6 8 Leihbibliother von 6duard Otkmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblivt ek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Vücher jeden Tag von Morgens pineeint ofſen. L jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonn⸗ment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ———.— auf 1 Monat: 1 Wr.— T Pf. 2 W.— f. 3 4 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Sohadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der. 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IV. 4 — „ * Abermals war das liebe Weihnachtsfeſt erſchie⸗ nen, abermals pochten Tauſende von Kinderherzen den goldnen Lichtern des Chriſtbaumes entgegen und die Glocken des heiligen Abends klangen ahnungs⸗ voll durch das immer dichter herabſinkende Dunkel— als ſich die Thür eines nicht allzugroßen Bürger⸗ hauſes öffnete und eine in ſchützender Winterkleidung wohlverwahrte Geſtalt heraustrat und die Straße entlang wandelte Bevor ſich die Thür hinter ihr geſchloſſen, hatte ſie die Worte zu dem ſchließenden Diener geſprochen: „Daß mir die Briefe richtig beſorgt werden.“ Der Gang des Unbekannten ſchien nicht ganz ohne Beſchwerde, denn all ſeine Taſchen waren an⸗ gefüllt mit Kinderſpielzeug und ſonſtigen zu Geſchen⸗ ken ſich eignenden, nicht unwerthvollen Gegenſtänden. Außerdem trug er mehre Pakete unter dem Arme. Am Ende der Straße ſtand ein palaſtähnliches Haus, deſſen erſtes Stockwerk zum Theil hell er⸗ leuchtet war, ein Zeichen, daß hier ſveben der hei⸗ lige Chriſt ſeinen Einzug hielt. Der Unbekannte zog den Glockenring. Er ſchien hier nicht unbekannt zu ſein, denn der öffnende Diener grüßte ehrfurchtsvoll und eilte, den Hausherrn von dem Beſuche in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Der Eingetretene ſtieg die tageshell erleuchtete Treppe hinauf. Ein Dienſtmädchen begeg⸗ nete ihm.„Die Beſcheerung ſchon begonnen?“ frug er. „Noch nicht, mein gnädiger Herr, ſveben werden die Lichter angezündet.“ „Ich bin nicht gnädig, meine Tochter,“ ſprach der Unbekannte mild verweiſend, der das Wort gnädig als bloße Höflichkeitsform nicht liebte,„nur Gott iſt gnädig.“ Der Hausherr, der reiche Bankier Arnſtein, eilte bereits am Ausgange der Treppe dem Emporſteigen⸗ den entgegen. „Das iſt prächtig, Herr Graf,“ rief er,„daß Sie uns auch an dieſem heitern Abend die Ehre geben, nachdem Sie es ſo oft in trüben Stunden mit uns gut gemeint. Seien Sie herzlichſt willkommen. Wie werden ſich meine Frau und die Kinder freuen.“ Ein paar Diener, die des Ueberziehers des Gra⸗ fen— den wir jetzt nach ſeinem Taufnamen Ema⸗ nuel nennen wollen— ſich zu bemächtigen im Be⸗ griffe ſtanden, wehrte er ab, aus Beſorgniß, daß ſie den Inhalt der Taſchen beſchädigen könnten. Er zog das Ueberkleid ſelbſt ab und hing es an einen der im Vorſaal befindlichen Kleiderhalter. Inmitten des geräumigen und reichgeſchmückten Salons auf großer ovaler Mahagonitafel entfaltete ein ſoeben vollſtändig angezündeter Chriſtbaum ſeine volle Pracht und warf ſein verklärend Licht auf die zahlreichen, zum Theile ſehr werthvollen Geſchenke, die in reicher Auswahl auf der Tafel ausgebreitet lagen. Arnheim beſaß fünf Kinder, von vier bis zwölf Jahren. Für jedes war auf dem Tiſche eine Abtheilung, mit dem Namen bezeichnet. Auch Emanuel umwandelte die Beſcheerung, die reichen Gaben in Augenſchein nehmend, wobei er, ſo unbemerkt wie möglich, in jede der Abtheilungen eine für jedes Kind berechnete aber mehr nützliche als — 5 luxuriöſe Gabe legte. Dann ſetzte er ſich in einen Lehnſtuhl in der Nähe des Kamins und erwartete die frohe Stunde des Chriſtabends. Die Frau vom Hauſe, eine Dame in geſchmack⸗ voller Toilette und ſtolzer, gebietender Haltung, er⸗ ſchien und drückte ebenfalls ihre hohe Freude über die Anweſenheit des hochverehrten Gaſtes aus. Sie gab ſofort mit der Glocke das Zeichen. Die Thür that ſich auf und die harrende Kinderſchaar, drei Knaben und zwei Mädchen, ſtürmten herein. Es be⸗ gann jenes beglückende, im ganzen Jahre einzig da⸗ ſtehende Schauſpiel der Ueberraſchung, der Freude und des Dankes. Um das tiefumfriedete, gütevolle Antlitz Emanuels ſpielte jenes innige Lächeln, welches anzeigte, wie tief ſein liebreiches Herz an der Freude der Kinder Theil nahm. Die Züge des nicht mehr jungen Mannes hatten etwas ungemein Herzgewinnendes. Es ſprach daraus ein Frieden, der dieſer Welt nicht anzuge⸗ hören ſchien, eine ſo bezaubernde Milde und Ver⸗ trauen erweckende Freundlichkeit, daß es jedem guten Menſchen ordentlich Bedürfniß wurde, dieſer herz⸗ gewinnenden Perfönlichkeit die Hand zu reichen. Ema⸗ nuel ſchaute geraume Zeit, in ſtillem Glück verſun⸗ ken, dem Kinderjubel zu; dann erhob ſich ſein Haupt, und die zahlreiche Dienerſchaft, welche der Beſcheerung aus der Ferne zuſah, überblickend, ſchien er etwas zu vermiſſen. Der Herr vom Hauſe nahm neben ihm Platz. „Es bleibt ein ſchönes Feſt,“ begann dieſer, „man mag ſagen was man will. Ich kenne viele Geſchäftsfreunde, die in ihrer Proſa keinen Sinn da⸗ für haben. Ich bin da anders. Freilich an den Geldbeutel darf man an dieſem Abende nicht denken. Sie werden es nicht glauben, mein hochverehrter Herr Graf,— und wir haben uns mit den Ge⸗ ſchenken fürwahr nicht übernommen— nur was der Anſtand mit ſich brachte— andere Familien in gleichen Verhältniſſen thun da weit mehr— aber ſoll ich Euer gräflichen Gnaden die Summe nennen, die mich der heutige Abend koſtet?—“ „Laſſen wir das,“ verſetzte Emanuel,„ich verlange ſie nicht zu wiſſen. Die Hauptſache am Chriſtabende iſt, daß man im Sinne desjenigen giebt, zu deſſen Angedenken wir dieſes ſchöne Feſt überhaupt begehen, und dieſer gab mit Liebe, wie denn Gott nur einen fröhlichen Geber lieb hat.“ Der Bankier, welcher dieſe Worte deutete, als ſetze Emanuel Zweifel in ſeine Freigebigkeit, erwiderte lebhaft:„O mein hochzuverehrender Herr Graf, verkennen Sie mich nicht. Gibt Jemand gern, bin ich's. Auch kommt mir's bei ſolchen Gelegenheiten auf einen Thaler mehr oder weniger nicht an. Ich wollte nur andeuten, wenn man ſo Eins in das Andere rechnet, welche Summe da herauskommt, und ſelbſt am heiligen Chriſtabend darf der Kaufmann nicht vergeſſen, daß er Kaufmann iſt.“ Emanuel erwiderte nichts, fragte aber:„Wann findet die Beſcheerung der Dienerſchaft ſtatt? Ich habe das immer recht ſchön gefunden, weil wir uns am Chriſtabende ja ganz beſonders als Chriſten gegenüber ſtehen.“ „Ja,“ geſtand der Bankier,„es hat Etwas für ſich die vereinte Beſcheerung, ich habe es früher auch ſo gehalten; aber mit der Zeit ſtellten ſich Unzu⸗ träglichkeiten heraus, daß ich es jetzt vorziehe, vom erſten Buchhalter bis herab zum Stubenmädchen, Jedem das Seine für ſich zuzuſtellen, ohne weitere — — —,— — Solennität. Ich halte das für zweckmäßiger. Ge⸗ geben muß einmal werden, darum ſo unbemerkt wie möglich. Manche meiner Leute haben ihren heiligen Chriſt bereits vor dem Feſte erhalten, Andere bekom⸗ men ihn nach den Feiertagen.“ Als auch hierauf der Graf kein Wort erwiderte, glaubte Arnſtein ſein Verfahren näher motiviren zu müſſen. „Sie glauben nicht, mein werthgeſchätzter Herr Graf,“ fuhr er fort,„wie bei ſolchen Gelegenheiten Neid, Mißgunſt ihr verderblich Spiel treiben. Hat man noch ſo viel gegeben, iſt es immer noch nicht genug und der Eine mißt mit ſcheelem Blick die Gabe des Andern,— findet ſich weniger be⸗ dacht— Der Hausherr ward bei dieſen Worten abgerufen. Eine milde Trauer ſchattete über das Antlitz Emanuels. „O mein Heiland,“ ſprach er,„du Licht im Erdendunkel, man feiert deine Ankunft, man nennt und preiſet deinen Namen und kennt dich nicht. Der Glanz deines Lichterbaumes leuchtet in ihre Augen, aber nicht in ihre Herzen. O ihr Armen!“ „Die Kindlein,“ fuhr Emanuel in ſeinem Selbſt⸗ geſpräch fort,„ſind es faſt allein, in deren unſchuld⸗ volle und vertrauenvolle Herzen der Chriſtbaum einen goldenen Strahl wirft. Darum hatte ja auch Er, der die Wahrheit und das Leben, die Kindlein ſo gern. Ihrer iſt das Himmelreich. Werdet wie die Kindlein, nicht etwa ſo unverſtändig wie ſie, ſondern ſo vertrauensvoll zu dem himmliſchen Vater, wie ſie es zu dem irdiſchen ſind. Das Kind iſt ſo glücklich und ſteht dem Himmelreiche näher, als die erfahrungreichen Erwachſenen, weil es noch glaubt und vertraut.“ Die vierjährige Melanie, ein prächtiger Locken⸗ kopf, der Liebling und Pathe Emanuels, kam jetzt herangeſprungen und zeigte die ſchöne Puppe als einen der wichtigſten Gegenſtände ihrer Beſcheerung. Emanuel nahm die Kleine auf den Schvoß und ihr die goldenen Locken aus der Stirn ſtreichend, fragte+ er:„Nun, meine liebe Melanie, was hat Dir denn der heilige Chriſt gebracht?“ „Schöne Puppe! und großer, großer Garten mit Schafen— auch Kühe!—“ „Sieh, der gute heilige Chriſt, haſt Du ihn auch recht lieb, da er es ſo gut mit Dir meint und Dir ſo ſchöne Sachen gebracht hat?“ „Ja, ja, ihn recht lieb haben!“ antwortete die Kleine. „Aber meine gute Melanie,“ fuhr Emanuel in ſanften Tone fort,„willſt Du ihm, der Dich ſo lieb und Dir ſolche Freude gemacht, nicht auch wieder eine Freude machen?“ Die blauen Wunderaugen des Kindes ſchauten auf. Sie ſchienen zu fragen:„Wodurch kann ich dem heiligen Chriſt wieder eine Freude machen?“ „Dies kannſt Du, meine liebe Melanie,“ belehrte Emanuel,„wenn Du recht fleißig beteſt, Deinen El⸗ tern recht gehorſam biſt, Nichts thuſt, was Dir ver⸗ boten iſt, Deine Geſchwiſter recht lieb haſt. Dadurch machſt Du dem Herrn Chriſtus, der Dich heut durch Deine Eltern ſo erfreut hat, wieder eine große Freude. Aber wenn Du nicht folgſt und keine gute Melanie biſt, Du weißt wie neulich, wo Du durch Weinen und Schreien erzwingen wollteſt, daß Herr Leopold Dir das Stück Kuchen gebe, da es die Mutter doch verboten hatte, da betrübt ſich der Herr Chriſtus, welcher nur folgſame Kinder gern hat. Vergiß das. ja nicht, meine Melanie.“ —— — — — 9 „Will immer gut ſein,“ gelobte die Kleine. „Sei das, mein Kind,“ ſprach Emanuel,„dann wird Dir der Herr Chriſtus einen Engel ſchicken, der immer um Dich iſt, der wird bei Deinem Bettlein ſitzen, wenn Du ſchläfſt, wird Dein pflegen, Dich wie⸗ gen und behüten, daß der böſe ſchwarze Mann Dir kein Uebles zufügen kann. Wenn Du bei Tiſche ſitzeſt, wird auch hier Dein Englein bei Dir ſein, Dir dienen, wahren und wachen, daß das Mahl Dir wohl bekomme. Doch jetzt, meine Melanie, geh wieder zu Deinen ſchönen Sachen, die Dir der heilige Chriſt gebracht hat und ſpiele damit.“ Emanuel drückte einen ſegnenden Kuß auf die kindliche Stirn und entließ die Kleine. In demſelben Augenblicke trat Arnſtein in's Zimmer. Er hielt einen erbrochenen Brief in der Hand und nahm wieder neben Emanuel FPlatz. „Da ſehen Sie, geehrteſter Herr Graf, begann er,„wie man ſelbſt am heiligen Abende vom Bettel⸗ volke nicht verſchont bleibt. Sveben erhalte ich den Brief, worin von einer Wittwe die Rede, die an⸗ geblich krank und in großer Dürftigkeit leben ſoll. Man kennt dieſe Phraſen. Vier Kinder ſollen da ſein. Warum heirathet dieſes Volk, wenn es die Kinder nicht ernähren kann? Es iſt wahrhaft ge⸗ wiſſenlos. Da ſterben die Alten hinweg, und die allgemeine Wohlthätigkeit behält die Nachkommenſchaft auf dem Halſe. Ich habe einen Commis beauftragt, ſich nach den Feiertagen zu erkundigen, wie es mit der Frau ſteht. Iſt's wirklich ſo, ſoll er einen Thaler zurücklaſſen.“ „Wie lautet das Schreiben?“ fragte Emanuel. „Die gewöhnlichen Phraſen,“ ſprach der Bankier und las: 10 „An dem Abende, wo mit freudigem Danke Millionen den Namen unſeres Heilands ausſprechen und zu deſſen Preiſe Tauſende von Lichtern brennen, wagt es eine arme Wittwe, ſeit Monaten an das Krankenbett gefeſſelt, umringt von vier vaterloſen Waiſen, in ihrer höchſten Noth und Dürftigkeit, in Kälte und Dunkelheit— denn Licht und Holz ſind ausgegangen— da anzuklopfen, wo ſo viele Lichtlein brennen. Der heilige Abend und ihr Vertrauen auf die Bekenner deſſen, der die Liebe ſelber iſt, die Ver⸗ zweiflung vereinigten ſich, die ſchwere Bitte um ein Scherflein übers Herz zu bringen. Es iſt ein bitterer Schritt, aber was thut nicht eine Mutter für ihre hungernden Kinder!“ „Da haben Sie die Litanei,“ fuhr Arnſtein fort und den Brief zuſammenknitternd,„es klingt ſehr rührend, aber glauben Sie mir, verehrteſter Herr Graf, man wird mit der Zeit gegen derartigen Styl ſo abgeſtumpft, daß man bei den abſchreckendſten Schilderungen die ſo nöthige Contenance behält. Wie geſagt, mein Commis ſoll ſich nach den Feiertagen erkundigen.“ Emanuel erwiderte kein Wort, ſondern ſtand auf und reichte dem Bankier zum Abſchiede die Hand. „Ei, mein verehrter Herr Graf, warum nicht gar. Sie haben die Gnade, ſich's auf einen Löffel Suppe bei uns gefallen zu laſſen.“ Die herzutretende Frau Gemahlin, als ſie ver⸗ nahm, wovon die Rede, vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Mannes. „Ich habe noch einige Beſcheerungen zu inſpiciren,“ entſchuldigte ſich Emanuel.„Es iſt das ſo meine Art am heiligen Abende.“ Alle Zureden von Seiten Arnſteins waren ver⸗ 12 geblich. Der Graf ließ ſich nicht halten. Nachdem das Hausthor ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, warf er noch einen Blick voller Wehmuth nach dem er⸗ leuchteten Hauſe. „O mein Heiland,“ ſprach er,„da blitzen ſie, die Lichtlein, zu deinem Angedenken, und wie fern ſtehen dir gleichwohl diejenigen, welche ſie angezündet; und wie viel mag es noch ſolcher Chriſten geben; wie viele, die oftmals deinen Baum angezündet und zu denen du einſt, wenn du deinen himmliſchen Chriſtbaum leuchten läßt, trauernd ſagen wirſt: Bleibt ferne, denn ich kenne euch nicht.“ Trauernd wandelte Emanuel mit ſeinen noch immer anſehnlich gefüllten Taſchen die Straße entlang. Doch wer war Emanuel?— Die Antwort iſt nicht ſchwer. Er war von den Vielen, die da berufen, Einer der Wenigen, die da ausgewählt. Sein ganzes Leben war eine That der Liebe. Aus edlem Geſchlecht entſproſſen, mit irdiſchen Gütern reich geſegnet, hatte er die Nichtigkeit alles Irdiſchen nur zu früh erkannt und darum ſchon früh ſein Herz ſich unbewußt nach dem geſehnt, das da un⸗ verweslich erfunden wird. Sein offener Geiſt, ſeine reiche Bildung, ſein wiſſenſchaftliches Streben, ſeine Begeiſterung für Licht und Aufklärung waren darum oft mit ſeinem lieberfüllten Herzen, das ſich nach einem Himmel, einem Frieden ſehnte, wie ihn nur der Glaube an die heilige Perfönlichkeit Chriſti zu geben vermag, in tiefen Widerſpruch gerathen. Die qualvolle Feuertaufe der Zweifelperiode hatten ihn lange Jahre die unterſchiedlichſten Foltergrade durch⸗ machen laſſen. Jahrelang hatte er all den Bahnen nachgeſtrebt, welche der menſchliche Geiſt auf dem Gebiete der Denkkraft eingeſchlagen, um die Wahr⸗ ₰ 7 12 heit zu erforſchen in ihren letzten Gründen. Jahre⸗ lang hatte er dem dunkeln Principe des Böſen nach⸗ geſpürt, das dem denkenden Menſchengeiſte von Zo⸗ roaſter bis Hegel ſo reichen Stoff zum Philoſophiren geboten. Er glaubte auf dieſem Wege die Wahrheit zu finden. Vergebens. Tiefe innere Zerriſſenheit, namenloſe Qualen waren der Lohn ſeiner mühvollſten Forſchung. Die erſtrebte Wahrheit ſtand ihm ferner denn je. Da führte ihn an einem heitern Sonn⸗ tagvormittage der Zufall, wie es kurzſichtige Menſchen nennen, nein, die Vorſehung in eine kleine freund⸗ liche Dorftirche, wo ein nicht mehr junger aber mit noch jugendlicher Friſche ausgeſtatteter evangeliſcher Prediger in tiefer, feſter Ueberzeugungstreue, wie ſie nur die göttliche Kraft des Glaubens zu verleihen vermag, über die Tertesworte ſprach: Ich bin die Wahrheit und das Leben. Wer mir nach⸗ folgt, wird nicht wandeln in Finſterniß. Zugleich ſprach dieſer begeiſterte Verkündiger des gött⸗ lichen Worts mit ſolcher Klarheit, mit ſolcher Liebe und Milde, mit ſolcher Glaubensinnigkeit und Sieges⸗ ſicherheit, daß es am Schluſſe ſeines Vortrags wie Verklärung über ſein edles Antlitz leuchtete. Noch nie hatte Emanuel eine ſolche Predigt vernommen, wie vielen Kanzelvorträgen er auch in ſeinem Leben beigewohnt; aber die handwerkmäßig ortho⸗ doren hatten ihn angewidert, die dürren rationellen nicht erquickt. Darum hatte er ſchon lange Zeit die Kirche geflohen wie ein Krankenhaus. Selbſt ge⸗ feierten Predigern war es nicht gelungen, in ihm das Bedürfniß rege zu machen, ſie öfters zu hören. Die göttliche Gewalt des Evangeliums war ihm aus keiner von all den gehörten Predigten entgegengetreten. Erſt dem einfachen Landprediger war es vorbehalten. — Und Emanuel hatte in durchaus keiner geweihten Stimmung das ländliche Gotteshaus betreten. Ein⸗ fache Langweile war es geweſen, die ihn hineingetrieben. Auch war die Predigt durchaus nicht gelehrt, ſondern ganz für das Bedürfniß des einfachen Landmanns berechnet, alles blendenden Redeſchmuckes entbehrend. Aber dieſe Glaubensfeſtigkeit und Glaubensfreudigkeit, dieſe Siegesſicherheit! Und welch ein Frieden, wie ſolchen irdiſche Weisheit nimmer zu geben vermag. Welch ſtille Verklärung, die wie Heiligenſchein das Antlitz des Predigers umfloß, als er ſeinen Vortrag mit der ſeligen Gewißheit ſchloß:„Ja, Er iſt die Wahrheit und das Leben; wer Ihm nachfolgt, wird nicht wandeln in Finſterniß!“ Und welche Weihe über die ganze Gemeinde, die in Todesſtille den Worten des Evangeliums lauſchte? Und waren es doch dieſelben Textesworte, die tauſendmale ſpurlos am Ohre Emanuels vorübergeklungen waren: „Er iſt die Wahrheit und das Leben; wer Ihm nachfolgt, wird nicht wandeln in Finſterniß.“ Dieſe Worte begleiteten Emanuel auf dem Heimwege und verließen ihn nicht mehr. Er forſchte weiter. Die Theologie, die er ſeit Jahren wie einen todten Bal⸗ laſt, wie einen erdrückenden Alp von ſich geworfen, ward wieder vorgenommen, namentlich die Geſchichten der erſten chriſtlichen Kirche. Welch ein Geiſt, welche Erleuchtung, welche Opferfreudigkeit, welches erhabene Märtyrerthum dieſer erſten Bekenner! Welch wun⸗ derbares Licht in tiefer Finſterniß! Emanuel kam zu Luther, der ihm früher wegen ſeiner Naturwüch⸗ ſichkeit, ſeines anticalviniſtiſchen Trotzes, ſeiner oft rückſichtsloſen Schreibweiſe entſchieden— zuwider ge⸗ weſen. Er kam aber jetzt nicht mit dem philoſophi⸗ ſchen und äſthetiſchen Secirmeſſer, ſondern als wun⸗ — 14 derbar erweckter Forſcher. Er forſchte nach jener wunderbaren Kraft, die durch den Mund eines ar⸗ men Mönchs ein Weltreich ſtürzte; nach jener wun⸗ derbaren Kraft, die aus einem ſchwächlichen, kränk⸗ lichen, ſchüchternen Kloſterbruder den größten Mann der Weltgeſchichte machte. Und je weiter er vordrang in den Büchern erhabener Glaubenshelden, immer näher kam er dem ſtillklaren, beſeligenden Lichte, das in Finſterniß brennt und von welchem in der kleinen Dorfkirche der erſte Strahl zu ſeiner Seele gedrungen; zu jenem verborgenen Manna, wovon ihm der ein⸗ fache Dorfprediger den erſten Broſamen gereicht; er kam zu dem Glauben an Zeſus Chriſtus, nicht blos als großen Weiſen von Nazareth, ſondern als einen Gottgeſandten, wie er verzeichnet ſteht in den Evangelien. Wie Schuppen fiel es dem einſt ſo eifrigen Philoſophen von den Augen. Da hatte er ja die Wahrheit, nach welcher er vergeblich gerungen, und in einer Schönheit, wie er ſie nie geträumt; da hatte er ja jene Sonne, gegen welche alle irdiſche Weisheit zu einem trüb leuchtenden Oelflämmchen herabſinkt. Zetzt erſt erkannte er, was es mit jenen zwei Sylben, über die er oft ſeinen philoſophiſchen Scherz getrieben, auf ſich habe, jene zwei, Himmel und Erde verbindenden Sylben, die das Wort„Glau⸗ ben“ bilden. Jetzt fühlte er auch, daß der Glanbe nicht erlernt, nicht eingetrichtert, nicht anbefohlen, nicht octrohirt werden kann, weil es ein unmittelbares Geſchenk des Himmels iſt; jetzt erkannte er auch, daß der Glaube nicht ein bloßes Dafürhalten, wie früher ſeine Meinung geweſen, ſondern daß der Glaube und namentlich der Glaube an den welt⸗ erlöſenden Heiland, eine himmliſche Erleuchtung, eine Kraft und Gnade Gottes iſt, gegen welche alle 15 irdiſchen Güter, und wären es die glänzendſten, wie Spreu und Kehricht zerſtieben. So war mit der Zeit Emanuel ein evangeliſcher Chriſt geworden, nachdem er lange Jahre ein edler philoſophiſcher Chriſt geweſen; und der chriſtliche Glaube, der ihm früher wie eine ſchön bemalte Pa⸗ pierblume erſchienen, ward ihm zur duftenden Centi⸗ folie. Wenn er ehedem vermöge ſeines edlen Herzens das Gute that, ſo that er es doch größten Theils aus Pflichtgefühl und die menſchliche Trägheit, Schwäche und Selbſtſucht ſpielten dabei nicht ſelten ihr gefähr⸗ liches Spiel. Ohne einen gewiſſen, unbehaglichen Zwang wollte es, wie bei einer unwillkommenen Schul⸗ arbeit, nur zu pft nicht gehen Wenn er jetzt das Gute that, that er es im gläubig beglückten Aufſchauen zu Ihm, der da iſt die Wahrheit und das Leben, der da iſt die Liebe; mit einer Freudigkeit, wie der Lie⸗ bende, der der Geliebten einen Blumenkranz windet. Sein klarer, wiſſenſchaftlicher Geiſt ward aber durch dieſen beſeligenden Chriſtusglauben keineswegs ver⸗ dunkelt. Er blieb fremd jenen myſtiſchen, pietiſtiſchen und krankhaften Richtungen, die nur zu oft am welt⸗ erleuchtenden Baume des Evangeliums als giftige Schmarotzerpflanzen, als verdumpfende und verdum⸗ mende Nebel emporwachſen. Emanuel blieb trotz ſei⸗ nes Glaubens geſund, friſch, fröhlich. Nur milder war er geworden. Während er früher in edelm Zorn aufbrauſte gegen Selbſtſucht und Gemeinheit, Irrwahn und Dummheit, war ſein Urtheil jetzt milder und entfaltete ſich als ſchöne Blume echter Humanität. So ward Emanuel der unbekannte Wohlthäter von Hunderten und Segen ſtrömte von ihm aus durch verſchwiegene Kanäle in zahlreiche Familien. Da er nur ein einfaches Bürgerhaus bewohnte und auch ſonſt 16 allem Luxus fern blieb, galt Emanuel im großen Pu⸗ blikum für durchaus nicht reich. Das hatte für ihn das Gute, daß er von mancher zudringlichen und un⸗ verſchämten Bettelei verſchont blieb. Gegen ſeine Perſon war er ſparſam, wie ein Privatmann von mäßigem Einkommen; nur wenn er wohlthun konnte, war er der reiche Mann in des Wortes edelſter Be⸗ deutung. So war Emanuel ſtill erwärmt von dem Glau⸗ ben an den, der war, der da iſt und der da ſein wird in Ewigkeit, an den himmliſchen Menſchenfreund, der mit Liebe die ganze Menſchheit umſchließt. Darum kannte unſer getreuer Jünger auch nichts von Ver⸗ dammung, wo es ſich um Glaubensſachen handelte. Er ſah ſtets nur, wie ſein himmliſches Vorbild, auf das Herz, mochte es in der Bruſt eines Chriſten, Juden, Türken oder Heiden ſchlagen. Alle waren ihm die Kinder eines gemeinſchaftlichen Vaters, nur daß ſie auf verſchiedenen Stufen der himmliſchen Er⸗ kenntniß ſtanden. Sein liebevolles Herz fand in ſeinem Glauben die tiefſte, ſeligſte Befriedigung; darum umſchlang er mit Liebe alle ſeine Menſchenbrüder und nur Eine Sorte war es, gegen welche ihn die gewohnt Milde verließ, ſo daß er in heiligen Zorn gerathen und aufbrauſen konnte. Dies waren die Frömmler, die Sünder wider den heiligen Geiſt, die chriſtliche Streng⸗ gläubigkeit heucheln, um ihre irdiſchen Intereſſen da⸗ hinter zu verſtecken; die den Mantel einer excluſiven, verdammungsſüchtigen Richtung umnehmen, um da— hinter ihren böſen Gelüſten zu fröhnen; jene Kopf⸗ hänger, Augenverdreher und fleißige Kirchgeher, wäh⸗ rend in ihren Herzen der Satan Sabath hält. Auch war er der entſchiedenſte Feind der Partei kirchlicher ——— 17 Verdummung, die das Chriſtenthum, die Religion des Lichts, der Wahrheit und der Liebe bornirter Weiſe in ein finſteres, menſchenfeindliches Zelotenthum umwandeln wollen; die blind und dumm Wiſſenſchaft und vernünftige Auftlärung als mit dem Chriſtus⸗ glauben unvereinbar und in die Acht erlären; deren lichtfeindliche Fledermausbeſtrebungen darum auch kei⸗ nen Segen gebracht und die in ihrer geiſtigen Ver⸗ wahrloſung nur als faule Früchte am Lebensbaume des Chriſtenthums zu betrachten ſind. Nein, Chriſtus, das Licht der Welt, war dem gläubigen Emanuel auch in allem Uebrigen ein Licht⸗ freund, der ſich mit Wiſſenſchaft, Aufkläxung und Vernuuft nicht allein recht gut verträgt, ſondern die letztere gleichſam verklärt, indem er bei allen For⸗ ſchungen auf den Gebieten des Geſchaffenen ſtets auf den allweiſen und allliebenden Vater hinweiſt. Gern liebte es Emanuel, bei Bekannten, die ſich Chriſten nennen, unſchuldige Verſuche anzuſtellen, ob ihr Chriſtenthum auch probehaltig und nicht blos durch ſchöne Worte, ſondern auch durch die That bewähre? Die Erfahrungen, die er da gemacht, waren oft recht bittere geweſen. So hatte denn Emanuel auch für den heutigen Abend einen Brief in mehreren Exemplaren abgefaßt, um den Empfängern Gelegenheit zu geben, wenig⸗ ſtens am heiligen Chriſtabende eine That ächter Chri⸗ ſtenliebe zu vollbringen. Wir haben geſehen, welchen traurigen Erfolg dieſer erſte Brief bereits gehabt und zwar in einer Familie, die vermöge ihrer Glücksgü⸗ ter am erſten im Stande geweſen, ohne großes Opfer eine chriſtliche That zu vollbringen. Emanuel, nachdem er eine Strecke die Straße entlang gewandelt war, trat abermals in ein Haus, Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 2 18 wo er zwei Stockwerke emporſtieg und gleichfalls die rückſichtsvollſte Aufnahme fand. Auch hier brannte der Chriſtbaum. Auch hier legte Emanuel die mit⸗ gebrachten Gaben ſo unbemerkt wie möglich zu den übrigen. Er befand ſich diesmal bei einem Lichte der Wiſſenſchaft, einem Profeſſor der Mathematik und Naturwiſſenſchaft, einem in allgemeinſter Achtung ſtehenden Manne, bei welchem er ſelbſt einige arme, aber befähigte junge Leute auf ſeine Koſten in der Mathematik unterrichten ließ. „Sie werden lächeln, Herr Graf,“ ſprach der Profeſſor, nachdem Emanuel die Beſcheerung in Augenſchein genommen,„daß Sie auch bei mir, der ich Ihnen doch als Pantheiſt bekannt bin, den Chriſt⸗ baum angezündet finden. Aber was will man machen? Die Sitte bringt es mit ſich. Das Volk hält einen für einen Heiden, wenn man zurückbleibt. Aber es geſchieht diesmal das letztemal. Die Kinder ſind ſo weit heraus, als daß ſie an dem Lichtergeſpiel noch Gefallen finden könnten.“ Die Geſchenke, welche beim Profeſſor unter dem Lichterbaume lagen, beſtanden aus lauter nützlichen Gegenſtänden, kein einziger Luxusartikel war darunter. Die Freude der Kinder war ziemlich kühl, da faſt ein Jedes gewußt hatte, was der Herr Chriſt brin⸗ gen würde und die Geſchenke ſämmtlich Gegenſtände betrafen, von denen ſie gleichfalls wußten, daß ſie dieſelben erhalten mußten, wenn auch kein heiliger Chriſt wäre. Als daher Emanuel den zehnjährigen Alfred fragte: Ob er ſich nicht auf den heutigen Abend recht gefreut habe, antwortete der Knabe ziemlich nüch⸗ tern:„Bei uns iſt das ganze Jahr heiliger Chriſt; allemal, wenn wir ein gutes Buch, ein Kleidungsſtück 19 oder ſonſt einen nützlichen Gegenſtand von den Eltern erhalten, iſt heiliger Chriſt.“ Bei dem Profeſſor langte jetzt derſelbe Brief an, deſſen Inhalt wir kennen, doch erhob der diesmalige Empfänger kein Lamento, hielt keine Strafpredigt wie der reiche Bankier, ſondern gab unbemerkt, ohne ein Wort zu verlieren, zehn Groſchen, eine Summe, die bei den beſcheidenen Vermögensverhältniſſen und der zahlreichen Familie des Profeſſors den Thaler des reichen Bankier weit überwog. Zudem gab der Pro⸗ feſſor dem Briefboten ſofort die zehn Groſchen für die Wittwe; er half auf der Stelle und wartete nicht bis nach den Feiertagen, wo die arme Frau mit ihren Kindern längſt verhungert ſein konnte. Emanuel verließ nach einiger Zeit auch dieſe Familie. Unterwegs ſprach er:„Es ſind ganz brave, gute Leute, aber der Himmel des Chriſtabends wohnt nicht bei ihnen. Der Lichterbaum leuchtet auch hier auf dem Tiſche, aber nicht in den Herzen.“ Den dritten Beſuch ſtattete Emanuel in der Fa⸗ milie des Miniſterialſekretairs Musmann ab, eines kirchlich ſehr ſtrenggläubigen Mannes, der mit den Seinigen keinen Sonntag die ultraorthodoxen Predig⸗ ten des verdammungsſüchtigen Paſtors Leo verſäumten. Die Familie, welche zu den ſogenannten excluſiv Frommen der Stadt gehörte, ſah man weder im Schauſpiel, noch auf Bällen oder bei ſonſtigen öffent⸗ lichen Vergnügungen. Sie lebte ganz zurückgezogen und hatte blos Umgang mit einigen Familien, die derſelben lirchlichen Richtung angehörten. Dagegen fehlte es nicht an häuslichen Erbauungsſtunden, Bet⸗ und Bußfübungen. Herr Musmann war Vorſtand mehrerer Wohlthätigkeitsvereine, obſchon man nie ge⸗ hört, daß er ſelber den fröhlichen Geber gemacht. 20 Bei den ihm untergebenen Beamten war er trotz ſeiner chriſtlichen Demuth nicht beliebt. Namentlich vermißte man chriſtliche Milde und Nachſicht bei Be⸗ urtheilung der Schwächen des Nebenmenſchen. Mus⸗ mann galt für ſehr wohlhabend, doch wollte die böſe Welt wiſſen, daß er den größten Theil ſeines Vermögens heimlichen Wuchergeſchäften zu verdanken, wodurch manche ſonſt ehrbare Familie an den Bettel⸗ ſtab gebracht worden. Auch hier brannte der Chriſtbaum. Es ging überaus fromm und ſeriös dabei her. Es ward widerholt gebetet und geſungen. Als Emanuel ein⸗ trat, ward er mit kriechender Freundlichkeit und Un⸗ terwürfigkeit bewillkommnet. Man ging ſo weit, in dem hohen und ehrenden Beſuche die„Gnade des Herrn“ zu erkennen. Den Namen des„lieben“ Herrn Heilands konnte man vernehmen, wo man immer hinhörte. Der fromme Herr des Hauſes ergriff die ihm ſehr paſſend dünkende Gelegenheit, gegen Emanuel ſein Herz über die Glaubensloſigkeit und Gottloſig⸗ keit der Welt und ihr böſes Treiben auszuſprechen, wobei es an nicht eben chriſtlichen Anſpielungen auf renommirte Familien der Stadt nicht fehlte. Da⸗ für ward das Leben im eigenen Hauſe in möglichſt fromme Beleuchtung geſtellt. „Ja,“ fuhr der Miriſterialſekretair Musmann fort,„ich ſollte es eigentlich nicht ſagen, weil es wie Selbſtlob klingt, deſſen der wahre Chriſt ſich enthalten ſoll, aber da iſt wohl kein Sonntag im ganzen, in Chriſto jetzt abgelaufenen Jahre geweſen, der die Meinigen nicht an heiliger Stätte erblickt hätte. Die Ausflüchte, die andere Familien ſo gern vorſchützten, um ſich des fleißigen Kirchenbeſuchs 21 zu entziehen, elten bei mir Gottlob nicht. Da bin ich unerbittlich.“ Als S ſchweigend das Haupt neigte, hielt es Musmann für Beiſtimmung und Anerkennung und ging noch mehr mit der Sprache heraus. „Und ſehen Sie, mein ho chverehrteſter Herr Graf,“ fuhr der froume Mann fort,„die Gnade unſeres Herrn und Heilands läßt die Seinen auch nicht zu Schanden werden. Ich will es nur ge⸗ ſtehen, ich hätte heuer nicht ſo reichlich beſcheeren können, wenn mich der liebe Herrgott bei einer kleinen Speculation nicht recht auffällig unterſtützt hätte. Es ſind keine vier Wochen her, ich kaufte Leipzig-Dresdner zu hundertzwölf, da gehen keine zehn Tage ins Land und ſie ſtehen zweihundert. Iſt hier die Gnade des Herrn an einem der Seinen nicht recht auffällig ſichtbar? Ja er läßt die Seinen trotz der böſen Welt nicht zu Schanden werden.“ Bei dieſen Worten neeh Musmann fromm die Augen und ſchien ein Gebet zu murmeln. Da war denn das Maß der Geduld bei Emanuel voll zum Ueberlaufen, und es lief über. Ein heiliger Zorn überflammte ſein Antlitz. „Wie können Sie, Herr Miniſterialſekretair,“ ſprach er,„den heiligen Namen Gottes alſo miß⸗ brauchen, daß Sie ihn mit Ihren nichtswürdigen Geld⸗ und Börſenſpeculationen auch nur entfernt in Verbindung ietn Wiſſen Sie nicht, daß es weit eher der Teufel geweſen iſt, der Sie zu dem unſeligen Börſenſpiele verlockt hat? Gott ſicher nicht. Wenn ein Mann, der ohnehin wohlhabend⸗ iterdite ein ſchönes Einkommen hat, wie Sie, ſich aus ſchnöder Gewinnſucht auf das ſchlüpfrige Feld des Papierſchwindels begiebt, dieſer laſſe wenigſtens bei ſeinen ſelbſtſüchtigen Speculationen den heiligen Na⸗ men Gottes aus dem Spiele. Es iſt der abſcheu⸗ lichſte Mißbrauch, der immer mit dieſem Namen getrieben werden kann.“ Der fromme Musmann, als er den ſo milden Emanuel plötzlich in ſolche Aufregung gerathen ſah, erſchrak auf's heftigſte. Raſch faltete er die Hände, und das Haupt demüthigſt gebengt, ſprach er:„Eure Hochgräfliche Gnaden haben Recht, es kann auch der Teufel geweſen ſein, der mich verlockt hat. O mein hochwürdigſter Herr Graf, vor den Fallſtricken des Satans iſt Niemand ſicher. Der Böſe geht umher wie ein brüllender Löwe und ſuchet, welchen er ver⸗ ſchlinge. O Euer Hochgräfliche Gnaden glauben nicht, was der ſündige Menſch tagtäglich mit dem Satan zu kämpfen hat. Euer Hochgräfliche Gnäden glauben nicht—“ Hier ward Musmann abgerufen. Der Bote mit Emanuels Briefe trat in das Zimmer. Der fromme Mann erbrach den Brief, las ihn, ließ huſtend einige„Hm Hm!“ vernehmen und er⸗ theilte ſchließlich die Reſolution:„Sagen Sie, lieber Mann, der guten Frau, daß ich als Vorſtand der Armenverſorgungsbehörde in der nächſten Sitzung ihre Lage der Berückſichtigung eines geehrten Colle⸗ giums empfehlen werde.