„ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Leihbibliothełk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Cduard Oktmann in Gießſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Lantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 W.— W 1N— Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jui Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ieſgeſet und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ — . * Bibliothek deutſcher Yriginalromanr der beliebteſten chriftſteller. Herausgegebon von J. h. Koher. Zwölfter Jahrgang. Siebenzehnter Band. Der Bönig von Cauharawi. T. * 1857. Prag Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Der König von Tauharawi. Launiger Roman n d e nden Von Ferd inand Stolle. Erſter Band. 1857. Prag 8 Leipzig, Verlag von J. L. Kober. B Wenn in dieſem, zuweilen ſelbſt zu grotesker Komik ſich verſteigenden Romane, auch Partieen vor⸗ kommen, in welchen des Lebens ernſtere Angelegen⸗ heiten beſprochen werden, ſo iſt der ſich fremdartige Stoff doch auf eine Art geſchieden, von welcher der Verfaſſer glaubt, daß ſie geeignet ſei, jede Störung zu vermeiden, und daß der ausgelaſſenſte Scherz, wie der ruhige Ernſt ſelbſt, in dieſem kleinen Buche wohl neben einander beſtehen können. Da der Verfaſſer bereits in früheren Jahren, wo das Blut roſenlaunig durch die Adern floß, ſelbſt in den heiterſten Dichtungen nie die Gelegenheit ver⸗ abſäumte, auch der ernſtern Anſchauung und Stim⸗ mung das Wort zu vergönnen, und die nachſichtige Kritik ſolch Verfahren ihm nie als Fehler angerech⸗ net hat, ſo hofft er jetzt— faſt zwei Jahrzehnte ſpäter— in dieſer Beziehung auf eine umſo nach⸗ ſichtigere Beurtheilung. Dresden, 27. April 1857. —— Erſtes Rapitel. Suchet einen Frühlingstag, einen recht ſchönen, ſo aus dem letzten Viertel des Maien oder dem erſten des Juni, wo das Auge ſich trinkend verliert im himmliſchen Blau, wo es blüht und duftet und Glockentöne wie Frühlingsevangelien durch die Land⸗ ſchaft ziehen— ein ſolcher Frühlingstag war es, als in einer reich von Jelängerjelieber umblühten Laube ein junger Mann ſaß, mit einem Herzen, in dem es gar nicht frühlinghaft ausſah. Er hatte das Haupt trauernd auf den Arm geſtützt. In der Hand hielt er einen erbrochenen Brief, deſſen Inhalt alſo lautete: „Mein inniggeliebter Sohn! Faſſe Dich, mein guter Sohn, denn ich ſchreibe mit blutendem Herzen und bebender Hand. Heute 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 1 2 Vormittag hat Dein zeitheriger Vormund Hornickel endlich die ſo lang erbetene Rechnung über die Ver⸗ waltung der kleinen Hinterlaſſenſchaft Deines guten ſeligen Vaters abgelegt und zwar auf eine Art, die mir das Blut in den Adern erſtarren macht. Wäh⸗ rend ich ſicher darauf rechnete von Hornickel noch ein paar hundert Thaler herauszubekommen, hat mir der gewiſſenloſe Mann auch alles zu Waſſer ge⸗ macht. Seine Gegenrechnung, die er einſt vor Gott verantworten möge, iſt ſo himmelſchreiend, daß ſie bis auf die wenigen Thaler, die ich beilege, das erhoffte Kapitälchen auch gänzlich verſchlingt.— Ach, mein Sohn, wegen mir iſt es ja nicht, ich will gern mit dem mich behelfen, was meiner Hände Arbeit abwirft, aber daß Dein Studium nun unterbrochen werden muß, das bricht mir das Herz. Hätte mich der gottloſe Mann wenigſtens zu jener Zeit, wo Du die Univerſität bezogſt, es ahnen laſſen, daß wir nichts mehr zu verhoffen, ſo konnteſt Du einen an⸗ dern Beruf erwählen— aber jetzt— Dein gewiſ⸗ ſenloſer Vormund führt in ſeiner Gegenrechnung ei⸗ nige Geldpoſten auf, die er unſerm ſeligen Vater will vorgeſtreckt haben. Ich kann das nimmer glauben, weil der Selige mir dann gewiß davon geſagt hätte. Auch viel andere Punkte in der Rechnung kommen „ 3 mir ganz unwahrſcheinlich vor. Hornickel ſchwört zwar hoch und theuer, daß alles ſeine Richtigkeit habe und er allezeit bereit ſei, dieſe Richtigkeit vor Gericht eidlich zu erhärten. Was will ich, eine hilf⸗ loſe Witwe, gegen einen mit allen Advokatenkniffen ausgerüſteten Wucherer? Was vermag der Arme ge⸗ gen den Reichen?— Das mütterliche Schreiben ſchloß mit den Wor⸗ ten: Mein guter Sohn, ehe Du Noth leideſt, ver⸗ traue Dich Deiner Mutter. Ich beſitze noch die gol⸗ dene Erbskette, das Andenken an meine ſelige Mutter — Ehregott, ehe Du Noth leideſt— ich kann jetzt nicht weiter ſchreiben.“ Jedesmal, wenn die Blicke des jungen Mannes auf dieſe letzten Zeilen fielen, füllten ſich ſeine Au⸗ gen mit Thränen. So auch dießmal. Vergebens blühte rings der ſchöne Frühling. Im Herzen Ehregott's wohnte die tiefſte Betrübniß. Er fühlte ſich ſehr un⸗ glücklich. Ein Tropfen nach dem andern perlte herab auf das Papier. Rings athmete tiefe Stille— da plötzlich, wie eine Stimme vom Himmel, zog durch die Blüten ein weicher, langgehaltener Flötenton. Wie der tröſtende Gruß eines Engels legte ſich die⸗ ſer wunderbare Klang an das bekümmerte Herz des armen jungen Mannes. Er lauſchte mit verhaltenem 1* Athem, und ſiehe, es währte nicht lang, als ein zweiter, himmelvoller Akkord durch die Blüten zit⸗ terte. Verwundert ſchaute Ehregott auf, ſeine Blicke ſchweiften ringsumher. Er ſtand auf und trat außer⸗ halb der Laube Ueberall war es ſtille, nirgend ein menſchliches Weſen zu erblicken. Ehregott kehrte in die Laube zurück; ſein kindlichfrommes Gemüth flü⸗ ſterte ihm den Gedanken zu: ſollte es ein Troſt von Oben ſein? Dieſer Gedanke wirkte beſeligend auf ſeine bekümmerte Seele. Ein wunderbarer Frieden kam über den Dulder. Das alte Gottvertrauen und die alte Gottergebenheit mit ihrem Segen zo⸗ gen wieder ein in das geprüfte Herz. Ehregott fal⸗ tete fromm die Hände, das Lächeln des innern Frie⸗ den umſpielte ſeinen Mund und ſo recht vom Her⸗ zen mit ſeiner ſonoren Stimme begann er: Befiehl du deine Wege, Und was dein Herz nur kränkt, Der allertreuſten Pflege Deß, der den Weltkreis lenkt, Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Wo dein Fuß gehen kann.“ Wie beiſtimmend wand ſich abermals ein Flöten⸗ akkord durch die Blüten. Ehregott fuhr gottergeben fort: 5 „Dem Herrn mußt du vertrauen, Wenn dir's ſoll wohlergehn; Auf ihn nur mußt du ſchauen, Wenn dein Werk ſoll beſtehn; Mit Sorgen und mit Grämen Und ſelbſtgemachter Pein Läßt Gott ſich doch nichts nehmen, Es muß erbeten ſein!“ Kaum hatte der fromme Beter dieſen Vers ge⸗ endet, als neue Flötenakkorde wie aus dem Himmel herabklangen. Zugleich rieſelten die Blätter einer jungen Roſe wie ein rother Frühling auf ſein Haupt her⸗ nieder. Dieſe ſo auffällige Einmiſchungen des Him⸗ mels ließen jetzt unſern Ehregott eine genauere Un⸗ terſuchung anſtellen, und ſo ſchaute er denn alsbald in ein paar große, blaue Augen, die durch die Blü⸗ ten in der Decke freudig herniederleuchteten. Ehre⸗ gott war mit einem Satze aus der Laube und ge⸗ wahrte einen ſchönen Jüngling mit himmelfreundli⸗ chem Antlitz, der in kecker Ingendluſt auf das Dach der Laube geſtiegen und hier, in Blüten gelagert, es ſich ſo bequem wie möglich machte. Sein Anzug beſtand in einem leichten, geſchmackvollen Reiſekleide und in der Hand hielt er eine Flöte. Reiche gol⸗ dene Locken umwogten zu beiden Seiten das herz⸗ gewinnende Antlitz. 6 Sowie ſich der Flötenſpieler bemerkt ſah, war er mit einem Satze von der Laube auf dem Erdbo⸗ den angelangt, und dem Ehregott treuherzig die Hand reichend, ſprach er:„Danke für das ſchöne Lied, das mußt Du mir lernen, hörſt Du!“ „O, gern,“ ſtammelte Chregott, noch ganz ver⸗ wundert ob der ſeltſamen Erſcheinung:„das Lied hat noch viele Verſe.“ „Das iſt ſchön,“ ſprach der Flötenſpieler und faßte den ſchüchternen Ehregott mit gewinnender Freundlichkeit unter den Arm.„Aber Du biſt trau⸗ rig,“ fuhr er, ihm in die Augen ſchauend, fort,„und Du biſt fromm; zwei Eigenſchaften, die für mich ungemeine Anziehungskraft haben. Ich will Dir einen Vorſchlag machen: wir wollen Freunde ſein. Willſt Du?“ „Sie ſind zu gütig!“ „Was da!— Sie!— Nannteſt Du vorher in dem ſchönen Liede den lieben Gott nicht auch Du? bin ich armer Erdenwurm was beſſres?“— „Je nun,“— lächelte Ehregott—„mag es drrum ſein, alſo Du!“ Er ſchlug mit der Hand in die dargebotene Rechte des ſchönen Flötenſpielers. „Und Dein Name?“ fuhr der junge Fremdling ort. 7 „Ehregott Friedberg.“ „Ehregott?— ein ſchöner Name; ich heiße Fidelis. Aber Du biſt traurig. Wo fehlt es, kann ich helfen?“ Ehregott, des Briefs ſeiner armen Mutter ge⸗ denkend, ſchüttelte traurig das Haupt. „Magſt mich für einen recht luftigen Paſſagier halten,“ lachte Fidelis,„da Du vermeinſt, ich könne Dir zu gar nichts nützen Gedenke des Sprüchleins: „Du ſollſt das kleinſte Ding nicht verunehren, Denn eine Nadel kann einen Schneider ernähren 10— „Du Glücklicher, der Du ſo ſcherzen kannſt,“ ſeufzte Ehregott. „Alſo Du hältſt Dich in der That für unglück⸗ lich 2“ erkundigte ſich Fidelis. „Leider muß ich es!“ „Du unglücklich? und beſitzeſt ein ſo ſchönes Gottvertrauen? Schäme Dich!— Worin beſteht denn Dein Unglück?“ „Ich bin ſo ganz mittellos, ganz arm.“ „Du beſitzeſt ein ſolch freudiges Gottvertrauen, wie ich aus Deinem Gebete gehört habe, und nennſt Dich arm? Abermals: ſchäme Dich! Weißt Du nicht, daß, wenn man Gott im Herzen trägt, man reicher iſt als mancher, der über Millionen gebietet 2“— 8 Ehregott, die Wahrheit dieſer Worte erkennend und dadurch wunderbar geſtärkt, reichte, wie um Verzei⸗ hung bittend, ſeinem neuen Freunde die Hand. „Daß mir ſo was nicht wieder vorkommt!“— ſchalt Fidelis und ſeine großen blauen Augen leuch⸗ teten gar freundlich.„Doch,“ fuhr er fort,„mit trocknem Munde unterhält ſich's nicht gut. Iſt denn in dieſer blühenden Wildniß kein Glas Wein zu haben?“ Die Laube gehörte einem öffentlichen Vergnü⸗ gungsgarten an und daher konnte der Wunſch des ſchönen Fremdlings bald erfüllt werden. Fidelis hatte bald eine ſchmucke Kellnerin aufgetrieben und nach wenigen Minuten flammte und duftete ein edler Scharlachberger in den grünen Römern.— Fidelis entkorkte die Flaſche mit der Gewandtheit eines Weltmannes und ließ die Perlen des Rheingaues in gold'nem Strahle in die Gläſer herabfallen. „Jetzt läßt ſich's eher philoſophiren,“ ſprach er, mit Friedberg anſtoßend, welcher in ſeiner Beſcheiden⸗ heit ob des lururiöſen Traktaments in nicht geringes Erſtaunen gerieth. Wein war dem Unbemittelten eine der größten Seltenheiten; darum wagte er den blitzenden Römer kaum zum Munde zu führen. „Nicht genippt, wie eine Jungfrau, ſondern — —— 2 herzhaft zugeſprochen!“ mahnte Fidelis, welcher be⸗ reits beim zweiten Glaſe ſtand.„Doch jetzt“— fuhr er im milden Ernſt fort—„ſchütte Dein Herz aus. Ich werde Dich ſpäter ebenfalls unterrichten, wer ich bin, was ich bin, warum ich hier bin und ſo weiter. Angeſtoßen, unſere neue Bekanntſchaft ſoll leben!“ Ein weicher Akkord auf der Flöte, auf welcher Fidelis Meiſter war und welches Inſtrument er ſtets bei ſich führte, begleitete dieſe Worte. Dem ehrlichen Ehregott kam alles wie ein Traum vor. Soeben vom herbſten Mißgeſchicke niedergebeugt, fiel ihm mit einemmale, wie aus dem Himmel, ein Freund herab, der ihm mit jedem Worte lieber wurde und zu dem er ſich immer inniger hingezogen fühlte. Eine vertrauenerweckendere Erſcheinung als Fidelis konnte es auch nicht geben. Sein engelhaftes Herz ſtand in lesbaren Zügen auf ſeinem offnen gewin⸗ nenden Antlitz geſchrieben. Dazu geſellte ſich eine liebenswürdige Fröhlichkeit, die häufig in ausgelaſſene Schalkheit überging. „Alſo „Sag an Dein Sprüchlein, Theil's uns mit!“ munterte er den treuen Freund auf, indem er deſſen Glas von neuem vollſchenkte und nach ſeiner Flöte 10 griff, um nöthigenfalls in die Mittheilung Ehregott's einen paſſenden Akkord einzuſchieben. Die Lebensgeſchichte des armen Prediger⸗Sohnes war die einfachſte von der Welt. Bereits im Kna⸗ benalter hatte er ſeinen guten Vater verloren und war ſeine Erziehung der ſanften Mutter allein über⸗ laſſen geblieben. Ehregott war daher als ein ziemlich ſchwaches Bäumchen aufgewachſen, unfähig den Stür⸗ men des Lebens großen Widerſtand zu leiſten. Der Beruf ſeines verſtorbenen Vaters ſollte auch der ſeine werden. Mit den beſten Schulzeugniſſen verſehen, hatte er die Univerſität bezogen, wo er zu den flei⸗ ßigſten und ſittſamſten ſeiner Kommilitonen gehörte, als der oben mitgetheilte Brief ſeinem fernern Stu⸗ dium ein unaufhaltſames Halt zurief. Von Zeit zu Zeit hatte Fidelis während der einfachen Erzählung Ehregott's ſein Wohlgefallen durch Flötenzwiſchenſpiele zu erkennen gegeben; als jedoch der Erzähler auf den heutigen Unglückstag zu ſprechen kam und der Gewiſſenloſigkeit des Wucherers gedachte; entfuhr dem ſo ſanften Inſtrument ein ſo greller und markerſchütternder Pfiff, daß ſich Ehregott unwillkürlich mit beiden Händen nach den Ohren fuhr. Zugleich war Fidelis aufgeſprungen und eine Zornesflamme brannte auf ſeinem Antlitz. 11 „Der Teufel ſoll dieſem Kerl die Laterne hal⸗ ten!“ rief er, die Flöte in der Luft ſchwingend, „dieſes Scheuſal muß eremplariſch beſtraft werden, oder ich will nicht Fidelis heißen. Dieß iſt ſchon immer mein Sehnen und Verlangen geweſen, ſo eine Wucherſeele durch ein ſiebenfaches Fegefener zu jagen; aber mit Humor muß es geſchehen— Doch“— fuhr er fort, nachdem er durch einen kräftigen Schluck ſeinen Aerger hinuntergeſpült—„wie konntet Ihr Euer kleines Vermögen der Verwaltung eines offen⸗ baren Schuftes anvertrauen?“ „Der Wucherer ſtand bei dem Tode meines Vaters,“ gab Ehregott zur Antwort,„noch nicht in ſo üblem Rufe, als ſpäter. Die vormundſchaftliche Behörde glaubte gerade in ihm den rechten Mann gefunden zu haben.“ „Ein liebenswürdiger Vormund!“ hohnlachte Fidelis,„eine arme Witwe und einen guten Sohn um ihre letzten paar Thaler zu bringen! Iſt es denn möglich? Laufen wirklich ſolche moraliſche Krüppel und Auswüchſc in Menſchengeſtalt umher? Muß ſich nicht die Sonne ſchämen, ſolche Schandgeſellen zu beſcheinen?“ Nachdem Ehregott mit ſeiner Lebens⸗ und Leidens⸗ geſchichte zu Ende, reichte ihm Fidelis theilnehmend 12 die Hand.„Dort oben,“ ſprach er, nach dem blauen Himmel zeigend,„wohnt jemand, der helfen kann und helfen wird. Nur dürfen wir ſelbſt die Hände dabei nicht in den Schvoß legen. Im Traume gibt es der Herr freilich nicht. Wir müſſen ſelbſt dazu⸗ thun, unſer Glück zu erbauen.— Doch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„was dem Einen recht, iſt dem Andern billig. Daher vernimm jetzt auch meinen Lebenslauf. Er iſt etwas buntfarbiger, als der Deine, und hört ſich darum auch etwas unterhaltender an. — Mein Vater, ein Engländer, ſo was man einen Lord nennt, ein reicher Mann; meine Mutter,(hier nahm er ehrfurchtsvoll ſein Mützchen ab) ein Muſterbild aller Frauen, war eine Deutſche. Von ihr hab' ich das Herz ererbt, von dem Vater die Grillen und Schrullen, die mir zuweilen durch den Kopf fahren. Um nicht als ein total einſeitiger Menſch auf dieſem Erdball umherzuſpazieren, hab' ich ſo ziem⸗ lich in alle Töpfe geguckt, worinnen die Wiſſenſchaften gebraut werden, freilich nicht allzutief. In Orford ſtudirte ich Theologie, in London etwas Juriſterei und Medizin. Mein Hauptfach iſt jedoch die Philv⸗ ſophie, weniger in der Theorie, als in der Praris. Du wirſt fragen, was ich mich im guten Deutſchland herumtreibe? Auch das ſollſt Du hören. Als ich in 13 Orford über der Lehre von den Engeln ſaß, trat mir plötzlich ein ſolcher, aber ein irdiſcher, entgegen, ſo daß ich ſofort alle himmliſchen Engel auf ſich be⸗ ruhen ließ und den Spuren des Erdenengels folgte. Er hatte in der Taufe den Namen Jenny erhalten und war ein ſo bemerkenswerth liebenswürdig Kind, daß es mir total den Kopf verdrehte. Ich hielt um die Hand dieſes Engels an, ſtieß aber auf bedeu⸗ tende irdiſche Hinderniſſe. „Jenny's Vater, ein Murrkopf, wie es in Eng⸗ land und auf dem Kontinente keinen zweiten gibt, von dem ſich kein Menſch zu entſinnen vermochte, daß er jemals gelacht habe, lachte mit einemmale laut auf, als ich mit meinem Heiratsprojekte vor ihn trat. Ich hielt dieſes Lachen anfangs für eine gute Vorbedeutung, wurde aber bald eines Beſſern belehrt. Nachdem ich meinen Antrag möglichſt ſty⸗ liſirt vorgebracht hatte, lachte, wie geſagt, der alte Murrkopf, daß die Wände zitterten. Seine Antwort ſtand jedoch mit dieſer Heiterkeit in durchaus keinem Zuſammenhang. Milchbart!“ rief er.„Heiraten? ein Mädchen wie die Jenny? Wiſſen nicht, daß für eine freie Britin ſolch Anerbieten eine Beleidigung? Sprechen von ſtandesgemäßem Auskommen? Der Teufel hole einen Freier, der weiter nichts zu bieten 14 hat. Und was haben zu bieten? Was haben gelernt, was haben gethan, was haben erfahren? Nichts von alledem! Und heiraten, den eheherrlichen Schlafrock ziehen, die philiſtröſe Zipfelmütze aufſetzen, Abends im Klubb Triktrak ſpielen und über die Weltbegeben⸗ heiten kannegießern? Pfui!— Man fahre ein paar⸗ mal um die Welt, damit man ſehe, ob ſie auch wirklich rund iſt, wie die Gelehrten behaupten. Man ſchlage in den lithauiſchen Wäldern ein paar Bären todt; man erlege einen bengaliſchen Tiger; man be⸗ fördere das Gute, bekämpfe das Schlechte, kurz man leiſte Etwas als Mann, dann frage man an, denn nur ein Mann verdient eine Frau!— Alſo ſprach der Alte und ließ mich wie aus den Wolken gefal⸗ len ſtehen. Ich wollte in der erſten Deſperation die Erde gegen die Sonne ſprengen wie einen Billard⸗ ball. Als ſich das nicht ſogleich bewerkſtelligen ließ, nahm ich eine etwas geſetztere Poſitur und ward nachdenklich. Das Reſultat dieſes Nachdenkens war, daß der alte Smith, ſo heißt mein Schwiegervater in spe, nicht ſo Unrecht habe. Bei noch längerem Nachdenken kam mir mein Heiratsantrag ſelbſt lä⸗ cherlich vor. Es wurmte mich, vor dem alten Meer⸗ geuſen— Papa Smith hatte vierzig Jahre auf dem Meere zugebracht— in ſo unvortheilhaftem Lichte 15 erſchienen zu ſein. Ich mußte die Sache wieder gut⸗ machen; und ließ mich nochmals melden. Als dem Alten mein Name genannt wurde, ließ er mir durch den Portier ſagen: Er wäre nicht zu Hauſe. Ich ließ ihm zurückſagen, ich wüßte recht gut, daß er zu Hauſe wäre, er ſolle mich alſo vorlaſſen. Er ließ mir wieder ſagen: Mich ſollte der Teufel holen, wenn ich den Worten eines alten Matroſen nicht glauben wolle. Ich ließ mich indeß nicht werſen. Der Portier mußte nochmals Rechtsumkehrt machen mit den Wor⸗ ten: Ich wolle nicht heiraten.“ Jetzt war der Alte zu Hauſe und ich kam vor. Sein Antlitz war finſter wie ein heraufziehendes Gewitter.„Was ſoll's?« frug er barſch, ohne mich niederſetzen zu heißen. Ich wollte Ihnen nur ſagen, verehrter Herr Smith, daß Sie Recht haben. Iſt mir nichts neues,“ war die Antwort.—„Ich will jetzt noch nicht hei⸗ raten.— Mir einerlei!—„Später aber möcht' ich's nicht verreden.— Iſt Seine Sache!“—„Herr Smith“— fuhr ich beherzter fort—„geben Sie mir ein Programm, wie ich draußen in der Welt mich zu verhalten habe, um Ihrer und Fräulein Jenny würdig zu werden. Sei es noch ſo halsbrechend, ich führe es aus. Geh' ich darüber zum Kukuk, je nun, da haben Sie wenigſtens meinen guten Willen 16 geſehen.— Der Alte, welcher ſchon geraume Zeit die Thürklinke in der Hand hielt, um ſich und mich zu verabſchieden, zog den Arm zurück und machte eine Achtelswendung gegen mich, der ich mitten in der Stube ſtand. Ich bekam dadurch noch mehr Muth und fuhr fort:„Herr Smith, mehr können Sie doch von einem künftigen Schwiegerſohne nicht verlangen, als daß er ſich Ihren weiſen Anordnungen völlig unterwirft. Jakob diente ſieben Jahre um Rahel, ich will auch um Jenny dienen.“„Von Dienſtbarkeit kann bei einem freien Briten keine Rede ſein, ſprach Herr Smith,„ſondern von freiem Handeln. Dieß will ich ja— fiel ich raſch ein— ſagen Sie mir nur um Gotteswillen, was ich handeln ſoll? Kurz, ge⸗ ben Sie mir ein Programm!“„Der freie Brite ſchreibt ſich ſelbſt ſein Programm, ſprach der See⸗ mann. Ganz ſchön, gegenrebete ich, wenn ich älter bin und Erfahrung habe, will ich mir auch mein Programm ſchreiben; aber jetzt, wo ich als thaten⸗ luſtiger Jüngling vor dem ehrfurchtgebietenden und erfahrungreichen Alter ſtehe, da iſt es gewiß keine Schande, wenn ich mir einige Anha tepunkte erbitte. — Der Alte that, als wenn er wenig von meinen Worten vernommen, trat an ein Fenſter, das er auf⸗ machte, legte ſich halben Leibes hinaus und that, 17 als wenn ich gar nicht zugegen wäre. Da ſtand ich, und war ſchon im Begriff mich von meiner jugend⸗ lichen Heftigkeit hinreißen zu laſſen, als Herr Smith ſich wieder hereinbeugte mit den Worten:„Man hole ſich das Programm heute Nachmittag ſechs Uhr.“ — Wer war glücklicher als ich. Ich wollte meinem künftigen Schwiegervater die Hand küſſen, aber er liebte dergleichen Herzensergießungen nicht, nickte kurz mit dem Kopfe und war verſchwunden. Punkt ſechs Uhr Nachmittags hielt ich das merkwürdige Dokument, ſauber auf Pergament geſchrieben, in den Händen. Darauf ſtanden ſieben Arbeiten ver⸗ zeichnet, nicht Arbeiten des Herkules, ſondern Auf⸗ gaben, die meinen künftigen Schwiegervater gewiß in keinem unliebenswürdigen Lichte zeigen. Jetzt paſſe auf, Ehregott, und vernimm, was ich alles zu bewerkſtelligen habe, bevor ich um Jenny's Hand an⸗ halten darf. „Erſtens muß ich auf ſieben der höchſten Berge der alten und neuen Welt ein Gebet zu Ehren des Höchſten verrichten, und zwar in Europa auf den Alpen und den Pyrenäen, in Afrika auf dem Atlas und dem Tafelberge, in Aſien auf dem Libanon und Himalaja und in Amerika auf den 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 8 18 Anden. Auf all dieſen Gebirgen muß ich mir ſtets die höchſte erſteigbare Stelle ausſuchen. „Zweitens habe ich an den Grabſtätten von ſieben großen Sterblichen, bei jedem einen Lor⸗ beerkranz niederzulegen. Auf dieſem erhabenen Gottesacker ruhen Luther, Columbus, Guttenberg, Kepler, Waſhington, Joſeph M. und Mozart. „Drittens habe ich ſiebender großartig⸗ ſten Bauwerke zu beſteigen und daſelbſt zu Ehren des menſchlichen Genies ein Glas Champagner zu leeren. Dieſe ſieben Bauwerke ſind der ſtraßburger Münſter, die Peterskirche, die Pyramide des Ceops, der Tempel zu Carnac, der Stephansthurm, das Kapitol zu Waſhington und der Porzellanthurm zu Nanking. „Viertens ſoll ich einen Blumenſtrauß pflücken von ſieben der ſchönſten Erdenblumenz; und zwar eine Mandelblüte vom Fuße des Aetna; eine Roſe aus den Gefilden von Saron; eine Lilie aus . den Gärten des Serails; eine Lotosblume von den Ufern des Ganges; eine Alos aus dem Flußgebiete des Ohio; einen Becher der Wüſte aus der Sahara und ein Veilchen aus dem Herzen von Deutſchland. „Fünftens: Aus einem beliebigen Sklavenſtaate ſieben Sklaven freimachen. 19 „Sechstens: Sieben Unglückliche zu glücklichen Menſchen umſchaffen: und endlich „Nummer Sieben: Habe ich einen notoriſch ſchlechten Menſchen auf humoriſtiſche Art durch ein ſiebenfaches Fegefener zu jagen. „Dieß ſind,“ fuhr Fidelis nach einer Pauſe, während dem ſich Ehregott über dieſe ſonderbaren Aufgaben nicht genug verwundern konnte, fort,„meine ſieben Arbeiten des Herkules. Die Zeit der Ausfüh⸗ rung iſt nicht beſtimmt. Alſo, will ich bald damit fertig werden, muß ich ungeſäumt dazuthun. Darum bin ich vor allen Dingen nach Deutſchland überge⸗ fahren und in dieſem herrlichen Lande ehegeſtern an⸗ gelangt. Um meine Arbeiten nach einem gewiſſen Syſtem vorzunehmen, will ich mit den ſchwierigen Aufgaben zuerſt beginnen. Auch haben die ſieben Unglücklichen zuerſt Anſpruch auf meinen Bei⸗ ſtand. Glaubſt Du wohl, Ehregott, daß ich in Deutſch⸗ land ſieben Unglückliche zuſammenbringe?“ Der Gefragte lächelte ſchmerzlich. Er mochte denken:„Sitzt Dir nicht ein Unglücklicher in nächſter Nähe?“ Aber Fidelis war anderer Meinung. „Ich ſehe,“ ſagte er,„aus Deiner ſauerſüßen Miene, daß Du Dich ſelbſt unter die Klaſſe der Un⸗ glücklichen zähleſt. Du biſt, mein Freund, im Unrecht! 2* 20 Ein junger Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat, iſt nicht unglücklich zu nennen, ſobald ihm im Leben etwas die Quer geht. Einiges Hin⸗ und Herſchütteln von Dem, was die Thoren Schickſal, die Vernünftigen Vorſehung nennen, ge⸗ reicht dem Betreffenden in der Regel zum Heil. Wenn das Leben ohne Sturm, Schloßen und Gewitter vorüberzöge, ein ewigblauer Himmel herniederlächelte, würden die am Staube klebenden Sterblichen denken, es müſſe ſo ſein. Sie würden die Hände in den Schooß legen und den lieben Gott einen frommen Mann ſein laſſen. Entweder würden ſie übermüthig ſich die Köpfe einrennen, oder die angeborne vis in- ertiae würde ihr verderblichſtes Spiel treiben. Nein, wer ſchwimmen lernen will, muß mit Händen und Füßen arbeiten, ſonſt ſinkt er unter. Alſo Dich, mein guter Friedberg, zähle ich durchaus nicht zu den Un⸗ glücklichen und ſchon aus dem obenangeführten Grunde nicht, weil Du ein freudiges Gottvertrauen Dir be⸗ wahrt haſt. Dieſes freudige Gottvertrauen iſt die alleinigbeſte Magnetnadel im Sturme des Lebens. Mögen die Wellen verderbendrohend über unſerm Haupte zuſammenſchlagen, es zeigt ſtets nach oben, wo unſer herrlicher Vater wohnt!“ „Alſo nicht Du,“ fuhr er fort,„biſt unglücklich, 21 wohl aber Deine gute Mutter.— Eine arme Witwe, die am Abende ihres Lebens noch ſo hart geprüft wird, kann man wohl den Unglücklichen beizählen. Sie muß gerettet werden. Sie ſoll mein Regiſter eröffnen. Ich erſcheine dabei zugleich als galanter Mann, indem ich mit dem ſchönen Geſchlecht den Anfang mache. Stoß' an, alter Junge, Deine brave Mutter ſoll leben!“ „Von ganzem Herzen!“ rief freudeſtrahlend Ehre⸗ gott und wäre dem Fidelis vors Leben gern um den Hals gefallen, hätte ihn ſeine alte Schüchtern⸗ heit nicht zurückgehalten. Die grünen Römer klangen aneinander; die golde⸗ ne Flut duftete lieblich, während vom alten Apfelbaum der letzte Roſaſchnee herniederrieſelte und aus einem benachbarten Buſchwerk ein Finke durch ſeine ſchmet⸗ ternden Fanfaren unverholen anzeigte, daß er auch ein Wort in den Frühling zu reden habe. „Dieſer Finke iſt ein prächtiger Kerl,“— ſprach Fidelis—„ich muß ihn atkompagniren.“ Er ahmte auf der Flöte den Finkenſchlag nach. Der kleine Frühlingsſänger aber ließ ſich nicht werfen und ſchmet⸗ terte nur um ſo kecker.„Wie der Menſch ſo ein Ungethüm ſein kann,“— ſprach Fidelis—„ſolch lie⸗ benswürdig Geſchöpfchen, von Gott für den blauen 22 Himmel und grünen Wald geſchaffen, in einen Zwang⸗ ſtall zu ſperren. Hätte ich was zu befehlen, müßte jeder, der zu ſeinem Pläſir einen Vogel einſperrt, ſelber brummen, damit er erfahre, was es heißt: einem Geſchöpfe ſeine Freiheit nehmen.— Sieh' nur, Ehregott, wie das vom Apfelbaume herabregnet. Da iſt mir ſo ein Frühlingsgruß in das Glas ge⸗ fallen. Beim blauen Himmel dort oben, beim Gold der Sonne, es war kein übler Gedanke von Gott, als er dieſes Deutſchland erſchuf. Angeſtoßen, Stu⸗ dioſe, Deutſchland ſoll leben!“ „Und alle gute Menſchen,“ fügte der Ehregott hinzu,„die in dieſem Lande wohnen!“ „Gute Menſchen?“ rief Fidelis aufſpringend, „die ſollen nicht bloß in Deutſchland, die ſollen über⸗ all hochleben, ſoweit der Sonnengott ſeinen Wagen zieht. und die Welt ihr blaues Zelt ſpannt.— Doch, auf das Programm meines künftigen Schwie⸗ gervaters zurückzukommen, glaube ich— wie heißt der Schuft, der Deine Mutter um ihr Alles ge⸗ bracht hat?“ „Apollonius Hornickel!“ „Richtig, alſo dieſer Apollonius Hornickel ſcheint ganz von dem Holze und dem Schlage, wie Herr Smith ihn ſich wünſcht. Ich muß ihn durch ſieben 23 Fegefeuer jagen. Sag' mal, hat der Kerl Geiſt, Verſtand—2“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Friedberg,„es iſt der dümmſte und eingebildetſte Menſch, den es ge⸗ ben kann. Dazu die raffinirteſte Selbſtſucht, Geiz⸗ hals, Wucherer, aller Barmherzigkeit bar, ehrſüch⸗ tig.— Ich könnte die haarſträubendſten Geſchichten erzählen, wie er arme Leute aufs Blut gepeinigt.“ „A la bonheur!“ nickte behaglich Fidelis,„die⸗ ſer Braten wird immer fetter und die Luſt ihn an⸗ zuſchneiden immer lebhafter. Welches ſind ſonſt ſeine Verhältniſſe? Hat es ein weiblich Weſen übers Herz bringen können, dieſem Lumpe ihre Hand zu reichen?“ „Leider,“ erwiederte Ehregott,„gab es eine ſolche Unglückliche. Indeß erlöste ſie der Himmel nach wenig Jahren, indem er ſie zu ſich nahm. Man erzählt, daß Hornickel ſeine ſanfte Gattin durch Geiz und Eiferſucht zu Tode gepeinigt habe.“ „Du biſt küſſenswerth, Ehregott, für Deine Mittheilung; dieſer Kerl wird immer unbezahlbarer!“ „Die Verſtorbene,“ fuhr Friedberg in der Le⸗ bensbeſchreibung von Apollonins Hornickel fort,„hin⸗ terließ ein Töchterlein, das zur roſigen Jungfrau herangeblüht, aber ebenfalls höchſt unglücklich iſt.“ 24 „Schon wieder eine Unglückliche!— Das fleckt ja recht— doch was frag' ich— die Tochter eines ſolchen Vaters!— Wie heißt das arme Kind?“ „Tugendreich—“ „Tugendreich! wo Teufel hat der Böſewicht die⸗ ſen Namen her?“ „Er iſt von der Mutter.“ „Ah ſo!“ „Wenn es ſchon ein Unglück iſt, einen ſolchen Vater zu beſitzen, ſo ſoll das arme Kind auch noch gezwungen werden, einem ungeliebten Manne, bloß weil er ſehr reich iſt, ihre Hand zu reichen, während ſein Herz einem Andern gehört.“ „Und dieſer Andere nennt ſich Ehregott Fried⸗ berg?— hab' ich nicht recht?“ „Nein, Fidelis“, lächelte der Erzähler,„aber ich kenne ihn genau Es iſt mein Schul⸗ und Uni⸗ verſitätsfreund Moritz Bachmann, ein prächtiger Junge, den leider ſein Vater mit Gewalt zum Studiren gezwungen, ohne daß er die geringſte Luſt dazu hat. Wenn er nur das Wort Pandekten“ ausſprechen hört, ſchüttelt es ihn, wie's kalte Fieber.“ „Aber er muß doch was werden?“ „O ja! aufs Schiff will er, aufs Meer, fremde Länder, andere Welttheile ſehen.“ 25 „A la bonheur!“ „Nach Indien ſteht ſein Sinn; dort draußen will er ſich ſoviel Vermögen anſammeln, um ſeine geliebte Tugendreich dereinſt als Gattin heimführen zu können.“ „Sieh'— ſieh'! Und da kommt ihm der reiche Freier in die Quer?“ „So iſt es!— In der edlen Juriſterei hat er es bei allem Mangel an Luſt natürlich auch zu nicht viel gebracht. Wo die Liebe fehlt zu einem Berufe, iſt es eine traurige Sache Dazu geht ihm die gual⸗ volle Lage der Geliebten im Kopfe herum. Moritz, obwohl die gutmüthigſte Seele von der Welt, kommt gleichwohl aus ſtudentiſchen Händeln nicht heraus. Ein ebenſo abgeſagter Feind der Rechtsgelahrtheit, iſt er ein umſo entſchiedener Freund des Rechts, und darum mit der Klinge ſofort bei der Hand, wo es gilt, eine Ungerechtigkeit gutzumachen. Moritz ſteht daher bei den akademiſchen Behörden nicht zum beſten angeſchrieben.“ „Hör' mal, Ehregott,“ ſagte Fidelis, nachdem er aufmerkſam zugehört,„Dein junger Freund ge⸗ fällt mir. Auch dieſem Manne muß geholfen werden, indem man ihm eine Lebensbahn anweiſt, zu welcher er Luſt und Liebe hat. Wie manche ſchöne Geiſtes⸗ 26 kraft verkümmert, lediglich, weil ſie ſich in einer Sphäre bewegt, wo ſie ſich nicht naturgemäß entwickeln kann. Darum Schmach den Eltern und Erziehern, die aus Eitelkeit und Selbſtſucht ihre Pflegbefohlenen auf einen Boden verpflanzen, wo oft die herrlichſten Anlagen verkümmern und verkrüppeln. Wo weder Geiſt noch Liebe zum gelehrten Stande vorhanden, da laſſe man in Gottes Namen ein Handwerk lernen. Ein tüchtiger Handwerker, der ſeine Sache erlernt hat, iſt zehnmal mehr werth, als ein untüchtiger Gelehr⸗ ter! Wer Luſt und Anlage dazu hat, der werde ein Schneider, ein Faßbinder, ein Tiſchler, u. ſ. f.; das find alles der menſchlichen Geſellſchaft ebenſo un⸗ entbehrliche, wie ehrenwerthe Gewerbe. Niemand ſchäme ſich doch desjenigen Standes, den ihm der liebe Gott durch die verliehenen Kräfte angewieſen hat. Die Hauptſache iſt, daß das, was man lernt, man ordentlich lernt. Darin beſteht die Ehre, man ſei Schuhmacher, Maler, Baumeiſter oder Miniſter. Wenn alſo Freund Bachmann zur Rechtsgelahrtheit ſchlechterdings keine Luſt hat, ſoll er dieſe Wiſſen⸗ ſchaft getroſt zu allen Teufeln jagen. Vielleicht daß ich dem braven Jungen bei einem andern Lebensberufe unter die Arme greifen kann. Bevor ich mich jedoch um dieſen Feind juris utriusque und ſein Liebchen, 27 doloross Nummer zwei, bekümmern kann, iſt vor allen Dingen die wahre malèr dolorosa, Deine gute Frau Mutter, zu berückſichtigen. Ihr muß der ſchmerzliche Stachel, den ihr der unbarmherzige Hornickel ins Herz geſtoßen, herausgezogen werden. Jede Stunde Verzug iſt Sünde. Ich werde Dir alſo, Ehregott, paſſe wohl auf, einen Vorſchlag machen.