„ 9„ Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2. Cduard Ottmann in Gießen, f Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 1 en 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Puches wird von ſf jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 72 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſt eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ ² 45 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Schon hüllte die Dämmerung Wald und Flur in eintöniges Grau, als auf einem der weniger bekannten Seitenwege, die neben der Straße, welche von OHedenburg nach Stuhlweißenburg führt, hinlaufen, zwei Wanderer ſchweigend daherkamen. „Kaum kann ich noch weiter“, unterbrach endlich der eine mit matter Stimme das Schweigen;„verſtattet mir, Freund, ein wenig Raſt.“ Damit ſuchte er ſich eine Stelle auf einem Feldſteine, während der andere ſich gleichfalls an der Seite des Steins niederließ. „Gott ſei gelobt“, ſagte der letztere,„ſchon ſehe ich die Feuer des Vater Wamba; noch ein halb Stünd⸗ chen und wir ſind am Ziele und in Sicherheit.“ Die beiden nächtlichen Wanderer waren Niemand anders als der Student Benno und ſeine Begleiterin Stolle Von Wien nach Vilagos. 11. 1 2 Etelka, die Tochter des Grafen Bardy, beide in ländliche Tracht gekleidet. Nur mit äußerſter Lebensgefahr war es den Beiden gelungen, den Mordſcenen der Hauptſtadt zu entkommen und ungariſches Gebiet zu erreichen. Nachdem die Kroaten raubend und mordend in Wien eingedrungen, hatte der Verräther Franz, der bereits eine Woche vorher zu dem Belagerungsheer übergegangen war— daher ſein urplötz⸗ liches Verſchwinden— einen Haufen Mordgeſindel nach dem ziemlich verſteckt gelegenen Hauſe ſeines Pflege⸗ vaters geführt, lediglich in der teufliſchen Abſicht, Etelka in ſeine Gewalt zu bekommen und, falls das Mädchen ſeine Liebe nicht erwidern ſollte, daſſelbe als ungariſche Spionin den Kriegsgerichten zu überliefern und nöthigen⸗ falls auch zu ermorden. Nur dem Heldenmuthe der beiden Akademiker Benno und Arno war es gelungen, ihren Schützling den Händen der bereits ins Haus drin⸗ genden wilden Vanden zu entreißen. Der edle Arno hatte dabei ſeinen Tod gefunden und Benno eine nicht unbe⸗ deutende Wunde am Oberarm davongetragen Die junge Gräfin aber war gerettet. Begünſtigt von einer ſtürmi⸗ ſchen Herbſtnacht hatten die Beiden Gelegenheit gefunden, Wien zu verlaſſen, und den Weg über Hedenburg 6 dem Bakonywalde eingeſchlagen. „Vater Wamba“ ſprach Benno,„kann es mir 3 nicht vergeſſen haben, daß ich ihn, als er dieſen Sommer in Wien war, um Einkäufe zu machen, einem Pöbel⸗ haufen, der ihn für einen kroatiſchen Spion hielt, zu ent⸗ reißen und nach der Aula in Sicherheit zu bringen ſtrebte. Der alte Mann hat mir aus Dankbarkeit ein Amulet hinterlaſſen, welches mir alle Zigeunerfamilien auf Erden zu Freunden macht.„Wenn Ihr je einmal im Leben Schutz und Sicherheit bedürft“, ſprach der dankbare Alte beim Abſchied,„ſo kommt zum Vater Wamba, der bis zur Weihnachtszeit im nordweſtlichen Saume des Bakonywaldes raſtet, und keine Macht der Erse ſoll Euch ein Haar Eures Hauptes krümmen.““ „Was macht Eure Wunde?“ fragte theilnehmend Etelka.„Soll ich den Verband erneuern?“ „Noch iſt es nicht nöthig. Gräfin.“ „O nennt mich nicht ſo“, bat ſanft die Jungfrau. „Ihr thut mir weh. Ich bin jetzt nichts als eine Unglück⸗ liche. Nennt mich Etelka, wie ich im Vaterhauſe gerufen wurde.“ „Unglücklich?“ entgegnete Benno.„Jetzt ſeid Ihr es nicht mehr. Ihr lebt wieder in Eurem Vaterlande, das noch unbeſiegt daſteht, ein Hort der Freiheit. Nennt mich ſo, denn ich bin es, wenn ich meiner deutſchen Brüder und meines deutſchen Wien gedenke.“ „Und Ihr beabſichtigt wirklich an einen Ort zurück⸗ 1* — zukehren, wo dermalen nichts herrſcht als Graus und Verwüſtung und brutale Gewalt, und wo Ihr für jetzt der guten Sache nicht einmal etwas nützen könnt, ſon⸗ dern Euch nur der Gefahr ausſetzt, vor das erſte beſte Kriegsgericht geſtellt zu werden?“ „Erſt muß ich Euch in vollkommener Sicherheit wiſſen“, erwiderte der junge Deutſche.„Was ich als⸗ dann beginne, ſteht noch in Gottes Hand.“ „Bleibt bei meinem Volke“, bat in weichem Schmeicheltone die ſchöne Ungarin;„wir bedürfen jetzt ſolcher wackerer Kämpfer; Ihr fechtet da ja für dieſelbe Freiheit, für die Ihr in den Reihen Eurer deutſchen Brüder zeither gekämpft habt. Doch jetzt reicht mir Eure Hand, daß ich mich wieder auf meine zwei Füße ſtelle.“ Die Beiden ſetzten ihre Wanderung fort. Die Nacht ward immer dunkler unb ſtürmiſcher. Nur von Zeit zu geit fiel ein ſchwacher Strahl des abnehmenden Mondes durch zerriſſene Wolken. Plötzlich blieb Venno ſtehen. „Was war das für ein gräßliches Geheul?“ „Es ſind die Wölfe“, antwortete ruhig Etelka. „Gott, und wir ſind ohne Waffen!“ „Fürchtet nichts, mein Freund“ beruhigte das Mäd⸗ chen;„dieſe Stimmen kenne ich. Sie klingen gefähr⸗ drohender, als ſie in Wirklichkeit ſind. Unſere Wölfe 5 wagen ſich nur dann in die Ebene, wenn ſie vom Hunger gepeinigt werden. Ueber Hunger haben ſich die Wölfe des Bakonywaldes nie zu beklagen. Sie wittern nur die Hunde des Zigeunerlagers, und das ſind ihre natürlichen Feinde.“ Man kam dem in einſamer Nacht lodernden Feuer immer näher. Plötzlich erhob ſich aus einer Vertiefung eine lange unheimliche Geſtalt, welche den beiden Wan⸗ derern in den Weg trat. „Wohin die Reiſe?“ fragte eine rauhe Stimme. „Zum Vater Wamba“, war Benno's unerſchrockene Antwort. „Was ſoll's mit dieſem?“ fuhr die Stimme noch immer unfreundlich fort. „Er ſoll uns Schutz gewähren.“ „Wenn das iſt“, erwiderte die Geſtalt in milderem Tone,„werde ich Euch geleiten, damit Ihr von den herumſchweifenden Hunden keinen Schaden leidet.“ Damit ſchritt ſie voran und Benno und Etelka folgten. In der That kamen ihnen auch nach einigen hundert Schritten große zottige Wolfshunde knurrend entgegenge⸗ ſprungen, welche die Ankömmlinge unheimlich umſchno⸗ berten. Auf einige Worte des Ratko, ſo hieß der zum Zigeunerlager gehörige nächtliche Führer, thaten ſie kein Leid, ſondern trabten friedlich wie ein paar treue Wächter nebenher. Vor den unterſchiedlichen Zelten und Baracken des Lagers brannten die Feuer, um welche Männer, Weiber, Kinder in dem romantiſchſten Coſtüm gelagert waren, die ſich mit allerhand Handarbeiten beſchäftigten. Hier und da ward auch geſungen und einige junge Paare tanzten nach einfachen, aber ſehr fremdartig klingenden Inſtrumenten, unter welchen die Tambura eine Haupt⸗ rolle ſpielte. Das umfangreichſte Feuer lohte vor dem Zelte des Häuptlings, des alten Wamba, welcher ſelbſt auf einer Art Lehnſeſſel ſaß, wie ein König auf dem Throne, bald gute Lehren ertheilend, Recht ſprechend und wohl auch Strafen zuerkennend. Die geringſte Uebertretung der Geſetze fand in ihm einen ſtrengen Richter. Von dem einen Feuer her ließ ſich eine ſchöne Baritonſtimme vernehmen, die keiner Oper der civili- ſirten Welt zur Unehre gereicht haben würde. Der Text des Geſangs lautete ungefähr: Fern von Liebe, Luſt und Leben Weil ich hier im düſtern Wald, Wo im Sturm die Eichen beben Und der Wölfe Heulen ſchallt. Sonnenſchein und Sturmeswüthen Schwärzen Bruſt mir und Geſicht, Und die borſt'ge Heerde hüten Im Gebüſch iſt meine Pflicht. Keine Menſchenſtimme dringet v — Durch die Oede an mein Ohr. Selbſt das Vöglein flieht und ſinget Lieber fern in Vuſch und Rohr. Aus dem Thale nur zuweilen Dringt herauf der Glockenklang. Benno und Etelka nebſt ihrem Führer waren ſtehen geblieben, um der wunderſchönen Stimme zu lauſchen und Ratko erklärte:„Es iſt das Lied eines Kanaſz des Bakonywaldes.“ Als der Häuptling von der Ankunft der nächtlichen Fremdlinge Kunde erhielt, verließ er ſeinen Platz und kam ihnen mit finſterer Miene entgegen. Doch kaum hatte er einen Blick auf Benno geworfen, als er vor Freude wie berauſcht war. Er ſtieß in ein Horn, das an ſeiner Seite hing. Sofort eilte das ganze Lager zu⸗ ſammen und umringte kreisartig die beiden Ankömmlinge. Wamba beſchrieb mit der Hand einige Zeichen in der Luft, die von ſämmtlichen Zigeunern und Zigeunerinnen wiederholt wurden. Dann brach er ein mit Salz be⸗ ſtreutes Brod, das man ihm dargereicht hatte, und gab die eine Hälfte Benno, die andere Etelka. Alle dieſe ſymboliſchen Ceremonien deuteten an, daß die zwei Fremdlinge als Gaſtfreunde der Zigeuner aufgenommen ſeien und daß jedes Mitglied der Geſellſchaft mit ſeinem Leben für die Sicherheit der Aufgenommenen einzuſtehen bereit ſei. Kaum hatte eine der Zigeunerinnen Benno's ver⸗ bundenen Arm bemerkt, als ſie mit einer Geſchick⸗ lichkeit, die einem geübten Wundarzt zur Ehre gereicht haben würde, den Verband löſte und die Wunde unter⸗ ſuchte. „Aha“, rief ſie,„ein Kroatenhandſchar; dieſe kennen wir. Zum Glück nur ein Streifſtoß, den mein Umſchlag bald ungeſchehen machen wird.“ Sie wuſch hierauf die Wunde mit lauwarmem Waſſer, legte aromatiſch duftende Kräuter auf und bald verſpürte Benno die wohlthätige Wirkung des Umſchlags. Das Brennen der Wunde ließ nach und das Fieber, das ihn in den Abendſtunden zu beſchleichen pflegte, nahm wunderbar ab. In dem ziemlich geräumigen Zelte des Häuptlings befand ſich ein durch Leinwandverſchläge abgeſondertes Gemach, das mit beſonderer Sorgfalt und ſelbſt nicht ohne einigen Luxus ausgeſtattet war. Es fehlte ſelbſt an Ottomanen und Spiegeln nicht. Es war das Gaſt⸗ zimmer für vornehmen Beſuch. Hierher geleitete Wamba⸗ ſeine Gäſte und Benno mußte ihm gegenüber auf dem Chrenſitze Platz nehmen, während Etelka ihre ſehr er⸗ müdeten Glieder auf der einen Ottomane behaglich aus⸗ ſtreckte. Das Mädchen hatte ihr Geſicht ſo unkenntlich gemacht, daß man von deſſen Schönheit keine Ahnung * S hatte, und ſelbſt ihr S blieb den Zigeunern ein Geheimniß. Nachdem Venno dem Häuptling über das Schickſal Wiens und über ſein eigenes nähere Mittheilung ge⸗ macht, ward der alte Wamba ſehr ernſt und ſein Ge⸗ ſicht drückte ſelbſt Beſorgniß aus.„Wenn dem ſo iſt und Ihr Wiener Flüchtlinge“ ſagte er,„ſo ſeid Ihr ſelbſt bei mir nicht ſicher, ſelbſt wenn ſich meine Leute für Euch in Stücke hauen laſſen wollten. Die Kroaten durchſtreifen die ganze Gegend und morden Alles, was von Deutſchen oder Ungarn in ihre Hände fällt. Hat man doch ſelbſt meine Zelte ſchon wiederholt auf das genaueſte durchſucht. Ja“, fuhr er fort,„wie leid es mir thut, aber Ihr müßt noch dieſe Nacht die hieſige Gegend verlaſſen, da wir keinen Augenblick ſicher ſind, von den herumſtreifenden böſen Geſellen, die bei ihrer Raubluſt zwiſchen Tag und Nacht keinen Unterſchied machen, über⸗ fallen zu werden. Doch bringe ich Euch binnen ein paar Stunden an einen Ort, wo Ihr ſo ſicher ſitzt wie in Abraham's Schooß.“ Zugleich befahl er die Feuer auszulöſchen, damit ſie nicht ungebetenen Gäſten als Wegweiſer dienen möchten, und ließ die Rappen anſpannen. „Und wohin gedenkt Ihr uns zu bringen?“ fragte Benno, welchem bei ſeiner Ermüdung die Mittheilung 10 des Alten nicht eben angenehm klang, dem aber gieich⸗ wohl die Sicherheit Etelka's vor allem am Herzen lag. „Nach Bakonh⸗Bel“ war die Antwort Wamba's, „in das ſogenannte Eingeweide des Bakonywaldes, eine Abtei, die dieſen Namen führt, weil ſie faſt in der Mitte des ungeheuren Waldes gelegen iſt. Sie ſteht neben ihrer Schweſter Tichang am Plattenſee unter dem beſondern Schutze des Patriarchen Rajacic, und wollte ich's keinem Kroaten gerathen haben, ohne Erlaubniß des Abtes die Schwelle dieſes friedlichen Aſyls zu über- ſchreiten. Zudem ſind die Mönche daſelbſt die gutmü⸗ thigſten Leute von der Welt, die weder nach dem Glau⸗ bensbekenntniſſe noch ſonſtiger Paßlegitimation des bei ihnen Schutzſuchenden fragen. Dort könnt Ihr nicht nur Eure Wunde in Ruhe heilen, ſondern findet auch von da aus die beſte Gelegenheit. das Innere Ungarns ohne große Gefahr zu erreichen. Es thut mir wahrhaft leid“, fügte er hinzu,„Euch die erſehnte Ruhe nicht ſofort gönnen zu dürfen und meine Gaſtfreundſchaft auf ſo kurze Zeit beſchränken zu müſſen, aber Euer Wohl und Eure Si⸗ cherheit liegen mir doch noch mehr am Herzen als Eure Müdigkeit. Uebrigens ruht ſich's in meinem Geſpann ganz paſſabel und meine Rappen treten wacker auf, ſo⸗ daß wir binnen drei Stunden an Ort und Stelle ſind.“ Etelka, noch ermüdeter als Benno, wollte die große 11 Gefahr nicht zugeſtehen, vor welcher der alte Häuptling warnte. Dieſer aber entgegnete:„Ihr kennt, junger Freund, dieſe zügelloſen Banden nicht. Ihr wäret ver⸗ loren, namentlich wenn man in Euch Wiener Flücht⸗ linge ausſpionirte. Seid Ihr auch ſicher, daß Ihr nicht vielleicht gar verfolgt werdet?“ „Eine Verfolgung“, meinte Benno,„könnte nur von einem Böſewichte herrühren, der uns in Wien ver⸗ rathen hat. Aber wie ſollte ihm die Richtung bekannt geworden ſein, die wir genommen! Um ſo unbekannt wie möglich zu bleiben, haben wir den langen Weg faſt immer zu Fuß zurückgelegt.“ „Wie dem ſei“, verſetzte der Alte, dem die Beſorg⸗ niß noch immer nicht ſchwinden wollte,„beſſer bewahrt als beklagt. Erquickt Euch mit Speiſe und Trank, aber dann unverzüglich nach Bakonh Bel.“ Eine junge Zigeunerin hatte inzwiſchen das Mahl bereitet, und auch an einem Becher guten Erlauers war kein Mangel. „Ihr müßt mit Zigeunerkoſt vorlieb nehmen“, ſagte der Häuptling,„eine Wiener Küche iſt es freilich nicht.“ Die Feuer waren erloſchen und tiefe Stille der Nacht auf das Lager herabgeſunken. Der gute Wamba hatte ſich's trotz ſeiner vorgerückten Jahre nicht nehmen laſſen, den Wagenlenker ſelbſt zu machen. —— Als Benno die Beſorgniß ausſprach, ob ſolche Nacht⸗ fahrt für ſein Alter nicht zu beſchwerlich ſei, fühlte ſich der Alte ordentlich beleidigt. „Wer kann Euch denn beſſer fahren“, fragte er, „als der alte Wamba, der ſeit länger denn vierzig Jah⸗ ren mit jeder Eiche im Bakonywalde Brüderſchaft ge⸗ macht hat, dem kein Waſſertümpel, kein Sumpf und Schleichweg unbekannt iſt?“ Die nächtliche Reiſe ward trotz der Ermüdung der beiden Flüchtlinge angetreten. Vereits nach einer Viertel⸗ ſtunde hatte man die erſten Eichen des Bakonywaldes erreicht. Obſchon an einen eivilifirten Fahrweg nicht zu denken war, wußte doch der geſchickte Roſſelenker immer eine Spur ausfindig zu machen, wo ein Fortkommen ganz leidlich, ſodaß man ziemlich raſch vorwärts kam. Plötzlich rief Benno:„Herr des Himmels, was iſt das?“ In der Richtung nach Hedenburg begann der Himmel blutroth zu glühen. Bald erkannte man deutlich, wie die einzelnen Feuergarben aus den Wohnungen empor⸗ ſtiegen. „Hab ich's nicht geſagt?“ ſprach Wamba.„Die Beſtien ſind uns näher, als ich ſelbſt geglaubt. Es iſt die Puſzta Tolna, die wir dort brennen ſehen. Ehe der Tag graut, haben wir die Kroaten hier und meine Leute werden 13 einen harten Stand haben. Es war hohe Zeit, daß wir ihnen aus dem Wege gingen.“ Man drang immer tiefer in den Wald ein. Bald umgab die dichteſte Finſterniß das Fuhrwerk und in den Kronen der alten Eichen ſang der Herbſtſturm ſein un⸗ gaſtlich Lied. Nur einem ſo bewährten Führer wie Wamba war es bei dieſer totalen Dunkelheit eine Mög⸗ lichkeit, den Weg nicht zu verfehlen und in dieſer Wild⸗ niß ſich zurecht zu finden. Er verlor dabei ſeinen Humor nicht und ſagte:„Bald werdet Ihr ein ander Feuer⸗ werk zu ſchauen bekommen. Laßt Euch nicht beirren, wenn zu beiden Seiten unſeres Weges Lichter ſichtbar werden. Es ſind die Augen der Wölfe, die unſere getreu⸗ lichen Begleiter ſein werden bis Bakony⸗Bel. Aber ſie wagen keinen Angriff, weil meine beiden Wolfspacker Nimrod und Ajax nebenher traben.“ „Dieſe Lichter“, verſetzte Etelka,„ſind mir aus meiner Heimat nichts Neues, oft waren ſie unſere Be⸗ gleiter, wenn ich mit Vater oder Brüdern des Nachts durch die Wälder fuhr. Aber auch unſere Hunde hielten ſie ſtets in gehörigem Reſpect.“ Dieſe unheimlichen Lichter wurden nur zu bald ſichtbar. Ihre Anzahl nahm zu, je tiefer man in den Wald eindrang. Sie kamen zuweilen dem Geſpann ſelbſt in nicht unbedenkliche Nähe. 14 „Weiß der Satan“, ſprach Wamba,„was dieſe Beſtien heute für einen Narren an uns gefreſſen haben! Meine wohlgenährten Rappen ſcheinen ihren Appetit zu reizen.“ Plötzlich wurden eine Anzahl ſolcher Lichter auch im Vordergrunde ſichtbar, ein Manöver, als beabſich⸗ tigten die unheimlichen Geſellen dem Fuhrwerk den Weg zu verrennen. Den alten Wamba ſchreckte das indeß nicht im geringſten. „Incommodirt Euch nicht“, ſprach er,„Eure Schliche kennt man.“ Damit entzündete er einen kleinen Feuer⸗ werkskörper und warf denſelben gegen die Lichter im Vordergrunde. Ziſchend, knatternd und knallend ſprangen Brillantkugeln und Schwärmer herum, welche die dichte Finſterniß und Wildniß momentan erſt recht erkennen ließen. Eine allgemeine Flucht erfolgte. Die Beſtien, von dem Lichtg lanz geblendet, brachen nach allen Seiten hin durch das Unterholz. Rauſchend ſchlugen die gebogenen Zweige an einander. Kaum aber hatten die Wölfe eine Strecke zurückgelegt, als ſie in einiger Entfernung ihren Unmuth durch vernehmliches Geheul zu erkennen gaben. „Heult, ſoviel ihr Luſt habt“, lachte Wamba,„aber laßt uns ungeſchoren. Wir finden den Weg auch ohne euch.“ 15 In der That ließen auch die Wölfe eine geraume Zeit lang das Fuhrwerk unbehelligt, und der Wagen⸗ lenker erhielt Muße, ſeinem Begleiter Benno— Etelka war vor allzu großer Müdigkeit in ſanften Schlaf ge⸗ ſunken— Einiges über die Eigenthümlichkeiten des Bakonywaldes und deſſen Bewohner mitzutheilen. „In dieſer ungeheuern Waldung“ erzählte er,„wird faſt nur Schweinezucht getrieben. Schon als Kinder lernen dieſe Kanaßß— das iſt der Name dieſer Art von ungariſchen Hirten— nichts als Schweine hüten, weder leſen noch ſchreiben, und als herangewachſene Männer dreht ſich ihr ganzes Daſein faſt nur um die Zucht der borſtigen Geſellen. So leben ſie auch in der Regel von nichts als Speck und Schweinefleiſch, das ſie aber dergeſtalt mit Paprika würzen, daß außer ihnen kein Menſchenkind im Stande iſt, auch nur einen Biſſen hinunterzubringen. Sie führen dabei ein zügelloſes und hartes Leben und verweilen bei gutem wie ſchlechtem Wetter Tag und Nacht im Walde. Es iſt daher kein Wunder, wenn ſie große Freunde der Freiheit und Gleich⸗ heit find. Zugleich gelten ſie als arge Trotzköpfe.“ „Ich habe mir immer ſagen laſſen“, warf Benno dazwiſchen,„daß die Kanaſz auch gefährliche Räuber wären.“ „Es iſt nicht ſo ſchlimm“, war die Antwort.„Bür⸗ — ein Sie ſchleppen Wein und Paprikaſpeck herbei und ſind 16 ger. und Bauersleuten zum Beiſpiel thun ſie gar nichts zu leide und laſſen ſie friedlich ihres Weges ziehen; auch vor den geiſtlichen Herren haben ſie Reſpect. Freilich was die reichen Edelleute auf den benachbarten Land⸗ gütern anlangt, da ſind ſie hinſichtlich des Mein und Dein weniger ſerupulös. Es ſind wohl kaum zwei Jahre her, als ſie ein herrſchaftliches Caſtell überfielen und daſelbſt tüchtig und derb zulangten. Der Raub belief ſich auf zwanzigtauſend Gulden. Es kam ihnen jedoch nicht lange zu gute. Bereits nach wenig Monaten ſah man die Spatzen auf ihren Schädeln ſitzen. Man kann daher nicht ſagen daß der Bakonywald nichts als Räuber be⸗ herberge; aber es treiben ſich in ihm ſtets auch Geſellen herum, die zum Raube nur zu aufgelegt ſind. Man kann ſich jedoch vor ihnen ungemein ſchützen, wenn man ein gewiſſes Vertrauen zeigt, ſie in ihren Waldhütten und bei ihren Waldfeuern aufſucht und ſich in vertrau⸗ liche Geſpräche einläßt. Dann ſind ſie die offenherzigſten, ehrlichſten und gaſtfreundlichſten Leute von der Welt. Ich habe ſie oft auf dieſe Weiſe beſucht und ganz an⸗ genehme Stunden unter ihnen verlebt. Man muß ſie nur gleich mit den Worten„Guten Tag, Gevatters⸗ leute“ anreden, das hören ſie gern. Sie erwidern ſo⸗ fort:„Guten Tag, Gevatter“, und man iſt ihr Mann. 17 überglücklich, wenn der Gaſt nicht ſpröde thut, ſondern tüchtig zulangt.“ „Was verſteht man denn bei dieſen Bakonybe⸗ wohnern unter dem ſogenannten Hackerl“, erkundigte ſich Benno,„von dem ich ſo viel habe erzählen hören und womit ſie Wunderdinge verrichten ſollen?“ „Ah, der Czakany?“ erwiderte Wamba.„Aller⸗ dings, das iſt ihre Hauptwaffe. Dieſes Hackerl, wie es die Oeſterreicher nennen, iſt ein kleines, zierlich geformtes eiſernes Beil an einem anderthalbelligen Stiele. Ge⸗ wöhnlich gebraucht man daſſelbe als Spazierſtock, dann auch als Hirtenſtab, auch um Holz damit zu fällen. Auch bei Wurfübungen ſpielt das Hackerl eine Hauptrolle. Man wirft es nach einem Ziele und erlangt durch jahre⸗ lange Uebung eine außerordentliche Fertigkeit darin. Auf dreißig bis vierzig Schritte trifft der Ka⸗ naſz jeden beliebigen Gegenſtand auf ein Haar. Ich habe ſelbſt in Peſth einmal einen ſehr merkwürdigen Fall erlebt. Ein paar Kanaſz hatten zwei Büffel nach der Hauptſtadt zum Verkauf getrieben, denn zu- weilen verſteigen ſie ſich von ihren Borſtenthieren in die höhere Naturgeſchichte. Die beiden Büffel waren wüthend geworden und durchgegangen Sie kamen in vollem Galopp den Bergweg von der Ofener Burg herab, jag- ten über die Donaubrücke und ftürzten ſich, auf dem Stolle, Von Wien nach Vilagos. 11. 2 18 jenſeitigen Ufer angelangt, mitten in das daſelbſt be⸗ findliche Marktgewühl. Die Kanaſz waren zu Pferde hinterdrein. Der eine Büffel ſtürzte endlich und ward bald überwältigt, der andere aber wüthete zwiſchen den Marktzelten, Alles über den Haufen werfend und zer⸗ tretend. Da es kein anderes Mittel gab, des wüthenden Thieres Herr zu werden, warf endlich der eine Kanaſz und zwar vom Pferde aus ſein Hackerl mitten in das ſich überſtürzende Menſchengewühl und traf den Büffel ſo glücklich ins Genick, daß er ſofort zuſammenbrach.“ „Stammt aus dieſer Bakonybevölkerung nicht auch der berühmte Schobri?“ erkundigte ſich Benno. „Allerdings“, verſetzte Wamba.„Schobri war ein junger ſchöner Menſch von zweiundzwanzig Jahren. Er hatte binnen der drei Jahre ſeiner thatenreichen Laufbahn ſämmtliche Meierhöfe und Edelſitze in der Nähe des Ba⸗ konhwaldes unſicher gemacht und Angſt und Schrecken in weiter Umgegend verbreitet. Es währte lange Zeit, ehe man ſeiner und ſeiner vornehmſten Genoſſen hab⸗ haft werden konnte. Denn dieſe Kerle waren ebenſo ſchlau als kühn, und außerdem halfen ihnen die Bauern, wie das zu gehen pflegt, überall durch. Die Weinſchenken machten die Hehler und Müller und Meierhofspächter wußten ſich mit ihnen abzufinden. Endlich wurden ſämmt—⸗ liche Panduren der umliegenden Comitate nebſt zahl⸗ 19 reichem Militär gegen die Bande aufgeboten. Die Räu⸗ ber wurden umzingelt und nach blutigem Gefecht voll⸗ ſtändig beſiegt.“ „Und Schobri ſelbſt“, fragte Benno,„was iſt aus ihm geworden?“ „Die Meinungen darüber ſind getheilt“, erwiderte Wamba.„Einige behaupten, er habe ſich durchgeſchlagen und ſei mit großen Schätzen nach Amerika entkommen, wo er noch lebe; Andere meinen, er habe ſich ſelbſt ge⸗ tödtet, nachdem er die Niederlage der Seinigen geſehen; wieder Andere wollen wiſſen, er ſei im Gefecht von den Truppen erſchoſſen werden, was auch wohl das Wahr⸗ ſcheinlichſte iſt. Viele der Räuber wurden erſchlagen, viele andere der Bande aber gar nicht als Räuber er⸗ kannt. Sie kehrten ruhig zu ihren Schweinen zurück und ſind jetzt wieder ehrliche Kanaſz. Die abenteuerlichen Thaten des Schobri gewähren aber heute noch den Be⸗ wohnern des Bakonywaldes ſehr ergiebigen Stoff zur Unterhaltung. Auch viele andere romantiſche Geſchich⸗ ten von den Burgen und Burgruinen am Rande des Bakonywaldes wiſſen die Kanaſz zu erzählen. Sie ſelbſt haben mir manche mitgetheilt.“ „Habt Ihr vielleicht eine im Gedächtniß?“ fragte Benno.„Ich höre dergleichen nur zu gern.“ „Warum nicht“ verſetzte Wamba und erzählte: 2 20 „Nicht weit vom Plattenſee, in der Nähe von To⸗ polha, erheben ſich zwei kegelartige Verge, die mit Ruinen gekrönt ſind, welche ſich, zumal bei untergehender Sonne, wo ſie wie im rothen Feuer glühen, ſehr maleriſch ausnehmen. Dieſe Ruinen waren in uralten Zeiten prächtige Schlöſſer. In dem einen wohnte ein Graf Namens Ghalafi, das andere gehörte einer jungen ſchönen Herrin, Erzſebet ge⸗ heißen. In der letztern Herzen erglühte eine heftige Liebe für ihren Nachbar, die aber von dieſem nicht erwidert wurde. Er verſchmähte die Hand der Gräfin und holte ſich eine ſchöne Gemahlin aus fernem Lande, mit welcher er ſehr glücklich lebte. Erzſebet vermochte dieſes Glück der beiden Leute nicht zu ertragen und ihre heftige Liebe verwandelte ſich in ebenſo heftigen Haß. Sie ſann Tag und Nacht, wie ſie das Glück ihrer Nebenbuhlerin zer⸗ ſtören möge. Eines Tages bot ſich hierzu die Gelegen⸗ heit. Der Bruͤder der jungen Gräfin Flora war aus fernen Landen zu ſeiner Schweſter auf Beſuch gekommen. Der Graf befand ſich leider bereits ſeit mehreren Tagen abweſend auf der Jagd. Erzſebet, als ſie davon hörte, baute darauf ihren Plan der Rache. Sie begab ſich auf das Schloß ihrer Nachbarin und heuchelte den Geſchwi⸗ ſtern ihre Freude ob des glücklichen Wiederſehens. Zu gleicher Zeit hatte ſie aber ihre Späher aufgeſtellt, um des Grafen Rückkehr von der Jagd zur rechten Zeit zu 21 erfahren. Als ſein Herannahen ihr gemeldet ward, nahm ſie raſch Abſchied von dem Geſchwiſterpaare und ritt dem Grafen entgegen. In einem Thale in der Nähe des Schloſſes begegnete ſie ihm.„Wehe Dir, Gyalafi'“, lautete ihre Rede,„ich komme von Deinem Schloſſe, aber was mußte ich da ſehen! Deine Gattin in den Armen eines Buhlen! Wehe Dir, warum haſt Du meine Liebe und Treue verſchmäht!“ Damit gab ſie ihrem Roſſe die Sporen und ſprengte davon. Der Graf traute nicht ſofort den Worten der Dame. Aber er wollte ſich doch über⸗ zeugen. Er ließ daher ſein Gefolge zurück und ritt ganz ſtill und unbemerkt in ſein Schloß ein, um ſeine Gemahlin zu überraſchen. Er trat leiſe in ihr Zimmer, aber wer malt ſeinen Schrecken! Flora ſaß in zärtlichſter Unter⸗ haltung neben einem jungen Ritter auf dem Sopha. Da übermannte den Grafen der Jähzorn. Er ſtürzte in tollem Wahne auf das nichtsahnende Paar und durchſtieß mit dem Schwerte erſt den Bruder und dann die Schweſter. Der junge Ritter ſtarb auf der Stelle, ohne einen Laut von ſich zu geben, Flora aber hauchte ſterbend die Worte: „Ach, mein theurer Bruder! Wehe, wehe, mein Ge⸗ mahl!“ Zu ſpät erkannte der Graf, zu welcher herz⸗ zerreißenden That ihn ſein Zorn und die böſe Erzſebet ver⸗ leitet hatten. Die höchſte Verzweiflung überkam ihn. Er bedeckte ſeinen Schwager und ſeine Gemahlin mit Küſſen. 22 Dann ergriff ihn die Wuth, an Erzſebet Rache zu nehmen. Aber dieſe letztere war bereits den Rachegöttern zur Beute anheimgefallen. In der Haſt, ihre Burg möglichſt ſchnell zu erreichen, hatte ſie einen Nebenpfad eingeſchlagen, war dabei einem Abgrunde zu nahe gekommen und in den⸗ ſelben geſtürzt. Man brachte ſie als Leiche auf ihr Schloß. Gyalafi, für welchen das Leben keinen Werth mehr hatte tödtete ſich ſelbſt. Seit jener Zeit ſtehen jene Schlöſſer verödet und ſind im Laufe der Jahrhunderte zu Ruinen geworden, die ſich, wie geſagt, in der Abendſonne recht maleriſch ausnehmen.“ Gegen das Ende ſeiner Erzählung ward an Wamba einige Unruhe bemerkbar. Er brach wiederholt ſeine Rede ab, indem er den Kopf, gleichſam als ſchnappe er nach Luft, wiederholt in die Höhe hob. Benno, der dies be⸗ merkte, erkundigte ſich nach der Urſache. „Es riecht nach Brand“, gab der Wagenlenker zur Antwort.„Es wäre nicht das erſte Mal, daß Unvorſichtig⸗ keit oder Frevel ein groß Stück des Bakonywaldes in Aſche legte. Das Schlimme iſt nur, daß wir durch den Feuerherd leicht von unſerm Ziel abgelenkt und zu einem bedeutenden Umwege gezwungen werden können, um nicht dem Teufel direct in die Hölle zu rennen.“ Benno erhob ſich im Wagen und hielt nach allen 23 Seiten hin Umſchau.„Man ſieht ja nirgends etwas von einem Feuer“, ſprach er. „Das fühlt man mehr“, belehrte Wamba,„als daß man es ſieht, weil es wie eine giftige Schlange ſich an der Erde fortwälzt. Wir müſſen indeß bald er⸗ fahren, von woher die Gefahr droht. Die Wölfe ſind da die beſten Kundſchafter.