“ „Ei Du ſcheinheiliger Spitzbube,“ brummte Emanuel, der die Reſolution nur zu gut vernom⸗ men und ergriff ſogleich die Gelegenheit, ſich zu ver⸗ abſchieden. Der Miniſterialſekretair war untröſtlich, daß der hochverehrteſte Herr Graf ſich ſchon entfernen wollte. Er bot ſeine ganze Beredſamkeit auf, denſelben zu längerem Verbleiben zu bewegen, aber vergeblich. 23 Bald hatte Emanuel auch dieſen Chriſtbaum im Rücken, und die Straße einſam dahin wandelnd ſprach er:„O mein Heiland, wo ſoll ich dich finden an deinem heiligen Abende? Wenn ich dich beim reichen Bankier, bei dem gelehrten Profeſſor ſchon vermißte, ſo fand ich bei dieſem dritten Chriſtbaume ſogar deinen Gegner, den Satan, der unter deinem heiligen Namen und Gewande das frevelhafteſte Spiel treibt. Und wie mancher Chriſtbaum mag heute Abend noch brennen, von welchem das Gleiche gilt.“ Emanuels Taſchen waren durch das dreifache Beſcheeren faſt ganz erleichtert worden. Es blieb ihm nur noch der Beſuch eines vierten Chriſtbaumes, wohin er jetzt ſeine Schritte lenkte. „Finde ich dich, o Herr, auch hier nicht,“ ſprach er in frommer Ergebung,„ſo will ich ſagen, es war für mich ein recht trauriger heiliger Abend.“ Nach einem nicht zu langen Gange hatte er das Ende der Stadt erreicht, wo an der Straße nur noch einige vereinzelte Häuſer ſtanden. Nach dem letzten derſelben richtete Emanuel ſeine Schritte. Als er daſſelbe erreicht hatte, blieb er ſtehen und lauſchte. Lieblicher Kindergeſang tönte ihm aus dem kleinen, nur eine Parterrewohnung umfaſſenden Hauſe entgegen. Der ſich mehrmals wiederholende Refrain des frommen Chriſtliedes lautete: Laß leuchten deine Lichtelein Auf deinen Chriſtbaum nicht allein, Mach', daß der liebe gold'ne Schein Auch fällt in unſer Herz herein, Wohnt in dem Herzen erſt dein Licht, Vergißt es dich auf ewig nicht. Das kleine Haus, aus welchem dieſes Lied er⸗ klang, ward von einem armen Tiſchler, Namens „ 24 Liebethal, bewohnt, der ſeine Familie zwar dürftig, aber redlich ernährte und dem Emantel, wenn es an Arbeit manchmal mangelte, immer Beſtellungen zu verſchaffen bemüht war. Der edle Mann war darum in dieſem kleinen Hauſe nicht unbekannt. Er kehrte auf ſeinen Spaziergängen von Zeit zu Zeit hier ein und befand ſich unter der armen Familie ſtets recht wohl. Namentlich freute ihn, wie die Kinder ſorgfältig erzogen, wie ſie voller Liebe und Ehrfurcht gegen ihre Eltern waren; wie ſie bei aller Dürftigkeit doch immer reinlich und ſauber gekleidet gingen und wie ſelbſt die Kleineren ſchon an eine nützliche Thätigkeit gewöhnt wurden. Bis auf das vierjährige Chriſtelchen mußten ſich alle ſchon Etwas verdienen und waren es auch nur einzelne Pfennige. Und welche Freude, wenn endlich nach mehrmonat⸗ lichem Fleiße und ſorgſamſter Erſparniß die Pfennige, zu einem Sümmchen angewachſen, ein neues Weſt⸗ chen, oder Röckchen oder Schürzchen anzuſchaffen halfen. Die nicht zu große Stube mit ihren zwar einfachen, aber ungemein reinlich gehaltenen Möbeln gewährte einen gar gemüthlichen Aufenthalt. An den Fenſtern blühten in Töpfen ſorgſam gepflegte Blumen, wie ſie die Jahreszeit mit ſich brachte. Auch an einem alten Clavier fehlte es nicht, ein Erbſtück vom Groß⸗ vater, der Schulmeiſter geweſen, auf welchem In⸗ ſtrument Martin und Marie, die beiden Aelteſten, ſich in den Feierabendſtunden oft recht angenehm vernehmen ließen, da ihnen vom Herrn Cantor unentgeldlich Muſikunterricht ertheilt worden war. So mußte bei aller Dürftigkeit auch zu Futter für den treuen Wackermann, den Haushund, und für Hänschen, das Rothkehlchen, Rath werden, welche beide Thiere zur Familie gehörten. 25 Emanuel, wann er bei Meiſter Liebethal ein⸗ kehrte, hatte Gelegenheit, die Freuden und die Se⸗ ligkeit der Armuth kennen zu lernen. In dieſer armen Tiſchlerfamilie gab es weit mehr Feſt⸗ und Freudentage als bei den reichen und vornehmen Leuten. Bald hatte Meiſter Liebethal in ſeinen Freiſtunden für Karl und Traugott allerliebſte Sol— daten mit dazu gehörigen Kanonen gedrechſelt; bald der ältere Martin für ein ausgetragenes fertiges Stück Tiſchlerarbeit ein ſtattlich Trinkgeld erhalten; bald Marie von ihrem Erſparten einen ſchön blühen⸗ den Balſaminenſtock nach Hauſe gebracht; bald Karl, Traugott und das kleine Chriſtelchen zuſammengelegt und ſich für das Abendeſſen ein prächtiges Bund wunderſchöner rother Radieschen erhandelt; bald Mutter Marthe die frohe Botſchaft verkündet, daß nächſten Freitag zu Vaters Geburtstage Plinſen ge⸗ backen würden, wozu das Heidemehl bereits angekauft. Hauptfeſttage waren aber allemal, wenn Emanuel einkehrte, der nie fort ging, ohne eine Gabe zurück zu laſſen. Und wie prächtig waren die Sonntage mit ihrer ſtillen Feierruhe. Wie ward am Samſtag Abend Alles gefegt, geſäubert, in Ordnung gebracht! Wie erhebend klangen die Sonntagsglocken, wenn man zur Kirche ging und ſich an der ſchönen Predigt des Diakonus Frommhold erbaute, denn in der Fa⸗ milie Meiſter Liebethals herrſchte gar viel Gottesfurcht und tiefe Frömmigkeit. Von Schimpf⸗ und Zank⸗ worten oder gar von einem Fluche, wie es in andern Familien wohl vorkommt, war bei Liebethal keine Rede. Mit einem allgemeinen Morgengebet ward die Tagesarbeit begannen, ohne Mittag⸗ und Abend⸗ tiſchgebet kein Biſſen angerührt; mit des frommen Gellerts 26 „Bedeckt mit deinem Segen,“ legte man Abends das müde Haupt zur Ruh. Obſchon es faſt acht Uhr des Abends geworden, kam doch Emanuel noch zeitig genng zur Beſcheerung denn Meiſter Liebethal hatte ſpeben erſt eine Arbeit beendet, die noch heute fertig werden mußte. Welch eine Freude, welch ein Jubel der Kindet⸗ welt, als plötzlich und unverhofft der ſo hochver⸗ ehrte und allgeliebte Emanuel zum heiligen Chriſt in die Stube trat. Der ſpäte Gaſt beſchaute ſich hier ebenfalls die Beſcheerung, worauf er auf einem hölzernen Seſſel in der Nähe des Ofens Platz nahm. Welch ein Unterſchied zwiſchen dem prachtvollen Salon des reichen Bankiers und dem beſcheidenen Stüblein des armen Tiſchlers; welch ein Unterſchied zwiſchen dem dort ſtrahlenden, prachtvollen Chriſt⸗ baume und dem kleinen, mit nur wenig Lichtlein ge⸗ ſchmückten Tannenbäumchen. Welch ein Unterſchied zwiſchen den koſtbaren Geſchenken dort und den ein⸗ fachen Gaben der Liebe hier. Aber welcher Unter⸗ ſchied auch in der Liebe und der Feſtweiſe zwiſchen dort und hier! Hier war heiliger Abend! während es im reichen Bankierhauſe nur ein Feſt des Luxus, beim Profeſſor nur eine nüchterne Feier der Sitte und Gewohnheit, bei dem frommen Miniſterialſekretair nur eine Ceremonie lügenhafter Scheinheiligkeit war. Auch die Art und Weiſe der Beſcheerung war hier eine ganz andere. Während in den andern Familien an ein Beſcheeren der Eltern unter ſich, und der Kinder an die Eltern und der Kinder wieder unter ſich nicht gedacht ward, beſcheerte hier Jedes Jedem und ward Zedes von Jedem be⸗ ſchenkt, wobei auch die alte Großmutter Lene auf ihrem Stuhle hinter dem Ofen nicht vergeſſen wurde. 27 Wie zahlreiche Gaben! Und wenn man ihren Werth zuſammenberechnete, erreichte derſelbe wohl nicht eine einzige der Gaben, wie ſie unter dem Chriſtbaume des Bankiers lagen. Es waren meiſt ſelbſtverfertigte Arbeiten, die mühſame Frucht langer mühevoller Stunden, ſo wie die Erſparniſſe vieler Monate. Aber die Liebe, mit der hier gegeben ward, das ſtete dankbare Anſchauen zu Dem, der dem ſchönen Feſte den Namen gegeben, das war es, was dieſe ſo einfachen Gaben der Armuth reich übergoldete. Endlich rückte auch Emanuel mit ſeinem heiligen Chriſte heraus. Es war zu dem, was er unter die früheren Chriſtbäume gelegt, außerordentlich beſcheiden, und beſtand nur aus fünf Pfefferkuchen, wovon die größern Kinder die größeren, die Kleineren die klei⸗ neren bekamen. Aber mit welch aufrichtiger Freude, mit wie innigem Danke wurde ſelbſt dieſe Gabe auf⸗ genommen! Wie viele dankbare Sehn hatte der Geber auszuhalten. Meiſter Liebethal glaubte ſich für ſeine Perſon ordentlich entſchuldigen zu müſſen, daß er i i i Gaben— zu reich und über ſeine Kräfte beſcheert habe. „Es iſt nur einmal heiliger Chriſt im Jahre,“ ſprach er zu Emanuel,„und wie hart die Zeiten, den Herr Chriſtus müſſen wir immer in Ehren halten. Die ſchönſte Chriſtfreude hat uns freilich der liebe Gott ſelbſt gemacht, indem er mein gutes Weib von ihrer ſchweren Krankheit geneſen ließ und die bereits halb dem Tode Verfallene mir und meinen Kindern wiedergab. Ach, wenn der hochgeehrteſte Herr Graf in mein Herz ſehen könnte, wie das ſo dankbar klopft, daß der liebe Gott uns unſere Mutter wie⸗ der geſchenkt hat.“ — „Aber guter Meiſter,“ erkundigte ſich Emanuel, „wo nahmt Ihr die Kraft her, ſo ſtandhaft und ohne die Geduld zu verlieren, die ſchwere Prüfung des Himmels zu ertragen? Eine todtkranke Frau, dazu mehrere Kinder krank und wenig Verdienſt, weil die Pflege der kranken Familie allein auf Euch lag? Was gab Euch den Muth, ſo wacker auszuhalten bei den harten Schickſalsſchlägen?“ „O mein hochwürdigſter Herr Graf,“ erwiderte Liebethal und faltete unwillkürlich ſeine Hände,„wer ſoll ſie mir gegeben haben, als einzig und allein Er dort Oben und Er, zu deſſen Ehren dieſe Lichtlein brennen? Sie waren Beide bei mir in den ſchwer⸗ ſten Stunden und tröſteten gar wunderbar; ich habe das nur zu wohl gefühlt, und waren ſie es nicht auch, die das Herz des hochwürdigen Herrn Grafen nach meinem armen Häuslein führten? Ich weiß recht wohl, daß es heutzutage viele Leute giebt, die in ihrer Aufgeklärtheit Nichts von ſolch himmliſcher Hülfe wiſſen wollen, die da meinen, Verſtand, Ver⸗ nunft und Vertrauen ſeien allein hinreichend, den Prüfungen der Vorſehung zu widerſtehen; aber ich fühle es tiefinnerlich, daß ich ohne den feſten Glau⸗ ben an meinen himmliſchen Vater und ſeinen gnaden⸗ reichen Sohn wohl kaum im Stande geweſen ſein würde, mich ſo aufrecht zu halten, wie ich mich ge⸗ halten habe. Allerdings ſoll man Vernunft und Verſtand, dieſe herrlichen Geſchenke des Schöpfers, gar wohl zur Anwendung bringen; aber ohne den lieben Gott ſind ſie allein nicht ausreichend. Ja, hochwürdigſter Herr Graf, in den ſchwerſten Stunden allein der Gedanke: Ich weiß, daß mir ein Heiland lebt, wie ihn unſer lieber Herr Diakonus aus dem heiligen Evangelium hingeſtellt, das iſt ein gar mäch⸗ 29 tiger Stab, der mich noch immer aufrecht erhalten hat. Und darum, hochwürdigſter Herr Graf, wenn es irgend möglich iſt, wird zu dem Feſt, an welchem wir ſeine Geburt feiern, von uns Alles aufgeboten, um es ſo glänzend, wie ſichs immer thun läßt, zu begehen. Da hören nur der Herr Graf den Jubel der Kinder, wie er ſo fröhlich nimmer im Jahre er⸗ ſchallt; wie Eins dem Andern Ueberraſchung und Freude zu bereiten bemüht iſt, wie Eins dem Andern nicht genug glaubt danken zu können, wie ſie Alle ſich ſchon ſeit langen, langen Wochen gefreut auf den heutigen Abend des Herrn Chriſtus, um die Gaben ihrer Liebe an den Mann zu bringen. Ich denke mir auch, daß unſer Herr Chriſtus es unge⸗ fähr ſo haben will, daß ſeine Geburt unter den Chriſten gefeiert werde.“ Emanuel reichte tief bewegt dem wackern Meiſter die Hand. „Ich denke es auch,“ ſprach er und ſchaute mit ſtillem Entzücken in den Kinderjubel. Meiſter Liebe⸗ thal, durch den Antheil, welchen Emanuel an dem Feſte zu nehmen ſchien, vertrauungsvoller gemacht, fuhr fort:„Ich weiß wohl, es giebt viele Leute, die namentlich auf den Herrn Chriſtus gar nichts geben und wieder andere, die ihn blos für einen Mann halten, der ſeiner Zeit viele gute Lehren ertheilt, aber von ſeiner göttlichen Sendung, wie ſie doch die heilige Schrift in erhebender Weiſe lehret, gar nichts wiſſen wollen. Dieſe Leute halten mich auch und die Mei⸗ nigen für Pietiſten und Frömmler, namentlich weil wir die Predigten des feſtgläubigen, trefflichen Diako⸗ nus Frommhold fleißig beſuchen, uns von den Ver⸗ gnügungen der Welt— was zudem unſere Einnahme nicht erlaubt— entfernt halten und unſre Freude 30 mehr im kleinen häuslichen Kreiſe ſuchen als anderwärts. Ich habe deßhalb ſchon manchen Spott ertragen müſſen; aber ich laſſe dieſe Leute und ſtreite nicht mit ihnen. Ich denke, wenn ſie in un⸗ ſer Inneres ſchauen könnten, würden ſie nicht ſpotten, vielmehr uns beneiden.“ Emanuel ſtimmte auch hier vollkommen bei. Dann bat er, daß die Kinder doch das Chriſtlied mit den ſchönen Schlußverſen, welches ſie beim Be⸗ ginn der Beſcheerung geſungen, noch einmal anſtim⸗ men möchten. Seinem Wunſche ward ſofort entſpro⸗ chen. Auf des Vaters Anſprache ließen die Kinder Alles ſtehen und liegen, ſtellten ſich im Halbkreis um den Chriſtbaum und ſangen mit gefalteten Händen und ſanften Stimmen, bis wieder der Schlußvers lautete: Laß leuchten deine Lichtelein Auf deinen Chriſtbaum nicht allein, Mach', daß der liebe goldne Schein Auch fällt in unſer Herz herein; Wohnt in dem Herzen erſt dein Licht, Vergißt es dich auf ewig nicht. Kaum war der letzte Klang verhallt, als ein Klopfen an der Hausthür deutlich vernehmbar ward. Alle ſchauten einander verwundert und fragend an, wer wohl ſo ſpät noch Einlaß begehre? Vater Liebethal aber ging hinaus, kehrte gleich darauf mit Emanuels Briefe zurück, den er ſofort erbrach und durchlas. Aber kaum war er damit zu Ende, als er ſich unbemerkt eine Thräne aus dem Auge drückte und zu den Seinen gewendet, die erwartungsvoll auf⸗ ſchauten, was wohl in dem Briefe ſtehen möge, ſprach er:„Tretet Alle um mich her, liebe Kinder, ich will Euch Etwas vorleſen, damit ihr einſehen lernt, wie gut ihr es gegen andere arme Chriſtenmenſchen am heiligen Abende habt.“ Und mit bewegter Stimme begann er von:„An dem Abende, wo mit freudigem Danke Millionen den Namen unſeres Heilands ausſprechen“ bis zu den Worten:„Es iſt ein bitterer Schritt, aber was thut nicht eine Mutter für ihre hungernden Kinder.“ „O du arme, arme Mutter, o ihr armen, armen Kinder!“ tönte es aus Einem Munde und hier und da glänzte eine Thräne, in deren Glanze ſich die Lichtlein des Chriſtbaumes ſpiegelten. „Mutter,“ fragte Liebethal ſeine Martha leiſe, „wie viel haſt Du in Caſſe?“„Ach lieber Gott,“ gab dieſe ebenfalls leiſe zurück„Du weißt ja, Friedrich—“ „Dieſer aber iſt Chriſti Stimme und Mahnung,“ fuhr Liebethal dringlich fort,„er würdigt uns der Gnade, bei uns anzuſprechen, wir dürfen ihn zumal an ſeinem eigenen Feſte nicht vergebens an⸗ klopfen laſſen.“ „Wenn wir nur ſelbſt nicht zu arm wären,“ verſetzte bekümmert die Mutter. „Was arm,“ ſprach der Meiſter in ſchöner Wärme, „am heiligen Chriſtabend muß zu einem Scherflein Rath werden, zumal wenn, wie hier, durch die arme Witwe der Herr Chriſtus ſelber anklopft. Ich habe mir zehn Groſchen zurückgelegt für einen neuen Pfeifenkopf, der muß unter ſolchen Umſtänden warten. Hat der alte Kerl ſo lange gehalten, wird er es ferner; Mutter, ich hole das Geld; Du ſiehſt doch, daß uns heut der Herr Chriſtus ganz apart ausge⸗ ſucht hat, ſonſt, würde er doch zu den reichen Leuten gegangen ſein.“ Mutter Martha, von dieſen Worten ſeltſam er⸗ griffen, ging, ohne ein Wort zu erwidern, aus der Stube und kehrte mit einem halben hausbackenen Brode, einem halben Näpfchen Butter und einem halben Pfunde Reis zurück. „Wir werden morgen zum erſten Feiertage,“ ſprach ſie,„auch ohne das halbe Pfund noch ſatt werden.“ „Brav, Mütterchen, brav, Mütterchen,“ lobte Liebethal, ſich vergnügt die Hände reibend,„aber auch etwas Holz und Kohlen, damit ſich die arme Witwe eine warme Stube machen kann.“ Hierauf wandte er ſich zu den Kindern:„Dankt doch, Ihr Kinder,“ ſprach er,„und dankt dem lieben Gott, wie gut Ihr es habt gegen die armen vater⸗ loſen Waiſen, die zum heiligen Abende Nichts zu zu eſſen haben und frieren und im Finſtern ſitzen müſſen.“ Marie, die älteſte, welche zum heiligen Chriſt Geld zu ein Paar neuen Schuhen erhalten hatte, nahm zwei Groſchen davon. „Hier, Vater,“ ſprach ſie,„leg' das mit zu Deinem Gelde für die arme Witwe. Ich erarbeite mir's ſchon wieder und brauche ja die Schuhe vor dem neuen Jahre nicht.“ Martin brachte eine gleiche Summe. Es war der Reſt von ſeinen erſparten Trinkgeldern, der ihm von ſeinen Einkäufen für Eltern und Geſchwiſter ge⸗ blieben war. „Gleich nach den Feiertagen,“ ſprach er,„ſchaff' ich die Commode zum Commerzialrath, da will ich ſchon wieder erſparen.“ Karl und Traugott gaben ein Jeder eins von den erhaltenen drei Chriſthörnlein für die armen Kinder. 33 Das vierjährige Chriſtelchen, deſſen ganzer hei⸗ liger Chriſt in drei Aepfeln, ſechs Nüſſen und zwei Dreierwachsſtöcklein beſtand, brachte einen Apfel, zwei Nüſſe und ein Wachsſtöcklein, damit die armen Kinder nicht im Finſtern zu ſitzen brauchten. Endlich kam man im Allgemeinen darin überein, daß der Lichterbaum lange genug geleuchtet und man ihn mit den erſt zur Hälfte herabgebrannten Lichtern ebenfalls der armen Familie ſchenken wolle, damit ſie auch ihr Chriſtbäumchen habe. Emanuel, der ſich ganz in die Ecke gedrückt, ſchaute mit ſeligem Herzen in das kleine Himmelfeſt und eine Thräne nach der andern entperlte ungeſehen ſeinen Wimpern. Er hielt wie betend die Hände gefaltet. „Ja,“ ſprach er leiſe,„mein Chriſtus, bei dieſem Chriſtbaum biſt Du zugegen.“ „Aber jetzt auch keine Zeit verloren,“ drängte Meiſter Liebethal,„bedenkt, wie ſpät es ſchon iſt und wie lange die arme Mutter mit ihren Kindern ſchon im Dunkeln und Kalten geſeſſen. Martin, den Tragkorb, wir Beide machen uns ſelber auf den Weg und das ſo ſchnell wie möglich.“ Er wollte ſich jetzt bei Emanuel wegen ſeines Hinweggehens entſchuldigen, als dieſer hervortrat und, die Familie mit leuchtenden Augen überſchauend, ſprach:„Wir Alle gehen zu der armen Witwe und ihren verwaisten Kindern!“ Allgemeines Erſtaunen— tiefe Stille. Emanuel fuhr fort:„Mutter Lene mag einſtweilen das Haus behüten. Wir Andern gehen Alle zur Witwe. Da aber die Winternacht kalt und rauh, ſo wird binnen Kurzem mein Wagen kommen, der für Alle Platz hat, wenn es auch etwas eng zugehen ſollte.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 3 34 Wer beſchreibt den freudigen Schreck der armen Familie. Die Ehre, in der gräflichen Kutſche zu fahren, war den armen Leuten ihr Lebelang nicht zu Theil worden. Vater und Mutter proteſtirten aus Leibeskräften gegen dieſe große Auszeichnung, aber alles Widerſtreben half nichts. Emanuel beſtand auf ſeinem Kopfe; und gleich darauf hörte man des Rollen eines Wagens, der vor dem Hauſe hielt. „Allons,“ commandirte Emanuel,„vorwärts,“ und half ſelber die Kinder, die gar nicht wußten, wie ihnen geſchah, in den geräumigen Wagen för⸗ dern. Vater Liebethal hatte ſich's um keinen Preis nehmen laſſen, und ſaß neben dem Johann auf dem Bocke, aber Mutter Martha mußte mit in den Wagen. So rollte dieſer mit Emanuel und der armen Tiſchlerfamilie durch die Winternacht; aber er blieb nicht vor der Wohnung der armen Witwe, ſondern vor dem Hauſe des Herrn Grafen halten. Die Hauspforte that ſich auf. Zwei Diener erſchienen mit Licht und halfen Emanuel ſammt der Familie Liebethal ausſteigen. Erwartungsvoll folgte dieſe dem voranſchreitenden Emanuel, wie dieſer befohlen hatte; auch Martin mit dem Korbe, in welchem ſich die Be⸗ ſcheerung für die Witwe befand, und den man auf dem Rücktritte des Wagens hierher transportirt hatte. Man durchwanderte die freundlich erleuchtete Haus⸗ flur, dann einen Gang und erreichte am Ende deſ⸗ ſelben eine Thür. Dieſe that ſich auf und die auf's höchſte überraſchte Tiſchlerfamilie, die ſich ſcheu und neugierig überall nach der armen Witwe und ihren vier Kindern umſchaute, trat in einen einfachen, aber geſchmackvoll decorirten Salon, in deſſen Mitte auf einem großen, runden, mit zahlreichen Gegenſtänden 35 bedeckten Tiſche ein deckenhoher, prachtvoller Chriſt⸗ baum flammte. Die Familie Liebethal wußte nicht, ob ſie wache, oder träume, ob ſie ihren Augen trauen und was ſie zu dem Allen ſagen ſollte. Sie blieb verdutzt und ängſtlich am Eingange ſtehen. Nachdem ſich Emanuel eine Minute lang an der höchſten Ueberraſchung der armen Leute geweidet hatte, trat er vor und ſprach: „Meine Lieben! Ihr befindet Euch nicht bei der armen Witwe und ihren vier verwaisten Kindern, deren Noth und Jammer Euer gutes und chriſtlichgeſinntes Herz zu lindern im Begriff ſtand, ſondern in meinem Hauſe. War doch die Sache mit dem Briefe, den ich ſelber dietirt habe, nur eine Erfindung und Prüfung, ob der Herr Chriſtus, deſſen Geburt wir heute feiern, nicht blos auf Euern Lippen— wie leider bei ſo vielen Leuten— ſondern auch in Euern Herzen wohne? Durch Eure Theilnahme, die Ihr bei der Kunde von fremdem Leid an den Tag gelegt, durch Eure Bereit⸗ willigkeit zu helfen, durch Eure Opferfreudigkeit habt Ihr bewieſen, daß Ihr wirklich Chriſten ſeid, wie ſie unſer Herr haben will. Nun ſeht, ſo hat denn der Herr Chriſtus auch Euer nicht vergeſſen und Euch durch meine Wenigkeit einen Chriſtbaum anzünden laſſen. Bewahrt Euch Eure Liebe und Euren Sinn der Barmherzigkeit Euer ganzes Leben lang und Ihr werdet den lieben Gott und den Herrn Chriſtus allezeit zu Euren beſten Freunden haben.“ „Zetzt aber ſcheuet Euch nicht länger, ſondern tretet näher und ſeht, was der heilige Chriſt gebracht hat. Ich glaube, er hat Keins von Euch vergeſſen.“ 36 Und ſo war es. Da die arme Familie zwar allezeit reinlich und ſauber gekleidet ging, aber doch manch Tüchlein gar zu verwaſchen und verſchoſſen, manch Röcklein gar zu fadenſcheinig war, daß der Winter leicht durchdringen konnte, lagen auf dem Tiſche unter den ſtrahlenden Flammen warme Win⸗ terkleider von Kopf bis Fuß für Alt und Jung. Die arme Großmutter war auch hier nicht vergeſſen. Da prangten ferner mächtige Chriſtſtollen mit Roſi⸗ nen, Mandeln und Citronat; da thürmten ſich Aopfel und Nüſſe in reichen Haufen, da lachte eine prächtige Kalbskeule für die Feiertage, neben der ſich ein geſpicktes Häslein appetitlich ausſtreckte. Da blinkten ſechs Flaſchen guten Weines für Geburtstage und ſonſtige feſtliche Gelegenheiten. Da grüßten in ge⸗ ſchmackvollen Einbänden zwei chriſtliche, von keinem krankhaften Pietismus durchwehte Andachtsbücher zur Belebung chriſtlichen Sinnes und zur Stärkung chriſtlichen Glaubens. Daneben faßlich geſchriebene Bücher zur Belehrung über die Natur, zur Kennt⸗ niß der Schöpfung Gottes, zur Beförderung nützlicher Aufklärung und Vertreibung des Aberglaubens; fer⸗ ner der„vollkommene Tiſchler“ mit ſchönen Muſter⸗ zeichnungen für Vater Liebethal; Landkarten, Bilder⸗ bücher und Bilderbogen für die Jugend, Kinderſpiel⸗ zeug und ſelbſt eine prächtige Puppe für das kleine Chriſtelchen. Kurz, der heilige Chriſt hatte einen Reichthum entfaltet, wie ſolcher den Armen ſelbſt im Traume nie erſchienen war. Und da ſtanden ſie, die Glücklichen und wußten nicht, ob ſie wachten oder träumten, ob ſie überhaupt noch auf Erden lebten, und wagten ſich trotz Emanuels wiederholten freundlichen Ermahnungen weder vor⸗ noch rückwärts, bis dieſer endlich Vater und Mutter 37 Liebethal unterm Arm nahm und ſie ſelber vorführte an die reiche Beſcheerung. Da brachen endlich die Schranken— das Un⸗ glaublichſte war zur Wahrheit geworden; Thränen entſtrömten den Augen der Glücklichen; mit ſprach⸗ loſem Danke umarmte und küßte Alt und Jung Arme und Hände des glücklichen Gebers, der hier⸗ mit ſelber einen der ſchönſten Chriſtabende ſeines Lebens feierte. Der Kräuter-Feliz. Eine Alpenidylle. Motto: Nur wer der Berge Stillleben kennt, Weiß, was der Schweizer ſein Heimweh nennt. Das Edelweiß. Hoch über Wald und grüner Flur, In einſam ſchweigender Natur, Wo lang der Blumen Gold verblich— Am Abhang jäh und fürchterlich— Da blüht umſtarrt von Schnee und Eis, Für ſeine Lieb' der ſchönſte Preis, Dem Alpenſohn das— Edelweiß. So weit die Glocken des auf dem Calvarienberge gelegenen Kirchleins Sankt Katharina über das Thal klangen, und ſo weit ſich Abendſchatten der hohen Schnee⸗ haube Hirſchenſtein über die Landſchaft legten, war es in allen Meilern, Höfen und Einöden eine aus⸗ gemachte Sache, daß des Hofepachters Andreas Töch⸗ terlein Veronika die ſchönſte Dirne im ganzen Pad⸗ dinger Thal. War es darum ein Aufſehen und Zuſammenſtehen der jungen Burſchen, wenn nach beendetem Nachmit⸗ tagskirchgang an ſchönen Sonn- oder Marientagen der wohlhabende Hofepachter Andreas beim Moſer⸗ wirth erſchien, wo unter den grünen Linden ein friſcher Trunk ſo angenehm mundete und die ſchöne Veronika im ſtattlichen Hut mit der goldenen Quaſte an ſeiner Seite ging. Wie machte Alles ehrerbietig Platz, wenn Vater und Tochter eintraten, und man⸗ cher Willkommentrunk ward dargebracht aus den hohen Steinkrügen. Die unter den Linden verſam⸗ melten Mägdlein aber ſchauten nicht ohne Neid we⸗ niger nach der goldenen Quaſte, das Zeichen der 42 Wohlhabenheit an Veronika's Hute, als nach dem ſtets friſchen und prächtigen Edelweiß daſelbſt, wie ſolches keine Zweite aufzuweiſen hatte. Hier darf nicht ausgelaſſen werden, daß im Pad⸗ dinger Thal, wo dieſe Geſchichte paſſirt, ſeit Ur⸗ gedenken es Sitte war, daß der verliebte Burſch den Samſtag hoch aufſtieg zu dem Wolkengebirge und an ſchroffer Alp das Edelweiß brach für ſeinen Schatz im Thal, damit dieſer ſich damit am Sonn⸗ tag ſchmücke. Das Edelweiß iſt aber nichts weiter, als eine einfache, weißſammtene Sternblume, die auch den Sternen zunächſt ſteht auf hoher Alpenfirn, einſam am gefährlichſten Abhang. Je gefährlicher, deſto mächtiger die Liebe, deſto größer der Muth, deſto größer der Stolz der Dirne. Und Veronika, wenn ſie mit dem Vater beim Moſerwirth unter den grünen Linden einſprach, hatte immer das ſchönſte Edelweiß, und die Burſchen ſchauten verwundert und fragten noch verwunderter: „Wer verſchafft der Veroni dieſes Edelweiß, das höher gewachſen als der Hirſchenſtein und das Wetter⸗ horn? Wer iſt der Verwegene, der allwöchentlich keinen Tod ſcheut?“ Aber man ſchaute ſich vergeb⸗ lich um nach einem Begünſtigten unter den ſtattlichen Burſchen des Thals. Des Andreas Töchterlein ſprach freundlich mit Jedermann, aber keiner mochte ſich rühmen, daß ſie ihn freundlicher angeſchaut als den andern. Ja, wollt' es Einem gelüſten, mit Schmeicheleien der Veronika zu kommen, wie man bei andern Frauenzimmern zu thun pflegt, dann war's gleich gar all. Des Hofepachters Tochter drehte dann den Rücken und ſprach kein Wort mehr. Alſo man mochte umherſchauen wie immer, da war keine Spur von einem Schatze und doch immer das * — 0 ſchöne Edelweiß Sonn⸗ und Marientags auf Vero⸗ nika's Hute. Fragte man darnach, was wohl oft vorkam, war des Hofepachters Töchterlein bald mit der Antwort fertig und nannte die Annemierl, die es mit den Molken von der Kegelalp herabtrage; aber das war nur ausflüchtige Rede, denn an der ganzen Kegelalp war ſolch Edelweiß nimmer zu finden. Der Heimgang. Die Sonne ſinkt, es wird dunkel— nicht blos im Thale, auch im Herzen. Die Veſperglocke von Sanct Katharina tönte. Die Landſchaft ruhte im Purpur des Abends. Die tiefgrünen Matten dufteten ſtärker, das Nachmittags⸗ gewitter hatte wunderbar erfriſcht, Alpenveilchen blühten am Weg und an den Bergen zogen weiße Wolken. Der Hofepachter kehrte mit Veronika vom Moſerwirth heim, wo wegen des Marientags viel heitere Geſellſchaft geweſen; aber ſeine Stirn war ernſt. Nachdem die Zwei eine Zeitlang ſtill neben einander hergegangen, dem ſtattlichen Pachthofe zu, ſprach Andreas:„Ich bin des Gefrags müde— thue endlich ab Dein Weiß. Es giebt Gered.“ „Aber—“ ſtammelte Veronika kaum vernehmbar. „Der Felix iſt ein wackerer und vernünftiger Burſch,“ fuhr er fort,„und wird Einſehen haben und es in der Ordnung finden.“ Veronika wagte kein Wort. Sie legte leiſe die 44 Hand in die Gegend des Herzens, als ob ſie ein plötzlich Weh daſelbſt empfinde. Nach einer Weile ſprach Andreas, aber mild:„Es konnte überhaupt nicht ſo fortgehen mit dem Edelweiß. In wenig Tagen kehrt der Franz, des Fuchsbauers Sohn, aus Frankreich heim, ein gewandter Burſch, gereiſt und welterfahren. Der Alte übergiebt ihm den Fuchsbau ſchuldenfrei, hat noch vor einem Monde drei Tagwerk und zwei Almen dazu gekauft; hab' ſelber die Kauf⸗ bücher nachgeſehen und durchblättert. Alles in beſter Ordnung. Du machſt die properſte Partie im gan⸗ zen Kreiſe; wirſt die reichſte und angeſehenſte Haus⸗ frau im ganzen Padding. Auch paßt der Franz zumeiſt zu Deiner Erziehung; die hierortigen Burſchen ſind gute Leute, aber ſtehen Dir nicht gleich an Bil⸗ dung. Was auch bedacht ſein will bei meiner guten Veronika.“ Veronika, nachdem ſie lange mit ſich gekämpft hatte, ſprach ſchüchtern:„Hab' ich Dir doch geſtan⸗ den, daß ich den Franz nimmer lieben könnte.“ „Aeccurat ſo hat Deine Mutter ſelig geſagt und haſt Du etwa geſehen, daß wir uns nicht vertragen ein Lebelang? Auch bin ich langgzeitig nachſichtig geweſen mit dem Geſchnack, dem Edelweiß. Alles hat ſeine Zeit. Und es darf ſo nicht fortgehen.“ Als man im Pachthofe ankam, war es dunkel geworden im Thal, aber dunkler im Herzen Veronika's. Sie ging nach ihrem Kämmerlein, nahm das Edel⸗ weiß von ihrem Hute und ſtellte es ſorgſam in einen irdenen Krug voll Waſſer. Thränen fielen darauf hernieder, die nur der Abendſtern wahrnahm, der freundlich über dem Hirſchenſteine ſtand. 