Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Perſien Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von M e h ren und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. III. Theil. 2. Bänbchen. Rürnberg⸗ Verlest von Heinrich Haubenſtricker. 1 8 31. ——— Jakob Morier's erſte Reiſe durch Per⸗ ſien, Armenien und Klein⸗Aſien nach Konſtantinopel in den Jahren 1808 und 1809. S engliſche Hof hatte beſchloßen, eine außerordent⸗ liche Geſandtſchaft nach Perſien zu ſchicken. Die Stelle des Geſandten zu erhalten, hatte das Glück Sitr HartfordJones;Geſandtſchaftsſekretar wurde unſer Reiſe⸗Beſchreiber Jakob Morier. Bevor wir aber dieſen Reiſe⸗Bericht liefern wol⸗ len, machen wir zu wiſſen, daß wir denſelben in einer Skize mittheilen, und zwar um Wiederholungen, und dadurch Einfoͤrmigkeit und Langeweile zu vermeiden; auch deßwegen, weil dieſer erße Bericht nichts von *) A Journey through Persia, Armenia and Asia minor to Constantinople in the V. 1808 and 1300, in which are related certain kacts, relative to the miesion of Sir Hartford Jones to che court of Persia by James Morier, Secretary ok the same mission. London 1842. 4. pag. 430. wich maps and engravings. 126 beſonderer Merkwuͤrdigkeit enthaͤlt, und nur des Zu⸗ ſammenhanges wegen da ſeht. Am 27. Dktober as07 reiſte die Geſandtſchaft von Vortsmvuth ab, beruͤhrte Madeira und das Vorgebirge der guten Hoffn ung, und langte am 26. April a8sos zu Bombay an. Hier erhielt der außerordentliche Geſandte vom General⸗Gouverneur zu Kalkutta Beſchl, ſich un⸗ mittelbar nach Perſien zu begeben. Am 10. Dkto⸗ ber waren ſie auf der Hoͤhe von Barnhill, wo ſie waͤhrend der Nacht ſehr litten. Auf der Rhede von Buſchir wurde am 44. gelandet. Am 8. Novem⸗ ber langte auf 4 Mauleſeln die Balkona, oder das fuͤr die Geſandten übliche Geſchenk an. Es beſtand aus so Zuckerhuͤtten, 36 Buͤchſen mit Konfekt; einer Mauleſel⸗Ladung von Citronenfaft in 96 Flaſchen, von 23 Flaſchen Sorbet, Pomeranzen und andern Fruͤchten; 22 Flaſchen verſchiedener Obſtmuße; 4 Mau'⸗ Eſel⸗Ladungen von Muskat⸗Melonen; einer Laſt Quitten von Ispahan; einer halben Laſt von Aepfelnz einer Laſt Granataͤpfel, und einer Wein von 39 Bou⸗ teillen. Das Ganze begleitete ein ſehr hoͤflicher Brief des Miniſters von Schiras. Der Diener des Fuͤr⸗ ſten, welcher dieſe Geſchenke uͤberbrachte, erhielt von dem Geſandten 600 Piaſter zum Gegengeſchenke. Die Stadt Buſchir, eigentlich Abuſchaͤher, unter 28 69 n. Br. und soo 43“ d. L. von Green⸗ wich, liegt auf der Spitze einer Halbinſel, welche 127 au der einen Seite durch das Meer, und auf der antern durch einen großen Kanal, welcher ſich in grohe Moraͤſte erſtreckt, gebildet wird. Hier iſt gegen⸗ watig der Haupthafen Perſiens. Die Stadt bil⸗ det ein Dreieck, deſſen Grundlinie, welche gegen das Lam liegt, nur befeſtigt iſt. Die Haͤuſerzahl betraͤgt 40o ebenſo hoch ſchaͤtzt man die Dattel⸗Alleen vor dem Eingange der Thore. Im Winter ſind die aus Nord⸗Weſt kommenden ungewitter ſehr haͤufig. Von dem Gouverneur Mahomed⸗ Nebih⸗ Khan wurden wir ſehr hoͤſtich aufgenommen. Bet dem Autritte ſeines Khanats fragte er die Aſtrologen dieſer Stadt, um den gluͤckbringendſten Augenblick ſei⸗ nes Einzuges. Bei einer andern Gelegenheit ſchrieben ihm die Aſtrologen, er moͤge den Einfluß eines boͤs⸗ artigen Sternes vermeiden, und in einer beſondern Richtung ſein Haus verlaſſen. Da in dieſer Richtung keine Thuͤre war, ſo zauderte der Khan nicht, eine effnung in die Mauer brechen zu laſſen, und da her⸗ auszugehen. Zu den in Perſien herrſchenden Arten des Aber⸗ glaubens gehoͤrt eine in Betreff des Kraͤhens der Haͤhne. Neun uhr fruͤh und Abends, Mittag und Mitternacht iſt ihr Kraͤhen guͤnſtig und privilegirt. Laſſen ſie ſich aber außer dieſen Stunden horen, ſo werden ſie un⸗ barmherzig geſchlachtet. Ehe wir die Berg⸗Ebene von Kislat erſtiegen, empfieng eine lange Reihe mit Luntenfinten bewaff⸗ 128 neter Maͤnner und Reiter den Geſandten durch ene Salve, deren Schall die benachbarten Berge zumck⸗ gaben. Die Berge, welche wir uͤberſtiegen, werden bun⸗ ruhigt gewoͤhrlich von Naͤuber-Banden, Memmeh⸗ Sunni genannt. Zu Derihs trafen wir eine Menge tanzender und uns auf gewohnliche Art be⸗ gruͤßender Männer. Auf den Daͤchern feierten die Frauen unſere Ankunft durch eine Art hohen un? zit⸗ ternden Geſanges. Wir warfen ihnen einige Geld⸗ ſtuͤcke hin. Eine Stunde von Kozeruhm fuͤhrte ins der Gruvernenr in die Stadt. Eine mit Kandis⸗Zucker gefuͤllte Bouteille ward unter den Fuͤßen des Geſand⸗ ten zerbrochen; eine Ehre, welche in Perſien nur Per⸗ ſonen von koͤniglichem Gebluͤt wiederfaͤhrt. Eine un⸗ geheure Menge Volkes war zu unſerm Empfang ver⸗ ſammeit. Fechter zeigten vor uns ihre Fertigkeit; Un⸗ ruhe und Verwirrung hertſchte auf allen Seiten. Bei 2 Graͤbern vorbei, gelangten wir an das Beitt eines Gießbachs, uͤber welchem einſt eine Waſſer⸗Lei⸗ tung gebaut war. Die Ausdehnung der Ruinen von Schapur iſt gegen Suͤd durch einen ſchoͤnen Strom begrenzt. Seine Quelle liegt unter dem Wege, welcher hier gemauert, und durch Truͤmmer eines alten Ge⸗ baͤndes unterſtuͤtzt wird. Nachdem wir uͤber dieſe Quelle weggekommen wa⸗ ren, befanden wir uns auf den Ruinen von Schapur⸗ — 129 Ihr Uumfang begreift eine Ebene und einen Huͤgel, auf welchem die Truͤmmer einer Zitadelle ſind. Zwiſchen dieſem Huͤgel und einer eindrucksreichen Felſenmaße fließt der ſchoͤne Fluß Schapur. Der Huͤgel iſt mit Ruinen, Mauern und Thuͤrmen bedeckt. Deſtlich nehmen die Mauern alle Zwiſchenraͤume von einem Felſen zum andern ein, und das Ganze ßelt die Anſicht eines ſehr befeſtigten Platzes dar. In den Felſen daſelbſt ſahen wir verſchiedene Bilder gehauen, welche wahrſcheinlich Bezug auf die Urſache der Er⸗ bauung dieſes Gebaͤudes, oder auf die Siege ihrer Gruͤnder haben. Manche Bilder waren noch gut ge, halten; andere zum Theile ſehr beſchaͤdigt. Der Fuß⸗ weg zu dieſen ſchoͤnen Denkmaͤlern iſt eine Waßter⸗ Leitung neuerer Bauart. Man findet hier auch ſehr tiefe Brunnen. Nachdem wir wieder uͤber den Fluß gegangen waren, kamen wir uͤber zahlreiche Erd- und Steinhuͤgel, welche die Ruinen von Schapur be⸗ decken. ticht weit von Schiras erhielt die Geſandtſchaft einen Firman vom Koͤnig und ein Zelt von dem Prinzen als Geſchenk. Die aͤußern Waͤnde hatten einen karmoſinrothen Gtund mit gruͤner Stickerei. Innerhalb ſtellten ſie Zypreſ⸗ ſen und Loͤwen dar. Es war ein ziemlich großes Viereck, welches von ſehr hohen und ſchoͤn bemalten Maſi⸗ Baͤumen getragen wurde. Die Decken und Vorhaͤnge waren von dem ſchoͤnſten Maſulipatan-Zeuge. An dem Karnieße las man verſchiedene dichteriſche An⸗ 130 ſpielungen auf die Veranlaſſung unſerer Geſandtſchaft. Vor dem Zelte war ein Gaͤrtchen mit einem kleinen Bache angelegt. Innerhalb des Zeltes ſtanden 3 große Praͤſentirteller mit Konfekt, welches wir, als wir von Beſuchen frei waren, mit Vergnügen verzehrten. Am 30. Dezember asos hielten wir unſern feier⸗ lichen Einzug in Schiras. Nach den gewoͤhnlichen Zeremonien beſuchten wir das Grab des Dichters Ha⸗ fis, kamen durch das Schohelten(die 4 Koͤrper), und langten zu Haft ten(den ſieben Koͤrpern) an. Es ſind dieſe beiden Gebaͤnde zum Andenken frommer Maͤnner von Kerim Khan erbaut worden. Am 4. Januar 4809 wurde dem Geſandten im Hauſe des Miniſters ein Feſt gegeben. Seiltaͤnzer, Muſik und verſchiedene andere Spiele dienten zur Be⸗ luſtigung. Nach den Spielen wurde geſpeist; die Anzahl der Schuͤßeln, die Sorbets abgerechnet, belief ſich nach einer maͤßigen Berechnung auf 200. Alle wurden in Naͤpfen von dem feinſten chineſiſchen Porzellain aufgetragen. Die Perſer eſſen Saueres und Süßes ohne Auswahl, Dbſt und Gemuͤße unter ein⸗ ander, und lieben das Eis waͤhrend der Mahlzeit ſehr. Der Geſandte ſaß neben dem Miniſter, dieſer reichte uns Faͤuſte voll der leckerſten Gerichte. Waͤhrend des Mahles herrſcht große Stille. Bei einem anderen Feſte, welches zu unſerer Ehre ge⸗ geben wurde, fanden auch Kaͤmpfe mit Zwergen und Thieren Statt. 131 Bei unſerer Abreiſe von Schiras waren die Kaufleute ſehr unzufrieden, daß Sir Hartford ihnen nichts abkaufte, da ſie doch bei der vorigen Geſandt⸗ ſchaft Vieles um einen hohen Preis abſetzten. Der Geſandte machte faſt alle ſeine Geſchenke in Geld⸗ Auf dem Wege nach Ispahan ſahen wir eine Menge Ruinen, welche gewoͤhnlich Mesjid⸗Madré⸗Su⸗ leiman(Grab der Mutter Salomo's) genannt wer“ den. Wahrſcheinlich ſtand ehemals auf dieſer Ebene eine bedeutende Stadt. Ueber Deibihd, Mashud Beſchſchy, Komeſcha langten wir den 31. Ja⸗ nuar 1809 zu Ispahan an. Die Haͤlfte der Stadt iſt verwuͤſtet. Wie Volkszahl mag ſich auf 400,000 See⸗ len belaufen. Ispahan verließen wir am 7. Februar 1809, und reisten nach Deheran, wo wir dem Koͤnig un⸗ ſere Aufwartung machten. Da die Zeit der Trauer war, ſo ſahen wir bei dieſen Beſuchen den Hof nicht in ſeinem Glanze. Der Koͤnig ſelbſt trug ſeinen Schmuck von Edelſteinen nicht. Der Saal, in wel⸗ chem wir vorgeſtellt wurden, war ganz bemalt und vergoldet. Man ſah auch ein Gemaͤlde, welches eine Schlacht zwiſchen Ruſſen und Perſern vorſtellte. Letz⸗ tere ſiegten auf dem Bilde.. In der Verſammlung bei dem Miniſter, Mirza Schefia, trafen wir auch den geweſenen Geſandten in Frankreich, Mirza Reza, an, welcher mit En⸗ thuſiasmus von dem ſprach, was er geſehen hatte.— 132 Die Stadt Teheran, die gegenwaͤrtige Haupt⸗ ſtadt Perſiens liegt nach Cireummeridian-Hoͤhen unter 350 40“ N. Br.; hat 6 Thore, und iſt mit Mauern umgeben. Deheran iſt ein ungeſeder Ort auf einem ſchmutzigen feuchten Boden. Von Teheran kamen wir am 14. Mai nach Sultaniſeh, wo unter den Druͤmmern dieſer alten Stadt das ungeheure Gebaͤude, welches das Grab des Sultan Mahomed⸗Kodabendeh und 6oo Jahre alt ſeyn ſoll, in die Augen faͤllt. Gegenwaͤrtiger Koͤ⸗ nig hat unternommen, zu Sultanieh eine neue Stadt zu gruͤnden, welche Sultanabad heißen ſoll. Tabriz iſt nicht mehr die praͤchtige Stadt, wie ſie Chardin beſchreibt; ihre ſchoͤnen Gebaͤude ſind umgeſtuͤrzt durch Erdbeben. Der ſogenannte ſchoͤne Marmor von Tabriz kommt nicht von dieſer Stadt, noch aus einem eigentlichen Steinbruche, ſondern er wird in ungeheuern Bloͤcken an den ufern des Sees Schahi gefunden; letztere liegt nicht weit von der Stadt Merogheh. Waͤhrend unſeres Aufenthaltes in dieſer Stadt beſuchte uns der Prinz Abbas Mirza Dieſer Be⸗ ſuch koſtete 13,000 Thaler, weil der Fuͤrſt ſeinen gan⸗ zen Hofſtaat mitbringt. Wenn er abſteigt, werden uͤberall, wo er hingeht, Schwals und Gold⸗Stoffe vor ihm ausgebreitet. Dieß iſt ein Theil der Zermo⸗ nie, welche Pae⸗Endaz genannt wird. Am1. Junt 1809 reisten wir weiter. 133 Auf dem Wege nach Konſtantinopel kam ich durch Gegenden, etzaͤhlt Morier, welche voll ma⸗ leriſcher Anſichten waren. Die Natur bot in ihnen ihre reichſten Erzeugniſſe dar. Wir erblickten auch auf unſerm Wege den ehrwuͤrdigen Berg Argrat, und kamen am 4. Juni nach Arz⸗ruhm, Die vielen Denkmaͤler dieſer Stadt beweiſen ihre vorige Groͤße. Wir machten dem Gouverneur unſern Beſuͤch. Er bewirthete uns nach tuͤrkiſcher Art, welche Bewir⸗ thung wir durch zahlreiche Baͤckſchiſchen(Ge⸗ ſchenke) erwiedern mußten. Ueber Jviſcha, Ka⸗ ra Koley, Schiflick, Karadſcha, Karaniſ⸗ ſar und Kuley⸗Hiſſar kamen wir nach Amaſia. Die Stadt liegt in der Mitte eines Amphithea⸗ ters maleriſcher Berge, und wird an deren Fuße von dem Bache Tozzan⸗Irmak bewaͤſſert. Die Be⸗ wohner ſind hoͤflich gegen Fremde, und die Frauen ſind wegen ihrer Schoͤnheit und Reitze beruͤhmt. Kurz nach Mo rier's Ankunft in Konſtanti⸗ novel traf auch der perſiſche Geſandte mit ſeinem Gefolge ein. Den Perſern iſt eigen, mit Leichtig⸗ keit fremde Sitten anzunehmen. Dieß bemerkte ich an 2 Beiſpielen zu Konſtantinopel. Im Juli gingen wir nach Smyrna, und ſchifften uns im September auf dem Schiffe der Sue⸗ ees nach England ein. Der perſiſche Geſandte gewohnte bald, das See⸗ 134 Leben, aß mit Meßer und Gabel und ſchrieb das ihm Merkwuͤrdige in ſein Tagebuch auf. Vorzuͤglich er⸗ ſtaunten die Perſer, daß Weiber und Kinder auf das Meer gehen. Das groͤßte Erſtau nen erweckte bei ihnen auch der Gebrauch der Signale. Bei Malta angekommen, fiel den Perſern die Quarantaine beſchwerlich; denn ſie furchteten, nicht an das Land zu kommen! —ib 135 Jakob Morier's zweite Reiſe durch Per⸗ ſien, Armenien und Kleinaſien nach Konſtantinopel in den Jahren 1810— 1816. I. Dererſſche Geſandte Mirza Abul Haſ⸗ ſan, welcher in ſeine Heimath zuruͤckreiſen wollte⸗ ſollte auch zugleich eine brittiſche Geſandtſchaft nach Perſien begleiten. Der Geſandte und ſein Gefolge verließen London mit lebhafter Ruͤhrung. Viele ver⸗ goßen Thraͤnen; andere waͤren gerne in England ge⸗ blieben. An der Spitze der engliſchen Geſandtſchaft ſtand Sir Gore Dufeley. Trotz der See⸗Krank⸗ heit waren die Perſer ſehr redſelig, und gewoͤhnten ſich bald an das Schif. Am 18. Juli 4840 verließen wir Spithead, und erreichten nach einer angenehmen Fahrt in a Ta⸗ gen Madeira. Am 28. Auguſt kreutzten wir die 136 Linie, und gelangten den 11. Sept. auf Kap Friv. An der Kuͤſte riefen wir die Perſer zum Anblicke der neuen Welt(Jendſchi Duniah) herbei. Da ſte nur gewoͤhnliches Land und gewoͤhnliche Baͤume ſahen, hielten ſie es fuͤr abgeſchmackt, daß die neue Welt wie die alte ſey. Die praͤchtige Landſchaft um Rio Janei⸗ ro, die wildgeſtalteten, bis auf die Gipfel mit dem reich⸗ ſten Pflanzen⸗Wuchſe geſchmuͤckten Berge machten keinen weitern Eindruck auf ſie, als daß ſie ſagten, es faͤhe aus, wie ihr Dſchungel in Mazanderam. Dſchungel heißt Wildniß, und wird, wie die Wald⸗ Gegenden, von den Perſern nicht ſehr geliebt. Zu Riv⸗Janeiro hielten wir uns 14 Tage auf, waͤhrend welcher wir herrlich bewirthet wurden. Wir ſahen die Merkwuͤrdigkeiten der Stadt, und hat⸗ ten ein Mibfallen an dem großen Kothe der Straßen. Ein Beſuch des Sklavenmarktes erregte in uns die wehmuͤthigſten Gefuͤhle. Bei der Abſchieds⸗„Andienz von dem Prinz⸗Re⸗ genten ergotzte ſich dieſer ſehr an der Lebhaftigkeit des verſiſchen Geſandten. Als wir von dem Prinzen fort⸗ gingen, verbeugten wir uns tief; der perſiſche Geſandte aber kehrte ſich ſchamlos um und ging geraden Weges zur Thuͤre ohne nur um zu ſehen. Waͤhrend der Audienz entſpann ſich ein Streit unter dem perſiſchen Geſinde. Ein portugieſiſches Maͤdchen ſchenkte naͤmlich zweien einen Papaget. Bei der Ruͤckkehr zu ihren Kameraden, wollte Jeder ſich dſe Cunſtbezeugung des Maͤdchens — 137 und das Pfand anmaßen. Durch dieſen Wortwechſel geriethen auch die andern in Hitze, und es kam ſo weit, daß einer dem Vogel den Hals abſchnitt. Die portugieſiſche Wache mußte nun herbei gerufen wer⸗ den, bis endlich der perſiſche Geſandte jdie Haupt⸗ ſchuldigen ſtrafen, und die etwas Vorlauten mit ei⸗ nem Schuhe auf den Mund ſchlagen ließ. Die Inſeln Sriſtan d'Aeunha, von ihrem Entdecker ſo genannt, erreichten wir am 18. Bktober. Nach den Beobachtungen von sverſchiedenen Schiffen liegt Triſtan d'Aeunha, das groͤßte von den 3 Eilaͤndern, unter 270 6“ ſuͤdl. Br. 410 440 weſtl. L. Die ganze Inſel bildet die Grundlage eines Feuerber⸗ ges, deſſen Spitze gewoͤhnlich mit Schnee bedeckt iß. Wir berechneten ihre Hoͤhe auf 7000 Fuß; andere noch hoͤher. Das Ufer iſt mit See⸗Hunden und Fettgaͤn⸗ ſen bedeckt. Als einer unſerer Leute einige Diener des perſi⸗ ſchen Geſandten von den Huͤhnerſteigen im Hinter⸗ theile wegbringen ließ, erzuͤrnte der Geſandte bei dem Anhoͤren der Klage ſo heftig, daß er wuͤthend mit ſeinen Leuten aus der Kajutte ſtuͤrzte, ſich auf ſeine Schlaf⸗ ſtaͤtte zuruͤckzog und hier waͤhrend der ganzen Reiſe zu bleiben entſchloſſen war. Als ich zu ihm geſchickt wurde, fand ich ihn auf einer Kiſte ſitzend, ſeine Waſ⸗ ſerpfeife rauchend, wie die Perſer immer thun, wenn ſie ſich aͤrgern, und alle Klagen Keiner Diener anhoͤ⸗ rend. Anfangs ließen die Perſer mich nicht zu Worte 63. Vd. Perſten. III. 2. 2 kommen; als ich aber ſagte, daß der Lieutenant zu part gehandelt habe, wurden ſie bald wieder beſaͤnftigt, und guter Laune. Der Geſandte entſchuldigte ſich we⸗ gen ſeiner Heftigkeit damit, daß ſeine Diener bei ihrer Ruͤckkehr ihn als Chriſten und Veraͤchter ſeiner Lands⸗ Leute verlaͤumden wuͤrden. Bei dem Fort Point de Galle auf Ceylon unter 6oe 4 n. B. soo 19“ 20“ o. L. kamen wir auf Ankergrund. Die Stadt Galle iſt ihrer Reinlichkeit wegen merkwuͤrdig und der Sammelplatz der Schiffe der oſtindiſchen Handels⸗Genoſſen, ehe ſie nach Eng⸗ land ſich begeben. Wir beſuchten die großen, von den Hollaͤndern erbauten Zimmet⸗Niederlagen. Am 2. Dezember ſegelten wir auf Cochin. Am Chriſt⸗ Abende waren wir im Meerbuſen Manaar⸗ und ich freute mich, als einige Matroſen meinen Nachbarn den Anhaͤngern Alis, eine froͤhliche Weihnacht und noch vielmaliges Erleben dieſes Tages wuͤnſchten; denn fur einen Matroſen iſt die Weihnacht in allen Reli⸗ gionen. In Cochin verſahen wir uns mit den nothwen⸗ digen Beduͤrfniſſen, welche wir wohlfeil, und in Menge erhielten. Cochin liegt tief auf einer Inſel⸗ welche aus einem Arme des Flußes gebildet wird, der ſomit in die See jließt. Von den Feſtungs⸗Werken der Stadt ſind nur noch Ziegeltruͤmmer und Stein⸗ Haufen uͤbrig. Es iſt in Hollaͤndiſchem Style gebautz und wären Pflanzen und Einwobner nicht morgenlaͤn⸗ 139 diſch, ſo glaubte man, ſich in Flandern zu befinden⸗ Dieſer Theil der Malabariſchen Kuͤſte wird ſtark von Haien beſucht. An den Ufern des Stromes ſind eine Menge Fiſchereien. Es ſind Netze an Bambus⸗ Roͤhren ausgeſtellt, welche von 2 in einem Nebenhuͤtt⸗⸗ chen wohnenden Fiſchern bewacht werden. Dieſe Art zu ſiſchen iſt im Bosphorus, im Day in Schott⸗ land und andern Fluͤßen gewoͤhnlich. Bei unſerer Abfahrt von Cochin bemerkten wir, daß unter vielen Einwohnern, welche uns vom Geſtade abfahren ſahen, kaum einer gleichpaarige Beine hatte. Das Volk zu Cochin leidet an einem ſchmerzlo⸗ ſen Geſchwellen, welches am Kniee anfaͤngt, bis zum Knoͤchel geht, und wobei ſie eben ſo gut, als mit 2 vollfommenen Beinen gehen. Einige ſchreiben es dem ſebr ungeſunden Waſſen, andere einem Fiſche zu. Am 31. Dezember waren wir auf der Hoͤhe von Calicut, dem herrlichſten Theile der Malabari⸗ ſchen Kuͤſte. Das Gebirge erhebt ſich in den maje⸗ ſtaͤtiſchſten Formen hinter einer Reihe von Huͤgeln, welche an der See enden. Die Leute des perſiſchen Geſandten fingen an, ſich zu beſchweren, daß ſie lange an der Kuͤſte aufgehalten wuͤrden; es geſchaͤhe abſicht⸗ lich, damit die Englaͤnder den Umfang ihres Gebietes und ihre Macht üher die Indier zeigen koͤnnten. Wir ſegelten am Dpferfels vorbei, wo im vo⸗ rigen Jahrhunderte der berühmte Malabariſche Ser⸗ Raͤuber Angria, die Ungluͤcklichen, welche in ſerne Hoͤnde fielen, hinrichten ließ. Jetzt wohnen Voͤ⸗ gel auf demſelben, und machen ihn durch ihren Un⸗ rath ganz weiß. Am s. Jaͤner 1844 befanden wir uns dicht vor Geriah, derehemaligen Feſtung Agri⸗ as. Die Gegend verliert hier die gruͤnende, bluͤhende Anſicht, welche ſie mehr ſuͤdwaͤrts hat. Reihen von Kokos⸗ und anderen Baͤumen ſind jetzt nicht mehr am Ufer zu ſehen. Am 10. Januar fuhren wir bei⸗ dem Fort Vittoria vorbei, und erblickten Tags dar⸗ auf den Leuchtthurm der Stadt Bombay, in deren Hafen wir am naͤchſten Morgen Anker warfen, nach⸗ dem wir eine Reiſe von 18,689 See-Meilen in 6 Monaten und 26 Tagen zuruͤckgelegt hatten. II. Zu Bom bay wurde die Geſandtſchaft mit großer Auszeichnung empfangen. Vor unſerer Landung kamen viele perſiſche Kaufleute auf das Schiff, um ihren Geſandten zu begruͤßen, und nach Landes⸗Ge⸗ brauche mit allerlei Fruͤchten zu beſchenken. Ererhielt zum Zeichen der Zufriedenheit ſeines Hofes den Sitel: Khan. Nichts vermochte den Geſandten dahin zu bringen, daß er unſerm Statthalter den erſten Beſuch abſtattete. Endlich gab dieſer nach, und einige Tage darauf erwiederte der Geſandte, in karmoiſinen Sammet gekleidet, den diamantgriffigen Dolch im Guͤrtel, den Beſuch. Zwei Edelknaben in Roth und Gold verjag⸗ ten, ihm zu Seite, mit großen Federwedeln die Fliegen; vorher gingen mehrere andere Tſchubdars genaunt⸗ mit gediegenen ſilbernen Staͤben ſtattlich aufgeputzt⸗ 141 Auf der Straße waren Solbaten aufgeſtellt, welche ihn im Vorbeifahren gruͤßten, und bei dem Ausſteigen nach Indiſcher Art: Dauled Ziad(Heil dir) zu⸗ riefen. Bei dem Beſuche war der Geſandte immer von Indiern und Perſern umgeben, wo er immer von ſeinen Reiſen ſprach. Er lud uns auch zu einem Frauentanze(Notſch) einz eine derſelben erhob ſich zum Tanie, ließ ſich den Schmuck ihrer nakten Fuͤße bringen, ſilberne Ketten⸗ welche ſie auf Dielen ſitzend, vor der ganzen Geſell⸗ ſchaft an den Knoͤcheln befeſtigte. Ihr ziemlich gro⸗ tesker Putz beſtand, wie ich glaube, aus einem, mehr als 100 Ellen langen, leichten muslinen Rocke, wel⸗ cher in zahlloſen Falten bis an die Lenden endete, und aus einem Shwal, welcher uber die Schultern'und einen Theil des Kopfes, und ebenfalls in Falten uͤber den Rock herabſiel. Ihr