Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Veſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ein⸗ pfangnahme und Fah der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Wi.— f 1N 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 6 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Kapitel. Wenn wir in dem großen Weltenbuche blättern, ſtoßen wir auf Stellen, die wir verſtehen, aber auch auf viele, die wir nicht verſtehen. Doch enthalten jene Stellen, die wir verſtehen, ſo hohe Weisheit, daß wir eben deßhalb vor den, die wir nicht verſte⸗ hen, in Demuth, Ehrfurcht und Ergebung uns beu⸗ gen ſollten. Dieß iſt die Antwort auf die Frage, warum der himmliſche Vater ſo häufig gerade ſolchen ſeiner Kinder, die ihm am liebevollſten ergeben, die Dornenkrone reicht, während das gottentfremdete Ge⸗ ſchlecht ſich mit Roſen ſchmückt und in leichtfinniger Luſt dahinlebt. Eine ſolche Dornenkrone war auch unſerer Ma⸗ rie gewunden, ſeit ſie an jenem Abende die ſchönen Gellertlieder in bezaubernder Natürlichkeit vorgetra⸗ gen und auf der einen Seite von der Leidenſchaft 1857. XIX. König v. Tauharawi. II. 1 2 des Grafen Alphons, auf der andern von dem Neide und der Eiferſucht des arnheim'ſchen Schweſternpaares auf das Schmerzlichſte verfolgt ward. Da die Leidenſchaft des Grafen für den pikan⸗ ten Gegenſtand', wie er ſich auszudrücken pflegte, von Tag zu Tag immer rückſichtsloſer hervortrat, ſo hatten die weiſen Ermahnungen, die Fidelis den beiden Schweſtern gegeben, nicht lange widergehal⸗ ten, und der eine Zeitlang mit Mühe unterdrückte Haß brach bald gegen die arme Marie nur umſo heftiger und verletzender hervor. Graf Alphons ge⸗ fiel ſich ſeit jenem Abende in der Rolle eines Haus⸗ freundes in der Familie und wiederholte ſeine Be⸗ ſuche in immer kürzern Unterbrechungen. Wie ſchmei⸗ chelhaft dieſe hochgeborne Bekanntſchaft anfangs für die Familie war, weil man daran die kühnſten Hoff⸗ nungen knüpfte, ſo durchſchauten doch zu bald Eltern, wie Töchter, daß des Grafen Beſuche weniger der Familie, als der Marie galten. Die Aufmerkſamkei⸗ ten, welche Alphons der armen Pachterstochter zu⸗ theil werden ließ, und die oft ſelbſt in eine Rück⸗ ſichtsloſigkeit gegen die Töchter des Hauſes ausarte⸗ ten, mußten bald auch den leiſeſten Zweifel nieder⸗ ſchlagen, daß es der Graf entſchieden auf eine Er⸗ oberung des Herzens des frommen Kindes abgeſehen 3 hatte. Marie, deren natürlicher Verſtand den Abſtand zwiſchen ihr und einem reichen Grafen nur zu gut durchſchaute und deren Herz den ſo unzweideutigen Huldigungen nicht das Geringſte zu erwiedern hatte, befand ſich in der peinlichſten Lage. Wiederholt hatte ſie gebeten, ſobald der Herr Graf erſcheine, daß ſie ſich entfernen dürfe. Auch war man vonſeiten der Fräuleins dieſem Wunſche recht bereitwillig nachge⸗ kommen; aber ſobald Marie fehlte, fühlte ſich Alphons wie in einer Einöde. Er überſchüttete alsdann die zwei Fräuleins derart mit Liebenswürdigkeiten, daß ſie oft ganz irre wurden, aber ſtets ging ſeine Ab⸗ ſicht dabei nur dahin, daß Marie erſcheine und die Geſellſchaft theile. Da der Marie vonſeiten Joſephinens und Ma⸗ riannens auf ſehr unzarte Weiſe zu erkennen gegeben worden, daß es nur eine gewiſſe natürliche Koket⸗ terie ſei, deren ſie ſich bediene, um dem Grafen intereſſant zu erſcheinen, ſo wußte das arme Kind ſchließlich gar nicht mehr, ob ſie dem Grafen über⸗ haupt noch eine Antwort geben ſolle oder nicht. Aber auch die größte Einſilbigkeit ſchreckte den feurigen Liebhaber nicht ab, ſie machte ihm den Gegenſtand ſeiner Neigung nur intereſſanter. Am meiſten hatte Marie ſtets zu leiden, ſobald 1* 4 ſich der Graf entfernt hatte und ſie der Spottſucht des Schweſternpaares allein ausgeſetzt war. Bei ſol⸗ chen Szenen artete das Benehmen der hochgebil⸗ deten Fräuleins nicht ſelten in Gemeinheit aus. Es fielen Ausdrücke und Redensarten, wie man ſie nim⸗ mer bei Damen höherer Bildung hätte erwarten ſollen. Marie erhielt nur zu bald den Spottnamen„die Gräfin, und die boshaften Bemerkungen, welche das Schweſternpaar an dieſen Namen knüpfte, wa⸗ ren ſo tief verletzend, daß die arme ſchuldloſe Marie nur mit Thränen zu antworten vermochte. „Du wirſt uns doch auch einmal nach Neuhaus einladen,“ ſprach eines Tages Marianne, als der Graf wieder in ſehr auffallender Weiſe Marien den Hof gemacht hatte. Neuhaus hieß die ſchöne Beſitzung des Grafen. „Es muß ſich da herrlich reſidiren als Frau Grä⸗ fin,“ fügte Joſephine ſpottend bei,„der umwohnende Adel wird Augen machen, ſeinen auserwählten Kreis auf dieſe Art bereichert zu ſehen.“ „Man ſieht doch,“ fuhr Marianne fort,„was aus dem Menſchen werden kann. Ich werde künf⸗ tig auch Gellert deklamiren. Man kann nichts beſſeres thun, um ſein Fortüne zu machen.“ „Hätten wir,“ ſprach Joſephine„bei unſerer De⸗ 5 klamation nur auch Kunſt Kunſt ſein laſſen und mit der ſimplen Natur kokettirt.— Indeß gibt es, Gottlob, noch Kenner, ſehr hochgeſtellte Kenner, welche wahre Kunſt von Koketterie zu unterſcheiden wiſſen; Du mußt nur wiſſen, große Künſtlerin, daß Lord Derby keineswegs von Deinem Gellert ſo en⸗ chantirt war. Seine Lordſchaft haben mir das noch am ſelbigen Abend offen geſtanden.“ Marie erwiederte nichts. Sie war es gewohnt, alle derartigen Kränkungen geduldig über ſich ergehen zu laſſen. Malitiös fuhr Marianne fort:„Und dieſe Soirten, welche die Frau Gräfin veranſtalten wird! Thee und Gellert. Hah hah hah! Das muß ſich pompös ausnehmen.“ „Ich glaube wirklich,“ ſprach Joſephine,„wenn wir das einfältige Ding beſtändig Frau Gräfin nen⸗ nen, es bildet ſich ein, der Graf werde es heiraten.“ „Je nun,“ lachte Marianne,„die Naivetät da⸗ zu iſt da.“ „O, bitte Fräuleins,“ ſprach hier Marie,„ha⸗ ben Sie doch Erbarmen und Mitleid. Ich bin ein ſo armes Geſchöpf“— „Du, ein armes Geſchöpf,“ höhnte Joſephine,„die mit Grafen kokettirt“— 6 „Ich ſpreche ja gar nicht mit dem Herrn Gra⸗ fen,“ entſchuldigte ſich die Gekränkte,„nur ein paar⸗ mal hab'ich mich mit ihm unterhalten, weil er zahl⸗ reiche Fragen an mich ſtellte; doch ſowie, Sie mir geſagt, daß ſich das nicht für mich ſchicke, bin ich ſo ſtill wie immer möglich geweſen.“ „Keine Entſchuldigung,“ erwiederte Joſephine, „glaubſt Du, wir durchſchauen Deine Manöber nicht? Wie Du anfänglich durch einfältig Geſchwätz, biſt Du jetzt durch ein intereſſantes Schweigen bemüht, den Grafen in Dein Netz zu locken.“ „O mein Gott!“ ſtammelte Marie. „Auch kann das nicht ſo fortgehen,“ fuhr Jo⸗ ſephine fort,„Du biſt als dienſtbare Geſellſchafterin bei uns engagirt, aber nicht, um Deine Netze über junge Herren auszuwerfen.“. „Gott vergebe Ihnen, wie Unrecht Sie mir thun,“ ſprach Marie in Thränen ausbrechend. Als ſie nach ſolcher Behandlung am Abend ihr einſam Zimmer betrat, kniete ſie nieder und betete zu Gott. Und wieder wie an jenem Abende, wo ſie ſich ſo fremd und verlaſſen fühlte, tönte wie Engel⸗ gruß aus dem Garten herauf die Harmonika und das fromme Lied: —,— 7 Waos iſt's, daß ich mich quäle? Harr' Seiner, meine Seele, Harr' und ſei unverzagt; Du weißt nicht, was Dir nützet, Gott weiß es und Gott ſchützet, Er ſchützet den, der nach Ihm fragt.“ Wunderbar geſtärkt erhob ſie ſich. Sie lauſchte noch lange dem ſo tröſtenden Liede, deſſen Sänger ihr jetzt nicht mehr unbekannt war. Es war Ehre⸗ gott, deſſen beſcheidenes Stüblein im Hintergebäude nach dem Garten hinausging, und der keinen Abend ſich zur Ruhe legte, ohne, von der Harmonika beglei⸗ tet, ein frommes Lied geſungen zu haben. Ehregott's Stellung in der Familie Arnheim war durch des Fidelis Einſchreiten eine ganz andere geworden. Nachdem der junge Lord vor ſeiner Ab⸗ reiſe dem Bankier noch zu wiſſen gethan, daß er ein ſpezieller Freund des jungen Kandidaten und daß derſelbe unter ſeinem ganz abſonderlichen Schutze ſtehe, ward Ehregott ſofort Reſpektperſon; denn Fide⸗ lis hatte ſich durch ſeine befreundeten Verbindungen mit den erſten engliſchen Handelshäuſern das kauf⸗ männiſche Intereſſe der arnheim'ſchen Firma in ſolchem Grade verpflichtet, daß der alte Arnheim den jungen Lord wie einen Gott verehrte, obſchon er die 8 vermeſſene Hoffnung, denſelben als Schwiegerſohn ans liebevolle Vaterherz zu drücken, aufgegeben hatte. Alſo Ehregott ward als Freund des Fidelis ohne alles Weitere und trotz aller ſauerſüßen Geſichter der beiden aufgeklärten Fräuleins zur Reſpektperſon erhoben. Er erhielt ſeinen Platz bei Tiſche nicht mehr am Ende der Tafel, ſondern unmittelbar neben dem Hausherrn, eine Auszeichnung, wie ſie in dieſer an etikettengemäße Formen gewöhnten Familie nur hoch⸗ achtbaren Gäſten zutheil wurde. Dem Ehregott, obſchon er weit entfernt war, von dieſer plötzlichen Standeserhebung irgendwie einen Mißbrauch zu machen, ward doch dadurch Gelegenheit, daß man ſeinen Worten größeren Werth beilegte und größere Aufmerkſamkeit ſchenkte, als das zeither der Fall ge⸗ weſen war. Die Folge war, daß der junge Mann, der früher in ſeiner Beſcheidenheit ziemlich ſchweig⸗ ſam am Tafelende ſaß, geſprächiger und mittheil⸗ ſamer wurde. Bald fanden auch die beiden Fräuleins vom Hauſe, daß der Herr Kandidat gar nicht ſo unangenehm ſei, daß es ihm keineswegs an Bildung fehle und daß ſie mit ihren paar eingelernten, gelehrt klingenden Brocken und Phraſen gegen ſeine gediegene Gelehrſamkeit ſchlechterdings nicht aufkommen konnten. Ehregott, wie beſcheiden ſein Auftreten und mit welcher 9 Humanität und Milde er einer gegentheiligen Anſicht entgegenzutreten pflegte, war doch, wie wir bereits geſehen haben, ein ganz anderer Mann, ſobald es ſich um ernſte, heilige Fragen des Lebens handelte. Hier war es ihm vollkommen gleichgiltig, wer ihm gegenüberſtand. Sobald der Gegner ſich einen An⸗ griff gegen das Heilige erlaubte, ſobald es galt, einen Frevler an göttlichen Dingen zurechtzuwei⸗ ſen, fuhr ein wahrhaft apoſtoliſcher Geiſt in den jun⸗ gen Mann. Seine Rede ward volltönender, gewal⸗ tiger und mit einer Ueberzeugungstreue, wie ſie nur die heilige Begeiſterung für Gott, Licht, Liebe und Wahrheit zu geben vermögen, ſchmetterte er die Widerſacher in ihr Nichts zurück Wenn man hieraus etwa ſchließen wollte, Ehregott ſei auf theologiſchem Gebiete ein finſterer, verdammungsſüchtiger Eiferer ge⸗ weſen, ſo würde man ſehr irren. Der Glaube eines Jeden war ihm heilig; ja er tadelte es als Proteſtant auf das Entſchiedenſte, daß ſich manche ſeiner Glanbensgenoſſen in katholiſchen Ländern in der verwerflichen Renvmmiſterei gefallen, bei kirchlichen Prozeſſionen denjenigen Anſtand aus den Augen zu verlieren, auf welchem jede religiöſe Handlung, wir mögen deren Form billigen oder nicht, Anſpruch hat. „Wie ſchön,“ pflegte er zu ſagen,„hat einmal der 10 Papſt einen ſolchen proteſtantiſchen Renommiſten das Unrechte ſeines Benehmens fühlen laſſen. Es iſt Hochamt in der Peterskirche. Der Vater der katho⸗ liſchen Chriſtenheit ſteht am Hochaltar und breitet ſegnend ſeine Arme über die zahlreich verſammelte knieende Gemeinde. Da ſteht unter den Tauſenden, die, wie es die Sitte ihrer Kirche mit ſich bringt, auf die Kniee geſunken, ein Einziger, ein Proteſtant, in ſtolzem Selbſtgefühl ſeines proteſtantiſchen Be⸗ wußtſeins, welches von derartiger Kniebengung nichts weiß. Entweder war er wirklich geiſtig ſo beſchränkt, daß er ſeiner Kirche etwas zu vergeben glaubte, oder es war Renommiſterei, unter den Tauſenden in einer ſo heiligen Weiheſtunde als was apartes da⸗ zuſtehen, kurz, er bleibt ſtehen, unbedenkend, ob er durch ſein Verhalten bei den Umherknieenden Aer⸗ gerniß errege oder nicht. Man läßt ihn gewähren. Der Papſt hat die einzelne Figur bemerkt und auf wie ſchöne Art wußte er dem hoffärtigen Proteſtanten ſein Verhalten zu Gemüth zu halten. Als bald dar⸗ auf der Umzug burch die Kirche beginnt und der Vater der katholiſchen Chriſtenheit an dem Proteſtan⸗ ten vorübergeht, ſagt er zu demſelben die ſchönen Worte:„Der Segen eines alten Mannes hätte Ihnen auch nichts geſchadet.“ Eines Tages war Joſephine von einer vorneh⸗ men Familie der Stadt zur Taufpathin eines Neu⸗ geborenen gewählt worden. Dieſe Angelegenheit brachte die ganze Familie, die ſich dadurch ſehr ge⸗ ſchmeichelt fühlte, in Alarm und war natürlich auch das Geſpräch bei Tiſche. Hauptſächlich war es die Toilette, die dem weiblichen Publikum weit mehr am Herzen lag als der heilige Taufakt ſelbſt. Joſephine mußte ein neues ſeidenes Kleid haben. Darüber war man vollkommen einverſtanden und Papa Arn⸗ heim hatte auch ſeine Bewilligung zum Einkauf ge⸗ geben. Lange hatte Ehregott der Unterhaltung ſchwei⸗ gend zugehört, als jedoch fort und fort bei dieſer Gevatterſchaft von Nichts als nur von dem aufzu⸗ wendenden Kleiderlurus die Rede war, verließ ihn endlich die Geduld. „Wozu denn ein neues Kleid?“ frug er zu nicht geringer Verwunderung der Frau Arnheim und ihrer Töchter, und ſelbſt der Bankier horchte hoch auf; „wenn es ſich um ein neues ſchöneres Herz handelte, wollt' ich nichts ſagen; aber warum ſolchem Lurus fröhnen bei einer ſo heiligen Handlung? Sehen Gott und Chriſtus, wenn ein Kindlein in ihr himm⸗ liſch Reich aufgenommen wird, auf goldene Spangen, Ketten, Sammt und Seide der Taufzeugen? Hat Er, 12 der Welterlöſer, der in einer Krippe lag, der ſich ſpäter einfach von Johannes, welcher ein Thierfell trug, im Jordan taufen ließ, ſeinen Chriſten etwa ein Beiſpiel zu ſolchem Lurus und zu ſolcher Kleider⸗ pracht gegeben?“ „Wir wollen ja nur,“ ſprach Frau Arnheim, „indem wir bei feierlichen Gelegenheiten die beſten Kleider anthun unſere hohe Ehrfurcht für die heilige Handlung an den Tag legen.“ „Geehrte Frau,“ erwiederte Ehregott,„damit entſchuldigt ſich bloß unſere Eitelkeit, unſer beſſeres Selbſt weiß nichts von Kleiderlurus, ja wird denſel⸗ ben bei heiligen Handlungen ſchon deßhalb unpaſſend finden, weil er unwillkürlich Veranlaſſung gibt, un⸗ ſerer Eitelkeitzum Anhalte zu dienen. Wenn wir am Tiſche des Herrn oder am heiligen Taufſteine erſchei⸗ nen, ſollen wir zwar unſerem Stande angemeſſen, aber möglichſt einfach, in von aller Putzſucht entfern⸗ ter Kleidung erſcheinen; denn nicht die reiche Klei⸗ dung iſt hier die Hauptſache, ſondern das reiche Herz, das darunter ſchlägt. Wie oft habe ich es nament⸗ lich bei der Konfirmation der Mägdlein am grünen Donnerſtage getadelt, letztere wie kleine Balldamen herauszuputzen. Soll aber ſelbſt die heiligſte Hand⸗ lung im Leben dadurch entweiht werden, daß man —— 13 ſie dazu mißbraucht, der Eitelkeit zu fröhnen? Iſt es nicht gewiſſenlos von Eltern, ihre Kinder, wie das leider Gottes ſo oft geſchieht, bloß deßhalb am Kon⸗ firmationstage ſo ſchön wie möglich herauszuputzen, damit ſie den Neid der Nachbarſchaft erregen? Iſt es nicht gewiſſenlos, durch elenden Kleiderprunk die jugendlichen Gemüther an ſo wichtigen Tagen zu zerſtreuen und ſie von der Wichtigkeit der heiligen Handlung abzuziehen? Und wie mit Abendmahl und Taufe, iſt es ebenſo mit dem ſonntäglichen Kirchen⸗ beſuche. Wie manches neue Kleid, manch neuer Hut, manch neuer Schmuck wird in die Kirche getragen, nicht um dieſe Gegenſtände gleichſam weihen zu laſſen, was bedarf auch ein Gegenſtand des Lurus der Weihe, oder um dem lieben Gott damit gleichſam ein Kompliment zu machen, ſondern lediglich, um der Welt die neue Herrlichkeit zu zeigen und wo möglich den Neid der weiblichen Nachbarſchaft zu wecken. Iſt es aber nicht eine Sünde, gerade die Kirche zu dieſem ſchnöden Gebaren zu mißbrauchen, gibt es nicht Promenaden, Konzerte, Theater, Wacht⸗ paraden und Bälle, um hinreichend dem Eitelkeitsteu⸗ fel zu fröhnen? Es bleibt dabei, Sünde iſt's, die Kirche, ſowie die heiligen Handlungen der Kirche, wie Taufe und Abendmal, zu mißbrauchen, indem 14 man ſie zu Anhaltepunkten für Selbſtſucht und Eitel⸗ keit macht.“ „Aber bringt es doch die Sitte mit ſich,“ wagte Joſephine entgegenzuhalten,„in der Kirche in beſter Kleidung zu erſcheinen.“ „Eine Sitte, die, wie die Erfahrung lehrt, in den meiſten Fällen zur Unſitte herabſinkt,“ ſprach Ehregott,„kann nie maßgebend ſein.“ „Aber mein Gott,“ meinte Marianne,„als Aſchenbrödels können wir doch nicht zur Kirche gehen?“ „Davon iſt auch gar nicht die Rede,“ erwiederte der Hauslehrer,„auch brauch' ich Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß zwiſchen der Kleidung einer Aſchen⸗ brödel und dem neuen roſa Atlaskleide, welches Fräulein Marianne am jüngſten Sonntag zum er⸗ ſtenmal in die Kirche trug, und welches ſicher die Bewunderung der ganzen Kirchfahrt auf ſich gezoge hat, ein ſo großer Unterſchied ſtattfindet, daß ſich wohl einige Mittelſtufen ausfindig machen laſſen dürften.“ Auf dieſe Weiſe kämpfte Ehregott oft gegen Angriffe, durch welche er das, was er für heilig hielt, verletzt oder gemißbraucht glaubte. Auch gegen alles Unwahre, gegen Heuchelei, Schmeichelei und wie dieſe unſaubern Blüten der Selbſtſucht alle heißen, ———— 15 zog er, wenn es die Gelegenheit mit ſich brachte, rückſichtslos zu Felde. Da die Ehrfurcht für das Hei⸗ lige ſein Schwert und die Wahrheit ſein Schild war, ging er auch ſtets ſiegreich aus dergleichen Kämpfen hervor. Selbſt den Grafen Alphons, der ſich aus Blaſirtheit gleichfalls oft in Spöttereien gegen die Religion geſiel, wies er auf eine Art zurecht, daß der Graf es für klüger hielt, es auf keine weitere Disputation mit dem Gottesmanne ankommen zu laſſen. Wie ein von dem Frühlingsregen bethautes Veilchen erquickte ſich Marie jedesmal an den Re⸗ den des Ehregott, ſobald ihr Gelegenheit ward, dergleichen anzuhören. Ihr von tauſend Nadelſtichen des Schweſternpaars gepeinigtes Herz athmete freier, wenn ſie ihre eigene innerſte Ueberzeugung von frem⸗ dem Munde ſo ſiegreich vertheidigen hörte. Ehregott war ihr Heiliger, ihr Troſt, ihr Licht und darum auch ihre— Liebe, doch glimmte letztere nur als ſtill beſeligender Funken in ihrem tieſſten Herzen. Kein Wort, kein Blick verrieth dieſes ſelige Geheimniß, und dieſe Liebe war es denn auch, die ſie aufrecht erhielt, all die Unbill des Schweſternpaars in chriſt⸗ licher Ergebung zu tragen. In Ehregott's Herzen hatte ſich gleich beim 16 erſten Anblicke Mariens ein reges Intereſſe kund⸗ gegeben; doch hielt ihn Beſcheidenheit ab, dem holden Mädchen näher zu treten. Die Beiden betrachteten ſich faſt nur aus der Ferne, zumal auch die Gele⸗ genheit wenig günſtig war, ſich einander näher zu treten. Ehregott hatte keine Ahnung, mit welch trau⸗ rigem Geſchicke Marie zu kämpfen, was ſie von dem Schweſternpaare zu dulden hatte; denn in ſeiner Ge⸗ genwart war man klug genug, dem Ingrimm gegen Marie nicht freien Laufzu laſſen, weil man zu gut wußte, daß ſich der junge Kandidat der angefeindeten Un⸗ ſchuld ſofort auf das Entſchiedenſte angenommen haben würde. „Sag' mal, Jeannette,“ frug eines Tages Arn⸗ heim ſeine Gattin,„was ſagſt Du zu den faſt täg⸗ lichen Beſuchen des Grafen?“ „Soviel ich durchſchaue,“ erwiederte die Ge⸗ fragte,„kommt er mehr wegen Marie als wegen unſerer Töchter. Ich finde ſein Benehmen manchmal ſelbſt rückſichtslos gegen Joſephinen und Mariannen, ja, daß ich's nur herausſage, es grenzt zuweilen an Ungezogenheit. Es ſcheint, als ob er unſer Haus und unſere Bekanntſchaft bloß benutzte, um Gelegen⸗ heit zu haben, ſeiner ſaubern Liebſchaft nachzuhängen.“ „Am Ende heiratet er die Marie, man hat Beiſpiele,“ ſprach der Bankier. „Wo denkſt Du hin,“ entgegnete die Gattin, „vorm Jahre hat er's mit einer Goldſchmieds⸗ tochter ebenſo getrieben. Die einfältigen Eltern träumten ſchon von einem gräflichen Schwieger⸗ ſohne. Ich bin daher dafür, daß wir hier eine Aen⸗ derung treffen. Die ganze Stadt iſt voll, daß der Graf lediglich wegen der Geſellſchafterin unſer Haus beſucht, nun, und zum bloßen Rendezovus für eine gräf⸗ liche Liebſchaft halt' ich unſere Salons doch für zu gut.“ „Du haſt recht, Jeannette, aber ich ſehe hier keinen Ausweg—“ „Marie muß aus dem Hauſe.“ „Ja, wo ſoll das arme Kind hin?“ „Iſt ihre Sache.“ „Es wäre mir aber wahrhaft ſchmerzlich, wenn der Graf plötzlich wegbliebe. Ich habe große Rück⸗ ſicht gegen ihn zu nehmen. Er iſt nicht abgeneigt, mit einem bedeutenden Kapital an unſerem Ge⸗ ſchäfte ſich zu betheiligen.“ „Dieſer Skandal kann aber nicht länger fort⸗ gehen, unſere Töchter werden wegen einer Griſette auf das Empfindlichſte kompromittirt.“ „Hm, hin, eine fatale Geſchichte,“ meinte Arn⸗ 1857 XIX. König v. Tauharawi. II. 2 18 heim;„hätten wir das Mädchen nur gar nicht en⸗ gagirt, ich war gleich dagegen, aber eine Geſell⸗ ſchafterin mußte es ſein; das brachte der gute Ton mit ſich.“ Während die beiden ſich noch über dieſe Ange⸗ legenheit unterhielten, trat Joſephine, Thränen in den Augen, ins Zimmer. „Es iſt nicht mehr zum Aushalten,“ rief ſie, „mit dieſem Grafen; ſveben brachte ein Bediente eine prachtvolle, durchbrochene Porzellanſchale mit den ſchönſten Blumen, die ein Seidenpapier umhüll⸗ ten, auf welchem die zärtlichſten Verſe geſchrieben ſtanden. 4 „Nun doch für Dich oder Mariannen?“ frug der Bankier. „Ja,“ antwortete S„auf ſolche Auf⸗ merkſamkeit könnten wir beide lange warten. Für Marien war das reizende Geſchenk.“ „Und Marie?“ ſprach die Mutter. „Hat natürlich die Herrlichkeit ſofort zurück⸗ geſchickt,“ ſprach Joſephine. „Das freut mich von dem Mädchen,“ meinte der Vater,„es zeigt von Takt.“ „Takt,“ ſpöttelte Joſephine,„was verſteht ſolche Einfalt vom Lande von Takt. Auch hätten ich und 19 Marianne ihr nicht rathen wollen, das Geſchenk anzunehmen.“ „Du ſiehſt hieraus,“ fuhr jetzt Frau Arnheim zu ihrem Manne fort,„daß es die höchſte Zeit wird, das Mädchen aus dem Hauſe zu thun.“ Arnheim ging eine Zeitlang nachſinnend auf und ab. Er konnte auf der einen Seite ſeiner Frau und ſeinen Töchtern nicht ganz Unrecht geben, wenn ſie ſich durch Bevorzugung Mariens vonſeiten des Gra⸗ fen gekränkt fühlten, gleichwohl wünſchte er auch je⸗ den Schritt zu vermeiden, welchen der Graf hätte übeldeuten können; und daß er eine plötzliche Entfer⸗ nung ſeiner Angebeteten als dergleichen feindliche Handlung betrachten mußte, lag auf der Hand. Arn⸗ heim ging daher mit ſich zu Rathe, ob hier nicht ein Mittelweg auszufinden ſei? Er ſann hin und wieder und glaubte endlich einen ſolchen gefunden zu haben. „Es iſt entſchieden,“ ſprach er nach längerer Pauſe,„Ihr ziehet nach Roſenau, unſerm Landſitze. Die ſchöne Jahreszeit läßt einen Aufenthalt auf dem Lande nur natürlich erſcheinen. Roſenau liegt fünf Meilen von der Reſidenz. Dieſe Abgelegenheit iſt hin⸗ reichend, den Liebeserkurſionen des Grafen einen wohlthätigen Halt zu gebieten. Wenn er ſich auch 20 einmal von den Vergnügungen des Reſidenzlebens losreißt und einen Abſtecher zu Euch unternimmt, ſind wir doch vor ſeinen täglichen Beſuchen geſichert.“ „Aber auf Roſenau kommt man vor Langeweile um,“ bemerkte Joſephine. „Und dann iſt es doch fürwahr eine merkwür⸗ dige Zumuthung,“ fügte Frau Arnheim hinzu,„daß die Familie Arnheim wegen einer Griſette, die in ihrem Lohn und Brot ſteht, gleichſam die Flucht ergreifen ſoll?“ „Es bleibt aber kein anderer Weg übrig,“ ſprach der Bankier,„wißt Ihr einen, ſo ſagt ihn. Wollen wir Marien ä tout prix entlaſſen, ſo könnte das den Grafen befeinden, was ich in Betracht unſerer beiderſeitigen geſchäftlichen Beziehungen entſchieden vermeiden muß. Ihr habt die Marie ins Haus ge⸗ bracht, nicht ich. Das bedenket.“ Mutter und Tochter wollten ſich mit einem Sommeraufenthalte auf dem Lande gar nicht befreun⸗ den. Beide waren ſo im Treiben und in den Zer⸗ ſtreuungen des Reſidenzlebens untergegangen, daß ein ſtilles idylliſches Leben auf dem Lande, obſchon Roſenau wunderſchön gelegen, durchaus keinen Reiz für ſie hatte. Da Roſenau von Rittergütern und Landſitzen der vornehmen Welt ſehr entfernt lag, 21 waren der Pfarrer, der Pachter und Förſter das ein⸗ zige Publikum, mit welchem man nach Anſicht des weiblichen Theiles der Familie Arnheim nothgedrun⸗ gen umgehen konnte. Wo gab es da eine Gelegen⸗ heit, ſich irgendwie ſehen zu laſſen? oder ſonſt äu⸗ ßerlich zu prunken? Marianne, welche, als ſie von dem Geſchenke des Graſen an Marien vernommen, gleichfalls von Entſetzen ergriffen worden war, kam jetzt auch noch dazu, ihrem Herzen Luft zu machen. Als man ihr des Vaters Vorſchlag wegen Roſenau mittheilte, ſchlug ſie entſetzt die Hände über dem Kopfe zu⸗ ſammen. „Da werden wir Kühe melken und ins Heu fahren müſſen,“ ſprach ſie,„um nur einigermaßen die Zeit todtzuſchlagen. Es iſt entſetzlich.“ Der alte Arnheim machte nochmals die außer⸗ ordentlichſten Anſtrengungen mit ſeinem Denkoermö⸗ gen, um einen andern Ausweg zu finden. Es ge⸗ lang ihm aber nicht, und da ihn zugleich die unver⸗ holene Averſion, welche ſeine Damen gegen das Landleben und den ſchönen Landſitz, der ihn ſchwere Summen gekoſtet, ausſprachen, ärgerte, ſo ſiegten end⸗ lich ſeine angeborene Heftigkeit und ſein Diktatorwille. 22 „Es bleibt dabei,“ ſprach er,„Ihr zieht aufs Land, haltet Euch bereit, den Montag geht's fort.“ Mit dieſen Worten, welche auf eine Art aus⸗ geſprochen wurden, daß ſie keine Entgegnung zuließen, eilte er aus dem Zimmer, die Thür nicht eben ſanft hinter ſich zuſchlagend. Händeringend gingen die Fräuleins auf und ab. „Vergiften könnt' ich dieſe Perſon,“ rief Joſe⸗ phine, ſich ungezügelt ihrem heftigen Temperamente hingebend.„Ein böſer Geiſt muß dieſes Weſen in unſer Haus geführt haben. Iſt ſo etwas erhört worden; wegen eines Dienſtboten ſollen wir, die Herrſchaft, verbannt werden auf eine elende Scholle Landes, von aller Ziviliſation entfernt, jetzt, wo das neue Regiment im Begriff ſteht hier Garniſon zu nehmen, wo die Waſſer⸗Corſos, die florentiniſchen Nächte mit Feuerwerk und Illumination, worauf wir uns ſo lange gefreut, ihren Anfang nehmen?“ Der Mama, welche an Vergnügungsſucht ihren Töchtern nicht nachſtand, waren die letzten Worte Jo⸗ ſephinens hauptſächlich aufs Herz gefallen. „Du haſt Recht, meine Tochter,“ ſprach ſie,„es iſt nicht gut von Deinem Vater, uns gerade jetzt zu exiliren. Was ſoll der Adel, das Offiziercorps von uns denken, wenn wir jetzt, wo ſo zahlreicher 23 und angenehmer Beſuch bevorſteht, förmlich die Flucht ergreifen. Ich gehe nochmals zum Vater, vielleicht, daß mir es gelingt, eine Sinnesänderung zu bewir⸗ ken. Alſo gebt noch nicht alle Hoffnung auf.