Leihbibfivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(äution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 W.— Pf 1 Wt 7 Pf 2 Wr.— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Frühling hatte die Landſchaft in ihr prächtigſtes Gewand gekleidet; rings grünte und blühte es auf Baum und Strauch und Lerchenjubel tönte ununterbrochen vom blauen Himmel, als in der Jelängerjelieberlanbe an der mittlern Kloſterfronte der hochgelegenen Benedictinerabtei Martinsberg, zwei Stunden von Raab, drei Männer ſaßen, von denen der eine bereits den mittlern, die zwei andern noch dem jugendlichen Lebensalter angehörten. Sie erquickten ſich an dem duftenden Kloſterweine ebenſo wie an der unvergleichlichen Ausſicht, die man hier genoß. „Das muß ich geſtehen“, begann der Aeltere, der nach ſeiner Kleidung, die mit der Mode wenig fortge⸗ ſchritten, dem deutſchen Gelehrtenſtande anzugehören ſchien, „dieſes Plätzchen hier iſt nicht mit Golde zu be⸗ zahlen. Wie man mir geſagt, überſchaut man von hier nicht weniger denn vierzehn Comitate, alſo ein Viertel Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1. 1 eneRnteteWe eee—— po des geſammten Ungarnlandes, das bekanntlich aus zwei⸗ undfünfzig Comitaten beſteht.“ „Was iſt denn das für ein ungeheurer Wald, der ſich dort im Süden tief ins Land hinein erſtreckt?“ fragte der eine der jüngern Männer, deſſen fremdartiger Accent und ungemein eleganter Reiſeanzug den Sohn Galliens nicht verkennen ließ. „Das iſt der berühmte Bakonywald“ belehrte der ältere Herr,„die Heimat der ungariſchen Räuber und eichelfreſſenden Borſtenthiere. Er beſteht durchweg aus Eichen. Tannen, Fichten, ſowie anderes Nadelholz werden daſelbſt nicht vorgefunden.“ „Ah“ bemerkte der junge Franzoſe,„wo die berühmten Czikos hauſen?“ Das Geſicht des ältern Herrn nahm ob dieſer Worte einen ſehr mißbilligenden Ausdruck an. „Daß Euch Franzoſen“, tadelte er,„ſo häufig alle Gründlichkeit abgeht. Im Bakony hauſen keine Czikos. Der Czikos, deſſen Name vom ungariſchen Worte Cziko, welches ein Füllen oder junges Pferd bedeutet, abſtammt, der freie Sohn der Steppe, der Roßhirt, würde Euch ein ſehr energiſches Teremtete zu⸗ wettern, ſo Ihr ihn zu den von ihm verachteten Karaſz, die allerdings mit ihrer borſtentragenden Geſellſchaft im Bakony ihr Hauptquartier aufgeſchlagen haben, einpfarren 3 3 wolltet. Der echte Czikos fühlt ſich ſelbſt über den Juhaz, welches Wort von Juh, das Schaf abzuleiten, den Schaf⸗ hirten, ſowie über den Guilas, abſtammend von Guila, die Rinderheerde, den Rinderhirten, hoch erhaben.“ Dieſe gelehrte Auseinanderſetzung über die unter⸗ ſchiedlichen Species der ungariſchen Hirten, die übrigens den jungen Franzoſen wenig zu intereſſiren ſchien, da er während derſelben äquilibriſtiſche Beluſtigungen mit dem geleerten Weinglaſe anſtellte, wurde durch die An⸗ kunft eines alten geiſtlichen Herrn unterbrochen, deſſen Haupt ſchneeweiß war und deſſen Antlitz von unverkennbarer Herzensgüte und Menſchenfreundlichkeit ſprach. Er bat den andern jungen Mann, eine ſtattliche Geſtalt mit an⸗ muthsvollem, geiſtreichem Geſicht, aus welchem zwei wun⸗ derſchöne Augen leuchteten und das von glänzenden Kaſtanienlocken umwogt wurde, ihm auf einige Augen⸗ blicke nach dem Innern des Kloſters zu folgen, und dem geneigten Leſer möge jetzt der Zweck nicht länger verſchwiegen bleiben, welcher überhaupt die drei fremden Gäſte nach dem Martinsberge geführt hatte. Der bejahrte geiſtliche Herr, welcher den Namen Pater Joſeph führte, war der Taufpathe und einſtige Jugendlehrer des ſo eben erwähnten jungen Mannes, des Sohnes eines ſehr begüterten Kauf und Fabrikherrn in der Nähe von Salzburg. Nachdem Edmund ſeine ka⸗ 1. meraliſtiſchen Studien auf der Hochſchule beendet, war er in das Geſchäft ſeines Vaters, des Herrn von der Warren, getreten, da es der Wunſch des letztern, daß Edmund als der einzige Sohn das großartige Eta⸗ bliſſement ſelbſt einmal übernehmen und fortführen ſollte. Dermalen befand ſich der junge Mann auf der Reiſe nach dem Banat, um ſeine Couſine, die reizende Veronika, welche den Vater unlängſt durch den Tod ver⸗ loren, bei den immer unruhiger werdenden Zeiten aus Neuſatz nach dem friedlichen Salzburg und in den Schooß ſeiner Familie zu geleiten. Edmund, nachdem er die Stadt Raab erreicht, ver⸗ mochte es nicht übers Herz zu bringen, ſeinem verehrten Taufpathen und Lehrer, den er auf dem unfern gelegenen Martinsberge wußte, einen Beſuch abzuſtatten und einen Brief ſeines Vaters an denſelben perſönlich abzugeben. Der ältere Begleiter Edmund's war der Profeſſor der Naturwiſſenſchaften David Cyriakus, ebenfalls ein alter Freund der Familie von der Warren, welcher die Gelegenheit benutzte, unter dem Schutze ſeines jungen Freundes Szegedin zu erreichen, um den Sodagehalt der dortigen Natronſeen, worüber er unlängſt eine ge⸗ lehrte Abhandlung geſchrieben, zu unterſuchen. Dem zweiten Begleiter, dem jungen Franzoſen Bretan, der ſeit Jahr und Tag in der Handlung des „ 5 alten von der Warren, mehr um ſich in der deutſchen Sprache zu vervollkommnen, als das höhere Handelsweſen praktiſch kennen zu lernen, beſchäftigt war, kam die Reiſe Edmund's nach dem unbekannten romantiſchen Ungarn⸗ lande in mehrfacher Hinſicht gerade recht, und er hatte nicht nachgelaſſen, den alten von der Warren zu beſtür⸗ men, den Sohn des Hauſes begleiten zu dürfen. Da ſich der junge Mann in einer ſo gut wie ſelbſtſtändigen Stellung befand und Herr ſeines Willens war, konnte ſchließlich der alte Herr nichts gegen ſolche Begleitung haben, obſchon er es an wohlgemeinter Warnung nicht fehlen ließ. „Im Ungarnlande“, gab er zu bedenken,„und na⸗ mentlich in den ſüdſlawiſchen Provinzen ſieht es dermalen keineswegs zum erfreulichſten aus. Der Geiſt der allge⸗ meinen politiſchen Aufregung hat ſich auch der dortigen Bevölkerungen bemächtigt, und wenn es ſich nicht um eine Familienpflicht handelte, würde ich meinen Sohn um keinen Preis jetzt dorthin reiſen laſſen.“ Der junge Franzoſe ließ ſich aber nicht abweiſen. Der Gedanke, eine junge reizende Dame aus den Klauen der Ungläubigen, wie er ſich ausdrückte— er hielt nach ſeiner geographiſchen Kenntniß Neuſatz für eine türkiſche Stadt— war für ſeinen abenteuerlichen Sinn zu verlockend. Alsdann lernte er auch bei dieſer Gelegenheit das be⸗ 6 rühmte Ungarnland, das ihm zeither eine terra incognita. durch eigene Anſchauung kennen. Der Hauptgrund ſeiner Reiſeluſt lag aber darin, bei dieſer Gelegenheit auf gute Manier von der eintönigen Comptoirarbeit eine Zeit lang loszukommen. Nachdem Pater Joſeph den Brief von Edmund's Vater, worin dieſer das Nähere über ſeines Sohnes Vorhaben mitgetheilt, geleſen, erſchrak er auf das heftigſte. „Bei allen Heiligen, mein Sohn, in welche Gefahr willſt Du Dich begeben? Ihr in Deutſchland ſcheint noch gar nicht zu wiſſen, wie entſetzlich es dermalen in jenen Grenzprovinzen hergeht. In Siebenbürgen haben ſich die Walachen erhoben und ziehen bandenweis ſengend. brennend und mordend durch die geſegneten Landſchaften, alles ungariſche und deutſche Eigenthum vernichtend. Noch ſchlimmer vermöge ihres blutdürſtigen Charakters treiben es womöglich die Serben in Banat. Keine Revo⸗ lution der Neuzeit, ſelbſt die große franzöſiſche nicht, iſt in ſo ſcheußlichem Gewande aufgetreten wie dieſe ſerbiſche. Gedulde Dich einen Augenblick, mein Sohn, ich hole das Schreiben eines Ordensbruders aus St.⸗Thomas, das ich geſtern bekam; das lies, bevor Du Deine Reiſe weiter fortſetzeſt.“ Der Greis entfernte ſich. Edmund verſank in w — düſteres Nachdenken, gleichwohl war ſein Entſchluß bald gefaßt. „Unter ſolchen Umſtänden“, ſprach er zu ſich,„ver⸗ langt es ja erſt recht Chriſten und Verwandtenpflicht, daß ich mich des verlaſſenen Mädchens annehme.“ Pater Joſeph kehrte zurück und übergab ſeinem Pathen einen Brief, deſſen Inhalt alſo lautete: „In unſerm gottgeſegneten Landſtrich, wo das ein⸗ geſenkte Korn ſechzig⸗ und hundertfache Frucht trägt, hat auch ein Samenkorn der großen Bewegung, die das weſtliche Europa erſchütterte, Aufnahme und Nahrung gefunden. Aus dem kleinen Korne iſt ein Giftbaum auf⸗ geſchoſſen, wie der verfluchte Upasbaum weithin tödtend und vergiftend. Die Serben haben zuerſt den Dolch ge⸗ ſchwungen gegen ihre ungariſchen und deutſchen Nachbarn. Der Bruch des Landfriedens fällt auf die Häupter der ſlawiſch⸗walachiſchen Nationalitäten. Alter, lange verhal⸗ tener Haß, verbunden mit angeborener Blutgier, charakte⸗ rifirt die Erhebung dieſer ſüdſlawiſchen Stämme. Es ſind Thaten geſchehen, wie ſie die wildeſte Phantaſie nicht grauſenerregender zu ſchildern vermag. Bei dieſen ſüd⸗ ſlawiſchen Stämmen iſt der Mord Mittel und Zweck zugleich. Gleich Kannibalen ſind dieſe Serben Meiſter im martervollen Morden; gleich jenen ließen ſie ihre unglücklichen Opfer erſt die ganze lange Stufenleiter von 8 Qualen durchmachen, die den Uebergang vom Leben zum Tode künſtlich verlängern; gleich jenen rühmen ſie ſich ihrer Schandthaten und ehren ihre Helden in ihren Hen⸗ kern. In Dorozlo wurde ein maghariſcher Greis in ſeiner Wohnung aufgegriffen und mit zahlloſen Wunden bedeckt an den weißen Haaren auf die Straße geſchleppt und an einen Pfahl gebunden, und in dieſem Zuſtande lebte der Unglückliche drei volle Tage, bis ſeine Wunden einen üblen Geruch verbreiteten, was endlich die Un⸗ menſchen um ihrer ſelbſt willen veranlaßte, den Ster⸗ benden zuſammenzuhauen. Ein altes Weib wurde zehn Tage lang auf die raffinirteſte Weiſe gefoltert, dann mit Händen und Füßen ans Kreuz geſchlagen, das Kreuz aber ſo gerichtet, daß das Auge der Sterbenden den glühendſten Sonnenſtrahlen ausgeſetzt blieb. In Neu⸗ Verbaß wurde eine deutſche Familie, Großvater, Vater und zwei Enkel, zu gleicher Zeit geſpießt, in Vopravaz eine Mutter mit ihrem Säuglinge bei langſamem Feuer geröſtet. In Szirez wurden Zungen ausgeriſſen, Augen ausgeſtochen, Leichen aus den Gräbern geworfen und Le⸗ bende dafür hineingelegt.“*) Mit Schaudern hatte Edmund zu Ende geleſen; *) Sämmtlich geſchichtliche Thatſachen, wie ſie ſeinerzeit in den ſerbiſchen und maghariſchen Tagesblättern zu leſen. 9 dann ſprach er:„Wenn dieſe Zuſtände auch nur zur Hälfte Wahrheit enthalten, fühle ich mich doppelt ge⸗ drungen, meiner Miſſion getreu zu bleiben, und da hier Gefahr im Verzuge, werde ich, ſobald der Morgen graut, aufbrechen und einen längern Beſuch auf dem Martinsberge bis zu meiner Heimkehr verſchieben.“ Nach einer Pauſe ſetzte er hinzu:„Ob unter obwaltenden Umſtänden meine zwei Begleiter mir folgen werden, muß ich ihrem eigenen Ermeſſen anheimſtellen. Zureden kann ich auf keinen Fall, im Gegentheil.“ Mit Wehmuth, aber zugleich nicht ohne Wohlge⸗ fallen betrachtete der Greis den jungen Mann.„Wie ſchmerzlich es für mich iſt“, ſprach er,„Euch eine ſo gefahrvolle Reiſe unternehmen zu ſehen, ſo kann ich Euren edlen Zweck nur ehren. Es fragt ſich aber, ob hier nicht ein Mittelweg ausfindig zu machen iſt, um das Mädchen in Sicherheit zu bringen, ohne daß Ihr Euch ſo bedenklichen Gefahren ausſetzt. Wie ich ſicher weiß, ſind die Städte von Mordbanden bis jetzt verſchont ge⸗ blieben, ſo auch Neuſatz. Wie wäre es, wenn wir für Veronika ein Aſyl in Peterwardein ausfindig machten, wo ſie unter dem Schutze der Beſatzung vollkommen geſichert wäre, bis der Sturm vorüber? Ich kenne meh— rere Familien daſelbſt, wo das arme Kind die liebe⸗ vollſte Aufnahme finden würde.“ 10 Edmund ſchüttelte ob dieſes wohlgemeinten Vor⸗ ſchlags den Kopf.„Nein, mein guter Vater“, ſprach er, „hier heißt es: Selber iſt der Mann! Ich muß ſelbſt hin, um nöthigenfalls dos theure Kind mit Gefahr meines Lebens zu ſchützen. Soviel ich weiß, rückt ein ungari⸗ ſches Heer nach jenen Gegenden, um Ruhe und Ord⸗ nung wiederherzuſtellen. Da finde ich ſchon Gelegenheit, Neuſatz gefahrlos zu erreichen, und für das Weitere wird der Himmel auch ſorgen. Doch ſagt mir, guter Vater, welcher Zweck liegt jener ſüdſlawiſchen Bewegung über⸗ haupt zu Grunde? Ich habe dies und jenes darüber ſprechen hören, bin aber, offen geſtanden, nicht recht klug geworden.“ „Es handelt ſich hier“, belehrte der geiſtliche Herr, „weniger um die Erringung einer humanen politiſchen Freiheit als um nationale Unabhängigkeit. Dieſe Süd⸗ ſlawen ſind ſtaatlich mit dem Königreiche Ungarn verei⸗ nigt. Das mißbehagt ihrem Stolze. Dazu kommt ihr tiefeingewurzelter Haß gegen Alles, was ungariſch und deutſch iſt. Der Hauptgrund aber bleibt ihre ihnen an⸗ geborene Mord. und Raubſucht. Auch die Kroaten und Slawonier haben ſich, angeblich um ihre Nationalität zu behaupten, gegen die Magharen erhoben und ſind in deren Gebiet eingebrochen. Der Ban Jellachich ſteht ſelbſt an der Spitze dieſer kroatiſch⸗ſlawoniſchen Bewe⸗ 11 gung. Obſchon nun der Kaiſer dieſen Friedensbruch entſchieden mißbilligt und auch ein Manifeſt dagegen erlaſſen hat, gibt es doch in der Wiener Hofburg auch Leute, welche dieſes feindſelige Auftreten der Südſlawen gegen die Ungarn nicht mit ungünſtigen Blicken betrach⸗ ten, weil man letztern infolge ihrer dermaligen oppoſi⸗ tionellen Haltung gegen Oeſterreich ſelbſt nicht traut. Leſt nur die jetzigen Verhandlungen auf dem unggriſchen Landtage, dieſe zündende Beredtſamkeit eines Koſſuth, und Ihr werdet es dem Wiener Kabinet gewiß nicht verargen, wenn es mit gerechter Beſorgniß erfüllt iſt. Ueberhaupt, mein Sohn, ſehe ich, was die nächſte Zu⸗ kunft unſeres guten Ungarnlandes anlangt, ſehr ſchwarz. Die Gewitterwolken ziehen ſich immer drohender zuſam⸗ men. Gebe der Himmel, daß meine trüben Ahnungen mich betrogen haben! Aber ich bezweifle es. Für Dich, mein Sohn“, fuhr der Greis nach einer Pauſe fort,„da Dein Entſchluß, nach Neuſatz abzureiſen, unwiderruflich iſt, will ich, ſoviel in meinen ſchwachen Kräften ſteht, gern thun, was Dir vielleicht von Nutzen ſein kann.“ Der Pater Joſeph begab ſich mit dieſen Worten wieder nach ſeinem Cloſet und kehrte mit einem Fut⸗ teral zurück, worin ſorgfältig ein Papier verſchloſſen war. „Bewahre dies Document ſorgfältig“, ſprach er, „und ſollteſt Du auf Deiner Reiſe irgend einer der 12 zahlreichen Mordbanden in die Hände fallen, was für Dich als Deutſchen von nur zu großer Gefahr wäre, ſo zeige dieſen Geleitsbrief vor. Er iſt von dem Patriar⸗ chen Rajacic, der an der Spitze der kroatiſchen Bewe⸗ gung ſteht und bei jenen ſüdſlawiſchen Stämmen eine fanatiſche Verehrung genießt, eigenhändig unterſchrieben; zwar zunächſt nur für uns Ordensbrüder, wird aber durch unſer Viſum auch für den Laien gültig. Wenn in jenen Banden noch ein Funke von Gehorſam und kirch⸗ licher Zucht vorhanden, wird er Dich ſchützen.“ Mit dankerfülltem Herzen empfing Edmund dieſes für ihn jetzt ſo werthvolle Document und die Beiden kehrten nach der Jelängerjelieberlaube zurück, wo ſich der Profeſſor ſo eben abmühte, den in der ungariſchen Geographie wahrhaft verwahrloſten Franzoſen mit der nähern und fernern Umgebung des Martinsbergs be⸗ kannt zu machen. Schon von weitem vernahm man die docirende Stimme: „Ihr überſchaut hier die ganze große Ebene bis Preßburg und bis weit über die Donau hinaus, wo die Karpaten den Horizont ſäumen. Dort im Oſten liegt Komorn, Ungarns größte und noch nie bezwungene Fe⸗ ſtung. Weiter nach rechts jener in Grau verſchwimmende Bergrücken ſind die Ofener Gebiete. Dieſe unterſchiedlichen Landgüter da im Vordergrunde“, fuhr der unermüdliche 13 Cicerone fort,„die Sitze mehrerer Grafengeſchlechter, nennt man Puſzten, ein Ausdruck, der Euch in Ungarn noch oft vorkommen wird. Aber dieſe herrſchaftlichen Puſzten ſind nicht zu verwechſeln mit den Puſzten der Steppe zwiſchen der Theiß und Donau, welche meiſt nur von Hirten bewohnt werden und mit weit geringe⸗ rem Comfort ausgeſtattet ſind. Eine der berühmteſten Puſzten der hieſigen Gegend iſt dort in der Ferne die königliche Puſzta Babolna, auf welcher ſich das größte Pferdegeſtüt von Ungarn befindet. Sie liegt an der ſo⸗ genannten Fleiſchhackerſtraße, die von Raab nach Ofen führt und deren Namen von dem zahlreichen Schlacht⸗ vieh herrührt, das auf ihr getrieben wird.“ Edmund theilte jetzt ſeinen beiden Reiſebegleitern die ſchlimmen Nachrichten mit, die er vom Pater Joſeph über die Zuſtände in den ungariſchen Grenzbezirken er⸗ halten hatte, und gab ihnen zu bedenken, ob es unter ſolchen Umſtänden nicht für ſie gerathener ſei, ihre Reiſe nach dem Innern des Ungarnlandes für friedlichere und gefahrloſere Zeiten aufzuſchieben. Aber der junge Fran⸗ zoſe wollte von einer Umkehr ſchlechterdings nichts wiſſen und rief in ſeiner angeborenen Lebhaftigkeit: „Nix da, kein echter Franzmann bleibt auf halbem Wege ſtehen. Auch wird man ſich wohl hüten, einem Sohne der großen Nation auch nur ein Haar zu krümmen. 14 Das kann Euch Deutſchen paſſiren, einem Franzoſen nimmer!“ Der Profeſſor bemerkte phlegmatiſch:„Was kümmern mich dieſe ſlawoniſch⸗kroatiſch⸗walachiſch⸗ſerbiſch⸗ rutheniſchen Streitereien! Dieſe Geſellſchaft mag in ihrem Lande ihr heilloſes Weſen treiben, ſoviel ſie Luſt hat, bis Szegedin wird ſie ſich wohl hüten ihre Naſe zu ſtecken. Dieſe Stadt iſt rein maghariſch wo man jenem Geſindel bald das Loch zeigen würde, das Freund Zimmermann gelaſſen hat.“ So ward beſchloſſen, die Reiſe am nächſten Mor⸗ gen in Gemeinſchaft fortzuſetzen. Zweites Kapitel. Die Haupt- und Reſidenzſtadt des Königreichs Un⸗ garn befand ſich in fieberhafter Aufregung. Zu Tau⸗ ſenden bedeckte das Volk Straßen und öffentliche Plätze. Von Zinnen und Thürmen flaggte die grünweißrothe Tricolore, das ungariſche Nationalbanner. Der Himmel hallte wider von den kriegeriſchen Klängen des Rakoczy marſches und unter ununterbrochenen Eljenrufen zogen die neuformirten Honvedbataillone den ſchönen Donau⸗ quai entlang. Die Haltung des ungariſchen Miniſteriums dem Wiener Hofe gegenüber war eine immer geſpanntere ge⸗ worden. Der Antrag Koſſuth's, zweimalhunderttauſend Mann zu den Waffen zu rufen, um die ſüdſlawiſche Be⸗ wegung mit Energie niederzuſchlagen, war vom Reichs⸗ rathe wie vom Volke mit Begeiſterung angenommen worden. Desgleichen ſollten die ungariſchen Regimenter, 16 welche in Italien fochten, ins Vaterland zurückkehren. Die Stellung des Erzherzogs⸗Palatin Stephan war bei dem übermächtigen Einfluſſe Koſſuth's und des Grafen Batthhanyi der öſterreichiſchen Regierung gegenüber eine immer ſchwierigere, faſt unhaltbare geworden. An einem Fenſter des erſten Stockwerks des ſtatt⸗ lichen, am Donauquai gelegenen Hotels zum Könige von England ſtand eine hohe imponirende Geſtalt, deren Geſichtsausdruck und ſtets gefurchte Stirn das Lächeln verlernt zu haben ſchien. Düſter ſchaute der durchdrin⸗ gende und harte Blick auf die vorüberziehenden Vater⸗ landsvertheidiger, und die ununterbrochenen leidenſchaft⸗ lichen Eljenrufe ſchienen den Mißmuth dieſes Mannes nur zu vermehren. Neben der hohen finſtern Geſtalt lehnte ein jüngerer Mann am Fenſter, welcher zwar ebenfalls den Ariſto⸗ kraten nicht verkennen ließ, aus deſſen Antlitz aber eine wohlthuende Milde ſprach. Die defilirenden Bataillone erweckten mehr ſein Wohlgefallen als ſeinen Mißmuth. Es war der„Sohn des erwähnten ältern Herrn, welcher letztere Niemand anders als der altconſervative Graf Stanislaus Bardy, einer der älteſten Familien des ungariſchen hohen Adels angehörig. Dem alten Magnaten ward endlich der kriegeriſche Lärm auf der Straße unerträglich. Er trat vom Fenſter 17 zurück und ging, die Hände auf dem Rücken, eine Zeit lang ſchweigend im Zimmer auf und ab. Endlich machte ſich ſein verhaltener Groll Luft. „Dieſer Menſch“, begann er,„dieſer advocatoriſche Welt⸗ verbeſſerer richtet Ungarn noch zu Grunde, und dieſer Batthyanyi iſt ſchwach genug, ſich von einem demokratiſchen Parvenu ins Schlepptau nehmen zu laſſen und den ge⸗ horſamen Diener zu machen.“ Daß Graf Stanislaus unter dem advocatoriſchen Weltverbeſſerer Niemand anders als den damaligen hoch⸗ gefeierten Agitator und Miniſter Koſſuth verſtand, be⸗ darf wohl keiner Erläuterung. „Und welch zweideutig Spiel treibt man!“ fuhr der alte Magnat fort.„Auf der einen Seite trieft man von Loyalität, auf der andern liebäugelt man mit der Republik. Man ſoll wenigſtens offen herausſagen, daß man Ungarn von der Geſammtmonarchie losreißen will. Da wüßte doch das Volk, woran es wäre. So wird man erſt die Maske abwerfen, wenn man ſich hinreichend gerüſtet glaubt.“ „Ich ſehe nicht ſo ſchwarz“, geſtand der jüngere Mann, Graf Stephan.„Das allerdings etwas zweideutige Verhalten unſerer Miniſter wird wohl durch die nicht minder zweideutige Politik des Wiener Cabinets gerecht⸗ fertigt. Die ziemlich offenkundige Begünſtigung des Barons Jellachich durch die Wiener Camarilla iſt wohl geeignet, Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1. 2 18 unſererſeits Mißtrauen zu erwecken. Ich hoffe indeß noch immer, der Confliet wird ſich friedlich löſen, ſobald man in Wien unſern ſo gerechten Wünſchen Rechnung trägt und aufrichtig dazu thut, die widerrechtliche Er⸗ hebung der Südſlawen energiſch niederzuſchlagen.“ „Aber, mein Gott, Iſtovan“ eiferte Graf Stanislaus, „ſiehſt Du nicht, daß es für die Länge dem Kaiſerhofe zur Unmöglichkeit wird, ein vollkommen ſelbſtſtändiges ungariſches Miniſterium, zumal was das Kriegsdeparte⸗ ment anlangt, ſich gefallen zu laſſen? Es iſt das ja eine factiſche Losreißung Ungarns von Oeſterreich und eine Conceſſion, die nur auf dem Wege der Ueberrum⸗ pelung in den erſten Tagen der ſich überſtürzenden Volks⸗ leidenſchaft dem Monarchen abgepreßt worden iſt. Das Wiener Cabinet kann das gegebene Kaiſerwort nicht halten, beim beſten Willen nicht, denn es iſt eine Exiſtenzfrage für Heſterreich. Den vereinigten Slawen gegenüber kann Oeſterreich nicht ohne Ungarn und dieſes nicht ohne jenes beſtehen, ſollen wir nicht in einem unabſehbaren Raſſenkampfe allerſeits zu Grunde gehen.“ „Heſterreich aber“, verſetzte Stephan,„ſcheint es vorzuziehen, mit den aufrühreriſchen Slawen gegen die Magharen als umgekehrt ſich zu verbinden.“ „Schweigen wir über dieſes unerquickliche Kapitel“, ſprach Graf Stanislaus unmuthig und fügte hinzu: 19 „Apropos, weißt Du ſchon, daß es endlich der demokrati⸗ ſchen Wirthſchaft in Wien gelungen, den Kaiſer aus der eigenen Hauptſtadt zu vertreiben? Derſelbe hat ſich mit dem geſammten Hofe nach Innsbruck begeben. Seine Majeſtät iſt nicht länger gewillt, einem aufgehetzten Pöbel als Zielſcheibe von deſſen Ausſchweifungen zu dienen und ſich von den Herren Studenten Geſetze vorſchreiben zu laſſen, wie ihm Niemand verdenken wird.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Und was das Schlimmſte für uns bei der Sache, Herr Imre ſoll, anſtatt zu ſtudiren, einen Hauptſprecher auf der Aula im Sinne Koſſuth's machen. Ich darf den Gedanken gar nicht weiter verfolgen, ſoll ich nicht außer mir gerathen. Solches am eigenen Stamme zu erleben! Nach ſeinem letzten Briefe hat er vor lauter Politik noch nicht einmal Zeit gehabt, die gewichtigen Empfehlungsbriefe an hochgeſtellte Perſönlichkeiten abzu⸗ geben. Sein Salon iſt die Kneipe und ſein Studium die verrückten Lehren einer hirnverbrannten Demokratie. Dar⸗ um ſoll er zurück und das je eher je lieber.“ Imre war der jüngere Sohn des Grafen Stanislaus, ein Jüngling mit dem edelſten Herzen, aber berauſcht von dem Champagnergeiſte der neueſten Zeit und Maghar vom Scheitel bis zur Sohle. Stephan ſuchte den Bruder zu entſchuldigen. Der alte Magnat aber ſchüttelte den Kopf. 2* „Es iſt das Beſte“, ſprach er,„Imre kehrt heim. An ein Studiren in der dermaligen Heidenzeit iſt ohnehin nicht zu denken. Die Herren Studenten haben es auch nicht nöthig. Sie ſind bereits in der Weisheit ſo weit vorgeſchritten, daß ſie jetzt blos noch als Weltverbeſſerer fungiren. Doch wo bleibt Etelka?“ fuhr er fort.„Ich warte bereits ſeit einer Stunde. Es wird Zeit, daß wir aufbrechen, wollen wir Brazowa noch vor Nacht erreichen.“ „Die Schweſter“, ſagte Stephan,„iſt von Janos begleitet nach der Lindenſtraße geritten, um ihrer Jugend⸗ geſpielin Jlona den langverſprochenen Beſuch abzuſtatten.“ Das Eljengeſchrei auf der Straße hatte jetzt einen ſo betäubenden Charakter angenommen, daß nur irgend etwas Außerordentliches die Gemüther in ſolchem Grade entflammen konnte. Die beiden Bardy wurden hierdurch veranlaßt, von neuem an das Fenſter zu treten. Da brauſten aus der Ferne die Eljens orkanmäßig heran. Sie erſchollen näher und näher und bald bemerkte man zwei Reiter hoch zu Roß, gefolgt von einem glänzenden Gefolge und umwogt von einer unabſehbaren Volksmenge. Es waren der gefeierte Ludwig Koſſuth und ſein mi⸗ niſterieller College Graf Ludwig Batthyanyi, letzterer der Schönſte unter der ſchönen maghariſchen Männerwelt, wäh⸗ rend Koſſuth mehr durch ſein ausdrucksvolles, geiſtreiches, aber etwas bleiches Antlitz das Intereſſe der Menge in 21 Anſpruch nahm. Beide Männer waren ebenſo die ge⸗ feiertſten wie einflußreichſten Perſönlichkeiten der dama⸗ ligen Zeitperiode. Unmittelbar hinter ihnen ritten der Kriegsminiſter Meszaros, der heldenkühne Damjanies, der edle Schotte Guyon, der freiheitglühende Perczel, Klapka und andere kriegeriſche Notabilitäten. Plötzlich trat Graf Stanislaus einen Schritt zurück und ſein Geſicht entfärbte ſich. Er hatte eine junge Dame erkannt, die ihr Roß in der Nähe von dem Koſſuth's tummelte und aus einem Körbchen den großen Volks⸗ mann fort und fort mit friſchen Roſen bewarf. Es war Etelka, ſeine eigene Tochter. „Auch dieſes noch“, ſprach der alte Magnat.„Ver⸗ wünſcht ſei der Tag, der mich hierher geführt!“ Dann wandte er ſich zu ſeinem Sohne: „Iſtvan, eile ſofort hinab und mache dieſem Skandal ein Ende. Eine Bardy ſtreut dem Emporkömmling Blu⸗ men! Dieſer Menſch muß mit dem Satan im Bunde ſtehen.“ Nach einiger Zeit trat Stephan mit der ſchönen Schweſter ins Zimmer. Reiche dunkle Locken umwogten das reizendſte Mädchenantlitz. Es war noch geröthet von patriotiſcher Erregtheit. Etelka eilte auf ihren Vater zu, um ihn zu um⸗ armen, aber voller Grimm wandte ſich dieſer ab. 22 Das Mädchen trat einen Schritt zurück. „Ich weiß, warum Du zürnſt, mein Vater, aber ſelbſt auf die Gefahr Deines Zorns, ich konnte nicht anders. Ich habe Koſſuth's Stimme vernommen, als er zu den Bataillonen redete. Nur ein von Gott ge⸗ ſandter Prophet kann alſo ſprechen. Das Bild, das Ihr mir von dieſem Manne gemacht, iſt eine Lüge. Das iſt kein Volksverführer. Nur Begeiſterung vom Himmel und Liebe zum Ungarnlande ſprechen aus ihm. Und daß es die Wahrheit iſt, die er ſpricht, das ſagt mir mein Herz. Und meine Schweſtern, ob arm, ob reich, ſo ein Tropfen Magharenblut in ihnen fließt, müſſen alle ſo denken.“ Der alte Graf hatte ſchweigend zugehört. Dann ſprach er kalt:„Die Luft hier ſcheint nicht eben heil⸗ ſam auf Dein Gehirn gewirkt zu haben. Eine Verände⸗ rung iſt darum wünſchenswerth. In Brazowa ſoll Dir meine Mutter die Antwort geben auf Deine Rede. Iſtvan, laß den Wagen vorfahren.