in der Mitte getheiltes ſchwarzes Haar roch von Kokos⸗Hele hoͤchſt wiedrig. Hinter den Ohren war ein Bund von Perlen in Ge⸗ ſtalt einer Weintraube, und durch eine ihrer Ruͤſtern ein Ring gezogen. Zwei Spielleute, der eine mit einer Siringi, einer Art Geige, und der andere mit zwei kleinen Handpauken, machten Muſik. Sie wur⸗ den von einem jungen Menſchen begleitet, welcher 2 meſſingene Klappen ſchlug. Der Tanz beſtand in ei⸗ nem gewißen ſchulgerechten Stampfen mit dem rech⸗ ten Fuß, wodurch die Ketten an den Knoͤcheln mit der Muſik in Einklang kamen; die Taͤnzerin bewegte ſich „ bald vor, bald ruͤckwaͤrts, zuweilen mit aufgehobenen und verſchraͤnkten Hoͤnden, dann wieder in Verhuͤllung des ſchmutzig braunen Hauptes mit dem Shwal. Alles wartraͤge, und ſogar nichts unſerm Tanze Aehnliches, ſo daß ein Herr unſerer Geſellſchaft, nachdem er eine Stun⸗ de zugeſehen hatte, fragte, wann der Lanz anfangen wuͤrde. Daͤnzerinen und Spielleute ſangen Oden von Pafiß in einem laugweiligen, eintoͤnigen Gewinſel. Waͤhrend unſers Aufenthaltes zu Bombay be⸗ ſuchten wir die Hoͤhlen von Kanareh, auf der Ju⸗ ſel Salſette. Die DPberflaͤche des Berges, auf welchem die Hoͤhlen liegen, iſt ganz duͤrr, und ſieht wulkaniſch aus. Die erſte Hoͤhle iſt dem Fußſteige, welcher nach dem Berge fuͤhrte, gegenuͤber, ſieht ma⸗ keriſcher aus, alstdie andere, mit wilden Pflanzen be⸗ wachſene. Nur in dieſer Hoͤhle bemerkten wir Saͤu⸗ len, wie die in Elephanta, mit einem kiſſenarti⸗ gen Knauf und aͤhnlichen Streifen am Schaft. Ne⸗ ben dieſer Hoͤhle eroͤffnen ſich noch 2 andere. Letztere von dieſen hat vorne einen viereckigen Raum, wel⸗ cher in einen Vorhof führt, deſſen Mauern mit vielen Bilderwerken verziert ſind. Das Innere der Hoͤhle hat eine gewoͤlbte Decke und mit einer Reihe von Pfeilern verzierte Seiten. In innerſten Theile der Hoͤhle ſoll ein kreisrundes, mit einer Kuppel ge⸗ decktes Denkmal, der Aufenthalt einer fleiſchgewor⸗ denen Gottheit ſeyn. Dieſe Hoͤhle iſt niedlich und be⸗ haglich aufgeputzt. Wir beſiegen dann den Berg, und fan⸗ 143 den nach alen Richtungen Stufen in den harten Fels gehauen, welche nach mehrern Höͤhlen fuͤhren, und das Ganze leicht verbinden. Die Denkmaͤler von Ka⸗ nareh werden fuͤr aͤlter, als die von Elephanta gehalten. Bald beſuchten wir Elephanta. Das Erſte, was Fremde hier ſeben, iſt der ſteinerne Stephant, welcher der Inſel den Namen gab, und unfern dem Geſtade auf einer Anhoͤhe ſteht. Er hat ſeit 2 Jah⸗ re, wo ich ihn das erſte Mal ſah, merklich gelitten. Bei dem Eintritte in die große Hoͤhle bemaß der per⸗ ſiſche Geſandte hochſt ernſt, und mit aller Feierlichkeit eines Alterthumskenners, die Laͤnge derſelben mit Schritten. Auch ſagte er, die Ruinen von Perſepolis ſeyen mit ihnen gar nicht zu vergleichen. Dieſen For⸗ ſcherſinn konnte er nur von uns angenommen haben: denn vor ſeiner Abreiſe aus Perſien ſpottete er im⸗ mer, wenn wir ſorgfaͤltig nach Alterthuͤmern forſchten. Bei meinem zweiten Beſuche dieſer Höhlen fiel mit wieder die durchgaͤngige Aehnlichkeit zwiſchen der Bau⸗ kunſt auf Elephanta und der Griechiſchen, beſon⸗ ders der Doriſchen auf. Am 30. Januar a741 fuhren wir nach dem Per⸗ ſiſchen Meerbhuſen, und wuͤnſchten bei dem Kap Monze, welches wir am s. Februar ſahen, dem Perſiſchen Geſandten Gluͤck, daß er nun wieder den vaterlaͤndiſchen Boden ſehe. Obwohl Fatteh Ali⸗ Schach über das Gebiet Sind und Mekran nicht 144 mehr zu befehlen hat, als uͤber Chinaz ſo nennen es die Perſer doch immer noch einen Theil ihres Landes⸗ Am 11. Febr. fuhren wir etwa in einer Entfernung von 4 Stunden bei Aſthola vorbei, erreichten Abends das Kap Paſſenza, welches 4— 6 Stunden weßilich von Aſthola liegt, und waren am 11. Febr. dem Kap Guadel gegenüber. Die außerordentlichen Formen der Laͤnder auf dieſer Kuͤſte ſind fuͤr den Rei⸗ ſenden neu und taͤuſchend. Am 44. ſahen wir die arabiſche Kuͤſte, fuhren2 Tage immer dieſer gegenuͤber fort, und hatten nur einen ſebr leichten Fahr-Wind, einer Stroͤmung entgegen zu ſegeln, welche die Muͤn⸗ dung des Meerbuſens abwaͤrts treibt. Unſer Schiff war mit einer ſolchen Anzahl von Delphinen umge⸗ ben, wie ich noch nie ſah. Wir erreichten am 17. das Kap Mobarek, ſe⸗. gelten bei dem Kap Muſſeldom und den Guo⸗ nis voruͤber, und ſahen Abends die lange Inſel Kiſchmis, nebſt Larak und Ormus, welche die ſehr hohen Largebirge im Ruͤcken hatten. Alles zuſammen von der untergehenden Sonne beleuchtet, gab einen herrlichen Anblick. Am 20. Febr. waren wir dicht an den beiden Inſeln, dem ſogenannten großen und kleinen Grabe, und ſahen auch Kap Certes. Nichts iſt widerwaͤrtiger, als der An⸗ blick aller Berge, welche die oͤſtliche Kuͤſte des perſi⸗ ſchen Meerbuſens begrenzen. Auf der Kuͤſte hatten wir auch kein gruͤnes Fleckchen geſehen. Nur auf dem 145 großen und kleinen Grabe erblickten wir etwas Gras. Am 23. umſegelten wir die Inſel Kenn, einen groſ⸗ ſen Strich Landes, welcher zum Theil mit Baͤumen, meiſtens Datteln bedeckt iſt. Die Einwohner nennen ſie Kais; auch ſpielt ſie in der perſiſchen Geſchichte eine bedeutende Rolle. Ihre Geſchichte, wie ſie der perſiſche Geſandte mir erzaͤhlte, gruͤndet ſich auf eine Sage, welche uns vielleicht an Whithington und ſeine Katze erinnert. Die ganie Inſel-BPberflaͤche ſcheint uͤberſchwemmt geweſen zu ſeyn: denn ziemlich weit von der Kuͤſte ſind große Muſchelbaͤnke, obgleich man an dieſer ſehr viele Muſcheln findet. Sis iſt mit Korallen⸗Baͤnken eingefaßt. Dieſe Inſel ſteht den Angriffen der Seeraͤuber ganzoffen; bei dem erſten Laͤrm ſchiffen die Einwohner nach der gegenuͤberlie⸗ genden Kuͤſte. Zwiſchen Kenn und der offenen See ſegelnd, ſahen wir eine große, dicht am Waſſer⸗-Saume gele⸗ gene Stadt, welche wir fuͤr Siraf bielten. Die Farbe des Bodens und der Gebaͤude war einander gaus gleich. Ehe ſie von Kais uͤberwaͤltigt wurde, bluͤh⸗ te ſie durch Handel. Vor allen faͤllt ein achtecki⸗ ger, von einer hohen Mauer umgebener Thurm in die Augen. Auf einer die Stadt beherrſchenden Anhoͤhe ſahen wir Mauern, 3 runde Thuͤrme und in der Naͤhe ein Mauſoleum, aberkeine Spuren von Pflanzen, Dat⸗ telbaͤnme ausgenommen. Hoͤher auf der Kuͤße, etwa 15 Meilen ſahen wir die ſchoͤnere Stadt Gillem, wel⸗ 146 che nicht ſo gtoß als Siraf iſt. Sie liegt der kleinen, flachen, unbewohnten Inſel Inderabia ge⸗ genuͤber. Den 27. Febr. waren wir vor Buſchib, auf deſſen hoͤchſten Punkte wir ein niedliches mit Dattelbaͤumen umgebenes Dorf ſahen. Am 28. fuͤhrte uns ein ſehr ſchoͤner Wind aus Süd und Düt uͤber Kongun und den Barnhill, und vor dem Dun⸗ kel der Nacht hatten wir die Verdiſtaner Seichte zuruͤckgelegt. Am 1. Maͤrz ankerten wir unweit Buſchein: die Breite unſers Ankerplatzes war 280 68“ 45“ N. und die Laͤnge 600 s4“ 15 D. II. Die Ankunft des Geſandten zu Buſchir ſetzte einen ſo todten Ort in ungewoͤhnliche Bewe⸗ gung. Da Neugierde ein Hauptzug der Perſer iſt, ſo war unſer Schiff bald mit Eingebornen gefuͤllt; denn ein ſo großes Kriegsſchiff, wie der Loͤwe, war noch nie in Buſchir geweſen. Obbobi die Morgen⸗ kaͤnder die Erkundigung nach andern Frauen fuͤr unan⸗ ſtaͤndig halten, ſo haͤtten ſie doch gerne etwas Naͤhe⸗ res uͤber die unſrigen erfahren. Der perſiſche Geſandte war ſchon beinahe 2 Jahre von ſeiner Heimath entfernt; es war ihm daher von groͤßter Wichtigkeit, das ſelbe unter den guͤnſtigſten Vorbe⸗ deutungen zu betreten. Die Sterndeuter beſtimmten den 3. Maͤrz. Da es an einem ordentlichen Landungs⸗ Platze fehlte, ſo trugen ihn engliſche Matroſen auf 147 ihren Schultern an das Land. Die Perſer, welche ſich in Menge anboten, wieß er deßwegen ab: weil er von den Englaͤndern ſo weit gebracht worden ſey, ſo ſo wolle er von ihnen auch an das Land geſetzt ſeyn. Wir mußten wegen der an der Kuͤſte getroffenen An⸗ ſtalten zu unſerm Empfange bis zum 6. Mai warten. Der Empfang des verſiſchen Geſandten war ſo großartig, als ihn der Statthalter veranſtalten konnte. Nachdem wir allen wilden Laͤrm, Staub, Gewuͤhl und laͤſtige Gebraͤuche uͤberſtanden hatten, wurden uns Zelte angewieſen. Unter perſiſchem Himmel iſt das Leben in Zelten weit angenehmer, als in Haͤuſern⸗ Vor uns war eine lange von der See, hinter uns eine lange von hohen Gebirgen geſchloſ⸗ ſene Sandwuͤſte. Wir blieben in Buſchir bis zum 27. Maͤrz. Hier lernten wir ein Ungemach des Zelt⸗ Lebens kennen, naͤmlich einen von Säd und Dſt ſo ſark wehenden Wind, daß 3 unſerer Zelte dem Bo⸗ den gleich gemacht wurden. Zur Herbſtzei iſt dieſer Wind gewöhnlich. Vom 23— 26. brachten uns die auf⸗ ſteigenden und uͤberall in die Zelte eindringenden Staubwolken um alle Ruhe und Behaglichkett. Die Natur ſchien nach dieſer Beunruhigung neue Schoͤn⸗ heit gewonnen zu haben, und Menſchen und Thiere ſich ihres Daſeyns zu freuen. Der Suͤd⸗Dſt⸗Wind brachte ſtets unzaͤhlige Heu⸗ ſchrecken⸗Schwaͤrme mit. Sie waren von Kopf bis an die aͤußerſte Flugelſpitze 3 Zoll lang, und Rumpf und Kopß glaͤnzend gelb. Sobald der Wind ſich legte, wurden ſie von den aͤrmeren Einwohnern Buſchirs eingeſammelt, getrocknet, geſalzen, und auf den Maͤrk⸗ ten als Nahrung fuͤr das niedrigſte Landvolk verkauft. Gekocht werden die gelben Heuſchrecken roth, und ſchmecken wie veraltete Krebſe. Nicht weit von unſerem Lager fanden wir 2 laͤng⸗ lich roh aus gebranntem Thone gearbeitete Vaſen mit Menſchenknochen. Die Einwohner konnten ihr Alter nicht angeben. Jedoch ſollen es glucklicher Weiſe Muͤnzen darthun, welche dabei gefunden worden ſeyn ſollen. uUnſer langer Aufenthalt in Buſchir kam von der verzoͤgerten Anſtellung eines Me hmandar her⸗ welcher Pfleger, Waͤchter und Fuͤhrer fuͤr die Reiſen⸗ den iſt. Die Anſtellung deſſelben bei einem Geſand⸗ ten iſtrim Morgenlande immer Angelegenheit des Ho⸗ fes, und die Bedeutung, mit weſcher der Geſandte und der Hof, woher er kommt, behandelt wird, richtet ſich meiſtens nach dem Range des ihm zugeſellten Beglei⸗ ters. Vor der Ankunft des Mehmandar abzurei⸗ ſen, iſt gegen perſiſche Hofſitte. Da er nun zu lange ausblieb, ſo erſuchten wir den Statthalter ven Buſchir uns zu begleiten. Zu Boraß⸗dſchun trafen wir den Mehmandar des Fuͤrſten. Als Ur⸗ ſache ſeiner Verzoͤgerung gab er an, daß er ſeinen Fuͤrſten in einem Zuge gegen die furchtbaren Mama⸗ eenj habe begleiten muͤſſen. Am Tage unſererAnkunft iu Khama ridſſch beklagte ſich unſer Mehmandar uͤber den Verluſt ſeines Siegels. Denn da Briefe und Papiere vonLohnſchreibern geſchrieben werden, ſo kann eine Handſchrift ſelten den Ausſchlag geben. Die Perſer brauchen, wie uͤber⸗ haupt die Morgenlaͤnder, ſtatt handſchriſtlicher Unter⸗ zeichnung nur ein Siegel, auf welchem ihr Name iſt. Guͤltig oder unguͤltig iſt eine Handſchrift nur durch das Siegel. NRicht ſelten fuhren die Perſer 2 Siegel⸗ Erlaſſen ſie eine Schrift, welche anzuerkennen, ihnen ſpäter ſchaden koͤnnte, ſo brauchen ſie ihr zweideutiges Siegel; außerdem druͤcken ſie das geſetzlich guͤltige unter. Am 2. April erſtiegen wir die ſchwierigen Bersg⸗ Päſſe Mullu, Khiſt und Khamridſch ohne Ge⸗ fahr. Durch dieſe Bergthaͤler windet ſich ein Fluß⸗ dringt in die Ebene von Daſchtißen, und faͤllt endlich bei Nohilla in die See. In der Naͤhe von Schapur, welches wir wieder beſuchten, hat er ſeine Duelle, iſt am Ausfluße ſuͤß, und wird, wo er in die Gebirge tritt, von dem ſalzigen Boden ſalzig. Ein kleinerer Strom deſſelben Fluſſes geht, ehe er den Salzboden erreicht, rein in die See. Von Kaſſerun machten wir einen Ausflug nach den Truͤmmern von Schapur, wo wir bei dieſem Beſuche nicht vielmehr, als bei dem erſten ſahen. Waͤhrend dieſer Zeit jagte unſer Mehman dar und priete des Jagens muͤde, ein Lamm, welches er in 150 leine Stücke ſchnitt, und auf den eiſernen Ladſtock ſeiner Flinte als Bratſpieß ſteckte. Als das Gericht fertig war, beſtieg er ſein Pferd, und bot den Braten am Ladſtock uns mit gemüthlicher Laune an. Bei un⸗ ſerer Ruͤckkehr nach Kaſſerun verbreitete ſich die Nachricht, daß ein fremder Hakim(Arzt) durch die Gegend ziehe, und bald, wo wir anhielten⸗ wurde unſer Lager von Kranken umdraͤngt. Manche kamen Tagreiſen weit, unſern Doktor zu befragen. Man kann ſich denken, was fuͤr ein ungluͤck Krankheit in einem Lande ſevn muß, wo geine aͤritliche Huͤl⸗ iſtt Am 4. April kreutzten wir die ſchwierigen Ge⸗ virge des Dochter⸗ Der Pira Sun, der hoͤchſte Theil der Gebirgs⸗ Reihe Deſchtear dſchon, und ſei⸗ ne umgebungen ſahen winterlich, oder hoͤchſtens wie im erſten Lenzbeginne aus. An manchen Stellen des Pirasun las Schnee, und auf der Ebene von Deſch' teardſchon war das Korn noch nicht ſichtbar. Da unſere Reiſe gewohnlich 2 Stunden vor dem Aufgange der Sonne begann; ſo war die Mo rgenluft ſehr ſchneidend und kalt, und um ſo empfindlicher⸗ weil Sonne⸗Hitze folste⸗ Vielen von unſerer Geſellſchaft ſchwollen Lippen und Geſicht an, und ſpran⸗ gen auf. Bei Deſchteardſchun iſt im Gebirge eine Kluft, welche nach dem Glauben der Perſer die Recht⸗ mäbiskeit der Gebupt entſcheidet. Das Bei⸗ wort haram zadeh(unrechtmaͤßig erzeust), iſt bei⸗ nahe das Gehaͤſſigſte, was man einem Perſer ſagen kann, und was ſeinen Grimm am leichteſten aufregt Ein beleibter Mann von groͤßerem Umfange ſoll, um ſeine Rechtmaͤßigkeit zu erweiſen, durchgekrochen ſeyn; dagegen konnte ein magerer, aus gleicher Abſicht kom⸗ mender Mann durchaus nicht, und hieß nachher immer haram zadeh. 1V. Bei unſerer Ankunft zu Schiras wurden wir mit pompoͤſen Anreden uͤberhaͤuft, wie es uͤber⸗ haupt Sitte bei den Perſern iſt, Fremde mit Lobreden zu überhaͤufen. Unſer Lagerplatz war am Bash Dſche⸗ han Nemah, dicht an den Stadtmauern. Als wir dem Mirza Abul Haſſan Khan einen Beſuch machten, fanden wir ihn uͤber den Tod ſeines einzi⸗ gen, vierjaͤhrigen Knabens weinend. Die Art ſeiner Landsleute, ihn zu troͤſten, war merkwuͤrdig, weil ſie ein ziemlich gleiches Gefühl der alten und neuen Per⸗ ſer bei einem ſolchen Vorfalle ausſpricht.„Haͤttet ihr⸗ ſagten ſie, einen Bruder verloren, dann moͤchtet ihr wehklagen, denn euere Aeltern könnet ihr nicht wie⸗ der aus dem Grabe erwecken, um euch einen andern zu geben, warum aber ein Kind beweinen, da ihr ein anderes hoffen koͤnnet!““ So wunderte ſich Darius, als die Gemahlin des Itaphernes lieber das Leben ihres Bruders, als ihres Gatten und ihrer Kinder ge⸗ rettet wiſſen wollte. Sie gab eine aͤhnliche Antwort. Nichts deſtoweniger zerſchlug ſich der Mirza die Bruß, — 452 und brauchte unter andern Ausdruͤcken beſonders haͤu⸗ ſig einen, welcher den alten Trauer⸗Gebrauch, Aſche auf ſein Haupt zu ſtrenen, erlaͤutert. Er ſagte Ahi, tſchah hak bi ſer-e⸗mun amad,(welche Erde iſt auf mein Haupt gekommen 2)— Das Erſte, was die Perſer nach einer Reiſe thun, iſt, ein heißes Bad zu nehmen. Da wir in Schiras als tuͤchtige Zahler bekannt waren, ſo nah⸗ men uns die Schiraſſer mit Freude auf, obwohl wir in ßrengeren Staͤdten aus dem religioͤſen Vorur⸗ theile von denſelben abgehalten wurden, daß Un⸗ glaͤubige als Unreine das Waſſer verunreinen moͤchten. Voͤllige Nacktheit in den Baͤdern iſt den Perſern ein Greuel. Geſchickt legen die Morgenlaͤnder ihr Bad⸗ kleid an, um nicht unanſtaͤndig ſich zu entbloͤßen. Die Perſer beſahen unſere Tracht neugierig. Einer von uns hatte eine Haarflechte, was man in Perſien gar nicht kennt. Nit ergotzlichem Staunen ſahen die Umſtehenden zu, wie dieſer Herr einmal ſein ganzes Haar vom Haupte nahm, und unbefangen davon ging. Die gewoͤhnlichen Beſuche wollen wir der Wie⸗ derholung wegen uͤbergehen, und nur jenen anfuͤhren, welchen die Geſandtin Lady Duſeley der Fuͤrſtin Mutter machte. Jene wurde an dem Thore des Ha⸗ rem in ihrem von eigenen Traͤgern getragenen Trag⸗ himmel von den Frauen aufgenommen, welche ſie dicht vor dem Zimmer, wo die Koͤnigin ſaß, nieder⸗ ſetzten. Aus Hoͤflichkeit waren Stuhle beſorgt. Bei 153 der Koͤnigin war ihre ſchoͤne Tochter, deren gewoͤlbte Augenbraunen uͤber der Naſe mit einem großen ſchwar— zen Striche verbunden, und deren Augenlieder Winkel ſtark mit Spießplanz gefaͤrbt waren. Das Gemach, in welchem der Beſuch angenommen worden, war vorne ganz offen, ruhte auf zwei Saͤulen, und war mit einem breiten Vorhange verſehen. Man hatte die Anſicht in einen viereckigen, mit Mauern umgebenen, mit Blumenbeeten, Kanaͤlen, Waſſerbecken, Baum⸗ reihen verzierten Hof. Laͤngs des Randes des Kana⸗ les ſtanden die Frauen des Fuͤrſten in Reihen; keine war ſchoͤn, aber ihre Kleidung reich mit Edelſteinen geſchmuͤckt. Das Kleid der Königin wurde durch die eingeſtickten Juwelen ſo ſchwer, daß ſie ſich kaum bewegen konnte. Ihre Beinkleider waren mit Perlen ſo geſpickt, daß ſie einem Stuͤcke Moſaik glichen. In⸗ wendig wattirt, außen von Goldſtoff ſteif, ließen ſie keinen Umriß der Lenden bemerklich werden. Zucker⸗ werk, Fruͤchte und Scherbet wurden in goldenen Ge⸗ faͤßen aufgetragen. Kaleuns wurden aus Achtung gegen die Geſandtin nicht gebracht, weil ſie keinen Rauch vertragen konnte. Am Tage nach dem Beſuche ſandte die Koͤnigin der Tochter der Geſandtin und deren 2 Madchen Kalaats(Kleider), unter welchen ſo ſteife Beinkleider von Brokad waren, daß ſie in der Mitte des Zimmers frei ſtehen konnten. Waͤhrend unſeres Aufenthaltes zu Schiras be⸗ ſuchte ich das Grabmal des Dichters Saadi, zwei 63. Bd. Perſien. III. 2. 3 154 Meilen NO. von Schiras tief in den Gebirgen. Es iſt aͤnßerſt mißhandelt und beſchaͤdigt in der Ecke eines viereckigen Gebaͤudes, welches man Kerim Khan zu⸗ ſchreibt. Jetzt bewohnt es ein armer Derwiſch, wel⸗ cher den Beſuchenden das Grab, und ein Exemplar der Werke des Dichters zeigt.— Die Derwiſche ru⸗ ſen Hak und Ju, weiches von ferne ganz beſonders wild klingt, um ihre Ankunft in der Naͤhe einer Stadt zu verkuͤndigen; dabei ſtoßen ſie in ein Bocks⸗ oder Kuͤhhorn, welches ſie am Guͤrtel haͤngen haben. Saadis Brunnen iſt noch zu ſehen⸗ von dem geweih⸗ ten Fiſche aber nichts. Der dreieckfoͤrmige Koh Saadi(Sadis Berg) hat auf ſeinem Gipfel Ueber⸗ bleibſel einer Befeſtigung, einen Thurm und ein Stuͤck Mauer, der Kaleh Bender genannt. Einige hun⸗ dert Schritte weiter, am Abhange nach Schiras, iſt der von den Reiſenden ſo geruͤhmte Brunnen. Er man vielleicht ein Waſſer⸗Behaͤlter geweſen ſeyn, der zu dem Schloſſe gehoͤrte, deſſen zertruͤmmerte Mauern ehn umgeben. Das ganze Werk erregt Staunen und Bewunderung, und gibt einen hohen Begriff von der Beharrlichkeit derer, welche es ausfuͤhrten. Wir beſuchten die Srämmer des Denkmals, Me⸗ ſched-Mader⸗i⸗Sulemian⸗ welche fruͤhere Reiſende ſehr genau beſchrieben haben. Ich halte dieſe Trümmer fur einen Raub aus Perſep olis, da ſie ale von derſelben Bauart, von denſelben Materialien und Bildwerken ſind. Obgleich die Gebirge um dieſe 155⁵ Trämmer einen unbeſchreiblichen, abſtoßenden, duͤ⸗ ſtern Charakter haben, ſo fragte mich dennoch ein Hirt, deſſen Ziegen ſich auf den Truͤmmern zerſtreu⸗ ten, mit einer Art ſtolzer Ueberlegenheit; Habt ihr ſo was in euerm Lande?— Drei Meilen weiter, in derſelben Gebirgs⸗Reihe ſind einige in den Felſen ge⸗ hauene Bildwerke von ziemlich grober Arbeit, welche offenbar dieſes Zeitalter Schapurs kund geben. Unſer Fuͤhrer nannte ſie Nakſchi Ruſtam; ein Name, welchen man allen aͤhnlichen Gegenſtaͤnden gegeben zu haben ſcheint. 