ar rt n arhrurhthrhrhnhhrhn Leihbibliothet von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. ran o en Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. trr rrrrrrrrrhrhbrhr a Arr S— oss] R sor K nn oroo et Aran der er Sun F' MnMW 8 (o Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen . durch Aegypten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Be faßt von M e 5 e und herausgegeben von JFoachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Biblivthekar zu Bamberg. IMI. Theil. 1. Bändchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 8 2 9. Fortſetzung von Napoleons Feldzug in Aegypten und Syrien. — Durch die Einnahme von Jaffa erhielt man nicht nur eine eben nicht ganz unbedeutende Veſte mit ei⸗ nem ſehr wichtigen Hafen, ſondern man fand noch gegen so, zwar nicht lauter gute, Kanonen, und gegen 16 kleine Handelsſchiffe. Napoleon bildete auch in dieſer Stadt einen Divan; er ließ ſie wieder in Vertheidigungs⸗Stand ſetzen, und errichtete ein gro⸗ ßes Spital. Seit Anfang der Belagerung von Jaffa zeigten ſich unter den franzöſiſchen Truppen Symptome von Peſt. Um keine Muthloſigkeit hieruͤber bei den Truppen einreiſſen zu laſſen, impfte ſich der Oberarzt der Armee, Desgenettes, in ihrer Gegenwart das Uebel ein, und heilte ſich hierauf mit den Mit⸗ teln, welche er ihnen vorſchrieb. Auf dieſe Weiſe zeigte er ihnen, daß dieſe Geiſel, vor welcher ſie eine ſo große Furcht hatten, bloß ſchrecklich ſey, wenn man ſich von der Angſt, davon ergriffen zu werden, niederbeugen laſſe. Napoleon ſelbſt beſuchte, in Begleitung des Arztes Desgenettes, der Generale Berthier und Beſſieres und des Dber⸗Inten⸗ danten Daure, die Saͤle der Peſt-Kranken, troͤſtete dieſe, beruͤhrte ihre Beulen, und richtete ſie durch die Worte auf:„Ihr ſeht doch, daß dieß nichts iſt!“— Bei ſeinem Austritte aus dem Hoſpitale machte man ihm lebhafte Vorwuͤrfe uͤber ſeine Unvorſichtigkeit. Ich habe meine Pflicht gethan,“ entgegnete er kalt.— Die Standhaftigkeit des Dber⸗Generals floͤßte dem Heere wieder neuen Muth ein, das durch eine Art Furcht oder Schrecken erſchuͤttert war, welche nur wenige Menſchen zu beſiegen vermoͤgen. Mit mehr Hitze als jemals eilte jetzt die Armee neuem Ruhme?— neuen Gefahren— entgegen. Die Diviſion Kleber bildete die Vorhut. Am 15. Maͤrz ſtieß ſie auf das Reiter⸗Korps Abdallah's, und auf die Naupluſianer bei Korſum, welche den Marſch nach Aere verzoͤgern ſolten. Die Di⸗ viſion Kleber, Bon und Lannes entwickelten ſich, und ſchlugen die Osmannen. Am 16. bemaͤchtigte ſich die Armee der kleinen Stadt Kaiffa, welche die Truppen des Dſchezzars⸗Paſcha in ſolcher Ueber⸗ eilung geraͤumt hatten, daß ſie die hier beſindlichen Magazine von Lebensmitteln und Munitivn weder mit⸗ —— — 7 genommen, noch zerſtoͤrt hatten. Der Eseaderon's⸗ Chef Lambert wurde zum Gouverneur der Stadt ernannt. Kaiffa liegt am Fuße des Berges Kar⸗ mel, der in unſeren heiligen Buͤchern ſo beruͤhmt iſt. Uebrigens liegt der Karmel 3 Stunden von St. Jean d'Aere, beherrſcht die umliegende Kuͤſte und hat auf ſeinem Gipfel ein Kloſter und einen Brunnen. Am 18. Maͤrz erſchien die franzoͤſiſche Armee vor St. Jean d'Aere. St. Jean d'Aere, Aere, Akko, das alte Ptolomais liegt auf einer Landzunge jm mittel⸗ ſchuͤtzen dem Anſcheine nach ziemlich ſchi ache Veſtungs⸗ werke den Platz; allein durch ihre geringe Ausdehnung ſind ſie doch ſehr leicht zu vertheidigen. Nach einer neuern Angabe zaͤhlt St. Jean d'Nere 18,000 Ein⸗ wohner. Die Eroberung dieſes Platzes mußte, wie die⸗ ſes in den Kreuzzuͤgen der Fall geweſen war, den Beſitz von ganz Palaͤſtina nach ſich ziehen, und den Franzoſen vermittels zahlreicher Legionen, die Napoleon aus der ſtarken Bevoͤlkerung des Landes, welches er durchzog, bilden wollte, den Weg nach Stambul bahnen. In dieſer Lage haͤtte das Mor⸗ genland eine neue Geſtaltung, und auf das Neue die Aufklaͤrung erhalten, welche es ehemals uͤber die Welt verbreitete. Deſſen kriegeriſche Bewohner haͤt⸗ rien ſtiegen dieſe Voͤlkerſchaften, nur von dem ein⸗ „ ten ſich unfehlbar in die Arme eines Kriegers gewor⸗ fen, der nichts verlangte, als ihre nur zu lange ge⸗ beugten Haͤupter zu erheben. Die phyſiſche Kraft die⸗ ſer Voͤlker iſt außerordentlich, und man wird ſich vor⸗ ſtellen koͤnnen, was aus denſelben nach der Wiederbe⸗ lebung ihrer Moral geworden waͤre. Der Drient wird fruͤher oder ſpaͤter dem Manne angehoͤren, der ſich einen Stuͤtzpunkt für den Hebel, der dieſe Laͤnder erſchuttern ſoll, zu verſchaffen weiß. Das Andenken an die alten Kreuzzuͤge war fuͤr die Franzoſen guͤnſtig, obgleich dieſelben in den naͤm⸗ lichen Gegenden ihr Grab gefunden hatten. Die Druſen und die Mutualis, welche die weſtlichen Gebirge bewohnen, ſind nach dem, was man davon im Lande ſagt, in gerader Linie die Abkoͤmmlinge der letzten Kreuzritter, welche der Mittel, in ihre Heimath zu kehren, beraubt, in dieſem Lande durch das Elend zuruͤck gehalten wurden. Um ſich den Ver⸗ folgungen der Tuͤrken zu entziehen, fluͤchteten ſie ſich in die Gebirge, wo ihre Abkoͤmmlinge noch leben. Dieſe Volkerſchaften leben in Staͤmmen beiſammen; ſie haben zwar die Kenntniß der Sprache ihrer Stamm⸗ vaͤter verloren, aber ſie beſitzen noch dieſelben Waffen wie dieſe, dieſelben Lanzen, lange Degen mit einem Griff in Form eines Kreutes, und kleine runde Schilde von einem ſehr harten Leder. Bei dem erſten Ge⸗ ruͤchte von dem Eindringen der Franzoſen in Sy⸗ „ 9 zigen Gefuͤhle getrieben, ſie ſeyen die natuͤrlichen Ver⸗ buͤndeten der neuen Ankoöͤmmlinge, von ihren Bergen herab, und kamen in das Lager von St. Jean d'Aere, um Napoleon, deſſen Ruhm bis zu ihnen gedrungen war, ihre Ehrfurcht zu bezengen; man be⸗ wirthete ſie feſtlich. „Napoleon— ſchreibt Gen. Savary, Her⸗ zog von Rovigo, in ſeinen Denkwuͤrdigkeiten— Napoleon, der ſelbſt zur Zeit ſeines hochſten Glan⸗ zes gerne von jener Zeit ſprach, ſagte mir oͤfters, er habe bei dem Eintritte dieſer kriegeriſchen Druſen in ſein Zelt ein mit Bewunderung gemiſchtes In⸗ tereſſe fur ſie gefuͤhlt, und dieſer Beſuch habe ihm ein wahres Vergnuͤgen verſchafft. Er ſagte ferner, er habe keine Tuͤrken zu ſehen geglaubt: denn ihre Phy⸗ ſiognomien haͤtten noch den Ausdruck der ihrer Ahnen, von denen ſie tammten, gehabt, und der Schnitt ih⸗ res Geſichtes ſey mehr europaͤiſch, als orientaliſch geweſen; mit einem Worte, man habe wohl geſehen, datß zwiſchen ihnen und uns eine Gemeinſchaft ftatt finde.“ Durch ihre Tradition wußten die Krieger, daß ſie von andern Kriegern, die aus demſelben Lande, woher die franzoͤſiſchen Krieger gekommen ſeyen, abſtammen. Uebrigens leben ſie in einer volligen Un⸗ wiſſenheit der Welthaͤndel, und ſind bloß Chriſten in aller Einfachheit der erſten Lehre. Sie ſind von der ganzen Bevoͤlkerung Syriens ſehr geachtet. Die verſchiedenen Voͤlkerſchaften haͤtten ganz leicht eine 10 praͤchtige Armee geliefert, welche den franzoͤſiſchen Legionen voraus gegangen waͤre, und dieſe letztern waͤren alsdann nur noch bei ſolchen Gelegenheiten, wo ihre Anſtrengungen nothwendig geweſen waͤren, verwendet worden; doch vor Allem mußte die Armee St. Jean d'Aere nehmen. Napoleon, deſſen Vorſicht alle Schwierigkeiten voraus ſah, hatte von Alexandrien eine Schiffs⸗ Abtheilung abgehen laſſen, auf weicher er die ſchwere Artillerie, wie die Handwerkszeuge fuͤr das Genie⸗ korps einſchiffen ließ. Dieſe Schiffe wurden durch zwei alte Fregatten gedeckt, die von Toulon als Transport⸗Schiffe abgegangen waren, welche aber zu Alerandrien nach der Niederlage der franzoͤſiſchen Flotte wieder ausgeruͤſtet wurden. Alles, was zur Belagerung von St. Jean d'Aere diente, war, wie viele Flinten, auf dieſem Transport enthalten. Dieſe Flotille, in dieſen Umſtaͤnden von unſchaͤtzbarem Wer⸗ the, ſegelte die Kuͤſten Aegyptens und Syriens entlang. Sie war vorher benachrichtigt worden, daß 2 engliſche Schiffe in dieſen Gewaͤſſern kreuzten; aber da die Fahrzeuge, welche die Flotille ausmachten, nicht tief in das Waſſer gingen, ſo konnten ſie ſich ſehr nahe an der Kuͤſte halten, und ſich jedes Mal dort in Sicherheit ſetzen, ſobald ſie die framoͤſiſchen Truppven von einem der kleinen Hoͤfen an dieſer Küſte als Meiſter gefunden haͤtten. Das Schickſal wollte, daß dieſer Transport durch einen Pffizier von weni⸗ „ * 11 ger als mittelmaͤßigen Kenntniſſen befehliget wurde. In der Richtung des Berges Karmel angekommen, vernachlaͤſſigte dieſer Mann, oder wagte nicht, den Hafen von Caiffa(Caifa, Caipha), von dem er nur3 franzoͤſiſche Meilen entfernt war, zu beſich⸗ tigen, aus Furcht, ihn von den Luͤrken beſetzt zu ſinden, waͤhrend dieß ſchon durch ſeine Landsleute ge⸗ ſchehen war. Er zauderte, und in dieſer Unentſchloſ⸗ ſenheit zog er vor, ſich, indem er auf offener See blieb, eher dem auszuſetzen durch die Britten, als durch die Tuͤrken, die er in ſeiner Einbildung uͤber⸗ al ſah, genommen zu werden. Wirklich ſiel er auch mit ſeinem ganzen Transport in die Haͤnde der Brit⸗ ten, und dieſer Fehler, dem ich keinen andern Na⸗ men zu geben weiß, hatte einen ungeheuern Einfluß auf das zukuͤnftige Schickſal des Heeres. Zuruͤck gehen konnte man nicht mehr; man mußte alſo die Belagerung des Platzes mit der Artillerie des Heeres unternehmen, und das franzoͤſiſche Belager⸗ ungs⸗Geſchutz verſtaͤrkte nun die Waͤlle von St. JFean dAere, ſeine Donner denjenigen entgegen ſendend, die es hatte unterſtuͤtzen ſollen. Napoleon ließ am 18. Maͤrz den Feind angreifen, der in den Gaͤrten um die Stadt war, und noͤthigte ihn, ſich in dieſelbe zuruͤck zu ziehen. Die Armee la⸗ gerte ſich auf einer einzeln liegenden Anhoͤhe, die gleichlaufend mit dem Meere, von dem ſie ungefaͤhr 1000 Toiſen entfernt iſt, ſich nordwaͤrts anderthalb Stunden bis zum Cap Blane erſtreckt, und im Weſt eine ſiebenviertel Stunden lange, und von den Ber⸗ gen zwiſchen Aere und dem Jordan begraͤnzte Ebene uͤberſieht. Zugleich ließ Napoleon die Drte Saffet, Nazareth und Scheffamer beſetzen. Dieſe Doͤrfer beherrſchen naͤmlich die Straße von Damask, auf welcher ſonſt die Belagerten mit den Parteien, welche im Felde waren, in Verbindung ge⸗ blieben waͤren. Am 49. Maͤrz rekognoscirten die Ge⸗ nerale Dommartin und Caffarelli den Platz; man beſchloß, die Fronte des hervorſpringenden Win⸗ kels an der Bſtſeite der Stadt anzugreifen, und be⸗ gann am 20. die Exoͤffnung der Laufgraͤben, die Ex⸗ richtung der Batterien, und die andern Belagerungs⸗ Arbeiten. Die Belagerung von Jaffa hatte dem franzoͤſiſchen Heere großes Vertrauen eingefloßt; es ſchmeichelte ſich, daß die Belagerung von Aere auch nicht laͤnger dauern, und eben ſo gluͤcklich enden wuͤrde. Allein dieſer Platz hatte eine zahlreiche Beſatzung, und ſeine Lage auf einer Halb-Inſel erlaubte den Bela⸗ gerten, alle ihre Vertheidigungs⸗Mittel auf der ange⸗ griffenen Fronte zu vereinigen. Ihre Hauptſtaͤrke aber beſtand in2 Maͤnnern, Napoleons abgeſagte⸗ ſten Feinden, Sidney Smith, und Phelipeaux. Sidney Smith war zu Havre als Spion verhaftet, nach Paris gefuͤhrt, und im Tempel ein⸗ gekerkert worden. Aus dieſem hatte ihn der Artille⸗ rie⸗Pffizier Phelipeaux, ein Emigriter ünd Ven⸗ „ 13 deer, am s. Floreal Jahr VI. mittelſt eines nachge⸗ machten Befehls des Polizei⸗Miniſters befreit. Beide hatten ſich hierauf nicht mehr getrennt. Als Sid⸗ nev Smith von ſeiner(engliſchen) Regierung zum Befehlshaber der brittiſchen Seemacht in der Levante ernannt worden war, bekleidete er ſeinen Freund Phelipeaur mit dem Range eines Dber⸗ ſten, den er in Eng land fuͤr ihn erhalten hatte. Sidney Smith hatte Anfangs durch einen Angriff auf Alerandrien Napoleon von der Expedition nach Syrien abzuhalten geſucht, und ienes am 3. Februar lebhaft bombardirt. Da aber dieſer Verſuch ganz fruchtlos war, eilte er dem Paſcha von Syrien zu Huͤlfe, der ſonſt nicht an die Ver⸗ theidigung Aere's gedacht haͤtte, ſondern bloß ſeinen Ruͤckzug und den Transport ſeiner Weiber und Schaͤtze ſichern wollte. Er ermuthigte den Paſcha, zu bleiben. Phelipeaux und Milier, Kapitaͤn des engliſchen Schiffes„Theſeus,“ arbeiteten mit groͤßter Thaͤtig⸗ keit an den Vertheidigungs⸗Anſtalten Aere's. Die Vertheidigung ſollte nun nach eben den Grundſaͤtzen und mit eben ſolchen Mitteln, wie der Angriff, ge⸗ leitet werden, waͤhrend die engliſchen Schiffe und Kreuzer den Beduͤrfniſſen der Belagerten abhelfen, die Belagerer beunruhigen, und ihre Verbindungen zur See abſchneiden wuͤrden. Alles gewann von nun ein anderes Anſehen. Europaer waren es, welche in einer Velle Aſiens ſich um den Beſitz eines Stuͤ⸗ 14 ckes von Afrika ſchlugen, und diejenigen, welche die gegen einander ſtehenden Kraͤfte leiteten, gehoͤrten Einem Volke an, ſtanden faſt in Einem Alter, und waren aus derſelben Schule, und gleichen Waf⸗ fen⸗Gattung. Phelipenu hatte mit Napoleon zu Brienne ſtudiert. Am 26. Maͤrz machte der Feind einen Ausfall aus Aere, wurde aber mit Verluſt zuruͤck geſchlagen. Am 28. fingen die franzoͤſiſchen Batterien an, Breſche zu ſchießen, und eine Mine wurde angelegt. Sie gab eine Deffnung. Der junge Mailly von Chateau⸗ renaud, Minervo zu benannt, und den General⸗ Adjutanten zugetheilt, bat um die Ehre, den Sturm befehligen zu duͤrfen. Die Begierde, die Manen ſeines Bruders zu raͤchen, der von Napoleon an Dſchez⸗ zar⸗Paſcha geſendet, und dem der Kopf abgeſchla⸗ gen worden war, trieb ihn zu dieſer Bitte. Der Ge⸗ neral⸗Adjutant Laugier ſtand mit einem auserleſe⸗ nen Korps von 600 Mann, 400 Toiſen von den Mauern, im Waffenplatz bereit, um die Breſche zu erſteigen, ſobald man ihren untern Theil aufgeraͤumt haben wuͤrde. Sechs Sapeurs wurden hierzu befehliget. Mailly mit 25 Grenadieren ſollte ihnen zur Unter⸗ ſtuͤtzung dienen. Er ſprang mit der Leiter im Arm bis zur Grabenboͤſchung vor, ſah aber, daß ſie nicht ganz geſprengt worden war, noch blieben 8 Fuß un⸗ verſehrt. Dem ungeachtet ſprang er in den Graben, und hielt fuͤr leichter, die Breſche zu erklettern, als 15 zu warten, bis ſie beſſer zugaͤnglich gemacht ſey. Man ſagt, daß, als die Tuͤrken dieſen jungen Pffizier ſeine Leiter an den Wall anlegen geſehen haͤtten, Schrecken ſich ihrer bemaͤchtiget habe, und daß ein großer Theil von ihnen nach dem Hafen geeilt ſey; Dſchezzar⸗Paſcha ſelbſt foll ſich auf ein Schiff gerettet haben. Mailly wurde am Fuße verwundet und ſtuͤrzte in den Graben. Nun faßten die Belager⸗ ten wieder Muth zur Gegenwehr. Nach unerhoͤrten Anſtrengungen gelang es den Grenadieren in einen viereckigen Thurm zu dringen; doch da ſie keinen Ausgang in die Stadt finden konnten, und einem fuͤrchterlichen Feuer ſich ausgeſetzt hatten, traten ſie ihren Ruͤckzug an. Im Laufe eilten die General⸗Adjutanten Laugier und Lescale mit2 Bataillonen zu ihrer Un⸗ terſtuͤtzung herbei, erfuhren von den Grenadieren Mail⸗ lo's Tod, und daß die Breſche ungangbar ſey. Deſ— ſen ungeachtet verſuchte man einen neuen Sturm, und ſprang in den Graben. Lescale und Laugier fanden aber hier ihren Tod, und der Sturm mißlang. Die Soldaten kehrten in die Laufgraͤben zuruͤck. Mailly, deſſen Fuß zerſchmettert war, kam endlich wieder zu ſich, aber den Seinigen nicht folgen koͤnnend, flehte er einen Grenadier um Huͤlfe an. Hieſer Brave lnd ihn auf ſeine Schultern, und ſuchte muͤhſam aus den Lroͤmmern der Breſche herauf zu klimmen, als eine Kugel ihn niederſtreckte. Waͤhrend der Nacht ſtiegen die Tuͤrken hinab, fanden Mailly noch 5 16 lebend, und ſchnitten ihm den Kopf ab. So ſtarben in der Bluͤthe ihres Alters zwei ungluͤckliche, eines beſſeren Schickſals wuͤrdige Bruͤder, unter Dſch ez⸗ zars(Schlaͤchter's) Meſſer. Kuͤhn gemacht durch den abgeſchlagenen Sturm, unternahmen die Tuͤrken am 30. Maͤrz einen Aus⸗ fall, drangen bis in die Trancheen vor, verjagten die Arbeiter, und toͤdteten den Brigade⸗Chef vom Genie⸗ Korps Detroye. Bald aber von ihrer Beſtuͤrzung ſich erholt, kehrten die Franzoſen um, und ſchlugen die Belagerten, trotz des lebhafteſten Widerſtandes, in die Feſtung zuruͤck. Rapoleon fuͤhlte, daß kein Jaffa angegrifen werde, daß man geregelter den Angriff beginnen müſſe, fuͤhlte aber ganz den Verluſt und Mangel des Belagerungs⸗Geſchuͤtzes. Dſchezzar und ſeine Ge⸗ noſſen verdoppelten ihre Anſtrengungen. Die ganze Bevoͤlkerung der Stadt arbeitete an Zu ſammenhaͤu⸗ fung aller moͤglichen Vertheidigungs⸗Mittel auf der angegriffenen Fronte. Ungeheure Werke wurden im Innern der Feſtung errichtet; eine neue Mauer erhob ſich hinter den alten Waͤllen. Dſchezzar verſuchte oft Ausfaͤlle, um die Arbeiten der Belagerer zu zer⸗ ſtoͤren, keiner aber war gelungen. Einmal mit Tages⸗ Anbruche ordnete er einen großen Ausfall in 3 Ko⸗ lonnen an. An der Spitze befand ſich eine Abtheilung von Britten, aus Sidney Smith's Schiffs⸗ Mannſchaft gezogen. 17 Die Feinde ruckten unter dem Schutze der von engliſchen Kanonieren bedtenten Geſchuͤtze der Walle vor. Sehr heftig wurden die vorderſten franzoſi⸗ ſchen Poſten und vorgeſchobenen Arbeiter von den 3 Kolonnen angefallen. Die zur Bewachung dieſer Werke aufgeſtellten Abtheilungen waren zu ſchwach, un dieſem Angriffe widerſtehen zu koͤnnen, und zo⸗ gen ſich zuruͤck; allein die franzoͤſiſche Artillerie warf aus den Waffenplaͤtzen und Paralelen ein ſo heftiges und gut genaͤhrtes Feuer den Mu ſelm aͤn⸗ nern entgegen, daß ihre erſten Glieder bald gelichtet, und uͤber den Haufen geworfen wurden. Die rechte und linke Kolonne zogen ſich wieder auf ihre Waͤlle zuruͤck; nur die mittelſte ſuchte noch weiter vorzudrin⸗ gen. Sie wurde von dem engliſchen Kapitaͤn Tho⸗ mas Asfield(Aldfield, DOldfield) angefuͤhrt, und follte ſich des Minen⸗Eingangs zu bemaͤchtigen ſuchen. Der Kapitaͤn, an der Spitze einiger Solda⸗ ten ſeiner Nation, drang ſchnell unter einem Hagel von Kugeln und Kartaͤtſchen vor, und hatte den Ein⸗ gang zur Mine erreicht, als er von einer Kugel ge⸗ troffen, niederſtuͤrzte. Dieſes war das Zeichen zur vollkommnen Unordnung. Von den Mu ſelmn⸗ nern und den engliſchen Soldaten wich aller Muth; ſie ſuͤrzten in hoͤchſter Sile in die Stadt zu⸗ ruͤck, und ließen den Boden mit ihren Todten und Verwundeten bedeckt. Der Kapitaͤn Asfield ſtarb in den Armen der franzoͤſiſchen Grenadiere, welche ötes B. Aegypten. III. 1, 2 18 ihn zum Hauptaquartiere brachten. Man fand ein Pa⸗ tent bei ihm, in welchem die glaͤnzenden Thaten er⸗ waͤhnt waren, die er bei der Einnahme des Vorge⸗ birges der guten Hoffnung verrichtet hatte. Navpoleon befahl, ihn mit allen Kriegsehren zu be⸗ graben. Sein Degen, von ihm ſelbſt waͤhrend ſeines Lebens geehrt, wurde es auch nach ſeinem Tode, in⸗ dem er dem aͤlteſten Grenadiere des Heeres uͤbergeben wurde. Dieſe Ausfaͤlle, und ein zweiter mißlungener An⸗ griff der Franzoſen auf den Thurm, von dem wir ſprachen, koſtete das Blut wackerer Krieger von Na⸗ poleons Heere. Man nahm nun zu dem Minen⸗ Kriege die Zuflucht, um den Thurm ganz in die Luft zu ſprengen, in welchen man keine gangbare Breſche zu legen vermochte. Als am 9. April der Genie⸗Ge⸗ neral Caffarelli die Tranchee unterſuchte, wurde er durch eine Kugel am rechten Ufer getroffen. Das Gelenk des Ellenbogens war ſo zerſchmettert, daß der beruͤhmte Liebling Napoleon's und Dberwundarzt Larrey den Arm abnehmen mußte. Dieſer ſchon fruͤher verßuͤmmelte General hielt dieß mit dem ſtand⸗ hafteſten Muthe, ohne nur ein einziges Wort vorzu⸗ bringen, aus. Jedoch ſtarb er am 27. April 4799 Caffarelli, obwohl ausnehmend tapfer, ſchlug ſich doch nur aus Zwange. Er liebte den Ruhm, aber mehr noch die Menſchen. Krieg diente ihm nur zum Mittel, Frieden zu erlangen. Fuͤr Napoleon hegte 19 er eine Art von religioͤſer Verehrung, der auch ihn ſehr liebte, und ihm die groͤßte Achtung erzeigte.