“ In der That wurde es auch bald wieder im Walde laut. Die Wölfe, welche ſeit dem feurigen Experiment, welches ihnen der mit ihrer Natur vertraute Wamba zum Beſten gegeben, von dem Fuhrwerk abgelaſſen, machten ſich wieder bemerkbar, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie den Wagen unbehelligt ließen und ſämmtlich nach einer und derſelben Richtung mit großer Haſt in den tiefern Wald flüchteten. „Aha“, ſagte Wamba,„alſo dorthinein brennt's; das iſt mir lieb, da kommen wir mit einem blauen Auge davon.“ So geſchah es. Sie erreichten wohlbehalten Ba⸗ kony⸗Bel, ohne vom Waldbrande erreicht worden zu ſein. 3weites Kapitel. Wir kehren, nachdem wir das große Wiener Trauer⸗ ſpiel haben vorüberziehen ſehen und unſere beiden Flüchtlinge vor der Hand in Bakony Bel wohlbehalten untergebracht wiſſen, nach einem der frühern Schauplätze unſerer Erzählung zurück und zwar nach Jarovacz in Serbien, wo Ladis laus im Hauſe des Ranko ſo gaſtliche Aufnahme gefunden. Unſer Held ruhte im ſüßeſten Schlummer. Er hatte in dem wüſten Kriegsleben lange nicht ſo ungeſtört ſich der ſorgloſen Ruhe hingeben können. Roſige Traumge⸗ bilde umgaukelten ihn. Er träumte von tiefem Frieden, wie er als Knabe an den grünen Ufern der Donau in Gras und Blumen geſpielt. Bilder ſeiner Heimat zogen vorüber und inmitten wandelte in aller Lieblichkeit die Tochter des Ranko. Sie ſtand lächelnd in einiger Ent⸗ fernung und wollte ihn mit Blumen bewerfen. In der 25 Wirklichkeit ſtand auch Aloyſia am Eingange des Ge⸗ machs, aber die Hand nicht voll Blumen, ſondern mit blitzendem Dolche bewaffnet. Ihre Bruſt arbeitete krampf⸗ haft, ihr Antlitz war geiſterbleich. Bereits zum zweiten Male war die Tambura durch die Gaſſen erklungen. Das Mädchen betrachtete mit ſtummem Entſetzen das träumende Antlitz. Wäre darin ein Zug von Rache oder Kampfluſt zu leſen geweſen, ſie würde den dunklen Göttern dies Opfer gebracht und den Mordſtahl gezückt haben; ſo aber ruhte es ſo friedvoll, ſo lächelnd, ſo ſanft. Ladislaus träumte ja von Aloyſia. Sie hielt lauſchend das Ohr an ſeinen Mund. Da vernahm ſie ihren Namen, ſo leiſe und zärtlich, daß Thränen ihren Augen entſtürzten. Ein neuer furchtbarer Kampf begann in ihrem In⸗ nern. Kann ſie den Mann morden, der ihr Alles, deſſen ſeligſtes Geheimniß ſie jetzt errathen? Aber wenn ſie ihn rettet, iſt der Untergang der Ihrigen gewiß, und ſiegen ſie, iſt er verloren. Und zum dritten Male tönt die Tambura, aber noch bleibt Alles ſtill auf den Straßen. Plötzlich erhebt ſich von den Thürmen das mitter⸗ nächtige Glockenläuten. Dieſe Glocken, beſtimmt, das Lob des Herrn zum Himmel zu tragen, ſie rufen zum Morde. Schauerlich klingen ihre Töne durch die Nacht. 26 Es wird waffenlaut. Die Serben brechen hervor. Ihre Frauen und Töchter haben Sorge getragen, daß alle Thüren der Häuſer geöffnet ſind. Die im Schlafe über⸗ raſchten Magharen greifen nach ihren Waffen, man hat ſie verſteckt, überdies die Läufe der Flinten mit Heu verſtopft. Das Morden beginnt. WMit wildem Geſchrei naht ſich auch ein Haufe, von Wukaſchin angeführt, dem Hauſe des Ranko. Aloyſia vernimmt die nahenden Schritte. Sie ſinkt, dem Wahnſinn nahe, in die Kniee. Immer näher kommt das Geſchrei. Die Mörder dringen die Stiege herauf. „Flieh, rette Dich“, ruft das Mädchen in Ver⸗ zweiflung, den Geliebten aus dem Schlafe rüttelnd, „man will Dich morden.“ Ladislaus ſpringt vom Lager, ſein Schwert iſt das Erſte, was er erfaßt, das Zweite die rothe Kappe. Von Blumen und Küſſen hat er geträumt und erwacht unter Schwertergeklirr. „Flieh von hier“, ſchreit Aloyſia, ihr langes gelöſtes Haar fällt reich herab, das weiße Nachtgewand vermag die Reize ihrer Geſtalt nicht zu verbergen. „Du biſt verrathen“, ruft ſie mit ſteigender Angſt, „flieh, flieh, folge mir.“ Es war zu ſpät. Die Thür fällt in Trümmer, rother Fackelſchein 27 erhellt grell das Gemach, wilde Geſtalten werden ſicht⸗ bar, Schwerter und Handſchare blitzen. „Rührt ihn nicht an“, ruft Aloyſia, mit wahnſin⸗ niger Gewalt ſich zwiſchen die Waffen der Angreifenden werfend. Sie umſchlingt flehend ihren Oheim Wu⸗ kaſchin. „Verdirb, elende Meineidige“, erwidert dieſer kalt und ſchleudert das Mädchen von ſich, daß es taumelnd zu den Füßen Ladislaus' ſtürzt.„Verdirb! Alle ſerbi. ſchen Frauen haben ihre Schuldigkeit gethan, nur Du haſt uns verrathen, die Du geſchworen.“ „Ich laſſe ihn nicht morden“, fuhr Aloyſia fort, den jungen Magharen mit ihrem Leibe deckend;„ich war wahnfinnig, als ich Euch ſchwur, ich bin wahnſinnig jetzt, wo ich Euch widerſtehe.“ „Elende“, riefen die Mörder,„verhülle Dein Ant⸗ litz und fliehe, daß Dich die Sonne nicht mehr beſcheine.“ „Nur über meine Leiche erreicht Ihr ihn!“ Damit kniete ſie nieder und ſtreckte ihre Arme ſchützend gegen den mordluſtigen Haufen. „So fahre zur Hölle“, rief wüthend Wukaſchin, ſein Handſchar blitzte und traf das Herz der Jungfrau, die blutend zu Boden ſank. Ladislaus, obſchon aus tiefſtem Schue aufgeſchreckt, hatte gleichwohl ſeine Geiſtesgegenwart ſofort wieder⸗ 28 gefunden. Der feige Mord an dem Mädchen verlieh ihm Löwenkraft und Muth. „Elende Meuchelmörder“, ſchrie er,„iſt das Soldaten⸗ art, wehrloſe Jungfrauen zu morden? Verſucht's mit Männern, feige Schurken!“ Damit ſtürzte er mit blitzender Klinge auf ſeine Gegner, die durch die That Wukaſchin's, wodurch eine der gefeiertſten Patriotinnen zu Tode getroffen wurde, doch etwas beſtürzt waren. Bereits lagen mehrere der Eingedrungenen von Ladis⸗ laus Schwert zu Boden geſtreckt, ohne daß er ſelbſt noch eine Wunde davongetragen, wie wiederholt auch Hand⸗ ſchare nach ihm geworfen wurden. „Memmen! Memmen!“ ſchrie Wukaſchin und warf ſich mit gezückter Waffe auf den Magharen; aber Ladis⸗ laus' Schwert kam ihm zuvor und auch er deckte mit ſeinem Leichnam den Boden. Der Fall des Häuptlings erweckte die Serben aus ihrer erſten Betäubung. „Rache! Rache!“ tönte es von allen Seiten, und die Menge drang auf den allein fechtenden Jüngling ein. Es entſtand ein Kampf, wie ihn nur die verzweifeltſte Tapfer⸗ keit zu beſtehen vermag. Der Maghar kämpfte nicht mehr, um zu ſiegen, ſondern um ſein Leben ſo theuer wie möglich zu verkaufen. Bereits blutete er aus mehreren Wunden. An ein Durchſchlagen war nicht zu denken, denn immer neue Bewaffnete drangen ins Zimmer. Da ertönte plötzlich im Hofe lauter, freudiger Eljen⸗ ruf. Fünf Rothkappler, welche im Hauſe eingquartiert ge⸗ weſen, kamen, vom getreuen Janos geführt, ihrem Offi⸗ zier zur Hülfe. Wie ſie vom Lager aufgeſprungen, faſt ohne Bekleidung, nur die rothe Kappe auf dem Kopf und nur mit ihren Flinten bewaffnet, die Kolben hoch, warfen ſie ſich mit ihrer bekannten Tapferkeit auf die nächtlichen Mörder, unter welchen ihr Löwengrimm furchtbar wirthſchaftete. Der meuchleriſche Ueberfall hatte ſie mit ſolcher Wuth erfüllt, daß die Serben nicht zu widerſtehen vermochten Bald war Ladislaus befreit und das Haus von den Mördern geräumt. Wukaſchin und eine nicht unbedeutende Anzahl ſeiner Mordbande lagen theils todt, theils ſterbend am Boden. Aber auch in vielen andern Quartieren des Orts hatten ſich die Rothkappler trotz des nächtlichen Ueber⸗ falls nicht werfen laſſen. In den Straßen wirbelte bereits die Alarmtrommel, ſchmetterten die Trompeten zum Sammeln. Die Huſaren warfen ſich auf ihre ungeſattelten Pferde. Die Infanterie bildete ſofort Schlachtcolonnen und ſtürmte mit gefälltem Bajonett die Straßen entlang. Nichts vermochte den tapfern Schaaren zu widerſtehen. Vor ihnen zerſchmolz die Zahl des Feindes. Hinter ihnen hörte die Schlacht auf. Nachdem die Serben nicht mehr im offenen Kampfe zu widerſtehen vermochten, bauten ſie Barrikaden; auch dieſe wurden genommen. Die Magharen, ob des ſchänd⸗ lichen Verraths wüthend, gaben keinen Pardon. Kein Gefangener ward gemacht. Es war ein Vernichtungs⸗ kampf. Man warf Feuerbrände in Kirchen und Häuſer. Bald loderte die rothe Flamme aus Giebeln und Dächern. Eine furchtbare Nacht. Gräßliche Beleuchtung. Ein ſchmerz- lich Bild von menſchlicher Leidenſchaft. Als der Morgen graute, ſtanden die Magyaren auf offenem Felde außerhalb der Stadt. Die Serben lagen todt in Gaſſen und Häuſern. Ueber den Todten brannte die Stadt, ungeheure Rauchwolken zum Morgen⸗ himmel entſendend. Von den gefallenen Bewohnern und Bewohnerinnen der Stadt ward nur eine einzige feierlich zur Erde be⸗ ſtattet. Es war Aloyſia, die Tochter des Ranko. Unter einer uralten Linde, die im Sommer kühlen Schatten beut und in deren Nähe ein Silberbächlein lieblich über Kieſel rieſelt, gruben unter Janos' Anleitung fünf Rothkappler ein Grab. Der treue Diener weinte wie ein Kind. Das ſchöne Mädchen war ja für ſeinen Herrn geſtorben. In einiger Entfernung vom Grabe ſtand Ladislaus 31 Compagnie. In drei Salven rollte das Ehrenfeuer durch die ſtille Morgenluft. Es galt der gefallenen ſerbiſchen Patriotin, die wegen ihrer Tapferkeit und ihres Heldenmuths auch bei den Magharen in Ach⸗ tung ſtand. Ladis laus ſelbſt ſchaute ſtill und in ſich gekehrt nach der aufgehenden Sonne. Er hatte die Geliebte wieder⸗ gefunden, um ſie für immer zu verlieren. Der Oberſt kam herangeritten, und als er bei der Compagnie angelangt war, zog er ſeine rothe Kappe. Dieſe Truppe beſtand aus den erleſenſten Tapfern. Wie er den Hauptmann erſchaute, der nach ſeinem heldenhaften Kampfe ſo kummervoll und niedergeſchlagen daſtand, fragte er theilnehmend:„Haſt Du eine Wunde bekommen, mein guter Sohn, daß Du ſo blaß aus⸗ ſiehſt?“ Statt aller Antwort legte Ladislaus die Hand aufs Herz. Da ſtieg der Oberſt, der von dem Opfertode des Mädchens Kunde erhalten, vom Pferde. „Bring Deine Wunde her“ ſprach er,„daß ich ſie verbinde.“ Ladis laus trat näher und der Oberſt ſchmückte die Bruſt des Jünglings mit dem Ehrenzeichen der Tapfer⸗ 32 keit, dem rothen Bande mit ſilbernem Kranze.„Das iſt“, ſagte er bewegt,„der einzige Valſam, den ich auf Deine Wunde legen kann.“ Noch ſelbigen Tag zog das Heer weiter in die Gegend der Römerſchanzen. Prittes Kapitel In den erſten Tagen des November brach Windiſch. grätz gegen die ungariſche Grenze auf. Das Strafgericht, welches er über die Hauptſtadt Oeſterreichs gehalten, ſollte jetzt auch den revolutionären Ungarn zu Theil werden. Die kaiſerliche Armee überſchritt den Grenzfluß Leitha auf verſchiedenen Punkten und überall zogen ſich die Magharen zurück. Der anfängliche Plan, Preßburg zu halten, ward aufgegeben. Der Schnee fiel in großen Flocken und der Wind wehte eiſig, ſodaß den Reitern die Füße an den Steigbügeln anfroren. Die vorgerückte Jahreszeit machte den Feldzug für beide Theile nicht zu dem angenehmſten. Kaum daß man hundert Schritte weit zu ſehen vermochte, ſo dicht war die Gegend in Schnee und Wolkenſchleier gehüllt. Unter unbedeu⸗ tenden Scharmützeln erreichten die Ungarn Wieſelburg Stolle, Von Wien nach Vilagos. II. 3 34 und von da Raab. Die hier aufgeworfenen Verſchan⸗ zungen wurden gleichfalls aufgegeben. Bei Komorn ging ein Theil der Armee über die Donau und zog ſich nach der Stadt Waitzen; die andere Hälfte ſetzte ihren Weg auf dem rechten Ufer fort. Noch andere Abtheilungen der ungariſchen Armee hatten ſich bereits früher über Dedenburg und Tyrnau zurückgezogen. Der erſte ernſtliche Zuſammenſtoß mit den Heſterreichern erfolgte bei Babolna und Moor und fiel zum Nachtheil der Ungarn aus, obſchon hier der feurige und helden⸗ kühne General Perczel kämpfte Er mußte nach tapferſtem Widerſtande der Uebermacht weichen. Endlich beſchloß man ſogar trotz einer ſehr heftigen Oppoſition im Reichs. tage die Hauptſtadt aufzugeben und den Sitz der Re⸗ gierung nach Debreczin zu verlegen. Die Zeit zur Räu⸗ mung der Hauptſtadt war ſehr gemeſſen, da die Oeſter⸗ reicher den zurückweichenden Magyaren auf dem Fuße folgten. In wenig Tagen mußte die Räumung vollzogen ſein, und ſo geſchah es. Von den ſchweren Locomotiven bis zu dem einfachſten Büchſenriemen ward Alles einge⸗ packt. Das ungeheure Kriegs. und Munitionsmate⸗ rial, welches die Oeſterreicher ſeit Jahren hier ange⸗ häuft hatten, wurde alles in beſter Ordnung eingepackt und fortgeſchafft. Und das geſchah ohne Lärm und Auf ſehen. Nur dem wunderbaren Organiſationstalente eines Koſſuth war es möglich, dieſe Räumung in ſo kurzer Zeit und in ſolcher Ruhe und Ordnung zu vollbringen. Wenige Tage darauf zog der Fürſt Windiſchgrätz triumphirend in die Königsburg von Ofen ein. Er ſtand in- mitten ſeiner Generale und ſchaute auf das weite ſchnee⸗ bedeckte Land zu ſeinen Füßen. Vor ihm die Donau mit dichter Eisdecke überzogen, ſodaß ſeine ſchweren Kanonen leicht von dem einen Ufer auf das andere gebracht werden konnten, und jenſeits die neue Hauptſtadt des Ungarnlandes, der bisherige Feuerherd des Kriegs. Heſterreichiſche ſchwarzgelbe Schilderhäuſer ſtanden an beiden Enden der großen Donaubrücke, und in der Mitte derſelben, wo Graf Lamberg unter den Streichen ſeiner Mörder gefallen, drängte ſich eine ſchweigende Menge um eine Bekanntmachung des Fürſten welche über beide Schweſterſtädte den Belagerungszuſtand verhängte. Peſth ſelbſt bot den Anblick des vollkommenſten Friedens. Nirgends eine Spur von Aufregung oder Widerſtand. Die Verſchanzungen, welche einen großen Halbkreis um die nach Oſten gelegene Stadt bildeten, waren verlaſſen und mit hohem Schnee bedeckt. Der Fürſt Windiſchgrätz und ſeine Offiziere ver⸗ wunderten ſich ſelbſt, daß man eine ſo große Strecke wie die von Wien nach Peſth faſt ohne allen Widerſtand habe zurücklegen können. Wo man ſich, mit Ausnahme des 3* — S—— Treffens bei Moor, bis jetzt gezeigt, waren die Ungarn, deren Führung nun in die Hand Arthur Görgei's gelegt war, überall zurückgewichen. Dem Fürſten that es faſt leid, daß er ſo ohne alle Hinderniſſe in der Haupt⸗ ſtadt Ungarns eingezogen war. Der Winter hatte ihm weit mehr zu ſchaffen gemacht als der retirirende Feind, und es wäre ihm lieber geweſen, wenn einige glänzende Siege die Thore der Hauptſtadt geöffnet hätten. Daß der Krieg hiermit noch nicht zu Ende, daß es zu früh war, in den Sälen der Ofener Königsburg auf die glückliche Beendigung des Feldzugs anzuſtoßen, daß hinter der nebelumflorten Theiß erſt das große blutige Drama ſeinen Anfang nehmen ſollte, davon hatte man in Wien ſo wenig eine Ahnung wie im Hauptquartier des Fürſten Windiſchgrätz. Man hatte keine Ahnung von der allgemeinen Erhebung des Londes, von der all⸗ gemeinen Begeiſterung des Volkes, von der Größe und der Kraft der Nation, ſowie von der Vaterlandsliebe jedes Einzelnen. Klingt es nicht wie ein Märchen, daß in Debreczin eine Armee zuſammengetrommelt, eguipirt, bewaffnet. ausgerüſtet, organiſirt, mit Geſchütz, Munition und allen Kriegsbedürfniſſen verſehen wurde, ohne daß die Oeſter⸗ reicher je mit Beſtimmtheit erfahren konnten, was jen— ſeits der Theiß ſich vorbereitete? War dieſes Debreczin 37 eine unbekannte Inſel, von tobender Brandung unnahbar gemacht, daß kein Späher zu nahe kommen konnte? Lag es etwa mitten im Hochgebirg, nur von Adlern um⸗ kreiſt, oder unter der Erde, nur dem Eingeweihten zu⸗ gänglich? Nichts von alledem. Es war eine offene Stadt, mitten im flachen Lande. Gleichwohl beherbergte es in ſeinen kothreichen Straßen und beſcheidenen Häuſern die edelſten Blüten der ungariſchen Nation. Es hatte keine Wälle, Ringmauern und Thore. Jeder ging ungehindert und unbefragt aus und ein. Der Bauer mit ſeiner Bunda, der Jude mit ſeinem Bündel auf dem Rücken, der Roß⸗ hirt, der Bürger, der Edelmann. Da ward gehämmert und gearbeitet, geſchuſtert und geſchneidert Tag und Nacht, während ringsherum auf der winterlichen weiten Ebene exercirt und manövrirt wurde, mit Flinten und Piken, mit Kanonen und Raketen. Aus allen Theilen des Landes wurden Pferde zugetrieben, um für den Cavalleriedienſt zugeritten zu werden. Metall kam an in großen Maſſen. Man goß Kanonen, ſchmiedete Feuerſchlöſſer, zog Gewehr⸗ läufe, baute Laffetten, hämmerte Huſarenſäbel. Salpeter⸗ fabriken und Pulvermühlen waren Tag und Nacht in Arbeit. Kugelgießereien, Sattlerwerkſtätten, Zündhütchen⸗ fabriken wurden errichtet und entſtanden immer neue. Ueberall zeigte ſich der regſamſte Eifer. Von all dieſem kriegeriſchen Treiben vernahm man im öſterreichiſchen Lager nur dunkle Gerüchte. Jeder Tag ſah neue Bataillone marſchfertig und nach der Theißlinie ausrücken. Aus Wien, aus Steier⸗ mark, vom Süden, vom Norden kamen zahlreiche Wagen⸗ ladungen zur Bekleidung der neuen Truppenkörper. Wage⸗ halſige Speculanten und kühne Fuhrleute beſchafften Waffen aus Schleſien und Galizien. Und über Allem wachte Koſſuth, die Seele des Ganzen. Treten wir dieſem außerordentlichen Manne etwas näher. Koſſuth wohnte zu jener Zeit im ſogenannten Stadthauſe, in der Hauptſtraße von Debreczin. Ueber eine breite Treppe gelangte man in das erſte Stockwerk und in ein großes Vorgemach, das zu jeder Tageszeit mit Menſchen angefüllt war, die alle den Gouverneur zu ſprechen wünſchten. Es kam der Fall vor, daß Manche drei volle Tage harren mußten, ehe die Reihe an ſie kam. Letztere wurde ſehr pünktlich eingehalten und nur bei be⸗ ſonders hochgeſtellten Perſönlichkeiten, wie Miniſtern, Kammermitgliedern, Generalen, Kurieren, oder wo die Dringlichkeit einer Mittheilung Eile gebot, wurde eine Ausnahme gemacht. Außerdem ſaßen oder ſtanden alle, Edelleute, Soldaten, Bauern bunt durcheinander, bis ſie vorgelaſſen wurden. 39 An das Vorgemach ſtießen zwei geräumige Zimmer, in deren einem Koſſuth die Fremden empfing, wäh⸗ rend in dem andern ſeine Secretäre arbeiteten. Koſſuth's Anzug beſtand in einem einfachen ſchwarzen Rocke nach deutſchem Zuſchnitt, ſchwarzen Beinkleidern, ſchwarzem oder weißem Gilet, den Hemdkragen weit ausge⸗ legt Wenn er auf der Straße erſchien, trug er eine kleine ungariſche Mütze. Im Nationalcoſtüm zeigte er ſich nur bei feierlichen Gelegenheiten. Er empfing die Fremden gewöhnlich hinter ſeinem Schreibtiſch ſtehend. Auf demſelben lagen zwei Piſtolen. Die Vorſtellungen ſeiner Freunde ſich vor den Fremden in Acht zu nehmen, hatten ihn zu dieſer Vorſichtsmaß regel veranlaßt. Doch iſt nie ein Fall vorgekommen, der die Befürchtungen ſeiner Freunde auch nur im entfern⸗ teſten gerechtfertigt hätte. Koſſuth ſelbſt ſprach bei ſolchen Audienzen wenig, pflegte Leuten, die ihm das erſte Mal gegenüberſtanden, zu bemerken:„Ich bitte kurz zu ſein, aber deshalb nichts zu vergeſſen“, hörte aufmerkſam zu und warf zuweilen einige Notizen auf ein Papier, das vor ihm auf dem Tiſche lag. Je weniger Koſſuth zu unterbrechen pflegte, deſto öfterer ward er ſelbſt durch ſeine Secretäre geſtört. Dieſe gingen ab und zu, hatten bald eine Frage an ihn zu ſtellen, bald einen Rapport abzuſtatten, bald ein Pa⸗ 40 pier zur Unterſchrift vorzulegen, welches er jedesmal zuvor aufmerkſam durchlas, bevor er ſeine Unterſchrift gab. Er unterließ dies ſelbſt im höchſten Drange der Geſchäfte nicht. Dabei hörte er dem Sprecher immer zu, der ſeinen Vortrag nicht unterbrechen durfte. Dieſe Audienzſtunden waren zugleich ſeine Arbeits⸗ ſtunden, und nur wenn er ſelbſt ein Schriftſtück von Bedeutung auszuarbeiten hatte, ſchloß er ſich für kurze Zeit ab. Die Beſuche währten häufig bis ſpät in die Nacht, ſodaß oft in der Mitternachtsſtunde der Vorſaal noch ſo voll von Audienzverlangenden war wie am Vormittag. Von zwei bis drei Uhr gönnte ſich Koſſuth gewöhn⸗ lich etwas Ruhe, und ſo es die Jahreszeit und die Witterung erlaubten, fuhr er mit Frau und Kindern in ein nahe gelegenes Wäldchen. Dort ſuchte er ſich eine einſame Stelle, ſpielte mit den Kindern im Graſe und war glücklich im Genuſſe der freien friſchen Luft. Um drei Uhr kehrte er zum Mittagseſſen zurück, oder arbei⸗ tete, wenn dringende Sachen vorlagen, bis vier Uhr. Dieſe kurzen Spazierfahrten unternahm er gewöhnlich in dem Geſchirr eines Freundes. Allerdings beſaß er ſelbſt einen Wagen und zwei Pferde, aber jener wie dieſe waren ſo ſchwerfällig, daß er fürchten mußte, in dem Straßenkothe von Debreczin ſtecken zu bleiben. Nach dem einfachen Mittagseſſen ging es wieder an 41 die Arbeit. Doch traten zuweilen auch Unterbrechungen ein. Bald waren es Miniſterconferenzen, bald militäriſche Beſprechungen, bald kamen Fremde oder Generale zu Liſche, bald war Kammerſitzung, bald Rebue Letztere kam ſehr häufig vor. Die neugeſchaffenen Bataillone wuchſen wie aus der Erde, aber keins verließ Debreczin, ohne daß es von Koſſuth gemuſtert und angeſprochen worden wäre. Die Sitzungen des Reichstags wurden im Betſaale des lutheriſchen Lyceums abgehalten. Es brauchte nicht viel geändert zu werden, um das einfache Gotteshaus zum Verſammlungsſaal umzuſchaffen, aber der beſchei⸗ dene Raum war ſehr knapp gemeſſen, und Deputirte wie Zuhörer ſaßen ziemlich gedrängt. Hier waren ſo ziemlich alle die parlamentariſchen Größen des Ungarnlandes verſammelt, die früher in Preßburg und Peſth die Aufmerkſamkeit der Welt auf ſich gezogen. Die Scene war verändert und auch die Rollen hier und da in andern Händen, aber der Ge⸗ ſammteindruck blieb derſelbe. Auf der einen Seite dieſelbe antike Ruhe, auf der andern derſelbe Enthuſiasmus, ſobald auf der Tribüne ein Wort geſprochen wurde, das zündend ins ungariſche Herz fiel. Koſſuth beſuchte in Debreczin nur die Sitzung, wenn er Mittheilungen von Wichtigkeit oder Vorſchläge zu machen hatte. Dann war er König ohne Thron und Baldachin, dann waren das Haus und die Tribüne, die Herzen aller für eine Stunde ſein unbeſtrittenes Eigen⸗ thum. Dann galt von ihm, was Lamartine von Mira⸗ beau ſagte:„De son entrée dans l'assemblée na- tionale il la remplit; il y est lui seul le peuple entier, ses gestes sont des ordres, ses motions sont des coups d'état. Er beſtieg ſofort die Red⸗ nerbühne, ſobald ſie frei war, oder ſetzte ſich zu einem Freunde inmitten der Verſammlung, denn ein beſonderer Platz war für den Gouverneur nicht angewieſen. Koſſuth begab ſich ſtets zu Fuß in die Verſamm⸗ lung und es war dann rührend anzuſehen, wie ihn Jedermann auf der Straße mit Liebe und Ehrerbietung grüßte. Namentlich waren es die Frauen, die ſämmtlich in ihn verliebt ſchienen. Wo er ſich blicken ließ, hatten ſie nur Augen für ihn. Und doch war Koſſuth nicht gerade ſchön zu nennen. Eine vielſagende Schwermuth umzitterte ſein Auge, wenn er ſchwieg. Leben und Be⸗ deutung gewann ſein Antlitz erſt, wenn er ſprach, zumal wenn er leidenſchaftlich und ungariſch ſprach. Im Deut⸗ ſchen, deſſen er ebenfalls vollkommen mächtig und worin er ſich ſelbſt ſehr correct und elegant ausſprach, war der Accent des Magharen nicht ganz zu verkennen. Ja, es war ein rührender Anblick, Ludwig Koſſuth in 43 Debreczin über die Straße gehen zu ſehen. Alles wich ehrerbietig aus. Hin und wieder rief ein kecker Knabe ſein„Eljen Koſſuth!“ oder ein altes Mütterchen mur⸗ melte andächtig ſeinen Segen. Das Auge des Bauers leuchtete von Freude und Stolz bei ſeinem Anblick, und ehrfurchtsvoll an die Wand gedrückt, gab er ſein„Gott grüß den Herrn!“ auf den Weg. Oft vergaß er dabei ſeine Pelzmütze wieder auf den Kopf zu ſetzen und be⸗ hielt ſie in der Hand, ſolange ſeinem Auge der große Volksfreund ſichtbar blieb. Koſſuth war infolge ſeiner vieljährigen Kämpfe für die Befreiung des Bauernſtandes dem ungariſchen Landmann das Sinnbild der Weisheit und Güte, der Inbegriff alles Guten auf Erden, der Stolz ſeines Lebens, die Hoffnung ſeiner Kinder, die er daran gewöhnte, früh beim Aufſtehen und abends beim Schlafengehen für dieſen Mann zu beten. Jeder ungariſche Bauer war bereit, ſich für Ludwig Koſſuth hängen oder todtſchlagen zu laſſen. „Er iſt zu gut“, ſagte einmal ein Bauer in Debreczin zu ſeinem Nachbar in der Schenke;„er iſt zu gut und will keinem Menſchen weh thun, und daran wird er ſterben. Warum geht er ſo gut mit den Gefangenen um und will nicht, daß ihnen ein Leid geſchieht? Er ſorgt für ſeine Feinde wie für ſeine Kinder. Seht her, da hat er auf eine Zweigulden⸗ note deutſch, ſerbiſch, kroatiſch und was weiß ich Alles 44 drucken laſſen, damit ja kein Menſchenkind betrogen werde. Wenn ich etwas dabei zu ſagen gehabt, ich würde einfach„Eljen Kossuth! Ket forinth!“(Es lebe Koſſuth! Zwei Gulden) haben darauf drucken laſſen und damit gut. Wir hätten's alle verſtanden, nicht wahr? 1 Aber er iſt zu gut. Jeſus Chriſtus ſei mit ihm!“ Solche Verehrung genoß der Mann, in deſſen Händen das Schickſal Ungarns ruhte. Die zweite nicht minder wichtige Perſönlichkeit der damaligen Periode war Arthur Görgei. Am Tage nach der Schlacht bei Schwechat war Görgei früh Major und abends Generaliſſimus der ungariſchen Armee. Koſſuth hatte in ihm das große militäriſche Talent erkannt und ihn zu der wichtigen Stellung er⸗ 3 hoben. Auf Görgei's Befehl erfolgte daher auch die allgemeine rückgängige Bewegung der ungariſchen Armee. In der Gegend von Waitzen trennte er ſich von einem Theile derſelben, ging auf das linke Donauufer über und ſchlug ſeine Richtung nordwärts nach den Gebirgen ein. Hier gedachte er ſich auszubreiten und durch einen combinirten Gebirgskrieg die Macht der Oeſterreicher ſo lange zu beſchäftigen, bis die übrigen Corps der Ma⸗ gharen Zeit gewännen, an den Ufern der Theiß ſich zu vervollſtändigen und zu ſchlagfertigen Armeen heranzu⸗ wachſen. — 45 Von jetzt begannen die genialen und kühnen Ma⸗ növer dieſes jungen Generals, wie ihnen nur wenige in der Kriegsgeſchichte zur Seite geſtellt werden können. Mitten im härteſten Winter führte er ſeine Truppen und Kanonen über die höchſten Spitzen der Karpaten, erſchien bald an der Grenze Galiziens, bald in den Bergſtädten, bald ausweichend, bald verfolgend, bald ſelbſt verfolgt. Vier öſterreichiſche Armeecorps waren aufgeboten, ihn zu vernichten. Wir werden ſpäter er⸗ fahren, auf welche wunderbare Weiſe er ſeinen Verfolgern entging. Viertes Kapitel. Etelka ſaß in der Kloſterbibliothek von Bakony⸗Bel und las in einem alten Geſchichtsbuche über Ungarn, als Benno eintrat. Sie ließ ſofort ihre Lectüre im Stich und kam ihm mit der haſtigen Frage entgegen: „Wie ſteht es, mein Freund? Iſt Eure Wunde vollkommen geheilt und Euer Entſchluß gefaßt?“ „Beides“, war die Antwort des jungen Mannes „Und dieſer Entſchluß?“ „Ich geleite Euch nach Debreczin und ſuche um eine Anſtellung in der Armee nach.“ „Bravo! Bravo!“ rief freudig Etelka.„Und für eine Eurer würdige Stellung laßt mich ſorgen.“ „Ich bin mit der beſcheidenſten zufrieden“, ſagte Benno,„als Fremdling habe ich ohnehin keine Anſprüche. Mein Ehrzeiz beſteht allein darin, der Freiheit und der guten Sache zu dienen, als deren einzige Stütze ich der⸗ 47 malen nur noch das edle Volk der Magyaren erkenne. Mag man mich einen Ueberläufer ſchelten, mir gleich; jede Fahne iſt mir recht, wenn ſie nur zum Kampfe gegen die Thrannei führt, und eine größere Thrannei, als gegenwärtig die öſterreichiſche Reaction treibt, kann es nicht geben. Dieſer Windiſchgrätz hat wie ein zweiter Alba in dem beſiegten Wien gewirthſchaftet. Eine Hin⸗ richtung iſt der andern gefolgt, und das verzweifelnde deutſche Gemüth fragt ſich, ob überhaupt noch ein Gott der Gerechtigkeit und Liebe lebt. Selbſt der edle Meſſen⸗ hauſer iſt als ein Opfer ſeiner deutſchen Vaterlandsliebe gefallen.“ „Wie, Meſſenhauſer?“ rief Etelka.„Hat dieſer doch nur im Auftrage des Reichstags und Gemeinderaths gehandelt!“ „Was fragt ein Windiſchgrätz nach Gemeinderath und Reichstag! Hat er doch ſogar ein Mitglied des deutſchen Parlaments nicht geſchont. Auch Robert Blum iſt den Standrechtskugeln erlegen.“ „Wohlan“ ſprach die Gräfin in ſchöner Erregung, „ſo möge Ungarn der Rächer des niedergetretenen Deutſch⸗ thums ſein.“ „Das iſt auch meine Hoffnung“, erwiderte Benno, „und wenn ich für Ungarn das Schwert ziehe, geſchieht es hauptſächlich mit für Deutſchland.“ 148 „Aber dann, mein Freund“, fuhr Etelka fort, „keinen Tag länger in dieſer thatenloſen Einſamkeit. Auf nach Debreczin, je eher, je lieber!