S S eipbibſiwthet g deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. O0fensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr oſfen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: f . für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 ——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Kyſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte. zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſett werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ . der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen B der Bücher nicht ſtattfinden darf. indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— ———— * Von Wien nach Vilagos. Hiſtoriſcher Roman. Von Ferdinand Ztolle. Dritter Band. Leitzig, Ernſt Julius Günther. 1866. Druck von Heinr. Mercy in Prag. Erſtes Kapitel. Inmitten von Weinbergen und anmuthigen Gärten, die im reichen Schmucke des Frühlings prangten, lag wie eine Perle in Smaragdgrün das freundliche Landgut Cetinja. Weit hinaus über die blühende Um⸗ gegend grüßten ſeine weißen Gebäude. Das ſchloßartige Herrnhaus war von drei Seiten von einem im engli⸗ ſchen Geſchmack angelegten Parke umgeben. Durch den⸗ ſelben zogen ſich zahlreiche ſchattige Gänge; Spring⸗ brunnen rauſchten und weiche Moosbänke luden zur an⸗ genehmen und beſchaulichen Ruhe ein. Ganz am Ende des Parks, von wo man die herr⸗ lichſte Ausſicht über das ganze Thal genoß, ſaß in einer dicht mit blühendem Jelängerjelieber umzogenen Laube die ſchöne Veronika. Ihr zu Füßen kniete Smiljana, die liebliche zweite Tochter des Centurio Ranko. Sie Stolle, Von Wien nach Vilagos. 11. 2 war liebkoſend bemüht, die Schwermuth der armen Ge⸗ fangenen zu verſcheuchen. „Willſt Du auch gar nicht wieder lächeln, Du holde Blume des Abendlandes?“ fragte im weichſten Tone Smiljana.„Siehe, ich habe Dich ſo lieb und Dein Weh bricht mir das Herz.“ „Mein gutes Kind“, erwiderte Veronika und glät⸗ tete mit weicher Hand das ſeidene Haar des holden Mädchens,„wie ſoll ich Dir danken für Deine Liebe; aber verlange nicht Unmögliches. Eine Unglückliche wie ich verlernt wohl das Lächeln.“ „Mein Vater“, tröſtete Smiljana,„gibt Dich ge⸗ wiß recht bald frei und ohne alles Löſegeld. Er liebt Dich gar ſehr, weil Du meiner Schweſter Aloyſia ſo ähnlich ſiehſt, nur daß Du viel ſanfter biſt als die Ge⸗ ſtorbene.“ „Ach“, ſeufzte Veronika,„um mich allein iſt es auch nicht. Ich fürchte ſelbſt den Tod nicht. Aber das Schickſal meines deutſchen Anverwandten bekümmert mich tief. Er war mir ſo lange Zeit ein treuer Pfleger und Be⸗ ſchützer; er wird ſich in tödtlicher Angſt meinetwegen befin⸗ den. Da er gewiß Alles aufbietet, meinen jetzigen Aufent⸗ halt ausfindig zu machen, wie leicht kann er den wilden Männern in die Hände fallen, die mich raubten. Sein Untergang iſt dann ſicher und ich ſehe ihn nie wieder.“ 3 Eine Thräne zitterte bei dieſen Worten in Veroni⸗ ka's Auge. Smiljana küßte die kleine weiße Hand ihrer deut⸗ ſchen Freundin. „Er ſteht ja“, tröſtete ſie,„in der Hand unſeres himmliſchen Vaters, und dieſer wird ſie ſchützend über ihn halten, ſchon um Deinetwillen, meine gute und liebe Veronika. Ich lebe der frohen Hoffnung, daß Du recht bald wieder mit ihm vereinigt ſein wirſt, um in Deine deutſche Heimat mit ihm zurückzukehren.“ Veronika ſchüttelte traurig das ſchöne Haupt. „Hoffe, hoffe“, fuhr Smiljana fort,„es wird noch Alles gut werden.“ Dann griff ſie nach ihrer Guszlicza, welches Inſtrument an der blühenden Wand der Laube lehnte, und mit der Hand leiſe in den Saiten flüſternd, fragte ſie:„Darf ich Dir nicht eins unſerer Volkslied⸗ chen ſingen, die Du ſo gern hörſt?“ Als Veronika beiſtimmend nickte, tönten die Saiten der Guszlicza lauter, und Smiljana ſang, aber mehr re⸗ citativartig: „An der Donau tiefem, kühlem Strome Saßen zechend dreißig edle Helden, Und den Wein credenzt ein ſchönes Mädchen. Wie ſie darreicht jeglichem den Becher, Faßt ein jeder, ſtatt des Silberbechers, Ihre weiße Hand, ſie zu umarmen. 1* 4 Doch das Mädchen ſträubt ſich, alſo ſprechend: „O führwahr, Ihr dreißig wackern Helden, Dienerin zwar bin ich Euer aller, Doch nur eines Liebchen kann ich werden. Nur des einen, der in Schmuck und Waffen, Angethan mit ſeinem Diwanmantel*), Von dem einen Ufer bis zum andern Durch der Donau dunkle Fluten ſchwimmt, Deſſen treues Liebchen will ich werden.“ Doch geſenkten Haupts die Helden alle Blicken ſchweigend auf den ſchwarzen Boden, Nur nicht Radoitza der Beherzte. Hurtig ſpringt er auf die ſchnellen Füße, Gürtet ſich mit ſeinen blanken Waffen, Hüllet ſich in koſtbare Gewande, Wirft darüber ſeinen Diwanmantel, Und ſo ſtürzt hinab er in die Fluten.„ Bald von einem Ufer bis zum andern Hat der kühne Schwimmer ſie durchmeſſen. Doch von jenſeits ſich zur Heimkehr wendend Taucht er plötzlich unter in die Wellen; Nicht alſo, weil ihm die Kraft berſagte, Sondern um das Liebchen zu verſuchen, Ob er ſich ein treues Weib erwärbe. Unterſinken ſieht ihn die Geliebte, Sieht's und eilt und wirft ſich in die Fluten. Eilig taucht der Jüngling aus der Tiefe und durchſchneidet raſch die dunklen Wellen, *) Der Mantel, den man in Serbien in der Rathsberſammlung trägt. — S Bis er angelangt bei der Geliebten, Und erfaßt ſie bei den weißen Händen Und geleitet ſie nach ſeinem Hofe.“ „War das nicht ein treues Liebchen?“ fragte Smil⸗ jana, nachdem ſie das Lied beendet. „Wohl“, erwiderte Veronika,„aber es blieb ihr auch nichts Anderes übrig, da ſie ja die Urſache war, daß ſich der Geliebte in Gefahr ſtürzte.“ Smiljana ſtimmte von neuem die Saiten und fuhr, in eine heitere Melodie übergehend, fort: „Mägdeleins ſpannen ſpät, Welche die ſchnellſte ſpann? Röschen am ſchnellſten ſpann, Lob bis zum Kaiſer drang, Sandt ihr'ne Spindel Flachs: „Spinne num, Röschen, ſpinn', Spinne mir Zelte draus, Und was Dir übrig bleibt, Linnen zum Brautgeſchenk, Bringſt Du's zu Hauſe mir, Wieget mein Arm Dich ein.“ „ Röschen, verſchmitzter noch, Sendet die Spindel ihm: „Schnitze nun, Kaiſer, ſchnitz'“, Schnitz mir den Webeſtuhl, Und was Dir übrig bleibt, Zimmre Dir Höfe draus, Zieh' ich da ſtattlich ein, Schlafe im Arm Dir ein!“ „Dieſes fleißige Röschen“, meinte Veronika,„war nicht nicht blos eine ſchnelle Spinnerin, ſondern auch um eine glückliche Antwort nicht verlegen.“ „Aller guten Dinge ſind drei“, fuhr Smiljana fort und ſang: Ein leiſes Lächeln umſpielte nach Beendigung dieſes Liedes zum erſten Male die Wangen Veronika's und ſie ſprach leiſe:„Alſo mag wohl manche unſerer Schweſtern „Mädchen ſtand auf Bergeshöhn, Ueber die ein milder Schimmer Sich ergoß von ihrem Antlitz. Zu ſich ſelber ſprach ſie alſo: O du Antlitz, meine Sorge, Wenn ich wüßte, weißes Antlitz, Daß dem Kuß des welken Alten Dich ein hartes Loos beſchieden, Wollt' ich flugs im grünen Walde Allen bittern Wermuth pflücken, Mit dem bittern Saft dich baden, Daß der Kuß dem Alten bitter. Aber wüßt' ich, weißes Antlitz, Daß dem Kuß des jungen Gatten Dich ein ſchönes Loos beſchieden, Wollt' ich flugs im grünen Garten Alle rothen Roſen pflücken Und mit ihrem ſüßen Waſſer Dich, du weißes Antlitz, baden, Daß dem Kuß des holden Gatten Lieblich du entgegendufteſt.“ — im Stillen denken. O fahre fort, Smiljana, mit Deinen lieblichen Liedern.“ Die Tochter des Centurio war ganz glücklich, als ſie Veronika lächeln ſah. Sie hielt es jetzt für Pflicht, mit ihren Liedern fortzufahren. Von neuem erklang die Guszlicza in heitern Tönen. Der Text lautete: „O Du Mädchen, o Du rothe Roſe, Nicht gepflanzet, nimmer auch verſetzet, Nicht mit kühlem Waſſer je begoſſen, Nicht gepflückt, die Keinem noch geduftet, Nicht geküſſet, nimmer noch geherzet, Könnt' ich nur Dich Seelchen einmal küſſen!“ „Lieber Junge, kannſt es wohl nach Wunſche, Stößt mein Garten doch an Deine Wieſe. Kommen würd' ich, Blumen zu begießen, Und Du kämſt, die Roſe loszubinden, Küßteſt, Lieber, mich dann wohl nach Wunſche, Müßteſt nur mir nicht die Wange beißen, Daß die Mutter nicht das Zeichen merke.“ Smiljana ſchloß ihre geſanglichen Mittheilungen mit dem naivkomiſchen Liedchen: Mägdlein betet am Georgentage: „Sanct George, wenn Du wiederkehreſt, Finde mich nicht mehr bei meiner Mutter, Find' vermählt mich oder in dem Grabe, Lieber doch vermählt als in dem Grabe.“ Während aber die beiden Mädchen ſich auf die erwähnte Art unterhielten, ſaß in einem der Gemächer 8 des Herrnhauſes der Centurio Ranko und vernahm in finſterm Hinbrüten den Bericht ſeines bisherigen Adju⸗ tanten Gocko, welcher letztere ſich mit äußerſter Lebens⸗ gefahr vor den verfolgenden Magharen aus Siebenbürgen nach Serbien gerettet hatte. Der Centurio, nachdem er ſich bereits früher von der Unmöglichkeit, den Ungarn auf rumäniſchem Gebiete wirkſamen Widerſtand zu leiſten, überzeugt, war mit der gefangenen Veronika und wenig Getreuen auf ſeine ſerbiſche Beſitzung Cetinja zurück⸗ gekehrt. Seinem Adjutanten, der in einem der letzten Treffen von ihm getrennt worden, war es endlich ge⸗ lungen, Cetinja ebenfalls zu erreichen. Er ſtattete ſeinem ehemaligen Oberſten ausführlichen Bericht ab über die vollſtändige Niederlage des walachiſchen Aufſtandes. Nachdem er mitgetheilt, wie auch die letzte Decurie zerſprengt worden und in die Heimat gelaufen ſei, ſprach Ranko: „Ich habe es vorausgeſehen. Dieſe Raizen, die ſich die Nachkommen der alten Dacier und Römer nennen, ſind keine Soldaten, ſondern zuchtloſe Räuber und Mord⸗ brenner. Was hilft es, daß es unter ihnen noch verein⸗ zelte Familien gibt, auf die das geſpenſtiſche Andenken des vergangenen Ruhms von Geſchlecht zu Geſchlecht ſich fortgepflanzt hat, daß es unter ihnen Leute gibt, die jetzt noch nachweiſen können, wo das alte Sarmi⸗ * — ———————— — 9 zegethuſa geſtanden und welcher Wald heutzutage auf der vergangenen Herrlichkeit grünt, welche Stadt ferner erbaut ſteht, wo Decebal das gewaltige Heer des Feindes vernichtete. Herr des Himmels, was iſt aus dieſem Volke, den Nachkommen der welterobernden Legionen geworden! Was iſt aus ihm geworden? Ein Volk, das nichts hat, unter dem kein befähigter Menſch ſich befindet, kein ge⸗ lehrtes Haupt, unter welchem der dritte Mann den Namen Pope führt und von dem doch kaum der Hundertſte leſen kann, ein Volk, das ausgeſchloſſen iſt von allen Aemtern, das elend lebt nach ſchweißtriefender Arbeit, das nicht einmal eine namhafte Stadt ſein nennen kann im eigenen Vaterlande Ich hatte in der That mehr von ihm verhofft, als ich mich mit an ſeine Spitze ſtellte. Ich hoffte einen tüchtigen Bundesgenoſſen zu finden für die Serben, um gemeinſchaftlich den nationalen Ueber. griffen der Magharen entgegenzutreten. Ich habe mich getäuſcht, vollkommen getäuſcht. Ja, ich kann jetzt, nach den gemachten bittern Erfahrungen, ſelbſt dem Ausſpruche des tapfern Generals Damjanies nicht mehr Unrecht geben, welcher ausgerufen haben ſoll:„Ich bin ſelbſt ein Raize, aber dieſes Volk muß von der Erde ausgerottet werden. Und bleibe ich zuletzt allein übrig, werde ich mich erſchießen um den letzten Raizen zu vertilgen.““ Gocko, von Geburt ebenfals ein Serbe, der auch 10 hinreichend Gelegenheit gefunden, die Raizen kennen zu lernen, pflichtete ſeinem Centurio vollkommen bei. „Du haſt Recht“, ſprach er.„Selbſt durch die ſtrengſte Kriegszucht war in dieſe verwilderten Banden keine Ordnung, noch irgend eine Art militäriſcher Ein⸗ heit zu bringen. Ich habe, als ich nach Deiner Abreiſe das Commando übernommen, ſie zu Dutzenden füſiliren laſſen; half Alles nichts, ſie fuhren fort zu rauben, und kam's zum Gefecht, lief in der Regel die Hälfte feig davon.“ „Da lob' ich mir doch meine Serben“, ſprach der Centurio,„wenn ſie auch hinſichtlich des Mein und Dein weniger ſerupulöſe Anſchauungen beſitzen als die nach Abend hin wohnenden Völker und auch an Kriegs⸗ erfahrung den Magharen nachſtehen, ſo haben ſie ſich doch im Ganzen recht wacker geſchlagen und ihrem Vater⸗ lande wenigſtens keine Schande gemacht. Wir haben vor der Hand allerdings der maghariſchen Uebermacht weichen müſſen und auf mein eigen Gebot iſt der größte Theil unſerer Streiter zu ſeinen heimatlichen Beſchäfti⸗ gungen zurückgekehrt. Nur vereinzelte Abtheilungen, die meinem Rathe nicht gefolgt ſind, ſchweifen noch herum, um währſcheinlich nächſtens aufgerieben zu werden. We⸗ nigſtens hat infolge unſeres Aufſtands der Maghareunſere Widerſtandskraft kennen und vielleicht auch achten gelernt.“ 11 Gocko brachte das Geſpräch auf Veronika. „Wie gedenkſt Du es“ fragte er,„mit der gefange⸗ nen ſchönen Deutſchen zu halten?“ „Dies arme Kind dauert mich“ erwiderte der Cen⸗ turio.„Wie angelegen wir es uns auch ſein ließen, ihm die Gefangenſchaft ſo erträglich wie möglich zu machen, fühlt ſich das Mädchen doch tief unglücklich, wahrſchein⸗ lich weniger wegen ihrer eigenen Perſon, der ja kein Leid geſchieht, als wegen der zurückgelaſſenen Ihrigen, von welchen ſie auf ſo gewaltſame Art getrennt worden iſt. Und gleichwohl kann ich ſie jetzt noch nicht freigeben, bevor ich nicht die Gewißheit habe ſie ungefährdet nach der Heimat gelangen zu laſſen. Das Mädchen, das ſanfte Ebenbild meiner heldenmüthigen Alohſia, iſt mir zu lieb, um es auch nur entfernt einer Gefahr auszu⸗ ſetzen. Auch kann ſie mir nicht ganz ohne Nutzen ſein bei Answechslung unſerer kriegsgefangenen Landsleute, hinſichtlich welcher ich mit den Magharen dermalen in Unterhandlung ſtehe. Zu tiefer Bekümmerniß muß ich geſtehen, daß wir leider gar keine Gefangenen gemacht haben, da unſere Soldaten keinen Pardon gaben, wäh⸗ rend die Magharen in dieſer Hinſicht weit menſchlicher verfuhren.“ Ein Diener trat in das Zimmer und meldete, daß man ein Stündchen vom Gute zwei Pilger aufgegriffen 12 habe, die beide keine Magharen ſeien, die ſich aber durch ihr Benehmen der Spionage höchſt verdächtig machten. „Knüpft die Canaillen an den erſten beſten Baum“, rief der wilde Gocko; der Centurio aber wollte hiervon nichts wiſſen. „Führt ſie vor“, ſprach er,„ich will ſie wenig⸗ ſtens zuvor ſprechen. Beſtätigt ſich der Verdacht, dann habe ich nichts dagegen, daß man ſie aufknüpft.“ Nach kurzer Zeit ſtanden Edmund und Hippo⸗ lyt, beide in Pilgergewand gekleidet, vor dem Centurio. Nachdem an jenem Frühlingsmorgen, an welchem man die Landpartie nach dem ſchön gelegenen Karolinenthal unter⸗ nommen, die Schreckenskunde von der Entführung Ve⸗ ronika's im Erdbeerenwalde zu den Bewohnern von Bardy Caſtell gedrungen war, hatte man daſelbſt auf das ſchleunigſte alle nur einigermaßen waffenfähige Die⸗ nerſchaft aufgeboten und war den walachiſchen Räubern nachgeeilt. Graf Stanislaus hatte ſich ſelbſt an die Spitze geſtellt. Aber die Walachen auf ihren pfeilge⸗ ſchwinden Pferden hatten mit ihrer ſchönen Beute bereits einen zu weiten Vorſprung nach der ſerbiſchen Grenze gewonnen. Zu militäriſcher Verfolgung waren leider keine ungariſchen Truppen in der Nähe. Außerdem war es letztern auch noch in neueſter Zeit verboten, die ſer⸗ biſche Grenze zu überſchreiten, bevor nicht ſämmtliche —— * 13 walachiſche Banden auf ſiebenbürgiſchem Gebiet vernichtet wären. So blieb den Verfolgern nichts übrig, als, ohne ihren Zweck erreicht zu haben, nach Bardh⸗Caſtell zurückzukehren. Nur Edmund und Hippolht, die durch den Raub, den man an ihrem Schützlinge begangen, am härteſten be⸗ troffen waren, dachten an keine Rückkehr nach dem Schloſſe. Da ihnen keine weitere Macht zu Gebote ſtand, blieb vor der Hand nichts übrig, als wenigſtens den Ort ausfindig zu machen, wo die arme Veronika gefan⸗ gen gehalten wurde, um alsdann weitere Befreiungsver⸗ ſuche anzuſtellen. Sie verſchafften ſich Pilgerkleidung, um in dieſer Tracht ſo wenig wie möglich Aufſehen zu erregen. Sie durchzogen ruhelos und beſtändig von dem Gedanken an das Schickſal Veronika's gequält das Land der Serben in allen Richtungen, überall Er⸗ kundigungen nach dem geraubten Mädchen einziehend. Die äußerſte Vorſicht war hierbei nöthig, um keinen Verdacht etwaiger Spionage zu erregen. Letzteres war ihnen auch gelungen, bis ſie in die Nähe von Cetinja gelang⸗ ten, wo man ſelbſt dem von dem kroatiſchen Patriarchen aus geſtellten Geleitsbrief, den Edmund der Fürſorge des Paters Joſeph auf dem Martinsberge verdankte und der ihnen bisher unſchätzbare Dienſte geleiſtet, nicht traute, ſon⸗ dern die beiden Pilger gefangen nach Cetinja brachte, wo ſie vor den Centurio geführt wurden. Zweites Kapitel. Nachdem Etelka dem Gouverneur von Ungarn über die Wiener Miſſion Bericht erſtattet und ihre mannich⸗ fachen Befürchtungen hinſichtlich der bedrohlichen Lage des Landes ausgeſprochen, verabſchiedete ſie ſich, um zu Koſſuth's Mutter, bei der ſie Wohnung nahm, wenn ſie in Debreczin weilte, zurückzukehren. Koſſuth begleitete die Patriotin voll Aufmerkſamkeit und Freundlichkeit, nachdem er ihr für ihre opferfreudige Hingebung den Dank des Vaterlandes ausgeſprochen, bis zur Treppe. Er wollte ſie bis zum Wagen führen, der vor dem Hauſe hielt, aber Etelka lehnte dies ab. „Deine Zeit iſt koſtbar, Lajos“, ſprach ſie abweh⸗ rend,„jede Deiner Minuten gehört dem Vaterlande.“ Damit eilte ſie allein die Stiege hinab und durchſchritt die geräumige Hausflur. Hier wandelte der Portier mit großem ſilbernen Knopfſtocke und im dreieckigen Treſſen⸗ 15 hute gravitätiſch auf und ab. Etelka wollte ſo eben an ihm vorüber, als er ſich wandte, ſodaß ſein Geſicht deutlich zu erkennen war. Aber kaum hatte Etelka einen Blick darauf geworfen, als ſie einen Schrei aus⸗ ſtieß und einen Schritt zurücktrat. Der Portier, der ſie gleichfalls erkannt, ward bleich wie der Tod. Er wußte nicht, ſollte er ſich abwenden und thun, als ob er nichts geſehen habe, oder davonlaufen. Etelka war im erſten Augenblick willens, zu Koſſuth zurückzukehren, beſann ſich aber, und der Gedanke, daß doch wohl eine Täuſchung vorliege, trieb ſie nach ihrem Wagen. Etelka glaubte in dieſem Portier den Pflegeſohn ihres Wiener Gaſtfreundes, Franz Tüdok, der ſie in Wien den Kroaten überliefert und ihr ſpäter in dem Zigeunerlager des Vater Wamba ſo eifrig nachge⸗ ſtellt, wiedererkannt zu haben. Somit war dieſer Por⸗ tier aller Wahrſcheinlichkeit nach ein öſterreichiſcher Spion. „Ob es nicht das Beſte geweſen“, fragte ſie ſich, „wenn ich dieſen Böſewicht ſofort hätte feſtnehmen laſſen? Aber wenn ich mich dennoch geirrt hätte? Wie viele Ge⸗ ſichter ſehen ſich nicht einander ſprechend ähnlich? Jeden⸗ falls muß ich aber den Gouverneur davon in Kenntniß ſetzen. Da wird ſich zeigen, ob mein Verdacht begrün⸗ det iſt oder nicht.“ Sie nahm ein Blatt Papier aus 16 der Brieftaſche, ſchrieb mit Bleiſtift zwei Zeilen, ſchob es in ein mit Gummi verſchließbares Couvert, adreſſirte dieſes an Koſſuth, ließ den Wagen halten, und ein vor⸗ übergehender Unteroffizier ward gebeten, das Billet ſo⸗ fort an ſeine Adreſſe zu befördern. Etelka war in Gedanken noch mit dem ſo eben er⸗ lebten Abenteuer beſchäftigt, als Benno die Straße daherkam. Sie hatte ihren Freund und Beſchützer lange Zeit nicht geſehen. Jetzt konnte er ihr zu gar keiner ge⸗ legenern Zeit kommen. Der Wagen mußte nochmals halten. Sie rief den Vorübergehenden beim Namen, und alsbald ſaß der Gerufene hocherfreut an ihrer Seite. Nach den erſten Begrüßungen theilte Etelka auch ihr Erlebniß mit dem Portier und ihren Verdacht mit. Kaum hatte ſie aber den Namen Franz Tüdok genannt, als Benno aus dem Wagen ſprang. „Entſchuldigt, ſprach er,„hier iſt die höchſte Eile nöthig, wollen wir des Böſewichts habhaft werden.“ Mit dieſen Worten eilte Benno nach Koſſuth's Woh⸗ nung, während Etelka bald darauf bei deſſen Mutter abſtieg. Frau Koſſuth kam der Eintretenden auf das wohl⸗ wollendſte entgegen. Es war eine Dame mit bereits gebleichtem Haar, aber noch voll Lebendigkeit und 17 Grazie. Ihre Augen glänzten mit jugendlichem Feuer. Aus ihrem Antlitz ſprach die reinſte Güte. Sie ging ganz ſchwarz gekleidet. Als die Südſlawen ins Land gefallen, war ſie im Ständehauſe erſchienen, und in ſchwarzer Kleidung hervortretend, ſagte ſie mit feierlich erhobener Stimme, ſie werde dieſe Trauertracht nicht ablegen, bevor nicht das Vaterland gerächt und frei geworden. Im Zimmer befand ſich ihre jüngſte Tochter, deren Bekanntſchaft Etelka erſt ſeit kurzem gemacht hatte. Die junge Frau war bereits Wittwe und dermalen Vor⸗ ſteherin ſämmtlicher Hospitäler in Ungarn, in welcher Stellung ſie ſich die namhafteſten Verdienſte erwarb. Auch in politiſchen Angelegenheiten blieb ſie nicht ohne Einfluß.*) Als das Geſpräch auf Görgei kam, theilte Frau von Meßlenhi, dies war Name von Koſſuth's Schwe⸗ ſter, ganz die Anſicht und den Verdacht Etelka's. Letztere fühlte ſich nach den mehrwöchentlichen Stra⸗ pazen, Aengſten und Fährlichkeiten ungemein wohl in dem traulichen Familienkreiſe und in dieſen zwar nicht luxuriös, aber ſehr wohnlich ausgeſtatteten Räumen. An *) Dem Gouverneur von Ungarn lebten außerdem noch zwei ver⸗ heirathete Schweſtern, beide von ungemein ſanftem Charakter, die aller Politik fern blieben. Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1I 2 18 Stoff zur Unterhaltung konnte es nicht fehlen. Etelka mußte von Wien und den dortigen Zuſtänden erzählen. „Die Reaction“, ſagte ſie,„wirthſchaftet noch immer auf die unverantwortlichſte Weiſe. Man treibt förmliche Rachepolitik, und manches edle Leben iſt ihr zum Opfer gefallen. Den nach Kremſier verlegten Reichstag hat man aufgelöſt. Seine freiſinnigſten Sprecher ſchmachten im Kerker. Von einem conſtitutionellen Leben kann unter ſolchen Umſtänden natürlich keine Rede ſein.“ „Jetzt dürften wohl auch die Czechen einſehen“ ſagte Frau von Meßlenhi,„wohin ſie es mit ihren einſeitigen nationalen Beſtrebungen gebracht haben.“ „Viele der Gebildetern“ meinte Etelka,„ſehen dies auch ein und bereuen jetzt ihre unſelige frühere Politik. Sie haben unter der Reaction ſo gut zu leiden wie die Deutſchen, obſchon die letztern den Druck noch weit ſchwe⸗ rer empfinden. Darum ſchlugen auch alle deutſchen Herzen den ſiegreich vordringenden Ungarn hoffnungsreich entgegen. Alle hofften, Görgei werde als ihr Befreier erſcheinen. Sein hartnäckiger Sinn hat es allein verſchuldet, daß unſere Fahnen jetzt nicht auf dem Schloſſe zu Schön⸗ brunn wehen.“ „Dieſer Menſch“, ſprach im prophetiſchen Tone die Mutter Koſſuth's,„wird uns noch alle ins Verderben ſtürzen. Was hat ſich mein Sohn für Mühe gegeben, 19 ſeinen Starrfinn zu brechen! Aber Görgei iſt neidiſch auf meinen Sohn. Er ſelbſt will der Erſte ſein im Ungarnlande.“ „Und es zugleich mit dem Wiener Hofe nicht ver⸗ derben“, fügte Fran von Meßlenhi hinzu. „So iſt es“, ſprach Etelka.„Gott lenke ſein Herz, daß es wieder uneigennützig fürs Vaterland ſchlage; es kann dann noch Alles gut werden.“ Eine längere Pauſe folgte dieſer Unterhaltung. Jede der drei Frauen ſchien mit ihren eigenen Gedanken be⸗ ſchäftigt. Etelka unterbrach endlich die Stille, indem ſie ihr Abenteuer mit dem Portier mittheilte; aber kaum hatte ſie mit ihrer Erzählung begonnen, als Benno, der mit der Familie Koſſuth's ſehr befreundet war, haſtig ins Zimmer trat. „Entſchuldigt, wenn ich ſtöre“ ſprach er,„aber meine Nachricht iſt zu wichtig.“ Er wandte ſich zu Etelka. „Theuerſte Freundin, Ihr habt Euch in dem Ver⸗ räther nicht getäuſcht. Es iſt jedenfalls der Franz Tüdok. Wie ſehr ich mich beeilte, des Gouverneurs Wohnung zu erreichen, war doch von keinem Portier mehr etwas zu ſehen noch zu hören. Er iſt trotz aller Nachforſchung ſpurlos verſchwunden. In ſeinen hinterlaſſenen Hab⸗ ſeligkeiten, die man ſogleich mit Beſchlag belegt, haben ſich Papiere vorgefunden, die keinen Zweifel über ſeine * — 20 hieſige Miſſion aufkommen laſſen und ihn als öſterrei⸗ chiſchen Spion hinreichend kennzeichnen. Wie er es jedoch möglich gemacht, eine Portierſtelle in der eigenen Wohnung des Gouverneurs zu erhalten, iſt ſchwer zu begreifen. Es iſt aber ein Beweis von der Schlauheit und Verwegen⸗ heit dieſes Menſchen.“ „Gott im Himmel“, rief die Mutter Koſſuth's,„der Verrath in meines Sohnes nächſter Nähe!“ „Leider Gottes“, ſprach Benno,„doch ein Glück, daß der Böſewicht noch zeitig genug entdeckt worden. Alle Anſtalten, ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen, ſind getroffen.“ Zu Etelka gewendet, fuhr er fort:„Aber das iſt auch gewiß, daß Ihr der gute Genius Ungarns ſcid. Ohne Euch wäre dieſer Verräther ſicher nicht ſo leicht entdeckt worden.“ „Der Menſch“, meinte Etelka,„kann übrigens noch gar nicht ſo lange auf dieſem Poſten ſein, ſonſt würde er mir ſchon bei einem meiner frühern Beſuche bei Koſſuth aufgefallen ſein.“ „Erſt ſeit dem Sturme von Ofen hat er ſeinen Dienſt angetreten“, verſetzte Benno.„Er iſt von Klapka ſelbſt empfohlen worden. Der brave General wird Augen machen und mit ſeinen Empfehlungen künftig vorſich⸗ tiger ſein.“ 21 „Klapka“, ſprach die Mutter,„gleicht, was das Vertrauen zu den Menſchen anlangt, ganz meinem guten Sohne. Er beurtheilt ſeine Umgebung nach ſeiner eigenen edlen Geſinnung, und Mißtrauen und Verdacht liegen ihm fern.“ Benno fuhr fort:„Zugleich habe ich den geehrten Frauen die erfreuliche Mittheilung zu machen, daß ich von dem Gouverneur beauftragt bin, dieſelben für heute Nachmittag zu einer Spazierfahrt nach der Margarethen⸗ inſel einzuladen. Koſſuth wird ſich für ein paar Stunden frei machen, um einmal wieder friſche Landluft zu ſchöpfen, was ihm ſeit Wochen nicht vergönnt war. Auch wünſchte er gern noch ein wenig mit Etelka zu plaudern, da ihm noch manche Frage hinſichtlich der Wiener Zuſtände auf dem Herzen liegt.“ Die Frauen waren über dieſe Mittheilung hoch erfreut, da ſich Koſſuth in der dermaligen ſchwer bewegten Zeit nur ſelten eine kleine Erholung vergönnte. Wie Benno verkündigt, ſo geſchah es. Am ſelbigen Nachmittage hielt eine elegante Equipage, die ſich der Gouverneur von einem Magnaten geliehen hatte, da ſein eigener Wagen viel zu ſchwerfällig für die moraſtreichen Straßen Debreczins gebaut war, vor der Wohnung ſeiner Mutter. Der Gouverneur, nur von einem Adjutanten begleitet, der wie er ſelbſt bürgerlich gekleidet war, ſaß 22 darin. Der Wagen hatte bequem Raum für ſechs Perſonen. Als man die langen Straßen von Ungarns alter Hauptſtadt dahin fuhr, tönte von allen Seiten begeiſterter 1 Eljenruf. Zahlreiche Hüte und Kalpaks flogen in die Luft. Das Volk erkannte ſeinen großen und aufrichtigen Freund Ludwig Koſſuth. Kein Fürſt ſelbſt der beſte Landesvater, konnte von ſeinem Volke mit größerer Herzlichkeit em⸗ pfangen werden. 5 Als die kleine Geſellſchaft auf der anmuthigen Inſel angelangt war, ward in einem freundlich umgrünten Pavillon Thee eingenommen, worauf man in den an⸗ 7 muthigen Garten⸗ und Parkanlagen in freundlichem Ge⸗ plauder luſtwandelnd ſich erging und der erquickenden Landluft erfreute. Wie ſchwere Gewitterwolken ſich auch am Horizonte des Vaterlandes zuſammenzogen, ſchien Koſſuth doch für heute alle Staatsſorgen in ſeinem Kabinet zurückgelaſſen zu haben. Er war heiter und roſenlaunig und freute ſich wie ein Kind der ringsum blühenden Natur. Wenn Jemand in der Geſellſchaft auf Politik und Zeitverhältniſſe zu ſprechen kam, machte er ein finſteres Geſicht und drohte wohlgelaunt mit dem . Finger. Selbſt der Verrätherangelegenheit, wie neugierig die Frauen auch darauf waren, geſchah mit keiner Silbe Erwähnung. 23 „Dieſe paar Stunden“, rief Koſſuth,„gehören uns allein, und kein Mißklang der Außenwelt ſoll in dieſes kleine ſtille Eden hereindringen.