— In dieſen blutigen Tagen hatten Napoleons Stiefſohn, der ritterliche Eugen, Napoleons Adjutant, der treue Duroe„der General⸗Adjutant Valentin, und die Genie⸗Offiziere Say, Sou⸗ bait und Samſon Wunden erhalten. Unterdeſſen ſuchten Abgeſandte Dſchezzar's, durch Geld und Proklamationen in ganz Syrien den Franzoſen neue Feinde zu erwecken. Es ver⸗ ſammelten ſich zahlreiche Haufen zu Fur, dem alten Tyrus, zu Tabarieh, zu Napluu. a. D. Ab⸗ dallah, Paſcha von Damask, Kommandant der tuͤrkiſchen Lruppen, organiſirte das Heer, und verkuͤndete laut ſein Vorhaben, die unglaͤubigen Hunde bei St. Jean dAere zu vertilgen. Napoleon erfuhr dieſe Bewegungen der feind⸗ lichen Armee. Er ließ den General Junot eine Recognoseirung unternehmen. Junot degab ſich nach Nazareth. Von da meldete er dem Napo⸗ leon die Ankunft der feindlichen Armee in der Ge⸗ gend von Fuli, Tabor, Lubi, Saffet n. ſ. w., *) Die Feldzuͤge in den Jahren 1342— 1816 unter Napoleons perſoͤnlicher Anführung von De. und Prof. F. J. A. Schneidawind. I. Bd. II. Heft. Cugens Biographie. Seite 164. Bamberg u. Aſchaffenb. bei J. C. Dreſch. 20 und ruͤckte dann auf Lubi. Auf der Ebene zwiſchen dem Berge Tabor und dem Dorfe Lubi wurde er aber ploͤtzlich von 3000 Reitern am 8. April angefallen. Junot hatte bloß s0o Mann bei ſich, unter dieſen 150— 160 Reiter aus verſchiedenen Regimentern; die uͤbrigen Truppen von der 2. leichten und 49. Linien⸗ Brigade. Junot widerſteht wacker, ſchlaͤgt ſeine Geg⸗ ner, und erreicht ſeine Stellung von Nazareth gluͤcklich wieder. Der Dber⸗General hielt dafuͤr, daß Junot ungeachtet dieſer ſchoͤnen Waffenthat, doch laͤngere Zeit einem ſo uͤberlegenen Feinde nicht gewach⸗ ſen ſeyn koͤnnte. Er ließ daher Kleber am 9. April mit 1600 Mann aufbrechen, und zu Junot bei Na⸗ zareth ſtoßen. Der Sohn des Paſcha von Damask war mit 4000 Pferden in Lubi geblieben, und hatte das Dorf Seid⸗Scharra, oder Sed⸗Jarra mit 600 Mann Fußvolk beſetzt. Kleber mit Junot zog ihm entgegen, und ſtand am 14. Maͤrz ihm gegen⸗ uͤber. Durch 2 Bataillons ließ er das Dorf angrel⸗ fen, mit dem Bajonette wegnehmen, und marſchirte dann im Sturmſchritte auf die ihn umringende Rei⸗ terei los. Den groͤßten Theil des Tages ſchoß man ſich herum. Abends endlich zieht ſich der Feind un⸗ ordentlich zuruͤck, und geht uͤber den Jordan. un⸗ geachtet ſeines erlangten Vortheils hielt ſich Kleber nicht fur ſtark genug, dem Feinde auf ſeiner Flucht nachzueilen. Da es ihm uͤberdieß an Munition fehlte, ſo zog er ſich auf die Hoͤhen von Safforieh zuruͤck, 21 wo er feſte Poſition nahm, und Verſtaͤrkung erwar⸗ tete. In dieſem Gefechte wurden dem Funot zwei Pferde und ein Dromedar unter dem Leibe getoͤdtet; ſeine Kleider waren ganz von Kugeln durchloͤchert. Kleber benachrichtigte den Ober⸗General in ſei⸗ nem Berichte, daß die feindliche Armee 30— 35,000 Mann ſtark, und aus Mamelucken, Fanitſcharen von Damask und Aleppo, Arabern, Samaritanern, Napluſanern ꝛe. beſtehend, ſich in der Ebene von Fuli, 4 Stunden von Nazareth verſammelt habe, wo ſie die Umgegend beunruhige. Er fuͤgte bei, daß der Hauptmann Simon mit 30— 60 Mann in dem Fort von Saßfet Gafet) von einem Haufen der Feinde eingeſchloſfen ſey, und der ſchleunigſten Huͤlfe beduͤrfe. Am Schluſſe des Berichtes zeigte er ſeine Abſicht an, in den Ruͤcken des Feindes zu marſchiren, und zu verſuchen, ſein Lager zu uͤberfallen. Dieſer Bericht überzeugte Nap oleon von der Nothwendigkeit, einen entſcheidenden Streich zu füh⸗ ren. Er ſendete dem General Kleber 4 Geſchütze und ein Kavallerie⸗Detaſchement. General Murat erhielt den Befehl mit 1000 Mann Fußvolk, 1 Ge⸗ ſchuͤtz und einer Abtheilung Dragoner ſchleunigſt die Jakobsbruͤcke zu beſetzen, als den einzigen Punkt, wo der Feind ſeinen Ruͤckzug uͤber den Fordan be⸗ werkſtelligen konnte. Er ſelbſt ſetzte ſich dann mit 400 Pferden, der Dlviſion Bon von 2000 Mann, N und mit s Geſchuͤtzen in Marſch, ſo daß bloß die Diviſion Lannes und Reynier vor Vere blieben. Kleber empfing ſeine oben erwaͤhnte Verſtaͤrkung nebſt einer Brdre des Dber⸗Generals am 18. April. In Uebereinſtimmung mit dem ihm vom Pber⸗Gene⸗ ral vorgeſchriebenen Plane, marſchirte er ſogleich mit ſeinen 2000 Mann ab, um ſich zwiſchen die tuͤrki⸗ ſche Armee und den Jordan zu ſtellen, ſie in ihrem Lager am 46. vor dem Anbruch des Tages zu uͤber⸗ fallen, ihre Magazine zu nehmen, und ſie unter die Mauern von Aexe zu treiben. Von ſeinen Fuͤhrern irre gefuͤhrt, kam er— die ganze Nacht marſchirt— erſt Morgens 6 Uhr am 16. April im Angeſichte des Feindes auf der Ebene von Fuli— den Berg Ta⸗ bor hatte er umgangen— an, und konnte mithin ſese Gegner nicht uͤberfallen. Anſtatt ſie angreifen zu koͤnnen, hatte Kleber kaum Zeit genug an ſeine eigene Vertheidigung zu denken. Im erſten Momente der durch ſeine Ankunft entſtandenen Verwirrung, ge⸗ lang ihm, ſich eines kleinen, fuͤr Kavallerie unzugaͤng⸗ lichen Forts(Berthier ſchreibt: Ruinen) zu be⸗ maͤchtigen. Er beſetzte es mit 100 Mann„und lehnte ſeine, 2 Vierecke bildende Diviſion an dasſelbe. Kaum aber war er mit dieſer Anordnung fertig, als auch ſchon 4000 Reiter in der Ebene vor ihm aufmarſchirt ſtanden. Ihnen folgten 3000 andere, dann ein drit⸗ tes Korps, und endlich waͤlzte auch die Maſſe der feindli⸗ chen Armee heran. Noch nie hatten die Franzoſen viel Reiterei, eine ſolche ſeltſame Miſchung von Ltuten aller Nationen und Farben, herumjagend, an⸗ greifend, und ſich nach allen Seiten herum bewegend, geſehen. Kleber befahl ſeinen Soldaten, gut geſchloſſen zu bleiben, und ihr Terain, ohne einen Schritt vor oder zuruͤck zu thun, zu behaupten. Er wußte, daß nur der erſte Dhok der Drientalen furchtbar iſt, und daß, wenn es gelingt, dieſen auszuhalten, der durch dieſen gefundenen Widerſtand ermuthigte Feind, nur noch unzuſammenhaͤngende Angriffe machen, und den Reſi des Tages ohne großen Nachdruck handeln wuͤrde. Das Heer des Paſcha von Damask rckte un⸗ ter furchtbarem Geheul und Geſchrei, nach Art der Barbaren vor, und griff die Franzoſen mit großem Ungeſtuͤm auf allen a Seiten an. Unbeweglich auf ihrer Stelle ſtreckten dieſe Braven von allen Seiten eine dreifache Reihe von Bajonetten entgegen, an welchen alle Anſtrengungen der feindlichen Reiterei ſcheiterten. In der beſten Schußweite von dem moͤr⸗ deriſchen Feuer empfangen, ſahen dieſe ſtolzen Drien⸗ talen ſich zur Flucht geiwungen, und kehrten um. Sie machten einen neuen Angriff; mit gleicher Uner⸗ ſchrockenheit, wie das erſte Mal, zuruͤck geſchlagen, warfen ſie ſich in den, beide Vierecke trennenden, Zwiſchenraum, in der Abſicht, ſie aus einander zu druͤcken. Ein wohlgenaͤhrtes Kartaͤtſchen⸗ und Glie⸗ 24 der⸗Feuer verbreitete aber Tod und Verderben in ih⸗ ren Reihen, und trieb ſie zuruͤck. Kleber, welche bemerkte, daß das von Junot befehligte Viereck nicht groß genug ſey, um alle Pferde, Munitions⸗ und andere Wagen aufzunehmen, ergriff dieſen Mo⸗ ment, um aus den zwei Vierecken nur ein einziges zu bilden, trotz der unerhoͤrteſten Anſtrengungen des Feindes, um dieſe Vereinigung zu hindern. In der Hoffnung, daß die Muſelmaͤnner nach ihrer reli⸗ gioͤſen Gewohnheit mit dem Untergange der Sonne die Schlacht aufgeben wuͤrden, befahl Kleber ſeinen Soldaten, ihre Munition gut zu ſparen, um das Feuer bis in die Nacht fortſetzen zu koͤnnen. Ver⸗ ſchanzt hinter einem Walle von gefallenen Pferden und Menſchen gebildet, ſchlugen die Franzoſen mit dem groͤßtmoͤglichſten kalten Blute die ſich ſtets erneuernden Angriffe ihrer Feinde ab. Unerſchuͤtterli⸗ ches Vertrauen auf ihren Feldherrn und auf ihre ei⸗ gene Tapferkeit, ließ ſie alle Gefahren verachten. Ein⸗ geſchloſſen von einer fuͤnfzehnmal ſtaͤrkern Armee mußte augenſcheinlich dieſe Heldenſchaar endlich doch der Anſtrengung und der Mehrzahl unterliegen, und einen ruhmwuͤrdigen Tod auf der Ebene von Fuli finden. Es war Ein Uhr Nachmittags; auf allen Punkten ſchlug man ſich mit gleicher Wuth. Da laͤßt in der Ferne ein Kanonenſchlag ſich hoͤren.„Dieß iſt Bo⸗ naparte!“ tufen die Soldaten voll Enthuſiasmus 25 und Feuer;„er iſt's, der zu unſerer Huͤlfe herbei⸗ eilt!“ Und ſo war es auch. Treu dem ſeinem Unter⸗Feldherrn Kleber gege⸗ benen Verſprechen, gegen die Tuͤrken zu marſchiren, batte Napoleon, am 14. Mittags von Aere aufge⸗ brochen, ſeine Richtung auf Nazareth genommen, in der Hoffnung, dort das Heer der ſyriſchen und aſiatiſchen Paſchas zu treffen, und am 13. Abends, zu Safforieh auf den dortigen Höhen gelagert, die Kleber vor mehreren Stunden verlaſſen hatte. Am a6. mit Tages⸗Anbruche ſetzte ſich Navpoleon in Marſch, und folgte den Spuren Klebers. Auf ei⸗ ner Hoͤhe angekommen, uͤberblickte er die Hoͤhe von Fuli, und bemerkte in Entfernung von 2 Stunden die handvoll Menſchen am Fuße des Berges Dabor, gegen ein unzaͤhlbares Heer kaͤmpfend. Zwei Stun⸗ ben hinter dem Schlachtfelde erblickte man das Lager von Ibrahim's Mamelucken, der ſich fuͤdwaͤrts am Fute der napluſiſchen Berge aufgeſtellt hatte. Bei dem Anblicke der Gefahren, von denen ihre Waffen⸗ bruͤder umringt waren, verlaugten Napoleons Krie⸗ ger mit großem Geſchrei ſogleich zu ihrer Hilfe in das Gefecht gefuͤhrt zu werden. Er formirte aus ſei⸗ nem Korps zwei von den Generalen Rampon und Vial kommandirte Vierecke, und befahl ihnen, ſich ſo auf das Schlachtfeld zu wenden, daß ſte mit der Diviſivn Kleber die 3 Spitzen eines gleichſeitigen Dreiecks, jede Seite zu 2000 Toiſen bilden könnten, 26 um auf dieſe Art die Maſſe des feindlichen Heeres in die Mitte dieſer Figur einzuſchließen. Der General⸗Adju⸗ tant Leturg wurde beauftragt, mit der Reiterei das Drt Dſchenine zu decken, um dem Feinde den Ruͤckzug auf dieſem Punkte abzuſchneiden, und die Mamelucken im Zaum zu halten, wenn ſie Miene machen ſollten, an der Schlacht Theil nehmen zu wollen. Die beiden von Vial und Rampon befehligten Vierecke marſchirten mit ſchnellen Schritten auf das Schlachtfeld; als ſie nur noch eine halbe Stunde da⸗ von entfernt waren, befahl Napoleon eine allgemeine Salve aus ſeiner geſammten Artillerie, um Kleber ſeine Annaͤherung zu verkuͤnden. Dieſes Signal wurde von allen Soldaten verſtanden, alle Muͤdigkeit und Strapaze war vergeſſen, Freudengeſchrei durchlief die Glieder. Kleber benutzte die auflodernde Begeiſte⸗ rung, und befahl, das Feuer guf allen Punkten zu verdoppeln. Nach den Regeln der Kriegskunſt haͤtte Abdallah⸗Paſcha auf der Stelle einen Theil ſeiner Armee Napoleon entgegen werfen muͤſſen, wäh⸗ rend der uͤbrige Theil Kleber's Abtheilung vernichtet haͤtte; aber von Beſtuͤrzung ergriffen, und die einfach⸗ ſten Anordnungen oder Anforderungen der Taktik nicht kennend, traf er nicht die mindeſte Anſtalt, um das Manoͤver des Siegers von Italien und Aegypten zu vereiteln. Geſtutzt indeſſen auf die numeriſche Ue⸗ berlegenheit ſeiner Reitetei, wollte er noch einen MW letzten Verſuch machen, und befahl einen neuen An⸗ griff, als ploͤtzlich Napoleon auf dem Schlacht⸗ felde war. Das vom Rampon befehligte Viereck ruckte mit ſchlagenden Tambours und Gewehr im Arm in die Ebene vor, und griff die Tuͤrken in Flanke und Ruͤcken an. Dieſe, um ſeinem Angriffe zu begegnen, ließen von dem erbitterten Kampfe mit der Diviſion Kleber nach. Dieſer General benutzte dieſen Augenblick der Unentſchloſſenheit des Feindes, und griff ihn an. Auf Fuli ließ er unter den Befehlen des Generals Verdier eine Kolonne von 200 Grenadiers ſtuͤrmen. Kuͤhn drang ſie vor, rechts und links furchtbares Feuer auf das feindliche Fußvolk ſchleudernd, wel⸗ ches ſich ihr entgegen warf, und nahm das Dorf mit dem Bajonette. Zwiſchen Kleber und Rampon eingekeilt, fuͤhlte Abdallah⸗Paſcha, daß er das Schlachtfeld nicht laͤnger behaupten koͤnne, und daß er ſein Heil in ſchneller Flucht ſuchen müſſe. Er ent⸗ ſchloß ſich, ſeinen Ruckzug auf Napluſa(Naplu) zu nehmen, und zog ſich auf das Dorf Nures. In dieſem Augenblicke aber zeigte ſich Vial's Viereck, warf ſich ihm entgegen, und verſchloß den Tuͤrken den Weg. Klebers, Rampons und Vials Vier⸗ ecke, dem Plane des Ober⸗Genelals gemaͤß, bildeten nun ein gleichſeitiges Dreieck, ruͤckten in coneentri⸗ ſcher Richtung vor, und druckten di Luͤrken in der Ebene zuſammen. Niedergeſchmettert durch das Ge⸗ ſchütz, von allen Seiten durch Gewehrfeuer oder blanke Waffe zuruͤck geworfen, ſtuͤrzte ſich endlich das tuͤrkiſche Heer nach unerhoͤrten Anſtrengungen— vom Lager und Magatinen abgeſchnitten— um Bahn zu brechen, in wilder Flucht um den Berg Tabor berum, und nach dem Jordan. Ein Infanterie⸗ Korps verfolgte es im Sturmſchritte mit dem Baj⸗ nette in den Rippen, auf dem Wege von Erbed, wo die Moslemims die Prücke von Medſcha⸗ meh erreichten. Der Schrecken der Feldfluͤchtigen war ſo groß, daß, als der Weg uͤber die Bruͤcke durch ihre Menge ſelbſt verſperrt wurde, unzaͤhliche ſich in den Jordan warfen, um geſchwinder das andere ufer zu erreichen; ſehr viele ertranken. Während dieſer Zeit hatte General Murat Saf⸗ fet entſetzt, das bei der Jakobsbruͤcke ſtehende Korps unter dem Sohne des Paſcha von Damask geſchlagen, dieſen wichtigen Uebergang genommen, und ſich mit Leturg vorwaͤrts Dſchenine verei⸗ niget. Nun griffen Beide das Lager der Mamelu⸗ cken an, toͤdten eine große Menge, machten 300 Ge⸗ fangene, fingen einen Konvoy von soo Kamelen auf⸗ und bemächtigten ſich aller Munition, Lebensmittel und Ibrahim⸗Beys reichen Gepaͤckes.— Die Luͤrken konnten nicht begreifen, wie ſie im naͤmli⸗ chen Augenblicke, in einer Linie von 9 Meilen ge⸗ ſchlagen wurden; ſo unbekannt ſind ihnen die kom binirten Bewegungen. 29 Die ſiegreiche Armee, erſchopft von Strapazen, freilagerte am Fuße des Berges Tabor waͤhrend der Nacht vom 16. auf 17. Das Heer der Paſchas verlor an dieſem Tage mehr als s— 6000 Mann. Dieſe entſcheidende Schlacht vom Berge Tabor oder Es⸗ drelon entfernte auf immer die Heere der Pforte aus der Provinz Tiberias; die dieſer Niederlage entronnenen muſelmaͤnniſchen Truppen zerſtreu⸗ ten ſich, vom Schrecken ergriffen, in ihre Heimaths⸗ laͤnder. Am 17. ruͤckte General Murat in Tabarieh ein, und bemaͤchtigte ſich der dort befindlichen, gro⸗ ßen Magazine. Die Beſatzung des Ortes war entflo⸗ hen. Um die Napluſianer zu zuͤchtigen, wurden die Orte Nures, Dſchenine und Ualar ver⸗ brennt. Im Laufe des 17. begaben ſich die Truppen wieder auf den Weg nach Aere, nachdem ſie zuvor den Berg Tabor beſucht hatten. Napoleon ſchlug die Straße uͤber Nazareth ein, woſelbſt er ſich bei ſeinem Marſch gegen die Paſchas nicht hatte aufhalten koͤnnen, und ließ ſich von Kleber beglei⸗ ten. Napoleon wurde zu Nazareth wie ein neuer Meſſias erwartet, und mit den groͤßten Freude⸗Ausbruͤchen empfangen. Dieſe Stadt liegt äußerſt guͤnſtig in dem Gebirgs⸗Paſſe, welcher die Ebene von Fuli von der von Aere ſcheidet. Sie iſt wohlgebaut, mit herrlichen Gefilden umgeben, und von einer ſchoͤnen Quelle bewaͤſſert. kan findet da⸗ 30 ſelbſt vortreflichen Wein. Der Ober⸗General beſuchte die wegen ihrer ſchoͤnen Architektur und Bildhaue⸗ Arbeit des Altars aus pariſchem Marmor beruͤhmte Kirche der Kapuziner, hinter welchem Altare eine in Felſen gehauene Grotte als diejenige gezeigt wird, in welcher die h. Jungfrau Maria 21 Monate ve⸗ borgen geweſen ſey.— Die Franzoſſen hatten auf dieſem Zuge uͤberall einen durch große Erinnerungen klaſſiſchen Boden betreten. Auf jedem Schritte fan⸗ den ſie Spuren vergangener Jahrhunderte. Bald ſchwebte ihnen das Andenken an die Patriarchen der Hebraͤer, bald das der Koͤnige des juͤdiſchen Volkes vor. Hier erblickte man noch Denkmaͤler der Roͤmer⸗Herrſchaft. Dort bezeugte Alles die Tha⸗ ten der Eroberer des h. Grabes, und ihre ritterlichen Schatten ſchienen ſich freudig zu erheben, um die Er⸗ ben ihrer Tapferkeit zu begruͤßen. Die Huͤgel, die Berge, die Thaͤler, die Stroͤme, die unbedeutend⸗ ſten Baͤche, Alles ſprach zu den Herzen der Franzo⸗ ſen. Von erhebenden Gedanken und Gefuͤhlen tief durchdrungen, kehrten die Diviſion Bon und die Reiter⸗Abtheilungen unter General Murat in das Lager von Aere zuruͤck; Kleber aber verſicherte ſich durch die Beſetzung der Forts von Saffet und Ta⸗ barieh, und der Bruͤcken uͤber den Jordan dieſes Stromes, und nahm zu Nazareth Stellung. Hier ſtieg Napoleon von den Gebirgen herab, und nach⸗ dem er in ſehr bevolkerte, von fruchtbaren, gut an⸗ 31 gebauten Aeckern umgebene Dorfer gekommen war, langte er Abends des 19. April vor St. Jean d'Aere an. Hier eingetroffen, erfuhr er, daß ein arabiſcher Stamm ſich in der Umgegend am Berge Karmel feſtgeſetzt habe, die Verbindung der Franzoſen mit Jaffa beunruhige, und mit den Britten in Ge⸗ meinſchaft zu treten ſuche, um ihnen Lebensmittel zur Verproviantirung zukommen zu laſſen. Er ſendete deß⸗ balb noch am9. April den General⸗Adjutanten Leturg mit 300 Mann gege dieſe Araber, der ſie in ihrem Lager uͤberfiel, ihnen so Mann toͤdtete, und 800 Och⸗ ſen abnahm, die nun zur Ernaͤhrung der Armee die⸗ nen mußten. Die vom Ober⸗General vor ſeinem Abgange aus dem Lager vor Aere ſo thaͤtig betriebenen Arbeiten waren waͤhrend einer Abweſenheit mit eben ſolchem Eifer fortgeſetzt worden. Als er mit Murat um dieſe Stadt ſpatzieren ging, rief er, indem er auf jene ihn ſchon 40 Tage aufhaltenden Mauern zeigte:„das Schickſal des Drients liegt in dieſem Neſte; Aere's Fall iſt der Zweck meines Feldzuges, Damask ſoll die Frucht deſſelben ſeyn.