durch ſeinen Kredit unterſtuͤtzt, es wagte, der Sicherheits⸗Kaufmann der beiden ruſſiſchen Schiffe zu ſeyn. Die Ladung der Newa wurde ihm fuͤr 17s00o, und die der Nadeſhda, die bei einer Abreiſe von Kamtſchatka 400 Seeotter und einige Seehunds⸗ felle aus den dortigen Magazinen der Compagnie an Bord genommen hatte, fuͤr 42000 Piaſter verkauft. Die koßtbarſten Seeotterfelle mußten aber wieder an Bord zuruͤckgebracht werden, weil der hoͤchſte Preis eines Seeotterfells nur 20 Piaſter betrug, und dieſe auserleſenen Felle in Moskau mit 2— 300 Rubel bezahlt werden. Von den 190000 Piaſter wurden 100000 Piaſter baar bezahlt, fuͤr 90000 aber von dem Kauf⸗ manne Thee gegeben. Man fing nun ſogleich an, die Pelzwerke von den Schiffen nach Kanton zu bringen, und nach einigen Tagen wurde auch der Anfang ge⸗ 63 macht, den Thee und die uͤbrigen Waaren zu vetladen. In der Mitte des Januars hatte Kruſenſtern fat ſeine Ladungen an Bord, und er beſtimmte ſchon den 26. Januar 1806 zum Tage ſeiner Abreiſe aus Kan⸗ ton, um den 27. oder 28. von Whampoa abzuſe⸗ geln, als ſich ploͤtzlich ein Geruͤcht verbreitete; die chi⸗ neſiſche Regierung wolle den ruſſiſchen Schiffen nicht abzuſegeln erlauben, bis man in Betreff der Ruſſen, beſtimmtere Befehle aus Peking erhalten haͤtte. um ſich von der Wahrheit dieſes Geruͤchts zu uͤberzeugen, ließ Kruſenſtern ſogleich ein Boot fordern, um ſeine letzten Sachen an Bord zu bringen. Dieß wurde nicht zugeſtanden, und er erfuhr uͤberdieß daß man eine Wache zu ſeinen Schiffen geſchickt hatte. Dieſe Wache war zwar nicht an Bord gekommen, ſie lag aber mit ihrem Boote ganz nahe und veihinderte jeden Chineſen, ſogar den Comprador mit der taͤglichen Proviſion zu den Ruſſen an Bord zu kommen. Dieſe Nachricht ſetzte Kruſenſtern in Erſtaunen. Es waren feindſelige Maßregeln, welche man gegen ihn traf⸗ und von denen er glauben mußte, daß ſie nur in Peking ihren Urſprung haben konnten. Er aͤnßerte ſeinen Argwohn gegen Drummond daruͤber. Dieſer beruhigte ihn zwar einigermaßen, indem er ihn ver⸗ ſicherte, daß ſolche eigenmaͤchtige Beſehle von Seiten der hieſigen Obrigkeit nicht ſelten waͤren; Kruſen⸗ ſtern ſchickte indeß ſogleich ſeinen Kaufmann zum Hoppo oder Zoll⸗Direktor, um über eine ſolche Be⸗ handlung Klage zu fuͤhren, die ein offenbar feindſeliges Verfahren verrieth. Er verlangte, daß die zu ſeinen Schiffen geſchickten Wachtboote ſogleich zuruͤckgerufen werden ſollten, weil es unmoͤglich waͤre zu verhuͤten, daß dadurch auf den Schiffen ſich nicht leicht Vorfaͤlle ereigneten, welche fuͤr beide Theile unangenehme Fok⸗ gen haben könnten. Dieſe Vorſtellung that ihre Wir⸗ kung; denn ſogleich am folgenden Tage ward die Wache zuruͤckgerufen und eine ganz freie Communiea⸗ tion wieder hergeſtellt. So begierig Kruſenſtern war, die urſache des Anhaltens ſeiner Schiffe zu wiſſen, ſo ward es ihm dennoch unmöglich, etwas Beſtimmtes darber zu er⸗ fahren. Die Kaufleute des Hong verſicherten, daß ber Befehl, die Ruſſen noch einige Zeit aufzuhalten, nur eine Vorſichtsmaßregel des Statthalters wäre, welcher in dieſen Taßen abgeloſt werden ſollte; und daß, ſobald ſein Nachfolger ſein Amt angetreten hätte, die Schiffe ſogleich die Erlaubniß zum abſegeln erhal⸗ ten wuͤrden. Da dieß Kruſenſtern allgemein ver⸗ ſichert wurde, ſo hätte er auch keinen Zweifel mehr daran, und als er erfuhr, daß der neue Statthalter ſchon in Funktion ſey, ließ er ſogleich den folgenden Tag um einen Paß anfragen, um ſeine letzten Sachen an Bord abzufertigen. Dieß wurde jedoch nicht zuge⸗ ſtanden, und es ſchien jetzt nur zu gewiß, daß der ietzige Statthalter ſowohl, als ſein Voͤrgaͤnger, es nſcht wagten, die Ruſſen, ohne einen Befehl aus * Peking dazu zu erbalten, die Erlaubniß zur Abreiſe zu geben. Kruſenſtern ſchrieb indeß einen Brief in engliſcher Sprache an den Statthalter, in welchem er. das Unrecht ſeines Verfahrens, ſo wie die daraus ent⸗ ſtehenden Folgen deutiich auseinander ſetzte. Da er ſich den Geſandten leines Kaiſers, den Grafen Go⸗ loffkin, als ſchon laͤngſt in Peking angekommen dachte, ſo legte er in ſeinem Briefe ein beſonderes Gewicht auf dieſen Umſtand, und bemerkte dabei, daß er der ruſſiſche Geſandte eine ſolche beleidigende Be⸗ handlung nicht ungeahndet laſſen wuͤrde. Mit dieſem Briefe verfuͤgte ſich Kruſenſtern zu ſeinem Freund Drummond, von dem er wohl erwartete, daß er ſich ſeiner jetzt ſehr mißlich geworbenen Sache mit Ernſt annehmen wüͤrde. Drummonds Einfluß, a 5 Praͤſident der fuͤr den Handel von Kanton ſo wich⸗ tigen engliſchen Factorei, war ſehr großz zudem war Drummond ein entſchloſſener, kluger und wuͤrde⸗ voller Mann. Er nahm ſich der Sache Kruſenſterns ſogleich mit groͤßtem Eifer an. 33 in un Die Hauptſchwierigkeit beſtand darin, den Brief. dem Statthalter zukommen zu laſſen, da dieſes nie di⸗ rect geſcheben kann, und man eine Audienz nur in außerſt ſeltenen Fallen geſtattet. Der Brief mußte demnach, vermittels der Hong⸗Kaufleute, durch den Hoppo dem Statthalter uͤbergeben werden; auch war es keine unbedeutende Sache, ihn ins Chineſiſche zu überſeten, da man ſich daiu geborner Chineſen be⸗ 8o. Bd. Reiſen um die Welt. V. 1. 