Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6duard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Soeie 2 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: 2—————— auf 1 Monat: W Pf. 1 W 5 Pf 2 W Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Da ſah man Greiſe, welche kaum ſo viel Kraft beſaßen, ſich ſelbſt aufrecht zu erhalten, einen Spaten oder eine Hacke in der zitternden Hand, müh⸗ ſam dahin ſchleichen, um dem Vaterlande ihre letzten Kräfte zum Opfer zu bringen. Die geſammte Schul⸗ jugend Warſchaus war auf den Füßen und arbeitete mit einem Fleiße und einer Ausdauer an den Gräben und Verſchanzungen, daß den Kleinen oft der Schweiß von der Stirne floß. Ja ſelbſt viele der ſchönen Sarmaten⸗ töchter, ihr Geſchlecht und die zarten Arme vergeſſend, halfen Faſchinen flechten und zogen wohl auch hier und da einen leichten Karren mit Erde. Es gewährte einen erhebenden Anblick, ein ganzes Volk, wie von Einem Pulsſchlage belebt, für das Wohl des theuern, geliebten Vaterlandes unermüdlich beſchäf⸗ tigt zu ſehen. Seit den Zeiten Kosciusko's und ſeit dem Zuge Napoleon's gen Moskau hatte man keinen ähnlichen Aufſchwung des polniſchen Volkes geſehen. Während die tapfern Kohorten an den Grenzen des Königreichs dem überlegenen Feinde heldenmüthig die Stirn boten und ſiegreiche wunderähnliche Gefechte lie⸗ ferten, blieb die Hauptſtadt nicht zurück an hochherziger patriotiſcher Aufopferung. Stolle, Schriften. Supplem. III. 1 2 Weit über Wola hinaus erſtreckten ſich die Verſchan⸗ zungen und die Hauptſtadt ſchien von dieſer Seite her gegen einen Angriff vollkommen geſichert. Wie ein Ameiſenhaufen wühlten die zahlloſen Schanzarbeiter Meilen weit in den Erdboden; und es glich einem Wunder, wie man in ſo kurzer Zeit ſo ausgedehnte Werke habe zu Stande bringen können. Guido, Graf von Hohenſtein, war mit unermüd⸗ lichem Fleiße an einer der äußerſten Verſchanzungen be⸗ ſchäftigt. Nur ſelten vergönnte er ſich einen Augenblick Ruhe, wo er dann ſein Auge freudetrunken über die Umgegend ſchweifen ließ. „So iſt es endlich doch gelungen,“ ſprach er,„die in den Straßen von Paris und in den Gauen von Deutſchland niedergetretene Freiheit hat ſich an den Ufern der Weichſel wieder ſtolz und königlich erhoben; in freien Lüften flaggt das Pannier von Polens Un⸗ abhängigkeit und weit hin in die Wälder Litthauens und Volhyniens läuten die Glocken der Auferſtehung. Ein kurzer Kampf noch und das Morgenroth, welches über Warſchaus Zinnen aufleuchtete, kann nimmer wie⸗ der verlöſcht werden. Es iſt die Freiheitsſonne Euro⸗ pas, und Millionen Herzen athmen auf und ſchöpfen neue Hoffnung bei dem roſigen Lichte.“ „Die Wege der Vorſehung ſind wunderbar,“ fuhr er nach einer Pauſe ſinnend fort;„wie beklag' ich Euch, Ihr edeln Kampfesgefährten, die Ihr in Frank⸗ reich und Deutſchland an meiner Seite gefallen ſeid, Ihr habt dieſen ſchönen Morgen nicht erlebt. Nicht genug kann ich's dem edeln Ottokar Dank wiſſen, daß er mich mit eigner Lebensgefahr wunderbar gerettet hat von Kerker und Tod. Wo mag ſich der Theure jetzt befinden? Es iſt lange her, daß ich keine Nachricht von ihm erhalten habe.“ 3 Wieder griff er mit erneuter Kraft zum Spaten und arbeitete an der Befeſtigung der ihm ſo theuern Polenſtadt, als plötzlich ſeine Aufmerkſamkeit auf eine mit zwei flotten Rennern beſpannte Karoſſe gelenkt ward. Dieſelbe fuhr bis an die äußerſte Verſchanzung, in welcher Guido arbeitete. Plötzlich hielt das Fuhr⸗ werk, der Kutſchenſchlag öffnete ſich, und eine elegant gekleidete junge Dame, reizend wie eine junge Roſe, ſprang heraus. Sie eilte auf einen Haufen Schanzar⸗ beiter, der aus ganz gemeinen Leuten beſtand, zu, öff⸗ nete eine niedliche Caſette, die ihr eine Dienerin nach⸗ getragen hatte, und ſtreute lächelnd Geld unter die Arbeiter. „Noch iſt Polen nicht verloren,“ rief ſie mit ihrer Glockenſtimme;„nicht wahr, meine Brüder?“ „Noch iſt Polen nicht verloren!“ tönte es hundertſtimmig begeiſtert zurück. Der Ruf verbreitete ſich immer weiter und bald erſcholl aus alle den zahl⸗ reichen Verſchanzungen ein unermeßliches:„Noch iſt Polen nicht verloren!“ Guido ſchaute wie träumend nach dem Engelbilde, das noch immer bei den Schanzarbeitern ſtand und ſich an dem trunkenen Enthuſiasmus derſelben zu weiden ſchien. Sie wandelte, vom dem Zuruf der Beſchenkten begleitet, die Verſchanzung entlang und kam auch an Guido vorüber, der auf ſein Grabſcheit geſtützt, wie zu einem Boten aus ſchönrer Welt zu ihr aufſchaute. Das dunkle Auge der ſchönen Polin traf den jungen Mann. Ein holdſeliges Lächeln flog bezaubernd über ihr Antlitz. Die kleine zarte Hand faßte nach einer Roſe, welche halb erbrochen an der Bruſt des ſchönen Mädchens blühte, und warf dieſelbe Guido zu, welcher mit einer Begeiſterung, als gelte es die ewige Glückſelig⸗ keit, die ſüße Gabe auffing, und an die Lippen drückte. 1* Der Wagen fuhr wieder vor, und bald war die ſchöne Erſcheinung hinter den Erdwällen verſchwunden. Guido wußte in den erſten Augenblicken nicht, ob er wache oder träume; in ſo überirdiſcher Schönheit war ihm die junge Dame erſchienen. Noch nie hatte ein weibliches Weſen einen ſo ge⸗ waltigen Eindruck auf ihn hervorgebracht. Er bedeckte die Roſe, welche an der Bruſt des Engels geblüht hatte, mit tauſend Küſſen, und zum erſten Mal ward ihm die Schanzarbeit läſtig, denn gern hätte er den Spaten weggeworfen und wäre der holden Erſcheinung nachgeeilt. Aber wer iſt dieſer Engel? Wie heißt er? Dieſe Fragen wechſelten unaufhörlich in ſeinem Innern. Er wandelte einige Schritte in den Schanzgraben dahin. wo die Leute arbeiteten, unter welche die junge Dame Geld vertheilt hatte. „Guter Freund,“ wendete er ſich zu einem der zunächſt Arbeitenden,„Ihr ſeid ein glücklicher Mann; ſeid Ihr nicht ſo eben beſchenkt worden, und von welch' einem wunderſchönen Mädchen. Kanntet Ihr denn Eure Wohlthäterin?“ „Ei,“ erwiderte mit freundlichem Geſicht der Ge⸗ fragte,„wer ſollte die ſchöne und gute Gräfin Ste⸗ phanie nicht kennen; das iſt eine wahre Polin, die Hab und Gut auf den Altar des Vaterlandes nie⸗ derlegt.“ „Stephanie?“ frug Guido,„welches iſt denn ihr Geſchlechtsname?“ „Da fragen Sie zu viel, lieber Herr,“ war die Antwort,„darum hab' ich mich nie bekümmert; wir Alle kennen ſie nur unter dem Namen der guten und ſchönen Stephanie.“ Unbefriedigt kehrte Guido an ſeine Arbeit zurück; 5 ⸗ noch nie hatte er der Stunde der Ablöſung ſo ſehnlich entgegen geblickt, als heut'. Es ſtand bei ihm feſt, die erſten Feierſtunden dazu anzuwenden, nähere Erkundi⸗ gungen über das ſchöne Mädchen einzuziehen. „Habe doch manches ſchöne Kind,“ ſprach er für ſich,„in den Gärten von Deutſchland und Frankreich blühen ſehen, aber was ſind alle Blumen dieſſeits und jenſeits des Rheins gegen den eingebornen Engel, der mir dieſe Roſe zuwarf? Und wenn mir ein König alle ſeine Schätze böte, ſein Gold und ſeine Perlen, für ein einziges Blättchen dieſer Zauberblüthe, er würde ver⸗ gebens bieten. Hab' ich doch, ſeit ich ſie geſehen, eine Zeit lang Polens Freiheit vergeſſen.“ Trompetengeſchmetter tönte aus der Ferne. Es kam von einem Regiment Krakuſen, welches die Stadt Krakau geſtellt hatte, und das unter dem Geſange der Nationalhymne:„Noch iſt Polen nicht verloren!“ luſtig daher trabte. Unermeßlich war der Jubel der entgegen⸗ ſtrömenden Bevölkerung, als dieſe neuen Freiheitskäm⸗ pfer anlangten. Guido war bis in die Straße vorgeeilt, wo die Reiter in ihren weißen Mänteln mit rothem Kragen und mit den ſarmatiſchen Mützen vorüber ritten. Unter dieſer Freiſchaar befanden ſich viele Polen aus Galizien und Poſen, welche ihre Heimath verlaſſen, um an dem blutigen Kampfe fürs große Vaterland Theil zu nehmen. Selbſt einige deutſche Geſichter er⸗ blickte man hier und da, und faſt ganz am Ende des Zugs ritt ein junger Mann, den Guido mit freudigem Schreck ſogleich wieder erkannte. „Severin, Severin!“ rief er,„ſind Sie es oder iſt es Ihr Geiſt?“ Der Gerufene wandte das Geſicht, und als er den Guido erſchaute, machte er ſogleich, ohne ſich um ein Commando weiter zu bekümmern, Halt, und ſprang vom Pferde. „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn,“ rief Severin, der jetzt wirklich, als Krakuſe gekleidet, vor Guido ſtand,„der Herr Graf von Hohenſtein; ſagen Sie mir um Alles in der Welt, was macht Ihr Herr Bruder, der Ottokar? Ich ſuche ihn nun bereits ſeit Monden, wie der Pudel ſeinen Herrn, bin ihm auch immer auf der Spur, kann aber gleichwohl ſeiner nicht habhaft werden.“ 5 Guido, der ſich ob des kriegeriſchen Ausſehens Se⸗ verin's eines Lächelns nicht erwehren konnte, frug jetzt, wie es gekommen, daß er, der die Unabhängigkeit ſo liebe, unter die Soldaten gegangen ſei? „Da iſt allein der Ottokar ſchuld,“ erzählte der Gefragte;„nachdem ich denſelben in halb Deutſchland vergebens geſucht hatte, ward mir die Nachricht, daß er ſich nach Warſchau gewandt habe. Ich machte mich alſo ſogleich nach Polen auf den Weg. Die Preußen wollten mich nicht durchlaſſen, obgleich ich meine friedfertige Geſinnung beſchwor und hoch und theuer gelobte, gegen den Kaiſer Nicolaus nichts Böſes im Schilde zu führen. So kam ich nach Krakau. Da war aber Alles revolutionär; ich mußte mit den Wöl⸗ fen heulen und mir nichts dir nichts Krakuſe werden; außerdem würden Sie mich ſchwerlich hier vor den Tho⸗ ren Warſchaus finden. Mir blieb alſo nichts übrig, als den Soldatenrock anzuziehen; wie leicht hätte man mich können für einen Spion halten, und mit dieſen werden hier wenig Umſtände gemacht, wie ich mit eige⸗ nen Augen zu ſehen Gelegenheit gehabt.“ Guido erkundigte ſich näher nach Ottokar. „Ich weiß nur ſo viel,“ erwiderte Severin,„daß er, ſo bald er Ihre Abreiſe nach Polen erfuhr, ſich ———— 7 gleichfalls dahin auf den Weg machte. Ich bin daher außerordentlich erfreut, wenigſtens Sie aufgefunden zu haben; da wird hoffentlich Ottokar auch nicht lange ausbleiben“ „Wie geht es ſonſt in Deutſchland?“ frug Guido weiter;„was macht mein Vater? wie befinden ſich meine Couſinen?“ „In Deutſchland,“ erzählte der Krakuſenrekrut,„iſt Alles polniſch geſinnt; die deutſchen Poeten ſingen ſich heiſer ob der Heldenthaten an der Weichſel; die Zei⸗ tungen, welche über den Kampf mit den Ruſſen berich⸗ ten, werden verſchlungen, und Jedermann guckt erwar⸗ tungsvoll nach der Weichſel. Ihr Herr Vater iſt mit dem Aufbau des Hohenſtein beſchäftigt, und die Cou⸗ ſinen ſind durch Ottokar's Fürſorge auf einem ſchön gelegenen Gute bei einer befreundeten Familie unter⸗ gebracht. Fräulein Veronika hat ſich von ihrer ſchwe⸗ ren Krankheit, von welcher ſie unmittelbar nach ihrer Errettung befallen worden, ſo ziemlich erholt und man hoffte bald auf völlige Geneſung.“ „Wie ſo iſt denn Veronika errettet worden?“ frug Guidv. „Ja, da iſt viel zu erzählen,“ meinte Severin; „ich ſehe, daß Sie in Ihren eigenen Familienangelegen⸗ heiten ſehr unbewandert ſind.“ „Seit meiner ſchleunigen Flucht aus Deutſchland, die unmittelbar nach dem Schloßbrande erfolgte,“ er⸗ widerte Guido,„bin ich ohne alle Nachrichten.“ „Ei, ei,“ fuhr Severin fort,„da ſind unterdeß wunderbare, wahrhaft romantiſche Geſchichten vorge⸗ gangen.“ Guido horchte erwartungsvoll auf. Der Krakuſe warf einen Blick nach ſeinem Regimente, das bereits eine große Strecke voraus war. „Reitet zum Kuckuck,“ ſprach er,„ich komme Zeit genug nach; ſo bald wir den Ottokar aufgefunden, nehme ich überdieß meinen Abſchied; ich habe nicht die geringſte Luſt, mich mit den grünröckigen Ruſſen herum⸗ zuhauen, die ziemlich ſchonungslos zu Werke gehen ſollen. Jetzt aber, lieber Graf, laſſen Sie ſich erzählen, ſo viel ich ſelbſt über die eurioſen Angelegenheiten ge⸗ hört habe.“. Da unterdeß die Stunde der Ablöſung für Guido geſchlagen hatte, konnte ihm nichts gelegener kommen als Severin's Vorſchlag. Er lud daher den Krakuſen auf eine Flaſche Wein und ein ſchmackhaftes Frühſtück in einer unfern gelegenen Reſtauration ein, welches An⸗ erbieten auch von Severin beſtens acceptirt wurde. „Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt geworden,“ begann Severin, als der edle Rheinwein in den grünen Römern perlte,„daß unmittelbar vor dem Schloßbrande der Doctor Stephani mit Fräulein Veronika verſchwun⸗ den war. Ottokar, der dem Doctor nie Gutes zuge⸗ traut hatte, ſchöpfte den ſchwärzeſten Verdacht. Ra⸗ faelens Ausſage über die gewaltſame Entführung der Schweſter ließ keinen Zweifel übrig, daß der Doctor Böſes mit Veronika im Sinne habe. Sogleich wurden Boten nach allen Richtungen dem Flüchtlinge nachge⸗ ſchickt; unter erſtern befand ſich auch der brave Georg.“ „Wie, Georg?“ frug Guido voller Intereſſe,„mein treuer Georg; ich habe den wackern Burſchen nicht wieder geſehen.“ „Und werden ihn auch hienieden nicht wieder ſehn,“ fuhr Severin fort;„er rettete mit Aufopferung ſeines Lebens Veronika aus den Händen ihres Räubers. Dem unſichtigen und unternehmenden jungen Landmanne war es gelungen, dem Doctor Stephani auf die Spur zu kommen. Er holte den Verbrecher nach ungefähr zwei Ta⸗ 9 gen glücklich ein, ſo eben, als Jener im Begriff war. mit dem geraubten Mädchen ins Nachbarland zu ent⸗ fliehen. Der Doctor, erkennend, was es hier gelte, war ſogleich zur äußerſten Gegenwehr entſchloſſen. Er ſchoß wiederholt Piſtolen auf Georg ab, der ganz allein den Wagen anhielt. Unter den Streichen von Georg's Hirſchfänger ſtürzte der Kutſcher zu Boden; jetzt aber begann der Kampf mit dem zweiten Diener des Doctors und mit dieſem ſelbſt. Obſchon an mehreren ſchweren Wunden blutend, gelang es dem tapfern jungen Land⸗ manne dennoch, dem Stephani einen ſo urkräftigen Hieb über die Bruſt beizubringen, daß der Getroffene ſogleich bewußtlos zur Erde ſank; zugleich hatte der Diener unerwartet ein neues Piſtol auf Georg abgedrückt und denſelben gleichfalls tödtlich verwundet. Zum Glück für Veronika hatten Holzſchläger, die unfern im Walde arbeiteten, das Schießen vernommen, waren herbeigeeilt und ſo ward das Fräulein gerettet. Georg ſtarb nach wenigen Stunden. Doch ward ihm zuvor noch die Freude, Veronika an ſeinem Sterbelager knieen und ihn als ihren Erretter begrüßen zu ſehen. Stephani ward ſogleich in enge Haft gebracht, in welcher er ſich nach wenigen Tagen entleibte.“ „Der brave Georg,“ ſprach Guido,„ich war dem Burſchen von Herzen zugethan; aber wie iſt es denn den armen Hohenſteinern ergangen; dieſe haben den Schloßbrand gewiß theuer bezahlen müſſen.“ „Sind im Ganzen milder hinweggekommen, als man erwartet hatte,“ erwiderte Severin;„die Unter⸗ ſuchung gegen die Bauern iſt größtentheils niedergeſchla⸗ gen; man hätte auch das ganze Dorf ins Zuchthaus ſchicken müſſen; die Studenten ſind dagegen um ſo här— ter beſtraft worden.“ „Schweigen Sie davon,“ rief Guido verdüſtert, ————— „die Unglücklichen, daß ſie hier wären; anſtatt ihr blühendes Leben in Kerkernacht zu vertrauern. Ich wünſchte, alle deutſche freiheitliebende Jünglinge wären hier an der Weichſel verſammelt. Dieſe erleſene Helden⸗ ſchaar wär' allein hinreichend, Polens Unabhängigkeit zu ſichern; ſo verkümmern ſie im Vaterlande, für wel⸗ ches die Sonne der Freiheit auf Jahrhunderte erloſchen iſt, wenn Polen nicht frei wird.“ „Aber, geehrter Herr Graf,“ frug Severin,„was placken Sie ſich denn mit proſaiſcher Schanzarbeit? Sie ſind ſo ein tüchtiger Haudegen; warum nicht bei der Armee; Schaufel und Spaten find doch keine ritter⸗ lichen Waffen?“ „Es iſt des Beiſpiels halber„entgegnete Guido, „Niemand ſoll ſich einer Arbeit ſchämen, ſo ſie nur dem Vaterlande zu Nutz und Frommen gereicht. Erſt in einigen Tagen bin ich zur polniſchen Avantgarde veordert, welche bereits gegen die Grenzen Litthauens vordringt.“ ⸗ „Alſo wirklich noch keine Kunde von Ottokar?“ fuhr der Krakuſe fort,„er muß ſich in Warſchau be⸗ finden; wenigſtens ſtimmen alle Nachrichten, die ich mir zu verſchaffen gewußt, dahin überein.“ „Es iſt kaum möglich,“ meinte Guido,„ſollte er mich dann nicht aufgeſucht haben?“ „Er umſchwebt Sie vielleicht unſichtbar,“ ſprach Severin,„und erſcheint erſt dann, wenn Ihnen Gefahr droht; Sie wiſſen ja, daß Ottokar allezeit Ihr rettender Engel war.“ „Ja, das war er,“ antwortete Guido nicht ohne tiefe Bewegung,„ohne Ottokar befände ich mich nicht mehr unter den Lebenden. Ich hätte dieſe große herr⸗ liche Erhebung des polniſchen Volkes nicht erſchaut.“ „Auch mir,“ erzählte Severin,„hat der brave Ot⸗ 11 tokar zu wiederholten Malen unter die Arme gegriffen. Ich ſäße unfehlbar dieſe Stunde noch in Gewahrſam einer wohllöblichen deutſchen Polizei bei Ottern und Schlangen; mit genauer Noth bin ich dem Tode ent⸗ laufen, und nur Ottokar's Einfluſſe und Fürſprache hab' ich meine Errettung zu danken.“ Die Beiden traten jetzt, nachdem ſie ſich durch eine gute Mahlzeit wohl geſtärkt hatten, den Weg nach der Stadt an. Severin konnte ſich über die ungeheuern Verſchanzungen, die man Meilenweit umher aufgewor⸗ fen hatte, nicht genug wundern. „Wenn dieſe Werke alle von hinreichender Macht vertheidigt werden,“ ſprach er,„ſo will ich den Ruſſen ſehen, der nach Warſchau kommt.“ „Da kann man ſehen,“ bemerkte Guido,„was ein Volk in ſeiner Freiheit vermag; vor noch nicht langer Zeit ſah man hier noch keine Spur von irgend einer Befeſtigung.“ Plötzlich begannen die Glocken auf allen Thürmen Warſchaus zu läuten. „Was hat das zu bedeuten?“ frug Guido einen in der Nähe befindlichen Wachtpoſten. „Es iſt ſo eben die Nachricht,“ war die Antwort, „von einem neuen Siege eingetroffen, den Skrzynecki über den General Diebitſch erfochten hat.“ „Noch iſt Polen nicht verloren!“ rief freu⸗ dig Guido;„aber jetzt halte ich es nicht länger in der Stadt aus; ich muß hinaus, wo ſich die heldenmüthigen polniſchen Kohorten täglich neue Lorbeeren pflücken.“ „Ich bin nicht ſo kampfbegierig,“ meinte Severin; „ich lebe in dem beruhigenden Glauben, daß die tapfern Polen auch ohne mich mit den Ruſſen fertig werden. Ich will mir es dafür um ſo angelegentlicher ſein laſ⸗ ſen, den Ottokar ausfindig zu machen. Freilich, wenn der auch da draußen mit den Ruſſen ſich herumhaut, und unſterbliche Lorbeeren ärndtet, kann ich ſuchen.“ „Was man nicht erleben muß,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„da ſtecke ich mit einem Male mitten im Polenlande, mitten in einer coloſſalen Revolution, und weiß ſelbſt nicht, wie ſich das ſo ſchnell gemacht hat. Die Wege des Geſchicks ſind wunderbar. Das ſagt ſchon Paulus oder fönnte es doch geſagt haben.“ Wieder ertönten die Lüfte von tauſendſtimmigem Jubelgeſchrei und unter dem Geſange der beliebten Na⸗ tionalhymne:„Noch iſt Polen nicht verloren,“ welche allerorts wiederhallte, erreichten Guido und Severin das weſtliche Thor der Polenhauptſtadt. Zweites Rapitel. Pie denn vier Monate hatte die ſchwache polniſche Armee mit einem Heldenmuthe, wie er in den Blättern der Weltgeſchichte nur ſelten vorkommt, dem gewaltigen Rußland die Spitze geboten; mehrmals deſſen zahlloſe Heere zurückgeworfen und theilweiſe vernichtet, und ſo die polniſchen Ebenen zu Thermopyläen umgeſchaffen, indem die polniſchen Colonnen ſelbſt zu wandelnden Felſen wurden. Weithin nach Litthauen und Volhynien hatte ſich der Aufſtand verbreitet, auch waren anſehnliche Streifcorps vom Königreiche Polen dahin entſendet worden, um die Inſurrection zu unterſtützen. Marſchall Diebitſch, der erſte ruſſiſche Feldherr, der mit ſiegenden Schaaren den Balkan überſchritten, konnte, obſchon er über zahlloſe Heere gebot, die kleine Frei⸗ heitsarmee nicht durchbrechen, und hatte ſich von War⸗ ſchau, das er eine Zeit lang bedrohte, wieder zurückge⸗ zogen. Zwiſchen ihm und der Hauptſtadt ſtand der Generaliſſimus Skrzyneckt mit der polniſchen Haupt⸗ armee. Zur Rechten der großen ruſſiſchen Armee unter Diebitſch lagen in weiten Cantonnirungen die geſamm⸗ ten ruſſiſchen Garden, ein Corps von zwanzigtauſend auserleſenen Truppen. Sie hatten bis jetzt noch an keinem Gefechte Theil genommen; ihre Anweſenheit be⸗ wies aber, wie ſchwer dem Kaiſer Nicolaus die Be⸗ kämpfung Polens ward, da er ſelbſt dieſen Kern ſeiner Armee in das Königreich hatte einrücken laſſen. An Glanz und Pracht übertraf dieſes herrliche Corps alle übrigen Truppen der zahlreichen ruſſiſchen Armeen. Die Equipagen der Officiere waren die prächtigſten; ihre Wagen mit Silber beſchlagen; die Pferde auserleſen. In den prachtvollen Zelten glänzten die ſchönſten Meubeln mit ſilbernem Theegeſchirr. So war aſiatiſcher Luxus über die dürftigen Ebenen Polens ausgebreitet. Der Generaliſſimus Skrzynecki ſah indeß endlich doch ein, daß, wie ſiegreich die Polen auch ſeither in zahlreichen Gefechten geweſen, es der ruſſiſchen Ueber⸗ macht doch gelingen werde, die polniſche Macht zu er⸗ drücken, wenn er ſich nicht zu einem entſcheidenden Hauptſchlage entſchlöſſe Er wollte dadurch zugleich das polniſche Nationalgefühl von Neuem befeuern und der allgemeinen Meinung das vielfach geforderte Opfer eine Hauptſchlacht— bringen. Skrzynecki wählte daher den Lieblingsplan ſeines General⸗Quartiermeiſters, des als Strategen berühmten Pradzinski. Dieſer geniale Plan beſtand nämlich darin, die ruſſiſchen Garden zu überrumpeln, mit überlegener Macht anzugreifen, zu einer Schlacht zu nöthigen und dieſe ſtolze Soldateska zu ſchlagen. Dieſe kühne Idee erfreute ſich nicht nur der vollkommenen Zuſtimmung der polniſchen Nationalregierung und aller Politiker, ſondern erhielt auch den Beifall aller Strategen. Je⸗ dermann war der Meinung, daß, ſeien die Garden ge⸗ ſchlagen, der ganze Krieg mit einem Schlage glücklich u Ende geführt wäre. Diejenigen, welche bloß vom politiſchen Standpunkte die Sachen betrachteten, waren der Ueberzeugung, daß ein ſolcher Sieg eine Revolution in Petersburg herbeiführen werde. Nicht nur, daß die Schmach einer Niederlage alle Großen des ruſſiſchen Reichs treffe, deren Söhne und Verwandte die Officiers⸗ ſtellen in dieſem Corps bekleideten, ſondern der Kaiſer hatte ausdrücklich bei deſſen Ausmarſch verheißen, es würde durchaus nicht zum Felddienſt, ſondern nur zur Verherrlichung des ſiegreichen Einzugs in das unter⸗ worfene Warſchau verwendet werden. Die Rolle, welche die Garden bisher in dieſem Feldzuge geſpielt, diente zur Beſtätigung dieſer Behauptung. Die Strategen ferner und alle Militärs waren der feſten Meinung, daß ein ſolcher der ſtolzen Kaiſerlichen Leibwache beige⸗ brachte Schlag außer den gewöhnlichen Vortheilen un⸗ fehlbar noch den gewähren würde, die Demoraliſation des ganzen ruſſiſchen Heeres ſo zu vollenden, daß es nirgends mehr Stand halten werde, abgeſehen von der Begeiſterung, die ein ſolches Vorrücken in das polniſche Heer bringen müßte; abgeſehen davon, daß es nur ſo möglich werde, den im Aufſtande begriffenen Litthauern wirkſame Hülfe zu bringen und dort im Rücken des Feindes nebenbei noch eine wirkſame Diverſion zu ver⸗ anlaſſen. Die polniſche Hauptarmee ſetzte ſich demnach in Bewegung. Zwölftauſend Mann blieben zurück, die Hauptſtadt zu decken und den ruſſiſchen Marſchall Die⸗ bitſch zu täuſchen. Wirklich gelang dieſes Manöver auch ſo vortrefflich, daß der ruſſiſche Feldherr fortwäh⸗ rend glaubte, die polniſche Hauptarmee vor ſich zu ha⸗ ben, während dieſe ſich bereits vierundzwanzig Meilen weit im vollen Marſche gegen die feindlichen Garden, die vom Großfürſten Michael befehligt wurden, befand. Nie bot in dieſem Feldzuge die polniſche Armee einen glanzvollern Anblick dar. Sie belief ſich auf funfzigtauſend Mann. Die Geſammtmacht der Polen betrug damals über ſiebenundſechzigtauſend Mann In⸗ fanterie, vierzehntauſend Reiter und gegen ſechstauſend Artilleriſten mit hundertfunfzig Kanonen; in vierund⸗ zwanzig Infanterie⸗ und zweiundzwanzig Cavallerie⸗Re⸗ gimentern. Der Geiſt der Truppen, welche Skrzynecki gegen die Garden führte, ſteigerte ſich auf dem Marſche faſt zum Uebermuthe. Bei einem fröhlichen Mahle, welches der Oberfeldherr ſeinen Generalen gab, erbot ſich der ſchöne, heldenmüthige Kicki, der polniſche Alcibiades, der Gemahlin des Generaliſſimus einen ſchönen Zug von ſechs weißen Pferden, wie ſie die rothen ruſ⸗ ſiſchen Gardekoſacken ritten, zu erbeuten, nicht ahnend, daß er die Zinnen des geliebten Warſchau und die ſchönen Augen ſeiner eigenen jungen Gemahlin nicht wieder ſchauen ſollte. Am funfzehnten Mai 1831 Abends trafen die Po⸗ len auf die Vorpoſten der Garden. Mit Jauchzen empfing ſie der polniſche Soldat. Doch auch er fand in den erſten kleinern Gefechten nicht verächtliche Gegner an den Gardekoſacken und beſonders an den Finnländiſchen Jägern, die ſich um ſo tapferer verthei⸗ digten, als ihnen hinter Hecken nicht beizukommen war. Dieſer tapfere Widerſtand von Seiten der Ruſſen brachte indeß ein heilloſes Schwanken im Gemüthe des polniſchen Oberfeldherrn hervor. Wie, wenn der An⸗ griff auf die Garden mißlänge! Wenn er ſie trotz ſeiner Uebermacht nicht zu ſchlagen vermöchte, wenn er nur Tauſende von Leuten verlöre, ohne ſeinen Zweck zu er⸗ reichen und bei der Annäherung von Diebitſch nach Warſchau zurück müßte! In der Nacht von dem ſiebzehnten auf den acht⸗ zehnten offenbarte ſich des Generaliſſimus Unentſchloſſen⸗ heit ſchon weit entſcheidender. Das ganze ruſſiſche Gardecorps, zwanzigtauſend Mann ſtark, ſtand vor ihm und konnte am andern Morgen einer Schlacht nicht mehr ausweichen. Skrzynecki ſchwankte. Der General⸗ Quartiermeiſter, ſeinen ganzen ſchönen Plan in Gefahr ſehend, drang auf das Inſtändigſte in ihn, die Befehle zum Angriff auf morgen zu geben. Der Generaliſſimus erwiderte ihm endlich beſtimmt, er habe noch keine Nachricht, ob er durch das Corps von Lubienski auch gegen Diebitſch hinlänglich geſichert ſei. Ferner ſtehe in ſeinem Rücken noch Sacken mit ſieben Tauſend in Oſtrolenka. Würde er geſchlagen, ſo könne ihm dieſer den größten Schaden zufügen und ihn am Rückzuge hindern. Alle Einwendungen von Seiten des General⸗ Quartiermeiſters blieben fruchtlos. Am folgenden Tage traf endlich die ſichere Nachricht ein, daß von Seiten des Marſchalls Diebitſch nichts zu befürchten und der General Sacken unſchädlich gemacht worden ſei. Die ruſſiſchen Garden ſtanden noch in derſelben Stellung. Jetzt war der letzte günſtige Au⸗ genblick erſchienen, den großen entſcheidenden Schlag auszuführen. Schon hat der dienſtthuende Adjutant Skrzynecki's deſſen ſchriftliche Befehle an die verſchiede⸗ nen Corpscommandanten in den Händen. Sie endigten ſich ſämmtlich mit den Worten:„Ich hoffe, daß in ſol⸗ cher entſcheidenden Schlacht alle Truppen ihre Schul⸗ digkeit thun werden.“ Der Adjutant will ſich entfer⸗ nen. Da winkt ihm Skrzynecki. Er muß noch blei⸗ — 17 ben. Der Oberfeldherr der Polen nimmt die geſchrie⸗ benen Ordres zurück. Die Hände auf dem Rücken geht er ſinnend im Zimmer auf und ab. Minute für Mi⸗ nute der ſo koſtbaren und verhängnißvollen Zeit, ja eine halbe Stunde nach der andern verrinnt— da zer⸗ reißt Skrzynecki die geſchriebenen Befehle. Pradzinski ſtürzt todtenbleich ins Zimmer. Zorn und Schmerz haben ſein geiſtreiches, ausdrucksvolles Geſicht entſtellt. Ein heftiger Auftritt erfolgt.— Thränen ſtürzen aus den Augen des General⸗Quartiermeiſters; er fällt nie⸗ der vor Skrzynecki und mit aufgehobenen Händen fleht er um Befehle für den Angriff. Mit hinreißender Be⸗ redtſamkeit ſetzt er dem Oberfeldherrn die unermeßlichen Vortheile auseinander. Der Sieg iſt gewiß; die Elite der ruſſiſchen Macht befindet ſich in den Händen der Polen; es bedarf eines Wortes von Seiten Skrzynecki's und jene erleſenen Truppen ſind vernichtet, die Re⸗ ſultate des Siegs unermeßlich;— aber der ſchwarze Genius, der den Geiſt des polniſchen Oberfeldherrn unflort hat, iſt nicht zu bannen Der Generaliſſimus beharrt bei ſeinem Vorſatze, ſo verſtreicht die Zeit und mit ihr rollt das dunkle Rad des Verhängniſſes ein heldenmüthiges Volk zum dritten Male ins Verderben. Alle Geſchichtſchreiber geſtehen unverholen, daß Skrzy⸗ necki für dieſen Tag dem jetzigen Jahrhundert, wie al⸗ len künftigen Geſchlechtern verantwortlich bleibt. Durch die Unentſchloſſenheit des polniſchen Generals gewannen die Garden Zeit, ſich aus ihrer verderben⸗ vollen Lage zurückzuziehen. Skrzynecki folgte; aber das Reſultat des großen, kühn ausgeſonnenen und durch Verblendung eines Einzigen verwahrloſten Un⸗ ternehmens, war die materielle Ausbeute von ſieben⸗ hundert Gefangenen von der Garde. Faſt ganz erſchöpft von dem nutzloſen, endloſen Stolle, Schriften. Supplem. IMI. 2 18 Marſche, zweiunddreißig Meilen von der Hauptſtadt entfernt, mit müden ausgehungerten Pferden, da durch die langen ſandigen Wege die Wagenzüge nur langſam fortzubringen geweſen und den langen weiten Rückzug wieder vor Augen, lagert ſich das polniſche Heer an der Grenze Litthauens und mit verlegener Scham em⸗ pfängt hier der Generaliſſimus in der Grenzſtadt des Königreichs den Präſidenten der Regierung, den Fürſten Czartoryski, Jugendfreund des Kaiſers Alexander, der ſich eingefunden hat, um die Ergebniſſe des großen mühevollen Zugs in Augenſchein zu nehmen. Dennoch aber wird Skrzynecki die bittere Ironie nicht gewahr, die in den ſchmeichelhaften Glückwünſchen des Fürſt⸗ präſidenten liegt, und die er für baare Münze nimmt. „Sie rücken ſo ſchnell vor, Herr Generaliſſimus,“ ſpricht Czartoryski,„daß man Poſtpferde nimmt, um Sie einzuholen.“ Der Fürſt hat eine Proclamation mitgebracht, die er ſelbſt verfaßt und die in den inſurgirten Provinzen des alten Polens, dem die polniſche Armee jetzt ſo nahe ſteht, vertheilt werden ſoll. Keines von den in dama⸗ liger Zeit erſchienenen Documenten, die nur zu häufig den Stempel der Parteiſucht und Leidenſchaft an ſich tragen, gewährt eine beſſere Einſicht in die Sachlage der polniſchen Angelegenheiten, als dieſe mit Ruhe und Würde geſchriebene Proclamation des Fürſten Czarto⸗ ryski. Darum möge ſie hier einen Platz finden. Bewohner von Litthauen, Volhynien, Podolien und der Ukraine! Brüder! „Die Nationalregierung Polens, das ſich ſeiner zeitherigen Abhängigkeit entringt, erfüllt den Beſchluß unſers Reichstages, begrüßt Euch mit der Stimme der Freiheit und Bruderliebe, und beeilt ſich, Euch die Lage 19 des widererſtehenden Vaterlandes, ſeine Bedürfniſſe, ſeine Gefahren und ſeine Hoffnungen darzulegen. Schon ſchwinden die Schranken, die Brüder von Brüdern trennten. Eure und unſere Wünſche ſind erfüllt. Der polniſche Adler ſchwebt über Euern Fluren. In eine Seele, in eine Kraft verſchmolzen, ſollen wir von nun an gemeinſam handeln, und das eben ſo ſchwierige und gefährliche, als große und heilige Werk der Wieder⸗ geburt unſeres Vaterlandes vollbringen.“ „Das Manifeſt des freien Reichstags, das die Be⸗ weggründe unſeres Aufſtandes verkündet, legte eben ſo Eure als unſere Geſinnungen dar; kanm erſt erſtanden, ſelbſt noch ſchwach an Kräften und ungewiß in unſern Schritten, haben wir ſchon der Welt und dem Kaiſer Nicolaus bewieſen, wie Euch und uns derſelbe Geiſt belebt, und daß wir wieder zuſammen Ein Volk werden wollen, wie wir geweſen. Richt mochte der Kaiſer Ni⸗ colaus ſeines Bruders Grab mit einem Denkmal ver⸗ herrlichen, das des lebenden Alexander's ſchönſte Herr⸗ ſcherhandlung geweſen wäre; mochte in uns nicht die verunglimpften Polen, nicht die Bürger eines freien und unabhängigen Landes, nur Rußlands rebelliſche Sklaven erblicken. Da hielten wir ſeine furchtbaren Heere auf und drängten ſie zurück.“ „Jetzt nun werden unſere Krieger theils hier bei uns der Hauptmacht des ruſſiſchen Reichs die Spitze bieten, theils in Eure Provinzen dringen und die Brü— der unter die Fahne des Vaterlandes ſammeln. Die Aufforderung dazu wartetet Ihr nicht erſt ab. Gleich beim Aufſtande legten Eure Landsleute dem Reichstage ihre Wünſche vor, bildeten Legionen mit Euerm Namen, und bereits brachen in Litthauens und Volhyniens Diſtrieten kräftige Aufſtände aus.“ „Die allgemeine Stimme Europas nannte Polens 2* 20 Theilung ein Unrecht. Wer wird heute dies Urtheil widerrufen, wer die Hand zur Aufrechthaltung des Un⸗ rechts bieten wollen? Wir hegen vielmehr die begrün⸗ dete Hoffnung, Europa werde unſer Daſein anzuerken⸗ nen eilen, ſobald wir bewieſen, daß wir würdig ſind, ein unabhängiges Volk zu bilden;— und daß wir deſſen würdig, müſſen unſere Tapferkeit, unſere Aus⸗ dauer, Edelmuth, Einigkeit und Mäßigung beurkunden.“ „Unſere Inſurrection war die Folge erlittener Un⸗ gerechtigkeiten und Bedrückungen; ſie war ein Bedürf⸗ niß unſerer Herzen, ein Gebot unſerer Geſchichte. Kräftig aufſtrebend und ſchon in den erſten Augenblicken reifend, iſt ſie nicht die Pflanze eines fremden Bodens, noch ein innerer Kampf vom Bruderblute beſudelt. Nicht haben wir tyranniſch alle geſellſchaftlichen Formen zer⸗ ſtört, um abzuwarten und blind anzunehmen, was ſpä⸗ ter uns der Zufall aus ihren Trümmern etwa zuführte. Krieg um Unabhängigkeit, der gerechteſte aller Kriege, iſt unſer Aufſtand; er iſt kühn und mild, wie der Cha⸗ rakter der Nation, welche mit der einen Hand den Be⸗ drücker bekämpft und die andere zur Erhebung und Veredlung des Landmanns ausſtreckt. Wir preiſen Eng⸗ land und Frankreich, und ſtreben, ein eben ſo geſittetes, eben ſo freies und unabhängiges Volk zu bilden; doch können wir nie aufhören, Polen zu ſein. Nationen tönnen und dürfen nicht ſchnell und mit Gewalt die Grundſtoffe ihres Weſens verändern. Sie haben ihr eigenes Klima, ihre eigene Induſtrie, ihre eigene Reli⸗ gion, eigne Sitten, einen eigenen Charakter, eine eigene Stufe der Cultur, eine eigene Geſchichte. Dieſe Grund⸗ ſtoffe entwickeln eigenthümliche Leidenſchaften, eigenthüm⸗ liche Umwälzungen, eigenthümliche Bahnen für die Zu⸗ kunft. Kräftige Individualität bildet die Kraft eines Volks; die unſrige erhielten wir uns ſelbſt noch in un⸗ 21 ſerer Sklaverei. Liebe zum Vaterlande, Bereitwilligkeit, demſelben die größten Opfer zu bringen, Muth, Fröm⸗ migkeit und Milde: das waren die Tugenden unſerer Väter; ſie ſind auch uns noch eigen. Warſchaus Volk, am neunundzwanzigſten November aufgeſtanden, Sieger ohne Anführer und Geſetze; welcher Gräuelthaten hat es ſich ſchuldig gemacht? Warſchau, ein Heer von dreißigtauſend Mann, das ganze Königreich, wie durch ein Wunder erhoben, wie verfuhren ſie mit dem Cäſa⸗ rewitſch Conſtantin? Dieſer funfzehn Jahre hindurch gegen die Gefühle und Freiheiten der Nation mitleidloſe Fürſt, gab, zum erſten Mal gegen uns gerecht, ſein Heer und ſich ſelbſt in den Schutz des edelmüthigen Volks. Da läuteten wir nicht die Vesperglocke zur Racheloſung; ſelbſt im offenen Kampf wollten wir unſre Ueberlegenheit nicht benutzen. Furchtlos erwarteten un⸗ ſere Regimenter Rußlands ganze Macht, aber jenen Ruſſen, die das polniſche Wort beſchirmte, wichen ſie aus. Auch an einzelnen Perſonen bewährte ſich die Hochherzigkeit der Nation. Europa rühmt eben ſo den Edelmuth unſeres Aufſtandes, als die Wunder unſerer Tapferkeit. Brüder! auch Eurer harret eine ähnliche Bewunderung.“ „Beginnt alſo zu handeln und bietet dazu die ganze Kraft des Volkes auf! Die Kraft der Nation aber, ſowohl im Frieden als im Kriege, iſt das gemeine Volk. Zu ihm wendet aufmerkſam Auge und Herz. Wohlgeartete Söhne! Handelt, wie Euere Väter handel⸗ ten! Zerbrecht die gehäſſigen Feſſeln und ſtiftet den heiligen Bund der Wohlthätigkeit mit der Dankbarkeit! In andern Ländern hat das Volk durch Mord und Rache ſeine Rechte errungen; bei uns erhielt es ſie als Geſchenk von ſeinen Brüdern. Eine ſchöne, gerechte und unumgänglich nothwendige Handlung wird Euer eigenes Werk ſein. Ihr ſelbſt werdet dem Volke das freiwillige Opfer ankündigen, und auf dieſe Weiſe die erſten polniſchen Adler begrüßen, die in Eurer Heimath erſcheinen. Der Boden wird deshalb, da er von der freien Hand beſtellt wird, weder an Cultur, noch an Werth etwas verlieren. Eure Herzen werden hierdurch in den Augen Europas als würdigere erſcheinen, und das Vaterland wird Millionen von Bürgern gewinnen, die eben ſo, wie jetzt unſere wackern Landleute, muthig den das Reich der Sklaverei verbreitenden Unterdrücker zu verdrängen ſich beeilen werden.“ „In Euern Provinzen iſt ein großer Theil des Volks der griechiſchen Kirche zugethan. Toleranz iſt jetzt ein Geſetz der civiliſirten Welt geworden. Ohne Unterſchied werden Perſonen, Kirchen und Glaubens⸗ bekenntniſſe unter dem Schutze der Regierung ſtehen, und Ihr werdet dieſen Schutz durch Wort und That bethätigen. Leicht kann der Pole die Muſter aller ge⸗ ſelligen Tugenden aus eigener Geſchichte aufſtellen. Ka⸗ tholiſche wie orientaliſche Kirchen, anders gläubige Ge⸗ meinden, Synagogen und Moſcheen ſegneten den Stamm der Jagellonen, der aus Eingebung des Herzens der Weisheit und Erfahrung ſpäterer Jahrhunderte voraus⸗ eilte, und durch Achtung aller Glaubensbekenntniſſe be⸗ rühmt ward. Unter ihrer väterlichen Regierung ſchwächte der Unterſchied der Religion nicht die Einigkeit der Nation. Saget der griechiſchen Geiſtlichkeit, daß Boles⸗ laus des Tapfern Schwert, welches Kijows Thore öff⸗ nete, keine der Kerzen verlöſchte, welche vor den Bildern ſeiner Heiligen brannten, daß Polens Held, der Sieger der Moskowiter bei Orsza, im Heiligthume von Convra ruht, welches er bereicherte; daß ihre erſten Bücher zu Krakau, ihre erſte Bibel zu Oſtrog unter dem Schutze des polniſchen Seepters erſchienen; ſaget ihr, daß die 23 polniſche Regierung keinen Unterſchied der Religionen kennt, daß für ſie ſowohl die Würden der Landboten, als auch die biſchöflichen Sitze im Senate offen ſtehen.“ „Der Krieg um die Unabhängigkeit hat zahlreiche Schaaren unter ſeine Fahnen verſammelt; aber Krieg erfordert Mittel, erfordert Aufopferung des ganzen Ver⸗ mögens. Wir gaben ohne Bedenken und ohne Berech⸗ nung das Unſrige hin. Die Hälfte unſerer Beſitzungen ſequeſtrirt, vergeudet und zerſtört der Feind, die andere bringen wir mit freudigem Herzen, ohne eigenſüchtige Intereſſen für die Zukunft, dem Vaterlande dar. Nicht jetzt iſt es an der Zeit, ſich zu ſchonen. Einem ſtür⸗ miſchen Heere haben wir uns Preis gegeben; handelte es ſich nur um unſer Leben, wir würden den Verluſt von Gütern nicht bedauern. Aber dem Polen liegt die Pflicht ob, das Vaterland, die Ehre der Nachkommen zu retten und deren Loos zu gründen. Geben wir Alles hin, was morgen erſetzt werden, aber erhalten wir das, was durch unſere Fahrläſſigkeit auf ewig ver⸗ loren gehen kann.“ „Der Krieg, den wir mit allen Kräften und ganzem Herzen unterſtützen, den auch Ihr unterſtützt, kann zwar den Feind vertreiben, doch der Krieg allein kann uns nicht zur unabhängigen Nation machen. In dem Heiligthume der Berathungen erhebt ſich die Arche des Nationalweſens. Auf der Bahn der Politik ſind wir noch Neulinge. Während andere Völker vorſchritten und ihre Lebenskräfte ſtärkten, lernten wir ſchweigen, und, unter der Geißel der Uebermacht, gehorchen; allein eben ſo wie unſere jungen Heere ohne Waffen und Uebung, von Muth und Vaterlandsliebe getragen, Siege erringen, eben ſo werden Vaterlandsliebe, Anſtrengung, guter Wille, das bereits begonnene ſchöne Werk der Väter, Einigkeit und vorzüglich bürgerliche Ueberein⸗ 24 ſtimmung einſtweilen andere Geſetzgebern erforderliche Tugenden erſetzen. Sendet Repräſentanten aus Euren Provinzen; wir wollen über Euch ohne Euch nichts feſtſetzen. Wählet ſie nach den gegenwärtig gebräuch⸗ lichen Formen; wählet hierzu Männer, welche des großen Berufes würdig, uns Unterſtützung im Rathe und nicht den Samen der Zwietracht bringen; Männer, welche die Ausſicht auf perſönliches Anſehn und Ruhm dem geringſten Vortheile des Landes aufopfern. In dem Schloſſe unſerer Könige, in dem Heiligthume der Berathungen werden Eure Repräſentanten die leeren Sitze einnehmen, wo einſt die Tugend mit Eifer und Muth zur Verbeſſerung der Regierung und zur Bekräf⸗ tigung der Landesmacht Beſchlüſſe faßte; hier werden wir in gemeinſchaftlicher Verſammlung von den Grund⸗ ſätzen unſerer Vorfahren nicht abweichen, conſtitutionelle Regierung iſt nicht neu in unſerer Geſchichte; die denk⸗ würdige Verfaſſung vom dritten Mai hatte ſie ange⸗ nommen; unſer jetziger Reichstag hat ſich ausdrücklich für dieſelbe erklärt. In dieſen Grundſätzen beharrend, werden wir Europas Erwartungen und unſern eigenen Hoffnungen auf die Wiedergeburt Polens entſprechen.