“ Etelka, noch immer begeiſtert von der berauſchenden Rede Koſſuth's, wollte nochmals bittend ihrem Vater in die Arme eilen, ward aber kalt und ſtolz zurückgewieſen. Bereits nach einer halben Stunde befand ſich das Ge⸗ ſpann des Grafen Stanislaus auf dem Wege nach Brazowa, ſeiner zunächſt gelegenen Beſitzung. Drittes Kapitel. Das ſchöne Morgenroth einer beſſern Zeit, das aus der Märzrevolution über Wien und Oeſterreich her⸗ aufgeſtiegen, ſollte nur zu bald durch die ſich einander entgegenſtehenden Principien und Parteien getrübt werden. Während der intelligentere und beſſere Theil der Wiener Bevölkerung feſt entſchloſſen war, die junge Freiheit treu zu bewahren und einer gedeihlichen Entwickelung ent⸗ gegenzuführen, fehlte es einerſeits nicht an Leuten, welche die Errungenſchaften nicht für hinreichend er⸗ achteten und zu wenig Garantie darin fanden, während andererſeits die reactionären Elemente von dem erſten Schrecken ſich zu erholen begannen und, anfangs ganz in der Stille und ſelbſt unter dem ſcheinheiligen Deck⸗ mantel der Freiheit, die neuen Zuſtände fort und fort zu untergraben bemüht waren. Von beiden Seiten wurde bald im geheimen, bald offen Mißtrauen geſäet 24 und die Gemüther irre gemacht und in Unruhe verſetzt. Das mit Freuden als freifinnig begrüßte Miniſte⸗ rium Pillersdorf machte es bald den Reactionären, bald den radicalen Elementen der Demokratie nicht recht. Die Preſſe, anfänglich gemäßigt, vermochte alsbald den unterſchiedlichen Strömungen des Parteigeiſtes ebenfalls nicht zu widerſtehen und artete häufig in Extravaganzen und Leidenſchaftlichkeiten aus, die einer gedeihlichen Entwicke⸗ lung nur hindernd in den Weg traten. Der redſelige Wiener, der Oeſterreicher überhaupt hatte zu lange ſchweigen müſſen. Die plötzlich entfeſſelte Zunge ſprach jetzt Alles aus, weß das Herz voll war, ohne immer zu bedenken, ob auch Alles dem Volke und ſeiner Sache nütze oder vielmehr ſchade. Bald auch machten ſich die nationalen Intereſſen der unterſchiedlichen, von Oeſterreich vertretenen Völker⸗ ſchaften bemerklich und traten ſich einander ſchroffer ge⸗ genüber. Nachdem der erſte Freiheitsrauſch vorüber, war es hauptſächlich das ſlawiſche Element, das ſeine Inter⸗ eſſen wahrnahm und ſich den Magharen wie den Deut⸗ ſchen ſehr feindlich gegenüber ſtellte. So widerſetzten ſich die Czechen in vielen böhmiſchen Bezirken den Wahlen für das deutſche Parlament. Die ins Leben getretenen czechiſchen Clubs terrorifirten als Herrſcher und ſelbſt 25 der Landeschef zu Prag widerſetzte ſich mehreren mini⸗ ſteriellen Anordnungen. Bisher waren Sprache und Glau⸗ ben der Czechen halb geächtet geweſen. Dieſe langjährige Ungerechtigkeit rächte ſich jetzt, nachdem dieſer ſlawiſche Volksſtamm den Deutſchen vollkommen gleichgeſtellt worden. Wie die Südſlawen gegen die herrſchenden Magh⸗ aren ſelbſt zur blutigen und grauenvollen Revolution übergegangen, haben wir bereits aus dem erſten Kapitel erſehen. Die Ungarn ſelbſt hatten die Beſtürzung des Hofs in den erſten Märztagen zu benutzen geſucht und ſich ſo gut wie unabhängig von Oeſterreich gemacht, indem ſie ein ſelbſtſtändiges Miniſterium des Aeußern und des Kriegs durchſetzten. In Wien nun war der Herd, wo all die ſich kreu⸗ zenden und ſich feindlich gegenüberſtehenden Intereſſen wie in einem Brennpunkte zuſammenliefen. Hier wühlten die unterſchiedlichen Nationalitäten, die Reaction wie die ſich überſtürzende Demokratie. Doch behielt das deutſche Element, das mit den Magharen ſehr ſympathiſirte, entſchieden die Oberhand. gum Schutze der von der Reaction bedrohten Frei⸗ heit hatte ſich ein Centralverein gebildet, der mit reißen⸗ der Schnelligkeit zu einer Macht emporwuchs. Es gab 26 bald nur noch zwei Gewalten in Wien: das machtloſe Miniſterium als Titulargewalt und die Aula, den Sitz des volksmächtigen Centralvereins, welchem faſt die ge⸗ ſammte Bürgerſchaft und Nationalgarde angehörte. Weither kamen die Leute, um bei dieſem Centralverein Hülfe oder Schlichtung ihrer Streitigkeiten zu ſuchen. Das Volk gewöhnte ſich förmlich daran, in ihm eine Art Abhülfeinſtanz gegen Volksbedrückung und für ſonſt Alles zu ſehen. Selbſt Ehepaare erſchienen nicht ſelten, um ihre häuslichen Zwiſte ſchlichten zu laſſen. Als daher die miniſterielle Entſchließung bekannt wurde, den Centralverein aufzuheben, ſtieg die Aufre⸗ gung aufs höchſte und die Studenten der Aula erklär⸗ ten, eher in den Straßen Wiens zu verbluten, als einen Zoll von den Errungenſchaften nachzulaſſen. Wir wollen kämpfen, hieß es, bis die Freiheit zur Wahrheit gewor⸗ den in Oeſterreich. Es war am Abende des vierzehnten Mai. Der Cen⸗ tralverein hielt ſeine Sitzung und beſchloß einſtimmig, ſobald ein freiſinniges Wahlgeſetz an die Stelle des bis⸗ herigen getreten ſein würde, ſeine Miſſion für beendet anzuſehen und nicht mehr in die Handlungen der Re⸗ gierung einzugreifen. Sollte die Forderung eines frei⸗ ſinnigen Wahlgeſetzes nicht gewährt werden, ſo wollte man zu einer Rieſenpetition an den Kaiſer ſeine Zuflucht nehmen. 27 Schon iſt es tiefe Nacht, als Mitglieder des Cen- tralvereins in den Saal ſtürzen unter dem Rufe:„Man will uns mit Bajonetten auseinander treiben. Die Gar⸗ niſon rückt aufs Glacis, die Kanonen auf den Wällen werden geladen!“ Von der Straße herauf vernimmt man den Gene⸗ ralmarſch der Nationalgarde. Die Glocke des Vorſitzenden Goldmark reicht nicht mehr hin, die Ruhe herzuſtellen. Es bedarf ſeiner gewaltigen Stimme und dämoniſchen Perſönlichkeit, ſich Gehör zu verſchaffen. Goldmark ſchlägt Vertagung der Sitzung vor. „Nein“ beſchließt die Mehrheit,„wir bleiben per⸗ manent, wir erwarten, was da immer kommen möge.“ Als bis Mitternacht kein Angriff ſeitens der bewaffne⸗ ten Macht erfolgte, ward die Sitzung aufgehoben. Auf den Straßen wogt das Volk auf und ab. Die Truppen haben die Baſteien beſetzt. Ein Theil lagert in den Gaſſen und auf freien Plätzen. Die Nationalgarde pa⸗ trouillirt durch die Stadt. Die Ruhe wird nicht weiter geſtört. In der Mittagsſtunde des nächſten Tags läuft das Gerücht durch die Stadt, das Militär rücke aus, ſcharfe Patronen ſeien ausgetheilt, der Befehl zum Angriff gegeben. Alle freiſinnigen Conceſſionen ſollten zurückge⸗ nommen werden. Das Militär rückt in der That aus den zeen und beſetzt das Glacis. Die Gruppen des Volkes ſchwel⸗ len zu Maſſen an. Furcht, Argwohn und Aufregung bemächtigen ſich der Gemüther. Gerüchte, wahre wie übertriebene, ſteigern die Leidenſchaften. Indeſſen hat der Centralverein eine Rieſenpetition entworfen, welche binnen kurzem mit fünfzigtauſend Unterſchriften bedeckt iſt. In den erſten Stunden des Nachmittags wirbelt von neuem der Generalmarſch der Nationalgarde. Man eilt auf die Sammelplätze. Es geht ein Gerücht, daß ein blutiger Zuſammenſtoß des Volks mit dem Militär ſtattgefunden habe. Zugleich heißt es, daß die Aufhebung der akade⸗ miſchen Legion von dem Miniſterium beſchloſſen ſei. Da ziehen Compagnien der Nationalgarde vor die Aula unter dem Rufe:„Wir ſtehen und fallen mit Euch!“ Alle Läden ſchließen ſich. In ungeheuern Maſſen zieht die Bevölkerung aus allen Ständen durch die Straßen. Die akademiſche Jugend brennt vor Begier, ſich zu ſchlagen, und wird von den beſonnenern Führern nur mit Mühe zurückgehalten. Man beſchließt eine Deputation an den Miniſter⸗ rath mit dem Geſuch, die Truppen zurückzuziehen. Die Deputation begibt ſich nach der böhmiſchen Hofkanzlei. Kein Miniſter iſt hier zu finden. Die Mi⸗ niſter, heißt es, halten Berathung in der kaiſerlichen Burg. Die Deputation begibt ſich dorthin. 29 Als letztere der ungeduldigen Aula zu lange aus⸗ bleibt, beſchließt man eine zweite Abſendung von Depu⸗ tirten mit den beſtimmten Forderungen eines ver⸗ beſſerten Wahlgeſetzes. Zurücknahme des Tagesbefehls betreffs der Auflöſung des Centralvereins, daß ferner das Militär nur auf Verlangen der Nationalgarde aus⸗ rücken ſolle und daß die Burgwache von Militär und Nationalgarde zu gleichen Theilen beſetzt werde. Auch Nationalgarden ſchloſſen ſich den deputirten Studenten an, um im Namen des Centralvereins zu ſprechen. Die Rieſenpetition ward zur Sturmpetition. Endlich bewegten ſich vierzigtauſend Bewaffnete, gefolgt von zahlloſen Volkshaufen, gegen die Hofburg. In dem Hofraume ſtanden Grenadierbataillone und ein großer Theil der Generalität. Kanonen waren auf⸗ gefahren, daneben ſtanden Kanoniere mit brennenden Lunten. Die Feuerſchlünde waren nach dem Kohlmarkt gerichtet, von wo die Volkshaufen heranzogen. Langſam rückten die Bataillone der Nationalgarde in den erſten Burghof und beſetzten alle Zugänge zur Kaiſerburg. Während dies im Freien vorging, unterhandelten im Innern der Burg die beiden Deputationen, die ſich vereinigt hatten, mit den Miniſtern. Pillersdorf erkun⸗ digte ſich bei dem Befehlshaber der Bürgerwehr, ob die 30 Wiener Nationalgarde ſich ſtark genug fühle, die Ruhe aufrecht zu erhalten. Die Antwort lautete wenig befrie⸗ digend. Hierauf erklären die Miniſter ihre Vollmacht in die Hände des Kaiſers niederlegen zu wollen, worauf man ihnen ſeitens der Deputation erklärt, daß man für dieſen Fall nicht eine Stunde für die Ruhe der Stadt ſtehen könne. Indeſſen brandet die Ungeduld des Volks lauter und lauter auf den Straßen. Auch die Arbeiter haben ſich erhoben und Maſſe an Maſſe drängt ſich bis zum äußerſten Thor am Michaelisplatze. Der Kohlmarkt, der Graben, der Stephansplatz befinden ſich in vollem Aufruhr und das Volk wird von der Nationalgarde und akademiſchen Legion nur mit großer Anſtrengung von Exeeſſen zurückgehalten. Die Miniſter ziehen ſich zu nochmaliger Berathung zurück. Nach kurzem Zeitraume beginnen die Verhand⸗ lungen mit den Deputirten zum dritten Male, doch kaum ſind die erſten Worte gewechſelt, als ein Abgeord⸗ neter des Centralvereins athemlos hereinſtürzt.„Es iſt Alles zu ſpät“, ruft er,„das Volk reißt das Pflaſter auf und beginnt Barrikaden zu bauen. Die Zeit iſt vor⸗ über zu einzelnen Bewilligungen. Es bleibt jetzt nur ein Ausweg: die Berufung eines verfaſſungsmäßigen Reichs⸗ tags.“ 31 „Das liegt nicht in der Macht des Miniſterraths“, erwidert Herr von Pillersdorf,„doch wollen wir die Bitte des Volks Sr. Majeſtät vortragen“ Der Miniſter beſchwört hierauf die Abgeordneten bei ihrer Bürgerpflicht, die Ruhe der Stadt nur eine Stunde auf⸗ recht zu erhalten. Einſtimmig erklären nun letztere, daß ſie nach Gewährung einer Reichsverfaſſung für die Ruhe der Stadt bürgen könnten und daß das zeitherige Miß trauen und die zeitherige Unzufriedenheit in unendlichen Jubel ſich auflöſen würden. Die Miniſter begeben ſich in die Gemächer des Erzherzogs Franz Karl, während die Deputationen die Stufen hinab zu dem Volke eilen, um im gegenwärtigen verhängnißvollen Augenblicke zur Ruhe zu ermahnen. Mit tiefem Schweigen werden die Reden der Abgeordneten vernommen. Ihnen folgen Jubel und Lebehochs für Ferdinand den Gütigen. Hof und Camarilla ſind durch die Unzuverläſſigkeit der Bürgerwehr auf das tiefſte betroffen. Der Gedanke, das Volk mit Gewalt zu Paaren zu treiben, macht der Nachgiebigkeit Platz. Der Kaiſer ſelbſt fühlt ſich wie ein Gefangener in einer belagerten Feſtung. Er ſieht die Hofburg mit Bewaffneten angefüllt. Er ertheilt dem Be⸗ gehren der Miniſter, welche dem Volke nachzugeben rathen, ſeine Genehmigung. Miniſter Pillersdorf über⸗ reicht den harrenden Deputationen die Sanction. Man 32 eilt mit dieſem koſtbaren Documente in die Staats⸗ druckerei, um dem Volke durch Maueranſchläge das große Ereigniß zu verkünden. Der Jubel bricht aus und ver⸗ liert ſich in endloſe Segenswünſche für den Miniſter. Freude und Ruhe kehren zurück. Nationalgarde und Legion kehren in ihre Bezirke zurück, die Arbeiter in ihre Werk⸗ ſtätten. Die Stille der Nacht legt ſich über Stadt und Hofburg. Am Morgen hat Wien das ruhige, heitere Ausſehen, als ſei nichts von Bedeutung vorgefallen. Indeß hatte ſich die Reaction von dem gehabten Schrecken bald erholt und arbeitete nun um ſo beharr⸗ licher an ihrem finſtern Plane, die Volkserrungenſchaften zu untergraben. Es war am Spätnachmittage des ſiebzehnten Mai, Wien war ſo ruhig wie je. Die Sonne ſchien freundlich und der Kaiſer fuhr in leichter Sommerkleidung ſpa⸗ zieren. Die Erzherzogin Sophie und die Prinzen folgten in ihren Hofequipagen. Die Spazierfahrt ging zum Thor hinaus, bei Schönbrunn vorüber, die Linzerſtraße entlang. Am andern Morgen, den achtzehnten Mai, lief die Schreckenskunde durch die Stadt: Der Kaiſer iſt ent⸗ flohen! Aus Geſundheitsrückſichten, hieß es, habe ſich Se. Majeſtät nach Innsbruck begeben. Ein Blitz aus heiterem Himmel konnte nicht betäu⸗ 33 bender auf das Gemüth der Wiener Bevölkerung wir⸗ ken als dieſe völlig unerwartete Abreiſe des Kaiſers. Der Wiener kann ſich eher den Himmel ohne Sonne als Wien ohne Kaiſer denken. Dieſe allgemeine Stim⸗ mung lieferte den ſicherſten Beweis, daß die Republik auch nicht auf die geringſten Sympathien der Wiener ſich Rechnung zu machen hatte, obſchon die Reaction nichts unverſucht ließ, dieſe Meinung fort und fort zu verbreiten. Vorſtehende geſchichtliche Ueberſicht der Wiener Zu⸗ ſtände war nothwendig, um die ſpätern verhängnißvollen Ereigniſſe, die wir in dieſem Buche werden vorüberziehen ſehen, beſſer zu erklären. Stolle, Von Wien nach Vllagos.. 3 Liertes Kapitel. Unabſehbar dehnt ſich die Steppe zwiſchen Donau und Theiß von Peſth viele Meilen breit und lang bis in die Gegend von Zombor und Thereſiopol. In troſt⸗ loſer Eintönigkeit finkt der graublaue Himmel, ſoweit der Blick reicht, auf dürren, mit Salztheilen geſchwängerten Sandboden. Nirgends ein erquickendes Grün der Land ſchaft, ein Schatten gebender Baum oder Strauch, nirgends ein erlabender Quell. Von Zeit zu Zeit wirbelt eine Staubwolke durch die weite Wüſte. Die Straße zwiſchen Peſth und Szegedin war damals die eigenthümlichſte der Welt. Man konnte ſagen, daß ſie zwei bis drei Meilen breit war, wenn man die unter⸗ ſchiedlichen Straßenfäden zu einem und demſelben Tracte rechnet. Jeder ſchlug diejenige Linie ein, die ihm die geeignetſte ſchien; der Reiter dieſe, der Perſonenwagen jene, der Frachtfuhrmann wieder eine andere. Unſere drei Reiſenden, deren Bekanntſchaft wir auf dem Martinsberge gemacht, befanden ſich auf einem leich⸗ ten ungariſchen Fuhrwerk faſt mitten in der Steppe. Während Edmund die Langweiligkeit der Fahrt mit deut⸗ ſcher Geduld und Gelaſſenheit ertrug und der Profeſſor keine Gelegenheit verabſäumte, ſeine geographiſchen, ethnographiſchen und ſonſtigen gelehrten Errungenſchaften an den Mann zu bringen, wollte Hippolyt Bretan, der junge Franzoſe, verzweifeln. Namentlich waren es die zahlreichen Gölſen, eine höchſt peinigende Mückenart, die ſeine empfindliche Haut in allerhöchſte Alteration verſetzten. Fortwährend befand er ſich im Kampfe mit dieſen läſtigen Inſekten und machte ſeinem Zorn bald in franzöſiſchen, bald in ger maniſchen Flüchen Luft. „Dieſes nichtswürdige Geziefer“, rief er, ununter⸗ brochen mit einem Fliegenwedel dagegen fechtend,„muß der Herrgott ganz expreß in ſeinem Zorn für dieſe verwahrloſte Gegend erſchaffen haben.“ „Das iſt hier noch gar nichts“, tröſtete der Profeſſor. „Da müßt Ihr erſt in den Hanſang, jene unabſehbare Wüſte von ſumpfigen Wieſen und Schilfwäldern zwiſchen der Donau und dem Neuſiedlerſee, kommen, ſo Ihr einen erſchöpfenden Begriff von der Liebenswürdigkeit dieſer Thierart bekommen wollt. Da kann man die Augen kaum 3* 36 aufthun vor dem Geziefer, das oft den Himmel ver⸗ finſtert. Ueber jedem Heuhaufen wirbelt eine Säule von tanzenden Gölſen, wozu ſich noch eine ganz andere Art von Mücken geſellt, die von den deutſchen Leuten Mün⸗ kerls genannt werden. Dieſe Inſekten haben indeß auch ihr Gutes, indem ſie in den heißen Sommermonaten den vollſaftigen und vollblütigen Kühen und Ochſen das überflüſſige Blut wegſaugen und ſo gleichſam als Ader- ſaßſchnepper und Schröpfkopfe dienen.“ „Ich bin aber kein vollblütiger Ochs“, murrte der Franzoſe,„und danke dem nichtsnutzigen Geziefer den Teufel für ſeine Blutſucht.“ „So es Euch die Gölſen gar zu arg machen“, meinte Cyriakus, indem er ein kleines Flacon hervorzog, „ſo bedient Euch dieſes wohlthätigen Fluidums. Mit wenig Tropfen Hand und Geſicht gerieben, und das Ge⸗ ziefer läßt auf geraume Zeit ab.“ Der junge Bretan griff haſtig nach dieſem Rettungsmit tel, ging aber ſo verſchwenderiſch mit dem Inhalte des Fla⸗ cons um, daß der Profeſſor aus der Haut zu fahren vermeinte. „Seid Ihr bei Sinnen!“ rief er.„Ein paar Tropfen ſind hinreichend, und Ihr ſalbt, als gälte es Euern Leichnam auf tauſend Jahre einzubalſamiren. Bedenkt, das Flacon ko⸗ ſtet gute fünf Gulden in Peſth und ſoll bis Szegedin reichen.“ In der That ließen auch nach Einreibung der ſtark 37 duftenden Flüſſigkeit die Gölſen geraume Zeit ab, und der zeitherige Gölſengeplagte erhielt Muße, ſeinen Un⸗ muth über die ungariſche Sprache laut werden zu laſſen. „Solch abſcheuliches Kauderwelſch“, begann er, „iſt mir in dieſer Welt noch nicht vorgekommen Als ich geſtern Morgen kaum erwacht bin, ſteht ein kleiner Bube vor meinem Bett und redet mich an. Das klang ungefähr wie:„Mektschemerek teck pek fek.“ Ich denke, er will meine Kleider zum Reinigen holen, und zeige darauf hin, aber der Bube ſchüttelt mit dem Kopfe und erwidert ungefähr:„Nintsch! Hajak muk puk ſuk tellem telle tell.“ Nun glaub' ich, er will die Stiefeln putzen, doch abermaliges Kopfſchütteln und ein weinerliches:„Nintsch, jonjörtorjem függé mesch müggo.“ Ich weiß zur Stunde nicht, was der Kerl eigentlich gewollt hat.“ „Ob der Bua“, verſetzte der Profeſſor,„gerade gar ſo gehackt geſprochen, wie Ihr gehört haben wollt, will ich dahingeſtellt ſein laſſen. Allerdings enthält die ungariſche Sprache viel Gebrochenes und Unmelodiſches. Das hat ſeinen Grund darin, daß der Ungar ſehr die Anhänge⸗ ſilben liebt, die ſämmtlich mit dem harten k endigen. Dafür iſt dieſe Sprache aber auch wieder ſehr reich an Feinheiten und an unnachahmlichen Wendungen.“ Sobald Chriakus auf einen wiſſenſchaftlichen Ge⸗ 38 genſtand zu ſprechen kam, ward er nicht ſogleich fertig, gleichviel ob ſich bei ſeinen Zuhörern Intereſſe dafür kund gab oder nicht. So auch diesmal. „Sehr reich“, erzählte er unter Anderm,„iſt die ungariſche Sprache in Beziehung der unterſchiedlichen Verwandtſchaftsgrade. Der Ungar hat nicht nur beſon⸗ dere Namen für Bruder und Schweſter im Allgemeinen, ſondern auch für die ältern und jüngern Geſchwiſter im Be⸗ ſondern. Auch an Liebes und Schmeichelworten iſt dieſe Sprache nicht arm. Das allgemeinſte ungariſche Schmei⸗ chelwort iſt Batſcha, das heißt Brüderchen oder Vä⸗ terchen, womit Jeder, er mag alt oder jung ſein, ange⸗ redet wird. Ein hübſches echt ungariſches Schmeichelwort iſt auch Ghöngyviragom, was buchſtäblich Perlkind bedeutet. So heißt aber auch zugleich das Maiblümchen. Eine andere Eigenthümlichkeit der genannten Sprache beſteht darin, daß man aus jedem beliebigen Haupt⸗ worte ein Zeitwort bilden kann, welches der Rede eine ganz eigenthümliche Kürze verleiht, die wir Deut⸗ ſchen gänzlich entbehren. So ſagt der Ungar, um das Wort Laterne zu gebrauchen: Ich laternte ihn die Straße hinunter, oder: Ich piſtolte ihn nieder, oder: Ich eigarrte auf der Straße.“ Der gute Profeſſor würde ſobald nicht das Ende ſeiner ſprachlichen Auseinanderſetzungen gefunden haben. 39 wenn nicht eine eigenthümliche Erſcheinung in der Ferne die Aufmerkſamkeit der Reiſenden in Anſpruch genom⸗ men hätte. Ganz am Horizonte zeigte ſich plötzlich ein weißes Wölkchen, das immer näher kam und größer wurde. Chriakus, nachdem er ſeine Brille geputzt und die heran⸗ rollende Wolke genauer ins Auge gefaßt, rief freudig⸗ „Heureka! Da ſind ſie ja, nach denen wir uns zeither ſo oft vergebens umgeſchaut. Ein paar Steppenſöhne comme il faut, ein paar Czikos, wie ſie im Buche ſtehen. Schaut, das nennt man reiten. Dieſe fliegenden Roſſe ſcheinen die Erde kaum zu berühren, wenn der aufwirbelnde Staub nicht das Gegentheil verriethe. Ich will übrigens nicht hoffen“, fuhr er fort,„daß dieſe edlen Wüſtenſöhne zu denjenigen Czikos gehören, welche ganz eigenthümliche Begriffe von Mein und Dein haben. Doch ſcheint mir unſer Roßgeſpann nicht der Art, daß es einem Pferdeliebhaber ſehr in die Augen ſtechen könnte, und bekanntlich vergreift ſich der Czikos, ſo er die Gren⸗ zen fremden Eigenthums überſchreitet, nur an den Roſſen.“ Die beiden Czikos waren indeß bei dem Fuhrwerk angelangt und kauderwelſchten mit dem Wagenkenker, der ſeine Roſſe anhielt, ſodaß unſern Reiſenden hinrei⸗ chend Gelegenheit ward, die fremdartigen Geſellen einer nähern Betrachtung zu unterwerfen. Es waren zwei 40 kräftige, muskulöſe Geſtalten mit ſcharfgezeichneten ſonne⸗ gebräunten Geſichtern und geflochtenem, lang herabhän⸗ gendem ſchwarzem Haupthaar. Bekleidet waren ſie mit ſehr weiten leinenen Beinkleidern, kurzem Hemde mit ebenfalls weiten Aermeln, leichten ungariſchen Stiefeln mit großen Sporenrädern. Auf dem Kopfe trugen ſie breitkrempige Filzhüte. Nach gepflogener Unterredung nickte der Peſther Kutſcher gleichſam dankend mit dem Kopfe und bog mit ſeinem Geſchirr, das zeither der Richtung nach Süden gefolgt, direct nach Oſten ein. Edmund, dem dieſe veränderte Richtung hauptſäch⸗ lich auffiel, fragte:„Was ſoll das bedeuten?“ und zum Profeſſor gewendet:„Habt Ihr etwas von der Unter⸗ redung verſtanden?“ „Nicht die Spur“, gab dieſer ärgerlich zur Ant⸗ wort, da er ſich auf ſeine Kenntniß der ungariſchen Sprache immer viel zu gute that. Zu ſeinem Troſte fügte er hinzu:„Das konnte gar kein legitimes Ungariſch ſein; wahrſcheinlich ein walachiſcher Dialekt, der in Süd- ungarn zuweilen vorkommt.“ Zugleich wandte er ſich an den Wagenlenker und erkundigte ſich, warum er jetzt nach Oſten ſteure, anſtatt nach Süden. „Die Serben“, lautete die Antwort,„ſind bis 41 Kiskörös vorgedrungen, haben nicht weniger denn zwanzig Puſßten verbrannt und ſtehen im Begriff, auch der hie⸗ ſigen Gegend einen Beſuch abzuſtatten. Wir müſſen alſo nach Keeskemet hinüber, wollen wir ſn nicht direct in den Rachen fahren.“ „Das iſt ſehr weiſe von Dir, Miſchko“, ſagte der Profeſſor.„In Keeskemet liegen mehrere Regimenter, da ſind wir vor dem Raubgeſindel vollkommen ſicher und können ſogar unter Bedeckung weiter reiſen, da kein Tag vergeht, wo nicht Truppenabtheilungen nach dem Süden abgehen. Wir machen auf dieſe Weiſe allerdings einen Umweg, dieſer Zeitverluſt kann aber, wenn es gilt, einen Zuſammenſtoß mit jenen Mord- und Raubbanden zu vermeiden, nicht in Betracht kommen.“ Edmund erkundigte ſich des Nähern nach der Ort⸗ ſchaft, über die man den Weg nehmen wolite. „Kecskemet“ belehrte Chriakus,„iſt eigentlich keine Stadt, wohl aber Ungarns größter und zahlreichſter Marktflecken. Der Name ſoll von Ketſche, was Ziege bedeutet, abſtammen. Die Zahl der Bewohner beläuft ſich auf über dreißigtauſend.“ „Ein Marktflecken über dreißigtauſend Bewohner?“ fragte Edmund verwundert. „Das möchte noch ſein“, verſetzte der Profeſſor. „Dorfſchaften von mehreren tauſend Einwohnern gibt's 4² auch in Deutſchland; aber man begreift nicht, aus welcher Urſache gerade in dieſer Gegend, wo weder ein Fluß Ge⸗ legenheit zum Handel gibt, noch ein Berg oder Fels Anlaß zu einer Befeſtigung, ſich ſo zahlreiche Menſchen zuſammenfinden konnten. Ueber dieſes Räthſel haben ſich die Geographen vergeblich den Kopf zerbrochen.“ Nach einigen Stunden erreichte man die ſogenannte Keeskemeter Haide, welche einen anſehnlichen Theil der großen Donau-Theiß⸗Ebene ausmacht. Die Gegend ward menſchenbelebter. Zahlreiche Heerden ſchöner Rinder, muthiger ungariſcher Roſſe und langhörniger Schafe zogen vorüber. Der Profeſſor machte auf dieſe Hirtenbevölkerung aufmerkſam. „Schaut“, ſagte er„hier habt Ihr echt maghari⸗ ſches Blut. Keeskemet und Umgegend ſind hinſichtlich ihrer Bewohner vollkommen reine Raſſe. Weder das deutſche noch das ſlawiſche Element iſt hier vertreten. Betrachtet dieſe braunen, dunkelhaarigen Geſtalten, wie wir ſolche vereinzelt zwar ſchon in Peſth geſehen, die aber hier zu Hauſe ſind. Seht dieſes eigenthümliche Hemd, wie es bei keiner andern Nation angetroffen wird. Gleicht es nicht zwei durch ein bloßes Mittelſtück verbundenen Aermeln? Da hierdurch ein bedeutender Theil des Oberkörpers unbedeckt bleibt, ſo bildet ſich 43 durch die Sonne mit der Zeit ein dunkelfarbiger unver⸗ wüſtlicher Leibring, der den ungariſchen Landmann ſo⸗ fort von ſeinen Collegen anderer Nationen unterſcheiden läßt. Schaut ferner dieſen glänzenden, ſchwarzen, feſt anliegenden Haarwuchs! Dieſer Glanz rührt von dem häufigen Schweinefett her, das man einreibt und welches Kopf und Haar ſchützen ſoll. Was dieſe originelle Pommade anlangt, ſo übertreffen die Männer die In⸗ grinnen— ſo heißen durchgängig die ungariſchen Frauen — weil dieſe in der Regel Tücher um den Kopf tragen.“ Der junge Franzoſe, der aus Langerweile auch zu⸗ weilen den Kopf aus dem Wagen hervorſteckte, verwun⸗ derte ſich höchlich über die hier und da an der Straße gelegenen Gruben, welche mit einer Flüſſigkeit, die wie Milch ausſah, angefüllt waren. „Die Herren Ungarn“, meinte er,„haben originelle Milchnäpfe. Da ſetzen ſie ſich wohl daran herum, wenn ſie Kaffee trinken?“ „Ihr Franzoſen“, eiferte Chriakus,„ſeid und bleibt ein oberflächlich Volk. Das ſind ja gar keine Milchbe⸗ hälter, und was ſo weiß ausſieht, iſt auch keine Milch, ſondern mit Kalkerde gefärbtes Waſſer. Dieſe Erde gräbt man auf den Puſzten und benutzt ſie, um die Häuſer anzuſtreichen, woher es auch kommt, daß Keecskemet ein ſo friſchgeweißtes Ausſehen hat.“ 44 Zugleich erkundigte er ſich bei dem Miſchko, wie weit man noch bis zu der genannten Ortſchaft habe. „Sechs Stunden“, war die Antwort. Der Profeſſor machte bei dieſer Angabe ein ziem⸗ lich bedenkliches Geſicht. Er zog die Uhr hervor, betrach⸗ tete den Stand der Sonne und ſagte: „Wenn Ihr meinem guten Rathe folgen wollt, ſo iſt es der, daß wir darauf verzichten, Keeskemet heute noch zu erreichen. Die Nacht bricht herein, ehe wir an Ort und Stelle ſind, und ich traue dem umherſchweifen⸗ den Raubgeſindel nicht. Ich ſchlage darum vor, daß wir in der nur noch wenige Stunden entfernten Puſzta Bo⸗ gard übernachten. Der Beſitzer iſt mir nicht ganz un⸗ bekannt. Wir finden daſelbſt die gaſtlichſte Aufnahme. Wenn wir auch von dem Comfort der Hauptſtadt Um⸗ gang nehmen müſſen, ſind wir doch um ſo geſicherter und können mit Tagesanbruch unſere Reiſe fortſetzen.“ Edmund, der gern ſo raſch wie möglich das Ziel ſeiner Reiſe zu erreichen wünſchte, gab erſt nach einigem Widerſtreben nach und der etwas verwöhnte Franzoſe erkundigte ſich vor allem, wie wohl Küche und Keller in ſo einer Puſzta beſtellt ſeien. „Zu einer gebratenen Hammelkeule“, tröſtete Chriakus, „wird immer Rath und an einem Humpen Karbwitzer Ausbruch wird's auch nicht fehlen; doch das ſag' ich Euch 45 nehmt Euch in den Gehöften vor den verfluchten Beſtien den Szelindeks in Acht, welchen es vollkommen einerlei iſt, ob ſie einen Wolf oder einen Menſchen zerreißen. Dieſe bösartige Hunderaſſe iſt ihren Herren Vettern, den Wölfen, ſo ähnlich, daß ein induſtrieller Jude einmal mit einer Koppel derſelben eine Kunſtreiſe nach Italien unternommen und ſein Geſpann ſür ein Wolfsgeſpann als Merkwürdigkeit für Geld hat ſehen laſſen.“ „Da kommt Cavallerie des Wegs daher“, rief plötzlich Hippolht, auf ein paar Reiter von militäriſchem Aus⸗ ſehen zeigend. „Das iſt kein Militär“, belehrte der Profeſſor; „dasſind die Salaſchen oder Steppenwächter, deren Amt es iſt, die Reiſenden vor Räubern zu ſchützen. Leider will man aber den guten Leuten nachſagen, daß ſie ſich zuweilen in einem bedauerlichen Irrthume gefallen, in⸗ dem ſie die Reiſenden ſelbſt für Räuber halten und dieſen Irrthum zu ihrem Vortheil ausbeuten. Am Tage jedoch iſt von ihnen durchaus nichts zu befürchten. Der erwähnte Irrthum pflegt ſich nur in ſtürmiſchen Nächten einzuſtellen, wo die Finſterniß den Unterſchied zwiſchen friedlichen Reiſenden und Räubern ſchwerer erkennen läßt. Doch ich habe Euch“, fuhr der Profeſſor fort, „ſchon immer zu erzählen verſprochen, wie es die Herren Ungarn anfangen, wenn ſie ſich ihre Ingrinnen erobern, 46 und da die Haide wieder ſehr menſchenleer und eintönig iſt, dürfte der jetzige Zeitpunkt nicht ungeeignet ſein. Wir kommen dabei unſerer Puſzta immer näher.“ „Ich bin ganz Ohr!“ ſprach Edmund. „Auch ich höre dergleichen affaires d'amour nicht ungern“ geſtand Hippolyt.„Commencez!