ihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S Eduard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens pt bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe kinterlegen⸗ welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: f für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf 2 Pf. Answärtige Konnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „ 6. Schadenersatz. 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Bänbchen. Nürnberg. Verlegt von Heiurich Haubenſtricker. 1 8 3 0. Fortſetzung aus dem 50. Bändchen der kurzen Beſchreibung des Habeſſiniſchen Reiches. Aus den Urquellen bearbeitet von Hiob Ludolph. Aus dem Originale frei bearbeitet vom Kaplan Gabriel Fellner zu Forchheim. Kirchliche Verfaſſung der Habeſſinier. X. Ankunft eines roͤmiſchen Patriarchen in Habeſſinien und deſſen Wirken allda. Nach ſo gluͤcklichem Fortgange ihrer Angelegenheiten dachten die Jeſuiten daran, den Habeſſiniern einen Patriarchen zu geben, was jedoch auch der Koͤnig Sus neus ſelbſt in ſeinen Briefen nach Europa betrieb. Philipp der IV, Koͤnig von Spanien und Portugal, ſellte als Patriarchen von Habeſſinien den portugieſi⸗ ſchen Jeſuiten Alphons Men dez, einen ausgezeich⸗ neten Gelehrten vor, der auch ſogleich, nachdem er 6 geweihet war, ſeine Reiſe antrat, und nach Ueberwin⸗ dung großer Schwierigkeiten mit ſechs Gefaͤhrten, uͤber Fremona nach Georgora, am koͤniglichen Hoffager anlangte, wo er im feſtlichen Aufzuge und unter dem Zuſauchzen der Gegenwaͤrtigen vor des Fön igs Zelt gefuͤhret ward. Unter andern ward hier ſog eich ausgemacht, daß am 11. Februar 1626 dem roͤmiſchen Pabſte Treue und Glauben öͤffentlich ge⸗ ſchworen werde, was am beſtimmten Tage auch unter großen Feierlichkeiten in Gegenwart des Koͤnigs, ſei⸗ nes Erſtgebornen Baſilides, ſeiner Bruͤder, der Virekonige und Statthalter des Reiches vor ſich ging. Zu bemerken iſt, was bei dieſer Gelegenheit Ras⸗ Seelarus ſeinem Schwure beifuͤgte: daß er naͤmlich auch zugleich vor Baſilides, dem Erben und Nach⸗ folgers ſeines Bruders ſchwoͤre; er wuͤrde deſſen trener Vaſall ſeyn, ſo lange er den h. katholiſchen Glauben in Schutz nehmen wolle; außerdem werde er ihn zum grimmigſten Feinde haben— eine Aeußerung, die das Verderben des Ras⸗SeLaxus beſchleunigte, und der roͤmiſchen Kirche doch nichts nutzte.— Der ganze Akt ſchloß ſich mit Aus ſprechung der Cxkommunieation Lgegem alle jene, die ihren Schwur vergeſſen wuͤrden. Der Patriarch Mendez ging hierauf an ſeine autlichen Verrichtungen, bewirkte mehrere Edikte in Betreff des Cultus, unter anderen, daß kein Pricßer chne ſeine Erlaubniß Meſſe leſe, oder eine andere kirch, liche Vetrichtung vornebme, weil er die Ordinationen — 1 des Aleyandriniſchen Metropoliten nicht fuͤr gultis anſehe,(darum wurden auch viele Prieſter noch ein⸗ mal ordinirt). Ferner: daß jeder nur den roͤmiſchen Gottesdienſt ausuͤbe, und Widerſpenſtigen keine Zuflucht gewaͤhret wuͤrde: der dawider Handelnde ſollte mit dem Tode beſtraft werden, ꝛe.— Weiter errichtete und erbaute der Patriarch, welcher verſchiedene Werkleute aus Eu⸗ ropa mit ſich gebracht hatte, an den Graͤnzen von Bagemdra und Dembea, und an mehreren an⸗ deren Drten des Reſches Sitze fuͤr ſich und fuͤr die uͤbrigen Jeſuiten— brachte die Tempel in beſſeren Zuſtand, reiſte im Lande umher, taufte Bekehrte, or⸗ dinirte Kleriker, und ertheilte auch hier und da die Firmung. Unter mehreren andern Einrichtungen, die er traf, war die eines Seminars, in welchem 6o, theils Habeſſiniſche, theils Portusieſiſche Knaben er⸗ zogzen wurden. Bisher hatte Mendez alle ſeine Anordnungen und Neuerungen unter dem Beifalle des Koͤnigs und der Großen durchgeſetzt, wiewohl auch andere auf den gluͤcklichen Fortgang derſelben mit ſcheelen Augen ge⸗ ſehen, ja manche offenbar dagegen ſich aufgelehnt hat⸗ ten. Wirklich begann auch von nun an das Gluͤck des Patriarchen ſich zu neigen, und mehrere Begeben⸗ heiten wukten zuſammen, ſeinen Sturz herbeizufuͤhren. Teela⸗Georgius, ein Schwiegerſohn des Koͤ⸗ nigs, mit welchem er ſchon laͤngere Zeit nicht im be⸗ ſten Einverßaͤndniſſe kbte, verband ſich mit noch zwei anderen angeſehenen Maͤnnern, ſiel vom Koͤnige ab, und ließ oͤffentlich durch einen Herold verkuͤndigen, daß er mit den Waffen in der Hand die Alexandrini⸗ ſche Religion vertheidigen werde. Die Schnelligkeit des Vieekoͤnigs von Tegre unterdruͤckte zwar fuͤr jetzt die Empoͤrung, indem Decla⸗Georg uͤberwunden, er nebſt ſeiner Schweſter Adera, einer grimmigen Feindin des roͤmiſchen Cultus, gefangen, und an einem Baume aufgehangen wurde. Aber eben dieſer Fall erregte doch allgemeine Senſation, und heftigen Un⸗ willen gegen den Patriarchen, als wenigſtens mittel⸗ hare Urſache davon. Ein graͤßlicher Bannfluch, den er oͤßfertlich im Tempel vor dem ganzen Hofe und aus einer wenig erheblichen Urſache, blos um ſeine Gewalt in ſeiner ganzen Groͤße zur Schau zu ſtellen, gegen einen Feldoberſten ausſprach, und den er uur auf Fuͤrſprache des Koͤnigs wieder zuruͤck nahm, hatte dieſelben ſchlimmen Folgen fuͤr ihn, und folgender Vorfall entzog ihm vollends alle Gemuͤther, und raubte ihm ſelbü die Zuneigung des Koͤnigs: Der oberſte Vorſtand der Habeſſiniſchen Moͤnche, der nach dem Abbuna das groͤßte Anſehen beſitzt, war in der Alexan⸗ driniſchen Religton geſtorben, und in einem nach den Ceremonien der roͤmiſchen Kirche eingeweihten Tem⸗ vel beigeſetzt worden. Der Patriarch erklaͤrte durch die Begraͤbniß dieſes Ketzers die Küche für entweiht, und nicht mehr fuͤr geeignet, Meſſe darin leſen zu duͤrfen. Der Vorſtand dieſer Kitche, furchtend die 9 Bannfluͤche des Patriarchen, erwartete keinen weitern Befehl, ließ den Leichnam ausgraben, und vor die Thuͤre des Tempels werfen. Heftig erbitterte dieß die Habeſſinier, und der Koͤnig ſelbſt, der ein ſolches Be⸗ ginnen fuͤr eine Kraͤnkung ſeiner Majeſtaͤt anſah, da die vorigen Metropoliten nie dergleichen ſich angemaßt hatten, ward hoͤchlich daruͤber aufgebracht. Dieſe und noch mehrere andere dergleichen Um⸗ ſtaͤnde waren es in Verbindung mit den Gegnern des Patriarchen und der Jeſuiten, welche dieſe endlich um das letzte Reſichen koͤniglicher Zuneigung brachten. Ja man wußte bald Suſneus dahin zu bewegen, daß er den Ras⸗Seelaxus auf einen bloßen Verdacht die Statthalterſchaft uͤber Gojamo und das Kom⸗ mando uͤber die ihm anvertrauten Kriegs⸗Voͤlker nahm, und ſo den eifrigſten Beſchuͤtzer der roͤmiſchen Religion einflußlos machte.— Zudem erhob ſich in eben dieſer Zeit die Parthey des Decla⸗Georg unter dem koͤniglichen Prinzen Melcaxus zu einer groͤßern Staͤrke als ehemals. Sie wurde von dem ſtarken Felſen Laſta, auf dem ſie ſich feſtſetzte, La⸗ ſtenſer genannt. Die konigliche Armee focht mit abwechſelndem Gluͤcke gegen ſie: man war genoͤthiget, den kriegserfahrnen Ras⸗Seelaxus in ſeinen vori⸗ gen Poſten einzuſetzen, wodurch die Sache des Patriar⸗ chen einigermaßen wieder gut zu werden anfing. Allein ein Unfall, der den Ras⸗Seelaxus traf, ward die Urſache ſeines abermaligen Sturzes, und nun konnten 10 die Feinde der Jeſuiten ihre Abſichten gegen dieſe leicht durchſetzen. Der Krieg wurde zudem noch im⸗ mer ungluͤcklich gefuͤhrt— man drang auf allen Sei⸗ ten in den Koͤnis, daß er doch nicht durch hartnaͤchi⸗ ges Beharren auf dem roͤmiſchen Kultus das Vater— land verderben wolle, und bei einem dritten Feldzuge gegen die Laſten ſer gab er ſeine Soldaten williger in machen, ſchon ſo viel nach, daß er die ganze alte Liturgie, in ſofern ſie nicht gegen den Glauben lief, zulies; bald ſollte es noch anders kommen. XI. Abnahme der roͤmiſchen und Wieder⸗ aufnahme der alerandriniſchen Religion in Habeſſinien. Der Patriarch hatte den hoͤchſten Gipfel von An⸗ ſehen erreicht; der Koͤnig, ſeine Bruͤder, viele Große des Reichs hielten die Parthei der Jeſutten; der rö⸗ miſche Kultus ward uͤberall eifrigſt ausgeuͤbt; habeſſi⸗ niſche vom Patriarchen ordinirte Priſſter und die bereits bis auf 20 vermehrten Jeſuiten verſahen den⸗ ſelben, der Bau von Kollegien und Tempeln war über⸗ all im raſchen Gange, Tauſende von Heiden waren bekehrt und getauft— da trat plotzlich eine große Veraͤnderung der Dinge ein, die ſchon früher vorbe⸗ reitet war, und welche die gaͤnzliche Verweiſung der Jeſuiten und des roͤmiſchen Kultus aus Habeſſinien zur Folge hatte. Der unz eitige Eifer dieſer Religion, wodurch ſte 11 ale alerandriniſchen Kirchen-Gebraͤuche, ſogar ſolche. die ſelbſt die roͤmiſche Kirche ſonſt geduldet hatte, zu verdraͤngen ſuchten, die hartnaͤckige Beharrlichkeit auf der alten Sitte von Seiten der Moͤnche, Kleriker und des Volks; die vielen Empoͤrungen, welche ein gro⸗ ßer Theil der Magnaten eutweder aus Haß gegen die Lateiner, oder aus Ehrgeiz anſtifteten; das hieraus erfolgte viele Blut-⸗Vergießen; ſein bereits hohes Alter, Ekel an der Gegenwart, bange Furcht vor der Zukunft, das Draͤngen ſeiner Freunde, der Verdacht gegen ſeinen Bruder, der Uebermuth der Laſtenſer, die immer auffallendere Verminderung ſeiner Majeſtät, und die augenſcheinliche Gefahr, ſelbſt die Regierung zu verlieren, beſtimmten endlich den Koͤnig Sus⸗ neus, an die Wiederherſtellung der alexandrini⸗ ſchen Religion ernſtlich zu denken. Seibſt ein gluͤck⸗ liches Treffen gegen die Laſtenſer, in welchem dieſe gegen s000 Mans nebſt einigen Haͤuptern ihrer Par⸗ thei verloren, beſtaͤrkten ihn in ſeinem Entſchluſſe. Denn die Freunde der alexandriniſchen Kirche fuͤhrten ihn auf das blutige Schlachtfeld, und der graͤßliche Anblick deſſelben, auf welchem nicht Heiden, nicht Luͤrken, ſonder Chriſten, Unterthanen, Landesleute, Verwandte als Dpfer ſeiner Halsſtarrigkeit gefallen waren, erſchütterten das Heri des Susneus. Da⸗ mals eingelaufene Vorſtellungen der Adelenſer, Tuͤr⸗ ken und uͤbrigen Muhamedaner, deren Jutereſſe die Einfuͤhrung der lateiuiſchen Religwon in Habeſſinien 12 durch die Portugieſen ebenfalls nicht entſprach, die erneuerten Bitten und Beſchwoͤrungen der Koͤnigin, des Erſtgebornen Baſilides, und ſeines Bruders Jamanaxus, und beſonders die Drohungen der in Habeſüniſchen Dienſten ſtehenden Gallaner, die ſich ferner, wegen der neuen Religion gegen Habeſſi⸗ nier ihr Blut zu vergießen, weigerten, beugten end⸗ lich gaͤnzlich den Sinn des Koͤnigs und im Rathe der Großen ward die Wiederherſtelung der alexandrini⸗ ſchen Religion beſchloſſen, ohne jedoch die lateiniſchen Chriſten zum Uebertritte zu derſelben zu zwingen. Der Patriarch machte Vorſtellungen, drohte, bat— um⸗ ſonſt. Unter Trompeten und Paukenſchall, unter dem freudigen Zujauchzen des ganzen Voltes und unter graͤnzenloſem Jubel ward das neue Edickt, die Ab⸗ ſchaffung der lateiniſchen Religion betreffend, ver⸗ kuͤndiget, und ſogleich traten die vorigen Ceremonien wieder in das Leben.— So ftͤrzte dieſes mit ſo vie⸗ lem Kraft⸗ und Koſten⸗Aufwand, mit ſo vielem Blut⸗Vergießen aufgefoͤhrte Werk der lateiniſchen Religion in Habeſſinien wieder zuſammen. Es war eben zu eilig, und zu raſch aufgefuͤhrt worden. XII. Von der Vertreibung des Patriarchen und der Jeſuiten aus Habeſfinien.. Nicht zufrieden mit ihrem Siege, gingen die Freunde der alerandiniſchen Religion auch noch dar⸗ auf aus, den Patriarchen und die Jeſuiten gaͤnzlich 13 aus Habeſſinien zu vertreiben. Zu dem Ende fin⸗ gen ſie taͤgliche Reibungen und Zaͤnkereien mit ihnen an, beſchuldigten ſie verſchiedener groͤßtentheils erdich⸗ teter Verbrechen, und brachten es bald ſo weit, daß ſie ſaͤmmtliche Tempel raͤumen mußten: denn auf dieſe Weiſe mußte der roͤmiſche Gottesdienſt am ſicherſten aufhoͤren. Bald hierauf, am 16. September 1632, ſtarb auch Susneus, und ſein den Jeſuiten ſo we⸗ nig geneigter Erügeborner Baſilides beſtieg den Thron Habe ſſinien's. Nun ging es an die letz⸗ ten Verfechter der lateiniſchen Kirche. Ras⸗See⸗ laxrus, den man vergebens fuͤr den Uebertritt zur alexandriniſchen Religion zu bewegen ſuchte, ferner der koͤnigliche Sekretaͤr Azas Tino und Walata Georgiſſa, eine Schwaͤgerin des Koͤnigs, mußten in das Exil wandern; andere buͤßten ihre Anhaͤnglich⸗ keit an die neue Religion mit dem Tode. Jetzt konnte man ganz ungehindert gegen die Jeſuiten arbeiten, und man ſuchte nur den Koͤnig Baſilides zu uͤber⸗ zeugen, daß, ſo lange jene in Habeſſinien blie⸗ ben, durch alles, was bisher fuͤr die Wiederherſtel⸗ lung der alexandriniſchen Religion geſchehen ſey, den⸗ noch nichts gethan, ja daß vielmehr fuͤr dieſe Reli⸗ gion noch alles zu fuͤrchten ſey. Der Koͤnig ließ ſich hiervon gerne uͤberzeugen, entzog den Jeſutten nach und nach thre Beſitzungen und ihre Waffen, beſonders ibre Musqueten, und verwies ſie endlich nebſt dem Pattiarchen nach Fremona, nachdem zwiſchen die 14 ſem und dem Koͤnige zuvor noch eine vergeblile ſchrift⸗ liche Vethandlung Statt gefunden hatte. Su Fre⸗ mong nach vielen uͤberſtandenen Mühſeligkeiten ange⸗ kommen, ſetzten ſie den Vieekoͤnig von Indien uͤber ihre Lage in Kenntniß, und baten um Portugiſiſche Huͤlfs⸗Truppen. Allein Baſilides mochte dies geahnet haben, und zwang ſie nun auch Fremoma zu raͤumen. Hierauf flͤchteten ſie zu Johannes Akay, einem ehemaligen Feinde des Koͤnigs, der ſie iedoch nicht vertheidigen konnte; ſondern im Mai 1634 an die Tuͤrken abliefern mußte, welche ſie zuerſt nach Afrika und Matzua, und zuletzt nach Sua⸗ guena zu dem dortigen tuͤrkiſchen Befehlshaber ab⸗ füͤhrten.— Pier mußte der Patriarch nebſt vielen audern Mißhandlungen durch die Tuͤrken, auch noch den Schmerz erleben, den neuen Metropoliten fuͤr Habeſfinien aus Aegypten kommen, und uͤber Suaguena reiſen zu ſehen. Endlich wurde er um ein Loͤſegeld von allenfalls 4000 Thalern mit ſeinen Genoſſen entlaſſen, und gelangte gluͤcklich nach Goa, wo er 1666 im 7. Lebensjahre eines ſanften Todes ſtarb.— Alphons M ende; war ein durch körperliche und geiſtige Vorzuͤge ausgezeichneter Mann, der ganz ſeinem Amte und Vorhaben gewachſen war, der es jedoch, durch die große Gunſt des Gluͤckes in ſeinen erſten Unternehmungen verblendet, ſpaͤter an der noͤthigen Klugheit und Maͤßigung fehlen ließ.— Vald nach ſeiner Vertreibung aus Habeſſinjen 15 55 fand auch der von ihm heimlich daſelbſt zuruͤckgelaſſene Biſchof Apollinaris Allmeyda nebſ ſeinen Ge⸗ noſſen einen gewaltſamen Tod, wie uͤberhaupt alle Goͤnner der Jeſuiten; und alle ſpaͤtern Verſuche, dem lateiniſchen Gottesdienſte in Habeſſinien wleder Eingang zu verſchaffen, waren eitel. Vergebens war die Miſſion des Patriarchen Hieronymus Wolf nach Portugal um Huͤlfs⸗Truppen; vergebens die Be⸗ muͤhungen der Vaͤter, ferneren Eingang in Habeſ⸗ finien zu finden, da die Tuͤrken auf Suaguena und Matzua von den Habeſſiniern beſtochen, jedem Franken denſelben verwehrten. Versebens war die Miſſion von ſechs Kapuzinern, deren vier ſchon auf der Reiſe zu Grunde gingen; und die zwei uͤbri⸗ gen, die doch nach Habeſſinien gelangten, wur⸗ den, da ſie weder das Land verlaſſen, noch zur alexan⸗ driniſchen Religion uͤbergehen wollten, geſteinigt. Die letzte Miſſion von drei Kapuzinern war nicht gluͤck⸗ licher. Sie wurden ſchon in Suaguena von dem dortigen Baſſa auf Anſtiften des habeſſiniſchen Koͤnigs enthauptet. Von dieſer Zeit hat man uͤber den religioͤſen Zu⸗ ſtand Kethis pien's keine zuverlaͤſſigen Nachrichten mehr. Das Geruͤcht, daß ſein Beherrſcher dem Is⸗ lamismus gehuldigt, iſt ungegruͤndet. —— 16 IV. B u ch. Noch einiges über Privat⸗Verhältniſſe der Habeſſinier. — I. Wiſſenſchaftlicher Zuſtand der Aethiopier. Die aͤthiopiſchen Buchſtaben betreffend, behaupten Manche eine Aehnlichkeit derſeiben mit den heutigen hebraͤiſchen Buchſtaben, was aber gar nicht der Fall iſt. Hoͤchſtens kommen ſie mit letzteren in Hinſicht auf die Benennungen etwas uͤberein, gar nicht aber in Beziehung auf die Form. Deſto mehr Aehnlichkeit ſcheinen die aͤthiopiſchen mit den ſamaritani⸗ ſchen Buchſtaben zu haben, was ſich aus der Be⸗ trachtung beider Schriftformen ergiebt. Was die Literatur und wiſſenſchaftliche Bil⸗ dung der Aethiopier uͤberhaupt betrifft, ſo finden ſich bei ihnen auber den heiligen, wenig Buͤcher. Ihre Studien beſchraͤnken ſich auf die Erlernung ihrer ge— lehrten Sprachen und einiger Religions-Kenntniſſe. Die meiſten ſind zufrieden leſen und ſchreiben zu koͤnnen, und es ihre Kinder wieder zu lehren. Ge⸗ ſchriebene Geſetze haben ſie nicht; ihr Recht iſt Ge⸗ wobnheit und Sitte der Voraͤltern. 17 Mit der Medizin ſteht es bei ihnen ebenfalls ſehr ſchlecht; jeder iſt ſich ſelbſt Arzt, und den Meiſten iſt es ſehr gleich viel, mit oder ohne Huͤlfe des Arztes zu ſterben. Selbſt bei Krankheiten des Koͤnigs erzaͤhlt nur einer oder der andere, wie er ſelbſt bei aͤhnlichen Krankheiten ſich wieder hergeſtellt habe.— Ihre Nat turlehre und Sternkunde iſt in einem wahrhaft naͤrri⸗ ſchen und laͤcherlichen Zuſtande; in der Matheſis ſind ſie faſt ganz unwiſſend.— unter den freien Kuͤnſten lieben ſie am meiſten die Poeſie; doch nur die hei⸗ lige. Ihre Gedichte ſind verſchiedener Art, und alle durch einen gewiſſen Rhythmus gebunden. Uebrigens ſind die Habeſſinier, wie wir wiſſen, ſehr gelehrig, und deßwegen ſehr begierig nach Unter⸗ richt. Die Jeſuiten wurden beſtaͤndig von ihnen auf⸗ gefordert, ihre Knaben die lateiniſche Sprache zu leh⸗ ren, was dieſe jedoch unterließen, indem ſie in dem Vortrage der lateiniſchen Religion die zu große Ver⸗ ſchiedenheit der Amhariſchen von'derlateiniſchen Spra⸗ che vorgaben. Noch iſt hier zu bemerken, daß die ge⸗ meinen Habeſſinier einen Brief weder zu ſchreiben, noch zu ſchicken verſtehen, ſondern in einzelnen Di⸗ ſrikten ſind Schreiber angeſtellt, die ihre Kor⸗ beſorgen gegen einen angemeſſenen ohn. 54. V. Afriha. II. 1. 2 18 U. Von denhhauslichen Verhaͤltniſſen der Habeſſinier, ihren Ehen, Nahrung, Kleidung ꝛe. Die Habeſſinier leben nach chriſtlicher Weiſe in Mo nogamie. Mehrere Weiber zu haben, verweh⸗ ren ihnen zwar kirchliche Geſetze und Strafen, keines⸗ wegs aber politiſche Verordnungen. Uebrigens ma⸗ chen ſie weder bei Schließung, noch bei Trennung ihrer Ehen viele Umſtaͤnde. Ihre hochzeitlichen Ge⸗ braͤuche ſind nicht in allen Provinzen dieſelben, und ihre genauere Beſchreibung gehoͤrt ohnehin eigentlich nicht hieher. Die Nahrung der Habeſſinier iſt aͤußerſt ſchlecht und gering. Rohes oder halbgekochtes Rindfleiſch, Galle als Gewuͤrz, die von den Stieren ſchon ver⸗ zehrten und halbverdauten Kraͤuter, mit Pfeffer und Salz wohl gewuͤrzt und als Senf genoſſen, ſind ihnen Leckerbiſſen.— Die Viehzucht treibenden Staͤmme le⸗ ben von dem Fleiſche und der Milch ihrer Heerden, 5 und wiſſen ſich von ihnen auch koͤrperliche Bedeckung zu bereiten. Auch verfertigen ſie ſehr gute Butter und Kaͤſe, welches ſie jedoch aus Mangel an taugli⸗ chen Gefaͤßen nur mit Muͤhe bewerkſtelligen. Genieß⸗ barer, als ihre Nahrung, iſt ihr Getraͤnke, welches ſie aus Honig bereiten, und welches ziemlich berau⸗ ſchend iſt. Das Bier, welches ſie aus allerlei Fruͤch⸗ ten ſich brauen, verdient, da es ohne Hopfen gebrauet iſt, wohl nicht dieſen Namen. Die Zeit nach ibren . 19 Gaſtmaͤhlern bringen ſie immer mit Trinken und un⸗ ter froͤhlichen Geſpraͤchen hin, den Grundſatz befol⸗ gend: Erſt pflanzen, dann begießen. Nicht minder gering, wie die Koſt, iſt auch die Kleidung der Habeſſinier. Nur die Vornehmen klei⸗ den ſich mit Seide; Wohlhabende und Prieſter mit Baumwollen⸗Zeugen. Die aͤrmere Klaſſe geht halb nackt oder nur nothduͤrftig mit Fellen bedeckt einher, was man jedoch auch an Vornehmen, ja ſogar au Prieſtern zu bemerken Gelegenheit hat. Nur Leute hoͤheren Ranges tragen eine Art von Beinkleid, die bis an die Fußſohlen reichen, und welche ſo ſpar⸗ ſam gefertigt ſind, daß ſie nur bis an die Knie, ſo weit ſie ſichtbar und von dem Dberkleide nicht bedeckt werden, von koſtbarem Stoffe ſind.