“ „Doch mitten in den Ausbrüchen der Freude bei den glänzendſten Hoffnungen iſt es unmöglich, die Ge⸗ fahren, die uns erwarten, zu vergeſſen oder zu ver⸗ ſchweigen. Noch befindet ſich ein großes Heer des Feindes mitten unter uns; kaum einige Meilen von der Hauptſtadt zurückgedrängt, droht es uns jeden Augen⸗ blick mit einem hartnäckigen Kampfe, und unter Euch thürmt ſich ein ſchwarzes, von Blitzen der Rache ſchwan⸗ geres Gewölk.“ „Wir aber werden unerſchrocken kämpfen und hoffen. Gott hat bereits Wunder an uns gethan; Gott wird richten! Im Namen dieſes Gottes haben wir bereits 5 25 glücklich gekämpft, und werden bis zur entſcheidenden Erfüllung ſeiner gerechten Ausſprüche ferner kämpfen. Schon zittern die Nationen der ganzen Welt, denen die Stimme der Menſchlichkeit und das Wehe erlittenen Unrechts bekannt ſind, einmüthig für unſer Schickſal, und freuen ſich der Nachrichten von den Siegen der Polen. Sie warten nur auf Euern Aufſtand, um uns in ihren Kreis aufzunehmen und als Unabhängige zu begrüßen.“ „Brüder in Litthauen, Volhynien, Podolien und der Ukraine! bietet diesmal alle Eure Kräfte auf! Ge⸗ meinſam verbunden wollen wir, nachdem wir mit dem Feinde furchtbare Kämpfe gefochten, Europas Reiche unſre Richter ſein laſſen. Vor dieſem Richterſtuhl wol⸗ len wir bluttriefend erſcheinen, wollen ihm die Bücher unſerer Geſchichte und Europas Länderkarte vorlegen und ſprechen: Sehet hier Eure und unſere Sache. Be⸗ kannt ſind Euch die Ungerechtigkeiten, die man gegen Polen geübt. Sehet hier deſſen Verzweiflung, fraget ſeine Feinde um ſeine Tapferkeit, nach ſeinem Edelmuth! Brüder! hoffen wir zu Gott, daß er die Herzen unſrer Richter leiten und dieſe, von Gerechtigkeit beſeelt, aus⸗ ſprechen werden: Polen lebe auf, frei und unabhängig.“ Der Augenblick, in welchem das polniſche Heer auf litthauiſchem Boden ſtand und der Oberfeldherr ſein Heer an Czarnecki's, eines der größten polniſchen Heerführer, Bildſäule, einen feierlichen Gottesdienſt hal⸗ ten ließ, iſt einer der wehmüthigſten in der Welt⸗ geſchichte. Unſtreitig war es der glänzendſte und hoff⸗ nungsreichſte in dem kurzen Leben der Nation. Der Maſſe des Volks, wie dem ganzen Welttheile, ſchien er dem polniſchen Lande ein feſt begründetes, ewig glor⸗ reiches Daſein zu verkünden. Ungeheuer war der Ein⸗ druck, welcher das Vordringen der polniſchen Armee tMm—————— 26 nach Litthauen dem erſtaunten Europa meldete. Die Nation war trunken vom Freudenrauſche. Im Aus⸗ lande wagte jetzt kaum Jemand an dem glücklichen Er⸗ folge des anfangs verloren gegebenen Unternehmens zu zweifeln. Skrzyneck's Name war in aller Munde, be⸗ geiſtert verglichen mit dem größten Helden aller Zeiten. Am adriatiſchen Meere, wie an der Oſtſee, an der Seine, wie am Rhein, an der Donau, wie an der Elbe, ja an der Oder vernahm man die Rufe: Skrzynecki und Polen! In Warſchau ſelbſt war man ſo über⸗ müthig, daß die Zeitungen laut verkündeten, nur an der Dzwina hinter Minsk und der Berezina werde der Feldherr ſeinen Frieden ſchließen, wie er auch wirklich bei ſeinem Auszuge aus Warſchau verheißen. Es war jenes täuſchende Frühlingsgrün, das im Herbſte die Fluren kurz vor dem Froſte bedeckt, jener Sonnenſtrahl, der ſein ſeltſames Licht am Saume dunkler und ſchwerer Gewitterwolken über die Erde ſchickt. Die polniſche Sache ſtand hoch oben auf einem Gipfel; aber unter ihren Füßen ein jäher Abgrund. Nur der Jäger, der kühn und verwegen, entſchloſſen und furchtlos, ſein Leben daran ſetzend, auf ihn zu ſpringt, mag das Drüben erreichen; während der be⸗ hutſam Glimmende entweder zurück muß, oder ſtrauchelnd in den Abgrund ſtürzt. Skrzynecki war kein verwegener Jäger; er war der furchtſam Tappende. Diebitſch hatte ſich bald überzeugt, daß er von den Polen getäuſcht worden war. Er wandte ſich mit Blitzesſchnelle gegen Oſtrolenka. Der polniſche Gene⸗ raliſſimus hiervon Nachricht erhaltend, kehrte ſchleunig aus Litthauen zurück. Bei dem Städtchen Oſtrolenka kam es zur entſcheidenden Schlacht, in welcher zwar die Polen mit dem bewährten Heldenmuthe kämpften, auch Skrzynecki die höchſte perſönliche Tapferkeit bewies; 27 aber endlich der ruſſiſchen Uebermacht dennoch weichen mußte. Nur ein ſchleuniger Rückzug nach der Haupt⸗ ſtadt rettete das polniſche Heer vom Untergange. Wie ein dumpfer Donnerton rollte die Nachricht von der verlornen Schlacht durch Europa. Je kühner ſich durch den Zug nach Litthauen die Erwartungen ge⸗ ſteigert hatten, ein um ſo größerer Kleinmuth bemäch⸗ tigte ſich der Gemüther. Von jetzt an bot der polniſche Inſurrectionskrieg nur eine Reihe von Fehlſchlagungen und Fehlern dar, die größ⸗ tentheils von der Untauglichkeit und dem böſen Willen der polniſchen Heerführer zeigten und den endlichen Un⸗ tergang Polens zur Folge hatten. Drittes Rapitel. erin war es endlich gelungen, Ottokar ausfindig zu machen. Dieſer hatte ſich wirklich eine Zeit lang bei der Armee befunden, in der Abſicht, Nachricht über ſeinen Bruder zu erhalten, den er unter den Kämpfern und keineswegs unter den Schanzarbeitern vermuthete. Nachdem er denſelben mit Lebensgefahr aus Deutſchland gerettet und glücklich nach Hamburg gebracht, wo ſchon das Schiff bereit lag, das den Revolutionär nach Ame⸗ rika bringen ſollte, langte unmittelbar vor der Abfahrt die Nachricht von dem Warſchauer Aufſtande an. Jetzt hätte nichts auf Erden vermocht, den Freiheitsenthu⸗ ſiaſten abzuhalten, nach Polen zu eilen und an dem Aufſtande Theil zu nehmen. Durch eine Liſt gelang es gleichwohl Ottokar, den Bruder auf ein Schiff zu bringen, indem er dem Exaltirten vorſpiegelte, die Fahrt gehe nach Polangen, von wo er dann leicht nach War⸗ ſchau gelangen könne. Die Reiſe ging aber nicht nach der polniſchen Küſte, ſondern nach Nordamerika. Der getäuſchte Guido wollte verzweifeln und machte ſeinem Bruder die bitterſten Vorwürfe, denn er war der Mei⸗ nung, daß kein Aufſtand ohne ſeine Anweſenheit gelin⸗ gen könne. In New⸗York angelangt, ward Guido von einem heftigen Fieber befallen, das ihn dem Grabesrande nahe brachte. Nur der ausdauernden Sorgfalt und Pflege Ottokar's gelang es, des Bruders Leben zu erhalten. Nur langſam und nach und nach genaß der Kranke. Schon hoffte Ottokar, daß die langwierige Krankheit auf den politiſch Exaltirten einen wohlthätigen Eindruck zu⸗ rück gelaſſen haben würde. Wirklich ſchien auch Guido eine Zeit lang die europäiſchen Welthändel ganz ver⸗ geſſen zu haben; ſeine Lectüre beſtand meiſtentheils aus rein wiſſenſchaftlichen Schriften, und Ottokar wußte es immer zu verhindern, daß aufreizende politiſche euro⸗ väiſche Zeitblätter in des Geneſenden Hände kamen. Da wollte es das Geſchick, daß eines Tages ein in Amerika habilitirter Capitän der alten franzöſiſchen Kaiſergarde die beiden Brüder in ihrer reizenden Ein⸗ ſamkeit beſuchte. Derſelbe war durch die Heldenthaten an der Weichſel in ſeiner Ruhe aufgeſchreckt worden. Die alte Kampfluſt erwachte in dem Veteranen und ſo ſtand er im Begriff nach Europa abzuſegeln und den Polen ein unabhängiges Vaterland erkämpfen zu helfen. Der tapfere Capitän erzählte aber mit ſolchem Feuer, daß es dem Guido immer heißer um die Stirn wurde. Auch bei ihm erwachte die alte Leidenſchaft mit erneu⸗ tem Feuer, ſo daß er plötzlich mit den Worten von ſeinem Sitze aufſprang: Ich begleite Sie, mein Freund, 6 29 fürwahr ein edler hochherziger Entſchluß, ſein Blut und Leben einer für ihre Freiheit kämpfenden Nation zum Opfer zu bringen. Ottokar erſchrak, und bot alle Be⸗ redtſamkeit auf, den Bruder von ſeinem urplötzlich ge⸗ faßten Vorſatze zurück zu bringen; vergebens. Binnen wenig Stunden war Guido reiſefertig und feſt entſchloſ⸗ ſen, nach Europa abzureiſen. Was blieb Ottokar übrig? Er ward abermals der treue Begleiter ſeines Bruders, um ihm im Falle der Gefahr ſchirmend zur Seite zu ſtehen. Kaum aber war man in Hamburg ans Land geſtiegen, als Guido plötzlich unſichtbar geworden war. Derſelbe hatte befürchtet, Ottokar werde ſeiner Abreiſe nach Polen Hinderniſſe in den Weg legen und war ganz incognito über Poſen nach Warſchau abgereiſt. Ottokar, der im Anfang fürchtete, ſein Bruder ſei von irgend einer deutſchen Polizeibehörde aufgegriffen wor⸗ den, ward nach einigen Wochen durch einen Brief Guido's von deſſen Aufenthalt in Warſchau überzeugt. Derſelbe meldete darin ſeine Ankunft in Polens Haupt⸗ ſtadt und ſeinen unabwendbaren Entſchluß, in die Reihen der polniſchen Armee zu treten. Ohne Verzug folgte ihm Ottokar, denn noch immer klangen Veronika's Worte:„Sei Du ſein Engel!“ im Innern wieder. Nach der unglücklichen Schlacht von Oſtrolenka war es, wo ſich die beiden Brüder und Severin in Ottokar's Wohnung zu Warſchau wieder zuſammen fanden. Guido und Severin waren nicht wenig über Ottokar erbittert, daß er die polniſche Inſurrection nicht durch dieſelbe gefärbte Brille anſah, wie ſie. Er erſchien ihnen nicht begeiſtert genug, und daß er an einem für Polen glück⸗ lichen Ausgange des Kampfes zweifelte, machte man ihm gar zum Verbrechen. Ottokar, von Charakter weit leidenſchaftloſer als ſein Bruder und Serverin, erkannte nur zu wohl die ——————— 30 Schwächen und Mängel des polniſchen Aufſtandes. Er war durch tiefes Studium mit der Geſchichte und dem Charakter der Polen ziemlich vertraut geworden und fand in dem gegenwärtigen Kampfe alle die Schatten⸗ flecken wieder, welche ſeit Jahrhunderten die Geſchichte Polens verdunkeln. Da war noch dieſelbe kaſtenartige Abgeſchiedenheit des ſtolzen Adels vom Volke, derſelbe Ehrgeiz, Neid, dieſelbe Zwietracht unter den erſten Fa⸗ milien, wodurch zu verſchiedenen Malen das Reich zu Grunde gegangen war. Was half alle Aufopferung, aller Heldenmuth der bewundernswürdigen Armee, ohne Einigkeit und zwar ohne Einigkeit in den höchſten Re⸗ gionen? Daher ſah Ottokar ſo ziemlich alles künftige Mißgeſchick voraus und er verhehlte ſeine Beſorgniß keineswegs. „Du magſt in ſo fern Recht haben,“ geſtand Guido, „daß Verrath und Talentloſigkeit unter den Generalen nicht zu verkennen iſt. Bei dem Muthe der Armee müßten wir bereits viel weiter ſein. Ich halte es daher für das Beſte, wenn eine Schreckensregierung, wie etwa 1793 in Frankreich, an die Spitze der Re⸗ gierung tritt. Wo Tugend und Patriotismus nicht zu⸗ reichen, muß der Schrecken helfen. Der vollbringt Wunderdinge, wie wir in Frankreich geſehen haben. Die Schlechten müſſen in ſteter Furcht gehalten wer⸗ den, damit ſie es nicht wagen, mit ihren böſen Plä⸗ nen hervorzutreten. Wenn es dann auch einige Köpfe koſtet, ſo ſind es nur ſolche, an denen nicht viel ver⸗ loren iſt.“ „Bleiben Sie mir mit Ihrer Schreckensregierung zu Hauſe,“ deprecirte Severin;„die Polen ſollen doch ja nicht ſo verſchwenderiſch mit Köpfen umgehen, da uns Diebitſch mit halb Aſien auf dem Nacken ſitzt. 31 Ein Kopf, ſo er heutzutage nur auf dem rechten Flecke ſitzt, iſt Etwas werth. Das fehlte noch, daß ſich die Polen viceverſa niederſäbelten.“ „Guido hat ſo Unrecht nicht,“ meinte Ottokar; „in einem Kampfe, wie der gegenwärtige, taugt ein Juſtemilieuſyſtem nichts. Skrzynecki will es mit den Monarchen Europas nicht verderben, will es mit der polniſchen Ariſtokratie nicht verderben und mit dem pol⸗ niſchen Volke nicht verderben und verdirbt es ſo mit allen Parteien und das Reich geht darüber zu Grunde.“ „Dieſes verderbliche Laviren,“ fuhr er fort,„hat mir gleich im Anfange der Revolution nicht gefallen und es hat der polniſchen Sache unendlichen Schaden zugefügt. Wenn Polen einmal zu einem Kampfe auf Tod und Leben mit Rußland entſchloſſen war, ſo mußte es die Schiffe verbrennen wie Kortez. An eine Rückkehr oder fried⸗ liche Ausgleichung mit Rußland durfte nicht gedacht werden. Der Kaiſer Nicolaus iſt nicht der Mann, der ſich ungeſtraft angreifen läßt, wie es die Polen gethan haben. Hier gilt es aut-aut; Gnade hat Polen von Rußland nicht zu erwarten und kann dieſelbe auch füg⸗ lich nicht verlangen; darum muß es kämpfen bis auf den letzten Mann; aber nicht ſchwanken und diploma⸗ tiſiren, wie es Skrzynecki liebt. Es gilt um Sein und Nichtſein, und ein ſolcher Kampf muß einzig und allein mit dem Schwerte und nicht mit der Feder ausgekämpft werden.“ „Ich halte es daher unmaßgeblich für rathſam,“ ſprach Severin, der ſeines Krakuſenthums ſchon von Herzen überdrüſſig war,„daß wir uns in einen ſo hitzigen Streit nicht weiter einmengen. Mögen der Kaiſer Nicolaus und die Polen ihre Sache ausmachen; ich bin dafür, daß wir je eher je lieber nach dem lieben Deutſchland zurücktehren. Wir haben das Unſrige ge⸗ than. Ich bin überzeugt, daß die Sache auch ohne uns ſich wird abmachen laſſen. Wenn wir den Ruſſen in die Hände gerathen, geht die Reiſe direct nach Si⸗ birien, und ich fühle mich im Geringſten nicht aufge⸗ legt, für Seine Majeſtät, dem Kaiſer aller Reußen, ſchöngepelzte Zobel zu fangen. Wir haben den Ottokar wieder gefunden; was wollen wir mehr? In Polen iſt nicht viel zu holen, das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben, und ich habe es ebenfalls gefunden.“ „Nimmermehr,“ entſchied Guido;„entweder ich ſiege oder falle mit Polen. Noch iſt übrigens alle Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Sache nicht verloren. Vielleicht, daß die patriotiſchen Clubs, die ſich in Warſchau gebildet haben und täglich an Stärke gewinnen, eine neue Revolution gegen die Ariſto⸗ kratie zu Stande bringen und daß Polen eine wahr⸗ haft volksthümliche Regierung erhält. Ich habe alle Hoffnung.“ „Das ſind ja herrliche Ausſichten,“ rief Severin ganz erſchrocken;„haben Sie, mein verehrter Herr Graf, nicht an der einen Revolution genug, und ſehnen ſich ſchon nach einer zweiten? Nein, das hieße doch Gott verſuchen, wollte man länger in dieſem heilloſen Lande verweilen. Die Herren Polen mögen ganz tapfere Leute ſein, aber außerdem finde ich eben nicht viel zu loben an ihnen. Sie ſind zänkiſch, ſtreit⸗ und rachſüchtig; ich bin doch eine höchſt friedliche Natur, die es mit Gott und Menſchen gut meint; aber mit dieſen Polaken kann ich mich nicht vertragen und habe ſchon mehremal Händel bekommen. Der Deutſche und Pole paßt ein⸗ mal nicht zuſammen;— das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben— darum erfaßt mich wie⸗ der heiße Sehnſucht nach dem allgeliebten deutſchen 33 Vaterlande, das, abgeſehen von ſeiner wohllöblichen Polizei, doch das herrlichſte Land auf Erden bleibt.“ „Ich mag Sie nicht zurückhalten,“ ſprach Guido, „aber ſehen Sie ſich vor, daß Sie nicht aus dem Re⸗ gen unter die Traufe kommen. Sie haben in polniſchen Dienſten geſtanden, gegen den Kaiſer Nicolaus die Waffen getragen; dies allein iſt in Ihrem Deutſchland hinreichend, Jemand lebenslänglich auf die Feſtung oder gar ins Zuchthaus zu bringen. Zudem, wenn Sie in der jetzigen Kriſis Polen verlaſſen, wie leicht kann man Sie noch auf polniſchem Grund und Boden als Deſerteur und Spion verhaften und an den erſten beſten Baum knüpfen.“ Ottokar konnte ſich ob des Schreckens, den dieſe Worte Guido's, die dieſer auch aus voller Ueberzeugung ſprach, bei Severin hervorbrachten, eines Lächelns nicht erwehren; doch ließ er ſich nichts merken und ſprach ſo ernſt wie möglich: „Guido hat Recht. Wie jetzt die Sachen ſtehen, heißt es: Du haſt gewählt zu eigenem Verderben, Wer mit geht, der ſei bereit zu ſterben.“ Der geängſtigte Severin lief in halber Verzweiflung im Zimmer auf und ab. „Der Satan muß mich geblendet haben,“ rief er, „daß ich nach dem rebelliſchen Warſchau gekommen bin. Du, Ottokar, trägſt allein die Schuld. Meinetwegen, wenn wir alleſammt umkommen; ich waſche meine Hände; Du haſt es zu verantworten. Ich ſehe mich ſchon im Geiſte als Bergmann in Sibirien hämmern, wenn mich die Ruſſen, die jetzt von Schonung keine Ahnung mehr haben, nicht in Kochſtücken hauen. Wer ſich in Gefahr begiebt, kommt darin um! Das iſt ein Stolle, Schriften, Supplem. II. 8 34 altes Sprichwort; das ſagt ſchon Paulus oder könnt' es doch geſagt haben.“ Guido ſuchte ihn zu tröſten. „Wenn Sie auch nach Sibirien kommen,“ ſprach er,„oder von ruſſiſchen Bayonneten durchbohrt werden, ſo iſt dies immerhin ein beneidenswerthes Loos; Sie leiden und ſterben als Märtyrer für Polens Freiheit.“ „Hier etwas Beneidenswerthes zu finden,“ erwiderte Severin unmuthig und ärgerlich,„dazu muß man Ihr enragirtes Temperament haben. Ich danke für ſolch peneideswerthes Loos. Die Sache geht mich auch gar nichts an. Ich bin ein Deutſcher. Warum waren die alten Polen ein ſo zänkiſches Volk voller Zwietracht, wodurch es benachbarten Mächten allein gelang, das Land zu theilen. Dieſes Volk wird ſich doch nicht vertragen, und wenn es auch die Ruſſen zum Kuckuck jagt. Wie geſagt, ich nehme meinen Abſchied. Mir liegt''s auf der Bruſt. Ich tauge nicht für kriegeriſche Strapazen. Ich laborire ſchon ſo lange ich in War⸗ ſchau bin. Darum hab ich auch noch keinen Dienſt gethan.“ 5 „Aber bedenken Sie,“ wendete Guido ein,„daß Sie ſich dem Verdacht des größten Verbrechens, nämlich der Feigheit, ausſetzen, wenn Sie in der gegenwärtigen Zeit, wo es Noth an Mann geht, um Ihren Abſchied einkommen.“ „Was da,“ entgegnete Severin unwirrſch,„ob dieſe polniſchen Raufbolde meinen Muth bezweifeln oder nicht, iſt mir einerlei. Ich mag aber nicht in der Blüthe meiner Jahre zu Grunde gehen hier in dieſem heilloſen Lande. Wenn noch ein Napoleon an der Spitze ſtünde, da ließ ich mir's eher gefallen; aber dieſer ſcheinheilige Skrzynecki; von dieſem mich zur Schlachtbank treiben zu laſſen, hab' ich nicht die geringſte Luſt. Ueberhaupt iſt, daß ich's nur offen herausſage, der ganze Krieg ein höchſt thörichter. Mit Rußland anzubinden, welches Na⸗ poleon, der an der Spitze von Europa ſtand, nicht bezwingen konnte— welche Vermeſſenheit! Ich hoffe, Ottokar wird dies ebenfalls einſehen, und wir beide machen uns mit nächſter Gelegenheit aus dem Staube.“ „Nein, mein Freund,“ ſprach Ottokar,„wie jetzt die Sachen ſtehen, wäre es Verrath an der allgemeinen Freiheit und Menſchenwürde, der tapfern polniſchen Na⸗ tion unſere Theilnahme, ja unſern Beiſtand, ſo viel in unſern Kräften ſteht, zu entziehen. Mag es nun wer⸗ den, wie es will; wir befinden uns einmal drinnen im Krater, zwiſchen Freund und Feind, da heißt es: Wer nicht mit mir iſt, iſt wider mich. Ich bin weder Ruß⸗ lands Feind, noch der Feind des Kaiſers Nicolaus; im Gegentheil achte ich dies Volk wie ſeinen Monarchen; aber der Aufſtand der Polen ſcheint mir ein gerechter und ſtets wird man mich auf der Seite der Gerechtig⸗ keit finden.“ „Daß doch die Polen an ſonſt Etwas gedacht hät⸗ ten, als eine Revolution anzufangen,“ brummte Seve⸗ rin;„ich komme am Schlimmſten dabei weg, weil mich im Grunde die Sache gar nichts angeht. Nun bin ich überdies Krakuſe und meine Kameraden ſind ein verwegenes Volk. Ich glaube, wenn ich nicht bald geſund werde und in Reih und Glied erſcheine für Freiheit und Vaterland, macht mich mein eigenes Re⸗ giment kalt. Ich Unglücklicher, da ſtecke ich wieder in einer Revolution, gegen welche die Pariſer große Woche ein Faſtnachtsſchwank iſt, da wollt' ich doch lieber in einem deutſchen Polizeigewahrſam ſitzen, als hier in dem rebelliſchen Warſchau. Ich muß ordentlich dazu geboren ſein, bei allen Volksempörungen eine Rolle zu ſpielen.“ 3* Während Severin alſo klagte, klirrte es im Vorge⸗ mach und gleich darauf trat ein rieſiger Krakuſenwacht⸗ meiſter ins Zimmer. Der Eingetretene legte ſalutirend die Hand an ſeine Mütze und frug in martialiſchem Baſſe:„Treffe ich hier den Krakuſen Severin Barthel?“ „Allerdings, hier ſteht er,“ erwiderte Ottokar und deutete auf Severin. „Man hat ſich morgen Punkt vier Uhr in voller Armatur einzufinden auf dem Alarmplatze,“ lautete die ziemlich barſche Ordre;„wer nicht erſcheint, wird als Ausreißer betrachtet, vor das Kriegsgericht geſtellt und erſchoſſen.“ „Aber, werthgeſchätzter Freund,“ zähneklapperte Se⸗ verin,„ich habe die Gicht, ich bin vor der Hand voll⸗ kommen untauglich zu jeglichem Kriegsdienſt, namentlich für die Reiterei.“ „Geht mich nichts an,“ replicirte der Kriegsmann, „wer ſich nicht ſtellt, wird erſchoſſen.“ Mit dieſen Worten legte er abermals die Hand ſalutirend an die Mütze, machte Rechtsumkehrt und mar⸗ ſchirte klirrend aus dem Gemach. „Ottokar, ich beſchwöre Dich bei allen Muttergottes⸗ bildern und Propheten,“ rief Severin in höchſter Auf⸗ regung,„befreie mich von dieſen verteufelten Krakuſen, die weder Lebensart noch Menſchenfreundlichkeit beſitzen. Dir zu Liebe habe ich mich in Krakau einſchreiben laſ⸗ ſen. Ich dachte, den Spaß kannſt du auch mit machen, da kommſt du mit Pomp nach Warſchau, wo du deinen Ottokar wieder findeſt; mir iſt nie in den Sinn gekommen, ordentliche Dienſte zu nehmen.“ „Ja, liebſter Freund,“ entſchuldigte ſich Ottokar, „hier kann ich nichts für Dich thun; ich bin ja ſelbſt in Warſchau.“ 37 „Aber Du begreifſt doch,“ eiferte der Krakuſenrekrut, „daß ich gichtbrüchiger Mann dem deſperaten Krieg nicht beiwohnen kann, den ſie jetzt führen“ „Sie ſollten ſich glücklich preiſen,“ fiel Guido zu Severin gewendet, in die Rede;„wenn ich nicht irre, iſt ein leichtes Cavaleriecorps, wozu unfehlbar Ihr Re⸗ giment gehört, zu einer großen Recognoscirung gegen die ruſſiſche Hauptarmee beordert. Eine ſolche Expedi⸗ tion iſt zwar gefahrvoll; aber unverwelkliche Lorbeeren ſind dabei zu erringen. Ich gäbe viel darum, könnte ich mich den tapfern Schwadronen anſchließen.“ Wie, früg erſchrocken Severin,„gegen die große Armee ſoll's gehen unter Diebitſch, die paar polniſchen Reiter? Das wäre ja ein wahres Frühſtück für die Ruſ⸗ ſen. Zu ſolchen verwegenen Thaten geb' ich mich auf keinen Fall her; mag's werden wie da will.“ Er lief unruhig die Stube auf und ab. „Aber ſprach der Grimmbart von Wachtmeiſter,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„nicht vom Erſchießen? Ottokar, ſo laß Dich beſchwören, wirke mir den Ab⸗ ſchied aus, ich ſchlage mich einmal mit dem Kaiſer Ni⸗ colaus nicht.“ „Auch Sie, Herr Graf,“ ſprach er zu Guido ge⸗ wendet,„können Etwas für mich thun, ſchon Ihrem Herrn Bruder zu Liebe, dem zu Liebe ich unter die Krakuſen ging. Sie ſind als Patriot bekannt, ſind liirt mit der halben Armee, Ihr Wort gilt viel, ich weiß es. Sie werden nicht dulden, daß man Ihren friedfertigen Landsmann, den Freund Ihres Bruders, unter die rohen Soldaten ſteckt. Ich bin ein Menſch von Bildung, liebe meine Fretheit und kann Blutver⸗ gießen nicht leiden. Was deines Amtes nicht iſt, da laß deinen Vorwitz; das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben. Bedenken Sie dies, geehrter Herr, ſeien Sie mein Vertheidiger, mein Beſchützer ge⸗ gen polakiſche Ungerechtigkeit.“ Guido konnte ſich gleichfalls eines Lächelns nicht erwehren. „Auch ich,“ ſprach er,„kann in dieſer Angelegenheit Nichts für Sie thun. Aber faſſen Sie Muth, nicht alle Kugeln treffen; die Ruſſen ſind nicht die beſten Schützen, machen Sie einmal den Kriegszug mit. Ich bin über⸗ zeugt, Sie werden Geſchmack daran finden. Ihr Un⸗ wohlſein iſt keine Entſchuldigung; Sie ſind ja geſund wie ein Fiſch im Waſſer.“ „Da irren Sie gewaltig,“ widerſprach Severin, „mir iſt zu Muthe wie einem halb abgeſtandenen Karpfen. An dem Kriege bekomme ich mein Lebetag keinen Ge⸗ ſchmack.“ „Und ſind doch ein ſo großer Verehrer des Kaiſers Napoleon?“ fuhr Guido fort;„bedenken Sie, welch' eine erhabene Aufmunterung es iſt, wenn Ihr Name in die Zeitungen kommt als tapferer Freiheitskämpfer; Sie werden berühmt durch ganz Europa.“ „Ich mag aber nicht berühmt werden,“ erwiderte Severin ärgerlich,„ich bin ein ſchlichter Mann, fremd der Eitelkeit, ein Kind des Friedens. Niemand kann für ſein Temperament. Wem das Kriegsfeuer nicht im Blute liegt, wird ſich's nie aneignen, er mag machen was er will.“ Ottokar, der Severin's Charakter genauer kannte und ſich an deſſen Angſt hinlänglich ergötzt hatte, be⸗ ruhigte ihn jetzt. „Ich werde mit Deinem Obriſten ſprechen,“ ſprach er,„ich kenne ihn; vielleicht daß ich Dir Urlaub auf unbeſtimmte Zeit auswirke; aber gewiß will ich's nicht verſprechen; in jetziger Zeit gilt ein Mann viel.“ „Lieber Gott,“ geſtand Severin naiv,„was kann ich 39 gelten; ich mag gar nichts gelten, wenn ich nur von den verwünſchten Krakuſen loskomme. Ottokar, edle Seele, den Gedanken gab Dir Gott ein. Sprich mit dem Obriſten, ſtelle ihm die Sache vor, Du haſt Mund⸗ werk; der Herr Obriſt iſt ein Menſch und wird Ein⸗ ſicht haben.“ Ottokar mußte ſeine Intervention nochmals geloben und Severin erhielt alle gute Laune wieder, die ihn ſeit der Citation des Wachtmeiſters gänzlich verlaſſen hatte. „Das iſt wahr,“ ſprach er, ſich vergnügt die Hände reibend,„gute Freunde lernt man erſt in der Noth kennen. Das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben. Ottchen, Du biſt ein Goldmann, befreie mich nur von dieſer Rotte Kora, Datan und Abiram, dieſen Krakuſen.“ Ottokar hatte Wein kommen laſſen. Man trank auf Polens Wohl und die Drei verblieben noch eine geraume Zeit bei einander. Viertes Rapitel. Gnz Warſchau hallte von Jubel wieder und allge⸗ mein war die Begeiſterung, als der ritterliche Dem⸗ binski mit ſeiner kleinen Heldenſchaar Einzug hielt in der Hauptſtadt. Tief aus den Wäldern und Sümpfen Litthauens kam der Brave daher, wo er, ein zweiter Kenophon, durch Klugheit und Tapferkeit einem zehn⸗ fach überlegenen Feind die Spitze geboten und ſich glücklich durchgeſchlagen hatte. Merklich unterſchied ſich ſeine getreue Schaar von den Soldaten der übrigen 40 polniſchen Armee. Die Geſichter waren mit Narben bedeckt, von der Sonne gebräunt, die Uniformen zer⸗ riſſen und unſcheinbar. Das Volk, von einem richtigen Inſtinkt geleitet, erkannte in dem zurückkehrenden Führer einen wahren Helden, der die Ehre des polniſchen Namens und der polniſchen Waffen, die von ungeſchickten und entnervten Führern ſchmählich befleckt worden, hoch erhoben. Es ſah in ihm den Wohlthäter Tauſender von Familien, denen er die Söhne gerettet aus den grauſamen Hän⸗ den des Feindes des Vaterlandes, dem er mehre Tau⸗ ſend Streiter für den fernern Kampf erhalten. Es be⸗ griff, daß es ein aufergewöhnlicher Geiſt ſein müſſe, der auf einem ſo weiten Zuge durch die fernen Länder und den Heeresmaſſen der Feinde ſeine Geiſtesgegen⸗ wart, ſeinen Muth und ſeine patriotiſchen Geſinnun⸗ gen zu bewahren gewußt. Es begriff, daß, einen ſol⸗ chen Mann in den Mauern der bedrohten Hauptſtadt, in der Mitte des Heeres zu wiſſen, hundertmal mehr werth ſei, als wenn er mit ſeinem kleinen Korps noch länger in Litthauen dem Feinde Abbruch gethan, und es jubelte ihm aus voller Bruſt entgegen. Die Begeiſterung des Volkes war um ſo mehr in⸗ nerlich begründet und das wirklich Erhabene des Au⸗ genblicks riß es um ſo unwiderſtehlicher fort, als die äußere Erſcheinung Dembinski's nicht eine ſolche war, welche vorzüglich polniſche Herzen gewinnt. Er hatte keine hohe Geſtalt und ſchöne Züge. Von äußerſt kräf⸗ tigem Körperbau, aber von mittler gedrungener Statur und über die Blüthe des männlichen Alters hinaus; das blitzende blaue Auge in einem braunen Geſicht, von nicht fleckenloſem Teint, über einer Adlernaſe und mit einem röthlichen Knebelbart, deſſen Spitzen bis an das Kinn reichten, ritt er einher, wie man ſich den 41¹ gewoltigen Attila denkt, mehr Staunen und Bewun⸗ derung, als Zuneigung erweckend. Aber auf das Tiefſte und zu Thränen gerührt ward das Volk durch den Anblick der Litthauiſchen Brüder. Als ſich die Nachricht von ihrer Ankunft verbreitete, fingen ſich die Schaaren der Einwohner nach der Weichſel und Praga zu in Bewegung zu ſetzen. Da begegnete man den Vorpoſten bei der letzten Batterie. Der Obriſt Surakowski eilte ſeiner Colonne voran, um ſeine Gemahlin und ſeine Kinder zu ſehen. Sein fünfjähriger Sohn ſetzte ſich auf das Pferd des Vaters und ſprach mit kindlicher Rührung die berühmte Kra⸗ ſickiſche Strophe: „O heil'ge Liebe des theuern Vaterlandes.“ Weinend umringte den Knaben das Volk. Als Dembinski darauf mit ſeinem Stabe nahte, durchbrach ein Freudenſchrei von ſechszigtauſend Zu⸗ ſchauern die Luft; und es donnerte das Lied:„Noch iſt Polen nicht verloren!“ zu dem ſchönen Auguſt⸗ himmel empor. Es folgten die Colonnen. Voran die Escadron des dritten Uhlanenregiments. Dann die Sappeurs zu Pferde; die Fußjäger zu Pferde; die Poſener Escadrons; zwei Kanonen reitende Artillerie. Dann die Jäger des dritten Regiments; das achtzehnte Infanterieregiment; das Bataillon Matuszewicz; die Nowogrodſchen Reiter; zwei Poſitions- und zwei leichte Geſchütze; die Gefangenen; die Plocker Cavallerie; das dreizehnte Uhlanenregiment; zuletzt die Freiſchützen aus Nowogrod und Slonim. Den Schluß bildeten die kleinen Wagen und Bagagen der Litthauer und einige hundert erbeutete Pferde. Mit dieſer kleinen. Macht hatte der Held mehren großen ruſſiſchen Armeen wider⸗ ſtanden. Die Mannigfaltigkeit dieſes Aufzugs war wahr⸗ 42 haft ſtaunenerregend. Die Kleidung der Soldaten bil⸗ dete die burleskeſte Miſchung. Bald waren es polniſche, bald ruſſiſche, bald Jagd⸗ bald academiſche Uniformen; bald Civilkleider älteſter und neueſter Moden. Man führte die verſchiedenſten Waffen: Carabiner, Mus⸗ keten, Jagdflinten, Janitſcharengewehre, und ritt Sa⸗ mogediſche, Tſcherkeſſiſche, Karbadiner und Koſaken⸗ pferde in verſchiedenen Geſchirren und Schabracken. Ein Theil der Infanterie war barfuß. Frauen und Knaben folgten dem Zuge. Als die Litthauiſchen Bürger folgten, glänzte auf allen Geſich⸗ tern Hingebung und das heilige Feuer der Vater⸗ landsliebe. Das Corps lagerte ſich, und Dembinski rückte mit ſeinem Stabe weiter nach Warſchau vor. Als ihn die Beſatzung von Praga begrüßte, nahm ſie ihm die Mütze vom Haupte, um ſie zum Andenken aufzube⸗ wahren. Aber von Praga aus nahm die Menge mit jedem Augenblick zu. Denn zu beiden Seiten der Weichſelbrücke ſtanden neue Schaaren. Zwiſchen den Pfeilern rief man den von der Brücke Herabkommenden entgegen:„Es lebe unſer Dembinski.“ Das Volk warf die Mützen in die Höhe, küßte ihm Hände und Füße und vereinigte ſich mitten unter dankbarem Freuden⸗ geſchrei mit dem General und ſeinen tapfern Waffen⸗ geführten. Als man an dem ſogenannten Stadthalterpalaſt an⸗ langte, empfingen ihn vier Regierungsmitglieder, und nachdem Dembinski ihnen entgegen gerufen, daß man ihn noch nicht hier ſehen würde, wenn es keine Ver⸗ räther gäbe, entgegnete ihm der edle Vinzenz Nie⸗ mojowski: „General! wie der Senat und das römiſche Volk die von Cannä Zurückkehrenden empfing, mit denſelben 43 Gefühlen empfangen wir Dich und Deine Gefährten. Euch hat das Glück verlaſſen, aber Ihr habt die heilige Sache nicht aufgegeben. Wir danken Dir im Namen der Nation. Du haſt den Frauen ihre Männer, dem Vaterlande ſeine Söhne gerettet.“ „Ihre Frauen,“ erwiderte eben ſo ſchön Dem⸗ binski,„würden jetzt Wittwen und ihre Kinder Waiſen werden; denn die Regierung und die Hauptſtadt haben durch einen ſo ruhmvollen Empfang des Corps die Luſt zur Aufopferung ſo geſteigert, daß Jeder von ihnen bei der nächſten Gelegenheit mehr als je ſein Leben bloß ſtellen werde, um die Liebe und das Gedächtniß einer ſolchen Nation zu verdienen.“ Unter abermaligem Freudenruf begab ſich Dembinski, von dem Volke begleitet, nach der Metropolitankirche, woſelbſt ein feierlicher Gottesdienſt als Dank für die Errettung der heldenmüthigen Schaar gehalten wurde. Der Prieſter Pulawski ergriff das Wort und hielt eine Rede, welche als ein Meiſterſtück ergreifender pa⸗ triotiſcher Begeiſterung gelten konnte Aber je höher die Verdienſte Dembinski's von dem Volke freudig anerkannt wurden, eine um ſo ſchärfere Kritik mußte ſich der Generaliſſimus Skrzynecki gefallen laſſen, der ſich durch ſein ſchwankendes Handeln den Haß der Patrioten täglich mehr zuzog. Bereits hatte er die Ruſſen, ohne nur einen Verſuch des Widerſtandes zu machen, über die Weichſel gelaſſen. Die geſammte Stärke der furchtbaren ruſſiſchen Macht befand ſich unter Anführung des Generals Paskewitſch, welcher dem von der Cholera hinweggerafften Marſchall Diebitſch im Commando gefolgt war, auf dem linken Weichſelufer und drang unaufgehalten täglich näher gegen die Haupt⸗ ſtadt vor. Bereits war der Mangel an Lebensmitteln, welche den Warſchauern aus den jetzt von den Ruſſen beſetzten Gegenden zuzufließen pflegten, bedeutend em⸗ pfindbar. Die polniſche Armee ſtand müſſig zwiſchen der Hauptſtadt und den feindlichen Heeren Nachdem letz⸗ tere ungehindert die Weichſel überſchritten hatte, hoffte man täglich auf eine Hauptſchlacht. Der polniſche Sol⸗ dat brannte vor Begier, die Scharte von Oſtrolenka auszuwetzen: aber weder die Bitten ſeiner Generale, noch der Wunſch der Regierung, noch der Mahnruf des ganzen polniſchen Volks konnte den Generaliſſimus bewegen, den Feind anzugreifen. Als Hauptgrund dieſes demoraliſirenden Zauderns gab man mehre Briefe an, welche Skrzynecki aus Paris vom damaligen Mi⸗ niſter der auswärtigen Angelegenheiten, dem General Sebaſtiani, erhalten hatte und worin dieſer ihn wieder⸗ holt warnte, ſich in eine Hauptſchlacht einzuloſſen, welche, ſo ſie verloren ginge, den Untergang Polen's unmittelbar nach ſich ziehen würde; er ſollte vielmehr noch vierzehn Tage temporiſtren, binnen welcher Zeit England und Frankreich ſich officiell zu Gunſten Po⸗ lens ausſprechen würden. Während aber der Oberfeldherr, anſtatt Schlachten zu liefern, den Weg der Diplomatie einſchlug, griff die Demoraliſation in der polniſchen Armee immer bedeutender um ſich, und die Herzhafteſten begannen unter ſolcher Oberanführung an einem glücklichen Ausgange des Re⸗ volutionskrieges zu zweifeln. Die meiſten Warſchauer Oppoſitionsblätter ergoſſen ſich in ſchmähender Kritik über Skrzynecki's Unent⸗ ſchloſſenheit, die mit der Kampfbegierde der Armee in ſo grellem Widerſpruche ſtand; eine wahrhafte Wuth aber bemächtigte ſich der patriotiſchen Clubs und Ver⸗ ſammlungen. Hier ward der Oberfeldherr bereits laut 45 mit dem Namen eines Verräthers bezeichnet und die Stimmungen dieſer Clubs wirkte höchſt aufreizend auf das Volk. So ſtanden die Angelegenheiten Polens unmittelbar vor der blutigen Nacht des funfzehnten Auguſts und wenige Wochen vor dem Falle Warſchaus. Jünftes Rapitel. De Grafen Guido war es endlich gelungen, die nähere Bekanntſchaft der ſchönen Stephanie zu machen. Dieſe junge Dame ſtammte aus Litthauen, woſelbſt ſie be⸗ deutende Ländereien beſaß, und ſie gehörte zu jenen patriotiſchen Polinnen, denen die Begeiſterung für des Vaterlandes Freiheit und Unabhängigkeit über Alles ging. Ihrem Freiheitsſinne war jedes andere Gefühl untergeordnet. Kühn, unternehmend, ſcheute ſie kein Opfer, keine Gefahr, ſo das Wohl Polens in Frage ſtand. Guido ſchmachtete gänzlich in ihren Feſſeln, da ſie ihn durch Schönheit, wie durch politiſche Geſinnung in gleichem Grade gefangen hielt. Es verging kein Tag, wo er ſie nicht beſucht hätte und von dem Zauber ihres Weſens immer ſtärker zu ihr hingezogen ward. Wenige Tage nach dem feſtlichen Einzuge Dem⸗ binski's hatte Stephanie dem Grafen durch ein Billet zu wiſſen gethan, daß ſie ihn ſchleunigſt zu ſprechen wünſche. Wie ungewohnt die Stunde war, welche ſie feſtgeſetzt hatte, um ſo größer war die Eile Guido's, dem Wunſche ſeiner Herzenskönigin nachzukommen; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als ihm in dem gewohn⸗ 46 ten Empfangszimmer der Gräfin ein junger ſchöner Pole mit ſchwarzen, reich herabrollenden Locken entgegen trat; in welcher Verkleidung der Erſtaunte ſogleich Stephanien wieder erkannte. „Haben Sie Muth?“ frug dieſe, dem jungen Deutſchen raſch entgegen tretend, und ihr dunkles Auge leuchtete voll ungewohnten Feuers. „Eine ſolche Frage,“ antwortete Guido, die Hand der Gräfin an ſeine Lippen drückend,„darf nur Stepha⸗ nie ungeſtraft an mich thun. Gebieten Sie über mein Leben, über meine dies- und jenſeitige Glückſeligkeit. Doch wozu dieſe Verkleidung, mein ſüßes Leben?“ Stephanie ging einigemal mit verſchränkten Armen im Zimmer auf und ab. Dann blieb ſie vor Guido ſtehen. 5 „Ich reiſe dieſe Nacht ab nach Litthauen,“ ſprach das muthige Mädchen;„Sie werden mich begleiten.“ „Um Gottes Willen, Stephanie,“ rief erſchrocken der junge Mann,„bedenken Sie, daß die ganze Grenze von ruſſiſchen Armeen beſetzt iſt.“ „Ich frage, ob Sie mich begleiten wollen?“ ſprach die Gräſin in ruhigem Tone. „Bis an's Ende der Welt,“ erwiderte Guido;„aber ich darf nicht zugeben, daß Sie ſich offenbar in's Ver⸗ derben ſtürzen.“ „Das iſt meine Sache,“ lächelte Stephanie. Nach einer Pauſe fuhr ſie fort: „Glauben Sie wirklich, eine Polin könne nicht un⸗ gefährdet ihr Vaterland durchwandern, und wenn es von allen Horden Aſiens bedeckt wäre? Wohnen nicht immer Polen darin?“ „Es iſt aber geradezu unmöglich,“ gegenredete Guido,„im gegenwärtigen Augenblicke Litthauen zu 47 erreichen. Die feindlichen Armeen halten alle Straßen und Stege beſetzt.“ „Es giebt Wälder, mein Freund,“ verſetzte Ste⸗ phanie,„Punkt eilf Uhr dieſe Nacht halten Sie ſich reiſefertig.“ „Ich werde mich einfinden,“ ſprach Guido;„doch dann erlauben Sie mir, Stephanie, daß ich mich beur⸗ laube, um die nöthigen Anſtalten zu treffen.“ „Gehen Sie mit Gott,“ erwiderte die Gräfin;„doch vor Allem darf kein Sterblicher von unſerer Abreiſe erfahren.“ „Stephaniens Wunſch,“ meinte Guido,„iſt mir heiliger Befehl.“ Er wollte ſich entfernen; doch trat er nochmals auf das ſchöne Mädchen zu und, ihre kleine weiße Hand er⸗ faſſend, frug er: „Darf ich wagen, nach dem Grunde dieſes plötz⸗ lichen und ſo unerwarteten Entſchluſſes zu fragen?“ „Den wird die Zukunft lehren,“ entſchied die Grä⸗ fin und gab mit der Hand das Zeichen der Entlaſ⸗ ſung. Guido entfernte ſich. Stephanie ſchaute ihm ſinnend nach. „Er verdiente, ein Pole zu ſein,“ ſprach ſie; „wenn in meinem Herzen eine andere Liebe wohnte, als die zum Vaterlande, wollt' ich ihn königlich be⸗ lohnen.“ Sie trat nach dieſen Worten an ein Marmortiſchchen, auf welchem eine Charte von Polen ausgebreitet lag; dann zog ſie ein Papier aus dem Buſen. „Hier ſteht Kreuz,“ ſprach ſie, mit einer goldenen Nadel auf die Charte zeigend,„und hier Pahlen; darum wird das Beſte ſein, ich nehme den Weg über Lomza. In weniger denn drei Tagen können wir in Grodno ſein; dann hab' ich noch fünf Meilen bis Warſow.