“ So liebte es der Profeſſor. Nichts war ihm ange⸗ nehmer als aufmerkſame Zuhörer. Er erzählte daher wie folgt: „Wenn ein junger Ungar eine junge Ungarin, ent⸗ weder weil ſie ihn beim Tanze bezauberte, oder weil ihre Augen es ihm angethan, oder weil ihr Fleiß und 5 ihre Sittſamkeit ihm wohlgefallen, oder endlich weil er ſonſt ſeine Berechnung dabei hatte, zu ſeinem Ehegemahl erkieſt und ſie für ſich zu gewinnen wünſcht, ſo öffnet er ſein Herz erſt einigen Freunden. Dieſe begeben ſich zu der Erſehnten und thun ihr kund und zu wiſſen, welchen Eindruck ihre Liebenswürdigkeit auf ihren Freund Androſch, Janoſch oder Petruſchka gemacht hat. Die Sitte verlangt, daß dieſe guten Freunde abends in der Dämmerung zu der Jungfrau gehen. Dieſe will natürlich anfangs durchaus nichts davon wiſſen. Sie erklärt, ſie würde nie heirathen und vor allen den Janoſch, Androſch oder Petruſchka nicht. Nichtsdeſtoweniger unterhält ſie ſich, wenn ihr der junge Mann im Innern zuſagt, mit 47 den Freunden länger über die Sache und ihre Abneigung gegen das Heirathen. Es bleibt bei ſolcher Halsſtarrigkeit den Werbern nichts übrig, als ihre abendlichen Beſuche zu wiederholen. Sie ſind weit entfernt, die Flinte ſofort ins Korn zu werfen. Ihre Bewerbungen werden dringen⸗ der. Die Jungfrau bleibt endlich auch kein Felſen. Sie erklärt, wenn man ſie denn durchaus zwingen wolle, ſo möge der Janoſch einmal ſelbſt kommen und ſie be⸗ ſuchen. Dieſer erſte Beſuch der Geliebten heißt die Be⸗ ſichtigung der Braut; aber dieſer erſte bedeutende Schritt zur Ehe iſt zugleich, zumal für das Mädchen, der peinlichſte. Die Verwandten, die auch inzwiſchen in dieſe Angelegenheit verwickelt und zu Rathe gezogen worden ſind, ſtellen die Geliebte dem jungen Manne vor, der von dieſem Abende an Bräutigam heißt. Die Braut ſelbſt iſt dabei ſo ſchüch⸗ tern, ängſtlich und äußerſt verſchämt, daß es zum Sprich⸗ wort in ganz Ungarn geworden: So verſchämt wie eine ungariſche Braut. Ich würde Euch dieſes Sprichwort un⸗ gariſch herſagen, wenn Ihr dieſe Sprache verſtündet. Das ſchöne Kind hat indeß ein ſchönes Tuch geſtickt, das ſie ſo lange in der Hand behält, bis ſie den Muth bekommt, es dem Bräutigam zu überreichen. Hiermit nun bleibt kein Zweifel mehr, daß die Braut ihre Einwilligung ge⸗ geben. Triumphirend knüpft der junge Mann das Tuch in ein Knopfloch und läßt es als Siegesbanner heraus⸗ 48 hängen und luſtig im Winde und beim Tanze flattern. Es folgen nun noch unterſchiedliche Beſuche ſeitens der Verwandten und Freunde, wobei es indeß ſehr gemeſſen und ceremoniös hergeht. Man bringt Geſchenke. Endlich wird der Tag der Trauung angeſetzt. Nach dieſer feier⸗ lichen Handlung verfügt ſich jede Partei nach Hauſe und ſowohl im Hauſe der Braut wie des Bräutigams werden Anſtalten zur Feſtlichkeit getroffen. Jetzt ſchickt der Bräuti. gam eine Deputation zur Braut und läßt ſie mit all ihren Gäſten zu ſich einladen. Allein die Spröde, ihrer verſchämten Rolle treubleibend, weigert ſich zu erſcheinen. So muß der Bräutigam dreimal ſchicken. Endlich willigt ſie ein, ihr väterliches Haus zu verlaſſen und das des jungen Mannes zu betreten. Hier wird nun hoch gelebt und tapfer getrunken. Nur die Braut, noch immer in Trauer und Schamhaftigkeit, darf weder Speiſe noch Trank zu ſich nehmen, und es würde ein großes Gerede im ganzen Orte geben, wenn eine Braut etwas Paprikafleiſch oder Belaſch zu ſich nähme, während ſich's jedoch die übrige Geſellſchaft um ſo beſſer ſchmecken läßt. Zum Schluſſe des Feſtes erfolgt das Einbinden des Kopfs, eine der wichtigſten Ceremonien der Hochzeit. Das Mädchen trug als ſolches die Haare auf die Schultern herabhän⸗ gend, häufig mit Bändern zierlich geſchmückt. Am Hoch⸗ zeitstage werden die Flechten auf dem Kopfe künſtlich 49 zuſammengelegt und mit einem Tuche umwunden. Hier⸗ durch unterſcheiden ſich die Frauen von den Mädchen. Ein Frühſtück am folgenden Morgen beſchließt das Hochzeitsfeſt.“ Der Profeſſor war noch im beſten Zuge, über unga⸗ riſche Hochzeitsgebräuche und ſonſtige Eigenthümlichkeiten in der Lebensweiſe der Magharen Auskunft zu ertheilen, als in der Ferne ſich Erhöhungen zeigten, bezüglich deren man, da die Dunkelheit hereingebrochen, ſchwer zu unterſcheiden vermochte, ob ſie menſchliche Bauwerke oder von der Natur gebildet waren. „Da haben wir die Puſzta“, ſprach Chriakus und zeigte nach den Erhöhungen, während Edmund und der Franzoſe ſich vergeblich nach einer menſchlichen Wohnung umſchauten. Nur ein paar ſchornſteinartige Schlote ſtiegen in der Abenddämmerung in die Höhe. „In dieſem Erdhaufen ſollen wir übernachten?“ erkundigte ſich kleinlaut Bretan. „Ja“, meinte der Profeſſor,„ein Palais Royal iſt's freilich nicht; ländlich ſittlich, dafür leben wir in Ungarn.“ Ein wildes Hundegebell ward jetzt vernehmbar, das immer betäubender wurde, je näher man der Puſzta kam. Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1. 4 Fünftes Kapitel. Wie zahlreich die Deputationen auch geweſen, welche von Wien und andern Städten des Kaiſerrreichs nach„ Innsbruck entſendet worden waren, um den Kaiſer Fer⸗ dinand zur Rückkehr nach ſeiner Hauptſtadt zu bewegen, ſo hatte dieſer Monarch gleichwohl noch immer Bedenken getragen, dieſen Bitten nachzukommen. Geſundheitsrück⸗ ſichten, hieß es, erlaubten Sr. Majeſtät noch nicht, die Reiſe anzutreten. Indeß gab der Kaiſer endlich in— ſofern nach, daß er den volksthümlichen Erzherzog Johann einſtweilen als Alterego nach Wien entſendete. Groß war die Freude der Wiener, als dieſer be⸗ liebte Prinz ohne alles Gepränge ſeinen Einzug in die Kaiſerſtadt hielt. Er empfing huldreich alle Corpora⸗ tionen von Bedeutung, nach allen Seiten hin Verſiche⸗ rungen, Lobſprüche, Aufmunterung ertheilend, Hoffnung ſpendend und überhaupt eine glückliche Zukunft verheißend. 51 In ſeinen beruhigenden Antworten an die Deputationen hieß es unter Anderm:„Glauben Sie, meine Herren, an eine Reaction iſt nicht zu denken, ſie iſt unmöglich“; und in ſeiner Proclamation an das Volk hieß es:„Se. Majeſtät der Kaiſer hat mich in Anbetracht ſeines an⸗ dauernden Unwohlſeins zu ſeinem Stellvertreter ernannt. In dieſer Eigenſchaft habe ich den bevorſtehenden Reichs⸗ tag in ſeinem Namen zu eröffnen. Dieſes Vertrauen des Kaiſers iſt mir heilig. Ich werde es rechtfertigen, indem ich ſeinen Willen erfülle, der dahin gerichtet iſt, den öſterreichiſchen Völkern die gewährten Freiheiten und Rechte gewiſſenhaft zu wahren und in allen Fällen, wo das kaiſerliche Wort zu entſcheiden hat, den Geiſt der Gerechtigkeit und Milde vorwalten zu laſſen.“ Kaum befand ſich der kaiſerliche Prinz in Wien, als von Frankfurt am Main die telegraphiſche Depeſche an⸗ langte:„Am 29. Juni zwei ein halb Uhr iſt Erzherzog Johann von der Nationalverſammlung in Frankfurt mit vierhundertſechsunddreißig Stimmen zum Reichsverweſer Deutſchlands ernannt worden.“ Unbeſchreiblich war der Jubel Wiens bei dieſer„ Nachricht. Die Deutſchen der Monarchie, denen ein inni⸗ ger Anſchluß Oeſterreichs an Deutſchland ein wahres Bedürfniß des Herzens war, konnten nicht inniger und herzlicher erfreut werden. Auch dem Hofe kam dieſe 4* 52 Ernennung nicht unerwünſcht. Nichts fürchtete die habs⸗ burgiſche Dynaſtie ſeit den Märztagen mehr als das Uebergewicht der Hohenzollern in Deutſchland, nachdem König Wilhelm öffentlich ausgeſprochen, ſich an die Spitze der deutſchen Bewegung ſtellen zu wollen. Johann als Reichsverweſer war dem öſterreichiſchen Hofe eine Gewährleiſtung, daß ſeine Intereſſen zu Frankfurt beſtens gewahrt ſeien. So wurde denn die Frankfurter Deputation mit noch nicht dageweſenem Jubel in Wien, dem Central punkte der deutſch⸗öſterreichiſchen Beſtrebungen, empfangen. Häuſer und Thürme prangten in ſchwarzrothgoldenem Fahnenſchmuck und abends ſtand die Stadt wie durch einen Zauberſchlag in einem Flammenmeere der Illu⸗ mination. Auch das Hotel der Gräfin Stephanie ſtrahlte in reichem Lichtglanze, und im erſten Stockwerke ſtand hinter einem der erleuchteten Fenſter eine ſtattliche Frauen⸗ geſtalt, deren ernſte Geſichtszüge indeß andeuteten, daß ſie den von der Straße herauftönenden Volksjubel keines⸗ wegs theile. Im Gegentheil ſchien derſelbe die Dame nur unangenehm zu berühren. Ein galonirter Diener trat jetzt in den Salon und meldete den Abbé Franconi. „Iſt mir willkommen“ ſagte die Gräfin und ging 53 dem Eintretenden, einem Manne im mittlern Lebens⸗ alter, deſſen Geſicht von einem ſtereothpen Lächeln um⸗ ſpielt wurde, einige Schritte entgegen. „Schon zurück, Abbé?“ fragte ſie.„Das freut mich und ſoll mich doppelt freuen, ſo Ihr gute Bot⸗ ſchaft bringt.“ „Die Nachrichten aus Italien“, begann der Abbé, nachdem die Gräfin auf der Ottomane und der Beſuch auf einem Sammtſtuhle gegenüber Platz genommen, „ſind gut, die aus Innsbruck beſſer. Wenigſtens iſt jetzt ſo ziemlich Ausſicht vorhanden, daß Radetzky mit den Piemonteſen bald reine Wirthſchaft gemacht haben und die brave Armee zu anderweitigen Zwecken verwendbar werden wird. Auch hofft man Se. Majeſtät noch für geraume Zeit im Herzen des treuen Throl zurückzuhalten und trifft Anſtalten, daß derſelbe nicht ohne Armee zu⸗ rückkehrt.“ „Und dieſer neueſte Wiener Taumel, was ſagt Ihr dazu?“ fragte die Gräfin. „Strohfeuer“, war die Antwort des Italieners,„das ebenſo raſch verlöſchen wird, wie es aufgeflammt iſt!“ „Das gebe der Himmel!“ ſeufzte die Gräfin.„Ich fürchte nur, die Maſſen ſind zu ſehr unterwühlt, als daß ſobald an eine Rückkehr der Ordnung zu denken wäre.“ „O“, lächelte der Abbe,„da kenne ich meine Wiener 54 beſſer; ſie gehen als Revolutionäre noch in den Kinder⸗ ſchuhen.“ „Aber wenn ſie die Kinderſchuhe ausziehen?“ „Das hat Zeit“, meinte Franconi.„Der Kopf der Revolutionsſchlange ſitzt allein in der Aula. Bevor frei- lich dieſer nicht zertreten, werden wir das alte Wien ſo bald nicht wieder haben.“ „Ihr wart in Innsbruck?“ erkundigte ſich Stephanie. „Ich komme von da, und wie geſagt, die Dinge ſtehen beſſer, als ich erwartet hatte. Die Unſetigen ſind, während die Wiener ihren Revolutionscurſus durchmachen, nicht müßig geblieben und haben die Zeit wohl ange⸗ wendet. Unſere Karten ſind mit Vorſicht gemiſcht. Wir haben ſowohl gegen das revolutionäre deutſche Element wie gegen das aufrühreriſche Magyarenthum zwei ſehr gewichtige Atouts. Gegen das erſtere die Czechen, gegen das andere den Banus von Kroatien.“ „Den Banus?“ fragte verwundert die Gräfin.„Ihn, der vor kurzem officiell als Rebell erklärt worden?“ „Tempora mutantur et nos mutamur in illis“, antwortete der Abbé.„So ich recht unterrichtet bin, wird binnen kurzem Jellachich ſeine Rebellenrolle ausge ſpielt haben und als kaiſerlicher General und Beſchützer der 3 habsburgiſchen Dynaſtie auftreten. Die Verhandlungen ₰ ſind im beſten Gange, und ſo es die Zeitverhältniſſe 55 einigermaßen geſtatten dürfte der dermalige Zuſtand bald eine andere Geſtalt annehmen.“ „Und der Aula gebt Ihr allein die Schuld, daß die Wiener den Verſtand verloren haben?“ „So iſt es“, lautete die Antwort Franconi's. „Meine Kundſchafter erhalten mich in beſtändiger Wiſſen⸗ ſchaft der dortigen Zuſtände. Sie ſind haarſträubend. Alles revolutionäre Geſindel des In⸗ wie des Auslan⸗ des hat hier ſein Hauptquartier aufgeſchlagen. Wir müſſen auf das Schlimmſte gefaßt ſein, wenn nicht dieſer Heidenwirthſchaft ein baldiges Ende gemacht wird.“ „Was verſteht Ihr unter dem Schlimmſten? Ich ſollte meinen, es könnte nicht ſchlimmer werden, als es bereits iſt.“ „Doch, doch!“ verſetzte der Abbe. „Und das Schlimmſte wäre?“ „Die Proclamirung der Republik.“ Die Gräfin erblaßte. Der Abbe fuhr fort:„Eine andere ſehr böſe Er⸗ ſcheinung, die hauptſächlich in neuerer Zeit mehr und mehr zum Vorſchein kommt und die von der Aula ganz beſonders gehätſchelt wird, iſt die Parteinahme des deut⸗ ſchen Elements für die Sache der Ungarn Beide Na⸗ tionalitäten betrachten ſich gleichſam als Alliirte gegen 56 das Kaiſerhaus, während die Slawen Gott Lob! den entgegengeſetzten Weg einſchlagen und ſich für die Be⸗ ſchützer der Dynaſtie ausgeben. Von magyariſcher Seite iſt es hauptſächlich mit der junge Graf Bardh, der mit hinreißender Beredtſamkeit die Wiener für das Intereſſe ſeiner Landsleute zu gewinnen bemüht iſt, und ſein An⸗ hang ſoll täglich zunehmen.“ „Graf Bardy!“ verſetzte unmuthig Stephanie. „Sprecht mir von dieſem jungen Manne nicht, den die Rückſichtsloſigkeit ſo weit treibt, es bei der einfachen Ab⸗ gabe ſeiner Karte bewenden zu laſſen, trotzdem ich mit ſeiner Familie nahe befreundet bin. Er ſchien mit Abſicht meine Abweſenheit benutzt zu haben.“ „Wo ſoll bei den dermaligen Zeiten“, bemerkte achſelzuckend der Abbé,„die gute Sitte herkommen! Indeß wäre es wünſchenswerth, wenn Ihr auf den jungen Mann einigen Einfluß gewinnen könntet, um ihn von ſeiner gefährlichen Laufbahn zurückzubringen.“ „Ich werde über ſeine hieſige revolutionäre Thätig⸗ keit“, verhieß die Gräfin,„ſeinem Vater Bericht erſtatten. Wie ich den Grafen Stanislaus kenne, kann er unmög- lich das Verfahren ſeines Sohnes gut heißen. Der alte Graf, obſchon Maghar, iſt gleichwohl gut kaiſerlich.“ Der Abbt hatte ſich unterſchiedliche Male nach der einen Salonthür umgeſehen, gleichſam als erwarte er, 57 daß daraus Jemand hervortreten werde. Die Gräfin lächelte, als ſie das bemerkte, und ſprach:„Ihr ſucht Ottilie, aber Ihr müßt diesmal ſchon mit mir vorlieb nehmen; meine Nichte iſt ausgefahren, weniger der Illu⸗ mination wegen, als um die Stimmung in den Straßen zu erfahren. Ich habe überhaupt meine wahre Noth mit dem Mädchen. In ihrem Haſſe gegen die dermalige unſaubere demokratiſche Wirthſchaft läßt ſie ſich viel zu ſehr gehen und ſetzt ſich unvorſichtigerweiſe ſelbſt Ge⸗ fahren aus.“ „Ja“, geſtand der Abbeé,„heutzutage heißt es: mit den Wölfen heulen; habe ich neulich doch ſelbſt in Kreiſen. wo ich es nicht erwartet hatte, das abgeſchmackte deutſche Vaterlandslied mitſingen müſſen. Bei dieſem einfältigen Singſang iſt es mir übrigens als charakteriſtiſch auf⸗ gefallen, daß der Deutſche in dieſem Liede ſich erſt nach ſeinem Vaterlande erkundigt und im gerechten Zweifel iſt, wo er daſſelbe überhaupt zu ſuchen habe.“ Während die Beiden noch im Geſpräch begriffen waren, tönte plötzlich wildes Geſchrei von der Straße herauf und ein Wagen fuhr im raſchen Trabe an dem Portale vor. Die Gräfin trat ans Fenſter, aber kaum hatte ſie einen Blick hinabgeworfen, als ſie mit dem Angſtrufe:„Um Gotteswillen, es muß ein Unglück paſ⸗ firt ſein!“ nach der Thür eilte. Der Abbé folgte, und 58 bald darauf trug ein junger Herr in ſtudentiſcher Tracht, von zwei Nationalgardiſten unterſtützt, eine ohnmächtige junge Dame die breite Stiege herauf. Es war Ottilie. „Um Gotteswillen“, rief außer ſich die Gräfin,„was iſt geſchehen?“ Einer der Nationalgardiſten erwiderte:„Die junge Dame war ſo unvorſichtig, durch ihr unverhohlenes Schwarzgelbthum, das ſie ſogar durch ihre Kleidung zur Schau trug, das Volk der Vorſtadt in einem Grade zu reizen, daß ſie ohne die Dazwiſchenkunft dieſes jungen Herrn hier ſicher ein Opfer der aufgeregten Maſſen ge⸗ worden ſein würde. Es iſt ihr übrigens kein Schaden geſchehen, nur daß Schreck und Alteration eine Ohnmacht zurückgelaſſen.“ Die Gräfin wollte dankbar die Hand des jungen Unbekannten ergreifen, dieſer aber zog ſie zurück und drang vor allem darauf, daß dem Fräulein die nothwen⸗ dige Pflege zu Theil werde. Man legte Ottilie mit aller Vorſicht auf eine Otto⸗ mane und ſtellte die üblichen Belebungsverſuche an. Währenddeſſen ruhten die Blicke des jungen Mannes verzehrend auf dem blaſſen Antlitz des ſchönen Mädchens, deſſen Wangen infolge der Beſtreichung der Schläfe mit Eſſenzen ſich wieder leiſe zu röthen begannen. End⸗ — — 59 lich ſchlug Ottilie die Augen auf. Ihr erſter Blick fiel auf den Unbekannten. Ein holdſeliges Lächeln um⸗ ſpielte ihren Mund.„Mein Retter!“ ſagte ſie leiſe und mühte ſich, die matte Hand zum Danke zu er⸗ heben. Mit Leidenſchaft zog der junge Mann die kleine Alabaſterhand an ſeine Lippen, einen leiſen Kuß darauf hauchend. Da erhob ſich auf der Straße wildes Geſchrei. Die Kunde, daß eine Schwarzgelbe, die das Volk be⸗ leidigt, in dies Haus geflüchtet, hatte neue Maſſen her⸗ beigezogen. Der Unbekannte, als er den Lärm vernahm, ver⸗ abſchiedete ſich mit den Worten:„Ich werde Ruhe ſchaf⸗ fen“, und verließ raſch das Gemach. Die Nationalgardi⸗ ſten folgten bis auf einen, der, von der Gräfin zurückge⸗ halten, um nähere Auskunft über den unglücklichen Vor⸗ fall beſtürmt wurde. Er erzählte, wie das Fräulein durch unvorſichtige Aeußerungen das Volk gereizt habe. Den Namen des unbekannten Retters, der mit eigener Lebensgefahr Ottilie dem wüthenden Volkshaufen entriſſen hatte, vermochte er indeß nicht zu nennen. Das Fräulein hatte ſich nach kurzer Zeit vollkommen erholt und der tumultuariſche Haufe vor dem Hotel ſich zerſtreut. Da nahte leiſe der Abbé der Gräfin Stephanie 60 und ſie am Arme faſſend fragte er:„Und Ihr habt Ottiliens Schutzengel wirklich nicht erkannt?“ Die Gräfin blickte kopfſchüttelnd und fragend auf. „Sein Name iſt Graf Imre Bardy“, war die be⸗ deutungsvolle Antwort. Sechstes Kapitel. Majeſtätiſch erhebt ſich aus den Wellen der Donau zwiſchen den Schweſterſtädten Ofen ⸗Peſth die Margarethen⸗ inſel. Natur und Kunſt haben ſich hier ſchweſterlich die Hand gereicht, dieſes kleine Eiland zu einem Paradieſe umzuſchaffen. Weinanlagen, Getreidefelder, Gärten, Wieſen, Wald, kunſtreiche engliſche Parks und geſchmack⸗ volle Villen bedecken in anmuthiger Abwechslung dieſes liebliche Eiland, in deſſen Mitte die Ruinen des alten Margarethenkloſters romantiſch emporſteigen. Es iſt dies dieſelbe reizende Oertlichkeit, wo zu Zeiten des Wiener Congreſſes die gekrönten Häupter Europas eine improviſirte Weinleſe veranſtalteten. Die ſchönſten Mädchen aus den beiden Nachbarſtädten waren dazu eingeladen und verrichteten in geſchmackvoller unga. riſcher Bauerntracht das Amt der Winzerinnen. Da die Trauben in jenem Jahre nur ſparſam gewachſen waren, 62 ſo hatte man deren aus der ganzen Umgegend aufge⸗ kauft und kunſtreich an die Weinſtöcke befeſtigt. Die ſchönen Winzerinnen ſammelten die Trauben in ihre Körbe, wobei ihnen die höchſten und allerhöchſten Herr⸗ ſchaften, ſowie auch beim Preſſen des Weins herablaſſend zur Hand gingen. Ein Gedenkſtein mit Inſchrift erzählt noch heutzutage von jener fürſtlichen Weinleſe. Da aber, wo ſich ein Birkenwäldchen freundlich längs des einen Donauufers hinzieht und von wo man die herrlichſte Ausſicht auf die beiden Hauptſtädte des Ungarnlandes genießt, ſaß auf einer Moosbank ein Mann in einfach bürgerlicher Kleidung, an welcher blos der Schnurenrock den Ungar erkennen ließ. Er war auf ein paar Stunden dem Straßenlärm von Peſth, dem Strudel der Geſchäfte entflohen, um hier in ungeſtörter Einſamkeit Ruhe zu finden, deren er ſo ſehr bedurfte. Ernſt und ſinnend ruhten ſeine feingezeichneten Züge auf den Zinnen und Thürmen der Stadt Ofen, die von der Abendſonne beſchienen in rothem Fenuer erglühten. Große verhängnißvolle Fragen bewegten ſein Innerſtes. Der einſame Mann am Saume des Birkenwäld⸗ chens der Margaretheninſel war Ludwig Koſſuth. In ſeiner Hand hielt er ein Schreiben, das erſt dieſen Nach mittag von Wien angelangt war und worin ſich die ₰ 63 überzeugendſten Beweiſe vorfanden, daß die öſterreichiſche Camarilla mit dem Banus von Kroatien, welchen der Kaiſer noch vor kurzem infolge ſeines feindlichen Ein⸗ falls auf ungariſches Gebiet für einen Rebellen erklärt, in beſtem Einvernehmen ſtand. „So wär' es denn entſchieden“, ſprach, nachdem er lange in Gedanken verſunken dageſeſſen, der Miniſter Ungarns.„Heſterreich will keine Verſtändigung und bricht ſelbſt die Brücke ab, die allein dahin führen könnte. Und immer daſſelbe Syſtem! Man fühlt ſich noch nicht ſtark genug, um offen hervorzutreten, darum intriguirt man um ſo angelegentlicher im geheimen. Wohlan“, ſprach er aufſtehend und im Abendſchein den Saum des Wäldchens entlang ſchreitend,„ihr habt es gewollt, aber Ungarn wird ſich zu wehren wiſſen.“ Koſſuth hatte, während er auf der Moosbank ge ſeſſen, nicht bemerkt, wie er aus einiger Ferne von einem jungen Landmann mit großem Intereſſe beobachtet wurde. Letzterer ſchien es nicht zu wagen, den Miniſter in ſeiner Einſamkeit zu ſtören. Erſt nachdem ſich dieſer erhoben und am Wald daherkam, ſchien der junge Menſch Muth zu bekommen und näherte ſich ſchüchtern. Nach einigen Schritten blieb er wieder um ſo zaghafter ſtehen. Koſſuth, der dies bemerkt, winkte und ſprach, als der junge Landmann näher gekommen, in ſeiner bekannten Men⸗ 64 ſchenfreundlichkeit:„Haſt Du mir etwas zu ſagen, mein Sohn? Theile getroſt Dein Anliegen mit.“ Auf dieſe Worte ließ ſich der junge Fremdling auf ein Knie nieder und hob wie flehend die Arme empor. „Nicht ſo, mein Freund“ ſagte der Miniſter;„man kniet vor Gott, aber nicht vor Menſchen.“ Damit reichte er dem Knieenden mild ſeine Hand, um ihn aufzuheben. Letzterer bedeckte die dargebotene Rechte mit Küſſen, und Koſſuth war nicht wenig überraſcht, als er das Antlitz des noch dem Knabenalter angehörigen jungen Menſchen näher betrachtete. Zwei große Augen ſtrahlten ihm ent⸗ gegen und das reizende Geſicht war von reichen dunklen Locken umwaltt. Der Miniſter trat einen Schritt zurück. „Du biſt nicht“ ſprach er,„was Du ſcheinſt.“ „Ihr ſpracht die Wahrheit, Excellenz“, tönte eine Glockenſtimme.„Ich bin die Tochter des Grafen Bardy und komme aus dem Kloſter, wo man mich gefangen hielt, weil ich Euch und das Vaterland liebe. Mein älterer Bruder hat mir ſelbſt die Mittel und Gelegen⸗ heit geboten, zu entfliehen.“ Koſſuth's Stirn umwölkte ſich. „Alſo nicht mit Genehmigung Eurer Aeltern, Gräfin, und ſelbſt gegen deren Willen ſeid Ihr hier?“ 65 „Verdammt mich, Lajos, wenn Ihr es vermögt“, ſprach Etelka und erzählte die harte Behandlung, die ſie im Aelternhauſe wegen ihrer Vaterlandsliebe zu erdulden gehabt, die Mißhandlungen, die ſie im Kloſter erlitten. „Und dies Alles aus keinem andern Grunde, als weil Euer Herz für das Vaterland ſchlug?“ „Aus keinem andern“, geſtand Etelka.„Ich war ſtets eine folgſame Tochter, jetzt bin ich es nicht mehr. Ich kehre nicht dahin zurück, von wo ich gekommen, und will man mich mit Gewalt dahin bringen, ſo gehe ich in den Tod. Aber nicht wahr, das wird man nicht thun?“ „Fürchtet nichts, Gräfin, aber Eurem Vater will ich ſchreiben und verſuchen, ihn zur Milde zu ſtimmen.“ „O Excellenz“, verſetzte mit traurigem Kopfſchütteln Etelka,„Ihr kennt meinen Vater nicht. Das iſt ein Fels im Meere. Sein Sinn iſt unbeugſam. Zudem iſt er Euer Feind. Er wird Euch nie verzeihen, daß Ihr hochherzig gegen die Vorrechte des Adels geſprochen. Er haßt Euch von Grund ſeiner Seele. Glaubt es mir.“ „Leben Euch Verwandte oder gute Freunde in Peſth?“ „O ja, und darunter mancher gute Patriot, aber ich fürchte, wenn ich hinkomme, erfährt es mein Vater und fordert mich zurück.“ Stolle, Von Wien nach Vilagos. J. 5 66 „Wohlan“, ſprach Koſſuth nach einigem Nachſinnen, „ſo wohnt einſtweilen bei meiner Mutter.“ „Bin ich da vollkommen ſicher?“ „Vollkommen, Gräfin.“ Hier erfaßte Etelka von neuem Koſſuth's Hand F bedeckte ſie mit Küſſen. „O Dank, Dank! Ich will ja auch nicht müßig ſein. Ich will dem Vaterlande dienen, wo ich immer kann. Habt Ihr in ferne Gegenden Briefe zu beſorgen, Votſchaften auszurichten, wozu Muth gehört, vertraut mir. Ich ſpreche deutſch und franzöſiſch, war in Paris und Wien. Bin ich auch nur ein ſchwaches Mädchen, die Liebe zum Vaterlande gibt mir Muth und der Genius Ungarns wird mich beſchützen. Und jetzt“ fügte ſie in kindlich bittendem, herzgewinnendem Tone hinzu⸗ „nennt mich künftig nicht Gräfin, ſondern Etelka, wie ich Euch Lajos nennen will. In der jetzigen Zeit darf es in Ungarn nur Brüder und Schweſtern geben, weil alle nur Kinder deſſelben Vaterlandes ſind. Nicht wahr, Lajos“, fragte ſie mit unnachahmlicher Innigkeit,„Du erfüllſt meine Bitte?“ Mit ſichtbarer Rührung ruhten die Blicke Koſſuth's auf dem ſchönen Kinde, deſſen Antlitz bei dem Gedanken, vor dem größten Volksmanne der Magharen zu ſtehen, hochgeröthet war. „O Etelka“, ſprach er,„wenn doch alle Töchter Un⸗ garns Deinen hochherzigen Sinn für des Vaterlandes Unabhängigkeit theilten!“ Die reizende Ungarin erwiderte in ſchöner Erregt⸗ heit:„O Lajos, glaube mir, ich kenne viele meiner Schweſtern, die in der Liebe zum Vaterlande mir nicht nachſtehen.“ Koſſuth zog jetzt ein Blatt Papier aus ſeiner Brief⸗ taſche, worauf er einige Zeilen ſchrieb. „Dies Blatt, Etelka“, ſagte er,„wird Dich bei meiner Mutter vollkommen legitimiren. Ich muß jetzt nach der Stadt zurück. Du kannſt mein Boot bis zum Donauufer benutzen. Dort nimmſt Du eine Droſchke und folgſt der auf dem Papier angegebenen Adreſſe. Bald ſehen wir uns wieder. Gott ſei mit Dir! Solange ich hier zu gebieten habe, ſoll Dir kein Haar Deines Hauptes gekrümmt werden.“ Die Sonne glühte am Erdrande, die beiden Schwe⸗ ſterſtädte mit ihren letzten Strahlen vergoldend, als Koſſuth mit ſeiner Begleiterin am linken Donauquai ans Land ſtieg. Siebentes Kapitel. Wiüſter Lärm ſcholl aus dem Gaſthauſe des Städt chens Jarovacz, wo die aufſtändiſchen Serben eins ihrer Hauptquartiere aufgeſchlagen hatten. Die entblößten Hand⸗ ſchare blitzten. Der rothe Wein flammte. Dazwiſchen klang ein todesmuthiger Schlachtgeſang, deſſen wilder Text lautete: Sproſſen wird das Gras, aber ſein Sproß wird nicht grün ſein, ſondern roth wie das Blut. Strahlen wird die Sonne, aber ihr Strahl wird nicht golden ſein, ſondern roth wie das Blut. Anſchwellen wird der Strom, aber ſein Waſſer wird nicht ſilbern ſein, ſondern roth wie das Blut. „Friſchen Wein her!“ ſcholl es bald hier, bald dort.„Fülle die Becher, Aloyſia, morgen werden ſie von rothem Blute ſchäumen.“ Und ein ſchönes Mädchen ergriff den Krug und ging die Tafelrunde entlang, Jedem ſeinen Becher von — 69 neuem füllend. Ihre großen dunklen Augen wurden um⸗ ſchattet von ſchwarzen Brauen. Um ihren ſchlanken Leib ſchlang ſich ein rother Gürtel, worin ein Dolch blitzte. Zwei ſchwarze üppige Flechten, in deren Enden bunte Bänder geflochten waren, hingen herab bis zur Hüfte. Endlich ſprangen die Serben auf zum Tanze und der tobende Kolo durchbrauſte das Haus. Aloyſia flog aus einem Arm in den andern. Sie verſagte keinem den Tanz und ward nimmer müde. Als fanatiſche Patriotin war das Mädchen bekannt im ſerbiſchen Heer. Sie trug im dichteſten Kugelregen den Kämpfenden Munition zu, verband die Wunden, füllte bei heitern Gelagen die Becher und vertrieb bei lohenden Wachtfeuern in der Nacht den Schlaf, indem ſie die Guszlicza ertönen ließ und den lauſchenden Krie⸗ gern ihre Lieder ſang. Der Sturm brauſte um das Haus und rüttelte un⸗ unterbrochen an Giebeln und Fenſterladen. Die Nacht war hereingebrochen. Allmälig verſtummte der wüſte Lärm, der Geſang verhallte und weinberauſcht und ermüdet ſuchte ein Serbe nach dem andern ſein Lager. Da that ſich die Thür auf und herein trat eine kleine unanſehnliche Geſtalt in Honvedtracht und auf dem Kopfe die ſchreckenerregende rothweiße Mütze der gefürchteten ungariſchen Rothkappler. 70 Wie von einem Geſpenſt aufgeſchreckt ſprangen die⸗ jenigen Serben, die noch wach waren, empor und griffen nach ihren Waffen. „Verrath!“ ſchrien ſie. Der Angekommene blieb ruhig in der Thür ſtehen. „Unbeſorgt“ ſprach er, die Kappe anehmend.„Er⸗ kennt Ihr mich?“ „Wukaſchin!“ ſchrien die Serben„Woher ſo ſpät in der Nacht?“ „Unmittelbar aus dem Lager der Magharen.“ „Und welche Nachrichten bringt Ihr?“ „Für uns nicht die beſten. Doch laßt mich vor allem an das Feuer, daß ich meine von Näſſe und Kälte erſtarrten Glieder wärme, und gebt mir zu eſſen, ich faſte ſeit dem Morgen.“ Die Kampfgenoſſen machten Platz am warmen Ofen, Aloyſia ſorgte für Speiſe und Trank, und Wukaſchin, nachdem er ſich einigermaßen geſtärkt, fuhr fort:„Wenn wir ihm nicht ſteht uns ein harter Strauß bevor.“ „Wir fürchten keinen Strauß, und wäre es der här⸗ teſte“, riefen mehrere Stimmen.„Doch wie kommſt Du zu der Honvedkleidung und ins ungariſche Lager?“ „Ich gab mich für einen Ueberläufer aus und bot Spionendienſte an. Sie vertrauten mir.“ — — 71 und was willſt Du damit ſagen, daß wir dem Strauße zuvorkommen ſollen?“ „Damjanies wird morgen gegen Abend hier ſein⸗ Bei dem Namen Damjanies*) ſchrien die Serben laut auf vor Zorn.„Daß ihn der Blitz erſchlage! Daß ihn die Erde verſchlinge!“ tönte es von vielen Seiten.„Doch er ſoll ſeinen Mann finden! Keinen Schritt darf er in unſere Schanzen ſetzen.“ Wukaſchin's Augen blitzten unter den buſchigen Brauen unheimlich hervor. „Wohlgeſprochen“, ſagte er in etwas ſpöttiſchem Tone;„aber Ihr wißt nicht, daß die Rothkappler bei ihm ſind, und wo dieſe ſtreiten, blüht für unſere Waffen kein Sieg.“ Ein junger Serbe rief:„Ich fürchte keinen Roth⸗ kappler.“ „Kind“, grollte Wukaſchin,„Du ſprichſt, wie Du es verſtehſt. Frage unſere Tapferſten, ſie mußten den Rothkapplern weichen. Für ſie iſt keine Schanze zu hoch, keine Batterie hält ſie auf. Sie zählen den Feind nie. Jeder einzelne iſt im Stande, auf ein Heer loszugehen. Der Windsbraut gleicht ihr Angriff. Die Kanone lichtet *) Damjanies, obſchon Südſlawe, diente als einer der tapferſten Generale im ungariſchen Heere. 72 ihre Reihen, aber hält ſie nicht auf. Im Augenblick ſind ſie da. Kein Reiterangriff vermag etwas gegen ihre Bajonette. Er prallt fruchtlos ab wie an der Klippe das ſchäumende Meer. Zweimal ſchon iſt ihr Bataillon zu⸗ ſammengeſchmolzen. Jetzt iſt es von neuem ergänzt und die Neueingetretenen ſcheinen die Tapferkeit ihrer Vorgänger mit der rothen Kappe geerbt zu haben. Es gibt keinen Feigling unter ihnen; nicht einer ward ge⸗ ſehen, der die Flucht ergriffen hätte. Selbſt den Klage⸗ laut verſchmähen die von Schwert und Kugel Dahin⸗ gerafften. Es wäre eine Schande für einen Rothkappler, in der Stunde des Todes zu ſeufzen.“ „Warum erzählſt Du uns das?“ fragte eine Stimme. „Damit wir uns fürchten?