“ Friedberg that Herz, Mund und Ohr auf, ſo⸗ weit er konnte. Fidelis fuhr fort: Obſchon ich die Mittel in Händen habe, Dich fortſtudiren und Dir Unterſtützung zukommen zu laſſen, bis Du auf eigenen Füßen ſtehen kannſt, ſo halte ich es doch für gerathener für Dich und für mich, daß Du— wie alt biſt Du?“ „Einundzwanzig Jahre!“ „Gut, daß Du die Theologie ein Jahrlang an den Nagel hängſt und Dich einwenig in der Welt umſchauſt. Du biſt aus dem engen Horizonte Deiner Vater⸗ und der Univerſitätsſtadt nicht heraus⸗ gekommen. Das iſt nicht gut. Ein Mann, der dereinſt von der Kanzel die Herrlichkeit Gottes ver⸗ künden will, muß dieſe Herrlichkeit auch in etwas größerem Maße, als das bei einem engbeſchränkten, bürgerlichen Daſein möglich iſt, erſchaut haben. Wenn Du die Gipfel des Himalaja im Abendgolde haſt 28 leuchten ſehen; wenn Dein Ohr vernommen hat den Donner des Niagara; wenn Du am Strande des Weltmeers luſtgewandelt und bunte Muſcheln ge⸗ ſucht haſt; wenn eine andere Sternenpracht über Deinem Haupte geleuchtet, die Palmen Südamerika's Dich umſchattet, die Veilchengefilde Afghaniſtans Dir gedüftet haben: dann kannſt Du in der kleinen Dorf⸗ kirche, die Dir der Himmel vielleicht dereinſt beſchie⸗ den, von der Herrlichkeit Gottes ſingen und ſagen. Auch iſt es für den Prediger und Seelſorger, der zu den Herzen der Gemeinde ſprechen ſoll, nützlich und angenehm, wenn er nicht bloß die Sitten und Gebräuche, die Geiſter und Herzen ſeiner nächſten Landsleute kennengelernt, ſondern wenn er ſich über⸗ zeugt hat, wie die Kinder Gottes der entfernteſten Zonen denken, empfinden und handeln; wenn er wahr⸗ nimmt, wie Gott ſich unter keinem ſeiner Himmel verleugnet, ſondern immer derſelbe allliebende Vater iſt.— Darum ein Vorſchlag, lieber Ehregott: Du nimmſt auf ein Jahr(— länger will ich Dich Dei⸗ ner Thevlogie nicht abſpänſtig machen—) die Stelle eines Hofmeiſters, Reiſebegleiters, Geſellſchafters, eines Major Domus, wie Du willſt, bei mir an und ſtudirſt einwenig praktiſch Theologie oder Got⸗ teswort, wie er es in ſeiner großen Welt aller⸗ 29 wegs in großen und kleinen Buchſtaben geſchrieben hat.— Iſt das Reiſejahr geendet,“ ſchloß Fidelis ſeinen Antrag,„und Du biſt unter Gottes Schutz wohlbehalten zurückgekehrt, ſo ſtell' ich Dir als Lohn für die gehabte Bemühung eine Summe zur Ver⸗ fügung, welche hinreichen wird, Deine Studien con amoré zu beendigen. Deine Mutter erhält für die Erlaubniß, Dich reiſen zu laſſen, eine lebenslängliche Penſion, welche ſie gegen allen Mangel ſicherſtellt, ſelbſt für den Fall, daß es dem himmliſchen Vater gefallen ſollte, Dich während der Reiſe zu ſich zu nehmen, was wir nicht hoffen wollen.“ Fidelis zog aus ſeiner Bruſttaſche ein Porte⸗ feuille und zeigte ein kleines Papier vor.„Dieſe Banknote,“ ſprach er,„welche Deiner Mutter ſofort zugeſtellt wird, ſobald ich Deine und ihre Geneh⸗ migung zur Reiſe habe, wird hinreichen, das Alter der guten Frau vollkommen ſicherzuſtellen. Jetzt überlege meinen Antrag. Ich will Dich nicht über⸗ rumpeln. Prüfe Dich, ob Du Luſt in Dir fühlſt, auf meinen Vorſchlag einzugehen. Ich gebe Dir zwei Stunden Bedentzeit, welche ich benutzen will, mit meiner Flöte die blühende Gegend zu durchblaſen. Binnen zwei Stunden kann der Menſch ſich hinrei⸗ chend Audienz geben und Entſchlüſſe faſſen. Alſo à 30 revoir!“— Mit dieſen Worten war der junge Brite in den angrenzenden Gebüſchen verſchwunden und man vernahm verhallende Flötentöne durch die Blüten ziehen. Da ſaß Ehregott Friedberg, der vor kurzem ſo unglückliche Studioſus der Gottesgelahrtheit, und wußte nicht, ob er wache oder träume; ob nicht ein neckiſcher Kobold ſeiner Phantaſie einen Streich ge⸗ ſpielt. Er betaſtete ſich Kopf und Stirn, beſah ſich die nächſte Umgebung. Da ſtand die Laube, in die er ſich geflüchtet, um mit ſeinem Kummer allein zu ſein. Da ſtand das Reſtlein Dünnbier, das er ſich in der alleinigen Abſicht hatte verabreichen laſſen, um in einer öffentlichen Wirthſchaft wenigſtens etwas zu verzehren. Da ſtand die ziemlich geleerte Flaſche mit herrlichem Rheinwein, die Fidelis beſtellt und nobel bezahlt hatte; und der britiſche Genius ſelbſt, fort war er mit ſeiner Flöte.— Noch ſtand der ſchöne Jüngling mit ſeinen blauen Augen und blonden Locken vor ihm; noch klang der liebe Ton der Rede in ſein Ohr. Das war kein Traum. Friedberg mochte ſich Kopf und Stirn reiben, ſoviel er wollte. Unſer junge Freund faltete darum ſeine Hände und ſein Auge füllte ſich mit Thränen. „Wenn es Gottes Wille wäre,“ ſprach er leiſe, 31 „wenn er dieſen Weg gewählt hätte, meine arme Mutter und mich zu erretten“— und wieder klang, wie eine Stimme von oben, das alte Lied durch ſeine Seele: „Weg biſt Du allerwegen, An Mitteln fehlt Dir's nicht, Dein Thun iſt lauter Segen, Dein Gang iſt lauter Licht. Hoff, o bedrängte Seele, Hoff und ſei unverzagt; Gott wird dich aus der Höhle, Da dich der Kummer plagt, Mit großer Gnade rücken, Erwarte nur die Zeit, So wirſt Du ſchon erblicken Die Sonn' der ſchönſten Freud'!“ Er ſchenkte ſich das Reſtlein Wein in das Glas, das er gegen den blauen Himmel emporhielt.„Ich fahre mit um die Welt!“ rief er begeiſtert,„die Sonne ſcheint überall ſegnend herab, warum ſoll ich ſie mir nicht einmal betrachten, wenn ſie über Pal⸗ menwäldern ſteht oder ſich im Weltmeere ſpiegelt. Mein Mütterchen wird anfänglich den Kopf ſchütteln zu meiner Weltfahrt; aber ihre Einwilligung ſchen⸗ ken, ſobald ſie den herrlichen Fidelis erſchaut hat. Ach, wenn er doch ſchon da wäre, daß ich ihm dan⸗ kend um den Hals fallen könnte.“ 32 Ehregott, trunken von ſeinem Glücke, lief die ſtillen, mit rothem Sande beſtreuten Gänge des Luſtgartens wie träumend auf und ab. Er hätte die ganze Welt umarmen mögen. Der ungewohnte Wein that auch das Seine, ihm alles im roſenfarbenſten Lichte erſcheinen zu laſſen. Plötzlich wieder fuhr ihm ein giftiger Stachel durchs Herz. Es war der— Zweifel, dieſer Bringer bittrer Schmerzen. „Und wenn der ſchöne Jüngling gleichwohl nur ſeinen Scherz mit Dir getrieben hätte? Wird ſich ein reicher, junger Engländer um einen armen deut⸗ ſchen Studenten der Theologie bekümmern! Und am Ende war es gar kein Engländer. Er ſprach ja deutſch, wie gedruckt Wer weiß, in welchem Reiſewagen der junge Herr bereits ſitzt und ſich ins Fäuſtchen lacht ob des leichtgläubigen, einfältigen Ehregott?“ Der böſe Geiſt des Zweifels war unermüdlich in ſeinen Beweisgründen. Er peitſchte den armen Friedberg von einem Ende des Gartens zum andern. Erſchöpft ſank endlich der Halbverzweifelte auf eine Gartenbank, das Geſicht mit beiden Händen bedeckend. Da nahte wieder der Engel der Zuverſicht und des Glaubens, richtete das bekümmerte Herz auf und träufelte Gottvertrauen hernieder. „Nein, Ehregott,“— flüſterte der Engel— 33 „jene blauen Augen, jener liebliche Mund, jene holde, herzgewinnende Rede gehörten keinem Weſen an, das im Stande geweſen, ſich mit einem Unglücklichen einen Scherz zu erlauben. Vertraue jenen blauen Himmelsblumen. Sie leuchteten Wahrheit und keine Lüge. Vertraue ihnen und Dir wird wieder wohl werden!“— Zu gleicher Zeit erhob, keine zehn Schritt entfernt, ein Vöglein ſeine Frühlingsſtimme und ſchmetterte ſo gott⸗ und gewißheitſelig in die blaue Welt hinein, daß Ehregott geſtärkt aufſprang und kindlich vertrauend ſein Geſchick in die Hände des himmliſchen Vaters legte. Ein Stündchen mochte verfloſſen ſein, als der Student nach unterſchiedlichen Spaziergängen durch die Parkanlagen des Gartens wieder bei dem Tiſchlein im Grünen anlangte, wo er mit Fidelis gezecht hatte. Er verſuchte, ob noch ein paar Tröpflein in der Fla⸗ ſche befindlich, und war im Begriff, ſolche in das Glas tröpfeln zu laſſen, als durch den lebendigen Gartenzaun eine Stimme die Worte rief:„Alle Teu⸗ fel, Frieder, lebſt ſo herrlich und in Freuden?“ Ehregott ſetzte etwas erſchrocken die Flaſche hin. Aus Ton und Anrede erkannte er ſofort den Rufer. Es war niemand anders als Moritz Bachmann, der 1857. XVII. Der König v. Tauharawi. I. 3 34 mit Turnergeſchicklichkeit über den dornenvollen Zaun kletterte. „Du wirſt die Kleider zerreißen!“ mahnte Ehre⸗ gott,„wozu iſt das große Gartenthor da?“ „Ich liebe die Umwege nicht,“ erwiederte Bach⸗ mann,„und auf ein Loch im Aermel kommt mir's nicht an, jetzt zumal, da es dem hochweiſen, akade⸗ miſchen Senat gefallen hat, mir auf ein Jahr das Konſil zu geben.“ „Ein Jahr Konſil! heiliger Himmel, was wird Dein Vater ſagen?“ „Ich habe ihm bereits geſchrieben, daß ich ihn binnen wenigen Tagen zu umarmen hoffe.“ „Das wird eine ſchöne Umarmung werden! Aber ich finde die Strafe ausnehmend hart.“ „Jeder Kommilito findet das,“ ſprach Moritz, aber weil meine ehrliche Qnarte zufällig das Milch⸗ geſicht von des Rektors Reffen zeichnete, mußte es das Konſil ſein. Sonſt thaten es drei Wochen Karzer. Aber Schwerenöther,“ fuhr der Konſilirte fort, 1 ſich die geleerte Flaſche betrachtend,„Du lebſt herr⸗ lich und in Freude, welch Feſt feierſt Du? Dein Ge⸗ burtstag iſt im September, ſoviel ich weiß.“ „Ach, alter Bach,“— dieß war Bachmann's Studentenname—„mir iſt es wunderbar gegangen 35 in den letzten vierundzwanzig Stunden, ſeitdem wir uns nicht geſehen.“ „Wunderbar gegangen?“ „Ja, traurig und frendig. Doch bevor ich Dir alles erzähle, ſage, was willſt Du jetzt anfangen? Dein Vater wird Feuer und Flammen ſpucken.“ „Da er kein privilegirter Vulkan iſt,“ verſetzte Moritz,„wird der Ausbruch nicht zu arg werden. Auch gedenke ich, in Kirchberg ungeſtörter der Juris⸗ prudentia mich hingeben zu können, als auf der Uni⸗ verſität, wo es an Abhaltung und Zerſtreuung nicht fehlt. Vielleicht, daß wenn ich der alten Mamſell etwas ernſter in die Augen gucke, ich am Ende doch noch einige Rudera ihrer Reize entdecke, die mich feſſeln. Ich habe das alles meinem Alten ſo hoff⸗ nungsreich und appetitlich, wie möglich, auseinander⸗ geſetzt, ſo daß ich hoffe, der Feuer⸗ und Aſchenregen des Vulkans wird ſo toll nicht werden. Alsdann weiß ich Tugendreich in der Nähe, und wenn ſie mich nicht zum Fleiße begeiſtert, wer vermöchte es auf der Welt! Auch bürge ich dafür, daß, ſolange ich mich in Kirchberg befinde, der nichtswürdige Leim⸗ und Hefenfabrikant den Engel nicht zur Frau be⸗ kommen ſoll.— Doch jetzt erzähle, Ehregott, was mit Dir vorgegangen; je länger ich Dich betrchte, 3* 36 deſto mehr verändert kommſt Du mir vor; und welch Bewandtniß hat es mit dem Wein?— alle Hagel, Scharlachberger!— Frieder, was iſt mit Dir? Haſt Du in der Lotterie gewonnen? Aber ich denke, Du ſpielſt nicht?“ Ehregott reichte ſtatt aller Antwort den Brief ſeiner Mutter hin. Bachmann durchlas denſelben. „Hah, dieſer Schurke,“ rief er,„das ganze Bißchen Vermögen verſchlungen. Hoffentlich, daß einſt der Teufel die Geldſtücke, um welche dieſer Böſe⸗ wicht bereits ſo viele arme Leute betrog, ihm ge⸗ ſchmolzen in den Rachen gießt.“ Nachdem er den Brief zu Ende geleſen, fuhr er fort:„Alſo auch mit Deinem Studium aus, ar⸗ mer Freund? Und deßhalb trinkſt Du Scharlachber⸗ ger; ergibſt Dich dem ſtillen Soff, ohne mich einzu⸗ laden? Eine ſolche Deſperation, eine ſolche kühne That hätte ich Dir frommem Gemüthe gar nicht zu⸗ getraut. Aber ſie freut mich, ſie zeigt mir, daß an Dir noch nicht alles verloren, daß aus Dir noch etwas werden kann!“ „Nein, Bach!“ ſprach der Frieder lächelnd,„Du urtheilſt falſch; höre mich an, was mir wunderba⸗ res begegnet iſt.“ Er nahm bei dieſen Worten den aufhorchenden 37 Freund am Arm und die einſamen Schattengänge auf⸗ und abwandelnd, theilte er das ſoeben erlebte Abenteuer mit. Nachdem er zu Ende und auf dem Antlitze Bachmann's Erkundigungen einzog, welchen Eindruck ſeine Wundermär daſelbſt wohl hervorge⸗ bracht, konnte ſich der Freund kaum des lauten Auf⸗ lachens enthalten. „Sancta Simplicitas!“ rief er,„armer Frieder, biſt Du ſo gänzlich mit dieſer ſchwindelhaften Welt unbekannt, daß Du nicht einſiehſt, wie Du das Spielwerk des erſten beſten Komödianten geworden biſt? Wer weiß, welcher entlaufene Harlekin aus ir⸗ gendeiner Bereiterbude ſich ein Späßchen mit Dir armem Jungen gemacht hat. Biſt Du gewiß, daß der Kerl den Wein auch bezahlt hat?“ „Das hat er,“ geſtand Ehregott traurig, der durch des Freundes Rede aus allen Himmeln ge⸗ fallen war. „Das iſt mir lieb,“ meinte Moritz,„ſonſt wür⸗ deſt Du ſchließlich bluten müſſen. Dieſes Bezahlen iſt wenigſtens ein Beweis, daß Du in die Hände eines gutmüthigen Abenteurers gefallen biſt.“ Die Heiterkeit Bach's erreichte einen noch höhern Grad, als ihm Ehregott noch mittheilte, wie der 38 junge Brite auch für Moritz die wohlwollendſten Abſichten an den Tag gelegt habe. „Das iſt ja ein Univerſalgenie,“ lachte der Kon⸗ ſilirte,„der für alles Rath weiß. Nein, guter Frie⸗ der, auf ſolche Genies wolle ja keine Hänſer bauen, ſondern denke lieber nach, welchen Lebenspfad Du jetzt einſchlagen willſt, nachdem Dich der kirchberger Schurke der Mittel beraubt hat, Deine Studien fort⸗ zuſetzen. Ich könnte Dir zwar ein paar Unterricht⸗ ſtunden zuweiſen, mit denen kümmerlich durchzukom⸗ men wäre, aber es iſt das ein Hundeleben. Wir müſſen für etwas beſſ'res ſorgen!“ „Wie danke ich Dir, edler Freund!“ ſprach Ehregott, indem er Moritz gerührt die Hand drückte, „Du, ſelbſt vom Mißgeſchick verfolgt, gedenkſt gleich⸗ wohl des armen Freundes. Aber ſage mir, wie kamſt Du eigentlich hierher?“ „Ich hatte Dich bereits überall geſucht. Da blieb keine andere Wahl, als Eliſens Ruhe. Ich bin nämlich Egviſt. Du ſollſt mir einen Liebesdienſt erweiſen und einen Brief an meinen Vater ſchreiben, worin Du ihm die Ungerechtigkeit meines Konſils handgreiflich zu Gemüthe führſt. Ich weiß, er gibt auf Dich, als ein Muſter der Solidität, viel. Zu⸗ dem haſt Du die Feder in der Gewalt, einen Phi⸗ 39 liſter windelweich zu machen und entſchieden rum⸗ zukriegen. Mache ihm namentlich begreiflich, daß ich zu Hauſe, im ſtillen friedlichen Kirchberg, binnen einem Jahre mehr lernen könnte, als in der geräuſch⸗ vollen Univerſitätsſtadt in zweien.“ Ehregott verſprach, den Brief an Bachmann's Vater zu ſchreiben, als mit einemmale die bekann⸗ ten Flötentöne wieder vernehmbar wurden. Er ſprang freudig in die Höhe. „Da iſt mein Fidelis wieder! Siehſt Du, Bach, wie unrecht Du dem braven Jüngling gethan.“ In der That trat auch der Genannte nach we⸗ nigen Minuten aus dem Strauchwerk. Er ging, die Flöte ſpielend, an den beiden Studenten vorüber, kehrte nach wenigen Schritten wieder um und blieb vor Moritz ſtehen. Seine großen blauen Augen ſchauten dem Studenten frei ins Antlitz. „Dieſe ſteile Quart hier, dieſe zwei liebenswür⸗ digen Terzen,“ ſprach er, auf einige bereits gut ge⸗ heilte Schmarren in Bachmann's Geſicht deutend, „zeigen mir an, daß ich Herrn Moritz vor mir habe, den Feind utriusque!“ „Richtig gerathen, Herr Engländer,“ gab Bach⸗ mann zur Antwort, dem die intereſſante Erſcheinung gar wohl behagte, der in ſeiner Ehrlichkeit aber doch 40 nicht umhin konnte, dem jungen Fremdlinge treu⸗ herzige Vorwürfe zu machen, wie er habe mit ſeinem Freunde ſo unzeitige Scherze treiben können, zumal dieſer vom Mißgeſchick ohnehin hart genug heimge⸗ ſucht werde. „Ihr ſehet ſo allerliebſt ehrlich aus, lieber Herr Engländer, oder wer Ihr ſeid,“— ſprach er— „da iſt es nicht hübſch, mit dem Unglücke meines armen Freundes Scherz zu treiben. Wenn mein Ehre⸗ gott in guten Verhältniſſen lebte, wollt' ich nichts ſagen; ein Scherz muß ſein in dieſer proſaiſchen Welt— aber ſo—“ Fidelis ſchaute Freund Moritz wo möglich noch größer an. „Wer ſagt Euch denn, weiſer Mann, daß ich geſcherzt habe? Noch ſo jung und auch ſchon das Vertrauen zu guten Menſchen verloren?— Ei, ei! Aber Ihr gefallt mir, gefallt mir umſomehr, weil Ihr Euch mit ehrlichem Gemüthe des Freundes an⸗ nehmet. Hier, meine Hand— auch wir wollen Freunde ſein!“ — Moritz, der ſich noch immer nicht von dem Ge⸗ danken zu trennen vermochte, daß Fidelis ein luftiger Abenteurer, ſchlug gleichwohl ein. „Ihr ſeid und bleibt ein Spaßvogel,“ ſprach er. 41 „Ein Spaßvogel? o ja! wie es die Gelegenheit mit ſich bringt; aber nie ein Spaßvogel, der mit dem Unglücke Spaß treibt. Merkt Euch das, Herr Studioſus!“ Bachmann wurde durch dieſe, ziemlich ernſt aus⸗ geſprochenen Worte doch etwas ſtutzig; Fidelis aber, in ſeine gewohnte heitre Laune übergehend, ſagte: „Mit trockner Lippe kann ich das nicht alles aus⸗ einanderſetzen. Hoffentlich, daß die ruhende Gliſe noch ein Fläſchchen im Keller hat.“ Die Kellnerin, welche durch das klingende Ge⸗ ſchenk bei der erſten Flaſche für den nobeln Gaſt be⸗ reits gewonnen war, eilte dienftfertig den Gang da⸗ her. Fidelis beſtellte ein neues Bouquet Scharlach⸗ berger, ſetzte ſich auf die benachbarte Bank und ver⸗ ſuchte einige Flötenakkorde. „Es geht nicht,“ ſprach er,„meine Lippen ſind von dem Umherlaufen ſo trocken, daß ich keinen An⸗ ſatz finde.— Nun, Freund Ehregott,“ fuhr er, zu dieſem gewendet, fort.„Die zwei Stunden ſind um, haſt Du Deine Entſchließung genommen, ob Du mit mir um die Welt fahren willſt?“ Friedberg, durch Bachmann zaghaft gemacht, er⸗ wieberte, daß er recht gerne bei der Fahrt wäre, falls der Herr Brite es im Ernſte meine. 42 „Donner und Doria!“ fuhr jetzt Fidelis auf, „hat mir dieſer Pandektarius auch meine treue und gläubige Seele wankend gemacht?— Was ein freier Brite verſprochen, das hält er. Wollt Ihr in Eurer blöden Zweifelſucht das Glück, ſo Euch der Himmel durch mich beut, von Euch ſtoßen? Noch ein Wort des Kleinmuths, der ſpießbürgerlichen Aengſtlichkeit, und ich entfliehe, wie ich gekommen. So beherzigt zum Teufel die Worte Eures herrlichen Dichters: Aus dem Himmel muß es fallen, Aus der Götter Schvoß herab““— Moritz ſtand jetzt auf und reichte dem jungen Briten von neuem die Hand. „Ich hielt Euch—“ ſprach er in ſeiner treu⸗ herzigen Art— zeither für einen vagabondirenden Schauſpieler, für ein auf den Hund gekommenes Genie; jetzt bemerke ich zu meiner Verwunderung, daß etwas mehr dahinterſteckt. Darum nicht für ungut, wenn ich Euch vorhin einwenig koramirte.“ „Bravo, Herr Moritz, ſo laß ich mir's gefallen;“ ſprach Fidelis,„ich ſehe, wir werden uns vertragen. Aber jetzt nehmt Platz, wir haben viel mit einan⸗ der zu plaudern. Du, Ehregvott, ſetzeſt Dich mir ge⸗ genüber, Herr Moritz zur Seite.“ Mit dieſen Worten hatte der Blondgelockte die 43 Gläſer von neuem gefüllt und ſie klangen lieblich aneinander. „Ein famoſes Weinchen—“ ſprach Bachmann als Kenner, indem er die holdſeligen Perlen des Rheingaus ſchlürfend prüfte. „Jetzt, vor allen Dingen, meine Freunde,“ hub Fidelis an,„macht mich zuvörderſt mit dem Terrain bekannt, auf welchem ich meine ſieben Arbeiten des Her⸗ tules zu beginnen gedenke. Was iſt Euer Kirchberg für ein Ort, was für Ebenbilder Gottes wandeln daſelbſt auf und ab, und vor allem eine Lebensbeſchreibung und getreues Konterfei jenes Hornickels, jenes alten Sünders, mit welchem ich meine Arbeit beginnen und den ich, zur Strafe für ſeine Miſſethaten, ſchon auf Erden durch ein ſiebenfaches Fegefener zu trei⸗ ben gedenke.“ „Hornickel'n durchs Fegefener!“ rief Bachmann mit Begeiſterung, in die Höhe ſpringend,„himmli⸗ ſcher Gedanke! herrlicher Herr Fidelis, wenn ich da helfen könnte!“ „Darum bitte ich eben, Freund Moritz— ſprach der Brite. „Ich kenne den Kerl durch und durch,“ fuhr Bachmann fort,„und weiß um viele ſeiner Schur⸗ kereien.“ A 44 Fidelis nickte beifällig und die beiden kirchber⸗ ger Pflanzen mußten jetzt ausführlichere Mitthei⸗ lungen über die Zuſtände ihrer Vaterſtadt und haupt⸗ ſächlich über Apollonius Hornickel machen, welchem der erſte Hauptangriff bei den Arbeiten des Herkules zugedacht war. Pweites Rapitel. Lange hat man die Bewohner des Städtleins Kirchberg nicht in ſolcher Aufregung geſehen, als am Tage nach Bartholomäi, wo die Wahl des dritten Rathsmitgliedes, des ſogenannten Baumeiſters, welche Stelle unlängſt durch den Tod war erledigt worden, vor ſich gehen ſollte. Es war dieſes Amt, neben dem des Burgemeiſters, im Rathskollegium das einträg⸗ lichſte, weil alle ſtädtiſchen Bauten und die damit verbundenen Akkorde, Einkäufe und Lieferungen in die Hand des Baumeiſters gelegt waren. Die Anzahl der Bewerber um dieſes Amt war darum nicht unbedeutend. Als eifrigſter unter allen Bewerbern ſtand aber dießmal Apollonius Hornickel obenan, welcher alle Minen hatte ſpringen laſſen, um— wie er ſich ausdrückte— als Hecht in die⸗ 45 ſen fetten Karpfenteich einzulaufen.— Nächſt dieſem pekuniären Intereſſe war es zugleich eine Ehrenſache, daß Hornickel auf dieſes Amt brannte, weil er be⸗ reits unterſchiedlichemal als Kandidat einer Raths⸗ ſtelle das Mißgeſchick hatte, durchzufallen. Der Geiz⸗ hals war daher dießmal ganz aus ſich herausge⸗ gangen und hatte ſelbſt anſehnliche Opfer nicht ge⸗ ſcheut, ſeinen Zweck zu erreichen. Dem Strumpfwirker Raabe hatte er drei Monate Geſtundung hinſichtlich einer zurückzuzahlenden Schuld gegeben; dem Tiſch⸗ ler Haberkorn ein Prozent Zinſen erlaſſen; dem Beut⸗ ler Gerſtenberger das kleine Kapitälchen nicht gekün⸗ digt, obſchon der Zinſentermin bereits acht Tage vorüber, ohne daß Gerſtenberger ſich gerührt hätte; und ſo mit vielen Andern; allerdings nur unter der Bedingung, daß man ihm die Stimme zum Bau⸗ meiſter gebe. Vermöge dieſer unterſchiedlichen Wahlumtriebe und Beſtechungen war es auch wirklich Hornickel'n gelungen, eine Anzahl Stimmen für ſich zu gewin⸗ nen. Der Wucherer war daher ſeiner Sache ziemlich ſicher und träumte ſich bereits als der Herr Bau⸗ meiſter von Kirchberg. Sein Hauptmitbewerber um die bewußte Stelle war der Lohgerbermeiſter Han⸗ tuſch, zugleich ein erklärter Feind von Hornickel'n. dieſen verhaßten Gegner dießmal urkräftig aus dem Sattel zu heben. Der Rathskeller von Kirchberg war an dem wichtigen Tage, obſchon es Werkeltag, ausnehmend voll von Beſuchern, alles ſtimmberechtigte Bür⸗ ger, die das Wahlgeſchäft zugleich benutzten, einen Krug Bier zu leeren und ſo das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Beide Gaſtſtuben waren überfüllt, die Deckel der Bierkrüge klirrten und der Kellerpachter Greifenhahn hatte ob dieſer Fülle dur⸗ ſtiger Geſichte ſein freundlichſtes Wirthsantlitz her⸗ ausgeſteckt. Herr Greifenhahnen in Mann, von dem die böſe Welt zwar M es rapple zu⸗ weilen mit ihm, der aber ſeine Stellung als Wirth ganz artig ausfüllte. Wenn es die ſchlechten Zeiten einigermaßen zuließen, war Greifenhahn, ſtets guter Laune, bemüht, ſeine Gäſte nach Kräften zu unter⸗ halten. Er gefiel ſich gern in einem Späßchen und ließ auch einen Spaß mit ſich machen. Wenn die Gäſte des kirchberger Rathskellers, was nicht ſelten vorkam, über die zu hohe Preiscourante Klage führ⸗ ten, ließ ſie Greifenhahn räſonniren und lachte dazu. Dieſes Lachen verſetzte dann die Beſucher noch mehr in Wuth. Das Ende vom Liede aber war, daß die Letzterer gefiel ſich daher ungemein in dem Gedanken, 47 Tadler endlich ſelber über den närriſchen Kauz la⸗ chen mußten. Man konnte dem Greifenhahn nicht gram werden und gehörte es auch zu den anerken⸗ nungswerthen Eigenſchaften dieſes Wirthes, daß er für die Eleganz ſeines Gaſtlokals beſtens beſorgt war⸗ Namentlich war Greifenhahn ein großer Bilderlieb⸗ haber, und kein Jahrmarkt ging ins Land, wo er nicht den Bildermann in Nahrung geſetzt und die Wände ſeiner Gaſtſtuben mit neuen Bildniſſen geſchmückt hätte. Greifenhahn war ferner Politikus, wußte, wie es in der Welt ausſah, und gehörte der konſervativen Partei an. Er hatte nämlich mit den Demokraten, die zwar ſeinen eeo zu Verſammlungen benutzt, aber nichts dafür bezahlt, zu bittere Erfahrun⸗ gen gemacht. Auch für die heutige Wahl intereſſirte ſich Greifenhahn lebhaft. Er war ein entſchiedener Hantuſchianer und wollte von der Erwählung Hor⸗ nickel's durchaus nichts wiſſen. Wo er ein friſches Glas Bier einer durſtenden Seele vorſetzte, waren ſeine Worte:„Nicht wahr, es bleibt bei Hantuſche? Niemand eignet ſich beſſer.“ Auch hier war wohl ſein Wirthsintereſſe nicht ganz außer Spiel. Hantuſch ge⸗ hörte zwar nicht zu den Stammgäſten des Raths⸗ kellers, aber kam doch hin und wieder und ließ et⸗ was aufgehen, was bei Apollonius Hornickel'n nie 48 der Fall war. Sogar bei dem Kantoreiſchmauſe, der im grauen Monate November abgehalten wurde und welcher das einzige Feſt war, welchem Hornickel im Laufe des Jahres beiwohnte, brachte er eine Fla⸗ ſche ſchlechten Krätzer aus dem eigenen Keller mit, und Greifenhahn behauptete, der Wucherer habe ſogar ei⸗ nigemale das übliche Stöpſelgeld zu bezahlen ver⸗ geſſen. Ward alſo Hantuſch Baumeiſter, ſo war für den Kellerwirth eher Ausſicht, daß das neue Raths⸗ glied öfterer die Gaſtſtube beſuchen werde, um ſich für die bevorſtehende Rathsſitzung zu ſtärken Darum Greifenhahn's ſtereotype Frage!„Nicht wahr, es bleibt bei Hantuſche?“ Nachmittag Eins mußte die Wahl entſchieden ſein, und die Spannung der auf dem Rathskeller verſammelten Bürgerſchaft wuchs von Stunde zu Stunde. Am meiſten aber beſchäftigte an jenem verhäng⸗ nißvollen Vormittage dieſe Wahlangelegenheit Herrn Apollonius Hornickel ſelber. Er hatte heute für nichts anderes Sinn und ſchritt in großer Aufgeregtheit ſeine Stube auf und ab. Obſchon er ſeiner Wahl, da er alle Minen der Beſtechungskunſt hatte ſprin⸗ gen laſſen, ziemlich gewiß, ſo war er doch auch nicht— ganz ohne Beſorgniß, daß die Hantuſchianer ebenfalls 49 gewühlt haben könnten. Je länger er ſich aber dü⸗ ſtern Zweifeln hingab, deſto unbehaglicher ward ſeine Lage. Endlich ſiegte wieder ſein Vertrauen auf die große Zahl der beſtochenen Stimmabgeber. —„Ich ſehe eigentlich nicht ein,“ ſprach Apol⸗ lonius,„warum ich mich ſo abrackere und echauffire. Denke ich nüchtern über die Sache nach, kann mir die Stelle nicht entgehen. Ich habe zu gut manövrirt. Stimmt nur die Hälfte der Meinigen für mich, fällt Hantuſch mit Glanz durch!“ Sein Faktotum, Elias Fiſchel, trat jetzt ins Ge⸗ mach. Dieſer Elias Fiſchel war ein merkwürdiges Geſchöpf, halbtaub und ein durch die Wuchervirtuo⸗ ſität Hornickel's bereits ſeit Jahren völlig herabge⸗ kommener Krämer. Nachdem der arme Teufel ſo weit ruinirt war, daß der Wucherer aus ihm nichts mehr herausquetſchen konnte, nahm er ihn als Lauf⸗ burſche, Stiefelputzer, Agent und Exekutor in ſeine Dienſte. Letzteres Amt hatte Hornickel eigens für Fiſcheln erfunden. Da Apollonius die Erfahrung gemacht, daß er auf gerichtlichem Wege gegen ſäumige Schuldner nicht viel ausrichte; dieſes Verfahren ihm auch viel zu weitläufig und langwierig war, hatte er ſich ſeine eigene Methode erdacht, ſeinem Gelde beizukommen. 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 4 50 Er ſchickte Fiſcheln. Dieſer mußte mahnen, aber auf eine Art, die den hartnäckigſten Schuldner endlich zur Verzweiflung brachte. War der Termin zur Be⸗ zahlung der Zinſen und ſonſtiger Gelder gekommen, erſchien Fiſchel bei dem Schuldner im Auftrage ſeines Prinzipals und verlangte Zahlung. Erfolgte dieſe nicht ſofort, erſchien Fiſchel, war er den Vormittag dageweſen, den Nachmittag wieder. Bekam er da auch nichts, ſtellte ſich der unermüdliche Exekutor den nächſten Vormittag wieder ein. War nichts, kam er den Nachmittag. So ging das fort, Tag für Tag, Woche für Woche, mit einer Beharrlichkeit, mit einer Zähigkeit, die, wie geſagt, dem hartnäckigſten Schuldner endlich die Haare zu Berge trieb. Alle Schimpf⸗ und Scheltworte, die vonſeiten der gepeinigten Schuldner oft hageldick regneten, rührten Fiſcheln nicht. Sein taubes Ohr kam ihm hierbei trefflich zuſtatten. Dieſes hielt er mit einem Stoizismus ohnegleichen allen Schimpfreden, Verwünſchungen und Verfluchun⸗ gen hin, daß ſelbſt dem keifendſten Weibe endlich die Zunge lahm wurde; weil die beleidigendſten Aus⸗ drücke, die beſchimpfendſten Redensarten an dieſem tauben Ohre, wie an einem Felſen, abprallten. Be⸗ merkte endlich ein tobender Schuldner, daß auf dem einen Ohre Fiſcheln nicht beizukommen, und wollte 51¹ er in das andere ſchreien, ſah er mit Entſetzen dieſes mit einem dicken Baumwollenſtöpſel ebenfalls ver⸗ mauert! Als die hornickel'ſche Mahnmethode den Leuten noch etwas neues war, flog der unermüdliche Mahner wiederholt aus den Stuben heraus, die Treppen hinunter, was ohne Beulen und blaue Flecken ſelten ablief. Hornickel protokollirte zu Hauſe ſorg⸗ fältig jede Kontuſion, die ſein Bote erhalten, ward klagbar, und in der Regel bekamen diejenigen, die ſich in ihrer Deſperation an Fiſcheln vergriffen, für Kur⸗ koſten, Schmerzengeld, an Strafgeldern und Gerichts⸗ koſten mehr zu bezahlen, als die ganze Schuld betrug. Fiſchel in ſeinem Mahnberufe war zugleich ſehr be⸗ ſcheiden. Hatte er zum Beiſpiel die Summe von zehn Thaler beizutreiben, nahm er mit einer Abſchlagſumme von acht Groſchen, ja vier Groſchen vorlieb; aber Nachmittags oder den nächſten Tag war er wie⸗ der da. Mancher unglückliche Schuldner ſuchte ſich vor Fiſcheln dadurch zu retten, daß er ſich einſchloß und den fürchterlichen Mahner nicht hereinließ. Half alles nichts. Fiſchel nahm einen Stein und klopfte mit einer Beharrlichkeit die Stein erweichen, Menſchen raſend machen kann, ſo lange an die Haus⸗ oder Stubenthür, oder das 52 Fenſter, daß der Belagerte endlich verzweifelt aufſprang, den letzten Groſchen oder ſonſt einen Gegenſtand von Geldeswerth krampfhaft ergriff, um den nervenzer⸗ ſtörenden Pocher wenigſtens für den Augenblick zur Ruhe zu bringen. Fiſchel betrachtete dann kopf⸗ nickend das erhaltene Geldſtück, oder was man ihm gegeben, trabte ab, aber des Nachmittags war er wieder da. Auf dieſe Art war dieſer Harthörige der Schrecken für alle, die in Hornickel's Schuldbuche ſtanden, und für Letzteren ſelber ein unſchätzbares Kapital. Außerdem mußte Elias Fiſchel für ſeinen Herrn, welcher Lotteriekollekteur war, Lotterieloſe in Stadt und Umgegend verbreiten. Er bekam eine gewiſſe Anzahl Loſe, die er binnen acht oder zehn Tagen untergebracht haben mußte, wo nicht, ſetzte es Keile!