“ 48 „Wohlan, es ſei gewagt,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort;„ich werde mich ſelbſt überzeugen, ob es nicht möglich iſt, die verglimmenden Funken zu hellen Flammen anzufachen. Sind wir Litthauer nicht ſo gut Polen wie die Bewohner des Königreichs?“ Es war eine ſtürmiſche Nacht, unheimlich ſchwirrten die Wetterfähnlein auf den hohen Giebeln und Dächern; kein Stern war an dem mit Wolken bedeckten Nacht⸗ himmel zu entdecken, als Guido in der bezeichneten Stunde an dem Portale der Gräfin Stephanie die Klingel zog. Jwan, der alte geprüfte Diener öffnete. „Die gnädige Gräfin hat Sie ſchon ſeit einer hal⸗ ben Stunde erwartet,“ flüſterte er;„um aller Heiligen willen, gnädiger Graf, reden Sie meiner Gebieterin dieſe tollkühne Idee aus. Ich habe das Meinige ge⸗ than, aber kein Gehör gefunden. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir alle Drei mit dem Leben nicht davon kommen; um mich iſt es mir nicht, aber Sie und die Gräfin dauern mich.“ „Was will denn Stephanie eigentlich in Litthauen?“ frug Guido. „„Sich an die Spitze ihrer Bauern ſtellen,“ war die Antwort;„Aber das iſt vergebens; ich kenne dieſe Hottentotten; denen iſt's einerlei, ob ſie zu Rußland oder Polen gehören; und wenn ſie Luſt zum Aufſtande gehabt hätten, konnten ſie ſich ja unſerer Armee an⸗ ſchließen, welche ihre Gegend durchſtreifte.“ Als Guido in das Zimmer der Gräfin trat, kam ihm dieſe völlig reiſefertig entgegen. „Sie haben lange auf ſich warten laſſen, mein Freund,“ ſprach ſie nicht ohne Vorwurf. Guido ent⸗ ſchuldigte ſich, daß ihm eher zu kommen nicht möglich geweſen. 49 „Keine Nachricht von der Armee?“ Der Gefragte zuckte die Achſel. „Nicht die erfreulichſten,“ ſprach er;„Skrzynecki kann ſich noch immer nicht zu einer Schlacht ent⸗ ſchließen; die Ruſſen kommen immer näher; ſtehen kaum vier Stunden von den Thoren. Man ſpricht von der Abſetzung des Generaliſſimus und von der Erwählung Dembinski's. Die allgemeine Stimmung iſt aufs Höchſte ob des unverantwortlichen Zögerns Skrzynecki's entrüſtet. Die patriotiſchen Vereine laſſen alle Minen ſpringen, den General vom Ruder zu entfernen.“ „Darum iſt es gut, daß wir aufbrechen,“ erwiderte die Gräfin;„ich bin gleichfalls überzeugt, daß ſich die⸗ ſer neue Fabius Cunctator nicht lange halten wird und daß mein Freund Dembinski das Commando er⸗ hält. Dieſer aber führt unverweilt die Armee nach Litthauen und die ruſſiſche Armee iſt abgeſchnitten und verloren. Wohlan, wir wollen dafür ſorgen, daß die Polen des Königreichs bei ihren Litthau'ſchen Brüdern eine gute Aufnahme finden.“ Guido verſuchte jetzt, die Gräfin auf das Gewagte ihres Unternehmens nochmals aufmerkſam zu machen. „Sie werden überzeugt ſein, angebetete Stephanie,“ ſprach er,„daß es nicht Beſorgniß um meine Perſon iſt, wenn ich Sie von dieſer Reiſe abmahne; ich habe in dieſem Kriege zu wiederholten Malen bewieſen, daß ich gern und freudig mein Leben für Polen zum Opfer zu bringen bereit bin; aber Sie ſollen ſich nicht muth⸗ willig ins Verderben ſtürzen, ohne daß daraus für das Vaterland der geringſte Nutzen entſpringt.“ „Was liegt an dem Leben eines Mädchens?“ frug Stephanie,„und kommen wir um, ſind wir im ſchönſten Berufe geſtorben.“ Stolle, Schriften. Supplem. III. 4 50 „Man ſoll aber nicht zu leichtſinnig mit dem Leben ſpielen,“ bemerkte Guido. „Iſt nicht der ganze Aufſtand ein großes Hazard⸗ ſpiel?“ frug die kühne Polin;„hier gilt ein keckes Wagen; durch langes Ueberlegen iſt nichts gethan. Hätten die jugendlichen Helden am Abende des neun⸗ undzwanzigſten Novembers, bei Erſtürmung des Belve⸗ dere, nicht kühn und verwegen Zehn gegen Hundert wagen wollen, würde Polen heut' nicht frei ſein.“ „Aber die Erpeditionen Dembinski's und Cla⸗ powski,“ gab Guido von Neuem zu bedenken,„haben zur Genüge bewieſen, wie ſchwer es hält, einen allge⸗ meinen Aufſtand in dieſen ehemaligen Provinzen zu be⸗ werkſtelligen, und daß ſich das Schickſal Polens in den Ebenen von Warſchau entſcheiden muß.“ „Weil beide Generale,“ fiel Stephanie eifrig in die Rede,„mein Vaterland nicht kennen und trotz der wei⸗ ſen Inſtructionen Czartoriski's Fehler auf Fehler be⸗ gingen. Eben das iſt der Grund, daß ich mich in Perſon von den dortigen Angelegenheiten überzeuge. Mich kennen meine Landsleute und ich kenne ſie.“ Der hohe Patriotismus und der kühne Unterneh⸗ mungsgeiſt, der aus allen Worten der feurigen Polin ſprach, bezauberte den jungen Grafen in dem Maße, daß er bald alle Bedenklichkeiten vergaß. „Ich folge Ihnen, Stephanie,“ rief er,„und ſei es zur Hölle, die Sie ſelbſt zum Paradieſe machen würden.“ Das ſchöne Mädchen eilte bei dieſen Worten auf Guido zu und ihn mit beiden Armen unſchlingend, rief ſie: „Nicht mir, ſondern meinem armen Vaterlande zu Liebe folge mir.“ 51 „Mein theures Leben,“ rief Guido, die ſüße Laſt ſanft an ſeine Bruſt drückend. „Sei mein Bruder,“ fuhr Stephanie in weichem Schmeicheltone fort,„ich will Deine folgſame Schweſter ein.“ Guido hauchte im Uebermaße des Entzückens einen leiſen Kuß auf die reizende Stirn, welche, von dunkeln ſeidenen Locken umwallt, an ſeinem Herzen ruhte. „Nun mag der Tod kommen,“ ſprach er,„ich habe der Erde höchſte Seligkeit genoſſen.“ Der treue Jwan klopfte an die Thür; das Pärchen fuhr auseinander und der alte Diener meldete, daß Alles zur Abfahrt bereit ſei. „Nun, mit Gott,“ rief Stephanie,„komm, mein Guido.“ Der junge Deutſche geleitete die ſchöne Polin die Stiege hinab; ſchaurig wehte dem Paare die mit Re⸗. gen vermiſchte Nachtluft entgegen; die beiden muthigen Rappen ſtampften ungeduldig den gepflaſterten Boden, daß hier und da die Funken hervor ſprangen. Jwan nahm auf dem Kutſcherſitze Platz; Guido hob Stepha⸗ nie in den Wagen und ſetzte ſich an ihre Seite. Das Hofthor knarrte, und ſort brauſte das Fuhrwerk durch die todtſtillen Straßen von Polens Hauptſtadt. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichte man die Brücke von Praga. Geheimnißvoll rauſchten in der Tiefe die Wellen der Weichſel; nur hier und da erleuchtete eine einſame Laterne die nächtliche Fahrt. Bald hatte man die furchtbar befeſtigte Vorſtadt im Rücken und ſchlug die Straße nach Sierock ein. Immer undurchdringlicher ward die Finſterniß; der Regen rauſchte kalt durch die Nacht; die von den häu⸗ figen Märſchen der Armee ſehr verdorbenen Wege wur⸗ den immer ſchwieriger. Zu wiederholten Malen drohte 4* 5² das leichte Fuhrwerk umzuwerfen und nur der Geſchick⸗ lichkeit des erfahrenen Jwan's hatte man es zu danken, daß man ohne Unfall, nach einer höchſt mühſeligen Fahrt, mit grauendem Morgen die am Buchfluſſe ge⸗ legene Stadt Sierock erreichte. In dem Gaſthofe, wo die Reiſenden anhielten, er⸗ hielten ſie die erfreuliche Botſchaft, daß die Gegend rings umher von den Ruſſen verlaſſen und im Beſitze der Polen ſei; von Pultusk her aber wären beträchtliche feindliche Corps unterwegs. Sogleich entſchloß ſich auf dieſe Nachricht Stephanie, den Weg über Oſtrow nach Lomza einzuſchlagen. Es war unterdeß Tag geworden. Die Bevölkerung von Sierock war enthufiaſtiſch für des Vaterlandes Befreiung eingenommen; auch hier tadelte man das Benehmen des Oberfeldherrn mit den härteſten Ausdrücken. Der in der Stadt commandirende polniſche Oberſtlieutenant, welchen Guido von Warſchau her kannte, ſtattete den Reiſenden einen Beſuch im Gaſthauſe ab. Er erkun⸗ digte ſich auf das Angelegentlichſte nach dem Stande der Dinge in Warſchau und im Hauptquarttere, und bedauerte, nicht in den Reihen der Armee zu ſtehen, welche Warſchau deckte und von welcher man täglich eine entſcheidende Schlacht erwartete. Sierowski, dies war ſein Name, hatte den Zug gegen die Garden und die Schlacht von Oſtrolenka mitgemacht. Er war voller Begeiſterung für die perſönliche Bravour des Obergene⸗ rals, welche dieſer in der verhängnißvollen Schlacht an den Tag gelegt hatte; aber mit deſſen ſpäterm Beneh⸗ men konnte er ſich gleichfalls nicht befreunden. Haupt⸗ ſächlich galt es ibm für einen außerordentlichen Fehler, daß man die ruſſiſche Armee ohne Schwertſtreich die Weichſel habe überſchreiten laſſen. „Uebrigens,“ fügte er tröſtend hinzu,„hege ich nicht 53 die geringſte Beſorgniß, daß die gerechte Sache den Sieg davontragen wird. Concentrirt ſich unſere Ar⸗ mee in den Verſchanzungen Warſchaus auf dem linken Weichſelufer, ſo kann Paskewitſch eine dreifach ſtärkere Armee, als er dermalen befehligt, herbeiführen, und die Hauptſtadt hat darum nichts zu fürchten.“ Guido und Stephanie ſtimmten ihm hierin vollkom⸗ men bei. „Es iſt dies,“ meinte Guido,„auch die An⸗ ſicht aller Kriegsverſtändigen.“ Zugleich erzählte er, daß ſich in jüngſter Zeit der General Krukowiecki ſichtlich bemühe, Einfluß zu gewinnen. „Wenn es dieſem patriotiſchen General,“ ſprach er, „gelingen ſollte, bedeutende Gewalt zu bekommen, ſo halte ich die polniſche Sache ſo gut wie für gewonnen; denn dann befindet ſie ſich in den Händen eines eben ſo kräftigen, erfahrenen als patriotiſchen Mannes.“ Bei dem Namen Krukowieckt ſchüttelte aber Sie⸗ rowski nachdenklich das Haupt. *„Zu dieſem Manne,“ ſprach er,„hab' ich nie rech⸗ tes Vertrauen faſſen können; er ſcheint mir ein Cha⸗ rakter, der fähig iſt, ſeinem Eigennutze und Ehrgeize das eigene Vaterland zum Opfer zu bringen.“ Guido widerſtritt aus allen Kräften; auch Stepha⸗ nie wollte dem Argwohn des Officiers durchaus keinen Glauben beimeſſen. „Gott gebe,“ erwiderte Sierowski,„daß ich mich getäuſcht habe; aber ein gewiſſes Mißtrauen kann ich beim beſten Willen nicht unterdrücken.“ „Sie ſollten nur eine ſeiner begeiſterten Reden mit anhören,“ meinte Guido,„um ſich zu überzeugen, daß in dieſem Manne kein Tropfen Blutes fließt, den er nicht für ſein Vaterland zu vergießen freudig bereit wäre. Noch dieſer Tage ſchwor er bei ſeinem weißen 54 Haare hoch und feierlich, daß er den abermaligen Un⸗ tergang Polens nicht überleben werde.“ „Meine Landsleute wie die Ihrigen,“ verſetzte Sie⸗ rowski,„ſind nur zu leicht geneigt, das zu glauben, was ihr eigener Edelmuth verlangt.“ „Nichts da,“ entſchied Guido voll Eifer,„es wird Ihnen nicht gelingen, uns an dem Krukowiecki irre zu machen. Das iſt der patriotiſchſte und treueſte Pole, den es geben kann.“ Als Sierowski erfuhr, daß Guido und die Gräfin, die er in ihrer Verkleidung noch immer für einen jungen ſchönen Polen hielt, den Weg über Oſtrow nach Lomza ein⸗ ſchlagen wollten, ſo erbot er ſich, ihnen zwei Lanziers zur Bedeckung mit zu geben, nicht ſowohl wegen der Ruſſen als wegen der Wölfe, die in den zahlreichen Wäldern die Reiſe nicht ganz gefahrlos machten. „Wir ſind mit Piſtolen hinlänglich verſehen,“ ent⸗ gegnete Guido,„daß wir einer Eskorte wohl entbehren können; auch wollen wir ſo unbemerkt als möglich Litthauen zu erreichen ſuchen.“ „Beſſer iſt bewahrt als beklagt,“ ſprach der edle Sierowski,„nehmen Sie wenigſtens meinen braven Andreas mit, welcher, von Lomza gebürtig, in der Ge⸗ gend, durch welche Sie kommen, ſehr zu Hauſe iſtz denn, abgeſehen von den Wölfen, könnten Sie ſich auch leicht verirren.“ Jwan wollte das zwar nicht zugeben, da er dieſen Landſtrich wohl an die hundertmale zurückgelegt habe; auf das wiederholte Bitten Sierowski's ward aber An⸗ dreas als Begleiter angenommen. Der alte polniſche Lanzier war noch ein Kriegsheld aus den Zeiten Napoleon's, hatte in ſeiner Jugend un⸗ ter Kosciusko gedient und war ein leidenſchaftlicher Ver⸗ ehrer dieſes edeln Polen wie des großen Kaiſers. 55 Als er ſich bei Guido einſtellte und in dieſem als⸗ bald den Deutſchen erkannte, geſtand er offenherzig, daß er dieſe Nation eigentlich nicht leiden könne; denn Deutſche wären es geweſen, welche Polen getheilt hät⸗ ten, und durch die Treuloſigkeit der Deutſchen habe der große empereur hauptſächlich ſeinen Untergang gefun⸗ den. Hätten die Deutſchen den kleinen Corporal nicht im Stiche gelaſſen, wäre es längſt um das barbariſche Ruſſenreich und um die engliſchen Krämer geſchehen. „Das waren andere Zeiten,“ rief er einmal über das andere aus,„als noch der Poniatowski neben dem großen empereur ritt und der Vicekönig und der Da⸗ vouſt, der Ney, der Neapelkönig. Hab' mich mit den Meiſten ſcharmant unterhalten, da galt der brave Sol⸗ dat Etwas. Vive l'empereur!“ „Hat an euch Polen auch nicht zum Beſten gehan⸗ delt,“ meinte Guido;„hätte dankbarer ſein ſollen für das viele Blut, das ihr für ihn in zahlloſen Schlachten vergoſſen habt.“ „Beiß das Häschen!“ ſchalt der alte Kriegsheld, der Jedermann Du nannte,„ſprich Uebles von Jeder⸗ mann, nur nicht vom kleinen Corporal. Wollte immer das Beſte, aber kam nicht durch, trotz ſeiner alten Garde mit den hohen Bärmützen.“ „Warum ſtellte er aber Polen nicht wieder her in ſeinem ganzen Umfange?“ gegenredete Guido,„es be⸗ durfte eines Wortes von ihm und alle zwanzig Millio⸗ nen Polen waren wieder Eine Nation, und welche Vormauer gegen Rußland hatte er dann! Nein, Freund, daß er dieſes alte Unrecht gut zu machen vergeſſen, gereicht weder ſeiner Politik, noch ſeiner Gerechtigkeit zur Ehre.“ „Beiß das Häschen,“ zankte Andreas von Neuem, „wie ſprichſt Du? ſaß da nicht der Schwiegervater und 56 der Preußenkönig; hatte die ſchon beſchnitten genug, konnte ihnen nicht auch noch Galicien und Poſen ab⸗ ſäbeln. Kam Zeit, kam Rath.“ „Waret Ihr auch mit in Egypten, guter Freund?“ frug Stephanie. „Beiß das Häschen, wo ſollt' ich nicht geweſen ſein,“ antwortete Andreas;„in Egypten, Spanien, Lisbva, Deutſchland, Moskau, wo nur der kleine Cor⸗ poral ſeinen Schimmel hingelenkt, war ich dabei; kin Europa durchritten von einem Ende zum andern. In Egypten, beiß das Häschen, eine Hitze zum Erſticken, nichts als Sand und Pyramiden, Crocodile und Ma⸗ melucken. Moskwa, auch ein hübſch Feuerchen; es koſtete mich den halben Backenbart, der lichterloh brannte; brachten den kleinen Corporal mit genauer Noth aus dem Kremlin; der kleine Corporal war nicht der Mann, der eine Poſition ſogleich fahren ließ. Ver⸗ fluchte Idee, ächt ruſſiſche Idee, das Neſt anzubrennen. Eh' mein Bart wieder wuchs, war wieder eine Kälte, daß Wolf und Bär verrückt wurden, wie viel eher das nackte Menſchenkind. Aber der kleine Corporal verlor den Muth nicht. Als Alles krumm ging, zog er ſelbſt den Pallaſch und führte die Garde gegen den Kutuſow. Beiß das Häschen, das knallte durch die erfrornen Wälder; der Vicekönig that auch das Seinige, dann kam der Ney mit ſeinen fünf Tauſend. Kutuſow dacht' ihn zu fangen wie ein Volk Staare, proſit, da müßte der Ney nicht Marſchall geweſen ſein und der Brarſte der Braven, kam ſchön an der Ruſſe. Deſperate Zeiten. Konnte Alles gut werden, hätte ſich der kleine Corporal nicht gedrückt auf franzöſiſche Manier, ohne Abſchied zu nehmen. Mit Einem Male, fort war er über alle Berge. Nun ſollten wir dem Napelkönig pariren; beiß das Häschen, da gings erſt drunter und drüber; war kein Hörens 57 mehr; kein Unterſchied zwiſchen Marſchall und Gemei⸗ nen. Ich kam mit erfrornen Ohren davon; aber die Beſten liegen auf der Wilnaer Straße. Herrliche Jun⸗ gens. Möcht' heut noch weinen. Wenn wir die hätten, dann Adjes Ruſſia.“ „Wo ſahet Ihr denn den kleinen Corporal zum letzten Mal?“ frug Guido. „Beiß das Häschen, wo anders als in dem ver⸗ trackten Fontainebleau, wo er Abſchied nahm, daß wir ſchluchzten wie die alten Weiber; die Garde und ich durften nicht mit nach Elba; glaubte es nicht überleben zu können, ließ mir es aber nicht nehmen und bat um eine Audienz beim kleinen Corporal; der Bock ſtieß mich, als ich vor ihm ſtand, konnte kein Wort hervor⸗ bringen. Er war himmelfreundlich, klopfte mir auf die Achſel und ſprach: Die Inſel Elba iſt ein kleiner Fetzen, haſt keinen Platz da, Andreas; werde Dich und Deine braven Landsleute ein ander Mal nöthig haben. Und wenn ich rufe, dann kommt. Es wird keiner feh⸗ len, Ew. Majeſtät, rief ich und ward wieder etwas ruhig, da mich der kleine Corporal auf eine ſpätere Zeit aufbewahrte.“ „Beiß das Häschen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, indem er ſich unbemerkt eine Thräne aus den Augen trocknete,„es hat nicht ſein ſollen. Das ver⸗ dammte Waterloo und die ſchändlichen Rothröcke gaben ihm den Knax. Ha, dieſe großbritanniſchen Engländer, wenn ich denen nur noch einmal an den Wanſt könnte, ſie ſollten an mich und den Kaiſer Napoleon gedenken. Aber der liebe Gott iſt ein durchaus rechtſchaffner Mann, der wird ihnen zu ſeiner Zeit das Brod backen; ſeine Langmuth iſt groß, aber er wird ſie kriegen, ſo gewiß er Himmel und Erde geſchaffen hat. Der kleine Cor⸗ voral iſt jetzt bei ihm und liegt ihm gewiß tagtäglich 58 in den Ohren, daß er mit dieſen Epieciers einmal reine Wirthſchaft macht.“ In dieſem Tone erzählte der alte Andreas, welcher auf ſeinem muntern Polaken neben dem Wagen her⸗ trabte, geraume Zeit, Iwan, welcher einen begeiſterten Zuhörer abgegeben hatte, ſtimmte ihm in allen Dingen vollkommen bei.. Das Wetter blieb fortwährend unfreundlich. Sturm jagte ununterbrochen die ſchwarzen Regenwolken über den Himmel. Auf den moraſtigen Wegen war faſt kein Fortkommen. Oede und troſtlos dehnte ſich die weite, menſchenleere Ebene vor den Reiſenden. In weiter Ferne ganz am Horizonte zog ſich ein langer dunkler Streif dahin. „Das iſt der Wald von Oſtrow,“ belehrte Andreas, „da müſſen wir mitten hindurch,— eine ſchwierige Paſſage; ſind denn die Piſtolen geladen?“ „Ich glaube gar, der Intimus des kleinen Cor⸗ porol fürchtet ſich?“ fragte Guido im ſcherzenden Tone. „Beiß das Häschen,“ erwiderte Andreas ärgerlich, „wie ſprichſt Du wieder. Wenn uns ſo ein paar Buſchklepper,— und ſolches Geſindel iſt jetzt, ſeit wir den Conſtantin davon gejagt, wie die Pilze aus der Erde hervorgekommen,— in den Weg treten, da reichen die ſchönſten Redensarten und ſelbſt der Pallaſch nicht aus, da heißt es, entweder Du oder ich.“ Er ſchaute in der Gegend umher. „Ganz recht,“ fuhr er fort,„wir müſſen bald an die Stelle kommen, wo vor ungefähr acht Tagen eine ganze Reiſegeſellſchaft ermordet und der Wagen beraubt wurde. Dieſes Raubgeſindel führt den Krieg auf ei⸗ gene Rechnung und beſteht aus Polen und Ruſſen.“ „Stephanie fürchtet ſich doch nicht?“ frug Guido leiſe ſeine Begleiterin. 59 „Wie ſollte ich mich fürchten,“ erwiderte lächelnd die Gefragte,„reiſen wir nicht unter Escorte von Na⸗ poleon's großer Armee!“ Nach längerer Fahrt erreichte man eine Gegend, die, ſo weit der Blick reichte, faſt aus nichts als Moor be⸗ ſtand; nur hier und da zeigte ſich eine kleine Stelle, die mit dürftigem Kieferngehölz bewachſen war. Oft verſank der Wagen faſt eine Elle tief in den Moraſt und das Pferd des Andreas watete bis an den Leib im Sumpfe. „Das muß man geſtehen,“ ſprach Guido, der über dieſes langſame Fortbewegen des Fuhrwerks, obſchon er an der Seite der reizenden Stephanie ſaß, nicht eben erfreut war,„ihr Polen müßt reich an Liebe ſein, daß ihr für ein ſo trauriges Vaterland Gut und Leben zum Opfer bringt.“ „Das Vaterland,“ erwiderte die Gräfin,„und mag es noch ſo ſtiefmütterlich von der Natur bedacht ſein, bleibt immerhin ein theures Geſchenk des Himmels. Gerade weil es ſeinen Kindern wenig zu bieten ver⸗ mag, hängen dieſe mit um ſo größerer Liebe an der Mutter. Die Hütte der Armuth iſt oft reicher an Liebe als der glanzvollſte Palaſt. Uebrigens hat Polen auch ſeine ſchönen, ja ſeine reizenden Gegenden, wo über Blumen Schmetterlinge gaukeln und im dunkeln Laube Nachtigallen ſchlagen, ſo weich und liebeſelig wie in ſüdlichen Landen. Wenn Frieden iſt, will ich Dich auf einen Sommer nach Pulawy führen und Du ſollſt in den ſtillen, himmliſchen Mondſchein⸗Nächten Dich unter dem Himmel Neapels träumen.“ Nach einer endloſen, höchſt mühevollen Fahrt erreichte man ein kleines unanſehnliches Dorf, das ungefähr drei Stunden von dem Walde von Oſtrow gelegen war. Als der Wirth der Schenke, bei der man anhielt, 60 erfuhr, daß die Reiſenden heut' noch— denn ſchon be⸗ gann der Abend hereinzubrechen— den Wald paſſiren wollten, bot er ſeine ganze Beredtſamkeit auf, davon abzumahnen. „Das Gehölz ſteckt voller ruſſiſcher und polniſcher Ausreißer,“ ſprach er;„ohne hinreichende Militärbe⸗ deckung iſt kein Dürchkommen, zumal Sie den Wald erſt bei völliger Dunkelheit erreichen.“ Guido, dem nicht für ſich, wohl aber für Stepha⸗ nien bangte, machte dieſer den Vorſchlag, die Gefahr zu vermeiden und die bevorſtehende Nacht hier zu blei⸗ ben, unter der Zeit einen Expreſſen nach Sierock zu ſchicken und ſich von Sierowski einige Mann zur Be⸗ deckung zu erbitten. „Was die Sicherheit anbelangt,“ erwiderte das be⸗ herzte und entſchloſſene Mädchen,„ſo iſt dieſe in dieſer armſeligen Schenke wohl eben nicht größer als in dem Walde von Oſtrow. Zeit iſt bei dem Zwecke meiner Reiſe nicht zu verlieren; eine zahlreiche Eskorte Be⸗ waffneter würde zu viel Aufſehen erregen und könnte Alles verderben. Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich durch polniſche Wälder reiſe; die Gerüchte von dem Raubgeſindel derſelben ſind gewöhnlich übertrieben. Es iſt nicht meine Art, auf halbem Wege ſtehen zu bleiben. Nichts kann mich von meinem Vorſatze abbringen, ſo bald als möglich Litthauen zu erreichen; darum wollen wir uns, ſo bald die Pferde abgefüttert ſind, in Gottes Namen auf den Weg machen. Die Erfahrung wird lehren, wie thöricht unſere Beſorgniß geweſen iſt.“ Andreas und Jwan ſchwuren hoch und theuer, daß ſie ihren Mann ſtellen würden, ſobald ſich eine Gefahr zeigte; und ſo ergab ſich endlich auch Guido, wiewohl nicht ohne große Beſorgniß, in das Unvermeidliche. 61 Der Himmel hatte ſich völlig umzogen und ein kalter Regen floß ununterbrochen hernieder. Nach ungefähr zwei Stunden war man dem Walde ziemlich nahe. Kein Fuhrwerk, ja nicht einmal ein ver⸗ einſamter Wanderer begegnete den Reiſenden. Rings herrſchte das tiefſte Schweigen; man ver⸗ nahm nichts als das Herabfallen der zahlreichen Regen⸗ tropfen. Die Dunkelheit brach immer tiefer herein; die Wege wurden unergründlicher. Je weiter man in den Wald eindrang, deſto mehr bereute es Guido, ſich Stephanien nicht kräftiger widerſetzt und von der nächt⸗ lichen Fahrt abgerathen zu haben. Obſchon er alle Schießgewehre ſcharf geladen hatte, ſo ſah er gleich⸗ wohl ein, daß man in dieſer unwirthbaren menſchenver⸗ laſſenen Oede den Kürzern ziehen müſſe, ſobald der Wagen nur von einer Handvoll entſchloſſenen Räubern angefallen würde. Er erkundigte ſich bei Jwan nach der Länge des Waldes. „Wenn wir bei dieſem heilloſen Wege nicht ſchnel⸗ ler vorwärts kommen,“ war die Antwort,„können wir leicht an die fünf Stunden brauchen, das Ende zu erreichen. Dann ſind wir auch bald in Oſtrow.“ Guido ſchauderte bei dem Gedanken, daß bei einem räuberiſchen Anfall Stephanie verwundet, ja getödtet werden könne. Noch ſaß das Mädchen, friſch wie eine Roſenknospe, mit ihrem reizenden Lockenkopfe neben ihm im Wagen. Er ſchwur ſich's hoch und theuer, das an⸗ gebetete Weſen nicht zu überleben. Ohne ſie ſchien ihm die Erde wüſt und todt und mit ihr die Seligkeit ſeliger. 3 Während der Jüngling noch dieſen Gedanken nach⸗ hing, und das Fuhrwerk ſich nur Schritt vor Schritt vorwärts bewegte, bielt plötzlich Andreas, welcher einige Schritte voraus ritt, ſein Pferd an 62 „Was giebt es?“ frug Guido, der jeden Augenblick fürchtete, daß aus dem nahen wildverwachſenen Gebüſch Raubgeſindel hervorſtürzen und den Wagen anfallen würde. Andreas, der unterdeß wieder fortgeritten war, gab keine Antwort. „Jwan,“ ſprach Guido,„frage doch den Andreas, ob er etwa etwas Verdächtiges vernommen hat.“ Iwan erfüllte den Wunſch. „Es war nichts,“ brummte der Vorreiter, und die Caravane ſetzte ſich wieder in Bewegung. Es war unterdeß vollkommen Nacht geworden; bald konnte man die Hand vor ſich nicht mehr erkennen. Guido, welchem es unmöglich ſchien, in ſolcher Finſter⸗ niß den Weg nicht zu verfehlen, that den Vorſchlag, eine Laterne anzuzünden, mit welcher Andreas voran leuchten ſollte. „Nein, Herr Graf,“ gab Jwan zur Antwort,„da würden wir im vollſten Sinne des Worts uns ſelbſt im Lichte ſtehen. Wenn wir ſo im Dunkeln ruhig weiter kriechen wie die Schnecken, haben wir am we⸗ nigſten zu befürchten; ein Lichtlein könnte leicht unge⸗ betene Gäſte herbeilocken.“ „Aber wie wollen wir den Weg finden?“ meinte Guido. „Das iſt die Sorge unſerer Roſſe,“ erwiderte Jwan, welche eine treffliche Fährte und dieſs Tour wohl mehr als einmal zurückgelegt haben.“ „Gerade wie Anno 7,“ brummte Andreas,„mußte Courier reiten für den Poniatowski, konnte auch die Hand nicht vor den Augen ſehen, aber mich auf meinen Braunen verlaſſen;*s war juſt der nämliche Weg. In der Finſterniß ſind die Pferde zehnmal geſcheuter als der Menſch, man muß ihnen nur den Willen laſſen“ 63 Stephanie hatte ſich in die Ecke des Wagens ge⸗ drückt und ſprach wenig; ihr reger Geiſt war bereits in Litthauen. Guido erkundigte ſich, ob ſie ſchlafe oder wache. einer Fahrt,“ gab ſie zur Antwort,„wo man jeden Augenblick der Gefahr ausgeſetzt iſt, umgeworfen oder von Räubern ermordet zu werden, ſchläft man nicht, mein Freund. Wie viel Uhr haben wir?“ Guido ließ ſeine Uhr repetiren und zählte zehn Schläge. „Da müſſen wir uns bald in der Mitte des Wal⸗ des befinden,“ berechnete die Polin;„ich glaube faſt auch, daß uns die Finſterniß und das Unwetter zu Statten kommt; auf einen Raubverſuch war ich aller⸗ dings gefaßt.“ „Du biſt eine zweite Gräfin Plater,“ lobte Guido; „wo bekommt ihr polniſchen Damen nur den heroiſchen Muth. her?“ „Unſtreitig,“ meinte Stephanie,„weil wir von Ju⸗ gend auf häufiger Gefahren ausgeſetzt ſind, als die Frauen des civiliſirten Deutſchlands und Frankreichs. Ich ſelbſt bin in meinem Leben nicht weniger denn fünfmal auf Reiſen durch die Wälder räuberiſch überfallen worden, aber ſtets ſiegreich und unverwundet davon gekommen. Wenn die Reiſenden einigermaßen ſtandhafte Gegenwehr leiſten, ziehen die Raubgeſellen, ſelbſt wenn ihre Anzahl überlegen wäre, in der Regel den Kürzern. Die erſte Pflicht iſt freilich, daß man den Kopf nicht verliert.“ Das Fuhrwerk bewegte ſich immer weiter. Der Sturm hatte ſich wieder erhoben und peitſchte die naſ⸗ ſen Kronen der Fichten unheimlich gegen einander. Die Finſterniß blieb nach wie vor undurchdringlich und dem Guido blieb es ſchlechterdings ein Räthſel, wie die Rei⸗ ſenden auf dem Wege bleiben konnten. 64 „Ein einzelner Wagen,“ erwiderte Stephanie, ge⸗ gen welche Guido ſeine Verwunderung ausſprach,„iſt noch gar Nichts. Du mußt den Dembinski erzählen hören, wie er mit ſeinem ganzen Corps, mit Artillerie und Gepäck in ſolchen Nächten durch die Wälder mar⸗ ſchirt iſt und was die Hauptſache, wo er im Rücken und zu beiden Seiten von zahlloſen Feinden umringt war. Da gilt's im Dunkel zu ſehen und ſich zurecht zu finden.“ „Ich geſtehe,“ ſprach Guido,„daß ich an dem hochberühmten Zuge hätte Theil nehmen mögen.“ „Es wäre zu wünſchen geweſen,“ bemerkte Stepha⸗ nie neckend,„dann würde man mir in jener Schenk⸗ ſtätte nicht den weiſen Rath gegeben haben, daſelbſt zu übernachten und morgen in ſchönſter Sonnenbeleuchtung mit einem Theile der polniſchen Armee den Wald von Oſtrow zu paſſſren.“ „Fürwahr,“ ſetzte ſie ſcherzend hinzu,„es müßte in jener geſchmackvollen Oſteria ein vortreffliches Nacht⸗ quartier gegeben haben.“ „Nur Dir zu Liebe, meine Stephanie,“ entſchul⸗ digte ſich Guido,„ertheilte ich jenen Rath; es ſollte mich wahrhaft ſchmerzen, ſo Du nur im Geringſten daran zweifeln könnteſt.“ Die Gräfin ſuchte im Dunkeln nach Guido's Hand und drückte dieſe ſtatt aller Antwort. Ueberſelig preßte der Jüngling die zarten Goldfinger der Geliebten an ſeine Lippen; doch ſchnell zog Ste⸗ phanie ihre Hand wieder zurück und verbarg ſie unter dem Mantel. Vergebens ſuchte Guido ſich derſelben wieder zu bemächtigen, als ein ziemlich ernſtes:„Nicht unartig!“ ihn zurückwieß Obſchon der junge Graf zu andern Zeiten ſich durch zu große Sprödigkeit der Damen nicht gleich zurück⸗ 3 65 ſchrecken ließ, hegte er doch gegen Stephanien eine ſolche Ehrfurcht, die für ihr Vaterland begeiſterte Jung⸗ frau erſchien ihm ſo heilig, daß er ſich voller Reſigna⸗ tion ſtill in die andere Wagenecke drückte. Er hing hier den ſchönſten Träumen nach und nahm ſich feſt vor, kein Opfer zu ſcheuen, Alles auf⸗ zubieten, um die Liebe des himmliſchen Weſens zu er⸗ ringen. Er hoffte, daß wenn nur Polen einmal frei und unabhängig wäre, Stephanie auch andern Gefühlen als der Liebe zum Vaterlande zugänglich werden würde. Er baute ſich die reizendſten Luftſchlöſſer, welche Wonne es ſein müſſe, an der Hand eines ſolchen Engels durchs Leben zu wandeln. Was Andern vielleicht als ein Mangel an Weiblichkeit erſchienen wäre, nämlich Ste⸗ phaniens Herzhaftigkeit, Unternehmungsgeiſt und hoher Patriotismus, trug bei Guido nur dazu bei, ſie ihm in einem noch höhern Lichte erblicken zu laſſen. Er ließ die ſchönſten Bilder der Zukunft an ſeinem Innern vorübergleiten, als das Roß des Andreas plötz⸗ lich Halt machte und gleich darauf auch der Wagen ſtehen blieb. Guido hörte jetzt, wie Andreas abſtieg und halblaut zu fluchen begann. Auf ſein Befragen antwortete Jwan, es liege wahrſcheinlich ein Hinderniß im Wege, wovor ſich die Pferde ſcheuten. Wirklich vernahm man jetzt auch ein Geräuſch, als wenn Etwas aus dem Wege geräumt würde und gleich darauf erfolgte ein dumpfer Fall, wie das zu Boden⸗ werfen eines mäßigen Sacks Getreide. Daſſelbe Ge⸗ räuſch wiederholte ſich einige Mal. „Sage mir nur, Jwan,“ frug Guido,„womit ſich der Andreas da vorn herumplackt?“ „Ich dachte gleich, daß es ſo Etwas wäre,“ ant⸗ wortete Jwan. Stolle, Schriften. Supplem. III. 5 66 Von Neuem tönte ein dumpfer Fall; Guido ward ungeduldig. „Zum Satan, Jwan,“ rief er,„wirſt Du ſagen, was da vorgeht?“ Wieder fühlte ſich der junge Mann von Stephaniens weicher Hand ergriffen. „Sei ruhig, mein Freund,“ ſprach ſie mit vieler Ruhe,„es iſt Nichts, höchſtens ein paar todte Wölfe.“ „Todte Wölfe?“ frug Guidv. „Freilich,“ geſtand jetzt auch Jwan,„es muß hart hergegangen ſein; es ſind reſpectable Kerle.“ „Wo kommen aber die todten Wölfe hieher?“ fuhr Guido verwundert fort. „Nichts Seltenes,“ erwiderte die Gräfin;„Reiſende ſind von ihnen angefallen worden, haben ſich tapfer ge⸗ wehrt; da bleiben in der Regel ein paar Beſtien auf dem Platze.“ „Die Schlingels ſind noch warm,“ rief Andreas, „es kann nicht lange her ſein, daß man ſie kalt ge⸗ macht hat.“ „Blieben denn die Pferde von ſelbſt ſtehen?“ frug Guidv. „So lange Wölfe im Wege liegen,“ belehrte Jwan, „bringt ſie der Teufel nicht vom Flecke, drum mußte Andreas die Cadaver auf die Seite werfen.“ Der Vorreiter, nachdem er die Straße von den Wölfen gereinigt, ſprach zu Jwan: „Laß die Braunen ein wenig rüſtiger auftreten, die Vettern und Coufins können nicht mehr weit ſein; wir könnten leicht auch einen Beſuch erhalten.“ Kaum hatte Andreas dieſe Worte geſprochen, als in nicht zu großer Ferne ſich unheimliches Geheul verneh⸗ men ließ. „Was hab' ich geſagt,“ ſprach der Lanzier,„ſchon' 7 67 mal die Peitſche nicht, Jwan; ein paar Peitſchenhiebe ſind immer beſſer als Wolfsbiſſe.“ Jwan befolgte dieſen Rath, ſchlug wacker auf ſeine Roſſe, daß das Fuhrwerk trotz des böſen Weges ziem⸗ lich raſch vorwärts rollte. „Recht ſo, Jwan,“ lobte Andreas,„ich laſſe es an den Sporen auch nicht fehlen; der Teufels⸗Wald muß bald ein Ende haben.“ „Iſt immer noch lang genug,“ brummte der Schwager,„um einen anſtändigen Beſuch zu erhal⸗ ten; die Graupelze haben feine Naſen und nie den Schnupfen.“ „Wo haſt Du mein Doppelterzerol, Guido?“ frug Stephanie. „Es ſteckt in der rechten Wagentaſche,“ antwortete der Jüngling;„ſei unbeſorgt, wir erreichen Oſtrow, ohne von den Wölfen behelligt zu werden. Das Geheul war weit entfernt.“ „Man ſieht,“ ſprach die Gräfin,„daß Du noch nicht in polniſchen Wäldern gereiſt biſt.“ Damit langte ſie das Doppelterzerol hervor und unterſuchte in der Finſterniß, ob es im ſchußfertigen Stande. „Bewaffne Dich, mein Freund,“ fuhr ſie zu Guido gewendet fort,„wir bekommen Beſuch.“ „Du biſt zu beſorgt, mein Leben,“ entgegnete der Jüngling,„doch will ich Deinen Willen thun.“ Er zog bei dieſen Worten ebenfalls Piſtolen hervor. „Aber wo ich hinſchießen ſoll in dieſer Finſterniß,“ ſprach er,„falls uns die Beſtien anfallen, weiß ich in der That nicht.“ „Feuere nicht eher, bis ich geſchoſſen habe,“ gebot Stephanie. „Ich hoffe, es wird wohl nicht zum Feuern kommen.“ 5* 68 „Alle Wetter,“ brummte Andreas,„die Sippſchaft hat uns weg. Aufgehauen Jwan!“ Dieſer ſchlug ver⸗ zweifelt auf die Pferde; der Wagen flog, wie ein Fang⸗ ball hin- und hergeſchleudert, durch die Nacht. Wieder ertönte Geheul; aber noch entfernter als das erſte Mal. „Was hab' ich geſagt?“ ſprach Guido freier auf⸗ athmend,„die Canaillen haben die Spur verloren.“ „Schön die Spur verloren,“ antwortete Andreas, ſeine Piſtolen aus der Halfter reißend,„ſie ſind keine zweihundert Schritte mehr.“ „Andreas iſt ein Narr,“ ſprach Guido. „Im Allgemeinen, ja,“ geſtand Jwan;„aber im Speciellen und namentlich in Wolfsangelegenheiten nicht. Wollen Sie gefälligſt den Kopf ein wenig aus dem Wagen ſtecken, da können Sie die Rudel traben hören; ſie ſind uns hart auf den Ferſen.“ Guido, noch immer ungläubig, ſteckte den Kopf aus der Kutſche; aber Entſetzen erfaßte den ſonſt ſo muthi⸗ gen Mann, und mit den Worten:„Wir ſind verloren!“ umklammerte er krampfhaft die Piſtolen. Das unheim⸗ liche Traben einer großen Heerde Wölfe kam trotz dem raſchen Dahinrollen des Fuhrwerks immer näher. „Muth, Muth, mein Freund,“ ſprach Stephanie mit großer Ruhe,„nicht den Kopf verloren.“ „Wenn aber die Ungeheuer uns überfallen? Man kann Sie ja nicht einmal ſehen,“ entgegnete Guido in halber Verzweiflung;„und bei dieſer ungeheuern Menge darf man nicht einmal daran denken, ſich durchzuſchlagen. O Stephanie, daß Du meinen Rath nicht befolgteſt.“ „Nimm zwei Doppelpiſtolen,“ gebot die Gräfin ſtatt aller Antwort;„feuere aber nicht eher, bevor ich Dir zurufe.“ Die Wolfsheerde trabte kaum zwanzig Schritte weit 69 neben dem Wagen her; in der Stille der Nacht tönte es wie eine Schwadron Cavallerie; doch hatte ſich noch keiner der Wölfe auf die Pferde geworfen. „Die Rotte will uns überflügeln,“ ſprach Jwan, „und den Weg verſperren, das iſt ihre Art.“ Fortwährend ſchlug er auf die Pferde, ſie zum ſchnell⸗ ſten Laufe zu beflügeln. Andreas hieb die Lenden ſei⸗ nes Roſſes mit den Sporen blutig. Mit bewunderns⸗ würdiger Schnelle bewegte ſich das Fuhrwerk die mo⸗ raſtige Straße entlang. Die Fußtritte des gefährlichen Feindes tönten jetzt etwas entfernter; es ſchien als hätten ſie eine andere Richtung eingeſchlagen. Guido ſchöpfte Athem. „Vielleicht,“ ſprach der Jüngling,„daß wir jetzt unangefochten das Ende des Waldes erreichen.“ „Da müßt' ich meine Graupelze nicht kennen,“ er⸗ widerte Jwan,„einen Beſuch bekommen wir, dafür ſteh' ich; aber das Volk kann ſo hungrig nicht ſein, ſonſt würde es nicht ſo lange manövriren à a Skrzynecki.“ Guido, der mit angeſtrengtem Gehör das unheim⸗ liche Traben, das ſich immer weiter entfernte, verfolgte, hörte plötzlich gar nichts mehr. „Gott ſei Dank!“ rief er,„ſie ſind fort, und wir gerettet.“ „Gehorſamer Diener,“ antwortete Jwan,„ſie machen bloß eine Schwenkung.“ „Habt Acht Ihr Leute!“ rief plötzlich Stephanie, die zeither ſtill und wortlos in ihrem Winkel geſeſſen hatte. „Beiß das Häschen, da ſind ſie,“ tönte die Stimme des Andreas, deſſen Pferd hoch aufbäumte;„ſoll ich ſchießen, gnädige Gräfin?“ „Einen Augenblick Geduld,“ antwortete Stephanie, warf einen glimmenden Brand aus dem Wagen, der 70 ſogleich in brillantnen Flammen ſtand und die nächſte Umgebung in magiſche Beleuchtung ſetzte. Guido bemerkte jetzt, wie drei rieſige Wölfe, welche den Weg verrannt hatten, von dem ungewohnten Licht⸗ glanze geblendet und erſchreckt, eiligſt die Flucht ergriffen. „Beiß das Häschen,“ rief Andreas,„das muß die hohe Generalität ſein, das ſind ja reſpectable Kerle.“ Stephanie ſchoß vom Wagen aus mit einem gezo⸗ genen Piſtol den vorderſten der Wölfe nieder. „Die zwei andern ſind für Euch,“ rief ſie,„nehmt ſie wohl aufs Korn und verſchwendet kein Pulver.“ Andreas legte an und bald lag das feindliche Klee⸗ blatt in ſeinem Blute. „Bravo,“ ſprach die Gräfin,„nun werden wir eine Zeit lang Ruhe haben.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſie ſich wieder in ihren Winkel⸗Platz und bat Guido, ein Gleiches zu thun. „Ein halb Stündchen,“ meinte das unerſchrockene Mädchen,„braucht die Rotte, bevor ſie ſich von dem Schrecken erholt und uns von Neuem attakirt. Viel⸗ leicht, daß wir unterdeß das Ende des Waldes er⸗ reichen.“ Andreas war abermals abgeſtiegen und räumte die geſchoſſenen Wölfe aus dem Wege. Dichte Finſter⸗ niß umgab wieder die Reiſenden und das Fuhrwerk ſetzte ſeine Fahrt fort. Guido, dem Alles wie ein Traum erſchienen war, wußte nicht, was er mehr bewundern ſollte, ob die Un⸗ erſchrockenheit oder den Muth Stephaniens. Er konnte nicht müde werden, das Mädchen in den Himmel zu erheben. „Schweig,“ erwiderte die Gräfin etwas unmuthig — der an dem Lobe ihres Begleiters nicht viel gelegen ſchien;—„wo das Leben auf dem Spiele ſteht, darf 71 man die Hände nicht in den Schooß legen, da iſt nicht viel zu loben. Eine Leuchtkugel aus dem Wagen wer⸗ fen, das kann ein Kind.“ Man war nicht weit gefahren, als Andreas ſchon wieder ſein Pferd anhielt, ohne einen Grund anzugeben. Jwan machte gleichfalls Halt. „Der Andreas muß etwas Verdächtiges wittern,“ ſprach Stephanie;„er riecht die Gefahr meilenweit. Daß wir durch die Schüſſe nur nicht anderweitiges Raubgeſindel aufgeſcheucht haben. Was lauſcheſt Du, Lanzier?“ „Die vierbeinigen Wölfe haben wir uns vom Leibe geſchafft,“ erwiderte der Gefragte;„die zweibeinigen werden nicht ausbleiben.“ Wirklich ward in weiter Ferne, tief im Walde, ein Pfeifen vernommen. „Wenn es Räuber find,“ ſprach Guido,„ſo iſt mir nicht bange; ſie müſſen ſehr zahlreich ankommen, wollen ſie nicht den Kürzern ziehen; haben wir eine ganze Heerde Wölfe in die Flucht geſchlagen, werden wir weit ſiegreicher gegen die Buſchklepper ſein.“ Andreas gab ſeinem Pferde die Sporen und man ſetzte ſich wieder in Bewegung. „Daß ſie uns nachſetzen,“ meinte Andreas,„unter⸗ liegt keinem Zweifel, ob ſie uns aber vor Oſtrow ein⸗ holen, iſt die andere Frage. Die ſchlechten Wege ſind ihnen gewiß nicht weniger unpracticabel, als uns.“ Wieder vernahm man Pfeifen und ſchon bedeutend näher. „Das ſind ihre Signale,“ erklärte Jwan;„am Aus⸗ gange des Waldes werden wir wohl ein paar Kugeln zu wechſeln haben.“ „Beiß das Häschen,“ rief Andreas,„da kommen 72 auch meine Graupelze wieder, ſie haben ſich von Neuem geſammelt und ſind im vollen Trabe.“ Guido lauſchte, und es ließ ſich das Getrapp von Neuem vernehmen; doch brachte es diesmal auf den jungen Mann nicht ſolchen Schrecken hervor, wie das erſte Mal. Im Gegentheil machte er ſich luſtig darüber. „Meine holde Feuerwerkerin,“ ſprach er ſcherzend zu Stephanien,„ſuche immer das Feuerzeug wieder her⸗ vor, damit den grauen Geſellen ein Licht aufgeht und ſie uns ungeſchoren laſſen.“ Stephanie verwies ihm den unzeitigen Scherz, und Jwan belehrte, daß ſich die Wölfe das zweite Mal in der Regel nicht ſo leicht abweiſen ließen. „Sie haben Sucecurs bekommen,“ meinte Andreas; das iſt ja ein Getrabe, als wenn der ſelige Latour Maubourg ankäme mit ſeinen Cuiraſſiren. „Diesmal,“ ſprach Guido,„muß ich auch ſo eine Beſtie erlegen.