Leihbibliother Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und cLeſebedingungen. fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ih n Abends 8 Uhr offen. 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E 3 n. ntgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprch ende Summe beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 W 5 Pf 2 M Pf. „3„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das W der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. iterverleihen welche die⸗ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Otlmann in Gieſen. Bibliothek deutſcher Priginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Herausgegeben von Zwölfter Jahrgang. Achtzehnter Band. Der Känig von Tauharawi. 1837 Prag£ Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Der König von Tauharawi. Launiger Roman n d e Von Ferdinand Stolle. Zweiter Band. 1857. Prag Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Erſtes Rapitel. „Suche nicht Engel hienieden, Du wirſt mur Menſchen finden; ſuche Menſchen und Du wirſt Engel finden! Dieſer ſo wahre Spruch galt von der achtzehnjährigen Marie, der Tochter des verſtor⸗ benen Pachters Gutmann. Marie gehörte nicht zu jenen blendenden Schönheiten, deren Augen ein Bou⸗ guet von Sonnenſtrahlen, die dem Beſchauer ſtolz und ſiegreich zurufen:„Knie nieder und bete mich an!“ aber über die ganze Erſcheinung war eine An⸗ muth, Lieblichkeit, eine ſo reizende Weiblichkeit aus⸗ gegoſſen, die jedermann, der in ihre Nähe kam, auf das wohlthnendſte berührte. Auf dem holden Antlitz wohnte jener Friede, welcher hienieden ſo ſelten ge⸗ funden wird und der allein das Ergebniß einer chriſt⸗ lich frommen, in Gott verſenkten Seele iſt. Wenn 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 1 2 Marie lächelte, ſo war es, als ob ein Engel ſchalk⸗ haft hervorlauſche, und öffnete ſie den Mund zu ſanfter, holdklingender Rede, ſo legten ſich ihre Worte wie ein ſtiller Segen an das Herz des Hörers. Das fromme Mädchen hatte mit ſeiner Mutter zum letztenmale das Grab des Vaters beſucht. Lange hatten die beiden Frauen an dem theuern, mit Liebe und Sorgfalt gepflegten Hügel geſeſſen, auf welchem Balſaminen, Roſen und Leokoyen freundlich blühten. Ein geliebtes Herz ſchlummerte unter dieſer blühenden Grabesdecke. O, himmliſcher Vater, wie viel Pfänder hat die Liebe nun ſchon Deiner Erde anvertraut und mit ihren Thränen beſeuchtet, alles in der Hoffnung, daß Du ſie einſt einlöſen werdeſt. Ja, Du wirſt ſie einlöſen, dieſe Pfänder; Du haſt es verheißen durch Deinen eingebornen Sohn, welcher da iſt die Wahr⸗ heit und das Leben! Der Abend war mild und ſchön. Ein Nach⸗ mittagsgewitter hatte die Auen erquickt. Wald und Wieſen dufteten. Von den Ranken tropften klare Per⸗ len; in den Augen der Blumen blitzten Diamanten und die Sonne ſtand wie eine ſcheidende Königin am Abendhimmel. Sabbathſtille ruhte über der friedlichen Land⸗ ſchaft.— 1 3 Die Stimmung der vom Grabe heimkehrenden Frauen war eine recht trübe, wie freundlich und liebevoll auch der himmliſche Vater ringsum zu ihnen ſprach. Es war der letzte Abend, daß Marie im Hauſe der Heimat weilte. Morgen ſollte ſie fort hinaus in die fremde Welt. Es ward ihr recht ſchwer und gleichwohl war es der Weg, welchen die Noth⸗ wendigkeit unnachſichtlich vorſchrieb. Vater Gutmann, durch wiederholte Mißernten und andere unver⸗ ſchuldete Unglücksfälle bei aller Thätigkeit und Spar⸗ ſamkeit in ſeinen Vermögensverhältniſſen ſehr zurück⸗ gekommen, hatte den Seinigen kein Vermögen hin⸗ terlaſſen können. Den beiden Frauen blieb darum jetzt nichts übrig, als ſich durch weibliche Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen. Das ging eine Zeit⸗ lang, aber das kleine Dörfchen, wo ſie wohnten, war ſo arm, daß es bald an Arbeit fehlte. Was beginnen? Da war es wieder jener edle Mann, den wir bereits im erſten Bande dieſer Geſchichte haben kennengelernt und welcher auch dem Ehregott die Hauslehrerſtelle verſchaffte, der hier ebenfalls half. Prediger Hanke war ein Freund des ſeligen Gutmann geweſen. Ein ſeltſamer Zufall, oder, wir wollen chriſtlich reden, die Vorſehung hatte es ge⸗ wollt, daß in derſelben Familie Arnheim noch eine 4 zweite Stelle zu beſetzen war und zwar eine weibliche. — Die beiden Töchter Arnheim's hatten nämlich in Erfahrung gebracht, daß es vornehm und ihrem Stande gemäß und eben darum wünſchenswerth ſei, wenn ihnen eine Geſellſchafterin gehalten würde, die zugleich ihren Befehlen unterworfen und zu leichten Dienſtleiſtungen verwendet werden könnte. Marianne und Joſephine trugen ihrer Frau Mutter dieſe An⸗ gelegenheit vor, indem ſie klugerweiſe einige Bei⸗ ſpiele von bekannten adeligen Familien namhaft machten. Das war für Frau Arnheim genug, um dem Wunſche ihrer Töchter zu willfahren. Deßglei⸗ chen war der Bankier bald für eine Geſellſchafterin gewonnen und ſo war auf Empfehlung des Predigers Hanke der Vertrag mit Marien abgeſchloſſen worden. Armes Kind, Du ahnteſt nicht, in welch eine bewegte, geräuſchvolle aber arme Welt Du aus Dei⸗ nem Frieden und Deinem Himmel verſetzt werden ſollteſt. Eine beſcheidene Wieſenblume, beglückt durch einen Thautropfen, ſollte verpflanzt werden unter ſtolze Tulpen und Rarziſſen, die allein deßhalb prang⸗ ten, um die Augen bewundernder Beſchauer auf ſich zu ziehen. Mutter Margareth und Marie ſaßen noch lange unter der alten Linde. Der Abendſtern ſchien ſo trö⸗ ſtend herüber, das Abendläuten legte ſich ſo beſänf⸗ tigend an das Herz der Frauen, daß der Frieden Gottes herabſank mit ſeinem Troſte und ſeiner himm⸗ liſchen Kraft. Marie hatte die Hand ihrer Mutter ergriffen⸗ —„Weißt Du, Mutter,“ ſprach ſie,„was mich tröſtet und ſtärkt, denn ich könnte es ja ſonſt nicht ertragen?— es iſt der Gedanke, daß es Gottes Wille iſt, der uns trennt, und daß unſer himmliſcher Vater ja auch dort wohnt, wo ich morgen einkehren ſoll!“ „Bleibe Ihm getren, meine Tochter,“ verſetzte zuſtimmend die Mutter,„lege Dein Schickſal in Seine Hand und Er wird Dich wunderbar bewahren!“ Sie drückte die Hand ihrer Tochter und flüſterte halblautt „O, glaube mir, es iſt kein Wahn, Millionen haben es erfahren: Wer Ihm nur wahrhaft zugethan, Den thut Er wunderbar bewahren. Nie trog Sein treues Vaterherz; Er hat ja immer Wort gehalten, Ruf d'rum getröſtet himmelwärts: Wer nur den lieben Gott läßt walten!“ Bereits am andern Morgen wanderte Marie an der Seite ihrer Mutter, die ihr bis zum unfern 6 gelegenen Städtchen, wo eine Fahrgelegenheit wartete, das Geleit gab, der neuen Beſtimmung entgegen. Das Abſchiednehmen befreundeter Seelen iſt an einem ſchönen Morgen, wo alles lacht und zur Freude aufmuntert, nicht ſo drückend und beengend, wie in jenen Stunden, wo ſich die Abendſchatten über die Thäler legen. Abſchiedsthränen am Morgen, obſchon ſich dieſelbe Liebe in ihnen ſpiegelt, ſind andere, als die im Abenddunkel fallen. Marie gelangte wohlbehalten in der Reſidenz an und ward von dem weiblichen Theile der Familie Arnheim, namentlich was die beiden Fräuleins an⸗ belangte, recht freundlich empfangen, was dem al⸗ leinſtehenden Mädchen ungemein wohlthat. Ihr Auge glänzte voll freudigen Dankes. Ein ſolches zwang⸗ loſes Entgegenkommen hatte Marie von den vorneh⸗ men Fräuſeins nicht erwartet. Sie gelobte ſich daher im Stillen, alles aufzubieten, um ſich die Zufrie⸗ denheit der Schweſtern und ihrer Fran Mutter zu erwerben und zu erhalten. Leider war beides nicht ſo leicht, als Marie anfangs gehofft hatte. Das erſte, was die Fräuleins an der Pachterstochter aus⸗ zuſetzen hatten, betraf ihre ganz einfache Kleidung, die gegen die glänzenden Toiletten der gefallfüchti⸗ gen Fräuleins allerdings auffallend abſtach. Man wollte ſich todtlachen über den groben Stoff, den altväteriſchen Schnitt. Eine Schneiderin mußte ins Haus, um Marie doch inſoweit reſidenzmäßig aus⸗ zuſtaffiren, daß man ſich wenigſtens mit ihr ſehen laſſen könne, wie ſich die ſchönen Fräuleins auszu⸗ drücken beliebten. Nachdem man hinſichtlich der Garderobe einiger⸗ maßen Beruhigung gefaßt, unterſuchte man die äſthetiſche und belletriſtiſche Bildung der neuen Ge⸗ ſellſchafterin und fand abermals Gelegenheit, ſein ungetheiltes Erſtaunen auszuſprechen. Marie war in der neueſten ſchöngeiſtigen Modeliteratur ſehr un⸗ bewandert. „Aber, mein Gott!“ rief Marianne eines Ta⸗ ges, als bei Namhaftmachung eine Anzahl Mode⸗ ſchriftſteller Marie ihre Unbekanntſchaft eingeſtand, „Sie können auf Ihrem Dorfe doch nicht ohne alle Lektüre geweſen ſein! Ein Leben ohne Lektüre iſt ja entſetzlich. Haben Sie denn nicht einmal einen Lieblingsdichter?“ „O ja!“ erwiederte Marie, ordentlich froh, ein⸗ mal die Frage bejahen zu können. „Wie heißt denn der?“ „Fürchtegott Gellert.“ Jugendzeit, ſ „Gellert?“ rief Joſephine und wollte ſich vor Lachen ausſchütten,„das iſt einzig!“ Sie ſprang auf, um die große Nenigkeit Mutter und Schweſter zu verkünden. Marie begriff gar nicht, warum das Fräulein von ſo ungemeiner Heiterkeit ergriffen wurde Der fromme Dichter wohnte ſo tief in ihrem Herzen, er hatte ſie ſo oft durch ſeine Lieder erquickt und ge⸗ ſtärkt, er ward darum von ihr ſo hoch verehrt, daß ſie durchaus keinen Grund für das Benehmen Ma⸗ riannens finden konnte. Sie entſann ſich aus ihrer ſoweit ſie zurückzudenken vermochte, daß Gellert auch allen andern Leuten, die ſie hatte ken⸗ nengelernt, als ein hochwürdiger und hochverdienter Mann gegolten. Während ſie noch über die ſoeben erlebte, un⸗ begreifliche Szene nachſann, ſprang die Thüre auf und auch Marianne kam heiter herein und wollte ſich nicht zufriedengeben, daß Marie den Gellert zu ihrem Lieblingsdichter erwählt habe. „Aber, Mädchen,“ rief ſie einmal über das an⸗ dere,„welch ein Geſchmack! Den Gellert findet man ja kaum noch in der Leihbibliothek.“ „Ich bedarf wegen ſeiner auch der Leihbibliothek nicht,“ erwiederte Marie,„ich beſitze ihn ſelbſt.“ 9 „Marie, ich bitte Sie, ſo einen altbackenen, zopfigen Philiſter—“ Zum erſtenmal in ihrem Leben mußte unſere junge Freundin ſolche Worte über ihren hochverehrten Gellert vernehmen. Ein rechtes Weh überkam ſies Sie erwiederte nichts, als die Worte:„Als ich den letzten Abend auf meine Kammer ging und der be⸗ vorſtehende Abſchied von der Mutter und Heimat und der Eintritt in die fremde Welt mir faſt das Herz erdrücken wollte, daß ich gewiß recht ſchwer Athem holen mußte, da kniete ich nieder und betete: „Auf Gott und nicht auf meinem Rath Will ich mein Glück erbauen.“ Und ſehen Sie, Fräulein, da ward mir wieder ſo friedvoll ums Herz, wie ich Ihnen gar nicht ſagen kann, und ſoll ich für ſolchen Troſt vom Himmel demjenigen, der mir ihn in ſeinem ſchönen Liede brachte, nicht dankbar ſein, ihn nicht innig verehren?“* Die rührende Natürlichkeit, mit welcher Marie dieſe Worte geſprochen, verfehlte nicht, einigen Ein⸗ druck auf das Gemüth Mariannens zu machen Doch der alte Leichtſinn, Hoffart und Eitelkeit verlöſchten ihn nur zubald wieder. „Alſo von Gellert iſt dieſes mir nicht ganz un⸗ 10 bekannte Geſangbuchslied?“ frug ſie,„ſieh' mal, das hätt' ich dem Manne gar nicht zugetraut. Ich bin ihm zwar ſehr wenig Dank dafür ſchuldig, denn wegen dieſes einfältigen Liedes, das mir mein ehe⸗ maliger, altbackner Präzeptor zum Auswendiglernen gab, wär' ich faſt einmal um das Mittageſſen ge⸗ kommen, weil ich dieſe langweiligen Verſe nicht im Gedächtniß zu behalten vermochte.“ „Einfältig und langweilig nennen Sie dieſes ſchöne Lied?“ frug Marie traurig. „Es iſt ja kein Funke Poeſie darin, alles ſo matt, ſo monoton, keine Friſche, keine Glut! Da hören Sie einmal, wie unſere heutigen Dichter ſich vernehmen laſſen. Wie erhaben, wenn unſer gefeierter Herwegh ſingt: Die Liebe kann uns helfen nicht, Die Liebe nicht erretten; Halt Du, o Haß, Dein jüngſt Gericht, Brich Du, o Haß, die Ketten. Und wo es noch Tyrannen gibt, Die laß uns keck erfaſſen; Wir haben lang genug geliebt, Wir wollen enblich haſſen!“ oder das nicht minder kräftige: „Reißt die Kreuze aus der Erden, Alle ſollen Schwerter werden!“ — 7 — 7 44 Sehen Sie, das iſt Poeſie, da iſt Kraft, Energie. Solche Verſe müſſen Sie lernen, wenn Sie mit dem Geiſte des Jahrhunderts fortſchreiten wollen.“ Marie ſchauderte. Marianne fuhr fort:„Was wollen Sie nur für eine Rolle in unſern Soiréen ſpielen, wo ſoviel von neueſter Literatur die Rede iſt? Wenn wir Ihnen auch nicht anmuthen, ſelbſt Verſe zu machen, weil das eine Gabe des Genies, ſo iſt doch der Vortrag neuerer Dichterwerke unerläßlich. Alſo werfen Sie Ihren alten, hausbacknen Gellert getroſt ins Feuer und ſtudiren Sie Heine, Freiligrath, Herwegh, die blutenden Lieder von Harro Harring. Wir werden in den nächſten Tagen Soirée bei uns haben, wo Adel und Schöngeiſter verſammelt ſind. Da werden Sie erſtaunen, da werden Sie erkennen lernen, was Pveſie heißt, Deklamation und Vortrag.“ Als Marie am Abende dieſes Tages in ihr Kämmerlein trat, athmete ſie ordentlich auf, ſo wüſte und angſtbeklommen war ihr den ganzen Tag über geweſen. Sie war ob der unterſchiedlichen Prüfun⸗ gen, die von den Fräuleins mit ihr angeſtellt wor⸗ den waren, und die ſie ſo ſchlecht beſtanden hatte, ordentlich irre an ſich geworden. „Bin ich wirklich ein ſo verwahrloſtes Geſchöpf, das nichts verſteht, nichts begreift?“ frug ſie ſich— 12 „bin ich wirklich gar nichts nütze für das vorneh⸗ mere Leben?“ Erſt als die Stille des Abends und die Ein⸗ ſamkeit ihres Stübchens ſie umgab, kam ſie wieder etwas zu ſich ſelbſt und fühlte ſich wohler. Aber die Betrachtungen, die ſie nun anſtellte, waren auch wenig erquicklich. Welche, von der ihrigen ſo ganz abweichende Anſchauung des Lebens hatte ſie in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes bereits kennengelernt? Gefühle, Anſichten, Perſönlichkeiten, die ihr zeitle⸗ bens für hochwürdig und heilig galten, fielen der Gleichgiltigkeit, ja ſelbſt dem Spotte anheim. Wer hatte Recht? Ihr edles, reines Gemüth, ihr natür⸗ licher Verſtand, ihr Sinn für das Heilige, oder die leichtfertige Philoſophie der beiden mit ihrem Ver⸗ ſtande prunkenden Fräuleins? Auf welcher Seite be— fand ſich die Wahrheit? Ach, ſelbſt ihr frommer Gottesglaube, ihre Liebe zu ihrem Heilande hatte vor der rationaliſtiſchen, religiöſen Anſchauung des Schwe⸗ ſternpaares keine Gnade gefunden und war für Fröm⸗ melei, Aberglauben und Pietiſterei erklärt worden⸗ Sie gedachte der Mutter, ihrer umfriedeten Heimat, der glücklichen Kindheit, und manche Thräne entperlte ungeſehn im Dunkeln ihrem Auge. Nach einiger Zeit ſtand Marie auf und trat 7 7 13 an das offene Fenſter, durch welches die milde Früh⸗ lingsnacht hereinwehte. Sie ſchaute ſchweren Herzens hinab in den parkartigen Garten. Die Ruhe der atur that ihr wohl. Der Jasmin duftete und von Zeit zu Zeit zog ein weicher Nachtigallton durch das Dunkel. Die Sterne der Heimat grüßten auch hier. Von Zeit zu Zeit ſänſelte ein leichter Nachtwind über die Gipfel der Bäume, als wolle er Strauch und Blumen zur Ruh' einfächeln.— Wie wohlthu⸗ end die Stille der Nacht ſie berührte, fühlte Marie ſich doch recht einſam und verlaſſen. „Ach,“ ſeufzte ſie,„hab' ich denn niemand, der ſich meiner erbarmt? In dieſer großen, geräuſchvollen Stadt, wie eilen da die Leute geſchäftig hin und wieder. Alle ſcheinen nur mit ſich beſchäftigt und achten nicht eines armen beklagenswerthen Kindes, das ſich in dieſer Menſchenwüſte nicht zurechtfinden kann. Und ſelbſt das heilige Schauſtück, das Ein⸗ gebinde des Himmels, Religion und Glanben wollen ſie mir rauben, indem ſie es für eine Münze aus⸗ geben, die allen Werth verloren habe.“ Dieſer letzte Gedanke ſtimmte Marien wieder recht traurig, daß ſie bang ſeufzte und ihrem umdü⸗ ſterten Geiſt ſich die Zukunft immer dunkler geſtal⸗ tete— da, in dieſer Prüfungsſtunde des Lebens— 14 und ſolcher Stunden muß es auch geben, ſoll der himmliſche Läuterungsprozeß ſeinen Fortgang haben — tönten, wie eine Antwort von jenſeit, Harmonika⸗ akkorde durch die Nacht und eine ſanfte, wohllau⸗ tende Stimme ſang: „Was iſt's, daß ich mich quäle? Harr' Seiner, meine Seele, Harr' und ſei unverzagt. Du weißt nicht, was Dir nützet; Gott weiß es und Gott ſchützet Getreulich den, der nach Ihm fragt! Die kleinſte meiner Sorgen Iſt dem Gott nicht verborgen, Der alles ſieht und hält; Und was Er mir beſchieden, Das dient zu meinem Frieden, Wärks auch die größte Laſt der Welt!⸗ Wie die Stimme eines Engels klangen dieſe Worte, die aus dem Hintergrunde des Gartens kamen, an das Ohr und Herz Mariens. Anfangs war ſie, in der Furcht, beobachtet zu ſein, erſchrocken zurückgefahren; aber trotzdem lauſchte ſie innerhalb des Fenſters, ſo daß ſie kaum zu athmen wagte. War dieſer himmliſche Gruß nicht auch ein Lied des treff⸗ lichen Mannes, über welchen die hochgebildeten Fräu⸗ ——3 ⁸ „ —,— 7 6 „ 15 leins mit ſolcher Geringſchätzung geſprochen hatten? Welch wunderbarer Troſt und welche Stärkung zogen mit dieſen Tönen und Worten in ihr Herz und in ihre Seele! Vergebens forſchten ihre Blicke geraume Zeit in der Dunkelheit nach dem Sänger. Endlich entdeckte ſie ziemlich im Hintergrunde des Gartens in einem von Bäumen faſt ganz verhüllten Gebäude ein ſchwacherleuchtetes Fenſter im erſten Stockwerk. Dasſelbe ſchien offen zu ſtehen und aus ihm die von einer Harmonika begleiteten Töne zu kommen. Der nächtliche Sänger ſang alle ſieben Verſe des ſchönen Gottesliedes und ſchloß mit dem Verſe: „Du biſt der Müden Stärke Und aller Deiner Werke Erbarmſt Du ewig Dich. Was kann mir widerfahren, Wenn Gott mich will bewahren? Und Er, mein Gott, bewahret mich!“ Leiſe mit gefalteten Händen wiederholte Marie: „Was kann mir widerfahren, Wenn Gott mich will bewahren? Und Er, mein Gott, bewahret mich!“ Der Frieden der Heimat war in ihre Bruſt zurückgekehrt. Sie fühlte ſich jetzt nicht mehr ver⸗ 16 laſſen. Ein ihrem Herzen verwandtes Gemüth wohnte nicht weit von ihr. Neue Kraft, alle Widerwärtig⸗ keiten zu ertragen, da ſie ja doch nur Prüfungen des himmliſchen Vaters, erwachte in ihr. Als folgſames Kind, und nicht als unzufriedenes oder trauriges, wollte ſie ſich in ihr Geſchick fügen. Aber wer war der unbekannte Sänger, dem ſie ſich für ſein Lied, das er in einer ſchweren Stunde ihres Lebens tröſtend geſungen, zu innigſtem Danke verpflichtet fühlte? Sie lauſchte noch eine geraume Zeit, ob die Harmonika von neuem ertönen werde, aber alles blieb ſtill; wahrſcheinlich war das Lied das Abendgebet des frommen Sängers geweſen. Auch der ſchwache Lichtſchimmer war erloſchen; die Nacht⸗ luft ſtrich über die Banmwipfel; in der Ferne tönte der Wächterruf. Marie machte leiſe das Fenſter zu und ſuchte ihr Lager. Sie faltete die Hände und beſchloß ihr Tagewerk mit dem frommen Abend⸗ ſpruche: „Bedeckt mit Deinem Segen Eil' ich der Ruh entgegen— Schlummre ſanft, Du Gute! Mögen Engel Deine Träume durchziehen, Dich ſtärken und Dein 156 Herz feſt machen für die Prüfungen, die Deiner noch warten! Zweites Rapitel. Apollonius Hornickel, nachdem er ſich amtlich überzeugt(der Bürgermeiſter hatte ſelbſt das Zertifi⸗ kat ausgeſtellt—) daß die hinteraſiatiſche Geſandt⸗ ſchaft keine Abenteurer, daß ihre Papiere in Ordnung, daß ihre fremde Abkunft nebſt fremdländiſcher Sprach⸗ weiſe keinem Zweifel unterlag, daß ſie— ein Haupt⸗ punkt für Hornickel'n— hinſichtlich der geränderten Dukaten gleich nach Rothſchild rangirten, wenn nicht vor ihm— hatte endlich und zwar nach einem Seelen⸗ kampf, wie er ſobald nicht wieder vorkommen dürfte, und nach einer Gemüthsſtimmung, wie ſie ſchwer zu be⸗ ſchreiben iſt, den herviſchen Entſchluß gefaßt, das langbewahrte Geheimniß ſeines Lebens der Geſandt⸗ ſchaft nicht länger vorzuenthalten und das Familien⸗ wappen der Kahameda's, die ſchwarze Ratte, vorzu⸗ zeigen. Ehe Hornickel ſich jedoch zu dieſer außeror⸗ dentlichen Handlung entſchloß, die er in ſeinem Leben nie für möglich gehalten, waren ebenſo umfaſſende wie intereſſante, diplomatiſche Verhandlungen zwiſchen 1857. XVIII. König v. Tauharawi II. 2 18 ihm und der hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft vorher⸗ gegangen. Strichelins, als Plenipotentarius, hatte nicht nur die nicht zu umgehenden zarten und dis⸗ kreten Verhandlungen zwiſchen den kontrahirenden Mächten geleitet, ſondern auch den Austauſch der gewechſelten Staatsſchriften übernommen. Einer der ſchwierigſten Punkte der Verhandlungen, deſſen Ap⸗ planirung vor allem angebahnt werden mußte, beſtand in der außerordentlich delikaten Frage, auf welche Art und Weiſe der Inhaber der Ratte ſein Wahr⸗ zeichen offenbaren ſollte, um die Identität desſelben mit dem hinteraſiatiſchen Familienwappen außer allem Zweifel zu ſtellen. Mirza ben Hafiz, der jetzt als glücklicher Auffinder des achtundſiebzigſten Kahameda, gleichſam als beneidenswerther Columbus, ſich den Namen Colombino beigelegt hatte, war in ſeinen anfänglichen Zumuthungen, die er an Hornickel'n ſtellte, etwas gar zu bizarr. Sein Verlangen beſtand in nicht geringerem, als darin: Hornickel ſolle ſich auf offenem Markte vor verſammeltem Volke und auf⸗ marſchirter Schützengilde, in Gegenwart des hohen Raths, der Viertelsmeiſter, ſowie der Kirchväter, ſämmtlich mit dem Klingelbeutel bewaffnet, in weißem Negligte auf eigens dazu erbauter Tribüne einfin⸗ den. Auf einen dreimaligen Trompetenſtoß vom 19 Rathhausbalkon herab ſollte alsdann die Enthüllung und auf dieſe die gerichtliche Okularinſpektion ſtatt⸗ finden. Völlig entkleidet ſollte Hornickel bis auf den Nabel werden; dann wurde verlangt, daß er ſich dreimal langſam um ſeine eigene Are drehe, damit ganz Kirchberg mit eigenen Augen ſich von dem Vorhan⸗ denſein der Ratte überzeugen könne Während dieſer dreimaligen Axrendrehung ſollte der gleichfalls ver⸗ ſammelte kirchberger Geſangverein die Arie aus der Zauverflöte anſtimmen: Dieß Bildniß iſt bezaubernd ſchön, Nie ſchöner wir's noch nicht geſehn!“ Nach erfolgter Beſichtigung und Anerkennung der Ratte vonſeiten der Geſandtſchaft und nach⸗ dem das unentbehrliche Dokument über den hoch⸗ wichtigen Akt vorgenommen, wird von Mirza ben Hafiz Hornickel als deſignirter König von Tauharawi er⸗ klärt und mit dem hinteraſiatiſchen Kaftan bekleidet, mit dem Säbel umgürtet und ſein Haupt mit dem Turban geſchmückt. Hierauf ſolle ſich der Erwählte unter entſprechender muſikaliſcher Begleitung im Tri⸗ umphe nach ſeiner Wohnung verfügen und aus ei⸗ genen Mitteln(dieß war ausdrücklich beſtimmt) be⸗ deutende Gnadengeſchenke an die Armen vertheilen, 20 welche unterſchiedliche Gaben noch näher zu beſtimmen waren. Als Chargé d'affaires Strichelius dieſe un⸗ terſchiedlichen Anträge der hinteraſiatiſchen Geſandt⸗ ſchaft dem aufmerkſam zuhörenden Hornickel mit⸗ theilte, vermeinte dieſer aus der Haut zu fahren. Das Bekleiden mit dem Kaftan, mit Säbel und Turban, ſowie öffentliche Huldigung und Triumph⸗ marſch hätte er ſich gefallen laſſen, aber alle übrigen Bedingungen waren zu markerſchütternd, als daß er darauf im geringſten hätte eingehen können. Ent⸗ kleidung auf offenem Markte, vor allem Volk bis an den Nabel, dreimaliges Umdrehen um ſich ſelbſt— dieß war für Hornickel'n zu ſtark und wenn damit alle Reiche der Welt zu erkaufen geweſen. Er er⸗ klärte alſo, daß er auf dieſe Bedingungen ſchlechter⸗ dings nicht eingehen könne und ſolle er ſimpler Hor⸗ nickel bleiben ſein Lebelang. „Wohlan,“ ſprach Strichelius,„da Hoheit Hoch⸗ derv Entſchluß unwiderruflich zu erkennen geben, bleibt nichts übrig, als die Geſandtſchaft davon in Kennt⸗ niß zu ſetzen; vielleicht, daß ſich eine mildere Form der Enthüllung ermitteln läßt.“ „Thut dieß,“ verſetzte Hornickel,„und vor allen 21 Dingen beobachtet mit der Gewiſſenhaftigkeit eines Beichtvaters das Geheimniß.“ „Wo denken Hoheit hin? Würde ich mir nicht ſelbſt den empfindlichſten Schaden beifügen, wollte ich die Hinterindier mit der Perſon bekannt machen, die das Kahamedazeichen auf der Schulter trägt? Sie wiſſen vor der Hand durch mich nichts, als daß ſich der Kahameda wirklich im Bereiche des Stadt⸗ weichbildes befindet und daß ich die hohe Gnade er⸗ fahre, mich der ſchätzbaren Bekanntſchaft Seiner Hoheit zu erfreuen.“ Dieſe bizarren Anforderungen der Geſandtſchaft an Hornickel'n waren übrigens nur ein Werk des Barbiers, welchem es ungemeines Vergnügen machte, dem Wuche⸗ rer mit der einen Hand ein Königreich hinzuhalten und, ſobald er zugreifen wollte, mit der andern Hand durch erlogene Bedingungen abzuwehren. Auch war der neubackene Chargé d' affaires viel zu klug, die My⸗ ſtifitativn, die man mit dem Wucherer, um ihn ur⸗ kräftig zu beſtrafen, vorhatte, in das tiefſte Geheim⸗ niß zu hüllen. Nur Fidelis, ſein Diener, Moritz und Strichelius wußten um die Ratte und berathſchlag⸗ ten, wie das Thier am beſten zu benutzen und zu bewirthſchaften ſei. Hornickel's Myſtifikativn vor die OHeffentlichkeit zu bringen, lag ganz und gar nicht 22 in des Barbiers Plane, weil der großartige Scha⸗ bernack, den man ſich zur Beſtrafung des Wuche⸗ rers erlaubte, alsdann für die Geſandtſchaft, wie na⸗ mentlich für Strichelius, von ſehr üblen Folgen hätte ſein können. Aber es lag dem verſchmitzten Barbier einmal im Blute, die Leute und namentlich Hornik⸗ kel'n zu necken und ſich an ſeiner Deſperation zu weiden. Nach wiederholtem Hin⸗ und Herdiplomatiſiren war die hinteraſiatiſche Geſandtſchaft von ihrem frü⸗ hern Verlangen bedeutend abgegangen. Sie hatte ſich nach und nach zu Konzeſſionen herabgelaſſen, die einen, für beide Theile befriedigenden Abſchluß in nicht zu ferne Ausſicht ſtellten. Die diplomatiſche Gewandtheit des Strichelius hatte hierbei Gelegen⸗ heit, ſich in ihrem ganzen Glanze zu zeigen.— Hor⸗ nickel's Ultimatiſſimum lautete endlich: Er wolle ſich entblößen und die Ratte zeigen, aber nicht auf offe⸗ nem Markte vor verſammeltem Volke, ſondern einzig und allein der geehrten Geſandtſchaft und zwar in verſchloſſenem und fenſterverhangenem Zimmer.— Als Rekompens verzichte er, bevor er den Thron be⸗ ſtiegen, auf alle ihm zugedachten Ehrenbezeugungen und ſonſtigen Auszeichnungen. Der letzte Punkt kam dem vermittelnden Stri⸗ 23 chelius aus obenangeführtem Grunde, möglichſtes Aufſehen zu vermeiden, gerade recht. Er eilte, die Verſchworenen von Hornickel's Ultimatiſſimum in Kenntniß zu ſetzen, und man hielt gemeinſam Rath über das jetzt einzuſchlagende Verfahren. Nachdem man die nöthigen Beſchlüſſe gefaßt, begab ſich Strichelius abermals zum deſignirten Be⸗ herrſcher von Tauharawi. „Anch ich, Hoheit,“ begann er,„bin jetzt mit dem Ultimatum der hohen Geſandtſchaft beauftragt. Da Hoheit, ſo lange ſich Hochdieſelben auf kirchber⸗ ger und überhaupt vaterländiſchem Grund und Bo⸗ den befinden, auf alle königlichen Ehren verzichten, hält es die hohe Geſandtſchaft, um die Staatskaſſen von Tauharawi nicht mit neuer Steuerlaſt zu bele⸗ gen, für zweckentſprechend, daß die koſtſpielige Oeffent⸗ lichkeit ganz vermieden und das möglichſte Inkognito innegehalten werde, und zwar ein Inkognito, daß vor der Hand ſelbſt in Kirchberg niemand ahnet, um welch wichtige Angelegenheit es ſich überhaupt han⸗ delt. Sobald Hoheit die Zügel der Regierung in der Hand, iſt immer noch Zeit, der Vaterſtadt Kirch⸗ berg den königlichen Gruß zu entſenden und ſie mit Geſchenken zu überhäufen.“ „Möchte, was dieſe kirchberger Geſchenke an⸗ 24 langt, meine geliebten Unterthanen nicht damit be⸗ laſten; auch ſind es die Kirchberger nicht werth. Ge⸗ denkt der Banmeiſterei!“ „Wie Hoheit zu geruhen für gut befinden,“ fuhr der ſprachgewandte Chargé daffaires fort, „alſo unter der Bedingung des ſtrengſten Inkognito!“ „Ich möchte freilich gern,“ fiel Hornickel ein, „noch dieſem oder jenem in Kirchberg, der mich bisher über die Achſel angeſehen, als neugeſchaffener Landesvater, ſozuſagen, einen Tritt geben, damit die Hallunken Reſpekt vor mir bekämen.“ „Dann freilich,“ gegenredete Strichelius,„müßte es bei der allgemeinen Oeffentlichkeit, der Marktſzene u. ſ. w. ſein Bewenden haben. Verzichten jedoch Hoheit auf jede öffentliche Auszeichnung, dürfte die Okularinſpektion in ganz gewähltem und vertrauterem Kreiſe und zwar nur in Gegenwart des Herrn Mirza ben Hafiz, ſeines Geheimſchreibers Babelmandeb, ſo⸗ wie des Kammerherrn Mufrid, aus welchen die Ge⸗ ſandtſchaft überhaupt beſteht, genügen.