Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 6. Cduard Oktmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Zeſebedingungen. 6. 1. ofensein der Bibliothel. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ ₰ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe biterſegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Wi.— Pf. „3„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Rapitel. fruchtbelaſteten Aeſte im Garten zu Hohenſtein neigten ſich tiefer; hier und da blühte eine einſame Aſter und ſeit Wochen ſchon ſtrich der Abendwind über die weiten Stoppelfelder, als Veronika und Rafaele am ſpäten Nachmittag auf der Terraſſe ſaßen und mit ängſtlicher Neugier den ſeltſamen Nachrichten zuhörten, die der Gärtner Benedict aus der Stadt mitgebracht hatte. „'s geht los, gnädige Fräuleins,“ fuhr der beredte Berichterſtatter fort;„ich gebe Ihnen das Wort. Drinnen iſt Alles auf den Beinen. Alle Welt ſteht an den Straßenecken und ſteckt die Köpfe empor; da iſt's angeſchlagen, ſchwarz auf weiß, mit großen Buchſtaben, wie wacklig die Sachen ſtehen. Der brave Bürger ſoll ſchon um neun Uhr ſein Haus ſchließen, ſich auf's Ohr legen und um die böſe Welt außerhalb nicht be⸗ kümmern. Alſo iſt der Wunſch unſrer gnädigen Durch⸗ laucht. Gott mag wiſſen, wie es in dieſem Augen⸗ blicke konterbunt hergeht. Als ich ein Wenig vor dem Lindenthore promenirte, um mir die ſchönen neuen An⸗ lagen zu beſehen, kam mit Einemmale ein gewaltiger Haufe Leute im vollen Laufe die Straße daher. Alle Welt ſchrie: ſie kommen, ſie kommen! Ich machte ſo⸗ gleich auch mit Rechtsumkehrt und frug im Laufen: Stolle, Schriften. Supplem. I. 1 wer denn komme? Das wußte man ſo eigentlich nicht. Unfehlbar waren es die Rebellen, die Revolutionärs, die Pariſer, welche im Sturme anrückten. Ich mochte die Ankunft ſolcher deſperaten Leute nicht abwarten, ſprang nach dem rothen Ochſen, wo mein Wäglein hielt und fuhr über Hals und Kopf nach dem Hohen⸗ ſtein zurück.“ „Aber was wollen denn dieſe Rebellen?“ frug Ra⸗ faele zitternd. „Nun, was anders als Rebellion,“ belehrte Bene⸗ dict,„Republik, Abſchaffung der Mahlſteuer; die Tiſch⸗ ler wollen alle Commoden zertrümmern, die nicht inner⸗ halb der Stadtmauer gefertigt ſind, die Fleiſcher höhere Taxe, die Bäcker leichter Gewicht, die Lohnkutſcher Exilirung aller Luxuspferde u. ſ. w. Am ſchlimmſten freilich treiben's die Schneider— mein Schwiegerſohn iſt einer— ſie haben geſchworen, alle Schneiderin⸗ nen zu erdroſſeln; nämlich nicht ihre Weiber, da würden ſie den Kürzern ziehen, ſondern alle Frauen⸗ zimmer, die gleichfalls für Geld Kleider machen. Mein Schwiegerſohn, außer Revolutionszeiten ein ſanfter Mann, ſchlug ſo derb auf den Tiſch, daß ich erſchrak, und ſchrie in Einem fort: das müſſe anders werden. Auf den hochweiſen Stadtrath, deſſen Weisheit ehedem Niemand zu bezweifeln wagte, raiſonnirt man jetzt laut und ungenirt auf allen Bierſtätten und Kreuz⸗ wegen. Ich möchte nicht Bürgermeiſter ſein.“ „Mein Gott,“ ſprach Rafaele,„ſie werden doch nicht heraus zu uns kommen?“ Der Gärtner zuckte die Achſeln und machte ein höchſt bedenkliches Geſicht. „Man kann nicht wiſſen,“ ſprach er;„Sie gehören mit zu den Ariſtokraten, die gnädige Gräfin und der 3 gnädige Herr Graf ebenfalls, paſſiren für Volksfeinde und haben in Revolutionen ſchweren Stand.“ „Ich mein' es ja mit allen Menſchen gut,“ ver⸗ theidigte ſich Rafaele,„und hier Veroni thut gewiß Niemandem etwas zu Leide, und auch die Großmutter und der Oncle iſt gut, nur etwas zu ſtreng.“ „Das iſt's eben,“ erklärte Benedict,„was die Sache gefährlich macht; unter unſern Bauern iſt's nicht richtig, ich hab' das lange weg, ſtecken voller liberaler Ideen, die ſie vom Markte nach Hauſe brin⸗ gen; hab' ſonderbare Worte vernehmen müſſen. Der Fabian, der Weber, lieſt ſogar die Zeitungen, darin wimmelt's von Revolution, das verdreht ihnen die Köpfe, und ſeit der Herr Doctor das hübſche Chriſtin⸗ chen, das doch in der Welt nichts verbrochen, in den Zwangſtall hat ſperren laſſen, kocht's vollends unter den Deckeln.