r, engliſcher und fr nard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr 256. Seih und Zeſehedingungen. „ 4 * 8* 3 1. Oflensein der Bipliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und R ckgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abend roffen. 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pf b den angenummen. 6 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 5 welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Wirt i Rückgabe eines geliehenen Buches wird von lt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 6 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und t beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: I W.— 1 M 2N Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 chadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlörene uns f der defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ee ——— —— F— Die Fanatiker. Hiſtoriſcher Roman aus der zweiten Halfte des ſechzehnten Jahrhunderts von ud w S oych 3 weiter S h Leipzig, 1 831. Bei C. H. F. Hartmann. —— Die Fanatiker. Zweiter Theil: Der Kammerherr. Vernehmt die ſchauervollſte der Sagen: Es dräuet ein Sturm, der Städte verheert, Der grimmig die Königreiche durchfährt, Daß Waller und Pilgrime wehklagen. Pald liegen die Thürm' und Veſten zerſchlagen. Er wehet den Starken die Häupter ab. O laßt uns fliehen an Gottes Grab! Nach Walter von der Vogelweide. Storchs Fanatiker. U. 1 —— Auf der Ebene ſte i So laß dir, Herr, befohlen ſein Die Kinder dein In dieſen Jammerzeiten! Herr Gott, dich deines Volks erbarm, Dein ſtarker Arm Thu' ſelber für ſie ſtreiten. Dein Kraft obſieg', Daß dir der Sieg* Gegeben werd' Auf dieſer Erd⸗ Durch dein Gemein.— Die Ehr' allein, O Herr, bewahr ſie rein. Altes Kirchenlied. oncour zwiſchen den Fluͤſſen Thou und das Heer der cal⸗ viniſtiſchen Streiter in Schlachtordnung. Die Sonne des dritten October warf ihren erſten Strahl auf die hellen Waffen der Muthigen und blitzte tauſendfach darinnen wieder. In kuͤhnem Trotz klopften alle 1* x ——— —— Herzen dem Schlachtſignale entgegen. Ein leiſes, ermuthigendes Murmeln lief durch die Reihen, deren Anblick einen duſtern Eindruck machen mußte. Denn da das Heer einer beſtimmten Uniform ermangelte, ſo beſtand das Kleid jedes Kriegers aus ſeinem gewoͤhn⸗ lichen Wamſe, welches von einer mehr oder minder dunkeln Farbe war, ſo daß der ganze Haufe einer ſchwarzen, dem Tode geweihten Schaar glich. Der Ton der Stimmen verſtaͤrkte ſich und ging ſchnell in lauten Jubel uͤber, als ſich der Admiral vor der Fronte zeigte und gegen ſie gewendet ſein Pferd an⸗ hielt. Als er den Gruß ſeiner Getreuen erwiedert, begann er laut mit ernſtem Angeſicht:„Kinder, Freunde, Calviniſten, Soldaten! Nicht mein Wille war es, Euch heute zur Schlacht zu fuͤhren; Ihr habt es ſelbſt mit Ungeſtum von mir verlangt und ich gab nur Eurem Eifer nach. Doch wir ſtehen nun kampfgeruͤſtet und von dort druͤben waͤlzt ſich der Feind unſers Glaubens heran; in wenigen Mi⸗ nuten wird die Schlacht beginnen. Beſchamt meine Zweifel, macht mein Zoͤgern zu Schanden, uͤberzeugt mich, daß heute der gluͤcklichſte Tag zur Schlacht war. Wir wollen ni gluͤck denken, das uns in zwei Treffen gte, nur an einen großen Todten will rinnern, der ſonſt an unſerer Spitze ſtand. Condé iſt nicht mehr unſer Fuͤhrer; ſein ſchwarzes Loos ſprang bei Jarnac aus der Urne; er ſiel muthig wie immer und als einer der tapferſten Streiter fuͤr ſeine Rechte und „— — — —— 7— — 5—½ ſeinen Glauben. Moͤchte der Geiſt, der ihn be⸗ ſeelte, noch unter uns wohnen, moͤchte er vorzuͤglich am heutigen Tage uns fuͤhren. Der Himmel hat reichlich fuͤr uns geſorgt; in der friſchen kraͤftigen Jugendbluͤthe des Prinzen Heinrich von Bearn, des erſten Sproͤßlings des von uns ſo ſehr geliebten Hauſes Bourbon und des einzigen Sohnes der uns ſo theuern Koͤnigin von Navarra, ſo wie in Conds's hoffnungsvollem Sohne ſind unſerer Partei zwei kraͤftige Stuͤtzen gegeben, die den Bau unſerer Sorge, Muͤh und Kraft nicht ſinken laſſen werden. Erin⸗ nert Euch, was Heinrichs Mutter Johanna Euch zurief, als ſi⸗ ihren einzigen, geliebten Sohn Euch weihete und bergab, und ihn und den jungen Condé an Eure Spitze ſtellte. Bewaͤhrt heute, was ſich Jeder damals ſtill im Herzen gelobte. Vielleicht ſeh' ich dieſe Sonne nicht wieder untergehen; des⸗ halb verſprecht mir treu und bruͤderlich zuſammen⸗ zuhalten und nach wie vor Alles unſerm reinen Glauben zu opfern. Einmal, wenn unſere Suͤnden abgebuͤßt ſind, wird ſich Gott unſerer wieder gnaͤdig erburmn.“ Er ſchwieg geruͤhrt, zerbiß ſeinen Zahn⸗ ſtocher, ſprudelte die deſſelben aus und winkte mit dem Degen;* von beiden Seften um die Flanke des herrliche Juͤngange in fuͤrſtlicher Kleiderpräs trafen in der Mitte vor der Fronte bei Colizui zuſammen. So wie die Soldaten ſieeih ickten, echohen ſie ein Jubelgeſchrei; da⸗ bei raſſelten die Schwerter an den Buͤchſen. Es war z Heinrich von Bearn, Sohn Bourbon, der durch die Koͤ⸗ ſeinen Glauben verlaſſen ſi an einer bei der Ein⸗ nahme von Rouen genen Wunde geſtorben r. Der zweite war der ſiebzehnjaͤhrige Prinz Heinrich von Conds, der Sohn des vor ſechs Mpnaten in der Schlacht bei Jarnac gebliebenen edlen Hugenottenanfuͤhrers.„Seht hier Eure Prin⸗ zen, Eure Fuͤhrer!“ rief Coligni begeiſtert in der Mitte der Juͤnglinge;„ſchuͤtzt ſie durch Eure Tapfer⸗ keit vor den Dolchen der Katholiſchen. Und nun kein Wort weiter als: zur Schlacht!“ „Zur Schlacht!“ hallte es in den lebendigen Mauern furchtbar wieder.„Es lebe Prinz Heinrich von Navarra, es lebe Prinz Heinrich von Condé! Wir wollen fuͤr ſie ſterben!“ Ein graͤßlicher Kano⸗ endonner beſtätigte den Schwur. Coligni hatte 8 das ſchwere Geſchutz loͤſen laſſen und damit das Zei⸗ chen zum Angriff gegeben. Das katholiſche Heer war nur noch in geringer Entferntz es erwiederte 8 die Salve. Sogleich warf ſich die ſchnelle Reiterei e der Hugnotten Kampfe auseinander, ung bezweckt zu haben. Der Admiral eilte berittenen Schuͤtzen herbei, um die Ord en.„Char⸗ lot,“ rief er dem hint⸗ Hiuptmann 6 p ———— Ihr ſchnell die zerſtreute Schwadron, d ch auf die feindlichen Reiter werfe.“ Charlots Boten flogen nach allen Seiten, er trieb mit einer kleinen Schaar, die er ſogleich vom Hau⸗ fen ablöſte, die fliehende Reiterei zuſammen. Dem vordringenden Admiral warf ſich aber ein neuer Haufe der koniglichen Reiterei, vom Rheingrafen angefuͤhrt, entgegen; ein kurzes, aber hitziges Gefecht entſtand, die Befehlshaber ſtießen ſelbſt auf einanderz Coligni erhielt von ſeinem Gegner einen Piſtolenſchuß quer durch den Mund, doch ſtreckte ſein ſichereres Gewehr den Rheingrafen ſogleich todt zu Boden. Ohne auf ſeine ſtark blutende Wunde Ruͤckſicht zu nehmen, fuͤhrte der Tapfere ſeine muthigen Leute weiter gegen * den Feind, der vor ihren kraͤftigen Streichen hier und da theilweiſe zuruͤckwich. Der Hauptmann Charlot hatte unterdeſſen die meiſten von den ver⸗ ſprengten Reitern wieder zuſammengebracht, die, von neuem Muth durch ihn beſeelt, gern ſeinem Winke folgten. Er fuͤhrte ſie gerade auf das Centrum, wo der Herzog von Anjou, der Anfuͤhrer des Heeres, * hielt, und hoffte durch einen kuͤhnen Streich der 5 Schlacht ſchnell den Ausſchlag zu geben. Charlots Abſicht erkennend, ſtieß der Graf Ludwig von Naſſau zu ihm und verſtärkte dadurch den Haufen um das ierfache. Rechts und links wüthete der Kampf; Charlots Schwadron draͤngte ihn vor ſich her, und brach ſich Bahn zum Herzen des Feindes. Angriff und Gegenwehr waren gleich verzweifelt; denn beibe ———— — — 6— Theile wußten nur zu gut, daß es jetzt lles gelte. Drei Hugenottiſche Reiter ſandten vorzugl wie ſchnelle Blitze umher, ein Vierter lud die ſen und Piſtolen, blies die Lunte an und reichte ſie den Andern; bei jedem Knalle gab es neuen Platz in den feindlichen Gliedern. So waren ſie bis zur naͤchſten Umgebung des Herzogs gelangt, neben wel⸗ chem der Markgraf von Baden kaͤmpfte. Ein Buͤch⸗ ſenſchuß warf dieſen vom Pferde, ein zweiter Schuß todtete des Herzogs Pferd, es ſturzte mit ihm; der eine hungenottiſche Reiter ſtreckte ſeine Hand aus, um den Schwächling bei den Haaren zu faſſen und mit ſich fort zu reißen; der Herzog blickte ihn an und ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus; in dem⸗ ſelben Augenblicke ſtuͤrmten, von der Gefahr des Obergenerals unterrichtet, die Begleiter des Herzogs mit der koͤniglichen Reiterei heran, eine Buͤchſe knallte, und der khne Hugenott ſtuͤrzte blutend vom Roſſe. Der Herzog war befreit. Der juͤngſte der drei cal⸗ viniſtiſchen Reiter ſprang ab, nahm mit einer Kraft, die der jugendlichen Bluͤthe ſeines Geſichtes kaum entſprach, den Gefallenen in den Arm, uͤbergab ihn ſchnell dem Dritten, ſchwang ſich, waͤhrend Saͤbel auf ihn niederziſchten und Buͤchſen ihn umkrachten, auf ſein Pferd und Beide jagten verwundet aus dem Getuͤmmel, von ihrem Diener gefolgt. Ohne ſich weiter um die Schlacht zu kuͤmmern, durch⸗ ſchnitten ſie mit raſender Eile das Feld, und erreich⸗ ten oͤſtlich vom moͤrderiſchen Gewuͤhle eine kleine, — — ———— — 81— mit Wald beſetzte Anhoͤhe, wo ſie die Kanonenku⸗ geln nicht mehr erreichen konnten. „Hier laßt uns den edlen Hauptmann unter⸗ ſuchen, ob er noch Leben in ſich hat, und ob wir hoffen duͤrfen,“ rief der Juͤngling ſeinem Begleiter zu, und dieſer hielt mit der theuern Laſt an. Jener war ſchnell vom Pferde, nahm ihm die blutige Buͤrde ab, legte ſie ſanft auf den Raſen am Fuße eines Baums und wollte dem Verwundeten die Kleider abſtreifen; aber in dem Augenblicke, als er die breite Lederkuppel des kurzen Schwertes loͤſte, ſank er ſelbſt, vom ſtarken Blutverluſt gaͤnzlich entkräͤftet, ohnmaͤchtig daneben nieder.„Treue Seele!“ ſagte der Dritte ſehr geruͤhrt und wiſchte ſich eine Thraͤne aus dem ſchoͤnen Auge, uͤbergab dem Diener die Pferde und kauerte neben den beiden beſinnungsloſen Freunden. Er riß zuerſt dem Hauptmann das Le⸗ derkoller auf, und erblickte mit Schrecken, wie die Kugel unter dem rechten Arm die Bruſt durchbohrt hatte. Doch glaubte er noch Lebenszeichen an dem ſtark Verwundeten zu bemerken und ſuchte deshalb das noch immer leiſe hervorquellende Blut zu ſtillen. Der Diener hatte unterdeſſen die Pferde an einen Baum gebunden, und den ohnmächtigen Juͤngling ebenfalls entkleidet. Außer zwei ſtarken Kopfver⸗ letzungen hatte er einen Hieb uͤber den linken Arm und die Bruſt. Beide wurden nun ſo ſorgfältig als moͤglich verbunden, nachdem der Reiter die Wunden mit dem kuͤhlenden Morgenthau, der 1— reichlich auf Mors und i 0 hatte. Gaſtine!“ ſeufzte er, waͤhrend dem traurigen Ge⸗ ſchaͤfte, und druͤckte wehmuͤthig einen Kuß auf die Lippen des ältern und juͤngern Freundes. „Pierre,“ ſagte er dann zum Diener: ℳs bleibt uns nichts uͤbrig, als Du nimmſt den guten Chre⸗ tien auf Dein Pferd in Deine Arme. Ich mache es mit dem Hauptmann eben ſo, und wir reiten ſo langſam als moͤglich nach dem Schloſſe Doucerepos, wo wir von der guten Madame Dallain noch vor wenigen Tagen ſo ausnehmend wohl gepflegt wurden. Ich bin uͤberzeugt, ſie wird an unſerm Kranken Alles thun, was in ihren Kraͤften ſteht, und weibliche W hilft viel und ſchnell.“ „Zumal die der frommen Frau Dulain,“ ent⸗ gegnete der Diener.„Gott vergelte ihr, was ſie an uns ſchon gethan hat, und noch thun ſoll. Sie wird meinen armen Herrn gewiß gern aufnehmen, und ihm ein Bett, vielleicht ein Grab gönnen, wenn der Himmel das Schlimmſte uͤber uns verfuͤgt. Steht es aber in ihrer Macht, ſo iſt er gerettet, denn vom erſten Augenblick an, wo ſie von uns vernahm, daß wir von la Rochelle gebuͤrtig, und er ein Freund und ich ein Diener des edlen Hauſes d'Alban ge⸗ weſen war, wußte ſie nicht, was ſie uns alles Lie⸗ bes und Gutes erzeigen ſollte. Wie manchmal hoͤrte ich ſie fur uns, die d Albans, die Rocheller und „Edler, armer Coir, telicher cS —— alle Calviniſten inbruͤnſtig beten! Und wie oft mußte ich ihr von meiner Herrſchaft erzaͤhlen, vom alten Herrn, von Henriette, Caͤſar und Luiſe! Und ſie vergoß jedesmal Thraͤnen, ſo bain ich buſer mitweinen mußte, ohne zu wiſſen warum.“ „Es war ſehr wohl von Dir gethan, uvuchet und redeſeliger Pierre Arbet,“ erwiederte der Reiter, ihn unterbrechend,„jetzt aber wird es noch beſſer von Dir gethan ſein, Du bequemſt Dich, Deine Laſt aufzuladen, und die ſchwere Reiſe anzutreten.“ „Wir bekommen noch Gefaͤhrten,“ ſagte Pierre, „denn ich ſehe uͤber die Ebne her einen Haufen cal⸗ viniſtiſcher Reiter herjagen, die eben nicht wie Sieger ausſehen.“ Wirklich verſtummte auch der Kanonendonner, der zeither das Geſpraͤch der Beiden ununterbrochen begleitet hatte; die Menge auf der Ebene ſtob aus⸗ einander, und nach einer Vierteiſtunde ſprengten ſchon einzelne Fluͤchtlinge des Hugenottenheeres an das Waͤldchen, in welchem die Verwundeten gebettet waren. Mehrere eilten in einiger Entfernung vor⸗ uͤber, ohne auf Pierres aͤngſtlichen Zuruf zu hoͤren; endlich zog ſein verzweifeltes Geſchrei Einige heran. Es war ein hoher ſtattlicher Mann, mit den Inſig⸗ nien eines Feldoberſten begleitet. Ein Paar ſeiner Leute folgten ihm. „Pierre!“ rief der neu dazu Gekommene,„was treibſt Du hier noch fuͤr Poſſen? Nimm Dein Pferd und fliche! Wir ſind gänzlich geſchlagen und die Papiſten werden uns gleich auf den Ferſen ſein.“ „Edler Herr Oberſt!“ rief der Diener mit wehmuͤthiger Stimme:„wie wuͤrde mich Eure ver⸗ ehrte Schweſter, Fraͤulein Henriette, empfangen, wenn ich ohne meinen Herrn und Jugendfteund heim⸗ kehrte, da ſie es ja war, die mich vermocht, meinen ruhigen Dienſt zu verlaſſen, und mit ihm in den Krieg zu ziehen? Ich muͤßte mich ja ſchaͤmen, vor ſie zu treten, da ich ihr beim Scheiden verſprochen, ihn wohl zu wahren, und entweder mit ihm oder gar nicht wieder zu kommen.“ „Und was iſt's mit Deinem Herrn, dem Haupt⸗ mann Charlot? Hat auch ihn die blutige Hand des Todes ergriffen?“ fragte der Oberſt d'Alban beſturzt. Pierre wieß ſchweigend mit tiefbekummertem Blick nach der Staͤtte, wo die Verwundeten lagen. Der Oberſt eilte dorthin.„Ei ſeht, werther George d'Armevall!“ rief er dem noch mit Charlot beſchaͤf⸗ tigten Reiter zu:„Ihr erweißt dem edelſten Manne die letzte Freundespflicht. Treu im Leben und Tod; Ihr ſeid ein braver Freund. Hat der gute Charlot vollendet?“ „Er lebt noch,“ verſetzte der Reiter ehrerbietig; „doch athmet er nur ſchwach und die Wunde ſcheint mir ſehr gefährlich. Demohnerachtet hab' ich noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, wenn wir ihn nur auf einem in der Nähe liegenden Schloſſe hatten, dann wollte ich leichter athmen, denn ich bin dort ſeiner beſten Pflege gewiß.“ „Aber er wird den Koͤniglichen in die Hände fallen, und ihm hat der Herzog von Anjou die furchterlichſte Rache geſchworen. Der dem RKoͤnige geſpielte Betrug iſt bekannt, und Karl ſelbſt wuͤrde dem Schmiede eher verzeihen, als der kindiſchboſe Herzog.“ „Es wird uns auf Doucerepos moglich werden, ihn zu verbergen, dafuͤr laßt mich ſorgen,“ ſagte George d'Armevall. Jetzt aber draͤngt die Zeit; wir muͤſſen eilen.“ Der Oberſt ließ zwei ſeiner Soldaten abſteigen, und zwiſchen die Pferde an die Sättel ihre langen Maͤntel befeſtigen, ſo daß dadurch eine Art Hänge⸗ matte entſtand. Dahinein wurde Charlot gelegt, und ſchwebend von den langſam in gleichem Schritt gefuͤhrten Pferden davon getragen. George d'Arme⸗ vall und Pierre Arbet machten es mit ihren beiden Gaͤulen auf gleiche Weiſe, und brachten den jungen Chretien Gaſtine eben ſo bequem fort. Nach einigen Stunden, noch ehe es Mittag war, langten ſie auf Waldpfaden an dem Schloſſe in einem maäßigen Thale an, durch welches die Thon floß, an deren ufern ſich die Mauern der einſamen, aber ſchoͤnen Beſitzung erhoben; einige Anhoͤhen deckten es von der vordern Seite, hinten war es von Wald um⸗ geben, und ganz iſolirt gelegen. Erſt einige tauſend Schritte weiter weſtlich lag das dazu gehoͤrige Dorf. ——— ———— Ein ſilberhaariger Greis empfing die trauernden Gäſte an der Pforte der hohen Schloßmauer; er war der Beſitzer des Schloſſes, ein Edelmann äus altem, beruͤhmten Geſchlecht, ergraut in emſiger Betreibung von mancherlei Studien, unbeweibt und die Beſor⸗ gung ſeiner haͤuslichen Angelegenheiten der Frau Joſephe Dallain„ſeiner bejahrten Haushaͤlkerin uͤber⸗ laſſend. Dieſe rief denn auch ſogleich der alte, brave Hert von Ronnell herbei. Wie erſchrack die gute Frau, als ſie die Menſchen, zu denen ſie eine ſo gioße Liebe gezeigt, die ſie vor einigen Tagen noch mit Freuden bedient hatte, in ſolch kläglichem Zu⸗ ſtande wieder erblickte. Ihre feuchten Augen, in denen man noch Spuren ſonſtiger Schönheit erken⸗ nen konnte, irrten an Charlots Koͤrper herum, die gräßliche Wunde zu entdecken, und ſie ſchien es nicht zu vernehmen, wie ihr der an allen Gliedern zit⸗ ternde Herr von Ronnell die ſorgfaltigſte Pflege der Verwundeten empfahl und ſich zuruͤckzog. Pierre fuͤhrte die Roſſe an das Haus; der Beſitzer deſſelben ſchickte ſeine Diener, man loͤſte die ſchwebenden Bet⸗ ten und trug die beiden ſchwergetroffenen Kämpfer in ein bequemes Zimmer, worin ihnen Frau Dallain das weichſte Lager ſchnell beſorgt hatte. Sobald der Oberſt den Hauptmann in guten Haͤnden wußte, gab er dem Ofſizier George d'Armevall noch einige Vechaltungsregeln fuͤr den Fall, wenn die Koͤnig lichen das Schloß heimſuchen ſollten und eilte dann weiter.„Ich gehe,“ ſagte er,„um Euch zwei Aerzte herzuſchicken; iſt irgend Huͤlfe möglich, ſo hilft geiwiß einer von beiden.“— George d'Armevall und der redliche Pierre blieben mit den Kranken allein. Kaum waren die Andern fort, als Frau Foſephe auf d'Armevalls Anrathen, Charlot und ſeine Lager⸗ ſtaͤtte behutſam in ein zwiſchen dem Gartenſaale und der Kuͤche ſehr verſteckt gelegenes Kabinet bringen tieß. Chretien blieb allein im Zimmer liegen⸗ D'Ar⸗ mevall war nach einer halben Stunde in die fried⸗ lichen Kleider des Schloßgaͤrtners und Pierre in die ſeines Gehuͤlfen gekleidet; ihre eigenen Kleidungs⸗ ſtuͤcke und Waffen wurden ſorgfältig verſteckt. Schon nach einigen Stunden hielt ein Haufen koͤniglicher Reiter am Thore und begehrte Einlaß, uimn das Schloß nach hugenottiſchen Fluͤchtlingen zu durch⸗ ſuchen. Als man willig ihr Begehren erfullte, ihnen Ställe und Keller oͤffnete, ſie ſogar bewirthete und George auf die Geſundheit des Königs von Frank⸗ reich, des Herzogs von Anjou, des Pabſtes, der Koͤ⸗ nigin Mutter trank, fiel es ihnen nicht ein, das Haus weiter zu durchſuchen. D'Armevall erfuhr von den Jubelnden erſt die Groͤße des Verluſtes, welchen die Calviniſten abermals erlitten hatten; doch war es ein Troſt fuͤr ihn zu hoͤren, daß weder der Ad⸗ miral noch einer von den beiden Prinzen gefallen oder gefangen worden war. Als der ſchmerzlich be⸗ wegte Krieger in das Kabinet trat, fand er Madame Dallain ſchon beſchaͤftigt, ſeinem Freunde die Wunde mit Wein auszuwaſchen und mit einem kuͤhlenden 16 Wundbalſam zu beſtreichen. Schon hatte die Gute alle zum richtigen Verband noͤthigen Dinge beſorgt, und lauſchte nun mit aͤngſtlicher Spannung den lei⸗ ſen Athemzuͤgen des noch immer Ohnmachtigen. George verließ die Beſorgte, um nach Chrétien zu ſehen, er fand ihn mit offenen— und zuruͤck⸗ gekehrtem Bewußtſeyn. „Wo iſt der Hauptmann?“ war bes Zingings erſte Frage, die er mit ſchwacher Stimme nur muͤh⸗ ſam hervorbrachte. „Ruhig, mein junger Freund,“ ſagte der Offi⸗ zier,„er iſt hier im Schloſſe, befindet ſich wohl, und wuͤnſcht auch Euch bald wieder hergeſtellt; deß⸗ halb ſchont Euch.“ Chretiens truͤbes Geſicht druckte Zweifel aus, doch ſchwieg er und ließ ſich ruhig verbinden. Noch in den ſpaͤten Abendſtunden ſtellte ſich ein heftiges Wund⸗ ſiebedſbei ihm ein; Madame Dallain, Pierre und George loͤſten ſich bei ihm und Charlot ab. Auch bei dem Letztern zeigte ſich Nachts noch das Fieber; doch kam er vorher nicht zur Beſinnung. Die erſten Worte, die er ſprach, erzeugte der Fieberwahnſinn; es waren zwei theure Namen, deren Identitat ihm jetzt mehr als je gewiß war, wie aus ſeinen verworre⸗ nen Aeußerungen hervorging. Das wunderbare, geheimnißvolle Spiel ſeines Geiſtes, ſich Louiſe und Henriette nur als eine Perſon zu denken, war jetzt nicht mehr durch die Wirklichkeit gehemmt, ſeine kuhne Phantaſie wandelte in den ſchoͤnſten Bildern 6 und zauberte ihm ein Gluͤck, an deſſen Verwirklichung er im ſtolzeſten Selbſtgefuͤhl, deſſen ſeine Beſchei⸗ denheit faͤhig war, nicht gedacht hatte. Dieſer Zuſtand wirkte aber von Anfang her gleich ſehr wohl⸗ thaͤtig auf die Nerven des Geſchwaͤchten; jede ge⸗ waltſame Anſpannung, welche von Fieberraſerei meiſt herbeigefuͤhrt wird, unterblieb, denn der Kranke lehte ſelig mit dem einen holden Weſen im ſchoͤnſten Verein, das er bald Louiſe, bald Henriette nannte. Chretien dagegen tobte gräßlich, die ſchwaͤrzeſten Bil⸗ der vom Schickſal der Seinigen, das man ihm zwar ſorgfaͤltig verhehlt hatte, das ihm aber jetzt in wunder⸗ baren Ahnungen aufging, folterten ſeine Seele; je friſcher ſeine Jugendkraft war, je mächtiger ſie rang, um ſo heftiger war auch der Kampf, aber dieſer auch um ſo ſchneller ausgekämpft. An ſeinem Bette ſaßen Pierre Arbet und Frau Joſephe im traulichen Zwie⸗ geſpraͤch; er erzaͤhlte ihr von Chretiens Verhaͤltniſſen, ſo viel er wußte, kam dann auf den Schmied, auf deſſen Schweſter, auf Ceſar, berichtete aus ſeiner Jugend, fuͤhrte Kleinigkeiten mit breiter Umſtaͤndlichkeit an, und waͤhnte in der vertraulichen Behaglichkeit, in die er durch ſeiner Zuhörerin aufmerkſames Weſen, ihre verſtaͤndigen Fragen und Zwiſchenreden und den großen Antheil, welchen ſie an ſeinen Erzaͤhlungen nahm, ſich in die Zeiten verſetzt, als er noch Abends in des Schmieds Haus ſchlich und mit der alten, guten Margot Saiſon die Zeit verplauderte. In dieſer Eintonigkeit verſtrichen die Tage; beide Kranke Storchs Fanatiker. II. 2 8 — 16— beſſerten ſich; Chretien nur weit ſchneller und zuſe⸗ hends; d'Armevall ſuchte heilende Kraͤuter, praͤparirte ſie und verband die Wunden taͤglich; Pierre wartete die Kranken fleißig und Frau Joſephe ging ihm getreulich an die Hand; der alte Herr von Ron⸗ nell ließ ſich nur ſehr ſelten ſehen. Eines Abends verließ George das Zimmer, in welchem die Haushaͤlterin und Pierre an Chretiens Bette ſaßen, mit der Aeußerung, er werde zum Hauptmann gehen, deſſen wohlthaͤtiger Schlummer wahrſcheinlich nun voruber ſei. Frau Joſephe ging ebenfalls, um ihren alten Herrn zu beſorgen; Pierre ſchlummerte im Lehnſtuhle ein. Ploͤtzlich erwacht er, wie durch ein Gerauſch ermuntert, und ſieht zu ſeinem Schrecken das Lager leer. Mit angſtbefluͤgel⸗ tem Schritt eilt er nach dem Kabinet und verkuͤndet dem Offizier Chretiens unbegreifliche Flucht. Beſtuͤrzt ſpringt auch dieſer mit dem Lichte in der Hand herbei, al Zimmer werden durchſucht, ſodann der Hof, die Staͤlle; vergebens ruft man ſeinen Namen, der un⸗ gluckliche Juͤngling iſt nirgends zu finden. Pierre rennt wie ein Verzweifelter umher, und macht ſich die heftigſten Vorwuͤrfe uͤber ſeine Unachtſamkeit; Frau Joſephe ringt und windet die Haͤnde. Das ganze Haus iſt in Aufruhr; der alte Hausbeſitzer ſelbſt ſteigt aus ſeiner Klauſe herab, um Jaͤger, Gaͤrtner, Fiſcher, Hausvogt, Bediente, ja das ganze Dorf aufzubieten; George denkt endlich an ſeinen hulflos zuruͤckgelaſſenen Kranken, um den ſich bis —— — jetzt Niemand wieder bekuͤmmert hat, und eilt in das abgelegene, verſteckte Kabinet. Aber wie erſtaunt er, als er dort Chretien nur nothduͤrftig gekleidet am Bette ſeines Freundes ſitzend findet. Der ſelbſt noch nicht geneſene Juͤngling hält Charlots Hand und bedeckt ſie mit Thränen, er beobachtet mit ſtar⸗ ren Blicken die Zuͤge des Kranken, er lauſcht mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf jedes ſeiner unzuſam⸗ Worte, er iſt ſo vertieft in das An⸗ en ſeines väterlichen Freundes, in den Schmerz uͤber deſſen Leiden und in die durch Alles durchſchim⸗ mernde Freude des Wiederſehens, daß er Georges Eintritt nicht bemerkt. Aber auch dieſer vergießt ein Paar ſtille Thraͤnen uͤber ſolche Treue und Anhaͤng⸗ lichkeit, ſchleicht hinzu, und legt ſeinen Arm ſanft an des Juͤnglings Nacken mit den Worten:„Chre⸗ tien, was habt Ihr uns gethan? Warum fluͤchtet Ihr heimlich von Eurem Lager und ſetzt uns Euret⸗ wegen in ſo große Angſt?“ „Ich konnte das Leben ohne meinen Wohlthäter nicht laͤnger ertragen,“ verſetzte der Juͤngling,„und da ich ſtets in der peinlichſten Ungewißheit ſchwebte, ob Charlot noch lebe oder nicht, ſo entſchloß ich mich durch eigne Anſchauung mich zu uͤberzeugen. Ver⸗ gebens hatte ich Pierre ſchon mehrmals gebeten, mich hieher zu fuͤhren. So wollte ich denn Euch nach, als Ihr uns verließet und Pierre eingeſchlafen war.“ „Aber wie kamt Ihr von mir unbemerkt in das Kabinet?“ 2* —— „Kaum hatte ich mein Zimmer verlaſſen, als ich Pierre ſchon hinter mir hoͤrte; ich floh ſchnell und ſah mich beim ſchwachen Schein der Lampe in einer 3 Kuͤche; hier verkroch ich mich hinter dem Feuerheerd. Pierre eilte an mir voruber in dies Kabinet, ich ſah Euch mit ihm daſſelbe verlaſſen und auch an mir voruͤber⸗ ſchreiten; ein Licht blieb hier zuruͤck. Kaum hattet Ihr Euch entfernt, als ich eintrat und ſeitdem ſelige Augenblicke am Bette bieſes geliebten Nannes lebte; denn ich weiß ja nun, daß er lebt, und wir auch auf ſein ferneres Leben hoffen duͤrfen.“ Theophile hatte des Junglings Hand gefaßt, und ſagte plötzlich:„Guter Chretien, iſt Henriette noch nicht da?“ Verwundert ſahen ihn die beiden Freunde an; es ſchien mit einem Male Licht in ſeinem Geiſte ge⸗ worden zu ſein. Seine Zuͤge ſtrahlten verklaͤrt, ſein Auge leuchtete Freude. „Sie iſt noch nicht hier,“ antwortete George, und bedeutete Chretien zu ſchweigen;„aber ſie wird nun bald kommen.“ „Ja, dieſen Abend oder dieſe Nacht noch,“ ſetzte Charlot ſchwach hinzu, und verſank in ein ſtilles aber wie es ſchien, freundliches Nachdenken. George ſuchte Chretien zu bereden, daß er wieder in ſein Zimmer und zu ſeinem Lager zuruckkehre; aber der Juͤngling beharrte feſt auf ſeinem Willen, ſich nicht wieder von ſeinem väterlichen Freunde zu trennen⸗ George ging deshalb, um den Hausbewohnern ſein Auffinden zu verkunden, und zugleich Sorge zu — tragen, daß ſein Lager ebenfalls in das Kabinet ge⸗ bettet wuͤrde. Die gute Frau Joſephe kam ſchnell herbei, umhalste den Wiedergefundenen und vergoß Freudenthraͤnen. Mit welcher Anhaͤnglichkeit ſie Chretien zugethan war, zeigte ſich in dieſen Augen⸗ blicken der Angſt und der Freude erſt deutlich; es war nicht anders, als umarme ſie ihren eigenen Sohn, und in ihrem Geiſte ſtiegen ſchmerzlich ſuͤße Erinnerungen auf. YPierre ſtand daneben und hielt eine umſtaͤndliche Rede, worin er nach gewohnter alter Weiſe des Breiten viel von ſeinem Schrecken, Verzweiflung, Ueberlegung und Entſchluͤſſen vor⸗ brachte. Niemand hoͤrte auf ihn, denn die Diener brachten ſchon Chretiens Bett; Frau Joſephe ließ es dicht an das des Hauptmanns ſetzen; geſchaͤftig brei⸗ tete ſie die warmen Decken aus, und ihre Bitten vermochten den Juͤngling, ſich niederzulegen. Char⸗ lot ſah mit ſtillem, heitern Laͤcheln zu. Im Kamine loderte bald die waͤrmende Flamme, Frau Joſephe brachte den beiden Kriegern ein ſchmackhaftes Abend⸗ brot und ein Paar Flaſchen alten Wein mehr als ſonſt, um den noch durch die Glieder leiſe bebenden Schreck vollends zu vertreiben und die Freude uͤber das glucklich uͤberſtandene Abentheuer zu feiern. Sie ſelbſt ſchlug ein Glas nicht aus, und da die beiden Kranken ſich ſo wohl befanden, uberließ ſich das ſorgſame, edle Kleeblatt befreundeter Menſchen dem uͤber ſie kom⸗ menden Frohſinn und der mittheilenden Geſprachigkeit. Pierre erzählte wieder lang und breit von den guten 5 Leuten im Hauſe d'Alban, von ſeinem darin genoſ⸗ ſenen Gluͤck, und Frau Joſephe vergoß trotz ihrer frohen Stimmung doch wieder ein Paar Thraͤnen. „Euer Leben, mein lieber Pierre, kenne ich nun ziemlich ausfuͤhrlich,“ ſagte ſie zu dem geſprächigen Erzaͤhler;„dagegen weiß ich von dem Eurigen faſt noch gar nichts, edler d'Armevall. Wenn Ihr nun gerade keine beſondern Grouͤnde habt, daruͤber zu ſchweigen, ſo theilt uns etwas davon mitz es iſt ja bekannt, wie wißbegierig die Frauen ſind, und Ihr hofft doch nicht, daß ich von meinem Geſchlechte eine furwahr unruͤhmliche Ausnahme machen ſollte?“ „Wenn Euch damit gedient iſt, die ſehr ein⸗ fache Geſchichte eines an großen Ereigniſſen armen Lebens zu vernehmen,“ ſagte der Offizier,„ſo bin ich mit Freuden erboͤtig, ſie Euch mitzutheilen. Ich bin das Juͤngſte von zehn Geſchwiſtern, von denen einige ſchon in die Fremde gezogen waren, als ich geboren wurde, und die ich, weil ſie nicht wieder in ihre Heimath zuruͤckkehrten, nie kennen gelernt habe. Es war weder meinem Vater noch meiner Mutter vergoͤnnt, mich zu erziehen; der Spaͤtling ihrer Ehe mußte fremder Pflege anheim fallen. Der Vater ſtarb fruͤh, die Mutter kraͤnkelte noch mehrere Jahre⸗ In dieſer Zeit half mir die thätige Liebe einer älte⸗ ren Schweſter fort, an ihr allein hing mein jugend⸗ liches Herz. Doch die Mutter genaß allmaͤhlig; aber die in unſerem Hauſe eingeriſſene Armuth trieb die Slieder deſſelben auseinander; die Schweſtern mußten ſich vermiethen, die Bruder als Handwerker und Soldaten ihr Brot ſuchen; ich und eine, mehrere Jahre aͤltere Schweſter blieben allein bei der Mutter zuruͤck. Doch kaum war ein Jahr vergangen, als auch ſie ſich ſchlafen gelegt hatte. Ich und mein Schweſterchen ſollten zu Verwandten kommen, bei denen wir eben keinem erfreulichen Looſe entgegen ſahen. Da traf es ſich zufallig, daß ein reicher Lothringiſcher Edelmann mit ſeiner Gemahlin in un⸗ ſerer Stadt verweilte. Dieſe Frau, welche nur ein Töchterlein geboren, ſich aber ſtets mit der groͤßten Sehnſucht einen Sohn gewuͤnſcht hatte, hatte mich fruͤher ſchon geſehen und Wohlgefallen an mir ge⸗ funden. Als ich nun weinend zu meinem Oheim gefuͤhrt wurde, bei dem ich kuͤnftig wohnen ſollte, befand ſich jener Edelmann mit ſeiner Frau dort. Sie aͤußerte den Wunſch, mich zu beſitzen; der Mann willfahrte ihr gern; mein Oheim wurde mich auf gute Art los, und ſo reiſte ich denn nach einiger Zeit mit dieſen guten Menſchen auf ihre Beſitzungen nach Lothringen und ſah mich bald mit allen zart⸗ lichen Beweiſen elterlicher Liebe uͤberhaͤuft. Wie bald vergißt ein Kinderherz den fruͤhen Kummer um die Trennung von Geſchwiſtern und Geſpielen, dem Ge⸗ burtsort, den Plaͤtzen der erſten geſelligen Freuden, wenn ihm Alles in ſo reichem Maaße erſetzt wird, wie mir! Meine neue Mutter wurde es mir in jeder Bedeutung des Wortes; ich galt ihr eben ſo viel, als ihre Emilie, und wir Kinder liebten uns und nahmen ———— zu an Geiſt und Koͤrper unter der Mutter Pflege. Heimlich waren meine Pflegeeltern den Lehren des Calvinismus zugethan, und ich wurde natuͤrlich eben⸗ falls darin unterrichtet; ſpaͤter traten ſie oͤffentlich uͤber. Als nun die Religionskriege ausbrachen, waren meine hochbejahrten Eltern nicht nur meinem gluͤhenden Verlangen, fuͤr meinen Glauben zu ſtrei⸗ ten, nicht entgegen, ſondern die Mutter kleidete mich ſelbſt ein, der Vater bewaffnete mich, Emilie guͤr⸗ tete mir das Schwert um, und kuͤßte mich. Der Vater legte ſeine Haͤnde ſegnend auf uns, die Mut⸗ ter kuͤßte uns weinend. Ich ſchied von Emilien als meiner Braut und trat als Offizier unter Coligni's Fahnen. Im Felde lernte ich den edlen, tapfern Schmied kennen; er rettete mir das Leben; gleiche Geſinnungen fuͤhrten uns inniger zuſammen, wir wurden bald die beſten Freunde. Nach dem Frieden von Conjumeau zog ich mit den ſchoͤnſten Hoffnun⸗ gen heim und fand meine geliebte Emilie— im Grabe. An mich gewoͤhnt, der ich mich noch nie von ihr getrennt hatte, war ſie bald nach meiner Abreiſe kraͤnklich geworden. Sehnſucht hatte die Bluͤthe ihres Lebens zerſtoͤrt. Bald begrub ich auch die Mutter; der Gram, ihren Lebenswunſch vereitelt zu ſehen, riß ſie dahin. Meine Wiederkehr ver⸗ klarte noch die letzten Tage ihres ſchoͤnen Lebens⸗ Der neue Ausbruch des Kriegs hatte mich wieder an meinen Poſten gefuͤhrt, ich fand meinen einzigen Freund wieder, und wir gelobten uns im Angeſichte — 4— des Himmels, im Leben und Tode uns nun nicht mehr zu verlaſſen. Ihr ſeht, ich habe meinen Schwur gehalten; er haͤtte es eben ſo gethan.“ Frau Joſephe hatte mit großer Aufmerkſamkeit zugehoͤrt.„Ihr habt vermieden, edler Herr,“ ſagte ſie jetzt,„irgend einen Namen der Orte wie der Perſonen zu nennen.—„Nur zufaͤllig,“ verſetzte der Offizier.—„So ſagt mir doch, hieß Euer Vater auch d'Armevall?“—„Nein; es iſt dieß der Name meines Pflegevaters, welcher mich adoptirte, mich zum Erben ſeiner Beſitzungen machte, und damit ſeinen Namen auf mich uͤbertrug. Mein Vater hieß Vollart und war kein Edelmann, ſondern ein Ge⸗ wuͤrzkraͤmer in einer kleinen Stadt der Normandie.“ Frau Dallain bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤnden und ſaß in dieſer Stellung einige Zeit, ohne ſich zu regen, gleichſam, als ſei ſie in ein tiefes Nachdenken verſunken. Ringsum war Alles ſtill geworden; die Mitternachtsſtunde ruhte lautlos auf dem Schloſſe. Ploͤtzlich brach die Haushäaͤlterin in ein lautes Schluchzen aus; die unerwartete Heftig⸗ keit ihrer Gemuͤthsbewegungen machte die beiden Dabeiſitzenden um ſo beſturzter, als ſie ihnen ganz unerklaͤrlich war.