“ Er erzählte dem kleinen Kreiſe heitere Erinnerungen aus ſeinem Jugendleben, wobei es auch an mancher drolligen Anekdote nicht fehlte. Wie ein angenehmer Traum floh die kurze Spanne Zeit vorüber, die der Gouverneur Ungarns ſeiner Erho⸗ lung vergönnt hatte. Etelka wie Benno entſannen ſich nicht, je frohere Stunden verlebt zu haben. Dem heitern Nachmittag folgte ein wunderſchöner Frühlingsabend. Von der Abendſonne umgoldet, leuchtete Ungarns Tricolore von den Thürmen Ofens herüber. Erſt mit Einbruch der Dunkelheit fuhr die Geſell⸗ ſchaft nach Peſth zurück. Koſſuth begab ſich ſofort in ſein Arbeitskabinet, wo ſich während der kurzen Zeit ſeiner Abweſenheit Depeſchen, Briefe, Berichte und Anfragen aller Art angehäuft hatten. Der Gouverneur arbeitete faſt die ganze Nacht, und bereits am folgenden Tage erſchien der von ihm in dieſen Stunden verfaßte Proteſt der ungariſchen Nation gegen die Invaſion der⸗Ruſſen, worin es hieß:„Die ungariſche Nation, angegriffen in dem innerſten Marke ihres Staatslebens, bändigte mit Hülfe des allmächtigen Gottes die Revolte, welche gegen Geſetz und Conſtitution durch ſchändliche Intrigue und Gewalt angefacht wurde. Das Land hat die öſterreichiſche 24 Armee, welche zur Unterdrückung der Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit der Nation eingebrochen war, bis zur Grenze zurückgeworfen. Die Nation hat mit allgemeiner Be⸗ geiſterung und einſtimmiger Einwilligung kraft ihres un⸗ veräußerlichen Rechts als Nation unter der heiligen Pflicht der Selbſterhaltung die Verbannung des Habsburg⸗Loth⸗ ringer Hauſes für immer ausgeſprochen. Nie kämpfte ein Volk einen gerechtern Kampf und wurde ein Herr⸗ ſcherhaus gerechter beſtraft. Nie konnte eine Nation mit billigerer Erwartung hoffen, daß ihre mit allgemeiner Bewilligung gebildete Regierung im Schooße des Frie⸗ dens und der Ruhe ihre Sorgfalt zur Heilung jener Wunden würde verwenden können, mit welchen ihr thron⸗ verluſtiger Herrſcher das Herz der Nation überſäte. Und ſiehe, nun zeigen ſich ohne alle Kriegserklärung bewaffnete ruſſiſche Maſſen in dem benachbarten Galizien und Kra⸗ kau, von dem Habsburger Hauſe berufen, Ungarn zu be⸗ drohen. Alle Vorbereitungen und Berichte deuten dahin, daß das Habsburg⸗Lothringer Haus durch die Ver⸗ bindung' mit den Ruſſen dahin ſtrebt, auf dem Grabe der ſo vielfach geprüften ungariſchen Nation den Thron ſeiner thranniſchen Macht aufs neue zu erheben. Die ungariſche Nation iſt entſchloſſen, dieſem Angriff Wider⸗ ſtand zu leiſten. Sie iſt entſchloſſen, eher bis zum letzten Mann zu verbluten, als ihren Verderber als Herrn an⸗ 25 zuerkennen. Während ſie in dieſem feſten unerſchütterlichen Entſchluſſe mit religiöſer Hoffnung an den Sieg ihrer gerechten Waffen glaubt, ruft ſie zugleich mit dem Ge⸗ fühle der unverſöhnlichſten Erbitterung vor Gott und allen gebildeten Völkern der Welt aus, daß ſie feierlich Proteſt gegen die ungerechte Intervention der ruſſiſchen Macht einlegt, welche alles menſchliche und nationale Recht frevelnd mit Füßen zu treten bereit ſteht. Sie legt dieſen Proteſt ein im Gefühle der Pflicht der gezwun⸗ genen Selbſtvertheidigung. Sie legt ihn ein infolge jener Verträge, Erklärungen und Garantien, welche das Leben der Nationen unter den gemeinſchaftlichen Schutz des Rechtsgefühls aller andern Völker gegen die Ueber⸗ macht der Uſurpation ſtellen. Sie legt ihn ein im Namen jenes ewigen Völkerrechts, welches den geheiligten Boden der wechſelſeitigen Verhältniſſe bildet. Sie legt ihn ein im Namen der Freiheit, des europäiſchen Gleichgewichts und der Civiliſation. Sie legt ihn ein im Namen der Menſchheit und jenes unſchuldigen Blutes, welches in dieſem Kriege vergoſſen um Rache ſchreit zu gerechtem Gott. Die ungariſche Nation rechnet mit Sicherheit darauf, daß alle das Recht ehrenden und die Freiheit lie⸗ benden Völker auf dieſen Proteſt mit warmer Sympathie antworten werden. Sollte ſie aber auch von der ganzen Welt verlaſſen 26 werden, ſo ſpricht ſie es vor Gott und der Welt mit entſchloſſenem Selbſtbewußtſein aus, daß ſie ſich der tyran⸗ niſchen Macht nicht beugen, ſondern den gerechten Kampf ihrer Selbſtvertheidigung bis zum letzten Blutstropfen ausfechten wird. Gott und die gebildete Welt ſeien Richter zwiſchen uns und unſern thranniſchen Angreifern. Debreczin, 18. Mai 1849. Im Namen der ungariſchen Nation: Ludwig Koſſuth, Graf Kaſimir Batthyanhi, Gouberneur Präſident. Miniſter des Aeußern.“ Mit dieſem feierlichen Proteſte der ungariſchen Nation erſchien zugleich eine Proclamation an die Völker Europas, worin es unter Anderm hieß: „Die Waffen der Ungarn haben die eingedrungenen Heere Oeſterreichs zurückgeworfen. Das befreite Land ſtand im Begriff, zu neuem Aufblühen zu gelangen; da nimmt das Haus Habsburg ſeine Zuflucht zu Rußland. Eine Macht von 120,000 Mann ſteht im Begriff, in das Land der Märthrer der Volksfreiheit einzubrechen. Wir legen trotzdem die Waffen nicht nieder. Wir werden kämpfen mit den Heeren der verbündeten Thran⸗ nen Europas. Zugleich aber richten wir ein lautes und ernſtes 27 Wort an die conſtitutionellen Regierungen und Völker Europas. Ihr conſtitutionellen Regierungen ſeid berufene Wächter der Freiheit und rechtmäßigen Intereſſen nicht nur eures Landes, ſondern der von ganz Europa. Eine unermeßliche Verantwortung ruht auf euch. Das Ver⸗ brechen, welches ihr gegen die Freiheit und das ewige Recht, in welchem Lande Europas es immer ſei, begehen laßt, wird ſich an euch und euern Völkern rächen und beſtrafen. Ihr Völker wacht auf bei der großen Gefahr, da die Armeen der Thrannen verbunden das heilige Wort der Freiheit zu zertreten und auszulöſchen im Begriff ſtehen, in Deutſchland wie in Italien und in unſerm Ungarnlande. Du ſtolze engliſche Nation, haſt du das Princip der Nichtintervention vergeſſen? Kannſt du es dulden, daß man gegen daſſelbe Armeen marſchiren läßt? Du bertheidigſt damit nicht das heilige Princip der Freiheit und Humanität, du leiſteſt dadurch der Thrannei Vor⸗ ſchub. Deine ſtolze Flagge wird dadurch mit Schmach bedroht. Du franzöſiſche Republik verleugneſt die Grund⸗ ſätze, denen du dein Daſein verdankſt. Du ſagteſt, daß du alle Völker zu einem Herzens- und Seelenbündniſſe 28 aufforderteſt, welche das Princip der Freiheit annähmen, du ſagteſt, du würdeſt durch deine vorangehende Aufklä⸗ rung die Völker in neue Bahnen lenken. Anſtatt deſſen unterwirfſt du Rom und bringſt es den Feinden der Freiheit zum Opfer dar. Du verleugneſt Jeden, der dir vertraut. Die Frei⸗ heit kämpft dermalen in Ungarn einen Verzweiflungs⸗ kampf, und du ſiehſt ruhig zu, wie der Ruſſe in unſere Grenzen einbricht. Erwacht, ihr Völker Europas, des chriſtlichen Europa, alle, die ihr noch der Lehre des Erlöſers, der Humanität huldigt. Wir ſind nicht die letzten. Der Sturm, der über uns hereinbricht, wird, ſo ihr ihn nicht hemmt, auch über euch hereinbrechen. Erwacht, ihr Völker Europas! Auf ungariſchem Boden wird die Freiheit Europas entſchieden. Mit die⸗ ſem Lande verliert die Weltfreiheit ein großes Land, mit der ungariſchen Nation einen treuen Helden.“ In einer dritten, von der ungariſchen Regierung ausgegangenen Proclamation hieß es: „Das Volk wird zur allgemeinen Erhebung aufge⸗ fordert. Drei Wochen hindurch werden an jedem Feier⸗ und Donnerstage in allen Kirchen Meſſen und Gebete abgehalten zur Abwehr der großen Gefahr, welche die Nation bedroht. 29 An den genannten Tagen wird zweimal in allen Kirchen mit allen Glocken geläutet. Die geſammte Geiſtlichkeit hat ſich im Ornate vor dem Volke zu zeigen und daſſelbe im Namen der Frei⸗ heit zu heldenmüthigem Kampfe aufzufordern.“ Hiermit begann der zweite Act des großen blutigen ungariſchen Dramas. Drittes Kapitel. Es war am 16. November 1848, als vor einem der weniger in die Augen fallenden Hotels von Peſth eine zahlreiche Menſchenmenge verſammelt war, die neu⸗ gierig nach den Fenſtern emporſchaute und jeden Augen⸗ blick den Mann erwartete, welcher von Koſſuth auserſehen worden war, Siebenbürgen zu erobern. Es war dies der polniſche General Bem, aus dem frühern polniſchen Inſurrectionskriege wohlbekannt, der neuerdings in Wien die Vertheidigung mit geleitet und wie durch ein Wunder den Standrechtskugeln des Fürſten Windiſchgrätz ent⸗ gangen war. Endlich erſchien er, ein kleiner, ziemlich mürriſch ausſehender Mann. Er kümmerte ſich um all die Eljens nicht, die ihm zu Ehren gerufen wurden. Unterm Arm trug er ein kleines Paket. Das war ſeine ganze Bagage. So beſtieg er das prunkloſe Fuhrwerk, 31 das ihn nach dem Schauplatz glänzender Siege tragen ſollte. General Bem fand daſelbſt nicht einen feſten Platz in den Händen der Ungarn. Es gab keine Infanterie, dafür ein tapferes, entſchloſſenes Volk, keine Cavallerie, aber vortreffliche Reiter, keine Armee, aber alle Ele⸗ mente, eine ſolche zu ſchaffen. Ein vollſtändiges Regi⸗ ment Szekler Huſaren, zwei Compagnien Szekler Grenz- ſoldaten, dreitauſend Honveds und zwei Batterien waren bei ſeiner Ankunft Alles, worüber er verfügen konnte. General Bem bedurfte fünf Wochen, um ſich ein Heer zu ſchaffen und daſſelbe zu organiſiren. Da es ihm an Metall gebrach, ſchuf er ſich Kanonen aus Baumſtämmen, die leicht zu transportiren waren und die trefflichſten Dienſte leiſteten. In den erſten Tagen des Januar 1849, zu gleicher Zeit, als Windiſchgrätz ſeinen Einzug in Peſth hielt, drang Bem in Siebenbürgen vor. Sein Angriff war ſo heftig, daß die Heſterreicher theils bis Klauſenburg, theils in die Bukowina zurückgeworfen wurden. Die genannte Stadt wurde genommen. Binnen wenig Tagen waren zwei öſterreichiſche Corps aus dem Lande hinaus⸗ geſchlagen. Nach dieſen erſten glänzenden Erfolgen wandte ſich Bem nach Süden in das Sachſenland, wo ihn der öſterreichiſche General Puchner mit der zu den 32 Waffen gerufenen ſächſiſchen Bevölkerung erwartete. Bem griff an und kämpfte vom Morgen bis zum Abend um den Beſitz von Hermannſtadt. Er mußte endlich der Uebermacht weichen und zog ſich zurück. Jetzt ergriff Puchner die Offenſive. Bei Salzburg kam es wieder zur Schlacht. Die ungariſche Artillerie errang den Sieg, Bem drang zum zweiten Male gegen Hermannſtadt vor und berannte die Stadt. Er ward zum zweiten Male von der heldenmüthigen Bevölkerung mit bedeutendem Verluſt zurückgeſchlagen. Die Ungarn gingen jetzt bis zu dem Dorfe Piski zurück, wo eine der blutigſten Schlachten im ganzen Feldzuge geſchlagen wurde. Die Heſterreicher lernten hier zum erſten Male die furchtbare Macht eines concentrirten Artilleriefeuers kennen. Die Tapferkeit ihrer Sturmcolonnen vermochte nichts gegen das Feuermeer der ungariſchen Geſchütze. Das ganze Regiment Bianchi wurde zerriſſen und niedergeworfen. Leichenberge im vollſten Sinne des Wortes bedeckten das Schlachtfeld. Während dieſer ruhmreichen Schlachten hatten die erſten Colonnen der Ruſſen ſiebenbürgiſchen Boden be⸗ treten. gum dritten Male drang Bem gegen Hermannſtadt vor. Hier waren bereits dreitauſend Mann Ruſſen zur Unterſtützung der Oeſterreicher als Beſatzung eingerückt. 33 Trotzdem ſtürmte der General der Ungarn, nachdem er die Beſatzung vergebens zur Uebergabe aufgefordert hatte, die Stadt. Ruſſen und Oeſterreicher mußten weichen. Bem ſchickte einige hundert ruſſiſche Gefangene nebſt acht Kanonen nach Debreczin, um Koſſuth den Beweis zu führen, daß die Ruſſen auch ſterblich ſeien. Immer ſiegreicher drangen die Ungarn gegen die allirten kaiſerlichen Armeen vor und drängten ſie gegen die Grenze, die Ruſſen nach dem berühmten Rothen⸗ thurmpaß, die Heſterreicher gegen Kronſtadt. Erſtere machten die äußerſten Anſtrengungen, den wichtigen Paß zu behaupten, aber bald konnte General Bem aus ſeinem Hauptquartier Rothenthurmpaß ſchreiben: „Meine Operationen zur Verdrängung der Ruſſen aus dem Rothenthurmpaß ſind mit ſo glücklichem Er⸗ folge gekrönt worden, daß wir ſie geſtern Nacht elf Uhr aus dieſer feſten Poſition geworfen haben. Sie zogen ſich in wilder Flucht zurück. Vier öſterreichiſche Generale haben ſich mit einigen Trümmern ihrer Corps nach der Walachei gerettet. Ein Theil meiner Armee iſt zur Verfolgung der übrigen öſterreichiſchen Corps aufgebrochen, die ſich laut Ausſage der Kriegsgefangenen gegen Kronſtadt zurückziehen. Ich hoffe binnen drei bis vier Tagen Kron⸗ ſtadt zu nehmen, wodurch die kaiſerlich öſterreichiſche Armee theils vernichtet, theils zerſtreut, jedenfalls aber Stolle, Von Wien nach Vilagos. II. 3 34 für die innere Ruhe dieſes Landes unſchädlich gemacht ſein wird.“ Vier Tage ſpäter war Kronſtadt von den Ungarn genommen. Die Ruſſen retirirten durch den Tömöſer, die Heſterreicher durch den Törzburger Paß in die Walachei. Siebenbürgen war bis auf Karlsburg von den kaiſer⸗ lichen Heeren befreit. General Bem hatte in der That binnen kurzer Zeit Unglaubliches geleiſtet. Mit einer ganz jungen Armee, die unmittelbar vom Exercirplatze gegen den numeriſch bedeutend überlegenen Feind geführt worden war, hatte er fünf feindliche Corps geſchlagen und aus dem Lande gedrängt, zweimal die Gebirge vom Norden bis zum Süden durchzogen, zwei Haupt⸗ ſtädte mit Sturm genommen, eine Menge feſter Poſi- tionen erobert, Kanonen, Waffen und Pferde erbeutet, über fünftauſend Gefangene gemacht, die Päſſe des Landes von innen beſetzt und dabei eine Armee heran⸗ gebildet, die ſiegesſicher mit jeder andern Europas ſich zu meſſen im Stande war. Viertes Kapitel. In der politiſchen Anſchauung des Grafen Stanislaus, der noch immer auf Bardy⸗Caſtell verweilte, war in der neueſten Zeit eine auffallende Veränderung vor ſich ge⸗ gangen. Mit wie feindlicher Geſinnung er von Anfang an die Erhebung ſeines Volkes betrachtet, und wie ſehr ſich ſein ariſtokratiſcher Stolz gegen die auftauchenden demokratiſchen Elemente geſträubt, ſo hatte doch die Re⸗ volution allmälig einen ſo nationalen Charakter ange⸗ nommen und an Großartigkeit gewonnen, die ungariſche Fahne war von ſo vielen glänzenden Siegen umſtrahlt, daß kein Tropfen maghariſchen Bluts in ihm hätte fließen müſſen, wenn nicht ſein Herz für die Aufopferungs⸗ freudigkeit und Heldenhaftigkeit ſeines Volks endlich er⸗ warmt wäre. Namentlich waren es die Thaten in Sieben⸗ bürgen ſelbſt, die ihn mit gerechtem Stolze erfüllten, und es ſchmeichelte ihn nicht wenig, den Namen ſeines Sohnes, 3* 36 der unter Bem einige Huſarenſchwadronen commandirte, unter den belobten Tapfern wiederholt genannt zu finden. Seine Abneigung gegen Stephan's kriegeriſche Laufbahn war einem aufrichtigen Wohlwollen gewichen, und es ge. währte ihm einen beſondern Genuß, ſeine alte blinde Mutter von den tapfern Thaten ihres Enkels unterhal⸗ ten zu können. Dagegen war ſeine Abneigung gegen Etelka die frühere geblieben. Wie bedeutend auch die Verdienſte waren, die ſich das patriotiſche Mädchen um das Vater⸗ land erworben, ſo konnte er demſelben doch die Flucht aus dem Kloſter und der väterlichen Gewalt nimmer ver⸗ zeihen. Ihre an das Abenteuerliche grenzenden Kreuz⸗ und Querzüge erſchienen dem Grafen Bardhy unweiblich und einer Tochter ſeines Hauſes nicht würdig. Graf Thomas war nach einer längern Abweſenheit nach Bardh⸗Caſtell zurückgekehrt. Er hatte vier bis fünf der ſüdlichen Comitate durchſtreift, in derſelben Abſicht wie Edmund und Hippolht, den Aufenthalt der geraub⸗ ten Veronika ausfindig zu machen, aber all ſeine Be⸗ mühungen waren vergeblich geweſen. Zugleich brachte er einen Brief des jungen Grafen Stephan an ſeinen Vater mit, worin der Sohn anfragte, ob ihm, unter Be⸗ nutzung der dermaligen Waffenruhe, erlaubt ſei, einen Beſuch auf Bardy Caſtell abzuſtatten. 37 Mit freudiger Bereitwilligkeit ertheilte Graf Sta⸗ nislaus ſeine Genehmigung. Es konnte ihm ſogar nichts erwünſchter ſein, als die nähern Einzelnheiten über den Heldenkampf des Bem'ſchen Corps aus dem Munde eines tapfern Mitkämpfers zu vernehmen, der überdies ſein Sohn war. Bereits nach wenigen Tagen ritt Stephan in Bardy⸗ Caſtell ein und fand bei ſeinem Vater die freudigſte Aufnahme. Das Herz des jungen Mannes fand ſich dadurch unendlich beglückt. In traulicher Abendſtunde bei einem Becher alten Tokaiers ward ihm nun Gelegenheit, über die wunder⸗ bare Kriegführung des genialen polniſchen Generals, ſo⸗ wie die außerordentliche Tapferkeit ſeines Heeres, na⸗ mentlich der Szekler, ausführlichen Bericht zu erſtatten. „Es iſt wahrhaft unglaublich“, ſprach er,„was allein dieſer tapfere Volksſtamm geleiſtet und mit welcher Aufopferung und mit welchem Heldenmuthe er ſich an dem Kampfe für das Vaterland betheiligt hat. Ganze Dörfer, Alt und Jung, ſind ausgezogen und haben nur die Frauen und Kinder zurückgelaſſen. Einer meiner Freunde, der lange unter den Szeklern gelebt und mit ihnen gekämpft und dem die Gabe der Darſtellung ganz beſonders verliehen, hat darüber ein Gemälde entworfen, das der Wahrheit weit näher ſteht als der Dichtung. 38 So Ihr, theurer Vater und Vetter Thomas, nichts da⸗ wider habt, will ich die kleine Epiſode, die ich im Manuſeripte bei mir führe, mittheilen.“ „Wir bitten darum“, erwiderte Graf Stanislaus und Graf Thomas ſtimmte eifrig bei. Stephan zog ein Papierheft aus der Bruſttaſche und las: „Es verſtummten die Kanonen, es verhallte das Schlachtgetöſe, es ſtarben die Helden. Nur am fernen Himmel flackerte dann und wann eine Flamme auf, ertönte fernes Donnergerolle, das Seufzen des Windes. Haben etwa die Geiſter der Ge⸗ fallenen dort oben erneuerten, unerbittlichen Kampf be⸗ gonnen, während die Pforten des Himmels jenen, gegen die ſie die Grenzen der Heimat vor einer Stunde ver⸗ theidigt? Vor den Thoren Kezdi⸗Vaſarhelys, auf der Seite des Hügels, im Gottesacker, dort ſaßen die Szekler⸗ frauen, harrten und harrten, nicht der vom Schlacht⸗ felde heimkehrenden Theuern, ſondern der Kunde vom Sieg. Sie ſetzten ſich auf die Grabmale, auf die ergrünten Grabhügel, und wenn ſie einen Donner vernahmen, da riethen ſie untereinander:„Das iſt die Kanone der Unſerigen! Das war jetzt Gabor Aron! Das iſt das 39 Geſchütz des Feindes! Und das iſt darauf der Donner des Himmels!“ Und als ſchon nichts mehr hörbar war, erwarteten ſie mit pochendem Herzen die Kunde, wer ſiegte, wer unterlag. Szeklermütter, Szeklermädchen, Bräute, Gat⸗ tinnen, alle hegten nur einen Wunſch in der Tiefe des Herzens: Wenn der Theure heimkehrt, dann kehre er als Sieger heim, doch wenn die Nation im entſcheidenden Kampfe unterlegen, dann kehre kein Vote mit der Kunde zurück. Auf der Schwelle der Kapelle, an der Thür der luftigen Gruft ſitzt ein greiſer, ſchweigſamer Mann. Er iſt ſchon ſehr alt, über die Achtzig, lichtlos ſind ſeine Augen; zwei ſonnenloſe Monde am Himmel ſind's er ſieht ſchon lange mit ſeiner Seele allein. Hierher hat er ſich führen laſſen, er fand nicht Ruhe in ſeiner Kammer; hierher in den Gottesgarten hat er ſich führen laſſen. Warum ließ er ſich nicht auch ein Grab graben? Neben ihm ſitzt ein Krüppel. Eine Hand, ein Fuß find zuſammengeſchrumpft; aber jeder Gedanke ſeiner Seele durchfliegt das Schlachtfeld und bitter ſpricht er zu ſich: „Warum kann ich nicht dort ſein 7“ Beim Zwielichte der Dämmerung lieſt der Krüppel 40 dem Greiſe aus einer aufs Knie gelegten Bibel vor. Sie ſind die zwei letzten Männer in der Stadt; der eine iſt blind, der andere krumm, die übrigen ſind in die Schlacht gegangen. Der Krüppel lieſt von den Schlachten Israels, von den großen ſchweren Kämpfen des gotterkieſten Volkes, von dem heiligen Kriege, wo neben der Lade Gottes kämpfend und ſchützend dreißigtauſend Menſchen gefallen ſind. „Warum kann ich nicht dort ſein?“ ſeufzte der Krüp⸗ pel und las weiter. „Und ſie eroberten die Lade Gottes, und die zwei Söhne Eli's ſtarben auch. Da lief ein Mann vom Wahlplatze und zerriß ſeine Kleider und ſtreute Erde auf ſein Haupt. Und ſiehe, Eli ſaß an der Heerſtraße voll Er⸗ wartung, denn ſein Herz war bang um die Lade Gottes. Als der Kunde bringende Mann gekommen war in die Stadt, da wehklagte die ganze Stadt. Und Eli hörte die Stimme der Wehklage und ſprach: Was iſt das für ein Geſchrei? Eli aber war achtundneunzig Jahre alt und ſeine Augen waren ſtarr und er konnte nicht ſehen.“ Der Krüppel war nicht im Stande, weiter zu leſen. Es war ſein Blick zufällig auf den greiſen Mann ge⸗ 41 fallen das preßte ſein Herz zuſammen, ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. „Warum lieſt Du nicht weiter?“ fragte ihn der Greis. „Es iſt finſter, ich ſehe die Schrift nicht mehr.“ „Du haſt nicht wahr geſprochen. Ich fühle die Wärme der niederſinkenden Sonne noch an meiner Wange. Warum lieſt Du nicht weiter?“ Der Krüppel wiſchte die Wolken ſeiner Augen, die Thränen aus und las: „Und der Mann ſprach zu Eli: Ich bin es, der vom Wahlplatze kommt, ich bin von dem Wahlplatze entflohen. Geflohen iſt Israel, und Deine beiden Söhne ſind gefallen, und die Lade Gottes iſt genommen.“ Der Krüppel vermochte nun nicht mehr an ſich zu halten. Er brach in lautes Schluchzen aus, neigte ſein Haupt auf des Greiſes Knie und barg das Antlitz in den Händen. Der Greis trieb ihn nicht mehr an, weiter zu leſen, ſondern ſchloß die Augen und fuhr mit leiſer Stimme im Bibeltexte fort: „Und als Eli die Lade Gottes erwähnen hörte, da ſank er rücklings vom Stuhle an der Seite des Thores und ſtarb. 42 Am Graben des Gottesackers, gelehnt an eine Akazie, ſteht ein hohes Weib. Sie mag etwa ſechsunddreißig Jahre alt ſein. Ihre Züge ſind hart, ſtreng, aber auch jetzt noch von großer Schönheit. An der einen Seite des Himmels flammt die ſin⸗ kende Sonne, an der andern blitzt das Ungewitter. Das Antlitz des Szeklerweibes malt auf der einen Seite der Sonne Abſchiedsſtrahl bleibend golden; auf die andere Seite wirft der Blitz ein ſchnell vergängliches blaugrünes Licht. Und je tiefer die Sonne ſinkt, deſto blauer iſt der Glanz des Blitzes, deſto bleicher färbt er das Antlitz des Weibes. Sie hält ihre Hand vors Auge und blickt ununter brochen in die Ferne, ihre Geſtalt iſt regungslos, als wäre ſie aus Stein gehauen. Das iſt Judith, ein Urtypus des Szeklerweibes. Sie iſt eine jener nie verwelkenden Geſtalten, die den Ausdruck ihrer Züge, den Glanz ihrer großen ſchwarzen Augen, die Rabenſchwärze ihrer dichten Locken, den durch⸗ dringenden Wohlklang ihrer Stimme und die lebens⸗ kräftige Schlankheit ihres Körperbaues bis ins ſpäte Alter behalten, deren Seele ebenfalls nicht altert, ſon⸗ dern mit den Jahren an Kraft gewinnt. 43 Um ihre ſchlanke, ſtolze Geſtalt ſchlingt ein ſchönes ſechzehnjähriges Mädchen ſeine Arme. Es ſchmiegt ſich an ſie, wie die ſchmeichleriſche Winde an die ſchlanke Pappel. Das Mädchen heißt Aranka, ein ſchönes blauäugi⸗ ges Kind mit glattem blondem Haare. Ihr Antlitz iſt ſo weiß, daß es faſt leuchtet im Dunkeln, und ihre Ge⸗ ſtalt ſo leicht, daß ſie der Wind vielleicht forttragen könnte, wie fliegenden Samen der Blumen. Der Sohn jenes Weibes, an deſſen Bruſt ſie ſich ſchmiegt, iſt der Bräutigam des blonden Mädchens. Er iſt in die Schlacht gegangen. Das Auge der Mutter und der Braut, es ſucht ihn in den Nebeln der geſtalt⸗ loſen Ferne. „Siehſt Du dort nicht eine Geſtalt ſich nahen?“ fraͤgt Judith das Mädchen, mit ihrer Hand in die Ferne zeigend. Aranka ſchmiegt ſich noch mehr an ſie, um die ge⸗ zeigte Richtung genauer nehmen zu können. Ihr Haupt ruht ganz auf der Schulter des Weibes. Sie ſieht noch nichts. Der Sternenſtrahl des blauen Auges vermag es nicht, im Dunkeln ſich ſo weit Bahn zu brechen, als der Feuerſtrahl des ſchwarzen Auges dringt. „Nach einigen Minuten wird die Geſtalt ſichtbarer. Die Wange des Mädchens überflutet Morgenröthe der 44 Liebe, die Wangen der Mutter Flammenröthe des Zorns. „Er iſt's, mein Geliebter!“ lispelt das Mädchen, ihre kleine Hand aufs Herz preſſend, als wollte ſie den kleinen Kobold beruhigen. „Waffenlos!“ ſchreit die Mutter entſetzt auf und wendet das Antlitz ab und bedeckt mit der Hand ihre Augen. Aus ſolcher Ferne erkannte die Geliebte den Bräuti⸗ gam, aus ſolcher Ferne erſah die Mutter die Schmach ihres Sohnes. Wankend, unentſchloſſen kam der geſehene Flüchtling auf der wegloſen Ebene heran. Sein Haupt ließ er traurig niederhängen auf die Vruſt, unter ſeinen Schritten ſchien die Erde zu wanken. Seine Kniee brachen manchmal zuſammen. Er fiel. Dann erhob er ſich wieder und ſchien mit letzter Kraft der Stadt zuzueilen. Als er jedoch die auf dem Hügel verſammelten Weiber wahrnahm, lenkte er ſeine Schritte zu ihnen. Er war kothig und blutig, ſeine Locken hingen ihm über das Antlitz herab. Seine Kleider waren zerriſſen. Mit einer Hand war er bemüht, einen Riß in der Bruſt zu be⸗ decken, daß Niemand ihn ſchaue. Jeder erkannte in der Geſtalt den Sohn der Judith, 45 und die Weiber umringten die Mutter, als ſie den Sohn ſich ihr nahen ſahen. Der Graben des Friedhofs war zwiſchen Mutter und Sohn. Er konnte ihn nicht überſchreiten. Er ſank vor demſelben nieder. „Wo ließeſt Du Deine Waffe?“ fragte ihn Judith, hervortretend aus der Menge, mit harter, verurtheilender Stimme. Der Jüngling wollte ſprechen. Er wollte es gern ſagen, daß er ſeine Waffe zerbrochen im Herzen des Feindes ließ, aber er hatte nicht die Kraft, es zu ſagen, das Wort erſtarb auf ſeiner Lippe. „Sprich, iſt die Schlacht verloren 7“ Der Jüngling nickte ſtumm und ließ ſein Haupt auf die Bruſt niederſinken. „Wäreſt Du auch dort zu Grunde gegangen. wäreſt Du auch nicht übrig geblieben für die Tage der Schmach! Warum biſt Du heimgekommen?“ Der Jüngling ſchwieg. „Warum wollteſt Du Dein Vaterland überleben? Kamſt Du nach Hauſe, um begraben zu werden? Hätteſt Du Dir dort ein Grab geſucht, wo ſterben Ruhm iſt, auf dem Felde der Schlachten. Hebe Dich fort von hier! Dieſer Friedhof hat keine Stätte für Dich. An unſerm Sterben ſollſt Du nicht Theil nehmen. Geh fort 46 von uns Verleugne es, daß Du hier geboren. Lebe oder ſtirb, aber vergiß uns!“ Der Jüngling ließ ſeinen flehenden Blick über das Antlitz der Frauen hinſtreifen, nirgends Theilnahme, nirgends ein Zug des Mitleids. Es ſuchte ſein Auge die Braut, die ſchönſte Hoffnung ſeiner Seele, das kleine blonde Mädchen. Sie kniete dort zu den Füßen der Mutter, bergend das liebliche kleine Haupt in den Kleidern Judith's, ver⸗ bergend ihr Schluchzen. Der Jüngling wankte noch er wartete noch, daß ihn Jemand doch bleiben heißen werde. Und als er ſah, daß Niemand zu ihm ſprach, nicht einmal ſeine Braut, daß nicht einmal dieſe ihn bleiben hieß, nicht einmal dieſe ihn tröſtete, raffte er ſich auf vom Boden, hielt mit der Hand das zerriſſene Kleid über der Bruſt zuſammen. und wankend, mit unſicherem Schritte ging er der wegloſen Steppe zu; er blickte nicht einmal zurück Dahinſchwan⸗ kend im wüſten Walde verirrte er ſich, dort nahm er die Hand vom zerriſſenen Kleide weg. Eine furchtbare Wunde wurde ſichtbar. Irgendwo im verödeten Thale ſank er nieder, ſein Blut floß dahin, dort ſtarb er. Es hatte dies Niemand erfahren. Es kamen dann auch andere Szeklerjünglinge aus der verlorenen Schlacht heim. Und vom erſten bis zum letzten wurden ſie von den Szeklerweibern weg-, hinaus⸗ gejagt. „Sucht Euch ein anderes Vaterland, wenn Ihr das nicht vertheidigt habt.“ Sie verfluchten ſie, ſie jagten ſie fort in die weite Welt. Sie ſollten gehen, wohin ſie ihr Auge führte. Die Szeklerjünglinge wanderten fort, wanderten aus in fremde Länder, ſie ſind jetzt noch weg, kehren auch nimmer zurück. Ein lautes Weinen der Szeklerweiber im Got⸗ tesacker wurde jetzt hörbar, ein himmelſtürmendes Weinen. Der greiſe Mann an der Thür der Gruft hörte das Weinen und fragte, was das für Weinen ſei. „Das Szeklerland iſt verloren, Deine Söhne, Dein Enkel ſind gefallen in der Schlacht. Gabor Aron iſt auch grfallen, ſeine Kanonen ſind auch verloren, der Feldherr ſank auch an ſeinen Wunden dahin.“ Als der Greis dieſes hörte, hob er ſeine Hände und lichtloſen Augen zum Himmel.„Mein Herr, mein Gott!