“ „Das Ungeheuer,“ ſprach ſchaudernd Veronika, „aber der Himmel wird ſolchen Frevel nicht ungeſtraft laſſen.“ „Das iſt gewiß,“ fuhr der redſelige Benediet fort, „der Doctor iſt geliefert, ſobald es die Schneider in der Reſidenz durchſetzen; die Bauern ſind eine Wuth, und der alte Nicodemus ſitzt alle Abende wie angewur⸗ zelt unter ſeiner Linde und ſchaut zähnefletſchend nach dem Schloſſe. Der hat überdies eine ſpecielle Malice auf die gnädige Frau Gräfin. Kurz, die Sache wird ſchlimm, ſobald es die Schneider durchſetzen. Mein Schwiegerſohn, ein ſanfter Mann, kennt ſich in Revo⸗ lutionszeiten nicht. Das weiß ich. Sind einmal die Schneidermamſells kalt, haben die Schneider Blut ge⸗ ſehen— dann geht's fort, Mord und Tod bis zu Seiner Durchlaucht, ja bis zu Seiner Durchlauchtigſten Durchlaucht.“ 1* „O bitte, Benedict,“ bat voller Angſt Rafaele, „macht uns nicht gar zu bang. Wir haben keine ruhige Stunde mehr.“ „Aber hat denn die Obrigkeit keine Polizei und Soldaten, die Aufrührer in Schranken zu halten?“ frug Veronika. „Soldaten,“ lachte Benedict,„ja das iſt jetzt eine ſonderbare Welt, die Soldaten ſchießen nicht mehr auf die Leute in Rebellionen, weil ſie da allemal befürchten müſſen, ihren Vater, Bruder, oder Schwager oder ſonſtigen guten Freund zu treffen. Darum ſchießen ſie lieber gar nicht. Hat es nicht der gute gnädige Herr Ottokar von Paris geſchrieben klar und deutlich, wie es die Truppen dort gemacht haben? Ganze Bataillone ſind zu dem Volke übergegangen. In Belgien war's nicht anders, und darum wird's in Deutſchland auch ſo ſein. Was Revolutionsſachen anbelangt, da geht's allemal à la Paris.“ „Ottokar,“ ſprach Rafaele ſeufzend,„wenn er doch hier wäre, ich wollte mich weniger fürchten, er würde uns gewiß wacker beſchützen.“ „Das iſt gewiß,“ geſtand der Gärtner zu;„aber ein Einzelner vermag nicht viel, wenn das Volk wild wird.“ „Seinen Worten,“ fuhr Rafaele fort,„würden die Landleute der ganzen Umgegend gewiß Gehorſam leiſten. Sie haben ihn alle lieb.“ „Ja, wenn er nur nicht Ariſtokrat wäre,“ ſprach Benedict. „Was iſt denn eigentlich ein Ariſtokrat?“ frug Rafaele. „Der von Adel iſt,“ antwortete der Gärtner„und unſer gnädiger Herr Graf gehört überdieß zu dem ſehr vornehmen Adel.“ 5 „Da ſind ja aber auch Veroni und ich Ariſtokra⸗ ten,“ rief Rafaele. „Ariſtokratinnen,“ verbeſſerte der Gärtner, „allerdings.“ „Aber wir können doch nicht für unſere Geburt,“ fuhr Rafaele fort;„Niemand kann das. Auch hat unſer frommer guter Lehrer uns täglich ermahnt, nie auf unſre Geburt ſtolz zu ſein. Dies thun wir denn auch nicht. Weshalb wollte man uns für Etwas feind⸗ ſelig behandeln, wofür wir im geringſten nichts können? und Ottokar iſt eben ſo geſinnt wie wir.“ „Das iſt in Revolutionen eben ſchlimm,“ gab Be⸗ nedict zur Antwort,„daß da der Unſchuldige mit dem Schuldigen leiden muß. Die gnädigen Herrſchaften haben zu geſtrenges Regiment geführt; ich ſagt's immer, es kommt nichts Gutes heraus; nun haben wir die Rebellion, da geht's darunter und darüber und wer vom Adel iſt muß büßen.“ Veronika erkundigte ſich jetzt nach der unglücklichen Chriſtine, welche von dem Gerichtsdirector Doctor Stephani wegen eines leichten Vergehens ſo grauſäm gezüchtigt worden war. „Es will mir das Herz zerſprengen,“ antwortete Benedict,„wenn ich an das arme Ding denke; drei Tage und drei Nächte hat die Dirne bei Waſſer und Brod in dem verwünſchten Stalle verbringen müſſen; ja ſie ſoll ſelbſt von dem barbariſchen Frohn gegeißelt worden ſein; Alles auf ausdrücklichen Befehl des Herrn Doctors. Man hat die Kleine laut jammern und um Hülfe rufen hören; die Bauern haben laut ge⸗ murrt und den Doctor verwünſcht; und wäre das Mädchen nicht wieder frei gegeben worden, wäre die Rebellion bei uns eher losgebrochen als in der Reſidenz.