„George,“ ſagte endlich Madame Dallain, ſich erhebend und auf den ſo vertraut An⸗ geredeten zueilend:„ſieh in mir Deine aͤltere Schwe⸗ ſter Joſephe, die Dich als Knaben auf ihren Armen, an ihrer Bruſt trug, die die Pflegerin Deiner Kind⸗ heit war. Niemals habe ich Dich vergeſſen und ich halte es fuͤr des Himmels groͤßte Gunſt, daß er Dich in meinen ſpäten Lebenstagen mir noch zufuͤhrt, und erkenne es gern fuͤr einen reichen Erſatz großer Entbehrungen, die ich erdulden mußte.“ Freudig uͤberraſcht war d'Armevall aufgeſprun⸗ gen und hatte die wuͤrdige Matrone umarmt. Die ſchauerliche Geiſterſtunde wurde eine Wonne⸗ ſtunde fuͤr die ſich Wiedergefundenen; Pierre weinte vor Freuden, wie ein Kind. Chretien war uͤber die gerauſchvolle Scene erwacht und verlangte mit Unge⸗ ſtum den Grund derſelben zu wiſſen; Pierre theilte ſie ihm umſtaͤndlich mit, waͤhrend die Geſchwiſter ſich miteinander beſprachen, und bemerkte dabei, daß ſein Herr, der Hauptmann, wache und mit freude⸗ ſtrahlenden Augen das Geſchwiſterpaar ſtill betrachte. „Nun erzähle uns auch Deine Schickſale, ge⸗ liebte Schweſter,“ ſagte George endlich zu Madame Dallain. Ein ſchmerzlicher Zug flog uͤber ihr Ge⸗ ſicht, aber da nach ſolchem Begebniß kein Auge in der Geſellchaft vom Schlafe heimgeſucht wurde, da auch Pierre und Chretien ſie mit Bitten beſturmten, ſo ſchenkte ſie die Glaͤſer noch einmal voll, reichte ſie den beiden Maͤnnern und begann: „Es mag Euch aufgefallen ſein, lieber Pierre Arbet, daß ich ſo großen Antheil an Eurer Vater⸗ ſtadt la Rochelle und an dem Hauſe Eurer Herr⸗ ſchaft des Herrn Buͤrgermeiſters d'Alban genommen; Ihr ſollt jetzt erfahren, wie ich hierzu große Urſache habe. Als ich mein väterliches Haus verlaſſen mußte, — fand ich einen Dienſt bei einer reichen Marquiſe, die großes Wohlgefallen an meiner Jugend hatte. Ich war damals noch nicht ſechzehn Jahre, ſie ließ mich foͤrmlich erziehen, unterrichtete mich ſelbſt in vielen Dingen, und nahm mich mit ſich nach Paris. Dort erfuhr ich bald, daß ſie eine heimliche Calvi⸗ niſtin war. Sie war dieſem Glauben ſo ſchwaͤrme⸗ riſch ergeben, daß ſie mein beugſames Gemuͤth eben⸗ falts leicht für denſelben gewann, daß ſie ſich aber auch ſelbſt verrieth, bei Hofe in Ungnade fiel und von ihrem Gemahl verſtoßen wurde. Sie eilte mit mir nach la Rochelle, dort nahmen ſie Freundesarme willig auf. Aber ſie war des Glanzes, des Lebens im großen Style gewohnt, die Stille und Einfoͤr⸗ migkeit in der ganz calviniſtiſchen Stadt druͤckten ſie ſehr, ein heimlicher Gram nagte an ihrem Leben, ihre Geſundheit war ohnedieß ſtets wankend geweſen, und ſo uͤberlebte ſie denn ihren Fall nur um einige Jahre. Auf ihrem Sterbebette vermachte ſie mich ihrer innigſten Freundin, der Frau d'Alban, und nahm ihr das Verſprechen ab, mich ſo zu behandeln, wie ich von ihr ſelbſt gewohnt geweſen war. Frau d'Alban war aber doch meine gute Marquiſe nicht; ich merkte den Unterſchied bald. Sie war zwar keine boͤſe Frau, aber ſtets voller Launen, eigenſinnig und empfindlich, eine allzuſtrenge Mutter und des⸗ halb von ihren Kindern nicht geliebt, eine muͤrriſche Gattin und deshalb von ihrem Gemahl nicht geſucht. Alle flohen ſie, ich mußte allein bei ihr aushalten; ich — 28— ertrug ihre Launen mit Geduld, denn wenn ſie ſelbſt oft einſah, wie ſehr ſie mich plagte, behandelte ſie mich dann Tage lang mit viel Liebe. Sie hatte zwei Soͤhne und zwei Toͤchter. Der aͤlteſte war ein edler Menſch; er bemitleidete mich oft und ſeine Theilnahme that mir ſehr wohl. Er ſtand in ſeinem drei und zwanzigſten, ich in meinem neunzehnten Jahre. Noch war mir kein Mann nahe getreten, noch hatte mein Herz nicht das gefaͤhrlichſte aller Gefuͤhle in ſich aufgenommen. Da mußten ſich Mitleid nnd Dankbarkeit begegnen, um—“ 3 weites Kapitel. Wer reitet ſo ſpät durch Nacht und Wind? Göthe. Ein lauter, ſtarker Ton der Hofglocke, welche an der Pforte der Mauer gewaltig gezogen wurde, unterbrach die Exzaͤhlerin. Erſchreckt fuhren Alle in die Hoͤhe, ſich mit Blicken und Worten fragend, was dieß nach Mitternacht zu bedeuten habe. Kaum aber hatten ſie ſich einigermaßen geſammelt, als der Klang ſich noch heftiger wiederholte. D'Armevall ſchnallte ſein breites Bandelier mit dem Schwerte um, griff nach ſeiner Lanze, ſtuͤrzte den langkrempi⸗ gen Hut auf den Kopf und winkte Pierre, ihm die Leuchte nachzutragen. Frau Joſephe ſteckte dem Bruder den Schluͤſſel zum Thore zu, und begleitete Beide bis an die letzte Stufe der Hausthuͤre. George oͤffnete an der Pforte einen kleinen Schieber, ſah hinaus und erblickte, ſo gut die finſtre Nacht es vergoͤnnte, die Umriſſe mehrerer Reiter. „Wer da? Wer begehrt um dieſe Zeit Einlaß?“ fragte der Offizier mit ſtrenger Baßſtimme. „Gute Freunde,“ antwortete eine weibliche Stimme.„Sagt uns aber doch erſt, liegt hier der Hauptmann Theophile Charlot aus la Rochelle an ſeinen Wunden krank darnieder? Lebt er noch? Wie befindet er ſich?“ Die Fragen geſchahen mit einer ſolchen Haſt und wurden mit ſo bewegtem Tone geſprochen, daß man ihnen wohl anhoͤren konnte, wie viel der Sprecherin an dem fraglichen Gegenſtande gelegen ſei. „Er liegt hier,“ verſetzte George,„und wir ſehen ſeiner Geneſung entgegen. Doch ſagt zuvor, wer Ihr ſeid, eh' Ihr Einlaß von mir begehrt.“ „Ich bin Henriette d'Alban, eine Freundin des Hauptmanns aus la Rochelle, und die mich umge⸗ ben, ſind lauter gute Rocheller, herbeigekommen, um ihrem edlen Landsmann zu dienen.“ George hatte in freudiger Haſt ſchon das Thor geoffnet, die Stimme war ſo uͤberzeugend, daß er nicht den geringſten Zweifel in die Ausſage ſetzte. Sechs Geſtalten zu Pferde paſſirten das Thor. George und Pierre eilten dienſtfertig herbei, um der Dame vom Zelter zu helfen. Frau Joſephe hatte mehrere Fackeln herbeigebracht, in deren tothem Scheine man drei Frauen und drei Maͤnner erkannte. Zwei von den letzteren gaben ſich Pierre ſogleich als Die⸗ ner und alte Bekannte zu erkennen; ſie brachten mit ihm die Pferde zum Stalle und verharrten dort in traulicher Unterhaltung, waͤhrend die beiden erſten Damen ſich ihrer Reiſemaͤntel entledigten und der Dienerin uͤbergaben, dann in Begleitung des einen Mannes, von Frau Joſephe gefuͤhrt, und von George gefolgt, nach dem Krankenkabinet ſchritten. Als die Thuͤr geoͤffnet wurde und Henriette her⸗ eintrat, breitete ihr Theophile ſeine Arme entgegen, ſtumm ging ſie auf ihn zu, beugte ſich zu ihm. herab und druͤckte ihm einen langen Kuß auf die bleiche Stirn. Als ſie ſich wieder erhob, drängte ſich die andere Dame zu ihm, er blickte auf und rief erſtaunt:„Schweſter Jeanette!“ und auch ſie lag an ſeiner Bruſt. Mit Ruͤhrung ſtanden Joſephe und George dabei und beleuchteten die Scene; die Erſtere konnte nur mit großer Muͤhe eine gewaltige Bewegung verbergen.„Wie froh und gluͤcklich bin ich nicht in dieſer Nacht geworden,“ ſagte der Kranke zwar noch mit ſchwacher Stimme, aber alle Geiſtes⸗ verwirrung ſchien gaͤnzlich verſchwunden;„erſt findet mein lieber d'Armevall ſeine Schweſter und nun erhebt mich Euer Beſuch, edles Fraͤulein, und mein Gluͤck vollkommen zu machen, kommt meine Jeanette —%— mit; und noch ahne ich ein ſuͤßes Geheimniß, wel⸗ ches auch noch in dieſer Nacht die Fuͤlle ſeiner ſtillen Freuden uͤber uns ausgießen ſoll.“ Damit ſah er Madame Dallain bedeutend an; ſie verſtand ihn und winkte ihm freundlich zu. „Herr Hauptmann,“ ſagte Henriette:„ich habe Euch Herrn Siroux, unſern beſten Arzt in la Ro⸗ chelle, mitgebracht, er wird zu Eurer baldigen Wie⸗ derherſtellung ſeine Kunſt aufbieten.“ „Wie ſeid Ihr beſorgt fuͤr mich! wie bin ich Euch dafuͤr verbunden!“ verſetzte Charlot mit einem zaͤrtlichen Blick auf die herrlich prangende Maͤdchen⸗ geſtalt.„Doch,“ ſetzte er bekuͤmmert hinzu:„ich ſeh' Euch uͤber und uͤber in ſchwarzem Flor und Trauergewand gehuͤllt. Welchen theuren Todten betrauert Ihr? Traͤuft mir immerhin in die Schale der Freude auch die bittere Gabe.“ „Wißt Ihr nicht, daß mein Verlobter in der Schlacht bei Montoncourt gefallen iſt?“ „Herr von Clement todt?“ rief Charlot beſturzt aus, und ein Gefuͤhl, wie von einer gluͤhend heißen Blutwallung, fuhr ihm durch die Bruſt. „So iſt es,“ ſagte Henriette.„Er ſtarb fuͤr unſern Glauben. Doch laßt das. Euch hat ein guͤtiges Geſchick verſchont und den Lebenden gebuͤhrt unſere Sorge. Deshalb erlaubt, daß Jeanette und ich uns mit dem Arzte in Eure Pflege theilen.“ „Es wuͤrde der guten Madame Dallain wehe thun, wolltet Ihr ſie ganz ausſchließen,“ verſetzte —— Theophile,„denn ſie hat mich zeither mit ſo viel Sorgfalt gewartet. Ihr habt ja noch einen Kran⸗ ken, meinen Chretien; laßt auch ihm einen Theil Eurer Sorge zukommen.“ „O ich bin geſund, Hauptmann,“ rief dieſer ganz munter im Bette aufrecht ſitzend.„Morgen werde ich Euch mit bedienen koͤnnen, und mir das eben ſo wenig nehmen laſſen, wie die gute Frau Joſephe.“ „Das edle Fraͤulein d'Alban wird uns auch nicht verdraͤngen wollen; ich kenne ihr Herz zu gut. Es wird ſich ſeit neunzehn Jahren nicht geaͤndert haben,“ ſagte Madame Dallain mit thraͤnenweicher Stimme, faßte die Hand der ſie verwundernd an⸗ blickenden Henriette, preßte ſie heftig an ihre Bruſt und befeuchtete ſie mit dem Thau, der ihren Augen reichlich entquoll. Henriette hatte bei dem Ton ihrer Stimme aufgehorcht und ſie ſcharf in's Auge gefaßt; jetzt rief ſie ploͤtzlich:„Wie wird mir ſo ſon⸗ derbar zu Sinne beim Anblick dieſer Frau. Es weht mich an wie Träume aus meiner fruheſten Kindheit; es umgaukelt mich wie Jugendſpiele; laͤngſt entſchlafene Erinnerungen wachen wieder auf. Wie?— taͤuſcht mich nicht Alles, ſo ſeid Ihr——“ „Die ungluͤckliche Joſephe Vollart,“ ſagte Ma⸗ dame Dallain. „Sie iſt's!“ rief Charlot mit ihr zu gleicher Zgeit;„mein Herz hat es mir zugefluſtert.“ „Ceſars und Louiſens arme verſtoßene Mutter?“ — „Und Eures Bruders Weib vor Gott.“ „Die Waͤrterin, die Freundin meiner fruͤhern Jugend, nach der ſich mein Herz unaufhoͤrlich ge⸗ ſehnt hat.“ „Und die Euch immer mit derſelben Zaͤrtlichkeit liebende Joſephe, die Euch nie vergeſſen konnte, deren Herz ſtets bei Euch war.“ Henriette ſchloß die Weinende in die Arme. „O waͤre doch du Froiſſet mit ſeinen Kindern hier,“ ſagte Charlot leiſe,„um die Wonne dieſer Stunde ganz vollkommen zu machen!“ Aber Jean⸗ nette hatte die Worte vernommen und ſchluchzte laut. „Ich verſtehe Deinen Schmerz, armes Kind,“ ſagte Charlot:„Ceſar hat ſeine Schwuͤre vergeſſen, er iſt ſei⸗ nem Glauben untreu geworden. Ich weiß es. O daß ich ſelbſt einen Theil der Schuld tragen muß! Haͤtte ich das ahnen koͤnnen!“ Der Gedanke an Louiſe ergriff ihn; er wollte ihn feſthalten, aber es war nicht moͤglich; die ſchoͤnen Ereigniſſe des Augen⸗ blicks und Henriettens liebliche, erhabene Geſtalt, de⸗ ren Reize durch das ſchwarze Gewand in ſeinen Augen noch erhoͤht wurden, verdrängten alle anderen Betrach⸗ tungen aus ſeiner Seele. Während der Arzt ſeinen Krankheitszuſtand pruͤfte, die Verbaͤnde von den Wunden nahm, hatten ſich Joſephe und Henriette hunderterlei zu ſagen. Beide entfernten ſich, um fur die neu angekommenen Gaͤſte Zimmer einzurich⸗ ten. Erſt gegen Morgen verfugten ſich Alle zur Storchs Fanatiker. II. 3 . Ruhe. Joſephe mußte verſprechen, am folgenden Tage ihre Schickſale mitzutheilen. Geſtaͤrkt, wie noch keinmal ſeit dem verhaͤngniß⸗ vollen Abende, an welchem er beſinnungslos in das Schloß gebracht worden war, erwachte Theophile am andern Morgen. Chretien hatte ſchon lange auf ſeine erſte Bewegung gelauſcht; jetzt ſprang er erfreut vom Lager, kleidete ſich ſchnell an und half ſeinem väter⸗ lichen Freunde im Bette auf. Dann eilte er fort, gleichſam, als habe ihm niemals etwas gefehlt und kehrte mit den Andern zuruͤck. Henriette und Jeannette hatten dem Schloßbeſitzer bereits ihre Auf⸗ wartung gemacht. Der Arzt nahm ſeine Operatio⸗ nen von Neuem vor, aber der geſchickteſte und ſchnellſte Helfer war hier die Liebe. Und umſtand ſie nicht in ihren verſchiedenſten Geſtaltungen das Lager? George, Chretien, Joſephe, Henriette, Jeannette, ja Pierre, liebten ſie nicht Alle den edlen Schmied innig und wahr, jedes auf eine andere Weiſe; und liebte er nicht jedes von ihnen eben ſo warm und treu, doch auch mit ganz verſchiedenen Gefuͤhlen? Joſephe erzaͤhlte auf Aller Bitten, was ihr ſeit der Verſtoßung aus d'Albans Hauſe begegnet war. Die Frau d'Alban hatte ſich zwar uͤber die vermeint⸗ liche Schande todt geaͤrgert, Joſephen aber vorher noch ihrer Kinder beraubt und die troſtloſe Mutter in's Elend ſtoßen laſſen. Ihr Geliebter war lange gefangen gehalten worden. Huͤlflos wanderte ſie — 35 lange herum, bis ſie nach mancherlei Widerwaͤrtig⸗ keiten und boͤſen Erfahrungen, in die Dienſte des gelehrten Herrn von Ronnell gekommen war. Ihr Betragen gefiel ihm und er wuͤnſchte, daß ſie ſeinen Haushofmeiſter Dallain heirathete. Sie empfand nichts fuͤr den Mann, doch war er ihr auch nicht zuwider. Ihre Geſchichte war demnach die von tau⸗ ſend gefuͤhlvollen vom Leben betrogenen Herzen. Dallain war vor mehreren Jahren geſtorben; ſie hatte ihm keine Kinder geſchenkt. Seitdem hatte ſie im Schloſſe alle Geſchaͤfte ihres Mannes zur groͤßten Zufriedenheit ihres Gebieters verſehen, und ſo war ſie denn mit ihrer Liebe und ihrem Schmerze alt geworden. Zwei Wuͤnſche hatte ſie nur fuͤr die Dauer ihres Lebens noch gehabt; ihre Geſchwiſter, vorzuͤglich die juͤngeren, die ſie ſehr geliebt, und dann ihre eigenen Kinder, noch einmal wieder zu ſehen. Ein Theil dieſer Wuͤnſche war ſchon in Erfuͤllung gegangen, und ſie hegte alle Hoffnung, ſie ganz gewaͤhrt zu ſehen. Charlots Geneſung ging langſam aber ſicher vor ſich; ſeine Wunde war lebensgefährlich geweſen und nur dem Zuſammentreffen ſolch guͤnſtiger Umſtaͤnde und der ſorgſamen Pflege der Liebe war ſeine Erhal⸗ tung zuzuſchreiben. Henriette wich nicht vom Lager des geliebten Freundes, ſein dankbarer Blick entzuͤckte die Beſorgte. Unvermerkt wob ſich das Band, wel⸗ ches fruͤher ſchon ſchnell ſich um ihre Herzen ge⸗ ſchlungen, feſt und feſter, und obgleich die Lippen 3* — 36— das ſuͤße Geheimniß noch nicht ausgeſprochen hatten, ſo wußten doch Beide, daß ſie ſich angehoͤrten, und die Andern betrachteten ſie ebenfalls ſo. Chretien theilte mit Henrietten die Sorge um den Kranken; die treue Anhaͤnglichkeit des Juͤnglings an ſeinen Freund und Wohlthäter kannte keine Grenzen. Die trauernde Jeannette ſchloß ſich immer mehr an Frau Joſephe an, ſie war ja die Mutter ihres Ceſar, des noch immer von ihr mit aller Glut ihres Herzens geliebten Ceſar, und die gute, hartgepruͤfte Frau wußte um ihre Liebe und alle Ereigniſſe ſeit der Ent⸗ ſtehung derſelben, und weinte ſtundenlang mit der armen Verlaſſenen. Beide lebten und fuͤhlten zuletzt ſich ſo in einander hinein, daß ſie unzertrennlich waren und eine einzelne, wehmuͤthige Gruppe in dem ſtillen, hauslichen Gemaͤlde bildeten. Pierre hatte ſich ſchon laͤngſt in ſein Schickſal ergeben, und auf die ſchoͤne Schmiedstochter, die doch eigentlich durch ihn in d'Albans Haus gekommen war, nun aber ſich auch zum Stande deſſelben hinaufgeſchwungen hatte, Verzicht geleiſtet, obgleich es ihm je zuweilen einen Stich durch ſein redliches Herz gab, wenn er die herrlich bluͤhende Jungfrau von der Seite anſah, und der bei ihr zugebrachten, mit der Tante Margot ſo froͤhlich verplauderten Abende gedachte. George d'Armevall hatte ſich, ohne daß es eigentlich bemerkt worden war, von Allen leiſe und allmaͤhlig zuruckgezogen. Theophile und Henriette waren zu ſehr mit ihrer Liebe beſchaͤftigt. Chretien war noch — 3— zu jung und dem Hauptmann zu eifrig ergeben, um pſychologiſche Betrachtungen anſtellen zu koͤnnen. Jeannette lebte in der ſtillen Trauer ihrer Liebe und nur Joſephe's freiem Blick war es allein vergoͤnnt, in des Bruders Herz zu ſehen und darin eine trube Stimmung wahrzunehmen; bald ahnete ſie auch den Grund derſelben. Es wurde ihr klar, daß er Jean⸗ netten liebe und der Macht dieſer Leidenſchaft ſich ganz hingebe. An einem heitern Spaͤtherbſttage, welcher recht geeignet war, ein zartes Gemuͤth mit ſtiller Wehmuth zu erfuͤllen, und einem verwundeten die Erinnerung an ertragene Schmerzen recht leben— dig zu machen, und alle laͤngſt verrauſchten Stuͤrme noch einmal als ſuͤßes Trauerlied an die Saiten des innern Harfenſpiels anzuklingen, in den Nachmit⸗ tagsſtunden eines ſolchen Abſchiedsfeiertages der Natur wandelten Joſephe und Jeannette Arm in Arm am Ufer des Fluſſes in den romantiſchen Umgebungen des Schloſſes, auf den gegelbten Wieſen und in dem entblaͤtterten Haine. Mehr als je waren ihre Herzen zur gegenſeitigen Mittheilung geneigt, es wehte ihnen ſo wehmuͤthig ſuß von außen entgegen und der trauernde Genius vergangener Tage ſtieg aus der ſterbenden Natur vor ihren Blicken herauf. Alles um ſie mahnte ſie, wie kurz und hinfallig die irdiſche Freude ſei, wenn nicht eine aͤthe⸗ riſche Flamme ſie durchgluͤhe, wie das Leben ſelbſt zum hohlen, bedeutungsloſen Nichts zuſammenſinke, wenn es nicht eine höhere, uͤber Raum und Zeit hinaus⸗ —— ſtrebende Idee vergeiſtige. Schweigend wandelten die beiden Freundinnen neben einander und ohne Worte verſtanden ſie ſich in dieſen Augenblicken der Weihe, denn zu gleicher Zeit naͤßten ſich ihre Augen, aber die hervorquellenden Perlen truͤbten ſie nicht. „Du biſt ſo traurig heute, meine liebe Jean⸗ nette,“ ſagte Madame Dallain und druͤckte der juͤn⸗ gern Freundin theilnehmend die Hand, gleichſam, um badurch anzudeuten, daß ſie ihr die Antwort erſparen wolle. Jeannette brach in lautes Weinen aus.„O Mutter!“ rief ſie:„Heute fuhle ich es recht ſchmerz⸗ lich, daß er auf ewig fuͤr mich verloren iſt.“ „Auf ewig, Kind? Sage das nicht. Bei Gott iſt kein Ding unmoͤglich, das weiß ja meine fromme, gottergebene Jeannette. Es kann ſich mit der Zeit noch gar Vieles aͤndern.“ „Meint Ihr? O ich moͤchte wohl gerne hoffen; denn was hofft man nicht, was man wuͤnſcht. Aber es iſt ja Alles vergebens. Er kann nun nie der Meine werden.“ „Dieſer unſelige Buͤrgerkrieg muß doch einmal beendigt werden, die Calviniſten muͤſſen ſich Glau⸗ bensfreiheit erkaͤmpfen, wie in Deutſchland, ſo will es Gott der Herr und die Ordnung der Dinge⸗ Wenn nur erſt ein rechter und wahrhaftiger Friede geſchloſſen iſt, dann will der alte Buͤrgermeiſter ſelbſt nach Paris zu ſeinem Sohne und meinen Kindern, um ſie Alle nach la Rochelle zuruͤckzufuͤhren, ſo hat — — 39— mir Henriette vertraut. Dann wirſt Du Ceſars gluͤckliches Weib.“ „Wer daran glauben koͤnnte! Aber er wird ein Papiſt bleiben wollen und dann darf ich ja doch nicht.“ „Wuͤrdeſt Du ihm denn auch als Katholik an den Traualtar folgen?“ „Geſteh' ich's Euch nur, theure Mutter. Ja, ich wuͤrde ihn lieben und heirathen, und wenn er ein Tuͤrk geworden waͤre.“ „Kind, Du erſchreckſt mich mit der Heftigkeit Deiner Liebe. So ſollte eine ſo fromme Calviniſtin keinem Manne zugethan ſein.“ „Iſt das Eure wahrhaftige Meinung, Mutter? — Ach Gott! ich armes Maͤdchen weiß ja nicht, was Recht oder Unrecht iſt, mein Herz gluͤht auf bei dem Gedanken an ihn, es wallt ihm entgegen, es lebt nur in ihm, und es fragt nicht, ob er die Predigt oder die Meſſe hoͤrt. Man hat mir zwar von Jugend auf geſagt und ſtets wieder geſagt, es ſei eine der groͤßten Suͤnden, katholiſch zu werden. Aber ſeht, ſeit einiger Zeit bin ich ganz irre gewor⸗ den in meinen Gedanken. Ceſar war ſo klug, ſo verſtaͤndig, wie wenig Leute in la Rochelle; er wußte beſſer, als die meiſten, was eine Suͤnde war und was keine, und gar Vieles hielt er fuͤr keine Suͤnde, was Andere dafuͤr hielten, und wenn er mir's mit ſeinen klugen Worten recht klar machte, ſo ſah ich's ein, daß er Recht und die Uebrigen Unrecht hatten⸗ Darum mein' ich nun, wenn es eine ſo furchterliche Todſuͤnde ſei, katholiſch zu werden, wie unſere Pre⸗ diger ſagen, ſo haͤtte es Ceſar ſicherlich nicht gethan. Auch ſagt man ja, der Herr du Froiſſet ſei das klugſte von allen Kindern des Buͤrgermeiſters geweſen, und doch ging er hernach auch zu den Papiſten.“ „Der Heftigkeit Deiner Liebe allein kann ich die gottesläͤſterlichen Gedanken verzeihen, welche in Dir aufgeſtiegen ſind. Du biſt auf Irrwege gera⸗ then, Jeannette. Ceſar und ſein Vater ſind große Suͤnder, und Gott wird einſt ſchwer mit ihnen in's Gericht gehen, wenn ſie ſich nicht bekehren und zum wahren Lichte des Glaubens zuruͤckwenden. Dein Glaube ſteht nicht feſt, Jeannette; Dich koͤnnte Ceſar mit einem Worte abtruͤnnig machen und ſich nach ins Verderben hinabziehen.“ „Ja, beſte Mutter, ich muß Euch Alles beken⸗ nen, denn vor Euch liegt mein Herz offen und frei. Euch kann ich gar nichts verbergen. Als Ceſar Botſchaft an mich ſendete nach la Rochelle und mich bitten ließ, nach Paris zu kommen, da waͤr' ich gerne gegangen.“ „Du haſt mir davon noch nichts Ausfuͤhrliches erzaͤhlt. Welche Bewandtniß hatte es mit dieſer Botſchaft?“ „Seht, als Ceſar mit dem Prinzen Condé und dem Admiral und all den calviniſtiſchen Edelleuten, die ſeine Warnung vor den Nachſtellungen der Koͤ⸗ nigin gerettet hatte, in la Rochelle anlangte, da wollte — 4— ich ihn nicht wieder von mir laſſen; ich ahnete Ungluͤck. Aber der unfreundliche Admiral ſandte ihn fort, und mein Auge hat ihn nicht wieder geſehen. Denkt Euch meine Angſt, meinen Kummer, als er nicht zuruͤckkehrte! Erſt zwei Monate nachher, kurz vor dem Ausbruch des Kriegs, erhielt der Großvater einen Brief, worin Ceſar ihm weitlaͤufig auseinander ſetzte, daß er es fuͤr ſeine heiligſte Pflicht halte, bei ſeinem Vater in Paris zu bleiben. An mich beſtellte er nur Gruͤße. Dieſe Nachricht erfuͤllte uns mit der groͤßten Trauer. Ich uͤbergehe es, Euch meinen furchterlichen Schmerz zu ſchildern. Ich litt unſäͤg⸗ lich; aber ich liebte ihn ſtets. Von ſeinem Abfall ſtand nichts in dem Briefe, aber der Großvater ver⸗ muthete es, und der Doktor Severin wollte einige Zeit darauf die gewiſſe Nachricht von Ceſars Ueber⸗ tritt zur katholiſchen Kirche erfahren haben. O welche Pein war es fuͤr mich, ſtets die Verdammungsfor⸗ meln, Fluͤche und Verwuͤnſchungen mit anhoͤren zu muͤſſen, welche dieſer Mann Gottes auf des Gelieb⸗ ten Andenken haͤufte! Schon war ein Jahr in Trauer und Wehmuth vergangen und das Ungluͤck der Calviniſten bei Jarnac, der Tod des Prinzen Condé, Dandelots, des Herzogs von Zweibruͤcken und alles Unheils, was uͤber uns hereinbrach, ver⸗ mehrte unſern Schmerz, doch ließ mich die große Theilnahme, welche ich an der ganzen Calvini⸗ ſtengemeinde hatte, oft das eigne Ungluck vergeſſen. Da erſchien, es werden nun bald drei Monate ſein, ————— ein gewiſſer Ritter Gerard in la Rochelle, welcher viel geheime Unterredungen mit dem Großvater hatte. Anfangs wußte ich nicht, was der galante Hofmann in unſerm Hauſe wollte; ich liebte meinen Gram zu ſehr, um ihm, den ich fuͤr einen politiſchen Un⸗ terhaͤndler hielt, mehr als gewoͤhnliche Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken. Doch, nachdem er einige Tage bei uns verweilt, ſuchte er mit mir allein zu ſein, und bei der erſten Gelegenheit ſteckte er mir ein Billet zu. Es war von Ceſar. Er beſchwor mich bei meiner Liebe, mit dem Ritter Gerard heimlich aus la Rochelle zu fliehen und nach Paris in ſeine Arme zu kommen. Ich ſchauderte vor dieſem Plane zuruͤck und beſchwor den Ritter, ſich offen und red⸗ lich an den Großvater zu wenden und mich fuͤr Ceſar zu fordern, da der Buͤrgermeiſter ſich Rechte auf mich erworben habe, die mir unmoͤglich dieſen Schritt heimlich zu thun geſtatteten. Seit drei ganzen Tagen, verſetzte mir der Ritter, bearbeite ich den Kopf und das Herz des alten Herrn vergeblich. Er weiß Alles! Ich habe meine Kraͤfte uͤberboten, um ihn fuͤr Eure Abreiſe nach Paris guͤnſtig zu ſtim⸗ men, aber ich habe mit einem Felſenblock unterhan⸗ delt und meine Worte ſind in der Wuͤſte verſchollen⸗ Hierauf erzaͤhlte mir Gerard, daß er ſo offen zu Werke gegangen, wie nur irgend Einer, denn er ſei als Ceſars Abgeſandter erſchienen, daß aber, da der gerade Weg nicht zum Ziele fuͤhre, nunmehr ein 3 krummer einzuſchlagen ſei, wenn dem ungluͤcklichen 8 — und vor Liebe faſt wahnſinnigen Ceſar geholfen wer⸗ den ſollte. Ich gerieth in eine unbeſchreibliche Lage, in einen Widerſtreit meiner Gefuͤhle. Aus Ceſar's Handlungsweiſe erkannte ich ſeine ungeſchwaͤchte Liebe zu mir. Ich hatte mich nicht in ihm getaͤuſcht. Er war der Aite geblieben, hatte nicht leichtſinnig ſeine Schwuͤre gebrochen, hatte mein Herz nicht mit Fuͤßen getreten, wie man mir immer zugefluͤſtert. Es zog mich hin zu ihm. Einen Augenblick lang konnte ich im Entzuͤcken üͤber ſeine Treue vergeſſen, daß ich dem Buͤrgermeiſter und Henrietten die heiligſten Pflichten ſchuldig war. Ohne zu bedenken, was ich that, ſagte ich dem Ritter zu, mit ihm nach Paris zu fliehen; ich war feſt entſchloſſen, la Rochelle heim⸗ lich zu verlaſſen. Er eilte davon, um die Anſtalten zur Flucht zu treffen. Kaum aber war ich allein, ſo gelangte ich auch ſchon zur Beſinnung. Hen⸗ rietten konnte ich nichts verbergen, ſie las ſtets in meiner Seele. Mein Gewiſſen machte mir die bit⸗ terſten Vorwuͤrfe, und eben ſo ſchnell zum Rechten zuruͤckkehrend, als ich vorhin abgeſprungen war, eilte ich zu ihr, warf mich weinend zu ihren Fuͤßen und geſtand ihr Alles. Erſtaunt hoͤrte ſie mich an, drauf ging ſie zu ihrem Vater. Der Ritter verließ noch an demſelben Tage das Haus, ich ſah ihn nicht wieder. Man ſagte mir ſpaͤter, der Doktor Severin habe ihn mit wenigen Worten vertrieben. Erſt ſpaͤ⸗ ter ſagte mir Henriette, daß ich nie Ceſar's Frau werden duͤrfe, weil er ein Katholik geworden ſei. Da begriff ich zuerſt, daß der unſelige Glaubens⸗ unterſchied allein es war, welcher uns auf immer trennen ſollte, und ſo hat ſich denn in meinem Kopfe der Gedanke ausgebildet, daß ich lieber auch 6 katholiſch werden moͤchte, um ihm nur ganz ange⸗ hoͤren zu duͤrfen.“ „Du biſt ein gottloſes Kind geweſen, wenn Du das gedacht haſt,“ verwieß Frau Dallain der unſchuldigen Schwaͤtzerin die Rede, ſeufzte dabei aber tief auf, als ſtrafe ihr eigenes Herz ſie Luͤgen. „Auch ich muß Henrietten beiſtimmen,“ fuhr ſie dann fort.„Wenn Ceſar nicht von ſeinem Irrſal zuruͤckkommt und wieder zur Religion tritt, ſo biſt Du fuͤr ihn verloren, meine Tochter. Das Zeit⸗ liche muß der Menſch dem Ewigen aufopfern, und nicht uͤber dem Haſchen und Streben nach Genuß ſtrflicher Weltluſt ſein Seelenheil verſcherzen, und die Liebe iſt doch nur weltlich.“ „O ich moͤchte ſie fur goͤttlichen Urſprungs halten.“ 4 „Laß das, mein Kind!“ verſetzte Joſephe ſchmerz⸗ lich bewegt.„Du wirſt mit einem andern fröm⸗ mern Gatten gluͤcklicher ſein, als Du es mit Ceſar geworden waͤreſt.“ „Nimmermehr, meine Mutter! Nur ihn konnte ich lieben, nur ihm kann ich angehoͤren.“ „Auch ich dachte einſt ſo, und doch wurde es anders.“ „Aber Ihr liebtet auch Dallain, Euren— nicht, wie Ihr mir ſelbſt geſagt.“ —— „Du haſt Recht; ich achtete ihn nur!“ ſeußzte Joſephe.„Aber vielleicht lernſt Du einen edeln, ſtillen, frommen, beſcheidenen Mann lieben. Ich meine meinen Bruder, Jeannette.“ Betroffen ſtand dieſe ſtill, dann ſagte ſie be⸗ ſtimmt:„Ich achte ihn hoch, werde ihn ſtets achten; lieben kann ich ihn nie, und nie ſeine Gattin heißen.“ Beide ſchwiegen und kehrten nach dem Schloſſe zu⸗ ruͤck. Frau Dallain vermochte ihrem geliebten Bru⸗ der auch nicht einen Schimmer von Hoffnung zu geben. Sie konnte es daher nicht tadeln, daß er nach eingelaufenen Nachrichten vom Hugenottenheere wieder zu demſelben zu ſtoßen ſich entſchloß. Man vernahm naͤmlich durch geheime, von d'Armevall ausgeſandte Botſchafter, daß der Admiral mit den beiden Prinzen ſich nach dem Falle von St. Jean d'Angeli, wo der Herzog von Anjou an der Spitze des koͤniglichen Heeres eben keine große Belagerungs⸗ kunſt entwickelt und dadurch den Hugenotten Zeit, ſich zu erholen, gegoͤnnt hatte, nach Montauban be⸗ geben, und dort ein neues calviniſtiſches Heer werbe, und den Krieg in Languedoc und der Gascogne fortſetzen wolle. D'Armevall ſchied alſo ſchwermuͤthig von dem ihm ſo theuren Menſchen, um ſich von Neuem dem zweifelhaften Kriegsgluͤck anzuvertrauen. Er wuͤnſchte im Gewuͤhl der Schlacht den Tod zu finden. Der Winter ging den Zuruͤckgebliebenen ſtill voruͤber, man vernahm von einzelnen Waffenthaten der Calviniſten, von einem kuͤhnen Zuge des Admi⸗ rals an die öſtliche Grenze des Reichs, um deutſche Huͤlfsvoͤlker aufzunehmen; und im Anfange des neuen Jahres 1570 drang das Geruͤcht in das Schloß Doucerepos, daß beide Parteien ſtark um den Frie⸗ den unterhandelten und freudige Hoffnungen durch⸗ gluhten die Herzen ſeiner Bewohner. Charlot und Henriette hatten die erſten günſtigen Tage der wiederauflebenden Natur zur Abreiſe be⸗ ſtimmt; der Arzt, Pierre und die uͤbrige Bedienung waren ſchon lange nach la Rochelle voraus. Theo⸗ phile durchſchritt an Henriettens Arm das Zimmer, konnte bald dem alten Schloßherrn ſeine Aufwartung machen und ſeinen Dank ſagen, und ſehnte ſich immer mehr in's Freie. Ein heiterer, ſonnenreicher Apriltag fuͤhrte das Paar endlich auf den Altan des Schloſſes, welcher uͤber den Fluß hinausgebaut und von den Gipfeln der Silberpappeln, die an ſeinem ufer ſtanden, umrauſcht war. Die Knospen der⸗ ſelben ſchwollen dem Neubelebten entgegen, der, auf ſeine holde Waͤrterin geſtuͤtzt, die langen Locken zum erſten Male wieder dem Spiele der Luͤfte Preis gab. Beide ſetzten ſich auf ein Polſter, und ſandten die Blicke, dem Fluße entlang, zwiſchen den Bergen hin auf das unfern gelegene Doͤrſchen. Die Natur feierte ihr erſtes Feſt der Wiedergeburt; ein leichter Hauch umfing die Erde noch, wie leiſe Wehmuth ihren Schleier um die Freude wirft; aber wie dieſe dadurch inniger wird, ſo wurde die Erde ſchoͤner. — 47— Der Geiſt der liebenden Menſchen flog in ſtummen Seufzern hinaus, um zur Befriedigung der Sehn⸗ ſucht die lachende Flur mit Liebe zu umfangen. „Nie haͤtte ich geglaubt,“ begann Theophile end⸗ lich:„daß mein Herz mit ſolch ſtarken Banden am Leben hinge, wie ich es jetzt empfinde. Nein, ich moͤchte nicht ſterben, moͤchte mich nicht dem Schickſal des Schlachtgewuͤhls wieder blosſtellen. Ein Ge⸗ fuͤhl— ſoll ich es Feigheit nennen?— zieht mich maͤchtig zum Leben; noch nie wurde ich mir deſſen ſo bewußt, wie heute.“ „Ihr habt am Leben und ſeinen Genuͤſſen große Summen gut, und fuͤrwahr, wenn es Euch dieſelben als ein redlicher Schuldner einzahlt, ſo duͤrft Ihr mit Recht Euch auf kuͤnftige Tage freuen.“ „So hatte ich es nicht gemeint; ich verlange vom Leben nichts, es wuͤrde meine Wuͤnſche doch nicht erfullen koͤnnen.“ „Waͤren ſie ſo kuͤhn und groß, daß Eure Thaten, Eure Beſchwerden und fruͤheren Aufopferungen hinter ihnen zuruͤckbleiben muͤßten?“ „Aufrichtig antworte ich Euch: Ja!— Doch erlaubt mir nun daruͤber zu ſchweigen.“ „Ihr weiſt mich kalt zuruͤck, Hauptmannz hab' ich Euer Vertrauen je getaͤuſcht?“ Theophile ſaß einen Augenblick in tiefen Gedan⸗ ken; dann ſah er Henrietten in die Tiefe ihrer ſchwar⸗ zen en die ſie auf ihn geheftet hatte.„Nun denn,“ ſagte er endlich entſchloſſen,„es ſei, ich will Euch mein Geheimniß verrathen; Ihr habt Euch ein Recht auf meine Offenherzigkeit erworben. Ich liebe Euch, Fraͤulein; ich habe Euch geliebt von der Stunde an, in der ich Euch zum erſten Mal ſah, ich werde Euch ewig lieben. Ihr aber ſeid die Tochter des Buͤrgermeiſters d'Alban und ich bin der Sohn des Schmieds Charlot zu la Rochelle.“ „Aber ein Fuͤrſt an Tapferkeit, ein Koͤnig an Edelſinn,“ fiel ihm Henriette ſchnell ins Wort. Dann ſchlug ſie verſchaͤmt die Augen nieder; hohe Glut faͤrbte ihre zarten Wangen. „Und darauf duͤrft' ich hoffen?“ „Hoffe Alles, edler Mann; ich bin die Dei⸗ nige!“ ſagte Henriette leiſe und beugte ſich zu ihm hin; er umfing ſie ſanft. Die Sonne trat eben hinter einer Wolke hervor, und kuͤßte mit warmen Strahlen die Scheitel und Stirnen der im erſten Kuß der Liebe vereinigten ſeligen Menſchen; ein leiſer Luftzug ſaugte den Duft aus den Pappelknospen und preitete ihn uͤber ſie; der Fluß unten klang ſeine Wellen aneinander. Da durchzuckte es Theophiles Bruſt wie ein jäher Schmerz und der Gedanke wurde plötzlich lebendig in ihm, als ſei es nicht Henriette, die er liebe, ſondern die ferne Louiſe, und als habe er eben einen Treubruch an Jener begangen. Doch der traͤumeriſche Eindruck verlor ſich und lies in den folgenden Tagen nur einen wehmuͤthigen Nachhall, der allmaͤhlig verklang und verſchwand, verſcheucht von Henriettens Zaͤrtlichkeit. — 40— Eine Woche ſpaͤter reiſten die beiden Vereinten nach la Rochelle ab; Jeannette konnte ſich nicht von Frau Joſephen trennen; auch dieſe hatte ſich ſo an die Holde gewoͤhnt, daß ihr der Gedanke, wieder ſo einſam als fruͤher zu leben, unertraͤglich war. Beide baten, bei einander bleiben zu duͤrfen. Weder Theophile noch Henriette konnten etwas dagegen haben und ſie und Chretien Gaſtine verließen das Schloß ohne Jeannetten. Drittes Kapitel. Die Tugend ſtrahlt in unentweihtem Schimmer, Kennt nicht die Schmach zurückgeſetzt zu ſein, Die feile Gunſt des Volkes kann ihr nimmer Die Fasces nehmen, noch verleihn. Sie öffnet dem Verdienſt, daß es nicht werde Des Todes Raub, den Himmel, bricht ſich Vahn, Wo Keiner ging, verſchmäht des Pöbels Wahn Und ſchwingt ſich aus dem Staub der Erde. Horaz Oden III, 2. von E. Günther. — Faſt ein Jahr ſpaͤter war eines Tages ein un⸗ gewohntes Leben, Draͤngen und Treiben im Hauſe des alten Buͤrgermeiſters zu la Rochelle. Ritter und Damen im hoͤchſten Schmuck, wohlgeputzte Buͤr⸗ Storchs Fanatiker. II. —— gersleute durchzogen bunt durch einander die Straßen theils nach d'Albans Hauſe, theils nach dem alten Rathhauſe auf dem Markte. Die Haufen mehrten ſich und umſtanden zulezt den Weg, eine Gaſſe von jenem Hauſe zu dieſem bildend. Endlich erſchallte der Ruf der Huiſſiers:„ſie kommen!