“ Sie entfernte ſich, die beiden Fräuleins ihren eigenen Betrachtungen überlaſſend. Joſephine hatte ſich ins Sopha geworfen, und ſchien von der ganzen Welt nichts mehr wiſſen zu wollen. Bald aber ſprang ſie wieder auf. „Aber dieſe Perſon ſoll es büßen,“ ſprach ſie, „müſſen wir ihretwegen fort, ſollen ihr keine Ro⸗ ſen daraus erblühen. Auf dem einfältigen Lande zwiſchen Pferden und Ochſen brauchen wir keine Ge⸗ ſellſchafterin. Da kann ſie die Magd machen, wie ihr zukommt, damit ihr die gräflichen Gedanken ver⸗ gehen. Ja aufs Feld ſoll ſie, in die Scheuer, in den Stall. Wir werden ja ſehen, ob nach einer Heu⸗ und Kornernte ihr Teint dem Herrn Grafen noch ſo ver⸗ führeriſch erſcheinen dürfte. Auch ihrer ſtädtiſchen Gar⸗ derobe braucht's auf dem Lande nicht. Wir ſorgen für ländliche Tracht, die dem Herrn Grafen weniger in die Augen ſtechen dürfte. Und arbeiten ſoll ſie, daß ſie ihre Hände nicht fühlen ſoll; damit ſie erfährt, was es heißt: Du ſollſt Dein Brot im Schweiße Deines 24 Angeſichtes eſſen. Wir wollen doch ſehen, ob es keine Mittel gibt, ihr die Liebenswürdigkeit auszutreiben.“ „Wenn aber der Galan nachgereiſt kommt,“ ſprach Marianne,„ich glaube, der geht mit aufs Feld und hilft Heu aufladen.“ „Das glaube ja nicht,“ erwiederte die ältere Schweſter,„bei dieſer Sorte von Liebhabern heißt es: Aus den Augen, aus dem Sinn. Auch dürfte bei der ländlichen Erſcheinung von Demviſelle und bei ihren ökonomiſchen Arbeiten Herr Alphons von ſei⸗ ner Paſſion hoffentlich geheilt werden.“ „Ich darf wirflich an dieſe Landfahrt nicht denken,“ fuhr Marianne fort,„wer ſoll uns denn be⸗ ſuchen? Und dieſen hofmeiſternden Hofmeiſter dazu. Wenn der Menſch nur entfernt Anlage zu einiger Liebenswürdigkeit hätte, wäre wenigſtens Ausſicht, etwas Idylle zu ſpielen; aber ſo“— „Ach, auf das Idyllenthum will ich noch verzich⸗ ten,“ meinte Joſephine,„aber da fällt mir zu mei⸗ nem Schrecken ein, daß Friedberg nicht einmal Whiſt ſpielt und die Mamſell auch nicht; wir bringen nicht einmal ein Whiſt zuſammen. Iſt das nicht zum Verzweifeln?“ „Was, nicht einmal ein Whiſt,“ rief Ma⸗ rianne, und ſchlug erſchrocken die Hände über dem * LE Kopfe zuſammen,„es gibt ja aber noch einen Paſtor, Pachter, Förſter.“ „Soviel ich mich von meinem letzten Aufent⸗ halte in Roſenau entſinne, der Gottlob nur ein paar Tage währte,“ verſicherte Joſephine,„erſtreckt ſich das Spielgenie der genannten Honoratioren nicht über den Schafkopf.“ „Das ſind Ausſichten,“ meinte Marianne,„und wer weiß, wie lange uns der Papa da draußen ſitzen läßt.“ Frau Arnheim kehrte jetzt zurück, aber mit einem Geſicht, welches anzeigte, daß ihre Miſſion vollkom⸗ men mißlungen ſei. „Es iſt alles vergeblich,“ ſprach ſie,„Euer Va⸗ ter glaubt einmal, dem Grafen in geſchäftlicher Be⸗ ziehung die höchſten Rückſichten ſchuldig zu ſein. Alſo trefft Euere Vorkehrungen. In zwei Tagen reiſen wir nach Roſenan.“ Die beiden Fräuleins bereuten jetzt vom Her⸗ zen, wegen des Verhaltens des Grafen zu Marien überhaupt ſolch ein Aufſehen gemacht und die Sahe auf ſolche Spitze getrieben zu haben. Sie forſchten darum die Mutter aus, ob man nicht lieber die ſo ver⸗ letzende Auszeichnung Mariens geduldig ertragen ſollte, 26 nur um in der Reſidenz bleiben zu dürfen; aber Frau Arnheim zuckte mit den Achſeln. „Ihr wißt,“ ſprach ſie,„worüber Papa einmal entſchieden, das ſteht bei ihm ſo feſt und iſt ſo unan⸗ taſtbar, wie ein unterſchriebener Wechſel. Da iſt er reiner Zahlenmann. Außerdem glaube ich aber auch, daß wir es der Ehre unſerer Familie ſchuldig ſind, wenn wir unſer Haus nicht zu Rendezvvus reicher Wiüſtlinge mit unſerm Dienſtperſonale hergeben und alſo einen ſchicklichen Ausweg ſuchen, dieſem Skan⸗ dal aus dem Wege zu gehen. Und nach reiflicher Ueberlegung bleibt allerdings keine andere Aushilfe, als daß wir uns eine Zeitlang auf unſern Landſitz zurückziehen; hoffentlich, daß unſer Eril nicht zu lange dauern wird, da die zärtlichen Paſſionen des Herrn Grafen in der Regel nicht von langer Dauer ſind. Ich bin überzeugt, daß, ſobald Alphons keine Gelegenheit mehr findet, unſerer Demviſelle den Hof zu machen, ihm bald die Zeit lang und er ſich nach einem andern Gegenſtande ſeiner Neigung umſchauen wird. Dann ſind auch wir erlöſt und kehren ſofort ins Leben zurück. Wenn wir alsdann Marien aus unſeren Dienſten entlaſſen, ſo fällt das nicht auf, und kann ſich der Graf dadurch im geringſten nicht verletzt fühlen und wird es nicht.“ So war denn der Landaufenthalt unwiderruflich beſchloſſen. Je ſchwerer aber dieſe Luftveränderung die bei⸗ den Fräuleins berührte, mit umſo größerer Freude ward die Nachricht davon von Marien und Ehre⸗ gott begrüßt. Marien fiel eine wahre Felſenlaſt vom Herzen bei dem Gedanken, daß ſie nun den Huldigungen des Grafen, die ihr ſo unendliches Herzeleid verur⸗ ſachten, entrückt werden ſollte. Innig dankte ihr frommes Herz Gott für dieſe Gnade. Auch freute ſie ſich wie ein Kind auf das Leben auf dem Lande, auf die Einſamkeit, auf des Waldes Rauſchen, auf die Sonnenuntergänge, auf die ländlichen Bewohner. Es en das ihr ja alles wohlvertraute Dinge, an welche ſich ihre ſchönſten Jugenderinnerungen knüpften. Auch Ehregott that einen ordentlichen Luftſprung, als er die Kunde erhielt, daß es über Hals und Kopf aufs Land gehen ſolle. „Das iſt doch einmal ein geſcheidter Einfall von Arnheims,“ ſprach er für ſich,„ich begreife nicht, warum ſie nicht längſt darauf gekommen ſind. Es iſt ja eine wahre Sünde, die ſchönen Monate hier in der lärmenden, ſtaubigen Reſidenz zu verbringen, wäh⸗ „ 28 rend draußen der Frühling und Sommer in aller Pracht über die Berge zieht. Dieſer Entſchluß kann mich ſogar bewegen, den Bitten des Herrn Arnheim nachzugeben und noch eine Zeitlang das Amt eines Erziehers fortzuführen. Auf dem Lande erhalt' ich ja die herrlichſte Muße, meine Studien ſo ungeſtört als immer möglich fortzuſetzen Es wäre ja auch eine wahre Sünde vonſeiten meiner Prin⸗ zipalität, welcher der liebe Gott einen ſo herrlichen Landſitz verliehen, denſelben unbenutzt zu laſſen. Wie freue ich mich auf die Landpartieen, das Bergeſtei⸗ gen, auf die heitere Stille des Landlebens!“ Als daher Ehregott am Abend nach ſeinem ſtil⸗ len Zimmer zurückkehrte, griff er mit freudigem Danke in ſeine Harmonika und ſtimmte mit ſeiner zum Her⸗ zen ſprechenden Stimme an: Wie groß iſt des Allmächtigen Güte, Iſt der ein Menſch, den ſie nicht rührt? Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erſtickt, der Ihm gebührt? Ja, Seine Liebe zu ermeſſen, Sei ewig meine größte Pflicht. Der Herr hat mein noch nie vergeſſen, Vergiß, mein Herz, auch Seiner nicht.“ Und am dunkeln Fenſter im Vorgrunde des Gartens lauſchte Marie. Ihre Hände waren gefaltet 29 und Dankesthränen erfüllten ihre Augen und mit leiſer Stimme wiederholte ſie mit tief bewegtem Herzen: Der Herr hat mein noch nie vergeſſen, Vergiß, mein Herz, auch Seiner nicht.“ Zweites Rapitel. Nachdem Apollonius Hornickel die Seekrankheit glücklich überſtanden und wieder verdauungs⸗ und mittheilungsfähig geworden war, hatte er vor Fi⸗ delis ein merkwürdiges Eramen zu beſtehen. Fidelis gab ſich nämlich das Anſehen, als ob ihm außer⸗ ordentlich daran gelegen ſei, zu erfahren, in welchem Geiſte und nach welchem Syſteme der neue Kaha⸗ meda zu regieren gedenke. Ehe wir auf dieſes Eramen jedoch eines Weiteren eingehen, müſſen wir kürzlich erwähnen, wie ſich die Angelegenheiten hinſichtlich der Abreiſe von Kirch⸗ berg ſo ſchnell abgewickelt. Strichelius entfaltete hier wieder ſeinen ganzen Scharfſinn und Unternehmungs⸗ geiſt. In der Stadt wurde das Gerücht verbreitet, daß der Zweck der aſiatiſchen Geſandtſchaft erreicht, indem ſie in Apollonius Hornickel den Mann gefun⸗ 30 den, welcher ſich bereit erklärte, die abendländiſche Kultur nach dem Morgenlande zu tragen. Den Hornickel habe man deßhalb erwählt, weil zu dem Unternehmen Kapital gehöre. Hornickel ſolle die Lei⸗ tung einiger neuanzulegenden großen induſtriellen Unternehmungen in Tauharawi übernehmen. Der Gewinn, der für ihn abfiel, war unermeßlich. Es ſtand ihm frei, nach einem beſtimmten Zeitraum als „Rothſchild der Zweite“ nach Kirchberg zurückzukehren, falls er es nicht vorziehe, ſeinen bleibenden Aufent⸗ halt im Morgenlande zu nehmen. Die Geſandt⸗ ſchaft, erfreut, endlich einen ſolchen unternehmungs⸗ luſtigen Kapitaliſten aufgefunden zu haben, ſprach ihre Dankbarkeit durch die zahlreichen wohlthätigen Gaben aus, welche, wie wir geſehen, zwar aus des Wuche⸗ rers Beutel floſſen, wozu aber die Geſandtſchaft ihren Namen hergegeben. Strichelius galt öffentlich 1 als der vom Hornickel auserwählte Reiſebegleiter, führte aber im Kreiſe der Eingeweihten den Titel Reiſemarſchall und hatte Anſpruch auf die Beigabe Hochwohlgeboren. Sein Unterhalt ward nicht von Hor⸗ nickel, ſondern von der Geſandtſchaft beſtritten, weil 5 der Pfiffikus dem Fidelis zu Gemüthe gehalten, daß, wenn er von Hornickel geatzt werden ſollte, er als ge⸗ dörrter Pökling, ohne Lebensfähigkeit in Tauharawi 31 anlangen würde. Desgleichen hatte Fidelis für den Unterhalt der Familie des Barbiers Sorge getragen. Die Thränen, welche vonſeiten der letztern, nach⸗ dem ſie erfahren, daß für ſie geſorgt ſei, beim Ab⸗ ſchied vergoſſen wurden, machten das Waſſer in Kirch⸗ berg nicht größer. Zugleich war Strichelius für den Fall, daß man ſeiner Dienſte nicht mehr bedürfe, für penſionsfähig erklärt worden. Weit größere Schwierigkeit hatte es gekoſtet, den Moritz Bachmann vom Vaterherzen loszueiſen, und es hatte hier des ganzen Einfluſſes der Geſandt⸗ ſchaft, ſowie der Verſchmitztheit des Strichelius bedurft. Da die Reiſe den alten Bachmann nichts koſtete und er doch nicht wiſſen konnte, ob auf ſol⸗ cher Fahrt ſein Sohn, da er zur Jurisprudenz ein⸗ mal keine Luſt habe, nicht vielleicht ſein Glück machen könne, ſo ertheilte er endlich Urlaub auf ein Jahr. War dieſes abgelaufen und hatte ſich für Moritz kein ſicherer Lebensberuf ausfindig gemacht, ſo ſollte er(dieß waren die Worte des Alten) in den Juri⸗ ſtenzwangſtall zurückgemaßregelt werden. Sowie die Sache mit dem alten Bachmann in Ordnung, war der angebliche Mohr als Gene⸗ ralquartiermeiſter vorausgereiſt und Moritz trat an 32 ſeine Stelle. Hornickel hat nie erfahren, daß unter der ſchwarzen Larve einer der Verſchworenen geſteckt. Tugendreich führte die Wirthſchaft des väterli⸗ chen Hauſes bis auf weitere Verhaltungsbefehle fort, während Fiſchel in ſorgenfreien Ruheſtand trat und nur zu leichten Dienſtleiſtungen für das Haus Hor⸗ nickel gehalten war. Auch für Mutter Friedberg war geſorgt. Sie erhielt ihr Vermögen wieder, nebſt ſämmtlichen Ver⸗ zugszinſen. Es war nicht groß, reichte aber voll⸗ kommen hin, die alte Frau vor Nahrungsſorgen ſicher⸗ zuſtellen; wie denn ebenfalls Hornickel eine Summe für das Studium Ehregott's berappen müſſen. Auch ſtand der Wucherer jetzt nicht mehr dem be⸗ freundeten Verkehr zwiſchen ſeiner Tochter Tugend⸗ reich und der Mutter Friedberg im Wege. Die Abreiſe der Geſandtſchaft mit Hornickel und deſſen Reiſemarſchall war in aller Stille erfolgt. Als eines Morgens die Kirchberger aufſtanden und ſich eben zum Frühſtück niederſetzen wollten, lief die große Kunde durch die Stadt: Sie ſind fort! Auf der Poſt erfuhr man nur ſoviel, daß die Reiſe direkt nach Hamburg gegangen. Jetzt gewann Kirchberg und Umgegend Muße, über das außerordentliche Ereigniß im allgemeinen, 33 wie im beſonderen geeignete Betrachtungen anzu⸗ ſtellen. Am wildeſten geberdete ſich Greifenhahn, der Kellerpachter, vb der urplötzlichen Abfahrt. Er hatte ſich immer der freundlichen Hoffnung hingegeben, daß die hohe Geſandtſchaft nicht unterlaſſen werde, dem Rathe, wie der verehrlichen Bürgerſchaft eine kleine Abſchiedfreſſerei bei ihm zu veranſtalten. Auch hatte Strichelius halblaut durchblicken laſſen, daß ſo was im Werke ſei, nur ſei man in der Wahl zwi⸗ ſchen Schießhaus und Rathhaus nicht ganz einig. Jetzt wanderten in Strichelius' Wohnung Abends in der Dunkelheit vom Rathskeller aus wie in die Arche Noah und als ob die Barbierfamilie ein halb Jahr belagert werden ſollte, die halbe Naturgeſchichte an zahmem und wildem Geflügel, Kalbs⸗ und Schöpskeulen, Servelat⸗, Trüffel⸗ und Salamiwürſte, Anchovis und Kaviar und ähnliche für des Barbiers Verdauung be⸗ rechnete Gegenſtände; wozu ſich die entſprechende Zahl diverſer Rheinweinausbrüche, ſowie der zur Bereitung eines guten Glaſes Grog unentbehrliche Arac di Goa und hundertjähriger Cognae in freund⸗ licher Eintracht geſellten. Strichelius ließ ſich natürlich den Mannaregen gefallen, und wenn Greifenhahn an der Rathhaus⸗ 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 3 34 thür ſtand und er über den Markt ging, ließ er ſich die paar Schritte nicht gereuen, ſondern trat zum Kellerpachter, drückte ihm verſtändnißinnig die Hand und ſagte:„Greifenhahn, was gemacht werden kann, wird gemacht, die Gänſebruſt war delikat, werde nicht ermangeln, bei Erzellenz davon Notiz zu neh⸗ men;“ oder er ſagte:„Der Schießhauswirth war auch bei mir, aber,'s wird nichts, der Mann iſt ja gar nicht eingerichtet. Ich finde ſein Verlangen ordent⸗ lich lächerlich.“ Wie Orgelton und Glockenklang tönte ſolche Rede in Greifenhahn's Ohre wieder.„Werdet Eure Sachen ſchon machen, Herr Strichelius,“ war ſeine ge⸗ wöhnliche Antwort, indem er ſich recht behaglich die Hände rieb. Jetzt, nachdem mit einemmale, in einer Nacht, Herr Mirza ben Hafiz ſammt Hornickel'n und Stri⸗ chelium über alle Berge waren, erkannte Greifenhahn mit zu rechtfertigendem Ingrimme, daß ſein vergnüg⸗ liches Händereiben ganz vergeblich geweſen, daß er ſich dasſelbe vollkommen hätte erſparen können. Der Gedanke, daß er dem Barbier für nichts und wieder nichts wie ein Hamſter zugetragen, verſetzte ihn in Wuth. „Dieſer Strichelius,“ ſprach er zu ſich„iſt und 85 bleibt ein Lump. Ich wünſchte, der Kerl würde von den Wilden an⸗ und aufgefreſſen im Mohrenlande oder wo er ſonſt hingeht. Es iſt entſetzlich. Ich habe bei dieſer morgenländiſchen Geſchichte ſammt hinteraſiati⸗ ſcher Geſandtſchaft nichts als Schaden. Was hab' ich dieſen Halunken, dieſen Strichelius, die ganzen Wo⸗ chen daher herangefüttert. Der Kerl war ordentlich dick geworden und muß delikat ſchmecken, ſo ihn die Wilden anſchneiden, was ich der Kanaille aufrichtig wünſche. Wie geſagt, nichts hab'ich von der ganzen hin⸗ teraſiatiſchen Geſandtſchaft gehabt, nicht einmal einen Schnaps hat dieſes Pack bei mir verzehrt. Wenn Herr Hafiz mir wenigſtens die Suppe für die Armen zugewendet, die er ſo reichlich dotirt. So hat's die Armenkommiſſion in die Krallen bekommen und wo die die Hand im Spiele, da iſt für einen ehrlichen Wirth Hopfen und Malz verloren. Noch nie hat wohl ein Menſch ſo vergeblich die Wurſt nach der Speckſeite geworfen, wie ich nach dieſem Strichelius; nicht eine Wurſt hab' ich nach dem Kerl geworfen, eine ganze Rauchkammer. Und alles umſonſt. Es iſt, um ſich die Haare einzeln auszuraufen.“ Das Schlimmſte bei dieſer Angelegenheit war, daß Greifenhahn ſeinen Grimm gegen ſeine Gäſte auch noch hinunterſchlucken mußte und ſich nichts davon 3* 36 merken laſſen durfte. Die Stimmung der Bürger⸗ ſchaft hinſichtlich der hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft war für letztere, wegen der zahlreichen Wohlthaten, die ſie ausgeſtreut, eine außerordentlich günſtige. Es wäre Niemandem zu rathen geweſen, auch nur Ein unſchön Wort oder ſonſtige mißliebige Aeußerung über Mirza ben Hafiz und ſeine Begleiter vernehmen zu laſſen. Namentlich war man im goldenen Wallfiſche, wo die Aſiaten ihre Herberge genommen, voll Lobes ob der außerordentlichen Generoſität dieſer fremden Leute. Der Hausknecht Kilian, welcher fünf Dukaten Trinkgeld erhalten, lief mit der goldenen Spende von einem Hauſe zum andern und erhöhte dadurch die Ehrfurcht der Bürgerſchaft für die Geſandtſchaft um nicht geringes. Die günſtige Stimmung der Kirchberger hinſicht⸗ lich der fremden Gäſte ging ſelbſt auf die Perſon des Strichelius über, weil alle Welt wußte, daß der⸗ ſelbe in ſehr intimen Verhältniſſen zu der Geſandt⸗ ſchaft geſtanden hatte. „Wer hätte das von dieſem übelberüchtigten Bar⸗ bier geglaubt,“ ſagte man,„aber ſein Einfluß auf die Indier muß doch ein ſehr wohlthätiger geweſen ſein. Wie wäre Herr Mirza auf die zahlreichen milden . 37 Stiftungen gekommen? Das konnte er bloß vom Strichelius wiſſen.“ Namentlich war es auf dem Keller, wenn die Bürger daſelbſt verſammelt waren, daß des Barbiers Lob an allen Orten erklang, wobei Greifenhahn faſt aus der Haut zu fahren vermeinte und doch nichts ſagen durfte. „Er war nie mein Freund, dieſer Strichelius,“ ſprach der Zinngießer Geibel,„ich müßt' es lügen, aber wahr bleibt wahr, bei dieſer vrientaliſchen Ge⸗ ſchichte hat er ſich um die Stadt verdient gemacht Greifenhahn, noch ein Friſches, dem Strichelius zu Ehren!“ Geibel hielt bei dieſen Worten das geleerte Töpfchen empor. „Mir auch ein Friſches zu Ehren des Striche⸗ lius,“ rief der Lohgerber Walter,„der Mann hat ſich nobel gemacht.“ „Wenn Ihr's nur wüßtet, Ihr Ochſen,“ ſprach Greifenbahn und ſchenkte voll Ingrimm die Gläͤ⸗ ſer voll. „Ich möchte doch wiſſen,“ fuhr der Zinngießer fort,„wodurch es dieſem Pfiffikus, dieſem Striche⸗ lius, gelungen, ſolches Entrée bei den Indiern zu finden? Man munkelt dieß und jenes.“ 38 „Was iſt da zu munkeln,“ ſprach Walter,„Stri⸗ chelius iſt ein umſichtiger, unternehmender Mann, der ſich in die Welt zu ſchicken weiß, und der auch nicht ohne Vortheil von der Bank zu fallen verſteht.“ „Ja, das verſteht er,“ ſeufzte Greifenhahn, deſſen verſchwendete Würſte und Viktnalien an ſei⸗ nem innern Geſicht vorüberzogen. Der einzige Vortheil, welchen Greifenhahn des Barbiers Freund⸗ ſchaft verdankte, war das Geheimniß wegen der Ope⸗ ration. Dieſes Geheimniß lag mit wahrer Zentnerlaſt auf ihm und er hätte dieſe Laſt vors Leben gern abgeſchüttelt, hätte er ſich nicht vor dem furchtbaren Eide gefürchtet, den er geſchworen hatte. Solange Strichelius noch in Kirchberg anwe⸗ ſend, trug Greifenhahn wie ein merikaniſcher Laſt⸗ träger an dem Geheimniß, und widerſtand mit ſpar⸗ taniſcher Tapferkeit aller Verſuchung. Nachdem ihn aber der Barbier böslich verlaſſen und ſo ſchändlich an ihm gehandelt, indem er ihm bas Abſchiedeſſen nicht zugewandt, ward für Greifenhahn die Laſt voll⸗ ends unerträglich. Er glaubte jetzt dem Strichelius durchaus keine Verbindlichkeit mehr ſchuldig zu ſein. Er ſuchte darum ſein Gewiſſen nach allen Regeln der Dialektik hinſichtlich des zu brechenden Eides zu beruhigen, indem er zu ſich ſagte:„Was kann es 39 Herrn Mirza verſchlagen, ob jetzt auch die Bürger⸗ ſchaft erfährt, daß ihm das Geſicht infolge einer barbariſchen Kriegsſitte nach hinten geſtanden hat? Das iſt kein Fehler, das iſt ein Unglück. Aber wenn ich mit der Sprache herausgehe, ſteigt dieſer Rak⸗ ker, dieſer Barbier, auch noch als Operateur. Die Vereh⸗ rung ſteigt und man iſt im Stande, ihm unter ent⸗ ſprechender Feierlichkeit ein Denimal zu ſetzen, wozu ich als Patriot beiſteuern ſoll. Das wäre mein Letz⸗ tes. Auch ſteht zu befürchten, falls ich losſchieße, daß ſich Rattenſpazer aus Brotneid ein Leids anthut, und den darf ich jetzt nicht aus der Contenance bringen, da mir drei Kinder an den Maſern liegen.“ Alſo hinſichtlich des Eides hätte Greifenhahn weniger Schwierigkeit gehabt, ſich mit ſeinem Ge⸗ wiſſen abzufinden; aber daß er durch den Eidbruch auch noch zur Verherrlichung ſeines Feindes beitra⸗ gen ſollte, das war für den Kellerwirth zu viel ver⸗ langt. Er war darum für einen Ausweg bemüht. Er wollte ſich das Anſehen geben, als wiſſe er den Grund, warum ſich Strichelius der Geſandtſchaft in ſolchem Grade attachirt, und doch andererſeits wollte er das Verdienſt des um allen etwaigen Nimbus bringen. Als daher der Zingioßet Geibel mit dem Loh⸗ ſ 40 gerber Walter ſich über anberegte Frage vergeblich den Kopf zerbrachen, ſprach Greifenhahn die inhalt⸗ ſchweren Worte:„Wenn Ihr ſchweigen wollt, ich kenne den Haken.“ „Oho,“ lachten die beiden Bürger,„Ihr wärt gewiß der letzte, dem man ſo ein Geheimniß auf die Naſe gebunden.“ Greifenhahn, den dieſe Worte in ſeiner Auto⸗ rität nicht wenig ärgerten, ſchwur jetzt bei Sonne, Mond und Planeten, daß er es aus des Striche⸗ lius eigenem Munde mit eigenen Ohren gehört habe. „Na, Greifenhahn,“ lachte der Zinngießer,„wenn Ihr etwas gewußt hättet, dann wär's ſo gut, als hätte es im Wochenblatte geſtanden.“ „Ich durfte ja nicht,“ remonſtrirte der Keller⸗ pachter,„mich band ein Eid, ſolange die Geſandt⸗ ſchaft noch in Loco; ich mußte reinen Mund halten.“ „Alſo heraus mit der Sprache,“ rief der Loh⸗ gerber,„welche Bewandtniß hat es mit des Striche⸗ lius Freundſchaft zur fremden Geſandtſchaft?“ Greifenhahn that noch immer ſehr geheimnißvoll. „Es handelt ſich um eine Operation,“ ſprach er. „Um eine Operation?“ frugen die beiden Bür⸗ ger,„was für eine Operation?“ 41 Um jetzt das Verdienſt des Strichelius mög⸗ lichſt zu neutraliſiren, fuhr Greifenhahn fort.„Der Barbier hat dem Geſandten einen Naſenpolypen aus⸗ gezogen!“ „Einen Naſenpolypen,“ lachte Geibel,„laßt Euch nicht auslachen. Greifenhahn, ein Naſenpolype zieht nicht, den konnte Rattenſpazer auch operiren. Das iſt weder eine große Kunſt, noch ein groß Verdienſt. Nichts da, da hat Euch Strichelius mit dem Na⸗ ſenpolypen nichts als ſelber eine Naſe aufgeſetzt; mein Schwager, der Neumüller, litt auch daran, er ſchnappte bereits nach Luft, wie ein Karpfen, der im Trocknen; Rattenſpazer hat ihn in kürzeſter Zeit von dem Beeſte befreit.“ Greifenhahn wollte verzweifeln, daß er das Ge⸗ heimniß wußte und doch nicht damit vorfahren durfte, um den Strichelius nicht im Brillantfener ſtrahlen zu laſſen. „Der Strichelius,“ ſprach der Zinngießer,„muß ſeine aparten Meriten bei der Geſandtſchaft gehabt haben. Ja, wer die wüßte.“ Jetzt war es für Greifenhahn keine Möglichkeit, länger zurückzuhalten. Das Geheimniß hätte ihn um⸗ gebracht. 42 „Ihr habt Recht,“ platzte er heraus,„es war keine Polypenoperation, es war eine weit furchtbarere.“ „Eine weit furchtbarere?“ „Ja,“ fuhr Greifenhahn fort,„es iſt ſchrecklich, wenn man daran denkt— aber, Gelbgießer— Lohgerber— ſo Ihr ein Wort—“ „Zur Sache!“ drängten die beiden Bürger. Greifenhahn fuhr fort und theilte die entſetzliche Lage des Mirza ben Hafiziſchen Kopfes mit, nebſt der gelungenen Operation, ſowie er ſie von Strichelius ſelbſt erfahren hatte, auf die Gefahr hin, daß die Bür⸗ gerſchaft jetzt ſeinem Feinde ein Denkmal ſetze. Kaum aber hatte Greifenhahn ſeinem Herzen Luft gemacht und die gräßliche Geſchichte mitgetheilt, als die beiden Zuhörer in das unauslöſchlichſte Ge⸗ lächter ausbrachen. „Ich begreife gar nicht,“ frug der Kellerpachter ordentlich gereizt,„was es bei ſo grauſen Geſchich⸗ ten zu lachen gibt?“ „Die grauſigen Geſchichten,“ erwiederte Geibel, „belachen wir auch nicht, ſondern, daß Ihr, Grei⸗ fenhahn, Euch von dem verſchmitzten Barbier alſo, habt leimen laſſen. Das iſt ja eine Stricheliade, wie nur eine.“ Greifenhahn wußte jetzt gar nicht, was er für 43 ein Geſicht machen ſollte. Anfangs wollte er das unbändige Gelächter des Lohgerbers und Zinngießers übelnehmen; als ihm endlich ein infernaliſches Licht aufging, daß ihn der ſchändliche Barbier auch in der Geſchichterzählung konnte hintergangen haben. „Nein, ſagt'mal, Greifenhahn,“ frug gutmüthig Walter,„habt Ihr wirklich einen Augenblick an die⸗ ſes Märchen, das gegen allen geſunden Menſchen⸗ verſtand verſtößt, glauben können, zumal es von Stri⸗ chelius ausging, der Niemanden ungeneckt ließ? Thut mir den Gefallen und erzählt's nicht weiter, Ihr wärt für ein halb Jahr geliefert und der Spottluſt von ganz Kirchberg ausgeſetzt.“ Greifenhahn, der jetzt ſeine Thorheit einſah, machte zum böſen Spiele gute Miene und gab zu verſtehen, daß er ſich ſelbſt habe nur ein Späßchen machen wollen. Den Strichelius verwünſchte er aber im Innern nur umſomehr. Er fand ſich jetzt von demſelben doppelt barbiert. Es währte nicht lange, als ſich die Stube noch mehr mit Gäſten füllte. Wie in der Regel, war auch dieß⸗ mal die ſchnelle Abreiſe der Geſandtſchaft ſammt Hor— nickel'n und Strichelius der Gegenſtand des Geſprächs. „Wie ich mir habe ſagen laſſen,“ ſprach der Bäcker Stutz,„iſt auch Bachmann's Moritz bei der 11 44 morgenländiſchen Erpeditivn. Sie haben ihm auf der Univerſität ein Jahrlang Urlaub ertheilt, den will er zu dem Abſtecher benutzen.“ „Mich wundert,“ meinte der Gelbgießer,„daß der Alte ſeinen Konſens gegeben.“ „Warum ſollt' er nicht,“ ſagte Stutz,„freie Station und Auslöſung, unter ſolchen Bedingungen führ' ich ſelber mit.“ Der Horndrechsler Leonhard meinte:„Wenn ſich die Hinteraſier um nichts verdient gemacht, ſo doch darum, daß ſie uns auf eine Zeitlang von dieſem Hornickel befreiten.“ „Ich möchte übrigens wiſſen,“ fügte Schloſſer Rätzſch hinzu,„was ſie grade an dem Wucherer für einen Narren gefreſſen haben.“ „Je nun,“ verſetzte Leonhard,„ſein Geld iſt auch kein Blech; aber ſolchen Unternehmungsgeiſt hätt' ich bei dem feigen Kerl, der ſich in der Dun⸗ kelheit kaum vor die Stadtthore getraute, nicht für möglich gehalten.“ „Wer weiß,“ ſprach der Gelbgießer,„was für goldene Berge man ihm vorgemalt. Wer bezahlt denn aber für den Strichelius und der läßt ſich unterwegs gewiß nichts abgehen?“ Der alte penſivnirte Hauptmann von Knopfdiſtel, — 5 4 der unter den Bürgern die Stellung eines delphiſchen Orakels einnahm, that jetzt ſeinen Mund auf, indem er nachdenklich ſeinen Pfeifenkopf ausklopfte und ſagte:„Das Ding ſcheint mir überhaupt einen Haken zu haben. Die Sache iſt noch nicht ganz abgeklärt. Die kann noch zu diplomatiſchen Erplikativnen Ver⸗ anlaſſung geben. Der Himmel wende alles zum Beſten.