“ 6 „Aber um himmelswillen, beſter Benediet,“ frug Rafaele,„was hat denn das arme Mädchen Uebles begangen?“ „Gar nichts,“ erwiderte der Gefragte,„weil ſie dem wackern Georg ſo treu ergeben geweſen und nicht von ihm hat laſſen wollen, trotz des ausdrücklichen Befehls vom Herrn Doctor, und weil ſie dieſem ob ſeines ungebührlichen Betragens gegen ſie, tüchtig und derb den Text geleſen. Der Herr Doctor iſt aber nicht der Mann, der ſich von einem Bauermädchen die Moral leſen läßt. Chriſtine kam in den Zwangſtall und der Georg, die einzige Stütze ſeiner armen Eltern, mußte Knall und Fall unter die Soldaten.“ „Der Doctor iſt mir ſeit dieſer That wahrhaft ver⸗ haßt geworden,“ ſprach Rafaele,„trotz ſeiner ſcheinhei⸗ ligen Höflichkeit und Schmeichelei.“ Veronika war im Innern noch mehr empört über die ſchändliche Handlungsweiſe des Gerichtsdirectors, obſchon ſie ſich nicht weiter darüber ausſprach. „Solche Abſcheulichkeiten,“ meinte Rafaele eifrig, „würden gewiß nicht vorfallen, wenn Ottokar und Guido hier wären Der Oncle iſt viel zu nachſichtig gegen den boshaften Stephani. Wann nur die Couſins zurückkehren werden? Haſt Du wirklich keine Nachricht, Veroni?“ „Nach des Oneles Aeußerung,“ antwortete Veronika, „haben ſie einen Abſtecher nach Schottland gemacht, um die Heimath Walter Scott's kennen zu lernen.“ „Solche junge Herren haben es doch recht gut gegen uns Mädchen,“ fuhr Rafaele fort,„die reiſen mir nichts dir nichts in der Welt umher, während wir armen Dinger zu Hauſe ſitzen müſſen und vor lieber langer Weile nicht wiſſen, was wir anfangen ſollen.“ 7 „Ja, das Reiſen,“ ſprach Benedict,„muß eine herrliche Sache ſein; mein Schwiegerſohn, der Schnei⸗ der, erzählt viel davon. Iſt weit umhergekommen, mein Schwiegerſohn, bis Kopenhagen und Schneeberg.“ „Hat denn der Onele,“ frug Veronika,„die grau⸗ ſame Behandlung Chriſtinens erfahren?“ „Kein Wort,“ verſicherte der Gärtner;„erſtens war er abweſend und alsdann wollt' ich's Niemandem ge⸗ rathen haben, den Ankläger zu machen. Der hätte keine ruhige Stunde mehr auf Hohenſtein.“ „Ich ließ ein paar Worte davon verlauten,“ er⸗ zählte Rafaele,„gleich nach ſeiner Rückkehr; aber ich durfte nicht weiter reden. Auch wußte ich nicht den ganzen Hergang, ſonſt würde ich mich nicht ſogleich haben abſchrecken laſſen.“ „Wenn der gnädige Herr Graf auch davon erführe,“ meinte Benedict,„der Doctor ſteht zu hoch in der Gunſt, als daß Graf Günther ihn deshalb zur Ver⸗ antwortung ziehen ſollte. Nein, auf Erden iſt mit dieſem Allmächtigen nichts auszurichten. Wir müſſen die Strafe dem Himmel anheimſtellen; mit Ans⸗ nahme, es bricht eine Revolution aus. Dann aber kann der Doctor ſehen, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen hat, denn lebendig kommt er nicht von Hohenſtein.“ „Sicher bleibt bei unſern Landleuten Ruhe,“ ſprach Veronika,„ſie haben zu viel Ehrfurcht vor dem Oncle.“ „Böſe Beiſpiele verderben gute Sitten,“ erwiderte Benedict,„unſern Bauern fiel's am jüngſten Tage nicht ein, zu rebelliren; aber wenn, wie heut zu Tage, aller⸗ orts der Kuckuck losgeht, wenn es unterm gemeinen Volke zum guten Tone gehört, aller Obrigkeit den Ge⸗ horſam aufzukünden, um ſich auf eigene Hand Recht zu 7 verſchaffen, da wär' es wahrlich kein Wunder, wenn auch unſere Bauerſchaft einmal wetterwendiſch würde; und Grund dazu hätte ſie bei dem allzuſtrengen Regi⸗ mente des Doctors gewiß.“ „Der Himmel möge uns gnädigſt davor bewahren,“ ſprach Rafaele mit gefalteten Händen;„ich wüßte nicht was ich beginnen ſollte.“ „Sobald der Tanz losgeht,“ beruhigte Benediet, „ſchaff' ich Sie und Fräulein Veronika zu meiner Muhme in's Gebirg. Da ſoll Ihnen Niemand Etwas anhaben und Sie ſind geborgen, bis die Wuth der Rebeller ſich gelegt hat.“ „Aber der Onele, unſer Onele,“ frug Rafaele ängſt⸗ lich,„was ſoll aus ihm werden?