„Am 20. April(1Floreal waren die Mineurs unter der Mitte des oft erwaͤhn⸗ ten dicken Thurmes angekommen. Die Mine ſprang am 24., brachte aber nicht die erwartete Wirkung hervor. Ein unter dem Thurme befindliches Gewoͤlbe ſchwaͤchte den Widerſtand, und ein Theil der Pulver⸗ 32 kraft ging verlvren, indem es auf die Seite der Fe⸗ ſtung hinaus brach. Jedoch ſtuͤrzte ein großes Stück der Erdmauer, und der groͤßte Theil der 3 Gewoͤlbe ein. Zehn Loiſen rechts und links war der Graben gaͤnzlich unter den Truͤmmern verſchwunden. Der Pber⸗General befahl den dritten Sturm mit 30 Gre⸗ nadiers voran; allein dieſe Braven konnten ſich nicht im Thurme feſtſetzen, und mußten ſich zuruͤck ziehen. Fortdauernd beſchoß man waͤhrend des ganzen 23. Aprils die Breſche; am Abend machte man einen nenen Verſuch, im erſten noch immer vom Feinde be⸗ haupteten Stockwerke des Thurmes ſich feſtzuſetzen. Ge⸗ lang dieſer Angriff, ſo konnten die Franzoſen auch in die Stadt eindringen, wenn ſie ſich in die links und mit dieſem Stockwerke in gleicher Hoͤhe liegen⸗ den Haͤuſer werfen wuͤrden. General Devaux C(de Vauk) ſollte mit 25 Grenadiers den Thurm erſtei⸗ gen. Trotz auſſerordentlicher Anſtrengungen gelang es den Franzoſſen nicht, Meiſter zu werden, und Devaur wurde ſchwer verwundet. Napoleon rief die Streiter nun zuruͤck. Am 28. langte das Belagerungs⸗Geſchuͤtz, welches der Contre⸗Admiral Perée zu Tintura gelandet hatte, von Jaffa an. Neugierig wurde es von den Soldaten betrachtet, welche nicht zweifelten, daß es nun bald uͤber das Schickſal der Veſte entſcheiden wuͤrde. Seit mehreren Tagen atbeitete der Feind außerſt thaͤtig an aͤußern Vertheidigungs⸗Werken, 33 hatte 2 Waffenplaͤtze zum Schutze ſeiner Ausfaͤlle, und, um den angegriffenen Thurm zu flankiren, errichtet. Seine Vertheidigungs⸗Linie, geſchuͤtzt durch die zahl⸗ reiche Artillerie der Waͤlle, ſchien furchtbar. Um ſein Feuer zu tilgen, und um ſich in ſeinen Werken feſt⸗ ſetzen zu koͤnnen, haͤtte man ihm ſehr an Geſchutz uͤber⸗ legen ſeyn muͤſſen. Durch Wunder von Tapferkeit ge⸗ lang es hin und wieder, in dieſe Werke einzudrin⸗ genz allein die Mittel, ſich feſtzuſetzen, fehlten, und der Feind verſaͤumte nicht, ſie wieder zu beſetzen. Am 29. April ſtand das Belagerungs⸗Geſchuͤtz in der Breſch⸗Batterie; vom Neuen fing man die Beſchie⸗ ßung dieſes halb zerſtoͤrten Thurmes an, um ihn ganz zu vernichten, und machte ihn auch zur Ruine. Am 1. Mai wurde ein vierter Sturm unternommen; doch abermals vergebens; am 6. in der Nacht der fünfte, allein auch dieſes Mal vermychten ſich die Stärmen⸗ den nicht auf der Breſche zu behaupten. Am 7. Mai, um die Mitte des Tages, erſchienen mehrere Segel am Horizonte. In demſelben Augen⸗ blicke lichteten die bei Aere ſtationirten engliſchen Schiffe die Anker, und ſegelten, nachdem ſie ſich mit den von Kaiffa befindlichen Kreuzern vereinigetehat⸗ ten, in die offene See. Ploͤtzlich verbreitete ſich im Heere das Geruͤcht, die ſignaliſirte Flotte ſey vom Direktorium der ſyriſch-franzoͤſiſchen Armee zur Hülfe geſchickt worden, und bringe ihr Verſtaͤr⸗ kung und Munition. Sidney Smiths eilige Ab⸗ 35tes B. Aegypten. III. 1. 3 34 fahrt beſtaͤrkte die Meinung; man glaubte, er ſey ge⸗ flohen, um nicht der franzoͤſiſchen Flotte in die Haͤnde zu fallen. Die Soldaten, welche gerne glaub⸗ ten, was ſie mit ſo großer Sehnſucht wuͤnſchten, uͤberließen ſich der groͤßten Freude. Aber leider war ſie nur von kurzer Dauer. Bald erblickte die Armee von der Spitze des Huͤgels, auf dem ſie lagerte, die engli ſche Flagge im Verein mit der tuͤrkiſchen von den Maſten der Flotte wehen, die mit vollen Segeln auf den Hafen von Aere zukam. Es war eine Konvoy von zo türkiſchen Fahrzeugen, welche ein betraͤchtliches Korps des in Rhodus verſammel⸗ ten Heeres zur Vertaͤrkung an Bord hatten. Sid⸗ ney Smith hatte nur, um dieſe annahende Flotte zu erkundſchaften, und mit ihr zugleich in die Rhede einzulaufen, die Anker gelichtet. Man berechnete, daß vermoͤge des eben wehenden Windes dieſe Verſtaͤrkung vor 6 Stunden nicht wuͤrde an das Land geſetzt werden koͤnnen. Napoleon fühlte, daß noch im Laufe des Tages das Schickſal des Feldzuges entſchieden werden wuͤrde, und die kurie, ihm vom Gluͤcke gelaſſene Friſt benutzend, ließ er aus allen Batterien das Feuer beginnen, und ein Stuͤck Mauer rechts von dem oft erwaͤhnten ungluͤck drohenden Thurme durch einen vierundzwanzig Pfuͤnder zuſammen ſchießen. Er unterſuchte ſelbſt, ob die Breſche gangbar ſey, und befahl den ſechſten Stutm, in der Hoffnung, noch vor der Ankunft de 35 Flotte, der Stadt ſich bemaͤchtigen zu konnen. Dieſer Sturm war furchtbar. Voll neuen Unmuthes ſtuͤrzten ſich die Soldaten, namentlich von der 18. und 32. Halbbrigade, von ihren Generalen Bon, Rampon und Vial gefuͤhrt, in die Laufgraͤben; die Werke des Feindes wurden genommen. Das moͤrderiſche Feuer der Waͤlle vermochte nicht ihren Muth aufzu⸗ halten; die Waffenplaͤtze werden genommen, die Bo⸗ vau's gefuͤllt, Kanonen vernagelt, und die Franzo⸗ ſen erſteigen den Thurm uͤber die mit Truͤmmern ver⸗ miſchten Leichen ihrer Feinde. Da die Nacht einge⸗ brochen war, ſo verſchanzten ſie ſich daſelbſt, um den Tag zu erwarten. Der Chef der 18. Brigade, Bo⸗ ver, ein vorzuͤglicher Pffizier, ſiel bei dieſem Sturme. Waͤhrend der Nacht ſchiftte die tüͤrkiſche Flotte ihre Verſtaͤrkungen aus; die friſchen Truppen wurden ſogleich auf die verſchiedenen Poſten in der Stadt vertheilt. Da der Ober⸗General fuͤr nothwendig hielt, nun auch ſein Belagerungs⸗Heer zu verſtaͤrken, um Dſchezzar⸗Paſcha's vermehrten Kraͤften die Wage halten zu koͤnnen, ſo ſendete er an Kleber den Be⸗ fehl, ſein Lager bei Nazareth aufzuheben, und mit ſeiner Abtheilung vor Aere zu ihm zu ſtoßen. Der von Napoleon aus Gaza erwartete Schießbedarf langte an, und nun wurde es moͤglich, das Feuer der Batterien zu verdoppeln. Am s. ſchlugen die Batterien 3 neue Breſchen, die fuͤr gangbar erachtet wurden. Lannes echielt 36 Befehl, ſeine Diviſivn zum Sturme zu fuͤhren. Er ruͤckte unter dem Vormarſche ſeiner vom General Rambault befehligten Grenadiers und Plaͤnkler ge⸗ gen die Mauern an; die andern Diviſionen ſtanden in Angriffs⸗Kolonnen zu ſeiner Unterſuͤtzung bereit. Die den Thurm beſetzt haltenden Franzoſen unter⸗ hielten ein lebhaftes Feuer auf die Breſche, um die Tuͤrken von deren Vertheidigung abzuhalten. Die Diviſion Lannes warf ſich in die Werke der Bela⸗ gerten, erſtieg den Wall, und der kuͤhne Rambault drang endlich an der Spitze ſeiner Grenadiers in Saint Jean d'Aere ein. Die Schaar erhob ein Freuden⸗Geſchrei. Allein, indem ſie voll Vertrauen in den Straßen fortruͤckte, ſah ſie ſich ploͤtzlich von ei⸗ ner neuen Verſchanzung aufgehalten, die Phelip⸗ veaux hinter den alten Mauern hatte errichten laſ⸗ ſen. Nun zeigte ſich in den Reihen der Franzoſen ein gewiſſes Zoͤgern und einige Beſtuͤrzung, welche vermehrt wurde, als ſie die Suͤrken in gedraͤngten Kolonnen in die Graͤben ſtuͤrzen ſahen, um die Breſche von hinten anzugreifen, und ſtark von dem Feuer lit⸗ ten, welches aus Haͤuſern, Straſſen, und ſelbſt aus Dſchezzar's Palaſte auf ſie gemacht wurde. Die von Rambault befehligte Schaar ſetzte aber deſſen ungeachtet den Kampf an der neuen Verſchanzung, die ſie zu erſteigen ſuchte, hartnaͤckig fort; diejenigen Truppen der Diviſion aber, die zuletzt die erſte Bre⸗ ſche erſtiegen hatten, fuͤrchteten, durch die STuͤrken 37 von dem Lager abgeſchnitten zu werden, kehrten nach der Trauchee um, und verließen zwei Kanonen und zwei Moͤrſer, deren ſie ſich auf dem Walle bemaͤchti⸗ get hatten. Lannes, der ſich ſelbſt auf der Breſche befand, beſchwor ſie auszuhalten, und ſuchte aus al⸗ len Kraͤften dieſe ruͤckgaͤngige Bewegung zu verhin⸗ dern. Es gelang ihm auch, ihnen wieder Vertrauen einzufloͤßen, und ſeine Kolonne vorwoͤrts zu bringen. Napoleon, der ſeit dem Beginnen des Sturmes ſeine Quiden zu Fuß bei ſich in der Tranchee verſam⸗ melt hielt, ließ ſie in dieſem Augenblicke auf die Breſche gehen. Ihre Ankunft entflammte die Stuͤr⸗ menden mit neuem Muthe. Jedoch der Einklang in den Manovers war gehoben. Den Tuͤtken war indeß gelungen, die große Breſche zu kroͤnen; ſie hielten den Sturm ſehr muthvoll aus. Von Neuem wuthete der Kampf auf allen 3 Breſchen. Mehrere Male wur⸗ den die Belagerten hinter ihre Mauern zuruͤck gewor⸗ fen, ſiets aber von friſchen Truppen erſetzt, fielen ſie die Stuͤrmenden mit Wuth an, eroberten die Breſchen wieder, und warfen ihre Gegner in den Graben zu⸗ ruͤck. Man ſah Grenadiers ſich Mann gegen Mann auf den Truͤmmern und Leichen ſchlagen. Pffiziere und Generaͤle kaͤmpften mit blanker Waffe in der Mitte des Gedraͤnges. L annes, am Kopfe von einer Kugel getroffen, mußte weggeſchafft werden. Aber auch Phelippeaur muß hier in der Mitte ſeines Triumpfes das Leben endigen. Die Nacht war das 38 die gaͤnzlich erſchoͤpften Franzoſen ſchlugen ſich ſchon ſeit Tages Anbruch. Man mußte ſie zuruͤck ru⸗ fen. Die 200 Grenadiers unter Rambault aber, welche in den Platz eingedrungen waren, ſahen ſich abgeſchnitten und jedes Ruͤckzugsmittels beraubt. Ent⸗ ſchloſſen, lieber mit den Waffen in der Hand zu ſier⸗ ben, als ſich den Tuͤrken zu ergeben, warſen ſie ſich in eine Moſchee. Rambault und die Meiſten der Seinigen ſtarben den Soldaten⸗Tod. Den Reſt wollte der wilde D ſchezzar mit Kartaͤtſchen nieder⸗ ſchmettern, als glucklicher Weiſe Sidney Smith dazu kommt, die wenigen Braven durch eine Kapitu⸗ lation zu ſeinen Gefangenen macht, und ihnen ſo das Leben rettet. Den ganzen Tag des 9. Mai(o. Floreal) ließen die Franzoſen ihre Batterien ſpielen. Der Erfolg, den der letzte Sturm gehabt hatte, ſchien dem Dber⸗ General von der Art zu ſeyn, daß er am ꝛ0. einen neuen zu wagen beſchloß. Um 2 Uhr Morgens begab er ſich ſelbſt in die Tranchee, um zu ſehen, welche Wirkung das Feuer des vergangenen Tages und der Nacht gehabt hatte, und um die Anordnungen zum Sturme zu treffen. Er hoffte die Belagerten zu uͤber⸗ fallen, und ſich auf dem Walle feſtſetzen zu können. Da fiel, wie er die Breſche beobachtete, eine feind⸗ liche Bombe vor ſeinen Fuͤßen. Zwei Grenadiers war⸗ fen ſich auf ihn, nahmen ihn in die Mitte, und be⸗ deckten ihn ganz, indem ſie ihre Arme uͤber ſeinen 39 Kopf hielten. Die Bombe platzte, Niemand aber wurde getroffen. Einer dieſer Grenadiers wurde in der Folge General, und verlor in Rußland ſein Bein. Er heißt Dumesnil. Die Generale Bon und Verdier fuͤhrten die Truppen zum Sturme. Ge⸗ neral Bon erhielt eine toͤdtliche Wunde, woran er bald ſtarb, und der Sturm wurde abgeſchlagen. um 4 Uhr Abends bat die ſo eben angekommene Diviſion Kleber um die Ehre, die Breſche zu ſtuͤrmen, und erhielt die Bewilligung. Voll Muth und Vertrauen ruckte ſie, in eine Angriffs⸗Kolonne formirt, und von Kleber perſoͤnlich angefuͤhrt, vor. Napoleon wollte nicht in einem zweifelhaften Sturme ein ihm ſo theures Haupt wagen, und ließ deßhalb Kleber zu ſich rufen. Der Brigade⸗Chef Venour erhielt Befehl, ſeine Stelle mit der 25. Halbbrigade einzu⸗ nehmen. Indem Venoux zu ſeinem Freunde Mu⸗ rat ſpricht;„Iſt Aere dieſen Ahend nicht genom⸗ men, ſo ſey uͤberzeugt, daß Venvur todt iſt!“ fuͤhrt er ſeine Truppen auf die Breſche. Dieſer Sturm, in dem von beiden Seiten Wunder der Tapferkeit ge⸗ ſchehen, war eben ſo fruchtlos, wie die vorhergehen⸗ den. Die neue Befeſtigung St. Jean d'Aere's konnte nicht uͤberwaͤltiget werden. Man rief die Ba⸗ taillons zuruͤck, aber Venoux war nicht mehr; treu ſeinem Verſprechen, war er den Tod des Tapfern auf den feindlichen Waͤllen geſtorben.— Dieſe 3 Stüͤrme koſteten viel wackeres Blut dem fpanzoͤſiſchen 40 Heere. Die Generale Bon und Rambault, der Chef der 2s. Halbbrigade, Venvux, der General⸗ Adjutant Fvuler, der Generalſtaabs-Pffizier Pi— nault ꝛc. ſtarben auf dem Bette der Ehre; der Ge⸗ neral Lannes, Napoleons Adjutant Eroiſier, Berthiers Adjutant Arrighy, nachmals Herzog von Padua, die Generalſtaabs⸗Pffiziere Nether⸗ vvod, Montpatris, Gerboult hatten Wunden, groͤßtentheils ſchwere, erhalten. Die Leichen der in den Gefechten und unter den Mauern getoͤdteten, in den Graͤben und vor der Tranchee liegenden Krieger verbreiteten einen Anſte⸗ ckung drohenden Geruch. Das feindliche Feuer aber erlaubte nicht, die Graͤben davon zu befteien; daher wollte Napoleon ſuchen, mit Dſchezzar eine Unterhandlung anzuknuͤpfen, um ſie zu begraben, und die gegenſeitig gemachten Gefangenen auszuwechſeln. Er ſendete deßwegen einen Luͤrken, welcher als Spion am Abend zuvor ergriffen ward, in die Stadt, der ei⸗ nen Brief Berthiers ůbergeben ſollte, in welchem er den Paſcha einladete, einen Bevollmaͤchtigten zu ſchicken, um muͤndlich mit einem franzoͤſiſchen Pffiier die darauf bezuͤglichen Verabredungen treffen zu koͤnnen. Die Tuͤrken wollten dieſen Boten nicht einlaſſen, und ſchoßen auf ihn. Die Artillerie feuerte gegenſeitig fort. Am 13. Mai ſendete Napoleon ſeinen Parlementaſr vom Neuem zu den Luͤrken, 41 welche ihn dieß Mal in die Stadt gehen ließen, und als Gefangenen zuruͤck behielten. Am Abende auf das Zeichen eines Kanonenſchuſ— ſes, machte der Feind einen allgemeinen Ausfall, den aber der General Dommartin durch ein geſchicktes Kanonen⸗ und Bomben⸗Feuer zuruͤck warf. Dieſer Ausfall wurde am 16. Mai mit Tages Anbruche um 12 3 Uhr, und dann um Uhr Morgens— das letzte Mal mit einem auf europaͤiſche Weiſe und mit Bajonetten bewaffneten tuͤrkiſchen Korps der Rhv⸗ diſer Armee— wiederholt. Aber der General Ver⸗ dier warf den Feind in die Stadt zuruck. Waͤhrend Napoleon vor Aere ſo gebannt war, hatte ſein Unter⸗General Deſaix in 18 Ge⸗ fechten Murad⸗Bey und deſſen Mamelucken ge⸗ ſchlagen, und die Graͤnzen des Reiches, uͤber welches die Franzoſen geboten, unter die heiße Zone ver⸗ ſett*).— Der unerwartete Widerſtand in Aere aber, und die Zeit, welche man bei dieſem Unterneh⸗ men verſchwendete, verringerte in etwas die hohe Meinung, welche die vrientaliſchen Voͤlkerſchaf⸗ ten, nach dem was ſie bis jetzt ſahen, von den Fran⸗ *) Den merkwuͤrdigen und intereſſanten Feldzug des General Deſair gibt das große Wert über „die Feldzuge der Franzoſen in Aegypten und Syrien“ des Verfaſſers dieſer hiſtori⸗ ſchen Skitzze. 42 zoſen ſich gemacht hatten. Zuerſt wurden ihre Ver⸗ bindungen mit dem franzoͤſiſchen Heere lauer; nach und nach wurden die Lebensmittel ſeltener, und mit den Noth riß auch die Unordnung ein. Die Druſen und die Mutualis waren nach Hauſe zuruͤck gekehrt; die kuͤhne Verwegenheit der umher⸗ ſchwaͤrmenden Araber vergroßerte ſich; man mußte daher ganze Korps abſchicken, um einen groͤßern Rum einzunehmen, und auf demſelben Lebensmittel fur das Heer zu ſuchen. Dieſe Abtheilungen wurden durch Schwaͤrme von Eingebornen haͤufig geneckt, von der turkiſchen Armee zu Damast haͤufig angegriffen, wie wir etzaͤhlten. Napoleon war ja genöthiget gewe⸗ ſen, zu marſchiren, um Kleber am Berge Tabor zu befreien. Bald wurde auch der Hunger fuͤhlbar, und, um das Ungluͤck zu vollenden, kam die Peſt un⸗ ter das Heer. In einer ſolchen ſchwierigen Lage blieb Napoleon nichts uͤbrig, als ſein Unternehmen auf⸗ zugeben, er konnte im Gegentheil nur ſeine Armee verlieren, wenn er nicht eilte, ſie nach Aegypten zuruck zu fuͤhren. 11811 t Eine andere Betrachtung bewog ihn noch, ſeinen anfaͤnglichen Plan aufzugeben; es nahte die Zeit, waͤh⸗ rend welcher das Landen ganz leicht in Aegypten iſt, wo die überall niedere Kuͤſte die Schiffe noͤthiget, ſehr weit vom Lande die Anker zu werfen, und da ſie im Herbſt ſich in dieſer Lage nicht gegen die heftigen Winde erhalten koͤnnen, ſo iſt nur der Sommer hieun 43 paſſend. Waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Syrien hatte Napoleon erfahren, daß eine Ausruͤſtung in den Haͤfen des Archipels im Wert ſey: es war demnach ſehr nothwendig, ſich zur Zeit der Ankunft derſelben in Aegypten zu befinden. Am 17. Mai kuͤndigte endlich der Ober-General die Aufhebung der Belagerung durch einen Tagsbefehl an, in welchem er zuerſt den moraliſchen Geiſt der Soldaten, durch das Andenken an ihre Großthaten, wieder zu heben ſuchte, und hierauf die Eroberung von Aere als eine Sache von geringer Bedeutung hinſtellte. Dann traf er Anordnungen, ſeine Kran⸗ ken und Verwundeten voraus zu ſchicken, und alle anderen Dispoſitivnen zum Abmarſch. Allein durch Stehenbleiben von wenigen Tagen wollte er noch die⸗ ſen decken. Am 18. Mai uͤberbrachte ein engliſcher Parle⸗ mentair, zugleich mit der Antwort auf B erthiers Anſchreiben, eine Proklamation mit, welche die hohe Pforte an die franzoͤſiſche Armee ergehen ließ, welche aber ganz das Gepraͤge der en gliſchen Hin⸗ terliſt trug, wie Ader ſchreibt. Der Groß⸗Weſſir ſuchte die Soldaten zu uͤberreden, daß das franzoͤ⸗ ſiſche Direktorium ſie bloß nach Aegypten ge⸗ ſchickt habe, um ihrer los zu werden; er bot ihnen Paͤſſe und jede Art von Sicherheit zur Ruͤckkehr nach Frankreich dar. Die Soldaten verachteten dieſe Schrift— ſst Thibandenu— und wuͤrden ſie mit 44 einem neuen Sturme beantwortet haben, waͤre der Ober⸗General nicht entſchloſſen geweſen, die Belage⸗ rung aufzuheben.— Gleichen Verfuͤhrungs⸗Verſuch wagte Sidney Smith bei den franzoͤſiſchen Truppen in Aegypten— aber ebeufalls umſonſt.— Napoleon ſchrieb daruͤber an General Dugua folgendes:„Der engliſche Befehlshaber(Smith), welcher.. aufgefordert hat, iſt naͤrriſch. Da er ſein ganies Leben nichts anders als ein Brander⸗Kapitaͤn geweſen iſt, ſo kennt er auch weder die Ruͤckſichten, noch den Styl, den man beobachten muß, wenn man ſich an der Spitze einiger Streitkraͤfte befindet u. ſ. w.“ Waͤhrend die Kranken voran geſchickt wurden, ließ Napoleon ſein Feuer(wiewohl ſeit dem 15ten Mai aus Feldgeſchutz, da man das Belagerungs⸗Ge⸗ ſchuͤt abſendete) nicht ſocken, namentlich ließ er den ganzen 49. ein heftiges Feuer unterhalten, Dſchez⸗ zars Palaſt und die Haupt⸗Gebaͤude gaͤnzlich zerſto⸗ ren, und Bomben auf mehrere Punkte der Stadt werfen. Das Feuer wurde der Beſatzung ſo uner⸗ traͤglich, daß ſie am 20. Mai Morgens einen allgemei⸗ nen Ausfall machte, den ſie um 2 Uhr Nachmittags erneuerte. Fruͤhe zuruͤck geſchlagen wurden die Tuͤr⸗ ken nun Abends vom General Lagrange, der in der Tranchee befehligte, zuruͤck geworfen. Dieß war der letzte Kampf, in welchem die Franzoſen auf d e 1 1 —— 45 ſoriſchem Boden ihre Tapferkeit wider die Tuͤrken glaͤnzen ließen. Abend 9 Uhr deſſelben Tages hob Napoleon die Belagerung von St. Jean d'Aere aüf, 61 Tage nach Eroͤffnung der Laufgraͤben.