“ Der ehrwürdige Prior des Kloſters trat jetzt ins Gemach. Etelka eilte ihm entgegen. „Mein theurer Vater“, ſprach ſie im weichſten Tone, der ihrer Stimme einen wunderbaren Reiz verlieh,„wie ſollen wir Euch danken für die gaſtliche Aufnahme und liebevolle Beherbergung! Aber Freund Benno iſt von ſeiner Verwundung jetzt vollkommen hergeſtellt und mich ruft das Vaterland. Es hieße darum Eure Güte miß⸗ brauchen, wenn wir ſie noch länger in Anſpruch nehmen wollten. Schafft uns einen Führer, der uns nach Stuhl⸗ weißenburg bringt. Von dort werde ich ſelbſt für Ge. legenheit ſorgen, daß wir wohlbehalten Debreczin erreichen.“ Der Pater hatte ſchweigend zugehört, dann ſchüttelte er das Haupt und ſagte:„Da möchte ich doch den wohl⸗ gemeinten Rath geben, es Euch noch einige Zeit in Bakonh⸗Bel gefallen zu laſſen. Die ganze Gegend von Wieſelburg bis Peſth iſt dermalen mit feindlichen Kriegs⸗ völkern bedeckt, die Kroaten ſtreifen ſelbſt bis in die Ge⸗ gend des Plattenſees, für friedliche Wanderer gewiß nicht die angenehmſte Begegnung. Geduldet Euch, wartet wenig. ſtens die nächſten Ereigniſſe in unſern friedlichen Mauern ab. Vielleicht, daß eine Entſcheidung näher ſteht, als wir 49 glauben, vielleicht auch, daß doch noch eine friedliche Vereinbarung möglich iſt, ehe es zu entſcheidenden Schlägen kommt. Eine ungariſche Deputation, den Grafen Batthyanyi an der Spitze, hat ſich ſelbſt in das Lager des Fürſten Windiſchgrätz begeben. Hoffen wir das Beſte. Und was Euern Aufenthalt hier anlangt, ſeid Ihr beide uns liebe und werthe Gäſte. Ueberlegt es wohl, ehe Ihr Euch von neuem in Gefahr begebt. Gott hat bis jetzt gnädig ſeinen Schutz Euch angedeihen laſſen. Der Menſch ſoll aber ſeine Gnade und Langmuth auch nicht mißbrauchen.“ „Mein würdiger Vater“ verſetzte Etelka,„wie dank⸗ bar ſind wir Euch für Eure große Liebe und Güte! Aber mich duldet es nicht länger, hier müßig die Zeit zu tödten, da ich mir denke, daß ich doch dem Vaterland vielleicht durch meine ſchwache Kraft nützlich ſein könnte. Auch führe ich Briefe bei mir, die dem Gouverneur perſönlich zu überbringen ſind, wie ich ſolches heilig und theuer gelobt habe.“ „Dieſe Briefe, meine Tochter“, erwiderte der Prior,„dürften, wie ſich neuerdings die Sachen geſtaltet, ſicher ihren Werth für Koſſuth verloren haben.“ „Zürnt mir nicht, mein Vater“, ſprach Etelka wieder im weichſten Tone,„wenn ich thun muß, was mir mein Herz gebietet.“ Und Benno bemerkte:„Als friedliche Handelsleute aus Oedenburg, für die wir uns ausgeben, Stolle, Von Wien nach Vilagos. M. 4 50 dürfte wohl von dem herumſchweifenden Kriegsvolke we⸗ niger Gefahr zu befürchten ſein.“ Der geiſtliche Herr reichte Etelka die Hand. „Je nun“, ſprach er,„ſo habe ich wenigſtens meine Pflicht gethan. Ich habe als Menſchenfreund gewarnt. Indeß ſagt auch ein Sprichwort: Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich. So nehmt, Ihr Lieben, wenigſtens meine beſten Segenswünſche für Eure Zukunft.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Hausglocke an der Oſtſeite des Kloſters geläutet wurde, was anzeigte, daß ein Fremder Einlaß begehre „Wir bekommen Beſuch“, ſagte der Prior,„da werden wir gewiß neue Nachrichten von der Außenwelt erhalten.“ Er entfernte ſich, und bald darauf trat der ehrliche Vater Wamba, der Zigeunerhäuptling, ins Zimmer. „Wamba!“ riefen Benno und Etelka aus einem Munde und freudig bewegt.„Das iſt ja ſchön, daß Ihr uns auch einmal in unſerer Einſamkeit beſucht.“ „Wie ſieht es draußen aus?“ fragte das Fräulein. „Was machen die Kroaten?“ erkundigte ſich Benno. „Sprecht mir von dieſem Auswurfe der Menſch⸗ heit nicht!“ verſetzte der Alte.„Sie haben mir ſeit wenig Wochen nicht weniger denn dreimal meine Zelte total ausgeraubt und das letzte Mal am ſchlimmſten Die 51 Maulwürfe können bei ihnen in die Schule gehen, ſo haben ſie ſelbſt das Erdreich aufgewühlt; aber es ſchien mir diesmal mehr aus Rache als aus Raubſucht, weil ſie das nicht fanden, was ſie ſuchten.“ „Und was wäre das?“ fragte Benno. „Nun, was ſonſt als das ſchöne Fräulein hier, das ich freilich in ihrem entſtellten Angeſicht an jenem Abende nicht als ſolches erkannte.“ „Mich?“ rief verwundert Etelka und glaubte nicht recht gehört zu haben. „Ich witterte ſchon damals ſo etwas“, fuhr Wamba fort;„ich habe in ſolchen Dingen eine beſondere Naſe. Darum drängte mich's auch, Euch möglichſt ſchnell unter Dach und Fach zu bringen, wo Ihr vor den Kroaten geborgen wäret.“ „Dieſe Beſorgniß“, ſprach Benno,„war wohl mehr ein Kind Eurer lebhaften Einbildung.“ „Ich muß doch wiſſen, was ich weiß“, gegenredete der Zigeuner.„Die Kroaten ſuchten die ſchöne Jung— frau auch weniger für ſich als für einen Andern, der kein Kroate iſt, ſich aber ihren Hauptmann nannte. Dieſer Satan in Menſchengeſtalt muß doch um Eure Flucht gewußt und auch von der Richtung Kunde gehabt haben, die Ihr genommen. Kaum hatten wir das Lager ver⸗ laſſen, war er auch ſchon da mit ſeiner Rotte und hat eine Hausſuchung gehalten, die der geriebenſten Polizeiſpürnaſe zur Ehre gereichen würde. Die brennende Puſzta hatte ihm als Wegweiſer und Laterne geleuchtet. Aber das Vöglein war bereits ausgeflogen. Nehmt Euch übrigens vor der Beſtie in Acht! Sie weiß um Euer Verſteck und hat ihre Pläne gewiß noch nicht aufgegeben.“ Wamba mußte jetzt die Perſönlichkeit des betreffen-. den Kroatenhäuptlings näher beſchreiben und Benno wie Etelka erkannten ſofort den Franz Tüdok, den ungerathe⸗ nen Pflegeſohn des wackern Straſſer. „Ich ſchieße den Böſewicht nieder, wo er mir in den Weg tritt“ erklärte Benno. „Schon gut“, meinte der Zigeuner,„aber die Nürn⸗ berger, heißt ein deutſches Sprichwort, hängen keinen, bevor ſie ihn nicht haben. Auch iſt die Beſtie ſchlau wie ein Fuchs und blutdürſtig wie eine Hhäne. Doch“, fuhr er fort,„daß ich die Hauptſache nicht vergeſſe um derentwillen ich eigentlich gekommen bin.“ Er wandte ſich an Etelka. „Schönes Fräulein“, begann er,„und daß Ihr ein ſolches und kein Rußbuttenjunge, wofür ich Euch anfäng⸗ lich gehalten, iſt zwar eine ausgemachte Sache, aber dürfte ich mir wohl jetzt die Frage erlauben, ob Ihr eine gewiſſe Etelka, die Tochter des Grafen Bardy, kennt?“ Etelka entfärbte ſich, doch gewann ſie ſofort wieder 53 ihre Faſſung, und da keine Urſache vorhanden, dem alten Manne zu mißtrauen, erwiderte ſie: „Das bin ich ſelbſt!“ „Wenn dieſes der Fall“, fuhr Wamba fort,„hat mich auch diesmal mein Spürſinn nicht übel berichtet, denn ich hab' ein Brieflein an Euch, das durch einen meiner Leute, der nicht wußte, was er damit anfangen ſollte in meine Hände gerathen.“ Raſch erbrach Etelka die an eine Wiener Familie adreſſirte Zuſchrift und las: „Theure Schweſter! „Durch ein unglückſelig Verhängniß bin ich in die Gefangenſchaft unſerer eigenen Landsleute gerathen und ſchwebt die Vollſtreckung des Todesurtheils ſtündlich über meinem Haupte Man hat mein Vertrauen gemißbraucht und mich, der ich keine Ahnung von dem Betrug hatte, der mit mir geſpielt wurde, ins Verderben geſtürzt. Ich bin unſchuldig, Etelka, glaube mir, an dem ſcheußlichen Verbrechen, deſſen man mich zeiht. Von einer hochge⸗ ſtellten Familie Wiens beſtürmt, gab ich mich her, ein Vriefpaket, von welchem man mir glauben machte, daß es blos Familienangelegenheiten enthalte, an einen öſter⸗ reichiſchen Offizier bei Jellachich's Heer zu beſorgen. Es enthielt aber hochverrätheriſche Correſpondenzen. Sie ge⸗ langten in die Hände des ungariſchen Generals Kmety. 54 der ein Streifcorps befehligte. Ich wurde trotz aller Betheuerung meiner Unſchuld vor ein Kriegsgericht ge⸗ ſtellt und zum Tode verurtheilt. Nur der Gouverneur Un⸗ garns kann mich retten, und da ich weiß, wie ſehr er Dich als Patriotin ſchätzt, bitte ich um Deine Fürſprache. Die Vollſtreckung des Urtheils iſt aufgeſchoben, bis der Entſcheid des Gouverneurs einläuft. Da ich durch ein glücklich Ungefähr erfahren, daß Du Dich dermalen in Wien befindeſt, mir aber Deine Adreſſe unbekannt iſt, habe ich dieſen Brief an die uns beiden bekannte Fa⸗ milie Lambach gerichtet. Das ſicherſte Mittel, mich zu retten, wäre gewiß, wenn Du perſönlich zu mir eilteſt, denn Ge⸗ neral Kmeth kennt und ſchätzt Dich. Gewiß, theure Schweſter, wirſt Du nichts unterlaſſen, was zur Rettung Deines unglücklichen Bruders beitragen kann. Aber gedenke, an jeder Stunde Verzögerung hängt mein Leben. Unſer Corps manövrirt gegenwärtig zwiſchen Moor und Stuhl⸗ weißenburg.“ Mit tiefer Erſchütterung hatte Etelka zu Ende geleſen. „Unglücklicher“, rief ſie,„wozu haſt Du Dich verlei. ten laſſen! Sollte es vielleicht die Strafe ſein, daß Du den Verlockungen einer Sirene nicht zu widerſtehen ver⸗ mochteſt und eine Zeit lang Dein Vaterland vergaßeſt? Gleichviel“, fuhr ſie nach kurzem Beſinnen fort, 5⁵ „mein Entſchluß iſt gefaßt, kein Augenblick iſt zu ver⸗ lieren.“ Sie wandte ſich an Benno. „Freund, wollt Ihr mir folgen? Ich eile in das Lager von Kmeth.“ „Welches ſich jetzt“, ſprach Wamba,„ſoweit meine Kenntniß reicht, bereits zwiſchen Donau und Theiß befindet.“ „Wo immer es ſei, ich werde es finden“, rief Etelka, „doch jetzt ſagt, wie kam dieſes Schreiben in Eure Hände?“ „Einer meiner Leute“, war die Antwort des Zi⸗ geuners,„ſollte es nach Wien an ſeine Adreſſe beſorgen, kam aber, es ging dort gerade am ſchlimmſten her, nicht durch. Er war gezwungen, unverrichteter Sache umzu⸗ kehren.“ „Gott im Himmel“ rief Etelka,„wenn ich zu ſpät käme.“ Benno tröſtete ſie und gelobte ihr auch ferner ein getreuer Beſchützer zu ſein. Füuftes Kapitel. Der Gouverneur von Ungarn, Ludwig Koſſuth, ſchritt in ſeinem Wohnzimmer zu Debreczin haſtig auf und nieder. Die höchſte Unruhe hatte ſich ſeines ganzen Weſens bemächtigt. Von Zeit zu Zeit erſchienen Offiziere mit Meldungen und ſeine erſte Frage war ſtets:„Keine Nachricht von Görgei?“ „Keine!“ war die ſtete Antwort. Kuriere langten an aus der Gegend des nördlichen Ungarn. Es folgten Berichte über die unterſchiedlichen Stellungen der öſterreichiſchen Corps. Von Görgei ſelbſt, der mit ſeinen Truppen in den unwirthbaren Gründen der Karpaten manövrirte, keine Kunde. Bei dem auffälligen Ausbleiben jedes Berichts trat die Befürchtung ein, daß er völlig abgeſchnitten und ſammt ſeinem Corps dem Untergange preisgegeben ſei. General Klapka trat ins Zimmer. ie—— 57 „Es unterliegt keinem Zweifel mehr“, war deſſen düſterer Bericht,„Schlick hält den Brangiskopaß beſetzt. Von Leutſchau nach Kaſchau und Eperies führt keine andere Straße als durch ihn. Wie Görgei hier durch will, wenn Gott ihm keine Flügel verleiht, um über die Berge zu fliegen, iſt mir unbegreiflich.“ „Die Karte!“ rief Koſſuth. Einer der Secretäre breitete eine ſolche, auf welcher die nördlichſten Comitate ſehr ſpeciell verzeichnet ſtanden, auf dem Tiſche aus. Der Gouverneur ſtemmte ſich mit beiden Armen auf dieſelbe und ſeine Augen irrten durch die verſchlun⸗ genen Gebirge, Hochebenen und Päſſe. Klapka wies die unterſchiedlichen Bewegungen, welche ſowohl die Ungarn wie die Heſterreicher gemacht, überſichtlich nach und ſchloß mit den Worten: „Görgei iſt zu ſpät in Iglo eingetroffen, um ſich des Brangiskopaſſes zu rechter Zeit zu bemächtigen. Zwei Nächte zuvor iſt ſeine Avantgarde durch Fahrläſſigkeit der Vorpoſten überfallen worden und nur die helden⸗ müthige Tapferkeit der Truppen hat einen großen Theil des Artillerieparks gerettet. Letzterer befand ſich in den Straßen von Neudorf, als die Oeſterreicher den Ueber⸗ fall unternahmen. Ihre Raketen kamen maſſenhaft ge⸗ flogen und die geſammte Munition war verloren, wenn 58 nicht die Honveds und Bauern, die ſich ſelbſt durch die härteſte Winterkälte nicht abhalten ließen, die Pulver⸗ wagen mit naſſen Tüchern überhängt und mit Lebens⸗ gefahr aus der Feuerlinie geſchafft hätten. Trotzdem gewannen die Heſterreicher einen Vorſprung von zwei Tagen und der verhängnißvolle Paß fiel in ihre Hände. Wie geſagt, wenn der Himmel nicht Zeichen und Wunder thut, iſt Görgei rettungslos verloren.“ Koſſuth, unverwandt den Blick auf die Karte ge⸗ richtet, fragte:„Und einen andern Ausweg, ſich durch⸗ zuſchlagen, vielleicht nach dem Süden, um Komorn zu erreichen, gibt es nicht?“ „In dieſer Richtung verſperren die Corps von Götz und Simonich den Weg“, war Klapka's Ant⸗ wort. „Sind keine der Landſchaft kundigen Landsleute aus jener Gegend in Debreczin aufzutreiben?“ fuhr der Gou. verneur fort. „In der Sattlerwerkſtätte von Meiſter Dabrikow“, verſetzte der General,„arbeiten zwei Geſellen aus dem Zipſer Comitat, beide als ehemalige Wildſchützen in den dortigen Gebirgen wohlbewanderte Burſchen. Sie können aber nichts Anderes ausſagen, als wir bereits wiſſen.“ „Sie ſollen kommen“, befahl der Gouverneur. Bereits nach einer kleinen halben Stunde befanden 59 ſich die beiden jungen Männer aus dem Zipſer Comitate dem Gouverneur gegenüber. Koſſuth richtete mehrere topographiſche Fragen an ſie deren Beantwortung ihn wenig zu befriedigen ſchien. „Herr Gouverneur“, ſagte endlich der eine der Ge⸗ rufenen,„wo befindet ſich dermalen General Görgei mit ſeinem Corps?“ „Nach den letzten Berichten zwiſchen Leutſchau und Iglo“, erwiderte Koſſuth. „Und der Brangiskopaß?“ fragte der Handwerke weiter. „Iſt von Oeſterreichern beſetzt“, ſagte Klapka. „Und wie ſtark wohl?“ „Mit mindeſtens zehntauſend Mann“, meinte der General. „Dann iſt es für General Görgei keine Möglichkeit durchzukommen. In unſerer Gegend geht ein Sprichwort, daß der Brangiskopaß mit geringer Mannſchaft gegen Hunderttauſende zu halten ſei.“ „Und iſt auf der langen Strecke keine Thalſchlucht, kein Bergweg, der einen Durchgang verſtattete?“ „O, der Schluchten und Bergwege die Menge für den Jägersmann, für den Ziegenhirten, aber nimmer für ein Corps mit Reiterei und Geſchütz.“ „Herr Gouverneur, glaubt meinem Bruder“, beſtä⸗ 60 tigte der andere Geſelle,„er kennt ſeit Jahren alle Wege und Schliche in jener Gegend. Es gibt aus jenem Keſſel nur einen Ausweg, es iſt der Brangisko.“ „Du lügſt! Es gibt einen!“ tönte eine Stimme im Grabestone, daß alle Anweſenden unwillkürlich ſich der Richtung zuwandten, von woher die Stimme erklungen. Da ſtand am Eingang eine Geſtalt, in einen dun⸗ keln Mantel gehüllt und mit faſt ganz verhülltem Geſicht. „Wer wagt es, ſich hier unberufen einzudrängen?“ fragte barſch General Klapka. Die Geſtalt würdigte dieſe Frage keiner Antwort. Sie verharrte noch einige Sekunden in ihrer unheimlichen Stellung, dann trat ſie auf den Gouverneur zu und ſchlug den Mantel auseinander. Es war Etelka, die Tochter des Grafen Bardy. Aber der frühere Lebens⸗ muth war aus den ſchönen Zügen gewichen. Marmor⸗ bläſſe bedeckte ihr Geſicht und ſchwarze Kleidung um⸗ hüllte ihre Glieder. Koſſuth, als er dieſes Trauergewand erblickte, trat erſchrocken zurück. Ein entſetzlicher Gedanke durchzuckte ſein Innerſtes. „Etelka“, rief er,„ſchon zurüc?⸗ Dann winkte er den Anweſenden, ſich zu entfernen, und Siß die Hand des Mädchens. Sie war eiskalt. verſtand, wandte ſich ab und bedeckte mit beiden Händen Füße ihren Dienſt und ich ſank hin in die einſame 61 Er geleitete die Schwarzgekleidete nach dem Sopha und vermochte, von ſchmerzlicher Ahnung durchzuckt, nichts als die Worte zu wiederholen:„Schon zurück, Etelka?“ Eine andere Frage erſtarb auf ſeiner Lippe. „Ich kam zu ſpät“, war die tonloſe und verhäng⸗ nißvolle Antwort. Koſſuth, der den Sinn dieſer Worte nur zu gut ſein Geſicht. Etelka fuhr fort: „Ich habe fünf Pferde zu Tode geritten. Schon tauchten in der Morgendämmerung die Zinnen von Szolnok über Moor und Steppe empor. Das fünfte Pferd brach unter mir zuſammen. Ich eilte, von Todes⸗ angſt beflügelt, zu Fuße weiter, endlich verſagten die Steppe. Raſch raffte ich mich wieder empor, ich mußte weiter, es mochte koſten, was es wollte. Ich kam der Stadt immer näher, ſchon konnte ich die äußern Häuſer unterſcheiden, obſchon meine Augen blutgeröthet waren vom entſetzlichen Ritt. Es war noch ſehr früh und ſtill. Ich bleibe einige Augenblicke ſtehen, um Athem zu ſchöpfen. Da bewegt ſich aus dem einen Stadtthor lautlos und ſtill ein Soldatenpiket, das den Weg nach der nahegelegenen ſogenannten Bürgerwieſe einſchlägt. Eine grauenhafte Ahnung durchzuckt mein Innerſtes. Ich laufe darauf zu, ich verſuche zu rufen, aber die Stimme verſagt mir, ich winke mit meinem weißen Taſchentuch— vergebens. Das Piket formirt ſich. Ich reiße in der höchſten Verzweiflung Deinen Brief hervor. Ich rufe und ſchreie von neuem— vergebens; der Stimme Schall trägt nicht ſo weit, wie das Auge ſieht. Da— da— durch die ſtille Morgenluft— Flinten⸗ ſchüſſe, dann Alles wieder ſtill. Es wird Nacht um mich, ich ſinke hin. Eine Ohnmacht umhüllt meine Sinne.“ Hier ſchwieg Etelka. Koſſuth hatte ſich abgewandt. Er vermochte nicht der Jungfrau in das marmorblaſſe Antlitz zu ſchauen. Etelka fuhr fort:„Als ich wieder zum Bewußtſein kam, ſaß General Kmeth an meinem Lager. Sein Auge war feucht. Voll innigſter Theilnahme hielt er meine Hand umfaßt.“ Es erfolgte wieder eine Pauſe. Koſſuth unterbrach endlich das ſchmerzvolle Schweigen. „Armes, armes Kind“, ſprach er,„tröſte und ſtärke Dich Gott; ich vermag es nicht.“ Dem Leſer wird es nicht ſchwer werden, den Grund zu dieſer Scene zu errathen. Der Schweſter Imre's hatte es keine Ruhe gelaſſen, das Corps, bei welchem ihr Bruder gefangen ſaß, ausfindig zu machen. Je weiter ſie aber durch Gefahren und Mühſeligkeiten aller Art vordrang, deſto tiefer zog ſich General Perczel, von deſſen Corps die Truppenabtheilung Kmety's eine Diviſion bildete, in die Theißgegend zurück. Etelka, oft tagelang durch die nachfolgenden öſterreichiſchen Corps aufgehalten und zu Umwegen gezwungen, beſchloß endlich, die Verfolgung der betreffenden Truppe aufzugeben und ſich unmittelbar nach Debreczin zu wenden. Nach übermenſchlicher An⸗ ſtrengung gelang ihr dies auch. Sie eilte ſofort zum Gouverneur, um Gnade für ihren Bruder zu erflehen. Koſſuth erbleichte, als er ihr Anliegen vernahm. „Um Gotteswillen, Etelka“, rief er,„warum nicht einen Tag früher? Erſt geſtern iſt die Ordre, welche hinſichtlich der Spionage und des Hochverraths die Ge⸗ walt über Leben und Tod in die Hand der einzelnen Corpscommandanten legt, abgegangen. Beide Verbrechen nahmen in neueſter Zeit ſo überhand, daß mir nichts Anderes übrig blieb.“ „Und Perczel“ ſchrie Etelka auf,„commandirt das Corps, wo mein Bruder gefangen? So iſt er verloren!“ Ihre Stimme brach in gewaltigem Schmerze. Sie ſank wie vernichtet in die Kiſſen des Sophas. Doch gleich darauf raffte ſie ſich wieder empor. „Perczel“, rief ſie,„dieſer wüthende Demokrat, wird keinen Augenblick Anſtand nehmen, von der Gewalt, die Du in ſeine Hand gelegt, ſchleunigſt Gebrauch zu machen, 64 um an dem Sohne eines der älteſten Adelsgeſchlechter Rache zu nehmen.“ „Wohlan“, ſprach raſch der Gouverneur,„ſo werde ich augenblicklich einen Eilboten ſenden, der mein Gnaden⸗ wort überbringt.“ „Nein, nein, keinen Eilboten! Was iſt ein ſolcher gegen die Liebe einer Schweſter! Wo befindet ſich das Hauptquartier?“ „In Szolnok“, war die Antwort des Gou⸗ verneurs. „Wohlan“, fuhr Etelka in höchſter Erregtheit fort, „Du ſchreibſt den Gnadenbrief, indeß eile ich das ſchnellſte Roß ſatteln zu laſſen Iſt es eine Möglichkeit, den Un⸗ glücklichen zu retten, vermag nur ich es. Die Liebe wird mir Flügel leihen.“ Koſſuth warf ſofort das Wort der Gnade auf ein Papier, welches Etelka mit Haſt ergriff und davoneilte ohne weitern Abſchied zu nehmen. „Herrliches Kind!“ ſprach der Gouverneur Ungarns mit tiefer Rührung.„Möge ein guter Genius dem Vaterland auch viel ſolche Männer beſcheren, und ich vertheidige es gegen Europa.“ Bereits nach einer Stunde ſah man eine Reiterin. Debreczin im Rücken, durch die Steppe jagen und die Richtung gen Szolnok einſchlagen. Bereits in Szoboszlo 65 vermochte das gehetzte Roß nicht weiter. Etelka beſtieg ein zweites. Auch dieſes brach in der Nähe von Kardzag zuſammen. Mit Mühe gelang es ein drittes aufzutreiben. Auch dieſes unterlag nach einiger Zeit dem Parforee⸗ ritt. Ein viertes ward in der Puſzta Abo erhandelt; aber erſt mit dem fünften und nachdem auch dieſes zuſammengebrochen, ſtiegen die Zinnen von Szolnok am Horizonte empor. Das Weitere weiß der Leſer. Etelka war trotz ihrer übermenſchlichen Anſtrengung und Auf⸗ opferung zu ſpät gekommen. Sie fand nur die Leiche ihres Bruders Imre. Als die Nachricht von dem Tode des jungen Grafen Bardy nach Wien gelangte, war gerade große Soirée in den Salons der Gräfin Stephanie. Die heitere Stim⸗ mung über die Beſiegung Wiens ſowie über das ſieg⸗ reiche Vordringen des Fürſten Windiſchgrätz war bei dem hier verſammelten Publikum ſo groß, daß die Todesbot⸗ ſchaft nur einen vorübergehenden Eindruck hervorbrachte. Selbſt Ottilie, welcher zu Liebe der Graf ſich in Gefahr und Tod geſtürzt hatte, blieb ſehr ruhig. „Bardy“, ſagte ſie,„muß ſeine Sache ſehr unprak⸗ tiſch angefaßt haben. Bei nur einiger Vorſicht durfte er die betreffenden Briefſchaften troßz der. Unter⸗ ſuchung nicht finden laſſen.“ „Es iſt ſchade um das junge Blut“, meinte die Grä⸗ Stolle, Von Wien nach Vilagos. M. 5 66 fin Stephanie,„er hätte unſerer Sache vielleicht noch manchen Dienſt leiſten können.“ „Beruhigt Euch, Gräfin“, tröſtete Baron Roſen⸗ berg.„Was hätte er uns noch nützen können, da wir, dank dem ausgezeichneten Talente des Fürſten Windiſch⸗ grätz, die Herren Magharen jetzt nicht mehr zu fürchten haben?“ Der Abbe Franconi mit ſeinem ſtereotypen Lächeln fügte bei:„Ein ungariſcher Heißſporn weniger.“ Wir kehren nach Debreczin zurück, in die Wohnung Koſſuth's, welchem Etelka die Nachricht von dem Tode ihres Bruders überbracht hatte. Der Gouverneur war durch dieſe Nachricht dermaßen erſchüttert, daß er eine Zeit lang ſelbſt Görgei's verzweifelte Lage, wie ſehr ſie ihm auch am Herzen nagte, vergaß und die ganze Innigkeit ſeines Gemüthes aufbot, die um den Bruder trauernde Schweſter zu tröſten. „O Etelka“, ſagte er mit tiefer Betrübniß,„ich ſchaue düſter in die Zukunft und trübe Ahnung ſagt mir, daß wir in dieſem Kriege noch manches theure Opfer zu bringen haben werden.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Das Einzige, was mich beruhigt, iſt, daß Imre nicht als Feind gegen ſein Vaterland gefallen, ſondern iiiteibciiihen 67 nur als unbewußtes Werkzeug unſerer Gegner, die ſein Vertrauen gemißbraucht. Darum ſoll ſein Name auch ferner uns unbefleckt erhalten bleiben. Ein Tagesbefehl wird der Nation bekannt machen, durch welch beklagens⸗ werthes Mißverſtändniß, durch welche unglückſelige Ver⸗ kettung der Umſtände das traurige Geſchick des Grafen herbeigeführt worden iſt.“ Etelka hatte lange ſchweigend zugehört. Sie ſchien gefaßter. Sie ſtand auf, ging auf Koſſuth zu und legte ihre Hand auf ſeine Schulter. „Lajos“, ſprach ſie,„ich kann jetzt den Gedan⸗ ken nicht zurückweiſen, daß es alſo kommen mußte. Warum war mir es nicht vergönnt, einen Tag früher nach Debreczin zu kommen? Warum mußte gerade Perczel es ſein, der über das Geſchick meines Bruders zu ge⸗ bieten hatte? Jeder andere General würde bei der Voll⸗ ſtreckung des Urtheils nicht mit ſolcher Eile zu Werke gegangen ſein. Es wäre mir dann möglich geweſen, ihn zu retten. Dunkel, düſter und unergründlich ſind die Wege der Vorſehung. Wie dem ſei, hat Imre gefehlt, indem er auch nur eine kurze Zeit im Lager des Fein⸗ des ſich blicken ließ, ſo hat er dieſen Fehler gebüßt. Nimmer würde er ſich zu der Miſſion in das Lager Jellachich's verſtanden haben, hätte er nur eine Ahnung davon gehabt, daß er damit einen Verrath an ſeinem 5* 68 Vaterlande begehe. Harmloſe Privatbriefe glaubte er zu beſorgen, für eine einfache Gefälligkeit hielt er es, die er den ſüßen Bitten einer Sirene nicht glaubte verſagen zu dürfen.“ Wieder erfolgte eine Pauſe. Dann fuhr Etelka in unnachahmlichem Tone fort: „Lajos, habe ich auch den Bruder nicht zu retten vermocht, da er von der Vorſehung dem Untergange geweiht ſchien, ſo will ich doch verſuchen, dem Vaterlande eine brave Armee zu retten.“ Koſſuth blickte bei dieſen Worten die ihm faſt wie Scherz klangen, wenn ſie nicht Etelka in ſo ernſter Stimmung geſprochen, verwundert auf. Der Gedanke an Görgei trat wieder in den Vordergrund und be⸗ mächtigte ſich ſeines ganzen Weſens. Er erinnerte ſich zugleich der verhängnißvollen Worte, die Etelka geſprochen, als ſie unbemerkt ins Zimmer getreten war. „Etelka“, ſagte er,„ich verſtehe Dich nicht, erkläre Dich. Von welcher Armee ſprichſt Du?“ „Von welcher könnte ich ſprechen als von der Görgei's, der dermalen ſo umſtellt iſt wie der Edelhirſch von der Meute?“ „Leider Gottes“, ſeufzte der Gouverneur,„aber—“ „Sie iſt verloren, ſo ich ihr nicht den Weg zeige.“ Koſſuth glaubte noch immer nicht recht gehört zu 69 haben und ſchaute in der That ungewiß, ob Etelka im Ernſt ſpreche, auf die Jungfrau, deren Haltung und Ton jetzt etwas Prophetiſches hatten. Etelka fuhr fort:„Ich kenne den Ort, wo Görgei eingeſchloſſen iſt, wie meine zweite Heimat. Mein Vater beſitzt mehre Meiereien daſelbſt. Da ich als ſchwächliches Kind an meinem Geburtsorte nicht recht gedeihen wollte, zog meine Mutter mit mir auf einige Jahre in jene Gegend, wo ich alsbald in der friſchen Gebirgsluft zu einem kräftigen Mädchen heranwuchs, dem kein Berg zu hoch, kein Roß zu raſch und zu wild war.“ Koſſuth begriff noch immer nicht, wie Etelka, wenn ſie auch in jener Gegend bekannt ſei, die Retterin des eingeſchloſſenen Corps werden wolle. Nachdem ſie noch einige Mittheilungen über die be⸗ treffenden Oertlichkeiten gemacht und letztere ſo genau beſchrieben, daß man ſie vor Augen zu ſehen glaubte, führte ſie den Gouverneur an den Tiſch, wo die Karte von Ungarns nördlichen Comitaten noch ausge⸗ breitet lag. Koſſuth folgte ihrer Beſchreibung mit der größten Aufmerkſamkeit. Plötzlich blieb der Zeigefinger ihrer rechten Hand auf einem Punkte der Karte ruhen. Ihre Rede ward leiſer und geheimnißvoller. Das Intereſſe des hohen Zuhörers wuchs von Minute zu Minute. Endlich 70 erreichte ſein freudiges Erſtaunen den höchſten Grad. Es wirbelte ihm im Gehirn und vor den Augen. Er ſchloß Etelka entzückt in ſeine Arme. „Mädchen“, rief er begeiſtert,„wenn Du die Wahr⸗ heit geſprochen, woran ich nicht zweifle, und wenn Dein Plan gelingt, wie ſoll das Vaterland Dir danken?“ „Vor allem einen Empfehlungsbrief an Görgei, daß ich mich legitimiren kann“, ſprach Etelka;„für das An⸗ dere laß mich ſorgen.“ Der Gouverneur eilte an ſein Schreibpult. Ein Brief an Görgei war ſofort aufs Papier geworfen. „Hier, Ungarns guter Genius“ ſprach er, das Ge⸗ ſchriebene Etelka überreichend,„lege ich das Geſchick unſerer Braven in Deine Hand. Mögen Gott und ſeine Engel Dir ſchützend zur Seite ſtehen.“ Er küßte zum Abſchied die ſchöne Stirn der Jung⸗ frau.„Nimm“, ſagte er in tiefer Bewegung,„meine beſten Wünſche und die des geſammten Ungarnlandes mit.“ Bereits zwei Stunden ſpäter befand ſich Etelka, als ſlowakiſche Bäuerin verkleidet, im leichten Geſchirr, vor welches ein muthiges Rößlein geſpannt war⸗ auf dem Wege nach den Karpaten. Sechstes Kapitel. Eine wilde Gebirgswelt mit himmelhohen, ſchnee⸗ bedeckten Gipfeln umgab das ungariſche Heer, und an allen Thoren, die zu dieſem Felſenkeſſel führten, lagerte der überlegene Feind. Nach vier Seiten hin hatte Gör⸗ gei die außerordentlichſten Anſtrengungen gemacht, ſich durchzuſchlagen. Vergebens, der letzte Verſuch hätte ihm faſt das Leben gekoſtet. Sein beſter Freund wurde an ſeiner Seite getödtet. Sein Pferd, ebenfalls getroffen, ſtürzte unter ihm zuſammen. Ein Huſar ſprengte herbei, reichte dem Feldherrn die Hand und zog ihn mit Ge walt aus dem verheerenden Feuer. Als er todmüde und kummervoll ſein Quartier erreichte, bemerkte er, daß ſein Tſchako von einer Kugel durchbohrt war. Sie war zwiſchen Cocarde und Sturmband hindurchgegangen. „Warum nicht eine Spanne tiefer“, murmelte er für ſich. Das Leben hatte in ſeiner jetzigen Lage keinen 72 Reiz mehr für ihn. Seine letzte Hoffnung, den Bran⸗ giskopaß vor dem Corps des Generals Schlick zu errei- chen, war durch ein kühnes Manöver des letztern ver⸗ eitelt worden. Die Nacht war herabgeſunken. Ein rauher, ſtern⸗ loſer Himmel deckte Berg und Thal. Noch immer ſaß Görgei vor der Karte und quälte ſein Gehirn, einen Ausweg aus ſeiner bedrängten Lage zu finden. Zwei Adjutanten ſtanden düſter in der Ecke. Eine unheim⸗ liche Stille herrſchte, nur von dem Picken einer kleinen Stutzuhr unterbrochen. Da knarrt leiſe die Thür. Der dienſtthuende Offizier tritt ein. Er meldet eine Dame. „Eine Dame?