“ „Er kann auch mit in's Gebirg fliehen,“ tröſtete der Helfer in der Noth. „Der Graf Günther,“ ſprach Veronika,„wird nie vor ſeinen eigenen Untergebenen zurückweichen; eher läßt er es auf's Aeußerſte kommen.“ „Und die Großmutter?“ fiel Rafaele erſchrocken ein, „an die haben wir gar nicht gedacht.“ „Ja,“ verſetzte Benedict,„was aus der werden ſoll, weiß ich auch nicht. Unfehlbar rührt ſie vor Ent— ſetzen der Schlag, ſobald ſie in Erfahrung gebracht, daß gemeine Bauern in's Schloß gedrungen ſind.“ „Und Stephani,“ fuhr Rafaele zagend fort,„der Urheber unſeres Unglücks?“ „Nun, der iſt der Erſte, welcher fällt,“ ſprach Be⸗ nedict,„der kann von Glück ſagen, wenn er blos ge⸗ hangen und nicht geviertheilt oder in kochendem Oel geſotten wird. Georg ſoll ihm auch ohne Revolution den Tod geſchworen haben.“ „Mich wundert nur,“ meinte Veronika,„daß der Oncle bei der bedenklichen Stimmung, die ihm gewiß „ 9 * nicht unbekannt iſt, keine Vorſichtsmaßregeln ergreift, und zur Erhaltung der Ruhe eine Anzahl Soldaten in die Umgegend verlegen läßt. Er ſteht bei dem Fürſten in ſo hoher Gunſt, daß ihm dieſer gewiß allen möglichen Schutz angedeihen laſſen würde.“ „Ich glaube, der Oncle weiß gar nicht,“ ſprach Rafaele,„wie ſchlimm die Sachen ſtehen. Er kann ſich nicht denken, daß ſeine friedlichen Unterthanen, bei denen er ſtets nur unbedingten Gehorſam wahrnahm, ſich's in den Sinn kommen laſſen könnten, gegen ihn aufzuſtehen. Wir ſollten ihn doch warnen.“ „Er muß gleichwohl ſehr üble Nachrichten bekom⸗ men haben,“ meinte Benedict;„er iſt ſeit einiger Zeit ſehr niedergeſchlagen und düſter.“ „Der gute Oncle,“ klagte Rafaele,„wenn er nur nicht ſo zurückhultend gegen uns wäre und uns ſeinen Kummer entdeckte; wie wollten wir Alles aufbieten, die Wolken von ſeiner Stirn zu verſcheuchen.“ „Daß Ottokar und Guido nicht heimgekehrt,“ gab Benediet zu bedenken,„mag ihm auch im Kopfe herum⸗ gehen.“ „Wohl kaum,“ erwiderte Rafaele,„die Coufſins haben gewiß nicht ohne ſeine Einwilligung die Reiſe. nach Schottland angetreten.“ Das Mädchen hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als Benedict mit Einmmale ein paar Schritte den Gang entlang eilte und nach der Landſtraße ſchaute, die man von da eine lange Strecke überſehen konnte. „Alle Wetter!“ rief er,„was bedeutet das; da kommt im ſchnellſten Trabe eine Staffette die Straße daher, die ſo eben den Weg nach dem Schloſſe ein⸗ biegt.“ Neugierig kamen die Mädchen herbei und konnten noch gewahren, wie der reitende Bote in der Kaſtanien⸗ 5 10 allee verſchwand, die unmittelbar nach dem Schloſſe führte. 3 „Der bringt ſicherlich keine erfreuliche Botſchaft,“ ſprach Benediet,„ſonſt ginge das nicht ſo ſchnell. Der Himmel mag wiſſen, wie es in der Reſidenz ausſieht. Ich empfehle mich den gnädigen Fräuleins; ich will ſehen, ob Freude oder Trauer in das Schloß eingekehrt iſt; ich fürchte das Letztere.“ Mit dieſen Worten eilte er, von Neugier getrieben, geflügelten Schrittes den Gartengang entlang, dem Schloßhofe zu. „Du glaubſt nicht,“ ſprach Rafaele, als die beiden Mädchen allein waren,„wie bang mir iſt. Benedict hat recht, auch mir iſt der Oncle in letzter Zeit ſichtbar verſtimmt vorgekommen.“ „Das iſs wohl kein Wunder,“ erwiderte Veronika; „Du weißt, wie ſehr ihm ſolche Volksaufſtände ver⸗ haßt ſind und dergleichen haben ſeit der Pariſer Re⸗ volution faſt nicht aufgehört. Der Himmel gebe nur, daß bei uns Alles ruhig bleibt; ich glaube, wenn unſere Landleute Tumult anfingen, der Onele wäre im Stande, Kanonen kommen und die Unglücklichen niederſchießen zu laſſen; und welches Strafgericht würde Stephani über die Beſiegten ergehen laſſen!“ „Erinnere mich nicht an dieſen,“ bat die Schweſter,„ich hätte mir nie träumen laſſen, daß es möglich wäre, einen Menſchen verachten, ja verabſcheuen zu können, und an ihm habe ich die Erfahrung machen müſſen.