— In ſolchem Grade hatte ſich der Wucherer den armen harthörigen, phyſiſch und geiſtig herabge⸗ kommenen Mann unterwürfig gemacht. Rächſt dem Amte eines Exekutors und Lotterieloskolporteurs be⸗ ſorgte Fiſchel auch noch das Auslaufen, war Wichſier und Kleiderausklopfer in dem hornickel'ſchen Hauſe und genoß für dieſe unterſchiedlichen Aemter und Würden freie Wohnung, Koſt und Kleidung. An einen Gehalt war nicht zu denken. Die freie Woh⸗ nung beſtand in einer ſchlechten Dachkammer, ohne 53 Ofen und ohne alles Meublement. Ein ſchlechtes Bett und ein hölzerner Schemmel waren die ganze Herrlichkeit. Mit der Koſt war es nicht beſſer beſtellt und der arme Elias hätte manchmal halbverhungert ſeinen Geſchäften nachgehen müſſen, wäre nicht die ſanfte Tugendreich, die ſiebzehnjährige Tochter Hornik⸗ kel's, der Engel geweſen, der ihm heimlich Eßwaaren zu⸗ ſteckte, weil der geſtrenge Vater von ſolchem Sama⸗ riterthum ſchlechterdings nichts wiſſen wollte. Hin⸗ ſichtlich der Kleidung konnte Fiſchel getroſt in jedes Krautfeld zum Schutze gegen die Spatzen und Elſtern geſtellt werden Denn da er die abgetragenen Röcke, Weſten und Unausſprechlichen ſeines wohlbeleibten Prinzipals erhielt und er von eigener Perſon ſehr dünn und dürftig war, ſo entwickelte ſich an Fiſchel's Leibe ein höchſt eigenthümlicher Faltenwurf. Eine hornik⸗ kel'ſche Weſte ward ihm zur umfangreichen Jacke ohne Aermel; ein hornickel'ſcher Leibrock aber zu einem weitläufigen Talar, den er ebenſo gut als Karbonari verwenden konnte. Dieſes beklagenswerthe Faktotum des reichen Wucherers war von Grund aus gutmüthig, doch durch die liebloſe Behandlung ſeines Brotherrn nach und nach zu völlig willenloſem Individuum herabgeſunken. Kein Leiden ſeiner Mitmenſchen rührte ihn; jede Freude 54 derſelben ließ ihn theilnahmlos. Sein ganzes Leben ſelbſt war ſo verödet, daß er einem ſeelenloſen Am⸗ phibium gleich dahinwandelte. Nur ein einziges Weſen gab es, das wie ein Stern in dunkler Nacht dem Armen leuchtete und auch in ihm die Ahnung eines höhern Lebens nicht ganz entſchwinden ließ. Es war das bereits wiederholt erwähnte Töchterlein des reichen Hornickel. Während die ganze ſchulden⸗ belaſtete Welt von Kirchberg den entſetzlichen Ereku⸗ tor wie die Peſt floh; während er als fortwährender Nietenverkünder— Hornickel's Kollekte ward von Frau Fortuna wahrhaft ſtiefmütterlich bedacht— ſich keines freundlichen Geſichts zu erfreuen hatte; wäh⸗ rend er vermöge ſeiner wellenſchlagenden hornickel' ſchen Garderobe der Spottluſt der geſammten Schul⸗ und Gaſſenjugend zur Zielſcheibe diente, war Tugend⸗ reich das einzige Weſen, das nicht finſter und arg⸗ wöhniſch und menſchenfeindlich zu ihm aufſchaute, ſondern freundlich zu ihm redete, dem von aller Welt Geflohenen Troſt zuſprach, ihn unterſtützte, wo es immer ihre ſchwachen Kräfte erlaubten. Die Ver⸗ ehrung des armen, halbtauben Elias für ſeine ſchöne Wohlthäterin grenzte dafür auch bis zur Anbetung. Das Mädchen hätte können zu ihm ſagen:„Fiſchel, thu' 55 mir den Gefallen und ſpringe ins Waſſer,“ der Arme hätte ſich keinen Augenblick beſonnen. „Lauf Er mal nach dem Rathhauſe,“ ſprach Hornickel zu Fiſchel, der eben ein paar friſchgeputzte Stiefeln neben den Armſtuhl ſeines Prinzipals ge⸗ ſtellt hatte,„und ſehe Er, wie die Wahl ſteht? Sie muß bald entſchieden ſein.“ Elias wollte ſich dem erhaltenen Befehle gemäß auf den Weg machen, als der Bock der Eitelkeit und Hoffart den Wucherer ſo kräftig in den Nacken ſtieß, daß er Fiſcheln, der bereits die Thürklinke in der Hand hatte, zurückrief. „Was glaubt Ihr wohl, Fiſchel, werd' ich dieß⸗ mal Baumeiſter werden?“ Der Gefragte ſchaute mit ſehr gleichgiltigem Geſicht zu dem Frager auf und ſprach:„Das ver⸗ ſteht ſich!“ Hornickeln klangen dieſe Worte ſehr angenehm; doch ließ er ſich von ſeiner innern Befriedigung nichts merken und frug nur:„Warum verſteht ſich das, Fiſchel?“ „So ein Mann!“ ſprach das Faktotum. Fiſchel erſchien durch ſeine Rede heute dem Prinzipal ordentlich liebenswürdig. Hornickel fuhr in ſeinem Eramen fort. 56 „Und hinſichtlich Hantuſches glaubt Er nicht, daß dieſer gewählt wird2“ „Bewahre!“ „Hieraus ginge hervor, daß mein Einfluß bei der Bürgerſchaft überwiegend?“ „Und ob!“ Hornickeln ward immer behaglicher und ſelbſt⸗ gefälliger zu Muthe Er hätte nicht geglaubt, daß Fiſchel, mit welchem er beſtändig im Kriege lebte, ſich ſo entſchieden zu ſeinen Gunſten ausſprechen würde. „Woher weiß Er denn,“ fuhr er fort,„daß ich dießmal ſo große Hoffnung zur Baumeiſterſtelle habe?“ „Ich denke mir's.“ Dieſe letztere Antwort klang weniger annehmlich in Hornickel's Gehörorgane wieder. Er wußte, daß es mit Fiſchel's Denkvermögen das Große nicht war. Er frug daher weiter:„Weßhalb denkt Er ſich das? Hat Er mit Bürgern über dieſe Angelegenheit ge⸗ ſprochen?“ „Fällt mir nicht ein!“ Nach dieſem offenherzigen Bekenntniß fiel Hor⸗ nickel in ſeine alte Brutalität zurück. „Er iſt ein Eſel, weiß Er das?“ „Die Leute ſagen's,“ geſtand der Exekutor. 57 Hornickel ward ob dieſes beiſpielloſen Gleich⸗ muths immer wüthiger. „Mach' Er, daß Er fortkommt, und berichte Er ſofort das Ergebniß der Wahl!“ Fiſchel ſtürzte ab und Hornickel erhielt Muße, über ſeine dießmal ſo begründeten Hoffnungen die geeigneten Betrachtungen anzuſtellen. Die ſchöne Tugendreich trat jetzt in das Zim⸗ mer und bat um den Schlüſſel zur Vorrathskammer. Der entartete Vater war ſo argwöhniſch, daß er der eigenen Tochter nicht traute und daß er ſelbſt die für die Wirthſchaftsführung unentbehrlichſten Schlüſſel nicht aus den Händen gab. „Wozu?“ frug er mürriſch. „Ich bedarf trockenes Gemüſe.“ „Hier der Schlüſſel, aber man beeile ſich. Apro⸗ pos,“ fuhr er fort,„Du weißt, daß ich heute wahr⸗ ſcheinlich Baumeiſter werde.“ „Die Leute ſprechen davon,“ erwiederte das Mädchen. „Sollte mich die Wahl treffen, was nicht zu bezweifeln— wenigſtens habe ich zu Ehren mei⸗ nes Hauſes kein Opfer geſcheut, die Bürgerſchaft mir günſtig zu ſtimmen, ſo iſt dieß zugleich eine Veranlaſſung, daß Du Dich künftig mehr von dem 58 Pöbel zurückziehſt. Du nimmſt als Tochter eines Rathsherrn eine weit höhere und darum gemeſſe⸗ nere Stellung ein. Da iſt vor allen Dingen nöthig, daß Du den Umgang mit Deiner zeitherigen Genoſ⸗ ſenſchaft, die Dir nicht mehr ebenbürtig, abbrichſt.“ „Das wird mir recht ſchwer werden, lieber Vater!“ „Ueberhaupt,“ fuhr Hornickel fort,„mußt Du Dir Dein zeitheriges pöbelhaftes Benehmen, gegen das ich ſo oft gepredigt, ganz abgewöhnen.“ „Pöbelhaftes Benehmen?“ frug verletzt die Jungfrau. „Ich meine Deine große Leutſeligkeit und Freund⸗ lichkeit gegen jedermann. Das ſchickt ſich nicht. Du biſt die Tochter des reichen Hornickel, der aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach heute noch Rathsmitglied wird, was haſt Du als ſolche mit dem gemeinen Nachbar⸗ volke zu ſchaffen? Auch zur alten Friedberg läufſt Du noch immer, obſchon ich Dir's verboten habe.“ „Sie war die vertraute Freundin meiner ſeligen Mutter.“ „Was da, ich erlaub' es aber nicht. Sie iſt ein hochfahrend Weib. Will mit nichts den Herrn Sohn ſtudiren laſſen.“ „Die arme Frau iſt jetzt ſo unglücklich.“ 59 „Was da unglicklich! Wollte zu hoch hinaus. Hochmuth kommt vor dem Fall.“ Hornickel war mit ſeiner Ermahnungsrede, auf daß die Tochter ein ſtolzeres Benehmen gegen die Leute annehme, noch nicht zu Ende, als auf der Gaſſe ein ungewohntes Hin⸗ und Widerlaufen ver⸗ nehmbar ward. „Alle Wetter,“ rief der Baumeiſter in spe, in⸗ dem er ans Fenſter eilte,„die Wahl muß zu Ende ſein. Richtig, dort kommt auch Fiſchel. Sein Schritt iſt belebt. Er bringt frohe Botſchaft. Alſo endlich doch durchgeſetzt. Nun, Jungfer, wie gefall' ich Dir als Baumeiſter? He? Alſo jetzt höhere Saiten auf⸗ gezogen, Jungfer, und namentlich ſtrenger gegen das Bettelvolt. Kannſt auch heute eine Flaſche Wein auftragen, aber von dem leichten, den ich als böſe Schuld angenommen. Es will ſich ſchicken, daß der neue Baumeiſter ſich ſehen läßt.“ Tugendreich, nach der erhaltenen Vermahnungs⸗ rede, theilte keineswegs das Vergnügen ihres Herrn Vaters. Sie hatte ſich das ſchönſte Erbtheil von ihrer ſeligen Mutter treu bewahrt. Es waren fünf Perlen von unſchätzbarem Werthe Sie hießen: Ein⸗ falt des Herzens, Demuth, Sanftmuth, Frömmigkeit und Gottvertrauen. Die Standeserhöhung ihres 60 Vaters, weit entfernt, bei ihr Freudigkeit zu erwecken, erfüllte ihr Herz mit Trauer. Es war gewiß, daß ihr Vater jetzt umſomehr darauf beſtehen werde, daß ſie den Umgang mit einigen ihrer liebſten, ob⸗ wohl ärmeren Freundinnen werde abbrechen müſſen. Sie verließ ſchweren Herzens das Zimmer, während Fiſchel keuchend die Treppe heraufſtürmte. Als er ſeinem Engel begegnete, machte er energiſch Halt, hielt den Athem an und ließ das Mädchen ehrfurchts⸗ voll vorübergleiten. Hierauf ſtürzte er in Hor⸗ nickel's Zimmer, wo er ſich kerzengerade aufpflanzte Hornickel breitete die Arme aus. „Sei Er mir dießmal vor allem willkommen, froher Bote!“ ſprach Apollonius ſalbungsreich;„als Belohnung für die frohe Botſchaft, die Er mir bringt, ſoll Ihm auch nächſte Weihnacht dieſer mein leib⸗ haftiger Rock werden, den ich gegenwärtig auf dem Leibe trage, ein Meiſterſtück, noch nicht die Hälfte abgetragen, wie Er ſieht.“ Fiſchel wendete bei dieſen Worten ſein hörfähi⸗ ges Ohr hin, um anzudeuten, daß er ſie nicht hin⸗ reichend verſtanden. Hornickel erhob daher gewaltig ſeine Stimme und wiederholte:„Dieſen Rock hier ſoll Er bekommen zu Weihnacht für die angenehme Nachricht.“ 61 „Angenehme Nachricht?“ frug der Halbtaube. „Wie ſo angenehme Nachricht?“ „Daß ich Baumeiſter geworden bin.“ „Baumeiſter! Wie ſo Baumeiſter?“ „Es iſt zum Auswachſen mit ſolch taubem Rind⸗ vieh!“ rief Apollonius und ſchrie Fiſcheln ins Ohr: „Wie viel Stimmen hatte ich denn 24 „Stimmen?“ frug der Angeſchrieene.—„Fünf oder Sechs.“ „Was ſchwatzt Er? Bei dreiundvierzig Wahl⸗ männern?“ „S iſt nicht anders— der Hantuſch iſt's.“ Hornickel packte bei dieſen Worten Fiſcheln an der Bruſt und ſchüttelte ihn aus Leibeskräften. „Ich zerreibe Ihn, Elender!“ ſchrie er. „Sie reiben nicht mehr heraus. Fünf oder Sechs.“ „Das iſt nicht möglich! Sein Gehör hat Ihm wieder einen Streich geſpielt. Zwanzig bis fünfund⸗ zwanzig Stimmgeber hatten mir mit Hand und Wort zugeſagt.“ Fiſchel zuckte mit den Achſeln.„Das kann wohl ſein,“ ſprach er,„aber geſtimmt für den Herrn Prin⸗ zipal haben ein halb Dutzend. Hantuſch iſt mit Sechsundzwanzig gewählt.“ Der aus allen Himmeln gefallene Baumeiſter 62 ſank in ſeinen Lehnſtuhl, wo er eine Zeitlang in dumpfem Brüten verharrte. Endlich brach der Vulkan los. Hornickel tobte wie ein angeſchoſſener Eber das Zimmer auf und ab, daß Fiſchel wie behert von einer Seite zur an⸗ dern ſprang, um dem Wüthenden nicht in den Wurf zu kommen. Der durchgefallene Baumeiſter ſchonte jetzt nicht mehr, ſondern hieb mit beiden Armen ſo des⸗ perat in der Luft umher, als kämpfe er mit böſen Geiſtern. Nach einiger Zeit erhielt er die Sprache wieder und machte in einem Strome von Verwünſchungen ſeinem Grolle gegen die treuloſen Wähler Luft „Sie ſollen an mich denken,“ rief er,„keine Nach⸗ ficht mehr mit dieſen Böſewichtern. Ich war ein Thor, dieſen miſerablen Kerlen zu trauen. Aber dieſe Niederlage iſt ihnen nicht geſchenkt. Fiſchel, halt Er ſich bereit, ſofort als Erekutor ins Feld zu rücken Beim ſchwindſüchtigen Knopfdiſtel, dem langbeinigen Schneider, fängt Er an. Dieſe Beſtie hatte mir zu⸗ geſchworen—“ „Wenn aber Knopfdiſtel ſich unter dem halben Dutzend befindet, die für den Herrn Prinzipal ge⸗ ſtimmt?“ „Glaub's nimmer, die Hantuſchin hat beim 63 letzten Wurme Gevatter geſtanden. Da weiß man, wie's geht. Kurz, Er fängt bei Knopfdiſteln an und dann der Reihe nach“— „Alſo wieder nichts,“ fuhr der Arggetäuſchte, von neuem im Zimmer auf⸗ und abrennend, fort. „Alle Opfer vergeblich! O, Menſchheit, Menſchheit! ünd wie wird dieſer Hantuſch triumphiren, mich, den reichen Hornickel, geſtürzt zu haben. Es iſt zum Raſendwerden!“ Um wenigſtens jemanden zu haben, an wel⸗ chem er ſeinen Grimm auslaſſen konnte, fuhr er Fiſcheln, der noch immer kerzengrade und zwar mit dem gleichgiltigſten Geſichte vor ihm ſtand, heftig an. „Was ſteht Er noch da und feirt mich an, anſtatt ſich der erforderlichen Betrübniß ob des horrenden Malheurs Seines Herrn auf Seinem Geſichte zu be⸗ fleißigen?“ „Ich wollte dem Herrn Prinzipal noch berich⸗ ten, daß im Wallſiſche eine hinterindianiſche Geſandt⸗ ſchaft angelangt iſt.“ Hornickel, viel zu ſehr mit ſeinem Mißgeſchicke veſchäftigt, überhörte die Worte Fiſchel's. „Mach' Er ſich an Sein Geſchäft; aber geh' Er mit Nachdruck zu Werke. Das Volk verdient keine Schonung.“ 64 „Den einen Mohren hab' ich ſelber geſehen. Die Wallfiſchwirthin hat die Hände über dem Kopfe zuſammengeſchlagen.“ Hornickel, in der Meinung, die Wallfiſchwirthin habe ob ſeines baumeiſterlichen Unglücks die Haͤnde über dem Kopfe zuſammengeſchlagen, meinte, ſolches Gefühl habe er der Frau nicht zugetraut. Fiſchel, um ſeinem Prinzipal dieſen verzeihlichen Irrthum zu benehmen, erzählte weiter:„Sie eſſen kein Fleiſch, bloß Linſen und etwas Eierkuchen, aber Geld wie Heu!“ Als Hornickel vom Gelde hörte, ward er auf⸗ merkſam.„Was faſelt Er?“ „Die Wallfiſchwirthin hat die beſten Zimmer einräumen müſſen. Der Geſandte ſieht gilblich, aber der Mohr ſchwarz wie ein Rabe. Er ſoll zwei Mohren haben; aber ich habe nur Einen geſehen. Ich habe geſchaudert, wie ſich's von einem Chriſten⸗ menſchen beim Anblicke eines Mohren gebührt. Er hat ein Gebiß wie ein Steinbeißer, und bloß Linſen mit Eierkuchen! Wie nur ſo ein Menſch leben kann. Das muß die Sonne machen in dem heißen Lande“ „Wer wird's ſein?“ ſprach Hornickel gering⸗ ſchätzend.„Seiltänzer, Bärenführer, Affenpöbel. Ich kenne das. Daß dieſem Bettelvolke nichts verabreicht wird, wenn ſie beim Hauſe vorübertanzen. Die 65 Polizei ſollte ſolchem Ungeziefer den Aufenthalt gar nicht geſtatten. Sie ſtehlen den Leuten das Geld aus der Taſche. Bei den jetzigen Butterpreiſen und Abgaben wahrhaft himmelſchreiend!“ „Es ſind keine Affenbändiger,“ ſprach Fiſchel, „es iſt eine Geſandtſchaft, die nicht vor Geld zu tanzen braucht. Sie ſollen ganze Säcke mit gerän⸗ derten Dukaten bei ſich führen. Krall, der Hausknecht, hat ſchon einen weg fürs bloße Koffertragen vom Poſtmeiſter zum Wallfiſch.“ Während die geränderten Dukaten, ſowie das ſplendide Douceur für Krall'n nicht verfehlten, die Aufmerkſamkeit Hornickel's in erhöhtem Grade in Anſpruch zu nehmen, polterte es abermals die Trep⸗ pen herauf, die Thür ſprang auf und eine neue ſtür⸗ miſche Szene erfolgte. Es war Strichelius, der offi⸗ zielle Barbier und Blutegelkundige von Kirchberg, ein wegen ſeiner nicht ganz tadelloſen Sittlichkeit, ſowie durch ſeine Windbeuteleien nicht zum beſten renommirtes Mitglied der ſtädtiſchen Geſellſchaft. Strichelius war, ſozuſagen, der einzige Vertraute Hornickel's; er war ferner der Einzige, der zuweilen Unterſtützung von dem Wucherer bezog und denſel⸗ ben überhaupt ohne großes Brimborium behandelte. Der Grund dieſer ſeltſamen Erſcheinung wird dem 1857. XVII. König v. Tauharawi I. 5 —— 66 geneigten Leſer ſpäter bekannt werden. Ein eigen⸗ thümliches Geheimniß ruhte über dem Verhältniß, in welchem dieſe beiden Perſönlichkeiten zu einander ſtanden. Von gegenſeitiger Zuneigung war natürlich nicht die Rede, im Gegentheil haßte Einer den An⸗ dern, und in Hornickel'n kochte es allemal, ſobald Strichelius um anderweiten Vorſchuß anklopfte, der zwar nie verweigert, aber ſtets mit Ingrimm ver⸗ abreicht wurde Der Wucherer verwünſchte oft den in beſtändigen Geldverlegenheiten ſich befindenden Ba⸗ der in den tiefunterſten Höllenpfuhl und gleichwohl zahlte er, freilich mit einem Geſichte, das gräßlich anzuſchauen war.„Dieſer Menſch bringt mich noch unter die Erde!“ Solcher Seufzer war nur zu häufig von Hornickel in ſeinem Selbſtgeſpräche vernommen worden. Man hatte darum Herrn Apollonius nie ſo fidel geſehen, als an jenem Tage, wo die Nach⸗ richt einlief, Strichelius habe auf einem Berufswege in dunkler Nacht den Hals gebrochen. Hornickel hatte bei dieſer frohen Botſchaft ſeine Autorität dermaßen vergeſſen, daß er Fiſchel'n umarmt und demſelben ins Ohr geſchrieen:„Gottlob, wir ſind ihn los!“ — Aber die Freude war zu voreilig. Strichelius war zwar in einen Steinbruch gefallen, aber ſo 67 glücklich geweſen, ſich bloß Rock und Hoſen zu zer⸗ reißen, ſonſt aber ganz wohlerhalten davonzukommen. Seiner alten Unart getreu, die Leute in den April zu ſchicken, hatte der Barbier auch hei dieſer Gelegenheit nicht verabſäumt und ſich eine Zeitlang mauſetodt geſtellt. Strichelius ſpielte ſeine Todten⸗ rolle ſo meiſterhaft, daß die beiden Landleute, welche ihn begleitet hatten, als ſie ihn am Fuße des Abhangs fanden, ſelben mit Schrecken aufhoben und nach einem unfern am Wege gelegenen Gaſthauſe trugen. Ein Bote eilte ſofort nach der Stadt zum Doktor Rat⸗ tenſpazer mit der Hiobspoſt: Strichelius habe den Hals gebrochen. Die mitleidige Wirthin zum ſchwar⸗ zen Bär, ſo hieß das Gaſthaus, frottirte den Todt⸗ geglaubten am ganzen Leibe, eine Manipulation, die ſich der Schalk recht gern gefallen ließ. Sobald die gute Frau die freudige Entdeckung machte, daß noch Leben in Strichelius vorhanden, verdoppelte ſie ihre Sorgfalt und flößte dem Ohnmächtigen Glühwein ein, welches angenehme Fluidum ſich der Barbier ebenfalls ſchwer athmend gefallen ließ. Mit gehei⸗ mem Gaudium überlegte der Scheintodte, welchen Rumor ſein tragiſcher Tod in Kirchberg und Umge⸗ bung verurſachen werde. Ferner freute er ſich, daß er ſeinen Feind Dr. Rattenſpazer nächtlicherweiſe 5* 68 aus dem Bette aufgeſtört. Er vergegenwärtigte ſich deſſen Fluchen und deſſen Verwünſchungen. End⸗ lich malte er ſich das Entzücken Hornickel's und deſſen nachträgliche Verzweiflung. Die Strafe für dieſe ſchadenfrohen Betrachtungen blieb indeſſen nicht aus. An einem Tiſche des Gaſthauſes, wo Striche⸗ lius den Scheintodten ſpielte, ſaßen noch vier ver⸗ ſpätete Skatſpieler, die ſich durch das Hereinſchaffen des Verunglückten faſt gar nicht in ihrem Spiele ſtören ließen und dasſelbe, trotz des tragiſchen Er⸗ eigniſſes in nächſter Nähe, ruhig fortſetzten. Dieſe eminente Theilnahmloſigkeit ärgerte den Barbier und er ſtellte ſich, von Zeit zu Zeit mit dem ganzen Körper aufzuckend, als ſei ſein letztes Stündlein ge⸗ kommen. Mit einemmale ſtreckte der Sterbende unter einem tiefen Seufzer ſich lang aus und athmete und rührte ſich nicht mehr. „Er hat's überſtanden!“ ſprach die Bärwirthin und faltete, ein ſtilles Vaterunſer herſagend, die Hände. Mit dem kunſtreichen Ableben des Barbiers war zugleich der Skat zu Ende und die Spieler ſtanden auf und umringten den angeblichen Leichnam. Der Nekrolog, den die Skatſpieler bei dieſer Gele⸗ genheit zum beſten gaben, war indeß keineswegs ſchmeichelhaft für Strichelius, der überdieß, um nicht 69 aus der Rolle zu fallen, ruhig daliegen und ſein Lob als todter Mann mit anhören mußte. Kein Wort der kritifirenden Skatſpieler entging ihm. Von einem Bedauern war nicht Rede. „Wie man's treibt, ſo geht's,“ ſagte der Eine der Skatſpieler;„ohne einen tüchtigen Hieb, den er liebte, konnte er nicht in den Steinbruch gerathen.“ „Die Kommun kann froh ſein, daß ſie ihn los iſt, war die Rede des Andern.„Bei ſeinem Leben wär' er über kurz oder lang dem Armenhauſe zur Laſt gefallen.“ „Was ſoll jetzt aus Weib und Kindern werden, die der liederliche, gewiſſenloſe Strick in Kummer und Elend zurückläßt,“ meinte der Dritte. Der vierte Skatſpieler erklärte, daß ihn der Saufaus um zwei harte Thaler bringe. Strichelins habe ſich zweijäh⸗ rige Blutegelung vorausbezahlen laſſen. Nun könne er die Abzapfung bei einem Andern berappen. „Im Süßmilch...“, fuhr der Erſtere fort, „koſtet mich der Kerl auch manchen ſchönen Groſchen. Er ſpielte falſch.“ Auch die Schattenſeiten von des Barbiers Ehe⸗ leben wurden einer ziemlich ſtrengen Kritik unter⸗ worfen. Man ging ſelbſt ſo weit, dem Verſtorbenen Miſſethaten aufzubürden, die er gar nicht begangen, 70 ſo daß es endlich Strichelius nicht möglich war, dieſen verläumderiſchen Leichenſermon länger anzuhören. Er ſprang verzweifelt auf, ergriff einen Stuhl und drang auf die zum Tode erſchreckten Skatſpieler wüthend ein. Sie glaubten nicht anders, als der Teufel ſei in den barbierlichen Leichnam gefahren und treibe jetzt ſein böſes Spiel. Man überſtürzte ſich, die Thür zu erreichen; der Vorderſte ſtürzte über die hohe Thür⸗ ſchwelle und kam zu Falle; die drei Andern ſtolperten wieder über den am Boden Liegenden und verloren das Gleichgewicht. Er hatte jetzt einen Stock ergriffen, der ſich beſſer handhaben ließ als der Stuhl, und kühlte ſeine Wuth an ſeinen Leichenrednern, daß dieſe ſchier aus der Haut zu fahren vermeinten. Zu den körper⸗ lichen Schmerzen geſellte ſich der fürchterliche Gedanke, daß es nicht der wieder lebendig gewordene Striche⸗ lius ſeie, der auf ihnen herumarbeite, ſondern der Teufel in höchſteigener Perſon. Indem der Barbier bei ſeiner Bearbeitung des Vierblattes eine tiefe Stimme annahm, ſuchte er dasſelbe in ſeinem Teu⸗ felsglauben zu beſtärken. Noch nie iſt über vier Skat⸗ ſpieler nach beendigter Partie ein ſo ſtrenges Straf⸗ gericht abgehalten worden. Den vier Haimonskindern war es endlich nach . E1 beiſpielloſer Anſtrengung, zu welcher die teufliſchen Prügel animirten, gelungen, ſich durch die Stuben⸗ thür zu preſſen und das Freie zu gewinnen. Hier angelangt, rafften ſie die letzten Kräfte zuſammen, ſprangen auf und ergriffen, ſo ſchleunig ſie ihre Füße zu tragen vermochten, die Flucht. Strichelius erholte ſich von ſeinen Strapazen durch ein friſches Glas Glühwein und gab ſich der Bärwirthin als der leibhaftige und vom Tode auf⸗ erſtandene Strichelius, nicht als der Teufel zu er⸗ kennen. Frau Urſula, die während des Strafgerichts, das über die Skatſpieler, hereinbrach, fortwährend Kreuze geſchlagen, um den böſen Geiſt zu beſchwö⸗ ren, faßte infolge dieſer Anrede wieder Muth und ſetzte ſich zu dem Glühweintrinker, welcher ihr ge⸗ ſtand, daß er ſich von ſeinem Ableben infolge des Frottirens und des Glühweins vollkommen erholt habe. „Aber um aller Barmherzigkeit,“ ſagte die Bär⸗ wirthin,„habt Ihr den Matzelbauer, den Holderlieb und den großen und den kleinen Heinrich zugedeckt. Sie hatten ſich freilich beim Leichenſermon kein Blatt vors Maul genommen. Aber ins Amt müßt Ihr, das erleb' ich!“ „Sie werden's künftig bleiben laſſen, über einen Todten ſo läſterliche Reden zu halten,“ ſprach der 72 Barbier.„Man läßt ſich was gefallen. Ich vertrage einen Stiefel, aber dieſe Kerle trieben es zu arg.“ Nach einer Pauſe und nachdem er ſich den Reſt des Glühweins in die Taſſe gegoſſen, ſprach er: „Bärwirthin, wenn Ihr als Zeugin vors Amt müßt, ſo ſagt nur aus, ich hätte todt dagelegen, als der Skattiſch ſeine Keile bekommen; es ſei der Böſe ge⸗ weſen, der über den Matzelbauer, den Holderlieb und die beiden Heinriche gerathen. Doch jetzt will ich aufbrechen. Ich fühle mich geſtärkt. Den Glüh⸗ wein ſchreibt zur übrigen Zeche. In drei Wochen iſt Quartal, wo die Moneten eingehen. Auf Rattenſpazer will ich nicht warten. Ich kann mir allein fort⸗ helfen.“ Der genannte Doktor war indeß ſchon unterwegs nach dem ſchwarzen Bäre. Auf die erfreuliche Bot⸗ ſchaft, daß ſein Feind Strichelius, der ihm zahlloſe Schabernacks geſpielt, den Hals gebrochen, zog er weit behender, als es außerdem der Fall geweſen ſein würde, die Schlafmütze vom Kopfe und machte ſich reiſefertig, um die erforderliche Obduktion des Leichnams vorzunehmen. „Iſt er denn auch ordentlich todt?“ war die erſte Frage des menſchenfreundlichen Doktors geweſen. 73 „Er zuckt nicht mehr—“ hatte die Antwort des Boten gelautet. „Dieſen Tag,“ ſprach Rattenſpazer zu ſich,„ſtreich' ich im Kalender roth an. Geht nur mit der Laterne voraus, ich komme gleich.“ Infolge dieſes Dienſteifers war es auch ge⸗ lungen, daß der Bote, der dem Doktor rüſtig vor⸗ ausgeſchritten, mit ſeiner Laterne und der Nachricht, daß Rattenſpazer auf den Füßen folge, im ſchwarzen Bär wohlbehalten anlangte, als eben Strichelius im Begriff ſtand, den Heimweg anzutreten. Er hörte den Doktor außerhalb bereits in ſeiner gewohnten Weiſe über den ſchlechten Weg fluchen und von dem Glühwein noch animirt, konnte er ſeine alten Muk⸗ ken, Rattenſpazer'n einen Streich zu ſpielen, nicht laſſen. „Ich muß mir doch Schaden gethan haben,“ ſprach er zur Bärwirthin,„mir wird wieder ſo kurios. Ich habe mich mit dem Skattiſche zu ſehr übernom⸗ men, bin über meine Kräfte gegangen. Ach, wie wird mir gottsjämmerlich; Bärwirthin, es geht doch am Ende fort;'s iſt gut, daß der Doktor kommt; Bärwirthin, wenn ich Euch was zu Leide gethan ha⸗ ben ſollte, vergebt mir als Chriſtin. Ich kann nicht mehr.“ Mit dieſen Worten ſank er wieder todesmatt 74 in den Lehnſtuhl und ließ das Haupt auf die Bruſt finken. Frau Urſula, welche drei Männer durch den Schlag verloren, war bei ſolchen Krankheitsanfällen ſehr ängſtlich und ließ ſich vom Strichelius zum zweitenmale täuſchen. „Ihr habt Euch mit dem Skattiſch zu ſehr übernommen; kein Wunder, wenn da die Kräfte nicht reichen. Soll ich noch etwas Glühwein aufgießen?“ Strichelius ſchüttelte mit dem Kopfe. „Wenn er ſchon den Wein verſchmäht,“ ſprach ſie zu ſich,„muß es ſchlimm ſtehen.“ Rattenſpazer trat jetzt mit den Worten:„Wo iſt der todte Barbier?“ ins Zimmer. Die Bärwirthin zeigte nach dem dunkeln Hin⸗ tergrunde, wo Strichelius mit ſchlaff herabhängendem Kopfe ſchweigend im Lehnſtuhle ſaß. „Pieper,“ ſprach Rattenſpazer zu dem Laternen⸗ träger,„leuchte hierher.“ Mit dieſen Worten unterſuchte er den auf dem Stuhle Sitzenden. „Er iſt ja noch gar nicht todt!“ „Aber lange wird er's nicht mehr machen,“ ſprach die Frau Urſula,„er hat ſelbſt den Glühwein verſchmäht.“ Strichelius athmete ſchwer. 75 „Und den Hals hat er gleich gar nicht gebro⸗ chen,“ fuhr Rattenſpazer immer unmuthiger fort. „Es ſcheint nur eine Ohnmacht.“ „Nein, lieber Doktor,“ lispelte erſterbend der Barbier,„mit mir iſt es alle und hab' auf der Welt noch ſo viel gutzumachen.“ „Das iſt das erſte wahre Wort, was ich aus dieſem Munde vernehme,“ verſetzte Rattenſpazer und ſuchte ſorgfältig nach dem Pullſe. „Nach dem Pulſe zu ſchließen, ſteht's gar nicht ſo ſchlecht,“ fuhr er nach einer Weile fort,„man hat mich vergeblich durch Nacht und Nebel gejagt.“ „Ich fühl' es ja,“ tönte es leiſe aus dem Munde des Kranken,„wie ich mich innerlich verblute.“ „Er müßte ſich was zerſprengt haben,“ ſimu⸗ lirte der Doktor. „Ein Schlagfluß iſt im Anzuge,“ fuhr ſchwer⸗ athmend Strichelius fort,„ich will die letzte Stunde noch benutzen, mein Gewiſſen zu erleichtern.“ „Ich bin kein Beichtiger,“ ſprach unmuthig der Doktor, der an das bevorſtehende Ableben des Bar⸗ biers noch immer nicht recht glauben wollte. Strichelius ſeufzte wieder gottserbärmlich.„Auch Ihr, Herr Doktor, gehört zu denjenigen, hinſichtlich derer ich mich nicht ganz vorwurfsfrei fühle.“ 76 „Das weiß der Himmel,“ erwiederte der Dok⸗ tor,„daß Ihr Euch oft und ſchwer an mir verſün⸗ digt habt; ein zehnjähriges Höllenfeuer vermag das nicht wegzubrennen.“ „Im Fall Eure Verzeihung mir würde,“ hauchte Strichelius,„dürfte das Feuer etwas gelinder aus⸗ fallen.“ „Verdient habt Ihr meine Verzeihung kei⸗ neswegs!“ „Warum nicht, lieber Doktor? Vergebung iſt was Schönes. Um wie vieles leichter würde ich dieſes Jammerthal verlaſſen. Auch dürfte Euch dieſe Vergebung nicht gereuen. Ein Geheimniß, das in mir ruht und das ich nicht mit ins Grab nehmen mag, könnte Euch zum glücklichen Manne machen.“ „Ein Geheimniß?“ frug der Doktor.„Ich hoffe, Ihr ſeid kaduk genug, um nicht, wie es Eure Art iſt, die Leute zu foppen.“ „In ſo verhängnißvoller Stunde, guter Doktor, wo denkt Ihr hin?“ „Alſo was hat es für eine Bewandtniß mit dem Geheimniß?“ erkundigte ſich Rattenſpazer. Strichelius machte mit großer Anſtrengung das Zeichen, daß der Doktor ſein Ohr näher herhalte. 77 Rattenſpazer verſtand dieſe Pantomime und näherte ſich mit dem Kopfe möglichſt dem Kranken. „Ein Schatz!“ flüſterte dieſer. Der Doktor fuhr unmuthig zurück. „Daß Ihr die alten Mucken ſelbſt in der Sterbeſtunde nicht laſſen könnt; es iſt dieß in der That eine recht häßliche Angewohnheit und malt ſo recht Euern ſchwarzen Charakter. Ihr und ein Schatz!“ „Ich ſcherze nicht,“ ſprach Strichelius mühvoll weiter,„er liegt im Friedewalde.“ „Der Schatz?“ Strichelius neigte bejahend das Haupt einwenig. „Ein Schatz,“ fuhr der Doktor ungläubig fort, „den hättet Ihr längſt in nächtlicher Stunde aus⸗ geſchaufelt.“ „Ich weiß erſt ſeit geſtern davon. Stünd' ich nicht am Grabesrande, würde ich mich wohl hüten, jemanden darüber zu unterrichten. Aber was hilft mir jetzt der Mammon? So ich die Angen zuthue, iſt das Geheimniß mit mir begraben. Da iſt es denn doch beſſer und wird mir an jenem Tage bil⸗ lig in Rechnung gebracht werden, ſo ich das werth⸗ volle Geheimniß an denjenigen abtrete, den ich ſo oft im Leben beleidigt habe oder dem ſonſt zu nahe getreten bin.“ 78 „Strichelius,“ ſprach der Doktor,„wenn Ihr dießmal die Wahrheit ſprächet, ich wüßte nicht, ich könnte Euch ordentlich gut werden. Aber Eure Flauſen gehen ins Aſchgraue. Woher wollt Ihr das Geheimniß vonwegen eines Schatzes im Friedewalde erfahren haben?“ „Ein Traum—!“ „Bah, Träume ſind Schäume,“ ſprach der frei⸗ geiſtiſche Rattenſpazer.„Ihr ſeid im Wachen ein unzuverläßiger Mann, geſchweige im Traume.“ „Der Traum,“ entgegnete Strichelius,„un⸗ terſchied ſich von all meinen übrigen Träumen auf ſo auffallende Weiſe, daß ich an ſeiner Wahrheit nicht zweifeln kann. Auch mein heutiges Unglück hat mir der Traumgott verrathen.“ „Im Friedewalde ſollen allerdings Schätze lie⸗ gen, noch aus dem dreißigjährigen Kriege her. Aber ſolltet Ihr in Eurer Sündhaftigkeit und als ſimpler Barbier der Auserwählte ſein, dem der Himmel die betreffenden Lokalitäten verrathen?“ „Ich betrachte dieſen Fingerzeig,“ gegenredete Strichelius,„eben nur als eine Strafe des Him⸗ mels. Warum zeigte er mir Schätze zu einer Zeit, wo ich keinen Gebrauch davon machen kann?“ „Das iſt wahr,“ geſtand der Doktor,„für Euch Luftikus, der dergleichen Schätze nur bald unter die Leute bringen würde, muß der Gedanke unter ob⸗ waltenden Umſtänden ein höchſt peinlicher ſein.“ „Und gleichwohl betracht' ich die nächtliche Offen⸗ barung für eine Gabe des Himmels. Werde ich dadurch nicht in den Stand geſetzt, mich mit einem meiner entſchiedenſten Widerſacher zu verſöhnen? Kann ich die vielen Kränkungen beſſer wieder gutmachen, als wenn ich meinem Feinde ſterbend noch Gutes erzeige, indem ich ihn mit den Lokalitäten bekannt mache, die zu der Auffindung des Schatzes unerläß⸗ lich ſind?“ „Strichelius, wie geſagt, wenn Ihr die Wahr⸗ heit ſprächet—“ „Das Reich der Lüge iſt bei mir zu Ende.“ „Zeit wird es allerdings. Alſo beſchließt Euer ruhmloſes Leben mit einer edlen That und theilt mir die Lokalitäten mit, wo der Schatz liegen ſoll. Ich bin nicht abergläubiſch, aber es ſind mir Bei⸗ ſpiele vorgekommen, wo es für die Betreffenden von Nutzen war, wenn ſie die Winke des Schickſals be⸗ achteten, und Euer Traum kurz vor Eurem Falle ſcheint mir ein ſolcher Wink. Alſo, guter Strichelius, haltet nicht länger hinter dem Berge. Wirket, da es 80 Tag iſt, denn es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann.“ „Hah, die Nacht— endlos gähnt ſie vor mir.“ „Ihr ſeht nur alles ſo ſchwarz, weil wahrſcheinlich Euer dickes Blut ins Stocken geräth.“ „Ich ſehe kein Ende der Nacht,“ ſtöhnte Stri⸗ chelius nicht ganz ohne Pathos. „Beſinnt Euch lieber auf die Umgebungen im Friedewalde, damit man ſich hinſichtlich des Schatzes zurechtfinden kann.“ „Nacht, nichts als Nacht! kein erquickender Strahl des Morgens!“ fuhr Strichelius in ſeinen Phanta⸗ ſien fort. „Ja, wenn Ihr warten wollt, bis die Sonne aufgeht, werd' ich auf den Schatz wohl verzichten müſſen.“ „Jetzt wird es etwas lichter.“ „Das iſt mir lieb.“ „Immer lichter, lichter.“ „So iſt's recht; jetzt werdet Ihr Euch hoffent⸗ lich etwas vrientiren können.“ Strichelius fuhr im Viſionentone fort:„Immer lichter. Ein goldner Strahl bricht durch das Laub⸗ grün.“ Der Doktor hielt mit verhaltenem Athem ſein 8¹ wachſam Ohr hin. Strichelius ſprach weiter:„Zwei alte Buchen halten ſich brüderlich mit den Aeſten umſchlungen—“ „Dieſer rührende Fall kommt im Friedewalde lei⸗ der nur zu oft vor,“ meinte Rattenſpazer. Er hörte unverdroſſen weiter. Strichelins in ſeinem elairvoyanten Zuſtande beſchrieb jetzt mehrere Baumgruppen, bei welchen ſich der Doktor vergeblich den Kopf zerbrach. Plötzlich hielt der Kranke in ſeinen Mittheilungen inne. Der Doktor fühlte beſorgt nach dem Pulſe. Strichelius regte ſich nicht. „Bis jetzt,“ ſprach Rattenſpazer,„weiß ich ſo⸗ viel wie nichts. Solche Baumgruppen, wie ſie Stri⸗ chelius beſchreibt, gibt es zahlloſe im Friedewalde. Da könnt' ich ſuchen bis an den jüngſten Tag. Wenn er mir jetzt abfährt, hab' ich mich vergeblich abge⸗ müht.“ Der Doktor ſchob ſein Taſchentuch unter das matte Haupt des Kranken, um ihm das Sprechen zu erleichtern. Nach einer Pauſe fuhr Strichelius in ſeinem, mit großer Virtuvſität nachgeahmten magne⸗ tiſchen Schlafe fort:„Dem Rattenſpazer iſt der Schatz beſtimmt.“ Der Doktor war bei dieſen Worten wieder ganz Ohr und nickte mit dem Kopfe. 