45 Der Rräuter-Felix. Junges Blut— armes Blut— Aber immer wohlgemuth. Was war's mit dem Felix? Wo die Waldbach⸗ klamm in Tannnacht tief im Felſen brauſt, ſilber⸗ ſtäubend, daß in der Abendſonne ſieben Regenbogen blühen, wenig Schritte thalwärts, verſteckt im Walde lag die alte Hütte von Geisblatt umzogen. Hier wohnte der Felix, der ärmſte und darum unbekann⸗ teſte, aber dafür der heldenkühnſte Burſch im ganzen Thal. Keine Klamm war ihm zu graus, daß er nicht hingeſtiegen nach heilbringendem Moos, kein Felshorn zu hoch, das er nicht erklommen nach ſel⸗ tenen Kräutern; aber am höchſten ſtieg er, wenn es galt, friſches Edelweiß zu pflücken für ſeine Liebe. Es war ja das Einzige, was er bei ſeiner großen Armuth zu bieten vermochte. Während die feſtlich geſchmückten Burſchen Sonntag Nachmittags beim Moſerwirth unter den grünen Linden die Veronika umſtanden und ſich wegen des ſchönen Edelweißes den Kopf zerbrachen, lag der, der es mit kühner Hand gebrochen, zwiſchen Waldblumen vor ſeiner Hütte; denn er war zu arm, als daß er in unſchein⸗ barem Kleide hätte unter den wohlhabenden Land⸗ leuten erſcheinen können, und ſeine Kaſſe war für einen Trank aus den Fäſſern des Moſerwirths nicht eingerichtet. Und gleichwohl war Felir nicht einſam und ohne Freude. Die Vöglein flatterten vertraulich um ihn und ſangen ihre ſchönſten Lieder und pickten die Brotkrume aus ſeiner Hand und die Eichhörnlein kamen ganz nahe herbei und holten ſich die hinge⸗ 46 haltenen Haſeln. Alle hatten ihn lieb, weil er nie einem der Thierlein argliſtig nachgeſtellt. Nächſt den Waldvöglein und Eichhörnlein waren es aber noch drei andere Freunde, die ihm ſeine Einſamkeit ver⸗ ſüßten. Das waren eine alte katholiſche Bibelaus⸗ gabe, die einzige Hinterlaſſenſchaft von Vater und Mutter, ein Alpenkräuterbuch, das Geſchenk von dem wackern Apotheker Mack aus dem benachbarten Al— penſtädtchen, den er oft mit heilbringenden Alpen⸗ kräutern verſorgte, und ein altes Märchenbuch, das die ſchönſten Märchen vom ganzen Gebirge enthielt. Wo war aber der Felix hergekommen und was trieb er? Der arme Burſche war ſchon in früher Jugend eine Waiſe. Nachdem man den Vater, einen armen Steinbrecher, und bald auch das Mütterlein hinausgetragen zum ſtillen Friedhof, nahm ſich ein alter Forſtwart und ehemaliger Gemsjäger des ver— laſſenen Knaben an. Bloß ſeine Bibel unterm Arm betrat er das hoch im Gebirge gelegene Forſthaus. Hier lernte er in früheſter Iugend das kühne Berg⸗ ſteigen. Als Knabe ſchon mußte er helfen die Gemſen auftreiben. Auch machte ihn der alte Forſtwart mit all den heilbringenden Kräutern der Alpenwelt be⸗ kannt und den Orten, wo die ſeltenſten und heilbrin— gendſten zu finden. Dem Felix war daher in einem Umkreis von mehren Meilen keine Alme und Alpe unbekannt, wo die heilſamen Kräuter wuchſen, und dieſer Kenntniß verdankte er auch ſeinen ſpätern Lebensunterhalt. Nach dem Tode des alten Forſt⸗ wart wies ihm deſſen Nachfolger die zwei Stunden abwärts gelegene Waldhütte an, wo er ſeinem Berufe als Kräuterſammler beſſer nachkommen konnte. So verſorgte denn Felix während der Sommermonate nicht ſowohl die Offiein des Apothekers Mack mit 47 5 Alpenkräutern, ſondern auch den Bedarf mancher Hausmutter in benachbarten Meilern und Einöden. Während des Winters, wo die Alpenblumen tief unter Schnee lagen und Wege und Stege verweht waren, wohnte der Felir beim Fronwiesbauer, wo er den Boten und Wegweiſer, auch amtlichen Schnee⸗ ausſchaufler machte. Großer Verdienſt war dabei nicht. Hatte ſich auch mal ein Salzburger oder Insbrucker Kärrner, dem er Karren nebſt Roſſen tapfer herausgeſchaufelt, honorig gezeigt, blieb's nicht lange bei ihm. Er fand immer noch ärmere Leute als er. So blieb Felix arm, aber inwendig, wo der liebe Gott ſein Dukatengold verſteckt, war er deſto wohlhabender. Darum war Felix immer zu⸗ frieden, gottvergnügt und glücklich. Ein Herbſtnebel. Wenn die Abendnebel ſinken Im Gebirge wild und graus, Iſt gar ſchwer der Weg zu finden, Zum geliebten Vaterhaus. Im Pachtgute war große Unruhe. Suſanne, die Schaffnerin, trippelte mit ihrem Schlüſſelbunde ängſt⸗ lich hin und wieder, und der Andreas im obern Ge⸗ mach machte einmal über das andere das Fenſter auf und lauſchte hinaus in den immer dichter herab⸗ ſinkenden Nebel des Herbſtabends. Veronika, die der Annemirl, der Molkenbäuerin auf der Kegelalp, ver⸗ ſprochen, vorm erſten Schnerfall ſie noch einmal zu beſuchen, hatte den herrlichen Herbſtvormittag benutzt 48 1 und war nach der zwei Stunden entfernten Alp ge⸗ gangen, aber nicht zurückgekehrt. Bereits in der erſten Nachmittagsſtunde hatte ſich dichter Nebel über Berg und Thal gelegt, ſo daß die Befürchtung ſehr nahe lag, das Mädchen habe ſich in den Bergen verirrt und ſchwebe in Gefahr, in die Tiefe zu ſtür⸗ zen oder ſonſt im wilden Gebirge zu verkommen. Ganze vier Stunden hatte man bereits im Pachthof auf die Rückkehr gewartet. Sämmtliche Knechte be⸗ fanden ſich unterwegs nach der Kegelalp und es ward immer dunkler. Die Befürchtung im Pachthof war leider in Er⸗ füllung gegangen. Kaum hatte Veronika die Senn⸗ hütte ein halb Stündchen verlaſſen und befand ſich auf dem Heimwege, als ſich der Nebel in dichten Flören herabſenkte, ſo daß man bald kaum die Hand vor ſich zu erkennen vermochte. Nur mit großer Mühe war es dem Mädchen eine Zeitlang gelungen, des völlig unſcheinbar gewordenen Fußwegs habhaft zu bleiben. Einige am Wege gelegene, ihr nicht un⸗ bekannte, vereinzelte Felsblöcke und Bäume waren bisher die einzigen Wegzeiger geweſen. Jetzt hörten auch dieſe auf und Veronika befand ſich vollkommen in undurchdringlichem grauem Nebelmeer. Sie ging zwar in der Richtung der Sonne, welche, tief umſchleiert, nur eine etwas lichte Stelle am Himmel bildete, aber von dem ohnehin wenig betretenen Fußwege war keine Spur mehr zu entdecken. Die muthige Tochter des Gebirgs ertrug eine geraume Zeit ihr widrig Geſchick mit vieler Standhaftigkeit. Sie hoffte noch immer, daß die Sonne ſiegen oder, wie das nicht ſelten vorzukommen pflegt, ein friſcher Oſtwind den Nebel zerreißen werde. Wiederholt blieb ſie ſtehen und ließ das unter den Sennhüttenbewohnern 49 übliche Juchzen vernehmen, einen pfiffartigen, weithin⸗ ſchallenden Ton, aber Niemand antwortete. Nur langſam und äußerſt vorſichtig drang ſie vor, da ihr nicht unbekannt war, daß in der Nähe Abgründe und gefährliche Abhänge ſich befanden. Nach einiger Zeit wußte Veronika durchaus nicht mehr, wo ſie war. Kein Baum, kein Weg⸗ weiſer gab irgend einen Anhalt. Oft hemmten Fels⸗ blöcke ihre Schritte, die ſie umgehen oder überklettern mußte. So verfloſſen zwei endlos lange Stunden. Die Sonne vermochte den Nebel nicht zu durchdringen, im Gegentheil wurden ihre Strahlen ſchwächer und ſchwächer und ſie ſank mehr dem Abende zu. Immer ängſtlicher und unſicherer ward Veronika's Stimme, wenn ſie das erwähnte Zeichen wiederholte. Noch keine Antwort. In weiter Runde befand ſich alſo kein menſchliches Weſen, das ihr hätte zu Hülfe tommen und ſie zurecht weiſen können. Rings nichts als graue, undurchdringliche Einöde. Hörbar klopfte das Herz des armen Kindes. Alle Sagen von in Bergen Verunglückten traten vor ihre erregte Phan⸗ taſie. Sie ſah ſich zerſchmettert liegen im Abgrunde, gedachte ihres armen Vaters und begann bitterlich zu weinen. Dann ſank ſie in die Kniee und flehte zu ihrem himmliſchen Vater um Rettung. Nach einiger Zeit raffte ſie ſich wieder empor und ſchwankte weiter, aber je mehr ſie vorwärts kam, deſto mehr verſagten ihr die Kräfte, deſto mehr ſchwand die Hoffnung, das Vaterhaus je wieder zu erreichen. Und immer mehr erloſch die Sonne. Von Vegetation war in dieſer hohen Bergeshöhe keine Spur. Nur die Latſchfichte kroch verkrüppelt den Boden entlang. Schon wehte es kalt über das Bergplatean, Vero⸗ Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 4 50 nika mußte ſich tiefer in ihr Umſchlagtuch hüllen. Hoffnungslos irrten ihre Blicke in dem undurchdring⸗ lichen Nebel. Sie fühlte, wie ihre Kräfte mehr und mehr ſchwanden. Kaum noch vermochte ſie ſich auf⸗ recht zu erhalten und drohte zu Boden zu ſinken, als in dieſer ihrer höchſten Noth es ihr vorkam, wie wenn ein hoher, dunkler Gegenſtand in nächſter Nähe aus dem Nebel trete. Sie ſchwankte darnach zu und ſank mit emporgehobenen Armen zu Boden. Es war ein Muttergottesbild. Die Himmelskönigin blickte auf ihr verlaſſenes Kind hernieder. Wunderbar geſtärkt erhob ſich Veronika und rieb ſinnend die Stirn, als ob ſie ihr Gedächtniß wach rufen wollte. War ihr doch dieſe Marie ſo unbekannt, hatte ſie hier doch nimmer gebetet. Sie ſann und ſann, und aus der Tiefe ihrer Seele löſ'te ſich endlich eine alte Erinnerung und flüſterte: Es iſt Marienfels, zu welchem du einſt als kleines Mädchen mit der Prozeſſiun gezogen. Das Kirchlein liegt im Thal. Aber zugleich erkannte ſie mit Entſetzen, wie weit ſie vom rechten Wege abgekommen, und daß ſie ſich in nächſter Nähe fürchterlicher Abgründe befände. Und da war's, als ob die Mutter Gottes ihr zuriefe, nochmals das Zeichen zu geben. Und ſie that es mit Aufbietung aller Kräfte. Hierauf lauſchte ſie mit verhaltenem Athem. Alles ſtill. Von nirgendher eine Antwort. Da war es, als ob die Mutter Gottes ihr ſagte: Frag' nochmals. Und ſie fragte nochmals und lauſchte wieder. Todtenſtille. Keine Antwort. Da ſprach die innere Stimme: Du mußt dreimal fragen. Und zum drittenmal ſchrillte es wie ſeelenzerſchneidender Weh⸗ und Hülferuf hinaus in die todesſtille Gegend— da, nach langer Pauſe, wand ſich verhallend und kaum erhaſchbar aus weiter, 51 weiter Ferne wie ein Gruß aus himmliſchem Land eine Antwort. Veronika umſchlang mit dankbarem Entzücken die Marienſäule, und durch die Hoffnung auf Errettung neubelebt, gab ſie nach kurzem Zeit⸗ raum abermals das Zeichen. Und wieder nach einer Pauſe wand ſich die Antwort durch den Nebel ſchon etwas näher. Veronika war an dem Betſtuhle des heiligen Bildes niedergekniet und flehte mit gehobenen Armen, daß die heilige Jungfrau den ſich nahenden Retter ſchützend geleite. Immer von Neuem wieder⸗ holten ſich jetzt Fragen und Antworten. Letztere kamen immer näher und endlich ganz nahe. Kaum zweihundert Schritte noch konnte der herbeikommende Unbekannte ſein. Schon hielt ſich Veronika für gerettet und ſandte ihr heißes Dankgebet zum Himmel— da — ein greller Schrei— Felsſtücke rollten dumpf in die Tiefe, darauf die alte Stille. „Barmherziger Gott!“ ſchrie Verbnika,„der Unglück⸗ liche iſt in die Tiefe geſtürzt.“ Ihre Sinne ſchwanden. Sie ſank bewußtlos an der Marienſäule zu Boden. Eine geraume Zeit lag ſie hier, bis das Bewußtſein zurückkehrte und ſie ſich matt emporrichtete. ZJetzt war die letzte Hoffnung auf eine Rettung verſchwunden. Die Sonne ſtand keine Hand breit mehr über den Bergen und immer ſchneidender wehte der Luftzug über die kahlen und wilden Wände des Scharnſteins. Veronika wagte ſich weder vorwärts noch rückwärts. Sie hatte noch wiederholt das Zeichen gegeben, aber keine Antwort erhalten. Es war gewiß, daß derjenige, der zu ihrer Rettung herbeigeeilt, im Nebel den Weg verfehlt und in den Abgrund geſtürzt war. Veronika betete für ſeine Seele, für ihren Vater und befahl ihren Geiſt in die Hand eines himmliſchen Vaters. Denn 4* „ 52 ihr war gewiß, daß ſie dieſe eiſige Nacht auf der kahlen Höhe nicht überleben werde. St ſaß auf dem Betbänkchen und verhüllte ihr Haupt in das für ſolchen Fültegud nicht ausreichende Tüchlein. Eben verſank die lichte Stelle, et den Stand der Sonne angedeutet, hinter dem Hirſchenſtein. Da plötzlich, welches Entdecken, Veronika ſprang hoch empor. Aus dem nahen, aber nebelumhüllten Abgrunde arbeitete ſich Jemand empor. Veronika vernahm deutlich das Einharken des Alpenſtocks. Und nicht lange währte es, da rief eine Stimme in nächſter Nähe:„Wo ſchaueſt D Du? Fürchte Dich nimmer. Es iſt der Felix!“ Die Worte eines Engels konnten nicht himm⸗ liſcher an Vervnika's Ohr klingen, wie die eben gehörten des kühnen Alpenſohnes, der gleich darauf aus dem Nebel trat. Wie Felix die Veronika erkannte, erſchrak er ordentlich vor der eben ſo unerwarteten wie ſchönen Erſcheinung, und er glaubte ſich entſchuldigen zu müſſen, daß er nicht eher gekommen. „War ich Hans Taps,“ ſprach er,„ließ mich vom Nebel vernarren, daß ich des Kieferbruchs nimmer gedenke und fahr hinab. Könnte mich zu todt verſchlagen. Das hätte nichts geſchadet: aber wie kamt Ihr weiter?“ Veronika faßte mit ſprachloſer Dankbarkeit die Hand des kräftigen Jünglings, nannte ihren Namen, erzählte ihr Mißgeſchic und bat um Rettung und Geleit nach dem Hofegut. Felir n ſich, daß ihm die Leute manchmal von der ſchönen Verbni rzihl, auch hatte er ſie einigemal im Katharinenkirchlein geſchaut. In dieſer Einöde aber kam ſie ihm gerade wie ein Engel vor. 53 „Gieb mir Deinen Arm, Felix,“ ſprach Veronika, welcher der junge Burſch, der den Pachthof ebenfalls mit Kräutern verſorgte, nicht unbekannt war. So wohl war dem Felir, um den ſich ob ſeiner großen Armuth und da er nie zum Tanz unter den grünen Linden beim Moſerwirth erſchien, keine ſchmucke Dirndl groß bekümmerte, auf dieſer Erdenwelt noch nicht geworden, das ſchönſte Kind des Thales durch's Gebirg zu führen. Als daher Veronika um ſeinen Arm bat, ſprach er verlegen:„Kann Euch nur den linken geben.“ Veronika ſah jetzt erſchrocken, daß der rechte von dem Fall in die Tiefe blutete. „Hat nichts zu bedeuten,“ tröſtete Felix,„kann den Alpenſtock noch luſtig führen.“ „So wie wir zu Hauſe, verbind' ich Dir Deinen Arm. Aber Felix, Du weißt doch auch den Weg? Sieh, wie es ſchon zu dunkeln beginnt.“ „Habt kein Bang,“ ſprach der Burſch,„mit verbundenen Augen find' ich den Weg, doch jetzt habt ein Brinkelchen Geduld, muß der Marie danken, daß ſie mich lebend zur Stelle gebracht.“ Und er nahm andächtig ſeinen Gebirgshut ab und kniete dankend nieder vor der Himmelskönigin. Veronika, für welche des frommen Jünglings Dank⸗ gebet ein ordentlicher Vorwurf war, da ſie ja noch weit mehr zu danken hatte, kniete gleichfalls betend nieder. Nach anderthalb Stunden ruhte Veronika gerettet in den Armen ihres überglücklichen Vaters. 54 Was ſich weiter mit der Veronika und dem Felir zugetragen. „ Wenn's irgend auf dem Erdenrund Ein unentweihtes Plätzchen giebt, So iſt's ein junges Menſchenherz Das fromm zum Erſtenmale liebt. Der Hofepächter Andreas hatte hin und her geſonnen, wie er ſich abfinden möge bei dem Kräuter-Felix, daß er die Veronika heimgebracht aus den Bergen. Die ausgeſchickten Knechte hätten es nimmer vermocht. Sie waren ſämmtlich in die Irre gegangen und fanden ſich erſt gegen Morgen, nachdem ſich der Nebel verzogen, wieder heim. Vergeblich hatte der Hofe⸗ pächter dem Felix wiederholt ein Röllchen mit Zwanzigern in die Hand gedrückt, doch der Felir blieb bei dem Satze: Chriſtenpflicht dürfe man nimmer bezahlt nehmen. Da ſeine Kleidung durch das Abgleiten in die Tiefe ſehr gelitten, gelang es dem Andreas mit Mühe, dem Felix ein neues Wamms aufzudrängen. Auch eine neue Schlagzither nahm er an, die ihm Veronika ſchenkte, da ſein altes Inſtrument, noch vom ſeligen Forſtwart her, gar zu ſehr dem Zahne der Zeit unterlegen und keinen guten Ton mehr hergeben wollte. Dafür blühte aber ſein Kräuterhandel mit der Schafferin Suſanna um ſo fröhlicher auf. Der Felix hatte ihr bald dieſes, bald jenes ſeltene hochwachſende Kräutlein für ihre Hausapotheke zu beſchaffen. Der Felix ward darum, ſeit er die Veronika glücklich heimgebracht, öfter auf dem Pachthofe geſehen. Kehrte er zuweilen des Abends zu ſpät ein mit ſeinen Kräutern, oder war das Wetter wild und rauh, ſagte wohl der Andreas: 5 — „Es iſt nicht gut, Felir, daß Du den weiten Weg noch heute nimmſt zur Wildbachklamm; die Nacht bricht zuſehends herein; nimm vorlieb mit unſerm Abendtiſch und einem Kaiſerſchmarren, den die Veroni aus dem Fundament zu backen verſteht trotz einer Salzburger Köchin. Ein Münchener Fäßlein vom Hofbräu iſt friſch angeſteckt; wir discuriren das Eine über das Andere, und in der Gaſtkammer im großen Himmelbett wirſt Du auch nicht verkommen.“ Der gute Felix in ſeiner Armuth war viel zu beſcheiden und zu ſchüchtern ſo vornehmen Leuten gegenüber, als daß er ohne großes Widerſtreben hätte ſollen Beſcheid thun. Erſt als der Hofepächter grob wurde und mit einem:„Sei kein Narr!“ herausfuhr, glaubte Felir den hochgeſtellten Mann nicht erzürnen zu dürfen und verblieb zum Abend⸗ tiſch. Da ſaßen dann die Viere, der Andreas, die Veroni, die Suſanne und der Felir, in der warmen, gemüthlichen Unterſtube, während draußen der Spät⸗ herbſtſturm ungaſtlich an den wohlverwahrten Fenſter⸗ läden rüttelte und Schneewehen durch die Thäler jagte. Anfangs ſchmeckte dem Felir kein Biſſen, obſchon ihm Veroni den herrlichſten Schmarren auf den Teller geſchüttet, ſo verſchüchtert war er. Hatte er doch ſein Lebelang nicht bei ſo reichen Leuten gegeſſen, weder zu Mittag noch zu Abend. Allmählich ward's aber beſſer, zumal der Krug mit dem herr⸗ lichen Tranke aus dem Münchener Hofbräuhaus fleißig die Runde machte. Nach Tiſch zündete ſich Andreas ſeine Pfeife an. Der Felix mußte ein Gleiches thun, während die Suſanna Federn ſchliß und Veronika die goldenen Fäden des Flachſes lieblich durch die Finger gleiten ließ. Andreas fand gar bald Wohlgefallen an dem jungen Burſchen. Er 56 war gar nicht wie die andern„Buas“, die, wenn ſie beim ſchänmenden Kruge ſaßen, nicht immer das Wort auf die Goldwage legten, ſo daß manche Leichtfertigkeit unterlief. Aus all ſeinem Geſpräch blickte eine tiefe Frömmigkeit bei hellem Geiſte und aufgewecktem Sinn. Und wie gar ſchön wußte er Märchen aus Waldes grüner Einſamkeit und Berges⸗ nebel zu erzählen, daß manchmal die Veroni unwill⸗ kührlich im Spinnen innehielt und Suſanna mit Schleißen, um den wunderbaren Sagen zu lauſchen. Denn der Felix kannte alle Märchen, die vom Paddingerthal bis Salzburg und Berchtesgaden durch die Berge klangen, vom Untersberg, dem Wunder⸗ berge, in deſſen Marmorſälen der deutſche Kaiſer ſchläft, der alle hundert Jahre erwacht und ſich erkundigt, ob die Raben noch um den Berg flattern und ob der Birnbaum auf dem Walſerfelde noch nicht blühe— bis zum Königſee und dem Kirchlein Sankt Bartholomäi, wohin in nächtlicher Zeit in feierlicher Prozeſſion die Mönche ziehen und Gottes⸗ dienſt halten unter Orgelton und Chorgeſang und erſt mit dem Hahnſchrei in die Klüfte des Unterbergs zurückkehren. Selber der Hofepachter mußte die ausgegangene Pfeife wiederholt in Brand ſtecken, wenn Felix fortfuhr zu erzählen von den Wundern des Unterberges:„Geſchäftige Zwerge meſſen ängſt⸗ lich den Bart des Kaiſers, wie viel noch fehle, daß er das Drittemal den Tiſch umziehe. Hat aber der Kaiſer von den ausgeſandten Gnomen erfahren, daß noch immer die Raben den Berg unflattern und daß der Birnbaum noch nicht fröhlich blühe, neigt er ſchweigend ſein Haupt zu abermaligem hundert— jährigen Schlafe. Während aber der Kaiſer ſchläft, durchtönt lautes Leben das Innere des Berges. In 57 des Kaiſers Weinkeller tönt lauter Geſang der rit⸗ terlichen Zecher und furchtbares Dröhnen der Fäſſer. Wunderbar ſchöne Frauen in weißen Gewändern und wallenden Locken begegnen dem Wanderer und locken ihn durch ſüßen Geſang in das Innere des Berges, wo ſie ihn jahrelang im Zauberſchlafe feſthalten. In Zeiten drohender Kriege öffnen ſich die Pforten des Unterberges und auf der Seite des Hallthurmes bre⸗ chen in mitternächtlicher Stunde grauſige Reiter auf feurigen Roſſen hervor und brauſen durch die Lüfte. Zwerge und Kobolde necken den Landmann oder zie⸗ hen in nächtlicher Stunde unter Trompeten- und Paukenſchall gen Salzburg. Und das währt Alles ſo fort bis zu der Zeit, wo des Kaiſers Bart drei⸗ mal den Marmortiſch umwachſen und der Birnen⸗ baum auf dem Walſerfelde zum drittenmale blüht. Dann aber erwacht der Kaiſer und zieht mit ſeinen jubelnden Heerſchaaren aus dem geöffneten Berge, hängt ſein Schild an den Birnbaum und werden die zwei ſchrecklichen Schlachten bei Salzburg und am Rheine geſchlagen, welche dem deutſchen Volke ſeine lang erſehnte Erlöſung bringen.“ Als am ſelbigen Abend der Feli ſein ungewohntes weiches Gaſtbett beſtieg, bat er den lieben Gott, daß er ihn nun möge ſterben laſſen, da er ja den ſchönſten Abend ſeines Lebens, wo ein Engel nur drei Schritte ihm gegenüber geſeſſen, erlebt habe. Doch ſollte die⸗ ſem ſchönen Abende bald ein zweiter und dieſem ein dritter folgen, an welchem letztern der Felix auch ſeine neue Schlagzither mitbrachte, die er gar kunſtreich zu ſchlagen verſtand. Und dem dritten Abend folgte noch mancher andere während der ganzen Winterzeit. Während aber außen in der Natur Alles in Eis und Schnee vergraben lag und der Winterſturm die Felſen und ländlichen Wohnungen umtobte, blühte in zwei jungen Herzen ein wunderſeliger Frühling und ein Flämmlein auf: „das nicht löſchen Waſſer und Wind weil der liebe Gott es ſelber hat angezündt.“ Es ſollte nicht ſein. O Scheiden und Meiden, du bitt'res Kraut, Wer hat dich zuerſt nur im Garten erbaut? Als der Schnee ſchmolz und das Grün der Thäler wieder hoffnungsreich zum blauen Himmel lachte, und der Frühling an den Bergen blühend emporrankte und die Glocken von Sankt Katharina ſo rein durch das Thal klangen und die Heerden nach den höher gelegenen Almen zogen, war es in zwei Herzen eine ausgemachte Sache, daß Keins ohne das Andere ver⸗ meinte leben zu können. So weit aber wollte der wohlhabende Hofepachter nicht, daß es gehen ſollte. Er hatte den Felix gar lieb, aber als Liebhaber und und künftigen Schwiegerſohn konnte er ſich denſelben nimmer denken. War der Burſche doch gar zu arm, nicht einmal beſtallter Gehülfe beim kargbeſoldeten Forſtwart. Er ließ ihn darum eines Tages kommen und ſagte:„Felir, Du biſt ein guter und kluger Burſch, Du wirſt einſehen, daß die Liebelei— brauchſt nicht roth zu werden, wir ſind Alle jung geweſen— nimmer fortgehen kann mit der Veroni. Einem jun⸗ gen Madel iſt bald der Kopf verdreht. Auch giebt's Gerede, das ich vermeiden muß. Darum faß Dir * 59 Courage als wackrer Burſch und meide den Pachthof, wenn Du mich nicht kränken willſt. Ich wiederhole, daß ich gegen Dich ganz und gar nichts hab. Aber es thut nimmer gut, daß Ihr Euch zu oft ſeht, da Ihr doch einmal kein Paar abgeben könnt. Wenn Dir's aber ſonſt irgendwo an Etwas fehlt, Felix, da fürchte Dich nicht, mir's zu entdecken. Da wird all⸗ zeit der Hofepachter bei der Hand ſein.“ Der Felix, der während der Rede des Andreas ab⸗ wechſelnd bald roth bald blaß geworden, hatte im Leben tein ſo ſtichartiges Weh im Innern empfunden; aber gleichwohl ſah er ein, daß Veroni's Vater gar Recht habe. Er ſelber hatte ſich nie zu dem ſchwindelnden Gedanken zu erheben vermocht, einmal Veronika's Gatte zu werden. Ein ſolcher Gedanke wäre ihm bei ſeiner Armuth und Stellung wie eine Sünde vorge⸗ kommen; aber die ſtille Liebe war ihren Weg für ſich gegangen und hatte in der Welt an weiter nichts als als an ſich gedacht. Felix antwortete darum in gedämpftem Tone: „Ihr habt Recht, Andreas, ſeid nicht bös'; hab mir doch oft ſelbſt Vorwurf gemacht im Innern, wenn ich nicht laſſen konnte von der Veroni. Habt Dank für Eure Gaſtlichkeit, der Frühling iſt da. Ich kehre in meine Waldhüte zurück und komme zum Pachthof nimmer wieder.“ Nicht ohne Rührung reichte Andreas dem braven Burſchen die Hand. „So hab' ich mich nicht in Dir getäuſcht, Felix,“ ſprach er,„Du biſt ein guter, wackerer Bua; und wie geſagt, wenn Du ſonſt einen Wunſch, eine Bitte—“ Da floh ein verklärender Schimmer über das Antlitz des Jünglings, er ſprach:„So erlaubt, daß 2 60 ich der Veroni das Edelweiß breche, wie es nimmer gefunden wird auf dem Schrlthrrn und dem Hirſchen⸗ ſtein. Es ſoll auch Niemand erfahren, wer's gebrochen. Ich trag's allſonntäglich mit dem Frühläuten zur Annemirl, die bringt's der Veroni herab mit den Molken.“ Der Andreas, der den armen Felix nicht gar zu ſehr kränken wollte, erwiderte nach kurzem Bedenken: „Es ſei darum— aber wage keinen Halsbruch wegen des Geſpiels und im Uebrigen halt' ich Dich beim Wort.“ Er reichte dem Jünglinge die Hand und ſchritt nach dem Pachthofe, während Felix, ohne von Veronika Abſchied zu nehmen, langſam den Weg nach ſeiner Waldhütte einſchlug. In ſeinem Innern war es, als wenn ein Schloßenwetter einen ganzen reichen Frühling zerſchlagen. Es war ein ſchwerer Weg, es war ein harter Kampf. Als er die erſten Wald⸗ bäume erreicht, ſank er gebrochen ins Moos und weinte bitterlich. Hier lag er lange, lange. Als er aufſtand, hing die Abendſonne in himmliſcher Schöne über dem frühlingsſch himmernden Thal und die Gircen von Sankt Katharina tönten ſo friedvoll. Da kehrte auch in ſeine Seele ein himmliſcher Frieden ein. Er faltete die Hände und in frommer Ergebung ſprach er: „Gott hat es ſo gewollt, Daß es ſo kommen ſollte, D rum werde nie gegrollt, Daß er's ſo haben wollte.“ Seit dieſem Tage wußte der Abendſtern auch noch von manch anderem Thränlein zu erzählen, das aus ſchönen Aeugleins floß, wenn Vervnika Abends ihre Balſaminen begoß und nach der Gegend der 61 Wildbachtlamm ſchaute. Von ihrer Liebe war ihr nichts geblieben, als allſonntäglich als friſcher Kirchen⸗ ſchmuck das— Edelweiß. Der Franz. Es iſt nicht alles Gold, was glänzt. Aber auch auf das Edelweiß ſollte Veroni ver⸗ zichten— wie wir oben geſehen haben, denn nach wenigen Tagen kehrte der Sohn des reichen Fuchs⸗ bauern nach mehrjähriger Abweſenheit aus Frankreich zurück. Was der Franz in der weiten Welt getrie⸗ ben, darüber waren die Stimmen getheilt. Einige wollten hoch hinaus und machten ihn zu einem Ver⸗ trauten des fränkiſchen Monarchen. Er habe ſich beim Hofe umgeſehen und wüßte, ob es noch Krieg geben werde oder nicht. Andere ſchüttelten mißtrauiſch den Kopf und meinten: des Fuchsbauern Franz ſei ſchon als Knabe ein naſeweiſer, ja bösartiger Burſch geweſen, möge darum auch im Auslande des Löblichen nicht allzuviel getrieben haben. Dem mochte ſein, wie ihm wollte, ſo viel ſtand feſt, daß der Heimge⸗ kehrte als gereiſter Mann viel Leben ins Thal brachte. Seine vaterländiſche Tracht hatte er ganz abgelegt; er erſchien als Cavalier und war ihm bei ſeiner Welterfahrung und Bildung im heimathlichen Thale mehr denn Alles nicht mehr recht. Ueberall fand er zu tadeln und zu reſtauriren. Dabei ließ er viel Geld aufgehen und zeigte ſich äußerſt nobel, nament⸗ lich wenn es galt, die jungen Burſchen und Dirnen 62 zu tractiren, was ſich die Mehrzahl auch nur zu gern gefallen ließ. Gegen die Veroni war er die Frei⸗ gebigkeit ſelbſt und hatte ihr die geſchmackvollſten Putzſächelchen aus Paris mitgebracht, ſo daß des Hofepächters Tochter von ihren Freundinnen nicht wenig um ſo einen ſpendablen Freier beneidet wurde. Und als ſolcher galt er auch bald im ganzen Thal. In Veronika's Herzen freilich ſah es anders aus, als die Freundinen vermeinten. Die Pariſer Putzſachen konnten das friſche Edelweiß, das die Liebe gebrochen, nicht erſetzen, und der Franz und ſeine Bewerbungen wurden ihr von Tag zu Tag verhaßter. Daß ſich des Fuchsbauern Sohn übrigens hoher Connaiſſancen und hoher politiſcher Einſicht zu erfreuen, kam bald an den Tag. Gleich bei ſeiner Ankunft hatte er prophezeit, daß es werde Krieg werden, und ſchon nach wenig Wochen brachte das Woch henblättchen der benachbarten Siubt, das ſich alle Sonnabende in das Thul verirrte, die Nachricht von dem Uebergang der Franzoſen über den Rhein. Niemand hatte daran geglaubt. Der Franz hatte es prophezeit und ſo war's gekommen. Ungebetene Gäſte. Es wird waffenlaut. Die drohende Kriegswolke war immer näher ge⸗ kommen, doch blieben die Bewohner des Paddinger Thals guten Muths. In Folge des Aufgebots der Regierung hielten eine Anzahl mit Stutzen bewaff⸗ * 63 neter Thalbewohner vereint mit vaterländiſchem Mi⸗ litär alle Päſſe beſetzt. Auch konnten ſich die älte⸗ ſten Bewohner nicht entſinnen, daß in allen den Fran⸗ zoſen⸗Kriegen feindliche Truppen je in das Paddinger Thal gedrungen wären. Der Franz, nachdem er in letzter Zeit häufig Ausflüge in das Gebirge unternommen, war auch mit ausgezogen gegen den Feind. Es war eine regneriſche Sommernacht. In tie⸗ fer Finſterniß ruhten Weiler und Einöden, unheim⸗ lich ſchlugen von Sturm gepeitſcht die naſſen Häupter der hohen Tannen aneinander, als in der Nähe des Kaiſerhorns, da wo die Kaitlmühle in tiefer Schlucht zwiſchen Felſen eingeklemmt liegt, auf einem jähen, wenig betretenen und nicht ungefährlichen Bergpfade eine dunkle Geſtalt, die Blendlaterne nur momentan und mit äußerſter Vorſicht gebrauchend, mühſam her⸗ abklomm. Auf dem breiteren Pfade, der zur Mühle führte, angelangt, ließ ſie den Strahl aufwärts fallen und bald folgten, eine hinter der andern, noch mehre Geſtalten, die, des Bergſteigens weniger gewohnt, vft ſchwankten und auf dem naſſen Boden ausglitten. Die Anzahl der nächtlichen Gäſte, die in Capuzen gehüllt, und deren Bayonette zeitweilig im Strahl der Laterne aufblitzten, ließ Militärmacht erkennen und wollte gar kein Ende nehmen. Immer mehr ſammelten ſich auf dem Mühlwege und immer mehr kamen aus dem Tannenwalde herab. Als der letzte herabgeſtiegen, mochte die Anzahl über Hundert Köpfe betragen. Die Geſtalt mit der Laterne ging wieder voran und in tiefſtem Schweigen, das Gewehr unterm Arm, folgte die nächtliche Schaar. Man zog die unwegſamen Bergabhänge entlang nach der Gegend des Gaisbüchels, an deſſen Fuß ſich der Weg nach 64 dem erſten bedeutenden Alpenpaſſe hinzog, der zum Schutze gegen einen feindlichen Einfall von einer Ab⸗ theilung vaterländiſcher Truppen und dem Aufgebote der Paddinger Schützen beſetzt war. Mitternacht war vorüber. Das Unwetter tobte fort. In den vereinzelten Gehöften verkündete hie und da der frühe Haushahn die erſte Stunde des Morgens— da vernahm man aus der Ferne dumpfe Schüſſe. Der erſte und ſtärkſte Alpenpaß war von der im Rücken anrückenden nächtlichen Schaar über⸗ rumpelt und nach äußerſter Gegenwehr überwältigt worden. Noch ehe der Morgen angebrochen, erlitten die bei weitem ſchwächern, weiter vorgeſchobenen Pi⸗ kets daſſelbe Schickſal. Als daher nach der ſturmvollen Regennacht die Sonne wieder prachtvoll über den Bergen aufſtieg, blitzten wohl Tauſende von Bayo⸗ netten des Feindes und immer neue Schaaren quollen unter Trommelſchall und Hörnerklang durch die ero— berten Alpenpäſſe in das friedliche Alpenthal. Die Bewohner des Padding waren ob des völlig unerwarteten Ueberfalls in die höchſte Beſtürzung ge⸗ rathen. Niemand vermochte ſich zu ſagen, wie es möglich geweſen, die unüberwindlichen Päſſe zu be⸗ zwingen. Zu allgemeiner Verwunderung war der Franz der einzige junge Burſche, der von der Alpen⸗ wache heimgekehrt und frei umher ging, während die Andern theils gefallen, theils gefangen ſich in den Händen des Feindes befanden. Er erzählte, wie er allein es ſeiner Kenntniß der franzöſiſchen Sprache zu verdanken, daß er glücklich davon gekommen.. Auch ſchien er mit den feindlichen Oberoffizieren auf ſehr freundlichem Fuße zu ſtehen. Er erreichte hierdurch das außerordentlichſte Anſehen bei ſeinen bekümmerten Landsleuten. Jedermann, der mit der fremden Sol⸗ 65 dateska nicht auskam, wandte ſich an ihn und ſuchte Hülfe bei ihm. Namentlich machte er ſich dem um guten Rath ſehr verlegenen Gemeinderath als Dol⸗ metſcher unentbehrlich. Durch ſeine Vermittlung er⸗ hielten ſein Vater nur Stabsoffiziere und der Hofe⸗ pachter nur den bereits ältlichen Obercommandanten mit hinreichender Sauvegarde ins Quartier, ſo daß ſie von den zahlreichen Gewaltthätigkeiten, Erpreſſun⸗ gen und Exceſſen, unter welchen die übrigen Bewoh⸗ ner zu leiden hatten, gänzlich verſchont blieben; denn die eingedrungenen Schaaren hauſten in dem Thale, da ſie das Land als ein erobertes betrachteten, nicht zum Beſten. Nur zu bald wurden die fremden Gäſte eine unerträgliche Landplage. Eine geheimnißvolle Unterredung. Was im Dunkel wird geſponnen, Prachtvoll kommt's oft an die Sonnen. Bereits anderthalb Wochen hauſten die Franken in dem ſonſt ſo friedlichen Paddinger Thale und noch war keine Ausſicht auf Beſſerwerden, als eines Nachts in dem kleinen Nebengebäude, das zu dem Pachtgute gehörte, zwei Männer in geheimnißvollem Geſpräch bei einander ſaßen. Es war der Hofepachter Andreas, welcher die guten Stuben des Hauptgebäudes dem fremden General eingeränmt und das kleine Neben⸗ haus bezogen, und der Landrichter der unfern gele⸗ genen Kreisſtadt, der im Auftrage der Regierung ſich mit Lebengefahr in das vom Feinde beſetzte Thal Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 5 66 geſchlichen, um über die Zuſtände daſelbſt Erkundi⸗ gungen einzuziehen. Tief ſchmerzten ihn die Leiden und Drangſale der armen Gebirgsbewohner. „Es unterliegt keinem Zweifel,“ ſprach Letzterer zum tief gebeugten Hofepachter,„daß ein lands⸗ männiſcher Verräther die Franzoſen über die Berge geführt. Nur einem mit unſerer Gebirgslage voll⸗ kommen Vertrauten konnte dieſes Bubenſtück gelingen.“ Andreas hatte ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckt. Er konnte lange den gräßlichen Verdacht nicht denken. Erſt nachdem ihm der Landrichter die überzeugendſten Beweiſe geliefert, zweifelte er nicht länger. Aber zugleich bemächtigte ſich des ſonſt ſo ruhigen Mannes der furchtbarſte Zorn. „Wenn ich je dieſen Buben entdecke,“ rief er, „ich ſchlage ihn zu Boden wo ich ihn finde.“ „Ich habe einen Gewiſſen im ſchweren Verdachte,“ ſprach der Landrichter,„aber ehe ich den Namen nenne, muß ich mir noch einige überzeugende Beweiſe verſchaffen. Der Böſewicht ſoll ſeiner gerechten Strafe nicht entgehen. Zugleich habe ich mir,“ fuhr er fort, „über die Stellung und Stärke des feindlichen Corps in dieſem und den angrenzenden Thälern möglichſt genaue Kenntniß zu verſchaffen geſucht. Die Lage des Feindes iſt für ihn die allergefährlichſte, ſobald der Commandirende unſeres am Fuße des Rabenſtein gelagerten, zehntauſend Mann ſtarken Corps zeitig genug Nachricht erhält. General Strammer braucht blos in den Thälern über Burgbühl und Roßfelde vorzurücken, ſo ſind nicht nnr das Corps im Pad⸗ dinger, ſondern auch die im Aargrunde eingedrunge⸗ nen feindlichen Truppen rein abgeſchnitten und kriegs⸗ gefangen.“ 67 Das Auge des Hofepachters leuchtete bei dieſem Worte begeiſtert auf. „Das einzige Hinderniß leider,“ fuhr der Land⸗ richtet fort,„iſt die unüberſteigbare rauhe Alp, die uns von dem General und ſeinem wackeren Corps trennt. Dieſer kühne Führer hat keine Ahnung und kann keine haben, in welcher gefährlichen Lage der in unſere Felſen durch Verrath eingedrungene Feind ſich befindet; ſonſt würde der Strammer auf Stur⸗ mesflügeln daher eilen. Es gilt darum jetzt vor allen Dingen die Frage: Giebt es einen Heldenſohn des Gebirgs und iſt unter jungen Burſchen Eueres Thals ein ſolcher bekannt, der vaterlandbegeiſtert, opferfreudig, mit Localkenntniß und Geſchicklichkeit verſehen, das Unerhörte zu wagen entſchloſſen wäre, einen Brief über das Gebirge an General Strammer zu bringen? Ich geſtehe, es iſt faſt das Unmögliche, was ich verlange, aber Noth kennt kein Gebot und die Gelegenheit iſt zu koſtbar, um nicht Alles zu wagen, dem Vaterlande einen unſchätzbaren Dienſt zu erweiſen.“ Andreas ſaß eine Zeitlang ſchweigend und im tiefſten Nachdenken, dann ſprang er von einem plötz⸗ lichen Gedanken erleuchtet auf. „Iſt es Einem möglich,“ rief er,„das große Wagniß zu vollbringen, ſo iſt es der Kräuter⸗Felix. Ihm iſt keine Schlucht, kein Felsblock, kein Schnee⸗ feld unbekannt im ganzen Gebirge. Er unternimmt Alpenwaghalſigkeiten, vor welchen ſelbſt die kühnſten Bergſteiger zurückſchaudern; und für ſein Vaterland wird, wie ich den wackern Burſchen kenne, er Alles wagen.“ Der Landrichter ergriff lebhaft des Hofepachters Hand. „Andreas,“ ſprach er,„wenn Ihr die Wahrheit 0 68 ſprächet, wenn die kühne That gelänge, ſo wellte ich mein Lebetag die Stunde ſegnen, die mich heut zu Euch geführt hat.