deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnsment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für uhehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 M. 50 Pf. 3 — „„ „.„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für H und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und 6 hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſunt Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— — — —————— beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen N —— 5 —— — ——— hiſtoriſcher Roman von 1 Ferdinand Stolle. Zweiter Theil. =——— . Leipzig, 3 Verlag von Eduard Meißner. 1838. Lützen und Bantzen. Exivit ut fulgur. Erſtes Kapitel. Es war an einem truͤben Maͤrznachmittage im Jahre 1813, als die Koͤnigsbrucker Straße bei Dresden, vom Bautzner Thore bis zu dem eine Viertelſtunde ent⸗ fernten Walde mit einer faſt unzaͤhlbaren Menſchen⸗ menge bedeckt war. Die beiden an der Straße gelege⸗ nen Gaſthaͤuſer, der Schoͤnbrunnen und die gruͤne Tanne, waren daher uͤberfuͤllt mit Beſuchern. Viele der letztern ließen ſich Flaſchen mit Branntwein fuͤl⸗ len, kauften auch wohl mit Butter geſtrichene Sem⸗ meln und Weißbrode, womit ſie ſich nach dem Walde auf den Weg machten. Das einige Tauſend Schritt entfernte graue und wenig anmuthige Kieferngehoͤlz und Buſchwerk erregte heute die ge⸗ ſpannteſte Aufmerkſamkeit. Faſt Aller Blicke wa⸗ ren mit halb ſchuͤchterner, halb freudiger Erwar⸗. tung dahin gerichtet. Noch immer wollte man 4* ſich von der Wahrheit des Geruͤchts nicht uͤberzeugen, wonach die damals hochbexuhmten Koſaken, die Avant⸗ garde der ruſſiſchen Armet, bereits im Dresdner Walde angelangt ſein ſollten. Die Dresdner, wie die meiſten deutſchen Stadt⸗ und Landbewohner damaliger Zeit, waren mit den uͤbermuͤthigen franzoͤſiſchen Welteroberern nichts we⸗ niger als zufrieden, ſehnten ſich mit Ungeduld nach dem Zeitpunkte, wo ſie der ungebetenen Gäſte los wuͤrden und begruͤßten daher die Koſaken, obſchon dieſe als Feinde erſchienen, mit aufrichtiger Freude. Darum war es auf der Straße, die v Dresden nach Rußland fuͤhrte, ſo menſchenbelebt. Die mit Branntwein und Broden beladenen Einwohner hat⸗ ten ſich am weiteſten vorgewagt, in der Hoffnung, den fremden Ankömmlingen durch dargereichte Er⸗ quickung die guͤnſtigen Geſinnungen der Dresdner im Voraus an den Tag zu legen. Da entſtand ploͤtzlich eine lebhafte Aufregung unter der verſammelten Volksmenge. In der Gegend des ehemaligen Gaſthauſes„zum Hecht,“ wo die Dresdner Haide durch die Weinberge der Loͤsnitz begrenzt wird, trabte ploͤtzlich eine ſeltſame Geſtalt aus dem Kiefernholze hervor. In der Ferne konnte — man nur ſo viel gewahren, daß ſie auf einem kleinen Polacken ſaß und auf dem Kopfe mit einer ſonderbar lang zugeſpitzten Mutze verſehen war. In der Hand trug ſie eine Lanze von bedeutender Lange. Dieſes außereuropaiſche Weſen hielt, als es aus dem Walde heraus war, eine Zeit lang ſtill undſchien ſich nicht ohne Verwundrung die ſchoͤne Haupt⸗- und Reſidenzſtadt des Koͤnigreichs Sachſen zu betrachten. Dann ritt es langſam am Waldesrande dahin und verſchwand in der Gegend der Königsbruͤcker Straße im Die wunderbare Erſcheinung aber hatte auf das ver⸗ ſammelte Publikum den lebhafteſten Eindruck zuruͤck⸗ gelaſſen. Mancher Dresdner Familienvater hielt es jetzt, von den Bitten der ihn begleitenden Gattin be⸗ ſtuͤrmt, fuͤr gerathner, ſich in die Stadt und hinter die franzoͤſiſchen Adler und Kanonen zuruͤckzuziehen, wäh⸗ rend die Herzhafteren dem unſichtbar gewordenen Ko⸗ ſaken ein lautes Hurrah nachriefen. Die aͤußerſte Spitze der dem Feinde entgegengezo⸗ genen Bevolkerung bildeten drei junge Maͤnner. Sie waren dem Hauptcorps eine anſehnliche Strecke vor⸗ aus und wandelten in ziemlich lebhaftem Geſpraͤche ganz allein die Straße dahin. Jetzt blieb der Juͤngſte von ihnen, ein ſchlankge⸗ wachſener Juͤngling mit herabwallendem, glaͤnzend blon⸗ dem Haar, ſanften, faſt mädchenhaft ſchoͤnen Zuͤgen, aus denen jedoch kecke, kampfluſtige Augen leuchteten, ſtehen.. Ich waͤr' der Meinung, ſprach er feurig, wenn unſre Burgerſchaft, die guͤnſtige Stimmung und die Ankunft der Ruſſen benutzend, nur eine energiſche De⸗ monſtration wagte, ſo wäre die ſchwache Napoleoniſche Beſatzung bald zu allen Teufeln gejagt. Ich werde die Verantwortung, irgend Jemand hierzu aufzureizen, erwiderte ſein aͤlterer Bruder Gott⸗ hard, nie wieder auf mich laden. Wie unſicher und unheilvoll es iſt, auf das kraͤftige Einſchreiten der Buͤr⸗ gerſchaft zu bauen, haben wir bei der Bruͤcken⸗Emeute geſehen. Ja wohl, bemerkte der dritte junge Mann, Ruffus Guͤnther mit Namen, eine ehrlich humoriſtiſche Na⸗ tur; viel Geſchrei und wenig Wolle, die Fettaugen der großen Inſurection ſind abgeſchoͤpft und ſitzen wohl verwahrt auf dem Koͤnigſteine, wo ſie Gott nicht ge⸗ nug danken koͤnnen, daß ſie nicht lange ſchon todtge⸗ ſchoſſen ſind. Ihr Beiden habt bei der ärgerlichen Affaire auch drei Mal mehr Gluͤck als Verſtand ge⸗ habt; außerdem mochten wir nicht ſelbander heut den Koſaken entgegenpromeniren. Es iſt zum Verzweifeln, ſprach Reinhold mit dem Fuße ſtampfend, ich hätte geglaubt, an jenem Abend muͤſſe der Volksaufſtand zu einem allgemeinen werben. Ja, nur nicht mit Gevatter Schneider und Hand⸗ ſchuhmacher in Revolutionsangelegenheiten ſich ein⸗ gelaſſen, meinte Ruffus, zumal wenn noch ein Piquet Infanterie in der Naͤhe ſteht. Es muß weit kommen, bevor der deutſche Philiſter ſich verſchwoͤrt und revolu⸗ tionirt. Er entſetzt ſich dann in der Regel vor ſeiner hoͤchſt eigenen Perſon. In dem neben der Straße gelegenen Gebuͤſch ent⸗ ſtand jetzt ein gewaltiges Praſſeln und gleich darauf guckte das behaarte Antlitz mit der langgeſpitzten Pelzmuͤtze, das vorhin den Waldes Rand entlang geritten war, aus dem Geſtruͤppe hervor. Die tiefliegenden liſtigen Augen ſchienen das Terrain zu recognosciren, und da ſie bloß die drei friedfertigen Spaziergaͤnger gewahrten, kam der fremdlaͤndiſche Kriegsmann vollends auf die Straße herausgeritten.. Mun, da haben wir ja einen Freund Aſiens ganz in der Nähe, ſprach Ruffus. Ich will nicht geſund hier ſtehen, wenn dieſes Saͤugethier nicht direct von der chineſiſchen Grenze kommt. Reinhold zog eine Rumflaſche hervor zhitte damit dem Aſiaten. Dieſer ſchien den Wink zu verſtehen, ſenkte die Lanzenſpitze zur Erde und na⸗ herte ſich langſam und vorſichtig. „Mach' den Kerl nicht beſoffen, ſprach Guͤnther, ich trau ihm nuͤchtern nicht, viel weniger inſpirirt.„ Die drei Freunde hatten jetzt Muße, den Fremd⸗ ling genauer zu betrachten. Es war ein hagrer Mann in den Vierzigen, aber von wildem, Nomadenaͤhnli⸗ chem Ausſehn. Der weißgraue Bart floß reich uͤber die Bruſt herab. Die grauen ſtechenden Augen lagen tief, wie lauernd, in ihrem Hinterhalte. Die untern Geſichtspartien traten aufergewoͤhnlich hervor, wäh⸗ rend die obern ſichtbar eingedruͤckt waren. Wenn man die blauen, weiten, mit einem rothen Streifen be⸗ ſetzten Pluderhoſen abrechnete, war der Mann unter ein uniformirtes Militär nicht zu rechnen. Die Waf⸗ fen beſtanden imeiner Pike von außerordentlicher Laͤnge, einem Schleppſaͤbel und einem Paar Piſtolen, die in ei⸗ nem grauen Leibgurt ſtacken. Auf der Bruſt hing eine Kette ſonderbarer Zierrathen, unſtreitig Talis⸗ mane und Beſchwoͤrungsmittel gegen boͤſe Geiſter. Wennich nur erſt ſoviel heraus hätte, ſprach Ruffus, nachdem er ſich den Fremdling von Oben bis Unten in Augenſchein genommen, ob der gute Mann wirk⸗ lich ein Chriſt, oder ob er zu den Feueranbetern gehoͤrt. Das curioſe Schnoͤrkelwerk da will mir nicht gefallen, das ſchmeckt nach Vielgoͤtterei. Und waͤr's ein Atheiſt, ſprach Reinhold, er iſt mir hoch willkommen. An einen Satan glaubt er ſicher⸗ lich, ſonſt waͤr' er nicht gegen den Napoleon zu Felde gezogen. Nun, dieſem braven Manne, meinte Ruffus, hat der Kaiſer der Franzoſen und Koͤnig von Italien ſicher nichts in den Weg gelegt. Er waͤre gern daheim ge⸗ blieben, wenn nicht der Kaiſer aller Reußen halb Aſien gegen das Abendland aufgeboten haͤtte. Mehre der Spaziergaͤnger, als ſie die drei Freunde ſo friedlich und vertraut mit dem Aſiaten geſtikuliren ſahen, hatten ſich jetzt genaͤhert und erhoben ein lautes Hurrah, welches von den weiter Zuruͤckgebliebenen hun⸗ dertfach wiederholt wurde. Der Koſak ſenkte zum Zeichen des Gegengrußes die Lanze, hielt es jedoch, da das Publikum immer groͤßer wurde, fuͤr gerathener, ſich zuruͤckzuziehen. Er wollte mit einer dankenden Bewegung das Fläſchchen zuruͤckgeben, Gotthardt aber — gab ihm zu verſtehen, daß er es behalten koͤnne, worauf jener wieder im Gebuſch verſchwand. Ein lautes Hurrah folgte ihm. Ueber dieſes einfältige Gehurrahe, brummte Ruf⸗ fus; das Volk iſt ſo dumm, daß es mich dauert. Die ganze Stadt ſteckt voll Franzoſen. Wenn ſich dieſe an der Ruſſiſchgeſinnten Stadt revangiren, iſt es ih⸗ nen gar nicht zu verdenken, und die vorlauten Schrei⸗ hälſe haben es allein auf dem Gewiſſen. Wir haͤt⸗ ten uns außerdem mit der ſonderbaren Pelzmuͤtze noch ängenehmunterhalten koͤnnen; das unvernuͤnftige Gebruͤll hat ſie davongejagt. Du biſt ein ſeelenloſes Amphibium, erwiderte ihm Reinhold in edlem Unwillen; Du biſt nicht fäͤhig, den Jubel zu faſſen, der unſre Bruſt beim Anblick der erſten Freiheitsboten erfuͤllt. Zanke wie Du willſt, ſprach Guͤnther, ich kann einmal in dieſen Baſchkiren und Tſcherwaken keine Freiheit erblicken. Die Knute, die dem guten Manne am Sattelknopfe baumelt, iſt ein Inſtrument, das mir alle Freiheitsideen ſo ziemlich verleidet. Ein Schuß, ber jett im Gebüſche füet, jagte der bis zum Walde vorgegangenen Menge einen ſolchen — Schrecken ein, daß ſie ſich ſchleunigſt zum Ruͤckwege nach der Stadt bewogen fuͤhlte. Manuͤberpurzelte ſich faſt. Iſt denn Jemand todtgeſchoſſen worden? frug Ruffus. Nein doch, erwiderte Gotthardt, welcher mit ziem⸗ lich aͤrgerlichem Blicke dem fliehenden nach⸗ ſchaute, ein blinder Laͤrm. Da ſeh man dieſe Thebaner, lachte Guͤnther, ich moͤchte den Commerz ſehen, wenn ſo ein vorlauter Philiſter wirklich angeſchoſſen waͤre. Und dieſes Volk will gegen den Napoleon aufſtehen! Wenn ich jetzt die ſchwarze Thorwacht commandirte, ließ ich das Loch ſperren. Das muͤßte ein Gaudium werden; drinnen Franzoſen, hier die Ruſſen, und inmitten die freiheit⸗ liebenden Familienvaͤter. Die ſollten ihr voreiliges Traktement ſchoͤn bereuen. Iſt doch ſelbſt die beruͤhmte alte Garde vor den Koſaken davongelaufen, entſchuldigte Reinhold, wer wollte es dieſen friedlichen, waffenloſen Einwohnern zum Vorwurf machen. Hoͤr' einmal, Schatz, erwiderte Ruffus ordentlich gereizt, ſchone meine Lunge, ich bitte Dich; räſonnire auf die Franzoſen, ſo viel Du willſt, ſchlag ſie todt meinetwegen, aber greif' ihre militairiſche Bravour — nicht anz Du weiſt, ich kann dieſe neudeutſchen Ro⸗ tomontaden nicht leiden. Reinhold berechnete jetzt, in welcher Zeit die Ver⸗ buͤndeten am Rheine ſtehen koͤnnten. Wir haben jetzt Maͤrz, ſprach er, die Ruſſen fuͤhren vortreffliche Ka⸗ vallerie mit ſich, der Vicekoͤnig kann ſich nicht haltenz in Vierzehn Tagen ſchwaͤrmen die Koſaken vor den Thoren Frankreichs, und dann erhebt ſich ganz Deutſch⸗ land. Ich muß mich ſehr wundern, fiel Ruffus mit gutmuͤthiger Satyre in die Rede, daß Du Dich nicht patriotiſcher ausdruͤckſt und ſagſt:„dann erhebt ſich das ganze deutſche Vaterland.“ Aber mit Deinen ruſſiſchen Cavallerieplaͤnen iſt's Nichts. Napol eon ſagt:„in den Ebenen von Leipzig will ich den Feldzug von 1813 eroͤffnen,“ und der muß es beſſer wiſſen als Du. Dieſe Worte nehme ich fuͤr nichts, als eine prah⸗ leriſche Buͤlletinphraſe, ſprach Gotthardt; auch ich bin der Meinung, daß ſich der Vicekoͤnig an der Elbe nicht halten kann. Eugen ſich nicht halten? frug Guͤnther, nun da kennt ihr ihn ſchlecht. Seine Corps ſind bereits ſo gewachſen, daß er ſicher nicht an ein weiteres Zuruͤck⸗ — weichen denkt. Ceterum censeo, Napoleon ſagt, bei Leipzig treffe ich ſie, und da trifft er ſie, und wird ſie treffen und wird ſie ſchlagen, und wenn Preußen nicht total den deutſchen Philiſter auszieht und als junger Löwe einherſteigt, werden wir den kleinen Korporal und ſeinen Korporalſtock ſo bald nicht los; denn die Ruſſen machen das Kraut nicht fett, wenn es nicht ſchon fett iſt. Ja, rief Reinhold begeiſtert, wer doch in Preußen lebte. Unſer Poſten hier, bemerkte Gotthardt, iſt nicht minder wichtig und ehrenwerth; wir haben genug zu ſchaffen und zu fördern, bis Alles reif iſt zu Einem großen Schlage. Ja, aber nur nicht zu vorwitzig in derlei Sachen, meinte Guͤnther, mir iſt nichts abſcheulicher als ſo eine von der Pfanne gebrannte Emeute. Der Katzenjam⸗ mer, der darauf folgt, iſt zu erbaͤrmlich. Ich fuͤhre ſchlechterdings aus der Haut, wenn Ihr auf ſolche Weiſe zu Grunde ginget; nein, Ihr habt manche bril⸗ lante Dummheit begangen, aber das hättet Ihr nicht verdient, nein beim Himmel, das waͤre zu ſchändlich. Und wenn wir unterlägen, ſprach ſtolz und ener⸗ 3 giſch Reinhold, ſo wuͤrden wir den bleichen Tyrannen zeigen, wie freie Maͤnner zu ſterben wiſſen. Mein Gott, was fragt ein rothbackiger oder bleicher Tyrann darnach, fuhr Ruffus eifrig fort; Kinder, um Gotteswillen, Vorſicht, verſprecht mir, ſchwoͤrt; uber⸗ haupt, ſagt Euch von dieſer vehmenartigen Conſpiration los; lieber will ich Euch in einem ruſſiſchen oder preußi⸗ ſchen Bataillone ſehen, den franzoͤſiſchen Muͤndungen zwanzigSchritte vis à vis, als hier, Verſchwoͤrungen aus⸗ heckend; alle Stunden in Gefahr, arretirt und den an⸗ dern Morgen erſchoſſen zu werden. Bedenkt doch, Liebe und Getreue, in drei Teufels Namen, daß Ihr auf der einen Seite den Napoleon habt und ſeine Polizei, die beiderſeits keinen Spaß verſtehen, und auf der andern deutſche Philiſter, die ſich wieder auf keine Verſchwörungen verſtehen, derlei Sachen perpler genug anfangen, und in der Regel, wenn der liebe Gott kommt und den Schaden beſieht, das Kind mit dem Bade verſchuͤtten. Wir haben es mit der tutſchen Jugend zu thun, und mit keinen Philiſtern, belehrte Reinhold in etwas empfindlichem Tone. Mein Gott, eiferte Ruffus ichch als ob die deutſche Jugend kein deutſcher Philiſter waͤre; nur etwas juͤngerer und darum weniger zurechnungsfühiger iſt er. Aber kommt denn der Sohn Hoch ſiens nicht wieder zum Vorſchein? Nein er iſt verſchwunden und Alles wie ausgeſtorben. Nachdem Ruffus nochmals mit ſeinem ſcharfbli⸗ ckenden Auge die Gegend durchſpaht, mahnte er zum Aufbruch. Hier iſt vor der Hand Nichts zu erholen, ſprach er, ich dachte, wir traͤnken ein Flaſchchen Reibers⸗ dorfer bei Lotzmanns, dann kehrten wir zur Stadt zuruͤck. Die Koſaken werden wir noch Zeit genug und in Menge zu ſehen bekommen. Die Freunde willigten ein. Man ſpazierte die Koͤnigsbrucker Straße zuruͤck. Auf Schoͤnbrunnen war noch viel Leben. Große Haufen Neugieriger ſtanden vor der Hausthuͤr und ſchauten nach dem Walde. In der Schenk⸗ und Billardſtube war es gedraͤngt voll, daß das Kleeblatt kaum an einem Tiſche in der Ecke Platz finden konnte. Man beſturmte jetzt die drei jungen Männer mit Fragen uͤber ihre Unterhaltung mit dem Koſaken. Parlirte franzöſiſch wie gedruckt, ſprach Guͤnther trocken. Was Sie nicht ſagen, erwiderte verwundert ein —— Altſtädter Schneidermeiſter, und die Verwundrung griff um ſich. In der That, wie gedruckt, fuhr der Humoriſt in vorigem Tone fort, ein gelehriges Volk dieſe Ko⸗ ſäken— aber blutgierig. Wie ſo, frug der Schneidermeiſter und ſein Ge⸗ ſicht ward ſichtbar laͤnger. Nun, frug der Erzähler, habt Ihr den Schuß nicht gehoͤrt? Allerdings, allerdings, toͤnte es von mehrern Sei⸗ ten, und die Spannung erreichte den hoͤchſten Grad. Eein Bauer aus Klotzſcha hat aufgehoͤrt zu leben, toͤnte es dumpf aus Guͤnthers Munde. Entſetzen bemeiſterte ſich der Zuhoͤrer, Viele eil⸗ ten nach Hut und Stock, ohne den weitern Hergang der tragiſchen Begebenheit abzuwarten; nur die Herz⸗ haftern hielten Stand und Ruffus fuhr fort: Der Barbar wollte aus Dank fur die erhaltene Schnapsflaſche ſeine Fertigkeit im Piſtolenſchießen zei⸗ gen. Zum Gluͤck fur uns guckte ein Bauerkopf aus dem Gebuͤſch, ſonſt haͤtt er einen von uns auf's Korn genommen. Alſo einen unſchuldigen Landmann? toͤnte es von mehrern Seiten in kläglichem Tone. unſchuldig? frug Ruffus, wer heißt dem Eſel den Kopf hervorſtecken, warum blieb er in ſo gefaͤhrlicher Zeit nicht in ſeinem Klotzſcha. Die Koſaken ſchonen nicht, das mußt' er wiſſen. Der unerſchutterliche Ernſt, mit welchem der junge Mann erzählte, ließ keinen Zweifel uͤbrig; nur der alte Beſitzer von Schoͤnbrunnen, Lotzmann, ein abge⸗ ſagter Franzoſenfeind, wollte die Gräuelthat nicht auf dem Freiheitbringenden Koſaken ſitzen laſſen. Mehre Gaͤſte ſtimmten bei. Man ſtritt Pro und Contra. Endlich erhob ſich Ruffus: Meine Herren, rief er, wenn wir noch lange dis⸗ putiren, Loͤnnten wir leicht einen handgreiflichen Be⸗ weis von der Humanität jener ſonderbaren Filzmuͤtzen erhalten. Wenn mich nicht Alles trog, deuteten die Worte jenes Buſchkleppers auf einen Ueberfall der naͤch⸗ ſten Häuſer. Wir konnen, wie wir hier ſind, heute noch als Geißeln im ruſſiſchen Bivouak paradiren und uns gegen gutes Loͤſegeld ranzioniren. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als keine Macht der Erde die Anweſenden laͤnger zu halten vermochte. Einer uͤberbot den Andern an ſchlimmen Nachrichten und Befuͤrchtungen. Man ließ die halb 2 — ausgetrunkenen Bierkruͤge ſtehen, und in wenig Minu⸗ ten war das Billardzimmer bis auf Gotthardt, Rein⸗ hold und Ruffus geleert. So, rief Letzterer lachend, nun iſt Luft, wir haben Platz, ſind die Philiſter los, koͤnnen ſogar eine Partie Billard ſpielen— Das wollt' ich nur haben. Aber Freund Gotthardt ſchaut ordentlich finſter darein, daß ich die Philiſter in die Flucht geſchlagen. Du weißt, ſprach dieſer, daß ich das Leutefoppen nicht leiden kann. Mein Himmel, eiferte Ruffus, verdient denn die⸗ ſes Volk etwas Beſſeres? warum ſind ſie ſo vorwitzig, neugierig und dabei ſo haſenhaft. Wenn es ſo ſchwer iſt, satyram non serihere, ſo iſt mir's eben ſo unmoͤglich, ſolchen Leuten eine Naſe nicht aufzuheften, zumal wenn ich dabei die erlabende Ausſicht habe, ihrer Ge⸗ ſellſchaft los und ledig zu werden. Wirſt Du denn heut einmal dem Convente be⸗ wohnen? frug Gotthardt ablenkend, in ernſtem, halb vorwurfsvollem Tone. Freund, erwiderte Ruffus, verſchone mich. Die⸗ ſes Conſpiriren, Aſſoziiren liegt mir nicht im Blute⸗ Ich wuͤrde Euch nur zur Aergerniß gereichen, weil ich Alles mit zu viel Fiſchblute betrachte. Daß ich, wenn's U gilt, mit Blut und Leben Euer bin, wißt Ihr; ich bin Euer Freund, aber kein Parteimann. Ich will mein eigner, folglich ein freier Herr ſein. Ihr habt mein Herz, was wollt Ihr mehr? Gotthardt reichte ihm die Hand. Ich und Rein⸗ hold trauen Dir, ſprach er, aber in der jetzigen Zeit muß man auch den Schein vermeiden. Entſage dem Umgang mit franzoͤſiſchen Officieren, ich bitte Dich. Mein Gott, erwiderte Ruffus faſt aͤrgerlich, ſeid Ihr, ſogenannte Pätrioten, einſeitige Leute. Weil dieſe wackern Krieger ihre Pflicht thun, fuͤr ihren Monarchen fechten; weil ſie ſich fur eine Zeit lang durch Talent, Ta⸗ pferkeit und durch unſere eigene Ohnmacht zu unſern Su⸗ prematen aufgeſchwungen haben, ſoll ich, als den Welt⸗ haͤndeln ganz fremd, auch den Privatverkehr mit ihnen aufgeben? Nein, da verlangt Ihr Unbilliges, das ich ſcht bewilligen kann und mag. Ich befinde mich wohl in der Geſellſchaft meiner franzoͤſiſchen Bekanntſchaft; es ſind gebildete, humane Leute, was geht mich die Uniform an, die ſie auf dem Leibe tragen? Der Wahlſpruch der Gegenwart, bemerkte Gott⸗ hardt finſter, heißt: Entweder Fuͤr oder Gegen mich! Ganz recht, draußen in der Schlacht, antwortete Ruffus; aber jetzt ſehe ich keinen Grund, mich un⸗ * — ℳ nützerweiſe wie ein Igel zuſammen zu rollen, unnah⸗ bar Allem, was unter der ſchoͤnen Sonne jenſeits des Rheins geboren iſt. Wie lange wird es dauern, und die Katzbalgerei beginnt von Neuemz ich bekomme meine lieben Bekannten vielleicht nie wieder zu Geſicht. Warum ſoll ich ſie bereits jetzt fur geſtorben betrachten? Es iſt immer ein Unterſchied zwiſchen Umgang und Umgang, belehrte Gotthardt; auch unſer Albert, die treue deutſche Seele, ſteht in Verbindung mit den Fremdlingen, aber es iſt nur eine Art Convenienz, die ſeinen Patriotismus nicht compromittirt. Es wird ihm nie in den Sinn kommen, den Trinkgelagen der Fremden beizuwohnen, ihre Lieder zu ſingen und auf Deutſchlands Unterdrucker anzuſtoßen. Hor' einmal Schatz, ſprach Ruffus, wenn Ihr Euern Patriotismus darnach meſſet, ob man in di ſer oder jenem Hotel ſoupirt, ſo weiß ich kaum, was ich von halten ſoll. Was ſoll ich's leugnen, ein franzö⸗ ſiſch Trinkgelag iſt mir lieber, als ein ächt germaniſches. Ich bin einmal uͤber die akademiſche Saufzeit hinaus; ich bin Gourmand, habe es gern, wenn auch bei der hochſten Heiterkeit die Grenzen des Anſtandes nicht aus den Augen verloren werden. Darum kann ich Eure —— ſogenannten patriotiſchen Gaſtereien, wo es im An⸗ fang ſo ſerioͤs hergeht, als ſaͤße der liebe Herrgott in Merſon mit am Tiſche, und ſpäter die halbe Geſell⸗ ſchaft unterm Tiſche liegt und ſich erbricht, nicht leiden. Bei Franzoſen habe ich das nie gefunden. Und was die Toaſte anlangt, ſo ſollte mich derTeufel holen, Deutſch⸗ lands Unterdrucker hochleben zu laſſen; aber keine Macht der Erde ſoll mich verhindern, auf das franzoͤſiſche Volk, auf Napoleon, das groͤßte Genie der Weltgeſchichte, und auf dergleichen huͤbſche Sachen anzuſtoßen. Ich begreife aber nicht, meinte Gotthardt ſchmerz⸗ lich, wie man uͤberhaupt jetzt, wo das zertretene Vaterland an tauſend Wunden blutet, dergleichen Zerſtreuungen nachgehen kann. Ich gehe ihnen nicht nach, war Guͤnthers Ant⸗ wort, aber ich nehme ſie mit, wo ſie ſich finden, und ein Thor, wenn ich's nicht thaͤte. Carpe diem— Weur hie? ſagt der Lateiner. Wird's etwa beſſer, wenn ich mich als Betbruder in eine Zelle ſperre oder in die Wuͤſte wallfahrte und Heuſchrecken verzehre? Daß die Franzoſen uͤber kurz oder lang zum Lande hin⸗ aus muͤſſen, davon bin ich ſo gut uͤberzeugt, wie der beſte Patriot; das ſehen die Verſtandigen unter ihnen ſelbſt ein und finden die Sache in der Ordnung. Al⸗ — ſo in der Hauptſache ſind wir einig, Nebendinge kom⸗ men nicht in Betracht. Das iſt meine Philoſophie und ich befinde mich wohl dabei. Es begann Abend zu werden und die Freunde ſchickten ſich an, zur Stadt zuruͤckzukehren. Als Ruf⸗ fus aus der Hausthuͤr trat, warf er noch einen Blick nach dem Walde. Schlaft wohl, meine guten Koſaken, ſprach er, ihr 1 moͤgt ein recht gutes Voͤlkchen ſein, aber Euer wackter Kaiſer, der Herrſcher aller Reußen ſelbſt mag mir's verzeihen, wenn ich in Euch keine Freiheitsapoſtel er⸗ blicken kann. Schweigend gingen die Freunde dem Thore zu. Sie paſſirten das Schwarze Thor, durchſchritten die Neuſtaͤdter Allee und gelangten auf die Elbbruͤcke. Hier arbeitete man noch an den Vorbereitungen zur Sprengung des einen Bruͤckenpfeilers. Mit ſti Ingrimm gingen Gotthardt und Reinhold vorü Ruffus aber blieb ein Weilchen ſtehen und betrachtete die Operationen aus wiſſenſchaftlichem Geſichtspunkte. Als er die vorausgegangenen Freunde eingeholt hatte, ſprach er: Das muß man den Franzoſen laſſen, als In⸗ genieure ſtellen ſie ihren Mann. Ich glaube nicht, n⸗ daß, wenns noch zur Sprengung kommt, die benach⸗ i barten Pfeiler im Geringſten verletzt werden. Mon⸗ ſieur Belmont, der die Arbeiten leitet, bot mir geſtern de eine Wette an, daß nicht einmal die Laternen der naͤch⸗ f⸗ ſien Pfeiler zerſpringen ſollten. Das wäͤr' allerdings ick ein Meiſterſtuͤck. Schweig von dieſem Schandmal fremder Tyrannei, hr brach Gotthardt los. Es iſt militairiſch erwieſen, daß er dieſe ſchaͤndliche Zerſtorung eines der ſchoͤnſten deut⸗ *s ſchen Bauwerke nicht einmal Etwas nuͤtzt. Bloß bar⸗ r⸗ bariſche Zerſtoͤrungswuth iſt es. Ruffus wollte das nicht unbedingt zugeben. Man u. erreichte den Altmarkt. Noch einmal wandte ſich hier ie Gotthardt an den Freund. e. Ich gehe jetzt in unſere Verſammlung, ſprach er, ich es entſchuldigen, daß Du nie erſcheinſt? Du willſt, erwiderte der Gefragte, Du kennſt ne Anſichten und Gruͤnde. mich, Bruder, bitte ich, heute zu eiſchuldi⸗ c Reinhold, gruße die Freunde; ich bin zu Gunthers geladen auf heut Abend. Verlaͤßt mich denn Alles? frug mit truͤbem Laͤcheln Gotthardt, reichte den Beiden die Hand und wandelte allein die Wilsdruffer Gaſſe entlang. — Freund, begann Ruffus, als ſie allein waren, Du findeſt heut einen tuͤchtigen Thee- und Klatſchklupp bei uns. Da gilt's vorher, ſich zu ſtärken. Ein Glas Punſch bei Freund Conradi kann meines Erachtens nichts ſchaden in der feuchten Maͤrzluft. Wir finden da zugleich Journale und Politiker. Reinhold ließ ſich zureden und bald ſaßen die Bei⸗ den in der beliebten Reſtauration auf der Seegaſſe. Es befanden ſich bereits mehre Gaͤſte daſelbſt, auch ei⸗ nige franzoͤſiſche Officieres. Ruffus holte ſogleich ein Paquet Zeitungen, die er vor ſich ausbreitete. Nichts Neues von Bedeutung, ſprach er nach ober⸗ flaͤchlicher Durchſicht, der Napoleon iſt und bleibt ein Halbgott, wenn das Alles wahr iſt, was hier ſteht. Bereits hat er eine neue Armee aus der Erde ge eine wo moͤglich noch impoſantere als die vo Das ſoll ein Andrer nachmachen. Wie's nur ßen ſtehen mag, davon erfaͤhrt man Nichts; zoͤſiſch offiziellen Berichten iſt hier nicht zu tr Er blaͤtterte weiter. Reinhold, in Gedanken verſunken, hatte wenig von den politiſchen Referaten des Freundes vernom⸗ men. Sein Geiſt ſchien mit etwas ganz Anderm be⸗ u py n en — 25— ſchaͤftigt. Eine Frage ſchien ihm mehre Mal auf den Lippen zu ſchweben. Endlich neigte er ſich etwas ver⸗ rogen zu dem leſenden Freunde. Wie geht es der Schweſter Anna? frug er nicht ohne leiſes Erroͤthen. Wie es einem Maͤdchen ergeht, war die Antwort, das ſich zu viel um Politik bekummert. Sie haͤrmt ſich als gute Patriotin uber den Fall des Vaterlandes; phantaſiert von niedergetretner Freiheit, von feſtem Zuſammenhalten, Opferungen und was dergleichen poetiſche Dinge mehr ſind. Reinhold nahm ſich der Angegriffenen mit Feuer an. Sprich was Du willſt, fuhr Ruffus ruhig fort, ich laſſe mir's nicht nehmen, es iſt mehr Einbildung. Als ſie dieſe Dinge von unſerm großen und ſchoͤnen Vaterlande deklamirte, ſtellte icheinen kleinen proſaiſch⸗ geographiſchen Examen uͤber dieſes große und ſchoͤne Va⸗ terland an, da bin ich mit Schrecken gewahr geworden, wie es mit ihrer Kenntniß des hochtheuern Landes be⸗ ſchaffen iſt. Die Kreuzuhr ſchlug jetzt die ſechſte Stunde des Abends. Wenn wir nicht in Ungnade fallen wollen, ſprach Ruffus aufſtehend, muͤſſen wir jetzt aufbrechen. Ein ſolches Zuſpatkommen ſteht bei einer Theegeſellſchaft noch uͤber dem Verbrechen am Vaterlande. Die Beiden entfernten ſich und wanderten nach der Pirnaiſchen Vorſtadt, wo Guͤnthers Familie wohnte. Zweites Kapitel. Als Ruffus mit ſeinem Freunde in das vaͤterliche Haus trat, fanden ſie bereits Treppen und Vorſaͤle er⸗ leuchtet. Sie ſtiegen in das erſte Stock hinauf. Hier trat ihnen wie zufaͤllig aus der erſten Fluͤgelthuͤr ein reizendes weibliches Weſen in ſchwarzſeidenem Kleide entgegen. Etwas fantaſtiſch ringelte ſich das reiche Lockenhaar um das blendendſchoͤne Antlitz und fiel dun⸗ kelſchattend auf die koͤniglich gebaute Schulter herab. Es war Anna. Ihr ganzes Weſen verrieth aber et⸗ was freudig Geſpanntes; die ganze Haltung und Be⸗ wegung zeigte von einer gewiſſen Haſt. Das reizende Antlitz ſtrahlte von innerer Freude. Ohne Reinhold im Geringſten zu beachten, eilte ſie auf den Bruder zu, umſchlang und kuͤßte ihn. Dieſer blickte ganz verwundert umher und konnte ſich im erſten Augenblicke das ſeltſame, wunderbarfreu⸗ — dige Benehmen der Schweſter, mit welcher er uͤber⸗ haupt ſelten harmonirte, gar nicht erkläͤren, als dieſe ihm ins Ohr fluſterte: Die Nachricht iſt da, Preußen hat Frankreich den Krieg angekuͤndigt. Das ganze Land greift zu den Waf⸗ fen. Oberſt Bremer hat die Kunde direct von Breslan gebracht. Dacht' ich doch ſonſt was, ſprach der in ſeiner Erwartung getaͤuſchte Bruder und machte das indiffe⸗ tenteſte Geſicht von der Welt. Was iſt da Außeror⸗ dentliches? fuhr er fort, hab' ich das nicht gleich nach Yorks Abfall prophezeiht und täglich erwartet? Uebti⸗ gens begreif' ich nicht, worin das gewaltig Freudige ſteckt, wenn ſich ein Paar Volker den Kampf auf Tod und Leben ankuͤndigen, zumal fuͤr ein weibliches Gemuͤth, das eher davor erſchrecken ſollte. Eine hohe Roͤthe der Schaam und des Unmuths uberflog Anna's ſchöne Stirn. Sie fuͤhlte, daß ſie in der erſten Aufwallung ihres patriotiſchen Herzens die Grenzen der Weiblichkeit uberſchritten hatte; und nun die kuͤhle Zurechtweiſung durch den philoſophiſchen Bruder in Gegenwart eines dritten jungen Mannes, der, wenn er ihr auch bekannt, dochziemlich fremd war— Alles mußte verletzend auf ſie wirken. Einen Augen⸗ —— blick ſtand ſie in reizender Verlegenheit; doch ermannte ſie ſich ſchnell, und ohne ein Wortzu erwidern oder ſich zu verneigen, eilte ſie den Gang entlang und verſchwand in den hintern Zimmern. Nun wird ſie gar unartig und läuft ſpornſtreichs davon, ſprach Ruffus ziemlich aͤrgerlich. Hab' ich nicht Recht, es kommt nichts Geſcheidtes heraus, wenn ein Maͤdchen zu viel politiſirt. Reinhold, in deſſen Herzen ſich die Erſcheinung von Neuem mit unausloͤſchlichen Zuͤgen geprägt hatte, ergriff das Wort der Vertheidigung. Es war nicht zart von Dir, ſprach er, das arme Kind ſeiner Himmelsfreude ſo ſchmäͤhlich zu berau⸗ ben durch trockene Worte und verletzende Hofmeiſterei. Enthuſiasmus iſt eine Himmelsflamme, und Suͤnde iſt es, auf ſo muthwillige und kraͤnkende Weiſe ſie zu loͤſchen. Was da, entgegnete Ruffus, ich kenne meine Schweſter. Ihr Patriotismus und Enthuſiasmus iſt eine Angelegenheit der Mode. Mir ſind mehre der⸗ gleiche patriotiſche Exemplare bekannt. Gern neige ich mein Haupt vor der Vaterlandsbegeiſtrung einer Po⸗ lin, Spanierin, Brittin, ja wie jetzt die Sachen ſtehen, ſelbſt vor den Frauen und Toͤchtern des wackern Preu⸗ —— ßenvolks— aber wenn ein Maͤdchen, das im Leben noch nicht aus dem MeißnerKreiſe herausgekommen iſt, das den phyſiſchen und moraliſchen Druck der Fremd⸗ herrſchaft kaum von Hörenſagen kennt, denn unſte Familie iſt ziemlich Napoleoniſch geſinnt, wenn das mit einem Male, bloß weil es anfaͤngt Mode zu werden, die Patriotin ſpielt, vom deutſchen Vaterland, Roͤ⸗ mergroͤße, Tugend und Aufopferung faſelt— das iſt unweiblich, Unnatur, und nichts bringt mich mehr in Harniſch, als dergleichen.— Da lob' ich mir Claͤr⸗ chen, es ſchickt ſich das Lob zwar nicht fur den Bruder, aber das iſt wirklich ein ausgezeichnetes, liebes Kind; ſo eine aͤcht mäͤdchenhafte Natur, wie ſie ſein ſoll; Alles lauter und rein, wie ein Thautropfen, ſo natuͤrlich, zwar ſchuͤchtern wie ein Reh, aber das gibt ſich. Sie kummert ſich den Guckuk um diplomatiſche Verhand⸗ lungen und iſt zehnmal geſcheidter, als die patriotiſche Schweſter. Seit der deutſche Patriotismus in den Dresdner Familien um ſich greift, hat das arme Kind manches harte Wort von der Anna hoͤren muͤſſen, denn ſie iſt dem Kaiſer Napoleon, von dem ſie ſo viel Groß⸗ thaten hat erzahlen hoͤren, mit ganzer Seele ergeben. Reinhold hatte von dem Lobe Claͤrchens wenig ver⸗ nommen; noch immer ſtand die reizende Anna mit den ₰ — 31— dunkeln Locken vor ſeiner aufgeregten Phantaſie und dasjenige, was dem Maͤdchen der Bruder zum Vorwurf machte, verlieh ihr in Reinholds Augen um ſo hoͤhern Werth. Als ſich die Beiden in dem Kreiſe der Theetrinken⸗ den Damen niedergelaſſen hatten, kam das Geſpraͤch bald auf die neuen morgenlaͤndiſchen Gaͤſte, die ſich dieſen Nachmittag vov Dresden hatten blicken laſ⸗ ſen. Die anweſenden Frauen und Mädchen waren er⸗ ſtaunlich neugierig, und Ruffus trug den Rencontre mit der Koſakenvedette mit vieler Laune und zu allge⸗ meiner Ergoͤtzlichkeit vor. Die Damengeſellſchaft be⸗ ſtand faſt aus lauter Dresdnerinnen, welchen ein Ko⸗ ſak damals eine noch ganz außergewoͤhnliche Erſchei⸗ nung war. Waͤhrend Ruffus im beſten Erzaͤhlen war, und die Abenteuer des Nachmittags ſchoͤnſtens aus⸗ ſchmuͤckte, trat der Hausherr, der in Ruheſtand geſetzte Geheimerath Guͤnther, ins Zimmer. Meine Damen, ſprach er, fall's Ihnen noch nicht der Anblick eines ruſſiſchen Wachtfeuers, von denen wir ſo oft in den Zeitungen geleſen haben, geworden iſt, wuͤrde ich Sie ergebenſt bitten, ſich noch ein Stock⸗ werk hoͤher zu bemuͤhen, von wo man die ganze flam⸗ mende Linie auf den Höhen der Dresdner Haide„ uͤberſchauen kann. Der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall und Al⸗ les brach auf. Man ſtieg in das zweite Stockwerk des geraͤumigen und hochgelegenen Hauſes. Hier war die Ausſicht freier. Auf der Mitternachtſeite leuchtete eine ziemliche Linie von Wachtfeuern, welche weit in die dunkle Marz⸗ nacht hinausleuchtete. Dieſe mitternaͤchtliche Roͤthe hatte aber etwas Unheimliches. Mehre der Damen konnten ſich eines Schauers nicht erwehren. So ſind denn dieſe beruͤhmten Feuerleins von Moskau bis Dresden marſchirt, ſprach Ruffus, was man erleben muß. Und werden bald durch ganz Deutſchland leuchten, fuͤgte Reinhold hinzu. Vorausgeſetzt, bemerkte Ruffus, der des Freundes Worte vernommen, daß ſie der kleine Nap nicht aus⸗ putzt oder uͤber die Weichſel zuruͤckjagt. Eine weibliche Stimme ſprach halb laut: Sie ſind die nachtliche Aurora, welche dem großen Freiheitsmor⸗ gen vorhergeht. Claͤrchen, die neben Ruffus zum Fenſter hinaus⸗ ſah, mußte laut lachen. War's nicht Anna? frug Letzterer die juͤngere Schweſter. Dieſe nickte. Ruffus aber ſprach laut: Ich habe eine etwas proſaiſchere Anſicht uͤber dieſe Feuer. Sie kommen mir vor wie Irrlichter oder gut Dresdneriſch, wie Irrwiſche, und ich ſehe nichts Er⸗ freuliches daran. Der Geheimerath berechnete jetzt nach dem Um⸗ fange des naͤchtlichen Bivouacs die ungefähre Staͤrke der feindlichen Streitmacht. Es ſcheinen mir blos einige Koſakenpulks, er, vielleicht nur ein Streifkorps der großen ruſſiſchen Armee. Nur Geduld, erwiderte Ruffus, die Kanonen und Grenadiermuͤtzen werden nicht ausbleiben. Das kann ein artiges Rencontre geben wegen des Elbuberganges; die Franzoſen hier ſcheinen keine große Luſt zu haben, Dresden zu verlaſſen, und werden ſich zu wehren wiſſen. um Gottes willen, machen Sie uns nicht bange, baten mehre Damen. Die Neuſtadt und der neue Anbau wird ſich frei⸗ lich nicht halten können. Der wird in den nächſten Tagen koſakiſch, aber wir Altſtaͤdter bleiben gut Napo⸗ leoniſch. I. 3 Eine franzoſiſche Patrouille zog jetzt unter den Fenſtern voruͤber. Hoͤren Sie die feſten, ſichern Tritte diſer Krieger? tröſtete Ruffus; es liegt ſo eine ſiegsgewiſſe Haltung in dem Franzoſen, die den Verzagteſten Muth einfloͤßt. Ueberdies wird Davouſt mit zwoͤlftauſend Mann von Meißen her erwartet. Mit ihnen haͤlt er den Orient in Schach, bis der Kaiſer kommt. Die kalte Nachtluft wehte alsbald zu unfreundlich durch die Straße und trieb die Geſellſchaft in das un⸗ tere Stockwerk zuruͤck. Reinholden ward jetzt Muße, auch die juͤngere Tochter des Geheimraths, das von Ruffus belobte Claͤrchen, die erſt vor Kurzem aus der Penſion in das Haus zuruͤckgekehrt war, zu beobachten. Es war ein blondes, liebliches Geſichtchen von kaum ſieb⸗ zehn Jahren, mit bluͤhendſchoͤnen, aber etwas muth⸗ willigen Augen., Ruffus, der es bemerkte, wie der Frunb e juͤn⸗ gere Schweſter fixirte, laͤchelte. Wie findeſt Du meinen Liebling? frug er. Allerliebſt, war die Antwort, ein kleiner Engel. In ſeinem Herzen aber hatte bereits die anderthalb Jahr aͤltere Anna Platz genommen. „ Weißt Du auch, frug jener weiter, weshalb Claͤr⸗ chen von Anna ſehr beneidet wird? Was konnte die vollendet ſchoͤne Anna noch zu wuͤnſchen haben? erwiderte der Gefragte. Die blonden Locken, erzaͤhlte der Bruder; Anna hat ſchwarzes Haar, aber dieſe Farbe dunkt ihr nicht patriotiſch genug. Sie wuͤnſcht ſich blonde Locken à la Thusnelde. Das Geſpraͤch in dem Damenkreiſe kam jetzt auf die Sprengung der Elbbruͤcke. Ruffus war der Ein⸗ zige, der dieſe Maaßregel in Schutz nahm. Reinhold erklaͤrte ſich auf eine Art dagegen, die ſein politiſches Glaubensbekenntniß ziemlich deutlich an den Tag legte. Frau von Sternburg, eine junge, etwas coquette Witwe, ſprach ſich uber die mit vieler Waͤrme geſpro⸗ chenen Worte des jungen Mannes ſehr anerkennend und belobend aus. Sie begleitete ihr geſpendetes Lob mit einem Blicke, der einen andern als Reinhold, in deſſen Bruſt nur Annas Bild lebte, in den dritten Himmel gehoben haben wuͤrde. Anna ward jetzt ebenfalls aufmerkſam auf den Freund des Bruders. Sie war zeither ziemlich theil⸗ nahmlos an ihm voruͤbergegangen, obſchon er in den Augen der Damen als ein hoͤchſt liebenswuͤrdiger 3 junger Mann erſcheinen mußte. Die Patriotin zeigte dieſe Theilnahmloſigkeit, ja Nachlaͤſſigkeit gegen alle junge Maͤnner ihrer Bekanntſchaft. Theils waren ſie ihr zu franzöſiſch geſinnt, theils auch wollte ſie ſich das Anſehen geben, als zieme es einer aͤchten Vater⸗ landsfreundin in derjetzigen verhaͤngnißvollen Zeit nicht, ſich in Herzensangelegenheiten einzulaſſen. Bei Rein⸗ hold, der ſich ſo offen und energiſch gegen die Fremd⸗ herrſchaft ausgeſprochen hatte, ſchien ſie nicht abge⸗ neigt, eine Ausnahme Statt finden zu laſſen. Als ſie ihm daher die Porzellanſchale mit dem Bisquit prä⸗ ſentirte, ſprach ſie mit vieler Anmuth: Sie haben recht ſchon geſprochen; ach, ſetzte ſie mit einem unter⸗ druͤckten Seufzer halb fluſternd hinzu: wenn ſie Alle ſo däͤchten! Der gluͤckliche Reinhold ſchwamm in einem Meere der Gluͤckſeligkeit. Er wagte einen ſcheuen Blick in die ſchoͤnen Augen. mein Fräulein, ſprach er mit ſchoͤner Warme, ſo denken Tauſende und Beſſere als ich. Dann wird die heilige Sache ſiegen, verhieß Anna mit Gewißheit verkuͤndenden Augen. Das wird ſie, beim Himmel, betheuerte Reinhold, oder es muͤßte keinen Gott der Gerechtigkeit geben. — Ruffus, der in Geſellſchaft von Damen gern in eine harmloſe und launige Oppoſition trat, behauptete, Napoleon duͤrfe, um ſeinem Ruhme nichts zu verge⸗ ben, nicht eher Frieden ſchließen, als bis er die Ruſſen uͤber den Niemen zuruͤckgejagt habe. Er fuͤr ſeine Perſon uͤberhaupt wuͤrde an des Kaiſers Stelle nicht eher das Schwert in die Scheide ſtecken, als bis er Alleinherrſcher von Europa waͤre. Nur dann ſei ein wahrer Frieden denkbar. Ein Kaiſer von Europa koͤnne alsdann weit ſegensreicher wirken, als alle der⸗ malige Kaiſer und Konige, Fuͤrſten zuſammenge⸗ nommen. Italien, die Tuͤrkei, Deutſchland, Schweden, England u. ſ. w. ſeien dann nur Provinzen Eines großen Reichs, und unter dieſen koͤnne alsdann kein Krieg mehr ausbrechen. Dann gaͤbe es nur Ein Maaß und Gewicht, Einen Muͤnzfuß, Eine Adminiſtration und die franzoͤſiſche Sprache ſei das gefallige Binde⸗ mittel der ganzen Welt. Obſchon alle dieſe Worte mehr auf einen Scherz und eine Myſtification hinausliefen, war doch Rein⸗ hold unklug, ſie fuͤr baaren Ernſt zu nehmen. Er glaubte das beſte Mittel gefunden zu haben, ſich bei Anna zu inſinuiren, und erwaͤrmt von dem Ge⸗ genſtande, als im Bewußtſein, daß das geliebte — Weſen ſeine Anſichten theile, ſprach er ſich ſo unver⸗ holen und ſo ruͤckſichtslos gegen das Napoleoniſche Syſtem aus, ließ ſo viele Andeutungen uͤber den in Sachſen und namentlich Dresden verzweigten Tugend⸗ bund hindurchblicken, that ſo viel hoͤchſt unkluge und bei den damaligen Zeitumſtänden gefaͤhrliche, ja ver⸗ brecheriſche Aeußerungen, daß die Anweſenden, nach⸗ dem er ſeine Philippica geendet, anſtatt Beifall zu zollen, ein faſt unheimliches Schweigen beobachteten. Wiewohl der junge Patriot Mehren aus der Seele geſprochen hatte, ſo war doch damals die Zeit noch nicht gekommen, ſo ruͤckſichtslos die Meinung ſeines Innern auszuſprechen. Selbſt Ruffus, dem Nichts leicht aus ſeiner humoriſtiſchen Ruhe zu brin⸗ gen vermochte, ruckte ungeduldig auf ſeinem Stuhle hin und her und ward plotzlich in ein Nebenzimmer gerufen. Hier ſtand ſein Vater, der Geheimrath. Welch' unbeſonnenen Menſchen, frug dieſer, haſt Du mir in's Haus gebracht? Unſre Soirte beſteht faſt nur aus Damen, und ſie grade vermoͤgen am Wenig⸗ ſten, reinen Mund zu halten. Ich kann auf das Abſcheulichſte compromittirt werden. Die franzoͤ⸗ ſiſchen Behoͤrden ſind mir, obſchon ganz unnothiger Weiſe, ohnedies nicht gewogen; wenn nun ſolche hand⸗ — n— greifliche Gravamina in meinem eigenen Hauſe vor⸗ fallen, ſetze ich mich der groͤßten Unannehmlichkeit aus. In den gegenwaͤrtig geſpannten Zeitverhaͤltniſſen er⸗ weckt der unbedeutendſte Schein Verdacht und bringt Gefahr. Ruffus ſuchte den Freund beſtmöglichſt zu ent⸗ ſchuldigen und behauptete, daß Reinhold allerdings hoͤchſt unvorſichtige Aeußerungen gethan habe, bei den heut' Verſammelten aber wohl keine Gefahr zu be⸗ furchten ſei. Das einzige bedenkliche Geſicht wäre Frau von Sternburg, um ſo mehr, als ſie ſich fuͤr den Freund zu intereſſiren ſcheine. Als Ruffus in das Damenzimmer zuruͤckgekehrt war, fand er auch wirklich genannte Dame mit dem Freunde im Geſprache vertieft. Sie ieß es ſich ange⸗ legen ſein, den jungen Mann mit dem ſilbernen Netze ihrer Liebenswuͤrdigkeit zu umſpinnen, doch war es bei Reinhold mehr das politiſche Intereſſe, das ihn zu ſeiner Nachbarin hinzog, als der Zauber der ſchoͤnen Frau. Dem jungen Guͤnther, der das aufrichtige und unvorſichtige Temperament des Freundes kannte, war dieſer angelegentliche Discours hoͤchſt unangenehm. — 40— Entweder, ſprach er fur ſich, iſt die Frau in ihn verliebt, oder ſie birgt einen boͤſen Plan. Er ſuchte daher ſo zu manoͤvriren, daß er bald an der andern Seite der Frau von Sternburg zu ſitzen kam. Er be⸗ obachtete eine Zeit lang unbemerkt das Geſpraͤch; es drehete ſich allerdings um politiſche Intereſſen, aber auf eine Art, daß Reinhold weniger Gefahr laufen konnte. Plotzlich aber, und ſcheinbar zufällig, kam die Rede auf den in Dresden verzweigten Tugendbund. Ruffus warf dem Freunde einen warnenden Blick zu. Reinhold aber ſchien ihn nicht zu beachten, und die patriotiſche Waͤrme, mit welcher ſich Frau von Stern⸗ burg expectorirte, ſo wie die ſchlau angelegten kuͤnſtli⸗ chen Wendungen des Geſprachs, drohten dem jungen Manne manches in der Bruſt ſorgfältig bewahrte Ge⸗ heimniß zu entreißen. Jetzt duͤnkte es Ruffus Zeit, eine entſcheidende Diverſion zu machen. Er wandte ſich an Frau von Sternburg mit der Bitte, ein Geſe lſchaftsſpiel zu ar⸗ rangiren. Obſchon dieſer Auftrag ihr etwas unange⸗ nehm kam, war ſie doch weit entfernt, ſich das Ge⸗ ringſte merken zu laſſen; ſie proteſtirte nur mit lachen⸗ dem Munde gegen das ihr angemuthete Arrangement. Indeß wurde ſie von Reinhold, Ruffus und den Da⸗ — men dermaßen beſtuͤrmt, daß ſie ein recht geiſtreiches Pfanderſpiel angab. Die gewandte Frau leitete die hoͤchſt angenehme Unterhaltung mit der ihr eigenthům⸗ lichen Anmuth und Grazie, und als die verfallenen Pfaͤnder ausgeloͤſt werden ſollten, wußte ſie die drollig⸗ ſten Aufgaben und Ausloͤſungen. So mußte Anna ein bombaſtiſches Lobgedicht auf Napoleon recitiren, woruͤber ſich ihr Patriotismus hoͤchlich empoͤrte. Als die Reihe an Reinhold kam, welcher ſeine goldne Uhr nebſt Kette als Pfand gegeben hatte, woran alſo der Pfandſchuldner leicht zu erkennen war, that Frau von Sternburg, als wenn der Fond ihrer ſinnigen Aufga⸗ ben erſchoͤpft waͤre. Sie legte nachdenkend die Hand an die ſchoͤne und geiſtreiche Stirn. Zum zweiten Male frug die Dame, welche die verfallenen Pfänder beherbergte: Was ſoll das Pfand thun, das ich in meiner Hand habe? Ich weiß nichts mehr, ſprach endlich Frau von Sternburg, und gleich darauf leicht hingeworfen und lachend: Es ſoll mir morgen ſeine Viſite machen. Das fehlte noch, brummte Ruffus fuͤr ſich. Rein⸗ hold aber ſchien mit dieſer Pfandausloͤſung gar nicht unzufrieden. — Die Zeit war waͤhrend dieſes unterhaltenden Spiels ziemlich vorgeruckt, ſo daß, als es zu Ende, ein ziemlich allgemeiner Aufbruch erfolgte. Reinhold kehrte, die Bruſt voll der ſeligſten Gefuhle, nach ſeiner Wohnung zuruͤck. Drittes Kapitel. Reinhold uͤberſann ſo eben ſeine Toilette, um ſo ge⸗ ſchmackvoll als moͤglich bei Frau von Sternburg zu erſcheinen, als Ruffus hereintrat. Dieſer hielt nicht lange hinterm Berge und theilte dem Freunde unver⸗ holen ſeine Anſichten und Befuͤrchtungen in Betreff der genannten Dame mit. Zugleich las er ihm wegen ſeines unvorſichtigen Benehmens am verfloſſenen Abend tuͤchtig und derb den Tert. Wenn Du ſo fortfährſt, das Herz auf der Zunge zu haben, ſprach er, iſt Euer Tugendbund binnen drei Mal vier nnd zwanzig Stunden aufgehoben, arretirt, deportirt, vielleicht gar fuſelirt. Du denkſt, weil wir geſtern die Ehre hatten, dem erſten Koſaken unſere Aufwartung zu machen, ſei es mit der Fremdherrſchaft in Sachſen zu Ende und man koͤnne den Franzoſen den Daumen auf's Auge druͤcken. Wir wollen in einem — Vierteljahre, wenn Du bis dahin als Rebell nicht todtgeſchoſſen biſt, weiter uͤber das Kapitel ſprechen. Daß Ihr Freiheitsleute trotz aller Belehrung ſo wenig Vernunft annehmt. Es ſtuͤnde beim Himmel mit der ganzen ſogenannten Freiheit lange nicht ſo miſe⸗ rabel, wenn ihre Bekenner einigermaßen geſcheid⸗ ter zu Werke gingen und nicht ſo oft das Kind mit dem Bade verſchuͤtteten. Das iſt ja eben der Jammer mit den Liberalen. Sie wiſſen in der Regel nicht, was ſie wollen, und wenn ſie ſich's halb klar be⸗ wußt ſind, ſo hat jeder Einzelne wieder ſeine Separat⸗ anſichten. Der unbeſchraͤnkten Monarchie ſind ſie aus Princip Feind, ſie wollen republikaniſche Inſtitu⸗ tionen. Darum heißt's: Viel Koͤpfe, viel Sinne. Darum kommt ſelten Kluges zum Vorſchein. Nehmt Euch zum Henker ein Beiſpiel an Euern Gegnern. Seht, die wiſſen, was ſie wollen, die gehen ſicher und wohlconcentrirt auf ihr Ziel, und reuſſiren darum weit oͤfter. Jetzt mag's noch gehen, fuhr er nach einer Pauſe fort, da iſt die nächſte Angelegenheit, die Fran⸗ zoſen uͤber den Rhein zu jagen. Hierin ſind die Libe⸗ ralen einmal alle einverſtanden und conſentiren mit Fuͤrſten und Volkern. Darum wird das Unterneh⸗ men auch gelingen. Aber wie es werden ſoll im deut⸗ — ſchen Lande, wenn die Franzoſen wirklich hinaus ſind, was alsdann die Freiheitsfreunde fur ſonderbare Sachen angeben werden, das wird ein Stuͤck entweder zum Todtlachen oder Todtweinen. Doch bis dahin hat es noch Zeit. Mir ziemlich einerlei. Am Herzen liegt mir nur, daß Du in der Gegenwart ein Wenig ge⸗ ſcheidter zu Werke gehſt. Reinhold, in ſeiner jugendlichen Unbefangenheit, bei ſeiner geringen Menſchenkenntniß und dem Ver— traun, das er noch fur die meiſten Menſchen in ſeiner Bruſt bewahrte, konnte gar nicht begreifen, wo die Gefahr in ſeinen geſtrigen Reden liegen ſollte; und was Ruffus uͤber die Frau von Sternburg äußerte, haͤtte er faſt uͤbel genommen. Es iſt nicht moͤglich, rief er einmal uͤber das An⸗ dere im Zimmer auf⸗ und ablaufend aus, nicht moͤg⸗ lich, Du haſt nicht in ihr Herz geblickt, wie ich; hät⸗ teſt Du die innige Theilnahme erkannt, womit ſie fuͤr die heilige Sache gluͤht, wurdeſt Du anders ſprechen. Vorſicht iſt allerdings hochſt noͤthig in der jetzigen Zeit, aber wo ſich der Himmel ſo uberzeugend offenbart, ſoll man da kleinlicher Furcht, Ruͤckſichten und wie die bruſtbeengenden Rathſchläge alle heißen, Gehoͤr geben? Der Gebrannte ſcheut das Feuer, antwortete ————— — 6 Ruffus trocken; nicht Alles, was glaͤnzt, iſt Gold; trau, ſchau, wem; Du ſiehſt, ich werde noch zum Sancho Panſa; aber daß die Sache mit Vorſicht be⸗ handelt werden muß, dafuͤr zeugen die Menge Sprich⸗ woͤrter. Es klopfte, ein Bedienter trat herein und brachte eine Einladungskarte zum Souper auf morgen Abend bei Herrn von Ferrier. An mich, frug Reinhold verwundert ſich die Stirn reibend, hab' ich doch kaum einige Mal den Namen des Herrn von Ferrier nennen gehoͤrt? Meinen Em⸗ pfehl, ſprach er zu dem Diener gewendet und die⸗ ſer entfernte ſich. Alſo wirklich an mich? frug er wie⸗ derholt. Fall's Du Reinhold Steinberg getauft und be⸗ namt biſt, verſetzte lachend Ruffus, nachdem er die Karte geleſen, wird's wohl nicht anders ſein. Ferrier iſt Intimus des franzoſiſchen Geſandten und lürt mit Frau von Sternburg. Da haſt Du den ganzen Zu⸗ ſammenhang. Wenn Du weniger eigenſinnig uͤber die deutſchen Freiheitsangelegenheiten daͤchteſt, wuͤrde ich Dir unmaßgeblich die franzoͤſiſch diplomatiſche Carriere anrathen. Du haſt mehr Gluͤck als Ver⸗ ſtand. Auf dieſem neuen Terrain kannſt Du mehr — wagen. Eine huͤbſche intriguante Frau und den Freund eines kuͤnftigen Miniſters auf der Seite zu haben, mit dieſen Streitkräͤften iſt Etwas zu machen. Reinhold, der unentſchloſſen im Zimmer auf- und abgegangen war und auf des Freundes Rede wenig gehoͤrt hatte, blieb jetzt ſtehen. Aber ich kann doch, frug er, bei einem erklaͤrten Feinde und Unterdruͤcker meines Vaterlandes unmog⸗ lich zu Abend eſſen? Zu Abend oder zu Mittag oder zum Fruͤhſtuͤck, das iſt einerlei, meinte Ruffus, und ich frage, warum nicht? Aber mein Bruder, unſere Freunde, was ſollen ſie denken? Moͤgen ſie denken, lachte Ruffus, ſie denken ſo in der Regel nicht viel. Freund, laß den Scherz, bat Reinhold, räthſt Du mir die Einladung anzunehmen, da ich außer der po⸗ litiſchen Apathie keinen Grund habe, ſie auszuſchlagen, und privatim Herrn von Ferrier, mag er mit der La⸗ dung eine Abſicht verbinden, welche er will, was die conventionellen Formen der Artigkeit betrifft, nicht verletzen moͤchte. Nun, ſprach Ruffus, wenn Du einigerma⸗ — 13— ßen den Kopf zuſammennimmiſt und nicht zu tief in die franzöſiſchen Gläſer guckſt, könnteſt Du vielleicht Deinen geſtrigen Schwabenſtreich wieder gut machen. Ausſchlagen kannſt Du die Einladung gleich gar nicht, das würde Deine Napoleoniſchen Autipathien vollends offenbar machen und die Gefahr nur vergroͤßern. Da kommt Gotthardt die Straße herauf, ſprach Reinhold, der am Fenſter ſtand. Sein Gang iſt ha⸗ ſtiger als gewöhnlich, er muß Wichtiges mitzutheilen haben. Nicht lange darauf trat auch der Genannte in's Zimmer. Sein Blick flammte von ungewöhnlichem Feuer. Wiſſ't Ihr's ſchon, frug er die Beiden an den Armen faſſend und ſchuͤttelnd, ganz Schleſien, Bran⸗ denburg, Pommern, ſůmmtliche Oſtprovinzen haben ſich bei dem Aufrufe des Koͤnigs wie mit einem Wet⸗ terſchlage erhoben. Das preußiſche Heer, vor wenig Wochen nicht uͤber vierzigtauſend Mann ſtark, zaͤhlt jetzt nahe an zweihunderttauſend. Oeſtreich rüͤſtet mit Macht, in Suͤddeutſchland bedarfs nur des zun⸗ denden Funken und Alles ſteht in Flammen. Freunde, umarmt mich, es ſcheint doch, als wolle es Morgen werden. Ihr hättet geſtern bei unſerm Convente — 5— ſein ſollen. Da erzaͤhlte ein junger Schleſier, welcher direct aus dem preußiſchen Hauptquartiere angelangt war. Das Herz jubelt in der Bruſt, es klingt mähr⸗ haft jene Sage von dem großartigen, donnerahnlichen Aufſtande des geſammten preußiſchen Volks. Seit den Roͤmerzeiten ſah Deutſchland nichts Aehnliches. Nun, und der Krieg iſt officiell erklaͤrt? frug Reinhold.. Allerdings, erwiderte freudig der Bruder, der fran⸗ zöſiſche Geſandte in Breslau hat bereits ſeine Päſſe erhalten. Herrlich, herrlich, jubelte Reinhold, die Preußen ſind ein goͤttliches Volk. Ja, ich wuͤnſchte, ich gehoͤrte auch dazu, meinte Ruffus. Da wuͤßte man doch, was man eigentlich waͤr'. Wir Sachſen wiſſen's aber nicht. Wir ſind Deutſche, ſprach Gotthardt mit Ernſt und auf das letzte Wort beſondern Nachdruck legend. Ja ſo, brummte Ruffus. Die Franzoſen, fuhr der ältere Steinberg fort, koͤnnen ſich nicht acht Tage mehr in Dresden halten. Sie werden unfehlbar die Bruͤcke ſprengen; aber hof⸗ fentlich iſt dies die letzte Schandthat, die ſie Muſe haben in Sachſen zu vollbringen. II. 4 Nicht acht Tage? frug Guͤnther, nun Schatz, fuhr er zu Reinhold gewendet fort, da nimm das Sou⸗ per noch mit. Gotthardt erblickte jetzt die Einladungskarte. Wie, rief er, bei Ferrier, dieſem Spion? Spion, frug Ruffus, ſchon wieder Spion? Wie viele Spione creirt Ihr alle Tage. Es kommt noch dahin, daß Ihr ſcharfſichtigen Leute in jedem franzoͤ⸗ ſiſchen Soldaten einen Spion ſeht. Von dieſem Ferrier haben wir aber die Beweiſe in Haͤnden, entgegnete heftig Gotthardt; ich gebe es nimmer zu, daß Du die Einladung annimmſt. Ab⸗ geſehen von der perſoͤnlichen Gefahr, in die Du Dich begibſt, waͤre auch das Brandmal, das Dir auf⸗ gedruͤckt wuͤrde, ſchwer wieder zu verlöſchen; wenigſtens wuͤrden die Unſrigen gerechten Anſtoß neh⸗ men, je wieder in Gemeinſchaft mit Dir zu treten. Seltſame Begriffe von Ehre und Brandmal habt Ihr, das muß ich geſtehen, ſprach Ruffus. Ihr mogt die bravſten Leute von der Welt ſein, aber zugleich die einſeitigſten. Aber wie entſchuldige ich mich? frug Reinhold, unartig mag ich nicht erſcheinen. Auf die einfachſte und wuͤrdigſte Art, verſetzte — — — Gotthardt; Du dankſt, weil es Deinem Gewiſſen zu⸗ wider waͤre, mit dem Feinde Deines Vaterlandes an Einem Tiſche zu ſpeiſen. Mein Gott, zankte Ruffus, koͤnnt Ihr es denn gar nicht erwarten, arretirt zu ſein. Was hat denn das Vaterland und die Liebe zum Vaterland mit ei⸗ nem friedlichen Abendeſſen zu ſchaffen, wozu man von einem artigen Wirthe eingeladen iſt. Soll denn die heilloſe Politik bis auf die Kochtoͤpfe herab ihr feind⸗ liches Weſen treiben? Hat der Koͤnig von Preußen nicht noch vor wenig Wochen franzoͤſiſches Feldherren, die in den nächſten Tagen gegen ſein Reich und ſeinen Thron das Schwert ziehen werden, an ſeiner Tafel geſehen? Oft ſind Todfeinde gezwungen, mit einan⸗ der an einer Tafel zu eſſen. Sie muͤſſen ſich zutrin⸗ ken und moͤchten ſich vergiften. Hoflichkeit ſind wir dem Teufel ſchuldig, wenn er hoͤflich gegen uns iſt, und ein bischen Politik und Umſicht iſt in allen Din⸗ gen nutze. Uebrigens will ich Dir keineswegs zureden, die Ferrierſche Einladung anzunehmen, wenn Gott⸗ hardt uͤberzeugt iſt, daß Deutſchlands Ehre darunter leidet; aber einen ſchicklichen Entſchuldigungsgrund halte ich hier denn irgendwo an ſeinem Platze. Ich glaube unter gegenwärtigen Umſtänden, ſprach * 4 Gotthardt, daß wir nicht mehr noͤthig haben, ſo ge⸗ zwungene Ruͤckſichten gegen unſere Feinde zu nehmen. Die Zeit iſt meines Erachtens gekommen, daß wir uns demaskiren. Die Politik des ſächſiſchen Cabi⸗ nets muß ſich in wenig Tagen entſcheiden. Sachſen kann ſich der Allianz mit Rußland und Preußen gar nicht entziehen. Es iſt von den Verbuͤndeten ſo gut wie erobert. Sein Uebertritt wird auch Oeſtreich da⸗ zu vermoͤgen, ſo wie andere Rheinbundfurſten. Es iſt ja Ein großes, gewichtiges und gemeinſames Intereſſe, was dieſe entſchiedene Politik verlangt. Daß Napoleon mit Macht ruͤſtet, will ich glauben, obſchon den uͤbertriebenen Berichten von ſeiner neugeſchaff⸗ nen Macht nicht auf's Wort zu glauben iſt. Es wird allerdings noch manch harten Strauß geben, aber haͤlt Deutſchland zuſammen, kann der Sieg der guten Sache nicht entgehen. Ich will doch ſehen, wenn ein Volk, wie das Deutſche, fremde Knechtſchaft nicht laͤn⸗ ger ertragen will, welche irdiſche Macht es verhindern wollte, frei zu werden. Wie jetzt die Sachen ſtehen, können wir nicht mehr zuruck; der Wuͤrfel iſt gefallen, entweder wir werden frei, oder Knechte von Paris. Du haſt Recht, Bruder, rief Reinhold und die Vaterlandsbegeiſtrung ſchlug wieder maͤchtig in ihm — empor, in dem bevorſtehenden Kampfe auf Tod und Leben ſind die ſeidnen Baͤnder, die heuchleriſchen Zier⸗ rathen der Convenienz und Etiquette zerriſſen. War⸗ um der laͤngere unertraͤgliche Zwang, dieſe demorali⸗ ſirende Demuth, wo das Herz ergrimmt iſt. Mag er denken, was ihm beliebt, ich gehe nicht zu Ferrier. Nun, wie beliebt, meinte Ruffus, wo die Ver⸗ nunft aufhoͤrt, fäͤngt der Wahnſinn an. Wer nicht hoͤrt, mag fuͤhlen. Ich habe das Meine gethan und kommt Dummes zum Vorſchein, trag' ich die Schuld nicht. Er reichte nicht ohne gewiſſen Schmerz den zwei Bruͤdern die Hand und wollte gehen;z aber Gott⸗ hardt umarmte ihn und hielt ihn zuruͤck. Alte, treue Seele, ſprach er mit liebenswuͤrdiger Gutmuͤthigkeit, wir wiſſen ja, daß Du es brav und gut meinſt; aber wir ſind einmal aus anderm Teige geknetet, als Du. Unſere Begeiſterung laͤßt Dich kuhl, darum werden wir uns in den jetzigen begeiſternden Zeiten nie verſtehen. Deine Ideen, die von Vater⸗ land und Freiheit nicht viel wiſſen wollen, paſſen jetzt nicht, Du magſt zu einer andern Zeit recht haben, aber gegenwaärtig wahrlich nicht. Das geb' ich zu, erwiderte Ruffus, wo man mit dem Kopfe gegen die Wand will, werd' ich immer Un⸗ ——— —— — S recht haben. Apropos, wandte er ſich nach einer Pauſe zu Reinhold, mit der Viſite bei Frau von Sternburg wird es nun wohl auch Nichts? Sternburg, fiel hier Gotthardt haſtig ein, wie? kennt Ihr dieſe? Warum nicht, antwortete Ruffus, meine Familie iſt mit dieſer Dame ſogar entfernt liirt. 