“ und tauſendfach wiederholt liefen dieſe Worte zu beiden Seiten durch die Reihen und alle Koͤpfe drehten ſich dahin, wo er begonnen hatte. Von den Stufen des hohen Hauſes herab ſchritt zuerſt eine betraͤchtliche Anzahl praͤchtig geklei⸗ deter Trabanten der Koͤnigin von Navarra; ihnen folg⸗ ten die Hofleute, dann die Bedienung der Koͤnigin, männlichen und weiblichen Geſchlechts. Hierauf erſchien ein prächtiger Baldachin von vier ſchoͤnen Pagen ge⸗ tragen, unter ihm zeigte ſich Johanna d'Albret, Konigin von Navarra, zwiſchen ihrem Kanzler Fran⸗ cout und dem Admiral Coligni, dem jauchzenden Volke; dieſen ſchloſſen ſich die Prinzen Heinrich von Navarra und Heinrich von Condé, hohe bluͤ⸗ hende Juͤnglinge an; in ihrer Mitte der eben in la Rochelle anweſende Graf Ludwig von Naſſau, der im letzten Kriege ſo tapfer fuͤr die Calviniſten ge⸗ fochten hatte; die Kammerherren der Prinzen um⸗ gaben ſie. Auf ſie folgte Theophile Charlot, im hoͤchſten Glanz der Geſundheit und des Reichthums, mit Ringen und Spangen, Ketten und allerlei Zierrath geſchmuͤckt, wie noch nie; denn die Sitte der damaligen Zeit verlangte von den Maͤnnern faſt noch mehr Putz, als vön den Frauen. Ihn fuͤhrte der Oberſt d'Alban⸗ —— Hinter ihnen kam Henriette im koͤſtlichſten Braut⸗ ſchmuck, mit freudeſtrahlenden Augen, von George d'Armevall gefuͤhrt. Auf ſie folgte der alte Buͤrger⸗ meiſter in ſeinem reichen Amtskleide; Jeannette hing an ſeinem Arme; dann kam des Buͤrgermeiſters Schwiegerſohn, der Baron d'Autelant Dathis und die alte Tante Margot. Doch noch laͤnger dauerte der Zug; denn viele Waffengenoſſen Charlots und Freunde des Hauſes d'Alban hatten ſich darange⸗ ſchloſſen; desgleichen eine Geſandtſchaft vom Hofe, welche denſelben Morgen von Blois, dem jetzigen Aufenthalte der Koͤnigin, angekommen war und an deren Spitze der Großzeugmeiſter Biron ſtand, ein den Hugenotten nicht abgeneigter Mann. Durch die ſtaunende Menge ging der Zug nach dem Rathhauſe, wo ihn die Geiſtlichkeit der Stadt empfing und unter Abſingung eines Lobpſalmes auf den großen Saal des Rathhauſes begleitete. Dort war ein Thron fuͤr die Koͤnigin erbaut, den ſie ſogleich einnahm; alle Andern umgaben denſelben, ihrem Stande und Range gemaͤß, der den Calviniſten damals faſt noch mehr galt, als den Katholiken. Coligni ſtand in ſeiner Generalstracht auf der erſten Stufe deſſelben; ſein Geſicht, von den ſchlichten Locken umfloſſen, war heiterer, als je. Als der Geſang und das Gebet voruͤber waren, fuͤhrte der Graf von Naſſau den Prinzen Heinrich von Navarra vor den Admiral; der Prinz kniete auf das vor ihm liegende Polſter, der Admiral nahm von dem neben ihm ſtehenden 4* 52— Schwertträger das breite, blanke Schwert und ſchlug den Prinzen mit allen Förmlichkeiten zum Ritter; der Oberſt d'Alban legte ihm hiersuf die ihm vom Admiral uͤberreichten, goldenen Sporen an. Der Prinz erhob ſich, kuͤßte ſeiner Mutter die Hand, druckte ſie den Andern und bedankte ſich freundlich. Sodann nahm er des Admirals Platz ein und ſchlug mit Wiederholung derſelben Gebrauche den Prinzen Conds, der ebenfalls von Naſſau herbeigefuͤhrt wurde, zum Ritter; auch ihm befeſtigte d'Alban die Sporen. Jetzt erſchien der Admiral wieder, an ſei⸗ ner Hand Charlot, der Schmied. Aller Blicke flogen nach dem herrlichen Mann, der hocherroͤthend ſeine Kniee vor dem Prinzen auf das Polſter herab⸗ beugte und ſein Haupt neigte. Der Prinz beruͤhrte ihn mit dem Schwerte und ſprach:„So ſchlagen wir mit dieſem Schwertſchlage Dich, Theophile Charlot, zum Ritter von Doucerepos, und machen Dich im Namen aller unſerer Glaubensgenoſſen zum Herrn und Be⸗ ſitzer dieſes Schloſſes, welches ſie nach dem Ableben des Herrn von Ronnell fuͤr Dich gekauft haben und Dir hiermit zum Geſchenk uͤberreichen.“ Ein Freudenlaut, unwillkuͤhrlich aus jeder Bruſt der Zuſchauer hervorbrechend, durchtoͤnte den Saal. Ueberraſcht blickte Charlot empor; da trat der Prinz Condé hinzu und ſchnallte ihm die goldenen Sporen an, und der Beifall des Volks begleitete von Neuem dieſe auszeichnende Handlung. Huldreich ruhten die Blicke der edlen, tugendhaften Koͤnigin auf dem philes Geiſt heute wie von einem boͤsartigen Zauber — neuen Ritter, als auch ihm der Handkuß vergönnt wurde; Thraͤnen feuchteten ſeine Augen, als er den Maͤnnern ſeinen warm empfundenen Dank ſagte. Nach vollendeter Feierlichkeit ſetzte ſich der Zug wieder in der alten Ordnung in Bewegung, und wallte ſo der Hauptkirche der Stadt zu, wo Theo⸗ philes und Henriettens Ehebuͤndniß mit großen Feier⸗ lichkeiten vom Prediger Severin eingeſegnet wurde. Als ſie wieder heimkehrten und das ſchoͤne Braut⸗ paar die Treppe im Hauſe hinaufſtieg, hielt die lie⸗ benswuͤrdige Braut den Geliebten auf dem Podeſte einen Augenblick auf und fluͤſterte ihm zu:„Auf dieſer Stelle wurzelte die Liebe zu Dir in meinem Herzen feſt; ſeit der Stunde, als Du hier von mir ſchiedeſt, trug ich Dein Bild darin.“ Ueber Theo⸗ philes Geſicht flog der erſte Strahl der Freude an dieſem Tage; unbemerkt druͤckte er dem holden Weibe einen fluͤchtigen Kuß auf die roſigen Lippen und machte ſich einen ſtillen Vorwurf uͤber ſein ihm ſelber unerklaͤrliches Weſen, das zu verbergen er ſich alle Muͤhe geben mußte. Er, die alte Tante Margot und der alte Buͤrgermeiſter d'Alban waren vielleicht die Einzigen, die ihrer Stimmung nach ſich nicht dem Genuß der Freuden dieſes Tages ganz hingeben konnten. Durch nichts war die Alte aus ihrem Stumpfſinn aufzuruͤtteln, ſie ließ ſich uͤberall hinfuh⸗ ren, ſah Alles an, aß und trank, ſchien aber an gar nichts Theil zu nehmen. So war auch Theo⸗ — 54— umſponnen; die Geſtalten gingen an ihm vorüber, wie Schatten und wie er ſich auch muͤhete, er konnte ſie nicht faſſen und ihr Leben empfinden. Das reiche Gluͤck, das zu wuͤnſchen er nie gewagt hatte, der Inbegriff aller ſeiner Hoffnungen, ſeines Sehnens und Verlangens, in goldener Erfuͤllung lag es vor ihm ausgebreitet, ſein kuhnſter Traum war zur Wirk⸗ lichkeit geworden und— doch jubelte er nicht, doch fuͤhrte das Entzuͤcken ihn nicht in die Arme des liebenden Weibes; er fuͤhlte ſich gluͤcklich, aber das Herz hatte noch ſeine Wuͤnſche. Vermochte er doch ſeinen davon ſtrebenden Gedanken nicht die Fittige zu kuͤrzen, unaufhaltſam flatterten ſie um Louiſens reizendes, unvergeßliches Bild. Kaum hat uns das ſchoͤnſte Thal die Pforte der Gewährung aufgethan und ſeine edelſten Fruͤchte in unſerem Schooß ge⸗ haͤuft, ſo locken uns ſchon die blauen Berge wieder. Erſt auf unſerem Grabe ſteht der Grenzſtein unſeres Sehnens, Wuͤnſchens und Verlangens. Der alte Buͤrgermeiſter aber gedachte gerade heute, am Tage der Freude, am geraͤuſchvollen Feſte ſeines Hauſes des fernen verlornen Sohns und der noch dazu ver⸗ lornen Enkel. Ein großes Feſt, welches die Königin Johanna ausrichtete und woran ganz la Rochelle Theil nahm, beſchloß die Feierlichkeiten dieſes wichtigen Tages. Alles ſchluͤrfte den Becher der Freude und ſelbſt Jeannette ſchien ihren Kummer vergeſſen zu haben, doch wich ein uͤber ihr Weſen gebreiteter Schleier der —— 55— Schwermuth ſelbſt in dieſen Stunden nicht ganz zuruͤck. Die Sonne aber, um die ſich dieſe ganze Welt drehte, war der liebenswuͤrdige, heute vorzug⸗ lich anmuthige und leutſelige Prinz von Navarra. Seine ſpater— ſei es auch nur durch die bekannte Gabriele d'Eſtrées— ſo beruͤhmt gewordene Neigung zum ſchoͤnen Geſchlecht, bildete ſich damals zuerſt aus, und die Reize der herrlichen, ſchwermuͤthigen Schmieds⸗ tochter ſetzten ſein Herz an jenem Abend in lichte Flammen. Er fuͤhrte die Schuͤchterne, die der Hef⸗ tigkeit des vornehmen, von Huldigungen umſchmei⸗ chelten Prinzen nur wenig Widerſtand entgegenſetzen konnte, in ein einſames Zimmer, wo einige Kerzen faſt herabgebrannt warenz es war zufallig Jean⸗ nettens Wohngemach. Hier zog er ſie in einen hohen Lehnſeſſel und machte ihr feurige Liebeserklä⸗ rungen, die die verſchaͤmte, erſchrockene Tochter der Niedrigkeit nur mit verwirrten, auf den Boden ge⸗ hefteten Blicken und der brennenden Glut ihrer Wangen beantwortete. „Und Du ſchweigſt auf dies Ales, Holdeſte Deines Geſchlechts?“ fragte Heinrich, als der liebe⸗ feurige Strom ſeiner Rede verronnen war, und ein leiſer Vorwurf ſtahl ſich in den Ton ſeiner Stimme. nWas wollt Ihr von mir, edier Herr?“ fragte das Maͤdchen endlich gefaßt. „Liebe! Nichts als Liebe, ſuͤßes Kind.“ „Ihr werdet einſt Koͤnig von Navarra heißen, ich bin die Tochter eines Schmieds.“ — „O iſt das Dein Kummer allein, ſo raͤume mit ihm das letzte Hinderniß unſerer gegenſeitigen Zärt⸗ lichkeit hinweg! Haſt Du nie gehört, nie ſelbſt empfunden, daß die Liebe keinen Stand kennt?“ „Wohl hab' ich es empfunden, doch mein Herz hat ſeine Liebe. Das Weib des Mannes will ich werden, den ich erwaͤhlte, nicht ſein Liebchen. Er gelobte mir die Ehe vor Gott, und ich muß ihm glauben und ihm treu ſein, bis ich von ſeiner Wort⸗ bruchigkeit und ſeinem Treubruch ganz uͤberzeugt bin, und auch dann noch werd' ich mein Verſprechen halten!“ „Du im Beſitz eines Andern!“ rief der junge Prinz entruͤſtet.„Nimmermehr werd' ich das er⸗ tragen. Mein mußt Du ſein, ewig mein!“ Und ſo zog er das angſtvolle Madchen wie der Geier die Taube hernieder, und bedeckte ihre Wangen, ihren Mund mit brennenden Kuͤſſen. Sie ſeufzte tief auf. Da erhob ſich aus einem Seſſel im Hinter⸗ grunde des Zimmers eine ſtarke, maͤnnliche Geſtalt und trat auf den Prinzen mit abgemeſſenen Schrit⸗ ten zu. Beſturzt ſprang dieſer auf und ließ Jean⸗ netten los, die mit der Schaam der Unſchuld hinter den Seſſel wich. Beide erkannten in dem ſo un⸗ erwartet Erſchienenen den Offizier George d'Armevall. Ein ſtiller Herzensgram hatte ihn aus der Mitte der Fröhlichen vertrieben; in dieſem Zimmer, das er aus vielen Gruͤnden fuͤr ſeine Abſchiedenheit ge⸗ waͤhlt hatte, war ihm wieder wohl geworden. „Es ziemt dem Oberhaupt der Calviniſten nicht, edler Prinz, die Toͤchter ſeiner Glaubensgenoſſen alſo zu umſtricken. Dies Maädchen iſt die verlobte Braut eines Andern, und wäre ſie es nicht, was wollt Ihr von ihr?“ ſagte der Offizier ſtreng aber ehrerbietig. „Wie koͤnnt Ihr wagen, mich uͤber mein Be⸗ tragen zur Rechenſchaft ziehen zu wollen? Wer erlaubte Euch, in dieſes Zimmer zu treten?“ fuhr Heinrich hitzig auf. „Ereifert Euch nicht, edler Herr,“ verſetzte George in ſeinem ſich gleichbleibenden Tone.„Ich war eher in dieſem Zimmer als Ihr, und hatte als Gaſt dieſes Hauſes daſſelbe Recht zum Eintritt, wie Ihr. Rechenſchaft uͤber Euer Betragen von Euch zu verlangen, iſt mir nicht eingefallen. Ich fordere nur Achtung von Euch vor der hohen, edlen Jung⸗ fraͤulichkeit und dem tiefen Schmerze dieſes Mäd⸗ chens, den Ihr durch die Verletzung jener auf's Aeußerſte treibt. Theophile Charlot iſt mein innig⸗ ſter Freund und der Bruder dieſes Maͤdchens; dies wuͤrde mir die Pflicht auferlegen, ſie zu ſchuͤtzen, kaͤme dies nicht ſchon von ſelbſt jedem ritterlich ge⸗ ſinnten Manne zu. Wollt Ihr aber dennoch mei⸗ nen Schutz nicht gelten laſſen, ſo folgt mir zu Char⸗ lot und Eurer Mutter, ſie ſollen entſcheiden zwiſchen mir und Euch.“ Das Gewicht dieſer Namen und die ſtrenge Beſtimmtheit, mit welcher der Offizier ſprach, nah⸗ men dem jugendlichen Prinzen die muͤhſam erwor⸗ bene Faſſung, und er bat dringend, von der Sache weiter kein Aufhebens zu machen. Verdrießlich ver⸗ ließ er das Zimmer, als ihm von George das Ver⸗ ſprechen des Schweigens gegeben worden war, und dieſer ſtand nun der ſtill Geliebten gegenuͤber, die das Auge vom Boden erhob, um es mit dankbarem Ausdruck auf ihn zu heften. „Ihr ſeid mein Retter,“ ſtammelte ſie endlich, „womit kann ich Euch vergelten?“ „Muß den Alles vergolten ſein?— Doch wollt Ihr mir etwas Schoͤnes erweiſen, Jungfrau, ſo denkt in Euren guten Tagen, daß mein Herz trauert; ſeid Ihr aber in irgend einer Noth, dann wendet Euch an mich, und wenn Menſchenkraft es vermag, ſoll Euch geholfen werden.“ „Edler Mann,“ ſagte Jeannette und reichte dem Offizier dankbar die Hand.„Womit hab' ich dieſe Eure Geſinnung gegen mich verdient, womit ſoll ich die That vergelten? Ihr trauert? O auch ich traure tief! Deshalb bin ich nicht geſchickt, Euren Schmerz zu heilen. Doch mehr als die Freude ſoll ja das Leid die Herzen der Menſchen verbinden. Ich moͤchte Euch gern Freund nennen, Herr d'Armevall.“ „Ihr thut mir wohl und wehe zugleich nt gemuͤthlichen Sprache. Und doch muß ich Euch endlich entdecken, was meine Bruſt ſo ſchwer be⸗ laſtet. Ihr wuͤnſcht es, und mein Herz fordert es. —— Ihr allein koͤnntet mir helfen, und Ihr allein koͤnnt es nicht, das iſt's, was mich ſo ſehr betrht. Ja, Ihr muͤßt es ſchon im vorigen Jahre auf dem Schloſſe Doucerepos, wo ich Euch kennen zu lernen das mir unſchaätzbare Gluͤck genoß, mir abgemerkt haben, daß ich gegen Euer holdes Weſen nicht gleichguͤltig war; und wer konnte gegen Eure Liebens⸗ wuͤrdigkeit gleichgultig bleiben? Hab' ich doch ſo eben einen neuen Beweis erlebt, daß Ihr ſogar furſtliche Herzen in Flammen ſetzt. Fruͤher glaubt' ich meine Braut recht innig und zaͤrtlich zu lieben, der Himmel nahm ſie mir; ſeit ich aber Euch ſah, ſchoͤne Jeannette, ging ein anderes, ein nie gekann⸗ tes heftiges Gefuͤhl in meiner Bruſt auf, wie eine ſtrahlende Sonne nach langer Nacht, in welcher mir nur ein Stern geleuchtet, ein Stern, der auch un⸗ tergegangen war. Jeannette, ich liebte Euch ſeit jener Zeit, und nur der Glaube, Ceſar, der gluͤck⸗ liche und ſeines Gluͤcks unwuͤrdige Ceſar werde zu ſeiner Pflicht zuruͤckkehren, hielt mich ab, mich Euch damals zu entdecken. Ich wollte nicht den Schein auf mich laden, als begehrte ich das Eigenthum eines Andern. Nun aber hat er ja den Schatz von ſich geſtoßen, hat ſich von den reinen Genuͤſſen der Tu⸗ gend abgewendet, wandelt auf dem Wege des Gott⸗ loſen und ſitzt nicht im Hauſe des Gerechten. Sollt ich jetzt nicht wagen, Euch dies treue Herz anzu⸗ bieten?“ Jeannette ließ dem edlen Manne die Hand und — 60— erwiederte mit wehmuͤthiger, zitternder Stimme: „Verehrter Freund, ich dank' Euch fuͤr Euer Zu⸗ trauen. Aber ich ſchwur einſt vor Gott, nie eines andern Mannes zu ſein, als deſſen, welchem ich mein Herz geſchenkt habe. Mag er es nun zertre⸗ ten oder an ſich heranziehen, es bleibt ihm geweiht. Ihr ſeid viel zu edel, um mich zu einer Untreue an mir ſelbſt verleiten zu wollen. Dies Herz hat ſeinen Fruͤhling gefeiert, der kehrt ja doch nicht mehr zuruͤck. Nicht noch einmal koͤnnen Bluͤthen treiben. Ich werd' Euch ewig als meinen beſten Freund achten; begehrt nicht mehr von mir.“ „Ich verehre Eure große Seele!“ ſagte der Offi⸗ zier mit leiſer Stimme.„O daß ſolche ſeltene Treue auf Erden nicht belohnt wird! Deſto ſchoͤner wird ihr Lohn uͤber den Sternen ſein. Gehabt Euch wohl. Es iſt uͤberſtanden!“ Sie kehrten zur frohen Menge zuruͤck.— Jeanette vermochte es in la Rochelle nicht lange zu ertragen. Nur zur Hochzeit ihres Bruders war ſie gekommen und die Vorfälle waren nicht geeignet, ſie laͤnger zu halten. Am andern Tage reiſte ſie wieder nach dem Schloſſe ihres Bruders ab; ihre Sehnſucht nach Frau Jo⸗ ſephen, die nicht zu bewegen geweſen war, wieder nach la Rochelle zu kommen, und in das Haus zu treten, aus welchem man ſie einſt ſo grauſam ver⸗ ſtoßen hatte, diente zum Vorwande der ſchnellen Entfernung; Charlot waͤhlte d'Armevall zu ihrem Begleiter und mit Freuden genehmigte ſie dieſe Wahl. Der Prinz ſah ſehr duͤſter dazu, und gab ſich wirklich einer Schwermuth hin, die von der Staͤrke ſeiner Empfindung fuͤr Jeannette zeugte. An demſelben Tage hatte der Großzeugmeiſter Biron eine Audienz bei der Koͤnigin Johanna. Der geheime Auftrag, den er von der Königin Mutter von Frankreich erhalten hatte, wurde bald bekannt und ſetzte alle vornehmen, in la Rochelle verſammelten Calviniſten in Erſtaunen. Katharina von Medicis trug naͤmlich Johanna d'Albret fuͤr deren einzigen Sohn, Heinrich von Navarra, die Hand ihrer juͤng⸗ ſten Tochter, Margarethens von Valois, an, um, ihrer Ausſage nach, dadurch die Vereinigung der zeither in Streit gelegenen, nahe verwandten Hauſer, Valois und Bourbon, fur ewige Zeiten zu beſtimmen. Biron ſprach ſich beim Admiral, bei dAlban, Teligni, Coligni's Schwiegerſohn, und faſt bei den meiſten, vornehmſten Calviniſten üͤber dieſen Plan umſtändlich aus. Er fuͤhrte an, da nach dem letzten Friedens⸗ ſchluſſe von St. Germain, wo die Katholiſchen faſt alle ihre muͤhſam errungenen Vortheile aufgegeben haͤtten, um nur die Ruhe im Herzen des Vaterlandes wieder herzuſtellen, die Calviniſten ſich dennoch immer mißtrauiſch zuruͤckgezogen, und ihre Haͤupter, aus fruheren Ereigniſſen Verdacht und Argwohn ſchoͤpfend, trotz aller Einladungen des Hofs, ſich doch nicht in Paris haͤtten ſehen laſſen, ſo habe die Koͤnigin Mut⸗ ter beſchloſſen, um das boͤſe Unkraut auf einmal aus 62 allen Herzen zu reißen, ihre geliebte Tochter dem ihr ebenfalls theuren Prinzen Heinrich zur Gattin zu geben. Dem Admiral und dem Grafen von Naſſau eroff⸗ nete Biron noch insbeſondere als geheime Botſchaft des Koͤnigs, daß dieſer entſchloſſen ſei, die Kampf⸗ luſt ſeiner waffenfahigen Unterthanen nach außen, und zwar auf die Spanier in den Niederlanden zu lenken, und dieſe dort, bei der ausgebrochenen Re⸗ bellion der niederländiſchen Provinzen zu bekriegen. Er ließ den Admiral deshalb dringend erſuchen, mit dem Grafen von Naſſau ſo ſchnell als moͤglich an den Hof zu eilen, um ſich mit ihm üͤber die zu chuenden Schritte zu berathen. Coligni war von dem Gedanken an einen Krieg gegen die wuͤthenden Spanier in den Niederlanden ganz begeiſtert, denn die Sache der Niederlaͤnder be⸗ trachtete er, wie die ſeinige. Naſſau reiſte deshalb auf ſeinem Betrieb ſogleich nach Blois, um die Aufrichtigkeit des Hofes zu erforſchen. Nach einigen Wochen kehrte dieſer deutſche Prinz, entzuͤckt uͤber die gänzliche Sinnesaͤnderung der Mutter und des Koͤnigs, nach la Rochelle zu⸗ ruck. Man war geneigt, ſie dem Einfluſſe der jungen Gemahlin Karls IX. zuzuſchreiben. Der König von Frankreich war nämlich ſeit dem 10. November des vorigen Jahres mit Eliſabeth von Oeſterreich, der Tochter des deutſchen Kaiſers Maxi⸗ milians 1I. vermaͤhlt, und die junge Koͤnigin galt mit Recht fuͤr eine der edelſten, hochherzigſten Frauen. S Der Koͤnig ließ Coligni ſagen, daß er ihn zum Ober⸗ general des Heeres gegen die Spanier beſtimmt habe, weil er ihn nicht allein fuͤr den beſten, ſondern auch fur den rechtlichſten ſeiner Generale halte. Coligni ward dadurch beſtochen; er rieth nun ſelbſt zur Vermaͤhlung, und Johanna ſchrieb dem Koͤnig, ſie nehme, hoch⸗ geehrt durch ſein Anerbieten, daſſelbe mit Freuden an.— Nun wurden die Proteſtanten durch ganz Frankreich beguͤnſtigt; in allen Streitigkeiten mit Katholiken behielten ſie Recht; die Beguͤnſtiger des Calvinismus wurden hervorgezogen, die Feinde deſ⸗ ſelben zuruckgeſetzt; Katharina und ihre Zoͤglinge ſpielten diesmal ihre Rolle ſo meiſterhaft, daß ſelbſt ihre Freunde getaͤuſcht wurden; ja, der Pabſt zit⸗ terte, als dem portugieſiſchen Geſandten die Hand der Prinzeſſin Margaretha abgeſchlagen wurde, um die er fuͤr ſeinen Koͤnig angehalten hatte. Ganz Frankreich gerieth in Gaͤhrung; die Katholiſchen uͤber die den Ketzern vergoͤnnten Verguͤnſtigungen, und die Proteſtanten, um die gnädige Stimmung des Hofs fur ſich zu benutzen. Viertes Kapitel. Es lebt ein Gott zu ſtrafen und zu rächen. Siller. Chretien Gaſtine war in la Rochelle endlich mit dem graͤßlichen Schickſale ſeines Vaters bekannt ge⸗ macht worden. Die junge Seele fuͤllte ſich mit der Nacht der Verzweiflung und des von ihr erzeug⸗ ten Rachegefuͤhls. Als er lange ſcheinbar theilnam⸗ los an allen aͤußern Gegenſtaͤnden vor ſich hinge⸗ bruͤtet hatte, uͤbermannte ihn endlich die Wehmuth, und ihr folgte bald die Sehnſucht nach ſeiner Mut⸗ ter und ſeinen Geſchwiſtern. Sie wollte er troͤſten, an ihren Herzen weinen, ihnen den Vater ſo viel als moͤglich erſetzen, und die errungenen Lorbeern, die der Drang kindlicher Mittheilung und der Anſprache auf elterlichen Beifall in ſeinen ſchoͤnſten Jugend⸗ traͤumen dem geliebten Erzeuger zu Fuͤßen gelegt hatte, ſollten in der Wirklichkeit nun der Mutter wenigſtens einige frohe Stunden bereiten. Doch wie er ſich auch in la Rochelle befragte, kein Menſch konnte ihm von ſeinen Angehoͤrigen Kunde geben. Madelons Fehltritt war Geheimniß geblieben, und ob ſich fuͤr Madame Gaſtine das Gefaͤngniß wieder geoffnet, war unbekannt. Chretiens Herz zog ihn nach Paris, und die baldige Abreiſe des Admirals dahin war fur ihn die erwuͤnſchteſte Gelegenheit, wie⸗ der nach ſeiner Geburtsſtadt zu kommen. Die Auf⸗ forderungen des Koͤnigs von Frankreich an Coligni, am Hofe zu erſcheinen, waren naͤmlich im Verlaufe des Fruͤhlings immer dringender geworden; ihm ver⸗ wandte und befreundete Maͤnner, die jetzt großen Einfluß bei Hofe erlangt hatten, wie die Marſchalle Coſſce und Montmorency, ließen nicht ab, ihn zu ermahnen, er moͤge den Koͤnig, der ganz fuͤr ihn eingenommen ſei, durch ferneres Zoͤgern nicht wieder erbittern, ſondern vielmehr deſſen guͤnſtige Geſinnun⸗ gen benutzen. Der Graf von Naſſau, Teligni, la Rochefaucould, la Noue und andere lebensluſtige, reiche und vornehme calviniſtiſche Edelleute, die ſich vom vielbewegten Leben am koͤniglichen Hofe mehr Genuͤſſe verſprachen, als im ſtillen la Rochelle, rede⸗ ten dem Admiral ebenfalls zu, und ſo trat er denn die Reiſe, von allen dieſen Herren und einem ſon⸗ ſtigen großen Gefolge begleitet, im Auguſt an. Am meiſten trieb ihn die Hoffnung zum ſpaniſchen Krieg, wozu der Koͤnig Anſtalten traf, die Jedermann fuͤr ernſtlich halten mußte. Coligni verließ in la Rochelle ſeine Gemahlin krank; er ſah ſie nicht wieder, denn ſie ſtarb bald nach ſeiner Abreiſe. Charlot war von ihm zur Mitreiſe nach Blois aufgefordert worden; doch dieſer dankte fuͤr die Ehre und empfahl dafuͤr den jungen Gaſtine, welchem der Admiral ohnedies ſchon lange ſeine beſondere Zu⸗ neigung geſchenkt hatte. Es war nicht allein die Liebe zu ſeiner zaͤrtlichen Gemahlin, welche Charlot Storchs Fanatiker. II. 5 zu Hauſe zu bleiben bewog; ein gewiſſes, heimliches Grauen, den Koͤnig Karl, die Koͤnigin Mutter oder irgend eine der vielen, ihm bekannten Perſonen des Hofes, ja wohl du Froiſſet, Ceſar oder Louiſe wieder zu ſehen, hielt ihn zuruͤck. Ihm war es ſtets, wie eine boͤſe Ahnung, wenn er an Paris dachte. Das tiebende Weib beſtaͤrkte ihn gern in ſeiner Anſicht; ſtets an ein geraͤuſchloſes Leben gewoͤhnt, vermochte ſie nur in einem ſolchen ſich wahrhaft gluͤcklich zu fuhlen und ihr reiner Sinn ſchauderte vor dem Ge⸗ danken zuruͤck, daß der Strudel der vornehmen Welt auch ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt in ſeine Tiefen hinabreißen koͤnnte. 55 4 Chretien nahm von ſeinen Freunden Abſchied und erreichte in des Admirals Gefolge Blois. Von dort wollte ihn Coligni entweder ſelbſt nach Paris bringen und ſeine Angehorigen ausforſchen, oder ihm zu dieſem Zweck einen ſeiner vorzuͤglichſten Offiziere mitgeben⸗ n Der Empfang der Calviniſten bei Hofe wurde mit dem groͤßten Aufwand gewohnter Theaterkunſte ſo ruͤhrend als moͤglich dargeſtellt. Als ſich der alte, ehrwuͤrdige Admiral, vom Gefuhl uͤberwaͤltigt, zu des Koͤnigs Fußen warf, hob ihn dieſer mit den Worten auf:„Nicht hier, mein Vater, an meiner Bruſt iſt Euer Platz. Nun habe ich Euch und Ihr ſollt mir nicht wieder entgehen.“ Allen Andern druckte Karl die Hand; die Calvi⸗ niſten, ja viele der anweſenden Katholiken glaubten — an des Konigs Aufrichtigkeit. Man verſicherte allge⸗ mein, ſo heiter und froͤhlich ſei er lange nicht gewe⸗ ſen. Wirklich betrug ſich der Koͤnig bei der großen Cour, wo alle Calviniſten, welche den Admiral nach Blois begleitet hatten, zugelaſſen wurden, ſo freund⸗ lich, leutſelig und liebenswuͤrdig, daß alle die Her⸗ ren, welche mehr oder minder mit Vorurtheilen, in der Vergangenheit leider mehr als zu gut begruͤndet, gekommen waren, ſich ſchon nach kurzer Zeit ſehr fuͤr ihn eingenommen fuͤhlten. Der Koͤnig hatte an dieſem Tage alle Großen aus ſeiner Umgebung entfernt, an welchen die Proteſtanten irgend ein Aergerniß haͤtten nehmen koͤnnen. Der Marſchall Retz und die Guiſen fehlten heute in den Gemaͤ⸗ chern des Monarchen, dagegen umgaben ihn Edelleute, von denen es bekannt war, daß ſie ſich den Calvi⸗ niſten nie ganz abgeneigt gezeigt hatten. Die wei⸗ ter Sehenden unter den Calviniſten ahneten wohl die vorgenommene Maske, als ſie aus dem erſten Entzuͤckungstaumel wieder zu ſich kamen und ver⸗ moͤgend waren, uͤber den ſchnellen Wechſel der Dinge mit Ueberlegung nachzudenken. Auch erfuhren ſie nur zu bald, daß die Guiſards ſich nur auf kurze Zeit vom Hofe entfernt hatten und ſich auf Reiſen im Königreich oder in Paris herumtrieben, um neuen Succurs fuͤr ihre Partei zu werben. Es dauerte auch gar nicht lange, ſo fand ſich wieder Einer um den Andern ein; man ziſchelte ſich in die Ohren, daß die Koͤnigin Mutter geheime Zuſammenkuͤnfte 5* mit ihnen halte, auch bemoͤhten ſich die Feinde der Hugenotten nicht, ihnen die erbitterten Geſichter zu verbergen. 5 Nichts deſtoweniger fuhr der Koͤnig nach wie vor fort, den Admiral mit der groͤßten Zuvorkom⸗ menheit zu behandeln, er beſuchte ihn, unterhielt ſich ſtundenlang angelegentlichſt mit ihm, titt mit ihm aus, und erlaubte ſich oft Anmerkungen uͤber ſeine Mutter und die Guiſen bei ihm, welche den Calvi⸗ niſten die gegruͤndetſten Hoffnungen gaben, daß der Konig bald zu ihrer Partei ganz uͤbertreten werde. Von nun an waren die vornehmſten Calviniſten ſtets um den König, erhielten alle ihre Aemter und Wuͤrden zuruͤck und wurden uͤberdies noch durch eine Menge anderer Gnadenbezeugungen erfreut. Chretien forſchte, ſo viel er vermochte, nach den Seinigen, doch konnte er auf keine Spur kommen, bis er plötzich von einer Seite her Licht erhielt, von welcher er es am wenigſten vermuthet hatte. Es geſchah, daß nach mehreren Tagen des Auf⸗ enthaltes der Calviniſten in Blois ſich das Geruͤcht verbreitete, irgend ein Muttergottesbild in der Kapelle eines benachbarten Dorſes habe Blut geſchwitzt, und die Jeſuiten, welche die junge, fromme Koͤnigin Eliſabeth umgaben, deuteten ſehr natuͤrlich dies außer⸗ ordentliche Wunder auf den Zorn des Himmels uͤber die den Hugenotten und Ketzern geſchenkte Gunſt. Die Brüder der heiligen Geſellſchaft Jeſu, nicht ein⸗ geweiht in des Konigs und ſeiner Mutter Plaͤne, fuͤrchteten in dem Grade fuͤr das Mißlingen ihrer geheimen Zwecke, als die Calviniſten ſcheinbar in der Gnade des Koͤnigs gewannen. Die junge Koͤnigin hatte keinen Einfluß, auch war ſie zu edel, um auf die Intriguen ihrer geiſtlichen Freunde einzugehen. 1 Um jedoch auch ihnen in der Form zu genuͤgen, veranſtaltete ſie eine feierliche Prozeſſion nach dem wunderaͤußernden Marienbilde. Trotzig zogen die Pfaffen und pfaͤfſiſch Geſinnten durch die Stadt und lenkten— was ſie bezweckt hatten— die Auf⸗ merkſamkeit Aller auf ſich. Auch viele der anweſen⸗ den Calviniſten folgten neugierig, unter den gaffenden Poͤbel gedraͤngt, dem poſſenhaften Aufzuge. Chretien, der Juͤngſte und mit den Gebraͤuchen der katholiſchen Kirche Unbekannteſte von ſeinen Glau⸗ bensgenoſſen, durchmuſterte den Zug mit der groͤßten Aufmerkſamkeit. Dieſe wurde jedoch bald ganz allein von einer einzigen Geſtalt im Jeſuitenrocke gefeſſelt, die— eben den Rock ausgenommen— bis aufs Haar dem Ladendiener ſeines Vaters, Monſieur Maurice André, glich. So wenig ſich nun Chretien erklären konnte, wie dieſer fromme, eifrige Calviniſt unter die Jeſuiten kommen ſollte, eben ſo wenig konnte er ſeine Augen Luͤgen ſtrafen, die ihm ſagten, daß dieſer durch ſeine Koͤrperform ſo ſehr ausgezeichnete Mann durchaus Niemand anders, als Maurice An⸗ dr ſei. Der von Zweifeln gepeinigte Juͤngling beſchloß, ſich Gewißheit zu verſchaffen, und lauerte nur auf die erſte Gelegenheit, an ſeinen Mann zu kommen. Im Dorfe angelangt, raſteten die geiſtlichen Wallfahrer und pflegten des Leibes mit Speiſe und Trank, ehe ſie zu den Feierlichkeiten mit dem Mut⸗ tergottesbilde ſelbſt ſchritten. Unter einer gruͤnen Linde vor der Kapelle war angerichtet; die Bruder ließen ſich im Schatten des Baumes nieder und alles Volk lagerte rund umher. Chretien trat ohne Um⸗ ſtände, von der heftigſten Begierde, ſeinem Ziele naͤher zu kommen, die ihm ſo wohl bekannte Phiſiognomie an, deren Beſitzer etwas abſeits Platz genommen hatte. „Ei Monſieur André,“ ſprach er vertraut,„wel⸗ chem Zufall habe ich es zu verdanken, Euch nach ſo langer Zeit wieder hier zu ſehen, und unter ſo ganz andern Umſtaͤnden, als bei unſerm Scheiden unter uns obwalteten? Sagt mir doch—“ „Fort, Teufelsſohn!“ ſchrie der angeredete kleine Mann aus vollem Halſe, arbeitete wie unſinnig mit beiden Häͤnden und Fuͤßen gegen den Juͤngling, verdrehte die Augen und war kirſchbraun im Geſichte geworden. Anfangs hatte er beſturzt aufgeſehen und in ſeinem Geſicht ſich Unentſchloſſenheit ausgedruͤckt, als er aber bemerkte, wie einige in der Nähe ſitzende Bruͤder der Rede des jungen calviniſtiſchen Kriegs⸗ manns ihre Aufmerkſamkeit ſchenkten, veraͤnderten ſich plotzlich die Zuge ſeines Geſichtes, und er unter⸗ brach Chretien mit den Donnerworten: —— „Packe Dich, Ketzerbrut, aus unſerm heiligen Kreiſe, damit die Mutter Gottes uns nicht auch zurne!“ und ſo tobte er weiter fort; die zunächſt ſizenden Bruͤder faßten aber den Juͤngling ſchon mit ſtarken Armen, und froh einer Veranlaſſung ihre Wuth auszulaſſen, ſchlugen ſie ihn mit Faͤuſten in's Geſicht. In demſelben Augenblicke raſſelten aber auch ſchon Schwerter in der Menge und mehrere Calviniſten ſtuͤrzten herbei, ihren jungen Gefaͤhrten zu befreien und blutig wihder zu zahlen, was er empfangen hatte. In wenigen Minuten nahm die ganze verſammelte Menge Partei fuͤr und wider, und das Blut, welches das Heiligenbild nicht geſchwitzt hatte, floß hier bald aus mancher Wunde. Die Feſuiten zogen ſich mit blutigen Kopfen in das Dorf zuruͤck, aber das uͤbrige Volk balgte ſich noch lange herum; die Uebermacht der Katholiſchen wurde immer großer, und der Tumult drohte in einen formlichen Aufſtand uͤberzugehen; in Paris wäre es ein ſolcher geworden. Die Calviniſten hielten mit dem Degen in der Fauſt einen geſchickten Ruͤckzug, aber ſie wurden ſtets von neuem umzingelt, man riß Einen um den Andern aus der Reihe, um ihn zu zer⸗ bläuen oder gar zur Leiche zu machen, und ſchon waren einige jammerlich ſo um's Leben gekommen. Die Sache fing an, immer bedenklicher und gefähr⸗ licher zu werden, es regnete Steine auf die Glau⸗ bensbruͤder und ſchon krachten einige auf ſie abge⸗ ſchoſſene Gewehre. Schon war Chretien unter die = 4— Fäuſte einiger rohen Geſellen gerathen, ſeine ver⸗ zweifelte Gegenwehr mit Degen und Dolch hielt die Schläge der Anſtuͤrmenden nicht mehr ab; er waͤre geſunken und haͤtte gewiß die Seele unter den Händen der wilden Mordgeſellen aushauchen muͤſſen, ware nicht plotzlich eine laute, gebietende Stimme erſchallt und hatte augenblicklich und ſtreng Ruhe und Frieden im Namen des Herzogs von Guiſe ge⸗ boten. Chretien war ermattet geſunken, ein Pfaffe hatte ihm den Dolch entwunden und drohte ihm den Hals damit abzuſchneiden, da ſtob das Geſindel auseinander, der Sprecher, deſſen Befehl man ſo ſchnell und puͤnktlich befolgte, faßte den Juͤngling bei der Hand und hob ihn auf. Chretien ſah ihn verwundert an, erſtaunte aber noch mehr, als er vor Ceſar d'Alban ſtand. Worte konnte er nicht finden, aber ſeine Blicke irrten unſtaͤt an der Geſtalt des fruͤhern Hausgenoſſen umher, um ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß der reich gekleidete, bleiche Herr wirklich der Juͤngling ſei, mit welchem Chretien ſo oft aus einer Schuͤſſel gegeſſen. Eben dieſe äußere Geſtalt hatte ſich, ſo wie Ceſars inneres Weſen geaͤndert. Da war Glanz gegen Glanz vertauſcht. Der ein⸗ fache, kurze Ritterrock, den Ceſar ſonſt zu tragen pflegte, war in eine goldgeſtickte, praͤchtig gallonirte Uniform verwandelt, von ſeinem Baret wogte jetzt ein Wald farbiger Reiherfedern, ſeine Haͤnde ſtarrten von Gold und Edelſteinen, ſeine Arme und Schenkel waren von goldenen Spangen umklammert, ſelbſt —— ſeine Stiefeln waren mit goldenen Troddeln beſetzt. Aber fuͤr die bluͤhende, kraͤftige Geſichtsfarbe, fuͤr das ſchwarze, ſchwaͤrmeriſch kuͤhn blickende Auge, fuͤr die Fuͤlle ſeiner ſchoͤnen Formen, hatte er eingeſun⸗ kene Wangen, von einer fahlen Glaͤtte uͤberzogen, einen matten, duͤſtern Blick, einen hagern Koͤrper eingehandelt. „Chretien, was treibſt Du doch fuͤr Poſſen!