“ „Machen Sie uns nicht bange, Herr Haupt⸗ mann,“ ſprach der Gelbgießer. „Abwarten, abwarten, ſag' ich, weiter nichts,“ ſagte der Delphier. „Ja,“ meinte der Horndrechsler,„weiter bleibt uns auch nichts übrig; aber unſere Meinungen, unſere Anſichten austauſchen über anberegten außer⸗ ordentlichen Fall, muß uns unbenommen ſein.“ „Bleibt uns unbenommen,“ wiederholte der Hauptmann,„aber mit Vorſicht zu Werke gehen, nicht ins Blaue hinein. Ich habe meine Vermu⸗ thungen— doch's iſt gut.“ Dieſes: Doch's iſt gut, war der umſitzenden Bürgerſchaft aber eben nicht gut. Es war nur neue Nahrung und neuer Zündſtoff für die ſpießbürgerliche Neugier. Man fing darum an, den Hauptmann von Knopfdiſtel wie eine Feſtung förmlich zu belagern. Der Bäcker Stutz, der nach Enthüllungen der pen⸗ 46 ſionirten Pythia am meiſten dürſtete, leitete die Be⸗ lagerungsarbeiten und kam nach Eröffnung der erſten Parallele wirklich dahin, daß Knopfdiſtel abermals die Pfeife ausklopfte und die verhängnißvollen Worte ſprach:„Ich will nichts geſagt haben.“ Daß mit dieſer ſchwachen Beute die Belagerer nicht zufrieden waren, verſtand ſich von ſelbſt. Stutz minirte darum mit Ausdauer weiter, ward zuweilen vom Horndrechsler und dem Gelbgießer abgelöſt oder unterſtützt, und das Ergebniß der zweiten Parallele waren die Worte Knopfdiſtel's:„Man hat Exem⸗ pel von Beiſpielen!“ Auch hiermit erklärte ſich das Braunbier trin⸗ kende Belagerungsheer für durchaus unbefriedigt, und der unternehmende Stutz legte Hand an die Er⸗ öffnung der dritten Parallele. Der Horndrechsler half mitraſpeln, ſo gut es ſeine Geſchicklichkeit erlaubte; auch der Lohgerber ſchonte dießmal ſeine Lohe nicht; und dieſen vereinten Bemühungen gelang es, der alten zähen Feſtung ſo nahe zu kommen, daß ſich Knopf⸗ diſtel zu dem Ausſpruche veranlaßt fand:„Es wäre nicht das Erſtemal.“ Da ſtand das Belagerungsheer. Alle Anſtren⸗ gungen waren vergeblich geweſen. Man verzweifelte, die Feſtung zu überwinden und hinter den Sinn —— — 47 der geheimnißreichen Ausſprüche zu kommen. Wenn aber kein deutſcher Spießbürger ſich mehr Raths weiß, iſt es der Schneider, der aus der Noth hilft. So auch dießmal. Ganz am Ende des ſogenannten Räſonnir⸗ tiſches auf dem kirchberger Rathskeller ſaß eine kleine Figur, die dem Damenſchneider Mittenentzwei an⸗ gehörte, welcher der Unterhaltung bereits ſeit länge⸗ rer Zeit aufmerkſam zuhörte und hauptſächlich den Belagerungsarbeiten gegen die Feſtung Knopfdiſtel mit Intereſſe gefolgt war. Als daher die von der Belagerung ermatteten Bürger mit Reſignation nach ihren Bierkrügen faßten, um ſich zu ſtärken, tönte die ſcharfe Diskantſtimme des Damenſchneiders über die Tafel und ſprach:„Der Herr Hauptmann ſchei⸗ nen ſelber nicht zu wiſſen, woran Hochdieſelben ſind. Der Herr Hauptmann ſcheinen, ſozuſagen, ſich in einem gewiſſen Duſter zu befinden.“ Das war mehr, als ein penſionirter Hauptmann am Räſonnirtiſche des Rathskellers von Kirchberg von einem Schneider zu ertragen vermochte. Die Worte des Schneiders hatten die Wirkung wie die des glü⸗ henden Schwammes, ins Pulverfaß geworfen. Knopf⸗ diſtel's Miene nahm einen grimmigen Ausdruck an, in welchem ſich allerhöchſte Schneiderverachtung aus⸗ 8 ſprach. Knopfdiſtel hielt es anfangs als gedienter Mann vollkommen unter ſeiner Würde, einem Schnei⸗ der überhaupt zu antworten, als der kleine Damen⸗ ſchneider in ſeinem ſchneidenden Diskante fortfuhr: „Wenn der Herr Hauptmann was wüßten, würden es der Herr Hauptmann ſagen, aber der Herr Haupt⸗ mann ſcheinen nichts zu wiſſen.“ Die Autorität und Würde des Kriegers war durch dieſe kecke Schneiderrede auf eine Art alterirt, 1 daß Knopfdiſtel es ſich ſchuldig zu ſein glaubte, et⸗ was dagegen zu thun. „Wenn ich noch im Dienſte,“ ſprach er,„würde ich dieſen ſchiefgewachſenen Schneider an die Wand ſpießen, ſofort!“ 1„Ach, ſo blutgierig ſind der Herr Hauptmann nicht,“ erwiederte Mittenentzwei. Knopfdiſtel hielt das grimmigſte Geſicht, das er 1 in der Eile aufzutreiben vermochte, nach der Gegend hin, wo der kleine Schneider ſaß, und ſagte:„Ich würde einen Schneider nicht fragen, wenn ich ihn 1 ſpießen wollte, wie eine Zitrone trüg' ich ihn auf meinem Degen.“ Das reſolute Schneiderlein antwortete:„Wie eine Zitrone? Seit wann ſind der Herr Haupt⸗ 6 mann Grabebitter geworden?“ 49 Knopfdiſtel gerieth nur immermehr in Wuth. „In Kochſtücke,“ ſprach er,„verdient ſo ein vorlauter Schneider gehackt zu werden, zu Bratwurſt verarbeitet, daß die Welt befreit werde und nichts von ihm übrigbleibe.“ „J, ſeit wann ſind denn der Herr Hauptmann ein Fleiſcher geworden?“ gab der kleine Schneider, der ſich nicht werfen ließ, zurück. „Ruhe,“ gebot endlich Knopfdiſtel und ſchlug diktatoriſch auf den Tiſch,„ich will weiter nichts hören.“ „Aber wir möchten gern was hören,“ tönte die Diskantſtimme. Der Gelbgießer wandte ſich jetzt zum Haupt⸗ mann und flüſterte ihm ins Ohr:„Herr Haupt⸗ mann, Sie werden ſich doch nicht vom Schneider ſagen laſſen, daß Sie in anberegter Sache nichts wüßten.“ „Wohl weiß ich was in anberegter Sache,“ platzte das Orakel jetzt heraus,„ich will's auch nicht länger bei mir behalten, damit der elende Schneider nicht denke, unſereins hätte nicht ſeine Vermuthungen. Ja, heraus ſoll's, wißt Ihr, wonach die ganze hinteraſiatiſche Geſandtſchaft riecht?“— „Wonach riecht ſie denn?“ frugen die Bürger. 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 4 50 „Wahrſcheinlich nach Moſchus,“ tönte die Dis⸗ kantſtimme des kleinen Schneiders. „Ruhe auf der Gallerie,“ kommandirte Knopf⸗ diſtel, den die Zwiſchenrede des Schneiders von neuem in Harniſch brachte,„man rede, wenn man gefragt wird. Die hinteraſiatiſche Geſandtſchaft riecht nach“— Das verſammelte Bürgerthum begriff gar nicht, wie eine Geſandtſchaft überhaupt riechen könne. Die Spannung hatte daher den höchſten Grad erreicht. Eine allgemeine erwartungsvolle Stille er⸗ folgte. Dieſe allgemeine Stille unterbrach der kleine Schneider wieder mit den Worten:„Sie riecht nach Juchten.“ „Himmeldonnerwetter, 6 baißr der ſich von neuem für beleidigt haltende Knopfdiſtel auf,„ich werde dieſes unerträgliche Echo krummſchließen laſſen.“ „Brauchen ſich nicht zu inkommodiren, bin ſchon krumm,“ tönte der hohe Diskant. „Auf dieſe Weiſe erfahren wir unſer Lebetag nichts,“ ſprach der Horndrechsler,„alſo werthgeſchätzter Herr Hauptmann, wonach riechen die Hinterindier?“ Knopfdiſtel hielt jetzt geheimnißvoll die Hand an den Mund und neigte ſich zu den Umſitzenden, welche alle die Köpfe vorbeugten, damit das große Geheimniß ihnen nicht entgehe, und ſagte mit ge⸗ 51 dämpfter Stimme:„Die Geſandtſchaft riecht nach— Sklavenhandel.“ Nach dieſen Worten legte ſich Knopfdiſtel erhaben zurück und ſagte laut, daß es auch der kleine Schneider deutlich vernehmen konnte: „O, mich macht man nicht dumm!“ „Iſt gar nicht erſt nöthig,“ rief die Diskant⸗ ſtimme vom untern Ende der Tafel. Knopfdiſtel wandte ſich an die Umſitzenden. „Wollen wir dieſen elenden Schneider,“ frug er, „nicht hinauswerfen?“ „'s iſt ein Schneider,“ beruhigte der gutmü⸗ thige Lohgerber, und gab durch den Ton ſeiner Worte zu verſtehen, daß man dieſen manches nach⸗ ſehen müſſe. Das Wort„Sklavenhandel“ hatte indeß nicht verfehlt, die umſitzende Bürgerſchaft zu tiefem Nach⸗ denken zu veranlaſſen. Der Horndrechsler war der Erſte, welcher wieder das Wort ergriff und einige Zweifel lautwerden ließ. „Wenn es ſich um Sklaven handelte,“ ſprach er,„da würde man ſich doch nicht den dicken fei⸗ ſten Hornickel ausgeſucht haben; was wird der zu arbeiten vermögen, ſelbſt wenn die Peitſche des Skla⸗ venvogts ihm fortwährend auf dem Rücken umhertanzt.“ Knopfdiſtel gab durch eine Miene und Bewe⸗ 4* 52 gung zu verſtehen, daß man rede, wie man es verſtehe. „Man ſieht wieder einmal den Wald vor Bäu⸗ men nicht,“ hub er an,„den Hornickel fiſchte man nicht wegen ſeiner Arbeitskraft, ſondern wegen ſeines Geldbeutels, der muß ſich auslöſen.“ Das ließ ſich hören, und die Bürgerſchaft trank mit Schaudern ihr Bier, ſich in Sklavereiideen ver⸗ tiefend. Knopfdiſtel ging jetzt an ein näheres Motiviren ſeines Verdachtes ein. „Die frommen Gaben,“ fuhr er fort,„waren nichts als die Lockſpeiſe, um Rath und Bürgerſchaft ſicherzumachen. Bald wird ein Brief kommen vom Hornickel oder dem Barbier, wie ſchön ſich's im Mor⸗ genlande lebt, man ſolle doch nachkommen, man wird ſelbſt Reiſegeld ſchicken. Aber nur kräftige Landbauer, wird es heißen, werden gewünſcht. Unſere jungen Bürger werden alles glauben, weil es ſchwarz auf weiß ſteht, ſich einſchiffen, ans unbekannte Land ſtei⸗ gen, und futſch ſind ſie, mit Ketten beladen, in hohe Reisfelder geſteckt, wo man den längſten Mann nicht hervorgucken ſieht. O,'s iſt alles dagewe⸗ ſen. Mich macht man nicht dumm!“ Die Bürgerſchaft ſchauderte von neuem Man ent⸗ —— 53 ſann ſich, in der Jugend von gepreßten Sklaven allerdings geleſen zu haben. Auch hatte der Calcante, der als hol⸗ ländiſcher Matroſe ein paarmal um die Welt ge⸗ fahren, in Sklavenangelegenheiten grauſige Dinge erzählt. Die Bürgerſchaft gab ſich den düſterſten, nach⸗ denklichſten Betrachtungen hin, und ſelbſt der kleine Schneider, der durch Zweifelſucht den Sklavenanſich⸗ ten Knopfdiſtel's zu kontrekarriren bemüht war, fand keinen Anklang und war nicht im Stande, die düſtere Stimmung am Räſonnirtiſche zu zerſtreuen. Die Autorität des penſionirten Hauptmanns, die durch die malitiöſen Radelſtiche des kleinen Schneiders ſehr alterirt worden, war durch ſeine Sklavereiver⸗ muthungen vollkommen in integrum reſtaurirt. Während man ſich aber auf dem Rathskeller zu Kirchberg den düſterſten Betrachtungen über das traurige Geſchick der Ausgewanderten hingab und den ſchwärzeſten Phantaſieen freien Lauf ließ, ſa⸗ ßen die Betreffenden wohlgemuth auf dem flotten Kauffahrer des Kapitäns Walker und amüſirten ſich jeder nach ſeiner Weiſe. Strichelius konnte auch auf dem Meere ſeine Neckereien nicht laſſen und trieb bald mit dem Koche, bald mit den Schiffsjungen ſeinen Schabernack. Bach⸗ mann ſtand mit dem Hochbootsmann auf ſehr be⸗ 54 freundetem Fuße. Er ließ ſich von demſelben über die Bauart des Schiffes und viele andere damit in Verbindung ſtehende techniſche Gegenſtände unterrich⸗ ten; während Fidelis Hornickel'n in der Kajüte über Regentenkunſt eraminirte. Es machte Erſterem un⸗ gemein Vergnügen, zu unterſuchen, zu welchen Re⸗ gierungsprinzipien ſich ein Wucherer wohl hinneigen werde. Er ſtellte daher ſeine Fragen wie ein geſchick⸗ ter Eraminator, ſo daß Hornickel mit ſeinen des⸗ potiſch⸗tyranniſchen Geſinnungen alsbald wie eine Brillenſchlange aus ihrer Höhle hervortrat. „Alſo für eine konſtitutionelle Regie⸗ rungsform,“ fuhr Fidelis fort,„könnten ſich Hoheit nicht entſchließen?“ „Nichts da,“ entſchied Hornickel,„werd' ich mich mit naſeweiſen Advokaten und vorlauten Bauern herumſtreiten! Das fehlte! Der Teufel hat dieſe Kon⸗ ſtitutionen erfunden, ſind weder Fiſch noch Vogel, koſten eine Menge Geld und bringen nichts ein.“ „Aber ohne alle Vertretung,“ hielt Fidelis entge⸗ gen,„wird ſich die Sache wohl nicht thun laſſen. Einen Schimmer landſtändiſcher Vertretung haben die Bewohner von Tauharawi ſeit urdenklichen Zeiten genoſſen.“ „Nun, wenn es einmal ohne langweilige und 55 koſtſpielige Landſtände nicht geht,“ verſetzte Hornickel, „werde ich mir meinen Landtag ſelbſt wählen.“ „Selbſt wählen?“ frug Fidelis,„in der That ein vrigineller Gedanke von Ew. Hoheit.“ „Ja,“ fuhr die Hoheit fort,„ich werde die Landſtände ſelber wählen und dem Volke zur Wahl von ihrer Seite präſentiren.“ „Wenn aber dieſe Regierungskandidaten gleich⸗ wohl die erforderliche Majorität nicht erhalten?“ „Das laßt unſere Sache ſein,“ beruhigte Hornik⸗ kel,„da müßte ich den Strichelius nicht bei mir haben. Mit ein paar Tonnen Braunbier richtet man bei Volkswahlen viel aus. Und geht's mit Braunbier nicht, je nun, gibt's noch andere Mittel, die Revolutivnäre im Zaume zu halten. Es kommt alles darauf an, wer die Stimmzettel ſchreibt.“ „In Tauharawi,“ ſprach Fidelis,„liegt die ars scribendi noch in den Windeln. Kaum der Tau⸗ ſendſte hat es zum ABC gebracht.“ „Deſto beſſer,“ nickte Hornickel,„ſo ſchreibt ein der Regierung ergebener Mann die Zettel. Wir haben das bei der letzten Stadtverordnetenwahl auch ſo gemacht.“ Fidelis erkundigte ſich in ſeinem Regierungs⸗ 56 examen jetzt, wie es Seine Hoheit wohl mit den Fi⸗ nanzen werde zu halten geruhen? Hornickel's Antlitz legte ſich in ſehr wohl zu⸗ friedene Falten, als auf dieſen angenehmen Punkt die Rede kam. „Ich werde,“ ſprach er,„hier die möglichſte Ver⸗ einfachung eintreten laſſen. Die Steuereinnehmer werden angewieſen, ihre Gelder direkt an meine Perſon einzuzahlen; ich ſtelle Qnittung aus und die Sache iſt abgemacht.“ „Hoheit wollten ſich mit dieſem umfänglichen Geſchäft belaſten?“ „Ja, beſſer iſt beſſer. Ich weiß alsdann, was ich im Kaſten habe.“ „Aber die Kontrolle?“ „Was Kontrolle. Ich bedarf keiner Kontrolle.“ „Der Rechenſchaftsbericht?“ „Ein Rechenſchaftsbericht ſoll beſchafft werden, nur erſt's Geld her.“ „Und hinſichtlich der Ausgaben?“ erkundigte ſich Fidelis weiter. „Wer was rechtlich zu fordern, hat ſich bei mir zu melden. Ich knappe da ſtets was ab. Auf dieſes Abknappen verſteh' ich mich meiſterlich. Lang⸗ jährige Praris ſteht mir hier zur Seite. Ihr glaubt 57 gar nicht, was erſpart wird, wenn bei jeder Forde⸗ rung was abgezwackt wird.“ „Aber wenn ſich nun Vorzeiger der Forderung nichts abzwacken laſſen will?“ „Da heißt's, komm' Er in vier Wochen wieder. Und iſt er dann ebenſo ſtöckſch, heißt's, komm' Er in ſechs Wochen wieder. Da wird der Lümmel zahm, glaubt mir. Ich ſpreche aus Erfahrung.“ „Bei dieſer außerordentlichen Haushaltung,“ ſprach Fidelis,„dürfte ſich wohl bald ein Steuererlaß zur Freude der Bewohner von Tauharawi heraus⸗ ſtellen?“ „Von Steuererlaß,“ gab Hornickel,„kann in den erſten Jahren gar keine Rede ſein. Steuererlaß wird überhaupt von jedem Finanzmanne zu den ausſchweifenden Ideen gerechnet. Jeder Regierungs⸗ wechſel iſt mit Unkoſten verknüpft. Alſo dürfte ein mäßiger Zuſchlag wohl eher am Platze ſein.“ Fidelis kam jetzt auf das Kriegsweſen zu ſprechen. „Die ſtehende Armee,“ ſagte er,„koſtet ſchöne Summen.“ „Warum ſchickt man die Soldaten nicht auf Urlaub?“ „Es will ſich nicht immer thun laſſen.“ „Warum ſoll ſich das nicht thun laſſen?“ 58 „Wegen der feindlichen wilden Nachbarſtämme, die bäuig Einfälle thun und unſere Pflanzungen zer⸗ tören.“ 1 „Pfui Teufel,“ ſprach Hornickel,„kann man die Kerle nicht mit einem Stück Geld abfinden?“ „Man hat es verſucht,“ erwiederte Fidelis; „aber dieſe wilden Stämme ſind dadurch nur hab⸗ gieriger und raubgieriger geworden. Indeß gibt ſich das Volk von Tauharawi der frommen Hoffnung hin, daß der neue Kahameda ſich an die Spitze unſerer braven Truppen ſtellen und die wilden Stämme ausrotten wird.“ Das Geſicht Hornickel's nahm bei den letztern Worten des Fidelis ſichtlich an Länge zu. „Ich ſoll mich an die Spitze ſtellen?“ frug er. „Das ſteht ja gar nicht in meinem Kontrakte, den ich als Thronfolger unterſchrieben?“ „Perſönliche Tapferkeit wird bei einem Kaha⸗ meda als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt. Ubiene können Hoheit vollkommen ruhig ſein, und ſich in das dichteſte Gewühl des Feindes ſtürzen, die Ratte hat die Eigenſchaft, daß ſie ſchuß⸗, ſtich⸗ und hieb⸗ feſt macht.“ „Der Teufel auch,“ brummte Hornickel,„dar⸗ auf mag ich's nicht ankommen laſſen.“ 59 „Es iſt allgemeiner Glaube in Tauharawi, daß die Ratte ſchützt.“ „Das iſt Aberglaube,“ rief Hornickel,„dieſem Aberglauben zu Gefallen mag ich mich nicht an⸗ ſchießen laſſen.“ „Es kommt auf den Verſuch an.“ „Was iſt da zu verſuchen. In meinem Leben hab' ich nicht gehört, daß ein Muttermal ſo auf⸗ fallende Eigenſchaften hätte. Uebrigens muß es bei einer Armee doch einen General geben, welcher ſich's zur höchſten Ehre ſchätzt, die tapferen Krieger ins Feuer zu führen. Ich muß alſo ſehr darauf be⸗ ſtehen, daß die Perſon des Monarchen von derar⸗ tigen Zumuthungen verſchont bleibe.“ „Leider erheiſcht es aber ein altes Herkommen,“ hielt Fidelis entgegen,„daß der Kahameda wenigſtens die Garde perſönlich anführt.“ „Mit dem alten Kahameda,“ ſprach Hornickel eifrig,„hört aber das alte Herkommen auf und mit dem neuen fängt das neue Herkommen an. Ich lege daher den Oberbefehl in die Hände eines wür⸗ digen Generals. Er kann ſich mit Ruhm bedecken, ſoviel er Luſt hat. Ich geize nicht nach Lorbeeren. Auch dürften die Kaſſengeſchäfte meine Zeit viel zu 60 ſehr in Anſpruch nehmen, als daß ich mich um Kom⸗ mandvangelegenheiten zu bekümmern vermöchte.“ „Hoffen wir,“ verſetzte Fidelis,„daß ein hoher Staatsrath von den Kommandvangelegenheiten, ſo ſie die Perſon von Hoheit betreffen, Umgang nimmt; aber das Skalpiren dürfte dem künftigen Kahameda auf keinen Fall erlaſſen werden. Hier ſind die Geſetze ungemein ſtreng und heiklich.“ „Was iſt das, Skalpiren?“ „Hoheit haben zur Probe, daß Hochdieſelben den indiſchen Sitten nicht fremd, einen feindlichen Gefangenen, der ſtets dazu aufbewahrt und gefüttert wird, die Kopfhaut mit ſammt dem Haarwuchs ver⸗ mittelſt dreier Schnitte mit dem Tomahawk abzu⸗ ziehen.“ „Der Kerl wird aber nicht ſtillhalten, wenn ich an ihm herumſchneide.“ „Er iſt gefeſſelt,“ beruhigte Fidelis. „Aber wenn die Beſtie beißt?“ „Sobald Hoheit den erſten Schnitt rund um die Stirn vollbracht, vergeht ihr das Beißen.“ „Das iſt aber eine gräßliche Prozedur.“ „Allerdings für europäiſche Begriffe etwas bi⸗ zarr. Doch gewöhnt man ſich bald daran.“ „Könnte man denn hier nicht einen Stellver⸗ 61 treter ermitteln, vielleicht den Strichelius, der iſt in ſolchen Dingen bewandert, der ſchneidet, wenn's ſein muß, den Kopf herunter.“ „Dürfte ſich wohl nicht arrangiren laſſen, doch faſſen Hoheit Beruhigung. Nach einſtündigem Un⸗ terricht iſt die Kunſt erlernt.“ „Eine barbariſche Kunſt. Muß denn der Ge⸗ ſtalpte lange zappeln?“ „Sobald der Haarbuſch herunter,“ verſetzte Fi⸗ delis,„bedarf's eines gründlichen Schlages des To⸗ mahawk in den Nacken und der Skalpirte hat genug für Zeitlebens.“ „Man iſt aber doch noch entſetzlich in der Kultur zurück,“ ſprach Hornickel,„ich werde da zu thun bekommen, nur einwenig abendländiſche Sitte in dieſe verwilderte Geſellſchaft zu bringen.“ „Mit der Skalpirung,“ fuhr Fidelis fort„dürf⸗ ten jedoch die etwas alterthümlichen Zeremonien ihr Ende erreicht haben; es bliebe bloß noch das Früh⸗ ſtück aus dem Todtenſchädel.“ „Was,“ rief Hornickel,„ein Frühſtück aus einem Todtenſchädel, mir ſchauert die Haut.“ „Jeder neue Kahameda hat einem uralten Her⸗ kommen gemäß die Verpflichtung, bei Antritt der 62 Regierung die Geſundheit des Volkes aus einem feindlichen Todtenſchädel zu trinken.“ „Weiß denn aber der Senat und das Volk von Tauharawi,“ fuhr Hornickel entſetzt heraus,„daß ſich bei ſolcher Trinkerei mein gänzer Magen umwen⸗ det? Ich laſſe die beſte Suppe ſtehen, ſobald eine todte Brummfliege darin ſchwimmt— geſchweige aus einem Todtenſchädel— brrrrr— ne, damit wird's nichts.“ „Hoheit müſſen doch nur bedenken,“ beruhigte Fidelis,„daß der Schädel nicht etwa blutig, wie ſich vielleicht Hochdero ausſchweifende Phantaſie vorzumalen beliebt: bewahre, er iſt ſauber polirt, kunſtreich in Silber gefaßt, mit Goldbuckeln und ſon⸗ ſtigem Zierrath verſehen. 6 „Was helfen mir die Buckeln und Zierrathen,“ eiferte Hornickel,„aber's dreht ſich in mir der Magen, ein Menſchenſchädel,'s iſt gräßlich.“ „Wollen Hoheit bedenken,“ hielt Fidelis mit Ruhe dagegen,„daß ſelbſt ein großer engliſcher Dichter, Lord Byron, täglich ſeinen Wein aus einem ähnlichen Schädel trank.“ „Das kann einem überſchnappten Dichter und Eng⸗ länder paſſiren, aber einem anſtändigen deutſchen Bür⸗ ger und Hausbeſitzer kann man ſo was nicht zumuthen.“ 4 63 „Es wird ſich ſchon arrangiren laſſen.“ „Nichts wird ſich arrangiren laſſen aus einem Schädel ſauf' ich nicht, da ſind mir meine Gedärme zu lieb.“ „Wie ſich Hoheit in einer Ausdrucksweiſe gefallen, die ſich mit Hochderv Stellung gar nicht ver⸗ einbaren will!“ „Der Teufel mag höflich bleiben bei ſolchen unmenſchlichen Zumuthungen! „Verlaſſen wir das Kapitel,“ ſprach Fidelis be⸗ gütigend,„und kommen wir aufs Schulweſen. Wie gedenken Hoheit es in dieſer Beziehung zu halten?“ „Zu viel Aufklärung taugt dem Volke nicht,“ ſprach Hornickel,„es wird nur unzufrieden und auf⸗ rühreriſch. Ich werde die Schulmeiſter ganz ſtreichen. Wenn die Jungen ſtillſitzen lernen und es bis zu zweimal zwei vier bringen, iſt es hinreichend. Das können alte Invaliden verrichten. Ich will keine gelehrte Unterthanen, ich will gehorſame Unterthanen, die nicht und pünktlich zahlen, was ſie ſollen.“ „Was ſoll aber mit den Herren Lehrern werden, die ſich bereits in Amt und Brot befinden und ſich allein dieſem Lebensberufe gewidmet haben?“ „Sollen Leinweber werden, da können ſie ihre 64 überſpannten und hochverrätheriſchen Gedanken ver⸗ weben. In der Leinwand ſchaden ſie weniger, als in den Köpfen einer unverſtändigen Jugend.“ „Dieſe armen Lehrer hatten aber von dem neuen Kahameda eine Verbeſſerung ihrer ſehr gedrückten Lage gehofft,“ ſprach Fidelis. „Was wollen dieſe Leute?“ frug Hornickel,„ſo ſie die Schulmeiſterei an den Nagel hängen und Leinweber werden, ſtehen ſie ſich weit beſſer; wenig⸗ ſtens kommt das in Deutſchland vor. Was will Tau⸗ harawi vor Deutſchland, dem Volke der Denker, vor⸗ aushaben 7 Einem Volke, das viel denkt, taugen gar keine Schulmeiſter: da iſt jeder Einzelne für ſich ſchon Schulmeiſter. „Sollte es mit der Weberei nicht gehen,“ fuhr der ſchulmeiſterfreundliche Hornickel fort,„es treten manch⸗ mal Stockungen im Bedarf ein, ſollen die Schulmeiſter von Tauharawi zu dem patriarchaliſchen Amte der Hirten zurückkehren. Auf dem Dorfe Hammels⸗ walde im ſtockewalder Kreiſe ſteht ſich der Hirt weit beſſer, als der Schulmeiſter. Der Hirt hat dreißig Stück Gemeindevieh auszutreiben und bekommt nebſt freier Koſt wöchentlich für Has Stück Rindvieh ei⸗ nen Silbergroſchen. Der Schulmeiſter hat fünfzig Rangen durchzuhauen mit Schweiß und Aerger, ohne Koſt, und bekommt pro Range wöchentlich fünf Pfen⸗ nige. Steht ſich der Hirt da nicht weit beſſer? Zu⸗ dem kann er die Flöte blaſen und ein zufriedenes Daſein führen, da dreißig Stück Rindvieh das Leben lange nicht ſo ſauer machen, wie fünfzig ungezogene Rangen das Leben des Schulmeiſters. Der Profit liegt auf der Hand.“ „Wenn Hoheit,“ ſprach Fidelis,„nicht für den Thron von Tauharawi beſtimmt worden wären, hät⸗ ten Hochdieſelben alle Anlagen, einen Sitz in der E'ſchen Ständekammer mit Glanz auszufüllen. Ew. Hoheit entwickeln ſoviel patriarchaliſche Weltanſchau⸗ ung, die jetzt zu den beliebten Anſchauungen gehört, daß ich Hochdenſelben nur gratuliren kann.“ Hornickel nahm die Huldigung des Fidelis in Gnaden, aber ſchweigend entgegen, worauf letzterer fortfuhr: „Ich komme jetzt zu dem delikateſten Punkte unſerer Unterhaltung. Der ſechsundſiebzigſte Kaha⸗ meda hat eine Schweſter hinterlaſſen“— „Aha, ich merke,“ nickte Hornickel,„die Appa⸗ nage“—. „Die verſteht ſich von ſelbſt,“ verſetzte Fidelis. „Ich habe nichts dawider, wenn ſie einen an⸗ ſtändigen Auszug bezieht, für einen großen Hofſtaat 1857. XIX. König v. Tauharawi. II. 5 66 bin ich jedoch nicht, ſchlechterdings nicht, ein großer Hofſtaat iſt nur der fruchtbare Boden für Intriguen. Eine Kammerfrau, die zugleich das Einheizen be⸗ ſorgt, iſt hinreichend.“ „Hoheit ſprechen da über Dinge, die längſt den Geſetzen gemäß regulirt ſind, und wobei ſich nichts mehr ändern läßt. Die Prinzeß Fortingalatinomelani⸗ ſeroangelina hat ihren ſtandesgemäßen Palaſt längſt bezogen“— „Einen Palaſt,“ rief Hornickel,„das iſt ſtark für ein einzelſtehendes Frauenzimmer, das iſt Lurus.“ „Ihre Dienerſchaft beträgt ſechszig Perſonen.“ „Sechszig Perſonen, Gerechter!“ „Dieſer für die Finanzkräfte von Tauharawi allerdings etwas empfindliche Hoſſtaat,“ fuhr Fi⸗ delis fort,„kann jedoch anſehnlich vermindert werden, ſobald ſich Hoheit entſchließen könnten, der Prinzeß Fortingalatinomelaniſervangelina Hochdero Hand zu reichen.“ „Donnerwetter, auch noch heiraten. Hören Sie mal, es iſt eine Zumuthung, die überlegt ſein will, und das reiflich.“ „Für den Fall eines Ehebundes mit der Prinzeß Fortingalatinomelaniſervangelina, der auch vonſeiten des Volkes mit Freuden begrüßt werden würde, 67 kommt nämlich der Separathofſtaat der Prinzeß in Wegfall.“ Ich kann aber doch nicht als Kahameda in meine nächſte Verwandtſchaft heiraten.“ „Unbeſorgt,“ tröſtete Fidelis,„das Konſiſtorium von Tauharawi dürfte hinſichtlich etwaigen Dispenſes keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Anſichten über beſagten Punkt ſind in Tauharawi ziemlich li⸗ beral, zumal es ſich um Beſeitigung eines koſtſpieli⸗ gen Hofſtaates handelt.“ „Sie haben mich da in eine Lage verſetzt,“ begann Hornickel nach längerem Nachdenken,„die, wie ge⸗ ſagt, der reiflichſten Ueberlegung bedarf.“ „Das glaub' ich gern,“ ſprach Fidelis. „Glauben Sie mir, es heiratet ſich nicht gleich ſo, zumal eine Prinzeß, das iſt eine verflucht koſt⸗ ſpielige Sache. Ich habe mir ſtets ſagen laſſen, die Prinzeſſinnen wollen hoch hinaus.“ Fidelis gab durch Achſelzucken zu erkennen, daß er Hornickel'n nicht ganz Unrecht geben könne. „Sagen Sie'mal,“ fuhr der präſumtive Kaha⸗ meda fort,„gibt es denn kein Mittel, daß ich dieſe Prinzeß zu einem billigen Haushalte veranlaſſen könnte auch ohne ſie zu heiraten?“ Neues Achſelzucken vonſeiten des Fhelis 5 68 „Das königliche Hausgeſetz,“ ſprach er,„bringt es einmal mit ſich.“ Hornickel warf ſich in ſeinem Stuhle hin und her. Der Heiratsplan wollte ihm ſchlechterdings nicht zu Kopf. „Glauben Sie mir, guter Mirza ben Hafiz, wer einmal im Ehejoch geſeufzt, hat ein Haar drin⸗ nen gefunden.“ „Glaub' es, Hoheit,“ geſtand Fidelis. Hornickel verſank von neuem in langes Nach⸗ denken. Endlich gelangte er zu der Frage:„Sagen Sie mal, was kriegt ſie denn mit?“ „Die Prinzeß Fortingalatinomelaniſervangelina?