5 Dieſes himmliſche Weib, fuhr Gotthardt begei⸗ ſtert fort, dieſes reizende Weſen, ſchoͤn wie ein Engel und gluͤhend fuͤr des Vaterlands Rettung aus Ketten und Schmach. So? ſprach Ruffus trocken. Unſer Freund iſt in Betreff dieſer Dame nicht ganz Deiner Meinung, bemerkte Reinhold. Schon wieder, rief Gotthardt, er hat einmal den Spleen Aber ich darf mich deshalb nicht mit ihm uͤberwerfen. Er muß mich mit ihr bekannt machen. Du wuͤrdeſt ſie doch nicht kennen lernen, ſprach Ruffus. Wie ſo, warum nicht? frug Gotthardt. Weil ſie nicht iſt, was ſie ſcheint, war die Ant⸗ wort. Da muͤßte ſie ein Genie ſein an Verſtellung, ent⸗ gegnete der aͤltere Reinhold, und ein Teufel zugleich; — Beides undenkbar. Ich ſah ſie vor ungefähr acht Ta⸗ gen bei einem Diner auf dem Bade. Sie war die perſonificirte Liebenswurdigkeit und die einzige Dame, welche es wagte, ſich uͤber die gedruͤckten Zeitverhält⸗ niſſe freimuthig auszuſprechen, trotz der Anweſenheit mehrer koͤniglicher Beamteten, denen man anſah, in welch unbehaglicher Lage ſie ſich befanden. Als der Champagner circulirte, brachte ſie den deutſchen Kriegern den Toaſt:„den nächſten Jahrwuchs des Champagners an der Quelle zu trinken.“ Wenn Du nach ihrer nähern Bekanntſchaft lech⸗ zeſt, ſprach Ruffus, ſo aſſoziire Dich nur mit Rein⸗ hold, welcher geſtern Abend ihr Herz complet erobert hat und dieſen Vormittag zur Viſite geladen iſt. Wirklich, Gluͤcklicher, rief Gotthardt, da haͤtt' ich faſt große Luſt, Dein Begleiter zu ſein. Ob ſie dies uͤbel aufnehmen wuͤrde? Kann ihr im Gegentheil nur angenehm ſein, gab Ruffus zur Antwort, zwei Fliegen mit einem Schlage zu treffen. Hoͤre Freund, ſprach der ältere Steinberg nach einer Pauſe etwas gereizt, Deine Laune ſcheint heute — 66— nicht die beſte. Wenn ich bloß darunter leide, vergebe ich Dir gern; aber nicht ſchoͤn finde ich's, ein Weſen, das ich hochachte, muthwilliger Weiſe in ein ſchlechtes Licht geſtellt zu ſehen. Deutſche Geduld, verlaß mich nicht, platzte Ruffus heraus; ſo vernehmt denn, Ihr Vaterlands⸗ befreier, die Ihr in Begriff ſteht, einer ſchlauen Ko⸗ quette ins Netz zu laufen; dieſe hochbelobte Frau von Sternburg iſt nach meiner moraliſchen Ueberzeugung nichts Andres, als eine Intriguantin im Dienſte der franzoͤſiſchen Regierung. Sie ſpielt ihre Rolle ſo vor⸗ trefflich, daß ihr geheimes Spiel nur von aͤußerſt We⸗ nigen geargwohnt, aber ich glaube, von Niemand durchſchaut wird. Selbſt die Meinigen ſind uber dieſe kluge Frau im Irrthum und vergeblich war mein Be⸗ muͤhen, ſie von der geſtrigen Soirte auszuſchließen. Bei ihrem deutſchen Patriotismus riskirt ſie nichts; er gehoͤrt zu ihrer Rolle. Die politiſche Stimmung in den Dresdner hochgeſtellten Familien zu recognos⸗ ciren und zu ſondiren, das iſt ihr Amt; wenn eine an⸗ dere Dame ſich uͤber die Franzoſenherrſchaft ſo frei⸗ muͤthig expectoriren wollte, wie es die Sternburg ſehr oft thut, ſelbſt in Gegenwart franzoſiſcher Beamten und Militairs, man wuͤrde ihr laͤngſt den Mund ver⸗ ſtopft haben. Aber daß es mit dieſem fingirten und forcirten Patriotismus nicht weit her, daß er bloß Maske, begreifen die weiſen Dresdner nicht oder wol⸗ len es nicht begreifen und laſſen ſich wiſſentlich und unwiſſentlich duͤpiren nach Herzensluſt. — Es iſt nicht moͤglich, rief Gotthardt in halb ſchmerz⸗ lichem Tone, man kann ſich nicht ſo taͤuſchen! Theurer Freund, laͤchelte Ruffus, Niemand läßt ſich leichter taͤuſchen als ein Freund der Tugend und der Freiheit; Ihr Beide ſeid ſolche und werdet darum nur zu oft noch getäuſcht werden. MNoch kann ich's nicht glauben, fuhr Gotthardt zu Ruffus gewendet fort, es iſt leicht moͤglich, ja wahrſcheinlich, gewiß, daß Du Dich in Betreff der Sternburg geirrt haſt; auch hoffe ich's von ganzer Seele, aber waͤre es dennoch, und ſie wahrhaft die Schlange, dann, ſchwoͤre ich Euch, daß ich der Erſte bin, der ihr den Kopf zertritt. Das waͤre ſo unverdienſtlich nicht, ſprach Ruffus, bevor Du aber im Klaren biſt und das Vergeltungs⸗ ſchwert gezogen haſt, wird ſie weislich ihren Kopf in Sicherheit gebracht haben. Die Suͤnde iſt leider im⸗ mer ſchnellfuͤßiger als die raͤchende Vergeltung. Wirſt Du mir beiſtehen, frug Gotthardt, den Charakter dieſes Weibes auffindig zu machen und mich im Falle der Noth unterſtützen? Ich verſpreche Nichts, erwiderte Ruffus, ich habe Dich gewarnt, was willſt Du weiter? Du haſt ge⸗ P ſunde Ohren und Augen, laͤßt Du Dich duͤpiren, kann ich nichts dafür. Zudem hat mir Frau von Stern⸗ burg nie etwas in den Weg gelegt oder zu Leid gethan. Reinhold, ſprach Gotthardt, ich begleite Dich jetzt unwiderruflich; es iſt jetzt Pflicht, dieſer Frau uns zu nähern und uͤber ihren Charakter in's Klare zu kommen. Ich habe Euch bei dieſer Eppedition nichts dring⸗ licher anzurathen, als die erforderliche Vorſicht. Die Sternburg iſt ſchlauer als Ihr Beide zuſammenge⸗ nommen. Ihr nehmt mir das nicht ubel, aber es iſt ſo. Reinhold kleidete ſich jetzt Beſuchsmäßig an. Gotthardt ſprang in gleicher Abſicht nach ſeiner Woh⸗ nung, die nur einige Haͤuſer weit entfernt war. — Wenn ſie in Dich verliebt ſein ſollte, ſprach Ruf⸗ fus zu Reinhold, ſo benutze dieſe Paſſion, ſie kann Dir mehr nützen, als alle Klugheit des Verſtandes. Binnen einer Viertelſtunde war Gotthardt zu⸗ ruͤck, ebenfalls elegant herausgeputzt. Ihr ſeid ein Paar recht huͤbſche Menſchen, ſruch Ruffus, ſich das Bruͤderpaar nicht ohne Wohlgefallen betrachtend; zum Erobern geſchaffen. Wie ſtattlich wird Euch die Uniform ſtehen, die Franzoſen verja⸗ gende, Freiheiterobernde ſchmucke Jägeruniform. Als ſich Gotthardt und Reinhold nicht ſogleich vom Spiegel trennen konnten, fuhr der Freund gut⸗ muͤthig fort: Auch eine huͤbſche Portion Eitelkeit. Nun das gehort dazu. Wenn die Sternburg ſich nach meiner Wenigkeit erkundigt, ſo ſchwoͤrt ihr zu, ich verdiente gehangen zu werden wegen meiner politiſchen Indiffe⸗ renz in den jetzigen weltgeſchichtlichen Zeiten. Rä⸗ ſonnirt auf mich nach Herzensluſt, nur lobt mich nicht. An dem Lobe eines Tugendbuͤndlers iſt mir dermalen wenig gelegen. Ihr ſeid doch nichts weiter als eine Art Rebellen, mit denen ein ſo friedfertiger und lo⸗ valer Mann, wie ich, eigentlich gar keinen Umgang haben ſollte, und wenn Ihr nicht bald anfangt, von Tag zu — — Tage zuzunehmen an Weisheit und Verſtand, werde ich mich ganz unter die Kanonen der Loyalität zu⸗ ruͤckziehen. Das Bruͤderpaar war jetzt zum Aufbruche bereit. Ruffus begleitete ſie eine Strecke lang bis zur Mo⸗ ritzſtraße, wuͤnſchte viel Gluͤck und Verſtand und kehrte, eine Ariette aus Don Juan trällernd, nach ſeiner Wohnung zuruͤck. Viertes Kapitel. Ruffus war kaum nach Hauſe gekommen, als Clär⸗ chen zitternd eine Bekanntmachung des Stadtraths in's Zimmer brachte, die ſo eben von einem Rathödie⸗ ner in den Häuſern vertheilt worden war. Sie lautete: „Auf Befehl des Prinzen von Eckmuͤhl wird ſämmtlichen Einwohnern zur Nachachtung andurch bekannt gemacht, daß, ſobald heut Morgen drei Ka⸗ nonenſchuͤſſe gehen, Jedermann ſich ſchleunigſt nach Hauſe begeben und nicht ehr, als drei Stunden nach Ablauf dieſer Kanonenſchuͤſſe, ſeine Wohnung zu ver⸗ laſſen hat.“ Dresden, den 19. Maͤrz 1813. Der Rath zu Dresden. Hab' ich's nicht geſagt, ſprach Ruffus, nachdem er geleſen, Davouſt macht kein Federleſen und kuͤm⸗ — 62— mert ſich den Guckuk, ob ein Bruͤckenpfeiler der Dresd⸗ ner Bruͤcke in die Luft fliegt oder nicht. Alſo drei⸗ ſtuͤndiger Hausarreſt einer ganzen Stadt, was man erleben muß. Der Stadtrath iſt in der Angſt ganz aus der Conſtruction gefallen; die Bekannt⸗ machung iſt nicht gut ſtyliſirt. Die Leute, die in der Naͤhe der Bruͤcke wohnen, ſollen noch expret die Fen⸗ ſter öffnen, damit die Scheiben nicht ſpringen. Durch ſolche uͤbertriebene Aengſtlichkeit wird das Publikum ganz unnoͤthigerweiſe in Angſt und Schrecken gejagt. Es iſt, als ſollte halb Dresden zu Grunde gehen⸗ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als vom Zwingerwalle her ein dumpfer Kanonenſchuß toͤnte. Alle Wetter, rief Ruffus eilfertig, daß ich die Ge⸗ ſchichte verſäume. Er griff ſchnell nach ſeinem Hute und wollte davon; aber Claͤrchen fiel ihm in den Arm, bittend und beſchwörend. Sei kein Kind, ſprach der Bruder, vertraue mir, die Sprengung iſt ganz gefahrlos. Ich eile auf die Bruͤhlſche Terraſſe, da kann man herrlich Alles mit anſehen. Damit machte er ſich los und eilte davon. Auf den Straßen rannte Alles wie toll durch einander. Es war, als wenn ein Erdbeben bevorſtuͤnde. Viele Bewohner verſchloſſen ſich ängſtlich in ihre Wohnun⸗ gen; Andere, von Neugier getrieben, das außerordent⸗ liche Schauſpiel mit anzuſehen, eilten nach den Elb⸗ ufern. Ruffus ſtand nicht lange nachher, als der dritte Signalſchuß gefallen war, wohl poſtirt auf der Bruhl⸗ ſchen Terraſſe, von wo er den ſchoͤnſten Anblick der Elbbruͤcke genoß. Noch woͤlbte ſich dieſe kuͤhn und unverletzt uͤber die ſtill dahinfließende Stromfläche. An dem, dem Ver⸗ derben geweihten Pfeiler und den zwei Bogen bemerkte man nicht die geringſte Verletzung, nur das eiſerne Bruͤckengelaͤnder und das metallene Crucifix war hér⸗ abgenommen. Von der Neuſtadt heruͤber donnerten jetzt in ge⸗ ſtrecktem Gallop mehre Batterieen ſchweren Geſchuͤtzes, welches zeither auf den Wällen der Neuſtadt geſtan⸗ den hatte. Pulverkarren, Bagagewagen, Infanterie und Cavallerie in Abtheilungen folgten, Alles in ſchnellem Trabe. Ruhig noch duldete der verhaͤngniß⸗ volle Pfeiler dieſen Uebergang; aber allmählig ward es ſtiller und die Bruͤcke einſamer. Auch die Elbe war verlaſſen, kein Schiff, keinen Nachen erblickte man rings auf der weiten Waſſerfläche. Je näher der be⸗ — denkliche Augenblick der Sprengung herannahte, deſto unheimlicher ward Alles, ſelbſt das an beiden Elbufern zahlreich verſammelte Publikum beobachtete ein duͤſte⸗ res, erwartungsvolles Schweigen. Der Himmel war trub und neblig; die ganze Gegend um die Bruͤcke ſchien wie ausgeſtorben. Vom Neuſtädter Rathhauſe heruͤber ſchlug jetzt die Thurmuhr halb neun Uhr. Die Glocke des Kreuzthurms folgte. Da ringelte ſich ploͤtzlich eine Pulverſchlange bis zu dem Orte, wo die gefullten Lei⸗ tungsſchläuche aus den zugeworfenen Pfeileroͤffnungen hervorblickten. Alsbald bedeckte ein ſchwarzer Dampf die Bruͤcke. Dann ſtieg ein weißer blendender Strahl empor, hierauf eine Feuerſäule; der Pfeiler ſchien ſich zu dehnen, Flammen fuhren aus den ſich oͤffnenden Fugen, die beiden anliegenden Boͤgen hoben ſich und im naͤchſten Augenbtick donnerten Pfeiler und Boͤgen in die vor Entſetzen hoch aufbrauſenden und ſchäu⸗ menden Fluthen der Elbe. Ein finſterer, undurch⸗ dringlicher Pulverdampf verhuͤllte eine Zeit lang die entſtandene Kluft. Die Erſchuͤtterung war nur unbedeutend und ohne alle nachtheilige Folgen fuͤr die uͤbrigen Pfeiler der Bruͤcke, da bei der vorſichtigen und wohlberech⸗ — neten Fuͤllung der Minen, die Sniife nach unten wirken mußten. Das iſt alſo die Kluft, ſprach Ruffus fur ſich, welche fuͤr den Augenblick den Oſten und Weſten von Europa ſcheidet. Jenſeits Koſaken, hier Kinder von Paris. Welche barbariſche Zerſtoͤrungswuth, toͤnte eine Stimme aus einem Mauerverſteck und ein Dresdner Buͤrgersmann trat zu Ruffus. Der Davouſt iſt und bleibt ein Unmenſch, die ſchoͤne Bruͤcke, unſer Stolz! Seine Majeſtat, der König, ſo wie ſaͤmmtliche hohe Herrſchaften hatten den Barbaren dringend um Scho⸗ nung bitten laſſen. Das iſt im Kriege nicht anders, gab Ruffus tro⸗ cken zur Antwort, und uͤbrigens iſt die Bruͤcke, ſo wie Frieden iſt, bald wieder hergeſtellt. Ei, das glauben Sie nicht, belchrte der Buͤrgers⸗ mann, eine ſolche Bruͤcke bekommen wir nie wieder. Wer ſollte die bauen? Da gehoͤren andere Baumeiſter dazu, als die heutigen. Die Bruͤcke iſt ruinirt fuͤr ewige Zeiten. t Ruffus wollte ſich lächelnd entfernen, der Bütger hielt ihn aber am Arme frſt. Da muß ich Ihnen noch einen patriotiſchen Mei⸗ IHI. 5 5— ſterſtreich erzahlen, ſprach er geheimnißvoll, wiſſen Sie ihn ſchon? Ruffus verneinte. Nun, da wird Ihnen das Herz vor Freude huͤ⸗ pfen, fuhr der Buͤrger fort. Denken Sie, unſere Frei⸗ berger Bergleute, welche den Pfeiler und die Boͤgen zu unterminiren hatten, haben den Cruzifixpfeiler, der gleichfalls mit Pulver gefuͤllt war, vermauert, ſonſt waͤre er auch mit in die Luft geflogen. Was Sie ſagen, ſprach Ruffus. Ja, ſchmunzelte der Buͤrgersmann, ich ſagt's gleich, die Freiberger machen was. Man ſollt's nicht glauben, ſtellte ſich Ruffus ver⸗ wundert. Der Pulverdampf hatte ſich jetzt verzogen, und die entſtandene Kluft war deutlich zu erkennen. Das Verſchwinden des gigantiſchen Pfeilers mit den beiden Boͤgen ſchien wahrhaft räthſelhaft. Wo waren die Truͤmmer geblieben? Auf der Bruͤcke ward es indeß wieder lebhaft. Von der Alt- und Neuſtadt erſchienen Perſonen; aber ſie konnten hoͤchſtens durch lauten Zu⸗ ruf mit einander verkehren. Auf der Altſtaͤdter Seite, unmittelbar an der Kluft ward ein kleines Bollwerk errichtet, hinter welchem eine Kanone ſtand, die die ganze Bruͤcke und einen Theil der Neuſtädter Allee be⸗ ſtreichen konnte. Ruffus eilte jetzt wieder nach Hauſe, wo man ſei⸗ netwegen in nicht geringer Angſt geweſen war. Hier ging's ſehr lebhaft her. Viel lieber Beſuch aus der Neuſtadt war angekommen. Die befreundete Familie Heumann hatte das Anerbieten des Geheimraths an⸗ genommen und war heruͤbergezogen. Ruffus war ſehr erfreut daruͤber und erkundigte ſich ſogleich nach Roſalien, der älteſten Tochter, einem allerliebſten ſchwarzbraunen Lockenkopfe, der wegen ſei⸗ ner ſtets roſigen Laune in hoher Gunſt bei ihm ſtand. Beruhige Dich, ſcherzte Claͤrchen, es iſt Alles da, und gleich darauf trat Roſalie in's Zimmer. Alſo gluͤcklich den Koſaken entronnen? frug Ruffus. Mit genauer Noth, war die Antwort, wir haben uns ritterlich gehalten bis heut Morgen und ſind gluck⸗ lich vor Thorſchluß noch angelangt. Aber unſere ſchoͤne Bruͤcke! Ei was, tröſtete Ruffus, ſobald der Kaiſer da iſt, läßt er aus ruſſiſchen Kanonen eine neue gießen. Nun, da mag er bald kommen, ſprach Roſalie, in ein Paar Tagen iſt die Neuſtadt koſakiſch, wie Heu⸗ ſchreckenſchaaren ſchwärmen die Kaukaſier mit ihren 5 — 68— langen Spießen auf ihren kleinen Polacken vor dem ſchwarzen und weißen Thore herum. Ein ſaͤchſiſcher Schuͤtze hat geſtern einen ſchoͤnen Koſakenhetmann, der ſich zu weit vorgewagt, vom Pferde geſchoſſen. Das hat ſie vollends erbittert. Ach, die armen Neuſtädter, ſprach Clärchen in weinerlichem Tone, konnten ſie denn nicht fluͤchten? Ich begreife uͤbrigens nicht, fiel Roſalie beherzt ein, warum die Franzoſen Dresden nicht kraͤftiger ver⸗ theidigen und den Koſaken ſo leicht das Feld räumen? Ja, wenn's bei den Koſaken bliebe, meinte Ruf⸗ fus, waͤre ich auch dieſer Meinung, aber die ruſſiſchen Kanonen werden nicht lange ausbleiben, und Dresden iſt keine Feſtung. Das ſeh ich noch immer nicht ein, ſprach die Be⸗ herzte, Herr Davouſt brauchte ſich bloß mit ſeinen Leu⸗ ten vor's ſchwarze und weiße Thor zu ſtellen und zu ſagen: Hier paſſirt Niemand! Das iſt ein guter Rath, lachte Ruffus, es iſt Schade, daß die Franzoſen und Herr Davouſt nicht ſchon 3 beim Niemen zu den Baſchkiren ſagte: On ne paßze pas. Wenn Röschen zum vierjährigen Emil an der Thuͤr der Speiſekammer, wo er die gebackenen Pflau⸗ men ſpuͤrt, ſagt: Hier geht's nicht herein, ſo bleibt Emil außen; wenn ſie aber zu einem halbverhunger⸗ ten, pluͤndernden ruſſiſchen Gardecuiraſſier am Ein⸗ gange zur Speiſekammer ſagen wollte: Hier paſſirt Niemand, ſo glaube ich nicht, daß ihr das bei dem verhungerten Scythen etwas helfen wuͤrde. Der Rittergutsbeſitzer Heimann trat jetzt in's Zimmer. Er hielt einen noch feuchten Druckbogen in der Hand. Schon wieder eine Bekanntmachung? frug Ruf⸗ fus. Er ſah nach der Unterſchrift; ganz richtig, der „Rath zu Dresden“ ſteht darunter. Der arme, ge⸗ plagte Rath. Was gibt's wieder? „Auf ausdruͤcklichen Befehl des dermaligen hieſi⸗ gen Herrn Interims-Kommandanten en Chef, des Kaiſerlich Koͤniglich Franzöſiſchen Herrn Diviſions⸗ General Duͤruͤtte!— Wie, frug det Vorleſer, commandirt denn Da⸗ vouſt nicht mehr in Dresden?“ Der Marſchall iſt gleich nach der Sprengung der Bruͤcke ſeinem Corps gefolgt, erzählte Heimann;z in Dresden ſtehen nur noch dreitauſend Franzoſen unter Duͤruͤtte und ein paar hundert Sachſen unter Lecoch. —— Oweh, ſprach Ruffus, da werden bald aſiatiſche Spuͤrnaſen in unſere Kochtoͤpfe gucken. Doch was will der Rath von Dresden? Er las weiter; „— Herrn Diviſions⸗General Duͤruͤtte, wird hiermit allen Einwohnern hieſiger Stadt und Vorſtadt oͤffent⸗ lich bekannt gemacht, daß in dem Falle, wenn die feind⸗ lichen Truppen ſich naähern und die dieſſeitigen Poſten auf dem Elbufer bei hieſiger Stadt zu beunruhigen ſich beigehen laſſen wuͤrdenz die ſaͤmmtlichen hieſigen Einwohner ſich ruhig verhalten und friedlich in ihre Wohnungen zuruͤckkehren ſollen.“ Da hörſt Du, ſprach Claͤrchen zu Ruffus, Du bleibſt von nun an zu Hauſe. Der Bruder las weiter; „Diejenigen, welche ſich unterfangen wuͤrden, um die auf irgend einem Punkte vereinigten Truppen um⸗ herzuſchleichen, werden fuͤr Spione angeſehen werden, und wenn ſich mehre in Gruppen verſammelten, die ſich nicht auf das erſte Signal wieder zerſtreuten, ſind die Truppen bereits beordert, auf ſie zu feuern, und ſie dadurch zur Entfernung zu noͤthigen.“ Das iſt ſchon recht vom Herrn Duͤrutte, ſprach eifrig Claͤrchen, daß er es den neugierigen Leuten ein⸗ mal ernſtlich verbietet. In ſolch gefaͤhrlichen Zeiten ſoll der friedliche Buͤrger zu Hauſe bleiben bei ſeiner Familie. Ruffus fuhr lachend fort: „Jeder Vernuͤnftige wird die, durch die jetzigen Zeitumſtaͤnde herbeigefuhrte dringende Nothwendigkeit dieſer Anordnung ſelbſt fuͤhlen; unſere durch neuerliche Erfahrung noch aͤngſtlicher gewordne ſtadtvaͤterliche Vorſorge fuͤr unſere geliebten Einwohner aber laͤßt uns keinen Augenblick ſaͤumen, ihnen dieſe ernſtliche Maaßregel bekannt zu machen und ſie nochmals zu genaueſter Befolgung zu ermahnen.“ „Jeder Hauswirth hat ſolches ſofort ſeinen Mieth⸗ bewohnern mitzutheilen.“ Ruffus wandte ſich zu Ro⸗ ſalien. Im Namen des Stadtraths zu Dresden, ſprach er launig galant, theile ich Ihnen dieſe Bekanntma⸗ chungzur hochſteigenen Beherzigung mit. Sie iſt zwar wieder unter aller Kritik ſchlecht ſtyliſirt, aber man er⸗ faͤhrt doch ſo viel, daß man leicht todtgeſchoſſen werden kann. Ich danke, erwiderte Roſalie, fuͤr die Fuͤrſorge; ich bin nicht ſo wißbegierig, daß die Gefahr, von der dieſer Zettel ſpricht, mich treffen könnte. Jetzt trat Anna in's Zimmer. Ihr ſchoͤnes Ge⸗ — 72— ſicht war noch geroͤthet von dem patriotiſchen Zorne wegen der Bruͤckenzerſtörung. Aber die Rache iſt nah, ſprach ſie, der Vater hat von dem Dachfenſter die Gegend vor dem ſchwarzen Thore recognoscirt. Ganze Flaͤchen ſind mitruſſiſchen Reitergeſchwadern bedeckt. Es iſt Winzingerode mit ſeinem Corps. Unabſehbar ziehen die Schaaren die Trachenberge herunter. Hm, ſprach Ruffus, Winzingerode vor dem ſchwarzem Thore und Napoleon in den Tuilerien, da werden wir allerdings ruſſiſch, trotz der Brucken⸗ kluft. Meinetwegen. Ich habe mir geſtern bei Ar⸗ nold ein ruſſiſches Dictionaire gekauft, da konnt Ihr alleſammt Vocabeln lernen. Es ſtehen genug dar⸗ in fuͤr eine ganze Hausgenoſſenſchaft. Aber dieſe Reitergeſchwader muß ich auch ſehen; ich glaube in der Ferne ſind ſie ſo liebenswurdiger, als in der Nahe. Mit dieſen Worten ſtieg er zu ſeinem Papa hin⸗ auf, wo die Beiden vermittelſt eines trefflichen Dol⸗ londs ſehr deutlich die ruſſiſche Macht vor der Dresd⸗ ner Haide uͤberſehen konnten. Bereits ſah man regulaͤre ruſſiſche Cavallerie die Waldberge herabreiten. — 73— 8 Wo ſteckt nur die Infanterie, frug Ruffus, die Ruſſen ſcheinen an Reiterei keinen Mangel zu haben; und gerade an dieſem Artikel duͤrfte die neue Napo⸗ leoniſche Armee nicht zum Beſten beſchlagen ſein. Die franzoͤſiſche Reiterei hat nie viel getaucht, ſprach der Geheimrath. Die Franzoſen ſind keine Reiter und wiſſen die Pferde nicht zu behandeln. Bei jedem ächten Kriegsvolke, meinte Ruffus, iſt die Reiterei Nebenſache; die Infanterie, die Linie Hauptſache. Bei den heutigen Franzoſen kommen noch die Kanonen dazu. Solche Kanonenſchlachten, wie heutzutage, gab es vordem nie. Die hat erſt Na⸗ poleon aufgebracht. Die Beiden ſchauten noch geraume Zeit nach den Waldbergen und gewahrten, wie ſich allmaͤhlig die ganze Fläche bei den Scheunenhoͤfen mit Cavalleriemaſſen anfuͤllte. Fünftes Kapitel. Es war Sonntags, am 21. Maͤrz, Mittags zwoͤlf uhr, als ſich die Thore von Neuſtadt Dresden oͤffne⸗ ten und die Vorhut der Heeresabtheilung Winzinge⸗ rode, aus lauter Koſaken beſtehend, in Folge einer ab⸗ geſchloſſenen Convention ſingend in Dresden einzo⸗ gen. Ein Schwarm von Baͤuerinnen, mit ſchweren Korben beladen, marſchirte fröhlich voran. Die Thor⸗ wacht am ſchwarzen Thore, aus ſächſiſchen Truppen beſtehend, verließ ihren Poſten und zog ſich nebſt ſammt⸗ lichem noch in der Neuſtadt befindlichen franzoͤſiſchen Militair unter klingendem 6 uͤber die Elbe nach der Altſtadt. Die Straßen und freien Plaͤtze der Neuſtadt ver⸗ wandelten ſich bald in Lagerſtätten. Ueberall ſah man die langen weißen Koſakenlanzen in Pyramiden zuſammengeſtellt und daneben erblickte man einen ——— 5 Haufen baͤrtiger Krieger auf ſpärlichem Strohlager der Ruhe pflegen. Längs der Haͤuſer, in langen Rei⸗ hen, waren Krippen gezimmert fuͤr die kleinen Pferde. Es regte ſich wieder lautes Leben in der bisher ſo einſam geweſenen Stadt. Der Markt fullte ſich zur ungewoͤhnlichen Zeit mit Verkäuferinnen und dem Mangel an manchen Lebensbeduͤrfniſſen, der in den letzten Tagen ſehr fuͤhlbar geworden war, folgte Ueberfluß, waͤhrend in der Altſtadt der verminderte Zufluß die Preiſe mancher Beduͤrfniſſe zu einer druͤ⸗ ckenden Hoͤhe brachte. Die fremden Sitten und Gebraͤuche der halbaſia⸗ tiſchen Gaͤſte gewaͤhrten fuͤr den Anfang den Neuſtaͤd⸗ tern viel Unterhaltung, zumal ſich dieſe erſten Koſaken ſehr freundlich und gutmuͤthig betrugen und mit Wenigem leicht zufriedengeſtellt werden konnten. Eine reichliche Gabe Brantwein, Brod, Hering und Zwiebeln war hinreichend, und ein geſottener Fiſch wurde als Leckerbiſſen von ihnen betrachtet, da ſie mit ziemlicher Gewiſſenhaftigkeit in der Faſtenzeit aller Fleiſchſpeiſen ſich enthielten. Kinderliebe war ein hervorragender Zug bei den frem⸗ den Gäſten. Jung und Alt von ihnen ſah man oft unter kleinen Dresdner Spielgenoſſen, von welchen ſie — ſich allerlei Scherze und Neckereien gefallen ließen, und nicht ſelten wandelte ein graubaͤrtiger Kriegsmann, mit einem Kinde auf dem Arme, ohne daß ſich die beiden verſtehen konnten, ſtundenlang liebkoſend auf und ab. Vor Sonnenuntergang traten dieſe Krieger haͤu⸗ fig in Truppen zuſammen, um Lieder, fromme Abend⸗ geſänge oder auch Kriegslieder, oft in ſehr ausdrucks⸗ vollen Melodieen fugenartig zu ſingen. Der geſchick⸗ teſte Saͤnger ſtellte ſich dann in die Mitte des Kreiſes und ſtimmte die Geſaͤnge an. Andere unterhaltende fremdartige Scenen boten ſich den Schauluſtigen vor den Thoren, wo die Ge⸗ wandteſten nach den Toͤnen einer ſchlechten Geige ihre Nationaltaͤnze auffuͤhrten. Die beiden Staͤdte, Alt- und Neudresden waren jetzt ſtreng geſchieden. In der Altſtadt ſtanden die Franzoſen, die Neuſtadt war von den Koſaken beſetzt. Am ſelbigen Tage, wo letztere einruckten, erhielt der ſaͤchſiſche General Lecocq von ſeinem Koͤnige aus Plauen den Befehl, ſich mit den in Dresden befindlichen Sach⸗ ſen nach Torgau zu wenden; die ſaͤchſiſche Reiterei ward unter dem General von Liebenau zum Koͤnige nach Plauen berufen, den ſie fortan begleitete. ——— ———————————— mandanten war jedem Stadtbewohner die Ueberfahrt als ſtunde die ruſſiſche Hauptarmee in Dresden. Bereits im Februar hatte ſich der Koͤnig von Sachſen und die konigliche Familie in genannte Stadt, den Hauptort des ſächſiſchen Voigtlandes zuruͤckgezo⸗ gen. Nur die Tante des Königs, die Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth war in Dresden verblieben. Die Verwaltung des Landes befand ſich in den Haͤnden einer ſogenannten Immediatcommiſſion, aus dem Conferenzminiſter von Globig, dem Oberkammer⸗ herrn von Frieſen und den Geheimen Raäͤthen von Manteuffel und von Zeſchwitz Bei Uebergabe der Neuſtadt war zugleich ein vier⸗ undzwanzigſtuͤndiger Waffenſtillſtand geſchloſſen wor⸗ den. Der einſame Elbſtrom ward nun wieder auf einige Stunden belebt. Fahrzeuge flogen hinuͤber und heruͤber und gegen eine Erlaubnißkarte des Platzcom⸗ geſtattet. Aber kaum lief die kurze Friſt der Waffen⸗ ruhe zu Ende, als wieder eine ſtrenge Sperre zwiſchen den zwei Staͤdten eintrat. Bald ruͤckte auch die erſte leichte ruſſiſche Infan⸗ terie in die Neuſtadt, doch in nicht bedeutender An⸗ zahl. Gleichwohl ſchlugen die wenigen Tambours bei hereinbrechender Dunkelheit einen ſofurchterlichen Lärm, 6— Noch denſelben Abend begann der Abzug der Franzoſen aus der Altſtadt. Das vor der Bruͤcke und auf den Wallen zuruͤckgelaſſene Geſchutz folgte mit den wenigen Wachtpoſten vor Tagesan⸗ bruch. Die Abziehenden wurden von Volkshaufen, die ihnen eine Strecke lang folgten, beſchimpft und nur die Abmahnungen einiger Officiere der Dresdner Buͤrgergarde verhuͤteten aͤrgere Ausbruͤche des Fran⸗ zoſenhaſſes. Die Franzoſen nahmen ihren Weg uͤber die Städt⸗ chen Wilsdruff und Noſſen. Kaum erſcholl in fruͤher Morgenſtunde die Kunde von dem Abzuge der Alt⸗ ſtädter Beſatzung in der Neuſtadt, als Koſaken ver⸗ mittelſt befeſtigter Leitern uͤber die Truͤmmer des ge⸗ ſprengten Bruͤckenpfeilers kletterten. Einige Abthei⸗ lung leichter Infanterie folgte auf Kaͤhnen. Ein neues munteres Leben entſtand jetzt auf der Elbe. Von allen Seiten ſchwammen Nachen herbei, welche die Schiffer und Fiſcher theils aus ſichern Ver⸗ ſtecken herbeigeholt, theils aus dem Grunde des Fluſ⸗ ſes, wo ſie verſenkt geweſen waren, heraufgeholt hat⸗ ten. Freudig begrußten ſich die wieder vereinten Be⸗ wohner beider Stadtheile Es wurden ſogleich An⸗ ſtalten zur Verbindung der getrennten Ufer getroffen⸗ Eine Floßbruͤcke ſchlug man oberhalb der Stadt. Nach einigen Tagen ward eine gleiche unterhalb fer⸗ tig. Mehr Muͤhe und Zeitaufwand verurſachte der Bau der hoͤlzernen Hilfsbruͤcke, welche auf einem ſtarken Balkengeruͤſt uͤber die Kluft der geſprengten Boͤgen geworfen wurde. Sobald die Floßbruͤcke vollendet war, ging das Corps von Winzingerode mit zahlreichem Geſchutz auf das linke Elbufer uͤber. An den ruſſiſchen Heereszug ſchloß ſich ſogleich das preußiſche Bundesheer unter Bluͤcher, der gleich⸗ zeitig mit den Prinzen Wilhelm, Auguſt und Fried⸗ rich von Preußen und dem Prinzen Carl von Meklen⸗ burg in Dresden eintraf. Der Kronprinz von Preu⸗ ßen folgte. In unuͤberſehvaren Zuͤgen bewegten ſich unauf⸗ hoͤrlich und unaufhaltſam die Heercolonnen der Ver⸗ buͤndeten durch die Koͤnigſtadt und zogen dann weiter auf den Straßen gen Weſten. An einem Fenſter der Neuſtaͤdter Allee lehnte Ruffus und ſchaute behaglich auf die bunten Maſſen aller Waffengattungen herab, die in Parade die breite Lindenallee entlang defilirten. Aus den Fenſtern da⸗ neben guckten einige liebliche Mädchengeſichter, welche — — ſeinen Schweſtern und Roſalien angehoͤrten, und welche namentlich den voruͤberziehenden jugendlichen Freiheitskäͤmpfern eine hoͤchſt angenehme Augenweide gewährten. Allemal wenn die in die Stadt einziehenden Regi⸗ menter die Wacht am ſchwarzen Thore erreichten, wir⸗ belten die Trommeln, daß die Fenſter in der ganzen Nachbarſchaft klirrten, worauf die Muſik mit einem feurigen Parademarſch einfiel. Die Reiterregimenter bekundeten ihre Ankunft durch weithin tendes Trompetengeſchmetter.„ So eben zogen die oſtpreußiſchen Grenadiere unter den Fenſtern voruber. Eine herrliche Schaar, treff⸗ lich geruͤſtet. Man ſah es der ganzen Haltung an, welcher herrliche Geiſt ſie belebte, mit welch maͤnn⸗ üicher Energie ſie in den Kampf zog. Faſt noch ſtattlicher nahmen ſich mehre Abthei⸗ lungen der Preußiſchen Fußgarde aus, die unmittel⸗ bar folgten. Vom Thore her tönte wieder Trompetengeſchmet⸗ ter. Ruffus ſtreckte den Kopf weit hinaus. Ruſſiſche ſchwere Cavallerie ſignaliſirte er, lauter Curaſſiere. Uugeheure Coloſſe, alle auf pechſchwarzen Rappen. ——————————— zzz———— — Die ſchmetternden Trompeter mit ihren rothen Helmraupen ritten jetzt unter den Fenſtern voruͤber. Ruffus hatte Recht, das ganze Regiment, wahre Rieſengeſtalten, ritt lauter Rappen. Praͤchtige Cavallerie, meinte der Hinabſchauende, wird dem Napoleon zu ſchaffen machen. Wo die Kerle einhauen, waͤchſt kein Gras mehr. Ueberhaupt Alles treffliche Truppen, ſprach Herr Heimann, was namentlich Preußen gethan, in ſo kur⸗ zer Zeit, iſt außerordentlich. Das Herz lacht im Leibe, wenn ich an dieſes Volk denke, fiel Ruffus ein, das hat den deutſchen Philiſter einmal radical vom Leibe gezogen— vor ihm mag ſich Nap in Acht nehmen; das wird mir täg⸗ lich klarer. Wunderbarer, erfreuender Hoͤrnerklang ſcholl wie⸗ der vom Thore her. Alle Wetter, rief Ruffus, was kommt da? Er ſteckte den Kopf weit hinaus; doch haſtig fuhr er zu⸗ ruͤck: Donner und Doria, commandirte er, Alle an's Fenſter, die preußiſchen freiwilligen Gardejager, die Elite der preußiſchen Nation. Ein Tuch, ein Tuch, die muß ich auch begruͤßen. Wirklich erſchienen auch jetzt in raſchem, keckem II. 6 Schritte die erſten dunkelgruͤnen Colonnen der trefflich geruͤſteten Preußiſchen Gardejäger, eines Corps, in wel⸗ chem der damakige erhebende Aufſchwung des preußiſchen Volks am herrlichſten leuchtete. Anna, rief Ruffus mit ſeltner Auftegung, willſt Du wahre deutſche Patrioten ſehen, da marſchiren welche. 25 Mit dieſen Worten wedelte er den Voruͤberziehen⸗ den mit ſeinem weißen Tuche unaufhoͤrlich zu. Die Schweſtern und Roſalie folgten ſeinem Beiſpiel. Dieſes Bewillkommnungszeichen fand Nachahmung. Bald flatterten laͤngs der ganzen Häuſerfront und gegenuͤber aus allen Fenſtern weiße Tuͤcher. Das Publikum auf der Straße ward hierdurch immer freudiger aufgeregt. Bald rollte ein donnerndes Hoch durch die ganze Hauptſtraße. Die herrliche preußiſche Jugend gruͤßte dankend. Es war ein erhebender, begeiſternder Au⸗ genblick. Beim Himmel! rief Ruffus und eine Thräne trat ihm unwillkurlich in's Auge, wenn ich nicht an dem kleinen Nap den Narren gefteſſen hätte, ich zoͤge bloß dieſen Schaaren zu Liebe dem Schlingel auf den Leib. Nach einer Pauſe fuhr er fort: Aber aus iſt's mit ſeinem Regimente, wenigſtens im Preußenlande. Das iſt mir jetzt klar. Auf die preußiſchen Gardejäger folgte ruſſiſches ſchweres Geſchuͤtz. Lauter Vierſpänner. Die Beſpan⸗ nung beſtand, wie bei der Cavallerie, aus Roſſen von gleicher Farbe. Vierzig Kanonen Zwoͤlfpfuͤnder von lauter Schimmeln gezogen. Es war ein unabſehbarer Zug. Die vorderſten Stuͤcke waren längſt bei der ka⸗ tholiſchen Hofkirche voruͤber, während es noch immer weiß zum ſchwarzen Thore hereinkam. Dabei gab es ein Donnern und Raſſeln auf dem Straßenpflaſter, als laͤge ein Gewitter uͤber der Stadt. Das wird ein furchterlicher Zuſammenſtoß werden, ſprach Ruffus, wenn dieſe trefflich geruͤſteten Armeen dem jungen Frankreich in den Weg treten. Ich bin jetzt der Meinung, meinte der Ge⸗ heimrath, daß wir die junge franzoſiſche Armee in Dresden nicht wieder zu Geſicht bekommen werden. Unbezweifelt, gab Heimann zu, Napoleon ſitzt noch in Paris. Seine neugeſchaffenen Heere ſind noch nicht kampffertig. Es iſt daher die Frage, ob die Entſchei⸗ dungsſchlacht, von der wir hoffen wollen, daß ſie ein fruͤherer Frieden unnoͤthig macht, uͤberhaupt dieſſeits des Rheins geſchlagen werden wird. 6* —— Hoh, hoh, ſprach Ruffus, da muͤßte Napoleon nicht Napoleon ſein. Er iſt gewiß da, eh wir's uns verſehen. 5 Was hilft ſeine Perſon, frug Heimann, ohne Armee? Es kommt Alles Blau uͤber den Rhein heruͤber, belehrte Ruffus. Alle Zeitungen ſind voll davon. Franzoͤſiſcher Wind, meinte Heimann, wenn die Franzoſen auf baldige Unterſtuͤtzung hätten rechnen koͤnnen, wuͤrden ſie Dresden und die Elbe kraͤftiger vertheidigt haben. Nun, die Erfahrung wird's lehren, entgegnete erſterer; aber hoͤrt denn das verwuͤnſchte Geraſſel nicht auf? Er ſah zum Fenſter hinaus. Es iſt wirklich zum Naͤrriſchwerden, lachte er, noch immer Schimmelz nichts als Schimmel' und lau⸗ ter gruͤne Lavetten. Anna hatte ſich die Muͤhe genommen, die Kano⸗ nen zu zaͤhlen, und ſtand eben bei Nummer Fuͤnfund⸗ dreißig. Das muß nun bald zu Ende ſein, meinte Ruffus. Die Ruſſen werden doch nicht ihre ganze Artillerie mit Schimmeln beſpannt haben? — Er hatte Recht. Der Park beſtand grade aus vierzig Kanonen. Auf die Artillerie folgte wieder Fußvolk; ſchwarz⸗ gekleidete Bataillone mit dunkelwehenden Helm⸗ buͤſchen. Das ſind die Preußiſchen Freiwilligen, erklaͤrte Ruffus, aus allen Provinzen des Reichs zuſammenge⸗ ſtrömt, machen ſich zwar nicht ſo ſtattlich als die Gar⸗ dejager, aber es iſt friſches gutes Blut. Viel Stu⸗ denten ſind darunter. Ach Gott, rief Roſalie, ſeht einmal den kleinen Schwarzen da am Brunnen, der kann nicht vierzehn Jahre zählen; kaum, daß er Flinte und Gepaͤck zu tragen vermag. Ueberhaupt, bemerkte der Geheimrath, erblickt man viele noch dem Knabenalter angehoͤrende junge Mann⸗ ſchaft. Von ihnen wird mancher die des Krieges nicht ertragen koͤnnen.. Wenn auch Einer oder der Andere daraufgeht, be⸗ merkte Ruffus, ſein Tod iſt eben ſo ehrenvoll, als der auf dem Schlachtfelde. Bei einem begeiſterten Volks⸗ aufſtande kann nach den Jahren nicht gefragt werden. Wer das Schwert zu heben vermag, iſt berufen zum Kampfe. Da erlebt' ich geſtern ein ruͤhrendes Bei⸗ —— ſpiel. Ein zehnjaͤhriger Knabe aus meiner Nachbar⸗ ſchaft flehte den im Quartier liegenden Officier mit Thraͤnen in den Augenan, unter die Freiwilligen aufge⸗ nommen zu werden, wenn nicht fur die Flinte, doch fur die Trommel. Er ward mehrmals abgewieſen, aber er ließ nicht nach mit Bitten und Flehen, bis der Offizier ihm verſprach, in einem halben Jahre ihn holen zu laſſen. Es wird uͤberhaupt in dem bevorſtehenden Kampfe viel junges Blut fließen, ſprach Heimann. Auch Frankreich ſchickt kaum dem Knabenalter entwachſene Juͤnglinge. Weiß man noch nicht, frug der Geheimrath, was unſer Cabinet fur eine Pol litik einſchlagen wird? Wer⸗ den wir uns mit Preußen und Rußland vereinigen gegen Frankreich? Das waͤre allerdings die ginteſt Politik, mit der auch unſer Volk ziemlich zufrieden ſein wuͤrde, ſprach Ruffus; aber unſerm Koͤnige ſind die Hände gebunden. Zudem iſt er perſönlich Napoleon befreun⸗ det, und ein ſchneller Parteienwechſel iſt ganz gegen ſei⸗ nen Charakter. Auch iſt der Kaiſer von Frankreich und Koͤnig von Italien noch keineswegs beſiegt. Seinem Bofehle gehorchen eine halbe Million Bajonerte. Ei⸗ — 87— nen ſolchen Bundesgenoſſen, der zugleich der groͤßte Kriegsmeiſter des Jahrhunderts iſt, ſtoͤßt man nicht mir nichts Dir nichts vor den Kopf. Wenn das ſaͤch⸗ ſiſche Cabinet mit den Verbuͤndeten gemeinſchaftliche Sache macht, heißt es: aut-aut; entweder der Napo⸗ leon muß uͤber den Rhein, oder— la Saxe n'existe plus. Apropos, da wurden mir, als ich vorhin in's Haus trat, von einem preußiſchen Colporteur ein Paar Placate zugeſteckt, die ich beinahe vergeſſen hätte. Das eine iſt von Bluͤcher, von Breslau datirt, und an die Bewohner Sachſens gerichtet. O, lies, lies, tnte es von allen Seiten, und Ruf⸗ fus begann. An Sachſens Einwohner. Sachſen! Wir Preußen betreten Euer Gebiet, Euch die bruͤderliche Hand reichend. Im Oſten von Europa hat der Herr der Heerſchaaren ein ſchreckliches Gericht gehalten, und der Tod hat dreimalhunderttau⸗ ſend jener Fremdlinge durch Schwert, Hunger und Kälte von der Erde vertilgt, welche ſie im Uebermuthe ihres Gluͤcks unterjochen wollten. Wir ziehen, wohin der Finger der Vorſehung uns weiſet, um zu kämpfen fur die Sicherheit der alten Throne und unſte Natio⸗ nalunabhaͤngigkeit. Mit uns kommt ein tapferes 1 —— Volk, das die Unterdruckung trotzig abgewieſen hat, und im Hochgefuhle ſeiner Siege den unterjochten Voͤlkern Befreiung verheißt. Wir bringen euch die Morgen⸗ roͤthe eines neuen Tages. Die Zeit iſt endlich gekom⸗ men, ein verhaßtes Joch abzuſchuͤtteln, das uns ſeit ſechs Jahren furchtbar druͤckt. Ein ungluͤcklich begonnener und noch unglucklicher geendeter Krieg drang uns ven Friedenstractat von Tilſit auf; aber ſelbſt von jenen harten Tractats⸗Ar⸗ tikeln iſt uns nicht ein einziger gehalten worden. Je⸗ der folgende Tractat ſteigerte die harten Bedingungen des vorhergehenden. Darum werfen wir ab dieſes ſchimpfliche Joch und ziehen zum herzerhebenden Kampfe fuͤr unſre Freiheit. Sachſen! Ihr ſeid ein edles aufgeklärtes Volk! Ihr wißt, daß ohne Unabhaͤngigkeit alle Guͤter des Le⸗ bens fuͤr edelgeſinnte Gemuͤther keinen Werth haben, daß Unterjochung die hochſte Schmach ſei! Ihr koͤnnt und werdet die Sclaverei nicht laͤnger tragen. Ihr werdet nicht laͤnger dulden, daß eine argliſtige, gleisne⸗ riſche Politik fur ihre ehrſuchtigen, raubgierigen Ent⸗ wuͤrfe das Blut Eurer Soͤhne fordere, die Quellen Eures Handels austrockne, Euern Kunſtfleiß läͤhme, Eure Preßfreiheit vernichte, und Euer einſt ſo gluͤckli⸗ —— liches Land zum Schauplatz des Kriegs mache. Schon hat der Vandalismus der Euchunterdruͤckenden Fremd⸗ linge Euer ſchoͤnſtes Monument der Baukunſt, die Brucke zu Dresden unnothig und muthwillig zerſtort.— Auf! vereinigt Euch mit uns, erhebt die Fahne des Aufſtandes gegen die fremden Unterdruͤcker und ſeid frei. Euer Landesherr iſt in fremder Gewalt. Die Freiheit des Entſchluſſes iſt ihm genommen. Die Schritte beklagend, die eine verräthriſche Politik ihn zu thun nothigte, wollen wir ſie eben ſo wenig ihm zurechnen, als ſie Euch entgelten laſſen. Nur fuͤr Euern Herrn wollen wir die Provinzen Eures Landes in Verwaltung nehmen, die das Gluͤck, die Ueberlegen⸗ heit unſrer Waffen und die Tapferkeit unſrer Truppen unſrer Gewalt unterwirft. Befriedigt die billigen Beduͤrfniſſe unſerer Krieger und erwartet dafuͤr von uns die Handhabung der ſtrengſten Mannszucht. Der Zutritt zu mir, dem preußiſchen Feldherrn, iſt je⸗ dem Unterdruckten offen, jede Klage werde ich hoͤren, jede Verletzung der Mannszucht ſtreng beſtrafen. Jeder, auch der Geringſte, kann ſich mir vertrau⸗ ungsvoll nähern, ich werde ihn liebreich aufnehmen. Den Freund deutſcher Unabhaͤngigkeit werden wir als unſern Bruder betrachten, den irregeleiteten Schwachſinnigen mit Milde auf die rechte Bahn lei⸗ ten, den ehrloſen, verworfenen Handlanger fremder Tyrannei aber, als einem Verräther am gemeinſamen Vaterlande, unerbittlich verfolgen. Bluͤcher. Das war Nummer 1., ſprach Ruffus, mein Vor⸗ rath iſt noch nicht erſchoͤpft. Mit dieſen Worten zog er eine zweite Proclama⸗ tion aus der Taſche. An das Volk der Sachſen; von ihren Freunden, wollt Ihr ſie hoͤren? Allerdings, allerdings war die Antwort. Ruffus begann: Bruͤder! Durch dreifache Bande des Bluts, der Sprache, der Unterdruͤckung an Euch ge⸗ kettet, kommen wir zu Euch. Oeffnet uns Eure Her⸗ zen, wie Ihr uns Eure Thuͤren geoffnet habt. Die lange Nacht der Schmach hat uns vertraut gemacht, die Morgenrothe einer beſſern Zeit ſoll uns verbunden finden. Landsleute ſind wir, Bruͤder ſind wir, im feſten Vertrauen auf Euer Beharren bei der guten, bei der heiligen Sache Gottes und des Vaterlandes ruͤhmen —— ſich Viele unter uns, Euch anzugehoͤren, in Eurem Kreiſe geboren, in Eurer Sitte aufgezogen zu ſein. Wie es nun Bruͤdern ziemt, wollen wir durch Eure Thaler wandern. Wem waͤre denn die heimath⸗ liche Erde, dieß eine große Vaterhaus aller deut⸗ ſchen Herzen heiliger, wem läge denn mehran der Sicher⸗ heit, an dem Wohlſtande des Landes, fur deſſen Freiheit wir freudig Blut und Leben zu opfern geſchworen haben. Ja, fur die Freiheit dieſes Landes wollen wir fech⸗ ten und ſo Gott will, ſiegen oder ſterben. Soll denn die fremde Tyrannei noch laͤnger Euern heiligen Geſetzen, den ehrwuͤrdigen Ueberlieferungen Eurer Väter ſpot⸗ 3 ten Soll der fremde Gerichtshof ſich auf Euere Rath⸗ 3 haͤuſer draͤngen und die angeborne Sprache nicht mehr gel⸗ ten, die Ihr ſeit Jahrtauſenden bewahrt habt?— Sollen Eure Speicher, Eure Keller noch laͤnger die Henkerknechte fuͤttern; Eure Weiber, Eure Töchter noch länger ihrem zugelloſen Frevel preisgegeben ſein, Eure Soͤhne noch länger fuͤr die Raſerei eines ſchamloſen Ehrgeizes ge⸗ ſchlachtet werden? Denket an die Thaten Eurer Va⸗ ter, denket an die Sachſenkriege gegen den großen Karl, denkt an die goldnen Zeiten Eurer Altvordern unter der Ottonen gluͤcklichem Scepter, denkt an die Helden Eures Volks, an Eure Heinriche, Euern Moritz, Eu⸗ — 92— ern Luther!— Die Zeit iſt gekommen, glänzende Namen aus Eurer Mitte zu verkuͤndigen, Eure Vaͤter bezahlten die heilige Schuld. Laßt dieſe große Zeit nicht kleine Menſchen finden. Seht nur auf Euch, was Ihr jetzt ſeid! Ein ge⸗ opfert Volk, dem ruchloſen Willen eines einzigen Wuͤ⸗ therichs verkauft. Euer Wohlſtand iſt vernichtet, Euer Handel iſt zerſtort, Eure Fabriken zu Grunde gerichtet, Eure Kinder laßt Ihr zu Tauſenden wuͤrgen, laßt ſie in den fuͤrchterlichen Qualen einer losgelaſſenen Hoͤlle verbrennen, erfrieren, verhungern und verdur⸗ ſten, verzweifeln!— Von all' den Soͤhnen, die Euch der Wuͤtherich vom Vaterherzen riß, kehren wenig Hun⸗ derte zuruͤck, und dieſe bringen noch den Tod in das Herz Eures Lanbes, den Keim der Seuchen ſtreuen ſie in Eure geſunden Huͤtten, und pflanzen die Qual und die Verzweiflung, die einzige Lohnung des blutigen Tyrannen, in ihre heimathlichen Fluren. Und koͤnnt Ihr denn auch Schonung, koͤnnt Ihr Treue von denen verlangen, die ein fremdes, falſches Land gebar, die nicht Liebe und Recht, die Raubſucht und viehiſche Begierde zu Euch brachten? Iſt ihnen denn etwas heilig geweſen, haben ſie nicht Kirchen und Altaͤre geſchändet, Meineid geſchworen und meuchlings 3— gemordet, haben ſie nicht aus frechem Uebermuthe erſt jungſt den Stolz Eurer Hauptſtadt zertruͤmmert? Und Ihr ſolltet ruhig bleiben und den Gräuel un⸗ vergolten laſſen, und den Frevel ungebuͤßt und die Schande ungeraächt?— Nein, nein, du gutes, wackres Volk! Nein, das ſollſt Du, das kannſt Du nicht!— Haſt Du den Moskowiten geſehen, wie er den Fackel⸗ brand in ſeine Paläſte ſchleuderte! Siehſt Du den Preußen jetzt, Deinen Bruder und naͤchſten Bundes⸗ genoſſen, wie er ſich ruſtet, Landwehr und Landſturm, alle waffenfaͤhige Manner, eins in dem beſchwornen Entſchluſſe, zu ſterben oder frei zu ſein?— Und Du wollteſt zaudern? Nein, Du zauderſt nicht, auch Du wirſt aufſtehen und Deine Ketten ſchutteln, und die welke Raute wird herrlich aufbluͤhn zum Kranze der Freiheit! Sieh auf unſre muthige Schaar!— Wir haben es im Gotteshaus beſchworen, zu kaͤmpfen, zu ſterben fuͤr unſre, fuͤr Eure Freiheit; der Segen der Kirche iſt mit uns und die Wuͤnſche und Gebete aller treuen, redlichen Herzen. Sammle Dich zu uns, wehrbare Jugend des un⸗ terjochten Sachſenlandes! Sammelt Euch zu uns, tuͤchtige Männer des tuͤchtigen Volks. Wer nicht mitziehen kann, helfe der allgemeinen Sache mit Ru⸗ 94— ſtung und Zuſpruch: Eure Bruͤder in Weſtphalen erwarten uns, Preußens und Rußlands Adler kaͤmpfen mit uns, und Gott hilft uns ſiegen. Es iſt in unſter Schaar kein Unterſchied der Ge⸗ burt, des Standes, des Landes. Wir ſind alle freie Maͤnner, trotzen der Hölle und ihren Bundesgenoſſen, und wollen ſie erſäufen, wär's auch mit unſerm Blute. Nicht Soͤldner ſind wir; der Frieden, das Gluͤck fuͤhrt uns auseinander, wie uns Rache und Kampf zuſammenfuͤhrt. Wenn der Feind darniederliegt, wenn die Feuerzeichen von den Bergen des Rheins heruͤber⸗ leuchten und das deutſche Banner im Hauche franzoͤ⸗ ſiſcher Luft flattert, dann hängen wir das Schwert in den Eichenwaͤldern des befreiten Vaterlandes auf und ziehen heim in Frieden. Nun, ſo der Himmel will, es wird bald gethan ſein! Gott iſt ja mit uns und die gerechte Sache, und eine feſte Burg iſt unſer Gott! Amen.