“ Pornickel ging einigemale in der Stellung Na⸗ poleon's nachdenklich auf und ab. Dann ſprach er groß:„Ich verzichte!“ „Wohlan, Hoheit,“ fuhr Strichelius, im In⸗ nern ſehr erfreut fort, jedoch ohne als Diplomat von 25 ſeinem innern Zuſtande etwas merken zu laſſen, „ſo wäre die Hauptſache zum Beſten Ew. Hoheit, wie eines nunmehr glücklichen Volkes, als erledigt zu betrachten. Es handelt ſich jetzt nur noch um den Geldpunkt.“ „Wie ſo Geldpunkt?“ frug Hornickel in nicht ſonderlich ſreundlichem Tone. Er hatte hinſichtlich dieſes ungemüthlichen Punktes im Laufe der Jahre mit Strichelius ſo überaus traurige Erfahrungen ge⸗ macht, daß wir den weniger freundlichen Ton nicht außer aller Ordnung finden wollen. „Es iſt,“ fuhr Strichelius erläuternd fort,„eine alte Satzung in Tauharawi, daß ſich der Kahameda gleich vom Anfang herein ſplendid und generös zeige.“ „Ich habe bereits erklärt, daß ich meine künf⸗ tigen Unterthanen nicht überflüſſigerweiſe belaſten will.“ „Solche Geſinnungen machen Euerm landesvä⸗ terlichen Herzen alle Ehre, dießmal handelt es ſich aber nicht um das Geld Eurer künftigen Untertha⸗ nen, ſondern um Euern eigenen Geldbeutel als Apol⸗ lonius Hornickel.“ „Wie iſt das zu verſtehen?“ frug die Hoheit mit wo möglich noch unfreundlicherem Tone. „Erſtens handelt ſich's um die Reiſeſpeſen und“— 26 „Ich will doch hoffen, daß die dukatenſelige Ge⸗ ſandtſchaft“— „Leider, Hoheit, iſt es alte Satzung von Tau⸗ harawi, daß der Kahameda bis zu ſeiner Thronbeſtei⸗ gung die aufgelaufenen Koſten für die Reiſe ſeiner Perſon aus eigenem Säckel beſtreitet.“ — Vonſeiten Hornickel's ward ein auffälli⸗ ges Murren vernehmbar, welches ſeine Unzufrieden⸗ heit hinſichtlich der alten Satzungen von Tauharawi verſtändlich genug an den Tag legte. „Um alles in der Welt, Hoheit, nur nicht mur⸗ ren gegen alte Satzungen, das können die Bewohner von Tauharawi vor dem Teufel nicht vertragen! Und,“ fügte er nach einer Pauſe lächelnd hinzu, „gegen einen Thron können dergleichen Bagatellen ja gar nicht in Betracht kommen.“ „Was wird die Fahrt wohl koſten?“ „Es hängt das von Euerm werthgeſchätzten Appetite ab; denn bloß, was Hoheit verzehren, ha⸗ ben Hochdieſelben zu beſtreiten; die Ueberfahrt be⸗ ſtreitet die Geſandtſchaft.“ Hornickel athmete leichter.„Ich werde auf dieſer Fahrt meinen künftigen Unterthanen zeigen, wie billig ein König leben kann. Aber, unter uns, knickerig iſt es!“ 27 Strichelius zuckte die Achſeln. „Alte Satzungen,“ ſprach er,„dieſen läßt ſich nicht ankommen. Doch wie geſagt, dieſe Atzungs⸗ koſten ſind ja im Betracht der königlichen Zukunft gar nicht der Rede werth. Mehr ins Gewicht fallen dürfte allerdings der zweite Geldpunkt.“ „Noch einer?“ „Ich habe Hoheit bereits mitgetheilt, daß das Volk von Tauharawi ſeinen Herrſcher generös und ſplendid wünſcht. Namentlich iſt auch die edle Wohl⸗ thätigkeit eine Eigenſchaft, die auf jenem glückſeligen Inſellande vor allem geſchätzt wird.“ „Ich werde der hieſigen Armenverſorgungsbe⸗ hörde drei Thaler zuſchicken,“ ſprach Hornickel. „Leider,“ bemerkte Strichelius,„haben auch für dieſen Fall die alten Satzungen bereits Fürſorge ge⸗ troffen und die unterſchiedlichen Summen feſtgeſetzt, welche der Kahameda aus eigenem Pekulium zu be⸗ ſtreiten. Es hat daher einer hohen Geſandtſchaft nicht wenig Mühe gemacht, die in Tauharawi übliche Summe in den kirchberger Münzfuß umzuſetzen. Ich habe die Berechnung zu mir geſteckt; Hoheit würden daher aus eigenen Mitteln zu beſtreiten haben: an die Stadt⸗Armenkaſſe 473 Thaler 15 Groſchen, an das Stadtkrankenhaus 256 Thaler 12 Groſchen, in 28 die Kleinkinderbewahranſtalt 256 Thaler 12 Groſchen, an die Armenſchule 130 Thaler, an den Frauenſchutz 130 Thaler, an die Beſchäftigungsanſtalt 130 Tha⸗ ler, an die Kaſſe entlaſſener Züchtlinge 130 Thaler, an die Rumford'ſche Suppenanſtalt 330 Thaler, an den Verein zu Rath und That 130 Thaler, an die Kaſſe konditionsloſer Dienſtboten 65 Thaler, an die Kaſſe zur jährlichen Chriſtbeſcheerung für arme Kin⸗ der 90 Thaler, an die Kaſſe zur Unterſtützung eme⸗ ritirter Lehrer 563 Thaler 15 Groſchen und an die Kaſſe zur Stadtverſchönerung 130 Thaler zu entrich⸗ ten haben, ohne dem Wohlthätigkeitsſinne Eurer Hoheit irgendwie beengende Schranken aufzulegen.“ Da ſich Hornickel bereits nach dem erſten Poſten beide Ohren zugehalten hatte und völlig taub die Stube auf⸗ und abgerannt war, hatte ſich's Striche⸗ lius hauptſächlich angelegen ſein laſſen, ſein Regi⸗ ſter ſo langſam und pantomimenhaft, wie möglich, vorzutragen. Endlich bekam Hornickel das Gehör wieder und ſah den Chargé d' affaires grimmig an. Strichelius, der gar nicht that, als ob er die Alteration des Wnucherers im geringſten bemerkte, ſummirte halblaut die Poſten zuſammen. „Macht 2864 Thaler 24 Groſchen,“ſprach er ſehr 29 ausdrucksvoll,„welche Summe Ew. Hoheit ſich be⸗ eilen werden für den betreffenden Zweck bereit zu halten.“ „Den Teufel will ich bereit halten!“ brauſte Hornickel auf.„Das heißt ja einen ehrlichen Mann ans Kreuz nageln.“ „Aber ſo bedenkt doch—“ „Ich mag nichts denken!“ „Bedenkt den unſterblichen Ruhm als Wohl⸗ thäter!“ „Die Bürgerſchaft müßte mich für verrückt halten.“ „Dieß iſt ja der Bürgerſchaft ihre Sache.“ Hornickel lief in höchſter Deſperation im Zim⸗ mer auf und ab. Nach einer Pauſe ſprach Striche⸗ lius:„Für den Fall, daß Hoheit die betreffende Summe nicht für den Augenblick flüſſig machen könnte, iſt die Geſandtſchaft nicht abgeneigt, den Betrag im Golde vorzuſchießen“ Bei dieſem Vorſchlage fuhr Hornickel'n ein ge⸗ nialer Gedanke durch den Kopf. „Laßt ſie vorſchießen,“ dachte er bei ſich,„ſitzeſt Du einmal auf dem Throne, kann ſie lange warten, eh' Du wieder bezahlſt.“ Er wollte dieſem verführeriſchen Gedanken wei⸗ * 30 ter nachhangen, als Strichelius, der Hornickel's Ideen⸗ gang zu errathen ſchien, gelaſſen fortfuhr: „Hoheit haben dann zur Zurückerſtattung Zeit, bis die glückſeligen Küſten von Tauharawi am Ho⸗ rizonte emporſteigen, da Hoheit, ſobald Hochdie⸗ ſelbe ans Land getreten, ſofort eidlich erhärten muß, den alten Satzungen gemäß, die Wohlthat aus ei⸗ genen Mitteln beſtritten zu haben.“ Letztere Rede war wieder ſehr niederſchlagender Natur für den Wucherer; indeß überlegte er:„Dieſe Geſandtſchaft muß über außerordentliche Finanzkräfte zu gebieten haben, da ſie mit dem Vorſchuß gleich bei der Hand iſt. Auch muß ihr in der That aus⸗ nehmend an meiner Perſon gelegen ſein.“ Hornickel ging von neuem nachdenkend auf und ab. „Aber ſolche Unſummen an Bettelvolk wegwer⸗ fen und noch dazu aus meinem Beutel, dieſer Ge⸗ danke geht nicht in meinen Kopf, ich mag preſſen, wie ich will; niemand kann für ſeine Natur.“ Da⸗ für zuckte ein anderer Gedanke durch ſein Gehirn. „Strichelius,“ ſprach Hornickel,„falls ich mich auch zu dieſem horrenden Opfer entſchließen könnte, um den alten Satzungen nachzukommen, ſo müßt Ihr aber bedenken, daß alsdann mein Avancement 31 nothwendigerweiſe an die Oeffentlichkeit kommen muß, welche doch eine hohe Geſandtſchaft vermieden wiſ⸗ ſen will.“ „Die hohe Geſandtſchaft,“ tröſtete Strichelius, „würde es ohne Widerſtand zulaſſen, wenn man ihren Namen anſtatt des Namens des wohlthätigen Gebers proviſoriſch benutzen wollte.“ — An dieſem Troſte war Hornickel'n wieder nicht viel gelegen. Zahlte er als Hornickel die un⸗ geheuere Summe von 2864 Thaler 24 Groſchen an die wohlthätigen Anſtalten der Stadt, wollte er ſich auch an der ungeheuern Maulſperre ſonnen, die unausbleiblich einer ſolchen That Hornickel's folgen mußte. Die Konferenzen über anberegten Gegenſtand zogen ſich noch ziemlich in die Länge, doch trug end⸗ lich das diplomatiſche Genie des Barbiers auch hier den Sieg davon. Strichelius wußte der Schenkung ſolche verlockende Seiten abzugewinnen, ſie in einem für den Geber ſo günſtigen Lichte darzuſtellen, daß Hornickel endlich ſelber einſah, wie er ſich entſchieden im Lichte ſtehe, wenn er den alten Satzungen von Tauharawi nicht genügeleiſte. Er gab endlich ſeine Einwilligung, die betreffende Summe unter Firma der äußerſt wohlthätigen hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft an 32 die unterſchiedlichen milden Stiftungen gelangen zu laſſen. Mit dieſer Einwilligung hatten die gegen den Wucherer verſchworenen jungen Männer einen Theil ihres Ziels erreicht, welcher darin beſtand, durch die Beſtrafung Hornickel's zugleich den Hilfsbedürftigen eine anſehnliche Gabe zufließen zu laſſen. Doch ein noch größeres Stück Arbeit ſtand dem diplomatiſchen Strichelius bevor. Er hatte Hornik⸗ kel'n noch in einem dritten Punkte zu bearbeiten, doch behielt er ſich denſelben für die nächſte Konfe⸗ renz vor, da der Wucherer durch die heutigen Zu⸗ muthungen bereits dermaßen erſchöpft war, daß er, wie halbtodt, in dem Seſſel lag. Der verſchmitzte Barbier empfahl ſich, um der hinteraſiatiſchen Ge⸗ ſandtſchaft Bericht über die gehabte Konferenz und deren glücklichen Ausgang abzuſtatten. Fidelis ſprach ſeine ganz beſondere Zufriedenheit über die ſo ge⸗ lungene Miſſion des Strichelius aus. Als Hornickel am andern Tage aus merkwür⸗ digen Träumen erwachte, erſchien ihm ſeine Verhand⸗ lung mit Strichelius von geſtern als das allermerk⸗ würdigſte und ſonderbarſte EFreigniß. Er begriff gar nicht, was aus ihm geworden; er beſann ſich, ſeine Zuſtimmung gegeben zu haben, an die dreitauſend 33 Thaler zu wohlthätigen Stiftungen aus ſeinem Bentel zu verwenden und noch dazu unter fremder Firma, ſo daß er nicht einmal den Ruhm davontrug. Es erſchien ihm jetzt im nüchternen Morgenzuſtande un⸗ erklärlich, wie es Strichelius angefangen, ſolche wahn⸗ ſinnige Zugeſtändniſſe bon ihm zu erhaiten. „Ich kann mich gar nicht erinnern“— ſprach er—„daß ich einen Schnaps getrunken hätte. Ich war nüchtern, wie ein Karthänſer. Dieſer Strichelius muß mit dem Satan im Bunde ſtehen. An dem iſt ein Advokat verdorben! „Die horrende Summe,“ fuht er nach einer Pauſe fort,„kann allerdings im Betracht eines Thrones nicht in Anſchlag kommen. Es koſtet mich als Landesvater einen halbjährigen Steuerzuſchlag und ich bekomme den Verlag zehnfach wiedet. Die Finamen von Tauharawi müſſen ſich übrigens, nach den Dukaten ihrer Geſandtſchaft zu urtheilen, in glänzenden Verhältniſſen befinden. Gleichwohl wider⸗ ſtrebt es meiner Natur, die Wohlthätigkeit zum Erzeß zu treiben.— Ich muß, wenn ich die Sache reiflicher überlege, immer noch froh ſein, daß die Ge⸗ ſandtſchaft von der Enthüllung bis an den Nabel auf dem Markte vor Rath und Viertelsmeiſtern ab⸗ ſteht. Das wäre mein Tod geweſen. Was hilft mir 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 3 34 der nachträgliche Trinmphmarſch?— Nach dem neue⸗ ſten Stande der Konferenzen ſchlage ich zwei Flie⸗ gen mit einemmale. Die Kirchberger erfahren nichts von der Ratte, ich bleibe ihnen vor der Hand Hor⸗ nickel, Privatus, und ſutzedire in aller Stille als Kahameda. Im aufgeklärten Tauharawi gilt die Ratte nicht als Schandfleck, ſondern als höchſtes, als kö⸗ nigliches Ehrenzeichen. Ich brauche mich ihrer nicht zu ſchämen und kann ſie nöthigenfalls den hohen Würdenträgern vorzeigen, was ſich unter den hieſi⸗ gen proſaiſchen Breitegraden gar nicht bewerkſtelligen läßt, weil das Volk noch ſo weit in der Kultur zu⸗ rück iſt, daß es die Ratte unter die unliebenswürdi⸗ gen Thiere zählt. In China wird das Thier ſogar gehegt und gepflegt und ſchließlich gegeſſen.“ Während Hornickel, im großblumigen Schlafrocke auf⸗ und abwandelnd, ſich dieſen Morgenbetrachtungen überließ, klopfte es an die Thür, und auf das „Herein!“ erſchien abermals der unermüdliche Chargé d'affaires Philipp Strichelius. Hornickel's Opfer⸗ frendigkeit ſollte nochmals auf die Probe geſtellt werden und zwar in einem Grade, die den Wu⸗ ſowohl phyſiſch, wie moraliſch faſt zu Tode etzte. 35 „Wie geſchlafen, Hoheit?“ erkundigte ſich der Diplomat in ſeiner unterwürfigen Art. „Schlecht genug!“ verſetzte Hornickel. Darauf frug er:„Sagt'mal an, Strichelius, habt Ihr geſtern nicht Euern S mit mir getrieben?“ „Scherz! Hoheit, wo geruhen Hochdieſelben in Hochdero Ideengange ſich hinzuverirren? Glauben Hoheit, daß mir mein Kopf nicht viel zu lieb iſt? Wenn die Bewohner von Tauharawi erführen, daß meine Geringfügigkeit ſich vermeſſen hätte, mit ei⸗ nem Kahameda zu ſcherzen, wäre ich meines Kopfes keine Stunde ſicher. Ich glaube, die eigene Geſandt⸗ ſchaft machte mich kalt. Jenes Volk verſteht, wo es ſich um Beleidigung ſeines Herrſchers handelt, durch⸗ aus keinen Spaß!“ „Dieß iſt mir lieb. Es iſt das eine ſchätzenswerthe Eigenſchaft meiner künftigen Unterthanen.“ „Glauben Hoheit,“ fuhr Strichelius fort,„daß man in ſolchen Dingen, wie es hier zu Lande ge⸗ bräuchlich, einen langdarmigen Hochverrathsprozeß mit langjähriger Unterſuchungshaft anfängt? Ange⸗ klagt, überführt und Kopf ab! heißt es in Tauha⸗ rawi.“ „Es werden bei ſolchem Verfahren allerdings eine Menge Koſten erſpart,“ ſprach Hornickel, welcher —— 36 ſich dieſem ſummariſchen Verfahren in Hochverraths⸗ dingen nicht ganz abhold zeigte. „Allerdings,“ fuhr Strichelius fort,„jenes Volk iſt überhaupt in allen Dingen ſo praktiſch, und was die Hauptſache, ſo ſittlich, daß ſich mancher enropäi⸗ ſche Völkerſtamm, Kirchberg nebſt Weichbild nicht aus⸗ genommen, ein wahres Beiſpiel daran nehmen könnte.“ „Alſo, Strichelius,“ fuhr Hornickel, der über die Schenkungen nicht hinwegkommen konnte, weiter fort, „wenn Ihr nicht geſcherzt habt, ſoll ich wirklich ſo horrende Summen an die Armuth auszahlen?“ „Liegt nur im eigenen Intereſſe, Ew. Hoheit, da die Geſandtſchaft nicht umhin kann, den alten Satzungen von Tauharawi Rechnung zu tragen. Mir kann es einerlei ſein, ob die Suppenanſtalt durch Hoheit was zu brocken oder zu beißen bekommt; das iſt doch klar.“ „Strichelius,“ begann Hornickel nach einer Pauſe, „ein Wort im Vertrauen; wenn ich die großen Er⸗ eigniſſe der jüngſten Tage in Ueberlegung ziehe, ſo kommt mir es zuweilen vor, als ob alles ein Traum oder als ob es mit mir rapple. Die Ratte iſt aller⸗ dings nicht wegzuläugnen und kein Traum, auch die hinteraſiatiſche Geſandtſchaft mit ihren ungeränderten Dukaten nicht, und gleichwohl— gleichwohl!“— 37 Dem Barbier waren derartige Anſchauungen nicht ganz angenehm, weil ſie leicht zu einem übeln Ausgange führen konnten. Er ließ ſich jedoch als Diplomat nicht das geringſte merken, ſondern ſprach ſo gleichgiltig, wie möglich:„Das ſind Blähungen, die aus dem Unterleib Ew. Hoheit emporſteigen, ſo⸗ bald Ihr etwas ſchwerverdauliches zu Euch genom⸗ men. Ihr eßt zu viel Klöße, die liegen zu hart im Magen und erzeugen Dünſte, welche den Kopf um⸗ nebeln Ueberhaupt ſollten Hoheit die Klöße, gleich⸗ viel ob Mehl⸗ oder Kartoffelklöße von Hochdero Küchenzettel gänzlich ſtreichen. Wie ſollen bei dieſer ſchwerfälligen Nahrung ſich königliche Gedanken ent⸗ wickeln? Auch paſſen Klöße für hohe Stellung nicht; was ſollte aus Europa werden, wenn die gekrönten Häupter und ihre Miniſter ſo unverſchämt große Klöße zu ſich nehmen wollten, wie ich bei Ew. Hoheit mit Schrecken habe wahrnehmen müſſen? Bedenkt, welch eigenthümlicher und keineswegs empfehlender Begriff ſich mit dem Worte Klostoffel ver⸗ bindet!“ „Es wird mir ſchwer ankommen,“ geſtand Hor⸗ nickel,„auf mein Leibgericht zu verzichten!“— „Jede Krone hat auch ihre Dornen,“ ſprach Strichelius.„Die Hofküche in Tauharawi wird in⸗ 38 deß Hochdero bürgerlichen Küchenzettel bald vergeſſen machen.“ „Meine Klöße werd' ich nie vergeſſen,“ ſeufzte Hornickel, nachdenklich auf⸗ und niedergehend. Strichelius, um nicht neue Zweifel in dem auf⸗ und abſchreitenden Hornickel aufkommen zu laſſen, machte eine geſchickte Handbewegung, ſo daß die Morgenſonne in einem blitzenden Ringe wiederſpie⸗ gelte, welchen er von Fidelis aus Anerkennung für ſeine mit Geſchick gepflogenen diplomatiſchen Ver⸗ handlungen erhalten hatte. Kaum berührte der ver⸗ führeriſche Strahl Hornickel's Auge, als ſofort ſeine Nachdenklichkeit ob der zu entſagenden Klöße dem Intereſſe wich, welches er am Ringe nahm. Er be⸗ trachtete das Geſchenk näher und fand es ſo werth⸗ voll, daß er überzeugt war, ein ſolches könne nur von einer Geſandtſchaft ausgehen. Der funkelnde Ring zerſtreute, wie die Sonne die Nebel, alle in Hornickel's Gemüth noch aufſteigenden Zweifeldünſte. Er begratulirte den Strichelius wegen des werthvol⸗ len Geſchenkes. „Das müßt Ihr doch geſtehen, Strichelius,“ ſprach Hornickel,„Ihr habt mir Großes zu verdan⸗ ken. Erſt die elegante Kleidung, jetzt dieſer koſtbare Ring.“ 39 „Weiß es, Hoheit, mein Leben gehört dafür auch Euch. Doch jetzt vernehmt den letzten Para⸗ graphen des Ultimatiſſimum, den ich Euch geſtern ſchonend vorenthielt.“ „Noch einen Paragraphen?“ frug Hornickel. „Ich will nicht hoffen, daß es ſich um neue Opfer handelt, ich komme mir jetzt ſchon vor wie eine aus⸗ gepreßte Zitrone“— „Ihr habt Großes geleiſtet,“ fuhr Strichelius fort, ohne auf den hornickel'ſchen Nachſatz weitere Rückſicht zu nehmen,„indem Ihr Euch dem Volke von Tauharawi als hochherzigen Wohlthäter gezeigt habt; aber die alten Satzungen jenes herrlichen In⸗ ſelvolkes verlangen zum dritten und letzten— „Was verlangen ſie noch?“ „Daß Hoheit als weißer Schwan emporſteigen.“ „Als weißer Schwan—21“ „Verſteht mich recht: nicht als ein Vogel, wel⸗ chen man Schwan nennt, ſondern bildlich, ſo weiß, ſo unſchuldsvoll, wie dieſer. Ich habe bereits vorhin angedeutet, daß die Bewohner von Tauharawi nicht bloß ein edelherziges, ſondern auch ſehr ſittliches Volk ſind, dem es alſo vor allem daran gelegen ſein muß, daß ihr Kahameda ſo ſittlich, wie möglich, den Thron beſteige. Wenn nun die hieſige Geſandtſchaft in Er⸗ fahrung bringt,(und ſie ſoll bereits Nachforſchungen darüber angeſtellt haben), daß Hoheit die armen Leute gedrückt, Witwen und Waiſen um das Ihrige 3 gebracht, wucheriſche Zinſen genommen, kurz zahl⸗ reiche Schändlichkeiten, Spitzbübereien und Schurken⸗ ſtreiche—“ „Schweig, oder Du biſt des Todes!“ rief Hor⸗ nickel, der ſich als hohe Perſon bereits zu fühlen begann. „Ich ſchweige!“ tönte es demüthig. „Wie kannſt Du Dich unterſtehen, ſo zu mir zu ſprechen, da Du ſelbſt zugeſtanden, daß Dein Leben in meiner Hand ruht?“ „Meine Pflicht als Abgeſandter“— ſtammelte der Chargé d' affaires. „Wenn ich,“ fuhr Hornickel fort,„in meinem Verfahren gegen das Bettelvolk etwas ſtreng auftrat, wenn ich unverzeihlicher Nachſicht zuweilen mein Herz verſchloß, wenn ich bei gefährdeten Summen manchmal einen etwas höhern Zinsfuß notirte, ſo ſind dieß kaufmänniſche Manipulationen—“ „Die Bewohner von Tauharawi nennen es aber Spitzbübereien“— „Wirſt Du Dein Maul halten! Haſt Du nicht ſpeben erzählt, daß die Bewohner von Tauharawi 1 41 Verläumdungen ihres Oberhauptes mit dem Tode beſtrafen—2“ „Ja, wenn's aber keine Verläumdungen ſind, beſtrafen ſie einen nicht mit dem Tode.“ „Ich will aber, daß es Verläumdungen ſind, ich beſtehe darauf Er iſt Majeſtätsverbrecher! Weiß Er das?2“ „Da müſſen Hoheit erſt Majeſtät ſein, ehe von Majeſtätsverbrechen die Rede ſein kann; jetzt ſind Hochdieſelben bloß Hornickel, die Hoheit gab ich aus meinem Beutel zu.“ Da Hornickel einſah, daß er auf dem Wege der Strenge gegen Strichelius nichts ausrichtete, gab er ſich das Anſehen, als wolle er Gnade für Recht ergehen laſſen. „Ich will nichts gehört haben,“ ſprach er. „Das ſollte mir leidthun.“ „Wie ſo leidthun?“ „Weil ich alsdann mit meinem letzten Para⸗ graphen unverrichteter Sache nach Hauſe gehen müßte, und weil alsdann, trotz der Ratte, Euer Königreich im Meere läge, wo es am tiefſten.“ „Was verlangt denn dieſer abgeſchmackte Para⸗ graph ſchließlich?“ „Daß Hoheit, um als weißer Schwan aufzu⸗ 42 ſteigen, ſich alles ungerechten Gutes entäußern, daß Hoheit die über den Landeszinsfuß erhobenen Zinſen zurückerſtatten, daß Hoheit ſolchen Perſonen, die durch Hochdero Unbarmherzigkeit ins Elend gerathen, zu dem frühern Stande verhelfen; daß Hoheit nament⸗ lich die Witwe Friedberg ſo ſtellen, daß die bejahrte Frau zu leben hat und ihr Sohn Ehregott ſeine Studien beenden kann; daß Fiſchel ſeiner Botmä⸗ ßigkeit enthoben und mit anſtändiger Penſion wieder ein freier Mann wird; kurz, daß Hoheit alle Miſſe⸗ thaten, ſo ſich Hochdieſelben gegen die Menſchheit haben zuſchulden kommen laſſen, ſühnen und daß Hoheit überhaupt in den Stand der Unſchuld zurück⸗ kehren— denn ſo nur iſt es möglich, als weißer Schwan aufzuſteigen, wie es die Bewohner von Tau⸗ harawi infolge ihrer alten Satzungen wünſchen und verlangen.“ Hornickel, nachdem Strichelius mit ſeinem Rei⸗ nigungsprozeſſe, mit ſeiner Umkehr zur Unſchuld zu Ende, fing wie ein Pferd zu wiehern an. Dieſe ſitt⸗ lichen Anmuthungen machten, daß er ganz aus ſei⸗ ner Natur herausging und ironiſch wurde. „Verlangen nicht auch die alten Satzungen von Tauharawi,“ frug er,„daß ich die engliſche Staats⸗ ſchuld vorherbezahle? daß ich die Quadratur des 43 Zirkels, das Perpetuum mobile ausfindig mache? daß ich die Türken aus Europa treibe und die deutſche Einigkeit zuſtande bringe?“ „Nein,“ erwiederte Strichelius, der ſich durch den pferdemäßigen Raptus des Wucherers nicht aus ſeinem Gleichmuthe bringen ließ,„ſolche Unmöglich⸗ keiten verlangen die alten Satzungen nicht; ſie ver⸗ langen nur das Mögliche.“ „Was Ihr ader verlangt habt, iſt unmöglich!“ „Es kommt auf den Verſuch an.“— Hornickel, ſobald er einen gewaltigen Anlauf genommen, ſank ſtets um ſo entkräfteter zurück. So auch dießmal. Er hatte ſich in ſeinen Armſtuhl ge⸗ worfen und die Zipfelmütze, die er in den Morgen⸗ ſtunden nie vom Kopfe brachte, tief über das Ge⸗ ſicht gezogen. Hinter dieſer Mütze, in des Wucherers Gehirn aber ſah es entſetzlich aus. Wenn er alles Gut, das er wucheriſcherweiſe erworben, zurücker⸗ ſtatten ſollte, koſtete es ihm zwei Drittheile ſeines Vermögens. Obſchon nun Hornickel bei ſeinem ſchwachen Begriffsorgane, ſeinem Hochmuthe und Ehr⸗ geize, von Strichelius ſyſtematiſch und mit Meiſter⸗ ſchaft bearbeitet, vollkommen überzeugt war, daß ihn das Schickſal vermöge der merkwürdigen Ratte, die nicht wegzuleugnen war, zum König von Tauharawi 44 auserleſen— das ſplendide, dukatenſpendende Auf⸗ treten der Geſandtſchaft hatte nicht wenig dazu bei⸗ getragen— und er ſich in ſeinem aufgeblähten Geiſt ſchon wirklich als hohe Perſon fühlte, war er doch zugleich ſo pfiffig, ſich eine Hinterthür für ein⸗ tretende Fälle vorzubehalten. Nur von Zeit zu Zeit ſtiegen, wie wir ſchon geſehen haben, momentan trübe Zweifel auf, die Strichelius doch ſtets geſchickt zu beſeitigen wußte. Er war alſo nicht nur bereit der Geſandtſchaft die Ratte leibhaftig zu zeigen, ſondern auch die Reiſe nach Tauharawi anzutreten; zu Hauſe ſollte aber, unter ſeiner Tochter und Fiſchel's Leitung, ſein ange⸗ bracht Geſchäft, auf Pfänder wucheriſch Geld aus⸗ zuleihen, fortgeführt werden. Er hatte von mehreren Beiſpielen gehört, wo auch ganz ſimple Europäer in indiſchen Staaten zu Königen avancirt waren und ſich als ſolche große Schätze geſammelt hatten. Als ſie nach längerer oder kürzerer Zeit des Regierens über⸗ drüßig, hatten ſie ſich penſioniren laſſen und waren als Kröſuſſe in die erſtaunte Heimat zurückgekehrt. Sie hatten eine Handvoll Dukaten in den Armen⸗ ſtock gethan, wofür die dankbare Vaterſtadt nicht unterlaſſen hatte, ein Denkmal auf Subſkriptivn zu rrichten. Ein ſolches Geſchick hatte für Hornickel'n 45 viel verführeriſches. Indeß hatte er auch von Exem⸗ peln geleſen, wo dergleichen Könige geſtürzt unde von der unziviliſirten, undankbaren Unterthanenſchaft verjagt worden waren. Sie hatten bei Nacht und Nebel den Thron verlaſſen müſſen, hatten in der Stille aber doch für den Abend ihres Lebens einige Rupien beiſeite zu ſchaffen und in die engliſche Bank niederzulegen gewußt. Noch Andere mußten jedoch froh ſein, das nackte Leben davonzutragen. Für dieſen letzten tragiſchen Fall wünſchte der kluge Hornickel, daß zu Hauſe alles ſeinen Fortgang habe, damit er im ſchlimmſten Falle das alte Geſchäft fortſetzen könne, als ob nichts vorgefallen ſei. Nach dem letzten Paragraphen nun ſollte er zwei Drit⸗ theile ſeines ganzen Vermögens zum Beſten der alten Satzungen von Tauharawi in die Schanze ſchlagen, und das war eben ein Verlangen, das mit ſeiner Politik in ſolchem Widerſpruche ſtand, daß er wie ein Pferd zu wiehern begann und mit ironiſchen Redensarten um ſich warf. Strichelius hatte als kluger Feldherr dem letzten Paragraphen eine weitere Ausdehnung gegeben, als in Fidelis Abſicht lag. Er konnte alſo nöthigenfalls Konzeſſivnen machen; denn der Brite wünſchte bloß, daß die Witwe Friedberg wieder zu dem Vermö⸗ 46 gen komme, um welches ſie ruchloſerweiſe der Wuche⸗ rer gebracht hatte. Als daher Hornickel nach ſeinen ironiſchen Aus⸗ brüchen in den Armſtuhl geſunken war, ſtörte ihn Strichelius nicht, ſondern ſagte bloß die Worte: „Hoheit haben die Wahl. Ich gehe jetzt zur Geſandt⸗ ſchaft mit der Erklärung, daß aus der ganzen Sache nichts werden kann. Die Geſandtſchaft wird troſt⸗ los zu einem trauernden Volke zurücktehren; aber Euer Geheimniß iſt gerettet. In meinen Augen werdet Ihr ſtets Kahameda bleiben, wenn ich auch zuweilen in der Zerſtreuung das Wort Hoheit viel⸗ leicht mit Hornochſe verwechſeln ſollte.“ Hornickel that einen Seufzer, in welchem ſich der ganze troſtloſe Zuſtand ſeines Innern kundgab. Mit einer nonchalanten aber nicht ungraziöſen Handbewegung machte Strichelius das Zeichen des Abſchieds, wobei er verſtand, den Ring wieder in ſei⸗ nem ganzen Glanze leuchten zu laſſen. „Adieu, Hoheit.“ Mit dieſen Worten ging er würdevoll nach der Thür. Hornickel'n warf es in ſeinem Armſtuhle von der Rechten zur Linken und umgekehrt. „So eilt doch nicht ſo in drei Teufel Namen!“ Strichelius blieb auf dieſe Worte ſtehen, und 47 warf den Kopf nachläſſig etwas rückwärts.„Wünſchen Hoheit noch etwas?“ „Bleiben ſollt Ihr,“ herrſchte jetzt Hornickel, „noch ſteht's bei mir, den Kahameda herausſtecken und Euch Reſpekt beizubringen.“ „Ich fliege zu den Füßen meines Gebieters.“ Mit dieſen Worten lag Strichelius mit dem einen Knie vor ſeinem Opfer. Es entſtand wieder eine jener ergreifenden Pau⸗ ſen, welchen wir in den Unterhaltungen der beiden Biedermänner wiederholt Gelegenheit gehabt hatten beizuwohnen. Endlich richtete Hornickel in ſeinem Stuhle ſich empor. „Könnte nicht eine billige Abfindungsſumme ermittelt werden, wenn ich durchaus als weißer Schwan emporſteigen ſoll.“ „Hoheit,“ erwiederte Strichelius, ſich ehrfurchts⸗ voll erhebend,„für dieſen außerhalb der Berechnung einer hohen Geſandtſchaft liegenden Fall müßte ich um anderweite Inſtruktionen einkommen. Dürfte ich mir daher für jetzt zur Einholung der hohen Willensmei⸗ nung der betreffenden hohen Geſandtſchaft den nö⸗ thigen Urlaub erbitten?“ Sobald Hornickel den Willen durchblicken ließ, 48 den Wünſchen einer hohen Geſandtſchaft nachzukom⸗ men, und ſich dadurch den Weg zum Throne von Tau⸗ harawi anzubahnen, beobachtete der ſchlaue Barbier ſtets die wohlberechnete Taktik, die möglichſt unter⸗ würfige Stellung anzunehmen; zeigte ſich jedoch der Wucherer widerhaarig, fiel der Chargé d' affaires in feine gewohnte, die Würde des Wucherers ſo ver⸗ letzende Nonchalance zurück. Hornickel war auch bereits inſoweit dreſſirt, daß er auf dieſe Strategik einging. Darum ſagte er jetzt im gebietenden Tone:„Der Urlaub iſt ertheilt. Man beeile ſich, die Willensmeinung einer hohen Geſandt⸗ ſchaft einzuholen; denn es iſt, wie der Lateiner zu ſagen pflegt: Periculum in Morea.