“ ſagte der Kammerherr.„Biſt Du raſend, hier Haͤndel anzufangen mit dem tollen Haufen? Haſt Du Deines armen Vaters Schickſal ſchon vergeſſen? Geh', eile nach la Rochelle zuruͤck, dort wohnen der Friede und das Gluͤck, hier haſt Du nichts zu ſuchen.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er ſich zu dem aufgebrachten Volke.„Haltet Ruhe, und ſeht dort den Herrn Herzog von Guiſe! Wollt Ihr Euch durch Eure Unvernunft um ſeine Gunſt bringen? Laßt die Ketzer laufen, wie ſie der Koͤnig auch laufen laͤßt. Ihr gehoͤrt doch Alle zu den Gui⸗ ſards und die Guiſards ſind die Lieblinge der Koͤni⸗ gin Mutter, und wer der Koͤnigin Mutter gefaͤllt, hat auch die Gunſt des Koͤnigs.“ „Er hat recht!“ riefen Viele aus dem Hau⸗ fen.„Laßt ſie laufen! Sie werden uns doch nichts ſchaden! Wenn der König auch jetzt mit dem alten Gaspar') und dem Feind der Kohl⸗ *) Coligniz beim Volk der alte Gaspar genannt. — 71— köpfe*) und andern Spitzkoͤpfen**) freundlich thut, ſo wollen wir uns an den Guiſe und die Königin Mutter halten. Es lebe der Herzog von Guiſe!“ Die Maſſe wälzte ſich nach der andern Seite, wo der Herzog mit einigen ſeiner Leute zu Pferde hielt. Ein Spazierritt hatte ihn zufaͤllig nach dem Dorfe gefuͤhrt und von fern ſchon hatte er den Aufſtand bemerkt. Ceſar beſtieg ſein Pferd wieder, der junge, ſchoͤne Herzog winkte freundlich und gnaͤdig mit der Hand, und Alle ſprengten unter dem Zujauchzen des Volkes davon, waͤhrend die Calviniſten ebenfalls das Freie gewannen. Nach ihrer Entfernung gingen die Feierlichkeiten noch vor ſich. Die aͤltern Freunde riethen den uͤber dies Wiederfinden betretenen Chretien, ſich in Blois nun nicht mehr allein oͤffentlich ſehen zu laſſen; und der Admiral, von dem unangenehmen Vorfall bald un⸗ terrichtet, beſtätigte dieſen Rath. Schon hatte die Sache großes Aufſehen gemacht, und das konigliche Ehepaar wuͤnſchte den Veranlaſſer des Streits zu ſehen. *) Der Graf be la Rochefoucauld, ein Haupt der Calvi⸗ niſten, beim Volk alſo genannt, weil er einſt wegen ſeiner Korzſichtigkeit ein Feld voll Kohlköpfe für einen Haufen katho⸗ liſcher Krieger anſah und auf ſie einzuhauen befahl⸗ **) Spitzköpfe(parpaillots) ein allgemeiner Schimpfname der Calviniſten. Ueberhaupt gab es zu jener Zeit keine irgend wichtige Perſon am franzöſiſchen Hofe oder in der Nähe deſſelben⸗ welche nicht einen Spitznamen gehabt hätte, deſſen ſich das Volk vorzüglich bebiente, um die Perſon zu bezeichnen. — Chretien erſchien auf des Admirals Befehl am folgenden Morgen in den Vorzimmern der jungen Koͤnigin; der Koͤnig trat bald an ihrem Arme heraus; neben ihm ging der Admiral. „Ein aͤhnliches Buͤrſchlein bei des Teufels Groß⸗ mutter! wie der Schmied Henrico! ja, bei der Frau Meluſine! ein zweiter Herr von Trebiſonde!“ rief der Koͤnig, drehte ſich zum Admiral und erzaͤhlte ihm weitlaͤufig von ſeinem lieben Falkonier und be⸗ theuerte mit kraͤftigen Schwuͤren, daß er ihm, trotz des geſpielten Streiches, noch gewogen ſei, und ihn wohl wieder einmal zu ſehen wuͤnſche. „Eure Majeſtaͤt Gnade wird ihn ebenſo zu Euren Fuͤßen werfen, wie mich!“ ſagte Coligni. „Seht in dieſem Juͤnglinge ſeinen Zoͤgling, Sire! Erweißt dieſem derweil die Guͤte, die Ihr jenem zu⸗ gedenkt!“ Die Koͤnigin hatte unterdeſſen Chretien nach ſeinen Familienumſtaͤnden befragt, und ſein Ungluͤck erfahren. „Fuͤrwahr!“ antwortete der Koͤnig dem Admiral, „dieſer Umſtand und Euer Fuͤrwort, mein Vater, empfehlen mir den Burſchen.“ Die Koͤnigin berichtete, was ſie eben von Chre⸗ tien vernommen. „Gnade!“ rief Chretien bewegt.„Eure Maje⸗ ſtät vermag mir den Vater nicht wieder zu geben. Aber vereinigt mich wieder mit der Mutter, mit den Geſchwiſtern, deren Stuͤtze ich kunftig ſein muß; öffnet ihnen durch ein Wort Eurer Macht die Thuͤre ihres Kerkers, wenn ſie noch darin ſchmachten; denn ihr Verbrechen hat durch Eure koͤnigliche Milde die duͤſtere Farbe verloren.“ „Gut, gut!“ ſagte der Koͤnig. Calvi⸗ niſt ſitzt wohl mehr in einem Kerker; doch will ich's dem Montmorency auftragen, Deine Muttet aufzu⸗ ſpuren, mein Sohn; ſobald ſie gefunden iſt, werde ich ihr ein Gnadengeſchenk reichen laſſen. Du ge⸗ fällſt mir ſchon deshalb, weil Du einen ſo heilloſen Spektakel unter den verdammten Jeſuiten angerichtet. Huͤte Dich vor ihnen!“ „Eure Majeſtaͤt Schutz wird mich vor ihnen wahren und mir das Leben ſchirmen, was mir Eure ſo uberſchwengliche Gnade ſo eben von neuem ſchenkte.“ „Es ſteht weder in des Koͤnigs noch in des Teufels Macht, Dich zu erhalten, wenn ſie's auf Dich abgeſehen haben. Morbleu! die Brut ſcheert ſich nichts um mich.“ „Ich werde Euch ſchüten, denn Euer Schickſal hat mich geruͤhrt,“ ſagte die junge Koͤnigin, und ihre milden Augen ruhten, vom Thau der Thraͤnen uͤberfeuchtet, auf dem edlen Juͤngling. Fuünftes Kapitel. Einfält'ge, ſchlichte Treu weiß nichts von Künſten, Doch Gleißner ſind wie Pferde, heiß im Anlauf. Sie prangen ſchön mit einem Schein von Kraft; Doch ſollen ſie den blut'gen Dolch erdulden, So ſinkt ihr Stolz und falſchen Mähren gleich, Erliegen ſie der Prüfung. Shakspeare im Julius Cäſar. Das Herz, geſchwellt von neuen Hoffnungen, langte Chretien auf ſeinem Zimmer an, welches ihm der Admiral in ſeiner eignen Wohnung hatte an⸗ weiſen laſſen. Im Vorgefuͤhl kindlichen Entzuͤckens malte er ſich den Tag uͤber die Scene des Wieder⸗ ſehens der Seinigen und die des kuͤnftigen Gluͤcks der ſtillen Haͤuslichkeit und Liebe im Bunde mit der Freundſchaft aus; denn das war der ſchoͤnſte Plan ſeiner freudetrunkenen Seele, das ihm fremdgewor⸗ dene, herzloſe Paris mit ſeiner Familie zu verlaſſen, und nach la Rochelle, dem Sitz der ſtillſten Tugend und Menſchenliebe, des wahren, einfachen Chriſten⸗ glaubens und der heiligſten Freundſchaft, zu ziehen, und im Umgang mit jenen Theuern, denen er ſo ſehr verbunden war, an denen ſein Herz mit tau⸗ ſend Banden hing, das Leben wieder lieb zu gewin⸗ nen. Wie jauchzte er ſchon, die Mutter zu um⸗ ſchlingen! wie Madelon und die kleinen Geſchwiſter zu liebkoſen! Aller Groll und Zwiſt, in dem er ſonſt ſtets mit der aͤltern Schweſter gelebt, war rein vergeſſen; er ſah nur die liebende Schweſter in ihr, und war entzuckt, ihr die Fuͤlle ſeiner bruͤderlichen Liebe nun wie einen tiefen, klaren Born oͤffnen zu koͤnnen. Daneben kam ihm Ceſars Erſcheinung wie⸗ der in den Sinn, er uͤberlegte die wenigen, aber inhaltſchweren Worte, die der bleiche Apoſtat zu ihm geſprochen, und fand daraus, daß er hoͤchſt ungluͤck⸗ lich ſein muͤſſe. Er empfand großes Verlangen, den alten Freund aufzuſuchen, und ging lange mit ſich zu Rathe, wie er es am geſchickteſten anfangen moͤchte. Auch André fiel ihm ein, und er zerbrach ſich den Kopf uͤber deſſen Benehmen⸗ unter ſolcher Geiſtesbeſchäftigung war dem Ein⸗ Tag vergangen, und der milde Sommer⸗ abend tuͤpfte mit leiſem, warmen Duftfinger an die Fenſter. Zu gleicher Zeit klopfte auch eine rauhere Hand an die Thuͤre, und ehe Chretien ſich aus ſei⸗ nen Traͤumen ganz herausfinden konnte, ſtand Andrés Geſtalt im Jeſuitenrocke vor ihm. WVon dieſem ganz unerwarteten Anblicke mächtig uͤberraſcht, ſprang der Juͤngling aufz aber grinzend freundlich, wie ein betruͤgeriſcher Jude und geſchmei⸗ dig, wie ein Aal, erwiſchte ihn der Eingetretene bei der Hand und ſagte im ſuͤßeſten Schmeicheltone: „Ei, mein liebes Herrlein, laßt's Euch doch ja nicht kuͤmmern, was geſtern zwiſchen uns vorgefallen⸗ Ihr wart ſelbſt an dem mir ſehr unangenehmen Auf⸗ = 9— tritt Schuld, weil Ihr mich vor allen Bruͤdern ſo laut und ruckſichtslos anredetet, und es doch maͤn⸗ niglich bekannt iſt, wie Ihr Einer aus des hochver⸗ ehrten Herrn Admirals Gefolge ſeid. Haͤttet Ihr mir einen heimlichen Wink gegeben, ſo wuͤrde ich Euch ſchon an einen verſteckten Ort gefuͤhrt haben, wo wir ungeſtoͤrt uns des Wiederſehens haͤtten er⸗ freuen können, ſo aber mußte ich eine Rolle gegen Euch ſpielen, die mir das Herz zerriß; ich mußte Euch ſchelten, waͤhrend ich Euch, dem edlen, beſten Sohne meines hochverehrten, vortrefflichen— ach! und ſo unglucklichen Herrn Prinzipals haͤtte um den Hals fallen moͤgen.“ Heftiges Schluchzen erſtickte die Stimme des buͤbiſchen Geſellen und Chretien ge⸗ wann dadurch Zeit, ſich zu erholen, und ſein Erſtau⸗ nen durch Worte auszudruͤcken. Ahen ſagt mir nur, Monſieur Ann wre wie kommt Ihr in dieſen Rock? Ihr, der froͤmmſte unter allen Schuͤlern des großen Chauvin in Paris, jetzt im Kleide und in der Geſellſchaft der Schuͤler des ſchurkiſchen Loyola?“ „O Herrlein, liebſtes— der Roch— noch nicht den Mann. Wenn man die Wolfe kennen lernen will, muß man ſich in ihr Fell ſtecken, unter ihnen wandeln und mit ihnen heulen. Liſt ſiegt uͤber des Schwertes Gewalt. Durch Liſt allein ſiegte der kleine David uͤber den großen Goliathz und war nicht der Schmied Charlot auch ein Diener des katholiſchen Koͤnigs?“— Als Chretien den Schwätzer anſah, zweifelhaft, daß ein ähnlicher Grund ihn in dieſe Kutte geſteckt, fuhr er in einem andern Tone fort: h „Stht, als unſere Gemeinde verſprengt und mit Euren lieben Eltern meiſt gefangen davon geführt wurde, entrann ich Hlücklich zu meiner Mutter, die aber, wie Ihr vielleicht wißt, eine ſtreng katholiſche Frau iſt. Ohne mich viel um meine Neigung zu fragen, uͤbergab ſie mich einem ihrer Hausfreunde, einem Mitglied der Geſellſchaft Jeſu, und ihm mußte ich, wollte ich wohl oder uͤbel, gehorchen. Alle meine Freunde hatten mich verlaſſen, alle Glaubens⸗ bruͤder waren fern, und ich war ſo der Willkuͤhr der Tyrannen anheim gegeben⸗ Da dachte ich? ſchicket Euch in die Zeit, denn es iſt böſe Zeit; und in jedem Stande und Kleide kannſt Du fuͤr das Beſte der gerechten Sache und des wahren, reinen, apo⸗ ſtoliſchen Glaubens wirken, und unter den Jeſuiten vielleicht mehr, denn als Ladendiener eines Calviniſten.“ „und Ihr wäret wirklich ein getreuer Anhaͤnger unſeres Glaubens geblieben?“ „Freilich! Nur ſtill! Die Waͤnde haben Ohren; ich waͤre ja verloren, haͤtte man eine Ahnung von meiner wahren Ueberzeugung. Um ſie ganz zu ver⸗ ſchleiern, mußte ich ja Euch geſtern ſo hart behan⸗ deln. Glaubt mir, ich bin und bleibe ein Calviniſt und Euer getreueſter Freund.“ 4 „Nun, ſo konnt Ihr mir jedenfalls Nachricht von meiner Mutter und ihren Kindern geben, die ich ſchon lange vergebens ſuche. Ihr werdet mir dadurch den groͤßten Freundſchaftsdienſt erweiſen und mich Euch ewig verpflichten.“ „O wie bin ich entzuͤckt, Euch, liebwertheſter, junger Herr, auf der Stelle willfahren zu koͤnnen! Freilich kann ich das! Von Eurer liebenswuͤrdigen Schweſter Madelon kann ich Euch ſagen, daß es ihr ſehr wohl geht; ihr Aufenthaltsort iſt ein einſames, aber gar ſchoͤn gelegenes Wald⸗ und Jagdſchloß, Isle Savary, nur wenige Meilen von Paris. Sie wird Euch dann in die Arme der Mutter fuͤhren, von der ich ſelbſt Euch nichts Naͤheres berichten kann.“ „Aber wie kommt Madelon auf jenes Schloß?“ „Sie hat in Herzog Heinrich von Guiſe einen ſehr edelmuͤthigen Beſchuͤtzer gefunden. Er iſt uber⸗ haupt einer der edelſten und vortrefflichſten Menſchen, und wird von den Calviniſten ſchrecklich verkannt; das wird Euch Madelon ſelbſt ſagen.“ Der Schelm konnte ſeine Gaunerphyſiognomie nicht ſo ganz verſtellen, daß nicht Chretien eine Ah⸗ nung der Wahrheit daraus entgegen dämmerte, und davor erſchrocken fragte er:„Wie aber kam Madelon zu dieſem uns ſo ſehr verhaßten Herzog?“ Der Jeſuit begann eine luͤgenhafte Erzaͤhlung von der traurigen Kataſtrophe in Gaſtine's Hauſe, worin er als ein Engel erſchien; berichtete, wie Ma⸗ delon geflohen, von einem Diener des Herzogs auf der Straße gefunden, und zu dieſem gebracht worden ſei, den ihre Noth gejammert, und der, um— Storchs Fanatiker. 11. 6 allen gehäͤſſigen Verdacht abzuwehren, ſie ſogleich das Jagdſchloß habe bringen laſſen. Auch habe derſelbe Alles verſucht, um ihren Vater vom Tode zu erretten; Mutter und Geſchwiſter habe der edle Fuͤrſt noch im Gefängniſſe unterſtutzt, und wie er nicht anders wiſſe, auch befreit.„Ihr ſeht,“ ſchloß der Heuch⸗ ler,„wie vielen Dank Ihr dem Herzoge ſchuldig ſeid, und Ihr werdet es ſicher bereuen, daß Ihr dieſen herrlichen Mann ſo lange verkannt und gehaßt habt. Er vergilt ſeinen Feinden mit Liebe. Ueber⸗ ——— 2 haupt gewinnen manche Dinge, wenn man ſie in der Naͤhe zu betrachten Gelegenheit erhaͤlt, ein ganz anderes Anſehen, und verlieren viel, wenn nicht Alles, von ihrer Furchterlichkeit. Glaubt doch um Gotteswillen nicht, lieber Herr, daß die Katholiſchen Menſchenfreſſer ſind, und nicht Gottes Gebote hal⸗ ten ſo gut, wie wir. Unſere Prieſter machen uns die Sache nur zum Beſten der Bourbons ſo vor, damit wir nicht zur Vernunft kommen ſollen. Aber beim rechten Lichte betrachtet ſind wir doch an der Naſe gefuͤhrt und betrogen. Iſt der Koͤnig von Frankreich nicht unſer rechtmäßiges und uns von Gott beſtelltes Oberhaupt? Sind wir nicht Emporer, wenn wir uns gegen ihn auflehnen? Wiſſet Ihr nicht, wie Paulus ſagt? Jedermann ſei Unterthan der Obrigkeit, die Gewalt uͤber ihn hat. Denn es iſt keine Obrigkeit, ohne von Gott; wo aber Obrig⸗ keit iſt, die iſt von Gott verordnet. Wer ſich nun wider die Obrigkeit ſetzet, der widerſtrebet Gottes BOrdnung; die aber widerſtreben, werden uͤber ſich ein Urtheil empfangen.— Iſt nicht der Herzog von Guiſe ein edler, liebenswuͤrdiger Fuͤrſt? Gehort er nicht auch mit zu unſerer Obrigkeit? Doch uͤber⸗ zeugt Euch ſelbſt. Ihr werdet mir beiſtimmen, daß ſich's im Grunde unter den Katholiſchen noch beſſer lebt, als unter den Calviniſten.“ Chretien war mit ſteigender Spannung der liſti⸗ gen Rede des kleinen Mannes gefolgt, und beſchloß, um ihn ganz auszuhorchen, wiederum Liſt anzu⸗ wenden. Wußte er doch, wie ſein Lehrer und Freund Charlot ſo langẽ eine doppelt falſche Rolle geſpielt hatte, um einen guten Zweck zu erreichen; alſo wollte er ſich ebenfalls verſtellen und auf krummen Wegen vielleicht erlangen, was auf geraden— das ſah er ſchnell ein— bei dem vor ihm ſtehenden Subjekte nimmermehr moͤglich werden konnte. „Ihr ſprecht da Manches, mein lieber André,“ fing er laͤchelnd an,„was mir auch wohl zuweilen durch die Sinne gefahren iſt, dem ich jedoch, mich einer Suͤnde fuͤrchtend, Worte zu geben, mich nicht getraute. Weil Ihr es denn aber ſagt, ſo ſcheue ich mich ni t Euch zu bekennen, wie mir gar Vie⸗ les im der Calviniſten uͤbertrieben ſcheint.“ „Scheint Euchs?! Nun herrlich!— Glaubt mir, werthgeſchaͤtzter Freund, es iſt ſo. Die Katho⸗ liken haben viele Vorurtheile, die Calviniſten auch; am Ende hat keine Partei vor der andern etwas vokaus, und man thut deshalb immer am beſten, 6* man ſchwimmt mit dem Strome und nicht gegen ihn. Wie? wenn Ihr ein Bauer waͤret und der König ſagte zu Euch: Verlaß Deinen Pflug, Du ſollſt mein Kammerherr und Schatzmeiſter ſein. Wuͤr⸗ det Ihr anſtehen, mit dem Kittel den Bauer aus⸗ zuziehen? Wenn Euch im Schooße der katholiſchen Kirche ein großes Gluͤck bluhte, wolltet Ihr zoͤgern, das von Euch zu legen, was weniger als ein Rock, was gar nichts iſt?“ „Wie koͤnnt Ihr noch fragen, ehrlicher André? Dem Gluͤck hat mein junges Blut den Dienſt ge⸗ ſchworen, und wo ſeine Fahne weht, da ſtell ich mich als ruͤſtiger Kaͤmpfer.“ „O ſo laßt Euch umarmen! denn ſchon winkt Euch die Goͤttin mit der freigebigſten Laune in ihre Schatzkammer. Verſaͤumt den guͤnſtigen Augenblick nicht! Freund, er kehrt nicht wieder. Hört, und ſeid entzuͤckt. Die junge Koͤnigin Eliſabeth hat ein Intereſſe fur Euch gefaßt, welches auf etwas Unge⸗ wöhnliches hinweiſt und Euch, wenn Ihr Euren Vortheil verſteht, zum Gluͤcklichſten der Sterblichen zu machen verſpricht. Sie wuͤnſcht Euch zu ihrem Leibpagen. Ihr werdet doch nicht zaudern?“ „Ihr ſeht mich erſtaunt!“ rief Chretien mit er⸗ kunſteltem Feuer.„Ich merke, mein Glucksſtern iſt in Blois aufgegangen; und ich zaudere nicht, ſeinem Glanze zu folgen.“ „O ſo vergeßt nicht, daß ich Euch ihn andeu⸗ 3 tete! Gedenkt in Euren kuͤnftigen Tagen Eures — — Freundes! Wohlan! Ihr muͤßt Eure Rolle fein ſpielen. Kommt morgen zum Pater Ambroſius, der wird Euch unterrichten. Vorerſt muͤßt Ihr des Herzogs von Guiſe Gunſt erlangen, und die beſitzt Ihr eigentlich ſchon deshalb, weil Ihr ſeiner ange⸗ beteten Madelon Bruder ſeid. Und da ſich ſein Kammerherr ſo ſehr fuͤr Euch intereſſirt— alter Freundſchaft wegen— ſo kann Euch's gar nicht fehlen. Nun Herr du Froiſſet, ſonſt Ceſar d'Alban genannt, hat fuͤrwahr Manches bei Euch gut zu machen, und er wird's thun, dafuͤr moͤcht' ich Euch buͤrgen, junger Herr; er wird Euch zu Allem ver⸗ helfen, was Ihr wollt, um ſeinem boͤſen Gewiſſen das Maul zu ſtopfen.“ „Ihr ſprecht in Raͤthſeln, Monſieur André. Was hab' ich mit dieſem Ceſar zu ſchaffen, der ſei⸗ nen Glauben abgeſchworen, der eine liebenswuͤrdige Braut in la Rochelle treulos verlaſſen, der einen edlen Großvater faſt in's Grab geſtuͤrzt, der eine ganze Stadt in tiefen Kummer und große Betruͤbniß gebracht hat?“ „O liebſtes Herrlein, wenn er weiter nichts ge⸗ than haͤtte, dieſer Herr Kammerherr du Froiſſet— obgleich dies Alles ſchon ſehr ſchlimm und faſt unver⸗ zeihlich iſt— wir wollten es ihm mit chriſtlicher Milde verzeihen; denn es ſtehet geſchrieben: Vergebet, ſo wird Euch vergeben. Aber, aber— doch nein, ich will ſchweigen, in meiner Bruſt ſoll das fuͤrchter⸗ liche Geheimniß verſchloſſen bleiben, mit mir ſoll es —— ſteben. Ihr koͤnntet denken, ich wäre dieſem Ceſar feind, ich wolle mich an ihm raͤchen; aber mich in meiner eigenen Perſon hat er niemals beleidigt, ja, Ihr muͤßt Euch erinnern, Junker, daß er und ich im Hauſe Eures Vaters die beſten Freunde waren. O Euer ſeliger Vater, der jetzt unter den himmli⸗ ſchen Heerſchaaren vor Gottes Thron ſteht, er war ein edler, vortrefflicher Menſch! ſein großes Herz ſtand Jedermann offen, ſeine reine Seele hatte keine Ahnung von Liſt, Falſchheit und Betrug. Wie haͤtte er wiſſen koͤnnen, daß er eine Schlange im Buſen nährte! O wenn ich an meinen verehrten Herrn Gaſtine denke, ſo gehen mir die Augen jedes⸗ mal uͤber, und vergebens wuͤnſch' ich vergangene, glucklichere Tage zuruͤck, deren Frieden ein Boͤſewicht mit gottverfluchter Hand zerſtoͤrte!“ „Aber, Monſieur André, Ihr ſpannt mich auf die Folter. Wovon ſprecht Ihr? Ich verſteh' Euch nicht. Wenn Ihr meinen ungluͤcklichen Vater ge⸗ liebt habt, wenn Ihr mich noch liebt, wie Ihr vor⸗ gebt, ſo erklaͤrt Euch deutlicher. Was iſt's mit Ceſar d'Alban?“ 3 „Ob ich Euch liebe? Daß ſollt Ihr daraus ab⸗ nehmen, daß ich meinem Vorſatze ungetreu werde, von einer Sache zu ſprechen, die beſſer der ewige Schleier der Nacht deckte. Aber Euch zu Liebe, junges Herr⸗ lein, ſoll's endlich einmal heraus, was dieſer katho⸗ liſch gewordene Ceſar fur ein furchtbarer Frevler an Gott und der Menſchheit iſt, wie er die ihm erwie⸗ — 4— ſene Freundſchaft und Liebe mit Fuͤßen getreten und kalt dahingemordet, wie er genoſſene Wohlthaten mit dem ſchwaͤrzeſten Undank belohnt hat, wie er das Heiligſte, was des Menſchen Bruſt bewegt, ſei⸗ nem ſchaͤndlichen, nimmergeſaͤttigten Ehrgeize aufge⸗ opfert, kurz wie er ein Ungeheuer iſt, dergleichen die Hölle ſelten ſo ſcheußlich hervorbringt, ein ausgelern⸗ ter Teufel. Doch ſtill! Ich wollte ihn ja nicht anklagen, ich wollte Euch ja nur erzählen, wie er am Tode Eures Vaters, an der Schande Eurer Schweſter, am Elende und der Verzweiflung Eurer Mutter und Geſchwiſter, an der Schmach und dem Drangſal unſerer Prediger im Kerker, an der Ver⸗ treibung und dem Ruin vieler hundert frommer Chri⸗ ſten, rechtſchaffener Buͤrger, lieber Freunde, edler Menſchen ſchuld iſt. Denn Ihr muͤßt wiſſen, daß ich Euch vorhin, um dieſen Tiger nicht zu reizen, um den Schleier auf der Schandthat des Buben liegen zu laſſen, ein Maährlein erzählte, aber die Wahrheit ſollt Ihr jetzt erfahren. Ceſar d Alban war's, der Eure Schweſter Madelon dem Herzog Heinrich von Guiſe in die Arme fuͤhrte; Ceſar d Al⸗ ban war's, der noch an demſelben Tage Euren Vater und alle im Betſaal verſammelten Calviniſten an die Koͤnigin verrieth.“ „Barmherziger Gott!“ ſchrie Chretien auf. „Waͤr' es moͤglich! Koͤnnte ſo viel ſchwarze Bos⸗ heit in eines Menſchen Bruſt zuſammen ſein? Doch Euer Bericht erhält durch eine fruͤher vernommene * Kunde Wahrſcheinlichkeit. Einſt wurde mir die Ver⸗ ſicherung gegeben, ein Bewohner unſeres Hauſes habe die Calviniſten verrathen. In Paris hoffte ich das Naͤhere zu erfahren.“ „Habt Ihr's ſchon vernommen? Nun ſeht, daß ich Euch reine Wahrheit eingeſchenkt. Niemand wird mir's beſſer bezeugen, als Eure arme Schweſter Madelon. Geht nur, ſie zu beftagen. Sie wird Euch eingeſtehen, daß Ceſar ſie dem Herzog uͤber⸗ lieferte, und Ihr werdet von Andern erfahren, daß noch in derſelben Nacht die Calviniſten gefangen und Haus und Hof Eurer Eltern der Erde gleich gemacht wurden.“ haͤtte, damit ich an jedem einzelnen gluͤhende Rache nehmen, damit ich jedes mit Schwert und Dolch hinmorden koͤnnte!“ „O nicht ſo hitzig, junger Mann! Bedenkt, daß er ſich mit ſeinem Verrath die Kammerherrn⸗ ſtelle beim Herzog erworben, daß er des Maͤchtigſten maͤchtiger Liebling geworden iſt. Habt Ihr es nicht ſelbſt geſehen, was ſeine Stimme beim Volke ver⸗ mag? Der Admiral hat einen langen Arm, ſagen die Calviniſten, aber fuͤrwahr, der Herzog von Guiſe hat einen laͤngern. Bedenkt die Sache wohl. Es bleibt Euch meiner Anſicht nach nichts weiter uͤbrig, als offener, ehrlicher Zweikampf. Erlegt Ihr den Buben, ſo vermag der Admiral, Euer vaͤterlicher Freund und Beſchuͤtzer viel uͤber den Koͤnig, und es „Ha, dieſer Böſewicht! Daß er tauſend Leben — iſt ihm ein Leichtes, Euch Verzeihung auszuwirken. Doch rath' ich Euch, ſucht erſt Eure Schweſter aufz glaubt meinen Worten nicht allein, laßt Euch's aus ihrem Munde beſtaͤtigen.“ „Alſo ſie iſt wirklich durch Ceſar die Buhlerin des Herzogs von Guiſe geworden?“ fragte Chretien zerknirſcht und ſchluckte ſeinen grimmigen Schmerz hinab. „Des Herzogs Geliebte. Nun ſeht, das haͤtte ſo viel nicht auf ſich. Ihr wißt ja wohl noch, daß ich Madelon ſehr gewogen war. Auch jetzt iſt ihr mein Herz noch in Liebe ergeben und zugethan. Sollte ſie vielleicht an ihrer jetzigen Lebensart keinen Wohlgefallen finden, ſo darf ſie nur uͤber mich, ihren treu ergebenen Knecht, befehlen. Ich fuͤhre ſie in mein Haus, in mein Kämmerlein; ſie wird mein Weib und Alles geht vortrefflich. Denn wißt, ich bin jetzt mein eigener Herr. Muͤtterlein iſt geſtor⸗ ben, ich erleide keinen Zwang mehr.“ „Und bleibt Ihr in dieſem verfluchten Jeſuiten⸗ rocke? Was hindert Euch jetzt, wo in ganz Frank⸗ reich die Calviniſten mit den Katholiſchen gleiche Rechte genießen, jetzt, wo ſogar die Kammern zur Haͤlfte aus Proteſtanten beſtehen, was hindert Euch, oͤffentlich das zu bekennen, was Ihr glaubt und ſeid?“ „Seht,“ grinzte André verlegen,„das ſind Familienangelegenheiten, weitlaͤufige Geſchichten. Alles unter der Sonne hat ſeine Zeit und Stunde, ſagt der weiſe Salomon. Auch mir wird bald die er⸗ 65 ſehnte Stunde ſchlagen, wo ich dieſen verhaßten Kit⸗ tel abwerfen und unter die gepruͤften Glaubensbruͤder treten und ſagen kann: Seht, ich bin der Eure und bin es ſtets geweſen.“ Chretiens erhitztes Blut hatte ſich abgekuͤhlt. Der kleine Schleicher kam ihm immer verdaͤchtiger vorz er fing ſchon an zu zweifeln, daß Ceſar der Boͤſe⸗ wicht ſei, und er beſchloß bei ſich, die Sache zu unterſuchen und ſich zu uͤberzeugen. „Ich werde morgen zu meiner Schweſter reiſen,“ ſagte er und fixirte den Jeſuiten mit den Augen. „Das iſt herrlich! Vergeßt nicht durch Ma⸗ delon auf den Herzog zu wirken. Kehrt dann⸗ zuruck, vollbringt das Geſchäft der Rache, werft Euch zu den Fuͤßen der jungen Koͤnigin, und Eure Carriere iſt im Gange. Ihr eilt dann unaufhaltſam dem Tempel des Gluͤcks zu.“ „So ſind wir wohl fertig;“ ſagte Chretien, denn der buͤbiſche Kleine fing an, ihm ſehr läſtig zu wer⸗ den.„Sobald ich wiederkehre, bin ich der Koͤnigin Eliſabeth mit Leib und Seele zu eigen, wann ſie meiner begehrt.“ „O Ihr ſeid begehrt genug, junger, beſter Freund. Geſteh' ich's Euch nur, ich bin ein Abgeſandter der Koͤnigin, zwar kein directer, aber doch ein indirecter, und durch meine Veranſtaltung wird ſie noch heute Abend von Eurer Wilffaͤhrigkeit unterrichtet werden.“ „Ihr verbindet mich ſehr, Monſieur André; womit aber werd' ich Euch danken koͤnnen?“ „Mit Eurer Freundſchaft!“ lachte das haͤßliche Geſicht.„Und wie der Schaͤcher, der zu des Herrn Rechten hing, ihm zurief, ſo ruf ich Euch ſcheidend zu: Herr, gedenke mein, wenn Du in Dein Reich kommſt.“ Mit dieſen ſalbungsvollen Worten ſchluͤpfte das Ungethuͤm durch die Thuͤre und ließ den Juͤng⸗ ling im heftigſten Widerſtreit ſeiner Empfindungen zuruͤck. Dunkelheit umſpann ſein Geſicht, Dunkel⸗ heit ſeine Seele. Aber nach kurzem Kampfe rief er: „Licht muß ich mir ſchaffen, Licht in dieſer furchtba⸗ ren Zweifelsnacht, und ſollt' es mich das Leben koſten. Licht noch heute!“ Und ſomit ſtuͤrmte er fort, ſich nach dem Hotel Guiſe zu erkundigen. Er langte glucklich an der Thuͤre deſſelben an. Da erſt begann ſeine Ueberlegung zu erwachen. Er bedachte, daß es eine hoͤchſt unſchickliche Zeit ſei, den Kammerherrn heimzuſuchen und Rechenſchaft von ihm zu fordern, er wußte nicht, wie er die Sache anfangen ſolle und fuͤhlte, daß er auf dem Wege ſei, ſie ſehr un⸗ geſchickt anzufangen. —— Sechſtes Kapitel. Pfaffentrug, Weiberliſt, Weißt Du, was ärger iſt?— Sprichwort. Indem er nun da ſtand, in ſeinen Mantel gehuͤllt, nahte ihm plotzlich eine kleine Mannsgeſtalt, die er Anfangs fuͤr André hielt. Bald ward er aber ſeinen Irrthum inne, da der Mann ihn mit einer ihm ganz fremden Stimme anredete: „Ei, ei! Ich war ſchon vor einer Stunde hier⸗ und ſuchte Euch vergeblich. Ihr habt die Zeit ſchlecht gemerkt. Die Gräfin glaubte ſchon, Ihr waͤrt auf ewig fur ſie verloren, und geberdete ſich, wie wenn ſie vom Teufel beſeſſen ſei. Nun, es wird ſie jetzt aber auch eben ſo hoch und uͤber die Maßen entzuͤcken, daß Ihr den ſchaͤndlichen Ver⸗ laͤumdern keinen Glauben beigemeſſen, und mit er⸗ neuter Zaͤrtlichkeit zu ihr zuruͤckkehrt. Sie war in Verzweiflung und nahe daran, ſich das Leben zu nehmen. Wie konntet Ihr aber auch die ſchoͤnſte Frau am Hofe, deren Zaͤrtlichkeiten Euch ſo oft den hoöchſten Genuß bereitet haben, mit ſolcher Kalte von Euch ſtoßen? Doch ich will Euch keine Vor⸗ wuͤrfe machen. Ihr habt Eure Pflicht erkannt, folgt ihrer Stimme und der zaͤrtlichen Einladung der Grafin, und ſomit iſt Alles wieder in's alte Gleis — 9³ gebracht, die Liebe iſt friſcher geworden und Ihr und die Graͤfin ſeid Euch einander wieder etwas Neues. Irae amantium sunt amoris recreatio, ſagen wir Lateiner. Nun kommt nur ſchnell. Die Grafin wartet Euer mit zweifelvollem Bangen und bruͤnſtiger Sehnſucht. Kommt!“ Damit zog der Fremde den erſtaunten und ſchier willenloſen Juͤng⸗ ling fort, ſprach unterwegs noch viel von der Ver⸗ zweiflung und der heißen Leidenſchaft der Gräfin und brachte ihn endlich in ein Haus. Chretiens Neu⸗ gierde war im hoͤchſten Grade rege geworden, zumal da er aus dem Wortſchwall ſeines Fuͤhrers nicht un⸗ deutlich zu erkennen glaubte, daß er fuͤr Ceſar d'Al⸗ ban gehalten werde. Da er Degen und Dolch bei ſich trug, war er entſchloſſen zu ſehen, wo hinaus das Abentheuer wolle. Der beredte Mann brachte ihn nicht durch Schweigen in die Verlegenheit, auch einmal ſprechen zu muͤſſen, und ſo langten Beide in einem ſchwach erleuchteten Vorzimmer an.„Legt Euren Mantel und Hut ab, und geht hinein,“ ſagte der Kleine,„ſie iſt ſchon entkleidet.“ Damit oͤffnete er die Thuͤre, Chretien trat mit hochklopfenden Her⸗ zen hinein. Sogleich umſchlangen ihn ein Paar weiche Arme, ein gluͤhender Mund preßte ſich auf ſeine Lippen, er hatte kaum Zeit zu bemerken, daß es eine wunderſchoͤne Frau im weißen verfuͤhreriſchen Nachtkleide war, die ihn mit dieſen Liebkoſungen uͤberhaͤufte. Doch kaum war er auch mit dieſer Be⸗ — merkung fertig, als die Dame einen heftigen Schrei ausſtieß und ihn entſetzt von ſich ſchob. „Wie?“ ſtammelte ſie aus ihrer erſten, heftigen Ueberraſchung ſich ſammelnd:„Ihr ſeid nicht der Kammerherr du Froiſſet, Ihr ſeid ein Fremder. Wie kommt Ihr hierher, mein Herr?“ „Ein Mann hat mich hergefuͤhrt, Madame. und ich ging blos mit ihm, weil kein Soldat ein ſich ihm aufdringendes Abentheuer von der Hand weiſen darf.“ „Rinaldo!“ rief die Schoͤne außer ſich und riß raſch die Thuͤr des Sne auf.„Rinaldo, wo biſt Du?“ Sogleich erſchien der kleine Mann beſturzt. „Wie biſt Du zu dieſem Cavalier gekommen? Siehſt Du nicht, daß es der Kammerherr nicht iſt? Wo bleibt nun Deine Kunſt, Deine Allwiſſenheit? Geh mir aus den Augen, elender Stuͤmper!“ „Wie?“ ſagte Rinaldo verbluͤfft, und ſah bald Chretien in das ſpoͤttiſch laͤchelnde, bald der Gräfin in das zornleuchtende Geſicht.„Iſt's der Kammer⸗ herr nicht? Ja, mein Himmel, er war's ja aber doch draußen noch; wir haben uns doch den Weg daher unaufhoͤrlich unterhalten und von Dingen ge⸗ ſprochen, die nur der Kammerherr wiſſen konnte. Und da war er's— und hier iſt er's nicht, wie ich wohl ſehe. Das geht nicht mit rechten Din⸗ gen zu; da ſind einmal Teufelskuͤnſte im Spiel. Ihr ſeid der Kammerherr du Froiſſet der Juͤngere, ———— und habt Euch jetzt ſchnell ein anderes Geſicht ange⸗ hert, um die gute Graͤfin zu aͤngſtigen. Denn ich wiederhole es noch einmal, was Ihr geſagt habt, konnte nur du Froiſſet wiſſen, auch war es ſeine Stimme, ſeine Geſtalt, ſein Gang, ſein Geſicht. Ich werde doch das Alles kennen.“ „Geh,“ herrſchte die Graͤfin dem Schwatzer zu, „und harre meiner Befehle im Vorzimmer.“ Der Alte ging.„So ſeid Ihr eine Kreatur des Nichts⸗ wuͤrdigen,“ redete die Graͤfin mit dem hoͤchſten Stolze tief gekränkter, weiblicher Wuͤrde,„laßt Euch von ihm dazu brauchen, eine Dame, die Ihr nicht kennt, die Euch nie etwas zu Leid⸗that, aufs Schrecklichſte zu verſpotten und zu verhoͤhnen. Haͤttet Ihr einen Begriff von Ehre, ſo wuͤrdet Ihr einen ſo nieder⸗ traͤchtigen Schurken, wie dieſer du Froiſſet, nicht zu Willen ſein.“ „Daß wir einander nicht verſtehen,“ verſetzte Chretien,„find' ich ſehr natuͤrlich; denn ich bin wie in Euer Haus geſchneit. Daß aber erwaͤhnter du Froiſſet ein ſchlechter Menſch ſei, moͤchte ich kuͤhnlich ebenfalls behaupten, und wenn er auch an Euch einen Schurkenſtreich veruͤbt, ſo iſt's mir doch recht lieb, daß mich ein ſo wunderlicher Zufall zu Euch gefuͤhrt hat, ſchoͤne Graͤfin, damit ich einen neuen mich in meiner Anſicht beſtaͤrkenden Beweis ſeiner Nichtswuͤrdigkeit durch Euch erlange.“ „Wie? Und ſo ſprecht Ihr?“ rief die Gräfin ganz erſtaunt.„Ihr, den er mit all den genaueſten Verhaͤltniſſen, in welchen ich leider mit dem Schaͤnd⸗ lichen geſtanden, bekannt gemacht hat, ſo daß es Euch leicht war, meinen Rinaldo zu taͤuſchen? Was ſoll ich aus Euch machen, mein Herr? Wer ſeid Ihr?“ „Ein Calviniſt, ein Soldat, ein Begleiter des großen Admirals.“ „Ah! ein Mann von der Religion. Ein Schuͤ⸗ ler des Evangeliums. Nun gut. Der Kammer⸗ herr gehoͤrte auch ſonſt zu Euch, und hat nachher auf das Meßbuch geſchworen. Deshalb koͤnnt Ihr alſo nicht Freunde ſein und das iſt mir Beweis genug, daß ich mich vorhin geirrt. Aber ſagt mir, woher kennt Ihr meine Stellung zum Kammerherrn?“ „Ich kenne ſie bei Gott! nicht. Ich ſtand vor der Thuͤre des Hotel Guiſe, um mich zu beſinnen, wie ich Eurem ſaubern Kammerherrn am geſchickteſten zu Leibe gehen moͤchte, da tritt Euer Rinaldo mich an, zieht mich fort, ſpricht in einem weg, laͤßt mich nicht zum Worte kommen, erzaͤhlt hunderterlei Dinge von Euch und dem Kammerherrn, und was ich allein von ihm weiß, behauptet er nun von mir zu wiſſen.“ „Der abſcheuliche Schwaͤtzer!“ rief die Graͤfin aͤrgerlich,„es ſoll ihm aufgehoben bleiben. Aber ich bin hoch erfreut, durch ſeine Dummheit Eure mir ſehr intereſſante Bekanntſchaft zu machen. Ich bitt' Euch, laßt Euch bei mir nieder! Hoͤrt eine Ungluͤckliche an, die ihr treuliebendes Herz von den V — Fuͤßen eines rohen Mannes zertreten ſieht, der ihr einſt zaͤrtliche Liebe erheuchelte, der ihr in ſeinen hei⸗ ßen Umarmungen oft genug ewige Treue ſchwor, und die, ſeinen Schwuͤren vertrauend, ihn mit der ganzen tiefen Innigkeit ihres Gemuͤths umfing, ihm Alles gewaͤhrte, was ein Weib geben kann, ihn wie einen Gott verehrte, und ſich nun von ihm verſtoßen, ver⸗ achtet, gekraͤnkt, gemißhandelt, ja vernichtet ſieht. Ja, hoͤrt dies Alles und vernehmt, daß dieſer Unmenſch der Kammerherr des Herzogs von Guiſe, Ceſar du Froiſſet iſt.“ „O ſo iſt es doch Wahrheit, daß die Sonne kein groͤßeres Ungeheuer beſcheint, als dieſen Men⸗ ſchen!“ rief Chretien und ballte die Fauſt vor Wuth und Schmerz. „Aber ich bitt' Euch dringend, mein liebſter Herr, nehmt Platz auf dieſem Ruhebette.