— Knaben und Maͤdchen gehen wegen Armuth und Waͤrme des Kli⸗ ma's bis zu ihrer Mannbarwerdung ganz nackt, wes⸗ wegen ſie den freilich auch erwachſen die Schamhat⸗ tigkeit wenig kennen. Weit mehr halten ſie auf den Schmuck ihrer Haare, welche ſie ungemein fleißig käͤmmen und ſalben— nicht mit Balſamen oder koſt⸗ baren Delen, ſondern mit Butter. Die Aermlichkeit ibrer Wohnungen, die in bloßen Zelten oder Lehm⸗ büttchen beſtehen, kennen wir bereits. Ihre Todten betrauern ſie auf eine hoͤchſt erbaͤrm⸗ liche Weiſe; graͤßlich ſchlagen ſie ſich auf Geſicht und Bruſt, und wenn ſie vollends den Tod irgend eines angeſebenen Mannes oder guten Freundes hoͤren, ſo 20 werfen ſie ſich auf den Boden, wie raſend den Kopf Legen die Eide ſtofend. Die Leichenzuge ihrer Könige ſind ſehr anſehnlich und prachtvoll. III. Von dem Stande der mechaniſchen Künſte und Handwerke in Habeſſinien. An nichts leiden die Habeſſinier einen fuͤhlbareren Mangel, als an der Kenntniß von Handwerken und mechaniſchen Kuͤnſten. Sie find es, die den Menſchen ſo unſchaͤtzbare Vortheile, ſo unzaͤhlige Bequmlichkei⸗ ten gewaͤhren, und aller diefer Vortheile und Beguemlich⸗ keiten muͤſſen die armen Habeſſinier entbehren. Die Ju⸗ den fertigen faſt ganz allein alle Holz⸗ und Eiſen⸗ Arbeiten, da dem Habeſſinier beſonders letztere, man weiß nicht aus welchem Grunde, ſehr verhaßt find. Uebrigens verfertiget ein Jeder ſich ſelbſt das, was er zu ſeiner geringen Wirthſchaft nothig hat, und lehrt deſſen Verfertigung wieder ſeine Kinder, ſo daß einzelne Handwerke in einzelnen Familien und einigen Diſtrikten ſich forterben. Nur die Vornehmen baben einige Sklaven zur Bereitung des Noͤthigen. Daß die Baukunſt und auch andere mechaniſche Kuͤnſte wohl ehemals in Habe ſſinien einheimiſch waren, beweiſen die majeſtaͤtiſchen Nuinen von Aru⸗ ma. Aber unter den Adelenſiſchen, Galleniſchen und buͤrgerlichen Kriegen verwilderte die Nation, alle ſchönen Kuͤnßte verſchwanden aus ſeiner Mitte, und die Habeſſinier begnuͤgten ſich, Fatt in glaͤnzenden Ge⸗ 21¹ baͤuden zu wohnen, mit Bergkluͤften. Daß die Bau⸗ kunſt in der Folge der Zeiten aus Habeſſinien verſchwunden war, zeiget das Staunen und die Ver⸗ wunderung ſeiner Bewohner uͤber die Gebaͤude, welche ſpaͤter durch die Jeſuiten in Habeſſinien aufgefuͤhrt wurden. IV. Von den Reiſen der Habeſſinier, und von der Reiſe nach Habeſſinien. Trotz ihres großen Mangels an auslaͤndiſchen Waaren und Gegenſtaͤnden, trotz ihrer großen Unwiſ⸗ ſenheit in ſchoͤnen ſowohl, als mechaniſchen Kuͤnſten, unternehmen die Habeſſinier doch keine Reiſen außer⸗ halb ihres Vaterlandes, oder können vielmehrkeine mit Erfolg und Nutzen unternehmen, weil ſie weder Kennt⸗ nitß fremder Sprachen und Laͤnder beſitzen, noch die europaͤiſchen Voͤlker, die ſie faͤmmtlich Franken nennen, und von denen ſie nebſt den Portugieſen nur noch die Englaͤnder und Hollaͤnder als Handel trei⸗ bende Volker kennen, zu unterſcheiden wiſſen, noch Wechſel⸗ oder Korreſpondenz⸗Geſchaͤfte verſtehen. Dazu kommen noch die gefahrvollen Wege durch wuͤſte Gegenden, und ihre Armuth. Sonſt, als noch Mam⸗ melucken uͤber Aegypten herrſchten. machten ſie wohl baͤufige Reiſen nach Jeruſalem und von da nach Romz aber die Raubſucht und die Grauſamkeit der Tuͤrken macht ihnen auch dieſes ungemein ſchwer. Zum Reiſen bedient man ſich in Ha beſſinien des Maulthieres, als demjenigen Thiere, welches in ſteinigten Gebirgen, wo alle Fahrwerkzeuge unanwend⸗ bar ſind, zum Reiten und Laſttragen das geeignetſte und ſicherſte iſt. Vornehmere und Reichere fuͤhren ihr ganzes Hausgeraͤthe auf Maulthieren mit ſich und wo die Nacht ſie eben uͤberfaͤllt, da ſchlagen ſie ihre Zelte auf, und machen zur Abwehrung wilder Thiere ein Feuer an. Aermere Habeſſinier muͤſſen auf ihren Wanderungen bei dem Mangel an Gaſthaͤuſern und Herbergen, ſich durchbetteln. Alles, was in dieſer Hinſicht fuͤr arme Reiſende in Habeſſinien ge⸗ ſchieht, beſteht darin, daß die Bewohner der Doͤrfer in der Beherbergung derſelben abwechſeln. Es ſcheint hier nicht am unrechten Platze zu ſeyn, etwas von den gewoͤhnlichen nach Aethiopien fuͤh⸗ renden See⸗ und Landwegen zu ſagen. Der ſchwierig⸗ ſte und gefaͤhrlichſte iſt der Landweg von Aegypten nach Habeſſinien, ſowohl wegen der Haͤndel mit den Tuͤrken, denen man ſich ausſetzt, als auch wegen aufſtoßender raubluſtiger Horden und der Unwirthlich⸗ lichkeit des Climas und Bodens. Doch machen noch beut zu Tage Karavanen dieſen Weg. Sie ziehen von Kairv aus den Nil aufwaͤrts bis Monfallot ſchiffend, von da uͤber Sijut, Wa ch, Meks, Scheb, Sellim, Moſſchu, Dungala der Hauptſtadt Nu⸗ biens, von Dungala nach Kſhabi, Korti, Drere, Serri, Helfaje, Arbatg in das an Habeſſi⸗ ninien groͤnzende, und unter einem Muhamedani⸗ 23 ſchen Hertſcher ſtehende Sennaar. In Sſchelga auf der Graͤnze iſt der Eingang nach Habeſſinien. Weit ſicherer und kuͤrzer aber iſt die Reiſe uͤber das rothe Meer, wenn man nur mit den Tuͤrken um⸗ zugehen weiß. Dieſer Seeweg iſt doppelt. Er fuͤhrt naͤmlich von Kairo entweder nach Suez oder Su⸗ eſſe, einem Hafen des rothen Meeres, und von da uͤber Gidda, einem andern Hafen, nach Suaguena und Matzus; und dieſen Weg pflegen gewoͤhnlich die Kaufleute einzuſchlagen. Oder, wenn man nicht ſo lange zur See reiſen will, ſo ſteuert man von Kairo nach Girgaͤa, reiſet von da zu Lande nach Ginna in zwei, und bis Alcoſſir in vier Tagreiſen; und von da ſetzt man ſeinen Weg uͤber Gidda wieder zur See fort. Dieſen Weg ſchlugen immer die Habeſſinil niſchen Metropoliten ein, und er iſt auch fuͤr Euro⸗ paͤer der bequemſte und ſicherſte. Ein dritter Seeweg nach Habeſſinien waͤre durch den Deean um Afrika; aber man muͤßte erſt irgendwo in Indien⸗ landen, um zur rechten Zeit in den Arabiſchen Meer⸗ buſen ſchiffen zu koͤnnen. Viele wuͤrden dieſen, obwoh⸗ beſchwerlichen Weg dennoch vorziehen, wenn nur die Pabeſſinier einen Hafen beſaͤßen, um die Reiſenden nicht der Gewalt der Tuͤrken ausſetzen zu muͤſſen. Nur auf einem durch die Gallaner noch uͤberdieß un⸗ ſicheren Umwege Baylur, den Hafen der mit den Habeſſiniern in freundlichem Verhaͤltniſſe ſtehenden Dankalenſer, waͤre dieſer Weg zu machen. Des 24 Adelenſiſche Hafen Zeyla, und die uͤbrigen ſuͤd⸗ lichen Haͤfen ſind zu weit entfernt. Zudem iſt die ſer Landſtrich von wilden raͤuberiſchen Voͤlkern bewohnt, die alle Retſende gleich Spionen behandeln. V. Vom Handel und Wagrentauſche in Habeſſinien. Aus der Pbneigung und dem Unvermoͤgen der Habeſſinier, weitere Reiſen zu unternehmen, erſiteht man leicht, daß ſie auch keine Handelsleute ſind. Da⸗ her iſt der Handel in Habeſſinien ganz in den Haͤnden der Muhamedaniſchen Araber, welche die Handesplaͤtze am rothen Meere bewohnen, als Muha⸗ medaner weder von Tuͤrken, noch den Arabiſchen Emirs Hinderniſſe erfahren, und in alle Haͤfen des rothen Meeres Zugang haben. Nach ihnen ſind die mit den Habeſſiniern religionsverwandten Armeni 6 welche den groͤßten Handels⸗ Verkehr nach Habeſſi⸗ nien haben. Dieſe und andere Handelvleute richten natuͤrlich ihr meiſtes Augenmerk auf das Gold der Habeſſinier, von welchem ſie dieſe auch ſo ziemlich entledigen. Ueberhaupt iſt es Gold, welches der unwiſſende undein⸗ faͤltige Habeſſinier, wie er es findet, hingibt, der Er⸗ fahrnere aber mit einem Lydiſchen Steine pruͤfet, und es nach einem gewiſſen Gewichte vielleicht von einem Reichsthaler im Werthe veraͤußert. Ferner ſind Felle, Rinds⸗Haͤute, Wachs, Ponig, Elfenbein, welche be⸗ 25 ſonders gegen Indiſche Waaren, dann auch gegen Ba⸗ byloniſche Kleider aus Seide und Wolle, zum Theil ſcharlachroth, gefaͤrbt, welche die Habeſſiniſchen Gro⸗ ßen fuͤr Purpurkleider tragen, dann gegen Spezereyen und Gewuͤrze, vorzuͤglich Pfefſer eingetauſcht werden, und bei welchem Tauſche immer bedeutender Gewinn auf Seite der Tauſchhaͤndler bleibt, da der Habeſſi⸗ nier weder ſein Gold zu ſchaͤtzen, noch Muͤnzen zu ſchlagen verſteht. Eher als Gold dient ihnen Eiſen, meiſtens aber das fuͤr ſie ſehr eintraͤgliche Salz ſtatt des Geldes. Daher, weil in Habeſſinien keine Muͤnzen geſchlagen werden, iſt es auch erklaͤrbar, wa⸗ rum der Handel in dieſem Lande groͤßtentheils nur Tauſchhandel iſt. Moͤchte doch auch die nutzlichſte, herrlichſte und koſtbarſte Waare Gegenſtand der Einfuhr nach Habeſ⸗ ſinien werden— die Kenntniß europaͤiſcher Kuͤnſte und Wiſſenſchaften— moͤchten aber auch europaiſche Fuͤrſten dieſer uralten chriſtlichen Na⸗ tion emporhelfen, und zugleich durch Verbreitung des Chriſtenthums in jenen fernen Loͤndern ihren und den Namen Gottes verherrlichen! Wer moͤchte bei den je⸗ tzigen politiſchen Verhaͤltniſſen ſich der ſchoͤnen Hoff⸗ nung entſchlagen, dieſe chrißtlichen Wuͤnſche bald er⸗ fuͤllet zu ſehen? 26 Poiret's Reiſe in die Berbarei in den Jahren 1785 und 1786. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt. Von Frankreich ſegelte Poiret 1785 nach Afri⸗ ka, und langte gluͤcklich zu La Kalle(Le Pastion de Frauce) an. La Kalle iſt das vornehmſte Komptoir der koniglichen afrika niſchen Kompxagnie, und liegt etwa 36 franzoͤſtſche Meilen weſtlich von Tunis. Die Einwohner von La Kalle, 3— 40o an der Zahl ſind gewoͤhnlich Provencalen oder Korſen. Die⸗ ſe beſchaͤfftigen ſich mit der Korallen⸗Fiſcherei und andern Arbeiten, und werden auf Koſten der Kompag⸗ nie ernaͤhrt und bezahlt. Einige Magazine und DOffi⸗ ziers⸗Wohnungen ausgenommen, beſtehen ſaͤmmtliche Gebaͤude aus 60 einſtoͤckigen Paracken. La Kalle wird auf drei Seiten vom Meere umgeben; auf der Landſeite vermag eine bloßeMauer den Ort hinreichend gegen die Ueberfaͤlle der Araber zu ſchutzen, welche keine Art von Geſchuͤtz, als ihre Flinten kennen. Der Hafen iſt an ſich 27 klein, von geringer Tiefe, und bei gewiſſen Winden hoͤchſt unſicher. Das weibliche Geſchlecht iſt gaͤnzlich von La Kalle verbannt. Die Schaͤdlichkeit der Luft in der Umgegend wird noch durch drei große Seen, welche im Sommer bei⸗ nahe austrocknen, vermehrt. Gewoͤhnlich erzeugt ſie hitzige Fieber, welche in vier Tagen mit dem Leben der Kranken endigen. Außerdem verbreitet die heiße, faſt brennende Luft, der faſt ununterbrochene dumpfe Klang der Todtenglocke, der oft ſehr ploͤtzliche Tod vieler in der Bluͤthe ihrer Jahre ßerbender Menſchen uͤberall Schrecken und Angſt. Der vornehmſte Handel nach der Berbarei ge⸗ hort ausſchließend einer Handelsgeſchaft zu Marſeille, welche ſich anfangs nur mit Korallen⸗Fiſcherei beſchoͤftig⸗ te, ſpäter aber ihren Handel auch auf andere Gegenſtaͤnde ausdehnte. Dieſe Geſellſchaft nannte ſich anfangs die afrikaniſche Kompagnie, und wurde unter Lud⸗ wig XIV. 1637 gegruͤndet. Ihr vorzuͤglichſtes Komptoir war damals in Vaſtion de Franee, an deroͤſtlichen Spitze des Koͤnigreiches Algier. Der Handel, welchen auch die engliſche Kompagnie zu La Kalle,(drei Meilen von dieſer Baſtion) trieb, verbluͤhte, und ward nun allein den Franzoſen uͤberlaſſen. Fuͤr die Be⸗ fugniß, auf der Kuͤſte von Algier eine Korallen⸗Fi⸗ ſcherei anzulegen, und fuͤr das ausſchließliche Recht des Korn⸗, Wolle⸗, Wachs- und Leder⸗Handels zahlt die Kompagnie an den Dey von Algier jahrlich —— 28 100,000 Livres und zwei Kiſten der beſten Korallen. Außerdem zahlt ſie auch an verſchiedene benachbarte arabiſche Staͤmme Tribut. Der Peſt und des buͤrgerlichen Krieges ungeach— tet, ſchreibt Poiret, ließ ich mich nicht laͤnger in den Mauren von La Kalle aufhalten. Gegen das Ende des Mai war die Hitze der Sonne ſchon ſo brennend, daß ich ſie nicht laͤnger als bis neun Uhr aushalten konnte. Nichs deſto weniger irrte ich ſchon ſeit 44 Tagen umher, und zwar in einem Aufzuge, welcher jenem des Robinſon Cruſoe ungemein aͤhnlſch ißt. Ueber einem Paare langer Beinkleider, und uͤber einer ſehr leichten Weſte trug ich ein arabiſches Kleid, und gegen die Sonnenſtrahlen einen außerordentlich gro⸗ ßen Hut aus Palm-Blaͤttern. So durchwanderte ich die brennenden Sandwuͤſten der Berbarei, meine Haut wurde nach und nach braͤunlich, und es fehlte mir nichts weiter, als ein dichter voller Bart, bloße Arme und Beine, um vollig unkenntlich zu ſeyn. Ein breiter lederner Guͤrtel war mit Patronen gefuͤllt, mit zwei Piſtolen, einem Dolche, einem Saͤbel, und einer Flinte verſehen. So gekleidet wagte ich mich leicht an die Zelte der Mauren. Als ich aber horte, daß in denſelben die Peſt wuͤ⸗ the, blieb ich in einer gewiſſen Entfernung zuruͤck. Dieß war am ufer eines ungemein klaren und friſchen Baches, welcher dicht mit Dieander, Lerpentin- und Myrthen⸗Straͤuchen beſetzt, und deſſen Kuͤhle fuͤr mich 20 ſehr erquickend war. Sanfte, mit dem herrlichſten Gruͤn bedeckte Huͤgel waren mit weidenden Heerden gleichſam bedeckt. Nur zuweilen ſchweiften meine Augen von Zeit zu Zeit auf die niedrigen, rauchenden Zelte der Araber ab. Plötzlich kamen 20 bewaffnete Maͤnner gegen uns, ich gruͤßte ſie nach Landesſitte, und ließ ihnen durch einen Dollmetſcher andeuten, daß ſie wegen der Peſt in einer gewiſſen Entfernung zuruͤckbleiben ſolten. Sie kamen dieſem Befehle nach, ſetzten ſich im Kreiſe herum, und ſchwatzten lange mit meinen Begleitern. Sie boten mir dann Milch an, welche ich, ihres rauhen Tones und ihres drohenden Blickes ungeachtet, mit Vergnuͤgen trank, und ihnen zur Erkenntlichkeit ein kleines Geſchenk von Pulver und Blei machte. Beim Abſchiede begleiteten die Araber mich eine Viertelſtunde weit, und nahmen unter herzlichen Wuͤnſchen Abſchied. Ich war ſtolz durch die erſten arabiſchen Worte, welche ich ausſpre⸗ chen lernte, meine Erkenntlichkeit ausdruͤcken zu koͤn⸗ ſen Unter den Mauren ſah ich bis jetzt ſchon eine Menge ausgezeichneter Geſtalten, mit Augen voll Feuer und Muth, mit ſtarken maͤnnlichen Geſichts⸗Zuͤgen, einer Habichts⸗Naſe, nervigten Armen, und einem dreiſten und frechen Gange. Fuͤße, Lenden und Schul⸗ tern waren faſt immer unbedeckt. Die Mauriſchen Weiber, beſonders in der Staͤdten, uͤbertreffen an wei⸗ ter, blendender Farbe die Europaerinnen. Da⸗ 30 gegen ſind die Weiber der Berg⸗Mauren, welche faſt den ganzen Tag unter freiem Himmel zubringen, und halb nackt gehen, von Jugend auf dunkelbraun und nußfar big. Die Kleidung der meiſten Mauren iſt nach ihren Vermoͤgens⸗Umſtaͤnden verſchieden. Einige hatten gar keine Kleidungs⸗ Stuͤcke; andere trugen nur ein leich⸗ tes Beinkleid. Die Aermeren wickeln ſich in ein Stuͤck Zeug, welcher einige Ellen lang iſt. Verſchiedene hat⸗ ten eine Art von Weiber⸗Hemden, oder auch eine wollene Weſte ohne Aermel, welche bis an die Knie reichte. Die reichſten tragen uͤber dieſe Kleidung noch eine Art Schulter⸗Mantel mit einer Art von Kopf⸗ Bedeckung. Die Weiber bedienen ſich des naͤmlichen Zeuges zu ihren Kleidern, wie die Maͤnner; das Haar flechten ſie in mehrere Zoͤpfe, welche auf die Schultern herab⸗ fallen; mit eiſernen Ringen, und zuweilen mit Koral⸗ len zieren ſie Dhren, Arme und Beine. Zur Schmin⸗ ke dient ihnen Spießglas mit Schießpulver vermiſcht, mit welchem ſie in der Haut, beſonders uͤber den Au⸗ genbraunen einige unausloͤſchliche Zeichnungen machen. Aehnliche Zeichnungen machen ſich die Maͤnner ge⸗ woͤhnlich auf den Armen, in der Gegend des Magens, und uber der Handwurzel. Auch ſah ich die Nägel an den Haͤnden mehrerer Kinder gelbroth gefaͤrbt. Angeführte Kleider⸗Tracht iſt den nomadiſtrenden Arabern eigen; ſie unterſcheiden ſich von denen, wel⸗ N * 34 che in der Stadt wohnen, in verſchiedenen Stuͤcken⸗ Es iſt merkwuͤrdig, daß faſt alle Afrikaner ſich auf einerlei Art kleiden, und man bemerkt dieſe nicht nur bis zur Kuͤſte von Guinea, ſondern auch auf der andern Seite bis zu den wirklichen Arabern. Die Mauren und Araber wohnen gewoͤhnlich in Zelten oder Huͤtten aus Baumzweigen oder Schilf. Mehrere dieſer Huͤtten vereinigt bilden ein Douare. Man ſtellt dieſe Zelte gewoͤhnlich im Kreiſe, um Nachts in dem innern Raume die Heerden gegen Raubthiere zu ſichern. Die Geſtalt der Zelte gleicht etwas einem Sarge, oder einem umgekehrten Schiffs-Kiele, gerade ſo wie Salluſt die Wohnungen der Numidier ſchildert. Gemeiniglich ſind die Zelte ſehr niedrig, nur die Wohnungen der Anfuͤhrer etwas geraͤumiger und boͤher. Das Hausgeraͤthe iſt ſehr einfach. Die bloße Erde iſt ihre Schlaſſtelle; nur die Zaͤrtlichſten breiten etwas Stroh, oder eine Matte, oder ſonſt einen gro⸗ ben Deppich auf dem Boden aus. Ein Paar irdener Gefaͤße zur Bereitung des Courcoucon(einer Art gro⸗ ber Weizen⸗Gruͤtze, welche durch Dampf genießbar gemacht wird und die Stelle des Brodes vertritt), eine hoͤlzerne Schale zum Waſſer-Schoͤpfen, eine Vockshaut zur Bereitung der Butter, ſerner ein Paar tragbarer Muͤhlſteine machen das ganze Kuͤchen⸗ Ge⸗ raͤthe aus. Die meiſten Mauren ſpeiſen taͤglich nur einmal. Bei dem Eſſen nimmt der Herr des Hanſes die 32 Schoͤſſel mit Coureoueon zu ſich, ißt zuerſt und allein. Die Mauren hocken ſich auf die Ferſen, ßellen die Schuͤſſel gerade vor ſich hin, nehmen etwas von der Speiſe mit den Fingern, machen aus derſelben hohle Kuͤgelchen, welche ſie mit vieler Geſchicklichkeit in den Mund werfen. Hat der Herr des Hauſes geſpeiſet, dann erhalten die Hausgenoſſen oder die Kinder, wel⸗ che niemals mit ihrem Pater oder in ſeiner Gegen⸗ wart eſſen duͤrfen, die Schuͤſſel. Was nun Vater und Kinder uͤbrig gelaſſen haben, erhalten die Wei⸗ ber. Vor und nach der Mahlieit reinigen die Mei⸗ ſten den Mund, den Bart und die Haͤnde. Als An⸗ haͤnger Muhamets iſt ihnen nur Waſſer zu trinken erlaubt; jedoch ſind ſie im Geheimen große Liebhaber des Weines. Anf Reiſen in unfruchtbaren Gegenden nehmen ſie getrocknete Koureoueon⸗Kuͤgelchen zu ſich, und bleiben hei dieſer Koſt friſch und geſund. Bei andern arabiſchen Staͤmmen, beſonders bei jenen, welche noch nicht unterjocht worden ſind, iſt die Lebensart noch viel harter und elender. Die Bergbewohner ſind gezwungen von jungen Kraͤutern, Wurzeln und wilden Fruchten zu leben. Unter allen mir bekannten grabiſchen Staͤmmen ſind die Bergbe⸗ wobner die Grauſamſten. Zupeilen ſteigen ſie in die Ebene herab, um die naͤchſten Horden zu berauben. Begegnen einander zwei Mauren, ſo legen ſie die rechte Hand auf die Bruſt, und verneigen ſich mit dem Kopfe, um ihren Morgengruß auszudrucken. 33 Hierauf erkundigen ſie ſich nach dem Befinden der Verwandten, welche ſie der Reihe nach nennen, und befragen ſich nach dem Zuſtande der Heerde. Gute Freunde umarmen und kuſſen ſich wechſelſeitig das Geſicht und die Schultern, voder auch die Haͤnde. Ein Zeichen der Huld und Gnade von Seiten eines Großen gegen ſeine Vaſallen beſteht in dem Darrei⸗ chen der hohlen Hand, von welcher ſie ſich nur den obern Theil kuͤſſen laſſen. Die groͤßte Art von Unter⸗ wuͤrfigkeit bezeugen niedere Mauren dadurch, daß ſie den Vornehmen Kopf, Schultern, den Lurban und die Kleider kuͤſſen. Wenn zwei reiſende Mauren auf der Straße zu⸗ ſammenkommen, ſo befragen ſie ſich, ohne jedoch ſtille zu ſtehen, wenn ſelbſt ihr Weg nach verſchiede⸗ nen Seiten hingeht. Pft ſind ſie auch ſoweit von einander entfernt, daß ſie ſich nicht mehr verſtehen koͤnnen; nichts deſtv weniger fahren ſie im Geſpraͤche fort. In ihren Zuſammenkuͤnften ſind ihre Gebehrden beſonders lebhaft und bedeutend„ungemein natuͤrlich und annehmlich. Der Lon ihrer Stimme iſt ſehr ſtark und durchdringend, ihre Sprache hellklingend, und ſelbſt in der Weite verſtaͤndlich. Das Ruͤlpfen iſt bei den Mauren nichts unanſtaͤndiges, ſie ſagen Saha: es bekomme euch wohl. Auch wenn jemand ißt, trinkt oder raucht, ſagen ſie Saha. Die Mauren hocken auf den Ferſen, halten ihr Gewebr gerade zwiſchen den Beinen, und legen es 54. B. Afrika, II. 4. 