“ Was mir bei dieſen Proclamationen nicht gefaͤllt, ſprach Ruffus, nachdem er zu Ende geleſen, daß ſie nicht bei der Stange bleiben. Bluͤcher will bloß die Franzoſen zum Lande hinaus treiben. Der zweite Pro⸗ clamator ſpricht ſchon von franzoͤſiſcher Luft, in welcher — das deutſche Banner flattern ſoll. Erſt dann will er das Schwert in den Eichenwäldern des befreiten Va⸗ terlandes aufhaͤngen. Man darf wohl, bemerkte der Geheimrath, in der jetzigen aufgeregten Zeit, ein Wort nicht auf die Gold⸗ wage legen. Uebrigens geben dieſe Proclama die jetzige oͤffentliche Stimme wieder. Ich finde ſie in der Ord⸗ nung; aber die erbarmlichen Schmähſchriften und Spottbilder auf Napoleon, mit denen man ſeit juͤng⸗ ſter Zeit Dresden uͤberſchwemmt hat, ſind mir wahr⸗ haft zuwider. Man kann es den Leuten nicht verden⸗ ken, wenn ſie ihren Zorn offenkundig gegen den fran⸗ zoͤſiſchen Kaiſer ausſprechen; aber ihn lächerlich machen, ihm alle Schaͤndlichkeiten andichten, und we⸗ gen ſeines Ungluͤcks in Rußland ihn fuͤr machtlos, feig und dergleichen erklären, nachdem man ihn vor wenig Monden noch zum Himmel erhob, iſt abgeſchmackt und erbaͤrmlich. Das thut der Poͤbel nicht anders, erwiderte Ruf⸗ fus, wer unglucklich und fur den Augenblick machtlos iſt, wird mit Fuͤßen getreten und mit Koth beworfen. Aber tres faciunt collegium, ich habe noch eine dritte Proclamation, eine ruſſiſche, vom General Wittgen⸗ — 96— ſtein. Wir wollen vernehmen, wie ein Ruſſe über Befreiung und Freiheit ſich expectorirt. Er las: Brave Sachſen! Wie ſoll ich zu Euch reden? Als Euer Feind? Der bin ich nicht. Ihr ſeid ja biedere Deutſche, und ich bin gekommen im Namen meines Kaiſers, um alle Deutſche von dem ſchimpflichen Joche zu befreien. So will ich denn als Eüer Freund mit Euch reden; hoͤrt mich, denn ich meine es gut mit Euch. Es mag wohl ſein, daß Ihr ſtutzt bei dem An⸗ blicke der Ruſſen und Preußen, die bewaffnet in Euer Land ruͤcken. Es mag wohl ſein, daß Ihr bekuͤmmert ſeid und nicht wißt, was Ihr thun ſollt, da Euer König Euch verlaſſen und Euch Ruhe geboten hat. Aber wenn ein Haus brennt, muß man nicht erſt den Eigenthuͤmer um Erlaubniß fragen, ob man loͤſchen duͤrfe. Eures Koͤnigs Haus brennt ſchon lange. Er iſt ſelbſt in Noth und darf nicht ſprechen, wie es ihm gewiß um's deutſche Herz iſt. Denn bedenkt doch nur, er, ein deutſcher Koͤnig, der ſchon ſo lange Euern Schweiß und Euer Blut den Franzoſen hat liefern muͤſſen, er ſollte Euch zur Ruhe ermahnen, in einem Augenblicke, wo Ruhe ein Verbrechen iſt? Es hat eine Stunde geſchlagen, die nicht zum zweiten Male —— ſchlägt die Stunde der Befteiung vom fremden Joche! und er ſelbſt koͤnnte verlangen, daß Ihr Eure Ohren verſtopft? Seit fuͤnfundvierzig Jahren hat er Euer Gluͤck und Eure Ehre gewollt, und ſollte nun Euer Ungluͤck und Eure Schande wollen? Nimmermehr! Hat er Euch doch ſelbſt ermahnt, Ihr moͤchtet den al⸗ ten Ruhm der Sachſen behaupten. Worin beſtand denn dieſer alte Ruhm? Leſet in Euern Chroniken, da wer⸗ det Ihr finden, es gab auch einmal einen herrſchſuͤch⸗ tigen Kaiſer der Franken, man nennt ihn Karl den Großen; der hat dreißig Jahre gegen Euch Krieg fuͤh⸗ ren muͤſſen, um Euch zu unterjochen. Damals hat⸗ tet Ihr auch einen König, der hieß Wittekind, der verließ Euch nicht in der Noth, und rief Euch nicht zu, Ihr ſolltet ruhig ſein, ſondern erfuͤhrte Euch ſelbſt in den Kampf fuͤr Eure Freiheit. Seht Ihr, das iſt Euer alter Ruhm, an den muͤßt Ihr halten! Tauſend Jahr ſind ſeitdem verfloſſen; ſeit tauſend Jahren hatte Gott Europa nicht mit einer ſolchen Geißel heimgeſucht; nun iſt ſie wieder da, und Ihr wolltet nicht gegen ſie kaämpfen wie damals? Ihr wollt den Ruͤcken freiwillig entb loͤßen. Hoͤrt und bedenkt, wie viel leichter jetzt Euch der Kampf gemacht wird, als Euern Vorfahren vor tauſend Jahren. Die ſtan⸗ II. S — den allein, die mußten allein gegen den maͤchtigen Karl ſich wehren. Ihr aber ſteht nicht alein Mein Kaiſer mit ſei⸗ ner ganzen Macht, der König von Preußen mit ſeiner ganzen Macht ſind zu Eurer Hilfe, zu Eurer Rettung aufgeſtanden; und wenn Ihr nur wollt, ſo wird der Kampf nicht dreißig Jahre dauern. Wir werden mit Gottes Hilfe in Einem Jahre die Ketten abſchutteln, und dann wird jeder mit Ehren ruhig ſein durfen. Dann werden Eure zerſtoͤrten Fabriken wieder auf⸗ bluͤhen; Euer Handel wird die alten verſperrten Wege wieder finden; Euer Ackerbau wird gedeihen; Eure Soͤhne werden nicht mehr zur Schlachtbank gefuͤhrt werden; kurz dann iſt die ſchöne Zeit der Ruhe ge⸗ kommen, fur die Euer Koͤnig ſelbſt Euch danken wird. Wer aber bis dahin ruhig bleiben wollte, den erkenne ich fuͤr keinen wahren Sachſen, fur keinen Deutſchen. Wer nicht mit der Freiheit iſt, der iſt gegen ſie. Dar⸗ um wählet, meinen bruͤderlichen Gruß oder mein Schwert! Vereint Euch mit mir, um Euch und Eu⸗ erm Konig die Selbſtſtändigkeit wieder zu erobern, und dann möge er Euch, ſo Gott will, noch fuͤnfund⸗ vierzig Jahre in Frieden und Ueberfluß regieren. Denn glaubt nicht, ich wollte Euch von ihm abwendig machen. Ich will vielmehr die Bande zwiſchen Euch und ihm enger knuͤpfen, die von fremder Tyrannei zerriſſen worden. Ihr ſollt einen freien König haben und freie Sachſen genannt werden. Auf, auf, be⸗ waffnet Euch, und wäre es auch nur mit Senſen und Keulen. Vertilgt die Fremdlinge von Eurem Boden. Mich und meine Ruſſen und die tapfern Preußen ſollt Ihr uͤberall finden, wo die Gefahr am großten iſt. Glaubt mir, wir werden ſiegen. Gottes Lang⸗ muth iſt erſchoͤpft. Wir werden ſiegen. So ſpreche ich nicht aus eitler Prahlerei, ſondern im Vertrauen auf Gott und Euch und die heilige, gerechte Sache. Sachſen, ich betrat Euer Land, um Euch mit Krieg zu uͤberziehen, oder mit Euch vereint um Eure Freiheit, fur die Wiederherſtellung Eurer geſchaͤndeten Ehre zu kaͤmpfen. Waͤhlet! Eure Wahl kann eine Krone in Gefahr bringen, kann einſt Eure Kinder bei dem Gedanken an ihre Väter erröthen machen. Sie haͤlt Deutſchlands Befreiung nicht auf! Seht, was um und neben Euch geſchieht. Werft einen Blick auf die edlen Preußen, Eure Nachbarn; die ganze Nation erhebt ſich in Maſſe. In ihren Reihen findet Ihr den Sohn des Juͤrſten neben dem des Pfluͤgers. Aller Unterſchied der Stände iſt in — 100— den Begriffen: Freiheit und Ehre, Koͤnig und Vater⸗ land zuſammengeſchmolzen. Es gibt keinen Unter⸗ ſchied mehr, als den des groͤßern Talents, des feurigern Eifers zum Kampfe fuͤr die große heilige Sache. Frei⸗ heit oder Tod iſt das Loſungswort, welches Friedrich Wilhelm gegeben hat und feierlich ſchwoͤrt ein ganzes hochherziges Volk, zu ſiegen, oder eines ſolchen Fuͤr⸗ ſten wuͤrdig zu fallen. Sachſen! Deutſche! Unſre Stammbaͤume, unſte Geſchlechtsregiſter haben mit dem Jahre 1812 aufge⸗ hoͤrt. Die Thaten unſerer Ahnen ſind durch die Er⸗ niedrigung ihrer Enkel verwirkt. Nur die Erhebung Deutſchlands bringt wieder edle Geſchlechter hervor, und gibt denen, welche es waren, ihren Glanz zuruͤck. Graf von Wittgenſtein. Anna war ſehr begeiſtert durch die Proclamationen, welche der Bruder mit einigem Pathos vorgetragen hatte. Nun wird Sachſen, ſprach ſie, hoffentlich nicht laͤnger anſtehen, der gemeinſamen Sache beizutreten? Ja, erwiderte Ruffus, es wird mir ſelbſt ganz kriegeriſch zu Muthe, und wenn's nicht direct gegen den Napoleon ginge, waͤr' ich gern dabei. Es muß ſich herrlich fechten nach dieſem neuen Evangelium. 101 Die ruſſiſchen und preußiſchen Generale muͤſſen im franzoſiſchen Nationalconvente geſeſſen haben, ſo präch⸗ tig wiſſen ſie uͤber die Freiheit zu ſprechen. Mich dauert nur der deutſche Adel, dem ergeht es miſerabel. Er⸗ ſtens ſoll er nichts mehr gelten, und dann mit Nach⸗ bar Grobſchmidt und Comp. in Reih und Glied fuͤr's Vaterland fechten. Es iſckweit gekommen. Ein Mitglied des Dresdner Stadtraths und alter Bekannter von Heimann und dem Geheimrath trat jetzt in's Zimmer. Sein Geſicht druͤckte Unmuth und Beſorgniß aus. Der Himmel mag wiſſen, ſprach der Eingetretene nach den erſten Begruͤßungen, wo das hinaus ſoll. Die Stadt iſt nicht mehr im Stande, dieſe Kriegs⸗ voͤlker zu unterhalten. Bereits haben wir den Mieth⸗ bewohnern Einquartierung zuweiſen muͤſſen; und wenn dieſe Durchzuge noch acht Tage anhalten, gerathen wir in eine Schuldenlaſt, an der wir Jahre lang zu ſchlep⸗ pen haben. Wird denn keine Entſchädigung Statt finden von Seiten der preußiſchen und ruſſiſchen Behoͤrden? frug Heimann. z Daran iſt vor der Hand nicht zu denken, erwi⸗ derte der Geftagte, Ruſſen und Preußen ſind derma⸗ — 102— len nicht in Gluͤcksumſtaͤnden und brauchen ihr Geld noͤthiger. Dazu kommt der Umſtand, daß wir Sach⸗ ſen eigentlich als feindliches Land betrachtet werden, ſo lange ſich das ſächſiſche Cabinet nicht fur den Beitritt zur Condition erklaͤrt. Bluͤcher ſagt rund heraus, daß das, was Sachſen gegenwaͤrtig zu leiſten habe, Nichts gegen die Opfer ſei, die ſich Preußen habe muͤſſen gefallen laſſen. Die Immediatcommiſſion hatte ihm die Unmoglichkeit ſeiner Forderung vorgeſtellt, da iſt dieſer General vollends in Harniſch gerathen. Morgen erſcheint ein Schreiben des Genannten an be⸗ ſagte Commiſſion im Dresdner Anzeiger, das Hände und Fůße hat. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als mir der Cenſurbogen geſchickt wurde. In einer Stelle ward unſerer oberſten Regierungsbehörde formlich der Tert geleſen. Meinen Pflichten als Cen⸗ ſor gemaͤß mußte ich die Stelle ſtreichen, Bluͤcher aber hat eine preußiſche Schildwach an die Druckerpreſſe geſtellt, und morgen wird die Immediat⸗Commiſſion vor dem ganzen Publiko compromittirt. Das freut mich uͤbrigens von Bluͤcher, ſprach Ruffus, daß er ein ſolcher Feind der Cenſur iſt; auch in ſeiner Proclamation ſpricht er von Preffreiheit. Iſt denn die cenſurwidrige Stelle ſo arg? — 103— Der Curioſität halber, erwiderte der Rathsherr, hab' ich mir ſie notirt. Uebrigens wird ſie morgen die ganze Stadt leſen. Am Schluſſe namlich heißt es: „Uebrigens bemerke ich(Bluͤcher) noch, daß der ungeziemende Ton, der in Ihrer(der Immediat⸗ Commiſſion) geſtrigen Vorſtellung an mich herrſcht, ei⸗ nen Andern, der es mit unſern deutſchen Mitbuͤrgern weniger redlich meint, wohl hätte erbittern koͤnnen, daß ich mich jedoch deſſenungeachtet beſtreben werde, die Drangſale des Kriegs dem Lande ſoviel als moͤglich zu erleichtern und nicht den Geiſt der Erbitterung, den die Immediat-Commiſſion in ihre Verhandlungen mit mir zu legen angefangen hat, bei meinen Behoͤr⸗ den zu geſtatten.“ Da kennt man gleich den alten Blucher, meinte Ruffus, und ich finde ſeine Redeweiſe gar nicht außer der Ordnung. Was iſt denn die Immediat⸗Com⸗ miſſion ſo unpolitiſch, ſich erbittert zu ſtellen? Sie hat allerdings als oberſte Landesbehoͤrde alle urſache zur Erbitterung, bemerkte der Rathsherr, wie⸗ wohl ich es gleichfalls nicht für politiſch halte, dieſe Erbitterung in Gegenwart zweier feindlichen Armeen ſo offen auszuſprechen. Der General Bluͤcher hat — 104— unſern Cottbußer Kreis, der in Folge des Tilſiter Frie⸗ dens von Preußen an Sachſen abgetreten wurde, foͤrm⸗ lich wieder im Namen des Königs von Preußen in Beſitz genommen. Das habe ich immer geſagt, ſprach Heimann, daß dieſe Napoleoniſchen Praͤſente nicht viel Segen bringen. Wenn's nur bei dem Cottbußer Kreiſe verbleibt und Preußen nicht mehr zulangt. Wir Sachſen haben ein⸗ malkein Gluͤckmit unſern Eroberungen. Die vor einem Jahre eroberte ruſſiſche Kanone, die nach Dresden ge⸗ bracht wurde, hat auch keinen Segen getragen. Wer will's jetzt den Koſaken verwehren, wenn ſie das ganze Zeughaus ausräumen und ſich fur den Verluſt hun⸗ dertfach bezahlt machen? Auch iſt der Enthuſiasmus unſerer Bevolkerung, fuhr der Rathsherr fort, wenigſtens was die ruſſiſchen ſogenannten Freiheitsbringer betrifft, ziemlich verraucht. Wie gut ſich die erſten Koſakenabtheilungen betrugen, um ſo ſchlimmer treiben's die Soldaten vom Corps des General Milorodowitſch. Das ſind verwilderte und verwahrloſte Geſellen, die lange Zeit in der Wal⸗ lachei geſtanden und von europaiſcher Civiliſation nichts wiſſen. Ungenuͤgſam, unerſaͤttlich, unreinlich, haben ſie keine Ahnung von einem Anſtandsgefuͤhle; ſie vermogen ihre rohe Begierde ſo wenig zu zugeln, daß ſich Frauen und Madchen ohne maännlichen Schutz kaum mehr uber die Straße getrauen, ohne von dieſen Unholden auf emporende Art beläſtigt zu werden. Noch ſchlimmere Nachrichten ſind von den umliegenden Doͤr⸗ fern eingegangen. Dort haben junge Landmädchen in den Schornſteinen Zuflucht ſuchen muͤſſen, um Ge⸗ waltthätigkeiten zu entgehen. In der Lauſitz ſollen ganze Dörfer leer und öde ſtehen, da bei den einrucken- den Kriegsheeren die Bewohner mit ihren Kindern, Vieh und tragbaren Habe in die Walder geflohen ſind. Aber exiſtirt denn keine Disciplin im ruſſiſchen Heere? frug der Geheimrath. O, ein ſehr geſtrenge, war die Antwort. Wenn ſolche Ausſchweifungen und Verbrechen zur Klage kom⸗ men und uͤberwieſen ſind, werden ſie mit Kantſchuh und eiſernem Ladeſtock beſtraft. Es iſt greulich, noch geſtern fand eine ſolche Execution unter meinen Fen⸗ ſtern Statt. Das Blut floß dem Sträfling ſtrom⸗ weiſe vom Ruͤcken. Der Kerl verharrte in einer ſtoiſchen Indolenz. Als er ſeine Tracht Schlaͤge, die einem deutſchen Koͤrper den Garaus gemacht haͤtten, erhalten hatte, bat er um eine Handvoll Kochſalz, wo⸗ — 106— mit er ſich den wunden Ruͤcken einrieb. Heute iſt der Menſch vollkommen hergeſtellt und guter Dinge. Schoͤne Naturen, bemerkte Ruffus. Damit ich aber nicht Eins uͤber's Andere vergeſſe, fuhr der Rathsherr fort, ſo muß ich die verehrte Ge⸗ ſellſchaft mit dem eigentlichen Zwecke meines Beſuchs bekannt machen. Alle horchten auf. In einigen Tagen, ſprach er weiter, werden Ihre Majeſtaͤten der Kaiſer von Rußland und König von Preußen, welche ihren reſpectiven Armeen folgen, hier eintreffen. Es muß ganz Sachſen und Dresden inbeſondere daran liegen, daß dieſe hohen Monarchen einen freundlichen und friedlichen Sinn mitbringen, und hat daher der Rath beſchloſſen, den Einzug der hohen Haͤupter ſo feierlich als moglich zu begehen. Eine Anzahl feſtlich gekleideter Jungfrauen unſerer Stadt ſoll, Blumen ſtreuend, die hohen Sieger em⸗ pfangen und es ergeht an die Familien Guͤnther und Heimann von Seiten des Stadtraths und der Buͤr⸗ gerſchaft die ergebenſte Bitte, den reſpectiven Toͤchtern eine gefaͤllige Mitwirkung zu geſtatten. Habt Ihr Luſt, Maͤdchen? frug der Geheimrath ———,— — 107— zu Anna und Clara gewendet, ich fuͤr meine Perſon will der Sache nicht hinderlich ſein. Anna nahm begeiſtert die Aufforderung an, Clär⸗ chen ſah ſinnend vor ſich hin und ſchien keine rechte Luſt zu haben. Da mir in dieſer Familienſache als Bruder ein Woͤrtchen zuſteht, ſprach Ruffus, ſo muß ich mich ge⸗ gen derlei Empfangfeierlichkeiten entſchieden ausſpre⸗ chen; noch weniger kann ich zugeben, daß eine meiner Schweſtern daran Theil nimmt. Noch hat ſich unſer Koͤnig nicht gegen Napoleon erklaͤrt, er iſt Sachſen's Bundesgenoſſe, und die Buͤrgerſchaft darf nicht dem Feind ihres gewaltig Alliirten mit Blumenkraͤnzen entgegenkommen. Das waͤre eine Maaßregel, die Dresden ſehr zum Nachtheil gereichen könnte, falls Napoleon ſelbſt wieder in unſere Stadt einzoͤge. Die Franzoſen ſind auf uns ſo nicht ſonderlich zu ſprechen, wie erſt, wenn wir ſie muthwilliger Weiſe durch der⸗ gleichen feindſelige Demonſtrationen und Herzenser⸗ gießungen herausfordern. Die Familien, deren Toͤch⸗ ter den Monarchen Rußland's und Preußens Blu⸗ men geſtreut, wuͤrden ihren vorzeitigen Patriotismus theuer zu bezahlen haben. Alerander wie Friedrich Wilhelm ſind ſo edeldenkende Maͤnner, daß ſie einer — 108— Stadt nicht grollen werden, wenn man ſie auch ohne großes Gepraͤnge empfaͤngt, und der Empfang nur ein den umſtänden angemeſſener iſt. Mir ſcheint, erwiderte etwas ärgerlich der Raths⸗ herr, daß Sie, verehrter junger Freund, nur die Be⸗ ſorgniß, der Napoleon werde wiederkommen, ſo ſpre⸗ chen laͤßt; aber ſein Sie außer Furcht, den ſehen wir in dieſem Leben nicht wieder. Bevor jene gruͤnen und blauen Steinmauern und jene bepanzerten. Cuiraſſierreihen der verbuͤndeten Armeen durchbrochen ſind, wills etwas; und wie großen Reſpect ich auch vor dem Genie des Kaiſers habe, ſo hat ſeine Macht in Rußland einen zu bedeutenden Stoß erhalten, als daß ſie ſich mit den ungeſchwächten Streitkraͤften Ruß⸗ lands und Preußens ſo hald wieder wird meſſen können. Wenigſtens ſehen wir den Napoleon heuer nicht wieder und vielleicht, daß uns unter der Zeit Gott den Fribden ſchenkt. Dem ſei wie ihm wolle, verſetzte Ruffus mit Ent⸗ ſchiedenheit, wir ſind unſerm verehrten Koͤnige ſo viel Ruͤckſichten ſchuldig, daß wir ſeine Gegner nicht mit Blumenguirlanden empfangen duͤrfen. Gibt der Va⸗ ter den Schweſtern die Erlaubniß, ſich der Huldigungs⸗ ſchaar anzuſchließen und bei den Empfangfeierlichkei⸗ — — 109— ten zu paradiren, ſo habe ich wenigſtens das Meine gethan, wenn ich nach Kraͤften davon abgera⸗ then habe und eine ſpaͤtere Verantwortlichkeit kann mich nicht treffen. Der Bruder häat ganz Recht, meinte Clarchen, der Kaiſer von Rußland und der Koͤnig von Preußen moͤgen ſehr gute Herren ſein; aber Napoleon iſt mir doch lieber und nur mit Widerwillen wuͤrde ich ſeine Gegner huldigend bewillkommnen. So erlaube mir es, guter Vater, bat Anna. Ich erblicke in der Ankunft der Monarchen nur Gluͤck und Heil fuͤr Sachſen und Deutſchland, und warum ſollt ich mich da nicht freuen aus Herzensgrunde? Was meinſt denn Du Roschen? ftug Clärchen die Freundin. Sollte mich Gott bewahren, in dieſer Dresdner Maͤdchengarde Parade zu ſtehen, proteſtirte dieſe; ich kann ſolche offiziellen Huldigungen uberhaupt nicht leiden und bei der in Rede ſtehenden theile ich Ruffus und Clärchen's Anſicht. Ei, ei, meine Damen, ſprach der Rathsherr in halb ernſtem, halb ſcherzhaftem Tone, Ihre deutſchen Schweſtern in Preußen wuͤrden ſich wenig freuen, Sie ſo unpatriotiſch ſprechen zu hoͤren. Haben Sie nicht 5 — 110— in den Zeitungen geleſen von den großen Opfern, welche Preußens Frauen und Maͤdchen auf den Altar des Vaterlandes niederlegen? Wir leſen die Zeitungen nicht, ſprach Ctirchen. Nun aber doch davon gehoͤrt? frug jener. Allerdings, erwiderte Roſalie, aber das iſt in Preußen etwas Andres. Dort waren die Franzoſen eine Landplage und ihr Abzug mußte den Indifferen⸗ teſten mit Freude erfuͤllen. Wir haben uns dagegen nicht uͤber ſie zu beklagen; im Gegentheil hab' ich ſie immer recht liebenswuͤrdig gefunden. Ich wuͤrde meinem eignen Gefuͤhl zuwiderhandeln, wollt' ich ge⸗ gen dieſe Nation feindſelige Geſinnungen hegen, und grade heraus, es ware bloße Heuchelei, wenn ich mich fur eine ſogenannte deutſche Patriotin ausgäbe. Das iſt auch meine Meinung, ſprach Clärchen und Ruffus konnte nicht umhin, ſeine lobende Zuſtim⸗ mung zu geben. Nur der Rathöherr wollte ſich nicht werfen laſſen, und als er ſeiner Rede kein Ende finden konnte, ward's Roſalien ennuͤyant und ſie ſprach im determinirten Tone, der drollig klang, weil man wußte daß kein Ernſt dahinter war: Wiſſen Sie, Herr Stadt⸗ rath, daß Sie als ein Unterthan Seiner Mairſtt ————————— — 111— Friedrich Auguſt des Dritten von Sachſen die Töchter von Dresden nicht animiren duͤrfen, den Feinden Blu⸗ men zu ſtreuen. Sie ſind ein Ruſſenfreund und ſo⸗ vald der Kaiſer Napoleon wieder hier iſt, werd' ich Sie denunciren. Der Stadtrath wußte im erſten Augenblicke nicht recht, welches Geſicht er bei dieſen Worten machen ſollte; als aber Claͤrchen ſich des Lachens nicht enthalten konnte, erkannte er den Scherz. Dieſe Denunciation, ſprach er, kann ich mir ge⸗ fallen laſſen, die werden Sie, da ſie an den Kaiſer Napoleon in Perſon ergehen ſoll, hoffentlich nicht an den Mann bringen. Wie ich ſchon geſagt, mitſeiner Macht iſt's zu Ende. Er bringt nur die Schuljugend Frank⸗ reichs uber den Rhein, ein Geſchlecht der Maͤnner gibt's bei den unaufhörlichen Kriegen in dieſem Lande nicht mehr. In vielen Ortſchaften ſoll man nur Weiber, Greiſe und Kinder erblicken. Ueber dieſe männliche Entvolkerung hab' ich ſeit Jahren viel ſprechen hoͤren, bemerkte Ruffus, aber ihr iſt wirklich nicht ſo. Ich habe ſo ziemliche ſichere Nachrichten hieruber mir zu verſchaffen gewußt. Die männliche Bevolkerung hat allerdings gelitten, aber gleichwohl iſt Frankreich in Vergleich zu dem Zeitalter — 112— unmittelbar vor der Revolution dermalen weit volk⸗ reicher. Euperientia docet, entſchied der Rathsherr, das Geſpraͤch abbrechend, und verſuchte noch einmal ſein Heil bei den beiden unpatriotiſchen Mädchen, aber vergebens. Indeß begann es dunkel zu werden, die Truppen⸗ zuge hatten nachgelaſſen; dafuͤr war es in den Häuſern wegen der zahlreichen Einquartierung ſehr lebhaft ge⸗ worden. Der Geheimrath mahnte zum Aufbruch. Wenn wir nur die garſtige Neuſtadt im Ru⸗ cken hätten, ſprach Clärchen, da liegen lauter Ruſſen; ch lobe mir die Altſtadt. Allerdings, aͤußerte Ruffus, man hoͤrt da wenig⸗ ſtens vaterlaͤndiſche Laute. Da ſind nur Preußen ein⸗ quartirt, die in Stadt und Land wegen ihres muſter⸗ haften Betragens, das gegen das ihrer Verbuͤndeten grell genug abſticht, allgemeine Liebe erworben haben. Uebrigens habt Ihr wegen der verwilderten Wallachen Nichts zu befuͤrchten. Der Wagen iſt beſtellt, und ich fahre ſelbſt mit nach Hauſe. Als Guͤnthers aufbrachen, mußten ſie das Ver⸗ ſprechen geben, beim Einzuge des Kaiſers von Rußland 1 und Koͤnigs von Preußen, der in einigen Tagen Statt finden ſollte, ihren Beſuch zu wiederholen. Auch der Rathsherr nahm freundlich Abſchied, ob⸗ gleich er ſeinen Zweck, zu Anna's großem Aerger, nicht erreicht hatte. Sechſtes Kapitel. Die Dresdner Mitglieder des Tugendbundes waren heut zahlreicher denn je verſammelt. Eine Anzahl derſelben war zu der Freiſchaar getreten, die der preu⸗ ßiſche Rittmeiſter, der Baron von Burstini in Dres⸗ den organiſirte. Auch Gotthardt und Reinhold be⸗ fanden ſich darunter. Bereits trugen ſie die ſchmucke Jägeruniform und die begeiſterte Kampfluſt leuchtete aus den Augen der kraftigen, ſtattlichen Junglinge. Man gab den zur Armee tretenden Freiwilligen ein kleines Abſchiedsfeſt. Viele preußiſche Offiziere waren als Gaͤſte geladen. Der ganze Akt hatte etwas Feierliches, Erhebendes. Hier vernahm man keinen von den ſchaa⸗ len Wisen, die damals in Unzahl auf Napoleon und die Franzoſen curſirten. Man machte die Zuruckge⸗ wichenen nicht lächerlich. Alle waren von der Fen⸗ denz des Klubbs zu ernſt geſtimmt. Man fuhlte, daß . der bevorſtehende Kampf ein Kampf auf Leben und Tod ſei, daß mancher der hier verſammelten Freunde und. Waffenbruͤder den einſtigen Sieg nicht erleben wuͤrde. Der eine Feſtordner erhob ſich jetzt; eine tiefe Stille erfolgte. Ich glaube, ſprach er, unſre heutige Verſamm⸗ lung nicht wuͤrdiger eroͤffnen zu koͤnnen, als wenn ich die hochherzigen Worte wiederhole, die Friedrich Wil⸗ helm vor wenig Wochen zu ſeinem Volke ſprach. Sie ſeien unſer Loſungswort im bevorſtehenden Kampfe, denn die Gerechtigkeit, ja die Heiligkeit unſter Sache kann durch kein Actenſtuͤck wahrhafter und wuͤrdiger manifeſtirt werden. Und mit ſchöner, begeiſterter Stimme, die dem großherzigen Inhalte wuͤrdig entſprach, las er: An mein Volk! So wenig fur mein treues Volk, als fur Teutſche bedarf es einer Rechenſchaft uͤber die Urſachen des Kriegs, welcher jetzt beginnt. Klar liegen ſie dem ver⸗ blendeten Europa vor Augen. Wir erlagen unter der Uebermacht Frankreichs. Der Friede, der die Hälfte meiner Unterthanen mir entriß, gab uns ſeine Segnungen nicht, benn er ſchlug uns tiefre Wunden, 8* — 116— als ſelbſt der Krieg. Das Mark des Landes ward ausgeſogen. Die Hauptfeſtungen blieben vom Feinde beſetzt, der Ackerbau ward gelaͤhmt, ſo wie der ſonſt ſo hochgebrachte Kunſtfleiß unſter Staͤdte. Die Freiheit des Handels ward gehemmt und dadurch die Quelle des Erwerbs und Wohlſtandes verſtopft. Das Land ward ein Raub der Verarmung. Durch die ſtrengſte Erfuͤllung eingegangener Verbindlichkeiten hoffte ich meinem Volke Erleichterungen zu bereiten, und den franzoſiſchen Kaiſer redlich zu uͤberzeugen, daß es ſein eigner Vortheil ſei, Preußen ſeine Unabhängigkeit zu laſſen. Aber meine reinſten Abſichten wurden durch Uebermuth und Treuloſigkeit vereitelt, und nur zu deutlich ſahen wir, daß des Kaiſers Vertrage mehr noch wie ſeine Kriege uns langſam verderben mußten. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo alle Taͤuſchung uber unſern Zuſtand aufhort. Brandenburger, Preu⸗ ßen, Schleſier, Pommern, Litthauer! Ihr wißt, was Ihr ſeit ſieben Jahren erduldet habt, Ihr wißt, was Euer trauriges Loos iſt, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erinnert Euch an die Vorzeit, an den großen Churfurſten, an den großen Friedrich. Bleibt eingedenk der Guͤter, die unter ih⸗ nen unſere Vorfahren blutig erkaͤmpften, Gewiſſens⸗ freiheit, Ehre, Unabhaͤngigkeit, Handel, Kunſtfleiß und Wiſſenſchaft. Gedenkt des großen Beiſpiels un⸗ ſerer maͤchtigen Verbuͤndeten, der Ruſſen, gedenkt der Spanier und Portugieſen. Selbſt kleine Voͤlker ſind fur gleich große Guͤter gegen maͤchtige Feinde in den Kampf gezogen und haben den Sieg errungen. Er⸗ innert Euch der Schweizer und Niederlaͤnder. Große Opfer werden von allen Staͤnden gefordert werden. Denn unſer Beginnen iſt groß, und nicht gering die Anzahl und Mittel unſter Feinde. Ihr werdet jene lieber bringen fuͤr das Vaterland, fuͤr Euern angebor⸗ nen Koͤnig, als fuͤr einen fremden Herrſcher, der, wie ſo viele Beiſpiele lehren, Eure Söhne und Eureletzten Kraͤfte Zwecken opfert, die Euch ganz fremd ſind. Vertrauen auf Gott, Ausdauer, Muth und der mach⸗ tige Beiſtand unſrer Bundesgenoſſen werden unſern redlichen Anſtrengungen ſiegreichen Lohn gewähren. Aber welche Opfer auch von Einzelnen gefordert wer⸗ den moͤgen, ſie wiegen die heiligen Guͤter nicht auf, fuͤr die wir ſie hingeben, fur die wir ſtreiten und ſiegen müſſen, wenn wir nicht aufhoͤren wollen, Preußen und Teutſche zu ſein. Es iſt der letzte entſcheidende Kampf, den wir beſtehen fur unſere Exiſtenz, unſere Unabhaͤngigkeit, unſern Wohlſtand. Keinen andern — 118— Ausweg gibt es, als einen ehrenvollen Frieden oder ruhmvollen Untergang. Auch dieſem wuͤrdet Ihr ge⸗ troſt entgegengehen, um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und Teutſche nicht zu leben vermag. Al⸗ lein wir duͤrfen mit Zuverſicht vertrauen, Gott und unſer feſter Wille werde unſrer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen ſichern, glorreichen Frie⸗ den und die Wiederkehr einer glucklichern Zeit. Der Eindruck, welchen dieſer großartige Aufruf des hochverehrten Fuͤtſten auf die Verſammelten her⸗ vorbrachte, war unbeſchreiblich. Selten ſah man wohl die heilige Flamme fuͤr Vaterland und fuͤr einen ge⸗ liebten Fuͤrſten ſchoͤner und reiner brennen, als hier. Ein preußiſcher Offizier, mit vielen Decorationen mi⸗ litariſcher Bravour geſchmuͤckt, erhob ſich. Nicht minder ſchoͤn, rief er, hat unſer Friedrich Wilhelm zu ſeinem Heere geſprochen; o daß dieſe Worte in jedes deutſchen Kriegers Bruſt Wiederklang finden moͤchten; und gewiß, das werden ſie, das muͤß⸗ ſen ſie, denn nimmer hat wohl ein Fuͤrſt ſo begei⸗ ſternd zu ſeinen Soldaten geſprochen. Der Aufruf werde laut vorgeleſen, tönte es von mehrern Seiten. Gern entſprach der Officier dieſem Wunſche und las: i. An mein Kriegsheer! Vielſeitig habt Ihr das Verlangen geaͤußert, die Freiheit und Selbſtſtaͤndigkeit des Vaterlandes zu er⸗ kaͤmpfen. Der Augenblick dazu iſt gekommen. Es iſt kein Glied des Volks, von dem es nicht gefuͤhlt wuͤrde. Freiwillig eilen von allen Seiten Juͤnglinge und Männer zu den Waffen. Was bei dieſen freier Wille, das iſt Beruf fuͤr Euch, die Ihr zum ſtehen⸗ den Heere gehoͤrt. Von Euch, geweiht, das Vaterland zu vertheidigen, iſt es berechtigt zu fordern, wozu jene ſich anbieten. Seht, wie ſo Viele Alles verlaſſen, was ihnen das Theuerſte iſt, um ihr Leben mit Euch der Sache des Vaterlandes zu weihen. Fuͤhlt alſo doppelt Eure heilige Pflicht! Seid Alle ihrer eingedenk am Tage der Schlacht, wie bei Entbehrungen, Muͤhſelig⸗ keit, innerer Zucht. Des Einzelnen Ehrgeiz, er ſei der Hoͤchſte oder der Geringſte im Heere, verſchwinde in dem Ganzen. Wer fuͤr das Vaterland fuͤhlt, denkt nicht an ſich. Den Selbſtſuchtigen treffe Verachtung, wo nur dem allgemeinen Wohle es gilt. Dieſem weiche jetzt Alles. Der Sieg geht aus von Gott. Zeigt Euch ſeines hohen Schutzes wuͤrdig durch Gehorſam und Pflichterfuͤllung. Mucth, Ausdauer, Treue und — 120— ſtrenge Ordnung ſei Euer Ruhm. Folgt dem Beiſpiel Eurer Vorfahren! Seid ihrer wuͤrdig und Eurer Nachkommen eingedenk! Gewiſſer Lohn wird treffen den, der ſich auszeichnet; tiefe Schande und ſtrenge Strafe den, der ſeine Pflicht vergißt. Euer Koͤnig bleibt ſtets mit Euch. Mit ihm der Kronprinz und die Prinzen ſeines Hauſes. Sie werden mit Euch kämpfen, und an unſter Seite ein zu unſrer und Teutſchlands Rettung gekommnes tapferes Volk, das durch hohe Thaten ſeine Unabhaͤngigkeit errang. Es vertraute ſeinem Herrſcher, ſeinen Fuͤhrern, ſeiner Sache, ſeiner Kraft und Gott war mit ihm! So auch Ihr! Denn auch wir kaͤmpfen den großen Kampf um des Vaterlands Unabhaͤngigkeit. Vertrauen auf Gott, Muth und Ausdauer ſei unſre Loſung. Als der Vorleſer zu Ende war, der beſonders die letz⸗ tern Worte ſehr hervorgehoben hatte, erhob ſich un⸗ willkurlich die ganze Geſellſchaft mit erhobenen Be⸗ chern, die klingend an einander ſtießen: Vertrauen auf Gott, Muth und Ausdauer ſei unſere Loſung! Wer iſt denn jener Herr dort neben dem Baron von Felseck! frug Gotthardt ſeinen Nachbar, er ſcheint nicht dem Militairſtande anzugehören; ſein Weſen hat —— — 121— aber etwas außerordentlich Anziehendes, Herzgewin⸗ nendes. Das iſt der Profeſſor Arndt aus Greifswalde, unſer begeiſterter Volks⸗ und Freiheitsſänger, war die Antwort, der Begleiter des Freiherrn von Stein. Er iſt durch die entflammende Rede ſeines Wortes der guten Sache ſo nuͤtzlich, wie ein Armeekorps. Noch dieſer Tage wieder iſt eine Schrift von ihm uͤber Land⸗ ſturm und Landwehr erſchienen, die gewiß recht ſegens⸗ reich wirken wird. Gotthardt war freudig uͤberraſcht, den trefflichen Mann ſo unerwarteter Weiſe kennen zu lernen, als der Vorſitzende wieder um's Wort bat. Herr Profeſſor Arndt, begann er, ein Name voll guten Klangs im deutſchen Lande, hat den Bitten vie⸗ ler der geehrten Anweſenden nachgegeben, und wird ein deutſches Lied zum Beſten geben, das er erſt vor Kur⸗ zem gedichtet und das nur Wenigen bekannt iſt, aber bald im ganzen großen Vaterlandefreudig wiederhallen wird. Der Genannte erhob ſich, und las mit feſter, ener⸗ giſcher, aber zugleich hoͤchſt wohllautender Stimme ein noch im Manuſcripte befindliches Lied, welches alſo lautete: Der Gott, der Eiſen wachſen ließ, Der wollte keine Knechte; Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß Dem Mann in ſeine Rechte; Drum gab er ihm den kühnen Muth, Den Zorn der freien Rede, Daß er beſtände bis aufs Blut Bis in den Tod die Fehde. So wollen wir, was Gott gewollt, Mit rechten Treuen halten, Und nimmer um Tyrannenſold Die Menſchenſchädel ſpalten; Doch, wer für Tand und Schande ſicht, Den hauen wir in Scherben, Der ſoll im deutſchen Lande nicht. Mit deutſchen Männern ſterben. O Deutſchland, heil'ges Vaterland! O deutſche Lieb' und Treue! Du hohes Land! du ſchönes Land! Wir ſchwören Dir auf's Neue: Dem Buben und dem Knecht die Acht! Der nähre Kräh'n und Raben! Sd zieh'n wir aus zur Herrmannsſchlacht, Und wollen Rache haben. Laßt brauſen, was nur brauſen kann, In hellen, lichten Flammen! Ihr Deutſche, alle Mann für Mann, Zum heil'gen Krieg zuſammen! Und hebt die Herzen himmelan Und himmelan die Hände, Und rufet alle Mann für Mann: „Die Knechtſchaft hat ein Ende!“ — Laßt klingen, was nur klingen kann, Trompeten, Trommeln, Flöten! Wir wollen alle Mann für Mann 1 Mit Blut das Eiſen röthen, Mit Henker und mit Knechteblut— O ſüßer Tag der Rache! Das klinget allen Deutſchen gut, Das iſt die große Sache. Laßt wehen, was nur wehen kann, Standarten weh'n und Fahnen, Wir wollen heut' uns Mann für Mann 3 Zum Heldentode mahnen. Auf! fliege hohes Siegspanier, Voran dem kühnen Reihen!. Wir ſiegen oder ſterben hier 3 Den ſüßen Tod der Freien. Dieſes urkräͤftige Lied that außtdentih Wir⸗ kung. Beſonders waren Gotthardt und Reinhold da⸗. von begeiſtert. Erſterer brachte einen Toaſt auf den trefflichen Dichter aus. Es wurden jetzt mehre vaterlaͤndiſche Geſaͤnge an⸗ geſtimmt und mit Begeiſtrung geſungen. Ruffus war alſo auch heute nicht zu bewegen, frug waͤhrend einer Pauſe der altere Steinberg ſeinen Bruder, unſerm herzerfreuenden Vereine beizuwohnen? Mein Zureden war wie gewöhnlich, vergebens, antwortete der Gefragte. In der That, manchmal möchte man faſt irre werden, zumal ſeit ſeinem juͤng⸗ — 124— ſten Benehmen gegen Anna, der er nicht einmal ge⸗ ſtatten wollte, die verbuͤndeten Monarchen zu bewill⸗ kommnen. Wirklich? frug Gotthardt duͤſter, mich nimmt's Wunder, daß er nicht mit den Franzoſen abgezogen, und uns in den naͤchſten Tagen in der feindlichen Schlachtreihe entgegentritt. Seine Indifferenz gegen unſre heilige Sache, die alle deutſche Herzen erwärmt, iſt faſt Liebloſigkeit, ſprach der Bruder. Mich hat ſie in letzterer Zeit oft genug verletzt, und wenn mich Anna nicht zu ſehr inter⸗ eſſirte, wuͤrde ich ſeltener mit ihm zuſammengekom⸗ men ſein. Auch mit ſeiner geruͤhmten Weisheit iſt's nicht immer richtig, ſprach Gotthardt; in der Sternburg hat er ſich wahrhaft getäuſcht. Tauſend gegen Eins, allerdings, fiel Reinhold feu⸗ rig ein, das iſt ein herrliches Weib; ihr Weſen liegt ſo offen und rein da. Ich begreife nicht, was der Miſanthrop darunter ſuchte, uns von ihr zuruͤck⸗ zuhalten. Das Feſt nahte ſeinem Ende. Nach Abſingung des trefflichen Liedes von Arndt: Was iſt des Deut⸗ ſchen Vaterland ꝛc. ging die Geſellſchaft, die bis zu⸗ letzt in den Grenzen einer ernſtheitern Geſelligkeit ge⸗ blieben war und alles Bacchanal ſtreng gemieden hatte, ohne großen geraͤuſchvollen Aufbruch auseinander. Manche herzinnige Bekanntſchaft und Bruͤder⸗ ſchaft war an dieſem Abende geſchloſſen worden. Auch die beiden Dresdner hatten ſich mit einem jungen Schleſier, Namens Karl Sinnig innig befreundet. Er war mit der Luͤtzowſchen Freiſchaar nach Dresden gekommen und mit ein Hauptbeweggrund, daß ſich Gotthardt und Reinhold gleichfalls in dieſe heilige Schaar aufnehmen ließen. Farl Sinnig gehoͤrte zu jenen aͤchtſchleſiſchen Na⸗ turen, die mit einem ſtets heitern Temperamente alle Energie eines feſten Willens vereinigen. Er unter⸗ ſchied ſich daher weſentlich von ſeinen beiden Dresdner Freunden, in welchen die deutſche melancholiſche Frei⸗ heitsglut, zumal bei dem aͤltern Gotthardt, mit aller innern Macht brannte. Siebentes Kapitel. Ruffus las ſo eben ſeinen beiden Schweſtern die neueſte Nummer der Leipziger politiſchen Zeitung vor, die vor wenig Wochen ganz Napoleoniſch, jetzt mit Einemmale Koſakiſch geworden war und konnte ſich nicht enthalten, ſeine trocknen Bemerkungen daruͤber zu machen. Die armen Leipziger, ſprach er, ſind uͤbel daran, ihre politiſche Zeitung wird ſie wieder ſtark in's Mal⸗ heur bringen. Wenn die Franzoſen dieſes Zeug da leſen, ſchwarz auf weiß, oder vielmehr ſchwarz auf grau, beng dieſes Journal iſt in Betreff ſeines Papiers eine Art Grauſchimmel, werden ſie, ſobald ſie von Lindenau hereindefilirt ſind, die armen Pleißhanſeaten in neue Contribution ſetzen. Das Raͤſonniren auf Napoleon iſt einmal eine koſtſpielige Sache. — 127— Wir wollen doch nicht hoffen, daß die Franzoſen wieder nach Leipzig kommen, verſetzte Anna. Ich hoffe es auch nicht, verſicherte der Bruder;z aber ſo unwahrſcheinlich iſt die Sache nicht. Ja, ich wuͤnſche es, daß ſie wiederkommen, ſprach eifrig Claͤrchen, die garſtigen Kalmuͤcken und Baſch⸗ kiren mit ihren kleinen haͤßlichen Augen, die alle Straßen und Plaͤtze zu Pferdeſtällen umgewandelt haben, ſind mir hoͤchlich zuwider. Nun, das iſt gewiß, meinte Ruffus, halb Aſien muß herein ſein. Ich ſpazierte geſtern vor dem ſchwar⸗ zen Thore, da kam ein wahrhaft hochaſiatiſcher Voͤlker⸗ zug auf der Straße von Bautzen daher. Erſt doniſche Koſaken, die mochten paſſiren. Dann ukräniſche Ko⸗ ſaken in grauen Frießmänteln mit metallnen Kreuzen auf der Bruſt und Filzmuͤtzen von gleicher Farbe; die konnten auch allenfalls fuͤr europaiſche Reiterei gelten; aber die nun folgende ſogenannte irreguläre Caval⸗ lerie, das waren merkwuͤrdige Kerle; an Feuerwaffen war bei ihnen nicht mehr zu gedenken; ihr Schießzeug beſtand in Pfeil und Bogen à la Wilhelm Tell. Re⸗ gulaire Reiter ritten gleichſam als Treiber zu beiden Seiten dieſer aſiatiſchen Elite, die von Ordnung und Disciplin keine Ahnung hat. Wie man mir erzählte, — werden dieſen Leutchen die Saͤbel erſt unmittelbar vor dem Einhauen geſchliffen, weil ſie ſonſt mit ſcharfen Waffen nur Unfug unter ſich ſelbſt anrichten wuͤrden. Daß ſie ſogar kleine Kinder ſpießen und braten, glaub' ich nicht; aber ſehr unwahrſcheinlich iſt's nicht. Uebri⸗ gens treiben ein paar franzoͤſiſche Voltigeur⸗Compag⸗ nien dieſe ganze Reiterei zum Guckuck, und ich begreife nicht, was dieſes Volk, das wie Heuſchreckenſchwärme, die Gegenden nur arm frißt, der ruſſiſchen Armee nuͤtzen ſoll. Den Baſchkiren und Kalmuͤcken folgte ein unabſehbarer Zug Ruͤſtwagen, deren Nutzen mir gleichfalls nicht klar iſt. Nebenher trabten große Hunde, deren Spitzköpfe und lange Schwaͤnze die kamtſchatkaliſche Abkunft gar nicht verkennen ließen. Kurz, der ganze endloſe Zug war eine wahrhaft aſia⸗ tiſche Voͤlkerwanderung. Schmetternder Trompetenruf und freudiger Hoͤr⸗ nerſchall toͤnten jetzt auf dem großen Platze vor dem Pirnaiſchen Thore, welcher von den Fenſtern des Ge⸗ heimraths vollkommen uͤberſehen werden konnte. Das ſind die Luͤtzowſchen Jäger, ſprach Ruffus aufſpringend, und trat mit den Schweſtern an's Fenſter. Aus allen umliegenden Straßen kamen jetzt — 129— ſchmuckberittene Junglinge geſprengt in einfachſchöner Jägeruniform mit wehenden dunkelgruͤnen Feder⸗ buͤſchen. Ein ſtattliches Corps, lobte Ruffus, ſolche Sol⸗ daten laß ich mir gefallen, die furchten ſelbſt die alte Garde nicht. Die Steinbergs ſtecken auch mit dar⸗ unter, die herrlichen Jungen. Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als ein hoher, ſchlankgewachſener Jäger auf prächtigem Rap⸗ pen gegen das Haus geſprengt kam. Beim Himmel, ſprach Ruffus, das iſt der Rein⸗ hold, er wird noch einmal Abſchied nehmen wollen. Anna war todtenbleich in den Stuhl zuruͤckge⸗ ſunken. Das iſt ſchoͤn, rief Ruffus dem eintretenden Frei⸗ heitskaͤmpfer entgegen, und ihn herzlich umarmend, daß Du uns bei Deinem Patriotismus nicht ganz vergißt und noch einmal heimſuchſt. Wann ſoll die Reiſe fortgehn? In einem Stuͤndchen, war die Antwort, Gott⸗ hardt laͤßt herzlich gruͤßen, der iſt mit der Avantgarde bereits voraus auf der Straße nach Freiberg. Claͤrchen brachte dem jungen Kriegsmann einen II. 9 —— Stuhl, Ruffus aber konnte ſich nicht ſatt ſehen an dem ſchmucken Jäger. Weiß Gott, ſprach er, Du mach 12 alerliebſt, Du biſt geborner Soldat. Schaff mir eine Armee von ſolchen Leuten, und ich treibe den Napoleon nach der erſten Schlacht uͤber den Rhein. Reinhold hatte wenig Aufmerkſamkeit fuͤr das Lob des Freundes. Auf der bleichen innerlich zittern⸗ den Anna, dem Ideale ſeines Lebens, ruhten ſeine Blicke. Er nahte ſich ihr mit aller Beſcheidenheit ſchuchterner Liebe und erbat ſich ihren Segen fuͤr den bevorſtehenden Kampf. Ruffus hatte unterdeß Wein gebracht und vier Glaͤſer. Alſo auf frohes, gluckliches Wiederſehn, ſprach er nicht ohne Bewegung, ſtoß an Freund und ihr Maäd⸗ chen auch. Die Glaͤſer klangen wie Glocken an einander. Das klingt ſchoͤn, fuhr Erſterer fort und ſuchte ſeine Ruͤhrung mit Gewalt niederzukaͤmpfen. Aber wir muͤſſen dem Abſchied auch eine romantiſche Seite abgewinnen. Anna, Du mußt unſerm Freunde ein Andenken geben, einfach und ſinnig, das er treu be⸗ — 131— wahrt und einſt wiederbringt, zum Zeichen, daß er ſeine Freunde in Dresden nicht vergeſſen hat. Das ſchoͤne Madchen erroͤthete und gerieth in Verlegenheit. Sie wußte im erſten Augenblicke nicht, ob ſie den Wunſch des Bruders, der der ihres Herzens war, gewaͤhren ſollte. Reinholds Augen blickten flehend zu ihr auf. Nur ein Band oder ſo Etwas, ſprach Ruffus, ihr Madchen ſeid ja nicht arm an dergleichen liebenswuͤr⸗ digen Kleinigkeiten. Mechaniſch und halb loͤſ'te jetzt Anna eine roſenrothe Schleife von ihrer Bruſt und reichte ſie zoͤgernd dem gluͤcklichen Reinhold. Mit heißen Kuͤſſen bedeckte dieſer das reizende Vermaͤchtniß. Es ſei mein Talisman, rief er, und freudiger ziehe ich in Kampf und Tod. Da toͤnten abermals die Trompeten und mahn⸗ ten zum Aufbruch. Reinhold war jetzt nicht laͤnger zu halten. Das Vaterland ruft, ſprach er, und nochmals um⸗ armten und kußten ſich die Freunde; Thraͤnen ſtanden in beider Augen.. Wenn ihr deutſche Maͤdchen ſein wollt, ſprach Ruffus zu den Schweſtern, ſo ihm den Ab⸗ 9* ſchiedskuß nicht, er verdient ihn, denn es iſt ein ge⸗ weihter Kaͤmpe, der fur das Heiligthum ſeiner Bruſt in den Kampf zieht, und wer weiß, fuͤgte er ernſter hin⸗ zu, ob ihr ihn je wiederſeht. Clärchen ſtund Reinhold grade zur Hand, der ſich die Worte des Bruders nicht zwei Mal ſagen ließ, und dem lieblichen Kinde, das ſich auch weiter nicht ſträubte, einen Kuß auf die Wange draͤckte. Bei Anna erſchien ein Kuß Reinhold faſt ein Verbrechen. Er zoͤgerte einen Augenblick, ob er bei dieſer Heiligen es wagen ſollte. Da tönte zum dritten Male der mahnende Trom⸗ petenruf, nur ein Augenblick noch war vergoͤnnt und er benutzte ihn. Halb bewußtlos eilte er auf die Ge⸗ liebte zu und ein langer, ſeelenvoller Kuß beſiegelte den Bund der beiden Herzen. Gleich darauf vernahm man die gewaltigen Huf⸗ ſchläge eines weit ausgreifenden Streitroſſes. Ein ſeltſam wehmuͤthiger Zug hatte ſich bei der Abſchiedsſcene der Schweſter Anna um den Mund des Bruders gelegt, und leiſe fur ſich ſprach er die Worte: Wer grübe ſich nicht ſelbſt ein Grab, und würfe froh des Lebens Bürd' hinab, Wenn holder Wahn nicht wäre. — 133— Doch gleich darauf wandte er ſich wieder zu Anna. Nun bringt es die Ordnung mit ſich, ſprach er, daß Du Dich à la Ritterfräulein an's Fenſter ſetzeſt und eine Schaͤrpe ſtickſt oder ſo Etwas, indeß ſich der arme Junge draußen herumpaukt und unſterbliche Lorbee⸗ ren erringt. Apropos, Claͤrchen, wie hat denn Dir der junge Vaterlandsvertheidiger gefallen? Gar wohl, geſtand dieſe offenherzig, wenn er nur nicht gegen den Nap zoͤge. Ja mir iſt auch bange, meinte der Bruder, mehr um Reinhold und Gotthardt als um den Nap. Let⸗ terer iſt ſchon wiederholt dabei geweſen, und ihm di⸗ rect gegenuͤber mag nicht gut Huͤttenbauen ſein. Er iſt bereits zu Erfurt angelangt. Vier Regimenter alter Garden hat er mit der Poſt nach Deutſchland fahren laſſen. Ganz Thuͤringen ſteckt voll Franzoſen. Ney, Marmont, Oudinot, die Marſchaͤlle der kaiſerlichen Garden kommen alle wieder mit. Die Armee ſoll trefflich organiſirt und von bewundrungswuͤrdigem Muthe beſeelt ſein. Ueberdies hat Napoleon, als er von Saint Cloud nach Deutſchland abfuhr, geſagt: je ferai cette campagne comme le général Buona- Parte, et non pas en Empereur! Als erſterer iſt er auch weit liebenswuͤrdiger. Mit der Cavallerie ſolls — 134— uͤbrigens ſehr ſchlecht ſtehen, die hat in Rußland ihren Todesſtoß erhalten; aber Napoleon weiß ſich zu helfen. Wir muͤſſen denken, hat er zu ſeinen Soldaten ge⸗ ſagt, wir waͤren in Egypten. Da hatten die Franzo⸗ ſen bekanntlich ebenfalls großen Mangel an Reiterei. Der Geheimrath trat jetzt in's Zimmer. Der Kaiſer Alexander und Koͤnig Friedrich Wil⸗ helm werden erwartet, ſprach er; man hat eine Ehren⸗ pforte am ſchwarzen Thore gebaut, und die Toͤchter aus den angeſehenſten Familien werden die Mo⸗ narchen empfangen. Ich wuͤrde es daher jetzt nicht ungern ſehen, wenn Anna wenigſtens Lheilneh⸗ merin wuͤrde. Es wird taͤglich gewiſſer, daß Sachſen zur Allianz mit. Rußland und Preußen uͤbertritt. Den neueſten Nachrichten zu Folge, iſt unſer Koͤnig von Regensburg nach Prag abgereiſt. Oeſtreich in⸗ triguirt gegen Frankreich, und erwartet den guͤnſtigen Augenblick, um als Feind hervorzutreten; kurz Alles deutet auf vollkommene Endſchaft der Franzoſenherr⸗ ſchaft, und da erfordert's die Klugheit, in Zeiten ſich vorzuſehen. Anna nahm die Worte des Vaters wie eine frohe Botſchaft aufund ſprach ſogleich ihre Bereitwilligkeit aus. Claͤrchen blieb ſich conſequent und erklaͤrte, nur — 135— gezwungen wuͤrde ſie den Feinden Napoleons Blumen ſtreuen, außerdem nicht. Ruffus ſchuttelte mißbilli⸗ gend den Kopf. Ich habe meine Erklaͤrung gegeben, ſprach er, und furchte, daß wir unſere vorzeitige und unzeitige Huldigung bald zu bereuen haben duͤrften. Wenn es indeß der Vater fur zweckmaͤßig und nuͤtzlich hält, will ich nicht entgegentreten; aber nochmals, ich furchte, wir werden es bereuen. Nun, ſchaden wird es nichts, ſprach Claͤrchen, ſelbſt wenn der Kaiſer wiederkaͤme, es geſchieht doch nur zum Beſten der Stadt, damit ſie von den Siegern mehr geſchont werde. Das ware ein ſehr einſeitiger Beweggrund, be⸗ merkte Anna. Clara wollte einen andern nicht gelten laſſen und ſie geriethen in Streit, den Ruffus am beſten dadurch endete, daß er ihnen einen Spaziergang in den ſchoͤnen Fruͤhlingsmorgen vorſchlug, was von den beiden“ Widerſacherinnen mit gleicher Bereitwilligkeit ange⸗ nommen wurde. Achtes Kapitel. Die Glocken tonten von allen Thuͤrmen Dresdens, als ſich von der Bautzner Straße her ein unabſehbarer Heereszug ruſſiſcher und preußiſcher Truppen nach der Stadt waͤlzte. Es war der Kern der alliirten Armee, die ſämmtlichen Garden der beiden nordiſchen Mo⸗ narchen; nicht weniger denn fuͤnfundzwanzig Bataillone der erleſenſten Mannſchaften, in Begleitung von ſechs⸗ zig Stuck Geſchuͤtz. Die ganze Umgebung vor dem ſchwarzen Thore war mit zahlreichen Volkshaufen bedeckt, Aller Blicke und Aufmerkſamkeit der Bautzner Straße zugewendet. Ueberall tönte kriegeriſche Muſik der vielen voruͤberziehenden Regimenter, und kaum hatte es auf dem Neuſtädter Rathhauſe Ein Uhr geſchlagen, als die Knospenſchwellende Kaſtanienallee entlang in Be⸗ gleitung eines zahlreichen undglänzenden Generalſtabes ———— — 137— ein hoher ſtattlicher Mann geſprengt kam. Es war der gewaltige Feind Napoleons, der Beherrſcher des Nordens, Alexander der Erſte von Rußland. Eiin donnerndes Hurrah der in Spalier geſtellten Garden, in welches das laute Vivat der Bevoͤlkrung Dresdens einfiel, begrußte den liebenswuͤrdigen Mo⸗ narchen, deſſen freundlichen und ſanften Zuͤgen man es nicht anſah, daß das Geſchick des Welttheils in ſei⸗ nen Haͤnden lag. Alerander dankte freundlich mit der Hand win⸗ kend, ſprang vom Pferde und ging eine Strecke zu Fuß. Es währte ſnicht lange, als der aufwirbelnde Staub eine neue heranſprengende Cavalcade verkundete. Von Neuem und faſt noch lauter ertönten die Hurrah's und Vivat's, und gleich darauf gewahrte man den ritter⸗ lichen Koͤnig von Preußen, wie er gleichfalls vom Pferde ſtieg und nach der Gegend hin eilte, wo ſich Alexander befand. Die beiden Monarchen umarmten ſich herzlich, wor⸗ auf ſie hoch zu Roß, gefolgt von ihren Garden, unter dem Jubel der Bevölkerung und dem Donner der Kanonen und Glockengeläute in die Konigſtadt einzogen. Am Thore waren zwei durch Blumengehaͤnge ver⸗ bundene Säulen errichtet. Hier ſtanden die Mit⸗ — 138— glieder des Stadtraths und der geſammten Geiſtlich⸗ keit aller Confeſſionen. Weißgekleidete Maͤdchen, Blumenkoͤrbchen tragend, bildeten eine reizende Dop⸗ pelreihe, und als die Fuͤrſten voruͤberzogen, fiel ein Blumenregen vor ihnen nieder. Ruffus ſchaute wie juͤngſt, als die verbuͤndeten Truppen die Hauptſtraße defilirten, naͤchſt Claͤrchen, Roſalien, einigen Bekannten und Bekanntinnen bei Heimanns zum Fenſter hinaus. Anna hatte ihrem patriotiſchen Herzen nicht wiiſa können und ſtreute mit Blumen. Der Fruͤhling bluͤht praͤchtig hervor, ſprach Ruf⸗ fus, ein vernuͤnftiger Menſch ſollte ſich eigentlich ver⸗ lieben; ich ſelbſt war gern dabei, aber kann man bei dieſem ewigen Kriegslaͤrm zur Ruhe kommen? Heimann klopfte ihn jetzt auf die Schultern. Was ſoll's? ſprach Ruffus. Theuerſter Freund, war die Antwort, Sie muͤſſen mir ſpäter ein Wenig foͤrderlich ſein bei meiner De⸗ coration. Was wollen Sie denn decoriren? frug Guͤnther verwundert. Eine Art Transparent fuͤr die heutige Illumi⸗ nation, war die Antwort. — 139— Was ſoll denn transparirt werden? frug jener weiter. Nur ein paar Worte, erzaͤhlte jener, einfach, aber ſinnig, ich hoffe, ſie ſollen Gluͤck machen. Seit Sach⸗ ſens Anſchluß an Preußen und Rußland ſo gut wie entſchieden iſt, kann man was wagen. Wie heißen denn die Worte? Es iſt eine Bitte aus dem Vaterunſer, ſprach Heimann, fuͤr die Gegenwart ganz paſſend. Ich habe naͤmlich auf das Transparent ſchreiben laſſen: Er⸗ loͤſ' Uns von dem Uebel! Iſt der Einfall nicht gut? O vortrefflich, erwiderte Ruffus aͤrgerlich, haben Sie wirklich nichts Geſcheidtres finden koͤnnen? Sie haben auch uͤberall Bedenklichkeiten, entgeg⸗ nete Heimann durch dieſe Critik in ſeiner Eitelkeit ver⸗ letzt, helfen Sie mir lieber beim Arrangement, die Sache iſt einmal nicht zu ändern. Da ſoll mich der Himmel bewahren, proteſtirte Ruffus, an ſolcher verbrecheriſchen Illumination Theil zu nehmen. Heimann rief jetzt die Anweſenden gegen ſeinen Widerſacher zu Hilfe. Die liebenswuͤrdige Perſoͤn⸗ lichkeit der verbuͤndeten Monarchen hatte faſt Alle, — 5— mit Ausnahme Claͤrchens, antinapoleoniſch geſtimmt. Man ergriff allgemeine Partei gegen den Napoleoniſten. Es geſchieht nicht aus Zuneigung fuͤr Napoleon, vertheidigte ſich dieſer, ich aͤrgere mich nur uͤber die Unvorſichtigkeit. Wo hier die Unvorſichtigkeit ſtecken ſoll, begreife ich nicht, frug Roſalie, Macht was Ihr wollt, entſchied endlich Ruffusz komm Claͤrchen, ſie moͤgen ſich vom Uebel erlöſen iaſſenz das groͤßere Uebel wird nicht ausbleiben. Heimann's und die Bekannten wußten nicht recht, ob ſie Ruffus Worte mehr fuͤr Scherz oder Ernſt neh⸗ men ſollten. Nachdem er ſie nochmals ernſtlich abge⸗ mahnt, die bewußte Decoration nicht auszuſtellen, aber bei Heimann, der ſich in dieſe Idee einmal verliebt, kein Gehor gefunden hatte, machte er wirklich Anſtalt zum Aufbruch und konnte nur durch Clara's Bitten zuruͤckgehalten werden. Anna war jetzt von ihrer Huldigungsfeier zurkck⸗ gekehrt und noch ganz begeiſtert von der Liebenswuͤr⸗ digkeit der beiden Monarchen. Mit ihr zugleich er⸗ ſchien eine reizende Blondine, Pauline mit Na⸗ men, eine lebensluſtige Leipzigerin, die ſeit Kurzem — 141— mit ihren Aeltern nach Dresden gezogen und mit Hei⸗ manns gut befreundet war. Ihre Bewegungen waren leichter und ungezwungener, als die der Dresdner Madchen; ſie ſprach ſchneller, war ſeltner um eine Ant⸗ wort verlegen, reſoluterz aber ihre Reden ohne tiefern Gehalt; ſie waren ein liebenswuͤrdiges Geſchwätz, wo man ſich ſpäter allemal wundert, wie man daſſelbe ſo lange und ſo geduldig hat anhoͤren koͤnnen. Ruffus machte nichts mehr Vergnugen, als im Stillen den Habitus von jungen Damen aus verſchie⸗ denen Städten mit einander zu vergleichen und Be⸗ trachtungen daruͤber anzuſtellen. Obſchon die Städte Dresden und Leipzig dem mäßiggroßen Koͤnig⸗ reiche Sachſen angehören, kaum dreizehn Meilen von einander entfernt liegen, in täglicher Beruͤhrung mit einander ſtehen, ſo iſt ihre beiderſeitige Phyſiognomie doch ſehr verſchieden. Hauptſächlich tritt dies bei den Damen hervor. Unter Dresdnerinnen wird man die Leipzigerin in der erſten Minute herausfinden und umgekehrt. Die Leipzigerinnen wollen in Modeange⸗ legenheiten eine gewiſſe Superiorität uber die Reſidenz⸗ ſtädterinnen behaupten, wodurch ſich letztere haͤufig gekraͤnkt fuhlen. Daß in Leipzig, vermoͤge der ſchnel⸗ len Communication, in welcher dieſe Stadt mit Paris und Wien ſteht, die Moden neuer ſein koͤnnen, als in Dresden, verſteht ſich; aber in dieſer Modenneuheit liegt es nicht allein, die Leipzigerinnen kleiden ſich auch anders als die Elbflorentinerinnen. Man hat oft und viel geſtritten, worin dieſer Unterſchied liegt, und ob Leipzig oder Dresden, hinſichtlich der Kleidertracht, der Vorrang gebuͤhre. Ruffus ſtritt ſich gern uͤber ſolche Miniaturange⸗ legenheiten, und er benutzte die Anweſenheit der Leip⸗ zigerin, einige Parallelen zwiſchen den beiden Städten auf's Tapet zu bringen. Wir wollen einmal die Politik, teän er, Kaiſer und Könige auf die Seite ſtellen, und die wichtige Frage zur Tagesordnung bringen, wer ſich vortheil⸗ hafter anzukleiden verſteht, die ſchoͤnen Leißzigerinnen, von denen wir heute ſo gluͤcklich ſind, eine Repraͤſen⸗ tantin zu beſitzen, oder unſre Landsmaͤnninnen in loco? Die Stimmen waren getheilt. Pauline verthei⸗ digte ihr Leipzig mit aller Energie. Roſalie und Anna, Dresden. Claͤrchen ſaß nachdenklich da. Der Ge⸗ heimrath und Heimann ſtimmten wahrſcheinlich in Erinnerung einſtiger Burſchenzeit unbedingt fur Leip⸗ zig, ein anweſender Vetter von Heimanns zog, vielleicht aus Galanterie fuͤr Anna, die ihm ſehr ge⸗ — 143— faͤhrlich ſchien, den Dresdner Geſchmack vor. Ruffus leitete die Debatten. Es unterliegt keinem Zweifel, ſprach Heimann, es ſitzt bei den Leipzigerinnen Alles beſſer, es iſt Alles gebugelter und gedrechſelter. Es iſt Alles ſo, ich weiß nicht wie; kurz, Ihr verſteht mich. Ich muß geſtehen, erwiderte Roſalie, in dem Ge⸗ buͤgelten und Gedrechſelten ruht doch unmoͤglich der Geſchmack. Wo finden wir bei den Griechen, den Idealen weiblicher Schoͤnheit und Tracht, dergleichen faltenloſes Zuſammenſchnuͤren und Preſſen, da ſtehen wir Dresdnerinnen, die wir dieſes weniger lieben, je⸗ nem Ideale unbeſtritten naher. Ja, aber auch dem Alterthume, bemerkte Pauline. Aber Ihr werdet uns hoffentlich nicht allen Ge⸗ ſchmack abſprechen? frug Anna. Ei bewahre, rief der Geheimrath, die Dresdnerin⸗ nen kleiden ſich groͤßtentheils geſchmackvoll; nichts de⸗ ſtoweniger haben die Leipzigerinnen Etwas in der Kleidung, das ihnen allerliebſt ſteht und das man bei den Dresdnerinnen vermißt. Nun was iſt denn das? frug Ruffus. Ja, entſchuldigte der Geheimrath, es läßt ſich nicht beſchreiben, man muß es ſehen. — 144— Doch ein Begriff muß bei dem Worte ſein, fuhr Ruffus, aus Fauſt declamirend fort, was ſagt denn mein Claͤrchen uͤber vorliegenden Caſus? Das liebliche Kind hatte ſcharf nachgedacht; ſie fuhr ſich noch einigemal ſinnend mit der kleinen wei⸗ ßen Hand über die Stirn; dann ſprang ſie auf. Ich hab's, rief ſie, und bitte um's Wort. Silence! commandirte der Präſident. Die Dresdnerinnen, docirte Clärchen, verſtehen ſich geſchmackvoll anzuziehen; die Leipzigerinnen aber ver⸗ ſtehen es, ſich geſchmackvoll zu putzen. Eine augenblickliche Stille erfolgte. Das iſt's auch, ertoͤnte es beiſtimmend von meh⸗ rern Seiten. Unbeſtritten, rief Ruffus freudig, das Blitzmaͤdel hat's getroffen. Es iſt ganz richtig, das„ſich putzen“ verſtehen ſie hier nicht, da uͤberladen ſie ſich gewohnlich; aber die an der Pleiße beſitzen ein eigenes Raffinement. Die können einen halben Galanterieladen aufpacken, man wird immer ſagen muͤſſen: es kleidet ſie allerliebſt. Ich gebe Claͤrchen Recht, geſtand Pauline laͤchelnd. Die Debatte iſt geſchloſſen, decretirte Ruffus, Clärchen hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Noch „— 145— mocht' ich eine andere Frage, fuhr er fort, auf die Ta⸗ gesordnung bringen, wenn ich nicht furchten muͤßte, dem Zartgefuͤhl der gegenwaͤrtigen Damen zu nahe zu treten. Nur immer heraus, munterte Heimann auf, es wird ſo ſchlimm nicht ſein, und Sie werden die Pille ſchon zu verzuckern wiſſen. Naͤmlich die Frage, ſprach Ruffus, wo es m ehr huͤbſche Maͤdchen gibt, in Dresden oder Leipzig? Wie kann uns die Frage verletzen, frug Claͤrchen gutmuͤthig, wir halten uns ſaͤmmtlich fuͤr huͤbſche Maͤdchen, und fuͤhren ſo den lebendigen Beweis, daß dergleichen in beiden Staͤdten wachſen. Sehr wohl, Verehrteſte, laͤchelte der Bruder, aber wo iſt die Mehrzahl? Nun da verfahren wir ſtatiſtiſch, rieth Clärchen, Dresden hat ein Fuͤnftel mehr Bewohner, als Leipzig, folglich gibt's auch bei uns ein Fuͤnftel hubſcher Mad⸗ chen mehr. Ich will einmal hier ganz unparteiiſch richten, fiel Pauline ein, und hoffe, beide Städte zufrieden zu ſtellen. Bei uns findet man der Anzahl nach aller⸗ dings mehr huͤbſche Geſichter, aber an wahrhaften Schoͤnheiten liefert Dresden die Mehrheit. . 