% e⸗ 6 Laſchen⸗Bibliothek 5 der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Aegypten. WMit Landkarten, Planen, vttt und anderen Abbildungen. Verfaßt 5 von M e h d en und herausgegeben von Joachim Heinrich Jäck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. —————— MI. Theil. 3. Bänbchen. Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſricker. —————— — Der Generalin, Baronin von Minutoli Reiſe in Aegypten in den Jahren 1820, 1821 und 1822. Deutſch mitgetheilt von Fr. Joſeph Adolph Schneidawind. Erſtes Buch. S 7. September 1820, nach einer Reiſe von 3 Wochen, verkuͤndete man mir, daß wir uns Afri⸗ ka's Kuͤſte naherten. Auf dieſe Nachricht eilte ich auf das Verdeck; aber dieſes ſo erſehnte Land zeigte ſich dem Blicke nur wie eine duͤnne, am Rande des Ho⸗ rizonts ſchwebende Wolke. Nach und nach naͤherten wir uns demſelben immer mehr und mehr und allmaͤ⸗ lig konnte ich die einzelnen Gegenſtaͤnde unterſcheiden; links von der Stadt Alerandrien den Pallaſt und den Harem des Paſcha; rechts die Saͤule des Seve⸗ rus und einen der Obelisken, die ſogenannte Nadel der K Kleopatra.— Endlich langten wir in den Ha⸗ fen an, in dem ſich ein Wald von Maſten erbob, ge⸗ 244 ſchmuͤckt mit den Flaggen der verſchiedenen handel⸗ treibenden Nationen. Eine glaͤnzende Sonne beleuch⸗ tete gerade die fuͤr mich ſo neue und intereſſante Scene. Das Meer, in dem ſich der Himmel ſpiegelte, hatte deſſen liebliche azurblaue Farbe und bildete einen ein⸗ zigen Contraſt mit der ſchmutziggelben Farbe des oden ſandigen Ufers. Der franzoͤſiſche General⸗Conſul, Drovetti, ruhmlichſt bekannt in Europa durch ſeinen reinen Geſchmack, ſeinen unermuͤdlichen Eifer fuͤr die Wiſ⸗ ſenſchaften, ſeine zahlreichen Reiſen, ſeine gluͤcklichen Entdeckungen und ſeine liebreiche Gaſtfreundſchaft, hatte die Guͤte, meinen Gemahl und mich in ſeiner Wohnung aufzunehmen. Der Eindruck, den ich empfand, als ich zum er⸗ ſtenmale die Straſſen von Alexandrien durchwan⸗ derte, waͤre ſchwer zu beſchreiben. Ich beduͤrfte das Talent eines Hogarth, um die verſchiedenartigen Scenen dieſer laterna magica lebendig darzuſtellen. Welche Bewegung, welcher Tumult in den engen Straſſen, beſtaͤndig verſperrt durch eine unzahlige Menge von Kamelen, Maulthieren und Eſeln; das Geſchrei ihrer Fuͤhrer, die ohne Unterlaß die Voruͤber⸗ gehenden warnen, Acht zu haben auf ihre nackten Foͤße; die Ausrufungen und Fratzen der Gaukler; Tuͤrkiſche Beamte in ihrer glaͤnzenden Kleidung: die maleriſchen Gewaͤnder der Beduinen; der lange Batt, die ernſte und regelmaͤßige Geßtalt der Araberz —— 24⁵* hier und da nackte Santons⸗ welche das Volk um⸗ draͤngt; die Menge von Neger⸗Sklaven; dort laut heulende Weiber, die einen Leichenzug begleiten und wehklagend ſich das Haar ausraufen und die Bruſt zerſchlagen; nebenan das laͤrmende Geleite eines Hoch⸗ zeitzuges, unterbrochen von dem Geſang der muha⸗ medaniſchen Prieſter, welche von den hohen Minarets herab die Glaͤubigen zum Gebet rufen; endlich der zerreißende Anblick von Ungluͤcktichen, die vor Hunger und Elend umkommen, und die Schaaren herrenloſer Hunde, die einen verfolgen und beunruhigen; alles dies hemmte alle Augenblicke den Gang und feſſelte die Aufmerkſamkeit des erſtaunten Reiſenden. Am dritten Tage der Ankunft beſtieg ich S ancho Panſa's muthigen Renner, um meine Ausfläge und Beſichtigungen vorzunehmen. Ich beſah die beruͤhmte Saͤule des Severus oder des Pompeius, die Dbelisken u. a. Alterthuͤmer und Merkwuͤrdigkeiten mehr. Der Kanal von Mahmoudieh iſt eine der nuͤtzlichſten unternehmungen des jetzigen Paſcha; ſein Zweck iſt, die Handelsverbindung zwiſchen Aleran⸗ drien und Cairo zu erleichtern. Dieſer Kanal hat ſchon bedeutende Summen gekoſtet; 300,000 Menſchen waren daran beſchaͤftiget und nach2 Woñnien wab er ſo weit gediehen, wie man ihn gegenwaͤrtig ſieht. Wahrſcheinlich wird er aber nie beendet werden. Man hatte dieſes Werk auf Tuͤrkiſch begonnen, d. h ohne Huͤlfe eines geſchickten Ingenieurs. Viel Muͤhe und 5 246 Geld haͤtte man erſparen koͤnnen, wenn man den Ka⸗ nal in einer mehr geraden Linie angelegt und an vie⸗ len Stellen nicht ſo tief gegraben haͤtte. Die Folge war der große Nachtheil, daß unterirdiſche Quellen ſich mit dem Nil⸗Waſſer vermiſchten, wodurch das Waſſer im Kanal ſalzig und fuͤr die Bewohner von Alerandrien unbrauchbar wird. Das anfaͤngliche Projekt des Paſcha oder Vüekonigs, der die Idee zu dieſem Kanale angab, war ungeheuer und wuͤrdig des unternehmenden Geiſtes dieſes außerordentlichen Man⸗ nes. Es war die Aufgabe, dem Arm des Nils, der bei Roſette vorbeifließt, eine ganz andere Richtung zu geben und ihn nach Alexandrien zu leiten. Auf dieſe Art haͤtte der Nil auch zur Befeſtigung der Stadt dienen koͤnnen. 2 Fuͤr den geſellſchaftlichen umgang geſchieht in Alerandrien ſehr wenig und dies waͤre doch ſo leicht bei der Menge der hier wohnenden Europaer und den haͤufigen Reiſenden, wenn nur mehr Ein⸗ tracht unter den einzelnen Gliedern herrſchte; aber ſo viele verſchiedenen Intereſſen, verbunden mit der Kleinkaͤdterei einer Provinzial⸗Stadt, koͤnnen unmog⸗ lich den Aufenthalt ſehr reizend machen. Die entopaiſchen Kaufleute in Alexandrien klagen ſehr und mit Recht uͤber den gegenwaͤrtigen Stand der Dinge. Der Handel iſt vollig in den Hän⸗ den des Paſcha, der vielleicht darin nicht unreckt hat, indem er ſich dieſes Zweiges der Induſtie bemaͤchtigte, 247 der ſeinem Privat⸗Schatz unermeßliche Summen ein⸗ bringt. Eben hatte Phoͤbus, um mich poetiſch auszudruͤcken. auf ſeinem Sonnenwagen dahineilend, mit den erſten Strahlen die Erde begluͤckt, als eh aus Morpheus Armen erwachte, durch ein Getoͤſe von Lrommeln und Trompeten, vermiſcht mit durchdringendem Geſchrei und dem Bloͤcken von Rindern und von Zeit zu Zeit unterbrochen von einigen Kanonenſchuͤſſen.— Da ich mir dieſen ſchrecklichen Laͤrm nicht erklaͤren konnte, der immer zunahm und dem Vrauſen der Wogen eines empoͤrten Meeres glich, ſo eilte ich an das Fenſter, indem ich in dem erſten Augenblicke glaubte, es waͤre eine Empoͤrung ausgebrochen, und man kaͤme, um uns in unſerem fraͤnkiſchen Quartiere zu belagernz ein Ereigniß, was nicht ſelten im Drient iſt, wo die Gemuͤther ſo beweglich ſind und der Fanatismus ſo leicht zu entzuͤnden iſt.— Wie groß war mein Er⸗ ſtaunen, als ſch einen Trupp von 42 arabiſchen Muſi⸗ kanten erblickte, die vor dem Thore des Hotels ſitzend, ihr Moͤglichſtes thaten, um eine wahrhaft boͤlliſche Muſik hervorzubringen. Das Drcheſter beſtand aus einigen Clarinetten, Lrompeten, kleinen Pauken, Duerpfeifen, einer großen Trommel und einer Art von Sackpfeife.— Dieſe Virtuoſen gaben ſich alls Muͤhe, einer den andern zu uͤbertreffen und boten mir Gelegenheit dar, die Staͤrke der arabiſchen Lungen zu bewundern. Die Straße war gedraͤngt voll von Men⸗ 248 ſchen jeder Klaſſe und jeden Alters; und die Fenſter der benachbarten Haͤuſer waren beſetzt mit Damen, die eben ſo neugierig waren, wie ich, dieſe harmoniſchen Töne zu vernehmen. Meine Augen ſuchten eben die unſchuldigen Thiere, deren klaͤgliches Geſchrei ich ge⸗ hoͤrt hatte, als ein neues Bloͤcken, welches mitten aus dem Haufen der Mußikanten kam, mich zu meinem Erſtaunen einen Araber entdecken ließ, der ausgeruͤſtet mit einer Art großer Trompete, derſelben dieſe klaͤg⸗ lichen Toͤne entlockte. Man belehrte mich, daß dieſe herrliche Symphonie zu Ehren des Gedaͤchtnißtages des Kaiſers Aleran⸗ ders von Rußland gegeben worden waͤre, und daß der ruſſiſche Conſul, der in demſelben Hotel wohnte, dieſe Muſik angeordnet haͤtte. Sie dauerte einen gro⸗ ben Theil des Morgens hindurch. Ich hatte genug an dieſem Proͤbchen des Talents der Araber; und konnte ſehr leicht den Vorſatz faſſen, in Zukunft alle Conzerte dieſer Ration zu meiden. Mein Gemahl reiste, von einigen Dienern beglei⸗ tet, von Alexandrien ab, um einen Abſtecher nach der lobiſchen Wuͤſte zu machen und die Spuren des alten Cyrene aufzuſuchen; in einigen Monaten ſollte er mich dann in Cairo einholen. Ich verließ Aleran⸗ drien wenige Tage nach ſeiner Abreiſe und ſchiffte mich auf dem Kanal von Mahmoundieh ein. Die Boote, deren man ſich bedient, ſind geraͤumig, und ziemlich bequem. Die umgegend bietet nicht die ge⸗ 249 X 6 rinſte Annehmlichkeit dar; uͤberall duͤrre Sandhuͤgel⸗ die den Blick erwüden*). ⸗ Man mußte ſonſt die Wuͤſte durchwandern, um nach Roſette zu kommen; durch dieſen Kanal er⸗ ſpart man ein großes Stuͤck Weg, und viele Muͤhe. Angelangt an dem Ausfluß des Kanals begruͤßte ich mit religioͤſer Ehrfurcht den maieſtätiſchen Nil, deſſen wohlthaͤtige Gewaͤſſer noch das Land uͤberſchwemmten. Einen herrlichen Anblick gewaͤhren dieſe gruͤnenden ufer, die Gruppen von Maulbeer⸗ und Feigen⸗Baͤumen, von Akazien und Palmen, die mitten aus dem Waſſer hervorragten. Beſonders fuͤr uns war dieſe Secene uͤberraſchend, die wir ſo lange den Aublick des Gruͤnen entbehrt hatten. Das Staͤdtchen Fuah liegt ſehr *) Die Details uͤber die Staͤdte, Alterthuͤmer ꝛc. Aegyptens ſind ſchon in den vorhergehenden Reifen gegeben; deßhalb ſollen ſie hier nicht wiederbolt werden. Man nimmt Gelegenheit das Werk:„F. J. A. Schneidawind's Ge⸗ ſchichte der Erpedition der Franzoſen nach Aegypten und Syrien in den Jah⸗ ren 1o6 bis 1804.(Zwelbrucken bei J. Ritter zelegant Cart. Baͤnde), den verehrl. Leſern der Taſchenbibliothek zu empfehlen, um ſo mehr⸗ da dasſelbe die im Bändchen XXXIII. S. 684 bereits angekuͤndigte Berichtig ung und Er⸗ gänzung der hiſtoriſchen Sküze im Baͤndchen XXIII und XXXV iſt. F 25⁰ maleriſch am rechten ufer des Nils. Seine Haͤuſer, zur Haͤlfte in Gruppen von Palmen verſteckt, einige Gräber von Heiligen, die nicht weit vom Orte lagen, die niedliche Geſtalt der von den letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne vergoldeten Minarets wuͤrden einem geſchickten Maler einen reizenden Gegenſtand bieten, nie indeſſen wuͤrde ein Pinſel, ſelbſt der Claude Lor⸗ dain's nicht, dieſe violette magiſche Beleuchtung wie⸗ dergeben koͤnnen, welche ſich uͤber alle Gegenſtaͤnde nach dem Untergange der Sonne verbreitete, und in einem durchſichtigen Nebel die Ferne in der Atmosphaͤre ver⸗ ſchwimmen ließ. Das Waſſer des Nils iſt trube und rothbraun; sur Zeit der Ueberſchwemmung fuͤhrt er viel Schlamm, Thonerde und Salpeter bei ſich, welche, auf den Fel⸗ dern abgeſetzt, viel zur Fruchtbarkeit des Bodens bei⸗ tragen. Wenn ſein Waſſer rein iſt, hat es einen ſehr angenehmen Geſchmack; die Eingebornen ſchreiben ihm beilſame Eigenſchaften zu. Die religioͤſe Verehrung, welche ſi fuͤr dieſen Fluß hegen, den ſie mit ſo vie⸗ lem Grunde den Wohlthaͤter ihres Vaterlandes nen⸗ nen, haben ihnen ihre Voraͤltern, die alten Aegyp⸗ ter, uͤberliefert. Vor Zeiten herrſchte der barbariſche Gebrauch, daß immer eine Jungfrau, die man der Ehre wuͤrdig hielt, die Gattin des Nils zu werden, ertraͤnkt wurde. Dieſer unmenſchliche Gebrauch hat aufgehoͤrt; aber da der Nil noch immer einer Gattin bedarf, ſo macht mau zu dem Ende eine Geſtalt aus 251 Thon, die man unter dem lauten Jubel des Volks in die Wellen ſtuͤrzt. Unter meinen Reisgefaͤhrten waren der preuſ⸗ ſiſche Conſularagent Nozetti und ſeine Gemahlin, die, ſo gaßfrei, wie die Drientalen, die Guͤte hat⸗ ten, mir ihr Haus fuͤr die Dauer meines Aufenthalts in Cairvo anzubieten, und eine Abyſinierin, eine Verwandte des Koͤnigs von Abyſinien. Auf dem weitern Wege bieten die ufer des Nils wenig Abwechslung; die Doͤrfer, die Menſchen, die Graͤber von Heiligen ſind alle beinahe auf dieſelbe Art gebaut; uͤberhaupt erſchien mir dieſes Eden von Ae⸗ gypten, das ſo ſehr von Reiſenden geprieſen wird, von einer ermüdenden Einformigkeit. Am Iten Tage nach meiner Abreiſe von Alerandrien erblickte ich endlich in der Ferne die beruͤhmten Pyramiden von Gizeh und bald nachher ſtiegen wir in Bulge, der großen Vorſtadt von Cairo, an das Land. Das Haus des Conſularagenten Carl Nozetti, wo ich eine Wohnung bezog, lag im Viertel der Fran⸗ ken, war geraͤumig, ſehr nett eingerichtet, und ent⸗ bielt mehrere Höfe. Der Salon Nozetti's enthielt einen guten Wiener⸗Fluͤgel; und man kann ſich die Freude vorſtellen, welche ich bei dem Anblicke dieſes Inſtruments empfand, das mir mehr als eine ange⸗ nehme Unterhaltung verſprach. Waͤhrend der Abweſenheit meines Mannes machte ich regelmaͤßig nach dem Eſſen einen Spazierritt, be⸗ 252 gleitet von dem Herrn des Hauſes, einem Janitſcha⸗ ren, der vor uns herritt und einigen Arabern, welche zu meinen Seiten herliefen und mein Maul⸗ thier leiteten. Ich lernte auf dieſe Art Cairo und ſeine Umgegend in allen Richtungen kennen. Einige⸗ mal verlaͤngerten wir unſern Spazierritt bis zu meh⸗ reren Stunden, und da mußte ich erſtaunen uͤber die Unermuͤdlichkeit meiner Araber, welche, um unſern Maulthieren zu folgen, aus allen Kraͤften durch den gluͤhend heißen Sand und auf den ungleichen Wegen zu laufen, gezwungen waren. Sie dauerten mich ſehr, aber in allem zeigte ſich ihr guter Wille, ihre Geduld, ihre Sanftmuth. Allein die Gewohnheit macht, daß dieſe armen Leute ſolche muhſamen Ar⸗ beiten ertragen koͤnnen. Sehr fruhe gewoͤhnen ſie ſich daran, denn die Tauſende von Eſeln, deren man ſich in Cairo bedient, um ſich von einem Cheile der großen Stadt zu einem andern zu begeben, ſind immer begleitet von einem Fuͤhrer, der oft kaum der Kind⸗ heit entwachſen iſt. Was die afrikaniſchen Eſel be⸗ trifft, ſo ſind ſie nicht von der ſchlechten Rage, wie die unſrigen. Sie ſind lebendig, raſch, laufen gewoͤhn⸗ lich einen kleinen Trab, ihr Gang iſt ſehr gleichmaͤßig und angenehm, und auf der Reiſe ſind ſie kaum zu ermuͤden. Die Sättel, deren man ſich bedient, ſind ganz eigen; die fuͤr Frauen ſind ſo hoch, daß man auf ihnen, wie auf einem Throne ſitzt, die Fuße ge⸗ kützt auf den Nacken des Thieres. Ich konnte mich nicht an dieſe Saͤttel gewoͤhnen, die mir ſehr unbe⸗ guem vorkamen; ich bediente mich immer auf meinen Spazierritten eines engliſchen Sattels. Wenn ich ausging, war ich immer auf europaͤi⸗ ſche Art gekleidet, ohne daß mir, ſelbſt in den ent⸗ legenſten Theilen der Stadt je etwas Unangenehmes begegnet waͤre. Doch muß ich bekennen, daß mir manch⸗ mal das Herz klopfte, wenn ich durch die Bazars kam, oder vor den Moſcheen und den Quartieren der turkiſchen Soldaten. Da mein Anzug und mein gan⸗ zes Erſcheinen natuͤrlich die Aufmerkſamkeit der Vor⸗ uͤbergehenden auf ſich zog, ſo mußte ich immer an das traurige Ende einer der Loͤchter des ſchwediſchen Con⸗ ſuls denken, welche vor einigen Jahren auf einem der Plaͤtze in Cairo von einem albaneſiſchen Sol⸗ daten getodtet wurde*). Doch das Vergnügen, wel⸗ ches mir dieſe Spaziergaͤnge gewaͤhrten, beſiegte die natuͤrliche Furchtſamkeit und dann konnte ich auch * Die ſchone Tochter des ſchwebiſchen Geſchaͤfts⸗ trägers, Herrn Bockty, wurde, als ſie zwi⸗ ſchen ihrer Mutter und Schweſter ritt, von einem betrunkenen tuͤrkiſchen Krieger erſchoſſen, wahrſcheinlich wegen der Unvorſichtigkeit, daß ſie einen grunen Schleier trug, da in Cairo ein Chriſt wegen Achtung der grünen Farbe des Propheten nicht einmal einen gruͤnen Sonnen⸗ chirm zu tragen wagt⸗ S — nur auf dieſe Weiſe den Charakter der Araber ken⸗ nen lernen.— Redlichkeit und Wohlthaͤtigkeit ſind zwei Eigenſchaften, welche ich oft an ihnen zu be⸗ wundern, die Gelegenheit hatte. Ich ſah oͤfters, wie der Beſitzer einer Bude ſich entfernte, und ſich be⸗ gnuͤgte, ein Seil vor ſein Waarenlager zu ziehen, oder mit einem einfachen Luche ſeine mit Fruͤchten und Brod angefüllten Koͤrbe zu bedecken, ohne daß es, bei der Maſſe der Voruͤbergehenden, nur einem eingefallen waͤre, ſie zu beruͤhren.— Ihre Wohlthaͤtig⸗ keit erſtreckt ſich ſelbſt auf die Thiere. Ich habe ge⸗ ſehen, wie Araber, die ſelbſt arm waren, Haufen von ausgehungerten Hunden fuͤtterten, dabei aber nach ihrem religioͤſen Aberglauben, ſich ſehr in Acht nahmen, keines dieſer Thiere zu beruͤhren. Die Hunde ſind nach Muhamed's Geſetz unreine Thiere und werden daher in Aegypten nicht als Hausthiere gebraucht. Man ſieht ſie in großer Menge auf den Fel⸗ dern und Straßen von Cairo herumlaufen. Sie ſind oft ſehr bosartig und verfolgen hartnaͤckig die Vor⸗ uͤbergehenden; aber man hat kein Beiſpiel, daß ein Hund wüthend geworden waͤre, was ſehr zu bewun⸗ dern iſt bei der großen Hitze und bei dem Mangel an Waſſer, welchem dieſe Thiere ausgeſetzt ſind. Es iſt merkwuͤrdig, daß dieſe Hunde die Stadt in Quartiere unter ſich getheilt haben und keinem Hunde, der in einem andern Stadtviertel geboren iſt, erlauben, ſeine Grenze zu uͤberſchreiten. Geſchieht dies dennoch, ſo . 255 entſteht ordentlich ein blutiger Krieg, und ich habe ſolche Thiere geſehen, die einen ſolchen ungluͤcklichen Ueberlaͤufer, der gewagt hatte, ſeine Grenzen zu uͤber⸗ ſchreiten, mit ihren Zaͤhnen in Stuͤcke riſſen. Was die Bettler betrifft, welche ſehr zahlreich in dieſer Stadt ſind, ſo gehen ſie ſelten an einer Bude mit Lebensmitteln vorbei, ohne daß der Beſitzer derſel⸗ ben ihnen etwas davon ſchenkt. Das Elend dieſer Ungluͤcklichen in einem Lande, wo die Einrichtungen zur Unterſtuͤtzung der Armen ſo unvollkommen ſind, iſt ſchrecklich. Als ich eines Tages durch die Straßen von Cairo ging, begegnete mir die große Caravane, die von Mecca, vom Grabe des Propheten, zuruͤckkam. Die Straße war ſo verſperrt, daß man warten mußte, bis ſie durchgezogen war. Es iſt ein ganz eigenes Schau⸗ ſpiel und kehrt nur alle Jahre einmal wieder. Das bunte Gedraͤnge von Pilgern und frommen Seelen von jedem Alter, jedem Geſchlecht, und den verſchie⸗ denſten Farben feſſelte lange Zeit meine ganze Auf⸗ merkſamkeit. Hernach dankte ich dem Himmel, daß ich ſo glücklich bei dieſer Gelegenheit davon kam; denn bei meiner Ruͤckkunft ſagte man mir, ich haͤtte mich In große Gefahr begeben, indem ich mich den Blicken dieſer Fanatiker ausgeſetzt haͤtte. Man kennt in Aegypten nicht den Gebrauch der Wagen; alle Reiſen geſchehen zu Waſſer oder in Caravanen, in letzterem Falle bedient man ſich vor⸗ 64. Vd. Aegypten. III. Z. 2 * 256 nehmlich der Kamele; indeſſen ſind auch die Pferde der Beduinen ſehr geeignet, um die unermeßlichen Wuͤſten zu durchreiſen; die Maͤßigkeit dieſer Thiere iſt faſt der der Kamele gleich. Wagen igehoͤren in Aegypten zu den wahren Raritaͤten; ſie waͤren auch bei den ungebahnten Wegen gar nicht zu gebrauchen. Der einzige, welcher ſich in Cairo befindet, gehoͤrt dem Paſcha, der ihn der Seltenheit wegen aus Mar⸗ ſeille kommen ließ. Er kann ihn nur auf dem Wege zwiſchen Cairo und dem Luſtſchloſſe von Schubpra (Carrne ſchreibt Shudra) gebrauchen, nach wel⸗ chem er eine ſchoͤne Straße angelegt hat. Auf dieſem Wege macht er bisweilen ſeinen Frauen das Vergn⸗ gen einer Spazierfahrt zu Wagen. Da dies nun nicht ſehr oft geſchieht, ſo zieht dies Schauſpiel immer eine Menge neugieriger Zuſchauer herbei.— Hr. Nozetti, welcher mir damit ein Vergnuͤgen zu machen glaubte, bat den Paſcha um dieſen Wagen, und ſo fuhr ich nun, begleitet von Frau Nozetti und deren Mutter Cbeide in der Levante geboren), in einem artigen Berliner⸗-Wagen, mit 6 Pferde beſpannt und gelenkt von einem narriſchen arabiſchen Kutſcher, auf dem Wege mnach Schubra hin. Durch die Thore der Stadt durch zu kommen, war indeſſen keine leichte Aufgabe. Die engen Straßen, die Menſchenmaſſe, welche dieſes Schauſpiel berbeigezogen hatte, das Ge⸗ ſchrei des Poͤbels, die Fluͤche unſeres Kutſchers, die Leichtiskeit, mit der wir Perſonen lͤberfahren konn⸗ . 