3 34 niemals außer ihren Zelten ab. In genannter Stel⸗ lung bringen ſie öfters ganze Tage zu, und ſchätzen ſich glucklich, in dieſer muͤßigen Stellung ganze Tage zubringen zu koͤnnen. La Kalle, gerade auf der Graͤnze zwiſchen Al⸗ gier und Dunis, hat auf der Abendſeite die Na⸗ dis, grauſame und blutduͤrſtige arabiſche Staͤmme, zu Nachbarn. Sie haben kaum die nothduͤrftigſten Le⸗ bensmittel, ſie ſind mit den ſchlechteſten Lumpen be⸗ hangen, und ſchmutzig im hoͤchſten Grade. Aus un⸗ vorſichtigkeit, und durch die reizende Landſchaft ange⸗ lockt, beſuchte ich ein tiefes Thal, welches mit dich⸗ tem Strauchwerk bewachſen war, und von Nadis bewohnt wurde. Waͤhrend ich mich mit dem Suchen einiger Kraͤuter beſchaͤftigte, wurde ich von einigen grabiſchen Weibern bemerkt, welche augenblicklich das Geſiräuch, daß mir uͤber den Kopf reichte, anzuͤnde⸗ ten. Mit genauer Noth entsing ich der Wuth der Flammen. Das Land auf der weſtlichen Seite von LaKalle heitt Mazoule, iſt von betrachtlicher Groͤße, und ziemlich wohl angebaut. Die verſchiedenen Staͤmme, welche dieſes Land bewohnen, ſtehen unter einem ge⸗ meinſchaftlichen Oberhaupte; mit allen dieſen unter⸗ halt La Kalle einen anſehnlichen Kornhandel. Bei dieſen Staͤmmen fing ich meine Wanderungen an. Nachdem ich die Ebenen von Derraillane und Beaumapchand durchwandert hatte, ging ich bis 35 zu dem Walde und den Bergen am Ende dieſer Ebe⸗ nen. Der Wald iſt ungemein angenehm, und ent⸗ haͤlt eine Menge reizender Ausſichten, welche durch die große Menge friſcher Quellen, die eine hoͤchſt ange⸗ nehme Kuͤhlung verbreiten, noch mehr verſchoͤnert werden. Das niedrige Buſchwerk beſtand aus wohl⸗ riechenden Straͤuchern, welche abwechſelnd durch eine Menge der ſchoͤnſten Blumen noch angenehmer ge⸗ macht wurden. Ueberall fand ich den Dleander, den Granatſtrauch, mehrere Arten von Roſen, Nareiſſen, Tulpen, Anemonen, Ranunkeln, Nießwurz, Kna⸗ benkraut, Serapias, verſchiedene neue Iris⸗Arten, und ganze Felder mit Lupinen beſät. Auch beſuchte ich die merkwuͤrdigen Seen in der Umgegend on La Kalle, welche zuſammen genom⸗ men etwa? franzoͤſiſche Meilen im Umfange haben, im Winter ziemlich waſſerreich ſind, und im Som⸗ mer faſt vollig vertrocknen. Zu allen Zeiten werden ſie von einer großen Menge Waſſervoͤgel beſucht, welche ſehr ſchmackhaft ſind. Zur angenehmen Ge⸗ gend Kaſſon fuͤhr ein beſchwerlicher Weg; uͤberall findet man nichts, als brennenden Flugſand, ſchroffe Felſen, und dichtes Buſchwerk. Dagegen entſchaͤdigt die Gegend durch ihre ſchoͤne Natur, welche vielleicht nirgends angenehmer gefunden wird. Die ganze Ge⸗ gend hat Ueberfluß an friſchem Waſſer; die große Menge anſehnlicher Feigenbaͤume mit ihren breiten Blaͤttern gewaͤhren ein ſchattiges Dbdach fuͤr Men⸗ 36 ſchen und Vieh. ueberall iſt die Ebene durch kleine Waͤlder und Buſchwerk verſchonert; beſonders be⸗ merkte ich Laurus regia und Olea sativa. Der obere Theil der Huͤgel war durchgehends mit Korkbaͤumen beſett. Da dieſe Gegend laͤngs des Meeres liegt, ſp konnte man von den Huͤgeln daſſelbe deutlich uͤber⸗ ſehen. Zu Souk befinden ſich Ali Beys Sklaven, welche ſich mit Korn, und Labakbau beſchäftigen muſ⸗ ſen. Sie wohnen in Huͤtten von Laub, welche auf einer Ebene ſtehen, die ringsum mit der angenehm⸗ ſten Waldung umgeben iſt, und das ſchönſte Quell⸗ waſſer in Menge bat. An verſchiedenen Stellen fand ich natuͤrliche Lauben, welche den Strahlen der Sonne voͤllig undurchdringlich, mit dent ſchoͤnſte. Raſen be⸗ deckt ſind, in welchen das ſaufte Rieſeln der Duel⸗ len den Aufenthalt bezaubernd machte. Auch ſah ich bier eine große Menge Bienen⸗Koͤrbe aus Korkbaum⸗ Rinde verfertigt, welche die Geßalt laͤnglicher Zylin⸗ der hatten; an beiden Enden waren ſie verſchloſſen, und nur in der Mitte war eine kleine Deffnung, durch welche die Bienen ein⸗ und ausflogen. Um die Bie⸗ nen anzuiocken, beſtreichen die Araber die innere Seite der Stoͤcke mit Honig. Um nach Souk zu kommen, mußte ich einen trau⸗ rigen und finſtern Korkbaum⸗Wald durchwandern, deſſen Baͤume zum Theile von den Mauten ange⸗ wrannt waren. Js weiter ich in dieſem Walde fort⸗ 37 ging, deſto mehr bedeckte der feine ſchwarze Staub, welcher ſich von der Rinde losmachte, mein Geſicht und meine Kleider. Meine Einbildungskraft ſtellte ſich den bezauberten Wald Taſſo's vor. Nur die⸗ ſer romantiſche Gedanke machte mir den traurigen Aufenthalt in dieſem Walde vergeſſen; doch brachten mich die Spuren von Loͤwen und Panthern bald von meinen Phantaſien zuruͤck. An gewiſſen Stellen, wel⸗ che vermuthlich ganz friſch durch dieſe Raubthiere be⸗ treten waren, wich mein Pferd zuruͤck und buͤumte ſich. Jenſeits des Teiches traf ich einen andern ziem⸗ lich großen Teich von unausſtehlichem Geſtanke an. Doch hielt ich mich wegen der vielen Kraͤuter und der großen Anzahl von Waſſervoͤgeln drei Tage hier auf. Der Schlamm, welchen das Waſſer bei dem Abtrock⸗ nen am Ufer abſetzt, war von ſchwarzer Farbe, uͤbel⸗ riechend und ſaußerordentlich fett anzufuͤhlen, und mit einer Menge verweſeter vegetabiliſcher Sheile vermiſcht. Als ich bei dem Oberhaupte Ali⸗Bay ankain, fand ich ihn auf den Ferſen hockend am Eingange ſeines Zeltes. Dieſes beſtand aus etwas Stroh; etwas feinere Kleidung und Schuhe an den Fuͤßen unterſchieden ihn von ſeinen Unterthanen, welche nur mit bloßen Fuͤßen bei ihm erſcheinen duͤrfen. Er nahm mich ſehr freundſchaftlich auf, und verſicherte mich ſeines Schutzes bei der Fortſetzung meiner Reiſe. Auch unterhielt ich mich mit ihm in freundſchaftlichem Ge⸗ 38 ſpraͤche bis um Mitternacht. Am folgenden Tage ver⸗ ſammelten ſich viele Mauren um das Zelt, ließen ſich den Puls fuͤhlen(denn ich gab mich fuͤr einen Arzt aus) und verlangten, daß man ihnen zur Ader laſſen ſollte. Ich erfuhr bei dieſer Gelegenheit, daß die Mauren zum Aderlaſſen ein beſonderes Zutrauen hegen. Die Weiber waren ebenſo begierig nach unſe⸗ rer Kunſt, als die Maͤnner. Jene waren aber ſchmuz⸗ zig und ekelhaft, hatten faſt alle die Kraͤtze, rochen unausſtehlich, und waren mit elenden Lumpen bedeckt. Ich ſtaunte nicht wenig, als ich in dem Douare der Ali⸗Bey eine oͤffentliche Schule mit einem blin⸗ den Schulmeiſter fand. Das einzige Lehrbuch war der Koran, welchen der blinde Lehrer auswendig wußte. Die Kinder beiderlei Geſchlechtes ſangen ihre Lektivnen; der Ton ihres Geſanges aber war eben nicht reizend fuͤr mein Ohr. Die groͤßten von den Kindern lehrten die Juͤngeren dasjenige ſchreiben, was der Lehrer ihnen vorſagte. Statt des Papiers hatten die Kinder kleine, mit einer weißen Farbe uͤberzogene Bretter, und ziemlich unfoͤrmlich geſchuittenes Schilf⸗ rohr. Konnten ſie die diktirte Stelle auswendig, ſo wuſchen ſie ihr Brettchen ab, und ſchrieben eine neue aus dem Koran. Nach der Schulſtunde umarmte jedes Kind ſeinen Lehrer, und dankte fuͤr den Unterricht. Zuweilen begegnete ich einigen arabiſchen Wei⸗ bern, welche nie zuvor einen Chriſten geſehen hatten, und mich als ein Ungeheuer flohen. Durch kleine Ge⸗ 39 ſchenke brachte ich ſie aber dahin, daß ſie mich anſa⸗ ben. Sie bezeugten eine nicht geringe Bewunderung, daß ſie mich wie andere Menſchen gebildet fanden. Beſonders ſtaunten ſie meine gruͤnen Handſchuhe an, und glaubten anfangs, daß dies die Farbe meiner Haͤnde ſey; da ich ſie auszog, war ihr Erſtaunen au⸗ ßerordentlich. Wenn ich meinen Kourcoucon mit einem Loͤffel aß, ſingen ſie an heftig zu lachen; als ich mich aber ihrer Sitte zu eſſen bequemte, ſo ſchaͤtzten ſie mich viel hoͤher. Der Reichthum der Natur iſt in dieſem Lande unerſchopflich; überall ſindet das Auge neue bezau⸗ bernde Gegenſtaͤnde. Man ſieht den Himbeerſtrauch neben dem Lorbeerbaum, die Myrthe mit Dornen durchflochten, den Del- und Granatbaum mit ſeinen Fruͤchten zwiſchen dem dickſten unzugaͤnglichſten Strauch⸗ werke. Ueberall fand ich die wilde, aber im hoͤchſten Grade fruchtbare Natur, die reichſten Weiden und die unabſehbarſten Ebenen, welche nichts weniger, als einfoͤrmig waren. Die ſanften Huͤgel waren mit einem Ueberfluſſe von Straͤuchen und Baͤumen bedeckt, unter welchen ich den Maſtixbaum, verſchiedene Arten von Ginſter, und die immer gruͤnende Eiche bemerkte. Dagegen findet man auch ungeheure unfruchtbare Sandſtrecken, welche, wie die oft undurchdringlichen dicken Waͤlder, die weitlaͤufigen Seen und Moraͤſte, das aͤußere Anſehen dieſes merkwuͤrdigen Landes be⸗ ſtimmen. Der Lauf der Fluͤſſe iſt nicht weniger als 4⁰ rauſchend und ſchnell. Da der Voden durchaus locker und ſandig iſt, und ſich die Fluͤſſe in viele Arme ver⸗ theilen, ſo ſind ſie weder tief, noch breit, und an vielen Orten ſcheint ihr Waſſer vollig ſtille zu ſtehen. Die meiſten Waͤlder haben ein ehrwuͤrdiges An⸗ ſehen, und verſetzen den begeiſterten Reiſenden leicht in die aͤlteſte Vorzeit. Bei dem Durchwandern der ſtillen Haine reden noch dunkle Spuren von dem Auf⸗ euthalte ihrer ehemaligen Bewohner. Der Anblick dieſer ehrwuͤrdigen Ruinen in der Wildniß, halb ein⸗ gefallene Mauern, zerbrochene und umgefallene Saͤu⸗ len, Ueberbleibſel von ehemaligen Heerſtraßen, unleſer⸗ liche Aufſchriften, gaben meiner Seele eine duͤſtere, melancholiſche Stimmung. Doch dieſe ſüße Melan⸗ cholie veraͤnderte ihr ganzes Weſen, je weiter ich in dieſen wuͤſten Gegenden fortwanderte. Der Anblick einer ſich ſelſt uͤberlaſſenen Natur, ungeheure Felſen auf allen Seiten, die Dunkelheit des Waldes, das unangenehme Geſchrei der Raubvoͤgel, der wieſelnde Laut der unter ihren Krallen ſterbenden Geſchoͤpfe, das Heulen der wilden Thiere, ſind Gegenſtaͤnde, welche meine Einbildungskraft beſchaͤftigten. Als ich mich nach Kallo, einem franzoͤſiſchen Komptvir auf der Kuͤſte von Algier, etwa s0 franz. Meilen von La Kalle, begeben wollte, noͤthigten mich widrige Winde in Bonne einzulaufen. Doch mußte ich wegen der grauſamen Behandlung der Be⸗ wohner dieſes Theiles der Köͤſte mein Vorhaben auf⸗ 41 geben; dagegen ward ich entſchaͤdigt durch die ſchaͤtz⸗ bare Mittheilung des Agenten Hugues zu Kallv. Nach ſeinem Berichte iſt das Laͤndchen Kallo ein kleines Thal mit etwa 16o einſtoͤckigen Haͤuſern aus Thon und Erde. Dieſe 160 Haͤuſer machen vier Dorfſchaften aus; jedes Dorf iſt etwa 40o Schritte von dem andern entfernt, und ſeit mehr als 200 Jah⸗ ren von den Mauren bewohnt. Die meiſten Be⸗ wohner ſtammen von Bergmauren ab. Das erſte am weiteſten vom Meere entfernte Dorf heißt Berkaide (Land des Kaide); das zweite wird Azoulin genannt, nach dem Stamme, von welchem es wird, das dritte Dorf Berdtouille, das vierte Jasde liegt am Fuße des Berges gleichen Namens. Es iſt zunaͤchſt am Meere, hat ein kleines Schloß, mit einer tuͤrkiſchen Beſatzung, und dem Komptoir der kaiſer⸗ lich afrikaniſchen Kompagnie. Kallv wird von der Nordſeite durch eine an⸗ ſehnliche Rhede gedeckt, welche gegen Nord und Nord⸗ Dſt voͤllig offen iſt. Gegen Mittag wird es von einer Reihe oͤder Berge begraͤnzt, und gegen Abend ſind die beiden Nationen, Onledfenſel und Maeralefu, die naͤchſten Nachbarn. Gegen Mitternacht hat es zur Graͤnze den kleinen Meerbuſen Baavenſe(Wei⸗ ber⸗Meerd. Die Luft zu KHallo iſt geſund, det Boden des ganzen Thales trocken, und wegen Manget an Kul⸗ tur unfruchtbar. Die umher liegenden Berge bringen 42 nur ſehr weniges Strauchwerk hervor; auch iſt die Anzahl der Pflanzen von geringer Bedeutung. Da der ſchlecht bebaute Boden wenig Nahrungs⸗Stoße liefert, ſo ſuchen die Einwohner dieſen Mangel durch Lederhandel zu erſetzen. Auch bereiten ſie eine Art grober Leinwand, zu deren Verfertigung ſie den Flachs aus Algier holen. Einige alte Brunnen, ein altes Schloß und ver⸗ ſchiedenes Mauerwerk beweiſen, daß dieſes Land lange vor Ankunft der Mauren bewohnt war. Einige In⸗ ſchriften auf großen weißen Steinen, welche deutlich manche Woͤrter, z. B. Neptuno, Jovi, einge⸗ hauen haben, moͤchen darthun, daß die Roͤmer hier anſehnliche Beſitzungen hatten. Die Regierung zu Kallo iſt ungefaͤhr ebenſo, wie iene der uͤbrigen kleinen Plaͤtze, welche von dem Dey zu Algier abhaͤngen. Ein Aga iſt uͤber die Solda⸗ ten geſetzt; er und vier Pffiziere bilden den Divat; die Soldaten werden alle Jahre durch andere, welche von Algier kommen, abgeloſt; die buͤrgerliche Re⸗ gierung von zwei Kaiden und ſieben mauriſchen Haͤupt⸗ lingen, welche in den vier Doͤrfern vertheilt ſind, verwaltet. Sie ſind die groͤßten Schurken im ganzen Lande, welche weder hinlaͤngliche Macht noch guten Willen haben, Recht und Gerechtigkeit auszuuͤben, oder die herrſchenden Laſter zu verhindern. Selbſt die bier wohnenden Tuͤrken werden nicht verſchont. Obaleich die umliegende Gegend von Kallo ſehr 43 vergigt iſt, ſo iſt ſie doch auch dagegen ungemein an⸗ genehm; zwiſchen den Bergen finden ſich ſogar frucht⸗ bare Stellen. Gegen Mittag von Kallo ſtͤßt man auf zwei Fluſſe, welche durch eine Ebene von etwa drei franzöſiſchen Meilen laufen, und ſich in den Meerbuſen von Kallo, welcher die die daſige Rhede bildet, ergießen. Der ſtaͤrkeſte dieſer Fluſſe iſt, bis drei Meilen von ſeinem Ausfluſſe, fuͤr mittelmäßige Fahrzeuge ſchiffbar. Genannte Ebene iſt ungemein fruchtbar, und ihre Bewohner ſind gleichfalls viel ge⸗ ſitteter und menſchlicher, als die der uͤbrigen Gegen⸗ den. Die gegen Weſten wohnenden ſind faſt als vol⸗ lige Wilde zu betrachten. Ihr Land iſt durchgehends fruchtbar, und bringt, außer etwas Gerſte, ſchwarzem Hirſe, Del, Harz und Theer wenig hervor. Die ge⸗ ringen Erndten dieſes Landes zerſtoͤren meiſtens kleine kurzſchwaͤnzige Affen. Sehr ſchoͤnes Bauholz, welches hier in Menge waͤchſt, koͤnnte ein ſehr betraͤchtlicher Handels⸗Zweig werden, wenn das wilde und grau⸗ ſame Benehmen der Einwohner es zuließe. Die verſchiedenen arabiſchen Staͤmme, welche zehn und mehrere franz. Meilen um Kallo wohnen, ſind vollig unabhaͤngig, und konnten bis jetzt noch nicht von dem Bey zu Konſtantine unterijocht werden. Alle dieſe Stamme fuͤhren beſtaͤndig mit einander Krieg Dieſe Mauren ſind von Farbe dunkelbraun, ſchmu⸗ tzig, grauſam, unwiſſend, und immer bewaffnet. Sie 44 gehen mit bloßem Kopfe, und wiſſen kaum, daß ſie Wuhametaner ſind. Die meiſten Bewohner von Kallo ſind blond, groß und von ziemlich ſtarkem Bau. Außer ihren Haͤuſern gehen ſie beſtaͤndig bewaffnet; ſie ſterben groß⸗ tentheils an erhaltenen Wunden, weil ſie faſt beſtän⸗ dig Kries fuͤhren. Alle, ohne Ausnahme, ſind Diebe, faul, gefraͤßig, grauſam und unmenſchlich gegen Frem⸗ de, und allen nur erſinnlichen Laſtern ergeben. Je mehr ich das Land durchſtreifte, deſto mehr ent⸗ deckte ich Alterthuͤmer; obgleich ſie nur Bruchſtcke eines geweſenen Ganzen ſind, ſo zeugen ſie doch von deſſen Groͤße und Staͤrke. Auf den Cruͤmmern des alten, durch den großen Auguſtin beruͤhmten Hip⸗ von erhebt ſich jetzt die Stadt Bonne. Von erſte⸗ rem ſind nur wenige Ueberreſte vorhanden. Ein Paar Schwibbogen, deren Hoͤhe und Groͤße ein ſehr großes Gebaͤude anzeigen, gehoͤrten wahrſcheinlich zu einer Firche. Nicht weit von dieſen wird ein, ungleich beſſer erhaltenes, Gebaͤude fuͤr das Kloſter des h. Au⸗ guſtin ausgegeben. Bei naͤherer Unterſuchung aber ergiebt ſich, daß das vermeintliche Kloſter nur eine ziemlich gut erhaltene Waſſerleitung iſt. Aehnliche, aber weit geringere Ruinen fand ich in einiger Ent⸗ fernung. Mir ſcheint es, daß Hippon ſich bis an das Ufer des Fluſſes Seibonfe erſtreckte, welcher ſeinen Ausfluß im Angeſichte der Stadt Bonne hat. Bei einem Spaiergange laͤngs des ufers dieſes Fluſſes 45 entdeckte ich in den Trümmern einer Kay, kleine 1 1/2 Zoll lange und einen Zoll breite Backſteine, welche nach Art der Moſaik eingeſetzt waren. Dieſe Steine waren durch einen harten Kitt verbunden, wie man ihn bei roͤmiſchen Arbeiten ſindet⸗. Jetzt iſt der Boden, auf welchem ehemals Hip⸗ pon ſtand, voll Gaͤrten, welche durch Hecken von Dpuntien eingefaßt ſind. Der Feigen⸗, Del⸗, Pome⸗ ranzen⸗, Citronen⸗, Johannis-Brod⸗Baum, Azerole und der Weinſtock werden mit beſtem Erfolge geiogen⸗ Die Stadt Bonne liegt dicht am Meere am Ausfluſſe der Seibouſe, iſt mit einer guten Mauer umgeben, und gegen die Seeſeite durch ein von Karl V. erbautes Schloß geſchuͤtzt. Die Straſſen von Bon⸗ ne ſind durchgehends enge und unreinlich, übel ge⸗ pflaſtert und beſtaͤndig voll Koth und Unflat. Die Einwohner der Stadt ſind von den Bergbewohnern wenig verſchieden. Ihre Kleidung und Sitten ſind die naͤmlichen; nur in ihrer Lebensart unterſcheiden ſie ſich etwas. Ein Kaide, welcher von dem Bey von Konſtantine ernannt wird, regiert die Stadt. Waͤhrend meines Aufenthaltes zu Bonne feier⸗ ten die Mauren ihr Neujahr. Die Ausſchweifun⸗ gen der Mauren in dieſer Zeit gleichen zum Theile unſern Karnevals⸗Luſtbarkeiten. Eine der gebraͤuch⸗ lichſten Poſſen iſt, daß eine Loöͤwenhaut auf den Schul⸗ tern von vier Mauren ausgebreitet wird, welche unter derſelben vermittels eines bis auf die Fuße reichenden 46 Teppiches verſteckt ſind. Dieſer Löwe traͤgt eine lange Kette am Halſe, und wird von einem Mauren geführt: andere Mauren ſpielen auf einer kleinen Trommel und Floͤte, und nach dieler Muſik muß der Löwe und einige Taͤnzer verſchiedene Spruͤnge und Taͤnze machen; andere bedienen ſich einer Kamelhaut ſtatt der Haut eines Loͤwen. Eine Menge Volkes und Kinder mit kleinen holzernen Loͤwen, und Kamel⸗Geſtalten be⸗ gleiten den Zug. Fuͤr die Erlaubniß, in die Haͤuſer gehen, und in denſelben Taͤnze auffuͤhren zu duͤrfen, muͤſſen die Tänzer eine beſtimmte Summe Geldes dem Kaide zahlen. Ich fand zu Bonne verſchiedene Juden⸗ Familien, welche ſehr gedruͤckt und verachtet werden. Nichts deſto weniger traf ich in ihrer elend gebauten Syna⸗ goge Mauren betend. Letztere beſuchten aus An⸗ dacht, oder aus Vertrauen, von gewiſſen Krankheiten geheilt zu werden, oder der Fruchtbarkeit wegen, die⸗ ſen Tempel. In meiner halb europaͤiſchen, halb tuͤr⸗ kiſchen Kleidung wurde ich von den hieſigen Juden fuͤr einen verkleideten Rabbiner gehalten; mein Doll⸗ metſcher beßtaͤrkte ſie in ihrer Meinung. Sie glaub⸗ ten, ich ſey gekommen, um zu unterſuchen, ob nichts in ihrer Synagoge fehle. Ich fand bei naͤherer Un⸗ terſuchung die Synagoge und die daſige Judenſchaft von geringer Erheblichkelt. Von der Synagoge begab ich mich in die Bäder, deren Stuben ohne die gering⸗ ſte Verzierung waren. 47 Die Gegend um Bonne iſt ungemein angenehm, und ſehr gut angebaut. Man ſieht viele Obſt⸗Gaͤr⸗ ten, in welchen vorzuͤglich der Bruſtbeerbaum in gro⸗ ßer Menge gezogen wird. Der arabiſche Name dieſer Stadt iſt: Baledel unied, und bedeutet einen Platz, an welchem dieſer Fruchtbaum haͤufig anzutreffen iſt. Die ganze Ebene von Bonne brinßt ſehr viel Korn, und wegen der vielen Heerden viel Wolle in den Han⸗ del. Dieſe Ebene hat ungefaͤhr zwoͤlf Meilen in der Laͤnge, und wird von Seibouſe auf einer Seite, wie auf der andern durchſtroͤmt. Ich fand in dieſer Ebene die angenehmſten Gaͤrten von Zitronen- und Po⸗ meranzen⸗Baͤumen, deren Fruͤchte in großer Menge an dem Baume ſelbſt vertrockneten. Auch war der baumartige Rieinus und Daueus Visnaga ſehr haͤufig. In Geſellſchaft des Herrn von Desfontaines⸗ welcher auf Koſten der Pariſer Akademie in der Berbarei ſchon zwei Jahre herum gereiſt war, um Entdeckungen in der Naturgeſchichte, beſonders in der Botanik zu machen, ſetzte Poiret ſeine Reiſe fort. Auf dem Ruͤckwege nach La Kalle entdekte er die ſchoͤne Ipomea sagittata und eine Menge neuer, nicht bekannter Pflanzen. Der Aufenthalt zu La Kalle iſt fuͤr einen Naturforſcher ſehr wichtig. Die Koral⸗ len⸗Fiſcherei, welche zugleich eine Menge von See⸗ Produkten verſchafft, die abwechſelnden, theils wilden, theils angebauten Laͤndereien, die Seiche, Wieſen, Ge⸗ buſche, Berge, Sandwuͤſten, naͤhren eine große Menge 48 der Pflanzen⸗Inſekten und Vogel, welche unvollkom⸗ men oder gar nicht bekannt ſind. Nach einer muͤhſamen und gefaͤhrlichen Reiſe langten wir durchnaͤtt zu Bonne an. Man hatte uns ſehr vieles von ſiedend heißen Quellen erzaͤhlt, welche auf der Haͤlfte des Weges nach Konſtantine ſich befinden, und im Lande unter dem Namen be⸗ zauberte Baͤder(Hamman mes Kouteen) bekannt ſind. In Begleitung von vier tuͤrkiſchen Reitern tra⸗ ten wir unſere Reiſe an. Nachdem wir durch die an⸗ ſehnliche Ebene von Bonne geritten waren, kamen wir an die erſten Berge, in deren Ritzen wir verſchie⸗ dene perpendieulaͤre Adern von Schwerspat antrafen. Unſere erſte Tagreiſe beſchloſſen wir ſechs Meilen von bier zwiſchen Bergen; in der Naͤhe eines anſehnlichen Douare ſchlugen wir unſer Zelt auf. Anfangs hatten wir Beleidigungen von den Mauren, welche ſelten von Chriſten beſucht werden, zu erdulden. Die ganze Nacht ſürmten Gewitter, zu welchen ſich noch das ununterbrochene Bruͤllen von Loͤwen, welche vorzuͤglich in dieſen Gebirgen ſich aufhalten, geſellte.