“ „Dieſelbe!“ „Monatlich fünfzigtanſend Silberrupien, pränu⸗ merando Zahlung.“ Hornickel wandte mit gerechtem Erſtaunen den Kopf. „Hören Sie mal,“ ſprach er angelegentlich zu Fidelis,„das iſt ja gar keine ſchlechte Partie?“ „Wer hat denn das geſagt,“ gab Fidelis zurück, „des Nabobs Tochter ſteht ſich nicht beſſer.“ „Hören Sie mal,“ fuhr Hornickel nicht ohne eine gewiſſe Wärme fort,„die Sache iſt zu über⸗ legen. Fünfzigtauſend Silberrupien monatlich!“ 69 „Das glaub' ich auch.“ „Wie alt ungefähr?“ „Angehende Zwanzigerin!“ „Angehende Zwanzigerin!“ ſeufzte Hornickel, „das iſt freilich Schade, da ſind ſie am verſchwen⸗ deriſcheſten; da ſehen ſie den Thaler nicht an und gehen darauf wie Blücher.“ „Aber bedenken Hoheit, fünfzigtauſend Rupien!“ „Freilich, freilich; kann ſie denn mit dieſer hor⸗ renden Summe machen, was ſie will?“ „Was Durchlaucht wollen.“ „Es iſt gräßlich, hier wäre ein Curator status recht am Platze.“ „Allerdings, aber ich wollte Niemandem gera⸗ then haben, ſich anzumaßen, Durchlaucht auch nur einen Fingerzeig geben, will er nicht“— „Was denn will er nicht?“ „Am erſten beſten Baume baumeln.“ Hornickel fuhr erſchrocken zurück. „Wenn's ſo ſteht!“ ſprach erz„ich hatte ſo meine ſimpeln Gedanken, wenn ich ſie etwa hei⸗ ratete, die Prinzeß auf höchſtens hundert Rupien zu beſchränken.“ „Das können auch Hoheit, ſobald Hoheit Hoch⸗ dero Konſens zu einer Alliance erklärt, ſinkt die 70 Prinzeß Fortingalatinomelaniſervangelina nach dem Landesgeſetz zur Sklavin herab, während ſie in ihrer jetzigen freien Stellung wirthſchaften, hängen und köpfen laſſen kann ad libitum.“ „Das muß ich geſtehen,“ ſprach Hornickel„ſon⸗ derbare Sitten habt Ihr, erſt oben darauf, und darauf Sklavin. „Aber da wird,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „der Prinzeß an einer Verheiratung gar nichts ge⸗ legen ſein?“ „Warum nicht, ſobald ſie einen kleinen Kaha⸗ meda zur Welt bringt, wird ſie wieder gebietende Sultana, mächtiger als je zuvor. Es ſind das noch Ueberbleibſel einſtigen Türkenthums, das ſich bis in dieſe Gegenden verbreitet hatte.“ „Ja aber, guter Mirza, wenn ſo ein reſolutes Frauenzimmer allmächtige Sultana wird, was ſoll da aus mir werden? Ein ſolch enragirtes Weib iſt zu allem Möglichen aufgelegt. Hab' ich denn, wenn ich glücklicher Vater geworden, keine Autvrität mehr über Frau Gemalin?“ „Die Autorität geht, ſowie ein kleiner Kaha⸗ meda da iſt, ſofort auf dieſen über.“ „Aber was kann denn ſo ein Wurm für Au⸗ torität ausüben?“ 24 „Die Autorität fällt eben in die Hand der Mut⸗ ter, welche ſie im Namen ihres durchlauchtigſten Sohnes ausübt, bis er die Mündigkeit erreicht hat.“ „Und der Alte, der wird wohl ſozuſagen in Skat gelegt?“ erkundigte ſich Hornickel, deſſen Er⸗ wartungen wieder einmal ſehr herabgeſpannt waren. „Es hängt von Sultana ab, über das Schick⸗ ſal des alten Kahameda zu beſtimmen. Hat er ſie als Gemal recht liebreich behandelt, wird ſie, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſobald ſie zur Macht gelangt, Gleiches mit Gleichem vergelten; außerdem freilich dürfte das Geſchick des alten Kahameda nicht zu dem beneidenswertheſten gehören.“ „Na, das ſind mir Geſetze; die würde mir meine hundert Rupien eintränken. Ich glaube, ſie göße ſie mir geſchmolzen in den Hals. Einem rachſüchti⸗ gen Weibe iſt alles zuzutrauen.“ „Leicht möglich. Aber ich ſehe eigentlich nicht ein, was ſich Hoheit alteriren; ſolange der kleine Kahameda noch nicht da, iſt ja gar nichts zu be⸗ fürchten, und Hoheit ſind ja noch gar nicht ver⸗ mält.“ „Die Luſt könnte Einem auch vergehen,“ ſeufzte Hornickel. Nach einer Pauſe erkundigte er ſich: 72 „Könnte denn die Prinzeß nicht einen andern Po⸗ tentaten heiraten?“ „Das geht nicht.“ „Warum ſoll denn das nicht gehen?“ „Es muß ein Kahameda ſein.“ „Apropos,“ ſprach Hornicht, indem er ſich mit etwas geheimnißvoller Miene zu Fidelis neigte,„ein Wort im Vertrauen, die Frage iſt delikater Natur, befinden ſich Prinzeſſin Durchlaucht ebenfalls im Beſitze“ „Der Ratte?“ Hornickel nickte verſtändnißinnig. „Allerdings,“ ſprach Fidelis. „Alſo wirklich?“ „Es findet nur Ein Unterſchied ſtutt. 4 „Der wäre?“ „Bei den Prinzeſſinnen aus dem Geſchlechte der Kahamedas iſt die Ratte weiblichen Geſchlechtes, während ſie bei den Meſſieurs durchaus männlich iſt.“ „Wunderbares Spiel der Natur,“ ſprach Hor⸗ nickel mit Andacht. Nach einer Pauſe fuhr Fidelis fort:„Aber Hoheit haben Sich nach allem erkundigt hinſichtlich der Prinzeß Fortingalatinomelaniſervangelina, nach Ein⸗ 73 kommen, Alter, und eine Hauptſache haben Hochdie⸗ ſelben vergeſſen.“ „Was wäre das?“ „Der Prinzeß Schönheit.“ „Auch noch ſchön?“ „Die herrlichſte Blume, die je unter den Pal⸗ men des Morgenlandes gewandelt.“ „Muß ein propres Frauenzimmer ſein.“ „Hoheit ſind weg, ſobald Hochdieſelben die Prinzeß zu Geſicht bekommen.“ „Das verhüte der Himmel.“ „Es bedarf alſo wohl der Ueberlegung, eh' man ſolch eine Partie von der Hand weiſt.“ „Die Partie iſt gar nicht ſo übe!,“ erwiederte Hornickel,„'s iſt mir nur um den kleinen Kahameda.“ „Es iſt ja die Frage, ob dergleichen Umſtände bei der Prinzeß überhaupt eintreten.“ „Dann würd' ich auch ſofort meine ſieben Sachen zuſammenpacken. Nicht die Kindtaufe war⸗ tete ich ab.“ „Das wäre aber nicht königlich gehandelt,“ ſprach Fidelis. „Hat ſich königlich zu handeln, wenn man als König im Skate liegt. Nein, in ſolchen Dingen heißt's: weit genug iſt gut vorm Schuß.“ 74 „Je nun,“ meinte Fidelis,„es ſteht bei Hoheit, welchen Weg Hochdieſelben einſchlagen wollen oder nicht. Vermälen oder nicht vermälen: das iſt die Frage. Die Vortheile, die für erſteres ſprechen, find allerdings ſo glänzend und in die Augen ſprin⸗ gend, daß ſich ſolche Sache nicht übers Knie bre⸗ chen läßr.“ „Das will ich auch nicht,“ geſtand Hornickel, „ich werde alle meine Ueberlegungskraft aufbieten, bevor ich mich in dieſer ſehr delikaten Angelegenheit entſcheide. Aber da fällt mir ſchließlich ein, wenn ich nun Ihrer Durchlaucht nicht behage?“ „O,“ tröſtete Fidelis,„ein Mann in ſeinen beſten Jahren, dazu Kahameda. Unter uns, die Prinzeß Fortingalatinomelaniſervangelina brennt nach einem europäiſchen Kahameda.“ „So— nun, wie geſagt, die Sache verlangt Ueberlegung.“ Seit dieſer verhängnißvollen Unterredung mit Fi⸗ delis war Hornickel ſehr nachdenklich geworden. In ſeinem Innern kämpfte der Geißz, monatlich fünfzig⸗ tauſend Rupien zu ſchlucken, und der Wunſch, eine ſchöne junge Gemalin zu beſitzen, die er den Landesge⸗ ſetzen gemäß als Sklavin behandeln konnte mit den freilich ſehr vminöſen Folgen, die aus ſo einer ehe⸗ lichen Verbindung für ihn hervorgehen konnten. Das ſtand feſt bei ihm, ſollte es noch zu einer Heirat mit der Prinzeß Fortingalatinomelaniſervangelina kom⸗ men, ſobald ſich intereſſante Umſtände einfanden, ergriff er die Flucht. Drittes Rapitel. Das Gut Roſenau, welches der Familie Arn⸗ heim eine Zeitlang als Sommeraufenthalt dienen ſollte, erfreute ſich einer ſehr ſchönen Lage. Rings bauten Waldberge Schutz gegen die ſcharfen Nord⸗ und Oſtwinde, ſo daß die Thalebene, welche von einem heitern Flüßchen durchſtrömt ward, einem klei⸗ nen Paradieſe glich. Feld⸗ und Baumfrüchte gedie⸗ hen in reicher Menge; ſelbſt die alten Nußbäume lieferten alljährlich treulich ihr Kontingent für den lie⸗ ben heiligen Chriſt. In Gärten und am Spalier gediehen ſelbſt edle Weinſorten. Eine Pracht war es, wenn der Frühling ſein reizendes Kleid über das ſchöne Thal gebreitet hatte. In den Waldbergen ſchlugen die Nachtigallen, Kirſch⸗, Birnen⸗ und Aepfel⸗ alleen, welche in anmuthigen Windungen das Thal 76 durchzogen, leuchteten in weiß und rothem Kleide; hoch und üppig wuchs der rothe Klee, wogten die jungen Korn⸗ und Weizenfluren, von den ſchönen gel⸗ ben Rübſenfeldern maleriſch durchſchnitten. Ein beſonderer Reiz ward dem ſchönen Thal verliehen, wenn die hinter den Waldbergen verſin⸗ kende Abendſonne ihre Roſaſchleier auswarf, die Land⸗ ſchaft immer tiefer in rothem Abendtraum verſank und aus dem Dörſchen Roſenau die Abendglocke ihre frommen, friedvollen Töne über das ſchweigende Thal ſandte. Schaute dann der Abendſtern lieblich vom weſtlichen Himmel auf die Frühlingslandſchaft herab, ſo erinnerte das holde Thal an jenen Frie⸗ den, wie er einſt über den Landſchaften des Paradie⸗ ſes geruht haben mag. Das Dörflein Roſenau, welches zum Gute ge⸗ hörte, zählte nur eine geringe Anzahl Häuſer und war freundlich am Fuße der Waldberge gelegen. Die Bewohner nährten ſich vom Landbau und ein wenig Weberei. Die armen Leute, als ſie erfuhren, daß ihre Gutsherrſchaft auf einige Zeit nach Roſenau kommen werde, hatten ſich's alle Mühe koſten laſſen, ihr einen freundlichen Empfang zu bereiten. Man hatte un⸗ fern des Einganges zum Dörſchen eine Ehrenpforte 77 errichtet, woſelbſt der Dorſſchulze nebſt den Ge⸗ meindevorſtehern, ſowie der Schullehrer nebſt der Dorfjugend ſich aufgeſtellt hatten, um die gnädige Herrſchaft zu bewillkommnen. Es ward geſungen, Mädchen ſtreuten Blumen, und vom Thurme der klei⸗ nen Dorfkirche grüßten zwei Glöcklein freundlich durch den blauen Sommerhimmel. Während aber Ehregott und Marie von dem herzlichen Empfange der einfachen Landleute ſich auf das angenehmſte berührt fühlten, fanden die naſen⸗ rümpfenden Fräuleins alles höchſt abgeſchmackt und lächerlich. Bei dem herrſchaftlichen Hauptgebäude, das ebenfalls ſchön mit Guirlanden verziert war, hatten ſich der Herr Pfarrer, der Pachter, ſowie der För⸗ ſter zu ehrfurchtsvoller Bewillkommnung eingefunden. Das Erſte, was Marianne vornahm, als ſie den Fuß auf die Erde geſetzt hatte, beſtand darin, daß ſie auf den Förſter zueilte, und zwar mit der Frage:„Nun, Förſter, noch immer kein Whiſt gelernt?“ Als Arnold, ſo war der Name des jungen Forſt⸗ mannes, bedauernd die Achſeln zuckte, machte Ma⸗ rianne ein bitterböſes Geſicht, und ließ den Ange⸗ redeten ſtehen, ohne ihn eines Wortes weiter zu würdigen. 78 Was nützt alle Pracht und Herrlichkeit Gottes in ſeiner Schöpfung, ſo ſie nicht in einem Gemüthe wiederſpiegelt, in welchem Gottinnigkeit und der Frie⸗ den wohnen Wo der innere Spiegel, der in jeder Seele ruht, getrübt iſt durch die Dämpfe der Selbſtſucht, wo er gebrochen iſt durch die zerſtörende Leidenſchaft, da ſingt vergebens die Lerche am Frühlingshimmel, da ſchlägt vergebens die Nachtigall in der Som⸗ mernacht im Buchenhain, da läuten vergebens die blau und goldnen Glöckchen, da rauſcht unverſtan⸗ den der Waldbach durch Mvos und Geſtein.„Das Himmelreich wohnt in euch, ſagt der Weltheiland; wer nicht den Himmel in der Bruſt trägt, wird keinen Himmel außerhalb verſtehen lernen. Für das hier Geſagte legten auf der einen Seite die beiden Fräuleins, Joſephine und Marianne, auf der andern Marie und Friedberg den Beweis ab. Während die beiden Stadtdamen, in deren Her⸗ zen die Thorheiten der großen Welt ihren Wettlauf hielten, die Stille des Landlebens unerträglich fan⸗ den, ſprach dieſe Stille umſo wohlthuender zu dem Gemüthe der genannten andern Beiden. Stundenlang konnten die Blicke Ehregott's, von deſſen Studierſtube die Fenſter nach den Abendbergen hinausgingen, auf der herrlichen Thalebene ruhen und ſich nicht ſattſehen an dem reichen Segen, den die Güte Gottes ringsumher ausgebreitet hatte, an dem romantiſchen Rauſchen, das von den Wald⸗ bergen herübertönte, ſobald ein Gewitter im Anzuge und der Sturm in den Häuptern der alten Buchen und Eichen wirthſchaftete. O, dieſes Thal von Roſen⸗ au nach einem Gewitter, nichts reizenderes konnte es geben! In allen Biumen glänzten die Thränen der Freude ob der überſtandenen Angſt. Wie duftete alles; wie himmliſch zog ſich der Regenbogen von Wald zu Wald. Während es für Ehregott nichts erhabeneres gab als ein Gewitter, die Schlacht der Blitze, das Rollen des Donners, wußten ſich die Stadtdamen vor Angſt nicht zu laſſen, liefen aus einem Zimmer in das andere, ließen die Fenſterläden ſchließen und Licht anz zünden und überhäuften nach überſtandener Angſt ben Pachter Müller mit Vorwürfen, daß er noch nicht dafür Sorge getragen, das herrſchaftliche Haus mit Blitzableitern zu verſehen. „Ein Gewitter auf dem Lande iſt doch was gräß⸗ liches,“ ſagte Joſephine,„man ſieht es ſchon von weitem kommen, und wenn es einſchlägt, wo gibt es hier eine erprvbte Feuerlöſchkompagnie wie in der Stadt?“ 80 „Ueberhaupt dieſes Landleben, wer das erfun⸗ den,“ verſetzte Marianne,„hat es an jenem Tage zu verantworten. Dieſe Langweile, dieſes Ennnyement, dieſe Kuhſtallpoeſie, dieſe kartoffelne Unterhaltung— gräßlich.“ „Du kannſt ja ſpazieren gehen,“ rieth die Mutter, „die Gegend iſt nicht ganz unangenehm.“ „Lieber Himmel,“ erwiederte Marianne,„wie bald ſieht man ſich an Wald und Bergen ſatt; eine Getreideflur ſieht wie die andere, ein Krautfeld wie das andere aus. Ja im Geibel lieſt ſich das Alles recht angenehm, aber in der Wirklichkeit, ich danke.“ „Und dieſe Einöde,“ fügte Joſephine hinzu, „kein gebildeter Menſch beſucht uns. Ich dachte an⸗ fangs, der Graf werde ſeiner Duleinea von Toboſo à tout prix vierſpännig nachgefahren kommen, aber es war nichts. Aus den Augen, aus dem Sinn, heißt es auch hier. Es iſt der Närrin recht, der Marie, ich bin feſt überzeugt, daß ſich die Mamſell einge⸗ bildet hat, der Graf werde ſie zur gnädigen Frau Gräfin machen.“ „Ihrem Benehmen ſah man's ſpäter allerdings nicht mehr an,“ meinte Marianne,„ſie war faſt ab⸗ ſtoßend.“ „Später,“ ſprach Joſephine,„nachdem ſie hin⸗ 8¹ reichend unſere Spottluſt erfahren. Da mußte ſie ſich wohl in Acht nehmen.“ „Wie gefällt ſich denn Marie auf dem Lande?“ erkundigte ſich Frau Arnheim. „O,“ lachte Joſephine,„gleich zu gleich ge⸗ ſellt ſich gern, hier iſt unſere Mamſell in ihrem Ele⸗ mente. Wenn ſie nur die Blumen gießen, die Beete jähten, auf den Feldern Kornblumen und im Walde Erdbeeren ſuchen kann, darüber geht ihr nichts. Den Grafen ſcheint ſie vollkommen vergeſſen zu haben.“ „Hätte Er ſie lieber vergeſſen,“ meinte Mari⸗ anne,„daß wir bald nach der Reſidenz zurückkönnten. Hier komme ich noch um.“ „Ihr müßt den hieſigen Aufenthalt wie ich be⸗ trachten,“ ſprach die Mutter,„als Badekur; mir bekommen meine Molken recht gut.“ „Wie kannſt Du nur dieſe Einſiedelei mit einem Bade vergleichen,“ gegenredete Marianne,„da be⸗ kommt man doch Menſchen zu Geſicht und wäre es das obſkurſte Bad. Da iſt doch ein Kurſaal, wo man eine Zeitung findet; aber hier“— „Ich kann mir jetzt einen Begriff machen,“ ſprach Joſephine,„wie einer verwunſchenen Prinzeß ungefähr zu Muthe iſt, wenn kein Ritter erſcheinen will, ſie zu erlöſen.“ 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 6 82 „Acht Tage ſchon hier,“ rief Marianne mit komiſcher Pantomime die Hände ringend,„und noch nicht ein einziger Beſuch. Ich begreife gar nicht, für wen wir eigentlich noch Toilette machen; etwa für den hofmeiſternden Friedberg.“ „Der paßt zu Marien, der ſcheint ſich ebenfalls ungemein wohl hier zu befinden,“ ſprach Joſephine. Die jüngere Schweſter erwiederte:„Wenn der nur botaniſiren kann, und an Kräutern und Blumen fehlt's hier nicht. Geſtern war er mit dem Bruder nicht länger denn vier Stunden unterwegs. Sein Herr Eleve ſoll partout ein Lince werden.“ „Mir iſt nur immer noch ein Räthſel,“ fuhr Joſephine fort,„wie dieſer liebenswürdige Lord Derby an dieſem ſteifen und oft ſackgroben Peter hat irgendeinen Gefallen finden können“ „Gutes Kind,“ meinte Marianne achſelzuckend, „das iſt engliſcher Geſchmack“ Marianne war mit dieſen Worten an eines der Fenſter getreten, das nach Morgen über lachende Fluren dahinſchaute Ihr Blick ſchweifte verſtimmt über die in reicher Sommerpracht ruhende Gegend. Da gewahrte ſie am fernen Waldesſaume, an wel⸗ chem die Landſtraße vorbeiführte, einen zweiſpänni⸗ 83 gen, reſidenzmäßigen Wagen, der ſeine Richtung nach dem Gute zu nehmen ſchien. „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn,“ rief ſie,„ich will nicht Marianne heißen, wenn da nicht Beſuch kommt. Man darf von dem Wolfe nur ſprechen, iſt er da.“ Joſephine eilte jetzt ans Fenſter und auch die Mutter trat hinzu. Wie der geſtrandete Seefahrer nach einem rettenden Fahrzeug ſchauten die Damen nach dem immer näher kommenden Fuhrwerke. „Es wird Papa ſein,“ ſagte endlich Joſephine. „Nein,“ gegenredete die Schweſter, die ihre Be⸗ obachtungen jetzt durch ein Opernglas fortſetzte,„un⸗ ſer Geſchirr iſt es nicht. Es ſind weder unſere Schimmel, noch unſere Falben; das Geſpann beſteht aus zwei Rappen.“ „Da iſt's der Graf,“ ſprach Joſephine.„Nun, der wird ſich freuen über das Ausſehen ſeiner Aus⸗ erwählten. In ihrer ländlichen Tracht, die ihr für den hieſigen Aufenthalt iſt oktroyirt worden, wird er Mühe haben, ſie unter den Mägden herauszufinden.“ Das Fuhrwerk, obſchon es mit dem ſchlechten Wege zu kämpfen hatte, war bald eine ziemliche Strecke näher gekommen. Marianne, die fortwährend obſer⸗ 84 virte, wollte endlich auch nicht zugeben, daß es der Graf ſei, welcher daherkomme. „Ich ſehe es ganz deutlich,“ ſprach ſie,„es iſt nicht des Grafen Equipage.“ „ant mieux,“ meinte Joſephine,„aber Beſuch iſt's, wer ſollte ſich in ſolch anſtändiger Karoſſe ſonſt in dieſe Einöde verirren?“ „Am Ende iſt's der Kirchenrath, der bei un⸗ ſerem Pfarrer Kirchenrechnung abhalten will,“ ſcherzte die Mutter. „Das wäre mein Tod,“ ſchauderte Joſephine, „wenn ſo eine alte Perrücke ausſtiege.“ Marianne, die fortwährend mit dem Opern⸗ gucker den Obſervator machte, beruhigte die Schwe⸗ ſter wegen des Kirchenraths. „Unſer ganzes Kultminiſterium befindet ſich nicht im Beſitze einer ſolchen eleganten Equipage.“ Letztere kam indeß immer näher und die Da⸗ men Arnheim zerbrachen ſich vergeblich die Köpfe, wer wohl dieſen kühnen Abſtecher nach dem einſam gelegenen Roſenau unternommen haben könnte. Die ganze Bekanntſchaft der Reſidenz ward durchgenom⸗ men, aber keine der ausgeſprochenen Vermuthungen wollte mit dem völlig unbekannten Fuhrwerk über⸗ einſtimmen. Die Equipage ward jetzt eine Zeitlang 85 unſichtbar, weil ſie ein kleines Gehölz zu paſſiren und alsdann in einem Hohlwege durch ein höherge⸗ legenes Kornfeld bedeckt wurde. Endlich erreichte ſie wieder die Höhe und kam auf der Landſtraße langſam daher und bald ſo nahe, daß man ſelbſt die Liorée des Roſſelenkers auf hohem Bocke zu er⸗ kennen vermochte. Joſephine, welche ſich jetzt des Opernguckers bemächtigt hatte, ſetzte denſelben nach kurzer Beob⸗ achtung ziemlich mißmuthig wieder hin. „Mon Dieu,“ rief ſie,„es iſt ja gar keine herrſchaftliche Equipage, ſondern bloß ein eleganter Livreefiaker, wie ſie am Schloßplatz halten.“ Dieſe Bemerkung ſtimmte die Erwartung des Schweſternpaares in Betreff des zu erwartenden ho⸗ hen Beſuchs bedeutend herab. „Etwas apartes,“ ſprach Marianne„iſt es alſo nicht. Gleichviel, für unſere Einſamkeit iſt alles mitzunehmen und wenn's ein ſimpler Referendar wäre, der freilich nicht in eigener Equipage ankom⸗ men kann.“ Das Fuhrwerk war jetzt ſo nahe, daß man einen Herrn halben Leibes zum Schlage heraus⸗ ſchauen ſah, der in einemfort mit einem weißen Tuche winkte. 86 „Das kann nur ein ſehr naher Bekannter ſein,“ rief Joſephine,„doch etwas ſehr Vornehmes nicht.“ Nichtsdeſtowenig riß ſie das Fenſter auf und wedelte zum Gegengruß mit ihrem Taſchentuch. Dieſes Zei⸗ chen hatte zur Folge, daß ſich bei dem Fuhrwerk, welches dem Inſaſſen viel zu langſam ſich vorwärts zu bewegen ſchien, der Schlag aufthat, und ein elegant gekleideter Herr herausſprang, welcher wie auf Flügeln der Liebe dahereilte und ſomit die Karoſſe bald weit überholt hatte. Joſephine hatte wieder zum Gucker hinausge⸗ ſchaut und brach in lautes Lachen aus. „Um Himmelswillen, wer iſt's denn?“ drängte Marianne „Dein Anbeter!“ „Ich will nicht hoffen, Sparrenberg?“ „Es iſt kein Anderer, ſieh' nur, wie er, von Liebe getrieben, mit dem unwegſamen Sturzacker und den Erdklößen kämpft, die ſeinen polirten Stiefletten arg mitſpielen mögen.“ „Der hat gefehlt,“ ſeufzte Marianne. „Den werden wir auch ſobald nicht los,“ ſpra die Mutter. 2 „Mein Gott, wie Ihr nur ſeid, er i immer beſſer als gar Niemand,“ rief Joſ Bedenkt doch nur die Vortheile, die er uns bringt. Erſtens haben wir einen kavaliermäßigen Begleiter und können darum einige weitere Partieen in die Umgegend unternehmen; zweitens haben wir für die Zeit von des Barons Anweſenheit den vierten Mann in Whiſt und können den Strohmann erſparen; drittens haben wir einen Gegenſtand, an welchem wir unſere gute Laune, ſowie unſere ſchlechte Laune auslaſſen können Viertens iſt Sparrenberg die leben⸗ dige Chronik der Reſidenz. Wir können nach Be⸗ lieben nachſchlagen. Iſt denn das Alles nichts?“ „Joſephine hat Recht,“ ſprach die Mutter,„für unſere dermaligen Umſtände wüßt' ich gar keinen beſſe⸗ ren Geſellſchafter. Der Baron iſt aufmerkſam, ge⸗ fällig, unermüdlich, läßt einen Scherz mit ſich machen, was will man mehr?“ „Er iſt nur ein zu großer Zieraffe,“ verſetzte Marianne,„ſeine Süßigkeiten werden einem nach⸗ gerade ecklig.“ „Immer beſſer als ein pedantiſcher Dozent,“ meinte Joſephine,„wie wir ein ſolch Exemplar in der Nähe haben. Doch wir wollen den armen Ritter nicht warten laſſen, er muß bereits im Garten ſein; laßt uns ihm entgegengehen.“ In der That ſchwebte auch Baron von Spar⸗ 88 renberg, nachdem er ſeine Stiefletten einigermaßen von den proſaiſchen Erdklößen befreit, wie der Lie⸗ besgott, eine Roſe im Knopfloch, den breiten Gar⸗ tengang, welcher zum Herrenhauſe führte, daher „O meine Sonnen,“ rief er, als er einige Schritte vor dem Hausthore die beiden Fräuleins ſtehen ſah,„welch ein Glanz nach achttägiger Mit⸗ ternacht!“ Er küßte galant Joſephinen und Mariannen und der Mutter, die jetzt ebenfalls in die Hausthür getreten war, die Hand. „Ich ſage Ihnen, meine Damen, nicht auszu⸗ halten war's länger in dieſem geräuſchvoll betäuben⸗ den Steinneſte. Ich mußte Landluft haben, um nicht zu erſticken. Ich bringe übrigens Grüße von Papa und von aller Welt. Jedermann beneidet Sie um dieſen reizenden Landaufenthalt.“ Der Baron ſchaute ſich bei dieſen Worten ein⸗ wenig um. „Beim Zeus“ rief er,„meine Damen, Sie wohnen hier wie in Circe's Zalberhain. Wehe dem, der ſich mit verwundetem Herzen in dieſer reizenden, von holden Genien bewohnten Wildniß verirrt, er iſt verloren.“ Dieſe mit vieler Emphaſe in theatraliſcher Stel⸗ 89 lung geſprochenen Worte wurden durch das urkräf⸗ tige Gebrüll des Büffels auf dem benachbarten Pachthofe ziemlich proſaiſch unterbrochen, worauf un⸗ mittelbar der Pfau, anderes Wetter ankündend, ſein unharmoniſches Geſchrei ertönen ließ. „Da hören Sie die Stimmen aus Circe's Zau⸗ berhain,“ lachte Joſephine. „Das ſind die Stimmen aus der Tiefe,“ ent⸗ ſchuldigte der Baron,„die bloß neidvoll in das herrliche Leben der Oberwelt hineinklingen.“ Der trotz ſeiner Fadheit in den gegenwärtigen Verhältniſſen nicht ganz unwillkommene Beſuch mußte nun eintreten und ſich's bequem machen. Der Ba⸗ ron bat bloß um eine Viertelſtunde Urlaub, um auf ſeinem Gaſtzimmer ſich etwas zu vermenſchlichen, wie er ſich ausdrückte; und ſaß nach dieſer Zeit wohl⸗ gemuth im Salon der Damen, wo er nicht erman⸗ gelte, die Reſidenzneugierigen mit der Chronik der letzten Woche in möglichſtem Detail bekannt zu machen. „Wie befindet ſich denn der Graf Alphons 24 erkundigte ſich Joſephine. „Wiſſen die Götter, Schönſte, ſeit acht Tagen ebenfalls verſchwunden. Niemand weiß wohin.“ „Graf Alphons verſchwunden?“ 90 „Nicht anders, Ausbund aller Liebenswürdig⸗ keit. Man munkelt“— „Was munkelt man?“ frug Joſephine. „Daß das leicht feuerfangende Herz des Grafen von einer neuen Flamme ſei ergriffen worden, von einer Flamme, die alle Urſache hat, das Licht zu ſcheuen. Wahrſcheinlich wieder eine Liebſchaft au qua⸗ triéme. Der Herr Graf erfreuen ſich einmal eines intereſſanten Geſchmacks. Lieben nie in der Belétage, ſondern pflegen ſich weit höher zu verſteigen.“ Die Fräulein athmeten bei dieſer Nachricht neu auf. Sobald der Graf in neuen Liebesfeſſeln lag, waren ſie ja befreit. Auch die Mutter, welcher das ländliche Exil nicht ſehr zuſagte, fühlte ſich durch die letztere Mittheilung des Barons angenehm berührt. „Und Lord Derby,“ fuhr der geſprächige Baron fort,„wiſſen ſchon, ſchöne Damen?“ „Was iſt mit ihm?“ „Auf großer Fahrt begriffen, rund um die Welt.“ „Eine Weltreiſe?“ riefen bie beiden Fräuleins. „Nicht anders, Schönſte der Schönen, und bloß aus Liebhaberei. Glaubt nicht, daß die Welt rund, will ſich in Perſon davon überzeugen. Die Koſten auf dreitauſend Pfund veranſchlagt. Fabelhaft es Ver⸗ 9 mögen, daß gar keine Möglichkeit, daß dieſer Mann in den Himmel kommt.“ „Warum ſoll denn der liebenswürdige Lord nicht in Himmel kommen?“ „Zu unmenſchlich reich; und wie heißt gleich der Pſalm oder Kapitel, wo ausdrücklich ſteht, daß eher ein Kameel durch ein Nadelöhr ſpaziert, als daß ein Reicher ins Himmelreich kommt?“ „O doch,“ rief Joſephine, in deren Erinnerung Fidelis noch in aller Liebenswürdigkeit lebte,„unſer herrlicher Lord, und wäre er noch ſo reich, kommt ſicher in den Himmel, eher als Sie und der Graf und alle.“ „Dieſe Worte, Schönſte, verkünden mir, daß der Lord ſich bereits im Himmel befindet; wo ſo ein ſchöner Mund das Himmelreich zuſagt, da lebt man ſchon im Himmel.“ „Denken Sie, Baron,“ ſprach die Mutter,„daß wir ſeit den acht Tagen, die wir hier ſind, noch nicht über die Gartenzäune herausgekommen ſind?“ „Entſetzlich, ſchauderte der Baron,„wahre Iphigenien auf Tauris.“ „Ja, Baron, Sie müſſen ſich unſer etwas an⸗ ehmen. Wir müſſen ein paar Landpartieen unter⸗ 92 nehmen. Der Weg nach der alten Raubburg ſoll recht intereſſant ſein.“ „Alte Raubburg,“ rief Sparrenberg,„das iſt ja fabelhaft romantiſch.“ „Auch der Flußpfad nach der Fliedermühle wird als hübſch geſchildert,“ bemerkte Marianne. „Schönſte der Schönen, gebieten Sie über mich,“ rief Sparrenberg begeiſtert, vor deſſen verklärten Blicken ſich die herrlichſten Gelegenheiten eröffneten, das Herz ſeiner Angebeteten endlich zu erobern, „befehlen Sie, geruhen Sie, winken Sie, ein auf⸗ merkſamerer Kavalier wird nicht gefunden zwiſchen beiden Wendekreiſen. Gebieten Sie morgen, über⸗ morgen, heut, jetzt, dieſen Augenblick, ich ſtehe zu Befehl.