257 ten, was indeſſen jenen nicht abbielt, die Pferde im üaͤrkſten Drabe laufen zu laſſen, machten mir unbe⸗ ſchreibliche Furcht, waͤhrend meine Begleiterinnen, denen dies Vergnuͤgen etwas ganz Neues war, in La⸗ chen ausbrachen und die Gefahr unſerer Lage gar nicht in ahnen ſchienen. Wir gelangten indeß ohne Unfall nach Schubra. Dies iſt ein artiges Palais nach tuͤrkiſchem Ge⸗ ſchmack. Die Zimmer ſind ſehr hoch und uͤberladen mit Vergoldung und Spiegeln. Die Schnitzwerke von Poli an den Plafond's ſind ſehr ſchoͤn vergoldet und mit lebhaften Farben gemalt. Koſtbare Teppiche bedecken den Boden der Saͤle, und wenn auch das Ganze von wenig Geſchmack zeugt, ſo macht doch der Reichthum und das Buntſcheckige dieſer Zimmer einen angeneh⸗ men Eindruck. Die Drientalen haben gar keinen Geſchmack an den ſchoͤnen Kuͤnſten; und vergeblich ſucht man in ihren Paläſten nach den Meiſterwerken der Maler⸗ und Bildhauerkunſt, wie ſie die unſrigen ſchmuͤcken. Sie wenden ungeheure Summen auf Ver⸗ goldungen und Spiegelwaͤnde, geben aber keinen Pia⸗ ſter fuͤr eine Madonna von Raphael oder eine Hebe von Canova. Die muhamedaniſche Religion verbietet den Geſchmack an den ſchoͤnen Kuͤnſten; ja ſie ſieht es ſogar als ein Verbrechen an, in der Bildhauerkunſt und Malerei die menſchliche Fi⸗ gur nachzubilden. Es kann uns daher nicht wundern, daß Griechenland, dieſe Wiege der Kuͤnfe, ſeit 258 es unter die Herrſchaft der Barbaren gekommen iſt, keinen einzigen Meiſier in der Kunſt hervorgebracht hat. Die Gaͤrten von Schubra ſind ſehr groß und geſchmackvoll angelegt, aber ein wenig zu ſehr mit Pavillons uͤberladen. Die meiſten Wege ſind mit klei⸗ nen farbigen Steinen gepflaſtert, die eine Art von Moſaik bilden und einen angenehmen Eindruck ma⸗ chen. Man gibt ſich große Muͤbe, eine Menge euro⸗ paͤiſcher Pflanzen und Fruchtbaͤume einheimiſch zu machen, um dieſen Zweig der Induſtrie empor zu he⸗ ben, von dem man mit der Zeit großen Nutzen zie⸗ hen kann. Nachdem wir die Gaͤrten beſehen und einen Blick anf die unermeßlichen Pflanzungen von Maulbeerbaͤu⸗ men geworſen hatten, welche die beiden Setten des Weges umfaſſen, machten wir uns auf den Ruͤckweg. Ich ließ meine beiden Begleiterinnen in den Wagen ſteigen und zog vor, den Weg auf wenig glaͤnzendere, aber weit ſichere Weiſe zu machen, indem ich zur Seite thres Triumphwagens hergaloppirte. Begierig, die durch die Ermordung der Mame⸗ lucken*) ſo beruͤhmt gewondene Citadelle kennen zu *) Dieſes Corps, welches ſo lange in Aegypten geberrſcht, hatte das Mißtrauen des Vizekönigs Muhamed⸗Ali's erweckt. Er lud dasſelbe, unter dem Vorwande eines Feſtes auf die Eita⸗ deile ein; es follte mit einem feſtlichen Zug 259 lernen, hielt ich um die Erlaubniß an, ſie zu beſuchen. Ich begab mich in einer zahlreichen Geſellſchaft da⸗ hin, beſab ſie, ihren von dem Paſcha wieder aufge⸗ bauten Palaſt mit den mit Drangen und Blumen be⸗ ſetzten, artigen Teraſſen, dann den Joſephsbrun⸗ nen und den Kornſpeicher Joſephs. Beim Herab⸗ ſteigen von der Citadelle, ſahen wir in einem der Hoͤfe des Schloſſes einen ſehr großen Elephanten, welchen die indiſche Caravane mitgebracht hatte. Wir ſoll⸗ ten dieſen Ort des Schreckens nicht verlaſſen, ohne vor⸗ her die Wirkungen erſt an uns ſelbſt erfahren zu haben. Ein Baͤr naͤmlich, der an demſelben Drte eingeſperrt war, riß ſich von ſeiner Kette los und kam auf unſere Maulthiere zu, die ſo ſchnell als moͤglich davon liefen, verfolgt von dem ſchrecklichen Thiere. Endlich wurde er gluͤcklicherweiſe eingefangen und ſo kamen wi mit dem bloßen Schrecken davon. durch die Straßen von Cairo beſchloſſen wer⸗ den. Im Augenblicke, als ſie heruntereigen wollten, wurden dieſe Unglücklichen, die ihr Vertrauen blind gemacht hatte, niedergehauen oder erdolcht von den albaneſiſchen Soldaten, die hinter den Felſen, welche den Weg beherr⸗ ſchen, aufgeſtellt waren, Dieſe barbariſche Hand⸗ lung, welche die Politik nothwendig machte, brachte endlich Aegypten den Frieden und be⸗ feſtigte fuͤr immer Muhamed⸗Ali⸗Paſcha's Macht. 260 Wäprend meines Aufenthalts in Cairo ſtarb mir eine junge Gatelle, die ich von Alexandrien mit⸗ gebracht hatte. Dieſes nette Thierchen war ſo an mich gewoͤhnt, daß es nie mein Zimmer verließ und mir uͤberall, wie ein Hund folgte. Die Gagellen ſind gewiß von allen Thieren die niedlichſten und netteſten. Ihre Schenkel ſind von einer ausgezeichneten Feinheit und jhre Behendigkeit üͤberſteigt alle Vorſtellungen. Wenn ſie laufen, ſo ſchweben ihre Beine immer in der Luft, ſo daß ihr Lauf dem Fluge eines Vogels gleicht. Sie ſind außerordentlich reinlich und ihre Aus⸗ leerung hat den Geruch von Moſchus. Ihr Haar iſt kurz, glatt und glaͤnzend, von einer grauen in das Braͤunliche ſallende Farbe. Sie haben herrliche Augen;„ die Orientalen vergleichen immer die Augen ihrer Schoͤnen mit denſelben und ich habe Matroſen Volks⸗ lieder ſingen hoͤren, in denen als Refrain immer die Augen der Gazelle vorkamen. Dieſer Geſang der Ma⸗ troſen, obwohl einfoͤrmig, hat etwas Angenehmes und Melancholiſches; er beſteht aus Choͤren; von Zeit zu Zeit ſingt eine Stimme ein Recitativ, worauf die andern antworten. Ihre Geſaͤnge ſnd meiſtens eine Art von Balladen oder Liebesliedern, in denen die Bilder nicht geſpart ſind. Die Araber haben eine dichteriſche Phantaſie. Ihre Werke beweiſen dies und waͤre das Volk befreit von dem tyranniſchen Joche, welches dasſelbe gegenwaͤrtig druͤckt, ſo wuͤrde man gewiß die Zeiten der Abafiden ſich wieder erneuen 5 ſehen. Ihre Sprache iſt ſehr reich; ſie koͤnnen den einen Begriff„das hoͤchſte Weſen“ auf o9 verſchiedene Arten wiedergeben; ſie ſagen, daß der hundertſte Ausdruck, der ihrer Sprache mangelt, zu erhaben iſt, um vom Munde eines Sterblichen ausgeſprochen zu werden. Eine wahrhaft ſchoͤne und der Gottheit wuͤr⸗ dige Idee! Eine der Hauptvergnuͤgungen bei den Arabern beſteht im Anhoͤren von Geſchichten und Maͤhrchen, nach der Art der tauſend und eine Nacht; ſie ermuͤ⸗ den nicht, die abgeſchmackteſten und wunderbarſten Geſchichten anzuhoͤren; ſie hoͤren mit der geſpannte⸗ ſten Aufmerkſamkeit zu, und glauben auf eine wahr⸗ haft laͤcherliche Weiſe an ihre Wirklichkeit. Mehrmals bemerkte ich Gruppen von Weibern, die mit der Pfeife im Munde in einem Halbkreiſe um eine alte Sybille herum ſaßen, die ein Maͤhrchen vortrug, das ihnen die Haare ſtraͤuben machte. Sie folgten mit den Au⸗ gen allen Bewegungen der alten Hexe mit dem Aus⸗ druck des Schreckens und Erſtaunens und athmeten nicht eher frei, als bis die Aufloͤſung ihrer Erwartung entſprochen hatte. Die Maͤnner, welche mehr Abwechslung in ihre Vergnuͤgungen zu bringen wiſſen, lieben dieſe Art des Zeitvertreibes nicht minder, als die Weiber. Be ſon ders verſammeln ſie ſich gerne in den Caffeehaͤnſern, 262 wo ſſe ganze Tage mit Rauchen aus ihren langen Pfeifen ſich unterhalten. Dieſe nennen ſie Chibon rder Nargilé und ſie beſtehen aus einer Art von langem Schlauche aus Leder, der ſich in einem Gefaͤß voll kuͤhlen Waſſer endigt. Die Aegypter lieben auch im hohen Grade das Spiel und Taſchenſpieler⸗ Kuͤnſte; ſo auch den Geſang und den Tanz der pri⸗ vilegirten Schoͤnen— Alme's, Almeh's—. Die Reichen haben noch eine andere Art von Vergnuͤgung, welche in Europa in der Zeit des Mittelalters ſehr in Mode war, naͤmlich Poſſenreiſſer oder Narren von Profeſſion. Dieſe vrientaliſchen Hofnarren geben in Ruͤckſicht ihres Witzes ihren Bruͤdern im Mittelalter nichts nach. Sie ſagen oft ihren Herren nuͤtzliche Wahrheiten, und ſparen weder verſchmitzte Streiche noch ſelbſt Betrug, um ihren Zweck zu erreichen, der, wie man ſich denken kann, in nichts anderm beſteht⸗ als Geld aus dem Beutel zu locken. Man rief mich eines Tages, um Kunſtſtuͤcke mit Schlangen und Scorpionen zu ſehen. Als ich hinzu kam, ſah ich einen Araber auf dem Boden ſitzen, welcher mit vieler Gewandtheit 2 große Schlangen in den Haͤnden bewegte, ſie bald in ſeinen Buſen, vald unter ſeinen Turban ſchluͤpfen ließ und einen Rüßenblick darauf dieſelben aus einer Schachtel zog⸗ Er hing ſie darauf an ſeinen Hals und nahm ihren Kopf in den Mund; dann ſchlang er ſie um ſeinen 263 Arm und befahl ihnen, ſich ruhig zu verhalten, waͤh⸗ rend er dasſelbe Manöver mit 2 Storpionen wieder⸗ holte, denen er den Stachel ausgeriſſen hatte, ſo wie den Schlangen die Giftzaͤhne. Er ließ ſie darauf ſich gegenſeitig eine Art von Kampf beſtehen und beide zeigten wirklich großen Blutdurft. Als dieſes geendigt war, warf der Kuͤnſtler eine Auzahl kleiner Kugeln in die Luft, welche er mit großer Geſchicklichkeit wie⸗ der auffing nach Art der indianiſchen Gauckler, welche ich auch ſchon in Europa geſehen hatte. Da mich indeſſen dieſes Spiel etwas langweilte, ver⸗ ließ ich dies Schauſpiel vor ſeiner Beendigung. Einige Tage nachher verkuͤndete man mir die An⸗ kunft einer Art Zauberer, die zur Kaſte der Pfyllen gehoͤrte, welche das Geheimniß zu beſitzen vorgeben, Schlangen an ſich zu locken, die zufaͤllig im Hauſe verborgen ſeyn koͤnnen. Das Aeuſſere dieſes Mannes hatte etwas Widerliches und entſprach ganz ſeiner Abſcheu erregenden Beſchaͤftigung. Seine borſtigen Hagre bildeten auf der Mitte des Kopfes eine Art von Buͤſchel; der ganze uͤbrige Theil war abgeſchoren, ein ſchwarzer glaͤnzender Bart fiel auf ſeine Bruſt herab, auf der ſich zwei Schnuͤre von ſchwarzen Korallen krenz⸗ ten; in der Hand hielt er ein weißes Staͤbchen, aus Dattelholz; ſeine Kleider hatte er abgelegt, um zu zeigen, daß er in denſelben keine Schlangen verborgen habe. Er fing damit an, einige myſtiſche Formeln berzumurmeln. Darauf durchlief er das ganze Haus 264 und ſchlug mit ſeinem magiſchen Staͤbchen*) an alle Waͤnde, indem er dabei die Augen verdrehte und das ganze Geſicht fuͤrchterlich verzerrte. Da indeſſen keine Schlangen zum Vorſchein kamen, ſo ließ er ſich gluͤ⸗ bende Kohlen bringen und machte Raͤucherungen mit Mehl und Zwiebelſchaalen, welche einen ſolchen Rauch und Geſtank verbreiteten, daß wir Gefahr liefen, zu erſticken, waͤhrend er ſelbſt aus Mangel an Luft meh⸗ rere Male ſeine Beſchwoͤrungen unterbrechen mußte. Dieſe Srene ging in einem der untern Raͤume des Hauſes vor, welcher mit einer Niederlage von Kohlen und einer großen Menge von Lonnen angefuͤllt war. Die Schlangen fuhren fort, ſeinen Beſchwoͤrungen zu widerſtehen; er fing allmaͤhlig an, Verlegenheit und ſichtbare Unruhe zu zeigen, denn auf dieſe Art wuͤrde ſein Anſehen als Zauberer und ſeine große Veruͤhmtheit unter ſeinen Landsleuten zu nichte ge⸗ worden ſeyn. Wir bemerkten, wie er von Zeit zu Zeit ſich ſeinem Kameraden naͤherte, der ihm hieher gefolgt war, ohne Zweifel in der Hoffnung, daß ihm *7 Dieſes Staͤbchen wird gewohnlich von der Spitze der Dattelpalme genommen, deren junge Blaͤt⸗ ter, dem Innern des Salats aͤhnlich, einen an⸗ genehmen, dem der Nüſſe ſehr ähnlichen Ge⸗ ſchmack haben. Darnach ſollen die Schlangen ſehr luͤſtern ſeyn. Vielleicht lockt der Geruch dieſes Zweiges ſie herbei. 265 dieſer, beguͤnſtiget vom Rauche und der Dunkelheit, die hier herrſchte, eine Schlange in ſeine Haͤnde ſchluͤpfen ließ, die er wahrſcheinlich unter ſeinem Guͤr⸗ tel verſteckt hatte. Aber da wir ihn gar nicht aus den Augen ließen und mein Gemahl ihm erklaͤrte, er wuͤrde die von ihm hervorgelockte Schlange ſorgfaͤltig unter⸗ ſuchen, um ſich zu üͤberzeugen, daß ſie noch alle Zaͤhne haͤtte, ſo verzweifelte er daran, unſere Augen zu blen⸗ den und erklaͤrte, die Schlange haͤtte dieſes Gewoͤlbe verlaſſen und ſich in das Innere der Erde gefluͤchtet. Dies war ſeine Ausflucht, mit der er ſein Anſehen als Mann von außerordentlichen Gaben zu retten glaubte. Man kann indeſſen bis auf einen gewiſſen Punkt zugeben, daß dieſe Leute das Geheimniß beſitzen, Schlangen an ſich zu locken; aber natuͤrlich koͤnnen ſie da, wo keine ſind, durch ihre Kunſt ſie auch nicht zum Vorſchein bringen. Dieſe Leute, die Pſyllen genannt werden, und die noch in unſern Tagen eine getrennte Caſte bilden, ſollen von den alten Pſyllen abſtammen, von denen Plinius, Celſus und meh⸗ rere andere alte Schriftſteller reden. Sie beſchaͤftigen ſich noch jetzt, wie ſonſt, damit, Schlangen zu fan⸗ gen und ſie dann zu zaͤhmen. Sie glauben feſt daran⸗ ein Geheimniß zu beſitzen, welches dieſe Dhiere in ihre Gewalt bringt. Man verſicherte mir, daß es ge⸗ genwaͤrtig beinahe 300 ſolcher Leute in Cairo gebe. Sie werden foͤrmlich in dieſe Kunſt eingewweiht, und erſt, nachdem ihre Behutſamkeit und Geſchicklichkeit 266 erprobt iſt, werden die Juͤngern bekannt gemacht mit den Geheimniſſen der Kaſte. Einige Tage vorher, ehe die Caravane von Mekka Cairo verlaͤßt, am Tage der Geburt des Propheten, durchtiehen die Pſyl⸗ len in Prozeſſion die Straßen der Stadt(eben ſo wie in Roſette, welche Stadt dasſelbe Vorrecht bat), indem ſie große Schlaugen am Halſe haͤngen baben und Gebete und religioſe Gefaͤnge herſagen. Sie werden bei dieſer Gelegenheit in einem ſolchen Grade begeiſtert, daß ſie oft in eine Art von fanati⸗ ſcher Wuth verfallen. Sie beißen die Schlangen und zerreißen ſie mit den Zaͤhnen, indem ſie unter convul⸗ ſiviſchen Bewegungen ein furchtbares Geheul und Ge⸗ ſchrei erheben, bis ſie erſchoͤpft von der Anſtrengung, den Mund mit Schaum bedeckt, halbtodt zu Boden fallen. Das Volk, welches dieſe Menſchen fuͤr Heilige baͤlt, umringt ſie daun und hauptfächlich die Weiber beeilen ſich, dieſen koſtbaren Schaum zu ſammeln, indem ſie glauben, nach dem Verſchlucken desſelben geradewegs in das Paradies zu kommen. Ich hatte in Cairo Gelegenheit, von einer an⸗ dern Art von religioͤſem Fanatismus Zeuge zu ſeyn. Eines Tages hoͤrte ich naͤmlich mehrere Stunden hin⸗ ter einander in unſerer Naͤhe einen einfoͤrmigen, er⸗ müdenden Geſang. Als ich mich nach der Urſache er⸗ kundigte, ſagte man mir, es waͤre einer der Der⸗ wiſche oder tuͤrkiſchen Moͤnche, die, auf den Ferſen tanzend, das Wort Allah immer wiederholten„bis 267 ſie zum Tode erſchoͤpft, das Bewußtſehn verlieren.— Dieſe Ungluͤcklichen geben oft wirklich den Geiſt auf in Folge dieſes heiligen Tanzes. Das Geſchrei des⸗ jenigen, den ich hoͤrte, fing nach dem Mittageſſen an und dauerte die ganze Nacht und einen Theil des folgenden Morgens hindurch, und ich zweifle nicht daran, daß er dieſen frommen Enthuſiasmus mit dem Leben bezahlte. Die Araber ſind, wie alle Bewohner des Hrients, in hohem Grade aberglaͤubig. Die Kunſt, die Zukunſt vorauszuſagen, iſt noch ſehr gemein unter ihnen. Die Mehrzahl ihrer Zeichen entnehmen ſie aus den Linien der hohlen Hand; auch bedienen ſie ſich manchmal kleiner ſchwarzer und weißer Kugeln, welche ſie, wie Wuͤrfel, auf großen mit kabbaliſtiſchen Figuren be⸗ malten Pergamentblaͤttern hinrollen laſſen. Ich ließ eine der alten Sibyllen, welche dieſe Kunſt ausuͤben, kommen, und machte ſie faſt wuͤthend, indem ich ſie uͤber meine Reiſe foppte. Die Baͤder, welche im Drient ein oͤffentlicher Vergnuͤgungsort fuͤr die Frauen ſind, ſind zu bekannt, um weitlaͤufig davon zu ſprechen. Dieſe Baͤder, welcke ſich gewoͤhnlich in den Bä⸗ zars befinden, ſind mehrere Tage der Woche hindurch für Jedermann geoͤffnet; Frauen von jedem Alter, geziert mit ihrem beſten Schmucke, verſammeln ſich dann daſelbſt bei Zeiten und verweilen dort den groͤß⸗ ten Sbeil des Cages; gewoͤhnlich bringen ſie ſelbſt . 268 ihre kleinen Kinder dahin mit. Wegen der großen Hitze in dieſen Dampfbaͤdern legen ſie nicht bloß ihren Schmuck ab, ſondern ſelbſt ihre letzte Huͤlle; und ſo bringen ſie den Tag hin mit Schwatzen, Spielen, Rauchen, Lachen, denn an keinem Drte finden die Frauen im Drient ſo viel Vergnuͤgen, als an dieſen oͤffentlichen Verſammlungsorten. Waͤhrend dieſer Zeit reiben Sklavinnen ihre Glieder mit einer Art Teig aus Faſern von Dattelbaͤumen, um dadurch ihre Haut, auf die ſie die großte Sorgfalt verwenden, ge ſchmeidig und glatt zu machen. Dann laffen ſie ſich mit koſtba⸗ ren wohlriechenden Eſſenzen ſalben und ihre Finger⸗ gelenke ziehen, bis ſie knacken, um ihnen Geſchmeidig⸗ keit zu geben. Eine Dame von meiner Bekanntſchaft, welche dieſe Baͤder beſucht hatte, ſagte mir, es ſev ein einziger und ſonderbarer Anblick; aber unter einer ſo großen Anzahl von den Blicken preisgegebenen Rei⸗ zen, haͤtte man weit mehr haͤhliche, als durch Schoͤn⸗ heit verfuͤhreriſche Formen geſehen. Ich fuͤhlte uͤbri⸗ gens keine Luſt, dieſe Baͤder zu beſuchen und begnügte mich, die kennen zu lernen, welche ſich in Nozet⸗ ti's Hauſe befanden und die weit mehr Eleganz und Reinlichkeit zeigen, als die in den Bazars, wo hun⸗ derte von Frauen ſich verſammeln. Die Damen die⸗ ſes Hauſes, unter welchen ſich eine Großmutter von 27 Jahren befand, nahmen mich ofters da⸗ hin mit. 6 Gewoͤhnlich glaubt man, der baͤuſige Gebrauch der 269 Dampfbaͤder trage mit dazu bei, daß die Reize der ortentaliſchen Frauen ſo fruͤhe welken. Indeſſen hat das Klima von Aegypten und das fruͤhe Heirathen kei⸗ nen geringen Antheil daran. Kaum der Kindheit ent⸗ wachſen, verheirathen ſich ſchon die jungen Leute und die Kopten vermaͤhlen ihre Kinder ſchon im Alter von 7 bis 8 Jahren. Man ſieht Muͤtter von 42 bis 13 Jahren, und aͤgyptiſche Frauen koͤnnten oft Urenkel haben, wenn die Natur ihnen ein ſo langes Leben verliehe, wie den Frauen in andern Laͤndern; aber ſie erreichen ſelten ein hohes Alter und wahrſcheinlich iſt ihre ſchnelle Entwickelung mit Urſache von der fruͤh⸗ zeitigen Zerſtoͤrung ihrer phyſiſchen Kraͤfte. Ich beſuchte mit meinem Manne und einer zahl⸗ reichen Geſellſchaft die beruͤhmten Pyramiden von Gi⸗ zeh. Wir s Damen waren tuͤrkiſch gekleidet. Da ich vorher nie mamelukiſche Kleidung getragen batte, ſo gerieth ich in furchtbare Verlegenheit, als ich in den Straßen Cairv's die Neugierde bemerkte, womit man uns betrachtete. Ich beſah die Pyramiden. Als die Nacht voͤllig eingebrochen war, begaben wir uns vor unſer Zelt, um das maleriſche Schauſpiel zu ge⸗ nießen, welches die Pyramiden beim Mondenſcheine darbieten. Gleich den Rieſen der Fabel erheben ſte ſich gegen den geſtirnten Himmel und ihre Schatten erſtrecken ſich weit in die Ferne auf den ſandigen, weißlichen Boden, der ſie umgibt. Die Feuer unſerer Araberi, unſete zerſtreuten Zelte, die verſchiedenen 270 Gruppen von Perſonen verbreiteten einen einzigen, faſt moͤchte ich ſagen, myſtiſchen Zauber uͤber dieſe naͤchtliche Seene. Der Kaſchef von Gizeh, Kommandant dieſes Staͤdtchens und des umliegenden Bezirks, ein Mann von einer gewiſſen Bedeutung hatte, ſobald er unſere Ankunft erfahren hatte, ſich zu uns begeben, um uns zu bekomplimentiren und die Honneurs zu machen, auch einige Schafe mitgebracht, die ſogleich zubereitet wurden. Dieſer Kaſchef, der eine Ehre darein ſetzte, die Gebraͤuche der Welt zu kennen und von alem Vorurtheil entfernt zu ſeyn, nahm Theil an unſerm Schmauſe und machte ſich kein Gewiſſen dat⸗ aus, haͤufig von dem Weine, den wir mitgebracht hatten, zu koſten. Sehr unterhielt mich die linkiſche und unbeholfene Art, mit der er Gebrauch von unſern Meſſern und Gabeln machte. Die Luͤrken bedienen ſch naͤmlich zum Eſſen keines dieſer Werkzeuge, ſon⸗ dern immer der Haͤnde. Unſer Kaſchef vergaß manch⸗ mal ſeine Rolle eines Mannes von gutem Tone und nahm mit der Hand Stuͤcke Fleiſch vom Leller, bis er, ſich plotzlich beſinnend, huntig wieder ſeine Gakel ergriff, und zu eſſen fortfuhr. Sein Reffe, den wir mehreremal einluden, an unſerem Mahle Oheil zu nehmen, wagte unſere Einladung nicht anzunehmen, aus Hochachtung vor ſeinem Dheim und ſtand die ganie Zeit uͤber ehrerbietig da. Die Schwiegermutter No⸗ zettis, welche als geborne Levanterin, viele — . 271 Verbindung mit tuͤrkiſchen Frauen hat und auch die Gemahlin des Kaſchef kennt, erzahlte mir, kuͤrzlich haͤtte dieſe zu ihr geſagt, ſie habe ihrem Neffen, ich glaube an ſeinem Geburtstage, eine ſchoͤne Cireaſ⸗ ſiſche Sklavin zum Geſchenk gemacht. Dieſe Auek⸗ dote, die an ſich gar nicht merkwuͤrdig iſt, habe ich ange⸗ fuͤhrt, um die Eigenheit der Gebräuche und der Sit⸗ ten eines Volkes zu zeigen, das mit Vernunft begabte Weſen als geringfuͤgige Gegenſtaͤnde des Luxus und des Vergnuͤgens betrachtet. Den folgenden Morgen ſagten wir den Wunder⸗ werken der Welt— den Pyramiden— ein Lebewohl und kamen bei guter Zeit, ohne ein merkwuͤrdiges Abentheuer in Cairo an.„ 3 weites Buch. Wir verließen Cairo in der Mitte Decembers 1521. Der Nil beſpuͤlte ſchon nicht mehr die Fel⸗ der, welche mit dem Glanze des Fruͤhliugs bekleidet, unſere Blicke durch die herrlichſte Vegetativn ergötzten. Alles hatte mein Gemahl aufgeboten, um dieſe Reiſe nach Ober⸗Aegypten recht angenehm, bequem und ſicher in einem eigenen gemietheten Boote mit 1 Zimmern zu machen. In unſerer⸗Begleitung war Doetor Ricei, ein albaneſiſcher Renegat als unſer Dollmetſcher und ein Offüzier des Vizekönigs, den der Paſcha mitgegeben hatte, um ſir unſere Si 51. Bd. Aegppten. III 3 3 „ 0 cherheit zu wachen. Auch hatte der Paſcha uns Em⸗ pfehlungsbriefe an den Kommandirenden ſeiner Trup⸗ pen in Ober⸗ Aegypten mitgegeben. Aber unſere Gedult ſollte auf die Probe geſtellt werden; denn 3 Wochen lang hatten wir widrigen Wind, ſo daß wir von Cairv nach Minieh 21 Ta⸗ ge bedutften, waͤhrend wir auf unſerer Ruͤckreiſe bei der Stroͤmung und einem guͤnſtigen Wind denſelben Weg in 2 Tagen zuruͤcklegten. Die 3 erſten Wochen waren wenig ergiebig an intereſſanten Ereigniſſen. Bei Benihaſſan traten wir an das Land um die Fel⸗ ſen zu ſehen, in denen die Grotten eingehauen ſind⸗ welche den alten Aegyptern zu Grabſtaͤtten dienten. „ In Rademun angelangt, wurden wir ſehr zu⸗ vorkommend von einem Englaͤnder aufgenommen, der dort Direktor einer dem Paſcha gehoͤrigen Zuckerraſi⸗ nerie iſt. In der umgegend von Rademun und in einem großen Theile von Ober⸗Aegypten⸗ wel⸗ chen wir durchreisten, trafen wir Pflanzungen von Zuckerrohr an. Von Rademun aus veſuchten wir die Ruinen des Dempels von Hermopolis⸗ Nicht will ich die zahlreichen Denkmaͤler beſchreiben⸗ welche wir auf dieſer Reihe antrafen, da ſie zur Genüge von gelehrteren und gebteren Haͤnden, als den mei⸗ nigen, beſchrieben ſind. Ich will meine Erzahlung bloß auf Ereigniſſe und Gegenſtände beſchraͤnken, die ſonſt noch mir das meiſte Intereſſe zu haben⸗ oder der Aufzeichnung werth ſchienen⸗ 273 Den folgenden Morgen ſchlug mir mein Gemahl, der einige angefangene Nachgrabungen bei Hermopo⸗ lis zu Ende bringen wollte, vor, langſam meine Reiſe fortzuſetzen; er wollte dann in einigen Stunden in einer Gondel, Cangie, welche mit 42 Ruderer be⸗ ſetzt, leicht das große Boot einholen konnte, nachfol⸗ gen. Ich nahm den Vorſchlag an und ſetzte meine Reiſe fort. Einige Stunden hatte ich mit Leſen in meiner Kajuͤte zugebracht; aber da mein Mann immer noch nicht ankam, begab ich mich auf das Verdeck, um zu ſehen, was draußen vorginge. Mit vollen Se⸗ geln flog unſer Schiff dahin, getrieben von einem guͤnſti⸗ gen, ſtarken Winde.