— Der Bber⸗Ge⸗ neral hatte vorgezogen, ſein Lager waͤhrend der Nacht aufßzuheben, damit die Beſatzung nichts davon er⸗ fuͤhre, und das Heer, welches laͤngs der Kuͤſte bis Kaiffa marſchiren mußte, nicht durch das Feuer der engliſchen Schiffe belaͤſtiget wuͤrde. Die Tuͤrken und Britten ſetzten die ganze Nacht ihr Feuer fort, und bemerkten erſt am Morgen den Abzug der Fran⸗ zoſen, welche ſie auch nicht verfolgten, weil ſie zu ſehr erſchopft waren, und ſich gluͤcklich prieſen, von einem ſo furchtbaren Feinde befreit zu ſeyn. Die Belagerung von St. Jean d'Aere, waͤh⸗ rend welcher die Feinde 2 Monate nur auf die Ent⸗ fernung eines Steinwurfs gegenuͤber ſtanden, und bei⸗ nahe taͤglich einander anfielen, iſt eine der merkwuͤr⸗ digſten, welche die Kriegsgeſchichte kennt, und durch die vielen, mit faſt unerhoͤrter Tapferkeit, unternom⸗ menen Stuͤrme der Franzoſen unßterblich gewor⸗ den. Der Ruͤckzug der Armee wurde durch ſchreckliche Maßregeln bezeichnet. Die Flammen verzehrten eine große Anzahl feindlicher Doͤrfer; man ſprengte die Feſtungswerke mehrerer Kriegsplaͤtze, zuͤndete Getreide⸗ und Fourage⸗Magazine an, und verbrannte jedes Ar⸗ tillerie⸗Material, welches man nicht fortbringen konnte. 46 Die ganze Ebene zwiſchen Aere und Jaffa war ein Flammen⸗Meer.„Aber den Verwundeten und Kranken“ ſchreibt Kolb„wurde eine beſondere Pflege gewidmet. Es fehlte an Pferden, Kamelen und Eſeln, ſie fortzuſchaffen; aber der Ober⸗General gab ſeine ei⸗ genen her, und marſchirte zu Fuß. Generale, Pffi⸗ ziere und Beamte, alle ahmten ſein Beiſpiel nach.“ Am 26. Mai traf die Armee zu Jaffa ein. Da⸗ ſelbſt hatten ſich im Laufe des ſyriſchen Feldzuges einige Ereigniſſe zugetragen, welche die beſondere Auf⸗ merkſamkeit der Geſchichte verdienen. Eines war die Niederſchießung der Gefangenen, welche Thibau⸗ deau, Miot, Desgenettes u. A. als noth⸗ wendig erklären. Ein anderes war die Beruͤhrung der Peſtkranken, jenes ehrenvolle Zeugniß der Auf⸗ opferung Napoleons, wenn es auf die Wohlfahrt des Heeres ankam. Nun bleibt uns noch ein drittes zu erwaͤhnen uͤbrig, aus welchem man eine vorzugliche Anklage gegen ihn gemacht hat, naͤmlich die Ver⸗ giftung der franzoͤſiſchen Kranken. Die Ausſage einiger Erzaͤhler dieſes Exeigniſſes folge nun, und der geneigte Leſer faͤlle dann ſelbſt das urtheil⸗ oder faſſe ſeine Meinung. General Beauvais(im 10. Bd. Des Victoires et Conquétes des Francois) ſchreibt:„Als zu Jaffa der weitere Transport der Kranken(Peſt- oder ſchwer Verwundeten) noch ſchwieriger war, ließ ſich der Apotheker Rovez dazu gebrauchen, ungefaͤhr 30 Men⸗ 47 ſchen, die man fuͤr unheilbar hielt, Laudanum(R- quidum) Sydenhami zu geben, wovon 13 oder 16 ſtarben, die uͤbrigen aber durch dieſes herviſche Mit⸗ tel genaſen.“ Auf dieſelbe Weiſe äußert ſich auch der Englaͤnder Wittmann in der Beſchteibung ſeiner Reiſe durch Klein⸗Aſien, Syrien und Aegypten. Ader (im 1. Bd. des aͤgyptiſchen und ſyriſchen Fe d⸗ zuges) ſchreibt:„Die Peſt war im Lager vor Aere ausgebrochen, und bei dem Abmarſche der Armee wa⸗ ren etwa so Soldaten von dieſer Epidemie im hoͤch⸗ ſten Grade ergriffen. So groß auch die Gefahr ihrer Naͤhe war, nahm man dennoch keinen Anſtand, ſie im Gefolge der Armee mit ſich fortzuſchaffen, und ſo wurden ſie bis nach Jaffa gebracht. Hier aber be⸗ gann die unermeßliche Einoͤde der Wuͤſte, in welcher ſie unfehlbar einem langſamen Todeskampfe erliegen mußten. Das Leben von 10,000 Franzoſen war durch die Beruͤhrung mit dieſen unglucklichen gefaͤhrdet. Jedermann ſah die ſchmerzliche Rothwendigkeit ein, ſie verlaſſen zu muͤſſen, und die Ausſicht, daß ſie le⸗ bend in die Haͤnde des wilden Dſchezzar's fallen wuͤrden, erregte Schauder. Napoleon beſchloß deß⸗ halb, ſie dieſen ſchrecklichen Martern zu entziehen, und ihnen die Wohlthat des Lodes ſchneller herbei zu fuͤhren. Allein dieſer Gedanke, welcher wohl im Alterthume nicht verworſen worden waͤre, widerſtrebtd den Ideen der Neueren, und der Feldherr fand von 48 Seite des Pberarztes der Armee Namens Desge⸗ nettes, einen edlen Widerſtand. Er wendete ſich hierauf zu andern Angeſtellten, die ſich fuͤgſamer zeigtenz man gebrauchte Dpium und ein Theil der Verpeſte⸗ ten ging ſo im Schlafe nach der andern Welt. Schau⸗ derhafte Nothwendigkeit! Schreckliche Frucht des Krieges! Unſer Gefuͤhl empoͤrt ſich bei der Erinne⸗ rung an dieſe Handlung; und doch, wenn dieſe Hel⸗ denſchatten aus dem Grabe ſteigen, und ihre Stimme erheben koͤnnten, ſo wuͤrden ſie ohne Zweifel denje⸗ nigen nicht eines Verbrechens beſchuldigen, welcher keine andere Abſicht hatte, als ſie aus den Haͤnden des Schlaͤchters(Dſchezzar's) zu retten.“ General Savary(in ſeinen Memviren) ſagt: „Dieſe großmuͤthige Handlung(die Sorge Napo⸗ leons fuͤr die Kranken) nun hat der Haß der Men⸗ ſchen zu entſiellen geſucht. Ich ſchaͤme mich, auf dieſe ſchaͤndliche Verlaͤumdung zuruͤck zu kommen, aber Robert Wilſon, deſſen einfache Ausſage hin⸗ reichte, um ihr Glauben zu verſchaffen, konnte ſie durch ſeinen Widerruf nicht mehr zerſtoͤren. Ich muß mich alſo entſchließen, darzuthun, wie wenig Grund ſie hat. Nicht einmal ſogar will ich den Mangel an Medikamenten anfuͤhren, welchen die Schlechtigkeit eines Apothekers der Armee zuzog, noch will ich die Entruͤſtung Bonaparte's beſchreiben, als er hoͤrte, daß dieſer Elende, ſtatt ſeine Kamele zum Transport der Axzneimittel zu gebrauchen, dieſelben mit Lebens⸗ 49 mitte'n, aus denen er Gewinn zu ziehen hoffte, bela⸗ den hatte. Es iſt eine von der ganzen Armee ge⸗ kannte Thatſache, daß man ſich gewiſſer Wurzeln be⸗ dienen mußte, um das Opium zu erſetzen. Aber wenn das Dpium auch in demſelben Grade uͤberfluͤſſig vor⸗ banden geweſen waͤre, als es daran mangelte, da der General Bonaparte zu dem Mittel, das man ihm zur Laſt legt, ſeine Zuflucht zu nehmen beabſich⸗ tigte, wo haͤtte man einen Menſchen gefunden, der entſchloſſen und verdorben genug geweſen waͤre, um die Kinnladen von so Ungluͤcklichen aufzubrechen, und ihnen einen todtlichen Trank einzugießen? Die Naͤhe eines Peſtkranken machte den Unerſchrockenſten erblaſ⸗ ſen, der eifrigſte Freund haͤtte es nicht gewagt, ſeinen angeſteckten Freund zu unterſtuͤtzen, und was die edelſten Leidenſchaften nicht zu verſuchen wagten, ſoll eine rohe Wuth ausgefuͤhrt haben? Es ſollte ein We⸗ ſen gegeben haben, das barbariſch und verbrecheriſch genug geweſen waͤre, um so ihm unbekannte Ster⸗ bende, welche ihm kein Leid zugefugt hatten, den Tod zu geben? Dieſe Ausſage iſt zu hirnlos und bloß ſol⸗ cher Menſchen wuͤrdig, welche dieſelbe, trotz des Wider⸗ rufes des Mannes, von dem das Gerucht kommt, wie⸗ derholen.“ Phibaudeau(im s. Bd. von Napolevn's Geſchichte) aber ſchreibt:„Nun bleibt uns noch ein drittes Ereigniß zu unterſuchen uͤbrig, aus welchem man eine vorzuͤgliche Anklage gegen Nappleon ge⸗ 351es V. Aegypten. III. 1. 4 — 5⁰ macht hat; es handelt ſich naͤmlich von der Ver⸗ giftung der franzoͤſiſchen Kranken. Es iſt abermals der Englaͤnder Robert Wilſon, der dieſe Anklage zuerſt aufſtellte. Nach dieſem Schriftſteller befanden ſich zu Jaffa nicht weniger als 680 Kranke und Verwundete, denen man, um ihren Tod zu be⸗ ſchleunigen, Opium in ihren Nahrungsmitteln reichte. Miot gibt nur an, es ſey durch das Heer das Ge⸗ ruͤcht gelaufen(und dieſe Thatſache ſcheint allerdings genugſam erwieſen), daß einige am Berge Karmel (2 Tabor?) Verwundete, und ein großer Theil der im Lazarethe zu Jaffa liegenden Kranken an den ih⸗ nen verordneten Arzneien geſtorben ſeyen. Nach Mar⸗ tin ſoll im Spitale von Kaifa dieſes Verbrechen veruͤbt worden ſeyn. Man habe ſich an jenem Orte nämlich hinſichtlich des Transports einer unendlichen Menge Kranker und Verwundeter in der groͤßten Ver⸗ legenheit befunden, und ihnen vergiftende Arzneimit⸗ tel gegeben, um ihr Ende zu beſchleunigen. Einige Verwundete haͤtten ſich ſogar durch Schwimmen ge⸗ rettet, und ſeyen mit vieler Humanitaͤt aufgenommen worden. Um dieſe Erzaͤhlung noch grauenvoller zu machen, hat man den Oberatmee⸗Arzt Desgenet⸗ tes auftreten, bei dieſer Gelegenheit ſich Bona⸗ varte ganz herviſch widerſetzen und ſeine verlangten Dienſtleiſtungen verweigern laſſen. Andere S Schriftſtel⸗ ler haben die Zahl der nicht fortzubringenden Peſt⸗ kranken auf s0 zuruͤck gebracht; denen tch einſtim⸗ 51 migen Beſchluß eines vom Dber⸗ General zuſammen gerufenen Rathes Opium beigebracht worden ſey. Sie fuͤgen hinzu, bei mehreren ſey hierauf eine heilſame, rettende Kriſis eingetreten, und nur 15— 15 ſehen wirklich geſtorben. „Welcher Gerichtshof duͤrfte ſich bei ſolchen Wi⸗ derſpruͤchen uber den Ort, wo, und die Art, wie das Verbrechen begangen wurde, fuͤr erleuchtet genug halten, ein Verdammungs⸗urtheil zu faͤllen? Wenig⸗ ſtens wuͤrde es zuvor wichtige, weſentlich nothivendige Zeugen abhoͤren muͤſſen, naͤmlich die Pber⸗ Armee⸗ Aerzte und Chirurgen.“„Alle Verwundeten“ ſpricht Larrey(Relation chirurgiale de Parmée d'Orient), „wurden waͤhrend der Belagerung nach A egypteu geſendet, oder kurz vor Aufbruch der Armee; soo gin⸗ gen durch die Wuͤſte, und 1200 wurden meiſtens in Jaffa zur Transportirung uͤber das Meer eingeſchift. Beide Arten des Transportes waren äͤußerſt glucklich: denn wir verloren nur wenige. Hauptſaͤchlich ver⸗ danken dieſe ehrenwerthen Schlachtopfer dem General Bonaparte ihr Heil, und die Nachwelt wird nicht ohne Bewunderung unter den herviſchen Tugenden dieſes Mannes, auch dieſe That der gemuͤthvollſten Menſchlichkeit erblicken. Der abſolute Mangel aller Transportmittel ließ allen Verwundeten die furchtbare Wahl, entweder in unſern Ambulancen, und ſelbſt in der Mitte der Wuͤſte verlaſſen zu werden, und daſelbſt aus Durſ und Hunger umzukommen, oder ſich von 52 den Arabern umbringen zu laſſen. Bonaparte befahl, daß alle bei der Armee befindlichen Pferde, die ſeinigen nicht ausgenommen, zum Transporte der Verwundeten verwendet werden ſollten; nach dieſem Befehle wurde jede Halbbrigade mit der Fortſchaffung der ihrigen beauftragt. Alle dieſe Tapfern gelangten nach Aegypten, und mir wurde die Genugthuung⸗ daß ich keinen Einzigen in Syrien zuruͤck zu laſſen hrauchte. Der Bberordonnatenr Daure, eben ſo eifrig als geſchickt, unterſtutzte mich ſehr in meinen Dienſtes⸗Verrichtungen, vorzuglich bei der beſchwerli⸗ chen Raͤumung Jaffa's, wo ſein Eifer und ſeine Menſchlichkeit gleich ſtark ſich auszeichneten. Jaffa lag in Lruͤmmern, und war von den meiſten Einwoh⸗ nern verlaſſen. Alle laͤngs der Kuͤſte hieher geſchaff⸗ ten Kranken und Verwundeten fuͤllten die Lazarethe, den Hafen und die benachbarten Straben. Niemals habe ich ein herzzerreißenderes Bild geſehen. Drei Tage und drei Naͤchte brachten wir mit dem Verbin⸗ den derſelben zu; endlich ließ ich die ſchwer Verwun⸗ deten nach Damiette einſchiffen, und die andern durch die Wuͤſte nach Aegypten abgehen. Kaum kann man ſich einen Begriff von den Beſchwerden ma⸗ men, welchen die Chirurgen der Armee bei dieſer Ge⸗ legenheit ausgeſetzt waren.“— Leſen wir nun auch Desgenettes(Histoire médicale de l'armée d'Orient): „Am 6. Prairial Morgens befanden ſich in Jaffa „ 53 o Fieberkranke, des Abends aber 230, welche an dieſem Tage durch Raͤumung des Spitals auf dem Berge Karmel, und durch Nachzuͤgler ankamen. Funfzig wurden nach Katieh gebracht. Am 7. konn⸗ ten von den 200 im Spitale liegenden Kranken so auf Reitthieren fortgeſchafft werden. Am s. Abends be⸗ lief ſich die Zahl der im Spital befindlichen auf 460 Kranke, nach genauer Unterſuchung aber hielt ich 20 bis 25 Mann fuͤr faͤhig, in das Lager zu gehen. Den ganzen 9. brachte ich faſt im Lazarethe zu, um die noch auf hundert ſich belaufenden Kranken ſo eilig als moͤglich fortzuſchaffen.“ „Nach dieſer Berechnung des Oberarztes mutß man ſchließen, daß die Vergiftung der Kranken ein von Bonaparte's und Frankreichs Feinden er⸗ fundenes Maͤhrchen iſt. Würde es uͤbrigens auch nicht menſchlicher geweſen ſeyn, das Leben einiger nicht transportablen Peſtkranken abzukuͤrzen, als ſie dem Meſſer der Tuͤrken zu uͤberlaſſen? Die Frage ſcheint uns bejahend beantwortet werden zu koͤnnen, ohne uns deßwegen ausſetzen zu muͤſſen, der Grauſamkeit und Barbarei angeklagt zu werden, und es wird uns erlaubt ſeyn, mit Napoleon zu ſagen:„Es wuͤrde kein Verbrechen heweſen ſeyn, wenn man den Peſt⸗ kranken Dpium gereicht haͤtte; man wuͤrde im Ge⸗ gentheile nur der Stimme der Vernunft gehorcht ha⸗ ben. Eher wuͤrde es eine Grauſamkeit genannt wer⸗ den koͤnnen, wenn man einige ungluͤckliche in dieſem 54 verzweifelten Zuſtande der Gefahr ausgeſetzt haͤtte, von den Tuͤrken umgebracht, oder von ihnen, ih⸗ rem Gebrauche gemaͤß, ſchmaͤhlich zu Tode gemartert zu werden. Ein Feldherr muß gegen ſeine Krieger ſo handeln, wie er ſelbſt behandelt werden moͤchte. Wel⸗ cher Mann, der noch den Gebrauch ſeines Ver⸗ ſtandes beſitzt, wuͤrde unter aͤhnlichen Umſtaͤnden nicht einen einige Stunden fruͤhern Tod, einem der furcht⸗ barſten Martern dieſer Barbaren preis gegebenen Le⸗ ben vorziehen?“ Am 2s. Mai marſchirte das Heer von Jaffa ab. Waͤhrend des Marſches erhielten mobile Kolonnen den Befehl, die Doͤrfer und Ernten zu verbrennen; bald loderte ganz Palaͤſtina in Flammen auf. Am 30. Mai langte das Heer in Gaza an. Am s. Juni kam es nach Salahieh, und am 13. Juni nach El⸗ Merg, einem Dorfe, am Ende des See's der Pil⸗ ger gelegen, und 3 Stunden von Kairo entfernt. Am a4. Juni hielt Napoleon mit ſeinem Heere einen triumphirenden Einzug durch das Thor Bab⸗ el⸗Naſr, oder das Siegesthor zu Kairv. Db⸗ ſchon er von einer, nicht nach Wunſch ausgefallenen Erpeditivn zuruͤck kehrte, hielt er es doch für poli⸗ tiſch, dieſen Triumpfzug zu halten. Das Heer trug Palmzweige, die Einwohner Kairo's empfingen es mit Beifalls⸗Bezengungen. War die Duelle Freundſchaft, oder vielleicht nicht mehr Furcht? Drei Tage waͤhr⸗ ten die oͤffentlichen Feſte und Spiele. Da für die 55 Beduͤrfuiſſe des zuruͤck kehrenden Heeres voraus ge⸗ ſorgt worden war, und dieſes eine reichliche Nahrung, Ruhe und bequeme Kleidung fand, ſo ließ dieſes Al⸗ les ihm bald ſogar das Andenken an die ausgeſtande⸗ nen Leiden vergeſſen. 56 Drittes Buch. Napoleon, nach Kairo zuruͤck gekehrt, ſuchte ſich uͤber den Zuſtand Frankreichs Sicherheit zu verſchaffen. Im Augenblicke ſeines Abganges nach Syrien hatte er ſchon unguͤnſtige Nachrichten uͤber deſſen militaͤriſche und politiſche Lage erhalten. Die Herren Hamelin und Livron, die von Italien mit einer Ladung Wein und Eſſig ankamen, hatten den Archipel durchſegelt, und hatten die ruſſiſche Flotte geſehen, welche Corfu einſchloß; ſie hatten ſogar in Ragu ſa angehalten, wo ſie ihr Fahrzeug zu wechſeln genoͤthiget waren. Der Schiffskapitaͤn, mit dem ſie erſt ſegelten, weigerte ſich, bis nach Aegyp⸗ ten zu gehen, aus Furcht, ſein Fahrzeug mochte weg⸗ genommen werden, da er ein Dalmatier war, und Deſterreich auf das Neue im Kriege mit Frank⸗ reich ſich befand. Beide erzaͤhlten dem Napoleon den Marſch des ruſſiſchen Generals Suwaroßfz ſie berichteten ferner, daß Bruix wirklich in das mit⸗ tellaͤndiſche Meer gegangen ſey, aber da ihm die Armee von Italien nicht die Truppen habe liefern koͤnnen, die er(Napoleon) vor ſeinem Abgange nach Aegypten an Bord zu nehmen wuͤnſchte, ſo ſey Bruir nach Cadix zuruck geſegelt, habe ſich dort von der ſpaniſchen Flotte begleiten laſſen, und 57 habe dieſe nach Breſt gefuͤhrt, wo ſie das Direkto⸗ rium, nicht ſehr durch die Freundſchafts⸗Verſicherun⸗ gen K. Karls W. beruhiget, als Unterpfand zuruͤck behalten habe. Dieſer traurige Zuſtand der Dinge, noch durch die von den Britten an der Kuͤſte umher geſtreu⸗ ten Journale beſtaͤtigt, ſchlug den Ober⸗General ſehr darnieder. Frankreich hatte Italien verloren; Corfu war unterlegen; deſſen Heere waren am Rheine, und an der Adda geſchlagen; kurz das Gluͤck war auf allen Punkten von ihm gewichen. Um das Elend voll zu machen, erzeugte dieſes Mißgeſchick noch Uneinigkeit. Die Raͤthe griffen das Direktorium, und dieſes griff die Raͤthe an; Frankreich, von Faktionen zerfleiſcht, war auf dem Punkte, eine Beute des Auslandes zu werden. In dieſen dunklen Schleier gehuͤllt, zeigte ſich der politiſche Horizont dem Blicke des Ober⸗Generals in den erſten Tagen ſeiner Ruͤckkehr nach Kairv. Der Geiſt deſſelben war Muthmaſſungen aller Art Preis gegeben, als er Nachricht erhielt, Murad⸗ Bey ſey aus Ober⸗Aegypten mit einem betraͤcht⸗ lichen Korys herabgekommen, und habe ſich dem ſte⸗ ten Verfolgen der Franzoſen entzogen. Sogleich ſetzte er ſich in Marſch gegen ihn, erfaͤhrt aber an den Pyramiden— 22 Tage nach der Zuruͤckkunft der Armee aus Syrien— die Erſcheinung einer tuͤrkiſchen Flotte bei Alerandrien, welche ein 58 zahlreiches Convoi von Transportſchiffen begleitete, und der auch die 2 naͤmlichen Fregatten beigegeben waren, welche unter den Befehlen des Sir Sidney Smith zur Vertheidigung von St. Jean dAcre mitgeholfen hatten. Napoleon gerieth uͤber dieſe Nachricht gar nicht in Erſtaunen; er hatte dieſe Begebenheit voraus geſe⸗ hen, und ließ nach der Ruͤckkehr von Syrien die Truppen nur ſo lange zu Kairo, als ſie bedurften, um ſich wieder zu verproviantiren; und ruͤckte ſie ent⸗ weder der Koͤſte naͤher, oder ſtellte ſie zum Angriffe gegen Murad⸗Bey auf. Er hatte die Vorſicht ſo weit getrieben, daß er den General Deſair von dem, was nach ſeiner Meinung unfehlbar kommen mußte, im Voraus benachrichtigte, und ihm den Be⸗ fehl gab, er ſolle ſeine Diviſion marſchfertig halten. Nicht ſobald hatte er auch Nachricht von dem Er⸗ ſcheinen der tuͤrkiſchen Flotte vor Alexandrien erhalten, als er an Deſaix einen zweiten Befehl des Inhaltes abſchickte, derſelbe ſolle ohne Zeitverluſt ſich mit ſeiner Diviſivn in eine ihm zwiſchen Kairo und Alerandrien bezeichnete Stellung begeben. Napoleon ſelbſt begab ſich in aller Eile nach Ale⸗ randrien, um ſich an die Spitze der Truppen, die er unter Lannes, Kleber, Deſtaing, Murat u. A. aus ihren Stellungen oder Kantonnirungen hatte rucken laſſen, zu kellen, und ſie an die Köſte zu fuͤhren. S 59 Während Napoleon dieſe Anſtalten traf, und von Kairo nach Ramanieh und Birket abging, waren die Truppen, welche die tuͤrkiſche Flotte ausſchiffte, gelandet. Die Tuͤrken hatten ſich des Forts von Abukir, wie einer hinter dieſem Dorfe angebrachten Redoute bemaͤchtiget. Sie hatten die beiden ſchwachen Garniſonen unter Godard und Vi⸗ nache, welche dieſe beiden militaͤriſchen Punkte be⸗ ſetzt hielten, aufgerieben, als Marmont, der in Alerandrien kommandirte, zu ihrer Unterſtuͤtzung herbei eilte. Als dieſer General beide Poſten in den Haͤnden der Tuͤrken ſah, kehrte er eilig nach Ale⸗ randrien zuruͤck, wo ihn die tuͤrkiſche Armee ohne die Ankunft Napoleons ſicher eingeſchloſſen haben wuͤrde, Am 24. Julius langte Napoleon zu Aleran⸗ drien an. Er war ſehr ungehalten, als er das Fort und die Redoute von Abukir genommen ſah. Mar⸗ mont wolite ſich mit der Zahl ſeiner Streitkraͤfte, 1200 Mann nur, entſchuldigen; Napoleon aber rief aus:„Ei was! mit Ihren 4200 Mann wuͤrde ich bis nach Konſtant vopel gegangen ſeyn. Im Grunde jedoch tadelte er die Ruͤckkehr Marmont's nach Alerandrien nicht, da er der Landung ſich nicht widerſetzt hatte; weit großer waͤre ſein Zorn ge⸗ weſen, wenn dieſer wichtige Platz dadurch bloß ge⸗ ſtellt geweſen waͤre, daß man deſſen Garniſon dazu 60 verwendet hätte, der tuͤrkiſchen Armee eine Strecke der Wuͤſte ſtreitig zu machen. Inzwiſchen waren die Tuͤrken gluͤcklicher Weiſe mehr darauf bedacht, ſich auf der Halbinſel von Abukir zu verſchanzen, als den erſten Moment, der durch ihr Erſcheinen verurſachten Unruhe zu benutzen, und ſich ſchnell nach Alerandrien, oder in das Innere des Landes zu begeben. Der Paſcha von Ru⸗ melien, Muſtapha, Generaliſſimus der ottom a⸗ niſchen Armee deckte ſeine Armee durch eine dop⸗ velte Linie von Verſchanzungen, deren eine, eine halbe Stunde vorwaͤrts des Forts Abukir auf dem aͤußer⸗ ſten rechten Fluͤgel einen verſchanzten Huͤgel am Mee⸗ res⸗Ufer, im Centrum ein Doͤrfchen, und auf dem linken Fluͤgel Kanonier⸗Schaluppen und einen Sand⸗ huͤgel zu Hauptſttzpunkten hatte. Die andere Linie, weniger entfernt von dem Hauptplatze, bot furchtba⸗ rere Vertheidigungs⸗Mittel dar. Sie erſtreckte ſich, wie die erſtere, von dem einen ufer bis zum andern; allein enger zuſammen geſchloſſen, war ſie durch eine großere Anzahl befeſtigter Punkte geſchuͤtzt, in deren Mitte ſich eine mit Kanonen wohl verſehene Redoute erhob. Abukir liegt am aͤußerſten Ende einer ſehr engen Halbinſel, und war fuͤr die Franzoſen nur von der Landſeite zugaͤnglich, weil ſie der furchtbaren tuͤrkiſch⸗engliſchen Flotte, welche anderthalb Stunden von da Anker geworfen hatte, Nichts ent⸗ gegen ſtellen konnten. 