10 — 146— Wird dem Ausſpruch vom Fraͤulein vuc bei⸗ geſtimmt? frug der Präſident. 3 Anna und ich ſind in Leipzig zu wenig bekannt, erwiderte Claͤrchen, enthalten uns demnach eines Ur⸗ theils; doch in Betracht der trefflichen Beobachtungs⸗ gabe unſter lieben Leipzigerin, ſtimme ich fur meine Perſon ihr vollkommen bei. Wir desgleichen, bemerkten Anna und Roſalie. Claͤrchen kann ſich alle Tage, brummte Ruffus laͤchelnd, ins engliſche Parlament waͤhlen laſſen⸗ Das Kind ſpricht wie gedruckt. Uebrigens ſind aller Dinge drei. Welcher Stadt, in wohnlicher Hinſicht betrach⸗ tet, iſt der Vorzug zu geben? Hier waren die Stimmen wieder getheilt. Fuͤr den Sommer in Dresden und den Winter in Leipzig, meinte der Vetter. Nur die Meſſen in Leipzig, ſprach Roſalie. Man ſtritt ſich noch geraume Zeit, welcher von den beiden Staͤdten der Vorzug zu geben. Ruffus endlich ſprach ſich energiſch gegen Leipzig aus. Mitr iſt nichts verhaßter, motivirte er ſeinen Aus⸗ ſpruch, als eine Krämerſtadt, wo des Lebens Wohl und Weh ſich nur um Curſe und Prozente dr Die vielen Kraͤmerſeelen wirken demoraliſirend auf — 147— ganze Bevoͤlkerung. Der warmbluͤtigſte Menſch ver⸗ knochert allmaͤhlig in dieſer markaustrocknenden At⸗ mosphäre von Leipzig. Alles Gemuthsleben wird von dem ſpeculirenden Calcul des Kaufmanns verdraͤngt, nur das Intereſſe gilt, das todte Metall, und der Egois⸗ mus, dieſe Wurzel aller Miſerabilitaͤten auf Erden, ſproßt nirgends uͤppiger. Das iſt nun nicht ſo in Dresden, dem ich uͤbrigens wegen ſeiner oft großarti⸗ gen Philiſtroſitaͤt deshalb keine Lobrede halten will. Aber der Menſch bleibt hier doch wenigſtens ein warm⸗ bluͤtiges Geſchöpf, und wie bornirt er zuweilen einher⸗ ſchreitet, iſt er mir doch lieber, als ſo eine herzloſe . Amphibie, wie Leipzig zu hunderten aufzuweiſen hat.— Pauline war ganz erbittert, ob dieſer Kritik ihrer Vaterſtadt. Sie ließ ſich die Vertheidigung ſehr an⸗ 3 gelegen ſein. Ruffus aber fuhr fort: Und liegt der Fluch nicht ſchon uͤber der ganzen eintönigen, ſumpfigen Gegend. Es iſt etwas Troſt⸗ loſes, Unerquickliches, dieſe endloſe Ebene. Nach Leip⸗ zig kommen die Volker blos, um zu ſchachern oder ſich todt zu ſchlagen, und es ſoll mich ſehr wundern, wenn 1 die naͤchſte Schlächterei nicht gleichfalls auf dieſer vor⸗ 6 trefflichen Schlachtbank vorgenommen wird. 3 Ei wo denken Sie hin, unterbrach hier Heimann, 10 — 148— bei Leipzig? am Rheinufer, wenn nicht gar in Frank⸗ reich, koͤmmt's zur Schlacht. Napoleon ſoll zwar in Mainz ſein, aber ſeine improviſirte Armee kann un⸗ moͤglich den Rhein uͤberſchritten haben. Wenn ich Sie verſichere, erwiderte Ruffus, daß die Franzoſen bereits aus allen Schluchten des Thuͤringer Waldes hervorbrechen, ſo moͤchten die Ka⸗ nonen doch eher in Leipzig, als am Rheine gehoͤrt werden. Der Abend war hereingebrochen, der Trommel⸗ larm auf den Straßen verſtummts und man ge⸗ dachte wieder der Illumins on. Die Decoration: Erloͤſe uns von dem Kebel, kam von Neuem zur Sprache. Ruffus widerſtzte ſich nicht mehr, aber er mahnte die Seinigen ſo ernſtlich zum Aufbruch, daß es Heimann's faſt uͤbel genommen hätten. Indeß ſtimmte auch der Geheimrath ſeinem Sohne bei, und bald darauf fuhr er mit den Seinigen in die Alt⸗ ſtadt zuruͤck. Neuntes Kapitel. Es war in den Morgenſtunden des dritten Mai's, als in dem ſeit mehren Tagen ſo ſtillen Dresden ein unruhiges Hin⸗ und Herlaufen bemerkbar wurde. Zahlreiche Gruppen ſtanden an allen Straßenecken, wo das Schreiben eines Offiziers vom Bluͤcher'ſchen Corps angeſchlagen ſtand, das von einer großen Schlacht in den Ebenen von Weißenfels und Leipzig erzählte, in welcher die Verbuͤndeten den glorreichſten Sieg erkaͤmpft hatten. Eine allgemeine Freude theilte ſich in Folge dieſer Nachricht der Bovoͤlkerung mit. Man jubelte und ſang. Alle Reſtaurationen und Gaſtſtuben waren uͤberfullt. Aller Orten wird politi⸗ ſirt und gekannegießert. Die uͤbertriebenſten Nach⸗ richten von einer totalen Niederlage der Franzoſen lie⸗ fen von Mund zu Munde. Die halbe franzöſiſche — 150— Armee ſollte todt zwiſchen Leipzig und Weißenfels lie⸗ gen, der Ueberreſt gefangen und in wilder Flucht zer⸗ ſprengt ſein. Man verſtaͤndigte ſich immer mehr, daß Napoleon doch nur ein hoͤchſt mittelmaͤßiger General, ſeine Marſchaͤlle nur talentloſe Emporkoͤmmlinge ſeien, die den Generalen von Gottes Gnaden nicht das Waſ⸗ ſer zu reichen vermoͤchten. Von den Heldenthaten der Preußen war Alles erfullt, doch geſtand man ein, daß auch ſie große Verluſte erlitten hätten. In einem Kaffehauſe am Altmarkt ging's beſon⸗ ders lebhaft zu. Ein Schneidermeiſter, der ſchon bei mehren Gelegenheiten den deutſchen Patrioten geſpielt hatte, fuͤhrte hier das große Wort. Seine Suade war unerſchoͤpflich. Er bewies dem zuhoͤrenden Publikum alle Fehler, die Bonaparte ſich habe zu Schulden kom⸗ men laſſen, haarklein, und daß man in einem großen Irrthum geſteckt habe, dieſen Despoten fuͤr einen gro⸗ ßen Mann zu halten. Ruffus ſaß ſtill in einer Ecke und ſtudirte kopf⸗ ſchuͤttelnd den Schlachtbericht des Officiers vom Bluͤ⸗ cher'ſchen Corps. Der Schneider, den es aͤrgerte, daß dieſer junge Mann, der ihm als ein Napoleoniſt be⸗ kannt war von ſeiner Declamation ſo wenig Notiz nahm, jetzt anzuglich zu werden. Er radotirte verließ das Kaffeehaus. — 151— von Afterdeutſchen, von Despotenknechten, und durch die Beiſtimmung der Auditoren ermuthigt, ging er ſo weit, daß er näher zu Ruffus herantrat und ihn faſt foͤrmlich denunzirte und ob ſeiner Undeutſchheit zur Rede ſtellen wollte. Ruffus legte ruhig das geleſene Blatt hin, ſtand auf, und den Kleiderverfertiger laͤchelnd auf die Achſeln klopfend, ſprach er: Mein Freund, Ihre Kunden kla⸗ gen bitter, daß, ſeitdem Sie Patriot geworden, die Meiſterwerke Ihrer Nadel nicht mehr ſitzen wollen. Ein allgemeines Gelaͤchter der umſtehenden folgte dieſen Worten. Das Geſicht des Schneiders aber ward kirſchbraun. Herr, rief er, lohnt Deutſchland ſo ſeine getreuen Soͤhne. Wiſſen Sie, daß ich dergleichen Spott nicht ertrage? So ſchuͤtteln Sie ihn ab, wackerer Meiſter, rieth Ruffus, ihn huldreich auf die Schulter klopfend, und Wie, ſchrie der Schneider, ſind wir Deutſche, daß man ſo zu uns redet, nachdem unſer ſiegreiches Schwert den franzoſiſchen Coloß zu Boden geſchmettert hat? Wie? in der Hauptſtadt des befreiten Sachſens. Wir haͤtten den Franzoſen hinauswerfen ſollen, ſprach einer der Anweſenden. Allerdings, fiel eifrig der Schneider ein, das hät⸗ ten wir thun ſollen, nicht ich allein, wir alle, die wir deutſch denken, das ganze deutſche Vaterland iſt durch ſolche Reden gebrandmarkt. Ha! wenn ſich der Gift⸗ pilz wiederblicken läßt. Der Giftpilz trat wie gerufen nochmals herein. Er hatte ſein Taſchentuch vergeſſen. Der Schneider war uͤber dieſe Frechheit im erſten Augenblicke etwas außer Faſſung gebracht, doch faßte er ſich bald, und vertrat Ruffus, der, nachdem er ſein Tuch eingeſteckt, wieder fortgehen wollte, den Weg. Herr! rief er, dergleichen Anzuglichkeiten, wie Sie vorhin aͤußerten, duldet kein Dresdner Buͤrger. Ruffus, der ſein Publikum kannte, fluͤſterte dem Haͤndelſuchenden ins Ohr: Mein Freund, ereifern Sie ſich nicht, man hat Ihnen einen Haarzopf angeſteckt. Wie, ſchrie außer ſich der Gefoppte, wer hat es gewagt. Dabei fuhr er wie beſeſſen mit der Hand in den Nacken und viſitirte ſeinen Ruͤcken. Seinem Taſt⸗ ſinne nicht trauend, ſprang er vor den nächſten Spie⸗ gel, wo er die ſonderbarſten Poſitionen zum Beſten gab, um ſeines Ruͤckens anſichtig zu werden. — 153— Die Anweſenden glaubten nicht anders, der Mann ſei verruͤckt geworden. Was ficht Sie an, Herr Loͤbel, frug der geheime Finanzregiſtrator Stockart. Man hat mir einen Haarzopf angeſteckt, replicirte es vom Spiegel her. Kein Menſch hat daran gonr 6 mehre Anweſende. Jetzt erreichte des Schneidermeiſter Loebels Zorn den hoͤchſten Grad: Wo iſt der Boͤſewicht, der Vater⸗ landsverrather, ſchrie er, uͤberall nach Ruffus umher⸗ ſpaͤhend; aber dieſer hatte laͤngſt die Gaſtſtube ver⸗ laſſen und ſpazierte die Wilsdrufer Gaſſe entlang, um einen Freund in der Friedrichſtraße zu beſuchen. Als er unter den Kaſtanien der Oſtraallee dahin wandelte, kam ihm haſtig eine Droſchke entgegengeſahren. Ruf⸗ fus glaubte ſeinen Augen nicht trauen zu duͤrfen, als er ſeinen trefflichen Freund Hoffmann, den als Novel⸗ liſten bekannten Muſikkenner und Compoſiteur, darin erblickte, der direct von Leipzig kam und als Mu⸗ ſikdirector bei der deutſchen Oper unter Seconda in Dresden engagirt worden war. Alle gute Geiſter loben Gott den Herrn, rief er höchlichſt erfreut, Du ſelbſt oder Dein Geiſt? — 154— Der desperate Geiſt im miſerablen Leibrock, ant⸗ wortete Hoffmann. Die Muſen fliehen vor dem Laͤr⸗ men des Lagers. Iſt denn bei Euch noch Ruhe? Wie am Sabbath, erwiderte Ruffus, Du kannſt novelliſiren nach Herzensluſt. Alſo direct von Leipzig, nun wie ſteht's? Die Franzoſen wirklich zum Gukuck! kann's noch gar nicht glauben. Ja, diesmal ging's noch ſchief! rief der Kapell⸗ meiſter, es iſt ein Himmelſacrament der Napoleon. Mit wahren Kindern hat er geſchlagen. Aber die Preußen! die Preußen! ich ſage Dir, haͤuſerhoch lie⸗ gen ſie bei Luͤtzen, die Gardejaͤger, die Freiwilligen, Jena iſt radical ausgebiſſen, eine Heldenſchlacht war's. Der liebe Gott muß ſeine Freude haben. Aber ſie ſind nicht durchgekommen. Die Engel moͤchten weinen. Das iſt ja Alles raſend ſchnell gegangen, meinte Ruffus, wo ſind denn die Franzoſen hingeflohen? Wer? frug Hoffmann, und ſchien nicht recht ge⸗ hoͤrt zu haben. X Wo gehet denn die Retirade zu? wiederholte erſterer. Nun wo anders, erwiderte der Novelliſt, dicht hinter mir; aber der Ruhm bleibt ihnen. Wie die Loͤwen haben ſie geſchlagen. — 155— Ich verſtehe Dich gar nicht, frug Ruffus, wen verſtehſt Du unter den Loͤwen? Nun, mein Gott, die Preußen, die Gardejaͤger, die ſchwarzen Freiwilligen, erwiderte Hoffmann, haͤu⸗ ſerhoch liegen ſie bei Luͤtzen; kamen nicht durch, aber unſterblichen Ruhm! Napoleon iſt alſo nicht geſchlagen? Wer ſagt das? Hätte er Cavallerie, waͤr' er Morgen da. So eppectorir' Dich zum Henker klar und faßlich? frug immer ungeduldiger Ruffus. Nun wer anders, war die Antwort, als Napoleon, und was etwas ſagen will, mit ganz junger Brut, aber Adlerbrut. Und die Retirade? Hoffmann ſah ſich um. Nein, doch nicht, ſprach er, aber bei Keſſelsdorf war retirirendes Gepaͤck dicht hinter mir. In acht Tagen ſeid Ihr franzoͤſiſch, ſteckt den Patriotismus proviſoriſch in Sack, die Franzoſen ſind unverſchaͤmt ſtark und erſcheinen mit jungen Lorbeeren. Ruffus ſtand einen Augenblick in Gedanken. Seine Stirn war ſehr ernſt. Er dachte an Reinhold und Gotthard. — 156— Waͤr' er doch geſchlagen worden, wie gern ich ihn habe, ſprach er fur ſich, ich will doch lieber vater⸗ ländiſches Philiſterthum ertragen, als uͤbermuͤthige Fremdherrſchaft, und wo der Edeln zu Viele bluten muͤſſen und leiden. Doch es war ja voraus zu ſehen, daß es ſo kommen mußte. Freund, wo wirſt Du abſteigen, wandte er ſich wieder zu Hoffmann. Ich ſpringe blos einen Gang in die Friedrichſtadt und komme dann gleich zu Dir. Seconda, war die Antwort, hat mir ein freund⸗ lich Logis auf der Bautzner Straße gemiethet, wo ich das Badetheater in der Nahe habe. Alſo à revoir, rief Ruffus, dem Freunde vie Hand ſchuͤttelnd. Der Wagen rollte dem S Thore zu, und unſer Freund eilte, die Bruſt voll der ſeltſamſten Ge⸗ fuhle, nach der Friedrichſtadt. Kaum war er bei der Weißeritzbrucke angelangt, als ein langer Zug preußiſcher Gepaͤckwagen den Weg verſperrte. Alſo hatte Hoffmann doch wahr geſprochen, frug er ſich, und die Verbuͤndeten muͤßten retiriten? Er trat zu einem der Fuhrleute, der mit ziemlich — 157— niedergeſchlagener Miene neben ſeinem Gaule ein⸗ herſchritt. Das iſt ja nicht der Veg nach Frankreich, deut⸗ ſcher Landsmann, ſprach Ruffus wie im Scherze. Allerdings, war die Antwort, uns armen Nach⸗ zuͤglern wird vom gelobten Lande nur erzaͤhlt, zu ſehen werden wir's nicht bekommen. Ruffus that mehre Fragen, um etwas Naͤheres uͤber die vorgefallene Schlacht zu erfahren. Ja, die Kanonen haben wir gehoͤrt, ſprach der Fuhrmann, aber weiter Nichts. Uebrigens haben die Franzoſen tuchtige Schlaͤge bekommen, und wir und die Ruſſen haben geſiegt. Aber warum kutſchirt Ihr denn zuruͤck? Der Koͤnig und der Kaiſer hat's ſo befohlen, erwiderte der Vetturin. In ihrer Menſchenfreundlich⸗ keit wollen ſie nicht zugeben, daß auch wir noch, die man unnuͤtze Waare nennt, die Gegend arm freſſen. Die ruſſiſchen und preußiſchen Grenadiere haben zu umfangreiche Baͤuche, daß fuͤr uns nicht viel uͤbrig bleiben wuͤrde. Dieſe Reden klangen Ruffus doch etwas ſutſum. Er dachte ſich ſein Beſtes. Endlich gelang ihm, durch die endloſe Wagenreihe hindurchzukommen. Als er — 158— einen Blick nach den Corbitzer Hoͤhen warf, kam es wie eine Voͤlkerwanderung in das Elbthal herab. Dieſer ganze Wagenzug ſollte ſein, frug er ſich kopfſchuͤttelnd? Er traf den Freund nicht zu Hauſe und befand ſich daher bald wieder in der Stadt. Hier hatte der ſeltſame Wagenzug, der ſich ſo ploͤtzlich von den Bergen herabwalzte, ebenfalls Auf⸗ merkſamkeit erregt, doch noch immer liefen glorreiche Sieggeruͤchte zu Gunſten der Verbuͤndeten im Volke umher. Nachmittags langten bereits die Gepaͤckwagen der Preußiſchen Prinzen an, an welche ſich wieder lange Wagenreihen mit Verwundeten anſchloſſen. Jetzt geſtanden bereits die Zuruͤckgekehrten, daß der Sieg mit ſchwerem Blute erkauft worden ſei. Die Stimmung der Bewohner Dresdens ward immer unruhiger. Mit einem Male hieß es, Seine Maje⸗ ſtaͤt der Koͤnig von Preußen ſei angelangt. Die Fran⸗ zoſenſpoͤtter wurden jetzt nachdenklicher. Die Spott⸗ bilder auf Napoleon, zeither an allen Straßenecken zu haben, wurden ſeltner; bei den Bilderhaͤndlern auf der Schloßgaſſe verſchwanden ſie ganz. Die Dunkelheit nahte, da fuhr im ſchnellen Trabe ein vierſpaͤnniger Reiſewagen, von rothen Gardekoſa⸗ — 159— ken escortirt, zum Plauenſchen Schlage herein, und hielt vor der Wohnung des Konigs von Preußen. Ein hoher ſtattlicher Mann ſprang heraus. Es war der Kaiſer von Rußland. Sein Geſicht war ſehr hei⸗ ter, freundlich, und munter gruͤßte er die den Wagen umdraͤngende Volksmenge. Es entſtand allgemeiner Jubel. Von Neuem verbreiteten ſich die Siegesge⸗ ruͤchte, die Patrioten erhielten neuen Muth und brachten den ſiegreichen Monarchen um Mitternacht bei Fackelſchein eine Serenade. Am andern Tage nahmen die unruhigen Beſorg⸗ niſſe von Neuem uͤberhand. Die Züge von Wagen mit Verwundeten und Gepäck, die alle auf das rechte Elbufer uͤbergingen, wollten gar kein Ende nehmen. Zwar erhielt ſich noch das Geruͤcht, daß die Monarchen bereits vor der Schlacht den Befehl gegeben, daß alles uͤberfluͤſſige Gepäck, das dem Heere nachgezogen, uͤber die Elbe geſchafft werden ſollte, damit auf dem linken Elbufer nicht alle Vorraͤthe nutzlos aufgezehrt, und das Heer in ſeinen Bewegungen gehindert werde. Am fuͤnften Mai wurden einige Kanonen unfern der Elbbrüͤcke aufgefahren. Neugierige verſammelten ſich alsbald. Duͤſtere Geruchte begannen Wurzel zu faſſen. Doch ward die Menge durch die Verſicherung — 160— beruhigt, das Geſchutz ſei nur aufgefahren, den Sieg bei Luͤtzen durch Freudenſchuͤſſe zu feiern. Auch wur⸗ den Eintrittskarten zur gottesdienſtlichen Siegesfeier in der ruſſiſchen Kapelle vertheilt; aber die Feier ſelbſt unterblieb und vergebens erwartete man eine amtliche Bekanntmachung der Kriegsereigniſſe. Die Spitaͤler fullten ſich, obgleich man nur ſchwer verwundete Krieger aufnahm, und die leicht Verwun⸗ deten ſogleich weiter gefuͤhrt, theils einſtweilen in den Privatwohnungen untergebracht wurden. Drei Tage lang ſah man faſt ununterbrochen dieſe ungluͤcklichen Opfer voruͤberziehen. Der Kaiſer Alexander ritt meh⸗ remal an die Wagenreihe vor, welche mit Verwunde⸗ ten beladen war, ſprach mit vielen derſelben, und war bemuͤht, ihre Leiden durch ſeine Theilnahme zu lindern. Am andern Tage trabte bereits die äußerſte ruſſi⸗ ſche Avantgarde, aus Koſaken, Baſchkiren und leichtem Fußvolk beſtehend, mit ein paar Kanonen durch Dresden. Ruffus, der mehre Tage ob ſeiner den Franzoſen guͤnſtigen Siegesnachrichten von den Seinigen und ſeinen Freunden war ausgelacht worden, promenirte mit dem Muſikdirector vor dem Loͤbdauer Schlage, und ſah die ruſſiſch⸗preußiſche Retirade mit an. — * — 161— So eben raſſelte das ſchwere ruſſiſche Geſchutz, von den Bergen kommend, nach Dresden hinein. Zahl⸗ reiche Regimenter zu Fuß und zu Pferde folgten. Nun wenn ihnen jetzt nicht der Staar geſtochen iſt, ſprach Ruffus zu Hoffmann, muſſen ſie mit Blindheit geſchlagen ſein. Sieh' mal dieſe ſchweren Batterien, meinte der Muſikdirector, und zeigte auf die voruberdonnernden en Feuerſchluͤnde, ſie ſind noch ganz geſchwaͤrzt vom Pulverdampf. Die Ruſſen muͤſſen ſich unmittel⸗ bar nach dem Feuern auf- und davongemacht, und nicht einmal Zeit gehabt haben, die metallnen Scheitel abzuputzen. Uebrigens muß man geſtehen, daß die Retirade in ziemlich guter Ordnung vor ſich geht, bemerkte Ruffus, den Kopf ſcheinen ſie trotz der Niederlage nicht verloren zu haben. Alle Wetter! rief plötzlich der Muſikdirector, guck' mal dort nach dem Berge. Ruffus richtete ſein Opernglas nach der bezeich⸗ neten Stelle. Beim Himmel! ſprach er in groher Aufregung, da ſind ſie! Hatt' ich mich nicht getaͤuſcht? frug Hoffmann. I. 11 — 162— Nein, nein, rief Ruffus, es ſind franzoͤſiſche Ti⸗ railleurs; ſie plaͤnkeln mit Koſaken der ruſſiſchen Nachhut. Donner und Doria! das nenn' ich reſolut den Sieg verfolgen. Es bleibt doch der alte Napoleon. Aber ſollte denn das die ganze verbuͤndete Armee ſein, die geſtern und heute durch Dresden ging? meinte der Muſikdirector. Bewahre, antwortete Ruffus, ein großer Theil derſelben iſt unter Bluͤcher bei Meißen uͤber die Elbe gegangen. uebrigens ſcheint dieß bereits die Arrier⸗ garde zu ſein, die ſo eben durch Dresden zieht. Das kleine Gewehrfeuer ward jetzt immer deut⸗ licher zu vernehmen. Die beiden Freunde ſchauten mit großem Intereſſe, wie einzelne franzoͤſiſche Volti⸗ geurs ganze Koſakenſchwaͤrme vor ſich hertrieben. Sieh nur, ſieh, rief Ruffus, es ſind gottliche Kerle, als tuͤchtige Soldaten zum Auffreſſen liebens⸗ wuͤrdig, die Kinder von Paris ſcheinen guter Dinge; ſie ſteigen ſo keck in 6 Thal hernieder, als ging es zum Balle. Sie haben ihre Schnupftuͤcher um den Leib gebunden, wie weiße Schaͤrpen. Da ſtecken wahr⸗ ſcheinlich Patronen drinnen. Man macht ſich's quem mit den Koſaken. Die ruſſiſche Armee ging unterdeß ununterbrochen —— vermittelſt der Dresdner Elbbruͤcke und der oberhalb der Stadt geſchlagenen Hilfsbrucken auf das rechte Elbufer uͤber. Vielen der Einwohner, die ſich durch ihre zu un⸗ verholne Ruſſenliebhaberei compromittirt glaubten, war uͤbrigens bei dem Herannahen der ſiegreichen Franzoſen nicht wohl zu Muthe. Sorgfältig wurden alle Schmaͤhſchriften, Spottgedichte und Carrikaturen auf Napoleon zuſammengeſucht und theils vernichtet, theils in die geheimſten Verſtecke verborgen. Denn es fehlte in der damaligen, durch Fremdherrſchaft de⸗ moraliſirten, Zeit nicht an elenden und feilen Seelen, welche ihren Vortheil erſpaͤhend ſich gern zu Verraͤ⸗ thern und Spionen an ihren eignen Landsleuten hergaben. Am meiſten bereute Heimann ſeine voreilige Illu⸗ mination, und das Transparent:„Erloͤſe uns von dem Uebel“ war bereits, als die ruſſiſch⸗preußiſche Retirade keinem Zweifel mehr unterlag, in den Ofen geſchoben worden. Auch dem Geheimrath kam die Ruͤckkehr der Franzoſen eben ſo unerwartet als unerwuͤnſcht. Denn nichts war leichter, als daß die franzoſiſchen Behoͤrden von den Huldigungsfeierlichkeiten, mit welchen man die allirten Monarchen empfangen, umſtändliche 14* Kenntniß erhielten, und ihnen die Namen ſämmtlicher Theilnehmer und Theilnehmerinnen bekannt wurden. Ruffus galt jetzt fuͤr einen ſehr klugen und um⸗ ſichtigen jungen Mann. Hatte er nicht Alles vorher⸗ geſagt, und hatte er es etwa an Bitten und Warnun⸗ gen fehlen laſſen, die man thoͤrig genug gelaſſen? Heimann, der ſich nie geträumt hätte, je Frit zoſen wieder in Dresden zu ſehen, war wegen ſeiner ungluͤcklichen Illumination, die viet Aufſehen in der Stadt erregt hatte, ſo in Angſt gerathen, daß er An⸗ fangs feſt entſchloſſen war, mit den Ruſſen auf⸗ und davonzuziehen, und waͤr's bis Moskau; und nur auf die dringenden Vorſtellungen von Ruffus, der nach der neueſten Wendung der Dinge auch bei ihm in gro⸗ ßem Anſehen ſtand, hatte er dieſen voreiligen Ent⸗ ſchluß aufgegeben.. Der Tugendbund zog wie eine Schntc⸗ ſeine Fuͤhlhoͤrner ein, und hielt nur in einem ganz verſteck⸗ ten Locale in der d Vorſtadt ſeine Sitzungen. Das uiepre Geſchlecht der Gevatter Schneider und Handſchuhmacher, die am meiſten ge⸗ laͤrmt und geſchimpft auf den Napoleon und ſeine — 165— Franzoſen, ſehr rebelliſche Reden gefuͤhrt, von Tugend, Vaterland, Buͤrgerſinn, Zuſammenhalten, Aufopfe⸗ rung, Blut und Tod ſpectakelt, ſaßen ſtumm wie die Fiſche in ihren Werkſtaͤtten, waren wieder demuͤthig und beſcheiden, ubten chriſtliche Liebe gegen ihre Nach⸗ barn, entſagten aller Hoffart und erkannten den Kai⸗ ſer Napoleon, dem ſie vor wenigen Tagen kaum die Rheingrenze zugeſtehen wollten, unbedingt an als Kai⸗ ſer der Franzoſen, Koͤnig von Italien, Beſchuͤtzer des Rheinbundes und Vermittler des Schweizerbundes. Unterdeß trieben die kecken franzoͤſiſchen Volti⸗ geurs die Koſaken und Baſchkirenuͤberreſte immer naͤ⸗ her gegen die Thore von Dresden. Ich kann mich nicht ſatt ſehen an dieſer maleri⸗ ſchen Treibjagd, ſprach Ruffus, fortwaͤhrend durch's Glas guckend, der Franzoſe iſt wirklich als Soldat zu⸗ gleich Schauſpieler. Kann auf dem Theater grazioͤſer agirt werden, als von dieſen Tirailleurs da? Ruffus hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als eine Piſtolenkugel kaum inen Fuß weit vor ſeinem Kopfe vorbeiflog. Was war denn das? frug er etwas zuruͤckfahrend. Eine Piſtolenkugel von jenem Koſaken, der dort — —— am Feldſchloͤßchen haͤlt, meinte Hoffmann trocken, ein Fingerzeig, daß wir uns packen ſollen. Der Kerl haͤtte mich aber mit ſeinem Fingerzeug in die ewige Welt ſpediren konnen, murrte Ruffus; ſo ein Ruſſe bleibt doch ein Unmenſch, uͤber den nie eine Eultur etwas vermoͤgen wird; da mir nichts dir nichts auf ein paar friedliche Zuſchauer das Piſtol ab⸗ zubrennen, das iſt ſo einem Heidenhunde in ſeiner verdumpften Thierheit einerlei. Wart Hallunke, ſchrie er mit dem Stocke drohend nach dem Koſaken hinuͤber, elender Straßenräuber; pack dich, Kanaille, oder meine guten Pariſer ſchlagen Dir den heimtuͤckiſchen Hirnſchädel ein. Ich bitte Dich um Himmels willen, veſhu Hoffmann, biſt Du bei Sinnen; mach keine Demon⸗ ſtrationen und laß die Beſtie in Frieden, ſonſt ſitzt uns ein Lanzenſtoß im Genick, an dem wir Zeitlebens zu laboriren haben. Ruffus konnte ſich aber gar nicht beruhigen. So ein kaukaſiſcher Schuft, zankte er fort, auf fried⸗ liche Spaziergaͤnger zu ſchie n. Mich empoͤrt bei einem Soldaten nichts mehr als ſolche planloſe Beſtialität. Ich wuͤnſchte, ich ſtunde als Tirailleur dort; es muß eine Wonne ſein, dieſe aſiatiſchen Horden zum Teufel zu — 16— jagen. Napoleon muß ſchon deshalb ein Genius des Lichtes ſein, weil man Teufel und wilde Beſtien gegen ihn los laͤßt; o Du ruſſiſches——! Alle Wetter! rief Hoffmann, der Kerl ladet wie⸗ der, komm, komm Ruffus, einer unvernuͤnftigen Be⸗ ſtie muß man aus dem Wege gehen. Damit eilte der Novelliſt, die Rockſchoße zuſam⸗ mennehmend, ſpornſtreichs dem Lobdauer Schlage zu. Soll denn ein Menſch vor einem thieriſchen Koſa⸗ ken die Flucht ergreifen? frug ſich Ruffus, das wäre zu ſchmachvoll. Hoffmann, der gluͤcklich den Schlag erreicht hatte, rief jetzt, und winkte aus Leibeskraͤften den Freund herbei. Dieſer aber ſchlenderte nur langſamen Schritt's dem Thore zu. Der Koſak, den die drohende Stockbewegung ver⸗ droſſen haben mochte, feuerte noch einmal ſein Piſtol auf Ruffus ab; doch die Entfernung war ſchon zu bedeutend, als daß die Kugel haͤtte große Gefahr brin⸗ gen koönnen. Ruffus, der ob dieſes abermaligen At⸗ tentats noch aufgebrachter wurde, blieb ſtehen, und wiederholte ſeine drohende Stockbewegung und ſchimpfte uber alle Maaßen. Endlich langte er bei — 168— Hoffmann an, der ihm ob ſeiner Tollkuhnheit nicht wenig den Tert las.. Wir wollen dieſe Seitengaſſe einbiegen und bei Freund Keller einen Beſuch machen; er wohnt hier in der Nähe, und von ſeinen Fenſtern aus kann man die Koſakenjagd con amore uͤberſchauen. Ich bin zu erbittert auf dieſe Kerle, als daß ich mir das Gaudium verſagen ſollte, mit anzuſehen, wie die Uncultur von der Civiliſation zum Teufel gejagt wird. Hoffmann hatte nichts dawider, und alsbald be⸗ fanden ſich die Freunde in einem Zimmer der aͤußer⸗ ſten Vorſtadt, von wo man die ganze Gegend von Räcknitz bis Plauen uͤberſchauen konnte. Da ein Pianoforte im Zimmer befindlich war, ſo ward der Muſikdirector bald zu ihm hingezogen und phantaſirte in ſeiner genialen Art, während Ruffus keinen Blick vom Kriegsſchauplatze verwandte. Es war ein wunderſchoͤner Fruhlingstag; reich war das ſchoͤne Elbthal mit Knospen und Bluthen be⸗ deckt. Auf den Berghoͤhen blitzten franzoͤſiſche Bayo⸗ nette, während die vorderſte Tirailleurreihe bereits, ins Thal herabgeſtiegen, und die Koſaken bis an bie Thore getrieben hatte. 4 Die letzten Söhne des Urals wandten jetzt ihre 3 — ——— Piket. — 169— kleinen Pferde, feuerten noch einmal die Piſtolen gegen den heranruͤckenden Feind und ſprengten in geſtrecktem Carriere in die Stadt hinein. Zwei Voltigeurs ſchlichen jetzt leiſe und vorſichtig heran; ſchauten uͤberall umher, damit ſie nicht in einen Hinterhalt geriethen, und kamen endlich keck und muthig zum Thore herein. Hier warteten ſie ein paar Augenblicke, bald langten mehr Kameraden an. Man beſetzte ſogleich die Thorwacht und die aͤu⸗ ßerſte Tete, aus obigen zwei Mann beſtehend, drang muthig in die Stadt vor. Alle Straßen waren einſam und verlaſſen. Die Einwohner hatten ſich in banger Erwartung uͤber das, was da kommen wuͤrde, ſcheu in die Haͤuſer verſchloſ⸗ ſen. Nur hier und da ſah man ein ſcheues Geſicht durch das halb geffnete Fenſter gucken. Den Ruffus litt es jetzt nicht mehr. Er mahnte den in den Toͤnen wuͤhlenden Hoffmann zum Auf⸗ bruch. Dieſer war ſo vertieft in ſeinen Modulatio⸗ nen, daß er des Freundes Mahnung eine lange Weile nicht beruͤckſichtigte. Endlich machten ſich die Beiden auf den Weg. An der Annenkirche ſtand bereits ein franzoͤſiſches — 170— Vive la France! ſprach Ruffus gruͤßend zu den Franzoſen herantretend. Vive la Saxe, tönte es als Gegengruß. Ruffus, der franzöſiſchen Sprache vollkommen maͤchtig, unter— hielt ſich auf's Angenehmſte mit mehren der Krieger. Es befanden ſich zwei geborne Pariſer darunter, noch ſehr jung, aber gebildet und kriegsmuthig. Es iſt doch ein liebenswuͤrdiges Volk, ſprach Ruf⸗ fus zu Hoffmann, nachdem ſich die Beiden bei den Franzoſen verabſchiedet hatten, wenn ich mir die un⸗ geſchlachteten Tartaren dagegen denke. Ich athme or⸗ dentlich leichter, ſeit die Civiliſation wieder eingezogen in Dresden. An Deutſchlands Freiheit hab' ich jetzt keine Zeit zu denken. Morgen haben wir gewiß wie⸗ der den Nap. Das Kluͤgſte, was wir aber gegenwaͤr⸗ tig thun können, iſt, dem Schloßthuͤrmer einen Beſuch abzuſtatten, von wo man das hoͤchſt intereſſante Zu⸗ ſammentreffen des Weſtens und Oſtens mit aller Ge⸗ maͤchlichkeit uberſchauen kann. Wenn wir nur unterwegs ein Flaͤſchchen pebro Timenes aufkapern koͤnnten, meinte Hoffmann, es iſt warm dort oben, und ein Labetrunk erleichtert die Ob⸗ ſervationen.. — 171— Nichts iſt leichter, ſprach Ruffus, komm wir wol⸗ len einkaufen. Sie lenkten in die große Bruͤdergaſſe ein, wo ein beliebter Weinſchenke wohnte. Ruffus mußte lange pochen; die ſonſt ſo gaſtliche Weinſtube war feſt ver⸗ ſchloſſen und im ganzen Hauſe herrſchte eine Stille, als haͤtte die Peſt alles Leben erloſcht. Nach langem Pochen that ſich ein kleines Fenſter⸗ chen, nach der Hausflur zu, auf. Der Kopf des al⸗ ten Kellners ward ſichtbar. Zum Henker, rief Ruffus ungeduldig, der hier gut bekannt war, altes Weinfaß, ein paar Flaſchen von Nr. 21, Du weißt ſchon. Sind denn die Koſaken fort, frug neugierig und furchtſam das Weinfaß, die Spitzbuben die nehmen's vom Altare. Das thun auch Nichtkoſaken, antwortete Ruffus, uͤbrigens getroſt, die bekommen wir ſobald nicht wieder. Gott Lob und Dank, brummte der Kellner; aber wollen die Herren nicht ein Wenig eintreten. Freilich finſter iſt's. Die Laden machen wir nicht auf. Man weiß nicht was kommen kann. — 172— Haben keine Zeit, trieb Ruffus, ſchaff nur Flaſchen. Der Kellner war mit dem Verlangten bald zu⸗ ruͤck. Ruffus und Hoffmann verſenkten jeder ein Fläſchchen in die Tiefen ſeiner Rocktaſchen, und ſo be⸗ laden machte man ſich nach dem Schloſſe auf den Weg. 3 Auf der Schloßgaſſe ſtak noch Alles voll Koſaken, und der Platz bei der katholiſchen Kirche bot das le⸗ bendigſte Gemaͤlde. Feldkrämer mit ihren Wagen, die ſie mit Lebensmitteln und friſchen Branntweinvor⸗ raͤthen beluden, Baſchkiren mit Bogen und Pfeilen, ganze Heerden von Ochſen trieben ſich hier in buntem Gemiſch durcheinander. Alles draͤngte nach der Bruͤcke, deren proviſoriſcher hölzerner Hilfspfeiler mit Pech⸗ kraͤnzen umwunden war und jeden Augenblick in Flammen ſtehen konnte. Die Freunde, nachdem ſie mit Muͤhe den Eintritt in's Schloß erhalten, eilten jetzt uͤber den Schloßhof und kletterten ſo eilig als die enge Thurm⸗ treppe empor. Das dauert ja eine geiete keuchte Hoffmann, als die Kletterei kein Ende nehmen wollte, wir muͤſſen bald im ſiebenten Himmel Muhameds angelangt ſein. — 173— Ruffus ſtieg ermunternd vorwaͤrts. Endlich erreichte man die Wohnung des Thuͤrmers, den ſich Ruffus ſeit Jahren durch ein ſtets brillantes Neujahrdouceur verpflichtet hatte, und die beiden Unterweltner fanden die freundlichſte Aufnahme. Ah, rief Hoffmann uͤberraſcht, als er auf die Gal⸗ lerie heraustrat, unſere beſchwerliche Kletterei iſt treff⸗ lich belohnt; ein wundervolles Panorama. Das ganze, bluͤthenvolle Elbthal mit dem ſchoͤnen Dresden lag zu ihren Fuͤßen. Die Elbe zog ſich wie ein reines, blaues Band durch die Landſchaft. Der Standpunkt hier, ſprach Ruffus, iſt nicht mit Golde zu bezahlen. Erſtens haben wir das treff⸗ lichſte Panorama und koͤnnen zweitens gemaͤchlich mit anſchauen, wie ſich der Oſten und Weſten von Europa in die Haare geräͤth, ohne von einer feindli⸗ chen Kugel belaſtigt zu werden. Ein päar treffliche Flaſchen haben wir auch, und gute Ferngucker. Was wollen wir mehr. Der Standpunkt auf dem Schloßthurme gewaͤhrte auch in der That die intereſſanteſte Augenweide. Während ſich die ruſſiſche Hauptarmee langſam und ſchwerfällig auf der Straße gen Bautzen dahin⸗ bewegte, ſtiegen die franzoſiſchen Regimenter von den Keſſelsdorfer Hoͤhen in das Elbthal herab. Deutlich erglaͤnzten noch die Laͤufe des ruſſiſchen ſchweren Ge⸗ ſchutzes in der Kaſtanienallee, die ſich von Dresden nach Morgen zieht, waͤhrend die franzoſiſchen Adler von der Mittagſeite daher funkelten. Die Franzoſen hatten bereits einen Theil der ſud⸗ weſtlichen Vorſtaͤdte von Dresden im Beſitze, als ſich der ruſſiſche Knaͤuel vor der Elbbruͤcke noch immer nicht entwirren wollte. Das war ein Fluchen und Spectakeln, ein Ge⸗ ſchrei und Gebruͤll, als ſtuͤnde der juͤngſte Tag bevor. In den zunächſt gelegenen Straßen ſah man Koſaken auf⸗ und abreiten. Der Thurmer, welcher bisher dem in der Dresdner Gegend weniger bekannten Hoffmann als topographi⸗ ſcher Cicerone zur Seite geſtanden, mußte jetzt fort, um die eilfte Mittagſtunde zu verkuͤnden. Kaum waren dieſe verhaͤngnißvollen eilf Schlaͤge hinabgeklun⸗ gen in die kriegeriſche Unterwelt, als Koſaken von al⸗ len Seiten geſprengt kamen, und mit Knutenhieben und Lanzenſtoͤßen die noch auf dem disſeitigen Ufer befindlichen Reſtanten und ruſſiſchen Nachzuͤgler zur Eile mahnten. Dieſe energiſche Demonſtration blieb auch nicht — 1— ohne Erfolg. Binnen fuͤnf Minuten war der Bruͤ⸗ ckenplatz vollkommen geleert; nur einzelne Koſaken rit⸗ ten auf und nieder. Gott ſei Lob und Dank, ſprach Ruffus, Aſien waͤren wir vor der Hand los; moͤg es fuͤr immer auf das linke Elbufer zuruͤckkehren. Von der Bruͤcke herauf ſcholl Tumult. Die Ko⸗ ſaken machten Anſtalt, die hoͤlzerne, mit Pechkraͤnzen umwundene Hilfsbruͤcke in Brand zu ſtecken. Ein ſeltſames Pfeifen ward vernehmbar. Auf dieſes Sig⸗ nal jagten alle noch auf dem linken Ufer befindlichen Koſaken der Bruͤcke zu. Kaum hatte der letzte Pack⸗ wagen das hoͤlzerne Geruͤſt im Ruͤcken, als ein dicker ſchwarzer Dampf aufſtieg und gleich darauf die lichten Flammen aus allen Ecken hervorbrachen. Schon uberſchwamm die Glut die ganze Bruͤcke, als in wahnſinniger Carrikre ein vereinzelter Koſak aus dem Schloßthor gejagt kam. Er ſtutzte einen Augenblick als er das Feuermeer vor ſich erblickte, aber hier galt kein Ueberlegen; den Oberleib platt auf den Hals ſei⸗ nes Pferdes gedruͤckt, flohe er mit Blitzesſchnelle in die Gluth, verſchwand einen Augenblick und kam glucklich, obſchon etwas verſenkt, jenſeits der Flammen wieder zum Vorſchein. Ein lautes Hurrah ſeiner Kamera⸗ — 176— den begruͤßte ihn, und gleich darauf flog unter furcht⸗ barem Krachen das Balkengeruͤſt auseinander und ſtuͤrzte donnernd und brauſend in die Fluthen der Elbe. Es iſt doch was Schönes, meinte Ruffus, um ſo eine ruſſiſche Natur. Da muß ſich ein Salamander verſtecken. Die brennende Bruͤcke verurſachte eine ſolche Glut, daß man ſie ſelbſt in der bedeutenden Thurmhöhe ver⸗ ſpuͤrte. Die letzten mit Fleiſch und Branntwein be⸗ ladenen Wagen wurden von den Flammen ergriffen und brannten hinter den baͤumenden und fluchtigen Pferden in lichter Glut. Ein luſtiges Gedränge bil⸗ dete ſich alsbald um dieſe brennenden Fuhrwerke. Die verbrannten Fleiſchſtuͤcke wurden herabgeworfen, die brennenden Wagentruͤmmer und die entzundeten Branntweinfäſſer in die Elbe geſtuͤrzt, und als die uͤbrigen Gefaͤße ihren Inhalt ergoſſen, eilten die Koſa⸗ ken herbei, die reichliche Labung hier aus den Spund⸗ loͤchern zu ſchluͤrfen, dort aus der Bruͤckenrinne, wo ſie in Stroͤmen floß, mit der Hand zu ſchoͤpfen. Eine andere Gruppe bildete ſich um einen verſpäteten Fracht⸗ wagen mit Tabaksblättern am Eingange der Bräck und Jeder raffte ſich ein Buͤndelchen zuſammen, um — es als Vorrath fuͤr einige Tage neben dem Heubuͤndel auf dem Sattel zu befeſtigen. Wos iſt denn da los? frug Hoffmann und zeigte nach der Gegend des Linkiſchen Bades, wo ein pech⸗ ſchwarzer Dampf zum ſchoͤnen Maienhimmel empor⸗ ſtieg. Die Ruſſen haben die Schiffbruͤcke in Brand ge⸗ ſteckt, antwortete der Thuͤrmer. Ganz Recht, meinte Ruffus, da kommen ſchon brennende Elbkaͤhne geſchwommen. Die Ruſſen ver⸗ ſtehen das kriegshandwerksmaßige Zerſtoren ſo gut wie die Franzoſen, und haben ſich hierin beiderſeitig keine Vorwuͤrfe zu machen. Dieſe in Truͤmmern daherſchwimmende und lich⸗ terloh brennende Schiffbruͤcke gewahrte einen eigen⸗ thuͤmlichen Anblick. Man hatte zu ihrer Erb die großten Elbſchiffe verwandt, und dieſe geſammte Flotille ſtand in Flammen. Dieſes ganze Feuermeer conzentrirte ſich endlich an den energiſchen Bruͤcken⸗ pfeilern der Elbbruͤcke, die ſich den Brandern in den Weg ſtellte. Es gab ein entſetzliches Kniſtern, Praſ⸗ ſeln und Ziſchen, bevor das Feuer ſeine Beute ver⸗ zehrt hatte, und die hierdurch entſtandene Glut war ſo IM. 12 auung — 178— heftig, daß an mehren Stellen das eiſerne Bruͤckenge⸗ laͤnder zu gluͤhen begann. Die Dresdner haben von Gluͤck zu ſagen, ſprach Ruffus, daß die Ruſſen das linke Elbufer nicht beſſer vertheidigt haben. Sie haͤtten ſich in Dresden noch geraume Zeit halten koͤnnen, und ein blutiges suß mentreffen mußte dann entſcheiden. Ich bin nur begierig, meinte Hoffmann, ob man den Franzoſen beim Elbubergange nicht ein Bein ſtel⸗ len wird. Ruffus recognoscirte mit dem beſten Fernglaſe die ganze Gegend des rechten Elbufers. Die Hauptarmee ſcheint ſich nicht aufhalten zu wollen, ſprach er, aber dort beim Dorfe Trachau ſteht unbeweglich ein unverſchaͤmter Artilleriepark. Der hat nichts Gutes im Sinne. Auch leichte Truppen bivouaquiren auf den umliegenden Feldern. Was machen denn aber meine guten Pariſer? Mit dieſen Worten wandte er ſich nach der entge⸗ gengeſetzten Seite. Da ſind ſis ja, ſprach Hoffmann, und zeigte auf mehre blaue Tirailleurs, die ſo eben um die katholiſche Kirche herumſchlichen. Der Vorderſte, das Gewehr unterm ſchritt —————— — 179— ganz vor zu der noch dampfenden Bruͤckenkluft. Ruſ⸗ ſiſche Scharfſchuͤtzen, die am jenſeitigen Ufer poſtirt ſtanden, bemerkten ihn bald und ihre wohlberechneten Kugeln pfiffen um ſeinen Kopf. Er ließ ſich nicht irre machen, beantwortete nicht einmal die Schuͤſſe, und ſeine Aufmerkſamkeit nahm die Bruͤckenkluft al⸗ lein in Anſpruch. Er ſchien zu uͤberlegen, auf welche ſchnellſte Art die Communication wieder herzuſtel⸗ len ſei. In den Straßen Dresdens ward es allmaͤhlig wieder lebendig. Die Bewohner ſchienen mehr den Abzug der Ruſſen gefuͤrchtet zu haben, als die An⸗ kunft der Franzoſen. Bei der Ecke des Finanzhauſes, neben dem Schloßthore, hatte ſich ein anſehnlicher Volkshaufen zuſammen gefunden, welcher neugierig dem Plaͤnklerfeuer zuſchaute, das ſich jetzt zwiſchen den franzoͤſiſchen Tirailleurs und den ruſſiſchen Scharf⸗ ſchuͤtzen langs der Elbufer entſponnen hatte. Immer weiter und verwegner draͤngte der Haufe hervor, als ein ſeltſames Pfeifen die Luft durchſchnitt und im nächſten Augenblicke eine Granate gleich neben dem Schloßthore auf das Pflaſter praſſelte. In wenig WMinuten folgte eine zweite, ſo daß das riviliſtiſche Be⸗ obachtungscorps bald verſchwunden war. 42* Ruffus hielt jetzt noch einmal Rundſchau. Donnerwetter, rief er, der Nap bringt auch eine huͤbſche Partie Kanonen mit. Da ſieh' mal, von Plauen bis zum Freibergerſchlage ein Feuerſchlund hinter dem andern, und der Himmel mag wiſſen, wie viel noch hinter dem Berge ſtecken. Hoffmann leerte jetzt ſeine Flaſche und mahnte zum Aufbruch nach der Unterwelt. Ich bin nicht auf Seiten der Franzoſen, ſprach er, aber da ſie einmal die Altſtadt in Beſitz haben, wuͤnſchte ich, daß ſie auch bald die Neuſtadt und den neuen An⸗ bau erobern, damit ich wieder mein freundlich Logis be⸗ ziehen kann. Meine Muſikſtuͤcke nebſt ein paar begon⸗ nenen Erzaͤhlungen ſind dermalen ruſſiſch, waͤhrend ich ſelbſt unter Napoleons Adlern ſtehe Du wohnſt unterdeß bei uns, troͤſtete Ruffus, ha⸗ ben Platz genug, mag ſich die Einquartirung noch ſo breit machen. Alſo wieder Franzoſen da. Iſt mir in einer Art lieb, mag ſie gern haben; aber da ſie einmal hinuͤber muͤſſen uber den Rhein, waͤr mir's lieber ge⸗ weſen, daß ſie gleich bei Lutzen das Ferſengeld erhalten haͤtten, anſtatt daß ſich die Kriegsfurie uber das arme Sachſen waͤlzt. Dort jener finſtre ruſſiſche Artillerie⸗ * — 181— park will mir nicht gefallen und es kann beim Elb⸗ uͤbergange blutig genug hergehen. Die Beiden kletterten jetzt vom Schloßthurme herab, und gingen die Schloßgaſſe entlang nach dem Altmarkte. Hier lagerten bereits einige Ba⸗ taillone franzoͤſiſcher leichter Infanterie. Alle Sol⸗ daten waren hier beſchaftigt, ihre, von der Schlacht und den forcirten Marſchen einigermaßen in Unord⸗ nung gerathne Garderobe wieder herzuſtellen. Alles ward geputzt, gewichſt, als ging es zum Balle. Da⸗ bei war ein ſo reges, froͤhliches Leben unter dieſen Truppen; kein Ausbruch roher Soldateska ward ver⸗ nommen, daß das ganze Bivouaque einen eben ſo ma⸗ leriſchen als erfreulichen Anblick gewahrte. Ruffus, dem die franzoſiſche Lebendigkeit und der geſellige Takt dieſer Nation ungemein zuſagte, hatte bald mit einigen dieſer Krieger Geſpräche angeknuͤpft, als er ſich ploͤtzlich umarmt fuͤhlte. Als er aufblickte ſtand ein junger, ſchoͤner Officier vor ihm, in welchem er ſogleich ſeine einſtige Einquartirung, mit welcher er ſo viele vergnuͤgte Stunden erlebte, wieder erkannte. Der junge Franzos hieß Bernard, war aus der Champagne jgebuͤrtig und hing mit ungemeiner Liebe an Ruffus. Im Knopfloch flammte das dunkelrothe Band der Ehrenlegion, vor wenig Tagen auf den Ebe⸗ nen von Luͤtzen ritterlich erkaͤmpft. Da ſind wir wieder, rief Bernard mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht, Ruffus nochmals umarmend, wie ſteht's, auch koſakiſch geworden oder noch gut kai⸗ ſerlich? Keins von Beidem, antwortete freimuͤthig der Ge⸗ fragte, ubrigens freu ich mich, daß Ihr dieſe Halbbar⸗ baren uber die Elbe gejagt. Aber jetzt orientirt mich ein Wenig. Was iſt das fur ein Corps, das Dresden beſetzt. Wird von Eugen commandirt, war die Antwort, unmittelbar darauf folgt Marmont und Mortier. Und der Kaiſer, wo ſteckt der? frug Ruffus. Kann alle Augenblicke da ſein, antwortete Ber⸗ nard, unſte neue Armee wird Euch freuen. Heut Abend ruͤckt die alte Garde ein. Ruffus warf jetzt einen Blick nach dem altſtaͤdter Rathhauſe. Da gewahrte er, wie mehre ihm be⸗ kannte Rathsherren mit hoͤchſt verſtoͤrten Geſichtern dem Rathhausthore zueilten. Mehre Wagen fuhren vor, man ſah den Buͤrgermeiſter, gefolgt von mehren ſchwarzgekleibeten Herren, einſteigen und die Wils⸗ druffer Gaſſe entlang fahren. — 183— Alle Wetter, rief Ruffus, die wollen doch nicht den Napoleon bewillkommnen? Gewiß, verſicherte Hoffmann, wenigſtens hat es ganz das Ausſehen einer Deputation. Auch Bernard ſtimmte bei. Nun, da muß ich dabei ſein, ſprach ſchnell ent⸗ ſchloſſen Ruffus, das wird ein guter Empfang werden von Seiten des Kaiſers. O tempora! o mores! Vor wenig Tagen ſtreuen ſie dem Alexander und Friedrich Wilhelm Blumen und heute wallfahrten ſie dem Napoleon entgegen. Nun der wird ihnen die Blumenſtreuerei gedenken. Da ſich Hoffmann mit Hunger und Muͤdigkeit entſchuldigte, trabte Ruffus, nachdem er Bernard ſeine Karte zuruͤckgelaſſen, dem Rathe nach. Als er den Freiberger Schlag im Ruͤcken hatte, begann bereits das Geläut aller Glocken von den Thuͤr⸗ men und Kirchen Dresdens, denn von den Höhen ſah man den Kaiſer Napoleon im Gefolge mehrer Mar—⸗ ſchaͤlle und gefolgt von einem glaͤnzenden Generalſtabe in das Elbthal herabreiten. Es war ein prachtvoller Anblick. Der Fruͤhling entfaltete in dem ſchoͤnen Elbthale alle ſeine Pracht. Von allen Seiten ſtrahlte der Glanz der Bayonette in dieſem Amphitheater. — 184— Ein paar dunkele Rauchſäulen, die aus dem Häuſer⸗ meer empor ſtiegen, verkuͤndeten den Ruͤckzug der Ruſſen. Die Deputation des Stadtraths hatte ſich beim erſten Chauſſehauſe aufgeſtellt. Ruffus drängte ſich ſo nahe als moͤglich. Man ſah es den gezwunge⸗ —nen heitern Mienen der Rathsherren an, daß dieſe Heiterkeit nicht in ihrem Innern wohne. Da kam in ſchnellem Trabe Napoleon auf der Straße von Noſſen daher. Er trug die gruͤne Chaſ⸗ ſeuruniform und ritt einen wohlgeſtalteten Fälben. Unmittelbar hinter ihm folgten Coulaincourt, der Her⸗ zog von Vicenza, Berthier, Prinz von Neuenburg und die Marſchälle Marmont und Mortier. Rings wir⸗ belte der Staub auf. In Todtenſchweigen verharrte die Deputation von Dresden. So wie Napoleon bei ihr angelangt war, hielt er an. Wer ſind Sie? frug er in ziemlich rauhem Tone. Die Magiſtraten von Dresden Ew. Majeſtät, antwortete der Oberbuͤrgermeiſter, der einen Schritt hervorgetreten war mit etwas unſichrer Stimme, und bat nun im Namen der Bewohner Dresdens um Schonung der Stadt. — 185— Haben Sie Brod? unterbrach der Kaiſer unge⸗ buldig. Die Antwort hierauf konnte nach den erſchoͤpfen⸗ den Lieferungen, welche der Stadt zeither waren auf⸗ erlegt worden, nicht befriedigend ausfallen. Der Ober⸗ buͤrgermeiſter verwickelte ſich in einer Reihe von Ent⸗ ſchuldigungen. Napoleons Stirn furchte ſich immer ſichtbarer: Ihr haͤttet verdient, donnerte er, daß ich Euch als erobertes Land behandelte. Ich kenne Euer Beneh⸗ men während der Beſetzung Eurer Stadt durch die Verbuͤndeten. Ich beſitze das Verzeichniß der Frei⸗ willigen, die Ihr gekleidet, equipirt und mit einer Großmuth ausgeruͤſtet habt, die ſogar den Feind in Erſtaunen geſetzt hat. Ich weiß, welchen Spott Ihr uber Frankreich ausgegoſſen und wie viele Pasquille Ihr heut' entweder zu verbergen oder zu verbrennen habt. Ich weiß, welches feindſelige Entzuͤcken Ihr an den Tag legtet, als der Kaiſer Alexander und der Kö⸗ nig von Preußen in Eure Mauern einzogen. Eure Haͤuſer zeigen noch die Spuren der Guirlanden und auf Euern Straßen erblickt man noch die Ueberreſte der Blumen, welche Eure Tochter den Monarchen ge⸗ ſtreut haben. Ich will Euch verzeihen. Segnet da⸗ — 186— fuͤr Euren Koͤnig. Ihm allein verdankt Ihr Eure Rettung. Sendet eine Deputation an ihn, daß er Euch wieder ſeine Gegenwart ſchenke. Ich verzeihe „ Euch, ihm zu Liebe. Auch ſeid Ihr ſchon beſtraft. Ihr ſeid vom Baron von Stein im Namen Kutu⸗ ſow's adminiſtrirt worden und wißt nun, was Ihr von den Geſinnungen der Verbuͤndeten zu halten habt. Ich verlange fur meine Soldaten blos das, was Ihr fuͤr die Preußen und Ruſſen gethan habt. Ich werde ſelbſt daruͤber wachen, daß Euch der Krieg ſo wenig als moͤglich Unheil zuzieht und gebe Euch ein Unter⸗ pfand meiner Gnade. Der General Duͤrosnel, mein Adjutant iſt zu Euerm Gouverneur ernannt. Der Koͤnig ſelbſt wuͤrde ihn fuͤr Euch gewaͤhlt haben! Ihr ſeid entlaſſen. Die Deputation begiebt ſich mit ſchwerem Herzen zur Stadt zuruͤck und verordnet eine Illumination fur den Abend. Fortwährend laͤuten die Glocken; Napo⸗ leon aber, ſo wie er am Thore anlangt, erhält die Nachricht, daß Miloradowitſch ſich in der Neuſtadt zu halten wuͤnſcht. Sogleich ſteigt er vom Pferde und begibt ſich in Begleitung des Oberſtallmeiſters Coulaincourt und eines Pagen, die Vorſtädte Dres⸗ dens umgehend, nach dem Orte, wo die Ruſſen ihre — 187— Schiffbruͤcke abgebrochen haben. Noch immer dam⸗ pfen einige Ueberreſte derſelben. In der Gegend des Pirnaiſchen Thores kommen den drei Wandrern einige Officiere entgegen. Es iſt Eugen, der Vicekoͤnig von Italien. Vater und Sohn gehen jetzt ganz allein das Elbufer entlang, das jenſeitige vom Feinde be⸗ ſetzte Ufer beſichtigend. Mehre Kanonenſchuͤſſe don⸗ nerten heruͤber, aber die Kugeln ſchlugen in bedeuten⸗ der Entfernung von den beiden Fuͤrſten in die Erde. Hätten die Ruſſen ahnen koͤnnen, welche zwei hochwichtige Perſonen hier einſam am Ufer auf- und abpromenirten, wuͤrde eine gefährliche Kugelſaat er⸗ folgt ſein. Napoleon uͤberzeugte ſich bald, daß ein Uebergang⸗ hier unausfuͤhrbat ſei. Wir muͤſſen unterhalb uͤber die Elbe, ſprach er, und ſchnellen Schritts kehrte er mit Eugen zu dem Gefolge zuruͤck. Alle ſchwangen ſich wieder auf die Roſſe und im Trabe ging es wieder um die Vorſtädte nach der Friedrichſtadt, bis an das Elbufer, wo die zweite Floßbruͤcke geſtanden hatte. Napoleon gab ſo⸗ gleich Befehl zur ſchleunigen Herbeiſchaffung von Ar⸗ beitern und Materialien. Truppen mußten herbei, die Arbeiten zu decken. Erſt Abends ſieben Uhr kam — 188— der Kaiſer nach Dresden und nahm ſeine Wohnung im koͤniglichen Schloſſe. Mit einbrechender Dunkelheit zogen die alten Garden, von Marſchall Soult, Herzog von Dalma⸗ tien, gefuͤhrt, unter donnerndem Vive Pempereur in die Stadt. Kaum graute der Morgen des folgenden Tags, es war fruͤh drei Uhr, als Napoleon, von einem einzigen