“ „Mir ſcheint es auch,“ fuhr Veronika nach einer Pauſe ſtockend fort,„daß er uns mit den Berichten über Ottokar und Guido hintergeht. Er erzählt zu viel Gutes von Beiden, welches Lob mir aus Stephani's ſ Munde faſt bange macht; er giebt ſich für ihren beſten Freund aus und kann gewiß keine Seele lieben.“ „Dieſe Lobeserhebungen, denen man das Gezwun⸗ gene, Unredliche anſieht,“ geſtand Rafaele,„haben mich auch wenig erfreut. Dann iſt mir auch auf⸗ gefallen, daß in Ottokar's Briefen, von denen uns der Doctor immer vorerzählt, ohne daß wir einen ein⸗ zigen zu Geſicht bekämen, unſerer mit keiner Sylbe ge⸗ dacht wird. Wir ſind ja noch nicht geſtorben, und einen Gruß wenigſtens hätten wir gewiß verdient; wie würden wir uns gefreut haben.“ „Das iſt weniger auffällig,“ gab Veronika zur Antwort,„in der fernen geräuſchvollen Welt ſind ein paar arme Mädchen, wie wir, leicht vergeſſen.“ „Wenn auch ich,“ geſtand die Schweſter offenherzig zu,„Du gewiß nicht. Aber ich glaube, Ottokar hat uns gewiß beide grüßen laſſen, nur daß der argliſtige Doctor, ich weiß nicht aus welchem Grunde, uns die Grüße verheimlicht.“ Veronika ſchaute eine Zeitlang mit düſterm Sinne vor ſich hin. Dann ſprach ſie: „Ich habe noch eine andere böſe Ahnung.“ „Mach mir nicht Angſt, Veroni!“ rief Rafaele. „Ich bin überzeugt,“ fuhr die ältere Schweſter leiſe und geheimnißvoll fort,„daß die Reiſe nach Schottland ein Betrieb Stephani's iſt.“ „Wie ſo denn?“ frug Rafaele. „Um die beiden Jünglinge,“ erwiderte Veronika, „ſo lange als möglich von der Heimath entfernt zu halten. Der Doctor iſt überzeugt, daß nach ihrer Rückkehr ein großer Theil ſeiner Macht verloren geht.“ „Das wäre entſetzlich,“ rief Rafaele erſchrocken; „aber ſollten ſich Ottokar und Guido von dieſem böſen Menſchen am Gängelbande führen laſſen?“ „Einem hinterliſtigen Menſchen ſtehen viele Mittel und Wege zu Gebote,“ meinte Veronika. Die beiden Mädchen wandelten noch eine Zeitlang in den ſchattigen Gängen des Gartens auf und ab. „Wiſſen möcht' ich doch,“ begann Rafaele,„was es mit dem reitenden Boten für eine Bewandtniß hat; auch der Benedict kehrt nicht zurück. Wollen wir nicht nach dem Schloſſe zurückkehren?“ „Iſt es etwas Trauriges,“ meinte Veronika,„er⸗ fahren wir es zeitig genug. Sieh, der Abend wird wunderſchön. Der warme Regen am Mittag hat Alles erfriſcht. Wie wäre es, wenn wir unſere Schwäne einmal beſuchten?“ „Ich getraue mich in dieſen gefährlichen Zeiten gar nicht mehr in den Park,“ ſprach Rafaele;„überall ſeh' ich blutgierige Rebellen aus dem Gebüſch gucken.“ „Nun, ſo ſchlimm,“ lächelte Veronika,„iſt es Gott ſei Dank noch nicht. Komm, meine Raffa, wir prome⸗ niren noch ein Wenig an dem ſchönen Abend.“ „Die Staffette liegt mir nur zu ſehr im Sinne,“ entgegnete Rafaele,„kann ſie nicht Nachricht von Otto⸗ kar und Guido gebracht haben? Sie iſt vielleicht von den Couſins vorausgeſchickt, ihre baldige Ankunft zu melden. Man kann nicht wiſſen.“ Veronika, die bereits einige Schritte voraus war, blieb bei dieſen Worten ſtehen. „Das iſt ja unmöglich,“ ſprach ſie,„unſere Freunde klettern jetzt vielleicht rüſtig in den romantiſchen Bergen Schottlands auf und ab.“ „Aber der reitende Bote,“ entgegnete Rafaele, „kann ja Briefe von ihnen überbracht haben.“ „Da würden wir eben ſo wenig davon erfahren, wie von den frühern Schreiben,“ meinte Veronika 13 „doch da kommt Benedict eilenden Schrittes den Gang daher. Er muß wichtige Nachrichten haben.