“ fragte verwundert Görgei.„Und in ſolcher Stunde?“ „Sie ſagt, ſie komme von Debreczin“, lautet der Bericht des Offiziers weiter. „Von Debreczin? Unmöglich! Ich laſſe ſie bitten, einzutreten.“ Der Feldherr war aufgeſtanden und blickte erwar⸗ tungsvoll nach der Thür. Die gemeldete Dame trat ins Zimmer. Es war Etelka. Sowie ſie Görgei erſchaute, zog ſie ſchwei⸗ gend ein Papier aus dem Vuſen und überreichte es ihm. Der Feldherr überflog das Papier, aber kaum hatte er die Handſchrift des Gouverneurs von Ungarn 73 erkannt und ſich von dem Inhalt unterrichtet, als ſein Staunen den höchſten Grad erreichte. Er bat auf das zuvorkommendſte die Eingetretene, auf dem Sopha Platz zu nehmen. Nachdem Etelka ſeiner Einladung Folge geleiſtet, ſagte ſie:„Ich habe unter vier Augen mit dem Gene⸗ ral Görgei zu ſprechen.“ Auf einen Wink des letztern entfernten ſich die beiden Adjutanten. Görgei ſelbſt nahm Etelka gegen⸗ über auf einem Stuhle Platz. Seine erſten Worte waren: „Welch ein Stern in dunkler Nacht! Schon lange war es der Wunſch meines Herzens, die edle Perle Ungarns, deren Patriotismus wie Glockenton an mein Ohr ge⸗ klungen, von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen.“ Etelka ſchien dieſen huldigenden Worten keine wei⸗ tere Beachtung zu ſchenken. Sie blieb ſehr ernſt. Kein Lächeln umſpielte ihren Mund.„Eure Lage, General“, ſprach ſie,„iſt die gefahrvollſte, die ſich denken läßt.“ Ein Seufzer des Feldherrn geſtand, daß er dieſe gefahrvolle Lage nur zu gut kenne. „Ich habe mich“, fuhr Etelka fort,„perſönlich davon überzeugt. Drei Tage lang habe ich die Lager des Feindes durchſtreift, bald als Marketenderin, bald als Zigeunerin. Nach allen Seiten hin ſind die Wege vom Feinde ver⸗ legt. Das Defilé von Szelnakna iſt ſo überreich mit Ka⸗ 74 nonen beſetzt, daß Ihr hier allein die Hälfte des Heeres opfern müßtet und doch nicht durchkommen würdet.“ Auch dies mußte Görgei mit Trauer zugeſtehen. Etelka ſtand auf und trat an den Kartentiſch. Ihr Auge leuchtete feurig. „Wenn es Euch aber, General, gelänge, die Batte⸗ rien von Szelnakna im Rücken zu faſſen, dann wäre jenſeits der Weg vollkommen frei. Denn von dort bis zum Brangiskopaß iſt keine einzige Ortſchaft beſetzt. gZwei Bataillone und einige Sechspfünder“, fuhr Etelka fort,„würden hinreichen, den Weg frei zu machen.“ „Ganz ſchön“, ſprach der Feldherr, indem ein trübes Lächeln ſeine Züge überflog,„aber die Kunſt, mit Bataillonen und Batterien durch die Luft zu marſchiren, iſt noch nicht erfunden.“. „Durch die Luft nicht“, erwiderte Etelka,„da habt Ihr wohl recht; aber es gibt noch einen andern Weg.“ „Und dieſer wäre?“ fragte Görgei ungläubig. „Durch die Erde!“ war die inhaltſchwere Antwort. Der Feldherr glaubte nicht recht gehört zu haben. Er wußte nicht, ob Etelka im Ernſt oder Scherz rede. Letztere ſchien das zu bemerken und fuhr fort:„Glaubt nicht, daß ich, um Scherz mit Euch zu treiben, hierher gekommen bin, oder daß Thorheit aus mir ſpricht. Ver⸗ nehmt meine Rede und dann faßt Euren Entſchluß.“ 75 Görgei begriff noch immer nicht, wo Etelka mit ihrem dunklen Ausſpruch hinauswollte, doch erwiderte er nichts, und die Gräfin Bardy fuhr fort: „Keine halbe Stunde von hier liegen zwei Meiereien meines Vaters. Noch erinnere ich mich deutlich aus meiner Kindheit, wie ich als wildes Mädchen mit meinen kleinen Gefährtinnen in die Berge ſpielen ging. Da gab es ein verſtecktes Thal, das wir das Veilchenthal nannten, weil es zur Frühlingszeit ganz blau mit Veilchen über⸗ zogen iſt. Hier mündet aus den Bergen eine Art Tunnel, deſſen Eingang uns oft zum Verſtecken diente. Eines Tages machten böſe Buben Jagd auf uns. Meine Ge⸗ fährtinnen zerſtreuten ſich nach allen Richtungen, ich aber flüchtete in dieſe Bergeshöhle. Einige der Buben ver⸗ folgten mich. In der Angſt meines Herzens eilte ich trotz der Finſterniß, die mich umgab, immer weiter. Die Verfolger, deren Stimme ich deutlich vernahm, blieben mir auf den Ferſen. Sie glaubten, daß ich ihnen nicht entrinnen könnte. Ich drang immer vorwärts. Den Athem anhaltend, tappte ich über Steingeröll und Erd⸗ ſchollen. Das währte eine ziemliche Weile. Plötzlich ſchien es mir, als erblicke ich Licht vor mir. Ich eilte darauf zu. Das Licht kam immer näher und ward immer ſtärker. Wie ein Silbernebel brach es ſich Bahn in der unter⸗ irdiſchen Finſterniß. Ich bekam wieder Muth, da den 76 Verfolgern doch endlich die Luſt vergangen ſchien, mich zur Gefangenen zu machen. Ich eilte weiter und dem Lichte nach, das von der Außenwelt kam. Bald ward auch die Luft friſcher. Ich ruhte aus, um friſchen Athem zu ſchöpfen. Bald befand ich mich wieder im Freien.“ Görgei hörte dieſer Erzählung mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu. Etelka fuhr fort:„Als ich mich umſah, erblickte ich vor mir einen wilden finſtern Fichtenwald, aber nir⸗ gends einen Weg oder ſonſt einen Ausgang. Weinend ſetzte ich mich auf einen umgeſtürzten Baumſtamm. Hier fanden mich Arbeiter aus einem Hammerwerke und führten mich auf einem kleinen Umwege in ein Dorf—“ „Und der Name dieſes Dorfes?“ ſteht aufs höchſte geſpannt der Feldherr. „Szelnakna.“ Görgei ſprang wie von einem elektriſchen Funken ge⸗ troffen empor. Seine Wangen glühten, ſeine Augen glänzten. „Szelnakna?“ rief er.„Gräfin, wäre es möglich?“ Dieſe fuhr fort:„Als ich meinen Großvater, der wegen ſeiner Gelehrſamkeit in der Familie nur Profeſſor ge. nannt wurde, mein Abenteuer erzählte, ſagte er:„Das wird der Kuruzenſteg geweſen ſein, durch welchen Franz Ragoczy ſein eingeſchloſſenes Heer unter der Erde fort⸗ geführt. Es iſt das einer der verfallenen Bergwerksſchachte, 77 wie man ſolche auch noch anderwärts in den Karpaten findet.““ Görgei konnte vor freudiger Erregung kaum die Worte zu der Frage finden:„Und dieſer Durchgang war ſonſt Niemand bekannt?“ „Die eine Mündung allerdings“, ſprach Etelka, „nämlich die in das Veilchenthal ausgeht. Daß die Heffnung aber unter dem Berge fortläuft, iſt dem Volke hier völlig unbekannt, da die jenſeitige Mündung im wilden Thale ſchon zu meiner Zeit theils halb verſchüttet, theils von Strauchwerk umwachſen war.“ „Etelka, Engel in Menſchengeſtalt, wäre Dir's möglich, mich in dieſer Stunde noch nach dieſer Bergſchlucht zu geleiten?“ „Ich bin deshalb gekommen.“ „Das nenne ich Hülfe in der Noth!“ rief der Feld⸗ herr. Er umarmte Etelka, half ihr ihren Pelz an⸗ ziehen und warf feinen Mantel um. Im tiefſten Schwei- gen verließen die Veiden die beſcheidene Wohnung. Zwei Ordonnanzoffiziere folgten in einiger Entfernung mit Fackeln. Die Erde war weiß, der Himmel ſchwarz. Die Ge⸗ gend ruhte ſtumm in tiefer Nacht. Mit ſicherer Ortskenntniß führte Etelka ihren Be⸗ gleiter nach der beſprochenen Stelle. Sie gingen ſchwei⸗ 78 gend neben einander, ihre Unterhaltung beſtand nur in einzelnen kurzen Worten. Bei einer Bergwindung blieb Etelka ſtehen. Sie nahm der einen der nachfolgenden Ordonnanzen die Fackel aus der Hand, die andere übergab ſie Görgei. Dann winkte ſie den zwei Offizieren zurückzubleiben. Der Feldherr blickte ſie fragend an. „Ich will nicht“, ſprach ſie„daß Jemand dieſen Ort kenne, bevor Ihr mit dem Corps in Sicherheit ſeid.“ „Aber es ſind meine vertrauteſten Leute.“ „Ich traue Niemand.“ Beide gingen jetzt allein nach der Tiefe des Thals, zwiſchen mit gefrorenem Schnee bedeckten Bäumen. Voran Etelka, hinter ihr der Feldherr. Die lohenden Fackeln warfen ein grelles Licht auf die düſtere Umgebung, auf die wegloſe Schneewüſte. Im Keſſel der Bergwindung, in eine kahle Berg⸗ wand gehauen, gähnt die verrottete Schachtmündung. Verwildertes Geſträuch überwuchert die Heffnung, grünes Gras ſproßt darin, ſoweit die Sonne reicht. Die Oeffnung erreicht kaum die Höhe eines Mannes. Ihre Seiten ſind ſchräg, wie die Thürſeiten in ägyptiſchen Phramiden. Etelka betrat zuerſt den Tunnel. Sie bog mit ihrer ſchönen weißen Hand die beeiſten Zweige abwärts. Der Feldherr folgte. „Der Weg iſt ſehr verwildert“, ſprach ſie,„aber binnen wenig Stunden iſt er gangbar zu machen. Seine Breite geſtattet, daß ſelbſt Kanonen hindurch⸗ können.“ Man drang immer tiefer; an manchen Stellen war es in dieſem Eingeweide der Erde ſo warm wie an ſchwülen Sommertagen. Man vernahm das Brauſen unter⸗ irdiſcher Gewäſſer, die wie Platzregen niederfielen. In der Mitte des Tunnels befand ſich der Schachtbrunnen, eine Schlucht, die wie ein rieſiger Schornſtein bis an die Spitze des Berges hinaufreichte. Dann führte ſie wieder mehrere hundert Klaftern abwärts. Auch die Triebſtange der Mühle, der ſchwere Pflugbalken waren noch ſichtbar, welche das Seil auf⸗ und niederzogen, an welchem die Bergknappen ein⸗ und ausſtiegen und woran die ſchweren Erzmaſſen emporgehoben wurden. Dieſer Brunnen befand ſich ganz unverdeckt hart neben dem Gange. Etelka blickte mit Schaudern in die dunkle Tiefe. „Als ich einſt hier durcheilte“, ſagte ſie,„habe ich dieſen Brunnen nicht bemerkt. Wie leicht konnte ich hin⸗ abſtürzen!“ Weiterhin floß ein Bächlein über den Gang. „Das war früher auch nicht da“ fuhr Etelka fort. „Man hatte es wahrſcheinlich oben durch den Kanal ge⸗ 80 leitet; der wird jetzt zerſtört ſein, und ſo brach ſich der BVach hierher Bahn.“ Der Feldherr hob ſeine Begleiterin auf ſeine Arme und trug ſie über den Bach. Bald darauf erreichten ſie den Ausgang des Tunnels, der ganz verfallen war. Görgei mußte mehrere große Steine aus dem Wege wälzen, um den Ausgang zu gewinnen Als man endlich das Freie erreichte, lag ein finſterer Fichtenwald im Vordergrunde. Man vernahm deutlich das Werdarufen der in einiger Ferne patrouillirenden feindlichen Vorpoſten. Etelka blieb ſtehen und reichte dem Feldherrn die Hand. „Jetzt Gott mit Euch, ich gehe weiter“ Sie wandte ſich dem Walde zu. „Wie, Etelka, in dieſem undurchdringlichen Walde. in ſolcher Nacht—“ „Es iſt das nicht mein erſter Gang auf ſolchem Wege. Nicht weit von hier wohnt ein Müller, mir noch aus meiner Mädchenzeit bekannt und zugethan. Da finde ich Aufnahme und Bauernkleidung. Der Himmel laſſe Euer Werk gelingen, daß wir uns froher wieder⸗ ſehen jenſeits der Theiß.“ Vergeblich bot der Feldherr ſeine ganze Beredtſam⸗ keit auf, die kühne Nachtwandlerin zurückzuhalten. Etelka blieb unerſchütterlich. Sie ſtieß ihre Fackel in den 81 Schnee, daß ſie ziſchend erloſch, und ſchritt dem Fich- tenwalde zu. Es waren noch keine zwei Stunden der Nacht vor⸗ über, als der verſchollene Schacht von ungewohntem Getöſe widerhallte. Die ſeit Jahrhunderten herrſchende Dunkelheit ward durch blendenden Fackelſchein vertrie⸗ ben. Unheimliches Nachtgefieder ward aus dem Winter⸗ ſchlafe aufgeweckt. Die Geſtalten der Pionniere glichen gnomenhaften Schatten. Görgei und die leitenden Offi⸗ ziere waren überall und trieben zur größten Eile. Bald bewegten ſich von Soldaten geſchoben Kanonen durch die ſumpfige Schlucht. Noch ehe die Winternacht zu Ende, hatten mehrere Batterien und eine erleſene Schaar des Heeres den Tun— nel zurückgelegt und hinter dem Fichtenwalde Poſto ge. faßt, der ſie dem nichts ahnenden Feinde verbarg. Mit grauendem Morgen wirbelten die Trommeln im Hauptcorps. Das Heer ſetzte ſich gegen Szelnakna in Bewegung. Ruhig und voller Zuverſicht erwartete der feindliche Feldherr die heranziehenden Ungarn. Der Angriff begann. Die Oeſterreicher in ihrer feſten und geſicherten Poſition ſpotteten der Anſtrengungen der Magharen. Stolle, Von Wien nach Vilagos. II. 6 8² Da plötzlich, wie der Donner des ewigen Gerichts, that ſich im Rücken der Oeſterreicher die flammende Hölle auf. Die durch den Tunnel gezogenen Batterien begannen ihr Feuer und ſchleuderten Tod und Verderben auf den völlig überraſchten Feind. Die ebenfalls auf dieſem Wege ongelangten Bataillone gingen im Sturm⸗ ſchritt vor. Nach kurzem Kampfe verließ der Feind ſeine ſo wichtige Stellung. Er zog ſich, um ſeine Flanke zu decken, von der Hauptſtraße zurück. Der Paß ward frei und das ungariſche Heer war gerettet. Als ein Major dem General Schlick dieſe Nach⸗ richt nach Eperies brachte, bemächtigte ſich des letztern der heftigſte Zorn. Er glaubte nicht recht gehört zu haben, da er Görgei ſammt ſeinem Corps für lebendig begraben gehalten. „Hunde ſeid Ihr“, rief er in leidenſchaftlicher Auf wallung,„Hunde alleſammt. Dieſen Paß hätte ich gegen Hunderttauſende gehalten.“ Siebentes Kapitel. Wie ein prachtvoller Edelſtein liegt das Land Sie⸗ benbürgen in der Faſſung majeſtätiſcher Berge. Ihre ſtolzen Häupter ſpiegeln ſich in Flüſſen und Bächen, welche Goldkörner in die Ebene führen und von den Schätzen erzählen, die in der großen Felſenburg begraben liegen. Da wachſen Gold und Silber, Eiſen, Blei und Kupfer Salz und Salpeter, da blitzen Sapphir und Opal in den herrlichſten Farben. Die Anemone wiegt ihr Haupt im Thale, am Bache blüht der blaue Ehrenpreis. Die Salbei und die Mentha loben Gott den Herrn in ihrem Dufte. Auf den Höhen glüht das Rhododendron, auf den adlerumkreiſten, ſchneebedeckten Gipfeln leuchtet das Edelweiß und in den Wäldern träumt die Glocken- blume ihr ſchnellverblühendes Leben. Prächtige Roſſe mit breiter Bruſt und ſprühenden Nüſtern, wie ſie nur Ara⸗ bien wieder bietet, weiden in den Ebenen. Gemſen be. 6* 84 völkern das kahle und kalte Geſtein, wo die blühende Vegetation erloſchen, und in todter Einſamkeit, auf un⸗ nahbaren Klippen, hoch über dem Leben und Treiben der Menſchen führt der Steinbock ſein räthſelhaftes, be⸗ ſchauliches Daſein; über ihm ſchweben die Wolken und die Geier. Wunderbar ſchöne Gegend! Von den Bergſpitzen ſieht man bei klarem Wetter weit hinein nach Ungarn. Die verbundenen Berge, übereinander ſteigend, ſind mit reicher dichter Waldung überzogen. Zur Frühlings⸗ und Sommerszeit verſchmelzen gegen Sonnenuntergang die fernen Gipfel in lilafarbenen Nebel und ihre Ränder umſäumen ſich mit ſanfter Goldfarbe. Fern auf entwaldeter Bergſeite ſchaut weiß und freundlich ein Caſtell auf die ganze Gegend hernieder. Im Thale zieht ſich ein kleines zerſtreutes Dorf am Bache hin. Sein Abendläuten klingt wunderſüß durch die ſchweigende Natur. Weiterhin in der Gegend des Waldes erblickt man das zerfetzte Dach eines Hauſes. Das eintönige Ge⸗ klopfe und der getrübte Bach, der vom Hauſe daher⸗ kommt, laſſen ein Pochwerk errathen. Noch weiter oben im Thal ſtört Hammerſchlag die Stille und der roth⸗ ſtrahlende Glanz bezeichnet eine Eiſenhütte. Aus dem kleinen Thaldorfe hinauf zum Caſtell — führt eine in dir Seite des Bergs gehauene Wendel⸗ treppe, während weiterhin auf der ſattelähnlichen Beu⸗ gung des Bergs ein regenzerriſſener Weg nach einer ferner gelegenen Ortſchaft führt. Das Caſtell ſelbſt iſt eine geſchmackvoll erbaute herr⸗ ſchaftliche Wohnung mit grünen Jalouſien Uralte Kaſtanien⸗ bäume umſchatten die nächſte Umgebung. In dem an⸗ grenzenden Gärtchen blühen zur Frühlingszeit wohlge⸗ pflegte Hyacinthen und Anemonen. Auf dieſes Schloß, das ihm ebenfalls eigenthümlich zugehörte, hatte ſich Graf Stanislaus Bardy, um der Revolution und dem Kriegslärm ſo fern wie möglich zu leben, mit ſeiner uralten Mutter zurückgezogen. Nur ungern und nur um dem Wunſche der am Grabesrande ſtehenden Greiſin nachzukommen, war ihnen der älteſte Sohn, Graf Stephan, in dieſe Einſamkeit gefolgt. End⸗ lich aber vermochte ſein ungariſches Herz nicht länger hier müßig der großartigen Erhebung ſeines Volkes zu⸗ zuſchauen. Er hatte ſich gegen den Willen ſeines Vaters in Klauſenburg bei einer freiwilligen Reiterſchaar an⸗ werben laſſen. Hauptſächlich war es die erſchütternde Nachricht von dem Tode ſeines Bruders Imre, die ihn zu dieſem Schritte vermochte. Trotz des Tagesbefehls des Gouverneurs, der den Namen des Hingerichteten rein wuſch, glaubte er doch, daß durch Imre's unglückſelige 86 Briefbeförderung ein Makel auf ſeine Familie gefallen ſei. Daß dieſer Makel abgewaſchen werden müſſe, ſtand feſt bei ihm, und weder die Gefahr ſeines eigenen Lebens, noch die Ausſicht, bei ſeinen Angehörigen in Ungnade zu fallen, konnte ihn andern Sinnes machen. Während ihn aber der Tod Imre's auf das tiefſte geſchmerzt hatte, beglückten ihn auf der andern Seite die Nachrichten, die von Zeit zu Zeit über Etelka ihm zugekommen. Ihre opferfreudige Hingabe für das Vater⸗ land erfüllte ihn mit Stolz für eine Schweſter, deren Name in der Familie nicht mehr genannt werden durfte. Stephan war gekommen, vom Vater und deſſen Mutter Abſchied zu nehmen. Graf Stanislaus ging in einem der obern Gemächer von Bardy⸗Caſtell haſtigen Schrittes auf und ab. Stephan ſtand am Fenſter. Er trug die Uniform der Matgas⸗ Huſaren, grauen Dolman mit rothen Schnüren. Den Tſchako mit der dreifarbigen Coearde hielt er in der Hand. An ſeiner Seite klirrte der Säbel. Nach einiger Zeit machte ſich der Zorn des Vaters Luft. „Geh“, ſagte er in abgebrochenen Sätzen,„je eher, deſto beſſer, daß ich Dich nicht mehr ſehe Glaube nicht, daß der Zorn aus mir ſpricht, aber ich blicke mit Grauen auf Dich. Ich möchte den Verſtand verlieren, wenn ich nur daran denke. Du biſt jetzt nur noch mein 87 einziger Sohn, Du weißt, welche Hoffnung ich auf Dich ſetzte. Ja, Du weißt, wie ſehr ich Dich geliebt. Aber wenn Du Thränen in meinen Augen ſiehſt, die nie ge⸗ weint, ſo glaube nicht, daß ſie Deinetwegen fließen.“ Der Graf ſchwieg. Eine erdrückend ſchwüle Pauſe folgte. Nach einiger Zeit fuhr der Graf fort:„Wenn ſch wüßte, daß Du im gegenwärtigen Kampfe umkämſt. es wäre ein harter Schlag, aber ich würde mein Haupt in Demuth beugen und ſagen: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei ge⸗ lobt! Aber Dein und Deiner wahnwitzigen Gefährten Tod wird zugleich ein Fluch dem Vaterland. Euer Blut wird das Volk, für welches es angeblich fließt, zu Grunde richten.“ „Die Vertheidiger der Freiheit und Unabhängigkeit“, erwiderte Stephan,„werden untergehen, um neuen Kämpfern Platz zu machen.“ „Das iſt eben der verruchte Irrthum“ brauſte Graf Stanislaus auf.„die Verirrung, die ſelbſt manchen der Beſſern umnebelt hat. Ihr täuſcht Euch, indem Ihr Neues zu bauen vermeint, wenn Ihr das Alte nieder⸗ reißt. Wer hieß Euch mit dem Geſchick des Vaterlandes ſo frevelhaftes Spiel treiben und Gott verſuchen? Wer hieß Euch Alles umſtürzen in der Verblendung auf das, was kommen ſoll und was ſich Eure thörichte Phantaſie 88⁸ vormalt? Haben nicht ſo viele rechtſchaffene Männer Jahrhunderte lang für die morſch gewordene Verfaſſung gekämpft? Waren das keine Patrioten? Waren das keine tapfern, heldenmüthigen Männer? Oder lieben Deine Gefährten, wenn ſie die verſtändigen Männer auf dem Landtage zum Schweigen bringen, das Vaterland mehr als wir, die wir von Geſchlecht zu Geſchlecht Gut und Blut ihm geopfert, die wir ſelbſt Schmach erduldet, um es nur beim Leben zu erhalten?“ Stephan bemühte ſich, ſeinem Vater zu Gemüthe zu führen, wie es nur Forderungen der Humanität und der vorgeſchrittenen Zeit ſeien, welche den gegenwärtigen Kampf heraufbeſchworen, und daß dem Volke die ſo lange vorenthaltenen Rechte nicht länger verweigert werden könnten. „Utopiſche Ideen!“ widerſprach der Graf.„Das Volk wird Euch nie verſtehen und kann es auch nicht. Es begehrte nie, was Ihr ihm jetzt geben wollt. Es war nie unzufrieden, Ihr habt es mit Eurem kosmo⸗ politiſchen Geſchwätz erſt unzufrieden gemacht. Ein dem Fleiße entſprechender Wohlſtand iſt's, was das Volk bedarf. Frage von meinen Unterthanen, welchen Du willſt, ob es einen unter ihnen gibt, den ich hungern, deſſen Familie ich verderben ließ; ob ich ihnen nicht ſtets zur Zeit der Noth geholfen, ob ich einem je ungerecht be⸗ 89 gegnet bin. Du wirſt keine einzige Klage vernehmen. Iſt es ungerecht, wenn ich ſie nicht vom Pfluge wegrufe, um ſie über ihre Anſichten in Hinſicht auf Verfaſſung, Geſetgebung und Staatsverwaltung zu befragen? Sie werden mich angaffen, eben weil ſie meine Frage nicht verſtehen.“ „Daß das Volk“, wagte Stephan entgegen zu halten, „die vernünftigen Ideen der Gegenwart nicht verſteht, iſt eben eine Folge der Sünden der Vergangenheit. Laßt das Volk nur erſt frei ſein, laßt es Menſch ſein, ſo wird das, was ihm heute noch ein fremder Gedanke iſt, bald keiner mehr ſein.“ „Frei ſein!“ rief Stanislaus in einem Tone, der den Spott nicht verleugnen konnte.„Ihr fragt aber nicht, ob dieſe Freiheit hunderttauſend Menſchenleben koſtet.“ „Ich leugne es nicht“, gab Stephan mit ſchöner Wärme zur Antwort,„ich glaube ſogar, daß die jetzige Generation die Früchte der heutigen Bewegung nicht er— lebt; ich glaube, daß von all denen, deren Namen jetzt die Welt nennt, in einigen Jahren vielleicht kein einzi⸗ ger mehr am Leben und daß, wenn die Thrannei ſiegt, ihrer nicht einmal mit Ruhm gedacht, ihr Grab nicht bekränzt werden darf; aber kommen wird eine Zeit, wo auch die Gerechtigkeit wieder ihr Amt verwalten wird. 90 Was heute geſäet wird, muß einſt aufgehen und goldene Frucht bringen. Das iſt mein heiliger Glaube, für den ich lebe und ſterbe.“ Graf Stanislaus erwiderte kein Wort, aber er ſchaute auf ſeinen Sohn mit einem Blicke, der ſeine große Liebe wie ſeinen großen Schmerz nur zu deutlich erkennen ließ. Dann ſank er wie gebrochen in die Arme deſſelben. „Iſtovan“ rief er,„ſieh dieſe Thränen!“ „Ich ſehe ſie, mein Vater“, ſtammelte Stephan tief erſchüttert,„zum erſten Male ſehe ich Dich weinen in meinem Leben. Mein Herz erträgt kaum die Laſt dieſer Stunde, aber Gott helfe mir, mein Vater, ich gehe doch. Du haſt wohl Urſache zu weinen, denn ich werde Dir keine Freude, keinen Ruhm bringen, und doch gehe ich. Ein Gedanke, mächtiger als Vaterlandsliebe durchleuchtet mich, es iſt mein Glaube.“ „So geh“ ſprach Graf Stanislaus tonlos;„möglich, daß Du fällſt und ich Dich nicht wiederſehe, möglich, Du kehrſt zurück und findeſt unſer Stammhaus nicht mehr, nicht das Grab, wo meine Gebeine ruhen; aber wiſſe, daß ich weder in meiner noch in Deiner Todesſtunde Dir fluchen werde Verlaß mich jetzt!“ Damit wendete er ſich ab und winkte ſeinem Sohne, ſich zu entfernen. Lautlos verließ Stephan das Zimmer. Seine Thrä⸗ 91 nen floſſen reichlich, als er ſich allein ſah. Er begab ſich zu ſeiner Großmutter. Die Greiſin mit ihrem ſchneeweißen Haar ſaß in einem Räderſtuhl Sie hatte ſchon längſt das Gehen verlernt. Ihr Augenlicht war erloſchen. Durch das Klirren von Stephan's Schwert ward ſie aufmerkſam: ſie fragte, wer ſich nahe. „Iſtovan“ flüſterte die Dienerin, die ſich ſtets in der Nähe befand. „Was ſoll das Schwert an Deiner Seite, Iſtovan?“ Dann fuhr ſie murmelnd fort:„Es ſcheinen böſe Zeiten⸗ ſehr böſe Zeiten. Aber Gott ſchickt ſie, wer kann da abwehren? In meinem Traume habe ich wieder mit meinen Todten geſprochen. Es war, als ob ſie alle in Waffen wären. Sie winkten mir, daß ich folgen ſollte Ich bin bereit, ich lege mein Leben in die Hand des Herrn. Es ſind ſchlimme Zeiten, ſchlimme Zeiten. Warum haſt Du Dich mit dem Schwert umgürtet, Iſtovan? Es wird Krieg geben, nicht wahr? Der Menſchen ſind zu viele geworden auf Erden. Sie haben ſich mit einander nicht vertragen können.“ Stephan küßte lautlos die Hand der Greiſin. „Alſo Du gehſt weg?“ fuhr die Altmutter fort. „Gott ſei mit Dir auf Deinen Wegen! Wenn Du bei einem Kreuze vorbeikommſt, verſäume nicht, Dich dem Herrn über Leben und Tod zu empfehlen.“ 92 Sie legte ihre dürre Hand auf das Haupt des Enkels. „Der Allmächtige ſegne Dich!“ Es waren die letzten Worte, die ſie mit Bewußt⸗ ſein ſprach, denn alsbald verſank ſie wieder in jenen traumähnlichen Zuſtand, in welchem Bilder der Vergangen⸗ heit und Zukunft an ihrem innern Geſicht vorüberzogen. Ihre Lippen bewegten ſich, doch nur unzuſammenhängende Worte wurden vernehmbar. Wiederholt ſprach ſie leiſe die Namen Etelka und Imre aus. Als Stephan den Schloßberg hinabritt und bei dem erſten Kreuze vorüberkam, erinnerte er ſich der Worte der Greiſin und legte ſein Geſchick in die Hand des All⸗ mächtigen. Bald hatte er das kleine Thaldörfchen erreicht, aber Niemand begegnete ihm. Alles war wie ausgeſtor⸗ ben. Die Schornſteine rauchten nicht, durch die Küchen⸗ fenſter leuchtete kein Feuer. Die Häuſer waren verſchloſſen. Kein Glockengeläute, kein Geſang ertönte. Die Bewohner waren ausgezogen mit Weib und Kind. Waren ſie ge⸗ flüchtet vor der Rache der Magyaren oder hatten ſie ſich jenen Mord⸗ und Raubbanden angeſchloſſen, die ver⸗ heerend das geſegnete Land durchzogen? Es war Abend geworden. Ueber die Thäler ſenkte ſich ein leichter, durchſichtiger Nebel. Stephan ritt in der einſamen, ſchweigenden Gegend dahin. Er gedachte noch vor Morgengrauen Klauſenburg zu erreichen. 93 In Bardy⸗Caſtell war es nach Stephan's Abreiſe wieder ſehr ſtill geworden. Graf Stanislaus ſaß in dumpfem Brüten in ſeinem Gemach. Sein Inneres war zum Tode betrübt. „Gott, Gott“, fragte es in ihm„womit habe ich am Abend meines Lebens das verdient? Die Kinder verloren und das Vaterland am Abgrunde des Verder⸗ bens! Die Wahnſinnigen, mit Oeſterreich anzubinden! Was iſt Ungarn ohne Heſterreich? Und ſelbſt wenn es gelingt, den Kaiſerlichen Trotz zu bieten, ſo werden die Ruſſen kommen und Ungarn iſt ein erobertes Land. Seine Unabhängigkeit, für die wir ſeit Jahrhunderten ritterlich gekämpft, iſt dahin. Dieſer Gedanke führt zum Wahnſinn. Es iſt Zeit, daß ich mein Haupt zur Ruhe lege, ſolange es noch ein Ungarn gibt.“ Die Tapetenthür that ſich leiſe auf, ein alter Diener des Hauſes trat ein. „Was bringſt Du?“ fragte der Schloßherr. „Einen Briefaus Neuſatz“ war die Antwort,„welchen ein Benedietiner des Kloſters St. Katharina überbracht hat.“ Der Graf betrachtete Siegel und Aufſchrift. Die Hand war ihm nicht unbekannt. Er erbrach das Schrei⸗ ben und las: „Alter Freund! Wenige Tage nach dem Empfang dieſer Zeilen 94 werden ſich drei Reiſende, eine Dame und zwei Herren, auf Bardy Caſtell einfinden; ich bitte Dich, ihnen ſo lange Gaſtfreundſchaft zu gewähren, bis wieder etwas Ruhe und Ordnung im Lande hergeſtellt ſind ſodaß ſie weniger gefährdet ihre Reiſe fortſetzen können. Die Dame iſt die Tochter eines vor nicht langer Zeit hier verſtorbenen deutſchen Handelsherrn, der mir ſeit langen Jahren befreundet. Sie gedenkt nach Deutſchland über⸗ zuſiedeln, und ihr Couſin iſt in Begleitung eines jungen Franzoſen hierher gekommen, um ſie ſicher nach Salz⸗ burg zu geleiten. Die guten Leute hatten anfänglich die tollkühne Idee, ihren Weg durch das in vollem Auf⸗ ruhr befindliche Serbien zu nehmen Ich habe natürlich aus allen Kräften abgerathen, denn ſo man ſie als Deutſche erkennt, iſt ihr Leben keine Stunde geſichert. Sie ſind auch meinem Rath gefolgt und haben ihre Rich⸗ tung über die noch nicht aufgewühlten Diſtriete von Sie⸗ benbürgen genommen. Wie ich vernommen, haben ſie Karlsburg wohlbehalten erreicht. In Neuſatz herrſcht dermalen daſſelbe Elend wie überall. Wir müſſen jeden Tag gefaßt ſein, daß die betrunkenen wilden Horden der Serben hereinbrechen und plündern und morden, wie das dermalen ihr täglich Handwerk iſt. Die von kaiſer⸗ lichen Offizieren befehligten Truppen gewähren den armen gequälten Bewohnern nur geringen Schutz; ob 95 auf höhern Befehl, weiß der Himmel, aber faſt hat es den Anſchein. Der Himmel möge es aber einſt den— jenigen vergelten, von welchen dieſe Befehle ausgegan- gen ſind. Hoffentlich, daß es unſern rein maghariſchen Truppenkörpern bald gelingt, dieſen gräßlichen Zuſtänden ein Ende zu machen. Dein alter Freund und Studiengenoſſe Franz Zeleny.