“ Schmei⸗ chelnd faßte die Reizende den Juͤngling bei der Hand und fuͤhrte ihn zu dem weichen Polſter, dabei be⸗ trachtete ſie ſein jugendlich⸗kraͤftig bluͤhendes Geſicht, ſein feuriges, glaͤnzendes Auge und ſeine ſchlanke Geſtalt mit dem groͤßten Wohlgefallen. Chretien folgte der lockenden Einladung; er nahm an ihrer Seite Platz; das weite, nachlaͤſſig um die ſchoͤnſten Formen haͤn⸗ gende Nachtgewand wich im Feuer ihrer Rede oft zu⸗ ruͤck, und machte Reize ſichtbar, wie ſie Chretiens Auge noch nie erblickt hatte. Was Wunder, wenn erſich im Stillen Gluͤck wunſchte zu der ſeltſamen Verwechſelung. „Wundert Euch nicht, mein Herr,“ begann ſie, Storchs Fanatiker. I. 7 — „wenn eine Euch fremde Dame Euch offen und wahr die geheime Geſchichte ihres ungluͤcklichen Her⸗ zens mittheilt. Ich glaube, es iſt nichts Zufall in der Welt, und Ihr ſeid mir von Gott als Retter meiner Schmach geſendet. Dies mag meine Frei⸗ muͤthigkeit entſchuldigen. Es ſind nun faſt zwei Jahre, als dieſer Ceſar du Froiſſet, welcher nach dem Stammnamen ſeines Hauſes eigentlich d'Alban heißt, ſich am Hofe bemerkbar machte. Er war ein hubſcher Junge, aber linkiſch und unbeholfen, wie alle Hugenotten; doch ich vergeſſe, daß Ihr auch von der Religion ſeid, mein junger Freund. Ver⸗ zeiht meinem Eifer!“ Chretien nahm die Hand der Gräfin und kuͤßte ſie feurig, um zu beweiſen, daß er nicht ſo linkiſch und ungalant ſei, wie ſeine uͤbrigen Glaubensbruͤder. Sie erwiederte den Kuß mit einem leidenſchaftlichen Druck und ließ ihm dann die Hand.„Ceſar,“ fuhr die Schoͤne fort,„fiel in die Netze eines argen ſinnlichen Weibes, der Her⸗ zogin von Nevers, und wurde bald ein Sklave ihrer Luͤſte. Ich bedauerte den Armen und warnte ihn einſt im Geheim vor der Gefahr, in welcher er ſtets lebte, ohne es zu ahnen. Er wurde auf mich aufmerkſam, verließ die Schaͤndliche und weihte mir, wie es ſchien, ein Herz voll wahrer, heißer Liebe. Lange widerſtand ich ſeiner Heftigkeit, endlich ſchlug mir die ſchwache Stunde; ich ward ganz ſein. Wir genoſſen eine geraume Zeit die Seligkeit der Liebe in all ihren Schatticungen, und mir waͤre im Traume — 99— nicht vorgekommen, daß dieſer Ceſar, dieſer ganz in Liebe und Hingebung lebende Juͤngling, ein ſolches Un⸗ geheuer ſein und mich mit ſo ſchwarzer Bosheit nach⸗ her hinmorden koͤnnte. O laßt mich dem Andenken jener ſeligen Tage und Naͤchte eine Thraͤne weihen! Ich liebte ihn ja ſo ſehr, mein Herz hat nie fuͤr einen andern Mann geſchlagen, und ach! daß ich ihn heute noch liebe, beweiſt ja Euer Hierſein! Doch nun hab' ich ſein Bild aus meinem Herzen geriſſen, nun iſt ihm fuͤrchterliche Rache geſchworen.“ Sie trocknete ſich mit ihrem Tuche die Thraͤnen; ſie gab ſich, wie es ſchien, dem wuͤthendſten Schmerze hin, und Chretien, von Mitleid und Bedauern hin⸗ geriſſen, ruckte ihr naͤher, umſchlang die heftig Schluch⸗ zende mit einem Arm, unterſtuͤtzte mit der andern Hand ihr Haupt, und ſprach ihr Worte des Troſtes zu. Sie lehnte weinend den Kopf an ſeine Bruſt, ihm wurde es gluͤhend in der Stirne, und es duͤnkte ihm, als rolle Feuer, nicht Blut, in ſeinen Adern. Doch ploͤtzlich erhob ſich die ſchoͤne Frau ſchnell und ſah den beſtuͤrzten Juͤngling ins Auge.„Wer buͤrgt mir dafuͤr, daß Ihr nicht ein aͤhnliches Ungeheuer ſeid, welches mich vollends in die Nacht des Ver⸗ derbens hinabreißen will?“ rief ſie ernſt und mit dem Tone des Zweifels.„Ich ſeht mich ſchwach, und Ihr gedenkt ſchlau nach Maͤnnerart dieſe Schwach⸗ heit zu Eurem Vortheil zu benutzen. Ich koͤnnte ja wieder in eben ſo ſchlimme Fallſtricke gerathen, wie vorher. Kann nicht das ganze Maͤnnergeſchlecht 7* — 100— falſch und unbeſtändig ſein, wie man mir oft geſagt? Hab' ich doch an Einem ſchon die traurigſte Erfah⸗ rung gemacht. Darum laßt mich wiſſen, wer Ihr ſeid, noch kenn' ich Euren Namen, noch Ihr den meinigen nicht, und unſte Herzen haben ſchon anein⸗ ander geſchlagen. Schaͤmt Euch, wenn Ihr meine unbewachte Weiblichkeit uͤberraſchen wollt.“ „Mein Name iſt Chretien Gaſtine,“ ſtammelte der Juͤngling, hoͤchſt betreten und eingeſchuͤchtert. „Gaſtine?“ fuhr die Grafin fort.„Ein be⸗ kannter Name unter den Hugenotten. Hieß doch der Kaufmann ſo, welcher die Betſtunden und Pre⸗ digten in ſeinem Hauſe hatte halten laſſen und dafuͤr gehenkt wurde.“ „Er war mein Vater!“ rief Chretien ſchmerzlich bewegt. „Ei ſeht doch! So ſeid Ihr ja ein alter Be⸗ kannter und Hausgenoſſe des Kammerherrn du Froiſſet. Er hat mir oft erzaͤhlt, daß er als Student im Hauſe Eures Vaters wohnte. Er wurde dann mit dem Herzog von Guiſe bekannt, fand ſeinen Vater und verließ Euer elterliches Haus vor jener ungluͤck⸗ lichen Kataſtrophe.“ „Ja durch einen Schurkenſtreich. Er verkaufte fuͤr ſeine Kammerherrnſtelle meine Schweſter an den Herzog.“ „So wißt Ihr?“— „Ich weiß Alles. Nicht wahr, er verrieth auch die fromme Gemeinde? Er verdarb das Gluͤck un⸗ S — ſeres Hauſes? Er brachte meinen Vater an den Galgen?“ Die Graͤfin ſtutzte Anfangs uͤber dieſe Fragen; dann erheiterte ſich ploͤtzlich ihr Geſicht und mit einer ungemeinen Freude rief ſie:„Ja ja, er thats! Er hat Euch Alle unglucklich gemacht! Er, er, der Boͤſewicht!“ „So moͤge ihn meine Rache uͤbereilen, wie ein Blitzſtrahl Gottes.“ „Stoßt dem Elenden den Degen durch den Leib, und wenn er ſeine ſchwarze Seele aushaucht, ſo ruft ihm zu: Das ſchickt Dir die Gräfin de la Bruyere. Denn die Graͤfin de la Bruyere bin ich, die er ſo ſehr gekraͤnkt. Nun hoͤrt weiter!“ Doch Chretiens Geiſtesſtimmung hatte eine von der fruͤhern ſo ganz verſchiedene Richtung gewonnen, daß er plotzlich fuͤr alle erſt mit Entzuͤcken bemerkten Schoͤnheiten wie blind war. Er gluͤhte zwar noch, aber jetzt war es die Glut der Rache, er lechzte, aber nicht mehr nach Kuͤſſen der Dame, ſondern nach Ceſars Blute; denn die Beſtaͤtigung der Gräfin hatte ihm uͤber die bodenloſe Bosheit deſſelben keinen Zweifel uͤbrig gelaſſen. „Ich glaubte, im unerſchuͤtterlichen Beſitz ſeiner Liebe zu ſein,“ erzählte die Graͤfin weiter,„als er 5„ 5 mit dem Herzog auf kurze Zeit Paris verließ. Er galt als mein erklarter Liebhaber, und ich ſah alſo während ſeiner Abweſenheit keinen Mann. Nichts⸗ deſtoweniger beſucht er mich nicht; als er zuruͤckkehrt, — 102— veachtet mich nicht bei Hofe und wirft mich mit dieſer furchtbaren Kälte auf das Krankenlager. Ich ringe erſt mit Verzweiflung, dann mit dem Tode. Als ich wieder zu neuer Qual erwache, ſende ich Boten an ihn, laſſe ihn beſchwoͤren, bei allem, was einem Menſchen heilig iſt, er ſoll mich nicht verken⸗ nen, verſtoßen, aber kalt, entſetzlich kalt laͤßt er mir erwiedern, er ſei zur Vernunft gekommen, ich moͤchte mich an die Herren wenden, deren Zärtlichkeiten ich mir während ſeiner Abweſenheit habe gefallen laſſen. Dieſe Worte bringen mich auf, meine Unſchuld em⸗ pört ſich; ich wollte mich zwingen, ihn zu verachten, aber ich liebe ihn immer mehr. Der Koͤnig ging mit ſeiner Gemahlin hieher nach Blois, die Koͤnigin Mutter blieb in Paris, alſo auch ich. Doch ich ſchreibe ihm noch einmal Alles, was mir Liebes⸗ wahnſinn und Verzweiflung eingeben, ſchreib' ihm, daß ich dieſen Abend hier ſein, ihn von meinem Rinaldo an ſeiner Thuͤre um neun Uhr abholen laſſen wuͤrde, daß ich mich ganz rechtfertigen, daß ich wieder ſein ſein wollte; ich bot Alles auf, um ihn zu ſeiner Pflicht zuruͤckzufuͤhren. Ich fliege heimlich hierher mit Angſt und Liebesglut im Herzen, ich lange an, zittere der beſtimmten Stunde entgegen. Sie er⸗ ſcheint; Rinaldo muß fort, ich bringe die Zeit in Todespein zu. Doch wer malt meinen Schrecken, als er leer zuruckkehrt! Nirgends war Ceſar gewe⸗ ſen, man hatte dem Alten geſagt, er ſei in einer luſtigen Geſellſchaft. Ich bildete mir in meiner Ver⸗ —— nichtung ein, er habe ſich in der Zeit geirrt; denn es wollte mir durchaus als unmoͤglich erſcheinen, daß er auf dieſen meinen Brief nicht kommen ſollte. Ich hatte doch wieder eine kleine Hoffnung, einen Faden, woran ich mich halten konnte, damit ich nicht in der Troſtloſigkeit verſaͤnke. Wonach haſchte meine aufgeregte wilde Phantaſie nicht Alles! Ich wollte es erzwingen, er ſollte, er mußte kommen. Rinaldo flog auf meinen Befehl von dannen, er kam— und Ihr mit ihm. Seht, ſo ſpottet der Schaͤndliche, Treu⸗ loſe meiner. Aber bei der heiligen Jungfrau! es ſoll ihm nicht ungerochen bleiben. Mir meine Liebe ſo zu vergelten! Meine großen Verdienſte um ihn ſo zu belohnen! Denkt Euch, gebildet hab' ich ihn zum feinſten Hofmann, Sitte und Lebensart hab' ich ihm gelehrt, ich, ich hab' ihn von ſeinen ketzeri⸗ ſchen JIrrthuͤmern ganz abgebracht ihn dem Him⸗ mel zugefuͤhrt.“— „Ihr habt ihn bekehrt?“ fragte Chretien mit eihem ſeltenen Gemiſch von Grauen und Zweifel. „Ja ich war's, die ſeine ſchon halb verlorne Seele aus des Teufels Rachen riß. Dafuͤr ſtoͤßt er mich in die Nacht der Verzweiflung. Doch Ihr werdet mich nicht verlaſſen, mein lieber, junger Freund, und mit dieſem Kuſſe weih' ich Euch zu meinem Raͤcher.“ Sie druͤckte ihn an die warme, wogende Bruſt, ſie kuͤßte ihn heiß, aber ihm rieſelte es eis⸗ kalt uͤber den Ruͤcken.„Sie will dich auch bekehren,“ dachte er bei ſich, und dieſer Gedanke faßte ihn mit ſolcher Gewalt, daß er ſchaudernd aufſprang, und rief:„Ich will Euch und mich und meinen Vater und Alle raͤchen, die der Bube verdorben hat. Doch nun erlaubt mir, ſchoͤne Graͤfin, daß ich mich ent⸗ ferne. Es wuͤrde Euch ſehr unangenehm ſein, wollte ich laͤnger in die Nacht hinein einſam bei Euch ver⸗ weilen. Obgleich auch ein Hugenott, kenn' ich doch Sitte und Anſtand, und deshalb beurlaub' ich mich von Euch. Morgen ſollt Ihr mehr von mir hoͤren; denn ich bin nicht Willens, das Rachegeſchaͤft lange hinaus zu ſchieben.“ „Ihr wollt gehen? Wollt mich verlaſſen?“ fragte die Graͤfin gedehnt und mit dem leiſen An⸗ ſtrich eines Vorwurfes.„Es iſt ſchon ſehr ſpaͤt, Ihr werdet nicht in Eure Wohnung koͤnnen. Laßt uns die Nacht vollends verplaudern.“ „Ich muͤßte mir nachher vorwerfen, Eurer Schoͤn⸗ heit durch den Raub des koſtlichen Schlafes zu ſchaden. Pflicht und Gewiſſen fuͤhren mich fort. Das Hotel ſteht mir zu jeder Zeit offen. Leb' ich morgen noch, ſo ſeht Ihr mich.“ „So viel Kaͤlte bei ſo viel Feuer!“ ſeufzte die Graͤfin, und rief Rinaldo, welcher den Juͤngling hinableuchtete. „Nun, Ihr ſeid doch mit der Verwechslung zu⸗ frieden geweſen!“ grinzte der alte Hexenmeiſter. Chretien antwortete nicht und eilte nach Hauſe. —— Dieſe Nacht ubte ihr mildes Saͤnftigeramt nicht an den Stuͤrmen in ſeiner Bruſt. Sie machte ihn zum Manne reif, eine raſche Lehrmeiſterin. Sibentes Kapitel Das eben iſt der Fluch der böſen That, Daß ſie ſortzeugend Böſes muß gebären. Schiller im Wallenſtein. Am Morgen des folgenden Tages ſaßen viele von den Hofleuten in einer Gartenſchenke beim Fruͤhſtuͤck zuſammen, und tranken und ſprachen einem Pfaffen wacker zu, deſſen Unterhaltung ſie vorzuͤglich zu beluſtigen ſchien, denn die meiſten von der Geſellſchaft, hatten ſich im dichten Kreis um den Diener der Kirche geſetzt.„Pater Ambroſius, noch eins von Euren luſtigen Stuckchen!“ rief der Ritter Gerard.„Verandert nur immerhin Namen, Ort und Zeit, erzahlt uns nur noch ein Paar der ſaubern Geſchichten, die Ihr wißt. Es macht mir koͤniglichen Spas, hernach mein Gehirn anzuſtren⸗ gen, um heraus zu bringen, wer die wahren Per⸗ ſonen ſind. Trinkt erſt, Ambroſius, damit Euch's gelaͤufiger von der Zunge gehe.“ — 106— „Laßt mich, Ihr guten Jungen, ich bin um zehn Uhr zur Graͤfin de la Bruyere beſtellt, welche geſtern hier angekommen iſt, und ſchon iſt halb elf Uhr voruͤber und ich ſitze noch unter Euch und ſchwatze und zeche, als waͤr' die Ausuͤbung meiner Standes⸗ pflicht ein Liebesabentheuer, worauf ich mich ſtaͤrken und vorbereiten wollte.“ „Die Graͤfin de la Bruyere in Blois und Euch beichten!“ riefen Einige;„nun wer weiß, was ge⸗ ſchieht. Ihr ſeid keineswegs ſchon in demjenigen Alter, von welchem das ſchoͤne Geſchlecht nicht je zuweilen noch gewiſſe Gefälligkeiten verlangt, und da Ihr ſogar recht geſchickt ſcheint, dergleichen zu leiſten, ſo werdet Ihr wahrlich nicht ſo grauſam ſein, der ſchoͤnen Gräfin de la Bruyere eine ſolche Bitte abzuſchlagen.“ „Nun wenigſtens verſth ich noch immer ſo galant zu ſein, als der Zierlichſte von Euch, Ihr Herren!“ ſagte der Pater und laͤchelte ſelbſtgefullig. „Wir wiſſen das,“ lachte der Baron Remis. „Ihr ſeid ein Mann und Prieſter, beides wie er ſein muß. Leicht bei den Frauen, ſtreng in der Kirche. Ihr wißt, wie viel Zacken jedes ſtattliche Geweih der meiſten Ehemaͤnner am Hofe hat, darum ſind Euch die Damen und ledigen Herrn ſo gewogen. Ihr ſeid dagegen ein Ketzerriecher und geſchworner Feind aller Spitzkoͤpfe, und das macht Euch zu einer unentbehrlichen Stutze der Kirche. Wart Ihrs doch, der vor drei Jahren das Ketzerneſt entdeckte.“ — 101— „Bin dafur auch nach Verdienſt belohnt worden,“ verſetzte Ambroſius geſchmeichelt. „Ja, ja, ſeit jener Zeit bluͤht Euer Waizen, denn die Koͤnigin Mutter empfahl Euch ihren Hof⸗ damen; ſie haͤtte Euch freilich auf keine beſſere Art belohnen koͤnnen. Aber, um wieder auf beſagte Bruyere zu kommen, ſo ſagt uns doch, was die hier will. Der Koͤnig geht ja mit dem alten Gas⸗ par und den andern frommen Herrn vom Evange⸗ lium noch dieſe Woche nach Paris zuruͤck. Wenn ſie's auf eine neue Liebesgeſchichte abgeſehen hatte, ſo koͤnnte ſie doch warten, bis wir in der Haupt⸗ ſtadt angelangt waͤren.“ „Ich weiß es Euch wahrlich nicht zu ſagen,“ verſetzte der Prieſter,„und wenn ich's wuͤßte, ſo duͤrft' ich nicht. Sie iſt meine Beichttochter.“ „Es ſind vielleicht die letzten Zuckungen ihres verliebten Herzens, eh' es fromm wird,“ ſagte Remis, „der letzte Aufſtoß der Suͤnde, eh' der Wein ganz ausgegoren und hell wird.“ „Mein Kammerdiener ſah geſtern Abend den alten Meiſter Rinaldo, den Nekromanten, den die Grafin jetzt ganz allein in ihre Dienſte genommen hat, mehrere Mal uͤber die Straße ſchleichen und endlich ein junges Ritterlein nach der Schlachtbank fuͤhren. Er hielt das Opfer fuͤr ein Kalb von der Kahors-Kuh.“ „Friſche Auſtern von der Kuͤſte von Poitou,“ lachte der Hauptmann Villoniers. — 8— „Vielleicht auch eine Reunion,“ bemerkte Gerard und deutete mit den Augen auf Ceſar du Froiſſet, welcher abſeits an einem Tiſche allein ſaß, am Ge⸗ ſpraͤch keinen Antheil nahm, und in die blaue Luft hineinſtarrte, als ließe er ſich's hoͤchſt angelegen ſein, gar nichts zu denken. „Ha! ha! ha!“ lachte Remis;„Kammerherr du Froiſſet, man hat Euch hier in Verdacht eines ſehr ſchlechten Gedaͤchtniſſes.“ „Wie ſo?“ fuhr Ceſar wie aus einem Snune erwachend auf. „Man vermuthet nicht ohne Grund, Ihr habt die Liebesbriefchen vergeſſen, welche die Bruyere waͤh⸗ rend Eurer Abweſenheit an den Grafen d'Aubeſpine ſchrieb, worin ſie ſich weidlich uͤber Eure Eiferſucht luſtig machte.“ „Moͤchte ſchwerlich der Fall ſein; denn Ritter Gerard hat mir erſt vorhin noch das Gedachtniß mit einer Erzäͤhlung aufgefriſcht, wie er, derſelben Perſon wegen, den Baron Chaulis erlegte, und ihm ſelbſt vom Herrn von Trebiſonde, dem ehrlichen Rocheller Schmied, der Denkzettel angehaͤngt wurde, den er auf dem Geſicht mit ins Grab nehmen wird.“ „Wir ſprechen von geſtern Abend, wo die Bruyere einen Beſuch erhielt.“ „Mir ſehr gleichgultig,“ verſetzte Ceſar, und ver⸗ ſank in ſein voriges Schweigen. „Der Kammerherr iſt ſeit einiger Zeit ſo ganz veraͤndert,“ bemerkte der Pater,„daß Einer, der — 105— ſein Geſicht nicht recht gut gemerkt haͤtte, ſchwerlich den froͤhlichen, lebensluſtigen Knaben, den Freund der Weiber und des Weins wieder in ihm erkennenwuͤrde.“ „Die Untreue der Beuyere hat ihm den Kopf ganz verdreht,“ ſagte Gerard.„Daruͤber ſind wir lange hinaus.“ „Leute, die bei der Predigt aufgewachſen ſind, können doch niemals ihre Natur ganz ablegen,“ be⸗ merkte Villoniers,„und wenn ſie die Religion ab⸗ ſchwoͤren und täglich die Meſſe hoͤren. Sie koͤnnen ſich des verkehrten Weſens nicht ganz abthun.“ „Ich werde den guten Jungen naͤchſtens einmal in's Gebet nehmen,“ troͤſtete Ambroſius, und erhob ſich, um ſich zur Beichttochter zu begeben. Die Zuruͤckbleibenden, Ceſar ausgenommen, ſchnitten laͤcherliche Kratzfuͤſſe und Grimmaßen, wuͤnſchten viel Gluͤck, Kraft und Ausdauer, und mit ſchal⸗ lendem Gelaͤchter zog der geiſtliche Herr ab. Die Andern ſetzten ihr heiteres Geſpraͤch fort, neckten einander mit ihren Liebesintriguen und vergaßen des guten Weins dabei nicht. Ceſar blieb ſtumm und verſtimmt. Eben ſchickte er ſich an, Geſellſchaft und Garten zu verlaſſen, als zehn bis zwolf junge, hugenottiſche Edelleute am Eingange erſchienen und mit einer gewiſſen Keckheit, die man erſt ſeit der Bekanntwerdung der projectirten Verbindung des Prinzen von Bearn mit der Prinzeſſin Margot von Valvis an den Proteſtanten bemerkt haben wollte, vorwaͤrts ſchritten und umherſpäheten. Ihr — 10— Anfuhrer war Chretien Goſtine. Das Geſpraͤch der Hofleute verſtummte alſobald, ſie betrachteten die in dieſer Gartenwirthſchaft ungewohnten Gäſte mit halb neugierigen, halb ſpoͤttiſchen Blicken. Man verneigte ſich gegenſeitig ſehr ſteif und muſterte ſich mit den Augen. Ceſar hatte kaum den ehemaligen Hausgenoſſen erkannt, als er mit erheitertem Geſicht auf ihn zu⸗ eilte, um ihm die Hand zu bieten. Aber ſtolz und verachtend wieß der Juͤngling die Hand zuruͤck und ſagte mit zuruͤckgeworfenem Kopfe: „Ihr eben ſeid's, Herr du Froiſſet, den wir ſchon ſeit einer Stunde geſucht haben.“ „Was ſteht Euch zu Dienſten, Herr Gaſtine?“ fragte Ceſar, durch Chretiens Ton beleidigt, mit ſchnell veraͤnderter Stimme und gerunzelter Stirne. „Das ſollt Ihr ſogleich hoͤren. Nachdem ich erfahren, daß Ihr meine Schweſter Madelon an den Herzog von Guiſe verkuppelt, die Gemeinde der Calviniſten verrathen, meinen Vater an den Galgen, meine Mutter und kleinern Geſchwiſter mit vielen andern unſerer Glaubensgenoſſen ins Elend geſtuͤrzt habt, ſeit ich endlich weiß, wie Ihr Frauengunſt und Liebe auf die ſchaͤndlichſte Weiſe belohnt, verhoͤhnt, und Euch in jeder Hinſicht als einen nichtswuͤrdigen Buben gezeigt habt, ſeit dieſer Zeit bin ich feſt ent⸗ ſchloſſen, mit Euch auf Tod und Leben zu kaͤmpfen. Von uns Beiden kann und darf nur Einer die Sonne dieſes Tages wieder untergehen ſehen.“ — 111— Ceſar war von der furchtbaren Beſchuldigung erblaßt, dann vor Empoͤrung ergluͤht, endlich aber bekaͤmpfte er ſeinen aufflackernden Zorn und ſagte mild und weich:„Chretien, Du biſt heimtuͤkiſch hin⸗ tergangen. Das Alles that ich nicht. Wohl bin ich mir einer Schuld bewußt, aber es iſt keine, die Du bezeichnet haſt, keine, uͤber die Du mich zur Rechenſchaft ziehen kannſt. Chretien, Du wirſt mißbraucht, biſt in dieſem Augenblick nichts als das Werkzeug eines wolluͤſtigen, rachſuͤchtigen, intriganten Weibes. Armer Junge, Du biſt in ihre Schlingen gefallen.“ „Erſpart Euer Bedauern, erſpart Euch uͤberhaupt jedes Wort, wenn Ihr nicht in den Augen aller dieſer Herren, die Euch ohnedies ſchon mit Recht fuͤr einen Menſchen von ſchlechtem Charakter halten, auch fuͤr einen elenden Feigling gelten wollt. Folgt mir ſogleich in das Hölzchen vor der Stadt, die hier anweſenden Herren ſind alle eingeladen. Nicht die Zunge, nur das Schwert allein kann iſchen uns entſcheiden.“ „Chretien, ich vergebe Dir alle Beleidigungen; komme nur zur ruhigen Beſonnenheit, dann will ich Dir Licht geben in allen dieſen Dingen und Du wirſt einſehen, wie falſch Du unterrichtet biſt.“ „Wenn Ihr noch länger zaudert und ſchwatzt, ſo erklaͤr' ich und mit mir all dieſe Herren Euch fuͤr einen infamen Schurken.“ „Wenn Ihr das länger ertragt, du Froiſſet,“ — 112— brauſte Villoniers auf,„ſo muß Euch ſelbſt dafuͤr erklaͤren, und mir werden alle die Herren hier am Tiſche beiſtimmen.“ „Das werden wir!“ ſagten die Uebrigen. „Das iſt das Werk der Rachegoͤtter!“ ſeufzte Ceſar.„Wer einen Schritt auf der glatten Bahn des Unrechts thut, wie kann er ermeſſen, wie weit ihn ſein gleitender Fuß reiße?“ „Laßt Eure philoſophiſchen Betrachtungen; ſie ſind hier ſehr am unrechten Orte,“ ſagte der Ritter Gerard.„Ich bin Euretwegen nach la Rochelle ge⸗ gangen unter die Betbruͤder, ich werde Euretwegen mit ins Hölzchen gehen, um Euch dieſem naſeweiſen Burſchen das Maul ſtopfen zu helfen.“ „O Gerard, wenn Ihr ahnen koͤnntet, wie ſauer mir dieſer Gang wuͤrde!“ „Seid keine Memme! Ihr werdet Euch doch nich vor dem Gange mit dieſem unbaͤrtigen Geſellen fuͤrchten.“ „Nein, aber vor dem gerechten Gang meines Schickſals.“ „Pah! Ihr ſeid ein Kopfhaͤnger, ein Gruͤbler. Ich weiß nicht, was Alles. Jetzt aber ſeid einmal ein Mann, wie ſonſt, der mit dem Blute ſeines Beleidigers den Schimpf von ſeiner Ehre abwäͤſcht. Seht, wie die Soͤhne des Evangeliums dort hinaus bramarbaſiren!“ „Ich gehe ja! Muß ich doch dem Zuge des Schickſals folgen. Es muß erfullt werden. So kommt denn, Ihr Herren!“ — 113— Villoniers forſchte nach der Schaͤrfe und Taug⸗ lichkeit von Ceſars Dolch und Stoßdegen, welchen ſein Diener hinterdrein trug, und Arm in Arm in einer Reihe wandelten die laut jubelnden Herrn, den traurigen Ceſar in ihrer Mitte, durch die Stra⸗ ßen dem Thore zu, und ſcheu wichen die Buͤrgers⸗ leute aus, wohl wiſſend, weſſen ſie ſich im entgegen⸗ geſetzten Falle von ihnen zu verſehen haͤtten. Im Hoͤlzchen angelangt, verhandelten Villoniers und Gerard als Ceſars Sekundant und Terzant mit dem Beiſtand ſeines Gegners uͤber die Art des Kam⸗ pfes, und als man einig war, begann er ſogleich. „O Charlot!“ rief Ceſar,„wareſt Du zugegen, es waͤre beſſer fuͤr uns.“— Nach der Sitte der Zeit ſchlugen ſich die Sekundanten zuerſt; der Calviniſt wurde ſchwer verwundet, ein Anderer mußte fuͤr ihn eintreten. Chretien ſtuͤrzte nun hitzig auf den Kam⸗ merherrn los und gab ſich alle Muͤhe, ihm eine Todes⸗ wunde beizubringen. Aber Ceſar that nichts, als mit der groͤßten Ruhe und Geſchicklichkeit die wuͤthen⸗ den Streiche ſeines Gegners abwehren. Doch gleich⸗ ſam, als ſei das Befuͤrchtete nichts deſtoweniger nicht abzuwenden, war all dieſe Muͤhe vergebens; denn ſie reizte den erbitterten Juͤngling immer mehr. Er ging mit der groͤßten Unbeſonnenheit dem Kam⸗ merherrn zu Leibe und ſtuͤrzte ſich, eh' es dieſer hindern konnte, in den Degen deſſelben. Die ſcharfe Waffe durchbohrte die rechte Seite; Chretien ſank aͤchzend in die Arme ſeines Sekundanten. Ceſar Storchs Fanatiker. 1I. — 114— riß entſetzt den Degen aus der Wunde, ſchleuderte ihn mit dem Dolche weit von ſich, fiel laut jam⸗ mernd, wie ein Verzweifelter uͤber den Verwundeten her, riß ihm Hemd und Beinkleider auf, und ſog das Blut mit dem Munde aus. Verwundert ſahen ſowohl Calviniſten als Katholiken dieſem ſonderbaren Schauſpiel zu.„Das Gewiſſen erwacht ihm,“ ſag⸗ ten die Erſtern;„er muß verruͤckt geworden ſein,“ die Letztern. „Chretien! Chretien!“ rief Ceſar verzweifelt, „bei dem ewigen Gott, zu dem wir Alle beten! Du haſt mir Unrecht gethan. Ich bin unſchuldig an Deiner Schweſter Schande, unſchuldig an Dei⸗ nes Vaters Tod, unſchuldig an Allem, deſſen Du mich zeiheſt. Leichtſinn war allein mein Fehler und dafuͤr muß ich ſo furchtbar buͤßen.“ „Laßt mich, ich muß ſterben!“ ſagte Chretien. „Macht gut, was Ihr boͤs gemacht. Verlaßt die Meinen nicht.“ „Chretien, Du willſt doch mit dem entſetzlichen Argwohn hinuͤbergehen? O uͤber die Schlange, die ihr Gift in Deinen Buſen goß! Aber nein, Du darfſt, Du ſollſt nicht ſterben! Ich Dein Moͤrder! Gräßlicher Gedanke!“ Laut heulend ſank er zu Boden, waͤhrend die Andern Chretiens Wunde un⸗ terſuchten und zu ihrer Freude fanden, daß der De⸗ gen nur durch die beiden oberſten Rippen durchge⸗ fahren ſei. Sie verbanden ihn, holten eine Säͤnſte herbei und brachten ihn in's Hotel Chatillon. Der — 115— Admiral, ſchon vorher ſehr gegen Ceſar eingenommen, gerieth in den groͤßten Zorn und bewirkte noch an demſelben Tage, daß der Kammerherr mit einmonat⸗ licher Gefaͤngnißſtrafe belegt wurde. Dies urtheil des Koͤnigs erbitterte Katholiken und Proteſtanten in Blois. Jene fanden es fuͤr unerhoͤrt und uͤber⸗ trieben hart, dieſe fur allzu gelinde und der Groͤße des Verbrechens keineswegs angemeſſen. Ceſar, ſeit der Stunde des Duells ein Tiefſinniger, ſagte nichts, und befolgte ohne Murren ſogleich den Befehl. Sein Diener hatte von nun an wenig weiter zu thun, als vom Gefaͤngniß den Weg zum Hotel Chatillon und wieder zuruͤck zu machen, um ſeinem Herrn Kunde vom Befinden des jungen Gaſtine zu bringen. Die Nachricht, daß er ſich ſchnell beſſere und bald ganz hergeſtellt ſein werde, goß wieder einige Heiterkeit in ſeine Seele. Chretien konnte nach uͤberſtandenem Wundfieber eine Woche ſpäter den Admiral begleiten, welcher mit dem Hofe nach Paris ging. Der Juͤngling dachte ernſtlich daran, die Seinigen nun aufzuſuchen. Als der Hof von Blois fort war, wurde auch Ceſar auf Vermittlung des allmaͤchtigen Herzogs ſeiner Haft entlaſſen, denn der Gebieter bedurfte ſeines Lieblings jetzt mehr als je. Uchtes Kapitel⸗ Beim Schmeichelſtab Gewinnt mancher Knab' Groß Gut und Haab', Geld, Gunſt und Gab', Preis, Ehr' und Lab'; Stößt Andre herab, Daß Er hoch trab'. So geht die Welt ſtets auf und ab. Martin Luthers Lied vom Hofe. Auf Chretiens Bericht, daß er eine Spur von den Seinigen entdeckt habe, die er zu verfolgen gedenke, erlaubte ihm der Admiral gern die Entfernung von Paris, ſobald er hergeſtellt war. Mit zerriſſenem Herzen verfolgte der Juͤngling ſeinen Weg. Auf dem einſamen Schloß Isle Sa⸗ vary angelangt, ſtieg er allein die hohen, ſteinernen Treppen hinauf, aͤußerlich voll Ruhe und wuͤrdiger Haltung, innerlich voll tobender Leidenſchaft und gluhender Erwartung deſſen, was er hier hoͤren und ſehen wuͤrde. Das Schloß ſchien ausgeſtorben; auf den leeren Gängen erinnerte der Staub an die Hin⸗ fälligkeit aller Dinge; an ihr Leben und ihren Genuß erinnerte nichts. Er oͤffnete eine Thuͤre um die andere, nichts als leere Wände, veraltete Pracht, Hede und Stille. Endlich fand er einen alten Hauskaſtellan. — 41— „Fuͤhrt mich zur Bewohnerin des Schloſſes!“ rief ihm Chretien zu. „Ihr ſeid wohl der Freier, von welchem mir der Herzog geſagt hat, als ich vor einigen Tagen in Paris war?“ fragte der Mann in einem mitleidigen Tone.„Ich verſuchte, ſie auf Euch vorzubereiten; aber es iſt nichts. Laßt es Euch vergehen, ſie nimmt Euch nicht. Erſt war ſie wie unſinnig; nun da ſie ausgetobt hat, iſt ſie wie tiefſinnig. „Sie hat nichts von mir zu fuͤrchten, und Ihr konnt mich getroſt zu ihr fuͤhren.“ Der Alte ging eine Treppe hinauf, einen langen Corridor voraus, und oͤffnete endlich eine Thuͤre. Chretien trat in das Zimmer. Eine weibliche Ge⸗ ſtalt in Trauergewändern ſtand vor ihm, todtenbleich, mit erloſchenem Blick. Mit Muͤhe erkannte er Madelons Zuge wieder. Kaum aber hatte ſie ihn mit fluͤchtigem Blicke gemeſſen, als ſie mit einem Schrei auf ein Bett ſturzte und das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckte. „Madelon,“ ſagte Chretien mild und zu Thraͤ⸗ nen geruͤhrt,„ich komme nicht als ein ſtrafender Richter, nein, als Dein Bruder.“ „Ja, als mein Bruder und Raͤcher!“ rief ſie heftig; ſprang auf und umarmte den Juͤngling wild. „O ich bin betrogen!“ „Maͤßige Dich, ungluckliche Verfuͤhrte!“ fuhr Chretien fort; doch knirſchte er vor innerer Wuth. — 13— „Sage mir vor Allem, wo iſt unſere arme Muttr⸗ wo ſind unſere Geſchwiſter?“ „Wie? kommſt Du nicht von ihnen her?“ fragte Madelon erſtaunt.„Bringſt Du mir nicht des Vaters Fluch, der Mutter Verwuͤnſchungen?— Oder viel⸗ leicht— o Himmel!— der Eltern Verzeihung? Hat Dich der Vater nicht ausgeſandt, mich auszu⸗ ſpuͤren? O lange rang mein ſtolzes Herz, aber es vermochte nicht, ſich flehend an ihn zu wenden!“ „An den Vater? Unglͤckſelge!— So weiſt Du nicht?——— Warſt Du nicht im Gebet, als die Katholiſchen das Haus erſtuͤrmten?“ „Nein, um Gotteswillen! nein! ich weiß nichts! Was iſt mit dem Vater?“ „Er ſtarb am Galgen auf dem Greveplatz.“ „O Hoͤlle, verſchlinge mich!“ rief Madelon im Tone des furchtbarſten Entſetzens, und ſtuͤrzte zu⸗ ſammen. Der Hauskaſtellan hatte ſich entfernt, und Chre⸗ tien betrachtete mit ſchrecklichen Qualen in der Bruſt das bleiche Jammerbild der zerſtoͤrten Reize. Als ſie wieder zum Leben kam, raſte ſie gegen ſich ſelbſt. Chretien mußte ihr Alles mittheilen, was er vom Ungluͤck ſeines Hauſes wußte. Sie erzaͤhlte ihm da⸗ gegen in graͤßlichſter Zerknirſchung ihren Suͤndenfall, und ſo ſehr auch die ganze Geſchichte Chretiens Seele verwundete, ſo war es ihm doch lieb, zugleich zu erfahren, daß Ceſar an Madelons Falle unſchuldig ſei, und er ihm in dieſem Punkte unrecht gethan habe. — —— „Schon ſeit dieſen Winter hat der Treuloſe mich geflohen!“ heulte Madelon;„er meidet das Schloß, zu deſſen Herrin er mich, wie zum Hohne, gemacht hat. Ich tobte in Verzweiflung, mein Kind trank Gift von mir und ſtarb; da fiel ich ſchon den Furien anheim; aber heute, heute ſchüttelten ſie ihre Schlan⸗ genhaͤupter uͤber mir, und ſchwingen auf mich die furchtbaren Geißeln. D mein Vater! Du haſt alſo die Schande Deiner Tochter nicht erlebt, und nach langer Zeit erfahre ich durch Deinen Sohn heute das erſte Wort von dem ſchrecklichen Verhaͤng⸗ niß. O wie bin ich hintergangen! Doch Tod und Verderben dem Verfuͤhrer, dem treuloſen Buben! Chretien, Dich hat der Himmel zu meinem Raͤcher geſendet. Nein, nicht ungeraͤcht darf ich in's Schat⸗ tenreich hinabſteigen. Schwoͤre mir auf Dein Schwert, daß Du ſchon fur die heilige Sache unſeres Glau⸗ bens gefuͤhrt, ſchwoͤre mir Rache an dem Herzog von Guiſe.“ „Ich ſchwore ſie Dir.“ „Wohl, ſuͤßer Junge, ſo biſt Du mein Bruder. Nimm dieſen Kuß zum Dank. Nun laß uns über⸗ legen, wie wir dem Schaͤndlichen am reichſten die an mir und uns Allen veruͤbte Schmach vergelten. O! waͤhrend er an meiner Bruſt lag, in meinen Kuͤſſen ſchwelgte, hauchte vielleicht mein edler Vater ſein Leben aus, ſchmachtete meine Mutter im Kerker; und er rettete ſie nicht, was ihm, dem Maͤchtigen ſo leicht geweſen wäre. O der gräßliche Lugner! — — 120— Der abſcheuliche Morder! Aber dafuͤr will ich ſein Blut trinken, dafuͤr ſoll er unter unſern Dolchſtichen ſeine ſchwarze Seele aus der heuchleriſchen Bruſt aus⸗ hauchen.“ So tobte die Ungluckliche fort, und es ſchien Chretien wahrſcheinlich, daß ihr Verſtand gelitten habe. Schon war er einige Tage auf dem Schloſſe, aber Wuth und Schmerz waren in Madelons Seele noch in gleich furchterlicher Gaͤhrung und drohten ſie aufzureiben. Chretien war ſehr verlegen, wie er ihrer Seelenſtimmung eine andere Richtung geben moͤchte. Da gab die unerwartete Ankunft Ceſars auf Jsle Savary die beſte und zu⸗ gleich ſchlimmſte Anleitung dazu. Der Herzog Heinrich von Guiſe hatte, noch wahrend er Madelon ſeinen Umgang nicht ganz entzog, ein Liebesverſtandniß mit einer Dame ange⸗ knuͤpft, zu deſſen leidenſchaftlicher Unterhaltung ihn nicht allein Liebe und Sinnlichkeit, ſondern, was bei ihm von weit groͤßerer Bedeutung war, auch Ehrgeiz und die weitausſtrebenden Plane ſeines Stolzes und ſeiner maßloſen Herrſchbegierde heftig an⸗ trieben. Seine Geliebte war naͤmlich keine Geringere, als die reizende Margarethe von Valois ſelbſt, und ſeine Abſichten gingen auf nichts Minderes, als auf ihren ehelichen Beſitz. Das Brautbett ſollte ihm zum Throne von Frankreich werden, oder vielmehr die letzte und hochſte Stufe zu demſelben ſein; denn Galliens Koͤnigskrone war der geheime Endzweck aller ſeiner Beſtrebungen. Margaretha war keine — 121— ihrer Zeit und deren Sitten ungetreue Schuͤlerin; war waren die Grazien nicht ganz von ihr gewichen, doch war es auch nicht der ſchämige Schleier der Zucht, mit welchem ſie ſich kleidend, ihre verfuͤhre⸗ riſche Schoͤnheit erhoͤhte. Guiſe durfte ſich nicht uͤber ihre Strenge beklagen; beide ſahen ſich oft und ſelbſt dann noch, als Margarethe in ihre Ver⸗ bindung mit Heinrich von Navarra eingewil“ hatte, gezwungen von des Königs aufgehobener Hand, der ihr mit Fauſtſchlägen und mit noch Schrecklicherem drohte, wenn ſie die Ehe mit dem Bourbon auszu⸗ ſchlagen die Kuͤhnheit haben wuͤrde. Dieſer Zwang galt Margarethen als ein Freibrief ihres ſchrankenloſen Lebens. Heinrich von Guiſe hatte ſeine Abſichten zu offen gezeigt; als man ſie dem Koͤnig vorlegte, griff er nach dem Degen, und wollte den Herzog durchbohren. Nichts rettete dieſen, als eine ſchleu⸗ nige Vermaͤhlung mit der Prinzeſſin Porcien. Dies aͤnderte inzwiſchen nichts im Betragen der beiden Liebenden gegen einander, und Margarethe betrach— tete ſich als des ſchoͤnen Herzogs Geliebte, gerade wie Madelon. Eiferſuͤchtig im hoͤchſten Grade auf den Erwaͤhlten, den ſie mit all ihrer Gunſt be⸗ gluͤckte, konnte ſie wohl eine Gattin, aber durchaus keine Geliebte neben ſich dulden. Madelon hatte ja dieſelbe Anſicht. Durch ihre Spione hatte Mar⸗ garethe von der ſchönen Kaufmannstochter auf Schloß Isle Savary vernommen, und Guiſe durfte es nun beim Verluſt ihrer Gunſt nicht wagen, jenes Schloß —— zu beſuchen. Neuerdings hatte die verliebte Prin⸗ vefinde ſich noch immer auf jenem einſamen Jagd⸗ ſchloſſe. Theils um ſich zu uͤberzeugen, theils um die verhaßte Nebenbuhlerin, falls ſie wirklich noch dort als Guiſe's Liebchen verweile, zu vertreiben, verlangte ſie vom Herzog ein geheimes Stelldichein uf Jele Savary. Er durfte nicht die geringſte Verlegenheit zeigen, und er war Meiſter genug uber ſich, zu ihren Fuͤßen zu ſinken und ihr fuͤr die neue Gunſt mit gluhenden Worten zu danken. Kaum aber war er in ſeinem Palais, als auch ſein Kam⸗ merherr den Weg nach dem waldigen Sitze verzwei⸗ felter Liebe und halben Wahnſinns ſprengte, um die ungluͤckliche, aus dem Herzen ihres Geliebten Ver⸗ ſtoßene, aus dem Schloſſe zu ſchaffen, ſei es auch auf welche Weiſe es wolle. In Ceſars bleichem Geſichte ſchien einige Ver⸗ legenheit aufzuſteigen, als Chretien ihm entgegen trat, aber ſie machte bald einer Freude Platz, von der man nicht wiſſen konnte, ob ſie Natur oder Verſtellung war. Ceſar fragte angelegentlichſt nach Chretiens Befinden; dieſer dankte ihm kalt fuͤr die Frage, die er fuͤr nichts als Hoͤflichkeitsform nahm; indem ſie den Jugendfreund ſehr hoͤhniſch apoſtro⸗ phirte, ein Ende.