— Dannter dieſen Umſtaͤnden uns mein Gemahl unmoͤglich einholen konnte, ſo befahl ich die Segel einzuziehen und Anker zu werfen. Aber der Reis-Capitaͤn des Schiffes— ſey es nun aus boͤ⸗ ſem Willen, odet, weil er eine ſo gute Gelegenheit, vorwärts zu kommen, nicht verlieren wollte, ſtellte ſich, als verſtehe er mich nicht, wiewohl ich es ihm durch den Dollmetſcher wiederholt ſagen ließ. Meine Unruhe wuchs jeden Augenblick, getrieben von dem heftigſten Sturmwinde, ſchienen wir durch die Luͤfte zu fliegen, bis endlich die einbrechende Nacht uns zwang, am Ufer zu landen, und die Anker auszuwer⸗ fen. Mehrere Stunden waren in peinlicher Erwar⸗ tung verfloßen, als ein ploͤtzlicher Laͤrm und lauter Wortwechſel mein Phr traf. Ich ſchickte meine Kam⸗ mepfrau fozt, um ſich nach der Urſache dieſes Streits 274 zu erkundigen; ſie kam in Begleitung des Dollmet⸗ ſchers zuruͤck, welcher mir erklaͤrte, daß dieſer Ort ſehr unſicher ſey; kurze Zeit vorher waͤren mehrere Reiſen⸗ de angefallen, gepluͤndert und ermordet worden, und der Wortwechſel, den ich gehoͤrt, waͤre durch mehrere Araber entſtanden, welche ſich unſerm Boote naͤh⸗ ernd, ſich ſchlimmer Abſichten ſehr verdaͤchtig gemacht hätten. Um ſich eine Vorſtellung von meiner Lage zu machen, muß man wiſſen, daß wir ſeit langer Zeit ſchon angefangen hatten, Mißtrauen in dieſen Doll⸗ metſcher zu ſetzen, deſſen Phyſtognomie mir ſchon gleich Anfangs nicht gefallen hatte. Beſtaͤndig be⸗ waffnet mit einem Paar ſcharf geladenen Piſtolen, die er im Guͤrtel trug; dabei ſeine Rede, ſein Aeußeres, ſein Verhaͤltniß als Renegat; alles dieß vereinigte ſich, uns in Schrecken zu ſetzen. Ich ſah ſogleich, daß ſeine Abſicht war, mich durch uͤbertriebene Berichte zu ſchrecken, und, wenn die Gelegenheit guͤnſtig waͤre, im Einverſtaͤndniſſe mit dem Reis des Bootes von der ver⸗ laſſenen Lage, worin ich mich im Augenblicke befand, Vortheil zu ziehen. Ich ſagte ihm mit feſtem Tone, ich fuͤrchtete keineswegs die Raͤuber draußen und die im Brote werde ich im Reſpekt zu halten wiſſen. Un⸗ geachtet dieſer muthigen Antwort, war es mir dennoch ſehr aͤsgſtlich zu Muthe; indeſſen that ſie doch, wie ich glaubte, ihre Wirkung; denn gleich nachher legte ch der Laͤrm und alles kehrte in die alte Ordnung zuruͤck. Was haͤtte ich eigentlich, wenn dieſe Leute N 275 ſchlimme Abſichten gehabt hätten, thun konnen? Freilich hatte ich einen tuͤrkiſchen Pffizier des Paſcha bei mir, der ohne Zweifel die beſten Abſichten hatte; allein ich haͤtte mich mit ihm nicht verſtaͤndigen, und er haͤtte für meine Vertheidigung nichts unternehmen konnen, bei der großen Zahl Araber im Boote, die unter dem Befehle des Reis ſtanden, und denen, die vielleicht aus der Naͤhe noch hinzukommen konnten. Ich rief indeſſen doch den Kammerdiener meines Mannes, einen ehrlichen Deutſchen, der uns ſehr ergeben war, und ließ ihm vor der Thuͤre Wache hal⸗ ten, bewaffnet mit einem Paar ſcharf geladener Pi⸗ ſtolen, die beſtändig uͤber meinem Bette hingen, in⸗ dem ich ihm befahl, auf den erſten, der meine Ruhe zu ſtören trachte, Feuer zu geben. Die Nacht brachte ich in großer Unruhe zu und man kann ſich meine Freude denken, als gegen 10 Uhr Morgens mein Gatte an⸗ langte. Ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß er dem Dollmetſcher und dem Reis tuͤchtige Vorwuͤrfo machte, die ſich ſehr entſchuldigten und ſagten, ſie paͤtten ſelbſt ſehr große Unruhe wegen meiner gehabt. aber nie haͤtten ſie es zugegeben, daß mir nur das ge⸗ ringſte Unangenehme widerfahren waͤre. Ich glaube indeſſen ſicher, daß die Bewohner dieſes Landes boͤſe Abſichten auf uns hatten, und daß ſie bloß die Furcht vor Strafe, die ihnen der Vizekönig Muhamed, (Mehemet) Ali eingeſlost hatte, abhielt, uns im Einverſtaͤndniße mit den Axabern auf unſerm Schiffe, 276 zu pluͤndern und zu mißhandeln. Wir hoͤrten, daß dieſer ganze Landſtrich von Raͤubern verheeret worden waͤre, und daß man die gegenwaͤrtige Ruhe dem Soh⸗ ne des Vizekoͤnigs verdanke, der zu den ſtrengſten Maß⸗ regeln ſeine Zuflucht nehmen und eine große Anzahl dieſer Ungluͤcklichen hatte hinrichten laſſen. Man erzaͤhlte uns bei dieſer Gelegenheit von die⸗ ſem Prinzen einen Zug von großer Unerſchrockenheit⸗ Als er ſich in dieſer Provinz mit einer weit geringern Truppen⸗Abtheilung befand, als die Araber, welche die Gegend auf das Fuͤrchterlichſte verwuͤſteten, ver⸗ nahm er, daß ihr Anfuͤhrer mit den Seinen ſich in einen benachbarten Flecken gezogen, und, um ſich an ihm wegen ſeiner Verfolgung zu raͤchen, geſchwworen habe, ihn zu ermorden. Ibrahim⸗Paſcha, der befuͤrchten mußte, von ihnen angegriffen zu werden und ihrer Mehrzahl wahrſcheinlich zu unterliegen, be⸗ ſchloß ihnen zuvor zu kommen. Er naͤherte ſich unbe⸗ merkt mit einigen ſeiner entſchloſſenſten Leute dem Hauſe, wo der Anfuͤhrer der Bande ſich aufhielt, be⸗ maͤchtigte ſich deſſelben mit bewaffneter Hand, und ergriff, ohngeachtet der kraͤftigſten Gegenwehr der Raͤu⸗ ber ihren Anfuͤhrer, fuͤhrte ihn mit ſich fort und mach⸗ te ihm ſogleich den Prozeß. Die uͤbrigen Araber, die kaum Zeit gehabt hatten, die Nachticht von dem Ueberfalle zu hoͤren, ergriff, als ſie ihren Anfuͤhrer in den Haͤnden des Prinzen und auf ſeinen Beſehl hin⸗ gerichtet wuhten, ein allgemeiner Schrecken und weit 277 entfernt, einen Angriff zu wagen, ſuchten Alle ihre Rettung in ſchleuniger Furcht. Nit großer Freude erfullte uns das herrliche Klima und die lieblichen Gegenden, durch welche wir kamen. Damit wir die verſchiedenen Denkmaler, die wir auf unſerem Wege trafen, genau und einzeln betrachten konnten, machten wir die Reiſe ſehr langſam und lieſ⸗ ſen das Schiff an allen Orten, die intereſſant und der naͤhern Bekanntſchaft werth waren, anhalten. Wir ſahen die Gegend, wo ſonſt das alte Anteop olis ſtand, langten in Girgeh(Girge) an und mach⸗ ten nach Araba⸗Madfoun, dem alten Abidos⸗ eine Exkurſion. Nach einigen Tagen begegneten wir mehreren Schiffen, welche mit Neger⸗Sklaven bei⸗ derlei Geſchlechts aus Derfur oder Darfur und Senar, mit Straußenfedern, Goldſtaub und Papa⸗ geyen refrachtet waren. Die Leute, welche dieſen Handel treiben, werden Gelaps genannt; ſie ent⸗ fuͤhren gewoͤhnlich durch Gewalt oder Liſt die Kinder, oder kaufen ſie auch oft den Eltern ſelbſt ab. Nicht gewoͤhnt an dieſes Schauſpiel, empfanden wir beim Anblick dieſer, ibrer Freiheit beraubten und aus ihrem Vaterlande entfuͤhrten Ungluͤcklichen, tiefes Mitleiden, welches nicht ſo heftig geweſen waͤre, wenn wir die entbloͤßte Lage und das Elend, welchem ſie in ihrem eignen Lande ausgeſetzt ſind, gekannt haͤtten. Die Luͤrken behandeln ihre Sklaven ſehr gütig; ſie werden noch außerdem durch beſondere Geſetze beſchuͤtzt, nach 278 denen ſie das Recht haben, zu verlangen, daß man ſie vetkauft, ſobald ihre Lage ihnen mißfaͤllt und ihre Herten ſich Mißhandlungen gegen ſie erlauben. Auf dieſe Art iſt ihr Lvos beinahe daſſelbe, wie unſerer Dienſtboten in Eurvpa. Ein großer Theil dieſer Neger werden zur Bewachung des Harem's gebraucht. Der Paſcha von Aegypten ſchickt manchmal meh⸗ rere hundert auf einmal dem Großherrn zum Ge⸗ ſchenke. Die Negerinnen ſind beſonders beſtimmt fuͤr den Dienſt im Innern der Haͤuſer. Sie beſitzen meiſt eine große Faſſungsgabe und lernen mit Leichtig⸗ keit alle Arten von weiblichen Arbeiten. Die Europaͤer, die keine weißen Sklaven in Ae⸗ gypten zu halten wagen, haben jetzt das Recht er⸗ halten, Schwarze zu kaufen; alle wohlhabenden Fami⸗ lien in Catro haben ſolche auch gewoͤhnlich in ihrem Dienſt. Wir kauften uns ſelbſt einen Knaben, den wir ſpaͤter mit nach Europa nahmen, und der ſehr gluͤckliche Anlagen zeigte. Er lernte in ſehr karzer Zeit mehrere Sprachen und erzaͤhtte uns ſpaͤter, wie er mit mehrern ſeiner Bruͤder und Schweſtern, als ſie eben im Garten ſpielten, entfuͤhrt worden ſey. Bald nachher gelangten wir nach Keneh. Hier ſahen wir einige von dem Nomaden⸗Volke der Abad⸗ deh's, welche die Umgegend von Surz und die Kuͤſten des rothen Meeres bewohnt. Merkwuͤrdig iſt es, daß mein Gemahl eine alte Peruͤcke beſitzt, die in einem Mumienkaſten gefunden wurde und genau ſo 279 ausfleht, wie der Kopfputz der Abaddehs. Dieſe vilden nämlich von ihren Haaren, die von Natur ſehr dicht ſind, eine Art von Schopf, der ſo groß und dick iſt, daß ihr Kopf dreimal großer ſcheint, als er wirklich iſt und daß es unmoͤglich iſt, einen Kamm duychzubringen. Auch ſahen wir eine große Anzahl Perſonen aus der privilegirten Klaſſe der Taͤnzerinnen Alme's oder Almeh's. Ihr Wuchs iſt uͤppig und graeios, ihr Geſicht bunt geſchminkt, ihre Kleidung mit Zierathen bedeckt*). Als wir Keneh verließen, ſahen wir die erſten Krokodile; wir konnten ſehr gut eine große Anzahl unterſcheiden; ſie hatten ſich auf kleinen Sandbaͤnken in der Sonne gelagert; als wir uns aber nabten, ſtuͤrz⸗ ten ſie ſich ſchnell in den Nil. Mein Gemahl beſtieg ſogleich mit Dr Rieei das kleine Boot, um Jagd auf dieſe Thiere zu machen, ſie verw undeten aber nur eines, welches die Spuren auf dem Sand zuruͤckließ. Das Fleiſch der Krokodile, beſonders von jungen, ſoll einen angenehmen Geſchmack haben, aͤhnlich dem von 3 Aale. Die abgeſchmackten Erzaͤhlungen, die man von dieſem Thiere verbreitet hat, ſind groͤßtentheils kindi⸗ 8 ſche Fabeln und beſtehen nur in der Einbildungskraft *) Eine amziehende Beſchreibung dieſer Al mes oder Almeh's findet man im erſten Theile, Seite 263— 266 der Geſchichte der Expedition der Franzoſen in Aegypten und Syrien in den Jahren 4708— 801, von Dr. und Prof. F. J. R. Schueidawind,(Zweibrucken 1830). 280 einiger Reiſenden. Manchmal iſt es freilich der Fall, daß Eingeborne, die ſich unbedachtſam in der Naͤhe von Krokodillen baden, ihnen zur Beute werden; aber im Allgemeinen fliehen dieſelben beim Herannahen ei⸗ nes Menſchen und greifen nie einen an. Bekanntlich iſt ſein groͤßter Feind das kleine Ichneumon, welches ſehr luͤſtern nach ſeinen Eiern iſi. Ich hatte in Ale⸗ randrien Gelegenheit, 2 dieſer Thiere zu ſehen, die zum Geſchlecht der Ratten gehoͤren. Ihr Geſchrei iſt durchdringend und ganz eigen, und ſcheint gar nicht uus der Kehle eines Thieres zu kommen. Es gleicht dem Tone, wenn eine Axt heftig gegen ein Brett ge⸗ ſchlagen wird. Wir beſuchten den Tempel von Donderah, die ehrwuͤrdigen Ruinen von Theben, den Tempel von Luxor, die praͤchtigen Reſte von Carnak, den Palaſt des Medynet⸗Abu, den Tempel von Gur⸗ na, das Memnonium, die ſeinernen Coloſſe, die im Lande unter dem Namen Thama und Chama bekannt ſind, die Graͤber der Koͤnige, und andere rie⸗ ſenhafte Truͤmmer, welche eine vergangene Groͤße be⸗ urkunden. Ich ſaß in der Naͤhe der herrlichen Ruinen von Luxor, als ich Zeuge eines eigenen Schauſpiels war. Unſer Koch hatte einen Hammel geſchlachtet und die Eingeweide an's Ufer geworfen. Da ſah ich einen Haufen ausgehungerter Hunde, welche die Ruinen von Tbeben bewohnen, herbeieilen, die üch ſogleich 281 auf die blutige und noch rauchende Bente warfen. Aber ſie ſollten ihren Raub nicht auf eine ſo leichte Weiſe verzehren, denn noch andete Thiere hatten hoch in der Luft das, was unten vorg'ng, bemerkt, und ſobald ſich der Koch entfernte, und die Hunde heran— kamen, ſiͤrzten ſich Ibiſſe und Geyer mit Heftigkeit aus der Luft auf die Eingeweide und machten ſie den Hunden ſreitig. Es entſtand ein poſſierlicher Kampf unter ihnen; bald angreifend oder angegriffen, um die Veute zu erhaſchen, entriſſen manchmal die Voͤgel des Oſiris dieſelben dem Rachen der wilden Hunde, die nach ihnen bellten und ſchnappten, waͤhrend die Sie⸗ ger, ſich in die Luͤfte aufſchwingend, uber die Dhu⸗ macht ihrer Gegner zu triumvhiren ſchienen. Es gibt viele Hyaͤnen in der Umgegend, von The⸗ ben. Dft hoͤrten wir des Nachts das Brullen die⸗ ſer reiſſenden Thiere. Wenn Europaͤer einen je⸗ ner unterirdiſcheu Raͤume beſuchen wolen, ſo feuern ße zur Vorſicht, ehe ſie hineingehen, eine Piſtole ab, um dieſe ungebetenen Gaͤſte aus ihrem Zufluchtsorte zu verſcheuchen. Ein Europäer, den die Liebe zu Alterthuͤmern in dieſe Hoͤhlen zuruͤckhielt, erzaͤhlte mir, er habe waͤhrend der Nacht von Zeit zu Zeit Beſuche von dieſen Tbieren erhalten; doch die Wach⸗ ſamkeit ſeines Hundes habe ſie von ihm abgehalten. Waͤhrend unſerer ganzen Reiſe in D ber⸗Aegyp⸗ ten trafen wir nie Schlangen an. Die Jahreszeit war noch nicht weit geßug vorgeruͤckt; denn die Schlan⸗ 282 gen dieſer Himmelsſtriche bedürfen ſehr großer Hitze und halten ſich waͤhrend der Wintermonate unter der Erde auf. Es gibt darunter ſehr giftige, andere ſind weniger gefaͤhrlich, und man glaubt, däß es eine Art von der Gattung der letztern war, welche die alten Aegypter als Sinnbild des guten Geiſtes verehrten. Dr. Ricei, welcher ſich fruͤher 9 Monate in Che⸗ ben aufgehalten hatte, erzaͤhlte mir, er habe einmal, als er bei den Katakomben ausgeruht habe, zehn ſolcher Schlangen, von einer Laͤnge von 4— 5 Fuß und von einer beinahe roſenrothen Farbe, herankommen ſehen, welche auf die mit Milch gefuͤllten Töpfe, die auf dem Boden ſtanden, geſchluͤpft wären, um daraus zu ſchluͤr⸗ fen. Es haͤtte geſchienen, als bildete ihr Koͤrper in den anmuthigſten Verſchlingungen die Henkel des Ge⸗ faͤbes; und ohne Sweifel haben dieſe Thiere den Al⸗ ten die Ideen zu den ſchoͤnen Vaſen angegeben, deren Form wir noch heute nachzubilden pflegen. Wir ſetzten unſere Reiſe nach Esne, dem alten Latopolis mit dem Tempel des Jupiter Ammon, nach Eyleythia mit den Ruinen dreier Tempel von denen der groͤßte der Bubaſta, der Diana, der Ae⸗ gpoter, geweiht geweſen ſeyn ſoll und nach Edfu, dem alten Apollinopolis, mit ſeinen herrlichen Alterthu mern fort, und beſuchten auch bei letzterer Stadt das elen⸗ de Dorf Athbah, deſſen Hütten an die Reſte des ehe⸗ maligen Glanzes angelehnt ſind. Je weiter wir kamen, delv herrlichere Farben zeigten die mannigfaltigen Vö⸗ 203 gel. Wir ſahen viele Pelikane, Flamingo's, weiße Ibiſſe, und eine Art kleinerer Voͤgel von dem ſchoͤn⸗ ſten Papageyen⸗Grün, mit 2 langen Federn am Ende der Fluͤgel, aͤhnlich denen des Pakadiesvogels. Bei Silfilis trafen wir Steinbruͤche, wo wir noch die Spuren von im Alterthume begonnenen Werken ſahen, und beſichtigten dann den Tempel von Ombos, wel⸗ ches hertliche Gebaͤude groͤßtentheils durch den Nil, der ſeinen Lauf geaͤndert hat, zerſtoͤrt iſt. Wir gelangten endlich nach Aſſuan, oder Soy⸗ ene, welches, gegen unſern Willen, das Ende unſerer Reiſe ſeyn ſollte. unſer Schiff legte am Fute eines Huͤgels an, auf welchem ſich noch die Ruinen eines alten Kloſters befanden. Da wir beſchloſſen hatten, bis zum zweiten Katarakt den Nil hinaufzuſchif⸗ fen, ſo verfuͤgte ſich mein Gatte zu Muhamed⸗Pa⸗ ſcha, dem Statthalter in Ober⸗Aegypten, an den wir Briefe vom Vizekoͤnig hatten, um ihn zu er⸗ ſuchen, unſere Reiſe zu erleichtern. Das Zelt dieſes Paſcha lag nicht weit von⸗ unſerem Landungsorte. Er beſchaͤftigte ſich eben mit der Inſpektion der Trup⸗ pen, welche taͤglich zur Cxpedition nach Dongola eintrafen. Er nahm meinen Gatten mit vieler Hoͤf⸗ lichkeit auf; wollte indeſſen nicht zugeben, daß wir bis zur Inſel Philaͤ reisten. Als Grund fuhrte er an, in Philaͤ befaͤnden ſich noch ſehr viele Albaneſiſche Truppen, die aus Mangel an Schiffen noch mehrere Wochen in dieſen Gegenden verweilen muͤßten; er 284 koͤnne nicht fuͤr ihre Disciplin einſtehen und wolle die Verantwortlichkeit nicht auf ſich nehmen. Auf dieſe Art wurden wir genoͤthist, zu unſerem Leidweſen, die Reiſe nach den Katarakten des Nils aufzugeben.. Wir hatten indeſſen noch mehrere intereſſante Punkte zu beſuchen, was unſere Abreiſe um einige Tage verzoͤgerte. Zuerſt beſuchten wir die herrliche Inſel Elephantine, mit ihren ſchoͤnen Temgeln ihren Paimenhainen und ihrer uͤppigen Vegetation, und dann den beruͤhmten Nilmeſſer, den die Gelehr⸗ ten der framzoͤſiſchen Expedition aufgefunden hatten. Die Haut der Eingebornen bei Aſſuan oder Syene war ganz ſchwaͤrzlich und chokolatefaͤrbig. Die Frauen von Nubien ſind in ihrer Kleidung nicht ſo ſtrenge, als die Aegypterinnen. Die jungen Maͤdchen gehen bis in das mannbare Alter nakt; nur eine kleine Schuͤrze mit Franzen von Leder und mit Muſcheln geziert, bedeckt ihre Huͤften. Uebri⸗ gens ſind ihre Sitten ſehr rein und jede Uebertretung der beſtehenden Geſetze wird von den Familienvätern mit großer Strenge beßraft. Der Wuchs der jungen Maͤdchen auf Elephantine war ausnehmend nettz ihre Haut fuͤhlte ſich ſanft an, wie Sammt, ohnge⸗ achtet der brennenden Sonnenhitze, der ſie immer ausgeſetzt ſind. Ich glaube, daß das Del, womit ſie einen Theil ihres Koͤrpers ſalben, viel zu dieſer Weich⸗ heit der Haut beitraͤgt. Die Nubierinnen ſalben ihre Haare auf eine 285 eckekhafte Weiſe. Sie bedienen ſich dazu des Hels einer Pflauze, die ſie Palma Chriſti nennen und mit großer Sorgfalt bauen; wir fanden ſie uͤberall um ihre Huͤtten. Aus ihren Haaren bilden ſie umzaͤhlige Flech⸗ ten, die ſo dicht ſind, daß ſie gewoͤhnlich ſo lange dauern, als ihr Leben. Sie theilen mit den Neger⸗ innen den Geſchmack fuͤr Flitter⸗-Kram und Glas⸗ Perlen ſie waren gegen uns gut und zutraulich⸗ Ich hatte die Gelegenheit, den Muth beider Geſchlech⸗ ter zu bewundern, denn ſie ſetzten auf dem bloßen Stamme einer Dattelpalme oder auf dem Buͤndel Bin⸗ ſen von Durroh keck uͤber den Nil. Nach unſerer Ruͤckkunft von Elephantine erhielt mein Gatte einen Beſuch von dem oben er⸗ waͤhnten Muhamed⸗Paſcha. Er war ſehr jung, etwas von mittlerer Groͤße und hatte in ſeinen Ma⸗ nieren etwas Anmuthiges und Feines. Man bot ihm Caffee und eine Pfeife an, die er mit großer Artig⸗ keit annahm. Ich hatte mich mit meiner Kammerfrau zuruͤckgezogen, indem ich die beſtehenden Sitten nicht übertreten wollte. Die Duͤrken haben naͤmlich in Hinſicht der Frauen von den unſerigen ganz abwei⸗ chende Anſichten von Schicklichkeit. Wenn ſie zufaͤllig eine Dame, und waͤre es ſelbſt ihre naͤchſte Verwandte, antreffen, ſo wenden ſie eilin den Kopfweg, um ſie nicht anzuſehen; und das, was bei uns ein Mangelvon Anſehen iſt und ſelbſt fuͤr ein Zeichen der Verachtung gilt, zeugt nach ihren Anſichten von Reſpekt und Hochachtuns⸗ 286 Ein guͤnſtiger Wind und die Stroͤmung des Fluß ſes trieben uns raſch von Syene hinweg und vor⸗ waͤrts, um nach Caipo zuruͤck zu kehren. Wir ver⸗ weilten einige Tage in Theben wieder, um noch ei⸗ nen letzten Blick auf die alte Koͤnigin der Welt zu werfen. Wir begegneten haͤufig Schiffen, die mit Truppen beſetzt waren. Alles wurde mit der groͤßten Thaͤtigkeit geruͤſtet für die große Expedition nach Dongolla, welche, wie wir nach unſerer Abreiſe von Aegypten vernahmen, mit dem glaͤnzendſten Erfolge gekroͤnt wurde, indem der Vizekoͤnig Muha⸗ met(Mehmet, Mehmed)⸗Ali ſeine ſiegreichen Waf⸗ fen bis ins Herz dieſer entfernten Laͤnder trug. Bei. einem Spaziergange, den ich am Ufer eines Tages mit dem tͤrkiſchen Pffizier, der uns begleitete, machte, bedrohte mich ein Haufe Soldaten fuͤrchter— lich. Der Pffizier jedoch ſagte ihnen einige kraͤftige Worte, und ſie ließen mich unangefochten weſter gehen“ Einige Tage nachher waren wir Zeuge von einer andern Scene, die mir nicht geringeren Schrecken ver⸗ urſachte, als die obige. Der Reis unſeres Schißes, deſſen ich ſchon als eines boͤſen Menſchen erwaͤhnt habe, brauchte Vorwaͤnde, die Reiſe aufzuhalten, und er warf bei Keneh in dem Augenblicke, als ſich ein guͤnſtiger Wind erhob, im Hafen der Stadt die Anker. Mein Gemahl ßellte ihm ſeine Verpflichtungen vor, drohte, und verklagte ihn beim Haſchef der Stadt. 2* 287 Der Reis erklaͤrte bald, er habe Lebensmittel nothwen⸗ dig, wozu mein Gemahl ſogleich Geld hergab, ob⸗ gleich er ſchon in Cairo demſelben zu dem Behufe 1000 Piaſter gegeben hatte, bald, er fuͤrchte. den Kam⸗ ſin u. ſ. w. Endlich gebrach meinem Gatten die Ge⸗ duld und er befahl im feſten Tone, die Anker zu lich⸗ ten. Der tuͤrkiſche Bffizier unterſtutzte meinen Gat⸗ ten und hob endlich im Streite ſeinen Stock gegen den groben Reis, um ſeinen Worten mehr Nachdruck zu geben. Aber da ftuͤrzten die Araber des Schif⸗ fes auf dieſen Offizier los, warfen ihn zu Boden, und mißhandelten ihn auf das ſchrecklichſte. Einen Augenblick ſpäter waͤre von dieſen Barbaren das Schreck⸗ lichſte geſchehen, wenn nicht mein Gemahl und Dr. Riecei mit Piſtolen in der Hand dem Offizier zu Huͤlfe geeilt und den traurigen Folgen dieſes Streites zuvorgekommen waͤten. Ihre Worte und der Anblick der draͤuenden Waffen hatten die guͤnſtigſte Wirkungz denn der Reis, die Unklugheit ſeines Benehmens gegen einen Pffizier des Paſcha einſehend, und aus Furcht vor ſeiner Rache, machte ſich, ſo ſchnell ihn ſeine Beine tragen konnten, davon und mehrere der Aufruͤhrer folgten ibm. Er kam indeſſen in einer Viertelſtunde wieder zuruͤck, mit reuiger Miene und demuthigen Geberden und da ihm der Pffizier, mei⸗ nem Gaten zu Gefallen, großmüthig verzieh, ſo wurde ſchnelle unſer Befehl vollzogen und die Anker gelichtet. Doch kaum hatte man angefangen zu rudern, 64. Bd. Aegypten. III. 3. 