“ „Habe Dank, treue Seele“, ſprach Graf Stanis⸗ laus, nachdem er geleſen,„daß Du meiner gedachteſt. Die Empfohlenen ſollen willkommen und wohl aufgeho⸗ ben ſein auf Bardy⸗Caſtell. Unſere Gegend iſt, Gott ſei Dank, bis jetzt noch immer von jenen Mordbanden ver⸗ ſchont geblieben, die unter dem Vorgeben, für die Frei⸗ heit zu kämpfen, ſich den ſchändlichſten Aus ſchweifungen überlaſſen. Da die drei Reiſenden bereits Karlsburg unangefochten erreicht, werden ſie auch ungefährdet nach Bardy⸗Caſtell gelangen. Doch werde ich zu größerer Sicherheit einige Diener entgegenſenden.“ Er gab Befehle, für die Aufnahme der zu erwar⸗ tenden Gäſte die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Achtes Kapitel. Auf der ganzen langen Theißlinie von Tokah bis Szegedin entwickelten ſich allmälig die Streitkräfte der Magyaren. Was jenſeits geſäet wurde, ſollte dieſſeits des Fluſſes Früchte tragen. Es begann der große Vor⸗ marſch von Oſten nach Weſten, der Alles niederwarf, was ſich ihm in den Weg ſtellte. Von den letzten Märztagen bis in die erſte Woche des April, das heißt von dem Hauptangriffe auf die kaiſerliche Armee bis zur Einnahme von Waitzen, haben die Ungarn unter Görgei's Anführung ihre glänzendſten Schlachten geſchlagen. Es war eigentlich nur eine einzige Schlacht, die vierzehn Tage währte, mit jedem Tage ihr Terrain veränderte, mit jeder Stunde die Magharen vorwärts gegen Peſth führte und mit jeder Stunde den Kaiſerlichen ein Stück nach dem andern des mühſam er⸗ kämpften Bodens abgewann, eine Schlacht, die bei Szolnok ihren Anfang nahm und bei Dunakeß den erſten kurzen Ruhepunkt fand, an welchen ſich ſpäter die glorreichen Tage von Nagh⸗Sarlo, Paes und Komorn reihten, und die mit der Einnahme Peſths, dem Ent⸗ ſatze Komorns und dem vollſtändigen Rückzuge der Kai⸗ ſerlichen endete. Gegen Windiſchgräz, Götz, Schlick Jablonowſki kämpften Görgei, der Pole Dembinſti, Repaſſy und Klapka; dem Kroaten Jellachich ſtund der Serbe Dam- janies gegenüber. Fürſt Windiſchgrätz war mittlerweile in Gödöllö angelangt und brachte an Verſtärkung Alles mit, worüber er verfügen konnte. Er zog ſich nach Aſzod, weil Görgei Miene machte, gegen Iklad abzu- ſchwenken. Bei Aſzod kam es zur Schlacht. Sie war mörderiſch und endete mit der vollſtändigen Niederlage der Oeſterreicher. Tapjo Bieske, Iſaſzeg, Gödöllö und Aſzod waren der Reihe nach von Süden nach Norden vier Poſitionen, wie ſie ſich kein Feldherr auf Erden beſſer wünſchen kann, um einen anſtürmenden und über⸗ legenen Feind mit der Gewißheit des Siegs zu empfan⸗ gen. Sie boten für eine Armee alle jene koſtbaren Stütz⸗ punkte, die Tauſende von Streitern aufwiegen: die An⸗ höhen für die Artillerie, den Wald für die Tirailleurs, die Ebene für Fußvolk und Reiterei. Stolle, Von Wien nach VPilagvs. M. 7 98 Beide Theile wußten den Werth dieſer Poſitionen zu ſchätzen. Die öſterreichiſchen Generale brachten ihre Geſchütze, ihre vortrefflichen Jäger und ihre beſten Reiterregimenter, die Magharen die Tapferkeit ihrer Honveds und ihre Huſaren auf den Kampfplatz. Die Schlacht bei Tapjo⸗Bieske währte von ſechs Uhr morgens bis neun Uhr abends und endete mit der regelloſen Flucht der Kroaten. Sie liefen bis Peſth. Die Schlacht von Iſaſzeg dauerte zwei volle Tage. Sie war eine der blutigſten im ganzen Feldzuge. Ganze Honvedcompagnien wurden von den öſterreichiſchen Ge. ſchützen niedergeſchmettert, aber neue wuchſen aus dem Boden. Die Huſaren leiſteten Unglaubliches. Nur mit ſolchem Heldenmuthe konnte Iſaſzeg ge⸗ nommen werden. Auch Aſzod fiel, und nun wurde Gödöllö, das zumeiſt gefürchtete, von den Kaiſerlichen ohne großen Widerſtand aufgegeben. Koſſuth, der mit vielen Reichstagsdeputirten den Bewegungen der Armee gefolgt war, ſchloß Görgei in ſeine Arme.„Jetzt erſt“, rief er begeiſtert,„iſt es klar, was unſere Armee zu leiſten vermag. Hoffentlich iſt jetzt Ungarn gerettet.“ Er verweilte einige Tage in Gödöllö, im Schloſſe des Grafen Graßalkowich, wo Windiſchgrätz zu wieder⸗ holten Malen ſein Hauptquartier aufgeſchlagen gehabt. 99 und ſchlief in demſelben Bette, welches der genannte Fürſt früh verlaſſen hatte. In dieſem Schloß erließ er eine Proclamation, worin er das Land aufforderte, der Zukunft hoffnungs voll entgegen zu ſehen und ſeine Treue gegen den König Ferdinand zu bewahren. Zehn Tage ſpäter er⸗ folgte vom Reichstage die Unabhängigkeitserklärung und die Thronentſetzung des Hauſes Habsburg.Lothringen. Der auf dem Rückzuge begriffene Fürſt Windiſch. grätz hatte indeſſen mit ſeiner Armee in einem großen Bogen um Peſth Poſto gefaßt, dabei aber den außeror⸗ dentlichen Fehler begangen, die Straße gegen Waitzen nicht hinreichend zu decken Blos die Diviſionen Götz und Jablonowſti waren hier zurückgelaſſen worden. Die Ungarn, welche dem Fürſten auf dem Fuße folgten, unternahmen Tag für Tag Scheinangriffe längs der ganzen ausgedehnten öſterreichiſchen Linie. Sie zogen ſich zurück, ſobald die gegneriſche Artillerie auf Schuß · weite herankam. Eine volle Woche ließ ſich Windiſch. grätz von dem ungariſchen General Aulich täuſchen, der mit ſeinem kleinen Corps die geſammte öſterreichiſche Armee beſchäftigte. Die Bauern der Umgegend mußten des Nachts meilenweit Wachtfeuer unterhalten, um den Gegner über die Ausdehnung des ungariſchen Lagers zu täuſchen. 5 7* 100 Plötzlich durchläuft die Schreckensnachricht das öſter⸗ reichiſche Lager, Waitzen ſei genommen, der General Götz im Kampfe vor der Stadt gefallen und Jablonowſti, viel zu ſchwach, um Widerſtand leiſten zu können, zurück⸗ geworfen worden. Görgei, lautete die Hiobspoſt weiter, befinde ſich im Beſitz des linken Donauufers und ſtehe bei der Inſel Andrä, im Begriff auf das rechte über⸗ zugehen, um der öſterreichiſchen Hauptarmee in den Rücken zu fallen. Jetzt erſt erkannte Fürſt Windiſchgräg das Gefähr⸗ liche ſeiner Lage. Sein Hauptquartier ward vom Hotel zum Schwan in Peſth hinüber nach Ofen verlegt und Jellachich verließ das Gaſthaus zu den zwei Löwen. Die ganze Armee ging auf das rechte Donauufer über. Hiermit hatte aber auch der Fürſt ſeine ſtrate⸗ giſche Rolle ausgeſpielt und ſeine militäriſche Laufbahn beendet. Ein Ende, wie es kein ruhmloſeres geben kann. Geſchmäht von ſeinen frühern Bewunderern, abberufen durch den Hof, der ihn den Retter Heſterreichs genannt, überall geſchlagen von einem Feinde, den er verachtet, und in jedem Berichte als eine feige Rotte geſchildert, verflucht von zwei Hauptſtädten der Monarchie, aus deren Brandruinen er ſich den ſchnell geſchwundenen Ruhm eines Eroberers aufgebaut hatte, gehaßt von Deutſchland, deſſen Volksvertreter er den Standrechtskugeln überliefert, ver. 101 wünſcht von der civiliſirten Welt, die alle Blut⸗ und Thränenſtröme Oeſterreichs ihm zur Laſt legte— ſo verließ dieſer Fürſt Ungarn, das er mit ſolcher Sieges⸗ ſicherheit betreten hatte nicht etwa als Bild gefallener Größe, ſondern als breitgeſchlagene Nichtigkeit, ein leben⸗ diger Denkſtein beſtraften Hochmuths. An ſeine Stelle trat Baron Welden, welcher, die Lage und den Zuſtand der Armee erkennend, ſofort den allgemeinen Rückzug anordnete. Die beiden letzten Schlachten im Stromgebiet der obern Donau wurden bei Szönh und Nagh-Sarlo ge- ſchlagen. Die erſtere brachte die öſterreichiſche Hauptarmee zu jenem Grade der Auflöſung und Demoraliſation, durch welche die größten Heere binnen kurzem in ihre kraftloſen Elemente zerlegt werden. Die zweite vernichtete mit einem Schlage die Reſervearmee unter General Wohlgemuth, ſodaß ihre Trümmer ſich erſt nach geraumer Zeit wieder zuſammenfanden. Noch fanden Gefechte bei Pacs und an der Ipolh ſtatt, doch die Niederlage Wohlgemuth's gab die Entſcheidung. Mit ihr war die Feſtung Komorn, dieſer Trutz Ungarns, für die Heſterreicher verloren. Reuntes Kapitel. Die Sonne ſteigt höher; die Puſzta entfaltet all— mälig ihr eigenthümliches Leben. Adler und Falken wiegen ſich in den blauen Höhen, ſchweben eine Zeit lang ſchein⸗ bar regungslos und ſchießen plötzlich und pfeilſchnell auf ein Steppenhuhn oder kleines Nagethier herab; Trappen eilen über die Fläche zu den entferntern Weizen⸗ und Rapsfeldern; Gänſe und Kraniche fliegen von einem Tümpel zum andern; Reiher und Rohrdommeln lauern am Rande der Pfützen; Kibitze ſtreichen klagend am Boden hin; kleine Eidechſen treiben ſich herum, fahren blitzſchnell in ihr Verſteck, gucken neckiſch hervor und beginnen bald wieder ihr früheres Spiel; Käfer von allen Größen und Farben ſchwirren ſummend und brum⸗ mend von Ort zu Ort; lärmend und vielgeſchäftig läßt ſich ein Volk von Staaren nieder; ſchwerfällig und kräch⸗ 103 zend nähern ſich Raben und Krähen den wühlenden und grunzenden Schweinen. Die Atmoſphäre wird immer heißer, warme Luft⸗ ſtröme ſteigen ſenkrecht empor, Staub und dünne Hälm⸗ chen mit ſich führend. Ueber allen Pflanzen fließen und zittern glitzernde Lichtwogen. In der Ferne zeigen ſich trügeriſche Luftgebilde, bald den Wellenſchlag des ſtrö⸗ menden Waſſers, bald die Spiegelfläche eines Teichs nachahmend: Die Heerden lechzen nach Schatten und Kühlung, aber vergebens. Die Bäume erreichen nur eine zwerg⸗ hafte Höhe, ſie ſterben bald ab, weil ſie nur von der obern Erdrinde Nahrung erhalten. Die Steppenpflan öen treiben höher verdorren aber bald und vermögen keinen Schatten zu geben. Die Ausdünſtungen der Teiche und Tümpel werden von der Hitze bald aufgeſogen. Von keiner Seite weyt ein friſches Lüftchen. Trotz ihrer Er⸗ mattung und Unluſt legen Pferde und Rinder einen raſchern Schritt ein, ſobald ſie einen Brunnen wittern. um welchen in langen Wellenlinien mit großer Genauig⸗ keit der„Ochſentritt“ ausgetreten iſt, da die Rinder ge⸗ wiſſenſchaft reihenweiſe hinter einander gehen. Die Heerden trinken in langen Zügen. Die An⸗ weſenheit aller Hirten iſt nöthig, um dem Stoßen und Drängen Einhalt zu thun. Ihr Durſt iſt befriedigt. Sie kehren langſam zurück. Träge hingeworfen blinzeln 104 die Hunde in die Sonne. Gemächlich ſtrecken ſich die Rinder auf den Boden, ſich dem vielgeliebten Geſchäft des Wiederkäuens hingebend. Die andern Thiere ſtehen gleichſam unſchlüſſig, was zu thun. Die Hitze wird im⸗ mer unerträglicher. Die Schafe ziehen ſich auf einen dichtgedrängten Haufen zuſammen. Sie verſtecken, ſo gut es gehen will, die Köpfe oder ſchütteln dieſelben be⸗ ſtändig, um einige Kühlung zu erhalten. Die Rinder erheben ſich aus ihrer angeſtammten Ruhe und ſtellen ſich in kleine Kreiſe zuſammen, ſodaß eins den geſenkten Kopf in den Schatten des andern bringt. Auch die Pferde ahmen häufig dies Beiſpiel nach. Der Büffel ſucht einen Tümpel, wirft ſich auf die Kniee und vergräbt ſich im Schlamm, Waſſer und Schilf, daß nur die Hörner und die kleinen trotzigen Augen hervorlugen Die Schweine legen ſich in die Pfütze, reiben ſich, rücken herum, bis ſie die bequemſte Lage herausgefunden haben, grunzen unzufrieden und werfen ſich nach einiger Zeit triefend von Schmuz in die andere Seite. Sämmtliche Thiere leiden bei ihrer Regungsloſigkeit doppelt von den Angriffen der Inſekten, denen jetzt kein Vogel nachſtellt. Alles Leben ſcheint, außer den Inſekten, erſtorben. Die Heerden ge⸗ ben keinen Laut von ſich. Auch kein Raubvogel läßt ſich ſehen. Alles ſucht das koſtbare und doch hier ſo rare Gut, den Schatten. Nur die Eidechſe freut ſich unbeweglich und mit geöffnetem Munde des Sonnen⸗ ſcheins und der glühend heißen Luft. Die Hirten ſelbſt lagern um den dampfenden Keſſel, deſſen Feuer aus Mangel an Brennmaterial mit Schilf, trockenem Gras oder Miſt unterhalten wird. Gemüſe und Fleiſch, ein⸗ fache, aus Mehl bereitete Speiſen, Speck mit Paprika, Milch und Brei ſind die nahrhafte Koſt des Pußztenbe⸗ wohners. Iſt die nächſte Haideſchenke nicht allzufern, ſo reitet einer nach dem Steppenkrug, um den Kulacs zu füllen, der dann fleißig in die Runde geht. Nach dem Mittagsmahl wird geplaudert und geſcherzt Der Hirt liegt behaglich ausgeſtreckt, die vielgeliebte Pfeife ſchmauchend. Es iſt zwei Uhr geworden. Die Heerden werden wieder auf die Weide getrieben. Langſam bewegen ſich die Züge vorwärts. Die ein⸗ zelnen Trupps zerſtreuen ſich erſt, wenn die Sonne zu ſinken beginnt. Jetzt erwacht zum zweiten Male das Leben der Steppe. Die Heerden erhalten ihre Friſche wieder, die Schafe ſind wieder begierig im Abrupfen der ſpar⸗ ſamen Gräſer, die Roſſe werden munterer, die Gänſe verlaſſen das Waſſer, um Toilette zu machen, die Reiher und Störche erheben ſich und fliegen auf, und herzbrechend laſſen die Fröſche ihr langgezogenes und breitgetretenes Gequak vernehmen. Mit dem Wechſel der Tageszeit ändert ſich auch 106 die Beleuchtung der Puſzta und die Farbe des Himmels. Kein Maler vermag die Zartheit der Tinten, in welchen all⸗ mälig die Ferne verſchwimmt, wiederzugeben. Endlich verfinkt die Sonne, ein blutrother Rieſen⸗ ball, in einem geſpenſtigen, fahlen und glutrothen Meere. Die Dämmerung bricht an. Jetzt ſchleichen aus dem Meere kühle Schatten Und leichte Nebel über's Haideland. Es wird Nacht und mit einem Male bietet die Steppe ein anderes überraſchendes Schauſpiel. Bei allen Hürden, ſoweit das Auge reicht, ſteigen flackernde Feuer auf. Bis zum fernſten Horizont ſieht man ſie leuchten. Die Hirten bereiten und verzehren ihr Nachtmahl. Kühe und Mutterſchafe werden gemolken, und nachdem Alles beſorgt iſt, beſuchen ſich die Nachbarn plaudern oder ſpielen um das Feuer gelagert. Zuweilen erzählt auch der Ober hirt uralte Sagen und Mären: wie die Magyaren einſt in die jetzige Heimat eingewandert und ſich mit dem Schwerte ihre neuen Wohnſitze erkämpft haben, Züge aus dem Leben des unvergeßlichen Matthias des Ge⸗ rechten und anderer großen Helden der Vorzeit. Ringsum herrſcht tiefes Schweigen, wenn der Oberhirt erzählt, und keiner der Zuhörer wagt ihn zu unterbrechen. Erſt ſpät in der Nacht endet oft ſeine Erzählung, dann ſucht Jeder ſein Ruhelager. 107 So iſt das Leben auf der Puſzta, einförmig und doch nicht ohne Mannichfaltigkeit, wie ſolche auch der ganzen Landſchaft nicht fehlt. Ueppige Weizen- und Rapsſaaten, unüberſehbare Maisfelder und Tabakpflan⸗ zungen, ſaftige Wieſen neben endloſen magern Weiden, öden Sandflächen, dürren Haiden und ſumpfreichen Nie⸗ derungen, mit nackten oder rohrbedeckten Tümpeln, mit ſchwankendem, trügeriſchem Boden, mit Natronbä⸗ chen, ſtockenden Steppenflüſſen und großen Strecken voll Salzpflanzen. Es iſt ein anderes Leben, wenn der Lenz hier mit grünem, dort mit braunem Sammt die Steppe überzieht und die Heerden vor Lebensluſt und Uebermuth kaum ſich leiten laſſen zein anderes, wenn der tropiſche Sommer durch ſeinen Gluthauch träge Ruhe auf die Gefilde ſenkt; ein anderes, wenn die milden, weichen Lüfte des Herbſtes und der reichlichere Nachtthau Pflanzen und Thiere neu belebt, oder wenn der Winter ſeine Schneeſchauer wirbelnd über die end loſe Ebene treibt. Der Sonntag bildet einen Lichtpunkt in dem ein⸗ förmigen Leben des Puſztenbewohners. Auf flinkem Roſſe jagt er durch die weite Steppe nach dem nächſtgelegenen Dorfe oder Haidekrug. Hier gibt's aufſpielende Zigeu⸗ ner, Mädchen und Wein. Die jungen Burſchen tanzen aufjauchzend und unermüdet auf einem Flecke in der 108 dumpfigen, ungedielten Stube und ſchwenken in der an⸗ dern die lang⸗ und breithalſige Flaſche, wie der Dich⸗ ter ſingt: Kräftige Burſche tanzen im Saale, Schwingen empor die hurtigen Weiber, Werfen empor die blühenden Leiber Hoch in die Luft wie ſüße Pokale; Drehen ſie ſchnell im wechſelnden Kreiſe Nach der Muſik beſchleunigter Weiſe, Wie der wirbelnde Strom den Kahn, Wie ein Roſenblatt der Orkan. Zitternd dröhnt die geſtampfte Diele Zu der Zigeuner gewaltigem Spiele. Die Alten ſitzen in den Ecken auf Bänken und ſchauen, ihre Pfeifen dampfend und ebenfalls der Flaſche zuſprechend, der tanzluſtigen Jugend zu. In den Tanz⸗ pauſen laſſen ſie ſich auch Lieder vorſpielen. Jeder hat ſein Lieblingslied. Bei den wehmüthig klagenden Klän⸗ gen erinnern ſie ſich der eigenen entſchwundenen ſchönen Jugendzeit. Es war ein ſolcher Sonntag. Luſtig fidelten die Geigen, klang das Tamburin, Tänzer und Tänzerinnen drehten ſich im wirbelnden Kreiſe, als in einiger Ent⸗ fernung drei Reiter in der Ebene auftauchten, die ihre Richtung auf den Haidekrug zu nahmen. Der eine trug auf hoher Stange das ungariſche Nationalbanner. So⸗ wie ſie bemerkt wurden, ſchwieg die Muſik, der Tanz 109 ward unterbrochen und Jung und Alt eilte aus dem Krug, um neugierig die fremden Ankömmlinge zu be⸗ trachten, die in der Steppe eine ſehr ſeltene Erſcheinung waren. Die Fremden waren der Stuhlrichter aus der nächſtgelegenen Stadt, ein Honvedhauptmann und ein Honvedunteroffizier. In dem Hauptmann erkennen wir Benno wieder, den ehemaligen Wiener akademiſchen Le⸗ gionär und ſpätern Begleiter Etelka's. „Szamados*) und Bojtaren“**), begann der Stuhl. richter, nachdem er aus der Flaſche, die man ihm gaſt. freundlich dargereicht, einen kräftigen Schluck gethan. „Euer Herr, der Graf Etövi, entſendet ſeinen Gruß und fordert Euch auf, Alles ſtehen und liegen zu laſſen und nach Debreczin zu eilen, um Euch den tapfern Lands⸗ leuten anzuſchließen, die dort zur Vertheidigung des Vaterlandes bereits berſammelt ſind. Der öſterreichiſche Schwab iſt in unſer Land gefallen mit Heeresmacht und will uns Magyaren ebenfalls zu Schwaben machen.“ „Teremtete!“ ſchrie es von allen Seiten.„Das ſoll der Oeſterreicher wohl bleiben laſſen.“ Der Stuhlrichter fuhr fort: 9) Szamado, Oberhirt. **) Bojtaren, Unterhirt. 110 „Unſer gnädiger Herr Graf zahlt Jedem, der ſich auf dem Rathhaus von Debreczin als Honbed ein⸗ ſchreiben läßt, zehn Gulden Handgeld und außer⸗ dem gewährt er demſelben für ein ganzes Jahr Abgaben⸗ freiheit.“ „Eljen Etövi!“ tönte es noch kräftiger und man warf jubelnd die breitkrempigen Hüte in die Luft. „Daß unſere Sache“, ſprach der Stuhlrichter weiter, „eine ganz gerechte, ſehen ſelbſt die andern Völker ein und ſenden uns Kämpfer. In unſerm Heere kämpfen Polen, Italiener, Franzoſen, Engländer und hier— auf Venno zeigend— dieſer wackere Hauptmann iſt ſogar ein Wiener Kind.“ „Eljen die Wiener!“ ſchrie der Haufen. Neues Hutſchwenken, und Benno konnte nicht fertig werden, die von allen Seiten dargebotenen Hände zu drücken. „Gebt dem braven Hauptmann zu trinken.“ Im Augenblicke fand ſich Benno von einem wahren Flaſchenmeere umringt. Er that Beſcheid, und eine Flaſche hoch ſchwenkend rief er:„Eljen Koſſuth!“ Da war's, als habe er ein Zauberwort ausgeſprochen. Das „Eljen Koſſuth!“ ward von dem begeiſterten Haufen wohl neunmal wiederholt. Es war, als ob dieſer Ruf gar kein Ende nehmen wollte. Nachdem ſich der Tumult etwas gelegt, fragte einer 111 der ältern Szamados:„Aber wer ſoll die Roſſe und die Rinder zur Weide treiben, wenn die Vojtaren die Pußzta verlaſſen?“ „Die Roſſe“, erwiderte der Stuhlrichter,„werden auf Befehl des Herrn Grafen ſämmtlich nach Debreczin gebracht für die Reiterei und zur Beſpannung der Ar⸗ tillerie; auch des Schlachtviehs iſt man daſelbſt benöthigt zur Verpflegung der zahlreich berſammelten Vaterlands⸗ vertheidiger; nur die Zuchtthiere ſollen auf der Puſzta verbleiben, und dieſe in Ordnung zu halten, reichen einige Szamados aus.“ Der Stuhlrichter war vom Pferde geſtiegen und man führte ihn und ſeine beiden Begleiter nach dem Innern des Krugs, wo ihnen an dem langen Tiſch die Ehrenplätze angewieſen wurden. Die drei Gäſte ſollten jetzt erzählen, wie es draußen in der Welt aus ſchaue, wie ſich Koſſuth befinde und was dergleichen Fragen mehr waren; denn die Hirten auf einſamer, viele Mei⸗ len von der übrigen ungariſchen Welt entlegenen Pußzta erhielten nur ſelten Nachricht von außen. Man um⸗ drängte neugierig die Ankömmlinge, und der Stuhlrichter wie auch Benno ermangelten nicht, die Wißbegierde der Hirten nach Kräften zu befriedigen. Sie erzählten bon den ſiegreichen Schlachten und Gefechten der tapfern Magharen, bon dem Heldenmuthe der Huſaren, von der 112 Bravour der Honveds und wie man die öſterreichiſche Armee mit Glanz aus dem Lande gejagt. Der Stuhlrichter ſchloß ſeine Mittheilung mit den Worten:„Das iſt Alles gar prächtig und ſchön; aber damit iſt noch lange nicht Feierabend; denn glaubt ja nicht, daß damit der Heſterreicher ſchon vollkommen ver⸗ nichtet iſt. Er wird ſich rekrutiren und wiederkommen. Auch iſt die Feſtung Ofen noch in ſeiner Gewalt, und dieſe müſſen wir vor allen Dingen erobern. Darum brauchen wir anderweitige Kämpfer, da die zahlreichen Schlachten in den Reihen der Vaterlandsvertheidiger große Lücken gemacht haben.“ „Wir wollen die Lücken ausfüllen“, riefen kampfes⸗ muthig zahlreiche Stimmen. „Das verſieht ſich auch der Herr Graf von Euch“, ſagte der Stuhlrichter.„Noch nie hat ein Czikos und ein Guilas dem ungariſchen Heere Schande gemacht. Darum auf nach Debreczin und zwar je eher je lieber!“ Wieder erfüllte ein vielſtimmiges begeiſtertes Eljen die Luft; Hüte und Flaſchen wurden geſchwenkt. Man umarmte ſich und ſchwur, keinen öſterreichiſchen Schwab wieder ins Ungarnland hereinzulaſſen. Nachdem man ſeinen Patriotismus hinlänglich do⸗ eumentirt und dabei der Flaſche kräftig zugeſprochen, 113 glaubte man auch des Tanzes ſich wieder erinnern zu müſſen. Der Stuhlrichter und ſeine zwei Begleiter durften ſich nicht ausſchließen, und der unvermeidliche Czardas, untermiſcht mit obligatem Geſtampf und Sporengeklirr und häufigen Eljenrufen, eröffnete von neuem den Reigen. Stolle, Von Wien nach Vilagos. 11. 8 Zehntes Kapitel. Koſſuth war mit ſiegestrunkenem Herzen von Gödöllö nach Debreczin zurückgekehrt. Er hatte ſeine Magharen in der Schlacht geſehen, wie ihr Heldenmuth die kühnſten Träume ſeiner Phantaſie überbot. Görgei hatte in ſeinen Armen gelegen. Der Feldzugsplan mußte ſo zuverſichtlich gelingen wie eine meiſterhaft combinirte Schachpartie. In Debreczin ſelbſt aber fand er, daß ſich während ſeiner Abweſenheit Manches verändert habe. Einigen kleinlichen Geiſtern, wie ſie jede Revolution als Satelliten der großen Planeten erzeugt, war Spielraum für ihre Thätigkeit geworden. Zur Unbedeutendheit verdammt, ſolange Koſſuth gegenwärtig, gelüſtete es ſie, hinter dem Rücken des Miniſters eine Rolle zu ſpielen. Dieſe Partei, welche ſeit dem Einzuge der Heſterreicher in Peſth jede Hoffnung auf ein Gelingen der ungariſchen Sache auf⸗ gegeben und für unbedingte Unterwerfung auf Gnade 115 und Ungnade ſich ausgeſprochen, erhob ſelbſt jetzt nach den glänzendſten Siegen ihr Haupt. Der Ueberdruß am Kriegsleben, der Wunſch, baldmöglichſt aus den immer⸗ währenden Aufregungen zu einem behaglichen Leben zurückzukehren, war der Hauptzweck, welcher die Beſtre⸗ bungen dieſer Partei leitete. Koſſuth hatte ſchon im Lager von dieſen geheimen Umtrieben Kenntniß erhalten. Er beſchloß denſelben ein Ende zu machen, indem er die Schiffe hinter dem Rücken ſeiner Gegner verbrannte. Es war am 14. April 1849. Die Vertreter der ungariſchen Nation waren verſammelt. Um ihren Be⸗ ſchlüſſen eine um ſo größere Oeffentlichkeit zu geben, hatte man diesmal die große Kirche der Reformirten in Debreczin als Sitzungslokal gewählt, ſodaß die Ver⸗ handlungen von Tauſenden aus dem Volke vernommen werden konnten. Koſſuth betrat die Tribüne. Er erſtattete zuerſt Be⸗ richt über die gewonnenen Schlachten und über das fiegreiche Vorſchreiten der ungariſchen Armee. Er hob alsdann hervor, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen ſei, wo Ungarn ſeine dreihundertjährigen Feſſeln abſchütteln müſſe, um in die europäiſche Familie als ſelbſtſtändiger Staat einzutreten. Nie ſprach dieſer große Mann hinreißender als an 8* 116 dieſem Tage, wo er dem Hauſe Habsburg⸗Lothringen den Abſagebrief dietirte. Seine glühende Vaterlandsliebe feierte einen Wettkampf mit ſeiner gewaltigen Beredt⸗ ſamkeit. Wie ein Katarakt donnerte der Abſchiedsfluch über ſeine Lippen. Bebend vor innerer Aufregung ſah das Volk die Geſchichte ſeiner Jahrhunderte langen Leiden, Enttäuſchungen und mit Undank belohnten Aufopferungen gleich mahnenden Geſpenſtern vorüberziehen. Als der große Volksmann ſeine Anträge begründet und geſtellt hatte, brach unermeßlicher Jubel in der ganzen Verſammlung aus, der ſich lawinenartig anſchwellend erſt dem anwe⸗ ſenden Volke mittheilte und ſich fortwälzend durch Häuſer und Gaſſen endlich das ganze Land ergriff. Dieſe verhängnißvollen und am andern Tage von den Repräſentanten wie den Magnaten einſtimmig an⸗ genommenen und zum Geſetz erhobenen Anträge lauteten wie folgt: „Erſtens. Ungarn wird mit dem geſetzlich vereinten Siebenbürgen und allen zugehörigen Ländern, Theilen und Provinzen als freier, ſelbſtſtändiger, unabhängiger europäiſcher Staat proclamirt und die Territorialeinheit dieſes ganzen Staates für untheilbar und unantaſtbar erklärt. Zweitens. Indem das Haus Habsburg Lothringen durch ſeinen Verrath, Treubruch und ſeine Waffenergrei fung gegen die ungariſche Nation, nicht minder durch 117 das Wagniß, wonach es die Zerſtückelung der Territorial- integrität des Landes Siebenbürgen und Kroatien Los⸗ reißung von Ungarn und die Tödtung des ſelbſtſtändigen Staatslebens mit Waffengewalt verſucht, ſowie daß es die pragmatiſche Sanction als überhaupt jene Bande, die auf Grundlage beiderſeitiger Verträge zwiſchen dem⸗ ſelben und Ungarn ſammt ſeinen Appertinentien be⸗ ſtanden, mit eigenen Händen zerriſſen, ſo wird dieſes Haus Habsburg⸗-Lothringen von der Herrſchaft über Ungarn, Siebenbürgen und allen dazu gehörigen Ländern und Provinzen hiermit im Namen der Nation entſetzt, des Thrones verluſtig erklärt und verbannt. Drittens. Indem die ungariſche Nation kraft ihres unveräußerlichen Rechts als ſelbſtſtändiger und unab⸗ hängiger, freier Staat in die europäiſche Staatenfamilie eintritt, erklärt ſie zugleich, daß es ihr entſchiedener Wille iſt, mit jenen Völkern, die ehedem mit uns unter einem Fürſten geſtanden, Frieden und eine gute Nachbar⸗ ſchaft zu begründen und zu wahren und mit allen an⸗ dern Nationen, wenn ihre eigenen Rechte nicht verletzt werden, mittels freundſchaftlicher Verträge in Bündniſſe zu treten. Viertens. Das künftige Regierungsſyſtem in allen ſeinen Einzelnheiten wird die Nationalberſammlung feſt⸗ ſtellen; bis dies aber den obigen Grundſätzen gemäß 118 feſtgeſetzt iſt, wird der von den Repräſentanten der Nation mit Einhelligkeit und Uebereinſtimmung ernannte Regierungspräſident Ludwig Koſſuth mit ſich beizuge⸗ ſellenden Miniſtern unter eigener und der durch ihn zu ernennenden Miniſter perſönlicher Verantwortlichkeit und Rechenſchaftsverbindlichkeit das Land in ſeiner ganzen Ausdehnung regieren. Und dieſe unſere Beſchlüſſe geben wir allen Völkern der gebildeten Welt zu wiſſen, mit der feſten Ueberzeugung, daß ſie die ungariſche Nation, als in der Reihe der unabhängigen, ſelbſtſtändigen Na. tionen den jüngſten, aber nicht unwürdigen Bruder, mit jener Brüderlichkeit und Anerkennung aufnehmen werden, mit welcher Brüderlichkeit und Anerkennung die unga- riſche Nation ſich hiermit durch uns anbietet. Und thuen wir den Einwohnern Ungarns und des mit ihm verbun⸗ denen Siebenbürgen und allen dazu gehörigen Theilen und Provinzen mit der Erklärung zu wiſſen, daß alle Behörden, Gemeinden, Städte, Bezirke, Comitate und Bürger, mit einem Worte: alle Individuen und Körper⸗ ſchaften des erwähnten einen und untheilbaren ungari⸗ ſchen Staates von den Pflichten der Treue und des Ge⸗ horſams für das des Throns verluſtige Habsburg⸗Loth⸗ ringenſche Haus vollkommen und vollſtändig entbunden ſind, und Jedermann, der etwa ein aus dem genannten Hauſe als Uſurpator der königlichen Gewalt aufzutreten 119 ſich erkühnendes Individuum durch Rath, Wort oder That unterſtützen ſollte, des Verbrechens des Vaterland⸗ verrathes ſich ſchuldig macht, und den Geſetzen der gött· lichen Gerechtigkeit und der Nationalfreiheit gemäß der ſtrengſten Strafe unerbittlich verfallen wird. Indem mit dem Inslebentreten und Publication dieſer unſerer Beſchlüſſe der Regierungspräſident des un⸗ gariſchen Staates beauftragt wird, bekleiden wir ihn hiermit mit aller zu dieſem Behufe nothwendigen Ge⸗ walt und legen wir im Namen der Nation jedem Staats⸗ bürger die Pflicht des geſetzlichen Gehorſams für deſſen Verordnungen und Verfügungen auf. Gegeben aus unſerer zu Debreczin am fünfzehnten April Tauſendachthundertneunundvierzig gehaltenen Reichs. tagsſitzung. Die geſetzlich vereinigten Magnaten und Repräſen⸗ tanten der ungariſchen Nation.