“ ſchrie er und hörte auf, lichtlos zu ſein, denn das ewige Sonnenlicht des Himmels erſchloß ſich ſeiner Seele. Er ſtarb. Die Szeklerweiber nahmen den verblichenen Greis in ihre Arme, den Greis, dem die Kunde der verlorenen 48 Schlacht die Flamme des Lebens ausblies, und trugen ihn auf ihren Armen hinein in ihre verwaiſte Stadt, nach Kezdi⸗Vaſarhelh. Dahinbrütend folgte ihnen der Krüppel mit ſeiner Krücke und murmelte bitter für ſich: „Warum konnte ich nicht dort ſein? Warum k onnte ich nicht dort ſterben?“ In Kezdi⸗Vaſarhely gab es keinen Mann mehr. Die Tapfern ſind gefallen, die Feigen ſind vertrieben worden, den letzten legt man jetzt in den Sarg. Und der war auch ein blinder Greis, weit über die Achtzig. Nur Weiber und Kinder waren noch in der Stadt. Verwittwete Frauen und verwaiſte Kinder. Um den Sarg des achtzigjährigen Greiſes dort weinen die Verlaſſenen. Gott weiß es, ſie beweinen den Todten nicht. Zu Füßen des Sarges auf einem kleinen Sche⸗ mel ſitzt der Krüppel. Sein Antlitz birgt er in der Hand. Es thut ihm ſo weh, zu hören, daß der letzte Mann geſtorben iſt; ihn läßt Niemand gelten als Mann. Es ſtehen die Weiber um den Sarg. Voll iſt der ieeed— 49 Hof. Jede kommt zu ſehen den Todten, den letzten Mann im Sarge, den die Aelteſten nicht als Jüngling gekannt, dem die Kunde der verlorenen Schlacht das Herz brach. Er hatte viele Verwandte und ſeine Verehrer waren alle, die ihn gekannt. Seine Enkel und Ur⸗ enkel bildeten ſchon ein ganzes Völklein. Und die Zahl derer, denen er im Leben Gutes erwies, denen er Stütze und Rathgeber war im Mißgeſchicke, war ſo groß! Aber der größte Theil derſelben iſt jetzt nicht gegenwärtig. Sie liegen draußen auf dem Schlachtfelde oder irren herum in der fremden fluchbeladenen Welt. Von all den vielen Enkeln iſt nur der Krüppel gegen⸗ wärtig, und den will Niemand als Mann gelten laſſen. Er war geliebt von allen, er iſt allen geſtor⸗ ben, alle haben ſie einen Grund, ihn zu beweinen. Aber Keiner hat ſo viel Grund, ihn zu beweinen, wie Judith, das Weib mit der ſtolzen Seele, und David, der Krüppel. Und doch weinen nur ſie zwei nicht. Es glüht ihr Haupt, in ihrem Hirne brennen Flammen. Aus dem feuerſpeienden Berge ſpringt keine Quelle. Ihren Augen könnten vielleicht eher Funken als Thränen entſtrömen. Judith ruft den Krüppel weg von den weinenden Weibern in ein Nebenzimmer. Stolle, Von Wien nach Vilagos. II. 4 50 Mit gekreuzten Armen bleibt ſie vor ihm ſtehen und ſpricht: „David! Dein Urgroßvater liegt hier ausgeſtreckt, Du ſitzeſt am Fuße ſeines Sarges, und Deinem Auge entquillt keine Thräne— woran denkſt Du? Du haſt die ganze Nacht nicht geſchlafen, ich hörte, wie Du Dich herumwarfſt in Deinem Bette, wie Du ächzteſt— woran denkſt Du?“ Der Krüppel ſenkte das Haupt und ſchwieg. „David, wäreſt Du ein geſunder, ſtarker Mann, wäre Deine Hand gewohnt, ſtatt der Krücke Schwert und Bajonett zu führen, möchteſt Du dann, David, Dein Haupt ſchweigend ſenken wie jetzt?“ Der Krüppel erhob ſein flammendes Antlitz zu dem Blicke der Frau. Sein großes ſchwarzes Auge leuchtete ſo kühn, ſo heldenmüthig, als hätte die ſtarke Seele ihres Hauſes Siechthum auf Augenblicke ver⸗ geſſen. „Und Du wirſt nie glücklich ſein“, fuhr die Frau fort,„keine Freude harret Dein im Leben. Und doch, wer weiß es, wie lange Du noch leben kannſt? Aber ſprich, wenn der Tod vor Dir er⸗ ſchiene in ſeiner herrlichſten Geſtalt, glänzender als auf dem Schlachtfelde, und ſprechen würde: Wirf von Dir die Krücken, nimm zur Hand die Werkzeuge der Zerſtö⸗ 51 rung; ſiehe, ich lege Alles in Deine Hand, was Du auf der Welt liebteſt, mache Dir einen Sarg daraus, mache Dir einen Scheiterhaufen daraus, damit, wenn Du ſtirbſt, nichts zurückbleiben möge, um deſſentwillen Du in der andern Welt der Erde gedenkeſt.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Willſt mich vielleicht nicht verſtehen. Das Leben iſt am Ende doch ſchön, nicht wahr? Selbſt in Lumpen, im Schmuze der Schmach, im krüppelhaf⸗ ten Körper iſt das Leben ſchön? Du willſt ſelbſt die Krücke nicht mit Flügeln vertauſchen?“ „O ſage das nicht! Wie oft hätte ich ſo gern das mir zum Ekel gewordene Leben für beneideten Tod dahingegeben!“ ſprach der Krüppel und ſetzte leiſe hinzu:„Für rühmlichen Tod!“ „Und wer hätte einen rühmlichern Tod als Du? Hoch über dem Schlachtfelde, wo ſelbſt die Elemente kämpfen, hoch inmitten des Schlachtgeſchreis ſtändeſt Du, als blutvergießender Engel des Todes mit eherner Stimme tödtlichen Widerſtand verkündend Allem, was da lebt, und wenn ſchon alle dahingeſunken und Nie⸗ mand mehr da wäre, der helfen könnte, dann würdeſt Du den Händen des Feindes den ſichern Sieg entreißen und ihn mit Dir nehmen, daß er heldenmüthig ſterbe, nicht ins Grab, ſondern hinan in den Himmel.“ 4* „O könnte ich's doch thun!“ ſeufzte der Krüppel auf.„Aber was iſt meine Stimme, was mein Arm? Meine Stimme iſt nicht hörbar im Kampfe, mein Arm kann Keinem den Sieg entreißen.“ „Merke auf! Die Sieger werden heute oder morgen in unſere Stadt kommen. Aber ſie werden hier nicht Raſt finden; hier harret ihrer weder Freude noch Ruhe. Die Häuſer werden vor ihnen verſchloſſen ſein. Der Waffe wird die Waffe antworten, und wenn die Männer Kezdi⸗Vaſarhelys ihre Stadt vertheidigend ſterben konnten, werden ihre Weiber ihrer nicht unwürdig ſein. Wir werden zu Grunde gehen, der Arm des Weibes iſt ſchwach, wenn ſein Herz auch ſtärker iſt. Wir haben weder Kraft noch Waffen zu widerſtehen, blos den Willen haben wir. Der Zweck iſt ohnehin nicht Sieg, ſondern ein ehren hafter Tod. Du wirſt hinaufgehen in den Thurm. Wenn Du in der Ferne den Feind kommen ſiehſt, läuteſt Du die Glocke, wir tragen dann unſern Todten zu Grabe. Bei ſeinem Grabe erwarten wir die unliebſamen Gäſte und wenn ſie mit Gewalt hereinkommen wollen, dann wehe ihnen! Jedes Haus muß einzeln vertheidigt werden. Die Verzweiflung wird uns kämpfen lehren, und wenn unſere Herzen geneigt würden, ſich von Furcht oder Bangen übermannen zu laſſen, dann werden wir die eherne Stimme Deiner Glocke vom Thurme vernehmen, und unſere Seele 53 wird friſche Kraft überkommen. Du wirſt Die Glocke läuten, ſolange der Kampf uns nicht überwältigt. Dann aber findeſt Du in einer Niſche ſchon bereit liegende Pech⸗ kränze, die zündeſt Du an, und wenn Du ſiehſt, daß der Feind der Stadt Herr geworden, ſchleuderſt Du jene herab auf die Dächer der Häuſer, eroberſt die Stadt wieder und inmitten des Funkenmeers, der Rauchwolken nimmſt Du ſie mit Dir hinan ins Himmelreich.“ Der Krüppel hörte mit immer fieberiſcher werdendem Zittern die Worte des ſchrecklichen Weibes, umſchlang, bei ihren letzten Worten die Krücke fallen laſſend und zu den Füßen des Weibes hinſinkend, ihre Kniee und ſtammelte unverſtändliche Worte, aber aus ſeinem flam⸗ menden Auge konnte man leſen, daß ſeine Seele ſchon die Schwingen breite zum Fluge dem Tode entgegen. „Wirſt Du Muth haben?“ „Ich werde jubeln und jauchzen! Ich werde nicht verſtümmelt, nicht Krüppel ſein. Ich zünde den Thurm über meinem Kopfe an und läute dabei die Glocke, und wenn ringsherum die Stadt brennt, auch dann werde ich die rothglühende Glocke läuten und ſingen, bis mich die Flamme verzehrt. Die Leiber Deiner Knechte, die den Tod empfangen haben, ſie wurden ein Mahl von Raben! Brülle, Thor! Schreie, Stadt! Es iſt gekommen des Herrn furchtbarer Tag!“ Und die Geſtalt des Krüppels begann wie in heili⸗ gen Convulſionen zu zittern, ſeine dürren, welken Arme mit ausgeſtreckten Händen waren zum Himmel erhoben. Er lag auf den Knieen, denn er hatte die Krücke fallen laſſen. Er ſah aus, als bete er in heiliger Verzückung. „Komm mit mir“, ſprach das Weib, ihn von der Erde erhebend. David ergriff ſeine Krücke und ſo eilends, ſo lebhaft ſchritt er neben der Frau einher, als ginge er gar nicht auf der Erde, als hätte er ſchon Flügel ſtatt der Krücke. Als ſie durch das Leichenzimmer kamen, ging er hin zu ſeinem Urgroßvater, küßte deſſen kaltes Antlitz und Hände, und mit erleuchtetem, überirdiſchem Ausdrucke im Geſicht ſtammelte er:„Wir werden einander bald wiederſehen!“ Judith hieß die Weiber bleiben, bis ſie zurückkehre ſie ſelbſt ging mit dem Krüppel fort und führte ihn in den Thurm hinauf. Mit einer bisher noch nie ge⸗ zeigten Kraft ſtieg dieſer die ſteilen Treppen hinan, ſeine Seele ſchien ihn zu tragen. Judith küßte die Stirn des armen Verſtümmelten und ließ ihn darauf in dem Thurme allein. David ſetzte ſich ins Thurmfenſter, aus dem man eine weite Ausſicht hatte, und als er von oben Judith erblickte, ſchrie er ihr nach. 55 Das Weib blickte auf, der Krüppel neigte ſich zum Fenſter heraus und warf ſeine Krücke hinab. „Ich werde ſie nicht mehr brauchen! Ich will verſichert ſein, daß ich in der Stunde der Verſuchung mich tapfer halten werde. Ich habe darum auch die Thurmthür verſchloſſen. Da haſt Du, ich werfe den Schlüſſel Dir auch hinab!“ Und er warf den Schlüſſel aus dem Thurmfenſter. Und dann ſchaute er in die Ferne. Judith kehrte zum Hauſe zurück, wo der Todte lag. Da waren die Weiber Kezdi⸗Vaſarhelys zuſammen⸗ gekommen, um ſich ſatt zu weinen. Und doch hätten ſie zu Hauſe auch weinen können, denn jedes Haus hatte ſeinen Todten. Judith blieb unter ihnen ſtehen, mitten im Hofe. Ihre hohe, imponirende Geſtalt, ihr durchdringender Blick, die kalten, markigen Züge ihres Antlitzes— all dies bezeugt, daß ſie Führer der Dagebliebenen ſein muß, nachdem der männliche Zweig ausgeſtorben. Sie winkte, daß ſie nicht weinen möchten, und jede ſchwieg. 56 Darauf ſprach ſie zu ihnen mit ſtarker, wohlklin⸗ gender Stimme, on welcher kein Zittern hörbar war: „Schweſtern Wittwen und Waiſen Kezdi⸗Vaſarhelys, hört meine Worte! Gott hat unſere Tage ſchwer heim⸗ geſucht. Wir mußten ſie überleben, die beſſer waren als wir, wir mußten Alles überleben, was wir geliebt. Wie lange wir auch leben mögen, uns blüht keine Freude mehr. Wir können alt, wir können grau werden in un⸗ ſern traurigen Wohnungen, aber die beſſere Hälfte un⸗ ſeres Lebens liegt unter der Erde. Und das ſind noch nicht die ſchwerſten der Schläge, die über uns verhängt ſind. Statt jener, die wir geliebt, werden die kommen, die ſie erſchlagen. Wir werden ſie mit Sieg verkündender Muſik durch unſere Gaſſen ziehen ſehen, wir werden ſie in unſern Zimmern auf jenem Platze ſitzen ſehen, der nach unſern Theuern leer geblieben iſt. Statt der wohlbekannten Töne werden wir fremde Worte hören, und der lüſterne Blick des Fremden wird Eures Antlitzes verwittwete Reize treffen. Aber ich werde jene Zeit nicht feig erleben. Der Tod gibt Alles wieder, was das Leben nahm, und den Tod kann uns Niemand nehmen ſowie man das Leben nehmen kann. Wenn ich nicht wüßte, daß ich unter Szeklerfrauen ſtände, würde ich Abſchied von Euch nehmen und ſagen: Ich gehe allein, handle allein, ſterbe allein. Aber ich kenne Euch. 57 Ihr müßt dort ſein, wo ich ſein werde, Ihr müßt das thun, was ich thun werde, Ihr müßt Eurer Todten würdig ſein. Jetzt geht nach Hauſe, jede von Euch, legt das Beſte Eurer Habe auf den Boden hinauf, ver⸗ rammelt die Thore mit Wagen, nur die Thüren ſollen offen bleiben; dann macht Ihr Feuer an im Kamine, die Kinder ſollen in Keſſeln Waſſer und Oel ſieden. Beim erſten Glockentone eilt Ihr alle herbei. Wir tragen den Todten da zum Stadtthor, und dort am Ende der Gaſſe, quer im Thore, graben wir ein Grab und mit dieſem Grabe wird die Stadt verſchloſſen ſein. Von da an kommt Niemand lebendig aus der Stadt. Jetzt geht, ordnet Eure Häuſer. Beim erſten Glockentone eilt hierher.“ Die Frauen zerſtreuten ſich, es weinte keine einzige mehr. Abgeſtumpft, mit dem Schweigen der Verzweiflung ging jede nach Hauſe. Sie thaten, was befohlen war, ſie verrammelten die Thore, fiedeten Waſſer und Hel, ſchliffen Meſſer, ſchärften Beile. Die kleinen Kinder weinten, jammerten im Vorhauſe, ſie wußten ſelbſt nicht warum. Vom Predialo her, wo der Gebirgsweg ſich um⸗ 58 biegt, erheben ſich in der Ferne mächtige Staubwolken und nahen auf der Straße, die nach Kezdi⸗Vaſarhelh führt. Die Glocke ertönt. Das war die einzige Glocke in Kezdi⸗Vaſarhelh, aus den andern waren Kanonen ge⸗ goſſen worden. Der Ton dieſer letzten Glocke zeigt an. daß die unliebſamen Gäſte nahen. Man läutet Sturm! Die Glocke ruft zum Begräbniß. Zu weſſen Begräbniß? Zu dem des letzten Mannes. Man läutet die Seelenglocke, das zum Sterben vorbereitende Glöcklein. Wer will denn ſterben? Die ganze Stadt. Dem Thore Kezdi⸗Vaſarhelys nahen zwei Haufen, der eine von außen, der andere von der Stadt. Jene ſind lauter Männer, bewaffnete, geſtählte Helden, dieſe lauter Frauen, Mädchen ein ſchwaches, waffenloſes Völklein. Mit jenen kommen ſchwere Kanonen, die Triumphwagen des Todes, von je ſechs Schlachtroſſen gezogen. Auch mit dieſen kommt ein Wagen, auch der iſt ein Wagen des Todes, die Trauerbahre, von ſechs ſchwarzen Pferden gezogen, auf ihm der Sarg mit ſchwarzem Flore bedeckt. Jene kommen mit dröhnender, jauchzender Schlachtmuſik, dieſe mit düſter melancho⸗ liſchem Liede, jene mit wehenden Fahnen, dieſe mit wehenden Fackeln. Beide Haufen nahen ſich dem Thore. Ein offenes Grab durchſchneidet den Weg. An dem Grabe werden ſie ſich treffen. 59 Ein Haufen tſcherkeſſiſcher Reiter nähert ſich der Stadt. Ihre Kleidung, ihre Geſichtszüge, ihre Sprache all das iſt irgend ein verwirrtes Andenken aus längſt, längſt vergangenen Zeiten. Als das magyariſche Volk ſich auf den Weg machte, in der unbekannten Welt ein Vaterland zu ſuchen, ſchon damals wurde es vom Schickſal verfolgt, es konnte in ſeinem alten Vaterlande nicht bleiben, es verließ millionenweiſe ſeine Heimat, hier und da ließ es ſich nieder, aber auch von da wurde es durch die Stürme des Schickſals weggetrieben. Ein Theil ging weiter, der andere blieb zurück, auf ferner Erde jenſeits der Wolga, hinter den wilden Felſen des Kaukaſus; die von einander geſchiedenen Brüder beka⸗ men nie mehr Kunde von einander, ſie vermengten ſich mit den Nachbarſtämmen, ſie veränderten ſich gewaltig, und als ſie die Laune des Weltgeiſtes nach tauſend Jahren wieder zuſammenführt, ſtehen ſie als Feinde ein⸗ ander gegenüber, kennen ſie einander nicht mehr; aber irgend eine ſchmerzliche Ahnung, irgend ein trautes Hin⸗ neigen zu einander überkommt die ſich Treffenden beide fühlen ihr Herz bange, ihren Arm matt werden und wiſſen nicht warum. Der Führer des Reiterhaufens iſt ein junger, ſchöner Fürſt aus den Gegenden des Kaukaſus, ſeinem ſonnege⸗ bräunten, ſchönen ovalen Geſichte läßt das kleine dunkle —— ——— —— 60 Schnurrbärtchen ſo gut! Wenn er einen Dolman an⸗ zöge, würde Niemand ſagen, daß er kein Magyhar ſei. Aber auch die Kleidung, die er trägt, macht ſolch ſon⸗ derbaren Eindruck! Die rothe, rings verbrämte Mütze, das kurze, blumengeſtickte Bruſtkleid mit ſeinen kurzen Aermeln, unter welchen ein längerer andersfarbiger Kaftan mit langen Aermeln hervorſieht, jener krumme Säbel, ſelbſt die Art, wie dieſer umgegürtet iſt, das ſind lauter Dinge, die an einen bekannten Gegenſtand erinnern, an einen, den wir etwa einmal im Bilde geſehen, aber deſſen Namen wir vergeſſen, an ein Traumbild, das uns mehrere Male erſcheint, an eine Sage aus fernem Kindesalter. Man ſeufzt, und es thut einem ſo wehe, daß man mit ihm nicht ſprechen kann, daß man ihn nicht fragen kann: Was machen die daheimgebliebenen Verwandten? Sind ſie glücklich? Beten ſie noch den alten Gott an? Sind ſie noch frei in ihren Urwüſten, zwiſchen ihren Urfelſen? Sieh, wir ſind nicht glücklich im neuen Vaterlande. Uns ver⸗ läßt der neugewählte Gott ſo häufig! Wir weinen viel, wir bluten viel. O wären wir doch nie hierher ge⸗ kommen!* Wenn ſie unſere Worte verſtünden und dann nach Hauſe kämen, würden ſie dort erzählen, daß ſie nicht Grund haben, das Geſchick der geſchiedenen Brüder zu 61 beneiden. Und ſie ſpendeten uns dann je eine Thräne, je einen Seufzer, und der Enkel würde unſern Namen ausſprechen lernen. Wenn es dann dunkelte, würden ſie ſich hinausſetzen auf die hohen Felſen, vor die Schwelle ihrer Hütten, die ſie noch unlängſt ſo helden⸗ müthig und ſo vergebens vertheidigt, wie ihre fernen Stammverwandten, über deren Häuptern die Sonne niederſinkt, und würden ſprechen: So ſanken auch ſie nieder! Der Haufe erreichte das Thor der Stadt. Die Weiber hatten mittlerweile das große Grab gegraben, quer über den Weg, verſchließend dadurch den Ausgang, verſchließend die Städt. Womit könnte man eine Stadt, die keine Ein⸗ wohner mehr in ſich aufnehmen will, wohl beſſer ver⸗ ſchließen, als mit einem Grabe, den Kommenden eben im Wege? Der Reiterhaufen bleibt vor den Begräbnißgäſten halten. Die Frauen ſingen ein trauriges Lied vom Tode, von den Seliggewordenen nach dem Tode, den Tröſtun⸗ gen des Grabes, den Hoffnungen des Jenſeits, der Nich⸗ tigkeit des Lebens; die Frauenſtimme iſt ohnehin ſo traurig, das Grablied tönt von ihr ſo zitternd dahin wie Glockenſchlag um Mitternacht; das Schluchzen füllt des Liedes Pauſen aus und aus der Stadt tönt das * 62 klagende Heulen herrenloſer, allein gebliebener, haushü- tender Hunde. Der Führer des Reiterhaufens ſteigt von ſeinem Schlachtroß, auch ſeine Gefährten ſitzen ab. Sie neh⸗ men die Mütze vom Haupte, falten die Hände, und ſich hinſtellend an die Seite des Grabes, beten ſie innig mit andächtig zum Himmel emporgehobenem Blicke. Wer würde glauben, daß dies Feinde ſind? Nach beendetem Gebete will ſich der Führer den Frauen nähern, die jenſeits des Grabes ſtehen. Da tritt eine von ihnen hervor, Judith iſt's, und mit küh⸗ nem, kaltem Blicke und abwehrender Bewegung weiſt ſie den Nahenden zurück. „Nicht! Dieſes Grab iſt eine Grenze zwiſchen Euch und uns. Ihr habt nichts zu ſuchen in dieſer Stadt. Da ſind nur noch Weiber und Kinder, deren Stützen Ihr ſchon getödtet. Seht, in dieſes Grab da legen wir jetzt den letzten Szeklermann, der Kezdi Vaſarhely be⸗ wohnt hat. Er iſt hier Greis geworden, er war ein Heiliger. Gott ließ ihn neunundachtzig Jahre leben, damit er Führer und Rathgeber der ganzen Stadt ſei, ietzt rief er ihn zu ſich, denn dieſe Stadt braucht kein Leben mehr. Sein Tod war ſelbſt wunderbar. Er wurde nicht gequält wie andere Erdenkinder; bei der Kunde der verlorenen Schlacht flog ſeine Seele aus. Er war 63 blind ſeit zehn Jahren, denn wenn er das nicht geweſen wäre, hätte ihn nicht die Kunde der Schlacht, ſondern, wie alle übrigen Männer, der Stahl der Schlacht ge⸗ tödtet. Die Frauen Kezdi-Vaſarhelys werden ihn hier⸗ her begraben ins Thor der Stadt, gerade im Eingange, damit Jeder, der hereinkommen will, entſetzt umkehre. Allmälig wird die Straße Gras überwuchern, die Rei⸗ ſenden werden ſich nicht mehr hierher finden, rings um die Stadt wird Wald und Moor emporſchießen. Wir aber werden eine nach der andern ſterben, und wir wollen nicht, daß uns Jemand beweine. Wir wer⸗ den leben in Trauer, ſterben ohne Angedenken, wie es Wittwen ziemt, deren Gatten auf dem Schlachtfelde geblieben. Darum ſei es geſegnet dieſes Grab, welches die Stadt abſchließt von der Welt, und verflucht ſei, wer darüber hinſchreitet im Leben und nach ſeinem Tode. Amen!“ Verſöhnung im Antlitze, ſprach der Tſcherkeſſe un⸗ bekannte Worte zu den Szeklerfrauen, und das aus ſeiner Bruſt hervorgezogene und auf die Spitze ſeiner Lanze geſteckte weiße Tuch ſchien zu verſichern, daß er der Stadt Frieden und Verſöhnung bringe. Die Frau verſtand das Zeichen und winkte verneinend. „Du bringſt vergebens den Frieden. Solange hier ein lebender Odem weht, wird Krieg ſein zwiſchen uns 64 und Euch. Frieden gibt uns nur der Tod. Hier wohnt Trauer. Aber die Trauer lebt in unſern Herzen uur um unſere Todten, für Euch hat es nur Haß. Geht weg von hier! Die Welt iſt groß, Ihr findet Raum in ihr. Wir haben nichts, was Ihr uns nehmen könntet. Auch um auszuruhen, könnt Ihr nicht hierher kommen, die Ruhe iſt aus dieſer Stadt auf ewig ausgewandert. Am hellen Tage ſchreiten grabentſtiegene Geſpenſter die Gaſſen ent⸗ lang, Weiber mit ausgeweinten Augen, die das Grab ihrer Theuern und das eigene ſuchen. Unglückſelige ſind's, die Wahnſinn jagt und Selbſtmord führt. Geht weg von hier!“ Im Herzen des Tſcherkeſſen weckten die unbekannt⸗ bekannten Töne ſolch ſonderbaren Widerhall! In Me⸗ lancholie verſunken blieb er vor dem Grabe, auf den Schaft ſeiner Lanze gelehnt, ſtehen und überblickte die trauernden Frauen, als ob ſie lauter Bekannte wären; er wußte ihnen nicht zu antworten. In Pjlichterfüllung war er aufgewachſen, er war gewohnt, jedem Befehl ohne Erwägung nachzukommen, und jetzt fühlte er nicht die Kraft in ſich, in die Stadt zu gehen, wie dies ihm befohlen war. „Nimm's herab von der Spitze der Lanze, nimm's herab, das weiße Tuch!“ rief ihm die Frau zu.„Stoße Deine Waffen in dies Herz, tauche in ſein Blut jenes 65 weiße Tuch und ſtecke es dann auf als Fahne, ſo kannſt Du in unſere Stadt hereinkommen.“ »Ueber unſere Herzen, unſere Leichen hin!* ſchrien die erbitterten Frauen einſtimmig und warfen ſich hin vor das Roß des Tſcherkeſſenhäuptlings; das Schlacht⸗ roß ſcheute und bäumte ſich. Und der Tſcherkeſſe dachte daran, daß auch er zu Hauſe eine geliebte Mutter habe, deren Worte denen dieſer Frau ſo ähnlich ſeien, und daß auch er ſchöne Schweſtern und eine junge Braut habe, die ebenſo ſchön ſind wie dieſe jungen Weiber zu den Füßen ſeines Roſſes; ihre Augen glänzen ebenſo, ihre Geſichtchen ſind ebenſo blaß, ſo länglich, ihre Züge ſo leidend, ihr Wuchs ſo herrlich, ihre Locken ſo ſchwarz, die ſchönheits⸗ vollen Tſcherkeſſierinnen ſehen den Szeklerinnen ſo ähnlich! Und ſein Herz übermannte ihn. Er wendete ſein Antlitz ab, daß die Frauen die Thräne nicht ſähen, die ſeinem Auge entrollte, dann gab er ſeinem Pferde die Sporen, winkte mit dem weißen Tuche noch einmal den zurückgelaſſenen trauernden Frauen und ſank hin auf den Nocken ſeines Pferdes. Seine Gefährten ſprengten ihm nach, die Lanzen pfiffen durch die Luft. Eine Staub⸗ wolke verſchlang ihre Geſtalten. Weder die Szeklerinnen noch die Tſcherkeſſierinnen haben ihn je wiedergeſehen. Zurückgekommen zum Heere, wurde er vor ein Stolle, Von Wien nach Vilagos. III. 5 66 Kriegsgericht geſtellt, weil er dem Befehle nicht nachge⸗ kommen, und den die Kugel der Schlacht vermieden, den töd⸗ tete das ſtrenge Kriegsgeſetz, weil er gegen dieſes geſündigt. Gegen die von Frauen und Mädchen bewohnte Stadt wurde dann ein Mann entſendet, der ein här⸗ teres Herz beſaß. Dieſer ließ von den Hufen der Roſſe den inmitten der Straße ſich erhebenden Grabeshügel niederſtampfen und die verſchloſſenen Thüren gewaltthätig mit Hellebarden erbrechen. Er hatte dort einen mühevollen Kampf zu beſtehen, ohne den Ruhm des Kampfes, einen Kampf mit Wei⸗ bern, Kindern und ihre Herrinnen vertheidigenden Hunden. Jedes Haus mußte einzeln genommen werden. In jeder Gaſſe mußte er den Kampf von neuem beginnen. Aus Fenſtern und Dächern, mit Steinen und ſiedendem Waſſer kämpfte das fanatiſche Volk gegen ihn. Und dabei tönte fortwährend die Glocke. Zwiſchen Geſchrei und Waffengeklirr war das grauenvolle Ge⸗ läute hörbar, zur Verzweiflung antreibende Töne, mit welchen der hohe Thurm gleich einem ſchwerfälligen Rieſen, der ſich ſelbſt nicht bewegen kann, ſich empor⸗ reckend über die Stadt, ſein Volk anzufeuern ſchien; und wenn dann und wann in dem fürchterlichen Getöſe eine Pauſe entſtund, hörte man das wilde, kreiſchende Lied von oben: 67 Die Leiber Deiner Knechte, Die den Tod empfangen haben, Sie wurden ein Mahl von Raben. Im Verlaufe der Nacht wurde der Widerſtand niedergekämpft. Die Stadt war in der Hand des Bezwingers. Schon tönte und immer ſtärker das Siegeslied und immer ſchwächer das Schreien der Ster⸗ benden, als plötzlich, wie wenn ſie dem Himmel ent⸗ ſänken, ſchadenfrohe Feuer auf die Dächer der Häuſer niederfielen. Die brennenden Pechkränze ſetzen die Stadt in einigen Augenblicken in Flammen, die wirbelnde Windsbraut kommt den Flammen zu Hülfe, ſie trägt den flackernden Zunder von einem Ende der Stadt zum andern. Die Flammen erheben ſich, die Decke des Him⸗ mels ſcheint zu glühen, und die im ſchwarzen Rauche vom Winde durcheinander gepeitſchten flatternden Funken ſprühen empor, als wären ſie von unſichtbaren Dämonen zur himmelſtürmenden Schlacht getragen! Das Geſchrei der Menſchen überbrauſt das Toben des Sturms. Aber am höchſten unter allen Flammen brennt hoch⸗ auflohend die Spitze des Thurms wie eine Rieſenfackel und unter dem lodernden Dache hervor tönt noch immer das traurige Glockengeläute, die Stimme der Schlacht, des Feuers, des Sturms und des Begräbniſſes. Jetzt plötzlich nimmt der Wind eine andere Wendung, er treibt —— — 68 die Flammen nach einer andern Richtung, ein furchtbares Gekrache ertönt, dann verſtummt die Glocke, vielleicht iſt ſie eben herabgeſtürzt. Die zwei Elemente wurden Herren des Schlacht⸗ feldes: Wind und Flamme. Die Menſchen flohen von dannen. Nur ein zwei⸗ faches feindliches Schlachtgeſchrei war noch hörbar: das Heulen des Sturms und das Praſſeln der Flammen. Es war, als ob die Geiſter in Luft zerfloſſener Frauen der Kriegsmänner himmelanſtrebende Seelen in Geſtalt von Funken zurück niederſchleuderten, deſto mehr ſie zurückſchleuderten, deſto mehr beſtürmten die ihnen ſtreitig gemachte Sternenheimat. Warum ſind wir nicht auch dort?“ Stephan hatte zu Ende geleſen. Tief erſchüttert ſaßen die beiden Zuhörer. Ein langes Schweigen folgte. Endlich unterbrach Graf Stanislaus die Stille. „Und wirklich keine Dichtung?“ fragte er. „Die Thatſache beruht auf reiner Wahrheit“, ver⸗ ſetzte Stephan,„nur daß mein Freund in der Form ſein poetiſches Talent nicht ganz hat verleugnen können. Auch ſteht der Helden⸗ und Todesmuth der Frauen von Vaſar⸗ 69 hely nicht vereinzelt in der Geſchichte der Szekler, dieſes tapferſten aller maghariſchen Stämme.“ „Jawohl“, beſtätigte Graf Thomas,„Ungarn kann ſtolz ſein auf dieſes ſein tapferſtes Magyaren⸗ blut.