“ Bereits nach einer halben Stunde befanden ſich die Beiden auf dem Wege nach der Waldhütte bei der Wildbach⸗Klamm. Der Tag des Gerichtes. Dampf wirbelt durch die Päſſe. Während nach wüſtem Bacchanale, wobei die letz⸗ ten Fäſſer und Speiſekammern der hartgeprüften Thal⸗ bewohner geleert worden, die feindliche Soldateska, die den Geburtstag ihres Herrſchers gefeiert, im tiefen Schlafe lag, begannen gegen Mitternacht erſt auf den entferntern, dann den näher und näher liegenden Ber⸗ gen Feuer aufzuleuchten, die wie goldene Garben zum Himmel loderten; und kaum legte ſich das erſte Grauen des Morgens auf den Kamm des Gebirgs, als es auf allen Anhöhen das ganze Thal entlang waffenlaut wurde, während vom Hauptpaſſe Klein⸗ gewehrfeuer, Kampfgeſchrei, von dumpf hinrollendem Kanonendonner unterbrochen, dahertönte. Bald raſ⸗ ſelte der Generalmarſch durch das geſammte fränkiſche Lager. Hörner ſchmetterten durch die friſche Morgen⸗ luft. Schlaftrunken rafften ſich die Franken von ihrer Lagerſtätte, griffen nach ihren Waffen und eilten zu den Sammelplätzen. Ordonnanzen flogen nach den Hauptpäſſen und allen übrigen Ausgängen des Thals. Sie waren ſämmtlich von den Landesvertheidigern 69 genommen und ſtark beſetzt. Nur bald erkannte der fränkiſche General die Gefahr und ſeine verzweifelte Lage. Vergeblich zerarbeitete er ſein Gehirn, wie dieſer Ueberfall von Seiten des Feindes ſo plötlich habe unternommen werden können? Nach ſeinen ſtra⸗ tegiſchen Berechnungen und wie ihm die Stellung des feindlichen Corps bekannt, konnte dieſer Ueberfall gar nicht mit rechten Dingen zugegangen ſein. Noch ver⸗ mochte er nicht die wahre Stärke der Landesverthei⸗ diger zu erkennen. Nichtsdeſtoweniger ergriff er ſo⸗ fort alle Vorkehrungen, es koſte was es wolle, ſeinem eingeſchloſſenen Corps einen Ausweg zu bahnen. An⸗ fangs bemühten ſich die Franken, die von feindlichen Scharfſchützen beſetzte Hügelreihe im Norden zu neh⸗ men. Es entſpann ſich, von der Morgenſonne maleriſch beleuchtet, ein lebhaftes Tirailleur- und Pelotonfeuer. Thal und Landſchaft hüllten ſich als⸗ bald in Pulverdampf, deſſen weiße Wolken die hohen Berge entlang zogen. Immer gewaltiger drangen franzöſiſche Colonnen gegen die Berge vor, doch das ſteilablaufende Terrain ward immer ſchwieriger, als plötzlich vier Bergkanonen ſich auf einem Hügel zeigten und Tod und Verderben in die ſtürmenden Maſſen blitzten und donnerten. Endlich riefen Trom⸗ meln und Hörner die angreifenden Colonnen, nachdem ſie bedeutende Verluſte erlitten, zurück. Der fränkiſche General hatte die Uneinnehmbarkeit der Anhöhen erkannt. Ihm blieb jetzt kein Ausweg, als ein Defilse, das vom Gegner ebenfalls ſtark beſetzt war und von deſſen Kreuzfeuer ſtark beſtrichen wurde, zu paſſiren. Mit dem Muth der Verzweiflung warf der fränkiſche Heerführer Colonnen über Colonnen in dieſen wahren Schlund des Todes. Zu Haufen thürmten ſich Todte und Verwundete. Alles ver⸗ 70 gebens. Jeder Verſuch zum Durchſchlagen wurde in Folge der Oertlichkeit, welche die Landesvertheidiger ungemein begünſtigte, vereitelt. So währte der Kampf volle zwei Stunden. Da ward von Seiten der Deutſchen eine weiße Fahne aufgeſteckt. Das Feuer ſchwieg, die tieferſchütterten Colonnen zogen ſich eine Strecke zurück und Parlamentaire erſchienen vor dem fränkiſchen General. Sie ſetzten demſelben die Unmöglichleit eines Durchbruches auseinander und boten, um ferneres Blutvergießen zu vermeiden, ehrenwerthe Capitulation. Der hierauf zuſammen⸗ tretende franzöſiſche Kriegsrath verwarf die Capitulation und entſchied für einen nochmaligen Verſuch des Durchſchlagens. Die Trommeln wirbelten von Neuem. Das Feuer erhob ſich mörderiſcher denn zuvor; das Dörflein verſchwamm wieder im Pulverdampfe. Nach einſtündigem ergebnißloſem Kampfe erkannte der frän⸗ kiſche Befehlshaber vollkommen die Unmöglichkeit, das ſehr lang ſich dahinziehende Defilée zu gewinnen. Neue Unterhandlungen wurden angeknüpft, und Mittag ein Uhr ſelbigen Tags war die Capitulation unterzeichnet: das geſammte franzöſiſche Corps war kriegsgefangen. Dieſe Gefangennahme war eine der glänzendſten Waffenthaten im ganzen Feldzuge, welchem der Friede bald folgte. Der letzte Todte war begraben, der lette Schwerverwundete fortgeſchafft. Die alte Ruhe kehrte nach und nach in das Paddinger Thal zurück und feierlich bewegte ſich die Prozeſſion mit wehenden Kirchenfahnen nach Sankt Katharina, deſſen Glocken wieder lieblich über die umfriedigte Landſchaft tönten, 71 zum Preiſe des Herrn, welcher aus Feindes Hand erlöſt. Während aber die dankbaren Bewohner im Thale dahinzogen, ritt ein Huſarenpiket, das aus dem Scharfeneckpaſſe gekommen, den Hornbühel entlang und ſchlug den Weg nach den ſtattlichen Gehöften des Fuchsbaueru ein. Daſelbſt angekommen, ſtieg das Piket von den Pferden; alle Ausgänge wurden beſetzt und der Korporal, gefolgt von drei Mann, begab ſich in das Vordergebäude. Es währte nicht lange, erſchienen ſie wieder, des reichen Fuchsbauern Sohn Franz mit auf dem Rücken gebundenen Armen in ihrer Mitte. Der Gefangene wardſzwiſchen zwei Roſſe gekoppelt; die Reiter ſtiegen auf und das Piket kehrte auf demſelben Wege ebenſo raſch zurück, wie es gekommen. Nur wenige Perſonen, da ſich Alles der Prozeſſion angeſchloſſen, hatten dieſe höchſt über⸗ raſchende Gefangennehmung des reichen und vornehmen Bauernſohnes wahrgenommen. Ein Märchen und doch keines. Er hat's gewagt! „Und iſt's denn wahr? Und iſt's die Wirklich⸗ keit?“ ſo hörte man Alt und Jung fragen im ganzen Paddinger Thale und ſah die Hände zuſammenſchla⸗ gen,„der Kräuter-Felix hat die rauhe Alp überſtiegen und einen Brief nach dem Latterthal getragen.“ Und die jungen Burſche, die die rauhe Alp mit ihren Gletſchern, Schneegruben, Eisfeldern und 72 himmelſtürmenden Hörnern wohl kannten, ſchüttelten alleſammt mit dem Kopfe und ſagten:„Das iſt wieder ein Stücklein vom Vogelfritzen dem Poſtboten, der ſich draußen in der Welt allerlei Naſen auf⸗ heften läßt, die er dann für Wahrheit ausgiebt. Ueber die rauhe Alp nach Lattau! Und wenn der Engel Gabriel ſelber herniederſtiege, das ſoll er bleiben laſſen.“ Der Vogelfritze aber ſchwur beim Moſerwirth Stein und Bein, rief die Sankt Katharina zum Zeugen an, daß er nimmer Unwahrheit berichtet. Der Vogelfritze wollt' es aus des lattauer Löwen⸗ wirths eigenem Munde haben. Der General Strammer hat im Löwenbräu in höchſteigener Perſon im Quartier gelegen. Der General hat ſich in höchſter Deſperation befunden, weil ihm der Feind abhanden gekommen, ſtundenlang hat er ſich auf der Generalkarte die Augen blindgeſehen, ein Adjutant nach dem andern iſt fortgeſprengt zum Recognoſciren. Alles vergebens. Der General hat ſchon Umgehung, Ueberfall und totalen Untergang ſeines ganzen Corps vor Augen geſehen; da iſt, von zwei Jägern halb getragen, ein Bua aus dem Paddinger Thal, an Händen und Füßen Blut, ganz zerſchlagen und mehr todt als lebendig, vor den General gebracht worden. Er hat einen Gerichtsbrief von hoher Wichtigkeit auf der Bruſt getragen. Nachdem der General geleſen, hat er ganz verklärt ausgeſchaut und hat ſofort Befehl zum Auf⸗ bruch gegeben. Die Trommeln haben geraſſelt durch die ganze Lattau, der Paddinger Bua iſt aber für todt nach dem Feldſpital geſchafft worden. Es ſoll, wie der Löwenwirth behauptet, kein anderer Menſch wie der Kräuter⸗Felix geweſen ſein. Während der Vogelfritze ſeine wunderbare Mähr 73 bereits das ſiebente Mal zum Beſten gab— denn immer langten neue Gäſte an— trat plötzlich der Hofepachter Andreas mit haſtigem Schritte, wie man an dem geſetzten Manne faſt gar nicht gewohnt war, und freudigleuchtendem Antlitz unter die verſammelten Gäſte. „Moſerwirth,“ rief er mit ſeltſamer Erregtheit, „zapfe auf meine Koſten ein friſches und Dein beſtes Faß an, damit wir die Geſundheit des bravſten Bua trinken, den das Paddinger Thal hervorgebracht hat.“ Als die Nachbarn erfreut aufſchauten, fuhr der Hofepachter fort:„Die Mähr von dem Kräuter⸗-Felir iſt keine Mähr, ſondern goldene Wahrheit, die uns und unſern Kindern noch zur Ehre gereichen wird, ſo lange dieſe Berge ſtehen.“ Der Andreas erzählte jetzt ausführlicher und mit patriotiſcher Begeiſterung die Heldenthat des jungen Kräuterſammlers, welcher aus Liebe zum Vaterlande ſein Leben freudig eingeſetzt und die rauhe Alp über⸗ ſchritten, um die wichtige Depeſche des Herrn Land⸗ richters an den befreundeten General zu bringen; wie er mit Kühnheit und Entſchloſſenheit ein Unter⸗ nehmen ausgeführt, das bis jetzt Alle für unmöglich gehalten; wie er zwei ganze Tage durch Eis und Schnee gedrungen, wiederholt in Tiefen geſtürzt und immer wieder glücklich emporgeklommen; wie er ſich in höchſter Höhe, in todtenſtiller Einſamkeit gegen Steinadler habe wehren müſſen, die um ihre Neſter beſorgt, auf ihn herabgeſchoſſen; wie der Athem erſtarrt vor eiſiger Kälte; wie er am ſüdlichen Abhange der rauhen Alp habe die Fußſohlen ſich aufſchneiden müſſen, um die abſchüſſigen und glatten Felswände entlang zu gleiten; wie er aber immer auf Gott ver⸗ trauend und zu Gott betend, ſein hohes Ziel im 74 Auge behalten; wie er endlich am dritten Tage das Latterthal zwar erreicht, aber am Fuße des Hochkegels ohnmächtig zuſammengebrochen. „Hier,“ fuhr der begeiſterte Erzähler fort,„haben ihn ein paar Jäger aufgefunden, ihn wieder zum Leben und zum Bewußiſein gebracht. Aber ſein erſter Gedanke iſt der Brief geweſen, den er auf der Bruſt getragen. Er hat nur gefleht, ihn zum General zu bringen, was auch geſchehen. Durch dieſe Auf⸗ opferung iſt es allein möglich geworden, daß der General Kunde über Stärke und Stellung des Feindes erhielt, daß wir unſerer Quälgeiſter los und dem Vaterlande ein unſchätzbarer Dienſt geleiſtet wurde. Hoch lebe darum der brave Felir!“„Hoch der brave Felix!“ tönte es wie aus Einem Munde und die Krüge klirrten aneinander. „Leider,“ fuhr der Hofepachter fort,„liegt der arme Bua hart und feſt darnieder, die Wunden, die er ſich geſchlagen, ſind's nicht allein, aber ein böſes Fieber hat ihn ſeit ehegeſtern übermannt, ſo daß die Doctors gar bedenklich die Köpfe ſchütteln. Der Adjutant des Generals, der täglich eine Ordonnanz nach der Lattau ſchickt und ſich erkuudigen läßt, hat mir eigenhändig alles Das geſchrieben. Auch die Majeſtät hat bereits Kenntniß von der Heldenthat unſeres jungen Landsmanns.“ „Der Himmel ſchenke ihm Geſundheit!“ tönte es wiederum aus Aller Munde. „Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe,“ ſprach der Andreas ſeltſam bewegt und eine Thräne trat ihm in die Augen,„wenn mir der Junge erhalten würde. Ich will ſelber hin und ihn pflegen.“ „Das iſt brav von Euch, Andreas,“ riefen die Nachbarn und ſchüttelten dem Hofepachter die Hand. 75 Die jungen Burſche aber benutzten ſofort wieder die Gelegenheit, die Krüge anzuſtoßen und dem Hofe⸗ pachter ein Lebehoch zu bringen. Während aber die frohe Kunde von der Helden⸗ that des Felix wie eine weiße Taube durch das Thal flog, glich das unheimliche Gerücht über die Gefangen⸗ nahme des Fuchsbauernſohns Franz dem ſchwarzen Raben. Für einen Judaslohn von zehntauſend Gulden ſollte der Verräther eine Abtheilung feindlicher Truppen perſönlich über die Berge geführt haben, wodurch das Thal in fränkiſche Gewalt gefallen und die Landes⸗ armee in eine höchſt gefährliche Poſition gerathen war, da General Strammer in ſeinen Bewegungen dadurch vollkommen irregeführt werden mußte. Nur durch die raſche Kunde, die wie ein Wunder ihm über die rauhe Alp durch den Kräuter⸗-Felix zugetragen, war es gelungen, den heimlichen Plan des Feindes zu deſſen eigenem Verderben zu wenden. Der Franz war auf eine unfern gelegene Bergveſte in ſtrengſten Verwahrſam gebracht und die Unterſuchung über ihn im Gange. Durch die Unermüdlichkeit des patriotiſchen Land⸗ richters war der Verrath entdeckt worden. Ueberzeugende Papiere ſollten ſich in ſeinen Händen befinden. Der Fuchsbauer ſelber ließ ſich ſeit der Verhaftung ſeines Sohnes nirgend mehr blicken. ⸗ und es ſollte doch ſein! Was Gott vereint, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden. Nach mehrwöchentlicher harter Niederlage ſaß Felir wieder friſch geſtärtt im Gärtchen des Löwen⸗ bräu von Lattau, das gar anmuthig gelegen war, und athmete die milde und doch ſo erquickende Herbſtluft, und freute ſich der zahlreichen Aſtern und Balſaminen, die ringsumher blühten. Da nahte die gutmüthige Löwenwirthin, ein Kernweib des Gebirges, mit einer großen Schale voll duftender Walderdbeeren. „Schaut's, Felix,“ ſagte ſie,„es iſt halt gut, daß Ihr wieder geſund ſeid, es ſind die letzten; der Sepperl hat müſſen wer weiß wie hoch ſteigen, im Kauf ſind nimmer mehr welche zu bekommen. Da laßt Euch die letzten gut ſchmecken, ſie ſind Euch immer wohl bekommen und haben zu Euerer Ge⸗ ſundheit baß beigetragen.“ Gerührt reichte der Geneſene ſeiner wackeren Pflegerin die Hand.„Wie danke ich Euch für die ſchönen Walderdbeeren, die mich in meiner Krankheit ſo wunderbar erquickt. Gott vergelt's Euch, Mutter Traudi, was Ihr an mir gethan. Wär' wohl nim⸗ mer aufgekommen ohne Eure getreue Pflege.“ „Schwätzt doch nicht,“ erwiderte ordentlich ärger⸗ lich die Löwenwirthin,„als ob's nicht Chriſtenpflicht geweſen, einem wackern Bua wieder aufzuhelfen, der's Vaterland hat retten helfen. Auch iſt's gar kein Verdienſt um meine Pflege; hat mir doch der Ge⸗ neral einen funkelnagelneuen Kirchenſtaat verſprochen, 77 ſo ich durch kräftige Süpplein und gute Pflege Euch aufbuttle.“ „Der prächtige Herr General!“ ſprach Felix, „bin ja ſo viel nimmer werth.“ „Na, ſeid nur ruhig,“ fiel Mutter Traudi etwas raſch ein,„hätte die Süppleins auch ohne den Kirchen⸗ ſtaat nimmer ſchwächer gekocht. Aber es freut mich vom General, weil man ſieht, daß er auf einen braven Bua ſolche Stücke hält.“ Der Hofepachter trat jetzt ins Gärtchen, einen duftenden Strauß Alpenblumen in der Hand. Der Felix war bereits ſo gekräftigt, daß er aufſtehen und dem Andreas einige Schritte entgegengehen konnte. Der Hofepachter ſchlug bei dieſem Anblick freudig die Hände zuſammen und übergab Felix den Strauß. „Hier,“ ſagte er,„ſchicken Dir die Paddinger Almen ihre Blümleins und Du ſollſt bald ſelber kommen, aber nimmer eher, bevor Du nicht ganz erkräftigſt.“ Mit freudigen Blicken empfing Felix den duften⸗ den Strauß, und die Beiden nahmen nebeneinander Platz in der Laube, denn ſie hatten ſich gar viel zu erzählen. Der Felix mußte etwas Weiteres berichten von ſeiner Wunderfahrt über die rauhe Alp, und der Hofepachter, was Alles vorgefallen im Heimaths⸗ thale. Von der Gefangennahme des Franz hatte Felix bereits früher Kunde erhalten. Ein Wort gab das andere. Endlich neigte ſich der Hofepachter zu dem Ohre des Felix. „Ich ſoll's zwar nimmer verrathen,“ ſprach er geheimnißvoll,„aber ich kann's nicht über's Herz bringen. Unſer gnädiger Landesherr hat was vor mit Dir, Felir; Deine Bergfahrt hat ihm abſonder⸗ 78 lich gefallen. Du ſollſt noch ganz aparte belohnt werden.“ Nachdem ſich Andreas an dem freudigen Er⸗ ſtaunen eine Zeitlang geweidet hatte, fuhr er zu⸗ traulicher fort:„Aber wo der gnädige Landesherr mit ſo gutem Beiſpiel vorangeht, darf der Unterthan nimmer zurückbleiben. Da iſt mir denn wieder durch den Sinn gefahren, daß ich auch noch Dein Schuldner, weil Du die Veroni mir heimgebracht aus dem Nebel. Darum wenn Du einen Wunſch haſt, ſprich ihn aus, fürcht' Dich nimmer. Was Dir ſo recht am Herzen liegt, mach's kund, und was an mir liegt—“ Da zog ein ſelig Lächeln über das ſchöne, jugend⸗ liche Geſicht des Felix. Er reichte dem Andreas die Hand und ſagte leiſe:„Wenn Ihr die größte Gnade mir erzeigen wollet, ſc laßt mich wieder Edelweiß pflücken für die Veroni. Die Annemirl mag's ihr wieder hinabtragen vor der Frühkirch'.“ 2 Dieſe Worte klangen dem Hofepachter jest keines⸗ wegs ſo unangenehm wie ehedem. Im Gegentheil, er ſchien ſie nicht ungern zu hören und ſagte: „Schau, Schelm, ſo haſt Du die Veroni noch nicht vergeſſen?“ „Die Veroni werde ich nimmer vergeſſen mein Lebetag,“ ſagte der Felir im leiſen aber ergreifen⸗ den Tone. Da ſchaute Andreas gerührt auf den Jüngling und ihm die Hand reichend, ſprach er:„Na, ſchau, die Veroni hat Dich auch nicht vergeſſen. Den Strauß hier hat ſie für Dich gepflückt.“ 6 Da langte der Jüngling verklärt nach den ſchönen Alpenblumen und ſein Haupt neigte ſich ſprachlos darauf nieder. — 79 Lange Zeit war nicht ein ſo luſtig Leben geweſen unter den grünen Linden des Moſerwirths, die ſich trotz der vorgerückten Jahreszeit in ſchöner Friſche erhalten hatten, am Tage Michaeli, wo der Felir S die ſchöne Veronika ihre Lerlehu feierten und die Gäſte geladen waren von fern und nah. Der Andreas hatte die Hände der Liebenden mit Si Worten:„Was Gott zuſammenfügt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden,“ in einandergelegt. Und wie ſtattlich hatte ſich der gnädige Landesherr aufgeführt! Ein prächtig Gehöfte, am Ausgange des Thals herrlich gelegen, mit Kühen und Almen und allem Zubehör war dem Felix als Nationalbelohnung feierlich zugeſprochen worden, für ihn und ſeine Kinder und Kindeskinder. Der Herr Landrichter war aus der Kreisſtadt eigens herübergekommen zur Uebergebe. Auf dem Hute der ſchönen Veronika leuchtete nach langer, trüber Zeit wieder das ſchönſte Edel⸗ weiß. Der Felix hatte ſich's nicht laſſen, noch einmal aufzuſteigen zu den Wolken und das Edelweiß zu brechen; diesmal für ſeine Braut. Als aber die Bergmuſikanten luſtige Weiſen ſpielten und die Krüge laut an einander klirrten und Alles Luſt und Freude war, tönte Roßgeſtampf näher und näher: der wackere General Strammer erſchien in prachtvoller Uniform, it von Adju⸗ und Gefolge, und überbrachte der ſchönen Braut eine goldene Gedenkkette al Geſchenk der Landesmutter. Lange hatte die ſcheidende Sonne im Paddinger Thale nicht ſo glückliche Menſchen geſehen. Als ſie aber tiefer ſank und die erſten Strahlen über das Thal warf, wandelten die zwei Glücklichſten eine lange Strecke dahin nach der einſam gelegenen 80 Marienhöhe, wo die ganze Alpenwelt in ihrer Pracht vor ihnen lag. Heilige Stille umgab ſie. Ihre Herzen waren ſo voll und ſie konnten nicht anders, ſie mußten niederknieen am Bilde Marien's und aus reiner, tiefer Seele ihrem Gott danken, der es gar ſo gut mit ihnen gemacht. Von Sankta Katharina herüber tönte die Abend⸗ glocke, immer tiefere Schatten legten ſich über das Thal, die Häupter der Alpen aber begannen zu glühen in himmliſcher Schöne. Von dem Franz hatte man lange nichts wieder gehört, als ſich eines Tages die Nachricht verbreitete, daß er, nachdem er des Verraths überwieſen, zu langjähriger Kerkerſtrafe verurtheilt, von der hohen Bergveſte einen Fluchtverſuch gewagt und ſich dabei zu Tode gefallen hatte. Bald darauf verkaufte der Fuchsbauer ſein Beſitzthum und wanderte nach Amerika aus. Lieber Leſer, wenn Du auf der Straße, welche von Innsbruck nach Salzburg führt, in die Gegend kommſt, wo die Schwarzbachklamm durch den Felſen⸗ dom donnert, und rechts einbiegſt und eine Strecke dahingehſt, wird ſich Dir ein herrliches Alpenthal öfſnen, in deſſen Hintergrunde eine ſtattliche Meierei mit ihrem Holzſchnitzwerk und grünen Fenſterladen gaſtlich einladet. Wenn Du dort einſprichſt, wird man Dich erquicken mit der fetteſten Sahne, der friſcheſten Butter, dem weißeſten Brote und duftenden Walderdbeeren, und kommſt Du zur Mittag⸗ oder 8¹ Abendmahlzeit, wirſt Du das Tiſchgebet von faſt zwanzig jungen und ältern Stimmen hören. Blühende Geſtalten ſitzen um die einfache Tafel, deren oberen Ehrenplatz ein ſtattlicher Greis mit weißen Locken einnimmt, während ihm gegenüber am untern Ende das freundlichſte Hausmütterchen, obſchon hochbetagt, noch immer rührig die Suppe austheilt. Das ſind Felix und Veronika im Kreiſe ihrer Kinder und Kindes⸗ linder, ihrer Knechte und Mägde. Sind ihre Haare auch gebleicht, ihre Herzen ſind jung und friſch geblieben. Das macht, weil ſie ihr Lebe⸗ lang in der Furcht und die Wege des Herrn, der ja ſo gern ſegnet, wenn wir uns von ihm führen laſſen. Erſcheint aber alljährig der Sankt Michaelstag, ſo iſt das ein Feſttag für Jung und Alt. Da wird lange vorher geſcheuert, werden Guirlanden ewiitden⸗ wird gekocht, gebraten und gebacken, wobei der Kaiſer⸗ ſchmarren nimmer fehlen darf. Wenn es aber nach dem Mittagseſſen etwas ruhig geworden und die ſtille Nachmittagsſtunde herbeigekommen, der Felir ſein Schläfchen hält, ſteigt Veronika ungeſehen und ganz leiſe nach der obern Stiege, die zur guten Stube führt, und rückt ſich einen Stuhl zum Tiſchchen am Fenſter, das freund⸗ lich hinaus nach den hohen Bergen ſchaut, und holt aus dem Nußbaumſchranke ein altes verſchollenes Käſtchen, das ſie ſorgſam aufſchließt. Daraus hebt ſie einen Zweig uralten Edelweißes empor, den ſie lange, lange mit ſtummer Rührung betrachtet. Ihre Seele feiert das ſchönſte Sabbathſtündchen. Es iſt das Edelweiß, das der Felix gebrochen am Morgen ihrer Verlobung. Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl⸗Bd. IV. 6 in Mutterherz. Erzählung nach einer wahren Begebenheit. 6* In einem jener ſtillen grünen Thäler des ſchönen Sachſenlandes, wo lieblich die blauen Wellen der Mulde die Blumenufer küſſen und der Himmel, ſo weit der Blick reicht, auf grüne Waldberge herab⸗ ſinkt, umſchatteten majeſtätiſche Linden ein freundliches Landhaus. Weithin über die geſegnete Gegend grüßten gaſtlich die grünen Jalouſien, und der auf ſchlanken Säulen ruhende Altan war bekränzt mit blühenden Oleandern und buntfarbigen Hortenſien. Fröhlich grünte auf der Morgenſeite der Wein an ſauber gehaltenem Geleite und in dem angrenzenden Garten ruhte der Frühling in ſtiller Pracht. Aus der Glasthüre, die nach dem Balkon führte, trat eine nicht zu große, feingebaute Frau, mit ſanften anmuthvollen Geſichtszügen. Ihr Anzug war einfach, aber geſchmackvoll. Lange ruhte ihr ſchönes, von langen Wimpern umſchattetes Auge auf der reichen Frühlingslandſchaft; dann ſetzte ſie ſich an ein Tiſchchen in der Ecke des Balkon und nahm eine Stickerei zur Hand. Rings athmete Stille: Lerchengeſang klang von den Waldbergen herüber. Ueberall junges goldenes Grün— ein liebes Frühlingsbild. Da kniſterte von Neuem die Glasthüre, und vorſichtig, um von der geliebten Gattin nicht bemerkt zu werden, trat ein hoher, ſtattlicher Mann heraus. Er trug ein Paket unterm Arme und nahte ſich ſo 86 leiſe wie möglich der Stickerin, um durch einen Kuß auf ihren ſchönen Nacken ſie angenehm zu überraſchen. Aber Felicitas hatte ein feines Ohr. Sie wandte das Köpfchen, und als ſie den geliebten Gatten erſchaute, eilte ſie mit einem Freudenausruf dem unerwartet Heimgekehrten in die Arme. 87 Georg führte die Freudigüberraſchte in den angrenzenden Salon, ſchlug das Paket auseinander, und indem er ihr einen Kuß auf die ſchöne Stirn drückte, ſchlang er mit Geſchick und Grazie einen koſtbaren Shawl um ihren Nacken. Wo wäre das Weib, das beſte nicht ausgenommen, das bei einem ſolchen aus Liebe dargebrachten Geſchenk nicht eine Art weiblicher Glückſeligkeit empfände? Felicitas war ganz Freude, Glück und Dank. Sie war nicht putzſüchtig; aber ein ſolches koſtbares Kleidungsſtück, zugleich echt und werthvoll, war ſchon immer der Wunſch ihres Herzens geweſen. Sie hatte ihn zwar nie laut ausgeſprochen; aber der zartſinnige Gatte hatte ihn doch erlauſcht und die erſte paſſende Gelegenheit benutzt, ihn im reichen Maße zu erfüllen. Nach Felicitas kam die ganze Hausgenoſſenſchaft an die Reihe. Da war Niemand vergeſſen. Jedem hatte der gute Hausherr ein paſſendes Geſchenk, eine ſogenannte„Meſſe“ mitgebracht. Da war Jubel im Hauſe. Eins zeigte ſeine Gabe dem Andern. Ueberall frohes Erſtaunen, Bewundern, Dankgefühl. Ein kleiner Frühlingheiligerabend. Als aber der Abendſtern erblühte in himmliſcher Schöne, die Lindenbäume ſtärker dufteten, das Wehr in der Ferne zu rauſchen begann und die Nachtigall in langgehaltenen Tönen von Zeit zu Zeit aus den Waldbergen herüberſchlug, ſaßen Georg und Felicitas wieder auf dem Balkon und erfreuten ſich des himm⸗ liſchen Frühlingsabends. Georg hatte ſeinen Arm um das geliebte Weib geſchlungen, und ſie auf ihre 88 ſchönen Augen küſſend, wie er ſo gern that, frug er: „Nun, meine geliebte Königin der Unglücklichen, wie ſteht es in Deinem Reiche, was machen Deine Armen? Haſt Du gereicht mit der Summe, die ich Dir zurückgelaſſen?“ Felicitas ſeufzte.„Mein guter lieber Mann,“ ſprach ſie in dem ihr ſo eigenthümlich ſanften, wohl⸗ thuenden Tone,„Du glaubſt nicht, wie groß das menſchliche Elend iſt, wenn man der Armuth nur etwas tiefer in das hohle Auge blickt. Die Summe, die ich vor Deiner Abreiſe überkommen, glaube mir, iſt wohlangewendet; aber ſie reichte nicht; und da ich kein Geheimniß vor Dir habe, mein guter Georg, ſo will ich Dir nur geſtehen, ſelbſt wenn Du ſchelten ſollteſt, daß ich eine kleine Anleihe bei meiner Wirthſchaftskaſſe gemacht habe, die ich durch ſpätere Erſparniſſe wieder einzubringen gedenke.“ Bei dieſen Worten zuckte ein Strahl himmliſcher Freude über Georg's Geſicht. Er preßte das geliebte Weib inniger an's Herz.„Du Engel,“ ſprach er, „ſo will ich Dir eine recht frohe Botſchaft mittheilen. Wiſſe, meine bedeutende Speculation vom vorigen Herbſte iſt von wunderbarem Segen begleitet geweſen. Ich kehre doppelt ſo reich zurück, als ich es war, da ich von Dir Abſchied nahm. Ich kann daher auch das Budget Deiner Barmherzigkeitskaſſe um das Doppelte erhöhen. Folge nun ganz Deinem edeln Herzen und thue wohl denen, die Deiner Wohlthaten bedürftig und ihrer würdig ſind. Erfülle ganz Deinen Lieblingsſpruch:„Seid barmherzig, wie euer himm⸗ liſcher Vater barmherzig iſt.“ „O mein Freund,“ erwiderte Felicitas, indem ſie ihre kleine weiße Hand dankbar in die des Gatten legte,„wie glücklich machſt Du mich. Wie ſoll ich 89 Dir danken! Ja,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort und ſchaute mit ſeligem Lächeln in den ſinkenden Abendſtern,„der Himmel meint es gut mit uns. Zetzt fehlt nichts mehr zu unſerm Glücke, nichts.“ Gleichwohl trat eine Thräne in ihr ſchönes Auge und ſie lehnte ihr weiches Lockenhaupt an die Bruſt des Gatten. „Mein gutes Kind,“ ſprach in milden Troſtes⸗ worten Georg, indem er ſanft und liebevoll das ſeidene Haar ſeiner Gattin abwärts ſtrich,„bedenke, wie freundlich der Herr gegen uns iſt. Er gab uns Geſundheit, Liebe und Frieden, Wohlhabenheit; er würdigte uns, Wertzeuge ſeiner Barmherzigkeit zu ſein und unſern armen Brüdern und Schweſtern von ſeinen Gaben freundlichſt mitzutheilen— warum ſollte Er uns das Eine verſagt haben, wenn er dabei nicht ſeine weiſen Abſichten hätte? Alſo, mein geliebtes Kind, hadern wir nicht mit einer weiſen Vorſehung, ſondern unterwerfen wir uns ſeinem Rath⸗ ſchluſſe in kindlicher Demuth.“ „Ich had're ja nicht mit Gott,“ ſprach Felicitas, „aber ich hoffe gewiß, daß er mir dieſe Thränen vergeben wird.“ Die beiden Gatten verweilten noch geraume Zeit auf dem lieben Plätzchen und erfreuten ſich des erquickenden Frühlingsabends. Die Linden dufteten. Die Wundertöne der Nachtigall ließen ſich von Zeit zu Zeit vernehmen. Hinter den Waldbergen keimte das Silber des Mondes, der ſeinen milden Glanz bald über das Frühlingsthal breitete. So weit die Roſen leuchteten in dem ſchönen Thale und die Lerchen ſangen, gab es kein glück⸗ 90 licheres Paar als Georg und Felicitas. Ihrer Verbindung hatte keine Geldſpeculation oder ſonſtige berechnete Rückſicht zu Grunde gelegen. Es war die Vereinigung zweier edeln Seelen, die ſich verſtanden, zweier Herzen, die ſich liebten. Sie erkannten gegen⸗ ſeitig ihren Werth; darum die hohe Achtung gegen einander, die zarte Rückſichtsnahme in Betreff kleiner Schwächen, welche letztere nur zu oft geeignet ſind, den Frieden der beſten Ehe zeitweilig zu trüben. Beide Gatten erfreuten ſich der blühendſten Ge⸗ ſundheit, und was die irdiſchen Glücksgüter anlangte, ſo waren ſie hiermit wenigſtens in ſo weit geſegnet, daß ſie ſich dem ſchönen Zuge ihres Herzens, Andern wohlzuthun, in reichem Maße hingeben konnten. Das Sprichwort, wer Libe ſäet, wird Liebe ernten, erfüllte ſich daher auch bei ihnen. Ein gutes Volk iſt wohl dankbar, wenn man es gut mit ihm meint. Felicitas galt für die gute und ſchöne Fee des ganzen Thales. Wem daher das erſte Veilchen oder Schneeglöckchen erblühte; wem ſich die erſte Erdbeere röthete; wem ſich die erſte Centifolie auf⸗ ſchloß, der hielt es für eine theure Pflicht, ſie zu brechen und im ſaubern mit grünen Blättern aus⸗ tapezierten Körbchen nach dem freundlichen Landhauſe mit den grünen Jalouſien und blanken Fenſtern zu tragen. Felicitas wußte dann für die Ueberbringer ſolcher Liebesgaben für Jeden ein freundlich Wort. Sie erkundigte ſich theilnehmend nach Eltern und Kindern, die ſie faſt alle perſönlich kannte. Sie vepſprach, recht bald ſelbſt zu kommen und ſich für die ſchönen Blumen oder Früchte, deren Schönheit und Güte ſie nicht genug loben konnte, zu bedanken. So kam 91 es, daß Niemand ohne Herzensfreude das freundliche Landhaus verließ. Ja, Felicitas führte ihren ſchönen Namen„Fee des Thals“ nicht vergebens. Sie war nicht blos wohlthätig in Folge ihres weichen Herzens; ſie war auch wohlthätig mit Klugheit und Weisheit. Wohl⸗ zuthun iſt eine große Kunſt, und dieſe Kunſt verſtand die edle Frau im ſchönſten Sinne des Worts. Wenn ihr menſchliches Elend oft in abſchreckender Geſtalt vor Augen trat, ſo warf ſie nicht, um nur des unangenehmen Anblicks ledig zu werden, eine Gabe hin; nein, ſie blickte dem Unglück tiefer in das Auge und forſchte, ob Heilung möglich und, war ſie es nicht, ſuchte ſie nach Kräften zu lindern. Sie ließ nicht blos durch ihre Dienerſchaft Nahrung und Kleidung— Geld gab ſie nur in ſeltenen Fällen— in arme Familien tragen, ſie ging ſelbſt in die ärmſte Hütte und überzeugte ſich durch den Augen⸗ ſchein, wie am Zweckmäßigſten zu helfen ſei. Sie frug auch nicht, ob Dieſer oder Jener, der durch eigenes Verſchulden in's Unglück gekommen, ob er ihrer Wohlthat auch würdig ſei; die Noth war da, die Noth ſchrie zum Himmel, und Felicitas half. Was aber dem Wohlthun der edeln Frau die Sternenkrone aufſetzte— ſie gab nie mit„Gnade“, ſondern mit Liebe; ſie gab nie mit vornehmer Herablaſſung, ſondern mit ſchweſterlicher Theilnahme; denn ſie war verklärt von der Lehre unſers Heilands Jeſu Chriſti. Ein ſolches Wohlthun konnte denn auch nur von reichem Segen begleitet ſein. Felicitas erwarb ſich Vertrauen. Sie ward nicht wie eine Herrin, ſondern wie eine Mutter verehrt und geliebt, und als ſolche 92 erwarb ſie ſich größern Einfluß, als wenn ſie ſelbſt Herrin des Thals geweſen wäre. Sie verlangte aber für ihre Liebe und ihr Wohl⸗ thun auch Gegenbeweiſe von Liebe und Erkenntlichkeit. Wohnungen, die früher voll Schmutz und Unreinlich⸗ keit, ſo daß ſie eher dem Aufenthaltsorte von Thieren glichen als dem von Menſchen, ſie wurden nach und nach reinlicher, netter, wohnlicher. Kein Kind, und war es noch ſo arm, durfte in nachläſſiger oder zerriſſener Kleidung oder unſauber vor Felicitas erſcheinen. In den Hütten, die ſie beſuͤchte, mußte Gottesfurcht und Gottvertrauen wohnen. Rohe Läſter⸗ reden, Flüche und Verwünſchungen, wie man ſie bei den ungebildeten Thalbewohnern früher ſo oft ver— nahm, ſie verſtummten allmählich. Der Gedanke an Felicitas, daß ſie es nicht gern höre, wirkte oft wie ein Wunder ſelbſt auf das härteſte Gemüth. Und alle dieſe Opfer der Gewohnheit, Trägheit und Rohheit, man brachte ſie gern und freudig, ohne alle Anſtrengung, denn man brachte ſie aus— Liebe. Ja, wer Liebe ſäet, wird Liebe ernten. Alſo bereitete ſich Felicitas ihren Himmel auf Erden. Und doch ſollte auch dieſer Himmel nicht ganz unge⸗ trübt ſein. Ein Ton war es, der fort und fort und mit leiſem Weh ſelbſt oft in den glücklichſten Stunden weinend durch ihr Herz zog. Eine heiße Sehnſucht, die nie Erfüllung fand; eine geträumte Glückſeligkeit, die nie zur Wahrheit ward; ein Reichthum von Liebe, der ſchweigend und trauernd in der Bruſt ruhte, weil er nie Erwiderung fand— kein lächelnd Kindlein erfreute das einſame Mutterherz. Wenn auch Filicitas, obwohl mit ſchwerem Herzen, für ihre Perſon auf das erträumte Glück verzichtet 93 hätte, ſo war ſie doch wahrhaft unglücklich, ſobald ſie ihres Gatten gedachte. Obwohl dieſer in zarter Rückſicht es nie ausſprach und im Gegentheil ſtets ft ihr liebreich Troſt ſprach, ſo lehrte ſie doch ihr feiner weiblicher Inſtinct, wie glücklich Georg ſein würde, wenn ihm ein holdes Kind heraufblühte, in welchem er ſeine Tugend, ſeinen reichen Geiſt, ſeinen edeln 94 „ Sinn niederlegen und pflegen— ein holdes Kind, das ihm, wenn das Alter ſein Haar gebleicht, den eigenen ſchönen Jugendtraum zurückführen könne. Und von Jahr zu Jahr ward die Hoffnung ſchwächer in der Bruſt des edeln Weibes; aber die Liebe, die unerfüllte Sehnſucht blieb dieſelbe. Das war die Wolke, die an ihrem Himmel ſtand. Ach, wie oft konnte ſie Stunden lang ſitzen in den Hütten der Armuth und ſich erquicken in den Aeußerungen der mütterlichen und lindlichen Liebe in den kindergeſegneten Familien. Wie liebte ſie die Kleinen, wie ward auch ſie von ihnen geliebt. Wie ward ſie jubelnd umringt, wo ſie ſich blicken ließ; wie liebkoſte und ſchmeichelte man ihr; aber mit ſtiller Wehmuth erkannte ihr weibliches Gemüth nur zu bald die ergreifende Wahrheit: die Mutter iſt ihnen doch lieber. Wie vft trat eine Thräne in ihr Auge, wenn ein kleines liebes Mädchen einen Blumenſtrauß brachte oder ein munteres Knäblein ein Körbchen mit ſüßen Früchten, und die Kleinen ſo lieblich aufſchauten und ihre kaum verſtändlichen Worte vorbrachten— wie manchmal trat da Felicitas eine Thräne in das Auge bei dem Gedanken: Wenn wir ſo ein Kindlein hätten! Der gute Georg war unermüdlich in ſanften Tröſtungen. Wenn in einer befreundeten oder be⸗ kannten Familie der Himmel ein geliebtes Kind zu ſich genommen, wie wußte er den Schmerz des gebeugten Vaterherzens und des gebrochenen Mutter⸗ herzens ergreifend zu ſchildern. Wenn er von einem Kinde erfuhr, das ſich verirrt und das nur geboren ſchien, um den Seinen Kummer und Sorge zu bereiten; das alle auf ihn verwendete Liebe nur mit Undank 95 und Liebloſigkeit belohnte, wie beklagte er die tief⸗ gebeugten Eltern. „Sieh', meine Felicitas,“ pflegte er dann zu ſagen,„wer weiß, ob es der Himmel nicht gut gemeint hat mit uns; ob er uns nicht ein ſo großes Herzeleid hat erſparen wollen.