“ ————— Elftes Kapitel. Grenzenlos war der Schmerz des alten Ranko, welcher als Centurio mit einem Haufen Walachen die ſüdweſtlichen Gegenden Siebenbürgens verwüſtend durch⸗ zog, als er die Nachricht von dem Tode ſeiner Tochter Aloyſia erhielt. Drei Tage lang ſprach er kein Wort, noch nahm er einen Biſſen Nahrung zu ſich. Niemand wagte ſich in ſeine Nähe, ſo gefährlich war dieſelbe. Einſam ſaß er auf einem umgeſtürzten Eichenſtamme und ſtarrte hinüber nach den Bergen, deren Gipfel ewiger Schnee bedeckte. Nachdem aber der erſte Schmerz vorüber, bemäch⸗ tigte ſich ſeiner eine unbeſchreibliche Wuth gegen Alles, was maghariſch. Man hatte ihn fälſchlich berichtet, daß Alohſia von den Ungarn getödtet worden ſei. „Bringt mir Menſchenköpfe, ich will Menſchen⸗ köpfe!“ Das waren ſeine erſten Worte, die er nach 121 tagelangem Schweigen ausſtieß, indem er von ſeinem Sitze aufſprang.„Tauſend Menſchenköpfe, was ſind ſie gegen das Haupt meiner heldenmüthigen Tochter!“ Die wilden Geſellen ſeiner Bande mordeten etzt rückſichtslos in den zunächſt gelegenen Ortſchaften, nur um die Wuth ihres Oberhauptes zu befriedigen. Man legte zahlreiche Köpfe armer maghariſcher Landleute ihm zu Füßen. Er ſtieß ſie verächtlich von ſich. „Edelleute will ich“ ſchrie er,„Edelleute!“ „Du haſt Recht, Centurio“, ſagte Gocko, welcher das Amt eines Adjutanten bei ihm bekleidete;„mit dieſem Lumpengeſindel und dieſen einfältigen Schädeln iſt eine Pa- triotin wie Aloyſia nicht geſühnt. Ich bin dafür, daß das ſchönſte Frauenbild ihr geopfert werde.“ Ranko ſtierte bei dieſen Worten den Sprecher lange an. Ein Gedanke ſchien in ſeinem Hirn zu zünden. „Du haſt Recht, Gocko Das ſchönſte Frauenbild, Schönheit gegen Schönheit! Für die Blume Serbiens werde eine Blume Ungarns gebrochen. Auf, auf, ſchafft mir ein ſchönes Weib, aber ein ſonnenſchönes, daß es für Aloyſia blute. Dein Gedanke iſt gut, Gocko.⸗ Während dieſes Geſprächs nahten ſich ein paar breitſchultrige Walachen. Sie trugen ſchwere Säcke, die ſie auf die Erde warfen und aufbanden Blutige Menſchen⸗ häupter rollten hervor. 122 „Die ſind aus Nagh⸗Sink“, ſprach der eine Träger, „und lauter Edelleute.“ „Edelleute“, ſpottete der Centurio, indem er ver⸗ ächtlich ſich die bleichen Geſichter betrachtete;„was hieße bei dem Maghar nicht Edelmann! Boczkoros nemesseg*) ſind's, deren Edelhof aus einem Miſthaufen beſteht, wor⸗ auf ein Kirſchbaum wächſt. Wären es wenigſtens Kalbs⸗ köpfe oder Krautköpfe, die man verzehren könnte!“ Die herkuliſche Geſtalt des Centurio im Stahlhelm und Panzerhemd kehrte unwillig wieder zu dem alten Baumſtamm zurück, wo ſie wie gelähmt zuſammenbrach und in laute Klagen über die verlorene Tochter ausbrach. Der eine Walache, welcher ſich ob der zahlreichen Köpfe, die er ausgeſchüttet, eines guten Lohns ver⸗ ſehen, brummte halblaut:„Die Köpfe der Eſterhazy, Batthyanyi und Palffy ſitzen für uns arme Walachen freilich zu hoch, da kämen eher die Köpfe von Tauſenden von uns an die Reihe als die ihrigen.““ „Wäre ich doch“, jammerte der Centurio,„in Jarovacz geblieben, dem Mädchen wäre kein Haar gekrümmt worden. Ich hätt' es behütet wie meinen Augapfel. Es war mein Liebling, mein Stolz.“ *) Der geringſte ungariſche Adel. 123 Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Hätt es die Smiljana betroffen, die ſtille Spin⸗ nerin, ich würd' es ertragen haben, aber meine Aloyſia, mein Heldenkind! Doch ſie iſt meines Namens würdig geſtorben, das Schwert in der Hand. Ruft mir den Petrowitſch, daß er mir ihr ruhmvolles Ende nochmals erzähle.“ Petrowitſch war einer der wenigen Serben, die dem Blutbade von Jarovacz glücklich entkommen waren. Der Herbeigerufene mußte wohl zum zehnten Male dem lau⸗ ſchenden Centurio über den Tod Aloyſia's Bericht erſtatten. Jedes ſeiner Worte ſaugte Ranko begierig auf. Sein Blick leuchtete feurig auf, ſobald der Erzähler auf die Beerdigung des Mädchens zu ſprechen kam. „Während alle Andern“, erzählte er,„in den Flam. men umkamen, ward Deine Tochter feierlich beſtattet unter der Linde der heiligen Barbara. Ein ſchönes Auferſtehungs· plätzchen! Der Goldbach hält es kühl. Drei Salven roll⸗ ten donnernd über ihr Grab.“ „Sie ſoll ein Monument erhalten von Marmor und mit Goldſchrift“, ſagte der Centurio,„und eine Meſſe laſſe ich leſen für ihre Seele an jedem Johannistag; an einem ſolchen ward ſie mir vor achtzehn Frühlingen ge⸗ boren. Aber auf ihrem Grab ſoll zuvor zur Sühne ein ſchönes Weib ſterben, das dem Feinde angehört.“ 124 „Wenn es Dir blos um ein ſchönes Weib zu thun iſt“, ſprach Petrowitſch,„ſo wüßt' ich eins. Ungariſch Blut fließt freilich nicht in ihren Adern, es iſt eine Deutſche.“ „Ungar und Schwab bleibt ſich gleich. Erkläre Dich deutlicher.“ „Fünf Stunden von hier liegt Bardy⸗Caſtell, da wohnt ſie zu Beſuch. Ich hab Alles ausgekundſchaftet; aber das Schloß iſt eine Nuß, die geknackt ſein will; es wohnen Magharen drin.“ „Die eben ſuchen wir“, ſagte der Centurio. „Das Caſtell iſt hoch gelegen und feſt.“ „Nicht höher und feſter als Albanhſchloß, das wir vor acht Tagen genommen. Verlohnt ſich's aber außer dem ſchönen Weibe, daß wir uns mit dem Neſt befaſſen? Du weißt, meine Walachen fallen nicht gern ohne Vor⸗ theil von der Bank.“ „Küche und Keller ſind in Bardy⸗Caſtell wohl be⸗ ſtellt“, ſprach Petrowitſch. „Das wär' etwas.“ „An Schmuck und Gold wird's auch nicht fehlen, der Graf iſt reich und haben ſich neuerdings mehrere ſeiner Verwandten mit ihren Schätzen nach Bardy⸗Caſtell geflüchtet.“ „Ich glaube, Schmuck und Gold ziehen bei unſern Walachen noch ſtärker als Küche und Keller und das 125 ſchöne Weib. Sage dem Gocko, daß er die Cohorte*) zuſammenruft, damit wir gemeinſam die Expedition nach Bardy.Caſtell berathen.“ „Wollen wir nicht zuvor zur Stärkung“, meinte Petrowitſch,„die reichen Mühlen von Ipolno mit einem Beſuche beehren? Wenig Mühe bei reicher Beute!“ „Erſt die ſchwerere Arbeit, dann die leichte“, ſagte der Centurio;„die Mühlen von Ipolno entgehen uns trotzdem nicht. Thue, was ich geboten, und rufe den Gocko.“ Alsbald ertönte das Schlachthorn der Walachen in der Nähe und in der Ferne Die zerſtreute Cohorte ſammelte ſich. Man trat in Berathung. Unter wildem Zivio ward ein Sturm auf Bardy⸗Caſtell beſchloſſen. Die Vorkehrungen zu dem Marſche nach Bardh⸗ Caſtell wurden noch ſelbigen Tags getroffen. *) Die Walachen, welche ſich als Nachkömmlinge der alten Römer betrachten, haben manch altrömiſches Wort, wie Cohorte, Cen⸗ turio u. ſ. w., beibehalten. Zwölftes Kapitel. Die ſchöne Veronika und ihre beiden Begleiter Ed⸗ mund und Hippolht, deren wir uns noch aus dem erſten Bande unſerer Geſchichte erinnern, hatten Bardy Caſtell glücklich erreicht und daſelbſt die gaſtlichſte Aufnahme ge⸗ funden, während der Profeſſor Cyriakus, der ſich bereits in Kistelek von ſeinen zwei Reiſegefährten getrennt, in den Sodaſiedereien von Szegedin ſeinen Unterſuchungen und Studien über den Stärkegehalt der Soda oblag. Unmittelbar nach den genannten Dreien waren auch noch einige nähere Verwandte der Familie Bardy eingetroffen, die ſich aus dem immer unſicherer werdenden flachen Lande nach dem kleinen Bergſchloſſe geflüchtet. Das zeither ſehr ſtille und einförmige Daſein daſelbſt hatte daher einem weit regern Leben Platz gemacht. Nur die alte blinde Mutter des Grafen blieb von dieſer Wandlung unberührt und ſaß nach wie vor auf ihrem 127 Rollſtuhle, behütet von der treuen, aufmerkſamen Dienerin. Ihre Traumgeſichte, die ſie in abge⸗ brochenen Worten kund gab, wiederholten ſich von Zeit zu Zeit. Sie wurden immer beängſtigender und unheimlicher. Veronika ward vermöge ihrer Schönheit, Sanft⸗ muth und reizenden Natürlichkeit bald der Liebling ſämmtlicher Schloßbewohner und war der Gegenſtand der allgemeinſten Aufmerkſamkeit. Die männliche Bewohnerſchaft, darunter Edmund und Hippolyt, denen die Schloßräume zuweilen doch etwas beengend wurden, unternahmen häufig kleine Aus⸗ flüge in die Umgegend. Da fehlte es denn abends, wo man ſich in der Regel in dem Geſellſchaftsſaale zuſam⸗ menfand, niemals an Stoff zur Unterhaltung, da ein Jedes ſich bemühte, ſein Scherflein beizutragen. Na⸗ mentlich war Hippolyt unerſchöpflich in Mittheilung von wunderbaren Erlebniſſen, da ihm hier zu Lande Alles wildfremd war. Weil er recht amüſant und auch recht drollig zu erzählen verſtand, fand er ſtets ein aufmerk⸗ ſames Publikum. Sehr intereſſant war unter Anderm die Beſchreibung einer ungariſchen Zigeunerwohnung und deren Inſaſſen, welche er auf einem ſeiner Ausflüge zu beobachten Ge⸗ legenheit gehabt. „Zeither“, ſagte er,„hatte ich immer in dem Wahne geſtanden, daß es nur nomadiſche Zigeuner gebe, die von Zeit zu Zeit ihren Wohnſitz ändern, ihre Zelte und Hütten abbrechen und weiter ziehen, neuerdings habe ich aber auch die Bekanntſchaft von anſäſſigen Zigeunern gemacht. Man lernt nie aus in dieſem Ungarnlande.“ Von den Zuhörern erſucht, ſich weiter über ſeine neue Entdeckung, wie er es nannte, auszuſprechen, fuhr er fort:„Ich kam mit Freund Eduard an einer ſolchen Zigeunerwohnung vorüber. In dem Abhange eines leh⸗ migen Hügels hatte ſich der Zigeuner mit ſämmtlicher Nachkommenſchaft wie ein Hamſter eingegraben. Das Dach dieſes merkwürdigen Baues war gleich den imagi⸗ nären Wänden nur eine angedeutete Fortſetzung des aufgehäuften Erdreichs. Es beſtand aus wenigen morſchen Bretern, die wahrſcheinlich einem Zaun angehört, ehe ſie ſtillſchweigend in den Beſitz des Zigeuners übergegangen, und trug als architektoniſchen Schmuck die herabhän genden Franſen von Dünger und verfaultem Stroh, welchen eine Handvoll aufgeſtreute Erde den nöthigen Halt gegen Wind und Wetter gab. Die Thür war ein ſelbſtſtändiges Werk der bildenden Kunſt, denn ſie war nirgends befeſtigt, ſondern von außen nur loſe angelehnt. Sie beſtand aus einem unentwirrbaren Durcheinander von Plankentrümmern, Strohbüſcheln und Latten und 129 verrichtete zugleich den Dienſt als Rauchfang und Barri⸗ kade gegen die Dorfhunde.“ „Ein zweiter Eugen Sue in der Beſchreibung“, be⸗ merkte einer der Anweſenden. Hippolyt machte eine gra⸗ ziös dankende Bewegung und fuhr fort: „Kaum hatten wir uns in den Anblick dieſer Höhle vertieft, ſo krabbelte ein ſplitternacktes Kindlein von kaum drei Jahren aus dem Erdreiche hervor und zeigte uns die allererſten Erziehungsreſultate eines Zigeuners— es bettelte und zwar mit allen ihm zu Gebote ſtehenden demüthigen und jämmerlich winſelnden Tönen. Es war ein echtes Zigeunerkindlein, noch nie gekämmt, am ganzen Leibe gelbbraun, darüber eine ſeit der Geburt jungfräu⸗ lich gebliebene Schmuzkruſte. Die abſchreckendſte Mager. keit und der unnatürlich aufgetriebene Unterleib machten es einem jungen, aber mißlungenen Exemplare der ſchmucken Hottentotten ähnlich. Wir bewogen den kleinen Kobold durch hingeworfene Kupfermünzen, die er mit grinſendem Lachen, bei dem der Mund von einem Ohre zum andern reichte in Empfang nahm, ſich grunzend wieder in den Schooß der Erde zu verkriechen. Seine Stelle erſetzte alsbald ein Mädchen von vier bis fünf Jahren im Ge⸗ wande des Paradieſes, heulend und zuſammengekrümmt ſich uns nähernd, bis wir auch ſeine durch Schmuz der Wangen braunen und dicken Thränen mit dem Zauber Stolle, Von Wien nach Pilagos. I. 9 130 einigen rothen Geldes in ein Freudengeſchrei um⸗ wandelten. Sofort ſtürzte ein großer, zudringlicher Burſche, ebenfalls im Nationalcoſtüm der jugendlichen Zigeuner, auf uns zu, in der höchſten Tonart jammernd und unter entſetzlichen Geſichtsverrenkungen betheuernd, daß er ſeit drei Tagen nichts Warmes gegeſſen habe. Auch er ver⸗ ſchwand, ſowie er durch eine Kupfermünze galvaniſirt war, unter der Erde und es erſchien ein etwa zwölf jähriges Mädchen, gleichfalls in der luftigen unzerr eiß⸗ baren Tracht der Südſeeinſulanerinnen, die Hand be gehrlich ausſtreckend. Wir hatten Hoffnung, daß wir endlich die geſammte Sippſchaft zu Geſicht bekommen würden, denn indem ich ſchärfer in die dunkle Troglo⸗ dytenwohnung ſchaute, bemerkte ich, wie die Alten mit leuchtenden Augen lauernd hinter dem Eingange hockten und die junge Brut der Reihe nach mit Wort und Ge⸗ berde antrieben, uns ihre Aufwartung zu machen. Nach⸗ dem wir noch das Vergnügen gehabt, eine anderweite Range zu bewundern, die, wenn ſie als Mumie aufbe⸗ wahrt worden, getroſt in jedem Naturalienkabinet als Urmiſt⸗ finke anerkannt worden ſein und Aufnahme gefunden haben würde, erſchien aus der unerſchöpflichen Höhle gleichſam als genießbares Deſſert ein auffallend hübſches Mädchen von ſiebzehn bis achtzehn Jahren ſchlank und wohl gebaut, mit kleinen Händen und Füßen, feinen rothen 5 131 und ſchöngeformten Lippen und allerliebſtem Näschen. Barfuß bis an den Hals, welchen eine Schnur Glas⸗ korallen ſchmückte, näherte ſie ſich ſchweigſam und unbe⸗ fangen wie ein Kind lächelnd. Edmund ergriff bei dieſem Anblicke die Flucht und ich ſchloß mich an, in der Be⸗ fürchtung, daß, nachdem mit dieſer zierlichen Wilden die jüngere Generation erſchöpft ſei, die Urgroßmutter im Bau auf den ſchauderhaften Einfall gerathen könne, uns ebenfalls ihren Beſuch abzuſtatten.“ Nachdem der Franzoſe mit ſeiner Beſchreibung zu Ende gekommen, erwiderte lachend Graf Thomas, ein Schwager des Grafen Stanislaus:„Da hat Freund Hippolht allerdings auch nur die Bekanntſchaft mit Zi⸗ geunerproletariat gemacht. Wir beſitzen aber auch an⸗ ſäſſige Zigeuner, die den Bauern faſt ganz gleichſtehen, in freundlichen Häuſern wohnen und Garten⸗ und Feld⸗ wirthſchaft betreiben. Auch fleißige und nicht ungeſchickte Handwerker gibt es unter ihnen, wie Schmiede, Bürſten⸗ binder, Ziegelſtreicher, Maurer, Erdarbeiter, Eſſenkehrer, Seiler, Zahnärzte und Wunderdoctoren. Es ſind Kreuz⸗ köpfe, die ſich leicht in allen Sätteln zurechtzufinden wiſſen. Das ungariſche Sprichwort: Wo im Dorfe viel Zigeuner und Edelleute wohnen, wächſt auf dem Felde mehr Unkraut als Frucht, bezieht ſich weniger auf die Ackerbau und Gewerbe treibenden Zigeuner als auf die 9* 132 muſicirenden Genies unter ihnen. Dieſe verleiten aller⸗ dings die Bauern zu häufigem Schenkenbeſuch. Dieſe muſicirenden Zigeuner ſtehen ſich übrigens gar nicht übel; der tanzluſtige Ungar honorirt in der Regel ſehr anſtän⸗ dig, ſelbſt wenn die Künſtler Manches zu wünſchen übrig laſſen ſollten. So hat der Zigeuner Bruko, der mit ſeiner Geſellſchaft Debreczin und Umgegend mit Tanz⸗ muſik verſorgt, ſeiner Tochter zwanzigtauſend Gulden als Ausſteuer mitgeben können.“ Die Unterhaltung kam von den Zigeunern auf die ſchönen Landſchaftsbilder Siebenbürgens. Der Schloß⸗ kaplan ſtellte ſie den ſchönſten und anmuthigſten in Europa an die Seite. Schwager Thomas hatte Beifall nickend lange ſchweigend zugehört, und als der Kaplan mit ſeiner Beſchreibung zu Ende, ſagte er:„Mag ſein, der gute Pater hat ſicher nicht übertrieben, aber was ſind alle Gegenden und Landſchaften der Erde gegen meine Tatra! Schlimm genug“, fuhr er mit ſteigender Wärme fort,„daß es Magha ren genug gibt, die ſich aus ihren Ebenen nicht herauszu⸗ finden vermögen und gar keine Ahnung haben, welche Felſen⸗ und Landſchaftspracht der liebe Gott dem Ungarnlande in ſeiner Tatra geſchenkt hat. Ich kann mirkeinen ſchönern Edel⸗ ſtein Ungarns denken. Ich bin jetzt alt geworden, aber die Erinnerung daran durchzieht noch immer roſenroth mein Gemüth und erquickt mich mit wunderbarer Friſche.“ Da die Geſellſchaft mit andächtiger Stille ſeinen Worten lauſchte, erzählte er weiter:„Da liegt zu unſern Füßen die Zipſer Hochebene, rings von Bergen umſchloſſen. Freundlich winken Städte und Dörfer dicht gedrängt her⸗ auf. Ernſt und bedeutend ſchaut das für Ungarns Ge⸗ ſchichte ſo hochwichtige Zipſerhaus, eine der ſchönſten Burgen Europas, aus der Mitte des Bildes herüber. Ueberwältigend und unverlöſchlich iſt der Eindruck, den dieſer edle Rieſenbau hervorbringt. Hier iſt zugleich die Witterungswerkſtätte für das ungariſche Bergland; dieſer gewaltige Gebirgsſtock ſcheidet das europäiſche Tiefland von der üppigen ungariſchen Ebene. Am ge waltigſten“, fuhr der von ſeinem Gegenſtande begeiſterte Redner fort,„iſt der Eindruck der Tatra von Norden geſehen. Aus der freundlichen, mit Dörfern und Ge⸗ höften geſchmückten Flußebene erhebt ſich mauerartig der öde Gebirgswall mit felſigen Abhängen, über welche hin⸗ aus kahle Riffe ſcharf wie die Zacken einer Rieſenſäge zu den Wolken ſtreben. In dem Bette dunkler Schluchten glänzen die Schneefelder und ziehen ſich gleich Silber⸗ bändern hinab in die Thäler. Oft ſind alle Spitzen be⸗ ſchneit und werfen blendend das Sonnenlicht zurück. Ein Fichtenwald umwogt wie ein grünes Meer von allen Seiten den Fuß des Gebirges. Die Bergſpitzen, ſcheinbar zu Glocken gerundet, heben ſich tief im dunkelſten Blau 134 unbeweglich und ſchwimmen in dem hellſten Goldlichte des Abendhimmels. Röthlich umglänzt, gemahnen dieſe ernſten Bergrieſen an das Alpenglühen und ſenden tiefen Frieden in das wunderbar bewegte Gemüth.“ Graf Thomas hielt hier inne. Dann ſprach er in ſchöne Etinnerung verſunken:„Nimmer vergeſſe ich das Morgengrauen eines ſchönen Auguſttages. Es hatte die Nacht über geregnet. Noch lagen auf den Bergen ſchwere Nebel, die langſam ins Thal ſanken. Wir ſtiegen im Walde empor. Die Sonne erhob ſich endlich hinter den Bergen Hell glänzten die Diamanttropfen in den vio⸗ letten Blüten des Haidekrauts und an den rubinrothen Preißelbeeren. Bis zur Erde neigte ſich die zarte Berg⸗ anemone. Jugendfriſch hatten die jungen Lärchen⸗ und Fichtenſtämmchen das nächtliche Bad abgeſchüttelt und nur ein duftiges Naß zitterte wie hingehaucht auf den grünen Nadeln. Das Leben der Inſekten begann und der goldene Sonnenſchein rieſelte bis ins Herz hinein. Tiefes Schweigen erhöhte den Ernſt der Landſchaft, und nur der langgezogene Ruf eines einſamen Kreuzſchnabels unterbrach die ſonntägige Stille. Je höher wir ſtiegen, deſto einſamer war die Welt. Nur noch einzelne Tan⸗ nen zeigten ſich traurig und halb vermodert, von langem Bartmoos umhüllt, vom Winterfroſte getödtet, andere gebrochen und in den Bach geſtürzt und zum Theil von 135 den Wellen hinabgetragen. Kein Singvogel wagt ſich in dieſe unwirthbare Stätte, kein Raubvogel ſchwebt über dieſen Schluchten; nur ſelten durchirrt ein Schmet⸗ terling oder Käfer dieſe Einöde. Keine Alpenmatte er⸗ quickt das Auge. Nur das Rauſchen des Wildbachs und ver⸗ einzelte Alpenpflanzen am ſteinigen Bachufer erinnern daran, daß noch nicht alles Leben erloſchen iſt. Inmitten des Bachs haben ſich Felsblöcke eingeniſtet, die von den himmelhohen Höhen herabgeſtürzt ſind. Plötzlich lichtete ſich der Nebel im Nordweſten. Langſam, feierlich zer⸗ floſſen die Dunſtmaſſen. Ein grüner Fleck tauchte wie ein rieſiger Edelſtein auf. Bald leuchtete zitternd ein Krhſtall hindurch, ein glitzernder See. Die grüne Haſe wuchs an; allmälig ſchloß ſich ein freundliches Alpen⸗ thal auf Köſtliches, ſaftiges Wieſengrün, ſchimmernde Seen, weidende Heerden, alles vom Sonnenſchein mär⸗ chenhaft verklärt. Die Felſen ſelbſt ſchienen in ſanfter Beleuchtung ihren finſtern Unmuth vergeſſen zu haben. Wie hingezaubert lächelte dieſes Bild des Friedens, und ſo ſtill, ſo heimlich ſtill! Kein Blöken der Heerden drang herauf, kein Glockengeläut. Kein Horn, kein Ruf des Hirten, kein Gebell der Hunde, kein Schuß ſtörte die ahnungsvolle Stille. Mit verhaltenem Athem lauſch⸗ ten wir, als fürchteten wir, dieſe ſo liebliche Schöpfung zu verſcheuchen, welche wie ein holder Traum vor unſerer 136 Seele ſtand. Da plötzlich, gerade vor uns im Norden, begann der Nebel zu gären und zu brechen. Graue Maſſen ſetzten ſich in Bewegung, die mit weißen glänzenden und flatternden Schleiern zu ringen begannen. Weiße Säulen wandelten majeſtätiſch dahin oder ſtiegen ſenkrecht empor. Andere zogen in ſeltſamen Wirbeln und Verſchlingungen vorüber, launenhafte Phantaſiege⸗ bilde, aber alle leicht, zart, duftig. Einige lagerten ſich ſchmeichelnd zu unſern Füßen, ſchmiegten ſich längs des Berggipfels hin oder riſſen ſich los und ſtiegen als leichte Bälle hoch empor, lange weiße Bänder nach ſich ziehend und endlich als winzige Wölkchen ſilberglänzend am blauen Himmelsdom gen Süden treibend. Mitten aus dieſem Kampfe tritt endlich eine dunkle unbewegliche Maſſe, wie Gewänder fallen die Nebel von ihr herab und der Karfunkelthurm zeigt ſich in ſeiner Majeſtät. Auf ſeiner Spitze leuchtete einſt weithin ein Karfunkel. Doch noch ein köſtlicheres Kleinod verbarg hier die Tatra vor zweihundert Jahren. Im Thale wohnte ein Schäfer⸗ mädchen von wunderbarer Schönheit. In dem Himmel ihrer Augen vergaß man alles Weh und Leid der Erde. Doch ihr Sinn war ſtolz und ſie wollte nur dem Herz und Hand ſchenken, der den Karfunkelthurm erſteige und das Kleinod herabhole. Als einſt Tökölö's Sohn vom Käs- marker Schloß die ſchöne Schäferin erblickte, entbrannte 137 ſein Herz in feuriger Liebe und er wollte das Mädchen ge⸗ winnen oder nicht mehr leben. Er begab ſich zum Vater des ſchönen Kindes, das er zur Gemahlin und Gräfin er⸗ heben wollte. Aber vergebens, die ſpröde Schöne ver⸗ harrte bei ihrer Bedingung. So erklomm denn Tökölö's Sohn die Spitze. Doch unbeweglich blieb das Kleinod, welches eine mächtige Fee, die im See am Fuße des Berges wohnte, gegen Menſchenhand gefeit hatte. Tö- kölö's Sohn, raſch entſchloſſen, zog ein Piſtol hervor und drückte ab, um durch die Kraft des Pulbers den Bann zu ſprengen. Dieſer widerſtand auch nicht und das Kleinod ſtürzte in den See. Aber blitzſchnell ſprang Tökölö's Sohn nach und tauchte auf den Grund des Sees. Hier erglänzte eine Stadt bon Feenſchlöſſern aus Granat und Karfunkel. Von allen Seiten umſchloſſen den Erdengaſt die holdeſten Feen, küßten und liebkoſten ihn.“ Als Thomas ſich auf den weitern Verlauf der Sage nicht einließ, ſondern in der Beſchreibung der Tatra fortfuhr, fragte Hippolht, was denn ſchließlich aus Tökölö's Sohne und der ſchönen Schäferin geworden ſei. Thomas vermochte hierüber keine weitere Auskunft zu geben und beſchränkte ſich auf die einfache Mitthei. lung, daß das Kleinod des Karfunkelthurms ſeit jener Zeit abhanden gekommen ſei. In ſeiner maleriſchen Schilderung fuhr er aber 138 weiter fort:„Wolken und Nebel verzogen ſich endlich gänzlich und ſchloſſen das Innere der Tatra dem er⸗ ſtaunten Auge auf. Nackte, ſcharfe Bergkämme und Klippen, Vorſprünge und Widerlagen, Bäche und Seen, leuchtendes Weißgrün der Felſenhäupter, blaue Finſter⸗ niß der Abgründe, dunkle Wälder am Fuße der Berge, glänzende Schneefelder auf den Gipfeln, dazwiſchen Haſen grüner Matten, welche doppelt freundlich die wildzerriſſene Felſenwüſte anlächeln— das iſt das Bild der innern Tatra.“ Thomas beſchloß ſeine pittoreske Mittheilung mit einer alten Volksſage aus der beſchriebenen Gegend: „In uralter Zeit“, erzählte er,„hauſte in der dor⸗ tigen Gegend ein Ungeheuer, welches bald als Schatten erſchien, bald als rieſiges Menſchengebild mit zwei Köpfen ſich zeigte. In dem einen Kopfe wohnte eine unwiderſtehlich ſüße und verlockende Stimme, in dem andern aber ein Gebrüll, dem Donner vergleichbar. Mit der ſüßen Stimme lockte das Ungeheuer die Wan⸗ derer an ſich, mit der Donnerſtimme aber erſchreckte es dieſelben, daß ſie entſetzt davoneilten. Die Donnerſtimme verfolgte und jagte die Unglücklichen ſo lange, bis ſie todt niederfielen und eine Beute des Ungethüms wurden. Einſt führte der Weg zwei Reiſende aus Polen nach Ungarn über die Tatra. Da beide von dem Ungeheuer 139 Kenntniß hatten, wollte ſich jeder von ihnen ſo hart als möglich an eine Felſenwand legen, damit ihn der böſe Geiſt nicht zuerſt erfaſſe. Endlich kamen ſie dahin überein, daß ſich jeder zu den Füßen des andern legen und ſich beide mit demſelben Mantel bedecken ſollten. Kaum waren ſie eingeſchlafen, ſo erſchien das Scheuſal, welches aber nicht wenig betroffen war, als es an jedem Ende einen Kopf und ein paar Füße erblickte. Es heulte laut auf und ſchrie:„Ich habe fiebenundſiebzig Berge viele hundertmal überſchritten, aber ein ſolches Unthier habe ich noch nicht geſehen. Ich bin groß und mächtig, aber dieſes hier iſt noch mächtiger.“ Es brüllte nochmals laut auf ſpie Feuer und ſtarb unter wilden Zuckungen vor Schreck und Wuth. Die Reiſenden verhielten ſich ganz lautlos, und am andern Morgen erhob ſich an ihrer Seite ein ſchwarzer Fels, in welchen das Ungethüm verwandelt worden war. Seit jener Zeit aber war die Tatra von demſelben befreit und die Wanderer konnten unangefochten ihren Weg dahinziehen.“ Es war während dieſer unterſchiedlichen Mitthei⸗ lungen ſpät geworden. Die Geſellſchaft beſchloß, ehe ſie auseinander ging, für den morgenden Tag einen Ausflug zu Roß und Wagen nach dem reizend gelegenen Karoli⸗ nenthal zu unternehmen, eine Partie, die ſchon wiederholt beſprochen, aber immer nicht zur Ausführung gekommen war. — S———— Dreizehntes Kapitel. Während die öſterreichiſchen Heere über Preßburg von den ſiegreichen Magyaren zurückgeworfen waren und in der Stadt Peſth das regſte und freudigſte Leben herrſchte, wehte von den Zinnen der Schweſterſtadt Ofen noch immer trotzig und drohend das ſchwarzgelbe Banner und die dunklen Mündungen der Feſtungsgeſchütze drohten verderbenſchwanger auf die Stadt herab. Wenn man auf der Donau ſich der Feſtung Ofen nähert, erblickt man zur Rechten ſanfte Hügel, die mit Weinlaub bedeckt ſind und ſich bis zur Hauptſtadt hinziehen. Sie nehmen an Umfang, Höhe und Mannichfaltigkeit raſch zu. Den Schlußſtein dieſer Kette bildet der Blocksberg. Da, wo die erſten Häuſer von Ofen ſtehen, tritt das Gebirge, welches bis jetzt den Strom begleitet hat, etwas zurück und es bilden der Calvarienberg, der große 141 und kleine Schwabenberg, der Spitzberg und Blocksberg Peſth gegenüber ein majeſtätiſches Amphitheater. Der eigentliche Feſtungsberg ſteigt hart am Fluſſe auf, ſodaß die Wellen der Donau ſeinen Fuß beſpülen. Er iſt in dieſes Bergamphitheater ſo hineingeſchoben, daß er den Schluß deſſelben bildet. Ofen wird demnach von drei Seiten vollkommen beherrſcht, während es ſeinerſeits wieder der Beherrſcher des Donauſtroms und des gegenüberliegenden Peſth iſt. Noch hatten bis jetzt ſeine Kanonen geſchwiegen, als man bon der Feſtung die Entdeckung machte, daß die Ungarn bemüht waren, in das am Donauquai prachtvoll gelegene Hotel zum König von England Kanonen zu ſchaffen. Da begann es plötzlich zu blitzen und zu flammen, zu donnern und zu krachen; Granaten und glühende Kugeln durchfuhren ſauſend die Luft und alsbald war das ſchöne Hotel nur noch ein Schutthaufen. Ein gleiches Geſchick traf das Redoutengebäude. In ſeinen Räumen hatte der Reichstag ſeine Sitzungen ge⸗ halten. Dafür, daß hier die ungariſchen Volksvertreter getagt, ſollte das unſchuldige Gebäude büßen. Das Bombardement deſſelben war zugleich das Zeichen zu allgemeiner Auswanderung der Peſther Bevölkerung. Die Reichen flüchteten aufs Land oder nach den benachbarten 142 Ortſchaften, die weniger Bemittelten ſchlugen im ſoge⸗ nannten Stadtwäldchen, bis zu welchem die Geſchoſſe des Feſtungscommandanten Hentzi nicht zu dringen ver⸗ mochten, ihr Lager auf. Daſſelbe gewährte einen ungemein intereſſanten und romantiſchen Anblick. In ſchnell auf⸗ geſchlagenen Zelten, Erdhütten, Buden, ja ſelbſt in Wagen und Fiakern wurden Wohnungen eingerichtet. Auch die großen Eiſenbahnwaggons ſchaffte man vom Bahnhofe herbei und richtete ſie wohnlich her. Dazwiſchen brannten überall Feuer, um welche in bunten Gruppen Männer, Frauen, Kinder auf friſch geſtreutem Stroh gelagert waren. Darüber ſpannte der Himmel ſein herrliches blaues Dach. Es war ein buntbewegtes Durcheinander, ein wahrer Ameiſenhaufen, wo es auch an komiſchen Scenen nicht fehlte Man ſcherzte über dieſen Ausnahmezuſtand, man lachte, ſang, muſicirte, bald einzeln, bald im Chor. Dieſes improviſirte Feldlager währte faſt vierzehn Tage. Indeſſen hatten einige Honvedabtheilungen, von Kampfluſt und Vaterlandsliebe begeiſtert, den Verſuch gemacht, die Feſtung Ofen zu ſtürmen. Sie drangen ungeſtüm gegen die Paliſſaden an der Kettenbrücke vor. Ein Theil dieſer Pfahlwerke gerieth in Brand; andere kleinere Haufen klimmten ſogar den Berg hinauf, wurden aber faſt ſämmtlich Opfer ihrer Tollkühnheit. Görgei, der an der Seite der Generale Damjanics 143 und Aulich von ſeinem Hauptquartier auf dem Schwaben. berge dieſen ohnmächtigen Verſuchen mißbilligend zuſchaute, rief endlich, von ſeinem Ehrgeize, der ihn nie verließ, angeſpornt aus:„Ich will aber doch der Welt zeigen, daß ich auch Feſtungen nehmen kann.