6 66 dienen muß von denen es ſich nicht erwarten laͤßt, daß ſie eine treue Ueberſetzung veranſtalten werden. Drum⸗ mond vetſammelte alle Kaufleute des Hongs bei ſich, und, um die Sache feierlicher zu machen, berief er die Mitglieder des engeren Ausſchuſſes der engliſchen Faetorei, welche aus Sir George Hauton, und den Herten Pattle und Roberts beſtanden. Die Ge⸗ genwart des erſten Kaufmauns des Hongs, Pangui⸗ gua, war bei die ſer Verſammlung unumgaͤnglich noth⸗ wendig, da er das Organ der Kaufmannſchaft iſt. Als ein Mann, deſſen Vermoͤgen man auf ſechs Millionen Miaſter ſchaͤtzte, mußte er bei ſeinem Chef, dem Zoll⸗ direetor, ſehr großen Einſtuß haben. Sein Charakter war uͤbrigens aus Dummheit, Eitelkeit und Haß ge⸗ gen Süropaer zuſammengeſetzt. Drummond be⸗ fuͤrchtete mit Recht, daß er ſich nicht gerne mit die⸗ ſer Sache befaſſen wuͤrde. Obgleich Drummond in einem perſoͤnlichen Beſuche ihn einlud, zu erſcheinen, ſo kam Panquiqua dennoch nicht zur Zuſammen⸗ kunft, nachdem er dem Britten noch Vorwuͤrfe ge⸗ macht hatte, daß er ſich mit ſo vielem Ernſte für eine Sache intereſſire, die ihn nichts anginge und welche nur Unannehmlichkeiten nach ſich ziehen koͤnnte. Nachdem Drummond den Anweſenden den In⸗ halt des Briefes Kruſenſterns verſtaͤndlich gemacht hatte, ſo gab er ihn an den zweiten Kaufmann des Hongs, Mowqua, damit dieſer ihn dem Hoppo zu⸗ ſiellen mochte. Mowaua, durch die Abweſenheit 67 Panquigqua's ſchuͤchtern gemacht, nahm den Vrief ſehr ungerne entgegen. Er brachte ihn auch den fol⸗ genden Morgen unter dem Vorwande zuruͤck, er koönne nicht abgegeben werden, weil er Ausdruͤcke enthielte, die ein chineſiſcher Staatsbeamte zu hoͤren nicht ge⸗ wohnt ſey; ſtatt deſſelben hatte er einen andern, nichts als erniedrigende Ausdruͤcke enthaltenden, Brief auf⸗ geſetzt, und verlangte, daß die Capitaine Kruſen⸗ ſtern und Liſianskoy ihn unterſchreiben ſollten. Dieſes geſchah natuͤrlich nicht. Indeſſen rieth Drum⸗ mond Kruſenſtern, einen ganz kurzen Brief zu ſchreiben, in welchem nur die ſchaͤdlichen Folgen, die fuͤr die Ruſſen aus dieſem Aufenthalte entſtehen koͤnnten, vorgeſtellt werden ſollten, und worin Kru⸗ ſenſtern aus dieſer Urſache um eine ſchleunige Ab⸗ reiſe bat. Kruſenſtern ſetzte einen ſolchen Brief auf. Da er nur aus einigen Zeilen beſtand, ſo hatten die Kaufleute gegen den Inhalt deſſelben nichts einzu⸗ wenden. Es fand ſich indeß, daß noch eine Veraͤnde⸗ rung mit dem Briefe gemacht werden mußte, und wie man Kruſenſtern ſagte, geſchah dieſes auf beſon⸗ deres Verlangen des Hoppo. Sie war von gar keiner Bedeutung, charakteriſirt aber die Denkungsart und die Kenntniſſe ſelbſt der vornehmſten Chineſen. Drummond hatte den Kaufleuten verſprochen, Briefe, die aus Peking an Kruſenſtern kommen wuͤrden, in Empfang zu nehmen und nach Nußland in befoͤrdern. Jetzt verlangten ſie, daß in dem Briefe 68 geſagt werden ſollte, Rußland und England han⸗ delten mit einander; denn waͤre das nicht, wie ſollte wohl Drummond Briefe nach Rußland ſchicken? und würde er uͤberhaupt einen ſolchen Auftrag auf ſich nehmen, wenn nicht Handelsverhaͤltniſſe Eng⸗ land mit Rußland verbaͤnden? Es half nichts, daß Kruſenſtern verſicherte, man daͤchte in Eu⸗ ropa liberaler, als in China der Fall zu ſeyn ſchien, und daß ſelbſt, wenn Rußland und England in „Krieg verwickelt waͤre, Drummond deſſen unge⸗ achtet ſeine Briefe nach Rußland befoͤrdern wuͤrde; auch waͤre es nicht nothwendig, um eine Gelegenheit zu haben, Briefe nach Rußland zu ſchicken, daß England und Rußland mit einander handelten. Dieſer Zuſatz im Briefe wurde, aller Bemerkungen Kruſenſtern's ungeachtet, unumgaͤnglich notbwen⸗ dig gefunden, und Kruſenſtern erhielt die Verſiche⸗ rung, daß wenn er ſeinen Brief auf dieſe Art einklei⸗ dete, die Erlaubniß abzuſegeln, ſogleich erfolgen würde. Auch die ſehr hohe oder die noͤrdliche Lage von Ruß⸗ land mußte in dem Brief erwaͤhnt werden, um dem Vieekönig begreiflich zu machen, daß die Navigation des baltiſchen Meeres des Eiſes wegen im Winter aufhoͤre; ein wichtiger Grund, bald aus China abſe⸗ geln zu muͤſſen, um noch vor Eintritt des Winters in Rußland einzutreffen. Kruſenſteru ſtand nicht an, den Brief ihren Wuͤnſchen gemaͤß alſo abzufaſſen: „Nachbem wir alle unſere Geſchaͤfte hier beendigt, und 69 zum Abſegeln ganz fertig ſind, erfahren wir durch un⸗ ſeren Sicherheits⸗Kaufmann, daß Ew. Epcellenz un⸗ ſern Schißen nicht erlauben wollen, von hier abzuſe⸗ geln. Wir haben die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß, da Rußland ſehr hoch oben in Norden iſt, der geringſte Aufenthalt hier die Folge haben kann, daß wir in dis⸗ ſem Jahre nicht mehr den Drt unſerer Beſtimmung erreichen, und wir erſuchen Sie daher, ſobald als moͤglich uns den Paß zur Abreiſe zuſtellen zu laſſen. Sollten Briefe aus Peking fuͤr uns hier eingehen, ſo wird, da England und Rußland in Handels⸗ verhaͤltniſſen mit einander ſtehen, Herr Drummond⸗ Proſident der engliſchen Faetorei in Kanton, dieſe Briefe in Empfang nehmen, und ſie nach Rußland befoͤrdern. Wir haben die Ehre u. ſ. w.“ Sechs Tage waren verſtoſſen und noch war keine Antwort auf dieſen Brief erfolgt. Kruſenſtern bat daher Drummond, die Kaufleute des Hongs wieder zu verſammeln, und durch ſie eine Antwort bei dem Statthalter zu fordern. Drummond war ſo guͤtig, ſeinen Wunſch zu erfuͤllen, und alle Kaufleute, ſeibſt Panquiqua, erſchienen zur beſtimmten Stunde. Auch die Mitglteder des engeren Ausſchuſſes der eng⸗ liſchen Factorei waren wieder zugegen. Nachdem Drummond von neuem ihnen das ungerechte Ver⸗ fahren in Betracht der Ruſſen vorgeſtellt hatte, ver⸗ langte er in einem ſehr entſchicdenen Tone, daß der ganze Hong zum Hoppo gehen ſollte, ihm eine ernß⸗ liche Vorſtellung uͤber die Angelegenheit der Ruſ— ſen zu machen, da man keinen einzigen guͤltigen Grund anfuͤhren koͤnnte, ihnen die Erlaubniß zur Ab⸗ reiſe zu verſagen. Panquſqun wandte ein, die Sache muͤſſe nicht foreirt werden.„Es iſt gebraͤuch⸗ lich,“ ſagte er,„daß ſowohl der Hoppo, als auch der Statthalter, jeder 3 Tage eine Sache bei ſich behalten, ehe ſie einen Beſchluß faſſen, und man thate daher beſſer zu warten.“ Deſſen ungeachtet wurde zuletzt beſchloſſen, daß die Kaufleute des Hongs, mit Pan⸗ auigug an ihrer Spitze, den folgenden Morgen zum Hoppo gehen ſollten, um die Erlaubniß zum Abſegeln auszuwirken; im Fale er ſich aber entſchuldigen wuͤtde, vom Statthalter noch keine Antwort erhalten zu ha⸗ ben, ſo ſollten ſie zu dieſem gehen; ihm vorſtellen, wie nothwendig ein baldiger Entſchluß waͤre, und ſollte er ihnen keine entſcheidende Antwort geben, ſogleich eine Audienz bei ihm fuͤr Kruſenßern verlangen. Dieſer ernſtlich gefatte Entſchluß hatte die veſte Wir⸗ kung. Der Hoppo hatte kaum die Vorſtellung des Hongs angehoͤrt, ſo gab er auch ſogleich Befehl, daß das Boot mit den letzten Sachen der Ruſſen abge⸗ fertigt werden moͤchte, mit der Verſicherung, daß die Ruſſen ſehr bald ihren Paß zur Abreiſe bekommen ſollten. Er kam ſogar nach einigen Tagen an Bord der Nadeſhda, und ließ ſich nach Kruſenſtern erkundigen; da dieſer nicht an Bord war, ſo machte ihm Capitain Liſianskoy die Viſite in ſeinem Boote. 