“ Und abermals war ein Jahr dahingegangen. Ein reizender Frühlingsmorgen war aufgeblüht. In tauſend Glocken und Kelchen blitzten Diamanten, Rubinen, Smaragden, der himmliſche Brautſchmuck des Morgens. Georg war bereits früh aufgeſtanden und zeichnete in ſeinem morgenſonnlichen, nach den Waldbergen hinausgelegenen Arbeitszimmer an einem Bauplane zu einem neuen, geräumigen und freundlichen Schulhauſe, verbunden mit einer Kleinkinderbewahr⸗ anſtalt— einem längſt gehegten Lieblingswunſche ſeiner Felicitas; wo die Kleinen, wenn die armen Eltern auf der Arbeit und keine Zeit haben Auf⸗ ſicht zu führen, die Kindleins unter freundlicher Aufſicht ſtehen und theils ſpielende, theils nützliche Beſchäftigung finden. Finken und Grasmücken ſchmetterten unmittelbar vor den offenſtehenden Fenſtern, durch welche er⸗ quickende Morgenluft hereinwehte. Georg war ſveben in Betrachtung des herrlichen Naturbildes verſunken, das vor ihm ausgebreitet lag, als die Thür aufging und Felicitas, ſchön wie eine junge Frühlingsroſe, hereintrat. Ihr Geſicht leuchtete in ſeliger Freude. Sie eilte auf Georg zu, und ſeine beiden Hände 96 ergreifend, drückte ſie dieſelben mit ſprachloſer Innig⸗ keit. Endlich begann ſie:„Denke Dir nur, Georg, ich habe einen himmliſchen Traum gehabt. Denke Dir nur, Gott hatte mir ein kleines Mädchen geſchenkt. Es ruhte an meiner Bruſt und blickte mich mit ſeinen blauen Guckäugelein himmelgroß an.“ Georg, der eben kein Traumgläubiger war, gedachte des Sprichworts: Träume ſind Schäume. Aber er wollte die ſelige Stimmung ſeiner Gattin nicht ſtören. Darum küßte er ſie und ſagte in prophetiſchem Tone: „Träume kommen von Gott; drum ſei nicht hoff⸗ nungslos, meine Seele.“ Felicitas erröthete; bei dem Gedanken an dieſe Hoffnung verklärte ſich ihr Antlitz, und in ihr Auge trat eine Thräne, ſchöner, heiliger, himmliſcher als alle Diamanten und Perlen, die draußen in den Glocken der Blumen hängen. Doch ſollte ihr Traum wunderbarerweiſe auf andere Art in Erfüllung gehen. Dem prachtvollen Frühlingsmorgen folgte ein wonniger Maientag. Felicitas, welcher der nächtliche Traum wie ein ſtiller Segen in der Bruſt ruhte, war hinausgeeilt in das Frühlingsthal. An ihrem Arme hing ein Körbchen, gefüllt mit nutzbaren Kleinig⸗ keiten, mit welchen ſie einige arme Familien zu erfreuen gedachte. Sie vertheilte heute in erhöhter roſiger Gemüthsſtimmung ihre Liebesgaben, und kehrte erſt nach Lindenruh— unter dieſem Namen war ihr freundliches Beſitzthum in der ganzen Gegend bekannt— zurück, als die Sonne bereits hoch über den Bergen ſtand und ihre Strahlen ſtechend hernieder⸗ fielen. Felicitas, um im wohlthuenden Schatten zu wandeln, ſchlug den Heimweg durch einen freundlichen 97 Buchenwald ein, der ſich längs dem Abhange eines Baches wie ein grüner Dom dahinzog. An einem ſchönen Frühlingsmorgen durch einen Wald mit ſchattenreichem Laubholz zu wandeln, nichts geht darüber. Dieſer prächtige Finkenſchlag, bald von dieſem, bald von jenem Baume; dieſes reizende Geſchwätz der Grasmücke, und aus den Tiefen des Waldes der Ruf des einſiedleriſch verborgenen Guckucks. In den grünen Aeſten Eichhörnleins munter hin- und widerſpringend; Moos und Gebüſch balſamiſch duftend, mit Thau befeuchtet, Waldeinſamkeit, rings Licht und Dunkelgrün in erquicklicher Abwechſelung— Alles ruhend in ſchönem ſtillen Frieden. Felicitas wandelte glückſelig durch das grüne Paradies, hie und da eine weiße und blaue Wald⸗ blume oder rothe Walderdbeere pflückend. Ihr Körbchen hatte ſich ganz gefüllt, als ſie das Ende des Waldes erteichte. Schon blitzte Sonnengold durch die Baumwipfel, ſchon that ſich die ſonnenreiche Landſchaft vor ihren Blicken auf, als die Aufmerkſamkeit der einſamen Wandlerin durch eine intereſſante Scene in Anſpruch genommen und ihr Schritt gehemmt wurde. Am Ende des Waldes, im wohlthuenden Schatten einer uralten Eiche, im hohen fetten Graſe hatte ſich eine arme Korbflechterfamilie gelagert; eine Mutter mit ſieben Kindern, deren jüngſtes, ein Säugling, ruhig an ihrem Buſen ſchlummerte. Die Familie gewährte den Anblick eines kleinen Zigeunerlagers. Während zwei ältere Knaben be⸗ ſchäftigt waren, am Rande des Waldes Binſen zu ſchneiden, die hier in großer Menge vorhanden waren, vertheilte die Mutter Stückleins von hartem Brote, das Almoſen mitleidiger Landleute. Ein achtjähriges Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. 1V. 98 Mädchen war bemüht, einen alten irdenen Topf mit friſchem Quellwaſſer herbeizuſchleppen, das mit zum Frühſtück diente. Ein kleiner vierräderiger Wagen, in welchem ein zweijähriges Kind ſaß, das ſich, munter in die Händchen klatſchend, den grünen Wald anſchaute, und ein paar noch unverkaufte, im Hinter⸗ grunde des Wägleins aufgeſpeicherte Weidenkörbe war der ganze Reichthum der armen Familie. Mutter und Kinder waren faſt nur in Lumpen gehüllt. Das Frühſtück war das frugalſte, welches es geben konnte. Für die Kleinen mußten freilich die dürren Brotſtücken erſt in Waſſer aufgeweicht werden, während die größeren Kinder mit ihren jungen Zähnen, den Eichhörnchens gleich, die harten Brotrinden zu ver⸗ arbeiten verſtanden. Ein klein wenig Salz vertrat die Stelle der Butter. Das alte Sprichwort: der Hunger iſt der beſte Koch, bewährte ſich auch hier. Das einfache Mahl ward mit Appetit und ſichtbarem Wohlbehagen verzehrt und hatte auch noch das Gute, daß es der kleinen Familie wohl zu bekommen ſchien. Die Kinder, groß und klein, waren alle geſund und munter. Felicitas ſah geraume Zeit aus ihrem grünen Verſteck mit innigem Intereſſe der kümmerlichen Frühſtückſcene zu. Dann trat ſie hervor und redete die kindergeſegnete Mutter freundlich an. Als die Kleinen die ſchöne Dame erſchauten, die ſo plötzlich aus dem Waldesgrün trat, hielten ſie dieſelbe für ein überirdiſches Weſen und verſammelten ſich furchtſam um ihre Mutter. Jetzt erwachte auch der Säugling und blickte mit ſeinen blauen Augen himmelgroß zu Felicitas auf. Dieſer knickten aber beim Anblick des Kleinen faſt die Knie; ein elektriſcher Strahl durchzuckte ihr ganzes Weſen. Das war ja das Kindlein, welches ſie im Traume erſchaut. 99 Dieſelben blonden Härchen, blauen Augen; daſſelbe himmelvolle Aufſchauen. „Wie alt iſt das Kleine?“ frug Felicitas, nachdem ſie ſich in Etwas gefaßt hatte. „Es wird nächſte Woche das halbe Jahr,“ erwiderte die Mutter und drückte einen Kuß auf die Stirn des Kindes, das ſie mit ihren Armen ſanft hin- und herwiegte. Felicitas konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, das Kindlein in ihre Arme zu nehmen. Sie ließ es ſich von der Mutter geben, und daſſelbe ebenfalls hin- und herwiegend, liebkoſ'te ſie es mit mütter⸗ licher Zärtlichkeit. Das kleine Mädchen blickte auch ſo vertrauend zu ihr auf und verhielt ſich ſo ruhig, gleichſam als wiſſe es, von welch' guten Händen es gewiegt werde. Felicitas erkundigte ſich nach den nähern Verhält⸗ niſſen der Korbflechterin. Es waren die allerdürftigſten. Der Vater, ein armer Steinbrecher im Gebirge, war bereits ſeit einem Jahr geſtorben. Er hatte die kleine Marie, ſo hieß das jüngſte Mädchen, nicht mehr gekannt. Die arme Familie war genöthigt geweſen, den Wanderſtab zu ergreifen und theils durch Körbeflechten— der einzigen Kunſt, die ſie erlernt hatte— theils durch Anſprüche an die Barmherzigkeit der Menſchen ihr armſeliges Leben zu friſten. Oft freilich war mancher Abend herabgeſunken, wo Mutter und Kinder wiernd ihr hartes Lager auf irgend einem Boden, in einer Scheuer oder Stalle ſuchen mußten. Doch grämten ſie ſih darüber nicht. Der Mangel war ihr Begleiter von früheſter Jugend an geweſen, und der Hunger hatte für ſie weniger Abſchreckendes, ſobald er nicht zu unerbittlich anklopfte. Auch hatten ſie, ſo weit der Himmel ſt unter 4 7* 100 dem ſie dahinzogen, noch immer gute Menſchen gefunden, die ſich ihrer Armuth erbarmt und die hülfreiche Hand dargeboten. Selbſt manch abgetragenes Kleidungsſtück war ihnen von Zeit zu Zeit menſchen⸗ freundlich gereicht worden. So befand ſich dieſe arme Familie faſt ein Jahr ſchon auf ihrer Wanderung. „Im Sommer geht es,“ erzählte die arme Mutter, „da iſt die Erde ſo warm und die Sonne ſcheint ſo goldig; aber der Winter, der Winter, wenn der Sturmwind eiſig über die Felder weht und der Schnee die Wege bedeckt, daß wir nicht wiſſen, wo die Schritte hinwenden und erſtarren vor grimmiger Kälte!“ „Aber, gute Frau,“ frug Felicitas, die noch immer liebevoll das kleine Mädchen in ihren Armen wiegte,„Ihr könnt doch nicht Euer Lebelang ſo durch dei Welt ziehen. Iſt es denn nicht möglich, daß Ihr in Eurer Heimath einen kleinen Haushalt gründen und Euch auf beſſere Weiſe das Brot erwerben könntet?“ „Nein, liebe gnädige Frau,“ gab die Korb⸗ flechterin mit vieler Reſignation zur Antwort,„das iſt nicht möglich.“ „Jennt mich nicht gnädig,“ ſprach ſanft Felicitas, „kein Menſch, nur Gut iſt gnädig.“ „Unſere Abſicht war Anfangs,“ fuhr die arme Frau fort,„einen kleinen Glashandel anzulegen; auch wollte die alte Muhme meines Mannes das Geld dazu hergeben; aber ein böſer Advocat brachte ſie noch in ihren alten Tagen um all das Ihre. Sie war, als ſie ſtarb, ſo arm wie wir.“ „Ein kleiner Glashandel glaubt Ihr, daß der Euch nähren würde?“ frug Felicitas. „Ein ſolcher, längs der böhmiſchen Grenze, läßt 101 nicht zu Schanden werden,“ antwortete die Frau. „Ja, wenn wir den hätten,“ fuhr ſie fort,„da wären wir glücklich, wollten das Korbflechten gern ſein laſſen und nie aus dem Gebirge herabkommen.“ „Und wie groß wäre wohl die Summe, die Ihr zu Anlegung eines ſolchen Handels bedürftet?“ „Ach Viel, ſehr Viel, liebe gute Dame!“ „Ungefähr?“ „Unter einer Mandel Thaler würde es kaum gehen.“ Felicitas, nachdem ſie dem kleinen Mädchen, das zeither in ihren Armen geruht, noch einen Kuß gegeben, legte es in die Arme ſeiner Mutter zurück. Bei dem Anblicke dieſes Kindes aber und bei den Worten der Korbmacherin leuchtete, wie aus Himmels⸗ höhen, ein Gedanke durch ihre Seele. „Sollte mein Traum ein Wink von Oben ſein?“ frug ſie ſich; und nach längerer Pauſe ſprach ſie mildlächelnd zu der Korbflechterin:„Ihr könntet mir Euer Kindlein hier laſſen, gute Frau; ich ſelbſt habe keine Kinder und würde wie eine Mutter für daſſelbe ſorgen.“ „Die ſchöne Dame will ſich einen Scherz mit einer armen Frau machen!“ „Gewiß nicht,“ fuhr Felicitas lebhafter und wärmer fort;„bedenkt, Ihr habt noch ſo viel Kinder, für die Ihr zu ſorgen habt. Die Kleine bedarf noch gar zu ſehr der Pflege und macht Euch doppelte Mühe. Seid verſichert, ſie ſoll bei mir weit beſſer aufgehoben ſein und ſoll es weit beſſer haben, als es bei Euerm herumziehenden Leben möglich iſt.“ Die Korbflechterin ſchaute noch immer auf, als ob ſie die Worte der fremden Dame für Scherz halte, und lächelte, ohne ein Wort zu erwidern. 102 „Auch würde,“ fuhr Felicitas in ſanftem, aber einem Tone fort, der die Wahrheit ihrer Rede nicht länger bezweifeln ließ,„mein guter Mann, der eben⸗ falls ein großer Kinderfreund iſt, Euch ſo viel Geld geben, daß Ihr einen kleinen Glashandel anfangen und das armſelige umherſchweifende Leben aufgeben könntet.“ Bei dem Worte Glashandel zuckte ein Freuden⸗ ſtrahl über das Geſicht der armen Frau. Der Gedanke an dieſes Glück war zu groß, als daß ſie ihn ganz zu faſſen vermocht hätte. Felicitas, welche den Gemüthszuſtand der Korb⸗ flechterin ſofort erkannte, fuhr in wohlwollendem und ermunterndem Tone fort:„Es iſt mein voller Ernſt, gute Frau. Ich glaube wohl, daß Euch mein Antrag überraſchend kommt; auch ſollt Ihr Euch nicht ſogleich entſcheiden. Ueberlegt Euch die Sache reiflich und wohl. Geht mit Euerm Verſtande und auch mit Euerm Herzen zu Rathe.“ „Dort,“ ſprach ſie nach einer Pauſe,„ſeht Ihr das ſchöne Landhaus, da wohne ich; da kommt hin heut' Mittag mit all Euern Kindern, Ihr ſollt ein gutes Mittagbrot erhalten. Ich gehe jetzt dahin, um es Euch bereiten zu helfen. Da ſprechen wir weiter über meinen Vorſchlag.“ Mit dieſen Worten reichte ſie freundlich der armen Mutter, die noch nicht zu ſich ſelbſt zu kommen vermochte, und den übrigen Kindern, die ſich jetzt vertrauensvoll ihr näherten, die Hand, blickte noch einige Augenblicke lächelnd auf das Kind ihres Traumes und kehrte, die Bruſt von den wunderſamſten Gefühlen bewegt, längs eines grünen Kornfeldes nach Lindenruh zurück. 103 Binnen wenigen Stunden nach der Frühſtückſcene am Waldesrande ward unter Anweſenheit einiger Gerichtsperſonen vom benachbarten Landgericht in aller Form Rechtens einer der ſeltenſten Verträge abgeſchloſſen. Georg war mit Freuden dem Wunſche ſeiner Gattin, die kleine Marie an Kindesſtatt anzunehmen, entgegengekommen. Mutter Martha — von der für ſie außerordentlichen Summe von Funfzig blanken Reichsthalern geblendet— entſagte allen Rechten und Anſprüchen auf ihr Kind. Zugleich erhielt ſie Reiſegeld, damit ſie ohne Sorgen ihre Heimath erreichen konnte. Kinder und Mutter wurden in der Eile nach Kräften ausſtaffirt, freundlich gepflegt, geſpeiſt und getränkt, ſo daß die arme Familie behaupten konnte, in ihrem Leben keinen glücklichern Tag verlebt zu haben. Georg ſelbſt hatte ſtch auf's Pferd geworfen und war in der Gegend nach einer Amme umhergeritten. Alle weiblichen Hände in Lindenruh wurden in Be⸗ wegung geſetzt, Kinderwäſche anzufertigen und ein weiches warmes Bettchen zu bereiten; Felicitas ſelbſt in wahrhaftem Gottvergnügtſein that alles Mögliche, ihrem kleinen Lieblinge den neuen Aufentbalt ſo angenehm wie möglich zu machen. Am andern Morgen trat die kleine Karavane, nachdem ſie noch ein kräftiges Frühſtück eingenommen, und das Wägelein mit Mundvorrath aller Art reichlich gefüllt war, ihre Reiſe nach der Heimath an. Mutter Martha, obſchon ſie ihr Lebelang nicht auf ſo weichem und angenehmem Lager geruht, hatte gleichwohl eine ziemlich unruhige Nacht gehabt. Der plötzliche Glückswechſel auf der einen und die Hingabe ihres Kindes auf der andern Seite erfüllten ihre Bruſt mit den ſich widerſprechendſten Gefühlen. Der 104 Abſchied von ihrer kleinen Marie war eine ergreifende Scene zärtlicher Mutterliebe. Thränen entſtrömten ihren Augen und ſie vermochte ſich gar nicht von ihrem Kinde zu trennen. Erſt nach langem liebevollen Zureden von Seiten Georg's und ſeiner Gattin gelang es, die gebeugte Mutter zu beruhigen und aufzurichten. Nachdem ſie nochmals ihr Kind an's Herz gedrückt und mit Küſſen bedeckt hatte, nahm ſie Abſchied, für die großen Wohlthaten dankend; und bald ſah man die arme Familie mit ihrem Wägelein durch die grünen Kornfelder gen Süden ziehen. Aber je weiter das gaſtliche Dach zurückwich und je ferner ſeine grünen Jalouſien daherſchauten, deſto ſchwerer ward das Herz der armen Mutter. Aller fünf Minuten blieb ſie ſtehen und ſchaute zurück nach dem Hauſe, wo ihr kleiner Liebling zurückgeblieben. Die ältern Kinder, denen der Verluſt des kleinen Schweſter⸗ chens weniger zu Herzen ging, waren bemüht, die weinende Mutter zu tröſten. „Wie gut hat es Mariechen,“ ſprach Chriſtine, die älteſte,„weit beſſer als wir. Denke nur das weiße, weiche Bettchen, in welchem ſie ſchlief, und die ſchöne blaue Stube, worin ſie wohnte, und wie alle Leute ſie ſo lieb hatten.“ Bei ſolchen Worten trocknete ſich zwar Mutter Martha die Augen, aber es währte nicht lange, da blieb ſie wieder ſtehen, ſchaute zurück und von Neuem füllten ſie ſich mit Waſſer. Während aber die arme Mutter mit ihren Kindern trauernd dahinzog, gab es in Lindenruh reges und freudiges Leben. Der neue Ankömmling 105 hielt das ganze Haus in Bewegung. Am glücklichſten war Felicitas. Wie oft nahm ſie die Kleine aus den Armen der Amme und ſchwebte mit ihr tänzelnd und liebkoſend auf und ab. Auch Georg nahm den herzlichſten Antheil und pries den glücklichen Zufall, welcher ſo unverhofft den kleinen Engel in's Haus geführt hatte. Am andern Morgen ſaßen die beiden Gatten in dem mit ſchönen Landſchafttapeten geſchmückten, freund⸗ lichen Frühſtückſalon, von wo man die herrliche Ausſicht über das Thal nach den grünen Waldbergen hatte. Die kleine Marie ſchlummerte noch ſüß in ihrem Bettlein. Bereits hatte Felicitas wiederholt der kleinen Schläferin einen Beſuch abgeſtattet und ſich mit ſtillem, echt weiblichem Entzücken an den unſchuldvollen Zügen des träumenden Kindesantlitzes geweidet. Sie theilte jetzt Georg ihren weißen Cr⸗ ziehungsplan mit, wie ſie dies Kind körperlich, ſittlich und geiſtig herauszubilden gedenke. Sie träumte ſich Marien ſchon als heraufblühendes Mädchen, wie ſie daſſelbe in allem Guten und Schönen mütterlich unterrichten wollte, und war ganz glücklich in dieſen Zukunftplänen, als Katharina, die Wirthſchafterin, etwas betreten in den Salon trat. „Frau Martha,“ berichtete ſie,„ſteht draußen mit verſtörtem Antlitz und beſchwört um Gotteswillen, vor den Herrn und die Madame gelaſſen zu werden.“ Eine Ahnung flog bei dieſen Worten durch Georg's Seele, und von derſelben Ahnung ergriffen, begann Felicitas zu zittern und erbleichte ſichtlich. In demſelben Augenblicke ſchwankte Martha herein. Ihr Auge war ſtarr und thränenlos. Sie ſank, ohne ein Wort zu ſprechen, auf die Knie; die funfzig blanken Thalerſtücke, die ſie in der Schürze 106 trug, rollten dahin auf dem glatten Parketboden, und mit einem Tone, wie ihn nur ein gequältes Mutter⸗ herz hervorzubringen vermag, rief ſie:„Hier haben Sie Ihr Geld, geben Sie mir mein Kind wieder!“ Und nach einer Pauſe: „Ich habe gerungen und gebetet— es half Alles nichts. Ich will arm bleiben— aber geben Sie mir mein Kind wieder!“ Und zu Felicitas gewendet, die unvermögend ein Wort zu erwidern im Sopha zurückgeſunken war: „O Sie himmliſch gute Madam— vergeben 107 Sie— aber Sie haben kein Kind— Sie wiſſen nicht, wie es“— ſie deutete auf's Herz—„hier wehe thut, wenn eine Mutter ihr Kind hergeben ſoll.“ Als der Abend nahte, zog Martha mit der kleinen Marie wieder hinaus in die ferne, fremde Welt. Aus dem liebevollſten, freundlichſten Aſyle ward das Kindlein wieder hinausgetrieben, aller Wahrſcheinlichkeit nach wieder der Armuth und dem Elende entgegen. Zwar hatte Georg, gerührt von der Mutterliebe der armen Frau, die lieber auf eine in ihren Augen außerordentliche Geldſumme, lieber auf die Ausſicht einer glücklichen Zukunft, als auf ihr Kind verzichtet, die funfzig Thaler nicht wieder zurückgenommen, auch verſprochen, der armen Familie ferner zu gedenken, falls ſie ſich ſeiner Wohlthaten würdig erweiſe— gleichwohl blieb das Schickſal des Kindes, dem einen Augenblick lang ein ſo glück⸗ licher Stern geleuchtet, einer nur zu unſichern Zukunft preisgegeben. Lange ſchauten Georg und Felicitas von ihrem Altane der dahinziehenden Mutter nach, die zwar arm an irdiſchem Gut, aber reich an Liebe für ihr Kind, daſſelbe innig an ihre Bruſt gedrückt, wieder mit ſich nahm. Sie blieb oft ſtehen und winkte dankend mit der Hand zurück, bis ſie hinter einem rothblühenden hochaufgewachſenen Kleefelde, um das ſich der Pfad zog, den Nachſchauenden verſchwand. Martha wanderte nach einem unfernen Dorfe, wo ihre Kinder ſie erwarteten. Georg aber umarmte ſein Weib mit der theil⸗ nehmendſten Innigkeit.„Arme Felicitas,“ ſprach er 108 ſanft und küßte eine Thräne von ihrer Wange, „Gott hat es nicht gewollt. Er ſchenkte Dir einen wunderſchönen Traum, aber es ſollte nur ein Traum bleiben. Ach,“ ſetzte er nach einer Pauſe düſter hinzu, „unſer ganzes Leben iſt ja nur ein Traum!“ „Dem ein ſchöneres Erwachen folgen wird!“ flüſterte Felicitas wie von einer Ahnung durchweht und ſchaute lange hinaus in den Frühling, der immer abendlich röther wurde, während die Abendglocken des Thales fromm zu läuten begannen. Und der Traum ſollte zur Wahrheit werden und der höchſte Erdenwunſch Felicitas in Erfüllung gehen. Als die Gipfel der Waldberge ſich herbſtlich zu röthen begannen, die Schwalben auf dem hohen Giebeldache von Lindenruh ihre baldige Abreiſe beredeten und in dem Garten die letzten Georginen ihre Blüthen aufſchloſſen, vertraute Felicitas erröthend ihrem Gatten das ſeligſte Geheimniß ihres Lebens. Wer beſchreibt die Seligkeit der Glücklichen, und doch, — was iſt ſelbſt das höchſte Glück hienieden! Als die erſten Lerchen den nahenden Frühling verkündeten, genas Felicitas eines Mädchens. Doch nur wenige Stunden ſollte ihr hienieden vergönnt ſein, das Glück der Mutter zu empfinden. Der Himmel nahm ſie zu ſich, ſanft, wie ſie gelebt, würdig einer ſchönern Welt. Mit verklärtem Lächeln reichte ſie dem an ihrem Lager niedergeſunkenen Georg die Hand zum Lebewohl für dieſes Leben.— Es war dieſelbe Stunde, wo wieder die Abendglocken durch das Thal hallten, ſo ahnungsvoll, ſo Frühling verheißend. — 109 Ihre jahrelange Sehnſucht war erfüllt, ihr jahre⸗ langes Gebet ward erhört— aber ſie mußte das heißerſehnte und heißerbetete Geſchenk des Himmels mit ihrem Leben bezahlen. Alſo beſtürmen wir armen Sterblichen oft den Himmel um Gaben, die nur zum Verderben uns gereichen. Ja, Vater im Himmel, unerforſchlich, doch weiſe ſind deine Wege! Georg's Kindlein folgte ſeiner Mutter noch am ſelbigen Tage. Wo hätte es auch hienieden eine ſolche Mutter wieder gefunden. Der bejammernswerthe Gatte und Vater war der Verzweiflung nahe. Nach Jahr und Tag war der einſt ſo rüſtige und lebensfrohe Mann kaum mehr zu erkennen. Ein organiſches Bruſtleiden, das lange in ihm geſchlummert, kam zum Ausbruch.— Er ruht bereits ſeit manchem Jahre an der Seite ſeiner Felicitas und ſeinem Kind auf einem ſtillen Friedhofe im Thale der Mulde. Und was iſt aus Martha geworden, dem treuen Mutterherzen, und der kleinen Marie? Georg hatte auf das väterlichſte für die arme Familie geſorgt. So ward der guten Martha das Glück und die Freude, ihre Kinder alle wohlverſorgt zu ſehen und ſie ſelbſt konnte ſich eines ſorgenloſen Lebensabends erfreuen. Marie, der kleine Liebling der Felicitas, war beſonders begünſtigt worden. Durch die Fürſorge Georg's genoß ſie eine ſorgfältige Erziehung; und als die Zeit des Brautkranzes gekommen, war auch für eine ſtattliche Ausſteuer Sorge getragen. Marie lebt noch heut' als die geliebte Hausfrau eines wackern Schulmannes in der Gegend von G. 110 Von Lindenruh ſelbſt iſt keine Spur mehr vor⸗ handen. Sogar der Name iſt verklungen. Aus den Fenſtern, deren grüne Jalouſien einſt ſo freund⸗ lich hinausleuchteten über die geſegneten Fluren, ſ jetzt bleiche Fabrikgeſichter. Wo die alten Linden ihre grünen Arme gaſtlich ausbreiteten, brauſen Dampfmaſchinen, und in dem Garten, wo der Felicitas ſtille Blumen blühten, thürmen ſich Stein⸗ kohlenhaufen, aufgeſpeichert zum„Gebrauch für die zahl reichen Hohöfen. So verweht Alles! Und nur wenn an ſchönen Sommerabenden, nach des Tages Arbeit und Schwüle, die armen Leute v vor ihren Hütten ſitzen, klingt wie eine fromme Sage das Andenken an Felicitas S ihre Geſpräche. Ja, von dieſer Felicitas kann man wohl mit des Dichters Worten ſagen:„Vom Himmel war ſie auf Erden hat ſie gelebt und in den Herzen der Armen war ihr Grab.“ Cin Fraum. Phantaſieſtück. Mnd es war eine trübe, trübe Zeit. In Folge allgemeinen Mißwachſes hatte ſchon ſeit mehren Mon⸗ den großer Nothſtand überhand genommen und der Preis der unentbehrlichſten Lebensmittel ſtieg von Woche zu Woche. Und zahlreiche Wohlhabende und Reiche und ſelbſt weniger Bemittelte erfüllten in ſchö⸗ nem Wetteifer ihre Chriſtenpflicht und waren bemüht, die Leiden ihrer armen Brüder zu lindern und Be⸗ hörden und Obrigkeiten thaten alles Mögliche, das Elend des Volkes weniger drückend zu machen. Aber die Ernte war noch fern und der Nothſtand wuchs täglich höher.* Zu dieſer Zeit lebte in einer großen Stadt ein Mann, den man nur den Sonderling nannte, weil er den Modethorheiten der Zeit wenig huldigte, ob⸗ ſchon es ſeine Vermögensumſtände geſtattet hätten, und der von den Frommen der Stadt für einen Un⸗ gläubigen ausgeſchrieen war, weil er in den Kirchen weniger geſehen ward, als in den Hütten der Armuth, wo er mit ſeltener Unermüdlichkeit Rath Troſt und Hülfe ſpendete. Namentlich war's die neue trübe Zeit, die ſeinem ſchönen Sinne für Wohlthätigkeit große Gelegenheit darbot. Er veranſtaltete Conzerte, Büh⸗ nenvorſtellungen, ließ Schriften drucken, Alles zum Beſten der Hülfsbedürftigen. Immer von Neuem unter⸗ nahm er die Runde bei ſeinen wohlhabenden Mit⸗ bürgern und ließ ſich nicht abſchrecken, wenn die ſo oft Angeſprochenen ihn kühl aufnahmen und kühl ver⸗ abſchiedeten oder ſich auch als abweſend entſchuldigen Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 8 114 ließen. Unſer Sonderling ließ ſich dadurch nicht irre machen. Er wußte, daß leider nichts ſo leicht ermat⸗ tet, als der häufig in Anſpruch genommene Wohl⸗ thätigkeitsſinn. Der Sonderling ſorgte nun, daß in öffentlichen Blättern die herzbrechende Noth der armen Volksclaſſen den Wohlhabenden in wahrheitsgetreuen, ergreifenden Schilderungen an's Herz gelegt würde. Manche Thräne des Mitgefühls trat in das Auge der Leſer und abermals floſſen reichliche Gaben. Aber die Noth ſtieg immer höher. Unſer Sonderling ging hülfeſuchend abermals von Thür zu Thür der Reichen; aber faſt überall erhielt er die Antwort, daß man jetzt nichts mehr thun könne, daß man ſelber für die Seinen zu ſorgen habe, und wie die Ausreden der Art gewöhnlich lauten.„Aber wir können doch unſre eigenen Landsleute nicht verhungern laſſen!“ rief der Mann der Barmherzigkeit mit ergreifender Stimme. Man zuckte die Achſeln.„Wir haben nicht drei, vier Mal,“ hieß es,„wir haben an die zehn Mal gegeben. Jetzt können wir nichts mehr thun. Dem hungern⸗ den Volke ſei Gott gnädig.“ Kopfſchüttelnd ging der Hülfeſuchende von dannen. Am nächſten Tage las man in der Zeitung fol⸗ gende Anzeige: „Einer Anzahl Kunſtfreunden in unſrer kunſt⸗ ſinnigen Stadt iſt es gelungen, nicht nur die erſte Tänzerin, die erſte Sängerin ſondern auch die erſten Clavierſpieler von Europa zu einer Gaſtvorſtellung in unſerm Opernhauſe zu gewin⸗ nen. Jedermann ſieht ein, daß ein höherer Kunſt⸗ genuß einem verehrten Publicum in unſrer Stadt nie geboten worden. Da jedoch das Auftreten dieſer drei europäiſchen Größen mit ſehr großem Koſtenanfwand, wie ſich von ſelbſt verſteht, ver⸗ 115 bunden iſt, ſo hat müſſen der Preis der Plätze um das Vierfache erhöht werden.“ Lange hatte nicht eine Kunſtanzeige, namentlich unter dem gebildeten Publikum, eine größere Senſa⸗ tion hervor gebracht, als die vorſtehende. Wie es immer zu gehen pflegt, man raiſonnirte über alle Maßen, daß in ſo bedrängten Zeiten ſolche Summen für bloßen Sinneskitzel vergeudet würden, aber man brach ſich nichts deſtoweniger die Hälſe um ein Billet. Bin⸗ nen vierundzwanzig Stunden war kein Billet mehr zu haben. Es traten Agenten auf, welche förmlichen Handel mit Billets trieben und auf dieſe Weiſe den Preis eines Sperrſitzes bis auf die enorme Höhe von mehren hundert Gulden ſteigerten.*) Nach Verlauf einer halben Woche erſchien der große Tag der Vorſtellung. Alles was die Haupt⸗ ſtadt an Reichthum, Glanz und Schönheit aufzubieten vermochte, war in dem herrlichen Raum des Opern⸗ hauſes wie in einem Feeentempel vereinigt. Tauſendfach ſtrahlten die Flammen des Kronleuchters, von den Diamanten und Perlen zurückgeworfen, womit die erſten Geſchlechter des Landes bedeckt waren. Es war eine Pracht und Herrlichkeit, wie ſie ſeit langen Jahren nicht war erlebt worden. Aber plötzlich ward es dunkler, der Kronleuchter zog ſich in die Höhe, die Proſceniumlampen verſanken, eine unheimliche Stille verbreitete ſich durchs ganze Haus und in dem Raum des Orcheſters erſchienen vier Männer mit Poſaunen und ſpielten einen Choral in drei Abſätzen, ernſt und feierlich, aber es klangen dieſe Töne wie die Poſaunen des ewigen Gerichts. *) Derſelbe Fall kam unlängſt in Wien beim Gaſtſpiel Jenny Lind's vor. 116 Und der Vorhang rauſchte in die Höhe und das Thea⸗ ter zeigte eine der ärmſten Gegenden des hohen Ge⸗ birges, und am Wege lag— ein verhungertes Kind. Und aus dem Hintergrund der Bühne ſchritt lang— ſam, wie ein Geſpenſt, die hohe Geſtalt des Sonder⸗ lings und auf das Kind weiſend ſprach er: „Dieſer Fall iſt vorgekommen in unſerm Vaterland vor wenigen Tagen, in unſerm Vaterland, das an Geſittung, Fleiß und Edelſinn keinem Land der Erde nachſteht. Dieſer erſchütternde Fall ſoll gerade kein Vorwurf für Sie ſein, denn Sie haben in der letzten Zeit Tauſende von Thränen getrocknet, Tauſende von Hungernden geſpeiſt; aber eine Mahnung ſoll es für Sie ſein, daß in großen Prüfungen, die Gott über uns verhängt, vor Allem die Barmherzigkeit nicht ermatten darf, und wäre ſie noch ſo oft in Anſpruch genommen worden“. „Daß der Fall in unſerm Vaterland nicht wieder vorkomme haben Sie ſelbſt dazu beigetragen, denn die Einnahme des heutigen Tages übertrifft Alles, was in den Annalen der Theaterwelt je dageweſen, weil ich durch meine Agenten den Preis der Billete zu einer außerordentlichen Höhe ſteigern ließ. Dieſe heutige Einnahme überſteigt ſogar die Summe, welche auf dem Wege der öffentlichen und privaten Wohlthätigkeit zum Beſten der Armen während des ganzen Winters zuſammengekommen iſt. Sie reicht ſonach hin, unſere Landsleute wenigſtens in den näch⸗ ſten Monaten vor den Hungertode zu ſchützen. Weiter⸗ hin wird Gott helfen! Sie ſehen aber hieraus, wie leicht Großes zu vollbringen, wenn nur der gute Wille vorhanden iſt“. „Alle Mittel, zu Ihren Herzen zu ſprechen, hatte * 17 ich erſchöpft; alle Wege war ich gegangen. Und gleich⸗ wohl ſtieg die Noth höher als je, war die Hülfe dringender als je. Der Hungerstod dieſes Kindes, das man am Wege gefunden, ward mir in dieſen Tagen geſchrieben. Da durchzuckte es krampfhaft mein In⸗ neres und ich wagte das Außerordentliche, in dem Vertrauen, daß Gott die Herzen der Menſchen lenkt.“ „Sie werden alſo heute weder die erſte Sängerin, noch die erſte Tänzerin, noch den erſten Clavierſpieler zu ſehen und zu hören bekommen, aber dieſes ver⸗ hungerte Kind wird wie eine Stimme Gottes gewaltiger zu Ihnen ſprechen, als es je die Kunſtleiſtung eines Künſtlers vermag. Bedenken Sie, ein einziger Tropfen von dem Meere der Pracht und des Reichthums, den ich da vor mir ausgebreitet ſehe, wäre hinreichend geweſen, dieſes Kind, anſtatt daß es qualvoll ſterben mußte, eben ſo heiter lächeln zu laſſen, wie Ihre Klei⸗ nen lächeln werden, wenn Sie von hier nach Ihrer Wohnung zurückkehren.“ „Von der eingegangenen großen Summe werden ſchon morgen große Einkäufe an Getreide und Kar⸗ toffeln geſchehen und dieſe Früchte ſchleunigſt vertheilt werden, um die dringendſte Noth zu lindern. Oeffent⸗ liche Rechnungsablegung folgt ſpäter. Sollte Jemand ſein Eintrittsgeld zurückverlangen, ſo werde ich es zu⸗ rückzahlen.“ Der Sprecher hatte geendet. Minutenlang ruhte ein Todtenſchweigen über dem überfüllten Haus, kein Athem regte ſich. Dann erhab ſich ein leiſes Gemur⸗ mel, das immer mächtiger anſchwoll und endlich wie Brauſen des Meeres in einem unbeſchreiblichen be⸗ geiſterungsvollen Zuruf für den edlen Menſchenfreund ausbrach. Nie war ein Theaterpublikum tiefer er⸗ ſchüttert, nie mehr ſittlich erhoben; aber auch nie war eine überwältigerende Tragödie über die Breter ge⸗ gangen. Selbſt der Leichtſinnigſte, der Frivolſte ver⸗ ließ das Opernhaus, wie man ein Gotteshaus verläßt; und Mancher, der früher Willens geweſen, nach dem Theater ein Spiel zu machen, oder reichen Tafelfreuden unter dem Klange von Champagnergläſern zu huldigen, er gedachte des verhungerten Kindes und hielt es für Sünde, und ſchickte die ſo erſparte Summe am nächſten Morgen dem Sonderling; und mancher Familienvater, als er nach Hauſe kam und ſeine Kinder ihm freudig entgegen ſprangen, er gedachte des verhungerten Kin⸗ des und drückte ſeine Lieblinge inniger ans Herz, und ging eine Thräne im Auge, an ſein Bureau, wo der Aufruf der Armencommiſſion lag und zeich⸗ nete eine namhafte Summe. Und manche Mutter, als ſie nach Hauſe kam, ſie gedachte des verhungerten Kindes und küßte ihren Säugling mit einer Liebe, wie ſie nur ein Mutterherz kennt. Dann legte ſie ihn in ſein Bettchen und ging an einen Schrank, wo ſie ein Geldpaket heraus nahm. Es war für einen großen Thee in nächſter Woche beſtimmt— am näch⸗ ſten Morgen wanderte es zum Sonderling. Durch dieſen Frühling, den der edle Menſchen⸗ freund durch eine einzige große That in den Herzen von Tauſenden entzündet— und nur das Herz vermag Großes zu vollbringen— gelang es, den vom Hunger bedrängten Familien ſo lange die rettende Hand zu reichen, bis Gott wieder ſeine Halme reifen ließ zu einer geſegneten Ernte. ———————— Die Quadratur des Zirkels. Ein Scherz. Es ſcheint eine ſehr alte Marotte des Weltgeiſtes zu ſein— ſchon der Babyloniſche Thurmbau erzählt davon— daß er(der Weltgeiſt) ſturmesgleich durch die Bewohnerſchaft von Städten und Familien ſtreift und nach Verlauf von wenigen Jahren den Einen da⸗, den Andern dorthin verſtreut. Gedenken wir nur, wie wir in Tertia ſaßen— alles Kinder einer Stadt— wo iſt ſie hin die zahlreiche Schulkamerad⸗ ſchaft? Halten wir's doch nach einer Reihe von Jahren ſchon für ein Glück, mit einem alten Comilito zuſammenzutreffen und uns der alten Zeit zu erinnern, jener herrlichen Flegeljahre, wo die Reime auf„Liebe“ und„Hiebe“ in ſo roſenrother, oft auch dornenvoller Wahlverwandtſchaft ſtehen. Indeß keine Regel ohne Ausnahme. Ein Beweis davon ſind die vier Knäbleins, welche in den letzten achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts — auch das philoſophiſche Jahrhundert genannt— in einer Mittelſtadt der Mark, faſt in derſelben Straße geboren, mitſammen dieſelbe Schule und Univerſität beſuchten und, nach glücklich beſtandenem Eramen, die Verwaltung ihrer Güter übernahmen, von welchen keins weiter als eine Stunde von dem andern entfernt lag. Die Namen unſerer vier Helden ſind: von Friſak, von Vegeſak, von Paſewalk und von Müller. Ein abermaliger Beweis, daß, wenn vier Deutſche zuſammenkommen, und wären es Ucker⸗ märker, in der Regel ein„Müller“ darunterſteckt. 