“ Allmälig bevölkerten ſich die oben genannten Berge in der Runde. Statt Primeln, Windröschen, Löwenzahn, wie ſonſt um dieſe Jahreszeit, ſah die Frühlingsſonne Verderben dräuende Batterien aus der Erde wachſen. Ununterbrochen bemühten ſich die Geſchütze der Feſtung, dieſe Arbeiten zu ſtören. Der Donner derſelben währte faſt ununterbrochen. Die Poſitionen der Un⸗ garn aber waren zu günſtig gelegen, als daß die öſter reichiſchen Geſchoſſe viel Schaden arzurichten vermocht hätten. Wenn aber die kräftige Vertheidigung der Bela⸗ gerten gegen die Belagerer erſtern nicht zum Vorwurf gemacht werden konnte, ſo gehörte doch das wiederholte Bambardement von Peſth zu jenen Barbareien, wie ſie einem civiliſirten Kriegsheere nimmermehr geziemen. Dies Bombardement währte oft ſelbſt die Nacht hindurch. Durch die rabenſchwarze Finſterniß ſandte die nur mo⸗ mentan durch die Blitze der Kanonen blutroth erhellte Feſte Tod und Verderben auf die wehrloſe Schweſter⸗ ſtadt. Es gewährte einen ſchauerlich ſchönen Anblick, 144 wenn die ſauſenden Granaten flammend und praſſelnd in Häuſer und Dächer ſchlugen. Viele öffentliche und Privatgebäude wurden ein Raub der Flammen. Ganz Peſth war zeitweilig in Rauch und Feuer gehüllt. Ueberall herrſchte die entſetzlichſte Zerſtörung. Fenſter und Thüren wurden zertrümmert, Dächer und Plafonds eingeſchlagen, überall gewahrte man niedergebrannte und eingeſtürzte Gebäude, rauchende Brandſtätten. Hier und da, mitten unter dem Kugelregen, ſah man Leute beſchäftigt, die Flammen zu löſchen. Auf dem Donauufer durfte ſich aber kein menſchliches Weſen blicken laſſen, weil von der Feſtung ſelbſt auf einzelne Perſonen geſchoſſen wurde. Vierzehn Tage lang bedurfte Görgei Zeit, ehe er ſich in den Stand geſetzt glaubte, der Welt zu zeigen, daß er auch Feſtungen erobern könne. Bevor er den Befehl zum Sturm ertheilte, erließ er folgendes Schreiben an den Commandanten von Ofen: „General! Ofen iſt von den ungariſchen Truppen cernirt, und ſie warten nur auf meinen Befehl, um die Feſtung mit jener Energie anzugreifen, welche allein der Nothwehr⸗ kampf auf Leben und Tod jedem einzelnen Krieger zu geben vermag. Ihre Aufgabe, Ofen länger zu halten, iſt eine ver⸗ lorene. Nehmen Sie den Antrag an, den ich Ihnen aus 145 Menſchlichkeit ſtelle: Capituliren Sie! Die Bedingungen find folgende: ehrenhafte Kriegsgefangenſchaft, die Offi· ziere mit, die Mannſchaften ohne Gewehr und Rüſtung. Die Autorität, welche ich im ungariſchen Heere genieße, die Subordination, die ich mit eiſerner Hand handhabe, meine eigene Ehre, welche bis jetzt Niemand, ſelbſt Oeſterreich nicht ungeſtraft antaſten durfte, wie Ihnen die Erfolge der„Rebellenhorden“ klar beweiſen, bürgt Ihnen für ſtrenge Einhaltung der geſtellten Be⸗ dingungen, da ich ſie mit meinem Ehrenworte garantire. Raab, Stuhlweißenburg, Komorn, die Bergſtädte, ja die ganze Waaglinie ſind in unſern Händen, Ofen auf das ſtrengſte cernirt. Und wenn all das Sie nicht erſchüttert, ſo erſchüt⸗ tere Sie der Gedanke, daß Sie Ungar ſind, daß Sie eine große Schuld an das Vaterland abzutragen haben und daß die Gelegenheit hierzu Ihnen durch mich ge⸗ boten wird. Verharren Sie nach reiflicher, männlicher Ueberle⸗ gung dennoch auf Ihrem Vorſatze, dieſe ſogenannte Feſtung Ofen auf das hartnäckigſte zu vertheidigen, ſo kann ich Sie gegen einzelne Ausbrüche der Leidenſchaft einer angreifenden Truppe zwar nicht unbedingt ſchützen, doch werden die eingebrachten Soldaten auch dann nicht mißhandelt werden, weil dieſes unſerer chevaleresken Art Stolle, Von Wien nach Vilagos. B. 10 146 Krieg zu führen und unſerm Humanitätsgefühle wider⸗ ſtrebt. Sollten Sie aber mit der äußerſten Vertheidigung auch noch die gerſtörung der Kettenbrücke, jenes herrlichen Kunſtwerks, und das fortgeſetzte Bombardement von Peſth verbinden, von welcher Stadt Sie infolge der Uebereinkunft durchaus keinen Angriff erwarten— welches Bombardement offenbar nur eine niederträchtige That genannt werden kann— ſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß nach geſchehener Einnahme von Ofen die ganze Beſatzung über die Klinge ſpringt. Sie ſind Commandant von Ofen, aber Sie find auch Vater und geborener Ungar. Bedenken Sie, was Sie thun. Im Namen der Humanität fordere ich Sie auf und erwarte Ihre Antwort bis längſtens drei Uhr nachmittags. Gewarnt durch das niederträchtige, ehrvergeſſene Syſtem, nach welchem ſogar unſere Parlamentäre öſter⸗ reichiſcherſeits als Verbrecher feſtgehalten und behandelt werden, wähle ich zum Ueberbringer dieſes Schreibens einen kriegsgefangenen öſterreichiſchen Offizier. Hauptquartier Ofen am 4. Mai 1849. Arthur Görgei, General.“ Generalmajor und Feſtungscommandant Hentzi ant⸗ wortete, wie es dem Manne und Soldaten von Ehre geziemt, er werde Ofen zu halten wiſſen. Uebrigens 147 ſei er kein Ungar, ſondern Schweizer und naturaliſirter Oeſterreicher. Seine Familie ſei in Sicherheit. Darum ſei ſein leztes Wort: den Platz nach Pflicht und Ehre bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Da begann allmälig die Erde zu beben meilenweit in die Runde. Die Breſchebatterien eröffneten ihr Feuer. Ganz Ofen und alle Berge ringsherum hüllten ſich in Rauch und Flammen, von Pulberblitzen durchzuckt, von glühenden Kugeln und Raketen durchflogen. Ganze Bat⸗ terien feuerten zu gleicher Zeit, damit der Stoß der Erſchütterung die Wirkung der Breſcheſalben unterſtütze. Es war wie der Tag des ewigen Gerichts. Vom Schwabenberge aus wurden mit beiſpielloſer Hartnäckigkeit ganze Salven des ſchwerſten Geſchützes, das man von Komorn eigens hatte kommen laſſen, gegen das Stuhlweißenburger Thor geſchleudert, während die Batterien vom Blocksberge, Spitzberge und Calvarien⸗ berge in ununterbrochener Abwechslung das Wiener Thor und deſſen Umgebung in Trümmer warfen. Auf langer Linie gab es bald nur noch einen Schutt- und Stein⸗ haufen hier und da von Flammen umleckt, ein wüſtes Chaos, ein Labhrinth zerſtörter Gänge und Höhlungen. Die ganze Seite zwiſchen den beiden Thoren war eine einzige große klaffende Wunde. Sie war beſtimmt, den Weg zum Todesſtoße zu bahnen. In Ofen ſelbſt brann⸗ 10* 148 ten der Palaſt des Palatins, die Pfarrkirche und zahl⸗ reiche andere Gebäude. Mit großer Behendigkeit traf man jetzt ſeitens der Ungarn alle Vorkehrungen zum Sturme. Strick⸗ leitern, Stangen, Haken. Wurf⸗ und andere Geräth⸗ ſchaften aller Art zum Erſteigen der Wälle wurden während der Nacht herbeigeſchafft. Bevor der Sturm begann, erließ Görgei einen Aufruf an Freiwillige, welche ſich an die Spitze ſtellen und die Sturmcolonnen führen ſollten. Die erſten, die ſich meldeten, waren fünfundzwanzig Rothkappler. An ihrer Spitze ſchritt Ladislaus. Dieſe kühnen Krieger waren die letzten von einem ganzen Bataillon. Görgei umarmte den Führer Dann drückte er jedem einzelnen der Mannſchaft die Hand. Ladislaus hatte in zahlreichen Gefechten vergebens den Tod geſucht. Die Wunde ſeines Herzens, die ihm das ſerbiſche Mädchen geſchlagen, war noch nicht ge⸗ heilt. Bei dem bevorſtehenden Sturme hoffte er die er⸗ ſehnte Ruhe zu finden. Die Feſtung war an der Seite, wo man den Sturm zu erwarten hatte, illuminirt. Von den höher gelegenen Punkten des ungariſchen Lagers konnte man deutlich die Bewegungen der Belagerten wahrnehmen. Es fand dort ein reges Leben und Treiben, ein geſchäftiges Hin⸗ und Her⸗ 149 laufen ſtatt, während im ungariſchen Lager tiefe Stille herrſchte. Nur vom Blocksberge blitzte von Zeit zu Zeit eine Bombe auf, die ihren Weg nach der Feſtung nahm. Der erſte Sturmangriff erfolgte auf die Breſche zunächſt dem Wiener Thore. Deutlich vernahm man das Wuth⸗ geſchrei der Stürmenden, das Waffengeklirr und Knattern des Kleingewehrfeuers. Die außerhalb der Feſtung wohnen⸗ den Ofener waren alle wach. Zitternd lagen viele auf den Knieen und beteten für das Gelingen des Sturms. Der Kampf Mann gegen Mann währte auf den Feſtungs⸗ wällen und an den Ringmauern von zwölf Uhr nachts bis fünf Uhr früh. Hentzi wehrte ſich mit Löwenmuth. Um zwei Uhr nachts wütheten ſeine Kanonen von neuem, aber auch zum letzten Male. Die Hartnäckigkeit ſeiner Vertheidigung, die Verzweiflung, Alles zur Rettung zu wagen, ſelbſt das Aeußerſte nicht unverſucht zu laſſen, trieb ihn in dieſer ſchrecklichen Nacht ſo weit, einen furchtbaren Racheplan in Ausführung zu bringen. Er beabſichtigte nämlich die ſchöne eiſerne Kettenbrücke, eins der bewun⸗ dernswertheſten Bauwerke, welches die beiden Schweſter⸗ ſtädte zu einer Stadt, berbindet und erſt im Jahre zuvor vollendet worden war, in die Luft zu ſprengen. Er hatte zu dieſem Zweck die Brücke an beiden Seiten ſtark ver⸗ barrikadiren und unterminiren laſſen An dem einen Ende commandirte Oberſt Auer. Dieſer warf, als er ſah, 150 daß Alles verloren war, ſeine Cigarre in die Pulver⸗ leitung, die zur Brückenmine führte. Aber die ſchützende Hand der Vorſehung waltete über dem großartigen Bau. Die Exploſion blieb ohne den gewünſchten Erfolg. Nur zwei Ketten wurden leicht beſchädigt, während der Oberſt ſelbſt ein Opfer ſeiner barbariſchen That wurde. Erſt nach einigen Tagen fand man den verkohlten und ver⸗ ſtümmelten Leichnam. Als der Morgen anbrach, flatterten bereits hier und da auf den Wällen die ungariſchen Fahnen. Viele der aus der Ferne Zuſchauenden ſanken bei dieſem Anblick freudetrunken auf die Kniee und dankten dem Gotte der Krieger Arpad's. Hinter den Wällen dauerte indeß der Kampf noch immer fort. Die Beſatzung wehrte ſich heldenkühn. Jeder Schritt vorwärts mußte mit Säbel und Bajonett blutig erkämpft werden. Bald aber ver⸗ ſchwand eine ſchwarzgelbe Fahne nach der andern. Als die letzte dahinſank und dem grünweißrothen National- banner Platz machte, rief Görgei in freudiger Aufwallung: „Eljen Honved!“ Ein Kurier ſtand bereits geſattelt, die Siegesbot- ſchaft nach Debreczin zu bringen. Das Bulletin lautete à la Suworow: „Hurrah! Buda! Görgei!“ Es war ſieben Uhr früh. Der Kampf war beendet. 151 Die Geißel, welche über beide Schweſterſtädte geſchwungen worden, das Damoklesſchwert, das furchtbar drohend über ihnen gehangen, war gebrochen. Ofen und Peſth lebten wieder auf. An beiden Donauufern wimmelte es von Menſchen, welche Dankgebete zum Himmel ſandten und mit Tüchern und Fahnen herüber und hinüber winkten. General Hentzi war als Held bei Vertheidigung der Breſche gefallen. Er erlag am folgenden Tage ſeinen tödtlichen Wunden. Görgei ließ ihm ein ebenſo prunkvolles wie ehrendes Begräbniß zu Theil werden. Unter den zahlreich gefallenen Honveds befand ſich auch Ladislaus. Er hatte endlich die langerſehnte Ruhe gefunden. Die roſafarbene Schleife, welche er einſt in ſchöner Stunde von Aloyſia, die für ihn in den Tod ge⸗ gangen, erhalten und die er ſtets auf dem Herzen trug, nahm er mit ins Grab. Vierzehntes Kapitel. Die von den Gäſten auf Bardy⸗Caſtell bereits ſeit einiger Zeit beabſichtigte Luſtfahrt nach dem reizend ge⸗ legenen Karolinenthal war endlich zu Stande gekommen. Die Geſellſchaft beſtand aus Veronika, Edmund, dem jungen Franzoſen, dem Grafen Thomas und ſeiner Gattin Jlona einer feingebauten, ſehr lebensluſtigen Ungarin aus Temesvar. Thomas ſaß mit den zwei Damen im Wagen, während Edmund und Hippolht das Fuhrwerk zu Pferde begleiteten. Der prächtigſte Frühlingsmorgen war angebrochen. Die ganze Natur athmete Friſche und Erquickung. Die üppige Vegetation zu beiden Seiten des Weges duftete herrlich. Auf Blättern und Blüten glänzten im Strahle der Morgenſonne Diamanten und Rubinen. Veronika's 153 Wangen blühten vom angenehmen kühlen Morgenlüft⸗ chen umſpielt, wie junge Roſen. Das ſchöne Mädchen hatte in Neuſatz an langan⸗ haltender Krankheit ſchwer darnieder gelegen. Ein böſes Nervenfieber brachte ſie geraume Zeit dem Tode nahe. Nur der aufopfernden Pflege Edmund's, welcher der armen Verlaſſenen wie ein rettender Engel zur Seite ſtund, war es gelungen, das junge Leben zu erhalten. Darum mußte auch die Abreiſe nach Deutſchland auf ſehr lange Zeit verſchoben werden. Hippolyt, der ſeinen Freund im fremden Lande nicht allein laſſen wollte, brachte die Langeweile faſt zur Verzweiflung. Wie oft ihn auch Edmund beſchworen, nach Deutſchland zurück⸗ zukehren, war er doch nie dazu zu bewegen geweſen. Seine einzige Zerſtreuung während dieſer langen Zeit, nachdem er mit allen Reſtaurationen und Billards von Neuſatz Vekanntſchaft gemacht, beſtand in einigen Aus⸗ flügen in die Ungegend, wobei er einmal beinahe den räuberiſchen Serben in die Hände gefallen wäre. Den kühnen Gedanken, einen Abſtecher nach Con⸗ ſtantinopel zu machen, hatte er infolge der unru⸗ higen und bedrohlichen Zeitverhältniſſe ganz aufgegeben. Die Reiſegeſellſchaft war auf einer kleinen Anhöhe angelangt, von wo man eine prachtvolle Ausſicht über das Thal genoß. Edmund und Hippolyt, die dem Wagen —— 154 eine Strecke voraus waren, ließen entzückt ihre Blicke über die bezaubernde Gegend ſchweifen. „Trinke Dich noch recht ſatt an dieſem Paradieſe“, ſagte Edmund zu ſeinem Begleiter,„denn unſer Ver⸗ bleiben hier darf nun nicht mehr von langer Dauer ſein. Es hieße die edle Gaſtfreundſchaft, deren wir uns hier erfreuen, mißbrauchen, wollten wir nicht an baldigen Aufbruch denken.“ Hippolyt, dem es auf Bardy⸗Caſtell ſehr wohl ge⸗ fiel, ſodaß ihn der Gedanke an die Abreiſe ſogar un⸗ behaglich berührte, erkundigte ſich, ob Edmund auch ſichere Nachricht habe, daß man das Fräulein ohne Gefahr weiter geleiten könne. „Ich habe ſolche“, verſicherte der Gefragte„und weiß, daß der Weg von Peſth bis zur deutſchen Grenze, der ſich dermalen in den Händen der ſiegreichen Ungarn befindet, ſelbſt für Frauen ohne alle Gefahr zu paſſi⸗ ren iſt.“ „Aber bis Peſth“, gab der Franzoſe zu bedenken, „da liegt der Haſe oder vielmehr der Serbe im Pfeffer. Wollen wir nicht warten, bis die braven Ungarn dieſen böſen Kerlen das Handwerk gründlich gelegt haben? Ich für meine Perſon fürchte mich nicht, es iſt mir nur um Veronika. Von dieſen ruchloſen Banden gefangen zu werden, dürfte aber kaum zu den Annehmlichkeiten des 155 Lebens zu rechnen ſein, wenn wir auch allenfalls mit dem Leben davonkämen.“ „Die Comitate von hier bis Peſth“, erwiderte Edmund,„ſind überhaupt nicht von den Serben beunru⸗ higt worden, da letztere ihr Unweſen mehr im Banat, in der Woiwodina treiben. Das Einzige, was wir zu be⸗ ſorgen hätten, wären einige walachiſche Banden, die ſelbſt bis in die Gegend von Klauſenburg vorgedrungen ſein ſollen. Aber hoffentlich wird man ihnen jetzt eben⸗ falls das Handwerk gelegt haben, da bedeutende unga⸗ riſche Streitkräfte zu ihrer Vernichtung aufgeboten wor⸗ den ſind.“ „Das gebe der Himmel“, ſagte Hippolyt,„denn ich muß geſtehen, daß es mir keine Ruhe läßt, bevor ich nicht unſern reizenden Schützling in vollkommener Sicher⸗ heit weiß.“ „Ich brauche wohl nicht zu betheuern“, verſetzte Edmund,„daß mir das nicht weniger am Herzen liegt. Erſt wenn ich Veronika im Hauſe meines Vaters weiß, will ich frei athmen und mein Haupt ſorglos aufs Kiſſen legen.“ Das freundliche Landhaus Karolinenthal, welches mit zu den Beſitzungen des Grafen Stanislaus gehörte und das Ziel der ſchönen Frühlingspartie war, ward jetzt in einiger Ferne ſichtbar. Einladend ſchaute es mit 156 ſeinen grünen Jalouſien aus dem Laube goldgrüner Linden und verſprach die freundlichſte Einkehr. Der alte Kaſtellan daſelbſt, der von dem Beſuche in Kenntniß geſetzt worden, hatte für gaſtliche Aufnahme und ein ſchmackhaftes Gabelfrühſtück beſtens Sorge getragen. Er trat den Ankömmlingen am Hausthor entgegen und ward von Thomas wie von deſſen Gattin herzlichſt um⸗ armt, da man in ihm einen alten treuen Diener und Freund der Familie ehrte und liebte, den man aber mehrere Jahre lang nicht geſehen hatte. Die Ab⸗ und Ausgeſtiegenen befanden ſich in der heiterſten Stim⸗ mung. Der ſchöne Frühlingstag, der blaue herzerfreuende Himmel, die grünende und blühende Welt ringsum, dazu der wunderbare Frieden der Natur, der nicht ahnen ließ, daß faſt ganz Ungarnland unter Waffen ſtand, ſie ließen keine trübe Stimmung aufkommen. Das Frühſtück war in einem blühenden Garten, im wohlthuenden Schatten alter Linden aufgetragen Die mit koſtbarem Ungarwein gefüllten Flaſchen gewährten mit ihren halb ummooſten Etiketten einen verlockenden Anblick. Man nahm Platz und vergaß zeitweilig in fröh⸗ lichem Geplauder die ſchwere Prüfungszeit, die Gott über das geſegnete Ungarnland verhängt hatte. In einem freundlichen kleinen Saale des Landhauſes, zu deſſen Fenſtern von allen Seiten der Frühling herein⸗ 157 ſchaute, befand ſich ein Piano von ſehr ſchönem Tone. Thomas, der im Klavierſpiel eine große Fertigkeit beſaß, gab nach beendetem Frühſtück mehrere der beliebteſten Tänze und Opernſachen zum Beſten. Edmund und na⸗ mentlich Hippolht konnten nicht umhin, den beiden Damen einige Tänze anzubieten, Während Edmund und Veronika im anmuthigen deutſchen Walzer dahinſchwebten, war Hippolht durchaus auf den ungariſchen Czardas verſeſſen, den er zwar oft Gelegenheit gehabt tanzen zu ſehen, aber nie hatte erlernen können. Die muntere Jlong gab ſich die möglichſte Mühe mit dem fränkiſchen Schüler, was zu den poſſirlichſten Poſitionen Veranlaſſung gab und die allgemeine Heiter. keit nicht wenig erhöhte. Unfern des Landhauſes zog ſich ein dunkelgrüner tiefſchattender Fichtenwald ins Land. Thomas machte Veronika auf dieſen ſchönen Wald aufmerkſam. „Das iſt“, ſagte er,„unſer Erdbeerwald und in ihm wachſen die duftendſten und ſchmackhafteſten Wald⸗ erdbeeren in ganz Siebenbürgen.“ „Ilona“, rief freudig Veronika,„da gehen wir in die Erdbeeren. Schon als Mädchen war das immer meine Herzensluſt. Um ihretwillen habe ich in meiner Heimat oft ſelbſt hohe Berge erſtiegen.“ Thomas erkundigte ſich bei dem alten Kaſtellan, — 158 wie es in hieſiger Gegend hinſichtlich der Raubzüge der Walachen ſtehe. „Gott ſei Dank“, erwiderte der Greis,„ſind wir bis jetzt vollkommen von jenen böſen Geſellen verſchont geblieben und hoffen das auch mit Zuverſicht von der Zukunft. Nach den neueſten Nachrichten ſind dieſe Raub⸗ zügler von unſern braven Truppen total zerſprengt und zum großen Theile auf türkiſches Gebiet getrieben worden. Nur die Cohorte des gefürchteten Centurio Ranko ſoll noch in den benachbarten Comitaten ihr Weſen treiben; hoffentlich aber wird auch ſie am längſten gemordet und geplündert haben.“ Während ſich die Geſellſchaft der ungetrübteſten Freude hingab, war es nicht bemerkt worden, wie aus dem Unterholze, welches den Wald umſäumte, wieder⸗ holt die gelben Geſichter des Serben Petrowitſch und des Walachen Lupuj hervorgelauſcht hatten. Die kleinen unheimlich ſtechenden Augen des letztern ſchienen das Landhaus Karolinenthal und deſſen Umgebung zu reco⸗ gnosciren. Petrowitſch und Lupuj waren die Anführer einer kleinern Abtheilung der Cohorte Ranko's und hatten den Auftrag, ſich dem Bardy Caſtell auf dem Wege von Karolinenthal zu nähern, während der größere Haufe von der entgegengeſetzten Seite gegen das Caſtell vor⸗ ſichtig vordrang, da man ſtets befürchtete, auf unga⸗ 159 riſche Truppen zu ſtoßen. Die kleinere Abtheilung lagerte an dem ein Stündchen entfernten entgegengeſetzten Waldes⸗ rande. Nur Petrowitſch und Lupuj hatten ſich von ein paar Mann gefolgt bis Karolinenthal herangeſchlichen. Mit gierigem Blicke bemerkte der letztere, der unver⸗ droſſen durch die Zweige lugte, wie zwei Damen lachend und ſcherzend mit kleinen Körbchen am Arme vom Land⸗ hauſe daherkamen und ihren Weg nach dem Fichtenwalde einſchlugen. Wie das Raubthier, um ſich zum Sprunge auf ſeine Beute vorzubereiten, eine Strecke zurückgeht, ſo zog ſich auch Lupuj, indem er ſeinem Begleiter ein Zeichen gab, in das Dickicht des Waldes. Arglos nahten Veronika und Jlona und waren bald hinter Bäumen und Buſchwerk verſchwunden. Da man nicht gleich die gewünſchte Frucht vorfand, drangen die Erdbeerſucherinnen eine Strecke im Walde vor. Plötzlich blieb Ilona ſtehen.„Wenn ich mich recht entſinne“, ſagte ſie,„befindet ſich der wahre Erdbeerſegen in der Nähe der uralten Rakoczyeiche, die mehr nach rechts hin ſtehen muß. Verweile einen Augenblick hier, Veronika, ich will ſehen, ob mich mein Erinnerungsvermögen ge⸗ täuſcht hat oder nicht. Ich bin gleich wieder da.“ Mit dieſen Worten wandte ſich Jlona zur Rechten und verſchwand im Blattgrün. Veronika befand ſich in 160 tiefer Waldeinſamkeit. Leiſe rauſchte ein kühles Lüftchen in den Kronen der Fichten. Um ſich nicht zu verirren, wagte ſie ſich nicht von der Stelle. Etwas bänglich ſchlug ihr Herz in dieſer Verlaſſenheit. Da ſprangen wie mit einem Satze zwei wildausſehende Geſtalten aus dem Dickicht, und ehe die Ueberraſchte auch nur einen Schrei auszuſtoßen vermochte war ihr ein Tuch in den Mund gepreßt und vier nervige Männerarme trugen die völlig Wehrloſe, deren Sinne von einer Ohnmacht umdunkelt wurden mit eiligen Schritten durch den Wald. Am Ende deſſelben angelangt, empfingen die hier gelagerten Walachen frohlockend die ſchöne Beute. Man warf ſich mit derſelben auf die Pferde und fort gings im raſenden Galopp nach der Gegend, wo man die übrige Cohorte zu treffen vermeinte. „Wenn dieſes nette Fröſchchen“ ſagte unterwegs Lupuj zu Petrowitſch,„der Centurio nicht ſtattlich aus· löſt, bekommt er es mit mir zu thun.“ „Und mit mir ebenfalls“, erwiderte der Serbe. „Wir beide haben die erſten Anſprüche.“ „Der Centurio“ fuhr Lupuj fort,„erſpart ſich jetzt ſogar einen Sturm auf Bardy⸗Caſtell, da es ihm haupt⸗ ſächlich um ein ſchönes Weib zu thun iſt. Nun, und unſer Püppchen läßt in dieſer Beziehung fürwahr nichts 161 zu wünſchen übrig, obſchon das Schäfchen die Augen noch immer nicht aufthun will.“ Und fort ging's auf den dahinbrauſenden Roſſen, daß der Boden dröhnte und der Stauh hoch aufwirbelte. Es war, als wenn den flüchtigen Serben die ungariſchen Huſaren ſchon auf den Hacken ſäßen. Als Veronika aus ihrer langen Ohnmacht erwachte, fand ſie ſich in einem geräumigen Gemach auf einer Bärenhaut liegend. Der Centurio ſaß neben ihrem Lager und verwandte kein Auge von dem ſüßen Antlitz. Während die Ohnmacht das Mädchen noch umfangen hielt, hatte er wiederholt leiſe die Hand auf die Bruſt deſſelben gelegt, um ſich zu überzeugen, ob noch Leben in der ſchönen Hülle vorhanden ſei. In dem Innern des ſonſt ſo eiſernen Mannes war beim erſten Anblicke Veronika's eine merk⸗ würdige Veränderung borgegangen. Er hatte in ihren Zügen eine ſeltſame Aehnlichkeit mit ſeiner Tochter Alohſia gefunden. Dieſe wunderbare Fügung des Schickſals hatte den tiefſten Eindruck auf das Gemüth des wilden Krie⸗ gers hervorgebracht. „Wie“ fragte er ſich,„wäre es ein Wink von oben? Soll mir für die verſtorbene Tochter deren Ebenbild ge· geben werden? Sind es nicht die Augen, iſt es nicht der Mund, die Stirn meiner Aloyſia? Nur bei weitem ſanfter und herzgewinnender iſt der Aus⸗ Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1. 11 162 druck dieſer Züge. Darin gleicht ſie mehr Smiljana. Und ich ſollte dieſe Blume der Schweſterblume zum Opfer bringen? Nimmermehr!“ Er neigte ſich leiſe über Veronika, die wie geiſtesabweſend in der unbekannten Umgebung umherblickte, und flüſterte:„Fürchte nichts, meine Toch⸗ ter! Kein Leid ſoll Dir widerfahren.“ Indeß hatte ſich das Zimmer mit denjenigen Wala chen gefüllt, die einen Anſpruch auf die ſchöne Beute zu haben glaubten. Voran Lupuj. Nach dem Herkommen kam auf den Häuptling ein Drittheil. Lupuj ſagte:„Ein Stier, ein Reitpferd iſt freilich nicht zu theilen, da müſſen wir loſen, aber ein Mädchen kann allen gehören.“ Der Centurio blitzte unter ſeinen weißen Augen⸗ brauen den Sprecher unheimlich an.„Und ich ſage, ſi kann es nicht und möchte gern den ſehen, der da ſagen wird, ſie kann's.“ Lupuj, der den Alten nicht erſt von geſtern her fannte, erwiderte nichts. Auch die Uebrigen ſchwiegen⸗ Nur eine Stimme rief aus dem Haufen:„Sie kann's!“ „Wer ſagte das?“ fragte der Centurio und ſeine Rieſengeſtalt erhob ſich. Ein junger Walache mit ge⸗ flochtenem Haar trat hervor. Er war betrunken. Mit thieriſchem Gefletſch ſtellte er ſich vor Ranko und, den 163 Kopf zurückwerfend, ſchlug er ſich mit der Fauſt auf die Bruſt und ſagte:„Ich hab's geſagt.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als der Cen⸗ turio ſein Römerſchwert zückte und mit einem Streiche den Kopf des Widerſprechenden ſo glatt abſchlug, daß er rückwärts fiel, der Rumpf aber in die Kniee ſank und zuſammenbrach. Ein Schrei ward vernommen. Es war Veronika, die ob des grauenhaften Schauſpiels von neuem in Be⸗ wußtloſigkeit verfiel. Der Centurio aber fragte:„Behauptet noch Jemand, daß ſie es kann?“ Ein Todtenſchweigen war die Antwort. Selbſt Lupuj erlaubte ſich keine Bemerkung über die That des Centurio. Schafft das Fräulein in das Frauengem ach!“ fuhr Ranko fort.„Du, Petrowitſch, ſtehſt mit Deinem Kopfe dafür, daß ihm die ſorgſamſte Pflege wird. Alsdann will ich Euch einen Vorſchlag machen.“ Nachdem man mit möglichſter Behutſamkeit die bewußtloſe Veronika weggetragen und auch den Leichnam des jungen Walachen entfernt hatte, ſagte der Centurio: „Ein Weib iſt nicht zu theilen nach Salomoniſcher Art, das ſeht Ihr ein. Wollen wir loſen, kommt es auf einen blinden Zufall an und der Unwürdigſte iſt oft 11* 164 der Glücklichſte. Was meint Ihr, wenn ich vorſchlage, daß wir das Mädchen dem Tapferſten zuſprechen?“ Da ſich jeder der anweſenden Walachen in ſeiner Phantaſie für den Tapferſten hielt, fand der Vorſchlag allgemeinen Beifall. „Du ſprichſt weiſe, Centurio“, riefen zahlreiche Stimmen.„Dem Tapferſten von uns ſoll die ſchöne Beute ungetheilt gehören.“ Jetzt entſtand ein ſehr lauter und leidenſchaftlicher Wortſtreit. Jeder zählte ſeine Heldenthaten auf, nur der Centurio ſchwieg von den ſeinigen. Endlich ſprach er:„Ich ſehe, daß Ihr Euch nicht einigen könnt. Wollen wir nicht eine Probe anſtellen, wer der Tapferſte iſt?“ „Ja, ja“, rief es beiſtimmend von mehreren Seiten. „laß uns eine Probe anſtellen, Centurio, und wer ſie beſteht, dem gehöre das Mädchen.“ Da öffnete Ranko die Thür zu einem Nebengemach und rollte daraus ein Faß hervor bis in die Mitte des Zimmers. Die Walachen ſchauten erwartungsvoll, was der Centurio mit dem Faſſe beabſichtige. Er ſtellte es auf⸗ recht und hieb mit einem Beile den Deckel ein. Eine ſchwarze Maſſe füllte das Faß bis an den Rand. Ranko fuhr fort:„Das iſt ein Centner Pulver. Jetzt 165 merkt auf. Ich werde einen brennenden Kienſpan in das Pulver ſtecken. Wir lagern uns um das Faß, und wer am längſten aushält, iſt unſtreitig der Tapferſte. Denn ſobald der Zünder das Pulber erreicht, fliegt das Haus in die Luft.“ Mehrere der Walachen begannen unwillig zu murren. „Wer ſich fürchtet“, ſagte trocken der Centurio,„iſt nicht genöthigt dazubleiben.“ „Gut, mir recht“, prahlte Lupuj.„Ich bleibe da. Das ſchwarze Zeug kann auch Mohn ſein.