“ „Nein“, erwiderte Wukaſchin,„ich habe es Euch erzählt, damit wir ſie umbringen, ehe ſie uns umbringen. Wir werden ſie morden, aber nicht auf dem Schlachtfelde. Wir überfallen ſie, wenn der Schlaf ihre ermüdeten Glieder gefeſſelt hält. Nicht einmal den Ruhm ſollen ſie haben, daß ſie in der Schlacht gefallen ſind. Hier in dieſer Stadt wollen wir ihnen eine ſicilianiſche Ves⸗ per bereiten. Als ihr Spion bin ich hier. Ich bin auf ihren Befehl vorausgeeilt, um zu erkunden, ob dieſer Ort von unſern Kämpfern verlaſſen ſei. Ich kehre zurück und berichte, daß kein Feind aufzufinden. Ihr verbergt 73 Euch in den Kirchen. Sie werden hereinkommen und Nachtquartier halten. Aber Eure Weiber und Kinder müſſen einverſtanden ſein. Sie müſſen die Feinde gaſtlich empfangen, ihnen Trank und Speiſe reichen, ſoviel da⸗ von verlangt wird, und ihnen ein weiches Nachtlager bereiten. Sie werden ſich arglos zur Ruhe legen, um nie wieder zn erwachen.“ „Ich verſtehe. Dein Plan iſt gut, Wukaſchin“, er⸗ widerte einer der Serben, und die andern ſtimmten bei. „Aber wird man in Feindeslager auch Deiner Perſon und Deinen Worten glauben?“ „Unbeſorgt“, beruhigte Wukaſchin;„Verdacht liegt nicht in der Natur des Magharen. Seid überzeugt, wir überliſten ſie.“ Darauf wandte er ſich zu Aloyſia, deren ſchwarze Augen an ſeinem Munde hingen. „Dir, muthvollſte Tochter der Raizen“, ſagte er, „lege ich die ſchwerſte Probe auf. Du verdienſt ſie, da Du den Tod auf dem Schlachtfelde nimmer geſcheut. Wirſt Du auch diesmal das ſtarke Mädchen ſein, das ich verlanged Wirſt Du auch diesmal nicht zurückbeben, wo es gilt, dem Vaterlande einen wichtigen Dienſt zu erweiſen?“ „Befiehl über mich!“ rief die Jungfrau und ihr Auge flammte. „Wohlan“, fuhr Wukaſchin fort,„ſo werde ich Dir nicht nur den ſchönſten, ſondern auch den tapferſten Offizier 74 des feindlichen Heeres zuführen, einen Helden, der aus ſiebzehn Schlachten ruhmvoll heimgekehrt iſt. Wirſt Du den Muth haben, ihn gaſtlich zu empfangen, durch Freund⸗ lichkeit vertrauensvoll zu machen und ihm, wenn er entſchlummert iſt, mit feſter Hand den Dolch ins Herz zu ſtoßen?“ „Ich verſpreche es“, ſagte Alviſia. „Schwöre mir“, fuhr Wukaſchin fort,„daß kein Mitleid Dein Herz beſchleichen, keine Gnade darin auf⸗ kommen wird. Ihr Serben kreuzt die Handſchare, auf daß ſie darauf ſchwöre.“ „Trauſt Du einer Tochter Serbiens ſo wenig, daß Du mich ſchwören läßt?“ fragte das Mädchen mit belei⸗ digtem Stolze. „Du biſt ein Weib“ verſetzte Wukaſchin,„und des Weibes Herz iſt ſchwach.“ Funkelnden Auges riß Alohſia mit der linken Hand den blitzenden Dolch aus dem rothen Gürtel, ihre Wan⸗ gen glühten; hoch hob ſie die tückiſche Mordwaffe und legte die Rechte auf die gekreuzten Handſcharen. „Ich ſchwöre!“ rief ſie. „Wohlan“, ſprach Wukaſchin,„ſobald die nächſte Nacht ihre ſchwarzen Fittige über Jarovacz breitet, werde ich meine Tambura unter den Fenſtern erklingen laſſen. Wehe dem ſerbiſchen Weibe, das dann nicht wach 75 iſt und die Waffen des Feindes wohl geborgen hat. Ihr Männer werdet bei dem erſten Glockenton, der das Zeichen gibt, aus den Kirchen hervorbrechen. Jeder eilt nach ſeinem Hauſe und mordet, was er von Feinden da⸗ ſelbſt findet.“ Am andern Morgen gab es blos Frauen und Kinder in den Häuſern von Jarovacz. In den Kirchen aber ſummte es geheimnißvoll, hier und da von dem Geklirr einer Waffe unterbrochen. Die geſammte männ⸗ liche Bevölkerung lag lauernd im Hinterhalte. Gegen Mittag zogen die Magharen mit klingendem Spiele und wehenden Fahnen in Jarovacz ein. Seit ge⸗ raumer Zeit, wo das ungariſche Heer gegen die aufſtän⸗ diſchen Serben im Felde lag, war ihnen eine befreun⸗ dete Stätte, ein gaſtliches Obdach, ein warmes, weiches Nachtlager nicht geworden. Selbſt friſches, trockenes Stroh gehörte zu den Luxusartikeln. Die ſerbiſchen Frauen und Mädchen empfingen die kriegeriſchen Ankömmlinge mit zuvorkommender Gaſtlich⸗ keit. Es fehlte an nichts, den Magharen den Auf⸗ enthalt ſo angenehm wie möglich zu machen. Alohſia ſchaute aus einem Fenſter ihres Hauſes mit düſterem Blicke auf die vorüberziehenden Krieger. Kein Anflug von Mitleid überkam ſie bei dem Gedanken, daß dieſe dahinziehenden ſtattlichen Männer binnen 76 wenigen Stunden dem Tode verfallen ſollten. Ihr gelei- ſteter Schwur ſtand unerſchütterlich. Da bog um die Ecke der Gaſſe ihr Oheim Wukaſchin und an ſeiner Seite ſchritt ein Jüngling in kleidſamer Honveduniform. Um den ſchlanken Oberleib ſaß feſt- geſchnürt die rothgeſchmückte Mente. Der ſauber gedrehte Schnurrbart verlieh dem ſonngebräunten Geſicht ein kühnes, ritterliches Ausſehen. Das Haupt war bedeckt mit der ſchiefgerückten rothen Mütze. Die Beiden kamen näher. Alohſia ſchaute und ſchaute, ihr Auge ward ſtarr, ihre Gedanken verwirrten ſich. Todtenbläſſe überzog ihr Antliz. Sie mußte ſich an das Fenſterkreuz halten, um nicht umzuſinken. Der junge Offizier, der an Wukaſchin's Seite daherſchritt, war Ladislaus, jener kühne Reiter, der bei einem Aus· falle der Serben aus den Römerſchanzen die ſchwerver⸗ wundete Aloyſia mit Lebensgefahr aus dem heranbrau⸗ ſenden Reiterwirbel gerettet, ſie bei einer ihm be⸗ freundeten Familie in Sicherheit gebracht und wie der zärtlichſte Bruder für ihre Pflege und Heilung Sorge getragen hatte. In des Mädchens dankerfülltem Herzen lebte darum auch nur das Bild dieſes einzigen Mannes, den ſie mit aller Glut der Jugend und Leidenſchaft liebte, für den ſie freudig ihr Leben dahingegeben hätte; und dieſer gerade 77 ward ihr zugeführt, um ihn zu morden. Hatte ſie nicht auf die gekreuzten Handſchare geſchworen, und wenn es ihr Bruder wäre, kein Mitleid zu haben? Es ward dunkel vor ihren Augen, als Wukaſchin mit Ladislaus ins Gemach trat. „Hier bringe ich Dir, Aloyſia“, ſprach erſterer mit unheimlich ſtechendem Blicke,„einen Gaſt, den Du wohl beherbergen und pflegen wirſt, denn er bedarf der Erholung und Ruhe.“ Wukaſchin entfernte ſich und Ladislaus ſchaute auf das ſchöne Mädchen, das verſteinert, einer Bildſäule gleich, das Auge nicht zu erheben wagte. Der junge Offizier erkannte mit freudigſter Ueber⸗ raſchung ſofort ſeinen ehemaligen Pflegling. Er trat raſch auf die noch immer regungslos daſtehende Jung⸗ frau zu und ſagte:„Welch glückliches Geſtirn hat mich gerade unter dieſes Dach geführt? Ja, mein Führer hat Recht, bei Dir, Alohſia, bin ich gut aufgehoben, obſchon ich als Feind in dieſer Stadt erſcheine.“ In der Jungfrau Herzen rangen Himmel und Hölle mit einander. Mit Flammenlettern brannte der Schwur, den ſie ihrem Volke geleiſtet. Ihr erſter Gedanke war, zu fliehen. Aber war da nicht ſchon ihr Eid gebrochen? Sollte ſie den Liebling ihrer Seele warnen vor der furchtbaren Gefahr, die ihm und all den Seinen drohte? 78 Aber alsdann war der Untergang ihrer verſchworenen Landsleute gewiß. Verwundert ſchaute Ladislaus auf das ſchöne Steinbild, das in ſeiner Bewegungsloſigkeit verharrte. Er kannte die Furien nicht, die in des Mädchens Buſen wütheten. „Aloyſia“, ſprach er endlich, als dieſe noch immer zanderte, in die freundlich dargebotene Hand einzuſchla⸗ gen, mit ſanftem Vorwurf,„ich hatte einen andern Empfang von Dir erwartet.“ Da preßte ſie krampfhaft die Hand über der Bruſt, und mit den Worten:„Laß mich beten!“ ſtürzte ſie in das angrenzende Gemach, wo ſie ſich vor dem daſelbſt be⸗ findlichen Marienbilde auf die Kniee warf. Ladislaus, noch immer nicht ahnend, was des Mädchen ſo ſehr errege, wagte nicht, ihm zu folgen. Wahrſcheinlich, waren ſeine Gedanken, rührt dieſe Beſtürzung von unſerer ſo unverhofften Ankunft her. Aloyſia iſt begeiſterte Patriotin für ihr Volk. Aber ſie wird ſich beruhigen, ſobald ſie ſieht, daß wir Magharen nicht wie ihre Landsleute morden und verwüſten, ſon⸗ dern als disciplinirte Truppen nur das Allernothwendigſte beanſpruchen. Er warf ſeinen Mantel ab und gönnte auf dem — ſchwellenden Divan den ermüdeten Gliedern die er⸗ ſehnte Ruhe. Im Nebengemach aber rang die ſerbiſche Jungfrau verzweiflungsvoll die Hände vor dem Muttergottes bilde und flehte um Erleuchtung und Rath in der qualvollſten Stunde ihres Lebens. Schon begann infolge ihres inbrünſtigen Gebets der Himmel zu ſiegen und jener Frieden, der da nichts weiß von Haß, Blut und Morden, in ihr gemartertes Herz einzukehren. Sie gelobte ſich, es koſte, was es wolle, den heißgeliebten Freund zu retten. Da erſchien zu unglückſeliger Stunde draußen am Fenſter das verzerrte Geſicht Wukaſchin's. Mahnend erhob ſich ſeine Hand und die heiſere Stimme krächzte:„Alohſia, Tochter Serbiens, Du weißt, was Du zu thun haſt, wenn in nächtlicher Stunde die Tambura durch die Straßen tönt.“ Da umkrallten von neuem die Furien der Verzweif⸗ lung die Unglückliche. Der angeborene Haß gegen die Feinde ihres Volkes erwachte mit erneuter Kraft. Sie gedachte ihres Schwurs und erhob ſich mit dem feſten Vorſatze, das Furchtbarſte zu vollbringen, und ſollte ihr Herz darüber brechen. Sie ordnete die ſeidenen Flechten ihres Haars, glättete die darin geflochtenen rothen Schleifen und 80 kehrte mit geklärter Stirn und lächelndem Munde zu Ladislaus zurück. „Verzeihe“, ſprach ſie mit weicher Stimme,„wenn ich Dir bei Deiner Ankunft nicht mit dankerfülltem Herzen entgegen eilte, aber die Ueberraſchung war zu mächtig und ein Eid lähmte meine Glieder. Ich hatte gelobt, jedem Feinde meines Volkes ernſt und ſtreng entgegen zu treten. Doch Dir gegenüber hat die Dank⸗ barkeit geſiegt. Sei willkommen im Hauſe Deiner Alohſia.“ Damit ließ ſie ſich anmuthig an der Seite des jun⸗ gen Magharen auf dem Sopha nieder, ſeine Hand ſtrei⸗ chelnd und die Locken aus ſeiner Stirn ſtreichend. Ladislaus umſchlang freudig den ſchlanken Leib. ſchönen Mädchens. „Jetzt erſt erkenn ich meine Aloyſia“, wehi er. „Warum ſoll auch der böſe Haß Deines Volkes zwei Menſchenherzen auseinander reißen, die ſich achten und lieben? Ja, mein theures Kind“, fuhr er mit bewegter Stimme fort,„glaube mir, Dein liebes Bild hat mich ſtets wie ein freundlicher Engel umſchwebt in Kampf und Gefahr. Mögen ſie ſich zerfleiſchen in ihrem gott⸗ loſen Haſſe, den der Himmel gewiß nicht will, wir beide wollen uns dadurch nicht beirren laſſen, und kehrt der⸗ einſt der Frieden wieder—“ 81 Bei dem Worte Frieden zuckte Aloyſia, wie von einer Schlange gebiſſen, auf; der Fanatismus der Ser⸗ bin ſtand wieder in hellen Flammen. Sie entriß ſich der Umarmung des Magharen. „Frieden?“ rief ſie.„Frieden mit Deinem Volke? Nimmer! Das Volk der Serben iſt ein freies Volk und wird nie unterthan Deinem Volke.“ Ein trübes Lächeln umzog Ladislaus' Lippen. „Alſo auch meine Aloyſia“, ſprach er,„iſt von dem unſeligen Wahne berührt, als wolle mein Volk das Deinige unterdrücken? Haben wir nicht ſeit Jahrhun⸗ derten als Nachbarn friedlich neben einander gewohnt? Und hat nicht abſonderlich die neueſte weiſe Geſetzgebung dafür geſorgt, daß den Kroaten, Slawoniern und Serben ganz dieſelben Rechte zu Theil werden wie den einge⸗ borenen Magharen? Iſt es nicht ein und derſelbe Land⸗ tag, der die Intereſſen aller dieſer Nationalitäten mit gleicher Unparteilichkeit wahrnimmt?“ Aber wie freundlich und überzeugend Ladislaus auch ſprach, um das Mädchen hinſichtlich ihres unſeligen Nationalhaſſes verſöhnlicher zu ſtimmen, Alohſia ſchien ihn nicht zu verſtehen oder nicht verſtehen zu wollen. Sie ſah, ohne eine Silbe zu erwidern, theilnahmlos und gleichgültig vor ſich hin. Plötzlich ſprang ſie auf. „Ich vergeſſe“, war ihre Rede,„daß ich Deine Stolle, Von Wien nach Vilagos. J. 6 8² Wirthin bin; Du wirſt Hunger und Durſt leiden. Ich eile das Mahl zu bereiten. Mache Dir es einſtweilen ſo bequem wie möglich. In kurzem bin ich wieder zurück.“ Die Serbin verließ das Zimmer und herein trat Janos, der Diener des Ladislaus, eine Seele lauter wie Gold, dabei ein luſtiger, drolliger Kauz. „Es iſt zum Närriſchwerden“, begann er in ſeiner geraden, einfältigen Ausdrucksweiſe;„ſo was iſt noch gar nicht dageweſen.“ „Was iſt noch nicht dageweſen?“ fragte Ladislaus. eite Stadt voll lauter Weiber. Außer dem alten Ueberläufer, dem Wukaſchin, ſieht man kein männliches Weſen. Bis zum Stalljungen iſt Alles auf und davon. Und was das Merkwürdigſte, die ſerbiſchen Weiber ſind gar nicht mehr die böſen Beſtien von früher, im Gegen⸗ theil ſanft und gaſtfrei. Unſere Soldaten leben wie der liebe Gott in Frankreich. Es muß mit den Rebellen verflucht ſchlecht ſtehen, ſonſt würden dieſe Weiber gewiß nicht ſo zu Kreuz kriechen.“ Wie ſteht es im Uebrigen mit unſern Leuten?“ erkundigte ſich Ladislaus.„Sie laſſen ſich hoffentlich keine Ungebührlichkeiten zu Schulden kommen?“ „O“ lachte Janos,„im Gegentheil; unſere Soldaten ſind wahre Lämmer geworden. Dieſe ſerbiſchen Schwarz⸗ 83 augen wiſſen ſie ſo zu cajoliren, daß der bärbeißigſte Eiſenfreſſer zum verliebten Täuberich geworden iſt.“ „Wie viel Mannſchaft liegt in unſerm Hauſe?“ „Fünf Mann von der dritten Compagnie. Sie haben nach opulenter Mahlzeit faſt ſämmtlich bereits ihr Lager auf dem duftenden Heuboden im Hinterhauſe geſucht. So wohl iſt es ihnen lange nicht ge⸗ worden.“ „Hat man Vermuthung“ erkundigte ſich der Haupt⸗ mann weiter,„wohin ſich die flüchtige männliche Be⸗ wohnerſchaft gewendet?“ „Es geht die Rede, daß ſie einen Raubzug gegen Zombor unternommen, um mit den in dortiger Gegend herumſtreifenden Kroaten gemeinſchaftliche Sache zu machen. Für meine Perſon wünſchte ich, ſie wären zu allen Teu⸗ feln, wenigſtens auf ein paar Tage, damit wir einmal tüchtig ausruhen könnten. Der Ort iſt nicht unwohl⸗ habend. Faſt alle hieſigen Bewohner ſind reich begütert an Feld, Wald und Wieſen. Mancher hält Tauſende von Rindern und Schafen auf ſeinen Puſzten. Abſonderlich gehört unſer Wirth zu den ſehr Wohlhabenden. Seine Beſitzungen ſollen ſich bis nach Siebenbürgen erſtrecken. wo Tauſende von Walachen ihm zinspflichtig ſind. In Syrmien gehören ihm außerdem mehrere ſchöne Land⸗ güter mit reichem Weinbau.“ 6* 84 „Du biſt kaum hier angelangt“, ſagte Ladislaus, „und weißt das ſchon Alles?“ Die Konda, die ſchmucke Dienerin von Fräulein Aloyſia“, war die Antwort,„ſchwatzt wie gedruckt und hat mir, während ich mich am Herdfeuer erwärmte, über Alles Auskunft gegeben, was ich nur zu wiſſen wünſchte.“ Ladislaus entſann ſich jetzt, daß der alte Ranko, der Vater Aloyſia's, ſeiner Zeit ein ſehr reiches Löſegeld für die Befreiung ſeiner Tochter geboten hatte, welches aber von ihrem Retter und Beſchützer nicht angenommen worden war. Zugleich erinnerte er ſich, daß er wiederholt Fragen an ſeinen Schützling hinſichtlich deſſen Familie gethan, aber immer ausweichende Antworten erhalten hatte, ſodaß er ſchließlich davon abgeſtanden war, wei⸗ tere Nachforſchungen anzuſtellen. Die Mittheilungen ſei⸗ nes Dieners waren ihm daher nicht ohne Intereſſe. Haupt⸗ ſächlich wünſchte er etwas Näheres über Aloyſia's Vater, der, ſoviel er vernommen, in hohem Anſehen bei den Serben ſtand, zu erfahren. Er ermunterte daher den Janos, fortzufahren, namentlich was den alten Ranko betraf. Der mittheilſame Diener ließ ſich das nicht zweimal ſagen.„Eins der herrlichſten Landgüter“, fuhr er fort, „beſitzt der Alte in Shrmien. Es heißt Cetinja und iſt rings von Weinbergen und ſchönen Gärten umgeben. 85 Wie mir Konda verſicherte, ſoll die innere Einrichtung der ſchloßähnlichen Gebäude fürſtlich ſein. Man könne ſich nicht ſatt ſehen an all der Pracht und Herrlichkeit. Hier wohnt auch die zweite und Lieblingstochter des alten Ranko, Smiljana, die ihre Schweſter Alohſia an Reiz und Anmuth noch bei weitem übertreffen ſoll.“ „Eine Schweſter der Aloyſia?“ fragte Ladislaus verwundert.„Hat mir dieſe doch nie von einer ſolchen erzählt!“ „Das hat auch ſeine guten Gründe“, erläuterte Janos.„Die Aloyſia iſt der Smiljana ſpinnefeind, nicht ſowohl, behauptet Konda, weil letztere weit ſchöner iſt, eine Anſchauung, die ich freilich dahingeſtellt ſein laſſen will, ſondern weil Smiljana, was weibliche Sanftmuth und Milde anlangt, das gerade Gegentheil von Aloyſia iſt. Während letztere von unbändigem Haſſe gegen Alles, was ungariſch, entflammt iſt und als enthuſiaſtiſche Pa⸗ triotin dem ſerbiſchen Heere folgt, leitet Smiljana mit ſtillem Sinne, welchem der wüſte Kriegslärm, Mord und Blutvergießen ein Greuel ſind, auf Cetinja das Haus⸗ weſen und läßt nach guter alter Sitte fleißig den golde⸗ nen Faden des Flachſes um die tanzende Spindel ſich kräuſeln.“ „Der alte Ranko“, fragte Ladislaus,„ſteht ſelbſtver⸗ ſtändlich gegen uns im Felde?“ 86 „Allerdings“, beſtätigte Janos,„aber er ſteht uns nicht unmittelbar gegenüber, ſondern zieht mit einer Bande Walachen, ſämmtlich von ſeinen Beſitzungen, die ihn zu ihrem Anführer gewählt, verwüſtend durch das ſüdliche Siebenbürgen, wo zahlreiche niedergebrannte Schlöſſer und Ortſchaften ſeinen barbariſchen Heereszug bezeichnen. Doch um auf etwas Schmackhafteres als jene Greuel⸗ ſeenen zu kommen“, fuhr der geſchwätzige Diener fort, „ſo könnt Ihr Euch, Herr Hauptmann, heute auf die Mahlzeit freuen. Ich habe nur ganz oberflächlich in den Töpfen, Pfannen und Tiegeln herumgeguckt. Der Sult*) duftet excellent; die Halak**) ſchmoren appetit⸗ lich und die Lereſek***) werdet Ihr gegen eine Mock⸗ turtle an der Table d'höte im König von England am Donauquai in Peſth nicht hergeben. Waren doch ſchon die Gerichte, die man uns vorgeſetzt, ganz abſonderlich. Ich habe in meinem Leben keine ſo ausgezeichnete Ge⸗ latine mit Aspic gegeſſen. Auch an Jungſchweiner⸗ nem, an Karpfen und Schmankerln war kein Mangel. Wie geſagt, der liebe Gott in Frankreich kann ſeine Tafel nicht beſſer beſtellt haben. Dazu ein Weinchen, *) Braten. *) Fiſche. ²) Suppen. 87 Herr Hauptmann, ein Weinchen, ſag' ich, echter Carlowitzer. Der Eſterhazy kann ihn nicht ſüffiger im Keller haben.“ Nachdem Ladislaus etwas Toilette gemacht, ſchritt er in dem geräumigen Gemach wiederholt auf und ab und beſichtigte die an der Wand hängenden Kupfer⸗ ſtiche und Lithographien. Es waren meiſtentheils Land⸗ ſchaftsbilder aus verſchiedenen Gegenden Südungarns. Da die Thür zu dem angrenzenden Gemache offen ſtand, betrat er auch dieſes, das noch weit luxuriöſer ausgeſtattet war als das, welches er verlaſſen hatte. Auch in dieſem Zimmer ſchmückten zahlreiche Gemälde die Wände. Zu ſeinem freudigen Erſtaunen entdeckte Ladislaus hier eine Anzahl Lithographien, nach welchen er, der ſelbſt als Landſchaftszeichner nicht ganz unerfah⸗ ren war, bis jetzt immer vergeblich geſucht hatte und die darum ſein Intereſſe ganz beſonders in Anſpruch nahmen. Es waren die vortrefflichen lithographiſchen Skizzen über Ungarn von dem Engländer Hering, welche den originellen Charakter des Landes ſo vollkommen treu wiedergaben, wie das bis jetzt noch keinem zweiten Künſtler gelungen. Eine der vorzüglichſten dieſer Anſich⸗ ten ſtellt eine ungariſche Ebene dar. Auf dieſem Bilde, obſchon es einen ziemlichen Raum einnimmt, erblickt man weiter nichts als eine öde Landfläche, darüber ein Stück Himmel und als einzige Staffage im Vorder⸗ — 88 grunde einen Storch und einen Ziehbrunnen. Und trotz dieſer einfachen Beſtandtheile iſt dieſes Bild ergreifend, poetiſch und pittoresk. Der Himmel iſt mit Wolken und Wölkchen bedeckt, deren Ränder von der Morgenſonne vergoldet werden. Man verfolgt dieſen Wolkenzug wie nahe, entfernte und entfernteſte Segel einer großen Flotte bis in unermeßliche Entfernung, denn der klare Himmel läßt auch die äußerſten Lichtränder noch deutlich erkennen. Der öde Erdboden zieht ſich vom Vorder⸗ grunde weit hinaus und noch weiter und weiter wieder⸗ holen ſich unzählige Male die geraden parallelen Linien der Fläche ohne eine Unterbrechung. Nach allen Seiten hin verlaufen die Farben vollkommen auf gleiche Weiſe, aus dem hellen Grün des nächſten Raſens in ein ver⸗ wiſchteres Grün, in Grau und endlich in Blau. Man glaubt in einen fremden Welttheil zu ſchauen. Aber das Gemüth wird beengt durch den Gedanken, daß keine menſchliche Seele dieſe unendliche Fläche bewohnt. Nicht einmal ein einſamer Vogel fliegt durch den Himmel. Nur vielleicht eine Farbenſchattirung am fernen Hori⸗ zonte, die einer aufſteigenden Rauchſäule ähnelt, läßt die Vermuthung aufkommen, daß dort in der weiten Ferne einige auf einſamer Salaſche wohnende Hirten ein Feuer angezündet. Der Storch im Vordergrunde ſteht ganz ſtill in einem kleinen Sumpfe, ruhig ſimu⸗ 89 lirend. Er und die Fröſche, denen er auflauert, ſind die einzigen lebenden Weſen, die man mit Sicherheit wahr⸗ nimmt. Der Brunnen iſt ganz verlaſſen. Es ſcheint, als wenn ſein Schwengel von dem ſtreichenden Luftzuge der Ebene eintönig hin und her bewegt würde. Dieſer knarrende Brunnenſchwengel iſt wohl auch Tag und Nacht der einzige hörbare Ton, dem ſich von Zeit zu Zeit das Quaken eines Froſches beigeſellt. Während Ladislaus noch in Betrachtung dieſer in⸗ tereſſanten Landſchaften vertieft ſtand, knarrte leiſe die Thür und Aloyſia erſchien wieder, aber in gewählterer, ja reicher Kleidung. Die knappen ſeidenen Unterkleider mit dem mit Stickereien beſetzten Ueberwurfe gaben ihr ein wahrhaft vornehmes Ausſehen. In zwei ſtarken Flechten hatte ſie ihr reiches ſchwarzes Haar wie einen Turban um den Kopf gelegt. Daraus blitzten Nadeln hervor, an denen Dukaten und verſchiedene türkiſche Goldmünzen von kleinen goldenen Händchen gehalten, herabhingen. Den Scheitel bedeckte ein rothes mit Gold geſchmücktes Fes, von welchem eine volle Quaſte mit goldenen Fäden in den Nacken herabfiel. Um den weißen Hals ſchlang ſich eine lange goldene Kette und ein Silbergürtel voll koſtbarer Arabesken umſpannte den ſchlanken Leib. Wie heftig es auch im Innern der ſerbiſchen Jung⸗ frau ſtürmte, ſo gab ſie ſich doch Mühe, ihre Gefühle 90 unter einer gewiſſen ceremoniellen Höflichkeit, die bisher Ladislaus an dem einfachen Naturkinde fremd geblieben, zu verbergen. Ein bezauberndes, verführeriſches Lächeln ſpielte um ihren Mund.„Wenn es Dir gefällig iſt“, begann ſie in ſanftem Tone,„mit den einfachen Gerichten einer ſerbiſchen Hauswirthſchaft vorlieb zu nehmen, ſo bitte ich zu folgen.“ „Theure Aloyſia“, lachte Ladislaus,„im Kriege iſt der Soldat überhaupt kein Koſtverächter; da heißt es: Hunger iſt der beſte Koch.“ Das Mädchen geleitete den Mann ihres Herzens durch einen ziemlich langen Corridor nach einem mehr nach den Höfen zu gelegenen Zimmer, welches zwar nicht mit der Eleganz ausgeſtattet war wie die Gemächer, wo die Bilder hingen, dafür aber dem Bewohner die möglichſte Bequemlichkeit und allen Comfort darbot. „Ich habe Dir dies Zimmer“, ſagte Aloyſia,„eigens ausgeſucht, weil Du der Ruhe bedarfſt und es abſeits ge⸗ legen iſt, ſodaß der Lärm der Straße nicht heraufdringt.“ Da die Tafel auch mit Weinflaſchen der unter⸗ ſchiedlichſten Sorten beſetzt war, deren goldene und ſil⸗ berne Etiketten verlockend zwiſchen Blumenſträußen hervorlugten, fuhr die Tochter des Hauſes fort:„Ich kenne Deinen Geſchmack nicht, welchen Weinen Du den 91 Vorzug gibſt. Aber Du haſt hier die Auswahl. Von den Carlowitzer Bergen kann ich den Marowitzer empfehlen, von den Ruſter den Zapfler und Zierſtengler; aber Du haſt auch dunklen Reisler, Laagler und ſilberweißen Geisbutten.“ „Der Tauſend“, ſcherzte Ladislaus, nicht ohne Wohlbehagen die reichbeſetzte Tafel überſchauend,„das iſt ja, als hätteſt Du den Palatin von Ungarn zum Mahle geladen.“ „Den Palatin von Ungarn“ verſetzte Aloyſia in ernſtem Tone,„wird keine Tochter Serbiens zu Gaſte laden, er iſt der Feind unſeres Volkes.“ „Wie verkennſt Du den edlen Mann!“ gegenredete Ladislaus.„Glaube mir, ihm liegt das Wohl Deines Volkes ſo gut am Herzen wie das der Ungarn.“ Er wollte ſich über den edlen Charakter des Pa⸗ latins noch eines Weitern verbreiten, das Mädchen ſchien aber dadurch nur unangenehm berührt zu werden. Sie unterbrach ſeine Lobrede mit den Worten:„Nimm Platz, Freund, und laß Dir die ſerbiſche Küche gefallen, ſo gut es gehen mag. Wenn Du es wünſcheſt, daß ich Dir während des Mahls Geſellſchaft leiſte, will ich Dir ein ſerbiſch Volkslied zur Guszlicza ſingen.“ „Du kommſt meinen Wünſchen zuvor, liebe Aloyſia“, ſprach Ladislaus,„und würdeſt mich durch ein ſerbiſch 92 Abends fielen eiſ'ge Schloßen nieder Und zur Nacht bereiften rings die Fluren. Sch erhob mich, meinen Freund zu ſuchen, Und ſo kam ich zu der grünen Wieſe. Auf der Wieſe fand ich ſeinen Mantel, Auf dem Mantel auch ſein ſeiden Bruſttuch, Auf dem Tuch die Silbertamburine Und darunter einen grünen Apfel. Dacht' ich bei mir allerlei Gedanken: Ob ich wohl den Mantel mit mir nehme? Könnt' der holde Junge ſich erkälten. Ob ich wohl das ſeidne Tuch ihm nehme? Gab's ihm ſelber doch zum Angedenken. Ob ich weg die Tamburine nehme? Nein, ihm ſchenkten ſie ja meine Brüder. Alſo wählend kam mir der Gedanke, Jenen grünen Apfel anzubeißen, Anzubeißen, doch nicht aufzueſſen, Daß er merkte, Liebchen ſei's geweſen, Liebchen ſelber ſei ihn ſuchen kommen. Lied hoch erfreuen. Eure Volkslieder ſind wunderbar zart und anmuthig.“ Damit ſetzte er ſich zum lecker bereiteten Mahle, während die Tochter Serbiens die Guszlicza ſtimmte und nach kurzem Vorſpiel alſo ſang: . Auf dieſe Weiſe ſang das Mädchen noch einige jener reizenden Lieder, ſodaß Ladislaus nach dem langen wüſten und ungaſtlichen Kriegsleben wirklich wie in den Himmel ſich verſetzt fühlte. Dieſe weichen Klänge der 93 Guszlicza, die klangvolle Mädchenſtimme, dazu der cham⸗ pagnerperlende Geisbutten— er hatte nie glücklicher ge⸗ träumt. Endlich aber ſehnte ſich der ermüdete Leib nach Ruhe. Aloyſia hatte im Nebengemach das weichſte Lager bereitet. Angenehme Träume wünſchend!entfernte ſie ſich. Bald genoß auch Ladislaus des geſündeſten Schlafes, während draußen die Nacht immer tiefer und verderben⸗ voller über die ermüdeten Magharen herabſank. Achtes Kapitel. Bevor wir die unterſchiedlich geknüpften Fäden dieſer Geſchichte weiter ausſpinnen, ſei es verſtattet, nochmals einen Blick auf die Lage Oeſterreichs in der damaligen ſo verhängnißreichen Zeit im Allgemeinen zu thun. Der Anblick des Kaiſerſtaats bot in den Sommermonaten des Jahres 1848 ein wahrhaft chaotiſches Bild. Die Geſammtmonarchie war unterwühlt und zerriſſen von feindlich ſich gegenüberſtehenden Parteien. Dieſer Zuſtand nahm einen um ſo beunruhigendern Charakter an, als es ſich um den engern Anſchluß Oeſterreichs an Deutſch⸗ land handelte. Die zahlreich vertretene ſlawiſche Partei erkannte darin eine Beeinträchtigung ihrer verſchiedenen Nationalitäten. Der alteingewurzelte Haß gegen alles Deutſchthum fand hier den fruchtbarſten Boden und war das Band, welches dieſen Beſtrebungen eine Einheit ver⸗ lieh. Sie gingen ſämmtlich dahin, das rein ſlawiſche 95 Intereſſe maßgebend an die Spitze der Regierung z ſtellen. Dagegen kämpften nun die liberalen Deutſch⸗Oeſter⸗ reicher, welche ihr Heil allein in einem innigen Anſchluſſe an Deutſchland erkannten. Deutſchland über Alles, deutſch um jeden Preis, ſelbſt auf die Gefahr der Lockerung der öſterreichiſchen Geſammtmonarchie, zugleich Aufrechthal⸗ tung Ungarns und Annäherung an daſſelbe als den mächtigſten Bundesgenoſſen gegen die ringsum lagernden Slawen, dazu freifinniger Ausbau der errungenen conſti⸗ tutionellen Freiheiten, das war das Programm der ge⸗ ſammten deutſchliberalen Partei Oeſterreichs, die in der Hauptſtadt ſelbſt ihre mächtigſte Vertretung fand. Eine zweite deutſche Partei, aus der zahlreichen Kaufmannſchaft und der halbliberalen Bureaukratie be⸗ ſtehend, wollte zwar auch einen Anſchluß an Deutſchland, aber zugleich auch ein einiges und ſtarkes HOeſterreich. Hierher gehörten hauptſächlich die von der deutſchliberalen Partei ſo gehaßten Schwarzgelben, in denen man die ärgſten Feinde der errungenen politiſchen Inſtitutionen erkannte. Die höhere Ariſtokratie war gleichfalls gegen einen innigen Anſchluß an Deutſchland, weil ihr die un⸗ verletzte Erhaltung des Glanzes des Kaiſerhofs beſonders am Herzen lag. Der Hof ſelbſt befand ſich noch in unfreier Lage. Er durfte noch mit keiner der in großer 96 Aufregung ſich befindenden Parteien offen brechen, na⸗ mentlich nicht mit der in Wien ſo mächtig vertretenen deutſchliberalen Partei. So zollte er denn auch der ſchwarzrothgoldenen Fahne äußerlich alle Achtung. Dies war die Parteilage des Kaiſerſtaats im All⸗ gemeinen. Jetzt iſt es aber nothwendig, auch die revolutionären Elemente der Hauptſtadt, obſchon von denſelben bereits in einem der frühern Kapitel die Rede geweſen, noch⸗ mals überſichtlich vor Augen zu führen. Wenn man, und wohl nicht mit Unrecht, behauptet, daß Paris Frankreich ſei, ſo iſt dieſer Aus ſpruch doch keines⸗ wegs auf die öſterreichiſche Hauptſtadt anzuwenden; die ſich hier kundgebenden politiſchen Aeußerungen ſind oft völlig widerſtrebend den politiſchen Anſchauungen der ver⸗ ſchiedenen nationalen Provinzen. Faſt durchgängig von Deutſchen bewohnt, war Wien der Mittelpunkt der freiheitlichen und, was damals eins war, der deutſchen Beſtrebungen. Wien war ſpecifiſch deutſch und faſt an allen Häuſern, ja faſt an jedem Stockwerke wehten rieſige ſchwarzrothgoldene Fahnen. Auch die zahlreichen politiſchen Vereine, die wie ein Netz über die ganze Hauptſtadt ausgeſpannt waren, ſtanden größtentheils unter deutſchen Führern. Ihre Redner beherrſchten den bei weitem größten Theil der 97 Bevölkerung. Sie bewachten mit eiferſüchtiger Sorgfalt die errungene Freiheit und ſchlugen ſofort Lärm, ſobald ſich reactionäre Elemente und Beſtrebungen bemerkbar machten. Ihre Hauptſtützen waren die akademiſche Legion, die Nationalgarde der Vorſtädte, ſowie die geſammte Arbeiterbevölkerung. Die conſervativen und ſlawiſchen Gegenvereine befanden ſich bei weitem in der Minderheit und übten einen kaum bemerkbaren Einfluß auf den Gang der öffentlichen Angelegenheiten. Ihre Hoffnung beruhte allein auf der Armee, für welche aber damals der Zeitpunkt, entſchieden aufzutreten und gewaltſam ein⸗ zuſchreiten, noch nicht gekommen war. Unter dieſen bedenklichen Zuſtänden trat der erſte conſtitutionelle öſterreichiſche Reichstag ins Leben, welcher am 22. Juli vom Reichsverweſer, der eigens dazu von Frankfurt gekommen war, feierlichſt eröffnet ward. Mittags zwölf Uhr begab ſich Erzherzog Johann, begleitet von den Miniſtern der Generalität, dem diplo⸗ matiſchen Corps und den Oberoffizieren der National⸗ garde und akademiſchen Legion durch die Reihen der aufgeſtellten Garden unter dem Jubel der Bevölkerung aus den Gemächern der Hofburg nach dem Sitzungsſaale der Reichsverſammlung, welcher aus der großartigen Reit⸗ ſchule ſehr glänzend hergeſtellt worden war. Am Eingange des Hauſes wurde der Stolle, Vyn Wien nach Vilagos. 