“ Stephan benutzte die knapp gemeſſene Zeit ſeines Urlaubs, um Alles aufzubieten, den Vater für die patrio⸗ tiſche Etelka günſtiger zu ſtimmen; hauptſächlich hob er herbor, daß die alte Mutter ſichtbar ihrer Auflöſung ent⸗ gegengehe und man ſie nicht aus dieſer Welt ſcheiden laſſen möge, ohne Etelka ihren Segen ertheilt zu haben. Erſt nach langer Ueberredung gelang es Stephan, den harten Sinn des Vaters milder zu ſtimmen und ihn zu vermögen, Etelka die Rückkehr in das Vaterhaus zu geſtatten. Füuftes Kapitel. Der Monat Juni 1849 war gekommen. Ungarn gewährte damals mit Ausnahme Kroatiens, Slawoniens und Dalmatiens das Bild einer ziemlich kreisrunden Fläche, welche von zwei militäriſchen Gürteln umſchloſſen wird. Den äußern bildete die öſterreichiſch⸗ruſſiſche Armee, den innern das Heer der Magharen. Der äußere Gürtel war gewaltiger durch ſeine Maſſen. Er ergänzte ſich ununterbrochen aus zwei mächtigen Kaiſer⸗ reichen, und ein großer Halbzirkel von Eiſenbahnen, von Krakau bis Wien und Gratz erleichterte die Verbindung ſeiner Elemente. Der innere Gürtel entbehrte dieſen Vortheil und ſtand an numeriſcher Stärke dem feind⸗ lichen um die Hälfte nach. Dafür genoß er den Vor⸗ theil, ſeine Hülfsmittel im Mittelpunkte zu vereinigen. Er konnte daher vermöge ſeines kleinern Halbmeſſers trotz ſeiner geringern Kräfte, ſeine Angriffe geſchloſſener nach beliebiger Auswahl nach dieſer oder jener Gegend hin richten. Gegen Mitte Juni begann das allgemeine Vor⸗ rücken der allürten kaiſerlichen Heere. Der ruſſiſche Ge⸗ neral Lüders forcirte die Päſſe Siebenbürgens und drang bis Kronſtadt vor. Doch wie ein zürnender Berggeiſt flog Bem herbei und warf den Feind bis zum Berg⸗ paß zurück. Hier erwartete Lüders in feſter Poſition die Vereinigung mit Clam⸗Gallas. Im Süden kämpften der ungariſche General Per⸗ ezel und der heldenmüthige Guyon gegen den Banus von Kroatien Die Feſtung Arad fiel in die Hände der Magyaren. Binnen kurzer Zeit waren die öſterreichi⸗ ſchen Südarmeen gelichtet in einen Winkel gedrängt, zer⸗ ſprengt und demoraliſirt. Die Ungarn entſetzten die Feſtung Peterwardein und verſorgten dieſen wichtigen Platz mit Mannſchaft, Proviant und Munition. Der Anfang des zweiten Feldzugs war alſo in Siebenbürgen wie im Banat für die Ungarn ein glück⸗ licher. Auf beiden Operationslinien trat eine Kampfes⸗ pauſe ein, während welcher die kaiſerlichen Armeen im Norden und Weſten die Vorkehrungen zum großen ge⸗ waltigen Angriffe trafen. Die Ruſſen drangen in vier Corps von Norden 72 her, ohne auf bedeutenden Widerſtand zu ſtoßen. Da ſich die Ungarn unter Dembinſki zurückzogen, erreichten ſie Debreczin, während ihr äußerſter rechter Flügel unter General Grabbe die Bergſtädte Kremnitz und Schem⸗ nitz beſetzte und bemüht war mit den weiter weſtlich operirenden öſterreichiſchen Corps in Verbindung zu treten. Die Ungarn zogen ſich immer weiter in das In⸗ nere zurück, um an einem gegebenen Punkte mit Görgei vereint gegen die große öſterreichiſche Armee zu ope⸗ riren. Letztere ergriff, nachdem der öſterreichiſche Ober⸗ feldherr Welden durch General Hahnau erſetzt worden war, Ende Juni die Offenſive und marſchirte in drei Colonnen concentriſch gegen die Stadt Raab. Görgei ver⸗ mochte gegen ſolche Uebermacht dieſe Stadt nicht zu halten. Er zog ſich zurück, und der jugendliche Kaiſer Oeſterreichs, der ſich diesmal mit bei der Armee befand, hielt ſeinen Einzug in Raab. Die zurückweichenden Ungarn unter Görgei hatten Aes erreicht, welcher Ort der Feſtung Komorn gegenüber liegt. Hier machte der ungariſche Feldherr Halt, um geſchützt durch die neu erbauten Schanzen, welche als Ergänzung der Komorner Feſtungswerke dienten, den herandrängenden öſterreichiſchen Maſſen die Stirn zu bieten. Es kam zu dem heftigſten Zuſammenſtoße. Görgei trug am erſten Schlachttage— was er nur ſelten that— ſeine prachtvolle rothe, goldgeſtickte Generals⸗ uniform und weithin leuchtete ſein weißer Reiherbuſch. Die ſchönen männlichen, aber ſteinernen Züge dieſes Mannes erhielten den Ausdruck inneren Lebens erſt in der Schlacht, vor der Fronte, gegenüber dem Feinde. Das war der Moment, wo ſein Geſicht Aufregung, Begeiſterung, Kampfluſt und Leidenſchaft zeigte. Es war kein Wunder, daß ihn die Truppen wie einen Gott ver⸗ ehrten. Mit geheimem Stolze ſah er, wie ſich die beſten Kräfte der kaiſerlichen Armee an ſeiner Honvedartillerie abnutzten. Es that ſeinem ehrgeizigen Gemüthe wohl, dem hohen Adel Oeſterreichs als ebenbürtiger Feind gegenüberzuſtehen, ihm, vor kurzem noch ein Mann ohne alle Stellung, Namen und Vermögen, ohne Vergangen⸗ heit, zurückgeſetzt gegen junge Leute aus adligen und reichen Familien. Jetzt ſah er ſie wieder, jene ſtolzen Cavaliere Oeſterreichs, an der Spitze ihrer Compagnien, Bataillone und Brigaden, wie ſie vor ihm verbluteten, niedergeſchmettert durch ſeine Batterien, zurückgeworfen durch ſeine Bataillone. Sein Stolz fand ſich be⸗ friedigt. Görgei war nicht mit Leib und Seele Maghar 74 und haßte Oeſterreich zu wenig, um es zertrümmern zu wollen. Bei all ſeinem kriegeriſchen Genie und ſeiner Tapferkeit fehlte ihm die Wärme, das Herz, die Liebe und Begeiſterung des Magyharen. Nachdem er zahlreiche Stürme ſiegreich abgeſchlagen, ging er zur Offenſive über. Er verſuchte mit zwölf⸗ tauſend Mann den linken Flügel der Oeſterreicher zu um⸗ gehen. Von beiden Seiten wüthete ein Verzweiflungs⸗ kampf, hier, um den Durchbruch zu erzwingen, dort, ihn abzuwehren. Die Umgehung ſelbſt ward von der Bri— gade Bianchi verhindert, das öſterreichiſche Centrum ge⸗ rieth aber in die äußerſte Gefahr. Da im Sturmſchritt erſchien ein Retter in der Noth, die ruſſiſche Diviſion Paniutine, welche der öſterreichiſchen Armee beigegeben war. Die Ungarn, zu ermattet, dieſem neuen Feinde hinreichenden Widerſtand leiſten zu können, zogen ſich in ihre Verſchanzungen zurück. Görgei ſelbſt kehrte verwun⸗ det vom Schlachtfelde heim. Mit Ausnahme unbedeutender Plänkeleien trat eine acht Tage lange Waffenruhe ein. General Hahnau hatte inzwiſchen einen beträchtlichen Theil ſeines Heeres gegen Ofen entſendet. Er wollte den Ruſſen den Ruhm nicht gönnen, dieſe alte Königsſtadt zuerſt zu betreten. Görgei glaubte durch dieſe Entſendung ſo bedeutender Streit⸗ kräfte das öſterreichiſche Hauptheer in einem Grade ge⸗ 75 ſchwächt, um einen abermaligen Durchbruch wagen zu können.. Es war am 11. Juli mittags. Stürmiſches Re⸗ genwetter umdüſterte den Horizont, feuchte Nebel lager⸗ ten auf den von ſanften Hügelketten durchzogenen Nie⸗ derungen, da debouchirte das ungariſche Heer aus ſeinen Verſchanzungen und griff die öſterreichiſche Stellung auf verſchiedenen Punkten zu gleicher Zeit an. Wie in den frühern Schlachten kämpfte auch dies⸗ mal Görgei mit der Meiſterſchaft eines großen Feld⸗ herrn und der Hingebung eines wackern Soldaten. In dem Walde von Etos ſchlugen ſich die Honveds mit Löwenmuth und tränkten den Waldboden mit ihrem Blute. Sie drangen, den Schuß im Rohre, mit gefäll⸗ tem Bajonett vor, fanden aber an den Brigaden Bi⸗ anchi, Sartori, Neiſchbach und der Cavalleriebrigade Ludwig eiſernen Widerſtand. Die Verluſte auf beiden Seiten waren ungeheuer. Als der Abend herabſank, ſtanden beide Heere in den frühern Stellungen. Auf den andern Angriffspunkten waren die Erfolge faſt dieſelben. Bei der Puſzta Herkali gelang es eine geraume Zeit dem ungariſchen Feldherrn, die feindlichen Colonnen entſchieden zurückzuwerfen; die öſterreichiſche Infanterie war ſo erſchüttert, daß bereits Unordnung einzureißen begann; der Tag ſtand auf der Spitze der 76 Entſcheidung. Selbſt der Tapferkeit eines Benedek und Herzinger, welchen beiden die Pferde unterm Leibe er⸗ ſchoſſen wurden, war es nicht möglich, die Schlacht zu retten. Da erſchien wieder Görgei's böſer Geiſt, der Ruſſe Paniutine, mit ſeinen lebendigen Mauern und furchtbarem Artilleriepark. Fünf Uhr nachmittags ward der Kampf auf allen Punkten abgebrochen. Die unga⸗ riſchen Huſaren ritten niedergeſchlagen in ihre Stand⸗ quartiere. Nur Görgei bewahrte ſeine heitere Miene. Er vertraute ſeinen braven Truppen und ſeinem Genie. Jetzt galt es, nachdem man die Heſterreicher nicht zu durchbrechen vermocht, den von Oſten und Norden hereingebrochenen Ruſſen die Spitze zu bieten, um nicht in Gefahr zu laufen, von allen Seiten umzingelt zu werden. Zu dieſem Zwecke beorderte Görgei den General Klapka, mit der ganzen Truppenmacht, welche unter ſeinem Commando die Veſatzung von Komorn zu bilden beſtimmt war, einen allgemeinen Angriff auf die öſter⸗ reichiſche Hauptarmee auszuführen. Klapka vollführte dieſen Auftrag mit jener Bravour und Umſicht, welche dieſer General von Anfang bis zu Ende des ungariſchen Kampfes bewieſen hat. Mit Men⸗ ſchenleben geizend, deſto verſchwenderiſcher mit Pulber und Eiſen, leitete er ſeine Angriffe ſo geſchickt und ver⸗ 77 ſtand ſeine verhältnißmäßig ſchwache Truppenmacht ſo umſichtig zu verwenden er vertheilte die wenigen Schwa⸗ dronen Reiterei, die ihm verblieben, und ſeine Artillerie ſo meiſterhaft, daß die öſterreichiſchen Generale glauben mußten, ſie hätten es mit der geſammten Macht Gör⸗ gei's zu thun. Sie lebten der Ueberzeugung, dieſer Ge⸗ neral wolle zum dritten Male verſuchen durchzubrechen. Görgei zog aber währenddeſſen gegen die Ruſſen. Es entſpann ſich jetzt ſeitens Dembinſti's einerſeits und Görgei's andererſeits gegen die unterſchiedlichen ruſſiſchen Corps eine Reihe von Gefechten, die, wie glücklich ſie auch größentheils für die Ungarn ausfielen, doch zu keinem entſcheidenden Reſultate führten. Auch durch die ver⸗ ſchiedenen Päſſe Siebenbürgens waren Ruſſen und Oeſter⸗ reicher mit großer Heeresmacht von neuem hereinge⸗ brochen, ſodaß General Vem, wie löwenkühn er auch ſich wehrte und mit welcher Meiſterſchaft er manövrirte, doch endlich gezwungen wurde, mehr und mehr der Ueber⸗ macht zu weichen. Der Banus von Kroatien im Süden hatte ſich ebenfalls wieder erholt, ſodaß er zur Offenſive übergehen konnte. Er drängte gegen Norden, wodurch der große Kreis vollendet wurde, welchen die feindlichen Heere um die heldenhaft kämpfenden Magharen ſchloſſen. Von Woche zu Woche begann ſich der Stern Ungarns mehr dem Untergange zuzuneigen. Sechstes Kapitel. Die ungariſche Regierung war infolge der vor⸗ dringenden Ruſſen von Debreczin nach dem ſüdlicher ge⸗ legenen Szegedin verlegt worden. Ihr folgte Alles, was Urſache hatte, vor dem Feinde zu flüchten, ſodaß die Bevölkerung letzterer Stadt binnen wenigen Tagen auf hundertdreißigtauſend Köpfe anwuchs. Die Ankömmlinge wurden theils in der Stadt, theils in den Pächterwohnun— gen der Umgegend, die ſich meilenweit in das geſegnete Land hinein erſtreckten, untergebracht. Koſſuth ſelbſt war am 12. Juli eingetroffen. Noch verzweifelte er nicht an der Sache des Vaterlandes und ſeine Thätigkeit war fabelhaft. Binnen acht Tagen ſchuf er ein Heer von vierzehntauſend Mann. Zu gleicher Zeit hielt er große Volksverſammlungen. Er predigte den Kreuzzug. Dreißig⸗ tauſend Mann erhoben ſich auf ſeinen Ruf, um gegen den Feind geführt zu werden. Seine Stimme war noch — immer die alte. Er war noch immer der große ent⸗ flammende Redner, und das Volk verehrte in ihm ſeinen Abgott. Der Reichstag wurde am 21. Juli von neuem er⸗ öffnet. Auf dem Präſidentenſtuhle ſaß Palaczh, ein jugendlicher Greis, begabt mit dem Verſtande des ge⸗ reiften Mannes. Seine grauen Haare verliehen ihm etwas Prophetenartiges. Einer der wichtigſten Beſchlüſſe dieſer letzten Sitzun⸗ gen war die Ernennung Görgei's zum Oberbefehlshaber über ſämmtliche noch vorhandene ungariſche Streitkräfte. Indeſſen bewegten ſich die feindlichen Armeen, die Ungarn mehr und mehr zurückdrängend, in drei gewaltigen Colonnen gegen Szegedin. Die Hitze der Jahreszeit war erdrückend. In den Niederungen zwiſchen Theiß und Donau, durch welche ſich die öſterreichiſchen Heere bewegten, waren alle Brun⸗ nen vertrocknet, die fauligen Tümpel, welche hier und da von den Sonnenſtrahlen noch nicht aufgeſogen waren, verpeſteten die Luft, weil ſie ſelbſt verpeſtet waren durch hineingeworfene Leichname von Menſchen und Thieren. Staub, Sand, Sonnenglut vereinigten ſich, den Mangel an trinkbarem Waſſer bis zur Verzweiflung fühlbar zu machen. Die Waſſermelone, welche in jenen Gegenden üppig gedeiht, war als fiebererzeugend bei Todesſtrafe 80 verboten, und das mit Eſſig vermiſchte Trinkwaſſer, welches General Hahnau ſeiner Armee in Hunderten von Bauerwagen nachfahren ließ, reichte nicht hin, den glü⸗ henden Durſt zu löſchen. Dennoch ertrug der öſterrei⸗ chiſche Soldat die Qualen dieſes Marſches mit bewun⸗ derungswerther Ausdauer. Es war am Abend nach der verhängnißvollen Reichs⸗ tagsſitzung, welche Görgei den Oberbefehl über ſämmt⸗ liche ungariſche Streitkräfte übertrug. Die Dunkelheit war hereingebrochen. Auf Koſſuth's Arbeitstiſche brannte die Lampe, die ſo manche Nacht ihr Licht geſpendet, wenn der Präſident Ungarns, jeden Schlaf verſchmähend, bis zum Morgen gearbeitet, als demſelben eine Dame ge⸗ meldet wurde, die in wichtiger Angelegenheit ihn zu ſprechen wünſchte. Es war Etelka. „Lajos“, begann ſie.„ich komme, um Abſchied zu nehmen.“ Koſſuth reichte ihr die Hand. „So will mich Alles verlaſſen?“ ſprach er mit trübem Lächeln.„Wenn des Vaterlandes edelſte Genien ſich abwenden, was ſoll aus demſelben werden?“ „Ich kann Dir nichts mehr nützen, Lajos“, fuhr Etelka tonlos fort, und nach einer Pauſe ſetzte ſie hinzu: 81 „Mit dem heutigen Reichstagsbeſchluſſe iſt Ungarn verloren.“ „Du ſiehſt doch wohl zu ſchwarz, Etelka“, ſagte der Gouverneur. „Mißtraue der Stimme nicht, Lajos, die in meinem Innern ſpricht und die mich nie betrogen.“ „Du trauſt Görgei nicht?“ „Wie ſoll ich einem Manne trauen, den weniger mein Verſtand als mein Herz ſeit Monaten durchſchaut Mit dem heutigen Tage iſt Ungarn verloren. Görgei wird bei ſeiner jetzigen Machtſtellung keine Gelegenheit ver⸗ abſäumen, ſich bei Oeſterreich eine goldene Brücke zu bauen.“ Und mit einem Tone, der ihren Seelenſchmerz nur zu deutlich verrieth, fuhr ſie fort:„Und Du haſt nichts gethan, dieſe Wahl zu verhindern?“ Koſſuth erwiderte nach einer Pauſe:„Der ver⸗ faſſungsmäßig ausgeſprochene Wille des Volks iſt mein Geſetz.“ „Ja, in ruhiger Zeit, aber bedachteſt Du nicht, La⸗ jos, daß wir in der Zeit der Revolution leben, wo die endliche Entſcheidung allein auf die Spitze des Schwertes geſtellt iſt, wo außerordentliche Zuſtände außerordentliche Mittel erfordern? Du mußteſt dieſen Mann ſchon bei ſeinem erſten offenbaren Ungehorſam gegen die Regie⸗ rung vor ein Kriegsgericht ſtellen.“ Stolle, Von Wien nach Vilagos. III. 6 82 „Haſt Du, Etelka, die unermeßliche Popularität vergeſſen, die Görgei bei der Armee genoß und noch genießt? Und war andererſeits von ſeinem militäriſchen Genie nicht Alles zu hoffen?“ „Nur ſolange ſein Ehrgeiz ſich geſchmeichelt fand“, ſprach Etelka. Koſſuth fuhr fort:„Ließ ſeine ſoldatiſche Bravour, die ihn oft als Feldherr in die augenſcheinlichſte Lebens⸗ gefahr führte, wohl den Gedanken aufkommen, daß er es nicht redlich mit ſeinem Vaterlande meine?“ „Dieſe perſönliche Bravour, Lajos, erkenne auch ich an, obſchon ſie für den Oberfeldherrn, von deſſen um⸗ ſichtiger Leitung das Geſchick des Heeres abhängt, nicht immer an ihrem Platze iſt. Indeß wiegt ſie ſeinen Ungehorſam nicht auf. Nicht Tapferkeit allein entſcheidet die Schlachten, Gehorſam und Disciplin ſind nicht minder wichtige Factoren. Haſt Du vergeſſen, daß Montes quiou mitten auf ſeiner Siegesbahn in Piemont vor das Rebolutionstribunal nach Paris beſchieden und in den Kerker geworfen wurde, daß Cuſtune vor der Fronte von vierzigtauſend Mann, die ihn vergötterten, durch Le⸗ vaſſeur im Namen des Convents verhaftet und der Guillotine überliefert wurde?“ „Ungarns Reichstag“, verſetzte Koſſuth,„iſt kein Pariſer Convent.“ 83 „Wäre er's doch“, ſprach dumpf das für des Vater⸗ landes Unabhängigkeit begeiſterte Mädchen. Eine lange ſchwüle Paufe folgte. Nur düſter warf die Lampe ihren Schein. Endlich ſprach Etelka in faſt flehendem Tone: „Lajos, noch iſt es vielleicht in Deine Hand gegeben, noch liegt Ungarns Volk Dir zu Füßen und betet Dich an, weil es weiß, daß Dein Herz rein und redlich; noch haſt Du die Macht, gebrauche ſie und entferne Görgei vom Commando, lege Dein Veto ein gegen den heutigen Reichstagsbeſchluß, enthülle offen dem Volke Görgei's zweideutiges Benehmen, ſeinen faſt rebelliſchen Ungehor⸗ ſam. Du ſiegſt, glaube mir, Lajos, denn Du biſt mächtiger als Görgei, weil Du wahrer biſt.“ „Und wer ſoll Görgei erſetzen?“ fragte der Präſident. „Du haſt der Generale genug, die, wenn auch nicht ſo talentvoll, doch um ſo zuverläſſiger ſind, die für ihr Vaterland kämpfen, weil ſie es lieben, und unſere braven Truppen werden das Ihrige thun.“ „Ich hoffe noch immer“, gab der Präſident zu be⸗ denken,„daß Görgei's Ehrgeiz jetzt als Oberfeldherr ſämmtlicher ungariſcher Heere vollkommen befriedigt ſein wird.“ „Du irrſt“, fiel Etelka eifrig ein.„Du ſtehſt ihm 6* 84 immer noch zu hoch. Er und nur er allein will der Erſte ſein im Ungarnlande.“ „Wohlan“, ſprach Koſſuth,„meine hohe Stellung reizt mich nicht, die Rettung des Vaterlandes liegt mir allein am Herzen. Strebt Görgei nach der Dictatur, er ſoll ſie haben, aber er ſoll Ungarn vom Feinde be⸗ freien. Ich will kämpfen als einfacher Honved.“ „Du beurtheilſt die Menſchen nach Dir“, ſprach Stelka,„darum irrſt Du; Du vertrauſt Ungarns böſem Genius, und dies richtet uns zu Grunde.“ Es entſtand abermals eine lange Pauſe. In Etelka's Innerem begann ein entſetzlicher Kampf. Krampfhaft wogte ihr Buſen. Endlich trat ſie vor den Präſidenten von Ungarn. „Lajos“ ſprach ſie in entſchiedenem Tone,„ich wüßte ein Mittel, Ungarn von einem Manne zu befreien, der zwar daſelbſt geboren, aber kein Herz für ſein Vaterland hat und darum kein Bedenken tragen wird, es ſeiner Selbſtſucht zu opfern.“ „Und dieſes Mittel?“ fragte Koſſuth. Etelka zog einen Dolch aus ihrem Buſen. „Ein einziger wohlgezielter Stoß und Ungarn iſt von ſeinem böſen Genius befreit.“ Der Präſident trat erſchrocken einen Schritt zurück. „Du raſeſt, Mädchen“, rief er.„Bedenkſt Du nicht, 85 daß ein blutiger Angriff auf den gefeierten Helden ſo⸗ fort der Tod des Angreifers ſein würde? Die wüthende Soldateska würde ihn in Stücke zerreißen.“ „Sie würden nur einen Leichnam zerreiß en“, ſprach ruhig Etelka.„Gib mir Deine Erlaubniß und ich voll⸗ bringe die That. Es iſt das Einzige, was ich noch für Ungarn, deſſen Fall ich ohnehin nicht überleben werde, thun kann.“ Koſſuth nahm die Mordwaffe aus ihrer Hand und verſchloß ſie ſorgfältig in ſein Bureau, dann ſprach er in ſchmerzlichem Tone: „O Etelka, wie wenig kennſt Du mich! Nun und nimmermehr werde ich die Zuſtimmung zu einem Meuchel⸗ morde geben, der unſere edle und reine Sache nur be⸗ flecken würde. Bedenke, was uns allein der Mord des Grafen Lamberg geſchadet. Mit Meuchelmord iſt noch nie der Freiheit gedient, im Gegentheil, ſie iſt dadurch nur entehrt worden. Auch ſoll der arme kurzſichtige Menſch nie der Natur und ſeinem Schöpfer vorgreifen und ſich nie vermeſſen, eigenmächtig und auf frevelhafte Weiſe die Geſchicke des Weltgeiſtes lenken zu wollen.“ Der Präſident ſprach dieſe Worte mit ſolcher Hoheit und ſittlich⸗religiöſen Würde, daß Etelka auf das tiefſte ergriffen wurde. Sie erfaßte Koſſuth's Hand. „Vergib mir, Lajos, wenn ich, obſchon das Wohl 86 des Vaterlandes im Auge, vom rechten Pfade ab⸗ irrte. Du haſt Recht, der kurzſichtige Menſch ſoll nicht eigenmächtig der Vorſehung vorgreifen. Ich danke Dir für das Licht, das Du mir gabſt in dunkler Stunde.“ „Und ſo verſprich mir“, fuhr Koſſuth fort,„den böſen Gedanken für immer aus Deiner Seele zu ver⸗ bannen.“ „Ich verſpreche es.“ „Wohlan, ſo biſt Du auch wieder meine gute Etelka, meine theure Freundin. Du ſiehſt aber, wie ſich der Verſucher ſelbſt im Gewande der edelſten Va⸗ terlandsliebe dem unbewachten ſchwachen Herzen zu nahen wagt.“ Etelka wollte Koſſuth die Hand küſſen. Er ließ dies aber nicht zu, ſondern drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Du willſt nach Bardh⸗Caſtell abreiſen?“ ſprach er. „Nimm hiermit meinen beſten Segen.“ „Da ich meiner Mutter, dem Vaterlande, jetzt nicht mehr nützen kann“, erwiderte Etelka,„ruft mich die Kindespflicht zu einer andern Mutter. Die treue Liebe meines Bruders Iſtovan hat die Verſöhnung mit meiner Familie wiederhergeſtellt. Ich eile an das Lager der Mutter meines Vaters, die täglich mehr dem Grabe 87 zuwankt, und will um ihren letzten Segen bitten. So das Vaterland meiner bedarf, weißt Du, Lajos, wo ich zu finden.“ „Ach“, ſeufzte der Präſident,„wer doch auch ſo verſöhnt daſtünde mit der Welt, wie Du mit den Deinen!“. Und nach einer Pauſe fügte er fromm ergeben hinzu:„Gottes Wille geſchehe in Allem, was da kommen möge!“ Er wandte ſich ab, ſeine tiefe Bewegung zu ver⸗ bergen. Dann ſprach er:„Ich habe unſern Freund Benno beauftragt, Dein Begleiter und Beſchützer auch auf dieſer Reiſe zu ſein.“ Von ihrem Gefühl überwältigt, eilte Etelka in die Arme des treueſten Freundes Ungarns. Thränen ent⸗ ſtrömten ihren ſchönen Augen. „Leb' wohl, mein Lajos, Gott ſei mit Dir und unſerm Vaterlande!“ Siebentes Kapitel. Während die Magharen im letzten Verzweiflungs⸗ kampfe mit ihren übermächtigen Feinden in den Nebeln und Sümpfen der Theißebene heldenmüthig rangen, herrſchte auf dem paradieſiſch gelegenen Landgute Ce⸗ tinja und in deſſen Umgegend der tiefſte Frieden. Die Bevölkerung der Umgegend war größtentheils zu ihrer frühern ländlichen Beſchäftigung und zu ihren Heerden und Weideplätzen zurückgekehrt. Freilich war mancher der Ausgezogenen nicht wiedergekommen, und manche Gattin hatte bei den Heimkehrenden angſtvollen Herzens vergebens nach ihrem Gatten, manche Braut vergebens nach ihrem Bräutigam gefragt. Mancher Gefallene wurde be⸗ weint. Viele Thränen rannen um Väter, Gatten, Brüder und Geliebte. Nachdem der Centurio Ranko die Ueberzeugung gewonnen, daß Edmund wie Hhppolit keineswegs der Spionage verdächtig ſeien, da erſterer ehrlich und offen 89 den Zweck ſeiner Wanderung mitgetheilt, der den alten Serben mit nicht geringem Intereſſe erfüllte, wurden die beiden jungen Männer nicht als Gefangene, ſondern als Gaſtfreunde betrachtet. Nur mußten ſie ihr Ehren⸗ wort geben, Cetinja nicht ohne ſeine Erlaubniß zu ver⸗ laſſen. Auch ihre Freigebung ſollte mit dazu dienen, die Auslieferung der gefangenen ſerbiſchen Landsleute leichter zu ermöglichen. Zugleich hatte ſich der Centurio eine für die Be⸗ theiligten ſehr erfreuliche Ueberraſchung ausgedacht. Noch hatten Edmund und Hippolyt keine Ahnung von der Anweſenheit Veronika's auf Cetinja, und letztere befand ſich hinſichtlich der zwei jungen Männer in gleicher Un⸗ kenntniß. Darauf baute Ranko ſeinen Plan. Die beiden Mädchen wohnten in einer etwas ab⸗ gelegenen, laubumgrünten, aber ſehr comfortable einge⸗ richteten Abtheilung der ziemlich weitläufigen Gutsge⸗ bäude, wo ſie mit ihren Dienerinnen ihr ſtilles Daſein führten, während Edmund und Hippolht unmittelbar neben den Gemächern des Centurio im rechten Flügel des Herrnhauſes Wohnung erhalten hatten. Der Centurio, welcher an ſeinen beiden Gäſten, deren Bildung er ſehr zu ſchätzen wußte, großes Ge⸗ fallen fand, zumal ſie als Nichtmagharen auch ſeine Na⸗ tionalantipathie nicht erregten, unterhielt ſich gern mit 90 ihnen über Deutſchland und Frankreich. Namentlich war es während des Mittagsmahls, das er gemeinſchaftlich mit ihnen einnahm, wo er es liebte, Unterhaltung mit ihnen zu pflegen. Man tauſchte Belehrung gegen Belehrung. Die übrige Zeit des Tages, wo Ranko ſeiner landwirthſchaftlichen Beſchäftigung nachging, kam er nur wenig mit ſeinen Gäſten zuſammen, höchſtens daß er zuweilen ein paar Abendſtunden mit ihnen verplauderte. Edmund und Hippolht konnten ſich daher gar keinen angenehmern Aufenthalt wünſchen. Nichts ging ihnen ab zum behaglichſten Daſein, angenehme Wohnung, reiche Bewirthung, reizende, idyllenhafte Umgebung, und nur der Gedanke an Veronika und deren ungewiſſes Schickſal war es, der keine rechte Freudigkeit in ihnen wollte aufkommen laſſen. Auch drückte ſie in dieſer Bezie⸗ hung das gegebene Ehrenwort nicht wenig, doch hofften ſie von Tag zu Tag deſſelben enthoben zu werden, um ihre Wanderung zur Auffindung des ſchönen Schütz⸗ lings fortzuſetzen. Wie oft auch Edmund ſich angelegen ſein ließ, bei dem Centurio Nachforſchung über die von den Serben entführte Jungfrau und deren Aufenthalt anzuſtellen, hatte Ranko doch ſtets ſeine vollſtändige Unkenntniß in dieſer Beziehung zu erkennen gegeben. Eines Morgens trat der Centurio ziemlich zeitig 91 in den Salon, wo ſich die beiden Gaſtfreunde befanden. Edmund war in Leectüre vertieft, während Hippolht eine Landſchaftsſtizze zeichnete, in welcher Kunſt er ziem⸗ liche Fertigkeit beſaß. „Meine verehrten Gäſte“, begann der Centurio, „ich bin gekommen, um die genehme Nachricht mitzu⸗ theilen, daß wir heute nicht allein ſpeiſen, wie bisher, ſondern daß uns zwei junge Damen Geſellſchaft leiſten werden.“ Als Hippolyt von zwei jungen Damen hörte, ſprang er wie behext auf. „Fremder Beſuch?“ rief er.„Das iſt ja vortrefflich.“ „Nur zum Theil“, erwiderte der Hausherr;„meine Tochter Smiljana wird mit die Ehre haben.“ Zu ihrem großen Erſtaunen vernahmen Ebmund wie Hippolyt hier zum erſten Male, daß der Centurio eine Tochter habe, und da derſelbe von Damen ſprach, mußte dieſe Tochter auch bereits erwachſen ſein. Hippolyt war entzückt, während Edmund, beſtändig in trüber Sorge um Veronika, von der Mittheilung des Centurio weniger freudig berührt wurde. „Wir werden“, fuhr der Centurio fort,„das Mittagseſſen im Blumenpavillon einnehmen, welcher ja den Herren bekannt iſt. Die Eſſenszeit bleibt dieſelbe.“ Mit dieſen Worten empfahl ſich der Centurio und überließ ſeine Gäſte dem gerechten Erſtaunen ob des ſo völlig unerwarteten Damenbeſuchs. Hippolyt gerieth bei ſeinem warmblütigen Tempe⸗ ramente in die entſchiedenſte Ekſtaſe. Er zerarbeitete ſich das Gehirn wer der fremde Beſuch wohl ſein könne, woher er komme, ob er ſchön ſei und dergleichen. Daß letzteres der Fall ſei, bezweifelte er keinen Augenblick. Auch daß der Centurio eine erwachſene Tochter habe, deren er bisher mit keiner Silbe Erwähnung gethan, verſetzte ihn in Allarm. „O, ich durchſchaue den Alten“, rief er.„Er iſt klug und weiſe und hat ſich erſt von unſerer Solidität über⸗ zeugen wollen, ehe er uns ſein Töchterlein gleichſam als liebenswürdiges Deſſert vorführt. Dieſe Serben ſind gar nicht auf den Kopf gefallen, wie mir immer mehr klar wird.“ Edmund blieb weit ruhiger und wartete gelaſſen der Dinge, die da kommen ſollten. „Wenn es Veronika wäre“, ſeufzte er. Hippolyt überließ ſich noch geraume Zeit den aus⸗ ſchweifendſten Phantaſien ob der verheißenen Schönheiten des Morgenlandes. Nichts konnte ihm in ſeiner Ein⸗ ſamkeit, die ſeinem lebhaften Geiſte bereits etwas drückend zu werden begann, erwünſchter kommen als die Erſchei⸗ nung holder Frauen. 93 Die Stunden bis zur Eſſenszeit wurden ihm zu einer Ewigkeit. Kein Strich auf ſeiner Zeichnung wollte mehr gelingen. Wiederholt warf er die Bleifeder weg und ſprang auf. „Smiljana heißt die Tochter“, rief er,„wenn ich recht verſtanden habe; war's nicht ſo, Edmund? Welch reizender Mädchenname! Gewiß iſt die Beſitzerin nicht minder ſchön, eine Wunderblume aus den Gärten Sche⸗ herazade's.“ Endlich erſchien die erſehnte Stunde. Hippolyt hatte die ſorgfältigſte Toilette gemacht, wie ſie nur der feinſte Pariſer Geſchmack zu erſinnen vermochte. Der junge Fran⸗ zoſe lebte in der feſten Ueberzeugung, in dieſem Coſtüm die geſammte Frauenwelt des Morgenlandes zu erobern. Ein Diener erſchien mit der Meldung, daß das Mittagsmahl ſervirt ſei. Edmund folgte mit gerechter Erwartung, aber Hip⸗ polyt war zu Muthe, als ſollte er direct in den gehei⸗ ligten Harem des Großherrn eingeführt werden. Der Blumenpavillon ließ an geſchmackvoller Ein⸗ richtung nichts zu wünſchen übrig und gewährte als Speiſeſalon den angenehmſten Aufenthalt. Zu allen Fenſtern blickte friſches Grün der angrenzenden Gärten herein. Der Marmorboden war mit Teppichen belegt. Die an den Spiegelwänden angebrachten Pendülen ließen 94 von Zeit zu Zeit ihre weichen Glockentöne vernehmen und ein im Hintergrunde in einer Grotte ſprudelnder Springbrunnen verbreitete an heißen Tagen die erquick⸗ lichſte Kühle. Als Edmund und Hippolht die angenehme Räumlichkeit betraten, kam ihnen der alte Centurio mit gewohnter Treuherzigkeit entgegen. Er ſchüttelte den bei⸗ den jungen Männern die Hand und brachte das Ge⸗ ſpräch auf alltägliche Gegenſtände, während Hippolht neugierig darauf brannte, etwas Näheres über den zu erwartenden Damenbeſuch zu erfahren. Mit großem Ve⸗ hagen bemerkte letzterer, wie die Tafel weit reicher als gewöhnlich ausgeſtattet war. Er zählte fünf Couverts. Neben zweien derſelben lagen Bouquets von friſch ge⸗ brochenen Roſen. „Aha“, dachte Hippolht,„das iſt für die zu erwar⸗ tenden Schönheiten. Der Centurio iſt nicht ohne Galan⸗ terie und verſteht zu leben. Er verräth in der That An⸗ lage zu einem Franzoſen.“ Zu gleicher Zeit recognoscirte und ealeulirte er, welches wohl der ihm zugedachte Platz an dieſer reich beſetzten Tafel ſein möge und neben welche von den beiden unbekannten Schönen er wohl placirt werden würde. Er lebte in der geſpannteſten Erwartung und ſtand wie auf Kohlen, da die Schönen ſich gar nicht blicken 95 laſſen wollten. Der Centurio war mit Edmund in ein Geſpräch über einige deutſche Fabriketabliſſements ge⸗ rathen und ſchien den Zweck ihres Hierſeins ganz ver⸗ geſſen zu haben. Hippolht ſuchte ſich, ſo gut es gehen wollte, zu tröſten und in Geduld zu üben. „Wahrſcheinlich“, ſprach er zu ſich,„geben die Schönen Serbiens ihren Pariſer Schweſtern nichts nach und können mit der Toilette nicht ſobald zu Stande kommen.