6 v. Da es wahrſcheinlich wurde, daß wir wenig⸗ ſtens die Monate Mai und Juni in Schiras bleiben muͤßten, ſo benutzte der Geſandte den Aufenthalt, einige Herren von der Geſandtſchaft nach mehrern Theilen des Landes zu entſenden, um Kunde uͤber den gegenwaͤrtigen Zuſtand, und uͤber die Ueberbleibſel des Alterthums, welche bisher europaͤiſchen Reiſenden nicht bekannt geworden waren, einzuziehen. Des Geſand⸗ ten Bruder, Sir William Duſeley ging nach Faſa, dem alten Paſagarda, um vielleicht da einige Spuren von dem Grabmale des Cyrus zu entdecken, und von da nach Darabgerd. Mr. Gor⸗ don unternahm eine gefaͤhrliche Reiſe nach Scho⸗ ſter zur Forſchung nach dem alten Suſa. Pberſt d'Arey ging nach Fironzabad, wo er von einigen werkwuͤrdigen Bildwerken gehoͤrt hatte. Malor Sto⸗ 156 ne, welcher nachher leider! ſtarb, ſchlug einen neuen Weg nach Schapur ein, und entdeckte die uns ent⸗ gangene Hoͤhle bei Schapur, und an dem Eingange derſelben ein umgefallenes Standbild, das einzige in Perſien. Mir ſiel das Loos, nach Perſepolis zu gehen. Mit einem Mehmandar zu meinem Schutze, zwei perſiſchen Steinmetzen und hinlaͤnglichen Saum⸗ thieren fuͤr mein Gepoͤck, brachen wir am 26. April auf, machten bei Zergun Halt, und kamen 3 Mei⸗ len von Schiras bei Kalnat Puſchan vorbei, einem durch einige Weiden⸗Baͤume bezeichneten und Kalaat Puſchan genannten Platz, weil der Fuͤrſt hier ſich mit den Kalaats bekleiden laͤßt, welche ihm der Koͤnig von Zeit zu Zeit, beſonders an großen Feſttagen ſendet. Nur hier und in Bajgah(Steu⸗ erplatz) ſind Baͤume, außerdem nichts als unbedeuten⸗ des Strauchwerk. Berge mit der trockenſten Dber⸗ flaͤche, launenhaſt geſtaltete Schichten erheben ſich auf allen Seiten, ohne irgendwo das Auge zu erquicken. In Baj⸗gah ſind die Zoll⸗Einnehmer außerordentlich grob. Zergun ſoll 4 Paraſangen von Schiras lie⸗ gen. Ich nahm meinen Standpunkt von einer Schnee⸗ Spitze der fernen Gebirge, welche N. 420 W. lag, und Koh Schiſch Pihr heißt, in deren Naͤhe einige beruͤhmte Waſſerguellen ſind. Da dieſer Segen in Perſien ſo ſelten iſt, ſo iſt eine Quelle etwas ſehr bedeutendes. Ardekan, nicht weit vom Gebirge⸗ 157 eine Stadt ſo groß wie Zergon, hat ungefaͤhr 300 Haͤuſer. Am 27. April ſchickte ich meine Diener und mein Gepaͤck voraus, ein Gebaͤude und einen Garten, /2 Meile von Perſepolis in Beſitz zu nehmen, und ging mit meinem Mehmandar nach Corbal, um den merkwuͤrdigen Nökera Khoneh von Dſchem⸗ ſchid, nebſt vielen Bildwerken und alterthuͤmlichen Ueberbleibſeln zu ſehen. Ich fand aber, als der Fels unterſucht werden ſollte, kein Bildwerk. Hieraus eu⸗ gibt ſich, wie viel man perſiſchen Beſchreibungen zu trauen hat. Gewoͤhnlichen Beobachtern erſcheinen der fragliche Fels und die umliegenden, als verſtuͤmmelte Bildwerken; ſie werden aber bei naͤherer Unterſuchung zu nichts als Stein, welcher durch Einwirkung der Elemente auf ſeine Oberflaͤche verſchiedene Uneben⸗ beiten bekommen hat. Die Benennung Nokerah Khoneh(Trommelplatz), ſoll davon kommen, daß in den Tagen Dſchem ſchids der Trommel⸗ und Trompeten⸗Laͤrm hier ſo groß geweſen ſey, daß man denſelben in ſeinem Palaſte zu Tſchilminar habe horen koͤnnen. Dieſer liegt in gerader Linie, 9 geo⸗ graphiſche Meilen entfernt. Der Fluß Bend Emir ſließt hier dicht an dem wildgeſtalteten Nokara Khoneh. An ſeinen beiden Ufern liegt ein Dorf, welches mittelſt einer Bruͤcke von 43 Bogen verbun⸗ den it. Durch dieſes geht der Fluß, und faͤllt ſogleich so— 40 Fuß hoch uͤber einen geneigten Damm in ein neues und weiteres Bett. Die Lage des Dorfes Bend⸗Emir iſt von den Truͤmmern von Perſepolis S. 150 W. Es iſt ein Theil von dem Corbal Betirke, und ſeiner Wein⸗ gaͤrten wegen beruͤhmt, wo der ſogenannte Schiras⸗ Wein meiſtens gekeltert wird. Meine Wohnung lag eine Meile von den Truͤm⸗ mern und war ehemals ein herrliches Gebaͤude. Da ich die Trümmer in verſchwenderiſcher Fulle ausge⸗ breitet liegen ſah, ſtand ich nicht an, was nur am leichteſten nach En gland zu ſchicken ſeye, an mich zu nehmen. Das merkwuͤrdigſte unter den Truͤmmern hinſichtlich bildwerklicher Ausfuͤhrung iſt die Antlitz⸗ ſeite der Treppe, welche zum großen Saͤulen⸗Saal fuͤhrt. Auf einem Blocke fand ich zwei große Bruſt⸗ pilder von Figuren, da er aber zu groß war, ſo ließ ich die Figuren abſaͤgen. Auch war ich ſo gluͤcklich, den Anfang der Pfeil⸗Inſchrift zu finden, deren Ende Le Bruyn in ſeinen Zeichnungen gegeben hat. Aus⸗ grabungen, welche ich veranſtaltete, brachten die ge⸗ wuͤnſchten Fruͤchte. Weil der Statthalter von Mer⸗ daſcht nichts von mir erhalten, ſo verbot er die Aus⸗ grabungen. Ich beſah daher die Alterthuͤmer, und fragte bei Leuten aus allen Staͤnden nach, um etwas Neues zu erfahren, yoͤrte aber nichts, als neue Na⸗ men von perſiſcher Erfindung fuͤr die verſchiedenen Theile der Truͤmmer. Eben ſo ungluͤcklich waren 159 meine Forſchungen nach Muͤnzen und geſchnittenen Steinen. Der Verſuch in die großen unterirdiſchen Gaͤnge, welche den Grund, auf welchem Perſepolis ge⸗ baut iſt, durchſchneiden, einzudringen, gelang nicht beſſer, als Chardin's erſter. Wir nahmen Lichter, und als wir kaum 40 Schritte gegangen waren, fan⸗ den wir uns durch einen engen Gang aufgehalten. Wir durchkrochen ihn auf Haͤnden und Fuͤſſen, und kamen wieder hoͤher. Wir gingen wieder, mußten dann wieder auf dem Bauche kriechen, bis am Ende nur ſo viel Raum war, daß ein Kopf durchdringen konnte. Da hielten wir es fur Zeit, umzukehren. Von Nakſchi Ruſtam ging ich zum Fubße der⸗ ſelben Bergreihe, an welcher die Grabmaͤler und Bild⸗ werke ſind, und hielt mich oßwaͤrts, um Entdeckun⸗ gen zu machen, ſah aber nichts, was man mit dem Namen einer Entdeckung beehren konnte. Als ich den Haͤuptling des benachbarten Dorfes Kenareh nach neuen Gegenſtaͤnden der Forſchung befragte, ſo ſagte er, er wiſſe einen tief im Innern des Berges befind⸗ lichen Platz, welchen vielleicht noch kein Europaͤer be⸗ ſucht habe, und der aus mehrern Hoͤhlen beſtehe. Ich ließ mir den Weg dahin zeigen. Wir ſezten uͤber den Fluß Ferbar und kamen zum Dorfe Hadſchia⸗ bad, welches dicht am Fuße jener Gebirgs⸗Reihe liegt, an deren oͤſtlichem Ende die Bildwerke von Nakſchi Ruſtam ſind. An der erſten Hoͤhle, wel⸗ 160 che die groͤßte war, bemerkten wir keine Spur von Kunſt. Die zweite, links der groͤßern, iſt ein tiefer Einſchnitt in den Berg, an deren Eingang der Fels geebnet, und s LTafeln eingeſchnitten ſind, auf deren dreien Inſchriften in Pehlri ſind. Die drei erſten Zeilen waren mehr verwiſcht, als die uͤbrigen. Der Stein war von hartem Korn und feinem Glanze. Die dritte Hoͤhle, rechts neben der beſchriebenen, iſt ihrer großen Tiefe wegen beroͤhmt. Kein Perſer getraute voraus zu gehen, aus Furcht, dem Leufel oder einem wilden Thiere zu begegnen. Wir ſahen nichts Kuͤnßliches. Als ich zu raſch vorwaͤrts ſchritt, ſiel ich, loͤſchte das Licht aus, und beſchaͤdigte ſtark mein Bein. Wir eilten daher nach unſerm Garten bei Perſepolis zuruͤck, wo der Statthalter von Mer⸗ daſcht ſchon drei Stunden auf mich gewartet hatte. In der Merdaſchter Ebene ſind nordwaͤrts mehrere Felſen⸗Maſſen ſichtbar, welche getrennt ſind, und mit den ſie umgebenden Gebirgen nicht zuſam⸗ men hängen. Einer derſelben ward mir als Fels Iſtakhar angegeben, auf deſſen aͤußerſten Spitze die wunderbaren Truͤmmer eines Schloſſes ſeyn ſoll⸗ ten. Ich ließ mich dahin fuͤhren. Wir ſetzten uͤber den Fluß Polbar dann uͤber eine baufaͤllige Bruͤcke⸗ und kamen an ein Dorf am Fuße des Koh Ramgerd, eines einzeln liegenden Berges, wo wir einen Fuͤhrer bekamen, welcher uͤber Brod⸗Mangel klagte. Obwohl e ſchon alt war, ſo zeigte er ſich doch ſehr behend⸗ 161 Wir erſtiegen den Fels auf der Nord⸗Weſt⸗Seite. Ich bemerkte, daß unſer greiſe Fuͤhrer hier und da einen Stein auf ein bemerkbares Felſenriff legte, und dabei einige Worte ausſprach, welche ein Gebet um eine glückliche Ruͤckkehr waren, wie man mir ſagte. Die⸗ ſes Stein⸗Autſetzen bemerkte ich haͤufig im Morgen⸗ lande, beſonders auf Heeres⸗Straßen, welche nach einer großen Stadt fuͤhren. Muͤhſam erſtiegen wir den Fels, welcher ſich un⸗ mittelbar aus einem jaͤhen, kegelfoͤrmigen Berge hebt. Auf dem Gipfel ſahen wir ein Stuͤck von einem Thore, Druͤmmer mehrerer Thuͤrmchen, 4 Waſſerbecken, und Truͤmmer vieler Mauern. Von der Hoͤhe des Felſens konnte man weit in der Gegend umher ſchauen. In der Ueberzeugung, daß nordwaͤrts in den Rui⸗ nen von Perſepolis nichts Neues zu entdecken ſev, richtete ich meine Schritte gegen Suͤd, und ſchweifte am Fuße des Gebirges mehrere Meilen in dieſer Rich⸗ tung. Bei dem erſten Beſchauen des Berges ſah ich einige vereinzelte viereckige Steine, welche offenbar zum Bauen gebrochen, auf dem Abhange zerſtreut la⸗ gen. Als ich um die Ecke herumging, erſtaunte ich ein Grabmal, wie die zwei auf dem Berge zu ſehen, nur daß es mehr verfallen, nicht ſo verziert und ſchein⸗ bar ohne Eingang war. Der obere Theil der Antlitz⸗ Seite iſt aus Quadern gebaut, wie die, welche ich zuerſt bemerkte, das uͤbrige iſt in den Felſen gehauen. Hoͤcht merkwuͤrdig iſt ein Haufen grober Steine⸗ 162 welche abſichtlich in Krummwegen dahin gelegt ſchei⸗ nen, um ein Labyrinth zu bilden, welches, nach meh⸗ rern Bruchſtuͤcken zu ſchließen, mit Stein uͤberbaut, und dann mit Erde bedeckt war. Man ſollte mithin vom Denkmale nichts, als die viereckige Vorderſeite, auf welcher die Figuren gearbeitet ſind, ſehen. Dar⸗ aus laͤßt ſich ſchließen, daß nur unterirdiſche Gaͤnge dazu fuͤhrten, und nur Bevorrechtete ſich zurecht fin⸗ den konnten. Dieß moͤchte ſich auch durch Chardin's Abenteuer in den unterirdiſchen Gaͤngen beſtaͤtigen, welche unſtreitig die Zugaͤnge zu den Grabmaͤlern wa⸗ ren. So viel mir bekannt iſt, hat noch kein Reiſen⸗ der dieſes Grabmal beſchrieben. VI. Am 4. Mai uͤberſchickte ich dem Geſandten einige Bruchſtuͤcke von Bildwerk und einige Pfeil⸗ ſpitzen, welche mir die Bauern brachten. Sie hatten dieſelben bei dem Pflägen, oder auf Zuͤgen mit ihren Heerden gefunden. Einige ſind von Eiſen, andere von Erz oder Kupfer, und verſchiedenartig geſtaltet. Am 7. kehrte ich mit Sir W. Duſeley, welcher ſeine Reiſe gluͤcklich vollendet hatte, nach Schiras zuruͤck. Mirza Zeky, der Unterſtaats⸗Geheim⸗ ſchreiber, war, zum Beweiſe großer Auszeich⸗ nung, vom Koͤnige unmittelbar geſchickt, um un⸗ ſer Mehmandar zu ſeyn. Er bewirthete uns vor⸗ trefflich und unterhielt uns mit einem Konzert von 4 Perſonen, deren Muſik zu geraͤuſchvoll war, als daß ſie uns ergoͤtzt haͤtte. Die Perſer aber wurden 163 davon ſo entzuͤckt, daß die Hinreißung in ihren Ge⸗ ſichtern ſich ſpiegelte. Am 10. Mai erfuhren wir durch einen Kanonen⸗ ſchuß die Hinrichtung eines Diebes, welcher aus der Muͤndung eines Moͤrſers geſchoſſen wurde. Drei Bak⸗ thiaris waren des Raubes wegen von dem Prinzen zum Tode verurtheilt. Der eine ward enthauptet, der andere in die Luft geſchoſſen, der dritte entzwei geſchnitten, und beide Haͤlften an zwei Hauptthore der Stadt, zur Warnung fuͤr andere Diebe, aufge⸗ haͤngt. Dieſes graͤuliche Schauſpiel dauerte 3 Tage⸗ Der Kunſtausdruck fuͤr dieſe Strafe iſt Schekeh terden. Der Koͤrper wird der Laͤnge nach in zwei Theile geſchnitten; bei der Spaltung der Beine wird angefangen, und am Halſe, wo die Schulter ausgeht⸗ geendigt⸗ Waͤhrend wir in Schiras wohnten, beſuchten uns haͤufig Eingeborne in unſern Zelten, und ergoͤtzten uns ſehr durch ihre Bemerkungen uͤber unſere Lebens⸗ art. Vom 28— 34. Mai war die Hitze außerordentlichz der Waͤrme⸗Meſſer wechſelte gegen 2 Uhr in unſern verſchiedenen Zelten zwiſchen oso und 1030. Wiewohl die Hitze ſehr druͤckend war, erſchlafte ſie doch nicht ſo, wie jene in Indien. Die Naͤchte dagegen waren kuhl, die Morgen ganz kuͤhl. Wenn es bei Tage wind⸗ ſtil war, entſtanden einzelne ſtarke Luftſtroͤme, und bildeten Wirbelwinde, welche hohe Sandſaͤulen uͤber die ganze Ebene trieben. Sie richteten in unſern Zel⸗ 164 ten oft große Unordnungen an, und ſahen wie Waſ⸗ ſerhoſen auf der See. Am 11. Juni hoͤrten wir gegen Mittag einen un⸗ gewoͤhnlichen Laͤrm, wie das Rauſchen eines ſarken Windes. Bei dem Aufblicken gewahrten wir eine ungeheuere Wolke, hier und da halb durchſichtig, an manchen Stellen ganz ſchwarz. Sie verdunkelte von Zeit zu Zeit die Sonne. Wir erkannten ſie bald als Heuſchrecken, weil ganze Schwaͤrme auf uns fielen. Ein friſcher Suͤd⸗Weſt⸗Wind trieb ſie aber bald ſo vollkommen vorwaͤrts, daß in 2 Stunden keine Spur davon zu ſehen war. Sobald ſie erſchienen, ſchrieen Gaͤrtner und Landwirthe laut, damit ſie ſich nicht auf ihrem Boden niederließen.— Die Perſer glauben ſark an einen Zauber(Dum voder Athem genannt) gegen Schlangſtiche und Skorpionbiſſe. Diejenigen, welche dieſen Zauber beſitzen, gehen dieſem Gewuͤrme muthis entgegen. Ein wegen ſeiner Heiligkeit beruͤhm⸗ ter Mann in Schiras theilte denſelben Muridhs (Schuͤlern) mit. Ein junger Mirza, ein Bruder des dermaligen Veziers von Schiras, gab dem Ge⸗ ſandten ein Meſſer, als bedeutendes Geſchenk, welches von dieſem heiligen Manne gefeiert war, und wenn man über den Biß einer Schlange hinfuͤhre, augen⸗ 1 blicklich heilen ſollte. Einer ſeiner Schuͤler theilte uns den Zauber mit. er nahm aus ſeiner Taſche ein Stuͤck Zucker, mur⸗ 1 melte einige Worte daruͤber, hauchte es an, und ver⸗ 165 langte, daß wir es aͤßen, und ſicher gegen Schlangen und Skorpionen ſeyn koͤnnten. Um dieſe Zeit entſtand in Schiras ein Volks⸗ Aufſtand wegen geſtiegener Brodpreiſe. Die Bazars wurden geſchloſſen, das Volk zog nach dem Hauſe des Scheik⸗el⸗Islam, des Pberrichters, und ver⸗ langte einen Fetwah, wodurch die Ermordung der uUrheber rechtmaͤßig wurde. Allein da die Mutter des Prinzen ſelbſt Antheil hatte, ſo fiel einige Tage der Brodpreis, bis die Unruhen ſich gelegt hatten. Da⸗ mit aber das Volk Genugthuung erhielt, wurden ſaͤmmtliche Baͤcker der Stadt zuſammen berufen, und erhielten die Baſtonade. So wurden die Unſchuldigen ſtatt der Schuldigen beſtraft. Am 13. Juni wurde Lady Duſeley von einem Maͤdchen entbunden, obgleich die Sterndeuter einen Sohn prophezeiet hatten. Gewoͤhnlich bringt ein ver⸗ trauter Sklav im Harem dem Vater die Kunde, und ſagt Mujdeh(gute Votſchatt), wofuͤr er ein Geſchenk erhaͤlt. Wenn unter dem gemeinen Volke einer das Muideh bringt, ſo nimmt er haͤufig die Muͤtze oder den Shawl des Vaters als Unterpfand fuͤr das Ge⸗ ſchenk, zu welchem er ſich berechtigt glaubt. Kaum war die Nachricht von der Geburt in Schiras be⸗ kannt, ſo kamen von allen Enden Gluckwuͤnſche, Fruͤchte, Zuckerwerke und Staffe. Unter andern ka⸗ men auch Luties(Spaßmacher), welche ſich bei Luſt⸗ barkeiten und Volkofeſten einſtellen, und durch Stol und Art ihres Witzes alles Feingefuhl bei Seite ſetzen. Die Prinzen, die Statthalter der Provinzene, wie auch der Koͤnig haben eine Bande ſolcher Kerle im Solde, und ſie gehoͤren zu einem perſiſchen Hofſtaate. Sobald bei den Perſern ein Weib die Wehen fuͤhlt, ſo ruft die Mamatſche(Wehmutter) alle ihre Freunde und Verwandte, welche ſich bis zu ihrer Entbindung um das Bett ſammeln. Das Kind wird dann gewaſchen, gekleidet, und in eine lange Binde (Kandak) gewickelt, welche das Kind vom Halſe bis zu den Zehen ſo umgibt, daß es weder Hand noch Fuß regen kann. Dann kommt es unter dieſelbe Bettdecke mit der Mutter. Kraft des Kelemeh Is lam(des muſelmaͤnniſchen Glaubensbekenntniſſes) welches die Amme dem Kinde in das Phr ſpricht⸗ wird es unter die wahren Glaͤubigen aufgenommen⸗ Hierauf wird in dem Zimmer, wo das Kind geboren worden iſt, von der Hebamme ein Schwert genom⸗ men, und mit der Spitze eine Linie auf deſſen 4 Waͤnde gezogen. Eine der umſtehenden Frauen ſagt:„was machſt du?“ Die andere antwortet:„Ich zeichne einen Thurm fuͤr Mar ia und ihr Kind.“ Woher dieſes urſpruͤnglich komme, oder warum es noch beob⸗ achtet werde, konnte ich nicht erfahren. Chriſiliche Ammen fuͤrchten ſie gar ſehr. Am Tage der Beſchraͤnkung auf ihr Zimmer wird der Wochnerin eine gewiſſe Nahrung bereitet, von welcher ſowohl die gegenwaͤrtigen, als alle ihre uͤbri⸗ . 167 gen Freunde etwas bekommen. Am dritten Tage nach der Geburt wird ſie gebadet. Die Morgenlaͤnderinnen gebaͤren leicht. Zuweilen ſind ſie ſchon entbunden, ehe die Amme kommt. Mit vieler Muͤhe war eine Saͤugamme fur das Kind des Geſandten aufzubringen. Einem Knaben wird die Bruſt 2 Jahre und 2 Monate, einem Maͤdchen nur2 volle Jahre gegeben. Am Tage der Entwoͤhnung des Kindes wird es in die Moſchee gefuͤhrt, und nach Verrichtung gewiſſer andaͤchtiger Gebraͤuche den Freunden und Verwandten zu Hauſe ein Feſt gegeben. Die perſiſchen Ammen erſtaunten uͤber die Art, wie wir unſere Kinder behandeln. Sie nehmen den ihrigen kaum die Binde, mithin verunreinigen ſie ſich bald. Sie legen den Kindern Surmeh auf die Au⸗ gen, und faͤrben ihnen Haar und Haͤnde mit Khena. Auch verwahren ſie dieſelben gegen den Scheelblick durch Kloͤpfel von Tuͤrkis⸗Farbe, oder durch Stellen aus dem Khoran in Beutelchen genaͤht. Des Geſandten Kind ward von dem ehrwuͤrdigen Henry Martyn getauft, welcher neulich aus In⸗ dien zu uns gekommen war. Einen unſerer Taufe ganz entſprechenden Gebrauch haben die Perſer nicht; aber einen andern haben ſie, Schel⸗bi⸗Khair(„ſey die Nacht gnaͤdig“), um dem Kinde einen Namen zu geben. Reiche Vaͤter laden ihre Freunde und einige Mollahs zu einem Mahle, Auch das Kind wird in die Melis(Geſellſchaft) gebracht, und neben einem der Mollah's geſetzt. Fuͤnf Namen gibt der Vater des Kindes dann an, wovon jeder geſondert auf ein Stück⸗ chen Papier geſchrieben wird. Dieſe werden entweder in den Koran, oder unter die Ecke des Teppichs ge⸗ legt. Der Fatha, das ertte Kapitel im Khoran wird geleſen und vom Vater ein Papierſtuͤckchen, wie es ſich eben trifft, herausgeriſſen, und das Kind erhaͤlt den darauf ſtehenden Namen. Ein Mollah nimmt das Kind auf, ſpricht ihm den Namen in das Dhr und legt das Papier auf ſeine Windeln. Nun geben die Verwand⸗ ten des Kindes Geld und andere Geſchenke. Dieſer Gebrauch heißt Runemah(Geſichtzeigen). Noch einen andern Gebrauch, Akcheh, haben ſie. Der Vater ſchlachtet ein Schaf, macht Fleiſchbruͤhe daraus, und hebt ſorgfaͤltig alle Knochen auf. Er la⸗ det ſeine Verwandten zu dieſer Bruͤhe ein, genießt aber, wie auch ſeine Frau, nichts davon. Waͤhrend der Zeit ſammelt er die Knochen, waͤhlt einen ſaubern Flecken an einem fließenden Waſſer, und vergraͤbt ſie da. Waͤhrend des Mejlis erhaͤlt das Kind den Na⸗ men. Auch beobachten ſie verſchiedene Gebraͤuche. wenn das Haupt eines Kindes geſchoren wird. Bet dem Reichen erhaͤlt der Knabe vom zweiten Jahre an einen Laleh(Lehrer); das Maͤdchen aber einen Gihs ſefihd(Graukopf) zu gleichem Zwecke. VII. Am 10. Juli reiſten wir von Schiras ab, konnten aber wegen der unertraͤglichen Hitze unſere Reiſe nur bei der Nacht foprtſetzen. Unſerm Meb⸗ 169§ mandar, welcher uns kurz vor Baj⸗gah verließ, ſchenkte der Geſandte einen Dperngucker, der ihm als Jagdfernrohr beſchrieben ward, eine ſilberne Jagd⸗ Uhr, und einen kleinen Diamantring. In Zergun hielten wir an, um Mittag 12 Uhr war die Hitze 106. Zu Perſepolis ließen wir den ſehr engen Eingang in das erſte von Chardin beſchriebene Grabmal oͤff⸗ nen, und fanden die von ihm erwaͤhnten Sarkophage beinahe mit Erde uͤberſchuͤttet. Von hier gingen wir nach Sewund und lagerten uns dicht am Ufer des Sewund ⸗Fluſſes, welcher ſich durch das enge Thal in die Ebene Merdaſcht windet, und ober⸗ halb Fhatabad in den Bend⸗Emir fließt. In dem Thale hielten wir, fanden es mit wildgeſtalteten Bergen umgeben, und mit der Suͤßholz⸗Pflanze be⸗ deckt, welche die Perſer Sus nennen, die Khor Schuter aber Kameldorn, weil dieſe Thiere ſie vor allen andern Pflanzen gerne benagen. Das etwas ent⸗ fernt auf einer Anhoͤhe gelegene Dorf fanden wir men⸗ ſchenleer, weil die Einwohner in Zelten lebten. In dem Dorfe Kehmin fanden wir kaum hin⸗ reichende Lebensmittel, und konnten nur durch Er⸗ preſſungen etwas erhalten. Vor unſerer Ankunft fluͤch⸗ teten die Maͤnner in die Gebirge. Als unſer Meh⸗ mandar auch noch 40 Tomans verlangte, machten die Weiber ein Geſchrei, und hoben die Haͤnde zum Himmel empor. Was der Mehmandar nicht in Geld bekommen konnte, nahm er in Naturg. Vor unſerer 63. Bd. Perſien, III. s. 4 — — * 7 „1 Abreiſe entſchaͤdigte der Geſandte die armen Leute ohne Vorwiſſen des Mehmandar. Auf der Ebene von Kemihn bemerkten wir einige Drümmer, welche die Perſer neberbleibſel von einem Schloſſe Bahrams nennen. Bei einem Lagerplatze von Jlahts ſahen wir⸗ daß die unverſchleierten Frauen Feinen Anſpruch auf Schoͤnheit machen konnten. Am 26. machten wir einen Abſtecher, um das Meſched⸗ Mader⸗i⸗Suleiman zu ſehen. Als unſere Fuͤh⸗ rer ſagten, daß nur Weiber in dieſes Gebaͤude kommen duͤrften, ſo oͤffneten wir unbemerkt die Thuͤre. Dem Kebleh gegeruͤber iſt die Mauer mit Bildwerken und einer arabiſchen Inſchrift verziert. Und in einer Ecke fanden wir eine Sammlung ſtanbiger Handſchriß⸗ ten, meiſt Abſchriften aus dem Koran; nebſt dem eine Menge kleiner Weihgeſchenke von zinnernen Lam⸗ pen u. ſ. w. Der Koͤrver des Heiligen ſoll im Dache ves Gebaͤudes ſich finden. Auf einem Pfeiler in der Chene ſah ich eine ausgehauene, ſehr entſtellte Figur, welche ich fruher nicht bemerkt hatte. Die Uebebleik⸗ ſel der Mauer auf dem Verge ſind ein vortreffliches Meiſterwert. Die Steine ſind regelmaͤßig viereckig mit einem Hochbilde auf jedem; und an dem Schuitte der Linien, welche die Steine verbinden, ſind Loͤcher in geregelten Swiſchenraͤumen, deren Zwecke wir nicht errathen konnten. Die Ueberbleibſel zu Morgahb beweiſen, daß pier eine bedeutende Stadt geweſen ſeyn muß; ſie 171 verdienten wohl von Alterthumskundigen tiefer unter⸗ ſucht zu werden. Am 17ten kamen wir nach Kaziuhn, welches in einer Gegend liegt, die fuͤr weit kaͤlter gehalten wird, als jene, welche wir durchreiſten. In dem Dorfe Delu Nezer ſahen wir uns genoͤthigt, der Morgenfriſche wegen unſere Pberroͤcke anzuziehen. Wir ſahen manche ſeltene Voͤgel, beſonders einen, welcher in allen noͤrdlichen Landſchaften haͤufig iſt, den Sinh Sineh(Schwarzbruſt). Die Lage der Stadt Eklihd, gewoͤhnlich Kelihl genannt, zeichnet ſich durch einen Wald großer Baͤume aus, welcher eine große Strecke bildete, wie wir ſie in Perſien noch nie geſehen haben. Er wird nach allen Richtungen von Baͤchen reichlich bewaͤſſert. Wir bewunderten hier die herrlichſten Ar⸗ ten von Wallnuß-Baͤumen, den Maßholder, die Weide, die Pappel, die Fichte und vielerlei Obſt⸗ baͤume. Aus einem ſolchen Baumdickichte erheben ſich in ſehr maleriſchen Formen die Thuͤrme von vier nahe gelegenen Feſtungen, und welche die Maſſe der daſi⸗ gen Dorfſchaft enthalten. Der Hauptſtrom iſt