1. 98 von der entgegengeſandten Empfangsdeputation begrüßt und bis zu den Stufen des Throns geleitet, der an der Stelle des Präſidiums ſich prächtig erhob. Beim Ein⸗ tritte des Erzherzogs erhob ſich die ganze Verſammlung von ihren Sitzen; das dichtgedrängte Publikum der Tri bünen brachte ein dreifaches Hoch. Die Thronrede, welche der Erzherzog ablas, lautete alſo: „Von Seiner Majeſtät unſerm conſtitutionellen Kaiſer Ferdinand dem Erſten beauftragt, den conſtitutionellen Reichstag der öſterreichiſchen Monarchie zu eröffnen, erfülle ich hiermit dieſe erfreuliche Pflicht und begrüße aus voller Seele Sie, meine Herren, die berufen ſind, das große Werk der Wiedergeburt des Vaterlandes zu vollbringen. Die Befeſtigung der erworbenen Freiheiten für uns und unſere Zukunft erheiſcht Ihr offenes und un⸗ abhängiges Zuſammenwirken in der Feſtſtellung der Ver⸗ faſſung. Alle Nationalitäten der öſterreichiſchen Monarchie ſtehen dem Herzen des Monarchen gleich nahe. In der freien Verbrüderung derſelben, in der vollen Gleich⸗ berechtigung aller, ſowie in dem innigen Verbande mit Deutſchland finden alle Intereſſen eine feſte Grundlage. Mit Schmerz erfüllt es das Herz Seiner Majeſtät, daß nicht ſogleich die Fülle aller Segnungen eintreten konnte, welche freie Inſtitutionen in weiſem Gebrauche den — — 99 Völkern zu ſichern pflegen. Seine Majeſtät theilen in regem Mitgefühl die Bedrängniſſe Ihrer Völker. In Be⸗ ziehung auf Ungarn und ſeine Nebenländer läßt ſich von dem Rechtlichkeitsſinne ihrer edelmüthigen Bevölkerung eine befriedigende Ausgleichung der noch ſchwebenden Fragen er⸗ warten. Der Krieg inItalien iſt nicht gegen die Freiheitsbe⸗ ſtrebungen der italieniſchen Völker gerichtet, er hat die Auf⸗ gabe, unter vollſtändiger Anerkennung der Nationalität die Ehre der öſterreichiſchen Waffen gegenüber den italieniſchen Mächten zu wahren. Nachdem die wohlwollenden Abſichten, die unſeligen Zerwürfniſſe friedlich beizulegen, ohne Er⸗ folg geblieben, ſo wird es die Aufgabe unſerer tapfern Armee ſein, einen ehrenvollen Frieden zu erkämpfen. Die freundſchaftlichen Verbindungen mit allen andern Staaten ſind unverändert geblieben. Das durch längere Zeit unterbrochene freundſchaftliche Verhältniß zu dem Königreiche Spanien iſt wiederhergeſtellt. Durch die Folgen früherer Finanzoperationen, durch Zuſammen⸗ treffen außerordentlicher Ereigniſſe ſind die finanziellen Verhältniſſe des Staats in einen Zuſtand verſetzt wor⸗ den, welcher außerordentliche Maßregeln erheiſcht und ſchon in nächſter Zukunft das Miniſterium veranlaſſen wird, die erforderlichen Entwürfe vorzulegen. In der Berufung der Volksvertreter zur eigenen Berathung der allgemeinen Intereſſen ruht die ſicherſte Gewähr der 7* 100 geiſtigen und materiellen Entwickelung Oeſterreichs. Seine Majeſtät der Kaiſer läßt Ihnen, meine Herren, und der ganzen Nation ſeinen kaiſerlichen Gruß und die Verſiche⸗ rung ſeines Wohlwollens entbieten. Der conſtituirende Reichstag iſt eröffnet.“ Dieſe Thronrede, an mehreren Stellen vom Beifall der Verſammlung unterbrochen, erwiderte der Präſident, Advocat Schmidt, Abgeordneter für Wien, ſofort mit folgenden Worten:„Kaiſerliche Hoheit! Im Namen der conſtituirenden Reichsverſammlung erſtatte ich Eurer kaiſerlichen Hoheit als dem Stellvertreter Seiner Ma⸗ jeſtät unſeres conſtitutionellen Kaiſers hiermit den gezie⸗ menden Dank für die feierliche Eröffnung des erſten öſterreichiſchen Reichstags. Das Volk tagt, es tagt zum erſten Male mit freier, gleichge finnter Zuſtimmung unſeres verehrten angeſtammten Kaiſerhauſes. Im Namen des VPVolkes ſpreche ich Seiner Majeſtät dem geliebten Kaiſer Ferdinand dem Gütigen den glühendſten Dank für die dem Volke gewordene Gewährung aus, daß es ſelbſt Schöpfer einer freien volksthümlichen Verfaſſung ſei. Die aus dem unabweislichen Gebote der Zeit hervorge⸗ gangene Neugeſtaltung hat heute aus der Hand Eurer kaiſerlichen Hoheit die volle Weihe der Geſetzlichkeit er⸗ halten. Wohl ſind wir nach den Worten Eurer kaiſer⸗ lichen Hoheit berufen das große Werk der Wiedergeburt 101 unſeres Vaterlandes zu vollbringen. Die feierliche Hand⸗ lung des heutigen Tags iſt die Vermählung des con⸗ ſtitutionellen erlauchten Throns mit dem freien und da⸗ durch edlen ganzen Volke. Der Allmächtige ſegne den Bund und die daraus entſpringenden Früchte. Aus dieſem Bunde ſchulden und geloben wir feſte Treue und aufrichtige Anhänglichkeit dem conſtitutionellen Throne. So ſchmerzlich wir es empfinden Seine Majeſtät unſern allergnädigſten Kaiſer bei dieſer hochwichtigen Handlung zu vermiſſen, ſo erkennen wir es als eine günſtige Vor⸗ bedeutung daß die Stellvertretung Seiner Majeſtät in der Perſon jenes allgeliebten Prinzen ſtattfindet, der uns weit voraneilend zuerſt den Gedanken der Freiheit zur That werden ließ, der ein freier volksthümlicher Prinz war, als unſere Hoffnungen auf volksthümliche Freiheit noch im Keime ſchlummerten. Ihm gebe ich im Namen des Volkes das feierliche Verſprechen, die uns obliegende Pflicht nach unſern beſten Kräften und im Geiſte der uns durch die gütige Gewährung Seiner Majeſtät vom Volke gewordenen Sendung ge⸗ wiſſenhaft zu erfüllen. Brüderlichkeit ſoll die Kraft ſein, welche bei weiſem Wirken alle Schwierigkeiten der großen Aufgabe überwinden und jene Segnungen erreichen laſſen wird, die Eure kaiſerliche Hoheit zur belebenden Hoffnung des Vaterlandes als die Frucht freier Inſti⸗ 102 tutionen bei weiſem Gebrauche der Völker darſtellten Heil Seiner Majeſtät unſerm gütigen conſtitutionellen Kaiſer! Heil der neuen conſtitutionellen Dhnaſtie und ihrer Dauer zum nachhaltigen Wohle des neuen Bundes! Heil dem volksthümlichen edlen deutſchen Prinzen Erz⸗ herzog Johann und Heil dem, was ſeinem Herzen am theuerſten und Zeuge dieſer feierlichen Handlung iſt.*) Heil dem freien einigen öſterreichiſchen Volke! Heil und Ehre den öſterreichiſchen Waffen und unſern tapfern Brüdern, die ſie führen!“ Der Erzherzog kehrte unter dem Jubel des Volkes nach der Hofburg zurück. Mit dem Zuſammentreten des Reichstags, der eigentlich berufen war, die Revolution abzuſchließen und die errungenen Freiheiten ſicher zu ſtellen, begann im Gegentheil der dritte Act des revolutionären Dramas. Als erſten Act deſſelben kann man die Periode vom März bis zum 15. Mai bezeichnen, welcher letztere über⸗ haupt als der wichtigſte Revolutionstag zu betrachten iſt. Vom 15. Mai bis zur Eröffnung des Reichstags fanden *) Die Gemahlin des Erzherzogs ſaß in einer Zuſchauerloge und weinte Thränen der Rührung. Sie war bei ihrer Ankunft in Wien feſtlich empfangen worden, und das Volk ſuchte die Poſt⸗ meiſterstochter durch die allgemeinſte Huldigung manche von ihr frů· her infolge ihrer Erhebung erlittene Kränkung vergeſſen zu machen. 103 faſt ununterbrochen Kämpfe der freiſinnigen und deutſchen Partei gegen die ſlawiſchen und reactionären Gegner ſtatt, um die errungenen Freiheiten zu ſchützen und zu vertheidigen. Die Hoffnung, daß der Reichstag endlich den erſchät- terten Rechtszuſtand dauerhaft begründen werde, begann bereits in den erſten vorbereitenden Sitzungen zu ſchwin⸗ den, wo es ſich um die Wahl des Präſidiums handelte. Die Deutſchen wie die Slawen waren bemüht, einen ihrer Nationalität auf den Präſidentenſtuhl zu erheben. Endlich kam man dahin überein, daß ein deutſcher Prä⸗ ſident und ein ſlawiſcher Vicepräſident erwählt wurde. Die Verſammlung ſelber mußte als die originellſte betrachtet werden, die überhaupt je in einem conſtitu⸗ tionellen Lande getagt hat. Das Reſultat der Wahlen war eins der merkwürdigſten Faſt alle Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft und die verſchiedenſten Meinungen waren ver⸗ treten. Nur eine Partei fehlte, die des geſtürzten Metter⸗ nich'ſchen Syſtems. Selbſt die geheimen Anhänger deſſelben wagten nicht ihre Gedanken auszuſprechen. Für die Idee eines neuen Oeſterreich war faſt der geſammte Reichstag begeiſtert; nur über das Wie der Neugeſtaltung gingen die Anſichten und Stimmen auseinander. Zieht man ferner in Betracht, daß auf dieſem Reichs⸗ 104 tage die volle Hälfte der Monarchie, Ungarn, gänz ⸗ lich unvertreten war und daſelbſt nicht vertreten ſein wollte, ſo blieb es ſehr zweifelhaft, ob es ihm gelingen werde, die Wiedervereinigung der geſammten Monarchie unter einer neuen Staatsform zu Stande zu bringen. Am 12. Auguſt kehrte endlich Kaiſer Ferdinand von Innsbruck nach Wien zurück. Der Reichstag begab ſich am ſelbigen Tage in die Stephanskirche, wo der Hof einem Tedeum beiwohnen wollte. Die Ankunft der hohen Herrſchaften verzögerte ſich aber ſo unangenehm lang, daß viele der ehrſamen Deputirten in den Dom⸗ herrnſtühlen einſchliefen. Nach der Andacht fuhr der ſou⸗ veräne Reichstag eilig nach Schönbrunn voraus, um auch dort die Majeſtät zu empfangen. Dieſe Empfangsſcene in Schönbrunn bildete eine in der Geſchichte Oeſterreichs noch nicht dageweſene und ſobald nicht wieder vorkommende Merkwürdigkeit. De⸗ putirte in polniſchen Bauerkitteln ſtolzirten in den kai⸗ ſerlichen Gemächern umher, daß unter ihren ſchweren Tritten das nur an ſchleichende Hofſchranzen gewöhnte Fußgetäfel ſeufzte. Wo die Volksvertreter erſchienen, da glaubte man auch dem Volke ſelbſt den Eintritt nicht verwehren zu dürfen. So wurde denn in ſeiner eigenen Wohnung der Hof von einer ſehr gemiſchten Geſellſchaft empfangen. Sogar ein kleiner barfüßiger Gaſſenjunge 8 205 in Hemdärmeln befand ſich darunter. Weit anmuthiger nahmen ſich kleine weißgekleidete Mädchen aus, welche die Treppen beſetzt hielten und Blumen ſtreuten. Zuerſt erſchien der Erzherzog Franz Karl mit ſeiner Gemahlin. Sie begaben ſich ohne Aufenthalt durch die lautlos ſtille Verſammlung nach ihren Gemächern. Der Kaiſer und die Kaiſerin dagegen wurden mit herzlichem Jubel em⸗ pfangen und traten in den Kreis der Deputirten. Der Präſident hielt eine Anſprache. Der Kaiſer erwiderte kurz aber ſeine Worte waren in gut conſtitutionellem Geiſte geſprochen. Er äußerte unter Anderm, daß er ſeine Pflicht erfüllt habe, indem er zurückgekommen ſei. Der Reichstag hatte leider nur zu bald Gelegen⸗ heit, eine entgegengeſetzte Erfahrung zu machen. Für den 19. Auguſt war eine militäriſche Meſſe auf dem Glacis veranſtaltet, welcher der Hof beiwohnen wollte und wozu der Reichstag eingeladen war. Letzterer fand ſich abermals in corpore ein. Anfangs ging Alles ganz conſtitutionell zu. Die Wachen am Burgplatz und Burgthor riefen ins Gewehr als die Vertreter des Volkes vorüberzogen. Es wurde getrommelt und präſentirt. Bei einer frühern Ge⸗ legenheit war dies unterlaſſen und deshalb von einem Deputirten in der Sitzung heftig interpellirt worden. Auf dem Glacis befanden ſich unmittelbar hinter den Betſtühlen des Hofs unter einem Zelte die Sitze für 106 den Reichstag. Die Nichtachtung und Vernachläſſigung dieſer Verſammlung eröffnete die Geiſtlichkeit. Sie be⸗ räucherte zwar den Hof, aber nicht die Volksvertreter. Als nach beendigter Meſſe die Nationalgarde und die Truppen vor dem Hofe defilirten, war von den Feſt⸗ ordnern auf die Deputirten nicht die geringſte Rückſicht genommen worden. Nur mit Mühe gelang es einigen Garden, für das Präſidium und einige Abgeordnete einen kleinen Raum frei zu machen. Hohe Offiziere zu Pferde ſuchten auch dies zu vereiteln, entfernten ſich aber, als das Volk ſeinen Unwillen vernehmlich zu erkennen gab. Die Nationalgarde gewährte durch ihre Maſſe einen imponirenden Anblick. Selbſt Garden aus ziemlich ent⸗ fernt gelegenen Ortſchaften hatten ſich angeſchloſſen. Sie alle grüßten den Hof, aber nicht minder den Reichstag mit begeiſtertem Hurrah. Der Präſident ermüdete nicht, ihnen ein„Hoch der Garde!“ über das andere zuzurufen. Jetzt erſchien die akademiſche Legion. Sie war nicht zahlreich ausgerückt und defilirte ſchweigend und ohne Hurrah am Hofe vorüber und ließ das Fuchslied auf⸗ ſpielen. Vor dem Reichstage hingegen ſchwenkte ſie Fahnen und Waffen und grüßte ihn mit donnernden Hochs. Dieſe namentlich dem Kaiſer gegenüber ſehr tadelnswerthe Demonſtration ward ſelbſtverſtändlich von der Umgebung des Monarchen ſehr übel vermerkt. Als die Truppen 107 heranrückten, änderte ſich die Scene. Sie beachteten den Reichstag nicht im geringſten, ja ſie beleidigten denſelben offen und mit Abſicht, indem ſie, als ſie an ihn heran⸗ kamen,„Kolben hoch“ machten. Nur einige der Führer ehrten die Vertreter des Volkes, aus dem ſie ſelbſt her⸗ vorgegangen waren. Zum Schluß der Feier geriethen die Abgeordneten durch die von Stabsoffizieren herbei⸗ gerufenen Hofwagen in Gefahr, überfahren zu werden Die Sache kam in der nächſten Sitzung zur Sprache und der Präſident gab die Beruhigung, daß bereits Schritte gethan ſeien, dergleichen Ungebührlichkeiten für die Zu⸗ kunft vorzubeugen. Die darauf folgenden Tage des 21.— 23. Auguſt bildeten das Vorſpiel zu der blutigen Revolutionskata⸗ ſtrophe, zu welcher die Wiener Zuſtände mehr und mehr hindrängten. Es waren die Unruhen, welche infolge der eingetretenen Arbeits. und Brodloſigkeit entſtanden. Zum erſten Male ward die Nationalgarde gezwungen, ernſthaft von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Man feuerte ſcharf unter die Arbeiter, die wegen Herabſetzung des Tagelohns zu revoltiren drohten. Es gab Todte und Verwundete. Mehr und mehr zogen ſich die Gewitterwolken über Heſterreichs Hauptſtadt zuſammen. Am 13. September erſchien in hoher Aufregung 108 der Kriegsminiſter in der Sitzung des Reichstags mit der Meldung, auf der Aula tage eine Verſammlung, welche nicht allein den Sturz des Miniſteriums, ſondern auch die Sprengung des Reichstags beabſichtige und im Begriff ſtehe, die Republik auszurufen. Es wurde ſofort auf Permanenz der Verſammlung angetragen, die ſich aber bald als unnöthig herausſtellte, nachdem die nach der Aula entſendete Deputation ſich von der Unwahrheit des Gerüchts überzeugt hatte. Die Anſchuldigung ward von den Akademikern mit Entrüſtung zurückgewieſen. Im Gegentheil erklärten letztere ihre unbegrenzte Ergebenheit für den Reichstag. Mit Jubel ward dieſe Mittheilung der Deputation vom Abgeordnetenhauſe aufgenommen. Plötzlich wurde daſſelbe von neuem in hohe Aufregung verſetzt. Ein Deputirter ſtürzte mit dem Rufe in den Saal:„Militär rückt gegen die Aula und in der Bäcker⸗ ſtraße werden Barrikaden gebaut.“ Es entſteht ein außer⸗ ordentlicher Tumult. Auf den Gallerien ruft man:„Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ Lärm und Beſtürzung nehmen immer mehr überhand, als ein anderer Deputir⸗ ter im Auftrage des Miniſterraths berichtet, daß in der Nähe der Aula Barrikaden gebaut würden und daß um acht Uhr die Republik ausgerufen werden ſolle. Ein anderer in den Saal eilender Deputirter beſtätigt, daß ein Bataillon mit ſechs Kanonen gegen die Aula rücke. 109 Jetzt erreicht die Aufregung den höchſten Grad. Mit lautem Geſchrei ſtürzen die Männer von den Gallerien. Selbſt die Frauen rufen zu den Waffen. Die Journa⸗ liſtenloge leert ſich. Man eilt die Feder mit dem Schwerte zu vertauſchen. Auch von der Straße herauf tönt Ge⸗ ſchrei und wüſter Lärm, dazwiſchen dumpfer Trommel⸗ ton, welcher die Nationalgarde zu den Waffen ruft. Auf mehreren Straßen und freien Plätzen ſtanden Bürger⸗ garden und Militär mit mißtrauiſchen Blicken einander gegenüber. Es bedurfte eines Funkens, vielleicht eines unvorſichtigen Wortes und das Zeichen zum blutigſten Zuſammenſtoße war gegeben. Erſt nachdem ſich das Volk überzeugt hatte, daß nichts Feindliches gegen die Aula ſeitens des Militärs unternommen worden, daß es blos lügenhafte Gerüchte geweſen, die man hinſichtlich der Akademiker ausgeſtreut, und die Truppen den Befehl zum Rückzuge erhielten, ward die Ruhe wiederhergeſtellt und der allgemeinen Aufregung folgte lauter Volksjubel. Die Sitzung des Reichstags, welche morgens zehn Uhr begonnen hatte, wurde erſt nachts halb elf geſchloſſen. Eine der verhängnißvollſten Sitzungen ſowohl für den Reichstag ſelbſt wie überhaupt für die geſammte Monarchie war die des 14. September. Eine unga⸗ riſche Deputation war angelangt, um unmittelbar mit dem Reichstage über die zwiſchen dem ungariſchen und *„110 Wiener Miniſterium ſchwebenden Streitfragen zu unter⸗ handeln. Nach langer und ſehr erregter Debatte, wobei es an unparlamentariſchen Aeußerungen gegen die Ma⸗ gyaren wie gegen die Kroaten nicht fehlte, beſchloß man. die Deputation nicht vorzulaſſen, aber zu geſtatten, daß ſie ihr Anliegen ſchriftlich einbringe. Die Ungarn fühlten ſich hierdurch beleidigt und reiſten unverrichteter Sache wieder ab. Die in der Sitzung anweſenden Czechen hatten ſich insgeſammt gegen die Ungarn ausgeſprochen, während die deutſche und zugleich freiſinnige Partei ſich ihnen geneigter zeigte. Der Bruch zwiſchen der öſterreichi⸗ ſchen Regierung und dem ungariſchen Miniſterium ward immer unheilbarer. Nenntes Kapitel. In einer unfern des Stephansplatzes gelegenen Reſtauration ging es laut und ſtürmiſch zu. Die Reden, welche der Prieſter Pauli im deutſchkatholiſchen Sinne gehalten, gewährten hinreichend Stoff zur Unterhaltung und wurden Veranlaſſung, daß ſich die unterſchiedlichſten Meinungen darüber ausſprachen. „Das muß wahr ſein“, rief der dicke Bäckermeiſter Breitkopf, ſein halb ausgetrunkenes Glas mit Heftigkeit auf den Tiſch ſtampfend,„ſo tüchtig und derb iſt's unſern Glatzen ſeit dem alten Doctor Luther nicht ge⸗ ſagt worden. Kein gut Haar blieb an denſelben. Aber ich gönn's ihnen. Es kann nicht ſchaden, wenn die ſchein⸗ heilige Kappe einmal vollſtändig heruntergezogen wird, damit das Volk ſieht, was es an ſeinen Seel⸗ ſorgern hat.“ „Das ſag' ich auch“ nickte beiſtimmend der Schloſſer 112 Eiſenſchmidt.„Es iſt Zeit, daß mehr Licht in die Köpfe kommt; nur Licht, Licht, wenn's beſſer werden ſoll.“ Ein junger Mann, der am Ende der langen Tafel geſeſſen und bisher ſchweigend der Unterhaltung zugehört hatte, erhob ſich jetzt. „Mitbürger“, ſprach er,„ich gehöre auch zu den freiſinnigen Leuten in kirchlichen Dingen; aber dieſer deutſchkatholiſche Prieſter wäre gerade der letzte, der mich für die neue Lehre gewinnen könnte. Wenn er ſich einfach darauf beſchränkte, die in unſerer Kirche einge⸗ riſſenen Mißbräuche ſcharf zu rügen und das reine Evan⸗ gelium zu predigen, wie es im neuen Teſtamente ſteht, wollte ich gar nichts ſagen, aber ſo geht ſein Beſtreben allein dahin, Alles, was dem Menſchen in religiöſen Dingen heilig, herabzuwürdigen und lächerlich zu machen Er raubt Manchem ſeinen Glauben, ohne ihm dafür etwas Beſſeres zu geben. Dies iſt nicht der Weg, der zum Heile führt, und gemeines Schimpfen gehört gleich gar nicht in Reden, die ſich mit ſo ernſter Angelegenheit beſchäftigen, wie die Religion iſt.“ „Mir aus der Seele geſprochen, junger Herr“, verſetzte ein Vierter, der ſeiner einfachen Kleidung nach ebenfalls dem Handwerkerſtande angehörte.„Ich bin nur ein ſchlichter, unerfahrener Mann, aber den Weg, den dieſe neumodiſchen Propheten eingeſchlagen, halte 113 ich ebenfalls nicht für den richtigen. Mißbräuche ſollen allerdings aufgedeckt und auf ihre Beſeitigung hingear⸗ beitet werden, aber dieſe deutſchkatholiſchen Prediger, wie ich ſie vernommen, ſtoßen dem Faſſe den Boden aus.“ Man ſtritt noch geraume Zeit hin und her, ohne wie das bei ſolchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, zu einem befriedigenden Reſultate zu gelangen. An einem kleinern Nebentiſche ſaßen ein paar junge Akademiker die an der lärmenden Unterhaltung, wie ſie am Haupttiſche geführt wurde, wenig Antheil zu nehmen ſchienen. Ihre Gedanken waren mit ganz andern Dingen beſchäftigt; ihre Augen blickten düſter, ihr Geſpräch wurde nur leiſe geführt. „Ich ſehe in die nächſte Zukunft ſehr finſter“, ge ſtund der Aeltere, Namens Benno;„was ſoll aus dieſen heilloſen Zuſtänden ſchließlich herauskommen? Für unſer deutſches Vaterland und für die Freiheit überhaupt wenigſtens nichts Gedeihliches. Betrachte allein dieſe Parteiungen im Reichstage, auf welchen wir anfangs ſo große Hoffnung gebaut hatten. Laſſen dieſe Slawen etwas Erſprießliches aufkommen? Im Gegentheil, ſie ſtemmen ſich mit aller Macht und Zähigkeit gegen jedes Deutſchthum und gehen lieber mit der Reaction, als daß ſie uns das geringſte Zugeſtändniß machten. Ihre Rationalität, ihr Streben nach Alleinherrſchaft in S Stolle Von Wien nach Vilagos. I. 114 reich gehen ihnen ſelbſt über die errungene Freiheit. Sind ſie nicht ſelbſt ſchon ſo weit gegangen, den Reichs⸗ tag nach einer ſlawiſchen Stadt der Monarchie zu ver⸗ legen? Was ſollen ferner dieſe Bauercohorten, die Graf Stadion aus Galizien herbeigetrieben hat, die nicht einmal deutſch verſtehen und nur als blinde Werk⸗ zeuge ihren Führern dienen in einer geſetzgebenden Ver⸗ ſammlung? Die Ausſi t auf ein Beſſerwerden und den Sieg des öſterreichiſchen Deutſchthums beruht allein noch auf den Ungarn; aber auch ſie befinden ſich der⸗ malen in nicht geringer Bedrängniß. Jellachich ſoll bereits bis Valenze vorgedrungen ſein und bedroht Buda Peſth.“ „Wenn man nur erſt darüber ins Klare kommen könnte“, verſetzte der Andere, welcher den Namen Arno führte,„ob es der Hof heimlich mit dem Banus hält und ob den miniſteriellen Behauptungen, daß dem nicht ſo, zu trauen ſei.“ „Nach dem jüngſten Empfange“, erwiderte Benno, „welcher der ungariſchen Deputation beim Hofe in Schönbrunn zu Theil geworden, iſt wohl kaum noch daran zu zweifeln, daß unſer Verdacht ein begründeter. Die Miniſter werden die Maske abwerfen, ſobald ſie die erforderliche Macht in den Händen zu haben glauben. Die deputirten Ungarn ſchienen ſich auch hierüber keine 115 Illuſionen zu machen und ſind mit ſehr feindſeligen Geſinnungen nach ihrer Hauptſtadt zurückgefahren. Sie hatten bei ihrer Abreiſe rothe Federn aufgeſteckt, was als eine ſehr bedenkliche Demonſtration zu betrachten. Auf der Aula“, fuhr er nach einer Pauſe fort,„wurde übrigens geſtern unverhohlen ausgeſprochen, daß Wien und die deutſche Partei entſchieden für Ungarn Partei nehmen müßten, als den einzigen zuverläſſigen Alliirten gegen die Uebergriffe der Slawen und der Camarilla.“ „Es ſoll ja ſogar von Republik die Rede geweſen ſein“, meinte der Andere. „Allerdings“, geſtand Benno,„ward dieſes Wort von einigen Hitzköpfen, wenn es nicht verkappte Schwarz- gelbe waren, ausgeſprochen, fand aber ſofort den ent⸗ ſchiedenſten Widerſpruch.„Nein“, fügte er hinzu„die Aula wie die Bevölkerung Wiens iſt dermalen noch gut kaiſerlich und wird es bleiben, ſobald nicht vom Hofe außerordentliche volksfeindliche Schritte geſchehen, die eine gegentheilige Geſinnung aufkommen laſſen.“ „Und Graf Bardy“, fragte Arno,„hat noch immer nichts von ſich hören laſſen?“ „Leider nicht“, war Benno's Antwort.„Die Befürch⸗ tung, daß er in das Lager der Camarilla übergegangen, gewinnt mehr und mehr an Beſtand. Er ſoll häufig im Palais der Gräfin Stephanie geſehen werden, wo die 8* 116 ſchöne Ottilie der Magnet iſt, der ihn gefangen hül „Es wäre ſchade um dieſe edle Kraft“, bemerkte Arno,„zumal er als Vermittler zwiſchen uns und ſeinen Landsleuten von großem Nutzen ſein könnte.“ „Ich hoffe noch immer“, ſprach Benno,„daß er ſich von den ſchönen Augen Ottiliens ſeinem Vater⸗ lande und der guten Sache nicht wird untreu machen laſſen.“ Während am großen Tiſche die deutſchkatholiſche Frage noch lebhaft verhandelt wurde und die beiden Akademiker ihre Hoffnungen und Befürchtungen in anderer Beziehung gegen einander austauſchten, entſtand plötlich auf der Straße ein auffälliges Hin⸗ und Herlaufen. Grup⸗ pen bildeten ſich um einzelne Redner, Zeitungsblätter wurden vertheilt und verleſen, und die Aufregung, die hierdurch entſtand zeigte an, daß es ſich um eine ſehr wichtige Neuigkeit handeln müſſe. Es währte auch nicht lange, ſo wurde die Thür aufgeriſſen und ein junger Nationalgardiſt ſtürzte herein, ebenfalls einen noch feuchten geitungsbogen in der Hand. „Verrath! Verrath!“ rief er in höchſter Auf⸗ regung. Wir ſind ſchmählich hintergangen von einer Regierung, der zu glauben wir bisher nur zu einfältig waren.“ Von allen Seiten um Auskunft beſtürmt, bedurfte 117 es einiger Zeit, ehe ſich der Gardiſt vollkommen verſtänd⸗ lich zu machen im Stande war. „Hier haben wir den Verrath Schwarz auf Weiß“, rief er endlich, das Zeitungsblatt, welches der in damaliger Zeit ſehr geleſene„Radicale“ war, in die Höhe haltend. „Ein ungariſches Streifcorps hat Jellachich's Feldpoſt auf⸗ gegriffen mit Briefen des Banus an den Kriegsminiſter, die über des letztern Verrath keinen Zweifel mehr übrig laſſen. Hier der„Radieale“ hat ſogar einige derſelben abgedruckt.“ „Vorleſen! Vorleſen!“ rief es von allen Seiten. „Was hab' ich immer geſagt“ ſchrie der Bäcker⸗ meiſter Breitkopf, erboſt auf den Tiſch ſchlagend,„der Latour betrügt uns!“ „Ruhe!“ rief man.„Die Briefe, die Briefe!“ Der Gardiſt ſprang auf einen Stuhl und las: „Hauptquartier Kibitty am Plattenſee, den 23. Sept. 1848. An Se. Exeellenz den kaiſerlich königlichen Kriegs⸗ miniſter und Generalfeldzeugmeiſter, Ritter des militäri⸗ ſchen Thereſien- und mehrerer andern Orden, wirklichen geheimen Rath und Kämmerer—“ „Fort mit den Titeln! Zur Sache!“ drängte die Verſammlung. Der Vorleſer ließ ſich aber nicht ſtören und fuhr fort: „— geheimen Rath und Kämmerer Theodor Grafen 118 Baillet von Latour. Excellenz! So ſehr ich für die hoch⸗ geneigte Sorge bezüglich der Zuwendung eines neuerlichen Geldverlags—“ „Hört, hört! Schändlich! Verrath!“ unterbrach man den Vorleſer von mehreren Seiten.„Ruhe! Weiter leſen!“ rief man andererſeits. „— Geldverlags Ew. Excellenz dankbar bin, ebenſo angelegentlich muß ich Ew. Excellenz wiederholt um die baldige Zuwendung eines hinreichenden Verlagsquantums für die Feldoperationskaſſe bitten. Ich befinde mich mit meinen Truppen—“ „Horden! Horden! Banden!“ verbeſſerten einige Stimmen. „— auf ungariſchem Gebiet, um für die allgemeine Sache Oeſterreichs zu handeln.“ „Für die Camarilla, elender Verräther!“ rief man dazwiſchen. Der Vorleſer las weiter:„Ohne mit blutendem Herzen kann ich dem theilweiſe ſchuldloſen Volke keine noch größere Laſt aufbürden, als ſie ohnehin der Durch⸗ marſch einer ſo bedeutenden Truppenanzahl mit ſich zieht; ohne dem nöthigen Gelde kann ich aber auch nicht einen Schritt weiter treten—“ „Der Menſch handelt ebenſo ſchlecht, als er ſchlecht ſchreibt“, bemerkte einer der Zuhörer. 119 „— da ich theilweiſe die gute Stimmung des Land⸗ volks ſowie die der Soldaten erhalten muß, was jedoch ohne Geld, ohne die pünktliche Zahlung der Verpfle⸗ gungsgebühren nicht möglich iſt. Ein Gelderforderungs⸗ aufſatz iſt mir diesmal unmöglich vorzulegen, da ich bei dem alle Tage ſich mehrenden Stande der Armee und dem noch nicht erfolgten Zuſammenſtoße mit den ſlawiſchen Truppencorps—“ „Verrath! Verrath!“ tönte es von neuem. „— einen ſolchen nicht genau angeben kann, hierauf ſich aber das Gelderforderniß allein ſtützt. Nach meiner Berechnung jedoch dürfte der reine Verpflegungsbedarf an Gelde für den Monat Oetober dieſes Jahrs we⸗ nigſtens auf zweimalhunderttauſend Gulden und jener für das Naturalverpflegungsgeſchäft auf viermalhundert⸗ tauſend Gulden, ſomit in Allem auf ſechsmalhundert⸗ tauſend Gulden ſich belaufen—“ „Empörend, empörend!