“ „Wenn wir ohne Geknalle davon kommen können,“ erwiderte Stephanie,„ſo wollen wir dem Raubgeſindel nicht noch deutlicher unſere Fährte verrathen.“ Wieder that das Roß des Andreas einen gewaltigen Sprung und ſtieß zugleich einen Schrei des Schmerzes aus, der alle Nerven erbeben machte. Der Lanzier, welcher faſt zu Boden geſtürzt war, konnte blos die Worte ausrufen: „Beiß das Häschen, Licht, gnädige Gräfin, der Graue hat das Pferd gepackt.“ Augenblicklich ſtand die wilde Waldgegend wieder im ſilberweißen Lichte. Mit Schaudern bemerkte Guido, wie ein rieſiger Wolf das Roß des Andreas gerade an der Bruſt gepackt hatte und mit wüthenden Biſſen, trotz den verzweifelten Sätzen des Pferdes, den Hals des geveinigten Thieres zerfleiſchte. 73 Der alte Kriegsmann war abgeſprungen und befreite ſein Roß, indem er mit einem einzigen Hiebe ſeines Pallaſch den Wolf faſt in zwei Hälften zerlegte. Doch in demſelben Augenblick warfen ſich nicht weniger denn vier ſolcher grauen Beſtien auf Andreas. Wie das feurige Schwert des Todesengels flammte die gute Klinge des wackern Polen unter den Wölfen; zwei ſtürzten tödtlich getroffen, die andern Beiden flüchteten heulend in das Buſchwerk. „Beiß das Häschen,“ fluchte Andreas,„nichtswürdi⸗ ges Geſindel, meine arme Liſe ſo zuzurichten.“ „Arme Liſe,“ fuhr er beſänftigend fort,„bleib nur ruhig, ſoll Dir keiner von dieſen Schlingels wieder in den Hals fahren. Ich führe Dich nun bis Oſtrow, wo gute Stallung und prächtiger Hafer auf Dich wartet.“ Mit dieſen Worten faßte er das noch am ganzen Leibe zitternde Pferd am Zügel, beſtrich die Halswunden mit einer Salbe, die er bei ſich führte, und mit der rechten Hand den blanken Pallaſch ſchwingend, ſchritt er mit ſeiner Liſe langſam voran. Kaum war er einige Schritte gegangen, und der Glanz der Leuchtkugel erloſchen, als abermals Wölfe aus dem Gebüſch gegen ihn heranſtürzten. Doch konnten ſie weder Roß noch Mann Etwas anhaben, da Andreas, der in dieſer Art Kampf wohl bewandert war, einen nach dem andern zu Boden ſtreckte. „Beiß das Häschen,“ rief er, als der Feind immer überlegener auf ihn eindrang,„ein Bischen Illumina⸗ tion könnte nichts ſchaden, gnädige Gräfin.“ Guido wollte aus dem Wagen ſpringen und dem Andreas zu Hülfe eilen, ward aber von Stephanien zurückgehalten, welche eine zweite Flammenkugel aus dem Wagen warf. 74 „Du verſtehſt es nicht, mit Wölfen umzugehen, mein Freund,“ ſprach ſie;„überlaß das dem Andreas.“ Wirklich gelang es auch dieſem Tapfern, den Weg frei zu machen, und mitten zwiſchen Wolfsleichen hin⸗ durch ſetzte man ſich wieder in Bewegung.“ „Nun aber können die Zweibeinigen nicht weit ent⸗ fernt ſein,“ meinte Andreas;„ich glaube kaum, daß wir ein Viertelſtündchen Verzug haben.“ Jwan ſchlug von Neuem auf die bedeutend ermatte⸗ ten Pferde und zwang dieſe zur letzten Anſtrengung. „Man merkt's an meiner Liſe,“ fuhr der Vorreiter fort,„daß ein paar Blutegel an ihrem Halſe gehangen haben, der Marſch wird ihr ſichtbar ſauer.“ Plötzlich fiel ein entfernter Schuß und ſeltſames Pfeifen ward vernehmbar. „Hört Ihr ſie,“ rief Andreas;„auf, auf! wackere Liſe! das fehlte noch, daß Dir eine bleierne Pille zwiſchen die Rippen führe; es wäre das miſerabelſte Heilpflaſter.“ „Jetzt gilt's,“ rief auch Jwan und ſchlug von Neuem auf ſein Geſpann. Guido ließ auf Stephaniens Verlangen wieder die Uhr repetiren. Die Gräfin zählte die Schläge. „Wir ſind gerettet,“ ſprach ſie, und drückte ſich ge⸗ mächlich in die Wagenecke. „Gott ſei Dank,“ erwiderte Guido,„nun hab' ich einen Begriff, wie ſich's in polniſchen Wäldern reiſt.“ Wieder knallte ein Schuß in der Entfernung. „Ich glaube auch, daß wir durchkommen,“ meinte Andreas,„die Buſchklepper ſcheinen heute nicht auf den Strümpfen, ſonſt müßten ſie längſt da ſein.“ „Wir haben das blos dem Regen und Sturme zu verdanken,“ erwiderte Jwan,„ſonſt ſind ſie flinker.“ 75 „Beiß das Häschen,“ jauchzte der Lanzier;„Land, Land! freue Dich, Liſe, ich ſehe die Lichter von Oſtrow.“ „Wenn es nicht Irrwiſche ſind,“ gab Jwan zu be⸗ denken.“ „Nichts da,“ erwiderte Andreas,„lehre mich Oſtrow nicht kennen; in längſtens einem Stündchen ſteht Liſe im Stalle; brave Liſe, die verdammten Graupelze; aber ich habe ihnen das Brod gebacken.“ Wirklich ſchien auch der Wald allmälig etwas lichter zu werden; aber die Paar Lichter in der Ferne ver⸗ ſchwanden wieder. „Ich ſehe den Teufel von Oſtrow,“ brummte Jwan. „Wird zeitig genug wieder kommen,“ gab Andreas zur Antwort;„wir ſtecken in der Tiefe.“ Stephanie ertheilte jetzt Guido den Rath, die Piſto⸗ len wieder zur Hand zu nehmen. „Ich glaubte, wir wären im Trocknen,“ ſprach der Jüngling, befolgte aber die Worte der Geliebten. „Die gnädige Gräfin hat Recht,“ verſetzte Jwan, „beſſer iſt bewahrt als beklagt; aber es wird ſichtbar lichter, der Wald iſt zu Ende.“ „Immer brav ausgehalten, meine Liſe,“ munterte Andreas ſein Roß auf;„nun haben wir Ruhe vor den Graupelzen.“ „Beiß das Häschen,“ fuhr er plötzlich auf,„da drüben brannte ein Zündkraut von der Pfanne; aber die Näſſe erſparte uns Knall und Kugel; wir ſind noch nicht aus dem Bereiche der Buſchklepper, obſchon der Buſch zu Ende.“ Plötzlich tauchten zu beiden Seiten der Straße zwei graue Geſtalten auf, die ſogleich den Pferden in die Zügel fielen. 76 „Beiß das Hächen,“ rief Andreas;„die Hallunken haben es richtig abgepaßt; ſie ſcheinen aber mit den vorigen in keiner Aſſecuranz zu ſtehen, da darf das Pulver nicht geſchont werden.“ Mit dieſen Worten drückte er ſein Piſtol ab und der eine Graumantel wälzte ſich auf dem Boden; den andern hieb Iwan mit einer Art Hirſchfänger über den Kopf und machte ſein Geſpann frei. Aber kaum war der Knall von Andreas Piſtole binausgedrungen in die Nacht, als er von mehreren Seiten theils durch Schüſſe, theils durch Pfeifen beant⸗ wortet wurde. „Aha!“ ſprach Andreas,„die Canaillen bekommen Suceurs. Fürchte Dich nicht, Liſe, es giebt noch ein kleines Scharmützel; wenn wir indeß ein Halbdutzend zu Boden geſtreckt, werden wir Ruhe erhalten. Jwan ſchlug wieder auf die Pferde und man kam der Stadt Oſtrow immer näher. „Jetzt werden wir wohl Ruhe haben,“ ſprach An⸗ dreas;„wir ſind mit einem blauen Auge davon ge⸗ kommen.“ „Fahr' jetzt langſam,“ befahl Stephanie,„die armen Pferde müſſen zum Tode ermattet ſein. Ein paar Kugeln werden ſie uns noch nachſchicken, das iſt Alles.“ Wirklich fielen auch noch einige Schüſſe; aber die Reiſenden erreichten ohne neuen Anfall Oſtrow. „Siehſt Du, meine Liſe,“ ſprach Andreas ſchmei⸗ chelnd zu ſeinem Pferde,„Du hätteſt wohl nicht geglaubt, ganzbeinig das Thor zu erreichen. Unter uns geſagt, ich auch nicht.“ „Ja,“ meinte Guido, der die Worte vernommen, „ich hatte es noch weniger gedacht; das war eine deſperate Fahrt.“ 77 Stephanie erkundigte ſich bei Jwan, der in Oſtrow bekannt war, nach einem guten Abſteigequartier. Der Gefragte ſchlug den polniſchen Reiter vor. „Wohlan,“ fuhr die Gräfin fort,„ſo lenke das Ge⸗ ſpann dahin. Wir wollen einige Zeit raſten und uns ſtärken für anderweitige Abenteuer; wir ſind noch lange nicht über den Berg, und das heut' Erlebte war nur ein ſchwaches Vorſpiel zu den Gefahren, die in den litthauiſchen Wäldern über uns hereinbrechen können.“ „Mein guter Freund,“ ſprach ſie zu Guido gewen⸗ det in ſcherzendem Tone,„erſchrick mir ja nicht und ſei getröſtet; ſobald ich nicht verzweifle, iſt die Gefahr nicht ſo groß, und wir werden alle Schwierigkeiten be⸗ ſiegen.“ „Das wolle der Himmel!“ erwiderte der junge Mann;„indeß, wenn das keine große Gefahr ſein ſoll, ſobald man von einer Schwadron hungriger Wölfe an⸗ gefallen wird, begreife ich nicht, was Du eigentlich un⸗ ter Gefahr verſtehſt.“ „Du wirſt erkennen lernen,“ ſprach Stephanie,„daß es doch noch fatalere Lagen geben kann, ſo Du mir treuer Begleiter bleiben willſt Uebrigens ſteht es Dir jetzt noch frei, Halt zu machen und nach Warſchau zurückzukehren.“ „Wie ſprichſt Du wieder?“ antwortete Guido ge⸗ kränkt. Stephanie drückte ihm die Hand; und der Wagen rollte durch das Hofthor des„polniſchen Reiters.,, 78 Sechſtes Rapitel. Ototar lehnte am Fenſter ſeiner Wohnung und ſchaute düſtern Blicks auf die Straße, von wo wildes Volks⸗ geſchrei herauf ſcholl. Das Volk umſtand in großen Haufen die zahlreichen Blutlachen, welche von den vie⸗ len Opfern herrührten, die in voriger Nacht unter den Händen eines wüthenden Pöbels gefallen waren. Das unſelige Zögern des Generaliſſimus und das immer weitere Vordringen der ruſſiſchen Armee hatte die berüchtigte Mordnacht zur Folge. Die Veranlaſſung war zunächſt von den ſogenannten patriotiſchen Clubs, welche fortwährend bemüht waren, die Bevölkerung zum Aufſtande zu reizen, ausgegangen. Mehrere gefangene volniſche Generale, von der öffentlichen Stimme des Verraths am Vaterlande beſchuldigt, ſowie andere Per⸗ ſonen, die für Spione oder für ruſſiſch geſinnt galten, waren von dem wüthenden Pöbel auf das Grauſamſte ermordet worden. Es ſchien, als ob mit dieſer Mord⸗ nacht der Engel Polens ſeine ſchützende Hand für im⸗ mer von der unglücklichen Nation abgezogen habe. „So iſt denn auch dieſes ſchöne Traumbild dahin,“ ſprach der edle Ottokar mit gerechtem Schmerze;„dieſer zeither ſo reine, erhabene und edelmüthige Aufſtand iſt befleckt durch das ſchwärzeſte Verbrechen. Das an Po⸗ lens Schickſal ſo theilnehmende Europa wird ſich ſchau⸗ dernd abwenden, und falls dieſe Nation abermals un⸗ tergeht, ihr ſogar das Mitleid verſagen.“ „Deine Wege ſind gerecht und weiſe, allmächtiger Vater!“ fuhr er nach einer Pauſe fort;„aber warum in Millionen Herzen ſolche goldene Hoffnungen wecken und die kaum aufgeſproſſene fröhliche Saat ſo erbar⸗ mungslos vernichten?“ Wieder ſcholl wildes Jauchzen von der Straße herauf. Ottokar wandte ſich mit Schaudern ab. So eben ſchleifte man den blutigen, entſtellten Leichnam eines der Ermordeten mit cannibaliſcher Freude vorüber. „So muß es allen Verräthern ergehen!“ ſchrieen viele Stimmen;„Tod dem Skrzynecki; hoch lebe Kru⸗ kowiecki!“ „Es iſt weit gekommen,“ ſprach Ottokar;„da laſſen ſie ihren eigenen böſen Genius hoch leben.“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Freund Severin ins Zimmer ſtürmte. „Lebſt Du noch?“ begann er im Tone des höchſten Schreckens;„ich bin ſeit vierundzwanzig Stunden nicht zu mir ſelbſt gekommen und begreife nicht, wie ich un⸗ ter den Lebendigen mich noch befinden kann.“ „Was ängſtet Dich denn!“ frug Ottokar;„Du haſt ja Nichts zu befürchten.“ „Nichts zu befürchten?“ rief Severin, ſich den Angſtſchweiß von der Stirne trocknend.„Iſt dieſes Volk nicht rein toll? das mordet Jedermann, der nicht volniſch parlirt, und ich habe in dieſer Sprache es noch zu Nichts gebracht.“ „Sei nicht thörig,“ meinte Ottokar,„der Haß des Volkes wüthet nur gegen notoriſche Verräther.“ „Da kennſt Du dieſe liebenswürdigen Polaken nicht,“ ſiel der Geängſtigte mit Eifer ein;„laß die Nacht herankommen und alle Deutſche ſind geliefert; ich habe Redensarten und Anzüglichkeiten vernehmen müſ⸗ ſen, Ottokar, Redensarten, die gar keinen Zweifel laſſen. Seit vierundzwanzig Stunden ſtehen meine Haare in Einem fort zu Berge. Morgen um dieſe Zeit iſt Alles vorbei, Alles kalt, was jenſeit der ſanften Oder gebo⸗ ren worden; uns ganz Recht, wer hieß uns nach die⸗ 80 ſem verwünſchten Lauſewenzellande ziehen; der Guido war einmal nicht zu retten, das konnteſt Du wiſſen.“ Bei dem Namen Guido ward Ottokar noch ernſter; er erkundigte ſich, ob Severin keine Nachricht von dem Bruder habe. „Unſtreitig maſſacrirt er mit nach Herzensluſt,“ meinte der Gefragte;„er lechzte die ganze Zeit daher nach einem Aufruhr.“ „Sprich nicht ſo von meinem Bruder,“ gebot Otto⸗ kar in ſtrengem Tone;„Guido iſt kein Meuchelmörder; laß mich ſolche Rede nicht zum zweiten Male hören.“ „Was da,“ erwiderte Severin ungehalten;„in Zeiten, wo das Meſſer an der Kehle ſteht, mag der Teufel nicht deſperat werden; da kann man die Worte nicht auf die Goldwage legen.“ „Wann haſt Du meinen Bruder zum letzten Male geſehen?“ frug Ottokar weiter. „Es iſt dies geraume Zeit her,“ gab Severin zur Antwort;„ich habe mich auch nie ſehr nach ſeinem Umgange geſehnt; unſere Anſichten laufen ſich ſchnur⸗ ſtracks entgegen; nach ſeiner Meinung müßte ich mich ſchon längſt für Polens Freiheit haben todtſchießen laſſen, wozu ich durchaus keine Luſt verſpüre.“ „Unerklärlich,“ ſprach Ottokar halb für ſich,„mein Bruder iſt ſeit einigen Tagen verſchwunden und Nie⸗ mand weiß wohin.“ „Er wird nicht weit ſein,“ tröſtete Severin;„wo es einen Aufruhr giebt, fehlt er nie; indeß kann auch ſein, daß er ſich zur Armee begeben hat, um Warſchau zu decken.“ „Letzteres iſt nicht der Fall,“ bemerkte Ottokar; „bei der Armee, die vor Warſchau ſteht, befindet er ſich nicht, ich habe zuverläſſige Nachrichten“ „Dann iſt er unfehlbar klüger als wir geweſen,“ 81 fuhr Severin fort,„und hat ſich in Zeiten davon ge⸗ macht, um nicht als Deutſcher ein Opfer der Volks⸗ wuth zu werden. Wir hätten auch nicht ſchlange zu warten gebraucht, bis das Haus an allen Ecken brennt. Wenn wir auch nicht vom Pöbel umgebracht werden, ſo ſteht uns gleichwohl nichts Beſſeres bevor, ſobald die Ruſſen einrücken. Dann giebt es ein Blutbad, gegen das ſich das Suwarow'ſche verſtecken muß.“ „Gott ſei Dank,“ entgegnete Ottokar,„wir dürften es wohl Beide nicht erleben, einen bewaffneten ruſ⸗ ſiſchen Soldaten in der polniſchen Hauptſtadt zu er⸗ blicken.“ „Allerdings,“ ſprach Severin,„wenn uns künftige Nacht der Pobel abſchlachtet, werden wir die Erſtür⸗ mung Warſchaus nicht erleben.“ „Es wird nicht einmal zum Sturme kommen,“ be⸗ hauptete Ottokar. „Kann auch ſein,“ geſtand Severin zu;„ſobald die Herren Polaken ſo geſcheut ſind und ſich unterwer⸗ fen, und den Paskewitſch nicht noch mehr in Harniſch jagen.“ „Von Unterwerfung wird ſicher nicht die Rede ſein,“ ſprach der Andere. „Nun dann,“ fuhr Severin fort,„bleibt's bei mei⸗ ner gerechten Beſorgniß; Mann und Maus ſpringt über die Klinge und wir Beide, als ausländiſche Rebellen, machen bei der Springerei die Avantgarde; ein benei⸗ denswerther Vortritt, ich muß geſtehen.“ „Die Ruſſen ſollen froh ſein,“ erwiderte Ottokar, „wenn ſie nicht ſpringen müſſen und zwar vor allen Dingen in die Weichſel; noch iſt die polniſche Sache, trotz aller Mißgriffe, nicht verloren.“ „Ich habe alle Hoffnung aufgegeben,“ meinte kopf⸗ ſchüttelnd Severin,„bei dieſen fortwährenden Streitig⸗ Stolle, Schriften. Supplem. IIR 6 82 keiten unter den erſten Generalen, bei dieſem Mißtrauen zwiſchen Volk und Regierung: was ſoll da Geſcheites herauskommen? Was hilft alle Tapferkeit, wenn Einer den Andern für einen Verräther hält, wenn Keiner dem Andern gehorchen will? Das geht ja fortwährend her, wie auf dem polniſchen Landtage, im Rathe, wie im Felde. Nein, geſchätzter Freund, wenn ich wüßte, daß die Herren Ruſſen einigermaßen menſchlich mit den Be⸗ ſiegten umgingen, und nicht Groß und Klein, Jung und Alt, Mann und Weib ſpießten und zerhackten, wäre mir's im Grunde recht lieb, wenn ſie die Ruhe ſobald als möglich herſtellten, damit wir wieder ſichere Straßen, ungeſperrte Grenzen erhielten und ins theuere Vaterland heimkehren könnten. Seit ich durch Deine hochherzige Vermittelung, wofür ich Dir ewig dankbar ſein werde, meinen Abſchied als weißröckiger Rekrut erhalten, bin ich überhaupt nichts mehr nütze hier.“ „Bei ſolchen Geſinnungen,“ erwiderte Ottokar,„und namentlich, wenn Du ſo unvorſichtig biſt, ſie öffentlich auszuſprechen, wäre es allerdings kein Wunder, wenn Du ein Opfer der Volkswuth würdeſt.“ „Werde nicht ſo wahnſinnig ſein,“ ſprach Severin, „und mich um Kopf und Kragen reden; da ſei unbe⸗ ſorgt; Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit, das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben.“ „Kennſt Du die Gräfin Stephanie?“ frug Ottokar, um ein anderes Geſpräch anzuknüpfen. „Warum ſollt' ich die nicht kennen,“ erwiderte Se⸗ verin,„ſie iſt ja die Flamme unſeres Guido, der ihr aufs Angelegentlichſte den Hof macht, ein ſchönes Kind, ein ausgezeichnetes Mädchen; hätte ihm ſchon längſt meine Aufwartung gemacht; aber Erfahrung hat mich belehrt; ſeit der Geſchichte mit Frau von Montfort menge 5 83 ich mich ſchlechterdings nicht mehr in Guido's Liebes⸗ angelegenheiten“ „Auch dieſe Dame iſt verſchwunden,“ erzählte Otto⸗ kar,„und Niemand weiß wohin.“ „Da hat ſie Guido entführt,“ fiel Severin ſchnell ein;„die Glücklichen! wer weiß, in welchem unbekann⸗ ten Winkel, wo weder ein Ruſſe noch ein Aufrührer hin⸗ kömmt, ſie in idylliſcher Einſamkeit ſüßes Spiel der Minne treiben, während wir Unglücklichen und Nicht⸗ verliebten ſtündlich unſeres Halſes nicht ſicher ſind.“ Ottokar ging nachdenkend im Zimmer auf und ab; Severin fuhr fort: „Es iſt himmelſchreiend, wie ungerecht das Geſchick iſt; während Freund Guido, dem wir es allein zu ver⸗ danken haben, daß wir uns in dieſem revolutionären Polakenlande befinden, mit einem der ſchönſten Mädchen ſüßes Spiel der Liebe treibt, unbekümmert um Polens Unabhängigkeit, bricht das Unglück über uns zwei voll⸗ kommen Unſchuldige herein. Der Kaiſer Nicolaus wird mir es im Leben nicht vergeben, daß ich Krakuſe ge⸗ weſen bin.“ Er trat an das Fenſter. „Ein grauſames, blutdürſtiges Volk, dieſe Polen,“ fuhr er fort,„wehrloſe Gefangene zu ermorden, ohne Richterſpruch und Abſolution.“ „Die Verbrechen einiger fanatiſcher Menſchen und eines zügelloſen Pöbels,“ bemerkte Ottokar,„dürfen nicht der Nation aufgebürdet werden.“ „Huh!“ ſchanderte Severin, nicht ohne Furcht auf die Straße hinabblickend,„das muß ein gräßliches Blutbad geweſen ſein; mir wird ganz unwohl bei dem Anblick.“ „Wie hoch beläuft ſich wohl die Anzahl der Ermor⸗ deten?“ frug Ottokar. 6* „ . 84 „An die dreitauſend Mann, Weib und Kind,“ über⸗ trieb der Gefragte. „Das iſt eine Lüge,“ widerſprach Ottokar. „Nun, wenn Du es beſſer weißt,“ meinte Severin, „ich hörte von dreitauſend und glaub' es. Du bedenkſt nicht, wenn ſo ein raſender Pöbel ins Morden kommt, da kennt er keine Schonung. Die ganze Weichſel ſchwimmt voller Leichname. Wie geſagt, ich wundere mich außerordentlich, daß wir Beide nicht auch mit darin umher ſchwimmen.“ „Was giebt es ſonſt Neues in der Stadt?“ erkun⸗ digte ſich Ottokar. „Nichts Erfreuliches,“ war die Antwort;„die pro⸗ viſoriſche Regierung hat abgedankt und die Anarchie iſt fertig.“ „Ich hörte auch ſchon von der Reſignation des Fürſten Czartoriski,“ meinte Ottokar,„das wäre ein großes Unglück für Polen; der Name dieſes Ehren⸗ mannes hat namentlich im Auslande dem Aufſtande viele Freunde erworben.“ „Wie geſagt, die Sachen können gar nicht miſe⸗ rabler ſtehen,“ verſicherte Severin;„mir würde dies auch ziemlich einerlei ſein, wenn wir nur nicht mitten darinnen ſtäken.“ Dumpfer Trommelton klang von der Straße herauf. „Was giebt's denn ſchon wieder?“ rief Severin, und eilte ans Fenſter. Warſchauer Nationalgarde erſchien in bedeutender Anzahl und trieb die Volkshaufen auseinander; hier und da kam es zu Widerſetzlichkeiten von Seiten des gemeinen Volks. „Dieſe Warſchauer Nationalgarde iſt mir auch die rechte,“ kritiſirte Severin;„am Tage thut ſie tugend⸗ haft und arretirt männiglich, der ſie einigermaßen ſchief 6 85 anſieht, und im Finſtern macht ſie gemeinſchaftliche Sache mit den Rebellen; hätte ſie ſich vergangene Nacht weniger böswillig gezeigt und wäre ſie kräftiger einge⸗ ſchritten, würde der Pöbel nicht ſo ungeſtört haben maſſacriren können.“ „Wenn nur künftige Nacht erſt vorüber wäre,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„da geht der Teufel ge⸗ wiß wieder los. Hätt' ich ahnen können, daß es hier ſo ſchlimm werden würde, wäre ich wahrhaftig lieber bei den Krakuſen geblieben. Die Polen ſind mir, ſeit ich den Abſchied genommen, ganz und gar nicht grün. Ich ſeh es ihnen an. Wer nur einen Ausweg wüßte.“ Er ging nach dieſen Worten ſinnend auf und nie⸗ der. Endlich ſchien er einen rettenden Gedanken gefun⸗ den zu haben. „Hör', Ottokar,“ ſprach er,„ich wüßte einen Aus⸗ weg, allerdings iſt er nicht ohne Gefahr und es gehört Muth dazu.“ Ottokar ſah den Sprecher fragend an. „Gieb mir die Hand darauf,“ fuhr Jener fort, „daß Du meinen Rath befolgen willſt.“ „Erſt muß ich ihn hören,“ ſprach der Andere. „Wohlan, Ottokar, wir gehen zu den Ruſſen über.“ „Sieh,“ fuhr er, ſeinen Rath motivirend, fort, „Polen muß über kurz oder lang Paterpeccavi machen; wir Beide können es nicht retten; drum, ein kluger Mann ſieht ſich vor, das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben; noch iſt es Zeit; Paske⸗ witſch empfängt uns mit offenen Armen; wir bekennen ihm offen unſere reuevolle Geſinnungz er iſt ein tapfe⸗ rer Krieger und darum nicht ohne Edelmuth; wir ſind gerettet, erhalten Päſſe und reiſen nach Deutſchland in die Winterquartiere. Was meinſt Du, Ottokar, iſt 86 mein Rath nicht vorzüglich? allerdings kühn, ja ver⸗ wegen.“ „Du biſt ein Narr,“ antwortete trocken Ottokar. „Meinetwegen,“ geſtand Severin zu;„aber Du weißt auch, daß bei Kindern und Narren allein die Wahrheit zu finden iſt; das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben.“ „Wenn ich Dich nicht kennte,“ ſprach mit finſterem Ernſte Ottokar,„und mit Dir wegen Deines Ge⸗ ſchwätzes rechten wollte, müßte ich Dich jetzt die Treppe hinabwerfen.“ Severin ſprang bei dieſen Worten ein paar Schritte zurück. „Was ſicht Dich an, werthgeſchätzter Freund,“ frug er erſchrocken,„mein Rath bezweckt ja nur Dein und mein Wohl.“ „Geh' in Gottes Namen zum Feinde über,“ fuhr Ottokar fort,„ich will Dich nicht halten, da Du nur mir zu Liebe nach Warſchau gekommen biſt; aber weißt Du, was Du dann verdienteſt?“ „Das wird was Schönes ſein,“ geſtand Severin. „Daß Dich die Polen an den erſten, beſten Baum knüpfen oder auf der Stelle füſiliren,“ gab Ottokar. trocken zur Antwort. „Ja, erwiſchen darf man ſich freilich nicht laſſen,“ erwiderte Severin. „Ich ſage nur,“ fuhr der Andere im vorigen Tone fort,„daß Du eine ſolche Strafe verdienteſt; das wirſt Du hoffentlich ſelbſt einſehen.“ „Aus philoſophiſchem Grunde das Ganze betrach⸗ tet,“ meinte Severin zögernd,„ſeh ich durchaus nicht ein, wo hier das große Verbrechen liegen ſoll.“ „Sprechen wir nicht weiter davon,“ entſchied Otto⸗ kar,„und hilf mir lieber meinen Bruder aufſuchen.“ 87 „Das iſt eine böſe Sache, in einer Zeit,“ erwiderte Severin,„wo man ſich kaum getrauen darf über die Straße zu gehen.“ „Wohlan,“ ſprach Ottokar,„ſo will ich ſelbſt gehen.“ Mit dieſen Worten zog er ſeinen Oberrock über und ſtand im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen. „So warte doch,“ bat Severin,„ich gehe mit. Du biſt erſtaunlich kurz angebunden ob meiner Rath⸗ ſchläge, die doch nur unſer beiderſeitiges Wohl bezwecken. Wo ſoll es zunächſt hingehen?“ „In die Caſerne des dritten Artillerieregiments,“ war die Antwort;„dort hoffe ich Auskunft über Guido zu erhalten.“ „Wohlan, ich gehe mit,“ verſetzte Severin mit einem unterdrückten Seufzer,„wenn wir nur lebendigen Leibes die Caſerne erreichen.“ Trotzdem, daß die Nationalgarde fortwährend bemüht war, die größern Volkshaufen auseinander zu treiben. bildeten ſich immer wieder neue. Wüſtausſehende, zer⸗ lumpte Geſtalten, die man außer in Zeiten großer Volksaufregung ſelten auf Straßen und freien Plätzen erblickt, ſah man hier und da zum Vorſchein kommen. Ihre unheimlichen Blicke irrten mordfunkelnd umher und man ſah es dieſen Geſellen an, daß ſie zu jedem Verbrechen aufgelegt waren. Leiſe Flüche murmelnd ſchienen ſie unzufrieden, daß der Aufſtand nicht allge⸗ meiner geworden. Hier und da vernahm man drohende Todesworte gegen den Oberfeldherrn. „Ich beſchwöre Dich bei allen Heiligen,“ raunte Severin Ottokaren ins Ohr,„laß uns eilen. Die Phyſiognomien dieſes Geſindels deuten auf nichts Gu⸗ tes; wenn ſo ein gottverlaſſener Crawaller Händel ſucht 88 und Seandal anfängt, ſind wir verloren. Sieh nur, da wetzen Einige ſchon die Meſſer.“ Indem er dies ſagte, trat ein wildausſehender Vor⸗ ſtädter in den Weg und fipirte den zum Tode erſchrocke⸗ nen Severin mit funkelnden Augen.“ „Wohl auch ein Spion,“ grinzte der Zerlumpte und machte eine höchſt verdächtige Bewegung mit dem blankgeſchliffenen Meſſer.“ „Ich ein Spion?“ frug Severin ſtotternd. Leichen⸗ bläſſe überzog ſein Geſicht und er zitterte am ganzen Leibe. „Siehſt Du,“ fuhr der Unheimliche mit ſtechendem Blicke fort,„wirſt ja weiß wie die Kalkwand, ein Be⸗ weis, daß Du ein großer Spion biſt. Wie wär's, wenn ich Dir ein Wenig den Bauch aufſchnitte?“ „Zurück,“ herrſchte Ottokar dem Unverſchämten zu, „wollt Ihr Polen das heilige Gaſtrecht verletzen; iſt das der Dank für uns Fremdlinge, daß wir die Heimath verließen, um für Eure Unabhängigkeit zu kämpfen?“ „Du wirſt auch was Rechtes gekämpft haben,“ hohnlachte der Pole;„doch ſcheinſt Du mir wenigſtens kein Spion zu ſein; ſcher⸗ Dich Deiner Wege; aber dieſe weiße Maus hier iſt ein Freſſen für mich.“ Damit ſtreckte er die Hand aus nach Severin. Dieſer ſprang, ohne eines Wortes mächtig, in der Ver⸗ zweiflung hinter Ottokar. Letzterer ſchlug aber in dem⸗ ſelben Augenblicke den Angreifer mit geballter Fauſt dermaßen vor die Bruſt, daß er ſogleich zu Boden ſtürzte. „Hollah, was giebt's hier!“ erſcholl es von meh⸗ reren Seiten und hie und da blitzten Meſſer. „Es ſind ruſſiſche Spione,“ heulte der am Boden Liegende,„laßt ſie nicht entrinnen, Polen!“ 89 Wirklich entſpann ſich jetzt ein Handgemenge, indem man mit wildem Geſchrei auf Ottokar eindrang. Dieſer würde auch bald unterlegen ſein, wäre nicht in demſel⸗ ben Augenblick ein Piquet Nationalgarden zu ſeiner Ret⸗ tung herbeigeeilt. Auch Linientruppen kamen zu Hülfe und bald war Ottokar befreit, obſchon er aus manchen Wunden blutete. „Was muß ich ſehen,“ rief der commandirende Offi⸗ cier der Linie, welcher mit Ottokar perſönlich befreundet war, indem er ihn in ſeine Arme ſchloß,„mein edler Graf.“ Dann wandte er ſich gegen den Volkshaufen mit Donnerſtimme: „Schämt Euch, Landsleute, einen der edelſten Ver⸗ theidiger unſerer Sache, den tapfern Grafen von Hohen⸗ ſtein, auf ſo empörende Weiſe zu mißhandeln! Zeige mir Einer von Euch ſo viele und ſo ehrenwerthe Wunden, die er für des Vaterlandes Wohl erhalten hat, als dieſer wackre Deutſche.“ Der Charakter des niedern Volks bleibt ſich bei allen Völkern gleich. Von Blutgier ſpringt er ſogleich zum Enthuſiasmus über. So auch hier. Derſelbe Mann, den man noch vor wenig Augenblicken zerreißen wollte, wurde ſogleich der Gegenſtand allgemeinſter Ver⸗ ehrung. „Es lebe der edle Graf, der wackere Deutſche!“ ſchrie man von allen Seiten.„Hoch, alle Deutſche ſollen leben.“ „Ja, Preußen und Oeſterreicher ausgenommen,“ riefen andere Stimmen dazwiſchen. „Ja, Preußen und Oeſterreicher ausgenommen,“ ſchallte ein Echo aus hundert Kehlen. „Würden uns gern beiſtehen,“ ſchrieen Andere; „können die Ruſſen nicht erſehen; aber ihre Regierungen geben's nicht zu.“ 90 „Tod allen Regierungen auf Erden, die unſre nicht ausgenommen. Tod dem Skrzynecki und allen Ariſto⸗ kraten. Hoch Krukowiecki, der wahre Volksfreund. Ja, hoch und dreimal, tauſendmal hoch!“ Auf dieſe Art ſchrieen und jubelten die aufgeregten Haufen durcheinander. Hier und da ward die Natio⸗ nalhymne angeſtimmt. Es war ein Tumult, wie ihn nur die höchſte politiſche Aufregung hervorzubringen im Stande iſt. Als Ottokar, nachdem er gegen ſeinen Erretter den lebhafteſten Dank ausgeſprochen, ſeinen Weg fortſetzte, machte man ihm zu beiden Seiten ehrerbietig Platz und noch manches Lebehoch hörte er ſich nachrufen. Erſt als aus dem Volksgewühl Ottokar befreit war, vermißte er den Severin. Da er für den armen Freund beſorgt war, ſo kehrte er nochmals zurück; aber der Geſuchte war nirgends zu finden. „Unfehlbar,“ ſprach Ottokar für ſich,„hat Severin den allgemeinen Tumult benutzt, ſich aus dem Staube gemacht und iſt nach Hauſe zurückgekehrt. Ich verdenk' es ihm nicht; er hat Recht, daß bei der dermaligen Volksſtimmung die Straßen nicht ohne Gefahr zu paſſi⸗ ren ſind.“ Als der junge Mann den Caſernenhof erreicht hatte, bemerkte er, wie eine bedeutende Anzahl Officiere hier und da in Gruppen verſammelt ſtanden und eifrig mit einander ſprachen. So eben war die Nachricht ange⸗ langt, daß Skrzynecki, als er den Aufruhr und die Mordſcenen erfahren, den Oberbefehl freiwillig nieder⸗ gelegt habe. Ein großer Theil der im Caſernenhofe verſammelten Officiere, welche in Skrzynecki noch immer den Sieger von Grochow verehrten, waren ob dieſer Botſchaft äußerſt beſtürzt, während andere in der Ernennung 91 Dembinski's zum Generaliſſimus die Rettung des Va⸗ terlandes erkannten. i Ottokar, obſchon er ſich mit dem Zögerungsſyſteme des zeitherigen Oberfeldherrns nie einverſtanden erklärt hatte, konnte es gleichwohl nicht billigen, daß Skrzy⸗ necki gerade in der gegenwärtigen gefährlichen Criſis zurücktrete. „Dieſer General,“ ſprach er zu einigen befreundeten Officieren,„ſetzt durch dieſen Schritt ſeinem tadels⸗ werthen Benehmen die Krone auf. Eher mußte er ſich zum Dictator ausrufen, die politiſchen Clubbs vernich⸗ ten, den Pöbel der Hauptſtadt zur Ruhe verweiſen, als auf ſolche Weiſe vom Schauplatze abtreten. Jeder Augenblick, in welchem die Armee ohne Führer bleibt, bringt bei dem jetzigen Zuſtand der Dinge die größte Gefahr. Skrzynecki beklagt ſich über die überhandneh⸗ mende Demoraliſation im Heere; aber wer anders iſt Schuld daran als er? Warum liefert er nicht die vom Lande, von der Hauptſtadt ſo heiß erſehnte Schlacht? Selbſt im Falle er ſie verloren, könnte er ſich in die Verſchanzungen von Warſchau zurückziehen und noch nichts wäre entſchieden; da im Gegentheil bei einem Gewinnen der Schlacht die unberechenbarſten Vortheile auf ſeiner Seite wären.“ „Eben deshalb halte ich Skrzynecki's Zurücktreten für ein großes Glück,“ meinte einer der jungen demo⸗ kratiſch geſinnten Officiere;„ſein ganzes Zauderſyſtem, dieſes Diplomatiſiren auf dem Schlachtfelde haben wir allein der ariſtokratiſchen Clique zu verdanken, welche den Oberfeldherrn wie eine Art Hofſtaat umgiebt. Dieſe Ariſtokratie ſcheut ſich ordentlich, dem Kaiſer Ri⸗ colaus tüchtig die Zähne zu weiſen, hofft durch beſtän⸗ diges Laviren zu gewinnen, hat kein Vertrauen auf die 92 Kräfte der polniſchen Nation und ſtürzt dieſe wie ſich ins Unglück.“ „Es iſt himmelſchreiend,“ fuhr er in aufgeregtem Tone fort,„wie dieſe Ariſtokratie ſichtbar bemüht iſt, ſich dem Kaiſer von Rußland gefällig zu zeigen; anſtatt aus allen Kräften den Aufſchwung der Nation zu be⸗ fördern, tritt ſie dieſem überall hemmend entgegen. Es dürfte ſchon längſt kein Ruſſe mehr auf polniſchen Ge⸗ bieten ſein, hätte man alle Kräfte der Nation entfeſſelt, alle Quellen der Nationalkraft ſprudeln laſſen; aber ſo hat dieſe hochadelige Clique vor dem polniſchen Volke ſelbſt größere Furcht als vor dem Zaare. Dieſe Thoren, ſie glauben ſich in Petersburg eine Stufe in den Him⸗ mel zu bauen, wenn ſie die wahre Volkskraft unter⸗ drücken, den Krieg bloß zu Ehren der polniſchen Waf⸗ fen führen und ihn vermittelſt Vertrags zu einem für ſie erwünſchten Ende bringen. Hat denn unſer Erb⸗ feind je Verträge gehalten? Dieſe Wahnſinnigen, die ſich ſchmeicheln, wenn Polen zum dritten Mal eine Beute Rußlands wird, gnädiger wegzukommen, weil ſie ſelbſt dem Feinde in die Hand gearbeitet haben. Gerade auf ſie wird zuerſt der kaiſerliche Zorn herniederzucken und ſie zerſchmettern; denn nimmer wird Nicolaus einem Polen, er ſei welcher es wolle, vergeben, gegen ihn, den Selbſtherrſcher, das Schwert gezogen zu haben. Darum, nur die Entfernung Skrzynecki's vom Obercommando kann Polens Rettung ſein, denn mit ihm ſtürzt zugleich der ſo verderbliche Einfluß der volksfeindlichen Ariſto⸗ kraten und dann erſt wird der Krieg eine Nationalſache. Der zum Oberfeldherrn ernannte Dembinski iſt zwar ein großer Verehrer des zeitherigen Generaliſſimus, aber er iſt volksthümlicher, weil er an der guten Sache nicht verzweifelt.“ „Wie verlautet,“ bemerkte ein anderer Officier,„ſoll 93 Dembinski's Plan dahin gehen, die Hauptſtadt aufzu⸗ geben, mit der Armee nach Litthauen zu gehen und ſo die feindliche Armee von dem Herzen Rußlands ab⸗ zuſchneiden.“ „Ein kühner Plan,“ ſprach Ottokar;„es iſt nur die Frage, wie ſich die Armee in dem unwirthbaren Litthauen ohne die mächtigen Hülfsquellen der Hauptſtadt wird halten können. Auch dürfte der Gedanke, die Ruſſen im Beſitze Warſchaus zu wiſſen, im In⸗ und Auslande von ſehr nachtheiligen Folgen ſein.“ „Alle dieſe Fragen,“ erwiderte ein bejahrter Obriſt⸗ lieutenant, der in den Kreis getreten war,„find im jüngſten Kriegsrathe zur Sprache gekommen und find die Folge, daß man die litthauiſche Expedition aufge⸗ geben hat. Dagegen ſoll der General Romarino mit dem Kern der Armee die Weichſel aufwärts marſchiren, und womöglich der feindlichen Hauptarmee in die Flanke fallen.“ „Wie,“ frug Ottokar erſchrocken,„man will das polniſche Heer theilen, jetzt wo Paskewitſch mit ſeiner Hauptmacht vor Warſchau ſteht? Wer ſoll denn die Hauptſtadt vertheidigen, falls es zum Sturme kommt?“ „Dazu wird es eben nicht kommen,“ erwiderte der Pole,„der feindliche Generaliſſimus wird ſich wohl hüten, unſere dreifachen Vertheidigungswerke anzugreifen: und ſollte er ja Miene machen, ſo werden ihn dreißig⸗ tauſend Polen ſo lange aufhalten, bis Romarino zu⸗ rückkehrt.“ „Aber wenn dieſer General nicht ſo ſchnell zurück⸗ kehren könnte,“ fuhr Ottokar mit höchſter Beſorgniß fort,„was dann?“ Eine lange, tiefe Pauſe erfolgte. „Dann wird Warſchau geſtürmt,“ rief Ottokar mit immer ſteigender, ergreifender Stimme,„und Polen „ 94 gehet unter auf eine Art, wie wir ſie alle nicht ge⸗ träumt haben. Daß Paskewitſch Alles daran ſetzen wird, Meiſter von Warſchau zu werden; daß es ihm hier auf Schonung von Menſchenleben nicht ankommt, leuchtet den Beſchränkteſten ein, und daß die Hälfte der polniſchen Armee ſelbſt beim verzweifeltſten Widerſtande nicht ausreicht, den zahlloſen, furchtbaren feindlichen Maſſen den Beſitz der Hauptſtadt ſtreitig zu machen, dieſes iſt gleichfalls nicht ſchwer einzuſehen. O unglück⸗ ſeliger Gedanke, gerade in dem Augenblick, wo Einheit der Armee zur höchſten Lebensfrage wird, wo es Alles gilt, wo die Hauptſtadt, wo Polens Wohl und Wehe auf dem Spiele ſteht, die ohnehin nicht ſtarken pol⸗ niſchen Streitkräfte eigenmächtig zu zerſplittern. Die⸗ ſen unheilvollen Rath kann nur des Landes ſchwärzeſter Genius den polniſchen Führern eingegeben haben.“ „Ich ſehe ſchon ein,“ platzte der junge demokratiſche Officier ziemlich vorlaut heraus,„dieſes vortreffliche Flankenmanöver hat ſich die Ariſtokratie ausgeſucht. Sie ſieht, daß es hier bei Warſchau zu einem Haupt⸗ ſchlage kommen muß, darum trennt ſie ſich mit dem Kerne der Armee von der Nationalſache, der ſie nie von Herzen ergeben war und ſucht ihre Haut ins Trockene zu bringen. Sie wird nun den Krieg mit dem Feinde auf eigene Hand führen, ihr zeitheriges Lavirſyſtem fortſetzen und mit Nicolaus einen Vergleich, ſo wohlfeil als möglich, abſchließen.“ Dieſe Rede des jungen Demokraten brachte unter den verſammelten Officieren lautes Murren hervor. Mehrere derſelben ſprachen ſich ſehr heftig gegen ihn aus; nur Ottokar ſchwieg ſtill. Er erkannte, daß die Anſichten des patriotiſchen Jünglings, wie hochverräthe⸗ riſch ſie klangen, ſo unrecht nicht wären, und konnte ſich nicht genug über die grenzenloſe Sorgloſigkeit der 95 übrigen polniſchen Officiere wundern, welche es durchaus nicht für möglich hielten, daß der ruſſiſche Oberfeldherr die polniſche Hauptſtadt angreifen könne. „Wie,“ rief man,„dreißigtauſend Polen in den Verſchanzungen von Warſchau Paskewitſch müßte blind ſein, hier einen Sturm zu wagen. Er ſetzt die Exiſtenz ſeiner ganzen Armee aufs Spiel. Zudem wird ſich Romarino nicht zu weit von der Hauptſtadt entfernen; wenn ja Warſchau in Gefahr kommen ſollte, kann er bald zu deſſen Rettung da ſein. Noch iſt Polen nicht verloren!“ „Noch iſt Polen nicht verloren,“ ſchallte es von allen Seiten; der junge Officier durfte gar nicht wie⸗ der zu Worte kommen und auch Ottokar ſah ein, daß hier alle weitere Ausführung ſeiner ſo gegründeten Be⸗ ſorgniſſe zu nichts führen könne. „Der Himmel gebe,“ ſprach er, von ſeinen Freun⸗ den Abſchied nehmend,„daß ich mich getäuſcht habe. Ich wünſche es von ganzem Herzen; aber, aber,“ fügte er ſeufzend hinzu,„ich fürchte großes, ſchweres Unheil.“ Er erkundigte ſich, bevor er den Caſernenhof ver⸗ ließ, nach einem jungen Oberlieutenant, Namens Breza, von dem er wußte, daß er mit Guido auf ver⸗ trautem Fuße ſtand und faſt täglichen Umgang mit ihm pflog. „Da kommt er ſo eben das Trottoir entlang,“ ant⸗ wortete einer der Officiere. So wie der junge Breza Ottokar's anſichtig wurde, zog er einen Brief von Guido aus der Bruſttaſche. Dieſer lautete wie folgt: Geliebter Bruder! Ich habe Warſchau verlaſſen, doch nur auf kurze Zeit, da ich bald dahin zurückzukehren gedenke. Forſche * —— —** 6 96 nicht nach meinem Aufenthalte; es würde Dir und mir zu nichts helfen. Sei überzeugt, daß wo ich mich im⸗ mer befinde, ich mein hohes Ziel, die Befreiung Po⸗ lens, nie aus den Augen verliere, und daß ich mit un⸗ veränderter Liebe verbleibe Dein Bruder Guido. Ottokar nahm den jungen Offieier, welcher ihm den Brief überbracht hatte, unterm Arm und mit ihm den Caſernenhof entlang promenirend, forſchte er nach Nähe⸗ rem über das ſo plötzliche Verſchwinden ſeines Bruders. „Mir iſt nur lieb,“ begann er,„daß ihm kein Un⸗ glück widerfahren iſt, wie ich befürchtete; aber gern möchte ich wiſſen, was es mit der ſchnellen Abreiſe für eine Bewandtniß hat.“ „So mich nicht Alles trügt,“ antwortete Breza,„iſt Ihr Bruder mit der Gräfin Stephanie nach Litthauen abgereiſt.“ „Nach Litthauen?“ frug Ottokar verwundert;„was will er denn in Litthauen, nachdem dort der Aufſtand aller Orten unterdrückt iſt?“ „Gott mag's wiſſen,“ verſetzte der Officier,„die Gräfin Stephanie beſitzt daſelbſt große Ländereien. Vielleicht hofft ſie durch ihre Gegenwart, perſönliche Liebenswürdigkeit und ihren Unternehmungsgeiſt das eingeſchüchterte Landvolk für eine neue Schilderhebung zu gewinnen.“ „Thörichtes Unternehmen,“ meinte Ottokar. „Das ſag' ich auch,“ begann Breza,„aber Stepha⸗ nie liebt einmal das Außerordentliche und bebt vor keiner Gefahr zurück.“. „Wer iſt nur eigentlich dieſe Stephanie?“ frug Ottokar;„ich habe über dieſe junge Dame nie ins Klare kommen können, ſelbſt ihr Familienname iſt mir unbekannt geblieben.“ 97 „Wie,“ entgegnete Breza verwundert,„ſollte Ih⸗ nen das reizende Weſen, die Geliebte Ihres Bruders, ſo wenig von Intereſſe ſein, daß Sie mit ihren Ver⸗ hältniſſen und Schickſalen nicht näher vertraut wären?“ „Ich habe hier und da angeklopft,“ meinte Otto⸗ kar,„aber nirgend genügende Auskunft erhalten; und meinen Bruder wollte ich nicht befragen.“ „Der würde Ihnen,“ ſprach der Pole,„ebenfalls wenig über Stephanien haben berichten können; ſo viel mir bekannt, weiß er über die junge Gräfin nicht viel mehr, wie Sie.“ „Das will ich gern glauben,“ lächelte Ottokar; „mein Bruder, wenn er ſich in ein Mädchen verliebt, iſt da ein viel zu zarter und enthuſiaſtiſcher Liebhaber, als daß er ſich um die vielleicht proſaiſchen Familien⸗ angelegenheiten bekümmern ſollte. Doch was mich an⸗ belangt, ſo iſt es wohl eine verzeihliche Neugier, wenn ich gern wiſſen möchte, wie Stephanie ihrem Geſchlechts⸗ namen nach heißt.“ „Dieſen ſpricht ein Pole nicht gern aus,“ ant⸗ wortete düſter der Officier. Ottokar ward jetzt um ſo neugieriger und beſtürmte Breza um Näheres. Nach einer Pauſe fuhr Letz⸗ terer fort: „Der Vater Stephaniens hieß Kalinski und war ein eben ſo eifriger Patriot als tapferer Soldat in der Napoleon'ſchen Armee. Er hinterließ zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, und äußerſt bedeutende Be⸗ ſitzungen in Litthauen. Da gelang es unſerm Erbfeinde, ſich des Knaben zu bemächtigen; er erhielt in Peters⸗ burg eine zwar ſehr glänzende, aber durchweg ruſſiſche Erziehung, welche in der jungen Bruſt alle heiligen Re⸗ gungen für die Nationalität ſeines Vaterlandes erſtickte. So iſt es gekommen, daß er dermalen in den Reihen Stolle, Schriften. Supplem. III. 98 unſerer Feinde ſteht und mit ſeinem Blute gegen Po⸗ lens Freiheit kämpft.“ „Sonderbar,“ ſprach Ottokar nach einigem Nach⸗ ſinnen,„lebte dieſer Kalinski nicht zur Zeit der Juli⸗ revolution in Paris und war ſehr befreundet mit dem Perſonale der ruſſiſchen Geſandtſchaft?“ „Es iſt derſelbe,“ bejahte Breza;„ſtets hat er es mit unſern Feinden gehalten; es iſt ſchrecklich, wenn man das von einem Polen ſagen muß.“ „Dann habe ich bereits perſönlich ſeine Bekannt⸗ ſchaft gemacht,“ fuhr Ottokar fort,„und Guido des⸗ gleichen, freilich nicht auf angenehme Weiſe; wir ſtan⸗ den uns als Secundanten in einem Duell gegenüber.“ „Ganz recht,“ meinte der Officier,„Kalinski's Pro⸗ tector, ein Attaché bei der Geſandtſchaft, ward im Duell erſchoſſen.“ Ottokar, den das Andenken an jenen Zweikampf ſehr düſter ſtimmte, lenkte das Geſpräch ab und erkun⸗ digte ſich eines Weitern nach Stephanien. „Dieſes begeiſterte Mädchen,“ fuhr Jener fort,„iſt in politiſcher Geſinnung gerade das Gegentheil von ihrem Bruder; ſie opfert mit Freudigkeit Blut und Leben für das Wohl des Vaterlandes, und in ihrer Gegenwart darf man des Bruders mit keiner Sylbe erwähnen, will man Stephanien nicht auf das Schmerz⸗ lichſte verwunden. Sie hält den Namen ihrer Familie, weil ihn auch der Bruder trägt, für entweiht, und nennt und ſchreibt ſich daher nie anders als„Gräfin Stephanie.“ Der junge Pole erzählte noch Mancherlei über den Charakter dieſes patriotiſchen Mädchens, welches mehr denn je das Intereſſe Ottokar's in Anſpruch nahm. „Ich begreife wohl,“ verſetzte er, als Breza geendet hatte,„daß ſich Guido bei ſeiner politiſchen Exaltation 99 ſterblich in dieſe junge, ſchöne Dame verlieben mußte. Jetzt glaube ich faſt auch, daß die zwei Leutchen eine Excurſion nach Litthauen gemacht haben. Der Himmel gebe nur, daß ſie nicht den Ruſſen oder gar Stepha⸗ niens Bruder in die Hände fallen, welcher noch von Paris her mit Guido eine Fehde abzumachen hat.“ Für ſich ſetzte er hinzu: „Ich kann jetzt nichts mehr für den Bruder thun. Veronika wird mir vergeben. Die Arme, jetzt dürfte er leicht für ſie verloren ſein.“ Ottokar dankte dem jungen Polen für die erhaltenen Nachrichten; er bat ihn zugleich, daß er, ſobald er über Guido's jetzigen Aufenthalt irgend etwas Näheres erfahren ſollte, dies ihm ſogleich mitzutheilen, und war im Be⸗ griff, den Caſernenhof zu verlaſſen, als er ſich von ei⸗ nem polniſchen Juden mit langem Barte leiſe und ſchüchtern beim Namen nennen hörte. Der Angerufene blieb verwundert ſtehen. „Wer ruft mich? Wer biſt Du?“ frug er die graue Geſtalt, die ihm etwas Unheimliches hatte. „Ich bin ja kein Jüd,“ antwortete leiſe der Grau⸗ rock;„kennſt Du mich nicht, bin ja der Severin; Dein treuer Severin.“ Jetzt konnte ſich Ottokar des lauten Lachens nicht enthalten. „Was Teufel!“ rief er,„der Faſching iſt ja längſt vorüber, was treibſt Du für Mummenſchanz?“ „So ſchrei doch nicht,“ zankte leiſe Severin,„als ob es ganz Warſchau hören ſollte. Ein kluger Mann ſieht ſich vor. An den fürchterlichen Anfall von vor⸗ hin will ich denken. Das ſoll mir eine Warnung ſein mein Lebelang. Das iſt ja eine wahrhaft verbrecheriſche Nation, dieſe Polen; wenn der rettende Engel nicht er⸗ ſchienen wäre, wir könnten jetzt unſere theuern Leich⸗ — 100 name in Kochſtücken in halb Warſchau zuſammenſuchen; und für dieſes Volk, das ob ſeines Cannibalismus gar keine Freiheit verdient, ſollte ich mich mit den Ruſſen herumhauen? Gehorſamer Diener. Noch dieſe Nacht geh ich über zum Grafen Paskewitſch Eriwanski.“ „Du biſt von Sinnen,“ entgegnete Ottokar,„Du läufſt in Dein Verderben. Glaubſt Du denn, man wird Dich ſo leicht hindurch laſſen?“ „Eben deshalb bin ich in die Haut eines polniſchen Juden gekrochen. Erſtens bedeckt dieſes Kleid mein germaniſches Element, ſchützt mich vor den Angriffen eines wahnſinnigen Pöbels, und dann kann ich in dieſer Verkleidung leicht zu den Ruſſen gelangen. Ich bin ein friedlicher Handelsmann, der ſeinem Gewerbe nach⸗ geht; was kümmert mich Völkerhaß, Krieg und Blut⸗ vergießen.“ „Ottokar,“ fuhr er beſchwörend fort,„folge meinem Beiſpiele. Ich verſchaff' Dir ebenfalls eine Judenhaut. Es iſt der einzige Weg, lebendig aus dieſer blutgierigen Polakenhauptſtadt zu kommen.“ „Wenn ich ein Thor wäre,“ antwortete Jener; „ich bleibe; thue, was Dir gutdünkt, aber laß ab von Deiner abgeſchmackten Idee, zu den Ruſſen zu deſertiren; das iſt der kürzeſte Weg zum Galgen.“ Ottokar ſetzte ihm das Gefährliche ſeines Vorſatzes auseinander, daß Severin endlich bedenklich wurde und gleichfalls, wiewohl mit ſchwerem Herzen, beſchloß, in Warſchau auszuhalten. „Du haſt Recht,“ geſtand er ſeufzend,„wenn man mich entdeckt, bin ich geliefert, und der erſte, beſte Baum, deren es in der Ungegend die Menge giebt, mein To⸗ despfahl; es kommt zwar auf eins heraus, ob man uns ein paar Tage eher oder ſpäter das Lebenslicht ausbläſt. Nun iſt noch die herrliche Cholera dazu ge⸗ 101 kommen: man hat hier ordentlich die Auswahl unter den verſchiedenen Todesarten; ein wohlaſſortirtes Lager. Wenn wir vom Warſchauer Pöbel verſchont werden, wenn wir nicht verhungern, da die Herren Ruſſen die Zufuhr täglich mehr abſchneiden; wenn wir nicht in dem mit Bomben und Granaten beworfenen Warſchau er⸗ ſchoſſen oder verbrannt, oder von den einrückenden Fein⸗ den geſpießt werden: ich ſage, wenn wir das Glück haben, dieſer mannigfachen Todesgefahr zu entgehen, ſo iſt immer nicht viel gewonnen; wir laufen plötzlich blau an, verdrehen die Augen, fangen an zu ſtrampeln und aus iſt es. Für die Cholera iſt kein Kraut ge⸗ wachſen; das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben.“ Ottokar tröſtete, aber Severin wollte nichts von Troſte wiſſen, und unter fortwährenden Lamentos von Seiten des Letztern erreichten ſie ihre Wohnung. Siehentes Rapitel. E⸗ war ein ſchöner, ſtiller Auguſtnachmittag, als die beiden Schweſtern, Veronika und Rafaele, in dem ſchö⸗ nen Garten des Gutes Lindenthal, welches hoch im nördlichen Deutſchland lag, die ſchattende Kaſtanienallee einſam auf⸗ und abwandelten. In der Ferne glänzte der Spiegel der Nordſee und hier und da zog ein weißes Segel am Horizonte vorüber. Der Beſitzer von Lindenthal, ein Herr von Blu⸗ menbach und entfernter Verwandter der Familie Hohen⸗ ſtein, hatte, nach der furchtbaren Kataſtrophe des Schloß⸗ brandes, die beiden Schweſtern bei ſich aufgenommen und that Alles, den beiden Verlaſſenen ihre Lage ſo ange⸗ 102 nehm wie möglich zu machen. Wirklich war es auch ihm und ſeiner trefflichen Gattin gelungen, daß Vero⸗ nika und Rafaele ſich bald heimiſch fühlten unter dem nordiſchen Himmel, und daß wieder Frieden und Hei⸗ terkeit in ihre Herzen einkehrten. Nur wenn Erſtere an Guido gedachte, verdunkelte ſich zuweilen das ſchöne Auge und im Verborgenen zitterte eine Thräne auf das Grab ihrer erſten und einzigen Liebe. Rafaele hatte vollkommen ihre frühere Luſtigkeit wieder erhalten. „Ich muß Dir geſtehen, Veronika,“ ſprach ſie, als die Schweſtern am Ausgange des Gartens, unter einer uralten Linde, auf einer kleinen Breterbank Platz ge⸗ nommen hatten,„daß es mir hier weit beſſer gefällt, als auf dem unheimlichen Hohenſtein. Erſtens erſchei⸗ nen mir die Menſchen biederer, herzlicher, und dann das große herrliche Meer; ſtundenlang kann ich zuſchauen dem närriſchen Gekräuſel der Wellen, und wie hier und da ein Fiſchlein das Köpſchen neugierig hervor⸗ ſteckt und mit ſeinen ſchönen Aeuglein die ſchöne Welt anſieht; und ſchweift der Blick über die grüne, unend⸗ liche Fläche, da denk' ich mir ferne Küſten und Länder, fremde Blumen und fremdartig gekleidete Menſchen, die hinter dieſer Waſſerwüſte wohnen, und das Herz wird groß und weit.“ „Was ſind das für herrliche Leute,“ fuhr ſie plau⸗ dernd fort,„die in den einſamen Fiſcherhütten wohnen; ich bin ihnen herzlich gut. Es läßt ſich ſo allerliebſt zuhören, wenn ſie erzählen von Sturm und Schiffbruch, von dem Geſange der Seejungfern, oder gar vom flie⸗ genden Holländer. Der alte Niclas iſt mein Mann; der hat Etwas erlebt auf dem Meere, mit allen Poten⸗ taten Krieg geführt und ſogar mit Walffiſchen; wenn der Alles drucken ließe, müßte das eine Geſchichte wer⸗ den. Der iſt ſchon viermal ertrunken geweſen in ſeinem Leben; aber immer wieder zu ſich gekommen, und den fliegenden Holländer will er zweimal geſehen haben. Hu, bis in die kleine Fußzehe hat mich's durchzittert, als er davon erzählte.“ „Ja,“ geſtand Veronika,„ich fühl' es, hier könnte mir noch einmal wohl, hier könnt' ich noch einmal glücklich werden.“ „Wenn es Dir recht iſt,“ meinte Rafaele,„luſt⸗ wandeln wir noch ein wenig nach dem Strande; der Abend wird wunderſchön, und ich ſehe die Sonne ſo 8 in? 6 6— gern in's Meer ſinken. „Das iſt etwas Prächtiges,“ meinte die Schweſter, „aber warte ein Augenblickchen, ich will ein Körbchen mitnehmen, vielleicht finden wir hübſche Seemuſcheln.“ Sie eilte den Gartengang entlang, als ihr plötzlich Herr von Blumenbach, ein paar Briefe in der Hand haltend, haſtig entgegen kam. „Gute Nachrichten aus Polen,“ rief er eilfertig, „wo iſt Veroni?“ „Da kömmt ſie,“ erwiderte freudig Rafaele;„das iſt herrlich, Ottokar hat ſo lange nicht geſchrieben.“ „Vielleicht, daß wir ihn bald hier ſehen,“ ſprach Blumenbach,„mit ſammt dem Feuerkopfe, dem Guido, und dem drolligen Kauze, wie heißt er doch—?“ „Ach, Herr Severin,“ rief Rafaele und klatſchte freudig in die Hände,„das wäre ganz allerliebſt.“ Sie eilte der Schweſter entgegen. „Freue Dich, Veroni, der Onkel hat prächtige Nach⸗ richten aus Polen.“ „Zuvor muß ich vorausſchicken,“ begann Blumen⸗ bach, nachdem man auf der nächſten Gartenbank Platz genommen,„daß meine Briefe nur in ſo fern für uns von freudigem Inhalt ſind, als ſie die baldige Rückkehr 104 unſerer Freiheitskämpfer hoffen laſſen; für die armen Polen können ſie gar nicht trauriger lauten.“ „Die armen, armen Polen,“ klagte Rafaele; „aber vor Kurzem ſtand es ja noch recht gut mit ihnen.“ „Allerdings,“ fuhr der Onkel fort,„und eine Zeit⸗ lang hatte es ganz den Anſchein, als ob Polen ſiegend aus dem Kampfe hervorgehen werde; indeß das alte polniſche Erbübel, die Uneinigkeit, hat ſich eingefunden, und dermalen ſtehen die Sachen ſchlimmer denn je.“ „Aber um Himmelswillen,“ frug Rafaele erſchrocken, „wo ſoll da Freudiges für uns herkommen? Stecken Ottokar und Guido nicht mitten drinn in der Revo⸗ lution, und wenn dieſe nicht gelingt, was ſoll aus den Couſins werden?“ „Das Gute für uns,“ belehrte der Onkel,„iſt eben eine Folge davon, daß es mit den armen Polen vald zu Ende ſein wird. Ottokar ſchreibt mir unver⸗ holen, daß der Kampf in Kurzem beendigt ſein werde, und für dieſen Fall verſpricht er eine ſchleunige Rück⸗ kehr nach Deutſchland; auch will er Alles anwenden, den Guido zur Heimkehr zu bewegen, was nicht ſchwer fallen wird, da ſich dieſer in einem Polen unter ruſ⸗ ſiſcher Herrſchaft nicht lange gefallen dürfte. Dermalen befindet er ſich auf einem Gute in Litthauen.“ „Wie, in Litthauen?“ rief Rafaele,„das liegt ja noch hinter Polen und ſoll, wie ich mir habe ſagen laſſen, von Wölfen wimmeln.“ Veronika ſchrak zuſammen. „Die Ruſſen ſtehen vor Warſchau,“ frug ſie,„und unſer Freund befindet ſich in Litthauen, wie iſt das zu verſtehen?“ „Darin findet Ottokar,“ erwiderte Blumenbach, „eben ein Glück für ſeinen Bruder. Dieſer iſt nach 105 Altpolen gereiſt, um daſelbſt die Bauern zu inſurgiren; ein Unternehmen, von welchem er bald zurückkom⸗ men dürfte, da weder die Landleute im Königreiche noch in ruſſiſch Polen der Revolution ſehr zugethan ſind. Ottokar hofft, daß Guido dabei einen abermaligen Beweis finden werde, wie die dermalige Zeit für ſeine überſpannten Freiheitsideen noch lange nicht reif iſt; und was die Hauptſache, er wird vom Hauptſchauplatze der Revolution, wo die Sache in den nächſten Tagen zur Entſcheidung kommen wird, und wo die Gefahr, na⸗ mentlich für einen Hitzkopf wie Guido, am größten iſt, entfernt gehalten.“ Veronika war trotz der vorgeblich ſehr erfreulichen Nachrichten des Onkels ſehr düſter geſtimmt. Nach einer Pauſe ſprach ſie: „Da ſtehen noch große Gefahren zwiſchen uns und unſern Freunden“ „Ich habe immer Hoffnung, daß ſich die Polen halten werden,“ meinte Rafaele,„und wenn ſie unter⸗ liegen, wird ihnen der Kaiſer Nicolaus ein gnädiger Sieger ſein.“ „Wenn es auf ihn allein ankäme,“ ſprach der Onkel,„gewiß; aber die ruſſiſche Politik dürfte den abermals beſiegten Polen übel mitſpielen, damit ihnen eine künftige Revolution nicht von Neuem in den Sinn kommt. Was mich betrifft, ſo bin ich ein entſchiedener Feind aller der Ungerechtigkeiten, deren man ſich gegen die unglücklichen Polen hat zu Schulden kommen laſſen; aber auf der andern Seite iſt dieſes Volk wieder nicht zu bedauern; denn eine Nation von zwanzig Millionen Seelen, ſo ſie nur einigermaßen den Willen dazu hat, wird ſich ihre Selbſtſtändigkeit zu bewahren wiſſen, und geht ſie derſelben verluſtig, kann es nur durch eigene Schuld geſchehen.“ 106 Rafaele, welche keine Freundin von langem Politi⸗ ſiren war, erkundigte ſich nach dem Briefe von Se⸗ verin. „Dieſem Herrn,“ gab der Onkel zur Antwort, „ſcheint es durchaus nicht zu gefallen im Polenlande. Sein Brief iſt nicht ohne Laune geſchrieben; doch ſcheint der Verfaſſer die Farben etwas zu grell aufgetragen zu haben. Nach ſeiner Ausſage iſt an den Polen kein gutes Haar, und er begreift den Guido und Ottokar nicht, wie ſie Blut und Leben für die polniſche Frei⸗ heit wagen können. Wenn es ihm nachgegangen wäre, meint er, ſäße er längſt wieder im theuern, grünen Deutſchland; aber er habe einmal an dem Ottokar den Narren gefreſſen, und dieſem folge er, wie der treue Hund ſeinem Herrn.“ Frau von Blumenbach kam jetzt den Gntßtt daher. Ihr Geſicht drückte große Beſorgniß aus. „Unſer Förſter,“ ſprach ſie,„hat ſo eben die Nachricht gebracht, daß die Cholera in Berlin ausge⸗ brochen.“ „Unmöglich,“ beruhigte Blumenbach,„erſt geſtern habe ich Briefe aus Berlin erhalten, welche gewiß Etwas erwähnt hätten. Nein, noch hoffe ich im⸗ mer, daß unſer Vaterland von dieſer furchtbaren Geiſel wird verſchont bleiben. Aber hier beſchaut ein⸗ mal dieſe Schreiben, die können von der Cholera er⸗ zählen; ſeht, ſie ſind geräuchert und durchſtochen.“ Er reichte mit dieſen Worten die Zuſchriften hin, welche er von Ottokar und Severin erhalten hatte. Mit unwillkürlichem Schauder betrachteten die Frauen das von der Sanitätspolizei beräucherte Papier. „Ich begreife nicht,“ begann nach einigem Schwei⸗ gen Veronika,„wie ſich in Zeiten, wo Gottes Straf⸗ —————————— 107 gericht in Perſon über die Erde geht, die Menſchen noch untereinander bekriegen und morden können.“ „Ja wohl,“ meinte treuherzig Rafaele,„wenn alle Leute ſo friedlich, wie wir, zuſammen lebten, ich wüßte gar nicht, wo da Revolution und Krieg und alles das ünglück, das damit zuſammen hängt, herkommen ſollte. — Aber die gute Tante mit ihrer Choleranachricht hat mir ordentlich bange gemacht; wie wär's, wenn wir noch einen Spaziergang nach dem Meere machten; dort, wo die grünen Wellen ſpielen, athmet man frei.“ „So geht immer voraus,“ meinte Blumenbach, „ich habe noch einen Brief zu ſchreiben, dann komme ich nach.“ Die Frauen machten ſich auf den Weg nach dem Meere. Sie wandelten durch üppige Kraut⸗ und Ge⸗ müſefelder, womit die fruchtbare Gegend vielfach bebaut war. Erſt nach einer viertelſtündigen Wanderung er⸗ reichten ſie das Ufer. Ein Fiſcher ſaß unfern ſeiner Hütte einſam am Strande und beſſerte ſeine Netze aus. Ganz leiſe murmelten die Wellen an dem ſteinigen Ufer. Ein blauer Dom wölbte ſich himmelshoch über die weite Waſſerwüſte. Aus der Ferne dämmerten wie bleicher Nebelſtreif die Küſten von Norderney. Tiefe Stille ruhte über der blauen Fläche, nur daß hier und da eine weiße Seemöve ſich vom Ufer erhob und kreiſchend dahin flog. Rafaele war fortwährend mit Einſammeln von kleinen Muſcheln beſchäftigt, welche das Meer in reicher Anzahl an das Ufer geworfen hatte. Frau von Blu⸗ menbach wußte manches hübſches Meermärchen zu erzäh⸗ len, und Veronika wandelte lauſchend an ihrer Seite. Von Zeit zu Zeit ſchweifte ihr ſchönes Auge über die Waſſerfläche und ſobald ein weißes Segel am Horizonte 108 empor tauchte, ſchien ſie daſſelbe zu fragen, ob es nicht den Geliebten daher führe. Aber keines wollte landen; alle zogen vorüber die Straße nach Helgoland. Rafaele kam mit einem mit niedlichen Seemuſcheln gefüllten Körbchen daher geſprungen. „Das nenn' ich Fleiß,“ ſprach ſie, ſich ſelbſt lobend;„die Muſcheln werden eine prächtige Schnur abgeben.“ „Es iſt übrigens gut,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„daß wir nicht in Sicilien leben oder in Neapel; da dürfen die Frauen und Mädchen nicht ſo mutter⸗ ſeelallein am Meeresufer promeniren. Ehe man ſich's verſieht, iſt ein Seeräuber da, und fort geht's nach Afrika oder Conſtantinopel, wo man verkauft wird an einen pechſchwarzen Sultan.“ Kaum hatte Rafaele dieſe Worte geſprochen, als plötzlich eine Stimme ertönte, welche die Worte ſagte: „Iſt auch bei uns da geweſen.“ Die beiden Mädchen ſchraken zuſammen; Frau von Blumenbach lächelte aber und zeigte auf den Fiſcher, welchem jene Stimme angehörte, und der ruhig an ſeinen Netzen fortarbeitete. „Ei, da muß er uns erzählen,“ ſagte Rafaele leiſe zu ihrer Tante;„ich höre ſolche Seeräuber⸗ und Ent⸗ führungsgeſchichten gern, wenn ſie nicht gar zu grauſig ſind.“ Gern erfüllte Frau von Blumenbach dieſen Wunſch; man nahte ſich dem Fiſcher und dieſer theilte wirklich einige recht romantiſche Seeräuberſtückchen aus dieſen nördlichen Gegenden mit. „Dieſes Geſindel,“ meinte er,„findet ſich überall, wo Etwas zu rauben iſt; ja hat man doch Beiſpiele, 109 daß es ſich bis zum fernen meerumrauſchten eiſigen Is⸗ land verlaufen hat.“ Plötzlich brach der Mann mit ſeiner Erzählung ab und ſchaute nach dem Meere. Die Frauen folgten ſeinen Blicken, konnten aber Nichts entdecken. Sie er⸗ kundigten ſich, was er wahrnehme; aber anſtatt aller Antwort ſprang der Erzähler, wie von der Tarantel geſtochen, auf. „Zurück,“ rief er den erſchrockenen Frauen zu,„man hat Böſes mit Euch im Sinne!“ Mit dieſen Worten eilte er ſeiner Hütte zu, und in demſelben Augenblicke ruderte ein kleines Fiſcherboot um die Erdzunge, die ſich zur Rechten einige hundert Schritt in's Meer erſtreckte. Die Frauen eilten ſchleunigſt landeinwärts, als zwei übel ausſehende Kerle ihnen den Weg verrannten. „Die Blaue! die Blaue!“ rief eine Stimme, die vom Meeresufer zu kommen ſchien, im Commandotone. Bei dieſem Rufe erſtarrten die beiden Mädchen; ſie glaubten die etwas kreiſchende Stimme des Doctor Stephani vernommen zu haben. In demſelben Augen⸗ plice ward die halb ohnmächtige Veronika von den zwei Kerls gepackt und trotz des Jammergeſchreies der Frau von Blumenbach und Rafaelens nach dem Meere zurückgeſchleppt. Wirklich ſtand der Doctor, den man längſt für todt geglaubt, der ſich aber durch einen liſtigen Schein⸗ tod aus dem Gefängniß gerettet hatte, und der jetzt aus dem Boote geſtiegen war, am Strande. „Hab' ich Dich endlich, Täubchen,“ grinſte er, als die gedungenen Böſewichter das bewußtloſe Mädchen daher brachten;„hab' lange genug umherſpioniren müſſen, um das Neſtchen ausfindig zu machen. Nun 110 kannſt Du Dich ſatt ſchluchzen, das Ms wird nicht größer durch Deine Thränleins.“ „Allons, in's Boot,“ herrſchte er Räubern zu, „in einem Viertelſtündchen haben wir den Portugieſen erreicht und find in Sicherheit.“ Wirklich zeigte ſich auch jetzt etwa eine halbe Meile im Meere ein nicht unanſehnlicher Kauffahrteifahrer, welcher die portugieſiſche Flagge aufgezogen hatte. Man legte die Ohnmächtige auf den Boden des Kahns und wollte ſo eben vom Lande ſtoßen, als ſich in einiger Entfernung ein Geräuſch vernehmen ließ, als wenn Jemand in's Waſſer ſpränge. „Was war das?“ frug der Doetor und ſchaute aufmerkſam umher. Die zwei Helfershelfer blickten ebenfalls um ſich, entdeckten aber Nichts. „Was wird's geweſen ſein,“ gab der Eine zur Ant⸗ wort,„ein fliegender Fiſch.“ Der Doctor ſprengte jetzt der noch immer in be⸗ wußtloſem Zuſtande liegenden Veronika etwas Seewaſſer in's Geſicht. „Die wird ſich umſehen,“ meinte der andere Kor⸗ ſar,„wenn ſie die Augen aufmacht.“ „Beim Teufel,“ erwiderte der Andere, einen lüſter⸗ nen Blick auf Veronika werfend, in fremdländiſchem Dialect,„dieſer deutſche Schuft hat keinen ſchlechten Geſchmack.“ „Ich ſtehe nicht für unſern Capitain,“ brummte der Andere in derſelben Sprache,„hübſche Mädel liebt er zum Freſſen.“ „Der deutſche Holzbock iſt bald über Bord,“ meinte der Erſtere,„ein Tritt in's Genick und er denkt in ſeinem Leben nicht wieder an's Mädchenrauben.“ 5 111 „Ich werde dem Capitain einen Wink geben,“ fuhr der Andere fort,„ich glaub', er begnügt ſich mit dem Mädel und die Börſe iſt unſer.“ Während dieſes Geſprächs waren die Blicke des Doctors fortwährend auf Veronika gerichtet, um deren Wiederbelebung er bemüht war. Die beiden Freibeuter ruderten mit aller Kraft, um ſobald als möglich die hohe See zu erreichen, als vlötzlich zwei nervige Arme aus dem Waſſer langten, den Bord des leichten Kahnes erfaßten und denſelben mit Rieſenkraft umſtürzten, ſo daß der Doctor, Vero⸗ nika und die beiden Ruderer im Augenblick im Meere lagen. Nach wenigen Minuten ſah man einen Mann, welcher Niemand anders als der Fiſcher war, mit dem Frau von Blumenbach und die beiden Mädchen vor Kurzem geſprochen hatten, die von Waſſer triefende Veronika im Arm haltend, an's Land ſteigen und, auf dem Trocknen angelangt, ſpornſtreichs querfeldein gen Lindenthal eilen. Der brave Mann, nachdem er allerorts umherge⸗ ſpäht und ſich überzeugt hatte, daß nirgends Hülfe ſei, um den Raub auf dem Lande zu verhindern, war iws Waſſer geſprungen, als rüſtiger Taucher dem Kahne ungeſehen nachgeſchwommen und ſo der Retter Veroni⸗ ka's geworden. Das Hülfegeſchrei Rafaelens und ihrer Tante hatte bald die ganze Gutsbewohnerſchaft auf die Beine ge⸗ bracht. Herr von Blumenbach ſtürzte an der Spitze einer Anzahl Bewaffneter nach dem Meere, wo er un⸗ terwegs auf den Fiſcher traf, welcher die gerettete Ve⸗ ronika noch immer in den Armen trug. Blumenbach gab ſogleich Befehl, das arme Mäd⸗ 112 chen zu Bett zu bringen; er ſelbſt kehrte mit dem Hausarzte, welcher ſich unter den Bewaffneten befand, nach Lindenthal zurück, um alle Mittel anzuwenden, die Scheintode in's Leben zurück zu rufen; während die Uebrigen, von dem Fiſcher angeführt, nach dem Strande eilten, um womöglich der Räuber habhaft zu werden. Als man das Ufer erreichte, befand ſich das Boot bereits in ziemlich weiter Entfernung vom Lande, ſo daß an ein Nachſetzen und Einholen nicht zu denken war. Indeß konnte das geübteſte Auge nur zwei Per⸗ ſonen in dem Kahne entdecken, welche mit äußerſter Anſtrengung arbeiteten, um den Kauffahrteifahrer zu erreichen.. Auf die Ausſage des Fiſchers, welcher Veronika gerettet hatte, daß es drei Räuber geweſen wären und daß, wie ihm ſchien, gerade der Rädelsführer ſich nicht im Kahne befinde, vertheilte ſich die ganze Geſellſchaft längſt des Ufers, um denſelben, falls er an's Land ſteigen ſollte, in Beſchlag zu nehmen. Indeß waren alle Nachſuchungen vergeblich und man überzeugte ſich, daß der Böſewicht den verdienten Lohn in den Wellen gefunden habe; als plötzlich ein kleiner Fiſcherbube auf eine Geſtalt aufmerkſam machte, die in ziemlich weiter 5 Entfernung ſo eben an das Land geſtiegen zu ſein ſchien. 46 Sogleich eilte man, während einige Wachen zurück⸗ blieben, nach der Gegend, wo die Geſtalt am Ufer ſtand. Dieſe ließ aber nicht auf ſich warten, ſondern ſchwenkte, nachdem ſie noch eine Strecke den Strand entlang gelaufen war, nach dem Lande ein, wo ſie in einem dichten Gehölz unſichtbar wurde. „Immer nach, nach,“ commandirte der unermüdliche 3 113 Fiſcher;„fünf Mann mögen rechts abſchwenken und das Fichtenholz umgehen; der Räuber kann uns nicht entkommen.“ Man befolgte den Rath und fünf Mann wandten ſich zur Rechten. Endlich hatte man das Gehölz er⸗ reicht; aber alles Nachforſchen blieb vergeblich. Die Geſtalt war und blieb verſchwunden. Gleichwohl ließ man im Durchſuchen des Gehölzes und der nächſten Umgegend nicht nach, bis die Nacht hereinbrach. Erſt bei völliger Dunkelheit kehrte man ermüdet, jedoch ohne den Zweck erreicht zu haben, nach Lindenthal zurück. So wie der letzte Verfolger den Wald verlaſſen hatte, kam der Doctor Stephani aus ſeinem Verſteck, einer undurchdringlichen Hecke Brombeergeſträuch, hervor. Seine noch immer feuchte Kleidung war zer⸗ fetzt. Er benutzte, ſo ermüdet er war, die Dunkelheit, um einen Vorſprung zu gewinnen und die nächſte Stadt zu erreichen; denn er war überzeugt, daß man den folgenden Morgen ſeiner Perſon von Neuem nachſtel⸗ len werde. „Ein verteufelter Kerl, der das Boot umſtürzte,“ ſprach er für ſich;„übrigens entgeht mir mein Täub⸗ chen darum nicht. Ich habe jetzt die Fährde und werde unſichtbar in ihrer Nähe ſein. Kommt Zeit, kommt Rath. Es wird ſich wieder die Gelegenheit finden.“ „Aber bei allen Geiſtern der Unterwelt,“ fuhr er nach einer Pauſe ingrimmig fort,„bei allen Engeln des Lichts und der Finſterniß ſei es geſchworen, geräth ſie zum dritten Male in meine Gewalt, ſo laß ich ſie nicht wieder los, oder es iſt ihr und mein Untergang.“ Mit dieſem Vorſatze ſetzte er ſeine nächtliche Wan⸗ derung längſt der Meeresküſte fort. „ Stolle, Schriften, Surplem. III. 114 Achtes Rapitel. Di Stadt Warſchau hat auf dem linken Weichſelufer ihre größte Fronte dicht an die Weichſel gelehnt, und wird durch den Fluß und den Brückenkopf von Praga vertheidigt. Rach der Ebene zu erſtreckt ſie ſich wie in einem Halbmonde mit einigen winkelartigen Einbiegun⸗ gen oder Ausſprüngen, und dieſer bildet die eigentliche Vertheidigungslinie in einem Umfange von ungefähr vier und einer halben franzöſiſchen Meile. Dieſe große Linie war jedoch nicht ohne natürlichen Schutz. Von den beiden äußerſten Punkten, wo ſich die Stadt an die Weichſel anlehnt, war ſie eine Strecke weit gar nicht anzugreifen. Die Stadt ſelbſt umſchloß ein al⸗ ter Douanenwall und ein Graben von etwa ſechs Fuß Breite Dieſe Linie hatte man mit einer Menge Re⸗ douten, Lünetten und Batterien gedeckt, wovon die äußerſten ſo weit vorgeſchoben waren, daß dem Feinde jedes Bombardement der Hauptſtadt unmöglich wurde. Die Anzahl der genannten Werke belief ſich auf nicht weniger denn dreiundſiebenzig, und zwar in drei Linien. Die Entfernung der äußerſten derſelben be⸗ lief ſich auf eine halbe Stunde. In dieſer Linie lag das Dorf Wola, welches als der Mittelpunkt aller der umliegenden Befeſtigungswerke gelten konnte und das für uneinnehmbar gehalten wurde. Es führte unter den Werken die Nummer Sechsundfunfzig. Eine weite Strecke vor demſelben lag noch eine einzelne Batterie, welche den erſten Andrang abhalten ſollte. Die zweite Linie beſtand aus einer Reihe von pal⸗ liſadirten hinten mit Redans geſchloſſenen Werken. Die innerſte Linie bildete der Douanenwall; abermals von einer Menge kleiner Werke vertheidigt. In der 115 Stadt ſelbſt befanden ſich über hundertfunfzig bald größere bald kleinere Barricaden; an den Querſtraßen und öffentlichen Plätzen, bei welchen nur ein kleiner Durchgang für einzelne Wagen offen gelaſſen worden war. Dieſe Barricaden ſollten von der Nationalgarde und Sicherheitswache vertheidigt werden. An Geſchütz zur Vertheidigung der Hauptſtadt wa⸗ ren hundertzwanzig Stück vorhanden; darunter drei⸗ unddreißig eiſerne Kanonen, die man im Krakau'ſchen hatte gießen laſſen. Hundert waren daſelbſt fertig ge⸗ worden, aber nur ein Drittheil davon hatte man her⸗ beiſchaffen können. Die Truppen, welche nach Abzug des Romarino'⸗ ſchen Corps zur Vertheidigung von Warſchau zurück⸗ geblieben waren, beſtanden aus dreißigtauſend Mann Infanterie, zweitauſendfünfhundert Reitern und zwei⸗ undvierzig Kanonen, welche letztern den verſchiedenen Diviſionen und Batterien zugetheilt waren; endlich aus einer Reſerve Artillerie von funfzig Stück Ge⸗ ſchützen. Dieſe geſammte Streitmaſſe hatte man in zwei ungleiche Corps getheilt, in das des Generals Uminski, zwanzigtauſend Mann ſtark mit dreißig Kanonen und in das des Generals Dembinski, dreizehntauſend Mann. Die Garniſon von Praga zählte dreizehn⸗ hundert Mann und die von Warſchau vierundzwanzig⸗ hundert. Was den Vertheidigungsplan anlangte, war im Allgemeinen feſtgeſetzt worden, daß der General Vem die äußerſte dritte Linie befehligen, daß unter ihm die geſammte Artillerie ſtehen und er beſonders die Re⸗ ſerveartillerie, mit welcher er ſich zu jedem beliebigen Augenblicke nach jedem bedrohten Punkte begeben könne, 8* 116 unbedingt unter ſich haben ſolle. Dagegen war dem General Uminski der rechte, und Dembinski der linke Flügel zur Vertheidigung übertragen. Auch darüber war man übereingekommen, daß in den Werken nur die unentbehrlichſten Truppen gelaſſen werden ſollten, um noch eine Reſerve für's offene Feld übrig zu be⸗ halten. Allen polniſchen Heerführern ſchien gewiß, daß die Ruſſen nicht das ſtärkſte Vertheidigungswerk Wola, ſondern auf der ſchwächern Seite von Rockowiec und Mokotow her angreifen würden. Der Feldmarſchall Paskewitſch hatte, ſogleich als das Corps des General Kreuz zu ihm geſtoßen war, und er die Nachricht von dem Abmarſche Romarino's erhalten hatte, ernſtlich an den Sturm von Warſchau gedacht. Zu dieſem Zwecke ließ er Modelle von allen Verſchanzungen, welche die Hauptſtadt umgaben, anfer⸗ tigen, ſie in derſelben Stellung, wie ſie vor Warſchau ſtanden, in der Ebene von Bloni aufſtellen und nun ſeine Truppen im Erſtürmen üben; ſo daß jede Abthei⸗ lung, welche zur Erſtürmung eines Werks beſtimmt war, an den Modellen ihre Rolle mechaniſch einlernte, und am Tage der Entſcheidung wiſſe, was ſie zu thun habe. Es war dieſe Maßregel ganz„ den Charakter des ruſſiſchen Soldaten berechnet. Außerdem ergriff der ruſſiſche Dierfeithen jede Ge⸗ legenheit, Parlamentäre nach Warſchau zu ſchicken, um von dem, was vorging, die genaueſte Kunde zu erhal⸗ ten. So entſandte er, um die Polen deſto ſicherer einzuſchläfern, noch am vierten September einen Boten mit ſehr glänzenden Anerbietungen zu einer fried⸗ lichen Ausgleichung. Man ſolle den Kaiſer von Ruß⸗ land als Oberherrn anerkennen und die Hauptſtadt 117 übergeben. In dieſem Falle werde nicht nur der Zu⸗ ſtund, wie er vor der Revolution geweſen, zugeſichert, ſondern vollſtändige Amneſtie. Ferner könne noch der Kreis von Bialyſtock, der 1807 losgeriſſen worden war, wieder dem Königreiche zugefügt werden. Die Polen ſollten gewiſſe Woiwodſchaften mit ihren Trup⸗ pen beſetzen und eine Deputation nach Petersburg ſchicken, um noch fernerweite günſtige Bedingungen zu erhalten. Die Polen beriefen ſofort einen Miniſterrath zu⸗ ſammen und man kam überein, den General Prond⸗ zynski den nächſten Tag abzuſchicken, um das Anerbie⸗ ten des ruſſiſchen Feldmarſchalls zurück zu weiſen. Prondzynski hatte hierauf eine Unterredung mit dem ruſſiſchen General Dannenberg. Er war begleitet von dem Obriſtlieutenant Peter Wyſocki, einem der Hauptanſtifter des ganzen Aufſtandes und deſſen Ge⸗ genwart allein ſchon als ſtillſchweigende Antwort ange⸗ ſehen werden konnte. In der Unterredung erklärte der polniſche General, daß der Präſident der Nationalregierung durch das Manifeſt und die Beſchlüſſe des Reichstags gebunden ſei und daß die Polen für ihre Unabhängigkeit inner⸗ halb der alten Grenzen zu den Waffen gegriffen hät⸗ ten. Nur dann ſei es der Nationalregierung erlaubt, in Unterhandlung zu treten, wenn ſich der ruſſiſche Kai⸗ ſer zur Erfüllung dieſer Wünſche geneigt zeige. Soviel vernahm Wyſocki, erklärte aber nach der Rückkehr in die Hauptſtadt zu Protocoll, daß der Ge⸗ neral Prondzynski eine ganze Stunde mit dem Gene⸗ ral Dannenberg heimlich geſprochen habe. Was der Inhalt dieſes heimlichen Geſprächs geweſen, darüber iſt nie Etwas bekannt geworden und Prondzynski hat für 118 gut befunden, in ſeiner ſpätern Rechtfertigung daſſelbe mit gänzlichem Stillſchweigen zu übergehen. An eine Verrätherei von Seiten des polniſchen Ge⸗ nerals iſt nicht zu glauben. Sein früheres Leben, wie ſein Verhalten während des ganzen Feldzugs ſpricht dagegen. Wahrſcheinlich wußte General Dannenberg die Zuverſicht des charakterſchwachen Mannes durch drohende Bilder zu erſchüttern, denn Prondzynski war ſeit dieſem Geſpräche, wie am Abende auf dem Schlachtfelde von Oſtrolenka, ein Mann ohne Muth, ohne Beſonnenheit und voller Verzweiflung. Was ihn aber hauptſächlich beſtimmen mochte, dieſes Geſprächs nicht zu gedenken, war, daß es Dannenberg gelang, von ihm im Eifer der Unterredung Aeußerungen über die Entfernung des Romarino'ſchen Corps zu entlocken, in deſſen Folge der Feldmarſchall Paskewitſch den Sturm auf den folgenden Tag anordnete.. In Warſchau hatte man von der drohenden Ge⸗ fahr ſo wenig Ahnung, daß man die Anerbietungen der Ruſſen wirklich für ein Zeichen ihrer Ungewißheit und des Schwankens in ihren Entſchlüſſen hielt. Denn außerdem war es unbegreiflich, warum man nicht polniſcher Seits wenigſtens auf Fortſetzung der Unter⸗ handlungen gedrungen hätte, um Zeit zur Herbeiſchaf⸗ fung des Romarino'ſchen Corps zu gewinnen. Nicht einmal ein Bote ward an dieſes Corps entſendet, um den Marſch deſſelben zu beſchleunigen. Es war am fünften September Abends, als die Ruſſen ihre Stellungen bei Raszyn verließen, um ſich gegen alle Erwartungen der Polen nach dem furcht⸗ bar vertheidigten Wola hin aufzuſtellen. Der ruſſiſche Oberfeldherr hatte nämlich beſchloſſen, den Sturm ge⸗ 119 rade bei dem ſchwierigſten Punkte zu beginnen, es koſte was es wolle, Wola zu nehmen, von wo aus der Mit⸗ telpunkt der Vertheidigungslinie durchbrochen, und ein Punkt gewonnen ward, der, einmal in ſeinen Händen, zu einer Feſtung werden mußte. Die ruſſiſche Armee, welche zum Sturm gegen Warſchau heranrückte, beſtand aus hundertachtzehn Ba⸗ taillonen Infanterie, hundertzwanzig Escadrons und vierhundert Kanonen, zuſammen hundertzwanzigtauſend Mann. Zur Erſtürmung von Wola wurden tauſend Mann Freiwillige aus der Garde und den übrigen Regimentern gewählt, die mit Faſchinen und Sturmleitern voran⸗ gehen und ihre eingeübten Kunſtſtücke in der Erklette⸗ rung der Verſchanzungen ausführen ſollten. Während ein ſo ungeheurer Schlag in der Nacht vorbereitet wurde, dachte in Warſchau Niemand an die Möglichkeit eines ſo nahe bevorſtehenden Sturms; und in derſelben Nacht meldete ein von Warſchau kommen⸗ der Adjutant dem General Romarino, daß die Ruſſen um Frieden gebeten und durchaus keine Gefahr für die Hauptſtadt vorhanden ſei. Nur General Uminski, dem man vom War⸗ ſchauer Obſervatorium die NRachricht brachte, daß ſich zahlreiche feindliche Colonnen in Marſch ſetzten und im ruſſiſchen Lager eine große Bewegung gegen das pol⸗ niſche Centrum im Werke ſei, ſchöpfte Verdacht und ließ drei Uhr Morgens am ſechſten September ſeine Truppen unter Gewehr treten. Es war fünf Uhr des Morgens, als der General WMalachowski, welcher als General en chef die Po⸗ len befehligte, ſich bei der Barriere Belvedere einfand⸗ 120 Rings herrſchte tiefe Stille Die Glocken von War⸗ ſchau, welche die fünfte Stunde verkündeten, klangen rein durch die Morgenluft. Plötzlich ertönt aus der Gegend von Wola her ein Kanonenſchuß; dieſem folgt ein zweiter, ein dritter und dieſem ein Gewitter von mehr als hundert Ka⸗ nonen. Die Ruſſen dringen vor. Den Colonnen voran ſprengen Reiter, welche Faſchinen in die Gräben wer⸗ fen; reitende Batterien jagen heran, und die polniſchen Werke werden von allen Seiten beſchoſſen und mit Ku⸗ geln überſchüttet. Die Polen wehren ſich mit gewohntem Löwenmuthe. Eine ganze Stunde bedürfen die Ruſſen trotz ihrer furchtbaren Artillerie, ehe ſie die vier Kanonen in No. 54 zum Schweigen bringen. Nachdem dieſe Kanonen demontirt ſind, beginnt der Sturm. Die Vertbeidi⸗ gung iſt ſo hartnäckig, daß einige polniſche Soldaten, die, als die Ruſſen die Bruſtwehr erſtiegen, ſich erge⸗ ben wollen, von ihren eigenen Officieren niedergeſtoßen werden. Das Werk ward von der linken Seite erſtie⸗ gen; die Polen drängten ſich zur Rechten und nicht eher gerieth es in die Hände der Ruſſen, als bis noch vier Soldaten übrig waren. Auf ähnliche Weiſe wü⸗ thete der Kampf in den übrigen angegriffenen Ver⸗ ſchanzungen. Als in Numero 54 nur noch elf Polen lebten, zündete der Artillerielieutenant Gordon die Pul⸗ verkammer an und ſprengte ſich mit der ganzen Bat⸗ terie in die Luft. Weithin war die Erde mit ruſſi⸗ ſchen Leichnamen bedeckt. Man hatte die genannten heiden Werke ohne Unterſtützung eines Kanonenſchuſſes gelaſſen, ohne die eines einzigen Soldaten. So kämpf⸗ ten drei polniſche Compagnien mit neun Kanonen zwei Stunden lang gegen ſieben miſih Regimenter und neunzig Kanonen. 121 Der General Bem, der den Befehl über die äußerſte Linie hatte und mit ſeinen funfzig Reſerve⸗Kanonen zu jedem bedrohten Punkte hineilen konnte, ſtund noch im⸗ mer auf dem Obſervatorium zu Warſchau, fortwährend behauptend, daß bei Wola nur ein Scheinangriff ſei, die Hauptmacht werde ſich von Rakowiec heranwälzen. Unterdeſſen werden die polniſchen Verſchanzungen auf andern Seiten angegriffen. Ueberall donnern die Kanonen. Furchtbar find die Angriffe, heldenmäßig der Widerſtand. Paskewitſch bereitet den Hauptſchlag gegen Wola vor. Dieſes Dorf, das mit einem Walle umgeben, war kunſtgemäß befeſtigt; außerdem hatte man noch die Kirche zu einer Citadelle umgeſchaffen. Vor Aufbruch des Romarino'ſchen Corps belief ſich die Beſatzung auf viertauſend Mann und acht Kanonen; jetzt war es nur von zweitauſend vertheidigt. Die Vertheidigungswerke und das Geſchütz befehligte der Artilleriegeneral So⸗ winski, der an demſelben Tage 1812 in der Schlacht bei der Moskwa ein Bein verloren, Director der Appli⸗ cationsſchule, während des Feldzugs im Kriegsminiſterio beſchäftigt, jetzt aber den Befehl über eine Redoute ſich ausgebeten und dabei erklärt hatte, in derſelben zu ſter⸗ ben, ſie aber nicht zu übergeben. Auch der obenge⸗ nannte Obriſtlieutenant Peter Wyſocki befand ſich auf dieſem gefährlichen Punkte. Noch immer blieb Bem auf dem Obſervatoriv. Adjutanten auf Adjutanten eilen herbei, um den Ge⸗ neral zu bewegen, daß er mit der Reſerveartillerie herbeirücke. Bem verbleibt hartnäckig bei ſeinem Ent⸗ ſchluſſe. Bald iſt es der ruſſiſchen Artillerie gelungen, Wola von allen Seiten zu beſchießen. Von jeder Flanke don⸗ 122 nern vierundzwanzig Kanonen. Bei dieſem fürchter⸗ lichen Feuer verſtummen allmählig die acht polniſchen Geſchütze. Trommeln wirbeln, Trompeten ſchmettern. In geſchloſſenen Colonnen rücken die Ruſſen zum Sturme vor. Der General Berg dringt mit zwölf Bataillonen in die Verſchanzung. In dieſem Augenblicke giebt der Bataillonschef des zehnten Regiments das ſchändliche Beiſpiel unter dem Rufe:„rette ſich, wer kann!