ſehr ſiſchreich, und ſoll ein Wunderwerk des Propheten ſeyn. Wiewohl dieſer Prophet nie in Sklihd, uͤber⸗ haupt nicht in Perſien war, ſo zeigten unſereFuͤhrer doch eine von ihm im Felſen abgedruͤckte Hand. Als wir Abadeh erreichten, kehrten wir wieder auf die in meinem erſten Tagebuche beſchriebene Straße zuruͤck. Zu Schuldſchiſton brachte uns ein Tatar us Konſtantinopel die lange erwartete Nachricht von unſerem Lande und unſeren Familien, Von De⸗ lunezer bis Mahoud Beggy ſchwebten wir im⸗ mer in Furcht, von den Baktiarihs, einem tapfe⸗ ren, kuͤhnen Bergvolke angegriffen zu werden. Sie bewohnen beſonders die Hochlande von Luriſtan. Durch einige Gebraͤuche unterſcheiden ſie ſich von den neueren Perſern. Ihr volksthuͤmlicher Tanz, beſonders der Tſchuppi, gleicht ganz der Arnautika der neueren Griechen. Bei ihren Beerdigungen freuen ſie ſich, anſtatt zu trauern. Bleibt einer in der Schlacht, ſo iſt die Freude um ſo groͤfer, weil ſie ſeinen Tod, als kalal(geſetzlich) anſehen. Stirbt er aber fern von ſeiner Heimath, ſo errichten ſie einſtweilen ein leeres Grab, legen ſeine Muͤtze, Waffen und anderes ihm Zugehorige darauf, und tanien frohlich um dasſelbe. In Luriſtan bewohnen ſie Doͤrfer von 20— 30 Häu⸗ ſern auf ſchwer zugaͤnglichen gi wo ſie Waſ⸗ ſer und Gras haben⸗ Ehe wir unſere Zelte in Komiſcha erreichten, trafen wir unſern alten Freund Mirza Abul Haſ⸗ ſan Khan, den ehemaligen perſiſchen Geſandten in England an. Er hatte uns in Schiras verlaſſen, und war nach Ispahan gereiſt. Er gruͤßte uns auf perſiſche Weiſe, welche unter vertrauten Freunden darin beſteht, daß man wechſelſeitig ſich uͤber des an⸗ dern Nacken beugt und dann Wange an Wange legt. 173 Wir wollen hier einiges von dem Aufenthalte des perſiſchen Geſandten in London beifuͤgen. Bei ſeiner Ankunft in England uberraſchten ihn zuerſt die Karavanſerais, ſo nannte er unſere Gaſthaͤuſer; er bewunderte die ſchoͤn geſchmuͤckten Zim⸗ mer, und aͤuſſerte allemal ſein Erſtaunen, wenn wir ihm ſagten, dieß ſey in unſern Karavanſerats gans gewoͤhnlich. Als der Gaſtwirth zu Plymouth des Geſandten Bett mit warmen Decken überlud, ſo konnte er kaum eine Stunde darin aushalten. Er ging dann den groͤßten Theil der Nacht herum, und ales im Gaſthofe zog hinter ihm her, ohne ſeinen Wunſch errathen zu koͤnnen. Seine Diener, welche in einem Wagen mit ver⸗ ſchraͤnkten Beinen niederkauerten, wollten nicht zuge⸗ ben, daß mehr als 4 Perſonen in den Wagen ſteigen duͤrften, obwohl er auf s berechnet war. Sie bewaff⸗ neten ſich mit Piſtolen, Flinten ꝛc., als ob ſie eine Reiſe in ihrem Vaterlande machten, trotz allen Ver⸗ ſicherungen, daß ihnen nichts begegnen wuͤrde. Se. Exeellenz freute ſich uͤber das neue Fuhrwerk, ward aber immer aͤngſtlicher, je welter wir kamen. Denn er ſchien ſich nach einer Geſandtſchaft umzuſehen, au deren Spitze ein Mann vom Range waͤre. Umſonſt verſicherten wir ihm, daß es keineswegs auf Unehrer⸗ bietung angeſehen ſey. Als wir der Stadt immer mehr uns naͤherten, bat er, daß die Fenſter heraufgezogen werden mochten, denn es käme ihm vor, es woͤrde 174 ein Ballen von Waaren in die Stadt geſchwaͤrzt, kein Geſandter empfangen. Drei ſeiner Diener in einem Wagen hinter uns, waren beinahe erſtickt; denn ſie zogen verſuchsweiſe alle Fenſter in die Hoͤhe, und konn⸗ ten ſie nicht mehr herablaſſen. Da Abul Haſſan ſo wenig Aufſehen bei ſeinem Einzuge machte, ſo war er ganz verſtimmt, obgleich er ein ſchoͤnes Haus und eine glaͤnzende Einrichtung zu ſeinem Empfange in London fand. Sein erſtes war, dem Koͤnige bald moglichſt ſeine Vollmacht zu uͤberreichen. Der Aufſchub dieſes Ge⸗ brauches wird in Perſien fuͤr Geringſchaͤtzung ge⸗ halten. Da er aber 10 Tage warten mußte, ſo klagte er bitter. Am Tage des Empfanges war er ſehr ge— ſpannt. Wenn man dem perſiſchen Schah naht, ſo werden viele Umſtaͤnde gemacht. Der Perſer machte, als er in das Zimmer des Koͤnigs trat, keine Vernei⸗ gung, zog nicht einmal ſeine Schuhe aus, und was noch mehr war, gab ſeine Vollmacht in die Hand des Koͤnigs. Er ſagte, er haͤtte erwartet, unſern Koͤnig in der Ferne auf einem Throne ſitzen zu ſehen, und ihm auf viele Schritte weit nicht nahen zu duͤrfen. Den Koͤnig hielt er bei ſeinem Eintritte fuͤr einen Kapidſchi(Thuͤrſteher), und ſtaunte, als er erfuhr, daß dieſer der Koͤnig von England ſey. Der Ladel, daß er ſeine Vollmacht nicht gleich bei ſeiner Ankunft uͤberreicht babe, ſagte er, ſel weg, wenn er dem Schah ——— 175 verſichern durfte, daß er ſeine Schuhe nicht habe aus⸗ ziehen duͤrfen, als er dem Monarchen genaht. Er gewoͤhnte ſich bald an die europaͤiſche Lebens⸗ art. Als er in das Theater gefuͤhrt wurde, ſo war bei dem Eintritte ſein Erſtaunen ſehr groß. Der Koͤ⸗ nig Lear entlockte ihm Thraͤnen. Seine Diener auf der Gallerie ſtritten, ob die Figuren auf der Buͤhne werliche Maͤnner und Frauen, oder nur Puppen waͤ⸗ ren. Bei einer Eroͤrterung im Unterhauſe trat er einem jungen Redner bei, deſſen Ernſt und heftige Geberde ihn ganz einnahm; im Hauſe der Lords, war der Lordkanzler ſein Gegenſtand; die ungeheuere Pe⸗ ruͤcke verglich er einem Schaffe und erregte ſeine Neugierde. Bei dem Jahres⸗Feſte der armen Kinder in der Pauls⸗Kirche ward er ſebr gerührt. Als eines Tags eine Deputation der Geſellſchaft zur Foͤrderung des chriſtlichen Wiſſens ihm eine ſchoͤn gebundene Bibel und ein Gebetbuch uͤberreichte⸗ ſtand er gebeten auf, und ſeine Umgebung meinte, er ſey Jſauri(Chriſt) geworden.— Luſtwandlungen ſtellte er haͤufig in Kenſingto ns⸗Garten an. Ein alter Herr und eine alte Dame, welche ihn fur einen Die⸗ ner des Geſandten anſahen, fragten ihn vieles, wie ihm dieſes und jenes gefalle? Des Fragens müde, antwortete er:„Alles gefaͤllt mir, nur eines nicht— wenn ein alter Mann zu viel fragt.“ Lachend verließ er dieſen. Zu Komiſcha entſtand ein Stteit uͤber den Vor⸗ rang zwiſchen dem königl. Mehmandar und den von dem Statthalter zu Ispahan dem Geſandten entgegengeſchickten Perſonen, deſſen Folgen fuͤr einige beinahe toͤdtlich geworden waͤren. Bei Komiſcha iſt das Grab des Schach Reza, ein mit einer Kux⸗ vel gekroͤntes und von einem dichten Hain umſchatte⸗ tes Gebaͤude. In ſeinem Umkreiſe ſind zwei Woſſer⸗ becken mit vielen zahmen Fiſchen, welche die Le ſer fuͤr heilig anſehen, und nicht fangen laſſen. In Ispahan wurden wir von verſchiedenen Großen und zuletzt vom Statthalter ſelbſt empfangen. Die Neugierigen zu Ispahan vermehrten unſern Zug, bis er endlich am Eingange der Stadt durch einige neue Anpflanzungen unterbrochen wurde. Wo wir voruͤberzogen, ſpielten Springbrunnen, und wir wurden aufmerkſam gemacht, daß die Waſſerbecken zur Ehre des Geſandten mit Blumen verziert waren. Endlich wurde in einem der Palaͤſte des Schach Shamas ein Fruͤhſtuͤck in einer ungeheueren offenen Halle eingenommen. Alles geſchah im Beiſeyn des Poͤbels, welcher, nachdem die Geſellſchaft aufgebrochen war, trotz aller ausgetheilten Pruͤgel, alles weg trug⸗ VIII. Die große Stadt Ispahan, welcher Chardin 24 Meilen im Umfange giebt, wuͤrde, die Truͤmmer ausgeſaͤtet, jetzt auf ein Viertel zuſammen ſchrumpfen. Haͤuſer, Baſars, Moſcheen, Palaͤſte, ganze Straßen ſtehen voͤllig oͤde und verlaſſen. Ich ritt meilenweit unter ihren Trümmern, ohne ein le⸗ 177 bendes Weſen, einen Schakal ausgenommen, iu tref⸗ fen. Die Haͤuſer der Stadt ſind ein Geſchoß hoch, aber der Abtheilungen darin ſind ſo viele, daß ſelbſt die Kleinſten eine bedeutende Bauſtelle einnehmen. Was in unſern Haͤuſern von Umfang durch die Hoͤhe gewonnen wird, geht in Perſien in die Breite. Gegen Suͤd von der Stadt iſt die wuͤſte Strecke, Heſſar Derreh(Taufendthaͤler) von den Perſern als Buͤhne der Ruſtamſchen Kaͤmpfe mit dem Dra⸗ ſchen bezeichnet. Wegen der giftigen Ausduͤnſtungen des Ungeheuers ſoll der Boden hier ſo unfruchtbar geworden ſeyn. Gegen Oſt ſind die großen Truͤmmer des Fleckens Scheheriſtan, welches einſt als Hof⸗ lager der Edlen von Ispahan beruͤhmt war. Hier ſind die Ueberbleibſel eines Mauſoleum mit ſchoͤn ge⸗ woͤlbter Kuppel. Einige Zeit nach unſerer Ankunft beſuchten wir auch die fuͤr ſo ſehenswuͤrdig ausgegebenen beben⸗ den Saͤulen von Guladohn. SZwei Minarets ſind an der Seite eines gewoͤlbten Baues uͤber dem Grabe eines heiligen Mannes. Man ſendete Knaben auf die Spitze jeder Saͤule, welche mit aller Kraft ſie erſchuͤtterten, und nicht bloß die Saͤule, ſondern auch das Dach des Gebaͤudes merklich, wie von einem Erd⸗ beben bewegt, droͤhnen machten. Wir hielten es fuͤr einen Fehler des Baues; die Perſer aber ſchrieben es lieber dem Heiligen zu. Zwei Meilen von dieſen Saͤu⸗ len iſt der dreieckige Bers, Ateſch Gah(Feuerplatz). 178 Von der Spitze dieſes Berges genoßen wir eine weite Ausſicht auf die reich angebante Gegend, welche der Fluß Zain derud begrenzt, deſſen Kruͤmmungen mit dem Gruͤn und den Pflanzen, welche ihn auf ſeinem Laufe begleiten, bezeichnet ſind. In den weſtlichen Umgebungen von Zain derud ſind viele Tauben⸗ Haͤuſer, bloß in der Abſicht errichtet, um Tauben⸗ Miſt für den Duͤnger zu ſammeln. Er wird votzuͤg⸗ lich zur Pflege der Melonen gebraucht. Eine Taube auf einem Tauben⸗Hauſe zu ſchießen⸗ iſt verboten. Die Perſer eſſen keine Tauben. Merk⸗ wuͤrdig iſt, daß ich weder hier, noch im ſudlichen Per⸗ ßen je eine weiße Taube ſah. Am Ende Auguſis gab der Amihn⸗ad⸗Daulah, dem Geſandten und ſeinem Gefolge ein Feſt. Tritt ein Perſer in eine Geſellſchaft⸗ nachdem er die Schuhe außen gelaſſen hat, ſo gruͤßt er mit dem gewohnlichen Selam aleikum, die ganzs Geſellſchaft; dann uͤberſchaut er, welcher Rang ihm ge⸗ buͤhrt, und klemmt ſich geraden Weges in die Reihe der Gäſte, ohne ſich wegen der Stoͤrung, welche er macht, zu entſchuldigen. Die perſiſchen Schriftgelehrten, Mol⸗ lahs, ſind in dieſer Ruͤckſicht hoͤchſt anmaßend. Wir fanden hier ein auf europaͤiſche Art angerichtetes Mahl⸗ Auf mehrern rohen, unbemalten, ungleichen, huf⸗ eiſenfoͤrmig geßtellten Tiſchen waren alle Gerichte auf einander gehaͤuft. Jeder Europaͤer hatte Meſſer, Ga⸗ vel, Mundtuch und Leller vor ſich. Die armen Per⸗ ſer aber kamen ſchlecht dabei zu recht; einige ſaßen 179 anf ſo hohen Stuͤhlen, daß ſie weit uͤber die Alpen⸗ buͤhne von Fleiſch und Braten hervorragten; andere wieder ſo niedrig, daß ſie wie in den Thaͤlern verlo⸗ ren waren, und mit dem Munde ungefaͤhr die Hoͤhe des Liſches erreichten. Es war luſtig ihre Unbeholfen⸗ heit zu ſehen, und wie auf den Geſichtern der Eßlu⸗ ſtigen unter ihnen der Zorn ausbrach, aus lauter Hoͤf⸗ lichkeit gegen uns ihren Muth an einem ſo trefflichen Mahl nicht kuͤhlen zu koͤnnen. Nach der Tafel wur⸗ den wir durch Feuerwerke beluſtigt. 3 X. unſer Aufenthaltsort Santabad wat in der Naͤhe der armeniſchen Grenzſtadt Dſchulfa. Die Stadt war ehemals ſehr prachtvoll. In Ispahan trafen wir auch eine roͤmiſch⸗ ka⸗ tholiſche Kirche. Ihr Prieſter war der letzte der Send⸗ linge von der Propaganda; er hieß Pater Joſeph⸗ war ein geborner Roͤmer, und lebte ſchon 1 Jahre zu Ispahan. Wir beſuchten den guten Mann fruͤhe. Er zeigte uns die Kirche, welche reinlich, ordentlich und beſſer verziert war, als wir erwartet hatten. Sie gehoͤrte dem Dominikaner⸗Orden, und wurde im Jahr 4700 von einer katholiſchen Frau erbaut, deren Grab im Innern der Kirche zu ſehen iſt. Der Pater be⸗ richtete uns, daß ſeine Heerde jetzt nicht uͤber 14— 16 Seelen betrage. Er oͤffnete uns auch die Bibliothek; die Buͤcher waren franzoͤſiſch, italieniſch, lateiniſch, griechiſch und hebraͤiſch, meiſt religioͤſen Inhaltes, aber ſo vernachlaͤbigt und unordentlich, daß uns kein 180⁰ vollſtaͤndiges Werk in der ganzen Sammlung aufſind⸗ bar ſchien. Als wir ihm einige Buͤcher abkaufen woll⸗ ten, ſchlug er unſern Antrag entſchieden ab, mit den Worten, die Buͤcher gehoͤren nicht ihm, ſondern der Kirche. Einige geſtohlene Buͤcher wollte er ſogar wie⸗ der nachkaufen, wenn er Mittel dazu haͤtte. Wir beſuchten ferner das Nonnenkloſter zu Dſchul⸗ fa, wo wir unter neun Nonnen alle bis auf zwei alt und haͤßlich fanden. Sie ſind vom Koyf bis zum Fuße in ein grobes dunkelblaues Tuch gekleidet, baarfuß, und haben einen ledernen Guͤrtel um die Lenden, Im Monate Auguſt gab es wegen der großen Ver⸗ aͤnderlichkeit der Witterung zu Ispahan, beſonders aber in unſerm Lager große Krankheiten. Am a4s. Au⸗ guſt hatten wir einen Sturm mit Douͤner und Blit. Wir machten die Bemerkung, daß die Perſer von aber⸗ glaͤubiſchen Gefuͤhlen bewegt, ungewoͤhnlich inbrunſtig beteten. Am 23ſten begannen die Bauern in der Ge⸗ gend von Ispahan zu pfluͤgen. Der Bauer ſorgt fuͤr ſeine Ochſen und den Pflug, der Amihn⸗ad⸗ Daulah fuͤr Saatkorn und Boden. Von der Aernte bekommt der Amihn ad⸗Daulah drei Viertel des Ertrags, der Bauer das uͤbrig bleibende Viertel⸗ Die reichſte Manufaetur in Ispahan iſt die Zeri (Broead⸗ Manufaetur). Papier, Schießpulver, Schwertklingen, Glas und irdenes Geſchirr wird auch daſeibſt, aber nicht in großer Menge gearbeitet. Am 18. September 1811 ſahen wir zuerſt nordweßt⸗ 181 lich von Ispahan einen Schweif⸗Stern. Die Per⸗ ſer nennen einen ſolchen ſitareh dumdar, und ſe— hen ihn als Vorboten von Ungluͤck an. Der alte Dich⸗ ter Mahomed Coſſim Walah verglich ihn mit Napoleon, indem er ſagte: er erſchien nirgends, wo ihm nicht Elend und Ungluͤck zur Seite war. Auf die Nachricht, daß der Koͤnig aus ſeinem La⸗ ger in Sultanieh nach Deheran zuruͤckkehre, reis⸗ ten wir am 14. Dktober von Saad atabad ab. Auf unſerer Reiſe durch Mortſchekord erfuhren wir das Beiſpiel einer Schmeichelei, welches die Perſer ſelbſt aneckelte. Als im vorigen Jahre der Koͤnig hier durch⸗ reiste, entkleidete der alte Thaabet ſeinen Sohn von den Weichen bis an den Hals, band die Haͤnde auf den Ruͤcken, und zuͤckte einen großen Dolch, als wolls er ihm den Hals abſchneiden, gerade als der Konig durchreiste. Zugleich brachte er ſeinen Sohn als Opfer in Ausdruͤcken, wie man ſie nur zur Gottheit braucht. Waͤre ich Koͤnig geweſen, ſagte einer unſerer verſi⸗ ſchen Begleiter, ich haͤtte ihm bekuſch, bekuſch (morde, morde) zugerufen. Die Stadt Kaſchan unter 340 o“ 33“ NB., hat ungefaͤhr denſelben Umfang, wie Schiras, und iſt mit einem trockenen Graben umgeben. Rings um ihre verfallenen Mauern ſind große Strecken von Maulbeer⸗ Baͤumen fuͤr die Seidenwuͤrmer. Die Seiden⸗Stoffe, welche hier verfertigt werden, beweiſen eine große, verſtaͤndige Behandlung. Das ſchoͤnſte Gebaͤude in 182 Kaſchan iſt eine Schule(Medreſch), welche der jetzige Koͤnig erbauen ließ. Drei Meilen oͤſtlich von der Stadt iſt der durch ſein kryſallhelles Waſſer beruͤhmte Garten Bagh⸗i⸗Fihn. Wir erfreuten uns der Er⸗ laubniß, das Innere eines Luſthauſes beſehen zu duͤr⸗ fen, welches der Koͤnig zuweilen bewohnt. In einem Zimmer ſind Bildniſſe von ihm und von 20 Soͤhnen. X. Zu Kuhm iſt das Grabmal Fatmehs eines der gefeierteſten Heiligthuͤmer in ganz Perſien. Verbrecher finden hier Schutz, und werden nur bei großen peinlichen Verbrechen ausgehungert, bis ſie ſich ergeben. In das Grabmal durften wir nicht gehen, boͤrten aber, daß das Grab und die Gitterſtangen um dasſelbe von gediegenem Golde ſeyen. Rings um das Grab ſind verſchiedene Weih„Geſchenke. um alle dieſe unter einem Dom aufbewahrten Reichthuͤmer ſieht man nur zerbrochene Lehmwaͤnde, und eine Reihe nackter Felſen. Der Koͤnig beſucht das Grabmal oͤf⸗ ters, und macht herrliche Geſchenke. In Kuhm geht er zu Fuße, was nach perſiſcher Anſicht eine grete Demuth iſt. Auch Weiber vom Lande reiten auf Eſeln zum Grabmale, um das Ziaret(ihre Andacht) da⸗ ſelbſt zu verrichten. Kuhm iſt auch wegen ſeiner vie⸗ len Prieſter und Trummer merkwuͤrdig. Dngefaͤhr 21/2 Paraſange N. 460 W. von Kuhm ſteht man den Berg Geden Gelmes, welchen die Reiſenden ſo oft erwaͤhnen, und welcher in Perſien noch immer beruͤhmt iſt. Er heißt auch Talisman⸗ —————————— 183 Verg, und wird von den Eingebornen verſchieden beſchrieben. Bei der Karavanſerai von Pul⸗ Dallaak fuͤhrten wir auf unſerer Weiterreiſe das Vieh an einen ſalzigen Strom zur Traͤuke. Die Per⸗ ſer ſagen, das Zugvieh verſchmaͤhe dieſes Waſſer nicht, ſondern gedeihe davon ſo gut, als von friſchem. Vdon der traurigen Wuͤſte Hauhs Sultan, wo die Perfer uns viel von der Verfuͤhrung der Gole, von ihren Geſtalten⸗Wechſel, und den Zaubermitteln dagegen erzaͤhlten, kamen wir in das Malek⸗el Moat Dereh(Todesengelthal). XI. Am 9. November langten wir in Teheran an und wurden von einer Deputation, an deren Spitze Mahomed Khan Ameu(der Ohm) ſtand, em⸗ pfangen. Ohm iſ bei den Perſern und Arabern ein liebkoſendes Schmeichelwort. Eine Schaar koͤnig⸗ licher Reiter auf ſchoͤnen Pferden gaben Schauſtellun⸗ gen ihrer Reitkunſt, und thaten ſich im Keykaj her⸗ vor. Dieß iſt eine Uebung, welche darin beſteht, daß man ſich ſchleunigſt auf dem Sattel umwendet, und ruͤckwaͤrts auf den verfolgenden Feind abfeuert. Dietß lernen ſie von Kindheit auf, und gewinnen grohe Keck⸗ beit und Gewandtheit zu Pferde. Die erſten Tage unſeres Aufenthaltes zu Dehe⸗ ran verfloßen mit Eroͤrterung von Hoßzwang. Der Geſandte verlangte, des Koͤnigs von England Brief in des Schah eigene Haͤnde zu uͤbergeben— wegen ſeines hohen diplomatiſchen Ranges mit groͤßeren Eh⸗ 184 renbezeugungen, als alle fruͤheren Miniſter behandelt zu werden und den erſten Beſuch vom Großvetier zu erhalten. Erſtens wurde abgeſchlagen, weil es ge⸗ gen perſiſche Sitte ſey— auf das zweite, antworte⸗ ten ſie, haͤtten ſie alles gethan, was ſie thun koͤnn⸗ ten; was ſie noch thun koͤnnten, waͤre des Geſandten Seſſel naͤher an den Thron zu ſtellen, als ſonſt bei Gehoͤr von Miniſtern geſchehen ſey. Letzteres ſchlugen ſie rund ab. um ſeinen Hauptpunkt durchzuſetzen, mußte der Geſandte ſeinen erſten Beſuch bei dem Koͤnige als be⸗ ſonderes Gehoͤr verabreden. Begleitet von mir und ſeiner indiſchen Reiterei zog er nach dem Palaſte, wo er von dem Zeremonien⸗Meiſter empfangen, und in das Audienz⸗Zimmer gefuͤhrt wurde. Wir machten dem Koͤnige unſere Verbeugungen mit gehoͤriger Ehr⸗ furcht, und zogen etwa 30 Schritte von ihm entſernt die Schuhe aus. Der Koͤnig hieß uns willkommen. Der Großvezier fuͤhrte den Geſandten, welcher, ſich neigend, den Brief dem Koͤnig uͤberreichte. Dieſer bezeichnete einen Platz 2—3 Zoll von ihm, wo er den⸗ ſelben hinlegte. Hierauf uͤberreichte er den Ring von Diamanten, als Geſchenk des Koͤnigs von England, mit den hiebei gebraͤuchlichen Ausdruͤcken. Der Koͤnig⸗ auf den Brief zeigend, ſprach: Dieß iſt beſſer, als ein Berg von Diamanten. Dann hieß Se. Majeſtaͤt den Gefandten ſich zu ſetzen, und unterhielt ſich mit ibm, achtungsvoll uͤber das engliſche Volk ſprechend. 1 185 Der Geſandte ergriff dieſen Augenblick, das Betragen des koͤniglichen Geſandten bei ſeinem Aufenthalte in England zu preiſen, welches Se. Majeſtaͤt mit Wohlgefallen zu vernehmen ſchien. Mirza Abul Haſſan Khan wurde gerufen; der Koͤnig ſprach laut zu ihm„Aferin, afarin(wohl, wohl) Abul Haſſan, du haſt mein Geſicht in einem fremden Lande weiß gemacht, ich will das Deinige hier weiß machen. Du biſt einer aus den edelſten Geſchlechtern des Koͤnigreichs, und mit Gottes Huͤife will ich dich zu den Wuͤrden Deiner Uhrahnen erhe⸗ ben.“ Bei dieſen Worten kniete der Mirza nieder, und beruͤhrte die Erde mit der Stirn. Bald hernach hatte der Geſandte ſein oͤffentliches Gehoͤr, wo wir den Koͤnig in großer Pracht ſahen. Auch die Geſandtin machte der erſten Gemahlin des Koͤnigs, Banu Harem, einen Beſuch. Dieſelbe ſaß, mit wahrhaft perſiſcher Pracht angethan, in dem Ecke eines Zmmers. Große vergoldete Knoͤpfe waren auf dem Kopfputze, und die uͤbrigen Theile ihres Putzes ſo mit Juwelen uͤberladen, daß ſie kaum gehen konnte. Einige von den Kindern des Koͤnigs ſtanden in einer Ecke des Zimmers, ſtarrend von Brocad, Sammet, Pelz und Juwellen. Vor dem Zimmer ſtanden reihenweiſe eine Menge von Weibern, ſaͤmmt⸗ lich mit Juwelen geziert. Die Geſandtin uͤberreichte der Gemahlin des Koͤnigs das Bildniß der Koͤnigin von Englaud, ſchoͤn mit Brillanten obm reinſten 63. Bd. Perſies. III. 2. 