“ rief man.„Während unſere Arbeiter verhungern, ſchickt man das Geld den Kroaten.“ Der Vorleſer fuhr fort: „— und ich erlaube mir Ew. Excellenz ergebenſt zu bitten, dieſe Summe mir längſtens bis erſten künftigen Monats zuverläſſig zu disponiren B „Doppelte Wachen an alle Thore“, ſchrien viele Stimmen;„kein Kreuzer darf hinaus!“ 120 „— indem ich bei den nunmehr beginnenden Ope⸗ rationen für die gute Sache Heſterreichs—“ „Gute Sache Oeſterreichs!“ tönte es hohnlachend. „— von dem k. k. Kriegsminiſterium auf jede Hülfe rechnen kann—“ „Schändlich, ſchändlich!“ „— zu rechnen berechtigt bin—“ „'s hört auf! Der Verräther ſpricht von Berech⸗ tigung!“ „— dann von Hochdemſelben um ſo weniger ver⸗ laſſen werden darf, als dies mitten im ungariſchen Lande von den ſchrecklichſten Folgen für dieſes Land, die Armee und die Geſammtmonarchie Oeſterreichs ſein würde.“ „Ich wünſchte, dieſer Rebell mit ſammt ſeinen Kroaten erſtickte im erſten beſten ungariſchen Sumpfe“, rief der Bäckermeiſter Breitkopf. Der Vorleſer ſchloß das verhängnißvolle Schreiben, welches die zweideutige Stellung des Miniſteriums und namentlich des Grafen Latour außer allem Zweifel ſetzte und welches darum die geſammte Zuhörerſchaft in die höchſte Aufregung verſetzt hatte, mit den Worten: „Sobald die Truppenvereinigung erfolgt, werde ich nicht ſäumen, den Erfordernißaufſatz ſogleich nachzu⸗ tragen. Jellachich m. p.“ Bei dem Namen Jellachich tönte ein allgemeines 121 „Nieder mit dem Verräther!“ und zugleich riefen andere Stimmen:„Und nieder mit ſeinen Helfershelfern, den verrätheriſchen Miniſtern!“ Der Vorleſer theilte jetzt noch einige andere Briefe Zellachich's an Latour mit, die gleichfalls für das geheime Einverſtändniß der beiden Machthaber Zeugniß ablegten. In dem einen ſagte unter Anderm der Banus von Kroatien:„Ich habe von Sr. Majeſtät dem Kaiſer ſeit meiner Ernennung einundzwanzig Handbillets erhalten, die ich leider nicht in der Lage war, zu befolgen. Ich muß für Se. Majeſtät handeln, wäre es auch wider deſſen Willen.“ Als der Vorleſer zu Ende gekommen war, hatte die Aufregung den höchſten Grad erreicht. Eine Stimme, welche in Erwägung ſtellte, ob die vernommenen Briefe auch echt oder vielleicht untergeſchoben ſeien, blieb völlig unbeachtet und es fehlte nicht viel, ſo wäre der Sprecher als Schwarzgelber inſultirt worden. Unter dem Rufe:„Auf nach dem Reichstage! Wir ſind begierig, wie ſich die Verräther herausreden werden“, verließ der größte Theil der Gäſte das Lokal und ſtürmte nach der Reitbahn, wo die Abgeord⸗ neten ſo eben in außerordentlicher Sitzung verſammelt waren. Die Tribünen füllten ſich zum Brechen, ſodaß Hun⸗ 122 derte von dem herbeiſtrömenden Volke keinen Platz finden konnten. Auch unter den Deputirten gab ſich wegen der auf⸗ gefangenen Briefe die höchſte Entrüſtung kund, namentlich unter den deutſchen Reichstagsmitgliedern, während die Slawen, welche in Jellachich einen Bundesgenoſſen ihrer ſlawiſchen Intereſſen erblickten, die Nachricht mit einer gewiſſen Befriedigung hinnahmen. Der Kriegsminiſter Latour, ob der Briefe interpellirt, erklärte daß er über ihm nicht zugekommene Zuſchriften keine Auskunft zu geben vermöchte. Da derſelbe bereits früher bei ſeiner Ehre betheuert hatte, mit dem Banus in keinerlei Verbindung zu ſtehen, ſo mußte man ſich einſt⸗ weilen mit der erhaltenen Erklärung zufrieden geben. Weit weniger war letzteres aber mit der deutſchen Be⸗ völkerung Wiens der Fall. Zehutes Kapitel. Ottilie ſaß am Fenſter mit feiner Stickerei beſchäftigt, während der Graf Imre Bardy zu ihren Füßen kniete und ſich die Zeit damit vertrieb, Gold⸗ und Silber⸗ perlen aufzufädeln und, ſobald eine Schnur fertig, dieſelbe der ſchönen Stickerin zu überreichen, die ſie mit dank⸗ barem und ſüßem Blicke in Empfang nahm. Der junge Mann war, ſeit er die junge Gräfin dem wüthenden Volkshaufen entriſſen, in heftigſter Leidenſchaft für die⸗ ſelbe entbrannt. Man ſah ihn ſeit jener Zeit faſt täglich im Hotel der Gräfin Stephanie, wo er ſowohl von der Tante wie von der Nichte die zuvorkommendſte und lieb⸗ reichſte Aufnahme fand. Zwei Hauptbeweggründe waren es, welche ſo überaus freundliche Aufnahme erklären ließen. Erſtens einfache Dankbarkeit und zweitens be⸗ rechnende Politik, da der Gräfin Stephanie Alles daran lag, den jungen, vermögenden und einflußreichen Sohn 124 Ungarns für das Intereſſe der im Geheimen ihre Pläne ſpinnenden Wiener Camarilla zu gewinnen. Graf Imre hatte, ſeit er die junge Gräfin kennen gelernt, für alles Andere das Intereſſe verloren. Vaterland und Freiheit, für die er ſo geſchwärmt, ließen ihn gleichgültig. Er fand ſeinen Himmel einzig und allein in Ottiliens wunder⸗ ſchönen Augen und ſein Ohr hing mit Entzücken an dem Wohllaut ihrer Stimme. Mit geheimem Wohlgefallen bemerkte die Gräfin Stephanie die wachſende Leidenſchaft des jungen Grafen für ihre Nichte und ſie beſchloß fofort den größtmögli⸗ chen Vortheil daraus zu ziehen. Vor allem galt es, den ſehr ſanguiniſchen Charakter des Grafen, von dem zu befürchten ſtand, daß die ſchnell auflodernde Flamme ebenſo ſchnell wieder verlöſchen könne, für die Dauer zu feſſeln. Mit Frauenklugheit er⸗ theilte daher Stephanie ihrer Nichte die nöthigen Verhal⸗ tungsregeln, um den erwünſchten Zweck zu erreichen. Bei Ottilien war das um ſo leichter, als ihr Herz, trotzdem daß es für ihren Retter mit Dank erfüllt war und trotz der liebenswürdigen Perſönlichkeit des jungen ſchönen Mannes, der jedem andern weiblichen Weſen gefährlich werden mußte, für denſelben doch ſehr ruhig ſchlug. Ihr Verhalten dem Grafen gegenüber war nicht ohne Be⸗ rechnung. Sie beobachtete ſehr genau die Linie, welche 125 * für den feurigen Liebhaber die Grenzen zog, die er nicht zu überſchreiten wagen durfte, feſſelte aber gerade hier⸗ durch denſelben nur um ſo ſtärker an ihre Perſon. Während aber die beiden jungen Leutchen in liebens⸗ würdiger Plauderei beiſammen ſaßen und Imre nichts unterließ, ſich ſeiner Herzenskönigin ſo angenehm wie möglich zu machen, wozu all die kleinen Aufmerkſam⸗ keiten gehörten, die unter ſolchen Verhältniſſen der Lie⸗ bende ſeiner Schönen zu erweiſen pflegt, hielt die Tante in einem der abgelegenen Nebengemächer mit dem Abbé Franconi geheimen Kabinetsrath. „Eh bien!“ begann der letztere nach längerer Pauſe,„wann wird der glückliche Zeitpunkt erſchienen ſein, die Gräfin Ottilie als glückliche Braut des Grafen Bardy begrüßen zu können?“ Stephanie ſchüttelte das Haupt. „So weit, verehrter Freund“, ſagte ſie,„ſind wir noch lange nicht. Glaubt ja nicht, daß ich Ottilie ſo leichten Kaufs hingebe, wie wünſchenswerth mir bei des Mädchens nicht eben glänzenden Vermögensverhältniſſen eine Verbindung mit dem Grafen immerhin wäre. Graf Imre muß unſerer Sache zuvor noch weit weſent⸗ lichere Dienſte leiſten, als das bisher geſchehen iſt, wozu allerdings auch die paſſende Gelegenheit bis jetzt geman⸗ gelt hat. Er muß überhaupt ganz der Unſere werden, 126 bevor von einem andern Verhältniß zwiſchen meiner Nichte und dem Grafen die Rede ſein kann.“ Der Abbeé ſchaute eine Zeit lang ſinnend vor ſich hin.„Dieſe Gelegenheit“, ſagte er,„dürfte ſich gefun⸗ den haben. Es iſt der Zeitpunkt gekommen, wo der Graf der Monarchie einen wahrhaft unſchätzbaren Dienſt leiſten kann.“ „Erklärt Euch deutlicher“, ſprach die Gräfin. „Ihr kennt die abſcheuliche Geſchichte mit den auf⸗ gefangenen Briefen des Banus“, fuhr Franconi fort, „wodurch unſer verehrter Latour auf das ſchändlichſte compromittirt worden iſt. Wenn ſich nun auch der Edle über die Schmähungen und Verwünſchungen des Pöbels leicht hinwegſetzt, muß er doch, um größere Aufregung zu vermeiden, Alles aufbieten, damit nicht der Verdacht, als ſtehe er mit Zellachich in Verbindung, neue Nahrung erhält. Davon und daß dem Kriegsminiſter für den Augenblick die Hände gebunden ſind, muß vor allem der Banus in Kenntniß geſetzt werden, damit er weiß, woran er iſt und woran es liegt, daß die verſprochenen Unterſtützungen namentlich an Geld noch nicht eingetro ffen ſind, wodurch ſeine militäriſchen Unternehmungen weſent⸗ lich gelähmt werden. Dieſen Brief nun, der über die neueſten hieſigen Zuſtände die nöthige Auskunft ertheilt, ſicher und wohlbehalten in die Hände des Bans gelangen 127 zu laſſen, dazu bedarf es einer ebenſo zuverläſſigen wie un⸗ verdächtigen Perſönlichkeit, und wo fände ſich dieſe beſſer als in dem jungen Grafen Bardhy! Er gilt den Ungarn als Patriot. Sollte er darum auch einem der herum⸗ ſtreifenden feindlichen Corps in die Hände fallen, ſo ſchützt ihn ſeine Stellung und ſein Renommié doch ſicher vor jeder Durchſuchung. Freilich, ſollte er das Malheur haben, daß man das vertrauliche Schreiben bei ihm fände, dann wäre es um ſeinen Kopf geſchehen. Doch wie geſagt, ich kann mir bei des Grafen Perſönlichkeit eine ſtrenge Durchſuchung nicht denken. Unſere Miniſter“, fuhr der Abbé fort,„namentlich Latour und Bach, ſind übrigens ihrer zweideutigen Stellung, zu welcher ſie bisher verdammt waren, von Herzen überdrüſſig. Die Aufgabe, dem Pöbel zu hofiren, ohne den Intereſſen ihres kaiſerlichen Herrn etwas zu vergeben, iſt ohnehin für einen öſterreichiſchen Staatsmann keine beneidens⸗ werthe Es bedarf noch eines Siegesberichts aus Italien, und wir werfen die läſtige Maske ab und ſprechen ein ernſtlich Wort mit den Herren Wienern. Der gegen⸗ wärtige, für jede Regierung unerträgliche Zuſtand muß ein Ende nehmen, oder die Anarchie ſiegt und wir gehen alle zu Grunde.“ „Ich werde Ottilie unterrichten“, ſprach die Gräfin Stephanie, nachdem ſie aufmerkſam zugehört hatte. 128 „Auch ich halte den Grafen Bardy für die betreffende Miſſion am geeignetſten; nur bezweifle ich, ob ſeine Liebe zu meiner Nichte ſo weit reicht, daß er zum offenen Verrath an ſeiner Nation ſich herbeiläßt.“ „Der junge Graf“, ſprach der Abbé,„braucht ja von dem Inhalte des Schreibens gar nichts zu erfahren. Der Brief kann an den erſten beſten kaiſerlichen Offizier im Jellachich'ſchen Corps adreſſirt ſein.“ „Jetzt weiß ich Rath“, ſprach aufſtehend die Gräfin. „Ottilie ſoll den Umſchlag des Schreibens an ihren Vetter Bernhard richten, der als Oberlieutenant bei den Palatin⸗ Huſaren ſteht und mit dem ſie als Jugendfreundin ſeit geraumer Zeit in Briefwechſel ſteht. Auf dieſe harmloſe Weiſe erhält der Graf nicht die geringſte Ahnung von dem wahren Inhalte des Schreibens.“ Ein auffälliges, unruhiges Hin und Herlaufen auf der Straße unterbrach die Unterredung. „Mein Gott“, ſagte die Gräfin an das Fenſter tretend,„was gibt es ſchon wieder? Die jetzigen Zeiten ſind in der That unerträglich. Das Volk kommt aus der Aufregung nicht mehr heraus.“ Sie gewahrte, wie ſich auf der Straße Gruppen bildeten die von großer Unruhe zeigten. Eine neue außerordentliche Rachricht mußte die Maſſen in Bewe⸗ gung ſetzen. 129 „Alles liebenswürdige Früchte der liebens würdigen Errungenſchaften und der noch liebenswürdigern Volks⸗ ſouveränetät“, ſagte der Abbe,„von der ich ohne ener⸗ giſches Einſchreiten der bewaffneten Macht kein Ende abſehe. Freilich hätte die Regierung beſſer gethan, wenn ſie gleich im Monat März oder doch bei der Revolte im Mai entſchieden eingeſchritten wäre. Durch das beſtändige Nachgeben iſt das Volk nur übermüthiger und ungeber⸗ diger geworden.“ Die Aufregung auf der Straße erreichte einen im⸗ mer höhern Grad; immer zahlreicher wurden die Gruppen, ſodaß ſich die Gräfin endlich veranlaßt fand, einen Diener hinabzuſenden, um ſich nach der Urſache der Unruhe zu erkundigen. In dieſem Augenblicke trat der Baron von Roſenberg, ein naher Verwandter der Gräfin, ins Zimmer. Sein Geſicht war bleich und in ſeiner ganzen Haltung zeigte ſich die höchſte Beſtürzung. „Um Gotteswillen, Baron“, rief erſchrocken die Gräfin,„was iſt geſchehen? Ihr Ausſehen läßt das Entſetzlichſte ahnen.“ „Solches hat ſich auch zugetragen“, war die Ant⸗ wort des Eingetretenen.„So eben läuft die Nachricht durch die Stadt, daß der kaiſerliche Geſandte Graf Lam⸗ berg auf der Peſther Brücke vom entmenſchten Pöbel ſchändlich ermordet worden iſt.“ Stolle, Von Wien nach Vilagos. 1. 9 130 Ein Schrei des Entſetzens entfuhr der Gräfin. Sie war erſtarrt vor Schrecken. Der Baron, der ſich ermattet auf einem Lehnſeſſel niedergelaſſen, fuhr fort:„Wenn nach dieſem haarſträubenden Attentat die Regierung nicht mit Kartätſchen dreinſchießt, iſt in Wien wie überhaupt in Oeſterreich kein anſtändiger Mann mehr ſeines Lebens ſicher.“ Man erſuchte den Baron um Näheres über die entſetzliche That. „Wie ich ſo eben im Miniſterium vernommen“, lautete deſſen Antwort,„wollte Graf Lamberg, der be⸗ kanntlich im Auftrag unſeres kaiſerlichen Herrn zwiſchen Ungarn und Jellachich vermitteln ſollte, von Ofen, wo er dem Gouverneur einen Beſuch abgeſtattet, über die Brücke nach Peſth fahren, als ein Haufe Böſewichte unter dem aufgeregten Volk die Lüge verbreitete, der Graf habe dem Commandanten von Ofen die Ordre ge⸗ bracht, bei der erſten Gelegenheit das revolutionäre Peſth in Grund und Boden zu ſchießen. So ward der unglück liche Lamberg, der in der wohlwollendſten und fried⸗ liebendſten Abſicht gekommen, ein Gegenſtand des Volks⸗ haſſes und Opfer der Volkswuth. Zu ſeinem Unglück ward er, der im einfachen Geſpann arglos dahinfuhr, nur zu bald erkannt.“ Während die Gräfin und der Abbi ihrem Abſcheu 131 ob der grauenvollen That den lebhafteſten Ausdruck gaben, fuhr der Baron fort: „Aber, Gott Lob, mit dieſem ſchändlichen Morde eines kaiſerlichen Geſandten iſt endlich auch die Geduld in unſern maßgebenden Kreiſen erſchöpft. Die Strafe wird nicht nur nicht ausbleiben, ſondern ſelbſt auf dem Fuße folgen. Nachdem Erzherzog Stephan dieſer Tage das revolutionäre Peſth verlaſſen, wird man mit Ungarn von nun an ein Wort im Ernſte ſprechen. Die Situation iſt jetzt geklärter. Die Karten, mit denen man bis jetzt verſteckt ſpielte, liegen offen. Jacta est alea! Mit Lam⸗ berg's Ermordung iſt die Gnade für Ungarn abge⸗ laufen.“ „Aber warum mußte zuvor noch ſolch ein unerſetz⸗ lich Opfer fallen?“ klagte die Gräfin. „Jede gute Sache will ihre Opfer“, gab der Baron zur Antwort.„Wollte Gott, es wäre das letzte!“ „Und Sie glauben wirklich“, erkundigte ſich Fran⸗ coni,„daß die Regierung jetzt endlich Ernſt zu machen gedenkt?“ „Ich glaube es nicht nur“ verſetzte der Baron, „ich weiß es ſogar und habe den Beweis in Händen. Durch die Gefälligkeit eines Kabinetsmitgliedes kam ich in den Beſitz eines Privatabzugs der morgen erſcheinenden Proclamation an die Ungarn.“ 9* 132 „Proclamation an die Ungarn?“ fragten verwundert Stephanie und der Abbe. „So iſt es“, fuhr der Baron fort;„die Sache ward bisher ſelbſt den ſonſt eingeweihteſten Kreiſen ver⸗ borgen gehalten.“ Mit dieſen Worten zog Roſenberg einen zuſammen⸗ geſchlagenen noch feuchten Druckbogen aus der Bruſt⸗ taſche. „Hier iſt das verhängnißvolle Document“, ſprach er,„das morgen der Welt offen und rückhaltslos erklären wird, wie das kaiſerliche Kabinet zu den Magharen ſteht.“ „O leſt, leſt!“ baten die Gräfin und der Abbé aus einem Munde, und der Baron las: „Wir, Ferdinand der Erſte, conſtitutioneller Kaiſer von Oeſterreich, König von Ungarn und Böhmen, dieſes Namens der Fünfte, König der Lombardei und Vene⸗ digs—“ „Et cetera, et cetera“, rief ungeduldig Stephanie. „Zur Sache!“ „— ollen Nachbarländern, Reichsbaronen, kirch⸗ lichen und weltlichen Würdenträgern, Magnaten und Re⸗ präſentanten Unſern Gruß und Unſer Wohlwollen. Zu Unſerm tiefen Schmerze und Entrüſtung hat ſich das Peſther Repräſentantenhaus durch Ludwig Koſſuth und ſeine Anhänger zu großen Ungeſetzlichkeiten verleiten 133 laſſen, ſogar mehrere ungeſetzliche Beſchlüſſe gegen Un⸗ ſern königlichen Willen zum Vollzuge gebracht. Unter dieſen Umſtänden ſehen Wir Uns, Unſerer königlichen Pflicht zur Aufrechthaltung der Sicherheit und der Ge⸗ ſetze gemäß, genöthigt, folgende Anordnungen zu treffen: Erſtens löſen Wir Unſern ungariſchen Reichstag auf, ſodaß derſelbe nach Veröffentlichung Unſeres gegenwär⸗ tigen Allerhöchſten Reſeripts alſogleich ſeine Sitzungen zu ſchließen hat. Zweitens. Alle von Uns nicht ſanctionirten Beſchlüſſe und Verordnungen des gegenwärtigen ungariſchen Reichs⸗ tags erklären wir für ungeſetzlich, ungültig und ohne alle Kraft.“ „Bravo!“ rief die Gräfin. Roſenberg fuhr fort:„Jetzt aufgepaßt! Drittens unterordnen Wir dem Befehle Unſeres Ba⸗ nus von Kroatien, Slawonien und Dalmatien, Feld⸗ marſchalllieutenants Baron Joſeph Jellachich hiermit alle in Ungarn und ſeinen Nebenländern ſtehenden Truppen, von welcher Gattung ſie immerhin ſeien, gleichviel, ob aus Nationalgarden oder Freiwilligen beſtehend.“ „Hurrah!“ klatſchte die Gräfin in die Hände. „Viertens. Bis dahin, wo der geſtörte Friede und Ordnung im Lande wiederhergeſtellt ſind, wird das Königreich Ungarn den Kriegsgeſetzen unterworfen, daher 134 von den betreffenden Behörden die Abhaltung von Co⸗ mitats- und andern Verſammlungen bis auf Weiteres einzuſtellen iſt. Fünftens. Unſer Banus von Kroatien, Slawonien und Dalmatien, Baron Joſeph Zellachich wird hiermit als bevollmächtigter Commiſſar Unſerer königlichen Ma⸗ jeſtät abgeſendet und ertheilen wir ihm die volle Macht und Wirkſamkeit, damit er im Kreiſe der vollziehenden Gewalt die Befugniſſe ausübe, mit welchen er in gegen⸗ wärtigen außerordentlichen Umſtänden als Stellvertreter Unſerer königlichen Majeſtät bekleidet iſt. Infolge dieſer Unſerer Allerhöchſten Bevollmächtigung erklären Wir, daß alles dasjenige, was der Banus von Kroatien verordnen und beſchließen wird, als mit Unſerer Aller⸗ höchſten königlichen Macht verordnet, verfügt, beſchloſſen und befohlen anzuſehen iſt, daher wir auch allen kirch⸗ lichen, Civil- und Militärbehörden, Beamten, Würden⸗ trägern und Bewohnern weß immer Standes und Ranges Unſeres Königreichs Ungarn, Siebenbürgen und aller Rachbarländer hiermit Allergnädigſt befehlen, daß ſie den durch Baron Jellachich als Unſern bevollmäch⸗ tigten königlichen Commiſſar unterſchriebenen Befehlen in Allem ebenſo nachkommen und gehorchen, als fie Unſerer königlichen Majeſtät zu gehorchen verpflichtet find „Ich übergehe“, ſagte der Baron,„in dieſem Ma⸗ 135 nifeſt das weniger Weſentliche und ſchließe mit dem: „Gegeben zu Schönbrunn, den 3. October 1848. Fer⸗ dinand'“, und bemerke nur noch, daß dieſes außerordent⸗ liche Document von Adam Reeſeh als neuernanntem ungariſchen Miniſterpräſidenten unterzeichnet iſt.“ „Reeſeh ungariſcher Premier?“ rief erſtaunt Ste⸗ phanie.„Aber iſt der Mann nicht zu alt? Indeß wird er ſeine Sachen immer beſſer machen als die Herren Koſſuth und Compagnie.“ „Ich hoffe es auch“, ſprach der Baron. Die Gräfin, welche ihre Freude nur ſchwer zu bemeiſtern vermochte, ging, ſich vergnügt die Hände reibend, im Zimmer auf und ab. Sie verwunderte ſich daher, als ſie bemerkte, daß der Abbé ihr Vergnügen nicht im gleichen Grade theile. „Warum ſo nachdenklich, Freund?“ fragte ſie. „Stehen wir jetzt nicht am Ziele längſt erſehnter Wünſche?“ „Am Ziele ſelbſt wohl noch nicht“, gab der Ge⸗ fragte zur Antwort,„nur einen Schritt näher demſelben. Auch ich danke dem Himmel, daß es endlich dahin ge⸗ kommen iſt. Gleichwohl wollen wir noch nicht zu früh jubeln.“ „Bah“, lachte die Gräfin,„laßt es auch zu einer Revolte kommen, die ſchlagen wir nieder. Die Armee iſt gut.“ 136 „Wenn es bei einer Revolte bleibt, ja, aber nach dem vernommenen Manifeſte fürchte ich—“ „Nun?“ fragte die Gräfin. „Die Revolution!“ war die verhängnißvolle Antwort. Eine längere Pauſe trat ein. Das ſehr markirt ausgeſprochene Wort Revolution war allerdings geeignet, Nachdenken hervorzurufen. Endlich unterbrach der Baron das Schweigen. „Dem ſei, wie ihm wolle, wir haben ausgeſpielt und können nicht mehr zurück. Indeß lebe auch ich der frohen Hoffnung, daß die Würfel, wie blutig ſie immerhin rollen mögen, endlich zu unſern Gunſten fallen.“ Die beiden Männer verabſchiedeten ſich, und Stephanie eilte, ihre Nichte von den neuen außerordentlichen Nach⸗ richten in Kenntniß zu ſetzen. Elftes Kapitel. Der Abbt hatte nur zu wahr prophezeit. Die kaiſer⸗ liche Proclamation war eine in ein Pulverfaß geworfene Petarde. Die von dem Miniſterium zeither getriebene verdeckte Politik lag offen zu Tage. Jede Täuſchung mußte aufhören. Die Auflöſung des ungariſchen Reichs. tags und die Ernennung eines Soldatenführers, der bis⸗ her als Rebell gegolten, zum kaiſerlichen Alterego, worin man inſtinktmäßig einen offenen Schlag gegen die con⸗ ſtitutionelle Freiheit überhaupt erkannte, brachte das re⸗ volutionäre Meer zum Sieden, und der 6. October ſollte der Tag ſein, an welchem es alle Dämme durchbrach und die Ufer überſchritt. Um dem kaiſerlichen Manifeſte auch ſofort die That folgen zu laſſen, hatte das Miniſterium beſchloſſen, Trup⸗ pen zur Unterſtützung Jellachich's nach Ungarn zu ſenden. Es waren die Grenadierbataillone Heß und Richter, 138 welche Befehl zum Abmarſch erhielten. Dieſe Bataillone beſtanden aus lauter Deutſchen und lagen vierzehn Jahre in Wien in Garniſon. Bei Publication des Marſchbe⸗ fehls gab ſich bei ihnen ſofort der lauteſte Unwille kund. Gegen Abend brach der Tumult in der Kaſerne ſelbſt aus. Viele Soldaten entfernten ſich, andere gaben ihren Un⸗ willen durch Zertrümmerung von Mobilien zu erkennen. Infolge davon verſammelten ſich bald zahlreiche Volks maſſen. Die Alarmtrommel der Nationalgarde ertönte in den angrenzenden Vorſtädten Gumpendorf, Gaudenz⸗ dorf und Wieden. Die Garden traten ins Gewehr, faßten Poſto bei den aufrühreriſchen Kaſernen und frater⸗ niſirten mit den Soldaten. Eine Petition um Rücknahme des Marſchbefehls ward verbreitet und fand zahlreiche Unterſchriften. Das geſchah während der Nacht. Nichts⸗ deſtoweniger mußten die Truppen früh ſechs Uhr aus⸗ rücken und nach dem Nordbahnhofe marſchiren, um von da nach Ungarn zu gehen. Dieſer Ausmarſch erfolgte in höchſter Unordnung unter lauten Verwünſchungen, namentlich gegen den Kriegsminiſter Latour. Ein Theil der Nationalgarden gab aus Syhmpathie den Truppen das Geleit, während ein anderer vorauseilte und den Nord⸗ bahnhof beſetzte Hier riß das Volk die Schienen auf und ſuchte jede Communication zu verhindern, bis die Petition ihre Erledigung gefunden haben würde. Man gab ſich 139 noch immer der Hoffnung hin, der Kriegsminiſter werde ſich angeſichts der allgemeinen Aufregung bewegen laſſen, den Marſchbefehl zurückzunehmen. Als die Grenadiere beim Bahnhof anlangten, mengte ſich eine Abtheilung derſelben unter das Volk und die Nationalgarde, während die andern dem Befehle, zur nächſten Station vorzurücken, Gehorſam leiſteten. Auf dieſem Wege muß die große Donaubrücke am Tabor, welche nur eine geringe Strecke vom Bahnhofe entfernt liegt, überſchritten werden. Aber auch dahin waren Nationalgarden vorausgeeilt und hielten den Uebergang beſetzt. Der Miniſter Latour, von dem Widerſtande des Volkes in Kenntniß geſetzt, war weit davon entfernt, ſich durch Bitten erweichen oder durch Drohungen ein⸗ ſchüchtern zu laſſen. Er beorderte jetzt ein Bataillon des rutheniſchen Regiments Naſſau mit drei Geſchützen nebſt einer Abtheilung Cavallerie und Pionnieren, letztere zur Herſtellung der Brücke. Unterdeſſen vermehrten ſich die Deputationen, welche das Kriegsminiſterium völlig belagerten; eine eilte ſogar nach Schönbrunn zum Kaiſer. Volksredner traten auf und hielten an Offiziere und Soldaten theils aufregende, theils begütigende Anreden. Beſonders bemühten ſich Mitglieder der akademiſchen Legion Einfluß auf die Sol⸗ daten zu gewinnen und das freundliche Verhältniß der⸗ 140 ſelben zu dem Volke zu befeſtigen. Schon gab man ſich der erfreulichen Hoffnung hin, daß ſich Alles noch fried⸗ lich geſtalten werde, als ein Reiter hoch zu Roß daher⸗ geſprengt kam. Es war der Graf Breda. Er war ein Unglücksbote, denn er brachte den Befehl zum Feuern. Gleich nach ſeiner Ankunft wurden die Kanonen abge⸗ protzt. Sowie dieſe gefahrdrohende Maßregel von der umwogenden Volksmenge wahrgenommen wurde, ſtürzte ſie ſich auf die Geſchütze. Im Augenblicke war eins der⸗ ſelben genommen und die Bemannung entwaffnet. Das zweite gelangte zum Feuern. Die glühende Mündung ſpie Tod und Verderben, aber auch dieſer Feuerſchlund ward genommen, ſowie der dritte, welcher in das Waſſer geworfen wurde. Auf das Commando„Feuer!“ ſchoſſen jetzt auch das rutheniſche Bataillon und die Pionniere auf das Volk und die Grenadiere. Dieſe erwiderten das Feuer und ſo entſpann ſich der allgemeine Kampf. Indeſſen waren auch Abtheilungen der akademiſchen Legion herbeigeeilt, welche, gut poſtirt auf dem Damme, ein wohlgenährtes Pelotonfeuer unterhielten. Faſt eine Stunge lang währte das Gefecht, das endlich mit dem Zurückweichen des Militärs, nachdem daſſelbe ſehr große Verluſte erlitten, endete. Es gab zahlreiche Todte und Verwundete. Auch Graf Breda befand ſich unter den Gefallenen. Die Kugel eines Legionärs traf ihn mitten 141 durch den Hals, kurz nachdem ſeinem Munde das ver⸗ hängnißvolle Commando„Feuer!“ entflohen war. Die Sieger zogen im Triumphe nach der Stadt. Voran wurden Hut und Degen des gebliebenen Grafen getragen. Es folgten die genommenen Kanonen, von Nationalgarden und Arbeitern gezogen. Man brachte ſie als Trophäen nach der Aula. Kaum hatte ſich die Nachricht von dem Kampfe in den Vorſtädten verbreitet, als es in Gaſſen und auf freien Plätzen wie ein Weltmeer zu wogen begann. Die Alarmtrommel der Nationalgarde wirbelte. Namentlich waren es die Garden der Vorſtadt Wieden, welche ſich der Bewegung anſchloſſen und auf dem kürzeſten Wege nach der Stadt eilten. Kaum aber hatten ſie den Aus⸗ gang der Kärntnerſtraße erreicht und waren im Begriff, den Stephansplatz zu überſchreiten, als ſie von einer mörderiſchen Salve der hier poſtirten Garden des Wiener- und Kärntnerviertels begrüßt wurden Dieſe Gar⸗ den, welche längſt als ſchwarzgelb bekannt waren, hatten ſich bei der Stephanskirche aufgeſtellt, um das Sturm⸗ läuten zu verhindern. Die durch dieſen völlig unerwar⸗ teten Angriff im erſten Augenblick erſchreckten Wiedner prallten auseinander, ſammelten ſich aber ſofort wieder. Wuthgeſchrei erfüllte die Luft und rachedurſtig warf man ſich auf die ſchwarzgelben Compagnien. Letztere 142 retirirten in die Stephanskirche und in das daneben be⸗ findliche Alumnatgebäude. Die Wiedner drangen nach und jetzt entſpann ſich der entſetzlichſte Kampf, Bürger gegen Bürger, ſich einander mordend im Hauſe des Herrn. Altäre wurden mit Blut überſtrömt, ein Prieſter fand ſeinen Tod in einem Beichtſtuhl. Der Führer der Schwarzgelben ſank an den Stufen des Hochaltars tödt- lich getroffen nieder. Als die Kunde von dieſem Kampfe in der Stadt bekannt wurde, gab ſich ein allgemeines Entſetzen kund. Abermals eilte Deputation an Deputation nach dem Kriegsgebäude, wo die Miniſter verſammelt waren. Ein⸗ flußreiche Perſönlichkeiten drängten ſich durch die Maſſen, um ihre gewichtigen Worte bei den Miniſtern geltend zu machen. Sie wurden entweder nicht vorgelaſſen oder theils kühl, theils hart abgewieſen. Das einzige Lebens⸗ zeichen, welches der Miniſterrath von ſich gab, beſtand in zwei Proclamationen, welche alſo lauteten: „An die Bewohner Wiens! Bei dem für heute früh angeordneten Ab⸗ marſche eines Theils der hieſigen Garniſon haben ſich bei einem Theile dieſer Truppen meuteriſche Be⸗ wegungen kund gegeben, welche von einem Theile der Nationalgarde, untermiſcht mit einem Pöbelhaufen, unterſtützt wurden. Ohne daß bis zu dieſem Augen⸗ 143 blicke noch die erſte Veranlaſſung bekannt iſt, wurde von den Waffen Gebrauch gemacht. Um dem Conflict zwiſchen den Truppen Einhalt zu thun, wurden ſo⸗ gleich die geeignetſten Maßregeln getroffen, und es ergeht zugleich an alle ordnungsliebenden Bewohner Wiens, an alle Corps der Nationalgarde die Auffor⸗ derung, dieſe Maßregeln, welche nur die Verhinderung jedes weitern Conflicts, die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit bezwecken, auf das kräftigſte zu unterſtügen. Zugleich werden alle friedliebenden Bewohner Wiens ermahnt, ſich ſoviel als möglich von allen Aufläufen auf offener Straße zurückzuhalten, um nicht unnöthigerweiſe die Aufregung zu vermehren. Wien, den 6. Hetober 1848. Der Miniſterrath.