“ Statt„pericu- lum in mora ſagte Hornickel aus Unverſtand ſtets periculum in Morea, und glaubte wunder wie ge⸗ lehrt er ſich damit ausdrücke. In dieſen drei Worten beſtand ſeine ganze Latinität. Strichelius entfernte ſich und Hornickel gewann Muße, über dieſe neueſten Anmuthungen die geeigne⸗ ten Betrachtungen anzuſtellen. „Wenn man mit einer mäßigen Abfindungsſumme ſich zufrieden gibt,“ ſprach er im Schlafrocke auf⸗ und niederwandelnd,„will ich auch dieſen letzten Kelch trinken; behatret jedoch die hinteraſiatiſche 49 Geſandtſchaft auf dem höchſt unverſtändigen Verlangen, der Zinszurückerſtattung, ſo kann aus dem Königreiche nichts werden, und die Bewohner von Tauharawi mögen ſehen, wo ſie einen Kahameda herbekommen. Das fehlte, hier Bettler werden und dann jenen Inſulanern mit ihren abgeſchmackten Satzungen nicht anſtehen; nein, Apollonins, ſo dumm ſind wir nicht.“ Strichelius hatte ſich nicht einmal die Mühe genommen, anderweite Inſtruktionen einzuholen. Er war bloß auf den Keller gegangen, wo erſich ein Glas Bier geben ließ. Da es noch früh am Tage war, befand er ſich in der Gaſtſtube ganz allein. Dieß war Greifen⸗ hahne, dem Wirth, grade recht. Er attachirte ſich ſofort an den Barbier, um nähere Erkundigungen über die Ge⸗ ſandtſchaft einzuziehen, jenes große Räthſel von Kirch⸗ berg, das manchem brau⸗ und nichtbrauberechtigten Bürger ſchlafloſe Nächte machte. Greifenhahn, der Kel⸗ lerpachter, dem die böſe Welt nachſagte, er ſei etwas nengieriger Natur, hatte ſo unterſchiedliche Dinge und Vermuthungen über Herrn Mirza ben Hafiz aus ſprechen hören; er wußte ferner, daß Strichelius die Auszeichnung genoſſen, wiederholt bei dem Ge⸗ ſandten geweſen zu ſein— Greifenhahn glaubte jetzt an der Quelle der Wahrheit zu ſitzen, wenn er ſich neben den Barbier ſetzte, um ihn auszuhorchen Da 4 857. XVIII. König v. Tauharawi. I. 8 50 kam er an den Rechten. Die Neugier des Keller⸗ pachters hinſichtlich der fremden Gäſte(von dem in⸗ timern Verhältniß, in welchem Strichelius zu den⸗ ſelben ſtand, hatte er natürlich keine Ahnung) be⸗ ſchränkte ſich bloß auf die Frage, an welchem Ucbel der Herr Geſandte wohl leide, um der Hilfe des Strichelius benöthigt zu ſein. Er hatte im Geiſte alle Maladien vorüberziehen laſſen und kam immer wie⸗ der auf Vollblütigkeit, Aderlaß und Schröpfköpfe oder höchſtens auf eine Zahnoperation zurück. „Laßt nur,“ wehrte Greifenhahn, als Stri⸗ chelius in die Weſte griff, um ſein Glas zu bezahlen, „ich nehme heute nichts; Ihr trinkt noch eins, An⸗ guſte, ein friſches—'s iſt eben angeſteckt— alſo wie viel Kannen Blut habt Ihr denn Seiner Herr⸗ lichkeit abgelaſſen? Ich glaube,'s liegt am Biere im Wallfiſche, der Sperling(ſo hieß der Wallfiſchwirth) ſollte ſich ſchämen. Solch Geſöff einer hinteraſiati⸗ ſchen Etzellenz vorzuſetzen, die bloß an Mandelmilch gewöhnt iſt. Ein Froſch kann ſich in dieſem Geſöff verſtecken. Er ſoll mein Bergedorfer verſuchen, hell wie Gold, macht weder Wallung noch Blähungen. Könnt Ihr Seine Etzellenz denn nicht einmal veranlaſſen, auf dem Keller einzuſprechen, es ſollte Euer Schade nicht ſein. Ich bin kein Sperling. Ihr verſteht 50 mich. Wer die Geſandtſchaft im Wallfiſch rekommandirt, kann's an jenem Tage nicht verantworten. Das Blut kam wohl recht dick?“ Strichelius machte ein ſehr metaphyſiſches Ge⸗ ſicht, murmelte einige Worte in den Bart, die Grei⸗ fenhahn nicht verſtand, wie ſehr er das Ohr ſpitzte. Seine Neubegier ward dadurch nur noch habgieriger. „Ihr murmeltet etwas, das ich nicht verſtanden hab', verehrter Herr Strichelius.“ Der Barbier hielt das zweite Glas Bier prü⸗ fend gegen das Licht und begann als Kenner zu ſchlürfen. Das Intereſſe, welches Strichelius für das Bier zeigte, überwog doch noch Greifenhahn's Intereſſe von⸗ wegen der Geſandtſchaft und er frug nicht ohne Wirthsgenugthuung:„Nicht wahr, ein Bierchen, das ſich gewaſchen hat?“ „An Waſchen,“ meinte Strichelius,„werdet Ihr es wohl nicht haben fehlen laſſen; ich habe Berge⸗ dorfer im Bäre getrunken, das war dunkler und ſtärker.“ Greifenhahn vertheidigte jetzt mit Feuereifer die Güte ſeines Lagerbieres. An die Geſandtſchaft dachte er weniger. „Gleichwohl,“ ſagte Strichelius,„werde ich Seiner 52 Etzellenz Herrn Mirza ben Hafiz von dieſem Biere in Kenntniß ſetzen; ſeine Leichtigkeit empfiehlt ſich ſüdlichen Konſtitutivnen.“ Der Barbier hatte mit Abſicht die Aufmerk⸗ ſamkeit des Kellerpachters wieder auf die fremden Gäſte gelenkt. „Thut das, verehrter Herr Strichelius; und wie wär's denn, nächſten Sonntag ein Brätchen, würde es Madame Strichelius zurückweiſen?“ „Thut, was Ihr nicht laſſen fönnt,“ erwiederte der Andere,„Madame Strichelius wird Eure Auf⸗ merkſamkeit zu würdigen wiſſen.“ Die Blicke des Kellerpachters. fielen jetzt auf den Ring, welchen Strichelius bereits wiederholt in paſſende Belenchtung geſtellt, ohne daß ihn Greifen⸗ hahn in ſeinem Heißhunger nach hinteraſiatiſchen Aufſchlüſſen wäre gewahr worden. „Ich bitt' Euch um alles in der Welt, wohl gar ein Geſchenk von hoher Hand?“ „Woher anders,“ ſprach Strichelius ruhig. „Donnerwetter müßt Ihr einen Stein im Brete haben. Wohl gar eine Operation; denn ein paar Blutegel und Schröpftöpfe werfen ſo was nicht ab.“ „Operation?“ ſprach Strichelius und ſah Grei⸗ 53 fenhahnen mit einem langen, ſehr ernſten und durch⸗ bohrenden Blicke an,„und was für eine!“ Die ganze Seele des Kellerpachters retirirte ſich jetzt auf ſein linkes Trommelfell(das rechte hatte er als Artilleriſt infolge eines Artilleriemanövers verloren), um über eine Operation, welche einen ſo koſtbaten Ring äbgeworfen, das Rähere zu erfahren. Es erfolgte wieder eine lange Pauſe, denn Stri⸗ chelius liebte bei ſo wichtigen Enthüllungen die Ueberſtürzung nicht. Mit verhaltenem Athem ſaß Greifenhahn da und hielt ununterbrochen ſein Trommel⸗ fellohr hin, in der Hoffnung, daß der Strichelius ei⸗ nige Atzung eintröpfle- Plötzlich ſah ſich der Bar⸗ bier mißtrauiſch um, ob er vielleicht belauſcht würde, neigte ſich raſch zu dem lauernden Ohre Greifen⸗ hahn's und, die Hand an den Mund haltend, damit ja keine Silbe der Außenwelt verrathen werde, ſagte er gedämpft:„Seine Erzellenz wünſchen, daß die Operation Geheimniß bleibe.“ Jetzt hatte Strichelius den Greifenhahn auf dem Punkte, wo er ihn hinhaben wollte. Der Kel⸗ lerpachter faßte verſtändnißinnig den Barbier ſanft am Arme. „Edler Freund und Gönner,“ ſprach er,„wir gehen hinauf auf meine abgelegenen Zimmer, wo 5 wir vor unbefugter Nengier hinlänglich geſichert ſind, laßt das Bier ſtehen, wir koſten einen Markobrunner, Strichelius, einen Markobrunner, mehr ſag' ich nicht“— Strichelins, der ein gut Glas Wein zu wür⸗ digen wußte, noch mehr aber Behagen fand, Neu⸗ gierige in den April zu ſchicken und ihnen Naſen auf⸗ zuheften, ſagte:„Aber einen Vierunddreißiger!“ „Verſteht ſich, einen Vierunddreißiger,“ drängte Greifenhahn und hatte nichts angelegentlicher zu thun, als den koſtbaren Fund, den er in dem Bar⸗ bier gemacht hatte, auf ſein Zimmer in Sicherheit zu bringen. Es währte daher nicht lange und die Beiden ſaßen im obern Geſchoß des Rathhauſes im Allerheiligſten des Kellerpachters. Der Markobrunner duftete in grünen Gläſern. Strichelius hatte ſich etwas Brot und Kümmel geben laſſen, um ſeiner Zunge die erforderliche Appretur zu verleihen und den Wein mit Verſtand zu prüfen. Er war ſo in das Weingeſchäft vertieft, daß er ganz vergeſſen zu haben ſchien, weß⸗ halb ihn Greifenhahn eigentlich heraufzitirt. Letzterer ſaß auf Kohlen. Wie wohlthuend es ſein linkes Trom⸗ melfell berührte, wenn Sachverſtändige ſeinem Weine Gerechtigkeit widerfahren ließen, ſo blieb er doch dieß⸗ mal beim Weinlobe vonſeiten des Strichelius auffal⸗ lend theilnahmlos, weil ihn die Operation des hin⸗ 55 reraſiatiſchen Geſandten, zumal dieſer die Welt dar⸗ über in Unkenntniß zu laſſen wünſchte, in die höchſte Affektivn genommen hatte. Strichelius, dem der fibri⸗ rend neugierige Zuſtand des Kellerwirths nicht ent⸗ ging, konnte darum nicht ſatt werden, die Qualität diefes Vierunddreißigers zu rühmen. „Ein ſchmuckes Weinchen— wie theuer kommt Euch der Eimer?“ Nachdem Greifenhahn, der auf ganz anderes brannte, obenyflächlich Auskunft gegeben, fuhr Stri⸗ chelius fort:„Greifenhahn, ſchenkt mir reinen Wein ein, dieſen Jahrgang habt Ihr nicht unter neunzig Gulden, Greifenhahn, lügt Euch nicht in Beutel! Ihr macht mir nichts weiß, dieſen Jahrgang habt Ihr nicht unter neunzig Gulden“ Greifenhahn wollte verzweifeln; er ſchwor Stein und Bein für die Richtigkeit ſeiner Angabe. Half alles nichts; Strichelius verharrte in ſeiner Ungläubig⸗ keit und verblieb bei ſeinem ſtereotypen Satze:„Die⸗ ſen Ausbruch habt Ihr nicht unter neunzig Gulden.“ Nachdem ſich Greifenhahn in ſeiner Ungeduld auf dem Rohrſtuhle faſt ſeine Hoſen durchgerutſcht, ging Strichelius auf die Weinkultur und Weinpflege im Allgemeinen über. „Man glaubt nicht,“ ſprach er,„wie viele Dinge 56 dazu gehören, wie glückliche Zufälle ſich die Hand reichen müſſen, um einen Wein hervorzubringen, wie zum Beiſpiel dieſen Sorgenbrecher hier. Bereits im Herbſte iſt es von höchſter Wichtigkeit, daß das Holz reif wird; unter Reifwerden des Holzes ver⸗ ſteht der Weinbauer, daß die grünen Reben vollkom⸗ men braun werden. Wird alsdann der Stock gelegt und nur einigermaßen geſchützt, kann er ſchon einen reſpektablen Winter vertragen, namentlich wenn an Schnee kein Mangel. Dann iſt es nicht immer gut, wenn die Augen im Frühjahr zu zeitig herauskom⸗ men, weil in der Regel noch Fröſte im Hintergrunde, die ſehr großen Schaden anrichten. Die ſpätern Fröſte, worunter die vminöſen Herren Servatius und Pan⸗ kratius, welche man auch Weinmörder benannt hat, haben es bereits mit dem erſten zarten Blatt⸗ und Traubenanſatz zu thun. Greifenhahn, Ihr habt wohl noch nie darüber nachgedacht, welches wohl die natür⸗ liche Urſache ſein mag, wodurch die erſten Maiwochen ſo auskälten und die darum obigen Kalendertagen ſo gefährlich werden?“ „Aber, beſter Herr Strichelius—“ „Man hat unterſchiedliche Hypotheſen aufgeſtellt, um dieſe Erſcheinung zu erklären, doch bezweifle ich, ob man den wahren Grund gefunden hat.“ 57 „Ihr wolltet ja ſo freundlich ſein vonwegen der Operation—“ Als ob dieſe Worte Greifenhahn's gar nicht an ihn gerichtet geweſen, fuhr Strichelius in ſeiner Geſchichte der Weinkultur fort: „Der Medardus, welcher den achten Juni fällt, wird auch unter die Weinmörder gerechnet. Hier ſoll es aber weniger frieren, ſondern nicht regnen, und das hat ſein Grund darin—“ „Strichelius!“ „Hat ſeinen Grund darin, weil Medardus in die Weinblüte fällt. Da ſoll es überhaupt nicht an⸗ haltend regnen.“ „Ein vorübergehender Gewitterregen ſchadet nicht.“ „Wenn jedoch die Weinblüten durch zu anhal⸗ tende Räſſe verhindert werden, ihre grünen Mützchen abzuwerfen, ſo kann aus der Blüte wie aus einer ſpätern Frucht nichts werden. Irrthümlich glaubt das unverſtändige Volk, es ſolle am Medardustage nicht frieren, nein, nicht regnen ſoll es und zwar nicht anhaltend regnen aus den ſoeben angeführten Gründen.“ „Ich bitt' Euch, Strichelins!“ „Daher auch der alte Spruch: Iſt Medardus naß, Nimmt der Wein ab bis ins Faß, 58 Iſt Medardus Sonnenſchein, Wird der Wein geſegnet ſein.« Habt Ihr einmal Weinblüte gerochen, Greifenhahn?“ „Zum Teufel, nein!“ „Es iſt der feinſte Arom, der ſich denken läßt. Verpaßt darum dießmal die Weinblüte nicht und ſteckt mal Euern Riecher in den Duft. Ihr werdet mir's Dank wiſſen, Greifenhahn.“ „Dem Satan Dank wiſſen,“ murmelte der Kellerpachter.. „Aber eine ſchöne Maiennacht müßt Ihr dazu auswählen. Da duftet die Blüte am ſtärkſten. Hat endlich der Wein abgeblüht, was in unſern Wein⸗ bergen gegen Johanni der Fall zu ſein pflegt, ſo“— Greifenhahn, der von der Weinblüte bis zum Reifwerden und Keltern in eine entſetzliche Perſpektive ſah, vermochte es nicht länger auszuhalten. Er packte des Barbiers Arm und ſchüttelte denſelben ſo konoulſiviſch, daß der Weinhiſtoriker merkte, länger dürfe er die Erwartung Greifenhahn's nicht auf die Folter ſpannen, wolle er denſelben, bei deſſen ſan⸗ guiniſchem Temperamente, nicht in den Zuſtand der Raſerei verſetzen. „Aha, die Operation, richtig,“ ſprach Striche⸗ 59 lins,„die hätt' ich über meiner Weinvorleſung bald ganz vergeſſen.“ Bei dem Worte Operativn war Greifenhahn wieder vollkommen Ohr. „Der Himmel ſei geprieſen,“ dachte er,„daß der Kerl endlich Raiſon annimmt. Er hielt jetzt umſo aufmerkſamer ſein noch ganzes Trommelfell dem Bar⸗ bier hin.“ „Aber, Greifenhahn, ſo Ein Wort“— Greifenhahn ſtreckte zehn Finger in die Höhe und that ſeiner eiteln Neugier zu Gefallen einen ſo läſterlichen Schwur, daß ihm ſelbſt Strichelius das Unpaſſende eines ſolchen Verfahrens zu Gemüthe hielt. Aber Greifenhahn, um ſeine Verſchwiegenheit außer allen Zweifel zu ſtellen, ließ ſich nicht ſtören und fuhr noch eine ganze Weile in ſeinen Schwü⸗ ren und Betheuerungen fort. „Greifenhahn,“ begann endlich Strichelius,„eine Operation war's, bei der alle Haare auf dem Kopfe, ſoviel ein Menſch von dieſem Artikel überhaupt beſitzt, in die Höhe ſteigen.“ Die Phantaſie des lauſchenden Greifenhahn ward durch dieſen Eingang nicht wenig allarmirt. Stri⸗ chelius fuhr fort:„Mir ſchaudert ſelber die Haut, wenn ich zurückdenke.“ 60 Da nach dieſen Worten der Barbier eine aber⸗ malige Pauſe eintreten ließ, erkundigte ſich endlich der Kellerpachter: „An welchem Theile des geſandtſchaftlichen Lei⸗ bes habt Ihr denn herungeſchnitten?“ „Am Kopfe!“ „O weh, am Kopfe, an einem ſo gefährlichen Theile des menſchlichen Körpers. Gewiß eine Zahn⸗ fiſtel?“ „Schlimmer!“ „Ein Naſenpolype?“ „Schlimmer!“ „Doch nicht Krebs?“ „Schlimmer!“ „Weichſelzopf?“ „Schlimmer!“ „Doch nicht gar Trepanation?““ „Schlimmer!“ „Noch ſchlimmer? Jetzt, Strichelius, iſt meine Weisheit zu Ende.“ Der Barbier ſteckte jetzt ein ganz eigenthümli⸗ ches Geſicht auf, wie ſich Greifenhahn nie entſann, wahrgenommen zu haben. Sein Inneres ſagte ihm daher, daß hinter dieſem merkwürdigen Antlitze etwas entſetzliches verborgen ſei. Strichelius nahte 61 ſich mit ſeinem Munde dem noch brauchbaren Trom⸗ melfelle und ſprach die verhängnißoollen Worte: „Der ganze Kopf ſtand falſch.“ Das Erſtaunen des Zuhörers erreichte den höch⸗ ſten Grad. Entſetzen geſellte ſich hinzu. „Wie ſo denn falſch?2“ ſtammelte Greifenhahn in der Angſt, das Schrecklichſte zu vernehmen. „Verkehrt!“ Greifenhahn, der ſich in ſeiner Alteration keinen rechten Begriff vom einem verkehrtſtehenden Kopfe machen konnte, erkundigte ſich daher von neuem? „Wie denn, verkehrt?“ Strichelius nickte unheimlich:„Mit dem Ge⸗ ſichte— mit Reſpekt zu ſagen— nach hinten.“ Der Kellerpachter ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen. „Wie war denn der Unglückliche zu dieſem ent⸗ ſetzlichen Malheur gekommen?“ „In einem Kriege mit einem wilden Rachbar⸗ volke war Seine Exzellenz dazu gekommen, wo noch die barbariſche Sitte herrſcht, den Gefangenen den Hals umzudrehen, das Geſicht in Nacken. Das kann nun der Hundertſte nicht vertragen und geht zu Grunde. Unſer Geſandte hatte es aber vertragen, war glücklich davongekommen, aber das Geſicht verblieb 62 in der unglücklichen Stellung und ſchaute beſtändig rückwärts ſtatt vorwärts.“ „Gréßlich, gräßlich,“ ſprach Greifenhahn mit gefalteten Händen,„da wußte ja der Unglückliche vorne nicht, was er hinten aß.“ „Bedenkt, welche Lage,“ fuhr Strichelius fort, „Ihr werdet jetzt auch den Grund einſehn, warum ſich Mirza ben Hafiz in den erſten Tagen ſeiner An⸗ kunft vor niemand ſehen ließ.“ „Und Ihr ſeid der Glückliche, der den durch⸗ lauchtigſten Kopf wieder nach vorne gerichtet?“ „So iſt es,“ nickte Strichelius nicht ohne Selbſt⸗ gefühl. „Hab ich's doch immer geſagt,“ verſetzte Grei⸗ fenhahn,„der Strichelius, hab'ich geſagt, iſt ein Mann, der zehn Doktoren zu rathen aufgibt. Wer weiß, ob Rattenſpazer ſich an dieſe Operation gewagt?“ „Wo das Vertrauen zu einem Atzte fehlt, guter Greifenhahn, da vermag alle Kunſt nichts. Mirza ben Hafiz hatte einmal das Vertrauen zu mir, da ging's auch. Aber es war eine verzweifelte Arbeit. Wenn ich den Kopf manchmal herum hatte und mich darob freute, eh' ich mir's verſah, ſaß er wieder hinten. Erſt nach Durchſchneidung einiger Halsmuskeln und Sehnen gelang mir's endlich, ihn dauernd für 63 die Hauptfronte zu gewinnen. Doch muß ſich der Pa⸗ tient noch immer ſehr in Acht nehmen. Bei einiger Unaufmerkſamkeit ſchnappt der Halswirbel über, und wir haben die alte Beſcherung.“ „Ich wär' des lebendigen Todes,“ geſtand der Kellerpachter,„wenn ſo was in meiner Gegenwart paſſirte.“ „Es iſt ein entſetzlicher Anblick.“ „Glaub' es; aber wie wußte denn der Herr Geſandte in Hinteraſien von Eurer ſtupenden Ge⸗ ſchicklichkeit?“ „Es gehörte weniger Geſchicklichkeit als Courage zu der Operativn. Mirza ben Hafiz iſt ganz Aſien und halb Europa durchgereiſt: hat Hunderte von Aerz⸗ ten konſultirt, keiner hatte den Muth. Er fragte von Stadt zu Stadt, allerorts vergeblich. So kam er nach Kirchberg und ſchickte nach mir.“ „Und Ihr unternahmt, was hundert Aerzten als eine Unmöglichkeit erſchienen?“ „Der Erfolg hat meinen Muth gekrönt. Dem Muthigen gehört die Welt, wie das Sprüchwort be⸗ ſagt.“ „Das muß ich geſtehen,“ verſetzte der Keller⸗ wirth, der ſich von ſeinem Erſtaunen noch immer nicht erholen konnte,„ich hab' Euch viel zugetraut, 64 aber einen verdrehten Kopf wieder zurechtzuſetzen, das will was.“ „Denk's auch!“ „Alſo einen anderen Zweck als die Rektifikation des verkehrten Kopfes hatte die Geſandtſchaft nicht?“ „Ein anderer iſt mir nicht bekannt.“ „Da wird ſie wohl bald wieder aufbrechen und nach Aſien zurückkehren, da der Kopf in Ord⸗ nung?“ „Wohl möglich.“ „Und Euer Schade wird's auch nicht ſein.“ „Hoff' e3 „Das zeigt ſchon der Ring. Laßt mich ihn ein⸗ mal genauer beſchauen.“ Strichelius hielt nachläſſig die Hand hin. „Glücklicher Doktor, durch ein bloßess Kopfum⸗ drehen einen ſolchen Schatz zu erwerben.“ „Aber, Greifenhahn, ſo Ein Wort über Eure Lippen, ich glaube, Mirza ben Hafiz ließe Euch weg⸗ fangen und lebendigen Leibes ſchinden.“ „Ich habe ja geſchworen. Aber ſehen möcht' ich den geſtrengen Herrn gern einmal. Könnt Ihr ihn denn nicht einmal auf den Keller bringen, wenn er auch nicht's Große verzehrt, 8 iſt mir um die Ehre.“ „Mirza ben Hafiz liebt nicht große Geſellſchaften.“ 65 „Er könnte ja kommen, wenn keine Gäſte da find. Ich würde es ſchon bekannt machen, daß Seine Herrlichkeit meine Lokalitäten in Augenſchein genom⸗ men Vielleicht ſind Seine Herrlichkeit Kunſt⸗ und Bilderfreund. Ich habe wieder eine ganz neue Gal⸗ lerie angeſchafft. Seht Euch nur um.“ Die Worte:„Seht Euch nur um,“ erinnerten den Strichelius, daß es Zeit ſei, zu ſeinem Freunde Hor⸗ nickel zurückzukehren, um den letzten Paragraph der alten Satzungen von Tauharawi zu erwünſchter Er⸗ ledigung zu bringen Er trank daher das letzte Glas aus, machte die Nagelprobe und verſprach, die Beſichti⸗ gung der neuangelangten Bilder ſich für ein anderes⸗ mal vorzubehalten. Nachdem Greifenhahn nochmals heilige Ver⸗ ſchwiegenheit gelobt, und Strichelius ihm verſprochen, den fremden Geſandten einmal auf den Keller zu bringen, verabſchiedete er ſich, und kehrte zu Hornik⸗ kel'n zurück. Hier eroberte der unermüdliche Diplomat, ob⸗ ſchon nach abermaligem ziemlich harten Kampfe, das letzte Bollwerk, welches Hornickel'n den Weg zum Thron verſperrte. Nachdem der Wucherer ſchriftlich ſich verbindlich gemacht, binnen drei Tagen der Witwe Friedberg das unterſchlagene Vermögen zurückzuerſtat⸗ 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 5 66 ten und die benöthigten Summen für das fernere Studium Ehregott's auszuzahlen, ſowie die Zukunft des armen Fiſchel ſicherzuſtellen, kam endlich der be⸗ rühmte Vertrag zuſtande. Zugleich wurden Tag und Stunde feſtgeſetzt, wo die hinteraſiatiſche Geſandtſchaft die Ratte in Augenſchein nehmen und ihre Huldi⸗ gung darbringen ſollte. Drittes Rapitel. Die beiden Töchter Arnheim's, Marianne und Joſephine, waren aus der Vormittagpredigt zurück⸗ gekehrt und unterhielten ſich weniger über den geiſt⸗ lichen Vortrag, als über die Toiletten der Nachbarſchaft. „Haſt Du den geſchmackloſen Hutbeſatz von Kriegs⸗ raths Paulinen geſehen,“ frug Marianne,„grün und gelb, à la Vitzliputzli. Dieſe Närrin wird im Leben keinen Geſchmack lernen, und wie trägt ſie den Kopf, Gott behüte, wenn ſie doch lieber an die Schulden ihres Herrn Papa dächte. Sogar die Dienſtmädchen ſollen über rückſtändigen Lohn klagen.“ „Und Frau von Vollheim that ja auch erſchreck⸗ lich wichtig mit ihrem neuen Armband,“ ſprach Jo⸗ ſephine,„lieber Himmel, man hat andere Armbänder 67 geſehen. Auch mag ich nicht unterſuchen, ob die Steine echt ſind.“ „Iſt Dir die Spitzenmantille der Mamſel Lind⸗ ner nicht aufgefallen?“ fuhr Marianne fort.„Es iſt doch was ſchönes, wenn man einen Baron zum Anbeter hat.“ Auf dieſe und ähnliche Weiſe wurde ein großer Theil der Kirchennachbarſchaft durchgemuſtert, daß es den Anſchein gewann, als wäre das Schweſternpaar nur in der Kirche geweſen, um Toilettenkritiken anzuſtellen. „Wo nur Marie bleibt,“ frug ungeduldig aufſte⸗ hend Joſephine,„ſie könnte ſogut zu Hauſe ſein wie wir. Sie ſoll mir ein Band aufnähen.“ „Die lernt ſich auch im Leben nicht benehmen,“ ſprach Marianne,„hier heißt es recht, liebe Einfalt vom Lande. Ich begreife gar nicht, wie ſich die Herren mit dem ſimpeln Dinge unterhalten und ihr gar Schmeicheleien ſagen können. Ich kann mich nicht entſinnen, auch nur Eine geiſtreiche Antwort von ihr vernommen zu haben.“ „Schmeicheleien,“ meinte Joſephine,„ cheint ſie gar nicht zu verſtehen. Sie bleibt ganz gleich⸗ giltig dabei.“ „Sie paßt zum neuen Herrn Hauslehrer,“ lachte Marianne,„ein ſolcher hölzerner Tropf iit unter 5 68 jungen Männern auch noch nicht vorgekommen. Glaubſt Du, daß er mir noch nicht eine einzige Schönheit geſagt hat?“ „Denkſt Du denn, er hat mir eine geſagt?“ er⸗ wiederte Joſephine.„Aber jetzt wird mir's außerm Spaße, wo das Mädchen bleibt. Ich glaube, die iſt auf die Wachtparade gegangen oder gibt ein Rendezvous.“ „Letzteres wohl kaum,“ lachte Marianne. „Lerne mich die Menſchen nicht kennen, ſtille Waſſer ſind tief.“ Während ſich das Schweſternpaar auf dieſe Art unterhielt, trat Marie, das Geſangbuch in der Hand, ſittig ins Zimmer. Da das höfliche Sie der erſten Tage, auf aus⸗ drücklichen Wunſch der Frau Mutter, mit dem ein⸗ fachen Du vertauſcht worden war, rief Joſephine ſo⸗ gleich:„Aber, Mädchen, wo bleibſt Du, wo biſt Du ſo lang geweſen?“ Marie ſchaute verwundert auf:„Ich komme aus der Kirche.“ „Aus der Kirche, welche Unwahrheit, die Kirche iſt ja längſt aus. Wir find faſt eine halbe Stunde zu Hauſe.“ „Der Gottesdienſt war aber ſpeben erſt zu Ende,“ ſprach Marie. „Lüge nicht,“ rief heftig Joſephine. Marie erröthete. „Sieh', wie ſie roth wird,“ fuhr Joſephine fort, „alſo wo biſt Du geweſen?“ „Ich ſagte die Wahrheit!“ Jetzt ſprang Marianne auf, drehte ſich auf den Abſätzen wiederholt um ſich ſelbſt, ſchlug die Hände zuſammen, und wollte ſich todtlachen. „Ich hab's,“ rief ſie,„ſie hat gewiß in ihrer Einfalt das letzte Lied mitgeſungen.“ „Ja, das hab' ich mitgeſungen.“ „Da haben wir's, 0 sancia simplicitas, weißt Du denn nicht, daß ein anſtändiges Publikum un⸗ mittelbar nach der Predigt die Kirche verläßt? Nur der Janhagel und alte Weiber bleiben bis zuguterletzt ſitzen.“ „Mir ward es in meiner Heimat ſo gelehrt,“ entſchuldigte ſich Marie,„daß man in der Kirche verbleibe, bis der Gottesdienſt zu Ende“ „Das mag auf Eurem einfältigen Dorfe der Fall geweſen ſein,“ verſetzte Joſephine,„in der ge⸗ bildeten Reſidenz hat man längſt die Langweiligkeit dieſer beſtändigen Singerei eingeſehen. Du mußt Dich intereſſant ausgenommen haben unter lauter alten Betſchweſtern. Apropos,“ fuhr ſie fort,„wie hat Dir denn die Predigt gefallen, nicht wahr, das iſt ein anderer Kanzelredner als Euer altväteriſcher Paſtor in der Dorftirche? Welch geiſtreicher Vortrag!“ „Ja, die Worte waren recht ſchön,“ erwiederte Marie,„aber ſie ſchienen dem Herrn Pfarrer nicht recht aus dem Herzen zu kommen.“ „Herzen kommen“— ſpottete Joſephine,„was dieß für einfältige Ausdrücke ſind. Der Herr Doktor weiß, daß ein großer Theil ſeines Publikums den gebildeten Ständen angehört, hier würde er ſich mit einfacher Herzrührung nur lächerlich machen; ein ſolches Publikum verlangt geiſtreiche, nahrhafte Speiſe. Was haſt Du ſonſt auszuſetzen? Welch ſchönes Organ, welche ſtattliche Haltung. Das wirſt Du doch gefunden haben?“ „O ja,“ verſetzte Marie. „Er hat Dir wohl nicht fromm genug gepre⸗ digt?“ warf Marianne dazwiſchen. Marie ſchwieg. „Ja, gutes Kind,“ belehrte Joſephine,„pieti⸗ ſtiſche Predigten ſuchſt Du hier vergebens. Die Sonne der Vernunft iſt zu hoch am Himmel des Jahrhun⸗ derts heraufgeſtiegen. Die Nebel des frommen Aber⸗ E glaubens ſind geſchwunden. Immer mehr tritt die geiſtreiche Kritik ſiegend auf gegen veraltete Sat⸗ zungen.“ „Aber aus ſolchen bloßen Verſtandespredigten,“ wagte Marie ſchüchtern einzuwenden,„kann das chriſtliche Gemüth doch keinen rechten Troſt ſchöpfen.“ „Geht man denn heutzutage in die Kirche, um Troſt zu ſchöpfen?“ frug Joſephine,„was das für beſchränkte ſpießbürgerliche Anſichten ſind. Man geht in die Kirche, weil es die Stellung, der Anſtand, die Sitte mit ſich bringen, und damit man dem ge⸗ meinen Manne den Verdacht benimmt, als ſei man eine ſchlechte Chriſtin. Einen andern Zweck hat das oft ſehr langweilige Kirchengehen in unſerm aufgeklärten Zeitalter bei dem Gebildeten nicht. Einem gebildeten Publikum können die Schwarzröcke auch nichts neues mehr lehren oder gar etwas weißmachen, was der Vernunft zuwider. Was gäbe es im Chriſtenthum auch noch zu lernen? Sind zum Beiſpiel ich und meine Schweſter nicht ganz gute Chriſtinnen? Thun wir Böſes? Wandeln wir nicht auf dem Wege des Anſtands und der Sitte? Geben wir nicht den Armen? Was kann der Geiſtliche mehr ver⸗ langen? Und leben wir bei dieſer Philoſophie nicht zufrieden? Ja, Philoſophinnen ſind wir, Ra⸗ E2 tionaliſtinnen auf kirchlichem Gebiete, die ſich von keinem Pfaffen mehr ein 4 für ein U weißmachen laſſen. Du einfältiges Mädchen glaubſt wohl gar noch an die Wunder?“ Marie erſchrak faſt bei dieſer Frage. „Wie ſoll ich nicht,“ frug ſie ſchüchtern,„lehrt ſie doch die heilige Schrift?“ „Gutes Kind, die Bibel lehrt manches,“ fuhr die Philoſophin Joſephine fort,„was heutzutage allen Glauben verloren hat.“ „Du glaubſt alſo wirklich,“ frug Marianne, die auf ähnlichem rationellen Zeitbewußtſein wie ihre Schweſter ſtand,„daß z. B. der Herr Elias, wie er leibte und lebte, zum Himmel aufgehoben ward?“ Marie begriff gar nicht, wie man eine That⸗ ſache, die ihr ganzes Leben ſo unbezweifelt und heilig dageſtanden, nicht glauben ſolle. Sie antwortete da⸗ her mit frommer Zuverſicht:„Ja, ich glaube, daß dieſer große Prophet aufgeſtiegen iſt zu unſer aller Vater.“ Die aufgeklärten Schweſtern ſahen einander mit Blicken an, welche deutlich ſagten:„Das einfältige Ding, wie bemitleidenswerth iſt es, welch beſchränkte Erziehung, keine Spur von Aufklärung, wie ſie von der heutigen Bildung einigermaßen berlangt wird.“ 73 Joſephine, welche gern die Lehrmeiſterin machte, fühlte ſich vor allem berufen, die Marie aus ihrer geiſtigen Nacht zum höhern Lichte emporzuheben. „Liebes Kind,“ frug ſie,„haſt Du nie etwas von dem Gravitationsgeſetze oder der Attraktions⸗ kraft gehört?“ Marie ſchüttelte den Kopf. „Nun ſieh',“ fuhr die Lehrmeiſterin fort,„bereits ſeit dem großen Newton weiß die Wiſſenſchaft, daß die größere Maſſe die kleinere anzieht; darum zieht auch der Erdkörper alle kleinern Körper an. Sie fallen alle dem Erdſchwerpunkte zu. Sieh', jetzt laß' ich meinen Fingerhut fallen, der ſteigt nicht in die Höhe, ſondern nähert ſich mit gewiſſer, immer größer werdenden Schnelligkeit dem Erdboden. Warum? Weil er infolge der Attraktionskraft von der Erde angezogen wird. Haſt Du das verſtanden?“ Als Marie bejahend das Haupt neigte, fuhr die Dozentin fort:„Infolge dieſes Geſetzes nun, welches ſeit Erſchaffung der Welt gilt, wie iſt es möglich, daß ſich jemand, dieſem Geſetze zuwider, aufſchwingen kann, wie die Bibel vom Flias lehrt? Ich frage Dich, wie iſt das möglich?“ Marie, nachdem ſie die Attraktionskraft anerkannt, wußte nicht gleich, was ſie erwiedern ſollte, als wie ein Donner des Gerichtes die Worte durch das Gemach rollten:„Weil es Gottes Wille war, war es möglich.