4 288 als ungluͤcklicherweiſe der Kamſin, dieſer brennend⸗ heiße und ſtuͤrmiſche Wind, den der Reis uns vorher verkuͤndet hatte, ſich in ſeiner ganzen Staͤrke erhob; und, waͤhrend das Schiff mit reißender Schnelligkeit vorwaͤrts getrieben ward, ſahen wir mit Entſetzen den Augenblick nahen, wo es an den Felſen, welche in dieſer Gegend das ufer begrenzen, ſcheitern wuͤrde. Dieſer Wind iſt ſo furchtbar, daß kein Schiff wagt, ſich ihm auszuſetzen, und ſelbſt die Voͤgel nehmen erſchreckt die Flucht und ſuchen die ſicherſten Zufluchts⸗ oͤrter auf. Wir wurden mit einer ſolchen reißenden Schnel⸗ ligkeit dahin getrieben, daß wir die Luͤfte zu durch⸗ fliegen ſchienen, der Horizont war roth und feurig; bald darauf fing der Himmel an ſich zu verfinſtern; die Luft war gluͤhend heiß und erſtickend und eine Wolke von brennendem Sande, der ſich vom ufer erhob, raubte den Athem und noͤthigte uns die Augen; zu ſchließen. Wiewohl wir ſehnlichſt wuͤnſchten, das Ufer zu erreichen, und ungeachtet der groͤßten Anſtren⸗ gungen unſerer Matroſen, gluͤckte es uns nicht, das Schiff anzulegen, welches der Wind mit Blitzesſchnelle mit ſich fortriß. Vor unſeren Augen ſahen wir ein anderes Boot, welches der Sturm auf eine Sand⸗ bank getrieben hatte, verſinken. Nur durch ein Wun der entrannen wir dieſer drohenden Gefahr und ſite⸗ gen bald hernach im Bulak— dem Hafen Cairo's— an das Land. Der Sturm hatte unſere Reiſe derge⸗ 289 ſtalt beſchleunigt, daß wir in 2 Lagen eine Strecke zuruͤcklegten, wozu wir auf der Hinreiſe 3 Wochen gebraucht hatten. Zu Cairo langten wir nach einer Abweſenheit von dritthalb Monaten in den letzten Tagen des Fe⸗ bruar an. Wir verweilten hier noch den Maͤrz und die Haͤlfte des April. Endlich verließen wir, nach⸗ dem wir alle noͤthigen Vorkehrungen zur Weiterreiſe getroffen hatten, am 18. April dieſe Stadt und ſchiff⸗ ten uns zum zweitenmale in Bulak ein, um nach Damiette und von da nach Syrien und Pala⸗ ſtina zu peiſen⸗ Drittes Buch. Unſere Reiſe von Cairo nach Damiette, duich die fruchtbaren und herrlich angebauten Gegenden des Delta, gehoͤrt zu den angenehmſten, die man ſich denken kann. Manchmal gegen Abend ließen wir un⸗ ſer Boot anlanden, und ſtiegen aus, um die umge⸗ gegend zu durchſreifen. Ueberall zeigte ſich eine reiche und herrliche Vegetation. Mit Bewunderung be⸗ trachtete ich dann den azurblauen Himmel, mit Wol⸗ luſt athmete ich die Wohlgeruͤche, welche tauſend duf⸗ tende Pflanzen um mich her, die Haine von Citronen⸗ baͤumen, von Palmen, von Maulbeer⸗ Feigenbaͤumen aushauchten und verbreiteten. Oft erweckten die Ge⸗ genden, durch die wir kamen, geſchichtliche Erinne⸗ 290 rungen, die, wie die Schatten Bſſian's, uͤber den Druͤmmern und den Graͤbern ſchwebten. Gelehrtere Haͤnde, als die meinen, haben die neuen und alten Städte, die ſich an dieſen ufern erheben oder erhoben, beſchrieben, ich will alſo von Manfurah, von den Ruinen des alten Atribis u. ſ. w., ſchweigen. Nach s Lagen kamen wir zu Damiette an; man ließ uns ſogleich ſagen, daß wir vor dem Hauſe des Conſular⸗Agenten von 6 verſchiedenen Maͤchten, Baſil Faker, ausſteigen moͤchten, der uns ſeine Wohnung, als er unſern Aufenthalt in Damiette erfuhr, ſehr zuvorkommend anbieten ließ. Waͤhrend der franzoͤſiſche Conſul Drovetti, der uns auf dieſer Reiſe begleitet hatte und mein Gatte, ſich anſchickten, unſern guͤtigen Wirth zu uͤber⸗ raſchen, verwendete ich einige Augenblicke auf meine Poilette, und gewiß war in einem Lande, wo der Putz zwar nicht die einzige, aber doch die Hauptbeſchaͤf⸗ tigung der Frauen iſt, dieſe meine Sorge nicht uͤber⸗ fuͤfſig. Eben war ich im Begriffe, das Boot zu ver⸗ laſſen, als eine Art von Deputation„an deren Spitze ſich der Drogamon des Conſulats befand, herankam, und mir mehtere Vaſen mit den ſchoͤnſten Blumen anbot. Dieſe Aufmerkſamkeit war mir um ſo ange⸗ nehmer, da ich ſeit unſerm Aufenthalt in Aegypten keine ſolche Menge beiſammen geſehen hatte, in⸗ dem Blumen hier gar nicht, oder nur wenig eultivirt werden. Denn das milde Klima vermehrt noch die ⸗ 291 angeborne Traͤgheit der Eingebornen, die bei der Kul⸗ tur des Bodens ſich mit der zu ihrer Exiſtenz noͤthig⸗ ſten Arbeit begnuͤgen, ohne ſich im geringſten mit ir⸗ gend etwas zu beſchaͤftigen, was zum Lurus oder zum Vergnuͤgen gehoͤrt. Beim Ausſteigen aus dem Boote wurde ich auf das Angenehmſte überraſcht durch das lachende und mannigfaltige Gemaͤlde, das ſich hier meinen Blicken darbot. Damiette liegt auf dem rechten ufer des Fluſſes und gleicht in vieler Hinſicht mehreren Dhei⸗ len von Venedig; die Haͤuſer liegen alle mit der einen Seite dem Nil, mit ihren Balkonen dem Lande zugewandt, und zeigen mit ihren Teraſſen und Pa⸗ villon's durchaus nicht die geſchmackvolle Einfoͤrmigkeit der meiſten vrientaliſchen Wohnungen, welche von der Straße geſehen, mit ihren flachen Daͤchern und dem Mangel an Fenſtern, oͤden Kloſtermauern aͤhnlich ſind. Jedes Haus in Damiette iſt mit einem klei⸗ nen Hafen verſehen, um das Ausladen der mannig⸗ faltigen Handelsartikel zu erleichtern. Denn der Ver⸗ kehr dieſer Stadt in Caffee, Reiß, Bohnen, Stoffen aus Leinwand u. ſ. w., iſt ſehr lebhaft und erſtreckt ſich nach Syrien und nach allen Haͤfen der Levante. Unzaͤhlige Barken und geſchmackvoll gezierte Gondeln belebten den Fluß. Ich verließ die Barke in Begleitung meines Ge⸗ folges und trat in das Haus Faker's und in einen unermeßlichen S der auf ebener Szde iag. Ich 292 ging durch 2 Reihen von Dienern und Sklaven hin⸗ durch, die alle in den demuͤthigſten Stellungen da ſtanden; ich ſah indeß bald, daß dieſe Zeichen der Unterwuͤrfigkeit weniger mir als dem Hausherrn gal⸗ ten, der ſich, wie er mich eintreten ſah, von ſeinem Sitze erhob und mir entgegen kam. Es war ein Mann in den Fuͤnfzigen, von einer impoſanten Geſtalt und wuͤrdevollem Anſtand. Er trug vrientaliſche Kleidung, d. j. ein langes weites Gewand von Seide, einen Turban und einen Caſchemir⸗Shawl als Guͤrtel. Ungeachtet ſeiner Feinheit und Artigkeit, und obgleich ich ziemlich mit dem Weltton bekannt bin, konnte ich mich doch nicht einer Art von Verle⸗ genheit in ſeiner Gegenwart erwehren. Die Frauen in Europa ſind ſo ſehr gewohnt, daß die Maͤnner ihnen Aufmerkfamkeit und ſelbſt Bewunderung zollet, daß ein etwas kaͤlteres und zuruͤckhaltendes Benehmen ſie leicht zur Beſorgniß bringt, als wuͤrden ſie nicht mit Vergnuͤgen geſehen. Dies war indeſſen bei un⸗ ſerm Wirth durchaus nicht der Fall, denn ich bemerkte in der Folge, daß dieſer Ernſt immer im Hrient bei Beſuchen herrſcht, ſelbſt in dem engſten Kreiſe der naͤchſten Verwandten. Hr. Faker iſt ein Levan⸗ tine von Heburt und griechiſcher Religion; er iſt ausgezeichnet durch Gelehrſamkeit, hat mehrere der geſchaͤtzteſten arabiſchen Werke in das Italieniſche über⸗ ſetzt und iſt ein Mann vos gnerkanntem Verdienſte⸗ Nach den gebpäuchlichen Komplimenten fuͤhnte er 293 mich in ein Kabinet, welches zu einem Saale gehoͤrte, der auf das geſchmackvollſte mit Drapperien von in⸗ diſchen Mouſſelin geziert war. Der Boden war mit einem perſiſchen Teppich bedeckt; rings an den Waͤn⸗ den zog ſich nach vrientaliſcher Sitte ein langer Divan hin, der das einzige Moͤbel ausmachte. Alle Diener waren uns gefolgt und hatten ſich in einer Reihe ih⸗ rem Herrn gegenuͤber aufgeſtellt, die Augen ſtarr auf ihn geheftet und bereit, die kleinſten Zeichen ſeines Willens ſogleich auszufuͤhren. Nachdem ich einige Zeit hier verweilt hatte, lud man mich ein, die fuͤr mich bereiteten Gemaͤcher in Beſitz zu nehmen. Es war eine Art von Pavillon, durch einen Garten von dem Hauptgebaͤude getrenut⸗ welcher zu Wohnungen fur die Schreiber und maͤnnlichen Bedienten, dann zu Zimmern fuͤr die Audienzen des Conſuls beſtimmt war. Ich trat in einen Laubgang von Geisblatt und Jasmin, der mich von einem Ende des Gartens zum andern fuͤhrte; um mich her erblickte ſch die herrlichſten Gewaͤchſe, beſchattet von Myrthen⸗ Lorbeer⸗ und Feigenbaͤumen, von bluͤhenden Drau⸗ gen und Gummibaͤumen, deren Bluͤthe die herrlichſten Wohlgerüche ausdufteten. Am Ende des Laubganges lag das Gebaͤude. Faker hatte es ſeit kurzem, nach europaͤiſcher Art bauen laſſen. Die große Anzahl ver⸗ gitterter Fenſter gab ihm von Außen das Anſehen eines ungeheuren Vogelkaͤfigs. Das Innere entſprach ganz dem Plane, den man dabei vor Augen hatte, und⸗ 294 eine ſehr kleine Treppe ausgenommen, wo 2Perſonen nur mit Muͤhe neben einander gehen konnten, war das Ganze ſehr zweckmaͤßig eingerichtet. Eine lange bedeckte Gallerie, auf die Art, wie an den Haͤuſern der Berner Landleute, verband die beiden Fluͤgel des Gebaͤudes. Wie oft bewunderte ich von dieſem herrlichen Plaͤtzchen den Untergang der Sonne, die, nachdem ſie ihre letzten Strahlen uͤber die Erde ver⸗ breitet hatte, hinter einem Palmenwaͤldchen endlich verſchwand, und mit unzähligen Strahlen den Hori⸗ zont und die Wipfel der Baͤume vergoldete. Ich wurde aufs Angenehmſte uͤberraſcht beim Ein⸗ tritt in mein Gemach, welches ich ganz nach europäi⸗ ſcher Weiſe auf das ſchoͤnſte meublirt fand; weder Liſche noch Stuͤhle mangelten, die doch ſo ſelten in dieſem Lande ſind, die Fenſter waren nicht geſpart, zwei Reihen befanden ſich uͤbereinander und ich zaͤhlte ihrer an achtzehn. Bald darauf ſagte man mir, Frau Faker lſſe um die Erlaubniß bitten, mir ihren Beſuch machen zu duͤrfen; ich ſchickte mich ſogleich an, ihr zuvorzu⸗ kommen; aber man bedeutete mir, ich machte einen Verſtoß gegen die beſtehenden Gebraͤuche, wenn ich ſie nicht bei mir erwartete. Dieſe orientaliſche Sitte, den Fremden zuerſt zu beſuchen, iſt nach meiner An⸗ ſicht ein ſchoner Zug der Gaſtfreundſchaft und erin⸗ nert an die gluͤcklichen Zeiten des erſten Zeitalters, wo jeder Fremde als Freund und Bruder aufgenom⸗ 295 men wurde. Als man ſich uͤberzeugt hatte, daß ſch allein ſey, kam jene im Gefolge von s bis s anderen Frauen. Nachdem alle ſich niedergelaſſen hatten, be⸗ gann ich die Unterhaltung mit einigen Worten; aber ach! keine einzige dieſer Damen wußte ein Wort Italieniſch und die Fortſchritte, welche ich in der arabiſchen Sprache gemacht hatte, erßreckten ſich nicht weiter, als die Worte: Sabalcher und Salamat*). Wir waren alſo genoͤthigt, die Untechaltung durch Zeichen zu fuͤhren. Wir, fingen damit an, uns gegen⸗ ſeitig mit großer Neugierde zu beſchauen, und wie wahre Frauen, das Einzelne in unſerer Toilette durch⸗ zumuſtern. Der Anzug meiner Wirthin vereinigte al⸗ les, was ich je von Reichthum und Glanz geſehen habe. Ihr Unterkleid, mit reichen Goldſtreifen durch⸗ wirkt, war von indiſchem Gewebe. Ihr langes Un⸗ terkleid, von gruͤnem Sammt, reich mit Gold geſtickt, wurde in Konſtantinopel verfertigt, wie ſie mich verſicherte. Vorne war dasſelbe ganz offen und ließ ihr Unterkleid und ihre ebenfalls mit Gold geſtickten Pantalons von Mouſſelin hervorblicken, welche auf ihre netten Fuͤße herabhingen, die ſtatt aller Bedeckung nur mit einem goldenen Ringe um die Knoͤchel ge⸗ ſchmuͤckt waren. Sie trug kein Hemd und ihr Buſen war bloß mit voͤllig durchſichtiger Gaze bedeckt. *) Guten Tag und der gewohnliche Grut. 296 Alles war bisher ganz gut; aber, wenn man den Kopf anſah, ſo mußte man fuͤrchten, ſie moͤchte unter der Laſt des Putzes unterliegen. Ihr Turban war mit mouſſelinen Baͤndern von allen Farben, mit einer un⸗ geheuren Anjahl Blumen, Diamanten und Zierathen jeder Art verziert, ſo daß ihr Kopf ausſah, wie ein herumwandelndes Modemagazin. Ein langer Schleier vom indiſchen Mouſſelin mit Goldflitter beſaͤet, war üͤber alle dieſe Reichthuͤmer befeſtigt und verbarg un⸗ zaͤhlige kleine Flechten von Haaren und ſchwarzer Seide, welche uͤber ihren Nacken bis zum Guͤrtel herabfielen. An dieſe waren viele kleine Goldmuͤnzen befeſtigt, welche bei der geringſten Bewegung des Kopfes eine Art von Klingeln hervorbrachten. Sie war etwas uͤber mittle⸗ rer Groͤße und beſaß in ziemlich bedeutendem Grade die bei den Drientalen ſo geſchaͤtzte Wohlbeleibt⸗ heit. Ihre Hautfarbe hatte noch viele Friſche, wel⸗ cher durch rothe Schminke auf den Wangen und durch ſchwarzfaͤrben der Augenbraunen und Augenwimpern nachgeholfen war. Die Naͤgel an ihren Haͤnden und Fuͤßen und die innere Flaͤche der Hand und der Fuß⸗ ſohlen waren mit orangegelber Farbe bemalt. Von dieſer Farbe, welche man von einem Baume zieht, den man Henn'l nennt, machen die Frauen im Drient haͤuſigen Gebrauch. Frau Faker war in Syrien geboren. Ihre ganze Phyſiognomie, die man regelmaͤßig nennen konnte, druͤckte ihte Herzensguͤte aus, jenes ſaufte Weſen, welches aus Mangel an Entwicklung der Gei⸗ ſtesanlagen entſteht. Wenn ſie ihrer Phyſiognomie usdruck geben wollte, ſo ließ ſie ihre Augen mit unbegreiflicher Schnelligkeit in den Augenhoͤhlen her⸗ umrollen. In dieſer Kunſt werden im Orient alle jungen Mädchen unterrichtet und man verſicherte mir, daß die Maͤnner darin einen unwiderſtehlichen Zau⸗ ber faͤnden. Auf einem unſerer Morgen-Spaziergaͤnge ſahen wir die Papyrus⸗Staude, deren ſich die Alten zur Verfertigung des Papiers bedienten. Man findet ſie ſonſt nirgends in Aegypten, als in der Umgegend von Damiette und an den Ufern des See's Menza⸗ leb. Die Seltenheit dieſer Pflanze befremdet weniger, wenn man ſich erinnert, was Strabo vom Papy⸗ rus erzaͤhlt, daß naͤmlich die Regierung, um ſich des Monopols zu verſichern, dieſe Pflanze in einem großen Theil Aegyptens ausrotten ließ und ſie nur in einigen beſtimmten Diſtrikten duldete, wo man auf ihren Anbau ein wachſames Auge haben konnte. Meh⸗ rere Papyrusrollen aus der Sammlung meines Gat⸗ ten, die ſich gegenwaͤrtig im Muſeum zu Berlin befinden, haben noch eine ſolche Dichtigkeit, wie vor 20 Jahthunderten, ſo daß man ſie mit derſelben Leich⸗ tigkeit aufrollen kann, wie jede andere Papier⸗ oder Pergament⸗Rolle. Sie ſind von gelber oder brauner Farbe, je nachdem ſie mehr oder weniger der Luft aus⸗ geſetzt waren. Mein Gemahl beſitzt eine, worauf 298 ſomboliſche Figuren und Hieroglyphen ſich befinden, deren Farben noch ſehr lebbaft, mannigfaltig und vor⸗ trefflich erhalten ſind. Ich hatte Gelegenheit zu be⸗ merken, daß die beiden Enden der Papytusrollen durch einen mit Harz uͤberzogenen Pfropf von Biſſus her⸗ metriſch verſchloſſen ſind und dadurch vor dem Ein⸗ fluſſe der Luft geſchuͤtzt waren. Herr Reynier ſagte uns, man habe dieſe Pflanze bis zum oten Jahrhun⸗ dert zur Verfertigung des Papiers benutzt.. Dravetti, mein Gatte und ich verlaͤngerten einigemale unſere Spaziergaͤnge bis auf 2—3 Meilen von Damiette. Ich hatte fortwaͤhrend meine euro⸗ vaͤiſchen Kleider getragen, ohne daß ich je von alba⸗ neſiſchen Soldaten, die uns haͤufig begegneten, Be⸗ leidigungen erfahren haͤtte, obgleich uns auf dieſen Spatiergaͤngen kein Janitſchar, wie in Cairo und Auf unſerer Reiſe in Ober⸗Aegypten, begleitete. Als aber die Geruͤchte von den Siegen der Griechen nach Damiette gekommen waren, ſo fingen die Trup⸗ ven an, feindliche Abſichten gegen die Chriſten blicken zu laſſen. Auch wir erfuhren dieſe Stimmung des Volkes. Auf einem unſerer Spaziergaͤnge hoͤrten wir naͤmlich ploͤtzlich ganz in der Nähe 2 Piſtolenſchuͤſſe und in demſelben Augenblicke ſielen einige Kugeln zu unſern Fuͤßen nieder. Die Abſicht lag am Tage; der Albaneſer, der uns dieſen Beweis ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit geben wollte, kam, unzufrieden, ſein Siel verfehlt zu haben, hinter einer Hecke hervor, wo er 209 geſtanden hatte, und wir hielten es fuͤr das klugſte, nach Hauſe zuruͤckzukehren. Der Aga, Kommandant der Stadt, an den wir durch den Vizekönig empfoh⸗ len waren, hatte, ohne unſer Wiſſen, dieſes Attentat erfahren, und verſprach uns eine volle und blutige Genugthuung, die wir natuͤrlich ablehnten, weil ein ſolcher Akt der Strenge die Gemuͤther gegen uns er⸗ bittern mußte. Frau Faker, welche mit ihren Frauen den zwei⸗ ten Stock des Hauſes bewohnte, ließ mich eines Ta⸗ ges zu ſich einladen. Ich fand bei ihr eine große Ge⸗ ſellſchaft von tuͤrkiſchen und arabiſchen Frauen, die, ſobald ſie mich eintreten ſahen, ſich alle mit wahr⸗ haft kindiſcher Neugierde um mich herum draͤngten. Ich nahm neben ihnen auf dem mit einem Teppich bedeckten Boden Platz und ſah bald, daß ich einen Tanz einer der privilegirten Taͤnzerinnen bewundern ſollte, welche, wie die indiſchen Bayaderen mit der groͤßten Freiheit ihre Reize und ihre Talente zei⸗ gen. Dieſe Perſonen, welche neben ihrem Lalent noch durch Geſang und Muſik ergoͤtzen, laͤßt man haͤufig in die Harem's kommen, um den jungen Maͤd⸗ chen Unterricht in der Kunſt zu gefallen zu ertheilen. Die Taͤuzerin, die ich bewundern ſollte, erregte all⸗ gemeinen rauſchenden Beifall. Ermüdet von dieſer Seene und betaͤubt von dem Beifalls⸗Geraͤuſch um mich her, ſchlich ich mſch heimlich weg, indem ich mich freilich der Gefahr ausſetzte, von dieſen Da⸗ 300 men fuͤr eine Frau von wenig Geſchmack gehalten zu werden. Man lud mich mehreremale in Cairo ein, das Harem des Vizekoͤnigs zu beſuchen*), eine Gunſt, die fremden Damen ſelten zu Theil wird. Im Drient iſt es Sitte, bei den Beſuchen ſich gegenſeitig Ge⸗ ſchenke zu machen. Nun konnte ich aber in dieſer Stadt keine paſſenden Geſchenke für die ſchoͤnen Oda⸗ liken bekommen. Ich mußte daher metnen Beſuch aufgeben und meine Neugierde blieb lange Zeit un⸗ befriediget. In Damiette endlich bot ſich mir die Gelegen⸗ heit dar, das Harem des Aga, Kommandanten in Damiette und Gouverneurs der Provinz, zu beſu⸗ chen. Da hier die Geſchenke nicht ſo koſtbar zu ſeyn brauchten, ſo beſchloß ich endlich, eine Behauſung kennen zu lernen, wo alles dem Geſchmacke, den Ideen und den Sitten eines Europaͤers entgegen iſt. Das Harem des Aga lag dem Hauſe Faker's beinahe ge⸗ genuber, am andern ufer des Nils, umgeben von einem Garten. Ich ließ mich von der Frau eines por⸗ tugieſiſchen Axztes begleiten, welche etwas Italieniſch * * Dieſer beſitzt zwei legitime Frauen, von denen eine in Catro, die andere in Alerandrien reſidirt. Die Sahl ſeiner Odaliken iſt ungeheuer. Bloß in ſeinem Harem zu Alexandrien hat er deren über zweihundetrt. 301 und Arabiſch verſtand und mir als Dollmetſcherin die⸗ nen ſollte. Als wir an dem Gebaͤude ankamen, wur⸗ den wir von einem ſchwarzen, reichgekleideten Ver⸗ ſchnittenen empfangen, der uns in ein kuͤhles Gemach mit einem langen, niedrigen Divan fuͤhrte und uns meldete. Und bald darauf erſchienen die beiden Ge⸗ mahlinen des Aga in Begleitung von zweien ihrer Toͤchter, von denen die eine an einen Oberoffizier ver⸗ heirathet, die andere noch ein Kind war. Es folgten ihnen 20 junge Selavinnen. Die beiden Gemahlinnen und Toͤchter des Aga nahmen an meiner Seite Platz, während ſich die Selavinnen in einen Halbkreis um uns herſtellten, die Arme gekreuzt auf der Bruſt und ein tiefes, ehrerbietiges Stillſchweigen beobachtend. Alle dieſe Damen ſprachen nur türkiſch; wir brauchten alſo noch eine zweite Dollmetſcherin, welche das Arabiſche in's Tuͤrkiſche uͤberſetzte, ſo daß das, was ich auf Italieniſch ſagte, in das Arabiſche und vom Arabiſchen in das Tuͤrkiſche uͤberſetzt wurde. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß auf dieſe Art unſere Unterhaltung ziemlich langſam vor ſich ging, da wir ganz von dem guten Willen und den Faſſungsgaben unſerer Dollmetſcherinnen abhingen; und oft kamen bei unſeren Fragen und Antworten, wenn ſie ſchlecht uͤber⸗ tragen wurden, ſehr komiſche qui pro quo's vor, und boten beſtaͤndig Stoff zum Lachen. Die ältere der zwei Gemahlinnen hatte in ihrem Weſen etwas ernſtes; die andere juͤngere hingegen war lebhaft und von einer 302 intereſſauten Figur; ſie wiederholte mit der großten Lebhaftigkeit die geringfuͤgigen Fragen und ließ nicht ab, alle einzelnen Theile meiner Doilette durchzu⸗ muſtern und mich nach jedem einzelnen zu fragen. Die verheirathete Tochter des Aga war eine junge Frau von der ſchonſten und intereſſanteſten Geſtalt aber ſehr kraͤnklich; ihre ausnehmende Blaͤſſe gab ihr in meinen Augen etwas wahrhaft ruͤhrendes; ſie glich einer durch den gluͤhenden Wind der Wuͤſte ausgetrockneten und hinwelkenden Lilie. Sie bat mich aus Glauben, den alle Drientalen haben, daß wir Europaer ohne Ausnahme Kenntniſſe in der Medizin beſaͤßen, um ein Heilsmittel. ⸗ Die uͤbrigen Schoͤnen waren beinahe alle in Sy⸗ rien, Circaſſien und Georgien geboren und ich konnte nach Gefallen dieſe Schoͤnheiten betrachten, die eines ſo großen Rufes genießen. Sie verdienen denſelben in der That, indeß kann ich meinen liebens⸗ wuͤrdigen Landsmaͤnninnen zu ihrem Troſte verſichern, daß Europa gewiß Schoͤnheiten beſitzt, die denen des Hrients nichts nachgeben. Die, welche ich vor mir hatte, waren ungemein zarte, niedliche Frauen, mit ſehr feinen und regelmaͤßigen Zuͤgen; aber was ich am meiſten an ihnen bewunderte, war ihr Haupt⸗ haar, welches in dichten Locken bis zu ihrem Guͤrtel herabfiel. Sie waren in ihrer National⸗Kieidung; auch trugen ſie nicht die kleinen Flechten der ägypti⸗ ſchen Frauen, die mehr emtellen als verſchoͤnern. 303 Sie hatten wunderſchoͤne Zaͤhne; aber die Friſche der Jugend⸗Farbe war verwiſcht. Vielleicht trug die ſitzende Lebensweiſe und das Klima von Aegypten dazu bei, ihre Reize zu untergraben. Letzteres, ſonſt ſo geſund, uͤbt einen zerſtoͤrenden Einfluß auf die Schoͤnheit der Frauen, und auf die Geſundheit der von europaͤiſchen Aeltern gebornen Kinder. Selten erhalten fremde Famjlien ihre Kinder, meiſt ßerben ſie in zartem Alter. Die Frauen thaten viele Fragen nach denen mei⸗ nes Landes, und als ich ihnen ſagte, daß unſere Maͤn⸗ ner nur Eine Frau und keine Sklavinnen haͤtten, ſo blickten ſie mich verwundert an, ungewiß, ob ſie die⸗ ſer Sitte ihren Beifall geben, oder daruͤber ſpotten ſollten. Man brachte uns Erfriſchungen, als Sorbet, Kon⸗ ſituͤren, eingemachte Fruͤchte, auf einem niedlichen Liſchchen von Cederholz, mit Moſaik von Elfenbein und Perlmutter geziert. Waͤhrend dem zündeten eini⸗ ge Sklavinnen Weihrauch auf ſilbernen Becken an, und beſprengten uns haͤuſig mit Roſenwaſſer; andere ſtanden mir zur Seite und breiteten jedesmal, wenn ich etwas genoß, unter mein Kinn eine Serviette aus etwas groben, aber goldgeſtickten Gewebe aus. Andere, mit Fliegenwedeln in den Haͤnden, verſcheuchten ei— nen Schwarm von Inſekten, welche die Suͤßigkeiten herbeigelockt hatten; einer jeden Sklavin ſchien ein beſonderes Amt zugetheilt zu ſeyn. Als unſer Mahl 64, Bd. Aegypten, III. 3 5 304 geendet war, wollten ſie mich die Nacht bei ſich be⸗ halten und machten mir den Vorſchlag ein Bad zu nehmen; aber, da ich ſchon von Cairo her dieſe Art von Vergnuͤgung kannte, wo die Frauen ſich gaͤnzlich entbloßen und alle die, welche dieſe Dampfbaͤder nicht ge⸗ wohnt ſind, in Gefahr ſtehen, zu erſticken, ſo lehnte ich dieſem Antrag hoflich ab, indemich meine Schwan⸗ gerſchaft vorſchuͤtzte. Nachdem wir das ganie Haus vetrachtet hatten, welches abet nichts Anmerkungs⸗ werthes darbot, nahm ich Abſchied von den Frauen, und vertheilte beim Wesgehen unter die Sklavinnen kleine Goldmuͤnzen, auf die ſie einen großen Werth legen⸗. Einige Tage nachher machten wir in Fakel's Begleitung dem erſten Ulema der Stadt, einem ehr⸗ wuͤrdigen Greiſe, unſern Beſuch. Waͤhrend nach ori⸗ entaliſcher Sitte und Höflichkeit die Pfeifen gereicht wurden, ſtattete ich den Frauen einen Beſuch ab. Als ich in das Frauengemach eintrat, kamen mir alle mit lauten Freudenbezeugungen entgegen und ſprangel⸗ wie eine Heerde losgelaſſener Fuͤllen um mich her. Ich weiß nicht, pb ſie von meinem Beſuche vorher unterrichtet waren; denn da wir keinen Dollmetſcher hatten, konnte ich mich mit ihnen nicht verſtaͤndigen⸗ In dieſem Harem befanden ſich blos arabiſche und; agyptiſche Frauen, nebſt einigen Negerſtlavinnen. Sie; ſchienen weit weniger wohl erzogen zu ſeyn, als di Frauen des Aga und Ihr vft mnanſtaͤndiges Betragel 305 und Benehmen ließ mich mehr als einmal die Augen niederſchlagen. Ihre Hauptneugierde war auf meine Toilette gerichtet. Ihre Zudringlichkeit wurde mir endlich ſo zuwider, daß ich mich entfernte, ohngeachtet ſte ſich ſehr eifrig bemuͤhten, mich zuruͤck zu halten. Ich ſchaͤtzte mich gluͤcklich, als ich mich ihrer entlediget hatte und mich wieder unter dem Schutze meines Gat⸗ ten befand. Als wir Cairo verließen, war unſer Vorſatz, von Damtette aus Palaͤſtina zu reiſen und demnach einen Theil von Syrien und des Libanon⸗Ge⸗ birges zu beſuchen. Alles war ſchon zu dieſer Reiſe geruſtet, als ein Ereigniß die Ausführung unſeres Vor⸗ ſatzes zu Nichte machte. Faker naͤmlich hatte be⸗ ſtimmte Nachricht von Unruhen in Syrien, die in Folge des Aufſandes der Griechen ausgebrochen waren, erhalten und ſie uns mitgetheilt. Man konnte leicht vorausſehen, daß dieſes Feuer nicht ſo ganz leicht zu daͤmpfen ſey und daß es am Ende die ganze N Levante ergreifen wuͤrde, um ſo mehr da die Dru⸗ ſen, dieſes kriegeriſche und aufruͤhreriſche Volk, ſich der Sache der Griechen anſchließen zu wollen ſchien. Mehrere europaiſche Reiſende waren ſchon auf dem Wege nach Jeruſalem angefallen und mißhandelt worden. Es blieb uns fur den Augenblick nichts anderes uͤber als an unſere Ruckkehr nach Europa zu denken. Nach Alexandrien wollten wir uns nicht be⸗ geben, weil dort gerade die Pelt in einem hohen Gra⸗ „ 306 de wuͤthete. Mein Gatte ſchickte daher einen Cou⸗ rier dahin, um aus dem Hafen dieſer Stadt eine der Corvetten des Vizekoͤnigs, mit Namen la bella Sue- zia abzuholen, welche für etwa 42,060 Franken ge⸗ miethet, uns mit unſern Kunſtſchaͤtzen u. ſ. w. nach Europa uͤberſetzen ſollte. Da indeſſen dieſes große Schiff ſich Damiette nicht naͤhern konute, ſo wur⸗ de beſchloſſen, daß es uns auf der Rhede von Abu⸗ kir erwarten ſollte. Auf einer Gondel fuhren wir zum Fort von Esbe und ſetzten uns dann in ein et⸗ was groͤßeres Fahrzeug, Dgerme⸗Lſcherme ge⸗ nannt, um nach Abukir zu ſchiffen. Ein heftiger Wind, der bei unſerer Abfahrt herrſch⸗ te, verwandelte ſich bald in einen Drkan. Unſer Fahrzeug wurden auf der hohen See ganz das Spiel⸗ werk der Wogen und des Sturmes, bald von den Wellen bis zu den Wolken erhoben, bald im tieſſten Abgrund begraben. Zwei Bedienten hielten mich feſt, um ju verhindern, daß ich nicht uͤber Bord fiel. Da vieie Barken oder Dgermen jaͤhrlich an dieſer Kuſie zu Grunde gehen und wenige Dage vorher 2 von die⸗ ſen gebrechlichen Fahrzeugen geſcheitert waren, ſo dachte ich nicht anders, als daß uns ein gleiches Schick“ ſal bevorſtaͤnde. Bei meinem ſchwaͤchlichen Koͤrper und damaligem Zuſtande, wodurch ich für ſchreckhaft Eindruͤcke um ſo empfaͤnglicher war, gerieth ich end lich durch das beſtaͤndige Schwanken des Fahrzeuger in vollige Erſchoͤpfung und verlor das Bewußtſeyn. rufen. . 307 Ich erwachte ploͤtzlich durch einen friſchen Luftzug und faud mich auf den Armen einiger tuͤrkiſchen Matro⸗ ſen, die mich aus der Barke in die Corvette trugen, welche man mit Muͤhe erreicht hatte. Kaum war ich an Bord dieſes Schiffes, das ſehr elegant und bequem war, und das bey Abukir faſt an derſelben Stelle lag, wo Nelſon einen ſo glor⸗ reichen Sieg erfochten, als mein Wohlſeyn zuruͤckkehrte. Wir freuten uns auf die Heimreiſe auf demſelben, als uns zu unſerm Erſchrecken, ſein Capitain erklaͤrte, er koͤnne uns nicht nach Europa fahren, ſondern muß auf des Paſcha Befehl in den Hafen von Alexan⸗ drien zuruͤckkehren. Wir erfuhren von dem Capitain, die Griechen haͤtten 3 Schiffe des Paſcha, auf de⸗ nen ſich Geſandte von Konſtanttnopel befanden, genommen, in Grund gebort und die Mannſchaft um⸗ gebracht; und da der Vizekoͤnig fuͤr den Augenblick Angriffe der Art vermeiden wollte, ſo haͤtte er das Auslaufen ſeiner Schiffe verboten und Befehl gegeben, alle, welche ſich an den Kuſten befaͤnden, zuruͤck zu Da wir kein anderes Schiff fanden, welches uns nach Europa uͤberfuͤhrte, waren wir gezwungen, nach den verpeſteten Ort hinuͤberzufahren, und nachdem wir beinahe durch eine Sandbank oder an dem Starrſinne unſeres Capitain's Schiffbruch gelitten haͤtten, erreich⸗ ten wir den Hafen dieſer Stadt. 309 unſere Lage war wahrhaft ſchrecklich, beſonders in dem Zuſtande, worin ich mich befand, daher ich mit doppelter Sehnſucht der Ruͤckreiſe nach Europa ent⸗ gegen barrte. Der Paſcha ſchien mit unſerer Lage Mitleid zu haben, und wollte ſie wenigſtens, ſo weit es in ſeiner Macht ſtand, mildern. Er ſchickte Is⸗ mael Gibraltar, den Admiral ſeiner Flotte und den Miniſter der Marine ſeinen eigenen Schwager zu uns, um uns zu bitten, das Schiff zu verlaſſen, wo wir ſehr enge zuſammenhauſeten und einen ſeiner Pa⸗ laͤſte, der ſeinem Sohne Ibrahim Paſcha gehoͤrte, zu beziehen. Mein Gatte ſchwankte lange in ſeinem Entſchluſſe. Endlich gab er den wiederholten dringen⸗ den Bitten Ismael Gibraltar nach. Wir be⸗ ſtiegen eine Schaluppe und betraten zum zweitenmale den Boden von Alerandrien, aber mit entgegen geſetzten Empfindungen. Aus Furcht mit der Peſt in Beruͤhrung zu kom⸗ men, wenn wir uns in der Stadt Eſel zu verſchaffen ſuchten, um uns nach Ibrahims Palaſte zu bege⸗ ben, zogen wir es lieber vor, die nicht unbetraͤchtliche Strecke zu Fuße zuruͤckzulegen und zwar in der fuͤrch⸗ terlichen Hitze des Mittags, auf brennendem Sande. Obwohl gefuͤhrt von meinem Gatten und Gibral⸗ tar, brachen doch meine Kniee unter mir zuſammen und nur mit der groͤßten Muͤhe erreichte ich unſere neue Wohnung. Der Palaſt J brabim⸗ Paſcha's lhegt in eini 306 Viertes Buch. Im Hafen von wlerandrien angekommen, fan⸗ den wir endlich ein Schiff, welches oͤſterreichiſche Flagge fuͤhrte und uns aufnahm. Welche Freude fuͤr uns, den Augenblick unſerer Abreiſe aus dieſem ver⸗ peſteten Lande, auf dem ein ewiger Fluch zu laſten ſchien, herannahen zu ſehen! Es war Alles bereitet, als in der Nacht, die den Tag unſerer Abreiſe bringen ſollte, mehrere Kanvnenſchuͤſſe, die vom Hafen aus beantwortet wurden, irgend ein beſonderes Ereigniß verkuͤndeten. Dieſes kriegeriſche Signal verkuͤndete die un⸗ erwartete Ankunft des Vizekoͤnigs, der Tag und Nacht von Cairo aus gereist war, um ſeine Flotte zu vr⸗ ganiſiren und alie noͤthigen Maaßregeln zur Vertheidi⸗ gung des Landes zu ergreifen. Eine unbeſchreibliche Bewegung verbreitete ſich ſogleich uͤber den Hafen; auf alle Schiffe ward Embargo gelegt und auch das unſerige war mit eingeſchloſſen. Welcher Schreckens⸗ Schlag fuͤr uns! Mein Gatte bat den Paſcha inſtaͤn⸗ digſt, zu unſern Gunſten eine Ausnahme zu machen und uns die Erlaubniß zur Abreiſe zu ertheilen. Aber die Bewilligung dieſer Erlaubniß, die auch von den europaͤiſchen Konſuln fuͤr die Schiffe ihrer Regierun⸗ gen verlangt wurde, wurde von ihm nicht ertheilt, und, was uns betraf, ſo ußerte er, er haͤtte geglaubt, wir waͤren ſchon loͤngſt abgereist. 310 ger Entfernung von der Stadt, auf einer Landzunge, die ſich in's Meer erſreckt und die beiden Haͤfen von cinander trennt, und auf einer kleinen Anhoͤhe. Das Gebaͤude iſt mit Fenſtern uͤber und uͤber bedeckt, wel⸗ ches dem Innern der Zimmer das Anſehen einer La⸗ terne gibt. Das ganze Land herum iſt obne Vegeta⸗ ton, oͤde und ſandig. Ich richtete die großen, öͤden Gemaͤcher ſo gut es ging fuͤr uns ein. Ismael Gibraltar hatte die Guͤte, uns einen Tiſch zu beſorgen und einige Meu⸗ veln und Geraͤthſchaften, die wir von unſerem Schiffe kommen ließen, fuͤllten noch die Luͤcken in der begue⸗ men Einrichtung unſerer Wohnung aus. Die abge⸗ ſonderte Lage dieſes weitlaͤufigen Gebaͤndes, das nur ven uns wenigen Perſonen, denn einige unſerer Be⸗ diente waren auf dem Schiffe zur Bewachung unſerer Effekten geblieben, bewohnt wurde, verurſachte mir eine Furcht, welche ich nicht unterdruͤcken konnte. Man ſtelle ſich den ungeheueren Saal ohne Meubel, wo ich mich aufhielt, vor, in dem jedes Wort und je⸗ der Fußtritt, wie in einem Gewoͤlbe wiederhallten, da⸗ zu das Rauſchen des Windes in den Corridor's, der ſich in dieſer Jahreszeit und an dieſer Kuͤſte regelmaͤſ⸗ ſig gegen Sonnenuntergans erhebt; dann das Brau⸗ ſen der Meeres⸗Wellen, die ſich gegen die Mauern des Palaſtes brachen; endlich das Geſchrei der großen aͤgyptiſchen Ratten, welche die ganie Nacht hindurch ſich uͤber unſerm Haudte luſtis machten, und ſelbſt ohne Scheu in unſerm Saale, der ſeit langer Zeit unbe⸗ wohnt geweſen war, ſich tummelten; und man wird ſich eine Vorſtellung machen koͤnnen von den unange⸗ nehmen Eindruͤcken, die ich waͤhrend der langen Naͤchte empfand, welche ich ſchlaflos hinbrachte. Der Vizekoͤnig, nicht damit zufrieden, uns gaſtlich in ſeinem Palaſte aufgenommen in haben, bot uns auch ſeine Kuͤche an, was wir mit Dank annahmen, da wir wegen der Peſt unſern Koch nicht nach der Stadt ſchicken konnten. Es war das erſtemal, daß ich die tuͤrkiſche Kuͤche koſtete, denn in den Haͤuſern, wel⸗ che wir bis jetzt bewohnt hatten, war die italieniſche und arabiſche Kuͤche eingefuͤhrt. Man wollte uns an⸗ fangs mit einem glaͤnzenden Mahle von so Schuͤſſelu bedienen; wir verbaten uns aber einen ſolchen Tiſch⸗ der eines Lueullus wuͤrdig geweſen waͤre“), und begnuͤgten uns mit einer weit geringern Zahl von Ge⸗ richten. Ich waͤre in der That neugierig geweſen, die Huͤlfsquellen der tuͤrkiſchen Koͤche kennen zu lernen und zu erfahren, auf welche Art ſie es wobl moͤslich gemacht haben wuͤrden ihr erſtes Anerbieten auszu⸗ führen; denn die 8 Schuͤſſeln, die wir alle Tage Mit⸗ tags erhielten, beſtanden immer aus denſelben Gerich⸗ tenz naͤmlich einer ziemlich ſchlechten Suppe, Fiſchen⸗ gekochtem Reis, Tauben und Huͤhnern, einer Schuͤſ⸗ * *) Dem Lueullus koſtete iede Mahlieit im Apollo⸗ Sgale 46,000 Fr. S. * 312 ſel mit Bamicht Ciibiseus esculentus), einer Art Hůl⸗ ſenfrucht von angenehmem Geſchmack, und einigen Backwerk, mit Honig verſuͤßt. Von Zeit zu Zeit er⸗ hielten wir Waſſermelonen und Drangen und ei⸗ nes Tages hatte der Paſcha die Guͤte, mir ein groſ⸗ ſes Stuͤck Eis zu ſenden, welches er von den großen Gebirgen Kleinaſiens hatte kommen laſſen. Wir waren ſehr erfreut uͤber dieſes Geſchenk und beeilten uns ſogleich unſer Waſſer, das beinahe nicht zu trin⸗ ken war, damit zu erfriſchen. 3 Ismael Gibraltar machte regelmaͤßig, an der Stelle ſeines Herrn, die Honneurs und es machte mir kein geringes Vergnuͤgen, einen Tuͤrken mir gegenuͤber zu ſehen, in ſeiner reichen und glaͤnzenden Kleidung, der ganz vertraut war mit den Gebraͤuchen Europas. Ismgel Gibraltar hatte ſich meh⸗ rere Jahre in Schweden aufgehalten, wohin er vom Paſcha in Handelsangelegenheiten geſchickt worden war; ebenſo in Livorno und Frankfurt a. M⸗ Er iſt ein Mann von ungefaͤhr so Jahren, von hohem Wuchſe, etwas hager, mit blauen Augen, einer Adler⸗ naſe, und angenehmen, ſanften Geſichte. Er ſpricht gelaͤufig italieniſch und franzoͤſiſch und ſchien mit Freude an ſeinem Aufenthalt in Europa zuruͤck zu denken. Er erzaͤhlte mir unter andern, auf einem Balle in Frankfurt habe er mit mehreren Damen getanzt, was allgemeine Bewunderung erregt haͤtte. Er ſchien mir keines von den Vorurtheilen ſeiner Na⸗ — 313 * tion zu beſitzen. Er hatte nur eine legitime Gemah⸗ lin und eine einzige Tochter, von der er mit der leb⸗ hafteſten Zaͤrtlichkeit ſprach. Beide wohnen in Kon⸗ ſtantinopel und ſind ſchon eine Reihe von Jahren von ihm getrennt; er geht aber mit dem Plane um, ſie nach Aegypten kommen zu laſſen. Waͤhrend der Abweſenheit des Herrn Boghos verwaltet er das Amt des Dragoman und theilte mit jenem die Gunſt des Vizekoͤnigs. Boghos Juſſuf, Staatsſekretaͤr und erſter Dragoman des Vüekoͤnigs, ſtammt von giner alten armeniſchen Familie in Smyrna, genannt Abro⸗ cher. Er begann in einem Alter von 20 Jahren ſeine Laufbahn als Dragoman bei Iſſuf⸗Paſcha, und diente dann unter Ali⸗Paſcha und Ku ſchid⸗ Paſcha. Bei dem jetzigen Paſcha ſteht er in hoher Gunſt. Er verwaltete ſeine Aemter, wozu das eines Handelsminiſters kam, mit Eifer und Treue. Sein Charakter iſt ſanft, geſchmeidig und zuvorkommend. Ismael Gibraltar kam eines Tages zu mir, und ſagte mir, der Vizekönig habe ſich nach mir er⸗ kundigt und ihm aufgetragen, mir zu ſagen, daß er ſelbſt ſchon gekommen wäre, um mir einen Beſuch ab⸗ zuſtatten, wenn er nicht genoͤthigt ſey, gewiſſe Ge⸗ braͤuche und Vorurtheile ſeiner Nation zu beobachten. Ich geſtehe, daß ich von dieſer Hoͤflichkeit angenehm überraſcht war, die ich ſo wenis erwartet hatte, und die ſo ſehr im Widerſpruche mit der Anſicht der Tuͤr⸗ 314 ken gegen unſer Geſchlecht ſtand. Ich erwiederte ihm, wie ich ſchon lange Zeit begierig geweſen ſey, den Wiederherſteller von Aegypten kennen zu ler⸗ nen, deſſen Geiſt und Humanitaͤt die ganze Welt in Bewunderung ſetzte, daß ich aber gehoͤrt haͤtte, wie die Sitte und Etikette der Frauen nicht erlaube, in ſeiner Gegenwart zu erſcheinen. Jsmael Gibral⸗ tar entgegnete, daß der Paſcha mich ohne Sweifel mit Vergnuͤgen empfangen wuͤrde, wenn ich wie die bekannte Lady Stanhope, bei ihm in mameluki⸗ ſcher Kleidung erſcheinen wollte. Wiewohl meine Neugierde ehr groß war, ſo konnte ich mich doch aus angeborner Furchtſamkeit nicht entſchließen, dieſen Vorſchlag anunehmen. Ismael Gibraltar ſagte mir darauf, der Paſcha wuͤrde dann ſich bemuͤhen, mir einmal auf dem Spaziergange zu begegnen. Wirklich erſchien er den folgenden Morgen mit einem zahlrei⸗ chen Gefolge an der Seite des Palaſtes, wo wir wohn⸗ ten, ich wurde aber ſehr ſpaͤt davon benachrichtiget und nachdem er ein⸗ oder zweimal hin und hergerit⸗ ten war, kehrte er auf demſelben Wege wieder zuruͤck und ich erblickte ihn nur im Augenblick, als er ſich entfernte. Seine Geßalt ſchien mir nicht groß zu ſevn, er trug ein karmoſinfarbiges Gewand. Mein Gatte, der ihn ſehr oft geſehen hatte, ſagte mir, er habe einen lebhaften und durchdringenden Blick und viele Beweglichkeit in ſeinen Zuͤgen. Die politiſchen Conjuukturen bewogen den Vie⸗ 315 konig dieſelben Vorſichtsmaßregeln zu ergreifen, welche er mit Erfolge im Kriege gegen die Wechabiten angewandt hatte. Er verſammelte in einem Lager in der Naͤhe von Alexandrien 2000 von den gefaͤhrki⸗ chen und aufruͤhreriſchen Albaneſen, welche er auf die Flotte, welche gegen die Griechen auslaufen ſollte, vertheilen und ſich ihrer entiedigen wollte. Kaum waren dieſe undisciplinirten und fanatiſchen Truppen angelangt, ais ſie das Quartier der Franken uͤber⸗ ſchwemmten und die Magazine der Kaufleute mit Pluͤndern bedrohten. Glucklicherweiſe wurde der Vi⸗ zekoͤnig bei Zeiten davon unterrichtet; er ließ ſogleich die Schuldigen ergreifen und beſtrafen und erſtickte ſo dieſe Gaͤhrung in ihrem Entſtehen. Mein Geſundheitszuſtand nöthigte mich, eines Tags Zuflucht zu der Kunſt des Arztes zu nehmen. Wir ließen einen der erſten Aerite des Paſcha kommen, der in großem Anſehen ſieht und beſonders viel in ſeinem Harem beſchaͤftiget iſt. Er iſt ein Jude, mit Namen Marpuga, ein geiſtreicher, talentvoller und in ſei⸗ nem Fache ſehr geſchickter Mann.— Er erzaͤhlte uns auch einiges uͤber ſeine Beſuche in dem Harem des Paſcha. Man fuͤbrte ihn gewoͤhnlich in eine Art von Sprachzimmer. Die Damen zeigten ſich nach der Reihe alle verſchleiert hinter einer Heffnung, durch die ſie ihm die Hand reichten, um den Puls zu fuͤhlen. Hochſt komiſch war es und, ohne die Regeln des An⸗ ſandes zu verletzen, ſchwer ausufuͤhren, wenn er als 316 Arzt ihre Zunge zu ſehen verlangte. Der Schleier verſchob ſich dann meiſt und ließ die Augen des Arz⸗ tes verfuͤhreriſche Reize ſehen. Doktor Marpugo war ſo boshaft zu behaupten, daß es immer die artig⸗ ſten Frauen waͤren, die am oͤfteſten vorgeben krank zu ſeyn und daß er wenig oder nie alte und haͤßliche Perſonen zu behandeln bekaͤme. Gegen Ende unſeres Aufenthaltes im Palaſte Ibrahims beſuchten uns, der Gefahr der Anſteckung rrotzend, mehrere von unſern Bekannten in Alexan⸗ drien. Mitte Juni, nach einem Aufenthalte von 6 Wochen verkuͤndete man uns, daß die Flotte des Vi⸗ zekoͤnigs auslaufen wuͤrde und daß dann das Embargo, was auf die andern Schiffe gelegt war⸗, gaͤnzlich auf⸗ gehoben werden wuͤrde. Wirklich gab uns der Paſcha, aus beſonderer Gunſt, am 16. dieſes Monats, einige Tage fruͤher, ehe es den andern Schiffen erlaubt war, die Erlaubniß den Hafen zu verlaſſen. Wir wurden aber noch bis zum 17. durch widrige Winde zuruͤckge⸗ halten. Endlich war der ſo lange erſehnte Angenblick unſerer Abreiſe gekommen. Wir ſagten Aegypten Le⸗ bewohl und bald hatten wir ſeine Kuͤſten aus dem Geſichte verloren. In der Jahreszeit, in der wir uns befanden, konnten wir auf eine langwierige Reiſe rechnen. Auch hatten wir wirklich beinahe beſtaͤndig widrigen Wind. Da unſer Ziel der Hafen von Trieſt war und der Wind jmmer von Nordweſt wehte, ſo 4. 