“ Die zweite Proclamation an die Nationalgarde ſprach ſich alſo aus: „Nationalgarde! Das Miniſterium hat mit dem ſchmerzlichſten Bedauern vernommen, daß Nationalgarden gegen Na⸗ tionalgarden, daß Bürger gegen Bürger im Kampfe ſtehen, ohne daß hierzu auch nur der geringſte Grund vorhanden iſt. Aus einem ſolchen Kampfe kann nur Anarchie hervorgehen. Das Miniſterium iſt daher entſchloſſen, die Ruhe, Ordnung und geſetzliche Frei⸗ heit aufrecht zu erhalten und fordert diejenigen Garden, 144 die das Miniſterium in ſeinen Beſtrebungen unterftützen wollen, auf, ſich gegenſeitig durch weiße Binden kennt⸗ lich zu machen. Wien, den 6. October 1848. Der Miniſterrath.“ Anſtatt aber zugleich beruhigende Maßregeln zu ergreifen und Alles zu vermeiden, wodurch neue Aufre⸗ gung und neuer Zuſammenſtoß hervorgerufen werden konnte, ertheilte der Kriegsminiſter den Befehl, immer mehr Truppen nach der Stadt zu ziehen. Das Volk erblickte hierin die feindlichſten Abſichten, und ſo kam es an den unterſchiedlichſten Orten wieder zum Kampfe. Man ſchlug ſich auf dem Graben, in der Spiegelgaſſe, auf dem Hof, am Minoritenplatze und zwar mit einer Tapferkeit und Todesverachtung, die ſelbſt alte gediente Militärs in Erſtaunen ſetzte. Das Volk ſtürzte ſich auf die Tod und Verderben ſpeienden Mündungen der Ge⸗ ſchütze mit ſolcher Unwiderſtehlichkeit, daß es überall als Sieger hervorging und die Kanonen genommen wurden. Weder der Wald von Bajonetten noch das ununter⸗ brochene Rollen des Kleingewehrfeuers waren im Stande, die Angreifenden zurückzuſchrecken. Ununterbrochenes Sturmläuten tönte von allen Thürmen. Dazu das wilde Geſchrei der Angreifenden, das Wehklagen der Verwundeten, welche ſich mühſam weiterſchleppten. Zahlreiche Todte wurden über die Straßen getragen. 145 Am heftigſten und am längſten tobte der Kampf am Hof vor dem Kriegsgebäude. Das erbitterte Volk wollte ſich durchaus deſſelben bemächtigen, um des all⸗ gemein gehaßten Kriegsminiſters, den man als Haupt⸗ urheber des Blutbades betrachtete, habhaft zu werden. Lange Zeit ſtürmte man vergeblich. Endlich ward der Eingang erzwungen. Kaum ward das Ereigniß in dem verſammelten Reichstage bekannt, als man ſofort eine Deputation zum Schutze des Kriegsminiſters abſandte. Latour befand ſich bisher umgeben von einem großen Generalſtabe. Als die Deputirten anlangten, fanden ſie ihn in einem der obern Gemächer des Gebäudes. In der vollſten Ueberzeugung, daß ſein Leben aufs äußerſte bedroht ſei, gaben ſie ſich alle nur mögliche Mühe, den gehaßten Mann in Sicherheit zu bringen. Es war ihnen auch gelungen, eine Anzahl Nationalgarden um ihn zu verſammeln. Als man aber mit Latour aus dem Treppenportale trat, erhob ſich ein fürchterliches, haar⸗ ſträubendes Wuthgebrüll.„Hängen muß er, hängen!“ ſchrie es von allen Seiten. Ueberall erhoben ſich von nervigen Fäuſten geführte Waffen, darunter zahlreiche zugeſpitzte Eiſenſtangen. Rings herum nichts als blut⸗ gierige, fanatiſche Geſtalten. Ein kräftiger, wild aus⸗ ſehender Menſch in einem weißen Linnenkittel, ebenfalls mit einer Eiſenſtange bewaffnet, befand ſich in ſo furcht⸗ Stolle, Von Wien nach Vilagos. I. 10 „ 146 barer Aufregung, daß jede ſeiner Fibern zitterte und das Weiße in ſeinem Auge blutroth unterlaufen war, was bei der Todtenbläſſe ſeines Antlitzes einen gräßlichen Anblick darbot. Indeß verwirrte ſich der Menſchenknäuel immer dichter. Erdrückend ſchoben ſich die Maſſen zuſammen. Latour, von den Deputirten begleitet, drängte ſich trotzig durchs Gewühl. Da hoben ſich von mehreren Seiten die toddrohenden Hämmer. Die Deputirten flehten und gaben ſich alle nur erdenkliche Mühe, das Volk zu be⸗ ruhigen und zurückzuhalten. Eine Stimme rief:„Wer für ihn iſt, iſt ebenſo ein Schuft wie er!“ Näher und dichter drängte das Volk. Die Deputirten geriethen endlich ſelbſt in augenſcheinliche Lebensgefahr. Keine ihrer Bitten, keins ihrer Worte wurde mehr beachtet. Sie verhallten unter dem Wuth⸗ gebrüll der Menge. Da erhob ſich endlich ein Hammer in nächſter Nähe des dem Tode beſtimmten Opfers. Der erſte Streich erfolgte. Er traf aber des Deputirten Fiſchhof Arm und glitt wirkungslos ab. Raſch aber er⸗ folgte ein zweiter und traf des Kriegsminiſters Hinter⸗ haupt. Noch war der Unglückliche nicht bedeutend ver⸗ letzt und trat einen Schritt vorwärts. Da durchbohrte ihn eine der erwähnten Eiſenſtangen und das Opfer der Volkswuth ſank. Fiſchhof kniete nieder und nahm das 147 blutende Haupt des Sterbenden in ſeinen Schooß. Auch dieſe letzte Hülfe ward gewaltſam weggedrängt und Latour endete ſchnell unter den jetzt immer zahlreicher fallenden Streichen. Kaum lag der Leichnam am Boden, ſo ſchrie es von neuem:„Hängen muß er, an die La⸗ terne mit ihm!“ Dieſer Ruf ward theilweiſe in Aus⸗ führung gebracht. Man ſchleppte den Todten aus dem Hofraume und knüpfte ihn an ein Fenſterkreuz des Kriegs⸗ gebäudes. Die entmenſchte Maſſe, die ihre Rache und blutige Schauluſt hiermit noch nicht befriedigt fühlte, rief in einem fort:„An die Laterne, an die Laterne!“ Da ſchnallte ein Mann ſeinen weißen Ledergurt ab; eine Leiter ward herbeigeſchafft und alsbald hing der Leichnam des Ermordeten an dem dreiarmigen Gascandelaber vor dem Kriegsgebäude. Die Laternen waren bereits ange⸗ zündet und die ſtrahlenden Gasflammen beleuchteten ſchauerlich die entſetzliche Scene. Bald flammten auch einzelne rothe Fackeln auf. Unter wildem Fluchen und Toben umwogte die rohe Maſſe den Todten. Gleichſam als habe man ſeine Rache noch nicht genug befriedigt, hieb und ſtach man nach der Leiche. Sogar einzelne Schüſſe wurden darauf abgefeuert, ſodaß die zerfetzte Kleidung alsbald nur noch in einigen Lumpen herabhing. Endlich wurde ein weißes Tuch herbeigeſchafft und dem Leichnam umgehängt. In dieſer geſpenſterhaften Um⸗ 10* 148 hüllung verblieb er bis gegen Tagesanbruch. Wem fielen aber ob dieſer unmenſchlichen Scenen nicht unwill- kürlich die Worte des Dichters ein: Gefährlich iſt's, den Leu zu wecken, Verderblich iſt des Tigers Zahn, Jedoch der ſchrecklichſte der Schrecken, Das iſt der Menſch in ſeinem Wahn. zwölftes Kapitel. Die Nacht vom 6. zum 7. October war eine der ſchreckenvollſten, die Wien je erlebte. Das Polk hatte das Zeughaus erſtürmt und ſich der daſelbſt aufgehäuften Waffen bemächtigt. Die abenteuerlichſten Armaturen kamen bei dieſer Gelegenheit zum Vorſchein. Männer aus dem Volke gingen in Helm und Harniſch, Schwerter aus dem Mittelalter an der Seite. Ein Nebengebäude des Zeughauſes war in Brand gerathen. Blutroth lohten die Flammen zum Nachthimmel. Ununterbrochen wurde die ganze Nacht in den Straßen gearbeitet, das Pflaſter aufgeriſſen und Barrikaden gebaut. Vom Ste⸗ vhansthurm ſtiegen von Zeit zu Zeit Raketen auf, die Nationalgarden und das Landvolk der Umgegend zur Unterſtützung herbeizurufen. Zufällig trafen die beiden Akademiker Benno und Arno, deren Bekanntſchaft wir bereits in einem der 15⁰ frühern Kapitel gemacht haben, in der Nähe des Zeug⸗ hauſes auf einander. Beide waren Söhne geachteter Wiener Familien. Beide hatten ſich gleich anfangs mit jugendlicher Begeiſterung der Bewegung angeſchloſſen. nur mit dem Unterſchiede, daß Arno alle revolutionären Erſcheinungen vom idealen Standpunkte erfaßte, während der einige Jahre ältere Benno auch die Schattenſeiten der damaligen Zeit nicht unbeachtet ließ. Auch diesmal wieder befand ſich Arno in großer Aufregung. „So eben“, ſprach er,„komme ich aus dem Stu⸗ dentencomité, wo eine Adreſſe an den Reichstag be⸗ ſchloſſen wurde, in welcher Rücknahme des volksfeind⸗ lichen Manifeſtes gegen Ungarn, ein Miniſterium Ba⸗ roſch⸗Löhner und eine volksfreundliche Garniſon als die einzigen Möglichkeiten bezeichnet werden, die Ruhe herzuſtellen. Auch bin ich vollkommen überzeugt, daß letztere ſofort eintreten und alles Geſchehene vergeſſen ſein wird, ſobald die Petition beim Reichstage Anklang und am Hofe Gewährung findet.“ Benno, deſſen Blicke düſter auf den Feuerſchein ge⸗ richtet waren, der hinter dem Zeughausgebäude hervor⸗ leuchtete, erwiderte:„Ich ſehe aus dieſen Flammen ſo⸗ bald keine Verſöhnung hervorgehen; im Gegentheil. Das Blut Latour's und Lamberg's iſt eine gar zu böſe Saat, die unſerer jungen Freiheit nun und nimmer zum 151 Segen gereichen kann. Es ſind zu häßliche Schandflecken, und ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn ſie nicht geſchehen wären.“ „Aber hat Latour“, gegenredete der Andere,„durch ſeine Halsſtarrigkeit nicht ſein Unglück ſelbſt verſchuldet?“ „Mag ſein“, verſetzte Benno,„aber ſolch Blut bringt einmal keinen Segen, wie die Erfahrung hinrei⸗ chend gelehrt hat. Kennſt Du übrigens ſchon die erſte verhängnißvolle Folge dieſes Mordes?“ „Nein. Welche wäre dies?“ „Die geſammte czechiſche Rechte“, lautete die inhalt⸗ ſchwere Antwort,„hat ihr Wort gebrochen und iſt aus dem Reichstage ausgetreten.“ Arno trat beſtürzt einen Schritt zurück. Doch faßte er ſich bald.„Wohlan“, ſprach er,„ſo haben wir jetzt einen um ſo deutſchern Reichstag, die Czechen waren ohnehin unſern Beſtrebungen ſtets im Wege. Doch“, fuhr er fort,„daß ich etwas Hauptſächliches nicht ver⸗ geſſe. Ein glücklicher Zufall ließ mich Dich finden. Biſt Du jetzt dienſtfrei?“ „Ich habe Urlaub bis morgen Mittag.“ „Das paßt ſich trefflich, Du mußt mir und un⸗ ſerer guten Sache einen Dienſt leiſten.“ „Gern, ſo er in meinen Kräften ſteht.“ „Ich bin“, erzählte nun Arno,„von meinem. Seetionschef beauftragt, eine junge Dame aus Ungarn, die wichtige Depeſchen des dortigen Miniſteriums an hieſige einflußreiche Perſönlichkeiten bei ſich führt und die Schwechat glücklich erreicht hat, von da nach der Haupt⸗ ſtadt zu geleiten. Der größern Sicherheit wegen ſoll ich unter meinen Freunden einen Begleiter ausſuchen, und welche beſſere Wahl könnte ich da treffen als Dich, zu⸗ mal Du auch des Ungariſchen nicht unkundig biſt.“ Venno mußte lächeln. „Das iſt ja eine recht romantiſch⸗patriotiſche Expe⸗ dition! Iſt Dir ſonſt Näheres über die Patriotin be⸗ kannt?“ „Es ſoll eine Gräfin Bardy ſein.“ „Bardy?“ fragte Benno verwundert.„Vielleicht gar eine Schweſter des Grafen Imre?“ „Es wäre nicht unmöglich“, erwiderte Arno;„ſollte es der Fall ſein, ſo wird ſie ſich nicht wenig wundern, wenn ſie erfährt, daß der Bruder ins feindliche Lager übergegangen iſt.“ „Wie mir ein Bekannter geſtern erzählte“, ſprach Benno,„ſoll Imre ſeit einigen Tagen vermißt werden. Weder im Hotel der Gräfin Stephanie, wo er doch täglicher Gaſt war, noch ſonſt an einem der Orte, die er zu beſuchen pflegte, iſt er geſehen worden. Man glaubt, ſein Vater, der alte Ariſtokrat, habe ihn zurückgerufen, 153 weil er befürchtet, der Sohn möchte ſich zu tief in die Revolution verwickeln.“ „Hoffentlich“, meinte Arno,„bleibt dafür die Schweſter, ſo wir in der Perſon nicht irren, dem Vater⸗ lande um ſo treuer. Wenigſtens ſpricht ihr zeitheriges Verhalten ſehr für eine ſehr ausgezeichnete Patriotin. Sie ſoll für die gute Sache eine Opferfreudigkeit be⸗ ſiten und dabei zugleich mit einer Klugheit zu Werke gehen, wie man nur ſelten bei einer ſo jungen Dame zu finden gewohnt iſt. Sie hat der ungariſchen Regie⸗ rung durch Beförderung geheimer wichtiger Depeſchen ſchon ſehr weſentliche Dienſte geleiſtet. In den verſchie⸗ denſten Verkleidungen hat ſie ſich mitten durch die vom Feinde beſetzten Landſchaften gewagt, ohne daß letzterer die geringſte Ahnung von der geheimen Botſchafterin gehabt. Etelka, das iſt ihr Name, ſcheut trotz ihres zar⸗ ten Körpers keine Strapazen. In Sturm und Regen, über gefrorene Ströme und über wildes Gebirg erfüllt ſie ihren patriotiſchen Beruf und ruht und raſtet nicht, bevor ſie die Miſſion zur Zufriedenheit ihrer Auftrag⸗ geber erfüllt hat. Namentlich ſoll ihre letzte Wanderung durch zahlreiche ſlawiſche Heeresabtheilungen mit Müh⸗ ſeligkeiten und Gefahren aller Art verbunden geweſen ſein.“ „Und dieſe rarissima avis ſollen wir nach der Stadt geleiten?“ fragte Benno. 154 „Nicht dieſes allein“, verſetzte Arno,„auch für ein ſicheres Unterkommen ſorgen, wo die Gräfin eine Zeit lang völlig unerkannt ſich aufhalten kann.“ Benno ſann nach, dann ſagte er:„Da würde ich für die Familie Straſſer ſtimmen. Das iſt eins der geachtetſten und am patriotiſchſten geſinnten Bürgerhäuſer, dazu etwas abſeits in der Vorſtadt gelegen. Mutter und Tochter ſind gebildet und liebreich, Sie würden ge⸗ wiß Alles aufbieten, ihrem Gaſte den Aufenthalt ſo an⸗ genehm wie möglich zu machen.“ „Ich habe auch an Straſſers gedacht“, verſetzte Arno,„und freue mich, hier mit Dir vollkommen über⸗ einzuſtimmen. Doch beeilen wir uns, ein Fuhrwerk auf⸗ zutreiben. Die Zeit iſt koſtbar.“ Benno bemerkte lächelnd:„Wenn übrigens das Fräulein ebenſo ſchön, als es patriotiſch geſinnt iſt, kön⸗ nen wir unſre Herzen nur in Acht nehmen.“ „Wo es der Freiheit gilt und dem Vaterlande“, entgeg⸗ nete ernſt der Andere,„läßt mich Frauenſchöne ſehr ruhig.“ Es ward den beiden Akademikern indeß nicht ſo leicht, ein Geſchirr aufzufinden. Da zahlreiche Droſchken vom Volke zum Barrikadenbau verwendet worden waren, hatten es viele der Herren Droſchkenbeſitzer für rathſam erachtet, ihr auf dieſe Art bedrohtes Fuhrwerk in Sicher⸗ heit zu bringen. 155⁵ Auch das Fortkommen ſelbſt, nachdem man nach langem Suchen für ſchweres Geld einen Zweiſpänner aufgetrieben, hatte ſeine große Schwierigkeit. Der Wagen mußte durch endloſe Gaſſen große Umwege machen, ehe er das Freie erreichte. Das Paſſiren der unterſchiedlichen Thore, Brücken und Barrieren, die alle vom Volke beſetzt waren, verurſachte weniger Aufenthalt, da Benno und Arno, als Akademiker erkannt, überall mit Jubel begrüßt wurden. Halb Wien befand ſich noch auf den Füßen und arbeitete an den Barrikaden. Vom Lande ſtrömte das Volk maſſenhaft nach der Stadt. Der Feuerſchein am Zeughauſe war ſchwächer geworden, aber ununterbrochen tönte das Sturmläuten durch die Nacht. Das Militär hatte ſich in die Kaſernen zurückgezogen. Bereits graute der Morgen, als Benno und Arno in Schwechat anlangten. Der Gaſthof, wo Etelka, die in weibliche ungariſche Bauerntracht gekleidet war, abge⸗ ſtiegen, war bald gefunden. Freudig kehrten die beiden Akademiker mit ihrem Schützling, deſſen Schönheit und Bildung ſie mit hoher Ehrerbietung erfüllten, nach Wien zurück. Während aber die beiden Studenten bemüht waren, der ſchönen Ungarin ein ſicheres und angenehmes Unter⸗ kommen in der befreundeten Familie Straſſer zu be⸗ reiten, herrſchte im Hotel der Gräfin Stephanie große Beſtürzung. Man hatte ſo eben die Nachricht erhalten, daß Graf Imre, welcher den ſchmeichelnden Bitten Otti liens, einen Brief in das kroatiſche Lager zu befördern, nicht zu widerſtehen vermocht, in der Nähe von Raab von einer ungariſchen Patrouille aufgefangen worden ſei; und da verdächtigende Anzeigen vorlagen, hatte ihn weder Name noch Stand— der Patrouillenführer war ein ſehr demokratiſch geſinnter Honvedunteroffizier— vor einer ſtrengen Durchſuchung geſchützt. So ward das Schrei— ben, welches an Ottiliens Coufin adreſſirt war, gefunden und erbrochen. Zwei Briefe an den Banus von Kroa⸗ tien fielen heraus und der Graf war ſofort dem Kriegs⸗ gerichte überliefert worden. Dreizehntes Kapitel. Obſchon die Deputation, welche infolge der blu⸗ tigen Wiener Ereigniſſe vom Reichstag an den Kaiſer nach Schönbrunn geſchickt worden, um ein volksthüm⸗ liches Miniſterium zu erbitten, mit den beruhigendſten Verſicherungen ſeitens des Kaiſers zurückgekehrt war, zogen doch die Gewitterwolken immer drohender über Heſterreichs Hauptſtadt zuſammen. Bereits am andern Tage verbreitete ſich das Gerücht, daß der Kaiſer unter ſtarker Militärbedeckung Schönbrunn verlaſſen habe. Man wußte aber nicht, wohin er ſich gewendet. Zu gleicher Zeit verlas der einzige in Wien zurückgebliebene Mi⸗ niſter Kraus im Reichstage nachſtehendes kaiſerliches Ma⸗ nifeſt: „Ich habe alle Wünſche meines Volkes zu erfüllen geſucht. Was ein Herrſcher an Güte und Vertrauen ſeinen Völkern erweiſen kann, habe ich mit Freuden 158 erſchöpft und durch die Conſtitution die Selbſtſtändig⸗ keit, die Kraft und den Wohlſtand zu erhöhen geſucht. Obwohl mich die Gewaltthat des fünfzehnten Mai aus der Burg meiner Väter trieb, bin ich doch nicht müde geworden zu gewähren. Auf der breiteſten Grundlage des Wahlrechts iſt ein Reichstag berufen worden, um in Uebereinſtimmung mit mir die Conſtitution zu ent⸗ werfen. Ich bin in die Hauptſtadt zurückgekehrt, ohne eine andere Garantie zu verlangen als das Rechtsge⸗. fühl und die Dankbarkeit meiner Völker. Allein eine geringe Zahl Irregeführter bedroht die Hoffnung jedes Voaterlandsfreundes mit Vernichtung. Die Anarchie hat ihr Aeußerſtes vollbracht; Wien iſt mit Mord und Brand erfüllt. Mein Kriegsminiſter, den ſchon ſein Greiſenalter hätte ſchützen ſollen, hat unter den Händen meuchelmörderiſcher Banden geendet. Ich vertraue auf Gott und mein gutes Recht und verlaſſe die Hauptſtadt, um Mittel zu finden, dem unterjochten Volke Hülfe zu bringen. Wer Heſterreich, wer die Freiheit liebt, ſchaare ſich um ſeinen Kaiſer! Schönbrunn, den 6. Oetober 1848. Ferdinand.“ Eine der Erſtarrung ähnliche Stimmung bemäch⸗ tigte ſich der Reichstagsverſammlung, nachdem man die⸗ ſes verhängnißvolle Document vernommen. Das war alſo die eigentliche Antwort auf das Bittgeſuch um ein 159 volksthümliches Miniſterium. Nachdem die erſte Beſtürzung überwunden, einigte man ſich ſofort zu folgender Adreſſe: „Ew. Majeſtät! Der Reichstag, welcher unter den verhängnißvollen Ereigniſſen der letzten Tage es als eine ſeiner erſten Pflichten erkannte, durch eine Deputation aus ſeiner Mitte ſeinem conſtitutionellen Monarchen die Geſinnung ungeheuchelter Liebe, zugleich aber auch die Mittel vorzutragen, wodurch Ruhe in den Gemüthern und die Abwendung großer Gefahren herbeigeführt werden kann, wurde bald darauf durch die beklagens⸗ werthe Kunde betroffen, daß Ew. Majeſtät die Nähe Ihrer Reſidenz verlaſſen haben. Kein auf conſtitutio⸗ nellem Wege ausgeſprochenes Wort über den Zweck, über die Dauer, über das Ziel dieſer Entfernung min⸗ derte die Beſorgniſſe der Völker, welche von einem ſo verhängnißvollen Ereigniſſe unzertrennlich ſind. In dieſer ernſten Lage hat der Reichstag einen Aufruf an die Völker Heſterreichs, er hat zugleich eine Denkſchrift an Ew. Majeſtät beſchloſſen, welche den Stand der Dinge mit Offenheit aufklären und dem conſtitutionellen Kaiſer aus redlichem Herzen die Verſicherung geben ſoll, daß die aufrichtige Liebe der Völker zu ihm unerſchütterlich iſt. Dieſe Liebe fordert Vertrauen zu dem Volke, das ſich um den Thron ſchaaren ſoll und will, Vertrauen zu der Verſammlung, welche dieſes freie Volk als Ausdruck 160 ſeiner Geſinnung gewählt hat. Die Vertreter dieſes Volkes erkennen und erfüllen ihre heilige Aufgabe, die Rechte und Freiheiten dieſes Volkes, welches ſie geſendet hat, durch feſte Bürgſchaften zu ſichern und zugleich dem Throne jene unerſchütterliche Grundlage zu geben, welche ihm Gewalt und Willkür nicht geben können. Es wäre für die Volksvertreter, es wäre für die Mit⸗ glieder des Reichstags höchſt ſchmerzlich, in der Erfül⸗ lung dieſes großen Berufs durch ein Ereigniß geſtört zu werden, welches den Samen des gefährlichſten Mißtrauens ſtreuen, das Vand der Anhänglichkeit an den Thron ockern und den bedenklichſten aller Greuel, den Bürger⸗ krieg entzünden könnte, wenn dieſe Gefahr nicht ſchnell abgewendet wird. Vertrauensvoll ruft daher der Reichs⸗ tag, ruft durch ihn ein biederes und treu bewährtes Volk zu ſeinem Monarchen, daß er zurückkehre an den Sitz ſeiner Regierung, damit ſeine Rückkehr die treuen Söhne des Vaterlandes ermuthige und den Freunden ſeiner Freiheit Muth und Hoffnung bewahre, damit ſie jeden unheilvollen Schritt, er mag aus Reaction oder Anarchie entſpringen, vereitle, und damit ſie das Werk der Con⸗ ſtituirung nicht verzögere, in welchem die Völker Oeſter⸗ reichs allein ihr Heil, ihre Beruhigung, die Bürgſchaft einer ruhigen Zukunft ſehen. Schenken Ew. Majeſtät allen Völkern, welche dieſer Rückkehr harren, den Frieden! 161 Enden Sie nach dem Triebe Ihres edlen Herzens ohne Verzug einen Bürgerkrieg, der, in einem Theile entzündet, bald ſeine verheerende Flamme über ein weites Reich breiten würde. Wählen Sie zur Löſung dieſer großen Aufgabe Rathgeber, welche Ihres Vertrauens und jenes eines biedern, freiheitliebenden Volkes würdig ſind. Der Dank und Segen dieſes Volkes wird die ſchönſte Krone Ew. Majeſtät bleiben. Wien, am 7. October 1848 Im Namen der conſtituirenden Reichsverſammlung.“ Zu gleicher Zeit mit dieſer Petition wurde eine Proclamation an die Völker Heſterreichs erlaſſen, worin es unter Anderm hieß:„Völker Heſterreichs! Volk von Wien! Die Vorſehung hat uns einen ebenſo hohen als ſchwierigen Beruf angewieſen; wir ſollen ein Werk vollbringen, welches, wenn es gelingt, Alles übertreffen wird, was die Weltgeſchichte Großes und Herrliches auf⸗ zuweiſen hat. Wir ſollen einen politiſchen Staatsbau aufführen, der verſchiedene Völker zu einem brüderlichen Völkerſtaat vereinigt, deſſen unerſchütterliche Grundlage das gleiche Recht, deſſen Lebensprincip die gleiche Frei · heit aller ſein ſoll. Völker Heſterreichs! Der Reichstag iſt feſt entſchloſſen, für dieſen hohen Beruf das Seinige zu thun, thut auch Ihr das Eurige. Euer Vertrauen hat uns berufen, nur durch Euer Vertrauen ſind wir ſtark. Alles, was wir ſind, ſind wir durch Euch und Stolle, Von Wien nach Pilagos. 1. 11 162 wollen es für Euch ſein. Völker Oeſterreichs! Europa blickt mit Vewunderung auf uns, und die Geſchichte hat unſere Erhebung zur Freiheit unter ihre glänzendſten Thaten eingereiht. Bleiben wir uns ſelbſt getreul Halten wir unerſchütterlich feſt an der Achtung vor dem Geſetz, an der conſtitutionellen Monarchie, an der Freiheit! Gott ſchütze Oeſterreich!“ Während all dieſe Ereigniſſe die Bevölkerung noch aufs heftigſte erregten, machte der Commandant der Wiener Beſatzung, Graf Auersperg, den Behörden be⸗ kannt, daß er ſich genöthigt ſehe, ſeine Truppen auf einem militäriſchen Punkte zu concentriren. Dies geſchehe jedoch keineswegs aus irgend einer feindlichen Abſicht, ſondern lediglich um die Soldaten vor etwaigen fernern Angriffen ſeitens des Volkes ſicher zu ſtellen. Wenn dieſe friedliche Kundgebung einerſeits die Gemüther beruhigte, liefen doch von andern Seiten um ſo bedrohlichere Nachrichten über das Verhalten dieſer Soldaten ein. Friedliche Bürger wurden inſultirt, miß⸗ handelt, beraubt, ſogar getödtet. Mehrere entſetzlich ver⸗ ſtümmelte Leichname hatte man in der Nähe des neu aufgeſchlagenen Lagers gefunden. Ein Entſetzensſchrei durchdrang Wien ob ſolcher Greuelthaten. Der demo⸗ kratiſche Verein beantragte, vom höher gelegenen Wiener⸗ berge einen Angriff auf dieſes Lager zu unternehmen 163 und daſſelbe zu zerſtören. Der Reichstag war jedoch nicht dafür und wurde hierin von dem Studentencomité unterſtützt. Man wünſchte jeden weitern Kampf zu ver⸗ meiden. Die Wiener Gutmüthigkeit ging ſogar ſo weit, die Soldaten des Lagers mit Lebensmitteln zu verſorgen. Kaum waren zwei Tage ins Land gegangen, als eine neue Hiobspoſt die Gemüther der Wiener mit Entrüſtung und Beſorgniß erfüllte. Der Banus von Kroatien, den man weit draußen im Kampfe mit den Un⸗ garn glaubte, hatte plötzlich Kehrt gemacht und ſtand mit einem Male zwei Poſtſtationen von Wien. Er war von den Ungarn geſchlagen worden und hatte nur mit Brechung eines Waffenſtillſtands und der Aufopferung von zehntauſend Mann ſeine Armee vom Untergange gerettet. Der Reichstag ſchickte ſofort einen Abgeordneten an Jellachich mit der Anfrage, was dieſes Betreten deutſchen Bodens zu bedeuten habe. Der Banus erklärte, daß er nur im Intereſſe der Geſammtmonarchie handle und daß er nur ſeinem Kaiſer Rechnung abzulegen habe und nur von dieſem Befehle annehmen könne. Der Reichstag ſchickte wiederholt Abgeordnete und Sendſchreiben, den Banus auf das Geſetzwidrige ſeines Verfahrens aufmerkſam zu machen. Dieſer ließ ſich in ſeinen Unternehmungen dadurch nicht im geringſten be⸗ irren. Die Kroaten entwaffneten die Dörfer in den Um⸗ 164 gebungen Wiens, raubten, was ihnen unter die Hände kam, mißhandelten Wehrloſe und übten ſich hauptſäch⸗ lich im Schießen, wobei es ihnen vollkommen gleich— gültig war, ob der Gegenſtand ihrer Schußgeſchicklichkeit ein lebloſer Gegenſtand oder ein Menſch war. In Wien wuchs die Entrüſtung, und die Kampfluſt, hinauszubrechen und dieſe kroatiſchen Unthaten zu rächen, ward immer allgemeiner. Gleichwohl waren die Behörden nicht für einen ſolchen Angriff, weil ſie noch immer des Glaubens waren, Jellachich werde ihren Ermahnungen folgend den Rückmarſch antreten. Die friedlichen Verſicherungen Auersperg's wurden ebenfalls nur zu bald durch die That widerlegt. Das Lager im Schwarzenberg ſchen Garten ward plötzlich ab. gebrochen und mit großer Eile verließ während der Nacht die Garniſon Wiens die Stadt und vereinigte ſich mit den ziemlich irregulären Bataillonen Jellachichs. Jetzt war es unzweifelhaft, daß, wenn der Hof nicht ſchleunig friedliche Entſchlüſſe faßte, Wien und ſeine Um⸗ gebung der Kampfplatz zwiſchen Freiheit und Reaction werden mußte Die Hauptſtadt war zum Aeußerſten entſchloſſen und rüſtete ſich mit aller Macht. In dieſer Lage blickten die Wiener zugleich ſehn⸗ ſüchtig nach Ungarn. Man wußte, daß ein ungariſches Heer den Kroaten auf dem Fuße folge. Der Banus * 165 befand ſich darum in der allergefährlichſten Lage. Hinter ſich das Heer der anſtürmenden Magharen und vor ſich die wohlverſchanzte und von fünfzig bis ſechzigtauſend Mann vertheidigte Hauptſtadt. In dieſen verhängnißvollen Stunden erfüllte plötzlich unendlicher Jubel ganz Wien. An allen Straßenecken las man angeſchlagen:„Manifeſt der ungariſchen Na⸗ tion an den hohen conſtitutionellen Reichstag.“ Dieſes Doecument iſt für die Kenntniß der damaligen Sachlage zu wichtig, um hier nicht einen Platz zu ver⸗ dienen. Es lautete: „Die ungariſche Nation, im heiligen Kampfe für ihre Freiheit und ihr gutes Recht gegen den in der Weltgeſchichte unerhörten Verrath der reactionären Ca⸗ marilla und ihrer eidbrüchigen Söldlinge begriffen, iſt von dem wärmſten Dankgefühl durchdrungen für die hel⸗ denmüthige Aufopferung der edlen Bewohner Wiens, womit ſelbe die Verſtärkung der Armee des Verräthers Jellachich zu verhindern ſich ſo glorreich erhoben haben. Die ungariſche Nation erklärt vor Gott und der Welt, daß ſie die Freiheit Heſterreichs ihrer eigenen Freiheit gleich achtet und zu deren Aufrechterhaltung gemäß den Wünſchen der öſterreichiſchen Nation nach Kräften beizu⸗ tragen ſtets zu ihrer heiligſten Pflicht rechnen wird. Die Gefahr iſt gemeinſchaftlich, die die Freiheit beider Na⸗ 166 tionen bedroht. Ungarn weiſt entſchieden von ſich jeden Tractat mit der Camarilla und ihren eidbrüchigen Söld⸗ nern, bekennt ſich aber vor Gott und der Welt zum tief verpflichteten Freunde, treuen Bundesgenoſſen und Bruder der öſterreichiſchen Nationen und erklärt ſich un⸗ wandelbar bereit, die gegenſeitigen Intereſſen zu beider⸗ ſeitiger Zufriedenheit auf der breiteſten Baſis des Rechts, der Billigkeit und der treuen Bruderliebe regeln zu wollen, und bietet hierzu ſeine treue Bruderhand. Un⸗ garn erklärt zugleich ſeinen wärmſten Dank der hohen Reichsverſammlung für die kräftigen Maßregeln zur Ver⸗ hinderung des Abmarſches einer reactionären Soldateska, beſtimmt, die räuberiſchen Horden des Jellachich zu un⸗ terſtützen, findet ſich aber zugleich veranlaßt, die hohe Nationalverſammlung zu benachrichtigen, daß die unga⸗ riſche Regierung Kunde bekommen hat, daß es trotz der vorbemerkten Maßregeln dem Empörer Jellachich doch ge⸗ lungen, gegen dreizehntauſend Mann Verſtärkung aus De ſterreich an ſich zu ziehen, und daß unſerm armen berra⸗ thenen Vaterlande auch von dem in Galizien ſtationirten Militär eine Invaſion droht. Die ungariſche Nation er⸗ ſucht die edlen Vertreter Heſterreichs, hiergegen kräftigſt einſchreiten zu wollen; und ſo wie ſie jeden Ungar für einen Landesverräther erklärt, der ſeine unſelige Hand gegen die Freiheit Oeſterreichs erhebt, ebenſo möge man 167 jeden Unterthan der öſterreichiſchen Monarchie für einen Landesverräther erklären, der dem Verräther Jellachich, dem eidbrüchigen Werkzeuge, das ſich die Camarilla zur Unterdrückung der Freiheit Ungarns und Oeſterreichs auserleſen, die geringſte Unterſtüzung gewähren würde. Der Empörer Jellachich treibt ſeine Horden mit Kar⸗ tätſchen in den Kampf gegen die Freiheit. Es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß er, von unſern Truppen gedrängt, ſeine räuberiſchen Horden auf das Gebiet Oeſterreichs wirft und womöglich ſelbſt Wien zu bedrohen beabſichtigt. Die ungariſche Nation iſt feſt überzeugt, daß er in dieſem Falle unter dem Racheſchwerte der Freiheitsſöhne Oeſterreichs un⸗ rettbar verloren iſt. Doch erachtet es die ungariſche Nation für ihre heiligſte Pflicht der Dankbarkeit gegen Wien und Oeſterreich, in dieſem Falle Jellachich nachzujagen und in dem Werke ſeiner wohlverdienten Vernichtung das edle Volk Oeſterreichs zu unterſtützen. Darum haben die Vertreter der ungariſchen Nation den Befehl an die ungariſche Armee erlaſſen, Jellachich zu verfolgen, wohin er ſich immer wenden möge. Doch betheuert die unga⸗ riſche Nation vor Gott und der Welt, daß, wenn ihre Truppen den nach Oeſterreich fliehenden Feind zu ver⸗ folgen gezwungen würden, hiermit nicht nur keine Ge⸗ bietsverletzung Heſterreichs beabſichtigt wird, ſondern daß in dieſem Falle die ungariſche Nation auch dem Triebe 168 der Dankbarkeit folgt, welche es ihr zur Ehrenpflicht macht, die edlen Bewohner Wiens nicht ohne Unter⸗ ſtützung zu laſſen gegen den gemeinſamen Feind. Möge die hohe Reichsverſammlung dieſe aufrichtig gemeinte Erklärung mit gleicher Bruderliebe entgegennehmen. Die ungariſche Nation erklärt, daß ihre Truppen in dem nämlichen Augenblicke Halt machen und ſich nach Ungarn zurückziehen werden, wo die edlen Vertreter des tapfern Oeſterreich dem commandirenden General der ungari- ſchen Armee die Weiſung zukommen laſſen werden, daß die Entwaffnung des gemeinſamen Feindes durch eigene Kräfte bewirkt und die Mitwirkung unſerer Truppen zum Siege der gemeinſchaftlichen Freiheit nicht mehr nöthig ſei. Ungarns Regierung hat die ſtrengſten Befehle erlaſſen, daß, im Falle die ungariſche Armee vorrückt, ihre Verpflegung auf dem uns heiligen öſterreichiſchen Boden von Ungarn aus verabfolgt und dem edlen Volke Oeſterreichs nicht die mindeſte Laſt aufgebürdet werde. Gruß, Hochachtung und Bruderliebe!