5 186 Waſſer beſetzt. Waͤhrend die Geſandtin einige Er⸗ friſchungen nahm, wurden ihre beiden Maͤdchen von dem Gefolge daſſelbe zu thun veranlaßt. Kaum warcu ſie unter ihnen, ſo fielen die perſiſchen Weiber⸗ wie Harpyen, ber ſie her, und muſterten ihren Anzug, auf welchen ſie ſehr neugierig waren⸗ Die Perſer geſtehen⸗ daß unſere Frauen⸗Tracht auf alle Weiſe der Ihrigen vorzuziehen ſey; von der Maͤnner Tracht geben ſie es nicht zu.. Was das Beſuch⸗Abſtatten bei dem Großvezier betrifft, ſo wurde die Sache dadurch etwas ausgegli⸗ chen, daß der Geſandte in des Amihn⸗ ad⸗Dau⸗ lah's Hauſe ein Gaſtmahl gab, wo der Großvetier des Geſandten Gaſt war. Trotz aber der damaligen Gaͤhrung vertrugen ſie ſich doch bald⸗ als ſie zuſam⸗ men kamen. Kein Volk iſt ſo zartfuͤhlend in dem dihd wa baß dihd(Beſuch und Gegenbeſuchd⸗ als der Perſer. Nicht lange nach unſerer Ankunft begannen die Anſtalten zur Todesfeier Iman Hoſſenis. Es ge⸗ ſchteht in den erſten 20 Tagen des Monats Mohat⸗ rem, des erſten im muhamedaniſchen Jahre. Bei den Arabern heißt Moharrem geheiligt⸗ 9e ſetzlich verboten; weil es naͤmlich ſchon vor dem Muhametismus den Arabern verboten war, ſich in dieſem Monate zu befehden. Die Tuͤrken nennen die erſten 40 Tage des Moharrem Atſam Alma⸗ dudaht(die bezechneten Tage) von dem Glauben 187 daß in dieſen Tagen der Koran in geſonderten Thei⸗ len vom Himmel den Menſchen mitgetheilt wor⸗ den ſey. Hoſſeni war Alis zweiter Sohn und Hoſ⸗ ſaus Bruder, und wurde auf der Ebene von Ker⸗ belah, auf dem Wege nach Kufa nebſt 62 Perſonen ſeiner Familie in dem 64. Jahre der Hedſchra von dem Hauptmanne Abdullah des Kalipheun Jaſſid ermordet. Dieſer tragiſche Ausgang ſeines Lebens von ſeiner Flucht aus Medina bis zu ſeinen Tode auf genannter Ebene iſt als Drama in mehreren Theilen behandelt worden, wovon taͤglich einer, ſo lange die Trauer dauert, von Schauſpielern aufge⸗ fuͤhrt wird. Die Anſtalten, welche man in der gauzen Stadt machte, beſtanden darin, daß man große Zelte (Takieh) auf den Straßen und freien Plaͤtzen errichtete, die mit ſchwarzer Leinwand beſchlagen, und verſchiedenen Gegenſtaͤnden der Trauer verſehen wurden. Der Auf⸗ wand fuͤr ein Takieh beſteht darin, daß ein Mollah, Schauſpieler und ihre Kleider gedungen und Lichter gekauft werden. Viele ſpeiſen auch diejenigen, welche zum Zelte kommen, unentgeldlich. Die Perſer waren wenig bedenklich, uns ihre reli⸗ gioͤſen Gebraͤuche ſehen zu laſſen. Der Großvezier lud die ganze Geſandtſchaft in ſein Takieh. Wir fanden eine große Geſellſchaft dunkel gekleideter Perſer mit ſchwarzen Muͤtzen, ſchwarzen Bärten und truͤbſeligen Geſichtern. Waͤhrend ein Iman die tragiſche Ge⸗ 5„ 188 ſchichte Hoſſenis Lortrug, wirkte er ſo auf ſeine Zuhorer, daß der Großvezier ſein Haupt auf⸗ und nieder zu bewegen aufieng, und mit der klaͤglichſten Stimme den gewohnlichen perſiſchen Schmerzruf Wa⸗ pi, wahi, dabei ausſtieß. Dieß thaten die uͤbrigen Zuhorer mehr oder minder ſtark nach. Nachdem der Prieſter geendet hatte, erſchien eine Geſellſchaft von Schauſpielern, einige in Frauentracht, welche ihre Rollen von Papierſchnitzen, wie eine Art Reeitativ abſangen. Bei recht tragiſchen Stellen ſchienen die meiſten Zuhoͤrer ohne alle Verſtellung zu ſchreien. Am Ruhs Catl, dem 10. Lage der Schlußfeier von Hoſſeins Tode, wurde der Geſandte vom Koͤ⸗ nig eingeladen. Auf dem Platze vor dem Palaſte war ein Dheil durch Einhaͤgung abgeſondert, welcher die Stadt Kenbelah vorſtellte; nahe dabei waren 2 rleine Zelte, welche Hoſſenis Lagerung in der Wuͤſte mit ſeiner Familie vorſtellen ſollten. Eine hoͤl⸗ zerne, mit Leppichen bedeckte Buͤhne war fuͤr die Schauſpieler eingerichtet. Die Ankunft des Koͤnigs eroffnete ein ruͤſtiger, halbnakter Mann, eine lange dicke Stange in ſeinem Guͤrtel tragend, an welcher eine, wohl 3o Fuß hohe, zinnerne, kuͤnſtlich gear⸗ beitete Verzierung mit Denkſpruͤchen aus dem Koran war. Ein zweiter Mann hatte eine nicht ſehr hohe Stange in ſeinem Guͤrtel, auf welcher ein junger Der⸗ wiſch, mit dem Fuße auf des Traͤgers Guͤrtel ruhend ſand, und mit aller Kraft Verſe zum Preiſe des Koͤ⸗ 189 migs ſang. Hierauf kam ein ſtarker, und mehr nakter Waſſertraͤger mit einem ungeheueren angefuͤllten Schlauche auf dem Ruͤcken, auf welchem 4 Knaben auf und uͤbereinander ſtanden. Dieß ſollte emblematiſch Hoſſenis großen Durſt in der Wuͤſte vorſtellen. Dann wurde eine Saͤnfte in Form eines Sarges von 8 Maͤnnern getragen, Grab des Propheten ge⸗ nannt. Nach dieſem kamen 4 praͤchtig aufgeſchirrte Handpferde, an deren Saͤtteln einige Gegenſtaͤnde auf Hoſſenis Tod anſpielten. Bald hernach trat eine Schaar wild blickender Maͤnner auf, bloß mit einem weißen Hemde uͤber dem nakten Körper. Mit Blut beſudelt ſchwangen ſie ihr Schwert, und ſangen eine Art Hymnus in wilder Weiſe. Sie waren die 62 Verwandten Hoſſenis, welche mit ihm erſchlagen wurden. Ein weißes, mit kuͤnſtlichen Wunden bedecktes Pferd ſtellte jenes von Hoſſeni dar. Den Zug ſchloß ein Haufe von etwa 50 Maͤnnern, welche 2 Stuͤcke Holz zuſammenſchlugen. Sie ßiellten ſich in Reihen vor dem Koͤnige, und ihr Anfuͤhrer fuͤhrte mit ihnen ein Ballet auf. Endlich erſchienen die tragiſchen Schauſpieler, welche ein langes und langweiliges Stüsk trieben. Als Hoſſeni den Todes⸗Stoß erhalten ſollte, brach eine Wehklage aus der Menge hervor, und viele weinten. Da ergriff das Volk Steine, und trieb die Kriegsknechte vom Platze. Das Ganze endete mit der Verbrennung von Kerbelah. Man fah Hoſſenis „ 190 ſchwarz bekleidetes Grab, darauf eine Figur in einer Tieger⸗Haut, welche den Wunderloͤwen vorſtellen ſollte, der Hoſſenis Veberbleibſel bewachte. Das Seltſamſte bei der ganzen Vorſtellung waren die Leichname der enthaupteten Blutzeugen, welche alle zn einer Reihe daſtanden, jeder mit einem Kopfe neben dem Koͤrper. Zu dieſem Ende hatten mehrere Perſer ſich lebendig bis an den Kopf in den Boden begraben, andere ſteckten die Koͤpfe in den Boden, und ließen die Körper darauf Die ganze Feier ſchloß mit einem Gebete für Mahomed, ſeine Abkömmlinge und fur das Heil des Koͤnigs. Nach Beendigung der Moharrems Feierlichkeiten lieſſen ſich die perſiſchen Miniſter auf die Unterhand⸗ lungen eines Endvertrags mit dem Geſandten ein⸗ welche ſie waͤhrend des Winters beſchaͤftigten. Da die Perſer der Voͤlker⸗Geſetze unkundig, und der Er⸗ örterungen großer politiſcher Streitfragen ungewohnt ſind, ſo erſchwerte dieſes den Fortgang der Geſchaͤfte gar ſehr. XII. Als der Koͤnig den Geſandten ſah, aͤußerte er ſeine Freude uͤber eines Sieges Nachricht uͤber die Ruſſen. Der Vertrag mit Perſien ward am 44. Maͤrz 4842 bei Amihn- ad⸗Daulah unterzeich⸗ net. Bis zum Feſte No Ruß fiel nichts Merkwuͤrdi⸗ ges vvr. Wir ſpielten Ball, ritten viel, und wandel⸗ ren in einem bedeutend großen, verſchlobenen Garten an unſerer Wohnung umher. 191 Im Winter ſuchten die Wundaͤrzte die Kah⸗ Blatter⸗Impfung unter den Perſeru einzufuͤhren, und zwar Anfangs mit guͤnſtigem Erfolge. Plötzlich aber verhinderte es die Regierung. Denn da fruͤher die Weiber die Kinder zum Impfen gebracht hatten, ſo ſollten jetzt die Vater die Kinder zu den Aerzten brin⸗ gen. Dadurch wurde die Impfluſt ſehr bald gedaͤmpft; denn wir bemerkten, daß die Männer nicht halb ſo fuͤr ihre Kinder beſorgt waren, als die Frauen. Trotz der Verwuͤſtungen, welche die Blattern bei den Per⸗ ſern anrichten, ſind ſie doch fuͤr ihr aͤrztliches Verfah⸗ ren ſo eingenommen, daß ſie lieber darin beharren, als ihren Kindern durch eine neue Behandlungsart we⸗ nigſtens mogliche Rettung goͤnnten. Waͤhrend des Winters unterhielt ſich der Geſandte auf eine vertrauliche Weiſe mit dem Koͤnige uͤber ver⸗ ſchiedene Gegenſtaͤnde. Unter andern fragte der Koͤnig, auf welche Art er die Einkuͤnfte ſeines Landes ver⸗ mehren koͤnnte? Der Geſandte legte es demſelben durch Errichtung einer Brief⸗Poſt ſo deutlich auseinander⸗ daß der Koͤnig leicht von der Nuͤtzlichkeit dieſer Einrich⸗ tung uͤberzeugt wurde. Ein anderes Mal fragte der Koͤnig, was aus dem Pabſte geworden ſey, und um die Urſache, warum die Englaͤnder von ihm abgefallen ſeyen? Der Geſandte erklaͤrte Sr. Majeſtät die Ge⸗ ſchichte Heinrichs VIII. Ach, ſagte der Koͤnig, dieſer muß ein herrlicher Mann geweſen ſeyn! der chat ja gerade, was ich auch gethan hätte! Koͤnig einen Palaſt mit einer Feſtung und einer Stadt 192 Die Geſchenke fuͤr den Koͤnig, welche aus mehre⸗ ren Wagen, Spiegeln, einem großen Pianoforte, ei⸗ nem großen Mahagoni⸗Speiſetiſch, und vielem an⸗ derm ſchweren Geraͤth beſtanden, wurden in Ermang⸗ lung eines Raͤder-Fuhrwerks bei den Perſern ſehr be⸗ ſchaͤdigt. Jedoch wurde ein Wagen fuͤr den Koͤnig noch ganz brauchbar gemacht. Seine Majeſtaͤt bewun⸗ derte die Erfindung, ließ die Schuhe vor dem Schlage und ſetzte ſich mit vieler Freude auf das Sammet⸗ Kiſſen. Der ehemalige Geſandte Mirza⸗Abul⸗ Haſſan-Khan und andere Perſonen vom Range in Hoftracht ſpannten ſich vor, und zogen Se. Maſeſtaͤt ruͤck- und vorwaͤrts uͤber 1/2 Stunde lang. Der Koͤ⸗ nig bemerkte auch, daßzwei darin ſitzen konnten, indem er als Platz fuͤr den zweiten auf den Boden zeigte. Nachdem er ſein Kaliuhn darin geraucht hatte, ſtieg er aus, dankte dem Geſandten ſehr hoͤflich fuͤr ein ſo prachtvolles Geſchenk, und befahldem Amihn⸗ ad⸗Daulahs große Pferde dazu zu kaufen. In der Folge aber, wie wir erfuhren, wurde der Wagen in die Niederlage des Koͤnigs gebracht und eingemauert. XIII. Da es fuͤr uns wichtig war, daß der Ge⸗ ſandte mit dem koͤniglichen Prinzen eine perſoͤnliche Zuſammenkunft hatte, ſo nahmen wir im Fruͤhlinge 1842 unſere Zelte wieder auf, und ien Ende Mays nach Tabriz. Am noͤrdlichen Ufer des Flußes K n baute der umgeben, welche Julimanieh heißen ſoll. Wie alle Aſiaten haben guch die Perſer keine Erſindung, ſondern bauen ihre Staͤdte nach Einem Plane. In der Wuͤſte vor Caswin machten wir in der Morgen⸗Daͤmme⸗ rung auf 2 wilde Eſel(Gurkhur) Jagd. Die Perſer eſſen das Fleiſch deſſelben, und finden es beſſer, als jenes der Antilope. Nachdem wir Caswin durchreist hatten, wurden wir, ehe unſer Lagerplatz in Delſchan erteicht wur⸗ de, durch einen ſechsſpaͤnnigen Wagen uͤberraſcht, welchen der koͤnigliche Prinz, als Beweis ſeiner Auf⸗ merkſamkeit zur Bequemlichkeit des Geſandten entge⸗ gen geſchickt hatte. Perſiſche Artilleriſten lenkten den⸗ ſelben, und behandelten ihn wie eine Kanone. Die Kaiſerin Katharina hatte ihn dem Armeniſchen Patriarchen, und dieſer dem Prinzen verehrt. Eine andere Ueberraſchung erwartete uns noch; naͤmlich ein Haufen perſiſch berittener Artillerie, wie Europaͤer gekleidet, mit geſchornem Kinn, engliſchen Waffen und Gezeug, geſtiefelt und geſpornt, mit langen Steigbgeln, kam von einem Englaͤnder angefuͤhrt zur Begruͤßung des Geſandten. Bei unſerm Einzuge in Tabrit ward dem Ge⸗ ſandten von Seite des Prinzen alle nur moͤgliche Ehre erwieſen. Auch europaͤiſche Ehrenbezeugungen wechſelten mit perſiſchen. Als wir der Stadt nahten, beſetzten eingelernte Schaaren die Straße in einer bedeutenden Weite, und praͤſentirten bei unſerm Vor⸗ 194 * überzug das Gewehr. Trommler und Pfeifer zögen uns voran, und ſpielten Taͤnze und andere Stuͤcke. Zwanzig Kanonen wurden dem Geſandten zum Gruße gelost, als er das zur Wohnung beſtimmte Haus er⸗ reichte, und zwar auf eine Art, welche jedem Zeug⸗ meiſter Ehre macht. XIV. Eine der denkwuͤrdigſten Begebenheiten in der neuern Geſchichte Perſiens iſt die Einführung europaͤiſcher Kriegskunſt bei den perſiſchen Heeren. Obwohl ſich viele Prinzen widerſetzten, und viele Adeliche die ſelbe verlachten, ſo gelang es doch Abbas Mirzas perſoͤnlicher Verwendung ſeinen Plan durchzu⸗ fuͤhren. Engliſche und franzoͤſiſche Offiziere uͤbten die Soldaten ein, fanden aber verſchiedene Hinderniſſe und Schwierigkeiten zu uͤberwinden. Abbas, ein perſoͤnlich tapferer Mann, iſt in ſei⸗ ner Unterhaltung hoͤchſt naiv und heiter, und unter⸗ ſcheidet ſich in ſeiner Tracht kaum von Andern. Ge⸗ gen Europaͤer iſt er hoͤchſt artig, und beurkundet im Geſpraͤche ſeine Wißbegierde. Er liest die vaterlaͤn⸗ diſchen Geſchichtſchreiber, und ſchaffte ſich eine Menge engliſcher Buͤcher aan, um ſich uͤber die europaͤiſchen Staaten zu belehren. Auch hatte er eine Landkarten⸗ Sammlung aus der Druckerei von Konſtantinv⸗ pel, welche er ſo ſtudiert hat, daß er der beſte Erd⸗ Kundige ſeines Landes iſt. Bei unſerer Ankunft in Tabriz fanden wir ei⸗ nen rtzſiſchen Offizier, welchen der ruſſiſche Oberbe⸗ 2 195 fehlshaber in Georgien, General v. Rtiſcheff an, Sire Gore Duſely mit Briefen geſchickt hatte, welche den Wunſch der ruſſiſchen Regierung enthiel⸗ ten, durch brittiſche Permittlung einen Frieden mit Perſien zu unterhandeln. Auch wurden die Ver⸗ baͤltniße zwiſchen Perſien und der Suͤrkei ſehr mißlich, ſo daß wir unſern ganzen Einfluß in Hon⸗ ſtant inopel und in Perſien aufbieten mußten, um Feindſeligkeiten zu verhuͤten. Nicht lange nach unſerer Ankunft in Tabriz trafen William Cammig und Henry Martyn ein. Martyn war in Schiras zuruͤckgeblieben, und vollendete die Ueberſetzung des neuen Teſtamentes in das Perſiſche. Auf ſeiner Reiſe nach Konſtan⸗ tinopel ſtarb er zu Toeat. Er ſchrieb auch gegen die unzulaͤnglichkeit des perſiſchen Glaubens, und ſtellte ſolche Beweiſe auf, daß kein Perſer im ganzen Lande ſe zu widerlegen vermochte. Als einer unſerer Diener zu ſpaͤt an das Thor von Tabriz kam,(denn es wird verſchloßen) wollte er in das Haus des Statthalters, um die Schluͤßel zu holen. Er ging hinein, und ſtand ploͤtzlich, ohne es zu wiſſen, in dem Harem, mitten unter einer Menge von Frauen, welche bei ſeinem Anblicke laut aufſchrien, und ſich zu verbergen ſuchten. Auf einmal griff ihn ein Mann mit vielen Weibern an. Da er ſich ſo bedraͤngt ſah, brachte er erterem einen Schlag in das Geſicht bei; dieſer war der Statthalter ſelbſ! X 196 5 Die erhobene Klage ward dadurch beſeitigt, daß der Unteroffizier aus Unwiſſenheit gefehlt hatte. Zu Tabriz wohnte der Geſandte in einem vom Prinzen ihm angewieſenen Hauſe. Die Herren vom Gefolge und ſaͤmmtliche Pffiziere im perſiſchen Dienſte 3 hatten ihre beſonderen Haͤuſer. Die Eigenthuͤmer dieſer Haͤuſer wurden auf Befehl vertrieben, ohne einen Erſatz fuͤr dieſe Beraubung zu erhalten. Nach unſerm Abzuge bekamen ſie dieſelben wieder. Der Laͤrm in den augraͤnzenden Haͤuſern bezeichnete ganz das perſiſche Leben. Ein alter mürriſcher Perſer zankte taͤglich mit ſeinen Weibern. Das klaͤgliche Weſen einer derſelben ſetzte ihn jedes Mal ſo in Wuth, daß Schlaͤge gewoͤhnlich das Ende vom Liede waren. Fer⸗ ner waren an der Garten-Mauer, kaum 20 Yards von dem Platze, wo ich gewoͤhnlich ſaß, 6— 6 Frauen, Weiber und Sklavinnen eines Muſelmannes, welche entweder in Thraͤnen ſchmolzen, oder auch in die un⸗ anſtaͤndigſte und widerwaͤrtigſte Luſtigkeit geriethen. Zuweilen ſangen ſie uͤberlaut in Begleitung einer Handpauke, dann zankten ſie unter einander, zuweilen in ungewoͤhnlich unzarten Ausdruͤcken. Zufaͤllig ſah ich einmal in ihren Hof und erblickte 3 mit Kindern umgebene Frauen, auf bloſſen Steinen ſitzend und Kaleuhn rauchend. Sie hatten ein großes ſchwarzſeidenes Tuch um den Kopf; ihr Hemd ging bis an die Huͤften; ihre Pluderhoſen waren weit und ihre gruͤnen Pantoffeln hatten hohe Abſaͤtze. Dieß 197 mag wohl die Tracht aller Perſerinnen im Harem bei heibem Wetter ſeyn. Jedes Land, ſede Stadt hat feinen eigenen Laͤrm. In vielfachen Doͤnen rufen mit Tagesanbruche die Mueſſins das Volk zum Gebete; damit miſchen ſich die Toͤne der Kuͤhhoͤrner von dem Hummums⸗Haltern geblaſen, um die Weiber zum Bade zu laden. Dieſe Hoͤrner erregen ein furchtba⸗ res Geheul aller Hunde in der Stadt. Gewoͤhnlich laſſen ſich auch um dieſe Zeit die Eſel in der Stadt hoͤrenz dann ſchreſen wieder tauſend Haͤhne dazwiſchen, welches nebſt dem beigaͤngigen Laͤrme von einander zurufenden, an die Thuͤre klopfenden Perſonen, ſchreienden Kindern ein Geraͤuſch macht, welches europaͤiſchen Bhren ganz ungewoͤhnlich iſt. Im Sommer werden faſt alle Ver⸗ richtungen im Freien vorgenommen. Nachts ſchlaͤft man auf den Terraſſen, wo der Himmel die Decke bildet. Da die Armen keinen Schirm hatten, um ſich den Augen der Voruͤbergehenden zu entziehen, und da wir gewoͤhnlich fruͤh ausritten, ſo ſahen wir oben auf den Haͤuſern Leute noch im Bett odereben aufſtehend. Die Frauen ſchienen immer am fruͤheſten auf zu ſeyn, waͤhrend die Maͤnner haͤufig noch lagen, wenn die Sonne ſchon lange herauf war. XV. Durch Staats⸗Briefe meldete der Statthal⸗ ter von Georgien, daß er zu Friedens-Unterhand⸗ lungen auf die Grenzen kommen wolle. Sofort ver⸗ ließ er die Stadt, und reiste am 7. September mit dem Kronprinzen ab, welcher zu Ak Tappeh den Ge⸗ „ 198 neral erwartete. Den 17. langten wir daſelbſt as⸗ Das Lager des Prinzen war unter Pberaufſicht von Englaͤndern geſchlagen worden, und hatte eine den Perſern fremde Regelmaͤßigkeit. Die Geſandtſchaft lagerte etwa 1/2 Meile im Ruͤcken des Lagers des Prinzen. In der Naͤhe, nach der Straße hin, ſahen wir die Grabſtaͤtte eines perſiſchen Heiligen von ſehr rohen Mauern umgeben. Dicht daran war ein kleiner Buſch mit einer Menge Lumpen und Kleidungs⸗ peberbleibſeln behaͤngt. Die Perſer glauben, daß dieſe Stuͤcke durch die Naͤhe des Heiligen eine beſondere Kraft gegen Krankheit erhielten. Die Perſer haͤngen immer andere Stuͤcke hin, und gebrauchen ſie als Talismane. 6 Wir unterhielten uns mit dem Prinzen, und ver⸗ gnuͤgten uns meiſtens mit der Jagd⸗ Am 22. September kam ein ruſſiſcher General in das Lager des Prinzen, um das Zeremoniel zur Zuſammenkunft des Prinzen und des ruſſiſchen Feld⸗ marſchalls zu verabreden. Da der ruſſiſche General ſich weigerte, vor dem Prinzen anders als in ſeiner Tracht zu erſcheinen, und ſich mit Stiefeln auf des Prinzen Teppich ſetzte, ſo entbrannte der Prinz dar⸗ über ſo, daß der Zeremonienmeiſter beinahe zu Tode baſtonirt wurde; denn Schuhe nicht auszuziehen, hal⸗ ten die Perſer für die unwürdigſte Behandlung, welche ihnen wiederfahren kann. Da die Zuſammenkunft des Prinzen und des 199 Feldmarſchalls auf diplomatiſche Weiſe nicht Statt finden konnte, ſo ſchlugen die Ruſſen vor, beide Theile ſollten Bevollmaͤchtigte nach Aslandohs an den ufern des Araxes ſenden. Dieſes gingen die Perſer ein, und ernannten auf ihrer Seite Mirza Abul Coſſim, den Weſſir des Prinzen dazu. Ich ward in das ruſſiſche Lager zur Zuſammenkunft mit dem Feldmarſchalle beſtimmt. Zu Begleitern erhielt ich den Schatzmeiſter der Gefandtſchaft, einen Armenier aus Tiflis, 10 Gemeine von der Artillerie zu Pfer⸗ de, und 10 Mann von des Prinzen Reiterei. XVI. Zu Aslandoh's fanden wir ſtatt eines Dorfes eine Menge von Huͤtten aus Schilf und Mat⸗ ten, welche einige elende ausgewanderte Ihlaten inne hatten. Ein kegelartiger Huͤgel iſt von den Per⸗ ſern rings mit Pfahlwerk befeſtigt, und wird dem Tamerlan zugeſchrieben. Die meiſten von unſete Geſellſchaft blieben in Aslandoh's zuruͤck. Wir ſetzten uͤber den Araxes, und befanden uns in der Landſchaft Karabagh, und waren folglich auf ruſſiſchem Gebiete. Wir ſahen keinen einzigen Bewohner, keinen einzigen bewohnten Fleck, bis wir die ruſtiſchen Schildwachen auf der Spitze eines ent⸗ legenen Huͤgels gewahrten. Endlich erreichten wir das hoͤchſt maleriſch gelegene Lager, von gruͤnen Huͤ⸗ geln umgeben, dicht am Fuße zwei merkwuͤrdiger Stein⸗ waͤlle, angeblich von Tamerlan, welcher um der Nachwelt einen Beweis ſeines ungeheuren Heetes zu. 200 hinterlaſſen, jeden Soldaten ſeines Pferdes Futterſack mit Erde fuͤllen und auf einen Fleck zuſammen ſchut⸗ ten ließ. Im Lager wurde ich den vornehmſten Generalen vorgeſtellt, und zum Mahle eingeladen. Tiſchtuch, Teller, Meſſer und Gabel, Glaͤſer und Wein ausge⸗ nommen, ſtand nichts als ein kupferner Napf mit Suppe, welchen der General eigenhaͤndig, ſo gutes ging, in der Reihe herum gehen ließ. Am Tiſche ſaß eine zahlreiche Geſellſchaft von Pffizieren, jeder ſtreng nach ſeinem Range. Nach der Suppe wurden in einer Folgereihe gedeihliche Gerichte herumgegeben, aber haͤuſig durch Geſundheiten des Generals unterbrochen, welche er, um geſellige Freude zu verbreiten, ausbrachte. Am folgenden Morgen wurde ich von kriegeriſcher Muſik aufgeweckt, und hatte nach dem Fruͤhſtuͤcke eine Unterredung mit dem General, welche ſehr geheim vor ſich ging. Nach dem Liſche ſreifte ich im Lager umher, und kam an einen hohen Strauch, hinter wel⸗ chem 2 ruſſiſche Soldaten, wiewohl es ſtark regnete, ohne Roͤcke und Muͤtzen auf dem naßen Graſe ſaßen und, wie ihre Vorgeſetzten, Karte ſpielten. Bei unſerer Abreiſe beſtand unſere Reiſegeſell⸗ ſchaft außer Ruſſen und Engläͤndern noch in Donſchen und Tereckſchen Koſaken, Kirkaſſiern, Georgiern, Ar⸗ meniern, Perſern und Kalmuͤckſchen Tataren⸗ Die unterhandlung zerſchlug ſich, weil die Anforderungen auf beiden Seiten zu weit auseinander waren⸗ als daß 201 in der gegenwaͤrtigen Lage der Dinge Friede zu hof⸗ fen war. Nach einer gegebenen Zahl von Tagen ſoll⸗ ten die Feindſeligkeiten wieder beginnen. Als ich am 41. Bktober in das Lager des Prinzen zuruͤckkehrte, war die Hitze der Sonne ſtellenweiſe ſo groß, daß ſie mir auf den entbloͤßten Theilen der Haut Blaſen zog, und einen Gallenguß erregte, wel⸗ cher den Grund zu einer ſchweren Krankheit legte. Drei Tage nach meiner Ruͤckkehr brach der Geſandte auf, und trat ſeine Ruͤckreiſe nach Deheran uͤber Ardebil an. Ardebil hat jetzt 700 Haͤuſer und etwa a0oo Einwohner; Mauern mit 3 Thuͤrmen in unregelmaͤßigen Zwiſchenraͤumen von einander entfernt, s Thore, deren eines nach der viereckigen Feſtung fuͤhrt. In dem Fluſſe Balukſchai fingen wir Heuerlinge und Gruͤndlinge, welche in den meiſten Fluͤſſen Per⸗ ſiens ſind. Das Merkwuͤrdigſte in Ardebil iſt das Grabmal des Scheik Seffi, des Stammvaters der Seffiſchen Familie, nebſt jenem ſeiner Soͤhne. Von den Grabmaͤlern fuͤhrte man uns in einen ſehr ſchoͤn geſchmuͤckten Saal, wo wir auch eine Samm⸗ lung perſiſcher Handſchriften ſahen. Unter andern Merkwuͤrdigkeiten bemerkten wir einen ſechshundert⸗ jaͤhrigen Koran von dickem Kataiſchen Seiden⸗Papier, ſo groß und ſo ſchwer, daß kaum zwei Maͤnner ihn heben konnten; und ein Buch mit kufiſcher Schrift, etliche Kapitel aus dem Koran enthaltend, angeblich von Ali ſieben Jahre nach der Hedſchra geſchrieben. 