“ „Da könnten wir ja gleich den heutigen Nach⸗ mittag benützen,“ ſprach Joſephine,„zu einer Partie nach der Fliedermühle. Eine ausgewählte Reſtau⸗ rativn gibt es da freilich nicht, wie mich der Pachter verſichert, aber friſche Sahne iſt zu haben, die nichts zu wünſchen übrig läßt. Wir ſpielen Idylle und gehen in die Semmelmilch.“ 3 „Semmelmilch, göttlicher Gedanke,“ rief der Baron,„arkadienhafte Fliedermühle. Wann bres wir auf?“ 93 „In einem Stündchen ſtehe ich zu Befehl,“ ſprach die Frau Mama. „Wir ſind noch früher fertig,“ riefen die Töchter. „O Baron, zuvor noch die liebenswürdige Gabrielen⸗ polka; Sie können dieſelbe auswendig.“ Mit dieſen Worten öffnete Joſephine das im Salon befindliche Pianv. Sparrenberg ließ ſich nicht lange nöthigen, ſeine Virtuoſität auf dem Flügel, die ſich auf ein paar der neueſten und beliebteſten Tänze beſchränkte, zum Beſten zu geben. Er ſpielte die gewünſchte Polka, welche die Tanzluſt der beiden Damen ſofort der⸗ maßen in Anſpruch nahm, daß ſie mit einander Polka tanzten. Sparrenberg fühlte ſich wie im Himmel. Hier, in ländlicher Abgeſchiedenheit, ohne alle Nebenbuhler, alle Gelegenheit habend, ſeine Liebenswürdigkeit in bezauberndem Lichte ſtrahlen zu laſſen! Nach einem Stündchen waren die Damen zur Landpartie nach der Fliedermühle vollkommen aus⸗ gerüſtet. Dienſtbare Geiſter waren mit Viktualien für die Abendmahlzeit vorausgeſchickt worden. Der Baron konnte nicht müde werden, die reizenden Toi⸗ letten der Fräulein in das Reich ſeiner Bewunderung und Lobpreiſung zu ziehen, wobei er nicht unterließ, auch ſein elegantes und geſchmackvolles Exterieur in hinreichende Beleuchtung zu ſtellen. Er trug weiße Beinkleider und einen eleganten braunen Som⸗ merfrack, ganz nach der letzten Nummer der Mode⸗ zeitung. Als Sparrenberg daher auf dem Spiegel⸗ tiſche die vierzehn Tage alte Modenzeitung liegen ſah, lächelte er mitleidig. Sein Frack, obſchon noch nicht bezahlt, war ein weit ſpäteres Produkt des ſchaffenden Schneidergeiſtes. Endlich ſetzte ſich die Geſellſchaft in Bewegung. Die Wanderung ging durch bezaubernde Gegend. Sparrenberg umflatterte die geputzten Schönen wie ein Schmetterling und ſcheute weder Graben, noch Hecken, wenn es galt, hier ein Vergißmeinnicht, dort eine blaue Glockenblume und rothe Sternblume für ſeine Begleiterin zu pflücken Er ging bei dieſer Antologie mit aller Ehrfurcht, Rückſichtnahme und Gerechtigkeit zu Werke. Zuerſt ward jedesmal die Frau Mutter bedacht, dann Joſephine und zum Schluß die jüngere Schweſter. Aber die vielſagenden Blicke, die halb unterdrückten Seufzer, welche die Blumen⸗ ſpende an Marianne begleiteten, ſagten deutlich genug, daß ſie allein ſeine Blumenkönigin ſei. Trotz der Huldigungen, Aufmerkſamkeiten von⸗ eiten des Barons, welche hauptſächlich ihren Grund in der Leidenſchaft für die jüngere Arnheim hatten, war gleichwohl letzterer ſo wenig wie ihrer Schwe⸗ ſter irgendwie erotiſch zu Muthe. Anſtatt auf ir⸗ gendeine der Zärtlichkeiten, in welchen ſich Sparren⸗ berg ſo reichlich erging, einzugehen, benutzten beide Schönen den befliſſenen Anbeter mehr als Gegenſtand ihrer Neckerei und ſelbſt des Spottes. Namentlich waren die Eitelkeit, Selbſtgefälligkeit, ſowie die Prah⸗ lerei des Barons, in welcher letzterer abſonderlich Vorzügliches leiſtete, das Stichblatt zu Angriffen von⸗ ſeiten der Fräuleins Sparrenberg war hier auch galant genug, alles Mögliche mit beiſpielloſer Geduld zu ertragen. Joſephine, welche gern wiſſen wollte, wie ſich Sparrenberg herausreden und auf welche Art er auf⸗ ſchneiden würde, wenn ſie auf den Miethwagen zu ſprechen käme, mit welchem er nach Roſenau gefah⸗ ren, erkundigte ſich, was wohl eine ſolche Fuhre koſte? Sparrenberg umging dieſe Frage und erwiederte bloß, daß ihm nichts übrig geblieben, als zu einem Miethgeſchirr ſeine Zuflucht zu nehmen, indem er eines ſeiner Geſpanne einem guten Freunde gelie⸗ hen, und beim zweiten das Sattelpferd plötzlich er⸗ krankt ſei. Dieſe Aufſchneiderei erregte umſo mehr die Hei⸗ 96 terkeit der jungen Damen, als ſie nur zu gut wuß⸗ ten, daß der Baron bereits ſeit Jahr und Tag ſein einzig Geſpann infolge einer Wechſelſchuld hatte los⸗ ſchlagen müſſen. „Sie fahren wohl überhaupt wenig,“ frug Jo⸗ ſephine,„ich wüßte nicht, wann ich Sie im Wagen geſehen?“ „In dieſer Beziehung, meine ſchönen Damen, vin ich wirklich ein einziger Kauz. Können Sie glau⸗ ben, daß ich noch vor anderthalb Jahr drei famoſe Geſpanne hatte, aber— es klingt lächerlich,— nur für meine Freunde.“ „Eine ſeltene Hochherzigkeit,“ bemerkte Joſe⸗ phine. „Nicht wahr, Fräulein, und glauben Sie, daß es mir Einer gedankt hat?“ Die Welt iſt undankbar von Anbeginn,“ lachte Marianne. „Da haben Sie ein wahrhaftes Wort geſpro⸗ chen, angebetetes Fräulein,“ rief Sparrenberg,„es gibt nichts undankbareres als die Menſchen. meine Damen, Geſchichten könnt' ich Ihnen davon erzählen“— „Wo Sie undankbar waren?“ frug Joſephine. „Ich, wo denken Sie hin, nein, wo man an mir undankbar gehandelt. Doch„vorüber, vorüber, ſagt Göthe in ſeinem unſterblichen Fauſt. Die Lam⸗ bert war vorgeſtern magnifik, und als Gretchen de⸗ liziöſe Erſcheinung; aber Haus leer.“ Das Geſpräch kam jetzt auf das Theater, wo Sparrenberg vermöge ſeiner zahlreichen dramatiſchen Connaiſſancen hinreichend Stoff fand, ſeine Begleite⸗ rinnen mit der ziemlich leichtfertigen Welt der ſtäd⸗ tiſchen Bühne bekannt zu machen. Plötzlich blieb der in der Kuliſſenwelt ziemlich Vertraute ſtehen und ein anziehender Gedanke ſchien ſein Inneres zu durchleuchten. „Da wir auf das Gebiet der Kunſt gerathen ſind,“ ſprach er,„fällt mir unſer Naturkind ein. Wo iſt es, wo weilt unſere Gellertfreundin, die ſanfte Marie?“ „Die können Sie auf dem Lande in ihrem Ele⸗ mente finden,“ meinte Joſephine ſpitz,„auf dem Kartoffelfelde, auf der Wieſe, den Rechen in der Hand.“ „Muß eine intereſſante Erſcheinung geben,“ ſprach Sparrenberg,„ſie kann da die gellert'ſchen Daphnen, Silvien, Chloes in Ratura darſtellen.“ „Es iſt auch gut,“ fuhr er gleich darauf fort, „daß ſie in ihrer Karriere hat eine Wendung eintreten laſſen. Man ſprach in der Stadt von einer Liaiſon 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 7 98 mit dem Grafen Alphons. Pauvre enfant! pauvre enfant; man weiß, wie weit eine ſolche gräfliche Paſſion reicht, namentlich bei dieſem Grafen.“ Wie unangenehm es Anfangs den beiden Fräu⸗ leins geweſen, daß der Baron überhaupt auf Marien zu ſprechen gekommen, ſo wurden ſie doch durch die letztern Worte bedeutend verſöhnt. Sie klopften daher in Bezug auf jene Liebſchaft, der ſie den unerwünſchten Landaufenthalt verdankten, wiederholt und vorſichtig bei Sparrenberg an und brachten dieſen zu allen Schwüren und Betheuerungen, über die er zu gebieten, daß es mit der Liaiſon des Grafen zu Marien entſchieden zu Ende, da er ja bereits angedeutet, wie die Stelle des Gellertmäd⸗ chens bereits durch eine andere ppikante Erſcheinung“ hinreichend erſetzt ſei. „Lernen Sie mich dieſen Grafen Alphons nicht kennen,“ rief der Baron eifrig,„einen treuloſern Amateur gibt es unter dem Monde nicht, und zu beklagen iſt jedes arme Mädchen, das vertrauend den verführeriſchen Schmeichelworten ſein Ohr leiht. Wie manche kenne ich, die ihre Leichtgläubigkeit nur zu ſchwer hat büßen müſſen.“ Die gute Laune war infolge dieſer und ähn⸗ licher Mittheilungen bei den jungen Damen auffal⸗ 99 lend geſtiegen. Sie ſchöpften jetzt die freudige Hoff⸗ nung, daß ihr Eril unter ſolchen Umſtänden ſein Ende bald erreicht haben werde. Sie gefielen ſich daher in einer gewiſſen Ausgelaſſenheit, die der arme Ba⸗ ron nur zu oft zu büßen hatte. Namentlich machte es den Schönen Spaß, den anbetenden Begleiter nach dieſem oder jenem Dornengebüſch oder auch nach einem Felſenvorſprunge zu entſenden, nach dieſer oder jener Blume, nicht der letztern zu Liebe, ſondern um womöglich die ſaubere Toilette des Barons, die ihm über alles in der Welt ging, etwas zu deran⸗ giren. Es konnte auch keinen poſſirlicheren Anblick geben, als die Befliſſenheit des geckenhaften Stutzers, ſeinen Damen gefällig und zugleich bemüht zu ſein, Stiefeln und Unausſprechliche nicht im geringſten zu beſtäuben. Das Aeußere, wie geſagt, ging dem Herrn Baron über alles, und ein Fleck oder gar ein Riß in ſeiner eleganten Kleidung wäre hinreichend geweſen, ihn der entſchiedenſten Verzweiflung preis⸗ zugeben. „Beſter Baron, die rothe Blume dort oben auf dem Felſen rechter Hand,“ rief Joſephine,„wenn Sie mir die verſchaffen könnten“— Sparrenberg warf einen Blick nach dem ge⸗ wünſchten Gegenſtande und erſchrack. De Weg 100 führte durch entſetzliches Dornengebüſch, welches die gewiſſenhaft bewahrte Garderobe der augenſcheinlich⸗ ſten Gefahr ausſetzte; alsdann blühte auch die ge⸗ wünſchte Blume verteufelt hoch am Felſenabhange, ſo daß der Baron gar nicht einſah, wie er dahin gelangen ſollte. „Mein angebetetes Fräulein,“ ſprach er daher mit bedenklicher Miene,„Sie verlangen hier ſozu⸗ ſagen eine Unmöglichkeit, und lieber wollt' ich als Ritter Delorge den Handſchuh des Fräulein Kuni⸗ gunde aus Löwen⸗ und Tiegerkrallen holen, als jene Blume, die vollkommen unnahbar.“ Die Mutter, welche das ebenfalls einſah, ver⸗ wies daher ihrer Tochter den ungemeſſenen Wunſch. „Ihr müßt,“ ſprach ſie zu ihren Töchtern,„dem Herrn Baron nicht das Unmögliche zumuthen. Ueber⸗ haupt, wenn Ihr in Euren unbilligen Wünſchen ſo fortfahrt, werden wir erleben, daß unſer Gaſt bereits morgen wieder anſpannt und uns unſerer Einſamkeit überläßt.“ „Die Wünſche der gnädigen Fräuleins,“ ſprach der Begleiter,„ſind mir nur ſchmeichelhaft und Be⸗ fehl“ Joſephine konnte indeß trotz der Ermahnung der Mutter ihre Neckerei nicht laſſen. Als man an 101 einem ziemlich abſchüſſigen Abhange vorüberkam, ließ ſie wie aus Verſehen ihren Handſchuh in die Tiefe fallen. Dieſen verlornen Gegenſtand wieder zur Stelle zu ſchaffen, war eine verzweifelte Aufgabe für den galanten Kavalier. Obſchon die Mama den guten Rath gab, den Handſchuh im Stiche zu laſſen, ward gleichwohl, wenngleich mit Todesverzweiflung, Sparren⸗ berg zum Bergmann und ſtieg in die Tiefe. Er hatte mit Dornengeſtrüpp und feuchtem Farrenkraute zu kämpfen; er verwünſchte den Handſchuh in den Ab⸗ grund der Hölle; aber es half alles nichts, der Tarantelſtich der Galanterie war zu urkräftig, als daß er vermocht hätte ihm zu widerſtehen. War die Hinabfahrt nicht ohne große Mühſal, ſo war das bei der Herauffahrt noch mehr der Fall. An Gefahr war bei der Kletterei nicht zu denken, ſonſt würde ſich Joſephine wohl kaum dieſen Scherz erlaubt ha⸗ ben; aber die Integrität der Toilette zu bewahren, gehörte in das Bereich der wahren Kunſtſtücke, wie ſie nur von einem ſo vollendeten Galanthomme wie der Baron mit Geſchick ausgeführt zu werden ver⸗ mochte. Joſephine und ihre Schweſter konnten ſich des lauten Auflachens nicht enthalten, wie ſie den 102 glücklichen Handſchuhfinder mit einer Virtuoſität ohne⸗ gleichen ſich wieder emporarbeiten ſahen. Als Sparrenberg mit Grazie den Findling über⸗ reichte, ſprach er aufathmend:„Handſchuh, du biſt theuer bezahlt!“ Marianne erhob jetzt ihre Hand und nahm eine Stellung an, als wolle ſie ebenfalls ihr Ta⸗ ſchentuch in die Tiefe fallen laſſen; aber Sparren⸗ berg beſchwor ſeine Angebetete mit emporgehobenen Händen: „Laßt, Fräulein, genug ſein des grauſamen Spiels. Schicken Sie mich in den Tod, nur nicht nochmals in dieſe grauſame Tiefe.“ „War es denn ſo entſetzlich da, unten?“ er⸗ kundigte ſich Joſephine. Mit theatraltſchem Pathos deklamirte der Baron: „Der Menſch verſuche die Götter nicht, Und begehre nimmer und nimmer zu ſchauen, Waos ſie gnädig bedecken mit Nacht und mit Grauen.“ Allerdings muß man dieſe Worte aus dem Munde des Fräulein Joſephine vernehmen, will man von der fürchterlichen Wahrheit, die darin ruht, vollkom⸗ men überzeugt werden.“ Endlich tauchte die romantiſch gelegene Flieder⸗ 103 mühle, das Ziel der Wanderung, im Hintergrunde des Thales empor. Sparrenberg ſtellte ſich entzückt ob dieſer koloſ⸗ ſalen Romantik; ſein eigentlich Hauptvergnügen aber beſtand darin, daß er endlich vor den beſtändigen Neckereien und Zumuthungen einigermaßen in den Hafen der Ruhe einlaufen werde. „Jetzt, ſprach er zu ſich,„wird die Blumen⸗ ſucherei hoffentlich ihr Ende erreicht haben. Ich be⸗ greife nicht, wie ich mit meiner Garderobe ſo unver⸗ letzt dieſe abſcheulichen Abenteuer glücklich habe über⸗ ſtehen können.“ Man überſchritt jetzt auf einer Brücke den Fluß und kam der Mühle immer näher. Es war eine Schiffmühle, die durch ein ſtarkes Tau, welches vom Dache nach dem Ufer lief, mit dem Lande verbun⸗ den war. Kaum hatte Sparrenberg dieſes Tau erſchaut, als einer der kühnſten Gedanken durch ſein Gehirn zuckte. Nichts in der Welt konnte ihm erwünſchter kommen, als dieſes Tau. An ihm hoffte er im An⸗ geſichte ſeiner Angebeteten einen Triumph zu feiern, der ihm das Herz derſelben unwiderruflich erobern mußte. Sparrenberg hatte nämlich ſeit einiger Zeit Turnunterricht genommen und es in dieſer Kunſt zu 104 einiger Fertigkeit gebracht, die ihn mit ungemeinem Stolze erfüllte. Er hielt ſich für den erſten Turner auf hundert Meilen in der Runde und ſein Jam⸗ mer war die Zeit daher nur geweſen, daß keine Ge⸗ legenheit gefunden, ſeine Kunſt vor Damen produzi⸗ ren zu können. Er war vollkommen überzeugt, mit ſeiner Turngeſchicklichkeit alle weiblichen Herzen zu erobern, falls er ſich's einigermaßen die Mühe koſten laſſen wollte. Darum konnte ihm dieſes Seil, wel⸗ ches von der mäßigen Höhe der Schiffmühle an ſeiner niedrigſten Stelle drei Ellen über dem Waſſer⸗ ſpiegel dahinlief, gar nicht paſſender und für ſeine Turnkunſt appetitlicher gezogen ſein. Nachdem er nochmals das Terrain ſeines zu erringenden Triumphes rekognoszirt, trat er in ziemlich theatraliſcher Stellung vor ſeine Schönen, die ſich im Schatten einer alten Uferlinde gelagert hatten. „Halten Sie es für möglich, meine Damen,“ begann der ſich fühlende Turner,„daß es eine Mög⸗ lichkeit, vermittelſt dieſes Taues hier von dem obern Ende desſelben bis an das andere Ende am Ufer zu gelangen?“ „Das iſt unmöglich,“ ſprach Marianne. „Allerdings,“ fuhr der Herr Baron fort,„iſt es auch für jeden eine Unmöglichkeit, der ſich nicht die Kunſt 105 des akademiſchen Turnens im hohen Grade zueigen gemacht.“ „Sie wollen doch dieſes Kunſtſtück nicht probi⸗ ren?“ frug Joſephine. „Warum nicht,“ erwiederte lächelnd Spar⸗ renberg.. „Sind Sie denn ein Turher,“ frug Marianne. „Akademiſcher Turner, aufzuwarten, und damit meine Angebeteten erkennen, daß mein Mund nichts verſpricht, was mein Körper nicht auszuführen im Stande, werde ich ſofort eine Produktion zum Beſten geben; falls meine Damen nichts dawider haben.“ „Ganz und gar nicht,“ meinte Joſephine,„neh⸗ men Sie nur keinen Schaden.“ „Ohne Sorge,“ tröſtete der unternehmungsluſtige Turner,„es iſt keine Ahnung von Gefahr vorhanden. Sie ſollen ſich nur überzeugen, wie weit es heutzu⸗ tage der Menſch in der Gymnaſtik überhaupt gebracht hat.“, Mit dieſen Worten tänzelte der glückliche Baron das kleine Brückchen entlang, das vom Ufer zur Schiffmühle führte. Er kletterte nicht ohne Ge⸗ ſchicklichkeit nach dem Theile des Daches empor, wo das Tau befeſtigt war, richtete ſich empor und grüßte maleriſch herüber nach den am Ufer weilenden Damen, 8 106 die in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, auf einer Raſenbank Platz genommen hatten. „Alſo, bitt' ich wohl zu bemerken,“ fuhr der Baron auf der Mühle fort,„an dieſem ſtraffgezogenen Taue, das in gerader Linie nach dem Ufer läuft, werde ich bloß mit Hilfe meiner Hände und Füße von hier bis ans Ufer gelangen.“ „Wir glauben es nicht,“ tönte es von der Ra⸗ ſenbank herüber. „Eh bien, nous verrons,“ rief ſiegesſicher der Turnkünſtler und machte ſich an das Werk Mit Händen und Füßen bemächtigte er ſich des Taues und trat ſeine Reiſe, die allerdings nur auf etwa dreißig Schritt berechnet war, an. Anfangs ging die Sache ganz charmant, aber kaum war der Baron etwa fünf Schritte das Tau entlang, als letzteres, das zeither ganz ſtraff gezogen war, ſich auffällig zu ſenken begann. Das war eine Erſcheinung, an die der kühne Turner im entfernteſten nicht gedacht hatte; und erklärt ſich dieſelbe einfach dadurch, daß die Mühle nicht das Tau hielt, ſondern das Tau die Mühle. Je weiter nun die ſpezifiſche Schwere des baroniſirten Körpers ſich vorwärts bewegte, deſto nachdrücklicher wirkte die Laſt und zog die ganze Mühle nach. Je weiter aber die Mühle nachkam, deſto bedenklicher wurde 107 die Kurve des Taues, welches letztere ſich dem Waſſer⸗ ſpiegel immer mehr näherte. Daß bei ſeinem Turnerercitium die ganze Mühle nachkommen und ihn in eine ſo höchſt merkwürdige Lage bringen würde, war dem Baron außer allem Spaße Er warf unterſchiedlichemale den Blick rück⸗ wärts nach dem nachkommenden Ungeheuer und bald wieder nach der Waſſerfläche, welcher er bereits in eine höchſt unerwünſchte Nähe gekommen. Nichts⸗ deſtoweniger blieb ihm nichts übrig, als ſeine Reiſe nach dem Ufer fortzuſetzen. Bei dieſer nicht wenig an⸗ ſtrengenden Arbeit hingen die beiden Schöße des nach der neueſten Nummer der Modezeitung angefertigten und darum noch nicht bezahlten koſtbaren Fracks per⸗ pentikulär nach dem Waſſerſpiegel herab und kamen demſelben immer näher. Die Damen am Ufer, welche den kunſtrei⸗ chen Anſtrengungen des kühnen Meergeuſen nicht ohne großes Intereſſe zuſchauten, hatten anfänglich noch keine Ahnung von der bedenklichen Seelenſtim⸗ mung, die ſich des Barons bemächtigt hatte. Aber auffallend mußte es ihnen erſcheinen, daß die Frack⸗ ſchöße mit jedem Rucke des Turners dem Waſſer immer näher kamen. „Ich lache mich todt,“ ſagte Joſephine,„wenn 108 das neumodiſche Meiſterwerk mit den Spitzen etwas feucht wird.“ „Allen Anſchein hat es dazu,“ ſprach Marianne, „ich begreife nicht, wie er die Frackzipfel trocken durch⸗ bringen will, ſie ſinken ja immer mehr dem Waſſer zu.“ In der That ſchwebten die letzten Außenpunkte des Fracks kaum noch eine halbe Elle hoch über der feuchten Fläche; bald kaum eine Hand breit, denn die Mühle folgte ſyſtematiſch dem bereits mit Ver⸗ zweiflung arbeitenden Baron und das Seil gab im⸗ mer mehr nach. Der verhängnißvolle Augenblick, wo die Spitzen des Meiſterſtüͤcks der Bekleidungskunſt Bekanntſchaft mit dem Waſſer machen ſollten, rückte immer näher. Joſephine, die vor Lachen bereits nicht mehr ſprechen konnte, brachte nur die Worte heraus:„Ba⸗ ron, Baron, Ihr Frack wird naß, faſſen Sie doch nach Ihrem Frack.“ Das gottloſe Mädchen hatte guten Rath geben, nach dem Fracke zu faſſen, womit ſollte denn das der neumodiſche Waſſermann vewerkſtelligen, der ſeine Arme und Hände im Leben nie nöthiger be⸗ durft, um ſich ſelber fortzuhelfen? Er konnte auf ſein Meiſterwerk der Bekleidungskunſt jetzt ſchlechterdings keine Rückſicht mehr nehmen und mußte dasſelbe 109 ſeinem Schickſal überlaſſen. Sein Hauptbeſtreben war vor allem dahin gerichtet, möglichſt ſchnell das Ufer zu erreichen, und leider hatte er noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt. Der große Moment, der von dem Publikum am Ufer mit ſolcher Sehnſucht erwartet worden, war jetzt erſchienen. Die Spitzen der Frackſchöße küßten das feuchte Element, erſt zart und ſpielend, aber je⸗ mehr der Turnkünſtler mit Leibesverachtung vorwärts arbeitete, immer kecker und vertrauter. Ein Lachſchrei vom Ufer begleitete die außeror⸗ dentliche Erſcheinung. Die Mühle kam immer näher, das Seil ſank immer tiefer; der Baron fühlte ſich auf einer Höllenfahrt begriffen, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß ſie nicht in einen Feuerſchlund, ſondern ins Waſſer ging.* Das Lachgeſchrei auf dem Lande ging jetzt in einen Lachkrampf über, der vollkommen ſprachlos machte, als Sparrenberg ſich unterſchiedlichemale verzweifelt anſtrengte, mit der einen Hand unter ſich zu greifen und die triefenden Frackzipfel aus dem Waſſergrabe zu retten. Es war alles vergebens; ſeine Lage ward dadurch nur verſchlimmert, weil die angeſtellten Rettungsverſuche das Tau noch mehr nach der Tiefe zogen. 110 Jetzt nahte bereits der für die Lage und Stim⸗ mung des Barons außerordentlich ſtörende Moment, wo derjenige Theil am Baron, welcher beim Nieder⸗ ſitzen für die geſammte Menſchheit von ſo ungemei⸗ ner Wichtigkeit iſt, dem Waſſergrabe zuſchwankte und bald von den Wellen beſpült wurde: ein Sitzbad, wie es kein Doktor kühlender zu verſchreiben ver⸗ mochte. Der Zuſtand der zuſchauenden Damen bei den Manövern des kämpfenden Neptun, dem aller Humor, alle Laune, ja alle Sprache und ſelbſt Flüche zu Waſſer geworden, war unbeſchreiblich. Als jedoch die Wellen ſich des ganzen Geſäßes des Herrn Ba⸗ rons bemächtigt hatten, wich die zeitherige krampf⸗ hafte Lachſtimmung der Beſorgniß, daß Sparrenberg endlich in dem heimtückiſchen Element ſeinen Unter⸗ gang finden könnte, und man rief den Müller zu Hilfe. „Benedix, Benedix, herbei,“ tönte es vonſei⸗ ten der beiden Fräuleins,„helft unſerm Herrn Be⸗ gleiter aus den Wellen! Er ertrinkt.“ Benedir ſchaute, ſein Pfeifchen rauchend, ge⸗ müthlich aus dem Fenſter ſeines Häusleins, das hart am Ufer ſtand. Er lachte ebenfalls über die verzweifelten Ka⸗ 111 priolen und deſperaten Griffe des Barons, beruhigte aber die Frauen. „Hier ertrinkt ka Katz,“ ſprach er. „Es iſt ja aber auch keine Katz', ſondern ein Herr,“ riefen die Fräuleins. „Deſto beſſer,“ fuhr Benedir fort,„braucht der Herr bloß die Steckelbeen' neinzuſtecken, hat Grund vollauf und oben's Tau, hat kei Gefahr.“ Als Sparrenberg ſo deſpektirlich von ſeinen untern Gliedmaßen, auf welche er ſich nicht wenig einbildete, ſprechen hörte und überdieß dem Müller, weil er die Mühle nicht feſter gekettet, alle Schuld ſeines unermeßlichen Mißgeſchicks beimaß, gerieth er trotz ſeiner mißlichen Lage in Wuch. „Ochſe,“ ſchrie er verzweifelt,„zieh' Er in drei Teufelsnamen ſeinen verfluchten Kaſten zurück, ich bring' ja keinen trockenen Faden ans Ufer.“ Benedir ſteckte den„Ochſen“ gelaſſen in die Ta⸗ ſche; aber an den„erfluchten Kaſten legte er keine Hand. „Wie kann ich zurückſchieba die Mühl',“ ant⸗ wortete er mit außerordentlichem Gleichmuth,„da ſo a ſchwerer Klunker am Tau baumelt?“ Da ſich die Frauen am Ufer jetzt überzeugt hatten, daß es mit der Waſſerfahrt keine Gefahr 112 für ihren Gaſt auf ſich habe und höchſtens die Klei⸗ dung durchnäßt werde, gewann die Heiterkeit und das Gekicher, welches den unermüdlich arbeitenden Meergeuſen vollends zur Verzweiflung brachte, wieder die Oberhand. Sparrenberg ragte jetzt bereits nur noch als Büſte und mit einem Theile der untern Fußbekleidung aus dem Waſſerſpiegel empor. Den Gedanken an ſeine Toilette, mit welcher er nur Siege zu erringen hoffte, durfte er gar nicht denken, wollte er nicht loslaſſen und ſich ſofort erſäufen. Der verunglückte Fiſcherſtecher war jetzt auf dem Punkte ſeiner naſſen Reiſe angelangt, wo das Seil der Waſſerfläche am nächſten war, ſo daß jetzt nur noch das Kopfſtück und die arbeitenden Arme ſichtbar waren. Der Müller, der noch immer gelaſſen zu⸗ ſchaute, ſchüttelte ſein dickes Haupt. „Is das a Fratz,“ ſprach er. Dann rief er dem Baron zu:„Stauch' Er die Stackliche auf'n Grund,'s geht bis zum Nabel.“ Sparrenberg, der ſeine Unausſprechlichen einmal dem Verderben geweiht ſah, befolgte dieſen Rath, und kam auf ſeine Füße zu ſtehen, ſo daß ihm das Waſſer nur noch bis an die untere Bruſt ging. Er watete die kurze Strecke zum Ufer, das Waſſer rauſchte, und er ſtieg weniger als„feuchtes Weib', 113 wie in Heine's Liedern, ſondern als zfeuchter Mann“, oder nach anderem Ausdrucke als naſſer Pudel ans Land. Eine verunglücktere Expedition hatte er in dieſem Leben noch nicht unternommen; ein größeres Mißgeſchick war noch nicht über ihn hereingebrochen. Die beiden Fräuleins umliefen das Unglücks⸗ kind mit Thränen in den Augen, aber nicht mit Thränen des Schmerzes, ſondern des Lachens ob der wahrhaft gottverlaſſenen Lage ihres Kavaliers. Zum Glück kam jetzt die raſche Müllerin herbei und es⸗ kortirte den zappelnden Waſſermann in die Mühle, aus welcher er nach einiger Zeit als Müller, näm⸗ lich in der Sonntagskleidung des Benedir hervortrat, ein Koſtüm, welches abermal außerordentliche Belu⸗ ſtigung darbot. Da Benedix ein korpulenter Mann, ſo wären zwei Barons in des Müllers Kleidung gegangen. Es entwickelte ſich daher ein eigenthüm⸗ licher Faltenwurf, der zu den mannigfachſten Be⸗ merkungen der Fräuleins Veranlaſſung gab. Die einzige Rettung für Sparrenberg wäre ge⸗ weſen, wenn er ſein allerdings höchſt nichtswürdiges Malheur ſelbſt zum Gegenſtande des Witzes und der Laune gemacht, aber dazu fehlte dem blaſirten Baron der nöthige Humor. Er ließ ſeine Flügel hangen wie ein Papagei, der beregnet worden. Der 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 8 114 Gedanke an ſeine Garderobe, an deren Trockenwer⸗ dung unter drei Tagen nicht zu denken, ſo breiartig war alles, raubte ihm alle gute Laune, und das be⸗ ſtändige Gekicher der jungen Damen war ebenfalls nicht geeignet, ihn roſenroth zu ſtimmen. Er fühlte, daß er in ſeiner umfangreichen Müllertracht unwider⸗ ruflich ein Gegenſtand des Spottes und Gelächters werden mußte und daß dieſer Eindruck auf die bei⸗ den Fräuleins ein bleibender ſein müſſe. Durch dieſe nichtswürdige Waſſerfahrt fühlte er ſeinen gan⸗ zen erotiſchen Feldzugsplan, den er ſich ſo ſchön aus⸗ geſonnen, zertrümmert. In welcher Liebenswürdig⸗ keit er ſich auch ſpäter zeigen mochte, die zu Waſſer gewordene Turnfahrt mit der dazugehörigen Müller⸗ tracht zerſtörten alle Illuſion. Er ſah das ein und wünſchte ſich hundert Meilen weit. Sein innerer Zu⸗ ſtand war gräßlich, und ſelbſt die Troſtſprüche der jungen Damen, die freilich halb wie Scherz klangen, vermochten nicht, ſein düſteres Gemüth aufzuheitern. In der Müllertracht, das ſah der Baron ein, konnte er nicht nach Roſenau zurückkehren, alle Sper⸗ linge und Elſtern wären vor der Erſcheinung meilen⸗ weit davongeflogen. Sonach war ein Bote abge⸗ ſchickt, den Reſerveanzug herbeizuholen. Es erfolgte nach einiger Zeit eine abermalige Metamorphoſe und 115 der Baron, dem die Kleider alles waren, fühlte ſo⸗ fort etwas Laune wiederkehren, ſobald er die Müller⸗ haut vom Leibe hatte. Man verzehrte in ziemlich heiterer Stimmung die Abendmahlzeit; doch konnte der Baron trotz aller Mühe, die er ſich gab, die frühere Liebenswürdigkeit nicht wiederfinden. Der Gedanke an ſeinen ruinirten Frack nach der neueſten Nummer der Modezeitung ſiel wie Mehlthau auf ſeine Stimmung, und die erotiſchen Siege, die er ſich von dieſem Spaziergange und namentlich von der Seilfahrt verſprochen, verblieben im Reiche des Traumes.