“ aus der Redoute zu fliehen. Wyſocki ſieht ſich mit ſeinen Truppen verlaſ⸗ ſen. Die Ruſſen gewinnen mordend immer mehr Ter⸗ rain. Um den befeſtigten Kirchhof beginnt eine bei⸗ ſpielloſe Metzelei. Endlich hat ſich General Bem von der großen Ge⸗ fahr überzeugt und rückt mit Kanonen vor; aber er hat in der Eile nur eine einzige reitende Batterie her⸗ beiſchaffen können, welcher es ſogar an Schutztrup⸗ pen fehlt. Mit ſeiner gewohnten Tapferkeit wagt er ſich weit vor, doch von einer ſo überlegenen Artillerie auf allen Seiten angedonnert, muß er zurück. Noch eine ganze Stunde währt das Blutbad in Wola. Das Grena⸗ dierregiment Suwarow unterſtützt die ſtürmenden Ruſ⸗ ſen. Die Veteranen und das Bataillon vom achten Regiment vertheidigen jede Spanne Boden. Endlich iſt Sowinski gezwungen, ſich in die Kirche zurückzuzie⸗ hen. Peter Wyſocki ſällt ſchwer verwundet in die Hände des Feindes. Die Ruſſen ſtürzen ſich in die Kirche. Hier em⸗ pfängt ſie Sowinski auf einem Stuhle am Altar ſitzend, geladene Gewehre neben ſich. Vergebens ruft man ihm zu, ſich zu ergeben. Anſtatt aller Antwort erſchießt er noch einige Feinde, bis andere ſich über ihn ſtürzen. 123 Unter den Bayonettſtichen der erbitterten Grenadiere fällt einer der größten polniſchen Helden. Im Tode ſelbſt, erzählt ein ruſſiſcher Officier, hatte er noch eine drohende Miene. Nach ſeinem Falle muß ſich das Ve⸗ teranenbataillon ergeben. Wola iſt in den Händen der Ruſſen. Die kühn⸗ ſten Träume des Marſchalls Paskewitſch ſind übertrof⸗ fen. Dreizehnhundert Gefangene und achtzehn eiſerne Kanonen ſind die Trophäen des Feindes bei dieſen er⸗ ſten Stürmen. Faſt über das Unerwartete erſchrocken, und als fühle er das Bedürfniß, auf dieſer ſo ſchnell ihn fort⸗ reißenden Bahn einzuhalten und nachzudenken, läßt der ruſſiſche Obergeneral Halt machen. Auf das Erd⸗ erſchütternde Kanonenfeuer folgt eine Todtenſtille längſt der ganzen Schlachtlinie. Die polniſchen Oberfeldher⸗ ren erſcheinen wie betäubt bei dieſen reißenden Fort⸗ ſchritten des Feindes. Der Präſident der polniſchen Nationalregierung, Krukowiecki, ein Mann, der ſich nur durch ſeine Schlauheit und Verſchmitztheit und ſeinen geheuchelten Patriotismus einen ſo großen Einfluß zu verſchaffen gewußt, im Grunde aber ſtets nur ſeinen perſönlichen Vortheil im Auge hat, erſcheint auf dem Schlachtfelde. Er überſchaut die Lage der Dinge und überlegt im Stillen, wie er zu vperiren habe, um einen für ſeine Perſon ſo günſtigen Vertrag wie mög⸗ lich mit dem Feinde abzuſchließen. Nach einer kurzen Unterbrechung begann das ruſ⸗ ſiſche Kanonenfeuer von Neuem. Indeß hatte jetzt der General Bem ſeine Reſerveartillerie in Vereitſchaft. Er empfing die ruſſiſchen Colonnen mit einem ſo mör⸗ deriſchen Feuer, daß ſie augenblicklich Halt machten. Nun dachten die Polen auch ihrer Seits daran, eine angreifende Bewegung zu machen. Vor allen Din⸗ 124 gen galt es, Wola wieder zu nehmen. Mit einem Muthe ſonder Beiſpiel ſtürzten ſich die polniſchen Ba⸗ taillone auf den Feind. Bem mit ſeinen reitenden Batterien donnerte zur Unterſtützung heran. Mit über⸗ menſchlicher Anſtrengung drängten die Polen die furcht⸗ baren ruſſiſchen Infanterie⸗, Cavallerie- und Artillerie⸗ Maſſen bis dicht unter Wola zurück. Es gilt einen verzweifelten Verſuch, die wichtige Poſition zurück zu erobern; unter donnerähnlichem Sturmgebrüll werfen ſich die Polen auf das Dorf. Es entſteht ein namen⸗ loſes Blutbad. Immer neue Bataillone wirft ihnen Paskewitſch entgegen; immer neue Cuiraſſierregimenter raſſeln heran, immer neue Batterien fahren auf, Tod und Verderben unter den Sturmceolonnen verbreitend. Aber keine irdiſche Macht vermag den für Freiheit und Vaterland Kämpfenden zu widerſtehen. Die Ruſ⸗ ſen werden, trotz ihrer unermeßlichen Uebermacht und der wüthendſten Gegenwehr nach Wola zurückgeworfen. Ueber das Antlitz des ruſſiſchen Oberfeldherrn zuckt ein leichter Schatten. Er zeigt mit der Linken auf eine dunkele Colonne, die in einiger Entfernung ſtill und unheimlich, wie eine Gewitterwolke, hinter Wola hält. In wenigen Augenblicken geräth die ſchwarze Maſſe in Bewegung. Es ſind zwölf Bataillone ergrau⸗ ter Veteranen; alle haben unter Deutſchlands und Frankreichs Sonne gefochten; ſie kennen den Schlach⸗ tendonner von Auſterlitz und Friedland. Dieſer am⸗ bulante Vulkan rückt den ſtürmenden Polen entgegen. Es entſteht ein Kampf wie der zweier wüthender Ele⸗ mente, wie der des Löwen mit dem Leoparden. Drei⸗ mal wirft ſich jene infernaliſche Colonne auf die Po⸗ len; dreimal wird ſie zurückgeworfen. Endlich behaup⸗ tet ſie das Feld. 125 Die Polen erkennen, daß Wola nicht wieder zu nehmen iſt und ſie beginnen ſich zurückzuziehen. Es iſt vier Uhr. Das ganze Schlachtfeld raucht, flammt, donnert und bebt. Da fühlen ſich von den zahlloſen Kämpfen auch die Ruſſen ermattet. Noch bis fünf Uhr währt das Kanonenfeuer; dann tritt auf beiden Sei⸗ ten tiefe Stille ein. Alles ſchweigt; nur die Ruſſen ſind emſig beſchäftigt, Wola noch ſtärker zu befeſtigen. So endet der erſte Tag des Sturmes. Die Polen haben außer den Werken gegen dreitauſendſiebenhundert Mann an Gefangenen, Todten und Verwundeten ver⸗ loren; die Ruſſen weit über ſiebentauſend. Noch iſt ein Theil der dritten Linie der Verthei⸗ digungswerke nicht verloren, die zweite ſteht ganz un⸗ verſehrt, und die Armee hegt darum die gegründete Hoffnung, daß die Ruſſen noch mehre Tage brauchen, ehe ſie bis zu den Barrieren der Stadt kommen und daß unterdeß Romarino mit ſeinen zwanzigtauſend er⸗ leſenen Truppen angelangt ſein muß. Nicht ſo denkt Krukowiecki. Er wie Prondzynski haben nach der Einnahme von Wola den letzten Fun⸗ ken von Hoffnung aufgegeben, und der verrätheriſche Präſident der polniſchen Nationalregierung bereitet ſich jetzt vor, den Theil ſeiner Pläne auszuführen, den er für ein ſolches Ereigniß berechnet hat. Die Bevölkerung von Warſchau war am Morgen dieſes Tages mit Erſtaunen durch Kanonendonner aus dem Schlafe geweckt worden. Aber da in der Stadt Alles ruhig blieb, befanden ſich die Leute in der höch⸗ ſten Sicherheit. Ja man vernahm das entſetzliche Ka⸗ nonenfeuer mit einem Gefühle, als läge der Kampfplatz viele Meilen abwärts. Jedermann ging ſeinen gewohn⸗ ten Geſchäften nach. Andere, worunter namentlich 126 reiche Damen, im ſchönſten Schmucke, beſtiegen Wälle und Thürme, um, wie bei der Schlacht bei Grochow, das Spiel des wilden Kriegsgottes mit anzuſehen. Alle ſchienen zu vergeſſen, daß keine Weichſel ſie mehr von den Ruſſen trenne. Anſtatt aber die Bevölkerung unter die Waffen zu rufen und Alles zur Vertheidigung der Hauptſtadt auf⸗ zubieten, erſchien unmittelbar nach der Einnahme von Wola ein Befehl, welcher Jedermann zu verhaften drohte, der ſich mit Waffen in der Hand auf der Straße blicken laſſe. Nachdem Krukowiecki das eroberte Wola von Wei⸗ tem in Augenſchein genommen, ſchickte er Adjutanten und Stabsofficiere an den Miniſterrath, um dieſen durch die trübſten Schilderungen von dem Geiſte der Armee einzuſchüchtern, und ihn nach und nach für einen Vorſchlag zur Uebergabe der Hauptſtadt vorzu⸗ bereiten. Am Nachmittage, nachdem auch die Wiedereinnahme Wolas mißglückt war, erſchien er ſelbſt in der Stadt und erklärte den Miniſtern, daß nach ſeiner Meinung die Hauptſtadt nach einem kurzen Angriff von Wola her genommen werden und daß ihn die Nationalregie⸗ rung zu Anknüpfung von Unterhandlungen ermäch⸗ tigen müſſe. Aber noch lebte in den Miniſtern polniſcher Hel⸗ denſinn und Krukowieckis Antrag ward mit Würde zu⸗ rückgewieſen. Man erinnerte den entarteten Polen an die Deviſe:„Siegen oder Sterben.“ Krukowiecki ließ ſich nicht abſchrecken. Abends ſechs Uhr berief er die Reichstagscommiſſionen zuſammen und trug daſſelbe vor. Zugleich ließ er dieſelben durch 127 die Nachricht einſchüchtern, daß bereits drei Bomben in die Stadt gefallen wären. Ehe man ſich noch von der Lügenhaftigkeit dieſer Nachricht überzeugte, gaben die Commiſſionen zur Ant⸗ wort, daß er als Präſident durch ſein Einſetzungsdecret das Recht habe, mit dem Feinde vorläufige Unterhand⸗ lungen abzuſchließen, daß jedoch deren Beſtätigung durchaus dem Reichstage gehöre. Es war ſpät Abends, als dieſe Antwort erfolgte, worauf Krukowiecki erklärte, daß er den nächſten Mor⸗ gen Unterhandlungen eröffnen werde. Jedermann iſt der Meinung, der Präſident wolle hierdurch nur Zeit gewinnen, um die Ankunft des Ro⸗ marinoſchen Corps abzuwarten. Krukowiecki, ſicher aber, daß ſein Streich gelingen werde, läßt weder der Armee Befehle für den folgenden Tag geben, noch hört er auf den Vorſchlag des edlen Malachowski, der eine Anzahl Wagen in Bereitſchaft hat, um die Infanterie von Romarino ſchnell herbeizuſchaffen. Um Mitternacht vom ſechsten auf den ſiebenten September läßt Krukowiecki den General Prondzynski zu ſich kommen, welcher Letzterer den ganzen Tag wie ein Träumender in den Verſchanzungen umhergegangen, um ihn mit einem Briefe an den Marſchall Paskewitſch zu ſchicken. Der Brief lautete: „Schon wieder ſei Blut vergoſſen worden; aber⸗ mals wären Tauſende von Opfern gefallen; der Prä⸗ ſident der polniſchen Nationalregierung hielte es daher für Pflicht, den Oberbefehlshaber der kaiſerlichen Trup⸗ pen nach den Bedingungen zu fragen, die er von ſei⸗ ner Seite dem Vertrage zum Grunde legen wolle, um daraus zu entnehmen, ob dieſelben dem Intereſſe und der Ehre der polniſchen Nation entſprächen.“ 128 Nachdem durch den Stabschef Uminski, der gleich⸗ falls glaubte, es handle ſich nur um Zeitgewinn bis zur Ankunft Romarinos, im ruſſiſchen Lager angefragt wor⸗ den war, begab ſich Prondzynski um drei Uhr Mor⸗ gens nach Wola, zugleich mit dem geheimen Auftrage von Krukowiecki, daß die Rückkehr unter die Herrſchaft des ruſſiſchen Kaiſers von ſeiner Seite die Grundlage ſei, auf der er unterhandeln wolle. Paskewitſch empfing den polniſchen General ſehr hochfahrend in Gegenwart des Großfürſten Michael und des Generals Toll. Der Grofßfürſt trat indeß vermit⸗ telnd ein, und als Prondzynski den mündlichen Auf⸗ trag Krukowieckis ausrichtete, kam man überein, einen Waffenſtillſtand bis neun Uhr abzuſchließen, wo der Präſident ſich ſelbſt, in Begleitung eines ruſſiſchen Parlamentairs, nach Wola verfügen und daſelbſt ein Vertrag abgeſchloſſen werden ſollte. Als um acht Uhr des Morgens der Reichstagsmar⸗ ſchall, der Woiwode Anton Oſtrowski, und mehrere Reichs⸗ tagsmitglieder ſich in dem Palaſte des Statthalters zu einer vorläufigen Beſprechung verſammelten, ſahen ſie mit dem größten Erſtaunen den ruſſiſchen General Dannenberg mit unverbundenen Augen in vertrau⸗ lichem Geſpräch mit Krukowiecki und Prondzynski, um⸗ ringt von ebenſo erſtaunten Zuſchauern, welche endlich die beiden polniſchen Generale in große Verlegenheit ſetzten. Krukowiecki brach das Geſpräch ab und ſetzte ſich mit Prondzynski zu Pferde. Beide verbanden Dannen⸗ berg die Augen, nahmen ihn in die Mitte und ritten nach Wola. Paskewitſch empfing den Präſidenten der polniſchen Nationalregierung in der Mitte eines glänzenden Ge⸗ 129 neralſtabs, und es begaben ſich dann zur Unterredung in das Wirthshaus zu Wola Paskewitſch, Krukowiecki, Großfürſt Michael, Prondzynski und Toll. Da der ruſſiſche Marſchall zu Krukowiecki eben ſo rauh und hochfahrend zu ſprechen anhob, ſo ſetzte ſich der Letztere, ſeinem Plane gemäß, in heftigen Zorn, und Beide er⸗ öffneten einen lauten Wortwechſel, indem ſie ſich gegen⸗ ſeitig drohten. Paskewitſch ſetzte auseinander, daß er Alles leicht zertrümmern könne; Krukowiecki, daß ihm noch Hülfsmittel genug übrig wären, um den Ruſſen noch theuer die Einnahme von Warſchau erkaufen zu laſſen. Auch diesmal trat wieder der Großfürſt Michael verſöhnend dazwiſchen, und die Unterhandlung ging um ſo eher in das ruhige Gleis, als es den beiden Strei⸗ tenden mit ihrem Zorn nicht ſehr ernſt war; denn Paskewitſch wußte nur zu gut, wie wenig er gewonnen hatte, wenn die Hauptſtadt mit Verzweiflung ſich ver⸗ theidigen wollte, bis Romarino mit zwanzigtauſend friſchen Truppen auf ſein ermattetes Heer fallen könnte. Dennoch erklärte er, daß ſein geſtriger Sieg die Lage der Dinge ſehr verändet be, alſo auch die Natur der Bedingungen. Die erſt daher, Unterwerfung unter den Kaiſer und Räumung von Warſchau. Da Krukowiecki hierauf erwiderte, daß er ohne Autoriſation des Reichstages darauf nicht eingehen könne, daß er aber dieſelbe erwarte, ſo kam man über⸗ ein, den Waffenſtillſtand bis zwei Uhr Nachmittags zu verlängern, binnen welcher Zeit Krukowiecki ſich dieſe Autoriſation verſchafft haben müſſe. Um zwei Uhr ſollte der Sturm von Neuem beginnen. Hierauf ritten die beiden Polen von Wola zurück und waren Augenzeugen, wie die Ruſſen, was die polniſchen Batterien ſehr gut hätten verhindern können, Stolle, Schriften. Supplem. III. 9 130 ihre Truppen anders aufgeſtellt, die Kanonen zuſam⸗ men gezogen, mit denſelben ſich auf einen kleinen Schuß den polniſchen Stellungen genähert hatten und Alles auf die bequemſte Weiſe zu einem Angriff ordneten. Das Schickſal Polen's wollte, daß Krukowiecki auf einer andern Seite nach dem Palaſte zurückkehrte. Auf dem frühern Wege lauerte ſein der Tod. Die insgeheim verſchwornen Patrioten, auf das Aeußerſte erſchreckt und erbittert, daß ſich Krukowiecki in das ruſſiſche Lager begeben, hatten ihm einen Hinterhalt gelegt. Ehe noch der Präſident nach Warſchau zurückge⸗ kommen war, hatte der Miniſter Bonaventura Niemo⸗ jowski, im Vorgefühl der kommenden Ereigniſſe, die Krukowiecki vorbereitete, ſeine Entlaſſung genommen, um den ſchmachvollen Handlungen ſich nicht beizuge⸗ ſellen. Seinem Beiſpiele folgten der Miniſter des Aeußern, der wackere Theodor Morawski, der Cultus⸗ und der Kriegsminiſter. Um zehn Uhr wurden di eröffneten ihre Sitzun genſtande in Anweſe Krukowiecki, nick end, wie er die Erlaub⸗ niß zur definitiven Ab hung eines Vertrags erhal⸗ ten ſoll, kommt auf den Einfall, den General Prond⸗ zynski als Commiſſär der Regierung in den Reichs⸗ tag zu ſchicken, damit dieſer durch ein ſchreckliches Gemälde der Lage der Hauptſtadt den Reichstag ein⸗ ſchüchtere, und dieſer ſich um ſo eher beſtimmen laſſe, nachzugeben, wenn er einen Kriegsverſtändigen, früher wegen ſeines Patriotismus und ſeiner Kenntniſſe ſo geachteten Officier, die vorgeblichen Gefahren bekräf⸗ tigen höre. Kammern berufen. Sie einem gewöhnlichen Ge⸗ er Zuhörer. 131 Prondzynski, in ſeiner Verzweiflung und Ent⸗ muthigung ſelbſt überzeugt, daß er ſeinem Vaterlande den größten Dienſt erzeige, wenn er den Reichstag zur Nachgiebigkeit bewege; zugleich von Liebe für eine junge Gattin beſeelt, die er mit Entſetzen der mögli⸗ chen Gefahr einer Mißhandlung von Seiten des ein⸗ dringenden Feindes Preis gegeben ſich vorſtellt, hält jedes Mittel für recht, um zu dieſem Zwecke zu ge⸗ langen, und dieſe Schwäche läßt ihn ſeinen bisher ta⸗ delsfreien Ruf durch Lügen beflecken, die ihm die nur zu harte Strafe zuziehen, ſich in den Verdacht eines Vaterlands⸗Verräthers geſetzt zu haben, und von dem Feinde erkauft worden zu ſein. Er erſcheint in dem Reichstage und bittet um eine geheime Sitzung und um Gehör. Nachdem ihm beides bewilligt worden, beginnt er ſeinen Antrag einzuleiten, indem er eine entſetzliche Schilderung der drohenden Gefahren vorausſchickt. Sein Geſicht, ſonſt blaß, röthet ſich von ungewohntem Feuer; ſeine Mittheilung erhebt ſich bis zur poetiſchen Beredt⸗ ſamkeit. Er erzählt, wie er von Paskewitſch ſelbſt im ruſſiſchen Lager umher geführt worden; er habe ein gutes Auge und in der erſten Linie über zwanzig⸗ tauſend Mann erkannt, vor deren Reihen die Frei⸗ willigen mit Faſchinen und Sturmwerkzeugen geſtan⸗ den hätten. Dieſe, habe ihm Paskewitſch geſagt, ſeien doch hinreichend, die Gräben auszufüllen und nun ſtünden ſechszigtauſend Andere bereit, um über ihre Leiber hinweg die Mauern zu erklimmen. Man habe ihm die Munitionskammern geöffnet und er ſie ſämmt⸗ lich gefüllt gefunden. Dagegen beſäßen die Polen nur noch vierzehntau⸗ ſend kampffähige Truppen. Binnen einer Stunde wäre Warſchau genommen. Dann aber würde der wüthende, 9* 132 blutdürſtige Soldat hereinbrechen, würde ſengen und brennen, wie zur Zeit Suwarow's, morden, Frauen und Töchter entehren und die alte polniſche Hauptſtadt, die man doch als den Feuerheerd des polniſchen Pa⸗ triotismus, als den Mittelpunkt der polniſchen Natio⸗ nalität, Cultur, Literatur und Wiſſenſchaft erhalten müſſe, vernichten. Der Ruſſe böte den Wiener Vertrag, er garantire den Zuſtand vor der Revolution; er mache Hoffnung auf den Kreis von Bialyſtock; verſpräche volle Amneſtie für alle die im Königreiche gegen den Kaiſer Nicolaus Aufgeſtandenen, Gnade für die Ruſſiſch-Polen, Frei⸗ heit der Preſſe, Räumung des Landes von ruſſiſchen Truppen! Er wiſſe nun wohl, daß dem Reichstage ſeine Würde verböte, ſelbſt einen Vertrag abzuſchließen; aber es gäbe ein Mittel. Krukowiecki wolle in Hingebung für ſein Vaterland dieß ſchmerzliche Geſchäft allein auf ſich nehmen. Der Reichstag ſolle ſich nur vertagen und den Präſidenten im Allgemeinen autoriſiren, einen Vertrag abzuſchließen. So ward Prondzynski durch ſeine Phantaſie be⸗ trogen und er wieder Betrüger des Reichstages. Es war leicht möglich, daß der Reichstag, wel⸗ cher ſo manches ſchwache und ältliche Mitglied in ſei⸗ ner Mitte zählte, durch die Worte des Generalquar⸗ tiermeiſters, der als erfahrner Officier galt, einge⸗ ſchüchtert wurde. Ein Landbote, dieß befürchtend, erhob ſich ſofort und ſchlug vor, daß man ſich vertagen ſolle, jedoch unter der Bedingung, ſich augenblicklich wieder zu ver⸗ ſammeln, ſobald ein unwürdiger Vertrag geſchloſſen ſei und dieſem die Beſtätigung verweigern. Ein anderer Landbote tritt auf. 133 „Die Gefahr,“ ruft er,„von welcher General Prondzynski erzählt, iſt offenbar übertrieben. So eben habe ich den General Bem geſprochen, welcher mir verſicherte, daß dem Präſidenten Krukowieckt nicht zu glauben ſei. Er will mit ſeiner Ehre ver⸗ bürgen, daß ſich die Stadt noch gute vierundzwanzig Stunden halten könne. Die Ruſſen könnten unmög⸗ lich noch einmal ſo viel feuern wie am geſtrigen Tage. Sie hätten beinahe eben ſo viel Munition verbraucht, als Napoleon auf ſeinem ganzen Zuge nach Moskau mitgenommen. Bis dahin müſſe Romarino ein⸗ trefien. „Ich bin daher dafür,“ ſchloß der Sprecher,„daß man dem Manifeſte getreu bleibt; denn an den Ver⸗ pflichtungen des Wiener Congreſſes müſſen die Ruſſen ja doch halten, wollen ſie nicht mit den übrigen Mäch⸗ ten in Krieg gerathen.“ Prondzynski will abermals das Wort ergreifen; da erhebt ſich Bonaventura Niemojowski. „Ich trage darauf an,“ ruft er,„dem General Prondzynski das Wort zu verbieten, denn er hat kein Recht dazu.“ Hierauf beſchwört er die Reichstagsmitglieder, daß man aushalten ſolle. Der Schrecken fängt an von der Verſammlung zu weichen. Man faßt wieder Ver⸗ trauen und Muth. Während dieſer Verhandlungen iſt es Nachmittags Ein Uhr geworden. Da zieht Prondzynski ſeine Uhr. „Meine Herren,“ ſind die Worte dieſes unheil⸗ vollen Genius von Polen,„kommen Sie zu einem Ent⸗ ſchluſſe. Sie haben nur noch einige Minuten. In Kurzem beginnt der Donner der Kanonen und binnen einer Stunde ſtürmen die Ruſſen die Hauptſtadt.“ Trotz dieſen Worten behalten die muthigen Mit⸗ 134 glieder des Reichstages die Oberhand. Wieder iſt es der würdige Anton Oſtrowski, der die Kammer auffordert, die Sturmglocke läuten zu laſſen, die Bevölkerung zu den Waffen zu rufen, ſich an die Spitze zu ſtellen, dem Feinde entgegenzurücken und ihm mit den Waffen in der Hand ſeine Anträge zu beantworten. Der Senator Franz Nakwaski ſchließt ſich der hochherzigen Aufforderung an. Er ſchlägt vor, der Biſchof ſolle mit dem heiligen Kreuze voran gehen und die Schaaren in Kampf und Tod führen. Da iſt es wieder Polens ſchwarzes Geſchick, die Uneinigkeit, welche jene edeln Anträge nicht zur Aus⸗ führung kommen läßt. Einigen fehlt es an kriegeri⸗ ſchem Muth; Andere fürchten das bewaffnete Volk; wieder Andere hegen die Hoffnung, Krukowiecki werde noch ein Auskunftsmittel erſinnen, die Sache bis zur Ankunft Romarino's hinzuhalten. Es ſchlägt die zweite Stunde des Nachmittags, und kaum iſt der letzte Schlag hinausgeklungen zu dem Lager des Feindes, als zweihundert Kanonen zu don⸗ nern begannen. Die Polen antworten mit einem nicht minder ſchrecklichen Feuer. Es iſt ein Getös, ein Kampf, als halte der Gott der Heerſchaaren ſelbſt Ge⸗ richt über die ſündenvolle Welt. Es iſt das Sterbe⸗ röcheln einer ganzen edeln, hochherzigen Nation. Noch immer, trotz des fürchterlichſten Kanonenfeuers, welches die herannahende Sterbeſtunde Polen's ver⸗ kündet, iſt der Reichstag verſammelt. Mehrere Senatoren ſchlagen vor, den Kaiſer von Rußland zum König von Polen zu ernennen, wenn er das ganze Reich in ſeinen alten Grenzen wieder herſtellen wolle. Doch auch hierin kommt es zu kei⸗ nem Beſchluß. Da erhebt ſich der von alter Römer⸗ größe durchdrungene Szaniecki und ruft jene ewig 135 denkwürdigen Worte, welche für alle Zeit in den Annalen des unglücklichen Polens glänzen werden und an die ſchönſten Zeiten eines heldengroßen Alterthums erinnern: „Wohlan, ſo müſſen wir den Ausgang des Stur⸗ mes auf unſern Stühlen erwarten. Wir müſſen den General, der hierher kommt, um den Reichstag zu un⸗ würdigen Streichen zu verleiten, und der doch der Fähigſte iſt das Commando zu führen, auf ſeinen Poſten zurück ſchicken.“ Durch dieſe wenigen Worte erhält der Reichstag ſeine Größe wieder. Man ruft dem Sprecher einſtim⸗ mig Beifall zu. Prondzynski mußte abtreten. Er erhielt den mündlichen Beſcheid, daß die Rechte des Präſidenten durch die Geſetze vorgeſchrieben ſeien und der Reichstags⸗Marſchall ſchlug vor, daß man dem Publikum die Thüren wieder öffnen und ſich ſogleich mit der Verhandlung des Geſetzes über die Eigenthums⸗ verleihung an die Bauern beſchäftige, damit, wenn die Ruſſen ſtürmten, ſie die Vertreter des Volkes noch im letzten Augenblicke mit dem Wohle des Volkes beſchäftigt fänden. Es ſchlug drei Uhr; die ruſſiſche Infanterie be⸗ ginnt ihre Angriffe. Cavallerie folgt; aber überall, wo der tapfere Uminski befehligt, wird der Feind mit großem Verluſte zurückgeworfen. Ven einer gan⸗ zen ruſſiſchen Huſaren-Brigade entkommen nur zwan⸗ zig Mann. Glücklicher waren die Ruſſen bei ihren Angriffen auf der Seite von Wola. Den hier concentrirten zwei⸗ hundert Kanonen konnte die polniſche Artillerie im Felde unmöglich lange widerſtehen. Es fielen die Ka⸗ noniere, es lichteten ſich die Reihen der ſchwachen In⸗ fanterie; und als immer neue feindliche Colonnen her⸗ 136 anſtürmten, befahl Malachowski, der hier in Perſon befehligte, den Rückzug der ganzen Linie. Es ſchlug fünf Uhr. General Toll, dem von dem verwundeten Oberfeldherrn das Commando übergeben worden war, giebt das Zeichen zu dem entſcheidenden Sturm auf das Centrum der zweiten Vertheidigungs⸗ linie. Ehe dieſes ins Werk geſetzt wird, entſendet Kru⸗ kowiecki,— welcher ſich auf den vom Reichstage ſeinem Commiſſär mündlich ertheilten Auftrag ſtützte, daß nach den Geſetzen der Regierungspräſident das Recht habe, Unterhandlungen zu eröffnen,— den General Prondzynski zum zweiten Male ins feindliche Lager, um dem Oberbefehlshaber zu erklären, daß er vom Reichs⸗ tage autorifirt ſei, zu unterhandeln, und daß er um Abſendung eines Parlamentärs bitte, mit dem man Verträge abſchließen könne. Prondzynski ſprengt durch das Feuer beider Linien, die ruſſiſchen Colonnen entlang, und da man abſicht⸗ lich ihm die Augen nicht verband, ſo erſchrak der pol⸗ niſche General vor den zweihundert Kanonen, wie ſie die Oberhand über die polniſche Artillerie gewannen und über die zweihundert andern, die in Reſerve ſtan⸗ den. Man bereitete nämlich ſo eben den Angriff auf den Mittelpunkt der zweiten polniſchen Verſchanzungs⸗ linie vor. Prondzynski ward zum Großfürſten Michael ge⸗ führt. Dieſem erſchien die Verſicherung, daß der Reichstag unterhandeln wolle, ſelbſt unglaublich und er forderte Bürgſchaft für die Wahrheit dieſer Aus⸗ ſage. Der polniſche General gab ſein Ehrenwort. So ward General Berg zum Unterhändler beſtimmt. Prondzynski glaubte wirklich ſeinem Vaterlande einen großen Dienſt zu erweiſen, wenn er von dem 137 Großfürſten das Verſprechen ſich geben ließ, daß vor Beendigung der Unterhandlungen die Ruſſen nicht in die Stadt dringen ſollten. Der kaiſerliche Bruder gab es und konnte es um ſo leichter geben, als die ganze zweite Linie und dann noch die dritte zu erobern war. Verg und Prondzynski ritten zur Stadt zurück. Aber wie groß war die Beſtürzung des Letztern, als Krukowieckt des Reichstages ſchriftliche Autoriſation zum Unterhandeln, die der ruſſiſche General verlangte, nicht vorzeigen konnte. Berg kehrte in's feindliche Lager zurück. Während die feindlichen Kanonen von Neuem ihr Feuer eröffneten und der Sturm gegen die zweite Linie der Verſchanzungen begann, ließ ſich der ver⸗ blendete Prondzynski nochmals von Krukowiecki bereden, noch einmal in den Reichstag zu gehen und die ſchrift⸗ liche Erlaubniß zum Unterhandeln zu verlangen. So wie der General in die Verſammlung trat und ſein Geſuch vorbrachte, erhob ſich Bonaventura Nie⸗ mojowski zum zweiten Male, und trug darauf an, dem Commiſſär Krukowiecki's das Wort zu verbieten; auch der Reichstags⸗Marſchall erklärte,„daß er augenblick⸗ lich den Marſchallſtab niederlegen würde, wenn einem General, der den Reichstag zu entmuthigen ſuche, in dieſem Saale ferner zu ſprechen erlaubt ſei.“ Fürchterlich donnerten die Kanonen. Noch immer ſtritten ſich die Vertreter des polniſchen Volkes, ob die verlangte ſchriftliche Erklärung zu geben ſei oder nicht. Man wünſchte bei der wachſenden Gefahr gern durch Unterhandlungen Zeit zu gewinnen. Endlich machte ein Mitglied des Reichstages den Vorſchlag, dem Krukowiecki das ſchriftlich zu geben, was man ihm mündlich habe erklären laſſen, nämlich daß er als Regierungspräſident zu Unterhandlungen 138 ermächtigt ſei. Dadurch könne er ſich bei dem Feinde ausweiſen, dem Reichstage bleibe immerhin das Recht, ſeine Beſtätigung nachher zu geben oder zu verweigern. Man könne ſich auch, um dem Feinde größeres Ver⸗ trauen einzuflößen, auf einige Zeit vertagen. Prondzynski erhielt daher die Antwort, daß der Reichstag eine ſchriftliche Erklärung geben werde. Sie ward ſogleich abgefaßt und lautete alſo: Der Präſident des Senates und der Mar⸗ ſchall der Landbotenkammer: „Auf die Anfrage des Präſidenten der Nationalre⸗ gierung, wie der Artikel IV. der Reichstagsbeſtimmung vom ſiebzehnten Auguſt dieſes Jahres zu verſtehen, ha⸗ ben wir die Ehre zu erklären, daß der Präſident der Nationalregierung, dem Geiſte der frühern Geſetze in Verbindung mit der ſo eben gedachten Beſtimmung ge⸗ mäß, das Recht hat, in Unterhandlungen, welche die Beendigung des Kriegs bezwecken, zu treten.“ Nach Ablieferung dieſer Erklärung vertagte ſich der Reichstag bis auf den Abend und gegen vierzig Land⸗ boten eilten in die Verſchanzungen um zu kämpfen. Andere bemühten ſich, einen allgemeinen Volksaufſtand zur Vertheidigung der Hauptſtadt zu Stande zu brin⸗ gen. Dieß wußte aber Krukowiecki durch die ergriffenen polizeilichen Maaßregeln zu verhindern. Dieſer in den Annalen Polen's verfluchte und in der Weltgeſchichte gebrandmarkte Verräther, ſo wie er die ſchriftliche Erklärung des Reichstages erhalten, und recht gut daraus erſah, daß man nur eine Liſt, den Feind hinzuhalten, in ſeine Hände gelegt hatte, ſchrieb ſogleich einen entehrenden Unterwerfungsbrief an den Kaiſer von Rußland, worin er ſein Volk dem Erbfeinde ohne alle Bedingung überlieferte; und ſchickte ihn 139 Abends ſechs Uhr an den Marſchall Paskewitſch in's ruſſiſche Lager. Während dieſe große Verrätherei in's Werk ge⸗ ſetzt wird, tobt ein unermeßlicher Kampf auf der gan⸗ zen zweiten Linie. Das Kanonenfeuer überſteigt alles bis jetzt Gehörte. Das Gemetzel iſt entſetzlich. Das Blut fließt in Strömen. Polen und Ruſſen erwerben ſich unverwelkliche Lorbeeren. Es iſt Abends zehn Uhr; die Ruſſen ſind bis an die Barriere von Wola vorgedrungen. Gleichwohl hat der heldenmüthige Uminski noch kein Werk ſeiner zwei⸗ ten Linie verloren. Das Glück und der Sieg ſcheint ſich auf die Seite der Polen zu neigen; denn von Wola her iſt der Feind zu weit vorgedrungen, ſo daß plötzlich Uminski mit ſeinem ganzen Corps in den Flanken und im Rücken des ruſſiſchen Centrums ſteht. Der Generaliſſimus Malachowski, welcher dieſe Glücks⸗ ſonne emporſteigen ſieht, um den Schlag für den Feind ſo furchtbar als möglich zu machen, ſendet eiligſt nach der Diviſion Rybinski, welche an der entſcheidenden Bewegung Theil nehmen ſoll. Langt dieſe tapfere Diviſion zeitig genug an, ſo wird die ruſſiſche Armee in den Gräben von Warſchau ihr Grab finden, ſo iſt Po⸗ len gerettet. Es ſind die verhängnißvollſten Augenblicke in dem ganzen Aufſtande; Malachowski harret mit klopfendem Herzen von Minute zu Minute; da ſprengen wuth⸗ ſchäumend und todtenbleich ſeine Adjutanten heran. Der Schurkenſtreich Krukowiecki's iſt gelungen; die Diviſion Rybinski hat Befehl zum Rückzuge erhalten und bereits die Verſchanzungen verlaſſen; die ganze Reſerve⸗Artillerie iſt nach Praga gerückt und wo Ma⸗ lachywski und Uminski hinkommen, finden ſie die Po⸗ 140 ſitionen verlaſſen und die Truppen in rückgängiger Bewegung. Alle Befehle durchkreuzen ſich. Außer ſich ſprengt Malachowski nach der Stadt zurück. Es iſt zehn Uhr Abends; der Reichstag wie⸗ der verſammelt. Von allen Orten laufen offene Be⸗ ſchwerden über Krukowiecki's Verrätherei ein. Eine allgemeine Entrüſtung bemächtigt ſich der Reichstags⸗ verſammlung. Sogleich wird einhellig die Abſetzung des Regierungspräſidenten beſchloſſen. Als Krukowieckt ſeine Dimiſſion erhielt, bemäch⸗ tigte ſich ſeiner die raſendſte Wuth. Er ſah jetzt mit Entſetzen, daß er ſich um alle Früchte ſeiner Verräthe⸗ reien gebracht und daß alle ſeine Pläne an dem Pa⸗ triotismus des Reichstages geſcheitert waren. In der erſten Aufwallung ſeines Zornes rief er, „man ſolle jetzt dem Großfürſten ſagen, daß er die Stadt beſchieße!“ Hierauf weigerte er ſich, die Di⸗ miſſion anzunehmen, ließ durch einen General die Gitter des Hofthores ſchließen, mit Truppen beſetzen und ging eine Zeitlang mit dem Gedanken um, ob er nicht den ganzen Reichstag gefangen nehmen und den Ruſſen ausliefern ſollte; denn er fürchtete jetzt die Rache des feindlichen Generals, nachdem die Verrätherei mißglückt war. Gleichwohl hatte er nicht den Muth, ſich perſön⸗ lich an den Vertretern des polniſchen Volkes zu ver⸗ greifen; auch glaubte er und mit Recht, daß kein pol⸗ niſches Militär gegen den eignen Reichstag marſchiren werde. Sonach hielt er für's Beſte, ſich heimlich, wie ein Dieb in der Nacht, davon zu machen und ver⸗ ließ Warſchau, nachdem er ſeinem eignen Vaterlande meuchlings den Dolch in's Herz geſtoßen hatte. Da Truppen und Artillerie, auf Befehl des ent⸗ wichenen Verräthers, ſich großentheils in Praga befan⸗ 141 den und zwar in ziemlicher Unordnung, ſo war jetzt keine Möglichkeit mehr vorhanden, die Hauptſtadt zu vertheidigen Malachowski erhielt daher den Befehl, die Armee gänzlich nach Praga hinüber zu führen, wo der neue Regierungs⸗Präſident ſogleich bemüht war, die wichtigſten Papiere und Effecten der Regierung einzupacken. Seinem Eifer verdankt die Nation die Errettung ſämmtlicher Reichstagsprotokolle aus dieſer merkwürdigen Epoche ihrer Geſchichte. Mit Thränen in den Augen räumte Uminski Nachts eilf Uhr ſeine Stellung, von welcher er kein einziges Werk an den Feind verloren hatte. Ihm folg⸗ ten nach und nach alle übrigen Truppen. So endete der zweite Tag des Sturms und noch kein Haus von Warſchau war verloren und die letzte Linie von Vertheidigungswerken völlig unverſehrt, während das Romarino'ſche Corps in Eilmärſchen ſich näherte und deſſen erſte Colonnen ſtündlich in Praga eintreffen konnten. Der Verluſt der Ruſſen war an dieſem Tage un⸗ geheuer geweſen. Sie zählten allein zwölf todte und verwundete Generale und fünfhundert todte und ver⸗ wundete Officiere. Von dem Tauſend Freiwilligen waren nur noch Vierunddreißig am Leben. Mit den Verluſten des vorigen Sturmtages mochte ſich die Zahl der Kampfunfähigen auf dreißigtauſend belaufen. Und dennoch mußte die Hauptſtadt übergeben werden. Die Mitternachtsſtunde ſchlug ſo eben auf den Thürmen der unglücklichen Stadt, als General Berg mit Prondzynski aus dem ruſſiſchen Lager kommend, im Gebäude der Regierung anlangte. Der Großfürſt hatte dem polniſchen General bei ſeinem letzten Er⸗ ſcheinen große Schwierigkeiten gemacht, da ſeinem zu⸗ letzt gegebenen Ehrenworte ungeachtet die Ausſagen von 142 der Erlaubniß des Reichstages ſich als falſch ausgewie⸗ ſen, und Prondzynski hatte diesmal ſeine Perſon zur Verfügung des Groffürſten ſtellen müſſen, falls der Parlamentär in Warſchau die Sachen nicht mehr ſo finden ſollte, als man ſie verheißen. Wie groß war daher das Erſtaunen des ruſſiſchen Generals, als er im Regierungspalaſt den General Krukowiecki nicht mehr vorfand und ihm Bonaventura Niemojowski als Präſident der Regierung vorgeſtellt wurde. Berg hatte aber bloß die Vollmacht, mit dem General Krukowiecki oder mit einer, von dieſem bevoll— mächtigten Perſon einen Vertrag abzuſchließen, welchem zu Folge die polniſche Armee Warſchau und den Brückenkopf von Praga räumen und den Woiwodſchaft⸗ Platz beſetzen ſollte, um von dort mit Petersburg über die weitern Beſtimmungen zu unterhandeln. Die Ge⸗ fangenen ſollten gegenſeitig ausgetauſcht und den Polen eine Zeit vergönnt werden, binnen welcher ſie ihre Ef⸗ fecten aus der Hauptſtadt bringen könnten. Der ruſſiſche General beharrte darauf, daß er nur mit dem General Krukowiecki unterhandeln könne, oder daß, falls dieſer nicht aufzufinden ſei, der Reichstags⸗ marſchall die Erlaubniß zu Unterhandlungen im Namen des Reichstags unterzeichnen ſolle. Der edle Wladislaus Oſtrowski erwiderte ihm hierauf hochherzig, daß zu einer ſo gemeinen Feigheit hunderttauſend Bayonette ihn nicht zwingen würden. Es entſpann ſich ein langes Geſpräch, an dem auch Dembinski und eine plötzlich wieder zum Vorſchein gekommene Kreatur Krukowiecki's, der General Lewinski, Theil nahmen. Letzterer erklärte rund heraus, man müſſe endlich einmal der Revolutionsfarge ein Ende machen. Trotz dem heftigen Widerſtreben von Seiten 143 Dembinski's blieb doch nichts übrig, als den Ver⸗ räther Krukowiecki herbeizuſchaffen, um ihm den Ab⸗ ſchluß einer militäriſchen Convention in Betreff der Uebergabe Warſchaus zu überlaſſen, da der ruſſiſche General nur mit ihm zu unterhandeln den Auftrag zu haben vorgab. Lewinski eilte ſeinem ehrloſen Chef nach und traf ihn drei Stunden von Warſchau auf dem Wege nach Modlin. Krukowiecki ließ ſich ſogleich bereden, zurück⸗ zukehren, in der Hoffnung, daß ſich jetzt der Reichstag eher werde bewegen laſſen, die Unterwerfung Polens auf Gnade und Ungnade zu unterzeichnen und er ſo noch die Früchte ſeiner Verrätherei ernten werde. Allein er hatte ſich auch diesmal getäuſcht; unerſchütter⸗ lich blieb der Reichstagsmarſchall. Bereits graute der Morgen des achten Septembers. Da drohte der ruſſiſche General, des Debattirens über⸗ drüſſig, augenblicklich den Sturm wieder beginnen zu laſſen. So kam man endlich überein, nachdem ſich Krukowiecki weigerte, einen andern Vertrag, als den, der die unbedingte Unterwerfung Polens zum Zweck habe, einzugehen, daß der polniſche Oberfeldherr Ma⸗ lachowski ermächtigt werde, den militäriſchen Vertrag über die Räumung Warſchaus im Namen der Ar⸗ mee zu unterzeichnen. Hierauf verließen der Reichstagsmarſchall, der Prä⸗ ſident der Nationalregierung und ein großer Theil der Reichstagsmitglieder die Hauptſtadt und begaben ſich nach Praga. Hier hatte vor der Brücke General Bem ſeine vierzig Kanonen aufgeſtellt. Um acht Uhr des Morgens hielten die polniſchen Generale einen Kriegsrath, ob man Warſchau und Praga übergeben und wohin man marſchiren ſolle, ob 144 zu Romarino oder nach Modlin. Man erkannte bald, daß Erſteres nicht zu verweigern ſei, wolle man die Hauptſtadt vor dem Untergange bewahren. In Be⸗ treff der zweiten Frage entſchloß man ſich nach Mod⸗ lin vorzurücken, um die Ruſſen glauben zu machen, daß die polniſche Armee, dem Manifeſte des Kaiſers gemäß, nach Plock gehen wolle, um ſich daſelbſt zu unterwerfen. Der General Dembinski entwarf hierauf die Ueber⸗ gebungsacte, in Folge deren die Polen achtundvierzig Stunden Zeit haben ſollten, alle Militäreffecten aus der Hauptſtadt zu räumen und daß Jedem, welcher der Ar⸗ mee folgen wolle, dies erlaubt ſei. Mittags halb zwölf Uhr erfolgte die Uebergabe von Warſchau. In der Unterredung, welche bei dieſer Ge⸗ legenheit zwiſchen Malachowski und den ruſſiſchen Ge⸗ neralen Berg und Reidhardt vorfiel, ſchlug man dem polniſchen Oberbefehlshaber definitive Friedensbedingun⸗ gen vor. Malachowski erwiderte hierauf, daß er dazu nicht ermächtigt, daß aber der Unterwerfungsbrief des Gene⸗ rals Krukowiecki an den Kaiſer Nicolaus mit der Ehre der polniſchen Nation unverträglich ſei. So kam man überein, daß Malachowski den folgenden Tag die Bedingungen, welche die Ruſſen machen würden, mit⸗ getheilt erhalten und dieſelben der Nationalregierung vorlegen ſolle. Der polniſche Oberfeldherr richtete zugleich ein Schreiben an den Marſchall Poskewitſch, worin er darauf antrug, daß General Romarino an ſeinem Marſche nach Modlin nicht verhindert werde. Nachdem ein General zurück gelaſſen worden war, die Militäreffecten in Empfang zu nehmen, räumte die 145 polniſche Armee Mittags zwölf Uhr am achten Septem⸗ ber 1831 Praga und wandte ſich, gefolgt von einer Menge Civilperſonen, der Regierung, des Reichstages, den Redacteuren der Journale und Mitgliedern der patriotiſchen Geſellſchaft, unter ihnen Joachim Lelewel, die Seele der ganzen großen Inſurrection, gen Jablonna. Prondzynski ſtellte ſich als Gefangener den ruſ⸗ ſiſchen Befehlshabern. Der Verräther Krukowiecki, dem ſeine Verrätherei die bitterſten Früchte getragen hatte, beſaß die Frechheit, der polniſchen Armee folgen zu wollen. Vor Praga ankommend, erhielt er aber vom General Uminski die Weiſung, daß man ſofort auf ihn ſchießen werde, wenn er ſich auf dem rechten Weichſelufer blicken laſſe. So ritt er geſenkten Hauptes nach Warſchau zurück. Wie ein ſchwerer Donner rollte die Kunde von der Erſtürmung Warſchaus durch Europa. Jedermann ahnete, daß der für die Freiheit Polens tödtliche Schlag gefallen ſei. Und ſo war es. Aber nicht für Polen allein, für den ganzen Weſten war der Fall Warſchaus von den verhängnißvollſten Folgen, und er iſt daher als ein Hauptabſchnitt der neueſten Weltgeſchichte zu betrachten. Reuntes Rapitel. Ungeinlich tobte der Nordſturm in den Kronen der majeſtätiſchen Buchen, welche Borowy, das alterthüm⸗ liche Stammſchloß der Gräfin Stephanie, umſchatteten. Guido, tiefe Melancholie auf dem ſchönen Geſicht, Stolle, Schriften. Supplem. III. 10 146 lehnte ſchweigend am Fenſter und ſchaute nach dem hier und da mit Gras bewachſenen Schloßhof herab, wo ſich der ehrliche Andreas vergeblich abquälte, einem Dutzend litthauiſcher Bauern, welche die einzigen ge⸗ weſen, die den begeiſterten Aufrufen Stephaniens ge⸗ folgt waren, einige militäriſche Dreſſur beizubringen. Der alte Soldat Napoleon's ſchalt und fluchte über alle Maßen bei dieſem Exercitium, und es ging deut⸗ lich hervor, daß es nicht bloßes Ungeſchick der Re⸗ cruten war, welches alle Anſtrengungen des Exercier⸗ meiſters zu nichte machte, ſondern daß den Leuten der gute Wille fehlte. „Arme Stephanie“ ſeufzte Guido,„wie bitter haſt Du Dich in Deinen Landsleuten getäuſcht! Wo iſt bei dieſem Volke nur ein Funken, der daſſelbe für das polniſche Vaterland zu begeiſtern im Stande wäre. Fürwahr, Jwan hat Recht, dieſen Leuten iſt es voll⸗ kommen gleich, ob ein Czar von Rußland oder ein vom Volk gewählter König über Polen gebietet. Ich ſehe jetzt ein, wie die litthauiſchen Aufſtände ſo bald unterdrückt werden konnten, und erkenne die Wahrheit an, daß Polen's Freiheit und Unabhängigkeit nur im Königreiche, und zwar vor den Thoren Warſchau's, er⸗ kämpft werden muß.