61 S war am 26. Julius, als die merkwuͤrdige Schlacht Statt fand, welche das Ungluͤck von Abu⸗ kir raͤchen ſollte. Daſſelbe Geſtade, welches Zeuge des Heldenmuthes und Mißgeſchickes der franzoͤſi⸗ ſchen Seeleute war, ſollte nun Zeuge des Helden⸗ muthes und des Gluͤckes der Landtruppen ſeyn. Napoleon beſchloß einen Angriff, der, wenn er auch nicht die ganze Halbinſel in ſeine Gewalt braͤchte, doch den Feind noͤthigen ſollte, ſeine erſte Li⸗ nie hinter die zweite zuruͤck zu ziehen, wodurch es den Franzoſen moͤglich werden wuͤrde, dieſe erſte Linie zu beſetzen und zu verſchanzen. Die tuͤrkiſche Ar⸗ mee auf dieſe Weiſe in einen engen Raum zuſammen gepreßt, konnte dann leicht durch Bomben, Granaten und Kugeln vernichtet werden. Am 28. Juli ſetzte Napoleon ſeine verſammelten Truppen(6000 Mann) mit dem Anbruche des Tages in Bewegung. Lan⸗ nes mit einer Abtheilung bildete den rechten, La⸗ nuße mit einer andern den linken Fluͤgel, Murat mit 400 Pferden, und Deſtaing mit 3 Bataillonen machten den Vortrab. Menou ſollte ſich mit Ta⸗ ges⸗Anbruche an dem aͤußerſten Ende der Barre, die von Roſette nach Abukir lauft, bei der Ueber⸗ fahrt uͤber den See Madieh aufſtellen, um Alles, was ſich vom Feinde auf dem See befaͤnde, zu be⸗ ſchießen, und ihm fuͤr ſeine linke Flanke Beſorgniſſe einzufloͤßen. Davouſt aber erhielt Befehl, mit zwei Schwadronen und 100 Dromedaren ſich zwiſchen dem 62 Heere und Alerandrien aufzuſtellen, ſowohl um die Verbindung mit dieſer Stadt zu verſichern, als auch um den Arabern, wenn ſie feindliche Bewe⸗ gungen machen ſollten, die Spitze zu bieten. Nach zweiſtuͤndigem Marſche ſtand die Vorhut der tuͤrkiſchen Armee gegenuͤber, die 26— 48,000 Mann zaͤhlte. Napoleon ließ ſeine Kolonnen halten, und ertheilte ſeine letzten Befehle. Lannes, an der Spitze von 1800 Mann, traf Anſtalten, den linken, und Deſtaing mit einer glei⸗ chen Anzahl Truppen, den rechten Fluͤgel des Feindes anzugreifen. Murat theilte ſeine geſammte Reiterei (. Huſaren?, 3. und 4. Dragoner⸗Regiment) und eine leichte Batterie in 3 Theile, von denen einer den rechten, der andere den linken Fluͤgel, und der dritte die Reſerse bildete. Lannes und Deſtaing's plaͤnkler begannen das Gefecht mit den Muſelmaͤn⸗ nern. Dieſe unterhielten es mit gutem Erfolge, als Murat durch eine blitzſchnelle Bewegung, durch die 400 Tviſen breite und die beiden feindlichen Fluͤgel trennende Ebene vorjagte, und ſie beide von Hinten angriff, und ſo die eyſie feindliche Linie von der zwei⸗ ten abſchnitt. Die tuͤrkiſchen Truppen verloren hier⸗ durch alle Haltung, und wollten auf ihr zweites Tret⸗ ſen zuruͤck eilen; allein ſie wurden von der Reiterei zuſammen gehauen und niedergeritten, in den See Madieh, und in das Meer geſprengt. Alle kamen dabei um. ———————— ———————— 63 Dieſer Sieg koſtete wenig, und gab Hoffnung, auch die zweite feindliche Linie zu ſprengen. Der Ober⸗General ging mit dem Chef der Genie⸗Brigade, Crétin, vor, um ſie zu beſichtigen. Der linke Fluͤ⸗ gel wurde fuͤr die ſchwaͤchſte Stelle erkannt. Lannes empfing Befehl, ſeine Truppen in Ko⸗ lonne zu formiren, die Verſchanzungen des linken feindlichen Fluͤgels durch Tirailleurs⸗Schwaͤrme anzu⸗ greifen, unter dem Schutze ſeiner geſammten Artille⸗ rie, laͤngs der Kuͤſte vorzudringen, die Verſchanzun⸗ gen zu umgehen, und das Dorf zu ſtuͤrmen. Murat ſtellte ſich mit ſeiner ganzen Reiterei in geſchloſſenen Kolonnen hinter Lannes auf, um das bei der erſten Linie gelungene Manoͤver zu wiederholen, und, ſobald Lannes die Schanzen genommen haben wuͤrde, hin⸗ ter der Redoute herum den rechten Flůgel des Feindes von Hinten anzugreifen. Crétin, welcher die Loka⸗ litaͤt vollkommen kannte, wurde ihm beigegeben. De⸗ ſtaing ſollte Schein⸗Angriffe machen, um die Auf⸗ merkſamkeit des vechten tuͤrkiſchen Fluͤgels auf ſich zu ziehen. Alle dieſe Anordnungen wurden Aufangs vom gluͤcklichſten Erfolge gekroͤnt. Lannes durch⸗ brach die Verſchanzungen da, wo ſie an den See ſtie⸗ ßen, und ſetzte ſich in den erſten Haͤuſern des Dorfes feſt. Der Feind wurde bis in die Redoute, den Cen⸗ tralpunkt der zweiten Linie, verfolgt. Dieſe Stellung war ſehr ſtark, die Redoute wurde durch einen Gra⸗ ben flankirt, der die rechte Seite der Halbinſel bis an das Meer ſperrte, ein anderer Graben erſtreckte ſich links, aber nicht weit hin; den uͤbrigen Raum nahm der Feind ein, der auf Sandhuͤgeln und unter Palm⸗ baͤumen aufgeſtellt war. Im Dorfe und laͤngs der Kuͤſte füͤhrte man Geſchoͤtz auf, um die Redoute und den rechten tuͤrkiſchen Fluͤgel zu beſtreichen. De⸗ ſtaing griff mit ſeinen Bataillonen, und Fugieres mit der 18. Halbbrigade den rechten Fluͤgel und das Centrum an. Die Reiterei chargirte mehrere Male auf der linken Seite mit groͤßtem Ungeſtuͤm, hieb alle vor ihr befindlichen Tuͤrken nieder, oder ſprengte ſie ins Meer. Der Brigade⸗Chef(Oberſt) Duvivier wurde bei einem dieſer bis an die Graͤben der Redoute heranſtuͤrmenden Chargen getoͤdtet. Napoleon ſen⸗ dete oder fuͤhrte ſelbſt friſche Infanterie vor, um die Angriffe zu erneuern und zu unterſtuͤtzen. Die 18. Halbbrigade ruͤckte gegen die Verſchanzungen an; der Feind brach zu gleicher Zeit von ſeinem rechten Fluͤ⸗ gel vor; die Spitzen der Kolonnen ſchlugen ſich Mann gegen Mann. Die Tuͤrken verſuchten die Baionette herunter zu reißen: das Gewehr uͤbergehaͤngt, bedien⸗ ten ſie ſich nur der Saͤbel und Piſtolen. Endlich ge⸗ langte die 8. Halbbrigade bis an die Verſchanzungen, ſah ſich aber hier durch das Feuer der Redvute aufge⸗ halten. Generale, Pffiziere, Soldaten verrichteten Wunder der Tapferkeit. Fugieres, am Kopfe ver⸗ wundet, aber das Schlachtfeld nicht verlaſſend, wurde der rechte Arm durch eine Kugel weggeriſſen. Dieſer echbe 65 General hielt ſein Ende fuͤr nahe und ſprach zu Na⸗ voleon:„Sie werden eines Tages mein Schickſal beneiden, General! Ich ſterbe auf dem Felde der Ehre.“ Ruhe und kaltes Blut aber trugen vereint zu ſeiner Rettung bei; er wulde an der Schulter amputirt. Der Chef der Genie⸗Brigade Crstin wurde getoͤdtet, ein Pffizier, der vorzuglich in der ſchweren Wiſſenſchaft bewandert war, in welcher die kleinſten Fehler ſo großen Einfluß auf das Reſultat der Feldzuͤge und das Geſchick der Staaten ausuͤben. Gleiches Schickſal hatte der General⸗Adjutant Leturg, wie Duvivier, ein Kavallerie-Pffizier von erprob⸗ tem Muthe, als er gerade an der Spitze der Solda⸗ ten in die Verſchanzungen ſtuͤrzte. Guibert, der Neße des durch ſeine taktiſchen Werke ſo bekannten Generals Guibert, und ſehr von Napoleon ge⸗ achtet, ſtarb auch in dieſer Schlacht den Soldaten⸗ Tod. An Napoleons Seite empfing dieſer Adju⸗ tant von einer Büchſenkugel die toͤdtende Wunde. Der Brigade⸗Chef Morangiez wurde verwundet, und die 13. Halbbrigade endlich genoͤthiget, ſich mit Verluſt von 20 Tapfern in das Dorf zuruck zu ziehen. Nun füͤrzten die Tuͤrken aus ihren Schangen, um den Todten und Verwundeten die Koͤpfe abzu⸗ ſchneiden. Lannes ergriff dieſen Augenblick, und ließ die Redoute auf das Heftigſte von der linken Seite angreifen. Die 22., die so. und ein Bataillon der 76. Halbbrigade ſprangen in den Graben, und z6ees B. Aegppten. III. 1. 5 66 bald war die Bruſtwehr erſtiegen, die Redoute ge⸗ nommen. Der Bataillons⸗Chef Bernard vsm 69., und der Grenadier-Hauptmann Baille waren die Erſten in derſelben, waͤhrend die 18. Halbbrigade von Neuem im Sturmmarſche in die rechte Flanke des Feindes einbrach. Murat, der allen Bewegungen folgte, und ſich fortwaͤhrend bei den Plaͤnklern be⸗ fand, benuͤtzte dieſen Augenblick, befahl einer Schwa⸗ dron Sturm zu geben, und alle Stellungen des Fein⸗ des bis an die Graͤben des Forts zu durchbrechen⸗ Durch dieſes eben ſo ungeſtuͤm als zur rechten Zeit ausgefuͤhrte Mansver wurde dem Feinde in dem Au⸗ genblicke der Ruͤckzug abgeſchnitten, in welchem die N Redoute erſtiegen war. Seine Niederlage war voll⸗ ſtaͤndig, die Reiterei hieb nach allen Seiten ein. Doch gelang es einer Anzahl von Tuͤrken, ſich unter dem Schutze des Dorfes in das Fort zu werfen; alle uͤbri⸗ gen, von Schrecken ergriffen, ſprangen in das Meer, ertranken, oder wurden durch Gewehr- und Kartaͤt⸗ ſchen⸗Feuer erſchoſſen. Das Uufer, welches ein Jahr vorher die Wellen mit franzoͤſiſchen und britti⸗ ſchen Leichen bedeckt hatten, war jetzt mit tuͤrki⸗ ſchen Leichnamen beſaͤet, bei denen die Soldaten große Beute an Geld und andern Sachen von Werth machten. Savary ſchreibt in ſeinen Memvires:„Die engliſchen See⸗Soldaten begingen hier bei Abu⸗ kir die Unmenſchlichkeit, auf dieſe Unglucklichen 67 Tuͤrken) zu ſchießen, welche in ihren weiten Klei⸗ dern verfuchten, ſchwimmend die 2 Seemeilen, die ſie von ihren Schiffen trennten, zuruͤck zu legen, was aber beinahe Keinem gelang.“ General Murat, obſchon zu Anfang der Schlacht verwundet, drang in das feindliche Lager, und dann in das Zelt des Muſtapha⸗Paſcha, um ihn gefan⸗ gen zu nehmen. Der Paſcha trat ihm kuͤhn entgegen, und ſchoß eine Piſtole auf ihn ab, deren Kugel ihn am untern Theile des Kinnbackens ſtreifte. Murat hieb ihm 2 Finger der rechten Hand ab, und ließ ihn von ſeinen Leuten ergreifen. Zweihundert Tuͤrken wurden mit ihm gefangen, 2000 lagen todt auf dem Schlachtfelde, Zelte, Gepaͤcke, 200 Fahnen, die drei Rohſchweife des Paſcha, 30— 40 Kanonen, unter ih⸗ nen 2 engliſche, die der Londoner Hof dem Großherrn geſchenkt hatte, ſielen den Franzoſen in die Haͤnde. Sidney Smith, der die Verrichtun⸗ gen eines General⸗Quartiermeiſters beim Paſcha ver⸗ ſehen, und die Poſitionen des tuͤrkiſchen Heeres ausgeſucht hatte, waͤre beinahe gefangen worden; nur mit großer Muͤhe vermochte er ſeine Schaluppe zu er⸗ reichen. Das türkiſche Heer wurde vernichtet; mit Ausnahme der in das Fort Gefluͤchteten entkam kein Mann. Kleber, ſeiner Diviſion voran geeilt, gelangte zu Napoleon in dem Augenblicke, in welchem die Eroberung der Redoute und die Gefangennehmung 68 des Paſcha den Sieg ſicherten. Er warf ſich, hinge⸗ riſſen von der Begeiſterung, die ein ſo gluͤcklicher Er⸗ folg und der Anblick der Truͤmmer des tuͤrtiſchen Heeres, welches ſein Heil im Meere ſuchend, nur Tod daſelbſt fand, ihm einfloͤßte, in Napoleons Arme, und rief:„Kommen Sie mein Gene⸗ neral, laſſen Sie ſich umarmen! Sie find groß wie die Welt.“ Mehr als 4000 Tuͤrken hatten ſich mit dem Sohne des Paſcha von Rumelien in das Fort von Abu⸗ kir geworfen. Lannes erhielt die Leitung der Be⸗ lagerung, wurde aber dabei am Fuße verwundet, und Menou nahm von ihm das Kommandv. Der Feind war kühn, den Belagerungs⸗Truppen fehlte aber die rechte Thatkraft. Einmal bei einem Ausfalle bemaͤch⸗ tigten ſich die Tuͤrken des Gepaͤckes des Generals Me⸗ nou, ließen ihm kein einziges Hemd uͤbrig, und toͤd⸗ teten ſein beſtes Pferd. Davouſt, als er am 12ten Thermidor in den Laufgraben befehligte, nahm das Dorf Abukir hinweg, und leitete dadurch den ſchnel⸗ len Fall des Fort ein. Drei Tage darauf, als Gen. Robin in den Laufgraben kommandirte, kamen 1844 Tuͤrken mit dem Sohne des Paſcha von Rume⸗ lien und anderen Vornehmen aus dem Fort, warfen ihre Waffen weg, und gaben ſich gefangen; allein 400 Luͤrken ſprangen lieber in das Meer, als daß ſie ſich den Franzoſen ergaben. Die tuͤrkiſche Flotte war nach Konſtantino⸗ 69 pel zuruͤck geſegelt, und vor Alexandrien blicben nur noch die beiden engliſchen Schiffe; der Di⸗ ger und der Theſeus, welche Sidney Smith befehligte. Der Theſeus hatte auf ſeinem Verdecke so Bomben, noch von St. Jean d'Aere uͤbrig; durch einen unbekannten Zufall fingen dieſe Feuer, waͤhrend das Schiff unter Segel war, wobei 20 Mann um das Leben kamen; hiebei wurde das Verdeck ſo verdorben, daß man genoͤthiget war, das Schiff zu ſeiner Ausbeſſerung nach Cypern zu ſenden, ſo daß alſo nur noch der Tiger, von Sidney Smith befehliget, vor Alerandrien blieb. Als Napoleon die Eroberung des Forts von Abukir vernahm, ſendete er ſeinen Adjutanten Merlin ab, um das Naͤhere zu vernehmen. Mer⸗ lin traf einen Parlementaͤr von Sidney Smith bei General Menou, welcher unter dem Vorwande, uͤber die Auswechslung der Gefangenen zu unterhan⸗ deln, abgeſendet worden war, und erhielt von ihm ein Packet Zeitungen von ziemlich neueſten Datum. Merlin wohl ahnend, daß dieſe Artigkeit des Britten nur Ungluͤck bedeuten koͤnne, eilte nach Ale⸗ randrien, kam dort um Mitternacht an, und ging ſogleich zu dem Dber⸗General; Napoleon ſchlief ſchon feſt. Aber kaum hatte der Adjutant dieſer Zeitungen erwaͤhnt, als Napoleon aus dem Bette ſprang, ſie ergriff, und waͤhrend des uͤbrigen Theils der Nacht durchlas. Die Nachrichten der Zeitungen uber den Zutand 70 Europens trafen voͤllig mit denen uͤberein, welche dem Dber⸗General durch Livron und Hamelin zugekommen waren. Napoleon konnte nun keinen Zweifel mehr daruͤber hegen, was in Frankreich oder in Aegypten geſchehen wuͤrde, wenn man dem einen, oder dem andern Lande nicht zu Huͤlfe kaͤme. Die Hinderniſſe, die er in Syrien nicht hatte beſiegen koͤnnen, ließen ihm keine Taͤuſchung mehr ͤber das übrig, was er mit ſeiner kleinen Armee zu unternehmen vermochte, und die Ausfuͤhrung des zweiten Theiles ſeines Planes, naͤmlich ſeine Macht in Palaͤſtina zu befeſtigen, auf Byzanz zu mar⸗ ſchiren, und die Umgeſtaltung des Morgenlandes zu beginnen, hatte er aufgeſchoben, bis er neue Verſtaͤr⸗ kungen erhalten wuͤrde. Die Nachrichten, die ihm uͤber den Stand Eu⸗ ropas zukamen, ließen ihn die Moͤglichkeit, Unter⸗ ſtuͤtzung zu erhalten, nicht vorausſehen. Da Italien ganz fuͤr Frankreich verloren war, durch die Niederlagen, die Scherer erlitten hatte, ſo konnte man ihm bloß von Toulon Verſtaͤr⸗ kungen ſenden, voraus geſetzt, das Direktorium waͤre dieß Willens geweſen, was zum wenigſten zweifelhaft war; und in allen Faͤllen war es den E Englaͤndern jetzt leichter, dieſe aufzuhalten. Aus den Zeitungen erſah er, daß Frankreich buͤrgerlichen Unruhen zum Raube und im Begriff war, zu unterliegen. Die oͤffentlichen Blaͤtter waren voll 71 von revolutionaͤren Planen, wie z. B. das Geſetz uͤber die Geiſeln, das gezwungene Anlehen u. ſ. w.; mit Einem Wort, die Aufloͤſung ſchien Allem zu drohen. Dieſe Nachrichten waren 6 Wochen alt, als ſie Napoleon las; und, da bei Revolutionen an kein Stillſchweigen zu denken iſt, ſo berechnete er die Fort⸗ ſchritte, die das Uebel gemacht haben mußte, bis zu dem Augenblick, in welchem er davon in Kenntnitz geſetzt wurde. Sein Herz litt furchtbar, als er die unbegreiflichen Niederlagen der Armee in Italien las, und als er erfuhr, daß die Ruſſen die Alpen uͤberſtiegen, um in Frankreich vorzudringen, was ihnen, ohne die Schlacht von Zuͤrich, die ſpaͤter ge⸗ liefert wurde, gelungen waͤre. Durch die Aufloͤſung der eiſalpiniſchen Re⸗ publick ſah er ſein Werk zerſtoͤrt. Die franzoͤſi⸗ ſchen Truppen, welche ehemals ganz Italien inne hatten, waren nun auf das Gebiet von Genug ein⸗ geſchraͤnkt; die Vendée, welche ſich mit mehr Wuth als je wieder auflehnte, und ihre Unternehmungen ſo⸗ gar bis an die Thore von Paris ausdehnte, hatte zu blutigen Repreſſalien Veranlaſſung gegeben, und der Schrecken verbreitete ſich wieder im Innern der fran⸗ zoͤſiſchen Republick. Der Staats⸗Schatz war in Gefahr, durch unheil⸗ bringende Maßregeln verſchlungen zu werden, welche jener Haufe von Vampyren anrieth und ausfuͤhrte, die unter der Maske des National⸗Intereſſes ſtets 72 nach Unordnung duͤrſten, um deſto bequemer das Ver⸗ moͤgen von Privaten nebſt dem des Staates verſchlin⸗ gen zu konnen. Das Direktorium bewegte ſich unter allen dieſen WMenſchen, wahren Geiſeln fuͤr einen Staat, der das Unglück hat, mit ihnen belaſtet zu ſeyn. Bei dem Anblicke dieſes duͤſtern Gemaͤldes kam Napoleon auf ſich ſelbſt zuruͤck, und er fuͤhlte in ſeinem Herzen jenes patriotiſche Gefuͤhl, was den Menſchen hoͤherer Art zur Aufopferung bewegt. Er war erſtaunt, unter ſo vielen beruͤhmten Generalen, die er in Frankreich zuruͤck gelaſſen