122 Was die politiſchen Anſichten dieſer vier Herren anbelangt, ſo waren drei davon— wie es einem märkiſchen Rittergutsbeſitzer zukommt— äußerſt conſervativ, und nur der Vierte, Herr von Paſewalk, galt für einen Wühler, weil er gegen das Engliſiren der Pferde und gegen das Nudeln der Gänſe ſich wiederholt energiſch ausgeſprochen hatte, Anſichten, die von den übrigen Dreien für gefährliche Neuerungen erachtet wurden. Wegen ſeiner thierfreundlichen Geſinnungen ſtand aber Herr von Paſewalk beim Volke ſehr gut angeſchrieben. Er galt für einen Liberalen und ward daher auf den conſtituirenden preußiſchen Landtag gewählt. Aber auch unter den drei conſervativen Herren fanden unterſchiedliche Meinungsverſchiedenheiten ſtatt, die, obſchon nicht politiſcher Natur, oft zu heftigen Kämpfen führten. So war z. B. Herr von Friſak Homöopath, Herr von Vegeſak Allopath, Herr von Paſewalk leidenſchaftlicher Vertheidiger der Stoppelhuthung, von Müller eben ſo hart⸗ näckiger Vorkämpfer für die Stallfütterung. Alsdann war wieder Herr von Vegeſak Claſſiker, Herr von Paſewalk Romantiker. Auch was die Jagd anbelangte, herrſchte große Meinungs⸗ verſchiedenheit, namentlich zwiſchen Friſaken und Müllern. Friſak erklärte den Haſen für ein äußerſt „geſcheutes Vieh“, Müller nannte ihn geradewegs einen„dummen Kerl“. Zeder hatte im Laufe der Jahre eine Menge Beweiſe für ſeine Anſichten zuſammengebracht. Doch trotz dieſer verſchiedenen Anſichten und trotz manchen hartnäckigen Streites, der dies Vierblatt oft in Eifer und Harniſch verſetzte, lebte man in Fried und Freundſchaft; und da eben dieſe vertraute 123 Seee gleichſam den Ring bildete, der er Ecken vereinte, ſo nannte man ſich ſch v Quadratur des Zirkels. Wie verſchieden aber auch die Anſichten und Meinungen unſeres Vierblatts in artiſtiſcher, land⸗ wirthſchaftlicher und mediciniſcher Hinſicht zu⸗ weilen auseinanderliefen— in zwei Punkten war die Quadratur des Zirkels vollkommen, da reichte Einer dem Andern verſtändnißinnig die Hand, da fand vollkommen Harmonie ſtatt— dieſe zwei Punkte waren erſtens ein gutes Diner und zwbiten⸗ in ſtaatsbürgerlicher Hinſicht, Ruhe und L Ordnung im Lande. Daher ihnen denn, was den zweiten Punkt anlangte, das Inſtitut der Polizei, welches auf Ruhe und Ordnung haupt⸗ ſächlich ſein Augenmerk gerichtet hat, in wahrhaft verehrungswürdigem Glanze erſchien. Um dem erſten Punkte, ein gutes Diner, ſo recht con amore Genüge zu leiſten, hatte man bereits ſeit einer Reihe von Jahren eine recht beherzigenswerthe Einrichtung getroffen. Obſchon man alle Wochen einmal bei dieſem oder jenem der Vierlinge zum frugalen Mittag- oder Abendbrot zuſammenkam, und den neu angekommenen Rheinlachs oder Caviar, ſo wie die unterſchiedlichen Weinſorten einer gewiſſenhaften Prüfung unterwarf, ſo feierte man außerdem noch alljährlich vier Hauptfeſte, welche, ganz, Gegentheil zu den politiſchen Zweck⸗ eſſen, Zweckeſſen in vollſter Bedeutung des Wortes genannt zu werden verdienten, denn nicht Politik oder Wohlthätigkeit waren bei dieſen Gaſtmahlen der Zweck, ſondern das Eſſen ſelbſt. Man konnte ſie daher mit vollem Rechte abſolute Zweckeſſen nennen. Die Zeitpunkte dieſer Gaſtmahle waren ſehr 124 gewiſſenhaft in dem Kalender verzeichnet und fanden regelmäßig zu Frühling-, Sommer-, Herbſt⸗ und Winteranfange, alſo allemal den ein⸗ undzwanzigſten März, Juni, September und December ſtatt. Die Quadratur des Zirkels nannte dieſe Hauptmahlzeiten ihr Quartal, wie viele Handwerker ebenfalls ihr Quartal durch etwas Genieß⸗ bares feierlich begehen. Dieſe Quartalmahlzeiten waren aber für unſere Viermänner ein wahrer Ehrenpunkt, und Jeder, an dem die Reihe des Quartals war, ſuchte durch irgend eine neu entdeckte Leckerei die Andern auszuſtechen. Beim jedesmaligen Winterquartale ward alsdann abgeſtimmt, welchem von den Vieren als Gaſtgeber für das abgelaufene Jahr der Preis zuzuerkennen ſei. Dieſer Preis beſtand jedesmal in einem prakti⸗ ſchen, den Comfort erhöhenden Luxusgegenſtande, z. B. ein Schlafſeſſel, wo man durch ein im Innern verborgenes Flötenſpiel ſanft in Schlummer gewiegt wird und das zu muſiciren anfängt, ſobald der Eigenthümer darauf Platz genommen. Oder eine Theemaſchine, wo man blos Waſſer einzufüllen braucht und in Zeit von fünf Minuten den koſtbarſten Thee und nach weiteren fünf Minuten den deliciöſeſten Punſch erhält. Der Preisgewinner genoß aber außer dem Preiſe noch einige andere Bevorzugungen. Er erhielt für das nächſte Jahr den Titel Majeſtät und mußten ihm bei dem Quartaleſſen ſtets zuerſt die unterſchiedlichſten Gänge präſentirt werden. Man kann ſich denken, daß von unſern Viermän⸗ nern jeder ſich dem ungetheilteſten Nachdenken hingab und keine Koſten ſcheute, um, wenn das Quartal bei ihm war, mit etwas ganz Ausgezeichnetem und noch nie Dageweſenem vorzufahren. So war es 125 Herrn von Friſak durch ſeine überſeeiſche Verbindungen gelungen, durch eine auserleſene Fiſchart der Südſee und vermittelſt der Virtuoſität eines Hamburger Kochs nicht weniger denn dreimal die Majeſtät und den geheimen Neid ſeiner Freunde zu erringen. Dieſe Quartalmahlzeiten waren eine lange Reihe von Jahren in ungetrübter Ruhe und Heiterkeit abgehalten worden. Weder die Julirevolution, noch die polniſche Revolution, noch die ſpani⸗ ſchen Heirathen hatten irgend eine Störung auf dieſe geregelten Zweckeſſen hervorzubringen vermocht da kam das böſe Jahr 1848, welches die Grund⸗ feſten Europa's erſchütterte, und übte ſeinen zerſtörenden Einfluß auch auf unſere friedlich geſinnte Quadratur des Zirkels und hauptſächlich auf deſſen Quartal⸗ mahlzeiten. Man höre und erſtaune! Bereits Mitte Februar 1848 ſah man Herrn von Vegeſak, welcher für den 21. März an der Reihe war, auf ſeinem Schloſſe ſehr tiefſinnig auf- und abſchreiten. Man ſah ihn oft Briefe erhalten und Briefe abſenden. Er ſtand mit Paris in Correſpondenz, aber nicht wegen des Reformbankets, ſondern wegen ſeines Quartalbankets. Herr von Vege⸗ ſat, gegen ſeine Gerichtsunterthanen ohnehin ein geſtrenger Herr, war während dieſer Februarzeit, wo er den Kopf ſo voll Nachdenken hatte, noch weit gereizter. Holz- und Wilddieben dictirte er doppelte und dreifache Züchtigung, und ſeine Diener⸗ ſchaft vermochte es während dieſer Zeit kaum bei ihm auszuhalten. Endlich verklärte ſich ſein Antlitz. Er hatte vom Fürſten Pükler-Muskau das Recept zu einer neuentdeckten Sauce für wilden Schweinskopf und von Herrn la Fleur 126 aus Paris die Ingredienzien zu einer Soupe à la Reine erhalten. Die Februarrevolutivn brach aus. Louis Philipp mußte entfliehen, die Republik wurde proelamirt. Herrn von Vegeſak ließ dies Alles ſehr gleichgültig, der wilde Schweinskopf und die Soupe à la Beine waren die beiden Zauberlichter, welche ihn alles Andere vergeſſen machten. So gewahrte er auch nicht, wie unter ſeinen eigenen Unterthanen der Geiſt der Unzufriedenheit in neueſter Zeit ſich kundgab. Bereits mehrere Tage vor dem berühmten 21. März ſchritt Herr von Vegeſak, ein zweiter Tyrann von Syrakus, durch die Gemächer und Küchen ſeines Schloſſes, um für das Quartaleſſen Alles vorzubereiten und in beſten Stand zu ſetzen. Zwei nachläſſige Küchenjungen ließ er bei dieſer Gelegenheit im Hofe öffentlich durchprügeln. Dieſe harte Beſtrafung vermehrte aber die aufgeregte Stimmung unter den Bewohnern des Dorfes Vegeſak und Umgegend. Der Mirabeau von Vegeſak, der Pferdner Zippeltitz, benutzte die Küchenjungen⸗ Abprügelung, um den Aufruhr zu hellen Flammen anzublaſen. Die Verſchworenen, Zippeltitzen an der Spitze, beſchloſſen, den 21. Abends dem Herrn von Vegeſak die Fenſter einzuwerfen, nöthigenfalls das Schloß zu ſtürmen und zu demoliren. Obſchon man Herrn von Vegeſak auf die bedenk⸗ liche Stimmung der Bauern aufmerkſam gemacht und ermahnt hatte, Vorſichtsmaßregeln zu ergreifen, ſo ſtak dem Geviereten doch viel zu ſehr der wilde Schweinskopf und die Soupe à la Beine im Kopfe, als daß er andern Gedanken hätte Raum geben ſollen. „Laßt mich ungeſchoren mit Eurem Geſchwätz,“ hatte er wiederholt gerufen, ſobald ſich eine Warnungs⸗ 127 ſtimme hatte vernehmen laſſen,„der Herr von Vegeſak muß ſeine Bauern beſſer kennen.“ So kam endlich der erſehnte 21. März, die pompöſe Quartalabfütterung, heran. Bereits in den erſten Nachmittagsſtunden hatte ſich die Quadratur des Zirkels eingefunden, denn dem Diner, welches nach franzöſiſcher Sitte erſt um ſechs Uhr begann, pflegte in der Regel ein Lhombre voranzugehen, wo der Gaſtgeber gewöhnlich das Geld verlor; denn er hatte da mehr zu denken, als an Spadille und Manille. So auch diesmal. Bei der Cveurdame dachte Herr von Vegeſak diesmal an die Soupe à la Reine und beim Piquebuben an den wilden Schweinskopf mit der Sauce vom Fürſten Pükler⸗ Muskau, wodurch er unſterblichen Ruhm zu erwerben hoffte. Ja, wenn Zippeltitz nicht geweſen wäre; aber Zippeltitz hatte fortgewühlt; und als die Lichter zum Diner angebrannt wurden, war Alles zur Vegeſater Emeute fix und fertig. Die Quadratur des Zirkels hatte im Speiſe⸗ ſaal Platz genommen; mehrere kleine leckerhafte Vorpoſtengefechte waren bereits geliefert worden, als ſich Herr von Vegeſak mit feierlicher Miene erhob und alſo zu ſprechen begann: „Werthgeſchätzte Freunde, insbeſondere hoch⸗ zuverehrende Herren Eßgenoſſen! Auf dem Wege der Diplomatie iſt mir's diesmal gelungen, bis in die innerſten Geheimniſſe der Küche Ihrer Majeſtät der Königin von Großbritannien und Irland ein⸗ zudringen und ich bin, allerdings durch einen beiſpiel⸗ loſen und überaus koſtſpieligen Verrath, wie er in der Diplomatie nur ſelten vorkommt, zu der Abſchrift des Recepts einer Suppe nebſt den dazu gehörigen 7 128 Ingredienzen gelangt, einer Suppe, meine hoch⸗ zuverehrenden Eßgenoſſen, die Ihre britiſche Majeſtät bereits nach dem dritten Löffel für Ihre Lieblings⸗ ſuppe zu erſtinn geruht haben.“ Herr von Vegeſak läutete nach dieſen Worten, die Flügelthüren thaten ſich auf und von einem Diener in Feiertagskleidern getragen, dem zur Erhöhung des feſtlichen Moments zwei andere dienſtbare Geiſter folgten, dampfte eine mächtige Pozellanterrine herein. „Setze ſie auf jenen Schenktiſch, Jacques,“ gebot der Herr von Vegeſak. Nachdem dies geſchehen, wandte ſich der Gaſtgeber wieder zur Tafelrunde und begann:„Hier, meine Freunde, in dieſer Terrine dampft ein Fluidum, dem ſich auf dem ganzen Continente kein zweites an die Seite ſtellen kann. Es iſt eine der großartigſten Erſcheinungen der Kochkunſt, denn Ihre Majeſtät die Königin von Großbritannien und Irland haben dieſe Suppe, nachdem Sie drei Löffel davon genoſſen, ſofort für Ihre Favorite erklärt; weshalb denn auch das edle Compoſitum den be zeichnenden Namen Soupe à la Reine erhalten hat. Jacques, theile uns jetzt aus der gebenedeiten Terrine mit; Herr von Friſak bekommt bekanntlich zuerſt.“ Sämmtlichen Tiſchgenoſſen lief bei dieſen ver⸗ heißenden Worten des Herrn von Vegeſak das Waſſer im Munde zuſammen. Der Zufall wollte es aber, daß Zippeltitz dieſen feierlichen Moment zum Angriff gewählt hatte. Denn in demſelben Augenblicke, als Jacques die Suppen⸗ kelle ergriff, um ſie in die unvergleichlich duftende Fluth zu verſenken, kam ein gewaltiger Fflaſterſtein durch's Fenſter und traf ſo glücklich die Terrine, daß ſie in mehrere Stücke zerſprang und die edle 129 Soupe à la Reine den Fußboden tränkte. Zugleich erhob ſich wildes Gebrüll im Hofe und die Vegeſaker nebſt der Banlieu begannen zu ſtürmen. Man denke ſich den Schrecken und das Entſetzen der Quadratur des Zirkels. Einer rannte gegen den Andern. Herr von Vegeſak behielt wenigſtens ſo viel Geiſtesgegenwart, daß er fortwährend der flüchtenden Dienerſchaft zurief:„Um Gottes willen,. rettet nur den Schweinskopf, nur den Schweinskopf rettet!“ Aber der Schweinskopf mit ſammt der Sauce des Fürſten Pükler⸗Muskau befand ſich bereits im glücklichen Beſitze Zippeltitzens und ſeiner Genoſſen, welche ſich das ungewohnte Gericht außerordentlich nvhiſchnn ließen. Herr von Müller war noch der Muthigſte von der Quadratur des Zirkels. Er ſprach von Gegen⸗ wehr und rief fortwährend:„Aber, mein Gott, iſt denn keine iſt denn keine Polizei da? Wo bleibt denn die Gensd'armerie, wo bleibt die Polizei?“ Dem Vierblatt blieb zuletzt Nichts übrig, als durch eine Hinterthür die Flucht zu ergreifen. Man erreichte zu Fuß das zunächſt gelegene Schloß des Herrn von Friſak, wo man ſich von dem gehabten Schrecken erholte, zugleich aber auch in ein Zeter⸗ mordiv ausbrach ob der rebelliſchen Zeit, und den allgemeinen Wunſch ausſprach, daß die Polizei auf dem Lande beſſer organiſirt werde. Die Bauern von Vegeſak und der Vegeſaker Banlieu gehörten übrigens noch zu den gutmüthigen Rebellen. Sie begnügten ſich mit dem Genieß⸗ baren, was im Schloſſe zu finden war, ohne ſich an dem übrigen Eigenthum zu vergreifen oder ſolches Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 9 130 ₰ zu zerſtören. Als Herr von Vegeſak den nächſten Tag unter Gensd'armeriebegleitung ſeine Rückkehr feierte, fand er Alles im alten Stande, nur den Küchen- und Kellervorräthen war tüchtig zugeſprochen worden, wobei ihn freilich der wilde Schweinskopf und die Sonpe à la Reine, beides koſtbare Cabinet⸗ ſtücke, die ſobald nicht erſetzt werden konnten, am meiſten ſchmerzten. Herrn von Friſak, welcher das Sommerquartal⸗ diner zu liefern hatte— Vegeſaken erließ man natürlich die Herbeiſchaffung eines anderweitigen Schweins⸗ kopfes— kam übrigens die Emeute des 21. März gar nicht ungelegen, obwohl er kein Freund vom Rebelliren war. Er hatte nicht ohne Grund befürchtet, daß Vegeſak's Schweinskopf und die Victoriaſuppe ſeinem damaligen Königthum einen bedeutenden Stoß verſetzen würde. Jetzt hatte er die Hoffnung, mit ſeinem Truthahn à la Bu-Maza recht leidliche Ge⸗ ſchäfte zu machen. Sollte der Truthahn ja nicht durchdringen, ſo hoffte er ſeine Gäſte zum Deſert mit Granatäpfel aus Kabul ſiegreich zu bom⸗ bardiren. Der Truthahn ſollte erſt Breſche machen und die Granatäpfel die Eroberung ſicherſtellen. Aber unheilvolles Jahr 1848, das du den Gutſchmeckern und fetten Bäuchen ſo unhold und das du nur leere Proletariermagen in den Vorder⸗ grund ſtellteſt! Auch Herr von Friſak, die zeit⸗ weilige Majeſtät, ſollte mit ſammt dem Truthahn à la Bu-Maza und den goldenen Granatäpfeln deinen revolutionären Launen unterliegen. Wieder ſaß die Quadratur des Zirkels am 21. Juni beim Lhombre; wieder verlor Herr von Friſak ſein Geld, weil ihn der Gedanke an den Truthahn und die Granatäpfel die feinen Nüancen 6 * 131 des Spiels unbeachtet ließen— da tönte plötzlich dumpfer Pnneitn vom Dorfe her und mehrere hundert Stimmen ſangen: Schleswig⸗Holſtein, meer⸗ umſchlungen! „Mein Gott, was iſt denn das?“ rief Herr von Friſak, von einer böſen Ahnung ergriffen, und Herr von Müller meinte,„das ſei ein ganz polizei⸗ widriges Gebrülle.“ In demſelben Augenblicke ſtürzte der Küch henmeiſter mit kreideweißem Geſicht in's Zimmer.„Herr des Himmels,“ rief er,„es ſind Bummelburger Frei⸗ ſchaaren, die in Schleswig-Holſtein mitmachen wollen. Der Wirthſchaftschef, ein Schneider aus Meſeritz, hat bereits die Küche ſrutegich beſetzt und appellirt an den Putriptismu des gnädigen Herrn.“ „Er ſoll an ſonſt was appelliren!“ ſchrie Herr von Friſak zornentflammt. „Die Freiſchaaren hätten ſeit vierundzwanzig Stunden nichts Warmes in den Leib bekommen,“ referirte der Küchenmeiſter zähneklappernd weiter, „Hunger thue weh, Noth kenne kein Gebot; der Herr Wirthſchaftschef werfe bereits verdächtige Blicke nach dem Truthahn à la BnMaza.“ „Aber mein Gott,“ rief Herr von Müller,„iſt denn keine Polizei im Orte?“ „Stell' Dich mit Deinem ſchärfſten Meſſer vor den Truthahn,“ gebot Herr von Friſak,„und erkläre den Freiſchaaren: nur über Deine Leiche ginge der Weg zum Hahn. Es werden doch Menſchen ſein! Auch die Kabuläpfel bringe ſchleunigſt in Sicherheit.“ Die beiden ſo verhängnißvollen kleinen Worte des Jahres 1848„zu ſpät“ ſollten auch auf dem Gute des Herrn von Friſak ihre Erfiluig finden. 95 132% eits befand ſich der Truthahn à la BuMaza im itz 3 Bummelburger Freiſchaaren, desgleichen e Granatäpfel aus Kabul, mit welchen die Frei⸗ chärler im Schloßhofe Fangball piette Händeringend lief Herr von Friſak auf und ab. „Die Barbaren ſpielen Fangball mit meinen Aepfeln,“ rief er einmal über das gibers„giebt es denn keinen Rächer über den Wolken, daß er Schleswig⸗ Holſtein'ſchen Miſſethäter zu Boden ſchmettert?“ „So was ſollte eigentlich in einem polizeilich organiſirten Staate nicht vorkommen,“ ſprach Herr von Müller.„Da lob' ich mir doch„ Stadt, wo ſolche Eingriffe in das Privateigenthum nicht vorfallen können.“ Die Quadratur des Zirkels beſchloß einſtimmig: beim conſtituirenden Landtage die Petition einzureichen, daß in der Mark Brandenburg die Polizei kräftiger organiſirt werde. Von dem Truthahn à la Bu-Mazu bekam Herr von i nicht einmal die Knochen wieder zu Geſicht, ein Beweis, daß ſich die Freiſchaaren eines ſcttarer Gebiſſes zu erfreuen th Nach göttlicher und menſchlicher Ordnung war jetzt Herr von Paſewalk daran, das Quartaltractament zu geben und zwar ſtatutengemäß den 21. September. Herr von Paſewalk war wegen ſeiner Freiſinnigkeit, daß er die Pferde nicht Men und die Gänſe nicht nudeln laſſen wollte, von dem dankbaren Volke auf den conſtituirenden Landtrag nach Berlin geſchickt worden. Hier benutzte der freiſinnige Ritter ſeine Zeit aber weniger, um thierfreundliche Reden auszuarbeiten, als ſich bei den zahlreichen vornehmen Gourmands, die ſämmtlich auf der Rechten ſaßen Oie Linke beſitzt bei weitem nicht ſo feine und geübte Be Be die ſch 6 1 133 nach irgend einer ungewöhnlichen Leckerei umzuthun, die er den A. Sttener auf⸗ tiſchen könnte. Herr von Paſewalk war nämlich noch nie ſo glücklich geweſen, bei den Quartaltractaments den Preis davonzutragen. Hier war Niemand weiter ſchuld, als ſein thierfreundliches Gemüth. Einmal war er nahe durch einen ausgeſuchten Küchenzettel die Geſchmacksnerven ſeiner Gäſte voll⸗ fommen zufrieden zu ſtellen und für ſeine S zur Majeſtät günſtig zu ſtimmen, als er eigenh i te koſtbaren Zuwel aus der Garnitur des reichen Speiſezettels herausbrach und dadurch bei ſeinen Eßkünſtlern Etwas zu wünſchen ließ. Es war dies eine nach neueſtem Geſchmack conſtruirte Straß⸗ burger Gänſeleberpaſtete. Der Thierfreund entſann ſich indeß noch zur rechten Zeit, daß man in Straßburg die Gänſe, um eine möglichſt große und fette Leber zu erzielen, mit den ſogenannten „Titſchen“ annagele und den ſo gequälten Thieren Pfeffer und Salz einfiltrire. Alſo zog er mit der Feder einen energiſchen Strich durch die Gänſeleber⸗ paſtete, dieſer äußerſt wichtigen Piéce des Speiſe⸗ programms, ſelbſt auf die Gefahr, den verlockenden Preis in die Schanze zu ſchlagen. Dieſer wichtige Preis— ein Schlafkaftan à la Mehmed Ali— ging auch wirklich an Müllern über. Denn da die Eßgenoſſen durch einen Küchenverrath hatten, daß Paſewalk die Paſtete geſtrichen, wurden ſie ungehalten und vergaßen in dieſer Stimmung die übrigen ſchätzbaren Eigenthümlichkeiten des koſt⸗ baren Tractaments. Für Herrn von Paſewalkt ſtanden alſo diesmal die Chancen äußerſt günſtig. Erſtens lebte er eine geraume Zeit an der Quelle des feinen Geſchmackes 134 und alsdann ward ihm durch die äußerſte Rechte der Nationalverſammlung Gelegenheit, ſich mit Delicateſſen zu verſorgen, bei denen es vorausſichtlich war, daß ſeine Freunde in der Heimath Maul und Naſe aufſperren müßten. Hierzu kam noch das aus⸗ erleſene Mißgeſchick ſeiner beiden Anteceſſoren. Weder der wilde Schweinskopf, den Zippeltitz und Genoſſen verzehrt hatten, noch die Soupe à la Reinc, noch der Truthahn, der als patriotiſches Opfer für Schleswig⸗Holſtein gefallen war, hatte der Landſtand zu fürchten. Siegesſicher nahm er daher acht Tage vor dem 21. September auf drei Wochen von der verfaſſung⸗ gebenden Verſammlung Urlaub. Zwei, die höhere Kochkunſt in ihren letzten Gründen erkannten Künſtler aus Berlin's renommirteſten Etabliſſements folgten. Der Landſtand hatte wirklich Großes vor. Bereits mehrere Tage vor dem 21. September war ein Leben auf und zu Paſewalk, wie man ſeit der Hochzeit des gnädigen Herrn nicht erlebt hatte. Da Herr von Paſewalk über die von der Preußen⸗ Hauptſtadt theils mitgebrachten, theils von den beiden Kochkünſtlern noch anzufertigenden Delicateſſen das tiefſte diplomatiſche Stillſchweigen beobachtete, ſo iſt der Referent dieſer wunderbaren Geſchichte außer Stande, ſie namhaft zu machen. Nur ſo viel glaubt er nach unterſchiedlichen und unverholenen Aeußerungen der beiden erfahrenen Berliner mit Gewißheit behaupten zu können, daß weder der von der Volksſouverainetät vertilgte Schweinskopf, noch der Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungene Truthahn mit den Entrées, den Entremets und Deſerts des Mitglieds der verfaſſung⸗ gebenden Verſammlung im Entfernteſten in Vergleich geſtellt werden konnten. 4 135 8 Unterdeß war es in der Umgegend bekannt geworden, daß der freiſinnige Herr von Paſewalk von Berlin angekommen ſei, und ſogleich beſchloſſen die dortigen Wähler, ihrem Repräſentanten eine grandioſe Auszeichnung zu Theil werden zu laſſen. Man conſultirte hin und her und kam endlich dahin überein, den gefeierten Landſtand am Abende des 21. September mit einem ſolennen Fackelzug zu bewillkommnen. Um die angenehme Ueberraſchung zu erhöhen, wurde die Sache ſo geheim wie möglich gehalten; und kaum hatte die Quadratur des Zirkels nach vollbrachtem Lhombre am bewußten Tage Abends ſechs Uhr ſich zum leckerbereiteten Mahle niedergelaſſen, als die Fackelträger, gefolgt von der halben Uckermark— denn ein Fackelzug in dieſer Gegend war etwas Unerhörtes im Hofe des Gutsgebäudes von Paſewalk erſchienen. „Mein Gott,“ ſchrie erſchrocken aufſpringend Herr von Friſak, der ſo placirt war, daß er dem Fenſter, welches nach dem Schloßhofe führte, gegen⸗ überſaß,„es muß Feuer im Schloſſe ſein.“ Die Uebrigen ſprangen gleichfalls auf, überzeugten ſich aber bald, daß es nur eine erhabene Feierlich⸗ keit ſei. Wie ſchmeichelhaft Herrn von Paſewalk auf der einen Seite die ſeinen parlamentariſchen Tälenten (ſeine ganze Beredtſamkeit auf dem Landtage hatte ſich auf das einzige Wort„Tagesordnung“ bei einem Antrag der Linken beſchränkt) dargebrachte Huldigung war, ſo berührte ihn auf der andern Seite die Störung ſeines Gaſtmahls— das ihn in Berlin weit mehr beſchäftigt hatte als der ganze Landtag— äußerſt unangenehm. 5 136 ₰ * Unterdeß ſangen die Paſewalker im Hofe„Heil dir im Siegerkranz!“ „Paſewalk,“ ſagte Herr von Friſak,„Du wirſt einige Worte ſprechen müſſen als Ausdruck Deines Dankes; thu' bald dazu, daß wir das Volk los werden und unſer Tractament in Ruhe fortſetzen können.“ Als Paſewalk von„reden“ hörte, verwünſchte er den Fackelzug zu allen Teufeln. Reden halten war nie ſeine ſtarke Seite geweſen.„Was ſoll ich denn dem Volke ſagen?“ frug er mit höchſt bankerottem Geſichte. „Es iſt nur, um das Volk mit guter Manier los zu werden,“ meinte von Friſak;„Du brauchſt blos zu ſagen: Ich bedanke mich ſchönſtens und wünſche allerſeits wohl zu ſchlafen.“ „Aber mein Gott,“ rief plötzlich Herr von Müller, „iſt denn keine Polizei da? Die Kerle gehen unver⸗ antwortlich mit dem Feuer um!“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als durch die Unvorſichtigkeit der ungeſchickten Fackelträger auch wirklich ein niedriges Strohdach in Flammen gerieth. Jetzt ging Alles buntüber. Der Küchenmeiſter erkundigte ſich ſo eben bei Herrn von Paſewalk, was mit den ſpaniſchen Nudeln— eine ganz neu entdeckte koſtbare Mehlſpeiſe, die unmittelbar vom Feuer auf⸗ getragen werden mußte und die eben fertig geworden war— werden ſollte, als der Ruf: Feuer, Feuer! alle Räume erfüllte. Die Flamme hatte ein benachbartes Stallgebäude ergriffen, und der Tumult erreichte den höchſten Grad. Zahlreiches ſchlechtes Gefindel drängte ſich, angeblich um zu helfen, um zu retten, in das Herrengebäude. Die Küchen füllten ſich mit hungrigen Proletarier⸗ 8137 magen, und ehe eine halbe Stunde verging, hatten ſämmtliche Entrées, Entremets, Deſerts ihren Lieb⸗ haber gefunden. Als die zwei Berliner Köche den Untergang ihrer Kunſtſchöpfungen gewahrten, wollten ſie ſich aus Verzweiflung umbringen. Schließ⸗ lich ſiegte aber bei ihnen die Religion, welche den Selbſtmord unter allen Verhältniſſen für 35 Verbrechen erklärt. Herr von Paſewalk war halb todt. Er hatte ſeine Rede total vergeſſen. Auch machte das Volk unter obwaltenden Bahültniſen keinen Anſpruch darauf. Es legte aber rüſtig Hand an, und ſo gelang es nach Verlauf von zwei Stunden, der Flammen Herr zu werden und die Ordnung wieder herzuſtellen. Mit dem Quartaleſſen war aber wieder einmal nichts. Herr von Müller äußerte:„So muß es gehen, wo keine ordentliche Polizei exiſtirt.“ Herr von Müller, an welchem jetzt die Reihe, war ein Mann, der ſich Erfahrungen zu Nutze zog. So beſchloß er denn, das Decembertractament nicht auf ſeinem Gute, ſondern in dem polizei- und thütnöleſtlten Berlin ſelbſt zu veranſtalten. Hier waren S wie ſolche ſämmtliche drei Quartal⸗ eſſen des Jahres 1848 zu nichte gemacht hatten, nicht zu fürchten. Da zudem die vier Güter unſerer Helden unfern der Stettiner Eiſenbahn lagen, ſo war die Fahrt nach Berlin eine bloße Spazierfahrt. Obſchon Herr von Müller ein großer Verehrer des Inſtituts der Polizei war, ſo beſaß er auf der andern Seite doch ſo viel Takt, Rückſichtnahme und Zartgefühl, daß er diesmal vor einem außergewöhn⸗ lich leckerhaften Quartalſouper Umgang nahm. Er wollte, indem er auf auserleſene Gerichte verzichtete, 138% bei ſeinen drei Freunden keine ſchmerzliche Rück⸗ erinnerungen an die durch Rebellion, Freiſchaaren und Fackelzug untergegangenen Herrlichkeiten hervor⸗ rufen; auch wollte er ſeine Freunde nicht in Ver⸗ ſuchung führen, ihm den Preis zu ertheilen, da es unritterlich ſchien, bei Mangel an jeder Concurrenz als Preiserwerber aufzutreten. Um aber, was an Delicateſſen abging, wenigſtens auf naſſem Wege vergeſſen zu machen, hatte der decemberliche Gaſtgeber ſeine Hauptaufmerkſamkeit auf die koſtbarſten Weine und namentlich auf die erleſenſten Champagnerſorten gerichtet. Die Quadratur des Zirkels war mit vielem Humor in Berlin eingefahren und erfreute ſich hauptſächlich der exemplariſchen Ordnung des über die Preußenhauptſtadt verhängten Belagerungszuſtandes Herr von Müller,„es iſt was ganz Anderes, wo eine gut organiſite Polizei die Ober⸗ hand führt. Wir auf dem Lande leben wie in der Türkei dagegen.“ Das Local, was Herr von Müller ausgeſucht hatte, war äußerſt comfortable; das Souper, zwar nicht außereuropäiſch, aber höchſt deliciös. Die Strapazen der Reiſe hatten den Appetit verſtärkt. Da die Anzahl der Gänge nicht ſo zahlreich war als bei den üblichen Quartaleſſen, ſo gelangte man auch eher als gewhnlich zu Ende. Dies lag auch in der Abſicht des Gaſtgebers, der alsbald mit ſeinen Batterien vorfuhr. Der Wein mundete, und man geſtand, ſich lange 1 ſo wohl befunden zu haben. „Und welch' ein Glück, welch' ein behagliches Gefühl der Sicherheit,“ ſprach Herr von Friſak; 139 „heut' ſtören uns weder nichtsnutzige Freiſchaaren noch patriotiſche Fackelträger.“ „Alles der Segen einer guten Polizei,“ erwiderte Herr von Müller,„und des gebenedeiten Belagerungs⸗ zuſtandes.“ „Es lebe der Belagerungszuſtand!“ rief das Vierblatt begeiſtert und mit ſeltener Uebereinſtimmung. „Möchte es doch unſerm guten König gefallen, ganz Preußen in S uſtand zu erklären. Es 3 3 würde ſich da noch einmal ſo wohl in dieſem Lande leben“ Wie junge Maienroſen flogen dem glücklichen Vierblatt die Stunden in der Reſidenz vorüber. Der Tiſch füllte ſich immer reichlicher mit Flaſchen. Die eine war vorzüglicher wie die andere. Der ſi Herr von Paſewalk hielt in roſenrother Seligkeit ſein Haupt niedergebengt; S von Friſak begann zu philoſophiren, ein Zeichen, daß er ſich auf dem höchſten Gipfel irdiſchen Wohl⸗ behagens befand. Jetzt glaubte Herr von Müller, daß der Zeit⸗ punkt gekommen ſei, mit den erleſenſten Cabinetſtücken vorzurücken, er befahl daher Nummer Neun und Nummer Zehn aufzutragen., „Meine gnädigen Herren,“ verſetzte der außerdem äußerſt freundliche und gefällige Reſtaurateur, indem er nach der Uhr zeigte,„es mir herzlich leid, aber die— Polizeiſtunde!“ Im ſelbigen Angenblice that ſich die Thür auf und die bepickelhaubten Diener der Ordnung traten in's Zimmer. „Nein, das iſt zu arg!“ ſprach der philoſophiſche Herr von Friſak. „Nein, da hört Alles auf!“ rief Herr von Vegeſak. 140 „Mein Gott!“ rief Herr von Müller,„ſo iſt es alſo in dieſem vermaledeiten Jahre 1848 nicht möglich, weder in einem polizeiloſen, noch in einem polizeigeſegneten Orte ruhig und unge⸗ ſchoren zu leben.“ „Bedenken Sie, meine Herren, der Belagerungs⸗ zuſtand,“— ſprach entſchuldigend der Wirth. „Hol' der Henker den Belagerungszuſtand,“ dachte Herr von Müller, war aber ein zu guter Preuße, um es auszuſprechen. So war denn auch das vierte und letzte Quartalſouper durch die politiſchen Stürme des Jahres 1848 geſtört worden. Bereits am andern Tage ſaß die Quadratur des Zirkels wieder auf ihren Gütern. Man hat nicht gehört, daß die Quartalmahl⸗ zeiten im Jahre 1849 wären fortgeſetzt worden. Die Erfahrungen von 48 waren zu bitter.— Auch eine Errungenſchaft! in Hommerſonntag Alpenstädtchen. — Ein tiefer Frieden ſinkt in meine Seele, Gedenk' ich dein, du ſtilles Alpenthal, Smaragdengrün, in Blumengold gewieget, Umklungen von dem Abendſonnenſtrahl. Die rothen Wolken ziehen an den Bergen Und über grünes Waldmeer ſtill dahin, Dieweil die Firnen, wie die Wächter Gottes, Im reichen Gold des Sommerabends glüh'n. Der Hirtenknabe dort auf grüner Alme, In Blumen ruhend, ſingt ſein Abendlied; Und vor bekränztem Muttergottesbilde Entblößten Haupt's der müde Pilger kniet. Da tönt durch Baum und Blatt und rothe Blüthen, Wie einer ſchönern Gotteswelt entfloh'n, Wie Engelgruß durch dieſes Thales Frieden, Sanct Zeno's frommer Abendglockenton. Und alle Berge zauberhaft umklungen, Umrankt von Märchengrün aus alter Zeit, Das da prophetiſch immer wieder klinget Von deutſchen Volks dereinſt'ger Herrlichkeit. Kennt ihr des Wunderberges Marmorhalle, Worinnen Deutſchlands Kaiſer trauernd harrt, So lange, bis des Marmortiſches Runde Dreimal umſchlungen hat der Silberbart? Noch flattern um den Hochthron finſtre Raben, Der Kaiſer träumt, der dunkle Zauber bleibt, Bis daß die Zeit, wo auf dem Walſerfelde Der Birnenbaum der Freiheit Blüthen treibt. Reichenhall—! holder, freundlicher Klang; erinnerungroſig ziehſt du durch ſo manche Seele, die 144 gebannt auf troſtloſe Ebene, wo die Wolken ein⸗ tönig von Horizont zu Horizont ziehen und der Blick unerquickt in die unbegrenzte Ferne ſchweift— die aber doch einmal ſo glücklich war, zwiſchen deinen Almen zu wandeln und trunken emporzuſchauen zu deinen Bergen, ruhend im himmliſchen Blau. Und wie manches Herz wird dankbar deinen Namen ſegnen, das Geneſung fand in deinem Schoße, du ſtilles Alpenthal, wo Gott ſo gnadenreich ſeine Quellen ſprudeln läßt für arme kranke Erdenpilger! Es iſt heil'ge Sonntagfrühe. Das Nachtgewitter iſt verrollt in den Bergen. Bis zwei Uhr haben die entſetzlichen Schläge wiederhallt, haben die Feuer⸗ garben Verderben drohend niedergehangen. Bis zwei Uhr haben die Lichtlein geleuchtet der erſchreckten Be⸗ wohner von Reichenhall. Die Tyroler und Salzburger Alpen hatten ſich eine Mitternacht ſchlacht geliefert, wie man ſeit lange keine zweite vernommen; eine Schlacht voller Silber— pracht und Grabesdunkel, voll goldenzerriſſener Him⸗ melsdecken und Felſenerzittern. Die Hitze geſtern war zu erſtickend geweſen, die Luft ſo elektriſch, daß das Sanct Elmenfeuer auf dem Wege nach Kirchberg von Pappel zu Pappel geflohen.