— Während aber der ſchalkhafte Gott Amor den blaſirten Baron in der Fliedermühle ins Waſſer tauchte und der Lächerlichkeit preisgab, ſtreute er im Garten von Roſenau die ſchönſten Roſen auf das Haupt des glücklichen Ehregott. Der Kandidat hatte ſich am Spätnachmittag eine Erholungsſtunde gegönnt und ſich in den Schatten einer der abgele⸗ genſten Lauben des herrſchaftlichen Gutsgartens ge⸗ lüchtet. Er beſeligte ſich am Hesperus, nicht jenem Geſtirn, das den Abendhimmel verſchönt, ſondern an jener herrlichen Dichtung, welche unſer theurer Jean Paul ſeinem deutſchen Volke hinterlaſſen. Die hold⸗ ſelige Geſtalt der Klothilde ſtand in all ihrem Reize 8 116 vor ſeinem innern Geſicht, als ſie durch ein Mäd⸗ chen aus der Wirklichkeit ebenbürtig erſetzt werden ollte. Marie hatte die Abweſenheit der Damen vom Hauſe benutzt, ſich ebenfalls eine Mußeſtunde zu gönnen. Sie griff daher gleichfalls nach einem Buche der Dichtung, der anmuthigen Louiſe von Voß, und eilte in den ſtillen Garten. Da ſie von dem Zöglinge Ehregott's erfahren, daß letzterer eine kleine Landpartie für den Nachmittag feſtgeſetzt, glaubte ſie ſich ganz allein und fühlte ſich ungemein glücklich. Um möglichſt ungeſtört und verborgen ihrer Lektüre nachhangen 54 können, ſuchte auch ſie die entlegenſte Laube des Gartens, erſchrack aber nicht wenig, als ſie dieſelbe bereits von Ehregott beſetzt fand. Wie mit Blut übergoſſen, wollte ſie ſich entſchuldigend zurückziehen, als der junge Mann wie bezaubert aufſprang und in weichem, herzgewin⸗ nenden Tone zu dem holden Mädchen ſprach: „O Marie,“ bat er,„fliehen Sie nicht, wie oft hab' ich mich nach dem glücklichen Augenblicke geſehnt, mit Ihnen einmal recht vom Herzen zu reden.“ Wie Engelston klangen dieſe Worte im Innern der glücklichen Jungftau wieder. Sie zitterte leiſe und ihre Wange war hochgeröthet. 147 Ehregott hatte ſeine herzlichen Worte nicht in der Abſicht geſprochen, wie andere junge Männer, welche die Gelegenheit benutzen, um ein Liebesaben⸗ teuer anzuknüpfen; ſein Beweggrund war ein edle⸗ rer. Auch er hatte endlich von mehreren Seiten ver⸗ nommen, wie Marie wegen ihrer intereſſanten Erſchei⸗ nung den beiden Fräuleins ein Dorn im Auge ſei, und daß alle beide ſich die möglichſte Mühe gäben, dem armen Kinde das Leben ſo ſauer wie möglich zu machen. Gern hätte er, der in ſolchen Dingen den geraden Weg liebte, ſelbſt bei Marien angeklopft; aber immer wußten es die beiden wachſamen Fräu⸗ leins einzurichten, daß Marie möglichſt fern von dem Kandidaten gehalten wurde und daß die beiden nur in Gegenwart der Damen vom Hauſe einander zu Geſicht bekamen. Dazu war Marien ein ſtrengge⸗ meſſenes Verhalten in Bezug auf den Hauslehrer an⸗ gelegentlichſt zur Pflicht gemacht worden. Die bei⸗ den Fräuleins fürchteten nämlich, daß ſobald Ehregott nur den zehnten Theil von der Unbill, die ſie ſich gegen das arme Kind hatten zuſchulden kommen laſſen, erführe, er in ſeinem heiligen Eifer im Stande wäre, ein wahres Weltgericht auf ſie herab zu beſchwören. Die unerwartete Ankunft Sparren⸗ berg's hatte nun in den Vorſichtsmaßregeln eine kleine 118 Unterbrechung eintreten laſſen. Die Fräuleins glaub⸗ ten nicht anders, als der Kandidat ſei mit ſeinem Eleven in den Wald und über die Berge gezogen, wie ſo häufig vorkam; ſie wußten aber nicht, daß der Herr Bruder durch Unfleiß und Ungehorſam den Spaziergang verwirkt und auf ſeinem Zimmer ge⸗ räuſchlos über ſeinem Strafpenſum ſaß. Ehregott hatte die zitternde Hand Mariens er⸗ faßt und ſchaute mild und klar in das holde Antlitz. Er bat, auf einer der Bänke Platz zu nehmen, indem er ſcherzend meinte, ſie ſeien nun ſo lange in einem und demſelben Hauſe und könnten doch ſo gut ein⸗ mal mit einander plaudern, wie die Andern. Wie von geheimer Zaubermacht getrieben, vermochte Marie den Bitten Ehregott's nicht zu widerſtehen, und ſeine herz⸗ liche Rede flößte ihr Vertrauen ein und verſcheuchte alle Furcht. So ſaßen die beiden jungen Leute zum erſtenmale einander ohne Zeugen gegenüber. Ehregott, anſtatt wie mancher andere junge Mann an ſeiner Stelle gethan haben würde, das ſchöne Mädchen mit Schmeicheleien zu überhäufen, ging ſofort auf das Hauptthema über, welches ſein Inneres beſchäftigte. Er theilte Marien offen mit, daß er vernommen, wie ſie ſich in ihrer Stellung 119 nicht ganz glücklich fühle, und daß ſie von den bei⸗ den Fräuleins mancherlei zu dulden habe. Marie, die ſich noch nie glücklicher befunden als im gegenwärtigen Augenblicke, geſtand, daß ſeit ſie auf dem Lande wohne, ihr nichts zu ihrer Zufrie⸗ denheit abgehe. Ehregott forſchte ſchonend und theil⸗ nehmend weiter, doch war Marie edel genug, kein Wort der Anklage hinſichtlich ihrer Widerſacherinnen lautwerden zu laſſen. Sie entſchuldigte das Be⸗ nehmen der Fräuleins mit ihrem etwas lebhaften Temperament und geſtand, daß ſie als unerfahrenes Landkind wohl auch manches nicht werde nach dem Wunſche der Herrſchaft recht gemacht haben und daß da manche Klage gewiß gerechtfertigt erſcheine. Sie ſprach ſo rührend und lieblich, der Engel der Anmuth und Unſchuld lächelte von ihrem Antlitz, daß dem frommen Ehregott allmälig ſo wunderſam ums Herz wurde und er gar nicht begriff, wie er mon⸗ delang dieſem eingebornen Engel gegenüber wie ein entſchiedener Klotz ſich habe benehmen können. Er wußte gar nicht, wie das zuging, die einfache Gar⸗ tenlaube war ihm nach und nach ein Bosket aus dem Paradieſe geworden. Was hatte er doch nur gedacht, was hatte er doch nur gefühlt die ganze Zeit daher? Das war die Marie, die er ſo oft geſehen 120 und ſelbſt flüchtig einigemal geſprochen, und das war eben dieſe Marie nicht mehr. Ein leuchtender Engel war es geworden, der Bote einer ſeligen Welt. Wie eine Binde fiel es ihm von den Augen, ein himm⸗ liſch Licht durchleuchtete ſein Innerſtes und wie ſchon mancher ſelige Sterbliche in ähnlichen Himmels⸗ blicken fühlte auch er es klar und hell im Innern werden, Sie iſt es, oder Keine ſonſt auf Erden!“ Segnend hält der Dichter ſeine Hand über Dich, theures Paar, über zwei gläubige gottvertrauende Seelen, verklärt von dem Morgenrothe der erſten Liebe.— Als die Liebenden nach einiger Zeit aus der Laube traten, war ihnen alles verändert, verklärt. Ehregott, der trotz ſeiner Himmel ſeines irdiſchen Eleven nicht vergaß, eilte nach dem Herrnhauſe, be⸗ freite den Sträfling und ertheilte ihm Urlaub, Pa⸗ ſtors Knaben zu beſuchen, eine Vergünſtigung, die mit großem Vergnügen angenommen wurde. Kaum aber hatte der ſelige Ehregott ſeine Pflicht als Er⸗ zieher erfüllt, als er auch wieder nach dem Garten zurückeilte, wo er ſeinen Engel zurückgelaſſen. Wie ein glücklicher Gott ſtürmte er durch die Gänge, und mußte geraume Zeit ſuchen, ehe er das geliebte blaue 121 Kleid durch die Zweige winken ſah Die beiden wan⸗ delten jetzt gottſelig die weitverſchlungenen Park⸗ anlagen, welche die Räume des Gartens begrenzten, entlang und keines von beiden entſann ſich im Le⸗ ben, je ſo roſenrothe Stunden verlebt zu haben. Mit welcher ſtillen Seligkeit hing Ehregott an der ſanften Rede Mariens, wenn ſie in ihrer Natürlichkeit er⸗ zählte, wie ſie ihre Tauben füttere und wie ſie unlängſt in aller Stille ein Hänflingsneſt belauſcht. Den ent⸗ ſchiedenſten Sieg aber feierte unſtreitig das holde Kind über das Herz ihres Anbeters, als ſie ihm fromm geſtand, wie ſeine Abendlieder ſie ſo oft getröſtet und geſtärkt hätten. Wunderbar ergriffen, erfaßte er ihre Hand. „O Marie,“ ſprach der Glückliche,„ein ſolcher Engel wohnte in meiner Nähe und ich ahnte es nicht!“ Marie, ſelbſt alle Himmel in der Bruſt, war nicht vermögend die Hand zurückzuziehen. So traten die beiden Hand in Hand auf eine Art Altan, der am Ende des Parkes über die Tiefe hinausgebaut war, und von welchem man die wunderherrlichſte Ausſicht auf das ganze reizende Thal von Roſenau genoß, das ſoeben in den Flammen der Abendſonne, in rother Verklärung lag. In ſprachloſer Rührung ſchauten die Liebenden hinab in die abendrothbrennende 122 Schöpfung. Rings athmete tiefſte Stille; es war eine jener Weiheſtunden im Leben, wie ſie am wolkentrüben und nebelfeuchten Lebenshorizonte in der Regel nur einmal vorüberziehen als beſeligende Evangelien eines Reichs, das nicht von dieſer Welt. Tief bewegt und unſchuldvoll wie im Angeſichte Gottes zog Ehregott Mariens Hand näher an ſeine Bruſt und wie im gottbeſeligten Gebet ſprach er die Worte: „Wie groß iſt des Allmächtigen Güte! Iſt der ein Menſch, den ſie nicht rührt, Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erſtickt, der Ihm gebührt; Ja, Seine Liebe zu ermeſſen, Sei ewig unſ're größte Pflicht, Der Herr hat unſrer nie vergeſſen, Vergeſſen wir auch Seiner nicht!“ Und Marie neigte ihr ſüßes Blumenhaupt näher an ſeine Bruſt und flüſterte: „Der Herr hat unſrer nie vergeſſen, Vergeſſen wir auch Seiner nicht!“ Piertes Kapitel. Fidelis hatte endlich das Ziel ſeiner Reiſe er⸗ reicht. Es war ein freundlich Inſelland in einem der 123 zahlreichen Archipel des ſtillen Meeres, eine Kolonie der Engländer, über welche Tom Tomſon, ein na⸗ her Verwandter unſeres britiſchen jungen Helden als Gouverneur gebot. Fidelis war immer der Liebling des alten knorrigen und drolligen bejahrten Mannes geweſen. Darum war der letztere auch mit Freuden auf den Vorſchlag eingegangen, eine unſchuldige Rolle in der drolligen Komödie, die Fidelis mit dem zu ſtrafenden Wucherer aufführte, einzunehmen. Durch einen Brief war Tom Tompſon von dem ganzen Scherze in aller Ausführlichkeit in Kenntniß geſetzt worden, und man hatte den Alten ſeit langer Zeit nicht ſo herzlich lachen hören. Dieſe engliſche Beſitzung Otawati, ſagte man Hornickel'n, ſei eine Nachbarinſel des großen König⸗ reichs Tauharawi. Hier müſſe man vorher vor Anker gehen, um ſich von den Strapazen der Seereiſe zu erholen und um die übrigen Vorbereitungen zu treffen, damit man mit Glanz in Tauharawi einziehen könne. Hornickel ging nicht ohne Majeſtät auf dem Verdecke auf und ab und beſchaute ſich nicht ohne Wohlbehagen die ſchöne Landſchaft, welche mit aller Pracht tropiſcher Vegetation aus dem Meere emporſtieg. „Fruchtbar Land,“ ſprach er,„wenn ich da was 124 zu befehlen, ließ ich ausſchlachten nach Herzensluſt. Es müßte das ein ſchön Stück Geld abwerfen.“ „Dieſe engliſche Beſitzung,“ verſetzte Fidelis, der neben ihm ſtand,„reicht im Vergleiche der Fruchtbarkeit Tauharawi nicht das Waſſer,“ und der gleichfalls danebenſtehende Strichelius machte auf die hochgewachſenen Kleefelder an dem einen Ende der Inſel aufmerkſam. „Wenn ich doch hier mein kirchberger Rind⸗ vieh hätte,“ bedauerte Hornickel,„das ſollte ſich eine Güte thun.“ „Wie wird Euch denn zu Muthe, Hoheit, beim Anblick ſolcher Herrlichkeit,“ fuhr Strichelius fort. „Reiſemarſchall,“ verſetzte Hornickel nicht ohne Würde,„ich bereue es nicht, die Reiſe unternommen zu haben.“ „Das will ich meinen, wenn Einem ein König⸗ reich wie eine gebackene Pflaume ins Maul fällt“— „Daß Er ſich die alte pöbelhafte Ausdrucksweiſe noch gar nicht abgewöhnen kann, Reiſemarſchall. Das muß anders werden. Ich bitte mir es aus. Hab' ich nicht recht, Herr Mirza ben Hafiz?“ „Erlauben mir, Hoheit, die vollkommenſte Bei⸗ ſtimmung auszuſprechen,“ erwiederte Fidelis,„indeß beſitzen wir in Tanharawi Mittel, den Lenten die übliche Höflichkeit beizubringen. Zehn Baſtonadenhiebe für den erſten Verſtoß dürften hinreichend ſein.“ „Pfui Teufel,“ ſchauderte Strichelins. „Herr Geſandte,“ wandte ſich Hornickel an Fi⸗ delis,„wollen Sie gefälligſt dieſes„pfui Teufel' in Ihre Brieftaſche notiren. Ich bin dafür, daß man bereits jetzt den Anfang macht, dagegen einzuſchreiten. Der Kerl kompromittirt mich ſonſt ſchon auf Otawati auf die ſchauderöſeſte Weiſe.“ „Wollte mir erlauben, daß das Kerl““— ſprach beſcheiden Mirza ben Hafiz. „Haben Recht,“ geſtand Hornickel,„aber trägt nicht der Reiſemarſchall die alleinige Schuld? Er weckt mir die Galle, daß ich mich vergeſſe. Notiren Sie gefälligſt auch das„Kerl. Er hat's verſchuldet und ſoll es ſpäter verbüßen.“ Indeſſen näherte ſich das Schiff immer mehr dem Lande, an deſſen angenehmer Lage ſich der Be⸗ herrſcher von Tauharawi nicht ſattſehen konnte. „Wenn das rationell bewirthſchaftet wird,“ ſprach er,„muß es Unſummen abwerfen. In ein paar Jahren bin ich ein gemachter Mann. Wenn mir s Regieren nicht gefällt, ſchlag' ich die Krone los an den Meiſtbietenden. Iſt auch mitzunehmen. Hab' ich einmal die Gewalt, ſtoß' ich die Satzung wegen 126 der Ratte um, trete die Krone an irgendeinen Lieb⸗ haber ab, wenn auch das Thier nicht auf ihm ſitzt.“ Eein Kanonenſchuß vom Hintertheile der Fre⸗ gatte ſchreckte Hornickel'n aus ſeinen Betrachtungen und Zukunftsplänen empor. Dem erſten Schuße folgte ein zweiter und dritter, welche Begrüßung vom Lande mit gleichem Kaliber erwiedert wurde. Fidelis kam jetzt in offizieller Haſt herbei. „Hoheit,“ rief er,„es iſt jetzt keine Zeit zu verlieren, uns in unſere Staatskleider zu werfen, da die Ankerwerfung und Ausſchiffung in kurzem be⸗ vorſteht. Hoheit werden erſtaunen, mit welcher Ehr⸗ furcht wir von dem engliſchen Gouverneur werden empfangen werden. Ein äußerſt gutes Zeichen. Nicht allen indiſchen Fürſten widmet Großbritanien und Irland ſolche Auszeichnung. Verſcherzen Hoheit darum nie die Freundſchaft Englands.“ „Ganz recht, ich werde aber doch dieſen Spitzbu⸗ ben— notiren Sie gefälligſt das„Spitzbuben auf Rech⸗ nung des Strichelius, es fuhr mir aus alter Gewohnheit heraus— ich wollte ſagen Engländern auf die Fin⸗ ger ſehen. Wenn dieſes Volk Komplimente macht, fällt es nie ohne Vortheil von der Bank. Ich werde mich mit England auf einen Fuß ſtellen, wo ich es durchſchauen kann. O man lerne mich die Englän⸗ der nicht kennen, zumal als Nachbarn. Glauben Sie, Herr Geſandter, gefährliche Nachbarſchaft! Aber ſie ſollen an mir ihren Mann finden. Darauf verlaſſen Sie ſich, Herr Geſandter.“ „Das iſt königlich geſprochen,“ verbeugte ſich Fi⸗ delis, welches Kompliment Hornickel mit ſtillem Selbſt⸗ behagen hinnahm. Fidelis mahnte jetzt von neuem, die offizielle Tracht anzulegen. Dieſe Tracht beſtand in einer Art phantaſtiſcher Uniform und war von Strichelius, der in allen Dingen bewandert war, ausgedacht wor⸗ den. Namentlich hatte man es am vffiziellen Rocke Seiner Hoheit an Schnüren, Beſatz, Treſſen und ſonſtiger Zierrath nicht fehlen laſſen, während die Uniformen des übrigen Perſonals ſehr einfach aus⸗ gefallen waren. Hornickel trug auf ſeinem drei⸗ krämpigen Hute auch noch einen Federbuſch, welcher vermöge ſeiner Größe der korpulenten Geſtalt ein ſehr drolliges Ausſehen gab. Majeſtätiſch ſchwankte zu ſeinen Häupten der Stutz, wenn der künftige Beherrſcher von Tauharawi ſtolz das Verdeck auf⸗ und abſchritt. Eine ähnliche Erſcheinung bot ſich bald wieder dar, als die Stunde der Landung nahte. Die ge⸗ ſammte Geſandtſchaft einſchließlich ihres hohen Herrn 128 und Meiſters befand ſich in allerhöchſter Galla und beſtieg, nachdem das Schiff Anker geworfen, das Byot, welches ſie nach dem Lande brachte. Da Tom Tomſon das Gerücht hatte verbrei⸗ ten laſſen, die zu verhoffenden Gäſte ſeien eine Ge⸗ ſandtſchaft von einem wichtigen Inſellande, die mit Auszeichnung empfangen werden müßten, ſo gab es einen ziemlichen Volksauflauf am Ufer, und das Tücherſchwenken und Hurrahrufen wollte kein Ende nehmen. „Hören nur, Hoheit,“ ſprach Fidelis, der an Hornickel's Seite im Boote ſtand,„mit welchem En⸗ thuſiasmus das Volk von Otawati den König des großen Nachbarreichs empfängt.“ „Mir nur ſchätzbar,“ verſetzte Hornickel und vegann zu fühlen, wie behaglich es auf Nieren und Eingeweide wirke, wenn Jubel des Volkes zu er⸗ lauchten Ohren ſchlägt. Das Boot legte endlich an. Hornickel nebſt Be⸗ gleitern ſtiegen aus und wurden von dem Hafen⸗ kommandanten, welcher den Auftrag hatte, die hohen Gäſte zum Herrn Gouverneur zu geleiten, ehrfurchts⸗ voll empfangen, die Hafenwache präſentirte, die Trommel wurde gerührt und die Fahnen flaggten. Das Volk bildete eine Gaſſe, und als Fidelis ſich 129 das Vergnügen machte, zahlreiche kleine Geldſtücke auszuwerſen, erreichte der Enthuſiasmus des Jahn⸗ hagels den höchſten Grad. Es entſtand um die kleinen Münzen nicht ſelten Rammelei und Bal⸗ gerei, daß einigemal ſogar der königliche Zug in ſeinem Vorwärtsſchreiten Aufenthalt erlitt. Hornik⸗ kel benutzte denſelben, dem Mirza ben Hafiz den Leviten zu leſen. „Sie verwöhnen das Volk,“ ſprach er ernſt, „ſehen Sie den Krawall, welchen Unfrieden haben Sie angeſtiftet durch Ihre thörichte Freigebigkeit. Hätten Sie an das Volk in meinem Namen ein paar Kannen Bier verabreicht, hatten wir uns nobel abgefunden.“ Fidelis entſchuldigte ſich mit den Landesſitten. „Solche koſtſpielige Landesſitten duld' ich aber nicht.“ Endlich erreichte man die Wohnung des Gou⸗ verneurs, welcher ausnehmend erfreut war, die Be⸗ kanntſchaft ſeines künftigen königlichen Nachbars zu machen. Der edle Gaſtfreund hatte zugleich Sorge für ein vpulentes Frühſtück getragen, welches von den angelangten Gäſten mit großem Appetit verzehrt ward. Hornickel erhielt, wie ſich von ſelbſt verſtand, den Ehrenplatz an der Seite des Gouverneurs, 1857. XIX. König v. Tauharawi. II. 9 130 welcher ſeinem Nachbar nicht genug verſichern konnte, wie lange ſich die Bewohner von Tauharawi nach einem neuen Kahameda geſehnt. „Es iſt ein gutes Volk,“ ſprach der Gouver⸗ neur,„wenn es auch zuweilen von der alten üblen Angewohnheit nicht laſſen kann, den eigenen Kaha⸗ meda nebſt Familie aufzueſſen“— Hornickel, welcher mit der Gabel ſpeben einen energiſchen Angriff auf eine verführeriſche Salami⸗ wurſt ausführen wollte, ließ bei den letzten Worten vor Schreck die Angriffswaffe fallen. „Was“— rief er,„aufeſſen?“— „Leider,“ vervollſtändigte der Gouverneur ſeinen Bericht,„und zwar nicht etwa aus Haß oder Naſch⸗ haftigkeit, nein, aus purer Liebe.“ „Aus Liebe?“ „Ja, ein ſonderbares Volk. Namentlich wenn ſich der Kahameda durch eine milde, wohlthätige Re⸗ gierung auszeichnet. Wer die Tauharawier kurz hãlt und ſtreng Regiment führt, nach dem ſteht ihr Appetit nicht; dem kommen ſie gern nicht zu nahe.“ Hornickel athmete etwas auf Er dachte:„An Strenge ſoll's nicht fehlen; und der Wohlthaten kann ich mich nöthigenfalls auch enthalten.“ Dieſer Ge⸗ danke tröſtete ihn inſoweit, daß er von neuem nach 131 der Wurſt ſtach. Nichtsdeſtoweniger ging ihm doch die Aufeſſerei ſehr im Kopf herum und er erkundigte ſich eines Näheren. „Wie iſt es aber nur möglich,“ frug er,„daß ein Volk ſeinen König aus Liebe aufſpeiſt?“ „Nichts iſt leichter,“ antwortete der Gouver⸗ neur;„der beliebte Kahameda läßt ſich vielleicht nach einem neuen Steuererlaſſe, den ſeine Sparſamkeit zuſtande gebracht, irgendwo öffentlich blicken. Er beſucht ein Königſchießen, Sackhüpfen, Türkenſtechen oder Stangenklettern, wo viel Volk verſammelt iſt. Das Volk in ſeiner Freude und Dankbarkeit kennt ſich nicht. Es drängt ſich um den geliebten Vater des Vaterlandes, der ſich der Zärtlichkeit ſeiner geliebten Unterthanen nicht erwehren kann. Einer drängt den andern; jeder ſtrengt alle ſeine Kräfte an, der gehei⸗ ligten Perſon ſo nahe wie möglich zu kommen. Immer enger ſchließt ſich der Knäul; der geliebte Kaha⸗ meda ſchnappt nach Luft; alles vergebens; in nicht zu langer Zeit iſt der Geliebte zu Brei gedrückt. Kaum aber gewahren die Zunächſtſtehenden, daß die Maje⸗ ſtät der Zärtlichkeit ſeiner Unterthanen erlegen, als jeder ſich ein Andenken von ihm mitzunehmen wünſcht. Jeder wünſcht einen Theil des Kahameda ſeinem eigenen Leibe zu inkorporiren. Da der Kahameda 132 einen guten Tiſch führt, ſchmeckt ſein Fleiſch auch nicht bitter. Das wiſſen ſeine theuern Unterthanen und langen zu. Oft kommt bei ſolchen Gelegen⸗ heiten kein Knochen des ſpazieren gegangenen Ka⸗ hameda nach Hauſe.“ „Eine gräßliche Liebe,“ ſchauderte Hornickel, ſich mit einem Tuche den Schweiß trocknend, denn das opulente Frühſtück wie die Erzählung des Gouver⸗ neurs hatten ihn in gleichem Grade warm gemacht. „Alſo ein tyranniſcher Kahameda,“ erkundigte er ſich nach einer Pauſe,„wirkt weniger verlockend auf den Appetit der Unterthanen?“ „Der kann hundert Jahre alt werden,“ tröſtete Tom Tomſon,„dem geſchieht nichts.“ „Ich kann daher die Milde auf dem Throne von Tauharawi nur für eine bedauerliche Schwäche erklären,“ ſprach Hornickel. Der Gouverneur zuckte mit den Achſeln. „Und gleichwohl iſt das Volk ſo gut und ver⸗ dient Liebe,“ ſagte er. „Der Teufel auch,“ polterte Hornickel,„wenn es einen vor Liebe erdrückt und gar auffrißt.“ „Allerdings, auch die Liebe hat ihre Grenzen,“ verſetzte der Gouverneur. „Ich halte es daher,“ ſuhr Hornickel fort,„für 133 jeden neuen Kahameda für Pflicht, dieſer Liebe ge⸗ wiſſe Grenzen zu ſetzen.“ „Das hängt von der Weisheit Ew. Hoheit ab.“ „Ich werde mich ſonach in der Liebe keineswegs überſtürzen,“ ſprach Hornickel. „Mehrere menſchenfreundliche Kahamedas,“ er⸗ zählte der Gouverneur weiter,„haben ein beſonde⸗ res Mittel angewandt, ſich die zudringliche Liebe ihrer Unterthanen wenigſtens vom eigenen Leibe zu halten.“ „Worin beſtand dieſes Mittel,“ erkundigte ſich Hornickel. „Sie beſtrichen ſich,“ fuhr Tom Tomſon fort, „am ganzen Leibe mit dem Safte des Umaobaums, der ſtank ſo niederträchtig, daß es der heißeſten Liebe nicht möglich war, der Perſon des Monarchen auch nur zehn Schritte zu nahen.“ „Da ſind alſo die Beherrſcher von Tauharawi,“ frug Hornickel,„gleichſam als Stänkerböcke unter ihrer verehrten Unterthanſchaft auf⸗ und abgewandelt. Ein eigenes Plaiſir. Müßte ſchönſtens danken. Muß ſo ein Kahameda eine Raſe gehabt haben! Er roch ſich doch natürlich ſelber?“ „Auch für Beſeitigung dieſes Uebelſtandes war geſorgt,“ belehrte der Gouverneur,„der Hofchirurg mußte vorher den Geruchsnerv ertödten.“ 134 „Nun,“ geſtand Hornickel,„an meiner Naſe laſſe ich wegen der lebensgefährlichen Liebhaberei meiner Unterthanen keine Erperimente und Operativnen an⸗ ſtellen. Hoffentlich, daß es mir gelingt, anderweite Mittel ausfindig zu machen, dieſe haarſträubende Liebe auf ein gehöriges Maß zurückzuführen.“ Der Gouverneur, um die unbehaglichen Ge⸗ danken, welche die tauharawiſche Unterthanenliebe in Hornickel nothwendigerweiſe hervorgebracht haben mußten, zu zerſtreuen, theilte jetzt die mannigfachen Annehmlichkeiten mit, welche die Herrſchaft des ſchö⸗ nen Inſellandes für den jedesmaligen Beherrſcher mit ſich brächten. „Mir ſind Kahamedas bekannt,“ ſprach er, „welche die Kunſt des guten Wirthes in ſolchem Grade verſtanden, daß ſie nach Jahr und Tag ein paar Millivnen Rupien erübrigten.“ „Donnerwetter,“ wollte Hornickel herausfahren, beſann ſich aber noch zu rechter Zeit ſeiner Stellung und ſagte:„à la bonheur! Wie ſah's aber da mit der Liebe aus?“ „Dieſe ließ ſich freilich halten,“ bemerkte der Gouverneur und fuhr fort:„Jene guten Wirthe ſetzten ſich nach wenig Jahren zur Ruhe und überließen 135 die Sorgen der Regierung, ſowie die Laſten der Krone ihrem Nachfolger.“ „Das wär' auch ſomein Guſto,“ nickte Hornickel beifällig. Fidelis erkundigte ſich jetzt beim Gouverneur, ob die Behörden von Tauharawi von der bevorſte⸗ henden Ankunft des neuen Kahameda bereits in Kenntniß geſetzt ſeien, wie er verordnet? „Die Befehle von Erzellenz,“ erwiederte Tom Tomſon,„ſind pünktlich vollzogen. Unmittelbar nach dem Eintreffen Ew. Herrlichkeit Schreiben, iſt ein Boot mit der freudigen Botſchaft nach dem glückſeligen Inſellande abgegangen, ſo daß wir der Ankunft einer Regierungskommiſſion ſtündlich entgegenſehen können. Ich wundere mich, daß ſie noch nicht eingetroffen, da das ruhige Meer der Fahrt keine Hinderniſſe in den Weg legt?“ Nachdem der humoriſtiſche Tom Tomſon Hornik⸗ kel'nob der lukrativen Vorzüge als Kahameda den Mund hinreichend wäſfrig gemacht, ward eine Spazierfahrt durch die Inſel Otawati unternvmmen und ward Hor⸗ nickel überall mit Ehrfurcht und Auszeichnung be⸗ grüßt, ſo daß er ſich immer mehr als Potentat zu fühlen begann. ——— 136 Um der zu erwartenden Regierungskommiſſion von Tauharawi einen würdigen Empfang bereiten und um die Komödie mit der Beſtrafung des Wuche⸗ rers und Geizhalſes möglichſt bequem zu Ende füh⸗ ren zu können— der Gouverneur konnte ſich vermöge ſeiner Stellung jetzt nicht weiter an dem Scherze betheiligen— hatte Fidelis ein faſt im Innern der Inſel einſam gelegenes, aber ſehr ſtattliches Land⸗ haus gemiethet. Hornickel erhielt für ſeine Perſon die ſchönſten Zimmer eingeräumt und ward mit zahl⸗ reicher Dienerſchaft umgeben. Ein Wink war Befehl und ein Dutzend Schwarze eilten, den Wünſchen des Gebieters nachzukommen. Obſchon Hornickel kein Freund von großem Lu⸗ rus war, ſo ließ er ſich doch die zahlreiche Diener⸗ ſchaft gefallen, da ihm dieſelbe keinen Heller koſtete. Fidelis hatte ihm nämlich weißgemacht, daß die ganze Bedienung nebſt Bewirthung aus dem Sackel des Gouverneurs beſtritten werde. Der ſchlaue Hor⸗ nickel lachte ſich ins Fäuſtchen. Da Mißtrauen gegen jeden von einem Weibe Geborenen ſein angeborenes Erbtheil war, konnte er ſich nicht denken, daß der Gouverneur ohne allen Grund ſich alſo in Unkoſten ſtecke. Er lachte daher und dachte ſein Beſtes. „Wenn dieſer großbritaniſche Gouverneur etwa 137 denkt,“ ſprach er zu ſich,„mich durch dieſe ſplendide Gaſtfreundſchaft zu kirren; ſo irrt er ſich. Wahr⸗ ſcheinlich iſt es auf einen für Eugland günſtigen Handelsvertrag abgeſehen. Es iſt der bekannte Wurf der Wurſt nach der Speckſeite. Wart' ein Bißchen, rothröckiger Engländer. Der Hornickel geht nicht ſo leicht in die Falle. Ehe England kommt, kommt Hornickel“ Nach dieſem weltgeſchichtlichen Ausſpruche ſtieg der künftige Beherrſcher von Tauharawi im ſeidenen Schlafrocke, die lange Pfeife dampfend und ſich be⸗ haglich bald Kinn, bald Bauch ſtreichelnd, in großer Hoffart auf und ab. Er dachte über mehrere neu einzuführende Finanzmaßregeln nach, von denen er ſich guten Erfolg verſprach. „Das iſt ſo mein Element,“ ſprach er,„die fetten Bäuche anzuzapfen und ſie ſchwitzen zu machen, daß ſie ihr Fett hergeben. Hierin hab' ich ſchon in Kirchberg meinen Mann geſtellt. O ich will dieſe blinden Heiden ausquetſchen wie Zitronen, daß ihnen die Luſt vergehen ſoll, mich vor Liebe aufzu⸗ freſſen. Unvernünftiges Volk!