71 In ſeiner Untersedung mit dem Hoppo, ſchien dieſer ſogar jetzt zu wuͤnſchen, daß die beiden ruſſiſchen Schiffe hald abſegeln moͤchten, und verſprach mit Gewißheit, den Paß hierzu nach zwei Tagen zu ſchicken. Er hielt auch hierin ſein Wort. Der zuverſichtliche, dreiſte Ton der Forderungen der ruſſiſchen Capitaine, ſo wie das Intereſſe, welches die engliſche Faetorei fuͤr ſie bewies, trus wohl ſehr wiel dazu bei, den neuen Statthalter zu bewegen, ſei⸗ nen gegebenen Befehl, die ruſſiſchen Schiffe nicht ab⸗ ſegeln zu laſſen, zuruͤckzunehmen. Unſtreitig war zu dieſem Verfahren kein Befehl aus Peking gegeben worden; denn waͤre dieß der Fall geweſen, ſo wuͤrden wohl alle Vorſtellungen, welche alle dagegen haͤtten ma⸗ chen wollen, nichts geholfen haben. Der erſte Beſehl⸗ die ruſſiſchen Schiffe anzuhalten, ruͤhrte von dem abgelö⸗ ſten Statthalter her. Er war eben auf einer Reiſe in ſeiner Provinz abweſend, als er die Nachricht erhielt, ſein Nachfolger waͤre ſchon auf der Reiſe mach Kan⸗ ton. Gerade zu dieſer Zeit ſchickte er den Befehl nach Kanton, die ruſſiſchen Schiffe bis auf weitern Be⸗ fehl nicht abſegeln zu laſſen. Es iſt daher nicht un⸗ moͤglich, daß der Statthalter, zu dieſer Zeit von dem Annaͤhern der ruſſiſchen Ambaſſade nach Peking be⸗ nachrichtigt, befurchtete, die Erlaubniß, welche er bei der Ankunft Kruſenſterns, den Handel zu beginnen, zu qͤbeteilt gegeben hätte, möchte ſeinem Herrn und Gebieter mißfallen haben, und daß er, um ſein Ver⸗ ſehen einiger Maßen wieder gut zu machen, beſchloß, die Schiffe fuͤrs Erſte am Abſegeln zu hindern.— Nur 24 Stunden laͤnger aufgehalten, und die Ruſſen jielen in die abſolute Gewalt der Chineſen, dieſer Barbaren, welchen eine unnuͤtze Schonung den Muth eingefloͤßt hat, die geſitteten Suropaͤer Barbaren zu nennen, und ſie als ſolche zu behandeln. Vier und zwanzig Stunden naͤmlich, nachdem KHruſenſtern mit ſeinen beiden Schiffen Whampoa verlaſſen hatte, kam ein ſehr ſtrenger Befehl aus Peking nach Cänt oln, die Schiffe anzuhalten. Haͤtte dieſer Be⸗ ſehl die ruſſiſchen Capitains noch getroffen, ſo wären ihre Schiffe wahrſcheinlich nicht nach Rußland zu⸗ rüͤckgekehrt; denn wenn auch genau das nicht der Sinn der Ordre aus Peking war, ſo waren bei der Volfuͤhrung des Befehls, die Schiffe mit Arreſt zu belegen, nicht fuͤglich Seenen zu vermeiden, die An⸗ laß zu ernſtlichen Thaͤtlichkeiren gegeben haͤtten. China hat das, wie es Kruſenſtorn ſchien, ſehr unverdiente Gluͤck gehabt, der Gegenſtand einer weit verbreiteten Lobpreiſung und großen Bewunde⸗ rung zu werden. Die Weisheit und tiefe Politik der Negierung, die hohe Moralitaͤt des Volkes, ſeine In⸗ duſtrie, ja ſogar die wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe dieſer Nation, ſind von den Jeſuiten in ihren Schriften über dieſes Land hoch geprieſen worden⸗ Vieles mag 1 Echima lobenswerth ſenn; die Weisheft der Re⸗ gtehung undidie Moralitat des Volkes ſind abtp, o 73 guͤnſtig und behutſam man guch urtheilen moͤchte, wohl mehr tadelns„ als lobenswerth. Die Reglerung iß⸗ wie bekannt, im ausgedehnteſten Verſtande despotiſch⸗ und eben deßwegen nicht immer weiſe. Ihr despo⸗ tiſcher Geiſt erßreckt ſich ſufenweiſe vom Throne bis auf die geringſten Regierungsbeamten. Das Volk ſeufzt unter dem Drucke dieſer niederen Tyrannen. Die Selbſterhaltung zwingt Viele, das moraliſche Ge⸗ fühl hauſig zu verlaͤugnen, und dadurch allein kann die ſittliche Verdorbenheit der Ch ineſen einigerma⸗ ben entſchuldigt werden. Allein der allgemein gedul⸗ dete Kindermord, der ſchamloſe Handel, welchen Ael⸗ tern mit ihren Toͤchtern treiben, nachdem ſie dieſelben blos zur Proſtitution erzogen haben, u. ſ. w.— That⸗ ſachen, welche ſelbſt von den groͤßten Lobrednern der Chineſen nicht gelaͤugnet werden koͤnnen, ſind nicht zu entſchuldigen! Auch uͤberzeugt man ſich, daß die chineſiſche Regierung, wenn gleich in ihren Geſetzen und Staatsmaximen einige glaͤnzende Punkte in ſin⸗ den ſind, welche einen vorthetlhaften Schein auf das Ganze werfen, dennoch keineswegs einen ſolchen Grad der Vollkommenheit erreicht hat, wie man es den Eu⸗ ropaͤern gerne hat glauben machen wollen. Wie laͤßt ſich auch einer Regierung Vollkommenbeit bei⸗ meſſen, welche unaufhoͤrliche Rebellonen im Lande duldet, wenn gleich dieſe Rebell vuen oft nur die Fol⸗ ge einer Hungersnoth ſiad. Dieſe Empoͤrungen allein beweiſen ſchon, zwie ehlephaft die Gineſſche Reuiz⸗ rung iſt. Nach ſo vielen grauſamen Erfahrungen, hat ſie noch kein kraͤftiges Mittel gefunden oder angewen⸗ det, um dieſem Uebel vorzubeugen. Die Gluͤckſeligkeit und Ruhe Chinas iſt nur ſcheinbar, und wir werden durch den Schein betrogen. Bei Kr uſenſtern's Anweſenheit waren ganze Provinzen in Empoͤrung be⸗ griffen; faſt das ganie ſuͤdliche China war unter den Waffen. Die Flotte der Rebellen allein beſtand, wfe man den Ruſſen verſicherte, aus 4000 Voͤten. In man verſicherte ihnen, es ſey in China eine eige⸗ ne Secte, oder eine verbundete Geſellſchaft, welche aus den Unzufriedenen aller Klaſſen beſteht, und ſich Si⸗ entie⸗hoe(Himmel und Erde) nennt. Neben die⸗ ſen Rebellen hat auch die Regierung die Seeraͤuber zu bekaͤmpfen. Der Kaiſer von China, als Kruſenſtern in dieſem Lande war, hieß Kia⸗King, und war der fuͤnfzehnte Sohn des verſtorbenen Kaiſers Kien⸗ long. Ohne Faͤhigkeiten, ohne Energie, ohne Vor⸗ liebe fuͤr Kenntniſſe und Wiſſenſchaften, ſoll er auch zu Grauſamkeiten, zum Lrunke und einem andern ſehr unnatuͤrlichen Laſter geneigt und ergeben ſeyn. Einige Male wurde der Verſuch gemacht, ihn um das Leben zu bringen. Selbſt die Vornehmſten ſeines Hofes und einige aus ſeiner eigenen Fumilie waren in einer die⸗ ſer Verſchwoͤrungen verwickelt. Der Zuſtand ſeines Volkes wuͤrde um Vieles ver⸗ beſſert werden, wenn die Statthalter und die niedern 1 Beamten dazu angehalten wuͤrden, daß ſie das Volk mehr in Schutz naͤhmen, und weniger Mißhandlungen desſelben zuließen. Barrow fuͤhrt mehrere empoͤren⸗ de Beiſpiele von der Haͤrte und oft graufamen Begeg⸗ nung an, welche das Volk von ſeinen Obern erdulden muß. Wie ſorglos und gleichguͤltig man gegen das Schickſal der aͤrmeren Klaſſen der Chineſen iſt, da⸗ von hatte Kruſenſtern mit den Seinen bei einer ſich ereignenden Feuersbrunß einen auffallenden Be⸗ weis. Den 43. Dezember asos entſtand in Canton am weßlichen Ufer des Tigris, der europaͤiſchen Factorei gegenuͤber, Feuer, welches mit großer Gewalt von s Uhr bis nach Mitternacht brannte. Hätte Drum⸗ mond nicht ſogleich Feuerſpritzen hingeſendet, ſo waͤre wahrſcheinlich die ganze Reihe von Gebaͤuden an die⸗ ſem Ufer ein Raub der Flamme geworden. Obhleich Feuerſchaden in Kanton ſehr gewoͤhnlich ſind, ſo werden dennoch gar keine Anſtalten zum Loͤſchen ge⸗ troffen. Feuerſpritzen ſind bei den Chineſen nicht gebraͤuchlich. Einige tauſend Menſchen verſammeln ſich, wenn Feuer entſteht, und machen einen entſetzli⸗ chen Laͤrm, ohne irgend eine wirkliche Huͤlfe zu lei⸗ ſten, oder auch nur dazu angehalten zu werden. Nur eine Klaſſe von Menſchen unterhaͤlt die Regierung, welche beim Feuerſchaden thaͤtig ſeyn muß. Man nennt ſie Bediente der Mandarine, deren Beſtimmung nur darin beſteht, zu verboͤten, daß die Straßen von 76 dem Zulaufe des Volkes nicht zu ſehr angefullt wer⸗ den. Weder der Vieekoͤnig noch die vornehmſten Be⸗ amten der Stadt ſind gegenwaͤrttg. Nur ein Manda⸗ rin von geringer Wuͤrde erſcheint dabei ſeiner Pflicht gemaͤß, und ſein Anſehen iſt von wenigem Gewichte. Auch kunn er den Maximen einer ſo despotiſchen Re⸗ gierung zufolge, kein Intereſſe dabei haben, ſelbſt die⸗ ſes ſein geringes Anſehen geltend zu machen; denn daß einige Tauſende zu Grunde gerichtet werden, in⸗ tereſſirt die Mandarinen nur in fo ferne, als weniger Subiecte uͤbrig bleiben, von denen man Geld erpreſſen kann. Eben ſo wenige Rettungsanſtalten trifft die Regierung bei den Typhons, die in jedem Jahre an den Kuͤſten von Ching haͤuſig wäthen. Einige Wochen vor der Ankunft Kruſenſtern's in Ma⸗ cao, waren in einem heftigen Typhon mehrere Tau⸗ ſend(man ſchaͤtzte die Anzahl derſelben ſogar auf 10000) auf dem Tigris umgekommen. Man ſprach deſſen ungeachtet kaum davon, obgleich noch kein Monat ſeit dieſer ſchrecklichen Begebenheit verfloſſen war, und wenn man davon ſprach, ſo geſchah dieß, als ob man von einer Begebenheit redete, welche zur Ordnung des Tages gehoͤrte. Canton iſt als eine große Handelsſtadt foͤ⸗ Fremde vorzuglich deßwegen intereſſant, weil man hier Wenſchen von faſt allen Nationen der Welt verſam⸗ melt ſieht. Außer Suropaern, aus allen Laͤndern Eutopas, findet man daſelbſt auch Eingeborne der 7½ meiſten Laͤnder des handelnden Aſiens, als: Ar⸗ menier, Hindoſtaner, Bengaleſen⸗ Par⸗ ſis u. a. m. Die meiſten von ihnen kommen zur See aus In dien nach Canton, und kehren auch auf dieſe Art wieder dahin zuruͤck. Nur der Handel der Englaͤnder und Ameri⸗ kaner iſt in China von einigem Belange. Eine Ladung Thee in Canton einzunehmen, iſt nie mit Schwierigkeiten verbunden. Da die Magatine der chineſiſchen Kaufleute mit dieſer Waare zum Ueberfiuß angefuͤllt ſind, ſo verhandeln ſie den Thee nicht nur zu einem billigen Preiſe, ſondern nehmen auch die Waare des Verkaͤufers dagegen zu einem viel hoͤhern Preiſe an. Nankin und Seide ſieht man in Canton nicht als Wagre, ſondern als baares Geld an, und fuͤt baares Geld kauft der Kaufmann nicht gerne. Von den verſchiedenen Gattungen Thee fuͤhren die Ame⸗ rikaner, und eben ſo die Englaͤnder die feinen nur in ſehr geringer Quantitaͤt aus. Es gibt im Han⸗ del keine Wechſel, wie in Suropa, folglich auch keine Geſetze, welche Wechſelzahlungen betreffen. Ue⸗ berhaupt ereignet es ſich ſehr ſelten, daß ein Chine⸗ ſe dem andern Geld leihen ſollte. In einem Lande, wo Reichthum ſeinen Beſitzer leicht unglücklich ma⸗ chen kann, iſt man nicht geneigt, den Zuſtand ſeines Vermoͤgens bekannt werden zu laſſen. Alle Handwerker ſind durch Geſellſchaften verbun⸗ den und haben ihre Aelteſten. In Canton haben 78 die verſchiedenen Zuͤnfte ſogar ihre eigenen Straßen, Straßen, z. B. die nur von Schneidern, Schuſtern, u. ſ. w. bewohnt werden. Sie geben ihre eigenen Feſte, zu welchen gewoͤhnlich Komoͤdianten gemiethet werden, und es wird bekannt gemacht, daß an dem und dem Tage bei irgend einer Zunft Schauſpiel ſeyn wird, zu welchem Jedermann freien Zutritt hat. Der Landmann behauptet nach dem Kronbeamten und Gelehrten den naͤchſten Rang. Der Kaufmann, der Kuͤnſtler, der Handwerker ſtehen weit hinter ihm. Es gibt aber keine Gutsbeſitzer mit eigenen und be⸗ ſonderen Privilegien. Die außerordentliche Volksmenge macht, daß eine allgemeine Hungersnoth im Reiche ſich ſehr haͤufig ereignet. Daß die Chineſen todte Katzen, Hunde, Ratten und ſtinkendes Fleiſch eſſen, davon hatte Kruſenſtern mehrere Male ſich zu uͤberzeugen Gelegenheit. Auf dem Fluſſe Tigris, wie auf den übrigen Fluͤſſen, Kanaͤlen und Landſeen haben eine Menge Menſchen ganz auf Booten ihre Wohnung aufgeſchlagen. Der Fiſchfang iſt freigegeben. In ganz China machen Reiß und Fiſche die hauptſaͤchlichſte Nahrung aus; in den noͤrdlichen Pro⸗ vinzen wird auch Waizen gebaut. Rindfleiſch und Schaf⸗ fleiſch wird ſehr wenig verzehrt, deſto mehr aber Schwei⸗ nefleiſch, und beſonders in den ſuͤdlichen Provinzen. Der ſeiner Moralitaͤt wegen ſo ſehr geruͤhmte Chineſe ſieht den Kindermord eben ſo wenig fuͤr ein Latter an, als der Kannibalismus bei den, von Man⸗ 7 chen ſo hoch geprieſenen, Naturmenſchen auf den In⸗ ſeln des großen Deeans fuͤr abſcheulich gehalten wird. Bei Whampoa ſahen Kruſenſtern und die Sei⸗ nen haͤufig todte Kinder den Fluß herunter treiben. Es gibt in China keinen erblichen Adel. Der Rang eines Mandarinen wird, ſo wie alle offentlichen Aemter, nach dem Gutduͤnken des Kaiſers, oder der Miniſter ertheilt. In Japan iſt dieſes gerade das Gegentheil, wo alle oͤffentlichen Aemter erblich ſind. Doch ſollen in China die Abkoͤmmlinge des Confu⸗ eius einen gewiſſen Rang haben; auch ſoll der Kai⸗ ſer als unumſchraͤnkter Monarch erbliche Wuͤrden er⸗ theilen koͤnnen. Waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Canton ſah Kruſenſtern eine Art merkwüͤrdigen Menſchen, wel⸗ cher ſich taͤglich ſehen ließ, um die Sugenden eines Heiligen auszuuͤben. Seiner Abkunft nach war er ein Hindoſtaner, aus der Stadt Delhi gebuͤrtig, und gehoͤrte zu der Klaſſe von Menſchen, welche bei den Indianern Fakirs genannt werden. Sie wandern im Lande herum, und ziehen durch ihre ſcheinbare Froͤmmigkeit und durch Verachtung alles Irdiſchen anfaͤnglich die Aufmerkſamkeit und Bewunderung, und zuletzt die Verehrung des Volkes auf ſich. Seit iehn Jahren war dieſer Fakir auf Reiſen in dem oͤſtlichen Theile von Aſien, in Pegu, Siam, Cochinchina, Tonkin. Aus Tonkin war er im September des 80⁰ vyrigen Jahres nach Maeav gekommen. Bei ſeiner Ankunft wollte er auf keine Frage, die man ihm that, antworten, und wurde aus dieſer Urſache gebunden und in das Gefängniß geworfen. Nachdem er endlich fuͤnf Dage mit dem groͤßten Gleichmuthe Alles ertra⸗ gen hatte, was ihm nur Unangenehmes zugefuͤgt wor⸗ den war, ließ man ihn frei, worauf er nach Canton ging. Kruſenſtern ſah ihn in den Straßen mit langſamen Schritten umher gehen, oder an der Ecke irgend eines Hauſes Stunden lange ſtehen, von einem Haufen Zuſchauer umringt, und den beſtaͤndigen Spoͤt⸗ tereien wilder Knaben ausgeſetzt, die ihn kniffen, kratz⸗ ten, zupften, mit Apfelſinenſchalen warfen, ohne daß er daruͤber boͤſe wurde. Er theilte im Gegentheile Fruͤchte und ſogar Geid unter ſie aus. Die in Can⸗ ton wohnenden Muhamedaner, welche ihn fuͤn einen wirklichen Heiligen hielten und ihn mit der groͤhten Ehrerbietung behandelten, unterſtuͤtzten ihn mit Geld. Nach den von einem muhamedaniſchen Kauf⸗ manne an Kruſenſtern mitgetheilten Nachrichten, die uͤbrigens wohl uͤbertrieben ſeyn mochten, ſoll er nicht geringe Kenntniſſe beſitzen, die perſiſche und ara⸗ biſche Sprache mit Gelaͤufigkeit ſprechen, und in der ſagenannten Hofſprache von Dehli vorzuͤglich bewan⸗ dert ſeyn. Er beſuchte nur die hier wohnenden Mu⸗ bamedaner. Wenn er von Jemand zum Sitzen ge⸗ noͤthigt ward, ging er ſogleich fort, und kam nie wie⸗ der. Seit ſechs Jahren lebte er nur von Blättern 81 und Wurzeln. Jetzt aß er zwar Alles, aber mit der groͤßten Maͤßigkeit. Sein Lebensgrundſatz iſt vollkom⸗ mene Unabhaͤngigkeit, und ſein einziges Beſtreben be⸗ ſtand, wie er vorgab, in der Beherrſchung ſeiner Let⸗ denſchaften. Die Geduld zu verlieren und gereizt zu ſcheinen, wuͤrde er fuͤr das groͤßte Ungluck halten, das ihm widerfahren koͤnnte. Dennoch ſcheute er nicht nur keine Selegenheit, ſondern ſuchte ſie vielmehr, um ſeine Geduld auf die Probe zu ſetzen, und ertrug mit heldenmuͤthigem Stvictsmus alles Unangenehme, das ihm auch im reichlichen Maße zu Theil wurde. Wenn er auf einem Flecke ſand, ſo ſellte er eine vollkomme⸗ ne Bildſaͤule vvr. Er bewegte dann keinen Dheil ſei⸗ nes Koͤrpers, und verzog keine Miene, man mochte ihn ſchimpfen oder reizen, ſo viel man wollte. Nur die Augen ſchlug er nieder, wenn man ihn zu ſcharf anſah. Sum Bewundern ertrug er Hitze und Kälte. In den Monaten December und Januar iſt es in Canton ſehr kalt, und oft fällt das Thermometer unter den Gefrierpunkt. Dennoch ging er ohne die geringſte Bedeckung in den Straßen herum. Er war ein wohlgebauter Mann von mehr als mittlerer Grö⸗ ße, mit feurigem Auge und regelmaͤßigen Geſichtszuͤ⸗ gen. Seine Leibesfarbe war dunkelbraun, wie die Farbe der noͤrdlichen Hindoſtaner, und ſein ſchwar⸗ zes Haar ſtark gekraͤuſelt. Er ging vollkommen nackt. nur bing ein Stück grober grauer Leinewand von fei⸗ nen Huͤften auf die Waden herab. Der Erzaͤhlung 80. Sd. Reiſru um dir Welt. V. 4. 6 des Kruſenſtern's befreundeten, obenerwaͤhnten Muhamedaners zufolge, ſollte der Fakir nichts ſo ſehr vermeiden, als Aufmerkſamkeit zu erregen, und er hielt ſich deßwegen, da er allenthalben Aufmerkſam⸗ keit erregte, an keinem Drte lange auf, ſondern reiſte von einem Prte zum andern. Indeß moͤchte ſein taͤg⸗ liches Erſcheinen in den Straßen wohl einen deutli⸗ chen Beweis davon abgeben, daß dieſer Fakir, wie alle Religions⸗Poſſenreißer und Charletane, in der That den Zweck hatte, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu zie⸗ hen. Seine große Enthaltſamkeit und Entſagung phyſiſcher Genuͤſſe werden durch Genuͤſſe anderer Art orſetzt, worüber freilich nur der urtheilen kann, wel⸗ cher verſchrobenen Sinn dafuͤr hat, die aber doch fuͤr ſo einen Schwindelkopf große Reize haben moͤgen. Kruſenſtern war nicht wenig erſtaunt, als ihm bald darauf, nachdem er mit ſeinem Bekannten, den Muhamedaner, uͤber dieſen ſonderbaren Menſchen ſich unterhalten hatte, von ihm der Vorſchlag gemacht wurde, dieſen Heiligen mit ſich nach Rußland zu nehmen. Die Unkoſten ſeiner Reiſe wollte der Mu⸗ hamedaner in Gemein ſchaft mit ſeinen Religions⸗ Verwandten in Canton ihm abtragen, und er ſchien keinen Zweifel daran zu haben, daß der Fakir in Ruß⸗ land eine wichtige Rolle ſpielen wuͤrde. Auch war er nicht wenig daruͤber gekraͤnkt, als Kruſenſtern ihm ſeine Bitte gexadezu abſchlug. Den 9. Februar 1806 Morgens um 10 Uhr ſegel⸗ 83 ten die Nadeshda und die Newa von Wham⸗ poa. Im Falle einer Trennung mit der Newa hat⸗ te Kruſenſtern den Capitain Liſianskoy die In⸗ ſel St. Helena zum Vereinigungsorte beſtimmt. Er ſetzte voraus, daß die politiſchen Veraͤnderungen in Suropa, die man bei der Ankunft in St. Helena, oder vielleicht fruͤher, von einem aus Europa kom⸗ menden Schiffe erfahren wuͤrde, es nothwendig ma⸗ chen koͤnnten, zur gegenſeitigen Sicherheit zuſammen zu bleiben, und daß man ſich in dieſer