“ Da that ſich die Thüre auf und eine hohe Ge⸗ ſtalt in litthauiſcher Bauerntracht trat herein. Guido ſchaute ſich verwundert um; aber gleich darauf eilte er mit ausgebreiteten Armen und unter dem freudigen Ausrufe:„Mein Bruder!“ dem eingetretenen Ottokar entgegen. „Gott ſei Dank,“ rief dieſer, den Langgeſuchten herzlich an ſeine Bruſt drückend,„endlich gefunden! Aber,“ fuhr er mit einem Tone ſanften Vorwurfs 147 fort,„es war nicht recht von Dir, mein Bruder, mich durch Dein urplötzliches Verſchwinden ſo der Angſt auszuſetzen. Habe ich Dein Vertrauen ſo wenig ver⸗ dient?“ „Es geſchah aus Liebe zu Dir, mein Ottokar, wenn ich Dir Art und Zweck meiner Reiſe verſchwieg,“ erwiderte Guido;„Du würdeſt mich begleitet haben; auch mußte ich Stephanien geloben, gegen Jedermann zu ſchweigen. Darum iſt es mir ein Räthſel, wie Du mich auffinden konnteſt.“ „Nach dem, was mir der junge Breza mittheilte,“ ſprach Ottokar,„konnte ich Deinen Aufenthalt ver⸗ muthen; und ſiehe, ich habe mich nicht betrogen.“ „Du gute, gute Seele!“ liebkoſete Guido, den ge⸗ treuen Bruder von Neuem in ſeine Arme ſchließend; „aber wo kömmſt Du zunächſt her?“ „Direct von Warſchau,“ war die Antwort. „Nun,“ frug Guido dringend,„wie ſteht es in der Hauptſtadt, was macht die Armee? Ich habe ſeit meiner Abreiſe keine Nachricht.“ Der Gefragte antwortete nicht, wandte ſich abwärts und auf ſeinem Geſicht malte ſich der tiefſte Seelen⸗ ſchmerz. „Um Gotteswillen,“ rief Guido erſchrocken,„was iſt vorgefallen, ich beſchwöre Dich, rede.“ Nach einer unheimlichen Pauſe ſprach Ottokar im dumpfen Tone: „Die Fahnen Rußland's wehen auf den Zinnen Warſchau's!“ Entſetzt taumelte Guido einige Schritte zurück. Er blickte auf ſeinen Bruder; dann ſchüttelte er ungläubig das Haupt und ſprach: 10* 148 „Ottokar, wie kannſt Du ſolchen Scherz mit mir treiben?“ „Ich ſcherze nicht,“ ſprach in vorigem Tone der Bruder.. „Nein, nein!“ ſchrie Guido,„es iſt nicht mög⸗ lich! Warſchau in den Händen der Ruſſen? O, Otto⸗ kar, ich beſchwöre Dich nochmals, treib' keinen ſo fürchterlichen Scherz mit mir!“ „Vor acht Tagen,“ erwiderte Ottokar,„würde ich es auch für Scherz gehalten haben: ſeitdem iſt es zur erſchütternden Wahrheit geworden.“ Guido wankte nach dem naheſtehenden Sopha, auf welches er niederfiel. Er bedeckte ſprachlos ſein Ge⸗ ſicht mit beiden Händen. Ottokar ſetzte ſich theilnahmvoll neben ihn und ſprach Worte des Troſtes. Dieſe wollten aber nicht anſchlagen. Erſt nach geraumer Zeit erholte ſich der zum Tode Erſchrockene in ſo weit, daß er nach den nähern Um⸗ ſtänden der furchtbaren Kataſtrophe ſich erkundigte. Der Bruder erzählte jetzt den ganzen Verlauf des Sturmes; als er aber auf die Verrätherei Krukowiecki's kam, ſprang Guido wie wahnſinnig auf und lief ver⸗ zweiflungsvoll im Zimmer auf und ab. „Noch iſt nicht Alles verloren,“ ſchloß Ottokar ſeinen traurigen Bericht;„die Armee, welche Warſchau verlaſſen, befindet ſich in Jablonna. Gelingt es dem Romarino'ſchen Corps, ſich mit ihr zu vereinigen, ſo haben die Polen noch immer ſo viel Streitkräfte, den Krieg vielleicht ſo lange in die Länge zu ziehen, bis irgend ein Glückswechſel ihre Sache wieder aufrichtet.“ „Nichts, nichts!““ rief Guido, noch immer ver⸗ zweifelnd auf⸗ und abſchreitend;„Warſchau in den Händen der Ruſſen! Alles iſt verloren. Wie demora⸗ 149 liſirend muß dieſes Ereigniß im In⸗ und Auslande wirken!“ „Meine Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Sache,“ geſtand Ottokar zu,„iſt allerdings eben⸗ falls geſchwunden, und um hiervon wahrhaft überzeugt zu werden, muß man das Leben und Treiben der volniſchen Regierungshäupter und der polniſchen Ge⸗ nerale eine Zeitlang mit anſehen. Da iſt weder eine Einigkeit, noch ein Vertrauen. Ein Reichstagsmitglied, ein General mißtraut dem Andern; wenn das ſo fort⸗ geht, werden ſich bald alle Bande des Gehorſams löſen, und Polen geht, wie ich prophezeit habe, an ſeinem alten Erbübel, der Uneinigkeit, zu Grunde.“ „Die Ruſſen in Warſchau,“ fuhr Guido, der den Gedanken noch immer nicht zu faſſen vermochte, fort;„o, daß ich dieſen Tag erleben muß!“ „Mein Bruder,“ ſprach Ottokar ſanft,„Du ſiehſt jetzt, daß es Gottes Wille iſt, wenn der ſchöne Traum von Polens Unabhängigkeit für diesmal nicht in Er⸗ füllung ging. Faſt glaube ich ſelbſt, daß dieſes Volk für diejenige Freiheit, wofür es kämpfte, von einer weiſen Vorſehung noch nicht für geläutert genug er⸗ achtet ward; außerdem würde man wohl nicht ſo viel von Zwietracht und Verrätherei unter ihnen gehört haben. Darum, wie groß und gerecht unſer Schmerz iſt, Verzweiflung ziemt dem Manne nicht. Wir Beide haben mit unſerm Blute für eine Sache gefochten, die des Kampf's des Edelſten werth war; mußten wir unterliegen, ſo war das nicht unſere Schuld. Aber nicht kann ich's billigen, wenn wir ferner an einem Kampfe Theil nehmen, der jetzt, ohne zu einem Re⸗ ſultate zu führen, ein reiner Kampf der Verzweiflung iſt. Wir ſind nach Polen gekommen, um für deſſen Unabhängigkeit zu kämpfen, aber gewiß nicht, um uns 15⁰ muthwilligerweiſe in das Verderben zu ſtürzen. Ich habe Dich daher unnittelbar nach Warſchaus Ueber⸗ gang aufgeſucht; für einen wegkundigen und zuverläſſigen Führer nach Polangen iſt geſorgt. Wir finden dort Päſſe und ſchiffen heim zum theuern Vaterlande. Freund Severin hab' ich über Krakau bereits vorausgeſchickt, um unſere Ankunft auf Lindenthal, wo Du vor der Hand vor allen politiſchen Nachſtellungen vollkommen geſichert biſt, zu melden.“ „Nimmermehr,“ rief Guido, vom Sopha auf⸗ ſpringend,„ſo lange noch ein Fünkchen Hoffnung für Polens Freiheit glimmt, werde ich eine Sache nicht verlaſſen, der mein Leben geweiht iſt. Wie, jetzt, wo die Freiheit im Unglück, wollen wir ſie verlaſſen? ver⸗ läßt ein Freund den andern im Unglück? Bei Gott iſt nichts unmöglich; vielleicht iſt der Fall von Warſchau eine bloße Prüfung; was der Tapferkeit ſeither nicht gelang, gelingt vielleicht der Verzweiflung. Ottokar, einen Freund, den man von Herzen liebt, verläßt man nicht, am Allerwenigſten im Todeskampfe.“ Ottokar ward von den Worten Guido's, die dieſer mit ſchöner Begeiſterung geſprochen, wunderbar er⸗ griffen und erhoben. „Du haſt Recht, mein Bruder,“ rief er, den Ge⸗ liebten wiederholt an ſein Herz drückend,„wir wollen die ſterbende Freiheit nicht verlaſſen in ihrer letzten Stunde; mag es werden, wie es will.“ Guido bemerkte jetzt, daß ihn ſein Bruder nur immer mit dem einen Arme an's Herz drückte. Plötz⸗ lich ſtieß er einen Schreckensruf aus. „Um Gotteswillen, Ottokar,“ rief er,„wo iſt Dein linker Arm?“ „Er liegt bei Wola,“ antwortete der Gefragte, 151 und zog einen Stumpf aus dem ſchlotternden Aermel der grauen Capote. Guido umarmte mit ſchmerzlicher Innigkeit den Bruder. „Mir wäre wohl,“ ſeufzte er,„ich läge ganz dort.“ „Wo iſt Stephanie?“ erkundigte ſich nach einer Pauſe Ottokar, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Sie iſt mit Jwan nach einem benachbarten Gute geritten,“ antwortete Guido,„und muß jeden Augen⸗ blick zurückkehren.“ „Mein Gott,“ fuhr er ſchmerzerfüllt fort,„ſie wird die Nachricht von Warſchaus Falle nicht über⸗ leben. Das patriotiſche Mädchen iſt ſchon außer ſich, daß ſie ſich in ihren litthauiſchen Brüdern ſo getäuſcht findet. Unſere Erpedition iſt gänzlich mißglückt. Da unten im Hofe ſiehſt Du die männliche Bevölkerung der ganzen Umgegend, welche dem Aufrufe der Gräfin gefolgt und ſich zur Vertheidigung des Vaterlandes ge⸗ ſtellt hat. Aber auch bei den Wenigen ſcheint der Eifer und die Kampfesluſt nicht groß zu ſein. Es iſt daher das Beſte, wenn wir ſobald als möglich die pol⸗ niſche Armee wieder zu erreichen ſuchen. Seit Polen kein Warſchau mehr beſitzt, lebt ſeine Freiheit einzig und allein in den Reihen der tapfern Armee.“ Kaum hatte Guido dieſe Worte geſprochen, als Stephanie auf ſchneeweißem Zelter in den Schloßhof ſprengte. Sie ging als ſtattliche Jägerin gekleidet und ihre anmuthvolle Geſtalt ward durch das knappanliegende Reitkoſtüm ſehr gehoben. Die ſchwarzen Locken quollen in reicher Pracht unter dem grünen Baret hervor, worauf ſtolze Reiherfedern ſchwankten. Auf dem reizen⸗ 152 den Antlitz glühte die Hitze des ſchnellen Rittes, das Auge ſtrahlte kampfbegeiſtert. „Auf, Ihr Leute!“ rief das kühne Mädchen den im Hofe verſammelten Reeruten zu,„gedenkt, daß Ihr Polen ſeid, daß es des Vaterlands Freiheit gilt; auf, folgt mir; die Feinde nahen.“ Damit riß ſie die blitzende Klinge aus der Scheide und ſprengte wieder zum Hofthor hinaus. „Halt, richt't Euch!“ commandirte jetzt Andreas, von Kampfluſt beſeelt. Die Recruten ſtanden wie angedonnert „Rechts um; zur Seite das Gewehr,“ fuhr der Veteran fort;„im Sturmſchritt, marſch!“ Kein Mann rührte ſich. „Rechts um,“ wiederholte Andreas im Donner⸗ tone,„ſoll ich Euch Ohren machen, Ihr Himmel⸗ ſacermenter!“ Die Freiheitskämpfer, worunter ſich auch zwei Ju⸗ den befanden, ſahen ſich einander bedenklich an. Keiner ſchien das Commando verſtanden zu haben. Jetzt zog Andreas ein Piſtoh aus dem Gürtel, ſpannte den Hahn und rief: „Zum Letztenmal, Rechts um, oder ſtraf' mich Gott! ich decimire Euch, Lumpengeſindel, ſo lange ich eine Hand rühren kann.“ Dieſe Worte fanden Anklang, die Compagnie ſetzte ſich in Bewegung; aber war es Angſt oder Ungeſchick, Einige machten Rechts, Andere Links um, Andere gar Rechts umkehrt. Andreas, außer ſich vor Zorn, brachte durch ver⸗ ſchiedene Rippenſtöße die Compagnie in Ordnung. Die Colonne ſetzte ſich in Marſch; aber kaum hatten die Vorderſten das Hofthor in Rücken, als die Hinterſten ſchnell abſchwenkten und Miene machten, ſich in dem 153 Gehöfte zu verkriechen. Andreas, der die Deſertion bemerkte, machte kurzen Prozeß und ſchoß einen der Ausreißer ſogleich über den Haufen. Dies wirkte. Die Böswilligen kehrten zu ihrer Pflicht zurück und bald war die Compagnie eine kleine Strecke vor dem Dorfe aufmarſchirt. Stephanie kam jetzt an der Spitze einer Schaar Reiter, worunter ſich mehrere Adelige der Umgegend mit ihrem Forſtperſonale befanden, angeſprengt. Eine ziem⸗ liche Anzahl bewaffneten Landvolks, welches aufzutreiben dem unternehmenden Weibe gelungen war, folgte. Die ganze Anzahl der Inſurgenten konnte ſich auf dritte⸗ halb hundert belaufen. „Wo iſt der Graf von Hohenſtein?“ frug die Gräfin, zu Andreas heranreitend. Doch kaum hatte ſie dies geſprochen, als auch ſchon Guido an Ottokar's Seite vom Schloß daher gejagt kam. „Es iſt das thörigſte Unternehmen von der Welt,“ ſprach Letzterer,„mit dieſer Handvoll Leute gegen einen Feind zu marſchiren, der in hieſiger Umgegend mehrere tauſend Mann regulärer Truppen ſtark iſt.“ „Ich ſehe auch nicht ein,“ erwiderte Guido,„war⸗ um Stephanie die Paar Bauern an das Meſſer liefern will; gleichwohl dürfen wir die Gräfin nicht im Stiche laſſen.“ „Der Feind ſcheint einen Ueberfall des Schloſſes zu beabſichtigen,“ ſprach Stephanie, als Guido bei ihr anlangte;„ich will ihm aber das Erbe meiner Ahnen ſo theuer wie möglich verkaufen. Im ſchlimmſten Falle ſoll er einen Schutthaufen finden.“ Nachdem Guido ſeinen Bruder als einen Kämpfer für Polens Fretheit der Gräfin vorgeſtellt und von dieſer mit einem anmuthigen Kopfnicken bewillkommnet 154 worden war, gab er Stephanien zu bedenken, ob es nicht rathſamer ſei, den Feind hinter den Mauern und Thüren des Schloſſes, als hier in freiem Felde, zu erwarten. „Uns hinter die Mauern zu verſtecken,“ erwiderte Stephanie,„dazu iſt immerhin Zeit, wenn wir hier nicht mehr im freien Felde Stand halten können. Nach den eingezogenen Erkundigungen droht nur das Detachement eines Streifcorps, welches den Krieg auf eigne Hand zu führen ſcheint. Dieſem Raubgeſindel dürfen wir nicht die Ehre anthun, es hinter Bruſt⸗ wehren zu erwarten; ihm muß im freien Felde die Stirn geboten werden. Sieh', da kommt mein Adju⸗ tant vom Walde her. Er wird uns eines Nähern über die Stärke des Feindes berichten.“ Wirklich ſah man auch einen Reiter im ſcharfen Trabe daher reiten. Es war Jwan, welchen Stephanie auf Recognoseirung ausgeſchickt hatte. „Die Ruſſen, welche ſich nahen,“ berichtete der zurückgekehrte Kundſchafter,„ſind keine irregulären Raubzügler, ſondern gehören einem bedeutenden Corps an, das größtentheils aus Linientruppen beſteht und als Reſerve für die Hauptarmee beſtimmt iſt. Sein nächſter Zweck iſt, die verſchiedenen Inſurrectionen Lit⸗ thauens vollends zu dämpfen. Es iſt daher das Beſte, daß wir uns entweder in das Schloß, welches, gut vertheidigt, noch den meiſten Widerſtand leiſten kann, oder in die für reguläre Truppen unzugänglichen Wäl⸗ der Litthauens zurückziehen.“ 4 Stephanie mochte von beiden Vorſchlägen nichts hören und beharrte auf ihrem Entſchluſſe, den Feind im offenen Felde zu empfangen. Plötzlich lief von den äußerſten Vorporſten die Nachricht ein, daß der Feind herannahe und ſich be⸗ 155 reits in einiger Entfernung am Waldesrande blicken laſſe. In demſelben Augenblicke ſielen einige Flinten⸗ ſchüſſe und ruſſiſche Jäger brachen aus dem Gebüſch, welche die äußerſte Vorpoſtenlinie der Inſurgenten mit leichter Mühe zurückwarfen. „Uebernimm den Oberbefehl, Guido,“ ſprach jetzt Stephanie,„Du verſtehſt das Kriegshandwerk beſſer, als ich.“ „Recht gern,“ erwiderte der junge Mann;„aber dann iſt es mein Erſtes, unſere ſchwache Mannſchaft nach dem Schloſſe zurückzuführen. Trügt mich mein Auge nicht, ſeh' ich lange, dunkle Colonnen aus dem Walde hervorkommen.“ Ottokar unterſtützte den Vorſchlag ſeines Bru⸗ ders; Stephanie aber machte beiden ein bitterböſes Geſicht. „Wir ſind ja noch gar nicht angegriffen,“ ſprach ſie, und wollen die Flucht ergreifen. Iſt das ritter⸗ lich? Wer wird ſo ängſtlich darauf bedacht ſein, ſeine Perſon in Sicherheit zu bringen, wenn es die Freiheit des Vaterlandes gilt?“ Vom Walde her tönte jetzt ein langhinrollendes Pelotonfeuer; mehrere der polniſchen Vorpoſten ſtürzten; die Uebrigen ergriffen im geſtreckten Laufe die Flucht und eilten nach ihrem Haupteorps zurück. Immer zahlreichere Colonnen entwickelten ſich dem dunklen Walde. Es unterlag keinem Zweifel, daß ein ſehr beträchtliches Corps regulärer Truppen im An⸗ marſche ſei. Nochmals drangen Guido und Ottokar inſtändig in Stephanien, die noch immer keine Gefahr erblicken wollte, ſchleunigſt nach dem Schloſſe zurückzukehren, als plötzlich in einer Entfernung von ungefähr fünf⸗ 156 hundert Schritten, zur Rechten, die Erde zu donnern begann, eine Colonne ruſſiſcher Dragoner hinter einem Wäldchen von manneshohem Buſchwerk hervorſchwenkte und in Sturmeseile daherraſſelte. Der ruſſiſche Be⸗ fehlshaber hatte ſo geſchickt manövrirt, daß ſeine Reiter ganz unbemerkt genaht waren und jetzt wider alles Erwarten dem Polenhäuflein in die Flanke fielen. Im Nu waren die Schwadronen herangebrauſt und nach kurzem Widerſtande ſtoben die Inſurgenten nach allen Seiten auseinander. Vergebens waren die Be⸗ mühungen Stephaniens und der beiden Brüder Hohen⸗ ſtein, welche überall umherflogen um die Ihrigen zum Standhalten zu ermahnen. Jedermann ſuchte in ſchleu⸗ nigſter Flucht ſein Heil, und ehe die ruſſiſche Infanterie herankam, hatten die Dragoner den vollſtändigſten Sieg davongetragen. Stephanie, welche an Guiod's Seite mit einem Muthe kämpfte, der hoch über ihr Alter und Geſchlecht erhaben ſtand, hatte durch wohlgerichtete Piſtolenſchüſſe bereits mehrere feindliche Reiter vom Pferde geſchoſſen, als ein ruſſiſcher Major gegen ſie anſprengte. „Wirf Deine Waffen weg, Wahnſinnige!“ rief er, „oder Du biſt verloren.“ „Ha!“ antwortete die Gräfin, als ſie ihres Geg⸗ ners anſichtig geworden, und ihr Antlitz flammte vor Zorn und Kampfeshitze.„Du hier? So ward mir die Rache vorbehalten für den Verräther meiner Ahnen und meines Vaterlandes.“ Mit dieſen Worten drückte ſie auf den ruſſiſchen Ofſicier, der Niemand anders als ihr eigener Bruder war, ein Piſtol ab, daß die Splitter ſeines Helmes weit umherſprangen. Kalinski behielt aber ſeine voll⸗ kommene Ruhe und Geiſtesgegenwart. 157 „Nehmet ſie gefangen,“ gebot er mehreren ſeiner Leute,„aber tödtet ſie nicht.“ Einige der Dragoner drangen auf die kühne Po⸗ lin ein. „Wie,“ rief dieſe mit erhobener Stimme, als ſie ſah, daß hier keine Rettung mehr möglich ſei, „ich die Gefangene Rußlands? Eher die Braut des Todes!“ Mit dieſen Worten drückte ſie mit feſter Hand einen blitzenden Dolch in das hochklopfende Herz. Ro⸗ ſenrothes Blut entſtrömte der Todeswunde; Leichen⸗ bläſſe überzog das holdſelige Antlitz⸗ „Rächet mich, Ihr Brüder von Warſchau„ ſprach leiſe das Heldenmädchen, und ſank wie eine geknickte Lilie zuſammen. Guido kämpfte wie ein Verzweifelter gegen die Uebermacht; als ihn der wohl geführte Schwertſchlag eines Dragoners gleichfalls vom Pferde ſtürzte. Einer der Reiter ſtieg ab, dem Verwundeten vollends den Reſt zu geben, ward aber von Kalinski, der Guido erkannt hatte, zurückgehalten. „Du biſt gerächt, ſeliger Freund,“ ſprach er für ſich;„aber der Tod wäre für Deinen Mörder eine zu gelinde Strafe; für dieſen Böſewicht wird ſich ein Plätzchen in den Bergwerken finden, wo er die Sonne nicht wieder ſehen ſoll.“ Damit winkte er einigen Dragonern, den Verwun⸗ deten nach dem Schloſſe, das von den Ruſſen bereits genommen worden, in Verwahrſam zu bringen und ihn auf das Sorgfältigſte zu bewachen. Hierauf trat der ruſſiſche Major zu Stephanien, die entſeelt an Boden lag. Der ſchnelle Tod hatte die reizenden Züge nicht verlöſchen können. Das bleiche 158 Antlitz des Mädchens war noch immer von unnenn⸗ barer, rührender Schönheit. „Verblendete Schweſter,“ ſprach leiſe Kalinski, und eine Thräne trat ihm unbemerkt ins Auge;„Dir war eine ſchönere Zukunft vorbehalten. Du haſt es nicht gewollt.“ Hierauf befahl er, die Leiche im Erbbegräbniſſe des Schloſſes ſtill beizuſetzen. Ein Adjutant trat jetzt heran und frug, was mit den Gefangenen geſchehen ſollte. „Bis auf den Deutſchen,“ gab der Major ruhig zur Antwort,„Alle“— hier machte er mit der Hand eine eigenthümliche Bewegung, und der Adjutant ent⸗ fernte ſich. Bald vernahm man dumpfe Flintenſchüſſe. Einer nach dem andern der Gefangenen brach von ruſſiſchen Kugeln durchbohrt zuſammen. Als der ehrliche Jwan an die Reihe kam, rief er noch ein kräftiges:„Noch iſt Polen nicht verloren!“ in die Lüfte, worauf er gleichfalls niederſank, die heilige Erde des Vaterlandes mit ſeinem Herzblute tränkend. Der Abend begann hereinzubrechen und die Füſſi⸗ lade hatte noch immer kein Ende. Als die ruſſiſchen Schützen ihre Opfer nicht deutlich genug mehr erkennen konnten, wurde einem Jeden der Gefangenen eine La⸗ terne vor die Bruſt geheftet. Im Schloſſe ging's unterdeß laut und fröhlich her; alle Fenſter waren erleuchtet und die einquartirten Dra⸗ goner ließen ſich die Leckerbiſſen der reichen Vorraths⸗ kammer trefflich ſchmecken. 5 An einem der Fenſter, unter welchen in einiger Entfernung die Gefangenen erſchoſſen wurden, ſtand Kalinski und ſchaute finſtern Blickes in den Abend. „Die Thoren,“ ſprach er;„anſtatt die weiſe Re⸗ 159 gierung des gewaltigen Rußlands anzuerkennen, empö⸗ ren ſie ſich im frechen Uebermuthe. Gegen Rebellen kann man aber nicht ſtreng genug verfahren. Was hülfe es, wenn ich dieſes Volk laufen ließ; es würde das Gift des Aufruhrs aller Orten hintragen, und wir kämen nie zur Ordnung.“ Mit dieſen Worten ſchlug der Officier das Fenſter zu und ſuchte, nachdem ihm die nöthigen Rapporte waren abgeſtattet worden, mit ſolchem Gleichmuth die Ruhe, als wäre er von einer friedlichen Jagdpartie heimgekehrt. In dem Gemache, wo Guido, der durch den Schwert⸗ ſchlag des Dragoners und durch den Sturz vom Pferde nur betäubt, nicht aber verwundet worden war, in ſchweren Ketten lag, ſaßen in der andern Ecke zwei Dragoner als Bewachung, und zwiſchen ihnen Andreas, welcher ſeinen beiden Nachbarn ununterbrochen zutrank und über alle Maßen auf die Polaken und Rebellen ſchimpfte. Dem alten Veteran war es mit Hülfe ſeiner Kennt⸗ niß der ruſſiſchen Sprache und ruſſiſchen Gebräuche ge⸗ lungen, ſich für einen Tabakshändler aus Malojaros⸗ lawitz auszugeben, welcher von den polniſchen Inſur⸗ genten gefangen, unmenſchlich gemißhandelt und heute durch die Ankunft der tapfern Landsleute gerettet wor⸗ den war. Auf dieſe Art war er der Gefangenſchaft und dem Tode glücklich entronnen. „Beiß das Häschen,“ fuhr er in ruſſiſcher Sprache fort,„dieſes nichtswürdige Lumpenpack; wie haben ſie mich tractirt und übel behandelt; ich ſag' Dir, Toby, Prügel hat's geregnet, Du kannſt Dir ſchwer einen Begriff machen. Sollte in ihr hochverrätheriſches: „Noch iſt Polen nicht verloren!“ einſtimmen; proſit, eine ſchöne Zumuthung für einen gebornen Moskowiter; 160 blieb ſtumm wie ein Fiſch. Da ſetzt' es Püffe, ich ſage Dir, Alex, verteufelte Püffe, fühl' mal her die Beule. Aber jetzt wird ihnen das Brot gebacken. Puff, da lag wieder Einer. Stoß an, Toby, mög' es allen Feinden des Kaiſers ſo ergehen.“ „Ja wohl, Tod der ganzen Geſchichte— Alle mit einander,“ brummte der eine Dragoner, welchem An⸗ dreas bereits in dem Grade zugetrunken hatte, daß ihm der Kopf fortwährend auf die Bruſt ſank. „Ich ſag' Dir, Alex,“ wandte ſich der verſchmitzte Andreas wieder zu dem andern Dragoner, dem der Kopf ebenfalls ſchon ſchwer war;„Du biſt ein braver Soldat, ein wackerer Unterthan des Kaiſers, aber nimm mir's nicht übel, vertragen kannſt Du Nichts, ſchäme Dich, ein Schoppen wirft Dich um.“ „Ich, nichts vertragen?“ antwortete Alex, mit etwas ſchwerer Zunge,„ elender Tabakshändler von Mala— la— la— la— nichts vertragen,'s iſt ſpaß⸗ haft— Toby, haſt Du gehört— nichts vertra⸗ gen“ „Was hilft Dein Reden,“ fuhr der verkappte Pole fort,„ich behalte Recht; Du biſt nicht mehr im Stande, dieſes volle Glas, das ich ſo eben wieder vollgeſchenkt, auf einen Zug zu leeren; ſieh'mal, wie lieblich das blinkt— herrlicher Sect.“ „Gib— mal— her, Läſterzunge, Du,“ antwortete Alex; raffte ſeine ganze Kraft zuſammen und ſtürzte den Becher mit Einem Zuge hinunter. „Nu“— frug er gedehnt mit gläſernen Augen— „haſt P Geredet, wollte er ſagen; aber da ſank der edle Ritter unter den Tiſch. Toby ſchnarchte wie ein Nilpferd, und Andreas ſprach leiſe zu Guido, welchen 161 er ſchon früher durch einige Worte mit ſeiner Liſt ver⸗ traut gemacht hatte: „Nun ein Paar Augenblicke Geduld, lieber Herr, und wir haben von beiden Biedermännern nichts mehr zu fürchten.“ Er beobachtete die beiden Betrunkenen und als er ſich überzeugt hatte, daß ſie einen wahren Todtenſchlaf ſchnarchten, ſchlich er leiſe zu Guido, deſſen Feſſeln er löſte. „Ottokar,“ ſprach er,„hat ſich mit einigen Ge⸗ treuen gleichfalls gerettet und wird gegen Mitternacht vor dem kleinen Thore erſcheinen. Wirſt Du aber zu Pferde fortkommen, armer Herr?“ „Warum nicht,“ erwiderte Guido,„ich bin nicht verwundet und habe alle meine Kräfte wieder.“ „Iſt auch Stephanie gerettet?“ fuhr er dringend fort. „Sie iſt es,“ ſprach Andreas in beruhigendem Tone. „Gott ſei Dank!“ ſeufzte Guido tief auf,„ich war in furchtbarer Angſt um ſie.“ Auf dem Thurme des Schloſſes ſchlug es drei Vier⸗ tel auf Zwölf. „Wohlan, ſo folget mir,“ ſprach Andreas,„ich habe mich während unſres Aufenthaltes im Schloſſe umgeſehn und bin bekannt wie eine Maus in ihren Löchern. Den zunächſt ſtehenden Poſten hab' ich aus Dankbarkeit, daß ſie mich aus den Händen der Po⸗ laken befreit, gleichfalls Branntwein reichen laſſen. Dieſer wird ſeine Wirkung nicht verfehlt haben, ſo daß wir ungehindert paſſiren können.“ Wirklich erreichte man auch unangehalten das äu⸗ ßerſte Thor. Der hier poſtirte Soldat wollte Lärm machen, ſtürzte aber von der ſichern dolchbewaffneten Stolle, Schriften. Supplem. III. 11 162 Hand des Andreas ſogleich zu Boden So gelangte man glücklich in das Freie. Hier angelangt, ſchlug Andreas in die flache Hand, welches Zeichen in einiger Entfernung erwidert ward. „Sie ſind es,“ ſprach der treue Pole,„nur immer gerade aus;“ und bald lagen ſich die beiden Brüder in den Armen. Ottokar hatte noch einen Begleiter, einen lit⸗ thauiſchen Jagdbeamten, mitgebracht, der ſich aus dem Kampfgewühl mit den Dragonern gleichfalls durch die Schnelligkeit ſeines Pferdes gerettet, und überdies zwei tapfere Renner. Das Vierblatt ſtieg zu Pferde. „Nun überlaßt mir das Weitere,“ ſprach Andreas, indem er ſeinem Rappen die Sporen gab, und kein Ruſſe ſoll uns Etwas anhaben.“ Auf dem Schloſſe ſchlug es Mitternacht; kalt ſtrich der Herbſtwind über die Fläche, als die Geretteten, unter Andreas Anführung, in erſt langſamerm, dann immer ſchärferm Trabe, einem finſtern Walde zueilten. Zehntes Rapitel. E⸗ war am Morgen des Neunten Septembers, als die polniſche Hauptarmee, mit ihr die Nationalregie⸗ rung, der Reichstag und Alle, welche der Armee ge⸗ folgt waren, unter den Mauern von Modlin ankamen. Der in dieſer Feſtung commandirende General empfing 163 die unerwarteten Gäſte, und allen den Ankommenden, denen hier erſt Beſinnung über die plötzliche Wendung der Dinge ward, mußten die letzten Tage wie eif Traum erſcheinen. Nachdem die Truppen in der Umgegend ſich gela⸗ gert, der Reichstag untergebracht, die Regierung ihren Sitz aufgeſchlagen und der Generaliſſimus vom Mar⸗ ſchall Paskewitſch ſchriftlich die Verſicherung erhalten, daß das Corps des General Romarino ungehindert ſich mit der polniſchen Hauptarmee vereinigen könne, begab ſich Malachowski zum Regierungspräſidenten und er⸗ klärte, daß er den Oberbefehl über die volniſchen Trup⸗ pen niederlege; nicht als ob er dem Vaterlande ſeine Dienſte entziehen wolle, ſondern weil er ſei gezwungen geweſen, die Capitulation der Hauptſtadt zu unter⸗ ſchreiben. Ein ſolcher General ſei unwürdig, an der Spitze des polniſchen Nationalheeres zu ſtehen, und die Regierung möge durch ſeine Abſetzung für junge Of⸗ ficiere ein Beiſpiel geben, daß einem polniſchen Heer⸗ führer dergleichen Handlungen nie verziehen werden könnten. Er habe jetzt ſeine Pflicht erfüllt und das Nationalheer auf ſeinem Schmerzensgange aus der von ihm übergebenen Hauptſtadt, in eine ſichere Poſition geführt. Alles war über die großartige Denkungsart und den Edelmuth dieſes ehrwürdigen Veteranen auf das Tiefſte gerührt. Jedermann beſchwor ihn, den Ober⸗ befehl beizubehalten. Aber Malachowski blieb ſtandhaft bei ſeiner Weigerung. Es entſtand demnach die wichtige Frage, wem man die erledigte Oberbefehlshaberſtelle anvertrauen ſollte. Nach langen Debatten hierüber ward endlich in einem Kriegsrathe von ſechsundvierzig Generalen und Com⸗ mandanten der General Ribinski mit achtzehn Stimmen 14½ 164 gewählt. General Bem hatte ſechszehn Stimmen er⸗ halten. Dil Lage der polniſchen Angelegenheiten war jetzt, nachdem man ſich von der erſten Beſtürzung erholt, noch gar nicht verzweifelt. Wenn die Armee mit In⸗ begriff aller Gefangenen und Zurückgebliebenen, in Folge des Sturmes der Hauptſtadt zehntauſend Mann verloren hatte, ſo war ſie, verſtärkt durch die Beſatzun⸗ gen von Warſchau und Praga, doch gegen fünf⸗ undzwanzigtauſend Mann ſtark in Modlin angekommen, hatte ſonach die Beſatzung dieſer Feſtung eingerechnet, über dreißigtauſend Mann mit neunzig Kanonen im Felde zur Verfügung. Aber die größte Hoffnung beruhte auf Romarino's zwanzigtauſend auserleſenen Truppen, welche die Armee auf das Doppelte verſtärken mußte. Außerdem befehligte Rozycki gegen achttauſend Mann im Krakau'ſchen und die Beſatzung in Zamosk war viertauſend Mann ſtark. Zwei Feſtungen im Beſitz, die Flüſſe Narew und Bug beherrſchend und jeden Augenblick im Stande, mit funfzigtauſend Mann und hundertdreißig Kanonen auf das linke Weichſelufer oder nach Litthauen zu gehen, mußten die Polen den Ruſſen noch immer die größte Beſorgniß erwecken. Letztern koſtete der Sturm von Warſchau dreißigtauſend Mann, funfzehntauſend brauchten ſie zur Wahrung der Hauptſtadt. Demnach verfügten ſie im ganzen Königreiche nur etwas über achtzigtauſend Mann und konnten einem Angriff der polniſchen Hauptarmee kaum Fünfundfunfzigtauſend ent⸗ gegenſtellen. Die Ruſſen nahmen unter dieſen Umſtänden zu diplomatiſchen Mitteln ihre Zuflucht, ſuchten die Ver⸗ handlungen mit den polniſchen Feldherren in die Länge 165 zu ziehen, und ſchickten auch wohl Emiſſäre in's pol⸗ niſche Lager, die Officiere zum Anfall zu bewegen; bei mehreren Generalen und Officieren ſchlug das letztere Mittel an; ſie reichten ihren Abſchied ein und kehrten nach Warſchau zurück. Das Hauptbeſtreben des feind⸗ lichen Marſchalls war aber darauf gerichtet, das Ro⸗ marino'ſche Corps von der Hauptarmee abzuſchneiden und, es koſte was es wolle, eine Vereinigung der bei⸗ den Streitmaſſen zu hintertreiben. Am eilften September ward der polniſche Reichs⸗ tag in einem Kapuzinerkloſter eröffnet. Es iſt einer der merkwürdigſten Augenblicke in der Geſchichte Polens, dieſe Eröffnung des Reichstages in dem Kapuzinerkloſter eines kleinen Städtchens, und die zahlreiche Verſammlung der Stellvertreter der Nation, die, ihrem Manifeſte getreu, nach ſo großen Unglücks⸗ fällen dennoch den heiligen Kampf fortſetzte und alle Entbehrungen des Feldlagers und der Armee theilt. Für alle Zeiten wird dieß eine der glorreichſten Erin⸗ nerungen für jeden Polen bleiben. Nachdem der Reichstags⸗Marſchall die Sitzung er⸗ öffnet, trug der Miniſter des Aeußern den Kammern einen Bericht über die Vorgänge ſeit dem vierten Sep⸗ tember, wo der erſte ruſſiſche Parlamentär in der Hauptſtadt erſchienen, vor; worauf einige Proclama⸗ tionen an die Nation und an die Truppen beſchloſſen wurden. Zugleich ward dem Antrag genehmigt, in Plock eine Zeitung unter den Namen Nationalzeitung mit dem Motto:„Noch iſt Polen nicht verloren!“ als Organ der Regierung drucken zu laſſen*). Um Alle zur Ausdauer bis zum letzten Augenblicke aufzumuntern *) Von dieſer Zeitung ſind im Ganzen nur neun Num⸗ mern, vom eilften bis zwanzigſten September erſchienen. 166 und die begonnene Deſertion der Officiere zu verhin⸗ dern, wurde ein Orden für Alle, welche der Armee folgten und bis zum Ende des Kampfes aushielten, unter dem Namen:„Usque ad finem“ geſtiftet. Das Regierungsblatt führte folgende Sprache: „In dieſem Augenblicke ſammeln wir unſre Kräfte, ſuchen den letzten Groſchen hervor, requiriren das letzte Getraide und den letzten Biſſen Fleiſch. Es erbeben ſich von allen Seiten Stimmen;„Zu den Waffen! zur Rache!“ und das altpolniſche Lied, das Loſungs⸗ wort ſeit einem Jahrhundert:„Noch iſt Polen nicht verloren!“ tönt von Neuem überall. Der Reichstag ſpricht über alle Verräther den Fluch aus, ſtärkt ſich in der Treue und beſchließt ermuthigende Proclamatio⸗ nen an die Nation und das Heer. Die Regierung wird dieſem edeln Beiſpiele folgen. So ſtark als jetzt waren wir beim Beginn des Krieges nicht. Wir ver⸗ zweifeln noch nicht an einem glücklichen Ausgange des Kampfes. Wir ſchabten die Mauern unſrer Häuſer, wir ſuchten alte Ruinen auf, die mit ſo viel Blute unſrer Vorfahren beſpritzt wurden, um ein paar Hände voll Salpeter zu Pulver zu erhalten. Wir lernten erſt Schwerter ſchmieden, Kanonen gießen, nahmen aus un⸗ ſern Kirchen das Silber, kämpften mit Senſen gegen den Rieſenfeind, und riſſen ihm den größten Theil der Waffen, die wir beſitzen, aus den Händen. Wir be⸗ waffneten unerwachſene Kinder, ja zarte Frauen. Dieſe Hingebung zu krönen, vernichteten wir unſere Erndte auf dem Halme und traten den Saamen künftigen Wachsthums mit Füßen. Unſonſt flehten wir unter ſolchen Widerwärtigkeiten und Drangſalen das Ausland um Hülfe an. Verlaſſen und uns ſelbſt überlaſſen nahmen wir uns vor, zu vergeſſen, daß es auf Erden eine Gerechtigkeit giebt, daß wir in einem gebildeten Zeitalter leben. Bei den alten Völkern hielt man es für die größte Schmach, wenn ein Bürger an der Er⸗ löſung ſeines Vaterlandes verzweifelte. Dieſes Ver⸗ prechen werden ſich die Polen auch in den trübſten Um⸗ ſtänden nicht zu Schulden kommen laſſen.“ „Polen iſt bereit zu ſterben und den Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit fortzuſetzen. Mag der Ausgang ſein, welcher er will, unbefleckt werden die Polen ihre Ehre davon zu tragen wiſſen.“ Während des hatten die Verhandlungen mit den Ruſſen ihren ungeſtörten Fortgang. Die Letzteren be⸗ willigten bei einer jeden Unterredung beinahe Alles; aber immer blieb noch eine Kleinigkeit, wegen der Marſchall Paskewitſch um Rath gefragt werden mußte. Niemand im polniſchen Lager ſah ein, daß es dem Feinde nur darum zu thun ſei, Zeit zu gewinnen, um die Expedition Romarino's abzuwarten und eine feſt're Poſition gegen die polniſche Hauptarmee zu gewinnen. Rybinski führte die Unterhandlungen mit allem Ernſte. So verging eine geraume Zeit; als plötzlich die Schreckensnachricht einlief, daß das Romarinoſche Corps durch Ungehorſam, Trägheit und Ungeſchicklich⸗ keit ſeines Führers vernichtet worden und ſeine Trümmer nach Gallizien übergetreten ſeien. Hierauf hatten die Ruſſen nur gewartet. Sie warfen die Maske ab und General Berg erklärte dem polniſchen General Mühlberg: „Die einzigen Bedingungen, unter welchen der Marſchall Paskewitſch die Einſtellung der Feindſelig⸗ keiten erlauben wolle, ſeien, wenn der polniſche Ge⸗ neraliſſimus die Erklärung unterzeichne, daß ſich die volniſche Armee ohne jede Bedingung dem Kai⸗ ſer und Könige Nicolaus dem Erſten unterwerfe, daß 168 er binnen vierundzwanzig Stunden die Feſtung Mod⸗ lin überliefere, daß die Generale, Officiere und Sol⸗ daten ſich bereit zeigten, den vorgeſchriebenen Eid an den Kaiſer und ſeinen Thronerben, deſſen Formel weder die Worte Conſtitution noch Vaterland enthiel⸗ ten, zu leiſten.“ Ferner verlangte der Marſchall,„daß ſich die pol⸗ niſche Armee unter ſeine Befehle ſtelle, und bis auf Weiteres die Woiwodſchaft Plock, wo ſie ſich dermalen vefand, nicht verlaſſe.“ Jetzt fiel der Schleier auch dem Kurzſichtigſten von den Augen. Die Erbitterung, welche dieſe Forderungen des feindlichen Generals erregten, überſtieg alle Gren⸗ zen. Es blieb keine Wahl zwiſchen Ehre und Infamie; und faſt ein Jeder, war er durch die jüngſten Unfälle noch ſo niedergebeugt, erhielt den ehemaligen Stolz, das alte Hochgefühl wieder. In einem kleinen Hauſe des Dorfes Szpital Gorny verſammelte Rybinski die volniſchen Generale zu einem Kriegsrathe, um zum Letztenmale über das Schickſal des Vaterlandes zu berathen Es fanden ſich vierzig alte Krieger zuſammen. Mit tiefem Schmerze und voller Reue, dem Feinde zu viel und zu lange Vertrauen geſchenkt zu haben, erbffnete Rybinski die neueſten Bedingungen des feind⸗ lichen Marſchalls. Ohne alle weitere Discuſſion wur⸗ den auf einen Bogen Papier blos die Worte geſchrie⸗ ben: Annehmen oder Verwerfen. Von den anweſenden Generalen ſchrieben ſich vier⸗ unddreißig unter die Rubrik Verwerfen und ſechs ſtimmten für die Annahme. Die größte und reinſte Freude bemächtigte ſich der Verſammlung, als das Reſultat der Abſtimmung be⸗ kannt vurde. Man erkannte mit Stolz und Hochge⸗ 169 fühl, wie viel Ehre und Muth, trotz alles Mißgeſchicks noch in der Armee vorhanden ſei. Auch Rybinski fühlte ſich erhoben und ſchloß den Kriegsrath mit den Worten: „Meine Waffengefährten! Wir haben gethan, was die Ehre verlangt. Nun wollen wir auch durch Nichts uns niederbeugen laſſen und auf Gott vertrauen.“ Am Morgen des folgenden Tages, den neunund⸗ zwanzigſten September, beſchloß Rybinski eine Mu⸗ ſterung des ganzen Heeres zu halten. Gegen ſechs Uhr war die Armee auf einer Ebene rechts vom Dorfe Szpital Gorny aufmarſchirt. Vor jedem Regimente ankommend, berief der Oberfeldherr zuerſt alle Officiere auf hundert Schritte vor die Fronte, und fragte, ob ſie und ihre Soldaten geneigt ſeien, auf das andere Ufer der Weichſel zu gehen, ſich mit Gewalt durch den Feind Bahn zu brechen und ſich mit dem polniſchen Corps im Krakau'ſchen zu vereinigen? Dieſelben Fragen wurden dann den Soldaten wie⸗ derholt. Da ſchwuren einſtimmig Officiere und Ge⸗ meine auf ihre Degen und Gewehre, daß ſie lieber untergehen als ſich den Ruſſen unterwerfen wollten. Ueberall ertönte das Geſchrei:„Es lebe das Vater⸗ land! Es lebe General Rybinski!“ Die größte Be⸗ geiſterung bemächtigte ſich von Neuem dieſer hochher⸗ zigen Armee, die ſo oft in ihrem ſehnſüchtigen Hoffen nach entſcheidendem Kampfe war betrogen worden; und jedesmal von einem electriſchen Funken durchzuckt wurde, ſobald der Kriegsruf ertönte. Bald darauf tönte das Zeichen zum Aufbruch und voller Jubel unter dem Geſange der Nationalhymne marſchirte Alles der Brücke zu, welche nach dem jen⸗ ſeitigen Ufer der Weichſel führte. 170 Aber— wunderbare Vorſehung— gleichſam als wolle das Geſchick die Braven bis an die Grenze ihres Landes verhöhnen, wurden ſie noch einmal und zum Letztenmal in ihren Hoffnungen getäuſcht. Schon hat⸗ ten mehrere Bataillone und Schwadronen die Brücke paſſirt und das jenſeitige Ufer beſetzt; andere waren im Uebergange begriffen— da treffen die von Ry⸗ binski ausgeſandten Kundſchafter mit der Nachricht ein, daß der Feind in ſehr großer Anzahl kaum eine halbe Stunde weit von der Brücke ſtehe und den einzig noch übrig gebliebenen Durchweg beſetzt habe. Es ſei an ein Durchſchlagen nicht mehr zu denken.— Rybinski befahl den Rückmarſch!