“ Rafaele ging neugierig dem Gärtner ein paar Schritte entgegen. Dieſer langte athemlos an. Auf ſeinem Geſicht war Schreck und Angſt zu leſen. „Wie ich prophezeiht,“ begann er,„in der Stadt geht Alles darunter und darüber. Es ſind an die zwanzig Laternen zerſchlagen worden. Man hat Feuer an das Rathhaus gemacht; aber es iſt nicht fortge⸗ brannt. Fortwährend ziehen ganze Trupps von Rebel⸗ len die Straßen auf und ab, laſſen den Lafayette und die Pariſer hoch leben und ſtoßen die größten Ver⸗ wünſchungen gegen eine hohe Obrigkeit und einen höchſten Adel und eine allerhöchſte durchlauchtigſte Familie aus. Kein Polizeiſoldat läßt ſich blicken. Er wäre ein Kind des Todes. Viele der hochweiſen Magiſtratshäupter ſind ganz unſichtbar geworden. Die Stadtpfeifer haben auf offnem Markte den Marſeillermarſch ſpielen müſſen, jenen rebelliſchen Singſang, der den Leuten das Blut in die Köpfe treibt. Alle Abgaben werden abgeſchafft. Man ſpricht von Penſionirung Seiner Durchlaucht. Das will ſich dieſelbe natürlich nicht gefallen laſſen und hat deshalb eine Staffette an den gnädigen Herrn Gra⸗ fen geſchickt, damit er für die böſe Zeit das Commando der Armee noch einmal übernehme. Seine Durchlaucht weiß, daß Graf Günther mit Rebellen kein Federleſen macht. Er ſoll ſich an die Spitze der Truppen ſtellen und die Lafayettiſten zu Paaren treiben Ich bin in großer Sorge, inwieweit mein Schwiegerſohn, der Schni⸗ der, bei dem Tumult betheiligt iſt. Er iſt ein ſanfter Mann, aber in Revolutionen furchtbar. Wenn der mit unſerm gnädigen Herrn zuſammentrifft, wird die Sache ſchlimm. Der Herr Graf iſt hitzig, mein Schwieger⸗ 14 ſohn iſt hitzig, da kann die Sache ſchlimm werden, ich ſehe das im Geiſte.“ „Wie,“ rief Rafaele, und ſchlug erſchrocken die Hände zuſammen,„ſo will der Onele den Hohenſtein verlaſſen, er, unſer einziger Schirm in dieſer gefahr⸗ vollen Zeit?“ „Von hier aus,“ meinte Benedict,„kann er die Armee doch nicht commandiren. Laut dem Befehle Seiner Durchlaucht muß er ſich an die Spitze als Ge⸗ neraliſſimus ſtellen.“ „Und was ſoll aus uns werden,“ jammerte Ra⸗ faele,„und aus der Großmutter, wenn hier die Re⸗ volution ausbricht?“ „Seien Sie unbeſorgt,“ tröſtete Benediet,„noch heute ſchreib' ich an die Muhme im Gebirg. Mein neues holſteiner Wäglein bringt uns ſchnell und uner⸗ kannt nach Burgdorf, ſobald die Bauerſchaft aufſäſſig wird.“ „Aber Roßwitha,“ fuhr Rafaele klagend fort,„ſie wird um keinen Preis das Schloß verlaſſen wollen.“ „Ja für die weiß ich keinen Rath,“ ſprach der Gärtner,„ſie mag ſich vom Doctor Stephani verthei⸗ digen laſſen, der iſt ihr ja Alles in Allem.“ „Der Onele,“ meinte Veronika,„wird ſicherlich weder ſie noch uns ohne Schutz zurück laſſen. Auch bin ich nicht dafür, daß wir ohne höchſte Noth das Schloß verlaſſen.“ „Ich wünſchte, ich ſäße ſchon in Burgdorf,“ ſprach Rafaele,„hier wird mir's von Stunde zu Stunde un⸗ heimlicher.“ Ein Diener des Grafen berief jetzt die Mädchen nach dem Schloſſe. Sie eilten zitternd dahin. Im Schloßhofe lief Alles geſchäftig durcheinander. Ein Reiſewagen, der den Grafen nach der Reſidenz bringen 15 ſollte, hielt bereits vor dem Hauptportale. Letzterer ſelbſt ſtand an einem der Fenſter, die nach dem Schloß⸗ hofe herausgingen, und winkte die beiden Mädchen zu ſich herauf. Als ſie in das Gemach traten, worin ſich Graf Günther befand, erblickten ſie dieſen in voller Reiſe⸗ kleidung. Er ging mit dem Doctor Stephani im Ge⸗ ſpräch auf und ab. „Ich werde auf kurze Zeit verreiſen,“ ſprach er zu Veronika und Rafaelen gewendet.„Während meiner Abweſenheit wird der Herr Doctor meine Stelle ver⸗ treten. Seinen Anordnungen iſt dieſelbe Folge zu leiſten, als wenn ſie von mir ausgingen. Laßt Euch durch die Gerüchte über die in der Reſidenz vorgefalle⸗ nen Unordnungen nicht unnöthiger Weiſe in Schrecken ſetzen. In wenig Tagen iſt die Ruhe wieder her⸗ geſtellt.“ Rafaele konnte es nicht über's Herz bringen, ihre Beſorgniß auszuſprechen, daß auch unter den Bewoh⸗ nern des Dorfes Hohenſtein Unruhen ausbrechen möchten. Der Graf lächelte. „Für dieſen Fall,“ ſprach er,„ſelbſt wenn er denk⸗ bar wäre, ſind der Schutzmittel in Menge vorhanden. Sei deshalb außer Sorge.“ Die Schweſtern nahmen Abſchied von ihrem geſtren⸗ gen Onele, der jetzt mit Einemmale wieder ein mächtig gebietender Mann im Fürſtenthume geworden war, und entfernten ſich mit ſchwerem Herzen. Als Graf Günther mit dem Doctor allein war, gab er dieſem noch einige Rathſchläge, wie er ſich während der Abweſenheit des Schloßherrn zu verhal⸗ ten habe. „Laſſen Sie,“ ſprach er,„unter keiner Bedingung in Ihrer ſtrengen Diseciplin nach; die Ereigniſſe mögen 16 ſich geſtalten, wie ſie wollen. Man ſoll von uns nicht ſagen, daß wir uns haben von den Bauern Etwas abtrotzen laſſen. Verſchärfen Sie Ihr Regiment, ſobald ſich die geringſte Widerſetzlichkeit von Seiten unſrer Untergebenen kund giebt. Ich finde das Miſore der Gegenwart allein darin begründet, daß man das Prin⸗ cip des energiſchen Widerſtandes aus den Augen ver⸗ loren hat. Die Regierungen haben ſich einſchüchtern laſſen. Das iſt ein großes Unglück. Sobald man dem Pöbel einen Fingerbreit nachgiebt, verlangt er erſt die Hand, dann den Arm, zuletzt den Kopf.“ Der Doctor Stephani gelobte hoch und theuer, ganz in dieſem Sinne während der Abweſenheit des Grafen das Regiment,zu führen. „Mir wäre es ſogar nicht unlieb,“ fuhr Graf Günther von Hohenſtein fort,„wenn ſich ſo ein Lüm⸗ mel, von dem revolutionären Schwindel angeſteckt, Et⸗ was herausnähme; ich wollte beim Himmel ein Exempel ſtatuiren, daß dem Bauernvolke für alle Ewigkeit die Luſt zur Rebellion vergehen ſollte.“ „Da man indeß nicht wiſſen kann,“ ſtellte der Doctor vor,„wie weit ſich manchmal die Leidenſchaften verirren, namentlich in der gegenwärtigen aufgeregten Zeit, ſo wäre ich doch dafür, daß die Dienerſchaft des Schloſſes für den Nothfall bewaffnet würde.“ „Auf keinen Fall,“ entſchied ſchnell der Graf,„das würde von unſrer Seite Furcht verrathen und ſolche, ſelbſt wenn ſie durch Gefahr begründet wäre, dürfen wir nie auch nur ahnen laſſen. Zeigen ſich bedenkliche Symptome, die Reſidenz iſt nicht fern; ich bin bald davon in Kenntniß geſetzt und werde Rath ſchaffen. Doch wünſchte ich nicht eher requirirt zu werden, bis offenbare Widerſetzlichkeit ſtat zfunden. Um ein denk⸗ —————— 17 würdiges Exempel zu ſtatuiren, bedarf's auch eines ge⸗ ſetzlich erwieſenen verbrecheriſchen Falles.“ „Apropos,“ fuhr der Graf nach einer Pauſe fort, „von meinem Sohne Ottokar keine Nachricht?“ „Der letzte Brief des jungen Herrn Grafen,“ ant⸗ wortete Stephani,„iſt noch Ende Auguſt von Paris aus datirt. Er ſchreibt darin, daß es ihm endlich ge⸗ lungen, den Grafen Guido für den Ausflug nach Schott⸗ land zu gewinnen, und daß in wenigen Tagen die Abreiſe bevorſtehe. Unbeſtritten haben in dieſem Au⸗ genblicke die beiden gnädigen Herren den Canal über⸗ ſchritten.“ „Der Guido,“ ſprach der Graf mit düſterm Sinne, „ſteht wie ein Unglücksſtern an meinem Himmel.“ „Gott, Gott!“ rief er nach einer Weile, ſich vor die Stirn ſchlagend,„iſt's denn möglich, daß ein Kind ſo entarten, ſo das Blut ſeiner Aeltern verläugnen kann. Wodurch habe ich dieſe Strafe des Himmels verdient?“ Der Doctor tröſtete. Er ſchob die revolutivnäre Verirrung Guido's auf die neuen verbrecheriſchen Theo⸗ rieen, die jetzt aller Orten gepredigt würden und leicht geeignet wären, junge empfängliche Gemüther zu ent⸗ zünden. Nichts lege ſich leichter, als dergleichen poli⸗ tiſche Exaltation. Daher ſei auch von Guido zu hof⸗ fen, daß er zu den conſervativen Principien zurückkeh⸗ ren werde, ſobald er die Einſeitigkeit der republikaniſchen Lehren einigermaßen erkannt habe. „Das gebe der Himmel,“ ſeufzte der Graf;„nur habe ich bei dem jetzigen liberalen Schwindel, der ſo viele Köpfe verdreht, wenig Hoffnung. Uebrigens ſchätze ich es noch für ein Glück, Ihren Rath befolgt und meinen Söhnen die Heimkehr in's Vaterland vor der Hand abgerathen zu haben.— Doch die Pflicht Stolle, Schriften, Supplem. II. 2 18 ruft, ich eile nach der Reſidenz⸗, behalten Sie, Herr Doctor, meine Befehle wohl in den Augen, weichen Sie in keinem Punkte davon ab. Hoffentlich, daß mir's bald gelingt, die Hauptſtadt von dem nichts⸗ nutzigen Geſindel zu befreien und die Ruhe wieder her⸗ zuſtellen, wo ich dann unmittelbar nach dem Hohenſtein zurückkehre. Leben Sie wohl.