“ Hornickel hatte die Pfeife hingeſtellt und ging, ſich behaglich die Hände reibend, in dem geräumigen Zimmer auf und ab. 138 „Das ſoll eine Luſt werden,“ fuhr er, ſeine groß⸗ artigen Finanzpläne überdenkend, fort,„o Ihr ſollt an den Apollonius Hornickel denken Euer Lebelang!— Ja, Blut ſchwitzen ſoll dieſes Volk. Warum ſind ſie Heiden. Ich glaube, das iſt ein dem Him⸗ mel wohlgefällig Werk, wenn man blinden Heiden den Daumen aufs Auge ſetzt; ſie werden ſonſt über⸗ müthig und noch gottloſer als ſie ſchon ſind.— Und ſobald ich's einigermaßen zu was gebracht, fort mit dieſem hofmeiſternden Mirza ben Hafiz, fort mit dieſem freßgierigen Strichelius, fort mit dieſem elen⸗ den Bachmann. Wie dieſer Kerl überhaupt zu der Ehre der Mitfahrt gekommen, iſt mir jetzt noch ein Räthſel. Dieſer Kerl ſoll ſogar die Unverſchämtheit gehabt haben, ein Auge auf meine Tochter zu wer⸗ fen. An den Beinen laß' ich dieſen Lump und Habe⸗ nichts aufhängen, daß ihm die Liebesgedanken ver⸗ gehen ſollen. Wahrer Hochverrath! Ich darf gar nicht drran denken. Na laßt mich nur erſt das Szepter von Tauharawi in der Hand haben, Ihr miſera⸗ bles Geſindel ſollt alleſammt die lieben Engel pfeifen hören.“ Während der künftige Beherrſcher von Tauha⸗ rawi ſolchen menſchenfreundlichen Gedanken nachhing und auf den geräumigen, mit ſchönen Baumgruppen 139 geſchmückten Hofraum herabſchaute, bemerkte er mit einemmale ein ſeltſames Hin⸗ und Wiederlaufen der ſchwarzen Dienerſchaft. Nach ihren heftigen und leidenſchaftlichen Geberden und Geſtikulationen zu ſchließen, mußte irgendwas merkwürdiges paſſirt ſein. Hornickel ſchaute dieſen kurioſen Kapriolen der Schwarzen eine Zeitlang zu, als die Bewegung einen immer leidenſchaftlicheren Charakter annahm. Furcht und Entſetzen ſchienen ſich der ſchwarzen Bevölkerung bemächtigt zu haben. Hornickel bemerkte, wie ein Theil ſogar verſuchte, die Flucht zu ergreifen, aber von andern davon zurückgehalten wurde. Zugleich fiel es dem Beherrſcher von Tauharawi auf, daß ſich kein ſchwarzer dienſtbarer Geiſt, die doch ſonſt immer bei der Hand waren, blicken ließ, um Rap⸗ port zu erſtatten. Es blieb ihm alſo nichts übrig, als zu klingeln, um Aufſchluß über die ſeltſame Er⸗ ſcheinung zu erhalten. Er klingelte. Vergebens. Er klingelte nochmals. Niemand erſchien. Die Ver⸗ wunderung Hornickel's ſtieg immer mehr. Endlich begann er förmlich Sturm zu läuten. Da that ſich einen Augenblick die Flügelthür auf; eine ſchwarze Fratze ward ſichtbar, kauderwelſchte ein paar unver⸗ ſtändliche Worte und warf die Thür wieder zu. „Das muß ich geſtehen,“ ſprach Hornickel, dem 140 die Sache jetzt außer allem Spaße ward,„eine auf⸗ merkſame Bedienung!“ Er läutete von neuem Sturm. Kein Diener ließ ſich wieder blicken, während der Tumult auf dem Hofe immer betäubender wurde. „Das ſchwarze Volk muß verrückt geworden ſein,“ ſprach die Majeſtät,„aber auch von den weißen Ka⸗ naillen läßt ſich niemand blicken. Wo bleibt Herr Mirza, wo Strichelius? Schöne Attachées. Er wollte endlich das Zimmer verlaſſen, um ſich perſönlich nach der Urſache des plötzlichen Wirrwars zu erkun⸗ digen; der Schwarze hatte aber die Thür mit ſol⸗ cher Vehemenz zugeſchlagen, daß der Schloßriegel übergeſprungen und es für Hornickel keine Mög⸗ lichkeit war, die Thür zu öffnen. Er eilte nach den beiden Seitenthüren. Dieſe gingen zwar auf, führ⸗ ten aber bloß in alkovenähnliche Seitengemächer, aus welchen kein Ausgang. Demnach fand ſich der Be⸗ herrſcher von Tauharawi vollkommen von der Au⸗ ßenwelt abgeſchloſſen und hatte hinreichend Muße, über die höchſt ſonderbare Lage, in welcher er ſich be⸗ fand, die nöthigen Betrachtungen anzuſtellen. Auf dem Hofe war es etwas ſtiller geworden; nur einzelne Schwarze ſah man kleine Pakete tragen, wie auf der Flucht begriffen. Hornickel riß endlich 141 ein Fenſter auf, was bei der fremdartigen Konſtruktion derſelben nicht ohne Mühe zu bewerkſtelligen war, und ſchaute hinaus. „Was iſt denn los?“ rief er einem der ſo⸗ eben vorübereilenden Schwarzen zu. „Mirtabetapulta,“ tönte es zur Antwort und der Schwarze verſchwand. „Da weiß ich ſoviel wie erſt,“ ſprach Hornickel, dem jetzt in der That etwas unheimlich zu Muthe wurde. Er dachte nicht anders, als Feuer ſei aus⸗ gebrochen; aber wo er auch umherſchaute, waren we⸗ der Flamme, Schein noch Rauch zu erblicken. „Dieſer Mirza, nebſt Reiſemarſchall,“ fuhr Hor⸗ nickel fort, der von einem Fenſter zum andern eilte und hinabſchaute,„verdienen geviertheilt zu werden, mich ihren Gebieter in ſolcher Ungewißheit und de⸗ ſperaten Lage zu laſſen. Sonſt, wo ich dieſes Volk nicht brauchte, hing es einem beſtändig am Rock⸗ zipfel, und jetzt, wo periculum in Morea, läßt ſich kein Halunke blicken. Bekanntlich glaubte ſich Hornickel wunder wie gelehrt auszudrücken, wenn er Morea ſtatt mora“ ſagte. Er eilte von neuem nach der Hauptthür und begann mit übermenſchlicher Kraft zu rütteln. Alles vergebens. Er ſank erſchöpft in einen Armſtuhl Aber es 142 litt ihn hier nicht lange. Er ſprang wieder auf und lief verzweifelt auf und ab. Er ſchaute wieder nach dem Hofe hinab. Da war niemand mehr zu erblik⸗ ken. Sämmtliche Schwarze ſchienen geflüchtet. „Das iſt in der That eine Lage, um verrückt zu werden,“ rief der Beherrſcher von Tauharawi. Dann rief er zum Fenſter hinaus:„Mirza ben Ha⸗ fiz, Reiſemarſchall Strichelius, Bachmann, zum Satan, läßt ſich niemand blicken? Ich bin eingeſperrt.“ Er eilte zum drittenmal nach der Hauptthür und unterſuchte das Schloß, ob keine Möglichkeit, es zu öffnen; da gewahrte der Gefangene zu ſeinem Entſetzen, daß nicht ſowohl das Thierſchloß abge⸗ ſchnappt, ſondern daß der diaboliſche Schwarze von außen auch noch den Riegel vorgeſchoben. „Das iſt ja offenbarer Hochverrath,“ ſchrie Hornickel,„jetzt iſt alle Hoffnung auf ein Entkom⸗ men dahin. Ich bin Gefangener.“ Er ſtürzte wieder zum Fenſter, ob nicht ein Sprung in den Hof vorzuziehen; aber die Höhe war zu bedeutend, Hornickel befürchtete bei ſeiner Körperkorpulenz Hals und Beine zu brechen. „Ich glaube, wenn ich da hinabſpränge, ſie könnten mich unten zuſammenlöffeln, ſo zu Brei hätt' ich mich gefallen.“ 143 Während Hornickel rathlos von einem Fenſter zum andern eilte, tönten plötzlich Schritte die Haupt⸗ treppe herauf, an dem Thürſchloß entſtand ein ent⸗ ſetzlich Geraſſel und eine angſtvolle Stimme, welche niemand anders als dem Reiſemarſchall angehörte, rief:„Hoheit, Hoheit, um Himmelswillen, machen Sie auf, ein entſetzliches Unglück“— Hornickel, welcher Strichelius' Stimme erkannte, eilte ängſtlich herbei. „Machen Sie auf,“ rief die Stimme von außen von neuem,„um aller Heiligen willen, machen Sie auf, kein Augenblick iſt zu verlieren. Ihr Leben ſchwebt in der größten Gefahr. Fliehen Sie, alles iſt verloren.“ „Ich kann ja nicht fliehen,“ ſtammelte Hornickel zähneklappernd,„das Schloß iſt verſchnappt, Striche⸗ lius zu Hilfe!“ „Da muß eine Art her,“ rief der Reiſemarſchall von außen,„Noth kennt kein Gebot. Ich hole eine.“ „Strichelius, um Himmelswillen, was iſt vor⸗ gefallen,“ tönte es von innen,„ich bin mehr todt als lebendig.“ „Werden bald ganz todt ſein,“ gab Strichelius zurück und eilte mit dieſer für Hornickel'n ſo höchſt ominöſen Redensart nach einer Art. 144 Hornickel harrte mit Angſt und Beben des wie⸗ derkehrenden Strichelius. „Um Gotteswillen,“ rief er,„was für ein Un⸗ glück iſt vorgefallen? Wahrſcheinlich droht ein Erd⸗ beben. In dieſem hohen Gebäude wär' ich geliefert. Ja dieſe Erdbeben ſind auch eine gräßliche Zugabe der Südländer. Darum auf und davon, ſobald ich mir was erübrigt. Aber, wo der Strichelius bleibt. Ich vergehe vor Angſt. Und dieſer Herr Geſandte, dieſer Mirza ben Hafiz läßt ſich auch nicht blicken; unbekümmert, ob dem Gebieter das Haus über dem Kopfe zuſammenfällt. Es iſt nichts mit den Aus⸗ ländern.“ Er lauſchte jetzt, ob Strichelius noch immer nicht komme und ſchwebte in der ſteten Angſt, von einem Erdſtoße auf den Boden geworfen zu werden. Endlich tönten Schritte. Der erſehnte Lands⸗ mann nahte mit der rettenden Art und bald war Schloß und Riegel geſprengt. Als Hornickel Strichelium zu Geſichte bekam, erſchrack er gewaltig. Letzterer, um ſich ein recht ver⸗ zweifeltes Ausſehen zu geben, hatte ſich im Geſicht mit Mehlſtaub eingerieben. „Mein Gott,“ rief Hornickel,„wie ſeht Ihr bleich!“ 145 „Von unſeren beiderſeitigen Geſichtern,“ erwie⸗ derte Strichelius in dumpfer Verzweiflung,„wird man bald gar nichts mehr ſehen.“ „Wie ſo, gar nichts mehr ſehen?“ „Weil unſere Phyſiognomien Beſtandtheile unſe⸗ rer Köpfe ſind; die im Begriffe ſtehen, zu ſpringen.“ Hornickel, noch immer das Erdbeben im Kopfe habend, frug angſtvoll:„Hat ſie denn ſchon ge⸗ wackelt?“ „Wer?“ „Die Erde.“ „Ach, die ſteht ſo feſt, wie ſie lange nicht ge⸗ ſtanden. Aber wir ſtehen nicht mehr feſt. Unglück⸗ ſelige Königsfahrt, daß ich mich dazu verleiten ließ. Meine arme Frau, meine armen Kinder.“ „Ich bitte Euch bei Eurer dießſeitigen und jen⸗ ſeitigen Seligkeit, Strichelius, was iſt vorgefallen?“ „Vor allem folgt mir,“ drängte der Reiſemar⸗ ſchall,„nach einem ſichern Verſteck. Es iſt kein Au⸗ genblick zu verlieren. Im Verſteck ſollt Ihr alles erfahren. Aber macht Euch zuvor die Haare naß, ſonſt ſtehen ſie alle kerzengrade zu Berge, ſobald Ihr das Schreckliche erfahrt.“ In bängſter Erwartung der Dinge, die er ver⸗ nehmen ſollte, folgte Hornickel zitternd ſeinem Be⸗ 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 10 146 gleiter, der ihn über den Hof nach einem Nebenge⸗ bäude in ein verſteckt liegendes Gemach führte. „Das iſt der einzige Ort,“ ſprach Strichelius, „wo wir wenigſtens vor der Hand geſichert ſind. Jetzt aber ſetzt Euch in dieſen Lehnſtuhl, Ihr werdet Dinge vernehmen, die ſtehend nicht anzuhören ſind, weil ſie Euch umwerfen würden.“ Hornickel nahm mehr todt als lebendig in einem Stuhle Platz Ihm war's, als ſollt' er ſein Todes⸗ urtheil vernehmen. „So wißt denn, Hoheit,“ begann nun Striche⸗ lius ſeine furchtbaren Enthüllungen,„mit dem König⸗ reiche von Tauharawi iſt es nichts.“ „Wie ſo nichts?“ zähneklapperte Kahameda der Siebenundſechszigſte. „Weil die Geſandtſchaft auf der Suche nach dem ausländiſchen Kahameda ſo lange ausblieb und ſo lange nichts von ſich hören ließ, brachen bür⸗ gerliche Unruhen aus.“ „Bürgerliche Unruhen,“ ſtammelte Hornickel. „Es bildeten ſich feindliche Parteien,“ fuhr Strichelius fort,„dieß benutzte der wilde Nachbar⸗ ſtamm die Tautokopten, überfielen mit großem Heer das zeither ſo glückliche Inſelland und eroberten Tau⸗ harawi.“ 147 „Eroberten Tauharawi, mein Königreich, ich ſterbe. Konnten ſich denn meine Unterthanen nicht wehren?“ „Das thaten ſie auch, aber innere Zwiſtigkeiten verhinderten die nöthige Einheit. Die Tauharawier wurden in allen Schlachten geſchlagen, Weiber und Kinder geriethen in die Sklaverei, was Mann hieß, wurde niedergemacht. Bloß fünfzig Mann ſind vom ganzen Volke entkommen.“ „Bloß noch fünfzig Mann, ich bin des Todes!“ „Aber das iſt noch alles nichts.“ „Was, noch nichts,“ ſchrie Hornickel,„wo ein ganz Königreich zum Satan fährt, das mich ſolche Unſummen koſtet? Ich darf nicht d'ran denken, der Gedanke bringt mich um.“ „Ihr, Hornickel,“ tröſtete Strichelius,„wäret nicht der Erſte, dem ein Königreich in die Wicken ging“— „Nun nennt mich dieſer Hallunke auch ſchon wieder ſchlechtweg Hornickel“— ſeufzte die zeitherige Hoheit,„es iſt gleich, um mit Extrapoſt in die Hölle zu fahren. Ach, ach, ich kann nicht mehr. Ich ſterbe.“ „Dieſes Vergnügen dürfte uns beiderſeitig ohne⸗ hin zutheil werden, falls es dem Mirza ben Hafiz nicht gelingt, die wüthende Rotte zurückzuhalten.“ 10* 148 Hornickel, dem es mit dem Sterben gar nicht ſo ernſt war, erkundigte ſich ſofort nach der wüthenden Rotte. „So vernehmt denn das Schrecklichſte.“ „Ich kann nicht Schrecklicheres vernehmen, als ich bereits vernommen habe. O, mein Königreich, mein geliebtes Tauharawi!“ Hornickel lief bei dieſen Worten verzweifelt auf und ab. „Das iſt ja ein Unglück,“ fuhr er fort,„um ſich die Haare einzeln auszuraufen oder den Verſtand doppelt zu verlieren. Wie geſagt, denken darf ich gar nicht drran, ſoll's bei mir nicht ſofort zu rappeln anfangen.“ „Auch ein Königreich,“ ſprach Strichelius,„iſt ein irdiſch Gut, das verloren gehen kann.“ „Aber was hab' ich in dieſes Königreich ge⸗ ſteckt! Die Armendeputation in Kirchberg hat noch alle Hände vollzuthun. Dieſes arme Geſindel frißt ſich von meinem Gute ſatt und läßt ſich's wohl ſchmecken, während ich der Verzweiflung anheimge⸗ geben werde.“ „Ihr müßt Euch zu tröſten ſuchen“— „Der Teufel!— tröſten ſuchen, und wenn 149 ich hundert Laternen anzünde, ich kann keinen Troſt finden.“ „Denkt, Ihr hättet an der Börſe ſpekulirt“— „Bleibt mir vom Leibe mit Eurem Denken. Ich thue am beſten, ich denke gar nicht.“ „Alſo wollt Ihr das Schrecklichſte nicht hören?“ Hornickel hatte ſich erſchöpft wieder in den Lehnſtuhl geworfen. „Meinetwegen ſchießt los,“ ſprach er,„für mich gibt es nichts Schreckliches mehr.“ „Das wäre zu unterſuchen. So vernehmt denn, Hornickel“— „Ich dreh' Ihm den Hals um, ſo Er fortfährt zu hornickeln. Ich bin Kahameda, es liegt mir im Blute, ich fühl' es!“ „Was hilft ein Titel ohne Mittel!“ Hornickel, von einem Gedanken erfaßt, war plötz⸗ lich aufgeſprungen und hatte Strichelium an der Bruſt gefaßt. „Wahrſcheinlich iſt alles Lug und Trug. Ich wär' der erſte Herrſcher nicht, dem man auf dieſe Weiſe Konzeſſionen abzuzwacken ſuchte. Heraus mit der Sprache und der Wahrheit, wie ſtehen die Sa⸗ chen in meinem Lande?“ „Wie ſollen ſie ſtehen? futſch iſt alles; bin ich 150 in meiner Lage nicht ebenſo zu beklagen, wie Ho⸗ heit? Ich konnte meine Karriere machen. Dafür jetzt den Tod vor Augen.“ „Wie ſo den Tod?“ erkundigte ſich Hornickel. „Hoheit, heraus muß es einmal; ſo wißt denn, daß die letzten fünfzig Mann, welche dem Blutbade auf Tauharawi entkamen, heut Morgen hier ans Land geſtiegen ſind.“ „Was können mir fünfzig Mann nützen, die konnten auch bleiben, wo ſie waren.“ „Allerdings, das iſt auch meine Meinung,“ ſprach Strichelius,„das Beſte wäre, man hätte ſie eben⸗ falls kapunirt; ſo richtet dieſe verzweifelte Geſellſchaft nur Unheil an. Sie iſt lediglich deßhalb ans Land geſtiegen, weil ſie vernommen, daß der neue Kaha⸗ meda angelangt.“ „Dieſe Anhänglichkeit freut mich,“ ſprach Hornickel. „Mich aber nicht, und Hoheit wahrſcheinlich auch nicht, wenn Hochdieſelben erfahren, daß dieſe fünfzig Mann nichts anderes verlangen, als der Kahameda ſoll ſich mit ſeinem Gefolge an ihre Spitze ſtellen und die fünfzig Mann zur Rache und in den Tod führen.“ „Fällt mir gar nicht ein,“ ſprach Hornickel. „Dieſe letzten fünfzig Deſperati haben ſich in den Kopf geſetzt, daß, wenn ſie mit ihrem Kaha⸗ 151 meda in den Himmel einzögen, ſie ihrem Heiden⸗ gotte weit willkommener erſcheinen dürften und ange⸗ nehmer aufgehoben wären.“ „Dieſe Kerle ſind verrückt. Ich mich an ihre Spitze ſtellen! Was iſt mit einer Handvoll Wage⸗ hälſe auszurichten und wenn ſie die Tapferkeit ſelbſt wären?“ „Von ausrichten iſt ja auch gar nicht die Rede. Sie wünſchen bloß in Eurer Gemeinſchaft zu ſterben, weil ſie des Glaubens leben, daß dann ihr Heidengott wegen ihrer Miſſethaten ein Auge zudrückt, weil ſie überzeugt ſind, daß Ihr, Hoheit, ein gut Wort einlegen werdet.“ „Was das für gräßliche Zumuthungen ſind,“ ſchauderte Hornickel. „Alſo Ihr wollt Euch nicht an ihre Spitze ſtellen, ſie zur Rache und zum Tode zu führen?“ Hornickel vergaß in ſeiner jetzigen Lage alle ma⸗ jeſtätiſche Haltung und rief, zum Plebejer herabſin⸗ kend:„Da müßt' ich Dinte orhofweis geſoffen hahen.“ „Wie wollt Ihr Euch aber ihrem Verlangen entziehen?“ „Ich laß' ihnen einfach ſagen, wenn ſie partout ſich rächen wollen, ſtünde das bei ihnen. Ich für meine Perſon müſſe für den Rachezug danken.“ 152 „Wenn die fünfzig Deſperati aber einfach ant⸗ worten: der Kahameda müſſe ſie zum Tode führen, weil es die alten Satzungen mit ſich bringen?“ „Da mein ganz Königreich im Meere liegt, kann der Teufel auch die alten Satzungen holen, auf die ich ohnehin ſeit lange ſchon einen Bittern habe.“ „Wenn ſich aber dieſe fünfzig Deſperati mit dieſer Anſicht Ihres Kahameda nicht einverſtanden er⸗ klären?“ „Das iſt ihre Sache, ich mag überhaupt mit dieſem Volke nichts zu ſchaffen haben. Ein König, dem ſo plötzlich eine Krone in den Brunnen fällt, hat, dächt' ich, hinreichende Urſache, ungehalten zu ſein.“ „Es iſt nur hier das Ueble bei der Sache,“ fuhr Strichelius fort,„daß, wenn auch Ew. Hoheit von Euren getreuen Unterthanen nichts mehr wiſſen wollen, ſie deſto mehr von Euch wiſſen wollen.“ „Mit welchem Rechte?“ „Vom Rechte kann unter obwaltenden Umſtän⸗ den gar keine Rede ſein. Wir befinden uns im Be⸗ reiche der Gewalt. Die Fünfzig ſind zum Aeußer⸗ ſten entſchloſſen.“ „Man ſchicke zum Gouverneur, und laſſe das widerhaarig Geſindel auseinandertreiben. Sie ſollen dahin zurückfahren, wo ſie hergekommen. Wenn es 153 ihnen einmal Vergnügen macht, ſich abſchlachten zu laſſen, mögen ſie das thun, aber andere Leute mit ihren confuſen Ideen unbehelligt laſſen; außerdem wird man ihnen das Loch weiſen, welches Freund Zimmermann gelaſſen.“ „Hoheit geben aus Ihrer ganzen Redeweiſe zu erkennen, daß Hochdieſelben die Gefahr in ihrem Umfange nicht überſchauen.“ „Wie ſo, Gefahr?“ „Wir ſind ja ganz in die Gewalt der fünfzig Tauharawier gegeben? Haus und Hof iſt umzin⸗ gelt, und wenn nicht der edle Mirza ben Hafiz mit ihnen in Unterhandlung getreten und ſie vor ihrem ungeſtümen Eindringen in Güte zurückgehalten, hätten wir die gräßliche Geſellſchaft bereits hier.“ „Und unſere zahlreiche Dienerſchaft?“ „Iſt ſämmtlich geflohen. Mit ſolchen deſpe⸗ raten Leuten, wie dieſe Tauharawier, meinten ſie, möchten ſie nichts zu ſchaffen haben.“ Hornickel bekam jetzt eine andere, aber keines⸗ wegs angenehmere Anſicht über die Lage der Dinge. „Hoffentlich,“ ſprach er,„wird Mirza ben Ha⸗ fiz als gebildeter Mann der unvernünftigen Rotte den Kopf zurechtſetzen, daß ſie ſich packen. Er kann den Ochſen in meinem Namen ſagen, daß ich auf 154 den Kahameda freiwillig verzichte. Unglückſelige Ka⸗ hamedaidee, die mir nie hätte in den Sinn kommen ſollen!“ „Hoffen wir das Beſte von der diplomatiſchen Staatsklugheit des Herrn Mirza ben Hafiz Wenn es demſelben nicht gelingt, die Tauharawier von ihren höchſt abgeſchmackten Ideen zurückzubringen, weiß ich nicht, wie wir mit dem Leben davonkom⸗ men wollen. Dieſe letzten Ueberbleibſel von Tau⸗ harawi ſoll eine ungebändigte Nativn und zu allem fähig ſein.“ „Könnten wir uns nicht,“ erkundigte ſich Hor⸗ nickel, dem die Sache immer bedenklicher wurde, „durch irgendeine Oeffnung unbemerkt davonſchlei⸗ chen, um aus dem Bereiche dieſer Unholde zu kommen?“ „Eurer vielgeliebten Unterthanen wollt Ihr ſagen Nein, dafür iſt Fſorgt. Mit Argusaugen wachen ſie darüber, daß ihnen der Kahameda nicht entgeht. Die flüchtende ſchwarze Dienerſchaft lie⸗ ßen ſie unangefochten paſſiren, bis auf drei Mann, die man für hinreichend gemäſtet hielt, und die ſoeben als Frühſtück verſpeiſt werden; aber von uns Weißen laſſen ſie niemanden durch Bachmann hatte ſich ſogar ſchwarz angeſtrichen, um die Aufpaſſer zu täu⸗ 155 ſchen, aber ſeine urſprüngliche Hautfarbe entging den Argusblicken nicht. Er mußte zurück, um unſer Schickſal zu theilen.“ „Dieſes Volk wird aber doch nicht ſo verthiert ſein, ſich an dem eigenen Könige zu vergreifen und an deſſen Hofſtaät?“ „Bewahre, im Gegentheil, ſie hegen die höchſte Ehrfurcht für Ew. Hoheit. Sie verlangen weiter ganz und gar nichts, als daß Ihr ſie zur Rache und in den Tod führt, damit ſie mit Eurer Seele vereint hinauf oder hinab zum Heidengotte fahren; ich weiß nicht, wo die Reiſervute hingeht.“ „Gräßlich. Und Mirza ben Hafiz, ſagt Ihr, iſt mit ihnen in Unterhandlung getreten, um ſie von ihren thörichten Ideen zurückzubringen?“ „Allerdings. Vom Oberboden dieſes Hauſes, von wo Ihr Eure verbliebene Unterthanenſchaft über⸗ ſehen könnt, werdet Ihr bemerken, wie der wackere Mirza mit dem Häuptling der Rotte, dem todver⸗ achtenden Scharrawadi ſtreitend und geſtikulirend auf⸗ und abgeht. Die Tauharawier verlangen, daß auch meine Wenigkeit und Bachmann an Eurer Seite ſtreitend fallen, um gleichfalls dem fremden Gotte als Sühnopfer zu dienen. Ach, wenn das meine arme Frau, Madame Strichelius, wüßte, in welches Unglück 156 mich dieſe verhängnißvolle Königsfahrt gebracht! Sie weinte ſich die Augen aus, an die Würmer gar nicht zu denken.“ Strichelius nahm bei dieſen Worten eine ſo weinerliche Stimme an, daß Hornickel ſchier aus der Haut zu fahren vermeinte.. „Bachmann iſt jung und unverheiratet,“ ſchluchzte Strichelius,„da ſtirbt ſich's leichter.“ „Aber mein Gott,“ rief Hornickel,„könnte man den Gouverneur nicht ſchleunigſt unterrichten, damit er uns zu Hilfe kommt?“ „Wie wollen wir denn zu ihm gelangen? Und wenn er's auch erführe, ehe er ankommt, ſind wir längſt eingepackt und auf die Schiffe gebracht.“ Plötzlich ſprang Strichelius ans Fenſter. „Dem Himmel ſei Dank,“ rief er,„da kommt Mirza ben Hafiz, geben alle Heiligen, daß er gute Nachricht bringt.“ „Ja, das geben ſie,“ ſprach Hornickel hoch⸗ aufſeufzend. Fidelis trat nach wenig Augenblicken ins Ge⸗ mach; aber ſein Geſicht war nicht heiter. Hornickel'n griff dieß Geſicht ſo an, daß er ſich in einen Stuhl ſetzen mußte. „Meine Nachrichten,“ ſprach Fidelis,„ſind nicht 157 die beſten. Nach langen Debatten iſt es mir bloß ge⸗ lungen, daß die Tauharawier auf den Strichelius und den Bachmann verzichten. Dieſe beiden ſollen nicht mitgehalten ſein, den Rache⸗ und Todeszug nach Tauharawi mitzumachen.“ Bei dieſen Worten ſprang Strichelius wie be⸗ hert auf, umarmte und herzte den Fidelis und wollte mit ihm durchaus vor Freuden umhertanzen, während ſich Hornickel bei dieſer Luſtigkeit einmal um das andere mit dem Tuche den Angſtſchweiß von der Stirn trocknete. „O Sie lieber, prächtiger, herrlicher Herr Mir⸗ zu ben Hafiz,“ rief er einmal über das andere aus, „meine Frau wird es Ihnen in ihrem letzten Stünd⸗ lein nicht vergeſſen, was Sie an mir gethan.“ Während aber Strichelius noch in beſter Arbeit war, ſeinem dankerfüllten Herzen Luft zu machen und ſeine außerordentliche Heiterkeit an den Tag zu legen, tanzte plötzlich mit derſelben Fidelität Mo⸗ ritz Bachmann ins Zimmer und begann dieſelben dankbaren Kapriolen mit Fidelis. Hornickel, inmitten dieſer allgemeinen Luſtigkeit, befand ſich auf ſeinem Lehnſtuhle in einem Zuſtan⸗ de, der ſchwer zu beſchreiben iſt. Als indeß die Fi⸗ delität der beiden kirchberger Pflanzen gar kein Ende 158 nehmen wollte, ſprang er endlich ganz verzweifelt auf und rief:„Was wird denn aber aus mir?“ Eine bedeutſame Stille folgte dieſem Ausrufe und Fidelis ſprach:„Das iſt eben der zweite und weniger angenehme Theil meiner Botſchaft, daß, wenn es mir auch gelungen, die Herren Strichelius und Bachmann aus der Gewalt der Tauharawier zu be⸗ freien, letztere doch darauf beſtehen, daß es mit Ew. Hoheit und meiner Wenigkeit bei früherem Beſchluße verbleibe. Wir beide ſollen uns an die Spitze der letzten Tauharawier ſtellen und ſie durch Blut und Tod ins beſſere Jenſeit führen.“ „Ich habe ja aber gar kein Feldherrntalent,“ jam⸗ merte Hornickel.„Wie kann ich mich an die Spitze dieſer verzweifelten Schaar ſtellen?“ „Auf Strategie und Taktik kommt es bei die⸗ ſem bevorſtehenden Feldzuge auch nicht an,“ erwie⸗ derte Fidelis.„Bei des Feindes Uebermacht iſt alle Kriegskunſt überflüſſig. Ein Anlauf und wir haben genug für dieſes Leben.“ Hornickel ſchauderte. „Gibt es denn gar kein Mittel,“ rief er,„dieſes Volk von ihrer hirnverrückten Idee zurückzubringen?“ „Ich habe meine ganze Beredtſamkeit aufgebo⸗ ten,“ ſprach Fidelis,„aber vergeblich.“ 159 Hornickel lief verzweifelt auf und ab. Nach einer Pauſe frug er:„Wenn ich mich nun in Perſon meinem Volke zeige? Vielleicht, daß meine Autorität als Kahameda“— „Vielleicht— vielleicht auch nicht,“ meinte Fi⸗ delis.„Ich befürchte nur, daß, ſo Ihr Euch blicken laßt, ſie gleich gar keine Umſtände machen, ſondern ſofort zugreifen und Euch aufs Schiff bringen.“ Hornickel rannte von neuem in höchſter Deſpe⸗ rativn auf und ab. Endlich kam ihm ein guter Gedanke. „Es eriſtirt ja eine Salbe,“ rief er,„deren ſich die alten Kahamedas bedienten, um von ihren Unterthanen nicht vor Liebe aufgefreſſen zu werden, weil ſie wie die Peſt ſtanken. Wenn ich mich nun mit dieſer herrlichen Salbe einriebe, möchte ich mei⸗ netwegen mein Lebelang wie ein Bock ſtinken“— Fidelis zuckte die Achſeln. „Der Saft zu dieſer ſchützenden Salbe wird nur im Vollmonde gewonnen und dermalen haben wir Neumond.