„Ei, mein wertheſter Herr Kam⸗ merherr du Froiſſet, welchem gluͤcklichen Ohngefaͤhr habe ich die Ehre Eures Beſuchs einmal zu danken? zeſſin gehoͤrt, die vom Herzog froͤher angebetete Schoͤne der dadurch eingetretenen Spannung machte Madelon, ——— — 123— Zwar wuͤßt' ich nicht, daß, ſeit Ihr ſo vornehm geworden, Ihr mir viel Gutes gebracht, dafuͤr kommt Ihr aber auch deſto ſeltener. Euch druͤckt ein Auf⸗ trag des Herzogs; ich ſeh's Euch an Eurem Armen⸗ ſundergeſichte an. Wollt Ihr mir etwa ſagen, daß mein Vater gehaͤngt wurde, waͤhrend ich Eures Herrn Buhlerin war, wie Ihr ſein nichtswuͤrdiger Sklave? Ich weiß es ſchon. Oder daß meine Mut⸗ ter in den Kerker und aus ihm ins Elend wandern mußte? Ich weiß es ſchon. Oder wollt Ihr mich aus dieſem Schloſſe werfen? Ich bin bereit zu gehen.“ „Wo denkt Ihr hin, Graͤfin?“ „Ha Bube! dieſen Namen, den Deckmantel meiner Schande, ihr von einem furſtlichen Schurken ubergeworfen, dem Du knechtiſch dienſt, dieſen Namen mir aus Deinem Munde! Willſt Du mich hoͤhnen, Ceſar? Ich zerfleiſche Dich mit den Zaͤhnen.— Kurz heraus, was willſt Du von mir?“ „Ihr ſeid zu heftig, Mabelon!“ „Wuͤthend bin ich, doch eile!“ „Der Herzog wuͤnſcht Euch einen angenehmern Aufenthalt zu geben; die Einſamkeit dieſes Schloſſes erhoͤht Euren Truͤbſinn, zumal, da ſeine Vermäh⸗ lung ihm nicht mehr erlaubt, Euch zu beſuchen, und der Tod Eures Kindes Euch großen Kummer macht. Er wuͤnſcht Euch dem geſelligen Leben wie⸗ der zu geben, und Ihr koͤnnt Euch Euren Aufent⸗ — halt waͤhlen in welcher Stadt Ihr wollt; eine hohe Penſion des Herzogs ſichert uberall Euren Aufenthalt.“ „Alſo fort von hier ſoll ich, vom Schauplatz meines kleinen Gluͤcks und meiner großen Schande? Warum ſoll ich vom Grabe meines Kindes? Ceſar, ſeid aufrichtig, ich will Euch nicht zuͤrnen, aber ſagt mir die Wahrheit, weshalb will mich der Herzog hier nicht länger dulden? Will er ein anderes Liebchen hierher fuhren? Nicht wahr, ſo iſt's, ich hab' es errathen?“ „Welchen Argwohn Ihr doch ſtets gegen den Herzog hegt!“ ſagte Ceſar verlegen. „O ſprich, Du kannſt es nicht läͤugnen! Ich weiß es ja, die Prinzeſſin Margot liebt ihn, obgleich ich es nicht von Dir weiß. O wie ſehr haſt Du Dich geaͤndert, Ceſar! Wenn ich bedenke, wie Du zuerſt von la Rochelle in meines Vaters Haus kamſt, welch ein edler, von der Liebe veredelter Juͤngling warſt Du. Wie war Jeannette Charlot Dein En⸗ gel! Aber weh mir! ich bin Dein Teufel gewor⸗ den; durch mich lernteſt Du den Herzog kennen; ich verfuͤhrte Dich zur Untreue an der Rochellerin, und deshalb vergeb' ich Dir alle Suͤnden, die Du an mir gethan haſt; denn Du biſt wahrlich eben ſo bedauernswerth, als ich, Du biſt noch ungluͤcklicher; denn ich habe doch keinen Geliebten verlaſſen, Du aber die treue Geliebte.“ Ceſar hatte ſich abgewendet; er ſchluchzte jeht — 125— tief auf und ein Strom von Thränen ſtuͤrzte aus ſeinen Augen. „Du vermagſt zu weinen und biſt noch nicht ganz verdorben. Nein, Du biſt kein Ungeheuer, biſt auch nicht der Verraͤther der Cal biniſten, nicht der Moͤrder meines Vaters. Du biſt gut und weich. Bekenne mir, daß die Prinzeſſin und der Herzog auf dieſem Schloſſe ein Feſt der Liebe feiern wollen, be⸗ kenn' es mir; ich weiß es ja doch.“ „Nun ja, Ungluckliche; es iſt nicht unden. 44 „Und wann?“ „Sie wollen morgen Abend hier eintreffen.“ „Wir wollen ihnen Platz machen, heute noch, in einer Stunde!“ entgegnete Madelon ſehr gefaßt, und man konnte es ihr anmerken, daß in ihrer Seele ein großer Entſchluß ſich aufrang. „Ceſar,“ ſagte ſie dann leiſe:„ich gehe nach la Rochelle, dort wird man die ungluckliche Verirrte nicht verſtoßen. Gehe mit mir, kehre in den Schooß der Ruhe, des Gluͤcks, kehre zu Deiner Jeannette zuruͤck, die, wie ich von Chretien weiß, Dich noch mit der alten Innigkeit und Stärke liebt, und le⸗ reit iſt, Dir Alles zu vergeben.“ „O oͤffne mir den Himmel nicht!“ ſchrie Crſat; „mir, der ich in der Hoͤlle leide! Zwar bin ich keine Ausgeburt der Holle, wofuͤr mich Chretien halt, aber doch iſt die Kluft zu groß zwiſchen mir und ihnen. Ich bin verloren, laß mich untergehen!“ Damit ſtuͤrzte er verzweifelt aus dem Zimmer. — 126— Chretien ſtand in tiefen Gedanken vor der aufge⸗ regten Schweſter. Er kaͤmpfte mit ſich ſelbſt, endlich gewann er es uͤber ſich, dem Kammerherrn zu fol⸗ gen. Er fand ihn nach langem Suchen in den uberraßten und verwilderten Gaͤngen des großen ein⸗ ſamen Schloßgartens, weinend und Haͤnde ringend⸗ Chretien betrachtete ihn einige Minuten lang von ferne, und fuͤhlte eine ſo heflige Reue und ein ſo inniges Mitleiden mit Ceſar in ſeiner Bruſt erwachen, daß er raſch zu ihm hineilte, ihn bei der Hand faßte und ausrief:„Ich that Euch großes Unrecht, ich fuhl es jetzt, wo ich mich von Eurer Unſchuld uͤberzeugt halte.“. „Nimm mich nicht fuͤr ſchuldloſer, als ich bin,“ ſeufzte Ceſar.„Vom eitlen Schimmer geblendet, ge⸗ lockt, war ich ſchwach und thoͤricht genug, eine Bahn zu betreten, die nur uͤber die ſpiegelglatten, kalten Zimmerboden des Hofes geht. Ich verließ den wei⸗ chen, ſchönen Pfad uber gruͤne Wieſen, wo tauſend Blumen mir entgegen dufteten, wo die Genien Freundſchaft und Liebe mich leiteten. Ich ſuchte das Gluͤck und es hielt mich umſchlungen; ich ſtieß es von mir, um ſeinem hohlen Schatten nachzujagen. O haͤtt' ich nimmer das Haus Deiner Eitern ver⸗ laſſen! Hatt' ich fruher ſchon ſtreng, wie es meine Pflicht war, Madelons Umgang mit dem Herzog Deinem Vater anzeigt, es waͤre Alles anders, und der heuchleriſche André wäre nie auf ſolch abſcheu⸗ —— liche Bosheit verfallen, die Calviniſten in Eurem Hauſe zu verrathen.“ „Alſo André war der Boͤſewicht!“ rief Chretien ſtarr vor Schrecken.„Gerade Er hat mir zuge⸗ ſchworen, Ihr waͤret es geweſen; und die Graäfin de la Bruyere beſtaͤtigte dieſen Ausſpruch.“ „Sagte ich Dir es doch auf der Wahlſtatt, daß Deine offene Seele von der ſchwaͤrzeſten Niederträch⸗ tigkeit mißbraucht werde. Ein Schurke und ein ſchlechtes, ſinnliches Weib, wie Paris wenige aufzu⸗ weiſen hat, wollten Dich zum Werkzeug ihrer nie⸗ drigen Rache an mir machen. Doch es iſt ihnen nicht gelungen. Hoͤre und ſtaune!“ Ceſar erzaͤhlte hierauf dem aufmerkſamen Chretien die Begebenhei⸗ ten ausfuhrlich, welche ſich zwiſchen ihm, dem Her⸗ zog von Guiſe, Madelon und dem kleinen André ſeit der Ankunft des Schmiedes Charlot in Paris begeben, dann was ſich nach deſſen und Chretiens Entfernung weiter zugetragen hatte. Sich ſeiner That freuend, verſchwieg er auch nicht aus falſcher Be⸗ ſcheidenheit die Rettung von Chretiens juͤngern Ge⸗ ſchwiſtern aus dem, dem Verderben geweihten Hauſe. Chretien erfaßte ſeine Hand, druͤckte ſie innig und benetzte ſie mit Thränen. „Koͤnnt Ihr mir verzeihen, edler Mann?“ fragte er reuig. „Es iſt Dir Alles verziehen; ich habe nicht den mindeſten Groll gegen Dich gehabt.“ — 128— E „und wo ſind die lieben Kinder, wo iſt die Mut⸗ ter?“ rief Chretien. „Bis zum letzten Friedensſchluſſe befanden ſich die Kinder bei meiner Schweſter Louiſe im Kloſter, wo dieſelbe in Penſion iſt. Sie war ihnen Mutter und Erzieherin. Als aber nach dem Friedensſchluſſe den armen, gefangenen Calviniſten der Kerker geoͤff⸗ net wurde, fuͤhrte ſie Louiſe Deiner Mutter zu, und ſie lebt jetzt ſtill im Beſitz derſelben, unter⸗ ſtuͤtzt von ihren Freunden.“ „Und wo find' ich ſie in Paris?“ „Ich ſelbſt kann es Dir nicht ſagen, denn Du wirſt leicht begreifen, daß ich der guten Frau den Schmerz erſparte, mich bei ihr zu ſehen. Aber Louiſe kennt ihre Wohnung, ſie ſehen ſich faſt taͤglich.“ „Werdet Ihr uns nicht nach Paris begleiten?“ „Ach! leider kann ich nicht. Madelon will ſogleich fort und ihre Heftigkeit läßt ſich nie zuruͤckweiſenz i aber kann erſt gegen Abend nach Paris zuruͤckkehren. Ich muß des Herzogs Ankunft hier vorbereiten. Auch erlauben es die Verhaͤltniſſe nicht, daß ich mit Euch reite. Deine Schweſter hat mehr als zu recht. Ich bin ein elender Sklave dieſes uͤbermuͤthigen Juͤnglings.“ „Aber koͤnnt Ihr dieſe unwuͤrdigen Bande nicht zerbrechen? Koͤnnt Ihr nicht wieder in den Schoos Eurer Familie zuruͤckkehren?“ „Nein, Chretien, das kann ich nicht. Hier lebt mein Vater, hier meine Schweſter. Wir haben einander viel zu ſehr lieben gelernt, um uns trennen — 129— zu koͤnnen. Louiſe wuͤrde eher katholiſch werden, was ſie bis jetzt ſtets ſtreng verweigert hat, ehe ſie von ihrem Vater ginge. Unſer Loos iſt unzertrennlich bis an den Tod. Und mein Vater kann nie wie⸗ der nach la Rochelle gehen.“ „Aber bedenkt, was ich Euch bis jetzt verſchwie— gen, daß Eure Mutter aufgefunden, daß ſie eine vortreffliche Frau iſt, die mir durch zarte Pflege das Leben gerettet, daß der Buͤrgermeiſter, Euer Groß⸗ vater, ihr verziehen und nichts ſehnlicher wuͤnſcht, als die Vereinigung der ganzen Familie.“ „Ich weiß es ſchon lange, lieber Chretien; denn der Großvater hat es dem Vater ſogleich geſchrieben und ihn gebeten, mit mir und Louiſen ins elter⸗ liche Haus zuruͤckzukehren. Eine herrlich bluͤhende und prangende Inſel in der Ferne, die wir aber nicht erreichen koͤnnen, weil ein breites, boſes Ge⸗ wäſſer ſich zwiſchen ſie und uns ſturzt.“ „So ſchwimmt mit ſtarken Armen hindurch, und Ihr werdet glucklich ſein. Jeannette Charlot haͤngt immer noch mit aller Innigkeit eines braͤut⸗ lichen Herzens an Euch. Kommt Ihr nicht, ſo wird ſie dahin welken, wie eine Blume ohne Son⸗ nenſchein.“ „O daß Du den Namen genannt haſt, der mich mit Wonneſchauern himmliſchen Entzuͤckens und mit Qualen der Hoͤlle zugleich erfullt! Sieh, ich Unwuͤrdiger darf dieſem Engel nicht mehr nahen. Sie ſteht in ihrer unbefleckten Reinheit, eine leuch⸗ Storchs Fanatikor. II. 9 — 130— tende gottliche Geſtalt, hoch uͤber mir, der ich im Schmutze gemeiner Sinnenluſt geſchwelgt und mich ekelhaft berauſcht habe in dem ſuͤßen giftgeſchwaͤnger⸗ ten Becher, wie ihn die Verworfenheit am Hofe bietet. O fliehe dieſe verpeſtete Luft! Du haſt noch eine reine, unverdorbene Seele. Zieh mit Mutter und Geſchwiſtern wieder nach la Rochelle. Dort bluht der Garten jungfraulicher Zucht und Schaam und all der ſtillen Tugenden, die das Menſchen⸗ leben allein wahrhaft zu ſchmuͤcken, die dem Herzen allein die hoͤchſte und dauerndſte Befriedigung zu verleihen im Stande ſind. Und wenn man auch an nuͤchternen Formen haͤngt, wenn man auch zu ſtreng auf manche Dinge haͤlt, ſo ſprieſt doch aus ſolcher Strenge allein der aͤchte Friede, die vollkom⸗ menſte Seelenruhe hervor. Aber ſieh— Du wirſt mich nicht begreifen, und ich kann es auch nicht von Deinen Erfahrungen verlangen— obgleich mir la Rochelle als ein Elyſium vorſchwebt, obgleich all mein Sehnen mich dahin zieht, ſo kann ich doch nicht zuruͤckkehren, ſelbſt wenn ich wieder ein Glied Eurer Kirche wuͤrde. Meine Lebenskreiſe haben ſich ſo ſehr erweitert, ich habe Seiten des Lebens kennen gelernt, von denen man in la Ro⸗ chelle keine Ahnung hat, meine Begriffe und Vor⸗ ſtellungen ſind ins Ungeheure bereichert, ich ſtehe weit uͤber den Anſichten und Meinungen Eurer Pre⸗ diger, ſo wie ich uͤber denen unſter Pfaffen ſtehe. — — 131— Aber hier kann ich mich ungehindert in den weite⸗ ſten Formen bewegen, dort muͤßte ich mein groß⸗ gewordenes Weſen in die engſte Form preſſen, und das geht ja nicht, iſt ganz unmäglich. Verſuch' es doch, Deine Kinderkleider wieder anzuziehen; Du wirſt ſie zerſprengen und Dir wehe thun. Sieh', ich bin kein Katholik, aber ich kann auch kein wah⸗ rer Calviniſt wieder werden.“ „Ich ahne, was Ihr wollt,“ ſagte Chretien, „und ſchenke Euch mein innigſtes Bedauern.“ „Guter Juͤngling, kehre Du in den Himmel dieſer Erde zuruͤck, mich aber laß fallen unter den Dolchen, welche tuͤckiſche Jeſuiten und ſchändliche Weiber, deren verächtliche Bande ich abſtreifte, fuͤr mich ſchleifen. Und wenn ich bald alle Schuld ab⸗ gebuͤßt habe, ſo weihe mir mit Jeannetten und allen Guten, die mich noch lieben und nicht ganz verdammen, eine Thräne.“ „O daß ich gegen Euch meinen Degen ziehen konnte!“ „Stille davon! Die Bruyere iſt durch die Verachtung, die ich ihr zolle, und durch das gaͤnzliche Mißgluͤcken ihres Plaͤnchens hinſichtlich Deiner be⸗ ſtraft genug. Ich hielt es fur ein großes Ungluͤck, daß mein Degen Dich verwundete. Waͤre es nicht geſchehen, ſo hatte ſie Deine Jugend vergiftet, wie ſie die meinige vergiftet hat. Aber ich kam doch ſchon nicht mehr als ein Unſchuldiger in ihre Netze. Sie hat mich lange genug beherrſcht. gott⸗ 9 — 132 lob, ich habe mich geiſtig wiedergeboren, habe die ſchmaͤhlichen Bande der Sinnlichkeit zerriſſen, wie Simſon die Stricke der Delila, und ich fuͤhle, daß ich ein Beſſerer geworden bin. Jeannette thront allein wieder in meinem Herzen. Nie werde dieſer gereinigte Tempel ihres Bildes wieder entweiht. Nie ſoll die reine, himmliſche Liebe, die ich fuͤr ſie em⸗ pfinde, wieder von ihrer gemeinen, irdiſchen Schwe⸗ ſter verdrängt werden. Ich will ſie mit hinuͤber nehmen in ein beſſeres Jenſeits, wo Fanatismus und Parteiwuth nicht mehr Herzen zerreißen.“ Sie kehrten mit wehmuͤthigen Gefuͤhlen in das Schloß zuruͤck. Madelon hatte ſchon die nothigen Vorkehrungen zur Abreiſe getroffen. Von allen Geſchenken des Herzogs nahm ſie auch kein einziges mit. Arm und leer ging ſie davon. Vom Grabe ihres Kindes brach ſie eine Blume, und ſteckte ſie an ihre Bruſt. Sie weinte nicht, als ſie das Pferd beſtieg; andere Gefuhle bewegten ihre maͤnnliche Seele. Ein furchtbarer Racheplan war darin reif geworden. Ceſar nahm ſehr weich und geruͤhrt Abſchied; die Gäule trabten muthig vorwaͤrts. „Nach Paris!“ rief Madelon.„Wir brauchten den Weg nicht zu machen zu meinem Plane, aber es zieht mich an tauſend Banden dahin, damit ich die Staͤtte, wo unſer Vaterhaus ſtand, mit meinen Thraͤnen bethaue, mit den Thraͤnen einer reuigen Suͤnderin.“ „Es wird Dich allzuſehr angreifen,“ verſetzte — 133— Chretien theilnahmevoll,„Du ſollteſt Deine Schwaͤche bedenken, und Deine Geſundheit ſchonen.“ „Nimmer, Chretien! Der Anblick wird mich erſchuͤttern, aber ich hoffe Erleichterung von ihm. Mein Herz mahnt mich, dort niederzuknieen, wie an eine heilige Schuld, und mir ahnet, ich werde nicht vergeblich beten.“ „In Gottes Namen denn! Auch ich fuͤhle das Beduͤrfniß, mich an der verodeten Stätte kindlichen Erinnerungen hinzugeben. Auch werden wir die Mutter finden. Louiſe wird uns zu ihr fuͤhren; und Ceſar hat mir Louiſens Aufenthalt angegeben.“ „Ich kann und darf die Mutter nicht eher ſehen, bis mein Plan ausgefuhrt iſt, bis wir geraͤcht ſind.“ „Aber welches iſt Dein Plan?“ „Morgen, nicht eher, ſollſt Du ihn tifühken. Denn morgen Abend muß Alles vollbracht werden.“ Neuntes Kapitel. 5„ ——— Was ich mir gelobt In jenes Augenblickes Höllenqualen, Iſt eine heil'ge Schuld, ich will ſie zahlen. Schiller im Wilhelm Tell. Der Abend kußte ſchon mit ſeiner Purpurlippe die fernen Hoͤhen am Horizonte, als das Geſchwi⸗ ſterpaar in der Hauptſtadt anlangte. In einer ein⸗ ſamen Herberge fanden ſie ein Obdach. So fremd waren ſie in ihrer Vaterſtadt geworden, daß ſie keine befreundete Thuͤre wußten, an die ſie zu klopfen haͤtten wagen duͤrfen. Sobald die Nacht herein⸗ gebrochen war, huͤllten ſich die Geſchwiſter in ihre Maͤntel und verließen ihren Verſteck, um die wenigen Stunden bis zum Morgen im Freien zuzubringen. Der Himmel war ſternenleer, im Oſten thuͤrmten ſich rabenſchwarze Wolken auf und reckten ihre rie⸗ ſengeſpenſtigen Arme uͤber die ſchlummernde Erd⸗ fläche hin, heimlich ſtill, wie ein Mordbrenner, der das Haus umſchleicht, bis er die rechte Stelle fand, wohin er den lodernden Pechkranz ſchleudere. Die Schwuͤle der Luft und einzelne große Regen⸗ tropfen verkuͤndeten das nahe Gewitter. Aber fluch⸗ tigen Fußes eilten die Geſchwiſter nach der Straße St. Denis. Chretiens Herz drohte ihm die Bruſt zu zerſprengen. Endlich waren ſie an der wohlbe⸗ ———— — 5— kannten Stelle, aber wo die gaſtliche Pforte ſich ſonſt geoffnet hatte, gaͤhnte ihnen ein großer, wuͤſter Platz entgegen, aus deſſen Mitte die Umriſſe eines koloſſalen Kreuzes in die Finſterniß hinausſtarrten. Madelon ſtuͤrzte an dem Kreuzesſtamm nieder, um⸗ klammerte ihn mit beiden Armen, und rief mit dum⸗ pfer, aber furchtbar zerknirſchter Stimme die Namen ihres Vaters und ihrer Mutter aus. Dann ſank ſie zuſammen an den Boden. Die Finſterniß ſchien ſie zu verſchlingen. Chretien hoͤrte nur einige leiſe Laute ihres Gebetes; er ſelbſt lehnte mit dem Kopfe, in duͤſteres Nachdenken verſunken, am Stamme des Kreuzes; die Tage ſeiner Kindheit mit ihren freund⸗ lichen Geſtalten gingen an ihm voruͤber, bis ſie duͤſter und duͤſterer wurden, und ihm endlich Graͤuelbilder entgegen grinzten. In verworrenen graͤßlichen Ah⸗ nungen bildete ſich ihm die Zukunft großmaſſig vor dem geiſtigen Auge, wie jene Wolken, und ſchwarz wie ſie. So war wohl uͤber eine Stunde hingegan⸗ gen; er hatte Madelon vergeſſen und eben ſo wenig aus einem nahen Fluͤſtern bemerkt, daß ſich noch mehr Geſellſchaft am Kreuze eingefunden habe. Das Gewitter hatte das Kampffeld bezogen, und begann ſeinen feurigen Streit, deſſen Hitze ſeine lauten He⸗ rolde uͤber den nachtumhuͤllten Erdball zornig ver⸗ kuͤndeten. Ein heftiger Donnerſchlag weckte Chre⸗ tien aus ſeinen duͤſtern Traͤumereien. Auch Made⸗ lon ſchreckte mit einem Schrei empor. „Laß uns gehen,“ ſagte Chretien ſchuchtern. — 136— „O geh' Du, mich laß' hier ſterben!“ erwiederte ſie zerknirſcht und ganz aufgeloſt in Schmerz und Wehmuth.. „Wie? War das nicht Chretien? War das nicht Madelon?“ fragten jetzt ein Paar kindliche Stimmen ganz in der Naͤhe. Und in demſelben Augenblick riß der Wolkenſchleier weit von einander, der Himmel that ſich auf und ließ einen Feuerſtrom herabſturzen. Die ſchwärzeſte Nacht wurde augen⸗ blicklich in den hellſten Tag verkehrt, und Chretien und Madelon ſahen ſich von ihrer Mutter und ihren Geſchwiſtern umringt. Mit heftigen Lauten, von Freude und Ueberraſchung erpreßt, fielen beide der Mutter in die Arme, die Kinder umklammerten ſie wiederum, und— die dichteſte Finſterniß warf ihren weiten Mantel uͤber ſie her. Aber ein heftiger Don⸗ nerſchlag, als wollte er die Grundfeſten der Erde erſchuttern, drohte ihr Ohr, welches kaum die ſuͤße⸗ ſten Namen vernommen hatte, unbarmherzig zu zer⸗ reißen. Die Wiedervereinigten glaubten nicht an⸗ ders, als die Welt ginge unter, doch umſchlungen hielten ſie ſich und ſahen dem Einſturz unbekuͤmmert entgegen. Der Sturm ſchien mit dieſer gewaltigen Entladung voruͤber, aber dichter Regen ſtroͤmte. Nur mit wenigen abgeriſſenen Worten machte ſich die Familie einander verſtaͤndlich, die Mutter zog ihre Kinder freudig mit fort durch mehrere Straßen in ein enges Gäßchen, um ſie in ihre armſelige Wohnung zu bringen. Kaum aber hatten ſie die — 137— Schwelle derſelben betreten, als die Sturmglocken graͤßlich zu heulen begonnen und die Straßen ſich mit Menſchen fuͤllten. „Feuer!“ toͤnte es von allen Seiten, und als Chretien ſich bei den Vorubereilenden erkundigte, wo es brenne, erhielt er zur Antwort:„In der Straße St. Honoré!“—„Am Palais des Herzogs von Guiſe!“ rief ein Anderer. „Rettet das Haus unſeres theuren Herzogs!“ bruͤllten zwanzig Stimmen zugleich, und Alles brauſte voruͤber. Madelon durchzuckte es fieberiſch, als ſie den Namen hoͤrte, und ein Gedanke, ſchnell wie der gefallene, zuͤndende Blitz, und Verderben brin⸗ gend, wie er, durchleuchtete die Nacht ihrer Seele. „Komm!“ fluͤſterte ſie dem Bruder mit gepreß⸗ ter, wild bewegter Stimme zu, vor der er zuruͤck⸗ fuhr:„Mein Plan war, ihn morgen auf Jsle Sa⸗ vary in den Armen der Prinzeſſin zu ermorden. Es war ein ſchoͤner, mich befriedigender Gedanke, aber der Himmel giebt mir jetzt einen Wink! Er zeigt mir ſelbſt den leichteſten Weg zur Rache!— Er ruft! Die rechte Stunde iſt da. Komm!“ „Wohin?“ fragte Chretien beſtuͤrzt. „Nun, zum Herzog! Wohin anders, als zu ihm? Hätt' ich einen andern Gedanken, als zu ihm, ſo war' ich die Erbaͤrmliche, fuͤr die er mich haͤlt. Komm! komm! Wir wollen den Schatten unſeres Vaters verſohnen.“ — 138— „Jetzt ſchon wieder die Mutter verlaſſen? Das waͤre mehr als grauſam!“ „Wir kehren zuruͤck zu ihr, und wenn nicht, ſo—“ „So2 „Komm!“ „Biſt Du raſend?“ „Willſt Du Deinen Schwur brechen, Knabe? Willſt Du die Schande ertragen, mit der unſer Haus befleckt wurde, daß ich des Herzogs Buhlerin war, waͤhrend er Deinen Vater am Galgen ſterben ließ?“. „Ha! Woran erinnerſt Du mich?“ „An Deine Rache!“ „Gott! Was ſoll ich thun?“ von meiner Schuld. In einer Stunde kann ich geſuͤhnt vor ſie treten, und gerächt ihr Alles be⸗ kennen.“ Chretien eilte zur Mutter, die ein ſpaͤrliches Lämpchen angezuͤndet hatte, und fluͤſterte ihr haſtig genden Gang vor. Spaͤtſtens in einer Stunde kommen wir wieder, um dann ganz Euer zu ſein. Sollte es der Himmel anders fuͤgen, ſo macht Euch morgen in der Frähe des Tages auf und geht nach dem Schloſſe Madrid, fragt nach der Wohnung des Admirals Coligny, bei ihm findet Ihr uns. Der Admiral erwartet Euch ſehnlichſt. Der Koͤnig „Mir folgen! Noch weiß die Mutter nichts zu:„Madelon und ich haben noch einen ſehr drin⸗ dem Sohne, die Blutrache fur den Vater auszuuͤben.“ — 139— hat Euch ein großes Geſchenk zugedacht.“ Damit druͤckte er ihr ſcheidend die Hand, und bedeutete ſie, keine Einwendungen weiter gegen ihren Entſchluß zu machen, der doch unwiederruflich ſei. Mit Thraͤnen in den Augen und tiefaufſeufzend entließ die dul⸗ dende Frau ihre kaum wieder gefundenen Kinder; Madelon umarmte ſie heftig und ſchluchzte lautz die matten Lichtſtrahlen zeigten der Mutter das bleiche zerſtoͤrte Geſicht ihres Kindes, doch ſie verbarg den Schmerz daruͤber, und kuͤßte ihr Mund und Stirne mit der Bitte, ja recht bald wiederzukehren. An Chretiens Arm jagte Madelon nun durch die Straßen, als ob ſie der Sturm peitſche, und die Fluchtigen uͤberholten die ſchnellſten Laͤufer. Sie langten im Palais des Herzogs an, ſchon ſtanden die Hintergebaͤude deſſelben in Flammen, erſt wenige Menſchen ſtroͤmten aus und ein, noch waren die muͤden Schlaͤfer nicht alle aufgeſchreckt, die Meiſten noch nicht auf den Beinen. Madelon zog den Bruder durch das Thor, die wohlbekannten Sg hinan. „Jetzt,“ ſagte ſie leiſe und haſtig:„behaltſt Du wie ich, den Herzog im Auge; ſo wie das Getuͤm⸗ mel groͤßer wird, ſtoͤßeſt Du ihm dieſen Dolch in die Bruſt— es iſt ſein eigener— und entfliehſt. Mein Arm iſt zu ſchwach; ich moͤchte zittern; der Teufel könnte mich verblenden; Du haſt kaltes Blut; Dein Arm iſt der Waffen gewohnt, und es ziemt — 140— „Wohlan denn, ich gehorche einer hoͤhern Macht!“ „Du ſehnteſt Dich ja ſonſt, einen Guiſen zu ermorden. Glaube mir, Du biſt auserſehen dazu.“ Von unten ſturzten Leute herbei, um die Effek⸗ ten zu retten, oben wurden die Thuͤren aufgeriſſen. Die mordſuͤchtigen Geſchwiſter ſchlichen hinzu; Ker⸗ zenſchimmer goß ſich uͤber den Corridor, die Diener eilten durcheinander, der Herzog, halb angekleidet, gab Befehle, widerrief ſie, um andere zu geben, und rannte verwirrt bald hierher, bald dorthin. Ce⸗ ſar, kurz vorher erſt vom Schloß Isle Savary zu⸗ ruͤckgekehrt, ſchien allein der Beſonnenſte; er ordnete am zweckmaͤßigſten an, was geſchehen mußte. Die Raͤume fuͤllten ſich immer mehr und mehr mit Men⸗ ſchen, der Laͤrm wurde großer, die Flamme fraß mehr um ſich. Der Hetzog eilte aus dem Saale, um die Loͤſchanſtalten zu betreiben. „Jetzt!“ fluͤſterte Madelon und ihr Auge ſpruͤhte Tod. Als Guiſe an ihnen voruber wollte, faßte ſie ihn raſch und heftig bei der Hand, riß den Mantel auf und ſagte:„Ei, mein Trauter, Du vertriebſt mich heute aus meiner Behauſung und der Himmel ſelbſt treibt Dich noch in dieſer Nacht aus der Deinigen. Wollen wir nicht ſelbander wandern, Geliebter?“ „Fort, freche Dirne!“ rief der Herzog, die ſanfte Rolle vergeſſend, und ſtieß ſie mit Ab⸗ ſcheu von ſich. In dieſem Augenblicke zuckte auch ſchon der Stahl nach ſeinem Herzen in Chre⸗ ———————— 2 ———— — 141—— tiens Hand. Doch eine zufallige Wendung des Ziels ließ den Stoß fehl gehen; der Herzog erblickte die Gefahr und fiel dem Mörder in den Arm, waͤh⸗ rend er um Huͤlfe rief. Eine Menſchenfluth drängte ſich hinzu, Degen blitzten, um dem Verbrecher zu durchboren. Hundert Arme faßten ihn. „Man verletze ihn nicht!“ rief der Hetzog. „Er ſoll dem Schwerte der Gerechtigkeit aufgeſpart werden.“ Und augenblicklich wurde der ungluͤckliche Juͤngling gefeſſelt und dem Kammerherrn du Froiſſet zur Haft ubergeben. Madelon wollte ihm nach, ſie rang mit dem Volke; es war vergebens, ſie wollte zum Herzog zuruͤck, er hatte ſich bereits ent⸗ fernt, und, von den Geißeln der Furien gepeitſcht, raſete ſie neben den brennenden Haͤuſern hin, die Straßen entlang, nach der Seine zu, und mitleidig nahm der Strom die Sinnverwirrte in ſeine naſſen Arme, und bereitete ihr ein kuhles Grab in ſeinen Wellen. Chretien war indeſſen knirſchend in ein finſteres Zimmer gebracht worden. Der Wuth des Feuers wurde Einhalt gethan, der Menſchenhaufe verlief ſich allmaͤlig. Da raſſelte es an der Thuͤre, ſie wurde geoͤffnet; auf Zehen ſchlich herein. „Wo biſt Du, Unbeſonnener?“ fragte Ceſars Stimme. Er faßte dabei Chretiens Haͤnde und löſte ihre Feſſeln.„Wie konnteſt Du Dich von der Raſerei Deiner Schweſter hinreißen laſſen! Hier haſt Du Geld. Eil' in dieſer Stunde aus 7 — 142— Paris. Niemand hat Dich gekannt.“ Und ſo ſchob er den Staunenden zur Thuͤre hinaus. Wie, ein gejagtes Reh eilte Chretien nach ſeiner Herberge, es duͤnkte ihm gefaͤhrlich, ſeine Mutter oder den Ad⸗ miral wieder aufzuſuchen, und mit der Gewißheit, Beide bald in la Rochelle zu ſehen, beſtieg er ſein Roß, welches ihn ſchnell durch die Nacht auf der Straße davon trug. Madame Gaſtine badete ſich die Nacht in Thra⸗ nen, und ihr gramgetruͤbtes Auge begruͤßte wachend den Morgen, der ihren bangen Ahnungen kein Ziel ſetzte. Ihre Kinder waren nicht wiedergekehrt, und ſo ſchickte ſie ſich denn an, der erhaltenen Weiſung zu Folge, den Admiral aufzuſuchen. Sie mußte in der Straße St. Denis an dem Kreuze voruͤber, wo ſie alle Nächte fuͤr das Seelenheil ihres Geliebten gebetet hatte. Als ſie dem Orte zuwankte, wo ſie einſt als die gluͤcklichſte Hausfrau gewaltet hatte, ſah ſie erſtaunt den Platz mit Menſchen angefuͤllt, und ein widriges Getoſe ſchlug an ihr Ohr. Sie eilte verhuͤllt hinzu, aber wie griff es ihr ans Herz, als ſie ſah, daß man eben beſchaͤftigt war, das verhaͤng⸗ nißvolle Kreuz wegzunehmen. Der jeden Augen⸗ blick anwachſende Volkshaufe drohte den Arbeitern mit dem Tode, und vergebens verkuͤndeten die an⸗ weſenden Polizeiperſonen, die Wegnahme des Kreu⸗ zes geſchehe auf ausdruͤcklichen Befehl des Koͤnigs, welcher Tags vorher mit dem Admiral Coligny von Blois in Paris angelangt ſei, und nun dem alten, 3* ſ 3 3 * — 143— calviniſtiſchen Herrn dieſe Gefaͤlligkeit thue. Das Volk hoͤrte nicht darauf, die Stimmen wurden immer lauter, das Schimpfen auf die Calviniſten immer graͤßlicher, und als der letzte Streich auf das Holz fiel, ſchlug man auf die Vollbringer deſſelben, und ein wilder Aufruhr brach in der dicht mit Menſchen angefullten Straße los und wuͤthete bald weiter. Die Raͤdelsfuhrer machten kein Geheimniß mehr aus ihrem Streben, allgemeinen Hugenottenmord. Man ſchmaͤhte den König und erhob den Herzog von Guiſe; man verkuͤndete es laut, daß ein ſchändlicher Hugenott ihn dieſe Nacht habe ermorden wollen und, vom Feuer⸗ läͤrm beguͤnſtigt, entflohen ſei. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich dieſe Nachricht durch die Volksmaſſen, und tobend und ſchreiend zogen gedraͤngte Schaaren durch die Straßen. Madame Gaſtine wollte angſter⸗ fuͤllt zu ihren Kindern zuruck, doch der Weg war ihr verſperrt, ſie mußte befurchten, ſelbſt als ein Opfer fanatiſcher Wuth zu fallen, wenn ſie ſich von irgend einem der rohen Menſchen erkannt ſähe. Ein neuer, lebendiger Wall wälzte ſich jauchzend die Straße daher bis zum Platz, wo das Kreuz geſtanden, und wo jetzt Madame Gaſtine, in eine Ecke gedruckt, zitterte. Der Knaͤuel entwickelte ſich und eine Bahre wurde ſichtbar, auf welcher Madelons entſeelter feuchter Koͤrper lag. Er war an einem Fiſcherkahne haͤngen geblieben, in der Fruͤhe des Morgens herausgezogen und zufällig von Einem aus dem voruͤberſtroͤmenden Poͤbel erkannt worden. Jubelnd umringte das Volk die Leiche, — 144— man ſchleppte ſie auf den Platz, wo ihres Vaters, des graͤßlichen Ketzers, Haus geſtanden, und wo des Konigs Ungerechtigkeit das warnende und erinnernde Kreuz eben weggenommen hatte, und ſah des Him⸗ mels Rache in dieſer Fuͤgung. Einige behaupteten, ſie in Gemeinſchaft mit dem Moͤrder in der verwichenen Nacht in des Herzogs Palais geſehen zu haben. Und nun fielen die Tieger uͤber die Leiche her, um ſie zu mißhandeln. Starr vor Entſetzen, hatte Madame Gaſtine ihr Kind erkannt, und die gräßliche Scene mit angeſehen. Von Muttergefuhl hingeriſſen, vergaß ſie alle Gefahr, und wollte ſich auf den Leichnam der Tochter werfen, als ſie die letzten Aeußerungen des wuͤthenden Poͤbels vernahm, und ihr nun Licht in der Seele wurde, daß Chretien der verfolgte Moͤrder ſei. Sie ſah mit dunklem Auge noch, wie man den Koͤr⸗ per anfiel und glitt, der Sinne ledig, an der Breter⸗ wand, an welcher ſie lehnte, auf einen Stein herab. Der guͤtige Himmel erbarmte ſich ihrer; ſie waͤre von dem raſenden Volke zerriſſen worden, haͤtte man ſie erkannt. Unterdeſſen waren die Schweizergarden auf⸗ marſchirt und drohten einzuhauen und unter das Volk zu ſchießen, wenn es ſich nicht zerſtreue. Man wußte nur zu gut, wie punktlich dieſe Leute ihr gege⸗ benes Wort hielten, und das leichtfertige Volk zerſtob nach allen Seiten. Als Madame Gaſtine erwachte, war der Platz leer und die verlaſſene Leiche ſollte eben weggetragen werden. Zerriſſen blutete das muͤtterliche Herz; troſtlos kußte ſie der Huͤlle ihrer Madelon die — 145— Stirn und begleitete ſie zur Ruheſtaͤtte, wohin man ſie ſogleich brachte, um noch Thraͤnen des bitterſten Schmerzes auf ihr Grab zu weinen. Dann erſt gedachte ſie an Chretien, und ihrem großen Leiden war es ein Troſt, daß ſie vernommen hatte, der Moͤrder ſei entkommen. Sie ging in das Hotel Chatillon, um hier den Schluͤſſel zu dem furchtbar geahneten Geheimniß zu erhalten. Sie wurde ſo⸗ gleich vor den Admiral gefuͤhrt, aber ſtatt ſie uͤber das Geſchehene zu belehren, befahl ihr der ernſte Mann, ſich binnen einer Stunde zur Abreiſe nach la Rochelle vorzubereiten. Ueber alles Andere beob⸗ achtete er ein tiefes Schweigen. Die ungluͤckliche Frau that, wie ihr befohlen war, nahm ſchnell von ihren Freunden Abſchied, holte ihre wenigen Armſelig⸗ keiten und ihre Kinder. Eine Stunde darauf ſaß ſie, vom Admiral reich beſchenkt und mit Briefen an ſeine Freunde verſehen, in einem Wagen, wel⸗ cher auf der Straße ſudweſtlich hinrollte, den reichen Beſitzungen ihres Beſchutzers zu. Storchs Fanatiker. II. 10 — 146— Zehntes Kapitel. Die Kabale lauſcht, wie in der Niſche An dem jungen Stamm die Schlange ſchleift, um den Hof, bis ſie mit Giftgeziſche Ihren Raub zum ſchnellen Tod ergreift. Ernſt Schulze. Die Koͤnigin Johanna war auf die dringendſte Einladung nach Paris gegangen. So vielverſpre⸗ chend auch ihr Empfang von Seiten des Hofes ſein mochte, welcher ihr von Paris bis Blois entgegen gegangen war, ſo getaͤuſcht fand ſie ſich bald. Die Konigin Mutter von Frankreich legte es abſichtlich darauf an, die edle Frau zu kränken. Die Braut ihres Heinrich hatte durchaus nicht Johanna's Bei⸗ fall, und war von Allem das Gegentheil, als was man ſie angeprieſen hatte, ihre verfuͤhreriſche Schoͤn⸗ heit ausgenommen. Doch der geſchehene Schritt war nicht mehr zuruck zu thun, und die Zeit ruͤckte heran, wo die Vermählung feſtgeſetzt war. Selbſt die Schwierigkeiten, welche der Pabſt erhoben hatte, waren glucklich beſeitigt und Alles nach Johanna's Wunſche eingerichtet worden. Aber trube Ahnungen beſchlichen unaufhoͤrlich das Herz der frommen Furſtin, und ſie goß dieſelben in die empfindungsvollen Briefe an ihren Sohn, welcher ſich noch in Bearn an den Pyrenäen, ſeinem Stammſitze, befand. Der Koͤnig 147 von Frankreich aber erließ an alle Hugenottenhaͤupter die freundſchaftlichſten Aufforderungen und ſchriftliche Bitten, der glaͤnzenden Vermaͤhlung ſeiner Schweſter mit ihrem Haupte, dem Prinzen von Navarra bei⸗ zuwohnen. Seit Coligny's Beſuche in Blois und Paris ſtand er mit dem Koͤnig im freundlichſten Vernehmen und ſteten Briefwechſel, deſſen uner⸗ ſchoͤpflicher Gegenſtand der projektirte ſpaniſche Krieg in den Niederlanden war. Seit dieſer Zeit auch und ſeit der Einrichtung der Haͤlfte-Kammern und der freien Religionsuͤbung der Proteſtanten in ganz Frankreich ſchien endlich die langerſehnte Ruhe und Eintracht gekommen. Das tauſendköpfige Scheuſal des Buͤrgerkriegs lag gefeſſelt, und Katholik und Cal⸗ viniſt trat ihm auf den Leib. Alles athmete Freude und Luſt; nur die edle, fromme Koͤnigin Johanne nicht. Sie ahnete unter der gleißenden Huͤlle das Scheuſal mit noch weit fuͤrchterlicherer Tuͤcke, als das gefeſſelte; das Gleichniß von den uͤbertuͤnchten Graͤ⸗ bern kam ihr nicht aus dem Sinn. Auch war in der That die groͤßte und vollkommenſte Meiſterin in boͤſer Liſt und Verſtellung in Gegenwart ihrer Fein⸗ din ſo wenig Herrin uͤber ſich, daß ſie Johannen oft Beleidigungen ins Geſicht ſagte. Die fromme calviniſtiſche Koͤnigin von Navarra war von eitel Falſchheit umlauert, ſelbſt einigen Leuten von ihrer kleinen Bedienung erhielt ſie Urſache nicht recht zu trauen, weil ſie ſich den Vergnuͤgungen und dem Umgang mit verdaͤchtigen Perſonen allzuſehr und 10* —— gegen Johanna's Mahnung hingaben. Sie ſehnte ſich immer mehr nach einer frommen treuen Die⸗ nerin, nach einem ihr ganz ergebenen weiblichen Herzen, dem ſie ſich anvertrauen, in das ſie ihre Beaͤngſtigungen, Ahnungen und Sorgen ſchuͤtten, dem ſie ſich ganz hingeben koͤnnte. Denn Mitthei⸗ lung iſt ja des edlen Menſchen hoͤchſtes Beduͤrfniß. Da fiel ihr die ſchoͤne, fromme, ſittſame Schmieds⸗ tochter Jeannette Charlot ein, die ſie im Hauſe des Buͤrgermeiſters d'Alban hatte kennen und liebgewin⸗ nen lernen. Jeannette hatte ja auch vom Schickſal ſchon ſo viel ſchwere Schlaͤge erhalten, war hart ge⸗ pruͤft, fuhlte ſich zwar ungluͤcklich, aber doch im Hin⸗ blick auf Gott und deſſen Vaterguͤte wieder gluͤcklich und ergeben in den Willen der Vorſehung. Das Alles wußte die Koͤnigin Johanna, denn ſie hatte ſelbſt oft und gern mit der Lieblichen ſich unterhalten, und uͤberdies war ihr Jeannette ſchon mehreremale von ihrem Sohne dringend als Kammerfrau em⸗ pfohlen worden. Johanna, in ihrer jetzigen Lage der Liebe und Treue Jeannettens mehr als je be⸗ duͤrftig, beſchloß, die Schmiedstochter nach Paris kommen zu laſſen, und ſandte nach wenigen Tagen auch ſchon einen Wagen mit einem eigenhaͤndigen Brief an die Jungfrau nach dem Schloſſe Doucerepos. Hochgeehrt und erfreut durch das Anerbieten der geliebten Königin, ſchied Jeannette von der ihr ſo theuer gewordenen Madame Dallain, und ver⸗ ließ Schloß Doucerepos, wo ſie heimiſch geworden — 149— war. Das Einzige, wovor ihr graute, war, mit Ceſar zuſammenzutreffen, und dieſe Angſt haͤtte ſie bewegen koͤnnen, waͤre ihre Hochachtung und Erge⸗ benheit gegen die Koͤnigin von Navarra nicht ſo unbegrenzt geweſen, ſo daß ihr die Bitte derſelben als ſtrengſter Befehl galt, das ſchmeichelhafte Aner⸗ bieten abzulehnen. Und doch lag daneben in dem Gedanken, mit dem ſtets noch ſo innig geliebten Ce⸗ ſar in einer Stadt zu wohnen, ſo etwas Suͤßes und Berauſchendes fuͤr ſie, daß ſie oft wieder uͤber die Veränderung ihres Wohnorts und Standes auch in dieſer Hinſicht ſtill ſich freute. Die Koͤnigin empfing Jeannetten wie eine Freundin, und wenn die Erſtere nicht bei Hofe war, was ſehr ſelten geſchah, ſo ſah man die Herrin und Dienerin ſtets in vertrauter Unterhaltung oder in gottesfuͤrchtigen Betrachtungen beiſammen. Beide gewannen ſich taͤglich einander lieber. Es konnte nicht fehlen, daß Jeannette nicht vieles uͤber Ceſar hoͤrte und erfuhr, aber ſie hatte ſich ſo in der Gewalt, daß ſie ihr Herz nie verrieth. Sie ſah ihn ſogar einigemale, wenn ſie mit der Koͤ— nigin auf Maulthieren durch die Stadt ritt, wie es damals Sitte war, aber die ſchwarze Sammetmaske, welche alle Frauen hoͤhern Rangs und ihre nächſte umgebung auf der Straße ſtets vor dem Geſichte trugen, verbarg ihm ihre Zuͤge. Derſtille Kummer, welcher uͤber Ceſars Geſicht ausgebreitet lag, der unverkennbare Ausdruck tiefer Schwermuth aus ſeinen — — 150— Augen uͤbten einen maͤchtigen Zauber auf der Jung⸗ frau Herz. Was man ihr auch von Ceſars Um⸗ gang mit der Prinzeſſin Margot, der Herzogin von Nevers, der Graͤfin Bruyere geſagt, ſie konnte es nicht glauben, ſeit ſie ihn geſehen; war ihr doch aus der Erſcheinung ſeines ganzen Weſens die Ge⸗ wißheit hervorgegangen, daß er ſie, ſie allein liebe, und nun ſtellte ſie es dem Himmel anheim, der nach ihrer unſchuldigen Anſicht nichts von Katholiken und Calviniſten, ſondern allein von frommen, guten Menſchen etwas wiſſe, wie er dieſe Sache zu Ende fuͤhren moͤchte. Die Koͤnigin Johanne hatte ihrem Heinrich nach langem Zaudern endlich geſchrieben, er moͤge nun nach Paris kommen und dem Wohle Frankreichs das große Opfer bringen, die ſittenverderbte Mar⸗ garetha in die braͤutliche Kammer zu fuͤhren. Der Prinz Heinrich beſtimmte in ſeinem Antwortſchreiben den Tag ſeiner Abreiſe von Bearn, und nun wurde vom Koͤnig Karl auch der Tag der Vermaͤh hlung feſt⸗ geſe tzt. Um dieſelbe Zeit dieſer Beſchluͤſſe fiel das Frohnleichnamsfeſt, und die katholiſche Kleriſei nahm ſich vor, daſſelbe zum Aerger der vielen in Paris anweſenden Proteſtanten mit dem groͤßten Pomp zu feiern. Die Haͤuſer in den Hauptſtraßen waren alle mit Kraͤnzen, bunten Tuͤchern und Baͤn⸗ dern von oben bis unten behangen und geſchmuͤckt. Das Hotel der Koͤnigin Johanna machte allein eine auffallende Ausnahme; denn nicht nur, daß es nicht — 151— den mindeſten Feſtſtaat an ſeinen Waͤnden prangen ließ, es zeigte ſich auch an ſeinen Fenſtern kein ein⸗ ziges Geſicht, ſeine Thuͤren blieben verſchloſſen und das ganze Haus war wie ausgeſtorben. Die Koͤ⸗ nigin hatte abſichtlich, bekannt mit der ſchlauen, haͤndelſuchenden Verſchlagenheit der katholiſchen Pfaf⸗ fen, ihrer ganzen Dienerſchaft ſtreng geboten, ſich waͤhrend der Feier des Feſtes weder auf den Stra⸗ ßen, noch an Thuͤren und Fenſtern ſehen zu laſſen, damit man keine Gelegenheit an ihnen ſuche. Nichtsdeſtoweniger wurde eine Stunde vor dem großen feierlichen Umzuge des Klerus die Glocke an der Thorfahrt des Hotels heftig gezogen, und gleich nachdem die kleine Thuͤre in dem Hauptthore geoffnet worden war, ein heftiger Wortwechſel zwiſchen dem Portier und der Stimme eines fremden Mannes vernommen, wodurch der ſtille Frieden des Hauſes auf eine unangenehme Weiſe geſtoͤrt wurde. Die Koͤnigin war mit Jeannetten eben bei ihren religioͤſen Uebungen beſchaͤftigt; ſie ſandte die liebe Dienerin hinaus, um ſich nach der Urſache des widrigen Streits zu erkundigen und denſelben wo moͤglich gleich zu ſchlichten. Jeannette fand, dem Thurſchließer gegen⸗ öͤber, einen kleinen, häßlichen Mann, deſſen Kleid ihn als einen Kleriker bezeichnete. Mit einem zorn⸗ braunen Geſichte, die eine Fauſt in die Seite ge⸗ ſtemmt, die andre drohend gegen den Portier erho⸗ ben, rief er eben:„O ich kenn' Euch, Ihr keteri⸗ N — 152— ſches Pack! Die Schuhe, in denen Ihr wandelt, hab' ich lange ausgetreten. Fragt nur nach Mau⸗ rice André bei den Leuten von der Predigt hier in Paris, und ſie werden Euch zu erzaͤhlen wiſſen, wie ich meinen Willen durchſetze. Alſo auf mein Wort! Wollt Ihr oder nicht? Denkt nicht, daß ich mich ſchnode abweiſen laſſe, wie einen Bettel⸗ jungen!“ „Die Koͤnigin allein hat zu wollen, nicht ich,“ verſetzte der Thuͤrſchließer,„und da ſie nicht gewollt hat, ſo haben wir nicht gethan. Darum geht, wir haben weiter nichts mit einander zu reden.“ „Sie ſoll und muß aber wollen!“ kreiſchte der kleine André und warf die krummen Beine bei dem unternommenen Satze durch einander. „Ihr haͤttet mir eben das Anſehen dazu, der Majeſtät zu befehlen,“ ſpöttelte der Diener des Hau⸗ ſes.„Noch einmal, geht, oder ich werf' Euch hinaus.“ „Was will der Mann?“ fragte jetzt Jeannette den Thuͤrhuͤter. „Er verlangt keck und mit unziemlichen Worten, wir ſollen auf der Stelle das Haus mit bunten Baͤndern, Tuͤchern und anderm Tant ſchmuͤcken, da⸗ mit das katholiſche Geſchmeiß, wenn's hier voruͤber brauſt, kein Aergerniß daran nehme, ſondern ſehe, daß wir den Antichriſt mit ſeinem Teufelswerk, wel⸗ ches er den Leuten vormacht, auch in Ehren halten. Da nun aber doch ſolches keineswegs der Fall iſt, — 153— ſo kann auch ſein Begehr nicht erfullt werden, zumal er von unſter Majeſtät ſpricht, als ſei ſie der Affe, der nach ſeiner Pfeife tanzen muͤſſe. Alſo fort, ſag' ich!“ „Wag' es, mich anzuruͤhren, ketzeriſcher Hund!“ bruͤllte André.„Das Haus muß geſchmuͤckt wer⸗ den, und ich will's Eurer Königin ſelbſt befehlen. Das ſollt Ihr ſehen! Wo iſt ſie Fuͤhre mich zu ihr, Maͤdchen!“ „Menſch, ſeid Ihr raſend?“ rief Jeannette ent⸗ ſetzt, und wollte ihm den Weg verſperren, aber mit nie geſehener Frechheit ſchob er ſie bei Seite und eilte nach dem Wohnzimmer der Koͤnigin. Jean⸗ nette gewann ihm aber den Vorſprung ab und be⸗ richtete der hohen Frau ſchnell und aͤngſtlich von dem gröblichen Ueberfall des pfäffiſchen Geſellen. Mit der imponirenden Wuͤrde ihres Weſens erhob ſich Johanna und ſchritt auf den Jeſuiten zu, welcher ruͤckſichtslos bereits in das Zimmer getreten war, und fragte ihn ſtreng:„Was wollt Ihr von mir?“ Ohne aber dadurch in Verlegenheit zu kommen, erwiederte der freche Burſche:„Zweierlei, und zwar zuerſt, daß Ihr Euere Fenſter und Thorfahrt mit Tuͤchern und Bändern zur Feier des Feſtes ſogleich ſchmuͤcken laßt; denn binnen einer Stunde wird der Frohnleichnamszug hier voruͤbergehen, und ſodann zum zweiten, daß Ihr Euren unverſchaͤmten Thuͤr⸗ ſchließer auspeitſchen laßt; denn er hat ſich groblich an mir, einem Diener der Kirche, vergangen.“ — 154— „Ich weiß nicht, woruͤber ich mehr erſtaunen ſoll, uͤber die Albernheit deſſen, der Euch geſandt hat, oder uͤber Eure Frechheit, mit der Ihr es wagt, uͤber meine Schwelle zu kommen, und mir einen ſolchen Antrag, gleichſam in Form eines Befehls, zu machen. Verlaßt auf der Stelle dies Haus und ſagt Euerm Obern, er ſolle froh ſein, daß ich dieſes Verfahren ungerochen hingehen laſſe.“ „Wie? Ihr wollt das Haus nicht ſchmuͤcken?“ rief André. „Nein! und noch einmal, nein! Ich bin eine Proteſtantin und werde nie die Hand heben, um ein Feſt der Katholiken zu feiern, ſo wenig, wie Ihr eins der unſeigen feiern werdet. Und ich denke doch, wir haben in Frankreich jetzt gleiche Rechte!“ „Im Namen der Koͤnigin Mutter! Ihr muͤßt Eure Thorfahrt ſchmuͤcken!“ rief André außer ſich vor Wuth, und ſtampfte mit dem Fuße heftig auf den Boden. „Wie?“ entgegnete die Koͤnigin und ihre Lip⸗ pen bebten, waͤhrend Todtenblaͤſſe ihre Wangen uͤberzog.„Wer bin ich denn und wer iſt dieſe freche, ſcheußliche Kreatur, welche mir alſo begegnen darf? Muß ich das in Paris erfahren? Iſt das die gelobte Freundſchaft? Nein, ſo weit kann ſich eine Koͤnigin nicht vergeſſen, daß ſie ſolch eine bos⸗ hafte Mißgeſtalt zum Werkzeug ihres Willens mache! und doch iſt das Schutz, wenn mich ein ſolches Scheuſal, wie dieſer Pfaffe, in meiner Wohnung — 155— uͤberfallen und mit Schmaäͤhungen uͤberhaͤufen kann? O dieſer unſelige Bund mit der Schlangenbrut wird mir noch das Leben koſten! Heinrich! Heinrich! raͤche Deine Mutter! Iſt denn Niemand, der mich von dieſem Buben befreit?“ Die maͤnnliche Dienerſchaft hatte ſich bereits verſammelt und nur auf den Befehl der Herrin ge⸗ wartet, um Hand an den giftigen Jeſuiten zu legen. Nach dieſen Worten faßten ſie ihn hurtig an Armen und Beinen. Sich ſtraͤubend, rief er:„Denkt an Maurice André, und zittert vor ſeiner Rache!“ Aber verhoͤhnt und verlacht wurde die kleine wuͤthende Beſtie aus dem Hauſe auf die Straße geworfen. Die Königin hatte ſich dergeſtalt geaͤr⸗ gert, daß ſie ſich zu Bette legen mußte, aber ſie ſollte noch mehr erfahren, noch Schlimmeres erleben. Denn kaum war eine Stunde verſtrichen, ſo ver⸗ nahm man das gewaltige Laͤrmen des Zugs durch die Straße daher. Als er vor dem Hauſe war, uͤberſchrieen einzelne Stimmen das Getoͤſe des Hau⸗ fens und ſtießen die gemeinſten und ſchaͤndlichſten Schimpfworte gegen die Königin von Navarra aus. Ein ſchallendes Gelachter folgte, dann wieder Schimpf⸗ reden, noch boshafter und graͤßlicher als zuvor, und das Volk jubelte den Sprechern Beifall zu und wie⸗ derholte brullend ihren Unflath. Die fromme Koͤni⸗ gin mußte Alles mit anhoͤren und ſie erſtickte faſt an den Thraͤnen der Verzweiflung, die ſie mit Schmerz aus den brennenden Augen preßte. Doch plötlich 4 — 156— flog ein von der Straße aus geſchleuderter Stein durch ein Fenſter, andere folgten nach. Die Koͤni⸗ gin mußte mit Jeannetten und ihren andern Frauen fluͤchten, um nur nicht von den hereinfliegenden Steinhaufen getoͤdtet zu werden. Sie erkrankte noch denſelben Tag ſo heftig, daß die herbeigerufenen Aerzte vor ihr Leben zitterten. Am andern Tage hatte ſie ſich jedoch wieder ſo weit erholt, daß ſie dem König eine Anzeige der erlittenen Schmaͤhung und Frevelthat machen laſſen konnte. Karl ver⸗ ſprach, eine genaue Unterſuchung anſtellen und den Verbrecher auf das haͤrteſte beſtrafen zu laſſen. Aber Johanna, die beleidigte, geſchmaͤhte, kranke Koͤnigin, mußte die neue Kraͤnkung erdulden, daß nicht das Geringſte geſchah, die Nichtswurdigkeit zu beſtrafen. Die Unterſuchung war von Katharinen, der raͤnke⸗ vollen Medicaͤerin, unterdruͤckt worden. Jetzt ſchwankte die Koͤnigin von Navarta; was ſollte ſie bei ſolchen Erfahrungen von der Zukunft fuͤr ſich hoffen? Welcher Schmach ſah ſie entgegen, wenn man erſt das Ziel erreicht und ihren Heinrich, ihr Einziges und Alles, ihre Stuͤtze und Hoffnung, in die Bande geſchmiedet und an das Intereſſe die⸗ ſes ſchaͤndlichen Hofes gefeſſelt hatte, da man jetzt, wo dieſer Bund noch nicht ganz feſtgeſchloſſen war, ſo ruckſichtslos verfuhr? Haͤtte Johanna nicht ihren Sohn bereits dringend aufgefordert, nach Paris zu kommen, hätte ſie nicht ſchon deſſen Antwort in — 157— Haͤnden gehabt, und voraus ſetzen muͤſſen, daß er auf der Reiſe begriffen ſei, ſie wuͤrde in dieſem Au⸗ genblicke alle angeknuͤpften Verbindungen mit dem franzoſiſchen Hofe zerriſſen und die Hauptſtadt ver⸗ laſſen haben. Aber wie immer, bedachte ſie auch diesmal das Beſte ihrer Glaubenspartei und opferte ihr ihre eigene Perſoͤnlichkeit, das Gluͤck und die Zufriedenheit ihres Herzens auf. Einige Tage nach der erlittenen Kränkung, als ſie das Bette, obgleich ſchwach und noch immer tief erſchuͤttert, verlaſſen und eine Spazierfahrt machen wollte, ſchickte ſie zum Hofparfumeur René, einen Florentiner, um ſich ein Paar neue Handſchuhe bei ihm zu kaufen. Dieſer Mann ſtand mit den Je⸗ ſuiten in enger Verbindung, war ein Freund von Maurice André und der unterthaͤnigſte Sklave der Koͤnigin Mutter von Frankreich. Es war damals Sitte, parfuͤmirte Handſchuhe zu tragen. Die Kö⸗ nigin Johanna waͤhlte ſich ein Paar von vorzůglich ſtarkem, angenehmem Geruch. Schon an ſelbigem Abende verſpuͤrte ſie nach der Zuruͤckkunft ein heftiges Uebelſein; der Arzt rieth ihr, die freie Luft oft zu ſuchen, und ſie fuhr den fol⸗ genden Tag aus, doch nicht ohne die Handſchuhe. So oft ihr unwohl wurde, pflegte ſie daran zu rie⸗ chen. So geſchah es, daß ſie heimgekehrt, vom heftigſten Schwindel und gleich darauf von Colvu⸗ ſionen befallen wurde. Der Kopf war ihr ſo ſchwer, daß ſie ihn nicht zu halten vermochte. Sie mußte wieder das Bette huͤten. Am ſechsten Tag ihrer Krankheit ſtieg das Uebel ploͤtlich mit jeder Minute, und als die Aerzte kamen, war ſchon nicht mehr an Rettung zu denken. Zur großten Beſtuͤrzung ihrer ganzen Umgebung gab die Koͤnigin noch in derſelben Nacht unter den heftigſten Kopfſchmerzen den Geiſt auf, und dle Aerzte zogen aus allen Symptomen den Schluß, daß die edle Frau durch den Geruch vergiftet worden ſei. Jeannette fiel in ihrem groͤß⸗ ten Schmerze auf die Handſchuhe. Sie wurden unterſucht und als von ſtarken, toͤdtlichen Giften ge⸗ ſchwaͤngert befunden. Am Hofe machte der jaͤhe Tod der Koͤnigin nicht das geringſte Aufſehen. Es war nicht anders, als haͤtte es ſo kommen muͤſſen und man waͤre im Voraus ſchon daruͤber einig geweſen. Die Prote⸗ ſtanten in Paris waren aber wie vom Schlage geruͤhrt. Ihr Schickſal ging ihnen in duͤſtern Ah⸗ nungen auf. Jeannette folgte troſtlos den ſteblichen Ueber⸗ reſten der inniggeliebten Herrin. War's doch, als muſſe dem guten Kinde jede unſchuldige Freude, jeder edle Lebensgenuß zum bitterſten Leidenskelch werden. S Ete e Lebt wohl, ihr Freunde! Sehn wir uns Vielleicht zum letzten Mal, So denkt: In dieſer Prüfungszeit Reift Freundſchaft für die Ewigkeit, Und Gott iſt überall. Schubart. Coligny befand ſich auf ſeinem Beſitzthum in Chatillon. Seit ſeinem Beſuch beim Koͤnig in Blois und Paris im vorigen Jahre war er emſig mit Wiederaufbauung ſeines zertruͤmmerten Schloſſes und ſeiner abgebrannten Doͤrfer mit der Wiedereinrich⸗ tung ſeiner verwuͤſteten Gärten, Weinberge und Län⸗ dereien beſchaͤftigt geweſen. Im Herbſte des verwi⸗ chenen Jahres 1571 hatte er ſich mit einer be⸗ waͤhrten Freundin, der Graͤfin Jaqueline von Entre⸗ mont, zum zweitenmale vermaͤhlt, hatte in einem ununterbrochenen Briefwechſel mit dem Koͤnige ge⸗ ſtanden, und ſah nun mit freudiger Gewißheit der Erfullung ſeines Lieblingswunſches entgegen, einem Kriege gegen die wuͤthigen Spanier in den Nieder⸗ landen, wozu der Koͤnig, nach des Admirals Angabe, ſchon alle nothigen Vorkehrungen machte. Den Proteſtanten ward durch das ganze Reich freie Reli⸗ gionsuͤbung noch einmal feierlichſt zugeſichert, und der Friede von St. Germain in allen ſeinen Punk⸗ ten beſtaͤtigt. Schon hatte der Admiral ſeine Freunde in la 160 Rochelle eingeladen, den Bitten des Hofes nachzu⸗ geben, da gar keine Bedenklichkeiten mehr ſeien, und ihn in Chatillon zu beſuchen, wo er jetzt wieder recht heiter und haͤuslich eingerichtet ſei. Aber gerade in la Rochelle gedachte man der fruͤheren Treubruͤche noch am lebhafteſten, traute den ſchmeichleriſchen Einla⸗ dungen des Königs nicht, und behielt ſtets im Ge⸗ dächtniß, wer Katharina von Medicis ſei. Die Haͤupter der Stadt und der alte eisgraue Buͤrger⸗ meiſter an ihrer Spitze zoͤgerten von einer Zeit zur andern, ſich endlich den Befehlen der Regierung zu unterwerfen, und den Koͤnig von Frankreich als ihren Herrn anzuerkennen. Schon einigemale war es in der Familie d'Alban beſchloſſen, den Zug nach Chatillon, wenn auch nicht nach Paris anzutreten, und dem alten bewährten Freunde muͤndlich zu ſei⸗ ner neuen ehelichen Verbindung Gluͤck zu wuͤnſchen, und ihn in ſeinem wiedererſtandenen Eldorado heim⸗ zuſuchen; aber ſtets war die Reiſe auf Henriettens Bitten unterblieben. Nicht allein wollte ſie den geliebten Gatten ziehen laſſen, ſie vermochte nicht, ſich von ihm zu trennen, zumal da er ſeit einiger Zeit ſtets von duͤſterer Schwermuth befangen war, die in eine foͤrmliche Krankheit auszuarten drohte. Doch auch nicht von ihrem kleinen Toͤchterchen, deſ⸗ ſen ſie im vergangenen Winter geneſen war, wollte ſie gehen. Als nun aber der Mai all ſeinen Putz herauslegte, um die Menſchen aus ihren ſtei⸗ nernen Palaͤſten und hoͤlzernen Huͤtten herauszu⸗ — 161— locken, beſchloß man endlich die Fahrt nach Douce⸗ repos, und dagegen hatte Henriette nichts einzuwen⸗ denz ſie hoffte dort Beſſerung des Gemuͤthszuſtandes ihres Theophile. Das Toͤchterchen mußte die Reiſe in Gemeinſchaft ſeiner Eltern, des Großvaters, des Oberſten, des Freiherrn d'Autelant Dathis, Ma⸗ riens, ſeines Weibes, und ſeiner Kinder mitmachen. Ja, die alte Baſe Margot Saiſon war, auf ihr aus⸗ druͤckliches Verlangen, mit von der Partie; ſie ſehnte ſich nach ihrem Liebling Jeannette. Wohl behalten kam die zahlreiche Familie mit ihrem Gefolge, deſſen Anfuͤhrer der rechtſchaffene Pierre Arbet war, auf dem einſamen Schloſſe an; aber wie erſtaunten Alle, als ſie Joſephen allein fanden! Man wußte nicht, ob man ſich uͤber die Nachricht von Jeannettens Beſtallung zum Hoffraͤulein der Koͤnigin von Navarra freuen oder traurig ſein ſollte. Doch bald wurden die Gedanken der Anweſenden auf einen andern Ge⸗ genſtand gelenkt. Mit entbloͤſtem Haupte, deſſen Nacken nur noch wenig Silberlocken zierten, nahte der Buͤrgermeiſter d'Alban der Frau Dallain, und ſagte mit zitternder Stimme: „Koͤnnt Ihr dem Greiſe verzeihen, was der Mann an Euch verbrach, ſo reicht mir Eure Hand, und laßt mich nicht aus der Welt gehen, ohne mit Euch ausgeſoͤhnt zu ſein. Bedenkt, was geſchehen, iſt nicht zu ändern; aber was wir blinde Menſchen Boͤſes thaten, kehrt auch nicht wieder zuruͤck; Storchs Fanatiker. I. 11 162 non tamen irritum quodeunque retro est efficiet; neque difinget infectumque reddet, quod fugiens semel hora vexit.“ „Wir haben Beide gebuͤßt, edler Herr,“ erwie⸗ derte Joſephe ſehr geruͤhrt;„ich habe Euch verziehen, verzeihe der Himmel ſo uns Beiden!“ „Ich hoffe darauft“ ſagte d'Alban;„auch mei⸗ nes Sohnes Vergebung bin ich gewiß. Ich ſchrieb ihm nach Paris, ich flehte ihn an, zu uns zuruͤck⸗ zukehren, und wieder den Namen ſeiner Vaͤter zu fuͤhren; ich beſchwor ihn, mir ſeine Kinder zu brin⸗ gen, damit ich ſie ſegne vor meinem Ende. Erſt vor kurzem erhielt ich die Antwort, worin er auch Euer mit Liebe gedenkt. Er vergiekt mir alle er⸗ fahrene Unbill, aber zu unſern Glauben will er ſich nicht wieder bekennen. Nun hab' ich doch das Eine erlangt. Und wenn nichts mich beſtimmen wuͤrde, zur Vermaͤhlung unſeres Prinzen doch noch einmal Paris zu ſehen, ſo wäre es die Einladung meines Sohnes. Sechs kindliche Arme, ſchreibt er mir, warten auf mich, um den väterlichen Segen von mir zu em⸗ pfangen. Vielleicht ſchenkt der Himmel meinem Munde die Gabe der Ueberredung, daß ich ihn wie⸗ der heim bringe in das Vaterhaus, und dann ſeid Ihr meine liebe Tochter.“ Alle Herzen waren froh bewegt und die Abreiſe nach Chatillon ward in dieſer heitern Stimmung in Baͤlde angeſetzt. Als Charlot mit ſeinem reizenden — 163— Weibe alle die Stellen beſucht hatte, wo ihre Her⸗ zen zuerſt an einander geſchlagen, da erheiterte ſich ſein Sinn wieder; aber doch vermochte der Ungluͤck⸗ liche das eine liebliche Bild, welches ſtets ſeine Seele erfullte und ihn marterte, nicht daraus zu verdrän⸗ gen, Louiſens Bild. Wie er auch ſich vor ſich ſelbſt anklagte, die Zärtlichkeit des liebenswuͤrdigſten Wei⸗ bes mit Verrath zu belohnen, ſein Hetz, berauſcht von ſuͤßem Liebesweine, den ihm die Huld der Gat⸗ tin reichte, lechzte, wie ein nimmer ſatter Zecher, nach verbotenem Trank. Die Pflege der kleinen Henriette— Charlot hatte ſeinem Toͤchterchen der Mutter Namen gegeben — wurde Frau Joſephen anvertraut, die die Geſchick⸗ teſte dazu war. Sie uͤbernahm das Kind mit Freu⸗ den, und ſchien durch Liebkoſungen den Genuß je⸗ ner Gefuhle nachholen zu wollen, welchen ihr das Schickſal grauſam geraubt hatte. Mit Wehmuth nahm die zättliche Mutter von dem Kinde Abſchied. In Chatillon trafen ſie viel Leben; eine Menge der ausgezeichnetſten und vornehmſten Calviniſten hatten ſich um den Admiral verſammelt, die den An⸗ kommenden alle ein freudiges Willkommen entgegen jubelten. Auch Chretien Gaſtine und George d'Ar⸗ mevall fielen Charlot an die Bruſt. Der erſtere lebte mit ſeiner Familie hier in Chatillon unter Co⸗ ligny's Aufſicht, und von ihm, der den talentvollen Jungling zum Krieger bildete, erhalten. Der Letz⸗ tere hatte ſeinen Pflegevater begraben und war als 11* —— Herr eines großen Vermoͤgens zum Admiral geeilt, weil er vernommen, daß auch die Rocheller nach Chatillon kommen wuͤrden, um ihn nach Paris zu begleiten. Frohe Tage vergingen den verſammelten Freun⸗ den. Alle Leiden lagen ja nun hinter ihnen, vor ihnen aber breitete ſich die Zukunft wie eine ſonnen⸗ helle herrliche Landſchaft aus, und der truben Ver⸗ gangenheit wurde nur gedacht, um die freundlichen Gaben der Gegenwart mit deſto groͤßerer Wolluſt ge⸗ nießen zu können. Aber wie oft in das ſchonſte Schweizerthal die donnernde Lawine ploͤtzlich und un⸗ geahnet ſturzt und Hirten und Heerde verſchuttet, die Saat verwuͤſtet, die Wieſen verderbt, und all das warme Leben der Natur mit ihrer eiskalten Schnee⸗ huͤlle bedeckt und toͤdtet, ſo wurde die Freude der Verſammelten in Chatillon durch die Nachricht von dem ploͤtzlichen Tode der Koͤnigin Johanna von Na⸗ varra in Paris vernichtet und in die tiefſte Trauer verwandelt. Denn ſie, die hehre Frau, war allen mehr als Mutter geweſen. Ihren heftigen Gram uͤber das gottloſe Leben in Paris— ſo erfuhr man in Chatillon— habe ein ſie kraͤnkender Zufall ſehr vermehrt, und ſie ſogar auf das Krankenbette ge⸗ worfen. Nach ſechstägigem Krankenlager hätte ſie der Tod hingerafft. Bald kamen aber andere Ge⸗ ruͤchte, welche ausſagten, die Koͤnigin ſei durch den Geruch von ein Paar Handſchuhen, welche ſie kurz vorher von dem Parfumeur der Koͤnigin Mutter ge⸗ — 165— kauft, vergiftet worden. Eine allgemeine Furcht vor einem ſchrecklichen Hinterhalt bemaͤchtigte ſich der Ge⸗ muͤther der Calviniſten, und viele beſchloſſen bei ſich, nicht nach Paris zu reiſen, um einem aͤhnlichen Schickſale zu entgehen. Henriette beſtuͤrmte vorzuͤg⸗ lich ihren Gemahl, mit ihr die Ruͤckreiſe nach Dou⸗ cerepos anzutreten; aber gerade er hielt es fuͤr heilige Pflicht, nach Paris zu gehen, um ſeine Schweſter aus einer gefaͤhrlichen Lage zu reißen. War ihm doch die Leidenſchaft des Prinzen Heinrich von Bearn fuͤr ſie bekannt, und man erfuhr bald, daß dieſer kurz nach dem Tode ſeiner Mutter unter dem Titel eines Koͤnigs von Navarra, den er ſogleich angenommen, in Paris angelangt ſei. Mußte dem liebenden Bruder nicht fuͤr das verlaſſene Mädchen bangen? Er ſetzte alſo den Vorſtellungen ſeiner Gemahlin die triftigſten Gruͤnde entgegen. Mit der vom Hofe aus erfolgten offiziellen Mel⸗ dung vom Tode der Koͤnigin von Navarra, der An⸗ kunft des Koͤnigs, der Hoftrauer und der deshalb hinausgeſchobenen Vermaͤhlung bis zum 17. Auguſt gelangte noch die dringendſte Einladung an alle zu Chatillon verſammelten Proteſtanten und ein ei⸗ genhändiges Schreiben des Königs an den Admiral, worin er ihn erſuchte, ſeine Feindſchaft gegen das Haus Guiſe nun ganz fahren zu laſſen, weil ohne vollkommene Eintracht aller Großen die Kräfte des Staats nicht vereint auf das große Ziel, die Ver⸗ treibung der Spanier aus den Niederlanden, wirken 166 koͤnnten. Um dieſen Preis war der alte Feldherr gern verzeihlich und zu jeder Verſoͤhnung geneigt. Aber zu gleicher Zeit liefen auch ſtarke Warnungen ein. Von la Rochelle ſchrieben Freunde an ihn und den Buͤrgermeiſter, ſo auch von Genf, und ſogar vom Prinzen Wilhelm von Oranien kam ein Schreiben an, der Katzenfreundlichkeit des Koͤnigs von Frankreich nicht zu trauen. Aber den Admiral zog die Aus⸗ ſicht auf den Krieg, den Buͤrgermeiſter des Sohnes Einladung und Charlot die Gefahr der Schweſter. Von den anweſenden hugenottiſchen Edelleuten machten Viele Anſtalt, Chatillon zu verlaſſen; ihre Liebe zum Admiral vermochte ſie in Verbindung mit ſeiner Gemahlin, welche ebenfalls ſtark gegen die Reiſe nach Paris eingenommen war, zu dem vergeb⸗ lichen Verſuch, ihm und denen, die ihm folgen wollten, die bangen Beſorgniſſe, welche ſie fuͤhlten, mitzutheilen. Er hoͤrte auf keine Warnungen; und geruͤhrt nahmen viele von ihm Abſchied. Der Tag der Abreiſe ruͤckte heran; ſchon ſtanden alle Pferde geſattelt, da erwachte die alte Margot Saiſon ploͤtz⸗ lich aus ihrem Stumpfſinn, draͤngte ſich durch das verſammelte Volk, warf ſich vor des Admirals Fuͤße, umklammerte ſeine Kniee und rief im begeiſterten Tone einer Seherin ihn anflehend:„O lieber Herr, geht nicht nach Paris, Ihr muͤßt ſonſt dort ſterben mit den Meiſten, die ich hier um Euch ſehe. Glaubt mir, mein Braͤutigam, der ſchoͤne Kuͤpergeſelle Ro⸗ bert Tallier iſt mir erſchienen, und hat mir alles — 165— geſagt. Habt Ihr auch kein Mitleiden mit Euch, ſo habt es mit dieſen wackern Edelleuten, deren Tod Ihr auf Euch ladet, wenn Ihr doch zieht. Bleibt und geht nicht in Euer Verderben.“ „Mit Euerm Verſtande iſt es nicht richtig, gute Frau,“ ſagte der Admiral mitleidig und wieß ſie zuruck, um ſein Pferd zu beſteigen. Da flehte Mar⸗ got zur Graͤfin, ſeiner Gemahlin: „So haltet Ihr ihn mit Euren Bitten zuruͤck, gnaͤdige Frau. Ich beſchwoͤr' Euch, laßt ihn nicht von Euch! O warum iſt mir allein die Decke von den Augen gehoben! Warum ſind alle Andern mit Blindheit geſchlagen! Haltet ihn auf! Ich ſehe Stroͤ⸗ me Bluts fließen. Weh! weh!“— Ihr Jammer war vergebens, ſchon waren die Meiſten aufgeſeſſen. Die Frauen und Toͤchter der Edlen folgten zu Roß und Wagen in maͤchtigem Zuge. Henriette riß ſich endlich von ihrem Kinde los, welches ſie mit Jo⸗ ſephen nach Chatillon hatte nachkommen laſſen. Noch einen Kuß, und noch einen; endlich uͤbergab ſie es der weinenden Joſephe, ſtieg in den auf ſie harren⸗ den Wagen und fuhr davon. „Kuͤſſe es nur!“ murmelte Margot,„Du wirſt es nicht wiederſehen. Wie konnt' ich Thoͤrichte mich vermeſſen, das beſchloſſene Schickſal abwenden zu wollen? Es muß erfullt werden, und ſo wird's ge⸗ ſchehen.“— Und von Stund an verſtummte ſie und wandelte unter der Familie Gaſtine, bei welcher ſie — 168— ſich ferner aufhielt, wie ein Geſpenſt; doch erzeigte ſie Chretien, der ſich nicht von den Seinigen ge⸗ trennt hatte, alle Liebe. Zwoͤlftes Kapitel. Endlich thut das Unglück doch Einen Gang und Rücker noch. Endlich kommt des Tages Schein Nach dem langen Dunkelſein. Endlich bringt der Dörnerſtrauch Ja die ſchönſten Roſen auch. Endlich preßt man edlen Saft Aus der reifen Traube Kraft. Altdeutſches Lied⸗ „Du widerſtehſt umſonſt meinen feurigen Bewer⸗ bungen. Maͤdchen, Du mußt die Meine ſein!“ rief der liebegluͤhende Koͤnig von Navarra, der, leicht⸗ ſinnig genug, ſeine Mutter und ihre Todesart ſchon vergeſſen hatte, und umſchlang die weinende Jean⸗ nette von neuem, die eben ſeinen Armen entron⸗ nen war. „Ihr ſpottet Eurer geringen Magd, Majeſtat. Wie kann ich die Eure ſein? O martert mein Herz nicht laͤnger!“ ſchluchzte das Maͤdchen verzweiflungsvoll. „Du wirſt vor Gott mein Weib, und fuͤrwahr dies Band ſoll feſter ſein, als jenes, welches ich vor der Welt mit der leichtfertigen Prinzeſſin von Frankreich zu ſchließen gezwungen bin. O wär' ich — 169— Buͤrger Rochelle's, der Aermſten einer; waͤr' ich nur ein gewoͤhnlicher Edelmann, Du ſollteſt auch vor der Welt meine Gattin heißen!“ „Nimmermehr! Denn mein Herz vermag nur einmal zu lieben. Es liebt innig und treu, und waͤr' es Euch auch moͤglich, mich zu ehelichen, ich muͤßte ſogar Eure Hand ausſchlagen. Uund nun hoͤhnt das Andenken Eurer edlen Mutter nicht län⸗ ger mit ſolchem Scherz.“ Der Koͤnig ſprang empfindlich auf;z aber er konnte Jeannettens Edelſinn die geheime Bewunderung nicht verſagen, und betrachtete ihre ernſte Geſtalt und das zuͤrnende Geſicht mit Ehrfurcht. Ein Diener trat herein und meldete ihm den Kammerherrn des Herzogs Heinrich von Guiſe. „Wie? Iſt der Herzog in Paris?“ rief der jun⸗ ge Koͤnig erſtaunt. „Er hielt dieſen Morgen ſeinen praͤchtigen Ein⸗ zug mit ſeinen Verwandten und ſeinem ganzen An⸗ hang,“ war die Antwort. „Und ich erfuhr nichts davon; ich haͤtte ihm entgegen eilen ſollen.“ „Ew. Majeſtät wuͤnſchte dieſen Morgen ganz ungeſtoͤrt zu bleiben.“ „Ach ja, ich wollte ihn dieſer reizenden Sprz⸗ den widmen,“ ſeußzte der Konig.„Nun, der Kam⸗ merherr ſoll kommen!“ rief er zerſtreut. Ceſar trat in ſeinem goldgeſtickten Rock herein, um ſeinen Herrn des Koͤnigs Geneigtheit und Freund⸗ 17⁰ ſchaft beſtens zu empfehlen und deſſen Ankunft an⸗ zumelden. Mit Muͤhe aber vollendete er ſeine Rede, wurde immer verwirrter und ſichtbar verlegen; denn von ſeiner Stimme aufgeſchreckt, war Jeannette auf einen Seſſel niedergeſunken, und durch dieſe Be⸗ wegung aufmerkſam gemacht, hatte ſie der Kammer⸗ herr erkannt. „Was ſicht Euch an, junger Herr?“ fragte ihn der Koͤnig. „Ew. Majeſtaͤt!“ ſtammelte dieſer,„jene Dame —— iſt ſie nicht— ja, ſie iſt Jeannette Charlot.“ „Ha, und was faͤllt mir ein!“ rief der Konig uͤberraſcht,„ſeid Ihr nicht der untreue Rocheller, der Enkel des Buͤrgermeiſters? hab' ich doch ſchon von Euch gehoͤrt.“ „Ich bin's, ich bin der Ungluckliche, der ſeinen Glauben und dieſe Holde verließ, doch, wie ich ſehe“— ſetzte er empfindlich, mit einem Blick auf den Koͤnig hinzu—„hat ein guͤtiges Geſchick ſie fuͤr den kleinen Verluſt meiner reichlich ent⸗ ſchädigt.“ „Ihr irrt Euch ſtark, Junker,“ verſetzte der Konig;„ich kann es Euch zuſchwoören, nie hat ein Mädchen treuer geliebt, als ſie Euch; noch vor wenigen Minuten wiederholte ſie mir, daß ſie Euch ewig treu bleiben wurde; ich verehre ſie, ich bin ihr großen Dank ſchuldig, denn ſie hat meine Mutter bis zur letzten Stunde gepflegt, als wenn es die ihrige geweſen ware. Ja, Junker, geſteh' — 171— ich Euch nur, ich beneid' Euch um dieſe Liebe, aber Ihr ſeid derſelben nicht werth.