317 mußten wir bald gegen die Kuͤſten von Klein⸗A ſi⸗ en, bald gegen die der Barbarei laviren. Auf dieſe Weiſe ließen wir Cypern rechts lie⸗ gen und ſegelten in den Golf von Satalien. Das Schiff wurde hierauf gegen die Kuͤſten der Barba⸗ rei gewendet. Immer in Zickzack ſegelnd, richteten wir unſern Lauf nach Caſtelroſſo gegen die Inſel Malta und den Golf von Maeri. Auf dieſe Art das Mittelmeer durchkreuzend, kamen wir nur mit Muͤhe und langſam vorwaͤrts. Wir naͤherten uns nun der Inſel Rhodus, von deſſen ufern her der Wind eine liebliche, balſamiſche Luft zu zuns heruͤber trug. Rhodus war beruͤhmt durch ſeinen Koloß, eines der ſieben Wunderwerke der Welt, und durch die Johanniter, die da ihren Sitz nach dem Ver⸗ luſte Palaͤſtinas aufgeſchlagen hatten. Man zeigt noch in Rhodus das Bild einer großen Schlange, welche einer der Drdensritter toͤdtete und damit dem unſterblichen Schiller den Stoff zu ſeiner herr⸗ lichen Ballade lieferte. Auf dem Verdecke, im Ange⸗ ſicht der Inſel ſitzend, las ich mit doppelter Freude ie Gedicht. Wir hatten Rhodus aus dem Geſichte verloren, als uns den folgenden Morgen drei bewaffnete griechi⸗ ſche Fahrzeuge, mit ihrer neuen Flagge, begegneten. Sie ſuchten uns den Wind abzugewinnen, was ihnen gelans, da ſie Vorſprung hatten, und beſſeze Segler 318 waren, als unſer Schiff. Bald darauf riefen ſie uns an, und verlangten unſere Papiere zu ſehen. Trotz dem Verbote meines Gatten, ging unſer Capfrain an Bord eines der griechiſchen Schiffe. Es gab nun da⸗ ſelbſt großes Hin und Herreden und wir ſahen die Griechen von Zeit zu Zeit gegen uns ihre Waffen erbeben. Endlich ſetzten ſich die Griechen mit 3 be⸗ waffneten Schaluppen in Bewegung und ſtiegen von allen Seiten auf unſer Verdeck. Unſer Capitain kam indeſſen mit ihnen. Die Griechen hatten ganz das Anſehen von Seeraͤubern und waren auf die abenthen⸗ erlichſte Weiſe bewaffnet und gekleidet. Sie verlang⸗ ten mit befehlendem Tone nach unſerer Munition und nach Lebensmitteln, die ihnen mein Gemahl verweigerte, da ſie kaum fuͤr uns auf der langen Reiſe, die wir noch vor uns hatten, ausreichten. Sie unterſuchten bierauf das ganze Schiff, indem ſie dabei ſich unter einander beſprachen und uns mit drohenden aber un⸗ entſchloſſenen Blicken anſahen. Sie drangen von neu⸗ em darauf, ihnen Lebensmittel zu uͤberlaſſen, allein mein Gatte erklaͤrte ihnen, es ſey ihm durchaus nicht moͤg⸗ lich, ihrem Wunſch zu genuͤgen, ohngeachtet des An⸗ theils, den er an ihrer Lage naͤhme. Einer unſerer Matroſen, der griechiſch ver⸗ ſtand, ſagte uns, er habe gehoͤrt, wie ſie ſich beredet haͤtten, ob ſie uns mit Gewalt nach Eaſtehroſo fuͤhren ſollten. Mein Gatte ließ ſich indeß nicht ein⸗ ſchuͤchtern und gaben ihnen zu verſtehen, daß bei der 319 geringſten Beleidigung, die ſie uns zufuͤgen wuͤrden, ihnen die haärteſte Strafe bevorſtaͤnde. Man wuͤrde ſich nicht mehr fuͤr ihre Sache intereſſiren; wenn ſie ſo wenig die Flagge der europaiſchen Maͤchte achteten, Als ſie ſahen, daß ſie auf dieſe Weiſe ihren Zweck nicht erreichten, wandten ſie ſich von neuem an un⸗ ſern Capitain, der, ſey es aus Furcht, oder aus Ge⸗ winnſucht, ihnen endlich einen Theil ſeiner Lebens⸗ mittel uͤberließ. Nachdem dieſe peinliche Lage meh⸗ rere Stunden gedauert hatte, verließen uns die grie⸗ chiſchen Schiffe und wir konnten unſern Wes unge⸗ hindert fortſetzen. Wir hoͤrten ſpäter bei unſerer Ankunft in Sr ieſt, daß dieſe drei Fahrzeuge wirklich griechiſche Seeraͤu⸗ ber geweſen waͤren, die, nachdem ſie mehrere euro⸗ waͤiſche Schiffe angegriffen und in Grund gebohrt hat⸗ ten, durch engliſche Schiffe genommen und nach Corfu gefuͤhrt wurden, wo ihnen der Prozeß ge⸗ macht wurde. Wir konnten nie erfahren, durch wel⸗ chen gluͤcklichen Zufall wir ihren Haͤnden entſchluͤpf⸗ ten. Vielleicht ſchien unſer Schiff, das nur Alter⸗ thuͤmer und ſehr wenig Waffen enthielt, da der Ca⸗ pitain vor ſeiner Abreiſs von Alerandrien den großten Theil ſeiner Kanvnen an den Paſcha verkauft hatte, als Beute nicht bedeutend genug, und unver⸗ moͤgend die Gefahr aufzuwiegen, welcher ſie ſich durch eine ſo feindſelige Handlung ausſetzten. Das Leben waͤhrend einer Seereiſe iſt hoͤchſt ein⸗ 64. Vd. Aegypten. III. 3. 6 5 8 320 förmig, ſo daß das geringſte Ereigniß ein bohes In⸗ tereſſe gewaͤhrt. Wir fingen ſchon an, der Windſiille muͤde zu werden, welche uns gar nicht von der Stelle kommen ließ, als ſich am dritten Tage, nachdem wir Rhodus aus dem Geſichte verloren hatten, ein heftiger Wind erhob, der ſich bald in Sturm umwan⸗ delte. Furchtbar tobte das Meer. Das Schiff, bald hoch emporgehoben, bald in den Absrund begraben, rang nur mit Muͤhe mit dem emxoͤrten Elemente. Ich hatte mich auf das Verdeck begeben, um mich leich⸗ ter in das Meer werfen zu konnen, im Fall das Schiff geſcheitert waͤre. Einen der Maſte hielt ich feſt um⸗ klammert, denn niemand, ſelbſt nicht die Matroſen, konnten ſich mehr aufrecht erhalten. Der Sturm und das Brauſen der Wogen, das Krachen der Maſten⸗ das Geſchrei der Matroſen, alle dieſe Schreckensſeenen, die eine noch ſchrecklichere Kataſtrophe verkuͤndeten, verurſachten mir indeſſen, ich kann es mit Zuverſicht behaupten, keine Furcht.— Ich war ganz verloren in das erhabene Schauſpiel, das ich vor Augen hatte; nie ſchien mir die Natut ſo großartig und die Macht des Schöpfers ſo unverkennbar. Es war eins der ſchoͤnſten, furchtbaren Schauſpiele, die die Natur her⸗ vorbringen kann. Ein aͤhnliches hatte ich zwei Jahre vorher in einer Dezember⸗Nacht bewundert, einen Ausbruch des Veſuvs, wo drei Lavaſtröme vom Berge ſich herabwaͤlzten. Ich hatte dort ſo recht den Kampf und den Aufruhr der Elemente Leſchen, jene do neſ⸗ 321 ͤhnlichen Getoͤſe, jene feurigen Maſſen, gegen den ruhigen und ſtillen Himmel emporgeſchleudert, jene Feuerſaͤulen, jene Rauchwirbel und der Feuerregen der ſich im Golf von Neapel ſpiegelte. Ich weiß nicht, wie mir gerade in dieſem Augenblick dieſe Er⸗ innerung ſo lebhaft aufſtieg, als ich die Macht und Majeſtaͤt des Meeres bewunderte. Ich geſtehe, daß ich thoricht genug war, dem Schoͤpfer zu danken, daß ich dieſe ſchauerliche Schoͤnheit der Natur kennen lernte. Nach 24 Stunden legte ſich der Sturm. Wir waren waͤhrend desſelben an den Inſeln Kar⸗ vatos und Caſſos vorbeigekommen und befanden uns nun im Angeſichte des Cap Salmon, auf der Inſel Kandia, auch ſahen wir den Berg Ida, der ſein ſchroffes Haupt in den Wolken erhob und wir ge⸗ dachten aller Metamorphoſen, welche dieſes Wunder⸗ land ſeit der Erziehung des Jupiter erlitten hatte. Ein zweiter Sturm fuͤhrte uns an Cerigotto vor bei und im Angeſichte von Ce rigv. Wegen der Windſtille, die dem Sturm folgte, konnten wir nicht die Meerenge durchſegeln, welche Cerigo vom Cap Watapan, dem ſuͤdlichſten Punkte des feſten Lan⸗ des von Europa, trennte und wir mußten zum zweitenmale am Cerigo voruͤberſegeln, wobei wir die Feſtung Modon beinahe beruͤhrten, welche eben zu Waſſer und zu Lande von den Griechen einge⸗ ſchloſſen wurde. Wir hoͤrten das Feuer der Grie⸗ 322 chen und ſahen deutlich auf der Hoͤhe des Forts den tuͤrkiſchen Halbmond wehen. Nach einer Fahrt von2 Tagen befanden wir uns den Strophaden gegenuͤber. Dann ſegelten wir gegen die Inſel Zante. Bald befanden wir uns am Ein⸗ gange des Hafens dieſer Stadt. Dieſe herrliche In⸗ ſel hat von Golf aus geſehen, ganz das Anſehen von Neapel im Kleinen. Die Stadt Zante iſt, wie weapel, amphitheatraliſch gebaut; Huͤgel, bedeckt mit Weingaͤrten, Myrthen, Dleander, Feigen, Dran⸗ gen, Pinien, Cypreſſen erheben ſich hinter der Stadt; zahlreiche Landhaͤuſer, uͤber das Gefilde hin zerſtreut, haͤufige Baͤche, die von den Bergen herabfließen, be⸗ leben die Gegend. Aller Luxus der Natur bietet ſich hier den ſtaunenden Blicken dar. Bei Cephalonia hatten wir einen dritten Sturm auszuhalten, der uns nach Ithaka zuruͤck⸗ warf. Das Schiff war in Gefahr, an den Felſen dieſer Inſel, deren Anblick rauh und wild iſt, zu ſcheitern. Wir hatten ganz das Schickſal des Odyſ⸗ ſeus, der ſo lange vom Sturm umhergetrieben, in dieſen Meeren herumirrte, ohne ſeine Heimath er⸗ reichen zu koͤnnen. Wir wandten das Schiff wieder, um an St. Maura, der alten durch den Tod der Sapho ſo beruͤhmten Inſel Leucadia, vorbei zu ſchiffen. Kaum verließen wir dieſes Eyland, gls wir auch 1 323 ſchon Corfu vor uns hatten. Ich bedauerte beſon⸗ ders, dieſe Inſel nicht beſuchen zu koͤnnen, die mir ſo merkwuͤrdig iſt durch meinen Groß⸗ Dnkel von vaͤterlicher Seite, der dieſelbe der Republik Vene⸗ dig rettete. Aus Erkenntlichkeit fuͤr ſeine Dienſte errichtete ſie ihm auf derſelben Inſel, die er ſo tapfer vertheidigte, eine Statue. Wenn auch die Eitel⸗ keit uͤber eine lange Reihe von Ahnen laͤcherlich iſt, ſo iſt es doch gewiß erlaubt, auf die Tugenden und die gleichreichen Thaten ſeiner Vorfahren ſtolz zu ſeyn. Ich ſetze alſo mit Freuden folgende Stelle aus einem neuern Schriftſteller*) hieher, welche meines Oheims erwaͤhnt und ein treues Bild ſeiner kriegeriſchen Vorzuͤge und ſeines edlen Charakters gibt:„Ein Mann leiſtete damals den „Venetianern unſterbliche Dienſte. Als Beloh⸗ „nung ſeiner verſchiedenen Eroberungen und fuͤr die „Erhaltung von Corfu, verlangte der Graf von „Schulenburg nichts, als Duldung ſeiner Glau⸗ „bensgenoſſen, der Proteſtanten, im Venetianui⸗ „ſchen Gebiete. Nie hatte der kriegeriſche Ehr⸗ „geiz edlere Abſichten und nie empfing er wuͤrdigere „Vergeltung.“ Wir hatten das Adriatiſche Meer erreicht, *) Bignon in ſeinem Werke: Sur les cabinets et les peuples etc. 324 und nach mehreren Faͤhrlichkeiten, die uns die Un⸗ achtſamkeit unſeres Capitain's zuzog, gelangten wir gluͤcklich nach einer Fahrt von 39 Lagen, den 28. Au⸗ guſt, im Hafen von Lrieſt an, von wo aus wir uns nach unſerm heimiſchen Sitz begaben. N Johann Carne's Reiſe nach Aegypten und Paläſtina während des neueſten tür⸗ kiſch-griechiſchen Kampfes. Von Franz Joſeph Adolph Schneidawind, Dr. und k. Profeſſor am Lyzeum zu Aſchaffenburg. Erſtes Buch. Ez. uͤber den Canal aus ſeinem Vater⸗ lande, England, nach Frankreich geſchifft, ſetzte ſich zu Marſeille zu Schiff, um eine Reiſe nach dem Drient anzutreten. Die Ueberfahrt von letztgenannter großen Seeſtadt nach Pera bei Konſtantinopel war gluͤcklich. Sardinien, Morea's Kuͤſten, die Inſeln Zea, Mitylene, Ipſara, Denedos, die Vorgebirge Colonna und Negroponte tauchten aus dem Meere auf und erfreuten das Auge des Reiſenden 326 Ehe das Schiff in die Dardanellen eneß⸗ befahl ihm eine tuͤrkiſche Fregatte, zu halten, und ſich viſitiren zu laſſen, ob es nicht Kriegsbedarf den Grie— chen zufuͤhre. Sobald man in dem engen Canal die Spitze des Serails umſchifft hat, ſo erblickt man das ſchoͤne Amphitheater der Hauptſtadt des Drients mit Pera und Galata, deren dunkle Cypreſſen⸗ waͤlder die Grabſtaͤtten auf der Spitze des Huͤgels be— ſchatten, und bewundert Fonſankinpuel⸗ wenn auch die einzelnen Haͤuſer nichts weniger, als ge oß, und ihre Facaden mit Fenſtern gleichſam beſaͤet ſind, weil man in Eurvopa nicht gewohnt iſt, zwiſchen den Haͤuſern ſo viele immergrüne zu ſehen und eben ſo wenig die zahlreichen Minarets mit vergoldeten Dach⸗ ſpitzen, oder das prachtvolle Aeußere der großen Mo— ſcheen, welche uͤber die Privatgebaͤnde hervorragen. Da das Schiff, mit dem Carne von Marſeille abgereist war, nach Odeſſa beſtimmt war, ſo ließ er ſich durch ein tuͤrkiſches Ruderboot nach Konſtan⸗ tinopel bringen. Er beſichtigte nun Konſtanti⸗ nopel und die Umgegend. Einſt war das Dorf Therapia wegen der Schoͤnheit ſeiner griechiſchen Bewohnerinnen und ſeiner lieblichen Lage beruͤhmt. Dort erblickten die Fremden an kuͤhlen Abenden in den Spaziergangen die griechiſchen Damen und Prin⸗ leſſinnen mit rabenſchwarzem Hagr und wehendent Schleier, mit klafſiſcher Phyſiegnomie und reizendem Luchs. Jetzt war es ſiill in dieſen Gaͤngen und ihte 327 Palaͤſte waren verlaſſen. Die nicht erſchlagenen Grie⸗ chen waren entflohen. Carne ſah an einem Thore Konſtantinopels tuͤrkiſche Knaben mit vielen grie⸗ chiſchen Koͤpfen, wie mit Kugeln auf den Kegelbah⸗ nen, ſpielen. Carne hatte waͤhrend ſeines Aufenthaltes das Vergnuͤgen, den Sultan zweimal zu ſehen; das letztemal wie derſelbe in einer Prozeſſion eine Moſchee beſuchte. Mahmud iſt ein ſchoͤner, vierzigjaͤhriger Mann, von mildem, aber ſchwermuͤthigem Anſehen. Carne ſegelte von Konſtantinopel, dem Stolze des Drients, am Bord eines engliſchen Schif— fes nach Smyrna, Er hatte einen Slavonier, Namens Michael Milovich, einen ruͤchtigen, ehrlichen Menſchen, der ſchon viel gereist war, ſieben Sprachen redete und auch in mehreren leſen konnte, als Diener mitgenommen. Smyrna hat eine große Bevoͤlkerung und einen reichen Handel, aber enge Gaſſen; allein im Quartiere der Franken findet man viele treffliche Haͤuſer mit platten Dachern, auf denen man ſpazieren geht. Carne ſah in Smyrna eine Anzahl ungluͤcklicher Griechen von den Tuͤrken ermorden. Am Bord eines Schiffes franzoͤſiſcher Flagge ſchiffte ſich Carne von Smyrna nach Alexan⸗ drien. Der Capitain, Namens Gras, ein kleiner, fetter Maun, war ernßhaft und ſchwermuͤthig. Sein Steuermann war deſto lebensluſtiger und hatte eine * 3²8 artige kleine Schifftbibliothek. unter den Reiſegefaͤhr⸗ ten fand Carne einen jungen dicken deutſchen Arzt, der, ohne Arabiſch oder Tuͤrkiſch zu ver⸗ ſtehen, in Cairo als Heilkuͤnſtler auftreten wollte, und ſtets rauchte, aber mit nacktem Halſe und Bruſt, wie ein Drientale, romantiſche Maͤhrchen etzaͤhlte. Mit dieſem Phlegmatiter zog eine junge Italiene⸗ rin nach dem Nil. Auch ein armer, blaſſer italie⸗ niſcher Schneider wollte in Alexandrien ſich ein Gewerbe ſuchen, ſo wie ein italieniſcher Hunde⸗ haͤndler mit ſeiner Donna und einer huͤbſchen Zahl ab⸗ gerichteter Hunde. Dem Schiſſe begegnete eine griechiſche Flotte und dieſe unterſuchte mit Glimpf Schiffspapier, Schiff und Ladung. Die groͤßten dieſer griech. Schiffe wa⸗ ren vormalige Kauffahrer, fuͤhrten 20 Kanonen und gehoͤrten Hydrioten.— Endlich lag die niedrige ſaudige Steppe Alexandriens, mit ihren ehrwuͤr⸗ digen Denkmaͤlern der Vorzeit, vor den Augen der Reiſenden. In der heißen Mittagsſtunde ſtieg man an das Land, bewillkommet von den plagenden und ſtechen⸗ den Mosquitos, indeß die Gaſſen menſchenleer waren. In einem Privathauſe nahm Carne ſeine Wohnung. Das jetzige Alexandrien hat nur Ruinen als Denkmaͤler dieſes vormaligen Koͤnigſitzes. Der jetzige Paſcha umgab die Stadt mit großen und ſtarken Fe⸗ ſtungswerken. Von Geburt ein Rumeliſcher At⸗ 329 naute, beſitzt er Talente eines ehrgeitigen Empor⸗ koͤmmlings, der vielleicht mit großen Eroberungsplanen ſich beſchaͤftiget und blutige Pfade zu fernerer Große nicht ſcheuet. Er verſteht, die Europaer zu benutzen, beſitzt wenigſtens keinen gemeinen muſelmaͤnniſchen Aberglauben und laͤßt Jedermann glauben, was er will. Es bluͤhet ſeine Zuckerfabrik am Nilz und in Cairo gruͤndete er Baumwollen-Fabriken. Nichts genießt er lieber als Eis, und war kindiſch froh, als ihm der engliſche Conſul Salt den Apparat, ſich dasſelbe auch in Aegypten kuͤnſtlich verſchaffen zu koͤnnen, geliefert hatte, womit der Vüekoͤnig jetzt nach Belieben ſchwelgt. Den groſten Kanal der Kleo⸗ vatra von Alerandrien nach dem Nil hat er nur durch neue Austiefungen hergeſiellt, aber nicht von neuem anlegen laſſen. Carne ſah den Paſcha zu Fuße am Rande des Kanals ſtehen, indem er den Arbeitern zuſchaute. Der Vizekoͤnig iſt mittlerer Groͤße, zwiſchen dem fuͤnfzigſten und ſechzigſten Lebensjahre und einfach gekleidet; ſein langer Bart iſt grau, ſeine Geſichtszuge verrathen Bedachtſamkeit. Carne beſuchte auch die Saͤule des Pompe⸗ jus, mit einem Fundamente von s und einem Schaft von 90 Fuß aus 3 Bloͤcken beſtehend, auf einem maͤßi⸗ gen Huͤgel und die naheſtehende Nadel der Klev⸗ patra(Pbelisk), die 70 Fuß hoch ſeyn mag und welche nur einen Block und viele, aber kaum mehr erkennbare Hieroglyphen hat. Der Wegweiſer Carne's 330 war ein langer Greis mit weißem Bart, nackter Bruſt, nackten Armen und blauem Kittel und er ſchritt neben den Pferden kraͤftig und raſch einher. Wer von den geneigten Leſern ein Mehreres uͤber Alexandrien und ſeine Kunſtwerke zu wiſſen wuͤnſcht, der ſchlage nach: F. J. A. Schneida⸗ wind's Geſchichte der Expedition der Fran⸗ zoſen nach Aegypten und Syrien in den Jahren 1798— 1804,(in 3 Baͤnden bei G. Ritter in Zweibruͤcken) erſter Band Seite 66— 74; oder die Neiſen Norden's und Savapy' in unſerer Ta⸗ ſchenbibliothek. Zwei bis drei Tagreiſen von Alerandrien liegt Roſette in Dattelwaͤldern, zwiſchen Vananengaͤr⸗ ten, Drangen— und Zitronenhainen, am Nilufer. Die Lage iſt reizend, aber der Handel nimmt auch hier ab, und dagegen zu Damietta oder Damiet— te, in einer oͤden und flachen Gegend liegend, ſicht⸗ har zu. Im Hauſe des brittiſchen Conſuls in Da— mietta, eines gebornen Aegypters, wohnte Carne mit vielen andern fremden und einheimiſchen Gaͤſten der ſplendiden Hochzeit ſeiner Tochter bei. Bunt genug in Kleidern, aber ohne die Lebhaftigkeit einer Drientalin, war die Braut, welche einfaͤltig zu ſeyn ſchien, aber uͤbrigens huͤbſch war. Nach Cairo ſegelte Carne in einem aͤgypti⸗ ſchen Boote auf dem Caual, deſſen Ufer menſchenleer 331 und ohne Vegetation ſind, bis er den Nil mit Pal⸗ menhuinen und vielen Stromdoͤrfern erreicht hatte. Hier und da unterbrach die einfoͤrmige Landſchaft ein weißes ſpitzes Minaret. Bei der Stadt Foua mit ihren 42 Moſcheen, badete Carne ſich im Nile in einer fruͤhen Morgenſtunde. Der Nil iſt gewoͤhnlich 1 1/4 engliſche Meilen breit; aber zur Zeit der Ueber⸗ ſchwemmungen mag er wohl 3 Meilen breit werden. Am zweiten Tage der Fahrt ſtuͤrzte der Capitain oder Reis des Schiffes, waͤhrend er betete, indem er ſich zu ſehr voruͤberbog, in den Nil. Er konnte nicht mehr gerettet werden. Endlich landete man in Boulak, dem Hafen von Cairv. In der Altſtadt fand Carne große Ruinenhaufen; ſein Quartier nahm er bei dem brit⸗ tiſchen General⸗Conſul Salt, wozu er ihn in Alerandrien eingeladen hatte. Nach den vielen Ruinen vor den Thoren muß Cairo vormals viel groͤßer geweſen ſeyn; jetzt hat es 260 000 Einwohner, und meiſtens Gaſſen wie in Konſtantinopel. Groß⸗Cairo iſt mit einer Mauer von zehn engl. Meilen Umfang und ſehr hohen Alters umgeben. Nahe bei ſolcher liegt der Berg Mokatam, gelber Farbe und ganz kahl, von deſſen Hoͤhe man das ganze Land uͤberſieht. Niedriger, ob⸗ gleich in einer hohen Lage, liegt die große aber aͤußerſt verfallene Eitadelle, mit dem Joſephsbrunnen, woſelbſt 332 bekanntlich der jetzige Viekoͤnig ſo viele Mamelu⸗ ken ermorden ließ. Die Straßen Cgiro's von Kleigrund ſind hart, aber nicht gepflaſtert und werden zur⸗Verminderung des Staubes mit Waſſer beſprengt, indem Kamele mit undichten Waſſerſchlaͤuchen durch die Straßen ge— trieben werden. An dem großen Marktplatz, Birket genannt, liegt zur einen Seite der Palaſt des Paſcha, an der andern das Quartier der Kopten. Im Drient ſind vorſpringende obere Stockwerke und enge Gaſſen ganz zweckmaͤßig, da Schatten eine Wohlthat iſt. Aus den Fenſtern hat man mit Lattenwerk oft eine Art verſchloſſenen Bauers nach der Gaſſe hinaus gebauet, in welchen die Bewohner gern ſitzen, um wahrzuneh⸗ men, was außen vorgeht, ohne ſelbſt geſehen zu wer⸗ den. In die Saͤle der Hauſer dringt vermoͤge der Bauart faſt niemals ein Sonnenſtrahl. Alle Hauſer Cairo's haben platte Daͤcher. Auf dieſen Deraſſen ſpaziert man im Mondſchein ſchlafloſer Naͤchte. Letz⸗ terer iſt ſo klar, daß man in ſolchem gedruckte Schrif⸗ ten leſen kann. Nahe bei Cairo am Wege nach der Wuͤſte liegt der Begraͤbniß⸗Ort der Mameluken; der Frächtigſe in Aegypten. Hier ruhen die eint maͤchtigen Bey's in einer Folgenreihe von Generativ⸗ nen. Die einzelnen Grabmaler haben die verſchieden⸗ ſten Formen, und manche ſind praͤchtig. Ueber ſolche woͤlben ſich Dome, von leichten Saͤulen getragen, deren einige mit Schnitzwerk geſchmuͤckt ſind. In — *333 einer entgegengeſetzten Sandſteppe liegen 1 41 Meile vor der Stadt die Grabmaͤler der Kalifen von Kalk⸗ ſein, viereckige Bauwerke mit Kuppeln und Mina⸗ rets, ſchoͤne Driginale des leichten Sarazeniſchen Bauſtyls, welche noch wohl erhalten ſind. Auf dem Markte Cairo's werden Cireaſſiſche Maͤdchen feilgeboten, welche die Armenier und andere Kaufleute von deren Verwandten gekauft ha⸗ ben. Bisweilen laſſen die Kaͤufer ſie in Muſik und Geſang unterrichten und geben ihnen koſtbare Kleider. Bei dem Kaufe geht es ziemlich anſtaͤndig her. Die Sklavin hat ihr beſonderes Gemach, dort wartet ihr der Verkaͤufer auf und der Kaufliebhaber mag ſie dort verſchleiert ſehen. Gefaͤllt ſie ihm im Schleier, ſo kaun er bitten, den Schleier zu lüften und er mag ſich an ihrer vollen Schoͤnheit weiden. Immer faͤhrt der Osmane hierbei ſicherer, als weun er eine Tuͤr⸗ kin ehelicht, welche er niemals geſehen hat.