— Da ergreift Verzweiflung und Muthloſigkeit auch die wackerſten Herzen. Dem plötzlichen Uebergang von der Freude bis zur Trauer unterliegt der Soldat. Nach ſeiner Denkungsweiſe kann er nicht anders glauben, als man habe ihn verkauft und wolle ihn an die Ruſſen ausliefern. Die Officiere haben die größte Mühe, die Ord⸗ nung aufrecht zu erhalten und die Deſertion zu ver⸗ hindern. Häufig iſt es vergebens. Ganze Pelotons zerſchlagen ihre Gewehre und zerſtreuen ſich in die Wälder. Die Armee nimmt ihre Richtung nach der preußi⸗ ſchen Grenze. Der Soldat weiß noch immer nicht, wohin er geführt wird. Den dreißigſten September erreicht man Lipno; den erſten October Skape; am zweiten gelangt man nach Rachow, ungewiß, wohin man ſich wenden ſoll. Da entſcheidet ſich endlich Rybinski, mit der ge⸗ ſammten Armee nach Preußen über zu treten. Um Mitternacht beruft er den letzten Kriegsrath. Die Mehrzahl der verſammelten Officiere erklärte ſich für den vorgeſchlagenen in völkerrechtlicher wie moraliſcher Beziehung ſo bedeutungsvollen Schritt. Der Generaliſſimus der polniſchen Nationalarmee tritt ſofort mit dem preußiſchen Commandanten der zweiten Landwehrbrigade wegen des Uebertritt's in Unterhandlung. Es wird feſtgeſetzt, daß die Waffen, Artillerie, Kriegsgeräthe und Pferde abgegeben, die Officiere und Gemeinen von einander getrennt werden ſollen und von den polniſchen Generalen wird ver⸗ ſprochen, den ihnen vom Könige von Preußen ange⸗ wieſenen Aufenthaltsort nicht zu verlaſſen. Nachdem der Vertrag abgeſchloſſen und der edle Anton Oſtrowski im Namen der Armee, bevor ſie ihr theures, geliebtes Heimathland verlaſſen, ein Manifeſt an alle Könige und Völker erlaſſen: „um noch einmal ihre Rechte feierlich zu verwah⸗ „ren und nochmals zu erklären, daß ſie den ge⸗ „führten Kampf als einen heiligen, gerechten und „unabänderlichen halte und immer halten werde,“ befiehlt Rybinskt am Morgen den fünften October 1831 den Antritt zu dem großen Schmerzensgange. Aber dem kühnen General Dembinski, der, da die Ruſſen das Heer ſtark verfolgen, in Gemeinſchaft mit Anton Oſtrowski darauf dringt, dem Feinde vor dem Uebertritt noch eine Ehrenſchlacht zu liefern, bleibt der Troſt vorbehalten, den Ruſſen noch Einmal ſeine ner⸗ vige Fauſt fühlbar zu machen. Er hat den Befehl über die polniſche Nachhut und weicht ſo langſam zurück, daß die Ruſſen ihn bald er⸗ reichen. Zuerſt erſcheint ein ruſſiſcher Parlamentär, wel⸗ cher im Namen des Marſchalls Paskewitſch ſeine große Verwunderung zu erkennen giebt, daß die pol⸗ 172 niſche Armee die ruſſiſchen Bedingungen nicht ange⸗ nommen habe. Da antwortet ihm Dembinski, umgeben von ſei⸗ nen Officieren: „Sagen Sie Ihrem Marſchall, daß er ſich irrt, wenn er glaubt, es mit aſiatiſchen Horden, von denen er hergekommen, zu thun zu haben. Die Polen haben für ihre Freiheit gekämpft, und war ihnen nicht ver⸗ gönnt, dieſelbe wieder zu erringen, ſo wollen ſie ſich lieber dem Schutze civiliſirter Nationen anvertrauen, als erniedrigende Bedingungen annehmen.“ Sogleich befiehlt Dembinski dem Fürſten Puzyna mit ſeiner Batterie Poſto zu faſſen, und dem Obriſt⸗ leutnant Kaminski, mit dem ſiebenten Uhlanenregiment den Feind anzugreifen. Da donnern noch einmal die polniſchen Kanonen, da brauſen noch einmal die alten kampfergrauten Schwadronen wie eine Wetterwolke gegen den Feind und werfen ibn eine große Strecke zurück, und erſt den wiederholten Befehlen Rybinski's gelingt es, die Kampf⸗ und Rachedürſtenden Soldaten, welche das geliebte Vaterland nicht verlaſſen wollen, ohne gegen den Tod⸗ feind noch einen urkräft'gen Schwertſtreich zu führen, zurückzurufen. Nachmittags, am fünften October, gerade acht Monate nach dem Einmarſch von hundertdreißigtauſend Ruſſen in das Königreich Polen, trat die polniſche Hauptarmee, noch vierundzwanzigtauſend Mann ſtark, die neue Infanterie in leinenen Beinkleidern, ohne Mäntel und zum Theil ohne Schuh, ſtumm und ernſt auf preußiſches Gebiet. So lange die Truppen ihre Waffen in der Hand hatten, trugen ſie den Schmerz als Männer. Da die Preußen ſelbſt von dem Anſchauen des letz⸗ 173 ten Actes der Welttragödie tief ergriffen, die polniſchen, ſtumm daher ſchreitenden Helden mit dem Klange ihrer Nationallieder begrüßten, fühlten dieſe nur die ernſte Beruhigung, daß ſie noch zuletzt die Ehre der Nation gerettet und den ewig unverjährbaren Rechten ihres Vaterlandes nichts vergeben hatten. Aber als die Infanterie, Cavallerie und Artillerie, ihre Gewehre hinſtellen, ihre Schwerter abgürten, von den Pferden ſteigen mußten und das letzte Commandowort an ihr Ohr tönte— da überließen ſie ſich dem lauteſten ver⸗ zweiflungsvollſten Schmerze. Weinend umarmen die Reiter ihre Roſſe, die treuen Gefährten ihrer Märſche, Nachtwachen und Ta⸗ gesgefahren. Viele werfen ſich auf die Erde Schluch⸗ zen, Stöhnen und Aechzen durchſchneidet die Luft und zerreißt das Ohr des Hörers und erweicht das ver⸗ trocknetſte Herz zum Erbarmen, daß das ſo rieſenhaft und ſo glorreiche Begonnene alſo hatte enden müſſen. Ganz' Europa wendete mit Trauer auf dieſe Stelle den Blick. Während die Nachricht von dem Falle War⸗ ſchau's wie ein lauter und erſchütternder Donnerſchlag durch den ganzen Welttheil rollte und die Wogen des Weltmeers ſie brauſend an die Küſten des andern Welt⸗ theils getragen und lautes Schmerzgeſchrei der Freunde, lauter Jubel der Feinde der Freiheit wiederhallte— verſtummte in tiefer Wehmuth hierherblickend Alles, und ſelbſt der eigennützigſte Gegner ehrte ernſt und tief ergriffen den blutenden Schmerz der Trauernden. Der letzte Tagesbefehl des polniſchen Oberfeldherrn, des General Rybinski, aber lautete, wie folgt: „Soldaten! Der entſcheidende Augenblick iſt gekommen. Der Feind hat uns erniedrigende Bedingungen vorgelegt, die der Würde der Natlon zuwider ſind. Es bleibt 174 uns nichts übrig, als unſere Ehre durch Verwerfung derſelben zu retten;— über die Gränze in die Staa⸗ ten Seiner Majeſtät des Königs von Preußen zu geben und dort ein Aſyl zu ſuchen. In unſrer gegenwärti⸗ gen Lage würde ein verlängerter Kampf nur großes Unheil für unſer Vaterland nach ſich ziehen.“ „Wir werden die Waffen niederlegen, welche wir in der geheiligten Sache der Unabhängigkeit und Unver⸗ letzlichkeit unſeres Vaterlandes ergriffen, indem wir ge⸗ gen die Gewaltthätigkeiten und Mißbräuche, deren Opfer wir ſind, proteſtiren, bis Europa, unter deſſen Schutz wir uns ſtellen, ſich entſcheidend über unſer und unſers Landes Schickſal ausſpricht.“ „Wenn dann unſere Bitten nicht gehört werden, wenn uns die Gerechtigkeit verweigert wird, wenn die Fürſten uns verwerfen,— dann wird ein Gott im Himmel uns rächen, und der Stein, welcher das Grab Polens ſchließt, wird die Unabhängigkeit der Nationen begraben, die bei unſern Mißgeſchicken gleichgültig bleiben.“ „Unſer Blut, vergoſſen in zahlreichen Schlachten, die Ausdauer und die Vaterlandsliebe, die wir gegeben, werden ein Gegenſtand der Bewunderung und Nachah⸗ mung für Mit⸗ und Nachwelt ſein“ „Soldaten! laßt uns gehen! Wir wollen Alles opfern, nur unſere Ehre nicht, die keine Macht uns je berauben kann; und wir wollen den Tod mit Ruhe und dem reinen Gewiſſen erwarten, welcher die Ueber⸗ zeugung gewährt, daß wir uns um unſer Vaterland verdient gemacht haben.“ Seit uralten Zeiten geht eine Sage durch das Land Polen, daß es einſt ein Rybinski ſein werde, welcher vor der endlichen glorreichen Auferſtehung des Vaterlandes berufen iſt, die Trümmer der polniſchen Armee auf fremden Boden zu führen. Elftes Rayitel. E⸗ war an einem ſtillen Sommerabende des nächſten Jahres, als auf einem Felſenvorſprunge, der in die Oſtſee hinausragte, zwei junge Männer ſaßen, in An⸗ ſchauung der grünen Waſſerwüſte verſunken. Die Sonne ſtand noch eine Handbreit über dem Waſſer und warf rothe Streifen über die ſtille Fläche. Nirgends, ſo weit der Blick reichte, war ein Eiland zu erblicken, und nur ganz am äußerſten Horizonte zog einſam ein weißes Segel dahin. Nach langer Pauſe ſprach der Eine, träumeriſch vor ſich hinblickend, die ſchönen Worte eines deutſchen Dichters: Am blaſſen Meeresſtrande Sis' ich gedanken⸗bekümmert und einſam. Die Sonne neigt ſich tiefer und wirft Glührothe Strahlen auf das Waſſer. Und die weißen, weiten Wellen, Von der Flutb gedrängt, Schäumen und rauſchen näher und näher— Ein ſeltſam Geräuſch, ein Flüſtern und Pfeifen, Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sauſen, Dazwiſchen ein Wiegenlies„heimliches Singen— Mir iſt, als hör' ich verſcholl'ne Sagen, Uralte, liebliche Märchen, Die ich einſt als Knabe Von Nachbars Kindern vernahm, Wenn wir am Sommerabend 8 Auf den Treppenſteinen der Hausthür, 176 Zu ſtillem Erzählen niederkauerten, Mit kleinen, horchenden Herzen Und neugier⸗klugen Augen;— Während die großen Mädchen Neben duftenden Blumentöpfen Gegenüber am Fenſter ſaßen, Roſengeſichter Lächelnd und mondbeglänzt. Und der Andere, gleichfalls in düſtern Gedanken vor ſich hinſchauend, frug mit den Worten deſſelben Dichters: Wer löſt mir das Räthſel, Das qualvoll uralte Räthſel, Worüber ſie gebrütet ſeit ewigen Zeiten, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter in Turban und ſchwarzem Baret, Perückenhäupter und tauſend Andre, Arme ſchwitzende Menſchenhäupter. Sagt, woher iſt kommen der Menſch, Wohin geht er und wer wohnt droben Auf goldenen Sternen? Der Erſtere antwortete: Es rauſchen die Wellen ihr ew'ges Gemurmel, Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken, Es blicken die Sterne gleichgültig und kalt— Und ein Narr wartet auf Antwort. Wieder trat ein langes Stillſchweigen ein. Endlich frug Severin: „Und war es denn keine Möglichkeit, ihn zurück⸗ zuhalten?“ „Keine,“ erwiderte Ottokar dumpf;„nachdem ſich die deutſchen Regierungen bei dem immermehr über⸗ handnehmenden revolutionären Geiſte zu ſcharfen Coer⸗ civmaßregeln genöthigt ſahen, war ihm die Luft ver⸗ peſtet. Er ſchwur, daß mit Polens Untergange die europäiſche Freiheit auf Jahrhunderte zu Grabe getra⸗ gen ſei. Er verwünſchte die Völker Europas, daß ſie ruhig zugeſehen und dem Brudervolke an der Weichſel 177 feinen Beiſtand geleiſtet, und dreifaches Wehe ſchleu⸗ derte er auf das Land, das, nach ſeiner Meinung, nur von dreißig Millionen Sclaven bewohnt werde. Nach⸗ dem ich ihn mit genauer Noth den Nachſtellungen der deutſchen Polizeibehörden entriſſen, erreichten wir glück⸗ lich Hamburg. Ich ſelbſt miethete einen Platz bei einem ſicheren Schiffsherrn. Der ehrliche Andreas, dem er wiederholt die Errettung ſeines Lebens verdankt, be⸗ gleitet meinen Bruder, und falls das Wetter günſtig, muß er ſich jetzt ſchon auf dem Wege nach ſeiner neuen Heimath befinden.“ „Arme Veronika,“ ſprach Severin nicht ohne innige Wehmuth. Nach einer Pauſe fuhr er ſinnend fort: „Wie ſonderbar iſt das Geſchick; während Guido, das Herz voll Zorn gegen ſein Vaterland, einen Fluch auf der Lippe, die Küſten deſſelben verſchwinden ſieht, ſchlägt in eben dieſem Lande ein Herz für ihn ſo reich, ſo unendlich reich an Liebe, an einer Liebe, wie ſie ihm in der neuen Welt, und wäre dieſe noch ſo groß, nim⸗ mer werden kann.“ Ottokar wandte ſchweigend das Haupt abwärts, und auf das immer dunkler werdende Meer hinausblickend ſpräch er nach einiger Zeit: „Hoffen wir, daß er glücklich landet in der neuen Heimath; bald folge ich ihm.“ „Wie,“ frug Severin erſchrocken,„Du wollteſt uns wieder verlaſſen?“ „Nur um Dich, gute, treue Seele, und um Vero⸗ nika und Rafaele noch einmal zu ſehen,“ antwortete Ottokar,„bin ich nach Lindenthal gekommen; ſonſt würde ich mit Guido gleichfalls der alten Welt Lebewohl ge⸗ ſagt haben.“ „Mein guter Ottokar,“ ſprach bittend Severin, Stolle, Schriften, Supplem. UI. 12 — 178 „Dein Bruder iſt jetzt in Sicherheit; Du haſt, oft mit Aufopferung Deines Lebens, ſo viel für ihn gethan, haſt ihm in zahlloſen Gefahren ſchützend zur Seite ge⸗ ſtanden, daß das Gelübde, welches Du Veronika einſt gethan, vollkommen gelöſt iſt. Denke nun auch einmal an Dich, bleibe vei uns, bedenke, welches ſchöne Leben wir führen können.“ Ottokar ſchüttelte mit dem Kopfe. „Laß mir immer, Freund,“ ſprach er,„den kleinen Schwärmerſinn. Noch immer halte ich mich an mein Verſprechen gebunden, ſehe meine Miſſion noch nicht für beendet an, ſo lange ich meinen Bruder noch nicht im Hafen des Friedens weiß. Noch drohen ihm man⸗ nigfache Gefahren, darum muß ich ihm ſchützend zur Seite ſtehen, muß ſein Engel ſein. Ich fühle mich ſo ſelig in dieſem Berufe, und iſt es nicht ein Amt, daß ſie mir öbertragen, die ich auf Erden am meiſten liebe?“ „Du haſt Recht, Ottokar,“ erwiderte der treue Freund mit tiefer, ernſter Rührung,„es giebt im Leben etwas Himmliſches, das uns zu beſſern, edleren Menſchen macht, und das iſt— die Liebe. Auch mich wirſt Du kaum wieder erkennen, ſeit ſich Gott meiner annahm und mich einen Blick in jenes morgen⸗ rothe Land thun ließ, ſeit ich den Engel Rafaele liebe und die ſelige Ahnung mich begeiſtert, auch von ihr geliebt zu ſein. Wo iſt mein Leichtſinn, meine da⸗ malige Charakterloſigkeit, mein barokes Leben und Trei⸗ ben geblieben? Nicht der Ernſt des Lebens, nicht die Völkerrevolutionen haben mich umgewandelt, weiſer und beſſer gemacht, ſondern allein die Liebe eines engel⸗ haften Weſens, in welcher ich den Himmel erblicke.“ „Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf,“ ſprach Ottokar,„daß auch mein guter Bruder dieſen Himmel — 179 einmal finden wird. Wohnt in ſeinem Herzen nicht auch die glühendſte Liebe, eine Liebe, welche die ganze Menſchheit an ihr klopfendes Herz drückt, und die ſich gleichwohl höchſt unglücklich fühlt. Darum will ich auch ferner ihm zur Seite ſtehen, bis ihm der Stern des Friedens und der Freude aufgeht.“ Der Abend ward dunkler, in der Ferne wurden die Lichter eines kleinen Leuchtthurms angeſteckt; kalt ſtrich der Wind über das Meer und das Murmeln der Wellen, die ſich am Ufer brachen, wurde vernehm⸗ barer. „Ich glaube, wir bekommen Sturm,“ ſprach Ot⸗ tokar;„ſchon vorhin flatterten ein Paar Sturmvögel über die Küſte.“ „So iſt Zeit, daß wir aufbrechen,“ erwiderte Se⸗ verin,„bei Unwetter iſt kein guter Aufenthalt am Strande; zu dem werden unſere Lieben uns erwarten in Lindenthal.“ Die beiden Freunde traten den Heimweg an. Ein unheimliches Brauſen wehte vom Meere daher. „Da muß ich Dir noch ein bemerkenswerthes Bei⸗ ſpiel erzählen,“ ſprach Ottokar, während er neben Se⸗ verin dahin ſchritt,„wie wunderbar die Wege des Schickſals ſind. Als ich vor wenig Tagen zu Ham⸗ burg auf dem Schiffsbüreau für Guido und Andreas das Ueberfahrtsgeld bezahlte, ſtand neben mir eine ziemlich elegant gekleidete Dame, welche ebenfalls um einen Platz nach New⸗York handelte. Sie wandte ſich einmal mit dem Geſicht nach mir; aber wer beſchreibt mein Erſtaunen, als ich in ihr Frau Adele von Mont⸗ fort wieder erkannte. Als ſie mich erſchaute, ließ ſie ſchnell den Schleier herabfallen, und ich fühlte ebenfalls keinen Beruf, ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen. Spä⸗ ter erkundigte ich mich und erfuhr, daß ſie, in Folge 42 180 mehrerer politiſcher und Liebesintriguen den Haß einer deutſchen Regierung auf ſich gezogen, und da ſie ſich dabei zugleich mehrere ſchwere Vergehen hatte zu Schul⸗ den kommen laſſen, ſogar mit Steckbriefen verfolgt wurde.“ „Dergleichen Subjecte mögen immerhin nach Ame⸗ rika überfahren,“ meinte Severin;„an ihnen verliert die alte Welt nichts.“ Man war indeß dem Gute Lindenthal immer näher gekommen. Schon leuchteten ſeine Lichter aus der Ferne. Plötzlich blieb Severin ſtehen und ſchien in der Dun⸗ kelheit etwas Befremdendes zu erblicken. Wirklich ſtrich in demſelben Augenblicke auch eine graue Geſtalt in einiger Entfernung über den Weg, war aber ſogleich in der Nacht verſchwunden. „Was fällt Dir auf?“ frug Ottokar. „Das war gewiß wieder jenes räthſelhafte Weſen,“ ſprach Severin,„das ſeit ungefähr einem Jahre, wie ein böſer Geiſt, Lindenthal umſchleicht, ohne daß man deſſelben habhaft werden kann.“ Auf Ottokar's näheres Befragen erzählte Severin von dem Raubanfalle, welchen vor einem Jahre der längſt todtgeglaubte Doctor Stephani gegen Veronika unternommen, und daß der unheimliche Menſch ſich ſeit jener Zeit zu verſchiedenen Malen in der Nähe des Gu⸗ tes habe blicken laſſen. „Die Angſt vor dem Böſewicht,“ fuhr der Erzähler fort,„hat ſich der beiden Schweſtern dermaßen bemäch⸗ tigt, daß ſie ſich ohne männliche Begleitung keine zwei⸗ hundert Schritte ins Freie wagen, und mir ſelbſt hat dieſes verdächtige Weſen und Treiben die ganze Gegend verleidet.“ Ottokar ſchüttelte ungläubig den Kopf, und man erreichte wohlbehalten Lindenthal. Kaum aber war men — 181 in den befreundeten Familienkreis, wo Alle um das helle Kaminfeuer ſaßen, getreten, als der Regen begann hernieder zu rauſchen, der Sturm ſich erhob und ein furchtbares Nachtgewitter über das Meer heraufzog. Rafaele kam auf Severin zu und ihm ihr weißes Händchen, das er begeiſtert an ſeine Lippen preßte, hin⸗ reichend, machte ſie ihm bittere Vorwürfe, die ganze Familie durch ſein und Ottokar's langes Außenbleiben ſo in Angſt geſetzt zu haben. Veronika ſtand am Fenſter und ſchaute in die wilde Nacht hinaus. Dann zurücktretend und die Hände faltend, ſprach ſie:„Großer Gott, die armen Menſchen, die jetzt auf dem Meere find.“ Glorienhaft fielen die ſchwarzen Lockenringe zu beiden Seiten des Himmels⸗ antlitzes hernieder. Das Mädchen glich einem über⸗ irdiſchen, wunderthätigen Madonnenbilde der Vorzeit. Sie betete für Guido, der, wie ſie erfahren, ſich jetzt ebenfalls auf dem Meere befinde. In der freundlichen blauen Nebenſtube ſtand die Abendmahlzeit bereit. Lieblich dampften die erſten Kar⸗ toffeln, eine Seltenheit in der frühen Jahreszeit, in der großen Schüſſel. Aber Niemand dachte an's Eſſen; denn immer grauſenerregender ward das Toben der Natur. Bis nach Lindenthal vernahm man den Donner des empörten Meeres, deſſen häuſerhohe Wellen ſich bran⸗ dend an den Felſenufern brachen. Der Sturm heulte in ſchauerlichen Tönen und flammende Blitze durch⸗ kreuzten nach allen Himmelsgegenden die wildſchwarze Nacht. Zitternd und zagend ſtand die ganze Familie an den Fenſtern der einen Eckſtube, welche nach dem Meere hinausging. Augenblicke lang lag die ganze Gegend in ſilberweißer Verklärung, dann wieder die ſchwärzeſte 182 Finſterniß. Die italieniſchen Pappeln, welche unfern im Garten ſtanden, wurden von dem Orkan bis zur Erde gebogen. Zuweilen leuchtete ein Blitz weit über das Meer hinaus, daß man die grauen Waſſerberge deutlich wahrnehmen konnte. Plötzlich ſprang Ottokar einen Schritt vom Fenſter zurück. „Ewiger Gott,“ ſchrie er,„ein Schiff, ein Schiff, dem Untergange nahe!“ Sein ſcharfes Auge hatte bei dem Flammen des Blitzes das zerriſſene, flatternde Segel deutlich erkannt. Ein dumpfer Kanonenſchuß, der vom Meere hertönte, beſtätigte die Wahrheit dieſer Worte. Allen rieſelte es eiſig durch Mark und Bein. Veronika und Rafaele waren auf die Kniee geſunken und ihre Lippen SWg⸗ ten ſich convulſiviſch im Gebet. „Gott ſei den Unglücklichen gnädig!“ rief Herr von Blumenbach;„ſie find verloren. Bei dieſem Wetter getrauen ſich unſere kühnſten Fiſcher nicht aus ihren Hütten.“ „Beſter Onkel,“ ſprach Ottokar im flehenden Tone, „wäre denn keine Möglichkeit, daß wir mit einigen Leuten und Fackeln nach dem Strande eilten; vielleicht, daß ſich die Schiffsmannſchaft in Böte geflüchtet hat, zu deren Rettung wir dann weſentlich beitragen könnten.“ „Gern, mein Ottokar,“ erwiderte Blumenbach,„aber ich fürchte, daß wir mit den Fackeln bei dieſem fürch⸗ terlichen Sturme nicht vordringen. Auch iſt bei der angeſchwollenen Fluth die höchſte Vorſicht vonnöthen.“ „Wohlan, wir wagen es,“ rief Ottokar,„es gilt ja Menſchenleben.“ Auch Severin erklärte ſich bereit zum nächtlichen Gange. Aber kaum hatte Rafaele vernommen, wovon die Rede war, als ſie ſich entſchloſſen vor die Thüre ſtellte und Niemand paſſiren laſſen wollte. 183 Ottokar ſchob das geängſtete Mädchen ſanft zur Seite und erreichte den Vorſaal, wo ſich die ſämmtliche Dienerſchaft des Gutes verſammelt hatte. Auch Seve⸗ rin wollte folgen. Rafaele klammerte ſich aber mit ſolcher Macht an ſeinen Arm, daß er ſich nicht wieder los machen konnte. Auch Frau von Blumenbach drang mit thränenden Augen ſo inſtändig in ihren Gemahl, daß dieſer ſich endlich bewegen ließ, zu bleiben. Unterdeß hatte Ottokar die männliche Dienerſchaft angefeuert, ihm zu folgen. Es wurden Fackeln und Laternen herbei geſchafft und man ſtürzte in die ſchwarze Nacht hinaus. Aber kaum war man einige Schritte gegangen, als Sturm und Regen alle Fackeln ver⸗ löſcht und die Laternen zerbrochen hatte. Man eilte zurück, ſie von neuem anzuzünden; aber alle Bemühun⸗ gen, mit den Leuchten den Strand zu erreichen, waren vergebens. Nach wiederholt mißlungenen Verſuchen mußte man von dem Unternehmen abſtehen. Völlig durchnäßt, mit vom Sturm zerzauſten Locken, kehrte Ottokar nach Lindenthal zurück. Bis nach Mitternacht tobte das Gewitter in un⸗ unterbrochner Heftigkeit. Von dem Schiffe ward Nichts mehr geſehen; auch kein Kanonenſchuß wieder vernom⸗ men. In ganz Lindenthal that dieſe Schreckensnacht kein Menſch ein Auge zu. Das Branden des Meeres vernahm man bis zum Morgen. Kaum aber brach der erſte Streif des jungen Ta⸗ ges durch die zerriſſenen Wolken, als Jedermann hinaus eilte nach dem Strande. Der ganze Strand war weit in's Land herein mit weißem Schaume bedeckt, und Schiffstrümmer lagen hier und da zerſtreut. Noch immer konnte ſich das durch den nächtlichen Orkan bis auf ſeinen Grund aufge⸗ riſſene Meer nicht beruhigen und trieb hohe Wellen. 184 Mit ſchmerzerfüllter Bruſt eilte Ottokar die ganze Küſte entlang. Da traf er einen Haufen Leute, welche einen vom Meere ausgeworfenen Leichnam umſtanden⸗ Der Bekleidung nach war es ein Matroſe. In einiger Entfernung davon lag ein weiblicher Leichnam. Als Ottokar auch dieſen beſichtigte, bemächtigte ſich ſeiner die höchſte Verzweiflung. Die Leiche war Niemand anders, als Adele von Montfort. Wie entſtellt auch das ſonſt ſo reizende Geſicht war, hatte es Ottokar doch ſogleich wieder erkannt. Der Unglückliche, dem jetzt nur zu gewiß war, daß auch ſein Bruder in den Wellen umgekommen war, irrte halb bewußtlos in den mehre Zoll hoch aufge⸗ ſchichteten Seemuſcheln. Die Blicke der um den erſtern Leichnam Verſam⸗ melten folgten verwundert dem jungen Mann, deſſen Händeringen man ſich nicht zu erklären vermochte. Plötzlich ſah man ihn wie todt niederſtürzen. Man eilte hinzu, da lag Ottokar auf dem Leichnam eines jungen ſchönen Mannes, der auf einem ziemlich langen Brete ruhte, welches die erſtarrten Hände noch krampf⸗ haft umklammert hielten. Mit einem Male ſprang Ottokar wie wahnſinnig in die Höhe, und unter dem fortwährendem Geſchrei: „Zu Hülfe, zu Hülfe! Er lebt, das Herz ſchlägt!“ lief bald Jedermann herbei, der am Strande zu er⸗ blicken war. Der Hausarzt, der ſich darunter befand, ſprang herbei und ſtellte ſogleich Belebungsverſuche an, wäh⸗ rend Ottokar in wahnſinniger Freude Jedermann an ſein Herz drückte. „Es iſt mein Bruder, mein guter Bruder,“ ſchrie er einmal über das andere den Leuten in's Ohr, wäh⸗ rend der Arzt Sorge trug, daß Guido ſogleich aus 185 der feuchten Meerluft hinweg nach Lindenthal gebracht wurde. Ottokar half ſelbſt den geliebten Bruder, deſſen Herz immer lebhafter zu klopfen begann, auf das Gut ſchaffen. Die am Strande Zurückgebliebenen entdeckten bei weiterm Nachſuchen noch mehre Leichname, bei welchen jedoch alle angewandten Mittel, ſie in's Leben zurück zu rufen, vergebens blieben. Man erkannte jetzt, daß es die abgeriſſene Schiffsplanke geweſen war, welche Guido am Leben erhalten hatte. Nicht weit von Ottokar's Bruder lag der Leichnam eines ziemlich bejahrten Kriegers, deſſen Stand, wenn auch nicht aus ſeiner Kleidung, doch aus dem mächtigen Schnurr- und Knehelbart erkannt wurde. Die Erſtarrung und Bewußtloſigkeit Guido's war endlich in einen ſanften Schlummer übergegangen, und als er nach einigen Stunden wieder die Augen auf⸗ ſchlug, fiel ſein Blick in das Madonnenantlitz Veronika's, welche über ihn gebeugt mit ſeliger Freude die Schläge ſeines Herzens zählte. Der Jüngling glaubte wirklich in den erſten Augen⸗ blicken, er ſei geſtorben und erwache in einer ſchö⸗ nern Welt. „Wer biſt Du, himmliſch Engelbild?“ frug er leiſe. Das Antlitz des ſchönen Mädchens leuchtete in ſtiller Verklärung. „Du biſt ja nicht geſtorben, Guido,“ lispelte ſie, und neigte in ſprachloſer Rührung ihr blumenhaftes Haupt auf die Bruſt des zu einem ſchönern Daſein erwachten Jünglings. 186 Zwölſtes Rapitel. E⸗ war gelungen. Guido hatte in der Liebe Vero⸗ nika's den Frieden gefunden. Als er ſein Vaterland verfluchend das Schiff beſtiegen, da empörte ſich ſelbſt das Weltmeer über den Verblendeten. Es mochte nicht die Brücke werden, auf welcher haßerfüllt er nach einer neuen Welt hinüber zu gehen im Begriffe ſtand; ſondern warf ihn zürnend auf den Strand des alten Vaterlandes. Und der Himmel ſiegte; ſegnend ruhte ſeine Hand über dem Schiffbrüchigen. Das Land, das er verflucht, kam ihm mit Liebe, mit reicher, unend⸗ licher Liebe entgegen, und ſie trug den Sieg davon. Das Bild Veronika's ruhte wie ein ſtiller Segen in dem Herzen des glücklichen Jünglings, und wie oft er jenſeits des Rheins und der Oder leidenſchaftlich geliebt zu haben glaubte, ſo mußte er ſich ſtill bekennen, den wahren Himmel der Liebe in dieſem deutſchen Mädchen gefunden zu haben; in einem Herzen, das, trotz aller Vernachläſſigung, Jahrelang mit inniger Treue an ihm gehangen hatte. Mit jenem ſeligen Gefühle, wie es nur das edelſte Bewußtſein in der Bruſt zu erwecken vermag, ſchaute Ottokar das Glück der Liebenden. Es war ja ſein Werk. Zugleich erkannte der Edle mit wahrer Freude, wie des Bruders politiſche Exaltation allmählig jener ruhigern und klaren Einſicht wich, welche die Beför⸗ derung des Menſchenwohls nicht bloß auf dem ſturm⸗ vollen Wege der Revolution findet. Ottokar nahm oft Gelegenheit, ſich über dieſen Gegenſtand auszuſprechen: — —— — 187 „Sei überzeugt, mein Bruder,“ ſprach er,„daß mir das Wohl der Völker, die Veredelung des menſch⸗ lichen Geſchlechts nicht weniger am Herzen liegt, wie Dir; auch ich trage ein hohes Ideal von Völkerfrei⸗ heit und Völkerfrühling in der Bruſt; nur bin ich überzeugt, daß jenes Ideal, dem wir trotz aller Reae⸗ tion täglich näher rücken— da die Menſchheit in geiſtiger und ſittlicher Hinſicht fortwährend im Fort⸗ ſchreiten begriffen,— nicht im Sturme zu erobern iſt.“ „Aber ſollen wir nicht von Schmerz erfüllt werden,“ entgegnete Guido,„wenn wir den gegenwärtigen Zu⸗ ſtand Polens erblicken. Iſt dieß der Lohn für den Heldenkampf?“ „Kein Schmerz iſt gerechter,“ fiel Ottokar mit Wärme ein;„aber es iſt der Schmerz des Landmannes, wenn Spätfroſt ſeine Saaten vernichtet, Hagelſchlag die hoffnungsvollen Halme zerſchlägt. Die Erde, welche die Keime geboren, iſt darum nicht verſunken, und die Sonne, die ſie hervorgerufen, nicht erloſchen. Ein neuer Frühling bringt neue Saaten wieder und dem Oſtermorgen pflegt ſtets ein Charfreitag vorher zu gehen.“ „Glaube mir, mein Bruder,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wie wir in der ganzen Schöpfung, wir mögen bis zur niederſten Bildungsſtufe hinabſteigen, überall eine allweiſe Vorſehung erblicken; ſo offenbart ſich dieſe ganz vorzüglich in der Blume der Schöpfung, in der Menſchheit. Da giebt es keinen blinden Zufall; denn der Odem Gottes weht über dem Zeitenſtrome. Jede Veränderung iſt eine Verbeſſerung, ein Fortſchritt zum großen Erdenziele; und ſelbſt jene Erſcheinungen im Völkerleben, die uns ſo ſchmerzlich berühren, ſind nur Diſſonanzen, im Conzerte der Weltgeſchichte un⸗ entbehrlich; die Folgezeit lehrt allemal, daß ſie ſpätern 188 Harmonien angehörten. Wir wollen uns daher die Gegenwart nicht durch Ideale verbittern und durch den immerwährenden Gedanken, wie ſchön es auf Erden ſein könnte, wenn das und das ſo wäre, ſondern bei dem Satze ſtehen bleiben, daß es noch beſſer werden kann; und hier beizutragen, ſei unſer eifrigſtes Be⸗ mühen.“ f Während dieſes Geſprächs waren die beiden Brüder bei dem Grabhügel angelangt, unter welchem der treue Andreas ruhte, und der von Veronika's und Rafaelens Hand reich mit Blumen geſchmückt war. Sie ſtanden lange im ernſten Nachſinnen verſunken an dem duften⸗ den Hügel. Endlich brach Guido das Schweigen und ſprach mit tiefer Bewegung: „Wo hab' ich auf Erden die viele Liebe verdient, mit welcher mir die Menſchen entgegen gekommen ſind? Du, mein Bruder, ſtandeſt als ſchützender Engel mir zur Seite, und gleichwohl wäre ich dem Tode anheim gefallen, hätte einen Himmel auf Erden nie kennen gelernt, wäre dieſer Getreue nicht geweſen, der hier unter den Blumen ſchläft. Nachdem ich ihm bereits in Polen wiederholt das Leben verdankte, warf er mir, der ich in jener Sturmnacht dem Unterſinken nahe war, das einzige Stück Planke zu, womit er ſich hätte retten können. So erreichte ich lebend das Ufer, wäh⸗ rend er den Tod in den Wellen fand.“„ „Und haſt Du ſolche Liebe nicht auch verdient,“ entgegnete Ottokar;„ſchlägt Dein Herz nicht glühend für das Wohl der ganzen Welt?“ Severin kam jetzt mit den beiden Schweſtern, Ve⸗ ronika und Rafaele den Pfad daher und die Geſell⸗ ſchaft wanderte nach einem unfern gelegenen Belvedere, von wo aus man das Meer weit überſehen konnte. Nichts fehlte dem Glücke der jungen Leute. Die — ——————— —————— idylliſche Einſamkeit wirkte namentlich auf die Jüng⸗ linge, welche ſich aus den Stürmen der Revolution und eines mörderiſchen Kriegs in dieſen Hafen des Frie⸗ dens gerettet hatten, außerordentlich wohlthuend. Nur zwei Dinge waren es, die noch einigen Schat⸗ ten auf das ſtille Glück der kleinen Colonie warfen; daß ſich nämlich von Zeit zu Zeit die unheimliche Ge⸗ ſtalt des Doctor Stephani, die wie ein ſchwarzer Ge⸗ nius das ſtille Friedensreich umſchlich, blicken ließ, ohne daß man derſelben je habhaft werden konnte. Dieſer Menſch ſchien mit einem böſen Geiſte in Ver⸗ bindung zu ſtehen, ſo räthſelhaft war ſein Erſcheinen und Verſchwinden. Namentlich waren es die Damen, die von großer Furcht befallen wurden, wenn ſie des unheimlichen Weſens, das, wie ſie wußten, Böſes ge⸗ gen ſie im Schilde führte, gedachten. Der andere Grund, welcher nicht ungegründete Be⸗ ſorgniſſe einflößte, betraf die Perſon Guido's. Er ge⸗ hörte nämlich zu jener Anzahl politiſch Compromit⸗ tirter, die auf der Proſeriptionsliſte der verſchiedenen deutſchen Regierungen ſtanden und war, ſo lange er ſich auf deutſchem Grund und Boden befand, ſtets der Gefahr ausgeſetzt, den Polizei⸗ und Criminalbehörden in die Hände zu fallen, wo dann leicht harte Strafe ſeiner warten konnte. Da war es denn abermals Ottokar, welcher be⸗ ſchloß, dieſen letzten Stachel aus der Bruſt ſeiner Lie⸗ ven zu ziehen, und er nahm eines Tages Abſchied von Lindenthal und bereiſte mehrere deutſche Fürſtenhöfe und ließ nicht ab, bis er das Amneſtiedecret für ſeinen Bruder in den Händen hielt. Hierauf verfügte er ſich nach Hohenſtein, welche Herrſchaft ihm nach dem Tode ſeines Vaters, der bereits vor einem Jahre geſtorben, da Guido enterbt worden, als alleinigen Eigenthümer 190 zugefallen war; verkaufte dieſen Stammſitz, der ſo viel unheimliche und dunkle Erinnerungen für ihn enthielt, und erwarb ſich für die gelöſte Summe eine herrliche Beſitzung im reizenden Rheingau, unmittelbar neben dem Gute des wackern Herrn von Benno, welchen er auf ſeiner Reiſe nach Paris hatte kennen und lieben gelernt. Ein Stückchen ſtromaufwärts wohnte gleichfalls ein alter Bekannter, der Hauptmann Arthur vom Stern, welchem ſein Onkel ein höchſt freundliches und einträg⸗ liches Gütchen erkauft hatte. Nachdem Ottokar ſeinen Ankauf in Richtigkeit ge⸗ bracht, reiſte er, das Amneſtiedeeret und die Kaufur⸗ kunde in der Taſche, nach Lindenthal. Es war ein wunderſchöner Herbſtnachmittag, als er in der Nähe des idylliſchen Landgutes anlangte. Ein halbes Stündchen trennte ihn noch von den Guts⸗ gebäuden. Da er wußte, daß ſeine Lieben an ſchönen Tagen die Stunden nach Tiſche in dem anmuthigen Garten zu verbringen pflegten, ſo ließ er ſeinen Wa⸗ gen zurück und ging zu Fuße, um jene, die ſeine An⸗ kunft nicht ahneten, unverhofft zu überraſchen. Mit dem ſeligſten Bewußtſein wandelte er die wohl⸗ bekannten Pfade dahin. Er kam dem Gute immer näher; nur ein kleines Birkenwäldchen, das unmittelbar an den Garten grenzte, hatte er zu paſſiren. Schon vernahm er bekannte Stimmen aus dem Bosket, dem Lieblingsaufenthalt der Familie; alle ſeine Lieben ſchie⸗ nen verſammelt; er hörte wiederholt Severin's Bonmot: „das ſagte ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt ha⸗ ben.“ Immer leiſer ſchlich Ottokar vorwärts, als er plötzlich wie angebannt ſtehen blieb und das Blut in ſeinen Adern erſtarrte. Kaum zehn Schritte vor ihm, ſtand, mit dem Rücken gegen Ottokar gewendet, eine Doppelbüchſe an 191 den Backen gelehnt, der Doctor Stephani. Durch eine kleine Oeffnung in den Zweigen konnte er den angrenzenden Garten genau überſehen und das Bosket, wo die Familie verſammelt war, lag ihm gerade gegen⸗ über. „Hab ich Dich endlich, mein Täubchen,“ ſprach der Unheimliche ingrimmig für ſich murmelnd;„bin lange genug vergebens gegangen, eh' Du mir ſchußrecht ſtan⸗ deſt. Wohlan, da ich Dich nicht lebendig bekommen kann, ſoll Dich auch Niemand anders bekommen; am allerwenigſten der adelige Schlucker. Dafür wird die Pille Sorge tragen, die ich Dir jetzt in Dein eigen⸗ ſinniges Herzchen ſchicke.“ Mit dieſen Worten zielte er ſcharf auf Veronika, die in einer Entfernung von etwa vierzig Schritten in der Laube ſaß, und der Hahn ſeines Gewehrs knackte; aber in demſelben Augenblicke ſprang Ottokar in zwei gewaltigen Sätzen herbei und ſchlug dem Mörder das Todesrohr aus der Hand. Als Stephani ſeinen Gegner erkannte und ſah, daß ſein Opfer abermals ihm entkommen ſei, bemäch⸗ tigte ſich ſeiner die raſendſte Wuth; weißer Schaum trat aus ſeinem Munde und mit gezücktem Dolche ſtürzte er auf Ottokar. Ein minutenlanger, wüthender Kampf entſtand. Der Mörder ſtieß ſeinem Gegner den Dolch in die Bruſt; ward aber zugleich mit ſo furchtbarer Kraft von Ottokar zu Boden geworfen, daß er ſich an den Wurzeln der alten Eiche den Hirn⸗ ſchädel zerſchmetterte und auf der Stelle todt blieb. Der zum Tode verwundete Ottokar, die Hand auf ſeine Wunde haltend, erreichte ſchwankenden Schrittes den Garten, wo ſein Erſcheinen im erſten Augenblicke maßloſe Freude, gleich darauf aber Entſetzen und Ver⸗ zweiflung hervorbrachte. Der Verwundete, der auf eine Raſenbank niedergeſunken war, erzählte mit wenig Worten den in ſprachloſer Erſtarrung um ihn ver⸗ ſammelten Lieben den Hergang der Sache. Der Hausarzt eilte herbei und unterſuchte die Wunde. „Nicht wahr, es iſt keine Rettung?“ frug Ottokar mit leiſer Stimme. Der Arzt vermochte vor Schmerz nicht zu ant⸗ worten. Er hatte erkannt, daß der zum Tode Getrof⸗ fene keine Stunde mehr leben konnte, Severin, in deſſen Armen Ottokar ruhte, war vor Schreck und Wehmuth mehr todt als lebendig. In Thränen gebadet knieten Guido und Veronika zu ſeinen Füßen. „Was weint Ihr, meine Lieben?“ begann Otto⸗ kar, und ein Blick voll unendlicher Liebe fiel auf die vor ihm Knieenden;„ich kann ja freudigen Herzens hinübergehen nach jenem Lande, das ich niemals ge⸗ fürchtet; weiß ich doch jetzt Euch geſichert und glücklich.“ Er zog nicht ohne Mühe ein Papier aus der Bruſt⸗ taſche, das er Guido hinhielt. „Hier, meine Bruder,“ fuhr er fort,„nimm Deine Begnadigung. Du kannſt hinfort frei und unbeſorgt umherwandeln, ſo weit die ſchöne Sonne des deutſchen Vaterlandes ſcheint; Niemand wird Dir Uebles in den Weg legen.“ Nach einer Pauſe, indem er ſchon mit ſehr matter Hand ein zweites Papier hinhielt, ſprach er: „Hier iſt das Vermächtniß unſers Vaters; ein reizendes Gut in jenem ſchönen Thale, wo die Rebe glüht und des Rheines grüne Woge rollt: da ſtören keine blutigen Erinnerungen die glücklichen Bewohner, und ich habe es für Euch ausgeſucht.“ „O! mein Bruder,“ rief Guido mit erſtickter 193 Stimme, ſein Antlitz auf des Geliebten Knie beugend und die Hände des Sterbenden mit Thränen und Küſ⸗ ſen bedeckend,„nein, nein, Du kannſt, Du darfſt uns nicht verlaſſen.“ Schon ſanken dunkle Schatten des Todes über das bleiche Antlitz; da fiel der letzte Blick Ottokar's auf Veronika. Noch einmal leuchteten die halbgebrochenen Augen auf in überirdiſchem Glanze; um den Mund ſpielte ein ſeliges Lächeln; er reichte die Hand der Ge⸗ liebten ſeines Herzens und ſprach mit der gewohnten ſanften Stimme: „Meine Miſſion iſt zu Ende ich war ſein Engel, wie Du mir geheißen— von nun an ſei Du es, Veronika.“ Es waren die letzten Worte Das Haupt ſank auf die Bruſt. Der Edelſte war nicht mehr. Wie ſein Leben, ſo ſein Ende— das Ende des Gerechten, entſchlummert in den Armen derer, die er liebte, für die er lebte, litt und ſtarb. Weinend klang das Vaterunſer der Zurückgebliebenen zum Herbſthimmel empor; von dem Herrenhauſe herüber tönte die dritte Stunde und in der Ferne glänzte ſtill der Spiegel des Meeres. Der getreue Severin überlebte ſeinen Ottokar nicht lange. Er ſtarb, ein Opfer des damals herrſchenden Nervenfiebers, wenige Monate ſpäter. Lange Zeit bedurfte es, ehe die Wunden einiger⸗ maßen verharrſchten, welche durch ſo herbe Verluſte den Ueberlebenden waren geſchlagen worden. Aber welche Wunde gäbe es hiernieden, die von der allmächtigen Tröſterin, der Zeit, wenn auch nicht vollkommen geheilt, deren Schmerz doch ſehr gelindert würde? Stolle, Schriften. Supplem. UI. 13 . 194 So keimten auch in Guido's, Veronika's und Ra⸗ faelens Bruſt nach geraumer Zeit wieder Glück und Freude. Das war namentlich der Fall, als Veronika ihrem Gat⸗ ten einen Knaben ſchenkte, dem nach Jahresfriſt ein Schweſterlein folgte, das treue Ebenbild der Mutter. Die reizende Lage des von Ottokar erkauften Gutes Weinheim, ſo wie die befreundete Nachbarſchaft, in welcher der alte brave Herr von Benno und der ſtatt⸗ liche Arthur vom Stern obenan ſtanden, trugen gleich⸗ falls viel zur Geſelligkeit und Heiterkeit auf der ſchönen Beſitzung bei. Von ſeiner politiſchen Exaltation war Guido voll⸗ kommen geheilt. Die geläuterten und gemäßigten An⸗ ſichten der beiden genannten Freunde, mit denen er faſt täglichen Umgang pflog, übten einen ſehr wohlthätigen Eindruck auf den einſtigen Revolutionär. Dieſer begriff jetzt immer mehr die Wahrheit, welche in den Worten Ottokar's lag, die dieſer ſo oft zu ihm geſprochen hatte: „Wir wollen uns die Gegenwart nicht durch Ideale und den Gedanken verbittern, wie ſchön es auf Erden ſein könne, wenn dies und jenes ſo wäre; ſondern bei dem Satze ſtehen bleiben, daß es noch beſſer werden kann, und hierzu beizutragen, ſei das eifrigſte Bemühen jedes Edeln.“ Ueberhaupt ward das Andenken Ottokar's in der Familie Hohenſtein wie das eines Heiligen verehrt, und wo die dunkeln Ulmen in dem Schloßgarten zu Wein⸗ heim am tieſſten ſchatten, deckt ein Würfel von weißem Marmor die Aſche des ſelig Vollendeten. Darauf ſtehen die ſchönen Worte, welche Börne an Jean Paul's Grabe ſprach: „Fragt Ihr, wo er gelebt, wo er hingekommen, wo ſeine Aſche ruht? Auf Erden hat er gelebt, in den 195 Himmel iſt er gegangen und unſer Herz iſt ſein Grab.“ Zu beiden Seiten des Würfels lieſt man aber die Namen„Andreas— Severin.“ Der Erſtgeborne des Grafen Guido führt den Na⸗ men Ottokar. Ueber das Schickſal des ſchönen, blonden Locken⸗ kopfes Rafaele kann noch berichtet werden, daß ungefähr zwei Jahre nach der Ueberſiedelung nach Weinheim an die benachbarten Familien des Rheingau's ſauber ge⸗ ſtochene Karten geſchickt worden, worauf die Worte ſtanden: „Rafncle von Hohenstein Arthur vom Stern, 6 Das iſt der Lauf der Welt. „ Ende des dritten Theiles. Pierer.) G. A. 8 E 5 E 3 — S= — * 5 8 8 = £ 8 5 ——————— 6 . 7 5* 6 6. 13 [ 4„— g 14 onene H8