— In der Gegend von Maria Plain hatte das Wetter gezündet. Lange leuchtete der Feuerſchein durch die Nacht. Jetzt iſt es wieder Morgen und Alles ſtill; nür die thautrunkenen Halme und Alpenveilchen erzählen ſich ſchüchtern von den feurigen Bändern der Nacht und wie der Felſengrund erbebet. Welche Friſche, welche Erquckung! Immer freundlicher quillt der junge Morgen über die Ab⸗ hänge des Stauffengebirgs. Im Thal und Städtchen noch Alles ſtill. Nur die Kathi, welche die Molken 145 von der Kuchelbachalp herabbringt, pocht an die Thür zum Schießhüttengarten. Das Thal dampft, Unters⸗ berg, die Stauffen, Schwegel, Müllnerberg und Riſt⸗ feuchthorn, die Rieſenwächter von Reichenhall, rauchen ihre Morgenpfeife. Allmählich beginnen ſich ihre Häupter zu röthen. Da, aus Blättergrün des Curgartens von Achſel⸗ mannſtein, erwachen die Töne eines Chorals, die, ein frommer Sonntaggruß, weihevoll durch den immer goldener werdenden Morgen ziehen. Es iſt der Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit.“ Die Bademuſik beginnt ihr Morgenconcert. Da klappt hier und da eine grüne Jalouſie. Sie thut ſich auf. Himmliſcher Morgen ſtrömt hinein, herzerquickend, wangenröthend. Man hört Nachbarn ſich einen guten Morgen zurufen. Dann lauſcht Alles den Klängen des Chorals. Und immer gol⸗ dener blüht der Morgenhimmel auf. Es wird leb⸗ hafter. Vereinzelte Curgäſte wandeln bereits zwiſchen den blühenden und thautropfenden Geſträuchern des Gartens von Achſelmannſtein. Auch auf der Straße wird es lebendig. Vom Thore her rollt der Stell⸗ wagen, überfüllt mit Frühaufgeſtandenen, die beim Bothenwirthe eingeſtiegen und gottvergnügt in den jungen Tag hineinfahren, nach Anger, nach Salz⸗ burg, nach Hellbrunn, Gott weiß wohin. Da blitzt es himmliſch im Morgen. Die erſten Strahlen der Sonne zittern golden über das Thal, alle Matten mit Diamanten und Rubinen über⸗ ſäend. Den Blumen ſtehen beim Anblick der Sonne die Thränen der Freude in den Augen. Hörner und Clarinetten klingen dazwiſchen: „Die Sonn' erwacht.“ Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 10 146 Die weißen, an den Bergen dahinliegenden Nebel zerfließen in immer zartere Schleier, bis das ganze Thal abgeklärt und ſo friſch, als ob es ſoeben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen, im Glanze des Morgens ruht. Wie verliert ſich die Rieſen⸗ pyramide des Hochſtauffen mit ihrer kreuzgeſchmückten Felſenſtirn in tiefes Blau! Wie thronen ſo ge⸗ waltig die Alpen im Hintergrunde; wie fallen die Steinbaſtionen der Reitalp ſo jäh in die Tiefe; wie ſchaut ſelbſt der düſtere Untersberg im Morgen⸗ ſonnenlichte nicht unfreundlich herüber! Seine Märchen und Gnomen, die ihn in nächtlicher Weile umklingen und umwandeln, ſind vor der Sonne gewichen. Ver⸗ ſchloſſen ſitzt der alte Kaiſer im Marmorpalaſte, und die tobenden Zechgelage in des Kaiſers Weinkeller beim Hallthurm ſind verſtummt vor dem Frühgeſange der Haidelerche. Wie einladend winkt die kleine Alp⸗ hütte dort auf dem Vorbau des Müllnerberges! Wer auf einer jener ſonnigen Höhen ſtehen und aus⸗ ſchauen könnt' über die Welt und Gottes Pracht und Herrlichkeit, über die Gletſcher und Eisfelder bis zur erhabenen Schneepyramide des Großglockner; über die grünen Landſchaften von Oberbaiern, die geſeg⸗ neten Fluren von Salzburg, die blitzenden Seen in Nähe und Ferne! Und das Thal ſelbſt! Wie idylliſch umarmt von den Bergen! Wie lachen die freundlichen Schweizer⸗ häuſer mit ihren grünen Jalouſien und zierlichem Schnitzwerk, laubumrankt, roſenumblüht! Dort auf dem Calvarienberge das Kirchlein mit ſeiner weithin leuchtenden goldenen Thurmſpitze. Umringt von grünen Matten, bachdurchſtrömt, waldumrahmt, das gaſtliche Kirchberg. Im Hintergrunde auf kecker Felſenſtirn das tannenumrauſchte Sanct Pankraz mit 147 ſeinem uralten Nachbar, dem epheuumrankten Karl⸗ ſtein. Dort am Fuße des Hochſtauffen, noch um⸗ ſchattet von den Morgenbergen, das Kirchlein Nonn mit ſeinen paar ländlichen Wohnungen, wo man ſo trefflichen Rahm bekommt. Weiter zur Linken die freundliche Paddingeralm, wo die Alpenveilchen ſo reichlich blühen. Und all dieſe grünende und blühend Sie durchrauſcht und durchblitzt von der Saalach, dem friſchen, raſchen Tyrolerkinde. Ländliche2 Morgentviletten, reizende Si werden ſchthar auf Altanen und in den Lauben. Die Kaffeetaſſen klirren im Morgenlichte. Heitere Geſpräche, Scherz und Roſenlaune. Kleine Land⸗ mädchen kommen von den Bergen und bieten Wald⸗ erdbeeren zum Verkauf. Für wenig Kreuzer, welche Frühlingsgabe! Welcher Duft! Wo ſich der Blick hinwendet, Alles ſo froh, ſo glücklich in dieſem von der Welt ſo abgeſchiedenen Erdenwinkel. Wie glücklich aber iſt erſt Derjenige, welcher zu keiner Badecur mit obligaten Sool-, Moor- und Nadelbädern, Molken und K räutertränken verurtheilt iſt, ſondern geſund,„frei, friſch, froh, fromm“ ſich dieſes prächtige Leben mit munterm Herzen und Auge anſchauen darf! Es wird ihm, ſobald der duftende Caffee in der Geisblattlaube, in welche goldene Sonnenſtrahlen fallen, getrunken, ſobald die Hörn⸗ lein oder Milchbrodchen verzehrt, keine Ruhe laſſen. Er muß hinaus auf die ie Matten, wo die „Gas“, die Füllen und junge Langohrs ſich in poſſir⸗ lich⸗humpriſtiſchen Sätzen üben. Er muß hinein in das muntere Städtchen, durch die reinlichen Straßen wandeln, auf den Schildern die dem N rwnſ en unbekannten Gettnit ſtudiren, die Fragner, die Hafner, die Flaſchner, die Manheimer, und dabei 10* 148 die Wölkchen der Havannah in die blaue Morgen⸗ luft entſenden. Kirchgänger im Sonntagsſchmucke, die goldene Quaſte an den runden ſchwarzen Hüten, wandeln vorüber; tten und Mädchen, um den Hals die vielfach geſchlungene glänzende Silberkette. Hier und da ein ſtattlicher Gebirgsſohn, kühner„Gamsjaga“, die Adlerfeder und das Edelweiß am grünen Ty⸗ rolerhute. Vor dem Löwenbräu, wo die grünen Linden ſtehen iſt ein flotter Zweiſpänner vorgefahren. Man iſt bemüht, die Wagentaſchen mit blinkenden Rheinwein⸗ flaſchen und Mundvorrath zu verſorgen. Bekannte ſteigen ein. „Wohin des Weges?“ „Berchtesgaden, Königsſee, Eiskapelle!“ „Vergeſſen Sie nicht auf Sanct Bartholomä, dem lieblichen Eilande, die delicaten Salmling, und bitten Sie den wackern Forſtwart daſelbſt, daß er mit dem Fernrohre Gemſen aufſpürt. Bei der Rück⸗ fahrt verabſäumen Sie um Alles die herrliche Ramsau nicht, Schwarzbachwacht und Zettenberg, eine der naletiſchſen und liebenswürdigſten Partien.“ „Danken ſchönſtens, ſoll uns nichts entgehen.“ Unter freudigem Hutſchwenken der Inſitzenden vollt das Wäglein auf dem Wege nach Berchtesgaden munter dahin. Einer der Herren Doctoren eilt über den Weg. Die Doctoren ſind unter den Bade⸗ bekanntſchaften unbezahlbar. „Guten Morgen, Herr Doctor, was giebt's Neues?“ „Der deutſche Bundestag—“ „Ich bitt' Sie um Alles in der Welt, ſprechen 149 Sie mir an dieſem himmliſchen Morgen nicht vom deutſchen Bundestage.“ „In der Traube iſt famoſes Theiſendorfer an⸗ gekommen.“ „Das laß ich mir gefallen. Danke ſchön. Will jetzt zum Apotheker. Er ſoll mir ein paar Alpen⸗ blumen einpfarren, die ich geſtern auf dem Salz⸗ büchſel gepflückt. Auf Wiederſehen!“ Die ſehr freundliche Apotheke von Reichenhall iſt eine Art Mittelpunkt, ein Fveus, wo ſich namentlich während der Badeſaiſon allerhand Leute zuſammen⸗ finden, weil man hier über Alles Auskunft erhält, was einem hier Badenden immer zu wiſſen nöthig iſt. Pro primo kann er hier den berühmten Alpen⸗ kräuterſaft mit Pfeffermünzküchleins an der Quelle trinken. Iſt es um Zurechtweiſung hinſichtlich ſchöner Alpenpartien in naher Umgegend zu thun, erhält man hier die beſten Rathſchläge. Zugleich ſtehen zwei wohlgehaltene Maulthiere, der Hansl und die Liesl, unter Führung des wackeren Sepperl bereit, den Steigluſtigen bis an die Schneelinie emporzu⸗ tragen. Sind wir im Unklaren über gepflückte Kräuter und Alpenblumen, wird uns in der Apotheke von Reichenhall die ſicherſte Auskunft. Haben wir fremdländiſch Papiergeld, das ſonſt Niemand wechſelt, bekommen wir hier das ſchönſte baieriſche Silbergeld dafür. Kurz, die Reichenhaller Apotheke iſt. nicht blos eine Heilanſtalt für die Unannehmlichkeiten des Lebens, ſondern auch eine Beförderung der Annehmlichkeiten deſſelben. Der Chef dieſer trefflichen Officin iſt der um Reichenhall hochverdiente frühere Bürgermeiſter, Herr M. Mack; ein wahrer Gebirgsvater, der, ſo⸗ bald die erſte Anemone, das erſte Aurikel am Fuße des Stauffen im Frühjahr die Augen aufſchlägt, auf 150 die Berge ſteigt, wo er mit Fleiß und Kenntniß die heilſamen Kräuter ſammelt für ſeinen Kräuterſaft. Dieſer Mann iſt für das freundliche Städtchen und ſeine maleriſche Umgebung wie geſchaffen. Jahre lang iſt er bemüht geweſen, ſchöne Punkte, reizende Fernſichten dem Naturfreunde erſteigbar und zugäng⸗ lich zu machen. Er hat wohlgehaltene Fußpfade an⸗ gelegt, ſie mit Barrieren geſchützt, Wegweiſer aufge⸗ ſtellt, für Ruhebänke geſorgt. Die dankbaren Bewohner von Reichenhall haben darum auch ihm zu Ehren die kleine von ihm auf dem Schroffen erbaute Alp⸗ hütte, von wo man die koſtbare Ausſicht über das ganze Thal bis Salzburg genießt, die Bürgermeiſter⸗ alp genannt. Außerdem giebt es ain Fuße des Hoch⸗ ſtauffen auch noch eine Apothekeralm, die ihm eigen⸗ thümlich zugehört. Ich hätte gern dem wackeren Manne meine Auf⸗ wartung gemacht, um mir über meine auf dem Salzbüchſel gemachten botaniſchen Eroberungen einige Auskunft zu erbitten, fand aber die Officin bereits von einer andern Species liebenswürdiger Flora hin⸗ reichend bevölkert. Drei Crinolindamen füllten den Raum bis zum Proviſor ſo vollſtändig, daß ein Ein⸗ dringen ſich als eben ſo unmöglich, wie unthunlich herausſtellte. Ich ſetzte darum meinen Weg zur Poſt fort. Der Theiſendorfer Poſtwagen iſt eben angekommen. aus dem ſich neue Badegäſte abwickeln. Am Haus⸗ thor des Poſtgebäudes thürmen ſich Koffer, Kiſten, Reiſetaſchen, Schachteln, Hutfutterale mit umſchnür⸗ ten Regenſchirmen. Die ſtattliche Figur des tüchtigen Poſthalter Puchner geht anordnend auf und ab. Die neuen Ankömmlinge, welche noch keine Wohnung 151 haben, nehmen einſtweilen in dem großen und ſchönen Poſtgebäude ihr Abſteigequartier. Indeß iſt die Sonne hoch genug geſtiegen, um das Verlangen nach einem friſchen Töpfchen nicht als unbillig erſcheinen zu laſſen. Man betritt die geräumige und freundliche Poſtreſtaurativn. Kell⸗ nerinnen im Sonntagsſchmucke, auf dem Gürtel den geſtickten Namen, eilen geſchäftig hin und wieder. „Walli, ein Seidel, aber friſch!“ „Eben angeſteckt,“ lautet es erquicklich, und bald ſchäumt der goldene Trank im blanken Glaſe vor uns, deſſen Deckel mit einer freundlichen Gebirgs⸗ landſchaft geſchmückt iſt. In den Gaſtzimmern der Poſt zu Reichenhall kann dem Beſucher die Zeit nimmer lang werden. Auf der Papptafel an der einen Thüre kann er die Sehenswürdigkeiten der Salinenſtadt und Umgegend hinreichend kennen lernen. Die ſchönſten Punkte, Fernſichten, Alpenpartien, Klamm's ſtehen da ſchwarz auf weiß. Auf einer andern Tafel findet er die Preiſe, um vermittelſt Fuhre, Maulthier oder Eſel nach dieſer oder jener Partie befördert zu werden. Eine große Karte von Baiern an der Wand zeigt an, wie weit man von der Heimath und wie hoch oben im Baierlande man drinnen ſitzt. Selbſt die Telegraphentaxen ſind nicht vergeſſen. Auch an ſonſtiger Lectüre iſt kein Mangel. Man findet die Augsburger Allgemeine, in Südbaiern das tägliche Brod, die Münchener Nachrichten, die Fliegenden Blätter, den Münchener Punſch, ſowie das im Zug⸗ ſchwerdt'ſchen Verlage erſcheinende gut redigirte Reichen⸗ haller Localblatt, die Grenzboten. Das Seidel iſt geleert, die Augsburgerin höchſt oberflächlich durchblättert, die harmloſen Witze des 152 Punſches und der Fliegenden ſind belacht. Que faire? Neue Bekanntſchaften anknüpfen? Die Ge⸗ legenheit iſt nicht ungünſtig. Nein, wieder hinaus in den herrlichen Morgen; durch Waldesgrün längs der rauſchenden Saalach nach den gaſtlichen Arkaden von Kirchberg, wo man umgrünt ſitzt von duftenden Matten, umarmt wird von bewaldeten Bergen und umrauſcht von Silberbächen. Und iſt's Kirchberg nicht, dann bei der Brücke links abgeſchwenkt zum Molkenbauer im kühlen Felſenthale, wo gegenüber der Röthelbach ſich brauſend vom hohen Lattenge⸗ birge ſtürzt. Aber die Sonne wird immer brennender. Darum zurück zum Städtlein. Man wandelt die unterſchied⸗ lichen Bräu's vorüber. Auf der Straße bereits un⸗ erträgliche Hitze. Wie ſchaut da der Blick ſo er⸗ quicklich in die dunklen kühligen, oft mit grünen Maien geſchmückten Hausfluren, wo Baierland ſitzt beim friſchen Trunke und die Thonkrüge aneinander klirren! Man kommt zur Traube. Hier iſt's mit der Reſignation alle. Man muß erfahren, ob der Doctor die Wahrheit geſprochen. Man tritt in die kühle Unterſtube. Der Doetor hat Recht. Nichts geht über ein gutes Theiſendorfer. Während dieſer höchſt angenehmen Beſchäftigung, der Wahrheit des Doctors auf die Spur zu kommen, iſt es Mittag geworden. In den Straßen die fürch⸗ terlichſte Hitze. Es iſt, als ob die Felſen zu einem Rieſenbackofen umgeſchaffen worden. Jetzt entſteht die Frage: Zu welcher der unterſchiedlichen Kripplein ſich wenden? Table d'h te im comfortablen Speiſeſaale von Achſelmannſtein, unter gewählter Geſellſchaft? Aber Comfort und gewählte Geſellſchaft kann man 153 in Europa überall haben. Oder Diner auf der Poſt? Oder in einem der unterſchiet lichen Bräu's? Nichts da! In's Freie, in's Grüne! Wo kann die Erd⸗ beerkaltſchale und der Kaiſerſchmarren beſſer munden, als unter den ſchattigen Linden im Löwengarten? Gedacht, gethan. Auch iſt der Weg dahin nicht zu weit. Andere Leute ſcheinen dieſelbe vernünftige An⸗ ſicht gehabt zu haben. Unter dem grünen Laubdach blinken bereits auf ſauber gedeckten Tiſchen luſtig Flaſchen und Gläſer. Speiſen und Getränke delicat und nicht übertheuer. Man lebt wahrhaftig wie der liebe Gott in Frankreich. Nach Tiſche ſchlendert man in die nahgelegene Leih⸗ bibliothek zur guten Madame Zugſchwerdt und ſucht ſich eine leichte Lectüre für die Sieſta. Zu Hauſe angekommen freundlichen Stüblein mit der herr⸗ lichen Ausſicht, haben die ſorgſamen Wirthsleute be⸗ reits in den Morgenſtunden die Jalouſien geſchloſſen, um das Zimmer angenehm kühl zu erhalten. Man macht ſich's ſo bequem, wie immer möglich, ſtreckt die Erdenhülle behaglich auf's S und erhält in der That einen Begriff, wie es dem lieben Gott in Frank⸗ reich zu Muthe iſt. Ottilie Wildermuth, die liebens⸗ würdigſte der jetzt lebenden Schriftſtellerinnen, führt uns in ihr grünes Schwabenland, in ein lindenum⸗ blühtes Pfarrhaus mit ſcharmanten Pfarrtöchtern. Die Geſchichte iſt nicht lang, aber erquickt. Dabei rauſcht der Röhrtrog im Lyfe o monoton, daß ſich endlich das Haupt Lunintrlich auf das Kiſſen neigt und das holdeſte Mittagſchläfchen uns in ſeine Arme nimmt, während draußen die Juliſonne erſtickend auf Berg und Thal ruht. Es iſt drei Uhr. Es klopft. Die Threſie fragt, ob ſie den Kaffee bringen dürfe. Die Genehmigung 154 erfolgt. Man thut die Jalouſien, die nach dem Untersberge hinausgehen, ein wenig auseinander. Alle Wetter, welche Gluth noch! Man begiebt ſich in das Nebenzimmer und ſchaut nach dem Hochſtauffen. Die⸗ ſelbe Entdeckung. An ein Ausgehen nicht zu denken. Man iſt förmlich ſonnenbelagert. Der aromatiſche Levantetrank mundet zu einer Cigarre vortrefflich. Eben will man wieder zur Wildermuth die Zuflucht nehmen, da bringt der Briefträger liebe Briefe aus der Heimath. Dem armen Manne ſteht der Schweiß auf der Stirn. Er bekommt einen Sechskreuzer zu einem Labetrunk. Was zu Hauſe gleich Alles vorfällt, ſobald man auf ein paar Tage den Rücken gekehrt hat! Der alte D. iſt geſtorben. Hab' ihm alſo bei meinem jüngſten Abſchied zum letzten Male die Hand ge⸗ drückt! Die Marie B. Braut mit dem F. Alſo doch noch! Und bei Ros ein kleiner Erbprinz ange⸗ kommen. Da wird Freude ſein! Es pocht wieder. Die Frau Wirthin iſt's. Mit dem ſtereotypen, aber ſehr gemüthlichen„B'hüt' Sie Good!“ ſtellt die gute Frau einen friſchen Blumen⸗ ſtrauß mit friſchem Waſſer auf das Pfeilertiſchchen am Spiegel. Die Frau Wirthin iſt nicht ungeſprächig. Aber da man von zehn Worten erſt das elfte verſteht, wird man nicht klug, was ſie eigentlich ſagen will, und bleibt uns darum nichts übrig, als perpetuirlich bejahend mit dem Kopfe zu nicken. Die Briefe aus der Heimath erkundigen ſich ſämmtlich, wie es in Reichenhall gefalle. Den Leuten kann geholfen wer⸗ den. Annemiedl empfiehlt ſich wieder mit ihrem „B'hüt Si Good“ und man greift nach Tinte und Feder, um die erwartungsvolle Heimath nicht länger warten zu laſſen. Der Zeiger weiſt auf ſechs. Auch im Parterre der Wirthsleute hebt der Seiger aus und läßt ſeine ſechs Schläge vernehmen. Die Correſpondenz iſt be⸗ endet. Die Jalouſien werden aufgeſchlagen. Welch' prachtvolle Ausſicht über die Gärten nach dem Unters⸗ berge! Es iſt noch immer bedeutend warm. Damen unter blauen und grünen En-tout-cas wandeln auf dem freundlichen Fußpfade über den Streitbüchel nach Großgmain. Eine Promenade im Schatten der hohen Gradirhäuſer muß jetzt ſehr angenehm ſein. Ich habe nur wenig hundert Schritte dahin. Wie rieſelt das ſo lieblich und angenehm durch die haushohen Dornengebinde! Die Waſſertheile ver⸗ dampfen und immer gehaltreicher wird die Soole. Wo man hinſchaut, weiße Salzkryſtalle. In den Lau⸗ ben und auf Bänken, im Schatten der Gradirhäuſer ruhen, die ſalzgeſchwängerte Luft athmend, vereinzelte Geneſung Suchende. In unmittelbarer Nähe dort liegen die ſtattlichen Gebäude von Achſelmannſtein, eines der ſtärkſten und ſegensreichſten Svolbäder von Deutſchland, deſſen Ruf ſeit zehn Jahren in beſtändigem und verdientem Zunehmen begriffen. Der Mann, welcher mit unge⸗ heuren Koſten dieſem ſegensreichen Heilbade ſeine der⸗ malige Geſtalt gab und zu ſeinem Rufe ſo weſentlich beitrug, iſt ein Sachſe aus dem Königreiche, Herr Steuerinſpector Rink. Zahlreiche Badegäſte finden in Achſelmannſtein ein ebenſo bequemes, wie angeneh⸗ mes Unterkommen. Ein freundlicher Garten mit ſorgfältig gehaltenen Spaziergängen und wohlgepfleg⸗ tem Baum⸗ und Strauchwerke grenzt unmittelbar an die Badegebäude, in welchen es weder an Billard⸗ 156 noch an Converſations- und Leſezimmer mit ausge⸗ wähltem Journalchelus fehlt. An ſchönen Frühlings⸗ nnd Sommernachmittagen finden in dem Garten von Achſelmannſtein kleine theatraliſche Vorſtellungen ſtatt, die zum Amüſement des Publicums heiter beitragen. Ueberhaupt iſt das Thal von Reichenhall vermöge ſeiner großartigen Salinen— die Edelquelke ſpringt ſechszehngradig aus dem Kalkgebirge—, wegen ſeiner von den Alpen geſchützten Lage, ſeiner himmliſch reinen und zugleich weichen Luft— jeder Athemzug iſt einen Gulden werth—, wegen ſeiner ſtets friſchen Molken und Alpenkräuterſäfte und ſei⸗ ner paradieſiſchen Lage zu einem Heilbade wie ge⸗ ſchaffen. Wie Mancher und Manche fanden hier Ge⸗ neſung für ihre ſchwache und kranke Bruſt und für manches andere Leiden! Das Leben iſt im Allge⸗ meinen nicht theuer. Wo man in nord⸗ und mittel— deutſchen Bädern einen Thaler braucht, reicht man hier im Verhältniß mit höchſtens einem bairiſchen Gulden(17 Silbergroſchen) aus. Reichenhall iſt kein Luxusbad, wohl aber ein Naturbad im wahren Sinne des Wortes. Von hier hat man die Auswahl unter dreißig der reizendſten Alpenpartien, von denen die meiſten kaum einen Tag in Anſpruch nehmen. Wer darum eine Zeit lang in dieſem liebenswürdigen Erdenwinkel verlebt hat, wird nur die freundlichſte Erinnerung mit in die Heimath nehmen. Darum iſt wohl auch faſt kein Land Europa's, das nicht Badegäſte nach Reichenhall geſchickt hätte. Die Cur⸗ zeit beginnt mit Anfang Mai und währt bis zum Herbſt, wo die Nebelkappen über die Thäler ſinken und die Häupter der Berge ſich mit Schnee um⸗ hüllen. 157 Die erjaune ſteht über dem Plateau der ſechs⸗ tauſend Fuß hohen Reitalp. Aber ihre goldenen S vermögen den tauſendjährigen S Schnee in den Schluchten und Abgründen dieſes Felſenlabyrinths nicht uſ hmelzen. Dort oben auf jenen ſtolzen Höhen blüht das Edelweiß in ſeiner Fſ Schöne, duften die Alpen⸗ blumen in friſcheſter Bergluft. Und immer tiefer ſinkt die Sonne und immer tiefer bettet die ſcheidende Fürſtin das Thal in den goldenſten Sommerabend. Mit Entzücken trinkt der Blick die himmliſche Landſchaft. Welch ein Grün der Matten, von Gold- und Silberblüthen durch⸗ wirtt Die rothen Wolken ziehen an den Bergen Und über grünes Waldmeer ſtill dahin, Dieweil die Firnen, wie die Wächter Gottes Im reichen Gold des Sommerabends glühn. Und ringsum Stille— Duft— Frieden. Die Ma⸗ donnenbilder an den Wegen ſtehen im rothen Golde des Abends. Ich wandle durch blumige Auen gen Sanct Zenv. Zwei fromme Schweſtern aus dem Fräuleinſtift in ihrer nonnenhaften, aber kleidſamen ſchwaxz und weißen Tracht kommen des Weges daher. Blühende Geſich⸗ ter und ſchon geſchieden von der Welt in klöſterliche Einſamkeit. Aber ihre Thätigkeit iſt dem ſegensreich⸗ ſten Berufe gewidmet, der trefflichen Erziehung junger Penſionärinnen.— Aus dem Garten des Hofewirths tönen Guitarren. Ich wende mich nach der Stadt zurück, dem Abendrothe entgegen. Aus einem kleinen Füſ am Wege vernimmt man Stimmengemurmel. Vater und Mutter im Kreiſe der Ihrigen ſprechen das Abendtiſchgebet. — 158 Ein freundlich Schweizerhaus mit hervorragendem Dach und umlaufender Gallerie, verziert mit reichem Schnitzwerk, umrankt von Roſen und Blattgrün, ruht im Abendgolde. Dort oben aber, auf der Abendſeite der Gallerie, laubenartig umhüllt von rothem Jelängerjelieber, im weichen Fauteuil, das Blumenhaupt auf die Alabaſter⸗ hand geſtützt, ruht eine junge, wunderſchöne Dame, eine weiße Roſe aus fernem Nordland, die, halb ge⸗ brochen, die weite Reiſe nicht geſcheut, Geneſung zu trinken im milden ſtillen Alpenthale. Madonnenhaft umrahmt die dunkle Lockenpracht das von Meiſter⸗ hand gezeichnete Oval, roſig angehaucht vom Abend⸗ roth, und der Himmel des zwiſchen langen ſeidenen Wimpern hervorbrechenden Auges ruht bereits geiſtig verklärt auf der Schöpfung. Arme Evelina! Der Doctor hat gleich nach dem erſten Beſuche gar Seei das Haupt geſchüttelt. Du wirſt den Donner Deiner grünen Nordſee, wenn ſie ſich weißſchäumend an den Felſenufern bricht, nim⸗ mer wieder hören. Dein Engel wird Dich aus dieſem blühenden Erdenthale unmittelbar in das Himmels⸗ thal ſanft geleiten und der kleine Friedhof von Sanct Zeno Deine irdiſche Hülle unter ſeine Blumen betten. Wunderſchönes Bild, vom Abendrothe umklungen, von Jelängerjelieber umblüht! Die Schatten der Abendberge breiten ſich immer länger über das ſmaragd⸗ grüne Thal, ſie wachſen an den Höhen. Bald glühen nur noch die goldenen Kronen.— Tiefe Stille.— Da tönt durch Baum und Blatt und rothe Blüthen, Wie einer ſchönern Gotteswelt entflohn, Wie Engelgruß durch dieſes Thales Frieden Sanct Zeno's frommer Abendglockenton. 159 Es iſt dunkel geworden. Ein weicher lauer Som⸗ merabend wiegt Thal und Städtchen in ſeinen Armen. Auf Achſelmannſtein ſtehen alle Fenſter offen. Kühle Abendluft zieht hinein. Man ſitzt auf dem Balcon, auf den Bänken vor dem Hauſe. Das leiſe Rieſeln der Gradirhäuſer tönt durch die Stille des Abends herüber. Im Leſezimmer haben ſich einige Zeitungs⸗ tiger der Jvurnale bemächtigt. Sie ſitzen ſchon mehrere Stunden unbeweglich. Vergebens blühte draußen der himmliſche Abend ab. Die Raiſonnements der Augsburger Allgemeinen, die unerquickliche Klein⸗ ſtaaterei des Dresdner Journals iſt ihnen lieber, als ein Verglühen der Alpenſonne. Man laſſe ſie. Im freundlich erhellten Speiſeſaal iſt heitere Geſellſchaft. Ein paar Tiroler ſingen zur Schlagcither. Ich kehre nach dem Poſthauſe zurück, wo Be⸗ kannte zu finden. Welch ein Anblick! Zur Rechten und Linken flammen goldene Feuer auf den Bergen. Sie rühren von Beſuchern her, die ſich trotz der Tageshitze nicht abſchrecken ließen, die fünftauſend Fuß hohen Höhen zu erſteigen. Auf der Poſtreſtauration iſt noch viel Leben. Neue Fremde ſind angekommen, die ſich's nach den Stra⸗ pazen auf dem Theiſendorfer Wege an der wohl ver⸗ ſorgten Tafel beſtens ſchmecken laſſen. Bekannte er⸗ heben winkend das Töpfchen und rücken platzmachend zu. Sie ſind auch nicht lange erſt heim von den unterſchiedlichen Tagespartien und können nicht genug erzählen von der erſchauten Pracht und Herrlichkeit. Freund A. iſt ganz entzückt von einer prächtigen Abend⸗ fahrt auf dem felsumthürmten Thumſee, wo ihn der gaſtliche Beſitzer eine ganze Stunde hat herumfahren laſſen. Auf dem Hinauswege iſt er bei dem Kaitl, auf dem Heimwege bei dem Moſerwirthe eingekehrt. 160 Freund M. ſpricht begeiſtert von der Schwarzberg⸗ Klamm bei Unken, jenem tiefernſten Gebirgswunder, jener ſchauerlich erhabenen Alpenpartie, wie in ganz Oberbaiern, Salzburg und Tirol keine zweite zu fin⸗ den. Ein Dritter hat den Standpunkt der Sonne ſo glücklich getroffen, daß er die brauſenden Cascaden der Wimbach⸗Klamm von ſechs Regenbogen umblüht geſehen. Ein Vierter erzählt mit reichem Humor von fünf Crinolinendamen, die, vom Gewitter überraſcht, auf dem Heuboden der kleinen Zwiſelalphütte zu über⸗ nachten gezwungen geweſen. Unter ſolch intereſſantem und unterhaltendem Ge⸗ ſpräch iſt das Töpfchen alle, ehe man ſich's verſieht, und ein Abendſtündchen nach dem andern fliegt raſch vorüber. Da entſinnt man ſich, daß heute eine neue Bade⸗ liſte erſchienen. Walli bringt ſie. Welche Freude! Die liebenswürdige Familie D. aus der Heimath iſt angekommen. Welch angenehme Ausſicht für die nächſten Tage! Ein Reichenhaller Stammgaſt am obern Ende der langen Tafel zankt mit dem Kellner, daß er ihm bereits das dritte Strafſeidel gebracht. Der untere Theil der Tafelrunde, wozu wir zu gehören das Glück haben, und wo Walli die Durſtſtillung übernommen, iſt glücklicher geweſen. Durchweg das friſcheſte Bier. O du gemüthliche Abendtneiperei im Poſthauſe zu Reichenhall! Da tönt draußen in langgezogenen Tönen und zur Ruhe mahnend die ſchöne bairiſche Jägerretraite des hier garniſonirenden Grenzcommando's. Man bricht auf, ſich die Hand zur guten Nacht reichend. „Gute Nacht, Walli!“ Draußen iſt indeß der prachtvollſte Sternenhimmel 161 aufgeblüht. Hoch oben, dem Zenith nah, die freund⸗ liche Wega in der Lyra Mitte; weiter gen Weſten der feurige Arktur, der Bärenführer, durch den vor zwei Jahren der Komet ging. Dort immer höher ſteigend der Schwan, und über den Nordalpen die Cynoſura, der unveränderliche Polarſtern. In den Straßen iſt es ſtill geworden; nur aus den Bräu's vernimmt man vor⸗ beigehend noch gedämpfte Stimmen und Gläſerklang. Man gelangt an das Salzburger Thor. Da kommt es durch die Dunkelheit getrabt. Vierbeinig. Es ſind die Eſel des wackern Reiſchl, gegenwärtig Parapluiemacher, chedem tüchtiger„Gamsjaga“. Die beiden Langohren haben Badegäſte nach dem hohen Oſtſtauffen getragen und kehren jetzt von ihrer mühevollen Tagfahrt heim. Wie galoppiren ſie trotzdem behende durch das geöffnete Thor, der erſehnten Ruheſtätte zu! Herr Reiſchl iſt zu⸗ gleich beliebter Chambregarnier für zahlreiche Badegäſte. Die Feuer auf den Bergen ſind erloſchen. In unbeſtimmten Umriſſen wälzen ſich die dunkeln Maſſen der Bergrieſen zum Nachthimmel. Ich trete in mein traulich Stüblein. Die ver⸗ lebten ſchönen Stunden ziehen wie eine freundliche Fata Morgana nochmals durch die Erinnerung. Wieder eine Roſe mehr eingewunden in die oft dornenvolle Guirlande des Lebens. Das Licht erliſcht. Ich werfe noch einen letzten Blick hinüber nach dem Untersberge. Hu, wie finſter, zaubergewaltig ſchaut er daher! Um ſeinen Hochthron flattern noch die Raben— Der Kaiſer träumt— der dunkle Zauber bleibt, Bis daß die Zeit, wo auf dem Walſerfelde Der Birnenbaum der Freiheit Blüthen treibt! Das iſt ein Sommerſonntag im Alpen⸗ ſtädtchen Reichenhall! Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. IV. 11 Der Steckbrief. cherz. S Ein — — Gobias Klotz war im vierten Jahre bereits Genie, im vierzigſten Bürgermeiſter von Hammelswalde. Als letzter ſtieg er höchſt eigenbeinig in ſeinem Cabinete auf und ab und ſtudirte„den Landboten“, ein ge⸗ leſenes Blatt. Das benachbarte Landgericht von Zippelkirchen ſuchte darin einen Haupträuber, deſſen Signalement beigefügt war und verſprach demjenigen, der zur Wiedererlangung des Entſprungenen beitrage, eine Belohnung von dreißig Thalern. Tobias durchlas den Steckbrief wie ein Gourmand die Speiſekarte, mit kritiſchem Blicke. Er las von Oben nach Unten, von Unten nach Oben. Er hatte früher vergleichende Anatomie ſtudirt. Es war richtig, der ſteckbrieflich Verfolgte war Niemand anders als ſein eigner Rathsfrohn Lerche. „Menſchheit, Menſchheit,“ rief der Bürgermeiſter von Hammelswalde,„iſt's möglich! Ich habe eine Schlange an meinem Buſen ernährt. Indeß ſind dreißig Thaler nicht zu verachten.“ Er klingelte. Lerche, der friedfertigſte Menſch von Mitteleurvpa, aber was die Genialität anbelangt, mit dem Herrn Bürgermeiſter unter demſelben Stern⸗ bilde geboren, trat in's Zimmer. „Tret Er näher,“ herrſchte Tobias, den Blick fortwährend auf den Steckbrief gerichtet.„Wie alt?“ „Wie alt ich bin?“ „Verſteht Er kein Deutſch?“ „Nun, zum nächſten Pflaumenmarkte geht's in's Zweiundvierzigſte.“ 166 „Sei Er nicht eitel, mach er ſich nicht jünger als Er iſt. Er hat die Vierundvierzig auf dem Rücken. Hier ſteht's.“ „So? nun wenn's dort ſteht—“ „Wie hoch?“ „Fünfundſiebzig und ein Achtel ſächſiſch. Hab ich aber die neuen Drecktreter an, werden die Sechsund⸗ ſiebzig voll.“ „Sei Er nicht hochfahrend, mache Er ſich nicht größer, als er iſt. Er mißt vierundſiebzig und einen halben Zoll. Hier ſteht's.“ „So? Nun wenn's dort ſteht. Mir kann es gleich ſein.“ Der Herr Bürgermeiſter von Hammelswalde trat jetzt näher an den kerzengrade vor ihm ſtehenden Lerche und unternahm die Oeularinſpection. „Haar in's Gräuliche ſchillernd. Sehr richtig.“ „Ja,“ meinte Lerche,„meine Frau jätet mir zwar täglich auf dem Kopfe herum, daß ich Zeter⸗ mordio ſchreien möchte, aber die Grauſchimmel neh⸗ men mit Macht überhand.“ „Ruhe. Stirn hoch und frei. Streich Er doch einmal die Zottige da vorne weg.“ „Das wird ſchwer halten,“ geſtrenger Herr Bürger⸗ meiſter,„ſie ſind zu tief herabgewachſen.“ „Thu Er was ich ſage und ſchweig Er.“ „Wenn der Herr Bürgermeiſter befehlen.“ Nachdem Lerche nicht ohne Widerſpenſtigkeit von Seiten ſeines ſtruppigen Haarwuchſes die Stirn etwas freigemacht, ſprach der Bürgermeiſter: „Sehr richtig, die Stirn frei. Die Zähne defect,“ fuhr Tobias im Steckbrief leſend fort,„mach Er mal das Maul auf.“ 167 Lerche that's und zeigte zwei Reihen gut conſer⸗ virter Zähne. „Da hat Er gewiß ſein Gebiß dieſer Tage aus⸗ beſſern laſſen beim durchreiſenden Zahnkünſtler Der Kerl wollte mir auch in den Rachen. Da kam er an.“ i auch, 33 ich ließ ihu nicht hinein.“ „Wie ſurt iſt iberhalt der Vrſand ſeiner Zähne?“ „Oben ſechszehn, unten ſechszehn, in Summa zwei⸗ unddreißig.“ „Und vollkommen geſund?“ „Der vorderſte untere Backenzahn rechts iſt etwas wacklig.“ „Alſo doch defect. Es iſt richtig. Es iſt ſehr richtig. Weitr Augen grau⸗blau.“ „Früher waren's Vergißmeinnichte; aber die Jahre, der Aerger, der Dienſt.“ „Naſe lang und ſpitz.“ „Nein, die meine iſt zwar lang, aber kolbig.“ „Unbeſtritten ein Druckfehler. Geſichtfarbe blaß. Sehr ichtig. Geſichtsfarb blaß.“ „Ja, ſeit dem letzten kalten Fieber iſt's Rouge ganz verſchwunden. Meine Frau ſagt's auch.“ „Beſondere Kennzeichen: keine. Nichtwahr, er hat keine beſondern Kennzeichen?“ „O ja, Herr Bürgermeiſter, wenn ich meine blaue Interimsjacke anhabe, da hat bei der letzten Ausbeſſerung meine Frau einen Fleck eingeſetzt, der nach dem letzten großen Regenguſſe vor acht Tagen quittegelb geworden iſt.“ „Er iſt ein Eſel, ob an ſeinem Leibe ſich keine beſondern Kennzeichen vorfinden.“ „Das ich nicht wüßte.“ „Alſo auch keine Kennzeichen. Richtig. Kein Zweifel mehr. Und um nicht als Lerche beim Raube 168 attrapirt zu werden, hat er ſich den Namen Piep⸗ meier gegeben.“ Der Bürgermeiſter von Hammelswalde, welcher dieſe Worte mehr für ſich geſprochen hatte, blähte ſich jetzt auf wie ein Truthahn, dem man ein rothes Tuch vorhält. „Weiß Er was Er iſt?“ brauſte er den noch immer kerzengrade daſtehenden Lerche an. „Der geſtrenge Herr Bürgermeiſter meinten ſo⸗ eben, ich ſei ein Eſel.“ „Das iſt Er noch nebenbei; aber in der Haupt⸗ ſache?“ „Nein, in der Hauptſache weiß ich's nicht.“ „Er iſt ein— Haupträuber!“ „Ein Haupträuber?“ „Nicht anders.“ „Da müßt ich aber doch geraubt haben?“ „Das hat Er auch, Schlange. In Zippels⸗ kirchen hat die Schlange die Depoſitenkaſſe erbrochen.“ „Ich bin aber ſeit ſieben Jahren aus Hammels⸗ walde nicht herausgekommen.