— Alle Beorgierinnen ſind ſchoͤn und frohlich und ſolche dunkle Augen, als dieſe, haben keine andere Mäd⸗ chen. Der Kaufliebhaber pflegt nach der Anſchauung des Geſichtes auch die Geſtalt, Haͤnde und Fuße in Erwägung zu zichen, denn die Drientalen wuͤrdigen kleine und zarte Haͤnde der Schonen ſehr. Selbſt die Männer ſetzen darauf Werth. Dann wird nach Den Lalenten des Mädchens gefragt, ob ſie ſingen und ſonſt muſikaliſch ſind, welches wieder den Preis ethöhet Eine ſo durchaus von der Natut und einiger 334 Kunſt reich begabte Schoͤne hat bisweilen den Preis auf 1000 bis 1600 Pf. Sterling erhoͤhet. Auf einem Ausfluge ſah Carne einen Brautzug.. Die agyptiſche Braut geht mit Pomp aus dem Hauſe der Aeltern in das des Eheherrn uͤber. Carne ſah hier einige Freunde mit Sklaven den Zug eroͤff⸗ nen. Dann folgte die Braut und ihr zur Seite hiel⸗ ten uͤber ſolche zwei Verwandte den Baldachin. Die Braut war vom Kopfe bis zu den Fuͤßen ſo dicht ver⸗ huͤllt, auch ihr Geſicht durch einen dicken weißen Schleier ſo verdeckt, daß man nur durch zwei Hoͤh⸗ lungen ihre dunkelſchwarzen Augen ſehen konnte. Den Beſchluß des Zuges machten zwei Tambürinſchlaͤger und ein Pfeifer. Uebrigens traͤgt die Braut unter jener Huͤlle die reichſten Kleider und wird erſt im Braut⸗ gemache des Harems enthuͤllt vor den Augen des Braͤutigams, welcher vorher ſeine Braut nit ge ſehen hat. Auf einem anderen Ausfluge begegnete Carne dem Leichenzuge einer Aruberin, deren Leiche 20 Freunde der Verſtorbenen trugen und Trauergeſaͤnge erſchallen ließen; an ihrer Spitze war der Prieſter. Die zierlich weißgekleidete Leiche wurde in einem uffe⸗ nen Sarge getragen, unter einem Baldachin von ro⸗ ther Seide. Der Durchſtich des Nils, der am 16. Auguſt in Cairo erfolgt, geſchieht in der erſten Morgendaͤm⸗ daͤmmerung. Carne wohnte dieſer Ceremonie bei. 335 Die Nacht vorher iſt ein wahres Volksfeſt, wo der Tuͤrke, und ſelbſt der erdruckte Araber ſein ernſtes Aeuſ⸗ ieres ablegt. Kanonenſchuͤſſe kuͤndigten den Moment an, in Gegenwart des Kiaija⸗Bey, Prinzipal⸗Mi⸗ niſters des Vzekonigs, welcher, gegen die Stelle des Durchſtichs uͤber, mit ſeinen Wachen Platz nahm. Eine Menge Araber ſtachen den Teich an der Stelle des kuͤnftigen Abſluſſes nieder, welcher wie ein Waſ⸗ ſerfall aus mehreren geoͤffneten Muͤndungen ausbrach. Nach altem Brauch warf der Miniſter eine betraͤchtli⸗ che Summe Geldes in das Bett des Canals, durch den der Nil abfloß. Ungeachtet des ſteigenden Waſſers fiſchte man doch ſo lange, als die Hoͤhe des Waſſers es irgend erlaubte. Jaͤhrlich ſinden bei dieſem Geldſiſchen im⸗ mer einige Perſonen den Tod. Da das Austreten des Nils ein gluͤcklicher Prophet einer geſegneten kuͤnfti⸗ gen Erndte iſt, ſo beeifert man ſich, das erſte aus⸗ ſroͤmende Waſſer zu trinken und ſich darin zu waſchen. Täglich ruͤckt die Ueberſchwemmung in vorherige, duͤrre Sandgruͤnde vorwaͤrts. Je hoͤher die Ueber⸗ ſchwemmung ſteigt, je lauter dankt man Allah fuͤr den verbreiteten Segen. Von beiden Geſchlechtern werden in Cairo die warmen Bäder haͤufig beſucht. Fuͤr manchen Europa⸗ er iſt ein ſolches Bad eine Art Tortur. Im erſiten Zimmer, das ſo heiß iſt, daß der Schweiß aus den Poren ſroͤmt, nimmt man ein Dunſbad, dann folat 64. Bd. Aegypten, III, 3 7 336 das warme Bad, und nachher legt man ſich auf eine lange, einige Fuß hohe Bank, wird nackend von ei⸗ nem tuͤrkiſchen Bader ohne Gnade geſchruppet, dann laͤßt er die Glieder ſo heftig in jedem Gelenke krachen, daß der Ton im ganzen Zimmer hoͤrbar iſt. Endlich kehrt man in ein aͤußeres Zimmer in leichter Klei⸗ dung zurück, ruht auf Kiſſen und Teppichen und fin⸗ det eine Pfeife, Caffee und Scherbett vor. Es bemaͤch⸗ tiget ſich der Sinnlichkeit ein ſanftes, wohlluſtiges Gefuͤhl, die Glieder und Gelenke ſind geſchmeidiger geworden, und der Menſch iſt lebensluſtiger, als vor⸗ her, geſtimmt. Der einzige Ort, wo man ein gemeinſchaftliches Vergnuͤgen mit Unbekannten in Caivo aufſucht, ſind dort die gewoͤhnlich ſtark beſuchten Caffeehaͤuſer. Al⸗ les ſchweigt, ſobald ein Erzaͤhler arabiſcher Maͤhrchen auftritt; und wer romantiſch erzaͤhlen kann, iſt jeder Geſellſchaft willkommen. Oft haben ſolche Geſchich⸗ ten moraliſche Zwecke. Mancher hat kein anderes Ge⸗ werbe, als dieſes Talent. Die Damen des Drients laſſen dagegen Almeh⸗Maͤdchen kommen, um vor ihnen zu ſingen, zu tanzen und Muſik zu machen. Wahrſcheinlich war der Lanz der Herodias vor Herodes und ſeinem Hofe nichts anderes, als der Tanz eines wohlläſtigen Almah⸗Maädchens. Mit dem bekannten Franzoſen, Caviglia, welcher nach Alterthuͤmern forſcht, Unterſuchungen und Ausgrabungen anſtellt, beſuchte Carne die Pyra⸗ 337 miden bei Gizeh. BVeim Untergange der Sonne erreichte er die⸗Pyramiden. Die Abend„Daͤm⸗ merung mit ihrem rothen Lichte gab denſelben einen magiſchen Zauber. Die Pyramiden ſtehen auf einem Felſenbette, welches 1s0 Fuß hoͤher liegt, als die Wuſte. Die groͤßte Pyramide iſt s0o Fuß hoch und die Baſis jeder der 4 Seiten ohngefaͤhr 700 Fuß laug. Der Gipfel hält 28 Qundratfuß. Nahe bei den Pyramiden ſteht eine Baumgruppe, welche die Araber„heilig“ nen⸗ nen und nie ein Blatt abbrechen. Sie beſteht aus 2 wilden Feigenbaͤumen und 2— 3 Palmen, welche mit⸗ ten im Sande mit lebhaften gruͤnen Blaͤttern fort⸗ wachſen*). 3weites Buch. In einem Kangia mit der Bequemlichkeit eines niedrigen Zimmers auf dem Verdeck mit mehreren Fenſtern und eines kleinen Cabinets daneben, verließ Carne Boulak, den Hafen Cairo's, an einem leber die Pyramiden, üͤber Cairo felbſt, vom Feſt der Nil⸗Exoͤffnung, den Almeh's ſindet man mehreres und näheres in:„F. J. A. Schnei⸗ dawind's Geſchichte der Expedition der Fran⸗ zoſen nach Aegypten und Spyrten in den Jah⸗ pen 4798— 1504. Erſter Band. Zweibrucken bei G. Ritter.“ S. 338 ſchoͤnen Auguſt⸗Abend, um nach Ober„Aegypten zu ſchiffen. Der Nil wurde immer brekter. Die Vege⸗ tation aber war nicht ſo gut, als unterwaͤrts Cairv. Am dritten Tage kam unſer Reiſender nach Bene⸗ ſuef, einer Stadt mit einem mittelmaͤßigen Bazar. Eine gute Anzahl Albaneſen im Dienſte des Vize⸗ koͤnigs lagen hier in Baracken. Weiter hinauf wur⸗ den die Gegenden reizender. In der kleinen Stadt Miniet beſuchte Carne einen Landsmann, welcher eine Zuckerfabrik des Vizekoͤnigs dirigirte, in det 400 bis 200 Araber fuͤr kleinen Taglohn beſtaͤndig ar⸗ beiten. Dieſer brittiſche Landsmann ſtarb bald nachher und ſeine Geliebte, eine Italienerin fand ſich verlaſſen. Am folgenden Tage befand ſich; Carne erſt zu Radamouni und nachher in der al⸗ ten ummauerten Stadt Monfalut. In dieſer Stadt war ein guter Bazar. Auch ſtanden albane ſiſche Truppen daſelbſt. Carne ſah hier wie in andern Staͤdten Ober⸗Aegyptens, die Laͤnze der Almeh⸗Maͤdchen in bunter Kleidung. Sie tragen im Haare Reihen von goldenen Muͤnzen. Sie tanzen in Gruppen von Fuͤnfen oder Sechſen und werden von der Muſik eines Tambourins und einer Guitarre be⸗ gleitet. Bisweilen ſind ſie recht huͤbſch; aber im z5ſten Jahre ſcheinen ſie 40 Jahre alt zu ſeyn. An ihren wohlüſtigen Stellungen fand Carne kein Ver⸗ gnugen.. Am folgenden Tage hielt er auf gemietbeten Eſeln 339 ſeinen Einzug in die Hauptſtadt Siout, welche ei⸗ nige Meilen landeinwaͤrts in einer reizenden Lage an einem Arme des Nils und am Fuße des Lybiſchen Felſengebirges liegt. Hierauf kam er nach Girge oder Girgch, ei⸗ ner betraͤchtlichen, aber finſtern Stadt. Die Armen wohnen hier in elenden Huͤtten und die Reichern gleichſam in kleinen Veſtungen, deren Fenſter klein und mit Holz gegittert, die Mauern von ſchmutziger Farbe, und die engen Gaſſen nicht einmal gepflaſtert waren. Das jenſeitige Ufer des Nils iſt hoch und ſteil und am naͤchſten Abend genoß Carne in Ke⸗ neh herrliche Limonen und Melonen. Fuͤr einen eng⸗ liſchen Pennj kauft man hier 20 Eier, vier Huͤhner koſten 1 Sch. und Brod und Fruͤchte nur eine Klei⸗ nigkeit. In Keneh iſt der Haupthandel Ober⸗ Aegyptens, weil hierher viele Caravanen uͤber das rothe Meer Mocca-Kaffee, Shawls, Gewuͤrze aus Indien u. a. m. bringen, und aus Aegypten Getreide, Zucker, Honig, Del ausfuͤhren. Die Freu⸗ denmaͤdchen mancher Nationen und Farben trifft man in jeder Straße, mit goldenen Muͤnzen in ihren Haarlocken und Ringen in der Naſe, auch ſchweren Armbaͤndern an den Handgelenken, wenn ſie Abends zum Vergnuͤgen der Albaneſen oder Kaufleute tanzen. Ein paarmal zeigten ſich dieſe Sirenen am Ufer und ſangen, um Carne und ſeine Reiſegeſell⸗ ſchaft heranzulocken, ohne ſie jedoch zu verfuͤhren. 340⁰ Am Nachmittag beſuchte Carne den Tempel von Tentyra, welches etwa? Stunden vom ufer am Ende einer ſehr huͤbſchen Ebene liegt, mit manchen Gruppen Palmenwaͤlder. Der hieſige ſchoͤne Dempel iſt durchaus wohl erhalten und wird ſowohl wegen ſeiner Groͤße, als wegen ſeiner Zierlichkeit bewundert, Die Vorhalle hat 24 ſehr weiße Saͤulen und jede der⸗ ſelben 23 Fuß Umfang, mit ſchoͤner Bildhauer Arbeit. Die Decke hat verſchiedene Abtheilungen mit allerhand aͤgyptiſchen Götzenbildern. Die folgende erſte Ab⸗ theilung des Tempels iſt hoch und wird von 6 Pfei⸗ lern getragen, welche denen der Vorhalle gleichen. Ein Theil des Haupttempels iſt mit Erde berſchüttet und die große Vorhalle hat ſehr vielen Bauſchutt, womit manche Pfeiler viele Ellen hoch bedeckt ſind. Aus einem Deckengewoͤlbe von einem der Tempel⸗ Saͤle nahmen die Franz oſen den nach Paris ab⸗ gefuͤhrten Thierkreis. Die Hieroglyphen des Gewoͤl⸗ bes haben von einander abweichende, jetzt noch kennt⸗ üiche Farben; aber ihre Hauptzierde ſind die Figuren des Thierkreiſes*). Die aͤußere Tempelmauer iſt 7 Fuß dick mit eiſernen Klammern befeſtiget und die Steine des Architravs uͤber der Vothalle ſind mehr als as Fuß lang. * Man ſehe die eine Anmerkung in dem ſchoͤnen Wer⸗ e Mapoléon en Egypte, Poöme en hait chants, par Barthelémy et Méry.“(Sweibruͤ⸗ ien bey Gg. Fitier. S. 34¹ Vor dieſem Tempel bereitet ſich ein breiter gruͤ⸗ ner Raſen aus und hinter ſolchem liegt das Lybiſche Gebirge; der Nil iſt anderthalb Meilen rechts ent⸗ fernt und links liegt die endloſe Wuͤſte. Die Lage aller ägyptiſchen Tempel iſt ſtets ſehr ſchoͤn.— Eine dem Tempel nahe gelegene Pyramide ſcheint zu Be⸗ graͤhnißen ſehr vieler Leichen gedient zu haben, da Carne noch den Leichengeruch wahrgenommen hat⸗ um 9 Uhr Abends verließ er Keneh mit guͤnſti⸗ gem Winde, mußte aber am folgenden Tage wegen Windſtille vor einem ſchoͤnen Dorfe mit herrlichem Schatten ſtill liegen. Carne beſichtigte inzwiſchen die Ruinen von Coptos, und traf große Ruinen⸗ Haufen, einiges wenige, niedrige Mauerwerk und Bruchſtuͤcke von ſchoͤnen Granitpfeilern. Auf dem Be⸗ graͤbnißplatze des Dorfes an der Seite eines mit Pal⸗ men beſetzten Huͤgels, ſah er die Beerdigung eines Kindes an. Nachdem ein Araber einen Theil der Leiche mit Erde bedeckt hatte, ſo ſchob jeder der Ver⸗ wandten mit der Hand Erde in das Grab, mit dem Ausrufe:„Sey gluͤcklich!“ So ſehr ſich auch die huͤbſchen Gegenden in Ae⸗ gypten einander zu gleichen pflegen„ſo verſchieden ſind ſie dennoch von dem Aeußern aller andern Laͤn⸗ der. Das Lybiſche Gebirge tritt bisweilen einige Meilen vom Nile zuruͤck, liegt aber auch bisweilen hart am ufer. Am Fuße dieſer Felſen mit lichten Farben erblickt man bisweilen Flaͤchen mit dem dun⸗ 342 kelſten Gruͤn und Palmen, oder wilde Feigenbaͤume mit einer einſamen Huͤtte, neben welcher Heerden von Ziegen oder Buͤffel bergan klettern, oder ein Ka⸗ meei in aller Stille graſet. Dft ſind die allerfrucht⸗ barſten Flecke von den kahlſten Bergen umgeben und das Grab eines Heiligen mit ſeinem winzigen Schat⸗ ten, oder ein weißes Minaret mit einem Palmen⸗und Cypreſſenhaine ſoͤßt hart an die endloſe Wuͤſte. Abends traf Carne in Luxor ein, einem ar⸗ men, aber volkreichen Dorfe, deſſen Haͤuſer meiſtens aus Ruinen des dortigen großen Tempels erbaut worden ſind. Der Lempel liegt nahe am Waſſer und hat hohe gelbe Pfeiler von 30 Fuß im Umfange und lange Saͤulengaͤnge. Vor einem Thorwege ſtehen 2 praͤchtige Dbelisken, 70 Fuß hoͤher, als der hohe Schutthaufen, welcher ſie umgiebt; ihre Hieroglyphen ſind tief eingehauen. Die anderen Alterthuͤmer wa⸗ ren werthlos. Zu Esneh traf Carne einen ehema⸗ ligen Oberſten der groſen Armee Napoleon's, nun Pffizier des Vizekoͤnigs von Aegypten, den Bey Soliman oder Suleiman, damaligen Befehls⸗ haber in Ssneh. Wie dieſer Krieger in die Dienſte des Paſcha trat, verſicherte er feierlich, daß er niemals zum Islam uͤbertreten wuͤrde. Daruͤber lachte der Vi⸗ zekoͤnig und erwiederte, er moͤge glauben, was er wolle, muͤße ihm aber treu dienen, einen tuͤrkiſchen Namen annehmen und ſich tuͤrkiſch kleiden. Er nahm die Reiſenden gaſtfreundlich auf. Mitten in dem Ha⸗ 343 rem ſeiner Orientalinnen ſehnt er ſich nach ei⸗ ner europaͤiſchen Lebensgefaͤhrtin und bat einen der Mitreiſenden Carne's, ihm eine huͤbſche Englaͤn⸗ derin oder Italienerin zu ſchicken. Im Ver⸗ trauen auf die gute Wahl und auf den Geſchmack die⸗ ſes Beauftragten ſchwur er, daß er dieſe mit Sehn⸗ ſucht begehrende Schoͤne auf der Stelle heirathen werde. Er klagte, daß die Drientalinnen ſo un⸗ ausſtehlich geiſtlos waͤren und daß ein Frauenzimmer, mit dem er ſich unterhalten koͤnne, ihm ein dringen⸗ des Beduͤrfniß bei ſeiner ſonſt ganz angenehmen Lage ſey; er beduͤrfte aber eine Dame, deren Lebhaftigkeit und Verſtand ſeine einſame Lage, getrennt von den ejviliſirten Menſchen, verſchoͤnern koͤnne*. Großen Eindruck machen auf die Beſchauer die herrlichen Ruinen von Dheben, von ungeheuerer Groͤße. Der Dempel von Luror iſt von dem zu Carnae 11/½ engl. Meilen entfernt. Beide verband ehemals ein mit Sphinxen und andern Sombolen des *) Dieſer Offizier, von dem Carne hier ſpricht, iſt der edemal. franzoſiſche Bbriſt Adjutant bei Grvuchy ꝛc. ꝛc. Seve, ein braver Soldat⸗ Mehreres und Beſtimmtes über ihn giebt⸗ F. J. A. Schneidawind's die Feldzuͤge in Jahren 1872— 45 unter Napoleons perſoͤnlicher Anfuͤhrung, nebſt biographiſchen Sktzien denk⸗ wuͤrdiger Perſonen dieſer Epoche. III. Band⸗ II. Heft, Seite 130— 40.“(Bamberg bei Dreſch). S. 344 d Gottesdienſtes beſetzter Pfad. Die meiſten Denkmaͤler ſind jetzt zerbrochen. Am Ende dieſes heiligen Weges kommt man zu ei⸗ nem hohen Thor von Granit, das ganz fuͤr ſich ſteht. Fuͤnf und ſiebenzig Fuß weiter tritt man in einen Tempel kleiner Größe, dann gelangt man in einen weiten Raum mit vielen zerbrochenen Pfeilern und hohen Ruinen, alles Theile der großen Tempelruine. Ein wenig rechts liegt die große Vorhalle, deren zahl⸗ reiche Rieſenpfeiler in ihrer guten Erhaltung einen ſo großen Eindruck machen, vielleicht weil ſie ſo kunſtlos ſind. Die Mauern und Gewoͤlbe oder Decken dieſes Prachtgebaͤudes ſind eingeſtuͤrzt. Nur verbindet ein großer, verzinnter platter Stein eine der Pfeilenrei⸗ hen mit einem kleinen Ueberbleibſel des daran gefug⸗ ten Gebaͤudes. Von hier wandert man unter Obelis⸗ ken, Vorhallen und Rieſenſtatuen ohne alle Grazie. Beſteigt man einen dieſer Truͤmmerhuͤgel, ſo ſieht man ein einzelnes Thor, das in die Wuͤſte fuͤhrt und ein⸗ zelne Pfeiler ohne Ueberdachung, indeſſen andere zu den Fuͤßen liegen. Die Buͤſten der großen Statuen ragen aus Truͤmmern hervor oder haben ein abgeſchla⸗ genes Haupt. Man ſchaͤtzt die Laͤnge dieſes Tempels auf 1200, und ſeine Breite auf 400 Fuß. Die 160 Pfeiler haben eine Doppelreihe und jeder Pfeiler 10 Fuß Diamater. Links breitet ſich die ſchreckliche Waͤßte von The— bais, hart an welcher die Trümmer der alten Stadt 345 Thebais in einer noch jetzt reizenden Gegend gren⸗ zen, aus. Gegenuͤber liegt das Gebirge mit hohen und ſteilen Spiten. Am Fuße des Tempels zu Lu⸗ ror fließt der Nil; aber die Ruinen erſtrecken ſich weit jenſeits des Fluſſes bis an die ſchrsclichen Ab⸗ gruͤnde und an die Sandſeppen. Am folgenden, ſehr ſchwuͤlen DTage befucht⸗ Car⸗ ne das Memnynium am jenſeitigen Ufer, deſſen Hie⸗ roglyphen kriegeriſch und die Saͤulen glatt und ſchmuck⸗ los, die Capitaͤler hoͤchſt einfach und ohngefaͤhr wie in dem Dempel zu Carnak und Luxor faſt doriſch ſind. Die Vorderſeiten vieler dieſer Saͤulen bilden Pſirisſtatuen faſt 30 Fuß hoch, mit uͤber die Bruſt gefalteten Haͤnden und mit verzerrten Geſichts⸗ Zugen. Anderthalb engliche Meilen davon ſtehen die ſchoͤ— nen Ruinen von Medinet Abou, welche zugleich ein Tempel und eine Monarchenreſidenz waren. Zwi⸗ ſchen dieſen Ruinen liegen in dieſer Steppe, mit ſchwarzen nakten Felſen und glaͤnzenden ſcharfen San⸗ de, Thebens vormalige Graͤber und Grabgewoͤlbe, welche nun beraubt ſind. Man hat ſie abgebrochen, die Mumien herausgeriſſen, um ſie fortzuſchleppen, oder ſie des koſtbaren und gut bezahlten Gummi's zu berauben. Man findet zerſtreut auf den entweihten Grabſtätten die Knochen und unverweſeten Fleiſchſtuͤcke, die ferne Geſchlechter malen werden. Carne ergriff unter den ſo zerſtreuten Mumienreſten den zierlichen 346 Fuß und die Lende einer Aegypterin. Veides war zuſammengeſchrumpft. Das ganz ausgedoͤrrte Fleiſch hing noch daran, ohne den ſtarken eigenthuͤmlichen Mumiengeruch verloren zu haben.. ſicht weit von dieſem gepluͤnderten Friedhofe ſtehen die beiden koloſſalen Statuen Memnons, 6o Fuß hoch in ſitzender Stellung, deren eine aus ei⸗ nem Blocke gehauen, die andere aber aus Stuͤcken zu⸗ ſammengeſetzt iſt. Die Arbeit iſt grob, aber die Stel⸗ lung mit auf den Knien ruhenden Rieſenhaͤnden leicht und ſo ruhig, als bei lebenden Brientalen uͤblich iſt. In jetziger Zeit der neberſchwemmung hatte ſolche der Nil erreicht und ſie ſchienen die Genien der Ebene zu ſeyn, die der Zahn der Jahrbunderte gleichſam nicht zu zerſtoͤren vermocht hatte. In Esneh, wo Carne des folgenden Tages an⸗ kam, liegt die Tempelruine in der Mitte der Stadt, deſſen ſchoͤne Vorhalle am Beſten unter allen aͤgypti⸗ ſchen Tempeln erhalten worden iſt; nur verfinſtert ſol⸗ che der viele Schutt. Sie liegt nahe am jetzigen Markt. Je naͤher Carne den Waßſerfaͤllen kam, je dunk⸗ ler wurde die Geſichtsfarbe der Einwohner und zuletzt ganz ſchwarz. Endlich erreichte er Etfu⸗Apollinopolis magna—, deſſen Tempel eine edle und große Ruine weiter Ausdehnung mit ferner Ausſicht wegen ſeiner hohen Lage. Die Pfeſler des Thorweges ſind 347 s5 Fuß hoch und die aͤußere Mauer iſt 420 Fuß lang. Die große innere Raumflaͤche umgeben hohe Gaͤnge, welche eine einfache Reihe von Pfeilern begrenzt, da⸗ gegen hat vie Vorhalle dreifache Saͤulenreihe. Alles iſt wohl erhalten. Die Dorfbewohner haben die Rui⸗ ne benutzt und elende Huͤtten auf dem Dache und in den Hoͤfen erbaut. Eſſouam iſt gleichſam der Kern der ſolches umge⸗ benden Truͤmmer des alten Syene, welche zwar jetzt wenig bedeuten, aber am ſteilen Nil Ufer mit ihren vor⸗ maligen Caſtelthuͤrmen ſtehen. Nachmittags ſchiffte Car⸗ ne von da nach der Inſel Elephantine. Dieſer nur 1 engl. Meile lange und 4 Meile breite Erd⸗ winkel iſt bezaubernd. Der ſuͤdliche Theil hat Haͤu⸗ ſer, Gaͤrten, Palmenhaine und Fruchtbaͤume. Der noͤrdliche Theil iſt eine ſelſige Wuͤſte, die ein auf deſſen Spitzen ſich erhebender kleiner Tempel aber verſchoͤnt. Am folgenden Morgen ritt Carne nach der In⸗ ſel Philos, auf einem Wege durch die Wuͤſte. In einem Boote ließ er ſich dann den einen Arm des Nils nach der Inſel uͤberfuͤhren, welche kleiner als Elexhantine iſt und welche faſt ohne alle gruͤne Vegetation, auſſer eini⸗ gen am ufer zerſtreuten Palmen, iſt. Aber jeder Tritt trifft hier ein Fragment des Alterthums, denn dieſe ganze Inſel iſt ein heiliger Boden und der andaͤchtigen Zuruͤckgezogen⸗ heit von allem Weltlichen beſtimmt geweſen. Eine Kammer eines ziemlich gut erhaltenen Temvels be⸗ 348 wohnte ein Araber mit ſeiner Familie. Er war ſehr wild, als er zu bemerken anfing, daß die Reiſenden auch ſeinen Harem zu beſuchen vor haͤtten, zog ſein langes Schwert und drohte damit Rache zu nehmen. Der Ritt nach Eſſouam zuruͤck durch die Wuͤſte ge⸗ gen Untergang der Sonne war ſehr angenehm und eben ſo behaglich ein nachheriges Bad im Nil. Die Waſſerfaͤlle des Nil, einige Meilen ober⸗ halb Sſſouam ſind von geringer Bedeutung, da ſie nur einige Zoll Fall haben, obgleich ſie weit rauſchen. Hier war der Wendepunkt von Carne's Schifffahrt, und er erreichte Esneh, Luror u. ſ. w. bald wie⸗ der. Auf dem Ruͤckwege nach Dheben beſuchte er Morgens die Graͤber der Koͤnige. Die Graͤber lagen amphitheatraliſch an den nakten und ſteilen Berg⸗ Spitzen. Mitten durch dieſen Begraͤbnißplatz laͤuft ein tiefer Einſchnitt und von deſſen Ende geht man in die Wohnungen der Todten. Nachdem Carne mit dem Araber Dsmin, der die Schluͤſſel bewahrte, viele Stufen hinabgeſtiegen war, wurde das Thor des groͤßten Grabes geoͤffnet und mit einiger Senkung des Bodens kamen ſie in verſchiedene Kammern, deren 14 in dem Felſen ausgehauen, und die Mauern und Decken ganz wohl erhalten ſind, da die aͤußere Luft bier nicht eindringen kann. Die Gemaͤlde haben noch ein friſches Ausſehen, die Figuren ſind ſchoͤn und tief im Felſen ausgehauen und haben helle oder dunkel⸗ blaue, gelbe vder rothe, mit etwas weiß vermiſchten 349 Farben. Einige Figuren ſind klein, andere 4— 6 Fuß hoch. Einige Gruppen zeigen landwirthſchaftliche Arbeiten, andere den Monarchen auf dem Throne in voller Pracht, u. ſ. w.*). In einigen Kammern ſind die Bildhauer⸗Arbeiten nicht ganz vollendet. Theben verließ Carne in der folgenden Nacht und der naͤchſte wichtige Ort, wo er landete, war Keneh; auch ſah er ein Lager der dem Ibrahim Paſcha, Sohn des Vizekoͤnigs, zur Verſtaͤrkung nach Sennaar geſandten Truppen. In des Paſcha Heere dienten verſchiedene Renegaten**). In der Stadt Aboutigue miethete Carne fuͤr ſich und ſeinen Diener Eſel, ritt nach Monfalut, dann durch eine Sandwuͤſte, welcher eine Kette des Lybiſchen Ge⸗ birges zur Linken lag und traf in Siout ein, wo es ſehr lebhaft, beſonders auf dem Bazar war. Er kehrte dann aus Siout in die Wuſte zuruͤck, und traf auf eine Caravanne, welche ſchwarze Sklaven auf den Markt von Cairo brachte. Der Fuͤhrer derſelben brachte, in der Meinung, daß Carne wohl einer * Andere Gruppen zeigen TChiere in Lebensgroͤße, z. B. Schlangen in ihren mannigfaltigen Win⸗ dungen und unter ſolchen eine Boa constrictor. **) Ueber dieſe Renegaten gibt ein Naͤheres:„Pla⸗ nat's neueſtes Werk uͤber Aegypten in milttäriſcher u. ſ. w. Hinſicht, wovon auch in Leipzig eine deutſche Ueberſetzung wurde. 