63. Vd. Perßten. III. 2. 6 202 Von Ardebil reisten wir uͤber Kure him nach Sangarah. Auf unſerer Straße nach Iris ſahen wir zuerſt ſuͤdwaͤrts das Gebirg Akdag(das weiße Gebirg genannt, von dem beſtaͤndigen Schnee). An⸗ fangs ſah es wie der Kegel von Demamend, wenn man es von Teheran betrachtet; von Iris aber betrachtet, iſt es ausgedehnter, und liegt von dieſem Dorfe S. 40 D. Dieſen ſo merkwuͤrdigen Bers habe ich wenigſtens noch auf keiner Karte geſehen. Nach einer neununddreißig Tage dauernden Reiſe von Ak⸗ tappeh langten wir zu Deheran an, bevor wir aber dasſelbe erreichten, erhielten wir die Nachricht von der voͤlligen Niederlage des perſiſchen Heeres durch die Ruſſen bei Aslandohs am s1. Dktober. XvII. Da die noch nicht ausgeglichenen Ange⸗ legenheiten Rußlands und Perſiens einen feſien Aufenthaltsort des Geſandten noͤthig machten, um beguemer mit dem perſiſchen Hofe verkehren zu kon⸗ nen, ſo ward beſchloſſen, dab er den Sommer in Ha⸗ madan zubräͤchte. Die Lage der Stadt Hamadan„am Fuße des Alwend⸗Gebirges, gleicht jener von Bruſa, am Abhange des aſiatiſchen Olympos. Hamadan⸗ wahrſcheinlich ehemals eine ungeheuere Stadt, itt jetzt ein verworrener und truͤbſeliger Truͤmmer⸗Haufe. Ein Strom macht Hamadau zu einem der beſtens bewaͤſſerten Plaͤtze Perſiens. Die Wohnplaͤtze ſind 203 mit Baͤumen durchſchnitten, durch welche viele Man⸗ nigfaltigkeit entſteht. Unſer Lager war auf dem gruͤnen freien Platz Chahar Bag(Saum der Stadt) aufgeſchlagen. Eine ungeheuere Volksmenge umſchwaͤrmte unſer La⸗ ger, und gaffte uns als Ungethuͤme einer unbekannten Art an. Hier erinnere ich mich noch, als ich mit einigen Englaͤndern die Straßen von Deheran durch⸗ ritt, daß ein Perſer uns mit dem groͤßten Erſtaunen anſah, und ſeinen Nachbar fragte: ſind das Chi⸗ neſen. Zu Hamadan zeigte man uns auch die angeb⸗ lichen Graͤber der Eſther und des Mardochaͤus. Das Gebaͤude iſt aus Backteinen, und beſteht aus zwei Gemaͤchern, deren eines bloß Vorgemach des an⸗ dern iſt, und mit der uͤbrigen Bauart verglichen, neue Arbeit ſcheint. Ein Rabbi geſtand uns, daß ſchwer zu beſtimmen ſeyn moͤchte, wo die wirklichen Ueberbleibſel befindlich ſeyen. Die Muhamedaner ſchte⸗ nen unwillig, daß wir uns fuͤr eine ſo verachtete Nation intereſſiren konnten. Nach DAnville und Rennel liegt Hama⸗ dan auf der Stelle des alten Ebbatana. Der Berg Alwend iſt der Hrontes der alten Geographie. Dies fanden wir auch beſtätigt durch Beobachtungen, wie wir ſie an Ort und Stelle machen konnten. Die von anderen perſiſchen Staͤdten ſo ganz verſchiedene Lage Hamadans wuͤrde allein ſchon genuͤgen, den 204 Anſpruch auf einen weit hinaufgehenden Urſprung zu begruͤnden, wenn man die Neigung der Alten erwägt, ihre Staͤdte auf Hoͤhen anzulegen. Ispahan, Schi⸗ ras, Teheran, Tabriz, Khoi liegen alle in Ebe⸗ nen. Hamadan aber nimmt eine hoͤchſt verſchiedene Pberflaͤche ein, und kann, wie Rom und Konſtan⸗ tinopel, die Huͤgel aufzaͤhlen, auf welchen es ſich ausbreitet. Auch ſtimmt mit der Dertlichkeit von Sk⸗ batang uͤberein, was Polybius und Herodot ſagen. Etwa Meilen vor unſerm Lagerplatz ſind an einem ſteilen Abhange des Alwend auf der Dber⸗ flaͤche eines Felſen zwei Tafeln mit Inſchriften in perſepolitaniſcher Pfeilſchrift. Auch entdeckten wir bei Erforſchung des noͤrdlichen Saumes der Stadt ein anderes alterthuͤmliches Denkmal. Arſaviſche und Saß⸗ ſaniſche Muͤnzen findet man in Menge, und andere Gegenſtaͤnde des Alterthums. Das Klima von Ha⸗ madan iſt ſeiner Kuͤhle wegen im Sommer noch eben ſo beruͤhmt, als zu den Zeiten der altperſiſchen Koͤnige Ekbatang. XVIII. Zu Sabriz trafen wir den afrikaniſchen Reiſenden Brown. Sein Plan war, nach der Ta⸗ tarei zu gehen, Balkh und Sarmakand zu ſehen⸗ und dann nach Indien zu reiſen. Da ſein Meh⸗ mandar zu lange ausblieb, ſo wurde er unwillig, und reiste ohne denſelben ab. Er war aber kaum eine Woche fort, ſo erfuhren wir ſeinen Tod. Denn kaum * 205 uͤber den Fluß Kiſſil Oſſan geſetzt, wurde er von 10 perſiſchen Reitern angefallen. Seine Flinte, Piſto⸗ len, Kleider, Buͤcherkiſte, aſtronomiſche Inſtrumente ließen ſie liegen; ſie wurden uns von ſeinen Dienern zuruͤckgebracht; ihm aber nahmen ſie 200 Tomahns im Golde. Alle Nachſpuͤrungen von Seite des Geſandten waren vergeblich. Alles, was man fand, waren Ueber⸗ bleibſel von Kleidern in der Naͤhe des Kiſſil Dfſan, woraus wir dann ſchloßen, daß der Mord an ſeinen ufern veruͤbt, und der Koͤrper in den Fluß geworfen worden ſey. Waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Tabriz hatte er die Laͤnge dieſer Stadt zu beſtimmen geſucht, und ſie auf 470 47 46˙ ößlich von Greenwich an⸗ gegeben. Bei einer Zuſammenkunft des ruſſiſchen Geſand⸗ ten mit dem Perſer⸗Koͤnige, lag eine Schwierigkeit in der genau berechneten Naͤhe des Geſandten zum Kö⸗ nige, auf welche er dabei Anſpruch machte. Dieſe Schwierigkeit wurde ſo beſeitigt, daß Se. Majeſtät ſich entſchloſſen, ſich auf das Schah⸗miſchihn zu ſetzen, waͤhrend unſer Geſandte und der Ruſſe unten in der Stube ſtehen ſollten. Das Schah⸗miſchih n iſt eine Art Brett, ſeitwaͤrts, mitten in der Stuben⸗ tiefe, welches bloß bei beſonderen Anlaͤſſen gebraucht wird. Dahin begab ſich der Koͤnig, und als wir den Ruſſen einfuͤhrten, konnten wir eben den Kopf und die Schultern Sr. Maieſtaͤt ſehen, welche uͤber den Rand 206 des Schah⸗miſchihn hervorragten. Der Koͤnig ſprach ſehr hoͤflich mit dem Ruſſen. XIX. Wir kehrten ſofort nach Tabriz zuruͤck, wo wir bis zum 24. Dktober verweilten, in Hoffnung, von Unterzeichnung des Vertrages zu hoͤren. Da je⸗ doch verſchiedene Schwierigkeiten der Beendigung ſich entgegenſtellten, ſo reisten wir uͤber Maragha nach Deheran. Auf unſerer Reiſe von Tabriz nach Teheran kamen wir auch nach Schiramihn, einem Dorfe am See. Eine Paraſange weit rechts der Straße iſt eine Stahlquelle, und zwei Paraſangen wendeten wir uns, nach Entdeckung der Breite des Sees, von der Straße ab, um die Verſteinerung zu beſehen. Dieſe Natur⸗Merkwuͤrdigkeit beſteht aus einigen, dicht neben einander liegenden Teichen, deren traͤge Waſſer in einem langſamen und regelmaͤßigen Bildungs⸗ verlauf ſtocken, erſtarren und verſteinern und ſo jenen durchſichtigen Stein hervorbringen, welcher gewoͤhn⸗ lich Marmor von Tabriz heißt, und der an allen ausgezeichneten Gebaͤuden der Gegend eine Hauptzierde iſt. Dieſe Teiche ſind innerhalb einer halben Meile Umfanges enthalten, und ihre Lage iſt mit Steinhau⸗ fen und Huͤgeln bezeichnet, welche mit den zuneh⸗ menden Ausgrabungen ſich vermehrt haben. Hier bedauerten wir unſete Unkunde in dieſem Felde, dieſe Erſcheinung wiſſenſchaftlich exoͤrtern zu koͤnnen. Je⸗ doch wollen wir uͤber dirſe Stelle, welche vielleicht 207 außer uns noch kein Europaͤer unterſucht hat, einige Bemerkungen beifuͤgen. Naht man der Stelle, ſo klingt der Boden hohl, ſieht oͤde und verkalkt aus, und kommt man darauf⸗ ſo weht ein ſtarker mineraliſcher Geruch den Beſuchen⸗ den an. Man kann den Verſteinerungs⸗Prozeß vom Anfange bis zum Ende verfolgen. An einer Stelle iſt das Waſſer klar; an einer andern ſieht es dicker und ſtockend aus; an einer dritten ganz ſchwarz, und an der letzten weiß, wie Rauch⸗Froſt. In der That bat ein verſteinerter Teich das Anſehen von gefrornem Waſſer, und von Vollendung des Prozeſſes bricht ein darauf geworfener Stein die aͤußere Decke, und das ſchwarze Waſſer unter derſelben dampft hervor. Nach der Vollendung des Prozeſſes wirkt ein Stein nicht mehr, und man kann daruͤber gehen, ohne einen Schuh naß zu machen. Hauet man in die Verſteinerung, ſo ſieht man den merkwurdigen Geſtehungs⸗Proieß klar; er ſieht aus, wie auf einander geſchichtete Bo⸗ gen groben Papieres. Das Streben des Waſſers⸗ Stein zu werden, iſt ſo groß, daß, wo es vom Grunde herauf in Blaſen aufſteigt, die Verſteinerung die Form von kleinen Kugeln annimmt. Dieſe Steinblaſen, durch welche das Waſſer abgelaufen iſt, fuͤhren haͤufig Erdtheilchen mit ſich. Der ſo hervor gebrachte Stoff brockelt ſich leicht⸗ iſt durchſichtig, und zuweilen reich gruͤn, roth und kupferfarbig geadert. Er laͤßt ſich in ungeheuere Plat⸗ 203 ten ſchneiden, und nimmt einen ſchoͤnen Glanz an. Auſſer Pinſen bemerkten wir keine in dem Waſſer wachſenden Pflanzen. Die kuͤrzeſte und beſte Beſchrei⸗ bung dieſer Leiche iſt jene des Kurtius vom aſea⸗ niſchen See: aqua sponte concrescens(ein von ſelbſt verdichtendes Waſſer). Nur der Koͤnig und dazu be⸗ vorrechtete Perſonen duͤrfen den Stein ausgraben laſ⸗ ſen, ſo ſehr wird er als Lurus⸗Artikel angeſehen. Von unſerm Lager zu Schiramihn hatten wir eine weite Ausſicht auf den See, welchen gegen Nord Gebirge begraͤnzen. Die Stadt Salmao und der fruchtbare Bezirk Schebeſter liegen ſehr nahe. Die Tabrizer Ebene, die Salzwuͤſte mit den Bergen und Chäaͤlern von Uz⸗koh, ſchließen ihn gegen Oſt ein, eine Reihe hoher Schneegebirge von Kurdiſchan gurtet ihn weſtlich, und nach Suͤd ſchließt ihn Ma⸗ ragha, ſein Flachland und die ausgedehnten Wei⸗ den. Er hat den Namen Deria Schahi,(Eoͤnig⸗ licher See) wegen der ſich in ihn hineinſtreckenden gleichnamigen Halbinſel, und ſoll 12 Paraſangen im Umfange haben. Von 2 nahe gelegenen Staͤdten fuͤhrt er auch den Namen: Derta Maragha und De⸗ ria Drumieh; er heißt haͤufig auch Deriacheh (der kleine See). Was am kaſpiſchen, todten, und andern Meeren ſich zeigt, iſt auch hier bemerkbar. Bbwohl er 4 ver⸗ ſchiedene Fluͤſſe aufnimmt, ſo ſieht man doch kein merkliches Wachsthum desſelben. Wabrſcheinlich iſ — 209 die Verduͤnſtung groͤßer, als der Zufluß der Stroͤme. In den letzten 2 oder 3 Jahren iſt er mit dem Feſt⸗ lande durch einen Sumpf verbunden worden, welcher offenbar ein Eingriff in den See iſt. Brown fand, daß er mehr Salz, als der See enthielt, welchen Sandy den todten nennt. Fiſche ſollen ſogleich in demſelben abſtehen. Er verſorgt die Nachbargegend mit ſchoͤn durchſichtigem Salze, obwohl die Einwohner das Steinſalz in der Naͤhe vorziehen. An der Kuͤſte bei Schiramihn ſahen wir Schwaͤne auf dem See. Er euthaͤlt 4 kleine, unfruchtbare, ihrer weisen Klippen wegen bemerkbare Inſeln von verſchiedener Hoͤhe, die Halbinſel Schahi abgerechnet. Sie ſind der Aufenthaltsort giftiger Schlangen und von ande⸗ rem Gewurm; bloß durch ihr Brennholz liefern ſie eintgen Nutzen. Schahi ſoll bewohnt ſeyn, und 22 Doͤrfer enthalten, deren Bewohner die Blattern nicht kennen. Trotz dieſes Segens verabſcheuen die Perſer dieſen Drt, wie die Roͤmer Gyarus. Maragha hat kein einziges der Aufmerkſamkeit eines Reiſenden wuͤrdiges Gebaͤude; die Perſer halten ſie nach Balkh und Sultanieh fuͤr eine der aͤlte⸗ ſten Staͤdte. Ungefaͤhr eine Paraſange davon, in den Gebirgen S. 440 W. entſpringen mehr oder min⸗ der kraͤftig mehrere merkwuͤrdige Mineralguellen aus der Erde, dicht an den Graͤnzen eines Fluſſes bei dem oͤden Dorfe Chai bagh(Flußgarten). Am 23. November trafen wir in Deberan ein, 21⁰ ohne im geringſten ſeit unſeres Abganges von Tabris ſchlechtes Wetter gehabt zu haben. XX. Zum Abſchluſſe eines endlichen Vertrages mußte nothwendig eine Geſandtſchaft an den Kaiſer von Rußland gehen. Mirza Abul Haſſan Khan wurde zum außerordentlichen Geſandten er⸗ nannt; er erhielt eine Menge Diener in glaͤnzender Tracht und allerlei reiches Geraͤth, und allenthalben wurden Geſchenke für den Kaiſer aufgetrieben. Ara⸗ viſche Pferde, Abyſſiniſche Sklaven, Perlen aus Bahrein, Schawls aus Kaſchmir, Gold⸗ und Silberzeuge aus Is pahan, waren die Hauptgegen⸗ ſtaͤnde. Dazu kamen noch zwei von des Koͤnigs Ele⸗ phanten, welche er zum Geſchenke von Jerat be⸗ kommen hatte. Der engliſche Geſandte wurde vom Koͤnige erſucht, ber Rußland nach England zuruͤck zu gehen, um ſein Anliegen daſelbſt zu fordern. Da beſchloſſen worden war, daß unſere Angelegenheiten an den ruſ⸗ ſiſchen Graͤnzen und auf perſiſchem Gebiet mir uͤber⸗ tragen wuͤrden, ſo begleitete ich Se. Exzellenz dahin, und wir trafen am 18. Mai 814 in Tabriz ein. Nach Beendigung unſerer Geſchaͤfte reisten wir am zsſten weiter, und kamen uͤber Sofean, Marand⸗ Khoi, Abbaſſabad, Nakdſchuwan nach Eri⸗ wan, welche Stadt keine Mauern, aber eine gute Feſtung hat. Der Verſuch der Ruſſen, ſie vor einigen Jahren zu nehmen, mißlang. In Eriwan brachten 211 wir den Tag unſeres Aufenthaltes in der Geſellſchaft des Serdars zu, welcher dem Geſandten in dem großen offenen Saale ſeines Palaſtes ein Gaſtmahl gab. Seine Unterhaltung war ſehr angenehm, und erertheilte uͤber verſchiedene Fragen gerne Auskunft. Seine An⸗ ſtellung und ſeinen Gehalt hat der Serdar vom Koͤ⸗ nige; außerdem uͤbt er unumſchraͤnkte Gewalt uͤber Leben und Tod ſeiner Unterthanen. Bei Utſch Kliſſeh(Dreikirchen) zog uns der Patriarch an der Spitze eines langen Zuges rother und fetter Moͤnche entgegen. Der Staat des Patriarchen beſtand in 3 Handpferden mit Sammetdecken; 3 Laͤu⸗ fern, einem Fahnentraͤger; einem Moͤnch mit einem von ſilberbeſchlagenen Stabe und einigen bekappten Dienern. Der Patriarch betrug ſich, wie ein Mann von Stande, da er lange Zeit an dem ruſſiſchen Hofe war, und den St. Anna⸗Orden vom Kaiſer erhalten hatte. Unter Geſang, Kerzen⸗Beleuchtung u. dergl. fuͤhrte man uns in die Kirche. Der Geſandte und der Patriarch. Weiber und Kinder, Armenier und Eng⸗ laͤnder, Tuͤrken und Perſer, alles draͤngte einander. Nach einem kurzen Gebete ertheilte uns Patriarch den Segen. XXI. Karakliſſeh hoͤchſt ſitti in einem tiefen Thale gelegen, welches von den Grundlagen 2 hoher bewaldeter Berge gebildet wird, bewaͤſſert der Pambecki⸗Fluß. Es iſt der Hauptort in dem Pam⸗ becker⸗Bezirke; hier haben die Ruſſen eine Macht * * 242 von 2000 Mann. Die Haͤuſer in Karakliſſeh, wie in allen Doͤrfern dieſer Gegend ſind in den Bo⸗ den eingebaut, wodurch ſie gar wild, und wo moͤg⸗ lich noch erbaͤrmlicher ausſehen, als die perſiſchen Lehmhaͤuſer. Hier ſahen wir zum erſten Male in Perfien Schweine in großen Heerden zur Weide gefuͤhrt. Die urſpruͤnglichen Perſer kennen dieſes Thier ſo ganz und gar nicht, daß einer unſerer Diener aus Tabriz aus⸗ rief:„Ei, was man hier zu Lande fuͤr Schafe hat.“ Morier erwartete ſchon lange ſeinen Nachfolger Willock, welcher auch am 17. September ankam. Er hatte die Reiſe in 60 Tagen gemacht. So kebrten wir nach Teheran zuruͤck, des Koͤnigs Ruͤckkehr von ſeinem Landſitze und Anſtalten zu meiner Abreiſe aus Perſien zu treffen. Alle Maͤnner in der Stadt wurden aufgeboten, dem Koͤnige entgegen zu gehen. Der erſte Miniſter fuhrte uns in Perſon an, und ritt als Fuͤhrer durch Straßen und Bazars voran. Wir legten unſere ſchön⸗ ſte Uniform an; die Leibwache in ihrer ſchoͤnen indi⸗ ſchen Tracht machte viel Getoͤſe, und mit den vielen Dienern und Umgebungen, welche zur Geſandtſchaft gehoͤrten, verſtaͤrkten wir das allgemeine laͤrmende Getuͤmmel nicht wenig. Die Ankunft des Koͤntgs war durch Trommler und Trompeter ſeiner Nokara verkündet, welche auf herrlich geſchmuͤckten Kamelen einher ritten. Dann kam eine lange Reibe von Laͤufern, 213 gaͤnzlich abgeſondert und einzeln der Koͤnig; hinter ihm die Prinzen, ſeine Sohne mit ihrem Gefolge, die Höͤf⸗ linge und Großen des Reiches. Das Ganze ſchloß ein ungeheurer Reiter⸗Zug. Als der Koͤnig uns rief, gingen wir eilig vor⸗ waͤrts; denn die perſiſche Sitte erfordert, daß man rennt. Der Koͤnig befahl uns, unſere Pferde zu be⸗ ſteigen, und mir, neben ihm zu reiten. Mirza Scheffi reichte uns zum Beweiſe großer Achtung wei Schalen mit Kandiszucker, von welchem er erſt ſelbſt ein Stuͤck nahm, und unſerer Umgebung anbie⸗ ten ließ. Wir konnten uns kaum des Lachens enthal⸗ ten, zu Pferde große Stuͤcke Zucker in die Hand zu nehmen, waͤhrend mancher Perſer ſeinen Bart fuͤs diefe Auszeichnung gegeben haͤtte. Der Koͤnig hatte einen weißen, engen, mit Gold⸗ flittern geſtickten Rock an. Schwert, Dolch und an⸗ derer Putz war mit ganz koſtbaren Steinen ausgelegt. Das Pferd⸗Gezeug war mit Diamanten u. ſ. w. beſetzt. Zuweilen riefen Se. Majeſtaͤt nach Ihrer Kaliuhn (Waſſerpfeife), aus welcher Sie nicht mehr als einem Zug machten, welcher nachher als langer weißer Rauch⸗ ſtrom herausgelaſſen, beſonders den Bart zu durch⸗ duften beſtimmt war. Lange Reihen wohlgekleideter Maänner machten tiefe Verbeugungen, und rief er einem, ſo rannte er eiligſt herbei, um den Befehl zu erwar⸗ ten. Prieſter ſangen aus vollem Halſe das Kotbeß Ein Gebet zum Preiſe Gottes, Muhameds, ſeiner Ab⸗ 2¹4 kömmlinge und des Koͤnigs). Viele Glasgefaͤße mit Zucker wurden vor ihm zerbrochen, und der Inhalt auf dem Wege verſtreut. Derwiſche riefen ihm Heil zu, Taͤnzer und Ringer machten allerlei Gebehrden. Nichts war auffallender, als das bunte Gewuͤhl um den Koͤnig. Auch die Oberprieſter mit ihrer Geiſtlich⸗ keit erſchienen, und ſangen bei der Annaͤherung des Koͤnigs Pfalmen; nur die Juden uͤbertrafen ſie noch an Eifer, damit ſie mindeſtens nicht unbemerkt blie⸗ ben. Bei den Stadtmauern ſtieg das Gedraͤnge der Reiter und des Volkes auf das Hoͤchſte. In der Mitte dieſes Gewuͤhles ſah der Koͤnig immer auf eine von Schatir Ba ſchi getragene Uhr, damit er ja genal in der von den Sterndeutern vorgeſchriebenen Zeit zu den Thoren einioge. XRIl. Endlich ward der Vertrag mit Rußland und Perſien geſchloſſen. J. Willock brachte dem Konige einen Brief vom Prinzen, und ich die Ge⸗ nehmigung. Ich reichte auch meinen Ruͤck⸗Berufungs⸗ Brief ein; der Koͤnig nahm ihn ſogleich aus meiner Hand, welches ein Zeichen beſonderer Gunſt war⸗ Nach verſchiedenen Fragen von Seite des Koͤnigs an J. Willock wurden wir mit dem gewoͤhnlichen Kopf⸗ nicken entlaſſen. Der 6. Oktober as1s war der Tas meiner Abreiſe. Ich fühlte mich gerade, wie Tournefort auf ſeiner Rückreiſe nach Frankreich. Wiewohl noch im Perien Perſiens, war es mir doch, als ich kaum Tabrit 21⁵ verlaſſen hatte, als ſaͤhe ich ſchon die Kuppel der Paulskirche und die Thuͤrme von London. In Perſien zieht nichts das Herz an;z das Volk iſt falſch, der Boden oͤde, das Klima ungeſund. Abge⸗ ſchnitten von buͤrgerlich gebildeten Lebens⸗Verhaͤltniſ⸗ ſen, ſelten etwas aus unſerem Lande von unſeren Freunden hoͤrend, ohne die Huͤlfsquellen der Geſell⸗ ſchaft, war unſer Leben nicht viel beſſer, als eine Ver⸗ bannung. Meine Betruͤbniß erhoͤhte ſich noch bei dem Gedanken, daß meine zuruͤckbleibenden Gefaͤhrten ein ſo laͤſtiges Leben fuͤhren mußten. Von Tabris reiste Morier uͤber Sriwan, Erzerum u. ſ. w. nach Konſtantinopel, wo er den 17. December as46 ankam. Sir Robert Ker Porter's Reiſen in Georgien, Perſien, Armenien und dem alten Babylonien in den Jahren 1817 bis 1820. — 9 4. Von Begierde, Laͤnder zu beſuchen, welche im Alterthume ſo beruͤhmt waren, ergriff Sir Ro⸗ bert die Gelegenheit, welche ſich ihm im Herbſte 131 darbot, eine Reiſe nach Perſien zu machen⸗ Er ver⸗ ließ Petersburg am 18. Auguſt, und wollte ſich z Odeſſa nach Konſtantinopel einſchiffen, um ſeine Reiſe fortzuſetzen. Allein die Nachricht von den haͤufigen Verwuͤſtungen der Peſt in der Hauptſtadt der Dsmannen brachte ihn zu dem Entſchluſſe, durch Ge⸗ orgien nach Perſien zu reiſen. Pbgleich Odeſſa, ungefaͤhr 4,833 Werſte von Petersburg entfernt, eine der zuletzt angelegten Staͤdte iſt, ſo iſt ſie doch eine der bluͤhendſten des ruſſiſchen 217 Reiches. Im Jahre 1798 erhob ſich die Stadt um die Mauern der muhametaniſchen Feſtung Gadgibei, und gelangte ſeit dieſer Zeit durch den Fleiß ihrer Einwohner zu dem Reichthume und der Wichtigkeit, welche ſie jetzt beſitzt. Odeſſa hat gegenwaͤrtig faſt 30,000 Einwohner, eine vortreffliche Quarantaine⸗An⸗ ſtalt, mehrere ſchoͤne Kirchen, und ein ausgezeichnetes Schauſpiel⸗Haus. Mein Freund, der General Kobly„brachte mich zu dem Dorfe Koblinka, wo ich in einiger Ent⸗ fernung von demſelben einen Gras⸗Brand ſah. Die⸗ ſes ſchreckliche Uebel entſteht gewoͤhnlich durch die Sorgloſigkeit der Ochſen⸗Fuhrleute, welche zu einer Waaren⸗Karavane gehoͤren, auf der freien Ebene uͤbernachten, und am Morgen bei dem Aufbruche das Feuer ofters nicht ausloͤſchen. Bringt der Wind oder ein anderer Zufall die heiße Aſche mit dem hohen und trockenen Graſe der Steppen in Beruͤhrung, ſo ge⸗ raͤth dieſes in Brand, und das Feuer verzehrt alles, ſo weit es reicht, mit einer faſtunbeſchreiblichen Wuth. Das Feuer, welches ich ſah, breitete ſich bald eine Verheerungen fort, und verzehrte Klles im Wege ſtehende Getraide, alle Schober und Huͤtten. 2. Mein naͤchſter Aufenthalt auf dieſem Ruͤckwege, faͤhrt Ker Porter fort, war die Stadt Nikolai⸗ Strecke von 40 Werſten aus, ſetzte ter i ſeine eff, welche vom Fuͤrſten Potem kin angelegt wur⸗ de. Der Ingul, an deraNord⸗Weſt⸗Seite der 63. Bd. Perſien. III“ 2, 2¹18 Stadt vorbeifließend, hat an ſeinem oͤſtlichen Ufer eine zum Baue von Kriegsſchiffen angelegte Werfte. Un⸗ ter andern trefflichen Anſtalten zum Vortheile des Publikums legte zu Niko laieff vor einigen Jahren der Marquis von Traverſy ein Muſeum an, in wel⸗ chem wir eine ſchoͤne Bibliothek, aſtronomiſche und andere wiſſenſchaftliche Werkzeuge, Alterthuͤmer u. ſ. w. fanden. Dieſe Alterthuͤmer grub man auf der Stelle aus, wo die Stadt Dlvio ſtand, welche von den Griechen erbaut worden war, und in einiger Entfernung vom nordweſtlichen ufer des Bug, in der Naͤhe ſeiner Vereinigung mit dem Liman des Dnievper lag. Erdwaͤlle und unebene Stellen ſind gegenwaͤrtig noch die einzigen Denkmaͤler von ihrem Daſeyn. Die Juden ſind unter den Einwohnern Ni⸗ colaieffs die zahlreichſten, und die großen Vermitt⸗ ler des Handels. An den ufern des Bug liegt in einem herrlichen Walde der Pallaſt des Gouverneur⸗ einige Werſte von der Stadt. Eine Quelle ſuͤßen Waſſers auf dem Boden des Statthalters verſieht die Vewohner der Stadt mit Waſſer: denn alles andere Waſſer, ſelbſt jenes in den Fluͤßen der Nachbarſchaft⸗ ſchmeckt ſalzig. 