“ Mit ſteigender Leidenſchaft hatte Ceſar des Koͤ⸗ nigs Rede angehoͤrt, jetzt ſtuͤrzte er zu Jeannettens Fuͤßen und rief freudig:„Waͤr's moͤglich, Jean⸗ nete, Du liebteſt mich noch, den Ungetreuen, Du hätteſt mir verziehen? ich duͤrfte wieder an einen Himmel, an eine Seligkeit glauben?“ „Du darfſt es, Du ſollſt; kehre zuruͤck! ſei wieder der Unſtige, und ich bin die Deine, wie ich es ſtets war,“ erwiederte ſie zaͤrtlich, ihm ihre Hand uͤberlaſſend, die er mit gluͤhenden Kuͤſſen bedeckte. „Ich bin es ſchon, ich gehoͤre Euch ganz wie⸗ der an!“ jubelte Ceſar. „Und mich laßt fuͤr die Ausſtattung ſorgen,“ ſagte der Koͤnig, ſtolz auf den erſten Sieg uͤber ſich ſelbſt;„der Himmel ſegne Euren Bund!“ rief er geruͤhrt und legte Jeannettens Hand in die Ceſars. „Schon habe ich vernommen,“ ſagte dieſer, „daß die Calviniſten, Coligny an der Spitze, nach Paris zu Eurer Vermaͤhlung kommen, Majeſtat. So lange ſie ſich nun in Paris aufhalten, bitte ich, meine Verbindung geheim zu halten; mit ihnen verlaſſe ich dann die Hauptſtadt, ein reuiger Suͤn⸗ der, dem ſich des Himmels Thron wieder oͤffnen, und bin dann Dein Gatte, und wieder ein guter Calviniſt!“ „Und das ſoll, ſo Gott will, bald geſchehen, — 172— denn auch mir gefaͤllt es nicht ſonderlich hier, und nach unſerer Hochzeit werde ich mich ſchnell in meine Pyrenaͤen zuruͤckziehen, und meine guten Glaubens⸗ bruͤder wieder mit fort von hier nehmen.“ „Dir aber, meine geliebte Jeannette,“ wandte ſich Ceſar zu ihr,„will ich ſtatt meiner die Schwe⸗ ſter zufuͤhren, die ſich ſo lange vergebens geſehnt hat, Dich kennen zu lernen. Sie iſt im Herzen eine aͤchte Calviniſtin geblieben.“— Er eilte jubelnd von dannen, und fuͤhrte ſchon am Abend deſſelben Tages die liebliche Louiſe in das Zimmer der Hof⸗ dame der verſtorbenen Koͤnigin von Navarra. Wie flogen die beiden unſchuldigen Herzen an einander, wie umfaßten, wie kuͤßten ſie ſich, gleich Schweſtern, die lange getrennt waren und denen nun ploͤzlich die Freude des Wiederſehens bereitet wird. Fand doch die liebenswuͤrdige Schmiedstochter in Louiſen nicht nur die langerſehnte gleichgeſtimmte Freundin, ſondern auch die geliebte Lehrerin Henriette verjuͤngt wieder; jene war als Gattin ihrer Jungfraͤulichkeit fremder geworden, zu Louiſen fuͤhlte ſie ſich vom Zauber heiligſter Unſchuld hingeriſſen. Jeannette erſetzte aber Louiſen ein langes ſtark gefuͤhltes Be⸗ duͤrfniß. Seit ihrer Entfernung aus Gaſtine's Hauſe hatte ſie einer Vertrauten, einer innigen Freundin entbehrt, oder vielmehr, ſie hatte ſolche noch niemals beſeſſen; nun war ſie gefunden, die Leere ihres Her⸗ zens ausgefuͤllt, und darum ſchloſſen Beide, vom erſten Augenblick ihres Zuſammenſeins, den feſteſten — 173 Bund. Was aber hatten ſich dieſe beiden holden Geſchoͤpfe nicht mitzutheilen! Entzuͤckt lauſchte Louiſe, wenn Jeannette ihr von der wiedergefundenen Mut⸗ ter, Frau Joſephe Dallain, erzaͤhlte und ihr die Tu⸗ gend dieſer Frau mit den lebhafteſten Farben ſchil⸗ derte. Und Jeannettens Bruſt hob ſich dagegen hoͤher, wenn Louiſe ihr von den Leiden des Bru⸗ ders Ceſar berichtete, wie er nur ſie, die erſte Ge⸗ liebte wahrhaftig liebe, wie er gerungen und mit ſich ſelbſt zerfallen uͤber ſeinen Leichtſinn und ſeine Nachgiebigkeit gegen den Vater, zuletzt an Gott und der Welt verzweifelt ſei, bis endlich der Stern der Liebe durch das finſtere Gewoͤlk ſeines Lebens ſo freundlich gebrochen und allem Jammer ein Ende gemacht habe. Nur wenn Jeannette ihres Bruders Namen nannte, truͤbte ſich Louiſens Blick, und einſt, als ſie von ſeiner Hochzeit mit Henrietten erzaͤhlte, brach die Freundin in einen Strom von Thraͤnen aus. Zwiſchen dieſen Kindern der Natur konnte kein Geheimniß ſein und ſo erfuhr denn Jeannette auf ihr dringendes Bitten, was ihr bis jetzt ein tiefes Geheimniß geweſen war, Theophiles und Louiſens gegenſeitige Liebe, ja die heftigſte unbeſieg⸗ bare Leidenſchaft der neuen Freundin zu Henriettens Gemahl.„Ich beſchwoͤre Dich,“ ſchloß ſie den traurigen Bericht,„Deinen Bruder von jedem Ven ſuche, mich zu ſehen, abzuhalten; es wuͤrde mein Tod ſein. Auch ſein gluͤckliches Weib mag und darf ich nicht ſehen; mein Anblick koͤnnte ihr Alles verrathen; — 174— o ich ſelbſt vermoͤchte mich vielleicht nicht zu beherr⸗ ſchen, und der Friede ihres Lebens waͤr' auf ewig dahin. Sobald die Calviniſten in Paris angelangt ſind, ziehe ich mich ganz in das Kloſter zuruͤck, wo mir ſchon eine Freiſtadt aufgethan iſt, und dort hat Niemand Zutritt zu mir, als Du.“ „Und Du willſt doch der Welt nicht ganz dort entſagen?“ ſagte Jeannette erſchrocken. „Was bleibt mir ſonſt uͤbrig? Meine Liebe auf Erden iſt eine Suͤnde, ſo ſoll ſie ſich zum Himmel ſchwingen. Zwar im Herzen eine eifrige Proteſtan⸗ tin, wie ich, ſollte kein Kloſter waͤhlen, aber unſerm Glauben fehlt es an einem Zufluchtsort fuͤr gebro⸗ chene Herzen, und ich ſuche Gott, die Ruhe, die Abgeſchloſſenheit, und das find' ich allein dort.“ Weinend ſanken ſich die Maͤdchen in die Arme und kuͤßten ſich die Thraͤnen von den Wangen. Nach einigen Wochen kam die Nachricht, daß der Zug der Hugenotten auf dem Wege nach der Hauptſtadt begriffen ſei. Der Koͤnig von Navärra, der junge Prinz Condé und eine große Anzahl der beſten proteſtantiſchen Edelleute in ihrem Geſolge, ritten dem Admiral mehrere Stunden weit entgegen. Ganz Paris ſtroͤmte zuſammen, um den Einzug des beruͤhmten Hugenottenhaͤuptlings zu ſehen. Er ritt in der Mitte, zwiſchen dem Koͤnig von Navarra und dem Prinzen Condé, und an acht hundert Edelleute, die Bluͤthe des ganzen proteſtantiſchen Adels, folgten Paarweiſe; hinten kamen die Frauen zu Roß und — 15— Wagen. War es doch, als zoͤgen Geiſter durch die Straßen; Alle waren in das tiefſte Schwarz gehuͤllt, Trauerkleider fuͤr die Koͤnigin, und manche der Zu⸗ ſchauer wurden von dieſem Anblick, gleich wie von einer boͤſen Vorbedeutung heimlich erſchreckt. Vom Hofe wurden die Proteſtanten aͤußerſt eh⸗ renvoll empfangen; der Koͤnig und ſeine Mutter druͤckten Coligny, Larochefoucauld, Teligny und an⸗ dern der Vornehmſten traulich die Haͤnde und un⸗ terhielt ſich lange auf's Freundſchaftlichſte mit ihnen. Coligny war von dieſer Guͤte hingeriſſen; er war ſtets um den Koͤnig und der ſtete Gegenſtand ihres Geſpraͤchs war der Krieg in Flandern; der Konig ſprach ſo richtige und freimuͤthige Urtheile uͤber ſeine Mutter, Generale, Miniſter und uͤbrige Umgebung aus, die jeden noch uͤbrigen Zweifel der Calviniſten verſcheuchen und ihnen beweiſen mußten, welch gro⸗ ßes Vertrauen der Koͤnig zu ihnen habe. Der Buͤrgermeiſter, der Oberſt, Charlot und Henriette, eilten zu dem ſo lange verlornen Sohn und Bruder. Die Scene des Wiederſehens, der gegenſeitigen Vergebung und des maͤchtigen Aufflam⸗ mens der alten Liebe, vermag die Sprache nicht zu malen, hat doch das hoͤchſte Gefuͤhl ſelbſt in ihnen keine Worte. Auch der reuige Ceſar wurde gern in den Bund wieder aufgenommen, der Vater nahm mit Recht einen großen Theil der Schuld des Soh⸗ nes auf ſich. Ceſar fuͤhrte Charlot zur Schweſter Jeannette und geſtand ihm auf dem Wege ſein Gluck; — 176— er vertraute ihm unter den Siegel der Verſchwiegen⸗ heit ſeinen Vorſatz, wieder nach la Rochelle zuruͤck⸗ zukehren, da er nun weder ein Hofmann, noch ein Kotholik länger bleiben koͤnne. Charlot, von einer marternden Aengſtlichkeit befangen, wagte endlich auch nach Louiſen zu fragen. Da er aber die kurze und ausweichende Antwort erhielt, der Vater habe ſie auf ihre Bitte ins Kloſter gethan, ſo ſchwieg er geruͤhrt, denn er erkannte dankbar die Zartheit an, mit welcher ſie jedes peinliche Zuſammentreffen ver⸗ mieden. Als nun auch Jeannette in du Froiſſet's Haus gefuͤhrt war, als er ſeine Haͤnde ſegnend auf ſie und den Sohn gelegt, da war die Freude der Guten vollkommen. Der Vermählungstag ruͤckte heran; du Froiſſet, der aus der engen Verbindung, in welche er wie⸗ der mit den Calviniſten getreten war, weislich bei ſeinen Obern und den uͤbrigen großen Katholiken ein Geheimniß machte, und nur Abends die Seini⸗ gen in ihrer Wohnung heimlich ſah, brachte ihnen mancherlei Beſorgniſſe, die er aus ſehr uͤblen, beim Marſchall wahrgenommenen Vorbedeutungen gezogen hatte, und Ceſar beſtätigte dieſelben aus Wahrneh⸗ mungen im Palais Guiſe, wo in den Verſamm⸗ lungen der lothringiſchen Prinzen und ihres Anhan⸗ ges manches verdaͤchtige Wort gefallen war. Die Familie d'Alban beſchloß, gleich nach der Vermaͤhlung Paris wieder zu verlaſſen, aber auch den Admiral warnte der Buͤrgermeiſter. Dieſe Be⸗ ————————— fuͤrchtungen noch zu vermehren, kamen Briefe von der Buͤrgerſchaft zu Rochelle, worin ſie berichteten, daß die beiden katholiſchen Feldherrn, Strozzi und Delagarde vor ihren Mauern ſtaͤnden, große Maga⸗ zine aufhaͤuften und ihren Soldaten ohne Hehl ſag⸗ ten, ſie ſeien zum Angriff der Stadt beſtimmt, wel⸗ che man ihrer Pluͤnderung ſchon Preis gegeben.„Al⸗ ter Freund,“ ſagte der Admiral laͤchelnd,„die Ro⸗ cheller haben alle etwas ſchweres dickes Blut, deshalb ſehen ſie am hellen Tage Geſpenſter. Glaubt nur, daß ich eines Beſſern uͤberzeugt bin. Solche Traͤume quaͤlen mich nicht; denn ich ſehe mit klaren Augen. Was fur Geruͤchte aber auch immer umgehen moͤgen, ich bin feſt entſchloſſen, hier zu bleiben, und mich eher durch die Straßen von Paris ſchleifen zu laſſen, als durch meine voreilige mißtrauiſche Entfernung von hier einen vierten Buͤrgerkrieg hervor zu rufen. Uund ſo haltet auch Ihr es, mein Freund! Laßt Euch nichts kuͤmmern. Der Koͤnig will uns wohl; krankt ihn nicht durch eine allzufruͤhe Abreiſe.“ Der Buͤr⸗ germeiſter ließ ſich bereden und blieb mit ſeiner Fa⸗ milie. An die Rocheller aber ſchrieb der Admiral, ſie moͤchten ſich nicht aͤngſtigen, jene Truppen wuͤrden bald eingeſchifft werden, ſie ſeien zwar zu einem Krieg, aber nicht gegen ſie beſtimmt. Storchs Fanatiker. II. Dreizehntes Kapitel. Wohin, Verruchte, reißt euch eure Wuth? Was gürtet ihr euch mit dem blanken Schwerte? Hat noch zu wenig Römer⸗Blut Das Meer geröthet und die Erde? Horaz Epoden ViI. 1— 6, nach E. Günthers Uebertragung. Die Vermaͤhlung mit all ihren prächtigen Feier⸗ lichkeiten, Baͤllen, Schauſpielen und Turnieren war voruͤber. Die Koönigin Mutter hatte Alles mit wahr⸗ haft ſchoͤpferiſchem Geiſte ſelbſt angeordnet und allegoriſche Schauſpiele erſonnen, welche auf einer Buͤhne im Palaſt Bourbon von der koͤniglichen Fa⸗ milie ſelbſt vorgeſtellt wurden, waͤhrend ſie zu glei⸗ cher Zeit uͤber dem Verderben der Hugenotten brutete. In einer jener bizarren Allegorien glaubten viele Proteſtanten ein ſchlimmes Schickſal fuͤr ſie angedeu⸗ tet und verließen Paris. Fuͤnf Tage lang hatte das trugeriſche Freudenfeſt gedauert, am ſechſten riß ſchon die duͤnne Blumenhuͤlle, welche den Abgrund ver⸗ deckte, und zwei Tage darauf ſtürzte ſie ein, und Tauſenbe fanden rettungslos den Tod. um eilf Uhr Morgens, Freitags den 22. Au⸗ guſt, kehrte Coligni aus dem Louvre, wo er den König, den Herzog von Guiſe und ſeinen Schwie⸗ gerſohn Deligny geſehen, nach der Straße Betiſi, wo er ſeine Wohnung hatte, begleitet von zwei bu Saeti Edelleuten und einigen— zurid. Er hatte ſo eben einen Brief erhalten, ihn entfaltet und ſchritt leſend langſam vorwaͤrts. Da fallt aus einem kleinen Hauſe, an welchem er voruͤber geht, ein Schuß auf ihn, welcher ihm mit zwei Kugeln den Mittelfinger der rechten Hand und das Gelenk des linken Ellenbogens zerſchmettert. Erſchrocken ſte⸗ hen ſeine Begleiter; ruhig zeigt er auf das Haus und ſagt:„daher kam der Schuß;“ man dringt hinein, findet es aber menſchenleer bis auf eine Magd, welche, des Vorfalls unwiſſend, berichtet, das Haus gehore einem Stiftsherrn von St. Germain lAuxer⸗ ½ rois, Namens Villemeure,— ein Mann, welcher ſonſt Hofmeiſter des Herzogs von Guiſe geweſen war* — und ſei der Dienerſchaft des Herzogs zum Auf⸗ enthalt angewieſen. Der Koͤnig, von dem Vorfall augenblicklich un⸗ terrichtet, kam in die groͤßte Wuth und ſchwur mit graͤßlichen Fluͤchen, dieſen meuchelmoͤrderiſchen An⸗ griff auf das Strengſte zu raͤchen. Alle Calviniſten geriethen in Angſt und viele ſchlugen vor, ſich uͤber die Seine hinuͤber in die Vorſtadt St. Germgin zu⸗ ruͤckzuziehen;, doch Coligni baute auf des Königs Rechtlichkeit, der ihn ſogleich mit Navarra und Condé beſuchte und der ſchmerzlichen Operation beiwohnte. Die letztgenannten beiden proteſtantiſchen Fuͤrſten ba⸗ ten den Koͤnig um die Erlaubniß, ihrer Sicherheit wegen ſogleich Paris verlaſſen zu duͤrfen, aber Karl gelobte ihnen Sicherheit mit Koͤnigswort und bat ſie zu bleiben, damit ſie Zeugen der ſtrengen Ah⸗ 12* —————— — 180— nung des Verbrechens ſein könnten. Des Konigs Theilnahme an Coligni's Unfall ſchien wahrhaftig; auch Katharina ſtellte ſich ſehr entruͤſtet und bekuͤm⸗ mert daruͤber. Dieſer Anfall auf den Abmiral lag gewiß nicht in ihrem Plane, und ſie hatte vorher nichts davon gewußt. Zur Verfolgung des Moͤrders wurden die ernſtlichſten Anſtalten getroffen und gegen den Herzog von Guiſe ein Verhaftsbefehl erlaſſen, ſo daß er ſich verbergen mußte. Alle Thore wurden geſchloſſen. In der heftigſten Unruhe vergingen zwei Tage; am erſten hatte der Koͤnig und ſeine Mutter den Admiral auf ſeine Bitten beſucht, die Aerzte ver⸗ ſprachen Coligni's Herſtellung. Noch am ſelbigen Tage hielten die vornehmſten der Proteſtanten eine Verſammlung, um ſich uͤber das, was ſie nun zu thun hätten, zu berathen, aber ihre Anſichten waren ſo verſchieden, daß ſie zu keinem Reſultat kamen. Doch Katharina hatte beſchloſſen; mit dem Herzog von Guiſe und dem Herzog von Aumale, die Beide verkleidet und maskirt bei ihr waren, hatte ſie den teufliſchen Plan ausgedacht; der Marſchall Retz wurde dann davon untertichtet. Man bedurfte nur noch der Einwilligung des Koͤnigs, und dieſe ſchien bei ſeinen an den Tag gelegten Geſinnungen ſchwer zu erlangen, denn mit Ernſt drang er auf Guiſe's Ver⸗ folgung und Beſtrafung, mit Ernſt war er dem Ad⸗ miral liebend zugethan. Schon nahte der Abend, da trat Marſchall Retz — 181— in des Koͤnigs Zimmer und ſpiegelte ihm mit der ſchlaueſten Verſchmitztheit vor, wie unter den Huge⸗ notten eine Verſchwoͤrung gegen ſein Leben entdeckt worden, wie er und das ganze Haus Valois ein Opfer des Todes und Paris in wenigen Stunden ein Schlachtfeld ſei, wenn er dieſem Beginnen nicht zuvorkomme und die Blutlechzenden ſelbſt dem Tode weihe. Der Koͤnig erſchrickt, iſt aber noch unſchluͤſ⸗ ſig, da tritt ſeine Mutter herein und vollendet durch teufliſche Ueberredungskunſt, was der Marſchall be⸗ gonnen. Der Schwaͤchling giebt ſeine Einwilligung zum Mord des Admirals, der Edlen, die er liebte, die ſeine Freunde waren, und von tauſend guten Menſchen. Nach eingenommenem Abendeſſen ſtieg der unmenſchliche, charakter- und gefuͤhlloſe Koͤnig in ſeine Schmiedewerkſtatt hinab und brachte die Zeit bis zur verhaͤngnißvollen Stunde mit Schmieden zu, waͤhrend ſeine Mutter und ihre Gehuͤlfen die ſicherſten Anſtalten zum Blutbade trafen. Ceſar war ſeit dem Anfalle auf den Admiral ſeines Gebieters nicht wieder anſichtig geworden; er wußte nichts von deſſen heimlichem Verſteck, aber aus der Kälte, mit welcher er ſich ſeit Kurzem vom Herzog behandelt ſah, aus der Zuruͤckſetzung, die er erfuhr, aus den Heimlichkeiten, die man gegen ihn hatte, ahnete er nichts Gutes fuͤr die Calviniſten. Sein Vater hatte aus einzelnen Andeutungen des Marſchalls ſchon mehr ſchließen koͤnnen. Vater und Sohn vernahmen an jenem Abend, daß der Bur⸗ — 182 germeiſter von Paris, der Volksrepräſentant, die Viertelsmeiſter und die Schoͤppen, auch die Schwei⸗ zerhauptleute in das Louvre gefordert und ihnen wichtige Dinge, vermuthlich gegen die Hugenotten, anbefohlen worden ſeien. Beide theilten ſich ihre Angſt mit und eilten zu ihrer Familie, um ſie in Sicherheit zu bringen, doch kamen ſie uͤberein, keinem etwas von der nahen Gefahr zu entdecken, um ſie nicht mit Angſt zu quaͤlen. Ceſar uͤbernahm es, fuͤr des Obriſten, fuͤr Mariens und ihres Ge⸗ mahls Sicherheit zu ſorgen, du Froiſſet aber wollte den greiſen Vater, Charlot und Madelon ſchuͤtzen. n Ceſar theilte ſeinen Schuͤtzlingen mit, was er fuͤr gut fand, und uͤberredete ſie, ihm in der Dunkelheit der Nacht nach dem Hotel des Herzogs verhuͤllt zu fol⸗ gen. Dort brachte er ſie in einen ſichern Verſteck, wo Niemand Hugenotten vermuthete. Du Froiſſet wollte ſeine Partei in dem Hotel des Marſchalls Gondi⸗Retz eben ſo verbergen. Doch noch vor An⸗ bruch der Nacht war Charlot ausgegangen, um ei⸗ nige Freunde zu beſuchen. Es dunkelte, er kehrte nicht wieder, es verrann eine Stunde um die an⸗ dere, und du Froiſſets Seele uͤberwaͤltigte eine unge⸗ heure Angſt. Die Zeit dräͤngte furchtbar, auf den Straßen zeigten ſich ſehr unheimliche Bewegungen; der Kammerherr beſchloß alſo, Charlot aufzugeben, um wenigſtens Vater und Schweſter zu retten, und ſie nach dem ſicheren Orte zu fuͤhren. Aber ſeine Hef⸗ tigkeit verrieth ihn; Henriette flehte ihm das entſetzliche —— Geheimniß ab, und alle Qualen der Verzweiflung fullten nun ihr Herz, da ſie den Gemahl in ſolcher Gefahr wußte. Sie ſchwur, ihre Wohnung nicht ohne ihn zu ver⸗ laſſen und an keine Sicherheit ihrer Perſon zu den⸗ ken, wenn ſie nicht mit ihm vereint fliehen könne. Ihr Jammer zerſchnitt des Vaters wie des Bruders Herz, und der letzte gab endlich ihren Bitten nach, mit Dienern des Marſchalls und geſchützt von die⸗ ſen, auszugehen und den Bedrohten außzuſuchen, ehe das Ungewitter losbreche. Der Kammerherr ver⸗ riegelte die Thuͤren und verließ ſic. Aber vergebens war ſein Gang, denn er wurde von herumſtreifenden Patrouillen aufgehalten, und jeder— zu ent⸗ rinnen, war unmoͤglich. Die fuͤrchterlichſte Angſt h dir gutuch gebliebenen; Henriette will beten, ſie vermag es nicht. Da ſchlaͤgt die verhaͤngnißvolle Fruͤhmetten⸗ glocke auf dem Thurme der Abtei St. Germain 'Aurerrois und die Sturmglocken von Paris heulen das graͤßliche Signal zum unerhoͤrteſten Meuchel⸗ morde. Der Herzog von Guiſe ſtand an der Spitze der Blutgierigen und Coligni fiel als das erſte Opfer ſeiner Rache. Nachdem ſein Leichnam gemiß⸗ handelt war, wälzte ſich die entmenſchte Rotte durch die Straßen und mit ihr der blutige Mord. Die edelſten Calviniſten fielen. Sie wurden im Schlaf uͤberfallen und gemeuchelt. Alle Thüren der Haͤu⸗ ſer, wo Hugenotten wohnten, wurdem“ Aufgoſchlagon und das Verderben hatte dann freit Bahn. Die — 184— Haͤuſer der Katholiken wurden mit Fackeln erleuchtet, ſo hatte es der geheime Rath der Koͤnigin Mutter angeordnet. Unter denen, die gleich anfangs von den Streichen der Barbaren fielen, waren der greiſe Buͤrgermeiſter und ſeine Tochter Henriette. Ihr letztes Wort war:„Theophile!“ und ſie ſtarb in der Ueberzeugung, daß ihr Gemahl ihr vorangegan⸗ gen ſei. Immer graͤßlicher tobte das Scheuſal des Meuchelmordes durch die zur Hoͤhle des Tiegers umgewandelte Stadt. Ein feuerblickender Rieſe mit Dolch und Schwert bewaffnet und mit Blut triefenden Locken geſchmuͤckt, wandelte der Schrecken durch die Straßen. Die Sonne ſchien entſetzt zu⸗ ruͤckzubeben, als ſie die Blutſtröme und Leichenhau⸗ fen am anbrechenden Morgen des 24. Auguſt er⸗ blickte. Vierzehntes Kapitel. Weibergemüth, Aprilwetter, Herrengunſt und Roſenblätter, Würfel, Karten⸗ und Federſpiel WVerkehren ſich oft, wer's merken will. Altdeutſches Reimſprüchlein. Charlot ging Abends vorher am Louvre voruber, um nach Hauſe zuruͤckzukehren. Da ſah er aus dem Thore deſſelben eine große Menſchenſchaar ſtro⸗ —..— —,— — 185— men, hoͤrte unheimliches Gefluͤſter und manches Schrecken erregende Wort. Begierig zu erfahren, was es ſo ſpaͤt noch im Hofraume der Koͤnigsburg gaͤbe, ſchlich er hinein. Doch er ſah nichts als ein⸗ zelne Menſchen uͤber die Flaͤche in verſchiedenen Rich⸗ tungen hineilen, obgleich es ihm war, als vernaͤhme er Waffengeraͤuſch. Im Begriff, wieder umzukehren, ſah er des Koͤnigs Werkſtätte erleuchtet; unwillkuͤhr⸗ lich kam er naͤher hinzu und vernahm freudig uͤber⸗ raſcht die ruͤſtigen Hammerſchlaͤge. Nachſinnend wurzelte er an dem Boden, und ſtarrte nach den wohlbekannten Fenſtern, ſah die Funken aus der Eſſe fliegen, und alle Erinnerungen aus der Zeit, wo er dort oben an der Seite des Koͤnigs geſtanden und geſchmiedet, ſtiegen in ſeiner Seele auf und nahmen ſie ſo ganz ein, daß er das Nachhauſegehen daruͤber vergaß. Ploͤtzlich fuͤhlte er ſich von hinten gefaßt und unangenehm aus ſeinem Bruͤten geriſſen. Raſch wandte er ſich um, und Carolo Bretano, des Koͤnigs Hofnarr, leuchtete mit einer Fackel ins Geſicht. „Ei, Signore von Trebiſonde!“ rief der Ita⸗ liener, ſeinen fruͤheren Collegen ſogleich erkennend, „habt Ihr auch etwa wieder etwas zu ſchmieden da oben? Kommt, ich will Euch. vorleuchten, damit Ihr den Weg nicht verfehlt.“ Theophile ahnete aus des Kammerdieners teuf⸗ liſch haͤmiſchen Blicken Boͤſes, und erwiederte kurz: 186 „Ich habe nichts bei des Koͤnigs Vaſie zu ſu⸗ chen,“ und wollte ſich entfernen. „Halt, Signore Henrico, ſo leicht laͤft man die Voͤgel nicht aus dem Netze, in welche ſie von ſelbſt flogen. Seht doch, vielleicht hat die Majeſtät deſto mehr bei Euch zu ſuchen. Kommt nur her.“ Theophile wollte ſich noch weigern, doch kaltblutig ſagte der Italiener:„Wenn Ihr mir nicht gutwil⸗ lig folgt, ſo rufe ich dort den Hauptmann von Vil⸗ loniers, Euren alten guten Freund, der Euch dann in Proceſſion nach der Schmiedeeſſe bringen wird.“ Charlot ſah, daß nicht auszuweichen war, darum faßte er Muth, befahl Gott ſeine Seele und ſchritt die Stufen hinauf. Als der Kammerdiener die Thuͤre der Werkſtatt oͤffnete, muͤhte ſich der Koͤnig eben ab, die Schraube zu einer langen en Buͤchſe zu ſchneiden. „Hier bring' ich den alten Gehüfen, Majtſtir, 5 rief der Hofnatr frohlockend. Der Koͤnig ſah ſich um, erkannte Charlot, blieb einen Augenblick nach⸗ ſinnend ſtehen und ſagte dann raſch:„Gut, guth daß Du kommſt, Henrico! Bei allen Teufeln, Dein einziges Gluͤck, zu mir zu kommen! Schneide mir ſchnell die Schraube in die Buͤchſe, ſetze ſie mir auf den Schaftz ich brauche ſie noch dieſe Nacht!“ Bereitwillig wärf Theophile ſein Obergewand ab, ſtreifte die Hemdermel auf, nähm ein Schurzfell des Königs vor und begann die Arbeit unverdroſſen; bald war ſie vollendet. War' ihm doch, als ſei —— Alles, was er ſeit jener Zeit, da er hier 8 erlebt, nur ein Traum. „Brav, mein Junge!“ rief Karl kindiſch freu⸗ dig.„Ich wußte wohl, daß Du in Paris ſeiſt,“ ſagte er dann vertraulich;„ich hatte Dich ja in den Reihen der Hugenotten erkannt, und nun hoffte ich ſtets, Du wuͤrdeſt zu mir kommen, und da Du nicht kamſt, war ich boͤſe auf Dich. Es war ein⸗ mal eine Zeit, haͤtt' ich Dich da ſo gehabt, wie jetzt, Mordelement! ich haͤtte Dir einen gluͤhenden Eiſen⸗ ſtab durch den Leib geſtoßen. Aber jetzt, gerade heute Nacht bin ich Dir wieder recht herzlich gut, mein Junge. Jetzt war's aber auch die hoͤchſte Zeit und der Himmel ſelbſt hat Dich zu mir gefuͤhrt. Ich bin nun auch gar nicht boͤſe mehr auf Dich, Du warſt ja des Admirals Knecht und mußteſt thun, was er Dir hieß. Dafuͤr ſtirbt er dieſe Nacht und Du bleibſt leben. Kein Haar ſoll Dir gekruͤmmt werden.“ „Wie, Sire? Ihr erſchreckt mich!“ „Sei ruhig, mein Sohn! Mit Eurer verdamm⸗ ten Hugenottenbrut iſt's aus in dieſer Nacht. Ver⸗ halte Dich nur ganz ruhig in der Werkſtatt, hier wird Dir kein Finger wehe thun, und morgen wirſt Du ein guter Katholik und wieder mein Gehuͤlfe.“ Damit verließ der Koͤnig den angſtvoll Be⸗ draͤngten und keine Bitte vermochte die Majeſtät, ihn zu entlaſſen; vielmehr verſchloß der Monarch die Thuͤren ſelbſt und ließ den Verzweifelnden allein, der —— in ſeinem Kerker die entſetzlichen Toͤne der Blutrich⸗ ter und ihrer Opfer dumpf vernahm und Martern uͤber alle Beſchreibung erduldete. Im Louvre ſelbſt raſten die Furien des Mordes; uͤber zwei hundert Edelleute, die ſich hineingerettet, fanden ihren Tod unter den Augen des Königs, welcher den auf die Ungluͤcklichen feuernden Schweizern ſtets zurief, keines Ketzers zu ſchonen. Erſt am Abend des folgenden Tages hoͤrte Theophile den Donner der Gewehre nicht mehr ſo laut. Da wurde ploͤtzlich die Thuͤre der Werkſtatt geoͤffnet und du Froiſſet erſchien, um den armen Gefangenen aus der peinlichſten Lage zu be⸗ freien. „Durch Bretano weiß ich Euren Aufenthalt,“ ſagte der Kammerherr;„der Koͤnig hat Euer vergeſ⸗ ſen, nehmt dieſe Dienerkleidung und folgt mir raſch.“ Charlot fragte nach ſeinen Angehoͤrigen, doch gab ihm du Froiſſet keine befriedigende Antwort und trieb ihn zur Eile. Bald war die Umkleidung voll⸗ endet und Charlot ſchritt hinter dem Kammerherrn her, deſſen Mantel, Degen und Dolch tragend. Der Hof verſammelte ſich eben, um das Wunder eines zum zweiten Male bluͤhenden Weißdornſtrau⸗ ches auf dem Kirchhofe der heiligen Innocenz zu beaugenſcheinigen, welches die Pfaffen als das Sym⸗ bol der wieder aufbluͤhenden wahren Kirche nach dem Untergange der Ketzer ausſchrieen, und wo ein un⸗ geheurer Menſchendrang war. Unter dem Schleier der Daͤmmerung und im Dienerrocke entkam Char⸗ lot, dem Kammerherrn folgend, als wie zur Die⸗ nerſchaft des Hofes gehoͤrig. Auf dem Kirchhof an⸗ gelangt, blieb er auf einen Wink du Froiſſets zuruͤck, und ſogleich faßte ihn Ceſar am Arm, der ihm von weitem gefolgt war. Eilig zog dieſer den Ermatteten mit ſich fort, um auch ihn zu den Geretteten in Sicherheit zu bringen. Als ſie um eine Straßen⸗ ecke bogen, bruͤllte ſie plotzlich eine graͤßliche mordgie⸗ rige Stimme an:„Wer ſeid Ihr? Looſung!“ „Freunde des Koͤnigs von Frankreich und ka⸗ tholiſche Chriſten!“ entgegnete Ceſar. „Schurke, Du luͤgſt! Ihr habt zwar die Ko⸗ karde, ſeid aber doch Ketzer!“ rief der Andere und ſtieß mit einem Dolche nach ihm, doch Charlot, wel⸗ cher die Stimme zu erkennen meinte, entwaffnete den Ungeſchickten, und Ceſar rannte ihm den Degen durch den Leib. In dem Augenblick zogen einige Mordgeſellen mit einer Fackel voruͤber, und die fluͤch⸗ tigen Rocheller erkannten Maurice André's Geſicht. Sterbend waͤlzte er ſich auf dem Boden und hauchte unter Verwuͤnſchungen ſeine ſchwarze Seele aus. „Ewige Vorſicht!“ rief Ceſar,„dieſes Scheu⸗ ſal hat viele Verbrechen auf ſich geladen, denn er verrieth Gaſtine; und mich mußte Gott meiner un⸗ bewußt zum Werkzeug der Rache machen!“ Ueber Leichenhaufen hin ging ihr Weg; das Morden dauerte immer noch fort, obgleich ein He⸗ rold Ruhe in der Stadt angeſagt hatte. In einem verſteckten Keller des Palais Guiſe — 190— brachten die von der Familie Uebriggebliebenen ſechs volle Tage zu, von Ceſar Nachts mit Lebensmitteln verſorgt und von allem Graͤßlichen, was ſich zugetragen, unter⸗ richtet; hier beweinten ſie auch des Vaters und Hen⸗ tiettens Tod. Ceſar hatte die geliebten Leichen ſelbſt gefunden und fuͤr ihre Beerdigung Sorge getragen⸗ Hier vernahmen ſie, daß Ceſar noch am Abend vor dem Blutbade Jeannetten in das Kloſter zu ſeiner Schweſter gerettet habe, und ein Tropfen Freude fiel in den ungeheuren Becher voll Schmerz⸗ In der ſechſten Nacht fuͤhrte Ceſar die trauernden Men⸗ ſchen aus ihrem Verſteck; ſein Vater hatte Pferde und Wagen beſorgt, ſie trafen ihn mit Louiſen und Jeannetten in der Vorſtadt St. Denis bei einem Freunde. Die Gefühle des Wiederſehens zwiſchen Charlot und Louiſe d'Alban wurden von der allge⸗ meinen Traurigkeit und dem großen Schmerz uͤber die erlittenen Verluſte nur zu Thraͤnen, aber auch ſie zeugten von ihrer Liebe. Was die Ueberredungs⸗ gabe des greiſen Vaters nicht uͤber du Froiſſet ver⸗ mocht, hatte nun die Grauſamkeit der Katholiken bewirkt; er trat aus der Gemeinſchaft einer Kirche, die ſolche Graͤuel gut heißen konnte, er kehrte zu den Calviniſten zuruͤck, nahm ſeines Hauſes Namen wieder an, und floh mit der Familie, zu der er ge⸗ horte, aus Paris, In Chatillon fanden ſie Frau Joſephen mit der kleinen Henriette, deren Pflege ſich Louiſe gleich ausbedingte. Auch das Wiederfinden ihrer Eltern, das langerſehnte Schauen und Genie⸗ ßen der Mutter und Kinder hatte einen duͤſtern An⸗ ſtrich von Wehmuth. Joſephe fand den Geliebten ihrer Jugend, fand ihre Kinder wieder, aber ſie hatte den geliebten Bruder zu beweinen, denn auch der edle George d'Armeval war als ein Opfer des Fa⸗ natismus gefallen. Funfzehntes Kapitel. umblüht und umſchattet vom duftigen Flieder Sitzet, am Schooße das tändelnde Kind, Meiſter Schmieds Gattin im roſigen Mieder Mit lichtblauem Vande, ſo wie er es minnt. Der Meiſter im Schurzfell und Werkeltagskleide, Trocknend ſein glühendes Angeſicht, Stehet daneben und horchet voll Freude Dem, was zum Söhnchen das Mütterlein ſpricht. Der Schmied von F. E. Scherer. Aus la Rochelle kamen ſehr ſchlimme Nachrich⸗ ten; die Stadt war uͤberfallen, gepluͤndert, ange⸗ brannt und die Bewohner geſchlachtet worden. Dort⸗ hin zuruͤckzukehren war fuͤr die Fluͤchtlinge unmog⸗ lich, in Chatillon war die Familie auch keine Stunde 3 ſicher, und ſo entſchloſſen ſie ſich denn Alle, die Familie Gaſtine mit eingerechnet, nach der Nor⸗ mandie in Frau Joſephens Heimath zu wandern, wo der Fanatismus noch nie ſein bluttriefendes Storchs Fanatiker II. 13 Haupt erhoben hatte, und dort die Wendung der Dinge abzuwarten. Aber die Mittel zu ihrer Er⸗ haltung waren gering; ſie beſtanden in nichts, als der kleinen Kaſſe des Obriſten d'Alban; doch auf Gott vettrauend traten ſie die Reiſe an, und der ſie aus der Mordhoͤhle gerettet, fuͤhrte ſie auch gluͤck⸗ lich zum Ziele. Frau Joſephe fand einige von ih⸗ ren Geſchwiſtern auf, durch deren Verwendung Char⸗ lot eine Schmiedewerkſtaͤtte kaufte. Schon nach we⸗ nigen Tagen ſtand er hinter dem Ambos und ar⸗ beitete unermudet, denn er hatte fur viele Menſchen zu ſorgen. Seine vortrefflichen Arbeiten wurden bald geſucht und die Eſſe fuͤllte ſich mit Kunden und Geſellen. Der Oberſt und d'Audelant⸗Dathis gin⸗ gen in Niederlaͤndiſche Kriegsdienſte nach Flandern. Ceſars Vater pachtete ein Gut in der Naͤhe, ver⸗ maͤhlte ſich bald darauf mit Joſephen, welche ſich gut auf die Landwirthſchaft verſtand, und Beide leb⸗ ten bald ſorgenlos. Ceſar und Jeannette fuͤhrten mit dem Bruder das Geſchaͤft, welches nach einem Jahre zu einem ſtarken Eiſen⸗- und Kunſtwaaren⸗ handel erhoben war. Nach dieſem Jahre reichte auch Louiſe ihrem Geliebten die Hand vor dem Al⸗ tare. All' ſein wunderliches Sehnen war nun ge⸗ ſtillt. Er weihte Henriettens Andenken manche Thraͤne, hob ſein Tochterlein, ihr getreues Ebenbild auf den einen Arm, umſchlang ſein jugendliches Weib mit dem andern und rief:„So beſitze ich ſie doch beide und beide mußte ich ſie haben, ſollte mein S — — 193— Herz glͤcklich ſein.“ Sie beſchenkte den fleißigen Schmied mit einem Soͤhnlein; ihr Gluͤck konnte nicht mehr erhoͤht werden. Die wehmuͤthigen Klaͤnge aus der Vergangenheit gaben dieſem Gluͤcke ſogar einen uͤberirdiſchen Anſtrich. Waͤhnten ſie doch von den Geiſtern der Seligen ſich umſchwebt, wenn ſie ſich umſchlungen hielten. Chretien Gaſtine lernte das Schmiedehandwerk, vor welchem er große Achtung hegte. In der Folge kämpfte er aber unter den Fahnen Heinrichs von Nadarta; und als dieſer Koͤnig ſich auf den Thron Frantreichs geſchwungen hatte, erhielten unſere Ver⸗ triebenen alle ihre Guter wieder. In demſelben Verlage ſind nachſtehende Werke erſchienen. Bechſtein, Ludwig, die Haimonskinder. Ein Gedicht aus dem Sagenkreiſe Karls des Großen, in 4 Sängen. Mit 5 Vignetten broch. 1830. 1 Thlr. 12 gr. Cavalier, der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde, 3 oder Reiſe und Liebesgeſchichte eines vornehmen Deut⸗ ſchen von Adel, Herrn v. St***. Ehedem zuſammen⸗ getragen durch Herrn E. v. H. Jetzt aber zum Nutzen und zur Warnung von Jung und Alt von Neuem her⸗ ausgegeben, commentirt und gloſſirt durch den Stach⸗ lichten, weiland der hochlöbl. fruchtbringenden Geſell⸗ ſchaft Ehrenmitglied. 2 Theile. 1830. In Commiſ⸗ ſion. broch. 2 Thlr. 8 gr. Denkwürdigkeiten des Scharfrichters unter der Schreckens⸗ herrſchaft. Ein Beitrag zur Geſchichte der franz. Re⸗ volution von Gregoire. Nebſt einer Vignette. 1830. broch. 1 Thlr. 6 gr. Eſel, der todte, und das guillotinirte Mädchen. Ein Roman, frei aus dem franz. überſetzt von L. v. Alvens⸗ lehen. 1829. 18 gr. Gilblas, der ruſſiſche, oder abenteuerliche und roman⸗ tiſche Geſchichte des Jwan Wiſchygin, von Th. Bulgarin. Deutſch herausgegeben von A. Kaiſer. 3 Theile. broch. 1830. 2 Thlr. 8 gr. Gleich, Fr., 47 Jahre eines Revolutionsmannes, oder Leben und Abentheuer Hanet Clery's, während der Revolution, bei den Kriegen in Deutſchland und St. Do⸗ mingo und in Korſika. A. d. Franz. 2 ei Thlr. Hau⸗kiu⸗tſchoan, oder: die gleichmäßige Heirath. Ein chineſiſches Sittengemälde. Nach der franz. Bearbeitung übertragen von Mathias Weiſe. 1830. 1 Thlr. 3 gr. Herloßſohn, C., Hahn und Henne. Liebesgeſchichte zweier Thiere. Mit 25 Holzſchnitten von W. Green. 1830. Im farbigen Umſchlag broch. Fein Patentpapier 2 Thlr. 12 gr. Ordinaires—— 2 Thlr. Holtzendorf, Alb. Graf von, Beiträge zu der Bio⸗ graphie des Generals Freiherrn v. Thielmann und zur Geſchichte der jüngſt vergangenen Zeit. Zuſammen⸗ geſtellt und mit Aktenſtücken belegt. gr. 8. 1830. 1 Thlr. 12 gr. . 6