Hinſicht nicht uͤbereilen duͤrfte. Den 10. Februar ſegelten beide Schiffe die Boe⸗ ca Tigris und gingen am Eingange der ſogenaun⸗ ten Anſons⸗Bai vor Anker, wo ſie zwei engliſche Kriegsſchiffe antrafen. Mit leichtem Winde aus NNW. ſegelten ſie am 11. Februar Morgens von Anſons⸗ Bai und gingen des Abends nicht weit vor der Inſel Linting vor Anker. Den folgenden Motgen gingen ſie in der Frühe mit einem friſchen Oſwinde unter Segel. um Uhr paſſirten ſie Maeav. Um 10 Uhr lag ihnen die kleine Inſel Potve im Suͤden. Um 10 ½ Uhr, da ihm die Inſel Potve genau im Oſten lag, nahm Kruſenſtern ſeinen Lauf Suͤd und SDaOſt. Dieſer Curs ſollte ihn auf die Mackles⸗ field⸗Bank bringen, auf welcher er ſondiren wollte. Den 15. Februar um 9 Uhr Abends, im 160 o2* und 245 26“, fand er ss Faden, uͤber einem Boden von feinem Sande, und Morgens um 4 Ubr, in 18“ 34 40* und 246 68“, ss Faden, uͤber einem Boden von Sand und Muſcheln; dieß ſchien ihm die weſtliche Grenze der Maklesfield⸗Untiefe zu ſeyn, wo er 24se 20“ fuͤr die oͤſtliche Grenze hielt. Die wahre Ge⸗ falt und die Ansdehnung dieſer Untiefe iſt indeß im⸗ mer noch nicht mit aller Genauigkeit beſtimmt. Die Mittagsbeobachtungen am 16. Februar, in 13 23 N. und 2460 24“ so“ W., zeigten einen Strom von 14 Meilen dirert nach Norden an, obgleich dieſer ganz der gewoͤhnlichen Regel des Nordoſt⸗ Monſvons entgegen iſt. Vielleicht nehmen die Stroͤmungen auf der Maklesfield⸗Bank immer eine entgegengeſetzte Richtung? Doch hatten die beobachtenden Ruſſen auch am folgenden Tage einen Strom von drei Mei⸗ len nach Norden, und a2 nach Weſten, obgleich der Wind friſch aus ND. wehete. Den as. Februar um 6 Uhr Abends veraͤndert Fruſenſtern ſeinen Lauf von SSW. zu SWW. um zwiſchen Poolo Sapata und dem Andrada⸗ Felſen zu ſegeln, welcher letztere nach Dalrymple's Kurte des chineſiſchen Meeres 60 Metlen in Oſßten von Poolv Sapata liegt. Um 5 Uhr Morgens des andern Tages ſteuerte er SWW. Den Strom fand er Mittags SW. 18 Meilen. Obgleich er Poo⸗ lo Sapata nicht geſehn hatte, und man es in die⸗ ſem Falle fuͤr rathſam haltet, Poolo Condors zu ſehen, ſo hielt er dieß nicht fur noͤthig, und nahm ſeinen Lauf direct auf Poolo Timvan zu. 85 Den 23 Februar zeigte ſich bei Tagesaubruche Pyolo Timvan in SWS. Der Pik auf der In⸗ ſel aber war nicht zu ſehen. Um 9 Uhr ſahen Kru⸗ ſenſtern und die Seinen auch die Inſeln Pambe⸗ lang(auch Pißang genannt) und Wawoor in S W. um s Uhr Abends nahmen ſie ihren Lauf SSH. auf Paolo Totty⸗ Bei Tagesanbruch ſahen ſie vier Schiffe, die ſie auch ſchon am vorhergehenden Tage geſehen hatten; ſie ſchienen nach der Straße Malaeea iu gehen. Abends um 6 Uhr veraͤnderte Kruſenſtern den Curs zu SD., um die Doggers⸗Bank waͤhrend der Nacht in einer großeren Entfernung zu umſegeln. Um 2 Uhr jn der Nacht rechnete er ſich in der Parallele dieſer Untiefe, die, nachdem auf dem engliſchen Schiffe Ganges gemachten Beobachtungen im 0* 37“ noördl. Breite und 254 zo“ weſtl. Laͤnge liegt. Der Strom hatte aber ihn, den Mittagsbeobachtungen zufolge, 1 ½ Meile die Straße nach Suͤden und etwas oͤſtlich getrieben. Er ſteuerte jetzt SO. und S. Den 24. Februar durchſchnitt er mit ſeinen Schiffen um 6 ubr Vormittags die Linie in 283* so“ der Laͤnge. Kurz vor Mittag ſah er Pooly Totty in SW. und um Uhr Poolo Dyean. Von Mittags bis 3 Uhr war ſein Curs SWS., dann aber ſteuerte er SW., um noch vor Abend die Nordſpitze von Banka zu erbli⸗ cken, die er auch um s Uhr im Süden ſah. Er aͤn⸗ derte jett ſeinen Lauf nach SH.; der Wind war ſebr 86 ſchwach. Das Waſſer hatte an manchen Stellen eine gelbe Farbe; an andern ſab man helles Waſſer, und gerade laufende Linien von Fiſchlaich. Genau das Naͤmliche hatte auch Capitain Leſtock Wilſon hier bemerkt. Die Ruſſen fanden aber faſt gar keine Veraͤnderungen in der Tiefe des Waſſers. Da der Strom ſtark nach Suͤden zog, ſo ſteuerte Kruſen⸗ ſtern unter geringen Segeln waͤhrend der Nacht SD., fand aber zu ſeinem Erſtaunen am folgenden Morgen⸗ daß er ihn nicht im geringſten nach Suͤden gefuͤhrt hatte. Wahrſcheinlich iſt dieß einem Wechſel von Ebbe und Fluth zuzuſchreiben. Um 6 Uhr Morgens lag den Schiffen eine hervorragende Spitze auf der Inſel Banka in Weſten und zu gleicher Zeit eine andere in SW. 200. Anfangs hielt Kruſenſtern die letz⸗ rere fuͤr das Oſt⸗Cap von Banka, erkannte aber bald ſeinen Irrthum, und fand, daß es die Spitze war, welche Wilſon Bluff⸗Point hieß. Suͤdlich von dieſer Spitze iſt Cap Breakers. Zwiſchen beiden liegt eine tiefe Einbucht; denn man konnte dort kein Land ſehen. Das Land verlor ſich auf beiden Seiten in Niederungen, und vor dem ſuͤdlichen Cap liegt, we⸗ nigſtens dem Anſcheine nach, eine Inſel, obgleich es nicht unmoͤglich iſt, daß auch dieſe ſcheinbare Inſel zum feſten Lande geboͤrt. Kruſenſtern beobachtete um Mittag in 2 o3“ 30“ S., und da er ſich in einer hinlanglichen Entfernung von dem Felſen ſchaͤtzte, den die franzoͤßiſchen Schife le Maſearin 1776 und le 87 Solide 4192 geſeben hatten, ſo nahm er ſetzt ſeinen Lauf auf die Dſtſpitze von Banka, ſo lange bis die Inſel Gaspar in Oſten lag. Man hat alsdann die ſich in N. und in NW. von Gaspar befindenden Gefahren vermieden⸗ und kann ſeinen Lauf zwiſchen der Oſtſpitze der Inſel Ban ka und der Felſen⸗Intel nehmen, welche auf brittiſchen Karten Tree⸗ Iſland⸗ oder Baum⸗Inſel⸗ einiger ſich auszeichnender Baͤu⸗ me wegen, genannt wird, welche aber Fleurien wegen ihrer Aehnlichkeit Rocher navite(Felſen⸗ ſchiff) genannt wiſſen will, um ſo mehr⸗ da die weni⸗ gen Baͤume, die dieſem Eilande den Namen gaben, leicht verſchwinden koͤnnen und folglich die Beneunung Vaum⸗Inſel nicht mehr paſſend ſeyn würde. Abends o Uhr lag Kruſen ſtern die Pſiſpitze von Banka in Weſten. Er ſeuerte jest Suͤd. Bei Anbruch des Tages, am 27. Februar, hob er ſeinen Anker, und ſegelte durch die Straße Gaspar⸗ zwi⸗ ſchen der Sädoſt⸗Spitze von Bankg, und der Mit⸗ tel⸗ oder Pafſage⸗Inſel⸗ Pbgleich ſich ein Riff bis auf 31 Meile von der Suͤdoſt-Spitze