3 Von Nikvlaieff fuͤhrt der Wes zber nicht *) Liman heibt in Rußland jede flache Bucht⸗ welche durch irgend einen Umſtand von der See getrennt worden, die ihre Entſtehung veran⸗ laßt hat. „ 219 unfruchtbare Steppen nach Kherſon. Er enthaͤlt die Ueberreſe des wahrhaft großen Englaͤnders Ho⸗ wards, des Freundes der Gefangenen und Ungluͤck⸗ lichen, welcher ein Opfer ſeiner Menſchen-Liebe ward. Der Admiral Prieſtmann, ein wuͤrdiger Britte in ruſſiſchen Dienſten, ſein vertrauter Freund, errichtete über ſeinem Grabe ein Denkmal. Es beſteht in ei⸗ nem Obelisk von weißlichem Steine, und iſt auf einem ſo hohen Huͤgel errichtet, daß man es mehrere Mei⸗ len weit ſehen kann. Es iſt 6 Werſte von Kherſon entfernt, und bildet einen eben ſo maleriſchen als an⸗ ziehenden Gegenſtand. Die anſehnliche Stadt Kherſon, auf dem rech⸗ ten Ufer des Dnieper, hat gleichfalls ihr Daſeyn dem Fuͤrſten Potemkin zu verdanken, und iſt wegen ihrer Wichtigkeit zu einem See⸗Depot fuͤr die Flotte auf dieſer Seite des Reichs erhoben worden. Einige Werſte von dieſer Stadt fuhren wir auf einer ſehr ſchlechten Faͤhre uͤber den Fluß Inguletz. Als wir an das Ufer kamen, litt mein Wagen Schade. Waͤh⸗ rend er herausgeſchafft wurde, zeigten die Eingebor⸗ nen die uneigennutzigſte Dieuftfertigkeit. Ein charak⸗ teriſtiſcher Zug der ruſſiſchen Nation iſt an allen Drten und zu jeder Zeit zum Beiſtunde ungluͤcklicher Reiſen⸗ der bereit zu ſeyn. a. Von den Ufern des Inguletz fuͤhrte uns der Weg äber die traurige Steppe, wo ich wieder zahl⸗ loſe Huͤgel bemerkte. Einige waren von einer kaum 220 glaublichen Hohe und Breite. Die verſchiedenen Waͤle in dieſer unermeßlichen Region des Todes wei⸗ chen an Größe ſehr von einander ab; wo ſich einer von ungewohnlicher Große zeigt, da iſt er gewohnlich von mehreren kleinen umgeben. Es iſt nicht zu be⸗ zweifeln, daß die groͤßern uͤber den Leichen von Fuͤr⸗ ſten und Helden errichtet ſind; die kleineren hingegen bedecken die Ueberreſte der Perſonen ihres Heeres und Standesgefolges. Nach Herodot ſind dieſe ent⸗ fernten Begraͤbniß⸗Regionen nicht den zufaͤlligen Kriegs⸗umſtänden zuzu ſchreiben. Nach ſeiner Er⸗ klarung ſind ſie regelmaͤhige Beg raͤbnißplätze fur ganze Nationen. Bei dem Orte Bereslaw ſetzten wir auf einer holzernen langen Bruͤcke uͤber den Dnieper, wel⸗ cher hier die Gouvernements Kherſon und Tau⸗ rien von einander ſcheidet. Nachdem wir bei dem Poſten Kowen vorbei waren, zeigte ſich uns ein herrliches Thal, welches viele Werſte lang, reich⸗ lich mit Wald bewachſen, und voll des ſchoͤnſten Grü⸗ nes war. Dieſes koͤſtliche Thal durchfloß der Dnie⸗ per mit zahlreichen Nebenfluͤßen, und bbildete reizen⸗ de Landſchaften, welche ſich bald unſern Blicken ent⸗ zogen. Eine Anhoͤhe fuͤhrte uns in eine Ebene hinab⸗ wo wir uns nur zu bald wieder auf der ewigen und traurigen Steppe befanden. Hier wurden die Naͤchte außerſt kalt. Bei der Stadt Youchokrak geriethen wir in einen Gras⸗Brand. Der eigentliche Wes war —.—— 21 frei vom Brande, weil das Feuer auf demſelben keine Nahrung fand; aber alles umher(die ganze BPberflaͤ⸗ che) war mit einer beweglichen Flammen-Maſſe be⸗ deckt. Die Hoͤhe der Flamme betrug nicht weniger, als 2— 3 Fuß von der Erde; auf den beiden Seiten unſeres Weges war der Rauch ſo hell, daß wir dieſes ſchreckliche Schauſpiel bis in eine endloſe Ferne ſehen konnten. Waͤhrend meiner folgenden Reiſe bemerkte ich viele ſchwarze Striche Landes von s0— 6o Wer⸗ ſten in der Laͤnge, welche ſo verderbliche Feuersbruͤnſte beimgeſucht hatten. 2 s. Die Stadt Mariopol am azowſchen Meere, wo Peter der Grohe ſeine erſten Verſuche zu See gemacht hatte, verraͤth wenige Spuren eines fruͤ⸗ deren Flores. Waͤhrend meines Aufenthaltes in ei⸗ nem benachbarten Dorfe erregten ein Paar ſeltſame, in eine Art von weißen, harten Stein gehauene Fi⸗ guren, meine Aufmerkſamkeit. An den Formen ſah man deutlich, daß ſie Mann und Frau waren. Sie hatten ungeheuer große Koͤpfe, der untere Theil ihrer Geſtalt war verhaͤltnißmaͤßig kurz. An dieſen Figuren ſah man die naͤmlichen Fortſchritte in der Kunſt, als an den Goͤtzenbildern, welche engliſche Seefahrer von den Sandwichs⸗Inſeln mitgebracht haben. Nach der Verſicherung von Leuten auf der Poſt findet man in der Steppe an verſchiedenen Stellen durch Nach⸗ graben haͤufig ſolche Figuren. Als wir die Gegend des Don erreichten, lag die 222 reiche Halbinſel, auf welcher die bluͤhende Stadt Da⸗ ganrock ſteht, vor mir, ſo wie auch die Ebene, wel⸗ che der Don durchlaͤuft. In großen Muͤndungen er⸗ gießt er ſich an ihrem Dſt⸗Ende in das azowſche Meer. Ueber 1000 Werſte durchſtroͤmt er das Land, und fuͤhrt die Huͤlfsmittel und Belohnungen des Ge⸗ werbfleißes mit ſich. An vielen Stellen konnte er jetzt nicht befahren werden, weil erda ſehr ſeicht war. An ſeinen Ufern wächst ſchoͤnes Bauholz in Menge, welches nach St. Demetry und zum Theil nach Ddeſſa und andern Haͤfen am ſchwarzen Meere gebracht wird. 6. Bei meiner Ankunft zu St. Demetry wurde unter den Bauern dieſes Fortes Jahr⸗Markt gehal⸗ ten; die ganze umliegende Gegend war voll Gedraͤnge. In den Zelten und den beweglichen Gruppen herrſchte Heiterkeit und Geſchaͤftigkeit; uͤberall vernahm man Toͤne. Bei dem Anblicke ſo vieler Freude fuhr ich mit keiner geringen Heiterkeit zwiſchen Koſaken, Kalmuͤken, LTuͤrken, Tatarm, Ruſſen u. ſ. w. Alle waren in ihrer vaterlaͤndiſchen Tracht, und kauften jede Art von tragbaren Waaren, welche auf der Erde lag. Ochſen, Pferde und Wagen⸗Raͤder ſchienen den Haupthandel auszumachen. Von der wichtigen Stadt Roſtow, zu welcher der Jahr⸗Markt und genanntes Fort gehoͤrt, reiste ich nach Neu⸗Lſcherkas, der neuen Hauptſtadt des Landes, um den Attaman der Koſaken, den Grafen Platow zu ſehen. Er befand —— — 2²3 ſich gerade auf ſeinem Sommerſitz, welcher ungefaͤhr 3 Meilen von der Stadt entfernt, an den Ufern des Apai liegt. Der alte gefaͤllige Graf umarmte mich, wuͤnſchte ſich mehrmals Gluͤck, daß ich den Weg durch ſein Gebiet habe nehmen muͤſſen, und verſprach mir alles Moͤgliche zu thun, um mich ſicher nach Tiflis zu bringen. Er rühmte ſehr die Aufmerkſamkeit, mit welcher er im J. 4814 in England von allen Staͤn⸗ den aufgenommen worden ſey, und ſetzte hinzu, er halte es fuͤr ein Gluͤck, einem Englaͤnder in dem doni⸗ ſchen Lande Gefaͤlligkeiten erweiſen zu koͤnnen. Vor⸗ zuͤglich zeigte er ſich gegen mich, als den Schwager des Fuͤrſten Scherbatoff, ſehr verbindlich⸗ Den Reſt des Tages brachte ich bei dem ehrwuͤr⸗ digen Allaman zu, und fand bei meiner Zuruͤckkunft in die Stadt eine ſehr beqgueme Wohnung und eine Ehrenwache zu meinem Dienſte. 7. Neu⸗Zſcherkas verdankt ſeinen Urſprung dem Grafen Platow, welcher ungefaͤhr vor 20 Jah⸗ ren den Grundſtein legte. Der Bau ruͤckte ſo ſchnell vor, daß die Stadt in ihrem gegenwaͤrtigen jugendli⸗ chen Zuſtande ſchon beinahe 4 Meilen einnimmt. Sie hat ſchoͤne Gebaͤude; die Haͤuſer der Kraͤmer und der niederen Koſaken⸗Staͤnde ſind ſaͤmmtlich aus Holz erbaut, und ruhen auf 3— 4 Fuß hohen ſteinernen Grundlagen. Sie ſehen ſehr reinlich aus, und glei⸗ chen in jeder Hinſicht der haͤuslichen Ordnung den Wohnungen der Hollaͤnder. Dieſe Genauigkeit ſin⸗ 2¹4 det man in den kleinen ruſſiſchen Staͤdten und Doͤr⸗ fern ſelten. In der von dem Grafen Platow errich⸗ teten trefflichen Schule finden ſich wegen des kriegeri⸗ ſchen Charakters der Einwohner nicht ſo viele Zoͤglin⸗ ge, als man bei der Bevoͤlkerung der Stadt glauben ſollte. Einfach in ihren Beduͤrfniſſen, beſchraͤnkt in ihren Anſichten und bloß damit beſchäftigt, ſich im Beſitze ihrer kleinen Familien⸗Annehmlichkeiten zu erhalten, denken die Koſaken noch nicht an die Verſchwendungen des Lebens und an die Verbreitung von Kenntniſſen, ſondern wenden alle ihre Geiſtes⸗ Kraͤfte auf die Verfertigung und geſchickte Handha⸗ bung der Waffen. Die Picke, die Waffe der Vorfah⸗ ren, wird von den braven Koſaken, als eine Art von Schutz⸗Gottheit betrachtet. Die wirkliche Dienſtzeit bei dieſen erblichen Krie⸗ gern des Don hoͤrt im Kriege bloß mit ihrem Leben oder ihrer Tauglichkeit auf; allein im Frieden ſind 4 Jahre die regelmaͤßige Dienſtzeit bei einem Regi⸗ mente; dann werden ſie von andern abgeloͤst, welche nunmehr ihre Dienſtzeit beſtehen, und ebenfalls ab⸗ gelost werden. Die namentliche Dienſtzeit eines Ko⸗ ſaken iſt 25 Jahre. Der Koſak ſchafft ſich die Waf⸗ fen, die Kleidung und das Pferd ſelbſt an. Im Dien⸗ ſte erhaͤlt er vom Kaiſer eine Reiter⸗Portion, und die doppelte Ration fuͤr ſein Pferd. Verliert er ſein Pferd im Felde, ſo bekomit er Geld, um ein anderes in 25⁵ kaufen. Zu Hauſe treibt dieſer Mann in der einen oder andern der beiden Tſcherkas(Alt⸗ und Neu⸗ Tſcherkas) entweder ein Gewerbe oder den Landban. Die Mannsperſonen am Don ſind groͤßtentheils ſtark, wohlgebildet und ſchoͤnz gaſtfrei, brav, edelden⸗ kend und ſehr religioͤs. Die S ſind ge⸗ woͤhnlich von kurzerGeſtalt, ihr Geſicht kraͤgt ſtark das tatariſche Gepraͤge, iund ihre Augen ſind faſt ſtets groß und ſchwarz. Ihr Anzug iſt ganz morgenlaͤndiſch. Die Frauen trugen auf dem Kopfe buchſtäblich eine ſeidene Nachtmuͤtze, um welche in Geſtalt einer Kopf⸗ Binde ein ſchoͤn gefaͤrbtes Tuch gebunden iſt. Die Maͤdchen tragen ihre Haare in einem langen Zopfe auf dem Ruͤcken herab; nur mit dem Unterſchiede von den ruſſiſchen Maͤdchen, ſtatt eines Baͤnderknotens am Ende des Zopfes, iſt das Tuch, das man um den Kopf gebunden hat, faſt bis an das Ende um das Geflechte gewickelt, beinahe wie die Korſikaniſchen Kaͤppchen. Doch ſuchte Graf Platow bei den Damen hoͤheren Standes die europaͤiſche Tracht einzufuͤhren. s. Waͤhrend meines Aufenthaltes in dieſem Lande beſuchte ich den General Leveshky auf ſeinem ſchoͤnen Landſitze, welcher ungefaͤhrs Meilen auf dem Wege nach Alt⸗Tſcherkas liegt, am Abhange einer langen Erhöhung, welche gegen Nord-Weſt an das Ende der großen Ebene ſtoͤßt, und von da nach dem ufer des Azowſchen Meeres laͤuft. Zur Linken er⸗ blickt man Neu⸗Sſcherkas auf einer Anboͤhe, 26 dann die Minarete der alten Stadt, die glaͤnzenden Windungen des Don, den Apai, und den kleinen Fluß Koraitſch, welcher die gruͤne uͤppige Ebene in tauſend verſchiedenen Richtungen durchſchneidet. Dickichte vvn Wald in verſchiedenen Entfernungen umgeben einzelne Spitzen und bezeichnen die Stanizas Ekleineren Staͤdte) der Koſaken. Die Hauptſtraße von Neutſcherkas nach der alten Stadt laͤuft am Fuße der Anhoͤhe hin, auf deren Spitze die Wohnung des Generals Leveshky ſteht. Fruchttragende, ſchattige Baͤume machen den Weg angenehm. Auf dieſem Theile der Ebene bauen die Reichen der neuen Stadt gewoͤhnlich ihre Landhaͤuſer. Der nicht ſchiffbare Axai fließt dicht am Wege hin. Von dem Landſitze des Generals gingen wir auf einer kleinen hoͤlzernen Bruͤcke uͤber den Axai, und langten mit dem Einbruche der Nacht in der ehemali⸗ gen Hauptſtadt Alt⸗Ticherkas an. Die Haͤuſer haben kein aſiatiſches Anſehen, wie einige Reiſende behauptet haben. Drei Werſte weiter gingen wir auf einer elenden Bruͤcke von lockern Balken mit Lebens⸗ Gefahr uͤber den Don, Am Ufer ſah ich durch die Finſterniß der Nacht, daß wir uns wieder auf einer ausgedehnten Steppe und von zahlloſen Leichenhuͤgeln umgeben, befanden. Den folgenden Morgen erreich⸗ ten wir das Dorf Kagulmitsky, und kamen dann nach Niſchroy Egorlisky. Hier beginnt das Gouvernement, und die Linie des Kauka⸗ 27 ſus, wo ſich eine Quarantaine⸗Anſtalt fuͤr Reiſende befindet, welche aus Georgien oder einem der Laͤnder an den Flüſſen Terek und Kuban kommen. 9. Nach 15 Werſten erreichten wir ein Thal, und an deſſen Ende das Fort und Dorf Moskofskoy; das Fort beherrſcht links und rechts 2 andere Thaͤ⸗ ler, welche weit in das Land gehen. Dieſer war der letzte Poſten vor unſerer Ankunft in der Stadt Sta⸗ vrapol. Dieſe liegt luſtig an der Seite eines Huͤ⸗ gels, auf welchem man die Ausſicht uͤber die weite Ebene zwiſchen ihr und Moskofskoy hat. Db⸗ gleich die Haͤuſer von Außen ein ſchoͤnes und be⸗ guemes Anſehen haben, ſo fand ich mich doch Nachts ſehr von Ungeziefer geplagt, und zog deßhalb Nachts, ungeachtet der etwas ungewoͤhnlichen Kaͤlte den Auf⸗ enthalt in meinem Wagen vor. Bei Stavrapol, welches ungefaͤhr 330 Werſte von Neu⸗Tſcher⸗ kas entfernt iſt, vereinigt ſich die große Heer⸗Straße von der Weſtlinie des Kaukaſus, wie aus der Krimm und den tuͤrkiſchen Beſitzungen auf der Oſt⸗Kuͤſte des ſchwarzen Meeres. Bei dem Poſten Zergifskoy am Abhange ei⸗ nes anſehnlichen Huͤgels erhielt ich 2 Koſaken zur Bedeckung. Sie waren von Natur klein, ihre Ge⸗ ſichter roh, und ihr Anzug von der wildeſten und un⸗ ordentlichſten Art. Dieſe Leute wohnen am Fuße des Kaukaſus, und ſo wie ich weiter kam, fand ich die meiſten Bewohner auf eine aͤhnliche Art gekleidet. 2²8⁸ Weil wir die Stadt Alexandroff wegen einbre⸗ chender Nacht nicht mehr erreichen kounten, mach⸗ ten wir in dem Dorfe Severnaia Halt. Die Stadt Alexandryff am Fuße eines hohen, ſtei⸗ len Berges zwiſchen Baͤumen und Gaͤrten wird von dem vorbeifließenden Kumn bewaͤſſert. Das Land von hier bis Georgewesk iſt Steppe, welche durch den fernen Kaukaſus begraͤnzt iſt. Etwa 40 Werſte von Georgewess ſind in den Beſchau⸗ Gebirgen die Mineralbaͤder von Konſtantino⸗ gorsk. Ihre Temperatur an der Duelle betraͤgt 30— 400 Reaumur. Wegen der geſunden Gegend und der heilſamen Wirkſamkeit des Waſſers werden dieſe Baͤder haͤufig beſucht. Eine ſchottiſche Kolonis von Miſſionairen ließ ſich ohne Erfolg fuͤr ihren Sweck in der Naͤhe von Konſtantinogors? nieder. 10. Von Georgewesk kamen wir uͤber den Fluß Prodruma zu einer ſehr tiefen Schlucht, welche wegen des Aufenthaltes von Raͤubern und Moͤr⸗ dern gewoͤhnlich das Diebsthal heißt. Meins Foſaken⸗Bedeckung wurde jetzt noch um 4 Mann verſtaͤrkt, und wegen eines Angriffs, welchen wir bei bellem Tage befuͤrchteten, hielt ich meine Leute ſtets bereit. Auf der großen Ebene, welche ſich bis an den Fuß des Kaukaſus erſtreckt, ſtehen in ge⸗ wiſſen Entfernungen Koſaken⸗Wachen, welche den vorbeigehenden Reiſenden ein ebenſo merkwuͤrdiges 229 als romantiſches Gemaͤlde gewaͤhren, das in jeder Hinſicht mit den wilden Gegenden uͤbereinſtimmt, welche ſie beſchuͤtzen ſollen. Man hat eine kleine Huͤtte von Rohr und Baumzweigen erbaut, bei wel⸗ cher man eine Art von Geruͤſte errichtet, welches bloß eine einzige Perſon faßt. Es iſt ungefaͤhr von der Erde 12 Fuß hoch. Tag und Nacht ſteht hier eine Koſaken⸗Schildwache, waͤhrend die Kameraden in der Huͤtte ausruhen, und mit ihren Pferden ſtets bei Gefahr in Bereitſchaft ſind. Am 12. Oktober erreichte ich Mozdok, dieß mein erſter Schritt in Aſien. Das bluͤhende Staͤdtchen Mozdok an den ufern des Derek hat eine anſehnliche Beſatzung unter ei⸗ nem Pberſten, welcher auch Gouverneur des Drtes iſt. Der Terek ſcheidet das ruſſiſche Europa von dem ruſſiſchen Aſien, entſpringt auf dem Haukaſus bei Kobi, und die Berge, aus welchen er hervorkommt, ſind die hoͤchſten, welche man aus der nahen Nachbarſchaft von Mozdok ſieht. An⸗ faͤnglich nimmt er ſeinen raſchen Lauf gegen Nord, und macht ungefaͤhr 30 Werſte von Mozdok eine Wendung nach Dſt. Von hier nimmt er allmaͤhlig an Heftigkeit ab, und fließt mit zunehmender Ruhe, ie mehr er ſich dem ufer des kaſpiſchen Sees naͤhert. Hier theilt er ſich in mehrere Kanaͤle, welche ſowohl Fruchtbarkeit als Schoͤnheit uͤber die Bezirke verbrei⸗ ten, welche von ihnen bewaͤſſert werden, bis ſie ſich im Schvoße des kaſpiſchen Meeres vereinigen. An der, 100 Jäger und 40 Koſaken. 230 einem der anſehnlichſten dieſer Kanaͤle ſteht die Stadt Kislar in einer ſehr vortheilhaften Lage. 11. Am andern Ufer des Terek kaufte ich mir zur Fortſetzung metner Reiſe ein ſchoͤnes, trefflich abgerich⸗ tetes junges Pferd fuͤr 200 Rubel. In Geſellſchaft ei⸗ ner Karavane zog ich mit meinen Leuten weiter. Das Land am Fuße des Kaukaſus, eine be⸗ traͤchtliche Strecke nach Oſt, heißt Klein⸗Kabar⸗ daz die groͤßere Sttecke gegen Weſten fuͤhrt den Na⸗ men Groß⸗Kabarda, und laͤuft laͤngs der Gebirgs⸗ Linie hin, wo ſie an das Land der Zirkaſſier ſtoßt⸗ Die Einwohner beider Bezirke ſind bei den Ruſſen unter dem Namen Tſcherkeſſen bekannt. Auch gibt es hier zahlreiche Tatariſche Staͤmme, wel⸗ che vom Fuße der Gebirge bis zum Kuban reichen; dann nehmen ſie die ufer dieſes Fluſſes weſtwaͤrts bis zu ſeinem Einfluße in das ſchwarze Meer ein. Aus dieſem wilden Volke und den Kabar⸗ dinern, welche an die Flͤte Malka und Ku⸗ ma ſioßen, hat Rußland ſeine Koſaken⸗Korps gebildet, welche unter dem allgemeinen Namen der Koſaken von der Linie des Kaukaſus bekannt ſind. Sie muͤſſen den Reiſenden, Karawanen u. ſ. w. zur Bedeckung dienen, ſind in dieſer Art des Dien⸗ ſtes eben ſo treu als tapfer, und vertheidigen ihren Poſten mit der groͤßten Entſchloſſenheit. Zu unſerm Schutze hatten wir einen Sechspfuͤn⸗ Der Transport⸗ 231 welcher zu bewachen war, beſtand aus der Poſt, 30 Wagen mit Salz, und eben ſoviel Wagen mit euro⸗ paͤiſchen Waaren; ungefaͤhr 10— 12 Reiſenden zu Pferde, aus 6 Britſtchkas und meinem eigenen Wa⸗ gen, nebſt einer andern Kaleſche, welche Beſchluß machte. Auf dem Poſten, wo wir ͤbernachteten, em⸗ pfing mich der befehlshabende Pffizier ſehr freundlich, und theilte mir viele Belehrung mit uͤber die Hegen⸗ den, welche wir durchreiſen wollten. Bei Ankunft des Tages wurde mittelſt einer Trommel das Zei⸗ chen zum Aufbruche gegeben. Die Kanone und ein Theil des Fußvolkes eroͤffnete den Zug; meh⸗ rere Koſaken ritten voraus, waͤhrend Andere links und rechts in verſchiedene Entfernungen geworfen wurden, um einen Ueberfall zu verhuͤten. Unſer Weg ging uͤber ſteile Huͤgel und durch große Schluchten mit tauſend wilden und plotzlich abgebrochenen Hin⸗ auf⸗ und Hinabwegen, welche in Liefen gingen, deren ſteile Dunkelheiten durch den Contraſt den maleriſchen Anblick des Weges noch erhoͤhten. 12. Ein Haufe Reiter, welchen wir in der Ferne erblickten, und fuͤr Raͤuber hielten, ſetzte alles in Ver⸗ theidigungs-Zuſtande. Als ſie uns nahe kamen, er⸗ kannten wir ſie als Freunde, und wurden dadurch von einer ſo noͤthigen Unruhe befreit. Nach einer er⸗ muͤbenden; aber nicht unintereſſanten Tages⸗Reiſe erreichten wir Algoog Kabaka(ſonſt Fort Kon⸗ ſtantind, und begaben uns dann auf einem naßen 292 und durch dichte Waldungen unbequemen Wege, zu welchem der langſame und langweilige Gang der Ochſen nicht wenig beitrug, nach dem Fort Gregor⸗ opollis. Hier uͤbergab ich dem Grafen del Pozzo Briefe von dem Grafen Platow. Erſterer gerieth vor einigen Jahren in die Gefangenſchaft der Tſchet⸗ ſchinzi. Zwoͤlf Monate brachte er in ihrer Skla⸗ verei zu, machte große Fortſchritte in der Tſchet⸗ ſchinzi⸗Sprache, und machte ſich genau mit ihren Sagen, Sitten und Gebraͤuchen bekannt. 43. Dieſe raͤuberiſchen Tſchetſchinzi verbrei⸗ ten großen Schrecken bei ihren Stamm⸗Nachbarn, und ſetzten die disziplinirten Ruſſen ſehr in Thaͤtig⸗ keit. Sie ſind unermuͤdet in der Begierde nach Beute, verſchwinden eben ſo ſchnell, als ſie gekommen ſind. Alles wird ohne Barmherzigkeit gepluͤndert und ge⸗ mordet. Chriſten entgehen ihrem grauſamen Stahl⸗ weil ſie fur dieſelben ein großes Loͤſe⸗Geld erwarten. Je kuͤhner und blutiger die Sſchetſchinzi ſind, deſto großer iſt ihr Ruf bei ihrem Stamme. Die Ruſſen betrachten ſie als ihre furchtbarſten Feinde, deßwegen ſuchen ſie ihnen auch auf jede Weiſe Schaden zuzu⸗ fuͤgen. Sie ſtehen unter Haͤuptlingen, ſind unwiſſen⸗ de Muhametaner, und haben keine Prieſter irgend einer Art. Die Soͤhne ziehen nie aus dem Vaterort, und dadurch wachſen Familien aus einem Schoͤß⸗ linge zu anſehnlichen Doͤrfern an. Jede Woh⸗ nung dieſes Volkes hat 3 Abtheilungen; eine fuͤr 2³3 die Frauenzimmer; eine andere fuͤr das männli⸗ che Geſchlecht und eine dritte fuͤr die Pferde. Ihre Ehen ſind haͤusliche Vertraͤge, uͤber welche die Ael⸗ tern beider Theile mit einander uͤbereinkommen. Die Braut bringt allezeit eine Ausſtattung mit, wird in das Haus des Brautigams gefuͤhrt, und dann endigt die Feierlichkeit mit Tanzen, Trinken und Ringel⸗ Rennen. Die Frauenzimmer beſorgen neben den häusli⸗ chen Angelegenheiten auch den Anbau des Getreides und Tabaks. In Ermanglung eines Raubzuges er⸗ geben ſie ſich der vollkommenſten ſelbſtiſchen Faulheit, und berauſchen ſich mit geiſtigen Getraͤnken. Ihre Nationaltracht und ihre Waffen unterſcheiden ſich im Ganzen wenig von dem Anzuge der Koſaken der kau⸗ kaſiſchen Linie. Die Mannsperſonen ſind ſtark und unterſetzt, haben ſchoͤne Geſichter, und eine dunkle Hautfarbe. 