“ Erſchrocken ſchauten alle drei Frauen⸗ zimmer, von wannen dieſe Stimme kam, und Ehregott Friedberg ſtand, feierlichen Ernſt auf dem edeln Anrlitz, am Eingange des Zimmers. Er, der ſonſt ſanfte und ſchüchterne Jüngling ward ſtets ein ganz anderer, ſobald es galt, das heilige Reich des Herrn, das ſein ganzes Weſen erfüllte, zu vertheidigen. Ihm, der ſo demüthig und rückſichtvoll, galt da kein An⸗ ſehen der Perſon. Seine in der Regel etwas ver⸗ nachläſſigte und nicht imponirende Haltung erhob ſich ſtattlich und frei, ſeine Stimme ward kräftiger und ſonorer und ſeine Blicke leuchteten begeiſtert von der heiligen Wahrheit, die in ſeinem Innern flammte. Die erſchrockenen Schweſtern erkannten den zeither wegen ſeiner geringen Welttournüre nur wenig geachteten neuen Hauslehrer faſt nicht wieder. Er ſchritt feſten Schrittes bis in die Mitte des Zimmers, und ſchaute ernſt zu dem Schweſtern⸗ paare auf. „Es iſt nicht recht, Jemanden in ſeinem Glauben irre zu machen, ohne daß man im Stande iſt, ihm etwas Beſſeres dafür zu geben; und Sie, meine 75 Damen, wie ich gezwungen ward zu vernehmen, ſind es gerade am wenigſten.“ „Laſſen Sie ſich, mein Fräulein,“ ſprach er mit ſanfterer Stimme zu Marien gewendet,„in Ihrem heiligen Glauben durch die Beleſenheit dieſer Dame (er zeigte auf Joſephine) nicht beirren. Denſelben heiligen Glauben theilte jener große Mann, welchen das gelehrte Fräulein zu zitiren beliebte, Iſaak Newton, welchem die Geſetze der Gravitativn und der Attraktivnskraft vielleicht noch etwas näher be⸗ kannt geweſen ſein dürften, als dem gelehrten Fräulein.“ Joſephine, die Philoſophin, war mehr todt als lebendig. War der Hauslehrer wahnſinnig geworden, mit der älteſten Tochter des Hauſes alſo zu ſprechen? „Im Auftrage Ihres Herrn Vaters,“ fuhr Ehregott, in den gewöhnlichen höflichen Ton zurück⸗ fallend und zu den Schweſtern gewendet, fort,„ſoll ich die Meldung machen, daß Graf Alphons ſich für heut Abend hat anmelden laſſen und daß Sie in Abwe⸗ ſenheit der Frau Mutter Sorge tragen möchten, ſämmt⸗ liche Zimmer in den erforderlichen Stand zu ſetzen.“ Nach dieſen Worten verneigte ſich Ehregott höf⸗ lich vor Joſephine und Marianne, noch tiefer vor Marien und verließ das Gemach 76 Marianne, welche ſich von ihrem Schreck zuerſt erholte, war entſchieden der Anſicht, daß es im Kopfe des Kandidaten nicht ganz richtig ſein müſſe, wäh⸗ rend die Philoſophin Joſephine, die ſich auf das entſetzlichſte beleidigt fühlte, gar nicht recht zum Be⸗ wußtſein kommen konnte. Indeß drängte der Gedanke an den reichen, ſchönen und liebenswürdigen Grafen Alphons die gehabte Alterativn mit dem armſeligen Kandidaten bald in den Hintergrund. Die Auszeichnung, daß der Löwe des Tages ſich habe anmelden laſſen, nach welcher die ſtolze Familie Arnheim ſchon immer vergebens geſtrebt, war hinrei⸗ chend das ganze Weſen des Schweſternpaares ſo unge⸗ theilt in Anſpruch zu nehmen, daß man ſich nicht einmal die Mühe gab, die erlebte Strafſzene einer nähern Prüfung zu unterwerfen Auch die Belehrung Mariens, um ſie aus der Nacht des Irrthums auf die Sonnenhöhe der Aufklärung zu heben, ließ man auf ſich beruhen. Ob Marie an eine Himmelfahrt glaube oder nicht, war jetzt den Schweſtern ganz gleichgil⸗ tig. Weit mehr beſchäftigte ſie die Sorge um das Arrangement für eine ſofort zu veranſtaltende Soirée, zumal da die Mutter verreiſt war, und, was die Haupt⸗ ſache, um die zu wählende Toilette für den heutigen hochwichtigen Abend. 77 Marie ſelbſt wußte nicht, wie ihr geſchehen. Die Erſcheinung des jungen Gottesgelehrten, den ſie bisher nur flüchtig auf einige Augenblicke geſehen, der Ernſt ſeiner Rede, die Wahrheit, die ſo überzeu⸗ gend aus ſeinen Worten ſprach, hatte einen ſo außer⸗ ordentlichen Eindruck auf das fromme Gemüth hervor⸗ gebracht, daß Marie eine Zeitlang wie träumend da⸗ ſtand und erſt durch den Allarm, in welchem ſich das Schweſternpaar alsbald gefiel, aufgeſchreckt wurde. Sie überkam ſofort ſo viel häusliche Aufträge, daß ihr keine Zeit blieb, über die erlebte Szene ungeſtört nach⸗ zudenken; aber Ehregott's gottbegeiſterte Erſcheinung ſtand fort und fort lebhaft vor ihrer Seele und ſeine Worte: Laſſen Sie ſich in Ihrem heiligen Glauben nicht beirren, klangen wie Himmelsgruß in ihrem Ohre wie⸗ der Jetzt, fühlte ſie, ſtand ſie nicht mehr allein. Sie ſehnte ſich in ihr Kämmerlein, um recht ungeſtört über das Erlebte nachzudenken, und darum kam ihr die Soirte, die gewiß bis in die Racht hinein währte, während ſie nach Einſamkeit ſchmachtete, gar nicht recht. Der Graf Alphons, um den ſich heut alles drehte, ließ ſie vollkommen gleichgiltig. Die außerordentlichſten Vorkehrungen wurden getroffen, damit die heutige Soirée ſo glänzend wie möglich ausfalle. Auch war keine Zeit zu verlieren, 78 um die Einladungen an die näher befreundeten Fa⸗ milien ergehen zu laſſen. Das Schweſternpaar wußte daher kaum, wo ihm der Kopf ſtand. Desgleichen mußten ein paar ſchon vor längerer Zeit eingeübte brillante Pianoforteſtücke von neuem probirt werden, da die Geſchwiſter Arnheim gern als Virtuvſen glänz⸗ ten, obſchon ihr ganzes Spiel nur in ein paar müh⸗ ſelig eingeübten Kunſtſtückmachereien beſtand, die dem gewöhnlichen Publikum zwar imponirten, den Kenner aber vollkommen ruhig ließen. Es entſtand Streit zwiſchen den Schweſtern hinſichtlich der Wahl der Stücke. Eine jede wollte für ſich die dankbarern Piecen. Ein ähnlicher Streit entſtand hinſichtlich der vorzutragenden Deklamationsſtücke; denn auch auf dieſem Felde bemühte man ſich zu glänzen Beide Schwe⸗ ſtern waren für den heutigen Abend auf Schiller's Taucher verſeſſen und keine wollte der andern dieſe Ballade abtreten. Endlich einigte man ſich, daß Joſephine den Taucher und Marianne den Monolog aus der Jungfrau von Orleans:„Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften, vortragen ſollte. Unter ſolchen Vorbereitungen war bereits der Nachmittag herbeigekommen, als Herr Arnheim ſehr ungehalten in das Zimmer trat, eben als ſeine Töch⸗ ter noch tief mit ihren Toiletten beſchäftigt waren. „Dieſes Künſtlervolk,“ begann er,„wird täglich unverſchämter. Denkt, was mir ſpeben paſſirt iſt.“ Beide Fräuleins horchten hoch auf. Herr Arn⸗ heim fuhr fort:„Kaum daß ich hent morgen das Handbillet erhalten, worin uns der Graf Alphons die Ehre ſeiner Gegenwart für heut Abend anzeigt, als mir der glückliche Gedanke durch den Kopf fährt, daß der bekannte Violinſpieler Steinberg ſich ſeit einigen Tagen in unſerer Stadt aufhält. Ich laſſe ihn ſofort auf eine Taſſe Thee für heut Abend ein⸗ laden, wobei ich den Wunſch unterlaufen laſſe, daß es uns recht angenehm ſein würde, wenn er ſein bewundertes Inſtrument mitbringen wollte. Eben erhalt' ich ſeine Antwort, und wißt Ihr, was der malitiöſe Musje ſchreibt?“ „Nun?“— frugen die Schweſtern. „Er dankt ſchönſtens für die Einladung, da ſeine Geige keinen Thee trinke.“ „Gemeiner Menſch!“ rief Marianne. „Elender Geiger!“ ſprach Joſephine. „Was ſich ſolch ein Fiedler nur herausnimmt,“ fuhr der Vater fort,„der ſich's zur Ehre anrechnen ſollte, in einen Kreis, wie den unſern, gezogen zu werden.“ 80 Herr Arnheim erkundigte ſich jetzt, ob alles für den Abend in Ordnung? „Wir ſind noch nicht zu Athem gekommen,“ ver⸗ ſicherten die Töchter,„aber wie kurz der Termin war, wir werden mit Ehren beſtehen. Der Herr Graf Alphons wird ſich unſeres Salons nicht zu ſchämen brauchen.“ „Mir wär' allerdings lieber geweſen,“ meinte der Bankier,„die ehrende Zuſchrift des Herrn Grafen wäre etwas früher gekommen, ich hätte dann für einige Ueberraſchungen Sorge getragen, die in der hieſigen Salonwelt gewiß Aufſehen erregt haben würden; auch daß die Mutter nicht anweſend, iſt mir nicht recht. Sie verſteht ſich auf die Honneurs wie ſelten eine Dame unſeres Standes, indeß hoffe ich, daß Du, Joſephine, Deine Sachen machen wirſt.“ „Unbeſorgt, lieber Papa,“ ſprach Joſephine, „hab' ich doch bereits im vorigen Winter einer Svoirée vorgeſtanden, und wenn die Schmeicheleien nur halb wahr ſind, die man mir damals ſagte, ſo“— „Haben denn die Geladenen angenommen?“ erkundigte ſich der Bankier. „Bis auf Thalheims, wo die Mutter plötzlich ertrankt iſt, und auch auf Kommerzienraths, die morgen —,——— 81 früh verreiſen ſämmtlich. Es wird kein großer, aber gewählter Zirkel ſein.“ Ein Bedienter erſchien jetzt und meldete, daß ein vornehmer Fremder den Herrn Bankier ſofort zu ſprechen wünſche. Arnheim verließ das Zimmer und die beiden Schönen wandten ihre ungetheilte Aufmerkſamkeit wieder den Vorbereitungen zu ihrer Toilette zu, wobei ſie beide nicht ermangelten, das dienende Perſonal in beſtändiger Bewegung zu er⸗ halten. „Aber,“ frug nach einiger Zeit Joſephine.„Was fangen wir mit unſerer Einfalt vom Lande heut Abend an? Als unſere Geſellſchafterin können wir ſie un⸗ möglich einführen?“ „Sie iſt Dienerin, und kann den Thee herum⸗ geben,“ ſprach Marianne. „Aber da fällt mir noch ein,“ rief plötzlich Jo⸗ ſephine und hätte faſt das Armband, das ſie zufällig in der Hand hielt, fallen laſſen,„das Ungeheuer von heut Morgen, der verrückte Menſch, dieſer Kan⸗ didat, wird doch nicht erſcheinen, ich wäre ein Kind des Todes. „Wir brauchen ja nur den Papa oon dem Benehmen des Unverſchämten in Kenntniß zu ſetzen.“ Während die beiden Schweſtern über dieſe An⸗ 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 6 82 gelegenheit beriethen, kehrte der Bankier Arnheim in hoher Aufregung zurück. „Kinder,“ rief er, und wehte ſich mit einem Tuche Kühlung zu, ſo erhitzt war er,„welch neue Ehre für unſer Haus, daß die Mutter grade jetzt verreiſt ſein muß.“ Die Aufmerkſamkeit der Fräuleins erreichte den höchſten Grad. „Denkt Euch, welch ſeltener Gaſt heut Abend noch erſcheinen wird, ein Gaſt, ſag' ich Euch, um den uns die höchſten Familien beneiden müßten.“ „O bitte, wer iſt's?“ riefen beide Töchter aus einem Munde. „Ein Lord von England!“ Mit dieſem Ausrufe ſank Arnheim ganz er⸗ ſchöpft in einen Lehnſeſſel. „Ein Lord von England?“ ſcholl es vonſei⸗ ten der beiden Fräuleins, die nicht recht gehört zu haben glaubten, im Tone des höchſten frendigen Er⸗ ſtaunens. „Und was für Wechſel—“ fuhr der Bankier fort—„ein Prinz kann nicht glänzender dotirt ſein.“ „Wie heißt er denn?“ riefen die Fräuleins, denen faſt der Athem ausging. „Lord Derby iſt ſein Name,“ fuhr der Vater 83 fort,„der allerhöchſten Ariſtokratie Englands ange⸗ hörig. Und ſehen müßt Ihr ihn, Mädchen, ſehen, ein zweiter Apollo— allen Reſpekt vor dem ſtatt⸗ lichen Aeußern des Herrn Grafen Alphons, aber gegen den jungen Lord, wenn ich ein Mädchen wäre, ich wüßte nicht: blonde Locken, blaue himmelvolle Augen, kurz ein wahrer Liebesgott, und unmenſchlich reich.“ Den hochaufhorchenden Mädchen klangen dieſe Worte ihres ſonſt nicht leicht zu exaltirenden Vaters wie aus ſchönerer Welt. Marianne war diejenige, welche ſich zuerſt und zwar inſoweit von ihrem freu⸗ digen Erſtaunen erholte, daß ſie zu der Frage gelangen konnte, welcher Zweck wohl der des jungen ſchönen Lords in hieſiger Stadt ſei? „Amuſement, nichts weiter, ſich die Welt an⸗ ſehn, vielleicht eine Frau zu ſuchen.“ Dieſe letztern Worte des Herrn Papa waren vollends geeignet, das Intereſſe der beiden Fräuleins in Anſpruch zu nehmen. „Und unſere Soirte will Seine Lordſchaft be⸗ ehren,“ frug wieder Marianne,„wie hat ſich denn das ſo raſch gemacht?“ „Weiß ſelbſt nicht,“ geſtand der glückliche Vater, „weiß ſelbſt nicht, wo ich die Courage hernahm, den herrlichen jungen Briten zu erſuchen, uns die 6* Ehre zu geben; aber er hat ſo was gewinnendes und einnehmendes, daß man ſich unwillkürlich zu ihm hingezogen fühlt und Vertrauen faßt.“ Joſephine hatte ob des engliſchen Lords, welcher ganz der Mann war, der Svirte einen ungeahnten Glanz zu verleihen, ihr Abenteuer mit dem Kan⸗ didaten Friedberg rein vergeſſen. Sie wurde von Mariannen noch zu rechter Zeit daran erinnert. Man theilte dem Vater die Behandlung, die man am Morgen vonſeiten des neuen Hauslehrers erfahren hatte, in der Kürze mit und verband damit das Geſuch, daß Friedberg von der heutigen Svirée aus⸗ geſchloſſen werde. „Ich werde dieſen Menſchen morgen vornehmen und ihm tüchtig den Kopf zurechtſetzen,“ verſprach der Bankier, nachdem er die Anklage ſeiner Töchter ver⸗ nommen;„aber für heut Abend kann ich Euerm Wunſche unmöglich nachkommen. Ich habe mit Mühe und Noth ein kleines Streichquartett zuſammenge⸗ bracht, wo Friedberg die zweite Violine, deren er ſehr ſicher iſt, übernehmen wird. Ich habe das Nöthige bereits mit ihm beſprochen. Doch werde ich Sorge tragen, daß er ſich unmittelbar nach dem Konzerte abſentirt. Ich glaube auch nicht, daß dieſer Menſch für die beſſere Geſellſchaft paßt, und bezweifle 85 darum, daß wir lange Zeit gute Freunde bleiben werden.“ „O ſchicke ihn fort, ſobald als möglich,“ bat Joſephine,„lieber heut als morgen. Ich kann dieſen Menſchen nicht ertragen.“ „Nur hent Abend bitt' ich Euch, macht gute Miene zum böſen Spiel. Es läßt ſich einmal nicht ändern. Auch Lord Derby iſt muſikaliſch und da darf das Quartettchen nicht fehlen.“ Der neu angekündigte Gaſt gab Veranlaſſung, daß man wo möglich mit noch größerem Eifer ans Werk ging, um die heutige Abendgeſellſchaft ſo glän⸗ zend wie möglich auszuſtatten. Herr Arnheim ſelbſt vernachläſſigte Kontor und Geſchäft und ging mit rüſtig zur Hand, was er ſonſt nie zu thun pflegte. Während aber die Familie Arnheim von nichts weiter ſprach, als von dem engliſchen Lord, ſaß dieſer, eine Zigarre rauchend, gemüthlich in einem abgelegenen Stübchen ſeines Hötels, wohin er auf unbemerkbare Weiſe Ehregott Friedberg hatte be⸗ ſcheiden laſſen. Letzterer wollte vor Freude laut aufjubeln, als er ſeinen herrlichen Fidelis, denn niemand anders war der junge Lord Derby, der Arnheims ſo in Allarm geſetzt, wieder erkannte. Fidelis jedoch wünſchte, —— 86 keinen Lärm zu machen, damit man nicht unnöthi⸗ ges Aufſehn veranlaſſe. „Ich habe,“ ſprach er,„einzig undallein einen Ab⸗ ſtecher hierher gemacht, um mich perſönlich zu über⸗ zeugen, in welchem Fahrwaſſer Du Dich befindeſt, und ob es nicht beſſer, daß Du zu Deinen akade⸗ miſchen Studien zurückkehrſt.“ Friedberg ſchaute verwundert auf. Er ſchien zu fragen:„Bei meiner Mittelloſigkeit, wie kann da von einem akademiſchen Weiterſtudium die Rede ſein?“ Fidelis ſchien die Gedanken ſeines Freundes zu errathen. „Dann bin ich auch gekommen,“ fuhr er fort, „Dir die frohe Nachricht zu überbringen, daß Hor⸗ nickel Deiner Mutter das geſammte unterſchlagene Vermögen zurückerſtattet hat.“ Ehregott glaubte vor freudigem Schreck nicht recht gehört zu haben. „Das ganze unterſchlagene Vermögen?“ „Bis auf den Pfennig hat der Blutegel zurück⸗ gezahlt.“ „Ach, Fidelis, treib' keinen Scherz.“ „In ſolchen Dingen ſcherze ich nicht.“ „Aber— Hornickel meiner Mutter ihr Ver⸗ mögen zurückerſtattet— ich faſſe es nicht.“ 87 „Wir mußten allerdings einige Daumſchrauben und Schröpfköpfe anſetzen, ehe er den Raub fahren ließ. Der Strichelius verſtand den Kerl meiſterhaft zu bearbeiten.“ Bei dem Namen Strichelius, der in Ehregott's Ohren nicht zum angenehmſten klang, vermochte er ſeine Verwunderung noch weniger zu verbergen. Er frug:„Der Barbier— wie kommt der in die Sache?“ „Das ſollſt Du ſpäter erfahren,“ ſprach Fidelis, „jetzt zur Hauptſache. Ich werde heut auf Eure Svpirte kommen, wo Du uns was vorgeigen wirſt — iſt's nicht ſo?“ „Die zweite Violine, aber wenn Du zugegen, wird's manchen falſchen Griff ſetzen.“ „Spiele, wie Du willſt, unterm Hund meinet⸗ wegen, je ſchlechter, deſto beſſer, aber der Satan ſoll Dich beim Kragen faſſen, wenn Du durch eine Miene zu verſtehen gibſt, daß Du mich kennſt.“ „Das wird mir recht ſchwer werden.“ „Gleichviel, der Menſch kann alles, was er ernſtlich will. Mir iſt vor allem daran gelegen, zu erfahren, wie ſich dieſes Geldvolk gegen eine ſo gute und wiſſenſchaftliche Seele, wie Du eine biſt, be⸗ nimmt; und ob Arnheims überhaupt werth ſind, 88 daß Du Dich mit dem verzogenen Schlingel, Deinem Eleven, länger als die bedungene Probezeit herum⸗ rackerſt.“ Bankier Arnheim als erfahrener Geſchäftsmann hatte den Etzieher ſeines Sohnes nur auf eine beſtimmte Zeit feſt engagirt. Es ſollte nach Ablauf derſelben dem Prinzipal freiſtehen, Ehregott zu ent⸗ laſſen, während letzterer kontraktlich weit länger ge⸗ bunden war. „Schon dieſe Klauſel empört mich an dieſem Menſchen,“ ſprach Fidelis,„und wenn mir ein ge⸗ gebenes Wort nicht heilig wäre, hätte ich Luſt, Dich lieber gleich mitzunehmen und wieder in Deine Studentenkneipe auf der Univerſität zu ſperren.“ Friedberg, dem immer wieder der Gedanke an Hornickel's Rückerſtattung des kleinen Vermögens durch den Kopf ging, konnte nicht umhin, von neuem auf dieſes Kapitel zurückzukommen. „Was ſagte denn meine gute Mutter?“ „Die weiß noch gar nichts.“ „O, ſo erlaube, daß ich ſie ſofort in Kenntniß ſetze!“ „Den Hals dreh' ich Dir um, ſo Du eine Feder anrührſt. Du weißt, daß ich laut Programm einen notoriſchen Schurken durch ein ſiebenmaliges 89 Fegefeuer zu treiben habe. Ich habe mir als voll⸗ kommen würdiges Objekt hierzu dieſen Hornickel ausgeſucht, einen Kerl, der, was Schlechtigkeit an⸗ belangt, nichts zu wünſchen übrig läßt. Ich habe ihn bereits in der Kur, bei welcher mir Moritz und Strichelius als erfahrene Aſſiſtenzärzte zur Seite ſtehen: aber die Sache verlangt große Vorſicht, wollen wir nicht mit Philiſtern und Obrigkeiten in unangenehmen Konflikt gerathen, wodurch uns ſchließ⸗ lich der leckre Braten ganz entgehen könnte.⸗ Ich habe noch große Dinge mit dieſem Wuchergeiſte vor. Doch, wie geſagt, es muß alles mit ſtrengſter Dis⸗ kretion betrieben werden. Den erſten Grad des Fegefeuers hat er bereits überſtanden. Wir haben ihm in aller Stille dermaßen eingeheizt, daß er Deiner Mutter das unterſchlagene Vermögen von Heller zu Pfennig zurückgezahlt hat. Ich ſelbſt habe Rechnungen und Papiere geprüft. Das Geld befindet ſich indeß noch in meinem Beſitze, Deine Mutter darf dasſelbe, weil die Sache zu großes Aufſehen machen würde, nicht eher erhalten, bis wir Hornik⸗ kel'n außer Landes haben.“ „Außer Landes?“ „Ja, wir nehmen ihn zu Schiffe. Ich ſage Dir, es wird ein koloſſaler Spaß.“ 90 Ehregott ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Hornickel und auf ein Schiff— der ſein Le⸗ belang nicht fünf Meilen über ſeine Geburtsſtadt hinausgekommen?“ „Hilft alles nichts, er muß mit, darin liegt eben der Humor.“ „Aber was werden die Kirchberger ſagen?“ „Denen wird weißgemacht, Hornickel gehe in einer Handelsſpekulation auf Reiſen.“ „Und Tugendreich?“ „Die wird die Braut ihres geliebten Moritz. Hornickel wird dahin gebracht, daß er den Bachmann, obſchon er ihn vor den Tod nicht leiden kann, um Himmelswillen bitten muß, ſeine Tochter zur Frau zu nehmen. Doch das ſind alles Dinge, um die Du Dich für Deine Perſon durchaus nicht zu be⸗ kümmern haſt. Auch lege ich Dir über das Mitge⸗ theilte das ſtrengſte Stillſchweigen auf. Später wirſt Du alles erfahren. Doch um jetzt auf den heutigen Abend zurückzukommen. Du kennſt mich ſchlechterdings nicht, verſtehſt Du? Du erweiſeſt mir die Ehrfurcht, die man einem ſo hohen Gaſte Deiner Prinzipalität ſchuldig iſt. Nur auf dieſe Weiſe wird es mir möglich zu erkennen, wie in dieſer Familie Arnheim der Haaſe läuft. Benehmen ſich Vater und 91 Töchter namentlich in Bezug auf Dich zu meiner Zufriedenheit, dann hab' ich nichts dagegen, wenn Du als guter Genius eine längere Zeit in dieſer Familie verweilſt und durch Lehre und Beiſpiel ſegenreich auf ſie wirkſt. Es wäre nicht das erſte⸗ mal, daß blaſirte, in Selbſtſucht und religiöſe Gleich⸗ giltigkeit verſunkene Menſchen allein durch ein edles Beiſpiel, durch ein nicht frömmelndes, wohl aber echt frommes Gemüth auf beſſern Weg gebracht worden wären. Alſo dieſer Preis wiegt ſchon einige Kollegien auf, die Du deßhalb verabſäumſt, zumal Dir in Deiner jetzigen Stellung hinreichend Muße zum Selbſtſtudium und theologiſcher Fortbildung verbleibt. Wie gefällſt Du Dich überhaupt in Deinem neuen Amte?“ „Mit dem jungen Eduard,“ antwortete Ehre⸗ gott,„wär ich zufrieden, leider aber iſt er durch eine übelangebrachte, zu große mütterliche Zärtlichkeit verwöhnt. Die leichteſten Arbeiten kommen ihm außerordentlich ſchwer an; doch habe ich es in der kurzen Zeit doch ſo weit gebracht, daß er ſeine Auf⸗ gaben ziemlich pünktlich anfertigt. Er ſoll nicht ſehr angeſtrengt werden. Indeß hoffe ich mit Geduld und Liebe und dem nöthigen Ernſt den Knaben auf eine recht gute Bahn zu bringen, vorausgeſetzt, daß Mutter 92 und Schweſtern nicht gewiſſenlos einreißen, was ich mit Mühe aufbaue. Ich thue das Meine und ſtelle den Ausgang in die Hand Gottes.“ „Ganz gut, mein Ehregott, aber mit den Fräu⸗ leins, wie ſteht es da?“ „Ich komme nur wenig mit ihnen zuſammen, aber was ich ſelbſt in der kurzen Zeit wahrgenommen, hat mich keineswegs freudig geſtimmt. Es ſind eben Weltkinder, wie es in den vornehmern Ständen ſo viele gibt. Sie halten ſich für glücklich und find doch wahrhaft beklagenswerth; denn der ganze Zweck ihres Daſeins bewegt ſich um äußerliche Dinge, um Gegenſtände der Eitelkeit und Putzſucht, um Ver⸗ gnügungen, Zerſtreuungen, und ſelbſt die paar wiſ⸗ ſenſchaftlichen Phraſen, die ſie aus ihrem Penſionate mitgebracht, dienen ihnen als Mittel zur Eitelkeit. Glänzen und nichts als glänzen, ſei es durch Toilette, ſei es durch Abſprechen über Dinge, die ſie nicht verſtehen, iſt ihnen alleinige Aufgabe des Lebens und Wirkens.“ „Eh bien,“ ſagte Fidelis,„wir werden heut Abend Gelegenheit haben, beide Eremplare in Augen⸗ ſchein zu nehmen.“ „Sie werden es da an Liebenswürdigkeit gewiß nicht fehlen laſſen.“ 93 „Ich kenne dieſe Liebenswürdigkeit, ein roth⸗ backiger Apfel, in welchem der Wurm ſitzt. Apro⸗ pos, ich habe mir ſagen laſſen, daß ſich noch ein drittes junges Mädchen im Hauſe befindet, eine Art Geſellſchafterin, eine arme Pachterstochter.“ „Ach, Fidelis, das iſt eine holde Blume, die unter dieſen ſtolzen und eitlen Tulpen nimmer ge⸗ deihen kann.“ „Sieh' mal, nicht wahr, Marie heißt ſie?“ „Marie, ja!“ „Ein ſchöner Name, wenn meine Jenny nur ein kleinwenig ſanfter wäre, müßte ſie auch Mary heißen. Wie heißt gleich das reizende Marienliedchen; wenn ich nicht irre, ſang es Euer Wilhelm Müller, richtig, da hab' ich's: „Maria, möcht ich Dich begrüßen, Mein Herz hat ſtets Dich ſo genannt, Seh' ich ein klares Bächlein fließen, Setz ich mich ſtill an ſeinen Rand. Marie rieſeln ſeine Wogen, Ein weißes Täubchen kommt geflogen, Schwebt über mir im Sonnenſchein: Maria ſoll ihr Name ſein.“ Nun, auch dieſe Marie, die Dir, mein guter Ehre⸗ gott, etwas ins Herz geleuchtet zu haben ſcheint, werden wir heut Abend ſo glücklich ſein zu begrüßen. . 94 Doch jetzt will ich Dich länger nicht aufhalten, da⸗ mit Dein zu langes Ausbleiben nicht Verdacht er⸗ weckt. Suche alſo ſo unbemerkt wie möglich Deine Wohnung zu erreichen. Heut Abend ſehen wir uns wieder; aber wie geſagt, keine Seele darf eine Ahnung haben, daß wir uns kennen.“ Ehregott gelobte heilig und theuer Verſchwie⸗ genheit, und hatte bald auf einem Seitengange das Hötel verlaſſen, ohne daß er von jemand bemerkt worden wäre, während Fidelis ſich einen Wagen beſtellte, um die kleine Reſidenz, die ihm völlig un⸗ bekannt war, einwenig in Augenſchein zu nehmen. Es waren nach der ſoeben erwähnten Zuſammen⸗ kunft und genommenen Rückſprache kaum vier bis fünf Stunden ins Land gezogen, als die geſchmackvollen Hallen und Räume des arnheim'ſchen Hauſes im Lichterglanze zu ſtrahlen begannen. Die mit Teppichen belegten breiten Treppen waren zu beiden Seiten mit Zierpflanzen beſetzt, daß man wie durch einen blü⸗ henden Garten aufwärtsſtieg. Es war in der kurzen Zeit das Möglichſte geleiſtet worden; oben aber in den prachtvollen Gemächern der Belétage rauſchten in ſeidenen Kleidern und in geſchmackvollſten Toiletten die beiden Fräuleins des Hauſes auf und nieder, die letzten Befehle zum Empfange der geladenen 95 Gäſte ertheilend. Während aber Joſephine und Ma⸗ rianne blumenhaft leuchteten und dufteten, ihre Lockenhäupter ſtolz umherſchauten, jedermann zur Bewunderung herausfordernd, glich Marie in ihrem einfachen ſchmuckloſen Kleide dem beſcheidenen Veil⸗ chen. Das arme Mädchen hatte ſchwere Stunden zu überſtehen gehabt; ſie hatte bei den Vorberei⸗ tungen zu dem feſtlichen Abend es den beiden Fräu⸗ leins ſelten recht machen können, mit welcher Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Pünktlichkeit ſie auch jeden der erhaltenen Befehle vollzog. Endlich verkündete das Rollen der Wagen auf der Straße die Ankunft der Gäſte. Ein Herr von Roſenau nebſt Frau Gemahlin und drei Töchtern, welche letzteren jedoch hinſichtlich ihrer Schönheit durchaus keinen Anſpruch auf den Namen Roſenau hatten, eröffneten den Reigen. Fräulein Joſephine vertrat mit vieler Grazie das Amt ihrer abweſenden Frau Mutter, die Gäſte zu empfangen. Den von Roſenaus folgte der Baron von Sparrenberg, Be⸗ ſitzer eines überſchuldeten Ritterguts, deſſen Haupt⸗ ſtreben dahinging, aus einem Freund des Hauſes Arnheim ein Familienglied dieſes Hauſes zu werden, zu Nutz und Frommen ſeiner täglich ſtürmiſcher und unangenehmer werdenden Gläubiger. Er galt in der 96 Stadt als entſchiedener Anbeter von Fräulein Ma⸗ rianne; man erfuhr nicht, daß vonſeiten des Fräu⸗ leins irgendeine Erhörung des Ritters in Ausſicht ſtehe. Im Gegentheil ſpielte ihm gegenüber die jün⸗ gere Arnheim die Rolle der Prinzeſſin Turandot. Dieß hielt jedoch Sparrenberg nicht ab, ſeine An⸗ betung mit einer Beharrlichkeit fortzuſetzen, die ſeiner Liebe zu aller Ehre gereicht haben würde, wenn nicht die im Hintergrunde drängende Gläubigerſchar der Sache einen weniger poetiſchen Anſtrich gegeben hätte. Mit Sparrenberg gemeinſchaftlich zog noch eine Anzahl Lieutenants, Referendare und Aſſeſſoren an den Triumphwagen der Fräuleins vom Hauſe, ohne daß man jedoch vernommen hätte, daß einer dieſer girrenden Seladons in die ſtolzen Herzen der Schönen als Sieger eingezogen wäre. Natürlich währte es nicht lange, daß ſich die glänzenden Ge⸗ mächer bald mit vielen Liebesrittern füllten, von welchen ein jeder heute mit beſonderer Hoffnung er⸗ füllt war, da er vernommen, daß die auf eine zu ängſtliche und beengende Etiquette haltende Mutter dießmal nicht anweſend ſei. Die verliebten Ritter ahnten indeß nicht, daß gerade heute durch den erwarteten Grafen Alphons und den Lord Derby 97 noch weit größere Hinderniſſe ihren Bewerbungen entgegenſtanden, als ſelbſt die ſtrengſte mütterliche Etiquette. Nächſt den bereits zeitig angelangten Lie⸗ besrittern fehlte es aber auch nicht an jungen Frauen und Mädchen, bei welchen eine Herzenseroberung vielleicht nicht auf ſo große Schwierigkeiten geſtoßen ſein würde, als bei den ſtolzen Fräuleins vom Hauſe es der Fall war. Nach jedem neuen Rollen des Wagens hofften ſowohl Vater wie Töchter, daß entweder der Graf Alphons oder der engliſche Lord eintreten würde; aber ſtets entledigte ſich die Karoſſe ihrer Laſt, ohne eine der erſehnten Perſönlichkeiten zu Tage zu för⸗ dern. Die Urſache des ſo ſpäten Erſcheinens der beiden Matadore war eine doppelte. Graf Alphons glaubte es ſeiner Würde ſchuldig zu ſein, eine bür⸗ gerliche Familie etwas warten zu laſſen und ſeine hohe Gegenwart ſo lange wie möglich vorzuenthal⸗ ten. Fidelis hatte gerade gar nicht an ſeinen Stand gedacht, als er ſo lange außen blieb; er hatte auf ſeiner Nachmittagsſpazierfahrt nach einem romantiſch gelegenen Vergnügungsorte der Umgegend auf ſtau⸗ biger Chauſſte einen zum Tod erſchöpften armen Handwerksburſchen am Wege liegend gefunden, den⸗ ſelben in den Wagen genommen, in dem nächſten 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 7 98 Gaſthaus abgeliefert, mit Speiſe und Trank erquickt, ſo daß der arme Burſche bald munter und fidel ge⸗ worden. Fidelis lernte in ſeinem Findling, der ein reiſender Kupferſchmiedsgeſelle war, einen ſo origi⸗ nellen und liebenswürdigen Kauz kennen, daß ihm die Unterhaltung mit dem jungen Burſchen unge⸗ meines Vergnügen machte. Der Kupferſchmied war weit herumgekommen, bis tief nach Ungarn hinein, und wußte aus ſeinem Handwerksburſchenleben ſo angenehm zu erzählen und dasſelbe in einen ſo ro⸗ mantiſchen Nimbus zu hüllen, daß dem jungen Briten, der die Länder meiſt nur im Wagen durch⸗ fahren, eine ganz neue Art Poeſie aufging. Als jedoch der Kupferſchmied, von dem genoſſenen Wein animirt, ſeine klare, volle Stimme erhob und in ſeiner ungekünſtelten Art einige vriginelle Volkslieder anſtimmte, vergaß Fidelis vollends den Bankier, die Svirte, ſelbſt Ehregotten; denn Volkslieder aus dem Munde des Volkes gingen ihm über alles; er wurde da nicht müde und konnte ſtundenlang zuhören. Nachdem der Kupferſchmied mehrere deutſche Volks⸗ und Handwerksburſchenlieder zum Beſten ge⸗ geben, die den jungen Briten dermaßen anſprachen, daß der Sänger ſie ihm in die Brieftaſche diktiren 99 mußte, kamen auch ein paar Lieder an die Reihe, die der Geſell im fernen Ungarlande von Hirten und Zigeunern gelernt. Vermöge eines glücklichen muſikaliſchen Naturells hatte er auch die Melodie im Gedächtniß behalten. So ſang er: „Mägdelein ſpannen ſpät, Welche die ſchnellſte ſpänn? Röschen am ſchnellſten ſpann, Lob bis zum Kaiſer ſcholl; Sandt' ihr'ne Spindel Flachs: Spinne nun, Röschen, ſpinn'! Spinne mir Zelte d'raus, Und was Dir übrig bleibt, Linnen zum Brautgeſchenk! Bringſt Du's zu Hofe mir, Wieget mein Arm Dich ein. Röschen verſchmitzte noch Sendet die Spindel ihm: Schnitze mir, Kaiſer, ſchnitz', Schnitz mir'nen Webeſtuhl! Und was Dir übrig bleibt, Zimm're Dir Höfe d'raus! Zieh' ich dann ſtattlich ein, Schlaf ich im Arm Dir ein.