erſtreckt, ſo konnte er doch nicht das Geringſte davon wahrnehmen; wahrſcheinlich hatte es die hohe Fluth bedeckt. Einen ſüͤdweſtlichen Curs jetzt ſeuernd, um die Kuͤſte von Sumatra zu gewinnen, hatte er in der Nacht einen Gewitterſturm mit ſtarkem Regen⸗ Bei Tages⸗An⸗ bruch ſah er vier Schiffe; wahrſcheinlich waren es die näͤmlichen, welche er bei Poolo Wawoor geſehen 8⁸ hatte, und welche durch die Straße Banka geſegelt ſeyn mußten. Kruſenſtern hatte die Straße Gaspar ge⸗ wählt, weil ſie ihm viele Vorzuͤge von der von Ban⸗ ka zu haben ſcheint, wiewohl ſie nur ſelten befahren wird. Kruſenſtern rechnete zu dieſen Vorzuͤgen: man ankert in der Straße Gaspar hoͤchſtens nur ein⸗ mal; die Stroͤmungen ſind nicht, wie in der von Banka ſark und unregelmaͤßig; auch das Klima iſt nicht ſo ungeſund, u. ſ. w. Kruſenſtern hatte bei ſeiner Abfahrt von China 46 Kranke, welche ein Drittel der ganzen Mannſchaft ausmachten. Die Na⸗ vigation durch die Straße Banka legt gewoͤhnlich den Grund zu den Krankheiten, Helche in der Straße Sunda toͤdtlich werden. Er vermied daher, ſeine Leute nicht noch mehrern Krankheiten auszuſetzen.— nebrigens geſundeten die 16 Kranke waͤhrend der Fahrt durch das chineſiſche Meer. Um 10 Uhr ſah Kruſenſtern die flache Kuͤſte von Sumatra von NW. 60o bis SW. s6o. Er bielt ſich bei einem SSW.⸗Curs in der Tiefe von 10— 12 Faden, als plotzlich die Tiefe bis auf 6 Faden abzunehmen anfing, und dieſes ihn ſchon befuͤrchten ließ, auf eine unbekannte Untiefe gerathen zu ſeyn. Ein oͤſtlicher Lauf brachte die Schiffe jedoch wieder in tiefes Waſſer. Nach einer Stunde geriethen dieſe in⸗ deß abermal in 7—6½ Faden, und waren zum zweiten Wale gezwungen, einen ganz oͤſtlichen Curs zu neh⸗ 89 men. Hieraus ſcheint zu folgen, daß, wenn bei dem heiterſten Wetter die Kuͤſte von Sumatra ſelbſt von der Spitze des Maſtes geſchen worden iſt, der Lauf auf die Paſſage zwiſchen den Inſeln, die beiden Schweſtern(von den Franzoſen) oder Bruͤder (von den Britten genannt), und der Küſte von Sumatra nicht weſtlich von Suͤden ſeyn muß. Kru⸗ ſenſtern hatte hier einen ſtarken Strom nach Oſten vermuthet, und dieß ließ ihn waͤhrend der Nacht einen zu weſtlichen Lauf nehmen; die Mittagsbeobachtungen zeigten aber einen Strom in einer direeten Südrich⸗ tung, 28 Meilen in 24 Stunden, an. Um 1 Uhr ſah man die beiden Schweſtern oder beiden Bruͤ⸗ der von der Spitze des Maſtes in SSW. um s Uhr, als ſich die beiden Schiffe in der Mitte des engen Durchganges zwiſchen dieſen beiden Etlanden und dem Shabunder⸗Riff, an der Kuͤſte von Sumatra⸗ befanden, umwoͤlkte ſich der Himmel und man hatte ſtarkes Gewitter mit Regen. Um Uhr lagen die beiden Schweſtern oder Bruͤder in Oſten, in⸗ einer Entfernung von anderthalb Meilen. Gerade in dieſem Augenblicke hatte man einen ziemlich heftigen Windſtoß, auf welchen bald eine Windſtille folgte, die anhaltend zu ſeyn ſchien. Kruſenſtern gab das Signal zum Ankern, und um halb 10 Uhr ließen die Schiffe ihre Anker fallen. Die beiden Schwe⸗ ſtern oder beiden Bruͤder lagen ihnen dann in NONiO. · 90 Sechstes Buch. Mit einem friſchen Winde aus WNW. und truͤben Wetter gingen Kruſenſterns Schiffe mit Anbruch des Tages, am 1. Maͤrz, unter Segel. Kruſen⸗ ſern ſteuerte SSW. und SWS., um ſich ſo nahe, als moͤglich an der Küſte von Sumatra zu halten, da er ſich für die Durchfahrt zwiſchen den Zutphen⸗ In ſeln und dem Strom⸗Felſen beſtimmt hatte, die ihm Vorzuge vor der zwiſchen der Kuͤſte von Ja⸗ va und der Inſel Quer im Wege(Twart the waj) zu haben ſchien. Um Mittag ſah man Cap St. Nicolaus auf der Inſel Java, die Nord⸗In⸗ ſel, die Inſel Button. Um 1 Uhr Mittags wurde der Wind ſchwach. Zu gleicher Zeit aͤnderte ſich die Richtung der Fluth, welche bis jetzt nach Suͤden ge⸗ gangen war und nun die Schiffe ſtark nach Norden trieb. Dieß noͤthigte Kruſenſtern, um 2 Uhr in 24 Faden den Anker fallen zu laſſen, in einer Entfer⸗ nung von 3 Meilen von der Nord⸗Inſel. Den folgenden Tag war der Wind ſuͤdlich und ſchwach, das Wetter außerordentlich heiß. Kruſen⸗ ſtern blieb daher den ganzen Tag vor Anker. Den 3. Maͤrz wehte in der Fruͤhe ein friſcher Wind aus NW. Kruſenſtern gab ſogleich das Signal, die Anker zu heben; aber kaum waren beide Schiffe unter Segel, ſo ging der Wind nach Suͤden herum, und wehte ——————— 91 ſchwach, bald aus SO., bald aus SW. Da indeß der Strom ſtark nach Suͤden ging, ſo hielt es der Ca⸗ pitain noch nicht fuͤr unmoͤglich, herauszulaviren. Auch konnte ſich Kruſenſtern nicht leicht entſchlieſ⸗ ſen, den Anker auf eine Tiefe von beinahe 30 Faden fallen zu laſſen, wie es die Newa hatte ſchon thun muͤſſen. Gegen 10 Uhr wurde der Wind friſch aus SW. Mit Huͤlfe dieſes friſchen Windes und der ſtarken ſuͤdlichen Fluth, lavirte Kruſenſtern zwi⸗ ſchen den Zutphen⸗Inſeln und dem Strom⸗ Felſen, der genau in der Mitte des Durchgangs zwi⸗ ſchen Sumatra und der Inſel Duer im Wege liegt. Die Fluth half ihm ſchnell durch, und bald nach Mittas hatte er den Strom⸗Felſen ſchon im Korden. Die Fluth nach SW. hielt bis 4 Uhr an und wendete ſich dann nach ND. Da es Kruſenſtern fuͤr Pflicht hielt, auf die Newa zu warten, ſo ging er zwiſchen den Inſeln Cracatva und Tamaria vor Anker. Um 10 Uhr Morgens des folgenden Ta⸗ ges erhob ſich ein ſchwacher Wind aus NW., mit dem er ſogleich unter Segel ging, in der gewiſſen Hoff⸗ nung, daß die Newa dieſen Wind benuͤtzen wuͤrde. Sie hatte aber wahrſcheinlich einen andern Wind, und Kruſenſtern ſah ſich gezwungen, da ſie ſich nicht zeigte, auch dieſe Nacht vor Anker zu geben. Um7 Uhr ließ er daher an der oͤſtlichen Seite von Craca⸗ toa ſeine Anker fallen. Den 4. Maͤri Morgens aing 92. er um s/ Uhr unter Segel. Da der Wind friſch, anhaltend zu ſeyn ſchien, ſo beſchloß er, zwiſchen ge⸗ nannter Inſel und der Prinzen⸗Inſel zu ſegeln; eine Durchfahrt, die unter den Umſtaͤnden eines fri⸗ ſchen Nordwindes, der Fahrt zwiſchen Java und der Prinzen⸗Inſel ſehr vorzuziehen iſt. Bei Ta⸗ gesanbruch ſah Kruſenſtern die Newa in