⸗ Am folgenden Tage, nachdem wir uͤber eine Reihe von Bergen gekommen waren, welche ſich dem Atlas anſchließen, und den ganzen Wes uͤber die ſteilſten Felſen, tiefe Abgruͤnde, dunkle und unwirthbare Wal⸗ der durchwandert hatten, kamen wir almaͤhlig an ei⸗ nen ſanften Abhang, welcher in das weite Thal fuͤhrte, in dem die bezauberten Bader ſich befinden. Ein 49 dicker, ſchwarzer Rauch kuͤndigte die Quelle ſchon von ferne an; ihr ſtinkender Geruch, welcher ſich über die ganze Gegend verbreitet, iſt im hoͤchſten Grade unan⸗ genehm. Der Boden der ganzen Gegend ſchien wie verbrannt; das Waſſer, welches aus der Erde kam, war wirklich beinahe ſiedend heiß, und mit harzigen und ſchweflichten Theilen geſchwaͤngert, An einigen Theilen waren kleine Erhabenheiten, in welchen das Waſſer wirklich zu kochen ſchien, und ſprudelnd aus verſchiedenen runden, etwa zwei Fuß weiten Deffnun⸗ gen floß, ſich dann allmaͤhlig ausbreitete, und einen kleinen Bach bildete, welcher am Fuſſe des Thales ſeinen Ausfluß nahm. Nicht ohne Muͤhe drangen wir bis zu dem Krater, an deſſen Muͤndung wir verſchie— dene merkwuͤrdige Erzeugniſſe fanden, z. B. kalkartigen Sinter von ſternfoͤrmiger oder auch nadelfoͤrmiger Ge⸗ ſtalt; einige waren auch wie Erdſchwaͤmme gebildet. Er naͤherte ſich etwas dem Zeolith, und machte in Salpeterſaͤure gelegt, eine wahre Gallerte. An den Drten, in welchen das Waſſer am heißeſten ſchien, und Luftblaſen zeigte, ſtieg das Neaum. Thermometer auf 760. Nicht weit von den DQuellen findet man verſchiedene koniſche oder pyramidenförmige Erhaben⸗ heiten, welche aus verbrannten, kalkartigen Steinen zu beſtehen ſchienen. In den Stellen, welche einen ertraͤglichen Grad von Waͤrme haben, baden ſich die Mau renz ſie ſchrei⸗ ben dem Waſſer eine heilende Kraft in Rheumatis⸗ 54. Bd. Afrika. 1I. 1. 4 50 men, Podagra und mehreren Hautkrankheiten zu. Der Platz, welchen dieſe verſchiedenen heißen Quellen ein⸗ nehmen, betraͤgt ungefaͤhr 4200 Fuß im Quadrat. Bald waͤren wir ein Opfer der in der Naͤhe ſich aufhalten⸗ den Araber geworden. Auf der Ruͤckreiſe nach Bon⸗ ne noͤthigte uns ein ſtarkes Ungewitter bei einer Hor— de Araber Schutz zu ſuchen. Anfangs weiger⸗ ten ſie ſich, uns nur Etwas zu gewaͤhren. Als aber unſere tuͤrkiſchen Reiter ihre Pruͤgel-Kuren an ihnen verſuchten, erhielten wir alles Noͤthige. Jedoch ge⸗ waͤhrte uns ein zerloͤchertes Zelt bei heftigem Regen und Winde keinen beſondern Schutz; wir mußten un⸗ ſere Schlafſtelle auf derbloßen, naſſen Erde, mit feuch⸗ ten Kleidern auf dem Leibe, nehmen. Unſere Schlaf—⸗ geſellen waren Maͤnner, Weiber, Kuͤhe, Ziegen und Schafe; letztere waren uns beinahe zu vertraulich; denn ſie ſuchten ihre naſſe Felle an unſern Ruͤcken ab⸗ zutrocknen. Von Bonne begab ich mich nach Conſtanti⸗ ne. Zwiſchen ſteilen Felſen fanden wir noch die alte roͤ⸗ miſche Heeresſtraße, welche von Hippon nach Cir⸗ the fuͤhrte; ſtellenweiſe war ſie vollkommen gut erhal⸗ ten. Zwei Meilen jenſeits der bezauberten Baͤ⸗ der erblickt man auf der Anhoͤhe Annonay ſehr merkwuͤrdige Ruinen. In der Mitte derſelben ſteht ein kleines, viereckiges, wohlerhaltenes Gebaͤude. Das oberhalb der Thuͤre befindliche Kreuz iſt ein Beweis, daß es ebemals den Chriſten zur Kapelle gedient bat. 51 Sieben Meilen ſeitwaͤrts von hier, liegt der Ort Al— legah an dem Fluße gleiches Namens, in einen Steinhaufen verwandelt. Ferner kommt man in eini⸗ ger Entfernung an den Fluß Serf, in deſſen Nach, barſchaft ein ungeheuerer Steinhaufen unter dem Na⸗ men Senivre, einiges alte Gemaͤuer, und ein gro⸗ ßer runder Thurm das merkwuͤrdigſte ſind. Die zahlreichen Heerden, welche von jenen ent⸗ fernten Huͤgeln herab, bis in die Ebene ſich verbreiten, nicht weniger die reichen Kornfelder, und die ſeitwaͤrts gelegenen fetten Weiden, verrathen ſehr deutlich die Nachbarſchaft einer grotzen und volkreichen Stadt; dieſe Gegend verdient vollkommen den Namen der ehemaligen Kornkammer Roms. Linker Hand iſt ein Douare aus 200 Zelten beſtehend, deſſen Bewohner den Ackerbau und die Viehzucht fuͤr Rechnung des Bey von Konſtantine betreiben. Bei dem Anblicke jener Ruinen und umgefallenen Mauern, deren Reſte und Waſſerleitungen, welche ſich nach Suͤd⸗Weſt in die Ebene erſtrecken, ſcheint es ganz wahrſcheinlich, daß das alte Cirthe einen viel groͤßern Umfang als das jetzige Konſtantine gehabt babe. Die Suͤdſeite iſt die einzige, von welcher man der Stadt beikommen kann; auf der andern Seite verhindert der Berg, an deſſen Fuſſe die Stadt gebaut iſt, der im hoͤchſten Grade ſteil und unzugaͤnglich, und eine Hoͤhe von 200 Toiſen hat, allen Zutritt. Bei der Stadt ſließt der Sufegmar oder Ruramel 52 (der Ampſagée der Alten) hart vorbei. Etwas weiter gegen Oſt ſahen wir eben dieſen Fluß aus ſeinem un⸗ terirdiſchen Kanale kommen, uͤber welchem der großte Theil der Stadt ſich befindet. Mittels einer in den Felſen gehauenen Treppe kann man bis zum Fluß herabßteigen, und das natuͤrliche Gewoͤlbe, welches man unten antrifft, üͤberraſcht die Neugierigen auf eine angenehme Art. Hier waſchen gewoͤhnlich viele Wei⸗ ber, weil ſie ungeſehen bleiben; jedoch werden ſie haͤu⸗ ſig durch kleine Schildkroten erſchreckt, die ſie fuͤr boſe Geiſter halten. Konſtantine, ſchon durch ſeine Lage vertheidigt, wird noch durch eine feſte Mauer und eine ſtarke tuͤr⸗ kiſche Beſatzung beſchutzt. Die Stadtthore ſind von einem feinen rothlichen, dem Marwor gleichen, Stei⸗ ne erbau«, und die noch erhaitenen Verzierungen zeu⸗ gen von ehemaliger roͤmiſcher Groͤße. Aber der merk⸗ würdigſte Gegenſtand fuͤr einen Alterthumöforſcher iſt eine ſehr gut erhaltene Bruͤcke, deren Vogen, Gelaͤn⸗ der und Saͤulen mit Blumenkraͤnzen, Ochſenkoͤpfen und Schlangenſtaͤben geziert ſind. Zwiſchen zwei Boͤ⸗ gen bemerkte ich ein Bas⸗Relief, eine weibliche Figur darſtellend, deren Fuͤſſe auf zwei Elephanten ruhen, welche ihren Ruͤſſel in einander verſchlungen haben. Ihr Haar iſt in Locken gelegt; ͤber ihrem Haupte ſieht man eine Muſchel. Mit der Rechten haͤlt ſie idr Gewand, ihren Blick richtet ſie gegen die Stadt. Nicht weit von dieſer Brucke ſteht ein gut erhaltener Triumphbogen, welchen die Mauren Caſſir Gou⸗ lah, Schloß der Rieſen, nennen; er beſteht aus drei Bogen, deren Einfaſſung und Frieſe mit Blumen, Waffen und mehreren Zierrathen verſehen ſind. Die Saͤulen und Pilaſter, welche den Fronton tragen, ſind von korinthiſcher Ordnung. 3 Das Innere von Konſtantine hat wenig Merk⸗ wuͤrdiges; der Palaſt des Bey unterſcheidet ſich wenig von einem Privatgebaͤude. Die Gegend um Konſtan⸗ tine iſt ausnehmend fruchtbar; das Land wird gut bebaut, mit Ausnahme der ſuͤdlichen Huͤgel, welche wegen der Einfaͤlle der Berg⸗Araber Niemand bewohnen kann. Die gegen Nord gelegenen Laͤnde⸗ reien, welche man von dem hoͤchſten Theile der Stadt entdeckt, bieten dem Auge die reichhaltigſte Landſchaft dar; gegen Dſt wird die Ausſicht durch eine Reihe von Felſen, welche mit der Stadt in ungleicher Höhe liegen, beſchraͤnkt. Die uͤbrigen Staͤdte Numidiens ſind von ſehr geringer Bedeutung; uͤberall entdeckt man mehr Rui⸗ nen, als wirklich bewohnte Orte. Auf der weſtlichen Seite von Konſtantine, gegen der Wuͤße Sara, liegt Gala, eine wohlgebaute und feſte Stadt. Ein arabiſcher Fuͤrſt herrſcht hier unumſchraͤnkt, und iſt von der tuͤrkiſchen Herrſchaft unabhaͤngig. Die Bewohner derſelben ſind friedfertig; ihr groͤßter Reichthum be⸗ ſteht in Ackerbau und Viehzucht. Bugie, dicht am Meere, etwa dreißig Meilen 54 von Algier, eine ziemlich anſehnliche Stadt, iſt auf den Ruinen einer aͤltern, und dem Anſehen nach viel. groͤßern Stadt erbaut. Drei verſchiedene feſte Schloͤſ⸗ ſer dienen zur Vertheidigung der Stadt. Nicht weit von Bugie bearbeitet man einige ſehr betraͤchtliche Eiſen⸗Bergwerke, aus welchen die Einwohner Pflug⸗ ſcharen und aͤhnliche Ackergeraͤthe verfertigen. Der Naſava fließt an der Dßſeite der Stadt, und er⸗ gießt ſich bald in das Meer; er nimmt ſeinen Ur— ſprung bei Jibbel⸗Deera, und wird durch die Men⸗ ge kleiner Baͤche, welche er waͤhrend ſeines Laufes laͤngs des Berges Jurjura aufnimmt, ein anſehnli⸗ cher Fluß. Zwiſchen Kalo und Bonne liegt der Drt Sto⸗ ra mit einem guten Ankerplatze. Man haͤlt Stora fuͤr das alte Ruſicada; man findet hier nicht un⸗ wichtige Alterthuͤmer, welche aber zu beſuchen dem Fremden wegen der Grauſamkeit der Einwohner ge⸗ faͤhrlich iſt. Mit Herrn Peyron ſchiffte ich nach der Inſel Tabargue, auf welcher er Agent iſt. Die verſchie⸗ denen Gegenſtaͤnde, welche die Kuͤſte darbietet, ſind außerordentlich angenehm, und die Abwechslung, wel⸗ che man beſonders in den Felſen⸗Gruppen bemerkt, machen die Ausſicht im hoͤchſten Grade mannigfaltig. Niemand jedoch darf laͤngs dieſer Kuͤſte wagen zu lan⸗ den, denn der Tod von Seite der Mauren iſt ihm gewiß. Bei großen Stuͤrmen verſammeln ſich die Ein⸗ 55— wohner am Strande, nicht aber den Sturm leidenden Seefahrern zu helfen, ſondern um aus der Noth der⸗ ſelben Nutzen zu ziehen. Unter die merkwuͤrdigſten Gegenſtaͤnde laͤngs der Kuͤſte rechne ich einen, etwa einen Flintenſchuß vom ufer, in einer Ebene gelegenen Felſenklumpen, welcher eine Art runden Berges bildet, und deßwegen mon⸗ 1o rondo genannt wird. In dieſer Gegend lag das alte Tagaſte, das Vaterland des h. Auguſtin. Nur wenige Ueberbleibſel ſteht man auf dem Abhange eines kleinen Berges; uͤbrigens iſt dieſer ganze Ort mit Delbaͤumen bewachſen, aber wegen der Nachbarſchaft der Nadis gefahrlich. Von Tagaſte kamen wir bei dem Cap del'eau vorbei, ſahen das Caproux⸗ und umſegelten das Capde gallines(das Huͤhner⸗ Kap.) Die Inſel Tabargue liegt s— 6ooo Schritte vom feſten Lande, und hat im umfange eine halbe Meile. Eigentlich iſt Tabargue ein hoher Felſen⸗ welcher nach der Seeſeite ſchnurgerade abgeſchnitten iſt, hingegen nach dem Feſtlande einen ſanften Abhang bildet. An dieſem waren ehemals Wohnhaͤuſer. Der reitzende Anblick der gegenuͤber liegenden Kuͤſte, deren fruchtbare Huͤgel abwechſelnd durch angenehme Wie⸗ ſen und kleine Baͤche unterbrochen werden, die Guͤte des Himmelsſtriches machten den hieſigen Aufenthalt zu einem der reitzendſten auf Erde. Karl V. eroberte Tabargue, und befeſtigte die Inſel. Im Jahre 1743 56 ergaben ſich die Bewohner derſelben freiwillig dem Bey von Tunis. Gegenwaͤrtig ſieht man auf der Inſel Dabar— gue, außer der Zitadelle und den großen Bruchſtuͤcken von ehemaligen Feſtungswerken und Waſſerleitungen nur ſehr wenige Wohnhaͤuſer. Wegen der Korallen⸗ Fiſcherei hat die afrikaniſche Kompagnie hier einen Agenten; kein Chriſt darf ſich der tuͤrkiſchen Zitadelle auf Tabargue naͤhern. Waͤhrend meines Aufenthal⸗ res auf der Inſel ließ der Aga der Zitadelle der tur⸗ kiſchen Wache s0o Stockpruͤgel geben, weil einige Chriſten bis in das Innere der Zitadelle vorgedrungen waren. Der Felſen von Tabargue iſt nach ſeiner Natur ein grobkoͤrniger, gelblicher Sandſtein, welcher hin und wieder in den Spalten Spuren von Eiſen und roͤthlichem Bcker zeigt. Er beſteht aus unfoͤrmlichen, ohne Drdnung auf einander liegenden Maſſen. Die Spalten ſind ebenfal's ſehr unregelmaͤßig, ſowohl in dem Sandſteine, als auch in einigen Thonlagern, und ſtellen nicht ſelten kubiſche Abloͤſungen vor, welche ei⸗ nige Aehnlichkeit mit großen, unordentlich gelegten Bruchſteinen haben, welche an manchen Stellen durch eine eiſenhaltige Kitt verbunden zu ſeyn ſcheinen. Eine aͤhnliche Bildung der Felſen bemerkte ich in der Ge— gend um La Kalle, und laͤngs der ganzen Kuſte ſie ſehen in der Entfernung einem alten Gemaͤuer gleich. Die Felſen von Tabargue ſitzen auf einem 57 grobblaͤtterichen Thonſtein auf, welcher etwas kalkartig iſt, hin und wieder vielen Sand enthaͤlt, und an man⸗ chen Stellen auf der Oberſaͤche ſchuppig iſt. Die gan⸗ ze Inſel iſt mit einer dicken Lage guter Garten⸗Erde verſehen. Den Tag nach meiner Ankunft zu Tabargue machte ich einen Spaziergang auf das feſte Land, um die Ueberbleibſel der ſehr alten Stadt Tabrarea zu ſehen. Ich fand nichts als einige alte, groͤßtentheils eingefallene Mauern, mehrere zertruͤmmerte Saͤulen und aͤhnliche Ruinen, wie zu Karthago, Hippon und andern Staͤdten der Berbarei. In der Mitte dieſer Ruinen ſteht genannte tuͤrkiſche Feſtung. Der ziemlich betraͤchtliche Fluß Zaine floß ehemals hart an der Stadtmauer von Tabrarea vorbei. Als ich einige Tage nachher die reitzende umlie⸗ gende Gegend, und beſonders die hinter den Hügeln von DTabrarea gelegenen Laͤndereien naͤher unter⸗ ſuchte, und zwiſchen den mit Dornen dicht bewachſe⸗ nen Felſen umher kletterte, gerieth ich von ungefaͤhr in ein Thal. Eine friſche Quelle, welche zwiſchen den Felſen ſich hervordraͤngte, und mit Dleander⸗Straͤu⸗ chen dicht bewachſen war, bildete mit ihrem Geſtraͤu⸗ che eine ſehr angenehme Laube gegen die Hitze der Sonne. Obgleich es um die Mitte des Januar war, ſo ſahen wir doch den Boden mit jungem Raſen be⸗ deckt, und eine Menge Blumen einer ungemein ſchoͤ⸗ nen Axt von Caealia verbreiteten einen ſehr angeneh⸗ 58 men Duft. Dieſes Thal bildete verſchiedene Kruͤm⸗ mungen, und fuͤhrte mich zuletzt auf eine unabſehbare Ebene, welche auf allen Seiten mit Huͤgeln umgeben, dem Auge eine, uber alle Beſchreibung erhabene, herr⸗ liche Ausſicht darbot. An dieſem bezauberten Drte traf ich zu meiner nicht geringen Verwunderung keine lebende Seele an. Einiges Gemaͤuer und eine Menge bearbeiteter Steine bewieſen jedoch, daß hier ehemals eine geſittete Nation gewohnt habe. Was mich aber am meiſten in Verwunderung ſetzte, waren in einen Felſen gehauene Kammern von etwa 4 Fuß Höhe und Liefe und glei⸗ cher Breite, an welchen man die Arbeit des Meiſels ſehr deutlich erkennen konnte. Die vordere Deffnung, welche etwa 2 Fuß im Dundrat betrug, glich einem Fenſter mit einem Vorſprunge. Der hintere Theil einer jeden dieſer kleinen Kammern endigte ſich in eine 2 Zoll dicke Niſche, deren Hoͤhe ungefaͤhr einen Fuß, und deren Breite 6 Zoll haben mochte. Alle die ſe Kammern,(ich ſah fuͤnf oder ſechs), waren durchge⸗ bends in dem hoͤchſten Theile des Felſens; einige ſo⸗ gar an ſchwer beizukommenden Stellen gelegen. Der innere Theil dieſer Kammern iſt dunkel, faſt ſchwarz. Der Fels, in welchen dieſe Kammern gehauen waren, ſchien mir ein grober, aber ſehr feſter Sandſtein ge⸗ weſen zu ſeyn. Zu welchem Zwecke dieſe Kammern errichtet worden ſeyn mochten, konnte ich nicht ent⸗ ziffern. Unter dem Schutze Ali⸗Bey's ſtellte ich einige botaniſche Ausfluͤge an. Mein erſter Ritt war zu den Zulmis. Nicht weit von Ali⸗Bey's Gaͤrten ſtiet ich auf einen ziemlich großen See, und ſchoß auf dem⸗ ſelben einige Kourlis, wilde Enten und Reis-Huͤh⸗ ner. Auch fand ich einige ſchoͤne Arten von Cuperus, von Ranunkeln, Anemonen und Zwiebel⸗Gewachſen; ferner erblickte ich ſchoͤne Lauben von Clematis Cirr- hosa, welche an den feuchten Plaͤtzen, auf welchen ſie wuchſen, ſchoͤne Guirlanden bildeten. Spergula arvensis, Anthirrnum reflesum überall ꝛe. Dieſes ganze Land gewaͤhrte eine ununterbrochene Abwechſe⸗ lung; die Ebenen ſind wohlbebaut, und die etwas ſandigen Huͤgel mit Strauchwerk reichlich bedeckt. Bei den Merdaß, einem zahlreichen und unter dem Bay von Konſtantine ſtehenden arabi⸗ ſchen Stamme entdeckte ich in den Vergen, welche die Ebene von Mazvule einſchließen, einige lau⸗ warme Duellen, deren Waſſer weder herbe, noch ſaͤuerlich ſchmeckte; auch wurde die Farbe deſſelben durch ein Gallaͤpfel⸗Dekokt nicht veraͤndert. Bei mei⸗ ner Zuruͤckkunft gerieth ich mit meinem Pferde in einen ziemlich tiefen Moraſt; gluͤcklicher Weiſe zeig⸗ ten mir Araber eine ſeichte Stelle im Fluſſe Ma Fragg; er faͤllt 4 Meilen hinter Bonne in die See, und heißt dort von einem arabiſchen Stamme, welcher laͤugs deſſen ufer wohnt, Seibaß. Ich halte ihn fuͤr den Rubriegtus der Alten; erentſpringt in 60 den ſuͤdlichen Bergen der Merdaß. Der Seibaß iſt bei ſeiner Muͤndung in das Meer breiter, als die Seine. Bei meiner Zuruͤckkunft zu Ali⸗Bey ſchickte ich mich zur Reiſe nach dem Cap Roſe an. Der ganze Weg ging durch ſandige Thaͤler, in welchen nur ein⸗ zelne Korkbaͤume ſich befanden. Einige, ſeitwaͤrts lie— gende, hohe Felſen ſchienen der Aufenthalt wilder Thiere zu ſeyn. Auf dem ganzen Wege litten wir Mangel an friſchem Waſſer; obgleich wir uns erſt im Monate Februar befanden; ſo war die Hitze doch ſchon unausſtehlich. Nichts gleicht dem Vergnuͤgen, ein ſchoͤnes, klares Waſſer, nach einer beſchwerlichen Reiſe, als wir gemacht hatten, langſam einzuſchluͤrfen. Das Cap Roſe bietet nichts Merkwuͤrdiges fuͤr einen Na⸗ turforſcher dar. Auſſer einem grobkoͤrnigen Fels, wel⸗ cher eine Art von Filtrirſtein zu ſeyn ſchien, auf wel⸗ chem ſich einiges alte Gemaͤuer erhalten hatte, und einer Menge Bruchſtuͤcke von Schalthieren laͤngs der Kuͤſte, welche hier eine unbedeutende Bucht bildet, fand ich nichts, was die Beſchwerden einer ſo muͤh⸗ vollen Tagereiſe lohnen konnte. Vom Cap Ro ſſe begab ich mich nach La Kalle zuruͤck, wurde aber, da ich kaum eine Stunde auf dem Wege war, von einem ſtarken, mit Hagel und Donner vermiſchten Regen uͤberfallen, und bis zum Gehoͤlze von Freje begleitet. Ich war faſt eine Meile in demſelben, als dieſes Wetter ſich in einen 61 volligen Orkan verwandelte, und Baͤume theils zer⸗ brach, theils umwarf, und mich in nicht geringen Schrek⸗ ken verſetzte. Mit großer Muͤhe erreichte ich das Ende dieſes Waldes. Faſt alle Baͤume laͤngs dieſer Kuͤſte neigen ſich nach Suͤd-Dſt, obgleich der gewoͤhnlichſte Wind, welchen man hier bemerkt, aus Nord⸗Wett kommt. Dieſer Bemerkung zu Folge, fragt es ſich, ob man in großen Laͤndern aus der Richtung der Baͤu⸗ me nicht auch den Lauf der gewoͤhnlichen Winde beur⸗ theilen koͤnne? Der Wald von Freje hat beinahe 2 Meilen in der Laͤnge, liegt eigentlich in einem ziemlich breiten, aber ſandigen Thale, und die gemeinſte Baumart iſt der Korkbaum. Trotz der unangenehmen Witterung fand ich mehrere Swiebel⸗Gewaͤchſe in der Bluͤthe, auch einige ſchoͤne Orchides. Die ſchreckliche Niederlage, welche die Peſt in Konſtantine angerichtet hat, uͤberſteigt alle Be⸗ griffe. Die Stadt Tunis iſt um ein gutes Drittheil vermindert, die Inſel Tabarque zweimal bevoͤlkert, und eben ſo oft ihrer Einwohner beraubt worden. Ei⸗ nige Drte ſind voͤllig oͤde und verlaſſen; an vielen Stellen ſieht man die Erndte vertrocknen, weil Nie⸗ mand dieſelbe einſammeln kann. Eine ungeheure Menge von Vieh verſchiedener Art irret auf den Feldern und ohne Beſitzer umher. In mehreren Douaren fand ich außer den verweſeten Leichnamen keine Einwohner. Der ſonſt zahlreiche Stamm der Ouled⸗Amours 62 war bis auf 15 Mann aufgerieben, welche der Seuche entgangen waren. Es wird nicht undienlich ſeyn, ſchreibt Poiret, einen Blick auf die beiden Staaten von Algier und Tunis zu werfen, deren Regierungsart von den mei⸗ ſten Geographen und Geſchichts-Schreibern verwech⸗ ſelt wird, ſo verſchieden ſie auch uͤbrigens ſind. Tu⸗ nis iſt ein monarchiſcher Staat, in welchem die Thron⸗ folge vom Vater auf den Sohn uͤbergeht. Der Bey von Tunis, obgleich ganz unabhaͤngig vom Dey zu Algier, ſchickt doch jaͤhrlich einen Tribut nach Al⸗ gier, deſſen Macht er fuͤrchtet. Algier iſt als eine Revublik zu betrachten, deren Pberhaupt gewaͤhlt wird; bei der Wahl geht es ſehr ſtuͤrmiſch zu. Der Dey wird gewöhnlich aus der Mitte der vornehmſten Pffiziere gewaͤhlt; oft bilden ſich Partheien, welche den Erwaͤhlten morden, und einen von ihren Anhaͤn⸗ gern an die Spitze der Regierung ſtellen. Zu Algier kann der geringſte tuͤrkiſche Soldat zur Regierung ge⸗ langen; zum Beweiſe dienet der jetzige Dey, wel⸗ cher ehemals gemeiner Soldat und Schuſter zu Kal⸗ lo war. Algier iſt vermoͤge ſeiner Lage faſt unuͤberwind⸗ lich; da es am Abhange eines Berges gebaut iſt, ſo kann man von der Landſeite durch einige ſehr tiefe Hohlwege gehen, welche von wenigen Soldaten ver⸗ theidigt werden können. Von der Seeſeite iſt der Ha⸗ fen durch drei ſtarke Batterien vertheidigt. Die Be⸗ 63 wohner von Algier fuͤrchten ſich wenig vor einem Bombardement: denn die meiſten koͤnnen eben ſo gut in Zelten, als zwiſchen vier Mauern wohnen; ſind ſie aber nicht im Stande, aus eigenen Mitteln ihre zer⸗ ſtörten Haͤuſer zu bauen, ſo laͤßt der Dey dieſelben auf ſeine Koſten wieder herſtellen. Aus dieſem Ge⸗ ſichtspunkte muß man die Antwort des Dey betrach⸗ ten, welche er dem Engliſchen Geſandten gab. Als dieſer naͤmlich wegen Beleidigung eines engliſchen Schiffes mit der Beſchießung von Algier drohte, erkundigte ſich der Dey nach den Koſten der Unter⸗ nehmung. Da der Geſandte eine gewiſſe Summe an⸗ gab, erwiederte der Dey: Gut! wenn dein Herr mir nur die Haͤlfte giebt, ſo verſpreche ich ihm Algier voͤllig ſchleifen zu laſſen; weiter erhielt der Geſandte keine Antwort. Die Regierung zu Algier handhaben eine kleine Anzahl von Tuͤrken, welche vom Hofe zu Kon⸗ ſtantinopel eigentlich unabhaͤngig ſind. Sie er⸗ nennen die verſchiedenen Bey's in den feſten Plätzen des Landes, z. B. zu Konſtantine, Mascara und Tremecenz ſie ſind aber verpflichtet, wenigſtens alle 2 Jahre dem Dey von Algier ſehr anſehnliche Tribute in eigener Perſon zu bringen; mißfallen ſie dem Dev, ſo wird ihnen gewoͤhnlich bei dieſer Gele⸗ genheit ohne weitere Unterſuchung der Kopf abge⸗ ſchlagen. Alle Bey's haben eine ziemliche ſtarke An⸗ zabl tuͤrkiſcher Soldaten zu ihrem Befehle. Als 64 Scheiks nimmt man gewoͤhnliche Renegaten, oder Sklaven des Bey, oder auch Mauren. Wenn nun dieſe Scheiks ihren Vorgeſetzten die beſtimmten Ab⸗ gaben entrichten, ſo koͤnnen ſie das Volk behandeln, wie es ihnen beliebt; ſie koͤnnen es berauben, die Heer⸗ den wegnehmen, die Wohnungen vernichten, und de⸗ ren Bewohner ungeſtraft toͤdten. Bei den nomadiſchen Voͤlkern der Berbarei gibt es keine Criminalgeſetze, durch welche Vergehen oder Ungerechtigkeit beſtraft werden. Die Rache iſt jedem Beleidigten erlaubt; in den Staͤdten wendet man ſich an den Kadi, welcher jederzeit gleich beſtraft; die Strafe haͤngt jedoch von der Willkuͤhr des Klaͤgers ab, und meiſtens iſt fuͤr einen Reichen die Geldſtrafe ge woͤhnlich. Poirets verſchiedene Bemerkungen uͤber die Wei⸗ ber der Mauren, uͤber die Hochzeit- und Begraͤb⸗ niß⸗Feierlichkeiten, ſeine Beobachtungen in Betreff der Veſt, enthalten nichts Neues, was wir nicht ſchon in fruͤhern Baͤndchen ber die Tuͤrkei angegeben haͤtten; ſie koͤnnen daher mit Recht uͤbergangen wer⸗ den. An die Spitze ſeines„Verſuches einer numidi⸗ ſchen Naturgeſchichte“ ſtellt Poiret den praͤchtigen nu⸗ midiſchen Lowen; ihm folgen der Panther, der unte, der Luchs, der Karakal, die Hyaͤne, der Wolf. der Fuchs, der Schakal, die Tigerkatze, der Ichnen⸗ mon, das wilde Schwein, der Baͤr, der Igel, der — Birſch, die Gazelle, das Kamel, der Stier, das Schaf, die Ziege, das Pferd, der Affe, die Nobbe u. ſ. w. Nicht allein die Bewohner der numidiſchen Waͤl⸗ der werden durch eine Menge Raubthiere verfolgt, auch die Bewohner der Luftgeſilde haben an perſchie⸗ denen Raubvoͤgeln ihre Feinde. Hier ſpielt der Adler die⸗ ſelbe Rolle, welche dort demLoͤwen ausſchl eßlichzukommt. Der Beſchreibung der Vögel ſchließt ſich die Schilde⸗ rung der Juſekten, Schalthiere und Pflanzen Numi⸗ diens an; das Wert ſchließen einige Andeutungen uͤber Mineralogie, weil eine nähere Unterſuchung des Erdreiches dem Beobachter nicht moͤglich iſt, indem er entweder fuͤr einen Landes⸗ Verraͤther, oder für einen Schatzgraͤber gehalten, und in beiden Faͤllen das Leben verlieren wuͤrde. 34. B. Afeika. II. 6 * Thomas Magill's neue Reiſe nach Tunis, in dem Jahre 1808. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von M. H. Schilling. Se etwa 10 Jahren riſſen die Bey's die hoͤchſte Gewalt zu Tunis an ſich. Waͤhrend dieſer Zeit litt die Regierung verſchiedene Umwaͤlzungen; die verſchiedenen Partheien und Raͤnke im Staate ſetzten Herrſcher auf den Thron, und wieder ab. Erſt nach der Flucht des entthronten Dey Mahmet Tſchelebi hat die Herrſchaft der Bey's eine feſte Geſtalt zu gewinnen angefangen. Die Bruͤder Muh⸗ met und Ali-Bey bildeten aus den Truͤmmern der Regierung des Dey's eine erbliche Oberherrſch. Der jetzige Bey, Hamuda Paſcha, der alteſte Fohn Ali Bey's, beſtieg in dem Lodesjahre ſeines Vaters 1752, den Thron. Er iſt ein ſchoͤner Mann 67 und ſeine Geſichtszuͤge tragen den Charakter eines fei⸗ nen und durchdringenden Verſtandes. Er hat viele natuͤrliche Anlagen, ſpricht, ließt und ſchreibt arabiſch und tuͤrkiſch, und druͤckt ſich mit Leichtigkeit in der Sprache der Franken aus. Er iſt vertraut mit der Verſtellungskunſt, und ſpielt, wenn es die umſßtaͤnde verlangen, ſeine Rolle als vollkommener Schauſpieler. Im Betreffe ſeiner Regierung iß er ein reiner Barbares⸗ ken⸗Herrſcher. Doch genaß nie Tunis eine vollkom⸗ menere Sicherheit in Ruͤckſicht auf aͤußere Feinde; auch lerten die Einwohner in keiner groͤßern Unab⸗ haͤngigkeit, als unter ſeiner Regierung. Mit ſeinem Bruder und ſeinen Neffen lebt er in dem freundſchaft⸗ lichſten Verhaͤltniſſe. Jedoch iſt dieſes nur Klugheit; denn da in dieſem Lande beſtaͤndig Empoͤrungen zu fuͤrchten ſind, ſo haͤlt es dieſer Fuͤrſt fuͤr klug, ſeine Verwandten beſtändig unter ſeinen Augen zu haben. „Der Bey iſt kinderlos, und bringt wenig Zeit in der Geſelſchaft der Frauen zu; in ſeiner Jugend war er dem Dienſte des Bachus ſehr ergeben, welchen Fehler er aber in der Folge vermied 6 Ehedem unterdruͤckten die Statthalter ungeßraft das Volk, jetzt hat jeder Bauer freien Zutritt zu dem Fuͤrſten, und erhaͤlt bei gerechten Anſpruͤchen Genug⸗ thuung. Ehemals waren die Ae nter in den Haͤnden der Tuͤrken; jetzt achtet der Bey auf keinen derſelben, und regiert durch ſich felbſ. Seinen Hof bilden Renegaten und Sklaven. Vor etwa ſechzehn Fahren brach eine Verſchwoͤrung gegen ihn aus, welche ihm beinahe das Leben gekoſtet haͤtte. Die genannten Hoͤflinge ſind Menſchen, welche zu allen Schandthaten faͤhig ſind. Die Moren im Staate Tunis ſind unwiſſend, ſtolz, liſtig, betruͤgeriſch und undankbar. Die Rach⸗ ſucht iſt eine der herrſchenden Leidenſchaften in dieſem Lande; ein Mor vergißt nie eine Beleidigung, und bietet allen Scharfſinn auf, ſeinen verborgenen Haß zu ſaͤttigen. So ſorgfaͤltig die Moren das Andenken an erlittenes Unrecht bewahren, ſo leicht und ſchnell vergeſſen ſie geleiſtete Dienſte. Den ſchmutzigſten Geitz haben alle Klaſſen der Moren mit einander gemein. Bei den unterſten Stoͤnden kann man keine Kopf⸗ ſtener(gharama) erhalten, wenn ſie nicht zuvor Stock⸗ ſchlaͤge erhalten haben. Als ein Europaͤer einem Auf⸗ tritte der Art beiwohnte, und den Geſchlagenen fragte:„ob es nicht beſſer waͤre, ohne ſo viele Um⸗ ſtaͤnde zu bezahlen? rief der Mor aus: Wie, ich ſollte meine Steuer bezahlen, ohne Stoelſchlaͤge es⸗ halten zu haben!“ Der Bey von Tunis kann jederzeit ein Heer von 40— 50,000 Mann verſammeln, von welchem mehr als drei Viertheile aus Reiterei beſteht. Er hat etwa 6000 Luͤrken in ſeinem Dienſte, welche fuͤr beſ⸗ ſere Soldaten, als die einheimiſchen gehalten werden. Dieſe Truppen ſind aber nichts anders, als eine Bande von Raͤubern, welche nur gegen Truppen der⸗ 69 3 ſelben Art im Kampfe gut ſind; ſie wuͤrden aber nicht gegen ein Zehntel geuͤbter Truppen Stand halten. Eine genaue Ueberſicht von der Bevoͤlkerung von Tunis zu erhalten, geſtattet die Natur des Landes nicht. Die Zahl der Einwohner muß wegen der her⸗ umziehenden Lebensart, welche ein großer Theil von ihnen fuͤhrt, einem beſtaͤndigen Wechſel unterworfen ſeyn. In der ganzen Ausdehnung der Barbaresken⸗ Staaten ſieht man nichts als nomadiſirende Hor⸗ den unablaͤſſig von einem Orte zum andern ziehen, und in einer Gegend nur ſo lange verweilen, als ſis Weiden darbietet. In einem Lande, wo die Betriebſamkeit durch Bedruͤckungen aller Art beſtaͤndig gehemmt, oder ver⸗ derblichen und haͤufigen Unterbrechungen ausgeſetzt iſt; wo Eigenthum, Freiheit, Leben ungewiſſe Gäter ſind; wo die Annehmlichkeiten des haͤuslichen und buͤrger⸗ lichen Lebens faſt unbekannt ſind; wo die Verderbt⸗ heit der Sitten die hoͤchſte Stufe erreicht hat; wo die Erwerbsmittel oft ungewiß und ſchwierig ſind; muß die Bevoͤlkerung eher ab, als zunehmen. Die Bevoͤlkerung des Reiches von Tunis kaun auf 2 1/2 Million geſchätzt werden, naͤmlich 7000 in der Levante geborne Tuͤrken; 100,000 Juden; 7005 Chriſten, ſowohl Freie als Sklaven; die Uebrigen ſind Moren(Eingeborne) und Renegaten;— Von Holk gibt die gegenwaͤrtige Bevoͤlkerung des Reiches Tu⸗ nis, nachdam die Peſt 780,000 Men ſchen hiuwegge⸗ 7⁰ rafft hat, auf drei Millionen und die Volkezahl der Stadt Tunis auf 130,000 Seelen an. Die Anzahl der Araber uͤbertrifft die der Moren. Die Angahl der Chriſtenſklaven belaͤuft ſich faſt immer auf 1600 bis 2000, von welchen gewoͤhnlich zwei Drittheile Neapolitaner ſind. Die Stadt Zunis liegt ſechs engliſche Meilen weiter landeinwoaͤrts, als der innerſte Theil des Meerbu⸗ ſens, welchem ſie, ſo wie dem großen See, der ſie vom Meere trennt, den Namen gibt. Ste iſt mit einer elenden, aus Erde und Stein aufgefuͤhtten Mauer um— geben. Die Haͤuſer, aus Stein erbaut, ſind von einer armſeligen Bauart. Kein einziges Gebaͤude iſt in der Stadt, welches einer Beſchreibung werth waͤre. Sie Smaßen ſend enge, kothig, und ohne Pflaſter; die Ba⸗ zars und Buden gewahren einen duͤrftigen Anblick; die Einwohner ſtellen das Bild des Elends und der Bedruͤckung dar. Die in dem obern Theile der Stadt erbaute Zi⸗ tadelle(Kazba) iſt ein Werk der Spanier, welche unter Karl V. Herren des Landes waren. Der Hafen von Tunis liegt an der Goletta, durch welche die Rhede mit dem See in Verbindun ſtcht. Zwei zur Zeit Karls V. von den Spauiern erbaute, bedeutend feſte Schloͤſſer zur Verheidigung der Goletta ſind in ziemlich gutem Zuſtande. Der Plan des Bey, den See, welcher ſich taͤglich von dem Unrathe der Stadt mehr anfullt, austrocknen zu laf— ſen, wurde durch verſchiedene Hinderniſſe gehemmt. An die Stelle des Sees ſollte ein Kanal geleitet wer⸗ den, welcher tief genug waͤre, beladene Schiffe auf⸗ zunehmen, und bis an den Fuß der Stadt zu hringen, wo man dann einen ſchweren, fuͤr die Kauffahrtei⸗ Schiffe ſowohl, als fuͤr die Kriegsflotte geraumigen Hafen gegraben hätte. Dieſer Plan mußte aufgegeben werden, und der Bey bennoͤgte ſich, an der Goletta einen kleinen Hafen anlegen zu laſſen. In dieſen kommen die leichten Fahrzenge durch einen ſchoͤnen ſteinernen Ka⸗ nai, welcher allzeit 15 Fuß Waſſer hat. Wegen der untauglichkeit des Hafens von Tunis ſuchen die Kriegsfahrzeuge einen ſichern Zufluchtsort zu Por⸗ to Farina. Die Kauffahrteiſchiffe bleiben in der Rhede, auf einem guten Ankerplatze von 6—7 Klaf⸗ tern Tiefe, und bedienen ſich zum Weiterbringen ih⸗ rer Ladungen großer Kaͤhne mit lateiniſchen Segeln und Rudern(Sandals.) Die Fahrzenge, welche ſich im Hafen der Goletta vor Anker legen wollen, muͤſſen die Erlaubniß dafuͤr mit drei ſpaniſchen Piaßern taͤglichen Ankergeldes bezahlen. Der See zwiſchen Tunis und der Goletta iſt laͤnglich rund, und kann zwanzig Meilen(nach Andern nur fuͤnf Meilen) im Umfange haben In dem See ſind ſchlechte Fiſche, und auf ſeiner Dber⸗ flaͤche halten ſich Seervoͤgel gewoͤhnlicher Art auf. 72 Man gibt die Bevoͤlkerung von Tunis auf mehr als 150,000 Scelen an„und man glaubt, daß ſie ſich vor der großen Peſt, welche etwa 130,000 Menſchen wegraffte, auf 200 000 belaufen habe; es iſt aber ſehr ſchwierig, eine Berechnung dieſer Art mit einiger Getitheit zu behaupten. Wie dem auch ſey, die Stadt iſt außerordentlich volkreich. Der Himmelsſirich von gunis iſt einer der ſchoͤnſten von der Welt. Der Boden koͤnnte die mei⸗ ſten der koſbaren Lebens⸗Genuͤſſe, welche Europa aus ſo weiter Ferne holt, in Fuͤlle erzeugen. In einiger Entfernung von der Stadt und dem See iſt die Luft geſund. Faſt in dem ganzen Lande iſt das Quellwaſ⸗ ſer warm und ſalzig; es gibt aber auch Quellen klaren und vorzuglich guten Waſfers, namentlich zu Zauan, einem Drte, welcher 60 Meilen weit vermittelſt einer, auf mehreren Tauſend Bogen ruhenden Waſſerleitung Karthago das Waſſer lieferte. Das Trinkwaſfer. in Tunis wird in Ziſternen geſammelt. Die warmen Duellen bieten beruͤhmte Baͤder zur Heilung vieler Krankheiten dar; die Waͤrme einiger derſelben kommt der Hitze des ſtedenden Waſſers gleich. Im Sommer und Herbſte regnet es ſehr ſelten; ge⸗ woͤhnlich fällt der Regen gegen Mitte Oktobers. Dauert die feuchte Wittetung bis zum April, ſo genießt das Land einen erſtaunlichen Ueberfluß; das Getraide und der Delbaum belohnt die Moͤhe des Landmannes; die Natur bereitet die reichſten Leppiche uͤber die Fluren, 73 und die Heerden weiden im Schooſe des Ueberfluſſes. Gegen Ende Aprils beginnt die Aernte im Oſt⸗Be⸗ zirke; in dem weniger ergiebigen Weſt⸗Bezirke iſt ſie faſt um zwei Monat ſpaͤter. Bleibt der Regen bis Januar aus, ſo wird das Feld trocken und un⸗ fruchtbar, die Olve bleibt klein und runzlich, und die Heerden ſterben aus Mangel an Weide. Dieſes ereignete ſich in der ſchrecklichen Hungersnoth 1808, woͤhrend welcher Menſchen und Vieh zu Tauſenden ſtarben. In den fuͤdlichſten Theilen des Landes iſt der Regen ſehr ſelten, beſonders in dem Beled⸗el-Dge⸗ rid(Datteln⸗-Land).— Die große Viehzucht in der Umgegend von Du⸗ nis verdient dieſen Namen kaum. Das ganze Land hat Ueberßuß an Wildprett; das rothe Rebhuhn iſt iſt ſehr gemein, hat aber wenig Geſchmack. Im All⸗ gemeinen haben Fiſche und Wildprett nur eine mit⸗ telmaͤßige Guͤte. Die Pferde u Tunis ſtehen den engliſchen und franzoͤſtſchen weit nach; die Maulthiere und Eſel ſind ſehr gut und ſiark im Gebrauche. Ein gutes Pferd koſtet 700— 1000 Landes⸗Piaſter(1 Piaſter= 30— 34 Sons); ein gutes Maulthier gilt nicht weniger, oft mehr, und ein Eſel kommt bisweilen 400— 450 Piaſter zu ſtehen. Die Kamele ſind im ganzen Reiche ſehr im Gebrauche. Sonſt lebte man in Tunis ſehr wohlfeil. Nachk⸗ dem aber der Krieg mit Algier den Verkehr zwi⸗ ſchen beiden Laͤndern unterbrochen, und die Einfuhr der Lebensmittel, beſonders des Zugviehes, aufgehoͤrt hat, ſo iſt der Preis der Lebensmittel, auf das Doppelte geſtiegen. Das Koͤnigreich Tunis liefert der Wifbegierbe des Philoſophen und Aiterthumsforſchers reichen Stoff; der Landſtrich zwiſchen Tunis und dem Vor⸗ gebirge Karthago iſt von Spuren des Aiterthums ganz bedeckt. Die Druͤmmer der ungeheuern Waßer⸗ leitung, welche aus Zauans Gebitgen der Stadt das Waſſer zufuͤhrten, bezeichnen noch die Stehe, welche dieſer Bau vom Behälter bis zum Orte ſeines Urſprungs einnahm. Dieſe Entfernung betroͤgt nach dem Bogen 60 Meilen, in gerader Richtung kaum uͤber die Haͤlfte. Die Ziſternen ſitd noch vorhanden. — Nicht weit von dieſen gegen das Meer eikennt man einen großen Tempel noch aus ſeinem Schutte. Die unterirdiſchen Gaͤnge deſſelben, obgleich ſeit ſo vielen Jahrhunderten die Winterregen hineinſpuͤhlen, geſtatten den Reiſenden doch noch, in ihnen ſehr weit vorzudringen. Sie zu durchlaufen iſt gefahrvoll, theils wegen Mißtrauens der Regierung, theils wegen der Menge der Schlangen und Skorpionen, von welchen das Land heimgeſucht iſt. Die Stelle, welche Kar⸗ tbagv einnahm, iſt ganz mit unterirdiſchen Truͤm⸗ mern angefuͤlt. 75 Por nicht langer Zeit entdeckte man ein aus meh⸗ reren Gemaͤchern beſtehendes, und ziemlich gut erhal⸗ tenes Gebaͤude; an der Decke der einen Stube ſieht man noch Malereien. Da das Land keinen ſchoͤnen Mar⸗ mor liefert, ſo it zu vermuthen, daß Karthago nur aus gewoͤhnlichen Steinen und Moͤrtel erbaut war. Die Felder ſind mit Porphyr und antiken Bruch⸗ ſchiefer-Stuͤcken bedeckt, welche 1/½ Zoll Dicke und 2—3 Zoll in das Gevierte haben; die Mauern wa⸗ ren wahrſcheinlich damit belegt, und es ſcheint, daß die oberen Boͤgen mit einer groben Muſſiv⸗Arbeit, von Marmor an einigen Stellen, an andern von Kom⸗ poſition, bekleidet geweſen ſind. Bei den untern Ziſternen iſt das Fort St. Lud⸗ wig. In dem, auf dem Girfel des Berges Kap⸗ Karthago gelegenem Dorfe Sidi⸗bu-Said ſieht man das Grabmal des heil. Ludwig, welches gegen⸗ waͤrtig als Signalthurm dient. Der Berg Gamart weſtlich von Karthago laͤßt noch die kenntiichen Spuren einer alten geraͤumigen Katakombe ſehen, aber Niemand wagt ſich hinein, obgleich ſie au meh⸗ reren Stellen offen iſt Auf dem Gebirge Zauan ſieht man die praͤchti⸗ gen Truͤmmer eines alten Temzels, und zu Utika (Porto⸗Farina) ſind die Truͤmmer eines Gebaudes, welches Kato bewohnt haben ſoll. Alte Muͤnzen, beſonders roͤmiſche, eben ſo ge⸗ ſchnittene Steine, ſind in dem Lande nicht ſelten. 76 Die in Tunis anſaͤßigen Chriſten treiben einen thaͤ⸗ tigen Handel mit denſelben. Die Einkaͤnfte der Tuniſchen Regierung ſchaͤtzt man auf 24 Millionen Landes⸗Piaſter(etwa 40 Mil⸗ lionen Franken). Die Quellen derſelben ſind: der Sehent von Hliven, vom Getreide und von allen an⸗ dern Gegenſtaͤnden des Bodens; die Abgaben fuͤr Er⸗ laubniß Scheine(teskeres) wegen Ausfuhr der Lan⸗ des⸗Erzeugniſſe, oder Einfuhr von Weinen und ge— brannten Waſſern; die Zoͤlle; die Ertheilung fuͤr das ausſchließliche Vorrecht, mit Lebensmitteln des Lan⸗ des Handel treiben zu duͤrfen; die Gelder fuͤr Erlang⸗ ung der Statthalterſchaften und Aemter; das Kopfgeld der Juden und der Verkauf der Sklaven. Die zufälligen Einnahmen beſtehen: in erpreßten Geldern von reichen Privaten, in gewaltſam angeeig⸗ neten Erbſchaften und in Handels-Unternehmungen. — Der Schatz des Bey ſoll ſehr bedeutend ſeyn. Unter den Sitten der Moren ſind wenige, welche nachahmungs- oder bemerkeuswerth waͤren. Ihre aͤuſſerſte Unwiſſenheit macht ſie uͤbertrieben aberglaͤu⸗ biſch, ihre Handlungen werden gewoͤhnlich nach Wahr⸗ ſagergien oder Vorbedeutungen beſtimmt. Einem Chriſten wuͤrde es das Leben kolten, wenn er eine Moſchee betraͤte. Die meiſten Heiligen in der Ber⸗ berei ſind des Verſtandes beraubte Weſen, welche un⸗ beſtraft alle Arten von Ausſchweifungen begehen. Man ſchreibt dieſen Schwaͤrmern eine Menge von 77 Wundern zu, und an ihrer Wunderkraft nur im Min⸗ deſten zu zweifeln, wuͤrde Gotteslaͤſterung ſeyn. So beſaß einer die Wunderkraft, das Grab des Propheten zu beſuchen, und binnen einer halben Stunde zuruͤck zu kommen. Ein anderer beruͤhmter Heiliger hatte das Vorrecht, in einer Nacht durch ganz Europa zu reiſen, um dort von Zeit zu Zeit 2— 300 Unglaubige zu toͤdten; nach dieſer Reiſe kommt er regelmaͤßig vor dem Anbruche des Tages in die Berberei zuruͤck. Das ſchlimme Auge iſt ein anderer Aber⸗ glaube des Landes. Bei den Türken und Moren iſt es eine ungluͤckliche Vorbedeutung, wenn eine Tiſch⸗ geſellſchaft aus dreizehn Perſonen beſteht. Das Volk in der Berberei glaubt zufolge einer alten Weiſſagung, daß an einem Freitage waͤhrend des Mittag⸗Gebetes die Chriſten ſich des Landes bemaͤchtigen wuͤrden. Deßwegen werden die Thore der Staͤdte um dieſe Zeit geſchloſſen. Beim Aufbruche eines Heeres wer⸗ den die Geſtirne um Rath gefragt; erſcheint das Ge— ſtirn glaͤnzend, ſo iſt dies eine glückliche Vorbedentung und man loͤſet eine Kanvne; iſt es aber durch Wol⸗ keu und Nebel verdunkelt, ſo haͤlt man dies fur ein trauriges Zeichen und man verſchiebt das Aufpflanzen der Fahne auf einen guͤnſtigeren Augenblick. Wenn das Lager aufbricht, opfert man gewoͤhnlich zwei Stiere in dem Augenblicke, in welchem der General voruͤber— reitet. Dieſe Feierlichkeit gilt als das Unterpfand des Sieges, und die lu⸗lu⸗lu⸗ der Zuſchauer(das Huzta der Moren) druͤcken die Wuͤnſche eines Jeden fuͤr ſeine Freunde aus. Die Moren von Tunis haben keine Verſchnit⸗ tenen zur Bewachung ihrer Frauen; dieſe werden von Sklaren bedient, und machen weniger Schwie⸗ rigkeit, ſich von Chriſten, als von Muſelmaͤnnern ſehen zu laſſen. In Gegenwart eines Juden oder ei⸗ nes entopaͤtſchen Sklaven pflegen ſie ſich nicht mit ihrem Schleier zu verhuͤllen.