hatte, nicht Einen zu finden, deſſen Namen er nicht mit irgend einem oͤffentlichen Unfalle verbunden geleſen haͤtte. Er dachte, daß, wie ſehr auch die Mitglieder des Direktoriums wuͤnſchen mußten, ihn zu entfernen, zu der Zeit, als ſeine Gegenwart denſelben ſeine glor⸗ reichen Dienſte, deren Erinnerung ſie beuntuhigte, in das Gedaͤchtniß zuruͤck rief, ſie doch um ſo mehr noch ſich nach ſeiner Ruͤckkehr jetzt ſehnen muͤßten, als ſie die Unfaͤlle, die ihnen ſeit ſeiner Abweſenheit zuge⸗ ſtoßen waren, genoͤthiget hatten, einzuſehen, daß er vielleicht der einzige Mann ſey, der dem Untergange Frankreichs vorbeugen, und an ſeinen Ruhm alle Partheien feſſeln konnte, welche die Republick, die im Begriffe ſich aufzuloͤſen ſtand, zerfleiſchten. Die Lage Aegyptens erlaubte ihm uͤberdieß, ſich von da zu entfernen. Nicht allein hatte er gauze — 73 Korps gebildet, beſtehend aus Mamelucken, Koph⸗ ten und Griechen, welche ſich in Aegypten be⸗ fanden, und ſich gerne unter unſere Fahnen begaben, wo ſie auf das Puͤnktlichſte ihre Schuldigkeit thaten, ſondern er ließ auch noch Neger aus Darfur auf⸗ kaufen, welche man auf europaͤiſche Art disci⸗ plinirte. Dieſe verſchiedenen Truppen ließ er mit den Waf⸗ fen und der Ausroͤſtung derer, welche in den Spitaͤ⸗ lern und auf dem Schlachtfelde umgekommen waren, bewaffnen und ausruͤſten. Ueberdieß war das Verwaltungs- und Finanz⸗ Syſtem ſo organiſirt, daß die Beduͤrfniſſe der Trup⸗ pen geſichert waren; es fehlte der Kolonie nur noch an dem, was Frankreich ihr allein liefern mußte, und was bloß Napoleon von der Regierung erlan⸗ gen konnte. Ueberzeugt, daß das Intereſſe Frankreichs und Aegyptens gleich ſehr ſeine Abreiſe erheiſche, daß, dieſe noch laͤnger verzoͤgern, das Wohl des einen wie des andern dieſer Laͤnder bloßſtellen hieße, und daß Frankreich der Ort ſey, wo er Aegypten vertheidigen müſſe, entſchloß ſich Napo leon abzu⸗ reiſen, indem es den Begebenheiten die Sorge ſeiner Rechtfertigung uͤberließ: dieß ſind die Aufklaͤrungen, die er einer Perſon gab, die zu jener Zeit ſein volles Vertrauen genoß. Alles ging ſeinen Gang fort. Ein Menſch von nur gewoͤhnlichem Verßtande war hinlaͤnglich, um dieſe Maſchine, die hur nicht aus der Ordnung gebracht werden durfte, in Bewegung zu erhalten. Die Schlacht von Abukir hatte die Ruhe Ne⸗ gyptens wenigſens bis zum naͤchſten Sommer ge⸗ ſichert; denn bloß in dieſer Jahreszeit iſt eine Lan⸗ dung von Truppen moͤglich. Dhne ſich durch die ungeheuren Gefahren ein⸗ ſchrecken zu laſſen, welche mit ſeinem Auslaufen aus Alerandrien ihren Anfang nehmen mußten, und die ſich mit jedem Schritte vergroͤßerten, durch den er den Thaten, die er unternehmen wollte, naͤher ruͤckte, uͤberließ ſich Napoleon ſeinem Gluͤcke, das ihn retten mußte, wenn nicht anders ein feindliches Schickſal den Untergang Frankreichs beſchloſſen hatte. Nach dem Siege von Abukir begab ſich Na⸗ poleon wieder nach Kairo. Mit aberglaͤubiger Ehrfurcht wurde er, als unuͤberwindlicher Prophet, der ſeinen Sieg vorher verkuͤndet hatte, in dieſer Hauptüadt empfangen, wo ſeinen Triumpfzug der gefangene Paſcha Muſtapha, deſſen Sohn, mehrere Agas, und andere vornehme gefangene Mu ſelmaͤn⸗ ner zieren mußten. In Kairo verbreitete er nun die Meinung, als wuͤrde er bald eine Umreiſe in den Provinzen Unter⸗Aegyptens machen. Dann ſchrieb er einen gewandten Brief an den Groß⸗ Weſir, 75 um die Pforte zu bewegen, dem Bunde mit Eng⸗ land zu entſagen, und traf andere Anſtalten. Sidnev Smith, der Alerandrien beobach⸗ tete, fühlte auf einmal den druͤckenden Mangel an Trink⸗Waſſer, weil er nicht Zeit gehabt, ſolches ein⸗ zunehmen, als er von St. Jean dAere abging, um die tuͤrkiſche Flotte zu geleiten. Er ſegelte nach Cypern ab. Wahrſcheinlich dachte er, es bleibe ihm hinlaͤnglich Zeit, vahin zu ſegeln; denn Napoleon — welchen er in Ober⸗Aegypten glaubte— koͤnnte und wuͤrde nichts bevor unternehmen koͤnnen— d. h. ihm nicht entwiſchen koͤnnen. Kaum hatte man ihn aus dem Geſichte verloren, als man einen Eilboten, der ſchon bereit ſtand, ab⸗ fertigte. Napoleon hatte das Geheimniß ſeiner Abreiſe dem Admiral Gantheaume mitgetheilt, und ihm befohlen, die 2 Fregatten Muiron und Carrère bereit zu halten. Napoleon ſendete nun dem Admiral den Befehl zu, ſelbſt mit dieſen beiden Fregatten von Alerandrien abzuſegeln, und be⸗ ſtimmte den Tag und die Stunde, zu welcher er ſeins Schaluppen in die kleine Bucht Marabu, wo er ſich einſchiffen wuͤrde, ſchicken ſollte. Gantheaume lichtete— als Sidney Smith die Gewaͤſſer von Aleprandrien verlaſſen hatte, die Anker unter dem Vorwande zu krenzen, und ſtellte ſich gegenuͤber von der kleinen Bucht Marabu, eine Meile weſtlich von Alerandrien auf. Der Abgang dieſes Geſchwa⸗ 75 ders konnte zu keiner Vermuthung Veranlaſſung ge⸗ ben, weil man zu Alerandrien glaubte, Nap⸗ leon ſey zu Kairo oder in Ober⸗Aegypten. Napoleon, welcher den Tag und die Stunde, in welcher Gantheaume ſeine Schaluppen abſchi⸗ cken ſollte, beſtimmt hatte, kam beinahe zu gleicher Zeit mit dieſen an der Kuͤſte an, wohin auch Me⸗ uon beſtellt worden war. Um Mitternacht, am 12. Auguſt war Napoleon— ſcheinbar, eine Reiſe im Delta zu machen— von Bulak, dem Hafen Kai⸗ ro's abgeſegelt, nach Menuf gekommen, und nach vierundzwanzigſtuͤndigem Aufenthalte allda nach Rah⸗ manieh gefahren, wo er an das Land gegangen war, und uͤber Berket und dem Brunnen von Bei⸗ dah nach dem Sammelplatze, den er Gantheaume beseichnet(eine Stunde von Alerandrien) ſich begab. Mit Menon unterhielt ſich hier Napoleon lange uͤber die Gruͤnde, welche ihn bewogen, den eng⸗ liſchen Kreuzern zu trotzen, und uͤbergab ihm De⸗ veſchen, welche Kleber den Ober⸗Befehl uͤbertru⸗ gen, und die Proklamationen an die Armee und den Divan von Kairv. Als nun das Zeichen zum Ein⸗ ſchiffen gegeben war, ſagte Napoleon zu Menon: „Mein beſter Menou, halten Sie tuchtig aus. Habe ich das Gluͤck nach Frankreich zu kommen, ſo hat die Herrſchaft des leeren Geſchwaͤtzes ein Ende!„Nun beſtieg er mit Gefolge und ſeiner Eskorte die Scha⸗ — 77 luppen, welche ſogleich abſtießen, und bald war Na⸗ poleon am Bord des Fahrzeuges, das Caͤſar und ſein Gluͤck nach Frankreich zuruͤck bringen ſollte. Es war der 22. Auguſt 1709, 9— 40 Uhr Nachts. Es moͤchte ſchwer ſeyn— ſchreibt General Sa⸗ vary— die Betaͤubung zu beſchreiben, in welche je⸗ des Gemuͤth verſetzt wurde, als das Geruͤcht von die⸗ ſer Abreiſe ſich verbreitete. Einige Tage ſtand man an, ſich laut auszudruͤcken, endlich brach die allge⸗ meine Stimme los. Beinahe alles war fuͤr dieſen Entſchluß des General Bonaparte, deſſen Bewes⸗ gruͤnde nur eine kleine Anzahl heller Koͤpfe einſah, nicht guͤnſtig geſtimmt; die mittelmaͤßigen Geiſter ſchimpften aus voller Seele s Tage, nach welcher Zeit die Gemuͤther endlich wieder ruhiger wurden.— Man wandte ſich bald an den neuen Dber⸗General, und jeder ſuchte deſſen Gunſt zu erwerben. Auf die Fregatte Muiron, welche der Kontre⸗ Admiral Ganthen ume befehligte, hatte ſich Na⸗ poleon eingeſchifft, mit ihm Berthier, An⸗ dreoſſy, Eugen Beauharnois, Beſſieres, Monge, Berthollet, Lavalette u. A. Die Fregatte Carrére, die der Diviſions⸗Chef Duma⸗ nvir kommandirte, beſtiegen aber Lannes, Mu⸗ rat, Marmont u. A. Als man unter Segel zu gehrn im Begriffe ſtand, langte ein Bobt an; es trug den Gelehrten Pareeval, Mitglied des Inſtituts, 78 der dringend bat, ihn mitzunehmen. Auf Mo nge's und Berthollets Bitten ließ ihn Napoleyn an Bord des Carrére ſteigen.— Eine Pinke und ein Aviſo begleiteten die 2 Fregatten auf der Reiſe, odez dienten ihnen zu Vorlaͤufern. Eine Windſtille aber verzögerte die Abfahrt. Auch bemerkte man einen engliſchen Kreuzer. Dieß er⸗ regte Sorge. Allein Napoleon ſagte:„Fuͤrchten Sie nichts, das Gluͤck wird uns nicht verlaſſen; wir werden den Englaͤndern zum Trotz ankommen.“ Der Wind erhob ſich, und auch der engliſche Kreu⸗ zer nahm die Richtung nach Eypern. Da die Winde fortwaͤhrend nordweſtlich wehten, ſah man ſich genoͤ⸗ thiget, laͤngs der Kuͤſte von Afrika zu laviren. Das Wetter war ſo unguͤnſtig, daß man nur ꝛ00 Stunden in 20 Tagen zurück legte. Die Britten jagten oft Schrecken ein. Man war ſehr unruhig. Napoleon allein ſchien ruhig. Er beſchaͤftigte ſich waͤhrend die⸗ ſer Fahrt ganz wie ein gewoͤhnlicher Reiſender mit Geometrie, Chemie, ſpielte und ſcherzte oͤfters mit ſeinen Reiſegenoſſen. Ex zeigte ſich in ſeiner Unter⸗ baltuns ſehr offenherzig, aͤußerte ſich uͤber das Direk⸗ torium mit großer Verachtung, und ſprach mit vieler Zuverſicht von ſeiner Zukunft. Endlich erhob ſich Oſtwind. Man umſchiffte das Vorgebirge Dexe, ſah dann Lampeduſa, Pan⸗ telleria, Gallipoli, umſegelte das Cap Bon, 79 erblickte Biſerta, das Vorgebirge Saleon, durch⸗ ſchiffte die Meerenge von Bonifaeio, und lief am 30. September in dem Hafen von Ajaeeio auf Kor⸗ ſika ein— wiewohl durch den Wind veranlaßt, und nicht ohne Sorge, Korſika moͤchte von Frans⸗ reichs Feinden beſetzt ſeyn. Mit Jubel und unter den Freuden-Salven der Citadelle und Schiffe wurde Napoleon in ſeiner Vaterſtadt empfangen. Allein er fand ſein Vaterland von Partheien zerruͤttet; die Dbrigkeit und die Ver⸗ waltungs⸗Behoͤrden klagten ſich gegenſeitig an; die Gefaͤngniſſe waren uͤberfuͤllt; die Faktionen ſtanden einander gegenuͤber. Das Volk verlor die Geduld. Napoleon trat als Vermittler in dieſem Streite auf; die Gefaͤngniſſe wurden geofnet; Friede und Vertrauen kehrten zuruͤck. Sieben Tage hielten widrige Winde ihn zu Ajae⸗ eiv auf. Am s. September endlich ging die kleine Flotte wieder unter Segel. Man fand ſich auf offe⸗ ner See, als Gantheaume dem Napoleon die Nachricht brachte, man ſehe von den Maſten feindli⸗ che Segel, und Verhaltungs⸗Befehle verlangter nach einem Augenblicke antwortete ihm der Ober⸗General, man ſolle bis Mitternacht Alles dem Gluͤcke uͤberlaſ⸗ ſen. Der Admiral fuhr fort, auf Toulon zu ſteuern. Die engliſchen Kreuzer entfernten ſich waͤhrend der 80 Nacht, und am andern Morgen zriste ſich kein Fahr⸗ ieug mehr am Porizont. Die Britten, weiche nur Tonlon, wo ſich kein Kriegsſchiff mehr befand, und Marſeille, woher die Armee von Italien verproviantirt wurde, zu beobachten hatten, hielten ſich im Innern des Golfs von Lyon auf. Hier war ihr ganzes Geſchwader vereinigt, weil den Fahrzeu⸗ gen, die nach Frankreich zu gelangen ſuchten, nur dieſe 2 Landungs⸗Punkte uͤbrig blieben. Die Kreuzer⸗ Flotte, welche Korſika beobachtete, ſchenkte, nur auf die Expeditionen achtſam, welche in die Inſel eindringen wollten, den Schiffen wenig Aufmerkſam⸗ keit, welche von hier ausliefen, in dem Glauben, ſie konnten nicht leicht der Flotte entgehen: aus dieſem Grunde machten ſie nicht auf Gantheaume's Flot⸗ tille Jagd. Endlich kam Napoleon, und zwar bei Nacht an der Kuſte von Frankreich an. Die Sonne war eben untergegangen, und hatte am Horizont noch einen Lichtſtreifen zuruͤck gelaſſen, der vom Himmels⸗ Bogen abprallte. Die franzoͤſiſche Flotille, welche ſich außerhalb des Umkreiſes dieſes Widerſcheines be⸗ fand, ſtand in einem Halbdunkel, das immer duͤ⸗ ſterer wurde, je mehr man ſich von jenem Wider⸗ ſcheine entfernte. Von dieſem Halbdunkel entdeckte man mit bloßem Auge das engliſche Geſchwader; es war 16 Segel ſtark und ſtand vor Toulon gerade 8¹ im Mittelvunkt jenes Widerſcheines. Es war Wind⸗ ſtille. Man ſteuerte gerade auf daſſelbe los; ohne die⸗ ſes Abprellen der Sonnen⸗Strahlen haͤtte man Nichts geſehen, haͤtte alſo auch die Richtung nicht geaͤndert, und wenn der Nachtwind ſich erhoben haͤtte, ſo ware man in die Mitte der feindlichen Schiffe gerathen. Gantheaume, welcher vermuthete, die Fregatten moͤchten geſehen worden ſeyn*), glaubte Napoleon uͤberreden zu muͤſſen, ſich auf das Ruderbovt, was man von Korſita mitgenommen, einzuſchiffen„ um entweder die naͤchſte Kuͤſte zu erreichen, oder nach Korſika umzukehren.„Nein, nein,“ rief Napo⸗ leon,„dieles Manover wuͤrde uns nach England fuͤhren; ich will aber nach Frankreich. Wenn wir erſt Kugein mit den Englaͤndern gewechſelt, und alle Hoſſnung, unſere Fregatten zu retten, verloren haben, dann wollen wir ſehen!“ Savary, Herzog von Rovigo ſchreibt in ſeinen Memoires:„Ich ſprach ſeither mit eng⸗ liſchen Bffizteren die mich verſicherten, man habe die beiden Fregatten wohl geſehen, aber der Admiral habe ſie fur Schiffe von ſeinem Geſchwader gehalten, weil ſie gerade auf ihn losgeſteuert ſeyen, und da er wußte, daß wir nur Eine Fregatte im mittetländiſchen Meere haͤtten, welche ſich noch uͤbeldieß in Soulon befand; ſo fiel es ihm gar nicht ein, daß ſich auf den beiden Schiffen, die man fah, gar Vonaparte an Bord befinde.“ 351os V. Aegypten. 6 82 Gantheaume wendete nun ſeine Schiffe; un⸗ ter dem Schutze der Dunkelheit entkamen ſie gluͤcklich, ſie ſteuerten auf Nizza, und erreichten am Morgen des 9. Dktober Freijus, nach einer Fahrt von 41 Da⸗ gen, auf einem mit feindlichen Schiffen bedeckten Meere. Anfaͤnglich hielt man ſie fur feindliche Schiffe, und gab Feuer auf ſie: aber man wußte nicht ſobald, daß ſie den General Bonaparte an BVord hatten, als von allen Seiten ein ſtuͤrmiſches Freuden⸗Geſchrei ausbrach: wenn er vom Himmel gefallen waͤre, haͤtte ſeine Erſcheinung nicht mehr Erſtaunen und Enthu⸗ ſtasmus hervorbringen koͤnnen. Die ganze Bevoͤlke⸗ rung gerieth in Entzuͤckung; Niemand wollte mehr ewas von Quarantaine hoͤren. Der General Perey⸗ mont, der an der Kuͤſte kommandirte, die Geſund⸗ heits⸗Kommiſſion, Land- und See⸗Offiziere, draͤng⸗ ten ſich durch und uͤber einander in die Schaluppen; bald hatte man die Fregatten erreicht und umzingelt; von allen Seiten communicirte man. Wie in Kor⸗ ſika wurden auch hier die Qugrantaine⸗ Geſetze durch allgemeine Ungeduld uͤbertreten. Napoleon mußte dem Eifer eines ganzen PVolkes nachgeben, welches ihn als ſeinen Erretter begruͤßte— und er gab gerne nach: denn Eile war ihm heilbringend. Er ſtieg an das Land. Das Volk haͤufte ſich immer mehr an dem Ufer. Napoleon dankte ihm fur die Wuͤnſche und Anerbieten, die es ihm zukommen ließ, und ſchickte ſch an, ſich von einer Fuͤſte zu entfernen, wo ihn —,—— ——— 83³ eine Feinde, Geſundheits⸗Maßregeln vorſchuͤtzend, ätten zuruͤckhalten, oder ihn doch in Verlegenheit etzen koͤnnen. Auf die Straße von Grenoble ſich wendend, reiſte er uͤber dieſe Stadt und Lyon Tag und Nacht, und war ſchon in ſeiner Wohnung an der Straße Vietoire zu Paris, als das Direktorium noch nicht wußte, daß er zu Frejus an das Land geſtie⸗ gen ſey. Napoleon wurde von dem franzoͤfiſchen Volke mit einem Jubel empfangen, der ſich ſchwer beſchreiben läht. Seine Reiſe nach Paris war ein Triumphaug, wie er ihm 15 Jahre ſpaͤter(1818) noch einmal zu Theil wurde, als er in demſelben Frejus gelandet war, und eine Maſſe von Franzoſen aber⸗ mals ihn als Retter begruͤßte An dem Tage ſeiner Ankunft zu Paris noch be⸗ gab ſich Napoleon in das Palais Luremburg, dem Sitze des Direktoriums; er war in einem grauen Ueberrocke gekleidet, und trug einen tuͤrkiſchen Säbel an einer ſeidenen Schnur. Das Volk draͤngte *) Vergleiche:„Die Feldzuge in den Fahren 842, 48413, 1544 u. 1845 ünter Napoeons perſönlichen Auführung, nebſt biographiſchen Sküzen denkwuͤrdiger Perſonen dieſer Epoche von Dr. u. Prof. F. A. Schneidawind. Bamb. u. Aſchaffenb. vei J. T. Dyeſch.“ 84 ſich in die Naͤhe des Palaſtes; man freute ſich, man begluͤckwuͤnſchte ſich, endlich den Mann zu beſitzen, der den Unfaͤllen ein Ziel ſtecken koͤnnte. Napoleon war der Mann, dieſen Uunfaͤllen ein Ziel ſetzen zu koͤnnen,— und ſteckte es wirklich; allein er machte ſich zuerſt zum Alleinherrn und Oberhaupt Frankreichs. — Skizze des Feldzuges in Aegypten unter Kleber und dann unter Menou, oder der Begebniſſe von Napoleons Abfahrt nach Frankreich bis zur Räumung Aegyptens, im J. 1799— 1801. Von F. Schneidawind. ——— In Aegypten hatte der General Kleber, auf Napoleons Abfahrt nach Frankreich, den Heers⸗ Befehl uͤbernommen. En fuͤhrte ihn, trotz gehaͤufter Bedraͤngniſſe, glorreich. Die Aegypter, welche das Genie nach der Koͤrpergroͤße, und die Macht nach dem aͤußern Lurus und dem Reichthume der Kleidung bemeſſen, hatten ſich nur ſehr ſchwer uͤberzeugen koͤnnen, daß Napo⸗ leon ein geſchickter Feldherr ſey. Seine Geſtalt 86 ſchien en in gar keinem Verhaͤltniſſe mit ſeinem Rufe zu Kohen; ſie erſtaunten, daß eine ſo tapfe Armee einem Befehlshaber gehorche, deſſen Kleidur nicht glaͤnzender war, als die ſeiner Soldaten, u ſie konnten nicht glanben, daß ein Mann von ſolck Statur die Welt habe erſchuͤttern koͤnnen. Dieſe! guͤnſtige Meinung ſchwand nach und nach vor d Glanze ſeiner Thaten, und bald ſtand Napole vor den Augen der Aegypter in der ganzen Hoheit ſe ner Siege. Der neue DOber⸗General dagegen brauchte ſich bloß der Menge zu zeigen, um ihr Ehrfurcht ein⸗ zufloßen. Die Natur hatte ihm eine jener glucklichen Geſtalten verliehen, welche zugleich Liebe und Achtung einfloͤßen. Kleber beſaß alle Vortheile des Aeuße⸗ ren; ſeine Zuͤge waren regelmaͤßig und ſchoͤn; ſein ruhiger, ſtarker Geiſt ſpiegelte ſich in der Maſeſtaͤt ſeiner Geſtalt; in ſeinem Gange, in ſeinen Bewegun⸗ gen druͤckte ſich ein gewiſſer Stolz aus, den man in erſtem Augenblicke fuͤr Hochmuth haͤtte halten koͤn⸗ nen; ſein hoher Wuchs, das edle Verhaͤltniß ſeiner Glieder verliehen ihm ein ſo heroiſches Anſehen, daß ihn die Soldaten ſchon ſeit langer Zeit den franzd⸗ ſiſchen Mars genannt hatten. Der Charakter Klebers entſprach ganz den Er⸗ wartungen, welche ſein Anblick erregte; er beſaß Herz und Geiſt der Alten. Voll Klugheit und Umſicht in ſeinen Planen, vollzog er ſolche mit angemeſſener — 3 87 Schneligkeit. Sein gluͤhender Muth artete aber nie in Verwegenheit aus. Er beſaß nicht, wie Napo⸗ leon, gleichſam das Vorrecht, mit einem einzigen Blicke tauſend verwickelte Gegenſtaͤnde zu umfaſſen, und in der Mitte des Schlachtgewuͤhles, wie durch eine plotzliche Eingebung, entſcheidende Entſchluͤſſe zu ergreifen. Klebers Genie blitzte nur in Augenblicken auf, wenn es durch eine wichtige Gelegenheit er⸗ wachte. Kleber beſchaͤftigte ſich ſogleich mit dem Wohle der Armee, mit den Angelegenheiten des Landes. Ein neuer Landungs⸗Verſuch der Tuͤrken unter Seid⸗ Ali⸗Bey bei Damiette war von General Ver⸗ dier zuruͤck gedraͤngt worden; aber der Groß⸗Ve⸗ zier nahte von Syrien mit großer Macht, und er— oberte El⸗Ariſch. Zugleich wuͤthete die Peſt. Auch ſah Kleber in den Aegoptern wohl Beſiegte, aber noch nicht gaͤnzlich Unterworfene. Er ſchloß mit dem Groß⸗Vezier— unter Vermittlung des bekannten Sidney Smith— am 24. Januar 1800 zu El⸗ Ariſch eine Uebereinkunft, durch welche der franzo⸗ ſiſchen Armee die freie Ruͤckkehr nach Frankreich mit ihrem geſammten Eigenthum; und nach Empfang von 3000 Beuteln zu ihrem Unterhalte geſtattet wurde. Der Admiral Keith, der Pberbefehlshaber der brittiſchen Seemacht im Mittelmeere, erklaͤrte aber z Minores, in Hinſicht auf die aufgefange⸗ 88 nen Briefe der Franzoſen in Aegypten, welche ihren mißlichen Zuſtand ſchilderten, daß fuͤr Aegyp⸗ ten keine andere Kapitulation, als auf die Bedingung der Kriegs⸗Gefang enſchaft des daſelbſt befindli⸗ chen franioͤſiſchen Heeres angenommen werde.