SO. ſehr weit unter dem Winde. Da es ihr nicht moͤglich ſeyn konnte, der Nadeſhda zu ſolgen, ſo gab er ſein Vorhaben auf, um eine Trennuns beider Schiffe zu verhuͤten, und nahm ſeinen Laufzwiſchen der Prin⸗ ten⸗Inſel und der Kuͤſte von Java. Um s Ubr ward eine vollkommene Windſtille. Die Lage der Na⸗ deſhda war ſehr mißlich, denn ſie befand ſich genau zwiſchen den Felſen, die an der Suͤdſpitze der Prin⸗ zen⸗Inſel liegen und einem andern an der Kuͤſte der Inſel Java, der Moͤnch(Friar) genannt. Von em Moͤnch erſtreckten ſich nach Suͤden noch eine Menge großer Felſen, in deren Naͤhe nirgends Anker⸗ grund zu ſinden iſt, und auf dteſe Felſen trieb die Fluth das Schiff. Kruſenſtern ließ zwei Boͤte binunter, die das Schiff ſo viel als moͤglich von den gefahrlichen Klippen abhalten ſollten, von denen es kaum noch etwas uͤber eine Meile entfernt war. Um o Uhr Abends wurden aber die Wellen ſo ſtark, daß das Bogſiren der Boͤte gar nichts half, und das Schiff merklich den Felſen zugetrieben ward. Kruſen⸗ ſtern fing ſchon an, fuͤr die Sicherheit der Nadefb⸗ 93 da zu fürchten. um 10 ½ Uhr erhob ſich indeß ein ſchwacher Wind aus Norden, der das Schiff der Ge⸗ fahr entriß, und um Mitternacht lag das Vorgebirge ron Java den Ruſſen in Oſten. Bei Tages⸗Anbruch vereinigte ſich die Nadesh⸗ da mit der Newa, welche ſo gluͤcklich war, noch vor dem Eintreten der Windſtille debouguirt zu ba⸗ pen. Gegen Abend verlor man die Kuͤſte von Java aus dem Geſichte. Kruſenſtern ſteuerte jetzt ſo ſuͤdlich, als es der Wind nur erlaubte, welcher aus W. und WSW. mit ſiarkem Regen friſch wehete. In der Nacht auf den 8. Maͤrz hatte man heftige, ſchnell aufeinander folgende Windſtoͤße, mit anhalten⸗ dem Regen. Um 4 Uhr Nachmittag deſſelben Tages machte die Newa das Zeichen, daß ſie Land in SOS. ſähe. Die Nadeshda ſah es zu eben der geit in SOO Es war die Weihnachts⸗Inſel. Den 11., 12. und 13. Maͤrz hatte man mehren⸗ tbeils Windſtille bei ſehr heißer, ſchwuͤler Luft. Dſe Windſtille dauerte bis jum 13. Maͤrz, mit ſchwachen Luftzügen aus Suͤden, abwechſelnd fort. Das Wet⸗ ter war ſehr heiß, die Luft ſchwul und ſehr druͤckend. Endlich entſand am 13. Morgens ein friſcher Wind aus SD. Am Abend hatte man heftige Windſtoͤße mit ſiarkem Regen. Nach dieſer Veränderung der Witterung konnte man darauf rechnen, den wahren Paſſat erhalten zu haben, der die Schiffe auch nicht verließb, und ſo ſtark webete, daß ſie ihre Marsſegel 94 oft doppelt reffen mußten. Der Curs Kruſen⸗ ſterns war SWW., WSW. und WS.. Den 27. Maͤrz um 2 Uhr Nachmittag durchſchnitt er den ſuͤd⸗ lichen Tropik in 2960 6s“ der Laͤnge. Den 16. April wehete der Wind ſark aus OSD. bei truͤbem, regneriſchen Wetter. Der Lauf der Na⸗ deshda betrug unter gerefften Marsſegel 9 und ot Knoten. Ungeachtet eines ſo guͤnſtigen Windes, mußte ſie von der Newa getrennt werden. Um 10 Uhr ſah man ſie von der Nadeshda aus bloß unter den Marsſegeln, in einer maͤßigen Entfernung gerade hin⸗ ter ſich. Das truͤbe Wetter verbarg ſie aber bald. Um 4 Uhr Nachmittag, als es helle ward, war die Newa ſelbſt nicht mehr von der Spitze des Maſtes der Nadeshda zu ſehen. Dbgleich dieſe ſehr viel ſchlechter als die Newa ſegelte, ſo ließ es ſich nicht denken, daß die Newa in dem kurzen Zeitraume von s Stunden mit wenigen Segeln an der Nadeshda vorbei und aus dem Geſichte geſegelt ſey. Die Sren⸗ nung der Newa von der Nadeshda konnte alſo nicht anders, als durch einen veraͤnderten, von dem ſehr verſchiedenen Curs geſchehen ſeyn, den die Na⸗ deshda um 10 Uhr ſteuerte, und dieſer war WN. Kruſenſtern hielt ihn bis 7 Uhr Abends bei, und ließ mehrere Kanonen als Signal abfeuern, und waͤh⸗ rend der Nacht alle 3 Stunden ein Weis⸗Feuer bren⸗ nen. Kruſenſtern erhielt aber keine Antwort, und die Trennung der Newa bis St. Helena, welches 95 als Stelldichein beſtimmt war, ſchien gewiß zu ſeyn. Am Mittage der Trennung befand ſich die Nadeshda in 34 3s“ der Breite, und 3340 28“ der Laͤnge. An dieſem Tage durchſchnitt ſie den z6oſten Grad des St. Petersburgiſchen Meridtans, und hatte folslich ihre Umſchiffung um die Erdkugel an dieſem Tage vol⸗ lendet. Den 19. April Morgens um 9 Uhr ſah Kruſen⸗ ſtern Land in NND. nach dem Kompaſſe, das Land batte das Anſehen einer Inſel; bald darauf zeigte ſich gebirgiges Land in NOD. Das weſtliche Land war das Vorgebirge der guten Hoffnung; das oͤslichſe Cap Falſo. Kruſenſtern umſchiffte das Vorgebirg der guten Hoffnung, ohne zu halten. Er ſprach einen aus Isle de Franes kommenden Amerikaner, der ihm aber keine Aus⸗ kunft uͤber die Escadre des franzöſiſchen Admirals Li⸗ nois, welche ſeit einiger Zeit in dieſem Gewaͤſſer kreuzte, geben konnte. Es zeigte ſich noch ein anderes Schiff, welches auch die amerikaniſche Flagge aufiog. Kruſenſtern nahm ſeinen Curs NNW. auf die Inſel St. Helena zu. Er hatte den wahren Paſ⸗ ſat. Den 26. April ſah man zwei Schiffe, das eine in NW., das andere in NO. Das erſtere wurde von vielen Schiffsleuten der Nadeshda als die Newa erkannt; da aber die Nadeshda viel ſchlechter ſe⸗ gelte, ſo verlor ſie die Newa aus dem Geſichte, und zwar ſehr bald. Auch an Bord der Newa hatten mehrere Ofſiziere die Nadeshda erkannt, und ver⸗ gebens eine Vereinigung gewuͤnſcht, wie nachmals Kruſenſtern erfuhr. Am 3 Mai Abends um s Uhr ſah Kruſenſtern die Inſel St. Helena in WMW. in einer Entfer⸗ nung von 40 Meilen. Er legte die Nacht bei, und bei Tages⸗Anbruche befand er ſich etwa 20 Meilen vom Lande. um o Ubr ſchickte er den Lieutenant Lö⸗ wenſtern an das Land, den Gouverneur von ſeiner Ankunft zu benachrichtigen. Bis 11 Uhr lavirte er unter geringen Segeln und folgte daun mit dem Schiff. Um halb 4 Uhr warf er in der Bai von St⸗ Helena die Anker, nach einer Fahrt von s6 Tagen von der Straſſe Sunda, und 72 Lagen von Maeav. Fruſenſtern fand die Newa hier nicht. Die Rhede war aͤußerſt leer an Schiffen, denn Po⸗ pham war eben mit einem Schiffsgeſchwader vos hier ausgelaufen Buenos Ayres amugreifen⸗ — (Fortſetzung folgt.)