* Die Tuniſer haben die ſonderbare Getvohnheit, die jungen Madchen vor ihrer Vetheirathung zu mä⸗ ſten. Kaum ſind ſie entwoͤhnt, ſo werden ſie in kleine Gemaͤcher geſperrt, und ihnen an die Arme und Beine ſtarke goldene und oder ſilberne Ringe als Schmuck angelegt. Iſt das Maͤdchen fuͤr einen Wittwer oder Geſchiedenen beſtimmt, ſo gibt man ihr die Ringe der erſten Frau, und ſucht ihr eine ſolche Wohlbeleibtheit zu verſchaffen, daß ſie dieſe Ringe auszufuͤllen im Stande iſt. Das, zur Etreichung dieſes Zweckes ge⸗ eignete Mittel iſt der Saame Drugh, welcher auch noch die Muttermilch betraͤchtlich vermehrt. Mit die⸗ ſer Pflanze und dem K'sK'u genannten National⸗ gerichte pfropft man, buchſtäblich, die kuͤnftige Frau, und es ereignet ſich bisweilen, ſie mit dem Lofel in der Hand ſterben zu ſehen. Die Moren beſuchen fleißig die Graͤber ihrer Aeltern; ein Unglaͤubiger, welcher dieſelbigen zu be⸗ treten wagte, wurde hart geſtraft werden. Zu Tunis 4* ſind die Graͤber nicht mit Syßteſſen beſchattet; man pflegt da kleine Kapellen zu erbauen. Die ſchoͤnen Kuͤnſte liegen in der Betberei ganz darnieder; die PVokal- wie die Inſtrumental⸗ Muſik der Moren iſt nach hoͤchſt barbariſchem Der Bey behaͤlt ſich allein den Gebrauch einer vierraͤdrigen Kutſche vor. Nur Kutſchen mit zwei Raͤ⸗ dern ſind den Konſuln und Landeseinwohnern erlaubt. Unter den enropaͤiſchen Nationen uͤben in Tunis England und Frankreich den meiſten Ei fluß aus. Auch die uͤbrigen Nationen haben Konſuln in Tunis. Der einzige Einfluß, welchen ſie ſuchen, iſt, ſich als den Repraͤſentanten ihrer Beherrſcher Achtung und anſtaͤndige Behandlung zu erwerben. Chemals hatten die Franzoſen und ihre Schuͤtz⸗ linge allein das Recht, zu Tunis Handel zu treiben, Jetzt aber haben die Franzoſen durch uͤbel verſtandens Beſchluͤſſe, welche ihrem Handel Zwang anlegen, die⸗ ſen ausſchließlichen Vortheil verloren. Alle vermoͤgende Moren treiben Handel, welcher ſich nicht nur auf Tunis, fondern auch bis auf die Maͤrkte Europas, und hauptfächlich Maltas erſtreckt. Zu Tunis haben alle Konſuln mit Ausnahme des franzoͤſiſchen, die Freiheit, Handel zu treiben. Wenige Agenten aber benuͤtzen dieſen Vortheil, und diejenigen, welche 80 von dieſem Gebrauch machen, thun dies mehr aus Vaterlandsliebe, als aus Gewinnſucht. Kriegsvorraͤthe ausgenommen, find alle Waaren, welche zu Tunis eingefuͤhrt werden, einer nach dem Werthe beſtimmten, Abgabe unterworfen. Der Tarif iſt nach den Vertraͤgen der verſchiedenen Maͤchte mit dem Bey verſchieden. So zahlen die En glaͤnder von allen Einfuhrartikeln nur drei vom Hundert. Die Landeseinwohner entrichten von allen Sinfuhrartikeln, welche nicht aus derLevante kommen, eilf vom Hun⸗ dertz letztere ſind nur zu fuͤnf vom Hundert angeſchlagen. Der Tuniſiſche Handel iſt der bedeutendſte an der ganzen Kuͤſte der Br rberei; ob er gleich, eben wie der Handel der Nachbarſtaaten, bei weitem nicht mehr ſo bluͤhend iſt, wie fruher. Die zu Tunis gangbare Landesmuͤnze theilt ſich in Burbine, Aspern, Karruben und Piaſter. Zwoͤlf Burbine gelten 4 Asper; 6 4 Asper— 1 Kar⸗ ruben; 46 Karruben— 1 Piaſter; 4 ½ Plaſter Mah⸗ bub; Mahbub iſt eine Goldmuͤnze, welche zu Kon⸗ ſtantinopel, Alep und Kairo geſchlagen wird. Das in Handelsgeſchaͤften allein uͤbliche Geld ſind die Piaſter und Karruben.— Die zu Tunis uͤblicher Gewichte ſind: Uunzen, Rottoli und Cantars (Zentner). Sechzehn Unzen machen 4 Rottoli; 400 Rottoli 4 Cantar oder Zentner.— Das Laͤngenmaaß beißt Pieo oder Pik. Es gibt drei verſchiedene Ar⸗ 81 ten deſſelben, welche bei verſchiedenen Arten von Stof⸗ fen gebraucht werden. Die erſte Pik zum Meſſen der Leinwand betraͤgt 1o%½ engliſche Zoll. Der ſoge⸗ nannte Levant'ſche Pik, deſſen man ſich bei Waaren ohne Unterſchied bedient, iſt gleich 25 engliſche Zoll. Der dritte Pik, mit welchem man das Duch mißt, iſt gleich 27 Zoll oder 3/4 engliſche Yards. Das Getreide⸗Maaß zerfaͤllt in Zahs, Huebas und Kafis. Zwoͤlf Zahs machen 1 Hueba; 46 Hue⸗ bas— 1 Kafis. Ein Hueba guter Waitzen wird auf ein Gewicht von so Rottoli geſchaͤtzt. Das Delmaaß Metal wiegt 32 Rottoli. Der Boden von Tunis iſt reich an Erzeugniſſen, welche ſich zur Ausfuhr eignen. Die Ausfuhrartikel beſtehen in verſchiedenen Arten von Getreide, Delen von verſchiedener Guͤte, Wolle, Haͤuten, Wachs, Seife und andern minder wichtigen Gegenſtaͤnden. Zu Sunis kommen jaͤhrlich drei Karavanen aus dem Innern Afrikas anz man nennt ſie Karava⸗ nen von Gdamaſiaz ſie bringen Goldſtaub, Senes⸗ blaͤtter, Strausfedern und ſchwarze Sklaven. Von großer Wichtigkeit ſind die Karavnnen von Kon⸗ ſtantine. Die hauptſaͤchlichſten Karavanen, welche Tunis aus den entfernteſten Theilen des Reiches erhaͤlt, ſind die von Dſierba, welche im Lande ver⸗ 54. B. Afrika, JI. 4. 6 82 fertigte Wollzeuge bringen, die bei allen Staͤnden der Einwohner gleich uͤblich ſind. Die Kuͤnſte und Gewerbe zu Tunis ſind in einem Zuſtande großer Unvollkommenheit. Außer den Set⸗ fenſiedereien findet man nur drei Arten von Manu⸗ fakturen, dieſe ſind Muͤtzen⸗, Wollen⸗Zeug- und Saffi⸗ an⸗Manufakturen. Seit undenklichen Zeiten iſt Tu⸗ nis wegen ſeinen Muͤtzen(Scheſchias) beruͤhmt. Der Gebrauch dieſer Muͤtzen erſtreckt ſich auf alle Klaſſen der Muſelmaͤnner, Juden und Chriſten, welche ſich nach orientaliſcher Sitte tragen. In die wollenen Zeuge von Dſfferba, welche aus der ſchönſten inlaͤndiſchen Wolle verfertigt werden, kleiden ſich die Mohren jeden Standes. Es gibt Tau⸗ ſende von Eingebornen, deren ganze Kleidung in einer rothen Muͤtze, und einer Art großer weißer Decke beſteht, welche ſie in mehreren Falten um ihren Koͤrper wer⸗ fen; Andere haben Turbane und wollene Leibroͤcke; die meiſten tragen einen Mantel(B'runus). Die Frauen huͤllen ſich in ein Kleid von duͤnnem Wollen⸗ zeuge, welcher zuweilen ſeidene Streifen hat; viele tragen lange und viereckige Shawls von der naͤmlichen Weberei. Die Bettdecken ebenfalls von dieſem Zeuge, ſind warm, leicht und kernig. Der Bey von Tunis erlaubt nicht nur die Mo⸗ nopole, ſondern muntert ſogar dazu auf. Die meiſten Landes⸗Erzeugniſſe ſind an den Meiſtbietenden ver⸗ pachtet. Del und Getraide ſind jedoch von der An⸗ 83 wendung dieſes Syſtems ausgenommen. Ebenfalls ſind in allen Theilen des Reiches die Zoͤlle ver⸗ pachtet. Die Einfuhr⸗Artikel zu Tunis ſind: Tuͤcher, engliſche Muſſeline, Leinwand, Kaffee, Zucker, Ge⸗ wuͤrze, Blei, Eiſen, Alaun, Seide, ſpaniſche Wolle, Wein, Indigo, Faͤrbeholz, geiſtige Waſſer⸗ Meſſer⸗ Arbeiten und Cochenille. Literatur der Reiſen in das Vorge⸗ birge der guten Hoffnung. Unter Beziehung auf die uͤbrigen Verichte der Rei⸗ ſenden um und durch Afrika beſchraͤnken wir uns hier nur auf die vorzuͤglichſten Berichte der neuern Zeizen uͤber das Vorgebirge. Zu den fruͤheſten gehoͤrt die Reiſe der Englaͤnder Georg Raymond, I Lan⸗ eaſter und E. Barker vom Jahr 1661. Der Be⸗ richt des deutſchen Wundarztes Joh. Schreyer aus Lobenſtein aus den Jahren 1669— 77 wurde von J. C. Wohlfart zu Leipzig 4684. 8. herausgegeben. Der hollaͤndiſche Arzt und Juſtizrath Wilh. ten Rhyne theilte ſeine Beobachtungen vom Jahre 1673. durch H. Sereta Schoth von Zavorzig in lateiniſcher Sprache zu Schafhauſen a686. s. und zu Baſel 4746. 8. mit. Die Bemerkungen des Frauzoſen Franz Leg⸗ vat vom Jahre 4690 erwaͤhnten wir bereits fruͤher. Die zwei Berichte J. P. Purrys uͤber das Land der 85 Kaffern und Neu⸗ Holland waren zu Amſterdam 1742— 12. kaum erſchienen, als ſie auch in das Hollaͤndiſche uͤherſetzt wurden. Der Englaͤnder Joh. Maxwell hat ſeine Betrachtungen in den philoſophiſchen Ver⸗ handlungen nieder gelegt. Der als Schul⸗Rektor zu Neuſtadt an der Aiſch verſchiedene Peter Kolb, hat zwar waͤhrend ſeines zehnjaͤhrigen Aufenthaltes 1705— 16. viele Neuigkeiten geſammelt, und mitge⸗ theilt; allein er war leichtſinnig genug, den groͤßten Theil deſſelben aus den erdichteten Exzaͤhlungen der Eingebornen ohne ſeine Erfahrung nieder zu ſchrei⸗ ben. Sie fanden nur deswegen Glauben bei ſeinen nicht genug unterrichteten Zeitgenoſſen, und wurden in das Hollaͤndiſche, Engliſche und Franzoſiſche uͤberſetzt; aber von ſpaͤtern Reiſenden in ihr Nichts aufgeloͤſt. Beachtungswerth iſt J. W. Heydt's Schauplatz von Afrika und Oſt⸗Indien, und des preußiſchen Ober⸗ ſten Lojardiere's Reiſe nach Afrika 4686— 89. So groß der Ruf des gelehrten N. K. de la Caille war, ſo war doch ſein Tagebuch von 1730— s4. nicht reich und ſehr unordentlich. Es erſchien zu Paris 1763 und 1n6. a2., und wurde 177s. s. zu Altenburg auch verdeutſcht. Die Reiſe von St. Pierxe nach Isle de France 1774 verdient Beruͤckſichtigung, wie iene des Englaͤnders Kindersly und des Schotten Fr. Maſſon 1172— 13. in den philoſophiſchen Ver⸗ handlungen. Ein Hollaͤnder erwarb ſich das Verdienſ, die Mittheilungen von Kolb und de la Caille zu ordnen, und mit beſſeren Kupferſtichen zu beleuchten. Die Beſchreibung des franzoͤſiſchen Kapitains H. Hop, welcher mit einer Karavane von ss Perſonen dort 1764— 62. verweilte, die zu Amſterdam 1778. 8., wie zu Leipzig 1779— 80. s. in 3 Theilen erſchien, iſt nur ein Wiederhall der vorigen. Deſto mehr zeich⸗ nete ſich der Bericht des Dr. A. Sparrmann aus, welcher mit dem Schwediſchen Kapitain Sckeberg 1766— 66., und allein 1772— 76. ſich dort aufhielt, weswegen er auch in die engliſche und deutſche Spra⸗ che ͤbertragen, und in jeder mit vielen Kupfern be⸗ reichert wurde. Noch wichtiger iſt die umſtaͤndliche Reiſe Le Vaillant's vom Vorgebirge in das in⸗ nere Afrika, welche wir mittheilen. Zu erwaͤhnen ſind die Berichte von D. F. Mentzel, de Pages, Ad. Eſchelskroon, W. Patterſon, nebſt jenem einiger Direktoren der hollaͤndiſchen oſt-indiſchen Kom⸗ pagnie, welcher dem Kollegium der Siebzehner 1790 uͤbergeben wurde. Beachtenswerth iſt Briſſon's und Sanguier's Reiſe mit der Karte von De la Bortez das Tagebuch Jak. van Reenen, Bar⸗ row, W. White, Corn⸗de Jong, Splinter, Stavorin, v. Wurmb und v. Wolzogen, C. C. Beſt, Perival, Semple, Lichtenſtein, Campbell, Latrobe, Burchell, Alberti. N 87 * M. Peter Kolb's, Rectors zu Neu⸗ ſtadt an der Ayſch, Reiſe nach dem Vor— gebirge der guten Hoffnung in den Jahren 1709— 1713*. Peter Kolb in dem Bayreutſchen geboren trat, da ihm die Mittel fehlten, laͤnger auf hoͤhern *) Die erſte Ausgabe erſchien zu Nuͤrnberg 4719. Fol. m. Kupf.— Franzoͤſiſch im Auszuge durch Joh. Bertrand, Amſterdam 41744. s. 4 Thle. 1743. 8. Eben ſo deutſch, Nuͤrnberg 1743. 4. m. Kupf. Aus dieſem Werke und jenem von De la Catlle entſtand die hollaͤndiſche: Neue allgem. Beſchreibung des Vorgebirges der guten Hoffnung Amſterdam 1777. 8. 1I. Thl., deren franz. Ueber⸗ ſetzung Amſterdam 4778. 8. 11II. Thl., und deut⸗ ſche Leipzig 1779. 8. III. Thl. Peter Kolb, geb. den 23. December 1650. zu Doͤrflach, bei Wunſiedel, ſtudirte zu Nürn⸗ berg und Halle vorzuͤglich die Aſtronomie und Ma⸗ 88 Anſtalten(Akademien) zu leben, zu Halle als Sekre⸗ taͤr in die Dienſte des Preußiſchen Geheimen⸗Rathes Bernhard Friedrich v. Kroſik, mit der Ab⸗ ſicht fremde Laͤnder, und die Hoͤſe großer Herren zu beſuchen. Waͤhrend ſeines Aufenthaltes bei dem Baron üͤbte ſich Kolb in der Aſtronomie; und da dieſer ihm auf— trug, das Vorgebirge der guten Hoffnung zu beſuchen, ſo willigte er in dieſen Vorſchlag ein. Er begab ſich nach Holland, beſtellte bei dem Aſtro⸗ nomen Adrian van Koning verſchiedene aſtrono⸗ miſche Inſtrumente, kehrte wieder nach Deutſch⸗ land zuruͤck, und ſchickte ſich den 2. Oktober 104 zur Abreiſe an. Den 22. December mo4 im Dexel angekom⸗ men, mußte er wegen widrigen Windes bis den 8. Januar a70s bleiben. Auf mehreren oſtindiſchen Schiffen, welche aus dem Dexel liefen, erblickten themgtik. Auf Koſten v. Kroſik's reiſte er nach dem Vorgebirge zur Anſtellung aſtronomiſcher Beob⸗ achtungen. Erſt nachdem er von dieſem Goͤnner wegen Vernachlaͤſſigung ſeiner Pflichten keine Un⸗ rerſtützung mehr erhielt, wurde er Sekretaͤr des daſigen Gouverneurs Ludwig v. Afſenburg. 1743 kam er zwar blind zuruͤck, doch erhielt er durch eine gluckliche Bperatton das vorige Geſicht wieder. Im Jahre 1748 wurde er Rektor der Schule zu Neuſtadt an der Aiſch, wo er den 31. Debr. u726 geſorben it. 89 wir, berichtet Kolb, den 28. Januar nach vielen aus⸗ geſtandenen Beſchwerden die Inſel Hittland, zwi⸗ ſchen welcher und Ferro wir fuhren. Je naͤher wir dem gruͤnen Vorgebirge kamen, deſto gruͤner wurde das Waſſer. Nachdem wir einige Tage fortgeſegelt waren, ſahen wir endlich den 9. Maͤrz die Inſelndesgruͤnen Vorgebirges, welches die Alten Heſperiden, Gor⸗ gones oder Gorgaden, die Hollaͤnder aber Salz⸗ Inſeln nennen. Denſelben Abend erblickten wir die Inſel St. Vineenz, und des andern Tages die Inſeln St. Lucia, St. Nikolaus, und Chaonz den au. Maͤrz die Inſel St. Jago mit ihren hohen Bergen und felſigen Ufern, und wegen unſerer geringen Entfer⸗ nung von derſelben nicht nur ihre rauhen Klippen, ſondern auch den rauchenden und feuerſpeienden Berg de Fuego. Den 12. verhinderte uns ein entgegengeſetzter Wind, der Inſel naͤher zu kommen, doch ſahen wir an demſelben Tage die Inſel Majo, und fingen einen Hay, deſſen Groͤße uͤber s Schuhe betrug. Den 13. zwang uns der Wind, die Inſel St. Jago zu umſe⸗ geln, wo wir die eigentliche Lage der Stadt St. Ja⸗ go auf das genaueſte erkannten, und ſie ſelbſt nicht groͤßer als ein maͤßiges Staͤdtchen in Deutſchland fan⸗ den. Eine Windſtille ſetzte uns erſt voͤllig in die groͤßte Gefahr; weil uns der Strom an eine ſteile und hohe Klippe trieb, wo wir leicht Gefahr liefen, Leib, Schiff und Gut zu verlieren. Doch trieb uns ein Suͤd⸗Oſt⸗ Wind den 44. glucklich in den Hafen der Inſel St. Jago, welcher du Brayn heißt, und zwei Meilen von der Stadt Jago entfernt iſt. In dieſem Hafen trafen wir mehrere Schiffe, welche der Sturm fruͤher von uns verſchlagen hatte. Der umfang der Inſel St. Jago beträgt 27 deutſche Meilen. Sie enthaͤlt nebſt vielen Baumwol⸗ le⸗Baͤumen auch ſchoͤne Zitronen⸗, Pomeranzen, Sinas⸗Aepfel, Kokos- und andere Baͤume, deren Schatten bei der druͤckenden Hitze ſehr angenehme Kühlung verſchafft. Große Thaͤler ſind mit Zucker⸗ rohr, Reis ꝛe. bepflanzt. Auf den Bergen trifft man piele und ſeltene Blumen und Kraͤuter an. Den 23. Maͤrz waren wir unter der Höhe des Pol Grad 11 Minuten, alſo nahe bei dem Aeguator. Den 7. April paſſirten wir die Linie. Die Hitze war in dieſer Gegend außerordentlich ſtark, und verur⸗ ſachte uns viele Unbeguemlichkeiten. Als wir den 9. ein Fruͤhſtuͤck einnehmen wollten, ſchlug der Blitz un⸗ ſern Fockmaſt entzwei, ohne jedoch weitere Verheerun⸗ gen anzurichten. Waͤre er noch ein Brett tiefer ge⸗ gangen, ſo haͤtte er in die Pulver-Kammer geſchla⸗ gen, welche 30,000 Pfund enthielt, und uns in die Luft geſchleudert. Gegen den 22. und 23. April waren wir mit un⸗ ſerm Schiſſe wieder an einem gefaͤhrlichen Drte nicht weit von der Kuͤſte Braſiliens, welche man bei heiterer Witterung ſehr leicht ſehen kann. Daſelbſt 9¹ ſind unter dem Waſſer viele verborgene Klippen, wel⸗ che die Portugieſen Abrolhos(Thut die Augen auf) nennen. Den 27. ſegelten wir gegen Süd ſuͤd⸗ Weſt, und erblickten einige hohe Spitzen, welche die Schiffleute fuͤr die ſpitzigen Gebirge der Inſeln Tri⸗ nidad und Aſrenſion hielten. Nachdem aber Nach⸗ mittags noch drei hohe Bergſpitzen geſehen worden waren, ſo konnten unſere Schiffleute eigentlich nicht ſagen, welche Inſeln dieſe ſeien. Die aus dem Waſ⸗ ſer hervorſpringenden Berge waren unfruchtbare Fel⸗ ſen. Das Waſſer um dieſelben ernaͤhrte viele Fiſche. Bis den 1. Mai trug ſich nichts Beſonderes zu. Wir hatten die heiße Zone paſſirt, und alles Fett, was einer oder der andere an ſeinem Leibe gehabt, durch die Hitze verloren. In der heißen Zone regnet es wenig. Nachdem wir vom 8 Januar bis zum 42. Juny nirgends als an der Inſel St. Jago Halt gemacht hatten, langten wir endlich nach verſchied nen ausge⸗ ſtandenen Stuͤrmen, in dem Hafen des Kap an. Auch waren die meiſten Schiffe unſerer Flotte angelangt. Sie brachten Briefe an den Gouverneur Wilhelm Adrian van der Stel mit, in welchen auch beſon⸗ ders von mir Nachricht ertheilt wurde. In einem kleinen Nachen fuhr ich an das Land und wurde von dem Herrn Gouverneur wohl aufgenommen. Mir wurde der Garten der Kompagnie geieigt, und erlaubt, ſo viele Fruͤchte zu pfluͤcken, als mir beliebte. 92 Das Vorgebirge der guten Hoffnung wurde 1493 durch Bartholomaͤus Diaz entdeckt, und von ihm GCapo dos totos lon Tormen- tos(Sturm⸗Ecke) genannt. Koͤnig Johann II. von Portugal nannte es aber das Vorgebirge der guten Hoffnung, weil nun gute Hoffnung ſei, daß ſeine Schiffe nach Dſt⸗Indien ſegeln, und mit großem Gewinne zuruͤckkehren wuͤrden. Jedoch um⸗ fuhr Diaz das Vorgebirge nicht, ſondern kehrte nach genauer Beſichtigung deſſelben unverrichteter Sache zu⸗ ruͤck. Erſt Vasco de Gama umfuhr daſſelbe 1498, und ſetzte zuerſt bei Rio d'Infante, etwas oͤſtlicher und hinter dieſem Vorgebirge, den Fuß an das Land⸗ und ſegelte auch nach Indien. Im Jahr 1600 fingen die Hollander an, eine Kompagnie zu errichten, welche ſie die Hollaͤndi⸗ ſche nannten. Als ſie ſpaͤter den Handel nach Li⸗ Indien anfingen, nahmen ſie den Namen Oſt⸗In⸗ diſche Kompagnie an. Erſt um 1660 mht der kluge und verſtaͤndige Chirurg, Johann van Rie⸗ beeck der Kompagnie den Vorſchlag zur Anlage einer Kolonie, welcher auch gebilligt und ſogleich ausgefuͤhrt wurde. Die Stadt und Veſtung wurde angelegt, und hollaͤndiſche Koloniſten erhielten große Stuͤcke Landes. Man errichtete vier Pflanzungen, deren erſe⸗ re jene des Kap, die zweite von Stellenboſch, die dritte jene von Drakenſein iſt, und deren vierte den Namen von Waver fuͤhrte. 93³ Das Land am Kap hat hohe Berge mit reichli⸗ chen Quellen ſuͤſſen Waſſers. Die Berge ſelbſt liefern Holz, und erzeugen wohlriechende Kraͤuter und Blu⸗ men. Zwiſchen dieſen Bergen ſind ſehr große, weit ausgebreitete Thaͤler, auf welchen Korn, Wein und Gartenfruͤchte in Menge wachſen. Europaͤiſche Obſt⸗ und Getraid⸗Arten kommen wegen des lieblichen Kli⸗ mas leicht fort, und werden bald reif. Man findet viel natuͤrliches Saiz, und koͤſtliche warme Baͤder. Zu bemerken iſt jedoch, daß heftige Sturmwinde, welche aus Suͤd⸗Dſt und Nord⸗Weſt entſtehen, eine Plage fuͤr das Land ſind. Das Vorgebirge der guten Hoffnung liegt in dem aͤußerſten Winkel Afrikas. Die Breite des Vorgebirges gibt der Verfaſſer auf 370 66 Minu⸗ ten an. Dieſe Angabe fand der gelehrte Abbe de la Caille falſch, und widerlegte ſie auch in ſeinen Schriften. Wir halten es hier fuͤr paſſend, unſern ge⸗ neigten Leſern anzuzeigen, daß Kolb in ſeinem Reiſe⸗ berichte, welchen er in drei Baͤnden herausgab, und durch welchen er anfangs großes Aufſehen erregte, nicht ſelbſt angeſtellte Forſchungen und Beobachtun⸗ gen dem Publikum uͤberlieferte, ſondern nur Erzaͤhlun⸗ gen und Maͤhrchen, wie ſie dem leichtglaͤubigen Ver⸗ faſſer von ungebildeten Perſonen mitgetheilt wurden. Er erreichte den Zweck ſeiner Sendung nicht, und ſtatt Beobachtungen waͤhrend ſeines zehnjaͤhrigen Auf⸗ enthaltes auf dem Kap amuſtellen, vetweilte er lieber bei dem Bierkruge, und ſchmauchte ſeine Pfeife dazu. Als die Zeit ſeines Aufenthaltes ungenutzt voruͤber ge⸗ gangen war, ſtoppelte er aus Schriften und muͤndli⸗ chen Berichten zuſammen, was er erhalten konnte, und taͤuſchte dadurch das Publikum lange Zeit, bis endlich gelehrte und Wahrheit liebende Maͤnner durch ihr wohlthaͤtiges Licht den Nebel theilten, und den Verfaſſer in ſeiner Erbaͤrmlichkeit darſtellten. Wir werden dem Leſer daher nur ſolche Berichte ausziehen, in welchen Kolb eigene Beobachtungen mittheilt, und nicht durch Maͤhrchen zu taͤuſchen ſucht. Auf dem Kap trifft man Bewohner aus den ver⸗ ſchiedendſten europaͤiſchen Nationen an. Zu Dienern haben ſie Sklaven aus verſchiedenen afrikaniſchen Staͤm⸗ men. Die Kompagnie, welche gleich bei ihrem Ent⸗ ſtehen eines herrlichen Fortkommens ſich zu erfreuen hatte, blht noch herrlich fort, und lohnt die Muͤhe ihrer Pflanzer. Laͤngs des Salz⸗Fluſſes ſind ſchoͤne Gaͤrten und herrliche Weinberge; Suͤd⸗Fruͤchte kom⸗ men trefflich fort. Man trifft in dem Tafelthale die ſchoͤne Feſtung, Hoffnung genannt, und das zierliche Staͤdtchen gleiches Namens mit vielen Gaͤr⸗ ten und Weinbergen an. Hinter dem Tafelberge, eine Viertelſtunde von der Stadt, zeigt ſich auf einer kleinen Hoͤhe eine Schenke. Am Fluſſe erblickt man eine Reihe Haͤuſer, Aecker, Gaͤrten und Weinberge. Ferner ſindet man theils an dem Fluſſe, theils auf beiden Seiten deſſelben viele ſchoͤne Landguͤter, Gaͤrten 95 und Weinberge, welche ihren Beſitzern ein reichliches Intereſſe abwerfen. Die Kompagnie hat daſelbſt ein Vieh⸗ und Wagen⸗Haus, und zwei praͤchtige Gaͤrten. Nicht weit von dieſer iſt das ſchoͤne Gut Conſtan⸗ tia, welches der Gouverneur Simon van der Stel nach ſeiner Frau nannte. Es hat eine ſehr angenehme Lage, und gewaͤhrt eine luſtige Apsſicht. Ehe man nach Conſtantia kommt, fuͤhrt ein ſteiniger und beſchwerlicher Weg zwiſchen hohe und rauhe Berge nach der Holz⸗Bay, wo einige Plaͤte angelegt ſind. Die Sigerberge ſollen von den großen gruͤnen Flecken, durch welche ſie ſich von andern Bergen un⸗ terſcheiden, ihren Namen haben. Sie haben ein fettes Erdreich, und dienen vortrefflich zum Bebauen. Auf den Tigerbergen, und in den dazwiſchen liegenden Thaͤlern beſinden ſich zwei und zwanzig Plaͤtze oder Hofſtaͤtten. Die Tigerberge haben einen Umfang von acht Meilen. Nach den Tigerbergen wurde der an⸗ ſtoßende Kuhberg von den Pflanzern beſetzt. Er er⸗ ſtreckt ſich weiter gegen Dſt, iſt ungefaͤhr ſechs Meilen vom Vorgebirge entfernt, und hat einen nicht ſo fruchtbaren Boden, wie die Tigerberge. Hierauf begaben ſich einige nach dem ſogenannten Blau⸗Berg, welcher acht Meilen von der Feſtung entfernt iſt. Er hat den Namen von der blauen Far⸗ be, welche er in der Ferne zu haben ſcheint, und we⸗ gen Waſſer⸗Mangel nicht viele Bewohner. Dieſer 96 ganze Bezirk wurde der Kapſche genannt; in ihm liegen die Feſtung nebſt der Stadt Gute Hoffnung. Sie graͤnzen an die See. Hinter der Stadt treunt eine ziemlich große Wuͤſte dieſen Bezirk von der Stel⸗ lenboſchiſchen Pflanzung. 