— Kleber griff hierauf von Neuem zum Schwerte. Die Armee des Groß⸗Veziers hatte ſich zwi⸗ ſchen El-Khanka und Abuzabel iudeſſen aufge⸗ ſtellt. Das Vorder⸗Treffen hatte ſich in dem Dorfe Matarieh auf den Ruinen vom ₰H eliopolis(nur ein paar Stunden von Kairo) verſchanzt. Die auf einer ſo großen Strecke in verworrener Schlachtord⸗ nung ausgebreitete otto maniſche Armee zaͤhlte an 80,000 Streiter. Kleber rief 20,000 Mann aus Ober⸗ und Nie⸗ der⸗Aegypten zu ſich. Kleber bemerkte bald die Zuverſicht dieſer Tapferen, an deren Spitze ein Frtant, Reynier, Leelere, Belliard, La⸗ grange, Donzel ot u. ſ. w. und er ſelbſt ſtreiten wollten. Gewoͤhnt gegen eine ungeheure Menge zu⸗ ſammengeraffter bewaffneter Menſchen zu kaͤmpfen, zo⸗ gen dieſe Tapferen gerade eine guͤnſtige Vorbedeutung aus der Zahl ihrer Feinde. Dpfer einer, durch die Heiligkeit der Vertraͤge eingefloͤßten, Sicherheit hatten die Franzoſen uͤbrigens nur noch ein Mittel des Peils, den Sieg.„Soldaten“ ſprach Kleber, „es bleibt uns von Aegypten nur noch der Boden unter unſeren Sohlen; laßt uns ihn erweitern!“ 89 Am 20. Maͤrz 1800 griff er bei Heliopolis den Groß⸗Vezier an, und ſchlug ihn bis zur Vernich⸗ tung.— Die Reſte des Feindes flohen in die Wuͤſte, nach Syrien u. ſ. w. Hierauf eroberte Kleber das waͤhrend der Schlacht verlorne Kairo, nach großem Blutvergießen, indem auch die Stadt in einem vierwoͤchentlichen Aufſtande gegen die Franzoſen ſich befand, beſetzte Aegyp⸗ ten von Neuem, und ſuchte den Beſitz des Landes abermals zu befeſtigen. Die Nachricht von der Ge⸗ langung Napoleons zum Conſulate belebte den Muth der Franzoſen in Aegypten. Kleber bildete uͤbrigens neue Truppenmaſſen aus Kopten und Griechen, ſchloß mit dem alten Feinde, dem tapfern Murad⸗Bey, ein Friedens⸗Buͤndniß, trieb außerordentliche Steuern ein, legte Magazine an, ſicherte die Kuͤſten, und ſuchte Handel und Gewerb⸗ fleiß in Aufnahme zu bringen. Allein ſeine Ermor⸗ dung zu Kairvo am 44. Juni 4800, durch die Hand eines tuͤrkiſchen Meuchelmoͤrders, gab bald den Angelegenheiten in Aegypten eine andere Richtung. Kaum war der Groß⸗Vezier den Gefahren der Schlacht und der Wuͤſte entronnen, das Hert von Scham und Wuth angeſchwellt, nach Syrien zuruͤck gekehrt, als er ſich beeilte, Erlaſſe bekannt zu machen, worin der Fuͤhrer der franzoͤſiſchen Armee als ein Vertilger der Religionen, als ein treuloſer Menſch aeſchildert wurde. Der tuͤrkiſche Miniſter 90 forderte im Namen Muhameds und des Korans alle guten Muſelmaͤnner zum heiligen Kampfe auf, indem er ſie erinnerte, daß ewige Vergeltungen derjenigen warten, welche einen un⸗ glaͤubigen töͤdten. Außerdem verſprach er dem, wel⸗ cher den Ober⸗Feldherrn des Heeres der Chriſten tödtete, ſeinen Schutz und irdiſche Belohnungen. Dieſer Aufruf zum Fanatismus wurde verſtanden, und es zeigte ſich bald eine Seide. Soleiman eEl⸗Halebi machte ſich zu Jeru⸗ ſalem, einer der heiligen Staͤdte, durch eifrige Froͤmmigkeit bemerkbar. Er war erſt 24 Jahre alt, und doch verzehrte ihn ſchon eine tiefe Melancholie, welche eine veligioͤſe Ueberſpannung in ſeinem Ge⸗ moͤthe naͤhrte. Der heilige Kampf oͤffnete ihm die Pforten des Himmels; er nahm keinen Anſtand, ſich zum Dpfer zu weihen, und empfing aus der Hand der Agenten des Groß⸗Veziers einen Dolch, um die glsrreiche That zu vollfuͤhren. Man gab ihm auch 30 Silberſtuͤcke und ein Dromedar zur Reiſe. Em⸗ pfehlungs⸗Schreiben ſollten ihm zu Kairo eine Zu⸗ fluchtsſtaͤtte und Beiſtand verſchaffen; dieſe Zufluchts⸗ ſtätte war eine Moſchee, dieſen Beiſtund leiſteten Prieſter! Am Altare war es alſo, wo dieſer unglückliche junge Mann ſich in ſeinem ſchrecklichen Vorhaben be⸗ feſtigte, und deſſen Ausfuͤhrung zur Reife brachte. Drei Ulemas oder Haͤupter des muſelmanni⸗ 91 ſchen Geſetzes waren ſeine Vertraute; anßatt ihn von dem Verbrechen abzubringen, vermehrten ſie den Durſt nach dem Blute des Unglaͤubigen in ſeinem Herzen, und zeigten ihm für ſeinen Meuchelmord im Paradieſe die Palme des Martyrers. Waͤhrend eines ganzen Monates ruͤſtete ſich So⸗ leiman durch Faſten und Gebete zum heiligen Kampfe; er folgte ſeinem Schlachtopfer taͤglich, er ſtudierte deſſen Gewohnheiten ſorgfaͤltig, und machte ſich mit den Bertlichkeiten des Hauptquartiers ver⸗ traut. Endlich blieb ihm nichts mehr uͤbrig, als noch eine guͤnſtige Gelegenheit zu ſuͤchen, und nur zu bald bot das Schickſal dieſe ſeinen ruchloſen Wuͤnſchen dar. Kleber hielt ſich ſeit einiger Zeit zu Gizeh auf. Er bewohnte hier das Luſthaus Murad⸗Bey's, bis das Gebaͤude, welches er gewoͤhnlich in Kairo inne hatte, von den vielen Beſchaͤdigungen, die es waͤhrend der letzten blutigen Auftritte daſelbſt erlitten, wieder hergeſtellt waͤre. Am 14. Junius hielt er eine Muſterung auf der Inſel Budah, und begab ſich hierauf nach Kairo, um bei dem Chef des General⸗ ſtabes, General Damas, zu fruͤhſtuͤcken. Mehrere hohe Offiziere, Mitglieder des gelehrten Inſtituts und Verwaltungs⸗Veamten, fanden ſich dazu ein. Kle⸗ ber war ſehr heiter; die Verbeſſerung der Lage der Armee hatte ſein Herz mit Freude erfuͤllt, welche ſich ſeinen Worten mittheilte. Nach aufgehobener Tafel nahm er den Architekten Protain zur Seite, und 92 ſchlug ihm vor, nach dem Hauptquartiere zu gehen, um ſich mit ihm uͤber die hier vorzunehmenden Ver— beſſerungen zu beſprechen. Das Haus Klebers— das Hauptaquartier— hing mit der Wohnung des Ge⸗ nerals Damas zuſammen. Als Kleber und Pro⸗ tain uͤber die Teraſſe gingen, welche die beiden Ge⸗ baͤude trennt, benutzt ein ziemlich ſchlecht gekleideter Menſch dieſen Augenblick, wo der Architekt etwas ent⸗ fernt war, um ſich dem Pber⸗General zu naͤhern, wirft ſich mit Demuth nieder, und ſcheint eine Bitt⸗ ſchrift uͤberreichen zu wollen. Kleber, von dem An— ſcheine des Elendes des Bittenden bewegt, ſchreitet vor, und neigt ſich gegen ihn; da erhebt ſich So⸗ leiman, zieht einen Dolch, und ſtoͤßt ihn ſeinem Opfer in die Mitte des Hetzens. Der General ſinkt mit dem Ausrufe:„Ich bin ermordet!“— Pro⸗ tain eilt herbei, ergreift den Moͤrder, und will ihn feſthalten, bis Jemand herbei gekommen ſey; allein Soleiman wirft ihn mit 6 Dolchſtoͤßen nieder, und kehrt hierauf gegen Kleber zuruͤck, welchem er drei neue Wunden beibringt. Unnuͤtze Wuth! der ungluck⸗ liche Krieger haͤtte den erſten Stoß nicht uͤberleben koͤnnen⸗ Ein franzoſiſcher Soldat, welcher in dem Au⸗ genblicke voruͤber ging, als Kleber ausrief:„ich bin ermordet!“ machte Laͤrm. Alles ſtuͤrzte herbei. Kle⸗ ber athmete zwar noch; allein umſonſt wurde der 93 Beiſtand der Kunſt angewendet; er brachte kein ein⸗ ziges Wort mehr hervor. Der Moͤrder hatte ſich verloren. Protain lag ohne Bewußtſeyn. Man ſuchte nach dem Moͤrder. Die Armee war wuͤthend. Protain kam endlich wieder zur Beſinnung, und konnte die Geſtalt des Moͤrders naͤher bezeichnen. Endlich fand man So⸗ leiman in den Gaͤrten des Hauptquartiers unter dem Laubwerke eines dichtbelaubten Feigenbaumes. Um ſonſt erklaͤrte Protain, daß er ihn kenne; um⸗ ſonſt bezeugten mehrere Perſonen, ihn oͤfters um die Drte haben herum ſchleichen geſehen, welche ſein Schlachtopfer gewoͤhnlich beſuchte; umſonſt zeigte man ihm den blutigen Dolch, welchen man in ſeinem Schlupfwinkel gefunden hatte— der Moͤrder geſtand nicht eher, als bis man ihm, nach Sitte des Drients, die Baſtonade gegeben hatte. Kleber wurde am 1. d. M. feierlichſt zur Erde beſtattet. Sein Moͤrder aber erlitt mit ſeinen Ver⸗ trauten, den Ulemas, eine furchtbare Todesſtrafe. Die drei Ulemas wurden enthauptet. Solei⸗ man's rechte Hand wurde dann uͤber ein Feuerbecken gehalten und verbrannt, dann wurde der Moͤrder ge⸗ ſpießt. Mit Standhaftigkeit duldete er dieſe Schmer⸗ zen. Er warf ſeine Blicke auf die Menge, und ſprach mit voller Stimme das Glaubens⸗Bekenntniß der Muſelmaͤnner:„Es gibt keinen andern Gott, als Gott, und Muhamed iſt ſein Prophet.“ 94 Der General Menou, der weder geliebt wurde, noch geachtet, ergriff als der aͤlteſte General den aber⸗ mals verwaiſten Feldherrn⸗Stab. Fomard, Menginu. A. ſagen von dem neuen Ober⸗Generale:„Menon ſchlug einen ganz andern Weg ein; ſein thaͤtiger, aber blinder Eifer, ſeine nicht gewoͤhnlichen, aber ſchlecht angewandten Kennt⸗ niſſe brachten weder fuͤr die Armee, noch das Land Gutes hervor. Er war ungeſchickt, den Truppen mer⸗ ken zu laſſen, daß ſie Frankreich nicht wiederſehen wuͤrden. Er hatte einen tuͤrkiſchen Namen(Ab⸗ dallah) angenommen, und ſich mit der Tochter ei⸗ nes Muſelmannes verheirathet. Sein eigenſinni⸗ ges und ungerechtes Benehmen gegen die Generaͤle entfremdete ihm die Gemuͤther; er ſiel von einem Fehler in den andern, und der Mann, welcher am eifrigſten wuͤnſchte, Aegypten dem franzo ſiſchen Reiche zu erhalten„ war die einzige Urſache, daß Frankreich dieſes Land wieder verlor.“— Poͤlitz ſchreibt:„Menon beleidigte durch ſeine Anmaſſun⸗ Lgen, und durch ſeinen Mangel an militaͤriſchen Kennt⸗ niſſen die anderen Feldherrn.“ Parthei entſtand im Heere, Mißvergnuͤgen unter dem Volke. Gleichwohl erbot ſich jetzt die britti⸗ ſche Regierung vergebens zur Beſtaͤtigung der Ueber⸗ einkunft von El⸗Ari ſch. Die Hoffnung, Aegyp⸗ ten zu behaupten, war bei den Franzoſen neu ge⸗ ſaͤrkt durch ihren jetzten Sieg, wie durch die troßrei⸗ 95 chen Nachrichten aus Frankreich. Daher ruͤſtete Großbrittanien eine maͤchtige Unternehmung aus zur endlichen Erdruͤckung der gefuͤrchteten Franken⸗ Kolonie. Admiral Keith fuͤhrte die Flotte, Ge⸗ neral Abererombie das Heer. Als nun dieſer mit 17,000 Britten am 1. Maͤrz 1801 vor Alerandrien erſchien, ſandte ihm der ſorgenloſe Menou bloß den General Lanuſſe mit wenigen Truppen entgegen. Zu gleicher Zeit kamen von Oſtindien und Cap der guten Hoffnung engliſche Verſtaͤrkungstruppen, die vom rothen Meere her Aegypten angriffen, und der Groß⸗ Vezier drang von Gaza vor. Lanuſſe fand bei ſeiner Ankunft, daß die Britten bereits(s. Maͤrz) gelandet hatten; dennoch griffen er und Friant, un⸗ gefaͤhr mit 4000 Mann die Gelandeten am 13. Maͤrz an, mußten ſich aber nach Alexandrien zuruͤck zie⸗ hen, worauf Abukir am 18. Marz durch Kapitula⸗ tion an die Britten uͤberging. Endlich erſchien auch Menou am 20. Maͤrz bei Alexandrien. Das ſchwache geſammelte franzoͤſiſche Heer,(s30o oder 9000 Stteiter ſtak) wagte am 24. den Angriff. Es kampfte in dieſer Schlacht bei Canopus mit ent⸗ ſchiedener Tapferkeit; allein Lanuſſe ſiel ſogleich im Anfange der Schlacht; eben ſo fielen Roize, Bo⸗ dod, Burrard und Sornet; Deſtaing erhielt eine ſchwere Wunde u. f. w., und der Sieg blieb den Britten. Doch war der Britten Feldhepr, 96 Abererom bie ſelbſt ſo toͤdtlich verwundet worden, daß er am 28. Maͤrz ſtarb, und General Hutchin⸗ ſon den Ober⸗Befehl uͤbernahm. Nach dieſer Niederlage ſchloß ſich Menou tu Alexandrien ein, ungeachtet des Rathes der an⸗ deren Generale, gegen die Englaͤnder ſerner thaͤ⸗ tig zu ſeyn. Die unmittelbare Folge dieſer Maßregel war die Trennung der Streitkraͤfte der franzoͤſi⸗ ſchen Prmee in einem Augenblicke, wo Alles darauf ankam, ſie zu vexeinigen, und ſo war denn die Kriſis der Expedition gekommen. Am 29. Maͤrz lendete eine tuͤrkiſche Flotte mit 7000 Mann. Roſette mußte ſich am 19. April den Britten und Tuͤrken ergeben. Darauf wagte der General Laßgrange mit einer Abtheilung von 4005 Mann, wobei ſich auch die Generale Valentin und Morand befanden, die Britten(8sodo Mann) und Tuͤrken(6000 Mann) am 9. Mai bei Rahmanieh in weiterem Vordringen aufzuhalten. Allein er mußte ſich nach Kairo zuruͤck ziehen, wo er am 43. eintraf. WVor dieſer Hauptſtadt erſchien der Groß⸗Vezier mit 20,000 Mann, und verband ſich mit den durch das Nil⸗Thal vorgeruͤckten Britten. Gegen ſo viele Feinde dauerte gleichwohl uͤberall von den Franzv⸗ ſen der Widerſtand. Man hoffte eine Verſtaͤrkung, welche Admiral Gantheaume aus Frankreich zufuͤhren ſollte. Es gelang ihm nicht. Belliard, mit vielleicht 7000 Mann, vertheidigte Kairo mit 97 ſolchem Nachdrucke, daß ihm— als er endlich kapitu⸗ liren mußte— in der ehrenvollen Kapitulation vom 27. Juni verſprochen wurde, ſein Korps mit allen Waffen, und mit aller Artillerie und Equipage, auf engliſche Koſten, unter zureichender Bedeckung, zu Roſette nach Europa einzuſchiffen. Belliard verließ Aegypten am. Auguſt, und landete im September zu Toulvn. Nenon, in Alerandrien eingeſchloſſen, ver⸗ theidigte ſich hartnaͤckig gegen die Britten und Tuͤrken laͤngere Zeit. Aber, auf das Aeußerſte ge⸗ bracht, und nachdem Gantheaume zu lange gezoͤ⸗ gert hatte, 4000 Mann eingeſchiffte Landungs⸗Truppen und Lebensmittel nach Aegypten zu bringen, kapi⸗ tulirte er am 2, September 18o1. Dem General Me⸗ nou wurden aber nicht die vortheilhaften Bedingun⸗ gen bewilliget, welche General Belliard erhalten hatte. Er mußte Alerandrien mit Munition und Artillerie, und alle franzoͤſiſchen Schlffe im Ha⸗ fen— 6 Kriegs⸗Schiffe und mehrere Kauffahrtei⸗ Schiffe— den Verbuͤndeten äbergeben. Der engliſche Feldherr Hutchinſon hatte auch als einen Artikel der Kapitulation aufgeſtellt: „Das Inſtitut der Wiſſenſchaften und der Kuͤnſte wird keines det offentlichen Denkmale, weder arabt⸗ ſche Mannſeripte, noch Karten und Zeichnungen, noch Memoiren oder Sammlungen mitnehmen; es wird dieſes alles der Verfuͤgung der engliſchen Generale 36tes B. Aegypten. III. 4.. 98 äberlaſſen.“ Die zu Alerandrien befindlichen franzoͤſiſchen Gelehrten aber proteſtirten gegen dieſen Artikel. Menou beſtand nun bei dem eng li⸗ ſchen Feldherrn auf Zuruͤcknahme dieſer Bedingung; allein eine ſolche herrliche Beute reizte die britti⸗ ſche Gierde, und Hutchinſon wollte nichts da⸗ von hoͤren. Empoͤrt uͤber dieſes Betragen ſchickten ſetzt die Gelehrten drei ihrer Kollegen mit der Erkla⸗ rung an den feindlichen General, daß, wenn er da⸗ rauf beſtnde, ihre Zeichnungen, Manuſeripte und Sammlungen zu forderü, ſie folche in das Meer wer⸗ fen, und Europa die gehaͤſſige Gewaltthat ameigen wuͤrden, welche mit ihnen zugleich die civiliſirte Welt traͤfe. Dieſe Drohuug ſchreckte endlich Hutchinſon ab; er nahm ſeine Bedingung zurück, und die Ge⸗ lehrten retteten durch ihre Energie den koͤßlichen Schatz der Wiſſenſchaften, welchen ſie mit ſo vielen Gefah⸗ ren erworben hatten. Die Truͤmmer des tapfern franzöfiſchen Hee⸗ res wurden, ohne kriegsgefangen zu ſeyn, auf eng⸗ liſchen Schiffen nach Frankreich gefuͤhrt. So war alſo der glaͤnzend begonnene Zug nach Aegyh⸗ ten geendigt. ———— — 99 Aegypten, nach Maillet geſchildert von Dr. Leutbecher. Nachſtebendes giebt ein zwar kleines, aber lebhaftes Gemaͤlde von dem Phyſiſchen eines Landes, welches in unſern Dagen ſo oft erwaͤhnt wird. Zugleich iſt es eine Erinnerung an die herrlichen Zeiten Aegyp⸗ tens, die es ſchon erlebt hat. S Aegypten, oder Mizraim, wie es ehemals hieß, und noch heute von den Arabern genannt wird, iſt ein langes ſchmales Dhal zwiſchen zwei großen Gebirgs⸗Ketten. Auf der oͤſtlichen Seite ziehen ſich die großen arabiſchen, auf der weßtlichen die ly⸗ byſchen Gebirge in verſchiedenen Kruͤmmungen da⸗ hin. Dieſe Gebirge naͤhern ſich an manchen Stellen ſo weit einander, daß das Nil⸗Thal dann kaum eine Tagereiſe breit iſt. Nur in Unter⸗Aegypten, wo der Nil in mehrere Arme ſich theilet, wird das Thal auch immer breiter, wie ſich die Berge mehr theilem und almaͤhlig verſchwinden. 