“ „Sei Er kein Ausflüchtler. Hier ſteht's. Schwarz auf weiß ſteht's da. Wie Er leibt und lebt ſteht's da. Das Signalement iſt ihm aus den Augen ge⸗ ſchnitten.“ Lerche blieb trotz der bürgermeiſterlichen inju⸗ riöſen Inſinuation ſehr gelaſſen. Die Beſchuldigung war für den frommen Mann zu rieſenhaft, daß er ſie nicht zu faſſen, noch Etwas zu erwidern wußte. Tobias ging verſchnaufend und ſich mit ſeinem großblumigen Taſchentuche Kühlung zuwedelnd auf und ab. Er ſann darüber nach, was zuvörderſt mit dem Verbrecher vorzunehmen ſei. Endlich hatte er ſeinen Entſchluß gefaßt. 169 „Er iſt arvetirt, Lerche!“ „Aber, geſtrenger Herr Bürgermeiſter, wer ſoll mich denn arretiren, da ich der alleinige verpflichtete Frohn bin und keinen Viceſupernumerarius habe?“ „So arretire Er ſich ſelbſt und liefere Er ſich ab beim wohllöblichen Landgerichte von Zippelskirchen.“ „Wenn ich aber unterwegs davonlaufe?“ „So fange Er ſich wieder ein. Er ſteht mit ſeinem Kopfe für Seine Perſon. Er iſt verpflichteter Rathsfrohn. Weiß Er das?“ „Was ſoll ich aber dem wohllöblichen Landge⸗ richte von Zippelskirchen ſagen?“ „Er ſagt, daß es meiner Weisheit gelungen, den geſuchten Räuber ausfindig zu machen, welcher anbei folge. Er läßt ſich darauf zu Protokoll nehmen, und ſorgt dafür, daß die dreißig Thaler anhero ge⸗ langen. Das Andre wird ſich finden.“ Da Lerche in ſeiner Unſchuld noch einige Fragen that, deren Beantwortung dem Denkvermögen Klotzens Schwierigkeiten verurſachten, ward das Oberhaupt von Hammelswalde ungeduldig. „Naſeweiſer, durch meine Weisheit entbarpter Miſſethäter, wann er ſich nicht binnen einer Stunde auf dem Wege nach Zippelskirchen befindet, ſoll Er mit Schrecken inne werden, was es mit einem in Zorn gerathenen Bürgermeiſter von Hammelswalde auf ſich hat.“ Nur noch eine Frage, geſtrenger Herr Bürger⸗ meiſter.“ „Wohlan, ſo ihm aber ſein Kopf lieb iſt, keine zweite.“ „Wo wollen Ew. Liebden einen neuen Raths⸗ frohn herbekommen?“ „Dafür wird meine Weisheit ſorgen.“ 170 Der für die Sicherheit von Hammelswalde be⸗ ſorgte Lerche ward hierdurch vollkommen beruhigt, und machte ſich auf den Weg nach Zippelskirchen. Der Tag war heiß, der Weg lang, die Straßen Als daher ein Wald kam, dachte Lerche, Zippelkirchen wird nicht davon laufen, du uhſt aus. Gedacht, Der ambulante Hammels⸗ walder lagerte ſich auf weiches Moos im Schatten einer alten Buche. Ein ruhiges Gewiſſen iſt ein ſanftes Ruhekiſſen. Lerche, als er ſich behaglich aus⸗ ſtreckte, empfand die Wahrheit dieſes Spruchs nie mehr als in dieſem Augenblicke. „Was ſollſt du gethan haben?“ frug er ſich; „geraubt. Dummes Zeug. Man erſieht aber hier⸗ aus, wie ſelbſt der weiſe Bürgermeiſter zuweilen einen Bock zu ſchießen vermag. Ich glaube ſchwer⸗ lich, daß ihm die Zippelkirchner die dreißig Thaler auszahlen.“ „Da fällt mir ein,“ fuhr Lerche nach einer Pauſe fort,„daß ich mich eigentlich als verpflichteter Raths⸗ frohn über die Sache hitte alteriren ſollen. Ich will es aber nicht thun. Ich werde wie ein unſchul— dig Lamm aus dieſen verwickelten Rechts⸗ handel.“ Während Lerche alſo philoſophirte, ward hinter ihm eine etwas confiscirte Phyſiognomie ſichtbar, die aus dem Buſchwerk hervorſchaute und das Terrain zu recognosciren ſchien. Als der Mann, dem die Phyſiognomie angehörte und den wir, da er aus dem Walde kam, Nimrrod nennen wollen, den fried⸗ lichen Wandersmann entdeckte, trat er vollends her⸗ 171 vor und nahm ohne weitere Umſtände neben Lerchen Platz. Ein Wort gab das andere. Nimrod ſprach wie gedruckt. Man ward bald vertraut mit einander. Lerche, gutmüthig und ohne Arg, hielt nicht lange hinter dem Berge und theilte dem neuen Bekannten alsbald den Zweck ſeiner Miſſion mit, was Nim⸗ roden ziemlich ſpaßhaft vorkommen mochte, denn er lachte unterſchiedliche Male laut auf. Zugleich nahm er Gelegenheit, nähere Erkundigungen über die häus⸗ lichen Verhältniſſe des geiſtreichen Bürgermeiſters von Hammelswalde einzuziehen. Mit wahrhafter Zufrie⸗ denheit ſchien er zu vernehmen, daß Tobias Klotz nicht unwohlhabend, daß er aber ſehr geizig ſei und die erſparten Goldſtücke nicht ausleihe, ſondern in ſeinem Schlafzimmer in einem alten eiſernen Topfe verwahre. Lerche mußte noch viel erzählen. Nimrod konnte gar nicht ſatt werden. Endlich dachte Lerche an Aufbruch. Nimrod war ordentlich ergriffen. Er umarmte den gutmüthigen Lerche wiederholt und ſchwur, ſie müßten Freunde werden. Lerche fand ſich äußerſt geſchmeichelt durch dieſe Freundſchaft. „Aber bevor wir ſcheiden,“ ſprach Nimrod,„müſſen wir, damit Jeder ein Andenken von dem Andern' habe, Ringe wechſeln.“ „Ich trage keine Ringe, geſtand Lerche, als ich mit meiner Frau copulirt wurde, gaben wir uns preußiſche Achtgroſchenſtücke, ſtatt der Ringe.“ „Dies iſt Jammerſchade,“ verſetzte Nimrod,„indeß kommt mir ein delicater Gedanke.“ Sein Blick fiel hierbei auf Lerchens abgetragene Deckelmütze.— V tauſchen unſere Mützen!“ Lerche erſtarrte ob ſolcher uneigennütziger Freund⸗ ſchaft. Er wagte kaum den Blick zu erheben zu Nimrods ſtattlicher Nemoursmütze. 172 „Dies geht doch nicht,“ ſprach er tief beſchämt. „Und wenn Ihr mein Hemde verlangtet, theuerſter Freund,“ ſchwur Nimrod,„wer mein Herz hat, hat auch mein Hemde, warum nicht die Mütze?“ Nach vielfachem Widerſtreben von Seiten Ler⸗ chens, das ſeinem Zartgefühle zu nicht geringem guhme gereichte, ward der Mützentauſch getroffen. Nochmaliges Embraſſement. Ewiger Freundſchafts⸗ ſchwur. Nimrod verſchwand im Gebüſch und Lerche wanderte, die Nemoursmütze unternehmend auf's Haupt gedrückt, gen Zippelkirchen. Nach ſechsſtündigem Nachdenken war der Bürger⸗ meiſter von Hammelswalde zu der Ueberzeugung ge⸗ langt, daß er ein faux pas gemacht habe. Er hätte Lerchen nicht ſo über Hals und Kopf ſeitut Richter überlaſſen ſollen. Wenigſtens ſollte er den Frohn ſo lange behalten, bis ſeine Stelle beſetzt war. Lerche war zugleich Bedienter des Herrn Bürgermeiſters, überhaupt deſſen rechte Hand. Es fehlte dem Tobias Klotz an allen Ecken. „Daß mich der Dienſteifer ſo hinreißen mußte,“ rief er für ſich, indem er nach einem Schlüſſel ſuchte und ihn nicht finden konnte. Die Se brach bereits herein und er⸗ weckte neue Beſorgniſſe im Gemüth des Herrn Bürgermeiſters. Ohne einen Hüter in ſeinen vier Pfählen zu wiſſen, getraute er ſich nicht einmal auf's Schießhaus, in die gewohnte Abendgeſellſchaft. Das kam ihm ſchwer an. Während er noch mit ſich im Kampfe lag, ob er ausgehen oder zu Hauſe bleiben ſollte, pochte es an die Thür. Herr Tobias Klotz war nicht furchtſam; aber eines kleinen Schauers vermochte er ſich nicht zu erwehren. Das Klopfen klang ſo unheimlich. Es klopfte noch einmal. Jetzt preßte der Herr Bürgermeiſter ein„herein!“ heraus, indem er ſich zugleich in die lichtern Regionen des Fenſters zurück⸗ zog. Die Thür that ſich auf und Herr Nimrod trat herein, deſſen Bekanntſchaft wir bereits gemacht haben. „Ein ſchönes Compliment vom Herrn Landrichter zu Zippelskirchen,“ begann der Eingetretene ohne große Complimente,„und er läßt beſtens danken, es habe ſeine Richtigkeit.“ Tobias Klotz athmete neu auf, als er dieſen ſpeciellen Gruß vernahm. Er trat einen Schritt näher. „Mit wem habe ich das Vergnügen—2“ „Ich bin der Oberfrohn von Zippelskirchen, als meine Legitimation diene hier Lerchens Mütze, die ich dem Verbrecher ſelbſt abgenommen, als ich ihn krumm ſchließen ließ.“ Der Bürgermeiſter von Hammelswalde, welcher die Mütze erkannte, erhielt ſeine vollkommne Geiſtes⸗ gegenwart wieder. „So hat ſich mein ſcharfer Blick doch nicht ge⸗ täuſcht?“ „Nein, der Blick des Herrn Bürgermeiſters hat ſich nicht getäuſcht. Das ganze Landgericht bewundert den Scharfſinn Ew. Wohlliebden.“ „Und die dreißig Thaler—2“ „Folgen Morgen mit Expreſſen. Bis ſie an⸗ langen, ſoll ich dem Herrn Bürgermeiſter mit meiner eignen Perſon Caution leiſten. Außerdem habe ich Ordre, ſo lange mich Ew. Wohledeln zur Dispoſi⸗ tion zu ſtellen, bis Lerche's Poſten anderweit be⸗ ſetzt iſt.“ 174 „Ich muß geſtehn,“ ſprach der Bürgermeiſter, „da fällt mir ein rechter Stein vom Herzen.“ „Alle Sbugenen des Krummgeſchloſſenen ſoll ch übernehmen.“ „Wie dankbar bin ich dem Herrn Landrichter. Wohlan, ſo kann ich ohne Sorgen mein Haupt auf's Schlummerkiſſen legen.“ „Dieß können der Herr Bürgermeiſtr.“ „Und in der Tabagie nach des Tages Laſt und Hitze meine Pfeife ſchmauchen. Er bewacht indeß das Haus.“ „Verſteht ſich.“ Nach wenigen Minuten ſah man den Bürger⸗ meiſter von Hammelswalde beflügelten Schrittes dem Schießhauſe zueiken. Lange hatte Tobias Klotzen's Genie nicht in ſolchem Glanze geſtrahlt wie dieſen Abend. Sein Scharfblick in Attrapirung Lerchen's war der Gegenſtand der allgemeinſten Bewunderung. Mit Ehrfurcht blickten die Hammelswalder zu ihrem Oberhaupte auf, der wie Zeus Chronion majeſtätiſch hinter Wolkenſchichten ſaß und nur in unbeſtimmten Umriſſen zu erkennen war. Die Ehrfurcht ſteigerte ſich zum Enthuſiasmus, als Tobias in erhebendem Selbſtgefühl ſeiner Ver“ dienſte ſeinem Herzen einen Stoß gab und der erb⸗ Se Bürgerſchaft eine halbe Tonne Braunbier verſprach, ſobald die dreißig Thaler eingegangen ſein würden. Man ließ den Geber hoch leben und brachte ihn unter Abſingung patriotiſcher Lieder nach Hauſe. Der wachſame Nimrod war noch auf. Er empfing den mit ſchwerem Kopfe ſnnre Tobias mit einer Grandezza, gegen welche ſich die Unbehülflichkeit 175 Lerche's verſtecken mußte. Da dem Bürgermeiſter durch die Hurrah's der erbgeſeſſenen Bürgerſchaft die Beine etwas ſchwach und das Haupt von zu vielem Nachdenken etwas ſchwer geworden war, geleitete ihn der interimiſtiſche Frohn die Stiege empor und brachte ihn zu Bette. Bald ſchnarchte Tobias Klotz wie ein Pommer. Nach zehnſtündigem geſunden Schlafe erwachte Tobias und das Erſte, was er mit vieler Behaglich⸗ keit dachte, war, daß heute der glückliche Tag ſei, wo dreißig blanke Thaler, wie ein geſchenkter Gaul bei ihm einlaufen würden. Dieſer Gedanke und das freundliche Sonnenlicht, welches in die Kammer fiel, ließen an keinen Schlaf weiter denken. Er klingelte, in der Hoffnung, daß Lerche's gewandter Nachkomme herbeieilen werde. Es eilte indeß Niemand herbei. Er klingelte noch einmal, zwei Mal, drei Mal. End⸗ lich erhob er ſeine Stimme. Da er den Namen des neuen Frohns vergeſſen hatte, rief er: „Interimiſtikus, wo hat Ihn der Satan?“ Da erſchien Frau Chriſtine, die Aufwärterin, mit dem Kaffee. „Hat Sie den neuen Frohn nicht geſehen?“ „Nicht die Spur, Herr Bürgermeiſter.“ „Wie iſt Sie denn überhaupt hereingekommen?“ „Die Vorhausthür ſtand offen, Herr Bürger⸗ meiſter.“ „Offen? Suche Sie mir gleich den Dings da, daß ich ihm den Text leſe.“ „Sogleich, Herr Bürgermeiſter.“ „Das wäre mein Leibmameluk. Die Thüren offen 8 6 zu laſſen. Ich konnte beſtohlen werden. 176 Nach einer Weile kam Chriſtine zurück. „Der neue Dings iſt nicht zu finden. Und an der ſchwarzen Tafel im Vorſaale— barmherziger Himmel, da ſtehen Geſchichten!“ „Was denn für Geſchichten?“ „Der Herr Bürgermeiſter wären— ach Gott ach Gott— der Reſpect verbietet mir. „Sei Sie nicht einfältig, was köunte ich denn ſein als— Bürgermeiſter.“ „Ach nein, was weit Schlimmeres.“ „Welcher Frevler,“ rief jetzt Tobias zornentbrannt, und eilte, ohne die nothdürftigſte Tilette zu vollen⸗ den, nach der großen ſchwarzen Tafel, die im Vor⸗ ſaale hing und wo in der Regel diejenigen Ham⸗ melswalder angekreidet wurden, die mit Nächſtem citirt, contribuirt oder exequirt werden ſollten. Mit kalligraphiſcher Deutlichkeit waren auf dieſer Tafel folgende Worte zu leſen: „Eſel von Bürgermeiſter, danke es Deinem deter⸗ minirten Schnarchen, daß ich Dir nicht die Gurgel zugeſchnürt und Du mit ein paar lumpigen Louisd'ors und ein paar Paßformularen davon gekommen biſt. Ergebenſt Piepmeier.“ „Wie,“ rief entſetzt der Bürgermeiſter von Ham⸗ melswalde,„Piepmeier, ſo hieß ja der Räuber im geſtrigen Steckbriefe.“ Ohne von dem„Eſel“ im Geringſten Notiz zu nehmen, eilte jetzt Tobias, ſo ſchnell ihn ſeine Füße zu tragen vermochten, nach dem Verſtecke, wo ſich ſein Topf mit den Goldſtücken befand. „Barmherziger Himmel,“ kreiſchte er,„der Menſch ſchreibt von ein paar lumpigen Louisd'ors und hat den ganzen Topf ausgeräumt.“ Das war mehr, als ein Bürgermeiſter von Ham⸗ 177 melswalde zu ertragen vermochte. Die Kniee knickten zuſammen. Mit Mühe brachte ihn Chriſtine in einen Lehnſtuhl. Sein Haupt ſank auf die Bruſt. In dieſem tragiſchen Momente trat Lerche in's Zimmer, der von Zippelskirchen wohlbehalten wieder angelangt war. „Ein ſchön Compliment vom Herrn Landrichter und ich wäy's nicht.“ „Ja, das glaub ich,“ ſeufzte Tobias, und eine Ohnmacht umhüllte wohlthätig ſeine Sinne. Da klang ein vielſtimmiges Vivat von der Gaſſe herauf. Die erbgeſeſſene Bürgerſchaft ſtand unten mit Muſik und einer leeren halben Tonne, um die verſprochene Dotation in Empfang zu nehmen. Lerche trat an's Fenſter und winkte mit der Hand. Eine allgemeine Stille erfolgte.„Der Herr Bürger⸗ meiſter,“ rief Lerche,„liegen dermalen in Ohnmacht und verbitten ſich alle Beileidsbezeugungen.“ Betrübt ſchlich die erbgeſeſſene Bürgerſchaft mit der leeren Tonne wieder nach Hauſe. Es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe ſich Tobias von dem harten Schlage wieder erholte und ſich ſein eiſerner Topf wieder füllte. Eine Averſion vor Steck briefen behielt er bis an ſein ſeliges Ende. Von Piepmeier hat man nie wieder Etwas ver— nommen. Er ſoll nach Texas ausgewandert und daſelbſt Bürger und kommunalgardenpflichtig gewor— den ſein. Stolle, ſämmtl. Schriften. Suppl.⸗Bd. 1V. 12 Sc ee 3Zwei Märchen vom alten Tindenbnum. 2 ₰ —— = — l. Die leuchtenden Gräber. öölenn die Sonne geſunken, der Nebel ſich dichter über das Land legt, der Lärm des geſchäftigen Tages mehr und mehr verſtummt und von Abend her nur noch ein matter Schein in's Stüblein fällt, wir uns aber noch nicht veranlaßt finden, die Stearinkerze oder die ſtille Lampe anzuzünden, dieſe kurze aber heimliche, innige Zeitperiode nennen wir das Däm⸗ merſtündlein, und kann ſolches im gemüthlichen Fa⸗ milienkreiſe wie vom vereinſamten Lebenswanderer in Stadt und Land begangen werden. Es iſt, wer es gemüthlich zu benutzen verſteht, gleichſam ein ſtilles Sabbathſtündlein nach den zwölf lärm- und arbeits⸗ vollen Stunden des Tages. In Theater und Con⸗ certſälen erblühen die Gasblumen, Parket und Logen füllen ſich mit geputzten Zuſchauern; es iſt dies ganz ſchön, aber ein Dämmerſtündlein im häuslichen Kreiſe oder ganz entré nous hat auch ſeine Meriten. Das Auge, unbehelligt von zerſtreuenden Licht- und Far⸗ benglanz, gehüllt in wohlthuendes Halbdunkel, geſtattet der Seele ungehinderte Spaziergänge weit, weit hin⸗ aus über den Stubenfrieden in ferne Thäler des Frühlings, wo wir einſt glücklich waren. Theure Lieebn, deren frühlingsvolle Herzen längſt Aſche ge⸗ worden, wandeln vorüber. Wir gedenken ihrer, wie ſie lächelten und ſich freuten in heiteren Stunden. Ihre längſt verklungene Stimme tönt in unſer geiſtig Ohr. Wir gedenken holder Geſtalten, die auch fort⸗ gegangen, manches lieben Liedes, das ſie geſungen. 182 Es iſt eine holde Einkehr in die Gärten und blu⸗ menreichen Almen unſerer Erinnerung. Mancher Regenbogen blüht darüber, mancher ſterbende Som⸗ merabend, manche reiche, warme Frühlingsnacht, wo der Mond zwiſchen lichten Wolken in goldner Schöne wie aus 8 zerfließenden weißen Roſe hervortritt. Und immer dunkler wird's draußen, ſchon rauſcht der Herbſtſturm vernehmbarer in den Kronen der licht⸗ gewordenen Bäume im Garten. Fern im ſchönen Thale auf einſamem Friedhof ſteht ein alter Lindenbaum. Seine Erinnerung reicht weit hinaus über die dreißig zorn- und blutvollen Jahre, wo ſich die Deutſchen bekämpften wegen! des wahren Gottes, hinaus über jenen klaren October⸗ morgen, wo Doctor Martinus ſeine 95 Sätze an die Kirchthüre von Wittenberg ſchlug— durch ſeine goldgrünen Jünglingslocken klangen wilde Schlacht⸗ geſänge ſchwarzer Schaaren, die für den Märtyrer von Conſtanz freudig in den Tod gingen. Und noch immer treibt der alte Lindenbaum aus friſchem Mark alljährlich ſeine Schößlinge in fröhlichen ſiegesſicherem Hoffnungsgrün, gleichſam als gedächt er noch zu er⸗ leben die Auferſtehung und Herrlichkeit ſeines deut⸗ ſchen Volkes, denn er hat deſſen Leiden und Kämpfe geſehen, die Opfer und Thränen, die zertretenen Hoffnungen, Faſtenzeit und Charfreitag, darum ſehnt auch er ſich nach dem Oſtermorgen. Im Frühling baut die Grasmücke ihr kleines Neſt im grünen Haus, mancher Sänger ruht aus im duftenden Dome und in weicher Sommernacht ziehen langgezogene Töne der Nachtigall über die Stille der Gräber. Ich habe oft ausgeruht im Schatten des alten Lindenbaums und mit Erquickung emporgeſchaut in die grüne Blätternacht. Es iſt eine kleine Breter⸗ bank am Stamme angebracht, wo man recht ſeinen . 5 — „ 183 Gedanken nachhängen kann, zumal wenn ſie Einen begraben haben und die Leute den Friedhof wieder verlaſſen und es wieder ſtill geworden und die unter⸗ gehende Sonne am Erdrande ſteht. Da iſt ein gar ſeltſam Flüſtern. Die Halme auf den Gräbern er⸗ zählen ſich und die Blätter des Lindenbaums des⸗ gleichen. Iſt es ein Todtengericht, das ſie über den ſveben Heimgegangenen halten? Zuweilen erzählt auch der alte Lindenbaum gar wunderſame, märchen⸗ duftende Dinge. Man muß nur recht aufpaſſen, ſo verſteht man ſie wohl. Und der Lindenbaum kann viel erzählen, denn er hat viel erlebt und Manchen hereintragen ſehen durch das ſchwarze Gitterthor. Da erfährt man Geſchichten, die man ſonſt nimmer zu hören bekommt im Menſchenleben und die auch in keiner Zeitung ſtehen. An einem ſchönen Frühlingsabende, wo die Sonne hinter blühenden Kirſchwäldern untergegangen und die Dorfglocke den Tag zur Ruhe läutete, erzählte mir der Lindenbaum unter Anderem: „Es giebt eine heilige Mitternacht im Jahre— den Menſchen unbekannt— da beginnen manche Gräber, ſobald das tiefſte Dunkel herabgeſunken, in himmliſchem Schimmer zu leuchten, in der Regel ganz einfache, ſelbſt mit keinem Kreuzlein geſchmückte, längſt vergeſſene Gräber, während andere mit prachtvollen Marmorſarkophagen und goldenen Inſchriften im tiefſten Dunkel verharren. Und iſt der rechte Augen⸗ blick gekommen, da erbebt die Mitternacht und die leuchtenden Gräber öffnen ſich, ſo daß man bis auf ihren Grund ſehen kann. Da erſchaut man aber keine abſchreckenden Todtengerippe, nicht Moder und Aſche. Die Schläfer ruhen in himmliſche Roſen ge⸗ bettet, in verklärter Geſtalt, ganz der geiſtigen Schöne und der Schöne des Herzens entſprechend, die ſie auf 184 Erden bewährten. Und bei jedem der Schläfer ſitzt ein Engel, welcher nach einer diamantenſtrahlenden Uhr ſchaut, ob der Weiſer nicht bald auf der Auf⸗ erſtehungsſtunde ſteht, um den Schläfer mit einem Kuß für den himmliſchen Morgen zu wecken. Zu⸗ weilen auch neigt ſich der Engel über den Träumen⸗ den und flüſtert ihm leis in's Ohr und dann ver— klärt ſich das ſchöne Antlitz zu einem ſeligen Lächeln. Wahrſcheinlich iſt es ein holder Roſentraum, welchen der Engel ſeinem ſchlummernden Schützlinge zuflüſtert.“ Ich ſagte zum Lindenbaum:„Das müſſen gewiß alles recht vortreffliche Menſchen geweſen ſein, deren Gräber in heiliger Mitternacht leuchten?“ „Das will ich wohl meinen,“ erwiderte der Lin— denbaum.„Es waren im Leben blühende Herzen, die Gott über Alles, ihren Nächſten wie ſich ſelbſt liebten und für dieſe ihre Liebe nach dem Vorbilde ihres himmliſchen Heilands in den Tod gingen. O,“ fuhr der alte Lindenbaum fort,„wie leuchten in der heiligen Mitternacht ſo ſchön die Gräber, wo man manch' gebrochen Mutterherz hinabgeſenkt, wie ſchön die Gräber, wo die Kämpfer ruhen, deren ganzes Leben heiliger Kampf war für Wahrheit und Recht, deren Herzen ſo heiß ſchlugen für das Wohl ihrer Mitmenſchen, bis ſie in dieſem heiligen Kampfe dem Tode als Opfer fielen.— Wunderbar ſchön,“ erzählte der alte Lindenbaum weiter,„leuchtete im letzten Jahrzehnt ein Grab dort ganz im Winkel des Kirchhofs, wo man Verbrecher mehr einzuſcharren als zu begraben pflegt. Auch mit den drei Jünglingen, die dort ruhen, war dies der Fall. Kein Hügel durfte errichtet und in den erſten Jahren ſelbſt kein Kranz von liebenden Händen niedergelegt werden. Mit ihren blühenden Herzen, in morgenrother Be⸗ geiſterung und opferfreudiger Hingebung für ihr 185 deutſches Vaterland hatten ſie heldenhaft geſtanden im Kampfe, deſſen Sieg aber einer andern Zeit aufge hoben ſcheint. Der Himmel und das irdiſche Geſes wollte es anders, als ihre Liebe und Begeiſterung träumte. Sie eriagen und die Standrechtskugel war ihr Lohn. Aber die himmliſche Liebe und Barm⸗ herzigkeit fragt nicht nach irdiſchem Standrecht und Hochgericht. Sie richtet nach reinem Herzen und reiner Geſinnung und„„wer viel geliebt, dem wird viel vergeben““; darum leuchtet das Grab der Jüng⸗ linge ſo wunderbar ſchön in heiliger Mitternacht und iſt der Augenblick gekommen, wo die leuchtenden Gräber ſich aufthun, ſo gewähren d die drei Opfer die ſchönſte verklärte Gruppe im ganzen hieſigen Todten⸗ reiche. Sie halten ſich umſchlungen und wo die Standrechtskugel ihr treues Herz durchbohrt, haben Engel himmliſche Roſen auf die Wunde gelegt. So ſchlummern ſie einem ſchönen Erwachen entgegen, noch immer ſüß träumend von des deutſchen Landes Pracht und Herrlichkeit.“ Auf dieſe Weiſe hat mir der alte Lindenbaum gar manch' freundlich Märchen vertraut, das ich gern wiedererzählen will, wenn der Leſer Gefallen daran findet. Es klopft. Sophie bringt Licht und legt die Zeitung auf den Tiſch. Das Dämmerſtündlein, die holde Traumwelt iſt vorüber und aus der grauen „Leipziger Zeitung“ ſtarrt die unerquickliche Wirk⸗ lichkeit. Ich durchblättere die langweiligen Spalten und ſtoße mauchen hochgeſtellten Geſellen, von dem die heutige Welt viel Geſchrei macht, wobei aber ſehr wenig Wolle abfällt. Ob man vieſe politiſchen Eintagfliegen und Glücksritter noch zu Sternen erheben oder ſie gar aushauen und hoch aufſtapeln 186 wird auf marmorne Poſtamente, weiß ich nicht, aber ſo viel weiß ich, daß ihre Gräber dereinſt nicht leuch⸗ ten werden in der heiligen Mitternacht. L. das Mädchen mit dem goldnen Sterne. Es iſt im Himmel eine bekannte Sache, daß der liebe Gott für jedes Menſchenkind, das hier geboren„ wird, einen Engel auswählt, der dafür zu ſorgen hat, daß ſein Schützling vor den zahlreichen Gefährlich⸗ keiten des Lebens ſorgſam bewahrt bleibe. Man 3 frage jede Mutter, die der Himmel mit einem Häuf⸗ lein Kinder geſegnet hat, ob es wohl möglich, daß dieſe Kleinen in ihrer Unerfahrenheit, Jugendluſt und ihrem Jugendübermuthe nur vierundzwanzig Stun⸗ den vor Schaden zu behüten wären, ſobald ſie nicht unſichtbar von Engeln bewacht und beſchirmt würden. Bis zum zehnten Jahre hätte die Hälfte der Kinder Arme und Beine gebrochen, wenn ihnen nicht himm⸗ liſcher Schutz zur Seite ſtände. Kommt nun doch ſo ein Kindlein zu Schaden, wie wir ja manchmal erleben, ſo hat ein Engel aus irgend einem Grunde nicht die gehörige Vorſicht beobachtet, wodurch er ſich im Himmel ſtets großer Verantwortung ausſetzt. Im Allgemeinen aber verwalten die Engel mit be⸗ wunderungswürdiger Aufmerkſamkeit und Sorgfalt ihr ſchönes Amt, weil es außerdem mit unſerer ver⸗ ehrten Kinderwelt gar ſchlimm ausſehen möchte. Wie oft fallen die Kleinen tagtäglich auf dieſer Erde von Stühlen, Tiſchen und ſelbſt die gefährlichſten Treppen— hinab! Wir eilen erſchrocken hinzu, voller Beſorgniß, die Kleinen müßten keinen ganzen Knochen am Leibe — — ——————————— „ * 187 behalten haben, aber— wunderbar, es hat ihnen ſo gut wie nichts geſchadet. Dies iſt die Fürſorge ihrer Engel. Da begab ſich's eines Tages, daß im Himmel ein großes Feſt gefeiert wurde. Der fürſorgende Engel eines zarten Kindleins konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, dieſem Feſte beizuwohnen. Er dachte, auf die wenigen Stunden wird's ja nicht an⸗ kommen, die Wärterin iſt ja eine ſorgſame Frau und wird das Kindlein wohl behüten. Aber was iſt alle menſchliche Wachſamkeit und Fürſorge, ſobald kein Engel wacht. Wo kein Engel wacht Iſt groß des Teufels Macht. So auch hier; trotz aller Vorſicht von Mutter und Wärterin that das Kindlein einen ſo ſchweren Fall, daß man es für todt nach ſeinem Bettlein tragen mußte. Der herbeigerufene Arzt erklärte zwar, daß noch Leben vorhanden ſei, ob er aber werde das Kind zu erhalten vermögen, das könne er mit Beſtimmtheit nicht behaupten. Bei ſich aber dachte er, wenn es mir auch gelingt, das Leben zu retten, wird das unglückliche Weſen doch zeitlebens ein Krüppel bleiben. Kaum aber hatte der fürſorgende Engel von dem ſchweren Unglück ſeines Pflegbefohlenen vernommen, als er zu ſeinem himmliſchen Vater eilte und zu ſeiner Sühne knieend um die Gnade bat, Menſchen⸗ geſtalt annehmen und die Pflege des unglücklichen Kindes übernehmen zu dürfen. Da der Herr in das unſäglich betrübte Herz des bittenden Engels ſchante, hatte er Erbarmen und gewährte die Bitte. Bereits am andern Morgen, als die arme Mutter troſtlos am Bettlein ihres Lieblings ſaß, der Arzt hatte ſpeben mit beſorgter Miene das Zimmer ver⸗ 188 laſſen, klopfte es leis an die Thür und ein wunder⸗ ſchönes Mädchen in einfach ländlicher Tracht trat herein. Das Mädchen ſagte, es habe vernommen, daß hier ein Kindlein einen ſehr ſchweren Fall ge⸗ than und daß man die unachtſame Wärterin ent⸗ laſſen habe. Es biete ſich daher zur ſorgſamen Pflege an. Auch verſtehe es aus friſchen Kräutern Tränk⸗ leins und Umſchläge zu bereiten, die dem Kinde ſehr wohlthun würden. „Ich weiß,“ fügte ſie troſtſprechend hinzu,„daß ſolche friſche Kräuter noch immer geholfen haben.“ Die trauernde Mutter fühlte ſich durch den An⸗ blict des wonneſchönen Mädchens und die holde Rede deſſelben wunderbar ergriffen. Eine innere Stimme ſagte ihr, daß die ſchöne Unbekannte ihrem kranken Kinde nur Glück bringen könne. „Gern nehme ich Dein Erbieten an,“ ſagte ſie, „aber gutes Kind, wo willſt Du jetzt im tiefen Winter, wo der Schnee ſo hoch liegt, friſche Kräuter herbekommen, die für mein Kind ſo heilſam ſein ſollen?“ „Dieſe beſorge ich ſchon,“ antwortete das Mäd⸗ chen, trat leiſe zu dem Bettlein, legte ſtill ſeine Hand auf das kaum hörbar ſchlagende Herz, worauf das Kindlein, das bis jetzt von Schmerzen gepeinigt ſich unruhig hin und wider gewendet, beruhigt in ſanften Schlummer ſank.„Euer Kindlein ſchläft jetzt,“ ſprach die Fremde,„ſtört es nicht, ich ſorge für die Kräuter.“ Die Mutter faltete, als das Mädchen das Zimmer verlaſſen hatte, wunderbar bewegt die Hände.„Hat mir Gott einen Engel geſendet?“ frug ſie. So war der Eindruck geweſen, den die Fremde auf ſie ge⸗ macht hatte. Sie hatte von derſelben nichts er⸗ fahren, als daß ſie Gabriele heiße und aus fremdem Lande ſtamme. — 189 Aber Stunde um Stunde verrann, das Kindlein ſchlief ſanft fort, doch Gabriele kehrte nicht zurück. Die Mutter wußte nicht, was ſie denken ſollte. Ver⸗ geblich ſah ſie ſich die Augen aus nach dem Walde, wohin Gabriele ihren Weg genommen hatte. Eiſig und unheimlich wehte der Nordſturm über die weiße Schneedecke. „O Gott,“ rief ſie,„das arme Kind, in ſeiner einfachen leichten wird es ſich nicht ver⸗ irrt haben im Walde? Das aume Kind iſt bei dieſer eiſigen Kälte vielleicht erftoren.“ Da— ſchon legten ich die erſten Abendſchatten über's Land— erſchien Gabriele wieder, ganz er⸗ froren und mit blutenden Händen, aber in einem Körbchen trug ſie die ſeltſamen Kräuter. „Armes Mädchen!“ rief die hocherfreute, aber von tiefem Mitleid für die Arme ergriffene Mutter. „Du haſt Dich gewiß im Walde verirrt. Ich habe großes Bangen um Dich gehabt. Komm, erwärme und ſtärke Dich. Mein Kindlein ſchläft noch immer.“ „Das wußte ich wohl,“ ſagte Gabriele,„auch habe ich mich nicht verirrt, aber die Kräuter ſtehen ſo vereinzelt und ſo tief unterm Schnee, den ich erſt wegnehmen mußte; andere waren mit Eis bedeckt.“ „Gutes Kind, Du konnteſt den Tod davon haben.“ „O nein,“ lächelte das Mädchen,„blos die Hand ſchmerzt etwas, doch that ich es ſo gern und— fügte ſie hinzu— ich muß noch manchmal in den Wald.“ Sie kochte und bereitete jetzt die Kräuter wie die erfahrenſte Krankenwärterin für das kranke Kindlein, das aus ſeinem Schlafe gekräftigter erwacht war. Es ward an den wunden, ſchmerzhaften Stellen 190 mit heilenden Kräutern bedeckt und ihm auch eine ſtärkende Kräuterſuppe gereicht. Als der Abend gekommen war, ſagte Gabriele: „Geht jetzt zur Ruhe, gute Mutter, und ſchlaft ohne Sorgen, ich wache die Nacht bei Euerm Kindlein.“ Als am andern Morgen der Arzt erſchien, fand er den Zuſtand des Kindes ſo befriedigend, daß er der Mutter die Himmelsbotſchaft mittheilen konnte, wie er jetzt ihr Kind zu retten glaube. Aber bereits mit Tagesgrauen war Gabriele nach ſchlafloſer Nacht hinausgeeilt, um neue Kräuter zu holen, und wieder kehrte ſie erfroren und mit blutenden Händen zurück. So genas das Kindlein von Woche zu Woche. Die gelähmten Glieder bekamen wieder Bewegung und das holde Geſichtchen lächelte wieder zur Mut⸗ ter, aber ganz beſonders zu ſeiner Pflegerin; dieſe aber war unermüdlich in ihrer Pflege; Tag für Tag eilte ſie in den Wald und grub mit ihrer zar⸗ ten Hand den Schnee hinweg und brach das Eis, um Kräuter für das kranke Kind zu erlangen. Als aber die ſiebente Woche gekommen war, wurde Gabriele auffallend ernſter und trauriger. Ja, wenn ſie am Bettlein ihres Pfleglings ſaß und ihr ſchönes Ange mit unendlicher Liebe auf demſelben ruhte, ſtahl ſich zuweilen eine Thräne daraus hervor. Beſorgt fragte die Mutter:„Gute Gabriele, was iſt Dir? Du biſt nicht mehr ſo heiter wie ſonſt, trotzdem, daß mein Kind unter Deiner Pflege ſo herrlich gedeiht.“ „Weil ich Euch bald verlaſſen muß,“ ſprach Gabriele mit einem Lächeln, durch das eine Thräne glänzte. „Wie, Gabriele, Du wollteſt uns verlaſſen, Du, der ich das Leben meines Kindes danke?“ „Doch, doch,“ ſprach das ſchöne Mädchen.„Mit dem ſiebenten Tage der ſiebenten Woche gehe ich das 191 letzte Mal zum Walde. Euer Kindlein iſt geneſen, wird ſein Bettchen verlaſſen und bald wieder tanzen und ſpringen, wie zuvor.“ „O, bleib' bei uns, verlaß uns nicht,“ bat die Mutter. „Ich muß Euch verlaſſen,“ ſprach mit ſanfter Trauer Gabriele,„der Vater hat mir ſagen laſſen, daß er meiner bedarf, daß ich zu ihm kommen ſoll. —„Doch,“ fügte ſie mit ſeligem Lächeln hinzu, „wir ſehen uns einſt wieder. Wird das eine Freude ſein, wenn ich einſt Roſa— ſo hieß das kleine Mädchen— bei mir haben werde.“ „Aber,“ klagte die Mutter,„wo ſoll ich eine ſo liebevolle Pflegerin für meine Kinder finden?“ „Ihr müßt die frühere Wärterin wieder in Dienſt nehmen,“ ſagte Gabriele,„ſie iſt wachſam und gut. Glaubt mir, die gute Marthe trug nicht Schuld an dem Unglück Eures Kindleins. Sein Engel hatte es verlaſſen. Erfüllt darum meine Bitte, nehmt die brave Marthe wieder an; ſie wird nach dem großen Unglück um ſo vorſichtiger mit Roſa umgehen. Euer Kindlein wird von nun an keinen Schaden mehr leiden, da Gott ihm einen ſchützenden Engel ſenden wird.“ Die Mutter ward durch dieſe Worte ſo ergriffen, daß ſie das Zimmer verließ, um ihre Thränen zu verbergen. Als ſie nach einiger Zeit zurückkam, war Gabriele vor übergroßer Ermüdung, denn ſie hatte heute ſehr tief in den Wald gehen müſſen, um die gewünſchten Kräuter zu finden, ſanft in Schlum⸗ mer geſunken. Das Lämpchen warf nur einen trüben Schein, ſo daß es dunkel im Zimmer war. Gabriele ſchien zu träumen. Da bemerkte die Mutter, daß von Zeit zu Zeit ein goldener Stern auf der Stirn des Mädchens ſchimmerte. 192* Die Mutter erkannte hieraus, daß ſie einen Boten des Himmels in ihrem Hauſe beherberge und daß ein Engel ihr Kindlein gerettet habe. Sie knieete betend nieder, bis Gabriele erwachte und der Stern verſchwand. „Ich habe wunderſchön geträumt,“ ſagte Gabriele, „ich befand mich in der Wohnung meines Vaters und reichte mir lächelnd ſeine Hand.“ Die Mutter aber ſagte nichts, daß ſie den Stern geſchaut habe.— Als der ſiebente Tag der ſiebenten? Woche her⸗ niederſank, war es ſchon nahe dem Frühling Gabriele beugte ſich über die ſauft ſchlummernde Roſg. Dann hauchte ſie einen leiſen Kuß auf die Stirne des träumenden Kindes und verließ die Wohnung. Wie die Mutter ins Zimmer trat, ſuchte ſie vergebens nach Gabrielen, die doch immer ſo pünktlich und ſorgſam am Bettchen Roſa's geſeſſen. Von banger Erwartung ergriffen eilte ſie vor die Thür des Hauſes. Da ſah ſie in der Frühlingsnacht einen wunderſchönen Stern über den ergrünenden Wald nach Oſten ziehen. Am nächſten Morgen verließ Roſa vollkommen geheilt ihr Bett, und ſprang und tanzte bald wie früher. 5 Als ſie aber zur Leizenden Jungfrau herauf⸗ blühte und es dunkel wurde und ein erhabener Ge⸗ danke durch ihre Seele zog, oder ihr Herz ſich recht ſelig fühlte, ſchimmerte ein goldener Stern auf ihrer Stirn. Dieß war der Kuß des Engels. Die Sage davon blieb nicht verborgen und Roſa hieß bald in der ganzen Se „Das Mädchen mit dem goldenen Stern.“ Druck von Alexander Wiede in Leipzig. S