1712 wurde mir durch den Gouverneur Ludwig van Aſſenburg das Sekretariat der beiden Pflan⸗ zungen Stellenboſch und Drakenſtein anver⸗ traut. Durch einen guͤnſtigen Vorfall wurde dieſe Kolonie bis an den Regenbach, auch Moſchel⸗ bank genannt, ausgedehnt. Die Moſchelbank entſteht durch das Zuſammenlaufen des haͤufigen Regenwaſſers. Im Sommer trocknet ſie aus: das Waſſer, welches in den tiefen Loͤchern ſtehen bleibt, wird waͤhrend die⸗ ſer Zeit geſalzen. Nach einem langen, gekruͤmmten Wege ergießt ſie ſich unweit des Tafelthales in den Salzfluß, welcher von dem eindringenden See⸗ waſſer bei ſeinem Ausfluſſe erſt ſalzig wird. Das Tafelthal bilden drei Berge, naͤmlich der Tafelberg, der Loͤwenberg und der Wind⸗ oder Teufelsberg. Der Tafelberg, bei den Portugieſen Tovva da Calo, hat in die Hoͤhe 1887 Rheiniſche Schuhe, und auf ſeinem Gipfel einige koͤſtliche Quellen ſuͤſſen Waſſers. Man ſindet die herrlichten und wohlrie⸗ chendſten Blumen auf demſelben, auch fuͤhrt er Silber mit ſich, welches aber der großen Koſten wegen nicht aufgeſucht wird. Zu bemerken iſt von dieſem Berge, S „ daß er vom September bis zum Maͤrz von einer wei⸗ ßen Wolke bedeckt wird. Wenn die Schiffleute dieſe Wolke an, dem Tafelberge erblicken, ſagen ſie, die Dafel ſei gedeckt, und machen ſich auf einen Sturm gefaßt. Von dem Tafelberge iſt der Loͤwenberg nur durch eine kleine Felſenerniedrigung een“Kloof von den Hollaͤndern genannt, getrennt. Er liegt gegen Abend, bedeckt beinahe die ganze Weſtſeite, und erſtreckt ſich faſt bis nach Norden. In dem genannten Thale oder Kloof ſteht ein kleines Haus, um die An⸗ kunft der Schiffe bekannt zu machen. Gegen Morgen ſtoͤßt an den Loͤwenberg der Teufelsberg, welcher nicht ſo breit und ſo hoch, als die beiden genannten Berge iſt. Mit dem Tafel⸗ berg reicht er ſo weit an die See, als der Loͤwenberg, und bildet mit den beiden andern, die halbrunde Fi⸗ gur, in welcher das große und fruchtbare Tafelthal liegt. Das Waſſer des Vorgebirges iſt gut und geſund. Baͤche und kleine Waſſer trifft man in reichlicher Menge. An die Kap⸗Kolonie ſtößt die Pflanzung Stel⸗ lenboſch, deren Hauptort ein Dorf mit einer ſchoͤ⸗ nen Kirche und einem zierlichen Rathhauſe iſt. Durch ein ungluckliches Verſehen gerieth das Dorf in Brand, und die Kirche und das Rathhaus fand ich noch bei meinem Abzuge in Aſche. 54. B. Afrika. II. 1. Gegen Abend grenzt dieſe Kolonie an die Kap⸗ ſche Kolonie; gegen Mittag an die Falſo⸗Bay, ge⸗ gen Morgen an dieStellenboſchiſchen⸗ und Hot⸗ tentott⸗Hollands⸗Berge, welche, wenn der Suͤd⸗Oſt⸗Wind wehen willi, gleichfalls wie der Ta⸗ felberg, mit weißen Wolken bedeckt werden; gegen Norden an die Moſchelbank und den Pferde⸗ Berg. Die Stellenboſchi ſche Kolonie kann in vier Bezirke eingetheilt werden, welche nur nach dem Na⸗ men von einander verſchieden ſind. Ihre Namen ſind: Stellenboſch, Mottergat, Hottentotts⸗ Holland und Bottelary. Die Hottentott⸗Hollands Berge ſind viel naͤher als der Tafelberg; ihr aͤußerſtes in die See gehendes Ende heißt Hanglipb, weil es an gedah⸗ ten Bergen feſt, und den Seefahrern als eine abhaͤn⸗ gende und auf dem Kinn liegende Lippe vorkommt⸗ Die Falſche Bay hat ihren Namen von der Un⸗ wahrheit ihrer Entdecker erhalten, welche falſchlich ih⸗ ren Grund mit Steinen bedeckt, und ſie dem Suͤd⸗ Oſt ⸗Wind ausgeſetzt angaben. Sie hat in ihrer Mitte eine große Klippe, auf welcher ſich Taucher- und See⸗ Vögel aufhalten. Dieſer Hafen iſt uͤberaus ſiſchreich⸗ Die Seekuh⸗Valley liegt eine Stunde von dem Meeres⸗Strande, beinahe in der Mitte zwiſchen den Bergen der Hanglipp und Norwegen⸗ gegen Suͤden⸗ 99 In der Mitte des Hottentotts⸗Holland liegt der Schaf⸗Berg, von ſeiner guten Schafwei⸗ de ſo genannt. Auf dem Gipfel deſſelben erblickt man die Tafelbay und mittels eines guten Perſpektives die Schiffe mit ihren Flaggen. In dieſem Landſtriche gab es ehemals ſehr viele wilde Thiere, welche theils aus⸗ gerottet, theils verjagt wurden. Drei Fluͤſſe ſchnei⸗ den durch dieſen Bezirk; ſie entſpringen ſaͤmmtlich auf dem Schafberg und ernaͤhren bloß Seeſiſche. Der Mottergattiſche Bezirk liegt in Anſe⸗ hung des vorigen etwas mehr gegen Nord, und wird von dem Hottentott⸗Holland, von dem Stell⸗ boſchiſchen Rivier, von deſſen Bergen und dem Beiirke Stellenboſch umgrenzt. Er ißt nicht ſo groß, als der vorher beſchriebene, hat aber auch ſchoͤne und wohl eingerichtete Landguͤter. Obwohl er nut aus Huͤgeln beſteht, ſo iſt das Land nichts deſto weniger „gut und fruchtbar. Die kleinen Baͤche, welche ihn be— waͤſſern, fuͤhren keine Namen. Dieſes ruͤhrt jedoch mehr aus Nachlaͤſſigkeit, als Unwiſſenheit der Bewoh⸗ ner her. Die Stellenboſchiſchen Berge ſind jene, wel⸗ che den Bezirk Stellenboſch gegen Morgen um⸗ zingeln. Die anſehnlichſten derſelben ſind beinahe ſo boch, als der Tafelberg. Sie werden bei dem Suͤd⸗ DOſt⸗Winde gleſchfalls, wie dieſer, mit Wolken bedeckt. In den Kluͤften dieſer Berge waͤchſt ſoviel Holz, daß die Einwohner genug zum Brennen, aber keines zum 100 Bauen haben. Dieſes kommt meiſtens aus Holland oder Indien. In den Thaͤlern ſieht man die herrlich⸗ ſen Auen mit Korn, Waitzen, Gerſte und Weinſtoͤcken prangen⸗ DerStellenboſchiſche Rivier nimmt gleich unter dem Dorfe Stellenboſch den Motter⸗ Rivier zu ſich, und bildet einen ziemlich anſehulichen Fluß; er hat eine ſchlechte Brͤcke. Die Bottellarey iſt der nordlichſte Bezirk die⸗ ſer ganzen Kolonie, und grenzt gegen Suͤd an den Bezirk Stellenboſch, gegen Morgen und Mitter⸗ nacht an Drakenſtein und gegen Weſt an die ſoge⸗ nannte Muſchelbank. Der Pferd⸗Berß trennt dieſen von Drakenſtein. Er iſt nicht allein waſſer⸗, ſondern auch holzarm. Die Einwohner muͤſſen ſich nur mit Straͤuchen und ausgehauenen Wurteln be⸗ helfen. Die Kolonie Drackenſtein wurde 1676 gegruͤn⸗ det; viele vertriebene Reformirte aus Frankreich ließen ſich hier nieder. Die Grenzen dieſer großen und geraͤumigen Kolonie ſind gegen Suͤd der Bers Kehrewieder; gesen Oſt umgiebt ſie eine lange⸗ zuſammenhaͤngende Reihe von Bergen, welche von der Kolonie ihren Namen entlehnen, und deßwegen Drakenſteiniſche Berge genannt werden. Ge⸗ gen Nord wird dieſe Kolonie theils von dem Hafen Saldanha, nach dem Namen eines verunglückten Portugieſiſchen Fapitains ſo genannt, theils etwas 101 mehr gegen Weſt von den gruͤnen Kloofs⸗Bergen umgeben. Dieſe große und weit ausgebreitete Kolv⸗ nie nimmt beinahe einen ſo großen Umfang ein, als alie 47 Provinzen der ſpaniſchen Niederlande. In dem fuͤdlichen Theile dieſer Kolonie erblickt man viele ſchö— ne Landguͤter und Meiereien. Sie liegen ziemlich weit von einander, ſo daß von einem bis zum andern eine ſtarke halbe Stunde fuͤhrt. Pbgleich dieſer Theil ziemlich bergig iſt, ſo liefert er doch Fruͤchte im Ueber⸗ fluſſe. Die Luft iſt ſehr gut, das Klima geſund, das Waſſer in Menge vorhanden und geſund. Die Gipfel der Berge ſind mit Schnee, oder viel⸗ mehr mit Hagel bedeckt, und bleiben es bis zu den Monaten Auguſt und September. In den uͤbrigen Jahreszeiten ſind ſie davon befreit. Die Kirche zu Drakenſtein gleichet eher einer Schenne, als einem zum Dienſte des Herrn beſtimm⸗ ten Gebaͤnde; ſie iſt kaum 3— 4 Schuhe hoch ge⸗ mauert; dann kommt ſogleich der Dachſtuhl. Das Innere derſelben entſpricht dem Aeußern. Wei in dieſem Bezirke die Gebaͤude nebſt den Laͤndern noch nicht in einem ſolchen Stande ſind, daß ſie eine beſondere Beſchreibung verdienen, ſo will ich mich zu Sen vierten Betirke dieſer Kolonie wen⸗ den. Zuerſt zeigte ſich der Berg Riebeks Kaſtell, bei welchem die Einwohner viele Landguͤter und ſehr ſchoͤne Meierhoͤfe haben. Waͤre überall Waſſer zu fin⸗ 102 den, ſo würden vielleicht noch mehrere derſelben auf⸗ gerichtet ſeyn. Ferner gehoͤrt zu dieſem Bezirke ein Land, welches man wegen der vielen Baͤche, die 24 Riviers nennt. Dieſe liegen hinter dem Riebeck⸗ Kaſtell, ungefaͤhr eine Tagereiſe gegen Nord⸗Bſt. Eine Tagereiſe von den 24 Reviers liegen die Ho⸗ nig⸗Berge, auf welchen viele Bienen den Honig bereiten. Endlich gehoͤren hierher noch die Piquet⸗ Berge, welche von den erſten Entdeckern ſo genannt worden waren, weil ſie bei denſelben ein luſtiges Pi⸗ guet ſpielten. Sie liegen 8 Tagereiſen von dem Vor⸗ gebirge der guten Hoffsung, bei und auf ihnen hal⸗ ten ſich nur wenige Europaͤer auf. Sowohl in die⸗ ſem, als in dem vorhergehenden Bezirke halten ſich noch beſtaͤndig Hottentotten auf, welche ſehr freund⸗ lich gegen die Europaͤer ſind. Die Waveriſche Kolonie, nach dem Namen des Herrn v. Waveren genannt, iſt die juͤngſte Pflanzung, welche erü kurz vor meiner Ankunft er⸗ richtet worden war. Vormals hieß das Land der rothe Sand von einem Berge, welcher dieſe Kolv⸗ nie von dem Bezirke Drakenſtein ſcheidet. Sie iſt vom Vorgebirge 25— 30 Meilen entfernt. Das Land iſt ſehr gut. Der rothe Sandberg iſt ziemlich hoch und ſehr ſteil. Weil dieſe Kolon ie erſt im Wachs⸗ thume iſt, ſo hat ſie noch keine eigene Rathsglieder und noch keine Kirche; die Einwohner muͤſſen ſich da⸗ her nach Drakenſtein und Stellenboſch bege⸗ 103 ben. Nebſt vielen kalten Brunnen und vielen kleinen Fluͤſſen findet man auch ein warmes Bad. Beilaͤufig 30 Meilen von dem Vorgebirge gegen Suͤd⸗Bſt ent⸗ deckte man noch ein warmes Bad, welches nicht ſo heiß, als das erſte iſt, und deſſen heilſame Eigen⸗ ſchaften ich ſelbſt empfunden habe. Bei und um daſ—⸗ ſelbe wohnen noch Hottentotten. 1709 ſetzten mich bei der Holz⸗Huck ſechs wilde Elephanten anfangs in großen Schrecken, ſo wie, waͤh⸗ rend ich Nachts in einem Zelte ſchlief, ein Beſuch von eilf Loͤwen. Doch wurden dieſe von den Hot⸗ tentotten vertrieben, welche feurige Braͤnde unter ſie warfen. Das Vorgebirge derguten Hofnung iſt eines der gluͤcklichſten und fruchtbarſten Laͤnder. Es ernaͤhrt viele Heerden, und iſt vortrefflich zum An⸗ baue des Kornes, der Gerſte und anderer Feldfruͤchte geeignet. Garten- und Baumfruͤchte, und der herr⸗ liche Weinwachs zeugen von der Guͤte des Bodens. In den Bergen trifft man große und hohe Hoͤhlen. Von dem Thierreiche wollen wir bemerken, daß auf dem Kap Affen, beſonders Baviane, blaue Boͤcke, Elendthiere, Eſel, Zebra, Elephanten, Nashoͤrner, Gemſen, Steinboͤcke, verſchiedene Gattungen von Ha⸗ ſen, Hirſche, Hunde, Liger, Seekuͤhe, Ziebet⸗Katzen u. ſ. w. zu ſehen ſind. Unter den Voͤgeln findet man Adler, Faſanen, mehrere europaͤiſche Singvoͤgel, Flamingo's, Strauſe indiſche Pfauen, Loͤffelgaͤnſe, Pelikane und mehrere andere. An dem Kap faͤngt man Barben, Benneit⸗ fiſche, Delphine, Steinbraſchen, fliegende Fiſche, Meerhechte, Sternrochen, Zitterſiſche, Seeloͤwen und andere mehr. Schlangen giebt es auf dem Vorge⸗ birge in Menge; eben ſo Inſekten und Blumen. We⸗ gen des fruchtbaren und fetten Bodens gedeiht die Anpflanzung vortrefflich, die auslaͤndiſchen und hei⸗ miſchen kommen gleich gut fort, und bringen treffliche Fruͤchte. Kolb's Berichte von Hottentotten uͤbergehen wir gaͤnzlich, weil er ihn nur aus Maͤhrchen der Einge⸗ bornen zuſammen ſetzte, ohne die Wahrheiten dieſer zu unterſuchen. Seinem Werke verſchaffte er nur da⸗ durch Glauben, daß er die Bedruͤckungen der hollaͤn⸗ diſchen Statthalter auf dem Kape der Hollaͤndiſchen Regierung zu Geſicht brachte, und dadurch eine harte Beſtrafung derſelben veranlaßte. Die Regierung auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung beſteht aus 8 Kollegien. Sie ſind: 2 der Rath der Polizei, 2) der Rath der Juſtiz, 3) der Rath der kleinen Angelegenheiten, 4) der Rath der Heiraths⸗Angelegenheiten, 6) die Waiſen⸗Kammer, 6) das Konſiſtyrium, 2) das Kollegium der Buͤrger⸗ und Gemeinde-⸗Raͤthe, und endlich 8) das Kollegium der buͤrgerlichen Kriegs⸗Raͤthe. Dieſe 8 Kollegien be⸗ ſorgen die Verwaltung des Landes nach allen Ver⸗ zweigungen. Der Rath der Poliz ei oder Staats⸗ Rath beſteht aus 9 Perſonen, welche ausgezeichnete Diener der Kompagnie ſind. Er ſellt nicht allein die ganze Kompagnie vor, ſondern auch die Generalſtaa⸗ ten der vereinigten Niederlande. Dieſes Kollegium entſcheidet uͤber die Kriegs⸗Angelegenheiten des Lan⸗ des, und beſchließt uͤber den Krieg und Frieden mit den Hottentotten. Das Juſtiz⸗Kollegium beſteht gleichfalls aus 9 Mitgliedern, welche in Civil⸗ und Criminal⸗Pro⸗ zeſſen entſcheiden. Von dieſem iſt eine Appellation erlaubt; man kann ſich entweder nach Bavia, oder unmittelbar nach Holland wenden. Die Glieder dieſes Raths genießen außer der Ehre, eben ſo wenig fuͤr ihre Bemuͤhung, als der Staats⸗Rath. An dem Rathe der kleinen Angelegenheiten nehmen auch Buͤrger Theil; in demſelben ſind eben ſo viele Die⸗ ner der Kompagnie, als Buͤrger, welche abwechſelnd auf einander folgen. Der Praͤſident des Kollegiums iſt allzeit ein Glied aus dem Staats⸗Rathe; der Vi⸗ cepraͤſident iſt ein Buͤrger-Rath. Alle 2 Jahre wird der Praͤſident nebſt den meiſten Gliedern dieſes Kolle⸗ giums veraͤndert. Das Kollegtum der Eheſa⸗ chen beſteht aus denſelben Mitsliedern. In dem Kollegium der Civil⸗Sachen wird über Gegen⸗ ſtaͤnde unter 100 Reichsthaler entſchieden. In dem Rathe der Waiſen⸗Kammer ſind ebenfalls Diener der Kompagnie, als Buͤrger. Die Zahl der Waiſen⸗Her⸗ ren belteht in 6 Perſonen. Bisher genannte Kolle⸗ gien haben ihre Sitzungen in einem Zimmer auf'der Feſtung. Der Kirchen⸗Rath beſteht aus drei reformir⸗ ten Geißlichen: denn ſo viele Kirchen ſind im Lande erbaut; ferner aus 12 Aelteſten oder Kirchen⸗Vor⸗ ſtehern, und 12 Armen⸗Beſorgern. Der beſondere Kirchen⸗Rath gehet einer jeden Gemeinde beſon⸗ ders an, und hat einen Prediger, 2 Alteſte und 4 Ar⸗ men⸗Beſorger. Der Praͤſident eines ſolchen Kirchen⸗ Raths iſt allzeit ein Beamter der Kompagnie. Die beiden andern Kollegien ſind errichtet worden, um bei dem großen Anwachſe der Buͤrger denſelben eine eigene Pbrigkeit zu geben. Die auf dem Vorgebirge angeſtellten Glieder heißen Buͤrger⸗Raͤthe oder Bürgermeiſter, die auf dem Lande angeſtellten Heimraͤthe. Die Kolonie des Vorgebirges hat weder ein Rathhaus, noch ein Gefaͤngniß, und die Buͤrger⸗ raͤthe wenige Freiheiten. So gering auch die Gewalt der Buͤrger-Raͤthe iſt, ſo volkreich und angebaut iſt im Gegentheile das Land dieſer Kolonie des Kaps. Innerhalb 60 Jah⸗ ren wuchs die Stadt uͤber 200 wohlgebaute Haͤuſer an. Schoͤne Gaͤrten befinden ſich in der Umgegend der Stadt, und erfrenen die Wanderer mit ihren herrlichen Blumen„Geruͤchen und vortrefflichen Fruͤchten.. Die Straßen der Kapſtadt ſind ganz gerade, und laufen von dem See⸗ufer bis in den ſchoͤnen Garten 107 der Kolonie. Wie die Hollaͤndiſche Reinlichkeit in dem Mutterlande bekannt iſt, ſo herrſcht dieſelbe auch in ihren Pflanzungen. Nachdem Kolb durch Raͤnke ſeines Sekretairs erledigt worden war, ſo ſchickte er ſich den 9. April 1743 zur Abreiſe an. Mit gutem Winde, berichtet er, fuhren wir aus dem Hafen, und naͤherten uns, nach⸗ dem wir eine gute Strecke Weges zuruͤckgelegt hatten, im Mai der Inſel Aseenſion. Es ſchmerzte uns ſehr, daß wir nicht an das Land kommen durften: denn man faͤngt an dem ufer deſſelben viele Fiſche, und findet Schildkroͤten in Menge, deren Fleiſch ſehr angenehm und geſund iſt. Auf unſerer⸗fernern Reiſe naͤherten wir uns der Aequinoktial⸗Linie, wo es ſo warm wurde, daß die Bootsleute ihre Kleider ablegen mußten. Den 19. Mai paſſirten wir die Li⸗ nie, kamen aus dem ſuͤdlichen Theile der Erde wie⸗ der in den noͤrdlichen, und freuten uns herzlich, als wir die noͤrdlichen Geſtirne wieder erblickten. Sobald wir uͤber die Linie waren, traten veraͤnderliche Winde ein, und hinderten uns oft auf unſerer Fahrt. Den 21. erhielten wir Befehl vorauszuſegeln, 2 Schiffe, welche von der Flotte entfernt waren, zu ſuchen, und Kunde von einigen unter dem Waſſer verborgenen Klippen einzuziehen. Beide Entzwecke wurden er⸗ reicht. Die Klippen ſind nach dem Ausſpruche der Kapitaine auf a2 32“ noͤrdlicher Polhoͤhe, und auf 344 30 Laͤnge beſtimmt worden. Am 1. Juni hatten wir das Gluͤck, einige gruͤne Meerwieſen von ziemlicher Groͤße zu ſehen. Die hol⸗ ländiſchen Schiffleute nennen ſie Ervos, und dieſe See Croos⸗Seez die Portugieſen aber Thardi Sargaſſo. Kurz nach dieſem Tage kamen wir auf unſerer Fahrt ſo weit, daß die Sonne gerade uͤber unſer Haupt zu ſtehen kam, weil wir keinen Schatten warfen. Nachdem wir bereits den 27* noͤrdl. Breite, und den 2450 der Laͤnge erreicht hatten, ſahen wir abermals ein Stuͤck dieſer Meerwieſen. Endlich lang“ ten wir zu Amſterdam an, und ich kam nach Koͤln, Mainz, Frankfurt⸗Baden, und endlich nach Raſtadt⸗ 3 109 P. Gregoir Busnot's Reiſe zu Mu⸗ ley Ismael, Kaiſer von Maroeco inden Jahren 1704, 1708 und 1713. Die harte und grauſame Behandlung der ungluͤckli⸗ chen franzoſiſchen Selaven in den Laͤndern des waiſers von Marocco veranlaßte ſchon 1688 einige Vaͤter Verſuche zur Befteiung derſelben zu wagen, ohne ſich mit dem Kaiſer von Maroeeo in oͤffent⸗ liche Verhandlungen einzulaſſen. Zu dieſem Ende reiſte Pater Johann Felix von Kadix heimlich nach Maroeeo, wurde aber entdeckt, und gefeſſelt in ein Gefaͤngniß geworfen, aus welchem er nur mit Muͤhe entkam. Die Verſuche Ludwigs X1V. brachten auch das erwuͤnſchte Reſultat nicht hervor. Unſere Bemuͤhungen, wegen Auswechſelung der Ge⸗ fangenen gelangen in andern Theilen der Berbe⸗ rei immer beſſer, als in dem marvecaniſchen Reiche. Denn in ienen ſind die Sclaven Eigenthum der Privatperſonen, welche ihre Gefangenen um einen vortheilhaften Gewinn gerne losgeben; in dem Staate von Marveeo gehoͤren ſie alle dem Kaiſer, welcher dieſelben nicht leicht auswechſelt, weil er ſie zum Bauen und zu andern ſchweren Arbeiten beſſer, als ſeine Unterthanen gebrauchen kann. Als ſich eine guͤnſtige Gelegenheit zeigte, bei Mu⸗ ley Ismael Zutritt zu erlangen, wanden wir uns an den Staatsminiſter de Pontcha rtrain, welcher es bei dem Koͤnige dahin brachte, daß wir von den Galeeren ſo viel Mohren nehmen durften, als wir zur Auswechſelung gegen franzoͤſiſche Gefangene nothig haͤtten. Mit Paͤſſen verſehen reiſten wir den 13. Mai ab, zuerſt die Bettel⸗Moͤnche, dann wir. Zu Kadix hielten wir uns 3 Monate auf, und be⸗ gaben uns von da auf ein Schiff, welches nach Sa⸗ lee ſegelte, weil uns der Weg nach Ceuta abge⸗ ſchnitten war. Kaum waten wir ausgelaufen, ſo wurden wir von mehreren Kapern verfolgt. Wir fan⸗ den daher, um dieſer Gefahr zu entgehen, fuͤr das Beſte, laͤngs der Kuͤſte Afrika's bei Arzola zu fah⸗ ren, welches uns auch gluͤckte. Ein guͤnſtiger Wind brachte uns in den Hafen von Salee, wo wir von den ſpaniſchen Franziskaner⸗Moͤnchen und von den franzoͤſiſchen, engliſchen und hol⸗ ländiſchen Kaufleuten ſehr gut aufgenommen wurden. Wir ſchickten nach Miguenez, der Reſidenz Mu⸗ ley Ismael's, um Verhaltungs„Befehle im Be⸗ 11¹ reffe unſeres Erſcheinens bei Hofe zu erbitten. Bald erhielten wir durch 3 Selaven, welche zu unſern Fuͤh⸗ rern beſtimmt waren, die Erlaubniß nach Miquenez kommen zu duͤrfen. Unter Begleitung einer Wache von 3 Mohren, eines Offiziers und eines marveeani⸗ ſchen Kapitains machten wir uns auf den Weg, und langten erſt den 49. zu Miguenez an, weil es drei ſtarke Tagreiſen von Salee entfernt iſt. Die Ge⸗ genden, durch welche unſer Weg fuͤhrte, waren ſehr abwechſelnd; bald reiſten wir uͤber ebene Felder, bald erblickten wir um und neben uns die angenehmſten Thaͤler mit anmuthigen Hüͤgeln und kleinen Waͤldern. Die Baͤume hingen voll wohlſchmeckender Fruͤchte, und die Kultur koͤnnte in dieſem Lande weit beſſer ſeyn, wenn es die Faulheit der Mohren anders zu⸗ ließe. Die Naͤchte brachten wir in elenden Doͤrfern zu, deren Scheich's uns alemal fruͤhe bei dem Auf⸗ bruche fragten, ob wir nichts vermißten? denn ſie muͤſſen fuͤr jeden Diebſtahl in oder um ihr Dorf bei Verluſt ihres Lebens haften. Wenn wir uns von einem Dorfe entfernten, verbrannten