100 Außer dem Nil⸗Thale wird gewöhnlich noch das große Berg⸗Land zu Aegypten gerechnet. Mit dieſem Namen hezeichnet man den Strich Landes zwi⸗ ſchen dem arabiſchen Meerbuſen und dem sßtlichen Nil, mit Inbegriff der ſogenannten Haſen auf der weſtlichen und lybiſchen Seite. Das fruchtbare Nil⸗ Thal iſt naͤmlich auf beiden Seiten mit unfruchtbarer Natur umgeben, und von kahlen Gebirgen und Sand⸗ wuͤſten eingeſchloſſen. Nur in der lybiſchen Wuͤſte ſindet man einige hoͤchſt fruchtbare Daſen, die wie reitende Inſeln in einem Dzean von Sand erſcheinen. Das merkwuͤrdigſte in Aegypten bleibt immer der Nil⸗Strom. Dhne dieſen waͤre in dieſem Lande nie eine Kultur empor gekommen. Phne ihn waͤre dem Menſchen⸗Geſchlechte nie von dorther ſeine erſte Erziehung und Ausbildung geworden. Dhne ihn waͤre gewiß das fruchtbare, volkreiche und geſegnete Aegyp⸗ ten traurig und oͤde, wie Lybien's Wuͤſte, von der es umgeben iſt. Der Nil hat ſeinen urſprung in Abyſſinien, in einer der vielen Bergquellen, wel⸗ che daſelbſt durch den anhaltenden Regen entſtehen. Che noch der Nil nach Nubien kommt, iſt er ſchon ein anſehnlicher Strom, weil er viele der erwaͤhnten UQuellen bis dahin in ſich aufnimmt. In Nubien aber wird er noch einmal ſo groß, weil er ſich da mit dem ſogenannten weißen Fluße vereinigt. Dieſer, ſo groß wie der Nil ſelbſt, heibt ſo von ſeinem Waſ⸗ ſer, welches von dem Grunde, uͤber den es fließr⸗ 101 weiß gefaͤrbt iſt, und nun mit dem des Niles ein Meer bildet. Mit maͤchtigem Ungeſtuͤme ſtroͤmt der befruchtende Fluß gegen die unwegſamen Gebirge, die Nubien von Aegypten ſcheiden, und bahnt ſich fo ſchaͤumend einen Weg durch dieſelben. An der aͤgyp⸗ tiſchen Graͤnze theilt ſich aber das Gebirge in zwei Ketten, und hier wird der Nil ruhiger und ſchiffbar. Vor ſeiner Ankunft in dem eigentlichen Aegypten ſind die Bergſchluͤnde, durch welche er ſich draͤngt, oft ſo enge, daß ein Rehbock uͤber dieſelben ſpringen koͤnnte, und die aͤthiopiſchen Koͤnige nicht ſelten Bruͤcken dar⸗ uͤber werfen, um mit ihren Armeen uͤber ſie zu zie⸗ hen. Bei dieſen Bruͤcken hat man nie Gefahr: denn der Nil ſteigt nie ſo hoch, daß er die Gipfel dieſer Felſen⸗Maſſen erreichte. Aus dieſer Bemerkung laͤßt ſich abnehmen, wie tief hier die Abgruͤnde dieſes un⸗ geheueren Stromes ſeyn moͤgen. Von manchen die⸗ ſer Felſen ſturzt ſich der Nil, beſonders im Winter, wenn ſein Waſſer gefallen iſt, und es ihm ſo mehr Anſtrengung koſtet, den Bergpfad zu erringen, mit einem ſolchen Toſen herab, daß es, von dem Echo der Berge verſtaͤrkt, ſieben Meilen weit gehoͤrt wer⸗ den kann, daß die wilden Thiere nicht wagen, ihm nahe zu kommen, und die Voͤgel ſich nicht getrauen, über ihm zu fliegen. Dieſe Waſſerfaͤlle ſtoͤren indeſſen den Verkehr Aegyptens mit den nubiſchen Voͤl⸗ kern auf keine Weiſe. Denn die Pubier machen ſich Floͤſſen von Baͤumen, deren Holz ſie in Aegyp⸗ — 102 ten theuer verkaufen, und ſchwimmen ſorglos auf dieſen den Nil hinab. Kommen ſie an den Waſſerfall, ſo ſchließen ſie die Augen, und verſtvpfen die Dhren, um nicht von dem Aublick der Gefahr und von dem Getoͤſe verwirrt zu werden. Zerteißt ungluͤcklicher Weiſe ein Floß an den Felſen, ſo erfaſſen ſie einen einzelnen Baum, und laſſen ſich mit dieſem fortwaͤl⸗ zen. In kurzer Zeit ſind ſie dann eine viertel Meile vom Waſſerfall entfernt. In den ruhigen Gegenden des Stromes ſammeln ſie die Truͤmmer ihrer Floſſe wieder, und bringen ſie dann zum Verkaufe. Eingeſchloſſen von den beiden Gebirgs⸗Ketten fließt der Nil durch Ober⸗ und Mittel⸗Aegypten, und das Thal, worin er ſtroͤmt, geſtattet ihm nie viel Raumz doch ſind die Gebirgs⸗Reihen ſich nirgends ſp nahe, als hei dem Anfange von Unter⸗Aegypten, wo ſie ſich gleich darauf wieder weit entfernen. Nun theilt ſich der Strom auch in zwei Arine, die bei Damiette und Roſette in das mittellaͤndiſche Meer gehen. Das zwiſchen beiden Muͤndungen ein⸗ geſchloſſene Land iſt das beruͤhmte Delta. Wo ſich der Nil in das Meer ergießt, iſt er viel aͤrmer an Waſfer, als bei ſeinem Eintritte in das Land. Man bat naͤmlich überall Kanaͤle angelegt, um ſein befruch⸗ tendes Waſſer auch in die hoͤher gelegenen Landes⸗ theile zu führen, welche ſonſt zur Sand⸗Wuͤſte wer⸗ den würden. Auch hatten dieſe Kanäle von jeher den Vortheil, daß ſie bei einem zu großen Ueberſtröͤmen * „ 103 des Nils zu Ableitern fuͤr die ungeſtuͤme Fluth dien⸗ ten, und ſo die Wohnungen des Landes vor dem Un⸗ tergauge ſchirmten. Die alten aͤgyptiſchen Koͤnige konnten ſich alſo durch nichts mehr um das Land ver⸗ dient machen, als durch die Erbauuns jolcher Ka⸗ noͤle. Dadurch machten ſie ſich am erſten unſterblich. Dieſe Kanale waren gewoͤhnlich hundert Fuß breit und zwanzig tief, und verbreiteten oft durch den fruchtbaren Schlamm ihrer Waſſer Leben und Reich⸗ thum in Lybien's Wuͤſten. Zahlreiche Volkerſchaf⸗ ten und praͤchtige Staͤdte fanden dadurch in den Wů⸗ ſten ihr Gedeihen; aber jetzt zeigt ſich ihnen nichts mehr, als traurige Sruͤmmer, und die volkreichen Staͤdte ſind mit Sand ſo begraben, daß die grabi⸗ ſchen Maͤhrchen ertaͤhlen, ehemals haͤtten Feen in Ly⸗ bien's Wuͤſten gewohnt, welche durch ihre Zauberei Städte haͤtten entſtehen laſſen. Die aſiatiſchen Er⸗ oberer ließen naͤmlich die Nil⸗Kanaͤle zerfallen, und ſo kehrte die alte Unfruchtbarkeit der Wuͤſte zuruͤck. neberhaupt beſtehen jetzt nur noch zwei der beruͤhmten Nil⸗Kanaͤle, die auch nicht zerfallen können, da ſie in Felſen gehauen ſind. Mit der Fruchtbarkeit Ae⸗ gyptens muß aber ſtets auch der einheimiſche Ver⸗ kehr verlieren: denn die Kanaͤle dienen auch zum Ver⸗ ſchiffen der Waaren. Burch den Nil erhſelt Aegyr⸗ ten ſeine fruͤhe Bluͤthe, die ſich um ſo ſchoͤner ent⸗ wickelte, je ſorgfaͤltiger man den Strom benutzte⸗ Je mehr man dieſen aber vernachlaͤſſigen wird⸗ 104 um ſo mehr wird auch Aegypten ſelbſt in Verfall kommen. Dieß bedenkend wird nun uͤber den Strom Jedem die Frage wichtig ſeyn: wie der Strom die Frucht⸗ barkeit Aegyptens bewirkt, und was die Urſache ſeiner befruchtenden Kraft ſey?— Die Antwort iſt: der Nil ſchwillt ſtets zu derſelben Jahreszeit an, in den letzten Tagen des Aprils, und ſteigt bis in die Mitte des Junius. Wahrend dieſer Zeit iſt ganz Aegypten in der geſpannteſten Erwartung. Steigt der Strom nicht ſchnell genug, ſo ſind die Ufer des Nils mit Menſchen gedeckt, die unaufhoͤrlich nach dem Waſſerſtunde ſchauen, und fällt er etwa gar, ſo herrſcht die groͤtte Beſtuͤrzung. Nit Jubel begräßt man den ſteigenden Strom. Wenn der Nil hoch ge⸗ nug geſtiegen iſt, ſo werden an einem beſtimmten Tage alle Schleußen aufgezogen im ganzen Lande⸗ Die Ueberſchwemmung des ganzen Landes dauert dann gewoͤhnlich von der Mitte des Juli bis zu den erſten Tagen des Novembers. Waͤhrend dieſer Zeit gleicht Aegypten einem großen Meere, in welchem die Stadte und Burgen, die etwas hoch liegen, zu ſchwim⸗ men ſcheinen, und nur durch hohe Daͤmme, ausdruͤck⸗ lich fuͤr dieſe Zeit gemacht, mit einander in Verbin⸗ dung ſtehen. Oft aber werden ſelbſt dieſe Daͤmme uͤberſchwemmt, und aller Verkehr geſchieht alsdann vermittelſt kleiner Schilfkaͤhne. Im November zieht ſich der Strom zuruͤck, und hinterlaͤht einen fetten 105 befruchtenden Schlamm. Wohin dieſer kommt, da gruͤnt und bluͤht dann alles freudig auf; ſelbſt der Menſch und die Thiere werden ſtaͤrker und ſchoͤner; wohin er nicht kommt, da iſt nur ein Schatten von Leben. Nun beginnt ſogleich die Saat, und ſchon am Ende des Novembers gleicht Aegypten einer gro⸗ ßen gruͤnen Au, und im April iſt alles voll von Fruͤch⸗ ten. Uebrigens haͤngt das Steigen und Fallen des Stroms wahrſcheinlich von keiner andern Urſache ab, als von dem periodiſchen Regen in Aethiopien: denn hier regnet es vom Maͤrz bis zum September unaufhoͤrlich, indem der Regen bei der Linie anfaͤngt, und fortgeht bis zu dem zwantigten Grade noͤrdlicher Breite⸗ Woher nun aber die befruchtende Ktaft des Nil⸗ Schlammes? Waͤhrend der Zeit des periodiſchen Re⸗ gens bilden ſich uͤberall große Suͤmpfe, in welchen ſo boher Schilf und in ſolcher Menge waͤchſt, daß dis Wege, ſelbſt wenn die Sonne ſchon alles wieder ab⸗ getrocknet hat, dennoch unbrauchbar ſind auf lange geit. Dieſen Wald von Schilf⸗Rohr ſteckt man daher in Brand, und nun liegen die Felder mit Aſche be⸗ deckt, bis der periodiſche Regen von Neuem anfaͤngt, welcher dann die Aſche dem Nil zufuͤbrt, durch wel⸗ che Maſſe wahrſcheinlich der befruchtende Schlamm entſteht. Aesypten wurde und wird noch jetz eingetheilt in Ober⸗Aegopten oder Thebais, welchen 106 Ramen es von ſeiner Hauptſtadt Theba erhielt. Von dieſer Hauptſtadt machen die alten Schriftſteller die praͤchtigſten Schilderungen, und ſie ſoll ſechs Qua⸗ dratmeilen im Umfange gehabt haben. Ihre Truͤmmer erregen noch jetzt die Bewunderung der Reiſenden. Weil es in dieſem Theile Aegyptens nie friert und aͤußerſt ſelten regnet, ſo laͤßt ſich begreifen, wie man jetzt noch ſo Rieſen-Truͤmmer der lange zerſtoͤr⸗ ſtoͤrten Stadt ſieht; das Verwittern großer Bauten geht da nicht ſo ſchnell. neberhaupt ſind den ganzen Nil hinab zahlloſe Truͤmmer, Zeugen von der alten Herrlichkeit Aegyptens. Jetzt iſt in ganz Ober⸗ Aegypten auch nicht eine ordentliche Stadt; denn Eſſene, das alte Syene, iſt nur ein großes Dorf. Die vielen Truͤmmer ſehen in einem traurigen Con⸗ traſte mit der jetzigen Armuth dieſes Striches, und die großen, ſteinigten, duͤrren Gebirge in Thebais dienen nur zur Verltaͤrkuns dieſes ſchwermuͤthigen Ein⸗ druckes. 20 Mittel⸗Aegypten hieß einſt Heptano⸗ mis, weil es in ſieben Namen oder Kantons einge⸗ kheilt war. Dieſer Landtheil iſt voll von Merkwuͤr⸗ digkeiten, unter welchen die vorzuͤglichſte Memphis, die Hauptſtadt, mit ihrer Gegend, mit den Pyrami⸗ den und dem See Moͤris iſt. Memphis wurde in ſpaͤteren Zeiten, als Aegypten ſchon Ein Reich war, die Hauptſtadt des ganzen Landes. Dazu war ibre Lage ſehr beguem, weil ſie faſt im Mittelvunkte 107 des aͤgyptiſchen Reiches, in ſofern dieſes als Ril⸗Thal betrachtet wird, ſich befand. Hoͤchſt wahrſcheinlich lag ſie nicht da, wo jetzt Kairs iſt, ſondern bei dem Anfange der Sandlvuͤſte, welche die Mumien⸗Pläne heißt, weil in ihr die meiſten Graͤber gefunden wer⸗ den. Vei dem Eingange dieſer Mumien⸗Plaͤne trifft man naͤmlich auf die Ruinen einer großen Stadt, wel⸗ che einen vorzuglich geſunden und angenehmen Auf⸗ enthalt gewaͤhren mußte, weil ſie am Ufer des Sees Moͤris, und zum Theile in demſelben lag. Dieſer See war eine der großten Wohlthaten, welche agyp⸗ üiſche Könige ihrem Lande erzeigt haben; denn er war ganz das Werk von Menſchenhaͤnden, ob er gleich im Umfange 48 teutſche Meilen hielt, und an manchen Stellen 283 4/3 parifer Fuß tief war, wie nach He⸗ rodot's Angabe berechnet iſt. Crotz aller Dämme, Kanaͤle und Schleußen, hatte man den Nil doch nicht ganz in ſeiner Gewalt. Seine Uebertreten wurden noch zu oft eine gewaltſame Ueberſchwemmung, und wenn er nicht hoch genus ſtieg, ſo war in den Kans⸗ len nie ſo viel Waſſer⸗Vorrath, als man fuͤr das Jahr bedurfte. Nun hatte das lubiſche Gebirge nicht weit von Memphis eine bogenförmige Viegung, und das dadurch gebildete Thal oͤffnete ſich in die Wuͤſte. Durch dieſe Beffnung trieb der Nil bei Ueberſchwemmungen ſein äbriges Waſſer in das ſandige Lybien. Das war einem alten Konige Aegyptens, Moͤris nennt ihn die Sage, Wink genug, in dieſem Thale einen See graben zu laſſen, und die gutmuͤthige Thätigkeit des aͤgyptiſchen Volkes machte es möglich. Der See wurde durch einen hreiten und tiefen Kanal mit dem Ril in dem obern Aegypten ſo verbunden, daß er zu ſeder Zeit, auch wenn der Nil nicht hoch ſtieg, doch Ueberſtuß an Waſſer hatte. Der Strom war nämlich ungleich hoͤher als der See. Durch Aufsiehen der Schleußen am Moͤris wunde ſein Waſſer nach allen 108 Gegenden gelaſſen. Dieſes Deffnen und Schließen der Schleußen aber koſtete jedes Mal 60,000 Thaler. Au⸗ ßer dieſem Kanal, der den See Moris mit dem Pil verband, ging noch ein anderer nach dem See Mareotis. Dadurch war er auch mit dem mittel⸗ laͤndiſchen Meere vereinigt. Wie vortrefflich wurde dadurch die Lage des alten Memphis? Ein Kanal konnte alles zufüͤhren, was man aus dem oberen Ae⸗ Lrn ten begehrte, der andere Kanal aber brachte die rodukte aus dem Delta, und aus dem Mittelmeere die auswaͤrtigen Beduͤrfniſſe. In der Mitte des Sees hatten die Koͤnige einen prächtigen Palaſt gebaut, und ihrem Beiſpiele waren die aͤghptiſchen Großen gefolgt: denn hier war in der Mitte des Sommers die Luft angenehm und kuͤhlend. Außer den Palaͤſten ſtanden aber auch noch Tempel, Pyramiden und Pbelisken in dem See. Alle drei Jahre ließ man das Waſſer des Sees ablaufen durch einen Kanal nach Weſten in Lybien, und nun ſtellte man den Grund der Gebaͤude wieder her, oder führte neue auf. Aus allen Gegen⸗ den Aegypteus kamen dann hundert tauſende von Menſchen zum Arbeiten und zum Fiſchen: denn es war jedem erlaubt, bei dem Aufziehen der Schleußen ein Monat zu fiſchen. Gegen die Periode des Auf⸗ ſchwellens des Nil war alle Arbeit vollbracht. Dann wurde der Kanal geoͤffnet, und in fuͤnfzehn Tagen war der See wieder gefuͤllt. Aus dieſer Beſchreibung der Stadt Memphis und des Sees, woran und worin ſie lag, ergiebt ſich, daß die Angabe der alten Schriftſteller von der zahllo⸗ ſen Volksmengs in der Hauptſtadt wohl nicht uͤber⸗ trieben ſeyn moͤchte. Zudem war wohlfeil und ange⸗ nebm in Memphis zu leben. Auch waren dort die heiligſten Denkmaͤler der Religion, und es mag nicht uͤbertrieben ſehn, wenn alle Schriftſteller ſagen, daß bundertweiſe kleine Fahrzenge auf dem See umher —— — 109 gerudert ſeyen, den Verkehr und das Vergnuͤgen der Beſohner zu befoͤrdern. Welch ein Bild gibt das aite Memphis! Praͤchtige Tempel und Paläſte in den Fluten, raſtioſes Getuͤmmel des geſchaͤftigen Le⸗ hens auf dem See, und nicht weit von dem Ufer deſ⸗ ſelben eine Wuͤſte voll Graber; zahlloſe Fahrzeuge mit Renſchen angefüllt, welche nur an Freude und Ge⸗ nuß denken, aus den prächtigen Schiffen des Königs und der Großen ununterbrochenet Schall von Sym⸗ phonien und Geſaͤngen, und hier und da unter dieſem fröhlichen Gewirre langſam ſchwimmende Kaͤhne mit Leichen! Nirgends aber hat die Vergaͤnglichkeit, wel⸗ che die Einwohner von Memphis unter ihren Ge⸗ ſchaͤften und bei ihren Luſt⸗Parthien vor Augen hat⸗ ten, ſich ſtaͤrker gezeigt, als gegen ihre Stadt. Denn kauim iſt von ihr noch ſo viel übrig, als dazu dient⸗ ihre ehemalige Stelle vermuthen zu laſſen. Sie wurde trotz ihrer Annehmlichkeit und Lage bald einer Wuſte aͤhnlich, ſobald der Hof von da nach Alerandrien verlegt wurde. Dann jieß man alles verfallen und zog dem Hofe nach. Als ſpaͤter aber Alexandrien ſeibſt wieder in Verfall kam, da erhob ſich die jetzige Hauptſtadt Katro, die ihren Urſprung Arabern verdankt. ) Unter⸗Aegypten begreift das fruchtbare Delra in ſich, welches ſich zwiſchen den beiden men des Nils zeigt, und hoͤchſt wahrſcheinlich ein G ſchenk des Stromes iſt. Anfangs war vielleicht das game Delta ein Meerbuſen, in der Nähe der Stadt Memphis, der Nil ſetzte allmählich ſeinen Schlamm an, bildete' feſtes Land, weiches jpäter durch die Lunſt der Menſchen, die des Strom feſſelte, dichter und ſicherer gemacht wurde. Der Nil behielt ſich, indem er das Land bildete, überall Ausfluͤſſe vor, wo es ihm gefiel, und ſo entſtanden die ſieben beruͤhmten Muͤndungen bes Niis, wahrſcheinlich nicht obne Vit⸗ huͤlfe menſchlicher Kunſt. Auf dieſe Weiſe entſprang vielleicht der Mythus, daß Aegypten ſeinen Ur⸗ ſorung der Liebſchaft des Nils mit der ſchönen Mem⸗ phis verdanke, wie auch alle alte Nachrichten eine ſolche Entlehungsart des Delta melden. Dazu kommt, daß der Strom noch jetzt bei ſeinem Ausfluſſe unaufhorlich Land anſetzt. Das Erdreich im Delta iſt auch ganz verſchieden von dem im übrigen Aegy p ten. Dieſes alles aber bleibt nur Vermuthung. Den Namen füͤhrt dieſer Theil Aegyptens von der Aehn⸗ lichkeit ſeiner Geſtalt mit dem griechiſchen Buchſtaben Delta, der ein Dreieck bildet. Dieſes Delta bil⸗ det eine Flaͤche, uͤberall mit Seen bedeckt und von Kanaleu durchſchnitten. Es iſt angefuͤllt mit Stadten und Doͤrfern, welche einander ganz nahe liegen, und die uͤbrige Ebene ſcheint gleichſam eine Reihe von Gärten zu ſeyn, die zu den Brreu gehorcn. Auch kein Fleckchen Erde liegt unbebaut. Die Hauptſtadt in Unter⸗Aegypten iſt Alexrandrien. Ihren Na⸗ men hat ſie von ihrem Gruͤnder, von Alerander dem Großen. Die Idee iſt voͤllig falſch, wenn man ſich das Lyie aͤgyptiſche Land, d. h. nicht blos das Nil⸗ hal und das Delta, ſondern auch die übrigen großen Landſtriche gerechnet, welche auf der dülichen und weſtlichen Seite ſind, als ein hochſt unfruchtba⸗ res Land vorſtellt. In den lybiſchen Sandwüſten, welche auf der Weſtſeite zu Aegypten gehören, konnte freilich keine Kultur gedethen. Eben ſo wenig konnte der Fall ſeyn in dem gebirgigen Tande auf der Oütſeite, welches nur an wenigen Stellen zur Vieh⸗ zucht tauglich, aber dennoch für die Aegypter von großem Werthe war, weil es ihnen die Steine und den Marmor zu thren Bauten lieferte. Laͤngſt der ganzen Kuͤſte deeſes Berglandes am arabiſchen Meer⸗ buſen wohnten Trogloditen, d. i. Höhlen Bewoh⸗ 111 ner, welche ſich von Fiſchen, Wurzeln und derglei⸗ chen naͤhrten, nie Ackerbau treiben kounten wegen der Beſchaffenheit ihres Bodens, und daher alch zu keinem Grade der Kultur kommen konuten, der der Rede werth geweſen. Aehnliches Schickſal hatten felbſt noch einige Staͤmme in Unter⸗Aeghtel⸗ ſwo es zu ſumpfig war. Auch hier konnte die Meuſch⸗ heit nicht wöter, als bis zu der Kultur der Vieh⸗ zucht gelangen. Dieß war indeſſen für viele Menſchen ſchon ein genuͤgender glucklicher Zuſtand. Es fehlte in Aegypten ſehr an Bauholz. Die⸗ ſer Mangel hatte einen doppelten Einfluß auf die Rativnal⸗Bildung. Dadurch waren die Aegypter ver⸗ hindert, trotz der dazu ganz herrlichen Lage ihres Lan⸗ des, ein großes Schifffahrt und Handel treibendes Volt zu werden. Dann mußten ſie mit Steinen bauen lernen, und das veranlaßt die Erfindung vieler Kuͤnſte. Der gemeine Mann machte ſich freilich Hütten aus Schilfrohr; aber der Reichere benutzte die Steinbruͤche, und ließ ſich auf den Nil⸗Kanälen die zu Bauten us⸗ thige Steine mit leichter Muͤhe und mit geringen Ko⸗ ſten herbei ſchaffen. Durch dieſen Mangel an Bau⸗ holz, und durch dieſen Ueberfiuß an Steinen mußte ſich in dem Nil⸗Thale fruhzeitig eine hohe Kultur einfinden. Eben ſo vortheilhaft zu fräher Entwicklung der Humanitaͤt war die wenige Muͤhe, mit welcher der ckerbau verbunden war. Man dupfte ja nicht pfluͤ⸗ gen, nur in den Nil⸗Schlamm ſaͤen und ernten. Aber auf Waſſerbau⸗Kunſt mußte man denken, um den Ackerbau zu ſichern Welche Kuͤnſte mußten dadurch⸗ geweckt werden! weberhaupt weckte die gauze Nntür um den Aegypter herum ſeine Geiſteskräfte. Die pe⸗ rodiſchen Eigenſchaften des Nils gewoͤhnten ihn an Aufmepkſamkeit, und die Leichtigkeit, mit welcher er ſeine Beduͤrfuiſte befriedigte, gab ihm Muße, den 11¹2 Eindruͤcken nachzuhaͤngen, durch welche die Natur ſei⸗ nen Geiſt weckte. Das Klima iſt und war beſonders ehemals in Aegypten vortrefflich, geiſtig, warm, trocken, und äußert einen großen und herrlichen Einfluß auch auf die thieriſche Schöpfung. Menſchen und Dhiere ſind da⸗ ſelbſt eben ſo fruchtbar, als Pflanzen und Gewaͤchſe, in einem hohen Grade. So ſehr aber das Klima die ethoht, wenn man mit Sorgfalt uͤber die⸗ elbe wacht; ſo ſchaͤdlich wirkt es auch, wenn man keine Sorge dafuͤr tragt. Die lebhafte Kraft, mit welcher die Luft den Koͤrper durchdringt, zerſtoͤrt dann den kranken Koͤrper. In einem ſolchen Lande, wo iede Verletzung der Sitten an der Geſundheit ſich ſo ſchnell und ſchrecklich raͤcht, ſollte eigentlich nichts als Sitten⸗Reinheit zu finden ſeyn. Es iſt auch dem Ae⸗ Poter nicht leicht moͤglich, ausſchweifend zu ſeyn. ur in einem Punkte kann er die Mäßigkeit nicht be⸗ obachten, nämlich im Trinken des Nilwaſſers, ſeines liebſten Getraͤnkes, nach welchem er ſich gus der Ferne oft ſo ſehr ſehnt, wie der Schweitzer nach ſeinen Ber⸗ gen, wenn er ferne von ihnen iſt. Das Nilwaſſer iſt aber auch ſo geſund, daß die groͤßte Meuge deſſelben den Magen nicht beſchwert, vorzuͤglich im Sommer, weil es in einen ſanften, erguickenden Schweiß ſogleich wieder verfliegt. Dabei iſt es ſo angenehm von Ge⸗ ſchmack, daß ſelbſt ein Sprichwort daraus bei den Türken entſtanden iſt. Sie ſagen naͤmlich: wenn Ma⸗ homsd jemals Nilwaſſer gekoſtet haͤtte, ſo wuͤrde er nicht eher geſtorben ſeyn, bis ihm Gott die Erlaubnitß egeben haͤtte, die ganze Ewigkeit Nilwaſſer zu trin⸗ en! Wenn die Aegypter nach Mekka walfahrten, ſo reden ſie auch unferwwegs faſt immer von ihrem Nil⸗ waſſer und von der Freude, die ſie haben werden, es wieder zu ſehen. neberhaupt liebt der Aegvyoter ſein Vaterland ſehr.