“ Endlich ſchien zu Hippolht's nicht geringer Befriedi⸗ gung die induſtrielle Wißbegier des Centurio befriedigt. Die Unterhaltung mit Edmund hatte ihr Ende und Ranko ergriff eine Glocke und ſchellte. Ein Diener erſchien. „Meldet den Damen, daß die Geſellſchaft verſam⸗ melt und das Eſſen bereit ſei.“ Die Neugier und Spannung Hippolyt's erreichte den höchſten Grad, während Edmund gleichfalls mit großer Erwartung dem Erſcheinen der Damen entgegenſah. Die Flügelthür der Pforte, welche nach dem Cor⸗ ridor führte, that ſich auf und herein traten zwei bejahrte Zigeunerinnen von abſchreckender Häßlichkeit, phantaſtiſch gekleidet, die ſich mit grinſender Freundlichkeit den beiden jungen Männern näherten, während der Centurio, der 96 in eine Fenſterböſchung zurückgetreten war, ſich nicht wenig an der getäuſchten Erwartung von Edmund und Hippolyt weidete. Hippolyt ſprang entſetzt einen Schritt zurück, als das eine Scheuſal unmittelbar auf ihn zukam und mit widrigen Liebkoſungen ſich ſeiner Hand bemächtigen wollte, während Edmund, welchen die andere Zigeunerin in Beſchlag genommen, gleichfalls aus allen Himmeln gefallen war und mit Grauen ſich abwandte. „Gib mir Deine Hand, Goldjunge“, krächzte die erſtere, welche ihre Aufmerkſamkeit dem Franzoſen zu⸗ gedacht hatte, und ſtreckte die Knochenarme nach ihm aus. Hippolht hatte nichts Eiligeres zu thun, als ſeine Hände ſchleunigſt hinter ſeinen Rücken in Sicherheit zu bringen. Nachdem der Centurio ſich eine kurze Zeit daran er⸗ götzt, mit welchen höchſt poſſirlichen Capriolen Hippolht bemüht war, die Zärtlichkeiten des gräßlichen Weibes von ſich abzuwehren, trat er aus ſeiner Fenſtervertiefung wieder hervor. „Meine verehrten Gäſte“, ſprach er,„ſcheinen ſich von den Huldigungen, die ihnen von der Wratka und Stratka gebracht werden, nicht eben auf das ange⸗ nehmſte berührt zu fühlen?“ „Den Teufel auch“, rief Hippolht, der gegen die 87 zärtlichen Geſticulationen Stratka's eine abwehrende Fechter ſtellung angenommen, dabei ſelbſt Stöße austheilend. „Und gleichwohl“, fuhr der Centurio fort,„bringt es bei uns die Sitte mit ſich, daß jede Feſtlichkeit durch ſolche Damen verherrlicht wird; wir glauben dadurch unſere Gäſte ſehr zu ehren. Und dieſe chiromantiſchen Geſticulationen ſind übrigens durchaus keine unweiblichen Zudringlichkeiten, ſondern gehören zu den unentbehrlichſten Pantomimen und Ceremonien der Wahrſagerkunſt. Zu⸗ gleich kann ich die Verſicherung ertheilen, daß Wratka und Stratka, was das Zigeunerblut anlangt, von rein⸗ ſter Raſſe ſind.“ „Das glaub' ich unbeſchworen“, verſetzte Hippolyt, noch immer verzweifelt gegen die wahrſagenden Geſti⸗ culationen Stratka's fechtend. „Wohlan“, ſprach endlich Ranko,„da die Herren auf die edle Kunſt der Wahrſagung durchaus verzichten wollen, kann ich nichts dawider haben. Es iſt zuweilen auch gut, wenn dem Menſchen die Zukunft verhüllt bleibt“ Und zu den Zigeunerinnen gewendet:„Es iſt gut, Wratka und Stratka, Ihr habt Eure Sache brab gemacht; aber behaltet Eure Weisheit diesmal für Euch. Nehmt Platz und ruht aus.“ Die beiden Teufelsgroßmütter ſetzten ſich ungenirt auf die Seſſel an der Speiſetafel. Stolle, Von Wien nach Vilagos. M. 7 98 „Daß ſich Gott erbarme“, ſchauderte Hippolht,„dieſe Scheuſale wollen doch nicht gar mit diniren? Das wäre mein Letztes; ich brächte keinen Biſſen hinunter.“ Dieſe Beſorgniß des jungen Frarzoſen ſollte indeß nicht in Erfüllung gehen. Nachdem die Zigeunerinnen ein wenig ausgeruht, empfahlen ſie ſich unter Ceremo⸗ nien, die Hippolyt keineswegs dem Bereiche des Gra⸗ ziöſen einzuverleiben vermochte. „Der Himmel ſei gelobt“ ſprach er neu aufathmend, „daß wir dieſe Geſellſchaft los ſind.“ Er trocknete ſich die Stirn ob der überſtandenen Alteration. Doch kaum hatten Wratka und Stratka den Salon verlaſſen, als die Flügelthür ſich von neuem auf⸗ that und roſig wie der junge Morgen Smiljana her⸗ eintrat. Hippolyt war ob dieſer reizenden Erſcheinung wie bezaubert. Er glaubte ſeinen Augen nicht trauen zu dürfen— unmittelbar nach den weiblichen Scheuſalen ein eingeborener Engel. „Les extrémes se touchent“, ſagte er.„Nie habe ich die Wahrheit dieſes Spruchs lebhafter empfunden.“ Auch Edmund war beglückt ob der reizenden Jung⸗ frau, die in ihrer maleriſchen Nationaltracht eine um ſo intereſſantere Erſcheinung darbot. Der Centurio, von Vatereitelkeit geſchmeichelt, be⸗ 99 merkte nicht ohne Wohlgefallen den tiefen Eindruck, welchen ſein Kind auf die beiden jungen Männer her⸗ vorbrachte. „Meine Tochter!“ ſagte er, das ſchöne Mädchen vorſtellend, und Smiljana verneigte ſich ſittig und voller Anmuth. „Unſere Gäſte“, fuhr Ranko zu Smiljana gewendet fort, Edmund und Hippolht präſentirend,„von welchen ich Dir bereits erzählt habe. Doch wo bleibt unſere Freundin aus Deutſchland?“ „Sie wird gleich erſcheinen“, tönte die Glocken⸗ ſtimme Smiljana's. Hippolyt glaubte die Stimme eines— Engels zu vernehmen. Er fühlte ſich in den ſiebenten Himmel Mohamed's verſetzt. Und abermals that ſich die Flügelthür auf. Wer beſchreibt die entzückende Ueberraſchung Edmund's, als Veronika hereintrat! Er hielt ſie anfangs für die Erſcheinung eines Geiſtes, für eine Täuſchung ſeiner aufgeregten Phantaſie und wußte nicht, ob er wache oder träume. Auch Veronika war hocherfreut, als ſie Edmund erſchaute, und glaubte gleichfalls an ein Blendwerk. Hippolyt geberdete ſich vollends wie närriſch. Er rieb ſich ununterbrochen bald den Kopf, bald die Augen, ohrfeigte höchſt eigenhändig ſeine Wangen, gleichſam als 100 wolle er ſich aus einer Betäubung zu klarem Bewußt⸗ ſein ermuntern, und rief einmal über das andere:„Iſt's Traum, iſt's Wahrheit?“ Und es war Wahrheit. Der alte Centurio, wie auch Smiljana, welche von der Ueberraſchung in Kenntniß geſetzt worden war, er⸗ quickten ſich innerlichſt an dieſem Wiederfinden der jetzt ſo glücklichen Menſchen. Welch ſchöne Stunden folgten dieſer erſten ſeligen Ueberraſchung! Was hatte man ſich zu erzählen von dem überſtandenen Weh und Herzeleid! Das Erſte, was Edmund that, als er nach dem erſten Freudenrauſche ein ruhig Stündlein fand, war, daß er dem Grafen Stanislaus auf Bardy Caſtell von der wieder⸗ gefundenen Veronika Kunde gab, ſowie daß ſich das Mädchen ſicher und wohl aufgehoben fände. Hippolyt hatte ſich nur zu bald ſterblich in die ſchöne Serbin verliebt, zumal er wiederholt Gelegenheit gehabt, ihre liebliche Stimme beim Geſang kleiner ſerbiſcher Lieder zu vernehmen. Er ſchwur hoch und theuer, ſelbſt auf die Gefahr, bei Veronika in Ungnade zu fallen, daß ihm im ganzen Abendlande noch keine ſo liebreizende Mädchenblume vorgekommen. Darum bot er nicht nur ſein ganzes Genie in der Toilette, ſondern auch ſeine ganze ſonſtige Liebenswürdigkeit auf, um Smiljana gegenüber in ſo günſtigem Lichte wie möglich zu er⸗ 101 ſcheinen. Der junge Franzoſe mußte ſich wegen dieſer angelegentlichen erotiſchen Beſtrebungen manche harmloſe Neckerei von ſeiten Edmund's und Veronika's gefallen laſſen. Smiljana ſelbſt nahm indeß die Huldigung ihres galliſchen Anbeters durchaus nicht auf eine Art auf, wie ſie der feurige Liebhaber wohl gewünſcht hätte, was letztern zuweilen zu gelinder Verzweiflung brachte. In⸗ deß ließ ihn ſeine angeborene Eitelkeit keineswegs die Hoffnung aufgeben das Herz der ſchönen Serbin zu er⸗ obern. Er hielt als eingeborener Sohn Galliens ſeine Liebenswürdigkeit für unwiderſtehlich. So war faſt eine Woche dahingegangen. Eine roſenrothe Stunde hatte ſich an die andere gereiht. Gleich⸗ 7 wohl wünſchte Edmund, daß nun bald der Zeitpunkt ge⸗ kommen ſein möchte, wo ihn der Centurio ſeines Ehren⸗ worts entbinde, um endlich mit ſeinem Schützling in die erſehnte Heimat zurückkehren zu können. Hippolht, der mit der Unermüdlichkeit eines girrenden Seladon zu den Füßen Smiljana's ſeufzte, hatte weit weniger Eile. Er konnte ſich weder in Frankreich, noch in Deutſchland, noch ſonſtwo ein angenehmeres Daſein denken als hier auf dem herrlichen Landgute in der Nähe der angebete⸗ ten Serbin. Das Kleeblatt der fremden Gäſte auf Cetinja ſollte bald durch eine vierte Perſon bereichert werden, deren 102 Bekanntſchaft wir bereits im Eingang unſerer Erzählung gemacht haben. Man befand ſich in Begleitung des Centurio und ſeiner Tochter auf einer Vergnügungsfahrt nach dem benachbarten Weingebirge, wo die trefflichſten Sorten des berühmten Carlowitzer gerade in der Blüte ſtanden, als abermals gemeldet wurde, daß in der Gegend von Liſſa ein Individuum aufgegriffen worden ſei, welches ſich der Spionage verdächtig mache. Wie früher Edmund und Hippolyt, ließ Ranko auch dieſen neuen Gefangenen vor ſich führen. Die beiden erſtern hatten ſich die Er⸗ laubniß ausgebeten, bei der Befragung und Unterſuchung zugegen zu ſein. Aber wer beſchreibt ihre freudige Ueber⸗ raſchung, als ſie in dem für verdächtig Gehaltenen den Profeſſor David Cyriakus wiedererkannten! Edmund eilte zu nicht geringem Erſtaunen des Centurio auf den kleinen Mann zu und ſchloß ihn herzlich in ſeine Arme. Der Profeſſor war in ſeinen Unterſuchungen über den Sodagehalt der Theißebene und deſſen rationelle Bewirthſchaftung in den Siedereien von Szegedin durch die jüngſte Uebervölkerung dieſer Stadt und durch den Kriegslärm überhaupt zu ſeinem nicht geringen Aerger dermaßen geſtört worden, daß er einen geognoſtiſchen Ausflug nach dem Süden unternommen hatte, wo er einigen 103 umherſchweifenden Serben in die Hände gefallen und gefangen genommen worden war. Da man unterſchied⸗ liche kleine Schachteln voll Alkalien bei ihm vorgefunden, ſo entſtand bei den Serben der Verdacht, der Fremde habe damit die Brunnen vergiften wollen, und es fehlte nicht viel, daß man den guten Profeſſor aufgeknüpft hätte. Nur der halb gutmüthige, halb drollige Einfall eines Serben rettete ihn aus der drohenden Gefahr. Da Chriakus unaufhörlich ſeine Unſchuld betheuerte und be⸗ hauptete, daß jene Alkalien durchaus nichts Schädliches enthielten, machte ein Serbe den Vorſchlag, der Schwab möge, wenn dieſe kleinen Steine kein Gift enthielten, dieſel⸗ ben doch verſchlucken. Die übrigen Serben ſtimmten bei. Vergebens bemühte ſich der Profeſſor, ihnen begreiflich zu machen, daß dieſe Subſtanzen für die Geſchmacksnerven von abſcheulichſter Schärfe ſeien, ſodaß man keinem Chriſtenmenſchen zumuthen könne, dieſelben aufzueſſen. Half Alles nichts. Entweder hängen oder verſchlucken, hieß es. In dieſer verzweiflungsvollen Lage blieb dem Profeſſor freilich nichts übrig, als dem Wunſche ſeiner Peiniger nachzukommen. Er zermalmte, da er ſich noch eines ziemlich durablen Gebiſſes erfreute, die Alkalien unter dem grimmigſten Geſichtsausdruck, denn dieſe Salze waren vom penetranteſten Geſchmack. Dieſe gräßlichen Grimaſſen in der Phyſiognomie des Profeſſors gewährten 104 aber den Serben große phyſiognomiſche Beluſtigung. Alle Augenblicke glaubten ſie, das kleine Männchen werde dem genoſſenen Gifte unterliegen, als aber der Profeſſor, nachdem er ſeine diaboliſche Mahlzeit gehalten, ganz munter blieb und nur ſehr ſchlechter Laune war, erkannten die Serben, daß er kein Giftmiſcher ſei. Nichts⸗ deſtoweniger trauten ſie ihm nicht und lieferten den Ge⸗ fangenen als der Spionage verdächtig an den Centurio nach Cetinja ab. Kaum befand ſich Chriakus, nachdem ihn Edmund für ſeinen Freund erklärt, außer aller Gefahr, als er ſogleich ſein altes Steckenpferd beſtieg und ſeinem wiſſen⸗ ſchaftlichen Aerger Luft machte. Anſtatt ſeine Verwun⸗ derung und Freude auszuſprechen, die beiden Reiſe⸗ gefährten auf ſo unverhoffte Weiſe wiederzufinden, er⸗ eiferte er ſich über das unwiſſenſchaftliche Verfahren in den Szegediner Fabriken bei Gewinnung der Soda. „Es iſt himmelſchreiend“, rief er,„mit welchem Leichtſinn die Magharen mit dieſer Gabe Gottes um⸗ gehen. Bei nur einigermaßen rationeller Bewirthſchaf⸗ tung könnten dieſe Fabriken zehn Procent herausſchlagen. So gehen neun Zehntheile auf unverantwortliche Weiſe verloren. Die Sudwerke befinden ſich in einem wahrhaft ſündhaften Zuſtande. Ganz der alte Schlendrian! Wie der Großvater geſotten und der Herr Papa, ſo ſetzen der 105 Sohn und Enkel mit altem Unverſtande das Geſchäft fort. Und da hilft kein Reden und keine Belehrung. In der jetzigen Heidenzeit iſt vollends kein Auskommen, weil jeder Sodaſieder zugleich den Staatsverbeſſerer machen will. Es war zuletzt gar kein Aushalten mehr. Da habe ich den Staub von den Füßen geſchüttelt und die undankbare Stadt verlaſſen. Aber geſchenkt iſt es dieſem wiſſenſchaftlich verwahrloſten Volke nicht. Ich ſchreibe einen Bericht darüber, der Hände und Füße hat und den dieſe Herren Szegediner nicht hinter den Spie⸗ gel ſtecken ſollen.“ Selbſt die beiden reizenden Mädchengeſtalten Veronika und Smiljana, welche Hippolht herbeigerufen, um die originelle Perſönlichkeit des Profeſſors, den man in den Gartenſalon geführt und mit Speiſe und Trank bewirthet, kennen zu lernen, und welche dem Gelehrten vorgeſtellt wurden, ließen dieſen ſehr ruhig. Er machte ein ziemlich ungeſchicktes Compliment, denn die Szegediner Sodawirth⸗ ſchaft ging ihm noch zu ſehr im Kopfe herum. Hippolyt, der ſich ſein Leben lang nicht um Sodaſiederei bekümmert hatte, die ihn gründlich gleichgültig ließ, er⸗ kundigte ſich in ſeiner Unſchuld, woraus die Soda eigent⸗ lich gewonnen werde. Dieſe Frage war Waſſer auf des Profeſſors Aerger⸗ mühle. 106 „Sagt mir nur, Franzoſen“ eiferte er,„ob Ihr in Euren Schulen ſo total verwahrloſt werdet, daß man Euch über die einfachſten Dinge des gewöhnlichen Lebens in bedauerlichſter Unkenntniß läßt? Woraus ſoll denn die Soda hier in Ungarn gewonnen werden, als aus dem Szeck?“ Jetzt wußte Hippolht ſo viel wie zuvor. Der Name Szeck war ihm im Leben nicht vorgekommen. „Was iſt denn Szeck?“ fragte er. Da haben wir's“, fuhr Chriakus ärgerlich fort; „jetzt weiß er wieder nicht, was Szeck iſt. Es iſt in der That zum Erbarmen.“ Hippolht, der den Profeſſor und deſſen hofmeiſternde Weiſe von früher her kannte, nahm bei ſeiner Gutmüthig⸗ keit dieſelbe nicht im geringſten übel, im Gegentheil machte es ihm Spaß, den Alten durch kinderleichte An⸗ fragen in Harniſch zu bringen. „Ja“, ſagte er,„wenn ich aber dieſes Wort nie habe aus ſprechen hören, wie ſoll ich deſſen Bedeutung wiſſen?“ „Das iſt ja eben der Jammer“ rief der Profeſſor, „daß Ihr Franzoſen nichts leſt, nichts ſtudirt und Euch überhaupt ſchon für ſo klug haltet, daß Ihr g Ihr brauchtet nichts mehr zu lernen.“ „Da erfahre ich aber immer noch nicht, was das Wort Szeck bedeutet“ ſagte Hippolyt. 107 „So Ihr meine Abhandlung über die ungariſchen Natronſeen geleſen hättet“, verſetzte in ſtrafendem Tone der Profeſſor,„würdet Ihr wohl wiſſen, was dieſes Wort bedeutet.“ Chriakus nahm ſich mit Gravität eine Priſe und fuhr docirend fort:„Nicht blos die Umgegend von Sze⸗ gedin, obgleich dieſe vorzugsweiſe, ſondern das ganze große Steppengebiet zwiſchen Theiß und Donau, zum Theil auch noch der Boden jenſeits der Donau, bis Stuhl⸗ weißenburg und bis zum Neuſiedlerſee, alsdann alles flache Land theißaufwärts bis über Debreczin hinaus iſt mit Laugenſalzen mehr oder weniger geſchwängert. Die Ungarn nun nennen die mit dieſen Laugenſalzen ge⸗ ſchwängerte Erde, merkt es Euch wohl, Herr Hippolht, Szeck. Dieſes Wort bedeutet eigentlich ſoviel als Keim und die Benennung dieſer Erde mag daher mit der Art, wie das Salz aus dem Boden hervortritt— es ſcheint zu keimen— zuſammenhängen. Ganze Landſtriche find mit ſolchen Salzkryſtallen wie mit Salzpulver überſtreut und ſehen Schneefeldern nicht unähnlich. Bei anhaltendem Regen gibt es keinen Szeck. Ebenſo wenig keimt er bei anhaltender Dürre. Dieſer Szeck wird nun von den Bauern abgefegt und kommt in die Sodaſiedereien. Hier aber wird die Bewirthſchaftung dieſes koſtbaren Naturpro⸗ dukts wahrhaft gewiſſenlos betrieben, indem man durch 108 nachläſſige Behandlung nur ein Zehntheil von dem vor⸗ handenen Salzgehalt gewinnt, während man bei einer nur einigermaßen rationellen Fabrikation wohl an die neun Zehntheile gewinnen könnte. Ich habe mir die Lunge lahm gepredigt, aber gegen alten Schlendrian kämpfen Götter ſelbſt vergebens. Edmund, welcher die Docirleidenſchaft des Pro⸗ feſſors kannte, fürchtete, derſelbe werde, da er auf ein Lieblingsthema gekommen, ſo bald kein Ende finden, und unterbrach denſelben, indem er den Sprecher mahnte, an ſeine Ruhe nach den überſtandenen Strapazen zu denken. Zugleich machte er ihn mit dem freundlichen Wohnzimmer bekannt, welches der gaſtfreie Centurio für ihn angewieſen hatte. Nur ungern ließ ſich der Profeſſor, wie ermüdet er auch war, in ſeiner Mittheilung über die Sodagewin⸗ nung unterbrechen. „Die nicht minder wichtigen, wunderbaren und unbe⸗ greiflichen Natronſeen“ verhieß er beim Abgehen,„worüber außerordentlich Intereſſantes zu berichten, behalte ich mir für ein andermal vor.“ „Gott ſei gelobt“, rief Hippolht aufathmend,„daß wir dieſen Salzverwalter los ſind. Wenn er nicht außer⸗ dem ein drolliger Kauz wäre, könnten einen ſeine Vor⸗ leſungen zur gelinden Verzweiflung bringen. Uebrigens 109 muß die Scene, wo der gute Mann die Alkalien hat aufeſſen müſſen, von elaſſiſcher Wirkung geweſen ſein. Das Geſicht hätte ich ſehen mögen. Gewiß konnte ein Phhſiognomiker die ſchätzbarſten Studien dabei machen.“ Indeß ſollte das friedliche Idyllenthum auf dem freundlich gelegenen Cetinja bald durch ein kriegeriſches Ereigniß unterbrochen werden. Der Hergang war fol⸗ gender. Bekanntlich hatte Edmund unmittelbar, nachdem er Veronika wiedergefunden, dem Grafen Stanislaus Bardy geſchrieben, daß ſich das Mädchen wohl aufge⸗ gehoben fände und er darüber keine weitere Sorge haben ſolle. Der Graf hatte dieſen Brief ſeinem Sohne Stephan mitgetheilt, der infolge der damaligen Kriegsereigniſſe mit ſeiner Schwadron in der Nähe von Bardy⸗Caſtell ſein Standquartier hatte. Sobald Stephan erfuhr, daß ſich Veronika ſowie auch Edmund und Hippolyt in ſerbiſcher Gewalt befänden, traute er bei dem hinterliſtigen Charakter der Südſlawen dieſer Gaſtfreundſchaft durchaus nicht. Er erbat ſich daher von ſeinem Chef, da zufällig eine Waffenruhe einge⸗ treten war, die Erlaubniß, mit einer Anzahl ſeiner Hu⸗ ſaren einen Abſtecher in das ſerbiſche Gebiet machen zu dürfen, um nöthigenfalls die Internirten mit Gewalt zu befreien. 110 Nachdem ſich der Oberſt überzeugt, daß es ſich um eine gute und gerechte Sache handle, gab er gern ſeine Eeinwilligung⸗ Als daher eines Tags der Centurio mit Smiljana und ſeinen Gäſten beim Mittagsmahle ſaß und der Profeſſor durch häufig eingeſtreute gelehrte Citate und philoſophiſche Bemerkungen nicht wenig zur allgemeinen Unterhaltung beitrug, entſtand plötzlich unter den Die⸗ nern, Knechten und Arbeitern des Landguts eine große Aufregung. Man lief, als ob eine große Gefahr drohe, haſtig hin und her. Zu gleicher Zeit trat Gocko, der jetzt das Amt eines Oberſchaffners auf Cetinja verwal⸗ tete, ins Speiſezimmer und meldete, daß ſich in einiger Entfernung ungariſche Huſaren blicken ließen, die ihre Richtung auf das Gut nähmen. Da erhob ſich die Rieſengeſtalt des alten Centurio. Sein Auge funkelte unheimlich. „Reite ihnen entgegen“, gebot er dem Oberſchaffner, „und frage, welches der Zweck dieſer Truppen ſei. Kommen ſie in friedlicher Abſicht, ſollen ſie willkommen ſein, kommen ſie in feindlicher, werden wir ſie nach Gebühr zu empfangen wiſſen.“ Zugleich gab er Befehl, daß Jedermann auf dem Gute ſich waffne. Für ihn ſelbſt befahl er Bruſtharniſch und Streithelm herbeizuſchaffen. 111 Es währte auch nicht lange, ſo ſtand die geſammte Gutsbewohnerſchaft unter Waffen. Gocko, dem erhal⸗ tenen Befehle gemäß, ritt hinaus nach der Gegend des Wäldchens, wo die Huſaren abgeſeſſen waren. Ein alter Wachtmeiſter kam ihm entgegen. „Melde dem Beſitzer dieſes Landguts“, ſprach letzte⸗ rer zu Gocko,„daß er ſofort das junge Frauenzimmer und die beiden Ausländer, die er widerrechtlich gefangen hält, und zwar ohne Löſegeld freigebe; wo nicht, büßen die Bewohner mit dem Leben und Schloß und Gehöfte werden der Erde gleichgemacht.“ Als Gocko dieſe Aufforderung zurückbrachte, ſchwoll die große Zornesader des Centurio ſichtbar auf. Der alte ſerbiſche Trotz und Nationalhaß erwachte mit furcht⸗ barer Macht. „Mit Gewalt!“ ſchrie er.„Wie, kennt man den Ranko nicht? Mir das? Sie ſollen kommen! Mein Schwert, mein Schwert! Eher gehen wir alle zu Grunde.“ Mit Schrecken vernahmen die Frauen dieſe Worte. Smiljana erblaßte, ſie kannte die Heftigkeit ihres Vaters. Auch Hippolht ward nicht wohl zu Muthe und Chriakus verwünſchte es, auf dieſem jetzt ſo bedrohten Landgute eine Zuflucht gefunden zu haben. Nur Edmund behielt ſeine vollkommene Faſſung. Er 112 hatte den Bericht Gocko's vernommen und hoffte hier vermittelnd eintreten zu können. „Centurio“, beſchwor er den Aten der heftig ſein Schwert umgürtete,„laßt mich mit dieſen Ungarn ſprechen. Ich gebe Euch mein heilig Wort, ſie ſollen S weiter ziehen.“ „Nimmermehr“ brauſte der Centurio auf;„noch nie ließ ſich der Herr von Cetinja auf ſolche Weiſe drohen“; und zu Gocko gewendet befahl er, alle Thore zu ver⸗ rammeln und mit Büchſenſchützen zu beſetzen. Edmund bot ſeine ganze Beredtſamkeit und Ueber⸗ redungskunſt auf, daß ihm der Centurio zuvor eine Unter⸗ redung mit den Ungarn geſtatte. „Ich bürge mit meinem Kopfe“, betheuerte er wiederholt,„daß Euch die vollſte Genugthuung werden ſoll.“ Der Centurio blickte mißtrauiſch auf Edmund. Smiljana that einen Fußfall und beſchwor ihren Vater, nicht zu offener Gewaltthat zu ſchreiten. Der Centurio blieb unerbittlich. Sein alter Serben⸗ ſtolz behielt die Oberhand. Ein neuer Bote erſchien, welcher die Nachricht brachte. daß der Offizier der Ungarn eine Unterredung mit dem Centurio wünſche. Auch hierzu wollte ſich Ranko nicht verſtehen, deſſen 113 Stolz durch die erſte Aufforderung zu ſehr verletzt worden war. Erſt den wiederholten angelegentlichen Bitten Ed⸗ mund's gelang es, ihn wenigſtens dahin zu bewegen, daß er Edmund geſtattete, als Stellvertreter des Haus⸗ herrn mit dem Anführer der Ungarn in Unterredung zu treten. Als Edmund ſich entfernen wollte, faßte ihn der Centurio krampfhaft bei der Hand. „Aber“, ſchrie er,„beim ſchwarzen Gott, keine Demüthigung, keine entehrende Bedingung! Gebt mir die Hand darauf.“ Edmund gab ſie unter feierlichſter Betheuerung. Sowie er durch Gocko den Namen des ungariſchen Anführers erfahren, fiel ihm ein großer Stein vom Herzen. Der Name Bardh ließ ihn vermuthen, daß ſein Brief an den Grafen Stanislaus wohl ſelbſt die Veranlaſſung zu dem kriegeriſchen Beſuche gegeben, obſchon er ſich bewußt war, die Lage Veronika's als durchaus nicht gefährdet dargeſtellt zu haben. Als Edmund in Begleitung Gocko's, der ihm gleichſam als Wächter, daß er keinen für den Guts⸗ herrn demüthigenden Vertrag ſchließe, beigegeben war, in der Nähe der Ungarn erſchien, kam ihm Graf Stephan entgegen. Stolle, Von Wien nach Vilagos. M. 8 114 Kaum aber hatte ſich der Abgeſandte des Centurio zu erkennen gegeben, als ihn Graf Stephan auf das herzlichſte in die Arme ſchloß. Man verſtändigte ſich ſofort über den wahren Sach⸗ verhalt und Edmund verfehlte nicht, die edle Geſinnung und Handlungsweiſe des Centurio in das günſtigſte Licht zu ſtellen. Er verhehlte auch den Grund nicht, welcher den ſerbiſchen Häuptling veranlaßte, ſeine Gäſte bis zu einem gewiſſen Zeitpunkte zu interniren. „Selbſt wenn Ihr uns mit Gewalt befreien wolltet“, ſagte Edmund,„dürften wir von der Freiheit keinen Ge⸗ brauch machen. Mein Ehrenwort bindet mich wie meinen Begleiter Hippolht.“ Als der Graf von dem Wunſche des Centurio wegen der Freigebung der ſerbiſchen Kriegsgefangenen, die dem Alten ganz beſonders am Herzen lag, vernahm, war er ſehr erfreut. „Da kann ich dem guten Häuptling einen wahrhaften Dienſt leiſten“, ſprach er,„da ich bei den Behörden, die darüber zu entſcheiden haben, nicht ohne Einfluß bin. Ich werde mich bemühen, daß dieſe Angelegenheit möglichſt ſchnell erledigt wird. Doch muß ich da mit dem Centurio zuvor perſönlich Rückſprache nehmen.“ „Ihr werdet doppelt willkommen ſein“, erwiderte nicht minder erfreut Edmund.„Der alte Serbe war 115 nur erbittert, weil Ihr mit ſofortiger Gewalt drohtet, wo er in ſeinem vollen Rechte zu ſein glaubte.“ „Um unter den gegenwärtigen Verhältniſſen auch den Schein einer feindlichen Abſicht zu vermeiden“, er⸗ klärte Graf Stephan,„werde ich Euch ſelbſt ohne jede Waffe zu dem Centurio begleiten.“ Es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe es trotz ſeiner ſehr humanen Anſprache dem Grafen Stephan gelang, alles Mißtrauen in dem alten Ranko zu verſcheuchen. Erſt als er vernahm, in welch befreundetem Verhältniß der Graf Bardy zu Edmund ſtand, und namentlich als erſterer verſprach, ſeinen ganzen Einfluß zur Befreiung der gefangenen Serben aufzubieten, thaute er auf und ward bald, wie das in ſeiner Natur lag, ebenſo herzlich und vertrauend als er vorher wild und mißtrauiſch geweſen. „Vor allem“ gebot er Gocko,„ſollen die braven Huſaren als liebe Gäſte freundlich aufgenommen ſein. Beſonders ſorgt auch für gutes Unterkommen der Pferde. Ich weiß, dem ungariſchen Huſar geht ſein Pferd über die eigene Perſon.“ Der Graf ſelbſt ward zur Abendtafel geladen, an welcher es gar heiter herging, während die Huſaren auf der reichen Beſitung ſich's äußerſt wohl ſein ließen. Der Gedanke, daß ſeine Landsleute nun bald die Frei⸗ 8* 116 heit erhalten würden, ſtimmte namentlich den Centurio ſehr heiter, während ſeinerſeits Graf Bardy ſich nicht ſatt ſehen konnte an der liebreizenden Smiljana. Am folgenden Tage ſchied Graf Bardy mit dem wiederholten Verſprechen, daß die Freigebung der Serben in den nächſten Tagen erfolgen werde. Er war gekom⸗ men, um Gefangene zu befreien, und ſchied ſelbſt als ein Gefangener, denn ſein Herz war zurückgeblieben in Cetinja bei der ſchönen Tochter des Centurio. Achtes Kapitel. Während General Klapka, der Löwe von Komorn, die glänzendſten Ausfälle unternahm, die Oeſterreicher wiederholt ſiegreich zurückſchlug, unermeßliche Beute an Munition und Mundvorräthen machte und überhaupt eine Macht entwickelte, welche dem tiefer in Ungarn vorgedrungenen öſterreichiſchen Hauptheere höchſt verderb⸗ lich werden konnte, neigte ſich das ungariſche Trauer⸗ ſpiel in den Ebenen von Arad und Temesvar mehr und mehr ſeinem Ende zu. Als die Trümmer der ungariſchen Armee die alte Stadt Szegedin nicht länger zu halten vermochten, traten ſie den Rückzug in der Richtung auf Temesvar an. Szegedin ward von den Heſterreichern ohne weitern Widerſtand beſetzt. Von Süden drängte außerdem der Banus von Kroatien, von Norden wälzten ſich die un⸗ zählbaren ruſſiſchen Maſſen, das Corps Görgei's gegen 118 die noch im ungariſchen Beſitze befindliche Feſtung Arad treibend. In dieſer Feſte befand ſich auch Koſſuth mit einem Theile des Reichstags, der ihm bis hierher gefolgt war. Die von Szegedin auf der Straße nach Temesvar, welche ſtarke Feſtung ſich während des ganzen Kriegs unter dem Befehle des tapfern Feldmarſchalllieutenants Rukowina in öſterreichiſcher Gewalt befunden, dahinzie⸗ hende Armee ward von Dembinſti befehligt. Bei Szöreg kam es von neuem zur Schlacht. Die Ungarn mußten der Uebermacht weichen und zogen ſich in großer Unordnung zurück. Dembinſki ſelbſt ward nicht unbe⸗ deutend verwundet und ſtürzte vom Pferde, ſodaß die Armee vierundzwanzig Stunden ohne Oberfeldherrn war. Im Angeſichte der Feſtung Temesvar kam es end⸗ lich zur letzten Entſcheidungsſchlacht. Lange ſchwankte die Wage der Entſcheidung. Bem, welcher den Trümmern ſeines ſiebenbürgiſchen Corps vorausgeeilt, hatte den Oberbefehl übernommen. Schon war der rechte Flügel der Heſterreicher zurückgedrängt und der linke ſtand in der Gefahr umgangen zu werden, da erſchien Fürſt Liechtenſtein mit ſeinem Corps und entſchied die Schlacht. Der ſehnlichſt erwartete Görgei, welcher ſich in ſehr langſamen Märſchen von Arad daherbewegte, hatte gezögert, rechtzeitig einzutreffen. Die ungariſchen Huſaren waren zu ermattet, um dem 119 mit friſchen Kräften erneuten Angriff widerſtehen zu können. General Guyon rief:„Ein Schluck Wein jedem Manne und die Schlacht iſt gerettet!