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 6 82 „Aber unter der einzigen Bedingung“— ſprach der Hellſeher. „Bedingung, was für Bedingung?“ „Daß er ſich der Hinterlaſſenen des ſeligen Strichelius väterlich annimmt.“ „Nun mit der Seligkeit wird ſich's ſehr halten laſſen. Und was die väterliche Fürſorge anlangt, weiß ich ja gar nicht, ob's der Schatz hergibt.“ „Nur unter dieſer Bedingung wird ihm durch den Mund des Sünders das Geheimniß offenbar.“ „Sünder, jetzt ſcheint er eher auf dem rechten Wege; aber wenn dieſer ſündhafte Mund mich nur endlich mit Ort und Stelle bekannt machte.“ „Die Buche, in deren Nähe ſich der Schatz be⸗ findet,“ fuhr der Somnambüle fort— Rattenſpazer ſpannte bei dieſen Worten ſein Gehörorgan auf eine unglaubliche Höhe— „zeichnet ſich ſchon von weitem durch ihre drei ſeltſam verſchlungene Aeſte aus, die ein hebrä⸗ iſches Gimmel darſtellen.“ „Daß Gott erbarm'!“ ſeufzte Rattenſpazer,„Fjetzt fängt er hebräiſch zu ſomnambuliren an. Was iſt denn das ein Gimmel?“ „Die Buche,“ hauchte der Kranke,„führt auch den Namen:„der Mönch““— 83 Rattenſpazer that einen unwillkürlichen Luft⸗ ſprung.„Jetzt kann mir der Schatz nicht entgehen. Den Mönch ſind' ich im Finſtern, da wird es aber das Beſte ſein, wenn ich mich ſofort ans Werk mache und dieſe nächtliche Gelegenheit benutze. Ich bin da am ungeſtörteſten. Ich ſchraube den Stachel an meinen Stock, womit ich die verhängnißvolle Stelle bald ausfindig machen will. Ich bedarf nicht einmal einer Laterne, da der Mond bald aufgehen wird. Jetzt wäre mir es aber wahrhaft lieb, wenn Strichelius bald ausgelitten hätte. Ich werde das Schnupftuch wieder wegziehen. Solche bequeme Lage erſchwert das Sterben und verlängert unnöthigerweiſe den Aufenthalt hienieden.“ Strichelius, nachdem er den Ort, wo der ge⸗ träumte Schatz verborgen, hinreichend bezeichnet, ver⸗ fiel wieder in ein bedenkliches Schweigen, welches den Doktor, der jetzt wußte, was er wiſſen wollte, allmälig zu langweilen anfing. Das Verlangen nach dem Friedewalde brannte ihm unter den Sohlen. Er ſagte daher zur Bärwirthin, die auf der Ofen⸗ bank ſaß, daß mit Strichelius nichts weiter vorzu⸗ nehmen ſei. Sie ſolle ihn ruhig in die beſſere Welt hinübergehen laſſen. Er werde es bald alle gemacht haben. Er(Rattenſpazer) könne nichts weiter thun. 84 Morgen werde er wieder nachfragen und, ſo es ge⸗ wünſcht werde, die Sektion am Barbier vornehmen. Er ſchraubte den Knopf von ſeinem Stocke, in welchem eine ſechszollige eiſerne Spitze ſtak, die er am Ende des Stockes befeſtigte, damit ſie ihm ſowohl als Waffe, wie beſonders zur Auffindigmachung des Schaz⸗ zes diene. Kaum hatte der von Strichelius abermals ge⸗ narrte Rattenſpazer das Gaſthaus zum ſchwarzen Bär verlaſſen, als der Barbier lachend aufſprang und ſich vergnügt die Hände reibend die Stube auf⸗ und ablief. „Ihr bleibt doch der alte Leutevornarrenhalter,“ ſprach Frau Urſula, die jetzt ebenfalls zu der Ein⸗ ſicht gelangte, daß es mit dem Barbier gar nicht ſo ſchlimm geſtanden.„Wenn ich der Doktor wäre, den Ihr ſo unnöthig aus dem Bette gejagt, ich ließ Euch keinen ganzen Knochen. Jetzt, Strichelius, habt Ihr auch bei mir viel verloren.“ „Das ich wieder gewinnen werde,“ lachte der Barbier,„ſobald ich meine Zeche berappe; nicht wahr, Alte?“ „So ſcheert Euch aber endlich nach Hauſe,“ zankte die Bärwirthin,„daß man zur Ruhe kommt. Wie geſagt, Euer heutig Stücklein hat mir gar nicht 85 gefallen: Sich todt zu ſtellen, mauſetodt, daß mir ganz Angſt wurde, iſt das nicht Sünde 2. Die Bärwirthin würde wahrſcheinlich noch weit herzhafter gegen den Barbier aufgetreten ſein, wenn ſie nicht einerſeits ſeine Ränke gefürchtet, andererſeits nicht auf ihn als eine Perſon hätte Rückſicht nehmen müſſen, der manchen Gaſt herbeilockte und feſthielt. Es war keine Frage, daß Strichelins die Kunſt be⸗ ſaß, die ſolideſten Bauersleute ſtundenlang in der Schänke feſtzuhalten. Entweder waren es intereſſante Anekdoten, Kartenkunſtſtücke oder ſonſt eine Unter⸗ haltung, womit er den Gäſten die Zeit vertrieb. Es traute ihm niemand über den Weg; auch ſtand er keineswegs in großer Achtung, und gleichwohl fehlte etwas, wenn Strichelius mit ſeinen Schnurren, ſei⸗ ner Suada und ſonſtigen Allotrien nicht zur Stelle war. Mit ihm verdarb es darum kein Wirth in Kirchberg und Umgegend und jeder ließ ſich lieber den unmenſchlichſten Pump gefallen, als daß er es mit dem durchtriebenen Barbier verdorben hätte. Niemand war vor den Schabernacken des Stri⸗ chelius ſicher, obſchon er ſich ſeine Leute anſah. Na⸗ mentlich hatten ſolche Landleute und Stadtbewohner von ihm zu leiden, die er geiſtig überſah. Zuweilen wollte es auch der Zufall, daß Strichelins mit ſeinen 86 Neckereien an den Unrechten kam. Er beſaß dann ein gutes Fell, welches, ſozuſagen, einen Puff ver⸗ tragen konnte. Selbſt das Hinausgeworfenwerden war dem Barbier unterſchiedlichemale zutheil gewor⸗ den, was ihn im geringſten nicht genirte oder um die gute Laune brachte. Warf man ihn zur Vorder⸗ thür hinaus, kam er zur Hinterthür wieder herein und that, als ob nichts vorgefallen. Seine Erntezeit fiel in die Monate Oktober und November, wo der Landmann ſeine Feldarbeiten beendet, häufiger die Schänke beſucht, und wo in Stadt und Land zahlreiche Kirmeßſchmäuſe abgehalten werden. Auf ſolchem Kirmeßſchmauſe aber leiſtete Strichelius ſtaunenswerthes, was Eſſen und Trin⸗ ken anlangte. Er lebte da wie im gelobten Lande und in der Regel völlig zechfrei. Entweder nahm er den Bauern das Zechgeld im Spiele ab oder wußte es auf andere Weiſe zu veranſtalten, daß er ohne Bezahlung davonkam. Nicht ſelten wurde ihm ſelbſt kalte Küche und ein tüchtiges Pack Kirmeßkuchen auf den Weg gegeben, welchen er zur Kirmeßzeit in der Regel als einer der letzten Kirmeßgäſte einſchlug. Zu dieſen Kirmeßſchmäuſen zog er bereits in den Vormittagsſtunden aufs Land, unbekümmert um ſeine ſtädtiſche Kundſchaft, die er durch einen Lehrling von 87 ihren Bärten befreite. Strichelius war faſt nie zu Hauſe bei den Seinen, ſondern immer in Geſchäften abweſend, welche größtentheils im Beſuche der um⸗ herliegenden Schankſtätten beſtanden. Sein häusli⸗ ches Glück war daher nicht groß. Weder als Gatte, noch als Vater zeigte er ſich in einem empfehlens⸗ werthen Lichte. Nach dieſer faſt nicht zu umgehenden Charakte⸗ riſtik kehren wir zu Strichelius ſelbſt zurück, den wir in der Schänke verlaſſen, nachdem er den Dok⸗ tor Rattenſpazer nach dem Friedewalde in den April geſchickt hatte. Der todtgeglaubte Strichelius ſchlich ſich nächtlicherweile nach der Stadt zurück und erreichte wohlbehalten ſeine Wohnung. Er ſtörte die ſchla⸗ fenden Seinen, welche noch keine Ahnung von ſei⸗ nem Abenteuer hatten, nicht, ſondern kroch ſtill und leiſe auf ſein Lager. Als der nächſte Morgen die Dächer des Städt⸗ chens Kirchberg beleuchtete, verbreitete ſich die Kunde vom Halsbruche des Barbiers mit Blitzesſchnelle. Rattenſpazer, hieß es, wäre bei ſeinem Ableben ſelbſt zugegen geweſen. Ein Nachbar lief zum andern; eine Frau Gevatterin zur andern. Die Redensarten: „Wiſſen Sie's ſchon, der Strichelius hat den Hals gebrochen— er iſt in den Steinbruch gefallen“— 88 „ja, ja, wie man's treibt, ſo geht's“—„mich dau⸗ ert nur die Frau und die armen Würmer“—'s iſt ein Glück, daß wir ihn los ſind,“ u. ſ. w. u. ſ w. konnte man an jenem Morgen hundertmal ſich wie⸗ derholen hören. Wie wir bereits oben erwähnt, war am größ⸗ ten die Freude bei Hornickel. Wir haben erfahren, daß er ſelbſt Fiſchel'n umarmt, wie aber die Umar⸗ mung zu frühzeitig erfolgte. Zu Madame Strichelius drang das Gerücht von ihres Mannes Tod, als ſie beim Bäcker die Früh⸗ ſtückbrotchen kaufte. Die erſchrockene Frau eilte ſofort nach der Schlafſtätte ihres Ehegatten, wo ſie ſich ſofort von der Unwahrheit des umlaufenden Gerüchtes überzeugte. Der erſt ſpät in der Nacht heimgekehrte Gatte ſchnarchte wie ein Nilpferd. Als er nach einiger Zeit erwachte, theilte ihm ſeine Frau die Todesnachricht mit. Strichelius lachte laut auf, als er ſeinen Schabernack ſo gelungen ſah. Er trank behaglich ſeinen Kaffee, worauf er ſich eine Pfeife ſtopfte und halben Leibes aus dem Fen⸗ ſter legte. Jetzt hätte man den Allarm auf der Gaſſe ſehen ſollen, als der Todtgeglaubte, die lange Pfeife rau⸗ chend, gemüthlich auf das erſtaunte Publikum herab⸗ 89 ſchaute. Mit derſelben Blitzesſchnelle, wie die Nach⸗ richt vom Tode, verbreitete ſich des Barbiers Aufer⸗ ſtehung durch die Stadt. Viele, die an letztere nicht glaubten, eilten nach dem Brückengäßchen, wo vor dem Hauſe Nro. 43 die meſſingenen Barbierbecken baumelten, neben welchen Strichelius mit einer Un⸗ beweglichkeit und Schweigſamkeit herabſchaute, die allmälig in der Menge die Vermuthung erweckten, daß es des Barbiers Geiſt ſei, der herunterſah. Der Kürſchner Egerland faßte ſich endlich ein Herz. „Seid Ihr denn wirklich todt, Gevatter, oder iſt's Euer Geiſt?“ Keine Antwort. „Das kann der wahrhaftige Strichelius nicht ſein“— tönte es unten in der Menge.„Er ſpricht nicht, er rührt ſich nicht, und dieß iſt doch gar nicht ſeine Art.“ „Dummes Zeug,“ antworteten Andere.„Er narrt uns, wie er uns ſo oft genarrt hat.“ „Ich will gleich ſehen, ob es ein Geiſt iſt,“ ſprach Martin, der reſolute Tertianer des Seifenſie⸗ ders Herrmann, indem er ſeinen Frühſtückapfel zum Opfer brachte. Martin zielte vortrefflich und traf den unbeweglich Herabſchauenden grad auf die Naſe, daß der Geiſt mit einem:„Verfluchte Range!“ aus 90 ſeiner Starrheit emporfuhr und hiermit ſeine Lebens⸗ fähigkeit hinreichend dokumentirte. Unter allgemeinem Gelächter, in welches ſich unterſchiedliche Schimpfworte miſchten, verlief ſich die Menge, und die Bewohnerſchaft von Kirchberg war bald überzeugt, daß ſich der verſchmitzte Barbier abermals einen ſchlechten Witz erlaubt habe. Die Lebensbotſchaft über das Wohlbefinden des Strichelius war aber für Apollonius Hornickel eine wahre Todesbotſchaft. „So habe ich mich in meiner Uebereilung ver⸗ gebens dekanaillirt und Fiſchel'n umarmt,“ ſprach er ingrimmig.„Ich hatte dießmal wirklich große Hoff⸗ nung, daß der Böſewicht hinüber ſei. Ich kenne den Steinbruch, aber Unkraut verliert ſich nicht. Ich glaube, wenn dieſe Beſtie vom Marienthurme, dem höchſten zehn Meilen in der Runde, herabfiele; er ſtände, unten angekommen, wohlbehalten auf zwei Beinen und ginge wohlgemuth weiter. Es iſt ent⸗ ſetzlich, ſolch zähe Natur bei einer Kreatur, von der man wünſchen möchte, daß ſie gar nicht geboren wäre.“ Daß Strichelius bei ſeinem Falle in den Stein⸗ bruch ſo glücklich davongekommen, war Hornickel'n umſo ärgerlicher, weil er immer die leiſe Hoffnung genährt, daß der einmal den Hals brechen möchte. 9¹ Auf eine andere Art glaubte er ſeinen Quälgeiſt nicht loszuwerden. Ein ähnlicher, gefährlicher und abſchüſſiger Weg, wie bei den Steinbrüchen vorbei, führte von dem Städtchen Kirchberg nach dem be⸗ nachbarten Dorfe Strehlen; nur daß man hier in Gefahr war, weniger in einen Steinbruch, als in die Kibitz, die am Fuße des äußerſt ſchmalen Berg⸗ pfades dahinfloß, zu fallen und zu ertrinken. Mit einer ſeltenen Heiterkeit ſah daher Hornickel jedes Jahr der ſtrehlen'ſchen Kirmeß entgegen. Nie zeigte er ſich ſplendabler gegen Strichelius, als um dieſe Zeit. Seine Großmuth verſtieg ſich bei der ſtrehlen'ſchen Kirmeß ſo weit, daß er dem Striche⸗ lius einen harten Thaler erpreß nur unter der Be⸗ dingung, daß er ihn vertrinke, ſchenkte. „Strichelius,“ pflegte dann Hornickel zu ſagen, „der Menſch muß ſich auch einmal einen frohen Tag machen. D'rum ſeht heute in Strehlen einen Gro⸗ ſchen nicht an Kauft Euch Einen. Hier dieſer Thaler iſt dazu beſtimmt, daß Ihr nicht durſten ſollt.“ Strichelius nahm dieſe Liebesgabe ſtets mit einer Nonchalance entgegen, die dem geizigen Hornickel durch und durch ging. Die Generoſität des Wucherers ſtand hinſichtlich der Kirmeß zu Strehlen mit ſeiner ſonſtigen Knik⸗ 92 kerei in zu auffallendem Widerſpruche, als daß dem pfiffigen Barbier der Grund davon nicht bald hätte einleuchten ſollen. Der menſchenfreundliche Hornickel lebte nämlich während der ſtrehlen'ſchen Kirmeß fortwährend in der Hoffnung, daß Strichelius ſich beſaufen und in ſolchem Zuſtande auf dem ge⸗ fährlichen Heimwege in die Kibitz fallen und ertrin⸗ ken werde. Nun geſchah zwar in der Regel das Er⸗ ſtere, wozu die Liebesgabe des Wucherers das Ihre beitrug, aber um nicht in die Gefahr des Letztern zu gerathen, war Strichelius ſelbſt im halbunbe⸗ wußten Zuſtande viel zu klug. Er ſcheute einen faſt ſtundenlangen Umweg nicht, auf welchem er zwar ſpäter, aber doch ſicher das Heimatsſtädtchen erreichte Die Folge davon war, daß, wie oft auch Unglücks⸗ fälle auf dem gefährlichen Wege vorkamen, Striche⸗ lius ſtets wohlbehalten davon kam und wenn er auf der ſtrehlen'ſchen Kirmeß des Guten noch ſoviel gethan hatte Um Hornickel'n zu ärgern, ſtellte ſich der Bar⸗ bier regelmäßig am Tage nach der Kirmeß, und zwar ganzhalſig und ganzbeinig bei ſeinem Wohlthäter ein, rapportirte, wie charmant er ſich in Strehlen amüſirt und wie abermals ein paar Zechbrüder vom Bergpfade in die Kibitz gerollt, wo man ſie jetzt 93 vergeblich ſuche, weil ſie wahrſcheinlich bereits gen Hamburg ſchwämmen. „Ach, befändeſt Du Dich doch unter den Schwim⸗ mern,“ war dann regelmäßig der niederſchlagende Gedanke, der in Hornickel'n aufſtieg und ſeine Laune auf eine volle Woche ruinirte. Der abermals weg⸗ geworfene Thaler fraß ihm am Herzen. Auch nach dem obenerzählten Abenteuer erman⸗ gelte Strichelius nicht, ſich bei ſeinem Gönner und Freunde bei Zeiten einzufinden, und indem er ſich leibhaftig präſentirte, die voreilige Todesnachricht, die Hornickel'n zu der Ausſchweifung gegen Fiſchel'n verleitet, in ihr Nichts aufzulöſen. Er fand natür⸗ lich Hornickel in ſehr miſerabler Laune, die ihren Höhepunkt erreichte, als der Barbier die Gelegenheit benutzte, um eine abermalige Geldunterſtützung ein⸗ zukommen. Er eröffnete ſeinem Wohlthäter, daß er bei ſeinem Sturze nicht nur den Rock, ſondern auch ſeine Unausſprechlichen ruinirt habe. „Ueberzeugt Euch ſelbſt,“ ſprach er, indem er gegen Apollonius eine Bewegung machte, die die Linien des Anſtandes bedeutend überſchritt und den übelgelaunten Gönner mit Abſcheu erfüllte. „Betrachtet dieſen Riß,“ fuhr er nicht ohne 94 Pathos, den er in gewiſſen Fällen ſehr liebte, fort, „und habt ein Einſehen.“ Hornickel warf einen ſcheuen Blick nach dem defekten Kleidungsſtück und drückte ſeinen unverhol⸗ nen Verdruß darüber aus, daß man ſo ungeſchickt und einfältig fallen könne. Er ſei in ſeinem Leben manchmal von einem Abhange ausgeglitten, aber ſo läſterlich hätten ſeine Beinkleider nie ausgeſehen. Strichelius zuckte mit den Achſeln und erwie⸗ derte:„Sobald ich Uebung in dieſer Art zu fallen erlangt haben werde, hoffe ich beſſer die Integrität meiner Garderobe berückſichtigen zu können. Vor der Hand iſt der Schade da, wie Ihr ſeht; alſo ſeid ſo gut und berappt. Der Tuchmacher Engelhardt hat noch ein Reſtlein Tuch liegen, wie er mir ſagte, da bekommen wir's billig.“ „Der Schaden muß doch zu repariren ſein,“ polterte Hornickel,„ſo daß nicht ein paar funkelneue Beinkleider angeſchafft zu werden brauchen. Ihr ruinirt mich mit Euern Tuchrechnungen.“ „Was ſein muß, muß ſein,“ entgegnete mit Ruhe der Barbier.„In dieſem Anzuge, das ſeht Ihr, kann ich mich bei keinem anſtändigen Kunden blicken laſſen. Betrachtet dieſen Rockärmel!“ 95 Hornickel warf einen zweiten Jammerblick auf die defekte Stelle. „Hier ſcheinen reiner Muthwille und Zerſtörungs⸗ wuth obgewaltet zu haben.“ „Wenn man einmal im Fallen iſt,“ entſchul⸗ digte Strichelius ſeine ziemlich übelzugerichtete Gar⸗ derobe,„kommt es auf ein Loch mehr oder weniger nicht an!“ „Ich glaube, Ihr habt muthwilligerweiſe das Uebel noch ſchlimmer gemacht, um einen neuen Anzug zu erſchwindeln. So ungeſchickt kann ein Menſch gar nicht fallen und wär's in den Krater des Veſuvs.“ Die beiden Biedermänner waren nie einerlei Meinung, wenn es ſich um Geld⸗ und namentlich um Vorſchußangelegenheiten handelte. So auch dieß⸗ mal. Erſt nach dem mannigfaltigſten Für und Wider gab der Wucherer ſeinem Herzen einen Stoß; ging halb ſeufzend, halb fluchend zum Geldſchranke und brachte die beanſpruchte Summe, die er ſtets zu er⸗ mäßigen bemüht war, hervor. Es liegt nichts näher, wenn der Leſer das Ver⸗ hältniß der beiden genannten Perſönlichkeiten über⸗ ſchaut, daß er unwillkürlich auf den Gedanken kommt, die Beiden müßten in Gemeinſchaft ein Verbrechen verübt haben, voder Strichelius müſſe um ein Ver⸗ 96 brechen Hornickel's wiſſen, deſſen Verheimlichung der Wucherer von ſeinem Blutegel, wie er Strichelius oft titulirte, mit beſtändigen Opfern zu erkaufen habe. Dieſem war aber nicht ſv. Es handelte ſich um etwas anderes, was Hornickel'n an den Barbier, wie an einen böſen Feind, kettete und das, wie geſagt, ſpäter dem geneigten Leſer mitgetheilt werden ſoll. Außer dem Barbier wußte nur noch eine Seele um das Ge⸗ heimniß, die jedoch viel zu ehrbar war, um ſolchen Vortheil davon zu ziehen, wie der Barbier. Dieſes war niemand anders, als der ehrliche Moritz Bach⸗ mann, deſſen Bekanntſchaft wir bereits weiter oben gemacht haben. Derſelbe war als Gymnaſiaſt hinter das Geheimniß gekommen, hatte aber, ritterlich geſinnt, Hornickel'n ſein Ehrenwort gegeben ſo gewiß als er ein Mann des Rechts und der Geſetze werde, keinen Gebrauch von dem Geheimniſſe zu machen. Hornickel ahnte alſo nicht, welche Gefahr ihm vonſeiten des Studenten drohe, ſobald dieſer das Studium der Rechtswiſſenſchaft mit einem andern Lebensberufe vertauſche. Wir kehren nach langem Umwege zu dem Au⸗ genblicke zurück, wo die Ausſichten Hornickel's, Bau⸗ meiſter und Rathsmitglied zu werden, in den Brun⸗ nen gefallen waren und wo Strichelius herbeieilte und 97 die Nachricht Fiſchel's beſtätigte, daß im goldnen Wallfiſch eine hinteraſiatiſche Geſandtſchaft ange⸗ langt ſei, die ſofort die Aufmerkſamkeit aller Kirch⸗ berger auf ſich gezogen, umſomehr, als der Zweck dieſer Geſandtſchaft völlig unbekannt war, ſo daß es ſelbſt dem Barbier, der ſonſt alles herausbrachte, noch nicht gelungen, der höchſt merkwürdigen Erſcheinung auf den Grund zu kommen. Strichelius hatte alſo nichts eiligeres zu thun, als ſeinen Freund und Gönner Hornickel von der An⸗ kunft der fremden Gäſte in Kenntniß zu ſetzen und zugleich Gelegenheit zu nehmen, um einen kleinen Vorſchuß einzukommen. „Das hinteraſiatiſche Volk,“ ſprach er,„wirft mit Dukaten um ſich, als wären es Zahlpfennige. Will ich mich ihnen nähern, darf ich im Wallffiſch nicht als Lump leben und muß etwas aufgehen laſſen. Auf ein paar Flaſchen Nierenſteiner darf es da nicht ankommen. Eh' ich ſo einen Mohren vollgeſoffen, daß die ſchwarze Kanaille beichtet, braucht's etwas. Weiß ich nur einigermaßen wo? und wie?, komme ich meinem Schaden, den die Sauferei koſtet, bald wieder bei.“ Hornickel's Laune, die infolge des baumeiſter⸗ lichen Malheurs ohnehin ſchlecht genug war, ward 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 98 durch die neue Anleihe vollends zugrunde gerichtet. Was ging ihn, dem die Baumeiſterei ſo ſchmählich in den Brunnen gefallen war, die hinterindiſche Ge⸗ ſandtſchaft an. Er hätte den unverſchämten Striche⸗ lius, der ſo gar keine Notiz von ſeinem Unglücke nahm, nicht die geringſte Theilnahme an den Tag legte und ſchon wieder Geld zu bloßem Verſaufen haben wollte(er hatte erſt vor acht Tagen in ähnlicher An⸗ gelegenheit ſeinen Beſuch abgeſtattet,) mit ruhigem Blute erdroſſeln können. Indeß faßte er ſich, ver⸗ ſchluckte ſeinen Grimm und nahm einen gerührten Ton an. „Alſo, daß ich abermals nicht Baumeiſter ge⸗ worden,“ ſprach er vorwurfsvoll,„dafür habt Ihr kein Wort des Bedauerns, kein Wort des Troſtes für mich, Euern Freund und Wohlthäter?“ „Was da, Baumeiſter,“ ſprach leichtfertig Stri⸗ chelius,„ich habe jetzt keine Zeit, mich mit Euren hochfliegenden Plänen zu beſchäftigen; die hinter⸗ aſiatiſche Geſandtſchaft iſt's, die mir durch den Kopf geht. Was die nach unſerm miſerablen Neſte treibt, muß ich erfahren, oder ich will nicht Strichelins hei⸗ ßen. Aber dazu brauch' ich Moſem und die Propheten und dieß bedeutend! Der Herr Mufrid ben Hadſchi oder wie der Herr Geſandte heißt, darf mich nicht 99 als armen Schlucker kennenlernen, ſonſt beißen Seine Hochgeboren nicht an.“ „Und Eurer thörichten Neugier wegen ſoll ich mein Herzblut hergeben?“ „Wo Ihr's hernehmt, ob aus dem Herzen oder ſonſt wo, iſt mir ganz einerlei. Aber zehn Thaler brauch' ich nothwendig.“ „Strichelius, ſeht mich einmal an, Ihr ſeid ein ſchrecklicher Menſch.“ „Ich weiß ſchon, wie Ihr ausſeht; aber wozu dieſe ſo überflüſſigen Randbemerkungen?“ „Befürchtet Ihr, Strichelius, gar nicht, dereinſt in jener Welt zur Verantwortung gezogen zu wer⸗ den ob des unmenſchlichen Pumpes, den Ihr perpetn⸗ irlich bei mir anlegt, ohne je an eine Wiederbezah⸗ lung zu denken?“ „Das zu viele Denken macht nicht glücklich.“ „Die Strafen in jener Welt ſind furchtbar, Strichelius!“ „Die müſſen wir abwarten. Jetzt aber hab' ich keine Zeit zu warten. Alſo zehn Thaler wenigſtens, Hornickel— oder!“ Dieſes oder“ wußte der Barbier auf ſo ei⸗ genthümliche Weiſe zu akzentuiren, daß der Wucherer, der jetzt wußte, daß mit dem vermaledeiten Menſchen 7 100 nicht mehr zu ſpaßen, wieder mit einem ſeufzenden Fluche zu dem Schranke trat und die verlangte Summe hervorholte. „Wenn dieſe hinteraſiatiſche Geſandtſchaft,“ ſprach er für ſich,„dieſem meinen Peiniger die Gurgel zu⸗ ſchnürte, wollt' ich das Geld mit Freuden zahlen; aber dieſem Strauchdieb bloß ſeinen unerſättlichen Durſt ſtillen zu helfen, das iſt zu gräßlich!“ Wenn der Barbier von Hornickel'n Geld erhielt, nahm er es ſtets mit den Worten in Empfang: „Werde zurückerſtatten, ſobald meine Kräfte—“ So auch dießmal. Er wußte, daß er durch dieſe Phraſe, die wie Hohn klang, den Wucherer noch mehr in Har⸗ niſch brachte. „Dieſe Kräfte,“ murmelte Hornickel ingrimmig, „möcht' ich kennenlernen.“ Nach einer Pauſe wie⸗ derholte er:„Alſo, daß ich nicht Baumeiſter geworden, darüber habt Ihr nichts, gar nichts zu ſagen?“ „Nein!“ „Scheert Euch zum Satan!“ „Von dem geh'ich.“ Mit dieſen Worten war der leichtfertige Bar⸗ bier zur Thür hinaus und die Treppe hinab. „Natur, Natur,“ rief Hornickel mit emporgeho⸗ 101 benen Armen,„was haſt Du gedacht, als Du dieſes Scheuſal ins Daſein riefſt!“ Drittes Rapitel. Es war einer jener Frühlingsabende, wo die Sonne geſunken und die Landſchaft in brennendem Golde ſchwimmt. Von den Kaſtanienbäumen, welche zu beiden Seiten der Landſtraßen einen grünen Dom bildeten, ſielen die letzten Blüten herab. Ueber reichen Korn⸗ und Weizenfluren ſangen einſame Lerchen und in der Ferne zog am Fuße der Waldberge ein klei⸗ ner Fluß, von Abendwolken anmuthig beleuchtet, friedlich dahin. Tiefe Stille ruhte auf dem Früh⸗ lingsthale, das mehr und mehr in einen roſenrothen Abendtraum verſank. Um das ſchöne Abendbild mit recht vollem Herzen zu genießen, hatte auf einer Steinbank, die von herabgefallenen Kaſtanienblüten ganz bedeckt war, ein Jüngling Platz genommen, deſſen Bekannt⸗ ſchaft wir bereits früher gemacht haben. Es war niemand anderes, als der junge Ehregott Friedberg, der ſich an der wunderherrlichen Abendlandſchaft, die ringsumher ausgebreitet, nicht ſattſehen konnte. 102 Der Friede, welcher in der Natur athmete, ſtimmte harmoniſch zu dem Frieden, der in ſeiner Bruſt wohnte. Ja, nach langen Stürmen war dieſer Friede, dieſe ſchöne Gabe Gottes, wieder bei ihm eingekehrt. Wir hatten unſern jungen Freund verlaſſen, nachdem ihm Fidelis die glänzenden Anerbietungen zu einer Weltfahrt gemacht. Friedberg hatte nichts angelegentlicheres zu thun, als ſeine Mutter brieflich von ſeinem ſo unverhofften Glücke in Kenntniß zu ſetzen. Frau Friedberg ſah aber in dem Reiſeprojekt, mit wie glänzenden Bedingungen es verbunden war, durchaus kein Glück für ihren Sohn. Auch vermochte es die verlaſſene Witwe nicht über ſich zu gewin⸗ nen, den einzigen Sohn ſo ohne allen Zweck in die ferne fremde Welt ziehen zu ſehen. Sie war nicht leichtgläubig genug, um dem Verſprechen des jungen Briten ohneweiteres Vertrauen zu ſchenken. Eine arme Witwe, die ihr Lebenlang nicht aus den klein⸗ bürgerlichen Grenzen ihres Wohnortes herausge⸗ kommen, vermochte ſich ſchlechterdings nicht zu den⸗ ken, wie ein völlig fremder und noch dazu aus⸗ ländiſcher junger Herr an ihrem Ehregott ſo außer⸗ ordentliches Wohlgefallen gefunden haben ſollte, daß er denſelben mit Reichthümern überſchütten und in die weite Welt entführen wollte. Die bejahrte Frau — 103 hatte während ihres Lebens mit ſchlechten Menſchen und neuerdings erſt mit dem Wucherer ſo bitterböſe Erfahrungen gemacht, daß es kein Wunder war, wenn ſie hinſichtlich der Menſchen ſehr mißtrauiſch geworden. Demnach traute ſie auch dem Fidelis nicht. Ihre Phantaſie malte ihr die abſchreckendſten Bilder. Sie ſah ihren Einzigen, ihren Ehregott, durch Reichthum verlockt, auf Abwege gerathen. Sie ſah ihn, als Sklaven verkauft, in fernem Lande im elendeſten Zuſtande ſein Daſein verkümmern. Daher griff ſie, nachdem Ehregott's Brief die wichtige Neu⸗ igkeit verkündet, nach nicht allzulangem Bedenken ebenfalls zur Feder und erklärte ihrem Sohne in einem ausführlichen Schreiben, worin ſie alle ihre Befürchtungen ausſprach, daß ſie ihre Einwilligung zur Reiſe nicht geben könne. Ehregott war wie aus den Wolken gefallen, als er die mütterliche Epiſtel überlas und ſein Glücksgebäude ſo zuſammenſtürzen ſah. Er ſetzte ſich ſofort hin und ſchrieb nochmals. Die Antwort, welche vonſeiten der Mutter auf dieſes zweite Schreiben des reiſeluſtigen Sohnes einlief, ſprach ſich wo möglich noch entſchiedener ge⸗ gen die Weltfahrt aus. Frau Friedberg blieb bei ihrer Behauptung, daß, wenn Ehregott dem fremden Manne in die weite Welt folge, es ſein und ihr 104 Unglück ſei. Jetzt blieb dem Studenten nichts übrig, als ſich ſelbſt auf den Weg nach Kirchberg zu ma⸗ chen, um durch perſönliche Ueberredung die Mutter zu gewinnen, daß ſie ihre Erlaubniß gebe. Aber auch die mündlichen Ermahnungen vonſeiten Ehre⸗ gott's führten zu keinem erwünſchten Erfolg. Ver⸗ gebens bot der Reiſeluſtige ſeine ganze Beredtſamkeit auf. Er zählte alle die Vortheile her, welche er haben würde, ſobald er die glänzenden Anerbietun⸗ gen des jungen Briten annähme. „Bedenke, gute Mutter,“ ſprach er,„welche bedeutende Summe Fidelis ſofort erlegt, ſobald Du Deine Einwilligung ertheilſt; wie für Dein Alter geſorgt iſt und daß ich bei meinem Alter noch nichts verſäume, wenn ich mich ein Jahrlang in Gottes ſchöner Welt umſchaue. Auf ſo einer Reiſe lernt man mehr Lebenserfahrung, als im längſten Seme⸗ ſter. Ein gereiſter Mann iſt ein ganz anderer Mann, als einer, der nicht von der heimatlichen Scholle hinweggekommen. Auch haben die Leute weit grö⸗ ßern Reſpekt vor ſolchem.“ Frau Friedberg hörte dergleichen Ergüſſe ihres Sohnes mit großer Ruhe an, ließ ſich aber in ihrer einmal gefaßten Anſicht nicht irremachen. „Bleib' im Lande, nähre Dich redlich,“ pflegte 105 ſie zu ſagen.„Wer zu hoch hinauswill, fällt um⸗ ſo tiefer. Ich kann Dir Beiſpiele anführen, wo ſolche Reiſeluſt nur ins Unglück führte. Du biſt er⸗ zogen für den friedlichen Beruf des Lehrers, des Erklärers von Gottes Wort; aber nicht, um Dich in der halben Welt herumzutreiben und muthwillig in Gefahren zu begeben. Dein Beruf iſt ſegensreicher, glaube mir, guter Sohn, als wenn Du voll Eitel⸗ keit aind Hochmuth ob des vielfach Erlebten in die Heimat zurückkehrteſt. Wenn der liebe Gott uns der nöthigen Mittel beraubt hat, Dein Studium auf der Akademie zu vollenden, ſo hatte er dabei gewiß ſeine weiſen Abſichten. Wahrſcheinlich eigneſt Du Dich beſſer zum Lehrer, als zum geiſtlichen Amte.“ „Aber,“ hielt Ehregott entgegen,„iſt es nicht ebenfalls ein Fingerzeig Gottes, daß er mich mit dem herrlichen Fidelis zuſammengeführt und mir die Ge⸗ legenheit geboten, mein Glück zu machen und Dir ein ſorgenfreies Alter zu bereiten?“ „Es kann bei ſolchen wunderbaren Gelegenhei⸗ ten auch ein Anderer dahinterſtecken, als der liebe Gott. Dein Zuſammentreffen mit dem Engländer ſcheint mir einer Verſuchung einer Abwendigmachung vom rechten Wege ſo ähnlich, wie ein Ei dem an⸗ dern. Was meine paar Tage anlangt, die ich noch 106. hienieden zu verleben habe, wird Gott auch ſorgen. Er hat es ſo viele Jahre gethan, ſollte er mich zu⸗ guterletzt verlaſſen?“ Wenn Ehregott bei ſolchen Unterredungen oft ſeine ganze Redegabe vergebens aufgeboten hatte, ſtieß ihn zuweilen der böſe Feind in den Nacken, ſo daß er etwas erbittert und trotzig wurde. Die Wei⸗ gerung der alten Fran erſchien ihm dann als Eigen⸗. ſinn, ihn von ſeinem Glücke, das ſich gewiß ſo leicht nicht wieder in ſolchem Grade darbot, abwendig zu„ machen. Dieſe üble Stimmung artete einmal ſogar in offenbare Rebellion aus, wo der ſonſt ſo ſanfte und gutwillige Sohn den Gehorſam zu verſagen drohte. „Und ich werde doch reiſen,“ ſprach er;„die Gefahren, welche Eure Phantaſie Euch vormalt, ſehe ich alleſammt nicht. In welchem Lichte erſcheine ich zudem vor Fidelis, der meine Weigerung, ihn als Reiſegeſellſchafter zu begleiten, leicht als Feigheit aus⸗ legen kann.“ Frau Friedberg blieb ſelbſt bei dieſem Ausbruche der Widerſpenſtigkeit ſehr ruhig. Sie rieth nicht mehr von der Reiſe ab.. „Immerhin folge Deinem Kopfe,“ ſprach ſie „ſchlage die Bitten Deiner Mutter in den Wind. — 107 Ich alte, ſchwache Frau kann Dich nicht halten. Ich werde Dich trotz Deines Ungehorſams in mein Ge⸗ vet ſchließen, daß Dich der Himmel bewahre; aber bedenke auch, daß Du, wenn Du auf Deinem Vor⸗ ſatze beharrſt, das Herz Deiner alten Mutter brichſt und ſie um die Ruhe der noch wenigen Tage bringſt, die ihr vielleicht der Himmel noch beſchieden hat. Du haſt freie Wahl. Du biſt Dein eigener Herr. Handle darum nach Deinem Gewiſſen und laß uns dieſes Kapitel, das uns ſoviel Unruhe bereitet, abbrechen. Fahre hinaus in die Welt, meine Liebe wird Dir folgen, ob auch Gottes Segen, weiß ich nicht.“ Verzweifelt war Ehregott nach dieſer letzten Un⸗ terredung hinausgelaufen in den Frühling. Wieder⸗ holt trat der Verſucher zu ihm und flüſterte:„Willſt Du wegen einer alten eigenſinnigen Frau, die zu⸗ dem nie Gelegenheit gehabt, das große Leben kennen⸗ zulernen, das dargebotene Glück von der Hand weiſen? Sie ſieht Schreckbilder, wo keine ſind. Hundert andere Mütter würden Gott danken, wenn ſich ſolch eine herrliche Gelegenheit darböte. Was muß Fide⸗ lis denken, daß Du Dich wie ein Schulbube von der Mutter gängeln läßt? Faſſe einen männlichen Ent⸗ ſchluß, ſchüttle die eines jungen Mannes unwürdi⸗ gen Feſſeln von Dir. Sei frei!“ . „ 108 Dagegen ſprach eine andere Stimme:„Es iſt Deine Mutter, deren Herz Du brechen und ihre, vielleicht letzten, Lebenstage verbittern würdeſt. Es iſt nur Liebe, daß die alte Frau Dich nicht einem un⸗ gewiſſen Schickſale preisgegeben wünſcht. Ein gu⸗ ter Sohn kränkt nimmer ſeine Mutter, deren ganzes Leben nur Liebe für ihn war, die ſo unendliche Opfer gebracht hat, die nöthigenfalls ihr Leben hinge⸗ ben würde für die Erhaltung deſſen, den ſie unter dem Herzen getragen.“ Auf dieſe Weiſe kämpften zwei Mächte uner⸗ müdlich in dem Innern des jungen Mannes. Siegte die feindliche, fühlte ſich Ehregott als entſchloſſener Mann, ein gewiſſer Stolz bemächtigte ſich ſeiner. Der nüchterne Verſtand, der ihn die ganze Sache vom Geſichtspunkte der Weltklugheit, der Nützlichkeit auffaſſen ließ, ſtimmte ebenfalls bei. Gleichwohl ſtellte ſich auch ein Gefühl ein, welches Ehregott nicht recht frei athmen ließ. Gewann jedoch die andere Stimme, die zu Gunſten der Mutter ſprach, die Oberhand, ward dem Sohne wunderbar wohl; ein heitrer Frie⸗ den ſank in ſeine Bruſt und beruhigte mit geheimer Gottesmacht die ſich widerſtreitenden Gedanken und Gefühle. „Keine Schwäche, Student!