“ Statt einer Antwort nahm Ranko eine Priſe aus dem Faſſe und ſtreute ſie auf die brennende Pfeife des Walachen Die aufblitzende Flamme verſetzte dem Zweifler einen ſolchen Schlag, daß er erſchrocken rück⸗ lings taumelte, und im nächſten Augenblicke ſtand er mit verbranntem Schnurrbart und Augenbrauen und ganz geſchwärzt vor den hohnlachenden Genoſſen. Dieſes Gelächter verſetzte Lupuj in Wuth. „Ich bleibe doch, ich halte aus!“ lärmte er. Er hob die ihm aus dem Munde geſchlagene Pfeife vom Boden auf, und als der Centurio den brennenden Span in das Faß geſteckt, trat er hinzu und brannte ſich ſeinen Tabak daran an. Bei dieſer Scene verließen zwei Drittheile der Wa⸗ lachen das Zimmer, die übrigen aber lagerten ſich mit 166 Lärmen und Prahlen um das Faß und ſchwuren bei Himmel und Hölle, daß ſie ausharren würden. Aber je lauter ſie ſchwuren, deſto öfter blickten ſie auf den bren⸗ nenden Span, deſſen Flamme ſich mehr und mehr der Oberfläche des Pulvers näherte. Bald aber verſtummte das Lärmen und Schwören Ein allgemeines Schweigen verbreitete ſich über die Geſellſchaft. Die Herzen began⸗ nen ängſtlicher zu klopfen. Nur der Centurio blieb kalt und ruhig und rauchte ſeine Pfeife. Da erhob ſich allmälig einer nach dem andern und verließ, ohne ſich zu verab⸗ ſchieden, das Haus Der Zünder brannte immer tiefer. Endlich waren nur noch zwei vorhanden, der Centurio und Lupuj. Erſterer, ruhig an die Wand gelehnt, ſchaute gleichgültig nach dem brennenden Span; letzterer hatte ſich auf den Rand des Faſſes geſetzt, kehrte aber der Flamme den Rücken zu. Endlich vermochte er nicht länger in dieſer Stellung zu verharren Er mußte ſich umſchauen. Als er gewahrte, daß die Flamme nur noch fingerlang vom Pulver entfernt war, ſprang er auf. „Centurio“, ſagte er,„wir ſind jetzt allein, machen wir keine dummen Streiche. Werden wir handelseins. Das Mädchen möge uns zweien gehören.“ „Wenn Du des Wartens überdrüſſig biſt“, verſetzte Ranko mit unverändertem Gleichmuthe,„kann ich den Span etwas tiefer ins Pulber drücken.“ 167 „Sei geſcheidt, Ranko! Du biſt doch nicht toll ge- worden? Sollen wir beide wegen eines bleichen Weibs⸗ bildes gebraten in die Hölle fliegen? Nimm das Mädel zuerſt, aber dann überlaß es mir.“ Der Centurio erwiderte:„Gewinne es von mir, dann gehört es Dir auch.“ Lupuj begann wie ein ſtarrköpfiges Kind vor Wuth zu toben und ſich die eigenen Kleider zu zerreißen. „Was ich geſprochen“, ſagte der Centurio,„bleibt ſtehen. Wer aushält, hat das alleinige Recht auf die Jungfrau.“ ch bleibe ja da“, wiederholte Lupuj, mit immer größerer Angſt einen ſchaudernden Blick nach dem tiefer brennenden Kienſpan werfend;„aber was gewinne ich dabei? Ich weiß, Du bleibſt auch da, und uns beide holt der Teufel. Und ich ſag' es nicht meinet⸗, ſondern Deinetwegen, daß ich das nicht will.“ „Wenn Du es nicht willſt, ſo laufe weg.“ „Ich will es, ſo Du mir eine Handvoll Dukaten gibſt.“ „Nicht einen halben— bleibe da.“ „Centurio, ſei nicht raſend das Feuer wird gleich bei dem Pulver ſein.“ „Ich ſehe es.“ „So gib mir einen Thaler.“ 168 „Nicht einen Kreuzer.“ „So zerſchmettere Dich“, ſchrie Lupuj in höchſter Wuth und Angſt,„Gottes ſiebenundſiebzigarmiger Blitz am St. Michaelstage!“ Damit ſprang er aus der Thür. Noch einmal ſteckte er den Kopf durch dieſelbe. „Gib mir einen Zwanziger. Ich bin noch nicht weggegangen.“ Der Centurio antwortete:„Ich habe auch den Zün⸗ der noch nicht herausgenommen; kannſt noch zurückkehren.“ Da ſchlug Lupuj die Thür zu und eilte in verzwei⸗ felten Sätzen von dem gefährlichen Hauſe hinweg, das in den nächſten Augenblicken in die Luft fliegen mußte. Er lief, bis ihm der Athem ausging und er unter einem Baume hinſtürzte. Hier zog er die Pelzmütze tief über die Augen und hielt ſich mit beiden Händen die Ohren zu. So lag er, nur von Zeit zu Zeit den Kopf ein wenig erhebend, um zu lauſchen, wann die Exploſion er— folgen werde. Der allein zurückgebliebene Centurio aber nahm den tief herabgebrannten Span heraus und warf ihn in die Flammen des Kamins. Dann begab er ſich nach dem Frauengemach, wo Veronika mit geſchloſſenen Augen wie im Schlummer ruhte; aber es war nur ein Halb⸗ ſchlaf. Wie leiſe auch Ranko ihrem Lager nahte, ſie fuhr erſchreckt empor. 169 „Fürchte nichts, meine Tochter“, ſprach er,„Du biſt gerettet und in Sicherheit.“ Zugleich brachte er Trank und Speiſe und legte ein kleines Gebetbuch dazu. Hierauf ließ er das Mädchen allein. Traurig aß Veronika einige Biſſen, dann ſchlug ſie das Gebetbuch auf. Große Thränen rollten über die bleichen Wangen. Sie betete, bis allmälig der wohl⸗ thätige Genius des Schlafs herabſank und das arme Kind nach ſo entſetzlichen Prüfungen in ſeine Arme nahm. Nach einiger Zeit erſchien der Centurio wieder. Auf den Fußſpitzen ſchlich er an das Lager und betrachtete lange das ſchöne ſchlummernde Antlitz. Ein ihm unbe⸗ kanntes Naß trat in ſeine Augen.„Meine Alohſia“, flüſterte er,„Du biſt mir ja nicht geſtorben!“ Fünfzehntes Kapitel. Etelka war von einer zweiten ſehr wichtigen Miſſion, die ſie im Auftrage Koſſuth's nach Wien unternommen, nach Debreczin zurückgekehrt. Nie war ihr Ueberſchreiten der öſterreichiſchen Grenze mit größern Schwierigkeiten und Gefahren verbunden geweſen. Oft war ſie genöthigt, meilenweit über Bergpfade zu klettern, um einer feindli⸗ chen Vorpoſtenkette aus dem Wege zu gehen, und wenn ſie todmüde den Punkt erreichte, von dem ſie glaubte, daß er unbeſetzt ſei, erſchien in der Ferne eine feindliche Reiterpatrouille. Halbe Nächte mußte ſie im Dickicht auf feuchtem Waldesboden kauern, von Hunger gequält und von der Angſt gefoltert, entdeckt zu werden. Einen Augenblick gab es für ſie, welcher der gefahrvollſte war. Sie hatte in dunkler Nacht den Saum eines Waldes betreten, ohne den feindlichen Poſten gewahr geworden zu ſein, der daſelbſt Wache hielt. Plötzlich erſchallt in 171 nächſter Nähe ein„Wer da?“ das ſich zweimal wieder⸗ holt. Erſchrocken eilt ſie hinter die Bäume zurück. Da blitzt es auf. Ein Schuß fällt, eine Kugel ſchlägt durch die Zweige. Es entſteht Lärm. Männertritte werden vernehmbar. GEtelka ſinkt in die Kniee. Dieſer Stellung verdankt ſie ihre Rettung. Das niedrige Gebüſch zwiſchen den Baumſtämmen entzog ſie den Blicken der Soldaten, die mit Handlaternen den Wald durchſuchten und aufs Gerathewohl ihre Gewehre abfeuerten. Als ſich Etelka bei Koſſuth melden ließ, trat dieſer in erwartungsvollſter Aufregung ihr entgegen. „Mein guter Genius“, rief er,„ich erwarte Dich mit Schmerzen bereits ſeit drei Tagen.“ „Danke dem Himmel“, erwiderte das Mädchen, nach⸗ dem er ſie auf das Sopha geleitet,„daß ich überhaupt gekommen. Bald hätteſt Du Etelka nicht wiedergeſehen.“ Sie erzählte ihr nächtliches Abenteuer mit dem öſterrei chiſchen Vorpoſten. Koſſuth drückte ihr theilnehmend die Hand und erwiderte: „Ein guter Engel wandelt Dir zur Seite.“ „Ich wünſchte nur“ fuhr Etelka fort, und ihre Stimme wurde ſehr ernſt,„daß dieſer gute Engel auch unſerer guten Sache überhaupt zur Seite ſtünde. An mir ſelbſt iſt weniger gelegen.“ Der Gouverneur hing erwartungsvoll an ihrem 172 Munde.„Hier ſind Briefe von Teleky und Franz Pulſky“, fuhr Etelka zwei Schreiben überreichend fort,„deren In⸗ halt ich faſt errathen möchte.“ Koſſuth erbrach die Briefe, aber je länger er darin las, deſto umwölkter ward ſeine Stirn. Telekh, Koſſuth's Abgeordneter in Paris, vermeldete, daß Ungarn von einer reellen Hülfe der franzöſiſchen Regierung nichts zu erwarten habe. Die Stimme der frei⸗ ſinnigen Volksſchichten ſei zwar für die ungariſche Un⸗ abhängigkeit, aber das ſchrecke die dermaligen franzöſiſchen Machthaber eher zurück, weil ſie hinter dieſen freiſinnigen Anſchauungen nichts als die rothe Republik erblickten. Was habe es ihm allein für Mühe gekoſtet, den Franzoſen nur einigermaßen ein richtiges Urtheil über Ungarn, das ſie für ein pays barbare hielten, und über deſſen ſtaatliches Verhältniß zu Heſterreich beizu⸗ bringen. In dem Schreiben Franz Pulſkh's, welcher die Intereſſen Ungarns in England vertrat, hieß es unter Anderm:„Die geſammte Preſſe nimmt mit einer in England nicht alltäglichen Wärme für unſere geheiligten Rechte Theil. Alle Bürger des Landes intereſſiren ſich vom Standpunkte des Rechts, der Billigkeit, der Hu⸗ manität und des eigenen Vortheils für unſere Sache, aber Alles dies vermag die engliſche Regierung zu keinem 173 iſolirten Schritte zu veranlaſſen, da ſie von der Politik Frankreichs im Stiche gelaſſen wird.“ Etelka, welche in Wien Gelegenheit gehabt, mit ein⸗ ſichtsvollen Perſönlichkeiten über eine Unterſtützung des Auslandes überhaupt zu ſprechen, gab nähere Auskunft. „Palmerſton“, ſagte ſie unter Anderm,„ſoll be⸗ reits die Abſicht gehabt haben, einen politiſchen Agenten bei uns zu acereditiren, als ihn die Unabhängigkeitser⸗ klärung und die Entthronung des Hauſes Habsburg⸗ Lothringen wieder ſchwankend machte. Ueberhaupt erklärt man allſeitig dieſen Act für einen politiſchen Fehler, wenigſtens hätte man gewünſcht, daß dieſe Erklä⸗ rung nicht ſo frühzeitig erfolgt wäre.“ „Ich gebe das jetzt auch zu“ geſtand der Gouver⸗ neur von Ungarn,„aber ich wollte wie Cortez die Schiffe verbrennen, um auch den Halbſchlüſſigen jeden Rückzug abzuſchneiden.“ „Indeſſen“, fuhr Etelka fort, viſt man in maßge⸗ benden Kreiſen der Meinung, daß, wenn wir uns nur noch dies Jahr halten, eine Anerkennung ſeitens der weſt⸗ mächtlichen Regierungen, die von der allgemeinen Stimme hierzu gedrängt werden, nicht ausbleiben kann.“ „Sobald nur Sardinien zu uns hält“, ſprach Koſſuth, „wohin ich Szelenyi geſandt habe, bedürfen wir der andern weniger. Ich habe einen Aufruf an unſere Brüder, die 174 zwanzigtauſend Mann ſtark im öſterreichiſch⸗italieniſchen Heere ſtehen, erlaſſen. Sie ſollen auf piemonteſiſches und toskaniſches Gebiet übertreten, von wo ſie auf ſardiniſchen Schiffen bald nach Fiume übergeſetzt werden können.“ Etelka war an das Fenſter getreten. Sie ſchien noch etwas auf dem Herzen zu haben, was ihr ſchwer wurde, dem Gouverneur mitzutheilen. Endlich trat ſie wieder auf Koſſuth zu. „Lajos“, begann ſie,„ich darf Dir's nicht länger verheimlichen, meine trüben Nachrichten find noch nicht zu Ende.“ Koſſuth blickte erwartungsvoll auf. „So wiſſe“, fuhr das Mädchen fort,„daß die Allianz Oeſterreichs mit Rußland zur Bekämpfung Un⸗ garns eine vollendete Thatſache iſt.“ Der Gouverneur ward durch dieſe verhängnißvolle Nachricht nicht in dem Grade ergriffen, als Etelka er⸗ wartet hatte. „Dieſe Allianz“, ſagte er,„kommt mir nicht ganz überraſchend. Ich habe ſie vorausgeſehen und auch meine Maßregeln in dieſer Beziehung getroffen. Rußland wird aller Wahrſcheinlichkeit nach zunächſt Siebenbürgen an⸗ greifen. General Bem, den ich deshalb dorthin entſendet, wird den Erwartungen, die ich auf ſein Genie geſetzt, gewiß entſprechen.“ „Du haſt daran weiſe gehandelt, Lajos; Bem iſt erſtens der Mann, der dieſer Aufgabe gewachſen, und zweitens als Pole in unſern Theiß und Donauarmeen weit weniger an ſeinem Platze, wie wir an Dembinſki das ſchlimme Beiſpiel erleben. Letzterer kämpft blos für ſeinen Ehrgeiz, nicht für die Unabhängigkeit Ungarns, die ihn ſehr gleichgültig läßt.“ Etelka trat wieder an das Fenſter. Der Vorrath ihrer ſchlimmen Nachrichten ſchien noch nicht erſchöpft. Sie kämpfte ſichtbar mit ſich. Endlich trat ſie aber⸗ mals vor Koſſuth. „Es muß heraus, Lajos“, ſprach ſie„und wenn mein Herz brechen ſollte. Du mußt es wiſſen, Lajos.“ Als Koſſuth die innere Aufregung gewahrte, in welcher ſich das Mädchen befand, trat er auf daſſelbe zu und erfaßte ſeine Hand. „Etelka, Du haſt mir noch ſehr Böſes zu berichten. Verſchweige nichts; ich werde es zu ertragen wiſſen.“ Die junge Patriotin machte ihre Hand los und be⸗ deckte damit das Geſicht. „Daß ich es nimmer ausſprechen dürfte!“ „Sprich es aus, Etelka!“ Eine Thräne trat in ihr ſchönes Auge. Sie blickte auf Ungarns erſten und edelſten Mann. Dann ſprach ſie in unnachahmlichem Tone, der ihren tiefſten Seelen⸗ 176 ſchmerz nicht zu verbergen vermochte:„Görgei iſt ein Ver⸗ räther!“ Koſſuth trat bei dieſer mit ſolcher Beſtimmtheit ausgeſprochenen Behauptung einen Schritt zurück. Auf ſeinem ausdrucksvollen Geſichte malte ſich Unglaube. Er erwiderte: „Ein hartnäckiger und ſelbſt ungehorſamer Kopf iſt er, aber—“ „Hier iſt von keinem aber mehr die Rede“, fuhr Etelka leidenſchaftlich fort;„lies dieſe Briefe, und Du wirſt mit Schrecken inne werden, daß kein wahres Herz für Ungarn in dieſem Manne ſchlägt, daß er nur ſeinem Ehrgeize fröhnt, nur ſein Intereſſe im Auge hat und darum bei der erſten Gelegenheit bereit iſt, das Vater⸗ land den Feinden zu überliefern.“ Sie legte mit dieſen Worten eine Anzahl Briefe auf den Tiſch, die von treuen ungariſchen Patrioten herrührten und allerdings das jüngſte Verfahren des be⸗ treffenden Generals in nur zu zweideutigem Licht erſcheinen ließen. „Sein Verrath“, fuhr Etelka fort,„datirt bereits ſeit jener Proclamation an ſein Armeecorps, wo er die Sache der Armee von der des Vaterlands zu trennen bemüht war und, namentlich was die Offiziere anlangte, Mißtrauen und Unluſt hervorzurufen ſuchte. Dieſer Ver⸗ 177 rath trat immer deutlicher zu Tage durch die Belage⸗ rung von Ofen. Anſtatt, wie Du ihm befohlen, die Trümmer der öſterreichiſchen Armee bis Wien zu verfolgen und in Schönbrunn das Nationalbanner aufzupflanzen, was ihm ein Leichtes geweſen wäre, vergeudet er Zeit und Kraft, um als Bezwinger der Feſtung Ofen zu glänzen, welche letztere umſchloſſen vom ſiegreichen Ungarn⸗ lande, ohnehin uns nicht lange widerſtehen konnte. Dein Aufruf an die hunderttauſend Bauern, welchen Du be⸗ abſichtigteſt, würde vollkommen hingereicht haben, Buda unſchädlich zu machen. Nicht in der Bezwingung dieſer Feſte ruhte das Heil Ungarns ſondern in dem Einzuge in Wien, wo tauſend und aber tauſend deutſche Herzen dem ungariſchen Sieger und Befreier entgegen⸗ ſchlugen.“ Koſſuth, in den übergebenen Briefen blätternd, hatte ſchweigend zugehört. Dann ſprach er:„Du haſt aus meiner Seele geſprochen, Etelka, auch mein Herz hat ob Görgei's Eigenſinn und Ungehorſam geblutet. Aber dieſer Mann iſt dermalen mächtiger als ich. Ich muß mich dem Unvermeidlichen fügen, noch immer in der Hoffnung, daß der Widerſpenſtige endlich in die rechte Bahn einlenke.“ „Er iſt nicht mächtiger als Du“, erwiderte eifrig Etelka.„Dein Wort gilt noch immer mehr in jedem Stolle, Von Wien nach Vilagvs II. 12 braven Ungarherzen. Und weißt Du, was einem General, der die Befehle ſeiner Regierung nicht reſpectirt, gebührt?“ Koſſuth ſchwieg. Er wußte, was Etelka damit ſagen wollte. Nach einer Pauſe ſprach er:„Görgei's nächſtes Verhalten wird über ſein Schickſal entſcheiden. Beharrt er auf ſeinem widerſpenſtigen Kopfe, den ich eines Verraths noch nicht für fähig halte, dann, ja dann— Schlimm, ſehr ſchlimm“, fügte er hinzu,„daß es mit Ungarns erſtem und befähigtſtem General ſo weit gekommen iſt.“ Während aber im ſtillen Kabinet des Gouverneurs von Ungarn dieſe düſtere Unterhaltung über die bedroh⸗ liche Lage des Vaterlandes gepflogen wurde, ging es in den Hotels und Schenkſtätten von Debreczin um ſo lauter und ſorgloſer her. Venno, welcher während ſeines Aufenthalts in Un⸗ garn den edlen und biedern Charakter des Magharen immer mehr kennen und ſchätzen gelernt hatte, ſaß im Gaſthofe zum weißen Adler inmitten ergrauter Kriegs⸗ kameraden beim traulichen Becher. Die geſchlagenen Schlachten boten hinreichenden Stoff zur belebteſten Un⸗ terhaltung. Eine Hauptrolle ſpielten hier die Helden⸗ thaten der ungariſchen Huſaren, die in der That auch Unglaubliches geleiſtet hatten. „Ja“, ſagte ein ergrauter Honbedmajor,„das 179 macht, der Huſar lebt und kämpft und ſtirbt für ſeine Heimat. Wenn auch die tapfern Honvedbataillone nichts zu wünſchen übrig laſſen und man ihrer Bravour nur die höchſte Achtung zollen muß, bleibt das wahrhaft verkörperte Magyarenthum doch immer der Huſar. Auf der Haide iſt er geboren und groß geworden, auf der Haide hat auch ſein Roß das Licht der Welt erblickt und iſt mit ihm aufgewachſen. Auf der Haide hat er den erſten Czardas getanzt, das erſte Mädchen geküßt, dort will er leben und ſterben, denn dort wohnt ſein Gott.“ „Wie ſo ſein Gott?“ fragte Benno. „Ja, ſein Gott“, fuhr der Erzähler fort,„ſein Maghar Iſten, der ſich um die großen Welthändel nicht kümmern darf, der ein Ableger der großen Weltgottheit, blos für Ungarn lebt und daſelbſt herrſcht. Der Ma⸗ gyar theilt nämlich ſeinen Gott nicht mit andern Völ⸗ kern. Er hält ſich und ſein Land für bedeutend genug, um die Fähigkeiten eines Gottes ausſchließlich für ſich in Anſpruch zu nehmen.“ Ein zweiter der anweſenden Honvedoffiziere ſtimmte ſeinem Kameraden bei.„Ja“, ſagte er,„wer die Vravour des ungariſchen Huſaren kennen lernen wollte, der mußte vor allem der Schlacht von Iſaſzeg auf der Straße zwiſchen Peſth und Hatvan beiwohnen, wie ich die Ehre gehabt habe. Es war eine der blutigſten und 180 entſcheidendſten. Windiſchgrätz war mit ſeinem Heere bis Gödöllö zurückgegangen, welches vermöge ſeiner Lage die trefflichſte Poſition gewährte, die es immerhin geben kann. Der Fürſt führte in Perſon das Centrum. Jella⸗ chich eommandirte den linken, Schlick den rechten Flügel. Gegenüber ſtand Görgei als Obercommandant. Letzterer erkannte die Schwierigkeit eines Angriffs auf dieſe ſchein⸗ bar uneinnehmbare Poſition. Er kannte aber auch ſeine Huſaren. Nachdem alle Anordnungen zur Schlacht ge⸗ troffen, ritt er zu einer Abtheilung derſelben, die in Reih und Glied den Befehl zum Angriff kaum erwarten konnte.„Wer commandirt dieſe Truppen?“ fragte Görgei. Ein alter Wachtmeiſter reitet vor und meldet ſich als Führer, da ſämmtliche Offiziere bei Kapolna theils getödtet, theils verwundet worden waren.„Bruder Huſar“, ſpricht nun Görgei,„Du ſiehſt dort den wal⸗ digen Hügel, Du ſiehſt auch die Reihen der Kaiſerlichen und das Blitzen ihrer Waffen und Geſchütze, welche letz⸗ tere bald ihr Liedchen aufſpielen werden. Dieſer Hügel muß von Euch genommen werden. Es werden viele von Euch fallen, vielleicht die Hälfte, vielleicht die meiſten, vielleicht alle, aber es gilt dem Vaterlande, Ihr werdet das Eurige thun.“ Der alte Wachtmeiſter ſalutirt, dann wendet er ſich zu ſeinen Leuten. Er wiederholt ihnen die Worte des 181 Oberfeldherrn. Dann mit einem Blicke zum Himmel ſpricht er laut und vernehmlich:„Zu Dir, mein unga⸗ riſcher Gott, will ich jetzt beten. Du ſollſt uns bei un⸗ ſerm Unternehmen nicht helfen, aber“— er droht ſeinem Gotte mit der Fauſt—„hilf auch den Kaiſerlichen nicht. Dort in jenem Gebüſch laß Dich nieder.“ Er zeigt mit der Hand dahin.„Dort haſt Du nichts Anderes zu thun, als zuzuſchauen. Aber das verſpreche ich Dir, Du wirſt Deine Freude haben, wie Deine Huſaren ar⸗ beiten werden.“ Kaum hat er geendet, als das erſte Zeichen zum Angriff gegeben wird. Die Huſaren ſetzen ſich im Sattel zurecht. Beim zweiten Trompetenſtoße ſchnaufen die Roſſe, jeder Mann ſpricht mit dem ſeinigen ein paar freundliche Worte. Drittes Trompetenſignal. Rotjo! Der Haufe donnert davon im raſenden Galopp. Roß und Reiter liegen langgeſtreckt, die Säbel blitzen, die Kanonen donnern, die Salven der Infanterie rollen. Alles ver⸗ gebens. Mitten durchs fürchterlichſte Feuer brauſt die tolle Schaar. Die Kaiſerlichen vermögen ſolch infernaliſchem Anprall nicht zu widerſtehen. Die Schlacht iſt entſchieden. Der alte Wochtmeiſter mit der Hälfte ſeiner Leute be⸗ deckt den Kampfplatz. So kämpfen ungariſche Huſaren“, fuhr der Erzähler fort und ſtieß ſein Glas auf den Tiſch. „Es gibt keine zweite Truppe in der ganzen großen 182 öſterreichiſchen Armee, die ſich an Kühnheit, Gewandtheit und Präciſion der Manöver, an Subordination und Ver⸗ biſſenheit mit ihnen meſſen kann. Die Alten gehen in der Schlacht wie im kleinern Gefecht den Jungen ſtets mit gutem Beiſpiel voran. Darum werden auch die Grauen, wenn ſie nicht gar zu griesgrämig ſind, von den Jungen mit großem Reſpect behandelt. Mancher Dienſt wird ihnen ganz abgenommen, mancher erleichtert. Es herrſcht ein gewiſſes patriarchaliſches Verhältniß in der ganzen Truppe, das oft zu rührenden Scenen Ver⸗ anlaſſung gibt und für die Moralität des Ganzen von ſehr wohlthätiger Bedeutung iſt.“ „Ja“, erzählte ein dritter der Gäſte,„auch Frank⸗ reich, Rußland, England, Deutſchland und andere Länder haben Huſarenregimenter in ihren Heeren, aber es ſind eben nur Cavalleriſten in ungariſchen Schnürenröcken Es fehlt der Geiſt, das Pferd und der Maghyar Iſten. Des⸗ halb erkennt auch der ungariſche Huſar alle fremden Huſa⸗ ren nicht als Kameraden an und läßt dieſelben, ſolange er im Kampfe mit ihnen zuſammentrifft, ſeine ganze Ueberlegenheit fühlen. Was letztern Punkt betrifft, kann ich ſelbſt ein Beiſpiel aus meinem Leben anführen. Preußiſche und ungariſche Huſaren hatten in einem der Napoleoniſchen Kriege neben einander ein Bivouac be⸗ zogen. Ein Preuße tritt mit einem Glaſe Wein traulich 183 auf einen der Ungarn zu und trinkt auf das Wohl des „Bruder Huſar'“. Der Ungar weiſt aber das angebotene Glas ſanft zurück, und ſich den Schnurrbart ſtreichend ſagt er:„Was Bruder! Nir Bruder! Ich Huſar, Du Hanswurſcht.“ Alle mußten lachen und der alte Major ergriff von neuem das Wort:„Uebrigens iſt der ungariſche Huſar das gutmüthigſte Weſen unter der Sonne und zugleich der luſtigſte Bruder in der Schenke. Er leert ſeinen Schoppen nie allein, ſobald deutſche Reiter neben ihm ſitzen. Nur ein zweibeiniges Geſchöpf gibt es auf Erden, das ihm verächtlich und haſſenswerth zugleich erſcheint. Das iſt der Banderialhuſar, dieſes Zwittergeſchöpf zwi. ſchen Kroaten und Magharen, dieſe Caricatur des echten Huſaren, der wie der Kroat als Infanteriſt in der Militär⸗ grenze den Reiterdienſt verrichtet. Nie hat ein ungariſcher Huſar mit einem Banderialhuſaren getrunken, nie wird er mit ihm an einem Tiſche ſitzen. Eine Schlange wird er zertreten, wo er ſie ſieht, einen Wolf wird er jagen, mit einem Büffel ſich balgen auf der Haide, mit einem Roßdieb ſich raufen, den Banderialhuſaren aber ſpuckt er an, wo er ihn findet. Bei Tapjo⸗Bieske ſtanden wohl zum erſten Mal in dieſem Kriege, vielleicht zum erſten Mal ſeit Menſchengedenken ungariſche Huſaren den Banderial⸗ huſaren in der Schlacht gegenüber. Wenn Blicke tödten 184 könnten, ſo hätte es keines Kampfes bedurft, denn die Augen der Magharen ſprühten Tod und Verachtung ge⸗ gen ihre unebenbürtigen Gegner. Da ertönt das Zeichen zum Angriff, und in demſelben Augenblicke, wie von einem Gedanken erfaßt, ſtoßen die ungariſchen Huſaren den ſchweren Säbel in die Scheide, und mit einem gräßlichen Fluche, wie ihn keine andere Sprache wiederzugeben ver⸗ mag, ſtürzen ſie ohne Waffe mit verhängten Zügeln auf ihr verzerrtes Spiegelbild. So furchtbar und unwider⸗ ſtehlich war der Stoß, daß die armen Kroaten von ihren Säbeln gegen die waffenlos Daherſtürmenden keinen Ge⸗ brauch machen konnten Mit bloßen Fäuſten wurden die Banderialhuſaren aus ihren Sätteln geſchlagen oder an den Dolmans herabgeriſſen. Die Kroaten ſtürmten in wilder Flucht davon, die ungariſchen Huſaren verſchmähten es, ſie zu verfolgen. Sie beklagten ſich aber bei ihrem Oberſten, wie er ſie ſolchen Leuten gegenüberſtellen könne. Ein Veteranhuſar ſagte zu ſeinem Rittmeiſter, die Mädel aus dem Dorfe oder der Schatten ihrer Sporen wären hinreichend geweſen, ſolche Geſellſchaft aus dem Sattel zu heben, worauf ein großes Regiſter der aus⸗ erleſenſten Flüche folgte. Ins Militärhospital von Ofen wurden unlängſt zwei Huſaren gebracht; der eine war ein Vanderialhuſar, der andere ein zum Tode verwundeter Huſar pur sang. Bald nachher tritt der Hospitalinſpeetor 185 herein und fragt, ob nicht hier zwei Huſaren unterge⸗ bracht worden.„Nur ein Huſar“, ruft der Ungar, der im Todeskampfe die Frage hört. Spricht's und ver⸗ ſcheidet.“ Noch manche andere Anekdote und Eigenthümlichkeit ward über dieſe ausgezeichnete und originelle Truppen⸗ gattung von den Anweſenden zum Beſten gegeben, als der alte Major nochmals das Wort ergriff. „Was mich“ ſprach er,„aber bei unſern Huſaren vorzugsweiſe erfreut, ja gerührt hat, das iſt die Liebe des Reiters zu ſeinem Roſſe und umgekehrt. Das Ich des Huſaren iſt in ſeinem ganzen Leben die zweite Per⸗ ſon, ſein Roß die erſte. Er trinkt nicht und ſollte er verdurſten, bevor ſein Pferd nicht verſorgt iſt; er ſchläft nicht, wenn es nicht ſein Heu im Stalle hat; er ißt nicht und ſollte er verhungern, bevor nicht ſein Rößlein im Hafer herumknabbert. Der Huſar hält ſich für ſo klug wie irgend ein Menſch auf der Welt, ſein Pferd hält er aber für noch klüger. Er muß das wohl beſſer wiſſen als irgend Jemand, denn er ſitzt ſtundenlang neben ihm im Stalle und ſpricht mit ihm und erzählt ihm Geſchichten von Arpad und Matthias. Er ſtellt Fragen und beantwortet ſie ſelber. Er vergißt oft über ſeinem Pferde Pfeife und Wirthshaus. Wenn er aus dem Stalle kommt, wo er ſich mit ſeinem Rößlein un⸗ 186 terhalten, macht er ein ſo zufriedenes Geſicht wie ein fleißiger Student nach einer profitablen Vorleſung. Oft iſt es zu ſpät, um noch ins Wirthshaus zu gehen,„die Schmeichelkatz hat ihn wieder einmal aufgehalten“. Von dem Reſte ſeiner Löhnung kauft er ſich eine Blaſe voll Tabak und um drei Kreuzer Seifengeiſt für ſein Pferd. Ja, Seifengeiſt für's Pferd, das macht eine ſtarke Ru⸗ brik im Budget ſeiner Ausgaben. Heu und Hafer liefert das Regiment, aber davon allein wird kein Pferd ſtark und geſund. Es braucht Seifengeiſt für ſeine Glieder, und den bezahlt der Huſar aus ſeinem Beutel. Seifen⸗ geiſt für's Pferd iſt ſeine Leidenſchaft. Er möchte mit Gott ſchmollen, daß dieſer das Waſſer des Plattenſees nicht zu Seifengeiſt gemacht hat. Unlängſt bringt ein Huſarencorporal einen feindlichen Offizier nebſt Pferd gefangen ein. Der Oberſt will ihn dafür mit der Me⸗ daille ſchmücken, aber der Corporal wehrt ab.„Es iſt noch zu früh', ſagt er;„vielleicht nach der nächſten Schlacht; jetzt hätt' ich eine andere Bitt.“—„Sprich ſie aus, mein Braver“, ſagt der Oberſt.„Geſtrenger 4 Herr Oberſt, einen Zwanziger zu Seifengeiſt für mein Pferd!“ Aber das Roß vergilt auch die Liebe ſeines Herrn. Es iſt gegen ihn ſo fromm und ſanft und wieder ſo wild und unbändig, wenn der Trompeter auf dem Schimmel zum Angriff bläſt. Wenn aber der ———— —8— — Reiter herabgeſchoſſen iſt, ſo wird der Vater zehn Va⸗ terunſer beten für den gefallenen Sohn, die Schweſter drei Sonntage lang nicht in die Schenke gehen, wo die Zigeuner ſpielen und die jungen Burſchen tanzen, die Mutter wird ſich blind weinen, aber von der alten Els⸗ beth eine Salbe holen und wieder geſund werden; die braune Lieſel jedoch hat kein Futter mehr genommen aus fremden Händen und iſt abgemagert vor Kummer und geſtorben nicht lange nach ihrem Herrn. Als ſie eines Tages ankam vor dem Hausthor mit blutigem Sattel, zerzauſten Mähnen und zerriſſenem Riemzeug, da wußte man ſchon, daß ſie nicht viel Hafer mehr freſſen würde. Man gönnte ihr aber gern einen Winkel im Stalle, wo ſie geſtorben iſt. Die ganze Familie trauert:„Das arme Thier! Einen Stein könnt's erbarmen. Herr Jeſus, laß es drüben ſeinen Herrn wiederfinden, Amen!““ Alle Zuhörer waren bewegt, Benno aber erhob ſein Glas. „Gott erhalte dem Ungarnlande“, rief er„ſeine braven Huſaren und Honveds, und es wird nimmermehr untergehen!“ „Eljen Huſaren und Honveds!“ tönte es begeiſtert an der ganzen Tafelrunde und die Gläſer voll des edlen Ungarweins klangen klirrend an einander. Ende des zweiten Vandes. Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Aurora Floyd. Roman von W. C. Braddon, Verfaſſerin von„Lady Audleh's Geheimniß“. Rus dem cEngliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Rgr. Die Marien der Königin. Ein Roman von Holhrood von G. J. Whhte Melville, Verfaſſer von„Der Dolmetſcher“,„Kate Coventry“ e. Aus dem cngliſchen. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. H8 g1 Snenqe