“ Dieſe Erquickung fehlte aber bereits geraume Zeit. Die zu Tode gehetzten Pferde ſanken in die Kniee, die Reiter fühlten die Kraft aus ihren Muskeln ſchwinden. Sie wurden durch den ſo bedeutend verſtärkten Feind erſchüttert. General Bem ſtürzte vom Pferde und brach das Schlüſ⸗ ſelbein. Die Ungarn wichen und wurden in Verwirrung gebracht, die ſich bald in allgemeine Auflöſung und endlich in regelloſe Flucht verwandelte, in eine Flucht, wie ſie der ungariſche Boden von ſeinen Söhnen noch nie er⸗ lebt hatte. Die heldenmüthige Beſatzung von Temesvar, die ſo lange Zeit die ſeltenſte Bravour und Ausdauer bewieſen, ward von den Oeſterreichern entſetzt. Typhus, Cholera, Wechſel. und Lazarethfieber, Mangel an den nothdürf⸗ tigſten Nahrungsmitteln hatten den Muth der Beſatzung ebenſo wenig zu beugen vermocht wie die glühenden Vomben, welche ſeit geraumer Zeit von den belagernden Ungarn in die Feſtung geworfen worden waren. Der tapfere Commandant Rukowina hatte gerufen:„So⸗ lange nicht das letzte Pferdegerippe abgenagt und bevor nicht mein Taſchentuch in Brand gerathen, wird nicht capitulirt!“ 120 Die Morgenſonne des elften Auguſt vergoldete die Thürme zweier Feſtungen, die nur wenig Meilen von einander entfernt waren, mit gleich herrlichem Strahlen⸗ lichte. Sie beleuchtete zwei merkwürdige Scenen von einander entgegengeſetztem Charakter. In Temesvar dräng⸗ ten ſich die armen verhungerten Oeſterreicher freudig um ihre Befreier; in Arad ſtanden die verzweiflungsvollen Ungarn in traurigen, ahnungsvollen Gruppen beiſammen. Dort zogen befreundete Colonnen unter munterem Sang und Klang in die gerettete Feſtung; hier flüchtete, was flüchten konnte, aus den düſtern Thormündungen. Dort lagen ſich die öſterreichiſchen Führer voll Siegesfreude einander in den Armen, hier ſtanden Koſſuth und Görgei in einem Erkerzimmer des Caſtells, um ſich nach langer Zeit wiederzuſehen, um ſich bald für immer zu trennen. An demſelben Tage wurde in Arad der letzte un⸗ gariſche Miniſterrath gehalten. Görgei verlangte die Ab⸗ dankung des Präſidenten und des Miniſteriums. Koſſuth, von mehreren der Kabinetsmitglieder gedrängt, gab nach und legte alle Civil⸗ und Militärgewalt in die Hände Görgei's. Er machte dies der Nation durch nachſtehende Proclamation bekannt: „Nach den unglücklichen Schlachten, mit denen Gott in den letztverfloſſenen Tagen dieſes Volk heimgeſucht hat, haben wir keine Hoffnung mehr, den Kampf 121 der Selbſtvertheidigung gegen die große Macht der ver⸗ einten Oeſterreicher und Ruſſen mit Ausſicht auf Erfolg fortſetzen zu können. Unter ſolchen Umſtänden kann die Lebensrettung der Nation und die Sicherung ihrer Zu⸗ kunft blos von dem an der Spitze der Armee ſtehenden Führer erwartet werden, und nach der reinſten Ueber⸗ zeugung meiner Seele würde das Fortbeſtehen der jetzigen Regierung der Nation nicht nur unnütz ſein, ſondern ſogar zum Schaden gereichen. Ich gebe ſomit der Nation kund, daß ich ſelbſt, beſeelt von jenem reinen patrioti⸗ ſchen Gefühle, mit dem ich jeden meiner Schritte und mein ganzes Leben nur dem Vaterlande opferte, und im Namen des ganzen Miniſteriums von der Regierung zurücktrete und mit der oberſten Civil⸗ und Militär⸗ gewalt den Herrn Arthur Görgei für ſo lange bekleide, als die Nation ihrem Rechte nach nicht anderweitig verfügen wird. Ich erwarte von ihm und mache ihn dafür vor Gott, der Nation und der Geſchichte verant⸗ wortlich, daß er dieſe Gewalt nach ſeiner beſten Kraft zur Rettung der nationalen und ſtaatlichen Selbſtſtän⸗ digkeit unſeres armen Vaterlandes und deſſen Zukunft anwenden wird. Er möge ſein Vaterland ebenſo un⸗ eigennützig lieben, wie ich es liebte, und möge in der Begründung der Glückſeligkeit der Nation glücklicher ſein als ich. Ich kann dem Vaterlande nicht mehr durch die 122 That nützen. Wenn mein Tod für daſſelbe Gutes zu ſtiften vermag, ſo gebe ich mit Freuden mein Leben zum Opfer hin. Der Gott der Gnade und der Gerech⸗ tigkeit ſei mit der Nation.“ Jetzt hatte Görgei erreicht, wonach er ſo lange ge⸗ ſtrebt. Die ganze Regierungsgewalt war in ſeine Hand gegeben und er wußte davon Gebrauch zu machen. Seine Anſprache als Dictator an die Nation lautete: „Bürger! Die bisherige proviſoriſche Regierung Ungarns beſteht nicht mehr. Der Gouverneur und die Miniſter haben heute ihre Aemter und die Regierung freiwillig niedergelegt. Durch dieſen Umſtand genöthigt, habe ich heute neben dem militäriſchen Obercommando auch die Civilgewalt übernommen. Bürger! Alles, was in unſerer Lage für das Vater⸗ land geſchehen kann, werde ich thun, mit den Waffen oder auf friedlichem Wege, ſowie es die Nothwendigkeit gebieten wird; jedenfalls ſo, daß die ſchon ſo hoch ge⸗ ſpannten Opfer erleichtert, den Verfolgungen, Grauſam⸗ keiten und dem Morden ein Ende gemacht werde. Bürger! Die Ereigniſſe ſind außerordentlich, und des Schickſals Schläge haben uns hart betroffen. In einer ſolchen Lage iſt eine Vorausberechnung unmöglich. Mein einziger Rath und Wunſch iſt, daß Ihr Euch friedlich in Eure Wohnungen zurückzieht, Euch in einen 123 Widerſtand oder Kampf auch in jenem Falle nicht ein⸗ laßt, daß der Feind Eure Städte beſetzen ſollte. Denn nach der größten Wahrſcheinlichkeit könnt Ihr nur dann Sicherheit der Perſon und des Eigenthums erreichen, wenn Ihr an Eurem häuslichen Herde, bei Eurer bürgerlichen Beſchäftigung ruhig verbleibt. Bürger! Was Gottes unerforſchlicher Rathſchluß auch verhängen wird, werden wir mit männlicher Ent⸗ ſchloſſenheit und in jener beglückenden Hoffnung ertragen, daß die gerechte Sache nicht auf ewig verloren ſein kann. Bürger, Gott mit uns!“ Unmittelbar nach dieſer Proclamation bekam die Armee Befehl, nach dem zwei Stunden entfernten Vila⸗ gos vorzurücken. Neuntes Kapitel. Etelka und ihr Begleiter Benno nebſt einem treuen Diener hatten auf ihrer Reiſe nach Bardh Caſtell unter großen Mühſeligkeiten und Gefahren in der Nähe der ſiebenbürgiſchen Grenze eine alte Waldſchenke erreicht. Nur mit genauer Noth war es ihnen gelungen, den in jener Gegend umherſtreifenden feindlichen Patrouillen zu entgehen. Man hatte das Fuhrwerk, in welchem man einen Theil des Wegs zurückgelegt, in einem kleinen Städtchen zurückgelaſſen in der Hoffnung, zu Fuße und in unſcheinbarer Kleidung unbemerkter weiter zu kommen. Der Abend begann hereinzubrechen. Man beſchloß einige Stunden in dieſer alten Waldſchenke, wie ungaſt⸗ lich und nichts weniger als einladend auch ihr Aeußeres war, Raſt zu halten und mit dem erſten Morgengrauen die Reiſe fortzuſetzen. Der Wirth Zadik, ein Jude, aber eifriger Patriot, erkundigte ſich ſogleich nach dem Stande 125 der ungariſchen Angelegenheiten. Nur ſelten gelangte eine Nachricht von der Außenwelt in ſeine Waldeinſam⸗ keit. Leider vermochte weder Benno noch Etelka Tröſtliches zu berichten. Sie hatten noch aus weiter Ferne den Donner der Kanonen von Temesvar vernommen. Die zahlreichen Flüchtlinge, die ſich nach allen Richtungen hin zerſtreuten, beſtätigten nur zu bald die Niederlage der Ungarn. Weitere Nachrichten vom Kriegsſchauplatze fehlten. Als Etelka und Benno die düſtere Gaſtſtube betraten, war ſie von Gäſten ganz leer. Nur auf einer Bank im Hintergrunde lag eine dunkle Geſtalt, ſcheinbar ſchlafend. Der Wirth Zadik trug an Speiſe und Trank auf, was ſeine beſcheidenen Vorräthe vermochten. Er brannte, da es immer dunkler wurde, einen Kienſpan an, den er in eine Spalte des Tiſches ſteckte, wodurch der unge⸗ müthliche Raum düſter erleuchtet wurde. Zadik, etwas neugierig von Natur, war unerſchöpflich in Fragen. Bei den Antworten, die Benno gab, hob der ſcheinbare Schläfer von Zeit zu Zeit den Kopf etwas in die Höhe, als ſei er bemüht, das Geſprochene deutlicher zu vernehmen. Etelka, nachdem ſie ſich durch Speiſe und Trank etwas geſtärkt, hatte in einer Art Lehnſtuhl Platz genommen und war bald vor Müdigkeit in Schlaf geſunken; auch der Diener Niklas auf dem Oberboden war für ſein Unterkommen beſorgt geweſen, nur Benno unterhielt ſich 126 noch eine Zeit lang mit Zadik, bei welchem er, da dieſer mit der Gegend wohl' bekannt war, nach dem nächſten und ſicherſten Wege nach Bardh⸗Caſtell Erkundigung einzog. Indeſſen war der Kienſpan herabgebrannt und dem Erlöſchen nahe. Zadik verließ in der Abſicht, einen neuen zu beſorgen, das Zimmer. Bald erloſch auch der letzte Funken und völlige Dunkelheit umhüllte das Gemach. Benno lehnte ſich jetzt gleichfalls auf ſeinem Stuhle zurück, um etwas zu ſchlafen. Nach kurzer Zeit kehrte Zadik mit einem neuange⸗ brannten Spane zurück. Hierauf begab er ſich nach dem Nebenverſchlage, wo friſches Stroh und Decken lagen, um für ſeine Gäſte zu ebener Erde ein bequemeres Lager zu bereiten. Plötzlich blieb er ſtehen und leuchtete ver⸗ wundert umher. „Was Teufel“, brummte er,„wo iſt denn mein Viehhändler hingekommen?“ Er leuchtete weiter, da be⸗ merkte er, wie das eine Fenſter, das nach dem an⸗ grenzenden Gärtchen hinausging, offen ſtand. Der ſchein⸗ bare Schläfer hatte die Dunkelheit benutzt und ſich heim⸗ lich davongemacht. Zadik hielt jetzt das Licht auch zum Fenſter hinaus und rief den abhanden gekommenen Gaſt beim Namen. Keine Antwort erfolgte. „Das iſt doch wunderbar“ ſprach er.„Meinetwegen 127 hat er ſich ſicher nicht aus dem Staube gemacht. Das muß einen andern Haken haben.“ Zadik hielt es für rathſam, Benno, der ebenfalls vom Schlafe übermannt worden war, zu wecken und von dem Vorfall in Kenntniß zu ſetzen. „Der Fremde“, ſagte er,„der ſich ſeit einigen Tagen in der Gegend herumtreibt und dort auf der Bank lag, iſt mit einem Male verſchwunden. Das kommt mir bedenklich vor. Er wird doch gegen Euch nichts Böſes im Schilde führen?“ Benno wurde aufmerkſam. „Dieſer Menſch“, fuhr Zadik fort,„gab ſich für einen Viehhändler aus Fünfkirchen aus, welchem die Oeſterreicher ein Joch Ochſen genommen haben ſollten, die für die Ungarn beſtimmt waren. Er trieb ſich während des Tags bald hier, bald dort umher und hielt nur Nachtlager bei mir. Er kam mir ſchon immer verdächtig vor und ich befürchte, es iſt ein öſterreichiſcher Spion, was mir durch ſeine plötzliche Flucht faſt zur Gewißheit wird, denn er hat wahrſcheinlich nicht geſchlafen und unſer Geſpräch belauſcht. Vorſicht iſt hier vor allem nöthig.“ „Als Deutſcher, der freiwillig im ungariſchen Heere dient“, erwiderte Benno,„wäre ich allerdings verloren, ſo ich den Oeſterreichern in die Hände geriethe; aber 128 um meine Perſon iſt es mir weniger als um meine Reiſegefährtin, die ich nach Bardy⸗Caſtell in Sicherheit zu bringen habe. Ihretwegen halte ich es für rathſam, daß wir noch dieſe Stunde aufbrechen und unſere Reiſe weiter fortſetzen, denn dieſes plötzliche Unſichtbarwerden jenes Menſchen ſpricht nur zu deutlich dafür, daß er Spionendienſte verrichtet.“ „Es thut mir wahrhaft leid“ bedauerte Zadik,„daß Ihr nicht länger der Ruhe pflegen könnt, deren Ihr ſo bedürft; aber auch ich halte es von der Vorſicht ge⸗ boten, der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Ich werde Euch indeß meinen Roßbuben Andreas mitgeben, einen durchtriebenen Burſchen, der Euch führen wird. Er findet ſich meilenweit ſelbſt bei Nacht zurecht, kennt jeden Weg und Steg. Die offene Landſtraße iſt jedenfalls zu ver⸗ meiden.“ Etelka wurde geweckt, und als ſie erfuhr, worum ſich's handle, war ſie, an Unannehmlichkeiten der Art ſeit geraumer Zeit gewöhnt, ſofort auf den Füßen und zum Aufbruch bereit. Die Nacht war naßkalt und unfreundlich, der ſehr un⸗ wegſame Pfad nur unter Leitung des erfahrenen Führers zu finden. Bereits nach einer Stunde befanden ſich Benno, Etelka, der Diener und Andreas, der voranſchritt, mitten im Walde. 129 Kaum hatten die Flüchtigen eine Stunde Vorſprung gewonnen, als ſich eine ſtarke öſterreichiſche Patrouille der Waldſchenke nahte. An ihrer Spitze ſchritt der heimlich entwichene angebliche Ochſenhändler, welcher Niemand anders war als der dem Leſer bereits von Wien her bekannte Franz Tüdok, der ungerathene Pflege ſohn des braven Braumeiſters Straſſer. Bereits ſeit geraumer Zeit trieb er das Geſchäft eines öſterreichiſchen Spions, bei welchem er ſich ſehr gut ſtand. Seiner Sch lauheit war es in Debreczin ſogar gelungen, daß man ihm das Amt eines Thürhüters in Koſſuth's eigener Wohnung anvertraut hatte, das er aber infolge von Etelka's Erkennung ſofort aufgab. Trotz der ſtrengſten Nachforſchung ſeitens der Debrecziner Polizei war es nicht möglich, des Böſewichts habhaft zu werden. Die immer unruhiger werdenden Zeiten begünſtigten ſein Ent⸗ kommen weſentlich. Als Tüdok in Erfahrung brachte, daß Benno und Etelka bereits das Weite geſucht, war ſein Zorn grenzenlos. Er wollte den Krug anzünden und bedrohte den ehrlichen Zadik mit den ärgſten Mißhandlungen, falls er nicht angebe, welchen Weg die Flüchtlinge ein⸗ geſchlagen. Der Bedrohte vermochte trotzdem keine weitere Auskunft zu geben, als daß ſie die Richtung nach der ſiebenbürgiſchen Grenze genommen. Tüdok berechnete Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1II. 9 130 nach der Zeit, daß die Geſuchten noch keinen zu großen Vorſprung gewonnen haben könnten; auch ſchloß er nicht unrichtig, daß ſie die Fahrſtraße vermieden und einen der Nebenpfade vorgezogen haben würden. Er traf danach ſeine Vorkehrungen und beſchloß die ſchleu⸗ nigſte Verfolgung. Nachdem er eine Abtheilung der Soldaten, welche den Krug vom Keller bis zum Ober⸗ boden und außerdem die nächſte Umgebung auf das gründlichſte unterſuchen mußten, zurückgelaſſen, vertheilte er die übrige Mannſchaft nach verſchiedenen Richtungen zur Verfolgung der Flüchtigen. Wie ſehr ſich's auch Andreas, der mit einer kleinen Blendlaterne voranleuchtete, angelegen ſein ließ, möglichſt die gangbarſten Fußpfade ausfindig zu machen, gelangte man doch auch an Stellen, wo umgeſtürzte Baumſtämme, oder hervorſtehende Wurzeln kaum ein Fortkommen ge⸗ ſtatteten. Eine der letztern gab auch die Veranlaſſung, daß nach faſt zweiſtündiger, ungemein beſchwerlicher Wan⸗ derung Etelka, obſchon ihr dergleichen Wege nichts Ungewohntes, zu Boden glitt und ſich bedeutend am Fuße verletzte. An ein Weitergehen war jetzt nicht zu denken. Der Fuß ſchwoll an und machte ein Auftreten unmöglich. In dieſer verzweiflungsvollen Lage blieb nichts übrig, als ſo lange im Walde zu verweilen, bis ein Fuhrwerk 131 aufgetrieben werden konnte. Zugleich mußte man auch vorſichtig umherlauſchen, ob etwa Verfolger nahten. Letztere ließen auch nicht lange auf ſich warten. Stimmen wurden vernehmbar, die immer näher kamen. Sie gehörten einer Abtheilung der Soldaten an, die Tüdok ſelbſt durch den Wald führte. Man trug die verwundete Etelka tiefer ins Gebüſch. Andreas ſchlich auf Kundſchaft aus. Bald kehrte er mit der tröſtlichen Nachricht zurück, daß ſich die Stimmen wieder entfernten. „Es iſt doch gut, daß wir den ſchlechtern Weg ein⸗ geſchlagen“ ſagte er;„unſere Verfolger haben den beſſern gewählt und uns auf dieſe Weiſe beiſeite gelaſſen. Wenn wir nur nicht bei ihrer Rückkehr auf ſie ſtoßen! Vor allen Dingen iſt jetzt auszuſchauen, wo ein Fuhr⸗ werk aufzutreiben. Vor der Hand aber ſind die Herrſchaf⸗ ten hier vollkommen in Sicherheit.“ Wirklich war es auch dem treuen Helfer binnen nicht zu langer Zeit gelungen, in einem benachbarten Dorfe ein Geſpann ausfindig zu machen. Daſſelbe jedoch bis zu der Stelle zu fahren, wo ſich die Flüchtlinge befanden, war wegen Undurchdringlichkeit des Unterholzes eine Un⸗ möglichkeit. So blieb nichts übrig, als die verwundete Etelka, welche die ganze Zeit über die empfindlichſten Schmerzen gelitten, aber dieſelben mit dem Muthe eines Heldenmädchens ertragen, langſam und vorſichtig nach 9 132 dem Waldesſaume zu geleiten. Nur unter großer Be⸗ ſchwerlichkeit gelangte man an Ort und Stelle. Das Fuhrwerk ſetzte ſich in Bewegung, ſchlug aber, um den Verfolgern möglichſt aus dem Wege zu gehen, eine mehr ſüdliche Richtung ein. Der getreue Andreas blieb auch hier der gewiſſenhafte und vorſichtige Führer. Es war indeß Morgen geworden. Schon tauchten am Horizonte die Gebirge von Karlsburg, in deren Nähe Bardy⸗Caſtell gelegen, empor und man befand ſich nahe der Gegend, wo noch die Ungarn die Oberhand behaupteten. Die Flüchtlinge athmeten neu auf und Etelka vergaß beim Anblick der fernen Berge, die ihr aus der Jugendzeit wohlbekannt waren, ihre Schmerzen. Da plötzlich in der Ferne, links am Waldesrande, wurden einige Reiter ſichtbar, welche die Gegend zu recognosciren ſchienen. Andreas, welchem dieſe Reiter etwas bedenklich vor⸗ kamen, rieth dem Wagenlenker mehr rechts abzuſchwenken. Plößlich ſetzten ſich einige der Reiter, deren Anzahl im⸗ mer mehr anwuchs, geraden Weges gegen das Fuhrwerk in Bewegung, erſt langſam, dann immer raſcher. Eine Strecke voraus jagte in derſelben Richtung eine Geſtalt in blauer Blouſe. Der Wagenlenker, jetzt ebenfalls nichts Gutes ahnend, ſchlug herzhaft auf ſeine Braunen, ſodaß ſich das 133 Geſchirr trotz des ſchlechten Wegs ziemlich raſch vor⸗ wärts bewegte. „Wenn ſie Böſes gegen uns im Sinne haben“, ſagte Benno,„iſt an ein Entkommen nicht zu denken, aber mit den paar Mann, die da heranreiten, werden wir allenfalls fertig.“ Er langte ſeine Doppelpiſtolen hervor und machte ſich ſchußfertig. Auch der Diener, der ebenfalls mit Schuß⸗ waffen verſehen war, folgte dem Beiſpiele ſeines Herrn, während Andreas an das Ende ſeines Hirtenſtabs eine ſcharfe Klinge ſchraubte. „Auch mich“, ſagte er,„ſollen ſie nicht leichten Kaufs bekommen.“ Etelka, trotz des gelähmten Fußes, ließ ſich's nicht nehmen, ihre Piſtolen ebenfalls bereit zu halten. Der Reiter in der Blouſe, welcher den drei an⸗ dern immer eine Strecke vorausjagte, war jetzt ſo nahe gekommen, daß man ſeine Stimme, welche dem Geſpann zu halten gebot, deutlich vernehmen konnte. „Gerechter Gott“, rief plötzlich Etelka, welche dieſe Stimme erkannte,„es iſt der Tüdok. Lebendig ſoll mich dieſes Scheuſal nicht in die Hände bekommen.“ Damit umklammerte ſie krampfhaft die geſpannte Piſtole. Zu nicht geringer Verwunderung bemerkten mit 134 einem Male die Flüchtlinge, daß die drei Reiter Halt machten. Nur der Vorreiter in der Blouſe, der in ſeinem Eifer, das Fuhrwerk zu erreichen, dieſes Zurückbleiben nicht bemerkte, ſprengte unverdroſſen weiter und kam immer näher. Wiederholt vernahm man ſeine Stimme, die unter gräßlichen Flüchen und Drohungen zu halten gebot. Unterdeſſen waren die drei Reiter nicht nur nicht gefolgt, ſondern hatten ſogar Kehrt gemacht, den Vor⸗ reiter ſich ſelbſt überlaſſend, und waren nach dem Walde zurückgeritten, in welchem ſie bald mit ihren übrigen Ge⸗ noſſen verſchwanden. „Langſam fahren“, rief jetzt Andreas dem Wagen⸗ lenker zu, der die Roſſe noch immer ſcharf auftreten ließ.„Die Gefahr iſt vor der Hand vorüber. Weiß der Herrgott, was unſern Verfolgern in den Sinn gefahren ſein muß, daß ſie umkehrten. Mit dieſer unverſchämten Blaujacke werde ich allein fertig.“ Damit ſprang er vom Wagentritt und ſtellte ſich mit ſeinem meſſerbewaffneten Stabe dem Herantra⸗ benden entgegen. „Anhalten!“ gebot auch jetzt Benno. Das Geſpann ſtand ſtill und der Blouſenmann, in der einen Hand einen Säbel, in der andern eine Piſtole, kam ganz nahe heran. 135 „Im Namen des Kaiſers“, ſchrie der Verfolger, „Ihr ſeid meine Gefangenen“, und dem Kutſcher gebot er, augenblicklich umzukehren. „Nichtswürdiger Schurke“, rief Benno, der den Franz Tüdok jetzt ebenfalls erkannte, und feuerte ſeine Piſtole auf ihn ab. Die Kugel ſtreifte den Arm des Ver⸗ räthers, ohne ihn zu verletzen. Auch Etelka ſchoß und fehlte. Tüdok, der ſolchen Widerſtand nicht erwartet hatte, warf jetzt ſein Roß herum, um Succurs zu holen. In demſelben Augenblicke bohrte ſich das Eiſen am Stabe des Andreas, der dem Spion ganz nahe geſchlichen, zwi- ſchen deſſen Rippen und warf ihn vom Pferde. „Soldaten, zu Hülfe!“ brüllte der am Boden Lie⸗ gende und ſchäumte vor Wuth. Schmerzgepeinigt rich⸗ tete er ſich halben Leibes auf, um nach den Reitern aus⸗ zuſchauen. Als er dieſelben nicht mehr erblickte, wälzte er ſich wie wahnſinnig am Boden. Vergeblich feuerte er ſeine Piſtole auf Etelka ab. Seine Hand war bereits unſicher. „Hurrah“, rief plötzlich Andreas und that einen freu⸗ digen Luftſprung,„wir ſind gerettet! Dort kommen un⸗ gariſche Huſaren. Wahrſcheinlich waren ſie auch Urſache, daß ſich unſere Verfolger aus dem Staube machten.“ Trompeten ſchmetterten luſtig durch die Morgen⸗ luft und eine Abtheilung Matthiashuſaren kam des 136 Wegs daher. An ihrer Spitze ritt Graf Stephan Bardy, welcher ſo eben von Cetinja zurückkehrte. Welch ein unverhofftes freudiges Sichwiederfinden von Bruder und Schweſter! Beide lagen ſich nach langer Trennung in den Armen. Thränen des reinſten Ent⸗ zückens ſtürzten aus ihren Augen. Graf Stephan trug ſofort Sorge, daß Etelka und Benno unter ſicherer Be⸗ deckung zunächſt nach einem benachbarten Landgut, damit letztere ſich von ihrem Sturze erhole, und alsdann nach Bardy-Caſtell geleitet würden. Den Grafen ſelbſt rief die Pflicht zu ſeinem Corps. Andreas fragte Benno, ob er dem noch immer auf der Erde ſich wälzenden und nach Hülfe brüllenden Spion eine Kugel durch den Kopf jagen ſollte. „Nein“, erwiderte der Gefragte,„einen ſolchen ehrlichen Tod hat dieſe Beſtie nicht verdient. Hängt das Scheuſal an den erſten beſten Baum!“ Mit vielem Wohlbehagen vernahm Andreas dieſen Befehl, denn er hatte dem verkappten Ochſenhändler, der ihn oft ſchändlich malträtirt, ſchon lange Rache geſchworen. „Da hab' ich gerade einen paſſenden Strick bei mir“, ſprach er mit großer Gemüthsruhe, indem er denſelben um den Hals des ſich verzweifelt Wehrenden, der aber vom Blutverluſt ſchon bedeutend geſchwächt war, legte. Niklas, Benno's Diener, half bei dieſem traurigen Ge⸗ 137 ſchäft rüſtig mit. Man ſchleifte den die gräßlichſten Flüche röchelnd ausſtoßenden Tüdok nach einem nahe ſtehenden Fruchtbaume mit weitausgreifenden Aeſten. „Eine ſchlechtere Frucht“, ſagte Andreas mit gräß ⸗ lichem Humor,„hat dieſer brave Baum wohl im Leben nicht getragen.“ Damit zog er herzhaft an und bald hauchte der Böſewicht unter den fürchterlichſten Convulſionen ſeine ſchwarze Seele aus. Andreas ward für ſeine treuen Dienſte reichlich be⸗ lohnt, und das Fuhrwerk ſetzte unter Huſarenbegleitung ſeine Reiſe nach dem Landgute, welches einem Freunde der Familie Bardy angehörte, fort, während Graf Stephan, nachdem er Etelka das Verſprechen gegeben, bei erſter Gelegenheit ſie auf Bardy⸗Caſtell heimzuſuchen, mit ſeiner Schaar die entgegengeſetze Richtung einſchlug. Zehntes Kapitel. Der gute Erfolg, welchen Graf Stephan's Ver⸗ mittlung hinſichtlich der Freigebung der gefangenen Ser⸗ ben gehabt, zeigte ſich bald. Sie kehrten bereits nach Verlauf einer Woche in ihre Heimat zurück. Der dar- über hocherfreute Centurio gab ſowohl Edmund wie Hippo⸗ lyt ihr Ehrenwort zurück, und alle Anſtalten zur Abreiſe der Gäſte von Cetinja wurden getroffen. Auch Chriakus, welcher die kriegeriſche Gegenwart durchaus nicht für geeignet hielt, ſeine rationellen Reformen hinſichtlich der zweck⸗ mäßigen Gewinnung der Soda ins Leben zu führen, ſchloß ſich als Reiſegefährte an. Der Aufenthalt in Cetinja würde auch für Edmund der angenehmſte geweſen ſein, wenn derſelbe nicht durch die traurigen Berichte über die ungariſche Erhebung. die ſich immer mehr ihrem Untergange zuneigte, getrübt worden wäre, denn obſchon naturalifirter Heſterreicher, 139 war er mit großen Sympathien dem Heldenmuth und der Opferfreudigkeit der ungariſchen Nation gefolgt, wenn er auch die Entſetzung des Kaiſerhauſes als höchſt un⸗ heilvoll gleich von Anfang an erkannte. Weit weniger freundlich auf die Magyaren war der ſtockgelehrte, aber höchſt pedantiſche Profeſſor Chriakus zu ſprechen. „Dieſe Ungarn“, ſagte er,„wären noch hundert Jahre zurück, wenn Oeſterreich nicht fortwährend bemüht geweſen wäre, deutſche Cultur, Intelligenz, Wiſſenſchaft, In⸗ duſtrie, deutſchen Fleiß, Arbeitſamkeit und Reinlichkeit in dieſem Lande einzuführen. Man vergleiche doch die Zu⸗ ſtände der Sachſen in Siebenbürgen mit denen der eingebore⸗ nen Magharen. Welch erfreulicher Unterſchied in allen Beziehungen! Aber da fehlte es leider Gottes nicht an ſtockungariſchen Ideologen und Volksbeglückern, die ſeit Jahren in Rede und Schrift nichts unverſucht ließen, den Hochmuth und Uebermuth des Volkes anzuſtacheln, ihm die utopiſche Idee einer völligen Losreißung von Heſterreich einzuimpfen, kurz, Alles zu thun, das Land in Verwirrung und Anarchie zu ſtürzen. Jetzt haben ſie die Beſcherung. Ihre Heere liegen theils erſchlagen, theils ſind ſie zerſtreut, das Land iſt verwüſtet, Induſtrie, Han⸗ del und Gewerbe friſten das kümmerlichſte Daſein, und es wird Jahre bedürfen, ehe die Wunden, die dieſe un⸗ 140 gariſchen Weltverbeſſerer dem Lande geſchlagen, nur einigermaßen geheilt ſind. Mein Gotl“ ſetzte er hinzu, „was könnten alle dieſe Szegediner Sodaſiedereien leiſten, ſo hier nur einigermaßen deutſche Bewirthſchaftung ein⸗ trůte!“ „Zugegeben“, entgegnete Edmund,„daß das öſter⸗ reichiſche Kabinet die Zugeſtändniſſe, welche es in der Sturm- und Drangperiode der Märztage den Ungarn gemacht, beim beſten Willen nicht zu halten vermochte, wollte es nicht die Einheit der öſterreichiſchen Geſammt⸗ monarchie aufs Spiel ſetzten, ſo iſt doch keineswegs die zweideutige Politik zu vertheidigen, welche es hinſichtlich der geheimen Verbindung mit den Südſlawen gegen Ungarn einſchlug, wodurch letzteres endlich gezwungen wurde, zu den Waffen zu greifen. In dieſer Beziehung kann man allerdings den Kampf der Magyaren gegen Heſterreich nur als einen Kampf für ihr gutes und be⸗ drohtes Recht erklären. Hätte das Wiener Kabinet eine offenere und weniger zweideutige Politik gegen Ungarn befolgt, ſo würde es gewiß nicht zu dem erbitterten Kampfe gekommen ſein und ein Weg zur Verſtändigung wäre wohl ausfindig zu machen geweſen.“ Der alte Centurio hörte dergleichen Unterhaltungen nicht ungern mit an und theilte zuweilen wohl auch ſeine Anſicht mit. So auch diesmal. 141 „Was unſern Kampf gegen die Magharen anlangt“; ſagte er,„ſo kann man ſolchen durchaus nicht als vom Zaune gebrochen betrachten, wie die Herren Zeitungsſchreiber von Peſth und Debreczin ſo oft der Welt einzureden bemüht geweſen. Wir mußten uns lange genug gar manche Unbill von unſern nordiſchen Nachbarn gefallen laſſen, ſodaß der dadurch entſtandene Nationalitätenhaß ſich wohl erklären läßt, der jedoch erſt infolge der neuen politiſchen Errungenſchaften zur hellen Flamme aufſchlug. Die Kroaten, Slawonier, Serben wollten den neuen Aufſchwung der Dinge ſo gut wie andere Nationen benutzen, um ihre Selbſtſtändigkeit zu kräftigen. Daß der Kampf leider häufig mit einer Leidenſchaft und Bru⸗ talität geführt worden, wie er chriſtlichen Völkern aller⸗ dings nicht zur Ehre gereicht, iſt freilich ſehr zu beklagen. Ob uns ferner Oeſterreichs Politik dafür, daß wir zu ihr gehalten, ſobald ſie ihren Zweck erreicht hat, großen Dank wiſſen wird, wiſſen wir nicht, aber das wiſſen wir, daß, was Dank und Erkenntlichkeit für geleiſtete Dienſte anlangt, das Wiener Kabinet gar Manches zu wünſchen übrig läßt.