“ flüſterte von neuem 109 der Verſucher.„Dieſer innere Frieden iſt nicht von Dauer. Betrachte ihn mit Nüchternheit; erwäge die Vortheile, die Du ihm opferſt. Hier würden Reue und Vorwürfe nicht lange ausbleiben. Haſt Du Deinen Entſchluß zur Reiſe Deiner Mutter unwider⸗ ruflich mitgetheilt, iſt es um ein paar Thränlein zu thun, womit die Weiber ſo leicht bei der Hand ſind, um den ſchwachen Mann ins Bockshorn zu jagen, und ſie wird bald Beruhigung faſſen. Wenn Du nach Jahr und Tag ehrenvoll zurückgekehrt, wird ſie Dir Dank wiſſen, daß Du Dich nicht an ihren Ei⸗ genſinn gekehrt haſt, ſondern Deinem eigenen verſtän⸗ digen und männlichen Willen gefolgt biſt. Wenn Du die Reiſe unternimmſt, geſchieht es ja hauptſächlich zum beſten Deiner Mutter.“ Der Frieden wich von neuem aus Ehregott's Bruſt und der ringsum ſo ſchön ausgebreitete Früh⸗ ling hatte allen Zauber auf das ſonſt ſo empfäng⸗ liche Gemüth des jungen Mannes verloren. Die Blumen ſchauten zwar mit der alten Liebe zu ihm empor; aber er verſtand ſie nicht mehr; das liebliche Bachgerieſel, dem er ſonſt mit ſtillem Entzücken lauſchte, war ihm nichts, als ein eintöniges, unerquickliches Geplätſcher. Das Summen der Bienen, jener ſo einfache und doch ſo beredte Frühlingston, ließ ihn 110 gleichgiltig. Der himmliſche Lerchengeſang ſchlug theilnahmlos an ſein Ohr. Die Schöpfung Gottes in ihrer Herrlichkeit kann nur von einem Gemüthe, in welchem der Frieden wohnt, als Schöpfung Got⸗ tes erkannt werden. Der innere Frieden iſt es, der uns zu glücklichen Kindern Gottes macht, die ſich ihres Vaters freuen. Während unſer junger Freund in ſolcher bekla⸗ genswerthen Seelenſtimmung dahinwanderte, ward ſeine Aufmerkſamkeit einer ziemlich umfangreichen wil⸗ den Roſenhecke zugewendet, in deren Blättergrün eine Grasmücke ihr Neſtlein gebaut. Deutlich vernahm er das Nachfutterrufen der jungen Brut, deren ge⸗ öffnete Schnäbel zum Neſte hervorragten. Mit einer Geſchäftigkeit und Sorgſamkeit ohnegleichen flog die gute Mutter hin und wieder, durch Würmlein und ſonſtige Speiſe die kleinen Schreihälſe zufriedenzu⸗ ſtellen. In ihrem Eifer für das Wohl ihrer Kin⸗ der ſcheute ſie ſelbſt den herangetretenen Wanderer nicht. Ehregott konnte den Fleiß und die Fürſorge des kleinen, grauen Vögleins nicht genug bewundern. „Da ſieht man,“ ſprach er für ſich,„was die Liebe einer Mutter bedeutet. Und das iſt nur das kleine Mütterchen kleiner Thiere. Wie groß muß die Liebe einer Menſchenmutter ſein. Welch ein Hesß — 111 voll Liebe muß in einer ſolchen wohnen. Und ſolch ein Herz ſtehſt Du im Begriff zu brechen? Für die Liebe, die Dir Dein Lebelang geworden, willſt Du den Giftbecher reichen? Pfui, ſchäme Dich, Ehregott, und Du hatteſt die Vermeſſenheit, ein Prediger des Herrn zu werden?“ Der junge Mann ſchaute einige Sekunden lang hinaus in die blühende Schöpfung. Dann that er einen mächtigen Luftſprung. „Ich reiſe nicht!“ rief er mit lauter Stimme und im Augenblicke war die Welt um ihn her ver⸗ wandelt. Alles klang und ſang wieder, blühte und duftete; der Frieden Gottes war wieder eingekehrt und ſeine Engel dienten ihm. Sein Entſchluß ſtand jetzt unwiderruflich. Ehregott eilte nach Hauſe und fiel ſeiner Mutter mit den Worten um den Hals: „Ich reiſe nicht!“ Die alte Frau trocknete ſich eine Thräne, darauf faltete ſie ihre Hände zum ſtillen Gebet. „Verzeihe, mein Mutterchen,“ fuhr der gute Sohn fort,„daß ich Dir ſoviel Sorge und Kum⸗ mer gemacht habe. Ich weiß, es war bös von mir. Aber dafür verſpreche ich Dir hiermit, mag die Ver⸗ ſuchung noch ſo oft zu mir treten, ſtets werde ich ſagen: Hebe Dich weg von mir, was verſuchſt Du 112 mich? Ich bleibe bei Dir, mein Mutterchen, und Gott wird auch helfen!“ „Er hat ſchon geholfen, mein guter Sohn!“ „Wie ſo? Mutter,“ frug Ehregott. Frau Friedberg echob ſich jetzt und nahm einen erbrochenen Brief aus dem Schreibepulte. Dann ſetzte ſie ſich wieder neben Ehregott, der verwundert auf⸗ horchte. „In der Angſt meines Herzens,“ begann die Witwe,„als ich den Verluſt unſeres kleinen Vermö⸗ gens in Erfahrung gebracht, wendete ich mich an einen alten Freund Deines ſeligen Vaters, den wür⸗ digen Pfarrer Hanke, welcher in der Reſidenz ſich mancher achtenswerthen Bekanntſchaft erfreut, mit der Bitte, falls ſich eine einigermaßen annehmbare Hauslehrerſtelle fände, Deiner zu gedenken. Und ſiehe, der wackere Mann hat der Bitte einer armen Witwe ſein Herz nicht verſchloſſen. Während Du, mein Sohn, Deinen Spaziergang unternommen, iſt dieſer Brief angelangt, worin mir der würdige Seel⸗ ſorger die Mittheilung macht, daß er Dir eine ſehr annehmbare Stelle bei der reichen Familie Arnheim ausgewirkt hat, die Du bereits in den nächſten Wo⸗ chen antreten kannſt. Du haſt bloß einen Zögling zu unterrichten, einen Knaben von zehn Jahren, da 113 die beiden Mädchen bereits das jungfräuliche Alter erreicht haben. Wie Du aus dem Briefe Dich ſelbſt überzeugen kannſt, ſind die Bedingungen ſo günſtig, als ſie nur jemand in Deinen Verhältniſſen immer wünſchen kann. Nächſt dem ſehr anſtändigen Gehalt legt der Freund Deines ſeligen Vaters hauptſächlich auf den Umſtand großen Werth, daß Dir, da Du nur den einzigen Knaben zu unterrichten haſt, ſchätz⸗ bare Zeit zu Deiner eigenen Fortbildung verbleibt. Wie freue ich mich darum, mein Sohn, daß der Vater im Himmel Dein Herz gewendet hat.“ Ehregott war durch dieſe völlig unverhoffte Bot⸗ ſchaft ſeltſam bewegt. Alſo in derſelben Zeit, als er ſich nach langem, innern Kampfe entſchloſſen, als guter Sohn den Wunſch der Mutter zu erfüllen; in derſelben Zeit, wo ihm ſo wunderbar leicht ums Herz wurde, hatte Gott bereits für ſein ferneres Fortkommen geſorgt. Ja wunderbar ſind oft die Fü⸗ gungen der Vorſehung, nur daß ſie von dem blöden Menſchenauge nicht immer erkannt werden. Jeder Menſch, ſo er aufmerkſam die Laufbahn ſeines Lebens durchforſcht, wird auf jene höhere Führung ſtoßen, die bald klarer, bald umhüllter hervortritt. Das gläu⸗ bige Gemüth, das ſich kindlich der himmliſchen Vor⸗ ſehung hingibt, wird allerdings jene Führung von 1837. IVII. König v. Tauharawi. I.* 8 1 114 Oben weit leichter zu erkennen vermögen, als das weniger gläubige, dem die Innigkeit mit Gott frem⸗ der iſt. Der völlig glaubenloſe Menſch, dem eine weiſe Weltregierung nur aus blinden Zufälligkeiten zuſammengeſetzt iſt, der mit einer großen Hoffart und Uebermuth, mit ſeinem klügelnden Verſtande an allem Wunderbaren und Unerfaßlichen hienieden ſeine Zwei⸗ felſucht übt, ein ſolcher wird von jener höhern Füh⸗ rung freilich gar nichts verſpüren, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil der Zufall ſein Gott iſt und zu einer chriſtlichen Anſchauung ſein ſtolzes Herz ſich nicht zu erheben oder vielmehr zu demüthigen ver⸗ mag; denn die chriſtliche Gottanſchauung macht gerade die tiefſte Demuth zu einer Hauptbedingung. Unſer Ehregott hatte ſich ſeinen chriſtlichen Glauben treu bewahrt und darum erkannte er mit kindlicher Dankbarkeit in dem Schreiben des Paſtors Hanke eine Fügung des Himmels. Was ihm daher vor wenig Stunden noch ſehr ſchwer angekommen ſein würde, ward ihm jetzt ganz leicht:— der Ab⸗ ſagebrief an Fidelis. Um ſeine Mutter von dem Ernſte ſeines Entſchluſſes außer allem Zweifel zu ſetzen, ergriff er ſofort die Feder und ſchrieb an den jungen Briten. Er theilte demſelben offen und ehrlich mit, warum es ihm unmöglich ſei, von den ſo groß⸗ 115⁵5 müthigen Anerbietungen Gebrauch zu machen. Viele würden ihn darum einen Thoren ſchelten. Er müſſe ſich das gefallen laſſen. Er wolle aber vor der Welt lieber als Thor daſtehen, als vor ſeinem Gewiſſen als liebloſer Sohn. Das Schreiben des Fidelis, welches darauf einging, lautete folgendermaßen: „Gute Seele! Großes Fortün, wie es die Leute nennen, wirſt Du bei ſolchen Geſinnungen auf dieſer ſünd⸗ haften Welt freilich nicht machen. Was fragt letztere danach, ob ein Mutterherz gebrochen wird oder nicht? Herz— Liebe— Opfer— gelten dieſer klugen Welt für mythologiſche Begriffe, höchſtens gut, in einem Rührſtücke auf dem Theater verwendet zu werden. Glaube nicht, mein Ehregott, daß ich Dir zürne; im Gegentheil, ich achte, ich ſchätze Dich, und hoffentlich, daß wir nicht das letztemal auf dieſer Lebensreiſe zuſammengetroffen ſind. Sobald ich das Programm meines künftigen Schwiegervaters abgegeigt, treffen wir wieder zuſammen. Aber bis dahin entſchuldige, wenn ich mich wenig um Dich bekümmern kann, da ich wirklich alle Hände vollzuthun habe. Aber ſchreib' mir zuweilen, wie Dir es geht. Zu den wenig Tu⸗ genden, die ich beſitze, und die zugleich eine ſeltene Tugend iſt, gehört die, daß ich keinen Brief unbeant⸗ 8* 116 wortet laſſe. Lebe glücklich! Doch iſt ſolcher Wunſch bei Leuten, wie Du, Lurus. Wer den ſchönſten Schatz im Herzen trägt, kann zwar von feindlichen Mächten mannigfach geprüft, aber trotzdem nie unglücklich werden. Sein Anker ruht auf himmliſchem Meeres⸗ grunde. Fidelis.“ „Nachſchrift. Obſchon Du jetzt außer Stand geſetzt biſt, die von mir geſtellten Bedingungen zu erfüllen und mich als Reiſemarſchall zu begleiten, iſt gleichwohl für Dein ferneres Studium, ſowie zum beſten Deiner Mutter, eine hinreichende Summe bei dem Handels⸗ hauſe van der Werft in B. deponirt. F Das zweite Schreiben, welches Ehregott abfaßte, war an den Paſtor Hanke, worin er feinen Dank für gütige Protektion ausſprach, und das dritte an den Bankier Arnheim. Auf beide Zuſchriften erfolgten bald Antworten. Hanke lud in dem ſeinigen Ehre⸗ gott ein, daß er ihn, ehe er ſeine Stelle antrete, zuvor durch einen Beſuch erfreue, was ſich umſo leichter bewerkſtelligen laſſe, da Lindenthal, das Kirch⸗ dorf, wo Hanke ſein geiſtlich Amt verwaltete, auf dem halben Wege nach der Reſidenz gelegen war. Der Brief des Bankiers lautete zuſtimmend, doch erkannte man an der äußeren, wie inneren Form dieſes — 117 Schreibens, daß es mehr vom Geſchäftsmanne als vom Vater diktirt war. Bereits nach acht Tagen ſtand Ehregott reiſe⸗ fertig. Von dem Segen einer Mutter begleitet, hatte er ſeine Wanderung nach dem Orte ſeines neuen Berufes angetreten Wir finden ihn im Anfange dieſes Kapitels auf dem Wege nach Lindenthal, um ſeinem Gönner, dem Paſtor Hanke, den gewünſchten Beſuch und zugleich ſeinen Dank abzuſtatten. Nichts bietet wohl auf einer Wanderung durch geſegnete Gegenden einen anmuthigern Anblick dar, als ein freundliches Kirchdörfchen, hinter Aehren und Blumen verſteckt; die Dächer von blühenden Kirſch⸗ und Birnenbäumen umarmt; ein ſilberklares Bäch⸗ lein, das aus den Waldbergen kommt, ſpringt munter an Haus für Haus vorüber, während der alte Kirchen⸗ thurm wie ein treuer Hirte, der ſeine Schafe be⸗ wacht, ſein altes graues Haupt zum blauen Himmel emporſtreckt. Welcher Frieden über dem ganzen Bilde da tief im Abendrothe liegt. Ein ſolches Bild bot das freundliche Lindenthal, wo Paſtor Hanke wohnte, und welches das nächſte Ziel von Ehregott's Wan⸗ derung war. Der junge Mann konnte ſich nicht ſatt⸗ ſehen an der heitern und doch ſo friedlichen Idylle. Namentlich war es der alte Kirchenthurm, der bis 118 ans Dach in Grün und Blüten gehüllt ſtand, welcher des Wanderers Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Plötzlich ließ ſich ein Glockenſpiel vernehmen und eine Choralmelodie zog durch die Stille des Abends. Ehregott blieb wunderbar ergriffen ſtehen und lauſchte mit frommer Rührung den heiligen Klängen, die„* durch Blumen und Aehren daherklangen und un⸗ willkürlich erinnerte ſich ſeine Seele des Liedes: „Der manche Winternacht voll Sturm Und manche Donnernacht geſehen, O, ſieh den alten Kirchenthurm In ſeinem Frühlingskleide ſtehen. Aus weißem reichen Blütenmeer, Die bis zum Dach emporgedrungen, Ragt er empor, bemoost und hehr Von Lerchen frühlingshaft umklungen. Das Haupt in reinem Himmelsblau, Das Kirchlein ganz umhüllt von Blüten, So ſteht er, für die ganze Au Ein Bild vom ſchönen Gottesfrieden. Doch, ob des jungen Frühlings Pracht Ihn überſchattet reich mit Blüten, Ob Sturmgeheul, ob Winternacht Das alte graue Haupt umwüthen, Sein Glockenſpiel, treu zugethan, Läßt nimmer von dem Lied, dem alten; Drum ſtimmt der Thurm all Abend an: „Wer nur den lieben Gott läßt walten!“ 1¹9 Der Choral war verklungen. Wie ein Gruß von Oben hatten ſich die frommen Klänge an Ehre⸗ gott's Herz gelegt. „Welch ſchöne Sitte,“ ſprach er,„den ſtillen Abend mit einem frommen Liede zu begrüßen und 1* die ſcheidende Sonne mit einem ſolchen zu Grabe zu geleiten.“ Ehregott nahte ſich immer mehr dem Dörflein, über das tiefer die Schatten des Abends herab⸗ ſanken. Nach einem Viertelſtündchen ſtand er an der Pforte der Pfarrwohnung. Er zog den Glocken⸗ ring. Der treue Hofhund ſchlug an und bald fühlte ſich Ehregott von dem wackern Gaſtfreunde herzlich umarmt und in die geiſtliche Pfarrwohnung einge⸗ führt. Da der Abend ſo wunderſchön, hatte der Prediger Sorge getragen, daß unter der alten Linde im abendlichen Pfarrgarten ein Tiſchlein für die Vespermahlzeit gedeckt worden. Ein Fläſchchen guten Rheinweins lauſchte verſtohlen hinter einem mächtigen Schinken und einer Schüſſel voll Erdbeerkaltſchale hervor. Da Hanke nicht verheiratet, machte er ſich tein Gewiſſen, ſeinem Weinkeller eine beſondere Vor⸗ liebe zuzuwenden, und niemand war ihm lieber, als wer dann, ſo er eine gute Sorte aufgetragen, fleißig zuſprach. An Ehregott fand er freilich weder einen 120 ſtarken Weintrinker, noch Weinkenner; doch das ſtörte die Harmonie der beiden Freunde nicht, die bald bei dem freundlichen Abendtiſche ſaßen und bei dem Leuch⸗ ten des Abendſterns, der im himmliſchen Glanze am weſtlichen Himmel herabſchaute, ihre Erdbeerkaltſchale verzehrten. Es währte nicht lange, als das Geſpräch auf religiöſe und kirchliche Tagesfragen kam, die da⸗ mals die gebildete Welt hauptſächlich bewegten. Während auf der einen Seite ſich ein troſtloſer Ma⸗ terialismus kundgab, ein dürrer, unerquicklicher Ra⸗ tionalismus die Herzen austrocknete, erhob auf der andern Seite die erkluſive und verdammungsſüchtige Orthodoric donnernd ihr Haupt. „Es freut mich innig,“ ſprach der Prediger, indem er Ehregott die Hand reichte,„daß Sie, mein junger Freund, ſich ſowohl von der einen wie von der andern extremen Richtung ferngehalten haben.— Der Weg der Wahrheit und des Segens iſt ſicher nicht bet jenen ertremen Parteien zu ſuchen. Medio tutissime ibis, iſt ein Spruch, der ſeine Wahr⸗ heit nie verläugnet hat. Auch ich,“ fuhr der würdige Geiſtliche fort,„gehörte früher jener freigeiſtigen Richtung an, die, von unverſiegbarer Zweifelſucht gequält, den Maßſtab unſeres Verſtandes und Wiſſens ſelbſt an ſolche göttliche Dinge und Erſcheinungen 121 legt, welche über den Geſetzen unſeres Denkvermögens weit erhaben ſtehen. Dieſe Richtung ward zu meiner Zeit ſelbſt von ſehr hervorragenden Geiſtern vertreten und ſie hat in negativer Hinſicht gewiß auch ihr Gutes gehabt. Sie kommt mir vor wie Höllenſtein, um die Auswüchſe der entgegengeſetzten Richtung hinwegzu⸗ beizen. Wie die Homöopathie ebenfalls ihr Gutes ſchon dadurch bewirkte, daß ſie die Allopathie zu größerer Einfachheit zurückführte, ſo auch auf kirchlichem Ge⸗ biete. Ich halte es ſogar für eine recht weiſe Einrich⸗ tung vom Himmel, wenn die Jugend und namentlich die theologiſche Jugend erſt durch das Fegefeuer des Zweifels zu einem Glauben gelangt, der uns allein mit Gott und Chriſtum verſöhnt und der mir deßhalb als der wahre Glaube erſcheint, weil er den Frieden des Geiſtes und Gemüthes wunderbar befördert. Ich verſtehe aber unter wahrem Frieden einen ſolchen, der durch keine Seiltänzerſprünge eines grübelnden Verſtandes wieder wankend gemacht werden kann. Dieſer wahrhaft Kraft erweckende Glaube wird aber nicht gewonnen, indem wir auf die erſte beſte Glau⸗ bensformel ſchwören, ſondern er iſt der Siegespreis eines vft ſehr ſchweren und ſehr langen Kam⸗ pfes. Jener ſchöne fromme Glaube, wie ihn uns die 122 fromme Mutter gelehrt hat, wie wir ihn in der erſten Schule erlernten, wie leicht kann dieſer wankend ge⸗ macht, ja gänzlich verloren werden. Wie wenig iſt er oft im Stande uns zu ſchützen, ſobald wir in die große Welt treten, wo von allen Seiten Zweifel und Sünde über uns hereinbrechen. Hier gilt es, tapfer zu kämpfen; aber wie weiſe zeigt ſich die göttliche Einrichtung auch hier. Dasſelbe Leben der großen Welt, das uns den frommen Glauben genommen, führt uns auch zu demſelben zurück, ſobald wir uns nur ernſthaft angelegen ſein laſſen, den inneren Frie⸗ den wiederzufinden.“ Ehregott pflichtete den Worten ſeines Gaſtfreun⸗ des vollkommen bei. „Auch ich,“ ſprach er,„habe die Periode des Zweifels, welche Sie, mein hochwürdiger Freund, ſehr richtig mit einer Art Fegefenuer vergleichen, durchge⸗ macht; doch nahm ſich Gott meiner bald wieder an, und ich kehrte, wie der verlorene Sohn, mit Demuth und kindlicher Liebe zu dem Vater zurück.“ Der fromme Prediger hielt die Hände gefaltet und ſchaute nach dem ſinkenden Abendſtern. Auf ſeinem milden Antlitz ruhte der tiefe Frieden ſeines Innern und mit einer Ueberzeugung, wie ſie nur der 123 nach langem Kampfe errungene Glaube zu geben vermag, ſprach er: „O, Zweifler, laß Dein Grübeln, Sinnen Rach Dingen, die da unerforſchlich ſind, Du ſtehſt in Nebeln mitten innen, Ein hilflos, ein verlaſſen Kind; Wer, daß er jedes Räthſel löſe, In ſtolzer Hoffart ſich vermißt, Erkennt zuletzt in ſeiner Blöße Nur, daß er ſelbſt unglücklich iſt. Du fragſt: ward mir für dieſes Leben Nicht Forſcherdrang, Geiſt und Verſtand? Ja forſchen ſollſt Du, raſtlos ſtreben, Doch wiſſe, nur an Gottes Hand. Wie willſt Du Wahrheit, Weisheit finden, Sobald Du jenen Gott vergißt, Den Gott, der in den letzten Gründen Ja aller Weisheit Anfang iſt? Und wenn Du Dich mit Wiſſen bläheſt, Mit des Verſtandes ſchärfſtem Licht, Sobald Du Deinen Gott verſchmäheſt, Spricht auch Dein Mund die Wahrheit nicht. Dann ſteht, o glaub es, hoher Seher, Ein betend Kind in heil'ger Ruh Dem großen Vaterherzen näher, Als all mit Deiner Weisheit Du. ———— 124 Du biſt kein Troſt für kranke Seelen, Wie hochgelahrt Dein Mund auch ſpricht, Warum? ich will Dir' nicht verhehlen, Weil Dir es ſelbſt an Troſt gebricht. Du biſt kein Stab für Schwache, Müde, Um zu erleichtern ihre Laſt, Weil im verhärteten Gemüthe Du ſelbſt den Stab verloren haſt. Wer gibt mir Kraft zu allem Guten? Wer ſchenkt mir Frieden, Himmelsruh? Wer, wenn des Herzens Wunden bluten, Deckt ſie mit ſeinem Balſam zu? Nicht Du, der ſelber troſtlos, trübe, Sich zweifelnd quälet früh und ſpat, Nicht Du, nein, meines Vaters Liebe, Wenn ſich ſein Kind ihm bittend naht!“ Ehregott hatte nicht ohne Bewegung den gläu⸗ bigen Verſen zugehört. Dann wiederholte er mit tiefer Empfindung die Worte: „Ja, wie hochgelahrt ihr Mund auch ſpricht, Sie ſind kein Stab für Schwache, Müde, Weil ihnen ſelbſt der Stab gebricht! Wie oft habe ich das gefunden. Wie zu bekla⸗ gen ſind jene, die jedes Räthſel vermöge ihres Geiſtes zu erforſchen ſich bemühen und immer au 125 neue und größere Räthſel ſtoßen. Ich habe unter dieſen oft ſehr gelehrten Köpfen nie einen recht Glücklichen gefunden, nie einen, der mit ſich, mit Gott und der Schöpfung im Einklang ſich befunden hätte.“ „Dieſe Erſcheinung,“ meinte der Prediger,„er⸗ klärt ſich ſehr leicht. Anſtatt, daß jene beklagens⸗ werthen Menſchen Gott in großer Demuth danken ſollten, weil er ſie mit ſo reichem Geiſte und Wiſſen ausgeſtattet, glauben ſie in ihrem Uebermuthe auf eigenen Füßen ſtehen zu tönnen. Und hierdurch eben brechen ſie ſich den Stab; hierdurch geſchieht es, daß kein Frieden in ihnen wohnt, ſondern Hof⸗ fart und Mißmuth. In der Regel pochen ſolche Leute viel auf ihr Sittengeſetz. Wie manchen habe ich faſt renommiſtiſch ausrufen hören: Ich thue das Gute um des Guten willen, ich verlange weder Gnade, noch Belohnung von Gott. Das Sittenge⸗ ſetz genügt mir. Euern Chriſtenglauben brauch' ich nicht!— O, mein junger Freund, und wie war es oft ſo mißlich um die Sittlichkeit dieſer Tugendhel⸗ den beſchaffen. Ja, einige dieſer Unglücklichen habe ich ſelbſt gekannt, welche durch ihre freigeiſteriſche Richtung zum Selbſtmord geführt wurden. Nachdem ihnen das Leben keinen Reiz mehr bot, warfen ſie es hin mit einer Leichtigkeit, mit einer Gewiſſenloſig⸗ 126 keit, wie man ſich eines läſtigen Kleidungsſtückes ent⸗ ledigt. Kann aber eine Lehre, eine Philoſophie oder Religion die wahre ſein, die zum Selbſtmord führt?“ „Gewiß nicht“, verſetzte Ehregott. „Ich gehe etwas weiter,“ fuhr der Prediger fort, der, wenn er auf ſolche Geſpräche kam, etwas warm zu werden pflegte.„Wie Viele gibt es auch, welche da glauben, den ganzen Segen des Chriſten⸗ thums zu beſitzen, ſobald ſie ihr Leben ſtreng nach der Sittenlehre Chriſti einrichten und den Kern der geſammten Chriſtusreligion in dem Spruche des Meiſters finden:„Was Du willſt, daß Dir die Leute thun ſollen, thue ihnen auch.— Ich will nur ge⸗ ſtehen, mein junger Freund, daß es mir eine ge⸗ raume Zeit nicht beſſer ergangen iſt. Auch findet man gewiß treffliche Menſchen, die dieſer Richtung angehören. Sie ſind edel, gut, demüthig, ſelbſtauf⸗ opfernd— aber die Perſon Chriſti läßt ſie gleich⸗ giltig. Wir haben ſeine Lehre, ſagen ſie, was brau⸗ chen wir mehr? Ob er auferſtanden, Wunder ver⸗ richtet, zum Himmel gefahren, ſind alles Dinge, über die wir nicht ſtreiten wollen. Wir laſſen ſie auf ſich beruhen. Die himmliſche Lehre iſt uns die Haupt⸗ ſache. Und wie viel Tauſende gibt es, die heutigen Tages noch ſo ſprechen. Wir wollen ihnen darum nicht zürnen, geſchweige nach Art eine r finſtern Or⸗ thodorie das Verdammungsurtheil über ſie ausſpre⸗ 8 chen; aber beklagen wollen wir ſie auftichtigen Her⸗ zens, daß ſie von der herrlichen Blume des Chriſten⸗ thums gleichſam mit ein paar ſchönen Blättern zu⸗ frieden ſind und von dem Herzblatte dieſer herrli⸗ lichen Blume, welches gerade die Perſon Chriſti iſt, und zwar die göttliche Perſon Chriſti, weniger wiſſen wollen. Die chriſtliche Moral iſt etwas für⸗ treffliches, aber es fehlt ihr die himmliſche Weihe ohne die Perſon Chriſti; ſie iſt eine wunderſchöne Blume, aber es fehlt ihr Duft, der Thau des Him⸗ mels, der beſeligende Glaube, daß es der Mund eines Gottes war, der jene Lehre der hilfsbedürfti⸗ gen Menſchheit verkündete Und nicht allzuſchwer iſt jener herrliche, beſeligende Glaube zu uns nur recht darum zu thun iſt, erringen, wenn ihn zu finden. Ihn abſolut anbefehlen, iſt wohl kaum der richtige Weg. Er muß eine freie Errungenſch aft des eigenen Geiſtes und Gemüthes ſein. Um ihn zu erlangen, bedarf es durchaus nicht, daß wir der Vernunft alle Forſchung unterſagen; im Gegenth eil, bei vielen wird er durch ſolches Forſchen erſt gefunden. Aber eine Hauptſache dabei iſt, daß mar Willen und mit mit redlichem kindlichem Herzen forſcht. Wie ſeid 128 Ihr zum Beiſpiel, mein junger Freund, bei dieſer hochwichtigen Angelegenheit zuwerke gegangen?“ „Ich ſchlug den Weg ein,“ antwortete Ehre⸗ gott,„den Ihr ſo eben angedeutet. Ich forſchte mit redlichem Streben und einfältigem Herzen in der Schrift und bei den weiſen Männern, die uns über⸗ haupt Berichte über jene hochwichtige Zeit, in wel⸗ cher Chriſtus lebte, hinterlaſſen haben, und gelangte, ohne irgend mich Schwärmereien hinzugeben, ohne meinem Gefühl, dem forſchenden Geiſte gegenüber, zu große Macht einzuräumen, zu der vollkommenſten Ueberzeugung, daß ein bloßer Menſch, und wenn er mit den außerordentlichſten Gaben ausgeſtattet gewe⸗ ſen, nun und nimmer das zu leiſten vermocht hätte, was Chriſtus, der eingeborne Sohn Gottes, geleiſter hat. Der große Weiſe von Paläſtina, wie die Rationaliſten den Heiland nicht ſelten zu nennen belieben, wäre als bloßer Weiſer nimmer im Stande geweſen, die ganze Menſchheit emporzuheben aus Heidenthum und Sünde. Man muß die Erſcheinung Chriſti und ihre Wirkung mit nüchternem Geiſte im großen Ganzen auffaſſen, man muß dieſe vollkom⸗ men neue, zweite moraliſche Schöpfungsperiode in Einklang mit der früheren Schöpfungsperiode brin⸗ gen, und man wird in Demuth ſein Haupt neigen 129 und, was auch der grübelnde Verſtand dagegen ein⸗ wenden mag, in aller Klarheit die große Wahrheit als eine unerſchütterliche erkennen, daß Chriſtus ein Weſen weit höherer Natur war, als alle weiſen Männer, die je die Weltgeſchichte mit ihrem Glanze erfüllt.“ Der Prediger, von Ehregott's Rede wohlthuend berührt, ergriff das Glas und klang mit dem jungen Manne an. „Mir aus der Seele geſprochen! Ach, warum gibt es noch ſo Viele, die dieſen ſchönen beſeligenden Glauben, der unſerer Vernunft ja gar nicht zu nahe tritt, nicht in die Seele und ins Herz faſſen. Und ſpricht für ſeine Wahrheit nicht auch die Erfahrung? Was iſt denn aus allen Glaubensgemeinden gewor⸗ den, die mit der chriſtlichen Moral allein auszukom⸗ men hofften und den Glauben an die Göttlichkeit Chriſti mit ihrer Vernunft nicht für vereinbar hiel⸗ ten? Was waren ſie? Bäume ohne Wurzeln und ihren Blüten fehlte der Duft und der Thau des Himmels. Ich würde nicht ſo aus Ueberzeugung ſpre⸗ chen, wenn ich nicht die rationelle Schule ſelbſt durchlaufen und als ſtrebender Jüngling, der es liebt, ſtolz der eigenen Kraft zu vertrauen, dafür be⸗ geiſtert gepredigt hätte. Und trotzdem muß ich geſte⸗ 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 9 130 hen, daß ich ſelbſt in der Zeit, wo ich es der Würde meiner Vernunft durchaus für unangemeſſen hielt, eine Göttlichkeit der Perſon Chriſti zuzugeben, wollte ich mich erbauen, die Predigt des ſtreng⸗ gläubigen Geiſtlichen der des rationellen Predigers vorzug. Es fehlte ein Etwas, das der Rationaliſt nicht zu geben vermag. Wie danke ich darum mei⸗ nem himmliſchen Vater alltäglich in meinem Gebete, daß er mir in ſpätern Jahren dieſes Etwas gegeben hat; es iſt der lebendige Glaube an den eingebor⸗ nen Sohn Gottes, jene nie verſiegende Heilquelle für alles Leiden dieſes Lebens.“ Nach einer Pauſe fuhr der würdige Mann Gottes fort:„Und weil ich von Euch wußte, lieber Friedberg, daß Ihr dieſen beſeligenden Glauben theilt, darum eben gab ich Euch unter zahlreichen theolo⸗ giſchen Bewerbern um jene Stelle den Vorzug. Ihr kommt in eine Familie, die zu den ſogenannten ſpe⸗ zifiſch weltlichen Familien gehört, und wo es nur von Heil und Segen ſein kann, wenn ein Mann, wie Ihr, auftritt, der einem herzaustrocknenden Rationa⸗ lismus ebenſo fern ſteht, wie dem finſtern Glau⸗ benseifer eines Buchſtabengläubigen, ſondern die Himmelslehre unſeres Heilandes mit jener Milde ver⸗ kündet und dafür die Gemüther zu gewinnen ſucht, 131 wie ja der Meiſter ſelbſt mit ſo leuchtendem Bei⸗ ſpiele vorangegangen iſt.“ Der Prediger verbreitete ſich jetzt weiter über die Familie Arnheim. „Ihr findet lauter gute Leute,“ ſprach er,„aber eben nur gute Leute, wie ſie Reichthum und glück⸗ liche Verhältniſſe mit ſich bringen. Unglück, Kum⸗ mer, Herzeleid ſind ihnen höchſtens aus Romanen und Schauſpielen bekannt. Die Welt preiſt ſie glück⸗ lich und findet ſie beneidenswerth, und gleichwohl fehlt ihnen die Hauptſache, jener Stab, auf den ſie ſich ſtützen können, ſobald einmal der Sturm des Unglücks über ſie hereinbricht. Sie beſuchen die Kirche, weil es die Sitte mit ſich bringt; ſie ſind auch wohlthätig, weil es ihre angeſehene Stellung in der Geſellſchaft verlangt. Man wird den Namen Arnheim ſelten auf einem Subſkriptionsbogen ver⸗ miſſen, wo es ſich um einen guten Zweck handelt. Bei ſo großem Vermögen ein paar Thaler mehr oder weniger, was thut das. Von einer Einſchrän⸗ kung, einer Entſagung, einer Opferbereitwilligkeit iſt bei dieſer Art von Wohlthätigkeit natürlich nicht die Rede. Und gleichwohl glaubt man auf ſolche Art alles gethan zu haben, den lieben Gott zufrieden⸗ zuſtellen, damit er Nachſicht übe, wenn auf der 132 andern Seite im bloßen Intereſſe der Eitelkeit und Genußſucht Hunderte zum Fenſter hinausgeworfen werden. Man bewegt ſich— wie leider in ſo vie⸗ len Familien der Fall— in dem ſogenannten be⸗ quemen Chriſtenthume, welches mit anſtandgemä⸗ ßem Kirchenbeſuche, nobeln Almoſen und Vermei⸗ dung der Verſtöße gegen die gute Sitte alles ge⸗ than zu haben glaubt, was man von einem Chriſtenmen⸗ ſchen überhaupt verlangen kann. Bei dieſem beque⸗ men Chriſtenthume denkt man freilich nicht an das Ausjäten jenes böſen Unkrauts, welches, je höher es emporwuchert, umſo mehr unſer Leben vergiftet und verunſchönt. Ich meine hier all die kleinen Schlangen und Schlängelchen, die ihr Reſt ſo gern im menſchlichen Herzen bauen; als da ſind Eitel⸗ keit, Hoffart, Neid, Mißgunſt, Verläumdung, Haß, Menſchenfurcht und was das Geziefer für Namen hat. So iſt Herr Arnheim ein tüchtiger Handels⸗ herr, der ſein Geſchäft gelernt hat und verſteht; aber in dem Worte HGeſchäft' läuft auch ſein gan⸗ zer Lebenszweck zuſammen. Alles, was außer Kur⸗ ſen und Prozenten das Leben theuer und angenehm macht, iſt ihm gleichgiltig. Wiſſenſchaft langweilt ihn, Schöpfungen der Kunſt nimmt er mit jener vlaſirten Gleichgiltigkeit und vornehmen Geringſchäz⸗ 133 zung hin, hinter welchen ſich Unkenntniß ſo gern zu verſtecken pflegt. Glaube und Religion find ihm höchſtens Dinge, gut genug, den ungebildeten Pöbel in Reſpekt zu halten. Wenn er ſeine Seele verſi⸗ chern könnte, wie man das Leben verſichern kann, wenn er ſich einen Wechſel auf die Seligkeit aus⸗ ſtellen laſſen könnte, würde er ſich bei dieſem„Ge⸗ ſchäft' vielleicht betheiligen. Der Begriff Unſterblich⸗ keit nimmt auf ſeinem Kurszettel den tiefſtſtehend⸗ ſten Poſten ein. Was wäre ihm auch Unſterblichkeit ohne Geſchäft. Ein unſterblicher Kredit, eine unſterb⸗ liche Firma find für ihn allenfalls Dinge, wo das Wort unſterblich in Betracht kommen könnte. Allerdings gibt es für dieſen Mann eine Glückſelig⸗ keit, aber dieſe beſteht nicht in einem glücklichen Leben nach dem Tode, ſondern in dem Gedanken, vom Landesfürſten, welchem er in Geldſachen nicht unbedeutende Dienſte geleiſtet, in den Adelſtand er⸗ hoben oder wenigſtens mit irgendeinem Orden ge⸗ ſchmückt zu werden. Falls man ihm dieſen Herzens⸗ wunſch erfüllte, würde er ſich für den Glücklichſten unter den Sterblichen halten. Hier kann man ſehen, wie verſchieden die Begriffe von Glück hienieden ſind. Das Kind iſt glücklich, wenn es ein Stecken⸗ pferd, eine bunte Puppe bekommt, der Knabe iſt 134 glücklich, wenn er die erſte Uhr erhält, der Liebende iſt glücklich im Beſitze einer Haarlocke der Geliebten, der Mann iſt glücklich, von ſeinem Fürſten mit einem Orden begnadet zu werden. Alle ſind glücklich und — wie vergänglich ſind dieſe geträumten Herrlich⸗ keiten! Ein Windhauch und ſie ſind verweht! Ach, daß die guten Menſchen auf geträumtes Glück ſo hohen Werth legen, während ſie das wahre Glück, das dauerhafte Glück, ich meine das kindliche Verhältniß zu ihrem himmliſchen Vater ſo wenig der Beachtung werth halten, daß ſie des Heilands Spruch:„Trachtet am Erſten nach dem Reiche Gottes“— ſo oft aus den Augen verlieren. Thörichte Menſchheit, was gibſt Du Dir für Mühe, ein armſelig irdiſch Gutzu erja⸗ gen, was arbeiteſt Du, was quälſt Du Dich; und um ein himmliſches Gutzu erlangen, biſt Du ſo träge, kaum die Hand zu erheben! „Was ich von Herrn Arnheim Euch mitge⸗ theilt,“ fuhr nach einer Pauſe der Prediger fort, „gilt im vergrößerten Maßſtabe auch von dem weib⸗ lichen Theile der Familie. „Frau Arnheim iſt eine ſtolze, faſt etwas hoch⸗ müthige Frau. Worauf ſie ſtolz iſt, weiß ich freilich nicht, wie mir überhaupt ein Räthſel iſt, worauf wir gebrechliche Menſchenkinder ſtolz ſein wollen. Bin ich 135 ſtolz auf meine Geburt, ſo iſt das ein umſo weniger gerechtfertigter Stolz, je weniger es mein Verdienſt geweſen, von hochgeſtellten Eltern geboren zu werden. Bin ich auf meinen Geiſt, meine Talente ſtolz, ſo ſind das Gaben von Gott, die mir oöllig unverdienter⸗ weiſe geworden, und bei welchen mich die Dankbar⸗ keit gerade Demuth lehren ſollte Bin ich ſtolz auf irdiſchen Reichthum, ſo iſt dieſer Stolz noch thörichter, weil mir Gott, der mir dieſe Güter anvertraut, ſie eben auch wieder nehmen kann. Es iſt alſo nur Ein Stolz denkbar, der ſich vielleicht rechtfertigen ließe, das iſt der Stolz auf hohe Tugend; aber wer hohe Tugend beſitzt, iſt wieder nicht ſtolz. Hier fällt der Stolz von ſelbſt weg. „Auf die beiden Töchter der Familie, Marianne und Joſephine, zu kommen, ſo ſind beides Weltkinder, wie wir ſie ſo oft in wohlhabenden Familien vor⸗ finden. Gefallſüchtig, putzſüchtig, für den Salon ge⸗ bildet, haben ſie kaum wohl darüber nachgedacht, ob ſie noch für etwas anderes geſchaffen, als um ge⸗ ſchmackvolle Toilette und ſpäter eine glänzende Partie zu machen. Sie ſind von Herzen nicht bös; aber das darin ruhende Gold iſt überwuchert von Unkraut, ſo daß nur ſelten ein goldener Blick hindurchleuchtet. um endlich auf Euren künftigen Zögling zu kommen, 136 ſo iſt er noch zu ſehr Kind, als daß ſich ſein Char⸗ akter ſchon jetzt beſtimmen ließe. Etwas verzogen wird er wohl ſein, da er der einzige Knabe iſt, und Ihr werdet daher wohlthun, gleich im Anfang eine etwas ernſte Stellung zu ihm einzunehmen. Hiermit alſo, mein junger Freund, habe ich das Feld gezeigt, auf welchem Ihr in nächſter Zeit zu arbeiten habt, und Euch mit den Perſonen etwas bekannt gemacht, in deren Nähe Ihr Euch bewegen werdet. Ich verſpreche mir von Eurer Wirkſamkeit nur Gutes. Gottes Segen wird bei Euch ſein!