“ „Du biſt ein rarissima avis,“ rief entzückt Fi⸗ delis. Auch dießmal mußte die Brieſtaſche her und 7* 100 ward von dem eben vernommenen Liedchen eine Ab⸗ ſchrift genommen. Der Kupferſchmied, der ſich nicht wenig ge⸗ ſchmeichelt fand, bei einem ſo vornehmen und ſchönen jungen Herrn ſolchen Beifall zu finden, theilte jetzt ein zweites ungariſches Liedchen mit, wo die Geliebte ausgeht, den Geliebten zu ſuchen. Es lautete alſo: „Ging ich aus, um meinen Freund zu ſuchen, Und ſo kam ich zu der grünen Wieſe. Auf der Wieſe fand ich ſeinen Mantel, Auf dem Mantel auch ſein golden Bruſttuch, Auf dem Tuch die Silbertamburine, Und darunter einen grünen Apfel. Dacht ich bei mir allerlei Gedanken: Ob ich wohl den Mantel mit mir nähme? Könnt' der holde Junge ſich erkälten. Ob ich wohl das ſeid'ne Tuch ihm nähme? Nein, ich gab's ihm ſelbſt zum Angedenken. Ob ich weg die Tamburine nähme? Nein, ihm ſchenkten ſie ja meine Brüder. Alſo wählend, kam mir der Gedanke, Jenen grünen Apfel anzubeißen, Anzubeißen, doch nicht aufzueſſen, Daß er merke, Liebchen ſei's geweſen, Lebchen ſelber ſei ihn ſuchen kommen.“ Auch dieſes Liedchen ward in die Brieftaſche gezeichnet, worauf der Geſell noch folgendes Liedchen anſtimmte: „Ausgezeichnet,“ rief Fidelis,„das ſind ja lauter pvetiſche Goldkörner. Ihr ſeid kein Kupferſchmied, 101 „Mädchen ſtand auf Berges Höh'n, Ueber die ein milder Schimmer Sich ergoß von ihrem Antlitz. Zu ſich ſelber ſprach ſie alſo: O du Antlitz, meine Sorge; Wenn ich wüßte, weißes Antlitz, Daß dem Kuß des welken Alten Dich ein hartes Los beſchieden, Wollt' ich flugs im grünen Walde Allen bittern Wermuth pflücken, Mit dem herben Saft dich baden, Daß der Kuß dem Alten bitter. Aber, wüßt' ich, weißes Antlitz, Daß dem Kuß des jungen Gatten Dich ein ſchönes Los beſchieden, Wollt' ich flugs im grünen Garten Alle rothen Roſen pflücken, Und mit ihrem ſüßen Waſſer Dich, du weißes Antlitz, baden, Daß dem Kuß des jungen Gatten Lieblich du entgegendufteſt.“ ſondern ein Goldſchmied.“ Er würde ſich ſobald nicht von dem launig gemüthlichen Burſchen haben trennen können, wenn 102 nicht ſein Diener James ihm wiederholt auf die Schulter geklopft und an die Soirée erinnert hätte. Als James das erſtemal klopfte, hielt ihm Fidelis ob der Störung— der Geſell trug eben ein neues vriginelles Liedchen vor— ein ſo bitterbös Geſicht hin, daß James ordentlich erſchrak und geraume Zeit nicht wagte, ſein Klopfen zu wiederholen. End⸗ lich aber glaubte er es doch mit ſeinem Gewiſſen nicht vereinigen zu können, ſeinen Herrn ſo ſorglos daſitzen zu laſſen, und er klopfte abermals. „Gleich,“ ſprach Fidelis, aber noch immer un⸗ freundlich. James bekam wieder etwas Courage und ſetzte ſein Klopfen mit immer kürzern Pau⸗ ſen fort. „Es iſt nicht zum Aushalten mit Dir,“ rief endlich Fidelis, und zum Kupferſchmied gewendet, bat er als Schluß noch um ein ungariſches Liedchen. Der Geſell räuſperte ſich und begann, während Ja⸗ mes in ſtiller Verzweiflung ziemlich hörbar auf⸗ und abtrabte. „Tritt nicht ſo laut auf,“ gebot Fidelis,„man hört vor Deinem Getrampel kein Wort.“ James zog ein gräßliches Geſicht, aber er trat leiſer auf, während der Kupferſchmied zum Beſchluß noch folgendes ungariſche Lied ſang: —— 103 Eine Goldzitron' am Meere rühmte ſich: Heut' iſt keiner ſchöner, ſchöner doch als ich! Solches hat ein grüner Apfel angehört: Klein iſt nur dein Ruhm, du Goldzitron am Meer, Heut iſt keiner ſchöner, ſchöner doch als ich! Solches hat gehört die ungemähte Flur: Grüner Apfel, klein, ja klein iſt nur dein Ruhm, Heut iſt keiner ſchöner, ſchöner doch als ich! Solches hat gehört das ungeſchnitt'ne Korn: Klein iſt nur dein Ruhm, du ungemähte Flur, Heut' iſt keiner ſchöner, ſchöner doch als ich! Solches hat gehört die ungeküßte Maid: Klein iſt nur dein Ruhm, du ungeſchnitten Korn, Heut iſt keiner ſchöner, ſchöner doch als ich! Solches hat gehört der led'ge Junggeſell: Klein iſt gegen mich ja euer aller Ruhm, Heut iſt keiner ſchöner, ſchöner doch als ich! Pflücken will ich wohl die Goldzitron am Meer, Schütteln von dem Baum den grünen Apfel, Mähen will ich ab die ungemähte Flur, Ernten will ich auch das ungeſchnitt'ne Korn, Und dann Ungeküßte will ich küſſen dich!“ James athmete nach dieſem Geſange friſch auf; jetzt, hoffte er, werde Fidelis an den Aufbruch den⸗ ken; derſelbe ſtand auch auf, als der im Geſange unermüdliche Kupferſchmied, das Glas ſchwingend, von neuem zu ſingen anhob, ſo daß Fidelis ſofort wieder Platz nahm, während James händeringend 104 ſeine Promenade von neuem antrat. Dieſes letzte Liedchen lautete: Fleht zu Gott ein junger Knabe: „Gib mir, Gott, ein Goldgehörne, Goldgehörn' mit Silberenden, Daß ich bohr' der Fichte Rinde, Daß ich ſeh, was in der Fichte!“ Gab ihm Gott das Goldgehörne, Goldgehörn' mit Silberenden, Und er bohrt' der Fichte Rinde, Fand im Baum ein ſchöne⸗ Mädchen, Das erglänzet gleich der Sonne. Zu ihr ſchleicht der junge Knabe: Höre Du mein junges Mädchen, Wärb ich auch, man gäb Dich nimmer, Möcht' Dich rauben, doch vermag's nicht. Und es ſprach das junge Mädchen: Wirb Du nicht, man gäb mich nimmer, Raub' mich nicht, Du wirſt verderben, Denn ich hab' der Brüder neune, Und ſoviel hab' ich auch Vettern, Schwingen ſie ſich auf ihre Rappen, Gürten um die ſcharfen Säbel, Rücken ſchirf die Wolfsfellmützen— Iſt's ein Grau'n ſie anzublicken, Schlimmer noch, ſie zu erwarten. Sünde wär' es zu veiderben, Schande wär' es zu entfliehen, Lock' mich lieber— ob ich folge?“ 105 In ſeinem Leben war der muſikaliſche Kupfer⸗ ſchmied nicht ſo reich beſchenkt worden als an jenem Tage, wo er vor Fidelis ſich hören ließ. Während alſo im arnheim'ſchen Hauſe die Kerzen längſt angezündet waren und die Gäſte ſich zu verſammeln begannen, ſaß Fidelis noch ge⸗ müthlich in dem Gaſthanſe und lauſchte den Vor⸗ trägen des Handwerksburſchen. Endlich gelang es doch James, welcher dem Kupferſchmied vors Leben gern den Hals umgedreht hätte, ſeinen Herrn zur Heimfahrt zu bewegen. Man ließ die Rappen tüchtig auftreten, ſo daß die Stadt und das Hötel in nicht allzulanger Zeit erreicht wur⸗ den. Die Toilette hielt den jungen Briten nicht lange auf. Als abgeſagter Feind des ſteifen, etiquet⸗ tenmäßigen Salonlebens, wie ſolches hauptſächlich in kleinen Reſidenzſtädten vorgefunden wird, war Fidelis nie dahin zu vermögen, in der üblichen Tracht à quatre epingles zu erſcheinen. Einen ge⸗ ſchmackloſen Frack anzuziehen, wäre ſeinem Schön⸗ heitsſinne nie möglich geweſen. In ſeinem Vater⸗ lande mied er lieber ſolche Geſellſchaften, wo der Frack als conditio sine qua non galt. Ein, ſeine ſchlanke Figur ungemein wohlkleidender, ungariſcher Leibrock, auf der Bruſt reich und geſchmackvoll mit — —— —— — 106 Schnüren und edlen Steinen beſetzt, war ſein Lieb⸗ lingskleid. Ein ſolches wählte er auch für die Soiree bei Arnheims. Als ihm James bemerklich machte, daß man ihm geſagt, wie in hieſiger Reſidenz es vor allem die Sitte mit ſich bringe, daß der Herr in vor⸗ nehmen Zirkeln im habit frangais erſcheine und ob man nicht ein ſolches aus dem Kleidermagazin holen laſſen wolle, mochte Fidelis davon ſchlechterdings nichts wiſſen. „Schau mich an,“ ſagte er, indem er in ſeinem Ungarrock ſtattlich auf⸗ und niederſchritt,„nehme ich mich in dieſer Geſtalt nicht geſchmackvoller und ſogar anſtändiger aus, als in jenem niederträchtigen Schwalbenſchwanze, ſo man Frack nennt, welcher die Geſchmackloſigkeit in höchſter Potenz darſtellt?“ „Das wohl,“ meinte James,„aber die Sitte“— „Ich nenne ſolche Sitte Unſitte, und kehre mich nicht daran.— Und hier dieſe Goldſchnuren und Brillanten,“ fuhr er fort,„ſind ſie nicht hun⸗ dertmal mehr werth als ſo ein lumpiger Frack? Darum faſſe Beruhigung, alter Schwede! Wenn ich dem Herrn Bankier und ſeiner Geſellſchaft nicht ſalongemäß erſcheine, ſo iſt das ihre Sache; meine — — 107 Sache iſt es, mich zu kleiden, wie es mir Geſchmack und gute Sitte vorſchreiben.“ Nach langem Harren vonſeiten der Familie Arnheim war endlich der erſehnte Graf Alphons, der Löwe der Reſidenz und aller Salons, angelangt und bildete den Mittelpunkt der allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit. Man kam dem reichen und ſchönen Grafen von allen Seiten mit einer Zuvorkommenheit entgegen, die zuweilen an Unterthänigkeit und Unter⸗ würfigkeit grenzte. Herr Arnheim und ſeine Töchter ſchwammen im dritten Himmel, als ſie gewahrten, daß der Herr Graf in ſehr heiterer Laune und ſich mit Damen wie Herren auf das Angenehmſte unterhielt. „Er ſcheint ſich zu gefallen,“ flüſterte Arnheim ſeiner jüngern Tochter zu, als er in ihre Nähe kam, „aber wo nur der Lord bleibt. Ich wollte gern das Quartett beginnen laſſen.“ „Sieh' nur,“ gab Marianne zurück,„wie die alte Hofräthin Meiſelbach ſtolz den Kopf hebt und vornehm umherſchaut, weil der Graf ein paar Worte mit ihr geſprochen. Die alte Närrin denkt im Ernſte, er hat es auf ihre beiden Hopfenſtangen abgeſehn.“ Unter den Hopfenſtangen verſtand das liebreiche 108 Fräulein aber niemand anders, als die beiden etwas lang gewachſenen Töchter der Hofräthin. „Auch die Frau von Scherber ſieht ganz ver⸗ Klärt aus,“ gab Arnheim zurück,„weil der Graf ſo gnädig geweſen, ſich nach ihrer Frau Schweſter zu erkundigen. Morgen wird es zu erzählen geben in der Stadt. Wenn aber nur der Lord käme.“ Der Bankier hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als ſein ſehnlicher Wunſch in Erfüllung ging. Die ziemlich laut geführte Unterhaltung der anweſenden Gäſte erlitt eine allgemeine Unterbrechung, und es folgte tiefe Stille, als Fidelis in den Salon trat. Die fremde Erſcheinung in völlig ungewohnter Tracht machte einen ſolchen Eindruck auf die reſidenzlichen Kleinſtädter, daß man anfänglich kaum ſeinen Augen traute. „Mein Gott,“ flüſterte der ſpindeldürre Refe⸗ rendar Schmaling ſeinem Nachbar, dem Lieutenant von Rohrdommel, zu,„ich denke, die Zeit der Mas⸗ kenbälle iſt vorüber?“ „Es iſt eine Beleidigung der ganzen Geſell⸗ ſchaft,“ meinte dieſer,„im Leibrock zu erſcheinen; glaubt dieſer Menſch in ſeinem komödiantenhaften Putze zu imponiren?“ „Unverantwortlich von Arnheim,“ fuhr der Re⸗ ferendar fort,„dergleichen Abenteurer einzuladen⸗ Man kann fürwahr ſeine Soirten nicht mehr be⸗ ſuchen.“ Aehnliche Geſinnungen gaben ſich anfangs unter dem größten Theil der Geſellſchaft kund, nur daß man vorſichtig genug war, ſie nicht laut werden zu laſſen. Als jedoch der Name, Stand und große Reichthum des fremden Gaſtes bekannt wurden, ge⸗ wann eine mildere Anſchauungsweiſe die Oberhand. „Er iſt Engländer,“ hieß es entſchuldigend, „Engländer haben in der Regel ihre Grillen und Marotten. Man muß dieſen Leuten etwas zugute halten. Das iſt wahr, ſtattlich nimmt er ſich aus. Wenn die Brillanten auf der Bruſt echt ſind, muß es ein ſehr reicher Herr ſein.“ Der Reſpekt ward von Minute zu Minute größer und ging endlich in Ehrfurcht und Begeiſte⸗ rung über, je mehr man Gelegenheit fand, ſich von dem nicht ſtolzen aber nobeln Auftreten, ſowie von der Echtheit der funkelnden Diamanten zu überzeugen. Abſonderlich war es die geſammte weibliche Welt, die alsbald entſchieden Partei für den ſchönen Inſel⸗ ſohn nahm. Die Frau Kommerzienräthin Wohlbrück ſprach ſich zu ihrer Nachbarin, der Spiegelfabrikbe⸗ 110 ſitzerin Engelhardt, dahin aus, daß ſo ein Lord doch was aparteres ſei, als ein deutſcher Adeliger. „Sehen Sie die Tournüre, mit der er ſich be⸗ wegt. Unſere Herren Von ſind Perrückenſtöcke da⸗ gegen. Ich möchte wiſſen, was Arnheim anfänge, wenn Seine Lordſchaft bei einer ſeiner Fräuleins anklopfte. Es wär' aus mit dem Manne. Uns ſähe er wenigſtens nicht mehr an.“ „Wo denken Sie hin,“ gegenredete die Engel⸗ hardt,„ein Lord und eine bürgerliche Arnheim. Der kann bei Grafen und Fürſten anfragen.“ Nur Referendar Schmaling, den die umſich⸗ greifende Begeiſterung für den Briten nur noch mehr in Harniſch brachte, verharrte in ſeiner feindſeligen Stimmung. Er fand in Herrn von Sparrenberg, der heute vom Baume ſeiner Anbetung wie eine welke Frucht abgefallen,— er hatte ſich noch nicht eines einzigen freundlichen Blickes ſeiner angebeteten Marianne zu erfreuen gehabt— einen Gleichge⸗ ſinnten und Bundesgenoſfen. Er theilte Schmaling's Anſicht, daß Fidelis nichts als Abenteurer, vollkom⸗ men. „Sehen Sie,“ näſelte er Schmalingen zu,„wie dieſer kleinſtädtiſche Janhagel mit einemmale dem hergelaufenen Laffen den Hof macht, obſchon dieſer 111 nicht einmal ſoviel Achtung für das Haus Arnheim an den Tag legt, in anſtändiger Kleidung zu er⸗ ſcheinen. Fürwahr, man muß ſich ſchämen, ein Deutſcher zu ſein, wenn man ſieht, wie der Deutſche ſein Bediententhum nicht verläugnen kann, bloß weil ſich der Abenteurer ein fremdländiſches Exterieur gibt. Ich mag die Antezedentien dieſes angeblichen Lords nicht unterſuchen.“ „Das erſte, was ich thun werde,“ verſetzte Schmaling,„iſt, daß ich im Polizeianzeiger nach⸗ ſchlage. Es wäre nicht das erſtemal, daß ein Gauner ſich in die beſſere Geſellſchaft geſchlichen.“ „Ich werde mir's gleichfalls angelegen ſein laſſen,“ antwortete der Andere,„dem Polizeidirektor einen Wink zukommen zu laſſen. Halten Sie die Steine für echt?“ „Keine Idee; es iſt bloße Imitation, und ich bin überzeugt, daß wir es mit einem Gauner zu thun haben.“ „Es könnte dem Arnheim, dieſem eitlen Narren, nicht ſchaden, wenn er mit ſeinen hohen Connaiſſancen, auf die er ſich immer ſoviel zugute thut, einmal recht anliefe. Der engliſche Lord hat ihm ganz den Kopf verdreht.“ „Apropos,“ fuhr Sparrenberg nach einer Pauſe 142 fort,„kommen Sie nach der Soirce einwenig ins Hötel“ „Man hat mich vorgeſtern zu ſehr geſchröpft,“ geſtand Schmaling. „Mich desgleichen,“ ſprach Sparrenberg,„wir müſſen uns heut erholen. Iſt Ihnen eine Moitie⸗ bank gefällig? Sie haben Glück im Abziehen.“ „Mein ganzes Vermögen beſteht noch in fünf⸗ zehn Louis.“ „So betheiligen Sie ſich mit einem Vierttheil. Ich lege Fünfundvierzig. Es iſt heut etwas zu machen. Wir werden zwei Kurländer antreffen, die unver⸗ ſchämt d'raufgehen.“ „Ich weiſe den Antrag nicht von der Hand,“ ſprach Schmaling,„meine Kaſſette bedarf ſehr der Erfriſchung.“ Nach einigem Ueberlegen fuhr Sparrenberg fort: „Wenn dieſer Lord in der That das wäre, wofür er ſich ausgibt, müßte es eine Luſt ſein, ihn eini⸗ germaßen zu rupfen. Die Engländer ſollen die an⸗ genehmſten Pointeure ſein. Sie verlieren ihre Pfund⸗ noten mit einer Seelenruhe, als wären es eben Fidibuſſe. Der Franzoſe iſt da weit unleidlicher. Der will ſich bei dem geringſten Verluſte erſchießen.“ „Baron, Sie haben Recht, es iſt ein ſehr 113 glücklicher Gedanke von Ihnen, ich werde die Dia⸗ manten Seiner Lordſchaft ſofort einer gewiſſenhaften Unterſuchung unterwerfen. Sind ſic echt, eh bien, wollen wir unſerm Vorurtheile einigermaßen Schwei⸗ gen auferlegen. Ich mache mich ans Werk. Die Wege des Schickſals ſind oft wunderbar, und meine Börſe lechzt nach einem glücklichen Zufall.“ Schmaling ließ mit der Ausführung ſeines Vorſatzes nicht lange warten, und befand ſich bald in der Lage, die Diamanten auf dem ungariſchen Leibrocke in der Nähe und mit Muße zu betrachten. Er eilte, ſobald ſich's thun ließ, wieder zu Sparrenberg. „Beim Satan,“ raunte er dieſem ins Ohr,„ſie ſind echt. Wir machen Kompagnie, Freund. Seine Lordſchaft ſcheinen ein Spielchen zu lieben. Auch trifft ſich's glücklich, daß Hochdieſelbe im Hötel ab⸗ geſtiegen. Ein glücklich Omen.“ „Wohlan,“ ſprach Sparrenberg, indem er ſeine Vatermörder in die gehörige Symmetrie ſchob,„ſo werde auch ich meine zeitherige patriotiſche Haltung dem Inſelmanne gegenüber proviſoriſch aufgeben und mich ihm nähern.“ Die heitere Laune des Grafen Alphons, die er anfangs, wo er der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerkſamkeit und Zuvorkommenheit geweſen, huld⸗ 1857. XVIII. König v. Tauharawi II. 8 114 voll an den Tag gelegt, hatte mit dem Erſchei⸗ nen des jungen Briten einer weniger anmuthigen Stimmung Platz gemacht. Es verletzte ſeinen Stolz nicht wenig, daß man in einer Geſellſchaft, von der er wußte, daß ſie bloß ſeinethalb geladen war, Je⸗ manden im etiquettenwidrigen Leibrock zugelaſſen hatte, da dieſer Leibrock weder als Uniform, noch als Na⸗ tionalkoſtüm gelten konnte. Er fand hierin eine Rück⸗ ſichtloſigkeit gegen ſeine Perſon. „Sagen Sie'mal, Freund,“ ſprach er in einem Tone, dem man die Empfindlichkeit anmerkte, zu Arnheim,„Ihr Lord iſt wohl ein erilirter Ungar, da er ſeinem Sarmatenrock in ſolchem Grade zuge⸗ than, daß er ſelbſt eine Soirée wie die unſere damit beglückt.“ Arnheim gerieth in Verlegenheit. „Ew. gräflichen Gnaden wollen gnädigſt zu⸗ gute halten,“ ſprach er entſchuldigend,„daß der freie Brite in gewiſſen Dingen ſeine eigenen Anſchau⸗ ungen hat, die ſich mit unſern feſtländiſchen Gebräu⸗ chen freilich nicht immer in wünſchenswerthen Einklang bringen laſſen. Er iſt ein Brite,“ ſchloß er ſeine Rede,„ein Lord; das beſagt alles.“ Die gute Laune des Herrn Grafen wollte ſich indeß trotz der arnheim'ſchen oratio pro domo nicht 115⁵ wiederfinden, umſomehr, als ſeine Lionſchaft durch das Aeußere, ſowie durch das ungekünſtelte liebens⸗ würdige Auftreten des jungen Lord eine entſchiedene Schlappe erhielt. Der weltkluge Arnheim, dem die Verſtimmung des Grafen nicht entging, bot alles auf und ſuchte alle erdenklichen Aufmerkſamkeiten hervor, ſeinem gräflichen Gaſt außer allen Zweifel zu ſetzen, wie ſehr ſich ſein Haus durch die gräfliche Anweſenheit geehrt fühle. Er befand ſich dabei in einer höchſt delikaten und unbehaglichen Lage. Er durfte, dem Unbehagen des Grafen zu Gefallen, den Lord, obſchon derſelbe im Leibrocke einherging, nicht vernachläſſigen. Letz⸗ terem nun die gebührende Huldigung darzubringen, ohne den Grafen unangenehm zu berühren, war kein Leichtes. Es galt hier, eine gewiſſe Grenze zu beobachten. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er dem prächtigen Fidelis um den Hals fallen mögen, ſo ausnehmend liebenswürdig blitzten ihm deſſen Diamänten entgegen, der übrigen Vorzüge des Lords gar nicht zu gedenken. Während der Graf im Anfang als erfahrener Blumenkenner von einer Mädchenroſe zur andern gewandert und für jede ein ſüßes Wort der Rede und der Huldigung hatte; während er es nicht unter 8* 116 ſeiner Würde gefunden, mit einem höhern Steuer⸗ beamten ſich in ein verzweigtes Geſpräch über Na⸗ tionalskonomie und Finanzwiſſenſchaft zu vertiefen, ſo daß alle Welt die gediegenen Kenntniſſe des Gefeierten ehrfurchtsvoll anſtaunte: ſaß er jetzt ziem⸗ lich theilnahmlos und ſchweigſam in einer Sopha⸗ ecke, das unzweideutige Zeichen des Gelangweiltſeins herausſteckend. Er fand es jetzt ſeinem Stande ebenſo angemeſſen, ſich in einem bürgerlichen Hauſe non⸗ chalant gehen zu laſſen, als er ſich anfänglich huldreich herablaſſend gezeigt hatte. Von Fidelis nahm er nach der beiderſeitigen ziemlich gemeſſenen Vorſtellung keine weitere Notiz. Der junge Brite dagegen amü⸗ ſirte ſich nach Kräften. Er fand die beiden Fräu⸗ leins vom Hauſe, ſowie manche andere junge Dame der Geſellſchaft, allerliebſt; wenigſtens zeigte dieß ſein ganzes Benehmen. Ob es in ſeinem Innern ſo amüſant ausſah, mag dahingeſtellt bleiben. Ma⸗ rien beobachtete er nur aus der Ferne. Ihre Er⸗ ſcheinung machte bei aller Einfachheit einen wunder⸗ baren Eindruck auf ihn. Eine ſtille Wehmuth be⸗ ſchlich ihn. „Wie haſt Du Dich hierher verirrt, Du Arme?“ frug er ſich.„Hier iſt kein Boden, wo das edle Geſchlecht, dem du angehörſt, gedeihen kann.“ 117 Das Quartett, bei welchem Ehregott die zweite Violine handhabte, leiſtete das Mögliche und erntete das Lob ein, welches eine gebildete Geſellſchaft ſub⸗ alternen Dilletanten zu zollen gewöhnt iſt. Der Hauslehrer war ſeinem Verſprechen treulich nachge⸗ kommen, und hatte durch keine Miene verrathen, daß er Fidelis kenne. Letzterem war während ſeiner kurzen Anweſenheit vollkommen Gelegenheit geworden, ſowohl über den Charakter des Herrn vom Hauſe, wie über deſſen Fräuleins Töchter ins Klare zu kommen. Eben weil nicht viel zu ergründen, war die Sache leicht. Obſchon Joſephine wie Marianne ihre ganze Liebenswürdigkeit aufgeboten, gewahrte der junge Brite doch alsbald die Abſicht, ward aber trotzdem nicht verſtimmt, ſondern mußte den leicht zu über⸗ ſchauenden Feldzugsplan der beiden Fräuleins im Stillen belächeln. Nach dem zweiten Quartettſtück trug Joſephine ihren Taucher mit viel Aufwand von Deklamation vor und ward, nachdem ſie zu Ende, wie ſich von ſelbſt verſteht, mit Lobeserhebungen überſchüttet. Ihr folgte Schweſter Marianne mit einer gut eingeübten Etude von Chopin. Gleiches Entzücken vonſeiten des Publikums. Unmittelbar nachdem das Quartett ſeine letzte Piece vorgetragen, hieß es von demſelben, 118 da es nicht aus geſellſchaftlichen Elementen beſtand: „Der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen. Die übrige Geſellſchaft fand ein ſol⸗ ches Verfahren nur in der Ordnung; aber Fidelis, nachdem er erfahren, daß die Violiniſten dem hoch⸗ achtungswerthen Lehrerſtande angehörten, und daß ſie ihre Kunſtleiſtungen nicht gegen Honorar zum Beſten gegeben, war empört. Als ſich daher Einer nach dem Andern des Vierblatts, Ehregott nicht ausgenommen, ganz in der Stille entfernt hatten, faßte Fidelis den Bankier am Arm. „Wo ſind unſere wackern Muſiker geblieben?“ frug er. Arnheim kam etwas in Verlegenheit. „Es ſind Lehrer von unſerer Bürgerſchule,“ ſprach er,„ſie würden unter den hier verſammelten Elementen keine Geſellſchaft gefunden haben, darum ziehen ſie es vvr, ſich unter ihresgleichen zu amüſiren. Glauben Sie mir, dieſe Leute befinden ſich da woh⸗ ler, ungenirter.“ „Lehrer?“ frug Fidelis,„Männer, denen die Zukunft der Jugend anvertraut iſt— o, warum find ſie gegangen; wiſſen Sie, daß ich mich mit einem tüchtigen Schulmeiſter lieber unterhalte als mit einem gebildeten Profeſſor oder einer Exzellenz?“ 119 Der Bankier wußte gar nicht, was er zu dem bizarren Geſchmacke ſeines Gaſtes ſagen ſollte. „Hätt' ich ahnen können, daß Ew. Lordſchaft—“ „Ich wiederhole es Ihnen, es würde mir ein wahrhafter Genuß geweſen ſein, mich mit dieſen Herren zu unterhalten, die einem Stande angehören, den ich für den ſegensreichſten unter allen Ständen erkenne.“ „Wenn Ew. Lordſchaft befehlen, ſollen die Muſiker ſofort wieder zur Stelle ſein, ſie werden ſich noch im Vorſaale befinden, wo ihnen Thee ge⸗ reicht wird.“ „Laſſen Sie dieſelben in meinem Namen bit⸗ ten,“ ſprach Fidelis,„ihren Thee bei uns im Salon zu trinken. Sie werden uns doch nicht beißen, wie?“ „O, das nicht,“ ſtammelte der Bankier, und eilte, ziemlich aus der Contenance gebracht, hinaus, um die in einem Nebenzimmer der Vorhalle noch an⸗ weſenden Muſiker wieder in den Saal zu zitiren. Die beſcheidenen Männer wollten ſich entſchuldigen; aber Arnheim drängte dermaßen, daß keine Ausrede galt. „Machen Sie keine Umſtände,“ ſprach er, „Seine Lordſchaft wünſcht ſehr angelegentlich, Sie zu ſprechen.“ Die Muſiker, mit Ausnahme Ehregott's, der 120 ſich bereits nach ſeiner Wohnung zurückbegeben hatte, traten zu allgemeinem Erſtaunen des Publikums wieder in den Saal. Dieſes Erſtaunen erreichte aber den höchſten Grad, als Seine Lordſchaft den Eingetretenen mit der ihm eigenthümlichen gewin⸗ nenden Freundlichkeit entgegentrat, jedem die Hand ſchüttelte und mit ihnen bald in ein Geſpräch über Elementarunterricht, über die Lancaſterſſche Methode u. ſ. w. ſich vertiefte. „Das muß man geſtehen,“ ſprach die Ober⸗ rechnungsräthin, die ſchon lange vergeblich nach einer Beachtung vonſeiten des Briten geſeufzt hatte,„den Engländer kann er doch nicht verläugnen. An dieſem Schulmeiſtervolke Gefallen zu finden und darüber die beſſere Geſellſchaft zu vernachläſſigen! Es iſt abominabel.“ Die Brieſpoſtmeiſterin meinte ſpitz:„Wenn ſo⸗ gar die Schulmeiſter ſalonfähig werden, wird man künftig wohlthun, ſich bei der Einladung zu erkun⸗ digen, aus welchen Stoffen die Geſellſchaft eigentlich zuſammengeſetzt iſt, weil ich ſonſt riskiren muß, mit meinen eigenen Schreibern zuſammenzutreffen. Unſer erſter Erpedient ſpielt auch die Violine und hat mehr Conduite als jene Schwarzröcke. Gleichwohl müßte ich gegen ſeine Geſellſchaft depreziren.“ 12¹ „Ich weiß nicht, was dem Arnheim einfällt,“ ſprach eine Dritte,„das ſich Decanailliren iſt ſonſt nicht ſeine Sache.“ Nächſt den reſpektiven Müttern empfanden nicht minder die gefallſüchtigen Fräuleins Töchter den nach⸗ theiligen Einfluß des zurückgekehrten Lehrerperſonals, in deſſen Geſellſchaft Fidelis wie angemauert ſaß und nicht fortzubringen war. Der männliche Theil des Publikums zuckte die Achſeln und wiederholte vornehm die Entſchuldigung: „Es iſt ein Engländer.“ Bei der heutigen Soirce hatte übrigens der Be⸗ obachter vollkommen Gelegenheit, die wahre, ſowie die falſche Herablaſſung hochgeſtellter Perſonen ge⸗ gen Leute unter ihrem Stande zu beobachten. Graf Alphons war anfangs auch ſehr herablaſſend, aber die Herablaſſung war nicht eine Folge echter Huma⸗ nität, nicht das Ergebniß eines aufrichtigen warm⸗ fühlenden Herzens, ſondern eben die Tochter des wahren ariſtokratiſchen Stolzes. Bei Fidelis fand das Gegentheil ſtatt Hier war die Herablaſſung eine Folge der Geſinnung und des Herzens, hier war ſie Wahrheit; beim Grafen nur Schein, hinter wel⸗ chem ſich der Stolz verbarg; hier war ſie eine duf⸗ tende und erquickende Roſe, dort eine leere, uner⸗ 122 quickliche Stechblume, wie lieblich ihre Blätter kolo⸗ rirt waren. Am meiſten unter dem weiblichen Publikum hatten die Fräuleins vom Hauſe durch das Beneh⸗ men der beiden Matadore der Soirge zu leiden. In der einen Ecke des Saals ſaß Fidelis bei ſeinen Schulmeiſtern und in der andern dehnte ſich der Graf im Sopha und vertrieb ſich die Zeit, indem er den ſilbernen Kaffeelöffel auf dem Daumen ſeiner rechten Hand balanciren ließ, in welcher equilibri⸗ ſtiſchen Beluſtigung er viel Fertigkeit beſaß. Joſephine und Marianne wollten verzweifeln, und waren gleichwohl gezwungen, zu böſem Spiel gute Miene zu machen. Mariannen gelang daher ihr:„Lebt wohl, ihr Berge“ bei weitem nicht ſo, als ſie es gewünſcht hatte. Der Beifall war zwar derſelbe, welchen die Schweſter eingeerntet hatte, aber ſie fühlte, daß ſie beſſer hätte ſprechen können. Bei der Deklamation Mariannens hatte es der Anſtand mit ſich gebracht, daß ſowohl Fidelis ſeine Schulmeiſtergeſpräche als auch der Graf ſeine equi⸗ libriſtiſchen Studien einſtellte; doch kehrten beide nach Beendigung der Deklamation zu ihren Liebhabereien zurück. Arnheim paßte die Gelegenheit ab, an des Grafen Seite Platz zu nehmen, und mit dem 123 Fleiße einer Biene den Honig zu ſaugen, der ob Ma⸗ riannens Monolog von des Grafen Lippen träufelte. Obſchon die Deklamation beider Fräuleins durch⸗ aus nichts Vorzügliches darbot, war der Graf doch artig genug, ſeine hohe Zufriedenheit mit den künſt⸗ leriſchen Leiſtungen der Töchter vom Hauſe zu er⸗ kennen zu geben. Er ließ bei dieſer Gelegenheit ſeine angebliche Kennerſchaft ſowohl auf dem Gebiete der Deklamation, wie des Pianoſpiels durchblicken. Fidelis, der ſich freilich nicht für einen Ken⸗ ner ausgab, hatte ſich weder am Vortrage des Fräuleins Joſephine, noch an dem ihrer Schweſter erbaut; im Gegentheil fand er die beiderſeitige De⸗ klamation viel zu manierirt und geſpreizt. Er ſprach das natürlich nicht aus, war aber doch ſo ehrlich, daß er nicht in die Lobhudeleien einſtimmte, die man von allen Seiten den Fräuleins ob ihrer außeror⸗ dentlichen Leiſtungen darbrachte. „Apropos,“ ſprach nach einer Weile der Graf zu Arnheim,„will uns die Kleine dort im Hinter⸗ grunde“— er deutete auf Marien—„die, wie ich höre, die Geſellſchafterin der Fräuleins iſt, nicht auch etwas zum Beſten geben? Sie ſcheint nicht uninter⸗ eſſant.