350 ſchwarjen Stlavin zur Geſelſchaft bedoͤrfe, ihn laͤchelnd in ein Gezelt mit vielen halbnakten jungen Negerin⸗ nen. Nachdem der Britte die Caravanne verlaſſen batte, traf er nach Abenddaͤmmerung bei ſeinem Fahr⸗ zeuge in Montfalut wieder ein, ſchiffte weiter, und ritt nachher auf einem Eſel von Radamonut nach den Tempelruinen von Hermopolis. Vom Portieus ſieht man dort noch die Saͤulen von 23 Fuß Umkreis und 60 Fuß Hoͤhe ohne Dach. In der Kuͤhle des Abends ließ Carne ſich von hier nach den Ruinen des von Kaiſer Adrian oder Hadrian erbauten Antinve uͤber den Nil ſetzen. Die wenigen, von dieſer Stadt noch vorhandenen Saͤulen ſind von Gra⸗ nit, ſchlanker Geſtalt, 40 Fuß hoch, mit Corinthiſchen Capitälern. Auf der fernern Waſſerfahrt landete un⸗ ſer Reiſende, um die einige Meilen entſernten Pyra⸗ miden von Saecara zu beſuchen. Die dortige große Pyramide iſt ſchwerer zu erſteigen, als die von Gizeh. In Cairo wohnte Carne bei ſeiner Ruͤckkehr bei Hrn. Aſſelin, welcher dem Vicomte Chateau- briand nach Aegypten begleitet hatte und ſeitdem dort geblieben war. Er war nicht ohne Kenntniß, aber ein Sonderling, der ſich europaͤiſch kleidete und einen langen Bart trug.. Des Vieloͤnigs angenehm gelegene Villa am Nil⸗ Ufer zu Shudra, und deren Garten im Geſchmacke der eurvpaͤiſchen mit einem ſchattigen Kivsk in der Mitte, beſuchte Carne bei Gelegenheit eines Spa⸗ . 351 zierrittes, und ſah dort 8 Damen des Harems des Vizekoͤnigs, dicht verſchleiert und mit Maͤnteln um⸗ geben, ausreiten. Wenn man nach dem gegen Cairo uͤber liegenden Gizeh den Weg nimmt, ſo ſieht man im Schatten großer Baͤume nahe am Pfade Gruppen leichtfertiger, wenig bekleideter Frauenzimmer, welche um ein an⸗ gezuͤndetes Feuer ſitzen, Caffee trinken, und mit ihrem Geſange und einladenden Winken die Vorbeipaſſiren⸗ den locken, ſich zu ihnen zu verfuͤgen; aber Reize ſchienen ſie fuͤr Carne nicht zu beſitzen. Drittes Buch. In der Geſellſchaft eines engliſchen Edelmanns und eines Miſſtonnairs zur Judenbekehrung aus Cam⸗ bridge, mit einem bigotten, dummen, faulen, ge⸗ fraͤtigen Diener verließ Carne mit ſeinem Diener und mit 6 Arabern, um die Kamele zu pflegen und als Wegweiſer zu dienen, Cairo, den Berg Sinai zu beſuchen. Die Reiſe ging einige Tage durch Gegenden, die nichts als dürren Sand dem Auge darboten. Das Schütteln der trottirenden Kamele und der hohe Sitz behagte keinem der Reiſenden, der dieſen Transport nicht gewohnt war. Gewöhnlich legt eine Kamel⸗ Caravane im Schritt in einer Stunde 3 engl. Meilen zuruͤck. Den erſten gruͤnen Punkt fand man bei dem 6. Bd. 2legypten. III. 3. 8 352 elenden Dorfe Ad jerud, mit wenigen zerſtreuten Baͤumen. Vier Meilen davon liegt die Stadt Suez- Von da verfugte ſich Carne nach dem Strande des rothen Meeres, das hier ſchon ſchmal und flach iſt und 3 engl. Meilen weiter hinauf ſich endiget. Am folgenden Morgen ging es um die aͤußerſte Spitze des rothen Meeres, dann betrat man die Wüſte Sinai und ſah 4—6 Waſſerpfuhle, Moſes Quellen ge⸗ nannt, welche er aber ſchwerlich jemals mit ſeinem Stabe ſchuf. Man paſſirte dann das Thal Paran⸗ Außer der Caravane ſahen die Reiſenden mehrere Tage kein lebendes Geſchoͤpf. In ſolcher Lage glaubt man Regent einer todten Welt zu ſeyn⸗ und kann eine Zeit lang die ungewohnte Lage in einer ſolchen Ein⸗ ode behaglich ſinden. Nach einigen Tagen wurde der Weg weniger einfoͤrmig, wegen abwechſelnder Thaͤler mit ſparſamen Palmen, oder Felſen mit dunkelgruͤnem Geſtraͤuch und wegen doch ofterem Begegnen von klei⸗ nen Caravanen oder einzelnen Reitern. Schoͤn iſt in Aegypten der untergang der Sonnez aber noch ſchoͤner iſt ein Sonnenaufgang in der Wuͤſte⸗ obgleich man in der Morgenkaͤlte Schauer empfindet. Viele gluhende Strahlen entſtehen und verſchwinden und eine Zeit lang iſt der Himmel blau und klar; vlötzlich ſtrahlt aber die Sonne am Horizont und ver⸗ hreitet ſich raſch uͤber Sand und Felſen, ſo daß man wohl begreift, wie ein perſiſcher Feueranbeter der oder Iman von der Spitze des Minarets den Preis 353 und Segen der Sonne zu verkuͤnden, ſich gemuͤthlich angeregt fuͤhlt. Die Ifraeliten, welche a0 Jahre in der Wuͤſte wanderten, mußten bei ihrem Manng und ihren Wach⸗ teln mit einem Trunk Waſſer nach einem Nachtlager in kalten Naͤchten oder in den heißen Mittagsſtunden ſich unbehaglich fuͤhlen. In dieſen Wuͤſten verlangt man keine Leckereien, aber man fuͤhlte Elend, wenn man Caffee, Thee und Citronenſaft ganz entbehren muͤßte. Ohne Caffee wuͤrde kein Araber die Stra⸗ vaien ertragen, jener iſt ihr Manna und ſie ſind zu⸗ frieden, wenn ſie nebenher eine Razion Grobbrod oder Brodkuchen ohne Sauerteig erhalten. Jeder Araber fuͤhrt ſeinen in einer Pfanne geroſteten Caffee und ſeine Kochkanne bei ſich und zerſiͤßt den Caffee mit einem hoͤlzernen Stoͤßer. Endlich erblickten Carne und ſeine Gefaͤhrten die prachtvollen Gruppen der Berge um Sinai und ie naͤher ſie ſolchen kamen, deſto maleriſcher wurde die Gegend. Rechts breitete ſich, ſo weit das Auge reichte, eine Bergkette nach Tor hinab. Beim An⸗ fange eines engen Paſſes mußten ſie abſteigen und fortſchveiten. Alles, was ſie ſahen, hatte einen uͤber⸗ irdiſchen Charakter. Endlich erweiterte ſich das Thal, man kam dem Singi naͤher und um Mitternacht er⸗ reichte man das Katharinen⸗Kloſter am Fuße des Berges, umgeben mit hohen Mauern zum Schutz wider die Axaber. Eurnt hatte ſeinen Diener 354 und einen der Araber, Namens Jouma, voraus⸗ geſendet, um Quartier zu iten Nach lautem Rufen oͤffnete ſich oben in der Mauer des Kloſters ein Fenſſer und ein Strick wurde hinab⸗ gelaſſen. Dieſen wand man um ſeinen Leib, hielt ihn mit den Haͤnden, wurde ſo von den Moͤnchen hinaufgezogen und durch das Fenſter in das Kloſter eingelaſſen. Jeder von den Reiſenden wurde einteln und nachher ihr Gepaͤck hinaufgezogen. Dann erhiel⸗ ten ſie angenehme Schlafzellen und erfreuten ſich nach ſo vielen Nachtquartieren in der Wuͤſte eines herrli⸗ chen Schlafes auf huͤbſchen Kiſſen⸗ Das Kloſter gruͤndete Juſtinian vor 1400 Jah⸗ ren; es iſt groß und ſehr reinlich gehalten. Eine ſchoͤne große Kirche mit einem Fußboden von Marmor und einer reich vergoldeten Kanzel befindet ſich hier. Der ſchoͤne Hochaltar iſt, wie die ihn ſtuͤtzenden Pfei⸗ ler, mit Perlmutter und Schildkroͤtenſchaalen belegt. Einen Theil der Marmorbekleidung, welche wegen der mancherlei Arten deſſelben genauer bemerkt zu werden verdient, ſandte die St. Sophienkirche aus Konſtantinopel hieher. In einem Winkel der Kirche liegt das reiche geſchmuͤckte und Wohlgeruͤche verbreitende Grab der heil. Katharina, Patronin der Kirche. Das Floſter hat 3 hohe Chorgaͤnge. Aus dem einen kommt man in ein kleines Simmer, wo⸗ ſelbſt unter einer kleinen mit Filigrangold geſchmuͤckten iſche, welche kleine Lampen ſchwach erleuchten, N 355 die Stelle des einſt brennenden Buſches gezeigt wird. Harmlos ſind die Moͤnche, aber die meiſten ſehr unwiſſend. Der Prior iſt ein Mann von Wuͤrde im Aeußern, mit feinen Sitten und Weltton; er erkun⸗ digte ſich ſehr, wie es mit dem Kampfe der Helle⸗ nen ſtehe. Die Moͤnche wagen ſich aus Furcht vor den raͤuberiſchen Beduinen niemals aus ihrem Klo⸗ ſter. Ihre Bewegung machen ſie im Garten, zu dem ſie durch einen unterirdiſchen Gang, welcher am Ende mit einer ſehr ſarken Thuͤr verſchloſſen iſt, gelangen. Der Garten iſt reich, aber muͤhſam von den Moͤnchen geſchaffen und erhalten, weil ſie ſich durch ihn erhal⸗ ten müſſen. Waͤhrend Napoleon in Cairo reſi⸗ dirte, befahl er, daß die Kloſtermauern erhoͤht werden ſollten und ſandte den Moͤnchen 2 Kanonen zu ihrer Vertheidigung, von welchen ſie jedoch niemals Ge⸗ brauch machen. Defters erpreſſen die Araber von ihnen durch laute Drohungen und Flintenſchuͤſſe Weiß⸗ brod, welches ſie ihnen durch die Feuſter herabwerfen muſſen. Carne und ſeine Begleiter beſuchten die Stelle in der Wuͤſte von Midian, nicht weit vom Kloſter, wo der Sage nach, Moſes ſeinem Schwiegervater Jethro die Schafe raubte, in einem Thale hinter dem Berge Sinai, zwiſchen zwei Bergketten. In der Mitte ſteht eine einſame Baumgruppe. Und am drit⸗ ten Morgen reisten ſie mit 3 arabiſchen Wegweiſern fruͤhe nach der Bergſpitze des Sinai. Aufſteilen und ſchmalen, oft durch hohere Klipen ſich 356 windenden Pfaden ſtiegen ſie muͤhſam den Berg hinan. Dieſer Berg hat 4 Gipfel und derjenige, welchen Mo⸗ ſes heiligte, ſtand in der Mitte, und da dieſer von unten nicht wahrgenommen werden kann, ſo hat die jüͤdiſche Verſammlung den Fleck, wo er das Geſetz entgegennahm, nicht ſehen koͤnnen, und der Rauch und die Flammen, welche den ganzen Berg nach der heil. Schrift einhuͤllten, muͤſſen bei der Groͤße der Ausdehnung und wegen der vielen Spitzen um ſo feierlicher geweſen ſehn*). Nachdem die Reiſenden *0 Die Erzaͤhlung der Bibel laͤßt ebenfalls vermu⸗ then, daß die Spitze, auf der Gott Mojes er⸗ ſchien, den Zuſchauern verborgen war, da nur die 70 Aelteſten den Gott Israels und unter ſeinen Fuͤßen einen ſchoͤnen Saphir ſahen. Was aber nicht wenig Erſtaunen erregt, ſind die we⸗ nigen Ebenen, Thaͤler oder offenen Plaͤtze, wo die Kinder Isrgels bequem ſtehen konnten, um die Herrlichkeit des Herrn zu ſehen.— Von der Spitze des Sinai erblickt man unermeß⸗ liche Ketten felſiger Berge. Der gemeine Glaube ſtellt ſich um dieſen Berg weite Ebenen und Sandwuſten vor, wo das Lager der Kinder Isrgels ſtand, ſo daß, nach der Lebensart der eduinen, die Familien Jsrgels vor dem Ein⸗ gange ihrer Zelten verſammelt waren und daß um den Berg eine Linie gezogen war, welche bei Todesſtrafe Keiner uberſchreiten durfte. Dieſe Vorſtellung verdient eine Berichtigung; denn außer dem Thal, durch welches man zumm Smat 357 hier eine Stunde verweilt hatten, ſo machten ſie ſich auf den Weg, unter dem Geleite eines Wegweiſers, den S. Katharinenberg zu beſteigen, woſelbſt ſie den andern Dag ankamen. Auf ſteilen, faſt unerklimmbaren Pfaden ſtiegen ſie den Berg hinan. Der Wind war hier ſchneidend kalt. Dieſer Berg iſt der hoͤchſte unter allen Bergen umher, und iſt nach der Meinung einiger Gelehrten der bib⸗ liſche Verg Horeb. Henbgeſtiegen beſuchten die Reiſenden den be⸗ ruͤhmten Felſen Meribah von Granit, woraus die Quellen Waſſers ſtuͤrzten, die Mo ſes Stab eroͤfnet haben pll. Sie eilten nun dem Kloſter wieder zu, ſich hetzlich nach ihrem guten Lager ſehnend, und mochten eine Stunde etwa den Felſen verlaſſen haben, als ſit ploͤtzlich von 12 gut bewaffneten Arabern, worun er drei Scheiks waren, umringt und trotz alles Straͤuſens, da ſie leider unbewaffnet waren, gefan⸗ gen gerommen wurden. Dieſe wilden Araber hatten von dem Kloſter Brod erpreſſen wollen, allein keines erhalten; ſie be⸗ gelangt, welches eine halbe engl. Meile breit und einige Meilen lang iſt, und außer noch einer kleinen Ebene mit einem Felſenhügel in der Mitte, erſcheinen rund um den Berg we⸗ nige fteie Raͤume. — S. 358 ſchloßen daher, die Reiſenden feſt zu nehmen, bis man ihnen fuͤr ihre Loslaſſung ein Loͤſegeld entrichtet haben wuͤrde. Die Araber fuͤhrten ihre Gefangenen zuerſt vor das Kloſter; man verhandelte, kam aber nicht zum Schluß. Die Araber fuͤhrten deßhalb nun Carne und ſeine Gefaͤhrten zu ihrem 2—3 Lagreiſen ent⸗ fernten lagernden Stamm. Der vornehmſte der Scheiks, Haſſan, ein langer Mann mit edlem Anſehen, Ad⸗ leraugen und ſchneeweiben Zaͤhnen, ſchwur nuͤthend, daß weder der Sultan der Suͤrkei oder Englands oder Cairo's die Gefangenen aus ſeinen Haͤnben ret⸗ ten ſollten. Das Loos der Letzteren war eben nicht ſehr angenehm, indem es ſchmale Koſt und tnange⸗ nehme, harte Lagerſtellen ſetzte. Carne ſaß ſich durch wuͤſte Gegenden, durch mehrere Bedufnen⸗ Lager, die mit ſeinen Raͤubern befreundet waret, ge⸗ fuͤhrt und endlich mit ſeinen Gefaͤhrten in das Lager des Stammes Haſſans gebracht. Die andern Scheiks verließen nun Haſſan und eilten nach Hauſe. So waren Carne und ſeine Reiſegeſellſchaft Haſ⸗ ſans Gefangene. Dieſer hatte zwei Weiber, 2Zmra und Mirrha, von denen die eine alterte, die an⸗ dere jung war. Dft pflegten ſie ſich zu zanken und toͤnte dann die gellende Stimme des aͤlteren Veibes zu den Gefangenen heruber. Das junge Weib Haſ⸗ ſnn's haͤtte ſich gar zu gerne mit den Europeern in Correſpondenz geſetzt, wahrſcheinlich um negen 359 ihrer angegriffenen Augen Linderung zu erhalten— da man in jedem Franken faſt einen Heilkuͤnſtler ſieht— allein ſie fuͤrchtete Haſſan und die orientaliſche Eiferſucht. Auf eine faſt romantiſche Art endigte ſich die Ge⸗ faugenſchaft Carne's und ſeiner Genoſſen. In Suez hatten ſie bei dem dortigen Befehls⸗ haber Audienz gehabt und waren, was ein junger Beduinen⸗Haͤuptling, Ibrahim, perſoͤnlich da⸗ mals als Anweſender wahrgenommen hatte, mit Aus⸗ zeichnung von dem Befehlshaber behandelt worden⸗ Er war damals unpaß und hatte einen brittiſchen Sdelmann, einen der Reiſegeſellſchaft, um Medizin gebeten und dieſer gab ihm ſolche bereitwillig. Sie war dem Kranken nuͤtzlich geweſen. Der Miſſionnair, auch einer der Gefangenen, war eines Tages bis an das Ende des Lagers des Stammes gewandert und traf dort jenen Ibrahim jufaͤllig. Dies fuͤhrte zwi⸗ ſchen beiden eine Unterredung uͤber die Gefangenſchaft der Reiſenden und deren Veranlaſſung herbei, woruͤber ſich Ibrahim mit Unwillen aͤußerte. Der Miſſion⸗ nair bot Ibrah im ein Geſchenk, wenn er ſie befreien wollte. Dankbarkeit und kuͤnftiger Gewinn wirkten auf den jungen Haͤuptling, der ſofort ſein Kamel beſtieg und zu ſeinem Bruder Saleh, dem Pber⸗ haupte in dieſer Gegend, eilte. Schon am naͤchſten Morgen waren beide in dem Lager und bald waren 30 Scheiks daſelbſt auf ihren Ruf verſammelt, um 360 wegen der Freilaſſung der Gefangenen zu berathen und Haſſan dazu zu beſtimmen. Saleh, ein wuͤr⸗ devoller Mann milden Anſehens, hatte viel Einfluß durch das Vertrauen, welches er beim Viekoͤnig in Aegypten genoß, und alle Scheiks, bis auf Haſ⸗ ſan, beſchloſſen ſogleich die Freilaſſung der Reiſen⸗ den, als Leuten, die gut beim Paſcha angeſchrieben waͤren. Endlich gab ſich am anderen Tage auch Haſ⸗ ſan, der nicht nur in die Freilaſſung einwilligte, ſondern der— er hatte jetzt wohl andere Plane— ſich ſogar erbot und ſich bereitete, die befreiten Reiſenden ſelbſt nach Cairo ſicher zu geleiten. So wurden Carne und ſeine Gefaͤhrten frei. Frei⸗ lich hatte zwar der Diener Carne's, der erkrankt im Kloſter geblieben war, an dem Tage nach der Gefan⸗ genſchaft ſeines Herren einen Kamelreiter nach Cairo geſandt, um den engliſchen Conſul um Huͤlfe anzurufen, die auch von dem Kiaya⸗Bey in Cairo angeordnet wurde, allein die Araber, die mit Adleraugen alle Bewegungen in der Wuͤſte beobachten, haͤtten nur zu leicht ihre Gefangenen fortſchleppen und ſich den Mi⸗ lizen entziehen koͤnnen. Die Befreiten reisten nun gerade nach Cairv ab. Im Palmenthale Hirondel kam der von ſeinem Fieber geneſene Diener Carne's, Michael, mit dem Gepaͤcke bei der Caravane wieder an. Dann ging es nach Suez und die Reiſenden trafen am ꝛ0ten Tage, nachdem ſie das Lager ihrer Raͤuber verlaſſen hatten, 361 in Cairo wleder ein. Sie waren ſeit ihrer Eutlaſ— ſung in der Wuͤſte die Freunde Hafſans geworden, ſchadeten ihm deßhalb in Cairo nicht und beſchenk— ten ihn ſogar bei ſeiner Rückkehr zu ſeinem Stamme. Der Miſſionnair blieb in Cairo; Carne ſchiffte ſich aber mit dem engliſchen Edelmanne nach Aleran— drien ein, wovon aus Letzterer nach England zu⸗ ruͤckkehrte, Carne aber einige Zeit hierauf an Bord eines Schiffes ging, das nach Sayde, Saide, Sidon, ſeine Beſtimmung hatte. Das Wetter war der Fahrt nicht ganz guͤnſtig, und Carne landete endlich am ꝛoten Tage zu Caifa, ließ das Fahrzeug nach Saide weiter ſegeln und reiste nach Aere. Nach Aere geht der Landweg längs des ſandigen Meerßrandes uͤber einen Fluß, der wegen des vielen gefallenen Regens kaum durchwatet werden konnte. Drei Stunden mußte Carne im Andienz⸗Saale des jungen Paſcha, Selim, der, ohne ſich ſtoͤten zu laſſen, ſeine Sieſta im Serail hielt, warten, bis er ſeine Paß⸗Ausfertigung er⸗ halten konnte. In Aere traf Carne ſeinen alten Reiſegenoſſen, den Miſſionnair, wieder, mit dem er nach Tyrus ritt, welche Stadt jetzt auf 2000 Ein⸗ wohner herabgeſchwunden iſt. Am naͤchſten Morgen ritten ſie nach Sidon (Saide), und fanden dieſe Handelsſtadt von den Gaͤr⸗ ten umgeben. Etwa 1 /½ Stunden von hier wohnt die bekannte Lady Stanhope in ihrem auf dem 362 Huͤgel Marilius und dem Fundamente eines vor⸗ maligen Kloſters erbauten Palaſt, mit wenig Baͤumen umher, daher er ſehr frei liegt, hinter ſich kahle Berge hat, und nach dem Meere die reiche Gegend von Sidon uͤberſieht. Carne wollte ihr ſeine Aufwartung ma— chen, wurde aber hoͤflichſt abgewieſen*). Sie iſt nicht mehr die kuͤhne Heldin, welche Palmyra's Truͤm⸗ mer und andere, Fremden faſt verſchloſſene Gegenden des Drients beſuchte, die treffliche Reiterin im Mamelukenſchmuck, ſondern jetzt nervenſchwach, glaubt an Nativitaͤtſtelleret, und ein in ſolchen Dingen ver⸗ rufener arabiſcher Greis beſucht ſie oft. Doch ſteht ſie noch im hoͤchſten Anſehen bei den Drientalen. In Bairut angekommen, einer Stadt von 6000 Einwohnern, in einer ſehr reizenden, beſonders an Maulbeerbaͤumen reichen Umgebung, weßwegen hier viel Seide gewonnen wird, benutzte Carne eine Caravane nach dem Lande der Druſen, den dortigen Fuͤrſten ꝛe. zu ſehen. Deſſen Reſidenz, 9 Stunden von Bairut, liegt auf einem ſteilen Felſen. Der Fuͤrſt ſelbſt war ein Mann von 6o Jahren mit langem Bart und ehrwuͤrdigem Ausſehen. Er beherrſcht das *) Man ſagt, daß ein unſchickliches Urtheil eines Englaͤnders über ihre Lebensart in Marilius der Grund ſey, warum ſie in der Regel jetzt keine Landsleute mehr ſehen will. Gebirge Libanon und manche angrenzende Landſchaft, und kann, wenn er will, 30,000 Mann aufbieten. Carne ſpeiste bei dem Fuͤrſten, der eben Allürter des Paſcha von Aere war, der den blutigſten Kampf ge⸗ gen den Paſcha von Damask fuͤhrte. Die Druſen fand Carne als ein ſchoͤnes, voller Geſündheit ſich erfreuendes Volk und ſo roth, als europaͤiſche Gebirgs⸗ bewohner. Die Druſen heirathen niemals Auslaͤn⸗ derinnen, aber nicht ſelten ihre Schweßern oder Toͤchter. Zu Pferde kehrte Carne nach Sidon und dann nach Tyrus zuruͤck, reiste hierauf nach Aere und Kaifa und begab ſich nach dem Berge K Karmel, die beruͤhmte Ebene Esdrelon, den Bach Kiſchon und anderen Punkten des„ehemaligen Garten des Herren.“ In Nazareth beſuchte er in der ſchoͤnen Kloſterkirche die Grotte unter dem Fußboden, worin der Engel Gabriel Maria erſchienen ſeyn ſoll. Von der Granitſaͤule, welche bei der Erſcheinung des Engels geſpaltet wurde, haͤngt der obere Theil noch im Gewoͤlbe und wie die Geiſtlichen erzaͤhlen, als ein Wunderwerk in der Luft. Etwa 21 ½ Meile von Na⸗ zareth zeigt man im Thale den hohen Felſen, von deſſen Spitze, nach dem Evangeliſten Lukas, das Volk den Erloͤſer in den Abgrund ſtuͤrzen wollte. Un⸗ gefaͤhr in der Mitte des Felſens zeigt man die Stelle und das Merkmal ſeiner Hand, wo er in den Felſen bing und verſchwand. 364 Am folgenden Tage ritt Carne nach dem Berge Dabor, beruͤhmt durch die Schlacht Napoleons, welche an ſeinem Fuße gegen unzählige Schaaren Osmannen erſiegt wurde*). Der Berg erhebt ſich allmaͤhlig aus der Erde; der vierte Theil ſeines Um⸗ fanges iſt mit Holz bewachſen, dagegen iſt die Spitze flach und nicht ausgedehnt, aber die Ausſicht ſehr prachtvoll. In dem Dorfe am Fuße des Dabor ſteht unter wenigen Baͤumen ein Haus, wo die Pro⸗ phetin Deborah geboren ſeyn ſoll. Auch der Berg Hermon ſteht 6 Meilen von Nazareth in der Ebene mit dem bekannten Dorfe Nain am Fuße. Hierauf ging Carne nach Cana anf einem engen und felſigen Pfade uͤber das Gebirge, beſah die Rui⸗ nen des Hauſes, wo das Wunder geſchah, daß Waſſer in Wein verwandelt wurde, und kehrte dann nach Nazareth wieder zuruͤck. Von Nazareth gelangte er wieder nach dem Fuße des Berges Carmel und von da laͤngs der Kuͤſte nach Caͤſarea, endlich nach Jaffa, das ſchoͤne Gaͤrten dem Auge darbot. Gaſtfreundlich nahm der Conſul Da miani unſeren Reiſenden auf, und er⸗ zaͤhlte ihm manche Anekdote uͤber Napoleon, welcher *) Man ſehe: F. F. A. Schneidawinds Ge⸗ ſchichte der Expedition der Franzoſen nach Aegyp⸗ ten und Sorien;(Zweibrücken bei Ritter 1830.) 2ter Band. 365 auf dem naͤmlichen, jetzt mit vielen Fliegen um⸗ ſchwaͤrmten Sopha, auf welchem Carne ſaß, geſeſ⸗ ſen und geſchwatzt hatte. Von Jaffa ritt Carne nach Ram la in einer weiten Ebene mit Waͤldern und Dlivenbaͤumen umherliegend, beſuchte das arme⸗ niſche Kloſter daſelbſt, wo er s luſtige Vaͤter antraf, und eilte dann auf dem Wege nach Jeruſalem vorwaͤrts. Nachdem er dieſe wichtige Stadt mit ihrer um⸗ gebung durchwandert hatte, begab er ſich nach Tibe⸗ rias, Bethulia, Safet, Damask, Balbek, Libanon, Baruf, Larnika, Nikoſia, Rho⸗ dus, Novarino, Tripolizza, Klaranza und Zante.