die Einwohner belaubte Zweige von weißen Weidenbaͤumen und er⸗ hoben ein großes Geſchrei, zum Zeichen, daß ſie den Drt, welchen ſie durch den Aufenthalt von Chriſten entweiht hielten, wieder reinigen wollten. Dieſer Aberglaube findet ſich jedoch nur bei dem gemeinen Landvolke. Nach einem Siege des Grafen von⸗ Toulouſe uͤber die engliſch⸗ hollaͤndiſche 1 112 Flotte bei Malaga unterſagten die Alkaiden aller Seeplaͤtze den Muhametanern Fiſche zu eſſen, weil ſie von den Fleiſche und Blute getoͤdteter Chriſten ge⸗ freſſen haben koͤnnten. In einem, mit Ulmen beſetzten, Dorfe 4 deut⸗ ſche Meilen von Miquenez⸗ rüſteten wir uns zum Einzuge in dieſe Stadt. Etwa eine deutſche Meile von ihr begegnete uns ein Haufe Gefangener mit zwei ſpaniſchen Geiſtlichen, welche uns ſehr freundlich um⸗ armten, und uns Erfriſchungen anboten, welche wir bei der Quelle Dar Sultan zu uns nähmen. Bei unſerer Annaͤherung kam mir die Stadt Mi⸗ guenez wegen der Menge Haͤuſer, uͤber welche Mo⸗ ſcheen hervorragen, und wegen der vielen, mit den ſchoͤnſten Fruchtbaͤumen geſchmuͤckten Gaͤrten, weit anſehnlicher und großer vor, als ich ſpaͤter fand Der kaiſerliche Pallaſt zur Linken gelegen, gewaͤhrte in der Ferne einen ſchoͤnen Anblick; die Groͤße ſeines Um⸗ fanges, ſeine weiten hohen Mauern, die Menge ho⸗ her Thuͤrme, welche mit glaͤnzenden Ziegeln bedeckt waren, erregten anfangs unſere Bewunderung, wel⸗ che aber bei naͤherer Betrachtung verſchwaud. Mi⸗ guenez iſt nicht allzu groß; die Straßen ſind nicht ge⸗ pflaſtert und enge. Wir kamen zuerſt in die Juden⸗ Stadt, deren Straßen am weiteſten und mit Kram⸗ laden verſehen waren. Die gante uͤbrige Stadt be⸗ ſteht aus kleinen, engen Gaͤhchen zwiſchen 2 Mauern, welche hie und da ein Deffnung haben. Eine Mense 113 Haͤuſer ſahen wir in Truͤmmern liegen: denn der Kaiſer laͤßt ſie nach Belieben niederreißen und auf⸗ bauen. Außerhalb der Stadt trifft man ſo viele Haͤuſer von Schilf und Rohr an, daß man dieſe Huͤtten fuͤr eine Vorſtadt anſehen kann. Das Volk iſt ſehr arm, und ſeufzet unter den beſchwerlichſten Auflagen. Als wir bei dem kaiſerlichen Palaſt Alcaſſava vorbeikamen, bewillkommten uns 2 Miniſter des Kai⸗ ſers in ſeinem Namen ſehr freundlich, und verſicher⸗ ten uns des kaiſerlichen Wohlwollens und Schut⸗ zes. Dies ſchutzte uns jedoch nicht vor Verfolgungen und den Beſchimpfungen des gemeinen Volkes und der Knaben auf der Straße. In der Juden⸗Stadt wurde uns eine Wohnung angewieſen, welche wir aber nicht verlaſſen durften, bevor wir eine Audienz bei dem Kaiſer gehabt hatten. Auch fanden ſich flei⸗ ßig Hofbediente bei uns ein, wegen deren unhoͤfli⸗ chen Betragens wir uns ſehr in Acht nehmen muß⸗ ten. Sie waren elende geldgierige Menſchen, welche unſere Furcht verdoppelten, jemehr wir mit ihrem ſelaviſchen und niedertraͤchtigen Charakter bekannt wurden. Ehe wir zur Audienz gelaſſen wurden, kamen alle Tage Chriſten⸗Selaven zu uns, von welchen wir bei jedem Beſuche neue Nachrichten ihres ſchrecklichen und bemitleidenswerthen Zuſtandes erfuhren. Als wir dem Kaiſer unſere Aufwartung machten, gingen wir ie 54. Bd. Afrika. II. 1. 8 114 zwei neben einander, waͤhrend 12 Selaven unſere Ge⸗ ſchenke trugen. Auf einem vffenen Platze vor dem Palaſte ſaß der Kaiſer auf dem bloßen Boden mit uͤbereinander geſchlagenen nackten Beinen; an ſeinen Fuͤßen hatte er gelbe Pantoffel. Sein Kleid und Tur⸗ ban waren weiß, das Kinn bedeckte er mit dem Dber⸗ kleide. Eine Leibwache, 20— 30 Schwarie ſtark, wel⸗ che Soaͤbel und lange Gewehre hatten, ſtand um ihn. Nach halbgeendigter Audienz kamen noch einige 105 Mann, welche aber ſogleich abziehen mußten. Hin⸗ ter dem Kaiſer ſtanden 2 kleine ſchwarze Knaben, de⸗ ren einer ihm einen Sonneſchirm uͤber den Kopf hielt. Am Schloßthore war ein Pferd an einer, mit rothen Vorhaͤngen verſehenen Kaleſche angeſchirrt; in eini⸗ ger Entfernung ſanden viele geſattelte Pferde. Ein Geſetzes⸗Lehrer(Dalbe) ſaß vor ihm auf den Ferſen, hatte das Geſicht gegen ihn gerichtet, ein Buch unter dem Arm; auf beiden Seiten ſtanden 7— 8 Alkaiden barfuß und ohne Turban. Ungefaͤhr 20 Schrittesvon dem Kaiſer entfernt, verbeugten wir uns dreimal bis auf die Erde, ruͤckten aber immer bis etwa 10 Schritte, an ihn, wo wir dann, wie die erſten Miniſter, auf⸗ recht und mit unbedecktem Haupte, ſtillſtanden. Wir hatten unſere Ordenskleidung an, und wurden zuerſt von dem Kaiſer mit einem Gruße bewillkommnet; auch gab er ſeine Zufriedenheit uͤber unſere Ankunft zu erkennen. Der Kuiſer lobte hierauf den Eifer und die Liebe, 115 welche wir fuͤr unſere Bruͤder hegten, brach dann in ein weitlaͤufiges Lob des Koͤnigs von Franreich aus, und endete ſeine Rede mit der Erhebung ſeines gro⸗ ten Propheten und deſſen Geſetzes, welches wir gleich⸗ falls annehmen moͤchten, um Heilige zu werden. Nach einer Erwiederung von unſerer Seite verſprach uns der Kaiſer mit wenigen Worten die Auswechſelung der Gefangenen und entließ uns. Die Geſchenke, welche wir dem Kaiſer machten, beſtanden in einigen koſtbaren Seidenzeugen, in feiner Leinwand aus der Bretagne, und ſilbernen, mit Gold eingelegten Bar⸗ bierzeugen. Ueber die ſeidenen Zeuge erfreuten ſich Ihro Majeſtaͤt ſo, daß ſie ſich noch an demſelben Tage eine Weſte von gruͤner Farbe machen ließen. Wir beſchenkten unſere Fuͤhrer und die Miniſter, welche uns haͤufig beſuchten; das Ende eines jeden Beſuches aber war die Erpreſſung neuer Geſchenke. Nach einem langen Aufſchube ward uns der Entſchluß des Kaiſers bekannt gemacht: keinen einzigen Chriſten⸗ Selaven um Geld wegzugeben. Daher waͤre uns nur ein einziger Weg uͤbrig, die Chriſten⸗Selaven gegen die auf den franzoͤſiſchen Galleeren befindlichen Moh⸗ ren auszuwechſeln. Wir aͤußerten uͤber dieſen Ent⸗ ſchluß unſere Zufriedenheit, und verſuchten, Mann gegen Mann zu tauſchen. Am folgenden Tage erfuh⸗ ren wir zu unſerer groͤßten Beſtuͤrzung den endlichen Entſchluß des Kaiſers, nach welchem er drei Moh⸗ ren fuͤr einen Chriſten forderte. Alle Verſuche, wel⸗ 116 che wir dagegen machten, ſcheiterten an der Hart⸗ nackigkeit des Kaiſers, welcher endlich die Sache auf Anrathen eines Hoͤflings ſo weit trieb, daß er ſechs Mohren fuͤr einen Chriſten-Selaven verlangte. Da⸗ mit jedoch unſere Geſchenke nicht unvergolten blie⸗ ben, erklaͤrte er 42 franzoͤſiſche Selaven frei zu geben, welche ſeine Miniſter aus den aͤlteſten und kraͤnklichſen ausſuchen ſollten⸗ Als die 22 Selaven gewaͤhlt, und in dem kaiſer⸗ lichen Schloſſe aufgeſtellt waren, erſchien der Kaiſer, und rief bei dem Anblicke dieſer ſchwachen und kran⸗ ten Leute aus:„Ihr ſeyd alle mit einander armſe⸗ lige Hunde!“ Auf die Anfrage des Kaiſers bejahte ein naheſtehender Hoͤfling den Ausſpruch Jsmaels. Sogleich wurden die Namen der Gefangenen aufge⸗ ſchrieben, und unter dieſelben, um alle Austauſchun⸗ gen zu verhuͤten, das kaiſerliche Siegel geſetzt. Da⸗ mit nun ein ungluͤcklicher Zufall, welche in dieſen Ländern eben nicht ſelten ſind, unſere Erlöſeten nicht in die vorige elende Selaverei ſurzen moͤchte, reiſten wir nach Salee, und ſchickten ſie nach Frankreich zuruͤck, deſſen Ufer ſie mit genauer Noth erreichten, indem ſie unter Wegs Schiffbruch gelitten hatten. unſerm Verſprechen gemaͤß wollten wir als Gei⸗ ſeln in Salee zuruͤckbleiben, bekamen aber 2 Tage nach der Abreiſe der Selaven vom Kaiſer Befehl⸗ nach Kadir uns zu begeben, um deſto geſchwinder die Ant⸗ 117 wort des franzoͤſiſchen Hofes in das Maroeea⸗ niſche zu uͤbertragen. Als wir ſchon alle Hoffnung zur Ausloͤſung der Gefangenen aufgegeben hatten, und uns zur Rückreiſe nach Frankreich anſchickten, berichtete uns ein Schrei⸗ ben des frauzoͤſiſchen Kaufmann Stephan Pillet, daß er einen neuen Vergleich mit Muley Ismael wegen Ausloͤſung der Sklaven getroffen habe. Nach erhaltenen neuen Verhaltungsregeln gingen wir freu⸗ dig unter Segel, und kamen nach vierzehn Lagen in Salee an. Man berichtete uns ſchleunigſt von Miquenez, daß der Kaiſer uns mit Ungeduld er⸗ warte. Doch fanden wir nachber, daß es ihm mehr um Geſchenke, als um eine Unterhandlung mit uns zu thun war. In dem Dorfe, der Ulmenbaum genannt, wel⸗ ches vier teutſche Meilen von Miquenez entfernt iſt, trafen wir zwei portugieſiſche Moͤnche, wel⸗ che drei Sklaven hei ſich hatten. Sie erzaͤhlten uns zu unſerer groͤßten Freude, daß alles ſich im gewuͤnſch⸗ ten Stande befaͤnde, und daß wir alle franzoͤſi⸗ ſche Sklaven erbalten wuͤrden. Die Geſchenke, wel⸗ che wir jetzt dem Kaiſer machten, beſtanden in einem Diamant, welcher 6s0o Thaler werth war; in einem Smaragd, einem Topas, drei Perlſchnuͤren, einem ſcharlachenen Tuche und einer engliſchen Uhr. Der Kaiſer ſaß bei dem Thore Famous, uns auf einem ledernen Kiſſen empfangend. Wir legten unſere Ge⸗ 5 ſchenke auseinander, und gaben ihm die drei Ringe und Perlenſchnuͤre offen, weil das uͤbrige eingepackt war. Waͤhrend der ganzen Andienz⸗Zeit kuͤßte der Kai⸗ ſer die Ringe, hob die Perlenſchnur auf, beſah ſie, und legte ſie wieder hin. Endlich ſah er uns an, und ſagte:„Die Franzoſen ſind keine Leute von Wort, man hat mir ſchon lange vier meiner Unterthanen verſprochen, allein ſie ſind noch immer auf den Ga⸗ leeren!“ Wir erwiederten, daß ſeine Unterthanen ſchon in Freiheit geſetzt waͤren, und nur die Schiffer der feindlichen Kaper wegen zu See zu gehen ſich weigerten. Nachdem er uns eine abſchlaͤgige Antwort gegeben hatte, ſand er auf, bedankte ſich fuͤr die Ge⸗ ſchenke, gab die Perlenſchnuͤre einem ſeiner ſchwarzen Zwerge, und befahl ihm, den folgenden Tag wegen des Handels mit uns zu reden, und uns nicht mehr zu geben, als die Geſchenke werth waͤren. Einem ſei⸗ ner Miniſter trug er auf, uns zum Schutz gegen die Hitze der Sonne durch den Hof des Schloſſes unter einen Schwibbogen zu fuͤhren, welcher eine halbe Stunde lang war, und den Hof in zwei Theile theilte. Man ſagte uns, dieß ſei eine Ehre, welche noch keinem Chriſten zugeſtanden worden ſey.* Alle Vermittlungsverſuche, den Kaiſer uns geneigt zu machen, waren vergebens. Endlich ſetzte uns der grauſame Befehl des Kaiſers, uns in unſern Huͤtten lebendig verbrennen zu laſſen, wenn wir Miauenes 419 nicht ſogleich verliefen, in die aͤußerſte Beſtuͤrzung und Verwirrung. Wir reiſten alſo auf Maulthieren unter dem Wehklagen der verlaſſenen Chriſten und dem Murren der mißvergnügten Mohren ab,(denn die Hoffnung einer ſchnellen Auswechslung ihrer gu⸗ ten Freunde und Verwandte gegen unſere Sklaven war vernichtet) und zwar mit einer ſolchen Eile, daß daß wir nicht einmal Lebensmittel zu unſerm Unter⸗ halte mitnahmen. Unverrichteter Sache kamen wir nach Salee. Endlich brachte es Pillet bei dem Kaiſer doch dahin, daß er einige Sklaven erhielt, mit welchen wir im Jahr mos den 29. Dktober glucklich zu Kadix landeten⸗ Beſſer gelang das Unternehmen im Jahr 4742, in welchem die franzoͤſiſchen Vaͤter zwanzig Sklaven auslöſeten. Die Sklaven-Auswechslung geſchah zwei Stunden von der Feſtung Ceuta, nicht weit von dem mohriſchen Lager. Wir lieferten die gefangenen Moh⸗ ren nebſt den Loͤſegeldern und Geſchenken aus, und kamen mit unſern Befreiten unter allgemeinem Froh⸗ locken in der Stadt Ceuta an. Alles zu Ceuta gehoͤrige Land hat etwa einen umfang von zwei franzoſiſchen Meilen. Die Stadt iſt mehr von Steinen, als Bomben zerſtoͤrt worden. Der Gouverneur und die vornehmſten Einwohner wohnen in einer ſolchen Entfernung, daß die Bomben ihre Haͤuſer nicht erreichen koͤnnen. Das übrige Erdreich ñ theils von ſehr ſteilen Felſen, theils von einer mit 120 vier oder fuͤnf kleinen Schanzen verſehenen Mauer durchſchnitten. Unter den, gegen Spanien liegenden, Felſen erblickt man ein altes Mohren⸗Kaſtell, von welchem ſie die chriſtlichen Schiffe beobachten. Ceuta iſt eine Halbinſel an der Muͤndung, der Straſſe von Gibraltar gegenuͤber, und der wich⸗ tigſte Platz, welchen bie Spanier noch auf der afrikaniſchen Kuͤſte in Beſitz haben. Busnot's Bericht wollen wir nun mit der Charakteriſtik des berüchtigten Muley Ismael ſchließen. Er iſt ein Sohn Muley Sherifs, Koͤ⸗ nigs von Tafilet, und ein Bruder des in der Ge⸗ ſchichte bekannten Muley Archys, welcher die Koͤ⸗ nigreiche Fez, Marokko mit dem Koͤnigreiche Ta⸗ filet vereinigt, und zu einem Kaiſerthume erhoben hat. Nach dem Tode ſeines Bruders gelangte er durch die Gewalt der Waffen zum Throne, indem er Mu⸗ ley Archys Soͤhne, welche ſich um das Reich ſtrit⸗ ten, in verſchiedenen Treffen uͤberwand, und alles, was ſich ihm widerſetzte, umbringen ließ. Er beſitzt viele Geiſtes⸗Gegenwart und Menſchenkenntniß; ſeine Antworten ſind kurz und ktaltugl⸗ und ſein Scharf⸗ ſinn iſt zu bewundern. Seine Regierung iſt mehr als deſpotiſch. Um ſei⸗ ne Geſchicklichkeit zu zeigen, ſchlaͤgt er ſeinen Unter⸗ thanen die Koͤpfe vom Rumpfe, und zwingt ſie, um ſeine Gewalt ſehen zu laſſen, ſich von hoben Felſen herabzuſtuͤrzen. Jeder Einwohner flieht ſeine Gegen⸗ 12¹ wart; alles was von ihm kommt, ſetzt jeden in Schrek⸗ ken. Wenige ſchwarze Sklaven, welche er zur Ueber⸗ bringung ſeiner Befehle, und zur Einnahme der Steu⸗ ern braucht, bringen alle Orte, in welche ſie kommen, in Furcht und Schrecken. Seine ungemein große Geld⸗ gierde veranlaßt ihn zu den ſchrecklichſten Erpreſſun⸗ gen, und zur Beraubung aller ſeiner Unterthanen. Geiz iſt allzeit der vornehmſte Beweggrund ſeiner Hand⸗ ungen; haͤlt er ſcharfe Polizei, ſo geſchieht es aus Eigennutz, welcher ihn auch vorzuglich zur ſchleunigen Vollziehung der Strafe antreibt. Der Kaiſer hat keine anderen Raͤthe, als ſeinen Kopf; ſeine Raͤthe ſind nur zum Scheine da, und be⸗ antworten alle an ſie gerichteten Fragen mit den Worten Anama Sidy!(gnaͤdigſter Herr, ihr redet recht ¹) Er nennt ſich nicht anders, als einen Freund Gottes, und ſchreibt ſeine gluͤckliche Regierung dem Schutze Muhameds zu, von welchem letztern er in gerader Linie abzuſtammen vorgiebt. Bei ſeiner ent⸗ ſetzlichen Handhabung der Juſtiz, und bei den grau⸗ ſamſten Mordthaten beredet ek das Volk, daß er nur den Willen Gottes erfuͤlle. Er bildet ſich auf den Namen eines Geſetzlehrers viel ein, und ſoll es an ver⸗ ſtellter Froͤmmigkeit allen zuvor thun. Wo er ſich im⸗ mer befindet, hebt er ſeine Haͤnde gegen den Himmel, obgleich ſie oͤfters noch von Menſchenblut triefen. Die Chriſten haͤlt er fuͤr das wichtigſte DPpfer, welches er ſeinem Muhamed bringen kann. Nach ei⸗ 122 ner genauen Berechnung hat er ſeit ſeiner Thronbe⸗ ſteigung mit eigner Hand uͤber 20,000 Chriſten und Mohren niedergehauen. Bei der Hinrichtung ſeiner eigenen Kinder(ſeinen Sohn Malei ließ ervon dem Kopfe nach der Mitte des Koͤrpers entzwei ſaͤgen; einem andern Muley Muhamet die rechte Hand und einen Fuß abhauen, und zur Stillung des Blutes in ſiedendes Pech taugen) iſt er ſo fein, daß er den Henkern ihre Gottloſigkeit verweiſet, und ſie deßhalb auch oͤfters umbringen laͤßt. Zu ſeinen vier rechtmaͤßigen Frauen hat er noch soo Beiſchlaͤferinnen aus allen Nationen; ſie wohnen innerhalb des Schloſſes zwiſchen einem Zwinger von dreifachen Mauern. Die unerhoͤrten Grauſamkeiten⸗ welche er in ſeinem Harem ſchon ausgeuͤbt hat, ver⸗ bietet die Schamhaftigkeit zu erzaͤhlen. Ohne Erlaub⸗ niß des Kaiſers duͤrfen ſie ihre Freundinnen nicht be⸗ ſuchen. Vierzehn dieſer Unglücklichen wurden, weil ſie einander heimlich zu beſuchen wagten, alle Zaͤhne ausgeriſſen. Die Anzahl der kaiſerlichen Kinder ſoll ſich auf 60o belaufen, zu welchen man die weiblichen nicht rechnen kann, weil ſie nach der Geburt gleich von den Hebammen erſtickt werden ſollen. Nur die Toͤchter ſeiner vier rechtmaͤßigen Gemahlinnen bleiben am Leben, und werden an die Scherife von Tafilet verheirathet. Die Kinder des Kaiſers, welche ohne alle Erzie⸗ hung aufwachſen, begehen ungeſtraft alle Frevelthaten. 123 Seine Pferde(ihre Anzahl iſt 600) haͤlt der Kaiſer beſſer als ſeine Weiber und Beiſchlaͤferinnen. Ihre Staͤlle machen den ſchoͤnſten Theil ſeines Palaſtes, und beſtehen aus Reihen gewoͤlbter Gaͤnge. Durch die Mitte dieſer Gallerien laͤuft ein Kanal reinen Waſſers zum Traͤnken der Pferde, und neben demſelben ſtehen die Futterkaͤſten. Sie werden mit geſchnittenem Strohe gefuttert, welches mit ſuſſen Kraͤutern untermiſcht iſt; vor dem Maule haͤngt ein Buͤſchel Gerſte, denn es iſt weder Krippe noch Rauf vorhanden. Zur Streue die⸗ nen Saͤgſpaͤne; zwei Monate des Jahres hindurch er⸗ halten ſie, ſtatt der Gerſte, friſches Gras, werden der Hitze wegen mit ausgeſpannten Tuͤchern bedeckt, und bleiben waͤhrend dieſer Zeit ungeſtriechelt. Sie wer⸗ den taͤglich vom Kaiſer beſucht, und findet er nicht alles im gehoͤrigen Stande, ſo gibt es blutige Strafen. Auch haͤlt der Kaiſer viele Maulthiere, einige Ze⸗ bra und viele Kamele, unter welchen ſich zwei weiße auszeichnen, die taͤglich mit Seife gewaſchen werden muͤſſen. Die Mohren beobachten genan die Tage, wie lange dieſe Thiere, wenn ſie geboren werden, die Au⸗ gen ſchließen, und behaupten, daß ſie den Tag uͤber ſo viele Meilen laufen wuͤrden. An den Kaͤmpfen wilder Thiere untereinander, und mit Sklaven, ergoͤtzt ſich der grauſame Ismael ſehr. Auch iſt er ein großer Liebhaber von Katzen, deren er vierzig in ſeinen Staͤllen haͤlt. Sie befinden ſich in 124 Hinſicht ihres Unterhaltes weit beſſer, als die Skla⸗ ven; denn er wirft ihnen oͤfters ganze Viertel von Schafen vor. Doch beſtraft er ihre Verbrechen manch⸗ mal auf die grauſamſte und naͤrriſchſte Weiſe. Als einſt eine Katze ein Kaninchen aus ſeinem Garten auf⸗ gefreſſen hatte, gerieth er in eine ſolche Wuth, daß er ſeinem Henkersknechte befahl, dieſes Thier durch alle Straſſen von Miquenez zu ſchleppen, daſſelbe ſcharf auszuveitſchen, und mit lauter Stimme zu rufen: „So lohnt mein Herr die boͤſen Katzen! Nach dieſer Beſchimpfung wurde ihr der Kopf abgeſchlagen. Die ungluͤcklichen Chriſten⸗Sklaven benutzt der Kaiſer zu ſeinen Bauden; um dieſe Elenden ja nicht muͤſſig bleiben zu laſſen, laͤßt er immer das wieder niederreißen, was ſie aufgebaut haben, ſich der Worte bedienend:„Man druͤcke die Leute mit Arbeit, daß ſie zu thun haben, und ſich nicht kebren an falſche Rede!“— Die Gebaͤude, welche er errichten laͤßt, baben keine anderen Mauern, als einen gewiſſen Moͤr⸗ tel, welcher aus klein zerſtoßenem Kalk und ſandiger Erde, mit Waſſer vermiſcht, beſteht. Dieſes Gemiſche druͤcken die Sklaven zwiſchen zwei Brettern in ſolcher Weite von einander, als die Mauren dick werden ſol⸗ len. Backſteine werden bloß zu Thuͤrpfoſten und Schwel⸗ len gebraucht. Die Hoͤhe der Mauern iſt uͤberhaupt 20 Fuß. . 12²⁵ Kein Zuſtand auf der Welt iſt elender, als der dieſer ungluͤchlichen Leute, welche ohne Hoffnung eines Lohnes oder der Ruhe ununterbrochen fortarbeiten muͤſſen. Sieht ihr Henker, der Kaiſer, einen ſich von den Beſchwerden der Arbeit erholen, wehe dann dem Armen! Einſt ſah er einen franzoͤſiſchen Sklaven ein wenig auf einer Mauer ausruhen, ſogleich nahm er ſeine Flinte, und ſchoß ihn todt. Ein anderer, welcher ſich eben auf dieſe Art verſah, wurde vom Kaiſer zweimal mit einem Spieße durchſtochen. Als er im Jahr 1606 ſeine neu angelegten Gebaͤu⸗ de beſah, und es ihm vorkam, als ob die Sklaven mit der Aufrichtung zauderten, ließ er in ſeinem Grimme dem Aleaiden Malei, den Aufſeher der Gebaͤnde und erſten Miniſter, s0o Hiebe mit einer ledernen Peitſche geben, und pruͤgelte ihn auch mit eigner Hand auf eine grauſame Art. Einer großen Anzahl Mohren und Renegaten ſpaltete er den Kopf, andern hieb er die Arme ab, wieder andere erſtach er mit ſeinem Meſſer, ſo daß nichts als Blut floß.— Ein ſpaniſcher Sklave, welcher Waſſer trug, blieb, als er den Kaiſer erblickte, nicht ſtehen, ſondern gieng mit der Muͤtze auf dem Kopfe bei ihm voruͤber. Der Grauſame ſchoß ihn deßhalb mit einem Spieße, welchen der Sklave aber aus dem Leib nahm, und dem Barbaren wiedergab⸗ Dieß that er zwanzigmal. Noch ſo viele andere Zuͤge der Unmenſchlichkeb dieſes grauſamen Kaiſers anzufuͤhren, halten wit fͤr 126 unnöthig, indem das Angefuͤhrte ſchon hinlaͤnglich ſei⸗ nen elenden und blutduͤrſtigen Charakter zeigen kann, und durch dieſe Schilderungen eines barbariſchen Un⸗ geheuers das Zartgefuͤhl und die Menſchenliebe zu ſehr in Anſpruch genommen wuͤrde. Wir halten es daher fuͤr ſchicklich, dieſen Bericht zu endigen.