“ Ehregott dankte herzlich für die ihm geworde⸗ nen Mittheilungen und die zwei Freunde ſaßen noch lang bei einander in der herrlichen Frühlingsnacht. Golden zogen da Oben die Sterne dahin. Ueber den Waldbergen ſtand der Orion in leuchtender Pracht. Voran wandelte Aldebaran mit ihrer Gluck⸗ henne, dem Siebengeſtirn; noch weiter voraus zogen die Zwillinge Rechts zur Seite leuchtete Prochon... während im Hintergrund der Solitair des ganzen Sternenhimmels, der prachtvolle Sirius, in funkelnder Majeſtät ſtrahlte. Die beiden Freunde konnten ſich nicht ſattſehen an jenen fernen Sonnen, die ſeit Jahrtauſenden die⸗ ſelben Bahnen wandeln. 137 „Ja,“ ſprach nach langer Pauſe der Prediger nicht ohne Bewegung,„unſer göttlicher Freund hat Recht: In meines Vaters Hauſe ſind viele Wohnungen.“ Die Sinne ſchwindeln bei dem Gedanken, daß jene Welten, gegen welche unſere Erde zu einem Sand⸗ korne zuſammenſchwindet, nicht öde und unbewohnte Wüſten, ſondern daß ſie ebenfalls bevölkert ſind von Geſchöpfen, welche der Liebe Gottes ihr Daſein verdanken. Aber von welcher Beſchaffenheit jene Ge⸗ ſchöpfe, das iſt das Räthſel, worüber ſchon ſo man⸗ cher gegrübelt und vergebens gegrübelt!— Wie bei ſo vielen Räthſelfragen, thun wir auch hier am be⸗ ſten, anſtatt über unerforſchliche Dinge zu grübeln, gläubig die Hände zu falten und zu rufen: Lieber Gott, der Du auf unſerer Erde alles ſo weiſe ein⸗ gerichtet haſt, wirſt Deine Weisheit in demſelben Grade bewährt haben, wo es ſich nicht um eine kleine dunkle Erde, ſondern wo es ſich um uner⸗ meßlich große und leuchtende Sonnen handelt!“ Ehregott, der fortwährend nach dem Sternen⸗ himmel emporgeſchaut hatte, ſprach:„Wenn man ſich auch Mühe geben wollte, all dieſe leuchtenden Welten zu zählen, ſo würde das bei dieſer Menge doch eine vergebliche Mühe ſein.“ Der Prediger lächelte.„Und gleichwohl ſind 138 ſie gezählt,“ ſprach er,„nicht bloß die ſämmtlichen Sterne, die Ihr hier mit bloßen Augen zu erkennen vermögt, ſondern eine noch weit größere Anzahl, die erſt durch die Ferngläſer dem Auge ſichtbar wird. Nicht bloß gezählt ſind ſie, ſondern auch auf das ſorgfältigſte beobachtet, ja von vielen kennt man ſelbſt ihr mehr oder minder ſchnelles Fortrücken im Weltenraume. Alſo könnt Ihr getroſt behaupten, daß ſelbſt das kleinſte unbemerkteſte Lichtfünkchen, das Ihr da Oben ſchimmern ſeht, für den Aſtronomen ein Gegenſtand der ſorgfältigſten Beobachtung und Berechnung iſt. Von all dieſen Sternen da Oben, ſo Ihr mit bloßen Augen ſehet, iſt keiner, der nicht auf den aſtronomiſchen Sternkarten verzeichnet ſtünde, der nicht ſeinen Namen, ſeinen Buchſtaben oder ſeine Zahl hätte.“ „So weit wäre die Aſtronomie vorgerückt?“ frug nicht ohne Verwunderung Friedberg, deſſen Kenntniß des Sternenhimmels nicht über das ge⸗ wöhnliche Wiſſen der Laien hinausging. „O, mein junger Freund,“ verſetzte der würdige Pfarrer,„da haben es unſere heutigen Aſtronomen noch viel weiter gebracht. Bedenkt, daß bereits der große William Herſchel, der noch dem vorigen Jahr⸗ hundert angehört, vermittelſt ſeines Rieſenteleſkops 139 den uns ſichtbaren Theil der Milchſtraße in nicht weniger denn achtzehn Millionen unterſcheidbare Sterne aufgelöst, die uns jedoch ſo fern ſtehen, daß von den nächſten der Lichtſtrahl viertauſend Jahre brauchen würde, um zu unſerer Erde zu gelangen. Betrachtet ferner jenen hellen Flecken dort oben im Sternbilde des Schwans. Da ſtehen auf der Fläche von wenigen Vollmondgrößen an die fünfzigtauſend, dem wohlbewaffneten Auge unterſcheidbare, Sterne. Ein gleiches gilt von der hellen Stelle dort unter dem Gürtel des Orion, des ſogenannten Jakobſta⸗ bes. So weit war ſchon Herſchel und welche groß⸗ artigen, Geiſt und Herz erhebenden Entdeckungen ſind von der neueren Aſtronomie gemacht worden!“ „O, verehrter, väterlicher Freund,“ bat Ehregott, „theilt mir doch einiges von dieſen neuen Ent⸗ deckungen mit. Es gibt nichts erhebenderes für mich, als wenn ich bewundernd ſehe, wie weit es die menſchliche Wiſſenſchaft in der Erforſchung der Wunderwerke Gottes gebracht hat.“ „Es iſt das ein gar großes Feld,“ verſetzte der Prediger,„und ich würde bis morgen Früh erzählen müſſen, wollte ich Euch nur einen ſchwachen Umriß von dem jetzigen Stande dieſer Königin aller Wiſſen⸗ ſchaft geben. Ich will mich daher nur auf einige 140 der bedeutendſten Entdeckungen aus dem Gebiete der neueſten Aſtronomie beſchränken und will daher zu⸗ nächſt von einem Triumphe der Theorie, von der Entdeckung oder vielmehr der Errechnung des Pla⸗ neten Neptun einige Worte ſagen.— Schon ſeit längerer Zeit waren die Aſtronomen infolge der Unregelmäßigkeiten, die ſich im Laufe des Planeten Uranus vorfanden, auf die Vermuthung gerathen, daß dieſe Störungen wahrſcheinlich von einem jen⸗ ſeitigen Planeten herrühren müßten. Aber wo ſteckte dieſer Störenfried? Das war die Frage. Da ſetzt ſich in Paris Herr Leverrier, ein aſtronomiſcher Re⸗ chenmeiſter, hin und rechnet, nicht bloß das Blaue, ſon⸗ dern ſelber die Sterne vom Himmel. Er errechnet die Bahn, den Abſtand von der Sonne, die ungefähre Größe dieſes unbekannten Planeten und theilt ſein Rechen⸗ erempel der pariſer Akademie mit. Die Sache macht natürlich großes Aufſehen in der ganzen gelehrten und beſonders der aſtronomiſchen Welt. Der neue Planet iſt ſo gut wie gefunden, nur der Ort, wo er ſich befindet, iſt noch unbekannt. Alſo ſetzt ſich Herr Leverrier von neuem hin und rechnet. Und als er mit ſeiner abermaligen Rechnung fertig, nimmt er einen Briefbogen und ſchreibt an ſeinen Kollegen Galle in Berlin:„Richten Sie, ſchreibt er, Ihr 141 Teleſtop den und den Tag, die und die Stunde da und dahin, ſo werden Sie einen Stern achter Größe entdecken, der auf Ihrer neuen Sternkarte nicht ſteht. Herr Galle that, wie ihm geheißen, und fand an der bezeichneten Stelle richtig den Neptun. Nun müßt Ihr wiſſen, was es bedeuten will, einen Stern achter Größe unter jenem Sternengewimmel auffindig zu machen; da es eines ganz klaren Himmels bedarf und man ein ſehr ſcharfes Auge haben muß, ohne Fernglas nur die Sterne fünfter Größe zu erkennen.“ „Da hat man wohl auch berechnet,“ frug Ehre⸗ gott,„wie viel Sterne man überhaupt mit bloßen Augen erblicken kann?“ „Nichts iſt leichter,“ erwiederte der Prediger. „Die Anzahl der Sterne, die wir mit bloßem Auge (doch muß dasſelbe ziemlich ſcharf ſein) zu erkennen vermögen, beläuft ſich auf etwa dreitauſend. Dieſe Anzahl wächſt jedoch im gewaltigen Maßſtabe, ſo⸗ bald wir immer ſtärkere Teleſkope zur Anwendung bringen. Bei der achten Größe wird ſich die Anzahl der ſichtbaren Sterne leicht an die Hunderttauſend belaufen.“ Ehregott faltete unwillkürlich die Hände.„Ja,“ ſprach er,„in unſers Vaters Hauſe ſind viele Woh⸗ nungen.“ „Eine andere, nicht minder wichtige Entdeckung, die wir der neueren Aſtronomie verdanken,“ fuhr der Prediger nach einer Pauſe fort,„beſteht darin, daß man von einigen der ſogenannten Firſterne ſogar ihre Entfernung von derErde wiſſenſchaftlich nachgewieſen hat, eine Berechnung, die in allen ver⸗ gangenen Jahrhunderten von den Aſtronomen für eine Unmöglichkeit gehalten wurde. Um den Abſtand jener fernen Welten von der Erde zu meſſen, bedarf man, nach den bekannten mathematiſchen Geſetzen, eine Linie, das erforderliche Dreieck darauf zu er⸗ richten. Wo aber eine ſo lange Linie auf der kleinen Erde herbekommen? Man nahm daher früher die Zuflucht zum Durchmeſſer der Erdbahn um die Sonne (beiläufig eine Länge von vierzig Millionen Meilen). Aber ſelbſt dieſe Linie ſchrumpfte in Betracht der ungehenern Entfernung jener Firſterne zu Einem Punkte zuſammen. Von einem bloßen Punkte aus aber können keine Berechnungen angeſtellt werden. Nichtsdeſtoweniger iſt es der neueren Aſtronomie gelungen, theils durch Hilfe der optiſchen Doppel⸗ ſterne, theils durch verbeſſerte Inſtrumente, die Ent⸗ fernung einiger jener Sonnen wiſſenſchaftlich nach⸗ zuweiſen.“ „Und wie weit ſtehen wohl die nächſten?“ frug 143 Ehregott, der für dieſes intereſſante Kapitel immer regeres Intereſſe gewann. „Da drüben über dem Walde,“ erwiederte der Prediger,„ſteht gleich Einer der Nächſten. Es iſt die herrlich ſtrahlende Wega im Sternbilde der Leier. Von dieſem ſchönen Sterne, der etwa in zwölftau⸗ ſend Jahren Polarſtern ſein wird, braucht der Licht⸗ ſtrahl, der den Weg von unſerer, zwanzig Millionen Meilen entfernten, Sonne in acht und einer halben Minute zurücklegt, zehn Jahre.“ „Herr des Himmels!“ rief Ehregott,„zehn Jahre bei der ungeheuern Geſchwindigkeit des Licht⸗ ſtrahls!“ Der in der Sternenwelt nicht unbewanderte geiſt⸗ liche Herr lächelte. „Und zehn Jahre,“ ſprach er,„was find ſie gegen andere Entfernungen? Ich habe bereits vor⸗ hin erwähnt, daß das Licht von den nächſten Sternen der Milchſtraße, ehe es bis zu uns kommt, auf vier⸗ tauſend Jahre berechnet wird. Was iſt aber ſelbſt dieſe Entfernung gegen jene Nebelflecken, die Milch⸗ ſtraßen für ſich bilden Von ihnen nimmt man an, daß das Licht zweihunderttauſend Jahre gebraucht, ehe es zu uns gekommen. Alſo jene entfernten Sterne können bereits vor hunderttauſend Jahren und län⸗ 144 untergegangen ſein und wir ſehen ſie gleichwohl noch.“ „Man ſchwindelt bei dieſen Gedanken,“ ſprach Ehregott,„und ſinkt hin in Demuth vor dem All⸗ mächtigen.“ „Allerdings,“ geſtand der Prediger,„wenn doch der Menſch, ſobald ihn Stolz, Hoffart und Eitel⸗ keit beſchleichen, das erſte beſte aſtronomiſche Buch zur Hand nähme, wie bald würde er darin die All⸗ macht Gottes und ſein eigenes Nichts erkennen.“ „O bitte,“ ſprach Ehregott,„erzählt noch ein⸗ wenig von den Sternen und den herrlichen Werken dort Oben.“ „Eine nicht minder intereſſante Erſcheinung der neuern Aſtronomie,“ fuhr der Prediger fort,„ſind die ſogenannten Doppelſterne, die freilich nur mit bewaffnetem Auge aufzufinden ſind, aber trotzdem ungemeines Intereſſe darbieten. Seht dort den zwei⸗ ten Deichſelſtern im Himmelswagen, den Mizar, das iſt ein ſolcher Doppelſtern, deren Anzahl übrigens in neueſter Zeit bereits auf ſechstauſend angewach⸗ ſen iſt.“ „Aber,“ entgegnete Ehregott,„ich mag mir die⸗ ſen Stern betrachten, ſo ſcharf ich will, ich finde 145 durchaus keinen Unterſchied von den andern Sternen gleicher Größe“ „Das iſt ja eben das Merkwürdige, daß alle dieſe Doppel⸗ und mehrfachen Sterne dem bloßen Ange, oder auch durch ein mäßiges Fernrohr be⸗ trachtet, als vollkommene Einheit erſcheinen, während ſie bei ſchärfern Inſtrumenten in zwei, drei und mehr Sterne auseinanderſpringen, die in der unterſchiedlichſten Farbenpracht leuchten. In der Regel iſt die Neben⸗ ſonne kleiner und bewegt ſich nach den Kepler'ſchen Geſetzen elliptiſch um die größere Hauptſonne. Zu⸗ weilen aber ſind auch beide Sonnen von gleicher Größe und gleicher Farbe und bewegen ſich um einen unſichtbaren Schwerpunkt. Der intereſſanteſte Dop⸗ pelſtern iſt dort im Orion, ein Stern dritter Größe. Dieſer ſpringt bei höchſter Kraft der Inſtrumente in ſechszehn Sonnen auseinander. Was ſchließlich die Farbe dieſer Doppelſterne anbetrifft, ſo findet die höchſte Mannigfaltigkeit ſtatt. Bald iſt die eine Sonne ſilberweiß, die zweite ſaphirblau, die eine grün, die andere goldgelb, die eine roth, die andere aſchgrau. Kurz, es finden alle nur denkbare Far⸗ benſchattirungen ſtatt, und ſind dieſe Farben, wie die Wiſſenſchaft nachgewieſen hat, nicht etwa vptiſche Täuſchungen, wie man früher glaubte, ſondern die 1857. XVII. König v. Tauharawi I. 10 146 Farbe iſt dem betreffenden Himmelskörper eigenthüm⸗ lich. Ueber die Farbenpracht der Sterne hat der jün⸗ gere Herſchel, welcher mehrere Jahre vom Cap der guten Hoffnung aus den Südhimmel teleſkopiſch unterſuchte, die wunderbarſten Entdeckungen gemacht. In jenen Südzonen gibt es am Himmel Stellen, wo es genau ausſieht, als habe die Allmacht Per⸗ len und Edelſteine in der herrlichſten Farbenauswahl an den Himmel geworfen. Alſo kann man getroſt behaupten, daß es im unermeßlichen Weltmeere grüne, veilchenblaue, roſenrothe, goldgelbe und lilienweiße Sonnen gibt. Daß ſich jedoch dieſe Farben der Sterne mit der Zeit ändern, davon liefert dort der herrliche Syrius den auffallendſten Beweis. Dieſe gewaltige Sonne, welche jetzt in ſilberklarem Lichte ſtrahlt, leuchtete vor zweitauſend Jahren dunkelroth, weßhalb ſie auch von den Alten canicula rubra genannt wurde. Aber nicht bloß die Farbe, auch die ſchein⸗ bare Helligkeit verändern manche Sterne, indem ſie in gewiſſen Zeiten an Glanz abnehmen. Dort oben ſteht ein Stern im Sternbilde des Perſeus, ſein Name iſt Algol oder das Meduſenhaupt. Dieſer finkt in einem Zeitraume von genau achtundſechszig Stunden von einem Stern zweiter Größe zur dritten Größe herab, worauf er zu dem früheren 147 Glanze zurückkehrt Ein ähnliches findet dort im linken Achſelſtern des Orion ſtatt; nur, daß hier der Zeitraum etwa dreiviertel Jahre beträgt. Es ſind dieß die ſogenannten veränderlichen Sterne, de⸗ ren Lichtwechſelperioden man berechnet hat. Außer⸗ dem findet ein Lichtwechſel noch bei vielen anderen Sternen ſtatt, wo es aber der Wiſſenſchaft noch nicht gelungen iſt, denſelben periodiſch zu berechnen. So haben dort die ſieben Sterne des großen Himmels⸗ wagens in nicht zu großem Zeitraume ſämmtlich ihr Licht gewechſelt. Einen haltbaren Grund hat die Wiſſenſchaft für dieſe merkwürdige Erſcheinung noch nicht aufzufinden vermocht, obſchon es an Hypothe⸗ ſen, dieſes Räthſel zu löſen, nicht fehlt.“ „Nicht wahr,“ frug der wißbegierige Ehregott, „der Begriff Firſtern hat in der neuern Aſtronomie ſeine Bedeutung verloren, indem auch die Firſterne nicht mehr am Himmelsgewölbe gleichſam angeheftet ſind, ſondern ihre Bewegung haben?“ „Allerdings,“ geſtand der Prediger,„der Begriff von Ruhe und Stillſtand ſcheint dort Oben vollkom⸗ men unbekannt— Alles iſt Bewegung. Man nimmt daher mit Gewißheit an, daß unſere Sonne mit all ihren leuchtenden Schweſtern ſich um eine große Zentralſonne bewegt. Man hat ſogar Ort im 10˙ 148 Weltraum angegeben, nach welchem dieſe Sternen⸗ bewegung ihren Lauf nimmt. Dieſe Stelle befindet ſich dort im Sternbilde des Herkules.“ Der geiſtliche Herr machte ſeinen jungen Freund mit dieſer merkwürdigen Stelle bekannt. „Die ſchnellſte Eigenbewegung,“ fuhr er fort, „hat man an einem Sterne wahrgenommen, der zwar dort im großen Bären ſteht, den wir aber mit bloßen Angen nicht zu erkennen vermögen. Er führt in den Sternenverzeichniſſen die Zahl 1830 und iſt der aſtronomiſchen Welt unter dem Namen:„Stern des Archelander“ bekannt. Dieſer Stern verändert ſeine Stellung in fünfhundert Jahren um einen halben Grad, alſo um eine Vollmondbreite. Wenn aber die ſchnellſte Sonne in fünfhundert Jahren nur einen Vollmond breit weiter rückt, kann man annehmen, daß die Bewegung, wenigſtens für den menſchlichen Aſtronomen, ziemlich langſam von ſtatten geht. Die Annahme des verdienten Aſtrvnomen Mädler, daß die Zentralſonne, um welche ſich unſer geſammtes Firmament bewege, in dem hellen Sterne der Ple⸗ jaden, in der Alcyone zu ſuchen ſei, hat Mädler ſpäter ſelbſt als unhaltbar zurückgenommen. Demnach iſt auch möglich, daß der Schwerpunkt, um welchen ſich die vielen Millionen Sonnen unſeres Firmaments bewegen, nicht in einem Sonnenkörper, ſondern im leeren Raume liegt. Doch kann auch der fromme, gottbegeiſterte Sänger Recht haben, wenn er ruft: Um Erden wandeln Monde, Erden um Sonnen, Aller Sonnen Heere Um Eine große Sonne.“ Indeß, mein junger Freund, ſeht, wie der Orion geſunken und dort der Himmelswagen ein groß Stück rückwärts geſchoben worden iſt, die Nachtluft weht von den Waldbergen herüber; Ihr werdet ermüdet ſein von Eurem Tagmarſch; darum wollen wir die Sterne ruhig weiter ziehen laſſen und unſer weiches Lager ſuchen.“ „O,“ erwiederte Ehregott,„ich könnte Euch die ganze Nacht zuhören. Solche Mittheilungen über die Sternenwelt hör' ich zu gern. Nichts pre⸗ digt die Allmacht Gottes großartiger. Doch da Ihr einmal ſo gütig waret, mir den Himmel aufzuſchließen, wollt Ihr mir nicht zuguterletzt noch ein paar Wörtlein über die Kometen, jene ſeltſamen Burſche, mittheilen, welche in ihrer nächtlichen Pracht ſo oft die Menſchenkinder geängſtigt haben?“ „Sieh' da,“ verſetzte der Prediger, indem er nochmals die Gläſer füllte,„dieß Reſtlein langt grade, 150 um Euerem Wunſche nachzukommen, ohne mit trockener Lippe doziren zu müſſen. Alſo die Kometen oder Haarſterne(von coma, das Haar, ſo genannt) ſind ſonderbare Käuze, aber die unwiſſende Menſchheit hat ihnen Jahrtauſende lang viel zu viel Ehre erwieſen, indem ſie ſich vor ihnen fürchtete. Von Körpern kann bei ihnen eigentlich gar nicht die Rede ſein. Es ſind eben nur Gaſe, weit feiner zum Beiſpiel als unſere Wolken, die im phosphoriſchen Glanze durch den Weltraum fliegen. Wie ungemein zahlreich jedoch auch dieſe Art von Himmelserſcheinungen iſt— denn alle Nächte ſtehen viele tauſend Kometen am Himmel— ſo erſcheint doch die Wahrſcheinlichkeit, daß ein ſolcher Komet mit unſerer Erde zuſammen⸗ treffe, ſo außerordentlich gering, daß wir hinſichtlich dieſer Gefahr vollkommen beruhigt ſein können. Die Wiſſenſchaft hat berechnet, um die Wahrſcheinlichkeit des Zuſammentreffens mit einem Kometen in beru⸗ higendes Licht zu ſtellen, daß, wenn man unter zwei Millionen weiße Kugeln eine ſchwarze würfe und die Menſchheit ziehen ließe, ſo würde bloß in dem Fall ein Zuſammenſtoß möglich ſein, ſobald man die ein⸗ zige ſchwarze Kugel unter den zwei Millivnen weißen hervorzöge. Aber ſelbſt für dieſen unglücklichen Fall nimmt man mit ziemlicher Gewißheit an, daß auch 151 dann der Erde kein Schade zugefügt werden würde. Iſt doch bereits vor einigen Jahrzehnten die Erde durch den Schweif eines Kometen gegangen, ohne daß man in der Rotation oder in der Umlaufszeit um die Sonne oder auch nur in atmoſphäriſcher Hinſicht irgendeine Störung wahrgenommen hätte. Von wie luftiger Subſtanz ſelbſt die ſogenannten Kometenkerne ſind, geht ſchon daraus hervor, daß man durch ſie das Licht der Sterne ſchimmern ſieht, was zum Beiſpiel bei einer Dichtigkeit, wie ſie unſere Erdennebel haben, nicht möglich wäre. „Alſo vor jenen himmliſchen Irrlichtern,“ ſchloß der würdige Geiſtliche ſeine Rede,„wollen wir uns nicht fürchten; deßhalb können wir uns ruhig ſchla⸗ fen legen. Weit gefährlicher ſind die irdiſchen Irrlichter, die den Menſchen ſo oft vom rechten Pfade verlocken.“ Nachdem man noch einige Minuten den Nach⸗ tigallen gelauſcht, die aus dem Buchenwalde herüber⸗ ſchlugen, begaben ſich die beiden Freunde zur Ruhe; Chregott noch ganz erhoben und begeiſtert von den Mittheilungen aus der Sternenwelt. —— 152 Biertes Kapitel. Die Lichter waren bereits tief herabgebrannt, als in einer Oberſtube des Gaſthofs zum goldnen Wallſiſch in Kirchberg zwei uns nicht unbekannte Perſonen in angelegentlichem, geheimnißvollem Ge⸗ ſpräche ſaßen. Es waren Moritz Bachmann, der abge⸗ ſagte Feind der Jurisprudenz, und Philipp Strichelius, wohlbeſtallter Barbier, Schröpfkopfſetzer und Blutegel⸗ kundiger von Kirchberg und Umgegend. Letzterem hatte es keine Ruhe gelaſſen; er hatte keine Mühe, keine Verſchmitztheit verabſäumt; er hatte ſein ganzes Spionirtalent aufgeboten, um hinter den eigentlichen Zweck der räthſelhaften, dukatengeſegneten, hinter⸗ aſiatiſchen Geſandtſchaft, die im goldnen Wallſiſch eingekehrt, zu kommen. Infolge dieſer angeſtrengten Forſchungen war es ihm auch endlich gelungen, hinter der einen Mohrenlarve das kirchberger Stadtkind, Moritz Bachmann, den konſilirten Studenten, aus⸗ findig zu machen. Als ſich Letzterer von dem pfiffigen Barbier entdeckt ſah, blieb ihm nichts übrig, als den Strichelius ins Vertrauen zu ziehen. Gleichwohl war Bachmann klug genug, den unzuverläſſigen Intri⸗ guanten auf eine Art zu feſſeln, daß er nicht in Ge⸗ fahr gerieth, verrathen zu werden. Um dieſen Zweck 153 zu erreichen, ſchlug der Student den möglichſt graden Weg ein. „Es handelt ſich,“ ſprach Moritz zu dem mit ungemeiner Aufmerkſamkeit zuhörenden Strichelius, „um weiter nichts, als den nichtswürdigen Wucherer Hornickel für ſeine zahlreichen Miſſethaten, die er ſich gegen arme Leute, Witwen und Waiſen hat zu Schulden kommen laſſen, auf eine vriginelle, aber exemplariſche Weiſe zu züchtigen.“ Strichelius rieb ſich bei dieſen Worten mit ge⸗ heimem Gaudium die Hände und nickte verſtändniß⸗ innig mit dem Kopfe. Erſtens wünſchte er dem Wu⸗ cherer eine ſolche Züchtigung und zweitens hoffte er bei dieſer Gelegenheit nicht ohne Vortheil von der Bank zu fallen. „Ich weiß,“ fuhr Bachmann fort,„daß Ihr im Beſitze eines Geheimniſſes ſeid, welches Euch zeit⸗ her Hornickel'n unterthänig machte und das Ihr zu Nutz und Frommen Eures ſtets ſchwindſüchtigen Beu⸗ tels keinen Anſtand genommen, gehörig auszubeuten. So vernehmt denn, daß ich gleichfalls im Beſitze dieſes Geheimniſſes bin.“ Strichelius horchte hoch auf. Es war für ihn ein Schlag aus heiterm Himmel, weil er ſich zeither 154 als alleinigen Beſitzer des Räthſels betrachtet und dasſelbe auch umſo unbefangener bewirthſchaftet hatte. „Ich habe,“ ſprach Bachmann weiter,„dem Wucherer mein Ehrenwort gegeben, das Geheimniß zu bewahren, ſo wahr ich einmal ein Mann der Rechtsgelahrtheit werde. Dieſes Ehrenwort dürfte ſich indeß jetzt erledigen, da ich im Begriff ſtehe, das edle Jus vollkommen an den Nagel zu hängen und einwenig um die Welt zu fahren. Alſo in meiner Hand ſteht es, Euch das Butterfaß zu verſchließen, den Quell zu verſtopfen, aus dem Ihr Euch ſo lange und oft auf unverſchämte Weiſe gelabt habt. Jetzt frag' ich, ob Ihr uns bei Züchtigung des Wucherers hilfreiche Hand leiſten wollt, was Euer Schade nicht ſein ſoll, oder ob Ihr mich verrathen wollt, in welchem Falle ich ſofort das Geheimniß veröffentliche, ſo daß es allen Nutzen und Werth für Euch verliert?“ „Gebietet über mich!“ rief Strichelins, der ſich jetzt ganz in Bachmann's Hand gegeben ſah,„ich will Euer Diener ſein, ich will alles thun, was von mir verlangt wird.“ „Gut,“ erwiederte Bachmann,„ſo kann unſer Operationsplan ſofort ins Werk geſetzt werden. Glaubt Ihr, Strichelius, daß wir den elenden Wucherer vielleicht unter glänzenden Verſprechungen, daß ihn 155 in fernen Landen eine Erbſchaft erwarte, freiwillig von hier fortbringen, und zwar ſo, daß er unterwegs vollkommen in unſere Hand gegeben iſt?“ „Das glaube ich ſchwerlich,“ meinte der Bar⸗ bier;„er hat ſich in hieſiger Gegend als Blutegel zu ſehr eingebiſſen, als daß er ſo leicht loszubringen wäre.“ „Glaubt Ihr,“ frug Moritz weiter,„daß dieſem Kerl vielleicht auf dem Wege des Ehrgeizes beizu⸗ kommen iſt?“ „Da eher,“ erwiederte Strichelius.„Daß Hor⸗ nickel nicht Baumeiſter geworden, wurmt ihn noch ganz abſcheulich und hauptſächlich wegen des Ehren⸗ amtes. Ich hätte ſelber nicht geglaubt, daß ſoviel Ehrgeiz in dem Wucherer ſtecke.“ „Wohlan,“ ſprach Moritz,„ſo wollen wir ſuchen auf dieſem Wege unſer Ziel zu erreichen. Kommt jetzt hinauf auf die Oberſtube, wo wir völlig unbe⸗ lauſcht ſind, um das Weitere zu beſprechen.“ Der Barbier folgte, halb aus Furcht, daß der Student das Geheimniß verrathe, welches für ihn zeither ſo fruchtbringend geweſen, halb aus Neugier über die Dinge, die da kommen ſollten. Nachdem die Beiden in der Oberſtube lange Zeit geheimes Zwiegeſpräch gehalten, während welchem 156 Strichelius ſich wiederholt vergnügt die Hände ge⸗ rieben und einigemale ſogar entzückt in die Höhe geſprungen, erſchien Fidelis. Moritz ſtellte Herrn Philipp Strichelius als Eingeweihten dar, der zu dem Unter⸗ nehmen bereitwillig die Hand böte und von deſſen Unſicht und Unterſtützung man ſich das Gelingen des Planes vollkommen verſprechen könne. Fidelis nickte zufrieden mit dem Kopfe, worauf er dem neuen Verbündeten eine Hand voll Dukaten in die Hand drückte. „Es iſt das Handgeld,“ ſprach er,„und von Euch hängt es ab, ob Ihr Euer Glück machen wollt oder nicht.“ „Oh, oh,“ ſtammelte der glückſelige Barbier, „gnädiger Herr, ich bin Euer mit Leib und Seele! Euer Plan iſt himmliſch. Ein ſolcher Spaß iſt noch nicht dageweſen. Was in meinen ſchwachen Kräften ſteht, will ich redlich beitragen. Ich glaube, ich könnte in meinem neuen Amte noch ein ordentlicher Kerl werden!“ 3 „Wenn das der Fall wäre,“ ſprach im ernſten Tone Fidelis,„dann ſollte mich mein Unternehmen erſt recht freuen.“ „Weiß Gott!“ ſchwur Strichelius,„wenn mein zeitheriges Leben nicht vorwurfsfrei, ſo lag das daran, 157 weil ich mit ſoviel Menſchenkehrig zu verkehren hatte. Unter edlen Menſchen, wie Ihr ſeid, wäre ich gewiß auch beſſer geworden.“ „Nun,“ verſetzte Fidelis,„um beſſer zu werden, iſt alle Tage Zeit. Laßt Euren guten Vorſatz nur zur That werden. Doch jetzt,“ fuhr er fort,„bedarf es vor allem der gemeinſchaftlichen Berathung. Wir ſind doch vor Lauſchern ſicher?“ „Seit ich auf Eurer Seite,“ ſprach Strichelius, „vollkommen! Es ahnet ſelbſt in Kirchberg niemand, daß ich hier bin.“ „Die Thüre, welche die Treppe abſchließt,“ ver⸗ ſetzte Moritz,„hab' ich eigenhändig verriegelt. Auch die Gangthür iſt verſchloſſen, ſo daß wir vollkommen ſicher ſind.“ „Bon!“ ſprach Fidelis,„und daß wir bei unſern geheimen Konferenzen nicht verdurſten, dafür iſt auch geſorgt.“ Er ging zu einem Wandſchranke und langte unterſchiedliche Weinflaſchen hervor. Es wurden neue Kerzen angezündet und das Kleeblatt nahm gemein⸗ ſchaftlich an einem Tiſche Platz, um den vriginellen Feldzugsplan gegen den Blutegel der Witwen und Waiſen, gegen Apollonius Hornickel, eines Weitern zu berathen. Die Drei ſaßen bis tief in die Nacht. 158 „Da hab' ich alſo,“ ſprach am andern Tage Apollv⸗ nius Hornickel, in ſeinem Zimmer ärgerlich auf⸗ und abſchreitend,„abermals zehn Thaler zum Fenſter hinausgeworfen. Wer weiß, in welcher Kneipe dieſer Böſewicht, dieſer Blutſauger, dieſer nichtsnutzige Bar⸗ bier mein ſchönes Geld verſchlemmt, anſtatt Erkun⸗ digungen über die hinteraſiatiſche Geſandtſchaft ein⸗ zuziehen. Es war wieder eins von jenen Prellos, die ich mir, dem Himmel ſei's geklagt, von dieſem Satan nun ſo oft habe gefallen laſſen. Werden ſich auch dieſe hinteraſiatiſchen Dukatenmänner die Mühe nehmen und mit einem miſerablen Barbier verkehren, ihm den Zweck ihrer Hierherkunft auf die Naſe bin⸗ den? Da ſteckt mehr dahinter, als eine ſo armſe⸗ lige Barbierſeele zu faſſen vermag. „Nein,“ fuhr Apollonius, deſperat auf⸗ und niederſchreitend, fort,„es kann keine himmliſche Ge⸗ rechtigkeit geben. Dieſer Strichelius iſt ein Beweis, der Hände und Füße hat. Während ich, dem Ver⸗ ſchmachten nahe, nach einem Tröpflein Auskunft dürſte über dieſe in den Annalen von Kirchberg unerhörte Erſcheinung einer hinterafiatiſchen Geſandtſchaft, ver⸗ ſäuft dieſer Lump, dieſer Strichelius, mein ſchönes Geld, anſtatt auf Erkundigungen auszugehen.“ 159 Wieder eine Pauſe, welche Hornickel benutzte, einige Deſperationspriſen in die Naſe zu ſchieben. „Der Herr Geſandte ſollen ſogar die allerhöchſte Gnade gehabt haben, ſich nach meiner Perſönlichkeit zu erkundigen.— Die Wallfiſchwirthin ſchwört Stein und Bein darauf, daß Seine Etzellenz meinen Namen genannt— was mag das zu bedeuten haben? Hor⸗ nickel, hier ſteckt etwas dahinter! Ein Pump kann's nicht ſein, denn dieſe hinteraſiatiſche Geſandtſchaft wirft mit Dukaten um ſich, als wären es Zahlpfennige. Hornickel, hier ſteckt etwas dahinter! Wie kämen dieſe Aſiaten auf meine Wenigkeit? Sogar vom Be⸗ ſuchabſtatten will die Wallfiſchfrau gehört haben. Gerechter Himmel, welche Ehre für mein Haus, wenn es bekannt würde, Herr— ich habe den vornehm kauderwelſchen Namen vergeſſen— iſt bei Hornik⸗ kels zu Beſuch geweſen. Dieſer Beſuch müßte in die Chronik und ſollte mich's zehn Groſchen koſten, den Chronikſchreiber zu beſtechen Wäre ich nur das Einzigemal Baumeiſter geworden! Es iſt zum Haar⸗ ausraufen. Ha, dieſe Bürgerſchaft! nun wartet, Ihr ſollt mir's bezahlen. Ihr ſollt Blut ſchwitzen, wenn Euch der Hunger zu meinen Geldkäſten treibt. Zwan⸗ zig Prozente vn nun an. Was ich als Baumeiſter ein⸗ büße, ſollt Ihr mir dreifach erſetzen Und dieſer Stri⸗ 160 chelius, dieſe Beſtie, die ich mit meinem Blute er⸗ nähre, läßt mich ſitzen, verpraßt mein Geld, und ich erfahre nichts über das außerordentliche Ereigniß, das dermalen ganz Kirchberg, alle Herzen und Nieren in Bewegung ſetzt. Fiſchel iſt als Kundſchafter nicht zu gebrauchen, der iſt zu dumm und hört auch nicht; der würde ſich ſchöne Naſen aufheften laſſen, wenn ich den ſchickte!“ Während Herr Apollonius Hornickel in hoher Alteration auf⸗ und abſtieg und theils ſich über den Zweck der hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft den Kopf zerbrach, theils über die Bürgerſchaft und insbeſon⸗ dere über Strichelius ſich ergrimmte, erfolgten in gemeſſenen Pauſen drei Schläge an die Thür. Auf das Herein vonſeiten Hornickel's that ſich die Pforte auf und der langerſehnte Strichelius erſchien, aber in ſo auffallender Veränderung, daß Hornickel'n von dem„Herein“ geradezu der Mund offen ſtehen blieb. Wenn ihm das Geſicht des Bar⸗ biers nicht zu bekannt geweſen, würde Apollonius den Hereintretenden für einen vornehmen Herrn ge⸗ halten haben. Denn Sttichelius erſchien in feinſter Kleidung; ſchwarzer Anzug, ſchneeweiße Weſte, Spitzen⸗ manſchetten, Glacktes und Schnallenſchuhe. Auf dem Geſicht thronte feierlicher Ernſt, in ſeinem Blicke 161 wohnte Demuth und Ehrfurcht. Nach reſpektvollſter Verbeugung trat er einen Schritt auf den immer mehr erſtaunenden Hornickel zu und ließ ſich auf ein Knie nieder. Wenn der Barbier in ſeiner gewöhnlichen Klei⸗ dung dieſe Szene aufgeführt hätte, würde Hornickel ohneweiteres geſagt haben:„Wozu die Narrens⸗ poſſen! Iſt Er verrückt geworden?“ Die dießmalige, ſo völlig ungewohnte Erſcheinung verfehlte aber ihren Eindruck nicht, ſo daß der verblüffte Hornickel gar nichts ſagte. Jetzt hob der auf einem Knie ruhende Strichelius ſeine Arme bittend empor: „Verzeihung!“ rief er in ergreifendem Tone; „nur das Einzigemal Verzeihung für all die zahl⸗ reichen Verbrechen, ſo ich mir gegen Eure hohe Per⸗ ſon habe zu Schulden kommen laſſen!“ „Er iſt am Ende doch verrückt geworden,“ dachte Hornickel bei ſich und trat einen Schritt zurück; es ward ihm ganz unheimlich zu Muthe. „O,“ fuhr Strichelius in derſelben bittenden Stellung und in demſelben ergreifenden Tone fort, „entzieht mir Eure Gnade nicht; ich bin ihrer zwar nicht werth— aber hätte ich ahnen können, welch ein Heil dieſem edlen Hauſe vom Himmel wider⸗ 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 11¹ 162 fahren, welche Ehre, welche Auszeichnung durch Euch ganz Kirchberg zutheil geworden—“ Jetzt ward es Hornickel'n außerm Spaße.