“ „Ein gutes Kind,“ erwiederte der Bankier,„aber 124 — entre nous— noch etwas Einfalt vom Lande. Ihre dermalige Bildungsſtufe dürfte ſie unfähig ma⸗ chen, irgendetwas auf artiſtiſchem Gebiete den ver⸗ ehrten Gäſten vorzutragen.“ Marie, die durch ihre beſcheidene Erſcheinung, im Gegenſatze zu der übrigen, ziemlich gefallſüchtigen, jungen Damenwelt, einen ſehr vortheilhaften Eindruck machte, nahm immer ungetheilter das Intereſſe des Grafen Alphons in Anſpruch. Er erneuerte daher ſeinen Wunſch gegen Arnheim, daß Marie ein Lied oder Gedicht vortrage. „Es wäre nicht unpiquant,“ ſprach er, um ſei⸗ nen Wunſch zu motiviren,„den Unterſchied kennenzu⸗ lernen, welcher zwiſchen höherer künſtleriſchen Ausbil⸗ dung, wie ſie Fräuleins Töchter kundgegeben haben, und der einfachen Natur ſtattfindet. Die Kleine wird gewiß aus ihrer Dorfſchule das eine oder andere Gedichtlein im Gedächtniß behalten haben. Sie ge⸗ ſtatten, daß ich ſelbſt das Bittſtelleramt bei der Klei⸗ nen übernehme, und bin ich in meiner Bewerbung glücklich, wird auch das übrige Publikum nichts da⸗ gegen einzuwenden haben“ „O durchaus nicht, durchaus nicht,“ ſprach der Bankier,„aber ich zweifle, verehrteſter Herr Graf, ob Marie—“ 125 „Laſſen Sie das meine Sache ſein,“ verſetzte Alphons, ſtand auf und begab ſich zu Marien, die als anmuthige Hebe eben wieder beſchäftigt war, eine Anzahl geleerter Gläſer mit duftendem Punſch royal zu füllen. „Wiſſen Sie wohl, holde Ganymeda,“ lautete der Antrag des Grafen,„daß Sie uns auch etwas Schönes vortragen, ſingen oder deklamiren müſſen, nach⸗ dem die Fräuleins vom Hauſe mit ſo leuchtendem Beiſpiele vorangegangen ſind. Heut darf ſich nie⸗ mand ausſchließen, das Seine zur Geſelligkeit bei⸗ zutragen.“ Marie ſchaute den Grafen unſchuldvoll an. Wäh⸗ rend jede Andere in ihrer Stellung ſolchen Antrag mit Mißtrauen angeſehen, ja für Spott gehalten haben würde, glaubte⸗Marie, daß es der Graf wirklich ſo meine, wie er ſagte und wie es denn auch war. Sie ſchüttelte lächelnd das Haupt und erwiederte:„Ich einfältiges Mädchen, in dieſer vornehmen Geſell⸗ ſchaft, das würde ſich paſſen!“ „Wenn ich Sie aber recht bitte?“ „Es thut mir gar leid, aber—'s geht wirk⸗ lich nicht.“ „Doch, doch,“ drängte der Graf,„Sie haben ge⸗ wiß auch Ihren Lieblingsdichter.“ 126 H ial Der holde Wohllaut, der in Mariens Stimme lag, die reizende Natürlichkeit des Benehmens feſ⸗ ſelten den Grafen immer mehr und verſtärkten ſeinen Wunſch nach einem Lied oder Gedicht aus ihrem Munde. Der Bankier war herangetreten und, um ſeinem hohen Gaſte gefällig zu ſein, erkundigte er ſich bei Marien, ob ſie nicht inſoweit Deklamationsunterricht genoſſen, ein Gedicht möglichſt fehlerfrei vorzutragen? „Bei meiner Mutter zu Hauſe,“ ſprach Marie, „hab' ich manchmal Lieder und Gedichte auswendig herſagen müſſen.“ „Herſagen,“ dachte der Bankier, indem er ſich abgewendet eine Priſe in die Naſe ſchob,„da haben wir's; das wird eine ſchöne Deklamation geweſen ſein.“ „Alſo förmlichen Unterricht in der Deklamation,“ frug er von neuem,„haben Sie nicht genoſſen?“ „Nein,“ antwortete Marie,„ich lernte die Lieder und Gedichte nur zu meinem Vergnügen.“ „Ihre Frau Mutter wird Ihnen aber doch einige Lehren gegeben haben vonwegen der Ausſprache und des Vortrags?“ „Auch nicht. Sie ſagte mir immer, ich ſolle ſo ſprechen wie ich fühle.“ 127 „Dieß iſt freilich ein ſehr dürftiger Unterricht geweſen, mein Kind,“ ſprach kopfſchüttelnd der Bankier. Der Wunſch des Grafen Alphons, daß Marie etwas deklamiren ſolle, war bald in der Geſellſchaft bekannt geworden. Man fand ihn hinreißend, ent⸗ zückend. Die Geſellſchaft glaubte natürlich, daß der Graf die intereſſante Abſicht habe, auf Koſten einer Einfalt vom Lande die Anweſenden beſtens zu amüſiren. Mehrere der Herren umringten daher Marien und vereinigten ihre Bitten mit denen des Grafen. Am angelegentlichſten intereſſirten ſich die beiden Fräuleins vom Hauſe für die Sache. Es konnte ihnen ja gar keine paſſendere Gelegenheit gegeben werden, ihrer eigenen Deklamation nachträg⸗ lich noch einen Glanz zu verleihen, wenn ein Gedicht, von Marien hergeſagt, den großen Abſtand erkennen ließ, der zwiſchen höherer Kunſtbildung und einfacher Natur ſtattfinde. Beide Fräuleins wußten, daß Marie ſelber im Schiller nicht bewandert und daß ſie jedenfalls etwas Altväteriſches zum Vorſchein bringen werde zu großer Beluſtigung der Geſellſchaft. Beide Damen beſtürmten daher die arme Marie förmlich, daß ſie etwas deklamire. „Welcher iſt Ihr Lieblingsdichter?“ frug der Graf ſehr angelegentlich. 128 Marie, die in ihrer Unſchuld gar nicht begriff, wie ſie mit einemmal der Gegenſtand der allgemein⸗ ſten Aufmerkſamkeit hatte werden können, wurde bei der Frage des Grafen etwas verlegen. Sie entſann ſich nur zu wohl, wie wenig Gnade ihr Lieblings⸗ dichter, ihr verehrter Gellert, bei Joſephinen und Mariannen gefunden habe. Sie ſcheute ſich daher jetzt den Namen desſelben zu nennen, in der Furcht, von neuem einer liebloſen Verſpottung ausgeſetzt zu ſein. Nichtsdeſtoweniger ward ihre ſtille Dichter⸗ liebe bekannt. „Gellert iſt ihr Mignon, Herr Graf,“ platzte Marianne lächelnd heraus. Der Name Gellert brachte allgemeine Heiterkeit, die ſogar in ein vernehmbares Gekicher überging, hervor. Hier und da vernahm man halb ſcherzhaft, halb ſpottweiſe die Worte:„Philar, der ſo manche Nacht'— Frau Orgon! rief die Frau Gevatterin,— Ein armer Schiffer ſtack in Schulden,—„Von un⸗ gefähr muß einen Blinden— Nur der Graf ſelbſt blieb wider Erwarten ſehr ernſt; eine Erſcheinung, die man ſich durchaus nicht zu erklären vermochte. Wie es manchmal im Leben zu ergehen pflegt, daß eine Erinnerung an die frühe Jugendzeit den beſſern Menſchen, der lange eingeſchlummert geweſen, wieder aufweckt, die wie ein frommes Glockenläuten, das ob des uns umbrauſenden Weltgetöſes lange verſtummt war, wieder fried⸗ und himmelvoll an die Seele ſchlägt, wie der Gruß aus einem verlornen Paradieſe: ſo hatte auch der Name Gellert eine ſichtbare Verän⸗ derung in dem Gemüthe des Grafen zur Folge ge⸗ habt. War nicht ſeine früh verſtorbene hochtheure Mutter eine große Verehrerin des frommen Dichters geweſen? Hatte er nicht als kleines Kind auf ihrem Schvoße ſo oft jene zum Herzen ſprechenden Lieder vernommen, die ihm ſeit jener Zeit nie wieder erklungen? „O, mein Fräulein,“ ſprach daher der Graf Al⸗ phons im auffallend veränderten Tone zu Marien, „wenn Sie uns ein Lied von dieſem herrlichen Sänger mittheilen wollten, wie dankbar würde ich Ihnen ſein. Wiſſen Sie wohl, Gellert war auch der Liebling meiner frommen Mutter. Und ich bin über⸗ zeugt,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„daß Sie ſo recht die Worte dieſes Dichters in ſeinem Geiſte vorzutragen berufen ſind.“ Daß der Spaß, den man durch eine Dekla⸗ mation aus den Gedichten des als altväteriſch ver⸗ ſchrieenen Gellert gehofft, einen ſolchen Ausgang nehmen würde, hatte niemand in der Geſellſchaft erwartet. Da der Herr Graf dieſe Angelegen⸗ 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 9 130 heit indeß von ſo ernſter Seite auffaßte, hielten es auch die Umſtehenden für angemeſſen, die bereits ſehr überhandgenommene Heiterkeit einzuſtellen. Die ſpöttelnden Zitate aus Gellert's Gedichten ver⸗ ſtummten. Joſephine und Marianne ſahen ſich ein⸗ ander mit Blicken an, welche zu fragen ſchienen, ob der Graf eine ſentimentale Komödie aufführen wolle, oder ob er plötzlich fromm geworden? Der alte Arnheim wußte gleich gar nicht, was er denken ſollte, daß der allgemeinen Heiterkeit mit einemmale eine ſo auffallende Stille gefolgt war. Er wandte den Kopf bald rechts, bald links, während Graf Alphons unermüdlich fortfuhr, Marien zu beſtürmen, ein ſchönes Gellertlied vorzutragen. Marie, anfäng⸗ lich durch die allgemeine Aufforderung eingeſchüchtert, war durch die Worte des Grafen:„Gellert war auch der Liebling meiner Mutter, ſowie durch die Ver⸗ ehrung, die Alphons für ihren Liebling an den Tag legte, wunderbar geſtärkt worden. Nach einiger Be⸗ klemmung ſprach ſie:„Wenn es denn ſein muß, will ich den„armen Greis“ ſprechen.“ „O danke, danke,“ rief der Graf,„das war auch das Lieblingsſtück meiner ſeligen Mutter, wie oft hab' ich es von ihren frommen Lippen vernommen.“ Er wandte ſich gegen das Publikum, das in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, in Gruppen umherſtand. „Fräulein Marie,“ ſprach er,„wird die Güte haben, uns den aarmen Greis“ von Gellert vorzu⸗ tragen.“ Zugleich bot er ihr die Hand und führte ſie an das Tiſchchen, von welchem aus auch die beiden Fräuleins vom Hauſe ihre Deklamationsſtücke zum Beſten gegeben hatten. Da das Publikum jetzt deutlich wahrnahm, wie dem Herrn Grafen es kein bloßer Scherz mit der De⸗ klamation Mariens, ſondern vollkommener Ernſt war, und wie ihm überhaupt dieſe Sache ſehr am Herzen zu liegen ſchien, ſo nahm man eine womöglich noch geſetztere Poſitur an, als ſelbſt bei den Vorträgen der beiden Fräuleins Joſephine und Marianne; ob⸗ ſchon man im Innern keineswegs gellertmäßig ge⸗ ſtimmt war. Ganz im Hintergrunde flüſterte Schmaling dem Herrn von Sparrenberg ins Ohr: „Haben Sie nicht Ihr Geſangbuch zu ſich geſteckt, wahrſcheinlich kommt's noch zur Betſtunde. Bei Gel⸗ lert iſt man bereits wohlbehalten angelangt.“ Eine allgemeine Stille erfolgte, aller Augen ruhten auf Marien, deren Befangenheit indeß nicht zu ver⸗ kennen war. 9* 132 Fidelis, der mit ſeinen Schulmeiſtern gleichfalls einen Theil des lauſchenden Publikums abgab, war auf den Grafen wahrhaft erbittert. „Es iſt wahre Sünde,“ ſprach er zu ſich, „dieſes arme Kind der Spottſucht eines ſo unhei⸗ ligen Haufens preiszugeben; ſie gleichſam als Folie den eitlen Hausfräuleins hinzuſtellen. Bei ihrer Be⸗ fangenheit und wahrſcheinlich auch bei ihrer Unge⸗ übtheit muß ſie Fiasko machen zum heimlichen Gau⸗ dium Joſephinens und Mariannens.“ Graf Alphons, dem die Befangenheit Mariens nicht entging, flüſterte ihr Muth zu und machte mit der Hand ein Zeichen, daß das Deklamatorium ſei⸗ nen Anfang nehme. Man konnte ein Sandkorn fallen hören, eine ſolche Stille trat ein. Mit unſicherer und etwas ſchwacher Stimme begann Marie. Nach den Worten: „Um das Rhinozeros zu ſehen, (Erzählte mir mein Freund), beſchloß ich auszugehen— war ſelbſt die ernſte Haltung des Grafen nicht hin⸗ reichend, ein leiſes Gekicher der blaſirten Geſellſchaft zurückzuhalten. Hier und da ſah man, wie Taſchen⸗ tücher vor den Mund gehalten wurden, um den Aus⸗ bruch der Lachluſt zurückzuhalten. Zum Glück, daß Marie zu ſehr in ihre Aufgabe vertieft war und von dieſer Stimmung nichts wahrnahm. Sie wäre verloren geweſen. Mit immer noch unſicherer Stimme fuhr ſie fort: Ich ging vors Thor mit meinem halben Gulden, Und vor mir ging ein reicher, reicher Mann, Der, ſeiner Miene nach, die eingelauf'nen Schulden, Nebſt dem, was er damit die Meſſe durch gewann, Und was er, wenn's ihm glücken ſollte, Durch den Gewinnſt nun noch gewinnen wollte, In ſchweren Ziffern überſann.“ Mit den letztern Verſen ward der Vortrag ſicherer, ſo daß der Wohllaut, der in Mariens Stim⸗ me lag, ſeine Wirkung nicht verfehlte. Das Publi⸗ kum ward ernſter und aufmerkſamer. Marie fuhr fort: „Herr Orgon ging vor mir,(ich geb' ihm dieſen Namen, Weil ich den ſeinen noch nicht weiß) Er ging; doch eh' wir noch zu unſerm Thiere kamen, Begegnet uns ein alter, ſchwacher Greis.“ Die nun folgenden Verſe ſprach das Mädchen in ihrer Natürlichkeit mit ſo rührender Innigkeit, daß ſich's auch dem leichtfinnigſten Weltkinde in der Gegend des Herzens wunderbar zu regen begann. Alphons war hingeriſſen und Fidelis hielt entzückt den Athem an. 134 Für den, auch wenn er uns um nichts gebeten hätte, Sein zitternd Haupt, das nur halb ſeine war, Sein ehrlich fromm Geſicht, ſein heilig graues Haar Mit mehr als Rednerkünſten redte.“ Von wunderbarer Wirkung waren nun die Worte: „Ach,“ ſprach er,„ach erbarmt Euch mein!“ In das Ach, erbarmt Euch mein“ wußte das einfache Landkind einen ſolchen Zauber zu legen, daß einigen der Zuhörer unwillkürlich die Thränen nahe traten. „Ich habe nichts, um meinen Durſt zu ſtillen, Ich will euch künftig gern nicht mehr beſchwerlich ſein, Denn Gott wird wohl bald meinen Wunſch erfüllen, Und mich durch meinen Tod erfreu'n. O, lieber Gott, laß ihn nicht ferne ſein!“ Auch dieſe mit einer himmelvollen Wehmuth ge⸗ ſprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Kon⸗ vulſiviſch packte Schmaling, ebenfalls hingeriſſen, den Baron am Arme. „Magnifique, magnifique,“ wisperte er,„ein Phänomen.“ Marie, durch die Todtenſtille erkennend, daß ihr Vortrag nicht ohne Eindruck bleibe, gewann immer mehr an Vertrauen und ward immer mehr Meiſterin der vorzutragenden Worte. Sie folgte, was die Pauſen anbelangte, allein ihrem natürlichen Gefühl. Man erkannte, daß hier nichts Erlerntes, nichts Einſtudirtes. Es war ein Sieg des richtigen Gefühls über alle Regeln der gewöhnlichen Deklamation. Nach den faſt gebetartig geſprochenen Worten:„O, lieber Gott, laß ihn nicht ferne ſein, trat eine längere Pauſe ein, worauf Marie unter der bisherigen Todtenſtille fortfuhr: „So ſprach der Greis; allein was ſprach der Reiche? „Ihr ſeid ein ſo bejahrter Mann, Ihr ſeid ſchon eine halbe Leiche, Und ſprecht mich noch um Geld zum Trinken an? Ihr unverſchämter, alter Mann! Müßt Ihr denn noch erſt Branntwein trinken, Um taumelnd in das Grab zu ſinken? Wer in der Jugend ſpart, der darbt im Alter nicht“.— D'rauf ging der Geizhals fort.“ Mit den nun folgenden drei Verſen: „— Ein Strom ſchamhafter Zähren Floß von des Alten Angeſicht. „O Gott, Du weißts!“ Mehr ſprach er nicht.“ brachte Marie wieder die außerordentlichſte Wir⸗ kung hervor. Das: HGott, Du weißt's!“ ſprach ſie mit einer ſo gläubigen Hingebung, wie niemand in der Geſellſchaft ſich erinnerte, je dieſe Worte ver⸗ nommen zu haben. Mit einem Eifer, als verkünde 136 Marie das Evangelium der ewigen Glückſeligkeit, ſog Graf Alphons jedes Wort von ihren Lippen, während es Fidelis immer klarer wurde, daß die Sprecherin, ein eingeborner Engel, zur Beſeligung der ſündigen Erdenkinder niedergeſtiegen aus himmliſchen Wohnungen. Er hätte jetzt dem Grafen, daß er Marien zur Deklamation veranlaßt, dankbar um den Hals fallen können. Während aber die Geſellſchafterin der beiden Fräu⸗ leins vom Hauſe in aller Einfalt und Beſcheidenheit wahrhafte Triumphe feierte, wollten Joſephine und Marianne vor Neid und Eiferſucht verzweifeln. Sie hatten in ihrem Hochmuthe und in ihrer Einbildung als vollendete Meiſterinnen auf dem Gebiete der De⸗ klamation es gar nicht der Mühe werth gehalten, ſich nach dem natürlichen Talente Mariens zu er⸗ kundigen und ihr eine Gelegenheit zu geben, dasſelbe zu zeigen. Was war auch von einer Einfalt vom Lande zu erwarten, die in ihrer ſchöngeiſtigen Bele⸗ ſenheit nicht über Gellert hinausgekommen. Beide Fräuleins erkannten aus der ungemeinen Aufmerk⸗ ſamkeit, die vonſeiten der Geſellſchaft dem Vortrage Mariens gezollt wurde, und aus dem tiefen Eindrucke, den ſie hervorbrachte, daß nach Beendigung des Ge⸗ dichtes ein Beifallsſturm nicht ausbleiben werde 137 gegen welchen die Lobpreiſungen, die ſie erhalten, in gar keinem Verhältniſſe ſtanden. Anſtatt alſo ih⸗ nen zur Folie zu dienen, trat gerade der umgekehrte Fall ein, ſie mußten ihrer dienſtbaren Geſellſchafterin als Folie dienen; ſie, die Hochgebildeten und in der ſchönen Literatur ſo Bewanderten, einem einfachen Landkinde! Das war mehr, als ihr ſtolzes Herz zu ertragen vermochte. Hätten ſie eine Ahnung gehabt, daß Marie, anſtatt ſich zu blamiren und ein Gegen⸗ ſtand des Scherzes und Spottes zu werden, alſo auf⸗ treten würde, ſie hätten nimmer zugegeben, daß ſie etwas deklamire. Papa Arnheim wußte gleich gar nicht, woran er war. Nach der Beſchreibung ſeiner Töchter galt ihm Marie als einfältiges Dorfgänschen, welches kaum die unentbehrlichen Schulkenntniſſe ſich angeeignet, und plötzlich ſtand dieſes„Gänschen“ als eine zweite Sophie Schröder da, jedermann entzückend und ſeine Töchter weit in den Schatten ſtellend. Wenn ihm letzteres auch nicht ſehr angenehm war, ſo ſchmeichelte ihm doch andererſeits wieder, daß ſeine Soirte den Gä⸗ ſten, und namentlich dem Grafen und dem Lord, ei⸗ nen ſolchen wahrhaften Genuß darbiete. Der kalie Zahlenmann war ſelbſt ganz warm geworden ob der rührenden Einfachheit, des tiefen Gefühls, ſowie 138 des unendlichen Wohlklanges der Stimme in Mariens Vortrage. Daß er einen ſolchen Schatz im Hauſe, hatte er nicht geahnt. Marie fuhr in rührend einfachem Tone fort: „Ich konnte mich der Wehmuth kaum erwehren, Weil ich etwas mitleidig bin. Ich gab ihm in der Angſt den halben Gulden hin, Für welchen ich die Neugier ſtillen wollte, Und ging, damit er mich nicht weinen ſehen ſollte. Allein er rufte mich zurück: „Ach,“ ſprach er mit noch naſſem Blick, „Ihr werdet Euch vergriffen haben, Es iſt ein gar zu großes Stück. Ich bring Euch nicht darum, gebt mir ſoviel zurück, Als ich bedarf, um mich durch etwas Bier zu laben!“ „Ihr,“ ſprach ich,„ſollt es alles haben; Ich ſeh, daß Ihr's verdient, trinkt etwas Wein dafür. Doch, armer Greis, wo wohnet Ihr?“ Er ſagte mir das Haus Hier hielt Marie wieder inne. Dann fuhr ſie fort: Ich ging am andern Tage Nach dieſem Greis, der mir ſo redlich ſchien, Und that im Gehen ſchon manche Frag' an ihn; Allein, indem ich nach ihm frage, War er ſeit einer Stunde todt.“ Wieder eine Pauſe. Die letzte Zeile ſprach das bezaubernde Talent ſo ergreifend, daß viele Augen 139 der Thränen ſich nicht zu erwehren vermochten. In tiefer geweihter Feier folgten die Worte: „Die Mien auf ſeinem Sterbebette War noch die redliche, mit der er geſtern redte. Ein Pſalmbuch und ein wenig Brot Lag neben ihm auf ſeinem harten Bette.“ Und wie aus dem Munde eines Engels des Gerichts tönte es: „O! wenn der Geizhals doch den Greis geſehen hätte, Mit dem er ſo unchriſtlich redte, Und der ihn jetzt vielleicht bei Gott verklagt, Daß er vor ſeinem Tod ihm einen Trunk verſagt!“ Wieder eine ergreifende Pauſe, worauf Marie mit den Worten ſchloß: „So ſprach mein Freund und bat, die Müh auf mich zu nehmen, Und öffentlich den Geizhals zu beſchämen. Wiewohl ein Mann, der ſich zu keiner Pflicht Als für das Geld verſteht, der ſchämt ſich ewig nicht.“ Noch gewaltiger, als ſelbſt Joſephine und Marianne ihn gefürchtet, brach der Beifallsſturm aus, als Ma⸗ rie geendet hatte. Graf Alphons war von dem Vor⸗ trage ſo ergriffen, daß er, alle geſellſchaftlichen Rück⸗ ſichten vergeſſend, ſich auf ſein Knie niederließ und die weiche Hand Mariens an ſeine Lippen zog. Auch Fidelis vergaß ſeine Schulmeiſter und alles und eilte 140 herbei, ſeine begeiſterten Huldigungen Marien darzu⸗ bringen. Letztere, welche in ihrer Unſchuld im ge⸗ ringſten nicht nach dem Beifall der Menge geſtrebt und das Gedicht nur ſo wiedergegeben hatte, wie es ihr von ihrer Mutter gelehrt worden, ward ganz ſchamroth ob der außerordentlichen Huldigungen, ſo daß ſie dieſelben anfänglich für Spott hielt. Graf Alphons war wie umgewandelt. Er lebte nur für Marie. Es war, als ſeien weder die Töch⸗ ter des Hauſes noch irgendeine Dame überhaupt noch für ihn da. Dieſes auffällige Benehmen des Grafen, die ſo unverholenen Huldigungen blieſen das Feuer des Neides und der Eiferſucht in den Herzen der beiden Fräuleins zu hellen Flammen an. Alle andern Mäd⸗ chen nach ſich beurtheilend, frug Joſephine mit gehei⸗ mem Ingrimm ihre Schweſter:„Iſt Dir eine größere Kokette vorgekommen als dieſe Perſon?“ „Nicht erſehen mehr kann ich dieſes Bild,“ gab dieſe zurück.„Iſt es doch, als ſei die Soirce ihretwegen veranſtaltet worden.“ „Hätt' ich ſolches Raffinement bei dieſer an⸗ geblichen Unſchuld für möglich gehalten,“ fuhr Joſe⸗ phine fort,„würden wir uns wohl gehütet haben, der Mamſell Gelegenheit zu geben, ihre Koketterie auf dieſe Weiſe an den Tag zu legen.“ „Was nur dem Grafen einfiel,“ frug Marianne, „eine dienſtbare Perſon zur Deklamation aufzufordern? Ich finde es nicht einmal ſchicklich.“ „Und ihr förmlich den Hof zu machen,“ fügte Joſephine bei,„finde ich geradezu abſcheulich. Das dumme Ding muß Wunder denken, was an ihm iſt. Bei mir hat ſie es weg.“ Während vonſeiten der Damen des Hauſes ſolch ungerecht Gericht über die unſchuldige Marie gehalten wurde, beſtürmte Graf Alphons den neuen Gegenſtand ſeiner Auszeichnung, daß er noch ein Gedicht von Gellert zum Beſten gebe, und ward hierin von den Gäſten einſtimmig unterſtützt. Da auch der Herr vom Hauſe nicht umhin konnte, den Wunſch ſeiner Gäſte zu dem ſeinigen zu machen und in Marien zu dringen, daß ſie noch eine Dich⸗ tung von Gellert vortrage, ſo entſchloß ſich endlich die Gefeierte für den wunderbaren Traum.“ Auch dieſes liebenswürdige Gedicht trug ſie mit ungekün⸗ ſtelter Anmuth vor, daß mit den Schlußverſen: Ein Mädchen, rief ich aus, an das die Welt kaum dachte, Beſitzt das beſte Herz? Ich rief es und— erwachte.“ die ſie mit einer ſeelenvollen Innigkeit ſprach, aber⸗ 142 mals der allgemeine Beifallsſturm losbrach, während Joſephine, weinend vor Neid, ſich in einem Neben⸗ gemach auf ein Sopha geflüchtet hatte. Fidelis, welchem der unbehagliche Zuſtand der beiden Fräuleins nicht entgangen war, bedauerte vom Herzen die arme Marie. „Gutes Kind,“ ſprach er für ſich,„Du wirſt Deinen heutigen Triumph theuer erkaufen müſſen. Nachdem der Graf Dir auf ſo unzweideutige Weiſe ſeine Huldigung dargebracht, blüht Dir in dieſem Hauſe keine Roſe mehr. Ich will nicht hoffen, daß Du Dich durch die Auszeichnungen des ſchönen Gra⸗ fen zu thörichten Einbildungen hinreißen läßt. Wahre Dein Herz, unſchuldvoller Engel Du. Du biſt für Ehregott geſchaffen, nicht für Alphons. Es iſt übri⸗ gens gut, daß erſterer nicht zugegen war. Wohnteſt Du noch nicht in ſeinem Herzen, heute mit dem Rhinozeroſſe wärſt Du ſiegreich eingezogen. Aber einen ſo ſchönen welterfahrenen und überdieß gräfli⸗ chen Nebenbuhler zu haben, iſt für einen armen Hauslehrer nichts angenehmes.“ „Doch, was fang' ich jetzt an?“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„mein Zweck iſt erreicht. Ich habe das Terrain hier kennengelernt. Ich habe gefunden, daß es beſſer iſt, wenn Ehregott kündigt und ſobald als möglich ſein Studium auf der Hochſchule fortſetzt. Dieſes blaſirte Geldvolk hier iſt inkurabel. Bei ihm ſind Zeit und Mühe weggeworfen. Darum fort mit dem guten Kerl, je eher je lieber. Aber Marie — armes, beklagenswerthes Kind, was ſoll aus Dir werden? Und kann ich nichts für Dich thun? Kann ich Dich nicht in meinem Programm unterbringen? Aber nein, das geht nicht, Du gehörſt ja nicht unter die Unglücklichen, Du biſt für den Augenblick ſogar glücklich, gefeiert, in den Himmel gehoben. Ich kann daher für Dich jetzt nichts weiter thun, als eine kleine Diverſion zu Deinem Beſten unternehmen, indem ich Deinen beiden erzürnten Fräuleins nach Kräften den Hof mache. Der Verluſt des Grafen iſt dann weniger ſchmerzhaft und ihr Zorn wird auf Dich, arme Marie, weniger ſchwer herabfallen. Ich muß der Tugend und Unſchuld zu Gefallen allerdings bedeutende Spitzbüberei treiben. Ich muß reden, was ich nicht denke, und was ich denke, muß ich verſchweigen. Es iſt das für mich eine abſcheuliche Zumuthung, aber was hilft es. Was thut man nicht einem armen ſchönen Kinde zuliebe? Hätte Marie nicht ſo unvergleichlich ſchön deklamirt und den Grafen zu begeiſtertem Anbeter gemacht, ſollte mich der Teu⸗ fel holen, für ſie ſo krumme Wege zu gehen.“ 144 „Ich werde,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „mein Spitzbubenamt mit Jpoſephinen beginnen. Bei ihr ſcheint es inwendig am grimmigſten auszu⸗ ſehen. Die Schulmeiſter mögen einſtweilen ſehen, wie ſie ohne mich durchkommen.“ Die von Fidelis geſuchte Tochter des Hauſes hatte ſoeben ihren Schmollwinkel verlaſſen und trat mit einem Antlitz, das nur mit Mühe den innern Sturm zu verbergen verſtand, wieder in den Saal. Fidelis eilte ihr galant entgegen und ſprach ſein ent⸗ ſchiedenes Bedauern aus, ſie eine Ewigkeit lang ver⸗ mißt zu haben. Zugleich pries er das hohe Glück, einmal recht ungeſtört mit ihr plaudern zu können. Obſchon Joſephine dieſe Rede nicht recht be⸗ griff, da Fidelis, wenn er nur gewollt hätte, ja ſchon weit früher dieſes hohe Glück, mit ihr zu plaudern, genießen konnte, ſo fand ſich ihre mädchenhafte Eitelkeit doch nicht unwohlthuend be⸗ rührt, daß wenigſtens ſeine Lordſchaft jetzt noch Anſtalt traf, das Verſäumte nachzuholen. Die Mädchen find in ſolchen Angelegenheiten nicht un⸗ verſöhnlich, ſobald ſie einigermaßen wahrnehmen, daß es dem Amoroſo Ernſt iſt, frühere Vernachläſſigung durch ſpätere Huldigung vergeſſen zu machen. Als jedoch Fidelis auf nicht ungeſchickte Art durchblicken 145 ließ, daß es reine Eiferſucht gegen den Grafen Al⸗ phons geweſen, die ihn in der Verzweiflung zu den Schulmeiſtern getrieben, heiterte ſich das Geſicht Joſephinens ſichtbar auf. Nichts verzeiht ein Mäd⸗ chen leichter als ſolche Eiferſucht. Fidelis hatte ſich den ganzen Abend nicht liebenswürdiger gezeigt. Wie der Sonnengott Phöbus Apollo verſcheuchte er immer ſiegreicher alles Nebelgewölk in Joſephinens Herzen. Das Fräulein fand den jungen Lord entzückend und der Verluſt des abtrünnig gewordenen Grafen war daher bald verſchmerzt. Mit innerer Wonne vernahm ſie, daß Fidelis keineswegs von der Deklamation Mariens, ſowie von ihrer übrigen Erſcheinung ſo eingenommen war, wie der leicht eraltirte Graf. „Ich mußte allerdings,“ ſprach er gleichfalls ſich entſchuldigend,„am allgemeinen Sturmanlaufe aus Höflichkeit mich betheiligen— aber— unter uns, gnädiges Fräulein— es bleibt doch ein Un⸗ terſchied zwiſchen Deklamation und Deklamation“— „Wie ſoll ich das verſtehen?“ frug Joſephine, obſchon ſie den Sinn ſeiner Worte freudig zu ahnen ſchien. „Bei der Meiſterin,“ ſprach Fidelis, ſich galant gegen Joſephine verneigend und das Wort Meiſterin 1857. XVIII König v. Tauhorawi. II. 10 146 beſonders betonend,„bedarf es keiner Erläuterung über dieſen Unterſchied.“ 3 „O bitte,“ erwiederte Joſephine, die Beſcheidene ſpielend,„ich muß auf ſolche Titel entſchieden ver⸗ zichten.“ „Es iſt nicht zu verkennen,“ fuhr Fidelis in ſeiner Spitzbubenrolle fort,„das Fräulein Marie wird in ihrem Vortrage von einem glücklichen In⸗ ſtinkt geleitet, aber, mein gnädiges Fräulein, vergeſſen Sie nie die Worte des großen deutſchen Liedermeiſters Göthe: Vergebens werden ungebund'ne Geiſter Nach der Vollendung reiner Höhe ſtreben. Hier hilft das Tappen nichts, Die Kunſt bleibt Kunſt, wer ſie nicht durchgedacht Der darf ſich keinen Künſtler nennen.“ Daher muß ich Ihnen denn bekennen, daß mich ſowohl Ihr Taucher, wie Fräulein Mariannens Monolog weit mehr befriedigt haben, als der zu na⸗ turaliſtiſche Vortrag der veralteten Gellertlieder.