“ Nachdem auch die Rettung durch die Salbe in den Brunnen gefallen, fiel Hornickel wieder in ſeinen Lehnſtuhl und übergab ſich den Ausbrüchen der höch⸗ ſten Verzweiflung. Es war eine große Szene. Wäh⸗ 160 rend Strichelius und Bachmann, die beiden Geretteten, immer wiederholt ihre Freude an den Tag legten, ohne auf die Lage Hornickel's Rückſicht zu nehmen, ſaß letzterer nicht bloß als ein geſtürzter, ſondern auch als ein am Leben bedrohter König in verzweif⸗ lungsvollem Hinbrüten. Er erlitt jetzt ſeine Strafe für ſeine miſerablen Geſinnungen, die er wegen ſeines in Tauharawi einzuführenden Regiments an den Tag gelegt hatte. Nachdem ihn Fidelis eine geraume Zeit dieſem gräßlichen Seelenzuſtande überlaſſen, ſprach er endlich: „Ich will noch einen Verſuch wagen bei dem Häuptling, aber baut vor der Hand keine Hoffnung dar⸗ auf. Einſtweilen mögen Euch, Hoheit, die beiden Geretteten Eure Schwermuth durch allerlei Kurzweil zu vertreiben bemüht ſein.“ Hornickel hob ſchwach den Kopf empor. Er befand ſich ſchlechterdings nicht zu irgendeiner Kurz⸗ weil aufgelegt. „Sollen wir Euch erheitern, Hoheit,“ frug Bach⸗ mann,„vielleicht durch Spiel und Tanz?“ „Bei mir iſt Spiel und Tanz vorbei,“ ſtöhnte er dumpf. „Oder ſoll Euch der heitere Strichelius einen luſtigen Schwank vortragen?“ 161 Hornickel ſchüttelte mit dem Kopf. „Das hättet Ihr Euch wohl nicht träumen laſſen,“ frug Strichelius,„daß Eure Königsfahrt ſo ſchlecht ablaufen würde?“ Hornickel gab auf dieſe höchſt ungemüthliche Anfrage gar keine Antwort. Bachmann ſuchte zu tröſten. „Vielleicht ſchafft Mirzu ben Haſiz doch noch Rath.“ „Der ecklige Häuptling ſcheint ein obſtinater Kerl,“ meinte Strichelius,„mit dem wenig auszu⸗ richten. Ich fürchte, daß er nachgibt.“ „Für dieſen beklagenswerthen Fall wär' es wohl wünſchenswerth, wenn wir die letzten Wünſche unſeres verehrten Landsmannes in Empfang nähmen.“ Strichelius fand das ebenfalls ſehr zweckmäßig und erkundigte ſich, was Hornickel in Kirchberg zu beſtellen, falls er genöthigt würde, die ſchwarze Rotte in Kampf und Tod zu führen? „Ich bin für dieſen entſetzlichen Fall ja noch gar nicht vorbereitet, jammerte Hornickel.„Noch immer hoffe ich, daß Mirza ben Hafiz“— Dieſer kehrte langſamen Schrittes über den Hof zurück und trat mit ſehr ernſtem Geſichte ins Gemach. Hornickel, der aus dieſer Erſcheinung ſchloß, 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 11 162 daß die zweite Miſſion mißlungen, und daß es bei dem Wollen der Tauharawier, ſie in Kampf und Tod zu führen, ſein Bewenden habe, fiel mitſammt dem Stuhle der Länge lang in die Stube und regte ſich nicht. „Hoffentlich,“ ſprach Fidelis halblaut,„haben wir die Züchtigung nicht zu weit getrieben“— „O, der iſt nicht todt,“ tröſtete leiſe Strichelius, „dieſe Natur kenn' ich.“ Man rüttelte an Hornickel, ſetzte ihn wieder auf den Stuhl, beſprengte den Halbohnmächtigen mit friſchem Waſſer, ſo daß er bald wieder zu ſich kam. „Alſo bleibt's dabei,“ frug er, die Augen auf⸗ ſchlagend,„ich ſoll dieſes Volk in Kampf und Tod führen?“ „Infolge meiner letzten Unterredung haben ſie zwar einen Ausweg offengelaſſen“— „Einen Ausweg?“ rief Hornickel neu aufathmend. „Ich ſehe nur nicht ein,“ fuhr Fidelis fort,„auf welche Art derſelbe aufzufinden?“ „Worin beſteht dieſer Ausweg?“ erkundigte ſich Hornickel, den die Sache natürlich ſehr intereſſirte. „Die Tauharawier,“ fuhr Fidelis fort,„ſind nicht abgeneigt, Euch von der Mühewaltung, ſie in ———— 163 Kampf und Tod zu führen, zu dispenſiren, für den Hornickel war durch und durch Ohr. „Für den Fall“— ſtammelte er. „Daß Ihr einen Erſatzmann ſtellt.“ „Einen Erſatzmann,“ rief Hornickel,„vielleicht daß ſich ein ſolcher gegen ein Stück Geld bei unſerer ſchwarzen Dienerſchaft auftreiben[äßt „Nein ein ſolcher zieht nicht,“ ſprach Fidelis, „es muß ein Anverwandter, jemand aus Eurer Familie ſein.“ „Aber mein Himmel,“ ſchrack Hornickel von neuem zuſammen,„wo ſoll ich auf dieſer unwirthbaren In⸗ ſel, zwei tauſend Meilen von Kirchberg, einen Ver⸗ wandten herbekommen?“ Fidelis zuckte mit den Achſeln. „Es iſt dieß die allereinzige Bedingung,“ ſprach er,„unter welcher die Tauharawier Euch freigeben.“ Hornickel befand ſich von neuem in Verzweiflung. „Aber,“ frug er kläglich,„geſetzt, ich hätte meine ganze Vetterſchaft hier, wer würde für mich dieſen Liebesdienſt übernehmen und die Tauharawier in Kampf und Tod führen?“ „Sobald wir nur einen Erſatzmann, einiger⸗ maßen rüſtig und unternehmend, auffänden⸗ fuhr Fi⸗ 164 delis fort,„hätten wir gewonnen, und auch ich wäre gerettet. Bei der erſten Nachtherberge hielten wir zuſammen, täuſchten oder tödteten die Wächter, er⸗ griffen die Flucht und befänden uns binnen kurzem unter dem Schutze des Gouverneurs. Und eine Nacht⸗ herberge halten die Tauharawier vor ihrer Abfahrt jedenfalls, da ſie nie im Dunkeln das Meer be⸗ fahren.“ Hornickel warf nach dieſen Worten einen liebe⸗ ſeligen Blick auf Strichelius. „Edelſter Freund und Landsmann, Retter, wie wär's, wenn Ihr Euch für meinen Verwandten ausgäbet?“ „Wie kann ich das Hoheit?“ Hornickel war nicht lange in Verlegenheit. „Ihr könnt meine Tochter heiraten. An mein Herz, theurer Schwiegerſohn!“ „Wo denkt Ihr hin? Ich hab' ja ſchon eine Frau.“ „Sie hat vielleicht aus Gram über Eure Ab⸗ weſenheit bereits das Zeitliche mit dem Himmliſchen vertauſcht.“ „Ohne Todtenſchein kann ich aber nicht zur zwei⸗ ten Ehe ſchreiten. Bedenkt, Vielweiberei! Mein ganzes Weſen empört ſich bei dem Gedanken.“ 165 Als Hornickel die ehetreuen Grundſätze des Strichelius nicht zu erſchüttern vermochte, fiel ſein Blick auf Bachmann. „Edler Jüngling,“ ſprach er,„wie wär's mit Euch?“ „„Eine ſolche Sache will bedacht ſein,“ erwiederte Bachmann ziemlich trocken. „Was iſt da zu bedenken,“ fuhr Hornickel mit Leidenſchaft fort,„ich weiß, Ihr habt ein Auge auf meine Tugendreich. Das Mädel iſt wie für Euch geſchaffen. In meine Arme, theurer Schwiegerſohn!“ „Mit einem jungen Manne wie Herr Bach⸗ mann,“ ſprach Fidelis,„nehm' ich's mit ganz Tau⸗ harawi auf. Schlimmſten Falls ſchlagen wir uns durch.“ „Da hört Ihr's, edler Schwiegerſohn. Ihr wer⸗ det zugleich der Retter des edlen Mirza ben Hafiz.“ „Der Teufel,“ meinte Bachmann,„wer ſich in Gefahr begibt, kommt darin um. Was hilft mir die Hand Eurer Tochter, ſo mir die Tauharawier das Lebenslicht ausblaſen?“ „Ihr hört ja, theurer Schwiegerſohn, daß die Gefahr ſo groß nicht iſt, wie Eure geſchäftige Phan⸗ taſie Euch vormalt. Und ein Mädel, wie meine Tu⸗ gendreich, ſollt' ich meinen, wär einiger Gefahr werth.“ 166 „Die Sache will überlegt ſein,“ ſprach Bachmann. „Hier kann ich Freund Bachmann nicht ganz Unrecht geben,“ meinte Strichelius,„eine Heirat will jedenfalls überlegt ſein.“ „Mein Gott,“ zankte ob dieſer Einrede är⸗ gerlich Hornickel,„was mengt Ihr Euch hinein. Ihr ſollt ja meine Tochter gar nicht heiraten. Aſp ſagt Ja, theurer Schwiegerſohn!“ Bachmann ſagte aber nicht Ja, ſondern nur Hm— Hm— Zu gleicher Zeit tönte über den Hofraum her⸗ über ein vielſtimmiges fürchterliches Ululao, ululao, ululao! „Was ſoll denn das wieder bedeuten?“ frug Hor⸗ nickel erſchrocken. „Es iſt das Zeichen, daß die Geduld der Tauha⸗ rawier, welche ganz nahe gerückt ſind, zu Ende geht,“ ſprach Fidelis.„Wenn nicht baldigſt der Erſatzmann geſtellt iſt, brechen ſie ein und rauben den Kahameda mit Gewalt.“ Hornickel, in höchſter Alteration, fiel jetzt vor Bachmann auf die Kniee:„Engel des Lichts, heira⸗ tet meine Tochter, ich beſchwör' Euch bei allem, was heilig iſt; heiratet meine es ſoll Euer Schade nicht ſein“ 167 „Laßt mich die Sache vermitteln,“ ſprach Fide⸗ lis, dazwiſchen tretend,„und auf kürzeſtem Wege in Ordnung bringen. Was gebt Ihr Eurer Tochter mit, ſo Herr Bachmann die Einwilligung gibt, Euer Schwiegerſohn zu werden und Euch von den Tauha⸗ rawiern zu befreien?“ Selbſt in dieſer außerordentlich kritiſchen Lage konnte der Geizhals ſeine Natur nicht verläugnen. „Hundert Thaler bar,“ rief er zitternd. „Hundert Thaler,“ ſprach Fidelis,„ſchämet Euch! Herr Bachmann, ſo er die Heimat noch glücklich erreicht, will Oekonom werden. Was ſind hundert Thaler?“ „Ich will meine Butter von ihm nehmen,“ ver⸗ hieß Hornickel. „Dieſe miſerable Ausſtener,“ ſprach Bachmann, „iſt derart, daß ich auf das ganze Projekt verzichte. Behaltet Eure Tochter.“ „Ululao— Ululav— Ululao“— tönte es von neuem. „Zweihundert Thaler,“ jammerte Hornickel. „Was da,“ rief Fidelis,„ſagt 3 ehntauſend, ſonſt iſt alle Unterhandlung abgebrochen.“ Zehntauſend!“ ſchrie entſetzt der Wucherer und fiel von neuem um wie ein Sack. 168 „Himmel Donnerwetter,“ ſchrie Strichelius,„die Beſtien klettern wahrhaftig ſchon über die Garten⸗ mauer. Pfui Teufel, haben die garſtige Meſſer in der Hand.“ Dieſe Worte brachten Hornickel'n wieder auf die Beine. „Nun, wie wird's?“ rief Fidelis,„es iſt nicht möglich, die böſe Geſellſchaft länger zurückzuhalten.“ „Ululao, ululao, ululav!“ Strichelius flüſterte Hornickel'n ins Ohr:„Be⸗ willigt doch zum Henker die Zehntauſend; der Kerl kommt ja nicht lebendigen Leibes wieder nach Kirch⸗ berg. Wen jene gräulichen Geſichter, die dort über die Mauer gucken, einmal in ihren Fäuſten haben, geben ſie lebendigen Leibes nicht wieder heraus. Ihr könnt zwanzig und dreißig Tauſend Brautſtener aus⸗ ſetzen, auszuzahlen braucht Ihr ſie niemals.“ Dieſe Worte und ein ſchaudernder Blick Hornik⸗ kel's nach den ſchwarzen Larven, die hier und da über die Hofmauer grinſten, bewirkten, daß er ſich bereit erklärte, die zehntauſend Thaler Ausſteuer zu zahlen. Fidelis wandte ſich jetzt zu Strichelius. „Eilt hinaus,“ ſprach er,„und haltet die ſchwar⸗ zen Gäſte noch kurze Zeit zurück. Sagt ihnen, daß — 169 der Stellvertreter, der Schwiegerſohn des Kahameda, gefunden, und daß er ihnen in kürzeſter Friſt aus⸗ geliefert werden würde. Sagt ihnen, daß es nur noch einiger Formalien bedürfe, die Sache in Ord⸗ nung zu bringen.“ Hierauf wandte ſich Fidelis zu Hornickel. „Es iſt um Lebens⸗ und Sterbenswillen,“ ſprach er,„daß wir über die Ausſteuer ein kleines Doku⸗ ment aufſetzen, welchem ich mir erlauben werde, im Geiſte der alten ehrenwerthen Kahamedas noch ei⸗ nige Punkte hinzuzufügen. Alſo, Strichelius, auf, ich werde einſtweilen das Dokument niederſchreiben.“ Hornickel wußte noch gar nicht, wie ihm geſchehen, daß er bei der Verheiratung ſeiner Tochter zehntau⸗ ſend Thaler auszahlen ſolle. Der Gedanke machte ihn ſchwindeln, doch tröſteten ihn auf der andern Seite die Worte des Strichelius, daß Bachmann lebendigen Leibes Kirchberg nicht wiederſehe. Nach einiger Zeit erſchien Fidelis mit dem Do⸗ kument, welches alſo lautete: Paragraph I. Unterm heutigen Tage verſpricht Herr Apollonius Hornickel Herrn Moritz Bachmann ſeine ehrſame und liebenswürdige einzige Tochter Tugendreich zum Weibe. Paragraph II. Verſpricht Apollonius Hornickel, 170 ſobald Herr Moritz Bachmann von ſeiner morgen⸗ ländiſchen Fahrt in Kirchberg glücklich eingetroffen, binnen vier Wochen die Hochzeit auszurichten und dann ſeinem Schwiegerſohne zur Begründung eines land⸗ wirthſchaftlichen Geſchäftes die verfügbare Summe von zehntauſend Thalern bar auszuzahlen. Paragraph III. Herr Apollonius Hornickel ver⸗ ſpricht, ſobald er die Heimat wieder erreicht, aller Wuchergeſchäfte ſich künftig zu enthalten und in den ehrſamen Stand des Bürgers zurückzutreten. Er verſpricht, ſein gelerntes und früher ſehr angebrachtes Geſchäft, das eines Nadlers, wieder aufzunehmen und überhaupt bemüht zu ſein, ſeine frühern Unrechtlich⸗ keiten durch ein künftiges ehrſames Leben vergeſſen zu machen und ſich die Achtung ſeiner Mitbürger zu erwerben. Paragraph IV. Sollte Herr Apollonius Hor⸗ nickel namentlich, was den dritten Paragraph an⸗ belangt, ſich bedauerliche Abſchweife erlauben, ſo erhalten dadurch ſowohl ſein Herr Schwiegerſohn wie Herr Philipp Strichelius das Recht, das Ge⸗ heimniß der Ratte zu veröffentlichen und den unver⸗ beſſerlichen Sünder der verdienten Strafe, dem öffent⸗ lichen Skandal, preiszugeben.— Außer dem ver⸗ . + 171 ſprechen beide genannten Herren das Geheimniß wie zeither gewiſſenhaft zu bewahren. Paragraph V. Herr Philipp Strichelius erhält als Gratifikation als Reiſemarſchall vom Herrn Apol⸗ lonius Hornickel nach glücklicher Heimkehr die Summe von dreihundert Thalern zur Erweiterung ſeines Bar⸗ biergeſchäfts ausgezahlt, ſowie für ſein Schweigen über bewußten ſchwarzen Gegenſtand eine lebensläng⸗ liche Penſion von hundert Thalern. Paragraph VI. Ueber die Königsfahrt nach Tau⸗ harawi und deren Abenteuer wird von ſämmtlichen Betheiligten das tiefſte Stillſchweigen beobachtet, in⸗ dem man den neugierigen Kirchbergern weißgemacht, daß ſich der Kultivirung des Morgenlandes diverſe Hinderniſſe in den Weg geſtellt hätten. So geſchehen Inſel Otawati u. w Als Fidelis das Dokument Hornickel'n vorlas und auf den dritten Paragraph kam, infolge deſſen der Wucherer zu ſeinem frühern ehrenwerthen Hand⸗ werk zurückkehren ſollte, wollte er von neuem aus der Haut fahren; desgleichen, als die Sprache auf Gratifikativn und Penſionirung des Strichelius kam. „Nein,“ rief er,„das iſt Thierquälerei, das iſt mehr als ein Menſch zu ertragen vermag. Dieſen Satanskontrakt unterſchreib' ich nicht.“ 172 „Wie Hoheit belieben,“ erwiederte ruhig Fidelis, „Hoheit haben freie Wahl. Doch muß ich bitten, daß Hoheit Hochderv Entſchlußnahme definitio er⸗ kläre, da die ungeduldigen Tauharawier jeden Au⸗ genblick hereinzubrechen drohen.“ In der That entſtand auch mit einemmale ein entſetzliches Krachen, das eine Hofthor brach zuſam⸗ men und die wilden Geſellen ſtürmten in den Hof⸗ raum Das Ululao tönte furchtbarer denn je. Bereits kletterten einige ſchwarze Unholde an den Fenſtern des Gemachs empor und ſchienen den Kahameda von außen zu beliebängeln. „Solche Unterthanenliebe iſt wirklich rührend,“ ſprach Fidelis.„Sehen Sie nur, Hoheit, wie Ihr treues Volk nach Hochdenſelben inbrünſtig Verlan⸗ gen trägt.“ In demſelben Augenblicke ſprang zugleich die Thüre des Gemachs auf, und zwei ſchwarze Un⸗ holde herein, die ſofort in ihrer Liebe und Anhäng⸗ lichkeit Hornickel'n zu würgen begannen. „Halt, ich unterſchreibe,“ ſchrie dieſer mit em⸗ porgeſträubtem Haar und ſchüttelte mit Todesverach⸗ tung, um der ſchwarzen Liebhaber loszuwerden. Kaum hatte ſich der Kahameda zum Unterſchrei⸗ ben bereit erklärt, ſo ließ auf ein paar Worte von⸗ ſeiten des Fidelis die getreue Unterthanſchaft von — 173 ihrem Herrſcher ab und ſchlichen anſcheinend höchſt betrübt aus dem Gemach. Hornickel unterſchrieb noch zitternd von der er⸗ lebten Alteration das Dokument, worauf Fidelis und die beiden Kirchberger als Zeugen ebenfalls ihre Namen darunter ſetzten. Sowie dieß geſchehen war, nahm Bachmann die Schrift an ſich, rollte ſie zuſammen und rief:„Jetzt, Schwiegervater, ſtehe ich bereit, Euch von Euren werth⸗ geſchätzten Unterthanen zu befreien. Folgt mir, Mir⸗ za ben Hafiz!“ Der aus allen Himmeln geſtürzte König von Tauharawi brach aber nach ſo vielen erſchütternden Momenten wie ein von der Art getroffener Schlacht⸗ ſtier bewußtlos zuſammen, und erſt des Strichelius ſorgſamer Kunſt gelang es, das theuere Leben wie⸗ der zu erwecken. Bereits nach drei Tagen fuhren Philipp Stri⸗ chelius, wie auch Moritz Bachmann, welchem die von Fidelis gemietheten als Tauharawier verkappten Ma⸗ troſen natürlich kein Hinderniß in den Weg gelegt, ſowie letzterer ſelbſt wohlgemuth nach der europäi⸗ ſchen Heimat zurück. Nur Apollonius Hornickel lag wie die Boa, wenn ſie ſich überfreſſen, gegen alle 174 Eindrücke der Außenwelt theilnahmlos in ſeiner Ka⸗ jüte. Er aß, trank und ſchlief, auf Unterhaltung ließ er ſich aber nicht ein. Infolge der mannigfachen überſtandenen Alterationen ſtellte ſich bei ihm eine eigenthümliche Erſcheinung ein. Er ſchuppte ſich nämlich am ganzen Körper, ſo daß, als man die Li⸗ nie paſſirt, Hornickel wie die Schlange eine ganz neue Haut erhalten hatte. Doch die Ratte hatte auch die Häutung glücklich überſtanden und erglänzte im neuen Kleide, ein Umſtand, der nicht geeignet war, die perpetuirlich ſchlechte Laune Hornickel's in gute umzu⸗ wandeln. Seine drei Reiſegefährten ſtörten ihn auch weiter nicht in ſeiner Einſamkeit, ſie erlaubten ſich keinen Scherz mehr mit ihm, weil ſie ihn für ſeine mannigfachen moraliſchen Verirrungen tüchtig beſtraft hielten. „Er hat ſich äußerlich gehäutet,“ ſprach Fi⸗ delis,„wollen wir wünſchen, daß er auch inwendig einen neuen Menſchen anziehe, es wäre das der ſchönſte Lohn, der uns für unſere Bemühungen werden könnte.“ Alſo Hornickel verharrte ſcweigen in ſeiner Kajüte und man erinnerte ſich nur einiger Worte, die er auf der ganzen langen Rückreiſe geſprochen“ Als nämlich an einem wunderſchönen, meeresſtillen 175 Sommerabend der Vollmond rein und klar aus den Wellen ſtieg und ſein Licht magiſch die unermeßliche Waſſerfläche beleuchtete, ſaß Fidelis unfern der Ka⸗ jüte auf dem Verdeck und begleitete das bezaubernde Nachtbild mit himmelvollen Flötenakkorden. Selbſt die rohen Matroſen waren von den ſüßen Klängen, die wie aus jener Welt zu kommen ſchienen, ſo er⸗ griffen, daß ſie wie bezaubert ſtillſtunden und zuhör⸗ ten, als ſich plötzlich das Fenſter aus Hornickel's Ka⸗ jüte öffnete, Hornickel's vom Mondſchein beleuchtetes altfreßnes Geſicht ſichtbar wurde und die unmelodi⸗ ſche Stimme des Neugehäuteten zornig die Worte rief:„Hat denn das verdammte Gepfeife kein Ende?!“ Dieß waren die einzigen Worte, die man ſich erinnerte auf der Heimreiſe von dem geſtürzten Kö⸗ nig von Tauharawi vernommen zu haben. Fünftes Rapitel. Wohl an die ſechs Jahre waren dahingegangen⸗ unb binnen ſechs Jahren ändert ſich manches unter den lieben Menſchenkindern. So war Bankier Arn⸗ heim durch verunglückte Börſenſpekulation in mehr denn mißliche Verhältniſſe gerathen. Die nächſte Folge davon war, daß er ſeinen Hausſtand bedeutend einſchränken, Dienerſchaft und Equipage abſchaffen, ſein palaſtähnliches Wohnhaus verkaufen und mit einer ſehr beſcheidenen Miethwohnung vorlieb nehmen mußte. Hiermit war aber ſeiner Gattin und Töch⸗ tern aller Reiz des Lebens genommen, denn derſelbe hatte in keinen andern Gütern beſtanden. Die innere Leere der blaſirten Damen machte ſich darum umſo empfindlicher geltend. Die Schaar der An⸗ beter war mit der ſinkenden Glücksſonne ſchnell ent⸗ wichen; ſelbſt der ehedem ſo getreue Sparren⸗ berg hatte es vorgezogen, ſein Glück in den Gold⸗ gefilden Kaliforniens als in den ſchönen Armen Mariannens zu ſuchen. Letztere verſchmähte endlich einen Referendar nicht, in der Hoffnung auf der⸗ einſtiges Avancement, und Joſephine, die zwei Jahre älter und mit Grauſen jene Jahre kommen ſah, von denen die Mädchen ſagen, ſie gefallen mir nicht, war froh, als ein würdiger, aber nicht ge⸗ rade hochgeſtellter Schulmann um ſie anhielt. Der Gedanke, daß das ſtolze Fräulein dereinſt noch die Frau eines Schulherrn werden würde, würde dasſelbe fünf Jahre früher in die determinirteſte Ohnmacht haben fallen laſſen. 177 Graf Alphons, der infolge ſeiner kaufmänni⸗ ſchen Verbindung mit der Firma Arnheim ebenfalls empfindliche Verluſte erlitten, ſuchte ſich dadurch zu erholen, daß er ſeine Geld und Zeit koſtenden Liebes⸗ avantüren gänzlich aufgab und den ſoliden Weg der Ehe einſchlug. Da er in ſeinem Leben genug ge⸗ liebt, glaubte er, ſich dieſe Paſſion in der Ehe er⸗ ſparen zu können, und heiratete darum eine Baronin, deren Alter und Aeußeres ihn gar nicht in die Ver⸗ legenheit brachte, ſein Herz von neuem zu allarmiren, deren halbe Million aber ſeinen ziemlich erſchütterten Finanzen zu heilendem Balſam gereichte. So macht ſich alles in der Welt. In Kirchberg, nachdem die Heimkehr der Welt⸗ umſegler acht Tage lang das Tagsgeſpräch geweſen, war alles in das alte Geleiſe zurückgekehrt. Moritz Bachmann hatte ſeine geliebte Tugendreich als hol⸗ des Weibchen heimgeführt und war ein tüchtiger Oekonom geworden. Die zehntauſend Thaler, welche der Schwiegervater laut Dokumentes auszahlen mußte, hatten ſeinen Wohlſtand begründet. Aber je mehr der alte Hornickel bluten mußte und von unſeligem Mammon mehr befreit wurde, deſto größern Raum ſchien das beſſere Prinzip in ſei⸗ nem Innern zu gewinnen und ſich Geltung zu ver⸗ 1857. XIX. König v. Tauharawi. III. 12 ſchaffen. Er betrieb einfach wieder ſeine Nadler⸗ profeſſion und befand ſich glücklicher, als zu der Zeit, wo er ſich in Wucherangelegenheiten mit halb Kirchberg herumzanken mußte. Auch that ihm die Achtung, die ihm jetzt vonſeiten der Bürgerſchaft gezollt wurde, nicht unwohl. Hauptſächlich aber er⸗ freute ihn die aufblühende Wirthſchaft ſeines Schwie⸗ gerſohnes. Er ſah hier, wie man allein durch Fleiß, Sparſamkeit und Unſicht ſein Glück begründen könne, und wie der ehrliche Weg mit weit größeren An⸗ nehmlichkeiten verbunden ſei, als der unredliche, auf welchem er(Hornickel) ſo viele Jahre gewandelt. Als endlich ſeine Tugendreich einen kräftigen Enkel in ſeine Arme legte, thaute es in ſeinem Innern vollends auf und er häutete ſich auch inwendig, wie er ſich auf der Meerfahrt bereits auswendig ge⸗ häutet hatte. Die Parforgekur, welche Fidelis mit ihm angeſtellt, hatte vortrefflich angeſchlagen. Der ſo verhärtete Wucherer war auf ſeine alten Tage der beſſern Menſchheit wiedergegeben worden. Un⸗ ter ſolchen Umſtänden iſt denn auch das bekannte Muttermal für die Stadt Kirchberg ein ſtetes Ge⸗ heimniß verblieben. Auch Strichelius hatte die alte Gewohnheit, die Leute zu necken und zu foppen, ganz aufgegeben und war ein ordentlicher und geſetzter Mann gewor⸗ den. Durch die Unterſtützung vonſeiten Hornickel's war es ihm möglich geworden, ſein Geſchäft zu er⸗ weitern und ſich einen Gehilfen zu halten, ſo daß ihm bloß die wundärztliche Praris verblieb. Er be⸗ ſorgte dieſe mit ſolcher Gewiſſenhaſtigkeit, daß er nach Doktor Rattenſpazer's Ableben die nicht unehren⸗ volle Stelle eines ſtädtiſchen Gerichtswundarztes er⸗ hielt. Auch mit ſeinem frühern Gegner Greifenhahn hatte er ſich mit der Zeit vollkommen ausgeſöhnt, indem er aus Dankbarkeit für das früher genoſſene Gute die kinderreiche Familie des Kellerwirths völlig unentgeltlich behandelte und ſelbſt die verwendeten Blutegel, Senf⸗ und ſpaniſchen Fliegenpflaſter nicht bezahlt nahm. Wenn daher die Bürger von Kirchberg beim friedlichen Bierkruge beiſammen ſaßen, hörte man oft die Wotte:„Was nicht aus dem Menſchen werden kann! Man betrachte den Hornickel von früher und jetzt und den alten Strichelius und den neuen. Die Fahrt nach dem Morgenlande hat an beiden wahre Wunder gethan.“ Fand ſich darum ein Thunichtgut unter den Be⸗ wohnern von Kirchberg, pflegten ſie die zum Sprich⸗ wort gewordenen Worte zu ſagen:„Dem könnteein 2 180 Abſtecher nach Tauharawi auch nicht ſcha⸗ den!“— Marie hatte bald nach der Heimkehr vom Lande, um nicht ferner dem Neide und der Verfolgung von⸗ ſeiten der Fräuleins Arnheim ausgeſetzt zu ſein, dieſe Familie verlaſſen und war durch Fidelis' Vermittlung in einem ſehr achtbaren und liebenswürdigen Hauſe untergebracht, wo ſie wie ein Glied der Familie be⸗ trachtet und behandelt wurde. Hier verlebte ſie die ſchönen Brautjahre in ungetrübtem Glück, bis ſie Ehregott, der nach zurückgelegtem glänzenden Exa⸗ men Pfarrer auf dem fürſtlichen Gute Liebethal ge⸗ worden, als liebwerthes Weib heimführte nach ſeinem friedlich und freundlich gelegenen Pfarrhauſe. Der Tod ihrer guten Mutter war die einzige Trauerwolke, die in dieſer Zeit über ſie dahinzog. Es war ein wunderſchöner Frühlingsabend; die Sonne dem Untergange nah. Im goldnen Grün ruhte der Pfarrgarten von Liebethal; ſowie die Je⸗ längerjelieber⸗Laube am Ende desſelben, von wo man eine erquickende Ausſicht auf die reiche Landſchaft rings umher genoß. In der geräumigen Laube aber ſaßen vier glückliche Menſchen, von denen zwei ſich tiefbewegt die Hand gereicht. Es waren Ehre⸗ gott und ſeine Marie, ſowie die Mutter Ehregott's, 33 — 181 welcher der dankbare Sohn die freundlichſte Wohnung im Pfarrhauſe für ihre alten Tage eingeräumt hatte, und der würdige Prediger Hanke, den wir von frü⸗ her her kennen. Er war von ſeiner unfern gelege⸗ nen Pfarrei herbeigeeilt, um ſeinem jungen Freunde und Amtsgenoſſen die herzlichſten Glückwünſche darzu⸗ bringen. Man feierte nämlich den Tag, an welchem vor einem Jahre Ehregott die Berufung als Pfar⸗ rer zu Liebethal erhalten hatte. Die vier Glücklichen konnten ſich nicht ſattſehen an dem prächtigen Abende und der roſenroth übergoſſenen Landſchaft. „Wie hat es Gott,“ ſprach Ehregott,„doch mit uns ſo gut gemeint.“ In Mariens Auge glänzte eine Thräne, ein Zeuge ihres ſtillen Glückes, wie ihres Dankes zu Gott. Ehregott trat bewegt zu ſeiner Harmonika, die in grünen Zweigen ſtand, und aus vollem Her⸗ zen ließ er einige Akkorde ertönen, die wie Engel des Friedens durch den himmelvollen Abend dahin⸗ klangen. Kaum aber war der letzte Akkord friedvoll er⸗ klungen, als wie ein Echo vom Himmel durch die angrenzenden Jasmin⸗ und Schneeballenhecken wun⸗ dervolle Flötentöne vernehmbar wurden und durch die Blüten die Melodie klang ² 182 Befiehl du deine Wege, Und was dein Herz nur kränkt, Der allertreuſten Pflege Des, Der den Weitkreis lenkt⸗ jenes Liedes, welches Ehregott einſt in ſo ſchwerer Stunde ſeines Lebens mit frommem Gottvertrauen gebetet hatte. „Das iſt Fidelis,“ rief Ehregott wunderbar er⸗ griffen, ſprang auf, eilte den Tönen nach und kehrte gleich darauf, an der einen Hand den Lord Derby, an der andern eine wunderliebliche junge Frau, zurück. Es war Jenny, welche ſich Fidelis durch Erfüllung ſeines Programms bereits vor Jahr und Tag erobert. Welch ein Wiederſehen! Wer beſchreibt das Glück der Glücklichen! Hier half denn alles nichts; Ehregott mußte nochmals zu ſeiner alten herzlieben Harmonika und mit einem Dankgefühle, wie er nie geſungen in ſeinem Leben, tönte es durch den ſab⸗ bathſtillen Abend: „Wie groß iſt des Allmächtigen Güte! Iſt der ein Menſch, den ſie nicht rührt, Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erſtickt, der Ihm gebührt. Ja, Seine Liebe zu ermeſſen, Sei ewig meine größte Pflicht; Der Herr hat mein noch nie vergeſſen, Vergiß, mein Herz, auch Seiner nicht!“ Ende des dritten und letzten Bandes⸗ Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. *