„Ent⸗ weder,“ dachte er,„iſt der Barbier verrückt, oder er ſpielt Komödie. Aber letzteres kann ich bei dieſer pompöſen Kleidung nicht glauben. Das iſt kein Ko⸗ mödiantenſtaat.“ „Strichelius,“ ſprach er endlich,„macht mir keine Wippchen vor. Ihr waret ein Spaßvogel von je. Ich kenne Euch nicht ſeit geſtern.“ Leider leider!“ erwiederte der noch immer Knieende,„o, hättet Ihr mich nie gekannt, wenig⸗ ſtens nicht von ſo verabſcheuungswürdiger Seite, wie das leider der Fall geweſen.— Apollonius Hornik⸗ tel— bald einen andern Namen führend— wie es ge⸗ ſchrieben ſteht in den Sternen, könnt Ihr mir ver⸗ geben, mir, der ſich ſo ſchwer an Euch verſün⸗ digt hat?“ „So ſteht doch auf— jeder Spaß will ſein Ende haben—“ „Spaß?— ja in einer Hinſicht wär' es gut, wenn es ein ſolcher wäre, ich würde Eure Rache weniger zu fürchten haben— aber ſo—“ „Wo habt Ihr denn den famoſen Anzug her zu der Komödie?“ 163 „Komödie— hah!— doch wie könnt Ihr anders ſprechen?— Dieſe Kleidung verdanke ich keinem andern, als Eurem Glücksſtern, Apollonius Hornickel, bald einen erhabeneren Namen führend, wie in den Sternen geſchrieben ſteht.“ „Sollte er die zehn Thaler für neue Kleidung verwendet haben?“ frug ſich Hornickel.„Doch dieſer Anzug koſtet das Fünffache. Auch iſt es gar nicht der Schnitt von hieſigen Schneidern. Die Facon hat etwas nobles. Ein Graf würde ſich nicht ſchämen.“ „Steht endlich auf,“ mahnte Apollonius,„ich weiß doch, daß Ihr Euern Scherz treibt, nur der Anzug will mir nicht in den Kopf. Wo habt Ihr dieſen her?“ „Er ward mir verliehen, um in angemeſſener Tracht vor Euch zu erſcheinen, denn ebenſo erhaben wie dieſer in fernem Lande gefertigte Frack, iſt mein Auftrag. Doch vorher Verzeihung für mein frühe⸗ res Leben!“ Hornickel fühlte ſich unterſchiedlichemale an den Kopf, ob er wache oder träume. Eine Ahnung durchzuckte ſein Gehirn, ob vielleicht dieſe außeror⸗ dentliche Szene, dieſe noble Kleidung des Barbiers 11* 164 mit der hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft in Verbin⸗ dung ſtehe? „Wohlan,“ ſprach er,„Euer früheres Leben ſei verſenkt im Meere, wo es am tiefſten; aber jetzt ſteht auf und ſagt mir, was das alles zu bedeuten, und vor allem, wie Ihr zu dieſer Kleidung gekom⸗ men ſeid?“ Strichelius erhob ſich, ſein Blick leuchtete be⸗ geiſtert. „Wenn Ihr wüßtet, Apollonius Hornickel, bald einen erhabeneren Namen führend, wie in den Ster⸗ nen geſchrieben ſteht—“ „Was ſoll ich wiſſen?“ ſprach Apollonius, der über das ſtattliche Aeußere des Strichelius noch immer nicht recht zu ſich kommen konnte. „So wiſſet denn, daß Ihr zu Höherem gebo⸗ ren ſeid, als zum miſerablen Baumeiſter von Kirch⸗ berg. Alſo ſteht es in den Sternen geſchrieben.“ Bei der Frinnerung an den Baumeiſter regte ſich der Ehrgeiz in Apollonius wieder mächtig. „Wie ſoll ich das verſtehen: zu Höherem gebo⸗ ren?“ frug er. „Weil es über den Sternen geſchrieben ſteht.“ Ueber den Sternen? Das iſt zu hoch, Stri⸗ 165 chelius, und zu luftig. Wenn Ihr's nicht ſchwarz auf weiß habt—“ „Auch auf ſchwarz und weiß ſteht es ge⸗ ſchrieben.“ „Strichelius, macht endlich der Poſſe ein Ende. Ich habe keine Luſt länger, Eurem Scherze zur Ziel⸗ ſcheibe zu dienen. Erzählt lieber, was Ihr über den Zweck der hinteraſiatiſchen Geſandtſchaft erkund⸗ ſchaftet.“ „Ich habe alles heraus, meinem Forſchergeiſte konnte nichts verborgen bleiben. Ich bin hinter das große Geheimniß gekommen.“ Nun drängte Hornickel neugierig. „Herr Mufrid ben Hadſchi iſt hier in allerhöch⸗ ſtem Auftrage ſeiner Regierung—“ „Wahrſcheinlich in Handelsangelegenheiten?“— „Handelsangelegenheiten? wo denkt Ihr hin? In Handelsangelegenheiten ſchickt man keinen apar⸗ ten Geſandten, welcher den vornehmſten Familien des Landes entſproſſen Dieſe Geſandtſchaft hat einen weit höhern, einen allerhöchſten Zweck, ſie ſucht—“ „Nun, was ſucht ſie denn?“ Strichelius trat jetzt mit majeſtätiſchem Anſtande auf Hornickel'n zu, daß dieſer unwillkürlich das eine Bein um einen Schritt zurückzog. 166 „Was die hinteraſiatiſche Geſandtſchaft ſucht—2“ „Ja S5 „Einen König ſucht ſie,“ rief nun Strichelius mit erhabener Stimme und theatraliſchem Pathos. „Einen König!“— hauchte Hornickel und ſank ehrfurchtsvoll in einen Seſſel. „Und dieſer König, dieſe Majeſtät,“ fuhr Stri⸗ chelius in großer Erregtheit fort, indem er ſich Hor⸗ nickel'n zu Füßen warf,„ſeid Ihr!“ „Nein,“ fuhr Hornickel empor,„Jjetzt wird mir's außerm Spaße; ſucht Euch einen andern Narren für Eure Dummheiten; ich bin ſie überdrüßig.“ „Wie fließt Dein Mund über von Weisheit,“ ſprach Strichelius ſalbungsreich, ohne ſich von dem Benehmen Hornickel's im geringſten ſtören zu laſſen. „Deine Worte ſind Manna, Dein Zorn majeſtätiſch wie der Donner des Chronion.“ „Der Kerl iſt entſchieden verrückt,“ ſprach Hor⸗ nickel für ſich;„daß er ſich nur nicht an mir vergreift, ſobald ſein Raptus die entgegengeſetzte Richtung annimmt. Ich muß ihn ſuchen in Güte fortzubrin⸗ gen, indem ich auf die Verrücktheit eingehe.“ „Ich leſe Eure Gedanken,“ fuhr Strichelius fort,„ſie ſtehen vor mir hell und klar. Ihr haltet mich für irrſinnig und anfangs glaubtet Ihr, ich 1 67 erlaube mir einen Scherz; und wie kann das anders ſein? Sobald ich Euch aber die außerordentliche Mär werde mitgetheilt haben, wird mir die Sonne Eurer Gnade wieder ſcheinen; Ihr werdet zu der Gewißheit kommen, daß ich die lautere Wahrheit ge⸗ ſprochen.“ Hornickel ward um den geiſtigen Zuſtand des Barbiers immer beſorgter.„Wenn ich den Kerl nur das Einzigemal aus dem Hauſe hätte,“ dachte er, und um dieß zu bewirken, ging er ſcheinbar auf die ſixe Idee des Baders ein. „Wohlan,“ ſprach er,„wenn ich König bin, ſo vefehle ich Euch jetzt, ſofort die hinteraſiatiſche Geſandtſchaft in Kenntniß zu ſetzen, daß es für mich ſehr ſchmeichelhaft, ihrem Wunſche nachzukommen und ihr König zu werden.“ „Ihr wollt mich gern forthaben, ich ſehe das,“ erwiederte Strichelius in unterwürfigem Tone;„aber vorher muß ich mich des Auſtrags der hinteraſiati⸗ ſchen Exzellenz entledigen, welcher darin beſteht, Euch über Euer außerordentliches und in der Chronik von Kirchberg einzig daſtehendes Avancement eines nã⸗ heren zu unterrichten, damit Ihr das Wie? und das Wo? und das Warum? dieſes außerordentlichen Ereigniſſes zu überſchauen vermögt. Erzeigt mir die Gnade, mich nur wenige Minuten ruhig anzuhören und wie Schuppen wird es von Euern Augen fallen; Ihr werdet die wunderbare Fügung des Schickſals erkennen und preiſen lernen, und das gnadenvolle Lächeln Eures Mundes wird auch mir zutheil werden.“ „Ich thue am beſten,“ dachte Hornickel,„ich hör' ihn ruhig an. Der Raptus will ſeinen Verlauf haben. Vielleicht daß, wenn er ſich ausgeſprochen, der Verſtand auf kurze Zeit zurückkehrt, wo ich ihn dann ſchon fortbringen will.“ „So theilt Eure Mär mit,“ hub Hornickel an,„aber faßt Euch kurz, meine Zeit iſt gemeſſen.“ „Zeit—2 was iſt Zeit für den, der bald in den Stand geſetzt ſein wird, als Souverän über Hunderttauſende zu gebieten?“ „Zur Sache, guter Strichelius.“ „Wohlan, es ſei,“ ſprach Strichelius, indem er ſeine frühere ehrerbietige Stellung wieder ein⸗ nahm—„Setzt Euch, königlicher Herr, meine Mit⸗ theilung erfordert, daß Ihr ſie ſitzend entgegennehmt, wie es ſich für einen vom Schickſal auserleſenen Herrſcher gebührt.“ Hornickel ſetzte ſich ſeufzend; Strichelius fuhr fort:„Unter dem dreiundſiebenzigſten Grade der Länge und dem dreißigſten ſüdlicher Breite liegt in der er⸗ 169 habenen Stille des Weltmeers ein Inſelland, vom Himmel mit allem begabt, was ſich ein Erdenland überhaupt zu wünſchen vermag. Das Paradies, wo Adam ſeine Allotria trieb, war ein Schirke und Elend gegen die übermenſchliche Fruchtbarkeit des erwähnten Inſellandes. Kirſchen, ſo groß wie borsdorfer Aepfel, Pfirſiche und Aprikoſen wie Kinderköpfe, Apfelſinen wie Kürbiſſe, Kartoffeln, dieſe Frucht des Pöbels, kennt man nicht; denn ſelbſt die dortigen Schinken⸗ fritzen werden bloß mit Mandeln und Traubenroſinen gefüttert. Auf der ganzen Erde findet man darum keine wohlriechenderen und ſchmackhafteren Würſte. Bei dem angenehmen Wärmegrade jenes glückſeligen Eilandes laufen die Haſen halbgebraten im Walde umher und ſind ſo gut dreſſirt, daß, wenn jemand ein Traktement ausrichten will, der Koch ſich bloß in die Hausthür zu ſtellen und zu pfeifen braucht und ſie kommen ſcharenweiſe gelaufen und legen ſich ſelbſt in die Pfanne.“ Hornickel dachte ſich ſein beſtes. Strichelius fuhr fort:„Ueber jenes Eden herrſchte ſeit Jahrhunder⸗ ten ein Königsgeſchlecht, das friedlich und glücklich regierte, leider aber ſeit einigen Monden ausgeſtorben iſt. Der letzte König hieß Kahameda der Sieben⸗ undfünfzigſte und hinterließ keine Erben.“ 170 Der zuhörende Hornickel begriff noch immer nicht, wie dieſe Erbloſigkeit mit ſeiner Perſon nur im entfernteſten in Verbindung zu bringen ſei. „Die Betrübniß im ganzen Lande,“ fuhr Stri⸗ chelius fort,„war allgemein und tief, denn jeder⸗ mann fragte: Wo einen neuen König, wo Kahameda den Achtundfünfzigſten hernehmen? Republik wollte man nicht. Die Leute dort ſind ſtreng monarchiſch. Eine Tochter des letzten Königs lebt noch. Wo nun für dieſe einen ebenbürtigen Gemal finden, der zu⸗ gleich die erforderlichen Eigenſchaften beſitzt, die Laſt der Krone zu tragen.“ „Gab's denn keinen Koburg?“ warf Hornickel dazwiſchen. „Was helfen zehn Koburge, wenn ſie die Be⸗ dingung nicht erfüllen, ohne die es nach dortigem Staatsgrundgeſetze unmöglich iſt, Kahameda zu wer⸗ den. Beſagtes Königsgeſchlecht, das jetzt ausgeſtorben, zeichnet ſich nämlich durch ein ſeltſames Naturſpiel aus, das jeder Kahameda an ſich tragen muß.“ „Ein Naturſpiel?“ frug Hornickel. „So iſt es,“ fuhr Strichelius fort.„Jeder Ka⸗ hameda, bevor er als ſolcher anerkannt wird, muß von Natur ein merkwürdig Zeichen an ſeinem Leibe tragen.“ 171 Hornickel horchte hoch auf. „Mag der Himmel wiſſen,“ ſprach Strichelius weiter,„wie jenes Geſchlecht zu der ſonderbaren Auszeichnung gekommen, aber jeder Kahameda trägt auf dem linken Schulterblatte—“ „Strichelius“ rief Hornickel in höchſter Auf⸗ regung,„ich will nicht hoffen—“ „Jeder echte Kahameda,“ fuhr Strichelius mit erhobener Stimme fort,„trägt auf dem linken Schul⸗ terblatte—“ „Um Gotteswillen, was—?“ Strichelius erhob ſich jetzt mit ſeinem Leibe, daß ſeine Figur viel größer wurde, ſeine Augen fun⸗ kelten unheimlich, und mit dumpfem Tone ſprach er das verhängnißvolle Wort:„Eine Ratte!“ Bei dieſen Worten brach Hornickel, wie von einer Art getroffen, zuſammen und bedeckte ſein Ge⸗ ſicht mit beiden Händen. „Hört noch weiter,“ fuhr der Barbier fort. „Ich mag nichts hören.“ „Ihr müßt!— Vor langen Jahren ſpielte ein kleiner Kahameda unfern des königlichen Schloſſes am Ufer des weitaufſchauernden Weltmeeres mit Blumen und Schmetterlingen. Er hatte ſich der Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Wärterin zu entziehen gewußt. Da 172 kam, ehe man ſich's verſah, aus dem hochgewachſenen Schilfe ein Seeräuber und ſchnappte den jungen Ka⸗ hameda weg. Durch ihn kam die Ratte nach Eurvpa.“ Hornickel hielt noch immer ſein Geſicht ſprach⸗ los mit beiden Händen bedeckt. „Mochte nun das Klima einen ſtörenden Ein⸗ fluß üben,“ fuhr Strichelius in ſeinem Berichte fort, „kurz, bei den Kindern des geraubten Kahameda, der als begüterter Kaufmann vor länger als hundert Jahren in Amſterdam verſtarb, blieb bei der Mehr⸗ zahl die Ratte, dieſes Familienwahrzeichen des hin⸗ teraſiatiſchen Königsgeſchlechts, weg. In den ſpätern Generationen verlor ſie ſich immer mehr. Endlich verſchwand ſie ganz. Eine Reihe von Jahren war die Ratte ſo gut wie erloſchen; als endlich ein wun⸗ derbares Geſchick— welches nicht wollte, daß ein herrliches Königsgeſchlecht von der Erde verſchwinde — den Gnadenblick auf Dich warf, Geſegneter des Himmels, und die Ratte wieder hervorrief auf dem Orte, wo ſie hingehört, dem linken Schulterblatte.— Sei darum gegrüßt, Kahameda der Achtundfünfzigſte, und empfange die erſte Huldigung Deines unterwür⸗ ſigen Sklaven.“ Mit dieſen Worten beugte Strichelius von neuem das Knie vor dem halbtodten Hornickel, 173 neigte ſein Haupt tief zur Erde und kreuzte ſeine Arme über der Bruſt, nach morgenländiſcher Sitte. Es war eine große Szene. Nach einer Pauſe des erſchütterndſten Schwei⸗ gens fuhr Strichelius in ehrfurchtsvollſtem Tone fort: „Jetzt, hoher Herr und Gebieter, iſt es in Deine Hand gegeben, ein verwaiſtes, trauerndes Volk zu dem glücklichſten der Erde umzuſchaffen und die glü⸗ hende Sehnſucht einer hohen Prinzeß zu ſtillen, die unter einſamen Palmen klagend die Arme ausbreitet nach dem fernen Gemal. Ein Wink von Dir und die Geſandtſchaft, die ausgeſchickt worden von den Edlen des Landes, den Kahameda zu ſuchen, er⸗ ſcheint vor Dir. Du gibſt Dich zu erkennen, indem Du das Familienwappen vorzeigſt, welches jeden Zweifel niederſchlägt, und ſie wird Dir zu Füßen liegen und Dir huldigen.“ Hornickel erhob ſein Haupt wie aus einem ſchweren Traume. „Aber, guter Strichelius“— „Nenne mich nicht mehr Strichelius, ein Name, der nur unfreundliche Erinnerungen weckt; nenne mich Sklave.“ „Aber, guter Sklave, wenn es die rechte Ratte nicht wäre?“ 174 „Es iſt die rechte; ich habe das Konterfei der Urratte geſehen, welches die Geſandtſchaft mit ſich führt, und ich kenne die Deinige. Sie gleichen ſich wie ein Ei dem andern. D'rum entſinne Dich Deiner Abſtammung.“ „Mein Urgroßvater war Schiffszimmermann in Amſterdam, das ſtimmt; aber ob er das häßliche Thier gehabt, weiß ich nicht; ebenſowenig vom Groß⸗ vater und Vater.“ „Ein jeder hielt es geheim, wie Du es geheim gehalten.“ „Ich war gezwungen, es geheim zu halten. Ich war ein Kinderſpott, ſobald es bekannt wurde. Dar⸗ um ſcheute ich auch keine Opfer,“ fügte Hornickel ſeufzend hinzu, indem ihm die Brandſchatzungen des Strichelius in den Sinn kamen. „Dieſe Opfer, hoher Herr, ſind jetzt tauſendfäl⸗ tig bezahlt; laßt ſie darum den nicht entgelten, der oft unverſchämt genug war, ſie Euch aufzuerlegen.“ „Ich kann noch gar nicht zu mir kommen—“ „Das wunderbar räthſelhafte Geſchick iſt auch darnach,“ verſetzte Strichelius.„Welche Ehre für Kirch⸗ berg, einen König aus ſeiner Mitte. Man wird die Glocken läuten.“ „Aber ich bitt' Euch um alles in der Welt, wie 175 hat ſich dieſe hinteraſiatiſche Geſandtſchaft nach Kirch⸗ berg gefunden? Wie hat ſie von meinem ſcheußlichen Muttermale, um welches allein Ihr und der junge Bachmann(und die Verſchwiegenheit des Letztern iſt durch ſein Ehrenwort gebunden) wißt, Kenntniß er⸗ halten?“ „Daß Ihr, hoher Herr, im Beſitze der Ratte und darum ein legitimer Abkömmling der Kahame⸗ da's ſeid, weiß die hohe Geſandtſchaft zur Zeit noch nicht; aber daß derjenige, den ſie ſucht, ſich in hie⸗ ſiger Gegend befindet, das haben der Geſandtſchaft nicht ich, denn ich halte mein Gelöbniß, das haben die Sterne verrathen“ „Die Sterne?“ „Ja, in den Sternen ſteht's geſchrieben, wie mir Herr Mufrid ben Hadſchi ſelbſt geſtanden.“ „Die Sterne befaſſen ſich doch nicht mit Schrei⸗ berei?“ „Für unſere blöden Augen allerdings nicht. Da gehören andere dazu.“ „Wie ſo andere?“ „Kaum hatte Kahameda der Siebenundfünf⸗ zigſte die Augen zugethan, als ſofort der Reichsrath von Tauharawi zuſammentrat, was anzufangen? Nach langen Debatten kam man überein, eine 176 Geſandtſchaft nach Europa zu ſchicken und Nachfor⸗ ſchungen anzuſtellen, ob von dem einſt geraubten Kahameda noch ein Abkömmling am Leben. Hier frug ſich's nun wieder, falls noch einer am Leben, wo ihn auffinden, da Europa bekanntlich etwas weit⸗ läufig. Und abermals ſahen ſich die weiſen Räthe an und wußten keinen Rath, ein Fall, der bei be⸗ rathenden Verſammlungen nicht bloß in Tauharawi vorkommt. Endlich rief eine Stimme: Da bleibt nichts übrig, wir müſſen unſere Sterndeuter fragen. Wenn dieſe keine Auskunft wiſſen, iſt alle Hoffnung verloren. Die Tiſchklopferei iſt nämlich in Tauha⸗ rawi noch etwas unbekanntes, ſonſt würde es der Sterndeuter nicht bedurft haben. Kurz, der Vorſchlag fand Anklang und ward zum Beſchluſſe erhoben. Die berühmteſten Sterndeuter mußten herbei. Auf die Frage: ob überhaupt Kahameda's noch am Leben? erfolgte eine bejahende Antwort. Auf die Frage: wie viele? folgte die Antwort: Zwei!“ „Alſo ein Gegenkönig?“ fiug Hornickel nicht ohne Beſorgniß. „Unbeſorgt,“ tröſtete Strichelius,„dieſer Ge⸗ genkönig ſchadet Euch nichts. Er ſitzt.“ „Wo ſitzt er?“ „Im Zuchthauſe, lebenslänglich“— 177 „In welchem Zuchthauſe?“ „Wer das wüßte! Es gibt viel Zuchthäuſer in Europa.“ „Er kann aber begnadigt werden.“ „Thut nichts. Denkt Ihr, daß die Edlen von Tauharawi einen König wählen werden, der im Zucht⸗ hauſe geſeſſen? Den wählen ſie nicht und wenn er zehn Ratten auf dem Leibe hätte.“ Hornickel athmete freier. „Das haben die Herren Sterndeuter Alles am Himmel geleſen?“ „Natürlich, dafür ſind's Sterndeuter.“ „Und der andere Kahameda?“ „Könnt natürlich nur Ihr ſein, hoher Herr. Als die hinteraſiatiſchen Aſtrologen nach dem zwei⸗ ten Kahameda forſchten, der nicht im Zuchthauſe ſaß, gaben die Sterne den Punkt der geographiſchen Länge und Breite auf das genaueſte an.“ „Und dieſer Punkt?“ „Fällt in das Weichbild von Kirchberg.“ „Wunderbares Geſchick!“ „Ja, ich bin überzeugt, daß, wenn man den Punkt noch ſchärfer beſtimmen wollte, würde er auf Euer Haus fallen. Zweifelt Ihr jetzt noch, daß Ihr der Auserwählte, daß Ihr der rechte Kahameda ſeid?“ 1857 XVII. König v. Tauharawi. I. 12 178 „Mir iſt alles wie ein Traum. Allerdings ſtammt mein Urgroßvater aus Amſterdam. Aeltere Vorfahren ſollen ſogar aus Indien übergeſiedelt ſein; aber dieſes Zuſammentreffen mit dem— wie heißt er gleich?“ „Kahameda!“ „Richtig!— wäre doch gar zu wunderbar.“ „Und gleichwohl iſt es nicht anders,“ ſprach Strichelius.„Die Hauptfrage, hoher Herr, iſt aber jetzt, ob Ihr der hinterafiatiſchen Geſandtſchaft, ſowie ganz Kircherg gegenüber, Euer ſo lang und ſorgfältig bewahrtes Geheimniß aufgeben; ob Ihr hintreten wollt, offen vor aller Welt, Euer Hemd lüften und ſagen: Seht, hier iſt die Ratte, wie ſie leibt und lebt, das legitime Familienwappen der Kahameda's— oder ob Ihr vorzieht, Euer Inkognito auch ferner beizubehalten, die Ratte wie zeither zu verläugnen, bloß mir bekannt und dem Studenten. Dann freilich würde die Geſandtſchaft ſich in die traurige Noth⸗ wendigkeit verſetzt ſehen, nach ihrer Heimat zurück⸗ zukehren und zu erklären, wir haben zwar den Ka⸗ hameda gefunden, aber er will nicht König werden, und zu zwingen iſt er nicht, weil das unſern Reichsſtatuten zuwiderläuft. Wahrſcheinlich trifft man dann eine Wahl unter den Edelſten des Landes; denn beſetzt muß der Thron werden Ihr bleibt dann, ——— 179 was Ihr waret, Hornickel, der Pfandverleiher, nicht einmal Baumeiſter. Das Königreich iſt futſch. Die Wahl ſteht bei Euch. Gezwungen, hoher Herr, könnt Ihr nicht werden— ſo lauten die Reichsſtatuten von Tauharawi—“ „Was meine Wenigkeit anbelangt“— ſetzte Strichelius nach einer Pauſe hinzu—„ſo werde ich, ſelbſt in dem Falle, daß Ihr Euer Geheimniß der Oeffentlichkeit auch ferner zu entziehen für gut befindet und lieber auf das Königreich verzichtet, gleichwohl nie den Reſpekt aus den Augen verlieren, den man hoher Geburt ſchuldig iſt.“ Es folgte jetzt wieder eine große verhängnißvolle Pauſe, in welcher es in Hornickel'n fürchterlich kämpfte. Der Zweifel, daß Strichelius doch nicht ganz reinen Wein eingeſchenkt, ſchlich ſich unvermerkt ein und brachte plötzlich einen ſolchen Raptus in dem prä⸗ ſumtiven König von Tauharawi hervor, daß ſelbſt der gewandte Strichelins etwas aus der Faſſung gerieth und ihn die Furcht anwandelte, ſeinen Plan geſcheitert zu ſehen. Hornickel ſprang auf und faßte den Barbier krampfhaft an der Bruſt. „Elender Bube!“ donnerte er und ſchüttelte den ſtattlich Gekleideten rückſichtslos hin und her; 12 180 „welch ſchändliche Komödie treibt man mit mir; ich werde ſofort die Polizei in Kenntniß ſetzen, daß ſie dieſe hinterafiatiſche Geſandtſchaft ins Hundeloch ſperrt. Betrug ohnegleichen, den man ſich mit mir erlaubt.“ Strichelius fand bald ſeine Geiſtesgegenwart wieder. Er kannte den Wucherer, deſſen Energie nicht weit reichte, und der umſo zahmer wurde, je erfolgloſer ſeine erſte Aufwallung verpuffte. Demnach blieb der Barbier vollkommen ruhig. „Das Blut der Kahameda's,“ ſprach er,„ver⸗ leugnet ſich auch in dieſer gerechten Aufwallung nicht“— „Sprech'er von dieſen Kerls nicht mehr,“ fuhr Hor⸗ nickel noch immer ſehr aufgeregt fort.„Alles Lug und Trug! Wo iſt mein Hut und Stock. Ich gehe zum Bürgermeiſter, damit er dieſen hinteraſia⸗ tiſchen Spitzbuben, die es wahrſcheinlich nur auf meinen Geldbeutel abgeſehen haben, Fünfundzwanzig aufzählen läßt.“ „Ich will Euch,“ verſetzte Strichelius,„in Eurem verzeihlichen Zornausbruche nicht hindernd in den Weg treten; kann Euch aber nur ſo viel ſagen, daß Euer Gang zu dem Herrn Bürgermeiſter ein vergeb⸗ licher ſein dürfte.“ „Wie ſo vergeblich?“ „Weil der Herr Bürgermeiſter vor einer Stunde ——— 181 ſich veranlaßt geſehen, der fremden Geſandtſchaft eine Ehrenwache zu geben.“ „Eine Ehrenwache?“ „Es iſt nicht anders. Herr Mufrid ben Hadſchi hat dem Herrn Bürgermeiſter bei der jüngſten Audienz Mittheilung gemacht, daß er im Auftrage ſeiner Re⸗ gierung in einer wichtigen Miſſion nach Kirchberg gekommen und um Aufenthalt und Schutz für kurze Zeit gebeten. Er hat bei dieſer Gelegenheit durch ſeine Papiere ſich hinreichend legitimirt und zum Ueberfluß tauſend Pfund Kaution geſtellt, außerdem die hieſigen Armen mit einem Gnadengeſchenk von hundert Thalern erfreut.“ Hornickel, als er von tauſendpfündiger Kaution und hundertthälerigem Gnadengeſchenk hörte, ſtellte den Stock, den er bereits ergriffen hatte, wieder in den Winkel. Er trat zu Strichelius, der mit derſel⸗ ben unſchuldigen Miene, wie die ganze Zeit daher, zu ihm aufgeſchaut. „Strichelius,“ rief er,„zum letztenmale, macht mich nicht toll mit Eurer Geſandtſchaft— es wir⸗ belt mir bereits.“ „Bei einer ſo außerordentlichen Glückserhöhung iſt dieß kein Wunder.“ „Strichelius, was ſoll ich beginnen?“ 182 „Eure Ratte der Welt vorzeigen und Kahameda werden, oder das Geheimniß wie zeither bewahren und Hornickel bleiben.“ „Alſo die Geſandtſchaft weiß noch nicht, daß ich derjenige bin, welcher—“ „Bis jetzt noch nicht. Ich habe mein Gelöbniß natürlich nicht gebrochen.“ Hornickel lief in merkwürdiger Aufregung die Stube auf und ab. „Und decouvriren muß ich mich, falls mich Herr — wie heißt Seine hinteraſiatiſche Erzellenz?“ „Mufrid ben Hadſchi.“ „Richtig! Herr Hadſchi anerkennt?“ „Allerdings; die hohe Geſandtſchaft muß ſich in Gegenwart zweier eurvpäiſcher Zeugen, wovon der Eine ein Arzt ſein muß, nicht ſowohl von der Ratte im allgemeinen, als im beſondern überzeugen.“ „Wie ſo im beſondern?“ „Ob es auch die richtige Ratte und ob keine Täuſchung unterläuft.“ „Gräßlich, gräßlich! mein Geheimniß, das mit ſolcher Gewiſſenhaftigkeit ſeit meiner Geburt bewahrt.“ „Nachdem Eure Ratte königliches Familien⸗ wappen geworden, ſeh' ich nicht ein, warum Ihr zö⸗ gert, damit hervorzutreten.“ Es iſt jetzt an der Zeit, den Leſer mit dem merkwürdigen Muttermale, welches ein neckiſcher Na⸗ turgeiſt Hornickel'n auf das linke Schulterblatt ge⸗ beizt hatte, näher bekannt zu machen. Dieſes allerdings höchſt merkwürdige Muttermal war nichts weiter, als ein Naturſpiel, wie es ſich nicht zu ſelten an dem Körper mancher Menſchen vorfindet. Die Veranlaſſung lag in einem ſogenann⸗ ten Verſehen“ der Mutter Hornickel's, als ſie mit der würdigen Frucht ſich in intereſſanten Umſtänden befand. In jener verhängnißreichen Zeit ſprang einſt beim Auskleiden eine große abſcheuliche Ratte der armen Frau auf die entblößte Schulter und biß ſich ſo bösartig ein, daß es des verzweifelndſten Schüt⸗ telns der im höchſten Grade Erſchrockenen bedurfte, um das abſcheuliche Geſchöpf wieder loszuwerden. Es bedurfte hierzu einer geraumen Zeit; in ſolchem Grade hatte ſich die Ratte verbiſſen. Die ſpäteren Folgen blieben nicht aus. Als der kleine Hornickel das Licht der Welt erblickte, zeigte ſich auf ſeinem linten Schulterblatte ein thalergroßer ſchwarzer Fleck. Die Mutter ahnte ſofort die Urſache, doch hoffte ſie, daß mit der Zeit dieſes allerdings etwas umfängliche Muttermal verſchwinden werde. Die arme Frau täuſchte ſich. Je mehr der kleine Hornickel gedieh und wuchs, deſto mehr geſtaltete ſich der ſchwarze Fleck, ſo daß ſich bereits nach Ablauf des erſten Jahres die Umriſſe zu einer Ratte nicht verkennen ließen. Vergebens ſuchte Madame Hornickel durch Beizen aller Art das garſtige Ding hinwegzubringen. Half alles nichts. Je größer Hornickel wurde, deſto größer wurde auch die Ratte: je mehr Hornickel ſich kör⸗ perlich entwickelte, deſto mehr entwickelte ſich auch die Ratte. Nach drei Jahren ließ das Thier nichts mehr zu wünſchen übrig. Alles war da; Kopf, Pfoten, Schwanz, das vollendetſte Silhonettenbild einer Ratte. Die Mutter war außer ſich und ihr ganzes Beſtreben war dahingerichtet, das abſcheuliche Thier der ſpott⸗ ſüchtigen Welt zu verbergen. So blieb denn das widerliche Naturſpiel ein Geheimniß. Hornickel ſelbſt wußte in den erſten Jahren ſeines Daſeins nichts von dem unheimlichen Kameraden, den er auf der Schulter trug. Erſt als er verſtändiger geworden, machte ihn ſeine Mutter nach vorhergegangener Einleitung, indem ſie zwei Spiegel kunſtgemäß ſtellte, mit dem ſchwarzen Geſellen bekannt. Der junge Hornickel ſchrie laut auf und ſchüt⸗ telte mit derſelben Todesverzweiflung, wie ſeine Frau Mutter ehedem geſchüttelt hatte. Bei der Mutter ſprang endlich die Ratte ab, beim jungen Hornickel 185 blieb ſie aber ſitzen. Es bedurfte ſehr langer Zeit, ehe er ſich von ſeinem Entſetzen erholte. Zugleich ging die zeitherige Sorge der Mutter wegen ſorg⸗ fältiger Verheimlichung des abſcheulichen Thieres auf ihn über. Seine Mutter verfertigte mit eigener Hand und unter manchem Seufzer eine für die Ratte eigens berechnete und konſtruirte Flanelljacke, welche Hornickel nie ablegte und beim Wechſel mit einer neugewaſchenen ſtets alle mögliche Vorſichts⸗ maßregeln gegen Ueberraſchung traf. Bei ſolchem Flanelljackenwechſel gab es keinen Riegel, den er nicht vorgeſchoben, kein Schloß, das er nicht vorher gewiſſenhaft hinter ſich zugeſchloſſen hätte. Gleichwohl wollte es ein bös Geſchick, daß das Geheimniß eines Tages doch verrathen und gerade in die Hände eines Mannes kommen ſollte, der kein Bedenken trug, davon den möglichſten Nutzen zu zie⸗ hen. Dieſer Mann war, wie der Leſer bereits in Erfahrung gebracht hat, niemand anders als Herr Philipp Strichelius. Die intereſſante Entdeckung war folgendermaßen vor ſich gegangen. Hornickel hatte ſich bei einer Holzverſteigerung im Friedewalde, wo er den armen Leuten ſelbſt das letzte Kläfterchen Holz wegerſtand, um es ſpäter mit umſo größerem Vortheil loszuſchlagen, bei einem ſtürmiſchen, naß⸗ 186 kalten Novembertage dermaßen erkältet, daß er in ein hitziges Fieber verfiel, in deſſen Folge er eine Zeitlang das Bewußtſein verlor. Der herbeigerufene Doktor Rattenſpazer verordnete Blutegel am Hinter⸗ kopf und Nacken. Strichelius war beauftragt, wie es ſein Amt mit ſich brachte, dieſe Operation vor⸗ zunehmen. Hornickel lag ohne alle Befinnung, und da Rattenſpazer infolge eines andern Kranken ab⸗ berufen worden, war der Bewußtloſe ganz in die Hand des Strichelius gegeben. Letzterer, um ſeinen Blutegeln freien Spielraum zu verſchaffen, gerieth auf die Flanelljacke, die ſich höchſt eigenſinnig ſeinen blutdürſtigen Beſtrebungen entgegenſtellte. Strichelius fackelte nicht lange. Da die höchſt merkwürdig kon⸗ ſtruirte Jacke nicht gutwillig ſich ausziehen laſſen wollte, ergriff der Bader eine Scheere und ſchnitt das Meiſterwerk mitten hindurch. Er machte erſt die rechte Schulter frei, dann entblößte er den Rük⸗ ken; jetzt zog er den Flanellfetzen von der linken Schulter— „Heiliges Donnerwetter! was iſt das?“ rief Strichelius und prallte einen Schritt zurück. Er glaubte ſeinen Augen nicht zu trauen. Er guckte genauer hin. Das ſchwarze Ding blieb unbeweglich. Er tippte endlich leis mit dem Finger darauf. Die 187 Ratte lief nicht fort. Strichelius machte jetzt nähere Bekanntſchaft mit dem merkwürdigen Naturſpiel. „Es iſt weiter nichts,“ ſprach er nach genaue⸗ rer Unterſuchung,„als ein koloſſales Muttermal in Geſtalt einer Ratte.“ „Ich habe in meiner Praris doch manches Muttermal geſehen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „aber dieſes hier übertrifft alle andern, und überdieß eine Ratte— ſie kann nicht treuer kopirt ſein— und dieſes Thier trägt Hornickel auf der Schulter und niemand in ganz Kirchberg, wo man des Rach⸗ bars Mützenfutter kennt, weiß etwas davon? Mit welcher Virtuoſität hat Hornickel dieſes Thier zu verbergen gewußt. Jetzt geht mir auch über dieſe räthſelhafte Facon der Flanelljacke ein Licht auf. Alſo muß ihm außerordentlich daran gelegen ſein, das ſchwarze Beeſt der Welt zu verheimlichen. Na⸗ türlich, wenn es bekannt würde, Hornickel'n ſitzt eine Ratte auf dem Rücken, die ganze kirchberger Stra⸗ ßenjugend ſchlüge Räder und Sturzelbäume vor Wol⸗ luſt. Der elende Geizhals und Wucherer dürfte ſich nirgends mehr blicken laſſen.“ Wieder nach einer Pauſe fuhr Strichelius, der ſich von der gemachten Entdeckung gar nicht erbolen konnte, fort:„Und ich muß der glückliche Colum⸗ —— 188 bus ſein, der dieſe koſtbare Ratte entdeckt. Geſeg⸗ nete Holzauktion! mag die halbe Klafter zum Teu⸗ fel ſein, die der elende Wucherer auch mir nicht gönnte. Fiebergeſegnete Bewußtloſigkeit, was verdank ich Dir! Warte, Schlingel, Du ſollſt mir meine halbe Klafter theuer bezahlen.— Aber jetzt muß ich vor allen Dingen darauf bedacht ſein, daß der Kerl nicht draufgeht. Was hälfe mir am todten Hornickel die Ratte? Alſo heraus, muntre Jungen, verſucht ein⸗ mal, wie das Blut Euresgleichen ſchmeckt. Beißt, Rackers, ich gönne Euch das Traktement. So, nicht wähleriſch.“ Unter dieſem Selbſtgeſpräch hatte Strichelius mit geübter Hand die ganze Rückwand des Kranken mit Blutegeln behangen. „Genirt Euch nicht,“ fuhr er, die Blutegel er⸗ munternd, fort,„immer fort geſoffen, damit Euer Herr Prinzipal nicht in die Wicken geht.“ Aus dieſen und folgenden Selbſtgeſprächen des Barbiers erſehen wir ſattſam, daß er willens war, aus dem Geheimniſſe des Wucherers möglichſten Nuz⸗ zen zu ziehen. Hier mußte ihm nun vor allem daran gelegen ſein, daß außer ihm niemand von dem ſchwarzen Ungethüm Kenntniß erhielt. Strichelius benutzte daher die Zeit, während ſich die Blutegel 189 im hornickel'ſchen Blute berauſchten, ſein Talent als Schneider(Nadel und Zwirn führte er ſtets bei ſich) zu bewähren. Mit einer Virtuoſität und Kunſt, gegen welche ſich die Konſtruktion der zeitherigen Flanelljacke ver⸗ ſtecken mußte, wußte er die Stätte, wo ſich die Ratte gelagert, ſo zweckmäßig durch Flanell zu vernähen und durch Bänder zu befeſtigen, daß der im Fieber⸗ traum ſchnarchende Hornickel nicht ahnte, wie ſein Ge⸗ heimniß durch die kunſterfahrne Hand des Striche⸗ lius jetzt weit beſſer verwahrt werde als früher. Die Blutegelſchar hatte ſich an Hornickel'n zu kleinen wiener Würſtleins angeſoffen und fielen einer nach dem andern geſättigt ab. Der Kranke, nachdem er ſich einer ziemlichen Quantität ſeines dicken Blutes entledigt, ſchien ſich wohler zu befinden. Das Schnar⸗ chen tönte geſünder. Strichelius blickte nicht ohne Wohlgefallen auf ſein Werk. Er war mit ſeiner kleinen Schar zufrie⸗ den und ſprach mit Mephiſtopheles: Er ſchläft. So recht, ihr zarten Jungen, Ihr habt ihn treulich eingeſungen.