“ Joſephine ſchwamm in einem Meere von Wonne; nur der Gedanke, warum ſich Fidelis nicht unter den Lobrednern befunden, welche ihr nach beendeter Deklamation ihre Huldigung dargebracht, wollte ihr nicht recht in den Kopf. Sie ſprach daher nicht ganz ohne Vorwurf:„Und gleichwohl hatte Lord Derby vorhin kein freundlich Wörtlein für die arme Joſephine!“ „Geehrtes Fräulein,“ entſchuldigte ſich Derby, „bei wahrhafter Kunſtleiſtung laufe ich nicht gern mit der Menge, wo bei dem allgemeinen Enthuſi⸗ asmus die wahre Huldigung oft überſehen wird. Ich ſuche mir lieber da den geeigneten Augenblick.“ Jetzt waren in dem eitlen und geſchmeichelten Fräulein aller Mißmuth und alle Verſtimmung zer⸗ ſtreut. Sie geſtand jetzt ebenfalls, wie ſie den au⸗ ßerordentlichen Beifall, den Marie geerntet, nicht habe begreifen können. Fidelis zuckte mit den Achſeln. „Der Gellert,“ motivirte er,„war in dieſem Zirkel etwas volltommen Neues und alles Neue und Ungewohnte übt einen gewiſſen Reiz aus. Marie mag morgen ihr Rhinozeros nochmals vorführen und Sie werden ſehen, wie gering der Erfolg ſein wird.“ Fidelis näherte ſich jetzt immer mehr ſeinem Ziele, das ihn zum Heuchler und Schmeichler ge⸗ macht, eine Rolle, die ihm ſehr zuwider war. „Das Schlimmſte bei der ganzen Sache iſt,“ fuhr er in ſeiner Unterhaltung mit der glüctichen 10 — 148 Joſephine fort,„daß man die Kleine durch den übertriebenen Beifall etwas eitel gemacht haben wird.“ Dieſe Worte waren Waſſer auf Joſephinens Mühle. Sie legte ſofort den entſchiedenſten Willen an den Tag, daß ſowohl ſie, wie ihre Schweſter Marianne, nach Kräften bemüht ſein würden, dem jungen Mädchen die Eitelkeit auszutreiben. Hierher wollte Fidelis das Fräulein haben. „Es iſt das ſehr wünſchenswerth,“ geſtand er zu,„denn nichts wirkt nachtheiliger auf ein junges Kind, als wenn man ihm Dinge in den Kopf ſetzt, hinter denen nichts iſt. Ich halte es daher ſogar für Pflicht, daß ſowohl Sie, wie Schweſter Marianne, dafür Sorge tragen, den böſen Feind der Eitelkeit und Gefallſucht bei Marien nicht aufkommen zu laſſen.“ „Es ſoll geſchehen,“ betheuerte Joſephine. „Indeß,“ fuhr Fidelis fort,„wäre vor allen Dingen die Art und Weiſe in Berathung zu ziehen, auf welche hier zu verfahren. Nach meinem Dafürhal⸗ ten iſt das Allerbeſte, daß Sie, mein ſchönes Fräu⸗ lein, wie auch Schweſter Marianne, in Ihrem zeit⸗ herigen Verhalten gegen die Geſellſchafterin durch⸗ aus keine Veränderung eintreten und um Himmels⸗ willen nicht durchblicken laſſen, als fühlten Sie ſich 16 durch Mariens wohlfeilen Triumph im geringſten verletzt. Sobald die Kleine nur entfernt heraus⸗ fühlt, daß der Beifall, den ſie gefunden, Ihnen un⸗ angenehm, iſt alles verloren. Alſo verſprechen Sie mir, wertheſtes Fräulein, verſprechen Sie mir mit der Hand, gegen Marie ganz das zeitherige, freund⸗ liche Verhalten beizubehalten und überhaupt zu thun, als ob die heutige Soirée gar nicht ſtattgefunden.“ Fidelis bot ſeine ganze Beredtſamkeit auf, das Fräulein, dem in ſeiner Eiferſucht eine ſo reſignirende Politik durchaus nicht zuſagte, in ſeinem Sinne zu bearbeiten. Er wußte ſeinen guten Rath mit ſolcher Ueberredungskunſt zu vertheidigen, daß Joſephine endlich nicht nur mit Hand und Mund gelobte, ſich ſeinem Willen zu fügen, ſondern auch dafür zu ſor⸗ gen, daß ihre Schweſter ein Gleiches thue. Auf dieſe Art war Fidelis bemüht geweſen, dem Zorn der beiden Schweſtern in Betreff Mariens bedeutend Zaum und Zügel anzulegen. Der Graf Alphons hatte ſich, während Fidelis den kleinen Spitzbuben ſpielte, faſt nur mit Marie be⸗ ſchäftigt. Je länger dieſe Unterhaltung währte, deſto mehr ward er von ihrer Natürlichkeit, ihrem frommen Sinne, dem Wohllaute ihrer Stimme zauberhaft gefeſſelt. Der Graf gehörte zu jenen Charakteren, die 150 außerordentlich leicht Feuer fangen, wo aber die Wogen der Leidenſchaft ſich ebenſo ſchnell wieder verlaufen. Es fehlte daher auch heut nicht viel, daß der junge eraltirte Mann der liebenswürdigen Marie in aller Form ſeine Liebe geſtanden und ſein Herz zu ihren Füßen gelegt hätte. Sparrenberg hatte infolge des Benehmens des Gra⸗ fen gegen Marie größeres Terrain bei Mariannen ge⸗ wonnen, die ſich zu ihrem nicht geringen Verdruß von den beiden Notabilitäten der Soirée auffällig vernachläſſigt fand. Um ſich alſo ſowohl an dem Grafen, wie an Fidelis zu rächen und ihren Verdruß nach Kräften zu verbergen, war ſie auffallend freundlich gegen ihren alten Anbeter, durch welche unerwartete Huld der Glückliche in den dritten Himmel erhoben wurde. Mitternacht war vorüber, als die Soirce des Bankiers Arnheim ihr Ende erreicht hatte. Dem für das Wohl Mariens ſo beſorgten Fidelis war es kurz vor ſeinem Aufbruche auch noch gelungen, Ma⸗ riannen für die Politik zu gewinnen, welche er Jo⸗ ſephinen mit ſolcher Beredtſamkeit anempfohlen. Beide Fräuleins hatten heilig und theuer gelobt, von den Triumphen Mariens gar keine Notiz zu nehmen und in ihrem Verhalten gegen dieſelbe durchaus keine Veränderung eintreten zu laſſen. Als Fidelis in ſeinem Hötel die Treppen empor⸗ ſteigen wollte, trat ihm auf der Hausflur Herr von Sparrenberg mit vieler Höflichkeit und der Anfrage entgegen, ob der Herr Lord einer kleinen, aber ge⸗ wählten Geſellſchaft nicht die Ehre geben wolle, an einer Partie Pharao theilzunehmen. Obſchon Fidelis durchaus kein Freund vom Hezardſpiel war, intereſſirte ihn dasſelbe doch inſofern, als man nirgends anders als beim Hazard⸗ ſpiele ſolche Menſchen⸗ und Charakterſtudien anſtellen kann, weil hier gerade die verderblichſte aller Leiden⸗ ſchaften ihr unheimliches Weſen treibt. Der Lord nahm, zumal er noch keine Ermüdung verſpürte, die Ein⸗ ladung Sparrenberg's an und folgte demſelben durch einen langen Gang nach einem ziemlich abgelegenen Zimmer, deſſen Thür ſich auf dreimaliges leiſes Klopfen aufthat, und wo das freundlich erleuchtete grüne Schlachtfeld der Fortuna bereits von einer Anzahl Pointeure beſetzt war. Man wies dem ein⸗ tretenden Fidelis mit aller Höflichkeit einen der be⸗ quemſten Plätze an, ſein Geld zu verlieren. Die beiden Kurländer, deren Schmaling gegen Sparren⸗ berg auf der Soirte Erwähnung gethan, ſchienen bereits ziemlich gerupft zu ſein und betheiligten ſich am Spiele mit ſehr verdroſſenen Mienen. Sie poin⸗ 1 52 tirten ziemlich hoch und trugen bei anhaltendem Malheur ſehr weſentlich bei, den Bankbeſtand anſtän⸗ dig zu vermehren. Noch mehr als die beiden Kurländer, welche ſehr bemittelt, wo nicht reich zu ſein ſchienen, inter⸗ eſſirte Fidelis ein junger Mann, der von den beiden Bankhaltern Schmaling und Sparrenberg mit vieler Zuvorkommenheit in Affektion genommen wurde, deſſen Champagnerglas man bemüht war, beſtän⸗ dig in Füllung zu erhalten, in deſſen Innern aber es keineswegs fröhlich, ſondern im Gegentheil ſehr verzweifelt auszuſehen ſchien. Louis Simon war der Sohn braver Eltern, und als kaufmänniſcher Reiſender auf ſeiner erſten Ge⸗ ſchäftsreiſe begriffen. Weinlaune und Verführung hatten den armen jungen Mann zum erſtenmal in ſeinem Leben an einen Hozardſpieltiſch geführt, und der böſe Dämon des Spiels hatte den Unglück⸗ lichen bereits mit ſeiner Geierskralle gefaßt. Wie ſo oft im Leben vorgekommen, der Jüng⸗ ling war erſt nach langem, langem Zureden und nachdem die Verführer durch Champagner nichts verabſäumt, alle moraliſchen Einwendungen niederzu⸗ ſchlagen, an die verderbenſchwangere Tafel getreten. Er hatte ſich heilig und theuer gelobt, nur wenige 153 Thaler zu wagen. Man reiche aber dem Satan den kleinen Finger, wie bald hat er die Hand und den ganzen Menſchen. Nichts iſt für jemand, der zum erſtenmale an den Hazardtiſch tritt, verderblicher, als wenn ihm anfangs Fortuna lächelt, und in der Regel verſteht Satan die Karten alſo zu mi⸗ ſchen. So auch dießmal. Champagnerſelig und im Glücke ſitzend konnte ſich Simonkein herrlicheres Leben auf Erden denken; aber die Klaue des Böſen ſollte nur zu bald zum Vorſchein kommen und ſich fühlbar machen. Der ſchöne Gewinn eilte ebenſo ſchnell, wie er gekommen, in die Bank zurück, ihm folgte die für das Spiel beſtimmte Summe. Der junge Mann wollte jetzt, um eine Erfahrung reicher, auf⸗ hören, als man ihm eifrig zuredete, ſeinem Glück nachzugehen. Fortuna ſei launiſch und kehre wieder. Ein Glas raſch getrunkenen Champagners verſcheuchte auch dießmal die Bedenklichkeit. Der junge Mann eilte auf ſein Zimmer, ſteckte größere Barſchaft zu ſich und verſuchte ſein Glück von neuem. Es blieb entſchieden abhold. Jetzt erſt erwachte die eigent⸗ liche Leidenſchaft. Auch die nachgeholte Barſchaft war bald von der Bank verſchlungen. Er ſaß einen Augen⸗ blick wie vernichtet. Was jetzt beginnen? Ihm war kaum ſoviel geblieben, die Wirthshausrechnung zu 154 bezahlen, und noch ſollte er ganze vierzehn Tage unter⸗ wegs bleiben. Wovon dieſe Zeit leben? Da flüſterte Satan die Worte in ſeine Seele:„Da haſt fünf⸗ hundert Thaler für Deinen Prinzipal eingenommen. Du leihſt Dir fünfundzwanzig Thaler. Eine einzige glückliche Taille bringt den ganzen Verluſt wieder.“ Krampfhaft ſaßte er ein neues Glas Champagner und ſtürzte es hinunter. Das klare Denken und Ueber⸗ legen unterlag immer mehr der Leidenſchaft. Nach wenig Minuten war der erſte Schritt auf dem Wege des Verbrechens gethan. Simon hatte anvertrautes Geld angegriffen und auch dieſes verſpielt. Als Fidelis an der Tafel Platz nahm, ſpielte der Un⸗ glückliche bereits mit den zweiten fünfzig Thalern anvertrauten Gutes. Lord Derby, welcher zu nicht geringem Verdruße der Bankhalter nur Eine Karte ſpielte und dieſelbe ſehr mäßig beſetzte, hatte Ge⸗ legenheit, die ganze Höllenleiter der Leidenſchaft und Seelenfolter auf dem verzerrten Antlitze des jungen Spielers zu beobachten. Er erkannte bald, daß Simon ein Neuling und ein Opfer gewiſſenloſer Verführung geworden ſei. Er ergrimmte im Inner⸗ ſten über die beiden Bankhalter, die gewiſſenlos ge⸗ nug waren, den unglücklichen jungen Mann durch immer neuen Champagner mehr und mehr zu be⸗ 155 täuben. Als der aufwartende Diener auf einen Wink Sparrenberg's auch Fidelis ein ſchäumendes Glas darbot, ſagte dieſer nicht ohne Beziehung auf Simon:„Danke, der wahre Spieler trinkt Zucker⸗ waſſer.“ Dieſe Bemerkung ward vonſeiten des Barons nicht eben mit dem freundlichſten Blicke aufgenommen. Plötzlich verſchwand der junge Spieler, Verzweiflung auf dem Antlitze, abermals vom Spieltiſche und kehrte mit neuem Gelde zurück.„Das kann unmög⸗ lich ein gutes Ende nehmen,“ dachte Fidelis bei ſich. Er hatte erfahren, daß der junge Mann Handels⸗ reiſender ſei, ein Stand, der nicht ſelten über be⸗ deutende Summen fremden Geldes zu verfügen habe, und eine böſe Ahnung durchzuckte ſein Innerſtes. Sein menſchenfreundlich Herz zitterte bei dem Ge⸗ danken, daß der verführte Jüngling, welchen die Spielfurie mit aller Macht erfaßt hatte, mit an⸗ vertrautem Gute ſpiele. Da der junge Simon, wie das bei bedeutendem Verluſt vonſeiten der Spieler gewöhnlich vorkommt, immer rückſichtsloſer hoch ſpielte und das ſchöne Geld der Bank ordentlich mit Ge⸗ walt in den Rachen warf, ſo konnte Fidelis dieſes unſelige Spiel nicht länger ruhig mitanſehen; und als Simon wieder eine Karte wie im halben Wahn⸗ 156 ſinn unverhältnißmäßig hoch mit Geldſtücken belaſtete, ſprach er:„Auf dieſe Weiſe werden Sie das Glück nicht zwingen.“ Sparrenberg, den es ſchon lange im Innern wurmte, daß Fidelis nicht höher ſpiele und nicht ein⸗ fältig genug war, bedeutende Summen zu verlieren, rügte die wohlgemeinte Mahnung des Fidelis mit den Worten:„Man ſtöre niemandes Spiel.“ Jetzt kochte es im Innern des jungen Briten. Doch bezwang er ſich no Das Aufſtehen des jungen Simon, um friſches Geld zu holen, wiederholte ſich noch einigemal. Die Verzweiflung auf ſeinem Geſichte ſprach ſich immer deutlicher aus, ohne daß derunglückſelige Zuſtand auf die Bankhalter den geringſten Eindruck hervorge⸗ bracht hätte. Im Gegentheil ſah man, wie ſich die Behaglichkeit, jemehr der Gold- und Silberhaufen der Bank zunahm, auf ihren Geſichtern ausſprach. Als der unglückliche Spieler, nachdem er in raſenden Spielſätzen abermals eine nicht unbedeu⸗ tende Summe verloren, von neuem wie wahnſinnig aufſprang, um neues Geld zu holen, ſprach Fidelis zu ſich:„Jetzt iſt dieſer entſchieden unglücklich und es ſchlägt in mein Programm, daß ich dem Ver⸗ zweifelten zu Hilfe eile.“ 157 Er verließ gleichfalls ſeinen Platz und ging ſchnellen Schrittes dem Voranſtürzenden nach. Mit befremdlichen Blicken ſchauten die Bank⸗ halter dem jungen Lord nach. Doch hatte das Spiel ſeinen ununterbrochenen Fortgang. Fidelis trat in demſelben Augenblicke in das Zimmer des jungen Simon, als er die letzten zwei fünfzig Thaler Rollen mit konvulſiviſcher Haſt aus dem Pulte nahm, um auch dieſen letzten Reſt des anvertrauten Gutes dem Moloch der Leidenſchaft zu opfern. „Halt, junger Mann,“ ſprach Fidelis, indem er ihm den Ausgang vertrat,„ſpielen Sie nicht mehr!“ „Laſſen Sie mich,“ drängte verzweifelt der Spieler, da er es nicht erwarten konnte, den un⸗ glückſeligen Spieltiſch wieder einzunehmen. „Nein,“ erwiederte Fidelis,„ich laſſe Sie nicht, Sie ſind nicht auf rechten Wegen. Spielen Sie nicht weiter!“ „Herr, wie können Sie ſich unterſtehen!“ rief Simon. „Ich werde mein Benehmen rechtfertigen, ſobald Sie ruhig geworden. Setzen Sie ſich hier aufs Sopha. Ich meine es gut mit Ihnen.“ 158 Er drängte ihn mit Gewalt zum Niederſitzen. „Ich bin verloren, wenn Sie mich nicht laſſen,“ fuhr der junge Mann angſtvoll fort und wollte ſich losreißen. „Sie ſind verloren, wenn ich Sie loslaſſe,“ ver⸗ ſetzte Fidelis, indem er den Unglücklichen feſthielt, „wie viel haben Sie verloren?“ „Ueber vierhundert Thaler.“ „Und was wollen Sie thun, wenn Sie auch dieſe Rollen hier verloren haben?“ Ein verzweiflungsvoller Seufzer rang ſich aus der krampfhaft arbeitenden Bruſt des Unglücklichen. „Was wollen Sie thun, wenn Sie auch dieſes Geld verloren haben?“ wiederholte Fidelis in ern⸗ ſtem Tone. „In den Tod gehen,“ tönte es dumpf. „Pfui, ſchämen Sie ſich,“ ſprach Fidelis,„wiſſen Sie nicht, daß Gott auch den Verirrten ein lieber Vater iſt?“ „Für mich gibt es kein Erbarmen, laſſen Sie mich!“ Er war von neuem bemüht, ſich loszuar⸗ beiten. Aber je größere Anſtrengung er machte, deſtv feſter hielt ihn der junge Brite. „Es ſoll Ihnen ja geholfen werden, wenn Sie nicht weiter ſpielen.“ 159 „Mir iſt nicht zu helfen, ſo ich nicht die vier⸗ hundert Tholer wiedergewinne.“ „Sie ſollen die vierhundert Thaler haben, nur ſpielen Sie nicht mehr.“ Simon ſchaute ſtier auf; er vermochte dieſen Gedanken nicht zu faſſen. „Ich will Ihnen die vierhundert Thaler ſolange vorſtrecken, bis Sie ſich einſt in Verhältniſſen befinden, ſie mir wieder zu erſtatten.“ Der junge Mann glaubte zu träumen. „Ich ſpreche die Wahrheit,“ fuhr Fidelis fort, „ich kann dieſe Summe ohne Opfer entbehren, nur müſſen Sie mir heilig geloben, nie wieder Hazard zu ſpielen.“ Zu gleicher Zeit zog der Lord ein Portefeuille hervor und langte eine Hundert⸗Pfundnote hervor, die er dem Sprachlosgewordenen darreichte. „Decken Sie hiermit Ihr Defizit und geben Sie mir das Uebrige zurück.“ „Engel in Menſchengeſtalt, wer biſt Du,“ rief der junge Kaufmann, vor Fidelis niederſtürzend,„o, wenn Dein Mund die Wahrheit ſpräche.“ „Ich bin kein Engel, aber die Wahrheit ſpreche ich,“ verſetzte der Lord,„doch jetzt in dieſer ver⸗ hängnißvollen Stunde Ihres Lebens ſchwören Sie, 160 nie wieder ſich der fluchwürdigen Leidenſchaft des Hazardſpiels hinzugeben: Sie werden hoffentlich em⸗ pfunden haben, daß hinter dieſer Leidenſchaft un⸗ mittelbar der Teufel ſteckt.“ „Ja,“ verſetzte tief aufathmend Simon,„das hab' ich empfunden, doch wie bin ich Sünder der Barmherzigkeit Gottes werth, die ſich mir in Ihnen offenbart?“ Nachdem er in die Hand des Lords das fei⸗ erliche Gelöbniß des Nichtwiederſpielens abgelegt, ſprach letzterer:„Gehen Sie jetzt nicht wieder hinab zu den Spielern, die es nicht gut mit Ihnen meinen, ich werde Sie entſchuldigen.“ „O mich ſchaudert vor dieſem Abgrunde der Hölle; doch wie ſoll ich, Edelſter, Ihnen aus dem Grunde meines Herzens danken?“ „Nicht mir brauchen Sie zu danken,“ verſetzte Fidelis,„ſondern danken Sie Gott, der mich geſandt hat, Sie aus Teufelskrallen zu erlöſen und vor dem Untergange zu bewahren.“ Mit dieſen Worten reichte er dem Unglücklichen die Hand und kehrte in das Spielzimmer zurück. Der junge Kaufmann aber warf ſich auf die Knie und ſeine Augen ſtrömten über im dankbaren Gebete zu Gott. 161 Gleichmüthig, als ob nichts vorgefallen, nahm Fidelis wieder ſeinen Platz am Spieltiſche und fuhr fort ſein Blatt mit dem gewohnten mäßigen Point zu beſetzen. Bereits wiederholt hatte von Sparren⸗ berg nach der Thür geſchaut, immer in der Hoffnung, daß das ohnehin ſo gerupfte Opfer, der junge Kauf⸗ mann, von neuem hereintreten ſolle. Als ihm deſſen Außenbleiben endlich doch zu lange währte, frug er: „Wo bleibt nur Herr Simon?“ Mit großer Ruhe antwortete Fidelis:„Herr Si⸗ mon wird nicht weiter ſpielen.“ Keine unangenehmere Antwort konnte an Spar⸗ renberg's Ohr tönen. Er ahnte, daß Fidelis im Spiele und ergrimmte im Innerſten; doch verbiß er ſeine Wuth und frug ſo gleichgiltig wie möglich: „Was mag den jungen Mann bewogen haben, ſein Glück nicht weiter zu verſuchen?“ „Ich hab' ihm abgerathen,“ erwiederte Fidelis in eben ſo gleichgiltigem Tone. „Man muß geſtehen,“ verſetzte Spartenberg, „eine Bevormundung eigener Art.“ Bei Fidelis fehlte jetzt gar nichts mehr, daß er dem Herrn Bankhalter ſein Lioret ins Geſicht geſchleudert hätte. Doch ſiegte nochmals ſeine Selbſt⸗ beherrſchung. Er verſchluckte die Beleidigung und 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 11 162 ſpielte weiter, anſcheinend ſo ruhig als habe er nichts vernommen. Dieſe Ruhe brachte den von Sparrenberg voll⸗ ends in Harniſch. Es empörte ihn, daß dieſer Eng⸗ länder nicht nur das Schlachtopfer ihm aus den Zähnen gerückt, ſondern auch noch that, als ob das weiter gar nichts zu bedeuten habe. Sein böſer Ge⸗ nius flüſterte ihm den Gedanken zu, ſich dafür an Fidelis zu rächen. Nach einer ziemlichen Pauſe frug er: „Spielt man im reichen England in der Regel ſo—“ er murmelte dabei ein Wort, das Fidelis zwar nicht verſtand, deſſen Sinn aber leicht zu erra⸗ then war. „Ei, wo denken Sie hin,“ lachte der junge Lord, „da ſpielt man ganz anders.“ „So!“ höhnte Sparrenberg,„dürfte man viel⸗ leicht bitten, von welcher Beſchaffenheit dieſe engli⸗ ſche Spielart?“ „Ich weiß nicht, ob es geſtattet iſt, ſie hier an⸗ zuwenden.“ Sparrenberg, der bei der jetzt bedeutend ange⸗ wachſenen Bank nichts ſehnlicher wünſchte, als daß Fidelis ebenfalls tüchtig anlaufe, und die Worte des jungen Briten dahin auslegte, ob die Bankhalter 163 auch ſehr hohe Sätze annehmen, erwiederte:„Bitte, geniren Sie ſich nicht, bei uns iſt kein Satz beſchränkt.“ „Eh bien,“ rief jetzt der junge Lord,„wenn Sie durchaus wiſſen wollen, wie man in England ſpielt. So ſpielt man in England!“ Damit warf er ſein Portefeuille auf den Gold⸗ und Silberhaufen, daß einzelne Geldſtücke klirrend voneinander rollten. „Va banque auf die Neun!“ Sparrenberg entfärbte ſich. Einen ſolchen Staats⸗ ſtreich hatte er allerdings bei dem zeitherigen ſo vorſichtigen Spiele des jungen Briten nicht für möglich gehalten. Gleichwohl blieb ihm nach der ſoeben ge⸗ thanenen Aeußerung, daß kein Satz beſchränkt ſei, nichts übrig, als das Spiel auf Leben oder Tod anzunehmen. Sämmtliche Spieler, namentlich der Banktheilhaber Schmaling, befanden ſich in der höchſten Spannung und Aufregung. „Attention!“ rief einer der gerupften Kurländer, indem er mit der Hand nach ſeinem Satz griff. „Gilt es mit rein und raus?“ Er wollte damit an⸗ fragen, ob die ſtehenden Sätze, bevor die entſchei⸗ dende Neun erſchien, im Falle des Gewinns ausge⸗ zahlt und bei Verluſt eingezogen würden?, 11 164 „Allerdings,“ erwiederte Fidelis,„laſſen ſich die Herren in Ihrem Spiele durchaus nicht ſtören.“ Mit einer Hand, die ein leiſes Zittern nicht ganz unterdrücken vermochte, zog jetzt Sparrenberg ab. Alle Anweſenden hielten den Athem an; nur Fidelis bewahrte ſeinen alten Gleichmuth. Das verhängnißvolle Spiel um die geſammte Bank begann. Man ſtand noch im Anfang der Taille. Mit etwas heiſerer Stimme begann Sparrenberg: „Die Sieben und der König— die Drei und der Bube, das As und die Sechs, die Sieben und die Zehn, die Zwei und die Dame,— die— Neun“— hier holte der Bankhalter tief Athem—„und die Drei.“ Fidelis hatte verloren, doch als ob nichts vor⸗ gefallen, ſprach er:„Da die Taille noch nicht zu Ende, die Bank noch einmal auf die Neun!“ Da Sparrenberg zögerte, den Satz anzunehmen, indem er den Zweifel durchblicken ließ, ob auch in dem Portefenuille die erforderliche Deckung vorhanden ſei, öffnete Fidelis raſch das Portefeuille und zog eine fünfhundert Pfundnote ſo weit hervor, daß ſie von den Anweſenden hinreichend erkannt werden konnte. Das Spiel hatte ſeinen Fortgang und die Folter der Bankhalter begann von neuem, während 165 Fidelis mit größter Aufmerkſamkeit die Hände des Abziehenden firirte, um einem im vorliegenden Falle nicht ganz undenkbaren Corriger la Fortune vorzu⸗ beugen. Wieder tönten die verhängnißvollen Worte: „Die Dame und die Vier, das As und die Sechs, die Zehn und der König, die Zehn und die— Neun.“ Fidelis hatte die Bank gewonnen, ruhig ſteckte er ſein Portefeuille in die Bruſttaſche und ſagte zu den anweſenden Pointeuren:„Da ich Herrn von Sparrenberg bloß ein Beiſpiel von der Art und Weiſe geben wollte, wie in England geſpielt wird, ſo will ich außerdem das Spiel im geringſten nicht ſtören. Dieſes gewonnene Bankkapital ſteht recht gern jedem der Herren, ſo er die Bank für ſeine Rechnung übernehmen will, zu Dienſten, damit das Spiel keine Unterbrechung erleide.“ Der Zuſtand der beiden geſprengten Bankhalter iſt ſchwer zu beſchreiben. Nicht nur das von beiden zuſammengeſchoſſene Grundkapital, ſondern auch der ſehr anſehnliche Gewinn war mit einem Schlage verloren gegangen. Schmaling, deſſen letzte Louisd'ors auf⸗ und davongeflogen, und der ſich bereits im Stillen des ſchönen Gewinns erfreut hatte, war wüthend auf Sparrenberg, dem er die Schuld gab, den 166 jungen Lord unnöthigerweiſe gereizt zu haben, wo⸗ durch das ganze Malheur entſtanden. Als Sparrenberg Fidelis' Vorſchlag hörte, das Kapital zu einer neuen Bank herzugeben, hoffte er wenigſtens auf dieſem Wege dem eigenen Verluſte in etwas beizukommen. Auch Schmaling war damit einverſtanden. Die beiden nahmen alſo das Erbieten des jungen Briten dankbar an. Die Bank ward ab⸗ gezählt, wo ſich zu nicht geringem Verdruße ein ſehr bedeutender Gewinn herausſtellte, und das Spiel nahm ſeinen Fortgang. Fidelis ſpielte jetzt, um den beiden beſtraften armen Teufeln wieder etwas zuzuwenden, einen höhern Satz als zeither. Er verlor mit Willen nicht unanſehnlich; gleichwohl verblieb ihm nach be⸗ endigtem Spiel noch eine anſehnliche Summe. Er ver⸗ wendete dieſelbe nicht für ſich, ſondern beſchloß, ſei⸗ nem liederreichen Freunde, dem Kupferſchmied, der im Begriff ſtand, ſich in ſeiner Heimat als Meiſter nie⸗ derzulaſſen, eine kleine Beſitzung zu kaufen. Auf dieſe Weiſe hoffte er das Sündengeld, wie er das Spiel⸗ geld nannte, am beſten anzulegen. Das Spiel ſelbſt währte noch tief in die Nacht. Doch erlanbte ſich Herr von Sparrenberg keine weitern Bemerkungen über Fidelis als Pointeur, noch viel weniger verlangte 167 er die Art und Weiſe, wie man in England ſpiele, nochmals kennenzulernen. viertes Rapitel. Der erhabene Augenblick, wo Apollonius Hor⸗ nickel der hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft ſein Mut⸗ termal vorzeigen ſollte, war erſchienen. Die Feier, die, je näher dieſer Augenblick heranrückte, auf dem Ge⸗ ſichte des Strichelius ruhte, war unbeſchreiblich. Es war die Veranſtaltung getroffen worden, daß die Enthüllung Hornickel's nicht am Tage, ſondern in feierlicher Nachtſtunde vorgenommen werden ſollte. Es lag im Intereſſe beider Parteien, in dieſer An⸗ gelegenheit die größte Vorſicht und ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit zu beobachten. Wie die lächerlichſte Idee bei Jemandem, dem ſie fort und fort eingeredet wird, zur glaubhafteſten und endlich firen Idee werden kann, davon lieferte auch der in andern Dingen ziemlich mißtrauiſche Wucherer den ſchlagendſten Beweis. Hornickel war endlich der⸗ maßen von ſeiner hohen Beſtimmung infolge des Familienwappens der Kahameda überzeugt, daß er ſich bereits als Herrſcher zu fühlen begann. Von 168 dieſen Herrſcherlaunen hatte Strichelius viel zu leiden, doch ertrug er ſie mit einer Geduld und Unterwür⸗ figkeit, die Bewunderung verdienten. Er wußte, daß er ſeine Rolle, die namentlich dem Fidelis vielen Spaß machte, nicht umſonſt ſpielte, und daß ſein künftiges Glück davon abhänge, falls das Aben⸗ teuer mit Hornickel zur Zufriedenheit des Unterneh⸗ mers zu Ende geführt werde. Apollonius Hornickel ging in dem erleuchteten Obergemache ſeines Hauſes, deſſen Fenſter gegen die profane Neugier der Außenwelt dicht verhüllt waren, in etwas phantaſtiſchem Koſtüm, welches Strichelius erpreß bei einem Schneider der Reſidenz hatte an⸗ fertigen laſſen, gedankenvoll auf und nieder und hielt wie Wallenſtein Monologe. „Denn an der nächſten Stunde Wechſel knüpfte Der ahnungsvolle Geiſt die fernſte Zukunft.“ Nur war der Inhalt des Selbſtgeſprächs ein etwas anderer als der des Generaliſſimus im drei⸗ ßigjährigen Kriege. „Ich ſeh' nicht ein, was ich riskire,“ ſprach er zu ſich,„wenn mir es als Kahameda nicht gefällt, leg' ich die Krone nieder und abdizire, ein Fall, der in der Fürſtengeſchichte nicht vereinzelt daſteht. Hof⸗ fentlich wird die Regierung ſoviel abwerfen, daß ich 169 ſpäter wenigſtens als Grafzu leben habe. Gefällt mir's jedoch, laß ich meine Tochter nachkommen, ſowie eine Anzahl Honoratioren von Kirchberg und Land⸗ bauer. Ich umgebe mich mit einem europäiſchen Hof⸗ ſtaate und verpflanze abendländiſche Kultur nach dem Morgen Aber vorerſt muß ich wiſſen, woran ich bin, wie ſich die hinteraſiatiſche Landſchaft ausnimmt, und ob mir die dortige Luft zuſagt. Ich bin leicht enrhümirt. Und Stockſchnupfen iſt bloß eine Ange⸗ wohnheit des Pöbels, eine Maladie, die ſich für hohe Perſonen durchaus nicht ſchicken will.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Seltſames Geſchick das mit dem Thiere da auf der Schulter. Aber bei angeſtrengtem Nachdenken bemerke ich, daß doch mehr dahinterſteckt. Ich trug das Thier mein Le⸗ benlang und hatte keine Ahnung von der Bedeutung. Jetzt iſt das anders. Ich fühle die höhere Bedeutung. Ich fühle königliche Wallungen und erfreue mich zeitweiſe königlicher Anſchauungen. Ich vermag jetzt ſchon die Entrüſtung nicht mehr zu faſſen, die mich überkam, als die Baumeiſterei in die Wicken ging. Letzterer Ausdruck ſcheint mir nicht ganz königlich. Ich muß in dieſer Beziehung mehr auf mich auf⸗ paſſen. Selbſtbeherrſchung heißt die große Kunſt der Könige.“ 170 „Doch wo der Strichelius bleibt,“ frug Hornickel nach der Uhr ſchauend,„er könnte da ſein. Daß es mit der Ratte ſeine Richtigkeit, dafür iſt dieſer Stri⸗ chelius gleichfalls ein lebendiger Beweis. Dieſer Menſch iſt wie umgewandelt, ein Sklave, wie ich ihn mir nicht beſſer wünſchen kann. Und was hat mich dieſer Kerl ehedem malträtirt, lieber zehn Horniſſe auf dem Leib als dieſen malitiöſen Blutſauger. O, das iſt ein Pfiffikus. Sein Poſten als Stück diplo⸗ matiſche Perſon mag ihm ſchönes Geld abwerfen; ſonſt hätte er mich längſt wieder angepumpt. Er ſcheint ſich an dieſer hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft hinlänglich ſattgeſoffen zu haben, ſo voll wie ſeine ehemaligen Blutegel.