“ Was Hippolht anlangte, ſo bekümmerte er ſich wenig um politiſche Angelegenheiten; ſelbſt der ungariſche Kampf ließ ihn ziemlich gleichgültig. Er lebte auf Cetinja lediglich der reizenden Gegenwart. Die ſchönen Augen Smiljana's waren die Sonnen, welche ſein Daſein verklärten, und er zog mit ſeltener Unermüdlichkeit an dem Triumphwagen der ſchönen Serbin, ohne daß man jedoch hätte ſagen können, ſeine Huldigungen wären von einem erwünſchten Erfolge begleitet geweſen. Smiljana's Herz ſchien von der franzöſiſchen Galanterie völlig unberührt zu blei⸗ ben; vielleicht auch, daß Jemand anders hieran die Schuld trug. Der Tag der Abreiſe war endlich gekommen. Der alte Centurio hatte Sorge getragen, daß ſeine zeitherigen Gäſte unter dem Schutze einer Anzahl bewaffneter Serben ſicher bis Stuhlweißenburg gebracht würden, von wo aus der Weiterreiſe nach Deutſchland keine Hinderniſſe im Wege ſtanden, da ſich die ganze Gegend bis zur Grenze in der Gewalt der Oeſterreicher befand. Ein reiches Feſtmahl vereinigte Veronika, Edmund, Hippolyt und den Profeſſor zum letzten Male an der Tafel des gaſtlichen Centurio. Die Stimmung war im Allgemeinen eine heitere und nur durch den bevor⸗ ſtehenden Abſchied in etwas getrübt. Am ſchwerſten wurde letzterer Hippolyt, deſſen Herz noch immer für Smiljana in lichten Flammen ſtand. Letztere ging am Abſchiedstage ganz national gekleidet, was ſie dop⸗ pelt reizend machte. Ihr ſchönes reiches Haar war in je fünf und neun Zöpfe geflochten. Dem Profeſſor fiel 143 dieſe Haartracht ſofort auf und er ermangelte nicht, ſeine gelehrten Bemerkungen darüber laut werden zu laſſen. „Dieſe Sitte, das Haar zu fünf und neun Zöpfen zu jlechten“ ſprach er,„ſtammt von den Thraziern, wor⸗ über mehrere Schriftſteller, die ſich hauptſächlich mit der⸗ artigen Toilettenangelegenheiten beſchäftigten, des Wei⸗ tern berichten. Dieſe Kopftracht hat ſich bei den Serben mit am längſten erhalten, während ſie bei den Nach⸗ barvölkern ſeit geraumer Zeit in Wegfall gekommen iſt. Wenn ich nicht irre, jingt ſelbſt ein ſerbiſches Volks⸗ lied von dieſer Art Haartracht. Wie heißt doch gleich das hübſche Liedchen? Richtig; Mutter flocht der Mara Zöpfe, Flocht zu fünfen ſie und neunen. Vielleicht daß unſere ſchöne Freundin, die ſo bewan⸗ dert in dieſem Genre der Poeſie iſt, uns die Fortſetzung zu liefern vermag.“ Die übrigen drei Tiſchgenoſſen, vor allen Hippolyt, ſtimmten dem Profeſſor bei und Smiljana recitirte: „Mutter flocht der Mara Zöpfe, Flocht zu fünfen ſie und neunen, Flocht und ſprach mit Mutterſorge: „Gehſt Du auf das Feld hinunter, Auf das Feld zum Reihentanze, Tanze nimmer mit dem Thomas, 144 Thomas iſt ein loſer Bube Und Du biſt ein ledig Mädchen.“ Mara hörte nicht die Mutter, Auf das Feld ging ſie hinunter, Auf das Feld zum Reihentanze, Wo ſie ſich mit Thomas ſchwenkte. Thomas ſchwang im Kreis den Reihen. Leiſe winkt er ſeinen Dienern, Daß ſie her die Roſſe führten, Seinen Fuchs und ſeinen Braunen. + Gleich verſtanden ihn die Diener, Führten zu den Reih'n die Roſſe, Seinen Fuchs und ſeinen Braunen. Auf den Fuchs ſich Thomas ſchwinget, Hebt die Mara auf den Braunen, Und ſie ſtreichen durch die Haide, Wie ein Stern durchſtreift den Himmel. Und als nun das Feld durchſtrichen, Spricht der Thomas zu der Mara: „Siehſt Du dort den faulen Ahorn? Daran will ich auf Dich knüpfen; Krähe hackt Dir aus die Augen, Adler ſchlägt Dich mit den Flügeln.“ Hob die Mara an zu ſchluchzen: „Weh mir, ach, daß Gott erbarme! So ergeht es allen Mädchen, Die der Mutter nicht gehorchen.“ 145 Tröſtet lächelnd ſie der Thomas: „Fürchte nichts, geliebte Mara! Iſt ja nicht ein fauler Ahorn, Meine weißen Höfe ſind es. Fürder biſt Du meine Gattin, Herrin in den weißen Höfen.““ Smiljana mußte noch einige ihrer lieblichen Lieder zum Beſten geben. Das Abſchiedsmahl währte bis tief in die Nacht. Der Centurio wie auch Smiljana mußten Edmund und Veronika das Verſprechen geben, ſobald es ruhige Zeiten erlaubten, einen Beſuch in Salzburg abzuſtatten, damit man die ſerbiſche Gaſtfreundſchaft, der man ſo viele frohe Stunden verdankte, im deutſchen Vaterlande erwidern könne. Noch denſelben Abend erhielten Veronika, Edmund und Hippolht von Smiljana feine Stickereien zum An⸗ gedenken, die ſie mit eigener kunſtreicher Hand gefertigt hatte, und Cyriakus ward vom alten Centurio mit einigen Raritäten aus deſſen Naturalienkabinet beſchenkt, die den gelehrten Mann ganz glücklich machten. Hippolht ſchwur, ſich nie von der koſtbaren Stickerei zu trennen, die ſein Talisman ſein ſollte fürs ganze Leben. Bereits am andern Tage befanden ſich die Gäſte von Cetinja auf dem Wege nach Stuhlweißenburg. Stolle, Von Wien nach Vilagos. UMI. Elftes Kapitel. Bei Brad an den Ufern des Maros wölbt ſich die Fläche zu kleinen Hügeln, welche mit einer der herrlichſten Rebengattungen Ungarns bepflanzt ſind. Das iſt das Weingebirge von Menes, welches, allmälig ſeinen ſanf⸗ ten Charakter verlierend, die Ausläufer der ſiebenbür⸗ giſchen Karpaten bildet. Etwa zwei Meilen von Arad gegen Norden wird dieſe Hügelkette von einem Bergkegel abgeſchloſſen der, weit ins Land hinein ſichtbar, auf ſeinem Rücken eine uralte Ruine trägt und ein an ſeinen Fuß ſich ſchmiegendes Dörfchen beſchattet. Etwa eine halbe Stunde davon hatte das geſammte Heer von Görgei, welches auf deſſen Befehl von Arad hierher marſchirt war, ein Lager bezogen. Vier Meilen davon befand ſich das Lager der Ruſſen. Einen Tag ſpäter, noch am frühen Morgen, erſchienen unter ungariſcher Bedeckung mehrere ruſſiſche Offiziere, 147 welche mit Görgei eine längere Unterredung hatten. In den Vormittagsſtunden ſelbigen Tages wurden ſämmtliche ungariſche Offiziere zu einem Kriegsrath ins Hauptquartier berufen. Mit ſchwerem Herzen und düſtern Sinnes folgten die ſchlachtergrauten Krieger dieſem Befehl. Nach den unglücklichen Ereigniſſen der letzten Tage ſagte ihnen eine trübe Ahnung, worum es ſich in dieſem Kriegsrathe handeln werde. Schon den Abend zuvor ging durch die Truppen das Gerücht, daß ſie würden die Waffen nieder⸗ legen müſſen, aber Niemand glaubte daran. Görgei ſchilderte wahrheitsgetreu den traurigen Zu⸗ ſtand der Dinge, die unglücklichen Schlachten von Szöreg und Temesvar, die Auflöſung der ungariſchen Armee bei Lugos und die Vereinigung der ruſſiſcheöſterreichiſchen Macht, welche einen erfolgreichen Widerſtand unmöglich mache. „Meine Herren“, waren ſeine Worte,„Sie wiſſen, daß ich gekämpft und geſtritten habe, ſolange noch eine Rettung fürs Vaterland möglich war. Selbſt meine Feinde müſſen mir zugeſtehen, daß ich mein Leben für die Freiheit des Volkes oft in die Schanze geſchlagen und daß ich nur ein Ziel vor Augen hatte, die Unab⸗ hängigkeit Ungarns.“ Hier lief ein vernehmbares ungläubiges Murren durch die Verſammlung. 10* 148 Görgei ſchien dies nicht bemerken zu wollen und fuhr fort:„Die Zeit iſt vorüber. Es bleibt uns jetzt keine andere Wahl, als entweder zu ſterben und unſer Vaterland dem Autokratenwillen zweier Fürſten, die nichts von Gnade wiſſen, zu überlaſſen, oder durch Unter⸗ handlung einen Vergleich zu Stande zu bringen, der unſer Vaterland wenigſtens vor den Greueln der Thrannei rettet. Von den Oeſterreichern und ihrem blutdürſtigen Feld⸗ herrn Hahynau iſt auf keine Gnade zu hoffen, darum bin ich auch bereits in Unterhandlung mit dem Fürſten Paskiewitſch getreten, und demſelben iſt es gelungen, ſeinen Kaiſer dahin zu bewegen, daß er unſere Unter⸗ werfung annimmt und uns ſeinen Schutz gegen Oeſter⸗ reich verleiht. Aber nur kurze Zeit wird unſere Unter⸗ werfung währen. Ein Krieg zwiſchen Rußland und Oeſter⸗ reich ſteht bevor, und dann wird es an uns ſein, unter beſſern Auſpicien den Kampf zu erneuern.“ Ein anfänglich dumpfes Murren, das bald in den lauteſten Unwillen ausbrach, folgte dieſen Worten des Obergenerals. Der Zorn leuchtete auf allen Geſichtern der kampfbeſeelten und todesmuthigen Krieger. Das Wort Verrath ward häufig vernommen. Man ſprach von Abſetzung Görgei's, ſelbſt Todesdrohungen gegen ihn wurden abgeſtoßen. Nur der Beſonnenheit einiger be⸗ 149 liebten Generale gelang es, den losbrechenden Sturm zu beſchwören, indem ſie ſich bemühten, das Unnütze eines längern Widerſtandes einleuchtend zu machen. Einer der höhergeſtellten Generale rief:„Nur der Wahnſinn kann unter den jetzigen Umſtänden ein Durch⸗ ſchlagen für möglich halten. Vor uns die Ruſſen, im Rücken die Oeſterreicher, gegen deren beiderſeitige Ueber⸗ macht unſer Heer zu einem Häuflein zuſammenſchmilzt. Geſetzt, wir ſtellten einen Führer an die Spitze, der uns von neuem gegen den Feind führte, ſo würden wir letzterem noch empfindliche Verluſte beibringen, aber die Unſerigen zugleich ganz nutzlos aufopfern, und es iſt Pflicht des Patrioten, dem Vaterlande nach ſo ſchweren Verluſten möglichſt diejenigen Leute zu erhalten, deren Untergang nicht nur nichts nützen, ſondern nur ſchaden würde. Die Welt würde unſere heldenmüthige Aufopferung bewundern, aber der wahre Voterlandsfreund könnte die⸗ ſelbe nur beklagen.“ Erſt nach langer, äußerſt ſtürmiſcher Debatte, in welcher Vaterlandsliebe, Opferfreudigkeit und Heldenmuth mit der eiſernen Nothwendigkeit rangen, gelang es einer Majorität, den Oberfeldherrn zu ermächtigen, mit dem ruſſiſchen General Rüdiger in Unterhandlung wegen Niederlegung der Waffen zu treten. 150⁰ Die Sonne des dreizehnten Auguſt ſchien heiß her⸗ nieder. Görgei's Heer ſtand in Schlachtordnung, vier⸗ undzwanzigtauſend Mann mit hundertvierundvierzig Geſchützen. Im Vordertreffen die Infanterie, rück⸗ wärts die Kanonen, zu beiden Seiten die Reiter⸗ regimenter. Da ſtanden ſie, die Vicn aus zahlreichen Schlach⸗ ten, die Trümmer der heldenmüthigſten Armee. Todten⸗ ſtille herrſchte unter den Tauſenden. Der Grimm ob eines unabwendbaren Geſchicks wohnte in aller Herzen. Der Blick war zur Erde geſenkt. Der vaterländiſche Boden war heilig. Es war der Friedhof von Ungarns Freiheit und Selbſtſtändigkeit. Mitten durch die Stille fiel von Zeit zu Zeit ein Schuß. Es war ein Huſar, der ſeine letzte Patrone dazu ver⸗ wandte, ſeinem treuen Roſſe eine Kugel durch das Hirn zu jagen, damit es das Unglück des Vaterlandes nicht überlebe. Andere Kameraden hatten Sattel und Riem⸗ zeug abgeſchnallt und Tſchako und Dolman als Dinge, die ſie nicht mehr ihr eigen nennen durften, daneben ge⸗ legt. Wieder andere waren fortgeſprengt ins Weite, bügellos, hoffnungslos, um zu werden, was ſie früher geweſen, wilde, freie Czikos der Haide. Auch die Huſaren in Reih und Glied ſchnallten ſchweigend die Sättel vom Rücken ihrer Pferde, legten 151 ſie in großen Haufen mit den Waffen und Fahnen zu⸗ ſammen und traten zurück zu ihren Roſſen. Hier ſtand das Regiment Ferdinand, ſeinen tapfern Oberſt, ein Bild verzweiflungsvollen Kummers, an der Spitze. Sein Säbel fehlte. Er hatte ihn im letzten Kriegsrathe Görgei vor die Füße geworfen. Daneben hielt das Regiment Hannover⸗Huſaren. Graf Batthhanhi bei demſelben ohne Pferd. Er hatte ſein Schlachtroß, das ſchönſte der ganzen Armee, mit eigener Hand getödtet, damit es keinen Koſaken auf ſeinem Rücken trage. Weiter zur Rechten die Regimenter Nikolaus und Alexander, die ſich bewährt in zahlreichen Schlachten, jetzt nur noch Trümmer. Nur wenige Veteranen befanden ſich darunter, die die glänzenden Frühlingsſchlachten mit⸗ kämpften. An den Flanken erblickte man Kaiſerhuſaren, Koburg und Würtemberg. Die Generale ſtanden in Gruppen beiſammen oder ritten ſchweigend die Bataillone auf und ab. Oberſt Földrary geht mit thränenvollem Auge zum neunten Bataillon, mit welchem er die Wälle Ofens erſtürmte. Er war der Bravſten einer und von ſeinen Leuten ge⸗ liebt wie ein Vater. Als er herankommt, um das letzte Lebewohl zu ſagen, ſchließt das Bataillon, wie von einem Gedanken elektriſch durchzuckt, ein großes Quarré. Der Fahnenträger reicht die Standarte ſeinem Nachbar. So 152 geht ſie von Hand zu Hand bis zum Oberſten. Jeder küßt ſie, dann legt man ſie auf einen Reiſigſtoß inmitten des Quarrés und verbrennt ſie zu Aſche. Nagy⸗Sandor, der ungariſche Murat auch in der prachtvollen Kleidung, geht mit General Pöltenberg im Geſpräche auf und ab. Andere Generale ſitzen zu Pferde und unterhalten ſich mit gleichgültigen Geſprächen. Der neue Dietator erſcheint im einfachen Kleide, wie er ſolches bei warmer Witterung auf dem Marſche zu tragen pflegte. Er verſuchte freundlich zu blicken, ſeine Züge aber waren ernſter, finſterer, eiſerner als ſonſt. Er reitet an den Huſaren vorüber, hin und wieder ein aufmunterndes Wort murmelnd, beſichtigt langſam die Honvedbataillone, die narbenbedeckten Krieger der ehemaligen Regimenter Schwarzenberg, Franz Karl, Prinz von Preußen. Dom Miguel, Alexander, Waſa. Dann begibt er ſich vor die Fronte und erklärt, Jedem das Commando übergeben zu wollen, der ſich tüchtig genug glaube, die Armee zu retten. Er ſelbſt ſei es nicht mehr im Stande. Ein grauer Huſarenrittmeiſter ſprengt vor die Fronte und berichtet, er und ſeine Kameraden ſeien bereit ſich durchzuſchlagen. Trocken antwortet Görgei, er möge ſich vor Meu⸗ terei hüten, auf welcher Flintenkugeln ſtünden. Dann wendet er ſich nachläſſig ab. Die vollſtändige Waffenſtreckung, die Vertheilung der Escorte, der Abmarſch der Truppen währte von Nachmittag vier Uhr bis zu einbrechender Dunkelheit. Die gefangene Armee ward bis Gyula von den Ruſſen escortirt und daſelbſt den Oeſterreichern über⸗ geben. Gegen zehn Uhr abends herrſchte wieder Todten⸗ ſtille auf den Feldern von Vilagos. Zwölftes Kapitel. Etelka ſaß am Lager der bejahrten Gräfin Bardy, deren Leben ſich täglich mehr dem Ende zuneigte. Benno, nachdem er ſeinen Schützling in Sicherheit gebracht, war zur Armee zurückgekehrt. Die Greiſin lag in dü⸗ ſtern Fieberphantaſien. Blutdunkle Bilder zogen an ihrem innern Geſicht vorüber. Vergangenheit und Zukunft ſchienen ſich die Hand zu reichen. Sie ſprach von ver⸗ gangenen Schlachten und von künftigen, von der ein⸗ ſtigen Größe und Herrlichkeit ihres Hauſes, von deſſen Verfall und künftigem Emporblühen. Sie ſprach mit Verſtorbenen einer längſt verſchollenen Zeit und mit ſpäter Heimgegangenen. Mit Imre hielt ſie lange Un⸗ terredung. Sie verfluchte die Sirene, die ihren Enkel ins Verderben gelockt. Etelka vernahm ſchweigend die düſtern Phantaſien. Sie ſelbſt ſchien ruhig, denn die Altmutter hatte in einer lichten, geiſtesfreien Stunde ihr vergeben 155 und den mütterlichen Segen ertheilt. Graf Stanislaus erſchien von Zeit zu Zeit leiſe im Zimmer, um ſich nach dem Zuſtande der Kranken zu erkundigen. Der von Klauſenburg herbeigerufene Arzt hatte der Gräfin keine vierundzwanzig Stunden mehr zu leben gegeben. Der Abend war hereingebrochen. Düſter warf die durch einen Schirm verdeckte Lampe ihren Schein. Etelka, Graf Stanislaus und der Arzt umſtanden das Bett der Kranken, jeden Augenblick das Erlöſchen derſelben erwartend. Eine dumpfe, drückende Schwüle herrſchte im Gemach, nur von dem vernehmbaren Athemholen der Sterbenden unterbrochen. Alle beteten, daß ihr Gott ein ſanftes Ende geben möge. Die Kranke lag in einem ſcheinbaren Halbſchlum⸗ mer. Plötzlich begannen die Phantaſien von neuem, ſchrecklicher als alle die frühern. Sie ſah nur Blut und Flammen und vernahm Wehrufe und Sterberöcheln. End⸗ lich erhob ſie ſich geiſterhaft halben Leibes, der Blick ſtarrte grauſig, die Lippen bewegten ſich fieberhaft, ein Schmerzensſchrei entfuhr nervenzerreißend ihrer Bruſt und mit dem halbgebrochenen Worte Vilagos ſank die Greiſin ohnmächtig auf ihr Lager. Ihre Stirn war mit kaltem Schweiße bedeckt. Erſchrocken neigte ſich Etelka über ſie und trocknete die feuchte Stirn. Noch immer bewegten ſich die Lippen der Sterbenden, aber 156 kein Laut war mehr vernehmbar. So lag ſie eine ge⸗ raume Zeit, als ſei alles Leben entwichen. Da überzog ſich ihr Antlitz allmälig wie mit einem Verklärungs⸗ ſchimmer. Es ward geiſtig ſchön, und die Züge zeigten von einer überirdiſchen Seligkeit. Ihre Stimme erhob ſich von neuem, aber klangvoll, und in geiſterhaftem Prophetentone verkündete ſie die Zukunft des Un⸗ garnlandes. „Noch einen Kampf“, waren ihre Worte,„in nicht allzu langer Zeit, und Ungarnland wird auferſtehen herr⸗ lich und ſchön wie nie zuvor. Die Sünden der Väter ſind geſühnt. Sein Korn wird wieder grünen, ſeine Reben blühen, aber ein freies, edleres Geſchlecht wird wandeln durch die Fluren. Des Adels Macht iſt ge⸗ brochen, der freie Bürger erfreut ſich des Fleißes ſeiner Hände und dem Landmann wird die gerechte Ehre. Freiheit und Frieden werden wohnen in Palaſt und Hütte.“ Nach dieſen Worten ſank ſie ſtill zurück und war nicht mehr; aber noch im Tode leuchtete ihr Antlitz in ſeliger Verklärung. Graf Stanislaus, Etelka, der Arzt und eine Die⸗ nerin waren auf die Kniee geſunken und beteten für die Seele der ſelig Vollendeten. Dann drückte der tiefbe⸗ wegte Sohn der alten Mutter ſanft das lebensmüde Auge zu. 157 Acht Tage ſpäter ritt Graf Stephan in den Schloß⸗ hof von Bardy Caſtell. Man führte ihn nach dem fri⸗ ſchen Grabe der geſtorbenen Gräfin, welches in dem ſchönen Parke des Schloßgartens nach dem ausdrück⸗ lichen Wunſche der Heimgegangenen gegraben worden war. „In friſcher kühler ungariſcher Erde“, hatte ſie ver⸗ ordnet,„ſoll meine Hülle ruhen, wo über ihr die Blätter rauſchen und im Frühling die Vögel ſingen, und nicht in dumpfer Familiengruft voll Moderduft und Verweſung. Ich folge da nur dem heiligen Bibelwort, welches ſagt: Du biſt von Erde und ſollſt wieder zu Erde werden. Die befreite Seele wohnt nicht in Grüften und Gräbern.“ Auch keinen Erdhügel durfte man nach dem Gebot der Verſtorbenen aufſchichten, noch eine ſchwere Steinplatte auf das Grab legen. Ein einfaches Blumenbeet, worauf im Sommer Roſen und Lebkoien blühen, hatte ſie ſich gewünſcht. Lange weilte Graf Stephan in ſtiller Trauer bei dem Grabe. Dann ſprach er dumpf für ſich:„Glücklich die Todten!“ Von ihm erfuhren die Bewohner von Bardy Caſtell die nähern Einzelnheiten über die Unglückstage von Te⸗ mesvar und Vilagos. Stephan ſelbſt hatte ſich nicht mit ergeben, ſondern war mit einer Schaar treuer Huſaren als Schutzwache Koſſuth bis zur Grenze ge⸗ — 158 folgt. Nachdem er dieſen letzten Liebesdienſt dem großen Freunde Ungarns geleiſtet, löſte er ſein getreues Häuflein ſelbſt auf und rieth den braven Leuten, in ihre Heimat zurückzukehren bis auf beſſere Zeiten. Für Gtelka hatte Stephan einen eigenhändigen Brief von Koſſuth mitgebracht, den letzten, welchen dieſer auf ungariſchem Boden geſchrieben. Er ſprach darin den Dank ſeines Herzens ſowie den des Vaterlandes für ihre Treue und Opferfreudigkeit aus, tröſtete ſie ob der umnachteten Gegenwart und ſchloß mit der freu⸗ digen Zuverſicht, daß troßz des jetzigen ſcheinbaren Unter⸗ ganges Ungarn doch nicht verloren ſei. Ein theureres Vermächtniß als dieſer Brief konnte der jungen Patriotin nicht werden. Stelka hatte die Einzelnheiten über die Kataſtrophe von Vilagos mit ſcheinbarer Ruhe vernommen, aber ihr Herz war darüber gebrochen. Ihre Wangen bleichten ſichtbar von Tage zu Tage. Graf Stanislaus ertrug den Schmerz des Vater⸗ landes mit der Würde des Mannes. Stephan beſchloß für die nächſte Zeit die Einſam⸗ keit von Bardy⸗Caſtell mit Vater und Schweſter zu theilen, da er als Rittmeiſter von der politiſchen Ver⸗ folgung, welche nur die höhergeſtellten Heerführer traf, aus⸗ geſchloſſen blieb. Dreizehntes Kapitel. Mit der Waffenſtreckung Görgei's war die große Tragödie beendet, und zwar in derſelben Gegend, wo der Kampf ſeinen erſten ſo hoffnungsreichen Anfang genommen. Die ungariſche Revolution hatte ein Jahr lang die Blicke der gebildeten Menſchheit mit Intereſſe nach einem Lande gewendet, von welchem man nicht erwartet, daß das Volk daſelbſt ein ſo gewaltiges Wort in den großen Weltbegebenheiten mitſprechen werde. Furcht und Hoffnung begleiteten die Magyaren auf ihren glänzenden wie unglücklichen Kriegszügen, je nach dem Standpunkte der verſchiedenen politiſchen Geſinnung. Die über⸗ wiegende Mehrheit der Völker nahm Partei für die un⸗ gariſche Sache und wünſchte derſelben den Sieg. Es war ein Heldenkampf voll Vaterlandsliebe, Opferfreudigkeit 160 und Todesmuth, wie ſolchen die Weltgeſchichte nur ſelten aufzuweiſen hat. Was ſich nach der Kataſtrophe von Vilagos in kriegeriſcher Beziehung weiter zugetragen, waren nur die letzten Kampfeszuckungen nach ungeheurer Kraftanſtrengung, des Sterberöcheln eines überwundenen Volkes. Die Trümmer der Theißarmee theilten ſich in Lugos. Der unermüdliche General Bem vermochte nur einen Theil des Heeres zu fortgeſetztem Kampfe zu bewegen; die größere Zahl folgte Görgei's Aufforderung und übergab ſich den Ruſſen. Desgleichen ward Veeſeh's Corps, das noch am geordnetſten war, nachdem es ſeine geſammte Artillerie verloren, gezwungen, ſich den Ruſſen zu überliefern. Bem und Guhon wandten ſich mit ihren treugebliebenen Ueberbleibſeln nach Siebenbürgen, wurden aber von der öſterreichiſchen Hauptmacht auf allen Seiten gedrängt und umzingelt. Der alte Dembinſti, der bisher immer noch tapfer ausgehalten, erklärte unter ſolchen Umſtänden den Kampf nicht länger fortſetzen zu können. General Kmeth allein bietet mit viertauſend Mann der zehnfachen Ueber⸗ macht noch Trotz. Er nimmt den Kampf auf, um den Weg nach dem Süden zu decken. Er hält ſich mit der tapfern Schaar einen halben Tag und dann muß auch er weichen. Bem und Guhon erreichen mit ihren bis zur Wider⸗ ſtandsloſigkeit geſchmolzenen Corps das Städtchen Dobra. 161 Hier aber zerſtäuben die letzten Ueberreſte nach allen Seiten in die Gebirge. Die Führer ſtehen allein. Sie ſagen dem Ungarnlande, für das ſie in zahlreichen Schlachten ihr Leben preisgegeben, für das ſie geblutet und gelitten, Lebewohl und flüchten in die Türkei, wo ſie trotz aller Proteſte Oeſterreichs als wackere Kämpfer gaſtliche Aufnahme fanden. Mit ihnen zugleich verließen zahlreiche andere Häupter der ungariſchen Erhebung, darunter Koſſuth, das Vaterland. Die Feſtung Munkaes capitulirte am ſechsundzwanzig⸗ ſten Auguſt. Peterwardein öffnete einige Wochen ſpäter ſeine Thore. Komorn allein weiſt jede Aufforderung zur unbe⸗ dingten Uebergabe mit Entſchiedenheit zurück. Klapka's Sendboten ſtreifen durchs Land, um ſich vom Stande der Dinge zu unterrichten. Gefangene und flüchtige Hon⸗ veds vereinzelte umherirrende Reiter, bleiche, abgezehrte Soldaten erzählen ihnen, was geſchehen iſt. Die ſchwarz⸗ gelbe Fahne auf den übrigen Feſtungen, der tiefe Gram auf jedem ungariſchen Antlitz beſtätigen die Wahrheit dieſer traurigen Ausſagen. Komorn capitulirte ſpäter unter günſtigen Bedingungen. Ueber diejenigen Generale, welche ſich den Ruſſen ergeben und von dieſen an Oeſterreich ausgeliefert worden waren, dreizehn an der Zahl, ſämmtlich ſchlachterprobte Stolle, Von Wien nach Vilagos. UI. 11 162 Helden, theils im kräftigſten, theils noch im blühendſten Mannesalter, brach das Blutgericht von Arad den Stab. Sie ſtarben alle mit großer Faſſung als beſiegte Soldaten, wie von ſolchen Helden nicht anders zu er⸗ warten. Noch an keinem Schlachttage fielen ſo viele der ausgezeichnetſten Generale und ſo viele der edelſten Häupter eines Volkes, als an jenem Friedensmorgen des 6. October 1849. Das letzte in der Reihe der Opfer, welche nach dem alten Spruche: Vae victis! dem Sieger gebracht wurden, war der frühere Miniſterpräſident Graf Ludwig Batthyanyi, welcher in Peſth ſtandrechtlich erſchoſſen wurde. Er war in ſeiner Perſönlichkeit das Muſterbild des ſchönſten Mannes, die Zierde des ungariſchen Adels und der Stolz des ungariſchen Volkes. Auf dieſe Weiſe glaubte der Sieger Ungarn ge⸗ züchtigt und für künftig unſchädlich gemacht zu haben. Der Dictator und Oberfeldherr Ungarns, Arthur Görgei, ward begnadigt. Vierzehntes Kapitel. Ein Jahr war dahingegangen. Der Herbſtſturm rauſchte in den alten Buchen des Parks von Bardy⸗ Caſtell, das gelbe Laub herabſchüttelnd. Graf Stephan ſaß in dem lichthellen Thurmzimmer ſeines Schloſſes, von wo man weit hinaus ſchauen konnte über die herbſt⸗ liche Landſchaft. Vor ihm ausgebreitet waren Landkarten und Schlachtpläne, ſowie Tagebücher ungariſcher Gene⸗ rale. Der Graf ſtudirte den letzten ungariſchen Feldzug. Es war ſehr ſtill geworden auf Bardy⸗Caſtell. Etelka, welche ſeit der Nachricht von dem Unglücks⸗ tage von Vilagos den Tod im Herzen trug, war von Tage zu Tage ſichtbar hingewelkt und bereits in ver⸗ floſſenem Frühling ſchlafen gegangen unter die Blumen im Parke von Bardy⸗Caſtell Auch ſie hatte ſich, nachdem mit dem Falle des Vaterlandes das Leben allen Reiz verloren, das freundliche Plätzchen zur letzten Ruhe ſtätte 1* 164 auserkoren. Der Brief Koſſuth's, den ſie ſtets auf dem Herzen getragen, mußte ihr mit in das Grab gegeben werden. Mit dem Heimgange dieſer Tochter Ungarns erloſch einer der ſchönſten Sterne edler weiblicher Hin⸗ gebung und Opferfreudigkeit für das Vaterland. Kurz vor ihrem Hinſcheiden hatte ſie gefragt:„Wie alt ſind die Pinien, die meiner Großmutter Grab be⸗ ſchatten?“—„Zehn Jahre“, war die Antwort geweſen.„Und wie alt werden ſie?“—„In die hundert Jahre“, hat der Beſcheid gelautet.„Wohlan“ ſind ihre letzten Worte ge⸗ weſen,„ſo werden ihre Kronen dereinſt über meiner Aſche in freien Lüften des Ungarnlandes grünen.“ Wenige Monate folgte ſeiner edlen Tochter der Graf tanislaus im Tode nach. Graf Thomas, der mehr⸗ monatliche Gaſt auf Bardy-Caſtell, war nach ſeinen Gü⸗ tern zurückgekehrt und bemüht, in die durch den Krieg entſtandene Zerrüttung wieder einige Ordnung zu bringen. So lebte von der Familie Bardy nur noch Graf Stephan einſam auf Bardy Caſtell. Er vertrieb ſich, wie wir geſehen haben, die Einſamkeit mit Studien. Seine Abſicht war, mit nächſtem Frühjahr eine Reiſe durch Deutſchland, Frankreich und Italien anzutreten und ge⸗ raume Zeit im Auslande zu verleben. Eines Tages ſaß er wieder in ſeinem Kartenzimmer, 165 als ihm ein vornehmer Serbe gemel et wurde, der ſo eben mit zwei Dienern in den Schloßhof ge⸗ ritten ſei. Verwundert ob ſolchen Beſuchs und was derſelbe wohl bezwecke, befahl er, den fremden Gaſt in das Empfangszimmer zu führen. Er begab ſich ſofort dahin, aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er ſeinen Gaſt⸗ freund, den Centurio Ranko, wiedererkannte. Dem alten Serben ward natürlich der herzlichſte und freudigſte Empfang zu Theil und bald ſaßen die beiden Freunde beim traulichen Becher in Erinnerung der auf Cetinja froh verlebten Stunden Es währte indeß nicht lange, ſo machte der Centurio mit der ihm eigenen Offenheit den Grafen Stephan mit dem Zwecke ſeines Beſuchs bekannt. „Der Dank Oeſterreichs“ begann er,„für unſere dem Kaiſerhauſe geleiſteten Dienſte läßt noch immer auf ſich warten. Gewinnt es doch faſt den Anſchein, als ſollten wir Südſlawen mit demſelben Kamm der Reac⸗ tion gekämmt werden wie das Volk der Magyaren. Es wird daher Zeit, daß wir dazu thun, damit das Uebel nicht noch größer wird. Vor allem aber thut eine Ver⸗ ſtändigung meines Volkes mit den Magyaren ſelbſt noth, damit wir unſere Intereſſen gemeinſam gegen die reactionären Beſtrebungen der Wiener Politik verthei⸗ 166 digen. Es ſind in dieſer Abſicht bereits zwiſchen ein⸗ flußreichen Perſönlichkeiten unſererſeits mit patriotiſchen WMagharen Verbindungen angeknüpft und findet eine Verſammlung ſolcher Männer auch nächſte Woche bei mir auf Cetinja ſtatt, um alle geſetzlichen Mittel und Wege ins Auge zu faſſen, die einzuſchlagen ſind, um der allgemeinen Reaction entgegenzuarbeiten. Ich komme da⸗ her mit der Bitte im Namen meines Volkes, daß Ihr, Herr Graf, als ungariſcher Patriot es nicht verſchmähen mögt, an dieſer Beſprechung für das Gemeinwohl ſowohl der Südſlawen wie der Magharen gefälligſt Theil zu nehmen.