Adjutanten begleitet, den Zwingerwall beſtieg und die Stellung einiger Geſchuͤtze anordnete, eine Maßregel, welche bereits gegen Mittag das gegenuͤber unterhal⸗ tene feindliche Feuer zum Schweigen brachte. Das Tirailliren von beiden Ufern dauerte den ganzen Tag. Mehre Einwohner wurden getodtet und verwundet. Der Kaiſer begab ſich wieder an den Ort, wo der Elb⸗ ubergang verſucht werden ſollte. Auf dem Wege da⸗ hin hat er die Wilsdrufer Thorwacht zu paſſiren. Sie war noch von Dresdner Buͤrgermilitair beſetzt. Die Schildwacht, durch die unerwartete Ankunft des Kai⸗ ſers uͤberraſcht, vergißt„Wach heraus“ zu rufen, prä⸗ ſentirt aber mit militairiſcher Haltung. Napoleon lächelt und haͤlt ſein Pferd an. Er iſt guter Laune. — 189— Das habt Ihr wohl nicht geglaubt, fragt er ge⸗ muͤthlich, daß ich ſo ſchnell wieder da ſein wuͤrde? Nein, Ew. Majeſtaͤt, antwortete die Schildwacht. Habt Ihr von der großen Schlacht gehoͤrt, die ich gewonnen habe? Allerdings, Ew. Majeſtät. Habt Ihr meine vielen Kanonen geſehen? Ja, Ew. Majeſtaͤt. Ihr wart wohl recht boͤſe, als die Franzoſen die Bruͤcke ſprengten? Die Schildwacht zuckte die Achſeln. Getroſt, ſprach der Kaiſer, ich werde ſie wieder bauen. Mit dieſen Worten galoppirte er weiter. Den Ruſſen ſchien dieſer ſchnelle Uebergang, den die Franzoſen verſuchten, ſehr unerwartet zu kommen. Sie fuhren nach und nach ſechzig Kanonen längs dem Elbufer auf. Es begann eine Kanonade, daß alle Fenſter von Dresden zitterten. Napoleyn begab ſich in die Naͤhe eines ehemali⸗ gen Pulvermagazins, von wo aus er die Arbeiten des Uebergangs und die Vertreibung der Ruſſen leitete. Ehe noch einer ſeines Gefolges die wahre Staͤrke des Feindes erkannt hatte, traf er ſchon zweckdienliche Vor⸗ ſichtsmaaßregeln. —— Hundert Kanonen! donnerte er dem Generale Druot zu, welcher dem anlangenden Geſchutz entgegen eilte und daſſelbe auf vortheilhaften Anhoͤhen auffah⸗ ren ließ. Als dieſer General dem Kaiſer die vollzognen Be⸗ fehle rapportirte, war dieſer mit der Poſition der Kano⸗ nen nicht ganz zufrieden. Unmuthig zupfte er Drouot am Ohrlaͤppchen. Dieſer entſchuldigte ſich beſcheiden und feſt, daß eine andre Aufſtellung nicht möglich geweſen. So⸗ gleich war Napoleon's Unmuth verraucht; er bereute ſeine Uebereilung und ſeine Miene verwandelte ſich in freundliches Lächeln. Er ſchien nur geſcherzt zu haben. Unterdeß ward die Kanonade immer furchtbarer. Das ruſſiſche Geſchutz beſtrich die ganzen Felder der Friedrichſtadt. Mehre Kugeln und Granaten ſchlugen neben dem Kaiſer nieder. Eine der letztern riß dicht neben ihm ein Stuͤck von der Schaalwand des Pul⸗ vermagazins ab und warf ihm einen Span an den Kopf. Wenn das den Leib getroffen haͤtte, war's vorbei, ſprach er ruhig, das Stuͤck aufhebend und betrachtend. Einige Minuten nachher ſchlug eine Granate zwi⸗ — 191— ſchen ihm und einem italieniſchen Bataillon, das zwanzig Schritte hinter ihm ſtand, in die Erde. Die Italiener ruͤckten zuſammen und buͤckten ſich, um der Wirkung des Springens auszuweichen. Napoleon bemerkte es und rief lachend in italieniſcher Sprache: Das thut Euch nichts, Ihr Schelme! Nach zweitaͤgiger Arbeit unterblieb indeß die Schlagung dieſer Bruͤcke, weil der Strom hier zu rei⸗ ßend und zu tief war und es an Tauen, Ankern und andern Hilfsmitteln fehlte. Weit vortheilhafter er⸗ ſchien die Wiederherſtellung der Dresdner Elbbruͤcke. Napoleon betrieb dieſen Uebergang mit Feuereifer. Er brachte einen Theil des Tags auf der Bruͤcke zu, mit deren Wien eineſtellung er einen ſeiner Adjutanten beauftragte. Belmittelſt großer Feuerleitern mußte die leichte Infanterie an dem geſprengten Theile der Bruͤcke herab- und hinaufſteigen, um ſich der Neuſtadt und ihrer Umgebungen zu verſichern. Napoleon ſelbſt unternahm mit ſeinem ganzen Generalſtabe dieſe Klet⸗ terpartie, um ſich uͤber den Zuſtand der Brucke zu un⸗ terrichten. Binnen zwanzig Stunden waren ſieben Joche von Holz dergeſtalt befeſtigt, daß bereits am an⸗ dern Morgen die ganze Armee des Vicekönigs mit⸗ ſammt ihrer Artillerie ubergehen konnte. Auch auf — 192— Fäͤhren wurden Kanonen uͤbergeſetzt. Fuͤr jede zahlte der Kaiſer einen Napoleonsd'or Fahrgeld. Die ſchnelle Vollendung der Bruͤcke erfullte ihn mit vielem Wohlbehagen. Er verblieb faſt den ganzen Tag auf dem Pfeiler. Recht behaglich ſaß er auf der ſteinernen Bank und weidete ſich an den unzähligen Kanonen und den ſchoͤnen blanken Regimentern, die unter fortwahrendem jubelndem Vive l'empereur vor⸗ uͤberzogen. . Drittes Kapitel. Noch immer war keine Nachricht von den Gebruͤbdern Steinberg eingegangen. Die Fumit des Geheim⸗ raths ſchmeichelte ſich, daß ſie mit der Preußiſchen Hauptarmee nach der Lauſitz marſchirt, a Ruffus ei⸗ nes Abends durch einen Landmann aus des Meißner Gegend ein verſiegeltes Billet erhielt. Sein kurzer Inhalt lautete: N Ich liege ſchwer verwundet auf dinem Weinberghauſe bei Meißen. unter vierzehn Tagen iſt an ein Auftommen nicht zu denken. Sorge indeß in Dresden fur ein Unterkommen, wo ich der franzoſiſchen Polizei verborgen, meine voͤllige Wiederherſtellung abwarten kann. Wir Freiwilli⸗ gen haben von der fremden Tyrannei am meiſten zu furchten. Unſer Heer ward zum Ruͤckzuge ge⸗ II. 13 — 194— noͤthigt, aber das Herz iſt friſch, und ein Feigling, wer an der Sache des Vaterlandes verzweifelt. Von Gotthard weiß ich nichts. Gruͤße Anna. Ihre Schleife iſt mit meinem Blute bethaut. Die 1 Schlacht bei Lutzen war eine blutige Fruͤhlingsſaat. Die Erndte wird nicht ausbleiben. Dein Reinhold. Als Poſtcript waren die Worte zu leſen: Außer Anna und Frau von Sternburg laß Nie⸗ mand von dieſen Zeilen wiſſen. Die Sternburg, frug Ruffus; das iſt die Letzte, die davon erfahren ſoll. Uebrigens braucht auch Anna nichts zu wiſſen. Er ging eine Zeitlang ſinnend auf und ab. Ich werde ihn zu Hoffmann ſperren, ſprach er, der wohnt wie ein Eremit vor dem ſchwarzen Thore, wo ihn außer der lieben Sonne Niemand, als die alte ehr⸗ liche Aufwaͤrterin zu Geſicht bekommt. Er hatte dieſe Worte kaum fur ſich geſprochen, als Heimann hereintrat mit ſichtbar verſtoͤrtem Geſicht. Ich bitte Sie um Gotteswillen, begann dieſer ſo⸗ gleich ſeine Anrede, verwenden Sie ſich bei Duͤrosnel, dem Stadtcommandanten, mit dem Sie perſönlich be⸗ kannt ſind; man hat mir bereits dreißig Mann Einquar⸗ — 195— tierung ins Haus gelegt und ſcheint es direct auf meinen Ruin abgeſehen zu haben. Meine Illumination muß verrathen worden ſein, das enorme Einquartierungsheer iſt mir auf ſpeciellen Befehl des Neuſtaͤdter Stadtcom⸗ mandanten uͤber den Hals geſchickt worden. Wiewohl die Lage des unvorſichtigen Patrioten nicht zum Lachen war, konnte ſich doch Ruffus eines Laͤchelns nicht erwehren. Jetzt heißt es in Wahrheit: Erloͤſe uns von dem Uebel, meinte derjunge Mann. Erinnern Sie mich nicht an dieſe Eſelei, draͤngte Heimann, und ſchaffen Sie Lin⸗ derung. Sie vermoͤgen es, wenn Sie nur wollen. Sehr obligirt, entgegnete Ruffus, Sie ſcheinen der Meinung, als ſtunde die ganze große Armee unter meinem Befehl. Ich bin allerdings mit Durosnel perſoͤnlich befreundet; aber dieſer Mann iſt dermalen mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft, daß es faſt Unbilligkeit er⸗ ſcheint, ihn noch mit meinen Privatangelegenheiten zu behelligen. Wenn ich dieſe Einquartierung nicht loswerde, läͤrmte Heimann im Zimmer auf⸗ und ablaufend, laß ich Haus und Hof im Stiche und gehe nach Berlin. Dort moͤchten Sie, meinte Ruffus, von den Fran⸗ 43* zoſen auch nicht lange verſchont bleiben und ſiev noch unangenehmer als hier in Dresden finden. Nun ſchlimmer als bei mir, replicirte der E quartierung Geplagte, koͤnnen ſie ſich nicht auffüͤhre Man muß dieſe Bande eppreß fur mich aus der großen Armee zuſammengetrommelt haben. Sie kehren das Oberſte zu Unterſt, und die geruͤhmte franzöſiſche Urba⸗ nitat iſt ihnen eine unbekannte Groͤße. Sie tragen im Negligte lauter rothe Muͤtzen. Es muß ſo eine Art wilder Jakobiner ſein. Theuerſter Freund, befreien Sie mich von dieſer Schwefelbande; ordentlich Kaiſer⸗ lich⸗Königliche Soldaten, in verhältnißmaͤßiger Anzahl wie meine Nachbarn will ich haben. Sagen Sie dem Herrn Commandanten, daß ich gut kaiſerlich geſinnt wäre; daß er auf mich zählen koͤnnte; daß ich mich nur durch den allgemeinen Paroxismus habe hinreißen laß⸗ ſen und die Decoration ganz gegen mein Wiſſen und Willen illuminirt worden ſei. 27 Aber ich habe ja mit eignen Ohren gehort, ſprach Ruffus, wie Sie ſich burchaus nicht abreden ließen. Ja, davon durfen Sie freilich nichts ſagen und werden es nicht, fiel Heimann eifrig ein. Wem konnte es nur entfernt in den Sinn kommen, daß in acht Ta⸗ gen nach der Illumination der Napoleon wieder da⸗ — 197— ſein wuͤrde; das hat ſelbſt unſer hochweiſer Rath, der doch zu denken verſteht, nicht gedacht, nicht einmal getraͤumt, ſonſt wurde er die romantiſche Ehrenpforte ſammt der patriotiſchen Madchenarmee auch hochweislich unterlaſ⸗ ſen haben. Habeat sihi, er hat ſeine Naſe dahin. Aber Ihr deutſcher Patriotismus, meinte Ruffus, ſcheint durch die Executions⸗Einquartierung auch einen Leck bekommen zu haben. Mein Gott, erwiderte Heimann verdruͤßlich, wenn wir doch nicht Patrioten ſein wollten, es ſteht uns ein⸗ mal nicht. Seit die unverſchämt ſtarke ruſſiſche Artil⸗ lerie, deren Raſſeln auf dem Pflaſter mir noch in den Ohren trommelt, den Napoleon nicht hat aufhalten koͤnnen, wer vermoͤchte ihm noch zu widerſtehen. Wenn ich die dreißig Spitzbuben los werde, habe ich nichts gegen Seine Majeſtaͤt den Kaiſer der Franzoſen und König von Italien. Nun was in meinen ſchwachen Kraften ſteht, will ich gern thun, verhieß Ruffus; aber ich furchte, es hilft nichts. Verſprechen Sie ſich daher vor der Hand auch Nichts. Sprechen Sie nur mit dem Gouverneur, verſetzte Heimann, ich weiß es hilft, er iſt die Humanitat ſelbſt und Sie gelten Etwas bei ihm. Aber theuerſter — Freund, fugte er preſſirt hinzu, nur bald, ſonſt geht mir Alles zu Grunde. Die Kerle ſind im Stande, in meinen herrlich tapezierten Stuben Wecte an⸗ zuzunden. Ich will mich ſogleich auf den Weg machen, ver⸗ ſicherte Ruffus. Das iſt ſchoͤn, lobte Heimann, bin gern zu jedem Gegendienſt erboͤtig und werde dieſen S im Leben nicht vergeſſen. Er empfahl ſich, um dem Geheimrath einen Beſuch abzuſtatten und ihn von ſeiner peinlichen Lage in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Als Ruffus aus dem Hauſe trat, gewahrte er zwei ſchoͤne franzoͤſiſche Juͤnglinge, in der Uniform der jun⸗ gen Garde. Ihr ganzes Weſen verrieth mehr eine ge⸗ wiſſe jugendliche Schuͤchternheit als ſoldatiſches Auftre⸗ ten. Sie hielten Einquartierungsbillets in den Haͤn⸗ den und ſchienen ſich in den Hausnummern nicht zu⸗ rechtfinden zu koͤnnen. Ruffus, den die beiden jungen Leute mit den of⸗ fenen, freundlichen Geſichtern wahrhaft anſprachen und der uͤberhaupt gern Jedermann gefaͤllig war, trat freundlich mit einem franzoͤſiſchen Gruſſe auf ſie zu. Wir ſind in Ungewißheit, verſetzte der Eine artig — 199— und verbinblich, uͤber die Hausnummer. Unſer Bil⸗ let weißt auf Nummer 35. Nun ſteht zwar hier uͤber der Thuͤr eine 35., aber eine zweite Zahl daneben, ſind wir nun recht oder nicht? Duͤrft' ich bitten, ſprach Ruffus, ſich das Quar⸗ tierbillet zeigen laſſend. Sie ſind am rechten Orte, meine Herren, ver⸗ ſicherte er laͤchelnd, erlauben ſie mir, daß ich Sie ſelbſt einfuͤhre. Ich bin hier zu Hauſe. Das iſt ja vortrefflich, ſprach erfreut der Eine, ein freundlicherer Empfang konnte uns nicht werden. Komm Eugen, hier ſind wir gewiß gut aufgehoben. Ich glaube auch, Jerome, erwiderte dieſer leiſe. Das Haus hat viel Aehnlichkeit mit dem unſern in Paris. Sieh mal, faſt dieſelbe Hausflur und Treppe. Ruffus ging voran, den beiden Gardiſten die fuͤr die erwartete Einquartierung bereitſtehenden Zimmer anzuweiſen. Da Guͤnthers wegen ihrer aͤußerſt geſchmackvoll eingerichteten Wohnung faſt ſtets Offiziers und oft von hohem Range zur Einquartierung erhielten— der jetzige Gouverneur von Dresden hatte ſelbſt eine gerau⸗ me Zeit daſelbſt im Quartier gelegen— ſo wunderte ſich Ruffus allerdings, diesmal mit ein Paar gemeinen — 200— Gardiſten vorlieb nehmen zu muͤſſen; die beiden Juͤng⸗ linge ſchienen jedoch ſo gebildet und von ſo guter Fa⸗ milie, daß das Dresdner Quartieramt hierauf Ruͤckſicht genommen haben mußte. Als Ruffus mit ſeinen Gäſten die Treppe hinauf⸗ ſtieg, kam ihm Heimann, der den Geheimrath nicht zu Hauſe getroffen, in Haſt entgegen. Aha, rief er, haͤlt das Heuſchreckenheer auch hier Einzug. Uebrigens ſcheinen das wenigſtens Menſchen, fuhr er, ſich die ſchoͤnen Juͤnglinge nicht ohne Wohl⸗ gefallen betrachtend, fort; aber meine braunen Beſtien. Aber mein Gott, Theuerſter, beſann er ſich, ich denke Sie ſind laͤngſt beim Gouverneur, wie Sie mir verſpro⸗ chen haben; indeß ſteigen Sie mit Ihrer hoͤchſt eigenen Einquartierung Trepp auf, Trepp ab. Ruffus aͤrgerte ſich uͤber dieſe unertraͤgliche Unge⸗ duld, daß er that, als horte er Heimanns Worte nicht. Jetzt ward dieſem Angſt. Sie haben doch um Himmelswillen Ihr Verſpre⸗ chen nicht vergeſſen, rief er angſtvoll. Sein Sie rühig, antwortete Ruffus kurz und aͤr⸗ gerlich, noch dieſen Vormittag ſpreche ich mit dem Gou⸗ verneur. Sie haben gut reden von Ruhigſein, zwei Mann — 201— Einquartirung, was iſt das? und hoffentlich vernuͤnf⸗ tige Leute, Sie ſollten meine Rotte Kora, Datane und Abiram ſehen, die Ruhe wuͤrde Ihnen vergehen. Al⸗ ſo ein Wort ein Mann. Ich verlaß mich darauf. Ja doch, rief Ruffus ungeduidig und öffnete den beiden Franzoſen die geſchmackvoll moͤblirten Zimmer. Heimann war endlich beruhigt fortgeeilt; Jerome aber wandte ſich zu Ruffus und frug: Der Hert ſchien unzufrieden mit ſeiner Einquar⸗ tierung; es ſind doch nicht Franzoſen? Der Angeredete ſtutzte und ſah den ſchoͤnen Gar⸗ diſten verwundert an. Ich kann es wirklich nicht ſa⸗ gen, begann er endlich, und nach einer Pauſe frug er freundlich: Sie ſcheinen meiner Mutterſprache kundig? Ein Wenig, war die beſcheidne Antwort. Wohl aus dem Elſaß? Paris iſt meine Vaterſtadt, ſprach Jerome; aber die deutſche Sprache und Literatur gehoͤrten zu meinen Lieblingſtudien. Jetzt haͤtte Ruffus ſeine Einquartierung fur einen Marſchall nicht hingegeben. Er empfahl ſich auf kurze Zeit, um fuͤr Heimann ein gut Wort beim Gouver⸗ neur einzulegen. In dem Vorſaale bei Duͤrosnel wimmelte es von Supplikanten. Ruffus erblickte mehre bekannte Ge⸗ ſichter. Da man wußte, daß er beim Gouverneur et⸗ was gelte, ſo umringte und beſtuͤrmte man ihn, um ein Fuͤrwort bei Duͤrosnel. Es waren meiſtentheils Klagen und Reklamationen in Einquartierungsangele⸗ genheiten, welche die Supplikanten hierher getrieben hatten. Ruffus betheuerte, Nichts fuͤr die Bittenden thun zu koͤnnen, da er fur ſeine eigne Perſon als Suppli⸗ cant hier erſcheine. Seine Blicke uͤberſchweiften die zahlreiche Ver⸗ ſammlung, welche bereits vor ihm erſchienen, und er machte ſich auf eine harte Geduldsprobe gefaßt, denn unter einer Stunde war an kein Vorkommen beim Gouverneur zu denken; da gewahrte er den Schneider⸗ meiſter Loͤbel, den deutſchen Patrioten, welcher mit ei⸗ nem wahren armen Suͤndergeſicht ſchuͤchtern in einer Ecke gedruͤckt ſtand und ſich vor Ruffus zu verſtecken ſchien. Guten Tag, Herr Lobel, auch Sie hier? frug Ruffus, der ſich eines Laͤchelns nicht erwehren konnte, aber in freundlichem theilnehmendem Tone. Der Schneider war zerknirſcht uͤber dieſe huldvolle Herablaſſung des jungen Mannes, dem er noch vor wenig Tagen ſo feindlich gegenuͤbergeſtanden. — 203— Ruffus erkundigte ſich nach dem Grunde von Lo⸗ bels Hierſein. Ach ich geſchlagner Mann, lamentirte der Schnei⸗ der, der verfluchte Patriotismus hat mich ins Malheur gebracht. Meine Frau hat ſich beim letzten Koſaken⸗ balle, dem wir aus purem unſinnigem Patriotismus beiwohnten, ſo total erkältet, daß ſie halb todt zu Bett liegt. Die Kinder ſchreien, die Arbeit ſtockt, die Ge⸗ ſellen, lauter Bluͤcherianer, ſind als Schirm der deut⸗ ſchen Freiheit mit nach Schleſien gezogen. Alles liegt auf mir. Nun ſind gar die Herren Franzoſen einge⸗ ruckt und haben mir Aermſtem ſechs Tambours von den Grenadieren ins Haus gelegt. Die verſtehen die Trom⸗ melei noch nicht aus dem Fundamente und uben ſich nun im Hof und Hauſe, von Sonnen⸗Aufgang bis Sonnen⸗Untergang. Alle Thuͤren ſind ſchon wind⸗ fluglig und die Ziegel auf dem Dache wackelig gewor⸗ den. Der Kalk fällt von den Wänden und meine Frau wirfts im Bette hin und her. Ste weiß von Gott und Menſchheit nichts mehr, denkt unfehlbar an den Weltuntergang und phantaſirt nur von Koſa⸗ ken. Wenn die Trommelei ſo fortgeht, wird ſie ſicher in die Ewigkeit hinubergetrommelt. Die Herren Tam⸗ bours nehmen keine Raiſon an; ſo ein kleiner Bougre — 204— der mit ſeiner Trommel das Haus von Grunde bis zum Dachſpahn durchſtobert, hat geſtern ein Paar Schinken, die ein Schatzgräber mit der Wuͤnſchelruthe nicht ausfindig gemacht haben wuͤrde, nebſt einigen an⸗ zuͤglichen Freskomalereien auf die hohe Perſon Seiner Majeſtaͤt des Kaiſers der Franzoſen und Koͤnigs von Italien, die ich, um die hohen Gaͤſte nicht zu alteriren, ſchonend ihren Blicken entzogen hatte, zu Tage gefoͤr⸗ dert, und ſeit der Zeit iſt die Trommelei gar keine menſchliche mehr. Nur ſo lange die Tambours die Schinken verzehrten, war Ruhe; aber das bauerte nicht lange und das Gewitter brach von Neuem herein, er⸗ ſchuͤtternder denn je. Natuͤrlich, die Schinken hatten neue Kraft gegeben, es waren Prachtſtuͤcke, hochverehr⸗ teſter Herr Guͤnther, Sie haben im Leben nichts Präch⸗ tigeres geſehen. Mein Schwager, der Fleiſcher Schmidt hatte als Ehrenmann gehandelt. Alles dahin. Fuͤr boͤſe Zeiten hatt' ich ſie verſargt. Wie ſie der kleine Tambour gefunden, bleibt mir ein Raͤthſel hienieden. Aber wiſſen Sie, hochverehrteſter Herr Guͤnther, wie es der kleine Tambour anfing, wenn er ſpionirte? Er legte die Haͤnde auf den Ruͤcken, ſtreckte den Kopf vor, nicht zu viel, ſo, ſehen Sie, wie ich's mache, hob die Naſenflugel ein klein Wenig, und ſo ſchlich er umher, — 205— Treppe auf, Treppe ab, im ganzen Hauſe durch alle Stuben und Kammern. Ich denke der Schlag ſoll mich an meinem lebendigen Leibe treffen, als ich zufal⸗ lich auf den Boden komme, wo die Schinken im dicken Sägeſpaͤhnkaſten unter den Dielen verſargt lagen, und den kleinen Tambour, ausgeſtreckt wie einen Aal, ſo lang wie er war, mit dem Bauche auf dem Fußboden ſehe. Dabei bewegte er den Kopf wie eine Schlange nach al⸗ len Seiten, ſprang dann auf, ſagte zu mir: Bougre und holte ein Beil. Ich dachte, jetzt gilts entweder Dir oder den Schinken. Der Angſtſchweiß trat mir hervor. Die Kllder ſchrien, die andern funf Tam⸗ bours wirbelten einen Triumphmarſch, wahrſcheinlich war ihnen die Kunde von der Entdeckung der Schin⸗ ken geworden. Ich war mehr todt als lebendig. Der kleine Tambour kehrte zuruͤck mit einem funkelnden Beile, ſagte wieder zu mir: Bougre, und hieb in die ſchoͤnen Dielen mit einer Vehemenz, als gelte es einen polniſchen Ochſen. Jeden Hieb fuhlte ich in beiden Kniekehlen, und als die Dielen brachen, fiel auch ich zu Boden, als waͤre ich ſelbſt getroffen. Der kleine Tam⸗ bour ließ ſich nicht ſtoͤren und foͤrderte die Schinken⸗ kiſte richtig zu Tage. Ich that, als merkte ich nichts davon und ſtellte mich mauſetodt. Mloͤtzlich erhielt ich —— — 206— eine ſolche wuͤthende Kopfnuß, wie ich ſie ſeit meiner Lehrzeit nicht erhalten, daß ich nicht anders glaubte, als der kleine Tambour wolle mich armen Mann erſchla⸗ gen. Ich ſprang daher ſo ſchnell als moglich auf. Da ſtand die ſchoͤne Schinkenkiſte, wie ſie leibte und lebte, wie ſie Gevatter und Nachbar Bär, der Raths⸗ polirer gefertigt. Der kleine Tambour hatte wie ein Bergmann gearbeitet; er ſtand aber jetzt vor mir, und ſo viel ich im erſten Schrecken wegkriegen konnte, mit furchtbarem Blicke und in der Hand hielt er die anzug⸗ lichen Freskogemaͤlde auf Seine Majeſtaͤt. Ich wußte bei dieſem entſetzlichen Anblick nicht, ob ich gleich noch einmal in Ohnmacht fallen, oder was ich thun ſollte. Der kleine Tambour aber ſagte wieder: Bougre, und beim jedesmaligen Bougre ſetzte es eine Kopfnuß, die ich auf den Kopf erhielt. Ich dachte, nun er wird doch einmal ausgebougret haben; aber das ging in Ei⸗ nem fort wie eine Klappmuͤhle. Ich konnte darauf nicht warten und zog mich Pas fuͤr Pas nach der Bo⸗ dentreppe zuruͤck, wobei ich allemal den vordern Fuß ganz unbemerkt zuruckzog und ihn ruͤckwärts in die britte Poſition ſchob. So bewegte ich mich, eine lebendige Bildſaͤule, der Bodentreppe zu. Der kleine Tambour folgte und ließ nicht nach in ſeinem Gebougre. Als — 207— ich die erſte Stufe hinab war, ſtand ich dem kleinen Tambour grade recht. Ich war jetzt mit ihm, da er. noch ganz oben ſtand, von gleicher Größe. Nun ſagte er nicht mehr Bougre, ſondern Coquin, aber auf die Kopfnuͤſſe hatte dieſe neue Lesart keinen Einfluß, die klappten wie vor. Es ging nun die Treppe vollends herab, ich ſtets eine Stufe tiefer, ſo liebte es der kleine Tambour. Meine Leiden nahmen erſt ein Ende, als mir freier Spielraum zur Flucht ward, die ich auch ohne weiteres Bedenken ergriff. Der Zorn der Welteroberer hinſichtlich der Fresko⸗ gemaͤlde war aber trotz der unzäligen Kopfnuͤſſe noch nicht geſtillt. Ich ward zehnklappernd in meinen eig⸗ nen Hof eskortirt. Hier zogen ſämmtliche ſechs Tam⸗ bours die Säbel. Ich dachte, ſo biſt du armer Lobel alſo doch geliefert, und fiel flehend auf die Knie. Aber ſie meinten es nicht ſo boͤs. Ich mußte nur knieend vor den Bildern Abbitte thun und ſie dann, eins nach dem andern, verzehren. An Napoleons Ruͤckzug aus Rußland hatte ich am meiſten zu wuͤrgen— der wollte gar nicht hinunter. Seine Majeſtät ſaß da ruͤckwaͤrts auf einem ungeheuren Eſel, wie es eigentlich in der Natur gar keinen Eſel geben kann. Aber der Kuͤnſtler hatte ſeiner Phantaſie freien Raum gelaſſen. — 208— Das Zeug ſchmeckte verteufelt; aber endlich gelang mir's doch den Eſel zu uͤberwaͤltigen und ihn zu verſchlingen. Ich ward vollkommen ſatt und erſparte die Mittags⸗ mahlzeit. Und Euer Anliegen hierſelbſt? ftug Ruffus. Daß ich die Tamboure loswerde, die Raſſaune, hochverehrteſter Herr Guͤnther, war die Antworp Meine Frau will himmeln und die Sech ſchlagen Allarm da⸗ bei, als ob ein General gefahren käme. Stiue Men⸗ ſchen will ich, meinetwegen noch einmat ſo viel, wenig⸗ ſtens keine Tambours, das wird mir kein Menſch ver⸗ denken. Ruffus gab ihm vollkommen Recht, meinte aber, ob nicht der Gemeinderichter in dieſer Sache Rath ſchaf⸗ fen koͤnnte. Bin uͤberall herumgelaufen, entgegnete der Ge⸗ plagte; aber Richter und Schoͤppen haben den Kopf verloren. Niemand greift mir unter die Arme, und wenn ich den Leuten erklaͤre, daß meine Frau, die ſich doch nur aus bloßem Patriotismus auf dem Koſaken⸗ balle ruinirt hat, nun vor den franzoſiſchen Tambours nicht erſterben koͤnne, lachen mich die Ochſen wie ver⸗ ruͤckt an. — 209— Auch Ruffus war das Lachen naͤher als der Ernſt. Er troͤſtete, ſo gut es gehen wollte, als ein dienſtthuender Adjutant, der ihn von fruͤher kannte, herantrat. Falls Sie Eile haben, ſprach er verbind⸗ lich, will ich Sie ſogleich anmelden. Jedem ſein Recht, lehnte Ruffus beſcheiden ab, die Leutchen hier haben laͤnger gewartet. Als der Schneider gewahrte, wie vertraulich Ruf⸗ fus mit dem ſtattlichen franzöſiſchen Offizier ſprach, welcher viele Orden und einen langen ſpitzen Degen trug, wollte er faſt erſterben in Demuth und Devotion. Ruffus dauerte die Jammergeſtalt. Gehen Sie getroſt nach Haus, Herr Lobel, ſprach er gutmuͤthig, ich werde mit dem Herrn Gouverneur ſprechen, daß Sie die Tambours los werben. O, Hochgebenedeieter, rief begeiſtert der Schneider und geberdete ſich ſo komiſch, daß ſelbſt die zuruckſtehen⸗ den Supplicanten, obſchon ihnen nur zu ernſt zu Muthe war, ſich des Lachens nicht enthalten konnten. Als Ruffus nach einiger Zeit beim Gouverneur eintrat, trat ihm dieſer auf das Freundſchaftlichſte enk⸗ gegen. Man kam alsbald auf die Einquartierung zu ſprechen, wo Ruffus Gelegenheit nahm, die Sache ſei— II. 14 — 210— ner beiden Clienten, Heimanns und Löbels, mit dem ihm eignen Humor vorzutragen. Der Gouverneur mußte mehremals laut auflachen. Uns iſt Nichts unbekannt, ſprach er in Bezug auf Heimanns Decoration, auch daß Fräulein Anna dem Kaiſer Alexander und Koͤnige von Preußen Blumen geſtreut, weiß ich recht wohl— doch ich mag es nicht wiſſen. Ich habe genug dagegen geeifert, verſicherte Ruf⸗ fus, aber tauben Leuten iſt ſchwer predigen. Apropos, fiel hier der Gouverneur ein, wie ſeid Ihr mit Eurer Einquartierung zufrieden? und eine beſondere Freundlichkeit uͤberzog bei dieſen Worten ſein Geſicht. Ich hoffe, erwiderte Ruffus, daß wir werden zufrieden ſein, erſt dieſen Morgen ſtellte ſie ſich ein. Es ſind ein paar junge Leute, zwar Gemeine, aber ſie ſcheinen gebildet und von guter Familie. Das will ich glauben, ſcherzte Duͤrosnel, hab ich ſie doch aus der ganzen Garniſon fur Euch ausgeſucht. Wirklich? frug Ruffus freudig erſtaunt, Ew. Excellenz koͤnnen wir nur dankbar dafur ſein. Die beiden herrlichen Jungen ſtehen unter mei⸗ nem ſpeciellen vaͤterlichen Schutze, darum wußte ich — 211— kein paſſenderes Quartier fuͤr ſie. Der eine heißt Eugen und iſt der Sohn des reichen Bankier Nor⸗ mands aus Paris, der andere, Jerome Lagrange, gleichfalls ein Pariſer, ein weitlaͤuftiger Vetter von mir. Ruffus war jetzt das Rathſel, daß ſeine Familie mit keinem Offizier hoͤhern Ranges bedacht worden, geloͤſt. Er trug nochmals die Sache ſeiner beiden Pe⸗ tenten vor. Der Gouverneur warf lachend ein paar Worte auf einen Papierſtreifen, die er der eintreten⸗ den Ordonnanz uͤbergab. In einem Stuͤndchen wird das Recept gewirkt haben und bei Herrn Heimann und Loͤbel eine wohl⸗ thaͤtige Ausleerung erfolgt ſein. Da der Vorſaal noch immer von Supplicanten wimmelte, ſo wollte Ruffus nicht laͤnger ſeinen Goͤn⸗ ner der koſtbaren Zeit berauben, und er empfahl ſich mit vielem Danke fur die huldvolle Gewaͤhrung ſeiner Bitten. Gern geſchehen, ſprach Duͤrosnel, ihm die Hand zum Abſchied reichend. Huͤtet Euch nur kuͤnftig, warnte er freundlich, vor unzeitigem Patriotismus. Unreife Fruchte gedeihen nie. Sobald ich uͤbrigens hier ein Wenig Luft bekomme, werde ich die alten Wirthsleute heimſuchen, und meine beiden Schutz⸗ 14* —— — 212— befohlnen inſpiciren. Ich empfehle ſie Eurer beſon⸗ dern Fuͤrſorge. 3 Sie koͤnnen nicht beſſer aufgehoben ſein, verſichette Ruffus. Er entfernte ſich, einem neuen Supplicanten Platz machend. — Eilftes Kapitel. Als Ruffus nach Hauſe zuruckgekehrt war, fand er die beiden Franzoſen ſchon ziemlich eingerichtet. Das eine Zimmer ging nach dem, im ſchoͤnſten Fruͤhlingsgruͤn prangenden Garten hinaus. Hier ſtanden ſie um einen Tiſch, eine treffliche Karte des Kriegsſchauplatzes vor ſich ausgebreitet. Jerome verlas aus einem Manu⸗ ſcripte die Operationen der franzoſiſchen Armee, ſeit Eroͤffnung des Feldzuges. Dem Ruffus kam das ſehr erwuͤnſcht. Er hatte außer luͤckenhaften Zeitungsnachrichten und parteiiſchen Bul⸗ letins noch keinen wahrhaften und vollſtändigen Be⸗ richt uͤber die beruhmte Schlacht von Luͤtzen oder Groß⸗ Goͤrſchen geleſen. Unſere Mittheilung hier, ſprach Jerome, iſt aller⸗ dings aus der Feder des Siegers gefloſſen. Sie ruͤhrt — 214— unmittelbar aus dem Cabinete des Kaiſers her, und hat den Cabinets⸗Secretaͤr Fain zum Verfaſſer; aber nach dem Urtheile vieler unparteiiſchen Oberoffiziere ſoll ſie mit der Wahrheit ziemlich uͤbereinſtimmen. Es wird zur beſſern Einſicht fuͤr unſern Gaſt⸗ freund ſein, ſprach Eugen freundlich, wenn Du die Operationen gleich vom Beginn des Feldzuges noch einmal wiederholſt. Von Herzen gern, ſprach Jerome, und Ruffus nahm das Anerbieten ſehr gern an. Unſere Armee, begann der junge Gardiſt, hatte Thuͤringen duſchzogen und enthuͤllte ihre Bewegungen gegen die Saale. Napoleon reiſt am 28. April von Erfurt ab und beginnt den Feldzug. Er nimmt den Weg uͤber Weimar, wo er der regierenden Großherzo⸗ gin einen Beſuch abſtattet. Zum zweitenmale erſcheint er, von einer Armee umgeben, vor dieſer Furſtin; im Jahre 1806 von dem Schlachtfelde von Jena zuruͤck⸗ kommend, jetzt dahin zuruͤckkehrend. Das iſt ſeltſam, fiel hier Ruffus ein, an demſel⸗ ben Tage reiſte Kaiſer Alexander von hier nach Töplitz, zu einem Beſuche der Erbgroßherzogin, ſeiner Schweſter. Nach dieſem Beſuche, faͤhrt der Vorleſer fort, ſteigt der Kaiſer zu Pferde, und macht den erſten Militair⸗ — 215— zug an der Spitze der Dienſtſchwadronen der Garde. Er hatte Muͤhe, ſich mitten unter den Colonnen aller Waffen, welche die Straße bedeckten, Platz zu verſchaf⸗ fen. Unſere Conſcribirten draͤngten ſich um ihn; die Meiſten ſahen ihn zum erſtenmale, und alle betrach⸗ teten ihn mit Bewunderung. Die erſten Vorſtände ſeines Hauſes und der Armee umgaben ihn. Man eblickte an ſeiner Seite den Fuͤrſten von Neuſfchatel, die Marſchaͤlle der Garde; den Herzog von Friaul, Gwßmarſchall des Palaſtes; den Herzog von Vizenza, DObeſtallmeiſter; den Grafen Daruͤ, Miniſter⸗Staats⸗ ſecrenir. Auf dieſe folgen ſeine Adjutanten, faſt lau⸗ ter Generale, mit dem Unterſcheidungszeichen ihres Grades geſchmuͤckt, und die zwolf Ordonnanzoffiziere in himmelblauen Uniformen mit prachtvoller Silber⸗ ſtickerei. Mehre Offiziere des kaiſerlichen Hauſes haben ſich dieſem militäriſchen Zug angeſchloſſen, und der Ge⸗ neralſtab der Armee erhoͤht noch die glaͤnzende Suite des Kaiſers. Die Verluſtt des ruſſiſchen Feldzuges ſind erſetzt. Jeder hat ſich neu equipirt; Sattel und Zeug, Unifor⸗ men und Livreen, Alles iſt neu. Die Pferde friſch und feurig. Dieſer erſte Tag wird zur Recognoszirung — 216— verwendet. Jeder nimmt ſeine Stelle, ſeinen Rang ein. Ueberall ſtellt ſich die Ordnung her. Auf allen Geſichtern erblickt man den Frohſinn des Muthes und des Vertrauens. Wie hat ſich in wenigen Stunden Alles veraͤndert. Der Friedenszuſtand iſt verſchwunden, und der unmit⸗ telbar bevorſtehende Krieg verkuͤndet ſich durch den Ruf der Soldaten, die Wagenburgen, Artillerieparks, das Getoͤs der Waffen, und vorzuͤglich durch den Glanz der Bivouakfeuer, welche die ganze Ebene beleuchteten. Am 20. April waren die Armeen des Fuͤrſten bon der Moskwa, die kaiſerliche Garde, die Arme des Marſchalls Marmont, auf der Straße von Hanburg vorgeruͤckt und durch den bekannten Engpaß bei Auer⸗ ſtädt in das Saalthal hinabgeſtiegen. Rechts in dieſem Thale, zwiſchen Camburg und Dornburg, ſtand das vierte Corps, unter General Bertrand. Etwas weiter auf der Seite gen Saalfeld, bildete das zwoͤlfte Corps unter Oudinot, Herzog von Reggio, den äußerſten rechten Fluͤgel.“ Links zwiſchen Querfurt und Halle manovrirte die Armee des Prinzen Eugen, um ſich der Hauptar⸗ mee zu naͤhern. Die Marſchaͤlle Victor und Macdonald und General Lauriſton commandiren unter Eugen. — 217— So hat die große Armee die Saale von Saalfeld bis an die Elbe beſetzt. Man hoͤrt aus der Ferne Kanonendonner, von der Seite des General Lauriſton und Herzogs von Ta⸗ rent. Erſtrer feuert auf die Preußen vor Halle. Der Marſchall Macdonald hat auf der Bruͤcke von Merſe⸗ burg daſſelbe Corps des General York wieder getrof⸗ fen, das ihn am Niemen verlaſſen hatte, und ſeine erſten Schlaͤge treffen auf York. Von der Seite, auf welcher ſich der Kaiſer befin⸗ det, läßt General Souham durch ſeine Avantgarden die erſten ihm aufſtoßenden feindlichen Truppen zu⸗ ruͤckwerfen, und dieſes erſte Gefecht findet gleichfalls beim Uebergang uber die Saale ſtatt. Man kommt nach Naumburg. Der Marſchall Ney treibt ſogleich die Spitze ſeiner Colonnen auf der Straße von Weißenfels vor. Der Kaiſer war kaum zu Pferde geſtiegen, als ſich ihm ein Adjutant des Prinzen Eugen vorſtellt. Die⸗ ſer Offizier bringt die Nachricht, daß die Armee des Prinzen bei Merſeburg uͤber die Saale geht. Die Vereinigung der beiden Armeen iſt nun er⸗ folgt. Die Veteranen von Moskau reichen den jun⸗ gen Conſtribirten die Hand, welche das Vaterland — 5— ihnen ſendet. Und von dieſem Augenblicke an hat Frankreich wieder die Offenſive ergriffen! Dies iſt das Reſultat unſers erſten Marſches. Jetzt ſind nur noch die Preußen unter Kleiſt, welche bei Halle ſtehen, die Preußen unter York zu Merſeburg und die Ruſſen unter Winzigerode bei Naumburg, nach Leipzig zuruͤckzubringen. Am 30. April ruͤckt die Armee nach Weißen⸗ fels vor. Die Diviſion Souham bildet die Avantgarde. Bei ihrer Ankunft zu Weißenfels ſtößt ſie auf feind⸗ liche Cavallerie. Der General Souham ſelbſt iſt von aller Cavallerie entbloͤßt. Doch ohne ſolche zu erwar⸗ ten, marſchirt er gegen den Feind. Die Ruſſen fah⸗ ren zwölf Kanonen auf, die Franzoſen eine gleiche Zahl. Es beginnt eine heftige Kanonade. Der Feind verſucht wiederholte Angriffe, wird aber durch Pelotonfeuer unſerer Quarré's zuruckgeworfen. Die Ruſſen entſchließen ſich zum Ruͤckzuge, und unſre jun⸗ gen Soldaten, ſtolz auf ihren erſten Sieg, ziehen unter dem Rufe:„Es lebe der Kaiſer!“ die ſchako's auf den Flinten, in Weißenfels ein. Am 1. Mai erfaͤhrt der Kaiſer um 3 Uhr Mor⸗ gens, die Vorpoſten hätten einen ſtarken feindlichen — 219— Nachtrab ſignaliſirt, der ſich auf den Hoͤhen von Po⸗ ſerna zu halten ſcheine. Er ſetzt ſich ſogleich zu Pferde, von ſeinem ganzen Gefolge begleitet. Die Straße uͤber Weißenfels hinaus ſenkt ſich in das Thal von Gruͤnbach, wo die Doͤrfer Rippach und Poſerna liegen; auf der entgegengeſetzten Seite ſteigt es wieder aufwärts und fuͤhrt dann auf die große Ebene von Luͤtzen und Pegau. Dieſen Engpaß ſcheint der Feind vertheidigen zu wollen. Der General Winzigerode beſetzt die Hoͤhen mit 6 Kanonen und mit bedeutenden Infanterie- und Kavalleriemaſſen. Der Kaiſer giebt ſogleich Befehl, dieſe Stellung zu nehmen. Die Diviſion Souham bildet noch im⸗ mer die Avantgarde. Unſre Veteranen betrachten mit Theilnahme die Manoͤvres unſrer Conſcribirten. Die Armee hat keine Kavallerie, die Gardekavallerie iſt noch um ein paar Tagemaͤrſche zuruͤck. Wir betreten die großen Ebenen Sachſens; dort erwarten uns Schlach⸗ ten, und junge Infanterie iſt unſere einzige Stuͤtze, ſie zu gewinnen. Die Diviſion Souham bildet Quarré's. Dahin ſtellte ſich ein Huſarenregiment und die Badenſchen Dragoner auf, die beiden einzigen Kavallerieregimꝝ⸗ Fn — 220— ter, die in der Linie ſind. Hierauf kommen die Divi⸗ ſionen Gerard und Marchand, gleichfalls in Quarré's formirt. Das Gefecht beginnt, und gleich bei den erſten Schuͤſſen erfährt die Armee einen grauſamen Verluſt. Marſchall Beſſitres, Herzog von Iſtrien und Obercommandeur der geſammten Gardekavallerie, auf die Stelle eines bloßen Zuſchauers beſchränkt, hatte ſich auf den linken Fluͤgel zu den Tirailleurs geſtellt. Der Feind zielt ſogleich auf dieſen Haufen von Rei⸗ tern. Der erſte Schuß trifft und wirft den Briga⸗ dier der Begleitung zu Boden. Im Augenblick, wo der Marſchall befiehlt, dieſem Tapfern auf dem Felde ein Grab zu bereiten, wird er ſelbſt von einer zweiten Kugel getroffen. 4 Der Herzog von Iſtrien hatte ſeit den erſten Feld⸗ zuͤgen von Italien, alſo ſeit ſechzehn Jahren, immer in verſchiedenen Graden die Garden Napoleons befeh⸗ ligt, dem er in alle Feldzuͤge und alle Schlachten ge⸗ folgt war. Dieſer Marſchall, den man mit Recht tapfer und gerecht nennen konnte, zeichnete ſich eben ſowohl durch ſeinen militairiſchen Blick und durch ſeine große Erfahrung in der Waffe der Kavallerie, wie durch ſeine Tugenden als Buͤrger, und ſeine Anhang⸗ lichkeit an den Kaiſer aus. Indeß war das erſte Quarré im Sturmſchritt unter dem Rufe:„Es lebe der Kaiſer!“ durch den Engpaß gedrungen. Die drei andern vertreiben den Feind von der Hoͤhe und h ihn auf der Straße nach Luͤtzen. Die nachruͤckende Diviſion Gerard nimmt ihre Richtung gegen Pegau. Der Feind aber erhält große Verſtaͤrkungen. Es entwickelt ſich eine zahlreiche Ka⸗ vallerie und ſeine Artillerie zaͤhlt bald uͤber zwanzig Kanonen. Die Kanonade beginnt von Neuem auf's Hef⸗ tigſte. Endlich muß ſich der Feind zuruͤckziehen. Die franzoͤſiſche Armee folgt auf der Straße von Luͤtzen. Das kaiſerliche Hauptquartier befindet ſich auf dem Amthauſe zu Luͤtzen. Grenadiere der alten Garde, welche den Winterfeldzug mitgemacht haben, ſind von der Armee des Prinzen Eugen angelangt. Sie beſe⸗ tzen ſogleich die Ehrenpoſten beim kaiſerlichen Haupt⸗ quartier. Die junge Garde bivouakirt vorwaͤrts auf der Straße von Leipzig. Sie umgibt die Pyramide Gu⸗ ſtav Adoiphs. Man ſtellt Wachen aus, um die — 222— Baͤume, welche das alte Denkmal beſchatten, vor dem Beile der Sapeurs zu ſchutzen. Marſchall Ney vertheilt ſeine Armee in den Doͤr⸗ fern zwiſchen Lutzen und Pegau. Sie heißen Rahna, Kaya, Groß- und Klein-Goͤrſchen. Der Augenblick ihrer Zerſtoͤrung iſt gekommen. Am zweiten Mai war die Armee aufgebrochen, um nach Leipzig zu gelangen. General Lauriſton iſt auf der Straße von Merſeburg vorangezogen. Er langt Morgens 9 Uhr bei Lindenau an, wo er Wi⸗ derſtand findet und den Uebergang uͤber die Elſter und Pleiße mit Kanonen vorbereitet. Uum 10 Uhr war die Straße von Weißenfels bis Lindenau mit der franzoſiſchen Armee bedeckt, welche eine lange Reihe von Truppen, Artillerie, Equipagen, mit einem Worte alle Verwirrung einer im Marſch begriffenen Armee darbietet. Die rechte Flanke dieſer endloſen Colonne blieb auf der Hoͤhe von Lutzen durch die Armee des Fuͤrſten von der Moskwa gedeckt, welche noch die genannten vier Doͤrfer im Beſitz hatte. Der Kaiſer war um 9 Uhr zu Pferde. Er hoͤrte die Kanonen des General Lauriſton und beeilte ſeine Ankunft in Leipzig. Die zahlreiche Cavallerie des — 223— Feindes hatte uns bis jetzt alle Straßen verhuͤllt, und verbarg uns die Bewegungen der entgegenſtehenden Armee. Indeſſen glaubte der Kaiſer, die Maſſen des Fein⸗ des wuͤrden uns in den Ebenen von Leipzig erwarten. Der Beſitz dieſer Stadt ſollte daher ſchnell unſter Un⸗ gewißheit ein Ende machen. Napoleon hatte beſon⸗ ders empfohlen, bei Ankunft daſelbſt ſich ſogleich der Briefe auf der Poſt zu bemachtigen, und alle Nach⸗ richten einzuholen, welche in dieſer Hauptſtadt des deutſchen Handels in Maſſe vorhanden ſein muͤßten. Er verlangte, ſeine Secretaire und Dollmetſcher ſoll⸗ ten mit ihm zugleich daſelbſt ankommen. Seine ganze Umgebung war zu Pferde, um ihm ſchnell fol⸗ gen zu koͤnnen. Um 5 Uhr Vormittags war der Kaiſer beim Denk⸗ mal Guſtav Adolph's vorbeigeritten. Dort war er mit dem Prinzen Eugen zuſammengeſtoßen. Der Fuͤrſt von der Moskwa befand ſich an ſeiner Seite, um ſeine Befehle fuͤr den uͤbrigen Tag einzuholen. Man ruͤckte immer vor und vernahm bereits die Flin⸗ tenſchuͤſſe der Avantgarde bei den erſten Haͤuſern von Leipzig. — 2 Der Kaiſer war ungeduldig. Er wollte wiſſen, ob der Widerſtand ernſthaft ſei. Er ſtieg vom Pferde und richtete ſein Fernrohr nach der Stadt. Da ſah er die Daͤcher mit Einwohnern bedeckt, welche dem Kampfe zuſchauten. In dem Augenblicke, wo er bemerkt, daß ſich keine feindliche Macht jenſeits der Stadt darbietet, ver⸗ nimmt man einen furchtbaren Kanonendonner auf un⸗ ſerm rechten Fluͤgel, beinahe hinter uns, wo die Trup⸗ pen des Fuͤrſten von der Moskwa Poſto gefaßt haben. Der Kaiſer wendet ſich ſogleich nach dieſer Seite des furchterlichſten Kanonendonners, und Marſchall Ney jagt mit verhaͤngtem Zuͤgel nach ſeinem Poſten. Die Aufmerkſamkeit iſt fortwaͤhrend auf dieſen Punkt gerichtet. Bald entdeckt das Auge im Grunde der Flaͤche mehre dunkelſchwarze Colonnen. Der Kai⸗ ſer beobachtet die Richtung des Angriffs. Adjutanten fliegen herbei. Ihre Berichte ſind beunruhigend. Rauchſaͤulen ſteigen aus den Doͤrfern mitten auf der Ebene empor. Es iſt die ganze feindliche Armee, welche von Pegau herzieht und uns in die Flanken fällt. Der Kaiſer faßt ſogleich ſeinen Entſchluß. Wir haben keine Cavallerie, ſagte er, was liegt daran? Das wird eine Schlacht von Aegypten. Ich vertraue — 225— ohne Furcht der eingebornen Tapferkeit unſrer jungen Conſeribirten. Die Truppen des Herzogs von Tarent, die ſchon auf der Straße gen Leipzig voraus ſind, muͤſſen Halt machen, umkehren und den linken Fluͤgel bilden. Der Vicekoönig hat den Kaiſer verlaſſen, um ſich an ihre Spitze zu ſtellen. Sie brauchen aber drei Stunden zu dieſer Bewegung. Wie, frug hier Ruffus ganz erſtaunt, ſo ſcheint Napoleon weder an dieſem Tage noch in dieſer Stel⸗ lung den Angriff erwartet zu haben? Allerdings hatte er ihn nicht erwartet, erwiderte Eugen, und alle unſte Strategen und ſelbſt gefangene einſichtsvolle Offiziere geſtehen offenherzig, daß dieſes reſolvirte Kehrt der ganzen im vollen Marſche befind⸗ lich geweſenen Armee zu den größten Meiſterſtuͤcken Napoleons gehoͤre. Jerome fuhr fort: Man ſchickt in aller Eile Or⸗ donnanzoffiziere an den Herzog von Raguſa, welcher noch hinter Luͤtzen zuruͤck, ſeinen Marſch zu beſchleu⸗ nigen und querfeldein gegen den Feind zu rucken. Er ſoll den rechten Fluͤgel bilden. Mit derſelben Schnelligkeit wird General Ber⸗ II. 15 trand, der noch weiter zuruck, benachrichtigt, den Her⸗ zog von Raguſa zu unterſtuͤtzen. Alle Truppen aber, welche in Colonnen auf der Straße von Leipzig ſind, machen zwiſchen Luͤtzen und 3 Markranſtaͤdt Halt, ſchließen ſich aneinander, ma⸗ chen eine halbe Schwenkung rechts und entwickeln ſogleich ihre Linie in der Ebene. Die meiſtentheils aus jungen Soldaten beſtehende Armee fuͤhrt dieſes große Manoͤver mit bewunderungswuͤrdiger Hal⸗ tung aus. Während ſo die Armee im Sturmſchritt dem Fuͤr⸗ ſten von der Moskwa zu Hilfe eilt, ſprengt der Kai⸗ ſer voran und begiebt ſich perſoͤnlich an die Stelle, wo ihn der Kanonendonner ruft. Daß die verbuͤndete Armee ſo unerwartet uns in die Flanke fiel, erktaͤrt ſich daraus. Wahrend die ge⸗ ſammte franzoͤſiſche Streitmacht die Straße nach Leip⸗ zig eingeſchlagen hatte, waren die Verbuͤndeten auf der geraden Straße von Dresden nach Jena uͤber Al⸗ tenburg vorgedrungen Miloradöwitſch war an der Spitze und befand ſich bereits zwiſchen Altenburg und Gera. Bluͤcher mit ſeinen Preußen, den Garden und andern Kerntruppen zog in der Mitte, und Tormaſow bildete die Arriergarde. — 227— Die Verbuͤndeten vermutheten Napoleon noch in Erfurt. Man glaubte noch zu gehoͤriger Zeit auf die Ebene von Jena vorruͤcken zu koͤnnen, um die alte Schmach zu rachen. Das Treffen bei Weißenfels hatte ihnen aber bald den wahren Zuſtand der Dinge enthuͤllt. Ber Kaiſer Napoleon war bereits uͤber die Colonnen hereingedrungen, hatte die Saale paſſirt, und ſeine Vereinigung mit Eugen bewirkt, und an ihrem rechten Flugel bloß in der Entfernung von we⸗ nigen Stunden vordringend, drohte er ſie an der Pleiße im Ruͤcken zu nehmen und ihre Communica⸗ tion mit Dresden abzuſchneiden. Von nun an muß⸗ ten ſie von ihrem Lieblingsplane, auf Jena zu mar⸗ ſchiren, abſtehen. Man entſchloß ſich he, den Augenblick zu er⸗ greifen, während die Franzoſen auf Leipzig marſchir⸗ ten, ihnen in die Flanke zu fallen und mit fuͤnfund⸗ zwanzigtauſend Reitern die Verbindung mit der Saale abzuſchneiden. Die ganze feindliche Armee hatte demnach die Nacht vom erſten zum zweiten Mai nicht weiter als drei Stunden von uns zugebracht und ſtand in Pa⸗ rallele mit unſrer Linie. Am 2. Mai Morgens hatte der feindliche General 15* — 228— bei dem Kanonendonner von Lindenau und bei der Ueberzeugung, daß bereits der groͤßte Theil der franzoͤ⸗ ſiſchen Armee ſich daſelbſt befinde, den Augenblick fuͤr guͤnſtig gehalten, ſeine Infanterie auf die Straße von Lutzen zu werfen und die fuͤnfundzwanzigtauſend Rei⸗ ter auf Weißenfels vorruͤcken zu laſſen. Bluͤcher drang daher gegen die genannten vier Doͤrfer vor, wo der Fuͤrſt von der Moskwa die rechte Flanke der franzoͤſiſchen Armee deckte. Der preußiſche Feldherr bringt allmaͤhlig alle ſeine Truppen in's Feuer, und ruft, da er ſich noch nicht hinreichend fuͤhlt, die Armee von York zu ſich. Nachdem Wittgenſtein einmal im Kampfe war, dachte er nur darauf, den Angriff auszuhalten. Er verwandte dazu einen Theil ſeiner Reſerse. Auf dem linken Fluͤgel hat er uͤber Tormaſow und ſeine Kaval⸗ lerie verfuͤgt, um den rechten Fluͤgel des Fuͤrſten von der Moskwa zu umgehen. Der Kampf im Centro iſt furchtbar. Der Feind will um jeden Preis auf Luͤtzen vordringen. Es gelingt ihm, die vier Doͤrfer zu nehmen. Nur die Gegenwart Napoleons konnte das Vor⸗ dringen der Preußen aufhalten, und dem Gluͤck eine andere Richtung geben. Unſere jungen Conſcribirten ſie ſtaffelweiſe in Quarri⸗Bataillonen zwiſchen Lutzen — 229— wollten bei dem auf ſie eindringenden Sturm nicht flie⸗ hen, ſchweiften auf den Feldern umher unter dem fort⸗ währenden Rufe:„Es lebe der Kaiſer!“ Dieſer langt in Galopp an, und ſein Anblick bringt die ge⸗ wohnte begeiſterte Wirkung hervor. Der Enthuſias⸗ mus des Siegs zeigt ſich wieder auf allen dieſen zum Theil blutenden Geſichtern. Die Reihen bildeten ſich von Neuem, die Angriffscolonnen wurden dichter und der Kampf begann mit neuer Wuth. Das iſt durchaus nicht uͤbertrieben, rief hier Eu⸗ gen, von der Erinnerung noch begeiſtert, wir ſelbſt wa⸗ ren dabei. Die Sachen ſtanden wirklich mißlich, als die Ankunft Napoleons Alles veraͤnderte. Alle wur⸗ den wunderbar begeiſtert; Alle ſtuͤrzten wieder kampf⸗ gluͤhend, blutend vorwaͤrts. Ein raſtloſes Vive Pem⸗ pereut! drang jubelnd über den Kanonendonner hin⸗ aus. Selbſt die zum Tode Getroffenen ſtimmten mit dem letzten Hauche ein. Mit eignen Ohren habe ich den Ruf dieſer halbtodten Begeiſterten gehoͤrt, und es waren faſt lauter junge Conſcribirte, welche noch nie im Feuer geſtanden hatten. Jerome fuhr fort: Kurz darauf erſcheint die Garde. Napoleon laͤßt — 230— und Kaya aufmarſchiren. Die beiden einzigen Kaval⸗ lerieregimenter, uber die man verfugen kann, ruͤcken auf dem rechten Flugel vor und tauſchen durch die Energie ihrer Angriffe uber ihre kleine Anzahl. Das Dorf Kaya iſt der. Schluſſel der Poſition. Das erkennt der Kaiſer und ihn muß er haben, es koſte was es wolle. Er uͤbertraͤgt ſeinem Adjutanten, dem Grafen von der Lobau, den Angriff. Die Con⸗ ſcribirten der Diviſion Ricard werden von dieſem Ve⸗ teranen wieder ins Feuer zuruckgefuͤhrt. Man ver⸗ nimmt das furchtbarſte Musketenfeuer. Bald aber folgte dem Geſchrei der Stuͤrmenden eine augenblick⸗ liche Stille. Das Dorf iſt wieder genommen. Faſt zu derſelben Zeit tritt auf unſerm rechten Fluͤ⸗ gel die Armee des Herzogs von Raguſa, der noch zu⸗ ruͤck war und von Napoleon zur Eile gemahnt worden, in die Linie. Die Kavallerie⸗ und Infanteriemaſſen, welche der Feind nach Weißenfels werfen wollte, wer⸗ den aufgehalten. Eine Diviſion der Marine-Soldaten empfaͤngt den erſten Stoß derſelben. Dieſe tapfere, von einer finſtern Wolke Kavallerie uͤberſchwemmte, Infänterie ſchließt ſtaffelweiſe Quarri⸗Bataillons. Sie wird vom General Compans commandirt, halt ſieben der — 231— 8 heftigſten Angriffe aus, und verſchafft dadurch dem uͤbrigen rechten Fluͤgel Zeit, ſich vollends zu entwickeln. Alle Macht aber, uber welche Wittgenſtein zu ver⸗ fugen hat, ſtrömt nun unaufhörlich gegen das Cen⸗ trum. Die Hauptanſtrengungen der geſammten feind⸗ lichen Infanterie- und Artilleriemaſſen ſind auf Luͤtzen gerichtet. Marſchall Ney, der Fuͤrſt von der Moskwa, iſt uͤberall. Die Hauptmacht des Feindes bricht uͤber ihn herein. Sein Chef des Generalſtabs, General Goure, wird an ſeiner Seite getödtet. General Girard ſinkt von mehren Kugeln getroffen, will ſich aber nicht vom Schlachtfelde entfernen und erklärt, im Commando ſterben zu wollen, weil jetzt der Augenblick gekommen, wo alle Franzoſen von Herz entweder ſiegen oder ſter⸗ ben muͤßten. General Brennier fällt verwundet. Des⸗ gleichen die Generale Cheminaur und Guillot. Ge⸗ neral Gruner wird getödtet. Die Ordonnanzoffiziere Pretet und Beranger werden bei Ueberbringung von Befehlen des Kaiſers von Kugeln getroffen. Abet Souham, Ricard und Marchand bleiben mitten im Feuer unverletzt. Man ſchlägt ſich ſchon ſeit länger als vier Stunden mit einer unerhoͤrten Erbitterung. Die vier wichtigen Dörfer werden ge⸗ —— nommen und wieder verloren, und die Schlacht ſcheint all ihr Fuer erſchoͤpfen zu wollen, ohne daß eine der kaͤmpfenden Parteien an den Ruͤckzug denkt. Die Conſcribirten Frankreichs und die Jugend Preußens, die Bluͤthe der nordiſchen Univerſitäten, die Soͤhne der edelſten Familien von Berlin und Paris, kaͤmpfen hier Mann gegen Mann auf den Truͤmmern ungluͤck⸗ licher Doͤrfer. Von beiden Seiten iſt es der erſte Waffenverſuch, von beiden Seiten entſpricht die glän⸗ zende Jugend mit gleichem Eifer dem Kriegsruf. Warum ſollten die Ufer der Seine tiefer bekuͤmmert ſein, als die der Spree. Sollten ſich nicht vielmehr beide Nationen von gleichem Stolze beſeelt fuͤhlen, ſolchen Soͤhnen das Daſein gegeben zu haben? Mehr als drei Viertheile des Verluſtes an dieſem Tage traf die preußiſche Armee. Die Garden und Berliner Freiwilligen litten am meiſten. Sie kaͤmpften unter den Augen ihrer Souveraine. Der Kaiſer Alexander und Koͤnig von Preußen hielten auf einem Huͤgel hinter Groß⸗Goͤrſchen, und ermu⸗ thigten durch ihren Anblick die Angriffe ih⸗ rer Generale. Ihnen gegenuͤber ſtand der Kaiſer Napoleon, in halber Kanonenſchußweite, und unterhält trotz der klei⸗ * — 233— nern Anzahl, den Kampf. Er iſt beſorgt, die ermat⸗ teten Truppen immer durch friſche abloͤſen zu laſſen, beeilt die Ankunft der Verſtaͤrkung, ſammelt ſelbſt hin⸗ ter der Fronte der erſten Linie die zuruckgefuͤhrten Ba⸗ taillone, ſo daß er mitten in dieſer großen Unordnung immer neue Linien dem Feinde gegenuͤber zu ſtellen hat. Da ſteigt in der Ferne Rauch auf. Man ver⸗ nimmt zur Rechten die Kanonen des zu Hilfe eilenden General Bertrands. In denſelben Augenblicken don⸗ nert auf der linken Seite Eugen und Marſchall Mac⸗ donald heran, das eilfte Korps hat ſeine Manoͤvers vollendet, tritt in die Linie und ſturzt ſich auf die Doͤr⸗ fer, an welche der Feind ſeinen rechten Fluͤgel ſtutzt. Die beiden franzöſiſchen Fluͤgel verlaͤngern ſich nun wie die Hoͤrner eines großen Halbmondes, und drohen die feindliche Macht, die ſich unaufhoͤrlich im Centro angehaͤuft hat, zu umwickeln. Der feindliche General en Chef erblickt die immer mehr zunehmende Gefahr, beſteht aber hartnäckig dar⸗ auf, noch einen entſcheidenden Angriff auf Kaya zu unternehmen. Der preußiſche General Scharnhorſt und der Prinz von Mecklenburg-Strelitz ſind toͤdtlich verwundet. Prinz Leopold von Heſſen-Homburg — 234— findet ſeinen Tod. Blucher ſelbſt iſt verwundet. Mit Rieſengewalt dringen die Preußen abermals vor und nehmen das Dorf. Unſer Centrum wankt, einige Bataillone loͤſen ſich auf. Da wirft ſich ihnen Na⸗ poleon nochmals in den Weg. Conſcribirte! ruft er, auf Euch hatte ich meine Hoffnung geſetzt und Ihr flieht! Auf dieſen Ruf hält die tapfere Jugend ſo⸗ gleich ſtill und ruckt wieder vor. Der wichtige Augenblick, der uͤber den Gewinn oder Verluſt einer Schlacht entſcheidet, iſt gekommen. Kein Augenblick iſt mehr zu verlieren. Der Kaiſer befiehlt den ſechzehn Bataillonen junger Garde unter dem tapfern General Duͤmouſtier vorzuruͤcken, und dem Herzog von Treviſo befiehlt er, Kaya zu nehmen, und Alles, was ſich dort vorfindet, zuruͤckzuwerfen. Dann laßt er ſechs Bataillone der alten Garde in zweiter Linie aufſtellen. um aber dieſen Angriff zu einem unwiderſteh⸗ lichen zu machen, befiehlt er eine Batterie von achtzig Kanonen aufzufahren, dieſe in ſchiefer Richtung aufzu⸗ ſtellen und ſo das Dorf von der rechten Seite zu be⸗ ſtreichen. Eine Bewegung von dieſer Wichtigkeit iſt die Sache eines Augenblicks. Der Kaiſer iſt mitten unter den Kanonen, die der Feind mit Kartätſchen be⸗ deckt. Zu gleicher Zeit ſturzt ſich die junge Garde auf Kaya. Der Herzog von Treviſo iſt an ihrer Spitze. Er verſchwindet im Handgemenge, ſein Pferd wird erſchoſſen. Neben ihm ſtuͤrzt General Dumvouſtier. Beide machen ſich aber unverletzt von ihren Pferden los und fuhren die ſtüͤrmenden Schaaren unaufhorlich vorwaͤrts. Diesmal kaͤmpften unſre Conſcribirten gegen die Veteranen der ruſſiſchen Armee. Sie neh⸗ men das Dorf, werfen den Feind und verfolgen ihn. Endlich fängt dieſe Maſſe von Feuer, Rauch und Staub, die ſo lange auf demſelben Punkte der Ebene unbeweglich geſtanden, an, ſich zu ruͤhren, und drängt gegen die Doͤrfer, von denen ſie hergekommen, zuruͤck. Der ſchwächer hallende Kanonendonner beweiſt, daß ſich der Feind auf allen Seiten zuruckzieht. Napoleon ruft einen pelniſchen General aus ſeiner Suite heran. Reiſen Sie nach Krakau, ſagte er zu ihm, und geben Sie Nachricht von meinem Siege. Dies war die einzige Abfertigung vom Schlachtfelde aus. Die Dunkelheit brach herein, an drei Orten erhellten brennende Doͤrfer den Horizont, als plotzlich auf unſerer rechten Flanke eine Linie Kavallerie in dumpfem Ge⸗ raſſel heranrauſchte und dicht bis an die Quarris vor⸗ — — 236— drang, hinter welchen ſich der Kaiſer befand. Der An⸗ griff ward von Infanterie zuruͤckgewieſen und mit die⸗ ſer naͤchtlichen Scene endete der diesmalige Rieſen⸗ kampf. Abends 10 Uhr dictirt Napoleon das Bulle⸗ tin der Schtacht und Couriere eilen durch ganz Euro⸗ pa mit der Nachricht von einem neuen Siege Napo⸗ leons. Ruffus war ſehr aufgeregt durch den Schlachtbe⸗ richt. Das iſt eine wahrhafte Fruͤhlingsſchlacht ge⸗ weſen, ſprach er, wenigſtens ward ſie meiſt von Juͤng⸗ lingen geſchlagen. Aber trotz der franzoͤſiſchen Bravour muß man der Preußiſchen Heldenjugend doch alle Ehre widerfahren laſſen. Wer wollte das nicht, erwiderte eifrig Jerome. Preußen hat an dieſem Tage die Zeiten von Jena mit reichem Blute abgewaſchen. Uebrigens haͤtten wir nur mehr Kavallerie gehabt, der ganze Feldzug waͤre viel⸗ leicht entſchieden. Es wird ohne neue blutige Koͤpfe kaum Frieden wer⸗ den, meinte Ruffus, ſo ſehr dieſer fuͤr das blutende Eu⸗ ropa zu wuͤnſchen waͤre; aber die Verbuͤndeten, wenn ſie auch den Ruͤckzug nicht ableugnen koͤnnen, ſind doch weit entfernt, ſich fuͤr uͤberwunden zu bekennen. Auch ruͤhmten ſie es ſehr, daß Ihr nicht eine Kanone von ihnen erobert habt. Daß ſie es diesmal ſehr ernſt meinen, geſtand Eu⸗ gen zu, iſt unverkennbar. Auch Gefangene haben wir im Ganzen wenig gemacht. Namentlich die Preußi⸗ ſchen Freiwilligen kaͤmpften lieber bis zum letzten Bluts⸗ tropfen, als daß ſie ſich ergeben haͤtten. Darum halte ich es fuͤr's Beſte, meinte Ruffus, ſolchen deſperaten Leutchen, denen man ihre De⸗ ſperation zumal nicht verargen kann, Frieden zu ſchlie⸗ ßen. Der große Napoleon wird darum immer der groͤßte Mann des Jahrhunderts bleiben, wenn er auch Preußen nicht zum zweitenmale erobert. Niemand kann friedfertiger ſein als der Kaiſer, ver⸗ ſicherte Jerome eifrig; mehr als einmal, ja ſogar recht oft hat er die Hand der Verſoͤhnung geboten; aber will man den Frieden, will Rußland Frieden? Als die Fran⸗ zoſen noch draußen ſtanden in dem vermaledeiten Lande, ſchwur Alexander, von keinen Friedensvorſchlägen hoͤren zu wollen, ſo lange ein Franzoſe als Feind auf ſeinem Gebiete ſtehe. Nun jetzt ſteht keiner mehr da und ſchon lange nicht mehr; und gleichwohl mag Rußland von keinem Frieden wiſſen. Es will Deutſchland die Frei⸗ heit erkaͤmpfen helfen, wie die Proclamationen beſagenz — 238— aber unter dem Worte Freiheit iſt hier Polen zu ver⸗ ſtehen, das will es erkaͤmpfen, und zwar ganz allein fur ſich. Was haͤtte Rußland von der deutſchen Freiheit! Man zwingt den Kaiſer zum Kriege. Jetzt ſpricht man ſchon von Frankreichs naturlichen Grenzen, daß der Rhein ein deutſcher Strom ſei, daß Napoleon ein Unterlieutenant geweſen, dem gar kein Thron gebuͤhre. Soll er den Großmuͤthigen ſpielen, die mit franzoͤſiſchen Blute eroberten Provinzen freiwillig zuruͤckgeben, Frank⸗ reich in ſeine Grenzen vor 91. einſchließen, vielleicht gar vom Throne ſteigen und einem legitimen Sproͤß⸗ ling der europaiſchen Furſtenfamilien Platz machen? Ja dann glaub' ich, wuͤrden die Kabinete nicht abgeneigt ſein, dem reuigen Sohne Gnade fuͤr Recht ergehen zu laſſen und ihm huldvollſt eine recht anſehnliche Pen⸗ ſion bewilligen. Wir geben Nichts heraus, decretirte Eugen mit Warme; was wir erworben haben, iſt bezahlt mit un⸗ ſerm Blute. Das iſt ein ſeltſames Argument, laͤchelte Ruffus; wenn ſich Preußen und Oeſtreich ihre Provinzen wie⸗ dererobern, ſo werden ſie auch ſprechen und haben über⸗ dies weit mehr Recht dazu: Es iſt unſer, denn wir — haben nur unſer Eigenthum wiedererobert und es uͤber⸗ dies bezahlt mit unſerm guten Blute. Ich bin uͤberzeugt, ſprach Jerome, daß Na⸗ poleon, obſchon er Sieger iſt, und an der Spitze einer der ſchoͤnſten Armeen ſteht, von gepruͤften Feldherren umgeben, ſelbſt jetzt nicht abgeneigt ſein durfte, ſich zu Opfern und Abtretungen zu verſtehen. Er fuhlt zu politiſch und auch zu menſchlich, daß Suntnich des Friedens beduͤrftig iſt. Trommelton, der auf der Straße zu wirbeln be⸗ gann, rief die beiden Franzoſen zur Parade. Bald. ſtanden ſie da, im einfach ſchoͤnen Waffenſchmucke der jungen Garde. Ruffus gab ihnen das Geleite bis zum Sammelplatze. Zwölftes Kapitel. Im Familienrathe bei Geheimrath Guͤnther's gab es lebhafte Debatten. Es lag die Frage vor, ob die Einquartierung, wie früͤher der Fall geweſen, zur Fa⸗ milientafel gezogen werden ſollte. Anna, die ſeit der Schlacht bei Luͤtzen immer ſchwarzgekleidet ging, ſtemmte ſich mit aller Macht dagegen. Sie meinte, gemeinen Musketiren könne unmoglich eine gleiche Aufmerkſamkeit erzeigt werden, wie hochgeſtellten Offizieren. Der eigentliche Grund ihrer Abneigung war uͤbrigens nur, weil ſie als deutſche Patriotin die fremden Eroberer nicht zu ertragen ver⸗ mochte. S Der Geheimrath war auch dagegen, die beiden Franzoſen in ſeiner Familie zu heimiſch werden zu laſſen; aber bei ihm lag ein andres Motiv vor. Er wußte nicht, wie es in Hinſicht der Sittlichkeit mit — 241— den beiden jungen Kriegern beſchaffen war. Er wollte daher, wenigſtens ſo lange er ſich hierin nicht Gewiß⸗ heit verſchafft, ein naͤheres Zuſammentreffen derſelben mit ſeinen Toͤchtern vermeiden. Ruffus aͤrgerte ſich namentlich uͤber Anna. Er wußte, warum ſie mit den beiden Pariſern nicht an ei⸗ nem Tiſche eſſen wollte, und ſagte es offen heraus. Uebrigens erklaͤrte er die Ausſchließung fuͤr Unartigkeit und Beleidigung des Gouverneurs, von dem ſie als achtbarem Manne uͤberzeugt ſein muͤßten, daß er keine rohen Soldaten ſo ausdruͤcklich wuͤrde empfohlen haben. Clärchen in ihrer Unſchuld und S enthielt ſich jedes Urtheils. Nach langem Streiten brachte es Ruffus dahin, daß man die beiden Gardiſten wenigſtens fuͤr den nachſten Sonntag zu Tiſche lud. Dieſer Sonntag erſchien, die beiden Gelabenn fanden ſich ein. Anna hatte eine ſorgfältige, wenn auch eine etwas phantaſtiſche Toilette gewaͤhlt. Die hohe Jungfrau im tiefdunkeln Kleide, aus dem der ſtolze, weiße Nacken blendend hervorſchimmerte, die ſchöne Stirn von leiſer, träͤumender Schwermuth uber⸗ ſchattet und umwogt von reichen, dunkeln Locken, ge⸗ waͤhrte ein reizendes Bild. Claͤrchen, den unzerſtor⸗ II. 6 — 242— baren Frohſinn um Stirn und Mund, ging im him⸗ melblauen Kleide. Als die beiden ſtattlichen Juͤnglinge eintraten, fiel Eugens Blick zuerſt auf Claͤrchen, deren liebreizende Erſcheinung ihn bald alles Andre vergeſſen machte, waͤhrend Jerome vor der ſiegreichern Schoͤnheit Anna's kaum die Augen aufzuſchlagen wagte. Nach langem, wuſtem Lagerleben und Kriegsge⸗ tuͤmmel ſchienen die beiden Juͤnglinge mit Einemmale in ein Land des Frieden's, wo die Engel wohnen, ein⸗ getreten zu ſein. Das Geſpraͤch ward im Anfang franzoͤſiſch ge⸗ fuhrt. Claͤrchen ſprach ſo liebenswuͤrdig die Mutter⸗ ſprache Eugens, daß das Bild des Maͤdchens immer heimiſcher in ſeinem Herzen wurde. Anna verharrte in ernſtem Schweigen. Sie war der franzoͤſiſchen Converſation zwar in gleichem Grade maͤchtig wie die Schweſter, aber ſelbſt dieſe nichtdeutſchen Klaͤnge wa⸗ ren ihr verhaßt. Da faßte ſich Jerome ein⸗ Herz und redete ſie deutſch an. Als Claͤrchen aus dem Munde des ſchonen Fremdlings die vaterlaͤndiſchen Toöne hörte, klatſchte ſie, ſich vergeſſend, die Hande mit inniger Freude zuſam⸗ men und das Wort:„Allerliebſt“ entſchluͤpfte unwill⸗ kuͤrlich ihrem Munde. Ein ernſter, ſtrafender Blick Annas wies ſie in die Grenzen der Etiquette zuruͤck. Das Mädchen erſchrak ein Wenig, erhielt aber bald die Munterkeit wieder und frug Eugen etwas neugierig, aber unbefangen und roſenlaunig: Sprechen Sie auch deutſch? Der arme Eugen, der jetzt alle Schaͤtze der Welt um ein paar deutſche Redensarten hingegeben haͤtte und ſeinen ſprachkundigen Freund aus vollem Herzen beneidete, ſah ſich gezwungen, wehmuͤthig die Achſeln zu zucken. Er ſchien wahrhaft betrubt uͤber ſeine un⸗ kenntniß, daß er Claͤrchen ordentlich dauerte. Mag auch erſchrecklich ſchwer ſein unſre Sprache fur den Franzoſen, ſ ſprach gleichſam entſchuldigend und troͤſtend das Maͤdchen. Anna behielt ihren Ernſt und— Zuruͤckgezogen⸗ heit bei. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Die Unterhaltung ward belebter. Der Geheimrath fand in ſeinen Ga⸗ ſten eben ſo gebildete, beſcheidene als liebenswuͤrdige Leute. Sie erzaͤhlten viel von ihrem Paris, dem ſcho⸗ nen Frankreich und den Marſchabenteuern. Ihr Franzoſen, ſprach Ruffus, ſeid ein ſo huma⸗ 16* nes und liebenswuͤrdiges Volk, warum laßt Ihr die Voͤlker nicht in Frieden und uͤberzieht alle Welt mit Kieh Wir haben doch den Krieg nicht begonnen, ent⸗ gegnete Jerome, war es nicht die deutſche Coalition, die uns einſt mit Feuer und Schwert uberzog und unſere Hauptſtadt der Erde gleich zu machen drohte? Was uͤbrigens unſte geruͤhmte Humanitaͤt anbelangt, ſetzte er ernſter hinzu, ſo bin ich unparteiiſch genug, widerſprechen zu muͤſſen. Wenigſtens was den Franzoſen im Kriege bettifft, fuhr er fort, wuͤßte ich nicht, wo ſeine Humanität zu ſuchen waͤre. Er ſcheint ſich hier des edleren Gefuͤhls ganz entaͤußert zu haben und mit der nichtsſagenden Phraſe: c'est la guérre, hab ich oft wahrhafte Bar⸗ bareien entſchuldigen hoͤren, die ſich ein auf Civiliſa⸗ tion Anſpruch machendes Volk nie zu Schulden kom⸗ men laſſen ſollte. Ein Haus— ein Dorf aus Nach⸗ läſſigkeit oder Unvorſichtigkeit in Brand zu ſtecken, wird fuͤr Nichts gehalten. Den Wohlſtand ganzer Familien, ganzer Gemeinden im Nu zu zerſtoͤren, wo der ſchlecht oder leichtſinnig Denkende ſeinen Feuer⸗ brand nur zehn Schritte weiter zu tragen brauchte— iſt Kleinigkeit. Ich habe weder Generale noch Offi⸗ — 245— ciere geſehen, die irgend einem ſolchen Frevler den Pro⸗ zeß gemacht oder die Sache geruͤgt und unterſucht haͤt⸗ ten. Das c'est la guerre! entſchuldigt Alles. Der lang genaͤhrte Anblick ſo vieles menſchlichen Elends hat ſie ganz abgeſtumpft. Noch kurz vor Dresden ward ich Zeuge eines wahrhaft empoͤrenden Anblicks. Mehre unſrer Tirailleurs hatten einen verwundeten Preußi⸗ ſchen Jäger in der Gegend von Meißen eingeholt. Es war ein ſtattlicher Juͤngling, aber von Wunden, Hitze und Strapazen gleich hart angegriffen. Nichtsdeſto⸗ weniger vertheidigte er ſich an eine Weinbergmauer ge⸗ lehnt mit bewundrungswuͤrdiger Tapferkeit. In der Hitze des Kampfs war ihm der ſchwarze Kragen ſeiner Uniform aufgeſprungen und eine rothe Bandſchleife, die er auf der Bruſt trug, ſichtbar geworden. Haſtig griff einer unſter Tirailleure danach, in der Hoffnung, daß daran Goldeswerth befindlich ſei, und muͤhte ſich, dem Verwundeten das Band zu entreißen. Aber Lo⸗ wengrimm erfaßte hier den Juͤngling; obſchon zum Tode ermattet, riß er die letzte Kraft zuſammen, ſtieß den Rauber ein paar Schritte zuruͤck, worauf aber die groͤßte Schwaͤche ſich ſeiner bemaͤchtigte, ſo daß ſeine waffenloſen Arme ſchlaff zuruͤckſanken. Da ſetzte der barbariſche Dränger gleichmuͤthig ſein Feuerrohr auf — 246— die Bruſt des Wehrloſen und druͤckte ab; aber die Vor⸗ ſehung ſelbſt ſchien ſich des Schl achtopftrs unmittelbar angenommen zu haben; das Gewehr verſag gte, und im naͤchſten Augenblicke nahte ich und Eugen zur Ret⸗ tung. Emport uͤber die niedertraͤchtige That warfen wir die Blutmenſchen zuruͤck und retteten den Un⸗ glucklichen. Die Dunkelheit brach bereits herein, die Mordgeſellen, das Schaͤndliche ihres Beginnens er⸗ kennend oder zu einem Streite nicht grade aufgelegt, entfernten ſich; ſo gelang es uns, den Halbohnmachti⸗ gen in ein nahgelegnes Weinberghaus zu ſchaffen und den freundlichen, theilnehmenden Wirthsleuten da⸗ ſelbſt die ſorgſame Pflege des jungen S anzu⸗ empfehlen. Gotteslohn, ſprach hier Ruffus, ſeltſam ergriffen, Jerome die Hand reichend; Euer Schuͤtzling, mein Freund Reinhold, iſt gerettet und wird in wenig Ta⸗ gen von ſeinen Wunden hergeſtellt ſein. Wie, waͤr's moglich, rief Claͤrchen und ihr liebli⸗ ches Geſicht ſtrahlte vor Wonne, waͤhrend Anna vor innerer Bewegung kaum zu athmen wagte. Ruffus machte jetzt aus Reinholds Briefe kein Geheimniß mehr. Durch dieſe wunderbare Fuͤgung des Geſchicks 6 — 251— gewinnen. Ich bin ſtäͤrker als bei Lutzen. Das Miß⸗ verhaͤltniß der Reiterei iſt ausgeglichen. Die Ruſſen muͤſſen aus Schleſien. Ich gehe nach Berlin. Aber zuvor will ich wiſſen, wie Oeſtreich denkt. Herr von Bubna iſt mit den verſöhnendſten Ver⸗ heißungen abgereiſt. Ich kenne dieſe Wiener Verheißungen, fuhr Na⸗ poleon mißmuthig auf. Warum erfuͤllt Oeſtreich nicht ſeine Verpflichtung? Warum ſtellt es nicht das Alliancegemäße Contingent? Es war im Begriff die freundſchaftliche Maske abzuwerfen, hätte nicht die Lutzner Schlacht ſeine Diplomaten eines Beſſern be⸗ lehrt. Ich weiß, was ſie wollen. Sie wollen Illy⸗ rien, ein Stuͤck Polen, ein Stuͤck Baiern, Auflöſung des Rheinbundes. Als Preis fuͤr den Continental⸗ frieden kaͤme dies nicht in Betracht; aber als bloßer Kaufpreis fuͤr eine habſuͤchtige Neutralitaͤt, die nur den Keim zu neuen Streitigkeiten enthalten wuͤrde, iſt es zu viel. Ich will den Frieden. Ich wuͤnſche ihn; aber ich werde lieber mit den Waffen in der Hand ſterben, als mir von einer habſuchtigen Fai Bedin⸗ gungen vorſchreiben laſſen. Napoleon ging in heftiger Aufregung auf und ab. Allmaͤhlich ward er ruhiger. —— Oeſtreichs drittes Wort iſt der Friede und Ver⸗ mittlung, ſprach er, wohlan denn, ſchreiben Sie Met⸗ ternich, er ſoll eine Stadt beſtimmen fuͤr einen allge⸗ meinen Congreß der kriegfuͤhrenden Mächte. Ich werde mit Vergnuͤgen Abgeordnete Englands und Amerikas daſelbſt ſehen. Und wenn es eine Moͤglich⸗ keit, das brittiſche Cabinet zum Frieden zu beſtimmen, ſoll auch ein Abgeordneter der ſpaniſchen Inſurgenten erſcheinen. Niemand kann den Frieden mehr wuͤn⸗ ſchen als ich. Er iſt das einzige Mittel, die Welt wahrhaft zu beruhigen. Waͤhrend der Miniſter-Secretair bemuͤht iſt, die Befehle des Kaiſers zu Papier zu bringen, langen De⸗ peſchen des Herzogs von Tarent an, welcher als Fuͤh⸗ rer der Avantgarde die Verbundeten auf den Straßen nach der Lauſitz verfolgt. Der Kaiſer riß das Siegel auf und uͤberflog den Armeebericht. Die Alliirten hatten wirklich Poſto gefaßt bei Bautzen und an dreihundert Redouten aufgeworfen. La carte! la carte! rief er aufgeregt und eilte ſchleunigſt in das anſtoßende Zimmer, welches zu ſei⸗ nem Cabinete eingerichtet war. Hier ſtand in der Mitte ein großer Tiſch, worauf die Petriſche Karte von Sachſen ausgebreitet lagz uͤberall mit buntkuppigen — 253— Stecknadeln beſteckt und von dreißig Lichtern erleuch⸗ tet. An zweien der in den vier Ecken des Cabinets aufgeſtellten Tiſchchen ſaßen die beiden Secretaire Fain und Mounier. Appellez le colonel d'Abe, rief er und ſeine Blicke irrten raſtlos auf der Karte umher. Der Gerufene trat nach wenig Minuten ins Cabinet. Dieſer Offirier, der wegen ſeiner großen geographiſchen Kenntniſſe und ſeines Fleißes zu zwei verſchiednen Malen von Napoleon zum Director des topographiſchen Buͤreaus ernannt worden war, hatte durch eine Reihe von Jahren ſich das beſondre Ver⸗ trauen des Kaiſers erworben. Oeftrer und unerwar⸗ teter als irgend einer der Aides de Camp wurde er zu jeder Stunde des Tags und der Nacht gerufen. Durch ſein immerwährendes Studium war er dem Kaiſer faſt unentbehrlich geworden. Die Berichtigung der Karten, die Zuſammenfuͤgung und Ergänzung der Materialien, die Beſtimmung weit ausſehender Maͤr⸗ ſche und Operationslinien lag ihm beſonders ob. Na⸗ poleon ſprach mit wenigen Worten; dAlbe verſtand ihn und arbeitete in ſeinem Sinne eben ſo buͤndig und ohne alles Ceremoniel die Aufgabe aus. Er war im Range und Dienſtzeit Genoſſe mehrer Marſchälle und —— Diviſions⸗Generale geweſen und doch nicht vorgeruͤckt. Er war der Letzte, den der Kaiſer brauchte, ehe das Hauptquartier aufbrach und der Erſte, ſobald Napo⸗ leon anlangte. Zu Gehilfen hatte er zwei Ingenieurs⸗ Offiziere beim topographiſchen Buͤreau. Dieſe drei Maͤnner bildeten nebſt den vier gehei⸗ men Secretairs und dem erſten Ordonnanzoffizier Gourgeaud, der die wichtigſten Depeſchen und Auf⸗ traͤge, hauptſächlich in Artillerie⸗Commandoſachen be⸗ ſorgte, eine Art von geheimem Rath, ganz abgeſondert von den uͤbrigen Zweigen des kaiſerlichen Hauſes; da ihre Geſchaͤfte ganz eigenthuͤmlich von der Perſon Na⸗ poleons ausgehend, einen beſondern Gang nahmen, ſo war auch jedesmal zu Gunſten des ungezwungenen Verkehrs, eine beſondere Tafel im Palais fuͤr ſie gedeckt. Ich habe ſie, rief der Kaiſer dem eintretenden Obriſt entgegen, auf die Gegend von Bautzen zeigend, und in Bezug auf die ehemalige Schlacht der unfern gelegenen Ortſchaften Liegnitz und Hochkirch deutend, ſetzte er hinzu: Nous ferons d'anciennes connaissances près de Liegnitz! Wieder langten Depeſchen an. Sie kamen vom — 255— Fuͤrſten von der Moskwa, welcher mit ſeinem Corps bei Torgau uber die Elbe gegangen und gegen Berlin vordrang. Napoleons Geſicht heiterte ſich ſichtbar auf. Er zeigte auf die Karte. Die Schlacht iſt gewonnen, ſprach er, der Fuͤrſt von Moskau ſoll es dem Herzoge von Beluno und der Kavallerie Sebaſtiani's uͤberlaſſen, das Buͤlowſſche Corps, welches Berlin deckt, zu beobachten und der allgemeinen Bewegung gegen Bautzen ſich anſchließen. Auf unzähligen Parallelſtraßen defilirt in ſchönſter Ordnung meine Armee nach dieſem Punkte. Les Prus- siens et Russes feront des defauts, nous tomberons sur eux— nous les ecraseront. Zugleich ertheilte er Befehl zum allgemeinen Auf⸗ bruch, und obſchon uͤberzeugt vom Siege, dictirte er folgendes Schreiben an Caulaincourt, Herzog von Vicenza. „Herr Herzog! Da wir entſchloſſen ſind, alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, entweder den allge⸗ 34 meinen oder den Continentalfrieden herzuſtellen, ſo haben wir die Verſammlung eines Congreſſes, ent⸗ weder in Prag oder an irgend einem Orte zwiſchen dem Aufenthalte der kriegfuͤhrenden Maͤchte vorge⸗ — 256— ſchlagen. Wir hoffen, dieſer Congreß werde zu einer ſchnellen Wiederherſtellung des Friedens fuͤhren, der fur ſo viele Voͤlker ein Beduͤrfniß iſt. Wir haben uns demnach entſchloſſen, einen Waffenſtillſtand oder Waffenruhe mit der ruſſ. und preuß. Armee fuͤr die ganze Dauer des Congreſſes zu ſchließen. Da wir gern die Schlacht vermeiden moͤchten, welche durch die von dem Feinde eingenommene Stellung unvermeidlich ſcheint, und der Menſchheit eine Vergießung unnuͤtzen Blutes erſparen wollen, ſo iſt unſere Abſicht, daß Sie ſich auf die Vorpoſten begeben, wo Sie verlangen ſollen, zu dem Kaiſer Alepander gefuͤhrt zu werden, um ihm dieſen Vor⸗ ſchlag zu machen, und jede militairiſche Convention, welche eine Aufhebung der Feindſeligkeiten zum Zwecke haben koͤnnte, zu unterhandeln, zu ſchließen und zu unterzeichnen. Zu dieſem Ende ſchreiben wir Ihnen dieſen ge⸗ heimen Brief, um denſelben, wenn er von Ihnen verlangt werden ſollte, als Vollmacht gebrauchen zu koͤnnen. Außer dem bitte ich Gott, er moͤge Sie in ſei⸗ nen gnaͤdigen Schutz nehmen.“ Napoleon. — In Verlauf weniger Stunden ritt der Kaiſer der Franzoſen, umgeben von ſeinen Marſchaͤllen und Ge⸗ neralen aus den Thoren von Dresden auf der Straße nach Bautzen. Der Koͤnig von Sachſen gab ſeinem kaiſerlichen Gaſte das Geleit bis jenſeit des Linkeſchen Bades. Der Tag war heiß und ein Staub zum Er⸗ ſticken. Napoleon ritt eine lange Zeit nachdenkend voraus. Dann rief er Coulaincourt an ſeine Seite und unterhielt ſich mit ihm faſt waͤhrend des ganzen Marſches. Vierzehntes Kapitel. Die Nacht des 20. Mai iſt auf ein rauchendes Blut⸗ feld herabgeſunken. Aber noch iſt der Kampf unent⸗ ſchieden. Die Franzoſen haben nur den Uebergang uber die Spree erzwungen. Noch ſteht die ganze Ar⸗ mee der Verbuͤndeten in feſter, furchtbarer Stillung *gegenuͤber. Bereits um fuͤnf Uhr des folgenden Tages beginnen die franzoſiſchen Batterien gegen die feind⸗ lichen Linien zu ſpielen. Die Colonnen Kleiſt und York ſchließen ihre Reihen. Die preußiſchen Garden und Reſerven ſtehen in zweiter Linie. Auf franzöſiſcher Seite hat ſich die ganze kaiſerl. Garde hinter dem Centrum zuſammengedraͤngt. Ein — Huͤgel verbirgt ſie den Blicken des Feindes. Sie er⸗ haͤlt Befehl, ſich zum Angriffe bereit zu halten. Der Kaiſer, welcher die ganze Nacht hindurch Befehle gegeben, iſt ſo ermuͤdet, daß er mitten unter den Batterien des Herzogs von Raguſa einſchlaͤft. Zweihundert Kanonen feuerten ununterbrochen gegen einander. Auf dem rechten Fluͤgel, wo der Her⸗ zog von Reggio commandirt, iſt der Kampf lebhafter. Die Verbuͤndeten fuͤrchten, Oudinot wolle hier durch⸗ brechen und die Straße von Lobau abſchneiden. Ihre ganze Aufmerkſamkeit iſt auf dieſen Punkt gerichtet. Fortwaͤhrend marſchiren Verſtaͤrkungen dahin ab. Der Kampf iſt aͤußerſt ernſthaft. Der Kaiſer ſchlaft auf ſeinem Feldſtuhle ſitzend, ruhig fort. Da erhebt ſich plotzlich unerwartet auf dem aͤußerſten linken Fluͤgel der Franzoſen, faſt im Ruͤcken der Verbuͤndeten eine furchtbare Kanonade. Aller Blicke wenden ſich fragend nach dieſem Punkte. Selbſt im franzoͤſiſchen Hauptquartiere wird man be⸗ ſorgt. Das Feuer jener unbekannten Batterien wird immer entſetzlichet. Noch immer ſchlaͤft der Kaiſer. 17 — 260— Da kann man nicht laͤnger zaudern. Duͤroc weckt ihn. Napoleon ſchlaͤgt die Augen auf. Man erzaͤhlt ihm von dem unerwarteten Ereigniß. Er zieht die Uhr heraus und wendet ſich zu einem Obriſt ſeines Gefolges: Reiten Sie nach den Tuillerien, ruft er, und melden Sie der Kaiſerin, daß die Franzoſen eine große Schlacht gewonnen haben. Und zu den Umſtehenden: Meine Freunde, es ſind die Kanonen des Fuͤrſten von der Moskwa. Der Sieg iſt unſer Wirklich war die meiſterhafte, in Dresden entworfene, Diverſion gelungen. Marſchall Ney hatte ſich nicht nach Berlin gewandt, ſondern war, das Ob⸗ ſervationscorps der Verbuͤndeten wie Spreu vor ſich hertreibend, ploͤtzlich und unerwartet mit ſechzigtau⸗ ſend Mann dem Feinde in die Flanke gefallen. Dieſer Augenblick iſt entſcheidend. Der Kaiſer benutzt ihn. En avant! ruft er, und das ganze gewaltige Cen⸗ trum, deſſen Kampfhitze bis jetzt zuruͤckgehalten worden — 2561— iſt, dringt in geſchloſſenen Colonnen und mit gefaͤlltem Bayonet vor. Die Marſchaͤlle Marmont, Soult, Mortier, Macdonald und General Bertrand ſtellen ſich an die Spitzen ihrer Colonnen. Wie eine dunkle Ge⸗ witterwolke rauſchen die ſchweren Cuiraſſiere des La⸗ tour⸗Maubourg gegen die feindliche Linie, waͤhrend die junge Kaiſer⸗Garde unmittelbar das feindliche Cen⸗ trum zu ſprengen ſucht. um ſich ſchlagend, ſieht ſich ploͤtzlich in der Front durch Bertrand, im Ruͤcken von Marmont und auf der Flanke vom Fuͤrſten von der Moskwa angegriffen. Er verlangt Hilfe. Die preußiſchen Garden und Kleiſt e wollen umkehren und ihm zu Hilfe eilen. Ney benutzt ⸗ dieſes Schwanken und dringt unaufhaltſam wie ein Strom vor. . Bluͤcher wird endlich von ſeinen Hoͤhen, wo er ſich fuͤr unuͤberwindlich gehalten, herabgeworfen. Die Bayonette der Wuͤrtemberger glänzen triumphirend auf der Hoͤhe. ⸗ Der Kampf wurde jetzt auf der ganzen Linie all⸗ gemein. Napoleon auf einer Anhoͤhe von Nieder⸗ Bluͤcher, wie ein alter Loͤwe mit ſeinen Pranken Kayna, auf einer Trommel ſeiner Garde ſitzend, diri⸗ girt mit der Ruhe des Oberfeldherrn die ſiegreichen Evolutionen. Es war ein rſchltternder aber großartiger Anblick, wie die zahlreichen Colonnen aller Waffengattungen von den Höhen ins Thal herabſtiegen. Rings, ſo weit das Auge reicht, donnernde Batterien, flammende Dorfer, funkelnde Helme, Schwerter und Bayonette. Um ſechs uhr war das große verſchanzte Lager von allen Seiten genommen und die Verbundeten aus allen ihren Poſitionen verdrängt. Sie treten den Ruͤckzug an, aber in Ordnung und mit Sorgfalt. Vergebens ſucht ſie der Herzog von Tarent durch einen Flanken⸗ marſch abzuſchneiden. Es fehlt ihm an Zeit und Ka⸗ vallerie, und er muß darauf verzichten, ihnen den Durchgang ſtreitig zu machen. Schon verbreitet die Nacht ihren Schleier uber das Blutgefilde. Alles ſinkt, von des Tages Laſt er⸗ ſchoͤpft, in Schlummer. Nur Napoleon wacht in ſei⸗ nem Zelte und dictirt: „Ein Denkmal ſoll auf dem Mont Cenis errichtet werden; auf demſelben ſollen da, wo ſie am meiſten in die Augen fallen, folgende Worte ſtehen: — 263— Der Kaiſer Napoleon hat von dem Schlachtfelde von Bautzen aus, die Errichtung dieſes Denkmals be⸗ fohlen, als ein Zeugniß ſeiner Dankbarkeit gegen ſeine Voͤlker von Frankreich und Italien. Dieſes Denkmal ſoll das Andenken der großen Epoche auf alle Nachwelt uͤbertragen, wo in drei Mo⸗ naten zwoͤlfmalhunderttauſend Mann zu den Waffen geeilt ſind, um die Integrität des Gebiets des franzö⸗ ſiſchen Reichs zu ſichern.“ Am andern Tage erblickte man den Feind von Neuem auf den Hoͤhen von Reichenbach aufgeſtellt. Der Kaiſer, welcher keinen Augenblick von der Avant⸗ garde weicht, befiehlt ſogleich den Angriff. Von Neuem beginnt die Kanonade, und nach einiger Zeit treten die Verbuͤndeten mit derſelben Regelmaͤßigkeit ihren mei⸗ ſterhaften Ruͤckzug an, alle Vortheile des Terrains ſorgfaͤltig benutzend. MNapoleon iſt aufgebracht, daß ihm dieſe Arrier⸗ garde immer entwiſcht. Wie, ruft er, nach einer ſo großen Schlacht kein Reſultat, keine Gefangenen, keine Kanonen, keine Fahnen? Dieſe Menſchen werden mir keinen Nagel zuruͤcklaſſen. — 264— Kaum hat er dieſe Worte geſprochen, als eine Ka⸗ nonenkugel in ſeine Suite fahrt und einen Chaſſeur zu Pferde zu Boden wirft. Der Ungluͤckliche ſturzt faſt unter die Hufe von Napoleons Pferd. Duͤroc, ſpricht der Kaiſer zu dem neben ihm rei⸗ tenden Großmarſchall in ſehr ernſtem Tone, heut' will das Schickſal an uns. Es iſt der Tag von Wagram, antwortet nur leiſe eine unbekannte Stimme, die wie aus dem Gefolge zu kommen ſcheint. Blieb da nicht Montebello, unſer Roland? frug Duͤroc in ſeltſamem Tone. Napoleon, der dergleichen Erinnerungen nicht liebte, blitzte den Frager finſter an, gab ſeinem Falben die Sporen und ſprengte in Galopp einem Hohl⸗ wege zu. Die Suite folgte ihm im Tritt, mitten in einer Staubwolke. Vier zu vier an einander gedraͤngt, ſo daß jeder kaum ſeinen Nachbar unterſcheiden konnte. Im erſten Zuge befand ſich Coulaincourt, Mortier, Důroc und der Geniegeneral Kirchner. — 265— Der Kaiſer verlangt nach ſeiner Ankunft auf der Ebene, welche die Schlucht beherrſcht, ſein Fernrohr, und bemerkt im Umkehren, daß nur Coulaincourt ihm gefolgt iſt. Der Herzog Carl von Piacenza eilt gleich darauf herbei. Er iſt blaß, verſtoͤrt und fluſtert dem Oberſtallmeiſter ein paar Worte in's Ohr. Der Kai⸗ ſer fragt, was es gebe? Piacenza kann kaum ſprechen. Endlich berichtet er, daß ſo eben der Großmarſchall getoͤdtet worden ſei. Duͤroc! ruft der Kaiſer auf's Heftigſte erſchrocken, das iſt nicht moͤglich, er war den Augenblick noch bei mir! Indeſſen bringt ein Page das Fernrohr; die Ad⸗ jutanten naͤhern ſich gleichfalls und beſtatigen die Nachricht. Die Kugel war von einem Baume zuruͤckgeprallt, hatte erſt den General Kirchner und dann den Herzog von Friaul getroffen. Kirchner ſtuͤrzte augenblicklich todt nieder. Duͤroc lebt noch. Die Doctoren Larrey, Yran und Alles, was von Geſundheitsbeamten in der Naͤhe iſt, eilt herbei. Aber alle Bemuͤhungen der Kunſt ſind fruchtlos. Die Kugel hat den Leib zerriſſen, 5— Man trägt den Sterbenden in eines der erſten Haͤuſer von Markersdorf. Der Kaiſer, der den Schmerz um den Verluſt eines ſeiner Getreuſten nicht verbergen kann, reitet ſtumm und in ſich gekehrt ſeitwaͤrts durch einen Bauernhof, ſteigt hinter dem hohen Korne ab und beobachtet noch eine lange Zeit den Punkt, von welchem aus ſein Liebling ihm geraubt worden war. Dann geht er mittelſt eines Umweges um die Gaͤrten des Dorfes zuruͤck auf die freie Hoͤhe, wo die ganze Infanterie ſeiner Garde, die Elite ſeines Heeres, ein laͤngliches Viereck gebildet hatte, in deſſen Mitte die fuͤnf Zelte des kaiſerlichen Hauſes aufgeſchlagen ſtehen, und wo ſpaͤterhin die Wachtfeuer aufloderten. Es war ein Abend, ein Moment, an welchen die Weltgeſchichte nicht uberreich iſt. Man denke ſich Napoleon nach einer großen ge⸗ wonnenen Schlacht, aber ohne entſcheidendes Reſultat, an den dunkeln Pforten einer ſchwankenden folgreichen* Periode; ploͤtzlich beraubt des liebſten Vertrauten, der mit der Freimuͤthigkeit eines Jugendfreundes zu ihm ſprach, im einfachen grauen Ueberrocke auf einem Feld⸗ — 267— ſtuhle ſitzend, mitten in dem ungeheuern Kreiſe ſeiner Brapſten, mit herabhangenden Armen und geſunke⸗ nem Haupte, abgeſondert von dem glaͤnzenden Gefolge ſeines Hauſes, das ſich ehrfurchtsvoll in einzelnen Gruppen zuruckzicht, und kaum die Worte auszuſpre⸗ chen wagt, des Kaiſers Freund ſei im Verſcheiden. Und neben dieſer dumpfen Stille in der Nähe des Kai⸗ ſers das Geräuſch, welches die Geſchäftigkeit der Gar⸗ den, ihre Einrichtung zum Kochen und Lagern verur⸗ ſacht und zwei Choͤre Muſik der Grenadiere und Jaͤ⸗ ger, welche auf den Endpunkten des Vierecks in elegi⸗ ſchen Akkorden das Bild des Tages verſinnlichen, und durch eine ſeltene Auswahl ihrer Stuͤcke vergebens den Gebieter zu zerſtreuen ſuchen. Unzaͤhlige Nachtfeuer flakern durch die Gegend. In dunkeln Umriſſen ſteigt die Landeskrone am Horizonte empor, und die Flam⸗ men zweier brennenden Doͤrfer lodern gen Himmel zum milden Richter menſchlicher Thaten. Indeſſen werden Befehle fur den kuͤnftigen Tag dringend nöthig. General Drouot wagt endlich die Frage: Wo die Batterien der Garde aufzuſtellen ſeien? Alles Morgen! iſt die einzige Antwort Na⸗ — 268— poleons, welche ſeinem gepreßten Herzen entſteigt, wor⸗ auf er in das fruͤhere dumpfe Schweigen zuruͤckfaͤllt. Die ganze Armee nimmt den innigſten Antheil an dem unverkennbaren Schmerze ihres Kaiſers. Mit Wehmuth blickt die Garde auf ihn. Armer Mann, ſeufzen die alten Grenadiere, er hat eins ſeiner liebſten Kinder ver⸗ * loren. Der Waffenſtillſtand. Was Oeſtreich verlangt, kann ich erſt nach zehn verlornen Schlachten bewilligen. Napoleon. * Erſtes Kapitel. Es war in den letten Tagen des Mai's, als Ruffus unter der bluͤhenden Kaſtanienallee nach dem Bade wanderte. Unfern der Badebrucke ſtand ein freund⸗ liches faſt ganz von den Zweigen alter Kaſtanienbaͤume umſchattetes Landhaus. Der junge Mann mußte wiederholte Male die Klingel ziehen, bevor aufgethan ward. Der Herr Muſikdirector zu Hauſe? Die Thuͤrſchließerin, ein geſchaͤftiges Muͤtterchen, nickte freundlich, fuͤhrte den Ankoͤmmling durch die Hausflur und zeigte nach dem Garten. Ruffus ſchritt die bluͤhenden Gaͤnge entlang und gelangte zu einer Art Gartenhaͤuschen, das von duftendem Jelaͤngerje⸗ lieber und violetten Fliederblumen ganz verhuͤllt war. Die Toͤne eines Piano's belehrten ihn, daß er am rech⸗ — 272— ten Orte ſei. Er trat ohne anzuklopfen ein. Da ſaß Hoffmann an dem tafelformigen Inſtrument, ganz in ſeine Phantaſieen vertieft. Der Dichter und Componiſt konnte nicht anmu⸗ thiger wohnen. Von den Fenſtern des ziemlich geraͤu⸗ migen und freundlich moͤblirten Gartenſalons genoß man die ſchoͤnſte Ausſicht uber das herrliche Elbthal. Im Oſten die maleriſche Weinbergkette von Loſchwitz mit unzähligen Villa's und freundlichen Weinbergs⸗ haͤuſern geſchmuͤckt. Am Fuße des Weingebirgs zog der blaue Elbſtrom voruͤber. Weiter rechts ſtiegen wie ferne Wolkenbilder die Felſen der ſächſiſchen Schweiz empor. An dieſe reihten ſich die ſanft ablaufenden bohmiſchen Gebirge. Zur Rechten thronte das ſchoͤne Dresden, wie eine Meerkoͤnigin uͤber den Wellen. Hoffmann beſchloß jetzt ſeine Phantaſieen mit ei⸗ ner brillanten Cadenz, dann ſprang er auf und um⸗ armte den Freund. Es ſieht etwas unordentlich bei mir aus, ſprach er, aber bei unordentlichen Geiſtern, wie unſer eins, wird Dich das nicht Wunder nehmen. Iſt ein Glas Rum gefaͤllig? Ruffus dankte. Etwas Beſſeres kann ich nicht vorſetzen, entſchul⸗ — 273— digte ſich der Dichter der Phantaſieſtuͤcke; doch halt, fiel er ſich beſinnend ein, der brave Morlacchi hat mir geſtern ein paar Flaſchen Bocksbeutel aus ſeinem Keller geſchickt, die muͤſſen noch bei der Wivthin ſtehen. Er eilte, trotz Ruffus Abmahnung nach dem Vor⸗ derhauſe, und der Gaſt hatte Muſe, ſich in der Woh⸗ nung des genialen Mannes ein Wenig umzuſchauen. Hoffmann hatte Recht, es lag ziemlich bunt Alles durcheinander. Leſſings Laocoon auf einem feinem Ba⸗ tiſtvorhemdchen; daruber eine ſkizzirte Kreidezeichnung, Bluͤchers Portrait darſtellend; Göthes Fauſt auf ei⸗ ner Schuͤſſel voll Erdbeeren. Andre Buͤcher, größten⸗ theils der Schmidtſchen Leihbibliothek entlehnt, Piano⸗ fortenoten, Singſtimmen, Kupferſtiche, Manuſeripte, Schreibmaterialien, Halsbinden, Gilets, Alles in ziemlicher Verwirrung unter einander; auf dem No⸗ tenpulte war Mozarts Don Juan aufgeſchlagen. Hoffmann kehrte jetzt mit ein Paar Weinflaſchen und zwei ſauber geſchliffenen Glaͤſern zuruͤck. Nun, quid novik früg er fröhlich, ich lebe hier wie ein Einſiedler unter meinen Blumen, und freue, mich, wenn einmal ein Menſchenkind aus der gottloſen Welt ſich her verirrt. Dieſe ganze Woche gab es we⸗ II. 18 — 274— der Vorſtellung noch Proben; das kam mir grade recht. Ich habe wieder ein hubſch Novellenbild unter der Fe⸗ der, aber kein Teufel wirds drucken; in der jetzigen Zeit kann man alltäglich die impoſanteſten Romane er⸗ leben; da haltens die Leute der Muͤhe nicht werth, welche zu leſen und die Buchhaͤndler welche zu dru⸗ cken. Ich bin tigentlich gekommen, ſprach Ruffus, mich nach Deinem Pflegebefohlenen zu erkundigen. Nach dem Reinhold? frug der Muſikdirector; der befindet ſich ſo ſo, zwar vollkommen heil, aber ſonſt ein ſonderbarer Kautz. Wie ſo? war des Freundes Frage. Der hat merkwuͤrdige Ideen im Kopfe, uͤber Staat, Freiheit, Volkswohl und dergleichen Geſchichten, ſprach Hoffmann. Ich gehoͤre nicht zu den ſogenannten Ser⸗ vilen; aber mit ſeinen Freiheitstheorieen wird er ſchwer⸗ lich durchkommen. Ruffus, dem der politiſche Glaube ſeines excentri⸗ ſchen Freundes nur zu gut bekannt war, erfuhr hier nichts Neues und erkundigte ſich nach der ſonſtigen Lebensweiſe des bei Hoffmann Einquartierten. Er kommt nur ſelten nach Hauſe, ſprach der Mu⸗ ſikdirector, trotz meiner Vermahnung zur Vorſcht; iſt er da, rennt er verſtoͤrt im Garten auf und ab und allnaͤchtlich frequentirt er die geheime Geſellſchaft. Ruffus Stirn verfinſterte ſich. Es ſcheint uͤbrigens nicht politiſche Alteration al⸗ lein zu ſein, fuhr Hoffmann fort, die ihn ſo herum⸗ reißt; es muß einen andern Haken haben. Ich weiß nicht, wo er die Kunde her hat, aber daß die Einquar⸗ tierung, die beiden Pariſer bei Euch wohl gelitten ſind, namentlich bei den Damen, das weiß er oder will es wiſſen, und darum glaube ich, iſt's die liebe Eiferſucht wegen Fraͤulein Anna, die ihn plagt. Der Muſikdirector hatte kaum dieſe Worte geſpro⸗ chen, als Reinhold athemlos den Gartengang daher eilte. ſchien ihm ſehr lieb zu ſein, Ruffus hier zu treffen. Wißt Ihr es ſchon, rief er mit freudeſtrahlenden Blicken, der Tyrann hat endlich in der Lauſitz ſeiner Thaten Lohn gefunden; eine einzige ruſſiſche oder preu⸗ ßiſche Kugel hat all unſern Leiden ein Ende gemacht. Ein Zwoͤlfpfuͤnder hat ihm die Bruſt zerſchmettert. Der Tod wird noch geheim gehalten; aber die Leiche befindet ſich bereits ſeit zwei Tagen im köͤniglichen Schloſſe. Allnaͤchtlich kann man die Lichter ſehen, welche in dem Leichenzimmer brennen. —— Hoffmann horchte mit großem Intereſſe auf, die Nachricht machte auf ſeine Phantaſie den lebhafteſten Eindruck. Ruffus aber laͤchelte ungläubig. Ich habe ja Napoleon, ſprach er, mit meinen eig⸗ nen Augen in ſeinem Wagen von Bautzen daher fahren ſehen und Tauſende mit mir. Alles Lug und Trug, belehrte Reinhold, er war es nicht ſelbſt, ſondern nur ſein bewegliches Wachsbild. Uobrigens, wenn Ihr mir nicht glauben wollt, die ganze Stadt iſt voll davon. Ein abgeſchmacktes Maͤhrchen, behauptete Ruffus. Aber ein ſehr intereſſantes Mährchen, meinte Hoffmann, das Stoff zu einem huͤbſchen Phantaſie⸗ ſtuͤcke gaͤbe. Wir wollen Gott bitten, ſprach begeiſtert Reinhold, daß es kein bloßes Mährchen iſt. Ruffus erwiderte nichts und erkundigte ſich, ob die Wunden des Freundes, die er bei Lutzen erhalten, ge⸗ heilt wären? Vollkommen, war die Antwort, es könnte Morgen wieder gegen den Feind gehen, wenn der einfaͤltige Waffenſtillſtand nicht dazwiſchen gekommen waͤre. Hoffentlich, daß der Friede daraus hervorgeht, ſprach Ruffus. auf der Zunge ſchwebte. 277 Hoffentlich, ruͤgte Reinhold, ſo kann nur ein Va⸗ terlandsfeind, oder ein ſolch indifferent Gemuͤth ſprechen wie Du. Was nuͤtzen uns Friedensſchluͤſſe und Ver⸗ traͤge mit einem Bundbruͤchigen, bevor er nicht von unſerm guten Schwerdte dermaßen zu Boden ge⸗ ſchmettert iſt, daß ihm das Aufſtehen fuͤr immer ver— geht. Auch muß das heilige Blut, das bei Luͤtzen und Bautzen gefloſſen, noch reichlich gebuͤßt werden an die⸗ ſen fraͤnkiſchen Horden. Ruffus war es uͤberdräſſig, ſeinem Freunde in Dingen zu widerſprechen, wo er wußte, daß kein Reden mit ihm war. Er ermahnte aber freundſchaftlichſt und nachdrucklich, kunftig groͤßere Vorſicht bei ſeinen Epcur⸗ ſionen in der Stadt zu beobachten, da er der franzoͤſi⸗ ſchen Polizei als eifriger Tugendbuͤndler dringend ver⸗ dächtig ſei. Zugleich machte er ihm bekannt, daß die bei⸗ den jungen Franzoſen, denen er ſeine Rettung aus den Moͤrderhaͤnden der Marodeurs verdanke, bei ſeiner Fa⸗ milie im Quartier laͤgen. Reinholds Zornader auf der Stirn ſchwoll ſicht⸗ bar an.. Der Teufel dank es ihnen, ſprach er halblaut und grimmig, doch unterdruckte er den Redeſatz, der ihm — 278— Ruffus, den ſolche ſchnoͤde Undankbarkeit verdroß, ſprach ſich ſehr ernſtlich und ruͤgend daruͤber aus. Jendr glaubte, der Freund habe bei ſeiner Straf⸗ rede keinen andern Zweck, als ſeine Schuͤtzlinge, die beiden Pariſer zu bevorworten und gerieth daruͤber noch mehr in Zorn und Eiferſucht; denn Hoffmann hatte ganz recht gemuthmaßt, die Abneigung Reinholds ge⸗ gen franzöſiſche Einquartierung bei Geheimraths hatte einen doppelten Grund, Nationalhaß und gluͤhende Ei⸗ ferſucht, letztre naͤmlich ſeit der Nachricht, daß die beiden Fremdlinge wie Familienglieder behandelt wurden. Weißt Du auch, fuhr er ziemlich drohend gegen Ruffus heraus, daß Du in unſerm Klub ſehr ſchlimmer Geſinnungen angeklagt biſt. Man haͤlt Dich fur ei⸗ nen erklaͤrten Anhaͤnger Frankreichs, und fall's Du nicht bald Dein Syſtem aͤnderſt, wenigſtens vorſichtiger wirſt und Dich von den Franzoſen zuruͤckziehſt, wird man auch Dich fur einen Feind erkennen und ſeine Maaß⸗ regeln darnach nehmen. Dieſe Rede war Ruffus zu arg. Er wollte erſt wegen der Abgeſchmacktheit, die darin lag, kein Wort erwidern; aber die ausgeſprochene Drohung brachte ſein Blut in Wallung. Wie, frug er, Ihr, die Ihr die liebe Freiheit ſein, wer will mich zwingen? Ich liebe die Franzoſen, den — 279— gleichſam in Perſon repraͤſentiren wollt, koͤnnt es wa⸗ gen, einen freien Mann, der eben deshalb frei iſt, weil er ſich nicht mit Euern waghalſigen, unuͤberlegten und unverſtandigen Excentrizitäten vermengt; weil er ſo unbefangen und human iſt, auch dem Feinde Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen; weil er ſich nicht blos ein⸗ ſeitigen, unreifen Theorieen hingibt, ſondern praktiſch dahinlebt, wie es ihm ſein hausbackener Mutterwitz und ſein geſundes Herz vorſchreibt— einem ſolchen wahrhaft Freien wollt Ihr ſogenannten Liberalen Vor⸗ ſchriften machen, wollt ihm drohen? Die Sache iſt zu lächerlich, ſonſt wurd' ich mich daruber aͤrgern und dann wollt' ich Euch einen Begriff beibringen von dem, was wahrhafte Freiheit heißt. Bekuͤmmert Euch nicht um Himmelswillen, ſondern um der geſunden Vernunft willen um Euch ſelbſt, bevor Ihr Andern die Moral leſet. Werdet nur das einzige Mal geſcheidt, dumm ſeid Ihr lange genug geweſen. Bekuͤmmert Euch dar⸗ um nicht um mich, wo ich mich nicht um Euch bekuͤm⸗ mere. An mir iſt nach Euern Begriffen einmal Hopfen und Malz verloren. Laßt mich, zum Teufel, verloren ſein. Was geht's Euch an, welchen Schaden habt Ihr davon? Ich bin einmal kein Patriot und mag keiner Kaiſer Napoleon, was kann ich dafuͤr? Jeder hat ſeine Paſſionen. So vermeide wenigſtens den zu oͤffentlichen Um⸗ gang mit den Vaterlandsfeinden, ſprach Reinhold in gemäßigterm Tone; es kommt heraus, als ſpotteteſt Du dadurch unſter Beſtrebungen. Wenn es ſcheint, daß ich Eurer Beſtrebungen ſpotte, gibt es einen neuen Beweis Eurer Einſeitigkeit und Befangenheit. Befangenen und einſeitigen Leu⸗ ten zu gefallen, kann ich unmöglich mein Benehmen umaͤndern. Ich werde mich kuͤnftig verhalten, wie mir's am zweckmaͤßigſten erſcheint. Es bedarf wohl eben keiner Befangenheit und Einſeitigkeit, bemerkte Reinhold nicht ohne Gereizt⸗ heit, den ſchroffen Unterſchied zu erkennen, mit welcher Zuvorkommenheit ſteinfremde Tyrannenknechte von der Familie Guͤnther, und mit welcher ſie bei andern patriotiſchen Einwohnern aufgenommen werden. Jetzt ward es Ruffus ebenfalls klar, daß Eifer⸗ ſucht und Patriotismus bei Reinhold Hand in Hand gingen. Er mußte laͤcheln und klopfte dem jungen Patrioten auf die Schulter. Ohne Sorge, beruhigte er, weder Annas Patrio⸗ — 281— tismus, noch ihr Herz ſcheint durch die neue Einquar⸗ tierung im Geringſten tangirt zu ſein. Uebrigens, fuͤgte er zu Reinholds Troſt hinzu, ſcheinen wir die lieben Leutchen am laͤngſten beherbergt zu haben. Man ſpricht allgemein, daß die junge Garde waͤhrend des Waffenſtillſtands in die umlie⸗ gende Gegend verlegt werden ſoll, was mir wahrhaft leid thun würde. Die beiden Pariſer ſcheinen ausnehmend in Dei⸗ ner Gunſt zu ſtehen, bemerkte Reinhold. Das leugne ich nicht, geſtand Ruffus offenherzig, und ſie verdienen es. Ich habe die Franzoſen wegen ihrer wohlgefälligen Umgangsform immer gern gehabt, aber ſo wahrhaft in's Herz geſchloſſen wie Eugen und namentlich Jerome habe ich noch keinen von dieſem Volke. Wahrhaftig, Jerome, er verdiente ein Deut⸗ ſcher zu ſein. Apropos, frug er nach einer Pauſe, weiß Frau von Sternburg von Deinem Hierſein? Allerdings, war die Antwort, ſie hat mir ſelbſt Wohnung angeboten, fall's ich mich in meinem Ver⸗ ſteck nicht hinlänglich ſicher glaubte. Sie iſt gluͤhen⸗ der denn je fur des Vaterlands Unabhängigkeit begei⸗ ſtert und Muſter eines ſich aufopfernden Patrio⸗ tismus. ¹ Faute Fiſche, brummte Ruffus. Nach einer Pauſe ſprach er: Gieb mir die Hand Reinhold. Dieſer reichte ihm fragend die Rechte. Schreib noch heut ein Billet an die Sternburg und melde ihr, daß Du Gelegenheit gefunden, Dich zu Deinem Armeecorps zu begeben, auch hier biſt Du noch nicht ſicher. Ich weiß ein allerliebſtes Neſtchen fur Dich auf den Loſchwitzer Weinbergen. Hoffmann und ich beſuchen Dich ſo oft als moͤglich.— Der Fruhling iſt ſchon, und die Waffenruhe wird ſo lange nicht dauern. Schreib' auch den Klubbiſten, daß Du wieder zur Armee gegangen ſeiſt, und beſuche die Ver⸗ ſammlung nicht mehr, die täglich in Gefahr ſchwebt aufgehoben, todtgeſchoſſen, oder, wenn's gut geht, nach Frankreich transportirt zu werden. Gib mir die Hand darauf, Reinhold, daß Du meine Bitte erfuͤllen willſt. Nimmermehr, rief dieſer, ſeine Hand zuruͤckzie⸗ hend. Wenn unſter Verbruͤderung Gefahr droht, waͤr' ich ein erbaͤrmlicher Feigling, ſo ich dieſe nicht thei⸗ len wollte. Uebrigens ſeh ich gar keine Gefahr. Nur Du ſiehſt uͤberall Geſpenſter, das macht Dein ſteter umgang mit polizeidreſſirten Franzoſen, unter welchen es allerdings an Verräthern nicht fehlen mag. Komm — 283— nur einmal mit in unſern Convent, damit Du ſiehſt welche ächte Deutſche, denen es mit der Freiheit Ernſt iſt, da zuſammen ſitzen. Da ſollſt Du mir ein Ver⸗ raͤthergeſicht ausfindig machen. und wenn wir auch verrathen wuͤrden, ſoll's dem fremden Tyrannen keine Roſen bringen, denn lebendig bekommen ſie uns nicht in die Haͤnde. Vergebens ſtrengte Ruffus all ſeine ueberredungs⸗ gabe an. Auch Hoffmann, dem die Gefahr einleuch⸗ tete, in welcher jener Verein bei der liſtigen Wachſam⸗ keit der franzoͤſiſchen Polizei ſchwebte, ſtimmte Ruffus bei. Reinhold blieb bei ſeinem thörigten Satze, daß ſobald man einen Verſuch gegen ſeine Freiheit wagen ſollte, er bis zum letzten Hauche Gewalt mit Gewalt 3 vertreiben wuͤrde. Als Ruffus ſah, daß alles Reden zu nichts half, bat er den Freund, wenigſtens hinſichtlich der Frau von Sternburg mit mehr Vorſicht zu handeln und ihr namentlich nichts uͤber den in Dresden beſtehenden Clubb des Tugendbundes zu vertrauen. Wem ſoll man noch vertrauen, fiel hier Reinhold eraltirt in die Rede, wenn man einem Engel nicht trauen ſoll, dem der Himmel den Creditbrief auf das ſchoͤne, offene Antlitz geſchrieben? Du, ſelbſt befan⸗ —— gen, argwoͤhniſch, mißtrauiſch gegen Jedermann, mit Ausnahme der Franzoſen, willſt mir jetzt noch den Glauben an das Heilige rauben, willſt mich wankend machen im Vertrauen auf Alles, was edel und goͤttlich hienieden; aber es wird Dir nicht gelingen. Ruffus erkannte, daß weit eher ein abſolut Bor⸗ nirter zur Vernunft gebracht werden kann, als ein Ex⸗ altirter. Er ſtand daher von ſeinem fruchtloſen Be⸗ muͤhen ab und ſagte ärgerlich: Ich wuͤnſchte, ich war' commandirender General, da ließ ich Dich zu Deinem hoͤchſt eignen Beſten, bis der Teufel wieder losgeht, auf eine Feſtung ſperren⸗ uebrigens hab' ich das Meine gethan; ich habe gebeten, gewarnt, beſchworen. Du willſt keinen Rath anneh⸗ men. Wenn ungluͤck hereinbricht und Du in der Gefahr umkommſt, ſoll es mir zwar leid thun; aber zu bedauern biſt Du nicht. Die Freunde ſtritten ſich noch geraume Zeit, bis Ruffus ganz ärgervoll uͤber Reinholds Unvernunft nach der Stadt zuruͤckrannte. Als er nach Hauſe kam, ſaß Jerome in einer Laube des bluͤhenden Gartens, der unmittelbar an ſein Quar⸗ tier grenzte und las eine von den kleinen anmuthigen Er⸗ zählungen von Zſchokke, die ihm Ruffus als leicht zu ver⸗ — 285— ſtehende deutſche Lectuͤre empfohlen hatte; da ſturmte Eu⸗ gen, mehre Briefe in der Hand, den Gartengang daher. Von zu Hauſe, rief er freudegluͤhend, auch Georg und Victorine haben geſchrieben. Sie ſind beide wohl⸗ behalten und gluͤcklich in Baltimore angekommen; ha⸗ ben ſich auch bereits in einem reizenden Thale der Lou⸗ ſiana angekauft und beſtellen ihre Aecker, wie in ei⸗ ner Florianſchen Idylle. Victorine, obſchon das Weib eines Republikaners, iſt noch immer fuͤr unſern Kaiſer begeiſtert. Wir ſind alleſammt eingeladen nach dem ſchoͤnen Lande, und ſobald die Ruſſen uͤber die Weich⸗ ſel gejagt, bin ich auch nicht abgeneigt, den Lieben ei⸗ nen Beſuch abzuſtatten. Und die Pariſer? frug Jerome. Alles wohlauf, berichtete Eugen. Meine Mutter hat ſich darein ergeben, daß ich dem Kaiſer gefolgt bin, und zuͤrnt nicht im Geringſten mehr. Onkel Nor⸗ mand, Couſine Henriette, die Deinigen— Alle befin⸗ den ſich wohl und ſind ſtolz auf unſre Siege. Nor⸗ mands ſind grade von einer Landpartie aus Saint⸗ Coud zuruckgekehrt, als ihnen alle Glocken von Paris unſern Sieg bei Bautzen verkuͤndet. Onkel Stelzfuß, der ſich herrlich pflegt in ſeinem ſchoͤnen Garten von Auteille, und mit Ausnahme des zum Guckuck gegan⸗ — 286— genen Beins, vollkommen erholt hat von der ruſſiſchen Campagne, ſchickt uns einen Empfehlungsbrief an ei⸗ nen alten Kriegscameraden, der bei der alten Garde in der Legio Fulminatrir ſteht. Nach des Onkels Briefe iſt das ein zweiter Latour d Auvergne, noch ein alter Aegyptier und ſpecieller Liebling des Kaiſers. Hätte koͤnnen laͤngſt Obriſt und Gott weiß was ſein, aber er zieht es vor, Erſter Grenadier der Fulminatrir zu bleiben. Jerome erkundigte ſich nach dem Namen. Michel Barbanegre, ſprach Eugen, ich entſinne mich auch, öfters von ihm gehort zu haben. Ich auch, rief Jerome freudig, es iſt ein ausge⸗ zeichneter Mann, das wahre Normalbild eines aͤchten, alten kaiſerlich Napoleoniſchen Gardiſten. Dein On⸗ kel hat da in ſeinem Auteuille einen vortrefflichen Ge⸗ danken gehabt. Wir wären ſonſt im Leben nicht mit dem alten Aegyptier bekannt geworden. Es ſoll ſehr ſchwer halten, bei dem alten Loͤwen anzukommen, na⸗ mentlich ſo junges Volk wie wir, das uͤberhaupt von der alten Garde uber die Achſel angeſehen wird. Das iſt wahr, ſprach Eugen, die alten Barte be⸗ handeln uns recht en pagatelle und wir verſtehen doch auch zu fechten; bei Lutzen haben ſie uns zwar gelobt. Hoͤre Jerome, daß wir in Bautzen nicht dabei waren, iſt doch argerlich. Ich ſollte meinen, lächelte Jerome, Du hätteſt Dich am wenigſten daruͤber zu beklagen. Waͤhrend der Kaiſer halb Schleſien eroberte, ſcheinſt Du auch im Erobern nicht zuruͤck geblieben zu ſein. Wenig⸗ ſtens iſt aller Wahrſcheinlichkeit nach Claͤrchen Dir ſehr gewogen. Ach Gott, ſeufzte der junge Gardiſt, ich wage die⸗ ſes Gluͤck nicht zu denken. Ein ſolches himmliſches Kind iſt mir auf Erden noch gar nicht vorgekommen. Nach einer Pauſe fuhr er fort: Hoͤre Jerome, ich ſchwoͤre Dir als Freund bei Allem was heilig iſt im Himmel und auf Erden, entweder die wird meine Frau oder keine. Jerome ſtellte ſich verwundert. Wie, frug er, wirklich? Ich ſchwore es Dir, verſicherte Eugen ganz ernſtlich. Der Freund, welcher Eugens einſeitige Antipathie gegen alles Nichtfranzoͤſiſche nur zu gut kannte, und des⸗ halb oft mit ihm in Streit gerieth, konnte ſich bei den Betheuerungen des Verliebten eines Lächelns nicht enthalten. Aber eine Deutſche, Eugen, bedenke doch, ſprach — 288— der Freund in einem Tone, der wie patriotiſcher Vor⸗ wurf klang. Ei was, erkläͤrte der junge Franzos ziemlich naiv, ſie gehoͤrt ja zum Rheinbunde, ſie iſt unſte Verbuͤn⸗ dete, der Koͤnig von Sachſen iſt des Kaiſers beſter Freund. Da ſeh ich nichts Inpatriotiſches. Nach einer Pauſe ſetzte er hinzu: Bei in Preußin aller⸗ dings wars etwas Andres. Jetzt konnte ſich Jerome des lauten gachene nicht enthalten. Eugen, der ſich daruͤber ärgerte und in dem Wahne ſtand, der Freund glaube nicht an die Wahrhaftigkeit ſeiner Heirathsgedanken, ſagte Immer lache Du, wer zuletzt lacht, lacht am be⸗ ſten. Sobald Frieden iſt, komm ich wieder und hole mein Claͤrchen. Frieden, wie, frug erſtaunt lächelnd Jerome, muß ich dieſes Wott aus Deinem Munde hören? Verſteht ſich, fugte Eugen ſchnell hinzu, eher nicht bis die Ruſſen mit Eclat uͤber die Weichſel geworfen ſind, und das wird ſo lange nicht dauern. In Bres⸗ lau ſtehen wir ſchon. Von da iſt es nicht weit. Nun, Freund Eugen, ſprach Jerome, daß Du mit einem Mal ſo friedliebender Natur geworden biſt, freut mich wahrhaftig. Da harmoniren wir in einem — 289— Punkte mehr. Du weißt, ich, wie alle vernunftigen Leute, ſind fur den Frieden.- Ja, aber nur unter der Bedingung, gab Eugen zu, daß die Ruſſen hinter die Weichſel ſind, außerdem kann keine Rede davon ſein. Ruffus kam jetzt den Gang daher. Eugen eilte ihm entgegen und erzählte von den guten Nachrichten aus Paris und Amerika. Die drei jungen Maͤnner waren mit der Zeit ſo vertraut geworden, daß ſie ſich ſelbſt Familiennachrichten einander mittheilten. So hatte auch Ruffus des Nordamerikaner Georgs, ſo wie der muthigen Victorine Schickſal erfahren. Auch des alten Gardiſten Michel Barbanegre geſchah jetzt Erwaͤhnung. Das trifft ſich herrlich, rief Ruffus erfreut, da kann er bei uns wohnen. Wie ich geſtern erfuhr, kommt die Fulminatrir ganz in unſte Nähe, da in Friedrichſtadt, wo der Kaiſer wohnt, die geſammte alte Garde nicht Raum hat. Auch ich habe mehrmal von dem alten Helden ſprechen hoͤren. Der muß etzaͤhlen koͤnnen; er hat nicht nur faſt allen Schlachten des Kaiſerreichs und des Conſulats beigewohnt, er hat ſchon bei Valmy, bei Jemappes als gluͤhender Republi⸗ kaner gefochten, wie er jetzt eingefleiſchter Napoleoniſt 19 — 290— geworden iſt. Uebrigens bin ich gekommen, die Her⸗ ren zur Mittagstafel einzuladen. Die drei begaben ſich in das Speiſezimmer, wo Clärchen die gute und ſchoͤne Wirthin machte. Die beiden Franzoſen waren naͤmlich durch ihr beſcheide⸗ nes, anſpruchloſes und hochſt liebenswuͤrdiges Weſen der Familie des Geheimraths ſo befreundet geworden, daß man ſie ſehr häufig zu Tiſche bat. Hauptſächlich war es Jerome, der durch ſeine allſeitige Bildung der Converſation ſtets Intereſſe zu verleihen wußte, wäh⸗ rend Eugen nur fur Claͤrchen lebte, die er mit aller Macht ſeines jungen, feurigen Herzens anbetete. Anna ſelbſt ſtand jetzt weniger ſchroff den beiden Juͤnglingen gegenuͤber, obſchon ſie Clärchens ſichtbare Hinneigung zu Eugen entſchieden mißbilligte. Das arme Kind hatte deshalb viel zu dulden. Eugen war unerſchoͤpflich in kleinen reizenden Aufmerkſamkeiten. Es verging kein Morgen, daß er nicht ein ſchoͤnes Ro⸗ ſenbouquet oder andre bluͤhende Kinder Floras uͤber⸗ ſchickte. Auf den ſeidnen Baͤndern und Schleifen, womit ex die Straͤuschen zuſammen band, ſtan⸗ den gewöhnlich artige Motti und Deviſen aus franzö⸗ ſiſchen Dichtern. Wenn Claͤrchen die Serviette von ihrem Teller nahm, lag gewiß ein Pariſer Bonbon mit — zierlichem Bildchen und Deviſe darunter. Eugen, voll eingeborner Galanterie hatte ſich anfäͤnglich auch gegen Anna aͤhnliche anmuthige Scherze erlaubt, war aber von der patriotiſchen Schoͤnen dermaßen zuruͤckge⸗ wieſen worden, daß er die Blumen⸗ und Bonbonſpen⸗ den bald einſtellte. Clärchen, die nicht begriff, warum ſie ſich derglei⸗ chen anmuthige Aufmerkſamkeiten verbitten ſollte, hatte deshalb einen harten Stand bei der Schweſter. Nach der Mittagstafel begab man ſich wieder in den Garten, wo Jerome die kleine Geſellſchaft durch Beſchreibung ſeines ſchoͤnen Vaterlandes auf das An⸗ genehmſte unterhielt. Zweites Kapitel. In einem Gartenpavillon des Marcoliniſchen Palaſts zu Friedrichſtadt⸗Dresden ging Napoleon mit Berthier und Marſchall Soult im Geſpräch auf und nieder. Der öſtreichiſche Graf Bubna, welchem der Kaiſer Au⸗ dienz ertheilt hatte, war ſo eben abgetreten. Was meinen Sie, Berthier, ſprach der Kaiſer, wir haͤtten keinen Waffenſtillſtand eingehn ſollen? Oeſt⸗ reich wird ihn benutzen, ſeine Ruͤſtung zu vollenden und gegen uns auftreten. Ich wuͤrde den Verbuͤnde⸗ ten eine dritte Schlacht an der Oder geliefert häben. Dann ſtanden wir dem Frieden naͤher, auch ohne Oeſtreichs Vermittlung. Sire, erwiderte der Fuͤrſt von Neufchatel, unſere junge Armee bedurfte nach den außerordentlichen Strapazen der Ruhe. Waͤhrend der Waffenruhe wird ſie ihre Organiſation vollenden, unſere Verſtaͤrkungen, — 293— namentlich die Reiterſchwadronen, deren wir ſo beduͤrf⸗ tig, treffen ein. Auch war es rathſam, unſre Com⸗ municationslinie nicht zu weit auszudehnen. Pah, pah, Communicationslinie, lachte der Kai⸗ ſer, das alte Lied, das Euch Allen ſeit Rußland in den Ohren ſummt. Jeder Schritt, der weiter von Frank⸗ reich entfernt, erfüllt die Phantaſie mit Bildern des Schreckens. Ich ſehe ſchon, meine Herren, daß Sie den Krieg nicht lieben. Berthier moͤchte gern zu Groß⸗ Bois jagen und Soult ſein ſchoͤnes Haus zu Paris be⸗ wohnen. Allerdings, Sire, geſtand der Marſchall von Dal⸗ matien freimuthig, ich kenne die Freuden der Haupt⸗ ſtadt nur wenig. Nun, Ihr ſollt den Frieden haben, erwiderte Na⸗ polron, die Welt bedarf ihn. Ich werde große Opfer nicht ſcheuen, ihn zu erlangen. Aber meinen Frie⸗ densworten Eingang zu verſchaffen, bedarf's der Ruͤ⸗ ſtung. Auch wir wollen die Waffenruhe ſo viel als moͤglich benutzen.. Er ging nach ſeinem Cabinet. Soult und Ber⸗ thier folgten. Zu den Landkarten von Sachſen und Schleſien ward jetzt noch die große Karte Böhmens von Muͤller gelegt. Napoleon unterſuchte alle Ausgaͤnge Boͤh⸗ mens auf die Ebene von Dresden und nach Thuͤrin⸗ gen; alle Straßen, welche von Berlin nach Breslau und von Breslau nach Prag fuͤhren. Er durchläuft, den Zirkel in der Hand, alle Strahlen, welche von Dresden ausgehen und in militairiſcher Hinſicht von Intereſſe ſind. Er berechnet ſie mit der groͤßten Auf⸗ merkſamkeit und immer kehrt ſein Blick auf die Umge⸗ bungen von Dresden zuruͤck. Dieſe Stadt, ſpricht er, duͤrfte der erſte Richtpunkt der feindlichen Operationen werden. Sie miuß in Stand geſetzt werden, den Stoß auszuhalten. Die Elbe fließt bei ihrem Austritt aus Bohmen in die Gefilde Sachſens durch zwei ungeheure Fels⸗ maſſen, welche das Flußbett verengen und ihren Lauf beherrſchen. Die Gipfel derſelben ragen weit uͤber das Thal hervor. Auf dem rechten Ufer ſteht der Lilien⸗ ſtein, auf dem linken der Koͤnigſtein.— Das ſind zwei vorgeſchobene Schildwachen von Dresden, erklaͤrt Napoleon, der Fuß des Lilienſteins muß mit Geſchuͤtz beſetzt werden. unter dem Schutze dieſer zwei furchtbaren Felsmaſſen werden Bruͤcken ge⸗ ſchlagen, welche nicht nur eine unmittelbare Commu⸗ nication zwiſchen beiden Ufern, ſondern auch zwiſchen der Armee von Schleſien und derjenigen eroͤffnen, die gegen Boͤhmen aufzuſtellen ſein wird. Napoleon beſchrankt ſich aber nicht auf die Befe⸗ ſtigung von Dresden und der Umgegend, er will die franzöſiſche Atmee längs der ganzen Elblinie aufſtel⸗ len. Die aͤußerſten Enden dieſer Poſitjon ſind Dres⸗ den und Hamburg, inmitten die Feſtungen Torgau, Wittenberg, Magdeburg, alle in franzoöſiſcher Gewalt. Der Kaiſer ertheilt Befehl, dieſe Feſten ſchleunigſt in den beſtmoͤglichſten Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Sein Blick fällt wieder auf Hamburg. Dieſer Punkt nimmt ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Er verlangt nach einem Plane dieſer Stadt. Sogleich erhebt ſich der Director des topographi⸗ ſchen Buͤreau's, welcher in der einen Ecke des Cabi⸗ nets arbeitet, und legt einen Grundriß von Hamburg vor. 5 Napoleon lehnte ſich eine Zeitlang mit halbem Leibe auf den Kartentiſch, ſeine Augen fortwährend auf den Grundriß und die Umgebung der großen Han⸗ ſeſtadt gerichtet, dictirt er folgenden Brief an Da⸗ vouſt, Fuͤrſten von Eckmuͤhl und Commandanten von Hamburg. — 296— Mein Vetter I†ch ſchicke Ihnen einen Ordonnanzofficier, der Officier des Genieweſens iſt. Er ſoll Hamburg, die Inſeln, Haarburg, Luͤneburg, Luͤbeck, das Fort Curhaven in Detail einſehen und mir uͤber Alles und wie die Arbeiten vor ſich gehn, Bericht er⸗ ſtatten. Eine Stadt wie Hamburg kann nur durch eine Beſatzung von fuͤnfundzwanzigtauſend Mann und ein unermeßliches Material vertheidigt werden, und um Gefahr zu laufen, eine Beſatzung von fuͤnfund⸗ zwanzigtauſend Mann und ein großes Material zu verlieren, waͤre ein Platz nöthig, der ſich nach eröff⸗ neten Laufgräben wenigſtens zwei Monate lang vertheidigen könnte. Um aber dem Hamburger Wall eine Widerſtandskraft zu ertheilen, brauchte man einen Aufwand von dreißig bis vierzig Millio⸗ nen. Nun moͤchte ich aber Hamburg nicht nur gegen die Einwohner, gegen die Linientruppen, ſon⸗ dern ſelbſt gegen eine Belagerungsequipage halten. Ich will, daß Hamburg, wenn fuͤnfzigtauſend Mann vor der Stadt erſcheinen ſollten, nicht nur gegen einen raſchen Angriff geſichert ſein, ſondern ſich auch vertheidigen koͤnne, den Feind zur Eroͤffnung der „— Laufgräben zwinge und fuͤnfzehn bis zwanzig Tage aushalte. Dieſe Reſultate will ich in dieſem Jahre mit einer Ausgabe von zwei bis drei Millionen, einem Material von hundert bis hundertfuͤnfzig Kanonen und einer Beſatzung von ſechstauſend Mann erzielen. Ich will, daß bei dieſer Voraus⸗ ſetzung, falls die Stadt nach einer fuͤnfzehn- bis zwanzigtägigen Belagerung nach eroͤffneten Lauf⸗ graͤben genommen wuͤrde, ich nichts, weder an Ka⸗ nonen noch an Mannſchaft verliere, und daß ſich die Beſatzung in eine Citadelle fluͤchte und nach Er⸗ oͤffnung der Laufgraͤben je nach dem Grade der Vollkommenheit des Baues dieſer Citadelle, einen oder zwei Monate halte. Die bloße Darlegung die⸗ ſes Syſtems dient auch zur Erläuterung. An der Vollziehung muß ohne einen Augenblick zu verlie⸗ ren, gearbeitet werden. Vierundzwanzig Stunden nach Ankunft meines Ordonnanzofficiers muͤſſen zehntauſend Arbeiter beſchaftigt ſein. Sie muͤſſen 1) ohne Barmherzigkeit alle auf dem Walle ſtehende Haͤuſer niederreißen, jedoch nach vorlaͤufiger Schä⸗ tzung der Entſchaͤdigung, welche durch die Stadt be⸗ zahlt werden ſoll. 2) Sollen alle Haͤuſer, die auf dem Glacis ſtehen, 3) alle Haͤuſer, die auf der Ci⸗ — 298— tadelle ſtehen, niedergeriſſen werden. 4) Zugleich werden alle Parapets durch Ziehung tieferer Graͤben erhoͤht. 5) Zugbruͤcken an allen Thoren angebracht. 6) Halbmonde vor allen Thoren errichtet. 7) Die Graͤben ſo weit als moͤglich mit Waſſer gefullt. 8) Sie werden Ihre Anordnungen treffen, Gegen⸗ den, wo dies moͤglich iſt, unter Waſſer zu ſetzen. 9) Die wichtigſten und groͤßten Baſtionen ſind mit einer mit Schießſcharten verſehenen Mauer zu ver⸗ ſchließen, die minder wichtigen gut zu verpalliſadiren. 10) Sie ſollen ferner an einem bedeckten Wege und an einem Glacis arbeiten und die bedeckten Wege palliſadiren laſſen. 14) Auf jeder Baſtion ſind we⸗ nigſtens vier Kanonen aufzuſtellen, wovon zwei aus Zwoͤlfpfuͤndern oder noch ſtaͤrkerem und zwei aus geringerem Kaliber beſtehen. 12) Moͤrſer muͤſſen in den beiden groͤßten Baſtionen, und beſonders in der Baſtion und dem Theil der Mauer, welcher zwi⸗ ſchen den beiden Seen liegt, und der leicht iſolirt und als Citadelle betrachtet werden kann, aufge⸗ pflanzt werden, um ſie gegen die Stadt richten zu koͤnnen. 13) Sind die Verſchanzungen wieder herzuſtellen, welche die große Vorſtadt decken; dieſe gut zu palliſadiren und einige Blockhaͤuſer daſelbſt zu errichten. 14) Alle Inſeln ſind durch ein Sy⸗ ſtem von Redouten und Daͤmmen zu durchſchnei⸗ den und ſogar Bruͤcken auf Pfeilern uͤber die klei⸗ nen Arme zu errichten; auf jedem Arme zwei große Faͤhren anlegen zu laſſen, wie ich ſie zu Antwerpen, die eine fur die Ebbe, die andre fuͤr die Fluth habe bauen laſſen, ſo daß hundert Reiter und fuͤnfhun⸗ dert Fußgänger auf einmal uͤberſetzen koͤnnen. Dann muß Haarburg neu befeſtigt, ausgeruͤſtet und palli⸗ ſadirt werden. Nehmen Sie alle dieſe Werke als fertig an, was in wenig Monaten moͤglich iſt, ſo iſt klar, daß vier Compagnieen Artillerie und fuͤnftau⸗ ſend fuͤnfhundert Mann Infanterie Meiſter von Hamburg ſein werden. Zur Vollendung dieſes Syſtems muß eine Citadelle zwiſchen dem Fluß und der Stadt errichtet werden, ſo daß die Citadelle, die Inſeln und Haarburg nur Ein Syſtem ausmachen. Dieſe Citadelle kann im Anfang von Erde ſein, mit gefüͤllten Waſſergraͤben, guten Palliſaden und höl⸗ zernem Blendwerk fuͤr die Artillerie-Magazine, fuͤr die Pulver⸗Magazine und fur die Beſatzung. Sie ſehen daraus, daß wenn die Stadt nach einer regel⸗ maͤßigen Belagerung genommen wuͤrde, die Beſa⸗ tzung ſich in die Citadelle, auf die Inſeln und nach — 300— Haarburg fluchten kaͤnnte. Alles das kann in die⸗ ſem Jahre geſchehen. In dem folgenden Jahre werde ich die Citadelle mauern und ihr alle moͤgliche Staͤrke ertheilen laſſen. Dieſes Vertheidigungsſy⸗ ſtem habe ich fuͤr Hamburg beſchloſſen. Ich befehle dem General Haxo, es zu uͤberlegen, zu zeichnen und zu vollziehen. Es iſt aber von der hoͤchſten Wichtigkeit, daß Sie den erſten Augenblick benutzen, um alle Hauſer zu ſchleifen, welche der Anlegung der Citadelle, von der ich oben ſprach, im Wege ſein koͤnnten. Ich weiß, daß General Hapo die Abſicht hatte, die Citadelle auf der Seite von Altona anzu⸗ legen. Dies iſt unmoͤglich, es wurde die Dänen in Schrecken ſetzen. Ueberdies ſoll meiner Abſicht nach die Citadelle einen Bruckenkopf uͤber das rechte Elb⸗ ufer, Haarburg einen Bruͤckenkopf uͤber das linke ufer abgeben; die Inſeln dienen zur Communica⸗ tion. Sie wiſſen, daß ich Hamburg nicht geſehen, daß man den Geiſt des gegebenen Befehls, nicht den Buchſtaben ſtudiren muß, ſo daß man kein Beden⸗ ken tragen darf, am fuͤnfzehnten Juli ſechstauſend Wann iſolirt in Hamburg zu laſſen und ihre Com⸗ munication mit dem linken Ufer gegen alle beunru⸗ higende Ereigniſſe geſichert iſt. — 301— Außerdem bitte ich Gott, mein Vetter, Sie in ſeinen heiligen und wuͤrdigen Schutz zu nehmen. Napoleon hatte, während er dieſe Worte ſprach, faſt keinen Blick von dem Grundriſſe verwendet. Er richtet ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf die Karte von Deutſchland. Unſere Communicationslinie mit Frankreich, ſpricht er, ſtuͤtzt ſich auf Erfurt. Dieſe Stadt, wo ſich die Hauptniederlage unſter Vorräthe befindet, wird von Tag zu Tag wichtiger. Auch ihre Citadellen muͤſſen in completten Vertheidigungsſtand geſetzt werden. Der Kaiſer enthuͤllte immer mehr den Plan, ſeine Macht an der Elbe zu conzentriren und ſich hier in Abwartung der Ereigniſſe zu halten. Marſchall Soult ſtand etwas ſeitwaͤrts vom Kar⸗ tentiſche und war bei den letztern Expectorationen Na⸗ poleons ſichtbar duͤſtrer geworden. Auch Berthier be⸗ obachtete ein beharrliches Stillſchweigen, welches weit mehr auf Mißbilligung der Plaͤne des Kaiſers, als auf Beifall deutete. Napoleon blickte forſchend die beiden Fuͤrſten an. Sie ſcheinen nicht meiner Meinung? frug er. Herr Marſchall von Dalmatien, was haben Sie dage⸗ gen einzuwenden? —— Sire, antwortete Soult mit beſcheidener Feſtigkeit, die Stellung an der Elbe erſcheint mir etwas gewagt. Falls Oeſtreich den Verbuͤndeten die Ausgaͤnge von Boͤhmen öffnet, kann unſte Armee ſehr leicht umgan⸗ gen und im Ruͤcken genommen werden. Wie? fuhr Napoleon etwas unmuthig auf, Sie beſorgen, ich moͤchte mich im Herzen von Deutſchland zu ſehr bloßſtellen? War ich bei Marengo, Auſterlitz, Wagram nicht in viel gewagterer Stellung. Von Ar⸗ cole bis zum heutgen Tage waren alle meine Schritte auf dieſer Laufbahn Kuͤhnheiten dieſer Art und ich habe hierin nur die ausgezeichnetſten Muſter befolgt. Be⸗ ſchaͤftigten ſich Alexander, Hannibal, Cäſar mit ihren Ruckzugslinien in dem Augenblicks, da ſie um die Weltherrſchaft kaͤmpften: Wenn nun Alexander am Indus geſchlagen worden waͤre? Wenn Hannibal bei Cannaͤ beſiegt worden waͤre? Wenn Cäſar in den galliſchen Waͤldern, am Vorgebirge von Dyrrachium oder in den Engpaͤſſen von Pharſalus geſchlagen wor⸗ den wäre? Wenn? Wenn?! 1805 war ganz Preu⸗ ßen im Begriff uber mich herzufallen, ich lag tief in Mähren im Kampfe; mein Ruͤckzug durch Deutſch⸗ land war unmöglich, aber ich ſiegte bei Auſterlitz. 1806, in dem Augenblicke, wo ich in die Schluchten — 303— von Thuͤringen zog, wollte mir Oeſtreich in den Ruͤ⸗ cken fallen und Spanien uͤber die Pyrenaͤen hereinbre⸗ chen!— aber ich ſiegte bei Jena! 1809, als ich an den Grenzen von Ungarn gegen die Donau kaͤmpfte, als ganz Tyrol im Aufſtand war, die Englaͤnder ſchon gegen Antwerpen vordrangen, mußte ich Rußlands Abfall fuͤrchten; meine Verlegenheit ſtieg, wenn ich ei⸗ nen Blick auf Preußen warf!— aber ich ſiegte bei Wagram. Sollte mich der Feind je von Boͤhmen aus umgehen wollen, ſo kann dies von ſeiner Seite nur in der Hoffnung geſchehen, die ruͤckgäͤngige Bewegung zu machen, die Sie mir jetzt rathen. Dresden iſt der Wendepunkt, auf dem ich mans⸗ vriren will, fuhr er nach einer Pauſe fort, um allen Angriffen die Spitze zu bieten. Der Feind entwickelt ſich von Berlin bis Prag in einer Kreislinie, deren Mittelpunkt ich einnehme. Die geringſten Commu⸗ nicationen verlaͤngern ſich fur ihn wegen der zu befol⸗ genden Umwege, und fuͤr mich ſind einige Märſche hinreichend, uͤberall dahin zu gelangen, wo meine Ge⸗ genwart und meine Reſerven noͤthig ſein werden. Meine Feldherren aber muͤſſen verſtehen, auf den Punkten, wo ich nicht bin, mich zu erwarten, ohne et⸗ was dem Zufalle zu uberlaſſen. — 304— Napoleon hatte auf die letztern Worte einen be⸗ ſondern Nachdruck gelegt. Er ging mehremal ſchwei⸗ gend im Cabinet auf und ab. Nach einiger Zeit fährt er fort: Der Feind wird Abtheilungen zwiſchen die Elbe und den Rhein werfen. Ich erwarte dies und habe dafuͤr geſorgt. Außer den ſtarken Beſatzungen von Mainz, Weſel, Erfurt und Wuͤrzburg, ſammelt Auge⸗ reau ein Beobachtungscorps am Main. Wenn ſich die Verbuͤndeten zwiſchen meine befeſtigten Linien an der Elbe und am Rhein wagen, wenn ſie ſo kuͤhn ſind, eh bien, ſo ziehe ich nach Boͤhmen und falle ihnen in den Ruͤcken. Die Koſaken werden vielleicht einige Departements unſter Rheinprovinzen mit Streifzuͤgen heimſuchen, moͤglich; wenn aber der Krieg mit aller Ueberſchwem⸗ mung nach Mainz kaͤme, waͤre das Ungluͤck weit ernſt⸗ hafter. In den Ebenen von Sachſen muß unſer Schick⸗ ſal entſchieden werden. Ich habe Alles berechnet, dem Geſchick bleibt das Weitere uͤberlaſſen; ſo gut meine Gruͤnde ſind, weiß ich doch, daß man mich nach dem Erfolge beurtheilen X ———— — 305— wird, das iſt das ſtrenge Geſetz der Geſchichte, dem man ſich unterwerfen muß. Napoleon wandte ſich jetzt zum General Rogniat, dem Commandanten des Genieweſens, der ſeit einiger Zeit eingetreten und ſich ungefragt mißbilligend uͤber die Stellung an der Elbe ausgeſprochen hatte. Der Commandant des Genieweſens, ſprach der Kaiſer in nachdruͤcklichem Tone, iſt nicht der Befehls⸗ haber der Armee. Ich verlange keinen Feldzugplan von Ihnen, machen Sie auch keinen. Begnuͤgen Sie ſich damit, in meine Gedanken einzugehen und die Sie betreffenden Befehle zu vollziehen. Bleiben Sie bei Ihrem Geſchaͤft, wuͤhlen Sie die Erde um, hauen Sie Baͤume nieder, machen Sie mir Graͤben„ Palli⸗ ſaden, und unterſtutzen Sie mit Ihrer Kunſt unſte Maͤrſche. Rogniat nahm mit ehrfurchtsvollem Stillſchwei⸗ gen, aber innerm Grimme dieſe Lection hin). 0 Der General ſcheint ſeinen Aerger nach Jahren nicht verſchmerzt zu haben. Als Napoleon bereits auf Helena, gab jener ein Buch über den Feldzug 1813 heraus, wo die Gehäſſigkeit gegen ſeinen ehemaligen Gebieter deut⸗ lich hervorleuchtet und zu welchem der Kaiſer ſelbſt An⸗ merkungen dictirte. II. 20 „ ——— — 306— Unterdeſſen waren Depeſchen aus Spanien, Ita⸗ lien, Holland, aus Paris und Wien angelangt. Der Kaiſer verabſchiedete die Anweſenden, bis auf den Di⸗ rector des topographiſchen Buͤreaus und die beiden Cabinetsſecretaire Fain und Mounier. Drittes Kapitel. Eine duͤſtre Stille herrſchte in der Verſammlung der Mitglieder des Tugendbundes, welche ſich tief um Mitternacht in einem aͤußerſten Verſtecke der Wils⸗ druffer Vorſtadt zuſammen gefunden hatten. Die Lich⸗ ter waren tief herabgebrannt, von den Thuͤrmen von Dresden erklangen die Glocken der Mitternacht. Un⸗ freundlich ruttelte der Nachtwind an den Fenſterladen; kein Stern ſchaute vom wolkenvollen Himmel. Wo bleibt nur der Reinhold, frug nach langer Pauſe eine Stimme, es wird ihm doch kein Unfall be⸗ gegnet ſein? Er iſt noch heut ſpaͤt am Abend zur Sternburg gegangen, gab ein Andrer zur Antwort, um uns Ge⸗ wißheit zu verſchaffen. ⸗ 20* — 308— Ich kann es noch immer nicht glauben, meinte duͤſter ein Dritter, daß Alfreds Nachricht gegruͤndet ſein ſollte. Lehre mich den Fuͤrſten Metternich nicht kennen, erwiderte dieſer, ſo gewiß wir hier beiſammen ſitzen, iſt er heute zum Pirnaiſchen Thore hereingefahren. Ich verzweifle an Allem, was gut und heilig iſt, rief Conſtantin, einer jener Juͤnglinge, in welchen die Begeiſterung fur die Vaterlands-Freiheit am gluͤ⸗ hendſten flammte, wenn das Wiener Cabinet die Stimme ſeiner Voͤlker, den Weheruf des ganzen ge⸗ knechteten Europas dermaßen mißkennen ſollte, daß es mit dem Tyrannen gemeinſchaftliche Sache machte. Wenn es nur ſtrenge Neutralitaͤt beobachtet, meinte Alfred, ſind wir dem Feinde gewachſen. Nein, rief aufgeregt Conſtantin, in der Gegen⸗ wart heißt es mit oder gegen uns; der Deutſche, der es geduldig mit anſehen kann, wie dieſe Fremdlinge das Vaterland mit Fuͤßen treten, iſt nichts werth. Oeſtreich hat jetzt keine Ruͤckſicht mehr zu nehmen. Es ſoll ſich erklaͤren, es iſt mit Blindheit geſchlagen, wenn es den Augenblick nicht ergreift. Einer von der gemäßigtern Partei, Namens Eduard, ſprach jetzt den Wunſch aus, daß aus dem —— Waffenſtillſtand ein ehrenvoller Friede hervorgehen moͤchte. Er fand heftige Widerſacher. Friede, rief Conſtantin gereizt, wie kann in des Deutſchen Bruſt, die ob der langjaͤhrigen Schmach vor Wuth kocht, nur ein Gedanke an den Frieden auf⸗ kommen. Schon dieſer Waffenſtillſtand iſt dem wah⸗ ren Vaterlandsfreunde verhaßt. Nichts von Vertraͤ⸗ gen und Conceſſionen mit dem Bluthunde, bis unſere Banner ſiegreich auf der Verbrecher Stadt an der Seine wehen, dann meinetwegen mag von Frieden die Rede ſein. Wenn ich ſchon jetzt von Frieden ſpreche, erwiderte ruhig Eduard, ſo beherzige ich nur zunaͤchſt das Un⸗ gluͤck unſers armen Sachſens, das ſich nach der kurzen Kriegszeit kaum mehr aͤhnlich ſieht. Es iſt ein Jam⸗ mer, wenn man ſieht, wie der Wohlſtand ganzer Fa⸗ milien in wenig Stunden ruinirt wird. Seufzen die Stadtebewohner ſchon unter den druͤckendſten Kriegs⸗ laſten, ſo ergeht es dem Landmann, deſſen Fluren ver⸗ wuͤſtet, Scheuern und Gehoͤfte niedergebrannt werden, noch ſchlimmer. In Dresden ſind nicht weniger denn dreißigtauſend Mann einquartiert. Die Miethsleute ſind zur Aufnahme und Verpflegung der Einquartie⸗ rung verpflichtet. Wenn dieſer Zuſtand nicht bald — 310— endet, muß der weit groͤßere Theil der Bewohner ver⸗ armen. Was die Noth vergroͤßert, iſt das Nervenfie⸗ ber, das immer mehr um ſich greift, und durch die Anhaͤufung der Verwundeten und Kranken in zehn Spitälern und einer großen Anzahl Buͤrgerwohnungen einen ſo gefaͤhrlichen Character annimmt. Nicht min⸗ der thut ſich der nachtheilige Einfluß des Kriegs auf den ſittlichen Zuſtand der Voͤlker kund. Die Sitten⸗ loſigkeit der fremden Krieger wirkt eben ſo anſteckend wie das Seuchengift. Die Jugend der niedern Volks⸗ claſſe zeigt ſich bereits weit roher, und hat in ſo kurzer gZgeit eine uberraſchende Bekanntſchaft mit der Luder⸗ lichkeit gemacht. Es iſt jetzt das wahre goldene Zeit⸗ alter der Freudendirnen und Kupplerinnen. Die Ar⸗ beitſcheu in der gemeinen Volksclaſſe nimmt taͤglich mehr uͤberhand. Die Leichtigkeit, ſich durch Feldkra⸗ merei Unterhalt zu verſchaffen, verleitet eine Anzahl Menſchen zu dem bequemen Erwerbe. Man faͤngt ſchon an, das Arbeiten fuͤr's Tagelohn zu verſchmaͤhen. Wahrſcheinlich nimmts dieſer beklagenswerthe Zuſtand aller Orts uͤberhand, wo die Kriegsfackel hinleuchtet, und der Wunſch nach einer baldigen Veraͤnderung und Verbeſſerung iſt nur ein hoͤchſt menſchenfreundlicher zu nennen. — 311— Dieſes ganze Elend waͤre vermieden worden, ſprach Conſtantin, wenn Deutſchland fruͤher ſeine Intereſſen gegen den Eroberer gewahrt hätte. Was haben denn die Friedensſchluͤſſe zu Preßburg, Lilſit und Wien ge⸗ nuͤtzt? Waren es nicht bloß Waffenſtillſtaͤnde, weil Bonaparte, ſo lange er maͤchtig, nimmer Frieden haͤlt. Nur jetzt nicht Friede, nachdem man durch großes Un⸗ gluck endlich zu der Einſicht gekommen, daß kraͤftiges Zuſammenhalten das einzige Mittel iſt, den Tyrannen zuruͤckzuwerfen. Ein Friede unmittelbar nach dem jetzigen Waffenſtillſtand kann uns weder fur die ſechs⸗ jaͤhrige Schmach entſchädigen, noch fur kunftige ſchuͤ⸗ tzen. Unſer Feind iſt noch zu mächtig, als daß er ſich zu Sicherheit gewaͤhrenden Garantien verſtehen wird. Nein, kein Friede, wer von Frieden ſpricht, ſo lange der Feind im Herzen des Vaterlandes ſteht, der kanns nimmer gut meinen mit Freiheit und Vaterland. Da meine Geſinnungen bekannt ſind, ſprach Eduard zu Conſtantin, ohne ſich durch die letten, in uebereilung geſprochenen Worte verletzt zu finden, er⸗ ſpare ich mir die Entgegnung auf Deine Inſinuation. Conſtantin, noch immer in Aufregung, konnte ſich uber den Frieden nicht beruhigen, als die leiſe — Schelle ertoͤnte, das Zeichen, daß ein Vertrauter Ein⸗ laß begehre. Endlich kommt er, ſprach Alfred, und Ihr werdet erfahren, daß ich in Betreff Metternichs Wahrheit geſprochen habe. Wirklich trat auch der erwartete Reinhold in's Zimmer; aber ſein Geſicht war bleich und verſtort; er ſchien nicht Worte finden zu koͤnnen fuͤr den Zu⸗ ſtand ſeines Innern. Gott, was iſt Dir, Bruder? frugen mehre Stim⸗ men, Dir muß Außerordentliches widerfahren ſein? Allerdings iſt mir Außerordentliches widerfahren, begann endlich Reinhold, und die Anweſenden ſtan⸗ den in geſpannteſter Erwartung. Was ich erlebt habe, iſt empoͤrend, fuhr er fort, kaum wage ich das Entſetzliche uͤber die Lippen zu bringen. So wißt denn, unſer einſtiger Freund, auf dem ſo felſenfeſt unſer Vertrauen ruhte, fuͤr den ich noch geſtern mein Leben hingegeben haͤtte— Ruffus Guͤnther iſt ein franzoſiſcher— Spion! Die ganze Verſammlung gerieth bei dieſen Wor⸗ ten in Aufruhr. Die fuͤrchterlichſten Verwuͤnſchun⸗ gen brachen uͤber den Angeklagten herein. Man be⸗ ſchloß furchtbare Rache. —= — 313— Er fallt von meiner Hand binnen drei Tagen, rief Conſtantin mit rollenden Augen. Ich ſchwoͤr's bei Gott und ſeinen Heiligen! Verdachtig iſt er ſchon lange, ſprach ein Anderer aus der Geſellſchaft, Namens Benno; warum mied er unſere Verſammlung, warum yfiog er faſt immer umgang mit dem Feinde? Lange ſchon, erzaͤhlte Reinhold, war auch in mei⸗ ner Bruſt der Verdacht aufgeſtiegen, aber ich wagte das Entſetzliche nicht zu denken. Ich legte ſein zwei⸗ deutiges Betragen ſtets der bekannten Indifferenz und Indolenz ſeines Characters zur Laſt; erſt heut' Abend, bei Frau von Sternburg, iſt mir Ueberzeugung und Gewißheit geworden. Dieſes hochherzige Weib, das der heiligen Sache mit Begeiſterung ergeben, hat mir den Verraͤther entlarvt. Noch immer konnte ich das Entſetzliche nicht glauben, war's nicht ein Weib, wel⸗ ches mir den Freund verdaͤchtigte, als die Sternburg einen Brief von Ruffus an den Chef der hier organi⸗ ſirten franzoͤſiſchen Polizei vorzeigte, worin der Schaͤnd⸗ liche ſogar den in Dresden beſtehenden Tugendbund erwaähnt. Ich wuͤrde ſelbſt von dieſem Briefe nichts erfahren haben, wäre er mir nicht durch beſonderen Zufall in die Hände gerathen. Schon früher hatte — 314— ich naͤmlich der hochherzigen Freundin unſere Beſtre⸗ bungen mitgetheilt und ihr ſelbſt die Namen von meh⸗ ren der Unſern nicht verheimlicht. Dieſe Namen nun vermißte ſie auf der Liſte, welche der Verräther ſeinem Schreiben an den Polizeichef beigefuͤgt. Sie beſchuldigte mich des Mißtrauens, ich habe ſie hinter⸗ gangen. Als Beweis kam Ruffus Brief in meine Haͤnde. Ich uͤberſchaute die Liſte, fand aber lauter fremde Namen; aus welchem Grunde der Verraͤther dies gethan, begreif' ich nicht; aber Vertrauen verdient Vertrauen, und ich habe der Sternburg nichts mehr verſchwiegen, was unſere Angelegenheit betrifft, und unſer Verſteck und die Stunde unſter Zuſammenkunft nicht verhehlt. Das iſt ſehr unvorſichtig, bemerkte Eduard, Du haſt da offenbar gegen unſere Statuten geſuͤndigt. Wenn dem Chef der geheimen Polizei unſer Schlupfwinkel kein Geheimniß mehr ſcheint, entſchul⸗ digte ſich Reinhold, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich ihn einer Freundin verſchweigen ſoll, die unſrer Sache mit ganzem Herzen ergeben iſt. Aber nicht nur unſern Bund hat der Boͤſewicht derrathen, fuhr der Sprecher mit gluͤhenden Wangen fort, auch an meinem Herzen, an dem Heiligthum —— — 315— meiner Bruſt, iſt er zum Verraͤther geworden. Er bemuͤht ſich ſogar die einzige Geliebte meinem Herzen abwendig zu machen und ſie einem Feinde des Vater⸗ landes zuzufuͤhren, wie heftig ſich auch Anna dagegen ſtraͤubt. Ein ſolches Beginnen iſt mehr als ſchaͤnd⸗ lich, es iſt teufliſch und verdient zehnfachen Tod. Die gerechte Entruͤſtung Reinholds theilte ſich faſt allen Anweſenden mit, und der Tod des Ruffus ward, mit Ausnahme Eduards, der auf anderweitige Beweiſe des angeſchuldigten Verbrechens drang, einſtimmig beſchloſſen. Conſtantin erkundigte ſich jetzt, ob die Ankunft Metternichs im franzoͤſiſchen Hauptquartier gegrun⸗ det ſei. daß der oͤſtreichiſche Miniſter ſolche Friedensbedingun⸗ gen vorlegen wird, daß an einen Frieden nicht zu den⸗ ken iſt. Das Wiener Cabinet tritt dann unfehlbar auf die Seite der Verbundeten. Das gebe Gott, ſprachen mehre Stimmen, als abermals die Signalglocke ertoͤnte. Wer kann das ſein? frug man ſich unter einan⸗ der, wir ſind Alle beiſammen, und der mit dem Amte Allerdings, beſtätigte Reinhold, doch hofft man, — 316— des Pfoͤrtners Beauftragte erhielt die anweiſun, mit groͤßter Vorſicht zu Werke zu gehen. Es iſt das Beſte, wir loͤſchen die Lichter, und ge⸗ ſtatten Niemand den Eintritt mehr. Es muß einer der Unſern ſein, ſprach Alfred, es war der verabredete Klingelzug. Vielleicht iſt einer unſerer Emiſſaire aus Leipzig oder Bautzen zuruͤck. Und zum zweiten Male laͤutete das Glockchen. Der Pfoͤrtner, von Benno und Conſtantin gelei⸗ tet, machte jetzt auf, um nachzuſehen,i wer ſo ſpät noch Einlaß begehre. Die Verſammlung verharrte in lautloſem Schweigen. Bald kehrten die Pinai zuruͤck und eine hohe Geſtalt, tief im Mantel gehullt, trat herein. Gotthardt, rief außer ſich vor Freuden Reinhold, und ſtuͤrzte dem Eingetretenen in die Arme. Gott⸗ hardt! tonte es von allen Seiten, und Alles gerieth in die freudigſte Bewegung. Guten Abend meine Freunde und Bruͤder, ſprach der aͤltere Steinberg, Allen die Hand ſchuͤttelnd. Hat⸗ tet mich wohl ſo bald nicht erwartet. Bei Gott, nein, rief Reinhold, wir glaubten Dich tief in Schleſien. —— Hab' mich durch Boͤhmen uͤber das Erzgebirge durchgeſchlichen, erzählte Gotthardt, nachdem er im Kreiſe der Freunde Platz genommen; brauchte acht Tage auf dem verfluchten Wege, aber der Himmel war mein Geleiter, bin ohne Faͤhrde durchgekommen. Und unſre Helden in Schleſien, wie ergeht es ih⸗ nen? frug Conſtantin. Entbieten deutſchen Gruß und Kuß; laſſen zum baldigen Aufbruch mahnen. Die Waffenruhe laͤuft in Kurzem zu Ende und wir brauchen begeiſterte Her⸗ zen und ruͤſtige Arme. Alſo an Frieden nicht zu denken? rief freudig Conſtantin. Im preußiſchen Lager wenigſtens denkt Niemand daran, antwortete Gotthardt, und die Ruſſen werden ſicher nichts dawider haben. Der Pfoͤrtner hatte jetzt fuͤr Wein geſorgt, um die Ankunft des unerwarteten Freundes durch einige Toaſte zu feiern. Die Gläſer klangen an einander, mancher begei⸗ ſterte Trinkſpruch wurde ausgebracht. Als aber Gotthardt mit Conſtantin anſtieß, ſprang des letztern Glas mitten entzwei und ein gellend ſchmerzhafter Ton durchzog das Gemach. — 318— Du biſt und bleibſt Bruder Ungeſtuͤm, zankte Eduard, der zunaͤchſt ſtand und von Wein ganz uͤber⸗ ſchuttet wurde; da begann die verhaͤngnißvolle Schelle zum dritten Male zu läuten. Schon wieder? riefen mehre, vielleicht ein zweiter Freund aus Schleſien, und abermals machte ſich der Pfoͤrtner auf den Weg, von Alfred und Eduard begleitet. Sie blieben ziemlich lange aus. Sollte die Luft nicht rein ſein? frug Reinhold, wir wollen doch nachſehen. In demſelben Augenblicke trat Eduard herein. Es iſt Ruffus, berichtete er, der um Gotteswillen bittet, eingelaſſen zu werden. Wir ſollen verrathen ſein und uns ſchleunigſt retten. Ha, der Verräther! ſprach Reinhold zorngluͤhend. Laßt ihn herein, rief Conſtantin, er ſoll lebendig den Ausgang nicht wieder finden. Halt! donnerte Gotthardt aufſpringend, Rechtfer⸗ tigung ſteht dem Moͤrder frei. Wir duͤrfen ihn nicht ungehoͤrt verdammen. Meines Bruders Beſchuldi⸗ gung hat mich nicht uͤberzeugt. Laßt ihn herein. Das Anſehen, in welchem Gotthardt bei den Ge⸗ — 319— noſſen ſtand, war hinreichend, ſeinem Worte Gehorſam zu verſchaffen. In wenig Augenblicken trat Ruffus haſtig in die Verſammlung. Freunde, rief er mit furchtbarem Ernſte, bei Allem“ was heilig iſt, rettet Euch, Ihr ſeid verrathen; kein Augenblick iſt zu verlieren. Fuͤr den aͤußerſten Fall ſind hier einige Waffen. Er legt mehre Dolche, Pi⸗ ſtolen und Degen auf den Tiſch. Ruffus, ſprach der ältere Steinberg, ihn feſt mit den Augen fixirend, Du ſelbſt biſt des Verraths ange⸗ klagt durch meinen Bruder Reinhold. Elender, rief Conſtantin, was willſt Du zur Rechtfertigung ſagen, da Dein Verrath offen vorliegt. Rettet Euch erſt, bat Ruffus flehend, dann will ich Rede ſtehen. Die Sternburg hat Euch verrathen. Wage nicht eine Heilige zu laͤſtern, ſchrie Rein⸗ hold, und wollte zorngluͤhend auf ihn einſturzen. Zuruck, gebot Gotthardt, noch iſt er mein Freund, das Verbrechen nicht erwieſen; ein Hundsfott, wer ihn anruͤhrt. Gotthardt! Freund! Bruder! beſchwor Ruffus, ein Augenblick Verzoͤgerung und Euere Freiheit, ja Euer Leben iſt verloren. Die Gensdarmen folgen mir auf dem Fuße. Der Verraͤther hat ihnen wahrſcheinlich den Weg gezeigt, grollte Conſtantin. Schmäht wie Ihr wollt, ſprach Ruffus, flieht nur; wo moͤglich durch den Garten. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ein hef⸗ tiges Klopfen an die Hausthuͤr erfolgte. Gott, ſo bin ich zu ſpaät gekommen, ſchrie Ruffus verzweifelt, flieht durch den Garten, ich decke Euch den Ruͤcken. Ruffus, ich glaube Dir, rief Gotthardt, auf Freund, durch den Garten ins Freie. Die Hausthuͤr brach jetzt unter Kolbenſchlaͤgen zuſammen. In dem Gange klirrten Waffen. Ein Theil der Anweſenden hatte ſich durch die Kuͤche in den Garten gefluͤchtet. Ruffus, Gotthardt, Conſtantin, Reinhold waren die Letzten; aber ſchon war ihnen eine Abtheilung franzoͤſiſcher Gensdarmen durch den Hauptgang zuvorgekommen und ſperrte den Eingang in den Garten. Hier hilft kein Beſinnen, ſchrie Ruffus, mir nach! und wie ein Loͤwe ſtuͤrzte er ſich mit geſchwungenem Saͤbel auf die Gensdarmen, ſtreckte zwei zu Boden — 321— und brach ſich gluͤcklich Bahn. Gotthardt, Conſtantin und Reinhold, gleichfalls bewaffnet, folgten. Schon hatten ſie die Teraſſe erreicht, von wo man mit Leich⸗ tigkeit uͤber die Mauer kommen konnte, als eine Ca⸗ rabinerſalve erfolgte und die Kugeln den Fluͤchtlingen um die Köpfe pfiffen. Ruffus ward am rechten Arm geſtreift, die Gebruͤder Steinberg blieben unverletzt; aber Conſtantin, der eben auf der Mauer ſtand, erhielt einen Schuß in den Nacken, daß er ruͤcklings auf die Teraſſe zuruckſturzte. Er iſt nicht zu retten, draͤngte Ruffus, vorwaͤrts, vorwaͤrts; die Drei ſprangen uͤber die Mauer und ge⸗ langten glucklich ins Freie. In einiger Entfernung trafen ſie mit den Uebri⸗ gen zuſammen. Man vergonnte ſich einen Augenblick Ruhe. Außer Conſtantin, ſprach Gotthardt, muͤſſen noch mehre fehlen. Eduard, Alfred und Benno ſind noch nicht da, ſprach der junge Arno. So haben ſie ſich, mit der Localitaͤt weniger be⸗ kannt, auf dem Wege nach dem Hofraum verirrt, rief Gotthardt, in der Stube war Niemand mehr. II. 21 — 322— Und ſind gefangen! ſchrie Reinhold, Bruͤder, Freunde, wollen wir die Unſern im Stiche laſſen? Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als eine zweite Salve, wohl an die zwanzig Kugeln, uͤber ihren Koͤpfen dahinrauſchte. Nein Kinder, ſprach Gotthardt, das waͤre Wahn⸗ ſinn, unſter ſind kaum ein Dutzend und nur ein Paar nothduͤrftig bewaffnet; wir wuͤrden die Freunde nicht retten und uns gleichfalls ins Verderben ſtuͤrzen. Folgt mir, commandirte Ruffus, ich bin hier be⸗ kannt. Wir muͤſſen ſuchen das Etbufer und dann die Dresdner Haide zu erreichen. Die Fluͤchtlinge wagten jetzt keinen Widerſpruch mehr. Die aufopfernde Tapferkeit fur die Freunde hatte den Verdacht gegen den Angeklagten eclatant nie⸗ dergeſchlagen, daß man ohne Mißtrauen dem Fuͤhrer folgte. Nur Reinhold, von den Intriguen der Frau von Sternberg zu ſehr umgarnt, konnte ſich von des Freun⸗ des Unſchuld nicht uͤberzeugen und ging ſtumm und grollend neben her. Das Haͤuflein, von den Gensdarmen in der Ferne verfolgt, gelangte jetzt an die Weiſeritz. Rechts aufwaͤrts, gebot Ruffus. — 323— Hier fuͤhrte ein ganz ſchmaler Weg uͤber das Fluͤß⸗ chen. Nur Einer nach dem Andern konnte daruͤber.“ Als der Letzte uber den Steg war, brach Ruffus mit Rieſenkraft das Bret ab und zog es an's ufer. So iſt wenigſtens fuͤr den Augenblick der Ruͤckzug geſichert, ſprach er, der Fluß iſt gewachſen und kein Gensdarme kommt ſo leicht heruͤber. Wieder ging's ſchweigend durch die Nacht. Man kam in die Naͤhe des Pulvermagazins vor dem Loͤb⸗ dauer Schlage. Qui vive? rief ploͤtzlich eine Stimme und ein Hahn knackte. Beauharnois et Borodino, antwortete Ruffus und die Schaar paſſirte ungefährdet die franzöſiſche Schild⸗ wacht. Daß Guͤnther die Parole des Tages wußte, erregte in Einigen abermals Verdacht. Man huͤtete ſich jedoch denſelben laut werden zu laſſen, da man in der ſtock⸗ finſtern Nacht, auf unbekannten Wegen in der Gewalt des Fuͤhrers war. Endlich gelangte die Schaar zum gun Hundert Schritte ſtromabwaͤrts, gebot Ruffus. Er ſprang ganz nah an das Ufer. Wir ſind gerettet, rief er, ich ſehe den Kahn. Er 24 — 324— winkte zum Einſteigen und ergriff das Ruder. Bald befand ſich das Schifflein mitten auf dem Strome. Alle Wetter, rief er plöslich und griff kräftiger das Ruder an; das muͤſſen auserleſene Spuͤrhunde ſein. Buckt Euch, Freunde, es könnte noch eine blei⸗ erne Salve folgen. Wirklich zeigten ſich an dem Ufer, von wo ſie ab⸗ geſtoßen waren, dunkle Geſtalten. Immer ſucht nach dem Kahne, lachte Ruffus, hättet muͤſſen ein Wenig eher kommen. Da fiel ein Schuß, und eine prachtvolle Leucht⸗ eugel ſtieg uber der Elbfläche auf, daß die ganze Gegend wie am Tage lag. Buͤckt Euch, zum Teufel, befahl Ruffus, und im ſelbigen Augenblicke pfiffen Kugeln durch die Nacht heruͤber. Sie werden mit ihren verfluchten Schluͤſſelbuͤchſen das ganze Elbthal rebelliſch machen, ſprach Guͤnther; Niemand verwundet? Es war es Keiner. So haben's die Schurken allein auf mich abgeſehen, fuhr der unermuͤdete Ruderer fort, als ob ich meinen ehrlichen Rock geſtohlen haͤtte, ſchon das zweite Loch, das ſie mir hineinſchießen. — 325— Mit dieſen Worten ſtieß er den Kahn an's Land. Gotthardt umarmte den Freund. Doch ſonſt nicht verwundet? frug er theilnehmend. . Ein Bischen Haut, erwiderte Ruffus, ſich das herabtraͤufelnde Blut mit dem Taſchentuche trocknend. Auch Reinhold umarmte jetzt den Blutenden. Ein Räthſel iſt mir Alles, rief er, nur das nicht, daß Du unſer alter edler Freund biſt. Kannſt Du vergeben? Hab nichts zu vergeben, antwortete Ruffus kurz und ſuchte ſich in der Gegend zu orientiren. Das Schloß Uebigau, hart am Elbufer gelegen„zeigte ſich in dunkeln, unbeſtimmten Umriſſen. Wir muͤſſen uns links wenden nach den Wein⸗ bergen, ſprach Ruffus, ganz Uebigau ſteckt voll polni⸗ ſcher Lanziers auf verflucht flinken Pferden. Von der Stadt her toͤnte jetzt Glockenton. Es ſchlaͤgt zwei Uhr, fuhr Ruffus fort, da haben wir ſpottwenig Zeit, die Haide zu erreichen. Es iſt verwuͤnſcht, wir haben die laͤngſten Tage, fur das truͤbe Wetter koͤnnen wir dem Himmel nicht genug danken. und wieder ging die Wandrung vorwarts, bald rechts, bald links, durch Felder, Gärten, Weinberge und Berggaſſen. In einzelnen Weinbergsgehoͤften krähten bereits die Haͤhne. Wir koͤnnten eigentlich bei Freund Rätzſch einſpre⸗ chen, meinte Ruffus. In ſeinem geraͤumigen Wein⸗ keller haben wir vollauf Platz bis zum Abend und al⸗ lenfalls auch zu trinken. Er blieb einen Augenblick nachdenkend ſtehen. Nein, ſprach er, beſſer iſt beſſer, und nach einer halben Stunde befanden ſich die Fluͤchtlinge mitten in der Dresdner Haide. Viertes Kapitel. Napoleon arbeitet faſt die meiſte Zeit waͤhrend des Waffenſtillſtandes in ſeinem Cabinette. Er erhaͤlt jeden Tag die Staffette von Paris, die in weniger als hundert Stunden anlangt. Darin findet er regelmaͤ⸗ ßig einen Brief der Kaiſerin, einen Brief des Reichs⸗ Erzkanzlers Cambaceres, den Bericht der Polizei, eigenhaͤndig vom Miniſter Savary geſchrieben, den Bericht des Gouverneurs von Patis, die Darſtellung der Lage der Truppen, der Beſatzung, der Depots der kaiſerlichen Garde, das Buͤlletin der Polizeiprafectur, den täglichen Auszug des beim Kriegsminiſter einge⸗ gangenen Briefwechſels, das Verzeichniß der in Marſch befindlichen Truppen, das Buͤlletin der Ein- und Ausfahrt in den Seehäfen, das Buͤlletin der Boͤrſe von Paris, das der Boͤrſe von Amſterdam und den taͤglichen Zuſtand der Amortiſationscaſſe. — 328— Die Staffette bringt zugleich Alles, was durch die Poſt an den Kaiſer eingegangen iſt, ſelbſt die einfach⸗ ſten Privatbriefe. Auch in literariſcher und artiſtiſcher Hinſicht ſtehen ausgezeichnete Maͤnner mit dem Kai⸗ ſer in fortwaͤhrender Correſpondenz. Sein Bibliothe⸗ kar ſchickt alles Neugedruckte. Napoleon erhaͤlt auf dieſe ſchnelle Art nicht nur die Briefe von Paris, ſondern auch die von allen Sei⸗ ten des Reichs an ihn gerichteten Schreiben. Der Prinz Erzſchatzmeiſter Lebrun ſchreibt ihm taglich von Amſterdam, wo er die hoͤchſte Staatsſtelle bekleidet. Der Prinz Borgheſe, der unter dem Titel eines Gou⸗ verneurs der Provinzen jenſeits der Alpen zu Turin reſidirt, ſchickt gleichfalls täglich einen Bericht und das Buͤlletin aus jener Gegend. Die Briefe der Geſandten von Muͤnchen, Wuͤrz⸗ burg, Stuttgart, Frankfurt, Kaſſel, Karlsruhe, Darm⸗ ſtadt, Weimat, Kopenhagen und Deſſau treffen mit derelben Regelmaͤßigkeit unmittelbar beim Kaiſer ein. Endlich zeigt ein Buͤlletin ihm Alles an, was auf den Rheinbrucken, ſowohl nach Frankreich als nach Deutſchland unterwegs iſt. Dadurch erfahrt der Kai⸗ ſer das Verhaͤltniß der Straßen und Communicativ⸗ nen in den kleinſten Details, die fuͤr ihn von großem — 329— Intereſſe ſind; ſie dienen ihm als die einfachſte Con⸗ trole aller Berichte; Artilleriezuͤge, Transporte von Lebensmitteln, Offiziere auf Sendung begriffen, auf dem Marſche befindliche Truppen, ſogar Reiſende, Nichts entgeht ihm. Sein Auge folgt Allem, was zwiſchen halb Europa und ſeinem Hauptquartiere circulirt. Ordonnanzoffiziere jagen unaufhorlich nach allen Seiten. Ihre Thätigkeit iſt dem Kaiſer von großem Nutzen. Er bedient ſich ihrer, um dem Chef des Dien⸗ ſtes keinen Augenblick Ruhe zu laſſen. Sie beſuchen bis auf die entfernteſten Punkte die Arbeiten des Ge⸗ nies, die Ausruͤſtungen der Feſtungen, die Artillerie⸗ Parke, die Arbeiter in den Arſenalen; man trifft ſie uͤberall, wo neue Truppen organiſirt werden, uͤberall, wo wichtige Befehle von dem Generalſtabe angelangt ſind, um die Vollziehung derſelben zu beobachten. Zwiſchen Hamburg und Magdeburg ſoll ſich ein neuer Kriegsplatz erheben. Werben, das etwas tiefer als Havelberg liegt, beherrſcht die Muͤndung der Ha⸗ vel in die Elbe. Hier will der Kaiſer eine Feſtung anlegen. Der Kapitain Camenzon erhält den Auftrag, dieſe Arbeiten zu beſchleunigen. Er ſoll alle Hinder⸗ niſſe hinwegraͤumen und mit der Nachricht zuruckkom⸗ — 330— men, an welchem Tage dieſer Platz die Kanonen werde aufnehmen können. Gegen Norden durchreiſt Kapi⸗ tain Pretet die Quartiere der Armee von Lucka bis tief in die Lauſitz. Ein anderer Kapitain befindet ſich auf Recognoscierung an der boͤhmiſchen Grenze. Ein anderer erhält aͤhnliche Sendung auf der Seite von Eger. Dieſe jungen tapfern Leute ſchreiben dem Kai⸗ ſer täglich was ſie gethan und geſehen haben. Der erſte Ordonnanz⸗Offizier, Gourgaud, iſt der gewoͤhn⸗ liche Vermittler ihres Briefwechſels. Bei ihrer Ruͤck⸗ kunft nach Dresden haben ſie alle Taſchen voll Etats von Stellungen, Berichten, Zeichnungen von Werken und Plänen. Der Zirkel, die Reisfeder, die Schreib⸗ feder, ſind ihnen ſo vertraut wie der Degen, und der Kaiſer iſt durch ſie an zwanzig verſchiedenen Orten zugleich gegenwärtig. Vorzuͤglich iſt Napoleon auf die beſtändige Com⸗ munication zwiſchen den Depots der Regimenter und ihren Kriegsbataillonen äufmerkſam. Wenn dieſe Maſſe hin⸗ und herwandelnder Menſchen auf dem uner⸗ meßlichen Raume, welcher die Armee von ihren De⸗ pots trennt, ſich ͤberlaſſen blieben, wuͤrden ſie ſich ver⸗ irren, und dem Umherſchweifen und Pluͤndern ſich überlaſſen. Zur Verhuͤtung dieſer Uebelſtände hat — 331— der Kaiſer ein temporaires Organiſationsſyſtem erſchaf⸗ fen, wodurch die auf dem Marſche befindlichen Trup⸗ pen die Staͤrke und Ordnung einer vollendeten Orga⸗ niſation erhalten. Jeder Conſcribirte, ſo wie er bekleidet und bewaff⸗ net iſt, wird im Depot als verfugbar betrachtet, und in dem Augenblicke, wo jedes Depot hundert Conſeri⸗ birte zahlt, eine Marſchcompagnie gebildet. Sie be⸗ ginnt den Marſch unter Leitung eines Kapitains. Die Soldaten vollenden ihren Unterricht waͤhrend des Marſches.* Jede Compagnie wird ſo beordert, daß ſie auf der erſten Hälfte des Weges eine zweite Compagnie trifft, die zu derſelben Armeediviſion zieht. Sobald dieſe Compagnieen vereinigt ſind, bilden ſie ein Marſch⸗ bataillon. Die zu demſelben Armeecorps beſtimmten Bataillone vereinigen ſich zu einem Marſchregimente. Diejenigen Marſchcompagnieen oder Bataillone, welche kein Kriegsbataillon bei der Armee haben, bilden ein anderes Organiſationsſyſtem. Es ſind dies die proviſoriſchen Regimenter. Ehe dieſe Truppen Frankreich verlaſſen, vereinigen ſie ſich zu Marſchcolonnen. Der älteſte Marſchall von Frankreich, der Herzog von Valmy ordnet ihren — 332— Abmarſch. Unterwegs leiſten ſich dieſe ſtaffelweiſe ver⸗ theilten Truppen gegenſeitig kraͤftige Unterſtutzung. Sie marſchiren mit Artillerie, die Generale ziehen an ihrer Spitze. So wie die Marſchcolonnen zu Dresden ange⸗ langt ſind, trennen ſie ſich, und jedes Regiment ſchlägt ſeine Richtung nach dem Armeecorps ein, zu dem es gehoͤrt, das Marſchregiment wird, ſo bald es den Ort ſeiner Beſtimmung erreicht hat, aufgeloͤſt. Die Ba⸗ taillone vertheilen ſich alsdann unter die Diviſionen der Armee, und die Compagnieen ſtoßen zu den Regi⸗ mentern, die ſie verſtaͤrken ſollen. Der Kaiſer allein haͤlt den Faden aller dieſer Bewegungen in ſeiner Hand. Er weiß Tag fuͤr Tag, welche Truppen auf jeder Straße befindlich, welche an jedem Etappenorte anlangen, woher dieſe Truppen kommen, wohin ſie beſtimmt und wie ſie zuſammen geſetzt ſind, was ſie getrieben, wer ihnen vorgeht und wer ihnen folgtz und immer ſteht es in ſeiner Hand, nach dem Befinden der umſtaͤnde ihren Marſch anzuhalten oder eine andere Richtung anzuweiſen. Allezeit weißt er es beſſer, als ſeine Generale ſelbſt, welche Verſtaͤrkungen und in wel⸗ chen Friſten ſie ankommen. Man findet in dieſen Details den Kaiſer eben ſo — 333— thaͤtig und vorausſehend, wie bei den wichtigſten Ca⸗ binetsgeſchaͤften. So hat ſich die Zahl von kaum viertehalbhundert Kanonen, mit welchen der Feldzug eroͤffnet wurde, in wenig Wochen auf dreizehnhundert vermehrt, welche auf der ganzen Linie, von Hamburg bis Boͤhmen, auf⸗ geſtellt ſind. Zu allen dieſen ungeheuern Arbeiten bedarf man aber auch unermeßliche Summen. Der furchtbare Krieg verſchlingt Millionen. Der Kaiſer iſt zugleich der erſte Caſſirer ſeiner Armee, wie er ihr Intendant iſt. Ueberall wo Geld noͤthig iſt, kommt es an. Napoleon hat den Schluſſel zu ſeinen Goldgruben im Pavillon Marſan nach Paris geſchickt. Die von den Tributen des Siegs bei Auſterlitz, Jena und Wagram zuruckgelegten Summen ſind der Nerv der gegenwaͤrti⸗ gen Vertheidigung. Alle ſächſiſche S ſtrotzen von franzoͤſiſchem Golde. Die Lichter in Napoleons Cabinet ſind tief herab⸗ gebrannt; ſie zeigen, daß der Kaiſer den groͤßten Theil der Nacht an ſeinem Schreibtiſche zugebracht hat. Bereits lauſcht der junge Tag durch die verhangenen Fenſter. Duͤſtere Wolken haben ſich auf der Stirn Napoleons gelagert. Aus Spanien und Portugal ſind truͤbe Nachrichten eingelaufen. Die franzoͤſiſchen Ar⸗ meen von Portugal und dem Suͤden, nur noch hun⸗ dertfunfzigtauſend Mann ſtark, haben ſich unter Ge⸗ neral Clauzel bis an den Ebro zuruͤckgezogen. Napoleon dictirt einen Befehl an den Herzog von Dalmatien, den Marſchall Soult, ſich bereit zu halten, naͤchſte Nacht mit ſeinem geſammten Generalſtabe nach Spanien abzureiſen, das Obercommando zu uͤbernehmen, den Wellington und die ſpaniſchen In⸗ ſurgenten in die Tiefen Spaniens zuruͤckzuwerfen und uberhaupt allen Ereigniſſen die Spitze zu bieten. Da tritt Maret, der Herzog von Baſſano und Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten, in's Zim⸗ mer, und meldet Se. Epc. den Grafen v. Metternich, welcher um gnaͤdige Audienz bei Sr. Majeſtat bittet. Metternich? fragt Napoleon, und die ſpaniſchen Angelegenheiten verlieren ihre Wichtigkeit. Wie weit ſind Sie in Ihren Conferenzen mit dem Grafen, Herr Herzog von Baſſano? Das Reſultat, erwiderte der Miniſter, läßt ſich auf die Lieblingsfrage des Wiener Cabinets reducieren: „Es ſei weit entfernt, die Allianz Oeſtreichs mit Frank⸗ reich als unerreichbar mit der Vermittlung zu betrach⸗ ten.“ Indeſſen gibt der Graf von Metternich doch — 335— zu verſtehen, daß theilweiſe Vorbehalte nicht hinrei⸗ chend ſein duͤrften, daß die vermittelnde Macht nicht unabhaͤngig ſein könnte, und verlangt endlich, man ſolle Oeſtreich in Bezug des Allianztraktats vollkom⸗ men freie Hand laſſen; auf dieſe Art, erklaͤrt der Herr von Metternich die Allianz nicht fuͤr gebrochen, ſon⸗ dern nur fuͤr ſuſpendirt. Napoleons Stirn runzelte ſich ſichtbar. Ich kann mich auf ſolche Spiegelfechterei nicht einlaſſen, polterte er im hoͤchſten Grade des Unmuths, ich ſoll dieſe Vorſchläge nicht als eine Verzichtleiſtung der Allianz anſehen und wie kann ich anders? Der Kaiſer ging mehre Male im Zimmer auf und ab. Er ſchien mit einem Entſchluſſe zu kaͤmpfen. Der Herzog von Baſſano wagte kein Wort der Erwi⸗ derung. Nach einer Pauſe ſprach Napoleon: Ich will Oeſtreich mit meiner Allianz nicht zur Laſt fallen. Ich mache keine Schwierigkeit auf den Vertrag Verzicht zu leiſten. Mit dieſen Worten winkte er, und gleich darauf trat der Graf von Metternich in's Zimmer. Napoleon erwiderte mit finſterm Schweigen die conventionellen Begruͤßungen des Meiſters der öſtrei⸗ chiſchen Diplomatie, welcher ſich ſeiner hohen Miſſion vereinte. — 336 vollkommen bewußt, die Glaͤtte des Hofmanns mit aller geiſtigen Wuͤrde eines großen Staatsmannes Der Miniſter hatte ſeine kurze Anrede vollendet, und trat ehrfurchtsvoll aber mit majeſtätiſcher Ruhe einen Schritt zuruͤck. Das Auge des Kaiſers weilte noch eine geraume Zeit mit finſterm Blicke auf dem wenig Schritte vor ihm ſtehenden, gefurchteten Manne. Eine lange tiefe Pauſe erfolgte. Endlich begann Na⸗ poleon in kurz abgebrochenen Sätzen: Sie ſind nun hier, Metternich! Sein Sie will⸗ kommen. Wenn Sie aber den Frieden wollen, warum kommen Sie ſo ſpät? Wir haben einen Monat ver⸗ loren und Ihre Vermittlung wird beinahe feindſelig, weil ſie mit Gewalt unthätig iſt. Es ſcheint, Sie finden es nicht mehr noͤthig, die Integrität des fran⸗ zöſiſchen Reiches zu garantiren. Gut! Aber warum haben Sie das nicht fruͤher erklaͤrt? Warum ließen Sie mir das nicht bei meiner Ruͤckkehr aus Rußland durch Bubna und noch neuerlich durch Schwarzen⸗ berg ſagen? Vielleicht hatte ich dann noch Zeit gehabt, meine Plaͤne zu modificiren. Feldzug nicht unternommen. Vielleicht haͤtte ich den — 337— Es trat wieder eine Pauſe ein; um den Mund des Miniſters zuckte eine Antwort.— Napoleon fuhr fort: Sie laſſen mich die groͤßten Anſtrengungen ma⸗ chen und rechneten ohne Zweifel auf keine ſo ſchnellen Ereigniſſe. Der Sieg hat meine kuͤhnen Anſtrengun⸗ gen gekroͤnt. Ich gewinne zwei Schlachten. Meine geſchwaͤchten Feinde ſtehen auf dem Punkte, von ihren Taͤuſchungen zuruͤckzukommen; auf einmal ſchluͤpfen Sie zwiſchen uns hinein. Mir ſprechen Sie von Waffenſtillſtand und Vermittlung, jenen von Allianz, und Alles geräth in Verwicklung. Ohne Ihre unſe⸗ lige Vermittlung waͤre jetzt der Frieden zwiſchen mir und den Verbuͤndeten geſchloſſen. Eine abermalige Pauſe. Der Kaiſer ſpricht: Welche Reſultate hat dieſer Waffenſtillſtand bis jetzt gehabt? Ich weiß von keinen, als den beiden Vertraͤgen, welche England mit Preußen und Ruß⸗ land zu Reichenbach geſchloſſen. Man ſpricht auch von dem Vertrage mit einer dritten Macht. Sie ha⸗ ben ja den Herrn von Stadion an Ort und Stelle, und muͤſſen in dieſer Beziehung beſſer unterrichtet ſein als ich. Geſtehen Sie es nur zu. Seit Oeſtreich den Titel eines Vermittlers angenommen, iſt es nicht II. 22 — 338— mehr auf meiner Seite. Es iſt mehr unparteiiſch, es iſt feindlich! Sie waren im Begriff Sich zu erklaͤren, da ſiegte ich bei Luͤtzen, und fanden rathſam, Ihre Macht zu vermehren. Dazu brauchten Sie Zeit— darum der Waffenſtillſtand. Jetzt ſtehen Ihre drei⸗ hunderttauſend Mann bereit. Schwarzenberg befeh⸗ ligt ſie; er vereinigt ſie in dieſem Augenblicke, hier in der Nähe, hinter dem Vorhange der boͤhmiſchen Ge⸗ birge. Und nun, wo Sie glauben, mir befehlen zu koͤnnen, ſuchen Sie mich auf? Befehlen! Und warum wollen Sie mir allein nur befehlen? Bin ich nicht derſelbe, den Sie geſtern noch vertheidigten? Wenn Sie Vermittler ſind, warum halten Sie nicht gleiche Neue Pauſe. Der Kaiſer ging wiederholt im Zimmer auf und nieder. Ich habe Sie errathen, Metternich, fuhr er fort. Ihr Cabinet will aus mei⸗ ner Verlegenheit Nutzen ziehen, um das, was es ver⸗ loren, entweder zum Theil oder ganz wieder zu gewin⸗ nen. Ihre Frage geht einzig dahin, zu wiſſen, ob Sie das Loͤſegeld von mir, ohne Sich zu ſchlagen, erhalten konnen, oder ob Sie Sich entſchieden in die Reihe meiner Feinde ſtellen ſollen. Sie wiſſen noch nicht, welche Partei am zuträglichſten ſei, und vielleicht ſind — 339— Sie bloß deshalb zu mir gereiſt, um daruͤber ins Kläre zu kommen. Nun gut! Wir wollen ſehen, wir wol⸗ len unterhandeln, ich gebe meine Cinwilligung. Was verlangen Sie? Der öſtreichiſche Miniſter hatte die haͤufigen In⸗ ſinuationen des Kaiſers mit wuͤrdevoller Ruhe entge⸗ gen genommen. Der einzige Wunſch, erwiderte er mit beſcheidener Feſtigkeit, welchen der Kaiſer, mein Gebieter, mit Ei⸗ fer zu erſtreben ſucht, iſt allein der Einfluß, welcher den Kabinetten Europas den Geiſt der Maͤßigung und die Achtung fuͤr Rechte und Beſitzthum der unab⸗ haͤngigen Staaten einfloͤßt, von welchem er ſelbſt be⸗ ſeelt iſt. Oeſtreich wuͤnſcht nur einen Zuſtand der Dinge, welche, vermoͤge einer weiſen Vertheilung der Macht, die Garantie des Friedens unter die Aegide einer Verbindung unabhaͤngiger Staaten ſetzt. Sprechen Sie deutlicher, unterbrach der Kaiſer, und gehen wir zum Ziele. Aber vergeſſen Sie nicht, daß ich ein alter Soldat bin, der lieber abbricht, als ſich unter das Joch beugt. Ich habe Ihnen Illyrien an⸗ geboten, damit Sie neutral bleiben, iſt Ihnen dies Luſtindist Meine Armee reicht vollkommen hin, 5 — 340— Ruſſen und Preußen zur Vernunft zuruͤckzufuͤhren— ich verlange bloß Ihre Neutralität. Sire, antwortete Herr von Metternich nicht ohne Lebhaftigkeit, warum wollen Ew. Majeſtaͤt in dieſem Kampfe allein ſtehen? Warum wollen Sie Ihre Macht nicht verdoppeln? Sie konnen dies, Sire, es ſteht bei Ihnen, uͤber unſere ganze Macht zu ver⸗ fuͤgen— nur Neutralität verlangen Ew. Majeſtaͤt nicht.— Wie jetzt die Verhaͤltniſſe ſtehen, kann Oeſtreich nur fuͤr oder— gegen Sie ſein. Bei dieſen Worten wurde die Unterredung ſtiller, der Kaiſer fuͤhrt den oͤſtreichiſchen Diplomaten in das Chartenkabinet.— Die Tapetenthuͤr ſchließt ſich— eine Todtenſtille herrſcht im ganzen Palaſte. Nach langer Zwiſchenzeit erhebt ſich von Neuem die Stimme Napoleons, aber leidenſchaftlicher— ruͤck⸗ ſichtsloſer denn je. Wie, ruft der Kaiſer, nicht nur Illyrien, ſondern die Hälfte Italiens, die Wiedereinſetzung des Papſtes! und Polen! und die Räumung Spaniens! und Hol⸗ land! und den Rheinbund und die Schweiz!— das iſt alſo der Geiſt der Maͤßigung der Sie beſeelt? Sie denken nur darauf, aus allen Wechſelfaͤllen Nutzen zu ziehen, Sie ſind nur damit beſchäftigt, Ihre Allianz — 341— aus dem einen Lager in das andere zu tragen, immer nur da zu ſein, wo es etwas zu theilen gibt, und Sie wollen mir von Ihrer Achtung fuͤr die Rechte unab⸗ haͤngiger Staaten ſprechen?— Die beiden Maͤnner waren in das größere Zim⸗ mer zuruͤckgekehrt, und ſchritten neben einander auf und ab. Napoleon war in hoͤchſter Aufregung. Er fuhr fort: Im Ganzen will Oeſtreich Italien, Rußland will Polen, Preußen will Sachſen, England die Nieder⸗ lande, Schweden Norwegen. Mit einem Worte, der Frieden iſt nur Vorwand: ſie wollen alleſammt nichts Anderes als die Zerſtuͤckelung des franzöſiſchen Reichs!— Und zum Triumphe eines ſolchen Unter⸗ nehmens glaubt Oeſtreich ſich bloß erklaͤren zu durfen! Sie verlangen, daß die Wälle von Danzig, Kuͤſtrin, Glogau, Magdeburg, Weſel, Mainz, Antwerpen, Alerandria, Mantua, die ſtarkſten Feſtungen Euro⸗ pas, deren Schluſſel ich nur durch Siege erhalten konnte, ſollen durch einen Federſtrich von Ihnen fallen! Und ich fuͤr meinen Theil ſollte ganz gehor⸗ ſamſt gegen Ihre Politik, Europa räumen, das ich zur Hälfte beſetzt halte, meine Legionen mit aufge⸗ richteten Flin enkolben hinter den Rhein, die Alpen — 342— und die Pyrenaͤen zuruͤckfuͤhren und durch Unterſchrei⸗ bung eines Vertrags, der nur eine ungeheuere Kapi⸗ tulation waͤre, mich wie ein Narr meinen Feinden uberliefern, und auch in Ruͤckſicht auf eine zweifelhafte Zukunft mich auf die Großmuth grade derjenigen ver⸗ laſſen, deren Beſieger ich heute bin! Und dies ge⸗ ſchieht zu einer Zeit, wo meine Fahnen noch an den Muͤndungen der Weichſel und an den Ufern der Oder wehen; wo meine triumphirenden Armeen vor den Thoren von Berlin und Breslau ſtehen; wo ich fur meine Perſon hier an der Spitze von dreimalhundert⸗ tauſend Mann ſtehe— zu einer ſolchen Zeit ſchmei⸗ chelt Oeſtreich, ohne einen Schuß, ohne nur den De⸗ gen zu ziehen, mich zur Unterſchrift ſolcher Bedingun⸗ gen zu bewegen? Ohne Schwertſtreich! Eine ſolche Forderung iſt eine Beſchimpfung. Bin ich denn wirk⸗ lich ſo tief geſunken, daß man es wagt, nach zwei großen Siegen Zugeſtaͤndniſſe von mir zu verlangen, die ich erſt nach zehn verlornen Schlachten bewilligen kann. Wie, ich ſoll Staaten verlaſſen, die man noch nicht einmal bedrohen kann. Und der dieſen Entwurf billigt, iſt mein Schwiegervater! Er ſchickt Sie! In welche Stellung will er mich dem franzoſiſchen Volke gegenuͤber bringen? Er irrt gewaltig, wenn er glaubt, 3 7 — 343— ein verſtummelter Thron könne in Frankreich eine Freiſtätte fur ſeine Tochter und fuͤr ſeine Enkel ſein! — Metternich! Was hat Ihnen England geboten, daß Sie dieſe Rolle gegen mich ſpielen?— Bei dieſen Worten verändert der öſtreichiſche Mi⸗ niſter die Farbe. Er tritt einen Schritt zuruͤck— ſein Schweigen iſt die einzige Antwort auf die große Beleidigung. Dem Kaiſer faͤllt der Hut aus der Hand— der Miniſter hebt ihn nicht auf. Es erfolgt eine lange tiefe Stille. Von beiden Seiten bedarf man einiger Zeit, die nothige Faſſung wieder zu erhalten. Napoleon beginnt endlich die Unterhaltung wieder. Er iſt ruhiger und erklaͤrt, daß er noch nicht an dem Frieden verzweifle, wenn Oeſtreich ſeinen wahren In⸗ tereſſen Gehoͤr geben wollte. Er ſchlaͤgt den Zuſam⸗ mentritt eines Congreſſes vor und wuͤnſcht, daß ſelbſt fuͤr den Fall des Wiederausbruchs der Feindſeligkeiten die Unterhandlungen nicht abgebrochen werden, damit wenigſtens dieſes Thor zur Verſoͤhnung der Volker offen bliebe. Herr von Metternich kann nicht umhin, die Bil⸗ ligkeit dieſer Wuͤnſche anzuerkennen und ihnen beizu⸗ —— — 344— pflichten. Indeß iſt die Audienz zu ihrem Ende. Der Miniſter beurlaubt ſich. Gehen Sie, Herr Graf, ſpricht Napoleon, und geben Sie Seiner Majeſtaͤt dem Kaiſer von Oeſtreich zu erwaͤgen, daß die Abtretung Illyriens nicht mein letztes Wort ſei. Fünſtes Kapitel. Jerome ſaß auf ſeinem Zimmer am Piano und trug mit Fertigkeit und Geſchmack eine Mozart'ſche Sonate vor, als Ruffus hereintrat. Der Spieler wandte den Kopf und als er den Freund erblickte, ſprang er eiligſt auf und umarmte ihn herzlichſt. Gott ſei Dank, rief er, daß wir Euch wieder ha⸗ ben; aber wie iſt die Expedition abgelaufen? Sind die jungen Leute gerettet? Bis auf drei, ja, antwortete Ruffus, auf dem Sopha Platz nehmend. Geſtern Abend erreichten wir die böhmiſche Grenze. Ich danke dem Himmel, daß das junge unvorſichtige Volk aus dem Lande iſt. Aber vor Allem Euch, Freund, den herzlichſten Dank, fuͤr den wahren Freundſchaftsdienſt bei Daͤrosnel. Er ſchuͤttelte dem jungen Franzoſen mit Innigkeit die Hand. — 346— Das war ja meine Pflicht, ſprach dieſer, daß ich Euch von der großen Gefahr unterrichtete, in welcher die jungen Maͤnner ſchwebten. Uebrigens wuͤrde ſelbſt dies nichts geholfen haben, haͤttet Ihr nicht, unſerm Rath zu Folge, den Polizeichef durch Euer Schreiben irre gefuͤhrt. Die Verhaftung wuͤrde bereits vor ei⸗ nigen Tagen erfolgt ſein. Der Reinhold aber verdiente hundert Stockſchlaͤge fuͤr ſeine Dummheit, zankte Ruffus, der iſt allein Schuld, und der Sternburg, dieſer Schlange, zertrete ich naͤchſtens den Kopf. Es fehlte nicht viel, ſo haͤt⸗ ten mich die eignen Freunde uͤber den Haufen geſtoßen, dem vernuͤnftigen Gotthardt allein verdanke ich mein Leben. Ruffus erzaͤhlte nun ausfuͤhrlicher den ganzen Hergang, wie er die Tugendbundgeſellſchaft von der Gefahr in Kenntniß geſetzt und gerettet habe. Es iſt mir jetzt noch unbegreiflich, fuhr er fort, daß wir ſo glucklich durchgekommen ſind. Wir durch⸗ wanderten mehrmals die franzoͤſiſche Cantonirungs⸗ Linie und manches qui vive! ſetzte uns nicht wenig in Schrecken. Den ſchlimmſten Stand jedoch bekamen wir unfern der boͤhmiſchen Grenze, wo ein franzöſiſches Piquet Feuer gab und uns bis zur Grenzſaͤule ver⸗ — 347— folgte. Dieſe kaum im Ruͤcken, glanzten auf einmal Bayonette vor uns. Wir machten uns ſchon auf ei⸗ nen ehrlichen Tod gefaßt, als ein deutſches„Wer da?“ entgegenſcholl. Es war ein öſtreichiſcher Landwehr⸗ poſten, der uns mit Freuden aufnahm, und die Ver⸗ folger mußten mit langer Naſe abziehen. Aus dieſer faſt feindlichen Stellung, die dieſes oͤſtreichiſche Mili⸗ tair zu den Franzoſen annahm, iſt mir uͤbrigens hin⸗ länglich klar geworden, daß es mit der franzoſiſch oſt⸗ reichiſchen Allianz zu Ende iſt. Hat man nichts Naͤ⸗ heres uͤber die Sendung Metternichs vernommen? Wie mir Mounier erzaͤhlte, ſprach Jerome, iſt zwiſchen Oeſtreich und Frankreich eine Convention in Betreff der öſtreichiſchen Vermittelung abgeſchloſſen und der Waffenſtillſtand bis Mitte Auguſt verlängert worden. Die Bevollmaͤchtigten der ſtreitenden Maͤchte werden ſich zu Prag verſammeln. Die franzoͤſiſchen Geſandten und die der Verbuͤndeten communicieren nicht unmittelbar mit einander, Alles geht durch Metter⸗ nich. Uebrigens ſoll es bei der Audienz dieſes Mi⸗ niſters mit Napoleon ſehr ſtuͤrmiſch hergegangen ſein. Es unterliegt gar keinem Zweifel mehr, erwiderte 3 Ruffus, daß Oeſtreich zu den Verbuͤndeten uͤbertritt, und ich verdenk's ihm nicht. Es iſt klug von ihm, — 348— wenn es den Augenblick ergreift, denn wie lieb Ihr mir ſeid, aber hinaus muͤßt ihr aus Deutſchland mit ſammt Euerm kleinen Korporal; als vernuͤnftige Leute werdet Ihr das auch in der Ordnung finden. Auf Oeſt⸗ reich kommt jetzt Alles an und es waͤre unverantwort⸗ lich, wenn es den guͤnſtigen Zeitpunkt nicht benutzen wollte. Baiern kann dann nicht zuruͤckbleiben und Ihr bekommt mit dem groͤßten Theile von Deutſch⸗ land zu thun. Ihr werdet erkennen, daß das ver⸗ einte deutſche Volk ein Volk iſt, das ſich nicht braucht Geſetze vom Auslande vorſchreiben zu laſſen. Es bleibt immer noch die Frage, entgegnete Je⸗ rome, ob ſelbſt Oeſtreichs Beitritt zur Coalition un⸗ ſern Kaiſer aus Deutſchland zu vertreiben vermag. Erobert er uͤbrige ns Preußen zum zweiten Male, hat das Haus Hohenzollern aufgehoͤrt zu regieren, und Frankreich grenzt unmittelbar an Polen, ſeinen natuͤr⸗ lichen Verbuͤndeten. Dann iſt die Univerſalmonarchie fertig und Napoleon iſt dann eher der Mann, eine Einheit Deutſchlands zu proclamiren als die theo⸗ riee nreichen deutſchen Demagogen. Ganz ſchoͤn, ſprach Ruffus, wenn es dem Corſiſchen Loͤwen gelingt, daß er ſeine Feinde auch diesmal, nach⸗ dem ſie doch in der Schule der Erfahrung erſprießliche — 349— Studien gemacht haben, zu Boden wirft und eine Uni⸗ verſalmonarchie gruͤndet, ohne jedoch Deutſchland fran⸗ zoſiſiren zu wollen, bin ich der Erſte, der ihm huldigt; aber ſeit dem ruſſiſchen kalten Fieber und dem ſpani⸗ ſchen Krebsſchaden iſt an eine Univerſalmonarchie we⸗ nigſtens ſobald nicht zu denken. Der große Mann, den ich wahrhaft verehre und mich an den Blitzen ſeines gewaltigen Genie's inniglich ergoͤtze, ſoll Frank⸗ reich glucklich machen. Wer ſeine Adler nach Moskau, Liſſabon, Rom und Cairo getragen, hat meines Er⸗ achtens fuͤr den Kriegsruhm genug gethan. Seid uͤberzeugt, entgegnete Jerome, daß Niemand den Frieden inniger wuͤnſcht als unſer Kaiſer, aber Niemand wird es dieſem verargen, wenn er einen unehrenvollen Frieden einzugehen. Ein unehrenvoller Friede, meinte Ruffus, iſt na⸗ mentlich im Betreff Napoleons ein ſehr relativer Be⸗ griff. Napoleon wird ihn ſchon fur unehrenvoll hal⸗ ten, wenn er von ſeinen vielfachen Eroberungen etwas herausgeben ſoll. Das glaubt nicht, ſprach Jerome, der Kaiſer iſt ſelbſt u ſchweren Opfern bereit. Dem ſei, wie ihm wolle, ſprach Ruffus, aber ſo viel iſt gewiß, daß die Welt nach zwanzigjaͤhrigen Kämpfen der Ruhe bedarf, und da — 350— iſt die erſte Bedingniß, daß Ihr hinaus muͤßt, und geht Ihr nicht gutwillig, ſo muß das deutſche Schwerdt den Weg zeigen. Was uͤbrigens der liebe Krieg, dieſer Beweger des Menſchengeſchlechts, fuͤr ein wahres Scheuſal iſt, und welche hoͤchſt unangenehmen Gäaͤſte die Franzoſen als Soldaten hauptſaͤchlich fuͤr den Land⸗ mann ſind, davon hab'ich auf der kleinen Ruͤckreiſe von Boͤhmen einen neuen Beweis erhalten. Meilenweit ſieht man keine Vermachung, keinen Baumpfahl, keine Fenſterlaͤden; Gärten und Felder ſind muthwilliger Weiſe verwuͤſtet. Ihr Franzoſen ſeid ſo reichlich mit oͤffentlicher und geheimer Polizei geſegnet, warum gibt es keine Polizei, die den Landmann vor rohen Verwuͤ⸗ ſtungen ſchutzt? Es iſt ſogar hochſt unpolitiſch, daß Ihr dafur nicht geſorgt habt, da man nicht ermeſſen kann, wie lange der Krieg noch dauert. Sollten die Kraͤfte un⸗ ſeres geſegneten Sachſens wahrhaft benutzt werden, ſo war eine weiſere Oekonomie einzufuͤhren. Man konnte waͤhrend des Waffenſtillſtandes das Militair ſelbſt be⸗ nutzen, um die Erzeugniſſe der Erndte wenigſtens or⸗ dentlich zu ſammeln und ſorgfäͤltig zu vertheilen, an⸗ ſtatt dieſelben auf die unwuͤrdigſte und unverſtändigſte Art zu verſchwenden. Es iſt ungeheuer und gar nicht zu berechnen, was das arme Land in dieſem vernich⸗ „— —— tenden Feldzuge geleiſtet und verloren hat, deswegen nicht zu berechnen, weil faſt noch einmal ſo viel ver⸗ wuͤſtet als verbraucht worden iſt, und Ihr habt Euch als unſere Freunde und Beſchuͤtzer angekuͤndigt, wie moͤgt Ihr es in Feindes Land treiben! Es thut mir als Franzoſen wahrhaft wehe, geſtand Jerome zu, Euch nicht Unrecht geben zu koͤnnen. Auch ich habe die Greuel des Kriegs zum Ueberfluſſe kennen gelernt, und wuͤnſchte den Frieden aus vollem Herzen, wie jeder Vernuͤnftige und Menſchenfreund. Nur eine verknoͤcherte Soldatenbruſt kann an der fortwaͤh⸗ renden Zerſtörung Wohlgefallen finden. Apropos, fiel Ruffus ein, iſt denn der alte Aegyp⸗ tier, der erſte Grenadier der Fulminatrir eingezogen? Geſtern bereits, bejahte Jerome, das iſt das wahre Muſterexemplar eines ächten alten kaiſerlich Na⸗ poleoniſchen Gardiſten, die ſich jetzt ſchon ein golden Blatt in der Weltgeſchichte erobert haben. Die alte Haut ſitzt ſo eben in der Gartenlaube und erzaͤhlt dem Eugen, welcher gar nicht mehr von ihm hinwegkommt, von ſeinen Schlachten. Da muß ich ſeine Bekanntſchaft machen, ſprach Ruffus, kommt, Jerome, ſtellt mich vor. Recht gern, erwiderte dieſer, aber ich bitte Euch, 4 fangt da nicht etwa von Frieden an, oder Ihr habt neunundneunzig Millionen Donnerwetter auf dem Halſe. Als die Zwei in den Garten traten und ſich der Laube naͤherten, vernahmen ſie bereits die Stimme Barbanegres. Wir konnten den Staub von der t blaſen, erzaͤhlte er dem aufhorchenden Eugen, nichts als Son⸗ nenbrand und Sand, ſo weit das Auge reichte, am Horizont ſtiegen die einſamen Pyramiden zu den Wol⸗ ken. Im gluͤhenden Sande watend, keuchte ich neben dem kleinen Korporal; es mocht' ihm auch nicht kuͤhl zu Muthe ſein, ber Schirm der ihn vor der Sonne ſchutzen ſollte, half wenig. Nur Muth, meine Freunde, ſprach er zu den todtenſtill dahinziehenden Soldaten, uͤber Jahr und Tag fuͤhren wir Krieg im gruͤnen Deutſchland. O dieſe Worte labten wie eine quellen⸗ reiche Haſe. Wir verlaſſen Dich nicht Papa, riefen wir einſtimmig. Da hielt er ſein Pferd an und zeigte nach dem Horizonte. Wir blieben auch ſtehen und guckten dahin. Da ſtieg in der Ferne eine kleine Wolke auf, die jeden Augenblick größer wurde. Da ſind ſie ja, ſprach der kleine Korporal. Allons, Grenadiere, tummelte ſich auf ſeinem kleinen Roͤßlein und im —— Augenblicke hatte ſich die Wolke entladen. Die gift⸗ ſcharfen Damascener der Mamelucken blitzten und pfif⸗ fen um unſre Ohren, daß es eine Luſt war. Praͤchtige Ausgreifer, aͤchte arabiſche Roſſe, greift zu Grenadiere. Dies waren die letzten Worte, die ich vom kleinen Korporal vernahm und nun gings piff, paff— es war luſtig anzuſehn— wir vergaßen, daß die afrikaniſche Sonne auf unſere Scheitel brannte und bald war das prächtige Lumpengeſindel zerſtoben. Aber damit war noch nicht Feierabend. Wir wateten bis zu den Py⸗ ramiden vor. Hier ſtanden die Halunken hageldick. Das Zeitherige war nur ein Cavallerieanprall geweſen. Bei den Pyramiden gab's auch Kanvnen. Wir ſchloſ⸗ ſen uns dichter an einander. Da war der kleine Kor⸗ poral wieder bei der Hand. Er galoppirte unſte Front entlang. Songez, rief er, que du haut de ces pyra- mides quarante siécles vous contemplent. Er hat praͤchtige Einfälle der kleine Korporal. Es packen Einen ſeine Worte, ich weiß ſelbſt nicht wie, und nun ging's drauf. Die Sonne ging unter in Pulverdampf. Zur Seite die einfaͤltig ungeſchlachten ſpitzen Steinkoloſſe, die miſanchropiſchen Grillen grauer Koͤnige, vor uns und zur Seite nichts als Mamelucken und blitzende Damascener. Es waren ein paar heiße Stunden. II. 23 Der kleine Korporal fuhr wie ein Blitz umher. Man ſah ihn uͤberall und bald war's mit der aͤgyptiſchen Herrlichkeit vorbei. Die edlen Moslems konnten ſo gut ausreißen, wie die Preußen bei Jena. Das bleibt ſich gleich in ſolchen Angelegenheiten.. Es war ein flottes Leben in Aegypten, ſchoͤne Weiber, ſchoͤne Pferde— aber die Hitze, die Hitze. Als der kleine Korporal durchgebrannt war, und ſie auch den Kleber todtgeſtochen hatten, ging Alles den Krebsgang. Jerome trat jetzt mit Ruffus in die Laube und ſtellte den Freund vor. Der alte Gardiſt blitzte 6 ob der Unter⸗ brechung zu Ruffus auf. Wie kommts, frug er, daß man nicht bei der Katzbach bivouaquirt, hat der deutſche Schwindel den jungen Herrn nicht gepackt? Unſer Freund, ſprach Jerome, iſt ein zu großer Ver⸗ ehrer unſers Kaiſers, als daß er gegen Frankreich kaͤm⸗ pfen ſollte. Auch gut, brummte der Alte, es ſollte mir leid thun, mein gut Rohr auf ihn abbrennen zu muͤſſen. Ruffus hatte jetzt Muße, den Gardiſten naͤher zu betrachten. Es war ein kraͤftig hochgebauter Mann, in den mitteln Funfzigen, ſein langer Bart floß reich —— uͤber die Bruſt herab. Der maͤchtige Schnurrbart be⸗ deckte martialiſch die ganzen Mundpartieen. Das Ge⸗ ſicht, von der italiſchen, aftikaniſchen und ſpaniſchen Sonne dunkelbraun, verrieth eiſerne Energie und Kern⸗ haftigkeit. Im Knopfloche der feinen blauen Uniform flammte das dunkelrothe Band, und die rothen Strei⸗ fen der Dienſtjahre bedeckten faſt den ganzen linken Arm. Auf dem Ruͤcken hing ein energiſcher Haarzopf. Bei Borodino, frug Eugen, der der Schlachten nicht genug bekommen konnte, hattet Ihr wohl nicht uͤber Sonnenbrand zu klagen? Schweig von dieſer Affaire, brummte Barbanegre unmuthig, der kleine Korporal kann's in jener Welt, wenn's eine gibt, nicht verantworten, daß wir nicht vorruͤckten. Er hat euch ſchonen wollen, entſchuldigte Jerome. Den Teufel ſoll er ſchonen, aber uns nicht, brauſte der alte Gardiſt auf, haben die miſerabelſte Rolle ge⸗ ſpielt, die Gardiſten kochten vor Wuth und Ungeduld, dem Kutuſow den Garaus zu machen. Standen da, wie die Narren, Gewehr beim Fuß! So eine brillante Affaire und ohne Garde. Zum Tollwerden. Anti⸗ chambrirte eben Gewehr im Arm vor ſeinem Zelte, kommt der Neapelkönig gerannt, naß von Schweiß und 23* —— Blut, aber erleuchtet vom Geiſt, bittet, beſchwoͤrt, daß er uns drauf werfen ſoll, es waͤr' geſchehn um Ruſſia, und hatte Recht, vollkommen Recht; aber wenn die Blindheit uͤber den Menſchen kommt, bleibt er geſchla⸗ gen und waͤr er ein Gott. So war's und nicht an⸗ ders. Die Garde blieb ſtehen, der Ruſſius bei Ver⸗ ſtand und zuͤndet das Neſt an. Nun war der Krebs fertig. Barbanegre war ſo in Zorn gerathen, daß er auf die Worte der beiden jungen Waffengefaͤhrten eine lange Zeit gar nicht achtete und nicht zu beruhigen war, daß Napoleon in der Schlacht bei der Moskwa die Garde nicht habe vorrucken laſſen. Eugen war ſo unvorſichtig, zu bemerken, daß es eine weit groͤßere Ehre fuͤr die Armee geweſen ſei, die Schlacht ohne Hilfe der Garden zu gewinnen. Hier gerieth aber der Alte vollends in's Feuer. Wie Du's verſtehſt, red'ſt Du, fuhr er heraus. Der Ruſſe ward gar nicht geſchlagen, wie konnter das ohne uns? 6 Wie, nicht geſchlagen? frug Eugen, der die hundert Siegsberichte jener Schlacht ſo ziemlich ſtudirt hatte mit einem Tone, als vernaͤhm' er ein neues Evange⸗ lium. Zog ſich zwar zuruͤck, fuhr der Alte fort, aber war — — 357— nicht geſchlagen. Keine Kanone bracht' er nach Mos⸗ kau, durften wir daran. Aber mein Gott, ſprach kopfſchuͤttelnd Eugen, hab' uͤber die gaͤnzliche Niederlage ſo viel geleſen— Geleſen, ſpottete Barbanegre— biſt Du dabei geweſen? Das nicht— aber— So ſchweig, commandirte der Alte. Willſt Du mir ein Licht aufſtecken— dem's vor der Naſe vor⸗ ging, die Geſchichte? Ruffus und Jerome konnten ſich hier eines Laͤ⸗ chelns nicht erwehren. Sie ſahen wohl, daß der alte Haudegen dermaßen fuͤr den Ruhm ſeiner Truppe allarmirt war, daß er unbedenklich Sonne, Mond und Sterne abgeleugnet haͤtte, wenn er es fuͤr das Renom⸗ mee der alten Garde noͤthig gehalten. Dergleichen einge⸗ fleiſchte Einſeitigkeit und Eigenliebe laͤßt ſich auch durch keine Vernunftgruͤnde und ausgemachten Thatſachen beikommen, und darum hielt es Jerome fuͤr's Beſte, dem Alten in ſeiner einmal gefaßten Idee nicht zu wi⸗ derſprechen und er gab ihm daher vollkommen Recht: daß die Ruſſen bei der Moskwa nicht ſo eigentlich ge⸗ ſchlagen, daß ſie aber vernichtet worden wären, hätte die Garde angreifen duͤrfen. — 358— Da hoͤrſt Du's, wandte ſich Barbanegre zu Eu⸗ gen, wirſt Du reden? Der arme Eugen wußte in ſeiner Unſchuld wirk⸗ lich nicht woran er war, und erſt durch das Zuwinken von Ruffus begriff er den Zuſammenhang. A has la Russie et vive Ttalie, rief Jerome, den Alten auf andre Gedanken zu bringen. Das laſſ' ich mir gfallen, ſprach kopfnickend Bar⸗ banegre, Italien, das iſt ein Land, à la bonheur! Darauf ſang er: Bella Italia, amate sponde, Pur vi torno à riveder. Trema in petto e si confonde Talma oppressa dal piacer. Es war eine ſchoͤne Zeit, als wir mit gefrornen Baͤrten und zerriſſenen Sohlen die Gletſcher herab⸗ rutſchten in den ſchoͤnen Himmelsſaal Italias, in das Land der Banditen und Orangen, der Stilets und Madonnen, der Faulheit und der Melodieen, und der kleine Korporal voran, auf dem Hute die dreifarbigen Federn und den blauen Mantel von Marenga um die Schultern— Lodi— Arcole. Was wollen die maſſi⸗ ven Oeſtreicher in dem claſſiſchen Lande. Fort mit ihnen. Reine Arbeit. So geſchah's in wenig Tagen⸗ Stolze Venetia, zu Boden mit dem dolchſchwangern Ariſtokratenneſt. Löwe von Sanct Markus— der kleine Korporal pfiff und die Beſtie duckte ſich wedelnd wie ein begoſſner Hund. Wiſſen's ja, ſind dabei geweſen. Aber in Spanien„ bemerkte Jerome, da will's doch nicht flecken. Kann er uͤberall ſein, der kleine Korporal? fuhr der Alte leidenſchaftlich auf. Wär er dort, laͤg der ro⸗ the Marquis laͤngſt im Meere. War ſchon einmal ver⸗ fahren die Geſchichte, ging Alles d'runter und daruͤber, Rebellion, Mord, Brand, Gift, Dolch durchs gan⸗ ze Land, ſtellt er ſich an die Spitze. En avant! und fort ging es wie Gewitterſturm von Bayonne bis Lis⸗ boa. Alles war in Ordnung, faͤngt der Oeſtreicher wieder an. Saſſa nach Deutſchland!— aus dem hei⸗ ßen Ofen in die Hundekaͤlte. Das krachte— die Er⸗ de war gefroren, den Moskowitern floh das Eis unter den Sohlen weg. Auſterlitz! Dreikaiſerſchlacht! Vive Pempereur! Da gings los mit dem Vive Fempereur! und hat nicht aufgehoͤrt bis auf den heutigen Tag. Bei Wagram war's heißer, fuhr der alte Krieger fort, die deutſche Juliſonne hat auch ihre Mucken. Aber da hatten wir noch den Lannes, den Montebello, unſern Roland, ſo einen kriegen wir nicht wieder, s iſt mir wie heut, als er bei der Donau die Batterie ſtuͤrmte; — 360— war der Erſte mitten unter den öſtreicher Artille⸗ riſten, fuhr wie ein Loͤwe unter ihnen umher; Alles ſtuͤrzte und ſtob auseinander; die Stuͤcke waren gela⸗ den, aber die Oeſtreicher hatten keine Muße ſie abzu⸗ brennen. Lannes kurz reſolvirt, packt den nächſten Zwoͤlf⸗Pfuͤnder, macht Rechts umkehrt und die eigne Ladung zahlt den Ausreißern das Ferſengeld. Der kleine Korporal holte ſich bei Wagram wohl eine huͤb⸗ ſche Frau, aber der Marſchall ging zum Guckuck. Auf dieſe Weiſe erzaͤhlte der alte Barbanegre noch manches Geſchichtchen aus ſeinem thatenvollen Krieger⸗ leben. Sechstes Kapitel. Der zehnte Auguſt, die Feier von Napoleons Ge⸗ burtstage war erſchienen. In zwei unabſehbaren lan⸗ gen Linien ſtand die geſammte alte und junge kaiſerli⸗ che Garde auf der ſchoͤnen, an der Elbe gelegenen Oſtra⸗ Wieſe in Schlachtordnung. Selten hat wohl eine Truppe einen maleriſchern und impoſantern Anblick dargeboten, als dieſe erleſenen Colonnen, die hier im glänzendſten Waffenſchmucke aufmarſchirt waren. Da ſtanden jene Granitbataillone von Marengo und Au⸗ ſterlitz, da ſtanden, baͤrbemuͤtzt mit eiſerner Entſchloß⸗ ſenheit, jene Grenadire, von welchen der Dichter ſingt: —— daß ſie ein Bild vom Frieden 6 Aus Knabenzeit nur durch die Schlachten trugen, Als Jünglinge ſich bei den Pyramiden, Als Veteranen bei der Moskwa ſchlugen. Da ſtand die goldne Jugend Frankreichs in den unuͤberſehbaren Bataillonen der jungen Garde, Alle in —— das feinſte duntelhlaue Tuch gekleidet mit rothen Auf⸗ ſchlägen und weißen Bandelieren. 6 funkelten die Adler im Sonnenglanze. Faſt noch praͤchtiger nahmen 5 die zahlreichen Reiterſchwadronen in ihrem mannigfachen Waffen⸗ ſchmucke aus. Weithin glaͤnzten die goldnen Helme und Bruſtharniſche der Cuiraſſire und Carabiniers; dunkle Maͤhnen umwehten die Haͤupter der Chaſſeurs und Dragoner. Zunaͤchſt dieſen blitzte das Lanzen⸗ meer der ſtattlichen polniſchen Lanziers, und neben dieſen hielten die orientaliſchen Schwadronen der Tar⸗ taren und Mamelucken in fantaſtiſcher, gold- und ſil⸗ berreicher Waffenpracht. Es war ein heitrer wolkenloſer Sommervormittag. Halb Dresden war zu Fuß und zu Wagen hinaus ge⸗ wallfahrtet, um die großartige Parade mit anzuſehen. Auch der Geheimrath, Ruffus und Claͤrchen befanden ſich unter den Zuſchauern und ihr Zweiſpaͤnner hatte einen ſo guten Standpunkt gewählt, daß ſie das pracht⸗ volle Schauſpiel in ſeinem ganzen Umfange Serſauen konnten. Auf den Thuͤrmen Dresdens ertoͤnte vi zehnte Stunde des Morgens.— Die Trompeten ſchmetter⸗ ten, die Trommeln wirbelten, die Adler ſenkten ſich, — 363— und der Kaiſer Napoleon in der blauen reich mit Gold geſtickten Uniform ſeiner Garde kam auf ſchneeweißem Zelter daher geſprengt. Ihm zunaͤchſt ritt der Koͤnig von Sachſen, in der rothen Uniform ſeiner Garde. Ein donnerndes Vivé l'empereur ſcholl zu dem blauen Auguſthimmel empor. Eine zahlloſe Suite von Fuͤrſten, Prinzen, Marſchaͤllen und Generalen folgte dem Kaiſer. Heut haben wir ſie faſt Alle beiſammen, ſprach Ruffus, die Matadore dort an der Spitze hab' ich durch Jerome und Eugen faſt alle kennen gelernt. O ſieh den hohen prachtvollen Offizier dort neben unſerm Koͤnig, rief Claͤrchen. Das iſt Muͤrat, der Konig von Neapel, erklaͤrte der Bruder, dieſe Tage erſt aus ſeinem ſchonen Ko⸗ nigreiche angelangt, der beſte Reitergeneral der ganzen Armee, tapfer wie ein Achill, keine perſoͤnliche Gefahr ſcheuend wirft er an der Spitze ſeiner was ſich ihm in den Weg ſtellt. Wirklich vergegenwaͤrtigte die ſchoͤne kriegeriſche Geſtalt Muͤrats, der ſichere feſte Sitz auf dem krafti⸗ gen Araber das Bild eines Helden der Vorzeit. Sein Geſicht, aus dem zwei dunkle, gluͤhende Augen blit⸗ ten, war mit Schnurr- und Backenbärten uͤppig ver⸗ ——— —, — 364— braͤmt; reiche dunkle Locken wallten uͤber den himmel⸗ blauen Kragen einer Kurtka, eines auf polniſche Art zugeſchnittenen, vorne herab zugeknoͤpften Piqueſchen⸗ Rockes. Der Kragen war mit reicher goldner Sticke⸗ rei bedeckt. Am goldnen Guͤrtel ſchwebte das leichte, grade und ſchmale Schwert von altroͤmiſcher Form. an der Huͤfte; die weiten Pantalons waren purpur⸗ farben mit goldnen Naͤhten beſetzt, die Halbſtiefeln von gelbem Leder oder Nanquin. Ein großer dreiecki⸗ ger Hut, verkehrt geſetzt, vollendete die theatraliſche Tracht. Derſelbe war mit weißen Strausfedern in⸗ faßt und mit einem Federbuſch geſchmuͤckt, der aus vier weißen nach allen Himmelsgegenden geſenkten Strausfedern beſtand, aus deren Mitte wieder ein ho⸗ her koſtbarer Reiher-Stutz emporragte. Das Pferde⸗ zeug war in halb ungariſchem, halb tuͤrkiſchem Geſchma⸗ cke gearbeitet. Eine himmelblaue, reich mit Gold ge⸗ ſtickte Schabracke uͤberdeckte ſein Roß. Ich muß geſtehen, ſprach Ruffus, daß bei dieſer polniſch-, ſchwediſch⸗, kaſtilianiſch-, roͤmiſch-, tuͤrkiſch neapolitaniſchen Zuſammenſetzung, trotz alles Glan⸗ zes, kein aͤchter, wohlthuender Geſchmack vorherrſcht Der Griff mit Edelſteinen beſetzt, befand ſich hoch oben wendig belegt, mit einer goldnen Bogen-Treſſe einge⸗ und daß dieſes modern⸗antike Koſtuͤm ſchwerlich, ſelbſt auf dem Theater je nachgeahmt werden duͤrfte. Uebri⸗ gens traͤgt der Koͤnig bei kalter Witterung einen praͤch⸗ tigen, dunkelgruͤnen Sammetpelz mit Zobel aufge⸗ ſchlagen. Die Farbe ſeines Hofſtaats, der Stallmei⸗ ſter, Pagen und Bedienten iſt ebenfalls purpurroth und himmelblau. Er ſcheint das ausgezeichnet Blen⸗ dende ſeines azuren, italiſchen Himmels allen uͤbrigen Farben vorzuziehen. Dieſe auffallende Tracht dient aber auch nicht ſelten ſeinen Feinden zur Zielſcheibe. Der Kaiſer ſcheint auf Muͤrats militairiſchen Scharf⸗ blick viel Werth zu legen. Er unterhaͤlt ſich oft gar vertraulich mit ſeinem Schwager. Das freie entſchloſſe⸗ ne Betragen dieſes Fuͤrſten, die unzerſtoͤrbare Heiterkeit, welche oft zu Sorgloſigkeit wird; der Eifer und die Puͤnktlichkeit, womit er alle Aufträge erfullt, gefallen dem Kaiſer, wie er wirklich Vergnuͤgen in ſeinem Um⸗ gang zu finden ſcheint. Muͤrat iſt ſtets froher Laune und weiß immer im Laufe ernſthafter Geſchäfte etwas Aufheiterndes vorzubringen; ſcheint aber bloß in mili⸗ tairiſcher Hinſicht um den Kaiſer zu ſein. Sobald die Politik ins Spiel tritt und Napoleon mit ſeinen Diplomaten, dem Herzoge von Baſſano oder Coulain⸗ court verkehrt, zieht er ſich aus Beſcheidenheit oder ——— — aus wirklicher Abneigung zuruͤck. Demungeachtet ſoll er oft, mit Coulaincourt uͤbereinſtimmend, viele Schritte des Kaiſers mißbilligen. Welches muß denn Berthier ſein, frug der Ge⸗ heimrath? Der iſt ſehr deutlich zu erkennen, erwiderte Ruf⸗ fus. Seht dort den kleinen Mann von Napoleons Ge⸗ ſtalt, ein aͤhnliches einfaches Huͤtchen auf dem Kopfe, worin er ſeinem großen Meiſter nachahmt, unmittel⸗ bar hinter Muͤrat reitend. Das iſt Berthier, der Prinz von Neufchatel, welchem naͤchſt dem Kaiſer die groß⸗ ten Vorrechte und Ehrenbezeugungen zugeſtanden wer⸗ den. Jedermann gedenkt ſeiner mit Achtung. Seine Thaͤtigkeit und Lebhaftigkeit iſt trotz des vorgeruͤckten Alters außerordentlich, nur ſcheint es, als beſitze ſein Generalſtab in dieſem Feldzuge nicht ſo viel erfahrene und kenntnißreiche Officiere wie vordem, obſchon der Chef deſſelben, der General Monthion, in ruͤhmlichem Anſehen ſteht. Ueberhaupt iſt das Ganze der Armee in dieſem Feldzuge zu verwickelt und zu unvollendet, als daß man es gut zuſammenhalten koͤnnte. Die neuen Anſtellungen, Bildungen, Herbeiſchaffungen und Ver⸗ aͤnderungen haben ewige Schwierigkeiten angehaͤuft die Napoleons Machtgebot nicht immer beſeitigen kann. — 367— Berthier thut das Seine, um Ordnung zu erhalten, ſcheint aber nicht groß unterſtuͤtzt zu werden. Fuͤr das Hausweſen des Prinzen wird allemal ein beſonderes Quartier gewählt, wenn auch er fuͤr ſeine Perſon beim Kaiſer wohnt. Die Zahl ſeiner Officiere, unter de⸗ nen ſich viele Polen befinden, iſt ſtarker als die Adju⸗ tanten des Kaiſers, doch immer groͤßtentheils verſendet. Als beſonderes Vorrecht hat ihm Napoleon eine eige⸗ ne Wache von Eingebornen des Fuͤrſtenthums Neuf⸗ ſchatel zugeſtanden, die ſich durch ihren ſchlechten Ge⸗ ſchmack in der Kleidung auszeichnen. Die Infanterie traͤgt erebsbutterfarbene Jacken mit rothen Aufſchlaä⸗ gen. Ueberhaupt ſcheint der alte Herr das Sonderbare und Auffallende im Aeußern zu lieben. Seine Officiere tragen zur geſchmackloſen Auszeichnung fortwaͤhrend ſcharlachrothe Unterkleider. Berthier wird wegen ſei⸗ ner Aehnlichkeit mit der Geſtalt Napoleons, beſonders im Wagen, oft fur den Kaiſer gehalten. Raſch in Allem, reitet er auch lebhaft, hat gute Pferde und iſt ſeiner Stelle als Grand veneur entſprechend, ein leiden⸗ ſchaftlicher Liebhaber der Jagd, ſo daß er, wenn zuweilen eine alte Kraͤhe uͤber ihm wegfliegt, ſelbſt im Galopp die Zugel fallen läßt und ſich geberdet, als wolle er ſie herunterſchießen. Trotz ſeines Eifers und lebendigen — 368— Ernſtes, mit welchem Berthier zu ſeinen Untergebenen ſpricht und den Dienſt betreibt, iſt ek doch niemals un⸗ hoflich oder roh, wie viele andere franzoͤſiſche Große, den Kaiſer nicht ausgenommen. Sein Ton gegen letz teren naͤhert ſich einer gewiſſen Zutraulichkeit, ob ſchon Berthier, wenn er zu Napoleon gerufen wird, ſich ſehr ehrfurchtsvoll zeigt, und wenn ihm der Kaiſer Befehle ertheilt, oft ganze Strecken weit entbloͤßten Hauptes nebenher reitet. Uebrigens iſt er im Wagen, bei Ta⸗ fel, bei Ritten und in Schlachten ſein unzertrennlicher Begleiter. Der dort neben dem ſaͤchſiſchen Prinzen Friedrich reitende junge Fuͤrſt, iſt Napoleons Bruder, Hierony⸗ mus Bonaparte, Koͤnig von Weſtphalen, auf wel⸗ chen der Kaiſer ſelbſt nicht den geringſten Werth legt. Er figurirt bloß als Hofmann in der Suite des Kai⸗ ſers, da er weder militairiſche noch politiſche Talente beſitt. In Rußland beging er als Fuͤhrer eines Corps gleich beim Beginn des Feldzugs ſolche Fehler, daß ihm der Kaiſer ſchrieb:„Wenn Ew. Majeſtaͤt Alles ſchlecht verſtehen, iſt es kein Wunder, daß Alles ſchlecht geht,“ worauf er ihn nach Weſtphalen zuruͤckſchickte. Der ſchoͤne, ſtattliche Mann, erklaͤrte Ruffus nach einiger Zeit weiter, dort neben Coulaincourt, welchen „ Ihr kennt auf der Rehfalbe, iſt Maret, der⸗Herzog von Baſſano und der Miniſter der auswaͤrtigen An⸗ gelegenheiten. Er iſt die erſte und faſt einzige Civil⸗ autorität, die den Kaiſer in dieſem Feldzuge begleitet. Man gewahrt ihn oft zu Pferde im Gefolge Napo⸗ leons, wie wenig auch ſonſt der Unterſchied des Stan⸗ des die Franzoſen davon befreit. Er iſt ein gewand⸗ ter Hof⸗ und Staatsmann, der mit den feinſten Kunſt⸗ griffen der Politik die Geſchmeidigkeit und Anmuth der alten Franzoſen vereinigt. Sein angenehmes und wuͤrdevolles Aeußre traͤgt hierzu viel bei. Die lange unheimliche Figur unmittelbar hinter Baſſano iſt Fouche, der Herzog von Otranto. In der Revolution Terroriſt, ſtimmte er, ein Genoſſe Robes⸗ pierre's, im Nationalconvente fuͤr den Tod Ludwig des Sechzehnten, war eine Zeitlang Polizeiminiſter, ſpaͤter BGeſandter in Dresden, und iſt jetzt zum Gouverneur von Illyrien ernannt. Ein Mann voller Intriguen, den der Kaiſer mit Willen fern von Paris haͤlt. Der Charakter Fouches wird am beſten durch ſeine bekannte Phraſe bezeichnet, die er wegen des Todes des Herzogs von Enghien ausſprach: dieſe Hinrichtung ſei mehr als ein Verbrechen, ſie ſei ein Fehler. Wer ſind denn die wunderſchoͤnen jungen Officiere, II. 24 2 erkundigte ſich Claͤrchen, in den himmelblauen Unifor⸗ men mit reicher Silberſtickerei und den ſchwarzen Fe⸗ derhuͤten? Das ſind die kaiſerlichen Ordonnanzofficiere, ant⸗ wortete der Bruder, meiſtentheils Soͤhne von Geſand⸗ ten, Generalen, Senatoren, zeichnen ſich ſaͤmmtlich durch Bildung, Erziehung und ein angenehmes Aeu⸗ ßere aus. Sie ſind die tuchtigſten Reiter und reiten in der Regel die ſchonſten Pferde. Ihr Dienſt iſt eben ſo beſchwerlich als ehrenvoll. Gewoͤhnlich haben nur zwei den Dienſt, bei Gefechten aber ſind ſie alle zugegen. Un officier deordonnancel ruft Napoleon oft, und der, an welchem die Reihe, eilt nun mit ſei⸗ nen Aufträgen an irgend einen Marſchall oder Gene⸗ ral, waͤhrenddem der Folgende ſich dem Kaiſer moͤglichſt naͤhert oder ſich auf's Pferd ſchwingt, um beim nach⸗ ſten Rufe davon zu eilen. Oft werden ſie auf laͤngere Zeit mit Befehlen an einen Corpscommandanten als Couriere geſchickt und bleiben ſo lange daſelbſt, bis ein entſcheidendes Treffen vorgefallen iſt, worauf ſie zu Napoleon zuruͤckkehren und muͤndlich oder ſchriftlich Rapport abſtatten. Oft werden ſie auch bei Recog⸗ noscirungen oder Aufnahmen von Gegenden gebraucht. Die meiſten ſind aus dem Artillerie⸗ und Geniecorps — 371— gewaͤhlt. Wer ſich vorzuͤglich brauchbar von ihnen zeigt, hat Ausſicht ſchon als Ordonnanzofficier den Rang eines Chef d'Escadron zu erlangen und als⸗ dann gleich Oberſter oder Adjutant des Kaiſers zu werden. Ihre Anzahl iſt eigentlich auf Zwolf be⸗ ſtimmt; allein ſie ſind nicht ganz vollſtaͤndig. Ein Sohn von Lauriſton und ein Neffe von Deſſair befin⸗ det ſich unter ihnen. Der erſte Ordonnanzofficier heißt Gourgaud, wegen ſeiner ausgezeichneten Faͤhig⸗ keiten ein beſonderer Liebling des Kaiſers. Dort ſieht man auch, fuhr Ruffus nach einiger Zeit fort, faſt ſammtliche Adjutanten des Kaiſers, lau⸗ ter erfahrne Generale. Dort der ſchoͤne Mann, der neben Duͤrosnel reitet, iſt Flahaut, welchen Napoleon im Fruͤhjahr an unſern Koͤnig ſchickte. Gleich dahin⸗ ter reitet der wackre Druot, wird als Artilleriſt bei den Gefechten immer zu den wichtigſten Aufſtellungen des Geſchuͤtzes gebraucht. Eine hoͤchſt ſeltſame Erſcheinung bei dieſem General iſt, daß er ſeine Lieblingslectuͤre, die Bibel ſtets mit ſich fuͤhrt und daraus gar kein Ge⸗ heimniß macht. Vielleicht iſt es ein kleiner Hang zur Froͤmmelei und zum Aberglauben; denn da ihn der Kaiſer, vermoͤge ſeines Berufs, immer auf die waͤrm⸗ ſten Stellen ſendet, ſo zieht der General bei Gefechten — 274— „ allemal ſeine alte Artillerieuniform an, in die er gro⸗ ßes Vertrauen ſetzt, weil ihm darin nie ein Ungluͤck begegnet iſt. Er ſteigt bei den Batterieen jedesmal ab, und hat wirklich das Gluck gehabt, daß weder er, noch ſeine Pferde im Geringſten verletzt worden ſind. Uebri⸗ gens iſt er eben ſo beſcheiden als unterrichtet. Unſern guten Duͤrosnel kennt Ihr, ſprach Ruffus weiter, ſein menſchenfreundliches Betragen hat ihm die Liebe aller Sachſen erworben. Weniger iſt dies der Fall mit dem Grafen von Lobau, gleichfalls Adju⸗ tant, dem man aber Stolz und Hoffarth gleich anſieht. Seht wie er dort neben Oberſt Bernard, welcher als tuͤchtiger Ingenieur die Befeſtigung Dresdens geleitet hat, ubermuͤthig auf ſeinem Rappen ſitzt. Seit Soult nach Spanien, iſt er General⸗Commandant der Gar⸗ den geworden. Unmittelbar dahinter reitet der finſtre Corbineau. Auch zwei polniſche Generale befinden ſich als Adjutanten in der Suite des Kaiſers. Von dieſen Adjutanten haben täglich zwei den Dienſt. Dieſe muͤſſen Tag und Nacht im Vorzim⸗ mer Napoleons ſein. Sie melden jeden, der zum Kaiſer gerufen wird oder Zutritt begehrt, wenn er nicht vermoͤge ſeines Ranges im Hauptquartiere das Recht hat einzutreten— durch dreimaliges Klopfen — 373— an die Thuͤr des Kabinets und Nennung des Na⸗ mens durch die halbgeoͤffnete Thuͤr. Die ganze vierzigtauſend Mann ſtarke, glaͤnzend ausgeruͤſtete Armee begann jetzt unter kriegeriſcher Marſchmuſik in ſtarken Colonnen bei Napoleon vor⸗ uͤber zu defiliren. Drei Stunden lang waͤhrte der Zug. Nach der Parade begaben ſich alle franzoͤſiſchen und verbuͤndeten Generale ſammt den kaiſerlichen Hofbe⸗ amten, den Fuͤrſten von Neufchatel an der Spitze, zu Fuß nach der katholiſchen Hofkirche, wo unter Glocken⸗ laͤuten und Kanonendonner ein Te deum geſungen ward. Auch der König von Sachſen nebſt ſeiner Fa⸗ milie wohnte der Feier bei. Die alte Garde zog unter klingendem Spiele nach der Neuſtadt, wo unter den langen Lindenreihen der Hauptſtraße Tiſche und Sitze fur ſie gedeckt ſtanden. In der Mitte der Tafelreihe befanden ſich Plaͤtz fur die Officiere beider Garden unter uberſpannten Segel⸗ tuͤchern. Auf dem Tiſche, an welchem die Generale und Stabsofficiere ſaßen, prangte Napoleons Buͤſte, bekraͤnzt mit Lorbeerzweigen und umgeben mit Zier⸗ pflanzen. Ober⸗ und unterhalb der Tafelreihen brau⸗ ſten die präͤchtigſten Symphonieen zweier Muſikchöre — 374— zum blauen Auguſthimmel. Alle Officiere und Ge⸗ meine hatten heut doppelten Sold, jeder Soldat dop⸗ pelten Fleiſchantheil erhalten, und vom Koͤnige von Sachſen waren hundert Eimer Wein geſpendet worden. Aehnliche Gaſtereien fanden an vielen andern Or⸗ ten ſtatt; uͤberall toͤnte Jubel, und ſelbſt die von der Kriegslaſt hart bedraͤngten Einwohner ſchienen ihre Drangſale fuͤr den Augenblick zu vergeſſen. Unter fortwahrendem Kanonendonner wurden dem Helden des Tages von den begeiſterten Kriegern unzaͤhlige Le⸗ behochs gerufen; dieſer ſelbſt aber ſaß bereits lange wie⸗ der im einſamen Cabinet, alle Mittel und Wege uͤber⸗ ſinnend, ob mit dem gefuͤrchteten Oeſtreich keine Aus⸗ ſoͤhnung zu bewirken ſei, und fuͤr den Fall des wahr⸗ ſcheinlichen Uebertritts dieſer Macht zu den Verbuͤnde⸗ ten die erforderlichen Vertheidigungsmaaßregeln an⸗ ordnend. Erſt Abends acht Uhr, als die Dunkelheit herein⸗ gebrochen war, fuhr Napoleon zu einem feſtlichen Male in's koͤnigliche Schloß. Gegen neun Uhr erhob ſich von Neuem der Donner der Geſchutze, als die Ge⸗ ſundheit des Kaiſers, der Kaiſerin und des Koͤnigs von Rom getrunken wurde und zugleich rauſchten hunderte von Raketen empor, das prachtvolle Feuerwerk eroͤff⸗ — 5— nend, das dem koͤniglichen Schloſſe gbgenuͤber auf der Elbbruͤcke abgebrannt wurde. Napopon war an Fried⸗ rich Auguſts Seite auf den Balkon des Schloſſes ge⸗ treten; immer üppiger quollen die Brillantkugeln uͤber die Zinnen der Koͤnigſtadt empor und zahlloſe Schwaͤr⸗ merboukets rauſchten und knatterten wie goldne Bie⸗ nenſchwaͤrme durch die Nacht. Der ganze Elbſtrom zur Rechten und Linken war mit Leuchtkugeln, welche von mehren, an den Ufern poſtirten Regimentern der jungen Garde aus Flinten geſchoſſen wurden, gleich⸗ ſam uͤberſat. Weiter unterhalb unterhielten andre Regimenter ein lebhaftes Heckfeuer und in tiefen ge⸗ waltigen Bafßtoͤnen donnerten die Kanonen vom Zwin⸗ gerwalle gleichſam den Takt zu dem prachtvollen Schauſpiele. Ein milder Abendhimmel erhoͤhte die zauberhafte Wirkung. Da trat mit Einemmal in weißem Brillantfeuer ein gigantiſches N aus der Nacht hervor; ein tauſend⸗ und abertauſendſtimmiges Vive lempéreur uͤbertoͤnte den Donner der Kanonen und wie ein Vulkanaus⸗ bruch rauſchten zehntauſend Raketen zu den Sternen, das ganze Elbthal in magiſcher Beleuchtung verklaͤ⸗ rend. Aber das hohe Kaiſerbild dort auf dem Schloß⸗ balcone, dem dieſes Vergoͤtterungsſchauſpiel galt, ſchaute mit demſelben finſtern Ernſte, welcher ſchon den ganzen Tag uͤber auf dem Marmorgeſicht zu le⸗ ſen war, auf die jubelnde Menge hernieder. Noch am ſpaͤten Abend durchwandelte Ruffus mit Eugen und Jerome die tageshellen Straßen. Ueber⸗ all flammten die goldnen Perlenſchnuren der Illumi⸗ nation. Dieſe Lampenherrlichkeit, ſprach Ruffus, iſt mir nachgrade zuwider geworden. Wir armen Deutſchen haben ſeit ſechs Jahren ſo viel illuminirt und es iſt immer nicht beſſer geworden. Was kann auch aus dieſen anbefohlenen Freudenfeuern Gutes Sheraus⸗ kommen. Vor dem Palais des franzoͤſiſchen Geſandten, des Grafen Serra war großes Gedraͤng. Die ganze Fa⸗ gade glich einem Feenſchloſſe aus tauſend und einer Nacht. Inmitten ſtrahlten die Worte: Incolumem servate! Instant majora peractis. Das iſt ſehr relativ, meinte Ruffus, das kann eben ſo gut auf Eure Vertreibung aus Deutſchland wie auf Napoleons Weltherrſchaft deuten. Vielleicht, daß dieſe Worte den Frieden bedeuten, troͤſtete Jerome. Moch ſind ja nicht alle Unterhand⸗ lungen abgebrochen. Wenn es den Herren Geſandten in Prag mit dem Frieden Ernſt wäre, erwiderte Ruffus, wurden ſie nicht vier Wochen mit bloßen Formen verloren haben; ich glaube jetzt an keinen Frieden. Ich auch nicht, geſtand Eugen. Noch eine Schlacht und die Leute werden zur Vernunft kommen. Die drei kehrten nach Hauſe zuruͤck, wo man dem Barbanegre, der morgen mit der alten Garde nach Bautzen aufbrechen ſollte, eine kleine Abſchiedsfete gab. Am andern Tage gewann die Stadt ein ganz anderes Ausſehen. Die Trommel ſchlaͤgt Laͤrm, die Poſtchaiſen fahren auf der Straße nach Mainz zuruͤck, die Fourgons eilen in die Hauptquartiere, die jungen Offiziere erſcheinen zu Pferde. Jeder iſt wieder in das kriegeriſche Gewand gekleidet; der Militairluxus wird in die Felleiſen gepackt. Man erblickt nur noch den Glanz der Lanzen und der Bayonette. Die Truppen defiliren, die Lager werden oͤde und Alles wälzt ſich auf der Straße nach Bautzen dahin. Es war am 15. Auguſt, Nachmittags zwei Uhrz bereits hat Napoleon ſeine Reitpferde und Relais vorausgeſchickt; ſein Reiſe-Wagen iſt vor dem Thore des Marcoliniſchen Palaſtes vorgefahren. Alles iſt zum Aufbruch bereit. Noch lebt in der Bruſt des Kaiſers ein Hoffnungsſchimmer zur friedlichen Ausgleichung. Er geht mit großen Schritten, vom Koͤnige von Neapel begleitet, in dem Hauptgange des Marcoliniſchen Gartens auf und ab. Da meldet der dienſtthuende Adjutant den Grafen Narbonne, welcher ſo eben von Prag angelangt ſei. Qu'il vienne! ruft Napoleon, und in wenig Mi⸗ nuten erſcheint der zeitherige Botſchafter am Wiener Hofe. Der Koͤnig von Neapel verliert ſich in die ent⸗ legnern Partien des Gartens, der Miniſter Maret wird gerufen. Nun, Narbonne, fragt Napoleon, was bringen Sie? Sire! den Krieg mit Oeſtreich, iſt die in⸗ haltsſchwere Antwort. Und meine letzte Willensmeinung durch Bubna, worin ich alle Forderungen Oeſtreichs bewillige? fährt der Kaiſer fort. Herr von Metternich geſteht zu, rte der Ge neral, daß die Zugeſtaͤndniſſe Ew. Majeſtat am zehn⸗ ten noch den Frieden haͤtten herbeifuͤhren koͤnnen. Jetzt ſei es zu ſpaͤt. Man habe ſich von Neuem an den Kaiſer Alexander zu wenden, der ſtuͤndlich zu Prag erwartet werde. Wie? ruft Napoleon, ſo war alſo der Verzug weniger Stunden in einer ſo wichtigen Kriſe hinrei⸗ chend, eine Urſache zum Kriege, zum allgemeinen Brande in die Hand zu geben? Und gerade diejeni⸗ gen, welche am lauteſten von ihrem Wunſche nach Frieden geſprochen haben, welche ihren Eifer ſo weit trieben, ſich als Vermittler aufzuwerfen, ſind es, welche ſich mit einem ſolchen Grunde waffnen! Kann man die Puͤnktlichkeit weiter treiben? Er ging eine Zeitlang ſchweigend auf und nieder. Nach' einer Pauſe ſprach er: Es iſt kein Zweifel mehr, der Waffenſtillſtand ward nur aus der Abſicht geſchloſ⸗ ſen, Oeſtreich Zeit zu verſchaffen, ſeine Ruͤſtungen zu vollenden. Die Foörmen einer Unterhandlung wur⸗ den bloß gewahlt, den Uebergang aus dem Verhaͤlt⸗ niſſe eines Alliirten in das des erklaͤrten Feindes beſſer zu verſchleiern. Wieder erfolgt eine Pauſe, wo der Kaiſer in Gedanken auf und nieder geht. Oeſtreich in der vermittelnden Rolle, faͤhrt er fort, machte jede Ausſicht zum Frieden unmoͤglich; Oeſtreich aber den Krieg erklaͤrend, ſetzt uns in eine wahrhaftere und einfachere Stellung. Europa ſteht jetzt dem Frie⸗ den naher, es iſt eine Verwicklung weniger. Wohlan! — 380— wenn die Verbuͤndeten ſo große Hoffnung auf das Gluͤck der Schlachten ſetzen, brauchen deshalb die Un⸗ terhandlungen nicht abgebrochen zu werden. Baſſano, ſchreiben Sie Metternich, von heute an ſoll ein Congreß in einer Graͤnzſtadt eroͤffnet werden, den man fuͤr neu⸗ tral erklaͤren wird. A woiture! Mit dieſen Worten geht Napoleön ſchnell ſeinem Wagen zu. Im Augenblicke brauſen die Roſſe mit dem Kaiſer von Frankreich die Bruͤckenſtraße entlang. Von den Thuͤrmen Dresdens erklingt die fuͤnfte Stunde des Nachmittags.— Das blutige Spiel um den Erdball ſoll von Neuem beginnen. Grimma, gedruckt in der Reimer'ſchen Vuchdruckerei. N —— ———