“ Wieder erfolgte eine Pauſe, in welcher Apollo⸗ nius nachdenkend auf⸗ und abging. „Daß ich,“ ſprach er weiter,„das geſammte Bettelvolk von Kirchberg fettmachen ſoll, iſt aller⸗ dings eine gräßliche Zumuthung. Auch die Aus⸗ zahlung der Witwe Friedberg iſt wahrhaft himmel⸗ ſchreiend. Mit Fiſchel'n wollt' ich mir die Sache ge⸗ fallen laſſen, der nimmt mit einem halben Häring per Tag vorlieb. Nun, ſoviel kann ich behaupten, gerne thu' ich dieſe Wohlthaten nicht; ich habe für mein ſchweres Geld nicht einmal den Ruhm davon. 171 Was hilft mir's, wenn die Kirchberger meine Wohl⸗ thaten erſt nach meinem Tode erfahren, wie nachträg⸗ lich die hinteraſiatiſchen Satzungen verlangen. Was hilft mir's, wenn mich die dankbar gerührte Bür⸗ gerſchaft nach meinem Tode aushauen und auf ein Poſtament ſtapeln läßt? Was heißt Nachruhm?“ Während Hornickel in ſolchen und ähnlichen Betrachtungen auf⸗ und abging, trat Strichelius leiſe ins Zimmer und nahte ſich ehrfurchtsvollſt. „Mirza ben Hafiz,“ frug er,„laſſen anfragen, ob Hoheit wünſchen, daß die Enthüllung des Fami⸗ lienwappens der Kahamedas mit oder ohne vorge⸗ nommen werden ſoll?“ „Was ſoll das heißen mit oder ohne?“ frug Hornickel. „Mit oder ohne Zeremonien?“ „Worin beſtehen dieſe Zeremonien?“ „Daß indiſche Kerzen flammen, und aus indiſchen Schalen indiſche Dämpfe aufſteigen.“ „Sag' Er dem Herrn Geſandten meinen ſchoͤ⸗ nen Empfehl, das wären zu koſtſpielige Dinge, und ich wolle mich meinen künftigen Unterthanen als ſparſamer Hausvater zeigen.“ „Hoheit haben zu befehlen. Alsdann laſſen 172 Mirza ben Hafiz anfragen: Ob Hoheit das übliche Bad belieben?“ „Was für ein übliches Bad?“ „Es verlangt die Sitte, daß vor Beſichtigung des Familienwappens der jedesmalige Inhaber ein Bad nimmt, doch iſt dieſe Sitte nicht unumgänglich nöthig.“ „Werd' ich mich in ſo ſpäter Abendzeit baden? Er kennt meinen Rheumatismus.“ „Hoheit haben zu befehlen.“ „Ja, ſo befehle ich, daß das Bad in Wegfall kommt.“ „Alsdann wünſchen der Herr Geſandte zu wiſ⸗ ſen, ob die Okularinſpektion diplomatiſch oder familiär vorgenommen werden ſoll?“ „Was ſoll denn das wieder heißen?“ „Diplomatiſch würde der Herr Mirza ben Hafiz in der Eigenſchaft als Geſandter auftreten, familiär aber ganz en famille, als junger fideler Burſch. Die Okularinſpektion hat dieſelbe Kraft und Weihe.“ „Wenn ich mir von meiner Würde nichts vergebe,“ meinte Hornickel,„möchte ich die familiäre Inſpek⸗ tion der diplomatiſchen vorziehen. Sie iſt nicht ſo an⸗ greifend.“ 173 „Vergeben thun ſich Hoheit durchaus nichts. Die Sache wird nur gemüthlicher.“ „Aber wann werde ich das Vergnügen haben, den Herrn Geſandten begrüßen zu können und von An⸗ geſicht zu Angeſicht kennenzulernen?“ „Seine Etzellenz haben mit ihrem Gefolge be⸗ reits den goldenen Wallfiſch verlaſſen und warten in einiger Entfernung der letzten Befehle von Hy⸗ heit. Um alles Aufſehen zu vermeiden, hat die Ge⸗ ſandtſchaft keinen ariſtokratiſchen Wagen beſtiegen, ſondern den beſcheidenen Weg zu Fuße vorgezogen. Da Hoheit auf alle Zeremonien verzichten und die familiäre Okularinſpektion des Familienwappens der diplomatiſchen vorziehen, ſo werden ſich Hoheit wundern, welchen fidelen Geſellen Hochdieſelben in dem Herrn Geſandten werden kennenlernen. Sobald er die beengende Etikette abgeſtreift, iſt Mirza ben Hafiz das gemüthlichſte Haus unter der Sonne.“ „Bei einer ſo hochgeſtellten diplomatiſchen Per⸗ ſon,“ rügte Apollonius,„bedient man ſich nicht des gemeinen Ausdrucks„Haus“: merke Er ſich das.“ „Hoheit verzeihen, der alte Adam ſtößt mich zuweilen noch in Nacken.“ „Ueberhaupt,“ fuhr Apollonius nicht ohne Strenge fort,„muß ich, für den Fall Er in meine Dienſte 174 tritt, es zur ausdrücklichen Bedingung machen, daß Er den alten Adam gänzlich auszieht und ins Waſſer wirft.“ „Hoheit,“ erwiederte Strichelius,„das hab' ich bereits vor einiger Zeit gethan, ich hab' ihn ausgezogen und ins Waſſer geworfen; aber der Rak⸗ ker kann ſchwimmen. Doch ich eile jetzt von den Wünſchen Ew. Hoheit die Geſandtſchaft in Kennt⸗ niß zu ſetzen, und werde die Ehre haben, Hochdieſelbe einzuführen.“ „Thu' Er das,“ ſprach Hornickel,„doch zuvor noch ein Wort.“ „Ich bin ganz Ohr, Hoheit.“ „Es würde ſich wohl ſchicken, wenn ich der Geſandtſchaft ein Glas Wein vorſetzte, dazu vielleicht etwas kalt aufgeſchnitten mit Wurſt oder Käſe.“ „Iſt nicht nöthig,“ erwiederte Strichelins,„die Sache ſelbſt iſt zu ernſt, wozu eine gewiſſe feierliche Stimmung unerläßlich, die durch den Genuß des Käſes in Gefahr liefe, getrübt zu werden.“ „Mir umſo lieber,“ nickte Apollonius,„ſo er⸗ ſpare ich mein Geld.“ Strichelius entfernte ſich und kehrte nach kur⸗ zer Zeit mit der hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft zurück, welche aus niemand Anderem als aus Fidelis, ſeinem 175 Diener James und dem Studenten Moritz Bachmann beſtand, welcher letztere die Rolle des Mohren über⸗ nommen hatte. Die gegenſeitige Begrüßung ging nicht ohne die gemeſſene Feierlichkeit vorüber, wobei die vier Spaß⸗ vögel ſich allerdings die möglichſte Mühe geben mußten, vor Lachen nicht herauszuplatzen. Nament⸗ lich war das einleitende Zwiegeſpräch zwiſchen Hor⸗ nickel und Fidelis für die Zuhörer zwerchfeller⸗ ſchütternd. Der Wucherer hatte ſich, wie ihm von Striche⸗ lius, der ſich mit den hinteraſiatiſchen Gebräuchen etwas bekannt gemacht hatte, gerathen worden, im Hintergrunde des Gemachs nicht ohne die erforder⸗ liche Gravität auf einem Drehſtuhle niedergelaſſen, zu beiden Seiten von hochbrennenden Lichtern um⸗ geben, und erwartete nicht ohne einiges bängliche Gefühl die Dinge, die da kommen ſollten. Striche⸗ lius ſtand einen Schritt hinter ihm, um dem neuen Kahameda die nöthigen Verhaltungsregeln, ſo letzte⸗ rer derſelben bedürftig, ins Ohr zu flüſtern. Da die ganze wichtige Angelegenheit nicht auf diplomatiſchem, ſondern auf familiärem Wege abge⸗ macht werden ſollte, ſo war Fidelis nicht in der offiziellen Tracht, ſondern nur im einfachen leichten 176 Sommerkleide erſchienen, während jedoch Hornickel, wie bereits erwähnt, einen etwas phantaſtiſchen Mantel trug, der infolge der Beſtellung, wie ſie Strichelius beim Reſidenzſchneider gemacht, ſo eingerichtet war, daß er leicht gelüftet werden konnte. Es bedurfte eines Zuges, und der Zaubermantel that ſich aus⸗ einander, ſo daß die von jeder andern Bekleidung entblößte Schulter Hornickel's vollkommen ſichtbar wurde und die darauf ſitzende Ratte in ihrer gan⸗ zen Vollendung erſchaut werden konnte. Strichelius hatte mit Hornickel'n bereits eine Probe abgehalten und die Sache ſich charmant gemacht. Wie ein The⸗ atervorhang zog ſich der kunſtreiche Mantel auf und zu. Das Ziehen ſelber hatte bei der Hauptaktion Strichelius ſich vorbehalten. Während der Mohr auf einem Tiſche in der Mitte des Zimmers nicht ohne abſichtliches Geräuſch chirurgiſche Inſtrumente ausbreitete, nahte ſich Fide⸗ lis ehrfurchtsvoll dem erwartungsvoll daſitzenden Hornickel, blieb in einiger Entfernung vor ihm ſtehen und hielt eine Anrede in fremder Mundart. Apol⸗ lonius, der kein Wort davon verſtand, machte mit dem Kopfe eine Achtelwendung nach Strichelins. „Was ſoll ich darauf antworten?“ frug er leiſe. „Hoheit haben bloß gravitätiſch das Haupt zu 177 neigen und ſich einfach zu bedanken,“ tönte es als Antwort. Als daher Fidelis mit ſeiner Anſprache zu Ende, nickte Hornickel gravitätiſch mit dem Kopfe und ſagte: „Danke recht ſchön!“ Fidelis ſprach darauf:„Firduſi lameda.“ „Was ſoll ich denn darauf ſagen?“ frug Hor⸗ nickel von neuem den Strichelius. „Was Hoheit belieben,“ gab dieſer zurück,„es iſt das bloße Formenſache.“ „Galamen afdalmud,“ fuhr Fidelis fort, wor⸗ auf Hornickel, Strichelius'Rath befolgend, antwortete: „Bitte recht ſehr, geniren Sie ſich nicht.“ „Doremen naſai,“ fuhr Fidelis fort. „Ganz, wie Sie befehlen,“ erwiederte Hornickel. „Ramſedes alkali.“ „So, mir kann's recht ſein.“ „Sardanapal Calcutta—“ „Richtig,“ nickte Hornickel. Jetzt zeigte Fidelis nach dem Mohren, welcher noch immer mit chirurgiſchen Inſtrumenten hantirte, wo⸗ durch die Aufmerkſamkeit Hornickel's ſchon unterſchied⸗ lichemale war in Anſpruch genommen worden. „Was raſſelt denn der Schwarze da in Einem fort,“ frug er leiſe Strichelius. 1857. XVIII. König v. Tauharawi. II. 12 178 Dieſer neigte ſeinen Mund an des Fragers Ohr: „Er wird das Gebiß von Ew. Hoheit unter⸗ ſuchen.“ „Mein Gebiß, wozu denn mein Gebiß?“ „Es iſt auch nur mehr Formalität,“ erklärte Strichelius.„Die hohe Geſandtſchaft will ſich nur überzeugen, ob Hoheit ſich desjenigen geſunden Ge⸗ biſſes erfreuen, wie es bei einem Kahameda, der oft ziemlich ſchwere Nüſſe zu knacken, unumgänglich erforderlich iſt.“ „Ich habe in meiner Jugend Pfirſichkerne ge⸗ knackt,“ ſprach Hornickel. „Deſto beſſer,“ beruhigte der Barbier,„ſo wer⸗ den Hoheit auch aus dieſer Prüfung mit Glanz hervor⸗ gehen.“ Fidelis fuhr in ſeiner Sprachweiſe fort: „Roſalba ſpadani.“ „Schon gut,“ nickte Hornickel. Strichelius neigte ſich wieder an ſein Ohr: „Roſalba ſpadani heißt Hoheit ſollen den Mund aufmachen, ſoweit das irgendmöglich iſt.“ „Den Mund aufmachen?“ Warum nicht gar!“ „Damit ſich der ſchwarze Zahnverſtändige von der Rechtſchaffenheit Ihrer Zähne überzeugen kann.“ „Das muß ich geſtehen,“ brummte Hornickel, —— — . . 3 179 „für ein hohes Haupt eine merkwürdige Zumuthung. Ich finde ſie ſogar etwas decanaillirend.“ „Hilft nichts,“ verſetzte Strichelius,„die Ge⸗ ſandtſchaft hat ihre Inſtruktionen, von denen ſie nicht abweichen darf. Es geſchieht Hoheit durchaus nichts.“ „Der Teufel auch— wenn ich nun dem ſchwar⸗ zen Unhold verſichere, daß mein Gebiß vollkommen im Stande?“ „Selbſtüberzeugung wird vonſeiten der Geſandt⸗ ſchaft vor allem verlangt.“ Fidelis wiederholte ſein Roſalba ſpadani, wor⸗ auf ſich Moritz mit einer Zahnſonde nahte. „Alſo friſch aufgemaht,“ munterte Strichelius auf. „Mit dieſem Eiſen laß ich mir nicht in den Rachen fahren.“ „Es geſchieht Hoheit nichts,“ ſprach Strichelius, „dieſe dentifiſche Unterſuchung iſt einmal unerläßlich.“ „Das Eiſen kann aber abrutſchen,“ proteſtirte Hornickel,„nichts da. Wenn der Schwarze bloß hin⸗ einſehen will, hab' ich nichts dawider; aber weiter nichts.“ „Nur den Mund auf, Hoheit,“ wiederholte Stri⸗ chelius,„es bedarf der Sonde nicht.“ 12 180 In der That ſperrte Hornickel jetzt ſeine beiden Zahnreihen ziemlich umfangreich auseinander. „Immer weiter,“ mahnte Strichelius, der einen Leuchter ergriffen und zur Unterſuchung leuchtete. Hornickel ſperrte wie ein Haifiſch einen wahren Höllenrachen auf, welchen Moritz als aſiatiſcher Zahn⸗ künſtler mit Gewiſſenhaftigkeit unterſuchte und über den durabeln Beſtand der Zähne ſeine hohe Zufrie⸗ denheit ausſprach. Er that das in gebrochenem Deutſch. „Serr gut, ſerr gut,“ ſprach er, während Stri⸗ chelius bald nach oben bald nach unten leuchtete und Hornickel ſich durch dieſe anerkennende Rezenſion ſeines Zahnwerthes nur geſchmeichelt fand. „Ich habe mir noch keinen brauchen heraus⸗ nehmen zu laſſen,“ erzählte der Inhaber des ſchätz⸗ baren Gebiſſes.„Strichelius kann das bezeugen.“ Nachdem die Maulſperre das erſtemal zur all⸗ gemeinen Zufriedenheit ausgefallen, ließ ſich Hornik⸗ kel nicht lange bitten, ſeine Kinnladen nochmals auseinanderzuthun und Einſicht in die Vorkammer ſeines Verdauungsapparates nehmen zu laſſen. Stri⸗ chelius leuchtete abermals; doch dießmal ſchienen dem Mohren einige Bedenklichkeiten aufzuſteigen. Hornik⸗ kel, dem dieſe abermalige Inſpektion weniger gefiel, ——— 181 und der daher dem verdächtigen Eiſen, welches der aſiatiſche Zahnverſtändige fortwährend in der Hand hielt, nicht traute, machte ſo ſchleunig wie möglich die Klappe zu. „Ich dächte, es wäre genug,“ ſprach er. Der Mohr erſtattete jetzt Herrn Mirza ben Ha⸗ fiz ſeinen Bericht über den Statusquo von Hornik⸗ kel's Gebiß. Die beiden kauderwelſchten etwas mit einander, wovon Apollonius nicht das Mindeſte verſtand. Auch Strichelius mengte ſich ehrfurchtsvoll in die Unterhaltung. Der ärztliche Rath ſchien ſich nicht über einen Punkt einigen zu können, ſo daß das Endergebniß der gemeinſchaftlichen Konſultation war, Hornickel ſolle nochmals den Mund aufthun. Erſt Strichelius' wiederholtem Zureden gelang es, den Wucherer dahin zu bewegen, daß er ſich dazu verſtand. „Ich bin aber doch kein Pferd,“ rief Hornickel unterſchiedlichemale,„Zdem man beim Verkauf das Maul aufreißt.“ „Der Mohr behauptet,“ ſprach Strichelius,„Ho⸗ heit befinden ſich im Beſitze eines falſchen Backenzahns. Dieſer müſſe heraus, weil ein Kahameda keine fal⸗ ſchen Zähne haben dürfte.“ Durch dieſe Aeußerung war Hornickel's Stolz be⸗ 182 leidigt, welcher ſich auf ſein Gebiß nicht wenig zu⸗ gute that. „Der gute Mann,“ ſprach e„irrt ſich gewal⸗ tig, wenn er ſo was denkt. „Daher iſt es eben unerläßlich, daß Hoheit nochmals das Maul, wollte ſagen, den Mund iü⸗ machen,“ verſetzte Strichelius. Zu gleicher Zeit ergriff er von neuem das icht, umzu leuchten. Hornickel öffnete und Moritz nahm eine noch genauere Unterſuchung vor. Dießmal begnügte er ſich nicht mit der bloßen Okularinſpektion, ſondern nahm einen Finger der rechten Hand zu Hilfe, mit welchem er ziemlich ungenirt und hardiös an Hor⸗ nickel's beißendem Mauerwerke herumarbeitete. Letz⸗ terer war in Verzweiflung. Der Mohr, in ſeiner Gewiſſenhaftigkeit, hatte an einigen Stellen mit dem Nagel das zu weit herabgewachſene Zahnfleiſch abge⸗ ſchabt, was für Inhaber desſelben keineswegs von angenehmen Empfindungen begleitet war Wenn es Hornickel'n nicht um einen Königsthron zu thun ge⸗ weſen, hätte er entſchieden zugebiſſen, auf die Gefahr hin, daß ihm der unterſuchende Finger in der Kehle ſtecken geblieben Endlich ſchien der Mohr ſeiner Sache vollkom⸗ men gewiß. Er nickte mit dem Kopfe und eilte nach 183 dem Tiſche in der Mitte, wo er einen Zahnbrecher ergriff. Mit Grauſen bemerkte Hornickel dieſes Be⸗ ginnen. „Was beabſichtigt der Menſch?“ frug er ſehr aufgeregt. „Muß'raus, muß raus,“ rief Moritz geſchäfts⸗ eifrig, und kehrte, ein gräßliches Inſtrument in der Hand, zu Hornickel zurück. „Was ſoll raus,“ rief dieſer und trat mit⸗ ſammt dem Drehſeſſel eine rückgängige Bewegung an. „Der falſche Zahn, der falſche Zahn,“ fuhr der Mohr fort, der in ſeinem Geſchäftseifer immer hab⸗ gieriger nach dem angeblichen falſchen Zahne wurde. Fidelis, welcher befürchtete, daß, wenn Moritz in ſei⸗ ner Komödie weiter gehe, Hornickel ganz abſpringen möchte, wo dann alle zeitherigen Bemühungen ver⸗ geblich geweſen wären, trat vermittelnd dazwiſchen. Damit er von Hornickel ſofort verſtanden würde, be⸗ diente er ſich der deutſchen Sprache und ſagte:„Da es ſich nur um einen falſchen Zahn handelt, will die Geſandtſchaft ausnahmsweiſe einmal von der Regel abſehen; es genüge, daß unſer künftiger Beherrſcher von der Ueberzeugung durchdrungen werde, wie ſtreng die Bewohner von Tauharawi darauf halten, daß nichts falſches an ihrem Kahameda, nicht falſches 184 Herz, nicht falſches Haar, nicht falſcher Zahn, nicht falſche Waden gefunden werden— alles muß lauter Wahrheit ſein.“ „Das trifft ja alles bei mir ein,“ eiferte Hornickel,„ich kann es vorm Amte beſchwören und vorm Stadtgericht, daß nie ein nichtsnutziger Zahn⸗ arzt in meinem Munde etwas zu ſchaffen gehabt hat. Erſt Ihrem Herrn Mohren hat es beliebt, auf wahrhaft unverantwortliche Weiſe in meinen Zähnen zu wirth⸗ ſchaften.“ „Eh bien,“ fuhr Fidelis fort,„Mufrid, ent⸗ ferne Deinen Zahnbrecher, damit wir zur Hauptſache übergehen und die Enthüllung vornehmen; noch immer kann ſich die zwei Welttheile durchirrende, Kahameda ſuchende Geſandtſchaft nicht an den trunkenen Ge⸗ danken gewöhnen, in Eurer Hoheit den Rechten ge⸗ funden zu haben. Bis jetzt liegt allein das Zeug⸗ niß dieſes Mannes vor.“ Fidelis deutete auf Stri⸗ chelius. „Dieſer kühne Sterbliche,“ fuhr Fidelis fort,„ſtellt die Behauptung auf, daß das geſuchte Familienwappen ſich auf Eurer Schulter befinde, eine Lokalität, auf welcher es ſich allerdings vorfinden muß, ſoll es das rechte und kein nachgemachtes, vielleicht tätowirtes ſein. Es iſt in dieſer Beziehung gar mancher Betrug vorgekom⸗ 185 men. Nicht gering iſt die Anzahl der hingerichteten Abenteurer und Miſſethäter, die, um Kahameda zu werden, ſich das Wappen einbrennen ließen. Denn wie überhaupt die Bewohner von Tauharawi alle Falſchheit wie die Sünde haſſen, kennt ihre Rache hinſichtlich eines falſchen Kahameda keine Grenzen. Das Familienwappen der Kahameda beſteht aber in einer— ſchwarzen Ratte.“ „Nun,“ ſchmunzelte Hornickel,„die Ratte wäre da, ſie iſt auch ſchwarz und kein Betrug. Ich bin auf die natürlichſte Art dazugekommen, wie ein Menſch überhaupt zu einem Muttermale gelangen kann. Ich habe das Thierlein von meiner Frau Mutter geerbt.“ „Daß die Identität dieſes Wahrzeichens auch kei⸗ nem Zweifel unterliege,“ fuhr Fidelis fort,„geht wohl am ſicherſten daraus hervor, daß wir wohl au⸗ ßerdem kaum die Ehre gehabt haben würden, das Städtlein Kirchberg kennenzulernen. Aber unſere Aſtrologen, obſchon ein paar tauſend Meilen ent⸗ fernt, deuteten den Ort auf der Weltkugel ziemlich genau an, wo ſich der letzte Sprößling der Kaha⸗ medas aufhalte. Wir gingen darnach und glauben darum, in dieſem Haus endlich das Ziel unſerer weiten Reiſe gefunden zu haben, vorausgeſetzt, daß auf der Schulter von Eurer Hoheit die erſehnte 186 Ratte ſich vorfindet. Sobald wir uns mit unſeren eigenen Augen von der Wahrhaftigkeit überzeugt, werden wir Ew. Hoheit die goldene Kette der Kahamedas überreichen.“ Die Worte Fgoldene Kette klangen ſo lieblich in Hornickel's Ohren wieder, daß er die Enthüllung ſelber kaum erwarten konnte. „Ueberzeugen Sie ſich, meine Herren,“ ſprach er; „Strichelius, entziehe Er den hohen Herrſchaften nicht länger den erſehnten Anblick und thue Er, was Sei⸗ nes Amtes.“ Strichelius that, wie ihm befohlen, und drehte den ganzen Hornickel auf dem Drehſtuhle ſo weit herum, daß ſein Geſicht der Wand zugekehrt, wäh⸗ rend ſeine hinteren Partien dem Beſchauer vollkom⸗ men preisgegeben waren. James und Moritz leuch⸗ teten, worauf Strichelius die Schnur zog; der kunſt⸗ reiche Mantel that ſich auseinander und die Ratte zeigte ſich in ſchönſter Beleuchtung. Fidelis, obſchon er auf den Anblick gefaßt war, prallte doch etwas zurück, ſo täuſchend ſaß das Thier auf Hornickel's Schulter. Ein allgemeines Ah entfuhr dem Munde der hinterafiatiſchen Geſandtſchaft. „Sei uns gegrüßt, Du ſchwer Vermißte, Du 187 lange Geſuchte, Du endlich Gefundene,“ ſprach Fide⸗ lis in feierlichem Tone. „Sei uns gegrüßt,“ wiederholten James und Moritz in tiefſtem Baſſe. Ja, Du biſt das thenere Wappen des Volkes von Tauharawi,“ fuhr Fidels begeiſtert fort. „Volkes von Tauharawi!“ brummte es als Echo vonſeiten der beiden Anderen. „Aber,“ ſprach Fidelis weiter,„wie konnteſt Du Dich hierher verirren, in dieſes kalte Nordland, die Du beſtimmt biſt unter Palmen zu wandeln?“ „Palmen zu wandeln,“ reſpondirten James und Moritz in immer tieferem Baß. „Doch Du ſollſt wieder eingeführt werden in Deine Heimat, geprieſen ſei die Stunde, wo wir Dich fanden.“ „Wo wir Dich fanden.“ Hornickel vernahm dieſe Huldigungen von hin⸗ ten nicht ohne Wohlbehagen. Es war auch gut, daß er die Huldigenden nicht zu Geſicht bekam, auf deren verzerrten Geſichtern der daſelbſt wühlende Lachkrampf nicht zu verkennen war. Um dieſem un⸗ widerſtehlichen Krampfe einen möglichſt natürlichen Ausweg zu bahnen, fuhr Fidelis fort. „Drücken wir jetzt unſere Freude durch ein un⸗ gekünſteltes herzhaftes, freudiges Lachen aus— hah hah hah!“ „Hah hah hah,“ platzten Moritz und James her⸗ aus, wozu ſich dasmal auch Strichelius geſellte. Obſchon Hornickel dieſe ausgelaſſene Heiterkeit etwas ſonderbar fand, entſchuldigte er ſie doch mit den kurioſen Gebräuchen jenes hinteraſiatiſchen Lan⸗ des. Auch erſchien ihm dieſe Fidelität inſofern von guter Vorbedeutung, weil er daraus ſchloß, daß er wirklich das richtige und geſuchte Familienwappen auf der Schulter trage. Um ſich hierüber aber vollkommen Gewißheit zu verſchaffen, frug er, zumal die Heiterkeit hinter ſeinem Rücken gar kein Ende nehmen wollte:„Iſt's denn die rechte?“ Fidelis, nachdem er ſich hinlänglich ausgelacht, fand zuerſt wieder Kraft, um Rede zu ſtehen. Er erwiederte daher auf Hornickel's Frage ſo ernſt wie möglich:„Dem Anſchein nach iſt es die rechte. Ob ſie es in Wahrheit iſt, wird ſogleich die Unterſu⸗ chung ergeben.“ „Was ſoll denn noch unterſucht werden?“ erkun⸗ digte ſich Apollonius, ohne ſich umzublicken, weil das ihm verboten war. „Mufrid,“ ſprach Fidelis ernſt,„thut, was Eu⸗ res Amtes und wetzt die Meſſer.“ 189 Bei dieſen bedenklichen Worten hätte ſich Hor⸗ nickel fürs Leben gern umgewendet, wenn er nicht auf der einen Seite von Strichelius, auf der ande⸗ ren von James wäre zurückgehalten worden. Man vernahm jetzt deutlich das Wetzen eines Meſſers. Dem auf ſeinem Drehſtuhle poſtirten Hornickel ward dabei nicht wohl zu Muthe. „Ich verlange ſofortige Auskunft,“ frug er,„was man mit dem Meſſer beabſichtigt? Ich proteſtire im voraus gegen jedwede Unterſuchung, die mit einem Meſſer irgendwie in Verbindung ſteht.“ „Ohne einige herzhafte Schnitte in die Ratte,“ erwiederte Fidelis mit Ruhe,„wird ſich die Legiti⸗ mität des Thieres nicht herausſtellen laſſen.“ „Halt,“ ſchrie Hornickel,„ich laſſe nicht ſchnei⸗ den; bedenken Sie zum Satan, daß ich die Ratte bin. Wer die Ratte aufſchneidet, ſchneidet mich an.“ Das verdächtige Meſſerwetzen kam immer nã⸗ her und preßte dem, dem es galt, allmälig Angſt⸗ ſchweiß aus. Hornickel wollte durch einen energiſchen Ruck ſeine bedrohte Rückſeite in Sicherheit bringen, ward aber von kräftigen Fäuſten daran verhindert. „Und wenn das ganze Königreich zum Kukuk geht, ich laſſe nicht ſchneiden.“ Keine Antwort. Das Wetzen ſchien jetzt in un⸗ 190 mittelbarer Nähe von Hornickel's Ohre vorgenommen zu werden, ein Geräuſch, das ihn vollends zur Ver⸗ zweiflung brachte. Er wollte ſich mit ſeinen Armen Luft machen; doch vergebens, James und lius hielten zu feſt. „Ich verzichte auf den Thron,“ tönte es niglich. Strichelius ſprach Muth ein. „Ein König von Tauharawi muß Courage haben, ſagte er. „Ich mag's ja gar nicht werden Ich will Hor⸗ nickel bleiben, nur um Himmelswillen nicht ſchneiden.“ „Das Meſſer iſt einmal gewetzt,“ fuhr Stri⸗ chelius fort,„Hoheit dürfen ſich von Ihrer Würde nichts vergeben.“ „Ach, was Würde,“ ſchrie Hornickel, dem Mo⸗ ritz jetzt ganz nahe am Ohre wetzte,„ich ſchreie Hilfe.“ „Wenn Hoheit nicht ſtill ſitzen,“ mahnte Stri⸗ chelins,„kann der Schnitt erſt gefährlich werden. Es iſt wünſchenswerth, daß die Unterſuchung ſo geräuſch⸗ los wie möglich vor ſich gehe.“ „Geräuſchlos,“ rief Hornickel,„das iſt nicht möglich, ſobald man losſchneidet, brülle ich wie ein Stier.“ Da Hornickel ſich in ſo deſperater Verfaſſung befand, ſeine Drohung in Ausführung zu bringen, hielt es Fidelis für rathſam, den Wucherer von der Folter zu befteien. frid, ſtell' Dein Wetzen ein. Eine tüchtige Bürſte reicht im Nothfalle auch hin, die Echtheit des Wap⸗ pens außer Zweifel zu ſtellen.“ Wie Orgelto Worte an Hornickel's Ohr. Fidelis fuhr fort:„Da ich für meine Per überzengt bin und gegen die übliche es unpolitiſch, w hamedas auf uns ſpäter nachtragen, ſern Statuten beharrten und herzhaft zuſchnitten.“ „Ich vergäb tigte Hornickel;„ ich nieder; ein hochnothpeinliches Halsgericht.“ „Wohlan,“ ſtet die Ratte. B und jeder Betrug unmöglich.“ 1 „Aber mein Himmel,“ frug Hornickel,„jetzt wieder Bürſterei. kein humaneres und für ein hohes Haupt würdigeres Mittel, ſich von zeugen, falls ja 491 Er ſagte daher zu Moritz:„Mu⸗ und Glockenklang ſchlugen dieſe ſon von der Identität vollkommen Hoheit Ihre entſchiedene Averſion Unterſuchung ausſprechen, ſo wäre ollten wir das Mißfallen der Ka⸗ ziehen. Hoheit könnten es uns wenn wir zu pedantiſch auf un⸗ es mein Lebtag nicht,“ bekräf⸗ eine Unterſuchungskommiſſion ſetzte fuhr Fidelis fort,„Mufrid, ſo bür⸗ 6 leibt ſie, wer ſie war, iſt's die echte Hat denn eine hohe Geſandtſchaft der Echtheit des Wappens zu über⸗ die einfache Okularinſpektion nicht 192 ausreichen ſollte? Ich ſollte meinen, ein ſanftes Be⸗ taſten oder Frottiren wäre hinreichend. Selbſt ein⸗ wenig kneipen wollt' ich mir gefallen laſſen.“ „Der Schwindel, welchen Betrüger mit dieſem Wahrzeichen getrieben,“ erwiederte Fidelis,„war oft ſo natürlich, daß ſelbſt Kenner getäuſcht wurden. Alſo ohne tüchtiges Bürſten wird ſich die Sache nicht bewerkſtelligen laſſen.“ „So nehmt wenigſtens meine Sammtbürſte,“ ſprach Hornickel,„ſie hängt am Fenſter neben dem Ka⸗ lender.“ „Es exiſtirt,“ verſetzte Fidelis,„behufs dieſer ſo wichtigen Unterſuchung eine eigene Bürſte, welche der Hofbürſtenbinder zu Tauharawi apart für dieſen Zweck angefertigt hat. Sie iſt aus Sandel⸗ holz und ihre Borſten ſind dem Felle eines Thieres entnommen, dem Geſchlechte der Stachelſchweine an⸗ gehörig.“ „Stachelſchweine,“ rief Hornickel ſchaudernd, „bleibt mir mit dieſer Bürſte vom Leibe!“ „Keine andere Bürſte iſt anwendbar,“ erwie⸗ derte Fidelis,„Mufrid holet ſie herbei und thut, was Eures Amtes iſt.“ Moritz langte jetzt eine Art Scheuerbürſte hervor und that einen ſo urkräftigen Strich über das ge⸗ 193 ſchwänzte Muttermal, daß Hornickel in ein wahres Zetermordio ausbrach. „Raſch, Lichter her,“ rief Fidelis,„und nachge⸗ ſehen, ob die Ratte den Strich überſtanden?“ Man leuchtete und brach in allgemeinen Jubel aus. „Es iſt wahrhaftig die rechte,“ hieß es,„ſie wankt und weicht nicht.“ „Aber ich möchte davonlaufen,“ rief der ge⸗ bürſtete Hornickel verzweifelt dazwiſchen. „Mufrid,“ kommandirte Fidelis,„den zweiten Strich!“ „Ich bin des Todes, ich fahre aus der Haut,“ ſtöhnte der Wucherer. „O beruhigen ſich Euer Hoheit,“ tröſtete Stri⸗ chelius,„wir halten ſchon ſo, daß Hochdieſelben nicht herauskönnen.“ Moritz vollführte jetzt den zweiten Strich quer über die Ratte, aber dießmal von der Linken zur Rechten. „Ihr tödtet mich!“ „Warum nicht gar,“ ſprach Strichelius. Nach dem zweiten Striche neuer Jubel. Die Ratte war nicht wegzubringen. „Dieſe Menſchen jubeln, während ich im 1857. XVIII. König v. Tauharawi II. 13 194 Sterben liege,“ lamentirte Hornickel,„es iſt himmel⸗ ſchreiend.“ „Wie viel Striche verlangt die Geſetzgebung von Tauharawi,“ erkundigte ſich Strichelius, und zwar ſo laut, daß es Hornickel deutlich verſtehen konnte, „um die Echtheit des Wappens im ungetrübteſten Glanze zu dokumentiren?“ Nach dieſer verhängnißvollen Anfrage fuhr Hor⸗ nickel's Seele wie behert in beide Ohren, um die Antwort des Fidelis nicht zu verpaſſen. Dieſe Ant⸗ wort lautete:„Nach den ältern Satzungen waren dreiunddreißig Striche vonnöthen“— bei der Zahl dreiunddreißig fing Hornickel an zu heulen—„in neuern Zeiten hat man jedoch ein vereinfachteres Verfahren beliebt, und kann ich die Unterſuchung mit dem dritten Striche für geſchloſſen erklären. Dar⸗ um, Mufrid, zum dritten und letzten, und zwar dießmal von oben nach unten.“ Moritz ſtrich mit der Bürſte des tauharawiſchen Hofbürſtenkünſtlers zum drittenmale und zwar ſo nachdrucksvoll, daß Hornickel ſchier glaubte den Geiſt aufgeben zu müſſen. Er lärmte entſetzlich, während Fidelis leiſe zu ſeinen Begleitern ſagte:„Es iſt für dießmal der Poſſenreißerei genug. Der Kerl hat für 195 heut ſeine Lektion weg. Beenden wir den erſten Akt unſerer Komödie.“ Nach dem dritten Striche ertönte wieder allge⸗ meiner Jubel. Die Echtheit der Ratte war erwieſen. Man ſchritt zur Anerkennung und Huldigung. Die goldene Kette, welche Fidelis dem neuen Kahameda umhing, trug viel dazu bei, die ſchmerzhaften Bür⸗ ſtenſtriche vergeſſen zu machen. Hornickel ward auf ſeinem Drehſtuhle wieder umgewendet und es trat vonſeiten der Geſandtſchaft eine ſolche Deootion an die Stelle des bisherigen Verfahrens, daß man in dem beſchränkten Kopfe des Wucherers immer mehr die Ueberzeugung befeſtigte, daß er wirklich der Be⸗ günſtigte, welchem vom Geſchick ein Königsthron be⸗ ſtimmt ſei.— Bereits nach acht Tagen ſchwammen Hornickel nebſt Geſandtſchaft, ſowie Strichelius auf einem eng⸗ liſchen Dampfer dem Orte ihrer Beſtimmung entgegen- Wie ſich das Alles gemacht hatte, werden wir im dritten Bande dieſer ebenſo außerordentlichen wie glaubhaften Hiſtoria erfahren.— Ende des zweiten Bandes. Prag 1857. Druck von Kath Gerzabek. 578 g1t eenqae