“ Wenn dieſes Manifeſt auch im Reichstage mit großer Befriedigung aufgenommen wurde, glaubte der⸗ ſelbe doch, noch immer auf Verſöhnung mit dem Kaiſer hoffend, die angebotene Hülfe nicht annehmen zu dürfen, was im Volke große Erbitterung erregte. Indeß erfuhr man, daß ſich der Kaiſer nach der 169 Feſtung Olmütz begeben habe. Hier endlich trat der Hof mit ſeiner wahren Geſinnung offen hervor. Der Kaiſer erklärte in einem Manifeſte, daß er die in Wien geſtörte Drdnung mit Waffengewalt wiederherzuſtellen geſonnen ſei. So war denn der conſtitutionelle Weg gänzlich ver⸗ laſſen und der Fürſt Windiſchgrätz erhielt die außer⸗ ordentliche Machtvollkommenheit, die Bewältigung der Hauptſtadt ins Werk zu ſetzen. Vierzehntes Kapitel. Etelka hatte in der Familie des Brauers Straſſer die liebevollſte Aufnahme gefunden. Vater und Mutter, ſowie die ſchöne Marie, die Tochter des Hauſes, waren unermüdlich, ihr den Aufenthalt ſo angenehm wie möglich zu machen und ihr für ihre Miſſion alle nur mögliche Unterſtützung zu Theil werden zu laſſen. Etelka hatte letztere auch glücklich beendet und die ihr anvertrauten Briefſchaften perſönlich an ihre Adreſſen befördert, an⸗ dere dafür zur Weiterbeförderung in Empfang genommen und ſtund im Begriff, die Hauptſtadt zu verlaſſen, als Fürſt Windiſchgrätz bereits mit großer Heeresmacht Wien umlagerte, wodurch die Abreiſe nach Ungarn vor der Hand unmöglich gemacht wurde. In der Familie Straſſer lebte noch ein junger Mann, der älternloſe Sohn entfernter Verwandten, welcher zwar wie das Kind vom Hauſe gehalten wurde, 71 der ſich aber dieſer Liebe keineswegs würdig zeigte. Er war von verſchloſſenem, heimtückiſchem Charakter und ſein regelloſer Lebenswandel gab nur zu oft Veranlaſ⸗ ſung zu heftigen Vorwürfen ſeitens des alten Straſſer. Franz, das war ſein Name, ward dadurch nur noch mehr erbittert. Seinem unheimlichen Scharfblick war nicht lange verborgen geblieben, zu welchem Zwecke ſich die junge Magharin im Hauſe ſeines Pflegevaters auf⸗ halte. Zugleich aber war auch in ihm eine heftige Lei⸗ denſchaft für das ſchöne Mädchen entbrannt. Seine Zuneigung, die zuweilen ſelbſt in Zudringlichkeit ausar⸗ tete, fand aber nicht nur keine Erwiderung, ſondern Etelka wies im Gegentheil den jungen Mann auf eine Art zurück, die in ſeinem Herzen den grimmigſten Haß entflammte. Er ſchwur, ſich furchtbar zu rächen. Plötzlich war Franz verſchwunden. Niemand wußte wohin. Sollte er bei einer jener kleinen Plänkeleien, die dazumal all⸗ täglich vorfielen, für die Freiheit gefallen ſein? Kaum glaublich, da dieſer Menſch für die Revolution nie ge⸗ ſchwärmt und ſie nur deshalb nicht ungern hatte, weil er infolge der beſtändigen Aufregung Gelegenheit fand, ſeinem ungeregelten Leben um ſo ungeſtörter freien Lauf zu laſſen. Endlich hatte Fürſt Windiſchgrätz ſeine Anſtalten getroffen, um mit Ernſt gegen Wien vorzugehen. Die 172 Stadt war ganz umzingelt, alle Zufuhr von Lebens⸗ mitteln abgeſchnitten. Seine Heeresmacht mit den Corps von Jellachich und Auersperg belief ſich auf neunzigtau⸗ ſend Mann. Der Fürſt erließ eine Proelamation an die Wiener, deren Schluß lautete:„Es werden hiermit Stadt, Vorſtädte und ihre Umgebung in Belagerungs⸗ zuſtand erklärt, alle Civilbehörden unter die Militärbe⸗ hörde geſtellt und gegen die Uebertreter meiner Befehle das Standrecht verkündigt.“ Dieſe Proclamation erweckte in der Wiener Bevöl⸗ kerung eine fieberhafte Aufregung, und der Gedanke, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, ward immer mehr zur That. Die Vorkehrungen zur Vertheidigung nahmen einen immer großartigern Charakter an. Der Reichstag erklärte die Proclamation des Fürſten Windiſchgrätz ge⸗ radezu für ungeſetzlich und auch der Gemeinderath der Stadt Wien ſprach ſich in dieſem Sinne aus. Beide Erklärungen wurden dem Fürſten, der ſein Hauptquar⸗ tier in Hetzendorf aufgeſchlagen, überſchickt. Die Folge davon war die ſofortige Erlaſſung einer anderweitigen Proelamation, worin es hieß: „Erſtens. Die Stadt Wien, deren Vorſtädte und nächſte Umgebung haben achtundvierzig Stunden nach Erhalt dieſer Proclamation ihre Unterwerfung auszu⸗ ſprechen. Zweitens. Alle bewaffneten Corps und die * 173 Studenten legion werden aufgelöſt, die Aula geſperrt, die Vorſteher der akademiſchen Legion und zwölf Stu⸗ denten als Geißeln geſtellt. Drittens. Mehrere von mir zu beſtimmende Individuen ſind auszuliefern. Viertens. Auf die Dauer des Belagerungszuſtandes ſind alle Zei tungsblätter zu ſuspendiren, mit Ausnahme der Wiener Zeitung, welche ſich blos auf officielle Mittheilungen zu beſchränken hat. Fünftens. Alle Ausländer in der Re⸗ ſidenz ſind mit Nachweiſungen der Urſache ihres Aufent. halts namhaft zu machen. Sechstens. Alle Clubs bleiben während des Belagerungszuſtandes aufgehoben und ge⸗ ſchloſſen. Siebentens. Ein Jeder, der ſich obigen An⸗ ordnungen widerſetzt oder mit Waffen in der Hand ge⸗ troffen wird, verfällt der ſtandrechtlichen Behandlung.“ Die Kampfwuth des Volkes wurde durch dieſe zweite Proclamation auf eine ungeahnte Höhe getrieben. Das Studentencomite erließ folgenden„dringenden Auf⸗ ruf“.„Von den achtundvierzig Stunden, die Windiſch⸗ grätz der Stadt zur Bedenkzeit gegeben, ob ſie der Frei⸗ heit oder dem Corporalſtabe gehorchen wolle, ſind bereits zwölf Stunden verfloſſen. Noch ſechsunddreißig Stunden und der Feind pocht an unſere Thore und wir werden aus freien Bürgern wieder Sklaven des Metternich ſchen Syſtems, und dahin ſind alle Früchte, die wir ſeit dem 13. März bis 6. October gepflanzt und die wir kraft 174 unſeres geſetzlichen Reichstags endlich ruhig zu genießen gedachten. Freunde, Brüder, Mitbürger! Die Freiheit und das Vaterland ſind in äußerſter Gefahr. Noch ſchweben zwar friedliche Verhandlungen über dem gezückten Schwerte. Der Reichstag hat Proteſt gegen den Belagerungszuſtand eingelegt und deutſche Reichscommiſſare unterhandeln in dlmütz. Wir dürfen einer Wendung zum Guten ver⸗ trauen, aber wir dürfen uns nicht unbedingt auf ſie verlaſſen. Windiſchgrätz kann mit frecher Gewaltthat alle Hoffnungen der Guten zu nichte machen, und nur zu wahrſcheinlich iſt es, er wird es. Alſo auf, auf zur Rüſtung, zur Vertheidigung der Stadt, die, von Heer⸗ ſäulen und Kanonen umlagert, mit jeder Stunde der Entſcheidung ihres Schickſals weiter entgegengeht! Koſt⸗ bar iſt der gegenwärtige Augenblick, denn nicht wiſſen wir mehr, wem die nächſte Zukunft gehört. In äußer⸗ ſter Schnelle muß die Stadt in ihren bedrohten Punkten noch verſchanzt und verbarrikadirt werden, keine Hand ruhe, dem Vaterlande die dringendſte Pflicht zu leiſten, die unermeßliche Stadt mit ihrer Fülle der edelſten Geiſtes⸗ und Erdengüter dem zerſtörenden Tritte des feindlichen Kriegers unzugänglich zu machen. Eilt herbei, Männer, Frauen, Kinder, erſte und letzte Kraft der Ju⸗ gend und des Alters, rege und rüſte dich für die Ret⸗ tung der Freiheit! Wien gibt der Welt ein Beiſpiel von Patriotismus, wie es Paris, wie es Warſchau, wie es Bnda⸗Peſth in den Tagen höchſter Bedrängniß gethan hat. Schwache Greiſe eilten herbei, zarte Kinder tum⸗ melten ſich, vornehme Damen, in Sammt und Seide gekleidet, ſtiegen aus ihren Equipagen, trugen Steine, Holz und Sparrwerk herbei, arbeiteten mit Spaten und Brecheiſen und verwandelten in wenig Stunden eine offene Stadt in eine unüberwindliche Feſtung. Wien. Bewunderung der Welt, die du Dankadreſſen von der halben Erdkugel für den Heldenmuth deiner März und Maitage empfangen haſt, auf, bleibe jetzt nicht hinter dir ſelber zurück, zeige der Welt, daß du die Freiheit ebenſo ſtandhaft behaupten, als ſolche erringen kannſt. Für wenig Schläge fordert die Freiheit deine Opfer. aber ſie fordert ſie ganz, ſie fordert ſie von Allem, was Leben und Odem hat. Energie, jetzt oder nie! riefen wir am heiligen Morgen des dreizehnten März in der Aula, als wir in das Ständehaus zogen. Energie, jetzt oder nie! hallt es auch heute in jedem Herzen, das für die Freiheit ſchlägt; und wie der Ruf der Aula da⸗ mals die Stimme von ganz Wien wurde, und wie der Gott der Weltgeſchichte damals unſerer Schilderhe⸗ bung den gerechten Sieg gab, ſo ſtehe auch jetzt wieder ganz Wien wie ein Mann auf, kämpfe, arbeite, ſchanze, verbarrikadire, wache, ſpende und opfere ſich in den 176 ſechsunddreißig Stunden der theuern Vaterſtadt, ganz dem öffentlichen Wohle. Ein Gott iſt, ein heiliger Wille lebt, der uns hält und ſchützt; aber vertrauen wir nicht vermeſſentlich auf ſeine Hülfe, vergeſſen wir nicht, daß Gott alles Große und Unſterbliche durch menſchliche Hände ausführt. Hilf dir ſelbſt, dann hilft dir der Himmel und günſtig winken dir alle ſeine Sterne. Alſo auf, auf! Die Stunde der Gefahr drängt, ganz Wien muß im Lager ſein und nach wenig Stunden wird ganz Wien ein Dom ſein, in welchem ein tauſend⸗ ſtimmiges Te Deum laudamus zu Gott dem Befreier emporſteigt. Wir werden für Euch bluten, aber wir werden ſiegen, glorreich triumphiren, wenn einer für alle, alle für einen ſtehen und ganz Wien ein Mann und ein Herz iſt für die heilige Sache der Freiheit!“ Bevor noch die Wiener Angelegenheiten dieſe ſo ernſte Wendung genommen, hatte die Frankfurter Reichs regierung zwei Abgeordnete entſendet, welche das Amt der Vermittlung zwiſchen dem Kaiſer und ſeiner Haupt⸗ ſtadt übernehmen ſollten, deren Miſſion aber ohne den geringſten Erfolg blieb. Zu gleicher Zeit erſchien eine Deputation der Frankfurter Linken in Wien, welche den Bewohnern derſelben die Sympathien der freiſinnigen Minorität der deutſchen Nationalverſammlung überbrachte Unter den vier Männern, welche dieſe Deputation bil⸗ 177 deten, befand ſich auch der deutſche Reichstagabgeordnete der Stadt Leipzig, Robert Blum. Man erließ eine An⸗ ſprache an die Bewohner der Hauptſtadt, worin es hieß: „Heldenmüthige Bewohner Wiens! Unſere Geſin⸗ nungsgenoſſen in der Nationalverſammlung zu Frankfurt haben uns hierher geſandt, Euch die Bewunderung aus⸗ zuſprechen, die ſie mit uns und mit ganz Europa Euch zollen. Da die Verhältniſſe nicht geſtatten, unſere Auf⸗ gabe in anderer Weiſe zu löſen, zu Euch zu ſprechen in der Verſammlung des Volkes, ſo wenden wir uns auf dieſe Weiſe an Euch. Ihr habt mit einem großen Schlage die Ränke einer volks. und freiheitsfeindlichen Partei vernichtet, habt Euch mit bewundernswerther Aufopfe⸗ rung für das ganze Deutſchland wie für die Völker Oeſter⸗ reichs erhoben wie ein Mann. Eure Heldenthat flößt allen Kämpfern der Freiheit neuen Muth ein und Eure Erhebung ſichert unſerm Kampfe den Sieg. Euer Bei⸗ ſpiel wird uns allen voranleuchten und wir werden Euch nacheifern auf dem glorreichen Pfade um werth zu ſein, Euch Brüder zu nennen. Wir aber, die wir geſandt find⸗ Euch Bruderkuß und die heißen Segenswünſche von vielen Tauſenden zu überbringen, wir preiſen uns glück. lich, in dieſem verhängnißvollen Augenblicke in Eurer Mitte zu weilen, und wenn es das Schickfal will, Eure Gefahren zu theilen, mit Euch zu ſtehen und zu fallen. Stolle, Von Wien nach Vilagos. I. 12 178 Heldenſöhne Wiens, empfangt den Ausdruck unſerer Be⸗ wunderung und unſeres tief empfundenen Dankes!“ Dieſe Deputation wurde überall mit Begeiſterung empfangen. Das Studentencomitt ernannte ſie zu Ehren⸗ mitgliedern der Legion und überreichte ihnen deutſche Schwerter zum Andenken. Die achtundvierzig Stunden, welche Windiſchgrätz den Wienern zur Unterwerfung als Friſt geſtellt hatte, waren abgelaufen. Die während dieſer Zeit geführten Unterhandlungen hatten zu keiner Vereinigung geführt. Der Fürſt beſtund auf ſeinen geſtellten Bedingungen und die Hauptſtadt gab nicht nach. Alles ward auf die Spitze des Schwertes geſtellt und ſo nahm das in der Geſchichte ewig denkwürdige Trauerſpiel ſeinen Anfang. Der Angriff begann am 26. October früh ſechs Uhr und war zunächſt gegen die Leopoldſtadt gerichtet, während das Plänkeln auf den andern Linien nur die Abſicht hatte, die Vertheidiger ſich nicht concentriren zu laſſen. Schon tags zuvor hatte Jellachich über den Donaukanal, welcher den Prater zur Inſel macht und von dieſer Seite Wien vom feſten Lande trennt, eine Brücke ſchlagen laſſen, welche am 26. durch fünf Ba⸗ taillone und ſechs Kanonen beſetzt wurde. Die Truppen 179 drangen unter einem heftigen Feuer, das ſich allmälig zu einer heftigen Kanonade entwickelte, vor und begannen den Sturm gegen die Gebäude des Nordbahnhofs. Wie⸗ derholt wurden dieſe Angriffe durch die heldenmüthigen Vertheidiger zurückgeworfen, endlich aber blieb dieſe Po⸗ ſition in den Händen der Stürmenden. Das Kanonen⸗ feuer pflanzte ſich nun von dieſem Punkte auf die übri⸗ gen Linien fort. Hier und da verſuchte das Militär die Erſtürmung der Wälle, wurde aber überall zurückge⸗ worfen. Man beſchoß nun vom Eiſenbahndamm die gewaltigen Barrikaden, welche die breiteſte und präch⸗ tigſte Straße Wiens, die Jägerzeile, ſchützten. Dieſe Po⸗ ſition war eine den Truppen ſehr günſtige. Sie konnten von hier auch auf andern Seiten vordringen und den an den Prater ſich anſchließenden Augarten erobern, wodurch ihnen die Leopoldſtadt in einem Halbkreiſe offen lag, während ſie, rechts vordringend, nahe der Stadt kamen. Hier, wo der Donaukanal die Leopoldſtadt von der in⸗ nern Stadt trennt, kam es zum fürchterlichſten Blut⸗ bad. Es galt die hier befindlichen Fabrikgebäude und die dazwiſchen gelegenen Barrikaden zu vertheidigen. Bald ſtanden dieſe Gebäude, von den Brandraketen ent⸗ zündet, in hellen Flammen und mußten von den Ver⸗ theidigern nach außerordentlicher Gegenwehr verlaſſen werden. Die Zahl der Todten auf beiden Seiten war 12 —— 180 ungemein groß. Zu gleicher Zeit brannten in dieſem Kampfrevier die große Zuckerfabrik, das ſogenannte Schwei⸗ zerhaus, die großartigen Dampfmühlen und bedeutende Holzlager, das rieſige Odeum, deſſen Dach einſtürzte und Hunderte von Verwundeten unter ſeinen Trümmern be⸗ grub. Alle Löſchverſuche waren vergebens. Mit ein⸗ brechender Dunkelheit zählte man vom Stephansthurm ſiebzehn aufſteigende Feuerſäulen. Der Kampf währte von früh ſechs bis nachts elf Uhr. Der Nordbahnhof ward erſt nach dreizehnſtündiger heldenmüthiger Vertheidi⸗ gung genommen. Der 27. Oetober ging mit Ausnahme unbedeuten⸗ der Scharmützel ohne großen Kampf vorüber. Es ſchien, als ſänne der Fürſt Windiſchgrätz, der ſo verzweifelten Widerſtand nicht erwartet hatte, auf einen anderweiten Angriffsplan. Am Morgen des 28. Oetober herrſchte rings ein dumpfes Schweigen. Dieſe Stille hatte etwas ungemein Unheimliches. Es war als wenn der Tag des ewigen Gerichts über die Stadt heraufziehe. Endlich wurde es waffenlaut. In der Stadt wurde in vielen Straßen das Granitpflaſter aufgeriſſen, um das Einſchlagen der Bom⸗ ben weniger gefährlich zu machen. Um zehn Uhr wir⸗ belten von neuem auf allen Seiten die Alarmtrommeln. Von den Thürmen ertönte abermals allgemeines Sturm⸗ —,———— ——— 181 läuten. Der Angriff begann diesmal von verſchiedenen Seiten. Bis zwölf Uhr wurde nur mit Geſchütz ge⸗ kämpft, dann aber rückten maſſenhaft die Sturmeolonnen vor. Ein fürchterlicher Kampf entſpann ſich vom Prater aus. Während man ſich hier mit Todesverachtung ſchlug, erfolgten noch Angriffe an andern Punkten. Der Glogg⸗ nitzer Bahnhof, von der polniſchen Legion vertheidigt, wurde nach außerordentlichem Widerſtande genommen. Auf der Landſtraße mußten viele Kanonen, meiſt ver⸗ nagelt, zurückgelaſſen werden, da die Munition zu Ende war. An der Nußdorfer Linie kämpften Robert Blum und die Seinen. Angriff und Vertheidigung waren hier ungemein hartnäckig. Es rang Mann gegen Mann. Gegen fünf Uhr abends begann endlich die Stellung in der Jägerzeile, da die Flanken offen geworden, eine unſichere zu werden, und der Rückzug wurde angeordnet. Keine Hand breit wich man ohne die außerordentlichſte Gegenwehr. Jedes Haus ward zur Feſtung und zum Wahlplatze. Bajonett gegen Bajonett mußte oft der Rückzug gedeckt werden, der in guter Ordnung über die Ferdinandsbrücke nach der Stadt erfolgte. Die Kroaten wollten nachdringen, wurden aber von den Kanonen auf den Wällen zurückgeworfen. Um acht Uhr abends trat eine eh des Kampfes ein. Während dreizehn Stunden war ein großer 182 Halbkreis Wiens erobert, und in dieſem Halbkreiſe ſtan⸗ den die kaiſerlichen Truppen bis nahe an die innern Stadtthore. Wieder rötheten, als der Abend einbrach, fürchterliche Brände den Himmel. Sechsundzwanzig rieſige Feuerſäulen beleuchteten das für deutſche Freiheit kämpfende Wien. Ueber den ungeheuern Brandſtätten ſtieg unter dumpfem Schweigen der Morgen des 29. October empor. Da erſchien an den Straßenecken eine Bekanntmachung Meſſenhauſer's, des damaligen Obercommandanten der Wiener Nationalgarde, worin es hieß:„Mitbürger! Der erſte Kampf für unſere conſtitutionelle Ehre hat ſtatt⸗ gefunden. Wir ſtehen an der Grenze, den zweiten zu beginnen. Wir waren uns wohl bewußt, daß wir mit unſern Mitteln der Uebermacht eines wohlgerüſteten und mit jedem Tage ſich verſtärkenden Heeres auf die Dauer nicht würden widerſtehen können. Wir ſtritten auch nicht mit der vollen Ausſicht, mit der ſichern Ueber⸗ zeugung auf den factiſchen Sieg. Wir ſtritten einfach als conſtitutionelle Männer, um für unſere Ehre das Aeußerſte gethan zu haben. Indem der letzte Ver⸗ zweiflungskampf vor der Thür ſteht, habe ich Vernunft und Gewiſſen in mir erforſchen müſſen, um die Frage zu beantworten, welche Früchte uns ein ſolcher Kampf um die Ehre bringen müßte. Ich habe dieſe 183 Frage zugleich einem zahlreichen verſammelten Kriegs⸗ rathe vorgelegt und derſelbe war faſt einſtimmig darin, eine gemiſchte Deputation an den Fürſten Windiſchgrätz abzuſchicken. Dieſe Deputation hat erſt heute Morgen halb neun Uhr in das Hauptquartier zu Hetzendorf ab⸗ gehen können. Ich unterſage daher bis auf Weiteres jede Feindſeligkeit gegen die kaiſerlichen Truppen. Mit⸗ bürger! Sobald die Deputation mit der Antwort zurück⸗ kehrt, wird es an Euch ſein, Compagnie für Compagnie in kürzeſter Friſt die Erklärung abzugeben: was Ihr wollt, ob Fortſetzung des Kampfes, wenn die Bedingun⸗ gen unabänderlich die bekannten ſind, oder Unterwerfung. Der Mehrzahl wird ſich das Obercommando anſchließen.“ Die an Windiſchgrätz geſendete Deputation erklärte demſelben, daß die akademiſche Legion ſich aufzulöſen bereit ſei, daß die Nationalgarde die Waffen niederlegen wolle und daß der Gemeinderath die Entwaffnung der Pro⸗ letariats übernehmen werde. Die geforderten Perſonen könne man deshalb nicht ausliefern, weil ſie bereits flüchtig geworden, und die Mörder Latour's ſeien voll⸗ kommen unbekannt. Windiſchgrätz beharrte indeß auf den geſtellten Bedingungen und die Deputation kehrte unverrichteter Sache zur Stadt zurück. Jetzt berief Meſſenhauſer von je einer Compagnie Vertrauensmänner, deren Majorität ſich für die Unter⸗ werfung entſchied. Der Oberbefehlshaber machte dieſe Abſtimmung bekannt, und von da an fand eine ſehr bedeutende Verminderung der Wehrkräfte ſtatt. Viele Compagnien legten die Waffen nieder und das Studen⸗ tencomitt löſte ſich auf. Indeß beharrte doch noch ein großer Theil der Bewaffneten auf fernern Widerſtand und durchzog, laut über Verrath rufend, tumultuirend die Straßen. Fort und fort hatte man in Wien auf den An⸗ marſch der Ungarn gehofft. Vergebens! Anfangs hatte die ungariſche Regierung deshalb Anſtand genommen, die deutſche Grenze zu überſchreiten, weil weder von ſeiten des Reichstags, noch des Wiener Gemeinderaths irgend eine officielle Aufforderung hierzu erfolgt war. Als endlich die Ungarn auch ohne letztere den Wienern zu Hülfe ziehen wollten, brachen im ungariſchen Lager unter den Offizieren ſelbſt Mißhelligkeiten über die Frage, ob deutſches Gebiet zu betreten oder nicht, aus. So verzögerte ſich die Ankunft der Ungarn, wie ſehn⸗ lichſt ſie auch von den Wienern erwartet wurde, von Tag zu Tage. Das Obſervatorium des Stephansthurms ward nicht leer von Beſuchern, deren Blicke unverwandt nach dem Blachfelde gerichtet waren, ob noch kein un⸗ gariſches Befreiungsheer ſich zeige. Vergebens! Infolge der mit Windiſchgrätz getroffenen Ueberein⸗ ——————— —— 185 kunft war Wien am Morgen des 30. Oetober bereit, alle geſtellten Bedingungen zu erfüllen. Da plötzlich durchläuft die Stadt die aufregende Kunde:„Die Ungarn kommen, die Ungarn ſind da!“ Man fällt ſich auf offener Straße freudetrunken in die Arme, Thränen ent⸗ ſtrömen ſelbſt den Augen altersgrauer Männer. Jeder faßt die Waffe, die er bereits niederzulegen im Be⸗ griffe ſtand, krampfhafter, kampfesmuthiger denn je in die Hände. Die bereits aufgelöſten Compagnien ſammeln ſich von neuem. Das Studentencomité tritt wieder zuſammen. In namenloſer, halb freudiger, halb ängſt⸗ licher Stimmung umwogt das Volk den Stephans⸗ thurm, von welchem durch das Rohr, welches von der Thürmerwohnung zur Erde herabführt, von Zeit zu Zeit Zettel geworfen werden. Die Depeſche welche vormittags elf Uhr herabkommt, lautet: „Man ſieht deutlich ein Gefecht hinter Kaiſer⸗Ebers⸗ dorf, ohne die kämpfenden Truppen oder den Gang des Treffens wahrnehmen zu können.“ Um ein Uhr abermalige Depeſche: „Die Schlacht ſcheint ſich gegen Oberlaa und In⸗ zersdorf zu ziehen. Der Nebel verhindert eine klare Ausſicht. Bis jetzt ſcheinen die Ungarn im ſiegreichen Vorrücken. Im Fall ein geſchlagenes Heer ſich den Mauern der Stadt nähern ſollte, wird es Pflicht aller 186 Wehrkörper ſich auch ohne Commando unter das Gewehr zu ſtellen.“ Eine Stunde ſpäter:„Die Heere ziehen ſich immer näher gegen Wien.“ Unter bängſter Erwartung naht der Abend. Da hat das Schickſal endlich gegen das unglückliche Wien entſchieden. Die Ungarn waren nicht durchgekommen und befanden ſich in vollem Rückzuge. Die officielle Todes botſchaft abends acht Uhr lautete: „Man hat das anrückende Heer der Ungarn fechtend geſehen, es iſt aber leider für das Schickſal der Stadt zu ſpät gekommen. Die Ungarn fochten heute, wie man jetzt gewiß weiß, bei Schwadorf. Sie ſollen nicht ge⸗ ſiegt haben. Wenigſtens hat man von drei Uhr an von einer Fortſetzung des Kampfes nichts ſehen können. Unſere Lage am Abend iſt die alte.“ Wie es gekommen, daß die Ungarn ihren Zweck, Wien zu entſetzen, nicht erreichten, erfuhr man erſt ſpäter. Um die Armee anzufeuern und ſie zu vermögen, gegen Wien vorzurücken, hatte ſich Koſſuth ſelbſt ins Lager begeben. Es gelang ihm auch, das Heer in Be⸗ wegung zu ſetzen. So kam es in der Nähe Wiens zur Schlacht, die ſich zwar anfangs günſtig für die Ungarn anließ, ſodaß Jellachich faſt verloren war, ſchließlich aber doch zum Vortheil der Kaiſerlichen endete. Die Ungarn, — 187 zumal der von Wien verhofften Unterſtützung beraubt, zogen ſich auf ungariſches Gebiet zurück. Das Geſchick von Oeſterreichs Hauptſtadt war hiermit entſchieden. Mit der Todesbotſchaft vom Stephansthurme er⸗ loſch der kurze Freudenſchimmer, der die Bevölkerung elektriſch durchzuckt hatte. Manch tapferes Haupt ſank traurig auf die Bruſt. Zu Hunderten fielen klirrend Schwerter und Büchſen auf das zerſtörte Pflaſter der Straßen. Am folgenden Morgen begab ſich abermals eine Deputation zu Windiſchgrätz ins Lager. Der Fürſt ver⸗ langte die Auslieferung von noch zwölf Perſonen und ſtand erſt von dieſer Forderung ab, als die Deputation ihre vollkommene Machtloſigkeit in dieſer Beziehung erklärte. Truppen und Batterien rückten wieder in die Vor⸗ ſtädte, aus welchen ſie bei der Ankunft der Ungarn zurückgezogen worden waren, und zu gleicher Zeit erſchien Meſſenhauſer's letzte entſcheidende Proelamation:„Mit⸗ bürger! Es iſt notoriſch feſtgeſetzt, daß unſere unga⸗ riſchen Brüder der Waffenmacht unterlegen ſind. Die heldenmüthigen Vertheidiger Wiens haben vor den Augen der Welt bisher ihre Ehre glänzend erhalten. Wäre die Möglichkeit eines ſiegreichen Widerſtandes denkbar, Mit⸗ bürger, Eure Vertreter würden mit Euch kämpfen 188 würden nicht von Uebergabe ſprechen, aber uns fehlt Munition und Proviant. Mit Eurer todesmuthigen Kampfbegier können wir Euch wohl zur Schlachtbank führen, zum Siege aber gegen dieſe wohlgerüſtete Armee, gegen dieſe hundert Feuerſchlünde nimmermehr! Darum, heldenmüthiges Volk von Wien, ſei ſo groß in Deinem Falle, wie Du es in der Erhebung warſt. Für die Freiheit leben iſt größer, als tollkühn unſere Zukunft durch uns und mit uns vernichten. Wir haben die Ehre gerettet, darum nichts verloren. Volk von Wien während man uns glauben machen wollte es herrſche Anarchie in unſern Mauern, war die Ordnung durch Eure bewunderungswürdige Mäßigung von Euch ſelbſt erhalten. Arbeiter! Ihr habt bis jetzt Euch der Freiheit werth gezeigt, ſchändet im letzten Augenblicke nicht Euern Ruhm, Eure Ehre! Legt die Waffen nieder, denn wir müſſen es thun; ſtürzt Euch nicht tollkühn ins Verderben, erhaltet Euch dem Voterlande Hört die Stimme Eurer Vertreter, die, wie Ihr ſelbſt, Männer aus dem Volke ſind, denen Euer Leben, Eure Ehre heilig und theuer iſt. Legt Eure Woffen nieder und zeigt den einrückenden Waffenmännern, daß der Ordnungsſinn, daß der wahre Heldenmuth ſich dem Unabwendbaren männ⸗ lich fügt. Zeigt, daß Ihr der Freiheit werth ſeid, und ſie wird, ſie muß Euch werden! Meſſenhauſer, proviſo⸗ — ————— 189 riſcher Obercommandant. Der Gemeinderath der Stadt Wien.“ Trotz dieſer Proclamation gab es der Verzweifelten genug, die den Kampf fortſetzten. Sie zogen ſich aus den Vorſtädten in die innere Stadt und beſchoſſen von den Baſteien aus das Militär mit verheerendem Feuer. Die Truppen antworteten, indem ſie die Stadt mit einem Hagel von Kugeln und PBrandraketen über⸗ ſchütteten. Zahlreiche Gebäude geriethen in Flammen. Endlich gegen Abend wurde das heldenmüthig verthei⸗ digte Burgthor in Trümmer geſchoſſen, und über Leichen, über Brandſtätten und Verwüſtung hielt das kaiſerliche Heer ſeinen Einzug in die Hauptſtadt der öſterreichiſchen Monarchie. Ende des erſten Vandes. Verlag von Ernſt Inlins Günther in Leipzig. Der Vordmayor von Fondon Oder: 6 Leben in der City vor hundert Jahren. Hiſtoriſcher Roman von W. Harriſon Ainsworth. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar.. Autoriſirte Ausgabe.„ 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. p . Sady 2udleys Heheimniß. Roman von 6 M. E. Braddon. Aus dem Sngliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. * 6 Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. cleanor's Hieg. Roman von M. E. Braddon, Verfaſſerin von„Lady Audleh's Geheimniß“,„Aurora Flohd“ Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autorifirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ANrmadalbe. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autorifirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Aurora Floyd. Roman von M. E. Braddon, Verfaſſerin von„Lady Audley's Geheimniß“. Rus dem cEngliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Rgr. Die Marien der Königin. Ein Roman von Holhrood von G. J. Whhte Melville, Verfaſſer von„Der Dolmetſcher“,„Kate Coventry“ de. Aus dem cEngliſchen. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr.