2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † Gduard Ottmunn in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ten welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat; 1 W.— Pf. 1 Wr. d Pf. 2 Wi.— Pf „3„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ——— ———— — Der Diplomat. . Rovelle von Ludwig Storch. —— Frankfurt am Main. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. 1 8 3 4. Für Manche! Mit ſehr großem Vergnügen habe ich vernom⸗ men, daß hie und da gewiſſe Leute, vorzüglich des ſchönen Geſchlechts, ſich über manche Stellen in meiner Novelle:„Malers Traum,“ die unſer geſellſchaftliches unweſen etwas ſcharf rügen, bit⸗ ter beklagt und weidlich auf mich geſchimpft ha⸗ ben. Ja, es freut mich, daß ſie ſich getroffen fühlen, dieſe edeln Seelen, und zu ihrem Troſte ſei ihnen geſagt, daß ich ſie wirklich gemeint habe. Ich haſſe nichts mehr, als dieſe ekelhaften geſell⸗ ſchaftlichen Coterien, die ſtinkenden Gräber alles beſſern öffentlichen Lebens; ich haſſe die Men⸗ ſchen, die ſich die planmäßige Ausbildung des erbärmlichſten Kleinigkeitsgeiſtes zum großen Ziel 1* — geſetzt, deren faulendes Auſterleben ſich um Klat⸗ ſchen, Kartenſpielen und Thee dreht; ich haſſe dieſe enge, ängſtliche Bürgerwelt voll ſcheinhei⸗ liger Lumpe, voll breitmauliger Geſellen, die nur immer ſich ſelbſt und ihre großen Verdienſte um Welt und Menſchheit im Auge haben, die ewig über Freiheit radotiren, ſchwadroniren, räſon⸗ niren, und zu Hauſe von einem„lieben Gänschen“ geleitet, mit ekelhafter Breite den Liberalismus zur ungenießbaren Waſſerſuppe brauen.— Ihr Vertheidiger der Menſchenrechte, die Ihr ſtündlich die erſten Pflichten gegen Euere Nebenmenſchen verſäumt, die nicht zu Euerer Coterie gehören, Ihr gewaltigen Verlanger der Preßfreiheit, die Ihr wüthet, wenn auf Euere Gemeinheit von fern allegoriſch in einem Buche oder Blatte hingeden⸗ tet wird, Ihr lärmenden Jacobiner, die Ihr Euch ſo willig unter den Pantoffel Euerer dummen klatſchigen Weiber ſchmiegt, Ihr ſehr redlichen Männer, die Ihr unſinnige Schulden macht, ohne daran zu denken, wovon Ihr ſie bezahlen wollt; und Ihr, liebe Frauen, die Ihr ſo gern Andern die Ehre abſchneidet, und, obgleich ſehr pochend —,— * — o— auf Euere Tugend und mit Euerer ſcheinbaren Kälte kokettirend, ſo baar und blos ſeid von der wahren Ehre und Würde des Weibes:— Ihr ſeid auch in dieſem Buche gemeint. Die gaſſen⸗ breite Werthloſigkeit Eueres von Eigendünkel über und über vollgepfropften Ich's hatte ich im Auge, als ich es ſchrieb; Deine windelweiche, brühe⸗ dünne, langſam breitfließende, matte Geiſtes⸗ und Herzensthätigkeit, Du liebes Völklein, ſchwebt mir noch bei Ausarbeitung einer andern Novelle vor, die ich eben unter der Feder habe. Darin will ich Euch feiern, Ihr holden Frauen, die Ihr ſtatt des Geiſtes ein inhaltleeres Fluidum habt, das bei jeder Gelegenheit in die Breite geht, ſtatt des Gefühls, eine kränkelnde Empfindelei, die nur in Bezug auf die Wichtigkeit Euerer eig⸗ nen Perſon rege wird, ſtatt beſcheidner Tugend, ſtolze lautſchreiende Prüderie und aufgeblaſene Tugendhaftigkeit, die ſich nach ſüßen heimlichen Sünden ſehnt; darin will ich Euch treffen, Ihr langweiligen liberalen Schreier, die Ihr zu den Füßen der Fürſten um ein armſeliges Titelchen winſelt, und wenn Ihr's erbettelt habt, übermüthig * auf Euere Brüder und Freunde herabſeht; Euch elende Egoiſten, die Ihr um ein Paar Thaler die Menſchenliebe verkauft; Euch alle, Ihr Lumpe! freut Euch; Einſtweilen lest den„Diplomaten“ und ärgert Euch! Der Verfaſſer. 5 Um Mitternacht hielt der Poſtwagen vor dem geräumigen Badehauſe zu L., und die ermüdeten Reiſenden quollen in ziemlicher Anzahl heraus, den ihnen angewieſenen Zimmern und den wohl⸗ bereiteten Betten zueilend, um für die Freuden, welche ſie ſich von ihrem hieſigen Aufenthalte verſprachen, neue Kräfte zu ſammeln. Ein junger Mann, der mit aus dem Wagen geſtiegen war, fragte einen dienſtthuenden Kellner haſtig:„Kann man nicht eine Liſte der bereits angekommenen Badegäſte haben? Iſt nicht ein Herr von Reinecke darunter?“ „Die Liſte ſoll ſogleich in Ihren Händen S mein Herr. Auch iſt ein Herr von Reinecke hier ſchon vorgeſtern eingetroffen.“ „Bleiben Sie!“ rief der Fremde haſtig dem Davonfliehenden nach.„Wo logirt Herr von Reinecke?“ „In dieſem Hauſe No. 17.“ „Kann ich vielleicht ein Zimmer neben dem Seinigen erhalten?“ „Sie ſollen No. 18. haben; doch müſſen wir eilen, daß das Zimmer nicht vielleicht anderwei⸗ tig beſetzt wird.“ Der Fremde lief haſtig; ſie kamen noch zur rechten Zeit. Eben ſollte das Zimmer für ein Paar Damen eingerichtet werden. Er erhielt No. 18. und lag bald zu Bette. Ein ſchmelzendes Adagio ſchlich ſich nach ei⸗ nigen Stunden mild und ſanft in das Ohr des Schläfers; er erwachte und horchte mit Entzücken den holden Tönen einer der neueſten und belieb⸗ teſten großen Muſikſchöpfungen. Mit einem ſüßen Wohlbehagen erhob ſich der junge Mann aus dem Bette ugd kleidete ſich an; dann öffnete er das Fenſter. i Düfte, von den nahen Kaſtanien⸗ und Lindenbäumen ausge⸗ ſandt, wogten herein. Der Blick flog ſchwelgend über den ſchönen Badeort hin. Da lag es ſo reizend, ſo freundlich hell, ſo ſonnlich glänzend, das liebliche L., wie der koſtbare Brautſchmuck, das flimmernde Kleinod, das die Braut oben aus dem Schreine hervor⸗ zieht, und das heute, an ihrem Ehrentage, zum erſtenmale auf ihrem Alabaſterbuſen hüpfen ſoll, ſo jungfräulich, wie er ſelbſt; und wie die Edel⸗ ſteine, gehoben und verſchönt von der reichen güldnen Einfaſſung, gleichſam hellern Glanz aus⸗ ſtrömen und das bräutlich trunkne Auge nur noch höher entzücken, ſo prangten die niedlichen und geſchmackvollen Häuſer noch mehr, eingefaßt von den blüthentragenden Sträuchen der zahl⸗ reichen Boskets, von der Menge Bäume, von dem friſch grünen Raſenteppich und all den herr⸗ lichen Anlagen umher, und das Auge des jungen Mannes badete ſich eine geraume Zeit in der Fluth bunter Bilder, die ſich ſeiner Ueberraſchung entgegendrängte. Die Fülle der Tonphantaſie, die noch immer in ſein Zimmer rauſchte, und das lachende Bild der Gegend in friſchen Morgenglanz getaucht, ſchmolzen in ſeiner Seele zuſammen, und 8 utde — 5— ihm offenbar, daß Gegend und Muſik ſich ein⸗ ander ergänzten und erklärten. Die Töne verſtummten; der junge Mann dachte daran, daß er auch leibliche Speiſe zu ſich nehmen müſſe. Er ſchellte, bat ſich vom eintre⸗ tenden Kellner das Frühſtück aus, und fragte zugleich:„Was war das für eine ſchöne Muſik?“ „Es iſt hier Sitte, daß jeder Badegaſt am Worgen nach ſeiner Ankunft von einer Morgen⸗ muſik begrüßt wird.“ „Eine löbliche Sitte. Iſt Herr von Reinecke ſchon munter?“ „Ich habe ihm ſo eben das Frühſtück gebracht.“ „So bringen Sie das Meinige ebenfalls auf ſein Zimmer.“ Sobald ſich der Kellner entfernt hatte, ord⸗ nete der Fremde ſeinen ſehr eleganten Anzug und klopfte bald darauf an die Thüre von No. 17. Auf ein etwas barſches„Herein!“ trat er nicht ohne eine kleine Schüchternheit in das Zimmer. Sein Blick fiel auf einen mehr kleinen als mit⸗ telgroßen Mann von unterſetztem Bau, glänzend ſchwarzem lockigen Haar, ſtarken Angenbrauen, 5 — unter denen ein ſchwarzes ſehr geiſtreiches Auge hervorſtach, ſtarkem Schnurrbart, Backen⸗ und Kinnbart, alles von brennend ſchwarzer Farbe. Der dunkle Teint des Geſichts und ein faltiger Zug über die Wangen ließ den Beſitzer vielleicht älter erſcheinen, als er wirklich war. Er ſchien aber ſechs und dreißig bis vierzig Jahre alt zu ſeyn. Herr von Reinecke war noch im tiefſten Negligse; aus dem Schlitz des äußerſt feinen und ſchneeweißen Hemdes ſah eine braunſtarke Bruſt, über und über mit grauſen ſchwarzen Haaren bewachſen, hervor. Seltſam ſtach die Geſtalt des Eintretenden gegen die des Bewohners dieſes Zimmers ab; denn während dieſer, wie eben beſchrieben, gleich⸗ ſam als verkörperte Mannskraft erſchien, ſo hatte jener viel Weiches und faſt Weibliches in ſeiner Erſcheinung. In dem weißen, von ſanfter Röthe überhauchten Geſichte lag etwas Einſchmeicheln⸗ des, und wenn auch die Züge deſſelben gerade kein feſtes Bild vom Charakter des jungen Man⸗ nes geben konnten, ſo waren ſie doch ſehr ge⸗ ſchickt, für ihn zu gewinnen. Auſſerdem war in — 12— ſeinem Weſen eine gewiſſe Zierlichkeit und Ge⸗ wandtheit, was ſich vorzüglich in der ſorgſamen Pflege ſeines blonden, künſtlich gelockten Haupt⸗ haares, in ſeiner ſehr gewählten modernen Klei⸗ dung, in Gang, Haltung und Bewegung ausſprach. Der Eingetretene näherte ſich dem Bewohner von No. 17. mit einer leichten, anſtändigen Ver⸗ beugung und trat faſt näher an ihn heran, als ſchicklich war. Die Blicke beider wurzelten einen Augenblick in einander, dann ſagte der Erſtere zu Herrn von Reinecke mit einem angenehmen ſchier ſchelmiſchen Lächeln flüſternd:„Alcibia⸗ des!“ In dem neugierigen Geſichte des Herrn von Reinecke zuckte plötzlich ein Freudenſtrahl auf; er ergriff haſtig die Hand des jungen Man⸗ nes und ſagte ebenſo:„Godoy!“ und ſogleich umarmten ſich beide, wie ſich ein Paar Hofleute, die ſich perſönlich kennen lernen, nachdem ſie ſich ſchon lange dem Namen nach gekannt haben, um⸗ armen, und was dieſer Begrüßung an herzlicher Innigkeit abging, das erſetzte ſie durch eine ge⸗ wiſſe Wärme, die zur Erreichung egoiſtiſcher Zwecke Theil an einem Andern nimmt. Inzwiſchen — ſchien von Seiten des jüngern Mannes doch mehr Aufrichtigkeit obzuwalten, als von der des ältern. „Herr von Loſewitz!“ ſagte Reinecke mit derienigen verbindlichen Artigkeit, welche in Dienſt⸗ verhältniſſen der Niedere dem Höhern meiſt er⸗ zeigt, aber dabei noch mit einem Anſtrich von Schmeichelei, die nicht die Beigabe edler ſelbſtſtän⸗ diger Charaktere iſt,„Herr von Loſewitz, ich freue mich ſehr, Sie perſönlich kennen zu lernen. Die Gnade Ihres Herrn Vaters—“ Der Kellner trat ein und brachte das Früh⸗ ſtück für Herrn von Loſewitz, und der Sprecher verſtummte auf einen Wink deſſelben. Kaum ſa⸗ hen ſie ſich wieder allein, als der junge Mann flüſternd ſagte:„Ich muß Sie bitten, mich nicht bei meinem Familiennamen zu nennen; ich habe Gründe, einen andern Namen hier zu führen, ſo gut, wie Sie, und in meinen Päſſen ſteht: Lieutenant von Müllersdorf, außer Dienſt.“ „Gut denn, mein Herr von Müllersdorf.—“ „Und um die Aufmerkſamkeit, die ſich viel⸗ leicht mit uns beſchäftigen könnte, in jeder Hinſicht —— zu täuſchen, bitte ich Sie, mich für Ihren alten Bekannten, meinetwegen für einen Univerſitäts⸗ freund, auszugeben.“ „Mit Frenden, mein neuer alter Freund.“ „Sie hören, daß meiner Sprache Niemand mein Vaterland abmerken ſoll; ich habe darauf ſtudirt, ein wenig zu berliniſiren.“ „Ein Diplomat muß alles lernen.— Sie haben mir noch nichts von Ihrem Herrn Vater geſagt,“ fuhr Reinecke fort, und warf einen ſtechenden Blick auf den jungen Mann. „Zuerſt mußte ich doch Ihre Bekanntſchaft machen und Sie über unſre Stellung hier unterrich⸗ ten. Das Uebrige wird ſich alles finden. Ich habe Aufträge, ſehr wichtige Aufträge von meinem Vater an Sie, und vielerlei mit Ihnen abzuhan⸗ deln und abzuſchließen. Einſtweilen mag mein Vater ſelbſt zu Ihnen reden.“ Mit dieſen Wor⸗ ten zog er ein kleines Portefeuille aus der Bruſt⸗ taſche, und nahm ein mit Ziffern und andern wunderlichen Charakteren beſchriebenes Blatt her⸗ aus. Reinecke ſuchte ebenfalls ein Taſchenbuch dervor, zog aus demſelben einen kleinen Zettel, — entfaltete und hielt ihn neben den Brief. Dieſes Zettelchen ſchien den Schlüſſel zum Verſtändniſſe der Zifferſchrift zu enthalten. Ein wohlgefälliges Lächeln verbreitete ſich bald über das Geſicht des Leſers, und mit einem von Freude und Pfiffig⸗ keit gemiſchten Ausdruck fiel dann ſein Ange auf den Ueberbringer. „Sie ſcheinen mich fragen zu wollen,“ ſagte hierauf der junge Mann, der hier unter dem Namen von Müllersdorf auftrat,„ob ich den offnen Brief geleſen habe? Allein ich verſichere Sie, daß ich von meinem Vater noch nicht in dieſe diplomatiſche Schriftſprache eingeweiht wurde, folglich nichts verſtehen kann.“ „Sie ſollen Alles erfahren,“ verſetzte Reinecke. „Nun, mein Vater hat mich auf Sie ver⸗ tröſtet.“ „Ihr Herr Vater war beim Herzoge A. v. Z. in Karlsbad, wie er mir ſchreibt,“ fuhr Reinecke leſend fort,„und hat Sie an den Marcheſe nach Marienbad geſchickt?“ „So iſt's!“ „Wie fanden Sie den Marcheſe?“ — 16— „Er befand ſich in dem kleinen Gefolge des Prinzen F. von Z., ſchien ſich der beſten Geſund⸗ heit zu erfreuen und benahm ſich äuſſerſt gütig gegen mich.“ „Erwähnte er vielleicht meiner?“ „Gewiß, und zwar mit vielem Lobe. Und als er von mir hörte, daß ich nach L. reiſen würde, um perſönlich mit Ihnen zu verhandeln, bat er mich, Ihnen zu ſagen, daß er ebenfalls bald hier ſeyn werde.“ „Wie aber ſteht es mit der Geſundheit des Prinzen F.? Hat ſich ſein Zuſtand gebeſſert?“ „Der Marcheſe verſicherte mir im Gegentheil, daß er ſich verſchlimmert habe. Die Perioden, in welchen des liebenswürdigen Prinzen Geiſt gleichſam wie mit einem Nebelflor umſchleiert iſt, ſind jetzt von größerer Dauer und kehren öfter wieder, als während ſeines letzten Aufenthaltes in Rom.“ „Schlimm! ſehr ſchlimm! Und unſern ſchö⸗ nen Plänen ganz zuwider!“ rief Reinecke aus. „Der Prinz hätte nicht wieder in das dumpfe Dentſchland zurückkehren, er hätte in ſeinem heitern —— Rom bleiben ſollen. Für ihn wäre es beſſer ge⸗ weſen, er wäre Cardinal geworden, wozu ihn der Papſt beſtimmt hatte. Aber da Herzog A. ohne männliche Descendenz bleibt, ſo kann Prinz F. hier bei weitem mehr nützen. Der Plan war ſo ſchön, und doch ſcheint er zu ſcheitern.“ „Mein Vater war nach den verſchiedenen unterredungen mit dem Herzoge A. in Karlsbad nicht Ihrer Meinung. Auch der Marcheſe ſah in der Krankheit des Prinzen kein beſondres Hin⸗ derniß, und meinte, die Individualität der beiden fürſtlichen Brüder ſey ſo ſtreng verſchieden, daß ſich A. doch auf keinen Fall von F. würde ha⸗ ben beſtimmen laſſen. Es müßten ganz andre Triebfedern in Bewegung geſetzt werden, ſagte er, um einen Fürſten von ſo höchſt ſonderbarem und abnormen Charakter für die große Sache zu ge⸗ winnen, wie Herzog A.; doch ſchien's, als ob der Marcheſe ſich über dieſen Punkt nicht deutlich gegen mich erklären wollte.“ „Ich brenne vor Begierde, die Bekanntſchaft dieſes Herzogs zu machen, denn ich habe zu viel Sonderbares von ihm gehört,“ ſagte Reinecke. 2 „Erfuhren Sie nichts über ſeine Heimkehr? denn es wird Ihnen durch Ihren Herrn Vater be⸗ kannt ſehn, daß wir beide beſtimmt ſind, den Herzog bei ſeiner Rückkehr aus Karlsbad in ſei⸗ ner Reſidenz zu empfangen, und daß dies der Grund iſt, weshalb gerade L. zum Orte unſres Zuſammentreffens gewählt wurde.“ „Ich weiß Alles,“ verſetzte Müllersdorf. „Doch, Liebſter, ich dächte, für den Anfang hät⸗ ten wir über unſre geheimen Angelegenheiten ge⸗ nug geplaudert; ich ſehne mich, den ſchönen Bade⸗ ort zu durchwandern und auch von andern Din⸗ gen mit Ihnen zu ſprechen. Begleiten Sie mich⸗“ „Mit Vergnügen!“ Während Reinecke mit Ankleiden beſchäftigt war, blickte Müllersdorf auf den immer leben⸗ diger werdenden Platz vor dem Hauſe und er⸗ götzte ſich an der Friſche der Bergluft, die mor⸗ gentlich kühl ihm entgegen wogte. Da bemerkte er zwei Damen, die eben den rechten Bogengang um die Fontaine herauf kamen, und auf das Badehaus zuſchritten. Ihr ſehr gewählter, faſt koſtbarer Morgenanzug hielt zuerſt ſeine Blicke — 19— feſt, aber ihre reizenden Geſichter, ihr herrlicher Wuchs, die Grazie ihrer Bewegungen feſſelten ſie vollends ganz, und ließen ihn ſelbſt die Schön⸗ heit der Gegend auf Augenblicke vergeſſen. Ir⸗ gend ein Entzücken verkündender Ausruf Mül⸗ lersdorfs lockte Reinecke ebenfalls an's Fenſter, doch kaum hatte er die Damen erblickt, als ſein Auge mit jenem argwöhniſchen lauernden Aus⸗ druck, den es unbelauſcht anzunehmen pflegte, an dem freudeverklärten Geſichte ſeines neuen Freun⸗ des hing, und in die Züge ſeines eignen Geſichtes ſich eine gewiſſe Vitterkeit miſchte, die einen ſtar⸗ ken Kontraſt zu dem ſüßen Lächeln des Andern bildete. Reinecke wandte ſich ab, um ſeine Toi⸗ lette zu vollenden, Müllersdorf aber blieb am Fenſter, bis die Damen in's Haus getreten wa⸗ ren, jeden ihrer Schritte mit ſtrahlendem Auge verfolgend. „Wahrhaftig!“ rief er dann zu Reinecke ge⸗ wendet,„dieſer junoniſchen Geſtalten wegen al⸗ lein ſchon dank' ich es dem Geſchicke oder viel⸗ mehr der diplomatiſchen Geheimnißkrämerei, daß ſie mich nach Bad L. geführt hat, das Vergnü⸗ 2* — 6d— gen, Ihre perſönliche Bekanntſchaft gemacht zu haben, mein Freund, die Annehmlichkeiten der Reiſe und die Reize der hieſigen umgegend jetzt gar nicht mitgerechnet; denn in der That, die unvergleichliche Schönheit der einen Dame nimmt mir vor der Hand den Kopf ganz ein.“ „Uund welche von den beiden Huldinnen hat denn das große Glück, in ſo ungeheurer Eile das Herz eines ſo ſehr hoffnungsvollen jungen Mannes gewonnen zu haben?“ fragte Reinecke nicht ohne irvniſche Betonung. „Die zur Rechten war die Sonne, die Andre nur ein Stern. Ich beſchiöre Sie, Freund, kennen Sie die Schöne?“ „Sie ſind noch kein Diplomat!“ warnte Rei⸗ necke mit verbiſſenem Aerger.„Viel zu ſtürmiſch! Viel zu offen! Laſſen gleich Alles errathen. Ich werde meine Lektionen gleich dieſen Morgen mit Ihnen anfangen müſſen. Nicht in den Geſchäfts⸗ Angelegenheiten allein muß der Diplomat Diplo⸗ mat ſehn; nein, in allen Angelegenheiten des Lebens; denn das ganze Leben mit all' ſeinen Kreiſen und Feldern gehört ſeiner Wirkſamkeit — 2— an, alles fällt in's Geſchäft. Geſetzt nun den Fall, ich wäre ein Heimlicher von der feindlichen Partei, ich würde ſogleich Ihre wildaufbrauſende Neigung zu jener Dame zu meinem Vortheil be⸗ nutzen und gewiß mit Glück benutzen.“ „Sie ſind es ja aber doch nicht!“ rief der blonde Jüngling ärgerlich.„Man wird doch un⸗ ter Freunden dem begeiſterten Erguß der Natur freien Lauf geſtatten, und wo man ſich unbelauſcht weiß, das Herz offen reden laſſen dürfen?“ „O wie ſehr recht hat Ihr Herr Vater, wenn er mir ſchreibt, daß Sie über die Grundelemente der Diplomatie noch nicht im Klaren ſind! Nein, mein junger Freund, nie dürfen Sie daran den⸗ ken, jenem rohen Götzen zu huldigen, den man ſo gewöhnlich Natur nennt. Laſſen Sie dieſen unwürdigen Götzendienſt dem gemeinen Polke, der unverſtändigen Maſſe. Gönnen Sie ſeine Ver⸗ ehrung gutmüthigen Schwärmern, überſpannten Phantaſten, denen es beliebt, ſich Künſtler zu nennen, wie die Dichter und Verſemacher, die Maler und Farbenkleckſer, Tonſetzer und Muſi⸗ kantenl, laſſen Sie dieſe Narren unverſtandnes, — W— unverdautes Zeug von Natur, Recht, Wahrheit in den Tag hinein faſeln, laſſen Sie die leichtbe⸗ wegte dumme Menge ihnen zuweilen einigen klei⸗ nen Beifall zuklatſchen, der ihnen eine kindiſche Freude ohne Nachhalt und Vedeutung bereitet! Wir, wir ſind die Herren der Welt, die wir jene unbehülfliche Natur verachten und auf den Flü⸗ geln des ſcharfen Verſtandes uns zur wahren Kunſt erheben. Ja, mein Freund, der Diplomat, der Staatsmann iſt der wahre Künſtler; er übt die höchſte Kunſt, die des Umgangs. Sie will wohl ſtudirt, ſie will fleißig betrieben und ſtets mit Luſt und Eifer ausgeübt ſehn, eh' man Mei⸗ ſter in ihr wird. Die erſte Regel aber iſt, die Sie noch nicht zu kennen ſcheinen: ſich nie⸗ mals von einer Aufwallung hinreißen zu laſſen, ſich gegen Niemand ſelbſt in der ſcheinbar unbedeutendſten Sache— es iſt nichts unbedeutend in der Welt— blos⸗ zugeben, nicht gegen Geliebte, Weib, Verwandte, Freund. Die Diplomatie er⸗ kennt nur ſich ſelbſt als weſentlich an; von Liebe, Freundſchaft ꝛc. weiß ſie nichts, oder es ſind ihr — nur unweſentliche Begriffe, ihr untergeordnete Kategorieen des Verſtandes, die ſie zu ihren groſ⸗ ſen Zwecken zu benutzen ſtrebt und meiſt trefflich benutzt. um alſo die erſte Regel gleich in einen praktikabeln Satz zuſammen zu faſſen und mit wenig Worten in ihr ein Grundaxiom der diplo⸗ matiſchen Kunſt aufzuſtellen, was Sie ſich gefäl⸗ ligſt tief in die Seele einprägen und in Blut und Saft verwandeln mögen, dürften folgende Worte hinreichen: Suche Aller Blößen zu erfor⸗ ſchen und zu benutzen, und hüte dich, dir ſelbſt eine zu geben. Aus dieſem Haupt⸗ und Grundſatz laſſen ſich gleich folgende Neben⸗ ſätze ableiten: Rede nie die Wahrheit, gieb dich niemandem, wie du biſt.“ „Ich bitte Sie um Gotteswillen!“ unterbrach hier der junge Mann den Redefluß Reinecke's, der mit dem Eifer und dem Lehrton eines Privat⸗ docenten, der ſeiner Sache gewiß iſt, auf ihn einkanzelte.— Müllersdorf hatte bis jetzt in ſich verſunken und vergebens unangenehme Gefühle bekämpfend, mit dem Rücken an die Fenſterbrů⸗ ſtung geſtanden.—„Hören Sie jetzt auf! Ich — —— —— habe für die erſte Lektion ſatt und genug und werde an dieſer viel zu thun bekommen. Ein an⸗ deres Mal, wenn ich mich geſammelt habe und beſſer dazu aufgelegt bin, nehme ich mir die Frei⸗ heit, einiges darauf zu erwiedern; denn Sie dür⸗ fen keinen Tertianer in mir vermuthen, der ſein Penſum eifrig memorirt, ohne nach Sinn und Inhalt deſſelben zu fragen. Jetzt ſagen Sie mir lieber, wenn Sie es anders im Stande ſind, wer war die reizende Dame, die meine undiploma⸗ tiſche Erpectoration hervorrief?“ „Schon dieſe Frage beweißt, wie wenig noch die erſte Regel bei Ihnen Wurzel geſchlagen hat. Doch weil wir noch nicht länger als zwei Stun⸗ den beiſammen ſind, ſo will ich ſie Ihnen hin⸗ gehen laſſen und beantworten. Jene Dame iſt die Comteſſe Helena Billaplotzk, eine Polin, wie Sie aus dem Namen hören; die Andre iſt ein Fräulein von Grünewald, wie es mir ſcheint, die Geſellſchaftsdame der polniſchen Gräfin.“ „Iſt mir's doch, als hätt' ich ſchon von der Comteſſe gehört?“ ⸗ „Es iſt leicht möglich, denn ſie war— wenn auch nur kurze Zeit— in**2. „Ich bin auf ihre nähere Bekanntſchaft be⸗ gierig.“ „Sie wird Ihnen wenig helfen,“ lachte Rei⸗ necke gezwungen;„denn, wie man gehört hat, iſt die Comteſſe Braut, und erwartet hier ihren Verlobten.“ „In aller Heiligen Namen! Ich habe nichts dawider,“ verſetzte Müllersdorf, ohne eine unan⸗ genehme Empfindung, die Reinecke's Nachricht in ihm hervorgerufen, ganz unterdrücken zu können. Sie gingen und traten in's Freie heraus. Die freundliche Sonne ſchmückte die Gegend mit Farbenglanz, und wie ein hingezaubertes kleines Paradies, breitete ſich das ſchöne L. vor ihnen aus. Das Herz des gemüthlichen Jünglings wallte über vor Entzücken und alle Diplomatie vergeſſend, rief er:„O ſehen Sie nur an, wie allerliebſt hier ſchon die Ausſicht iſt, wie unver⸗ gleichlich herrlich muß ſie erſt von einer der um⸗ liegenden Berghöhen ſeyn!“ — 26— „Sehr ſchön!“ ſagte Reinecke, indem er hin⸗ ter Müllersdorfs Rücken ſein Portefeuille aus der Taſche zog und den erhaltenen Zifferbrief noch ein Mal durchmuſterte. Der Andre überließ ſich unterdeſſen ganz dem angenehmen Eindruck, welchen das vor ihm lie⸗ gende lebendige Landſchaftsbild auf ihn machte. und wirklich war der Anblick werth, von füh⸗ lenden Herzen aufgenommen und genoſſen zu wer⸗ den. Das Dorf mit ſeinen meiſt kleinen Hütten und rothen Ziegeldächern zog ſich ſüdöſtlich vor ihren Augen hin, theilweiſe hinter beblümten Hügeln und grünen Büſchen verſteckt, daran reihten ſich weſtlich, und näher dem wonnetrunk⸗ nen Beſchauer, die neuern ſtädtiſchen Häuſer, der Geſundbrunnen ſelbſt auf einem Plane, rechts davon die einfach ſchönen Gebäude des Theaters und des herzoglichen Sommerſchloſſes, ſo wie der übrigen fürſtlichen Bauten. Weiter weſtlich wurde die grüne Ebne vom Fluſſe durchſchnitten und eine ſchöne mit ſtolzen Bäumen garnirte Chauſſée durchſchlängelte ſie, wie ein breites weißes Band, das ſich um den mit grünen Stoffen geſchmückten —— Leib eines holden Weibes legt. Zur Linken der romantiſch düſtre Erdfall mit ſeiner ſchauerlichen Grotte, ſeinen ſchlanken hohen Bäumen, unter deren kühlem rauſchenden Blätterdache, umgeben von einem weiten Kranze abentheuerlicher Fels⸗ ſtücke die Badegeſellſchaft Mittags ſpeiſt, begrüßt von der ſtarken plätſchernden Quelle, die unter der bedeutungsreichen Sphinr aus dem Felſen hervorſchießt, weiter hinunter das dichte grüne Laubholz, gleichſam lockend und rufend mit ſeinen grünen Blätterzungen, ſich in ſeiner Dämmerung den ſchwärmeriſchen Gefühlen der Einſamkeit zu überlaſſen. Dicht vor des Schauers Augen der grüne Abhang mit den beiden Halbkreiſen der Auffahrt und in ihrer Mitte die hochaufſteigende Fontaine, die ihr kryſtallklares Waſſer in Perlen⸗ und Staubregen verwandelt, worin die Strahlen der Sonne ſich zu den lieblichen Regenbogenfar⸗ ben brachen, in das weite, von Schwänen und Enten durchfurchte Baſſin zurückgab. Den Hin⸗ tergrund bildeten die mäßigen ſonnumglänzten Berge, die ihre theils waldbewachſenen, theils kahlen Hänpter recht jugendlich friſch in die blaue —— Himmelsluft des heitern Morgens ſtreckten, um ihre Nahrung daraus zu trinken. Als ſich Müllersdorf beim Weitergehen wandte, erblickte er auch die auf der nördlichen Seite auf einem Bergrücken gelegene Ruine der alten Burg L., welche dem neuen Bade den Namen gegeben hat, und wie ein ernſter Greis auf die heitere Luſt und Leben durchſtrömte Jugend ſeines Tauf⸗ pathen herabſah. Rechts von der Ruine begrenz⸗ ten wieder nahe grüne und ferne blaue Berge den entzückten und doch immer nach neuen Ge⸗ nüſſen gierigen Blick des jungen Mannes. „Hier iſt liebliche Kraft und kräftige Lieb⸗ lichkeit vereint!“ rief Müllersdorf endlich aus; „wahrlich, die ganze Gegend mit ihrem roman⸗ tiſchen Zauber iſt wie zur Liebe und zum Liebes⸗ genuß geſchaffen, und führt deshalb mit vollem Rechte ſeinen ſchönen Namen. Diplomaten ſollten hier ihre Zuſammenkünfte nicht halten.“ „Es kommt im menſchlichen Leben durchaus nicht auf die uns umgebenden Objecte zur Be⸗ gründung von Glück, Ehre und Wohlſein an,“ begann jetzt Reinecke wieder, durch die letzte — Aeuſſerung Müllersdorfs aufmerkſam gemacht, indem er ſein Taſchenbuch einſteckte,„ſondern le⸗ diglich auf unſre Subjectivität. Hat dieſe ihre feſten Grundlagen ein Mal in ſich ſelbſt gefun⸗ den und vagirt nicht ohne Zweck und Ziel in die troſtloſe Weite hinaus, ſo iſt ihr das Object, welches nicht eben ihr Ziel iſt, oder zur Erreichung ihres Zieles in keiner Hinſicht nützlich und dien⸗ lich ſeyn kann, gänzlich einerlei. Dieſer allerdings ſchönen Gegend iſt es ganz gleichgültig, ob hier Schwärmer und verrückte Köpfe zuſammenkom⸗ men, um Unſinn zu ſchwatzen, oder Männer von Gewicht und Anſehen, verſtändige Leute, um das Beſte der Welt zu berathen; dieſen letztern Män⸗ nern iſt es aber auch einerlei, ob ſie in einer polniſchen Ebne oder in einem italieniſchen Berg⸗ garten berathen und denken, wenn nur ihrer Bequemlichkeit nichts abgeht. Sie haben über dieſen Gegenſtand falſche Begriffe, mein Freund.“ 2. Die Unterhaltung wurde durch das Blaſen des Thürmers unterbrochen, welcher mit dieſem Zeichen die Ankunft neuer Fremden ankündigte, und nicht lange darauf ſahen die Beiden einen ſchwerbepackten Reiſewagen, von vier Pferden mühſam gezogen, auf das Badehaus zufahren. „Mich ſoll es ſehr freuen,“ ſagte Müllers⸗ dorf, dadurch vom Gegenſtand des Geſprächs abgezogen,„wenn es hier in dieſem kleinen Para⸗ dieſe recht lebendig wird. Durch eine Anzahl un⸗ gebundner Leute, die alle ſteifen Formen und alle drückenden Verhältniſſe daheim gelaſſen haben, wird das Leben des Einzelnen erſt in jene bunten Regenbogenfarben der Sorgloſigkeit und Heiter⸗ keit getaucht, von denen es ganz durchdrungen ſeyn muß, wenn es nicht ſchaal werden ſoll; und wahrlich! ich habe mir vorgenommen, mich hier ein Mal, ledig alles läſtigen Zwanges, der mir in W. wie ein Joch auf dem Nacken liegt, mun⸗ ter und fröhlich zu bewegen, wie ein Fiſch im Waſſer.“. Reinecke machte ein mißbilligendes Geſicht und wollte etwas ſagen, Müllersdorf ließ ihn aber gar nicht zum Worte kommen, ſondern rief, ihn fortziehend:„Und zum Beweis ſehen Sie gleich meine Neugierde, zu erfahren, welche Geſtalten jenem wandernden Hauſe wohl entſteigen werden. Vielleicht ein guter ehrwürdiger Mann aus der alten Zeit, mit Perrücke und Zopf, mit langem goldbeſchlagnen ſpaniſchen Rohre und Klappen⸗ ſtiefeln oder Schnallenſchuhen, mit einer Braten⸗ weſte und einem dreieckigen Hute; oder ein zar⸗ ter Seladon der neuern Zeit, ein Hofmann, der ſich in allen Moden gefällt, und deshalb das alte Erbſtück von Wagen nicht abgeſchafft hat; oder auch ein ehrlicher Landedelmann in beſter Qualität; ein wohlevnditionirter Kaufmann; ein ſpindeldürrer Oberbeamter, dem die Niederträch⸗ tigkeit an der Stirne ſteht, oder ein hochnaſiger Ariſtokrat, der ſich ärgert, daß der liebe Herr⸗ gott auch der bürgerlichen Canaille gewogen zu ſeyn verſprochen hat und ſich von derſelben ſo gemein behandeln, ja ſogar dutzen läßt.“ „Abſchenlich! Ganz unwürdig und plebey!“ — murmelte Reinecke halb verſtändig und mit unter⸗ drücktem Aerger, den er nicht auslaſſen konnte, weil der Wagen heran gekommen war und ein dienſtfertiger Kellner bereits den Schlag geöffnet hatte. Ein langer, ſehr einfach in einen blauen ueberrock gekleideter Mann ſtieg mit Hülfe des Kellners zuerſt heraus; ihm folgten zwei roth⸗ wangige artige Mädchen, die mit jener unbehülf⸗ lichen Grazie dem Wagen enthüpften, wie man ſie wohl bei Landſchönen zu finden pflegt, an welche ſie auch durch ihren etwas bunten und überladnen Putz— am Reiſeanzuge um ſo auf⸗ fallender— erinnerten. Den Schluß des Zugs machte ein hübſcher bleicher Mann, der ſorgfültig modern gekleidet war, das eiſerne Kreuz trug und an einem Krückenſtocke mühſam ging. Rei⸗ necke wandte ſich bei ſeinem Anblicke raſch um, und kehrte ihm den Rücken zu. Der alte lange Herr war kaum zum Wagen heraus, als er ſich auch mit dem freundlichſten Geſicht an Müllersdorf wandte, grüßend an die kleine Filzmütze griff und dem jungen Manne, der, an den breiten Stamm einer Kaſtanie ge⸗ — 33— lehnt, ſeinen Betrachtungen über die Ausſteigenden nachhing, mit lachender Geberde eine Priſe Ta⸗ bak aus einer ungeheuern Muſcheldoſe darbot, ihn dann auf die Schulter klopfte und zutraulich ſagte:„Nun, junger Herr, was ſagen Sie zu den verwetterten demagogiſchen Umtrieben? Was die Teufelsjungen auf den Univerſitäten doch Al⸗ les aushecken! Die**rſche Regierung fühlt ih⸗ nen aber gut auf den Zahn. Ich denke, ſie ha⸗ ben's eingebrockt, werden's wohl auch auslöffeln müſſen.'s iſt ihnen platterdings nicht zu helfen. Was?—“ Als der Sprecher aus dem Stillſchweigen des Angeredeten deſſen Erſtaunen merkte, fuhr er lachend fort:„Na, nichts für ungut, junger Herr! Ich bin ſo ein alter ehrlicher deutſcher Degen⸗ knopf und liebe das alte Gleis, wenn's auch nicht immer ganz eben geht— s thuts ein Mal nicht in dieſer unvollkommnen Welt— und Sie ſind vielleicht auch Einer von den jungen tollen Weltverbeſſern; ich kann's nicht wiſſen. Sehen Sie, ich unterhalte mich gern mit Leuten, die etwas verſtehen, und Sie ſehen mir gerade ſo 3 aus. Viel Zeremonien ſind nicht meine Sache; deshalb mach' ich mich gern an jedem Orte, wo⸗ hin ich komme, ſogleich mit den Leuten bekannt, und wenn Ihnen das nicht unangenehm iſt, ſo laſſen Sie mich hier im ſchönen L. in Ihnen gleich den Erſten finden, zwiſchen dem und mir alles Fremdthun aufhört. Uebrigens mögen Sie ein Demagog ſehn oder ein Fürſtendiener, es gilt mir gleich; denn mit Voltaire ſage ich auch: Alle Arten ſind gut, die Langweiligen ausge⸗ nommen. Was?—“ „Unſtreitig muß ich es mir als ein ſehr glück⸗ liches Ereigniß anrechnen,“ verſetzte Müllersdorf, „das mir die Ehre Ihrer Bekanntſchaft ſo ſchnell verſchafft, und ich bin nie geſonnen, die Hand zurückzuweiſen, die mir ein braver Mann zum nähern Vereine bietet, zumal, wenn er weit äl⸗ ter iſt, als ich, und ſo würdig, ſo gaſtlich, ſo freundlich ausſieht, wie Sie, mein werther Herr.“ „Allerliebſt geſprochen, mein lieber junger Freund!“ rief der Fremde, und hätte den neuen Bekannten in der Freude ſeines Herzens faſt um⸗ halſt.„Hier iſt meine Hand! Mein Herz hängt dran. Wir werden gute Freunde, das ſeh' ich ſchon. Ich bin der Baron von Hohmannsdorf, Gutsbeſitzer in der preußiſchen Provinz Sachſen; die be den Blitzmädels da ſind meine Töchter; die dort in der Thüre ſteht, iſt die älteſte, Char⸗ lotte, und Braut des jungen Mannes, des Lieute⸗ nants von Wittenbach, der das eiſerne Kreuz auf der Bruſt ſitzen hat, ein braver Kerl iſt und von einem Streifſchuß ein Bischen hinkt.“ Hier un⸗ terbrach er ſich ſelbſt, indem er dem Poſtknecht, welcher mit dem Bedienten den Wagen abpackte, zurief:„Schwager, nehm' er ſich in Acht, daß er mir von meinen Gläſern keines zerſchlägt. Sie ſind zwar gut eingepackt, aber ſolch unwirſche wände zerbrechen wohl Stein und Stahl. Die Hutſchachtel nicht ſo herumgeworfen! Potz Wet⸗ ter! ich kenn' euch ſchon, ihr Sakramenter! Ihr behandelt Alles, wie euer Pferdegeſchirr.“— Dann wandte er ſich wieder zu Müllersdorf und fuhr mit der vorigen Freundlichkeit fort:„Ja, lieber junger Freund, mit Leuten dieſes Schlags hat man ſeine Müh' und Noth. Solch Volk fängt Alles dumm und verkehrt an, und macht 3* dabei doch, Gott weiß! was für Anſprüche. Die alten franzöſiſchen Narrenspoſſen von Freiheit und BGleichheit rumoren den Burſchen immer noch im Kopfe. Die Franzoſen haben doch ſtets nur Un⸗ heil in der Welt angerichtet. Was hat ihnen all der alberne Lärm geholfen? Jetzt ſind ſie heil⸗ froh, daß ein Bourbon nur wieder auf dem Throne und der Adel der dummen Canaille wieder auf dem Dache ſitzt. Wahrhaftig, es iſt nicht zu be⸗ ſtreiten, was das alte goldne Sprichwort ſagt— und die alten Sprichwörter ſoll man in Ehren halten— auf ein grobes Klotz gehört allzeit ein grober Keil. Was?“ „J nun,“ verſetzte Müllersdorf,„es wäre vom lieben Herrgott recht ſchön, wenn er alh Richtadligen und Armen zu groben Klötzen ge⸗ macht hätte, fürwahr, dann hätte der Adel ein unbeſtrittnes Recht, grobe Keile zu ſeyn. Nun iſt aber, meiner beſcheidnen Lebenserfahrung nach, die Sache gar oft umgekehrt, die Klötze ſind un⸗ ter den Adligen und die Keile, grobe und feine, unter den Bürgerlichen. Ich finde aber nöthig, zu dieſer Bemerkung hinzuzuſetzen, daß ich der ——* — altadligen Familie von Müllersdorf entſproſſen und kaiſerlich öſtreichiſcher Offizier bin.“ „Müllersdorf!“ rief Herr von Hochmanns⸗ dorf, machte große Augen und zog das Maul ſchief, eh' er aber daſſelbe zum Sprechen auf⸗ that, drängte ſich Reinecke zwiſchen beide und ſagte mit geläuſiger Zunge: „Es iſt nicht zu läugnen, in der rohen Na⸗ tur liegen die Elemente chaptiſch durch einander, und dies ungeordnete Verhältniß iſt ſich gleich im Reiche der Materie, wie der Idee. Aber der Menſch hat ſeinen Verſtand dazu, daß er ordne, klaſſificire und ſich des rohen Stoffes ſo bemei⸗ ſtere, daß er unter ſeiner Hand ein ganz andrer wird. So entſteht die Kultur. Es iſt heilige Pflicht, dieſe Ordnung beizubehalten und nicht zu⸗ zulaſſen, daß die Welt wieder in das alte Chaos zurückſtürze. Laſſen Sie mich ein Beiſpiel vom Ackerbau brauchen. Die Natur hat die Erde geſchaffen, hier Land, dort Meer, dort Felſen 2, auf dem Lande wachſen Kränter, Sträuche, Bäume, alles bunt durch einander. Allein nichts bringt rechten Nutzen; es iſt keine Ordnung, keine Ackermann, der reutet und pflügt und vertilgt alle Sträuche, Blumen, Bäume auf ſeinem Acker, um allein die ihm nützliche Saat darauf zu ge⸗ winnen. Damit iſt ja keineswegs geſagt, daß die Sträuche, Kräuter ꝛc. zu nichts tauglich wären. Denn nun kommt der Gärtner und pflanzt Obſt⸗ bäume, Gemüſe, Heilkräuter, der Luſtgärtner legt den Blumengarten an, der Jäger den Wald, und jedes Gewächs wird an ſeinen Ort verwie⸗ ſen. Die Natur hat Alles hervorgebracht, des Menſchen Verſtand aber erſt Ordnung geſchaffen. Ganz daſſelbe Verhältniß iſt in der geiſtigen Welt des Menſchen. Die Natur ſchafft die Menſchen ohne unterſchied, das iſt nicht zu läugnen; des Menſchen Verſtand hat aber die Klaſſen gemacht, zum Heil der Menſchen ſelbſt. Da iſt der Adel, der Bürger⸗, der Bauernſtand, da iſt das Mili⸗ tair, die Prieſterſchaft; und über allen der Fürſt. Die höhern Stände ſind ihrer Natur nach die Gebildeten; damit iſt nicht behauptet, daß unter den Menſchen der andern Stände nicht manche witzige Köpfe ſich vorfinden. Allein das Geſetz Klaſſiſication in der Natur. Nun kommt der der menſchlichen Ordnung hat ſie von vorn herein aller der Rechte beraubt, welche die höhern Stände, gemäß dieſem Geſetze, genießen und es iſt der ſtrafbarſte Frevel, ſolche Rechte vernichten zu wollen.“ „Aber iſt es nicht ein noch weit ungeheuerer Frevel, den Schöpfer alſo zu hofmeiſtern!“ rief Müllersdorf in ſeinem heiligen Zorne; Reinecke warf ihm aber einen vorwurfsvollen Blick zu, und er ſchwieg ferner. „Ich glaube ſie ganz begriffen zu haben, mein werther Herr,“ wandte ſich Hochmannsdorf zu Reinecke.„Sehen Sie, ich ſage immer, der Menſch hat die allergrößte Aehnlichkeit mit dem Hunde, das Menſchengeſchlecht mit dem Hunde⸗ geſchlecht. Es iſt dort ein großer unterſchied, wie hier. Zum Beweis: es gibt engliſche Dog⸗ gen, Bullenbeißer, Fleiſcherhunde, Wind⸗ und Jagdhunde, Hühnerhunde, Pudel, Schäfer⸗ und Hirtenhunde, Hofhunde, Haushunde, als Dächſe, Meöpſe ꝛc., Schooshunde, Staatshunde. Na, da dächt' ich, ſähe man doch den Unterſchied klar und deutlich. Hunde ſind ſie alle; aber liebſter Himmel! welch ein unterſchied iſt doch zwiſchen einer edlen Dogge und einem miſerabeln Schäfer⸗ hund? Wie lebt ein Bologneſerhündchen herrlich und in Freuden, während der arme Hofhund an der Kette in der Hundehütte liegt und Froſt und Hitze, Hunger und Durſt ertragen muß! Ebenſo iſt's mit den Menſchen. Menſchen ſind wir alle; aber es iſt ebenfalls ein großer Unterſchied. Der Adel iſt die Rage der Doggen und Bullenbeißer—“ „Und Fleiſcherhunde!“ fiel Müllersdorf ein. „Ihr Vergleich iſt vortrefflich, Herr“ von Hoch⸗ mannsdorf!“ „Nicht wahr!“ lachte dieſer ſelbſtgefüllig. „Nun ſehen Sie, wie ſo ein tüchtiger Bullen⸗ beißer und Fleiſcherhund keine Umſtände macht mit einem kneffigen Mops, einem dürren hung⸗ rigen Schäferhund, einem wedelnden Pinſcher, alſo ſoll ein braver Edelmann auch wenig Um⸗ ſtände mit ſolchem Volke machen.“— Er deutete auf Poſtillon und Bedienten.„Da iſt der Lieute⸗ nant, mein Schwiegerſohn, der verſteht's aus dem Fundament, mit dem Gelichter gehörig um⸗ zugehen. Flüche und Schimpfworte hat er gleich eine ganze Schwadron bei der Hand, und wenn das nicht gleich zieht, ſo liegt der Beſtie der Knittel auf dem Buckel. Auf dieſe Weiſe und mit ſeiner großen Thätigkeit hat er mir auch meine Güter alle in die ſchönſte Ordnung ge⸗ bracht und mir die Oekonomie wieder herrlich eingerichtet. Ich und meine ſelige Frau— Gott ſey ihr gnädig! ſie war eine ercellente Frau, aber von der Wirthſchaft verſtand ſie ſo wenig, wie ich vom Griechiſchen— wir hatten mehr Schul⸗ den, als Haare auf dem Kopfe; da nahm mir der liebe Gott die Frau und ſchickte mir dafür meinen braven Schwiegerſohn zuz nun ſteht bei mir Alles im ſchönſten Flor und Niemand in der Welt kann ſagen, daß ich ihm einen Groſchen ſchuldig bin. Was?“ In dieſem Augenblick trat der Lieutenant aus der Thüre des Badehauſes und rief:„Aber zum Donnerwetter! Schwiegervater, wo bleiben Sie denn? Lottchen läßt Ihnen ſagen, Sie möchten doch ein Mal aufhören zu ſchwatzen. Der Poſt⸗ knecht will ja ſein Trinkgeld haben.“* „Herrgott!“ rief der Alte fortſpringend, ℳ „das hätt' ich über dem Plaudern ſchier vergeſ⸗ ſen. Ei, ei, wie werden die Kinder böſe ſehn! Nun auf baldiges Wiederſehen, Ihr lieben Her⸗ ren!“ Mit langen Sätzen eilte er in's Haus. Lachend brach nun Müllersdorf heraus:„D Narrheit und kein Ende! und doch in dieſer Narrheit, Verſchrobenheit und Verkehrtheit ein friſcher Lebenskern durchſchimmernd, eine unver⸗ dorbene, biedre Natur, ein Herz ohne Falſch. Das Bild ging gut und ſchön aus des Schöpfers Hand hervor, die Menſchen haben es aber mit ihrem Schmutz überzogen und ſchier unkenntlich gemacht.“ „Der Mann hat allerdings viel Abgeſchmack⸗ tes und Lächerliches an ſich,“ ſagte Reinecke, „aber ſelbſt das, was Sie den Schmutz der Men⸗ ſchen nennen, iſt keineswegs ſo ſchlimm, als Sie es ſchildern. Als Edelmann hat Herr von Hoch⸗ mannsdorf ſehr viel Ehrwürdiges für mich. Ich möchte jetzt nicht den Streit wieder aufgreifen; denn ich habe mich überzengt, daß Sie, wie mir Ihr Herr Vater ſchreibt, von ganz falſchen Grund⸗ principien erfüllt ſind. Sie ſcheinen viel Sinn — — für Poeſie zu haben; ich werde Ihnen dieſer Tage noch die Werke eines Friedrich Schlegel, eines Ludwig Tieck, Adam Müller zu verſchaffen wiſ⸗ ſen, um Sie durch dieſe großen und hochgefeier⸗ ten Dichter von der gemein ſchwärmeriſchen Lebens⸗ anſicht abzubringen, die Ihnen inne wohnt und Sie am Verſtändniß der erſten Lehren der Staats⸗ kunſt hindert.“ „Sie werden einen ſchlimmen Schüler an mir haben,“ lachte Müllersdorf,„und mein Vater hätte mich lieber einen Oekonomen werden laſſen ſollen, wie ich wünſchte, als einen Diplomaten. Doch ich bin ſein einziger Sohn, und es ziemt mir, ſeinen heißen Wunſch zu erfüllen.“ „Aber erklären Sie mir das Räthſel, daß der einzige Sohn eines ſo ausgezeichneten Staats⸗ manns ſo wenig Neigung zu der glänzenden Car⸗ riere haben kann, die ihm die Geburt ſchon öff⸗ nete und die Andre mit ungeheurer Mühe ſich erſt eröffnen müſſen.“ „Das Räthſel iſt leicht gelöst,“ verſetzte Mül⸗ lersdorf:„ich hatte eine gute, fromme, ſanfte, brave Mutter; ſie war ein edles Weib in der —————— —— edelſten Bedeutung des Wortes, aber ſie war der Macht der Verhältniſſe unterlegen und hatte mei⸗ nen Vater heirathen müſſen. Sie war Prote⸗ ſtantin. Die Fülle ihrer ganzen Liebe trug ſie* auf mich über, die bis zu meiner Geburt in ih⸗ rer Bruſt vergraben geweſen. Ich glaube, ſie hatte früher einen andern Mann geliebt. Nie hab' ich etwas Beſtimmtes darüber erfahren. Dieſe Frau hat mich erzogen und mir ihre Grund⸗„ ſätze eingeprägt. Iſt Ihnen mein Weſen nun noch ein Räthſel?“ „Die Weiber ſind zu vielem zu gebrauchen,“* docirte Reinecke;„aber die meiſten leben nur in einer phantaſtiſchen Gefühlswelt, und man iſt albern genug, gerade dieſe, die am ſchlimmſten mit dieſer Geiſteskrankheit befallen ſind, die Edel⸗ ſten, Vortrefflichſten zu nennen, weil ſie die Lei⸗ dendſten, Weinerlichſten ſind, und ſolch' Weſen wieder die Schwäche eines falſchen Mitleids mit ſeinem widrigen Gefolge in andrer Menſchen Bruſt erweckt. Das ſogenannte Gefühl hat uns die Welt verdorben und der Verſtand hat viel⸗ leicht nun Jahrhunderte zu thun, um wieder auf⸗ zubauen, was das Gefühl ſeit funfzig Jahren blindlings über Haufen geworfen hat. Es iſt ſchier nicht anders, als wäre die ganze Gene⸗ ration angeſteckt. Zur Zeit des glorreichen Lud⸗ wigs des Vierzehnten war von dieſer Krankheit noch nichts in der Welt; die unübertrefflichen Meiſterwerke der franzöſiſchen Literatur aus jenem goldnen Zeitalter ſind rein von dieſem trüben Wuſte. Die Welt wurde mit Verſtand verſtändig regiert; die Diplomatie war die Meiſterin der Erde, und es fiel Niemandem ein, ihr dies wohl⸗ erworbne uralte Recht ſtreitig machen zu wollen. Die Weiber waren von ganz anderm Schlag. Jetzt will Alles philoſophiren, moraliſiren, mei⸗ ſtern; die Weiber fühlen und wollen mit ihrem Gefühl den Verſtand zurechtweiſen. Sie ſtecken die Männer an und erziehen zum Unglück der Welt Kinder, wie Sie, mein Freund, deſſen herrliche Anlagen wahrlich eine beſſre Bildung verdient hätten.“ „O wie dank' ich meiner Mutter dieſe Erzie⸗ bung!“ rief Müllersdorf;„und hat ſie mich auch nicht zu einem Diplomaten gebildet, ſo bin ich ₰ doch durch ſie ein Menſch geworden. Ihnen aber rathe ich, auf die zweite, wahrſcheinlich noch va⸗ eante Tochter des Herrn von Hochmannsdorf zu ſpeeuliren, denn ſicherlich iſt dieſe nicht von der Gefühlskrankheit angeſteckt.“ Reinecke erwiederte lachend:„Da können Sie recht haben. Aber mögen in dieſem Hauſe die Verhältniſſe noch ſo wunderlich ſeyn, eine be⸗ ſtimmte Ordnung iſt doch darin. Und das beſtä⸗ tigt wieder meinen Lehrſatz: Das Einzelne muß dem Ganzen geopfert werden, die Ausnahme muß in der Regel untergehen. Wenn nur Ordnung und Geſetz beſtehen und— ſey aus Furcht oder Ehrfurcht— anerkannt werden, ſo iſt's gut; wie ſie beſtehen, das muß uns einerlei ſeyn. So ſcheint es, kommandirt in dieſem Hauſe der Schwiegerſohn den Vater; die Braut befehligt dem Liebhaber, ſie ſelbſt wird vielleicht von der jüngern Schweſter regiert, die ſonach das Pan⸗ toffelregiment von unten herauf über Alle aus⸗ übt, und doch herrſcht ſcheinbar der Vater; denn er hat die ausübende Gewalt in den Händen: das Geld, und Alle ſind hinſichtlich deſſen an —— ihn gewieſen, der ſogar die acht Groſchen Trink⸗ geld für den Poſtillon auszahlen muß. Iſt es in unſerm Staatsleben nicht eben ſo? Der Diplo⸗ mat herrſcht und lenkt vielleicht von einer untern Stufe die feinen Fäden der Maſchine mit ge⸗ ſchickter Hand. Der Fürſt ſcheint zu herrſchen; er beſitzt die Gewalt. und alſo beſteht die Ord⸗ nung, und durch ſie die Welt.“ „Ein ſchöner Wirrwarr in der Familie, im Staat, in der Welt, wenn Trägheit, Schwäche, Dummheit, Gutmüthigkeit und Furcht vor der Gewalt nicht Alles wieder ausglichen! So bin ich überzeugt, ſetzt es zuweilen einen kleinen Zank unter dem Völkchen dieſer Familie; allein die Gutmüthigkeit des Alten und der Pantoffel der Jungen ſtellt bald die alte Ordnung wieder her, und der conſequente Despotismus der häuslichen Diplomatie waltet dann wieder wie früher über dem Ganzen. Doch laſſen wir die guten Land⸗ fräulein mit dem ehrlichen ariſtokratiſchen Herrn Papa und dem fluchenden Schwiegerſohne, und ſehen wir uns lieber nach der reizenden Polin um; denn an ihrer Bekanntſchaft liegt mir mehr — 48— als an der von hundert Hochmannsdorfen mit Töchtern und Schwiegerſöhnen.“ Reinecke folgte; doch ſprach ſein Geſicht of⸗ fenbaren Unwillen über die Denk⸗ und Hand⸗ lungsweiſe des Jünglings aus. 3. Müllersdorf traf den Oberkellner des Bade⸗ hauſes an und befragte ſich nach der polniſchen Gräfin, welche Zimmer ſie bewohne, wann ſie gewöhnlich ausgehe und wohin, ob keiner von den fremden Herrn ſie begleite oder ihr Beſuche mache, ob ſie Muſik treibe, viel leſe, munter oder ſtill ſey? und der höfliche Kellner antwortete auf Alles mit größter Gefälligkeit, gleichſam als kenne er die Gräfin ſeit Jahren und habe ihre Lieb⸗ lingsneigungen ſtudirt. Müllersdorf wollte wie⸗ der gehen, als der Geſprächige noch beibrachte, daß er dieſen Morgen für die gnädige Comteſſe einen Wagen beſorgt habe, und dieſelbe ſich eben zur Abreiſe nach M. anſchicke, wo ſie wahrſcheinlich — —— einige Tage verbleiben werde; denn ſie laſſe den Wagen leer zurückkehren. Mit dieſem Beſcheid, der ihn eben nicht beſonders erfreuete, kehrte der Jüngling wieder in's Freie zurück, um Reinecke einzuhvlen, welcher langſam auf der Chauſſee nach dem Dotfchen G. hingeſchlendert war. Bald verfolgten ſie gemeinſchaftlich denſelben Weg und in ein Geſpräch über den Gegenſtand verwickelt, welcher ſie beide hier zuſammengeführt hatte, war die Zeit unvermerkt an ihnen vorübergeſtrichen und ſie bereits eine große Strecke vom Bade ent⸗ fernt, als ein ihnen raſch nachfahrender Wagen ihrer Unterhaltung plötzlich eine andre Wendung gab. Indem nämlich Müllersdorf in die halb⸗ offne Chaiſe blickte, erkannte er mit freudigem Erſtaunen die beiden Damen, nach deren Bekannt⸗ ſchaft er nun ſchon ſeit einigen Stunden große Sehnſucht trug, und grüßte mit zuvorkommender Freundlichkeit. Die Damen dankten und flogen vvrüber; doch bemerkte Müllersdorf nicht ohne Freude, wie ſich die Jüngere und Schönere noch einmal herausbog, um ſich nach ihnen umzuſehen. „Glückliche Reiſe, ihr Huldinnen!“ ſagte 4 — Müllersdorf mit einem Anfluge chevalesker Schwär⸗ merei.„Die Comteſſe reiſ't nach M., und bleibt wahrſcheinlich mehre Tage dort,“ wandte er ſich an ſeinen Geſellſchafter. „Gottlob!“ holte Reinecke tief Athem;„ich vefürchtete ſchon, Sie würden für alle diploma⸗ tiſche Verhandlungen unfähig werden und ſich in die Gräfin verlieben. Alle Anſtalten dazu haben Sie ſchon gemacht. So wenig ich nun auch die Liebe tadle; denn ſie iſt wegen Erhaltung des Menſchengeſchlechts nothwendig, ſo kann und darf ſie doch ein vernünftiger Mann nicht anders als ein Vergnügen betrachten, das ihn nach gethaner Arbeit erheitere und ergötze, und ich muß den thörigt ſchelten, der die Zeit, die er auf beſſere und nützlichere Dinge verwenden ſollte, im Um⸗ gange der Frauen mit liebelnden Plandereien vergendet.“ „Sie ſprechen von der Liebe wie ein Diplomat, oder richtiger, wie ein Blinder von der Farbe,“ ſagte der junge Mann in ſeiner harmloſen Fröh⸗ lichkeit;„und es iſt köſtlich für mich, Sie das Alles im vollſten Ernſte ſagen zu hören, und die ——,—— Liebe mit dem Spazierengehen, Reiten, Fahren, Tanzen, Eſſen, Trinken und andern diverſen Ver⸗ gnügungen in eine Klaſſe geworfen zu ſehen.“ und ſomit ließ er ſeiner Lachluſt freien Lauf. Reinecke ſah aber zu ſolchem Beginnen ziemlich ſauer, und hatte ſchon Worte auf der Zunge, die nicht wie Höflichkeiten ausſahen, als Müllers⸗ dorf plötzlich aus dem Lachen in ein wildes Schreien überging und mit beiden Händen vor⸗ wärts deutete. ueberraſcht blickte Reinecke die Straße entlang und ſah einen fahrenden Fracht⸗ wagen und eine liegende Kutſche. Wirklich hat⸗ ten ſich beide Fuhrwerke bei einer Krümmung des Wegs begegnet und der Kutſcher die Kehr zu kurz genommen. Der ſchwer beladene Frachtwagen war wohl ſtehen geblieben, das leichte Fuhrwerk aber umgeworfen worden. Reinecke hatte ſich durch ſeine Lorgnette kaum von dieſer Thatſache überzengt, als er auch ſeinen Zögling ſchon mit wilden Sätzen gleich einem Gaſſenbuben dahin rennen ſah. Ein lauter Fluch jlatterte wie eine Schwefelflamme zwiſchen ſeinen Zähnen hervor; ſein Geſicht verzog ſich zur ſcheuslichen Fratze. 4* Er ſtreckte die geballte Fauſt dem laufenden Freunde nach, und wanderte, ſo ſchnell als es ſeine Anſicht von Anſtand und Würde erlaubten, hinter her. Müllersdorf war in einigen Minuten ſchon an dem Wagen, und kam gerade zur rechten Zeit, um den Damen aus dem fragmentirten Reiſehäuslein herauszuhelfen. Das hart berührte Rad war nämlich gebrochen. Die Gräfin hatte ſich die Hand verſtaucht, hüpfte aber lachend über ihren Unfall heraus, und verbreitete ein wühres Witz⸗ und Scherzfeuer um ſich. Ihre Begleiterin war dagegen ſehr beſtürzt, konnte gar nicht be⸗ greifen, wie die Comteſſe über ſolch ein unglück noch ſo ausgelaſſen ſey und that ſogar empfind⸗ lich. Dies gab der Gräfin aber nur zu noch wildern Ausbrüchen ihrer Laune Veranlaß, und es dauerte gar nicht lange, ſo führte ſie mit Müllersdorf auf der Straße ein köſtliches Lach⸗ duett auf; denn beide lachten ſo herzlich und ſo aus vollem Halſe, daß man ſie für Lulpiust hätte halten können. In der That wußte der unterdeſen herbei⸗ —.,——— —— — 153— gekommenẽ Reinecke ſo wenig, wie das verdrieß⸗ liche Fräulein, was er von den beiden Lachern denken ſollte. Er hatte den Hut gezogen und ei⸗ nige Verbengungen gemacht, die Niemand erwie⸗ derte, während Müllersdorf mit bedecktem Haupte vor dem hochſt liebenswürdigen Mädchen ſtand und mit ihr wie mit einer längſt Bekannten umging. 0D „Das find' ich doch höchſt ſonderbar,“ ſagte der geiſtvolle Diplomat mehr zu ſich ſelbſt, als zu den Andern. Sie können es nicht ſonderbarer finden, als ich, mein Herr,“ wandte ſich das beleidigte Fräu⸗ lein zu ihm, und beide machten mit dieſen weni⸗ gen Worten Partei gegen die Lacher. Die junge Gräfin wandte ſich mit bezaubern⸗ der Laune zu ihver Begleiterin und ſagte:„Sie wiſſen, Amalia, daß ich eine enthuſiaſtiſche Lieb⸗ haberin des Sonderbaren bin. Alſo nicht viel vernünftelt, wenn ich bitten darf, ſelbſt wenn Sie etwas höchſt ſonderbar finden! Grollen Sie, wenn es doch ein Mal nicht ohne Groll abgehen ſoll, mit dem Himmel und unſerm ungeſchickten Kut⸗ —— ſcher; mir aber gönnen Sie die Freude, eine kleine Sonderbarkeit erlebt zu haben.“ Hierauf wandte ſie ſich an Müllersdorf, nahm ohne Zie⸗ rerei deſſen dargebotenen Arm und fuhr lachend fort:„Was wäre das Leben ohne Sonderbar⸗ keiten ſo nüchtern und ſchaal! Ein Menſch, der das Unglück hat, nichts Sonderbares erlebt zu haben, gehört mehr der Thierwelt an. Das Son⸗ derbare erhebt uns zu Göttern. Das Sonder⸗ bare iſt des Lebens Stolz und Würze. und Be⸗ kanntſchaften, die ich auf eine ſonderbare Weiſe mache, pflegen mir ſtets lieber zu ſehn, als an⸗ dre, die mir täglich auf die miſerabelſte gewöhn⸗ lichſte Weiſe entgegen laufen und die ich den dritten Tag radical vergeſſen habe, während ich mir von jenen viel verſpreche.“ „J nun,“ verſetzte Müllersdorf,„ohne mir gleich von vorn herein Lobreden halten zu wollen— denn das wäre abgeſchmackt ſonderbar, und dieſe Art Sonderbarkeiten lieben Sie gewiß ſo wenig wie ich— ſo kann ich Ihnen doch die Verſiche⸗ rung geben, daß Sie heute gut gefahren ſind, ob⸗ gleich Sie der Kutſcher umgeworfen hat; denn —5— Sie hätten keinen ſonderbarern Kauz finden kön⸗ nen, als meine Wenigkeit, und ich habe damit ein Recht erlangt, Ihnen nicht mehr gleichgültig zu ſehn, ſchöne Unbekannte.“ „Vorausgeſetzt, daß ſich Ihre Behauptung als wahr erweiſ't. Was können Sie zum Bei⸗ ſpiel gleich jetzt zur unterſtützung derſelben an⸗ führen, nur um mir einen Vorgeſchmack Ihrer Sonderbarkeit und einen Begriff von der Art derſelben zu geben?“ Müllersdorf beſann ſich einen Augenblick, ſchaute dann rückwärts, und als er Reinecken mit dem Fräulein im eifrigen Geſpräche und ziemlich weit entfernt hinter ſich ſah, flüſterte er der Gräfin mit geheimnißvollem Tone zu:„Ich bin nicht der, der ich ſcheine, aber ich bin der, für den ich gelte. Während mein Schein trügt, iſt er zugleich Wahrheit. Was ich vorſtelle, iſt Lüge, aber was ich ſcheine, bin ich doch. Ich bin der treueſte und wärmſte Anhänger meiner Gegner, und der glühendſte Haſſer meiner Freunde. und doch bin ich kein Widerſpruch, doch kein zweidentiger, doch kein ſchlechter Menſch. Das — Merkwürdigſte aber iſt, daß ich Ihnen das Alles in der erſten halben Stunde unſrer Bekanntſchaft ſage, bevor ich weiß, zu welcher Fahne Sie ge⸗ ſchworen haben. Doch ſagt mir Ihr Auge, Ihre ganze Geſtalt, daß Sie den lichten Mächten an⸗ gehören.“ „Allerdings ſehr ſonderbar!“ verſetzte die Grä⸗ ſin,„und weit ſonderbarer, als ich erwartet hätte, weit ſonderbarer als Alles, was mir bis ietzt vorgekommen iſt. Ihr offnes ehrliches Ge⸗ ſicht aber ſagt mir, daß Sie keine Lüge zu machen im Stande ſind. Sie haben mein ganzes Inte⸗ reſſe erregt, mein Herr; darf ich mir Ihren Na⸗ men ausbitten?“ „Ich heiße Moritz von Müllersdorf.“ „Darf ich wohl auch hoffen, ein Mal den Schlüſſel zu dem Räthſel zu erhalten, welches Sie mir jetzt find?“ „Vielleicht, wenn Sie ihn nicht ſelbſt finden,“ ſagte Müllersdorf mit einem zärtlichen Blick auf die Gräfin, der ihr, wenn ſie anders ſich auf Blicke verſtand, genugſam andeuten mußte, welch' einen tiefen Eindruck ſie auf ihn gemacht habe⸗ —— — 57— „Ich bin ſehr begierig,„des Pudels Kern“ zu ſehen,“ rief ſie lebhaft aus, aber auf einen Wink ihres Begleiters, den ſie ſogleich verſtand— Reinecke und das Fräulein waren dicht heran⸗ gekommen— änderte ſie plötzlich den Ton der Stimme, und fuhr erzählend fort:„Und ſo zwingt uns denn das unerbittliche Schickſal, von der be⸗ ſchloſſnen Irrfahrt heute abzuſtehen; und was die unſterblichen Götter in ihrer Weisheit ein Mal verweigert, das ſoll man frevelhaft nicht zum zweiten Mal von ihnen begehren. Wir ſollen die Freiheit vor Ankunft der Tante mäßig genießen, und das iſt auch gut. Dann thut es mir nicht zu ungewohnt, wenn ſie mir auf dem Dache ſitzt; und das ſoll, ſo Gott will, recht bald ge⸗ ſchehen.“ „Wie aber kommt es, daß eine ſo beſorgte Tante eine ſo loſe Nichte allein vorausreiſen läßt?“ fragte Müllersdorf. „Das hat ſo ſeine urſachen, die ſich nicht gut angeben laſſen,“ lachte die Comteſſe ſchelmiſch. „Ich will Ihnen im Vertrauen und heimlich et⸗ was davon merken laſſen,“ fuhr ſie ſo laut —5— fort, daß es die Hinterhergehenden deutlich hören mußten, indem ſie mit den Augen nach ihrer ernſten Begleiterin deutete:„die fromme Tante hat ei⸗ nen geiſtlichen Freund, mit welchem ſie ſich oft beſchaulichen Betrachtungen hingiebt; mit dieſem heiligen Manne macht ſie auch die Reiſe nach dem Bade L., wenn derſelbe noch einige Geſchäfte wird abgemacht haben, und ſie befürchtete mit Recht, manche mir angebornen böſen Eigenſchaf⸗ ten, als da ſind Muthwille, Neckſucht, Fröhlich⸗ keit, Stichelſucht u. dgl. m. möchte ſie in ihren frommen Uebungen ſtören. So hat ſie's für beſ⸗ ſer gefunden, mich mit Fräulein Grünewald voran reiſen zu laſſen, in welcher ſie mir aber, wie Sie bereits zu bemerken Gelegenheit gehabt haben, eine gute Wächterin und Lenkerin beſtellt hat.“ „Spotten Sie nur,“ Comteſſe,“ rief jetzt die Grünewald von hinten ärgerlich und mit gereizter Stimme;„die Frau Gräſin Klattau hätte mir kein ſchlimmeres Geſchäft übertragen können, als Ihren zügelloſen Muthwillen zu bändigen.“ „Nicht böſe ſeyn! nicht böſe!“ rief die Com⸗ teſſe mit hinreißender Gutmüthigkeit, indem ſie —, ſich umwandte, und wie ein um Verzeihung bit⸗ tendes Kind dem Fräulein liebkoſend die Wangen ſtreichelte.„Ich will nicht muthwillig ſeyn und Sie mit Vorſatz nicht wieder unwillig machen.“ Das Fräulein hätte von Stein ſeyn müſſen, wenn ſie dieſer rührenden Bitte widerſtanden wäre; verſöhnt reichte ſie der Comteſſe die Hand, in de⸗ ren Augen ein Paar Perlen glänzten, Zeuginnen des reinſten und ſchönſten Gefühls; gleich darauf hüpfte dieſe wieder ſchäkernd auf die Wieſe, um ſich eine Blume zu pflücken, mit der ſie ihren Bu⸗ ſen ſchmückte. In Blick, Gang, Rede und Bewegung hatte ſie eine ſo unbeſchreibliche Anmuth entwickelt, daß Müllersdorf ſich geſtehen mußte, nie ein reizen⸗ deres weibliches Weſen kennen gelernt zu haben; dabei zeigte ihr Witz von ſcharfem Verſtand, ihre Thräne von tiefem Gefühl und all' ihre Aeuße⸗ rungen von einem vortrefflichen Gemüthe. Mül⸗ lersdorf fühlte, daß das unbegrenzte Wohlgefal⸗ len, das er an der Polin fand, zur heftigſten Leidenſchaft werden könnte, wenn ihn nicht die fatale Gewißheit, daß ſie hier ihren Verlob⸗ —— ten erwarte, in den Schranken der— zurückhielte. Als ſie am Badehauſe angekommen wuren, dankte die Comteſſe für geleiſteten Beiſtand, und eilte auf ihr Zimmer, um ſich umzukleiden. Mül⸗ lersdorf bemerkte, daß ſein Begleiter mit dem Fräulein von Grünewald ebenfalls recht bekannt geworden ſeyn müſſe; denn er drückte ihr die Hand nicht ohne zärtliche Galanterie. 4. Mittag war vorüber und es wurde zur Ta⸗ fel im Erdfall geblaſen. Die zerſtreueten Gäſte verſammelten ſich unter den hohen laubigen Bäu⸗ men, um in der ſchattigen Kühle derſelben das fröhliche Mahl gemeinſchaftlich einzunehmen. Sel⸗ ten pflegt ein Gaſt ſich von der löblichen Sitte des Zuſammenſpeiſens auf dem herrlichen kühlen Platze unter dem dichten Blätterdache, das die heftigſten Sonnenpfeile als Schild und Panzer von den Schmauſenden abhält, auszuſchließen⸗ —— und daher ſieht man hier Alles verſammelt, was der übrige Tag in einzelnen Parteien zerſtreut hält. Der Baron von Hochmannsdorf, der Lieute⸗ nant von Wittenbach und ſeine Braut waren die Erſten, welche an die zierlich aufgeputzte Tafel traten. Si „Kinderchen,“ begann der Alte in ſeiner Jo⸗ vialität,„wohin ſetzen wir uns nun? Ich denke, hübſch in die Mitte. Was?“ „Warum nicht gar!“ entgegnete Charlotte mit einem unwilligen Blicke auf ihren Vater und das runde Geſichtchen in Falten ziehend.„In der Mitte kann ich mir die Leute nicht alle gehö⸗ hörig betrachten. Wir wollen an dem einen Ende der Tafel Platz nehmen, damit ich hübſch Alles überſchauen kann.“ „Das können wir ja thun,“ ſagte der Ba⸗ ron.„Es iſt ſogar recht ſchön ſo. Sei nur nicht böſe, mein Kind. Aber wo bleibt denn Luischen? Was?“ „Das weiß der Teufel!“ nahm jetzt der Lieutenant von Wittenbach das Wort;„ich glaube, das Blitzmädchen iſt verliebt. Vorhin ſprach ſie — 62— in einem ſehr rührenden Tone zu mir, der junge Offſizier— heißt er nicht Müllersdorf?— ſei ein ſehr angenehmer und hübſcher Mann. Solch ein Wort hab' ich noch nicht von ihr gehört. Drauf hat ſie ſtets auf eine Stelle geſehn, als wollte ſie Trüffeln ſuchen, wie mein Nero, und träumt zum Tag hinein. Gott ſoll mich ſtrafen! es iſt ſo was los bei ihr.“ „Nun, nun, Zeit wär's ja auch. Was?“ ſchmunzelte der Alte. „Aber, Karl,“ ſchmollte die Braut,„kannſt du dich denn des läſtigen Fluchens ſelbſt hier an dieſem öffentlichen Orte nicht enthalten, wo ſtets fremde Menſchen um uns herum ſind, die dich für den roheſten Soldaten halten müſſen? Es iſt abſcheulich!“ „Du wirſt noch einen Helligen aus mit machen,“ erwiederte der Lieutenant pikirt.„Ta⸗ bak ſoll ich nicht rauchen, das Schnupfen iſt ekelhaft, ein Spiel Schafskopf iſt gemein, mei⸗ nen Schnaps hab' ich mir abbrechen müſſen; ei⸗ nen gutgemeinten Soldatenſluch ſoll ich nicht mehr ausſtoßen. Ei ſo ſoll doch das Wetter drein ſchlagen!“ „Pfui, Karl!“ ſchmollte Charlotte und rüͤmpfte das Stumpfnäschen,„aus deinen Reden muß ich leider abnehmen, daß du mich nicht liebſt, wie du ſollteſt und ich wünſche.“ „Nun ſo ſoll doch gleich—“ rief der Lieute⸗ nant aufbrauſend, brach aber plötzlich, ſich ſelbſt bekämpfend, ab und ſetzte in einem faſt weh⸗ müthigen Tone hinzu:„O über euch Weiber! Was haben deine Augen doch aus mir gemacht, Charlotte!“ „Herr Gott!“ eiferte der alte Baron jetzt dazwiſchen,„ſo ſeid doch nur vernünftig, ihr Kinderchen! Wer wird ſich hier an der table dhöte zanken! Der Menſch muß ſeine Leiden⸗ ſchaften beherrſchen, und vorzüglich die Frauen, für die es eigentlich unſchicklich iſt, Leidenſchaften zu haben, und die unſre Vorbilder in aller Tu⸗ gend und Demuth ſeyn ſollten. O Lotte, hab' ich dich etwa ſo erzogen, daß du ſchon vor dem Brautbette dich mit deinem künftigen Herrn und Gemahl wie eine widerſpenſtige Katze herumhä⸗ kelſt! Was?“ „Ach, Vater!“ verſetzte Charlotte ärgerlich, „fangen Sie ein Mal zu lamentiren an? Das iſt niemals zum Aushalten. Liebende zanken ſich immer und vertragen ſich doch gut.“ „Ja wohl, Papachen,“ bekräftigte der Schwie⸗ gerſohn.„Irae amantium sunt recreatio amo- ris, ſagte unſer alter Rector, wenn er uns ein Mal recht abgekanzelt hatte. Ich und Lottchen verſtehen uns ſchon. Nicht wahr, du kleiner Bausback?“ Mit dieſen Worten küßte er ſie kräftig auf die rothe Wange, und der Streit war geendet, um ein Paar Augenblicke darauf in andrer Form wieder zu beginnen; denn eben kam Luiſe. Die übrigen Gäſte hatten ſich auch allmählig eingefunden; Reinecke und Müllersdorf fehlten noch. Luiſe beſah ſich mit einer gewiſſen länd⸗ lichen ungezogenheit die Gäſte der Reihe nach, und wandte ſich dann verdrießlich mit den Wor⸗ ten zu den Ihrigen:„Hier in dieſem Luftzuge ſoll gegeſſen werden? Das ſteht mir gar nicht an; ich dächte, wir ſpeiſtten auf unſerm Zimmer.“ „Wie du willſt, mein Kind,“ ſagte der Va⸗ ter,„wir alle ſind's zufrieden. Nicht wahr, Kin⸗ derchen? Was?“— „Mit nichten, Fräulein Schweſter,“ nahm Charlotte das Wort,„wir werden hier im Freien mit der Geſellſchaft ſpeiſen, und uns nicht in Ihre wunderliche Laune fügen. Es geht ja kein Lüftchen hier.“ „Ei ſeht doch das Fräulein Braut!“ erwie⸗ derte Luiſe ſpitzig;„Sie geruhen blos hier zu ſpeiſen, um ſich ſehen zu laſſen, und mit den Herren in der Geſellſchaft nach Luſt und Vergnü⸗ gen zu kokettiren.“ „Iſt's doch um des Kukuks zu werden!“ rief Wittenbach dazwiſchen.„Luiſe, ärgern Sie mein Lottchen nicht mit ſolchen Anzüglichkeiten!“ „Ei über den Ritter von Bräutigam, der ſo keck die Ehre ſeiner Pantoffelkönigin vertheidigt!“ ſtichelte Luiſe fort, ſpöttiſch lachend.„Aber ſchon gut. Ihr wollt euch widerſetzen! Dafür weiß ich ſchon ein probates Mitteſchen. Wo wollen 5 —— wir eſſen, oben oder unten? Nach der Beant⸗ wortung dieſer Frage werde ich meine Gunſt ſchenken oder entziehen.“ „Ich ſpeiſe mit dir, wo du willſt, mein Töchterchen,“ bat der Baron,„nur mache wei⸗ ter keinen Lärm. Aller Augen ſind ja auf uns gerichtet.“ „Ich thue, was mein Lottchen will,“ ſagte der Lieutenant; und Lottchen, vom Vater mit einem bittenden Blick angeſtoßen, flüſterte:„Und ich thue einer ſo guten Schweſter auch ſchon et⸗ was zu Gefallen; und das kleine Vergnügen, in Geſellſchaft zu ſpeiſen, opfere ich der Heiterkeit unſrer Luiſe gern auf.“ In dieſem Augenblicke traten Reinecke und Müllersdorf an die Tafel, um ſich niederzuſetzen. Nach einem glühenden Blicke auf den Letztern rief Luiſe, zu ihrer Schweſter gewendet:„Ihr habt die Probe herrlich beſtanden, und ich muß dich vorzüglich küſſen, lieb Lottchen. Nun will ich hier eſſen und euch mit dieſem Entſchluß eine kleine Freude machen.“ „O ihr allerliebſten Kinderchen!“ rief der alte ₰ 3 Baron entzückt:„Welch ein glücklicher Vater bin ich! wenn doch nur die gute ſelige Mutter uns ſo beiſammen ſehen könnte! Was?“— „Na, Papa,“ bedeutete ihn der Lieutenant, „weinen Sie nur nicht wie ein Kind; das ſchickt ſich doch an der offnen Tafel wahrlich nicht!“ Der Kellner brachte die Suppe, und die Unter⸗ haltung der Familie gerieth in's Stocken. Mül⸗ lersdorf und Reinecke hatten an Herrn von Hoch mannsdorf Platz genommen; Luiſe war außer ſich vor Freude, den jungen allerliebſten Mann in ſolcher Nähe zu ſehen. In dieſem Augenblicke kam auch die polniſche Gräfin mit ihrer Beglei⸗ terin und ſetzte ſich an Luiſe, dem Herrn von Müllersdorf gegenüber. Die Comteſſe hatte eine Toilette gemacht, die ihrer jugendlichen Belebtheit und muntren Liebenswürdigkeit ſehr angemeſſen war; ihre eben nicht großen dunkelbraunen Au⸗ gen ſchoſſen in jeder Minute unzählige raſche Blitze nach den ſie umgebenden Gegenſtänden, und jeder ſchien in das innere Mark des Getrof⸗ fenen dringen zu müſſen; ihre Bewegungen wa⸗ ren ſchnell und gewandt, aber äußerſt graziös, dabei natürlich, ſcheinbar nachläſſig und dennoch ſtets voll bezaubernder Anmuth und hinreißender Liebenswürdigkeit. Die übrige Tiſchgeſellſchaft hatte ſich allmälig eingefunden und umſaß die Tafel ſehr zahlreich. Von der Plattform des nahen Felſens ertönte eine ſchöne Ouvertüre; man begann zu ſpielen und würzte die Gerichte mit fröhlicher Unterhal⸗ tung. Müllersdorf war in den Anbück der rei⸗ zenden Comteſſe vertieft, und bemerkte die feuri⸗ gen einladenden Blicke nicht, welche Luiſe von Hochmannsdorf ihm zuwandte; die Polin ſchien ſeine Aufmerkſamkeit nicht ohne innres Wohlge⸗ fallen zu bemerken. Inzwiſchen war aus ihrem Geſichte jede Spur von Muthwillen und Schalk⸗ heit verſchwunden; Müllersdorf wollte ſogar ei⸗ nige Male ſich überreden, als bemerke er in den Augen und auf den Wangen der Comteſſe Spu⸗ ren von zahlreich vergoſſenen Thränen. Eine Unterhaltung wollte anfangs zwiſchen beiden nicht zu Stande kommen; die ſchmelzenden Accorde der Muſik ſchienen das, was ſie ſich zu ſagen hatten, weit reiner und ſchöner auszuſprechen, als es — ihre Worte vermocht hätten. Beide horchten den Tönen; beide ſchienen ſie allein zu verſtehen, wäh⸗ rend die übrige Geſellſchaft ſie unbeachtet kieß, allein den gaſtronomiſchen Ergötzungen und Hoff⸗ nungen hingegeben. Der in Gefühlen ſchwelgende junge Mann wurde plötzlich aus ſeinen Träumen emporgeriſ⸗ ſen, indem er ſich bei'm Namen rufen hörte, und als er den Kopf nach der Gegend wandte, woher der Schall kam, ſah er, daß der alte Baron von Hochmannsdorf ihn mit geſchwätziger Freundlich⸗ keit haranguirte. „Mein Herr von Müllersdorf, mein lieber Herr von Müllersdof,“ begann er,„ich kann unmöglich unterlaſſen, Ihnen zu ſagen, wie ſehr lieb ich Sie habe; nein, nein, junger Freund, Sie können's nicht glauben, mit welcher Affectation ich Ihnen zugethan bin, obgleich ich Sie erſt einige Stunden kenne. Aber ich bin's nicht allein, der Sie in's Herz geſchloſſen hat, meine ganze Familie hat ein Gleiches gethan; mein Schwie⸗ gerſohn liebt Sie brüderlich, nicht wahr, Lien⸗ tenant? Und da Ihr Kameraden ſeyd, ſo dächt' ₰ ich, Ihr tränkt Brüderſchaft. Ja, ja, das wol⸗ en wir nachher bei'm Deſſert machen. Lottchen iſt Ihnen auch gut, das heißt wie ein honettes Fräulein, das einen ſo reſpectabeln Bräutigam hat, wie Herrn von Wittenbach, einem jungen hübſchen Edelmanne gut ſeyn darf; aber Luis⸗ chen dort, das ſchelmiſche Luischen hat ſich or⸗ dentlich in Sie vergafft. Nicht wahr, mein Püpp⸗ chen? Was?“ „Aber, Papa!“ rief Luischen mit hochroth glühendem Geſichte im Tone des Vorwurfs und wußte nicht, wohin ſie die Augen wenden ſollte. „Was ſchwatzen Sie doch nur ein Mal für ungereimtes Zeug!“ ſagte Charlotte zu gleicher Zeit, und warf dem alten fröhlichen Herrn einen Blick ſtrengſter Mißbilligung zu. „Aber ſind Sie denn des lichten Teufels, Schwiegerpapa?“ gromelte Wittenbach durch den Bart. „Nun, nun, ſo geht's, wenn man die Wahr⸗ heit ſagt,“ lachte der Alte in ſeiner unverwüſt⸗ lichen Laune.„Aber der Name Müllersdorf hat mich heute recht fröhlich gemacht, und wenn ich —— fröhlich bin, da bin ich aufrichtig und ſage, wie mir's unter dem linken Knopfe waltet. Was?“ „Dies iſt eine ſo treffliche Eigenſchaft, Herr Baron,“ verſetzte Müllersdorf, nachdem er ſich einigermaßen von ſeinem Erſtaunen erholt hatte, „daß ich Sie ſchon deßhalb lieben würde, ſelbſt wenn mir Ihre Perſönlichkeit nicht ſo gaſtlich ent⸗ gegengekommen wäre. Sie ſind ein Biedermann, und die Liebe eines ſolchen iſt mir ein unſchätz⸗ bares Gut; aber bis jetzt habe ich noch nichts gethan, womit ich mir dieſe Liebe verdient hätte.“ „Ich ſage Ihnen ja, daß ich Ihren Namen ſo unbeſchreiblich liebe, und weil Sie dieſen mir ſo theuern Namen führen, deshalb lieb' ich Sie auch. Es hätte mir nichts Angenehmeres widerfahren können, als einen Müllersdorf hier zu finden, und daß Sie gerade der erſte Mann in L. waren, den ich zu Geſicht bekam, der Erſte, der mir entgegen trat, als ich aus dem Wagen ſtieg, das iſt mir eine Bürgſchaft recht heitrer und froher Tage hier, und wer kann wiſſen, ob's nicht noch was Schöneres zu bedeuten hat? Was?“ „Und wie kommt, wenn ich fragen darf, mein Name und die Beſitzer deſſelben zu Ihrer ehren⸗ werthen Liebe, Herr Baron?“ „Sehen Sie, junger Freund, es hat mir ein Mal ein Müllersdorf, der mein Jugendfreund war, einen großen, ſehr großen Freundſchafts⸗ dienſt erwieſen, ſo groß und trefflich, wie Sie ſich's kaum vorſtellen können; er iſt aber von der Art, daß er ſich nicht zur öffentlichen Mit⸗ theilung eignet. Soll ich nun die Müllersdorfe nicht lieben? Was?“ „Ein wahrer Freundſchaftsdienſt,“ verſetzte Müllersdorf,„iſt etwas ſo Seltenes, und die lebendig erhaltene Dankbarkeit iſt noch weit ſelt⸗ ner, daß ich die Liebe zu meinem Namen nur mit der größten Hochachtung erwiedern kann.“ „Sehen Sie, mein Freund, zu Ihnen fühl' ich mich ganz beſonders hingezogen; da Sie wirk⸗ lich eine große Familienähnlichkeit mit meinem Freunde haben, ſo daß, wenn ich Ihnen ſo recht in die Augen ſehe, mir's plötzlich zu Kopfe wird, als wär' ich um dreißig Jahre jünger und mein Freund ſäße mir gegenüber. Soll ich Sie des⸗ halb nicht ganz beſonders lieben? Was?— Aber, Herrgott, was fällt mir ein! Sollten Sie vielleicht ein Sohn meines Freundes ſeyn? Himmliſcher Vater, ich glaub' es faſt! Ja, ja, es muß ſo ſehn! Sagen Sie mir ſchnell, ich beſchwöre Sie, wie heißt Ihr Vater? wo lebt er? was iſt er? Was?—“ „Mein Vater?“ verſetzte der junge Mann nicht ohne Verlegenheit, die er vergebens zu ver⸗ bergen ſuchte.„Mein Vater iſt Civilbeamter im Oeſterreichiſchen Schleſien und heißt Franz Raver von Müllersdorf.“ „O weh!“ ſagte der Baron;„das thut mir recht leid; denn Sie ſind kein Sohn meines Freundes, aber vielleicht ein Neffe von ihm. Er hieß Ludwig Heinrich von Müllersdorf, und war königlich preußiſcher Hauptmann der Infanterie. Eine Zurückſetzung, die er erfahren, kränkte ihn ſo ſehr, daß er die Dienſte ſeines Königs quit⸗ tirte und in ruſſiſche trat. Seit jener Zeit habe ich nichts wieder von ihm geſehen; er war ein gar vortrefflicher Menſch. Mich verſchlug das Schickſal auch von Berlin; alle meine Verhält⸗ niſſe änderten ſich. In den Befreiungskriegen —— ſoll er als ein bedeutender ruſſiſcher Militär mit durch Deutſchland nach Frankreich gezogen ſeyn und wieder zurück, das hab' ich erſt ſpäter er⸗ fahren. O wären Sie ſein Sohn, junger Freund, und irgend in Verhältniſſen, die der Hülfe eines Mannes bedürften, damit ich an Ihnen vergelten könnte, was er an mir gethan! Iſt er nicht Ihr Onkel? Was?“ Der alte Mann wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge, und lächelte den jungen dabei doch freundlich an. Im Geſichte des eettern: war eine ſchöne Rüh⸗ rung ſichtbar geworden; er blickte ſo ſelig lä⸗ chelnd auf den braven alten Mann, und dann glitt ſein Blick zu der ſchönen Gräfin hinüber und traf auf ein Paar Augen, die da ſprachen: „Ich verſtehe dich! Tief in meinem innerſten Le⸗ ben iſt mir eine herrliche Ahnung aufgegangen, was du mir biſt und ſeyn wirſt, du trefflicher Jüngling.“ Dann ſagte Müllersdorf kaum ver⸗ nehmbar leiſe:„Ihr Freund war auch nicht mein Onkel.“ „So kennen Sie ihn wohl gar nicht? Was? — „Ich kenne ihn nicht,“ verſetzte der Jüngling wehmüthig, und mußte ſich ſchnell abwenden, um nicht zu weinen. Die Comteſſe hatte die Thrä⸗ nen in ſeinem Auge allein geſehen. „Ich dächte, wir ſtießen zuſammen auf das Wohlſeyn meines biedern Freundes an,“ ſprach Hochmannsdorf.„Iſt er auch nicht Ihr Ver⸗ wandter, ſo iſt er doch Ihr Namensvetter, und das laß ich mir nicht ausreden, daß Sie ausſe⸗ hen, wie er vor dreißig Jahren ausſah. Alſo auf ſein Wohlſehn, wenn er noch lebt, und auf ſanfte Ruhe und fröhliche Urſtänd, wenn ihn der Raſen deckt! Was?“ Er erhob ſein Glas, Töchter und Schwieger⸗ ſohn thaten desgleichen. Müllersdorf griff haſtig nach dem ſeinigen, und unwillkührlich hatte die Comteſſe auch ihr Glas genommen, und hob es empor. Alle ſtießen mit allen an, Luischen vor⸗ züglich recht zierlich mit Müllersdorf; als aber die Gläſer der Gräfin und Müllersdorfs zuſam⸗ men klangen, wurzelten ihre Blicke in einander; ſie ſahen ſich bis in die tiefſte Seele hinab, und ſprachen in dieſem Augenblicke unendlich viel mit „ einander. In Müllersdorfs Wein fiel eine Thräne, als er trank; ihre Schweſter perlte an der lan⸗ gen ſeidnen Wimper der Gräfin. Reinecke ſchien ſich um die Unterhaltung we⸗ nig zu bekümmern; er ſprach anfangs mit dem Fräulein von Grünewald von ihrem heutigen Un⸗ fall, dann von der Schönheit des Badeorts, und verabredete mit ihr eine Partie nach der eine Stunde weit entfernten Luthersbuche und dem Gerberſteine, einem romantiſchen Felſen in der Gegend jener Buche. Sie wählten den nächſten Sonntag dazu, um auch zugleich alle Schönheiten des herzoglichen Sommerſchloſſes A. zu genießen und die nahe Berghöhle zu beſuchen, welche nur Sonntags erleuchtet wurde. Nur je zuweilen flog Reineckes Blick lauernd über die Ubrigen hin, und daß er auf Alles, was Müllersdorf mit Hochmanns⸗ dorf geſprochen, wohl Acht gehabt, bewieß ſeine ſpätere Außerung gegen den Erſtern, ſo bald ſie allein waren:„Sie haben ihre Rolle ganz treff⸗ lich geſpielt; man hätte Sie wahrlich für einen Müllersdorf halten können. Nur ſo fortgefahren, und Sie werden hald gute Fortſchritte in der — Diplomatik machen.“— Nur Müllersdorfs Rüh⸗ rung, nur die Thränen im Auge deſſelben hatte er nicht geſehen, weil er ihm zur Seite geſeſſen. Der Lieutenant von Wittenbach hatte ſchon lange ein ſcharfes Auge auf Reinecke gehabt; endlich ſagte er:„Der Herr dort neben Herrn von Müllersdorf hat die frappanteſte Uhnlichkeit mit einem Berliner Univerſitätsfreund von mir. Ich will verdammt ſeyn, wenn— das männ⸗ liche Ausſehen und den Bart abgerechnet— die⸗ ſer jenem nicht gleicht, wie ein Ei dem Andern. Kennen Sie den Herrn neben Ihnen, Herr Kamrad?“ „Er iſt bei'm***ſchen Geſandtſchaftsweſen angeſtellt und heißt von Reinecke,“ verſetzte Mül⸗ lersdorf gleichgültig. „Nun, bei meiner Ehre! es iſt toll, wie ſich Menſchen gleichen können! Ich hätte meinen Kopf verwetten wollen, der Herr von Reinecke ſey mein alter Bekannte Spangenheim; denn ſogar den Ton ſeiner Stimme hat er, wie ich ſo eben gehört habe.“ Bei Nennung dieſes Namens überzuckte es Reineckes Geſicht grimmig, über Müllersdorfs Mund glitt ein kaum bemerkbares Lächeln. Gleich darauf ſtand Reinecke auf und entfernte ſich. Mül⸗ lersdorf ſah der ſchönen Gräfin in die Augen und blieb wie angewurzelt ſitzen. Es war ihm, als müſſe ſie ihm irgend etwas Wechtiges mit⸗ theilen. Weder des Barons Geſprächigkeit, noch Luischens Freundlichkeit vermochten ihn mehr zu feſſeln; doch als bald darauf die Comteſſe ſich erhob, um ſich zu entfernen, war anch ſeines Bleibens nicht mehr bei der Tafel, und den zärtlichen BVit⸗ ten des alten Hochmannsdorfs, einige Flaſchen mit ihm auszuſtechen, hartnäckig widerſtehend und Blutwallungen vorſchützend, eilte er fort und verlor ſich bald in den laubigen Gebüſchen des nahen Haines, wo er ſich mit heftiger In⸗ brunſt dem Sturme der Gefühle überließ, welcher in ſeiner Bruſt mächtig auf⸗ und abwogte. Erſt als es zu dämmern begann, kehrte er wieder ſcheinbar ruhig und gefaßt in das Badehaus zurück und ſuchte die Geſellſchaft des Diplomaten auf. Einige Tage darauf waren Abends wieder mehre Wagen mit Badegäſten aus der Nähe und Ferne angekommen. Schon war es ſehr zahlreich und im Badehauſe gebrach es an Platz. Man mußte ſich in Privathäuſer einmiethen. Noch waren die Koffer nicht abgepackt, als es leiſe an Nr. 17 anpochte, und dem Bewohner dieſes Zimmers, der den ſchwarzen Kopf aus der Thüre ſteckte, ein kleines Billet in die Hand gedrückt wurde. Schnell, wie ſie gekommen war, hüpfte Mariane, die Zofe der Comteſſe Billaplotzsky und des Fräuleins von Grünewald, wieder von dannen und eilte über die Straße. Reinecke las den Zettel:„Die Gräfin Glattau iſt vorhin mit dem Marcheſe angelangt. Machen Sie beiden dieſen Abend noch die Aufwartung, doch muß ich Sie, aus Vorſicht, erſt noch ſprechen. In einer halben Stunde erwarte ich Sie auf der Terraſſe hinter dem Badehauſe. Ihre Amalie.“ „Endlich!“ rief der Diplomat aus, und rieb ſich vergnügt die Hände dazu.„Endlich wird — 5 mein Waizen zu blühen beginnen. Es hat mir zeither nicht glücken wollen, und dieſer Loſewitz mit ſeiner gelockten Geſtalt, mit ſeinem geſchmei⸗ digen Weſen, iſt mir, ſtatt ein Beförderungs⸗ mittel zu ſeyn, ein Hinderniß geweſen; doch ein Kopf wie ich, fürchtet ſich vor dergleichen nicht. Wenn ich ſeinen mächtigen Vater nicht brauchte, wollte ich den albernen Knaben bald weit genug aus dem Wege geſchlendert haben. So aber muß ich alles durch Schlauheit bezwingen. Sie iſt die Göttin, der ich diene.“ Während dieſes Selbſtgeſprächs hatte er ſich angekleidet. Langſam ſchlenderte er den Berg hinauf; Blick und Schritt hatten etwas Triumphi⸗ rendes. Nicht lange darauf begegnete er dem Fräulein von Grünewald, und beide gingen berg⸗ auf dem Walde zu, deſſen Krone die ſchöne Ruine der Burg L. iſt. „Verlieren Sie nur,“ ſprach das Fräulein, „um aller Heiligen willen, das Eine niemals aus dem Auge, daß Sie bei der Gräfin den Gefühlvollen ſpielen, vorzüglich in Sachen der Religion, wo⸗ von ſie ſich am liebſten unterhält. Sie gibt ſich N — 81— gern für eine Schwärmerin aus. Sie hat ſich, wie ich Ihnen ſchon geſagt, mehre Male mißbil⸗ ligend darüber ausgeſprochen, daß Sie in Ihren Briefen an den Marcheſe und ſie ihre Religions⸗ angelegenheit ſo trocken und oberflächlich behan⸗ delt haben. Hätte ich Sie früher gekannt, ſo würden Sie nicht in dieſen Fehler verfallen ſeyhn. Suchen Sie ihn mun auf alle Weiſe wieder gut zu machen.“ „Laſſen Sie mich nur gewähren, verehrtes Fräulein,“ entgegnete Reinecke mit Galanterie, und mit Selbſtgefühl ſetzte er hinzu:„und trauen Sie meinem Kopfe zu, daß ich, zumal von Ihnen geleitet und auf alle Vortheile aufmerkſam ge⸗ macht, mir keinen derſelben entgehen laſſe.—— Fürwahr, mein Fräulein,“ fuhr er nach einer Weile mit einſchmeichelndem Tone fort,„nicht ohne Schaamerröthen muß ich mir, Ihnen gegen⸗ über, geſtehen, daß ich die Güte, die Sie mir in ſo reichem Maße gezeigt, noch mit gar nichts verdient habe, ja daß ich ſo indiscret geweſen bin, in den wenigen Stunden, die der Umgang mit Ihnen allein mir ausgefüllt hat, nur von 6 mir und meinen Angelegenheiten mit Ihnen zu ſprechen. Aber renmüthig habe ich den feſten Vor⸗ ſatz gefaßt, meiner Wünſche mit keinem Worte wie⸗ der bei Ihnen Erwägung zu thun, bevor Sie mir nicht offenherzig geſagt haben, wie und womit ich einen Theil meiner Schuld bei Ihnen abzu⸗ tragen im Stande bin.“ „Laſſen Sie uns vor der Hand davon ſchwei⸗ gen, mein Herr,“ verſetzte Fräulein von Grü⸗ newald mit einiger Verwirrung.„Damit Sie aber meine eifrige Theilnahme an Ihrem Schick⸗ ſale nicht falſch verſtehen, mögen Sie die Ver⸗ ſicherung hinnehmen, daß dieſe Theilnahme erſt in ihrer ganzen Stärke erwachte, als Sie mir die Entdeckung machten, Sie ſeyen der der Com⸗ teſſe Helena beſtimmte Mann. Wenn ich früher dem Herrn von Reinecke, in welchem ich nim⸗ mermehr Helenens zukünftigen Gatten vermuthet hätte— denn die Comteſſe kennt nur Ihren wirklichen Namen, und die Gräfin Klattau pflegt mich nicht zur Mitwiſſerin ihrer Geheimniſſe zu machen— wenn ich alſo Herrn von Reinecke ir⸗ gend eine Theilnahme bewieß, ſo hatte dieſe ge⸗ — wiß nur im geſellſchaftlichen Verkehr und dem zufülligen umſtande ihren Grund, daß Sie bei unſerm Unfalle mit dem Wagen zugegen waren, und mir Geſellſchaft leiſteten, während Herr von Müllersdorf ausſchließlich die muntre Comteſſe unterhielt.“ „Was aber, wenn ich bitten darf, konnte dieſe Theilnahme ſo ſteigern und aus der Allge⸗ meinheit herausreißen, als ich mich Ihnen an⸗ vertraute, geleitet von einem richtigen Scharf⸗ blicke, der mich in Ihnen eine Freundin erken⸗ nen ließ?“ „Schon dieſes edle Vertrauen allein,“ ſagte Amalie zögernd. „Ich bitte um Entſchuldigung, gewiß nicht allein. Vergelten Sie mir Vertrauen und Offen⸗ herzigkeit mit Vertrauen und Offenherzigkeit. Laſ⸗ ſen Sie uns eine heilige Allianz ſchließen, uns gegenſeitig nach Kräften zu unterſtützen. Keins von Beiden wird dabei zu Schaden kommen. Hier iſt meine Hand zum Bunde und die Ver⸗ ſichrung, daß meine wahren Freunde mir über Alles gehen.“ = 5— Amalie heftete den Blich auf den eifrigen Sprecher; er ertrug die forſchende Schärfe deſ⸗ ſelben ruhig und ſagte:„Ich meine es aufrichtig!“ „Nun denn, ſo falle die Scheidewand, die ich erſt ſpäter ſinken laſſen zu dürfen glaubte,“ flüſterte das Fräulein.„Es ſey kein Geheimniß zwiſchen uns. Wenn ich Sie auch perſönlich nur erſt einige Tage kenne, ſo iſt mir die Stärke Ihres Geiſtes doch ſchon lange bekannt und ich weiß, daß ich es mit einem Manne von feſtem Charakter zu thun habe. Der Marcheſe ſowohl als die Gräfin waren ſtets Ihres Lobes voll, und ich bin mehr als ein Mal Zeuge geweſen, daß der Erſtere mit Enthuſtasmus von Ihnen ſprach und der Gräfin höchſt günſtige Urtheile des Herrn von Loſewitz über Sie mit dem Be⸗ merken referirte, daß Sie vom Himmel zu einer großen und glänzenden Laufbahn beſtimmt zu ſeyn ſchienen.“ „Sie entzücken mich mit dieſem Berichte, mein Fräulein,“ rief Neinecke frendeglühend und drückte ihr im ungewohnten Aufſchwunge ſeiner Seele die Hand ſtürmiſch.„Doch weiter! weiter!“ — „Es wäre alſo mindeſtens ſehr unklug, ſich einen Mann nicht durch kleine Gefälligkeiten und Dienſtleiſtungen zu verbinden, der bereits die Carriere eingeſchlagen hat, die ihn zur künftigen Größe führt, zumal wenn man ſo ſchöne Gele⸗ genheit dazu hat, wie mir dargeboten wird. Glau⸗ ben Sie mir, ich bin nicht mädchenhaft einfältig genug, um nicht zu begreifen, daß ich mir ein Recht auf Ihre Dankbarkeit erwerbe„ und nicht zu berechnen, daß die Prozente dieſer Dankbar⸗ keit mit Ihnen ſelbſt ſteigen, und mich mit Ih⸗ rer eignen Größe emporheben.“ „Schön und ſtolz!“ ſagte Reinecke geſchmei⸗ chelt.„Aber dies Alles ſetzt ein unbegrenztes Vertrauen in meine Redlichkeit voraus; denn wie leicht könnte der mächtige Schuldner Kapital und Zinſen vergeſſen.“ „Ich habe ein ſolches Vertrauen zu Ihnen, und zwar aus dem Grunde, weil ich ſo etwas von Ihrem Geiſte in mir verſpüre. Wär' ich ein leichtfertiges, muthwilliges, oder ſentimenta⸗ les, ſchwärmeriſches Ding, wie die meiſten mei⸗ nes Alters und Geſchlechts, ſo würde ich Ihnen — wahrſcheinlich nicht vertrauen, aber auch nicht ſolche Pläne machen. Mit dem Talente ſind na⸗ türlich auch die Eigenſchaften deſſelben verbunden. Ich habe einen hochſtrebenden Geiſt, wie Sie; es iſt ihm alſo auch die Eigenſchaft verliehen, andern gleichbedingten Geiſtern nahe zu treten, ihnen zu vertrauen und im Bunde mit ihnen die Bahn zu betreten, die allein zu wandeln, er vielleicht zu ſchwach oder zu verzagt wäre. Hätte ich mich in Ihnen getäuſcht, ſo wäre die Ueber⸗ zeugung, daß Sie kein großer Mann wären, nicht zu theuer durch die, einem undankbaren Schurken geleiſteten Dienſte erkauft. Von einem gewöhnlichen, mittelmäßigen Kopfe verlange ich keine Dankbarkeit, und Sie wären ein ſolcher, wenn Sie mir ſie verweigern könnten. Es wäre Ihnen eben ſo wenig übel zu nehmen, wenn Sie einem Mädchen von gewöhnlichem Schlage ſich niemals dankbar bezeigten, und ich würde Sie abermals für einen untergeordneten Kopf halten, wenn Sie die Aeußerungen der Dankbarkeit auf ein ſolches Geſchöpf übertrügen. Der MWittel⸗ mäßigkeit ſind Leute von unſerm Geiſte nichts — ſchuldig; nur gegen die Größe muß der Große auch groß ſehn; die Kleinen und der Mittelſchlag verſtehen die Größe ohnedies nicht zu ſchätzen und zu beurtheilen.“ Vortrefflich philoſophirt!“ rief Reinecke aus. „Wahrlich, mein Fräulein, wäre Helenens Be⸗ ſitz nicht der Zauberſchlüſſel zu der diamantnen Pforte meiner künftigen Größe, ich würde um dieſe Hand bitten, die ſo kühn und ſicher nach dem Höchſten greift.“ „Nimmermehr! Wo denken Sie hin? Wir würden beide die beſten Kräfte vergeuden, um nur auf die erſte Staffel der Leiter zu kommen, die zu Macht, Anſehn und Reichthum führt, und wenn wir ja mit Mühe und Noth höher klimm⸗ ten, würden wir kaum mehr im Stande ſeyn, uns unſeres Glücks zu erfreuen. Nein, im vol⸗ len Beſitz der Jugendkraft muß man die goldnen Gaben genießen. Helene ſtellt Sie, ohne Ihre Mühe, gleich auf die oberſte Sproſſe.“ „und an ſich denken Sie nicht?“ „Ich zähle ja, wie ich Ihnen bereits geſtan⸗ den, auf Ihre Dankbarkeit. Wenn—— nun „——— es wird die Zeit kommen, wo ich mich über die⸗ ſen Punkt deutlicher erkläre. Sie kommt bald; denn ich bin der Dienſtbarkeit herzlich müde, in welche mich meine Armuth verwieſen hat. Aber das mittelloſe Fräulein von Grünewald wird die Dame ſo gut ſpielen können, wie die reichgeborne Frau Gräfin Klattau. Doch davon ein ander Mal ausführlicher. Jetzt wollte ich Ihnen nur noch ſagen, daß Sie bei der Gräfin auf eine baldige Verlobung mit Helenen dringen möchten; denn ich glaube bemerkt zu haben, daß Herr von Müllersdorf einen ſtarken Eindruck auf ſie ge⸗ macht hat. Sie ſpricht ſehr viel von ihm und das mit weniger Muthwillen, als von andern Männern; witzelt oder ironiſirt ſie über ihn, ſo geht daraus gerade am klarſten hervor, daß er ihr nicht gleichgültig iſt. Alſo eilen Sie! Jetzt iſt's noch Zeit.“ „Ich danke Ihnen für den gütigen Winkz das Saamenkorn fällt auf ein lockeres Land; ich habe an meinem Freund Aehnliches bemerkt.“ Ich muß geſtehen, ich möchte durch die Eile Ihrer Verbindung mit Helenen an Herrn von Müllersdorf eine kleine Rache nehmen.“ „Rache? hat er Sie beleidigt?“ „Wenn Sie das weibliche Herz kennen, ſo werden Sie wiſſen, daß es die größte Beleidigung für daſſelbe iſt, einem neben ihm ſtehenden weib⸗ lichen Weſen die untrüglichſten Zeichen der Hul⸗ digung dargebracht und ſich ganz unbeachtet zu ſehen. Herr von Müllersdorf hat, ſo oft wir auch noch mit ihm zuſammen trafen, mich ganz überſehen, und wenn mir ſowohl mein Geiſt als auch mein Spiegel ſagten, daß ich wenigſtens des Bemerkens werth ſei, ſo würde es an und für ſich ſchon eine unverzeihliche Unhöflichkeit ſeyn.“ „Fürwahr, Herr von Müllersdorf verdient von Ihnen mit gleicher Gleichgültigkeit behandelt zu werden,“ bemerkte Reinecks mit einem plötz⸗ lich hellen und vieldeutigen Blick auf Amalia. „Wie, wenn ich das Werk meiner Dankbarkeit gleich damit begänne, Ihnen die Gelegenheit zu ſolcher ſchönen Rachebefriedigung zu verſchaffen? wenn ich mit Geſchicklichkeit ſeine Blicke auf Sie 3— leitete? wenn ich ihm die Augen für Ihre Vor⸗ züge öffnete?“ Amalia's Wangen glühlten über und über; ihr Blick ſchweifte in Verwirrung umher. „Und wenn vielleicht dieſer einfache Lieutenant Müllersdorf nur die Maske einer wichtigern Per⸗ ſon wäre, groß genug, um den Plänen dieſes außerordentlichen Mädchenkopfes zur Baſis künf⸗ tiger Macht und Glanzes zu dienen, und nicht zu groß, um aus conventionellen Gründen eine Hand zu verſchmähen, die für ihn zu handeln geſchickt wäre und ihm den Mangel jener pſychi⸗ ſchen Kraft erſetzen könnte, die nöthig iſt, ſich auf der Höhe zu behaupten? wenn“—. „Halten Sie ein! Welche Ausſicht eröffnen Sie mir! Mir ſchwindelt's. Wer iſt Müllers⸗ dorf? Ich beſchwöre Sie!“ „Es wäre wider meine Grundſätze, Ihnen zu ſagen, wer er iſt. Es ſei Ihnen genug, zu er⸗ fahren, daß er die Carriere ſchon betreten hat, die ich jetzt einſchlagen will, daß Rang und Ge⸗ burt ihm Vortheile von vorn herein geſichert ha⸗ ben, die ich mit ungehenerer Mühe theils erſtrebt — 9— habe, theils noch erſtreben muß, und daß er ei⸗ ner Gefährtin bedarf, wie Sie, um ſtark und würdig ſeinen Weg zu gehen. Amalie, hab' ich jetzt die rechte Saite in Ihrer Seele angeſchla⸗ gen? Müllersdorf iſt Ihnen nicht gleichgültig, Ihr Herz hegt Gefühle für ihn, die mehr erzie⸗ len als Rache, ſelbſt wenn Sie ſich deſſen auch nicht klar bewußt ſind.“ „Sie enthüllen ſchonungslos die innerſten Falten meines Herzens!“ rief das Fräulein. „Haben Sie mir nicht Vertrauen gelobt?“ „Aber fühlen Sie nicht, wie ſich ein weib⸗ liches Herz ſträubt, ſich mit ſeiner Schwäche blos zu geben? Doch Sie haben mich durchſchaut und eigentlich den glimmenden Funken zur Flamme angefacht. Ja, ich liebe Ihren Freund, aber mein Herz iſt von Groll gegen ihn erfüllt.“ „Auch gegen Helenen?“ fragte Reinecke ſcharf betont. „Ja, auch gegen ſie, weil ſie das Glück hatte, ihm zu gefallen.“ „Deſto beſſer für mich. Sie werden bei der Gräfin Klattau und beim Marcheſe alle Hebel 9— in Bewegung ſeten, um meine Verbindung mit Helenen zu beſchleunigen.“ „Das werd' ich mit Freuden.“ „Und ich werde dafür erkenntlich ſehn und Ihnen meinen jungen Freund zuführen.“ Ein feuriger Händedruck lohnte dem Diplo⸗ maten. Sie kehrten zurück und trennten ſich am Fuße des Bergs. 6. In Escarpins, ſchwarz ſeidnen Strümpfen, dergleichen kurzen Beinkleidern mit goldnen Schnal⸗ len geziert, an den Aermeln des feinen Fracks zierlich gefältete Manſchetten; die Finger voll brillanter Ringe, mit eleganter Cravatte und Chemiſette, das ſchwarze Haar und den Bart ſorgfültig geordnet, ſaß der junge Mann, der im Bade L. unter dem falſchen Namen eines Herrn von Reinecke aufgetreten war, zwei Stunden nach der unterredung mit dem Fräulein von Grüne⸗ wald, auf dem Sopha in einem geräumigen — 93— Zimmer, worin manches noch nicht ſeins rechte Stelle gefunden hatte, neben einer hohen ſtatt⸗ lichen Frau, deren Schönheitsblüthe ſchon leiſe zu welken begonnen hatte, wahrſcheinlich aber ſo lang als möglich durch künſtliche Mittel erhal⸗ ten worden war und noch erhalten wurde. Aus großen majeſtätiſchen Augen blickte ſie mit ſicht⸗ barem Wohlgefallen auf den Beſuch hin. Die ganze Geſtalt hatte viel Imponirendes, und da ſie gewiß nicht älter als vierzig Jahre war, ſo hatte ſie keineswegs die Anziehungskraft verlo⸗ ren; denn die wahren Kenner und Verehrer des andern Geſchlechts, die Beſitzer des beſten Ge⸗ ſchmackes, die Sachverſtändigen und Gourmands in der Liebe, finden bei Frauen vom fünf und dreißigſten bis zum fünf und vierzigſten Jahre erſt den höchſten und reizendſten Genuß des um⸗ gangs. „Sobald Sie eine ziemlich genaue Liſte der ruchloſen Demagogen und ihrer abſcheulichen Ver⸗ bindungen, die ſich in alle Stände verzweigen ſollen, liefern können,“ fuhr die Dame in ihrer Unterhaltung fort,„haben Sie gewonnenes Spiel. — Sie werden ſich den Miniſter außerordentlich ver⸗ binden; es ſteht Ihnen bei'm Miniſterium des Aeußern eine treffliche und für Ihr Talent ge⸗ eignete Stelle offen, und ich gratulire Ihnen zum Adelsdiplom.“ „Ich erlaube mir, unterthänig zu bemerken, gnädigſte Frau Gräfin, daß ich noch mehr zu liefern im Stande bin, als eine Namensliſte mit genauer Angabe der Verbindungen; ich kenne die Geſetze und Statuten dieſer Verbindungen, bin von ihren Zwecken, ihren verwegnen Entwürfen, Wünſchen und Hoffnungen unterrichtet. Ich bin in Beſitz ſchätzbarer Dokumente, die als Belege dienen und über alles ein helles Licht verbreiten werden.“ „Charmant!“ rief die Gräfin.„Ich ſehe Ihre Bruſt ſchon mit Orden geziert; denn auch Ihr Fürſt wird ſich Ihnen nicht minder dankbar bezeigen. Doch um Ihnen nichts zu verhehlen, mein junger Freund, muß ich geſtehen, daß Sie mir zu viel Ehrgeiz zu beſitzen ſcheinen. Es kommt mir vor, als ſei er die alleinige Trieb⸗ feder aller Ihrer Handlungen.“ „Ich muß unterthänig um Entſchuldigung bitten, wenn ich meiner gnädigen Frau Gräfin hierin zu widerſprechen mich unterſtehe. Keines⸗ wegs will ich läugnen, daß der Drang, mich her⸗ vorzuthun, in meiner Bruſt waltet; er iſt ja der Vater aller großen Thaten. Aber er iſt nicht mein höchſtes Motiv, er iſt nicht der heilige Leit⸗ ſtern auf den labyrinthiſchen Pfaden meines Le⸗ bens. Nein, es lebt ein Drang in mir, der nicht irdiſcher Natur iſt, und der, ſeinem gött⸗ lichen Urſprunge gemäß, alles auf den Himmel bezieht und mir das Reich Gottes ſtets als let⸗ ten und höchſten Zweck all meiner Handlungen vorhält. Ja, gnädige Frau, der wahren und alleinigen Kirche Chriſti in der That und Wahr⸗ heit mit all' meinen Kräften zeit meiner irdiſchen Laufbahn zu dienen, iſt mein glühendſter Wunſch und das Endziel meiner Beſtrebungen.“ „Ha, dann ſind Sie mir doppelt werth und theuer!“ rief die Gräſin im Aufwallen hohen Entzückens aus.„Ein Streiter für den Herrn, ein Winzer in ſeinem Weinberge, iſt der höch⸗ ſten Ehren würdig, und meine Liebe und Hoch⸗ achtung für Sie ſteigert ſich auf den hoöchſten Grad. Aber ſagen Sie mir, warum haben Sie ſich uns noch nicht von dieſer Ihrer ſchönſten Seite gezeigt, warum mir Ihr Innerſtes ſelbſt damals nicht enthült, als Sie mir ſchrieben, Sie wären entſchloſſen, zur katholiſchen Kirche über⸗ zutreten? Sie gaben dazu ſo gar keine höhern Gründe an, es ſtand ſo trocken in Ihrem Briefe da, daß ich nicht glauben konnte, Sie thäten den wichtigen Schritt aus innrer Ueberzeugung und göttlicher Erleuchtung.“ „Das Herz des Menſchen, gnädige Frau Gräfin, gibt ſich nur dem perſönlich verehrten Herzen mit gänzlicher Offenheit und Rückſichts⸗ loſigkeit hin. Die Religion iſt mir das Heiligſte; wie könnte ich es wagen, meine innerſten Ge⸗ fühle darüber, den begeiſterten Aufſchwung mei⸗ ner davidſchen Phantaſie Briefen an hohe Gönner anzuvertrauen, die ich zwar hoch verehre, denen ich aber noch nicht in's Auge geſchaut und darin eine heilige Glut für Gottes Sache erblickt, aus deren Weſen mir noch nicht die Ueberzeugung entgegen geſprungen iſt, daß ſie gleich mir für das Heil des Himmels und der Erde entflammt ſind? Klänge es nicht wie Prahlerei mit den heiligſten Dingen, wie Koketterie mit dem Glau⸗ ben und ſeinen innern Segnungen? Wer der⸗ gleichen in Briefen an ihm perſönlich Unbekannte zur Schau ſtellen kann, der beſitzt den wahren Glauben, die göttlichſte Begeiſtrung für die Re⸗ ligion nicht, ſondern er gebraucht ſie nur als Mittel zum Zweck, hängt ſie als Lockſpeiſe vor, und ſchmückt ſich damit, wie mit einer ſchönen Maske. Dieſes iſt und kann nicht meine Sache ſeyn. So wie ich aber des Glücks theilhaftig wurde, Ihnen gegenüber zu ſtehen, gnädigſte Frau Gräfin, ſo wie ich in den frommen Spie⸗ gel Ihrer herrlichen Seele blickte und neben all' den Vollkommenheiten, die mir ſchon aus Ihren verehrten Briefen und anderweitigen Berichten bekannt waren, auch jene gottbegeiſterte Sehn⸗ ſucht nach dem Himmel und ſeinem ſeligen Vor⸗ ſchmack auf Erden im reinen Glauben darin wahr⸗ nahm, die auch in meiner Seele glüht und mich, gleich Ihnen, über die Nichtigkeit aller irdiſchen Dinge emporhebt, da tönte es in allen Tiefen — und Höhen meines Seins wider: Sie iſt auch eine Auserwählte! und mein Herz erſchloß ſich Ihnen, unaufgefordert von Ihnen durch Worte, aber hingeriſſen und mit heiliger Gewalt gezwun⸗ gen von Ihrem ganzen, dem meinigen ſo nah verwandten Weſen.“ „Vortrefflich!“ rief die Gräfin aus, und über⸗ ließ Reinecke ihre Hand, die er auch nicht ver⸗ fehlte mit glühenden Küſſen zu überdecken.„Nie hätt' ich geahnet, welch ein Glück mir aus Ih⸗ rer perſönlichen Bekanntſchaft erblühen würde! Wie wird ſich der Marcheſe freuen, wenn er Sie ganz kennen lernt, der ohnedies von den glän⸗ zenden Eigenſchaften Ihres Geiſtes eingenommen iſt! Sie ſind einer der wenigen, vom Himmel am reichſten ausgeſtatteten Menſchen, in denen Geiſt und Seele, Verſtand und Gefühl gleich mächtig wirken und ſchaffen, und Sie reihen ſich als ein würdiges Glied an unſern großen G., an unſern trefflichen S. an, mit denen ich Sie bald bekannt machen werde. Ja, mein lieber Freund, das Gefühl, das religiöſe Gefühl iſt das Höchſte, was der Menſch vom Himmel em⸗ pfangen hat; glücklich die, welchen, gleich uns, eine reiche Gabe davon zu Theil wurde, denen es vergönnt iſt, ſich auf den Morgenrothſittigen hehrer Begeiſtrung ſchon hier, während ihr Leib noch in den Banden irdiſcher unvollkommenheit ſchmachtet, zu des Himmels jubeltönenden Räu⸗ men, in heiliger Vorahnung, zu erheben, und mit Wonneſchauern in den Empfindungen zu ſchwelgen, welche allein das höchſte religiöſe Ge⸗ fühl hervorzubringen vermag!“— „Dieſe Ueberzengung iſt mir nach langem Kampfe, wie eine glänzende Sonne aus Nacht⸗ und Regengewölk, aufgegangen. Aufgewachſen in den engen und nüchternen Begriffen der prote⸗ ſtantiſchen Kirche, war ich erſt thörigt genng, mich gegen die beſſre Erkenntniß meines Geiſtes zu ſträuben und der heiligen Macht des himm⸗ liſchen Lichts gleichſam mit trotziger Gewalt Thür und Fenſter zu verſchließen. Ich drückte als ein ſeinen Lehrern folgſamer Knabe die Augen mei⸗ nes Geiſtes zu, ſo feſt ich vermochte, um nichts zu ſehen, aber ſelbſt durch die verſchloſſnen Au⸗ genlieder hindurch drang die Kraft ſeiner Strah⸗ —— len in meine Seele und entzündete dort den reich⸗ lich aufgehäuften Zunder. Vald brannte die Flamme des wahren Glaubens lichterloh in mir, ihre Gluth trieb mir die Augen auf, und nun ſah ich plötzlich in das Strahlenmeer der himmliſchen Glorie und erkannte mit Schrecken, daß ich zeit⸗ her in Nacht und Irrthum gewandelt war. Jetzt ſah ich mit klarem Geiſte, in welch' engen Krei⸗ ſen ſich meine Kirche drehe und welche kleinlichen Verhältniſſe ſie auf das Leben übertrage. Sie gemahnte mich nun wie ein allzuknappes und kleines Gewand für meinen Rieſenleib, als töd⸗ tende Form für die glühende Lebendigkeit meiner Seele. Ich fühlte eine ungeheuere Sehnſucht in mir erwachen; ich wußte nicht wonach, aber ich ahnete, daß weder die proteſtantiſche Kirche, noch das engherzige bürgerliche Leben, in welchem ich meine Tage verſeufzte, im Stande ſeyn könnten, mein heißes Verlangen zu befriedigen. Mit die⸗ ſen unklaren Gefühlen wurde ich vom Schickſal nach Rom geworfen. Ich kam— wie Ihnen vielleicht durch den Herrn Marcheſe bekannt ſehn wird— als Sekretär eines außerordentlichen Ge⸗ — 101— ſandten an Seine Heiligkeit dorthin. Dort hatte ich das Glück, die Bekanntſchaft des Herrn Mar⸗ cheſe zu machen, als ich von einem deutſchen Maler im Hauſe des Prinzen F. v. Z. einge⸗ führt wurde. Damals lag ich gerade in der Kri⸗ ſis; ich kämpfte und ſtritt mit mir; es ward mir ſehr ſchwer, die alten tiefeingewurzelten Vorur⸗ theile zu beſiegen. Hätten den Herrn Marcheſe nicht Geſchäfte von Rom abgerufen, würde m e geiſtige Wiedergeburt gewiß früher ſtattgefunden haben; ſo aber war ich mir wieder allein über⸗ laſſen. Doch begriff ich immer mehr, daß im geiſtigen Menſchen etwas begründet iſt, was über alles Erkennen und Verſtehen hinausgeht, und was ſeine Ruhe und ſeinen Troſt nur in den Regionen der gläubigen Phantaſie finden kann und muß. Nun erwachte in mir ein tiefer Ekel gegen Kirche, Prediger und Predigten der Prote⸗ ſtanten; ich ſah darin endlich nur den Glauben all ſeines ſchönen Schmuckes, ſeines ſchwellenden Fleiſches, ſeines ſtrömenden Blutes, ſeines war⸗ men, geheimnißvoll herrlichen Lebens, ſeines geiſtigen Aufſchwungs und überhaupt all ſeines — 102— Schönen, Erhabenen und Geiſtigen entkleidet, ſo daß nichts weiter geblieben, als ein lebloſes ſcheuß⸗ liches Gerippe. So lang' ich in Rom noch von den heiligen Tönen des päpſtlichen Meßgeſangs umrauſcht war, malte ſich mir das Bild meines Zuſtandes nicht ſo deutlich aus, aber ich hatte noch nicht lange wieder in Deutſchland gelebt, als ich mir's klar bewußt wurde, was mir fehle. Ich wurde Katholik, ohne die Weihe zu empfan⸗ gen. Meine Verbindung mit dem Herrn Mar⸗ cheſe dauerte fort, das politiſche Intereſſe ver⸗ band ſich mit dem religiöſen; und ich konnte den Wunſch nicht länger unterdrücken, von ſeiner heiligen Hand die Weihe zu empfangen.“ „Und dies ſoll hier in heimlicher Stille, nur in Gegenwart einiger rechtgläubigen Seelen ge⸗ ſchehen,“ ſagte die Gräfin mit leuchtenden Au⸗ gen,„und nicht lange wollen wir dies heilige Feſt hinausſchieben; ich freue mich darauf, es recht herzinnig und in Gott verſenkt zu begehen. Und damit wir den Himmel auf eine würdige Weiſe mit der Erde verbinden, wollen wir an —— demſelben Tage Ihre Verlobung mit meiner He⸗ lene feiern.“ „Wie beglücken Sie mich mit dieſem Vorſatze, gnädigſte Frau Gräfin!“ rief der Diplomat mit einem affectirten ſchmachtenden Augenaufſchlag und küßte die Hand der Gräfin, die er gleichſam im Sturme der Ueberraſchung wieder ergriffen hatte, mehremals hintereinander feurig. Mit lächelndem Wohlgefallen ruhten die Augen der vornehmen ſtolzen Frau auf ihm. „Haben Sie ſich ſchon mit meiner Niece 3 kannt gemacht, Herr Sekretär?“ fragte ſie. „Ich bin von ihrer Schönheit und von ihrem Geiſte gleich ſtark entzückt; ich war dieſer Tage oft mit ihr zuſammen. Doch von unſerer gegen⸗ ſeitigen Beſtimmung hab' ich ihr nichts merken laſſen.“ „Daß ſie ihren Künftigen hier finden ſoll, iſt ihr bekannt. Alſo vorbereitet iſt ſie. Schwärme⸗ riſche Liebe dürfen Sie nicht von ihr erwarten, ſie iſt ein muthwilliges, flatterhaftes Ding, ohne tiefes Gefühl, ja ſogar ohne Sinn für das Hohe und Herrliche im Leben. Die Liebe hat ſie alſo — 104— auch nie gekannt, nie hat ſie ſich viel aus den Männern gemacht, nie irgend einem den gering⸗ ſten Vorzug gewährt, es müßte denn geweſen ſehn, um ihn zum Beſten zu haben. Sie ſehen, ich verkaufe ſie Ihnen nicht unter dem Schleier.“ „Ich werde ihre kleinen Schwächen ertragen,“ ſagte der Sekretär geſchmeidig;„Helene iſt jung und bildſam; ich werde ſie nach meinen Grund⸗ ſätzen erziehen.“ „Ich wünſche Ihnen Glück dazu.— Doch, mein liebſter Freund, gehen Sie, den Marcheſe in ſeiner Wohnung aufzuſuchen. Er wird dieſe Aufmerkſamkeit von Ihrer Seite gütig aufnehmen. Die Zofe meiner Niece ſoll Ihnen ſein Logis zei⸗ gen. Ich hoffe, Sie morgen wieder bei mir zu ſehen. Gute Nacht. Die Ruhe thut mir nach der Reiſe noth.“ Reinecke küßte noch einmal die weiche, volle Hand devot und verließ das Zimmer. Ein ſtattlicher Mann von mittlerer Größe mit einem ſchönen würdigen Geſichte, worin ein Paar kluge Angen funkelten, erhob ſich aus dem Lehnſeſſel, eilte auf den eintretenden Reinecke zu, und begrüßte ihn freundlich und mit vor⸗ nehmer Herablaſſung, welche der devoten Krieche⸗ vei des Diplomaten vollkommen angemeſſen war. „Nach zwei Jahren herzlich gegrüßt!“ ſagte der Marcheſe Ricconi.„Sie haben wirklich den Air eines ſehr vornehmen Mannes ſich angeſchafft.“ „Ich komme, den letzten Anſtrich, die edelſte Politur von Ihnen zu erlangen, hochwürdiger Herr,“ ſagte Reinecke geſchmeidig;„oder viel⸗ mehr durch Ihre ſegensreiche Hand das wirklich zu werden, was ich jetzt nur ſcheine.“ „Waren Sie ſchon bei der Gräfin?“ „Ich komme eben von der Gnädigen.“ „Wie weit ſind Sie mit Helenen?“ „Ich hoffe, es ſoll Alles trefflich gehen.“ „Gut denn! Des ſchönſten Lohnes ſind Sie gewiß, junger Mann; wie ſelten Einem Ihres — Alters und Standes, ſtehen Ihnen die herrlichſten Ausſichten offen; ſuchen Sie ſich um dieſes köſt⸗ lichen Preiſes ſo würdig als möglich zu machen; ſuchen Sie die gute Meinung, welche Leute von Bedeutung von Ihnen haben, glänzend zu recht⸗ fertigen und unſre Hoffnungen hinſichtlich Ihrer zu erfüllen.⸗ „ Ich werde mich ganz Ihrer Leitung über⸗ geben, mein Vater.“ „Im Allgemeinen ja! Im Beſondern nein! Nicht eine Maſchine in meiner oder eines Andern Hand ſollen Sie ſeyn, und Ihr regſamer Geiſt verbürgt mir, daß Sie das niemals ſeyn werden. Sie ſollen ſelbſt denken, ſelbſt handeln, in den ſchwierigſten Fällen ſogar nach Ihrer eignen Ein⸗ ſicht entſcheiden. Sie ſollen kein untergeordnetes Glied des Bundes für die große Sache werden, ſondern ein leitendes.“ „Sein Sie verſichert, daß ich Ihren Erwar⸗ tungen entſprechen werde.“ „Das glaub' ich; und hätten Ihre bisherigen Leiſtungen uns nicht dieſe Ueberzeugung gegeben, ſo würden wir Ihnen nicht dies unbegrenzte Ver⸗ N —— trauen ſchenken. Bald, ſehr bald wird die Zeit Ihrer Wirkſamkeit beginnen. Ich habe Ihnen bereits durch Herrn von Müllersdorf Einiges wiſſen laſſen. Iſt er von allen Ihren Forſchungen unterrichtet?“ „Noch nicht von allen. Ich muß bekennen, die Grundſätze und Anſichten des jungen Mannes haben mich vorſichtig gegen ihn gemacht. Das Beſte und Vorzüglichſte, den Schlüſſel zu dem Hauptgeheimniſſe, ſpare ich deshalb für Ew. Hoch⸗ würden auf.“ „Sie ſind zu ängſtlich. Ich kenne den jungen Mann. Der Wein der Jugend brauſt in ihm; wenn er ausgegohren hat, wird's ein reines, treff⸗ liches Getränk. Vertrauen Sie ihm Alles an, liefern Sie ihm alle Papiere aus, machen Sie ihn mit allen Gefahren und verborgenen Schlingen der Demagogen bekannt. Ich kann mich unmög⸗ lich mit dieſen vein diplomatiſchen Angelegenheiten befaſſen; ich habe genug auf dem Felde Gottes zu ſchaffen. Und für dieſe Arbeit nehme ich Ihre ganze Kraft in Anſpruch. Ich komme jetzt aus dem Karlsbade, wohin ich einige Aufträge des — Prinzen F. von Z. an ſeinen Bruder, den Her⸗ zog A. von Z. brachte. Ich verlebte mehre Tage in der Geſellſchaft dieſes höchſt vriginellen Für⸗ ſten, und habe ihn, wenn mich nicht alle Zeichen trügen, ſehr für mich eingenommen. Die Fäden ſind bereits angelegt, doch nach ganz andern Sei⸗ ten hin, als ich mir früher dachte. Sie nun ſind dazu beſtimmt, das Gewebe zuſammen zu ziehen; aber mit Kummer habe ich ſchon daran gedacht, daß Sie allein es nicht vollbringen werden.“ „Erklären Sie ſich deutlicher, wenn ich bitten darf, hochwürdiger Vater.“ „Der Herzog weiß, daß ich Prieſter bin; man kann ihm ſo etwas ohne alle Gefahr ſagen; er weiß ſogar, daß ich mich beſtrebe, ihn zur katho⸗ liſchen Kircht zu bekehren; denn ſein ſcharfer Ver⸗ ſtand läßt ihn die feinſten Pläne gleich an den erſten Zeichen und Andeutungen errathen. Aber damit iſt weder etwas gewonnen, noch verloren. Der Herzog findet es ſehr natürlich, daß die ka⸗ tholiſche Kirche deutſche Fürſten in ihren zärt⸗ lichen Mutterſchoos zurückzuziehen trachtet, aber er findet es eben ſo natürlich, dieſer zärtlichen — 109— Mahnung nicht zu folgen. Das kommt daher, weil er überhaupt alle Formen haßt, aber ich habe wahrgenommen, daß er den nüchternen Proteſtan⸗ tismus noch mehr haßt, als unſre Form, eben weil derſelbe nüchtern, und der Herzog eine hochpoetiſche, faſt hyperphantaſtiſche Natur iſt. Es iſt daher unſre Aufgabe, ſeine ungeheuere, oft in wunderbaren gigantiſchen, unbegreiflichen Auswüchſen hervorbrechende Phantaſie auszufüllen und zu beſchäftigen; doch müſſen wir höchſt vor⸗ ſichtig ſeyn, irgend etwas Myſtiſches oder Pre⸗ eiös⸗Jeſuitiſches beizumiſchen. Der Herzog kennt alle dieſe Kunſtgriffe zu genau und würde uns nur verlachen. Selbſt ein bloßer Anklang an dieſe Theaterkünſte würde Alles verderben. Der Her⸗ zog iſt der wunderbarſte, eigenthümlichſte Menſch, der mir je vorgekommen; alſo müſſen wir auch einen ganz beſondern und eigenthümlichen Weg einſchlagen, um ihn zu gewinnen. Nichts Gewöhn⸗ liches ſpricht ihn an, und ſelbſt am Ungewöhn⸗ lichen geht er kalt vorüber, wenn es nicht durch ſcharfe Contraſte hervorſpringt; außerdem dient es ihm nur zum Gegenſtand ſeines ſcharfen, beiſ⸗ — 110— ſenden Witzes, womit er Alles, Gewöhnliches und ungewöhnliches, Hohes und Niedres, Großes und leines, wie mit einer Salzlauge übergießt. Er hat nicht eine Ader von der gutmüthigen Herz⸗ lichkeit, von der frommen Begeiſtrung ſeines Bru⸗ ders. Was der Prinz rührend findet, das findet der Herzog ſchaal; was der Prinz ſchön heißen würde, würde der Herzog langweilig nennen. Was ihm gefallen ſoll, muß im höchſten Grade pikant ſehn, und wie er die beſten Speiſen mit den ſtärkſten Eſſenzen überſchüttet, um ſie nur genieß⸗ bar zu machen, ſo müſſen auch ſeine geiſtigen Genüſſe mit den ſtärkſten geiſtigen Eſſenzen ver⸗ ſetzt ſeyn. Die proteſtantiſche Kirche kann ihm in ihrer Dürftigkeit dergleichen nicht bieten; die katholiſche hat Reizmittel für ſolche überſättigte Geiſter, aber es gehört der rechte Mann dazu, ſie dem Herzog A. zu bieten. Haben wir dieſen Mann, ſo haben wir auch den Herzog. Ich be⸗ zweifle aus mehr als einem Grunde, daß Sie, mein Freund, bei all Ihrer diplomatiſchen Ge⸗ ſchicklichkeit, doch der Rechte zu dieſem höchſt ſchwierigen Geſchäfte ſind.“ ¹ — 111— „Und worin müßten denn die außerordent⸗ lichen Eigenſchaften dieſes Rechten beſtehen?“ fragte Reinecke etwas ärgerlich, ſeine Tauglichkeit als Proſelitenmacher in Zweifel gezogen zu ſehen. „Es verſteht ſich, daß wir ganz offen mit einander reden, und einander nichts übel nehmen. Eine übertriebene Empfindlichkeit wäre hier ganz am falſchen Platze. Wir arbeiten gemeinſam dem großen Zwecke entgegen und beſitzen wir ſelbſt die Mittel nicht, ihn zu erreichen, ſo müſſen wir ſie aus allen Kräften außer uns ſuchen. Der Mann, den wir brauchen, muß zwei unerläßliche Eigen⸗ ſchaften haben; er muß jung und ſchön ſeyn, er muß einen ächt poetiſchen Geiſt haben, d. h. nicht mittelmäßig ſentimental, wäſſrig gefühlvoll, wei⸗ nerlich, gewöhnlich, ſondern ſcharf, verſtändig, genial, hochbegabt wie unſer Tieck, unſer Schlegel, wie Jean Paul, mit dem der Herzog in enger Verbindung iſt. Seine Phantaſie muß hinreißend ſeyn, ſie muß die des Herzogs in ihren Grund⸗ tiefen aufzuregen verſtehen, wie ein Sturm den Bodenſatz des Mrers, ſie muß ſie überflügeln und auf die Punkte hinzulenken wiſſen, welche in un⸗ — 112— ſrer Kirche den Herzog feſſeln können. O Prinz F—'s Bekehrung in Rom war Kinderſpiel gegen dies Gigantenwerk; aber dennoch iſt es möglich, und es muß vollbracht werden. Nie war es meine Sache von einem halbvollendeten Werke der ſich häufenden Schwierigkeiten halber abzuſtehen.“ „Jung und ſchön, poetiſch und genial,“ wie⸗ derholte Reinecke, wie in Gedanken.„Kaum darf ich mich rühmen, etwas von der letztern all dieſer ſchönen Eigenſchaften zu beſitzen. Aber wozu jung und ſchön, wenn ich auch das„poetiſch“ zugebe?“ Der Marcheſe— oder vielmehr der Weltgeiſt⸗ liche— lächelte und ſagte dann:„Der Herzog hat den Geiſt und die Bildung eines griechiſchen Dichters; ſeine herrlichen, griechiſche Klaſſieität athmenden Idyllen, die er unter dem Namen Kyllenion herausgegeben hat, ſtellen ihn faſt über Theokrit, nur iſt er nicht ſo einfach, es fliegt ihm modern romantiſche Schwärmerei an, daher die wunderbar glänzende Farbenmiſchung; es iſt alles prächtig. Und doch trotz dieſem ſcheinbaren Wider⸗ ſoruch iſt ſein Weſen antik. Er liebt die Schön⸗ — 113— heit der Form bis zum Enthuſiasmus, und plaſ⸗ tiſche Schönheit geht ihm über Alles. Er ver⸗ gißt über der plaſtiſchen ſchönen Form oft nach dem Geiſt zu fragen. Darum liebt er auch, gleich den weiſeſten und größten Männern des alten Griechenlands, ſchöne Männer um ſich zu haben; es muß in ſeiner Umgebung Alles Harmonie ſeyn und ſein äſthetiſcher Sinn wird durch jede Störung deſſelben beleidigt. Aber ich habe nur ſchöne Män⸗ ner um ihn geſehen, keinen poetiſch genialen, ja überhaupt nur geiſtreichen; es ſind lauter Leute vom gewöhnlichſten Schlage. Ich habe aus dem Herzoge die tiefe Sehnſucht, das geiſtige Bedürf⸗ niß nach einem jungen ſchönen Mann, der zugleich genial iſt, herausgefühlt. Wir müſſen ihm den⸗ ſelben zuführen. Einem ſolchen Götterjüngling wird ſich bald des Herzogs ganze begeiſterte Liebe zuwenden; er wird ihn auf den Adlerfittigen der Poeſie der Erde rauben und in ſeinen Olhmp entführen. Wir aber haben damit unſer Spiel gewonnen. Begreifen Sie nun, was ich mit jung und ſchön, pvetiſch und genial will?“ „Vollkommen!“ verſetzte Reinecke nachdenk⸗ — 114— lich.„Ich kenne ſogar einen Mann, der dieſe Eigenſchaften in einem hohen Grade beſitzt.“ „und wer wäre der?“ rief der Weltprieſter haſtig. „Nun eben der junge Mann, mit welchem ich jene diplomatiſchen Angelegenheiten zu verhandeln angewieſen worden bin, und dem wir den Namen eines Herrn von Müllersdorf geben. Er iſt jung und ſchön, gewandt, genial, und hat eine poetiſche Natur, wie Sie wünſchen.“ „Wirklich? wirklich? in der That?“ rief der Geiſtliiche. „Nur ein zwiefaches Hinderniß ſteht hinſicht⸗ lich ſeiner der Ausführung dieſes Planes im Wege, nämlich die Grundſätze des jungen Mannes—“ „Grundſätze? Narrenspoſſen! Ausſichten auf Reichthum, Ehrenſtellen, Macht u. dg. werfen alle ſolche albernen Rückſichten über den Haufen. Laf⸗ ſen Sie mich mit ihm reden! Ich habe Mittel in Händen, ihn zu beſtimmen, daß er ohne viel Widerreden in unſere Plane eingeht. Daß wir die Leitung über ihn behalten, daß namentlich Sie in ſeiner Nähe bleiben und ihm die Schritte vorzeichnen, verſteht ſich von ſelbſt.“ „Ich werde mir von Ew. Hochwürden die nö⸗ thigen Inſtruktionen ausbitten.“ „Es bedarf keiner nähern Inſtructionen. Wir haben zwei Wege zu verfolgen, um uns den Beſitz des Fürſtenhauſes von Z. zu ſichern. Der erſte iſt, den Herzog A. zu gewinnen, ihn dann zu einer Scheidung von ſeiner Gemahlin und zur Verbin⸗ dung mit einer katholiſchen Fürſtin zu vermögen, damit männliche Leibeserben erzielt werden, oder den Prinzen F. mit einer ſolchen Fürſtin zu ver⸗ eheligen, und auf dieſem Weg einen Thronerben hervorzubringen. Leider ſcheint F. dazu nicht mehr tauglich. Der erſtere Weg iſt daher der ſichrere, obgleich auch der ſchwierigere, aber eben deshalb iſt er von mir gewählt worden. Iſt der Himmel günſtig— und ich hoffe, er wird ſeinen Beiſtand zu ſolch einem edeln und trefflichen Werke nicht verſagen,— ſo gründen wir in dieſem ſchönen und fruchtbaren Lande unſre Macht dauernd. Von D. aus bevölkern wir das reiche A. mit unſern Prieſtern, und von Z. aus können wir in der 8* — 116— umgegend zum Heile der alleinigen Kirche Got⸗ tes vieles ſchaffen. Und ſo geſchehe es. Amen!“ 8. Der Poſtbote hatte Briefe an Herrn von Müllersdorf gebracht. Sie verurſachten ihm die größte Unruhe, und lange lief er in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab, wie einer, der vergebens nach einem Entſchluß ringt. Hierauf ſetzte er ſich nieder und ſchrieb, aber bald ſprang er auf, zerriß das beſchriebene Blatt und ſteckte es mechaniſch in die Taſche. Tauſenderlei wunderliche Gedanken durch⸗ kreuzten des jungen Mannes Kopf, und, auf das endloſe Meer der Vermuthungen hinausgeſchlendert, vom Sturme der Sehnſucht und der bangen Erwar⸗ tung umhergetrieben, verlor er Anker und Segel, Steuer und Kompaß, und gab ſich der muthloſen Verzweiſtung einer Lage hin, die freilich verwik⸗ kelter und bedrängter war, als nur irgend Jemand ahnen konnte, und die leider! noch verwickelter und bedrängter werden ſollte. Um ſich die ſchwer⸗ velaſtete Bruſt in etwas zu erleichtern, beſchloß — 117— er, noch einen einſamen Spaziergang zu machen, und ſogleich eilte er in wilder Haſt aus Zimmer und Haus. Er lenkte ſeine raſchen Schritte nach dem düſtern Platze hin, welcher ſeiner Stim⸗ mung am angemeſſenſten war, aber im Erdfall ſtieß er auf mehre mit fröhlichen Leuten beſetzte Tiſche, deren Kreiſe durch helle Ampeln, deren Köpfe aber vom fenrigen Weingeiſte erleuchtet waren. Er wollte ſich ſchnell, ohne ſie weiter in Augenſchein zu nehmen, an ihnen vorbei drücken, als er ſich plötzlich am Rocke feſtgehalten fühlte und beim Namen gerufen hörte. Aergerlich wandte er ſich um, und gewahrte die Familie von Hoch⸗ mannsdorf am nächſten Tiſche verſammelt. „Nein, ſo kommen Sie mir nicht vorüber, Freundchen,“ ſchmunzelte der alte Baron in ſelig⸗ ſter Laune, indem er ihm einen Stuhl zwiſchen den ſeinigen und den ſeines Luischen ſchob.„Hier iſt gut ſeyn und beſſer als irgend anderswo. Laſ⸗ ſen Sie ſich nieder! Wo auch wollen Sie noch in der Nacht umherlaufen? Was?“ „Ein nothwendiger Gang zur Erholung— Bewegung, die mein körperlicher Zuſtand verlangt — 118— — friſche Luft— die Schönheit des Abends,“ ſtammelte Müllersdorf, ohne den Stuhl anzuneh⸗ men, ſondern ſtets im Begriffe, davon zu rennen. „Hier bei einer Flaſche Elfer können Sie ſich beſſer erholen, als auf jedwedem Spaziergang,“ verſetzte der Baron, blind für Müllersdorfs Ver⸗ legenheit, taub für den ängſtlichen Ton deſſelben, „und in der Nacht geht man nicht ſpazieren, man müßte denn mit einem heimlichen Liebchen ſelbander laufen. Hätten Sie etwa ſo ein edles Wild auf dem Rohre? Was?“ Und damit zog er den jungen Mann auf den Stuhl. „Herr von Müllersdorf eine Geliebte? Hier im Bade?“ fragte Luiſe mit jener unbeholfenen Albernheit, die Grund und Abſicht der Frage ſo⸗ gleich verräth. „und wer könnte die Glückliche ſeyn?“ zirpte Charlotte mit ſüßer Koketterie. „Hol' euch der Satan!“ fuhr der Lieutenant Wittenbach dazwiſchen.„Hat ein ehrlicher Kerl, vorzüglich ein Soldat, gleich eine Geliebte, eine glückliche Geliebte, wenn er ſich Abends einen — 119— galanten Scherz auf einer Promenade erlaubt? Tolles Zeug! Nicht wahr, Herr Kamrad?“ „Bei mir iſt weder das Eine, noch das An⸗ dre der Fall,“ verſetzte Müllersdorf, und ſuchte ſich, ein Mal gefangen, in ſeine Lage ſo gut als möglich zu ſchicken. „Freuet euch mit den Fröhlichen!“ krähete der alte Baron, und hielt dem Feſtgehaltnen ein volles Glas Wein hin.„Sehen Sie, Freundchen, Sie ſollen auch den Grund erfahren, warum ich heute Abend ſo ſeelenvergnügt bin. Heute Nach⸗ mittag iſt nämlich eine innig geliebte Freundin unſres Hauſes, die meine Kinder lange nicht ge⸗ ſehen hatten, weil ſie weit von uns im Baierſchen lebte, hier eingetroffen und hat uns allen die größte Freude mit der Erklärung gemacht, daß ſie ferner mit uns haushalten will. Ich habe die Ehre, ſie Ihnen hier vorzuſtellen. Madame Berg⸗ mann, dieſer junge Herr iſt) Herr Lieutenant von Müllersdorf, ein ſehr guter Freund unſrer Fa⸗ milie. Was?“ Eine ſchöne, bleiche Frau in Trauerkleidern, nicht älter als höchſtens achtundzwanzig Jahre, — die der zerſtreute Müllersdorf erſt jetzt ſich ge⸗ genüberſitzend bemerkte, verneigte ſich ſtumm. Sein Blick flog über ſie hin, kehrte aber auch ſo⸗ gleich frappirt zu ihr zurück und blieb mit einem dem Jünglinge anfangs ſelbſt unerklärlichen Stau⸗ nen, das eine unheimliche Beimiſchung von Grauen hatte, an ihren Zügen hängen, die keineswegs etwas ſo Außerordentliches, Seltſames und Stau⸗ nenswerthes in ſich trugen. Madame Bergmann war eines von den Geſichtern, welche reizend ſind, ohne ſchön zu ſehn, die aber ſtark markirte und von den gewaltigen Trieben der Seele ſcharf ausgeprägte Züge haben, und die man, ein Mal geſehen, nie wieder vergeſſen kann. Ihre hervor⸗ tretenden Angen ſprachen von viel feiner Sinn⸗ lichkeit der Beſitzerin und die aufgeworfnen Par⸗ tieen an den Mundwinkeln beſtätigten dieſe Aus⸗ ſage. Der Mund ſelbſt war herrlich geſchnitten und vom zarteſten friſchen Roth⸗ die Lippen gli⸗ chen kleinen weichen Kiſſen, vom Liebesdrange geſchwellt, eine Reihe weißer Zähne dahinter war wie der koſtbare Marmorzaun um einen blühenden üppigen Roſengarten zu ſchauen, ihr — 121— Wuchs hob ſich entzückend ſchlank und regelrecht, und die Hand, welche auf dem Tiſche vuhete, hätte jeder Bildhauer zum Modell benutzt. Und doch waren es all dieſe Reize nicht, welche Mül⸗ lersdorfs Blicke ſo gewaltig feſſelten, wie hätte auch er, jetzt, dieſen Abend, Sinn für weibliche Reize haben können, und wenn es die vollendet⸗ ſten geweſen wären! Es war der plötzlich als grauenhafte Wirklichkeit in's Leben geſprungene Traum der Erinnrungen, deren Gegenſtand lang ſchon im Grabe moderte, und nun ihm doch ge⸗ genüber ſaß, blaß und geiſterhaft, aber von Fleiſch und Blut. In höchſter Aufgeregtheit, worein ihn der unerwartete und furchtbare An⸗ blick der Fremden verſetzt hatte, ſtürzte er ein Glas Wein um's andre hinab, und antwortete auf alle Fragen Luischens verkehrt, ſo daß das gute Kind immer beſorgter wurde, Herr von Müllersdorf möchte ſich ſtehenden Fußes in Ma⸗ dame Bergmann verliebt haben, weil er ſie un⸗ verwandt mit glühenden Augen anblickte. In halber Verzweiflung goß ſie ſich ein Glas Wein auf den Schoos, indem ſie Müllersdorf den Tel⸗ — ler präſentirte, und gab ihm auf den Kopf ſchuld, er habe es umgeworfen, um nur ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu lenken. Müllersdorf fuhr wie aus einem Traume aufß, griff haſtig in eine Rock⸗ taſche, dann in eine andre und endlich in eine dritte, aus welcher er ſein Tuch hervorzog und damit das naſſe Kleid des Fräuleins abtrock⸗ nete, unzählige Entſchuldigungen hervorſtammelnd. Luiſe, glücklich von ſeiner Hand berührt zu wer⸗ den und bei dieſen Berührungen in heimlichen ſinn⸗ lichen Genüſſen ſchwelgend, ließ ihn ruhig gewähren, und fühlte ein noch nie empfundenes wollüſtiges Vergnügen durch alle Nerven beben, als er ihre Hand faßte und feſt und glühend preßte, und wie in Verwirrung ein halbes Dutzend Küſſe darauf drückte. Wer war ſeliger als die liebe unſchuld! wie ſegnete ſie den herrlichen Einfall mit dem Weine, der ihrem Geſchicke, wie ſie meinte, plötzlich eine andre Wendung gegeben hatte! Und— wie höchſt wunderbar ſind meiſt die Fügungen des Himmels!— gerade dieſer plumpe Einfall des verliebten und nach Liebes⸗ genuß und Liebeständelei ſchmachtenden Kindes — 123— gaben einem Geſchicke von weit größerer Bedeu⸗ tung eine andre Wendung, löfte den verworrenen Knoten in Müllersdorfs Leben und zertheilte die furchtbaren Wetterwolken, die ſich, mit faſt un⸗ abweisbarem Unheil geſchwängert, über ſeinem Haupte zuſammengezogen hatten, und jeden Au⸗ genblick loszubrechen und ihn zu vernichten dro⸗ heten. Als er nämlich in der höchſten Verwir⸗ rung nach ſeinem Taſchentuche ſuchte, zog er in unvorſichtiger Haſt unvermerkt das vorhin be⸗ ſchriebene und durchriſſene Papier heraus; das zuſammengedrückte Blättchen flog empor und fiel zu den Füßen der Madame Bergmann nieder. Sie allein bemerkte es, hob es auf, und ſteckte es, außer Stand, der Erbſünde des ſchönen Ge⸗ ſchlechts, der Neugierde, zu widerſtehen, in ihr Etui. Müllersdorf gewann es endlich über ſich, Ma⸗ dame Bergmann anzureden und ſie zu fragen, ob ſie ſich bereits Einiges von den Schönheiten des Badeorts betrachtet habe, aber kaum hatte ſie die erſten Worte geſprochen, als der junge Mann zuſammenfuhr und halb laut zu Luischens Ver⸗ — 124— wundrung mit zillernden Lauten ſagte:„Großer Gott, auch ihre Stimme iſt es! Ich werde wahnſinnig.“ Scheu rückte Luischen ab und flü⸗ ſterte ihrer Schweſter etwas in's Ohr; dieſe lachte aber herzlich und meinte, es werde ſo ſchlimm nicht ſehn. Zum Glück für den ſeltſam befangenen jun⸗ gen Mann enthoben ihn die Geſchwätzigkeit des alten Baron und die reichlich ſtrömende Fluth von Flüchen und ungezognen Redensarten des Lieutenants der Verbindlichkeit, ſelbſt viel zu re⸗ den, und er hatte faſt nichts weiter zu thun, als Luischens naive Zudringlichkeit abzuwehren, was ihm indeſſen nur zur Hälfte gelang; denn eh' er ſich's verſah, fühlte er ihre Hand wieder in der ſeinigen, und wußte nicht, wie er dazu gekommen war. Deſto aufmerkſamer horchte er auf jedes Wort, was Madame Bergmann ſprach, deſto ſchärfer betrachtete er ihre Züge, obgleich ein Schauer um den andern ſeine Gebeine durchrie⸗ ſelte. Von den ſeltſamſten Gefühlen gefoltert, konnte er endlich die Frage an die Fremde nicht unterdrücken, woher ſie gebürtig und wer ihre — 125— Eltern geweſen, und mit freundlicher Gefällig⸗ keit erzählte ſie ihm, daß ſie eine geborne B— erin, ihr Vater der vor dritthalb Jahren verſtorbene Hofrath Ritter geweſen ſeyh, daß ſie die Mutter zu früh verloren habe, um ſich ihrer erinnern zu können. Nach ihres Vaters Tode habe ſie ei⸗ nen weitläufigen Verwandten, einen Regierungs⸗ aſſeſſor in A—ch, geheirathet, deſſen Vater noch zur Zeit des p— iſchen Beſitzthums dieſes Länd⸗ chens von B. dorthin verſetzt worden ſey; vor ei⸗ nigen Monaten ſey aber ihr Gatte geſtorben und daher die Trauerkleider, die ſie trage. Müllersdorf fühlte ſich der Fremden durch dieſe Mittheilungen zwar menſchlich näher ge⸗ bracht, aber er konnte ſeine Verſtimmung trotz dem in Fülle aufgenöthigten Wein nicht beſiegen, und Müdigkeit vorſchützend, beurlaubte er ſich von der Geſellſchaft, alle Flüche Wetenbachs über ſein baldiges Entfernen, alle Bitten des Baron und alle einladenden Blicke Luischens un⸗ beachtend laſſend, und rannte noch eine Zeit lang, von den widerſtrebendſten Gefühlen durchſtürmt, in der ſternhellen Nacht umher. — — Er war kaum in ſein Zimmer getreten und hatte ſich von dem nachfolgenden Kellner Licht geben laſſen, als Reinegke, eine kleine Mappe unter dem Arm, mit der freundlichſten Geſchmei⸗ digkeit grüßend, über die Schwelle ſchritt. „Wiſſen Sie ſchon, daß der Marcheſe Ricconi dieſen Abend gekommen iſt?“ fragte er. „Roch nicht. Haben Sie ihn ſchon geſpro⸗ chen?“ „Ich komme ſo eben von ihm. Er erwartet morgen Ihren Beſuch. Auch habe ich heute Briefe von*** erhalten. Neue Verhaftungen ſind dort vorbereitet, und es wird nöthig ſeyn, daß Sie die vollſtändige Liſte aller Verbindungszweige ſchnell an Ihren Herrn Vater beſorgen, damit nicht die Rädelsführer und Hauptleute der Verſchwörung gewarnt dem ſtrafenden Arme der Gerechtigkeit entgehen.“§ „Sobald ich alle Ihre Papiere habe, werde ich ſelbſt reiſen, und mit Courierpferden nach W fliegen. — 127— „Dies ſcheint nicht im Plane Ihres Herrn Vaters zu liegen, wie aus ſeinem Briefe an mich hervorgeht, noch wünſcht es der Marcheſe. Der Letztere glaubt Ihnen eine vortveffliche Car⸗ riere am Hofe des Herzogs A. von Z. eröffnen zu können, oder er iſt vielmehr feſt überzengt, daß ſich Niemand zum Buſenfreunde des Herzogs beſſer ſchicken werde, als Sie, und er hat Ihnen dieſe glänzende Stelle zugedacht. Der Herzog iſt ein prachtliebender, ſehr gebildeter, äußerſt bele⸗ ſener Fürſt, ſelbſt genialer Dichter, Kunſtken⸗ ner, ein trefflicher Humoriſt und angenehmer Geſellſchafter. Sie werden ſtets um ſeine Perſon ſehn, ſich ſeines nächſten und innigſten umgangs zu erfreuen haben.“ „Und Ihre Papiere?“ fragte Müllersdorf mit angſtbeklemmter Stimme. „Schicken Sie morgen mit einem Courier an Ihren Vater.“ „Morgen ſchon?“ „Die Sache drängt; Eile thut noth; und je eher, deſto beſſer.“ „Es wäre doch weit gerathener, ich machte — 128— die Reiſe ſelbſt. Sie ſind ſtets ſo vorſichtig und jetzt wollen Sie dieſe höchſt wichtigen Papiere einem fremden Menſchen anvertrauen, der ſie meinem Vater bringen ſoll. Eh' Herzog A. aus Kavlöbad heimkehrte, wäre ich wieder hier.“ Dieſe Worte waren mit ſo auffallender Aengſtlichkeit geſprochen, daß Reinecke ſtutzig wurde; zum Glück ahnete er aber den wahren Grund der ſtarken Gemüthsbewegung des jungen Mannes nicht, ſonſt würde er ihm ſchwerlich die Papiere über⸗ laſſen haben. Beruhigend antwortete er:„In dieſer Hinſicht machen Sie ſich keinen Kummer. Einer von des Marcheſe Leuten macht die Reiſe.“ „Aber muß es denn ſeon? Müſſen denn alle dieſe edlen jungen Männer vernichtet werden, durch den Eishauch der Macht?“ rief jetzt Mül⸗ lersdorf von ſeinem überwallenden Gefühl weit über die ufer der Mäßigung und Veſonnenheit hinausgeriſſen. Reinecke maß ihn einige Augenblicke mit dem höchſten Erſtaunen, bis er in die Worte aus⸗ brach:„Was fällt Ihnen ein? Sprechen Sie in Fieberhitze?“ —— Sile —,—— — 129— Müllersdorf batte ſich gemäßigt, und fuhr fort:„Wir ſind jetzt unter uns, Mann gegen Mann, Freund dem Freunde gegenüber, Sie ein anerkannt geiſtreicher Mann, in den Geſchäf⸗ ten bewandert, mit unſerm Staatsleben bis in ſeine kleinſten Adern wohl vertraut, ich der Sohn eines mächtigen Staatsmanns und beſtimmt, den Grundſätzen der Stabilität, welchen mein Vater huldigt, zu folgen; ſollte es mir nicht vergönnt ſehn, meine Anſichten über jenes Ihnen bekannte Staatsleben als Menſch gegen den vernünftigen geiſtreichen Menſchen auszuſprechen, ohne befürch⸗ ten zu müſſen, daß derſelbe etwas Geiſtloſes in Schutz nehme?“ „Immerhin, reden Sie! Ich werde den jun⸗ gen unerfahrenen Freund in Ihnen hören, und Ihnen als erfahrner Freund antworten.“ „Ich denke, die Erfahrung hat mit den ab⸗ ſtracten Lehren der Philoſophie und Staatsweis⸗ heit nichts zu thun.“ „Verzeihen Sie! die Staatsweisheit hat nichts mit abſtracten Lehren zu thun, ſondern allein mit rein conereten Dingen.“ 9 — 130— „Aber die Philoſophie, darunter verſtehe ich jetzt die Ausbildung der menſchlichen Vernunft nach ihren eignen in ihr uranfänglich begründeten Geſetzen, nachdem dieſelben ausgemittelt worden ſind, und die daraus abſtrahirten Lehren über alle Ge⸗ genſtände der irdiſchen Welt, dieſe Philoſophie iſt die einzige Lehrerin der Menſchheit, ſie iſt die Erzieherin des Geſchlechts und die Leiterin des in ihm und allen Geſchlechtern liegenden Triebes nach Verbeſſerung, nach vorwärts ſchreitender Entwicklung, noch Vervollkommnung in idealer und materieller Hinſicht. Die Religion iſt nur die Amme des Menſchen; ſie reicht ihm zur Stär⸗ kung und Erhaltung die himmliſche Milch ihrer Bruſt. Unſer angebornes, innerſtes, heiligſtes Gefühl, unſre Vernunft, Philoſophie und Reli⸗ gion, alle ſagen uns, daß Vorwärtsſchreiten Le⸗ bensbedürfniß des Menſchen, daß Stillſtand ſchon Rückſchritt iſt, und daß durch eine verkehrte Folge der Geiſt vertrieben wird und die todte Form bleibt. Es iſt klar, die Menſchheit entwächſt der Vormundſchaft, wie der einzelne Menſch. Die alte Welt mit ihren Göttern und Fabeln, ihren „ — 131§ 8 Königen und Helden, ihren großen, wunderbaren Kämpfen und traumhaften Märchengebilden, was war ſie anders als die ſüße, liebe Kinderzeit der Menſchheit, die Zeit, welche am Fabelhaften und Außerordentlichen mit kinblichem Vergnügen hängt? Da bedurfte die kleine Märchen bildende, Märchen lebende Menſchheit gar ſtarker Führer, und Alerander und Cäſar und die gewaltigen Kö⸗ nige und Kaiſer, die Volksführer und Eonſuln, die Machthaber und Dietatoren waren da recht an ihrem Platz. Das Mittelalter iſt die Jüng⸗ lingszeit. Mit der Kraft in der Bruſt erwachte die kiebe, und die erſte Liebe iſt nicht ohne Schwär⸗ merei, daher Kampf und Minne, überhaucht vom roſenfarbnen Dufte der Romantik. Eine liebende Mutter wacht noch über des Jünglings vft thö⸗ rigten Schritten; ihr ſtammelt er ſeine Wonnen vor, ihr klagt er ſeinen Schmerz, ihr bekennt er ſeine Fehlerz ſie übt mütterliche Gewalt über ihn aus. Es iſt die Mutter Kirche. Da bedurfte er auch eines Vaters, eines Lenkers auf ruhmwür⸗ dige Wege, damit ihn der Drang nach Kampf nicht falſche Straßen führe, eines mächtigen — Beherrſchers des unſtäten, unſichern Jünglings⸗ willens, eines gewaltigen Herrn, der den Träu⸗ mer zuweilen aus den ſüßen Liebesträumen zu Kampf und That emporrüttele. Und der Vater, der Lenker, der Beherrſcher, der gewal⸗ tige Herr, das war das Kaiſerthum, das König⸗ thum des Mittelalters, und ein Karl der Große, die Ottonen, die Hohenſtaufen waren die rechten und tüchtigen Väter der Jünglingswelt. Doch die Mutter verlangte zu viel Herrſchaft über den Jüngling, ſchier mehr als der Vater, beide ka⸗ men in Streit, und die Mutter ſiegte mit Weiber⸗ liſt, bis der Jüngling, zu Verſtand gekommen, ſich ſelbſt gegen ihre ungebührliche Herrſchaft auf⸗ lehnte. Da erblicken wir ſchon hie und da das Streben, ſich loszureißen von kirchlicher und welt⸗ licher Gewaltherrſchaft; aber der Jüngling war noch nicht feſt und männlich genug, ſein Streben beruhte nicht auf Bedürfniß und Ueberlegung, ſondern entſprang aus einem auflodernden Eifer, der von keiner Conſiſtenz und Dauer war. Die uebergangsperiode vom Jünglings⸗ in das Manns⸗ alter iſt durch ſtarke Fämpfe bezeichnet, wie alle —,——— — 133— Uebergangsperioden in der Weltgeſchichte. Zuerſt drückt den jungen Mann die ſchmähliche Feſſel der Mutterherrſchaft, der Weibergewalt, er kämpft ein halbes Jahrhundert gegen ſie, die Welt wird zerrüttet und erſchöpft ob des grauſamen Kam⸗ pfes, und die Jünglingskraft wird ſo geſchwächt, daß, als ſie ſich endlich der Muttergewalt glück⸗ lich entzogen, ſie aus Ohnmacht und Erſchöpfung die jetzt um ſo willkührlichere und despotiſchere Gewalt des Vaters ertragen muß. Ruhig erdul⸗ det der kranke Jüngling es auch, wenn ein wür⸗ diger, edler, großer Mann die Vaterſtelle aus⸗ füllt, wenn nicht zu verkennen iſt, daß der weiſe Vater es gut meint mit dem männlich gewordnen Jünglinge, daß der Vater nicht durch eigenſin⸗ nigen, rohen Despotismus„durch Machtbefehle, wie man ſie unverſtändigen Kindern giebt, die noch keine Einſicht in ihr Wohl und Wehe haben und ihre Handlungen noch nicht nach den Geſetzen der Vernunft einrichten können, den verſtändigen, von hohen Einſichten, heiligen Gefühlen und dem Bewußtſein ſeiner Kraft und ſeines Werthes er⸗ füllten jungen S beleidigt und tief — 134— in der Seele verwundet, kurz, wenn man ein⸗ ſieht, daß der Vater den Geiſt des Sohnes ver⸗ ſtanden hat, und ihn nur leiſe und kaum bemerk⸗ bar leitet, wo jener vielleicht im noch nicht ganz gedämpften Jugendfeuer fehlt und ſtrauchelt. Solch ein Vater ſeiner Zeit war Friedrich der Große; er verſtand den Sohn, und der Sohn gehorchte dem Vater. Aber die leidige Eriſtenz allzu ſchwacher Väter führte dem Jünglinge gar bald die feſte Ueberzeugung vor die Seele, daß er ein Mann, ein verſtändiger, ſelbſtſtändiger Mann⸗ der Vater aber, der gute Vater, ein ſchwacher Greis geworden ſei, der jedoch, in dem Verhält⸗ niſſe, wie ſein Geiſt und Körper an Kräften ab⸗ nehme, noch in alter kindiſcher Eitelkeit und af⸗ fectirter Willensbeharrlichkeit die Herrſchaft über den männlichen Sohn unbeſchränkt und mit gleicher Willkühr ausüben wolle, wie er ſie einſt über das Kind und den Knaben geübt. Der Mann lächelte und ließ den Greis aus kindlicher Liebe und Gewohnheit ſein Weſen treiben, ſo wie er ja auch die uralte kraftloſe Mutter noch zuweilen keifen ließ wenn ihre 6 es erlaubte, und — 5— ihr den Schein von Macht, in dem ſie vegetirte, gern gönnte. Soll der Mann ferner in den Ver⸗ hältniſſen leben, in welchen ſich das Kind einſt glücklich befand, oder müſſen ſie ſeinen Jahren angemeſſen werden? Sagen Sie?“ „Ich habe Sie mit allem Fleiße ausreden laſſen und nicht ein Mal unterbrochen,“ nahm jetzt Reinecke das Wort, der ruhig auf dem Sopha geſeſſen und dem eifrigen Sprecher mit geſpannter Aufmerkſamkeit bis zuletzt zugehört hatte.„Sie werden mir erlauben, das Recht, welches ich Ihnen freiwillig zugeſtanden, nun aunh für wic in A in Anſpruch ich Ihnen bas Prch zu nehmen. Zuerſt muß Vergleich ſchön und poetiſch war;“ avdgüIhr Vergleich hinkt“, iſt ein uraltes Sprichwort; der Ihrige iſt nicht ausgenommen. Es liegt zu weit außer meinem Zwecke, mich auf Ihre Kindes⸗ und Jünglingszeit einzulaſſen; Sie haben unſre Zeit zuletzt den mündigen Mann genannt, d. h. mit andern und erklärenden Worten: den ein⸗ ſichtsvollen, verſtändigen, ſich ſeiner rechten Ein⸗ ſicht und ſeines klaren Verſtandes wohlbewußten — Mann, der mit der Einſicht den guten Willen gerbindet, und den Villen durch kräftige That unterſtützt und ausführt. Ein ſolcher Mann be⸗ darf allerdings weder einer Mutter, noch eines Vaters, noch endlich gar eines Vormundes zu ſeinen Handlungen. Laſſen Sie uns zuſehen, wie Ihr Vergleich auf unſre Zeit paßt. Wenn wir von unſrer Zeit reden, ſo haben wir's, um um⸗ ſtändlich deutlich zu ſehn, mit den jetzt lebenden WMenſchen zu thun. Dieſe Menſchen ſind verſchie⸗ den nach Geſchlecht, Alter, Stand. Laſſen Sie uns jede Klaſſe nach ihren Abtheilungen durch⸗ gehen, und den Geiſt jeder einzelnen ersnf⸗hen⸗ t zu ie daraus lihet Shren S 4 wir ſehen, wie ähnlich oder unähnlich 5 ihm iſt. Ich werde dabei auch die Frauen nicht aus dem Auge laſſen, obgleich man ihrer in der Re⸗ gel bei ſolchen Gelegenheiten nicht erwähnt; aber ein kluger Diplomat weiß die Rolle, die ſe in der Welt ſpielen, nach ihrem vollen— wenn auch meiſt verſteckten— Werthe zu würdigen. Laſſe Sie uns aber mit den Ständ en beginnen —— und die Kategorien Geſchlecht und Alter dieſem Begriffe, als von uns angenommenem Haupt⸗ begriffe, unterordnen. Wir theilen die Maſſe demnach in Adel, Geiſtlichkeit, Bürger und Bauer. Den Adel theile ich in Hof⸗ und Fürſtendiener, in reiche Lehnsträger und Güterbeſitzer, und in denjenigen Adel, der Staatsämter bekleidet. Un⸗ ter Geiſtlichkeit iſt katholiſche und proteſtantiſche wohl zu unterſcheiden; während die erſtere ſelbſt⸗ ſtändig iſt, ſind die Individuen der letztern eigent⸗ lich nur Staatsdiener. Unter Bürger iſt wieder ein großer, vielleicht der größte Unterſchied. Denn hier ſteht die ungeheuere Maſſe der Staatsdiener und Beſoldeten, der handel⸗, gewerbe⸗ und acker⸗ bautreibenden Klaſſe gegenüber. Aus allen dieſen Ständen, die Geiſtlichkeit ausgenommen, iſt das Militär gebildet, und macht einen Stand für ſich aus. Der Bürger⸗ und Bauernſtand iſt der Na⸗ tur der Dinge und der menſchlichen Vernunft ge⸗ mäß der Hauptſtand im Staate, obgleich er nicht dafür gilt; Handel, Gewerbe und Ackerbau ſind die drei Träger des Staats, ihretwegen iſt eigent⸗ lich der Staat da, der Fürſt iſt da, ſie zu re⸗ —— gieren, d. h. im eigentlichen Sinne: lenken, lei⸗ ten, zu den beſten Zwecken hinführen, und ſie nicht, um ſich vom Fürſten regieren, d. h. im falſchen, despotiſchen Sinne: ausſaugen, ſchwächen zu laſſen. Der handel⸗ und gewerbetreibende Bür⸗ ger und der Bauer ſind der Vernunft nach die Hauptperſonen, auf ihren Geiſt kommt alles an; iſt er reif, mündig, ſtark, ſich ſeiner Kraft und Herrlichkeit bewußt, ſo iſt unbeſchränkte Mo⸗ narchie Despotismus und Alles iſt in unſern Staaten, wie Sie behaupten, verkehrt und ſchlecht. Faſſen wir drum den Geiſt des Bürgers näher in's Auge, und geſtehen Sie mir offen, ob ich Wahrheit rede, wenn ich dieſen Geiſt näher zu bezeichnen unternehme. Was dem Beobachter zu⸗ erſt und vorzüglich in die Augen ſpringt, iſt das verzweifelt lächerliche und bis zur ekelhafteſten Abgeſchmacktheit getriebene Drängen des Bürger⸗ ſtandes in die höhern Stände und die damit ver⸗ bundene Vergnügungsſucht. Der Bürger ſucht keineswegs mehr, wie ſonſt, ſeinen Ruhm und ſeine Luſt in der dauerhaften Güte ſeines Hände⸗ werks; nein, er ſucht eine eitle Ehre darin, für — 638— mehr zu gelten, als was er zu ſeyn ſcheint, näm⸗ lich ein ehrlicher, braver Handwerker, er iſt ſich der hohen Bedeutung, der erſten Stelle keines⸗ wegs bewußt, welche der Bürger im Staate ein⸗ nimmt; er will es an Kleiderpracht, an Auf⸗ wand und Modethorheit dem Adligen gleich thun, aber er ſpielt den unterthänigen wedelnden Hund bei dieſem; er ſchätzt es ſich für die größte Ehre, irgend eines Umgangs, und ſollte es ſogar ein ſehr demüthigender ſehn, von den ſogenannten vornehmen Leuten gewürdigt zu werden; er klei⸗ det ſeine Töchter, wie Pariſer Modedamen, er ſchickt ſie in Inſtitute unter die Töchter der hö⸗ hern Stände, er läßt ſie Franzöſiſch plappern leh⸗ ren und iſt entzückt, wenn ſie irgend unſinn über eine Roſſiniſche Oper, deren Ouvertüre ſie dürftig auf dem theuer erkauften Flügel klimpern, ſchwaz⸗ zen und Göthe tadeln und langweilig finden, und von Byhrons wüſter Zerriſſenheit ſich angezogen fühlen. Seine Söhne läßt er nicht etwa ein gu⸗ tes Handwerk, das nach der alten Lebensweisheit einen„güldnen Voden“ hat, lehren, Gott be⸗ wahre! das wäre ja eine Schande. Sie müſſen —— ſtudiren, Jäger, Kaufleute, Apotheker oder ſon⸗ ſtige Künſtler, als Muſiker, Maler, Schau⸗ ſpieler werden. Es wird nicht gefragt, ob ſie Beruf zu der Kunſt oder Beſchäftigung haben, der ſie ihr Leben weihen ſollen; es geſchieht ja nur, um vornehmer zu werden. Daher die Schaa⸗ ren mittelmäßiger Köpfe unter unſern Candidaten der Theologie, der Jura, der Mediein, die mit übermäßiger Anſtrengung ſich die Formen in den engen Kopf gezwängt, um die Examina zu be⸗ ſtehen, und hernach den Behörden, deren oberſte Stellen meiſt mit Adligen beſetzt ſind, den Pa⸗ tronen, Protectoren⸗ Gönnern und ſonſtigen vor⸗ nehmen Leuten, vor den Füßen herumkriechen, Speichel lecken, Achſel tragen, Maul ſchwatzen, Ho⸗ ſiren, ſich niederträchtig behandeln, zu allen Schlech⸗ tigkeiten brauchen laſſen, die Machthaber noch auf Schliche und böſe Wege zur Befriedigung ſinn⸗ licher Begierden und rohen Egoismus aufmerkſam machen, woran dieſe von ſelbſt vielleicht gar nie gedacht, um ſich nur Gunſt zu erwerben, einzu⸗ ſchmeicheln, und endlich ein dürftiges Dienſtchen zu erſchnappen ⸗ Wären dieſe Leute ehrliche und ——— — 141— regſame Handwerker geworden und hätten nur diejenigen aus ihrer Mitte, denen der Schöpfer die Seele mit dem Aetherſtrahl des Genies er⸗ hellte, jene höhere Bahn wandeln laſſen, zu wel⸗ cher ſie berufen ſind, ſie hätten ſich die Würde der Menſchheit unbefleckt erhalten, ſie könnten das Haupt aufrecht tragen und fühlten ihre Bruſt vom edelſten Bewußtſein geſchwellt. Die Haupt⸗ ſchuld dieſes kleinlichen elenden Unweſens liegt an den Frauen. Dieſe Bürgermodeweiber tragen in der Dummheit ihrer Lebensanſichten den erſten Keim zur Verderbtheit der Zeit. Ihre Götter ſind Lurus und Vergnügen, und ihre Töchter erziehen ſie in dieſem Götzendienſt mit Eifer und Treue. Ach, es iſt nichts Ekelhafteres, als ſolch⸗ eine halbgekochte, ſentimentale, kokettirende Bür⸗ gersfrau, während es nichts Schöneres und An⸗ ziehenderes giebt, als eine würdige, beſcheidene, thätige, ihrem Haushalte mit Verſtand vorſte⸗ hende Bürgersfrau. Aber die Männer ſind ſchwach; denn Schwachheit, nicht Stärke, iſt die Farbe des Jahrhunderts, die Männer ſind mit ergriffen vom Fieber der Vornehmthuerei, und während die Frau, wenn ſie noch jung und hübſch iſt, ei⸗ nem vornehmen adligen Galant Gehör giebt, ſtolz und beneidet, kriecht der Mann vier und zwanzig Jahre ſpäter vor den Füßen des Präſidenten, Oberkammerherrn, Hofmarſchall, um dem Candi⸗ daten Juris, dem Sohne ſeiner Ehehälfte, der vielleicht dieſem Präſidenten ꝛc. fein Leben ver⸗ dankt— denn der Gnädige war ſonſt als Aus⸗ eultator, Kammerjunker ꝛc. der Anbeter der gu⸗ ten Frau— ein elendes Dienſtchen zu erſchmeicheln. Das ſind nun unſre modernen, wohlha⸗ benden Bürger; die alten ſind in ſpießbürger⸗ lichen Vorurtheilen, reichsſtädtiſchen Abgeſchmackt⸗ heiten und ſtabilen Kleinigkeiten ſo eingefroren, daß nur der Tod ſie loseiſen kann. Der unbe⸗ mittelte Bürger iſt zu ſehr von künſtlicher, durch Sperren, Mauthen, Abgaben ꝛc. hervor⸗ gebrachten Nahrloſigkeit gedrückt, daß ihm die Sorge für das tägliche Brot alles Intereſſe für die öffentlichen Angelegenheiten raubt. Der wü⸗ thende Druck der Armuth, die mehr und mehr über Hand nehmen muß, weil die Nahrungsquellen immer mehr vertrocknen, würdigt den Menſchen — 143— faſt zum Thiere herab. Der Bauer wird vom Feudalweſen geiſtig niedergehalten, und verſchmäht mit ärgerlicher Hartnäckigkeit jedes Mittel zur Verbeſſrung. Stumpfſinn und Kleinigkeitsgeiſt ſind die Elemente ſeines Weſens; das jüngere Volk iſt unzüchtig und vergnügungsſüchtig gleich dem Städter. Springen wir hier zu den Kaufleuten und Krãmern und endlich zu den Beamten über! Kann man irgendwo etwas Erbärmlicheres finden, als den deutſchen Krämerdünkel? Was ſalbadert ſolch ein Gewürzhändler den ganzen Tag zu Hauſe und in Geſellſchaft über die trivialſten Dinge, über die weſenloſeſten, unbedeutendſten Kleinigkeiten, die am Ende alle darauf hinauslaufen, daß die Frau des Bierbrauers A. einen ſchönern Shawl beſitzt, als ſeine Frau, daß das naſeweiſe Töch⸗ terchen des Sekretärs B. auf dem Balle mehr Tänzer hatte, als ſeine eigne, daß der Bürger⸗ meiſter ein ſchlechter Kerl ſei, weil er ihm in der letzten Rathsſitung nicht die gebührende Ehre angethan, und was dergleichen endloſer, kraft⸗ loſer, ſaftloſer, aber doch dünner, miſerabler — 144— Waſſerbrei mehr iſt. Oder glauben Sie die liebe hoffnungsvolle Jugend von einem beſſern Geiſte beſeelt? Betrachten Sie ſich doch dieſe winzigen, windigen Bürſchlein, die mit Elle und Wage hand⸗ thieren! In ſich ſelbſt verliebte Gecken, äffen ſie in Kleidung, Gang, Ziererei und Narretei die engliſchen gentlemen und fashionables nach. Welch andern Gedanken hat ſolch dummer Junge wohl im Kopfe als ſein werthes Ich? Wie trägt er nur ſich überall zur Schau! Wie ſucht er einen Ruhm darin, der größte Zieraffe zu ſehn! und ſehen Sie doch, wie die ganze Stadt den lieben, ſüßen Jüngling anſtaunt! Wie alle Frauen⸗ herzen ihm zufliegen! Wie man die glückliche Jungfrau beneidet, der er einen holdſeligen, ſchmachtenden Blick ſchenkt, die er im rauſchenden Tanze an ſein großes Herz ſchließt! Er iſt der Gegenſtand des Damengeſprächs, ſeine Worte werden referirt und bewundert, ſein Anzug ge⸗ muſtert und belobt, ſein Anſtand, ſeine Bildung geprieſen; man rühmt es, daß er Claurens Werke angeſchafft, in Maroquin gebunden mit Gold⸗ ſchnitt verziert und den Damen leiht; man findet, 3 — 145— daß er ſich nach den Kraftgeſtalten dieſes großen Dichters gebildet. Er gilt dem ganzen jüngern Geſchlecht als ſonnlich vorleuchtendes Beiſpiel. Er iſt der Gott des Tags. „Wir wenden uns von dieſem ekelhaften Bilde und treten in die Häuſer der Beamten. Die laue, kraftloſe Mittelmäßigkeit des Geſchäftslebens hat ihre ſchmutzgraue, unſcheinbare Fahne zum Fenſter herausgeſtreckt. Betrachtet ſich etwa einer dieſer Menſchen, dieſer Maſchinenköpfe, als Diener des Staats? Schon dieſer einzige Gedanke würde den Mann aus ſeiner ſchläfrigen Erbärmlichkeit her⸗ ausreißen. Sein Aemtchen hat er durch Gunſt erbettelt, erſchlichen, was Wunder, wenn er der Knecht, der Spürhund ſeines Gönners, ſeines Obern bleibt? Wie tief bückt ſich der Schreiber vor dem Reviſor, wie unterthänig krümmt ſich der Reviſor vor dem Sekretär, wie zieht der Se⸗ kretär mit unterthänig grinſendem, hofſirendem Lächeln den Hut vor dem Rath, wie ſcherwenzelt und leckt in tiefſter Unterwürfigkeit, um Gunſt und Gnade bittend, der Rath vor dem Miniſter! Und der Miniſter gewährt lächelnd, ſchlägt freund⸗ 10 —— lich ab, iſt huldreich. Der Rath aber behandelt den Sekretär mit Impertinenz; der Sekretär den Reviſor mit Inſolenz, der Reviſor den Schreiber mit Stupenz. So beleckt und despotiſirt ſich dies Lumpenoolk unter einander. Kein großer Gedanke zittert durch die mit ſchwerem, dichten Nebel er⸗ füllten Köpfe dieſes mattherzigen Haufens, dieſer Machwerke Gottes, als er ſchläfrig und ermüdet war nach der Schöpfung der Napoleone, Kante, Schiller. Sie ſind wie ein gewoͤhnlicher Gedanke, bis zum Ekel in hundert preciöſen Formen wie⸗ derholt, ſie ſind wie die franzöſiſchen Luſtſpiele, haben einen brillanten Schein, ſind aber matt⸗ herzig und kraftlos und haben alle eine Phy⸗ ſiognomie, die von ſo wenig Eigenthümlichkeit iſt, daß man ſie in der nächſten Minute ſchon ver⸗ gißt, nachdem man ſie zum hundertſten Mal ge⸗ ſehen hat. Betrachten Sie ſich dieſe„Beſen, Beſen⸗ männer, die der vorwitzige Lehrling des Meiſters“ ſchuf, die geſpalten ſich verdoppeln und Waſſer tragen, immer Waſſer in den ekelhaft wäſſrigen Keſſel unſrer Staatsgeſchäfte, und aus welchem die Geſetze, die heilſamen Verordnungen für„des — 147— Volkes Wohl“ als Dünſte emporſteigen, betrach⸗ ten Sie dieſe Leutchen nun in ihren häuslichen Kreiſen. Das alte Lied: Vergnügungsſucht, Lurus, Egoismus, Streben nach ſogenannter Vornehm⸗ heit, Kleinigkeitsgeiſt, Frauenherrſchaft, alle Nu⸗ ancen liebenswürdiger Nichtswürdigkeit. Die wi⸗ drigen— o bis zum tierfſten Ekel erbärmlichen Frauen ſchließen ſich in Kaſten ab, und üben mit der Schärfe ihrer Zungen ein wahres Terroriſten⸗ gericht über alles, was noch edel und groß aus dieſer Jämmerlichkeit hervorragt. Vom Adel und vorzüglich von den adeligen Frauen verachtet und uͤber Achſel angeſehen, rächen ſie ſich, gleich ihren Männern, für dieſe erfahrne unbill, an den Frauen der gewöhnlichen Bürger, Handwerker ꝛe. und treiben die Klatſcherei, Verläumderei, Hetzerei nach Privilegien. Da haben Sie denn das ge⸗ treue Bild dieſer Bürgerkanaille. Die unausſteh⸗ lichſten Exemplare darunter ſind die ſogenannten Geldariſtokraten, meiſt aufgeblaſene, hohlköpfige, flegelhafte Menſchen, die ihren Mammon oft mit Lug und Trug, Schelmerei und Betrügerei, Wucher uud Schinderei zuſammen getrieben, die mit ihrem 10* — 148— Dreibätznerverſtand alles verachten, alles über⸗ ſehen, aber mit lächerlicher Unverſchämtheit von Allen Reverenz und Scherwenzelei verlangen. und zollt ihnen nicht etwa das breiweiche, lauwarme, waſſerſuppige Volk den begehrten Tribut?— Sagen Sie, Freund, 2 vcht gezeichnet oder nicht 263 „Sie haben leider recht gigu wenn auch mit allzuſchwarzen Farben ausgemalt, und zu ſtark aufgetragen,“ verſetzte Müllersdorf ſeufzend und ſtark abgekühlt von der Glut ſeiner Be⸗ geiſtrung. „Gut denn!“ fuhr Reinecke in ſeiner eiſigen Kälte fort.„Was iſt dies Volk werth? Regiert, tyranniſirt zu werden, oder ſelbſt zu regieren, zu tyranniſiren? Würden Sie das Regiment lieber in der Hand eines unſrer Fürſten, ſamt ſeinem Adel, der, wie wir gleich hören werden, noch vieles vor der Erbärmlichkeit des Bürgers vor⸗ aus hat, oder in den Händen ſolcher Schildbürger, Schöppenſtädter, Böotier, ſolcher ekelhaften Klei⸗ nigkeitskrämer, ſolcher von ſtinkendem, windigem Egvismus aufgeblaſenen Geldariſtokraten wün⸗ — 149— ſchen? Können Sie ſich denken, daß ein reich⸗ gewordener Fleiſcher, den Wanſt voll Fett und den Kopf voll Dummheit, das Präſidium in der Republik führte; er würde ja mit ſeinem Beile wegräumen, was ſeiner Frau nicht anſtände, den Kaufmann, deſſen Frau ſich nicht genug vor ihr beugte, die Bäckersfrau, die ſich eben ſo viel dünkte! O über all das Miſere— Hn „Doch wir haben den Bauernſtand mit Armuth und Dummheit, den Bürgerſtand, außer Armuth und Dummheit, mit Hochmuth und Kriecherei, Prahlerei und unterthäniger Demuth geſtempelt geſehen; laſſen Sie uns nun den Adel betrach⸗ ten! Durch Geburt, Reichthum, angeerbte Rechte in den Genuß äußerer Vorzüge geſetzt, wird es den beſſern Köpfen des Adels— und er iſt ge⸗ rade nicht arm daran— gar bald leicht, einzu⸗ ſehen, wes Geiſtes Kind dies Bürgervolk iſt. Wollen Sie verlangen, daß er die ihm angebor⸗ nen Rechte,— ſo vernunftwidrig ſie immerhin ſind— aufgebe und jenen elenden Menſchen ab⸗ trete? daß er verrückt wäre? Wäre der Bürger ſtark geng, mit Muth und Beharrlichkeit zu — drängt, und ihm weiß macht, er ſei der Beſchützer — 150— fordern, was ihm gebührt, der Adel würde nicht lange die Kraft haben, es ihm zu verweigern. Während alſo der Adel gezwungen iſt, mit Ver⸗ achtung auf das Bürgerthum herabzuſehen, das ſich ja ſelbſt unter einander verachtet und verhetzt, lebt er, der Adel unter ſich ſelbſt im beſten Ver⸗ nehmen. Die Leute halten beiſammen, weil ſie ein gemeinſames Intereſſe haben. Der Bürgerſtand ſollte ſich eine Lehre daraus ziehen, ein Beiſpiel daran nehmen. Ihr Intereſſe iſt, die lang genoſſe⸗ nen Vortheile ſich ferner zu ſichern und die For⸗ men aufrecht zu halten, die ſie zum Herrn der Völker machen. Glauben Sie denn, andre Adlige ſähen nicht ſo gut, wie Sie, ein, daß ihnen dieſe Rechte nicht gebühren, daß ſie durch Genuß die⸗ ſer Partieularrechte den allgemeinen Menſchen⸗ rechten Hohn ſprechen? Aber wollen Sie denn dem Adel darum verdenken, wenn er, trotz dieſer Einſicht des Unrechtes, ſich dennoch ſeine Vor⸗ theile zu wahren ſucht? Der Fürſt iſt der Träger dieſer Rechte, der Beſchützer dieſer Vortheile, was Wunder, wenn der Adel ſich um den Fürſten — 151— des Fürſten? Was Wunder, wenn man die ad⸗ ligen Herrn als Hofſchranzen katzenbuckeln, als Kammerherrn vor Prinz und Prinzeſſin kriechen ſieht, dieſelben Herrn, die eine Stunde vorher vielleicht ein Geſetz für den Staat geſchaffen, oder wenigſtens den Namen dazu hergegeben, oder das Amt eines Cenſors über die herrlichſten Gedanken eines Genies, das für die Verbeſſerung der Welt geſchrieben, ausgeübt, und die beſten Stellen dar⸗ aus geſtrichen? Das Inſtitut des Adels iſt längſt veraltet; die Nachkommen beſitzen die Kraft der Väter nicht mehr; das Alles geb' ich Ihnen zu; aber ſie ſizen im Vortheile und ſind noch immer klug genug, ſich denſelben zu ſichern. Sie ſind groß, weil die Andern klein ſind. Unter einer Reihe Maulwurfshügel iſt ein Düngerhaufe ein Berg. Die adligen Frauen nun vollends ſind von dem horribelſten Dünkel beſeſſen; ſie haben zehn⸗ tauſend Teufel der Eitelkeit, des Hochmuthes, Stolzes, der Anfgeblaſenheit, Klatſchſucht und Niederträchtigkeit im Leibe, und ſitzen, wie Minos und Rhadamanthus in der Unterwelt, mit uner⸗ bittlicher Strenge zu Gericht, alles verdammend/ — 152— was kein„von“ vor ſeinen Namen kleckſt. Den⸗ noch iſt unter dem Adel noch die meiſte Bildung, die beſte Lebensweisheit, die größte Schlauheitz. die Fürſten ſind an den ihnen huldigenden Adel gewöhnt, der Bürger iſt zu ſchlecht, als daß der Fürſt populär werden könnte. In Summa: die Farbe des Adels iſt alſo Kriecherei gegen die Fürſten, Hochmuth gegen den Bürger, geſellige Verträglichkeit unter ſich.— Hab' ich recht ge⸗ zeichnet, mein altadliger Freund?“ „Sie haben recht gezeichnet, und dies Mal nicht zu ſtark aufgetragen!“ verſetzte Müllersdorf. „Ich werde mich nun kurz faſſen können; denn wir haben es nur noch mit dem Prieſter⸗ und Soldatenſtande zu thun. Die höhere katho⸗ liſche Geiſtlichkeit beſteht größtentheils aus Adli⸗ gen, und hat mit dieſen gemeinſame Intereſſen. So wie der Weltliche von Adel wünſcht und trachtet, ſich ſeine Vortheile im Staate zu ſichern, ſo wünſcht und trachtet der Geiſtliche von Adel, eſeine reichen Pfründen in der Kirche zu behaup⸗ ten; und ſo lange ſie ihm Niemand nimmt, wird er ſie behaupten. Es wird ſie ihm aber Niemand — 153— nehmen; denn die Welt iſt zu kraftlos, und ein zweiter Napoleon wird ſchwerlich geboren. Ein kluger Kopf wird dem Beſitzer nicht verdenken, wenn ſich derſelbe in ſeinem Beſitzthume zu be⸗ haupten ſucht, ſey dieſes nun vernunftgerecht oder vernunftwidrig. Von der niedern katholiſchen Geiſtlichkeit kann hier gar nicht die Rede ſeyn, ſie beſteht aus den Ausfüllſteinen des großen Gebäudes. „Die proteſtantiſche Geiſtlichkeit hat neben dem Lehramte auch das Bildungsgeſchäft; ſie iſt aus dem Bürgerſtande, meiſt aus dem niedrigſten, hervorgegangen, und hat deßhalb ſelbſt wenig Bildung; aus Furcht das Aemtlein, in dem man ſo behaglich faullenzen kann, zu verlieren, pre⸗ digen und lehren die Herrn Paſtoren, was man von oben her gern ſieht. Das Militär endlich iſt erſt die wahre und dauerhafteſte Stütze der Fürſtengewalt. Der Bürgers⸗ und Bauersſohn läßt ſich willig zur Maſchine des gemeinen Sol⸗ daten herabwürdigen; der Offizier iſt von Adel. Großer Gott, und welch ein Geiſt iſt unter dieſen Offizieren! Worte reichen nicht hin, die — 154— Nichtswürdigkeit deſſelben klar zu machen. Gibt es wohl im weiten Kreiſe der phyſiſchen Schöp⸗ fung etwas Abgeſchmackteres, Alberneres, Unaus⸗ ſtehlicheres, als ſolch ein neugebackener Lieute⸗ nant. O wie entzückend lächerlich ſind dieſe Drath⸗ puppen in den erſten fünf Minuten! wie lang⸗ weilig ſind ſie in den zweiten! wie eckelhaft in den dritten! wie unausſtehlich⸗widrig in den vier⸗ ten! Dies Volk in bunten Farben hat keinen Begriff vom Staate. „Hier, mein Freund, haben Sie das verſpro⸗ chene Bild unſerer Zeit. Es bleibt mir nur noch übrig, der Ausnahmen, der ruhmvollen Ausnah⸗ men von dieſem ſchwarzen fratzenhaften Bilde zu erwähnen, die ſich in allen Ständen finden, deren, wie ich glaube, ſogar nicht wenige ſind, die ſich aber dennoch als ein kleines, zerſtreutes, macht⸗ loſes Häuflein unter der großen Maſſe verlieren. Die meiſten hellen und wohlbeſtellten Köpfe fin⸗ det man unter den Gelehrten. Die meiſten Ge⸗ lehrten aber ſind Stubenſitzer, kennen die Welt nicht, ſind einſeitige Pedanten; der Philolog oder Wortknausler verachtet in ſeinem thörigten Hoch⸗ = 56— muth alle andern Gelehrten, alle Stände, die ganze Welt; eine griechiſche Partikel oder ein la⸗ teiniſcher klaſſiſcher Styl iſt ſein Gott; der Staat eriſtirt nicht für ihn und der Sultan wär' ihm als Herrſcher ſo lieb wie der Metzgermeiſter, deſ⸗ ſen ich vorhin erwähnte. Von ſolchen Pedanten rede ich nicht, ſie find Nullitäten. Ich rede von den wahren Gelehrten, die die Humanitätswiſſen⸗ ſchaften in ſich aufgenommen, den Saamen der⸗ ſelben auf ihren empfänglichen fruchtbaren Boden ausgeſtreut, ihn gehegt und gepflegt und die Früchte davon wohl angewandt haben. Dieſe Männer von klarem Sinn und Verſtand und von unverhärtetem Herzen haben einen dreifachen Weg vor ſich, und jeder von ihnen wird einen derſelben wandeln. Entweder ſie werden, nach⸗ dem ſie Dummheit und Schlechtigkeit lange ge⸗ nug die Herrſchaft über die irdiſchen Dinge haben führen ſehen, ſich, um ſich ferner nicht mehr zu erärgern, einer gänzlichen Gleichgültigkeit über politiſche Dinge hingegeben und in den Armen der Wiſſenſchaft Troſt, Beruhigung, Erſatz und Heiterkeit finden, und in dieſen Armen endlich —— ſanft entſchlummern. Dazu gehört ein pflegma⸗ tiſches Temperament, und das hab' ich nicht. Oder ſie werden an den öffentlichen Dingen, am Staat und deſſen Regierung ſtets das lebhafteſte Intereſſe nehmen, aber der dauernde Triumph der Dummheit und Schlechtigkeit, der Sieg des böſen Princips wird ihnen einen ſteten wüthen⸗ den Schmerz bereiten, der ſich auf zweierlei Art, entweder tragiſch oder ſatyriſch, äußert. Im er⸗ ſtern Falle wird das edle Herz ſich verbluten, ach! und wie viele haben ſchon dieſen bittern Kelch geleert. Das ſind die Melancholiker, und auch dies bin ich nicht. Im letztern Falle werden ſie ihrem Unmuth Luft machen, ihrer Aemter ent⸗ ſetzt, ihres Vermögens beraubt, in den Kerker geworfen oder aus dem Lande gejagt werden. Ich bin auch kein Choleriker. Den dritten Weg nenn' ich mit Recht den klugen; und alle wahr⸗ haft geſcheidten Köpfe ſind ihn gewandelt. Er iſt der, mit Schalkheit, Liſt, Verſchlagenheit und all den Mitteln, welche der Himmel ſeinen Lieb⸗ lingen gegeben, über Dummheit und Bosheit zu triumphiren, und von der Welt, die doch ein — 157— Mal nicht anders iſt, den möglichſt größten Nuz⸗ zen zu ziehen. Das iſt der Weg des ſanguini⸗ ſchen Temperaments, und ein Sanguiniker bin ich. Ich verachte die Bürgerkanaille, das Adels⸗ vack, ich verachte das Pfaffenvolk, die Soldaten; meine Bruſt iſt bis oben voll Menſchenverachtung. Aber nicht vergebens hat mir Gott Genie ver⸗ liehn; ich brauche es dazu, ſie alle zu übertöl⸗ peln. Wären die Menſchen, wie ſie ſeyn ſollten, glauben Sie mir, ich wäre der Liberalſte; aber iſt denn dies erbärmliche Volk werth, daß man zum Märthrer für daſſelbe werde? Nein, hinun⸗ ter mit ihnen unter meine Füße und über ihre Köpfe, heimlich hohnlachend, hinweg! Ich bin geſchaffen, ſie zu beherrſchen und mir ein ſchönes, bequemes, großes Leben zu bilden. Sie ſehen, mein Freund, ich habe Ihnen Alles zugegeben, was aus Ihrem glühenden Liberalismus ent⸗ ſpringt, und jeder verſtändige Mann wird Ihren Ideen eben als Ideen Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Nur machen Sie um Gotteswillen nicht den Verſuch, ſie zu Begriffen zu ſtempeln und als ſolche der Wirklichkeit anzupaſſen! Sie wä⸗ — 158— ren ſogleich verloren mit Ihrem ſchönen Talente, mit Ihren Anſprüchen auf Lebensglück. Wenden Sie dieſes Talent lieber an, den beſten Wein 3 erlangen, der auf die Tafel der Herrn geſetzt wird, und ſtellen Sie Ihre Füße ruhig mit auf das Sklavenvolk, das unter dem Tiſche liegt, und nach den Broſamen ſchnappt, die wir hinab⸗ werfen. Das Volk will es ja nicht beſſer, es kann es, wegen ſeiner Beſchränktheit nicht beſſer wollen. Der enzelne Mann von Talent kann dem Strome keine andre Richtung geben, ſeine Klugheit muß ſich darauf beſchränken, indem er mit dem Strome ſchwimmt, immer hübſch oben zu bleiben, oder in ein bequemes Schifflein zu kommen. Auch haben Sie in Befolgung die⸗ ſer Lebensklugheit ſehr große Vorgänger. unter den Dichtern nenn⸗ ich Ihnen nur Goethe, Tieck, die Schlegel; ſind ſie nicht die größten, und ge⸗ hören ſie nicht zu unſrer Partei? Gvethe hat all das Lumpenvolk„ kiterariſches und andres, bürgerliches und adliges, ſtets tief verachtet, wäh⸗ rend er ſich doch von ihm anbeten, ſich adeln und zum Miniſter machen ließ. Wenn er des — 159— Volks je erwähnte, hat er's anders gethan, als mit Hohn und Spott? und glauben Sie wohl, Goethe hätte weniger klar und vernünftig über dieſe Dinge gedacht, als Sie, über Dinge, die doch auf der Hand liegen? Betrachten Sie un⸗ ſern großen Tieck mit ſeinem eminenten Talente; er huldigt dem Adel, dem Katholicismus, er kriecht ſcheinbar vor dem Hofe, während er alle ironiſirt; das Volk aber verachtet er. Er iſt ſächſiſcher Hofrath und wird nächſtens geadelt werden. Soll ich etwa von der Dichterzunft re⸗ den? Wir haben von Körnern geſprochen, laſ⸗ ſen wir das leere Stroh und die Spreu!— Nun ſagen Sie ſelbſt, haben die Jeſuiten jemals et⸗ was anders gethan, als mit ihren klugen Köp⸗ fen die Menſchen verachtet— und nichts beſſres ſind ſie werth— und über ſie geherrſcht, wie's den klugen Köpfen zukommt? Den geraden Weg erkennt aber der Dümmſte, es iſt nöthig, krumme Pfade zu bilden; auch gehört nicht viel Talent dazu, einen geraden ebnen Weg zu wandeln, das Genie bricht ſich durch Wildniſſe, über Berge und durch Felſen Vahn. Die Jeſuiten waren — 160— eine Verbindung der klügſten Menſchen, und der Kluge wird ſtets einzeln dieſelben Zwecke verfol⸗ gen, die ſe verbunden erſtrebten. Nur in Maſſe läßt ſich mehr erreichen. Die Welt aber wird in dieſem Gleiſe fortwandeln, bis das ungeheuere Mißverhältniß, welches aus der zunehmenden Armuth und der in gleichem Grade zunehmenden Vergnügungsſucht und Lurusmanie ſie in ein an⸗ dres, vielleicht beſſ'res wirft. Bis dahin laſſen Sie uns, als kluge Köpfe, von den Verhältniſ⸗ ſen, wie ſie ſind, ſo viel als möglich profiitiren. Ich bin mit dem Bilde unſrer Zeit fertig; oder ſoll ich etwa noch von den edeln Muſenſöh⸗ nen ſprechen, von den Burſchenſchaften und De⸗ magogen? Du lieber Gott, die Sache iſt zu unbedeutend, und hilft mir und andern klugen Leuten nur raſch einige Stufen weiter. Ich bin unter ihren Verbindungen geweſen, ich habe die thörigten Knaben kennen gelernt. Sie vertrau⸗ ten mir ganz, die unſchuldigen Kinder. Glau⸗ ben Sie mir, einige der wildeſten dieſer langhaa⸗ rigen, breitbärtigen, deutſchberöckten Burſche wer⸗ den wir in zehn Jahren als Kammerherrn, Jagd⸗ junker, als Hofräthe, Hofſekretäre, Regierungs⸗ und Conſiſtorialräthe, als Cenſoren und Aufpaſ⸗ ſer ſehen, und ſie werden ſich ſchämen, einſt ſolche Eſel geweſen zu ſehn, die mit dem Dolch in der Fauſt auf offnem Markte allen Despoten den Untergang geſchworen haben. Die ſchlimmſten und wüthendſten Demagogen werden die krie⸗ chendſten Fürſtendiener werden. Den übrigen Faſelhanſen, die den Niebellungenhort aus dem Rheinſtrome, die alte deutſche Kaiſerkrone, her⸗ vorholen wollen, den Altdeutſchthümlern und Wartburgsnarren laſſe man ihr Spielwerk, und verſteigt ſich ja einer bis zum Meuchelmord eines fremden Spions, ſo iſt auch das von keiner Be⸗ deutung. Sie werden alle um deſto eifrigere Pa⸗ trioten ſehn, d. h. das Vaterland oder den Staat in dem Sinn genommen, wie ihn Ludwig XIV. nahm. Dies Strohfeuer wird ſchnell verlodert ſeyn und nachher deſto eiſigere Kälte„ deſto tie⸗ fere Nacht eintreten. Nun, junger Freund, ich frage Sie auf Ihr Gewiſſen, hab' ich Wahrheit geſprochen und hal⸗ 11 — 162— ten Sie unſre Zeit noch für den vernünftigen, thatkräftigen Mann?“ „Ich halte ſie noch immer dafür, aber für einen mit Ketten ſchwer und ſchier unerträglich belaſteten. Er wird ſie abſchütteln.“ „Er wirſt einſt; aber vielleicht gehen Jahr⸗ hunderte hin, eh' es geſchieht. Wir wollen den klugen Weg gehen und den Nachkommen über⸗ laſſen, was ſie thun wollen. Uebrigens habe ich Ihnen heute Abend mein ganzes politiſches Glau⸗ bensbekenntniß offen und ohne Hehl vorgelegt, um Sie zu überzeugen, daß ich keineswegs ſo unli⸗ beral bin, als ſie glaubten, aber auch daß der Liberalismus für unſre Zeit Perlen vor die Säue geworfen iſt. Ich habe Ihr Talent erkannt und Sie lieben und ſchätzen gelernt; unſer Intereſſe verlangt, daß wir Hand in Hand gehen: daher meine Offenheit. Der dichteſte Mantel der Ver⸗ ſchwiegenheit ſeh über den heutigen Abend gedeckt für ewige Zeit. Dies verſpricht mir der liberale Sohn des unliberalen Miniſters.“ „Mit Hand und Wort!“ ſagte Müllersdorf und reichte ihm die Hand. — 163— „Und morgen gehen die venngegiſen an Ihren Vater ab.“ „Ich werde einen ſehr großen Brief dazu ſchrei⸗ ben. Mitternacht iſt ſchon lange vorüber. Der Brief wird mir den größten Theil des Tages weg⸗ nehmen. Die Stafette kann erſt übermorgen ab⸗ gehen.“ „Es mag ſeyn, obgleich mir's nicht lieb iſt,“ ſagte Reinecke, gute Nacht wünſchend, und ließ den Jüngling mit ſeinen ſchweren Sorgen allein. 10. Müllersdorf hatte, nach einigen Stunden un⸗ ruhigen Schlafs, mehre Stunden wieder mit Schreiben zugebracht, ohne in ſeiner Zerſtreutheit den Mangel des geſtern beſchriebenen Blattes zu bemerken. Die Angſt, die ſich auf ſeinem Ge⸗ ſichte ausdrückte, die Schweißtropfen auf ſeiner Stirne, die Seufzer, die oft aus der Tiefe ſeiner Bruſt aufſtiegen, alles dies zeigte deutlich von einer Art Verzweiflung, die bei jungen Leu⸗ 11* — 164— ten auf unglückliche Liebe deutet. Später machte er dem Marcheſe Rieconi ſeine Aufwartung. Die Mittheilungen, die ihm der verkappte Pfaffe machte, waren keineswegs geeignet, das bedrängte Herz des Jünglings zu beruhigen; denn als er ging, verzog ein bitter wildes Hohnlächeln ſein Geſicht, während ſein Herz über die Nichtswür⸗ digkeit blutete, die ihm ſo eben angemuthet wor⸗ den war. Er nahm all ſeine Geiſtesſtärke zu⸗ ſammen, um ſich zu faſſen, und Liſt durch Ver⸗ ſtellung zu überliſten. So traf er denn auch, als man zur Tafel blies, ſeinen Freund Reinecke an und begleitete denſelben zum Erdfall. Beide berührten nichts gegeneinander von der Viſite bei'm Marcheſe, überhaupt ſchien es, als ob eine Spannung zwiſchen ihnen beſtehe, ſo freundlich ſie auch zuſammen thaten; Müllersdorf wenig⸗ ſtens fühlte, trotz ſeiner vielfach in Anſpruch ge⸗ nommenen Geiſtesthätigkeit, aus Reinecke etwas Unſicheres heraus, was er der Reue zuſchrieb, die derſelbe wohl über die Erpectorationen des verwichnen Abends empfinden könnte. Der red⸗ liche junge Mann ahnete nicht, daß ſelbſt dieſe — 165— Mittheilungen nur gemacht worden waren, ihn zu kirren und zu umſtricken. „Sie werden mir freundſchaftlichſt verzeihen,“ ſagte Reinecke auf dem Wege,„wenn ich heute meinen Platz neben dem Marcheſe nehme; unſre Verbindung erfordert es.“ Sie trafen den Marcheſen, die Gräfin Klat⸗ tau, welche Müllersdorf nicht kannte, die Com⸗ teſſe Billaplotzsky und das Fräulein von Grüne⸗ wald ſchon unter den Bäumen auf⸗ und abge⸗ hend. Reinecke wurde vom Marcheſe und der Gräfin auf's freundlichſte empfangen, Müllers⸗ dorf erhielt nur ſtumme Verbeugungen; deſto freundlicher benahm ſich das Fräulein von Grü⸗ newald gegen ihn, und er hatte, nur um in He⸗ lenens Nähe zu ſeyn und dieſe mit in die Unter⸗ haltung hinein zu ziehen, bereits ein Geſpräch mit ihr begonnen, als ihn ein ſo ſchmerzlicher und von blutiger Wehmuth getränkter Blick He⸗ lenens traf, daß er, durchbort und zerriſſen von unſeligen Ahnungen, kurz abbrach und ſich zur Tafel verfügte. Das wilde Auf⸗ und Abwogen ſeiner Kummergefühle drohte ihm die Beſinnung —— zu rauben, deßhalb verbengte er ſich ſo zerſtreut gegen die Familie Hochmannsdorf, welche mit Madame Bergmann eben ankam, deßhalb ant⸗ wortete er ſo verkehrt auf die Fragen des alten Baron und des Lieutenants von Wittenbach, deß⸗ halb lachte er ſo gezwungen freundlich Luischen an, ohne ſich etwas dabei zu denken, deßhalb ließ er ſich ſo geduldig zwiſchen Luischen und Madame Bergmann placiren, deßhalb ſtieß er ſo willig mit der ganzen Familie an, als der Alte nach der Suppe ihm ein volles Glas mit dem von bedeut⸗ ſamem Lächeln und pfiffigem Kopfnicken ausge⸗ brachten Toaſt:„auf baldige nähere und innigere Verbindung!“ überreichte. Unterdeſſen hatten auf der entgegengeſetzten Seite der Tafel, etwas weiter nach dem untern Ende derſelben zu, der Marcheſe, neben ihm Rei⸗ necke, dann die Gräfin Klattau, Helene und dié Grünewald, Platz genommen. Reinecke war mit dem Marcheſe in einem eifrigen Geſpräche, wen⸗ dete ſich dann eine Zeit lang mit verklärtem Ge⸗ ſichte an die Gräfin, und flüſterte auch dann He⸗ lenen etwas Verbindliches zu, was von der Klat⸗ — 167— tau mit einem beifälligen Lächeln begleitet wurde. Helene aber ſah ſo ſchmerzlich drein, und war ſo verwandelt, und gegen ihre frühere lebendige Hei⸗ terkeit ſo verſteinert, daß Müllersdorf, der kein Auge von ihr verwendete, von unſäglichen bö⸗ ſen Vermuthungen zermartert wurde. Er ſah, wie die Grünewald der Comteſſe ſtets heimlich zu⸗ flüſterte, wie dieſe ſich aber vom Fräulein ab⸗ wendete, er ſah, wie die Gräſin ihrer Nichte ei⸗ nen ſtrengen Blick zuwarf, er ſah endlich, wie eine helle Thräne aus ihren Engelsaugen in die Suppe herabperlte. Faſt vermochte er es nicht mehr auszuhalten. Da ereignete ſich etwas, welches ſeiner peinlichen Lage ein Ende machte. Madame Bergmann hatte auch heute wieder jene wunder⸗ bare Empfindung von geſtern Abend, wenn auch nicht ſo ſtark, in ihm hervorgerufen, er fühlte ſich im Gegentheil jetzt eher von ihr angezogen, als abgeſtoßen, und hatte, ſo weit es ſeine Stim⸗ mung erlaubte, ein Geſpräch mit ihr angeknüpft, in welches ſich auch das naive Luischen miſchte. Plötzlich fühlte er ſich krampfhaft am rechten Arm erfaßt und mit einer ſolchen Kraft, daß es ihn —— — 168— ſchmerzte; verwundert wandte er den Kopf, es war die Hand der ſchönen Wittwe, er ſah ihr in's Geſicht und fuhr zuſammen; es war von Todtenbläſſe überzogen, verzerrt und entſtellt, und mit ſtarren, glanzloſen Augen blickte ſie auf Rei⸗ necke, ſchrie mit einem verzweifelt ſchmerzlichen Tone laut:„Spangenheim!“ und ſank mit con⸗ vulſiviſchen Zuckungen in Müllersdorfs Arme. Dieſer Auftritt gab zu allgemeiner Bewegung Veranlaß, der alte Baron war ſchnell aufge⸗ ſprungen und der Armen zu Hülfe geeilt, Witten⸗ bach rief fluchend:„Spangenheim! mich ſoll der Teufel holen, er iſt's! ſie hat recht! Aber was ſoll's bedeuten?“ Charlotte und Luiſe ſchrieen laut und andre Damen ſtimmten ihnen bei, als ſie die von den heftigſten Convulſionen verdrehten und umhergeſchleuderten Glieder ſahen und das Angſt⸗ und Schmerzensgeſtön der Kranken ver⸗ nahmen. Die ganze Tafelgeſellſchaft hatte ihre Sitze verlaſſen, alles drängte um die Unglückliche herum, der Badearzt kam, ihr Hülfe zu leiſten, man legte ſie auf Tücher, Shawls ꝛc. unter ei⸗ nen Baum. Von ihr flogen die Blicke der An⸗ — 169— weſenden auf Reinecke, der, bei ihrem Anblick heftig erſchrocken, die Farbe gewechſelt, dann mit ſichtbarer Mühe nach Faſſung ringend, ſich wie⸗ der an die Gräfin gewandt hatte, um das Ge⸗ ſpräch fortzuſetzen. Aber man ſah auf ihn, deu⸗ tete auf ihn, flüſterte ſich zu, und die Gräfin ſagte endlich:„Sie ſind verrathen; Ihr Name iſt mehremals genannt worden. Kennen Sie das ohnmächtige Weib?“ „Ich weiß in der That nicht— vielleicht eine Bekanntſchaft aus früherer Zeit, als ich noch in der Finſterniß wandelte— Gott weiß,— eine ueberraſchung, mich hier unter andern Verhält⸗ hältniſſen zu ſehen,“ ſtammelte Reinecke, und er⸗ hob ſich. Auch Helene war aufgeſtanden und nach der Kranken geeilt. Er näherte ſich der Gruppe, zog Müllersdorf bei'm Rocke heraus, und flüſterte ihm zu:„Ich beſchwöre Sie, gleich nach der Tafel einen Spaziergang mit mir zu machen!“ Die Kranke wurde gleich darauf in einer Sänfte davongetragen; die Familie Hochmanns⸗ dorf folgte ihr, die übrige Geſellſchaft ſetzte ſich — 170— nieder, und auch Müllersdorf nahm ſeinen Platz wieder ein. Helenens Auge hing fragend an ihm; der grimme Schmerz war aus ihrem Geſichte ver⸗ ſchwunden, ein Hoffnungsſtrahl hatte ihn ver⸗ trieben und die Züge deſſeiben wieder belebt und verklärt. Reinecke konnte ſeine Befangenheit nicht los werden; der kleine Vorfall hatte den großen Di⸗ plomaten niedergedrückt und die ſtärkſten Weine des Marcheſen vermochten ihn nicht wieder auf⸗ zurichten. Nach Tafel begab ſich Müllersdorf in das Wäldchen, und Reinecke ſuchte ihn bald dort auf, nachdem er ſich von Uumgebung beur⸗ laubt hatte. „Himmel und Hölle!“ rief er, alle diploma⸗ tiſche Moderation vergeſſend,„welch ein verfluch⸗ ter Streich iſt mir begegnet! Ich bin außer mir! Ich habe geglaubt, der Teufel hätte mir ein Phantom vor die Augen gezaubert, um mich an der Schwelle meines Glücks zu erſchrecken; aber ach! es iſt kein Phantom. Dieſe ſchreckliche Con⸗ ſtanze iſt plötzlich wie aus der Erde gewachſen, — 171— um mich zu verderben. Sie, beſter Freund, müſ⸗ ſen mir helfen! Auf Sie hab' ich mein ganzes Vertrauen geſetzt. Vir ſind ja ſo innig verbun⸗ den, meine Lage erfordert ſchleunige und kräf⸗ tige Hülfe, Sie ſind der Einzige, mir helfen kann. Sie müſſen— müſſen!— „Aber was ſoll ich denn fragte Mül⸗ lersdorf den wildbewegten Sprecher. „Sie müſſen ſich in dies Weib, in dieſe Con⸗ ſtanze raſend verliebt ſtellen und ſie entführen, heute lieber als morgen.“ „Entführen? die kranke Frau? Und wozu?“ „Aus dem Wege, mir, meinem Glück aus dem Wege! Ich könnte wahnſinnig werden, wenn jetzt— jetzt— wo alle meine Saaten ſo herrlich aufkeimen, von ſolch' einem Teufelsweibe die Blüthe derſelben verhindert, vernichtet würde. Sie muß fort! Sie müſſen ſie fortſchaffen! Sie darf nicht mit der Comteſſe Helene, nicht mit der Gräfin Klattau bekannt werden, ſonſt bin ich verloren.“ „Aber ſo erklären Sie mir doch; ich verſtehe von dem allen nichts. Ich habe Ihren wahren Namen von dieſer Frau ausrufen hören, ſie in — 172— Zuckungen verfallen ſehen; ich ſehe jetzt Sie auſ⸗ ſer aller Faſſung, und das Sonderbarſte iſt, daß ich geſtern Abend bei'm Anblick dieſer Frau von einer ähnlichen Ueberraſchung, wie Sie, befallen wurde.“ „Auch Sie?“ rief Spangenheim— denn ſo hieß der entlarvte Herr von Reinecke wirklich.— „Sind auch Sie von dieſer Here bethört? Hat ſie's Ihnen früher auch angethan? Kennen Sie Conſtanzen?“ „Ich kenne ſie nicht; aber ich glaubte den Geiſt meiner verſtorbnen Mutter vor mir zu ſehen.“ „Wie? lebt denn Ihre Mutter nicht mehr? Ihr Vater hat mir doch mehremals von ſeiner Gattin geſchrieben.“ „Es iſt ſeine zweite Frau,“ verſetzte Müllers⸗ dorf verwirrt.„Aber ſo klären Sie mich doch auf! Erzählen Sie doch!“ „Wohlan denn, ich will Ihnen ſo ruhig, als ich vermag, mein Schickſal mit dieſer Conſtanze mittheilen.— Von der Entwicklung meiner Ver⸗ ſtandeskräfte an fühlte ich mich wie zur Diplo⸗ matie geſchaffen, und gewann immer mehr die — — 173— ueberzeugung, in dieſem Zweige des öffentlichen Wirkens einſt etwas Tüchtiges leiſten zu können. Es war natürlich ſtets mein heißeſter Wunſch, eine Laufbahn, die meinen Talenten und Nei⸗ gungen ſo ganz entſpräche, dereinſt betreten zu können. Alle meine Schritte waren darauf hin⸗ gerichtet. Bald erkannte ich die Narrheit, die Dummheit, die Schlechtigkeit der Menſchen; ich ſah dieſes würdige Triumvirat ſeine eiſerne Herr⸗ ſchaft über die ganze Menſchheit erſtrecken; ich ſah, wie die klugen Köpfe davon Nutzen zogen und ſich Macht und Reichthum erwarben. Ich glühte, daſſelbe zu thun. Allein meine äußern Verhältniſſe, meine bürgerliche Geburt, die dürf⸗ tige Lage meiner Eltern, der Mangel aller Pro⸗ tection, waren Hinderniſſe, die mich zu dem Ent⸗ ſchluſſe zwangen, Rechtsgelehrter zu werden; doch malte mir irgend ein Schimmer von Hoffnung— ich weiß nicht woher— ſtets noch die Seligkeiten des Staatslebens in goldnen Träumen vor. Ich hatte noch kein Jahr auf dem Bureau eines der erſten Advocaten gearbeitet, als ich vor Ekel an dieſem erbärmlichen Leben ſehr krank wurde. Nur — 174— der feſte Entſchluß, Alles daran zu ſetzen, um einſt meiner wahrhaften Beſtimmung leben zu können, rettete mich vom Tode. Mit der Geſund⸗ heit erwachte eine unzähmbare Gluth zum Wieder⸗ aufbau rieſiger Entwürfe in meiner Seele. Ich wollte kein Mittel ſchenen, um zum Ziele zu ge⸗ langen, und alle Feſſeln abſchütteln, die mich an meine elende Lage ketteten. Zu meinem Unglück war ich nämlich mit einem bürgerlichen Mädchen verlobt, ihre Eltern waren vieljährige Bekannte der meinigen. Thörigte Sinnlichkeit und jugend⸗ liche Uebereilung hatten einen Bund zu raſch ge⸗ ſchloſſen, welchen die beiderſeitigen Eltern drin⸗ gend gewünſcht, und der ſie mit Freude erfüllte, aber deſſen feſte Knüpfung mich auf ewig von der Bahn geſchleudert hätte, die doch allein zu meinem Heile führte. Ich fühlte bald, wie wenig Emilie für mich paßte, aber unbewachte Augen⸗ blicke hatten mich näher zu ihr geführt, als unſre Kirche gut heißt, und dieſer unbeſonnene Schritt erweckte Rückſichten in mir, die ich gewiß thörigt genug geweſen wäre, nie aus den Augen zu ver⸗ lieren, wenn mich jene Krankheit nicht nieder⸗ ————— —— — 175— geworfen hätte, und ich in Folge meines Ent⸗ ſchluſſes nicht jene Ausarbeitung nebſt Bittſchrift an den*viſchen Geſandten geſchickt hätte, die er ſo gütig war, für meiſterlich zu erklären, die ſeine Aufmerkſamkeit auf mich zog und mir bald eine Anſtellung auf ſeinem Bureau verſchaffte. Emilie, das alberne Kind, träumte nun ſchon von Heirathen; meine Seele glühte aber, mich aus der untergeordneten Stellung raſch und kühn empor zu arbeiten. Auf dem Bureau lernte ich den Hofrath Ritter kennen, einen Mann von Einfluß, aber ſo wunderlichem Charakter, ſo viel Albernheit, daß nur ein Alles wagender, ſich in Alles ſchmiegender und fügender Glücks⸗ ritter, wie ich damals war, ſein Günſtling wer⸗ den konnte. Ich gewann Zutritt in Ritters Hauſe, ich wurde ihm unentbehrlich. Vieles von meinem beginnenden Glücke hatte ich Ritters Pflegetochter Conſtanze, derſelben, die Sie heute geſehen haben, zu verdanken, die ich damals für ſeine Tochter hielt, die es aber nicht iſt, wie ich kurz vor Rit⸗ ters Tode aus ſeinem eignen Munde gehört habe. Conſtanze war jung und ſchön) von feurigem — — 176— Temperament, ſie vermochte Alles über ihren Vater; was Wunder alſo, daß ich mir viel Mühe gab, ihre Gunſt zu erlangen? Vielleicht hätte ich ſie ſogar lieben gekonnt, wenn es mir damals überhaupt möglich geweſen wäre, etwas anders zu lieben, als das glänzende Ziel, nach welchem mich Luſt und Ruhmbegierde trieben. Es war nothwendig, daß ich mich der Schlinge entledigte, die ich mir früher ſelbſt um den Hals gelegt, da⸗ mit ſie ſich nicht zuſammenzöge und mich feſthielte; ich mußte mir die ſentimentale Emilie vom Halſe ſchaffen. Es war eine verwünſchte Geſchichte. In der größten Verlegenheit kam mir ein guter Gedanke bei. Ich erklärte nämlich meiner Ge⸗ liebten, mein geiſtiges Bedürfniß ſowohl, als die Verhältniſſe meiner Carriere, nöthigten mich, zur katholiſchen Kirche überzutreten, die ich für die einzig wahre halte— ich hatte nämlich ſchon da⸗ mals gewiſſe Hoffnung, eine Geſandtſchaftsreiſe nach Rom mitmachen zu können; wozu mir Rit⸗ ter verholfen— und ich hielte mich für verpflichtet, ihr dieſen Entſchluß mit„heilen. Da hätten Sie den Schrecken, die Thränenfluth, die Bitten, die — 177— Beſchwörungen und alle übrigen Veérſuche des Mädchens ſehen und hören ſollen, mich von die⸗ ſem, ihrem Glauben nach, durchaus verdamm⸗ lichen Schritt zurückzuhalten! Es gab einen Auf⸗ ſtand in meiner Familie; meine alten EFltern kamen außer ſich, meine Geſchwiſter, Emiliens Eltern, Alles ſtürmte auf mich ein, man belei⸗ digte mich, verfluchte, verwünſchte mich, nannte mich einen Ungläubigen, einen Freigeiſt, und was die Beſchränktheit der Lebensanſicht den al⸗ bernen frommen Leuten alles eingab, und ich nahm davon ſchickliche Gelegenheit, mich ihrer Aller zu entledigen. Als Emilie einſah, daß Al⸗ les vergeblich war, mich von meinem Entſchluſſe abzubringen, ſo erklärte ſie mir nach einigem Kampfe: ein Mann ohne Religion ſei auch ohne Liebe; auch könne ſie Niemand achten, der aus ſeiner Kirche heraus zu einer andern überträte, und daher ſei unſre Trennung nothwendig. Mein Plan war gelungen; aber ich war nur frei ge⸗ worden, um in andre und feſtere Bande zu ge⸗ rathen; denn ich erreichte leider bei Conſtanze Ritter noch weit mehr als meinen Zweck, welches 12 — 178— mir eben ſo unangenehm war, als das gänzliche Verfehlen deſſelben. Conſtanze geſtand mir näm⸗ lich eines Tags, als wir allein waren, ihre Nei⸗ gung— ohne eine Erklärung von mir abzuwar⸗ ten, zu welcher ſie mich für zu ſchüchtern hielt— mit einer leidenſchaftlichen Gluth, die mich erbe⸗ ben machte. Durch dieſes unerwartete, ſonder⸗ bare und unweibliche Geſtändniß gerieth ich in eine höchſt kritiſche Lage; zurücktreten konnte ich nicht mehr, alle meine Hoffnungen, die eben in der ſchönſten Blüthe ſtanden, wären ſchnell ver⸗ welkt und abgeſtorben. Alſo war ich gezwungen, ihr Liebe zu heucheln, die ich nicht für ſie em⸗ pfand. Sie nahm meine Kälte, die ich ihr nicht wohl verbergen konnte, für naturell, und glaubte meinen Worteu; ſie überhäufte mich mit den ſtürmiſchen Ausbrüchen ihrer ſtets bewegten, liebeglühenden, nach Liebe ſchmachtenden Seele. Sie war ganz Gluth, ganz Simlichkeit, ſie dauerte mich oft, aber ich konnte mich doch nicht ändern. Meine Sinnlichkeit wurde natürlich unter den heftigen Aeußerungen der ihrigen, unter Umar⸗ mungen und heißen Küſſen des Mädchens aufge⸗ ————,—— — 179— regt, und ohne daß ich es ſelbſt gewollt und ge⸗ ahnt, erhielt unſer Umgang eine ſinnliche Ten⸗ denz. Oft war mir dieſes Verhältniß drückend; denn ſchon war ich im Sekretariat des Geſandt⸗ ſchaftsbureaus angeſtellt, und ganz andre Dinge, als ein ſchwaches ſinnliches Mädchen und fade Liebeleien, beſchäftigten meine Aufmerkſamkeit, alle Geiſteskräfte erfordernd. Der alte Ritter ſprach endlich ſehr deutlich mit mir von meiner Verbindung mit Conſtanzen, ſobald ich das Pa⸗ tent als zweiter Geſandtſchaftsſekretär in der Taſche haben würde. Die peinlichſte Verlegen⸗ heit, in die mich ſeine Rede verſetzt hatte, ließ mich nur eine kurze beifällige Antwort hervor⸗ ſtammeln, und Alles ſchien darauf in Richtigkeit zu ſein. Conſtanze ſah mich als ihren künftigen Gemahl an, und hielt jede Feſſel jungfräulichen Anſtandes für überflüſſig. Zum zweiten Male ſah ich im Geiſte die ſchöne Blüthe meiner Hoff⸗ nungen verdorren, überglüht von demſelben er⸗ bärmlichen Steppenwind der Gewöhnlichkeit— heirathen, immer nur heirathen ſollte ich, und mir dadurch mein Leben verderben. Was wohl konnte es mir zur Erreichung meiner kühnen Plane hel⸗ fen, daß Conſtanze die alleinige Erbin des reichen Ritters war? Geld kann Vieles, aber doch nicht Alles. Was half es, daß ſie jung, ſchön, feurig war? ſie ſtammte aus keinem hochadligen Ge⸗ ſchlechte, und ihr bürgerlicher Name drückte mich in meine Unbedeutendheit zurück, aus der ich mich kaum etwas erhoben zu haben ſo glücklich war. Doch der Himmel hatte ein Einſehens mit mei⸗ ner Noth, und erbarmte ſich derſelben gnädig, indem er den alten Ritter durch einen Schlagfluß aus dieſer Zeitlichkeit, für die er ohnedies nicht mehr taugte, zu ſich in die ewigen Frenden nahm. Der ſterbende Mann fügte unſre Hände zuſam⸗ men und entdeckte mir, daß Conſtanze ſein Pflege⸗ kind ſei, und ich an unſerm Hochzeittage ihre Ab⸗ kunft durch ein gerichtlich deponirtes Dokument erfahren würde. Ich bezeigte keine Luſt, es zu erfahren; ich war der Feſſel los und athmete wieder freier. Auch fand ich keinen Grund, mich ferner gegen Conſtanzen zu verſtellen. Die end⸗ liche Reiſe nach Rom gab mir die beſte Gelegen⸗ heit, mich von ihr zurückzuziehen und unſre Ver⸗ — 181— bindung zu löſen. Von Rom aus ſchenkte ich ihr reinen Wein ein. Als ich wieder nach B. kam, lebte ſie nicht mehr da; ich hörte ein Mal, ſie ſei im Baireuthiſchen verheirathet.“ „Aber was hat das Alles mit der Comteſſe Helene Billaplotzsky gemein, der Sie doch vorhin ſo ängſtlich erwähnten?“ fragte Müllersdorf ſehr geſpannt. „Mein Himmel! dieſe Helene, dieſer Sproß eines altgräflichen Hauſes, iſt ja meine Verlobte, meine Braut, iſt die herrliche Staffel, auf der ich in den Himmel meines Glücks ſteigen will! Begreifen Sie denn nicht, daß mir dieſe Conſtanze Alles verderben kann, wenn ſie mit Helenen und der Gräfin Klattau zuſammenkommt und bekannt wird? Darum Hülfe! Schleunige Hülfe! und dies Höllenbild aus dem Wege!“ „Sie alſo ſind der Bräutigam, den die Com⸗ teſſe hier erwartet?“ rief Müllersdorf höchlichſt erſtaunt. „Ei freilich! und da mir die politiſche Vor⸗ ſicht ein Mal gebot, hier unter einem fremden Namen aufzutreten, ſo benutzte ich dieſen Umſtand, — 182— um mich Helenen, die mich nur dem Namen nach kannte, zu nähern und ihre Neigung zu erwerben, was mir freilich weniger geglückt zu ſehn ſcheint, als Ihnen, mein Freund.“ Die letzten Worte waren nicht ohne Gift geſprochen. „Von mir haben Sie gar nichts zu befürch⸗ ten,“ verſetzte Müllersdorf.„Ich bin mit einer ſehr reichen und ſehr ſchönen Erbin eines böhmi⸗ ſchen Adelshauſes verlobt, wie Ihnen mein Vater wahrſcheinlich auch geſchrieben hat.“ „O dann ſchwinden alle meine Beſorgniſſe!“ rief Spangenheim.„Geſtern hab' ich Helenen zuerſt als Braut begrüßt; in einigen Tagen ſoll unſre Verlobung gefeiert werden, da wirft mir ein böſer Dämon dieſe Conſtanze in den Weg. Aber Sie Einziger helfen mir das Hinderniß be⸗ ſeitigen; und dann mit vollen Segeln in den Hafen des Glücks! Sobald ich das Adelsdiplom in der Taſche habe, wird die reizende Helene meine Frau, die für ſich arm, aber die Erbin der ſtein⸗ reichen Klattau iſt; und daß das Diplom nicht lange ausbleibt, dafür wird Signore Ricconi ſchon beſtens ſorgen.“ Hierauf legte der ſchlaue Diplo⸗ „ ———————— ———— mat dem jungen Manne einen Plan vor, wie derſelbe Conſtanzen entfernen ſollte. Dieſer hörte nur mit halbem Ohre darauf und verſprach Alles, was jener begehrte. Als aber Spangenheim ſich entfernte, um der Gräfin ſeine Aufwartung zu machen und etwaigem unglück vorzubeugen, da lief Müllersdorf wie ein Verzweifelter, hände⸗ ringend und tief ſeufzend, durch den ſchweigenden Hain. 11. In der Wohnung der Familie Hochmannsdorf war noch Alles in großer Bewegung. Madame Bergmann, zwar von dem Krämpfen verlaſſen, ſchien doch ſchwach und gleichſam tiefſinnig. Der alte Baron war ſo beſorgt um ſie, pflegte ſie mit eigner Hand, verließ ſie keinen Augenblick und nannte ſie, ſich vergeſſend, ſo oft ſeine liebe Con⸗ ſtanze, daß es ſeinen Töchtern auffallen mußte. „Ich glaube gar, die Madame, von der uns der Papa immer ſo viel vorgeſprochen, iſt ſeine Geliebte, und er hat in ſeinem Alter einen dum⸗ men Streich gemacht,“ ſagte Charlotte, das Näs⸗ chen rümpfend, im Nebenzimmer. „Mich ſoll der Blitz erſchlagen, wenn ich nicht auch ſchon Lunte gerochen,“ verſetzte ihr Verlob⸗ ter.„Alter ſchützt vor Thorheit nicht; aber wir dürfen's nicht zugeben.“ „Ei freilich nicht. Wie er nur mag dazu ge⸗ kommen ſeyhn?“ „Das weiß der Teufel!“ „Die Geſchichte mit dem Spangenheim gibt uns wahrſcheinlich gute Gelegenheit, den albernen Plan des Alten zu zerſtören.“ „Da kommt uns der Spangenheim recht in den Wurf. Ich hatt' es ja gleich geſagt, daß der braune, ſchwarzbehaarte Kerl Spangenheim ſei; der Menſch iſt mir in B. genug vor den Füßen herum gekrochen. Er pflegte ſich an Alle anzu⸗ ſchmieren, die kein bürgerliches Blut in den Adern hatten, und nun kannte mich der Hundsfott nicht mehr und ſollte durchaus ein Herr von Reinecke ſehn, ſo daß ich wirklich an ihm irre wurde. Ich werde mit dem Vurſchen hinſichtlich unſrer Ma⸗ dame Bergmann reden, und iſt die Luft irgend —— —— nicht rein, ſo ſchaffen wir ſie uns vom Halſe. Müllersdorf könnte uns über den Spangenheim einigen Aufſchluß geben. Lupus in fabula, da kommt er.“ Der Genannte trat befangen, ſchier ängſtlich herein, und wurde vom Lieutnant und Charlotten ſogleich ins Gebet genommen; er hatte aber wenig Luſt, ſich in Erklärungen einzulaſſen, und behaup⸗ tete deshalb, dieſen Mann nur als Herrn von Reinecke,*viſchen Legationsſekretär zu kennen. Hierauf erkundigte er ſich mit der frühern Be⸗ fangenheit nach Herrn von Hochmannsdorf und wurde in ein andres Zimmer gewieſen, wo die Kranke lag, der Varon und Luiſe um ſie beſchäf⸗ tigt. Die Letztere wurde bei Müllersdorfs Anblick über und über roth, ſchlug die Augen ſittſam verſchämt nieder, und knirte zu verſchiedenen Ma⸗ len. Der Baron rennte den Eintretenden mit dem freundlichſten Gruße an und führte ihn zu Madame Bergmann. „Auf Ihren Zuſpruch habe ich gehofft,“ ſerc die bleiche Frau,„Sie ſind heute Zeuge eines ſonderbaren Auftritts geweſen; ich bin Ihnen — darüber eine Erklärung ſchuldig, aber noch mehr, ich wünſche ſehnlichſt einige Aufſchlüſſe über den Mann, deſſen Anblick mir den Ausbruch eines Uebels zuzog, welches ſein treuloſes, abſcheuliches Verfahren gegen mich hervorgebracht hat.“ Auf einen bittenden Blick des Vaters entfernte ſich Luischen; Müllersdorf nahm an Conſtanzens Lager Platz, und ſie begann:„Ihr Auge, Ihr offnes Geſicht, Ihr ganzes Weſen, Herr von Mül⸗ lersdorf, ſagt mir, daß ich einen edeln jungen Mann vor mir habe, der unmöglich mit der tie⸗ fen Nichtswürdigkeit eines Buben etwas gemein haben kann, den man mir Ihren Freund genannt hat. Ich beſchwöre Sie, Herr von Müllersdorf, kennen Sie dieſen Spangenheim oder Herrn von Reinecke näher? Legen Sie meine dringende Frage nicht für das Ergebniß weiblicher Neugierde aus.“ „Ich kenn' ihn,“ verſetzte Müllersdorf.„Ich 3 weiß auch, daß er Alles das iſt, was Sie ihn nennen. Aber eine merkwürdige Verkettung von umſtänden hat mich hier an ihn gebunden.“ „Großer Gott!“ ſeufzte die junge Wittwe. — 187— „Ich befürchte unbeſcheiden zu werden, wenn ich Sie mit meinen Fragen beläſtige. Aber die Stimme des Herzens ruft mich dazu auf; es drängt mich, Andre zu retten aus den Schlingen dieſes Teufels, in die ich ſelbſt gefallen bin. O ich könnte Ihnen eine ſchöne Anzahl Menſchen nennen, die dieſer gleisneriſche Böſewicht unglücklich gemacht hat! Auf ihm ruht der Fluch ſeiner armen rechtſchaf⸗ fenen Eltern, die Verachtung ſeiner Geſchwiſter und Bekannten. Ein Tuchhändler, Namens Keyſer ließ ihn ſtudiren, weil ſeine Eltern, Bekannte des genannten Keyſer, zu unbemittelt waren und er gute Talente an dem jungen Spangenheim ent⸗ deckt hatte. Zum Dank verführte er die einzige Tochter ſeines Wohlthäters, verleitete ſie, ihren Vater zu beſtehlen und ihm das Geld zuzuſtecken, und machte ſich dann auf die nichtswürdigſte Weiſe von ihr los, indem er erklärte, er werde katholiſch werden. Das Mädchen härmte ſich über ihr betrognes Vertrauen, den Verluſt ihrer Un⸗ ſchuld todt; ſie ſtarb am gebrochnen Herzen, eine liebe, ſanfte, herrliche Seele. Ich erfuhr ihr Schickſal leider zu ſpät, als auch ich ſchon be⸗ — 188— trogen und verlaſſen war, aber ich konnte ihr die letzten Tage ihres Lebens noch verſüßen. Span⸗ genheims Eltern fuhren mit Kummer belaſtet zur Grube; er trat nicht an ihr Sterbebett. Mich hatte er zum Schlachtopfer auserſehn, ich ſollte das Mittel werden, ihn zu heben. Es glückte ihm nur zu gut, mich für ſich einzunehmen. Er beſitzt eine teufliſche Verſtellungskunſt. Dadurch gelang es ihm, der Liebling meines ſchwachen Vaters zu werden, der uns verlobte. Doch Span⸗ genheim hintertrieb unſre prieſterliche Verbindung ins Geheim, der Schändliche, während er mich überredete, ihm mein erſpartes Geld und noch andres von meinem Vater zu übergeben. Plötzlich ſtarb mein Vater, und ſpäter iſt der ſchwarze Verdacht in meiner Seele aufgeſtiegen, Spangen⸗ heim habe ihn aus dem Wege geräumt. Man ſagte zwar, er ſei an einem Schlagfluß geſtorben, ich aber habe davon nichts bemerkt. Spangenheim verließ mich und ging nach Rom. Ich war Mut⸗ ter von ihm. Ich ging nach Baireuth zu Ver⸗ wandten meines Vaters; dort vereheligte ich mich, nachdem ich ein todtes Kind geboren hatte. Dies — 189— iſt die kurze Geſchichte meiner langen Leiden; aber noch viel anderes Böſe hat er gethan.“ „Ich kannte Ihre Geſchichte, verehrte Frau, aus ſeinem eignen Munde, und ich war für Sie ſchon eingenommen,“ ſagte Müllersdorf tief be⸗ wegt.„Glauben Sie mir, ich haſſe dieſen Böſe⸗ wicht, aber ich darf es ihm heute noch nicht ſagen. Zu ihnen hab' ich großes Vertrauen; denn Sie tragen die Geſtalt einer Frau, der ich ſtets das größte Vertrauen ſchenkte. Spangenheim ſteht im Begriff, neues unglück zu ſtiften. Er hat ſich in die Gunſt einer gewiſſen Gräfin Klattau, einer Deutſch⸗Polin, geſchlichen, die Gott weiß welche Zwecke durch ſein Talent beim*iſchen Hofe erſtreben will, und deshalb hat ſie ihm ihre ſchöne Nichte, die Comteſſe Helene von Billaplotzsky, verlobt.“ „um Gottes willen!“ ſchrie Conſtanze auf, „iſt das dieſelbe Comteſſe, an die———— die—“ Sie verſtummte verwirrt. „Sie wohnt blos einige Zimmer von uns mit einem Fräulein von Grünewald,“ fiel der alte Baron ein.„Wir haben ſie Ihnen ja dieſen Mor⸗ —— gen gezeigt, als Sie ſich ſo angelegentlich nach ihr erkundigten. Was?“ „Ganz recht! dieſelbe!“ ſagte Conſtanze.„Herr von Müllersdorf, ich flehe Sie um die Gefällig⸗ keit an, die Comteſſe zu einem kleinen Beſuch bei mir zu vermögen. Bieten Sie Alles auf, ſie mir bald zuzuführen; es hängt das Lebensglück meh⸗ rer Menſchen davon ab, daß os ſchnell geſchieht.“ Mit einer gewiſſen freudigen unruhe hing ihr Auge an Müllersdorfs Zügen, der ihr ſogleich zu willfahrten verſprach, ſich aber erſt mit jener wiederkehrenden ängſtlichen Verlegenheit an den al⸗ ten Hochmannsdorf wandte.„Herr Baron,“ ſagte er,„ich wünſche Sie einen Augenblick in einer für mich ſehr wichtigen Angelegenheit allein zu ſpre⸗ chen, dürfte ich Sie um geneigtes Gehör bitten?“ „J Goldfreundchen,“ rief der Alte ſchmunzelnd und warf den vielſagendſten Blick auf Eonſtan⸗ zen,„mit dem größten Vergnügen. Wir wollen erſt eine Priſe zuſammen nehmen, dann geht das Mundwerk noch ein Mal ſo gut.“ Und ſeine große Muſcheldoſe dem Befangenen hinhaltend, öffnete er das Nebenzimmer, jagte Luischen in die Kranken⸗ C —— —— — 191— ſtube, und begann gleich:„Na, liebſter Müllers⸗ dorf, ich hoffe, Sie haben mich kennen gelernt. Ich bin ohne umſtände und kann umſtände nicht leiden. Ihr armes Sündergeſicht dauert mich. Ich will Ihnen die Zunge löſen. Verliebte Leute ſind ſchüchtern und wiſſen's nicht beim rechten Ende anzufaſſen, weil ſie ihren Verſtand nicht beiſammen haben. Ich bin auch verliebt geweſen; zu verſchiedenen Malen total verliebt; daher kenn“ ich das von Grund aus. Na, ich verſteh' mich aber auch auf die Verliebten. Sie ſind in mein Mädchen verliebt und mein Luischen iſt in Sie verliebt. Da haben wir's! Ich hab's euch beiden abgemerkt. Sie wollen das Mädel heirathen, und das find' ich in der Ordnung. Daß Sie zuerſt zum Vater kommen, iſt löblich. Und weiß Gott! ich bin ſo vergnügt, ich könnte die ganze Welt an mein ehrliches deutſches Herz drücken; denn es iſt immer der ſtille Wunſch dieſes meines Her⸗ zens gewefen, eine meiner Töchter mit einem Müllersdorf verheirathen zu können. Iſt das nicht der Freude werth, daß mein Wunſch ſo herrlich in Erfüllung geht. Was?“ — 192— Sprachlos vor Ueberraſchung und Erſtaunen ſtand Müllersdorf vor dem Baron, und mochte wohl nicht das klügſte Geſicht zu der Freude des alten Mannes machen; aber er war ſo be— fangen, es verließ ihn ſo ſehr alle Ueberlegung, daß er nicht ein Mal im Stande war, etwas auf das Barons Erpectorationen zu antworten. Die⸗ ſer aber war weit entfernt, die ungeheuere Ver⸗ legenheit wahrzunehmen, welche ſich doch deutlich genug auf des jungen Mannes Geſicht ausdrückte, vielmehr fuhr er wonnetrunken fort:„Wiſſen Sie was, liebſter Müllersdorf, der Unfall mit der Bergmann hat uns alle zu ſehr conſternirt; auch muß ich mein liebes Kind erſt ein Bischen auf Ihren heißen Wunſch vorbereiten, das ſoll nicht etwa heißen, daß ſie nicht in Sie verliebt wäre; ganz verliebt, verſeſſen iſt ſie, ſag' ich Ih⸗ nen; aber nur des Anſtands wegen. Kommen Sie dieſen Abend! Sie ſind mein Gaſt im Erd⸗ fall. Dort will ich eure Hände zuſammenlegen, und da wollen wir eins trinken. Verſtanden? Da wollen wir Verlobung halten. Was?“ Müllersdorf hatte den Hut genommen und — 193— ſich empfohlen; er war ſchon im Freien und wußte es nicht; ſein Kopf brannte ſiebriſch: die Ver⸗ wicklung ſeines Schickſals hatte den höchſten Grad erreicht. Wo er ſich hinwandte, Hinderniſſe, Ver⸗ ſtrickungen, Unheil drohende Zukunft, nirgend ein Ausweg. Zuerſt fuhr ihm der unmännliche Gedanke durch den Kopf, wie er war, zu fliehen und nur die von Spangenheim erhaltenen Papiere mit zu nehmen, aber gleich darauf erinnerte ihn ſein edleres Selbſt an Helenens gräßliches Schick⸗ ſal— ach! und er fühlte in ſeiner Bruſt die heiligſten Flammen für ſie lodern. Sollte er ſie dem ſchurkiſchen Diplomaten überlaſſen! Aber furchtbar gedrängt von allen Seiten zu einem Entſchluß, ſollte nicht Alles verloren gehen, wofür er zeither gekämpft und was er ſo mühſam er⸗ rungen, war er doch unfähig, einen ſolchen zu faſſen. Er fand ſeine Lage ſo ſeltſam verwickelt, daß er zu glauben anſing, es müſſe irgend etwas Außerordentliches ſich ereignen, wenn er gerettet werden ſollte, nicht ahnend, daß dies Außer⸗ ordentliche ſchon geſchehen war und das verlorne Blatt Papier bereits die feſte Grundlage zum 13 Bau ſeiner Rettung und ſeines künftigen Glücks bilde. Es war bereits Zeit zum Theater, und die ſchauluſtige Menge ſtrömte ſchon dem Muſenhauſe zu, als Müllersdorf der Comteſſe Helene anſich⸗ tig wurde, die mit dem Fräulein von Grünewald ebenfalls das Theater beſuchen zu wollen ſchien. Mit beſcheidener Höflichkeit begrüßte er ſie und begleitete ſie bis an das Haus. Auf ihre Bitte, mit in ihrer Loge Platz zu nehmen, da die Tante mit ihren Freunden, dem Marcheſe und Herrn von Reinecke, Betſtunde halte und das Theater heute noch nicht beſuche, trat Müllersdorf mit ein. Sie mußte es ihm angeſehen haben, daß er ihr etwas allein zu ſagen wünſche; denn ſie ſchickte die Grünewald gleich darauf fort, ihr einige Erfriſchungen zu beſorgen. Kaum hatte ſich dieſe entfernt, als Helene ſich zu ihrem Be⸗ gleiter wandte:„Wie befindet ſich die Kranke?“ „Sie iſt beſſer und läßt Sie dringend um eine unterredung auf dieſen Abend bitten; was ſie Ihnen zu ſagen habe, ſey von der größten Wich⸗ tigkeit für Sie und Andre.“ — 195— „Ich verſtehe,“ verſetzte Helene.„Laſſen Sie ſich nichts merken. Ich werde mich nach dem erſten Akte entfernen und nicht wiederkommen.“ Eben trat die Grünewald wieder herein, ein Kell⸗ ner folgte ihr mit Eis. Man unterhielt ſich unbefangen; das Fräulein attachirte ſich an Müllersdorf und ſchien es im Eifer der angeneh⸗ men Unterhaltung gar nicht zu bemerken, daß die Comteſſe fehlte, oder dieſer Umſtand war ihr ſehr angenehm. Nach dem Theater begleitete er ſie nach Hauſe, verfügte ſich dann auf ſein Zim⸗ mer, und ſchrieb ein Billet an den Baron mit den wenigen Worten:„Ich kann heute Abend Ihr Gaſt unmöglich ſeyn: morgen um acht Uhr bitte ich Sie um einen kleinen Spaziergang, um Ihnen meine Gründe ſagen zu können.“ Hierauf machte er Alles zu ſeiner Abreiſe fertig, und als dies geſchehen, durchſtrich er noch bis in die ſpäte Nacht die Umgegend. Bei ſeiner Zurück⸗ kunft übergab ihm der Kellner ein zierliches Billet. Er erbrach es und las:„Morgen früh um vier Uhr erwarte ich Sie beſtimmt im Erdfall in der Gegend, wo die Quelle unter der Sphinr aus 13* dem Berge ſtrömt. Ich habe ſehr wichtige Dinge mit Ihnen zu verhandeln. Conſtanze Bergmann. Er hatte das Billet kaum aus der Hand gelegt als Spangenheim auf ſein Zimmer trat, um zu erforſchen, wie weit der Plan der Entführung Conſtanzens gediehen ſey. Müllersdorf wußte weiter nichts zu erwiedern, als daß er heute bei ihr geweſen und ihr die Cour gemacht, welches auch ſehr beifällig von ihr aufgenommen wor⸗ den ſey. „Nun, ſo verfolgen Sie Ihr Ziel raſch,“ ſagte Spangenheim.„Ueberreden Sie ſie, morgen Vormittag einen Spaziergang mit Ihnen zu ma⸗ chen, welches ihr ſehr zuträglich ſeyn werde; ma⸗ chen Sie ihr die eklatanteſte Liebeserklärung, ma⸗ chen Sie, was Sie wollen und was Ihnen Ihr Genie eingiebt, nur damit wir reuſiren; führen Sie ſie die A— ſteiner Straße. In der Allee vor dem Gaſthofe zum Hirſch ſteht von neun Uhr ein Wagen für Sie bereit. Thun Sie, als mietheten Sie den Wagen⸗ ſie wird Ihnen —, — 197— nicht abſchlagen, mit Ihnen ſpazieren zu fahren. Iſt ſie erſt drinne, ſo geht der Wagen bis E. Dort ſteigen Sie im Gaſthofe zum halben Mond ab und geben Conſtanze für eine Geiſtesirre aus. uebermorgen bin ich dort und benutze mir zu Gebote ſtehende Autoritäten, um ſie einſperren oder weiter bringen zu laſſen.“ Müllersdorf verſprach Alles pünktlich ſo zu erfüllen. „Darf ich mich unterſtehen, Ihnen die Reiſe⸗ koſten anzubieten?“ ſagte Spangenheim und legte eine volle Börſe auf den Tiſch; der Andre nickte ſchweigend und holte aus tiefer Bruſt Athem, wie einer, der plötzlich eine große Angſt los wird. „Noch Eins!“ ſagte Spangenheim.„Die De⸗ peſchen für Ihren Herrn Vater ſiegeln Sie mir zuſammen; ich werde ſie Ihnen morgen abfor⸗ dern. Uebermorgen mit dem Früheſten, wenn nicht ſchon morgen Nachmittag, geht einer von des Marcheſe Dienern als Staffete nach*** ab. Gute Nacht!“ 198 Der junge Mann ſiegelte noch ein Paket ein, und legte ſich dann lächelnd und weniger unruhig als früher zu Bette. ————————— 12. Der Morgen war eben im Begriff, ſeine hel⸗ len Augen aufzuthun, als Müllersdorf, der die ſeinigen in dieſer Nacht noch nicht geſchloſſen hatte, bereits unter den Bäumen des Erdfalls wandelte, und mit gierigem Wohlbehagen die friſche Luft einſog, welche aus den Wipfeln der⸗ ſelben herabzuſtrömen ſchien. In dem von Fels⸗ und Berghöhen eingeſchloſſenen, mit ſtolzen Bäu⸗ men bepflanzten Raume, deren in einander ver⸗ ſchlungenen dichten Kronen nur wenig Himmel durchblicken ließ, war die Dämmrung noch dich⸗ ter als unter freiem Himmel, und die Sonne noch nicht aufgegangen; Müllersdorf bemerkte deshalb ein Paar weibliche Geſtalten nicht, welche ſich vorſichtig näherten, und in der Gegend, wo die Quelle unter der Sphinx hervorſtürzt, hinter — 199— den Bäumen verſchwanden. Der junge Mann würde ſie ſchwerlich ſelbſt am hellſten Tage be⸗ merkt haben; denn in Gedanken vertieft, rannte er auf und ab, oft eifrig mit ſich ſelbſt ſprechend, heftig geſtikulirend und zuweilen nach der Uhr ſehend. Bald darauf trat eine der dicht verſchleierten Damen wieder hervor, und eilte auf Müllersdorf zu. Als dieſer ſie gewahrte, ging er ihr höflich entgegen; ſie ſchlug den Schleier zurück, Con⸗ ſtanzens bleiches Geſicht blickte ihm theilnehmend entgegen; ein ſüßer Schauer erfaßte ihn. „Dank, tauſend Dank, daß Sie da ſind!“ be⸗ gann ſie.„Die Einladung klang zwar ſehr aben⸗ theuerlich und Gott weiß, was Sie von einer Frau denken mögen, die Sie den dritten Tag nach Ihrer Bekanntſchaft zu ſolcher verdächtigen Stunde beſtellt, allein Sie ſollen beſſer von mir denken, alle Räthſel ſollen ſich Ihnen löſen. Es iſt nur gut, daß Sie da ſind; ich wäre verzwei⸗ felt, wenn Sie meine Bitte nicht berückſichtigt hätten. Um mich mit Ihnen aber ſogleich au fait zu ſetzen und alle weitläufigen Präliminarien zu erſparen, müſſen Sie wiſſen, daß ich im Beſitz dieſes zerriſſenen Papiers bin.“ Mit dieſen Wor⸗ ten hielt ſie ihm das Blatt mit ſeiner Handſchrift hin, welches er im Unmuth zu ſich geſteckt, ver⸗ loren und ganz außer Acht gelaſſen hatte. „Großer Gott!“ ſtammelte er erbleichend. „Dieſe Schrift war für keines Menſchen Auge beſtimmt; wie ſind Sie dazu gekommen?“ Conſtanze erzählte mit kurzen Worten und Müllersdorf ſchanderte über ſeine Unvorſichtigkeit. „Es wurde mir nicht ſchwer,“ fuhr die ſchöne Wittwe fort,„aus der Anrede und dem Zuſam⸗ menhange zu errathen, an wen dieſer Brief ge⸗ richtet war; ich erkundigte mich geſtern Vormit⸗ tag nach der Comteſſe Helene, ich ſah ſie, hörte ſie und begriff Ihren Brief. Nur war ich in Zweifel, ob das Blatt in meiner Hand ein Brouillon und die Reinſchrift in die Hände der Comteſſe gelangt, oder ob es der Brief ſelbſt und nicht an ſie abgegeben worden ſei. Daß das Letztere der Fall iſt, habe ich geſtern Abend von der herrlichen Helene ſelbſt erfahren.“ „Wie? ſie weiß! um Gottes willen! Sie ha⸗ ben ihr den Brief mitgetheilt?“ „Hören Sie mich ruhig an, und tadeln Sie mich dann, wenn Sie es vermögen. Ich will mich Ihren Vorwürfen gern ausſetzen, wenn ich nur Ihr Glück erzielen und dem Tiger das Lamm aus den Klauen reißen kann. Mißver⸗ ſtehen Sie mich nicht, wenn ich Ihnen das offne Geſtändniß mache, daß ich gleich vorgeſtern Abend, als ich Sie kennen lernte, ein lebhaftes Intereſſe für Sie empfand; ohne leidenſchaftliche Beimiſchung, war es blos das lebendige mir wohlthuende Gefühl, ich könnte Ihre Freundin im edelſten und ſchönſten Sinne des Wortes wer⸗ den. Ich ſage noch ein Mal: mißverſtehen Sie mich nicht; denn ich bin ja wenigſtens ſechs Jahre älter als Sie. Ihr Brief verrieth mir etwas, das meinen Antheil an Ihnen auf's Höchſte ſtei⸗ gerte; doch davon und von mir ein ander Mal; jetzt nur von Ihnen und Ihrer Angelegenheit! Ihr Brief war in einer verzweifelten Stimmung geſchrieben, das ging aus ſeiner Zerriſſenheit hervor. Mit grollenden Ausbrüchen gegen Ihr — 202— Geſchick geſtehen Sie der Comteſſe Ihre glühende Liebe und reiſſen ſich mit blutendem Herzen von ihr los, weil Sie wiſſen, daß ſie verlobt iſt, und Ihre Verhältniſſe Ihnen nicht geſtatten, an eine Verbindung zu denken. Aber Sie haben ihr auf dem Balle verſprochen, das Räthſel zu löſen, das Sie ihr in der launigen Stunde der erſten Bekanntſchaft vorgelegt; Sie löſen es, und neh⸗ men auf ewig von ihr Abſchied. Der Brief er⸗ füllte mich mit Unruhe; ich ſah in dem Zufall, der ihn mir in die Hände gebracht, einen Fin⸗ gerzeig der Vorſehung, daß ich Ihre Retterin werden ſollte. Aber ſo wie ich geſtern von Ih⸗ nen erfuhr, daß dieſer entſetzliche Spangenheim der Verlobte der Comteſſe ſei, da erkannte ich meine Beſtimmung klar, Ihnen und Helenen eine Retterin zu ſeyn. Ich beſtrebte mich, ſogleich den Pflichten dieſer Beſtimmung getreulich nach⸗ zukommen; ich enthüllte geſtern Abend Helenen die ganze tiefe Nichtswürdigkeit ihres Bräuti⸗ gams; ich fand ſchon einen großen Widerwillen gegen ihn in ihrer Seele vor, durch meinen ge⸗ treuen Vericht wurde er zum tiefſten Abſcheu; ſie „ N ——— —— ſchauderte über die Schrecken des gräßlichen Ab⸗ grundes, an deſſen Rande ſie ſtand. Ich nannte Ihren Namen, Herr von Müllersdorf, während mein Auge mit der Schärfe der Beobachtung an dem reizenden Geſichte der jungen Gräſin hing, und an dem Blitz ihres Anges, dem flüchtigen Frröthen ihrer Wangen, und noch ſo manchen kleinen Andeutungen, die nur eine Frau ſieht, überzeugte ich mich, daß Sie wieder geliebt ſeien. Ich ſprach mehr von Ihnen und ſie erzählte mir die Art und Weiſe ihrer Bekanntſchaft mit Ih⸗ nen, von dem Räthſel Ihrer Perſon, von Ihren gemeinſchaftlichen Spaziergängen und von dem Balle, wo ſie Ihnen ſo heftig zugeſetzt, ihr des Räthſels Löſung zu geben. Ich rückte ihr näher und warf hin, daß ich im Stande wäre, ihr ei⸗ nen Blick hinter den Schleier thun zu laſſen. Sie lag mir mit Vitten an; ich erzählte die Geſchichte meines Blattes und übergab es ihr. Mit flam⸗ menden Augen überflog ſie es, bald füllten ſie ſich mit Thränen, und die arme, geängſtigte ver⸗ rathene und verkaufte Helene erkannte ſchnell in mir die rettende Freundin; ſie flüchtete laut ſchluch⸗ — 204— zend an meine Bruſt, und bekannte mir ihre Liebe zu Ihnen. Ich weinte die Thränen einer Mutter auf die Holde herab. In dieſem Augen⸗ blicke trat unſer guter alter Papa mit ſeinem freundlichſten Geſichte herein, und verkündete uns, daß er eben Alles zu einer fröhlichen Abend⸗ mahlzeit im Erdfall beſorgt, wozu er uns höf⸗ lich einlade; es werde die Verlobung ſeines Luis⸗ chens mit Herrn von Müllersdorf gefeiert. He⸗ lene unterdrückte kaum einen Schmerzensſchrei; es gurchzuckte ſie wild, ſie erbleichte und flüſterte mit erſterbenden Lippen:„Großer Gott!“ Ich ſelbſt war wie vernichtet und erkundigte mich nach den nähern Umſtänden, wovon ich nichts geſehn noch gehört, und mußte zu meinem Er⸗ ſtaunen von dem alten Herrn vernehmen, Sie ſeien ſterblich in Luiſen verliebt und hätten, als Sie vorhin bei ihm geweſen, in geziemender Form um ſie angehalten. Dann ſtürmte er in ſeiner Freude fort, um dies und jenes noch zu aran⸗ giren. Kaum war er hinaus, ſo brach Helenens Schmerz in Thränen aus. Ihre Gefühle ſchie⸗ nen von der Freundin, die ſie eben gefunden, — 205— Nath und Troſt zu erwarten; denn, wie ſie mir ja eben geſtanden, hatte ſie kein treues Herz auf der Welt, dem ſie ſich hätte mittheilen dürfen; aber ich ſelbſt war ſo an Ihnen irre geworden, daß ich kaum etwas zu ihrem Troſte ſagen konnte. Das Eine behauptete ich, erſt Sie ſelbſt ſprechen zu müſſen. Helene war eben im Begriff zu gehen, als der Baron wieder bei uns eintrat, aber dies Mal mit einem ſehr einfältigen Geſichte, ein Billet in der Hand. Es war das Ihrige. Von uns verlangte er eine Erklärung, warum Sie nicht zu Ihrer Verlobung kommen wollten. Luis⸗ chen kam weinend, Charlotte ſcheltend, der Lieutenant fluchend und ſchwörend, er wolle ſich mit Ihnen auf Piſtolen und Säbel duelliren. Ich konnte aus der ganzen Geſchichte nicht klug werden, aber in Helenens Augen ſah ich einen Hoffnungsſtrahl aufblitzen, eh' ſie von mir ging. und ich bin nun da, Sie förmlich zu inguiriren, was iſt an der famöſen Geſchichte?“ „Die edle Freundſchaft, die Sie für mich zeigen, verehrungswürdige Frau, rührt mich faſt zu Thränen,“ verſetzte Müllersdorf;„aber ſie harmonirt ſo ganz mit der theuern Geſtalt, die Sie tragen, daß ich von beiden bewogen werde, Ihnen das unbedingteſte Vertrauen zu ſchenken. Ja, Verehrteſte, ich vermag es für keinen bloſen Zufall zu halten, daß Sie meiner vortrefflichen unvergeßlichen Mutter ſo ſehr glei⸗ chen, ſo daß mich Ihr erſter Anblick mit grau⸗ ſigem Erſtaunen erfüllte. Ich glaubte ſie ſelbſt in verjüngter, vielleicht in Engelsgeſtalt zu ſehen. Darum will ich Ihnen denn auch mein ganzes Herz eröffnen, wie ich meiner Mutter gethan ha⸗ ben würde: Sie haben mich ja ſo mütterlich⸗freund⸗ lich, theilnehmend darum angeſprochen, und auch ich habe Niemand, an deſſen mitfühlende Bruſt ich meinen Schmerz legen könnte: Hören Sie alſo! Mein Geſchäft hier war, Schlangenliſt zu überliſten. Es gelang mir. Aber ſo bald ich die nöthigen Papiere in den Händen hatte, mußte erhalten; ich war jeden Augenblick in Gefahr, verrathen zu werden. Da ging mein Herz in Flammen für Helenen auf. An jenem Ball⸗ abende, wovon ſie Ihnen erzählt, fühlte ich die ich fort; denn ich konnte die Maske nicht lange ——————— —— ueberzeugung, daß ich nur ſie würde lieben kön⸗ nen. Die ſüße Gewalt der Leidenſchaft berauſchte mich, und in dieſem Rauſche verſprach ich ihr ſelbſt die Löſung des Räthſels, das ich ihr war, zu geben. Auch ich glaubte zu bemerken, daß ſie mich liebe. Die wunderlichſten Dinge fuhren mir durch den Kopf. Ich wollte ſie entführen; aber dazu fehlte mir Geld; ich bin arm und ohne Ausſicht, eine Frau ernähren zu können. Doch was hofft die Liebe nicht Alles! Lächeln Sie immerhin über meine kindiſchen Hoffnungen und Schlüſſe; ich glaubte, die Glücksgöttin müßte mir eben ſo gewogen ſehn, wie die Göttin der Liebe; ich glaubte, das Schickſal müſſe ſich mir günſtig zeigen, ich müſſe im Pharao wenigſtens ſo viel gewinnen, um Helenen entführen, ſie anſtändig unterhalten und mir eine Stellung ſuchen zu kön⸗ nen, die meinen Wünſchen angemeſſen ſei. So faſſelte ich. Das Schickſal ſprach meinen Träu⸗ men grimmig Hohn. Als Helene nach Hauſe war, trat ich an den Spieltiſch, und— verlor meine ganze nicht unbeträchtliche Baarſchaft, mein ganzes Vermögen. Meine Verlegenheit bis ſchier zur Verzweiflung zu ſteigern, erhielt ich vorgeſtern Abend alle nöthigen Papiere von Spangenheim, das Letzte und Wichtigſte hatte er noch immer zurückbehalten, wahrſcheinlich weil ich ihm Gele⸗ genheit zum Mißtrauen gegeben hatte. Die er⸗ wachende, all mein Sein erfüllende Leidenſchaft hatte mich meine Rolle einige Male vergeſſen laſ⸗ ſen. Jetzt mußte ich fort. Aber mir fehlte al⸗ les Geld. Noch ſchrecklicher war mir der Ge⸗ danke, Helenen verlaſſen zu müſſen, da ich ge⸗ ſtern erfuhr, daß ſie dieſem nichtswürdigen Span⸗ genheim zur Beute werden ſollte, daß ſich dieſer ihrer nur zu ſeiner eignen Erhebung zu bedienen gedachte. War mein Zuſtand ſchon Tags vor⸗ her troſtlos geweſen, ſo wußte ich ihm nun kei⸗ nen Namen zu geben, da ich Briefe von meinen Freunden erhielt, die mir meldeten, daß mehrere von ihnen, die begütert waren, in's Gefängniß geführt worden, andre geflohen ſeien, und ich mich ſehr zu beeilen habe, wenn meine Miſſion noch die gehofften Früchte bringen ſolle. Schon vorgeſtern faßte ich den Entſchluß zu fliehen, und in dieſem Zuſtande ſchrieb ich den Brief an — 209— Helene; ich hielt ihr mein Verſprechen, ich löſte das Räthſel; in der Nacht noch wollte ich fort, zu Fuße wandern und mir durch den Verkauf meiner Uhr die dürftige Subſiſtenz verſchaffen. Doch noch war der Brief nicht vollendet, als ich meinen Entſchluß als thörigt verwarf, und viel⸗ mehr beſchloß, erſt mich in Beſitz der wichtigſten Papiere zu ſetzen, dann Helenens Bräutigam wo möglich kennen zu lernen. Ich zerriß den Brief und ſteckte ihn ein, um ihn Abends am Licht zu verbrennen. Das Schickſal hat ihn in Ihre Hand geführt. Denſelben Abend erhielt ich die Papiere, ge⸗ ſtern erfuhr ich, wer Helenens Verlobter war, Alles drängte mich, ich mußte fort. Jetzt beſchloß ich, mich Helenen zu entdecken, ihr über Spangenheim rei⸗ nen Wein einzuſchenken, und wenn ich ſie mit mir einverſtanden ſähe und wir keinen anderen Ret⸗ tungsweg wüßten, ſie zur Flucht zu überreden. Dann wollte ich ſie auf die Beſitzung eines mei⸗ ner Freunde bringen, der eine ſehr liebenswür⸗ dige, gebildete Frau hat, und dort ſollte ſie le⸗ ben, bis ich im Stande ſeyn würde, ihr mins Hand vor dem Altare zu reichen. Dies war mein 14 — 210— Plan, aber Geld gehörte dazu. In der Angſt meines Herzens fiel ich auf den Baron; ich faßte Muth, und ging, ihm meine Verlegenheit zu kla⸗ gen und ihn um Vorſchuß einer Summe zu bit⸗ ten. Deßhalb erſuchte ich ihn in Ihrem Beiſehn um eine Unterredung unter vier Angen; aber kaum ſind wir im Nebenzimmer, als der wunder⸗ liche alte Mann, ſich die große Verlegenheit, die er mir angeſehen, ganz anders erklärend, vorausſetzt, ich ſei gekommen, um ſeine Tochter anzuhalten, und mir dieſelbe, alle Weitläufigkeiten zu erſparen, ohne Weitres förmlich an den Hals wirft. Ich kann mich nicht entſinnen, die mindeſte Veranlaſ⸗ ſung zu ſolcher Vorausſetzung gegeben zu haben; aber mein Erſtaunen und die Rückſicht, dem al⸗ ten Manne nicht ſogleich wehe zu thun, legten mir Schweigen auf. Ich habe ihn um eine Un⸗ terredung um acht Uhr dieſen Morgen gebeten, wo ich dann offen mit ihm reden will. So, ver⸗ ehrte Frau, ſtehen meine Angelegenheiten.“ „Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen; in wenigen Stunden ſollen Sie ſich überzeugen, daß ich deſſelben nicht unwürdig bin. Mit dem —,———— — 211— alten Baron laſſen Sie mich ſelbſt reden; ich ver⸗ mag mehr über ihn, als Sie, und kann mehr zu Ihrem Lobe ſagen, als Sie ſelbſt. Seyn Sie deshalb außer Sorgen. Und nun empfangen Sie aus der Hand Ihrer Freundin den koſtbaren Ju⸗ wel, nach deſſen Beſitz Sie geſchmachtet.“ Hier⸗ mit führte ſie ihn hinter die nahe Baumgruppe, wo, im Schatten des Felſen verſteckt, die zweite verſchleierte Dame ſtand. Sanft zog ſie der Er⸗ röthenden den Schleier zurück und:„Helene!“ rief der Jüngling in freudigſter Ueberraſchung. Schweigend ſtanden ſie ſich dann gegenüber, die Welt war für ſie verſchwunden; jedes wußte ſich vom Andern geliebt, und dieſes große Gefühl füllte alle Räume ihrer Seelen aus. Wonne⸗ lächelnd betrachtete Conſtanze die beiden Liebenden; dann flüſterte ſie vor ſich:„Und dieſe herr⸗ liche Blume hätte der Schändliche brechen ſollen, der meine Blüthe pflückte? Ich habe ein gutes Werk gethan.“ Und zu Helenen ſich wendend: „Es wird Ihnen ſchwerlich ein Wort von unſrer Uunterhaltung entgangen ſeyn, Comteſſe, und Sie ſehen ihn rein und gerechtfertigt vor ſich“ Und 14* zu Müllersdorf:„Es hat mir Mühe genug ge⸗ koſtet, ſie geſtern zu dieſem Gange zu überreden, und dieſen Morgen noch hatte ich meinen Kampf. Jetzt werden Sie's beide mir Dank wiſſen.“ „Herrliche Frau!“ rief der junge Mann, „womit hab' ich mir Ihre Gunſt erworben?“ „Das ſollen Sie erfahren, wenn—— doch jetzt koſ't eine Stunde mit einander. Ach, dieſe Augenblicke ſind die ſchönſten, die ihr erlebt! Ein Gifthauch überbrühete die erſte Stunde mei⸗ ner jungen Liebe; ich hielt einen Baſilisken im Arm, ohne es zu wiſſen. Geht, meine Theuern, dieſen Pfad nach dem Haine hinab, ich werde die Wächterin eueres Glückes ſeyn, und euch vor jeder Störung ſchützen.“ Ein freundlicher Sonnenblick lohnte der Gü⸗ tigen aus Helenens ſtrahlendem Auge. Aber erſt als ſie mit dem Geliebten allein war in der grü⸗ nen Umzäunung von Sträuchen, Bäumen und Felſen, lehnte ſie die Purpurwange an des Theuern Geſicht, um ſie zu kühlen; und Auge tauchte in Auge, Odemwelle verſchlang gierig Odemwelle, bis Lippenpaar, Gluth und Kühlung zugleich * — 213— ſpendend und empfangend, an Lippenpaar hing, und das Entzücken ihrer Seelen in himmliſche Vergeſſenheit ihres Selbſts verrann 13. Bei der Gräfin Klattau war zum Frühſtück ſervirt; ſie ſtand mit Spangenheim in einem Fen⸗ ſter und zwar entzückt über die Sympathie ihrer Seelen, die ſich in den ſchwärmeriſchen, eben von ſeinem beredten Munde ſtrömenden Ergießungen über Religion und Metaphyſik kund that. Mit kühnen poetiſchen Worten malte er ihr die herr⸗ lichſten Bilder aus der Welt der Gefühle vor, und ſie ſchwelgte in den Empfindungen, die er herbeirief. Fräulein von Grünewald trat ein und fragte, ob die Comteſſe noch nicht hier ſei? Die Gräfin fand kaum Zeit, ihr dieſe Frags Lrneinend zu beantworten, und hörte nicht darau, daß Helene ſchon vor einer Stunde erklärt habe, hierher ge⸗ — 214— hen zu wollen, während ſie ihr eine Arbeit auf⸗ getragen, welche ſie an's Zimmer gefeſſelt. Bald darauf kam der Marcheſe. Man ſetzte ſich. Der Letztere erzählte, er habe eben den jun⸗ gen Müllersdorf mit der geſtern über der Tafel krank gewordnen Dame in einen Wagen ſteigen ſehen und ihnen glückliche Reiſe gewünſcht. Span⸗ genheims Geſicht verklärte ſich; er trank haſtig ei⸗ nige Gläſer, und wurde ſehr fröhlich. Helenens Ausbleiben ſiel nach beendigtem Frühſtück auf; allein der weinluſtige Diplomat wußte ja, daß ſeine Feindin ihm bei Helenen nicht mehr ſchaden konnte, und ſo blieb er ruhig. Erſt als Helene auch nicht bei der Mittagstafel erſchien, ſahen ſich Spangenheim, der Marcheſe und die Gräfin wech⸗ ſelſeitig befremdend an, und Fräulein von Grü⸗ newald erhielt den Auftrag, die Comteſſe zu ſuchen. Dieſe erkundigte ſich bei ſämmtlichen Bade⸗ gäſten; man hatte ſie wohl geſehn, wußte aber nicht, wohin ſie gerathen ſei. Endlich fiel es Spangenheim auf, daß die Familie Hochmanns⸗ dorf ſich gn. nicht über die Abweſenheit der Madame Bergmann beklagte, und er unterſtand — 215— ſich, nach ihr zu fragen;„ſie iſt verreiſ't!“ antwortete der alte Baron gegen alle Gewohnheit kurz.„Wo denn aber iſt Herr von Müllersdorf?“ „Auch verreiſt!“ verſetzte Spangenheim ebenſo. „So wird ja wohl die Comteſſe ebenfalls ver⸗ reiſt ſeyn. Was?“ höhnte der Alte, der heute eine grimmige Laune hatte. Doch Niemand von der Gegenpartei legte Werth auf dieſe Worte. Man trennte ſich und Spangenheims Unruhe ſtieg von Stunde zu Stunde. Die Gräfin ſprach gegen Abend den Gedanken aus, der ſie, ſie fol⸗ ternd, ſchon lange gequält hatte, Helene könne ſich ein Leids angethan haben, und als das gräß⸗ liche Wort ein Mal heraus war, warf es ſchier alle mit ſeiner unterirdiſchen Kraft zu Boden. Spangenheim rennte wie ein Verzweifelter umher, und ſuchte die Comteſſe in Teichen und Fluß⸗ gräben; Leute wurden ausgeſchickt, das ganze Bad kam in Aufruhr. So verging die Nacht. Die Gräfin brachte ſie zerknirſcht am Hausaltare betend zu, um die Stimme ihres Gewiſſens zu beſchwichtigen, die ihr laut vorwarf, ſie habe das Kind ihrer einzigen Schweſter in den Tod ge⸗ — 216— jagt; Spangenheim wild umherlaufend, fluchend und tobend und ohne alle Aufmerkſamkeit auf ſeine zwiefache Rolle, die des Diplomaten und des Religionsſchwärmers, die Grünewald ihn verwünſchend, daß er ihr nicht Wort gehalten und Müllersdorf mit einer Andern davongegan⸗ gen, der Marcheſe ruhig, nach eingenommener guter Mahlzeit, in ſeinem Bette ſchlafend. Die Sache machte natürlich das größte Auf⸗ ſehen; man war am folgenden Tage mit nichts weiter beſchäftigt. Die Gerichte invigilirten und gegen Mittag verbreitete ſich Licht. Bei der Ta⸗ fel fehlte die Familie Hochmannsdorf, und man erfuhr, daß ſie dieſen Morgen plötzlich abgereiſ't ſei und hie und da habe Karten abgeben laſſen. Wie ein Blitzſtrahl traf dieſe Nachricht Spangen⸗ heim. Faſt zu gleicher Zeit wurde von den Gerichten gemeldet, daß Tags vorher, um neun Uhr früh, hinter dem Dorfe G., eine Viertelſtunde vom Badeorte, eine Dame von dem Ausſehen und in der Kleidung der Abhandengekommenen, in einen Wagen geſtiegen ſei, worin bereits ein junger Herr und eine Dame geſeſſen. Die Flüchtige — 217— habe ein Bewohner des Dorfes über eine halbe Stunde hinter einer Hecke warten ſehen. Span⸗ genheim wurde von dieſer Nachricht faſt zu Bo⸗ den geworfen. Nun erfuhr er auch von der Grünewald, daß Helene aus dem Theater gegan⸗ gen. Er hatte Licht, aber eins blieb ihm völlig unerklärlich, wie nämlich der Sohn des loyalen, ſervilen Loſewitz, der angehende Diplomat, ſo ge⸗ gen einen Mann handeln konnte, der ihm an Geiſt weit überlegen war und der in Staats⸗ geſchäften ſich bald unentbehrlich machen werde. Er ſchwankte nach Hauſe. Mechaniſch griff er nach dem von dem jungen Manne erhaltnen Pa⸗ ket, welches mit Staffete an deſſen Vater geſchickt werden ſollte. Das Siegel fiel ihm auf; es war das der Familie Loſewitz, welches ihm wohl be⸗ kannt war. Ein ſiedend heißer Gedanke ſchoß plötzlich durch ſeinen Kopf wie ein feuriger Pfeil; er riß das Paket auf⸗ und— Makulatur ſiel ihm entgegen. Das war der gräßlichſte Schlag. Er raffte ſich auf und tobte wie ein Raſender zum Marcheſen:„Ha, meine Ahnung hat ſich fürch⸗ terlich erfüllt!“ brüllte er.„Der ſchändliche — 218— Loſewitz iſt uns und ſeinem Vater ungetreu gewor⸗ den und mit Helenen geflohen. Er kehrt nicht zurück, wie ich Ihnen noch heute ſagte; er hat mich, wie ſeinen Vater, betrogen.“ „Aber was wollen Sie denn vom jungen Lo⸗ ſewitz?“ fragte der Marcheſe befremdend.„Iſt der Sohn unſres Loſewitz hier geweſen?“ „Nun wiſſen Sie denn nicht, daß der ſoge⸗ nannte Müllersdorf eigentlich der Sohn meines Gönners war?“ fragte Spangenheim erſtaunt. „Hat er Ihnen das ſelbſt geſagt?“ gegen⸗ fragte der Marcheſe. „Ei freilich! Er hat mir ja einen Brief ſei⸗ nes Vaters überbracht, er hat die Parole richtig angegeben und über alle unſre Verhältniſſe nicht anders geſprochen, als wie ein genau Unterrich⸗ teter. Sie ſelbſt haben ihn ja für den jungen Loſewitz anerkannt.“ „Ich niemals; ich habe ihn ſtets für einen Herrn von Müllersdorf gehalten, und ihn auch in*** als ſolchen kennen gelernt. Ich ſah ihn mehrmals in Geſellſchaft des jungen Loſewitz, an den er attachirt war, und deſſen Vater von ihm, — 29 als einem ſehr brauchbaren Kopfe, ſprach. Es iſt jammerſchade, daß ich ihn nun nicht zu mei⸗ nem Plane hinſichtlich des Herzogs A. von Z. benutzen kann.“ „So iſt ein fürchterlicher Betrug vorgegan⸗ gen,“ tobte Spangenheim;„ich bin um meine Papiere und habe meine Geheimniſſe auf Ihr Geheiß an einen Feind unſrer Sache verrathen.“ „Hätten Sie mir doch früher davon geſagt, daß Sie den Müllersdorf für den Loſewitz hiel⸗ ten. Jetzt iſt's zu ſpät; und ich bedauere nur das Scheitern meines ſchönen Planes.“ „Ich werde ſogleich nach x reiſen, um den ſchlimmen Folgen dieſes Betrugs vorzubeugen.“ „Thun Sie das; ſonſt möchte es mit Ihrer diplomatiſchen Laufbahn ein Ende ſeyn. Da uns ohnedies die Lockſpeiſe genommen iſt, ſo können wir vor der Hand nicht zur Ausführung unſres Planes ſchreiten. Sie allein können, wie ich Ihnen ſchon bewieſen habe, die Erforderniſſe nicht erfüllen. Bringen Sie uns von ein andres Eremplar mit. Ich werde mit der Gräſin hier bleiben und den Prinzen F. erwarten.“— — 6— Spangenheim wollte die Flüchtigen aber erſt verfolgen und machte ſich auf den Weg nach E. Sein Aerger war grenzenlos, keine Spur von Müllersdorf und ſeinen Begleiterinnen zu finden, und als er verdrießlich zurückkehrte, erfuhr er, daß der Kutſcher den entgegengeſetzten Weg hatte fahren müſſen. Er mochte vor Wuth berſten, daß er den Flüchtigen auch noch den Wagen ge⸗ miethet und mit ihrer Flucht einverſtanden gewe⸗ ſen, ja daß ſie auf ſeinen— Wunſch vor ſich gegangen war. Am andern MWorgen reiſete er, von den Se⸗ genswünſchen der Gräfin begleitet, mit Ertrapoſt nach*** ab. 14. „Nun ſagt mir nur, Erzgalgenſtrick von Menſchen, was für tolle, unbegreifliche Streiche Ihr treibt? Ich hab' aus Conſtanzens Gerede noch nicht klug werden können und mir den gan⸗ zen Weg über den Kopf zerbrochen, wie wohl die — 221— Sache zuſammenhängen möge, aber nichts heraus⸗ gebracht. Was?“ Alſo redete der Baron von Hochmannsdorf/ kaum auf ſeinem Gute Silber⸗ bach aus dem Wagen geſtiegen, wo er und ſeine Familie von Müllersdorf, Madame Bergmann und der Comteſſe Helene freundlich empfangen wurden, den Erſtern an, und dieſer führte ihn ſo⸗ gleich in den Garten mit dem Verſprechen, ihm klaren Wein über alles einzuſchenken, was er nur zu wiſſen begehren würde. Der alte neugie⸗ rige Mann ließ ſich das gefallen. Sie ſetzten ich auf eine Bank, und Müllersdorf begann:„Die Zeit drängte ſo ſehr zu unſrer Flucht⸗ daß ich Conſtanzen überlaſſen mußte, Ihnen zu entdecken, was ihr durch Zufall über mich bekannt worden war. Durch ſie haben Sie denn auch erfahren⸗ daß ich wirklich der Sohn Ihres von Ihnen ſo ſehr geliebten Freundes bin.“ „Ich weiß,“ unterbrach Hochmannsdorf den jungen Mann mit Thränen im Auge.„ Gott hat's wunderbar gefügt. Ich ſah dir's übrigens gleich an, lieber Junge; denn du haſt deines Va⸗ ters Geſtalt und Weſen. Dein Läugnen nur v— 222— machte mich irre. Nun ſag' mir nur erſt etwas von meinem herzinnigen Freunde! Was?“ „Mein Vater iſt ſchon vor einigen Jahren geſtorben; ich ſtudirte eben in Breslau und hatte gerade die Reiſe mit zu dem Wartburgsfeſte ge⸗ macht. Ergriffen von dem Aufſchwunge der deut⸗ ſchen Jugend, gehörte ich mit Leib und Seele, mit glühender Begeiſtrung der Sache der Dema⸗ gogen an. Die Krankheit meines Vaters rief mich nach Warſchau, wo er mit ſeinem Regi⸗ mente ſtand. Der Haß, den er in ſeiner Bruſt gegen die Ruſſen trug, in deren Dienſte ihn Gott weiß welch' ein trübes Schickſal geführt hatte, bewog ihn, mich, den er und meine Neigung zum Militär beſtimmt hatten, in**iſche Dienſte zu ſchicken. Er hatte bereits das Nöthige verfügt; eine Lieutenantsſtelle war mir zugeſagt, als ſein Bruſtübel ſich verſchlimmerte und er in meinen Armen verſchied. Nachdem ich ſeine Verlaſſen⸗ ſchaft geordnet, ging ich nach**s, meine Stelle anzutreten. Dort machte ich die Bekanntſchaft eines jungen Herrn von Loſewitz, Sohn eines vornehmen und angeſehnen Diplomaten. Der — Stolz des Vaters wollte ihn ebenfalls zum Di⸗ plomaten bilden, und er ſollte einſt eine bedeu⸗ tende Carriere machen; Luſt und Talent führten den Sohn ganz andre Wege. Leidenſchaftlich für Poeſie, Theater, Muſik eingenommen, dem Ver⸗ gnügen bis zur Ausſchweifung ergeben, von ſei⸗ nem Vater verzärtelt und verzogen, trieb er ſich mit Dichtern, Schauſpielern, Muſikern herum und fand einen großen Genuß darin, dieſe Leute zu regaliren. Auf dieſe Weiſe vergendete er große Summen, die ihm ſein in ihn verliebter Vater gern gab, ſobald er ſich nur zu einigen diploma⸗ tiſchen Arbeiten verſtand, die der Alte von ihm forderte. Das Leichte und Angenehme arbeitete er gern, das Schwierige mußte ich ihm ausar⸗ beiten. Gleiche Neigung zur Poeſie, zum Thea⸗ ter ꝛc. hatten uns zuſammengeführt. Durch meine gelungenen Arbeiten machte er Furor, erhielt Geld und— wir wurden die innigſten Freunde. Es konnte aber doch nicht fehlen, daß er mit ſei⸗ nen Anſichten und Aeußerungen oft gegen ſeinen Vater verſtieß, und dann mußte ich jedes Mal wieder gut machen, was er verdorben hatte. Um jene Zeit kam einer meiner innigſten Univerſitäts⸗ freunde, einer der eifrigſten Demagogen zu mir, und ich erfuhr mit Schrecken, in welcher Gefahr meine Freunde und die Sache ſchwebten, welcher ich ſo innig ergeben geweſen war. Mein zeithe⸗ riges Leben hatte mir jenes Intereſſe aus den Augen gerückt, aber ich war noch der Alte. Mein Freund machte mich darauf aufmerkſam, wie viel ich in meiner jetzigen Stellung meinen Freunden nützen könne, und ich ſchied mit dem Verſprechen von ihm, Alles, was mir möglich, zu thun, und ſtets mit ihm im Briefwechſel zu bleiben. Dies bewog mich denn auch, den ſchon einige Mal zurückge⸗ wieſenen Antrag des jungen Loſewitz, meine mili⸗ täriſche Carriere aufzugeben und eine Bedienſtung im Bureau ſeines Vaters anzunehmen, näher in Berückſichtigung zu ziehen und endlich darauf ein⸗ zugehen. Der Sohn machte mich mit dem Vater bekannt, ich fertigte auf den Wunſch des Letz⸗ tern Probearbeiten und kam bei ihm in Gunſt. Auf dem Bureau lernte ich bald das Weſen der Diplomatie kennen, und nur der Gedanke, daß ich meinen Freunden nützen könne, unterdrückte — 225— den Ekel gegen meine Beſchäftigung in mir. Ein Menſch, der bei der*iſchen Geſandtſchaft in B. als zweiter Sekretär angeſtellt war, ein ge⸗ borner B— ner, Namens Spangenheim, erregte bald meine Aufmerkſamkeit im höchſten Grade. Er denuneiirte ſtrafbare Verbindungen in den *wiſchen Staaten und verſprach vieles zu ent⸗ decken, wenn man ihn befördern wollte. Vom jungen Loſewitz erfuhr ich, daß ein italieniſcher Marcheſe, Ricconi mit Namen, ſeinem Vater je⸗ nen Spangenheim beſonders empfohlen habe. Man nahm Rückſicht auf ſeine Anträge, zumal jener Marcheſe den von Loſewitz und vielen Andern unterſtützten Plan hatte, den Herzog A. von Z. zur katholiſchen Kirche zu bekehren, wozu ſich deſſen Bruder, der Prinz F., ſchon in Rom be⸗ kannt hatte. Dazu ſollte jener Spangenheim auch gebraucht werden. Von all dieſem wußte ich et⸗ was, aber durchaus nichts Zuſammenhängendes, nichts Vollſtändiges. Ich hatte den Marcheſe nur einige Mal in*** geſehn; dann wurde ich vom jungen Loſewitz, und ſtatt ſeiner, dieſen Sommer nach Marienbad mit einem Auftrage an ihn ge⸗ 15 — 226— ſandt, wo er ſich mit dem Prinzen F. von Z. aufhielt. Zu derſelben Zeit erhielt mein kunſt⸗ liebender Freund von ſeinem Vater den Befehl, nach Bad L. zu reiſen, dort die auf die Dema⸗ gogenverbindungen bezüglichen Papiere von ge⸗ nanntem Spangenheim in Empfang zu nehmen, ſich die Badezeit über des genauen umgangs die⸗ ſes Mannes zu befleißigen und von ihm zu pro⸗ fitiren, ihn in Gemeinſchaft mit dem Marcheſe, der auch bald dorthin kommen werde, noch ein Mal gründlich zu prüfen, ob derſelbe zu den großen Zwecken, zu welchen man ihn zu benutzen gedenke, zu gebrauchen ſei, und wenn er ſich als brauchbar bewährt, einige Zeit mit ihm am Hofe des Herzogs A. von Z. zu leben, der eben in Karlsbad ſei, oder die Papiere nach*** zu bringen und Marcheſe und Spangenheim in Z⸗ beim Herzoge zu laſſen. Nichts konnte meinem Freunde ungelegner kommen; denn er hatte ſei⸗ ner Geliebten, einer Opernſängerin, verſprochen, die Badezeit mit ihr in Franzensbrunn zuzubringen, und er hätte eher Alles dran geſetzt, als dieſen romantiſchen Plan aufzugeben. Dies war auch der — 227— Grund geweſen, weshalb er mich nach Marien⸗ vad geſchickt, während ſein Vater nicht anders glaubte, als er ſei, dem erhaltnen Befehl gemäß, ſelbſt dorthin gereiſt. Ich that ihm den Vorſchlag, auch die Reiſe nach Bad L. für ihn, ohne Wiſſen ſeines Vaters, zu unternehmen und ſtatt ſeiner die Geſchäfte mit Spangenheim abzumachen. Er nannte mich ſeinen Engel, umarmte mich, gab mir Geld und wirkte mir Urlaub zu einer Reiſe nach Schleſien zu meinen Verwandten aus. Die Hoffnung, für meine theuern Freunde etwas Wichtiges thun zu können, beſeelte mich zu dem unternehmen, von deſſen Mißlingen am Ende nicht ſehr viel abhing. Ich reiſte mit allen Inſtruktio⸗ nen des jungen Loſewitz nach Bad L., enthüllte mich dort dem Sekretär Spangenheim, der, theils weil er Verrath fürchtete, theils weil er ſich in der Adelsſphäre geſiel, als Herr von Reinecke aufgetreten war, als Herr von Loſewitz, der unter dem falſchen Namen von Müllersdorf auftrete, aus denſelben Gründen, die ihn auch zum Pſeudo⸗ nymen beſtimmt hätten. Er glaubte dies und mußte es glauben. Aber ein wunderbares Schick⸗ 15* — 228— ſal führte mich dort mit der Comteſſe Helene Billaplotzsky zuſammen. Ich ſah, ich liebte ſie. Der Vertuſt meines Geldes am Phavaotiſch brachte mich ſchier zur Verzweiflung. Ich erfuhr, daß Helene als Sklavin auf den Markt geführt wurde, um dieſem verworfnen Spangenheim, der ſich mir in ſeiner tiefſten Nichtswürdigkeit zeigte, als Preis für Schurkendienſte zugeſchlagen zu werden. Ich fand meinen eignen Namen auf der Liſte der Dema⸗ gogen; ich erfuhr ſchlimme Dinge, und beſchloß, nicht wieder nach*** zurückzukehren. Ein Brief nahm mir alle Ausſichten auf Geld, da trat ich in Ihre Wohnung, um mich Ihnen zu entdecken. Gott weiß, wie Sie mich mißverſtanden— „Stille, ſtille davon!“ ſagte der Baron,„das iſt eine ſehr alberne Geſchichte, von der man nicht viel erzählen muß. Was?“ „Conſtanze, das edle Weib, wurde meine Retterin, wurde Helenens Engel. Doch Sie ken⸗ nen die Größe ihres Edelmuthes noch nicht. Da Helene arm iſt, und ich ohne Vermögen und An⸗ ſtellung, ſo hat Conſtanze mir die Benutzung ihres beträchtlichen Fonds bis an ihr Lebensende über⸗ laſſen und mir verſprochen, mich oder meine Kin⸗ der zum Erben einzuſetzen; denn nie und in kei⸗ nem Falle will ſie wieder heirathen. Wir wollen ein Gut in der Nähe kaufen, es ſelbſt bewirth⸗ ſchaften und dort gemeinſchaftlich wohnen. Wo⸗ mit ich mir die unbegrenzt großmüthige Gunſt dieſer trefflichen Frau erworben, kann ich nicht begreifen; doch hat ſie mir verſprochen, daß ich es gleich nach Ihrer Ankunft, Herr Baron, er⸗ fahren ſoll, und ſo ſehe ich denn mit Begierde dem Augenblicke entgegen, wo ſie den Mund öff⸗ nen wird.“ „Höre, Müllersdörfchen, ich will Dir's ver⸗ rathen,“ ſagte der Baron lächelnd;„denn ich weiß es doch eigentlich noch beſſer als ſie. Nur laß mir die demagogiſchen Narrenspoſſen! Das kann ich nicht vertragen. Komm, wir wollen ein Glas Wein auf die Geſundheit unſers guten Königs trinken. Was?“ „Mit der größten Freude; doch nicht eher, bis Sie mir erzählt und meinen Wunſch nach Licht in dieſer Sache befriedigt haben. Ich laſſe Sie nicht eher von der Stelle.“ — 230— „Nun meinethalben auch. Wir ſind ein Mal allein, und ſolch ein Bekenntniß läßt ſich nur unter vier Augen ablegen; vorzüglich wenn ein alter Mann einem jungen Beichte ſitzt. Ich war bei der Regierung angeſtellt und hatte noch kein Vermögen; denn mein reicher On⸗ kel, deſſen einziger Erbe ich war, lebte noch. Er war penſionirter Rittmeiſter und führte mich in das Haus des ebenfalls penſionirten Oberſten von Königshofen ein, der auf ſeinem Gute wohnte, mit dem Wunſche, mir von den beiden heiraths⸗ fähigen Töchtern des Hauſes eine auszuleſen. In dieſem Hauſe lernte ich Deinen Vater kennen, mein Junge, der damals Premierlieutenant war. Wir wurden bald die beſten Freunde.“— „Königshofen?“ unterbrach ihn Müllersdorf. „Meine Mutter war ja eine Königshofen.“ „Ganz recht. Höre nur weiter. Friedrike und Karline waren beide hübſch, munter, einnehmend, kurz allerliebſte Dinger. Sie gefielen mir beide gleich wohl; die Wahl that mir ſo wehe, daß ich mich für keine beſtimmen konnte. Ich entdeckte dem Onkel meine große Verlegenheit. Er lachte — und meinte, hier müſſe das Alter entſcheiden, und— mein Onkel war alt, aber immer noch der Rittmeiſter— am andern Tage wurde ich mit Friedriken, der Aelteſten, verlobt, und vier Wochen darauf war ſie meine Frau. Kaum hatt' ich ſie, als ich inne ward, daß ich eigentlich Kar⸗ linen liebte und aus ihrem Trübſinne merkte ich bald, daß ich von ihr mehr geliebt wurde, als von meiner Frau. Dieſe war Deinem Vater gut, aber die Sache war nicht mehr zu ändern. Mir aber ging's ſehr ſchlimm; bald war ich zum Toll⸗ werden in meine Schwägerin verliebt; ich hatte nicht Ruh' noch Raſt, faſt hätt' ich mich erſchoſ⸗ ſen, da Werthers Leiden eben Furor machten. Es war eine böſe Geſchichte. Ich war krank, meine junge Frau beſorgt um mich— ſie hatte keine Ahnung von meinem Uebel— die Aerzte riethen den Aufenthalt auf dem Lande; meine Frau fuhr mit mir zu ihren Eltern. Da ſteckte mein Krankheitsſtoff; ich war kaum eine Woche in Karlinens Geſellſchaft, ſo blühete ich wieder auf. Was halfen alle angelernten Dinge, was alle Formen des bürgerlichen Lebens, unſre Herzen —— flogen einander zu, und das meinige lebte jetzt erſt auf; wir verſtanden uns, liebten uns, und— cetera quis nescit?— Ich bitte Dich, lieber Junge, ſei nicht voreilig, richte nicht ſtreng! In Sachen des Herzens iſt weder der ſteifzopfige Verſtand, noch die prude Klugheit Richter. Kar⸗ line war eins der edelſten und trefflichſten Ge⸗ ſchöpfe Gottes, ein Engel, der in irdiſcher Ge⸗ ſtalt über die Erde ſchritt, aber der Erde ihren Wegezoll an Leidenſchaft und Schmerz zahlen mußte. Du haſt ſie gekannt, Moritz, ſegne ihr Andenken mit mir; ſie war Deine Mutter.“ Das Auge des Greiſes hatte ſich mit Thränen gefüllt, er nahm die Kappe ab und blickte mit verklärtem Geſichte, ſo daß er ſich faſt nicht mehr ähnlich ſah, in die Bläue des Himmels; ſeine Lippen bebten, als glitte ein kaum gedachtes, nur gefühl⸗ tes Gebet über ſie. Müllersdorf weinte heilige Thränenz es war ihm, als ſchwebe der Geiſt ſeiner Mutter an ihnen vorüber. „Unſre Leidenſchaft hatte Folgen; ich verlor faſt den Kopf. Was konnte alles daraus ent⸗ ſtehen, wenn nicht bei Zeiten vorgebeugt wurde. — 233— Der unverſohnlichſte Zorn meiner Schwiegereltern und meiner Frau, wahrſcheinlich Scheidung von der Letztern, Verſtoßung Karlinens, Enterbung meiner von Seiten meines Onkels, Verluſt mei⸗ nes Dienſtes, kurz ein unüberſehbares Elend. Da that mir ein treuer Freund noth. Ich hielt Dei⸗ nen Vater dafür, entdeckte ihm meinen grenzen⸗ loſen Kummer, und hatte mich nicht geirrt. Der Edle that, was Tauſende nicht gethan haben wür⸗ den; er entſchloß ſich ſogleich— Karlinen zu heirathen. Karline wurde mit dieſem Entſchluſſe bekannt gemacht; die Geängſtigte willigte in Al⸗ les, um nur dem drohenden Verderben zu ent⸗ gehen. Für die edelmüthige Aufopferung mußte ich dem Freunde nur verſprechen, Karlinen nie wieder zu ſehen, und das Kind, welches ſie zur Welt bringen würde, erziehen zu laſſen. Er mochte dieſem Kinde weder ſeinen Namen geben, noch es um ſich haben. Ich verſprach, was er begehrte. Hierauf verfügte er ſich zu meinem Schwieger⸗ vater und bekannte ſich, auf die Gefahr eines heftigen Sturmes hin, zu meiner Schuld. Einige Wochen darauf war Karline ſeine Frau; auf ſein Nachſuchen wurde er in eine entfernte Garniſon verſetzt; geſchrieben haben wir uns viel, aber geſehn haben wir uns nicht wieder. Er war ein eigner feſter Charakter: doch Du haſt ihn gewiß genau gekannt. Die Schwiegereltern erhielten die Nachricht, Karlinens erſtes Kind ſei gleich nach der Geburt mit Tod abgegangen; mir meldete mein theuerer Schwager, daß ſie ein Mägdlein zur Welt gebracht, welches in der Taufe den Namen Conſtanze erhalten habe. Der Hofrath Ritter in B. war mein Vorge⸗ ſetzter und Freund. Seine Frau, ein liebes We⸗ ſen, aber kinderlos und voll Sehnſucht, ein Kind, vorzüglich ein Töchterchen, zu beſitzen. Ich ent⸗ deckte mich dem Ritterſchen Ehepaare, ohne zu geſtehen, daß Karline des Kindes Mutter ſei. Mein Vorſchlag, das Kind zu erziehen, wurde von der lieben Frau mit Freuden genehmigt. Conſtanze kam in Ritters Haus; ſie wurde an Kindes Statt angenommen und hat ihren Adoptiv⸗Vater beerbt. Was ſie mir war, ſo wie die ganze Geſchichte meiner Jngeldbergehung, hat ſie erſt nach Rit⸗ ters Tode erfahren. Dein Vater war nach Ruß⸗ — 235— land gegangen; nach Jahren erfuhren wir, daß Karline geſtorben. Meine Frau hat nie begreifen können, weshalb eine Trennung zwiſchen uns ein⸗ getreten war. An der Quelle des Lichts iſt auch ihr Alles klar geworden. Meine Bedienſtung gab ich ſpäter auf und kaufte mich hier an. Den Ver⸗ ſtoß am menſchlichen Geſetz habe ich durch langen Schmerz gebüßt. Beide Schweſtern ſi ſind einge⸗ gangen in das Land des Friweis Von dort lächelt Dein Vater in ihrer Mitte auf uns herab. Die Abendſonne ſendet milde Strahlen auf mein Haupt; ein ſchönes Abendroth verklärt mein Ant⸗ litz; ich habe meines Freundes, Karlinens Sohn, gefunden, und er iſt mein Sohn geworden. Komm an mein Herz„Junge!“* Greis und Jüngling lagen in ſchner Umar⸗ mung, da traten Helene und Conſtanze durch die Gartenthüre. Mit tiefer Rührung wandt ſich Müllersdorf aus des Barons Armen, eilte auf Conſtanzen zu und drückte ſie heftig an ſeine wogende Bruſt. Sie las in ſeinen Angen/ daß er Alles wußte. Zu Helenen gewendet, lispelte 7 — 236— der bewegte Mann:„Sie iſt meine Schweſter!“ Staunend umſchlang ſie Helene von der andern Seite.— * 4 * Es wird dem Leſer nicht unlieb ſeyn, über die Schickſale der Perſonen, welche ſeinem gei⸗ ſtigen Auge vorüberſchritten, in Kurzem noch Folgendes zu erfahren: Moritz von fand bald ein ſcho⸗ nes Landgut in geſegneten Thüringen, und bezog es mit Gattin und Schweſter. Dieſe bei⸗ den Engel erheiterten ſein Leben; Helene ſchmückte es mit den heitern bunten Kränzen der Freude, Conſtanze ſchlang die Schleier ſanfter Wehmuth hinein, und gab dem poetiſchen Gemüthe ihres Bruders dadnrch erſt den rechten Genuß. Denn dem Dichter ſind die leis umwölkten Tage lieber, als die, deren Sonnenglut drückt. Für Luischen fand ſich ein braver Gutsbe⸗ ſitzer aus der Nachbarſchaft, der keine Anſprüche zu machen herechtigt war. Sie feierte mit Char⸗ lotten und Müllersdorf zugleich Hochzeit. Es — 237— war ein ſchöner Tag; und ſo viel auch Witten⸗ bach trank, er fluchte nicht ein Mal; denn er hatte es Charlotten am Morgen heilig und theuer verſprochen. Uebrigens erfuhren weder Charlotte und Luiſe, noch ihre Eheherrn den wahren Zu⸗ ſammenhang des Verhältniſſes zwiſchen ihrem Vater und Conſtanzen, und konnten ſich nie er⸗ klären, warum der alte Hert mit ſo unbegrenz⸗ ter Liebe an Madame Bergmann hinge, wenn ſie auch den lächerlichen Argwohn aufgegeben hatten, daß der Greis die junge Frau heirathen werde. und wirklich war Conſtanze des Barons liebſte Tochter; er ſah in ihr den Lichtblick ſeines Lebens verkörpert; ja ein Jahr darauf zog er zu ihr, und ſtarb nach mehren Jahren heitrer Ruhe in ihren Armen. Dann und wann gingen Nachrichten aus*** ein, und Müllersdorf und ſeine liebenswürdige Frau erfuhren in einzelnen Briefen eine Reihe Jahre hindurch, was hier zuſammengefaßt wird. Spangenheim wurde, eh' noch das Jahr 1821 verſtrich, der Gatte der Gräfin Klattau, erhielt das Adelsdiplom und eine einträgliche Anſtellung — 238— auf dem Bürean des Herrn von Loſewitz. Die⸗ ſen alten Diplomaten wußte er ſo für ſich einzu⸗ nehmen, daß er ihm in Haus und Herzen die Stelle des Sohns einräumte, weil dieſer, für ſeinen Leichtſinn etwas hart behandelt, von dan⸗ nen gegangen war und in einer Stadt Nord⸗ dentſchlands unter fremdem Namen als Baryto⸗ niſt auf der Bühne wirkte. Stets für die Kunſt begeiſtert, iſt er ihr tren geblieben und hat ſich Lorbeern errungen. Er beſucht faſt jährlich ſeinen Freund Müllersdorf, und dann belachen ſie zu⸗ ſammen ihre diplomatiſche Garriere. Auch der ſchöne Plan des Marcheſe Riccvni ſcheiterte gänzlich. Im Mai des folgenden Jah⸗ res ſtarb der Herzog A. von Z. plötzlich. Prinz⸗ F., immer geiſtesſchwächer, überlebte ihn nur um einige Jahre. Das Fürſtenhaus ſtarb mit ihm aus. Der Himmel zerſchlug mit zürnender Fauſt das ſchimmernde Luftſchloß des intriguan⸗ ten Pfaffen; er kehrte nach Rom zurück. Spä⸗ ter hat man mehrmals die Behauptung gemacht, er ſei eigentlich ein Deutſcher, Namens Ricken, geweſen. Dem Fräulein von Grünewald verſchaffte Spangenheim, zum Lohn für treu geleiſtete Freundſchaftsdienſte, einen Mann aus ſeinem Büreau, als er ſelbſt an der Spitze eines ſolchen ſtand. Vor einigen Jahren trat der brauchbare Diplomat in das Miniſterium eines kleinern Für⸗ ſten; zwei Monate darauf ließ er ſich von ſeiner alten Frau ſcheiden, heirathete ein blühendes Fräulein aus einem der älteſten Adelshäuſer des Landes, und wußte ſich in der Gunſt ſeines Für⸗ ſten zu erhalten. In demſelben Verlage ſind folgende empkehlenswerthe Schritten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Abraham a Santa Clara, Merk's! Ein curiöſes Memento für alle Stände aller Or⸗ ten. Zur Ergötzung der heutigen Leſewelt wieder an's Licht geſtellt durch Dr. Hein⸗ mar. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers. Geh. Rthlr. 1. oder fl. 1. 45 kr. —— Auch eine Heerpredigt wider den Tür⸗ ken, oder: Auf, auf, ihr Chriſten! Das iſt: eine bewegliche Anfriſchung der chriſtlichen Waffen wider den türkiſchen Erbfeind, in Eil' ohne Weil' zuſammengetragen. Geh. 21 gr. oder fl. 1. 30 kr. Es ſind dies zwei der witzigſten Schriften von Abraham a Santa Clara, und zwar diejenigen, welche ſeit hundert Jahren nicht wieder hervortraten, und die hier nach der erſten Ausgabe als ein zuſammenhängendes Ganze in lesbarer Erneuerung erſcheinen. Adrian, Dr., Bilder aus England. Zwei Theile mit 6 Kupfrn. Rthlr. 3. 12 gr. od. fl. 6. —— Slkizzen aus England. Zwei Baände. Rthlr. 3. 12 gr. oder fl. 6. Die Halliſche, Jenaiſche und Leipziger Lite⸗ ratur⸗Zeitungen, das Berliner Converſations⸗ blatt, die Blätter für literariſche unterhal⸗ tung, Heſperus u. A. haben ſich über dieſe Werke auf das Vortheilhafteſte ausgeſprochen. Das ausgezeichnete Darſtel⸗ ler⸗Talent, die leichte, lebendige Schilderungsgabe des Ver⸗ faſſers, der reizende Wechſel der Gegenſtände, das Intereſſe, das den Leſer vom Anfang bis zum Ende feſſelt, und der elegante Styl ſowie die Wahl der Gegenſtände, die treue, ſtets aus dem Leben gegriffene Darſtellung des anziehenden Landes, in welches uns der Verfaſſer einführt, in welchem er uns heimiſch macht, die liebenswürdigen und wunderlichen Charaktere, mit denen er verkehrt und die er ſo treffend ſchildert,— alles das ſind Vorzüge, welche die eben ſo un⸗ terhaltenden, als lehrreichen Bilder und Skizzen aus England auszeichnen und ihnen in gebildeten Kreiſen einen ſo großen Beifall gewonnen haben. Adrian, Dr., neueſtes Gemälde von London und ſeinen Umgebungen. Handbuch für Rei⸗ ſende nach London. Mit einem Wegweiſer von Frankfurt am Main über Mainz, Cob⸗ lenz, Köln, Nymwegen und Rotterdam nach London, ſodann von London über Harwich nach Hamburg, über Oſtende nach Brüſſel und über Dower und Calais, Brighton und Dieppe nach Paris.— Beigegeben iſt: Eine Reiſekarte, der Plan und das Panorama von London, ſowie eine Karte der Umgebungen von London. In Etui geb. Rthlr. 3. 4 gr. od. fl. 5. 30. Adrian, Dr., die Prieſterinnen der Griechen. Geh. 18 gr. oder fl. 1. 12 kr. Der Gegenſtand, den der als Schriftſteller rühmlichſt bekannte Verfaſſer in dieſem Werke behandelt, iſt zu ansie⸗ hend und wichtig, als daß es einer empfehlenden Anzeige bedürfte, um daſſelbe in den Kreiſen der Gelehrten und Ge⸗ bildeten einzuführen. Aſchbach, Pr. J., Geſchichte Spaniens und Portugals zur Zeit der Herrſchaft der Almo⸗ raviden und Almohaden. Erſter Theil. gr. 8. Auf Druckpap. Rthlr. 2. 12 gr. od. fl. 4. 30 kr. Auf Velinpap. Rthlr. 3. od. fl. 5. 12kr. Byron, Lord, ſämmtliche Werke, herausgege⸗ ben von Dr. Adrian. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers, einem Faeſimile ſeiner Hand⸗ ſchrift und einer Anſicht von Newſtead⸗Abtey 12 Bände. Geh. Auf geglättetem Velinpapier ————.„— Rthlr. 8. 12 gr. oder fl. 14. Auf weißem Druckpapier Rthlr. 6. 18 gr. oder fl. 11. Dieſe Ausgabe iſt vollſtändiger, als irgend eine vis jetzt in engliſcher Sprache erſchienene, und mit der größ⸗ ten Sorgfalt, mit Sachkenntniß und Geſchmack von einem Vereine rühmlichſt bekannter Männer ausgeführt; keinerlei Rückſicht konnte das Auslaſſen auch nur einer einzigen Stelle bedingen. Obgleich nun dieſelbe um 15 Oetavbogen ſtär⸗ ker wurde, wird dennoch vorerſt der äußerſt bil⸗ lige Subſcriptionspreis beibehalten. Die vorzüglichſten kritiſchen Blätter haben ſich über dieſe Ausgabe auf das Vortheilhafteſte ausgeſprochen. Eine ausführliche Beurtheilung in der Halliſchen Lit. Zei⸗ tung L1832. 195] beginnt: „Wir ſehen hier ein unternehmen vollendet, in wel⸗ chem die univerſalität des Geiſtes unſerer Sprache einen ihrer glänzendſten Triumphe fetert. Wie möchte auch der Franzoſe oder der Italiener die kühne Kraft des engliſchen Dichters wiederzugeben vermögen, wie den freien Schwung ſeines Geſanges, die Tiefe zerreißender und verſöhnender Gefühle, die verwegene Bildung der Sätze und einzelner Worte, die tauſend bedeutungsvollen Nüancen, welche By⸗ ron gleichſam tändelnd, aber nie ohne Abſicht und Be⸗ wußtſeyn, hinwirft?“ Cooper's ſämmtliche Werke, 81 Bändchen. Geh. Ausgabe auf Druckvelinpap. Rthlr. 14. 20 gr. oder fl. 23. 12 kr. Auf Druckpapier Rthlr. 9. 20 gr. oder fl. 15. 48 kr. Dieſelben enthalten: Der Spion.— Der Letzte der Mohikaner.— Die Anſiedler.— Der Lootſe.— Lionel Lincoln.— Die Steppe.— Der rothe Freibeuter.— Die Nordamerikaner.— Die Grenzwohner.— Die Waſſernixe. — Der Bravv.— Die Heidenmauer.— Der Scharfrichter von Vern. Döring, Georg, Stimmen des Lebens. Drei Erzählungen. Rthlr. 1. 16 gr. od. fl. 2. 48 kr. —— Sonnenberg. Eine Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— der Hirtenkrieg. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. vder fl. 8. 24 kr. 1 1 Doöring, Georg, das Kunſthaus. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24kr. —— die Mumie von Rotterdam. Eine No⸗ velle. 2 Theile. Geh. Rthlr. 3. 4 gr. oder fl. 5. 30 kr. —— van Speyk. Ein Heldengedicht. Geh. 9 gr. oder 40 kr. —— Novellen. 4 Theile. Ausgabe auf Velinpapier Rthlr. 6 oder fl. 10. 48 kr. Ausgabe auf Druckpap. Rthlr. 5. od. fl. 9. —— das Opfer von Oſtrolenka. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. od. fl. S. 24kr. —— Roland von Bremen. Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— Phantaſiegemaͤlde. 5 Jahrgänge. 1829 bis 1833. Jeder Jahrgang mit einem Titel⸗ kupfer von Fleiſchmann. Geb. à Rthlr. 1. 12 gr. oder fl. 2. 45 kr. —— die Geiſelfahrt. Eine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert. 3 Bände. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— Tage der Vorzeit. Dramatiſches Gedicht in vier Darſtellungen, aus der Geſchichte der freien Stadt Frankfurt. 1. Die Gründung. 2. Der Kaiſerſitz. 3. Die Wahlſtadt. 4. Guſtav Adolphs Abſchied von Frankfurt. Cartonirt. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 15 kr. —— Erzählungen. 4 Theile. 8. Rthlr. 5. S gr. oder fl. 9. —— dramatiſche Novellen. 4 Theile. Rthlr. 5. 8 gr. oder fl. 9. Dieſe Dichtungen des berühmten Herrn Verfaſſers ha⸗ ben ſich des außerordentlichſten Beifalls nicht allein von Deutſchland, ſondern auch theilweiſe von England und Frankreich, wohin ſie talentvolle ueberſetzer verpflanzt⸗ zu erfreuen. Mit Recht nennen ihn kritiſche Blätter den deut⸗ — — ſchen Cooper; denn wie er gleich dieſem genialen Schrift⸗ ſteller einen Reichthum der Erfindung entfaltet, eine ſcharfe Charakteriſirung in allen Individuen aufſtellt, ſo gelingen ihm auch ebenſo die Schilderungen von Naturſcenen, die Darſtellungen reizender und romantiſcher Lokalitäten, mit allen dichteriſchen Details, welche dazu beitragen, ein Bild zum Kunſtwerke zu erheben. Daß die reinſte Moralität in allen ſeinen Dichtungen vorherrſche, und ſie deshalb ohne Anſtand jeder Jungfrau in die Hand gegeben werden kön⸗ nen, iſt allgemein anerkannt. Duller, Eduard, Franz von Sickingen. Dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Abtheilungen. 8. geh. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 20 kr. Dieſe neueſte Dichtung des ausgezeichneten und belieb⸗ ten Verfaſſers iſt ganz geeignet, die Zahl ſeiner Freunde und Leſer zu vermehren. Der Kampf des Lichtes mit der Finſterniß in den Tagen der erwachenden deutſchen Freiheit;— Fehde bis in den Tod dem tauſendjährigen Wahne, der unvernunft, der geiſtigen Vormundſchaft;— Treue bis in den Tod für Wahrheit und Recht; dies ſind die Grundideen dieſes dramatiſchen Gedichtes.— Möge der zeitgemäße Grundton des Werkes in unſerer und jeder Zeit ſeinen kräß⸗ tigen Wiederhall finden. Edgeworth, Maria, die Gonnerſchaft. Aus dem Engliſchen von Louiſe Marezoll. 4 Theile. Rthlr. 4. 12 gr. oder fl. 7. 48 kr. Erholungsſtunden. Eine Zeitſchrift für ge⸗ bildete Leſer. Von Georg Doring. Lter und 3r Jahrg. 1829 u. 1830 à Rthlr. 2. od. fl. 3. 36 kr. 4r bis 6ter Jahrg. 1831— 33. à Rthlr. 5. od. fl. S. —— Eine Zeitſchrift für gebildete Leſer. Von Eduard Duller. Neue Folge. Jahrgang 1834, in 12 Heften. Rthlr. 5. oder fl. 8. Dieſe Zeitſchrift, welche ſeit einer Reihe von Jahren ſich des Beifalls der gebildeten Leſewelt erfreut, wird wie bisher in monatlichen Heften erſcheinen. Die Redaktion der⸗ ſelben hat der rühmlichſt bekannte Dichter, Herr Eduard Duller, übernommen.— Durch die ſorgfältige Auswahl⸗ Prüfung und Anordnung dieſes ausgezeichneten Schriftſtellers wird dem Publikum eine Zuſammenſtellung des Gediegenſten geboten. Zugleich bürgen auch die Namen der bisherigen Mitarbeiter: Adrian, L. Bechſtein, Belani, Hun⸗ gari, KilzerPh. von Mettingh Nänny, Rückert, Schopenhauer, Starkloff, L. Storch, Zſchokke u. a. m. für die Tüchtigkeit dieſes Unternehmens. Evelina und Johanna, die Heldinnen des fuͤnfzehnten Jahrhunderts. Ein hhiſtoriſcher Roman in 12 Büchern. 3 Theile. Rthlr. 2. 6 gr. oder fl. 3. 48 kr. Fiſcher, C. A, neue Kriegs⸗ und Reiſefahr⸗ ten oder romantiſche Kriegs⸗ und Lebensaben⸗ theuer. 2 Theile. Rthlr. 3. 12 gr. oder fl. 6. Fiſcher, C. A., Hyacinthen in meinem Ker⸗ ker gezogen. Rthlr. 1. oder fl. 1. 45 kr. Gersbach, A., Wandervögelein oder Samm⸗ lung von Reiſeliedern, nebſt einem Anhange von Morgen⸗ und Abendliedern. In vier⸗ ſtimmigen Tonweiſen. Zweite verbeſſerte Auflage. 12. geh. 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Gruner, G. A., Friedemann und die Seinen, oder das Gottesreich auf Erden. Ein Fami⸗ lienbuch zur Veredlung des häuslichen und bürgerlichen Lebens. 4 Theile. Geh. Rthlr. 3. 8 gr. oder fl. 6. Irving, Waſhington, ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen überſetzt. 47 Bändchen. Geh. Auf Velinpap. Rthlr. S. 18 gr. od. fl. 14. 36 kr. Auf ordin. Druckp. Rthlr. 6. 4 gr. od. fl. 10. 6kr. Dieſelben enthalten: Das Skizsenbuch.— Erzählun⸗ gen eines Reiſenden.— Bracebridge⸗Hall.— Eingemach⸗ tes.— Die Geſchichten des Lebens und der Reiſen Chri⸗ ſtoph's Columbus.— Die Eroberung von Granada.— Humoriſtiſche Geſchichte von New⸗York.— Reiſen der Ge⸗ fährten des Cvlumbus.— Die Alhambra, oder das neue Skiszenbuch. Kiliſs, Kupfertafeln zur Maturgeschichte der Võögel. ites bis 3tes Heft. Rthlr. 3. oder fl. 5. 15 kr. —— König, H., die Wallfahrt. Eine Novelle. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 24 kr. Kupferſammlung zu Walter Scotts ſämmt⸗ lichen Werken. Erſte Lieferung: Das Fräulein vom See. S: gr. oder 36 kr.— Zweite Lieferung: Kenilworth. 12 gr. oder 54 kr.— Dritte Lieferung: Pe⸗ veril vom Gipfel. Jvanhoe. 12 gr. oder 54 kr.— Vierte Lieferung: Das Klo⸗ ſter. Der Abt.— Fünfte Lieferung: Der Seeräuber. Marmion. Die Braut von Lammermoor.— Sechſte Lieferung: Quentin Durward. Rokeby.— Siebente Lieferung: Waverley. Nigel's Schick⸗ ſale.— Achte Lieferung: Der Alter⸗ thuͤmler. Das Herz von Midlothian.— Neunte Lieferung: Die Presbyterianer. Der St. Ronansbrunnen. Robin der Rothe. Von der 4ten bis zur 9ten Lieferung koſtet jede 8 gr. oder 36 kr. Kupferſammlung zu Cooper's ſämmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 20 gr. oder fl. 1. 24 kr. Zweite Lieferung. 16 gr. oder fl. 1. 12. Dieſelbenenthalten: der Spion; der Letzte der Mohikaner; die Anſiedler; der Lootſe; Lionel Lincoln; die Steppe; der ro⸗ the Freibeuter; die Grenzwohner; die Waſſer⸗ nire; der Bravv. —— zu Irving's ſämmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Zweite Lieferung. 8 3r. Sd 5 Dieſelben enthalten: das Skizzenbuch; Erzählungen eines Reiſenden; Bracebridge⸗ Hall; Eingemachtes; Leben und Reiſen des Columbus. Lautir-Buchſtabir- und Leſe⸗Spiel für Kinder. Dritte verbeſſerte und vermehrte Auflage. In einem eleganten Käſtchen. 12 gr. oder 48 kr. Nänny, J. C., Gedichte. Rthlr. 1. 6 gr. od. fl. 2. Der Name des Herrn Nänny iſt den Freunden der Dichtkunſt aus Laſchenbüchern und Zeitſchriften ein erfreu⸗ licher Klang geworden, der immer irgend ein aus der Tiefe der Gemüths⸗ und Phantaſiewelt geſchöpftes Product ankün⸗ digt. Vorzüglich aber ſind es heitre, liebliche Melodieen, die irgend eine gefühlvolle Anſchauung, eine poetiſche Er⸗ kenntniß des Lebens und der Natur enthalten, welche der Muſe des Herrn Nänny gelingen. Sie iſt ein reiches Kind, aber ihr Reichthum beſteht in Blumen und dieſe ſind wiederum einfache Blumen der Wieſe, traulich dem Herzen⸗ wie dem Vaterlande, ein ſinniger Strauß für ſinnige Freunde der Poeſie. Oefele, Freiherr von, Bilder aus Italien. 2 Bände. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. od. fl. 4. 48 kr. Wir dürfen dieſe Bilder, hauptſächlich der Wahrheit und Lebensfriſche wegen, die ſie karakteriſiren, empfehlen. Es ſind Erfahrungen, die der Verfaſſer unter dem reizenden Himmelsſtriche Heſperiens geſammelt, es ſind ſeine oft höchſt eigenthümliche Anſichten, in denen uns ſo Vieles ſchon vielfach Veſprochene wiederum neu erſcheint, es ſind Ergeb⸗ niſſe heitrer und romantiſcher Natur, welche hier in kecken Zügen, in warmen Localfarben zu Gemälden vereinigt wer⸗ den, die den Veſchauer anziehn, belehren und ergötzen. Offen und einfach, wie Yorick, erzählt der Verfaſſer, unabſichtlich zur Hauptfigur ſeiner Vilder werdend, in deren Weſen ſich die Menſchlichkeit mit ihren tauſendfachen Schattirungen ſpiegelt. Platen, Graf von, Geſchichten des König⸗ reichs Neapel von 1414 bis 1443. Rthlr. 1. 16 gr. oder fl. 2. 48 kr. —— die Liga von Cambrai. Geſchichtliches Drama in 3 Akten. geh. 12 gr. oder 54 kr. Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine in⸗ diſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 ge. od. fl. 2. 48kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich be⸗ kannten Dichter Rückert, mit aller ihm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie unverſtändliche, vermieden iſt⸗ ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblichſüßer Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mythologiſche, völ⸗ lig verſtändlich, erſcheint in der Figur, welche am bedeu⸗ tendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens⸗ welches in unſrer Bruß wohnt. Liebe, in bezaubernder Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und Ausdruck einwohnt, wird an Rückert's Verſen ein Vergnü⸗ gen genießen, wie es ſelten geboten wird. Schopenhauer, Johanna, Erzählungen. Acht Theile. Zweite wohlfeilere Aus⸗ gabe. Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 gr. oder fl. 19. 24 kr. Auf Druckpap. Rthlr. S. vd. fl. 14. Schopenhauer, Johanna, Novellen. Zwei Theile. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. oder fl. 4. 48 kr. —— neue Novellen. Drei Theile. Rthlr. 3. oder fl. 5. Dieſe 5 Bände Novellen ſind neu und noch nicht in der Geſammtausgabe aufgenommen Serrius, Dr. A., Eloa. Weiheſtunden der Andacht und des Gebets. Mit 1 Kupfer von Fleiſchmann. Geh. 12 gr. oder 48 kr. Dieſes Werkchen athmet die reinſte Gottesfurcht, und ſpricht dieſe in poetiſchen und melodiſchen Klängen aus⸗ ſo daß neben der Erhebung des Gemüths auch die Bildung des Geiſtes gefördert wird. Shuhspeare, William, The Plays. Vol. I. Con- taining: The Merchant of Venice. 12. geh. S gr. oder 36 kr. —— Vol. II. Containing: King Lear. 12. geh. 8 gr. oder 36 kr. —— Vol. III. Containing: Hamlet, Prince of Denmark. 12. geh. 8 gr. oder 36 kr. Starklofff, L., Erzaͤhlungen. Rthlr. 1. 16gr. oder fl. 2. 48 kr. Stelldichein im Tivoli, das, oder Schu⸗ ſter und Schneider als Nebenbuhler. Localpoſſe mit Geſang in zwei Acten. Vom Verfaſſer des „alten Bürgercapitain.“ Geh. 12gr. od. 45kr. Stonch, L., die Intrigue. Eine Novelle in 2 Theilen. Zweite verbeſſerte Auflage. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. —— die Beguine. Hiſtoriſcher Roman aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. 3 Theile. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. S. 24 kr. —— Malers Traum. Novelle. Rthlr. 1. 16gr. oder fl. 3. Thümmels, H. W. v., nachgelaſſene Apho⸗ rismen, aus den Erfahrungen eines Sieben⸗ und Siebzigjährigen. Elyſium und Tar⸗ tarus. Eine Fantasmagorie. Nebſt des Ver⸗ faſſers Biographie. Geh. 21 gr. od. fl. 1. 30 kr. Walker, G., Anweiſung zum Schachſpielen. Die vorzüglichſten Spieleröffnungen und End⸗ ſpiele, nebſt einigen eigenthümlichen Stellun⸗ gen, und fünfzig ausgewählten Aufgaben ent⸗ haltend. Aus dem Engliſchen überſetzt und mit Anmerkungen begleitet von J. F. Schierek. Geh. 21 gr. od. fl. 1. 30. Der ueberſetzer dieſes Werkchens hat allen Freunden des geiſtvollen Spiels durch ſeine Arbeit einen gewiß dan⸗ kenswerthen Dienſt geleiſtet. Nicht nur der Anfänger, der ſich belehren will, gewinnt hier raſch einen klaren und voll⸗ ſtändigen ueberblick, ſondern auch der erfahrene Schachſpieler wird ſich mancher geiſtvoll entworfenen Spiele, mancher in⸗ tereſſanten Eröffnungen und Endigungen erfreuen. Der Ver⸗ faſſer hat auf Philidors Syſtem fortgebaut, allein auch an⸗ dere große Meiſter ſind nicht unbenutzt geblieben und was er ſelbſt aus eigenen Erfahrungen hinzuthut, gehört zu den ausgezeichnetſten Leiſtungen in dieſem Fache. — — — Weitzel, J., Napoleon durch ſich ſelbſt ge⸗ richtet. Geh. 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. —— Scherz und Ernſt; zur Charakteriſtik unſe⸗ rer Zeit. Geh. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. Zehner, H. G., die Treuringe. Novelle. Geh. 9 gr. oder 40 kr. —— die Pietiſtin. Novelle. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 24 kr. Zschohke's popular history of Switzerland. From the German:— with the author's subsequent alterations of the original Work by W. Howard Howe. Cart. 12. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. Jugendſchriften. Dittmar Dr. H., Waizenkörner, geſtreut in junge Herzen. Mit Kupfern und Vignetten. Rthir. 2. 4 gr. oder fl. 3. 48 kr. Auf Druck⸗ papier Rthlr. 1. 12 gr. oder fl. 2. 42 kr. Friederich, Dr. G., Serena. Die Jungfrau bei und nach ihrem Eintritte in die Welt. Vierte umgearbeitete und verbeſſ. Auflage. 8. Auf ordin. Pap. Geh. Rthlr. 1. 21 gr. oder fl. 3. 20 kr. Cartonirt auf Velinpap. Rthlr. 2. 12 gr. oder fl. 4. 30 kr. —— Heliodor. Des Juͤnglings Lehrjahre. Für religiös gebildete Söhne. Mit 1 Kupfer. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. Friedleben, Pr. Th., populäre Experimental⸗ Phyſik. Mit 16 Steintafeln. Rthlr. 2. oder fl. 3. 30 kr. Hufnagel, C., das Leben Jeſu von Nazareth. Für kindliches Herz, Beduͤrfniß und Leben. 2 Theile. Mit 2 Kpfrn. Rthlr. 3. od. fl. 5. Irving's Geſchichte des Lebens und der Reiſen des Chriſtoph Columbus. Zweite⸗ beſon⸗ ders für die Jugend beſtimmte Ausgabe, mit 4 meiſterhaft ausgeführten Kupfern und zwei Karten. 4 Bände. Auf Velinpapier cart. Rthlr. 3. 16 gr. oder fl. 6. Auf Druckpapier geh. Rthlr. 2. 8 gr. oder fl. 4. Luſtfeld, der Kinder, oder erſte belehrende Mittheilungen der Mütter an ihre Kleinen. Zugleich als erſtes unterhaltendes Leſebuch für Kinder. Von dem Verfaſſer von„Der Kna⸗ ben Luſtwald,„Der Mägdlein Luſt⸗ gartenv u. ſ. w. Mit Kpfrn. und Vignetten. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 12 kr. Dieſes Buch hat eine doppelte Beſtimmung: einerſeits gehört es in die Hand der Mutter,„daß ſie daraus ihrem kleinen Kinde vorſinge, vorſpreche oder vorerzähle;“ ander⸗ ſeits ſoll es,„wenn das Kind anfängt ſelbſtſtändig zu leſen, ſein erſtes unterhaltungsbuch“ ſeyn. Man wird darin ſchlichte Einfachheit, friſche Naturanſchauung, reine Lebensluſt bei tief innewohnender Sittlichkeit und Sinnigkeit finden und erkennen. Luſtwandlungen auf der Morgenaue des Le⸗ bens, zur Erheiterung und Belehrung der weiblichen Jugend. Vom Herausgeber von sder Maͤgdlein Luſtgarten.? 2 Baͤnde. Zweite Ausgabe mit 2 Kpfrn. und 2 Vig⸗ netten, nach den genialen Zeichnungen Fell⸗ ner's, meiſterhaft in Kupfer geſtochen von Barth, Fleiſchmann und Grünewald. Rthlr. 2. 20 gr. oder fl. 4. 48 kr. Dieſe Ausgabe dürfte vom Publikum mit Beifall auf⸗ genommen werden; der Verfaſſer iſt dafür bekannt, daß er nur Gediegenes liefert, und die Kupfer verdienen als aus⸗ gezeichnete Kunſtwerke Veachtung; der Preis iſt verhältniß⸗ mäßig ſehr billig geſtellt. Rudolphi, J. J., Schneegloͤckchen. Ein Mähr⸗ chenkranz fuͤr Kinder. Rthlr. 1. 4 gr. od. fl. 2. „ —— In der Oſtermeſſe 1834 wurden bereits fol⸗ gende neue Verlagswerke verſandt: Bechſtein, Ludwig, Luther. Ein Gedicht. 8. Geb. 21 gr. oder fl. 1. 30 kr. Becker, Dr. und Pfarrer, wiſſenſchaftliche Dar⸗ ſtellung der Lehre von den Kirchenbüchern. Ein Handbuch für Behorden, Prediger, Kir⸗ chenbuchführer und Rechtsgelehrte. Mit zwei Stammbäumen und Beilagen landesherrlicher Verordnungen. Wohlfeile Ausgabe. gr. 8. Geh. Rthlr. 1. 4 gr. oder fl. 2. Duller, Eduard, Erzählungen und Phanta⸗ ſieſtuͤcke. Zwei Bände. 8. Rthlr. 3. od. fl. 5. Franqus, Medicinalrath Dr. J. B., Geſchichte der Seuchen, welche in dem Herzogthume Naſ⸗ ſau ſeit dem Ende des vorigen Jahrhunderts unter den Hausthieren geherrſcht haben. Mit 10 Tabellen. gr. 8. Rthlr. 1. 8 gr. od. fl. 2. Für Vernunft, Religion und Kirche. Zeugniſſe aus allen Jahrhunderten. Zugleich als An⸗ dachtsbuch für denkende Chriſten. Wohlfeile Ausgabe. gr. S. Geheftet. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 20 kr. Gallerie zu Byron's Werken. Erste Lieferung in 11 Blättern. gr. S. Rthlr. 1. oder fl. 1. 48 kr. Mserum Senchenbergimum. Abhandlungen aus dem Gebiete der beschreibenden Naturge- schichte. Von Mitgliedern der Senckenbergi- schen naturforschenden Gesellschaft in Frank- ſurt am Main. Band I. Heft 2. Mit Taf. VI— IX und XI. gr. 4. Geheftet. Rthlr. 1. S gr. oder fl. 2. 20 Kr. Rau, W. Dr. med. und Privatdocent, Lehrbuch der Pathogenie. gr. 8. 20 gr. od. fl. 1. 21 kr. Schopenhauer, Johanna, ſämmtliche Schrif⸗ ten. Wohlfeile Ausgabe. 24 Bände in Ta⸗ ſchenformat mit dem Bildniß der Verfaſſerin. Die geiſtige Bildung unſerer Nation geht mit Rieſen⸗ ſchritten voran und durchdringt alle Stände. Das intellec⸗ tuelle Leben ſpricht die Theilnahme der deutſchen Frauen mehr als je an. Beſſer, gedeihlicher läßt es ſich aber nicht för⸗ dern, als wenn edle Frauen die Vermittlerinnen der geiſtigen Fortſchritte bei dem weiblichen Geſchlechte werden. Durch ihre hohe Bildung, durch ihr vielſeitiges Wiſſen, durch ihre reiche Lebenserfahrung, durch ihr ſittliches Streben, durch ihren feinen, ächt weiblichen Takt, durch ihr Darſtellertalent und ihre Sprachgewandtheit ſteht Johanna Schopen⸗ hauer vor allen andern ausgezeichnet da. Ihr Name wird von unſern berühmteſten Zeitgenoſſen mit hoher Achtung ge⸗ nannt: ihre Schriften umfaſſen die anziehendſten Zweige der Kunſt und des Wiſſens. Dieſe ausgedehntere Verbreitung der Werke einer ſo geiſtvonen Schriftſtellerin, welche mit einer wahren Meiſter⸗ ſchaft zu unterhalten und zugleich zu belehren, den Geiſt zu kräftigen, das ſittliche Gefühl zu erheben, und namentlich die erhabene Beſtimmung der Frauen im ſchönſten Lichte zu zeigen weiß, nach Kräften zu fördern, hat die Verlagshand⸗ lung zu einer wohlfeilen Ausgabe ihrer Schriften veranlaßt. Dieſelbe ſchmeichelt ſich, einem Bedürfniß unſe⸗ rer Zeit zu genügen, indem ſie den deutſchen Frauen und Mädchen Gelegenheit bietet, dieſe Schriften, welche in keiner Damenbibliothek fehlen dürfen, für einen geringen Preis anzukaufen. Bieten wir gleich die wohlfeilſte Taſchenausgabe aller bis jetzt erſchienenen deutſchen Klaſſiker, ſo wird die⸗ ſelbe doch vor allen übrigen ſich durch Eleganz auszeichnen und ſo dem würdigen Namen der Verfaſſerin und dem Ge⸗ ſchmacke derer zumal, für welche dieſe Schriften zunächſt beſtimmt ſind, vollkommen entſprechen. Das Ganze, auf ſchönes Papier gedruckt und geheftet, erſcheint in vier Lieferungen, jede zu ſechs Bänden. Jede Lieferung koſtet auf Druckpap. 2 Rthlr. auf Velinp. 3 Rthlr⸗ um dem Publikum eine Ueberſicht der Vielſeitigkeit und Mannichfaltigkeit der ſchriftſtelleriſchen Leiſtungen der be⸗ rühmten Verfaſſerin zu geben, theilen wir hier den Inhalt der verſchiedenen Lieferungen mit. I. Lieferung. Vand 1, 2, 3, 7 8 und 9, enthal⸗ tend: Fernow's Leben. 2 Theile.— Ausflug an den Rhein.— Gabriele. Novelle in 3 Theilen. II. Lieferung. Vand 4, 5, 6, 10, 11 und 12, ent⸗ haltend; Johann van Eyck und ſeine Nachfolger. 2 Theile.— Die Jahreszetten. Novelle.— Si⸗ donia. Novelle in 3 Theilen. III. Lieferung. Vand 13, 14, 15, 16, 19 und 20, enthaltend: Die Tante. Novelle in 2 Cheilen.— Reiſe durch England und Schottland. 2 Cheile.— Kleinere Noverlen und Erzäh⸗ lungen. 2 Theile. IV. Lieferung. Band 17, 18, 21, 22, 23 und 24, enthaltend: Reiſe von Paris durch das ſüd⸗ liche Frankreich bis Chamouni. 2 Cheile.— Kleinere Novellen und Erzählungen. 4 Theile. Die erſte Lieſerung iſt bereits erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben. Zugleich ſind die nöthigen An⸗ ſtalten getroffen, daß alle drei Monate eine Lieferung be⸗ ſtimmt erſcheint, ſo daß am Schluſſe des Jahres 1834 das ganze Werk in den Händen des Publikums iſt. Shukspeure, W., the Plays, accurately printed from the Text of Mr. Steeven's last edition, with historical and gramatical explanatory notes in german by J. M. Pierre. Vol. IV. Containing: King Henry IV. Part. 1. 12. Geh. 8 gr. oder 36 kr. Storch, Ludwig, der Diplomat. Novelle. 8. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 2. 48 kr. Verfaſſungen, die, der Vereinigten Staaten Nordamerika's. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von G. H. Engelhard. 2 e. S. Gehef⸗ tet. Rthlr. 2. oder fl. 3. Nächſtens erſcheinen. Beauties of Shakspeare by W. Dood, with the german translations of A. W. Schlegel, Tieck, Voss and others. 2 Vol. Auch unter dem Titel: Muſterſtuͤcke aus Shakspear's dramatiſchen Wer⸗ ken; engliſcher Teyt nach Dodd's Anordnung, mit gegenüberſtehender deutſcher Ueberſetzung von Schlegel, Tieck, Voß u. Andern. 2 Bände. Bechſtein, Ludwig, der Fuͤrſtentag. Novelle. 2 Theile. Belani, H. C. R., Portugalli. Romantiſche Erzählungen aus Portugals Vorzeit. 3 Theile. —— Romantiſche Erzählungen aus Portugals neuerer Geſchichte. 2 Theile. Beurmann, Dr., Almanach der deutſchen Bühne auf das Jahr 1835. Cooper, der Spion. Novelle. 2 Theile. Dritte verbeſſerte Auflage. Eduard, die Feuertaufe. Erzählung. 2 Theile. —— Phantaſiegemaͤlde für 1835. Mit einem Kupferſtich von Fleiſchmann. Dieſe treten an die Stelle der Phantaſiegemälde von Georg Döring. Herzog, Prof., Skizzen aus der Schweiz. Orglepp, e Lyra der Zeit. Eine Sammlung der größern Politiſchen u. zeitgemäßen Gedichte. Storch, L., Erzählungen. 4 Theile. —— der Karikaturiſt. Novelle. 2 Theile. —— der Stern des Morgenlandes. Novelle. 3 Theile. e1ů ↄenque