“ Obſchon Graf Stephan ſeit der Niederlage Ungarns aller Politik fern geblieben war und ſich blos mit wiſſen⸗ ſchaftlichen Studien beſchäftigt hatte, war er doch zu ſehr Patriot, als daß er die vertrauensvolle Einladung des alten Centurio hätte ſollen von der Hand weiſen. Desgleichen pflichtete er dem Serbenhäuptling hinſichtlich der immer weiter um ſich greifenden Reaction vollkommen bei und billigte das gemeinſame Vorgehen der in Ungarn leben⸗ den unterſchiedlichen Nationalitäten zum Beſten der all⸗ gemeinen Wohlfahrt von ganzem Herzen. Der Centurio ſchloß ſeine Einladung mit den Wor⸗ ten:„Auch meine Tochter Smiljana, die freundlichſt grü⸗ ßen läßt, würde ſich in Erinnerung der frohverlebten 167 Stunden wahrhaft freuen, den Herrn Grafen wieder einmal auf Cetinja begrüßen zu können.“ Der Name Smiljana fiel wie ein zündender Funke in das Herz des Grafen. Das ſchöne Mädchen, deſſen er in der trüben Vergangenheit ſo oft gedacht, ſtand wieder in all ſeiner Lieblichkeit vor ſeiner entzückten Phantaſie. Ihr Gruß beglückte ihn wunderbar. Die Erinnerung an Smiljana beſtärkte nur ſeinen Entſchluß, der Verſamm⸗ lung auf Cetinja beizuwohnen. Dieſelbe fand ungefähr acht Tage nach dem Beſuche des Centurio auf Bardy⸗Caſtell ſtatt. Es hatte ſich eine anſehnliche Anzahl von einflußreichen und geachteten Perſönlichkeiten ſowohl von ſerbiſcher wie maghariſcher Seite zuſammengefunden. Man erwog mit möglichſter Leidenſchaftsloſigkeit den Ernſt der Lage und die geſetzlichen Schritte, um dem reactionären Vorgehen des Wiener Kabinets ein möglichſtes Halt zuzurufen. Die Ver⸗ handlungen nahmen mehrere Tage in Anſpruch. Als aber die Gäſte Cetinja wieder verlaſſen hatten, wwar einer zurückgeblieben. Es war Graf Stephan Bardh. Der Anblick der reizenden Smiljana ließ ihn die Bitte, noch eine Zeit lang gaſtlich auf Cetinja zu verweilen, gern erfüllen. Die ſchöne Serbin und der ſtattliche junge Ungar lernten ſich mehr und mehr kennen, achten und lieben, 168 und bereits nach Mondesfriſt legte der alte Centurio die Hände der beiden Liebenden ſegnend in einander. Er that es mit den Worten:„Möge dieſer Bund eines ungariſchen Jünglings und eines ſerbiſchen Mäd⸗ chens von glückverheißender Vorbedeutung ſein für beide Völker, daß ſie ſich künftig nicht wieder in thörichtem Wahn und Haſſe blutig befehden, ſondern zum beider⸗ ſeitigen Segen in Frieden neben einander leben!“ Abermals war ein Frühling ins Land gegangen, als an einem ſchönen Sommernachmittage in der um⸗ grünten Veranda eines freundlichen Landhauſes, deſſen grüne Jalouſien weit hinausgrüßen über die im ſchön⸗ ſten Schmucke des Frühſommers ruhende Landſchaft, ein junges Ehepaar ſaß und ſich der erquickenden Aus⸗ ſicht erfreute, deren man von der Veranda aus genoß. In einiger Entfernung wälzte der ernſte Unterberg, in deſſen Innerem der deutſche Kaiſer träumt, harrend der Auferſtehung und Herrlichkeit des deutſchen Volkes, ſeine gewaltigen Maſſen zum blauen Himmel. Das junge Paar war Niemand anders als Edmund und Veronika, deren Herzensbund ebenfalls ſeit kurzem die kirchliche Weihe erhalten und welche die ſchöne Jahres⸗ zeit auf ihrem reizenden, unfern Salzburg gelegenen Land⸗ 169 hauſe verbrachten. Sie konnten ſich nicht ſatt ſehen an der herrlichen Landſchaft, die, ſo eben von einem war⸗ men Gewitterregen erquickt, im heiterſten Golde der Nachmittags ſonne ruhte. Edmund hatte bereits ſeit Jahr und Tag die Oberleitung des Fabrikgeſchäfts ſeines Vaters über⸗ nommen. Er arbeitete die Vormittagsſtunden im Comptoir, das nur eine kleine Stunde von dem anmuthigen Land⸗ hauſe, welches der alte von der Warren der jungen Frau mit als Hochzeitsgabe eingebunden, entfernt war, während die Nachmittagsſtunden dem ſchönen Sommeraufenthalt gewidmet waren, wo es dem jungen Ehemanne beſondern Genuß gewährte, in ſeinem Obſt⸗ und Blumengarten ſich zu beſchäftigen, wobei ihm Veronika, ebenfalls große Blumenfreundin, getreulich an die Hand ging. Ein beſonderer Genuß was es für Edmund, ſeine junge Gattin mit der reizenden Umgebung, die ihr noch völlig fremd war, bekannt zu machen. Oft wurden deshalb kleine Landpartien zu Fuß und zu Wagen durch die ſchöne Gegend unternommen. Edmund hatte das weittragende Fernrohr, welches auf einem Geſtell in der Veranda ſtand, nach der Gegend von Reichenhall gerichtet, und zwar ſo, daß, wenn das Auge dem Rohre folgte, eine fruchtbare Ebene zur Rechten des Unterbergs ſichtbar wurde. 17⁰ Nachdem Edmund unterſchiedliche Male viſirt, ſagte er:„Jetzt ſchau einmal hindurch, Veroni, da wirſt Du auf weiter Ebene einen vereinzelt ſtehenden Baum erblicken.“ Die junge Gattin ſchaute durch das Fernrohr. „Ich ſehe ihn deutlich“, ſagte ſie.„Was iſt es mit dieſem Baum?“ „Das iſt“, erklärte nun Edmund,„der berühmte Birnbaum auf dem Waſſerfelde, von welchem die Sage geht, daß er zwar zuweilen blühe, aber nie Früchte trage. Dieſes werde erſt geſchehen, wenn ſich das deutſche Volk ſeine Einheit und Selbſtſtändigkeit erkämpft habe. Dann werde auch der deutſche Kaiſer erwachen, der da drüben im Unterberge ſchläft, und mit ſeinen Rittern und Reiſigen hervorbrechen und ſich an die Spitze ſeines deutſchen Volkes ſtellen.“ „Welcher deutſche Kaiſer?“ erkundigte ſich Veronika. „Die Sage über die Perſon iſt nicht ganz dieſelbe“, erwiderte Edmund.„Die einen behaupten, es ſei Kaiſer Karl der Große, die andern, Kaiſer Karl der Fünfte. In Thüringen träumt auch ein deutſcher Kaiſer im Berge Kyffhäuſer. Da iſt man aber über die Perſon nicht im Zweifel. Das iſt Friedrich der Erſte, der Hohenſtaufe, bekannt unten dem Namen Barbaroſſa oder Rothbart.“ Während Edmund ſeine junge Frau auf dieſe Art belehrte, ward plötzlich an dem einen Zaune des angrenzenden Gartens, wo ein Weinverſtändiger das Weingelände von den überflüſſigen Ranken befreite, eine ſchallende Stimme vernehmbar. „Das iſt gar keine rationelle Art“, rief die Stimme, „wie man mit dem Weinbruche umgeht. Wenn Ihr ſo viel überflüſſiges Holz ſtehen laßt, wo ſoll denn der Stock die Kraft für die künftige Traube hernehmen, welche bei dem edlen Weinbau doch ſchließlich die Hauptſache iſt? Immer ſprecht dem Holze kräftiger zu, ſelbſt auf die Gefahr, daß ein Träubchen mit verloren geht. Es kommt den übrigen zu gute.“ Es war der Profeſſor Cyriakus, welcher ſeit Jahr und Tag das Amt eines Salineninſpectors bekleidete und, da er in der Nähe wohnte, von Zeit zu Zeit den ehe⸗ maligen Reiſegefährten einen Beſuch abſtattete. Er fand ſtets die gaſtlichſte Aufnahme, da man den alten Herrn trotz ſeiner Wunderlichkeiten und gelehrten Pedanterie, die oft auch viel Stoff zu Heiterkeit gab, nicht ungern hatte. Nachdem der Profeſſor, der von einer Fußwanderung durch die Ramſau heimkehrte, den Staub von den Füßen geſchüttelt und auf der Veranda Platz genommen, ließ er ſich die Himbeerlimonade, die ihm Veronika, da ſie wußte, daß er dieſes Getränk vor allem liebte, bereitet, wohl behagen. Hierauf wandte er ſich zu Edmund: 172 „Ihr müßt Euch nothwendigerweiſe einen Winzer aus dem Würzburgiſchen kommen laſſen, wenn aus Eurer Weinanlage etwas werden ſoll. Dieſer Salzburger verſteht den Teufel vom edlen Weinbau. Nach ſeiner verkehrten Methode bekommt Ihr im Leben keine genießbare Traube.“ Er zog hierauf mit wichtiger Miene ein kleines Paket aus der Taſche und wickelte mit vieler Sorgfalt ein altes verroſtetes Stück Hufeiſen heraus. „Was iſt das?“ fragte er Edmund, indem er das verroſtete Eiſen triumphirend in die Höhe hielt. „Ein Stück Hufeiſen“, ſagte Edmund,„allem An⸗ ſcheine nach.“ „Das iſt bald geſagt“, meinte Chriakus etwas ärgerlich, daß Edmund nicht weit größeres Intereſſe an dem Gegenſtande nahm;„aber wo gefunden? Das iſt der casus ériticus.“ „Wer kann das wiſſen?“ ſagte Edmund. „Auf dem achttauſend Fuß hohen Plateau der Reitalp“, rief jetzt mit erhabener Stimme der Pro⸗ feſſor.„Nun iſt es aber eine bekannte Sache, daß, ſolange es eine bairiſche Geſchichte gibt, kein Roß auf dieſe kaum für Maulthiere erſteigbare Höhe gekommen iſt. Woher nun dieſes Hufeiſen auf dieſer Höhe, welches den unwiderleglichſten Beweis liefert, daß doch ein⸗ 173 mal Roſſe da oben geweſen ſein müſſen? Dieſes Stück Hufeiſen“, fuhr er nach einer Pauſe fort,„iſt daher für unſere Hiſtoriker ein wahrhaft unſchätzbarer Fund, eine wahre rarissima avis. Ich werde in der nächſten Verſammlung unſeres Alterthumsvereins in Salzburg darüber einen Vortrag halten, der Hände und Füße hat.“ „Je nun“ meinte Edmund,„wenn es nach Eurer unmaßgeblichen Meinung unmöglich iſt, daß ein Roß die Reitalp zu beſteigen vermag, ſo liegt ja hinſichtlich dieſes Hufeiſens die Annahme nicht fern, daß irgend ein Alpengeier den Fuß eines irgendwo gefallenen und halb verfaulten Roſſes nach jener Höhe getragen hat. Be⸗ kanntlich gehören halbverweſte Thierleichname zu den Lieblingsſpeiſen der Gebirgsadler.“ Der Profeſſor ſtarrte den Sprecher eine geraume Zeit mit offenem Munde an. Sein antiquariſches Räthſel fand durch dieſe Annahme die natürlichſte Auflöſung. Und an dieſen Fall hatte er bei all ſeiner Gelehrtheit nicht im entfernteſten gedacht. Er ärgerte ſich, nicht darauf gekommen zu ſein, hauptſächlich aber darüber, daß ihm jetzt eine unſchätzbare Gelegenheit entging, ſeinen Fund zum Gegenſtande einer gelehrten Unterſuchung zu machen. Er nahm ſehr verdrießlich eine Priſe und erwiderte nichts als ein trockenes:„Hm, hm!“ 174 Veronika, die mit Stickerei beſchäftigt an einem Tiſchchen in der Nähe ſaß und dem Geſpräch zuhörte, konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, daß die Ge⸗ ſchichte mit dem Hufeiſen, von dem nicht viel fehlte, daß es der Profeſſor für ein achtes Weltwunder erklärte, eine ſo natürliche Löſung fand. Plötzlich ſprang ſie auf und rief:„Wir bekommen Beſuch!“ In der That kam auch auf dem Fahrwege, welcher von der unfern gelegenen Landſtraße nach dem Land⸗ hauſe führte, eine elegante Equipage daher. Edmund und Veronika zerbrachen ſich vergeblich den Kopf, welche Freunde aus Salzburg oder Umgegend es wohl ſein könnten, da ihnen Roſſe und Geſchirr un⸗ bekannt waren. Als das Geſpann näher kam, bemerkte man, daß eine Dame und zwei Herren darin ſaßen. Veronika eilte wieder zum Fernrohr und richtete es nach den Ankommenden. Doch kaum hatte ſie einen Blick hindurchgeworfen, als ſie auf das freudigſte er⸗ ſchreckt aufſprang. „Herr des Himmels“, rief ſie,„wenn mich nicht Alles trügt, ſitzt Graf Stephan Bardy mit im Wagen. Den andern Herrn kenne ich nicht und auch die Dame nicht, da ſie verſchleiert iſt.“ „Das wäre himmliſch“, meinte Edmund,„und auch 175 gar nicht unmöglich, da uns der Graf ja bereits in Cetinja einen Beſuch in Ausſicht geſtellt.“ Auch Edmund ſchaute jetzt durch das Fernrohr. „Wahrhaftig“, jubelte er,„es iſt Graf Stephan, ich erkenne ihn deutlich an ſeinem ſtattlichen Backenbart und dem ungariſchen Schnurenrock. Ha, dieſe Freude! Aber die Dame, wer iſt nur die Dame? Auch der an⸗ dere Herr iſt mir nicht bekannt. Komm, Veronika, laß uns dem herzlieben Gaſte entgegeneilen.“ Der Profeſſor, welcher, mit dem Silberlöffel ſeine Himbeerlimonade rührend, ob des bevorſtehenden Beſuchs bei weitem nicht ſo alarmirt war wie das junge Ehe⸗ paar, rief demſelben nach:„Erkundigt Euch vor allen Dingen, ob die Szegediner hinſichtlich ihrer verwahrloſten Sodaſiederei endlich zur Vernunft gekommen ſind.“ Dann murrte er unzufrieden für ſich:„Dieſer Warren hat mir mit ſeiner einfältigen Erklärung einen wahrhaft fatalen Streich geſpielt. Welche koſtbare Nuß wäre dieſes Hufeiſen für die gelehrte Welt geweſen und wie mancher meiner Collegen würde ſich daran zu Tode geknackt haben.“ Das Geſpann, das ſich zwiſchen wogenden Korn⸗ fluren daherbewegte, kam immer näher. Edmund und Veronika hatten das Landhaus verlaſſen und wandelten hochklopfenden Hetzens den Ankommenden entgegen. Plötzlich ſchienen ſie von den im Wagen Sitzenden 176 ebenfalls erkannt zu werden. Der Herr im Schnuren⸗ rock, welcher allerdings Graf Stephan war, ſowie auch ſeine junge Gattin Smiljana wedelten mit weißen Taſchen⸗ tüchern. Dieſes Bewillkommnungszeichen ward von Edmund und Veronika freudigſt erwidert. Endlich war man einander ganz nahe. Graf Stephan ließ anhalten und ſprang freudeſtrahlenden Antlitzes aus dem Wagen. Zugleich half er Smiljana beim Ausſteigen. Der zweite Herr, in welchem wir den treuen Begleiter Etelka's und Wiener Flüchtling Benno wiedererkennen, folgte. Graf Stephan eilte auf Edmund zu, aber wer be⸗ ſchreibt das Entzücken Veronika's, als die liebe ſerbiſche Freundin mit einem Freudenſchrei in ihre Arme ſtürzte. Allgemeine herzlichſte Umarmung auf offenem Felde in⸗ mitten blühender Aehren. Benno ward Edmund und Veronika mit den Worten vorgeſtellt:„Einer der bravſten deutſchen Kämpfer für Ungarns Freiheit und Unabhängigkeit, dem mein Vater⸗ land und beſonders auch meine Familie auf das dank⸗ barſte verpflichtet iſt. Erweiſt ihm dieſelbe Liebe wie uns, er verdient ſie.“ Jetzt war auch Benno bei Edmund und Veronika ein hochwillkommener Gaſt. Derſelbe hatte ſich, da die damaligen politiſchen Zuſtände ſeinem freien Sinne durch⸗ 177 aus nicht zuſagten, in Nordamerika eine neue Heimat gegründet. Von der ſpäter erfolgenden Amneſtie Ge⸗ brauch machend, war er nach Europa zurückgekehrt, um ſeine Braut, eine liebenswürdige Wienerin, deren Be⸗ kanntſchaft er bereits früher gemacht, nur daß damals verwandtſchaftliche Rückſichten eine engere Verbindung nicht geſtatteten, als trautes Weib nach der neuen Welt abzuholen. Zufällig hatte er in Wien des Grafen Stephan Anweſenheit erfahren und ſich beeilt, denſelben aufzuſuchen. Gern erfüllte er auch, da es ſeine Zeit noch geſtattete, deſſen Bitte, bei dem Beſuche Edmund's und Vero⸗ nika's der Begleiter zu ſein. Vierzehn Tage lang währte der Aufenthalt der lieben Gäſte auf dem reizenden Landhauſe. Ein froher Tag reichte, von der herrlichſten Witte⸗ rung begleitet, dem andern die Hand. Cyriakus war wäh⸗ rend dieſer Zeit faſt täglicher Gaſt, wo er denn keine Gelegenheit verabſäumte, den Grafen Stephan zu be⸗ ſtürmen, daß er ein paar tüchtige deutſche Salinen⸗ verſtändige für die Sodaſiedereien von Szegedin gewinne, damit endlich eine rationelle Bewirthſchaftung derſelben eintrete. Er ließ auch nicht nach, bis ihm der Graf mit Mund und Hand gelobte, ſeinem Wunſche nachzukomwen, obſchon derſelbe ſelbſt nicht Beſitzer von Szegediner Sodafabriken war. Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1IM1 12 178 Während aber die Herren ſich häufig über die ſehr getrübte politiſche Gegenwart und namentlich über die beklagenswerthe Lage des Ungarnlandes unterhielten, waren Veronika und Smiljana unerſchöpflich im Aus⸗ tauſch kleiner weiblicher Angelegenheiten. Hier erfuhr denn auch Smiljana, daß ihr früherer enthuſiaſtiſcher Anbeter Hippolht, der bereits ſeit einem Jahre in ſein Vaterland zurückgekehrt war, dafür, daß er ihr Herz nicht zu erobern vermocht, ſich gerächt und einer ſchmucken Lyone⸗ ſerin ſeine Hand gereicht habe. Smiljana klatſchte bei dieſer Nachricht freudig in die Hände. „Bravo! Bravo!“ rief ſie.„Da hat er auch ganz wohl gethan. Hätte der gute Junge eine Ahnung ge⸗ habt, daß bei ſeinen Bewerbungen mein Herz nicht mehr frei war, würde er ſich manchen Seufzer haben erſparen können.“ Auch Etelka, die nach den Mittheilungen Stephan's und Benno's von Edmund und Veronika und Smiljana wie eine kleine Heilige verehrt wurde, war oft der Ge⸗ genſtand der Unterhaltung. Namentlich war es Benno, der die Begeiſterung, Opferfreudigkeit und den Muth dieſes für ihr Vater⸗ land erglühten Heldenmädchens nicht ergreifend genug zu ſchildern vermochte. 179 „Sie war eine der reinſten Perlen“, ſagte er,„welche im reichen Kranze von Ungarns patriotiſchen Frauen glänzen.“ Manche Thräne aus ſchönem Auge perlte in das Glas, das man dem Andenken des für ihr Vaterland geſtorbenen Heldenmädchens brachte. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß Ed⸗ mund und Veronika die Anweſenheit der lieben Gäſte und die ſchöne Jahreszeit zu häufigen Ausflügen in die prachtvolle nahegelegene Alpenwelt benutzten. Auch all die reizenden Landſchaftsbilder des daran ſo reichen Salzkammergutes wurden beſucht, und man erquickte ſich immer von neuem an dieſen unvergleichlichen Na⸗ turſchönheiten. Smiljana als gute Tochter verfehlte nicht, all die ſchönen Natureindrücke gewiſſenhaft in ihr Tagebuch nie⸗ derzulegen, das ſie regelmäßig ihrem Vater, dem alten Centurio, nach Cetinja einſchickte, welcher daſelbſt trotz ſeines vorgerückten Alters einer ungeſchwächten Geſund⸗ heit ſich erfreute. Smiljana hatte die beſten Grüße von ihm überbracht und ihn zugleich wegen ſeines frühern Verſprechens hinſichtlich eines Beſuchs in Deutſchland entſchuldigt, da ſein Alter eine ſo weite Reiſe nicht mehr geſtattete. Der Tag vor der Abreiſe war endlich gekommen. 12⁸ 180 Man beſchloß vor ihm noch einen Ausflug nach dem unvergleichlich ſchönen Königſee bei Berchtesgaden. Ein prachtvoller blauer Himmel lachte, als die Freunde auf der von himmelhohen Felswänden umſtarrten grünen Flut dahinfuhren nach dem lieblich gelegenen Eiland St. Bartholomäi und dem gaſtlichen Forſthauſe da⸗ ſelbſt. Man ließ ſich nach alter guter Sitte die berühm⸗ ten Salmlinge des Sees unter ſchattenreichem Laubdache vortrefflich ſchmecken. Bald entfernten ſich die Damen, nachdem ſie durch das Fernrohr des alten Forſtwarts nach Gemſen ausgeſchaut, um Alpenveilchen zu pflücken. Chriakus, der bei den unternommenen Ausflügen nie fehlen durfte, unternahm einen Abſtecher nach der unfern gelegenen Eiskapelle, um zu unterſuchen, ob man dieſe Eislagerung wirklich in das Bereich der Gletſcher zählen könne, wie mehrere Geognoſten behaupteten. Nur Ed⸗ mund, Stephan und Benno blieben beim Forſthauſe zurück, ihren Nachmittagskaffee in unterhaltendem Ge⸗ ſpräch ſchlürfend. Die bevorſtehende Abreiſe verlieh der Unterhaltung eine ernſte Stimmung. Die politiſche Ge⸗ genwart und Zukunft des deutſchen wie des ungariſchen Vaterlandes war auch diesmal der Gegenſtand ihrer Unterhaltung. „Ich kehre bald in meine Heimat zurück“, ſprach Stephan,„und es ſoll auch künftig mein eifrigſtes Be⸗ — 181 ſtreben ſein, das Meine beizutragen, daß Aufklärung, Wiſſenſchaft und Geſittung mehr und mehr einkehren bei meinem jetzt ſo hartgeprüften Volke.“ „Das iſt auch die Aufgabe meines Lebens“, ver⸗ ſetzte Benno;„ich werde mir aber künftig nicht, wie dies früher der Fall war, die Gegenwart dadurch ſo verbit⸗ tern, daß ich mich fort und fort abgräme, wie gut und ſchön es überhaupt auf der Welt ſein könnte, wenn dieſes ſo und jenes anders wäre, ſondern nachdem ſo viele Illuſionen geſchwunden und ich praktiſcher geworden, mich darauf beſchränken, rüſtig, ſoweit meine Kräfte es geſtatten, beizutragen, daß es immer beſſer werde.“ Unter ſolchen Geſprächen war der prachtvollſte Abend herabgeſunken. Bereits begannen die Felſenhäupter im Süden ihre Schatten auf den See zu werfen. Die drei Freunde ließen ſich eine Strecke nach dem Hinterſee hin⸗ auffahren. Da ruhten die Schneefelder des Watzmann in der ſchönſten Abendbeleuchtung. Man kehrte nach Battholomä zurück. Auf dem Tiſche unterm Laubdach beim Forſthauſe hatten indeß die Kaffeetaſſen einigen Flaſchen trefflichen Ungarweins Platz gemacht. Die Freunde nahmen wieder Platz. Das Geſpräch kam nochmals auf die damalige Lage Ungarns und die unterſchiedlichen Nationalitäten Oeſterreichs. Edmund ſchloß ſeine Rede mit den ebenſo wahren wie beruhigenden Worten:„Die 182 geiſtige Entwickelung der Völker ſchreitet unaufhaltſam vorwärts und die Geſchichte der letzten Jahre muß in den Nationalitäten Heſterreichs einen mächtigen Gedanken mehr und mehr wachgerufen haben. Kein Volk iſt ganz gut, aber auch keins iſt ganz ſchlecht. Der Walache und der Serbe ſtehen den Magharen und Polen an Tapferkeit nicht nach. Der Deutſche meiſtert ſie in Intelligenz, Fleiß und Geſittung, der Czeche und der Slowake übertrifft ſie in vielen ſchätzbaren Tugenden des Friedens. In der endlichen Erkenntniß des gemeinſamen Intereſſes werden dieſe Män⸗ ner einig werden, und wenn die Todtenglocke Ungarns im Stande war, dieſe Erkenntniß wachzurufen, wenn auf dem großen Friedhofe der ungariſchen Berge und Haiden die feindlichen Stämme ſich die Hände reichen zur Verſöhnung, zur Erkenntniß und Vereinigung, dann hat Ungarn nicht umſonſt geblutet, dann hat es durch ſeinen Untergang Größeres für die Menſchheit geleiſtet, als es im Siege je zu leiſten vermocht hätte.“ Kaum hatte Edmund dieſe Worte geſprochen, als Veronika und Smiljana, die Hände voll Alpenveilchen, in freudigſter Haſt herbeieilten unter dem wiederholten Rufe: „Alpenglühen! Alpenglühen!“ Auf dieſe Mahnung eilten alle nach dem nahegele⸗ genen Ufer des Königſees. Und die Zinnen und Kronen der himmelhohen Felſen⸗ — — 183 burg begannen ſich fern und nah zu röthen, tiefer und tiefer, bis ſie wie die erhabenern Zeugen Gottes in Purpur⸗ pracht herniederſchauten. Die Freunde ſtanden wie betend in Anſchauung dieſes himmliſchen Anblicks. Dabei die heiligſte Ruhe. Baum und Strauch ſchienen den Athem anzuhalten. Nur die fromme Abendglocke eines entfernten Kirchleins tönte melo⸗ diſch über den See. Da ſprach Edmund in tiefer Bewegung:„Der ſeine Alpen erglühen läßt in himmliſcher Pracht, er wird auch unter ſeinen Erdenkindern Alles zum Beſten wenden. Möge dieſes Glühen der Höhen, dieſer Friede in unſern Herzen dafür den wahrheitsvollen Beweis geben!“ Es war der letzte und ſchönſte Abend, den die Freunde mit einander verbrachten, denn bereits am nächſten Tage kehrte Graf Stephan mit Smiljana nach ſeiner Heimat und Benno nach Wien zurück, um die geliebte Braut abzu⸗ holen nach dem häuslichen Herde, den er ſich erbaut hatte unter den Platanen der ſchönen Louiſiana. Eunde. In unterzeichnetem Verlage erſcheint und werden in allen Buchhandlungen des In⸗ und Auslandes Unterzeich⸗ nungen darauf angenommen: 5 Alhum. Bibliothek deutſcher Original⸗Romane. Mit Beiträgen von Armand, Braun von Braunthal(Jean Charles), Franz Carion, Jacob Corbinus(W. Raabe), Ernſt Fritze, Friedrich Gerſtäcker, Graf St. Grabowski, Bernd von Guſeck, F. W. Hackländer, Lucian Herbert, Edmund Hoefer, Karl von Holtei, Moritz Horn, Sieg⸗ fried Kapper, Baron Karl von Keſſel, Alfred Meißner, Louiſe Mühlbach, Adolf Mützelburg, Ferdinand Pflug, F. Iſidor Proſchko, Robert Prutz, Joſef Rank, Max Ring, Johannes Scherr, Adolf Schirmer, Auguſt Schrader, Levin Schücking, Guſtav vom See, Ferdinand Stolle, Ludwig Storch, Ernſt Willkomm, A. von Win⸗ terfeld, Adolf Zeifing u. A. 1867.— Zweiundzwanzigſter Jahrgang— 1867. 24 Bände Oetabformat von je 12 bis 15 Druckbogen in eleganter Ausſtattung. ———— Seit nahezu einem Vierteljahrhundert widmet ſich das Album der Pflege des deutſchen Romans, dem es ſchon zu einer Zeit ein Aſyl geboten hat, wo nur die Ueber⸗ ſetzungsliteratur das Privilegium des ausnahmsweiſe billigen Preiſes für ſich hatte. Heute wie vor zwanzig Jahren, als das Album ein für allemal die unbarmherzigen Bücherpreiſe über den Hau⸗ fen geworfen und ſich durch die Verwohlfeilerung des deutſchen Buches ein unſterbliches Verdienſt um den Literaturfreund erworben hat, entfaltet die kräftige, ge⸗ ſunde deutſche Bücherkoſt unter der Aegide des nun in „— ——— —— allen Ländern deutſcher Zunge eingebürgerten Album ihr Banner. Das billige deutſche Buch iſt ſo recht das Lo⸗ ſungswort für das Album, das billige deutſche Buch, welches den Kreis der Bildung um ein Unendliches weiter⸗ zieht indem es ſelbſt denjenigen zum Bücherkäufer macht, dem es bei den ſhe tyranniſchen Bücherpreiſ en nie auch nur im Traume eingefallen wäre, ſich ein neues Buch an⸗ zuſchaffen. Gediegenheit des Inhalts vereinigt ſich mit Eleganz der Form, um ein durch faſt fünfund zwanzig Jahre beſte⸗ hendes Unternehmen mit iedem Tage populärer zu machen, ches zuerſt das Wagniß in Scene ſetzte, dem deutſchen Volke einen guten Driginalroman, für welchen es ſonſt vier, fünf Thaler zahlen mußte, für einen Thaler zu bieten. Das Album ſtrebt beharrlich an, dem deutſchen Volke das zu bieten, was die Schillingsbücher dem Engländer bieten. Wie dieſe in keiner engliſchen Fami⸗ ie fehlen, ſo wird ſich auch in jedem deutſchen Hauſe immer⸗ mehr die Ueberzeugung Sit machen, daß der Hort des deutſchen Romans, das Album, an keinem deut⸗ ſchen Herde ſehr ſollte. Die Verla Seteit ung wird es auch ihrerſeits an nichts fehlen laſſen, dem Alb um den hervorragenden Platz in der deutſchen Unterhaltungsliteratur, den es einmal, dank viel⸗ jährigen raſtloſen Bemühungen, eingenommen hat, zu er⸗ halten. Dieſelbe wird vielmehr unausgeſetzt darauf bedacht ſein, das Album zu einem ſtattlich dahinziehenden Unter⸗ haltungsſtrome zu machen, in welchem ſich ganze Zeiten und Völker mit dem Zarteſten und Herrlichſten zugleich, was ſie beſitzen, anmuthig wiederſpiegeln. Erſcheinungen der Ge⸗ ſchichte ſowohl wie freien Erfindungen dichteriſcher Geſtal⸗ ungsteaft iſt Spielraum darin geboten; eine angenehme Abwechſelung wird das Ganze ſtets beleben, dem Familien⸗ roman der hiſtoriſche zur Seite gehen. Fern davon, ein bunter und zufälliger Zuſammenfluß von erzählenden Werken zu ſein, wird das Album vielmehr eine Encyklopädie der Unterhaltung darſtellen, ein Unternehmen, welches unter einer Redaction von beſtimmten Grundſätzen ſteht und zum Zweck hat, auch ſeinerſeits für Veredlung und Hebung des deutſchen Volkes nach beſten Kräften beizutragen, ſich immer tiefer in das literariſche Leben der Nation einzuwurzeln, jeder deutſchen Häuslichkeit ein treuer Genoſſe, jeder deutſchen Familie ein unentbehrlicher Hausfreund zu werden. Der neue zweiundzwanzigſte Jahrgang des Album wird Beiträge von den beſten Namen unſerer gegenwärtigen Unterhaltungsſchriftſteller vereinigen, als: Vraun von Praunthal(Jran Charles)— Franz Carion— Lucian Herbert— Adolf Mützelburg— Joſef Rank— J. D. H. Temme— Ernſt Villkonun— die wir dem geehrten Publikum aus voller Ueberzeugung ſämmtlich als vorzügliche Romane empfehlen können. Der Preis und die Bezugsbedingungen bleiben dieſelben und zwar: 1. Der zweiundzwanzigſte Jahrgang des Album erſcheint ebenfalls in 24 Bänden, wovon allmonat⸗ lich regelmäßig zwei ausgegeben werden. 2. Der Preis eines Bandes iſt für Subſeribenten mit der Verpflichtung zur vollſtändigen Abnahme des ganzen Jahrgangs 45 Ueukreuzer. 3. Einzelne Romane werden nur zu einem erhöhten Ladenpreis, der mindeſtens fl. 1.— pr. Band beträgt, abgegeben. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen. Leipzig und Wien im Januar 1867. Die Verlagsbuchhandlung von SErnſt ulius Günther. Vorwort. Wie in ſeinen frühern hiſtoriſch⸗romantiſchen Schil⸗ derungen„1813“,„Elba und Waterloo“,„Napoleon in Aegypten“,„Der neue Cäſar“ u. ſ. w. hat ſich der Verfaſſer auch in den vorliegenden Blättern die Aufgabe geſtellt, das rein Geſchichtliche von dem Romantiſchen, das als Roman auf künſtleriſchen Organismus keinen Anſpruch macht, zu ſondern, und letzteres nur als Dra⸗ perie benutzt, die betreffende Zeitperiode in ihren unter⸗ ſchiedlichen Richtungen, Beſtrebungen, Kämpfen und Si⸗ tuationen überſichtlich vorzuführen. Mit Unparteilichkeit hat er den ſich feindlich begegnenden politiſchen Strö⸗ mungen Rechnung getragen, um dem Leſer einen mög⸗ lichſt objectiven Standpunkt zu wahren. Möge dieſes Buch, das eine unfern gelegene Zeit⸗ periode in die Erinnerung zurückführt, ſich einer gleich freundlichen Aufnahme zu erfreuen haben, wie ſolche den frühern hiſtoriſch⸗romantiſchen Arbeiten des Verfaſſers ge⸗ worden iſt. Dresden, October 1866. Der Verfaſſer. ₰ .