“ Lange hat man den Philipp Strichelius einen Kran⸗ ken nicht mit größerer Sorgfalt behandeln ſehen, als es mit dem fibrirenden Apollonius Hornickel der Fall 190 war. Er kam faſt nicht vom Bette und machte die Bemühungen des promovirten Rattenſpazer faſt ganz überflüſſig. Mit der Wachſamkeit eines Argus hielt er darauf, daß der kunſtreich über die Ratte geſpannte Flanellfleck nicht von profaner Hand berührt oder verletzt werde. Gern hätte er die Bandage gericht⸗ lich verſiegelt, wenn ſich das einigermaßen hätte be⸗ werkſtelligen laſſen. Dieſer außerordentlichen Krankenpflege, dieſer ſtreng eingehaltenen Diät und genauen Befolgung aller andern heildienlichen Verordnungen gelang es, daß ſich der Kranke in kurzer Zeit erholte. Wir kommen jetzt zu der großen Szene, wo Hornickel eines ſchönen Tages die Entſetzen erweckende Entdeckung macht, daß ihm hinten ein großes Stück ſeiner mit Eiferſucht bewachten Flanelljacke fehlt. Betrachten wir den ſeltenen Moment etwas in der Nähe. Strichelius, deſſen Ausdauer und Sorgſam⸗ keit wahrhaft bewundernswerth zu nennen, ſaß am Bette. Hornickel war wieder vollkommen bei Ver⸗ ſtande und fühlte ſich bedeutend beſſer. Nichtsdeſtoweniger war ihm die ausdauernde Anhänglichteit des Barbiers nicht recht. Er wußte, daß dieſer nichts umſonſt that, und in dem geneſen⸗ 191 den Körper erwachte bald wieder die alte Wucher⸗ ſeele. „Ich bedarf Eurer jetzt wirklich nicht mehr, Strichelius,“ ſprach Hornickel;„ſo Ihr einmal des Tages nachfragt, iſt es hinreichend. Geht getroſt Euern übrigen Geſchäften nach.“ „Ich möchte Euch nicht gern allein laſſen. Ihr bedürft der Pflege.“ „Das kann meine Tochter verrichten, geht nach Hauſe, Strichelius. Es wäre Lurus und koſtſpielig, wollt' ich Eure Zeit länger auf ſo völlig nutzloſe Weiſe in Anſpruch nehmen. Seht, ich kann mich ſchon etwas emporrichten; kann auch rufen, wenn ich etwas benöthigt bin.“ Als trotzdem Strichelius zögerte und nicht ſo⸗ fort nach der Mütze griff, ſiegte der alte Grobian in dem Wucherer. „Scheert Euch zum Satan!“ rief er,„ich brauch' Euch nicht mehr, die Rechnung wird ohnehin gepfef⸗ fert ausfallen. Doch halt, bevor Ihr geht, ich weiß nicht, es grimmt mich abſcheulich im Nacken und ich kann mit der Hand nicht recht dazu. Alſo krabbelt mich einwenig, dann könnt Ihr gehen. Ihr braucht bloß mit der Hand auf der Flanelljacke etwas hin und her zu fahren.“ 192 Strichelius wußte, daß das Grimmen von den verharſchten Blutegelwunden herrührte. Er begann alſo mit der Hand die empfindſamen Stellen ſo ſanft, wie möglich, zu frottiren. Hornickel'n that das gut, auch hielt er eine ziemliche Weile ſtille; da er jedoch in dem Wahne lebte, ſich im Beſitze ſeiner unverletz⸗ ten Flanelljacke zu befinden, gab er ſeine Mißbilli⸗ gung darüber zu erkennen, daß Strichelius mit der Hand darunter gefahren. „Wenn Ihr Euch doch nicht in Dinge mengen wolltet, die Euch nichts angehen,“ ſprach er,„daß Ihr Euch immer von Eurer Voreiligkeit zu weit hinreißen laßt. Was habt Ihr mit der Hand un⸗ ter meiner Flanelljacke zu ſuchen? Oberhalb ſollt Ihr ſcharren, aber nicht drunter.“ Strichelius hielt es jetzt für am gerathenſten, Hornickel'n nicht länger in ſeinem Irrwahne zu laſſen „Wir waren gezwungen,“ ſprach er,„um Euch in der ſchweren Krankheit die ſo nöthige Linderung zu verſchaffen, die Flanelljacke etwas zu lüften.“ Hornickel, dem aus bekannten Gründen nichts über die Unverletztheit ſeiner Flanelljacke ging, fuhr wie vom Donner erſchreckt empor. „Ich bring' Euch ins Zuchthaus,“ rief er lei⸗ denſchaftlich,„ſo Ihr Euch an meiner Jacke ver⸗ 193 griffen, die mir deßhalb unſchätzbar, weil ſie mich vor allen Rheumatismen ſchützt.“. „Ruhe, Ruhe!“ bat Strichelius,„die Aufre⸗ gung könnte ſchädlich werden.“ „Der Teufel mag ruhig bleiben bei Euern Attentaten.“ Zugleich raffte Hornickel ſeine ganze Kraft zuſammen, um ſich mit der eigenen Hand von der Integrität ſeines kunſtreich konſtruirten wollenen Schatzes zu überzeugen, ſank aber, als er ſeinen blo⸗ ßen Nacken betaſtete, mit dem Ausrufe:„Herr des Himmels!“ auf ſein Lager zurück. Strichelius, der da befürchtete, der Schreck könne nachtheilige Folgen für den Wiedergeneſenden haben, bat fortwährend ſich zu beruhigen. Aber für Hornickel war an keine Ruhe zu ge⸗ denken. Der Gedanke, daß ſein langbewahrtes Ge⸗ heimniß eine Beute des Doktors oder des Barbiers geworden, brachte ihn zur Verzweiflung. Im erſten Schrecken lag er langausgeſtreckt auf dem Rücken, mit offenen Augen, wie ein Haſe. Dann fuhr er empor, ſchaute den Barbier mit entſetzlichem Blicke an. „Strichelius, Ihr wißt es!“ Der verſchmitzte Barbier nickte verſtändnißinnig und geheimnißvoll mit dem Kopfe, neigte ſich dann 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 13 194 zu dem Ohre Hornickel's und ſagte bedeutungsvoll; „Aber außer mir kein Menſch.“ Hornickel athmete etwas leichter. „Kniet nieder, gleich hier am Bette.“ Strichelius that, wie ihm geheißen. „Schwört!“ „Ich ſchwöre!“ „Nicht zu verrathen.“ „Nicht zu verrathen.“ „Was Ihr geſehen habt.“ „Was ich geſehen habe, die Ratte—“ „Ruhe Es ſoll Euer Schade nicht ſein.“ „Es wird mein Schade nicht ſein.“ Mit dieſen Worten erhob ſich der Barbier, in⸗ dem er ſeine Kniee abſtäubte. Hornickel fühlte ſich, trotz des Schwures, wie gebrochen. Matt reichte er dem jetzt kundigen Barbier die Hand. „Strichelius,“ ſprach er,„ſeid mein Freund!“ „Und wie!“ betheuerte von neuem der Bader, indem er in ſeinem Innern frohlockte. „Strichelius,“ fuhr Hornickel in großmüthiger Ekſtaſe fort,„Ihr verſteht mich—“ „Ich verſtehe Euch—⁴ 195 „Wenn Ihr einmal in Verlegenheit, Ihr wißt ſchon—“ „Ich weiß.“ Hornickel in ſeinem Wohlthätigkeitsparorysmus fortfahrend:„Es können Fälle im menſchlichen Leben eintreten, wo der edelſte Menſch in die Nothwendig⸗ keit verſetzt wird, ſeinen Nebenmenſchen anzupumpen—“ Wie Orgelton und Glockenklang ſchlugen dieſe verhängnißſchweren Worte an das Ohr des Barbiers. „Ja wohl, das paſſirt dem edelſten Menſchen.“ „Geht in ſolcher Lage an meinem Hauſe nicht vorüber, Strichelius. Wir ſind alle Chriſten.“ „Ich gehe nicht vorüber.“ „Was gemacht wird, wird gemacht, Strichelius!“ „Ich denk's auch.“ „Hornickel wurde immer bewegter. Er breitete die Arme aus. „Strichelius, an mein Herz!“ Der Barbier ſank mit Plaſtik in die aufgehal⸗ tenen Arme. Es war ein großer Moment. „Laßt Euch küſſen, Strichelius!“ Der Barbier hielt den Backen hin. „Alles— Alles— unter Einer Bedingung— „Die Ratte bleibt unter uns.“ 1 196 „Sie ſei das Band der zärtlichſten, unzertrenn⸗ lichſten Freundſchaft.“ „Sie ſei es,“ ſprach der Barbier.„Auch habe ich bereits während Eurer Bewußtloſigkeit Sorge getragen, daß das Geheimniß unenthüllt bleibe. Ich habe das Rattenlager auf eine Weiſe mit Flanell vernäht, daß es jedem Menſchenauge verborgen bleibt.“ „Edler Menſch! Ich muß Euch nochmals ans Herz ſchließen.“ Dieſes zarte Band der Freundſchaft zwiſchen Hornickelin und dem Barbier ſollte indeß bald be⸗ deutend aufgelockert werden, indem Letzterer bereits nach acht Tagen in Verhältniſſe gerieth, wohin nach Hornickel's Anſicht der edelſte Menſch gerathen kann. Strichelius ging darum, als er ſich in der erſten Geldverlegenheit befand, an Hornickel's Hauſe nicht vorüber, ſondern ging hinein. Hornickel war währenddeß in jenen geſunden, nüchternen Zuſtand zurückgekehrt, wo die Akkorde des weichen Gemüths weniger vernehmbar tönen und die kühlen Operationen des Verſtandes ihr unerquicklich Werk beginnen. Als daher Strichelius mit ſeinem gelinden Pumpe hervorrückte, that Hornickel gar nicht, als ob er ihn recht verſtehe. Er ſchien ſich auf die beſchriebene * 197 Freundſchaftsſzene ſchlechterdings nicht beſinnen zu können. Er wußte von keinen Verbindlichkeiten, die er während ſeiner Rekonvaleszenz eingegangen haben ſollte. Strichelius mußte in der That unverrichteter Sache abziehen. Der Barbier war indeß nicht der Mann, der ſich in ſolchen Fällen nicht zu benehmen gewußt hätte. Er ging nach Hauſe und malte die hornickel ſche Ratte, wie ſie leibte und lebte, in den friſcheſten Farben auf ein Papier. Dieſes ſteckte er in die Taſche und begab ſich nochmals zu Hornickel. Das Antlitz des Wucherers verfinſterte ſich auf⸗ fällig, als nach kurzer Zeit Strichelius abermals ins Zimmer trat. Da Hornickel lediglich durch ſeine vorgebliche Vergeßlichkeit mit dem Barbier fertig ge⸗ worden, glaubte er, dieſes bewährte Mittel von neuem in Anwendung bringen zu müſſen und ſeine Vergeß⸗ lichkeit erreichte daher einen wahrhaft außerordentli⸗ chen Grad. „Seit der Holzauktion bis vor wenig Tagen,“ log Hornickel,„weiß ich gar nichts, was mit mir vorgegangen. Wenn ich Euch Freundſchaft gelobt, Verpflichtungen übernommen, Verſprechen gethan, ſo geſchah das in der Fieberhitze. In meinem jetzigen ——— 198 Zuſtande iſt alles ausgelöſcht; glaubt mir's, alles ausgelöſcht.“ Anſtatt aller Antwort zog jetzt der Barbier mit einer Gelaſſenheit, Zartheit, die einem Diplomaten zur Ehre gereicht haben würde, das verhängnißvolle Papier hervor und hielt es mit einem ſeltſamen Lächeln Hornickel'n hin. Das wirkte. Der Wucherer prallte zurück, ſein Gedächtniß ſchien ſich überraſchend ſchnell wiederzufinden. Er griff konvulſiviſch nach dem vorgehaltenen Konterfei, deſſen ſprechende Aehn⸗ lichkeit mit ſeinem vierfüßigen Begleiter nicht zu ver⸗ kennen war, das aber Strichelius raſch zurückzog und wieder in die Taſche ſteckte. „Wie viel braucht Ihr?“ fragte Hornickel mürriſch. „Dreißig Thaler!“ Der Wucherer glaubte nicht recht gehört zu haben. „Wie viel?“ frug er noch einmal. „Dreißig Thaler; wenn Eure Güte ein paar mehr hinzufügen wollte, könnte es nicht ſchaden.“ „Das iſt aber eine Unſumme, namentlich für einen Barbier. Wozu kann ein Barbier in Kirch⸗ berg dreißig Thaler brauchen—2“ 199 „Es können Fälle im Leben eintreten, wo der edelſte Menſch—“ „Aber ſolch eine horrende Summe, die hab' ich gar nicht vorräthig.“ Wieder anſtatt aller Antwort langte Striche⸗ lius das Papier hervor und ſeine Blicke ruhten mit ſichtbarem Wohlgefallen auf dem ſchwarzen Bilde. „Auf wie lange?“ frug jetzt der Wucherer, der den Anblick des ſchwarzen Thiers nicht zu ertragen vermochte. „Hängt von Umſtänden ab.“ „Ihr werdet doch nicht verlangen, daß ich Euch dieſes Heidengeld ſchenke 2* „Wo denkt Ihr hin E „Alſo auf wie lange 24 „Hängt von Umſtänden ab.“ „Aber, Strichelius, ich bitt' Euch um alles in der Welt, wozu dieſes Kapital, das ich mir aus den Rippen ſchneiden möchte, da die Gelder ſo ſparſam eingehen. Wozu dreißig, ſage dreißig Thaler—!2“ „Da ich einmal Euer Vertrauen zu gewinnen ſo glücklich geweſen,“ ſprach der Barbier— Hornickel brummte hier etwas, das Strichelius nicht verſtand. Letzterer fuhr fort:„So ſollen auch unter uns hinfort keine Geheimniſſe mehr ſtattfinden, wie es unter wahren, immer ſein ſollte.“ „Zur Sache!“ drängte unmuthig der Wucherer. „Auch ich habe meine Geheimniſſe, guter Hor⸗ nickel, ſo gut, wie Ihr.“ Hornickel glaubte jetzt den Barbier ebenſo zu fangen und in den Sack ſtecken zu können, wie er darin ſtack. „Wenn ich von dieſem Hallunken,“ ſprach er zu ſich,„ebenfalls etwas erfahren könnte, was die Welt nicht wiſſen ſoll, ſo wollt' ich ihn bedreißigthalern!“ Hornickel nahm alſo einen ganz andern und zwar einen höchſt theilnehmenden, freundſchaftlichen und vertrauenerweckenden Ton an. „Strichelins,“ ſprach er,„was Euer Herz be⸗ laſten mag, wär's ein Verbrechen, ſchüttet es aus in den Buſen des Freundes. Es trägt ſich, glaubt mir, leichter, ſobald die verwandte Seele mittragen hilft. Alſo macht Euch leicht, Strichelius, ſchafft Euch Luft. Euer Beichtvater kann nicht verſchwiege⸗ ner ſein. Faßt Vertrauen. Alſo, Strichelius, wel⸗ ches Verbrechen belaſtet Eure kummervolle Seele? Wie heißt das Geheimniß, wozu Ihr die dreißig Thaler vonnöthen habt? Habt Ihr jemand um⸗ gebracht und wollt Ihr die Verſchwiegenheit eines guten und lieben Freunden 201 drohenden Verräthers erkaufen? Habt Ihr Euch an fremdem Eigenthume vergriffen?“ „Meine Seele iſt rein von dieſen Verbrechen.“ „So“— ſprach Hornickel, in etwas weniger vertraulichem Tone. „Habt Ihr Euch in demagogiſche Umtriebe eingelaſſen und fürchtet die Entdeckung?“ „Ich war ſtets guter Royaliſt.“ „Nun, zum Henker,“ fuhr Hornickel ungeduldig heraus,„wie heißt denn das Vergehen, ſo Ihr Euch habt zu Schulden kommen laſſen?“ „Ich weiß von keinem.“ „Von keinem?!“ „Ich ſprach ja nur von einem Geheimniß.“ Hornickel'n war an einem bloßen Geheimniß weniger gelegen. Er hatte auf ein Vergehen, wo⸗ möglich auf Mord und Brandlegung gehofft. Gleich⸗ wohl frug er:„Worin beſteht dieſes Geheimniß?“ „Aber, Herr Hornickel“— „Stumm, wie's Grab.“ Nachdem Strichelius den Wucherer noch eine Zeitlang auf der Folter der Neugier geröſtet hatte, ſprach er endlich:„Ich wollte meiner Frau zu ihrem Geburtstage eine Freude machen.“ Darin beſtand das große Geheimniß. Hornickel 202 war wie aus den Wolken gefallen und ordentlich empört ob des zärtlichen Gatten. „Ihr bleibt der alte Leutevornarrenhalter,“ rief er zornig.„Aber dieſe Geburtstagfrende wird doch nicht dreißig Thaler koſten?“ „Ich wollte meiner Frau eine Amſ el kaufen.“ Hornickel ward über ſolchen Lurus, der mit ſeinem Gelde geſchehen ſollte, immer rackriger. „Aber eine Amſel koſtet nicht dreißig Thaler! Für dreißig Thaler kaufe ich das ganze Amſelge⸗ ſchlecht auf dem Erdboden zuſammen.“ „Und mir wollt' ich eine Flöte beſchaffen, um in einſamen Stunden meinen Träumen und Phan⸗ taſieen melodiſch nachzuhängen. Es liegt ſo was be⸗ ruhigendes in ſanftem Flötenſpiel“ Hornickel wollte verzweifeln. „Aber da kommen noch immer keine zwanzig Thaler raus. Mit Fünfen, ſollte ich meinen, werden wohl die Geburtstagfrenden für Madame Striche⸗ lius nebſt Flötenſpiel zu beſtreiten ſein 2 „Muß gleichwohl um dreißig Thaler bitten,“ erwiederte achſelzuckend Strichelius.„Mein Karle⸗ mann braucht auch ein paar neue Hoſen.“ „Ich bin doch aber nicht da, um Eure ganze 203 Familie auszuſtaffiren? Hier ſind zehn Thaler und nun packt Euch!“ „Geht beim beſten Willen nicht, guter Herr Hornickel.“ Der Wucherer rannte, wie von der Tarantel ge⸗ ſtochen, auf und ab. Endlich blieb er vor Striche⸗ lius ſtehen, welchen nicht einen Augenblick ſeine Ruhe verließ. „Strichelius,“ frug er und ſchüttelte krampfhaft den Barbier an beiden Schultern,„ich frage Euch, ob Ihr es dereinſt glaubt verantworten zu können, mich ſo unverſchämt anzupumpen?“ „Das Verantworten dereinſt, guter Hornickel, iſt ja meine Sache.“ „Nein, Ihr könnt's nicht, wahrhaftig nicht!“ „Ich glaube, ich kann's. Alſo noch zwanzig Thälerchen, wenn es Euch gefällig iſt.“ „O Ratte, Ratte, Ratte! Fluch meines Lebens rief der Wucherer, ſein Geſicht mit beiden Händen be⸗ deckend. Strichelius blieb bei alledem die Ruhe ſelbſt. Er bratete, ſozuſagen, den Wucherer am kleinen Feuer und ließ nicht nach, bis der dreißigſte Thaler auf dem Tiſche lag. Nachdem Hornickel nach endloſen Debatten den letzten der Mohikaner aufgezählt hatte, 204 fiel er erſchöpft in den Armſtuhl, während Striche⸗ lius mit freundlicher Ruhe den Vorſchuß einſtrich. Als der Barbier mit Geldeinſtreichen fertig, winkte Hornickel, daß er ſich entfernen ſolle. Strichelius fand es aber zweckdienlich, zuvor noch eine kleine Anrede, die den Wucherer vollends zur Verzweiflung brachte, zu halten. „Guter Hornickel,“ ſprach er,„wann ich dieſes kleine Darlehn zurückerſtatten werde, weiß ich zur Stunde noch nicht; doch wollt' ich mir die Bemer⸗ kung erlauben, daß, ſobald ich mich wieder in jener Lage befinde, in welche, nach Eurer eigenen Anſicht, der edelſte Menſch gerathen kann, Ihr künftig eine weniger widerhaarige Poſition einnehmet. Bedenkt, daß meine Zeit edel iſt. Ich kann bei künftigen Fäl⸗ len nicht jeden Thaler einzeln herausdisputiren. Die Zahlung muß prompt geſchehen, die Sache bald ab⸗ gemacht ſein. Auch das ſauertöpfiſche Geſicht, das Ihr heut' in unterſchiedlichen Variativnen und Gradativ⸗ nen herausgeſteckt habt, muß ich mir höflichſt ver⸗ bitten. Einen freundlichen Geber will nicht bloß der Himmel, den will auch ich.“ Hornickel wand ſich, als ob er Kolik habe, auf ſeinem Armſtuhle. „Ich hoffe,“ krächzte er,„daß dieſes Blutgeld, 205 dieſe dreißig Thaler, eine Weile nachhalten, und daß ich für geraume Zeit Ruhe habe.“ „Das ſteht bei den Göttern, guter Hornickel. Guten Morgen!“ Mit dieſen etwas theatraliſch geſprochenen Wor⸗ ten verbeugte ſich Strichelius und ging mit Anſtand ab. Hornickel fuhr aber wie ein angeſchoſſener Eber empor. „Nein,“ ſchrie er, verzweifelnd auf⸗ und ablau⸗ fend,„das iſt kein Menſch, das iſt der Satan in höchſt eigener Perſon! Unglückſelige Holzauktion, die mir nie hätte in den Sinn kommen ſollen. Elendes Fieber! O, Ratte, Ratte, die alt mit mir geworden, ohne daß ein Menſch eine Ahnung gehabt und nun dieſem Strichelius, dieſem Belial, dieſem Blutegel⸗ general zur Beute fallen muß!— Es iſt nur ein Glück, daß Rattenſpazer nicht auch darum weiß, dann wär'ich ein Seitenſtück des Mannes, ich glaube, er hieß Laokvon, der von zwei Schlangen umgebracht wurde.“ Dieſe Pumpſzenen zwiſchen Hornickel'n und dem Barbier wiederholten ſich, nachdem Letzterer mit den dreißig Thalern die erſte Breſche geſchoſſen, ziemlich oft. Hier kam es nun ſtets auf die Laune des Stri⸗ chelius an, ob er den Wucherer, außer daß er ihn pekuniär anzapfte, auch noch ärgern wollte. Hatte 206 Strichelius üble Laune und brauchte er raſch Geld, ſo machte er wenig Umſtände und die Sache war bald abgethan. Hatte er jedoch Zeit, war er nicht gedrängt und guter Laune, ſo wiederholte ſich ſtets das Spiel der Katze mit der Maus. Manchmal, namentlich wenn Strichelius in Er⸗ fahrung gebracht, daß der Wucherer irgendeine neue Schurkerei ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, er⸗ griff er die Gelegenheit, denſelben bis aufs Blut zu peinigen, ſo daß Hornickel einmal ſelbſt im Begriff ſtand, ſein Geheimniß preiszugeben und ſeine Ratte der Oeffentlichkeit nicht länger vorzuenthalten, um nur den entſetzlichen Peiniger und Blutſauger loszu⸗ werden. Strichelius war aber viel zu klug, es auf dieſen für ihn zu gefährlichen Punkt kommen zu laſſen. Je mehr aber der Barbier dem Wucherer Noth und Sorgen machte, deſto unbeſchwerlicher war der zweite Inhaber des Geheimniſſes, der Student Bach⸗ mann, der Verehrer ſeiner Tochter. Dieſer war in⸗ folge ſeines gegebenen Ehrenwortes nicht nur voll⸗ kommen verſchwiegen, ſondern er benutzte auch das Geheimniß im geringſten nicht, um daraus ir⸗ gendeinen Vortheil zu ziehen. Auch Bachmann war, wie Strichelius, auf ziemlich vriginelle Art und Weiſe 207 zur Kenntnißnahme der Ratte gekommen. Der Her⸗ gang war folgender: In den Sommermonaten badete der Wucherer von Zeit zu Zeit in einem der abgeſperrten Stadt⸗ bäder, die ſämmtlich von Häuschen umgeben waren, ſo daß die profanen Blicke der Außenwelt nicht in das Innere der Heiligthümer zu dringen vermochten. Bachmann, noch Gymnaſiaſt, hatte ſich immer ſchon vorgenommen, Hornickel'n, von dem er täglich Gele⸗ genheit hatte, neue Schändlichkeiten zu hören, einen Poſſen zu ſpielen. Er wollte nämlich, wenn Hornik⸗ tel im Bade, da er wufßte, daß der Wucherer vor keinem Thiere größere Averſion hatte, als vor einer Hummel, deren Geſumm ihm unerträglich war, eine Abtheilung dieſer ſchwarzen Prinzen in den Bade⸗ raum gelangen laſſen. Jetzt entſtand aber die Frage: wie dieſen Plan ins Werk zu führen, da Hornickel aus bekannten Gründen(beim Baden legte er die Flanelljacke ab) das Badehaus auf das ſorgfältigſte zu verſchließen pflegte? Bachmann hatte letzteres wiederholt von allen Seiten rekognoszirt und war endlich ſo glücklich geweſen, eine Stelle ausfindig zu machen, vermittelſt welcher, bei ſeiner Kletterfertigkeit, er auf das Dach des Häusleins gelangen konnte. Dieſes Dach beſtand aus einfachen Brettern und 208 war in ſolches nicht ohne große Schwierigkeit eine Oeffnung zu bohren. Der unternehmende Gymnaſiaſt vollbrachte dieſes Kunſtſtück eines ſchönen Abends. Er bohrte ſo lange, bis die Oeffnung groß genug war, um als Lorgnette zu dienen und um eine Hum⸗ mel durchzulaſſen. Der große Tag, wo der badende Hornickel mit den ſchwarzen Brummern attakirt werden ſollte, war erſchienen. Bachmann mit ſeiner Hummel⸗ ſchachtel lag wie ein Strauchdieb hinterm Gebüſch, das in nächſter Nähe des Badehauſes üppig empor⸗ wucherte, und lauerte, ob der Hornickel bald erſchei⸗ nen werde. Er kannte Tag und Stunde, wann dieſer zu baden pflegte. Endlich wurden Fußtritte vernehmbar. Hornickel erſchien. Er ſchaute ſich rings⸗ um, ob etwa Leute in der Nähe, denn er liebte es nicht, wenn er ins Bad ging, ſich beobachtet zu ſehen. Sorgſam ſchloß er die Badethüre auf. Noch ſorgſa⸗ mer verſchloß er ſie hinter ſich. Bachmann, im grü⸗ nen Verſteck, wartete jetzt, bis er glaubte, daß ſich Hornickel in vollkommen adamitiſchem Zuſtande be⸗ finde. Leiſe und vorſichtig kroch er hervor und be⸗ werkſtelligte glücklich die Beſteigung des Badehauſes; Hornickel, der bereits, ein zweiter Neptun, im Waſ⸗ ſer plätſcherte, hatte von der Auflletterei keine —— 209 Ahnung und gab ſich ganz dem wohlthuenden Gefühle hin, vollkommen unbelauſcht zu ſein. Er gefiel ſich in den merkwürdigſten Stellungen, die oft mit den Geſetzen der Aeſthetik nicht in gehörigen Einklang zu bringen waren. Bald lag er rudernd auf dem Rücken, die Beine wie ein paar Schornſteine empor⸗ geſtreckt, bald kühlte er ſeinen umfangreichen Wanſt in der Flut. Bachmann, der durch ſein Bohrloch wie aus dem Himmel herabſchaute, amüſirte ſich be⸗ ſtens an den grotesken Kapriolen des badenden Hornickel. Doch wie unterſchiedliche Schwenkungen der Badende auch vornahm, das hinteraſiatiſche Fa⸗ milienwappen, die ſchwarze Ratte, ſtack immer noch zu tief unter Waſſer, als daß ſie der Beobachter hätte anſichtig werden können. Hornickel lag eben in allerhöchſtem Wohlbeha⸗ gen auf dem Rücken und hatte ſeine beiden Beine wieder wie Sterngucker in die Höhe geſtreckt, als Bachmann den erſten Brummer durchs Loch ſpazie⸗ ren ließ, der glücklich hinein, in dem nicht zu gro⸗ ßen Baderaume ſich ſofort durch energiſches Gebrumme bemerklich machte und die Aufmerkſamkeit Hornickel's augenblicklich in Anſpruch nahm. Die eingedrun⸗ gene Hummel vernehmen und die Beine, wie die Schnecke die Hörner, einzichen, war das Werk 1857. XVII. König v. Tauharawi. I. 4 2140 einer Sekunde, Der brummende Eindringling ſchwebte jetzt über dem Haupte des Badenden, welcher ſeine geſammten Gliedmaßen bis auf die Kopfinſel unter Waſſer geſetzt hatte. Mit Schaudern vernahm das bis an die Naſe verſenkte Haupt das ſich nä⸗ hernde Gebrumme. Die Hummel, nachdem ſie wie⸗ derholt Hornickel's Kopf umkreiſt und keinen andern trockenen Ruhepunkt fand, ſetzte ſich endlich auf den mit dickem Buſchwerk bewaldeten Schädel des Ba⸗ denden. Aus der plötzlich eingetretenen Ruhe ahnte Hornickel mit Entſetzen, daß die Hummel auf ſeinem höchſt eigenen Kopfe Platz genommen, obſchon er nichts davon fühlte. Sein Grauſen wuchs in ſolchem Grade, daß ihm die Haare begannen kerzengrad zu Berge zu ſtehen, welches die Hummel indeß im geringſten nicht genirte; im Gegentheil luſtwandelte ſie über dem ſich ſträubenden Haarwald wohlgemuth dahin und gelangte bis in die Gegend der Stirn. Der Gedanke, daß das ſchwarze Thier bis auf die, wie ein kleiner Aetna aus der Flut emporragende Naſe vordringen und hier ſeinen Mordſtahl einſenken möchte, brachte Hornickel'n zur Verzweiflung. Er ſchüttelte erſt einwenig, und als das nicht fruchtete, faßte er, den raſenden Entſchluß, unterzutauchen, ein Unter⸗ nehmen, vor welchem er faſt einen ebenſo großen 21¹ Abſchen hatte, wie vor der Hummel. Als der ſchwarze Brummer Wald und Inſel unter ſeinen Füßen ver⸗ ſinken fühlte, erhob er ſich wieder und ſchwebte über dem Waſſer. Lange hielt es Hornickel im feuchten Elemente nicht aus. Er fuhr luftſchnappend wieder empor. Da war auch die Hummel wieder da. Es war zum Verzweifeln. Hornickel überlegte jetzt, ob er mit ſeinem Feinde ein Gefecht enttiren, ob er ihn vielleicht beſiegen und erſäufen könne. „Wenn ich den Schwarzen beſtändig mit Waſ⸗ ſer beſpritze“ überlegte Hornickel,„mache ich ihn entweder kampfunfähig oder er reißt aus und geht dahin zurück, wo er hergekommen. Ich begreife über⸗ haupt nicht, wie er hereingekommen. Ich habe alle Ritzen und Aſtlöcher ſorgfältig verſtopft.“ Die Kricgsluſt in Hornickel's Kopf, der jetzt triefend aus dem Waſſer hervorragte, wollte eben die Oberhand gewinnen, als Bachmann den zweiten Brummer, welchem gleich darauf ein dritter folgte, einpaſſiren ließ. Hornickel, ſowie er das erneute ge⸗ waltige Gebrumm vernahm, fuhr wieder, wie behext, vis an die Naſe unters Waſſer. „Es muß ein Hummelneſt ausgekrochen ſein,“ dachte er mit Schaudern. Bei dieſem Gedanken ſtie⸗ gen ſeine Haare, trotz der Näſſe, von neuem empor. 14* Bachmann, den Hornickel's Tauchübungen nicht wenig beluſtigten, ließ immer neue Hummel ein, bis ſeine Schachtel gänzlich geleert war und den mehr todten als lebendigen Waſſermann nicht weniger denn acht ſchwarze Huſaren umſchwärmten, die ein wahr⸗ haft hölliſches Gebrumme verurſachten. Da dieſe acht ſchwarzen Chorſänger faſt ausſchließlich nur die aus dem Waſſer ragende Halbkugel von Hornickel's Kopfe umſchwirrten, ſo blieb Letzterem nichts übrig, als be⸗ ſtändig zu ſchütteln und wo möglich eine häusliche Niederlaſſung der Hummeln zu verhindern. Hornik⸗ kel mit ſeinem naſſen Kopfe fortwährend hin⸗ und widerfahrend und ſchüttelnd, begriff gar nicht, wie das werden ſollte. Er konnte doch nicht ſein Lebe⸗ lang im Bade ſitzen. Und wenn er über die ge⸗ wohnte Zeit ausbliebe, würde man nicht kommen, ihn zu ſuchen, in der Beſorgniß, daß ihn der Schlag gerührt oder daß ſonſt ein Unfall im Bade ihn be⸗ troffen? Wenn man die Thür gewaltſam erbräche, ihn unter den Hummeln ſitzen fände, ihm beiſprin⸗ gen wollte und eine Entdeckung machte— der Ge⸗ danke hieran preßte ihm ſelbſt im Bade den Angſt⸗ ſchweiß aus. „Auf dieſe gräßliche Entdeckung,“ dachte er,„kann ich's nicht ankommen laſſen, ſelbſt auf die Gefahr 3 213 hin, daß mich die Hummeln anfallen und ich von ihren Stichen wie ein Pfannkuchen aufſchwelle.“ Als das unerträgliche Geſumm und zwar in nächſter Nähe von Hornickel's halb mit Waſſer an⸗ gefüllten Ohren auch gar kein Ende nehmen wollte — im Gegentheile immer dringlicher und drohender wurde, überkam den Badenden endlich die ſtille Wuth. Er fuhr wie raſend auf und warf ganze Waſſerbäume gegen die Hummeln. Dieſe wurden durch dieſen An⸗ griff höchſt unangenehm berührt und ſuchten ſofort Rache zu üben. Die eine griff Hornickel'n unmit⸗ telbar von vorn an und verſetzte ſeiner Raſe einen der zornigſten Stiche. Das Geſicht, das Hornickel bei dieſem Stiche machte, war unbeſchreiblich. Er fuhr konvulſiviſch mit beiden Händen nach dem Stecher, ohne desſelben habhaft zu werden. Er wollte eben ſeine verwundete Naſe reiben, als ſowohl im Rücken, wie auf der Achſel gleich zornige Stiche erfolgten. Hornickel ſtürzte ſich konvulſiviſch wieder ins Waſſer, um die ſchwarzen Mörder zu erſäufen. Aber dieſe ließen ſich nicht mithinabziehen, ſondern um⸗ ſummten von neuem das halb aus dem Waſſer ra⸗ gende, verzweifelnde Geſicht. Bereits begann ſeine Naſe zu ſchwellen und auch auf Rücken und Arm wuchſen kleine, höchſt ſchmerzhafte Hügel emvor, während der 21⁴ Schwarm noch immer ſtechluſtig ihn umſummte. Das war mehr, als ein Menſchzuertragen vermag. Der Ge⸗ weinigte fuhr wieder empor, griff in der Verzweiflung nach dem Stiefelknecht, und es begann ein ebenſo charakteriſtiſcher, wie origineller Kampf: Hornickel war kein Menſch mehr und ſchonte nicht mehr. Je mehr er Stiche bekam, deſto wüthiger ward er. Nach längerem Kampfe hatte er drei ſchwarze Brummer er⸗ legt, die zerſchmettert auf dem Waſſer ſchwammen. Daß bei ſo ſchwerem Gefecht Hornickel alle nur mög⸗ lichen Stellen ſeines Körpers dem von oben herab⸗ ſchauenden Beobachter preisgab, wird man bei den unter⸗ ſchiedlichen Stellungen und Schwenkungen, dem Nei⸗ gen, Beugen, Hin⸗ und Widerfahren, bald wieder zur Abkühlung ins Waſſer Plumpen, nicht unwahrſchein⸗ lich finden. Als Bachmann daher die Ratte entdeckte, erſchrack er dermaßen, daß ſeine Füße den nöthigen Haltepunkt verloren und abrutſchten. Um nicht jählings in die Tiefe und bei dem abſchüſſigen Ufer ins Waſſer zu fallen, klammerte ſich der Gymnaſiaſt mit Todesver⸗ achtung an die Brettergarnitur, die rings um das Dach des Badehäuschens lief. Leider war dieſes Holzwerk nicht feſt genug, den ziemlich ſchweren Gym⸗ naſiaſten zu tragen. Sie brach. Hornickel, in ſei⸗ 215 nem Hummelkampfe, wobei die Gewäſſer hoch auf⸗ rauſchten, vernahm nichts von dem Gepraſſel. Bachmann befand ſich in einer höchſt kritiſchen Lage. Es blieb ihm nichts übrig, als weiter aufwärts zu klettern. Hängen bleiben, wie er eben hing, konnte er unmöglich, los⸗ laſſen auch nicht. Alſo vorwärts, um über das Dach des Badehauſes hinweg die gewaltigen, weitausrei⸗ chenden Arme des majeſtätiſchen Nußbaumes zu er⸗ reichen. Vermöge einer ungemeinen Kraftanſtrengung gelang es dem Gymnaſiaſten, ſich bis auf das Dach emporzuarbeiten, unter welchem Hornickel einen wahrhaft diaboliſchen Lärm verführte. Es war ihm bereits gelungen, das Hummelheer über die Hälfte kampfunfähig zu machen und das niederträchtige Ge⸗ brumm vom Fortiſſim auf Forte herabzuſetzen. Eben hatte er ſich, von ſeinen Anſtrengungen erſchöpft, wieder in die Flut geworfen, als ein höchſt ver⸗ dächtiges Knacken in der Gegend der Decke ſeine Aufmerkſamkeit von den Hummeln ablenkte und der verdächtigen Stelle in der Decke zuwandte. Es blieb indeß ruhig und Hornickel gewann wieder Muße, in der Vernichtung ſeiner ſchwarzen Feinde fortzufahren. Er wüthete eben wieder unmenſchlich mit Waſſerber⸗ gen und Stiefelknecht, als unter Donnergepraſſel ein Stück Decke einbrach und zwei Füße herabfuhren, 216 die niemandem anders angehörten, als dem Gymna⸗ ſiaſten Bachmann, deſſen Oberkörper ſich noch außer⸗ halb des Badehauſes befand. Das erſte, was der entſetzte Hornickel beim Anblick dieſer zwei ſtrampeln⸗ den Beine vornahm, war, daß er ſich im Nu wieder ins Waſſer warf, um vor allen Dingen ſeinen Rücken zu decken. Bachmann gelang es endlich, ſeine Füße wieder an ſich zu ziehen. Er wollte ſpeben über das defekte wurmſtichige Dach die Flucht ergreifen, als plötzlich die geſammte ſchwache Bretterlage zuſammenbrach und ſammt dem erſchrockenen Primaner hinab zu Hornickel ins Bad ſtürzte. Letzterer war mehr todt als lebendig und auch Bachmannen das unfreiwillige Bad außerm Spaße. Die Erkennungsſzene, die jetzt zwiſchen den beiden Landsleuten ſtattfand, war außerordentlich; doch würde es zu weit führen, ſie ausführlich zu beſchreiben. Hornickel'n ließ es vor allen Dingen keine Ruhe. Er mußte wiſſen, ob Bachmann hinſichtlich der Ratte in Kenntniß geſetzt ſei. Das darüber angeſtellte Era⸗ men ließ zu Hornickel's Entſetzen keinen Zweifel übrig. Bachmann mußte alſo mit heiligem Ehrenworte wohl an die zehnmal betheuern, das Geheimniß heilig und unverbrüchlich zu bewahren. „Ich gelobe feierlichſt, Herr Hornickel,“ hatte 4 — 217 Bachmann, die Hand einſchlagend, gerufen,„gegen niemanden das Geheimniß zu verrathen, ſo wahr ich dereinſt ſelber ein Mann der Rechtsgelahrtheit und der Gerechtigkeit werde!“ Auf dieſe Weiſe alſo war Bachmann hinter das von Hornickel ſo ſorgfältig bewahrte Geheimniß ge⸗ kommen. Wir kehren nach dieſer Abſchweifung zu der großen Szene zwiſchen Hornickel und Strichelius zurück, wo Erſterer in dem Kampfe begriffen, ob er ſein langbewahrtes Geheimniß der Oeffentlichkeit preis⸗ geben, oder auf das Königreich von Tauharawi ver⸗ zichten ſollte; und überlaſſen ihn einſtweilen ſeinem Schickſal. Im zweiten Bande werden wir ſehen, welches das Ergebniß und die Folgen dieſes Kam⸗ pfes waren. Ende des erſten Bandes. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. —— — ———— F———— 3„ ————————— ** — — § . 3 — —— S1 onenqae