14. Auf dem Wege nach Wlady Kaukaſu 6, einem der wichtigſten und ſtaͤrkſten Soldatenpoſten der Ruſſen am Fuße des Kaukaſus, ſetzten wir auf oben benannter Ebene unſere Reiſe fort. Die Rich⸗ tung lief gerade nach Bſt; der Lerek rollte Rechts, durch den grauen Nebel blickten die ungeheuren Spi⸗ zen des Kaukaſus. Dbwohl das ſtolze Haupt des Elborus noch weit entfernt war, ſo ragte er doch als Dberherr dieſer Rieſenberge, in grauer Majeſtaͤt über alle andere empor; ſein Silber⸗Diadem, der Schuee. 62. Bd. Perſten. III. 2. 5 234 von Jahrhunderten, machte mit den blauen, nebligen Spitzen ſeiner unmittelbar untergeordneten Reihen einen ſchoͤnen Contraſt; und da ſie ſich zum Theil noch in die ſich aufloͤſenden Maſſen von weißen Wol⸗ en hielten, ſo vermehrte ſich ihre Schoͤnheit durch die Vergleichung mit den kuͤhnen und ſchwarzen Formen der niedern Berge, naͤher an der Ebene, deren rohe und emporſteigende Gipfel, und faſt ſenkrechte Seiten das erſtaunte Auge in der Hoͤhe laͤngs des ſchauerlichen Gemaͤldes hinleiten und Gefuͤhle von ſchreckhafter Be⸗ wunderung erregen, welchen Worte keinen Namen ge⸗ ven koͤnnen. Dicht an der Stadt Wlady⸗Kaukaſus fuͤhrte uns eine Bruͤcke uͤber den Derek; wegen der gefaͤhr⸗ jichen Raͤuber ergriffen wir ſo viele militaͤriſche Vor⸗ ſichts⸗Maaßregeln, als die Beſchaffenheit des Weges geſtattete. Weil der Derek in ſeinem Laufe durch zahlreiche Felſen aufgehalten wird, ſo hoͤrt man das Getöſe ſehr weit, welches er bei ſeinem Durchgange macht, und mit dem er daruͤber hinſtroͤmmt. An ſei⸗ nen noͤrdlichen Ufern mildern die Huͤtten und kleinen Gaͤrten der dort angeſiedelten Tataren mit ihren For⸗ men des ſanften Maleriſchen die großen und ſchreck⸗ lichen Außenlinien der Natur, von denen ſie umge⸗ ben ſind. Dieß von Terek durchflobene Thal hieß bei den Alten Porta Kaukaſia,(kaukaſiſche Pforte), weil es die große Verbindungs-Pforte zwiſchen den Rationen auf jeder Seite der Sebirge 235 iſt. Sie Soldaten der Kaiſerin Katharing der II. waren unter den europaͤiſchen die erſten, welche von Nord daruber zogen und in Georgien ſiegreich ein⸗ brachen. Die gerade Heer-Straße von dieſem Paße nach Tiflis, welche Kaiſer Alerander anlegen ließ, iſt ein Werk von nicht zu berechnendem Nutzen. 16. Die erſten 8— 10 Werſte unſeres Weges von Wlady Kauka ſus waren die Abhaͤnge der Berge auf beiden Seiten des Derek mit Baͤumen und di⸗ kem Vuſchwerke bedeckt; je weiter wir aber in das Thal kamen, deſto mehr verloren ſie nach und nach ihr Grünes und wurden ſteinig und un⸗ fruchtbar. Bei dem Fort Balty nahmen die Berge khnere Geſtalten an, und zeigten ſehr große vorſtoſ⸗ ſende Felſen⸗Maſſen mit ſehr wenigen Flecken von Strauchwerk oder Baͤumen. Der Weg bekommt ein gefaͤhrliches Anſehenz er geht unter haͤngenden Schwib⸗ bogen von Stein weg, welche bloß ſo hoch ſind, daß man mit einem niedrigen Wagen durchfahren kann. Er iſt auch ſo ſchmal, daß kaum 2 Wagen neben ein⸗ ander fahren können; auf der einen Seite des Weges iſt der Rand eines Abgrundes, welcher an einigen Stellen 60, an andern über a0o Fuß tief iſt. In der Tiefe dieſer Abgruͤnde lauft das brauſende Waſſer des Dereks ſieht man aufwaͤrts, ſo erblickt man noch ſchwaͤrzere und ſchrecklichere Abhaͤnge uͤber ſich, wel⸗ che Verderben drohen. Bei dem Poſten Lars wurde der Anblick noch 236 wilder und erſtaunenswerther. Das Thal wird ſo enge, daß es das Anſehen einer ſchrecklichen Kluft ge⸗ winnt; ſo ſteil, ſo rauh und ſo mit Felſen eingeſchloſ⸗ ſen, als ob es durch die Waſſer der Suͤndfluth zer⸗ ſpalten worden waͤre. Seine Granitſeiten ſind bei⸗ nahe ſenkrecht, viele 100 Fuße hoch und von Gipfeln umringt, welche an ihren Ruͤcken hinſtreichen, oder an der duͤſtern Seite des Abgrundes hinabrollen, eine See von Duͤnſten bilden, und ſich mit dem Felſen uͤber unſern Haͤuptern vermiſchen. Ein eben ſo auſ⸗ ſerordentlicher als erhabener Anblick! Die meiſten ruſſiſchen Poſten befinden ſich an den⸗ ſelben Stellen, welche die Alten ehedem in derſelben Abſicht beſetzt hatten, und oft findet man die Ueber⸗ reſte dieſer alten Feſtungen, wenn man die Grundla⸗ gen zu den neuen legt. So erheben ſich ungefaͤhr eine Werſte von Lars, Mauern und Thurme eines alten Schloßes. In der Dunkelheit der Nacht naͤher⸗ ten wir uns dem Poſten Derial. Eine betrachtli⸗ che Strecke ging unſer Weg durch einen unterirdi⸗ ſchen Gang, welcher in den dichten Felſen gehauen war. An der Flußſeite am Fuße eines ſehr ſteilen Abgrundes kamen wir heraus, gingen auf einer höl⸗ zernen Bruͤcke uͤber den Fluß, und erreichten unter der vermehrten Wache einer Abtheilung aus dem Fort in Sicherheit unſere Quartiere. Auf die Nachricht, daß raͤuberiſche Einwohner die Gegend unſicher machten, wurde unſer Aufbruch auf 237 einige Zeit verſchoben. Dieſen benuͤtzte ich, um die Gegend, welche wir am vorhergehenden Abende durch⸗ reist hatten, zu unterſuchen. Die Redoute des ruſ⸗ ſiſchen Poſten Derial, in der gigantiſchen Kluft gleichen Namens gelegen, echaͤlt durch die uͤber ſie heruͤberhaͤngenden ungeheueren Felſen⸗Maſſen eine ſchreckliche Lage. Auf einem dieſer Vorgebirge, wel⸗ che uͤber das linke ufer des Terek heruͤberhaͤngen, erblickt man die Ueberreſte eines alten Kaſtells. Nach muͤhſamen Hinaufklettern fand ich, daß die Ruinen aus einem ſtrken viereckigen Thurme beſtanden„ mit dicken maſſiven Mauern, um denſelben einen Raum einſchließend, welcher fuͤr eine Beſatzung von mehre⸗ ren 100 Mann hinreichend war. Dieß ſchien die Zi⸗ tadelle des Paſſes zu ſeyn. Die Seite des Berges binter dem Thurme enthielt eine muͤhſam ausgehau⸗ ene Waſſerleitung. Vom Kaſtelle fuͤhrt ein unterir⸗ diſcher Gang zu den Fluß-ufern, welcher wahrſchein⸗ lich mit andern Werken in Verbindung ſteht, welche ſich unten befinden moͤgen, um den Eingang in das Thal noch unmittelbarer zu verhindern. Der Paß iſt an dieſer Stelle nicht mehr als 30 Pards breit. 16. Von Derial verlor unſer Weg nichts an ſeiner duͤſtern Pracht bis zu einem Engpaſſe, wo wir eine Stelle beſonders wild, und zu den Zwecken ſeiner letzten Bewohner ſehr geeignet fanden. Mit einer verſtaͤrkten Bedeckung ſetzten wir ohne Hinderniß un⸗ ſere Reiſe fort, obwohl mehrmal verſchiedene Raͤnber⸗ 238 Haufen erblickt wurden, welche oben zwiſchen den Felſen herumkletterten. Je weiter wir im Thale vor⸗ kamen, deſto mehr entdeckten wir Spuren von den ſchrecklichſten Natur-Erſchuͤtterungen. Baſalt⸗Saͤu⸗ len erſchienen in großen Maſſen auf der Dberflaͤche des Berges und nahmen verſchiedene Richtungen. Ei⸗ nige hatten an ihren Seiten eine wagerechte Richtung, andere lehnten ſich in geraden Pfeilern daran, und noch andere wichen mehr oder weniger von der ſenkrechten Linie ab. In einer geringen Entfernung konnte man ſe fuͤr neberreſte einer großen Stadt halten. Es iſt außer Zweifel, daß der wechſelſeitige Einfluß von Pitze und Kaͤlte die Haupturſache des gegenwaͤrtigen chaotiſchen Zuſtandes dieſes Thales geweſen iſt. Im Sommer ſchmilzt der Schnee in Fluthen, welche tief in die Felſenſpalten dringen, loſet die vorſpringenden vom Berge ab, und ſchickt ſie rollend in das Thal binab. Alles reißen ſie mit einem donneraͤhnlichen Ge⸗ töſe und mit einer ſolchen Heftigkeit nieder, daß durch die ſtarke Bewegung der Luft die Grundlagen der be⸗ nachbarten Felſen erſchuͤttert, und auch ſie hinabge⸗ ſchleudert werden, um die unteren zerſtreuten Truͤm⸗ mer zu vermehren, und den Weg zu verſchließen. In dem 6 Werſte von da entfernten Dorfe Ka⸗ ſibek(anfangs Steppan Zminda genannt) fan⸗ den wir die erwuͤnſchte Ruhe. Das ſich eroͤffnende Thal gewaͤhrte einen außerordentlich ſchoͤnen Anblick: eine große Menge von jeder Geſtalt und luftiger 239 Farbe erhob ſich, einer uͤber den andern, und bekraͤnzte das bloße Haupt des ſich in die Hoͤhe thuͤrmenden Kaſibek. Die Hoͤhe dieſes Berges, welcher mit dem Elborus wetteifert, iſt nach Dr. Parrots Angabe 14,400 Fuß hoch uͤber des ſchwarzen Meeres Flaͤche geſchaͤtzt worden. 17. Die Eingebornen in dieſer Nachbarſchaft ge⸗ hoͤren zum Oſſi⸗Stammez einige von ihnen ſind Chriſten, andere Muhametaner, und noch andere Hei⸗ den. Das Dorf Kaſibek bewohnen Chriſten. Auch ſieht man hier noch die ehrwuͤrdigen Spuren einer alten Kirche, welche die georgiſche Prinzeſſin Tama⸗ ra vor beinahe 600 Jahren erbauen ließ. Aus from⸗ men Eifer bekehrte ſie ihre Unterthanen zum Chri⸗ ſenthume. Trotz des Chriſtenthumes ſind die Oſſi eben ſo geſchickte Raͤuber und Moͤrder, als ihre Bruͤder von dem muhametaniſchen und heidniſchen Glauben. Der Ausbeſſerung meines Wagens wegen begab ich mich in das Dorf Kilian zum Schmiede. Er war ein roher Burſche, ſchwarz, wie ſein Geſchaͤft, und von wilder Miene. Sein Haus war, wie die meiſten ſeiner Nachbarn, aus Lehm erbaut, hatte eine Grundlage von Stein, war ſehr niedrig, und mit ei⸗ nem platten Dache. Es hatte eine Art von Wetter⸗ Dach, welches vorne vorſpringt, und auf aufrecht ſtehen⸗ den Stangen ruht; unter dieſem war die Werkſtaͤtte; an jedem Ende dieſes Daches hingen Pferdeſchadel, waͤhrend andere Knochen von dieſem edlen Thiere um⸗ her zerſtreut lagen. Im Innern des Hauſes fand ich eine ziemſich große, aber ſchmutzige Stube, ohne Ge⸗ räthe. Alles Licht bekam ſie bloß durch die Thuͤre, und in der Decke war ein rundes Loch, welches zur Eſſe diente. In der Mitte dieſer elenden Stube rauch⸗ ten einige Stucke Holz und getrockneter Miſt. Einige irdene Gefaͤße und zerbrochene Napfe ſtanden herum. In einer Ecke der Stube entdeckte ich endlich durch die Dun⸗ kelheit einen alten hoͤlzernen Stuhl, bei welchem ein Frauenzimmer ſtand, welches ſich, als ſie ſich entdeckt ſah, an einen noch dunklern Drt begab⸗ Waͤhrend der Schmied mit ſeiner Arbeit beſchaͤf⸗ tigt war, umſtanden ihn a2 Einwohner, welche ei⸗ nen unbeſchreiblichen Laͤm machten. Alle ſprachen und riefen zugleich, und begleiteten dieſes Getos mit ſo heftigen Bewegungen, daß ich alle Augenblicke er⸗ wartete, es wuͤrde von Worten zu Schlaͤgen kommen. Allein dieß war nur ein freundſchaftliche Unterhal⸗ tung, welche die Art und Weiſe, wie das zerbrochene Eiſen am Beſten zuſammen zu lothen ſey, betraf. Nachdem mein Wagen nicht beſonders haltbar hergeſtellt war, gingen wir unter Bedeckung nach und nach in ein weites Thal hinab, und nicht weit von dem Dorfe auf einer hoͤtzernen Brucke über den De⸗ rek. Pier verlor er ſeine Schnelligkeit und ſein peiſ⸗ ſendes Weſen ganz, und durchfloß ruhig das Thal, welches durch ſein erauickendes Waſſer mit dem ſchoͤn⸗ A1 ſten Gruͤne bedeckt war. Anch zeigten die hier anßoſ⸗ ſenden Berge ein uͤppiges Wachsthum, welches die zahlreichen Schluchten an ihren ausgetackten Seiten bekle idete, und den Haufen von maleriſch ausſehenden Huͤtten Schutz gewaͤhrten, welche von Oſſitanern bewohnt, gewoͤhnlich um die Ueberreſte eines alten Thurmes ſtanden, der in alten Zeiten die Engpaͤſſe beherrſchte, und gegen Einfaͤlle der feindlichen Stam⸗ me geſchuͤtzt hatte. Noch ehe wir unſere Reiſe zur Haͤlfte zuruͤckgelegt hatten, uͤberraſchte uns das Dun⸗ kel der Nacht; der Regen ſtuͤrzte in Stroͤmen herab, und vermehrte die Unannehmlichkeit der ſteilen Anhoͤ⸗ hen, welche wie Reihen von Furchen auf einem ge⸗ ackerten Felde an unſerem Wege lagen. Den ermuͤ⸗ deten Pferden kamen die Soldaten durch ihren Bei⸗ ſtand zur Huͤlfe. Ein ſchneidender Wind durchdrang uns mit Kaͤlte. Die Finſterniß nahm auch ſo zu, daß ich als der Schnee dicht herabfiel, keinen Schritt weit ſehen konnte. 18. Zum letzten Mal uͤber den Terek geſetzt, ka⸗ men wir, vor Kaͤlte und Naͤſſe faſt todt, um 14 Nachts bei dem Poſten Kobi an, wo ich mich bei einem herrlichen Feuer trocknete und erguickte. Die Nacht war außerordentlich kalt und das Reaumur'ſche Ther⸗ mometer zeigte 9 Grad unter dem Gefrierpunkte. Nicht weit von Kobi wird der Terek durch das Waſſer des Litri Dskali vermehrt, macht ſogleich nach dieſer Vereinigung Wendungen und fließt von We⸗ 242 ſen ungefaͤhr 3s Werſte in einer nord ⸗oͤſtlichen Rich⸗ tung. Die Quelle dieſes praͤchtigen Fluſſes befindet ſich in den obern Thaͤlern der Suͤdſeite des Kaſibek Die vielen heiter ausſehenden Doͤrfer, welche in die⸗ ſem Theile des Landes zerſtreut liegen, werden von unwiſſenden muhametaniſchen und chriſtlichen Dfſis bewohnt. In einer oͤſtlichen Richtung reisten wir an der Seite des Kriſtawaja oder Kreutzberges hinauf. Nicht ohne ſehr beſchwerliche Anſtrengungen gelang⸗ ten wir auf den Gipfel der großen Schranke, wo wir mit unendlicher Freude anhielten, um auszuruhen und zu danken. In der Naͤhe der groͤßten Hoͤhe iſt die Quelle eines ſchoͤnen und ttahlhaltigen Brunnens, welcher auf einer der vorſpringenden Spitzen ſuͤd⸗oͤſtlich von dieſem Alpenwege, die Geſtalt eines Sees ann immt, und von da in den Bergſtrom Titri⸗Dskali faͤllt. An der Seite eines der Bergthaͤler ſahen wir eine menſchliche Wohnung, von dem freigebigen Kaiſer Alerander zum Beſten der Menſchheit errichtet. Eine oſſitaniſche Familie ſucht mit unſaͤglicher Muͤhe bei Stuͤrmen die ungluͤcklichen Wanderer aus den Ge⸗ fahren und der Noth einer ſolchen Gegend zu befreien. Ich beſuchte mit einem Gefaͤhrten dieſe edelgeſinnte Familie. Gerade auf der Spitze des Kriſtawaja, und zwar vor dem Beginnen des Hinabweges in das Ara⸗ 243 gua⸗Thal ſteht ein großes ſteinernes Kreuz auf ei⸗ nem ſteinernen Fußgeſtelle zur Erinnerung für die Reiſenden, daß ſie allen Gefahren einer beſchwerlichen und ſchrecklichen Reiſe gluͤcklich entgangen ſeyen. Die Ausſicht gegen Suͤd eroͤffnet vor uns die reichen Thaͤ⸗ ler Thuillete, zwiſchen deren uͤppigem Gruͤne tauſend Stroͤme ſich ſchlaͤngeln. Ihre glaͤnzenden und mannigfaltigen Windungen endigen ſich in dem Bette des Aragua(des Aragus der Alten), der mit ſeinem vermehrten Waſſer majeſtaͤtiſch nach Säd zwiſchen der hohen Kette der Kumlis⸗Zighe⸗Gebirge auf der Weſt⸗ und jener der dicht bewaldeten Gheff und Mogheff(Gog und Mogog) auf der Oſt⸗Seito fließt. Dieſe arkadiſche Ausſicht macht einen herrli⸗ chen, hoͤchſt einladenden Kontraſt mit der gegen Nord, wo Kälte, Unfruchtbarkeit und Schrecken herrſcht, und wo man nichts ſieht, als die blaſſen und in Wolken gehuͤllten Spitzen des Kaſibek und ſeiner Felſen⸗ Waͤnde. Bei dem Hinabſteigen mußten 10— 42 Soldaten die Wagen mit Seilen zuruͤckhalten, damit ſie nicht auf die Pferde ſielen, welche ſich kaum ſelbſt auf den Hinterbei⸗ nen halten konnten. Nach Ueberwindung dieſer Ge⸗ fahr mußten wir eine noch groͤßere und fuͤrchterliche bei dem Aufwege uͤber den Berg Guthd⸗Gara be⸗ ſtehen. Man kann ſich gar keine Vorſtellung von die⸗ ſem Wege machen. Er war nicht uͤber 140— 42 Fuß breit und wand ſich um den Berg in ſeinem ganzen 244 Umfange, mit einem Abgrunde an ſeiner Seite von mehreren 100 Faden Tiefe. Indem wir dieſen gefaͤhr⸗ lichen Weg fortſetzten, ſahen wir die Spitzen hoher Berge, Doͤrfer und große Waͤlder in einer ſolchen Tiefe, daß das Auge keinen Augenblick ohne Schwin⸗ del darauf verweilen konnte. In der Liefe des Ab⸗ grundes erſchien der Aragua, wie eine ſchoͤne Silber⸗ linie. Ich fuͤhrte mein Pferd, ſo nahe als moͤglich, an der Seite des Weges, wo ſich der Guhd⸗Gara gen Himmel thuͤrmte, alſo jener gegenuͤber, welche den Abgrund einfaßte. Mit Angſt und Schrecken blickte ich auf meine Reiſe⸗Gefaͤhrten, welche an den ſteinigen Vorſpruͤngen hingen, als ſie dieſen ſchreckli⸗ chen Weg hinaufſtiegen. Im Winter, wo das Gras mit Schnee bedeckt iſt, kann man dieſen Weg bloß zu Fuße machen. Bei der Ankunft von Reiſenden bahnen Soldaten oder Eingeborne die unbetretene Dberflaͤche. Sie ſteigen in einer Reihe hinauf; der erſte ſchreitet mit einem Seile um den Leib, welches in verſchiedenen Laͤngen von ſeinen Gefährten gehal⸗ ten wird, vorwaͤrts. Einer folgt dem Andern. Lrotz aller Vorſicht ſtuͤrzen viele von ihnen in den Abgrund hinab. 19. Von dem Forte Kaſchur, welches das Thal und den Weg nach Liflis beherrſcht, und auf einem Theile einer alten Georgiſchen Feſtung ſteht, gingen wir an den Aragua hin, und machten auf eine kurie Zeit bei dem Poſten Paſſamur Halt, wo 245 wir die Pferde und Bedeckung wechſelten. Zwiſchen dieſem und dem naͤchſten Ruheplatz ging es mit unſe⸗ rer Reiſe wegen der vielen Auf⸗ und Abwege uͤber mehrere kleine Berge langſamer. Das große Thal, in welchem wir noch immer unſere Reiſe fortſetzten, behielt ſeinen laͤndlichen Charakter ſo lange wir den Kruͤmmungen des Flußes folgten. Der ſchone Schein des Mondes erleuchtete das Thal, die Berge und den Fluß; ſie waren ſo groß, ſo ſtill, und ruhten in einem ſo ſanften Lichte! Mit dem weiteren Vorruͤcken der Nacht ſellte ſich ein ſtrenger, aber glaͤnzender Froßt ein, und das romantiſche Schauſpiel, welches uns um⸗ gab, wurde durch die Veraͤnderung nur noch belebter. In verſchiedenen Entfernungen erſchienen unter Baͤu⸗ men oder unter uͤberhaͤngenden Felſen zahlreiche Feuer, und um dieſe Koſaken mit Georgiern und Verg⸗Be⸗ wohnern vermiſcht, deren rohe, athletiſche Geſtalten, hervorſtechende Geſichts⸗Zuͤge und wilde Kriegstrach⸗ ten, Gemaͤlde von der wildeſten Art bildeten. 20. In der Quarantaine, in dem Brte Anna⸗ mur, wurden uns elende Huͤtten mit ſchmutzigen Stuben zum Nachtquartiere angewwieſen, Der Fuß⸗ boden war die bloße, feuchte Erde; die Fenſter waren weder mit Glas, noch mit Laͤden verſehen. Der Fuß⸗ boden war an vielen Stellen mit Pilzen uͤberwach⸗ ſen. Wegen Abweſenheit eines Befehlshabers mußten wir uns mit unſeren elenden Quartieren ſo gut, als moglich behelfen. Wir verſopften die offenen Fenſter 246 wegen der großen Kaͤlte, machten ein Feuer in dem verfallenen Kamine an, und ſchafften die Pilze und anderes Unkraut in ihrer Naͤhe aus der Stube. Un⸗ ſere Diener waren noch ſchlimmer, als wir daran; da ſie kein Loch hatten, in das ſie ihren Kopf ſtecken konnten, ſo mußten ſie die Nacht an den Mauern un⸗ ſeres Kerkers zubringen. Der Quarantaine⸗Platz beſteht aus mehreren nied⸗ rigen Gebaͤuden auf einem viereckigen Platze, welcher mit Palliſaden verſehen iſt. Er hat 2 Eingaͤnge; jener nach der Stadt wird am ſtaͤrkſten bewacht, und ohne die Probe uͤberſtanden zu haben, darf Niemand uͤber dieſe Schranke gehen. Drotz der Verbeſſerung in meiner Stube zog ich doch vor, dieſe Nacht in meinem Wagen zuzubringen, obwohl mein Schlaf durch das Heulen der Woͤlfe und Schakale geſtoͤrt wurde. Die Stadt Annamur, am Fuße eines der Ber⸗ ge von der ſuͤdweſtlichen Gebirgskette Kumlis Sig⸗ he, iſt von ihrem ehemaligen Glanze auf einige klaͤg⸗ liche Huͤtten herabge ſunken. Jedoch fand ich die Einwoh⸗ ner gebildeter und geſelliger, als an irgend einem an⸗ dern Drte ſeit meinem Eintritte in Aſten. Zu An⸗ namur ſind noch immer Ueberreſte einer Kirche von edler Bauart innerhalb der Mauer eines Kaſtells, deſ⸗ ſen einſt ſtolze Thuͤrme eben ſo ſchnell verfallen. Am dritten Abende nach unſerer Ankunft in der Quarantaine wurden unſere Diener und unſer Gepack dupchraͤnchert, welches die Vorbereitung zu ynſeter 247 Freilaſſung am folgenden Dage war. Den 23. Okt. 1847 erreichten wir nach ungefaͤhr 41 Werſten unſern Ruheplatz Duſchett. Die Leute ackerten hier mit ei⸗ nem ſehr unbeguemen Pfluge; wegen der Schwere und Schwaͤrze des reichen Bodens waren 14 Ochſen paar⸗ weiſe vor dem Pflug geſpannt. Hier ſah ich Buͤffel von ungeheuerer Groͤße, deren Geſchrei lang und ein⸗ toͤnig iſt, und im Verhaͤltniße dem Summen eines Inſektes gleicht. . Duſchett iſt eine artige und bedeutende Stadt mit den Ueberreſten einer Feſtung und einem Pallaſte, welcher in vorigen Zeiten der Sommer⸗Auf⸗ enthalt des Königs von Georgien war. Dieſer Theil Georgiens, jetzt die Provinz Kartelania genannt,(das alte Iberien) war vor⸗ mals ein unabhaͤngiges, blühendes Reich, und gerieth dann in die klaͤgliche Lage einer Provinz. Kriege und Einfalle der eiferſuͤchtigen Nachbarn ſchwaͤchten nach und nach die tapfern Einwohner dieſes kleinen Reiches. Beſonders trugen zur Bedruckung des Volkes die Lesg⸗ her das Meiſte bei. Die Landleute ͤberließen ſich gant einer Art zweckloſer Verzweiflung, bis es endlich den Ruſſen vorbehalten ward, die Einwohner wie⸗ der zu einem neuen und geſellſchaftlichen und politi⸗ ſchen Leben zu erheben. Gortſetzung folgt.) —————————— N