“ Mit dieſen Worten verließ der ſtolze, gebietende Mann das Gemach. Der Doctor Stephani gab ihm mit höchſter Devotion das Geleite bis zum Reiſe⸗ wagen. Der Kutſchenſchlag ward zugeſchlagen, und donnernd rollte der Wagen über die Zugbrücke des Hohenſtein. Z3weites Rapitel. E⸗ war eine finſtre, wilde Nacht. Seufzend ſchlug der Sturm die Kronen der mehrhundertjährigen Eichen gegen einander. Kein Stern am Himmel, und ununter⸗ brochen rauſchte der Regen. Der mäßige Gebirgsbach, welcher im tiefen Felſen⸗ grunde an der Grenze des Fürſtenthums, in deſſen Be⸗ reiche das Schloß Hohenſtein gelegen, mehrere Mühlen trieb, war von dem mehrtägigen Regen ſo angeſchwol⸗ len, daß er einem kleinen Fluſſe glich. Er hatte mehrere Brücken mit ſich fortgeriſſen und das bei günſtiger Witterung ſchon unwegſame Fortkommen noch müh⸗ voller gemacht. Nichtsdeſtoweniger war die im hohen Gebirg ge⸗ legene Felſenmühle heller erleuchtet, denn gewöhnlich. An mehreren der kleinen Fenſter brannten Lichter und 18 der ſchmale, bloß durch ein paar Balken gebildete Steg über das Schwarzwaſſer, ſo hieß der Gebirgsbach, war durch einen flammenden Kienkorb erleuchtet. Hier und da erhob ſich, durch den ungewohnten Feuerglanz aus ſeiner Ruhe aufgeſchreckt, ein Raub⸗ vogel aus ſeinem Felſenneſte, und flog, nachdem er in der Höhe einigemal ſcheu die Flamme umkreiſt, dunklern Gründen zu. Ununterbrochen heulte der Sturm in ſeltſamen Tönen durch die enge Schlucht und trieb die rothen kniſternden Funken hoch bis zu den Kuppen der Felſen. Beleuchtung der wilden Felsparthie theils durch die Lichter der Mühle, theils durch den flammenden Kienkorb gewährte ein wild romantiſches Bild. Man glaubte ſich in jene Zeiten verſetzt, wo wüſte Raub⸗ geſellen vorzugsweiſe ſolche unheimliche und unzugäng⸗ liche Schluchten zu ihrem Aufenthalte wählten. Wie⸗ derholt ſah man dunkle Männergeſtalten, tief in Mäntel gehüllt über den erleuchteten Steg des Schwarzwaſſers ſchreiten und in dem Hofe der Mühle verſchwinden. Dumpfes Hundegebell verkündete jedes Mal die Ankunft der unheimlichen Geſtalten. Die Mitternachtſtunde konnte nicht mehr fern ſein. Noch immer ſang der Sturm ſein eintönig Lied in den Felſen und der Regen rauſchte ohne Unterlaß, als ſich ein Fenſterchen im Dache der Mühle aufthat und das mit einer weißen Schlafmütze bedeckte Haupt des Müllers zum Vorſchein kam. „Tobias!“ rief eine Stimme, die allem Vermuthen nach dem Müller angehörte,„löſche den Korb; es iſt Alles herein.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als auch die Leuchte erloſch und mit ihr ſämmtliche Lichter in den Fenſtern der Mühle, Auch das Hundegebell war gänz⸗ 2* 20 lich verſtummt und man vernahm nichts als das Toben der Natur. Aber je einſamer von Außen, deſto Menſchenbelebter und lebhafter ging es im Innern der Mühle zu. Der Müller Martin hatte heut ſein größtes und beſtes Zimmer den nächtlichen Gäſten eingeräumt und an der großen Tafel ſaßen Kopf an Kopf, wohl an die dreißig kräftige Jünglinge, in einfach altdeutſcher Tracht, faſt ſämmtlich Studirende der benachbarten Univerſität. Nur zwei fremde Geſtalten, an deren Dialecte und Manieren man bald erkannte, daß ſie nicht im Bereiche des deutſchen Bundes geboren waren, erblickte man in der Geſellſchaft; desgleichen einige Perſonen, die das Univerſitätsalter ſchon geraume Zeit paſſirt zu haben ſchienen. Mehrere Bowlen Punſch dampften auf der langen Tafel und verbreiteten einen angenehmen Duft in dem Conferenzzimmer. Im Anfang ging es ſtiller zu, als man von einer ſo bedeutenden Anzahl lebensluſtiger Jünglinge hätte erwarten ſollen; als aber der erwärmende Punſch ſeine Kraft geltend machte, die Herzen näher brachte, auf⸗ ſchloß und das Band der Zungen löſte, ward es äußerſt lebhaft. Es wurden Liederbücher umhergereicht, die Kehlen geſtimmt und bald tönten Geſänge von Theodor Körner und Arndt vollchörig zu dem Toſen des Sturms. Nach Beendigung der erſten allgemeinen Geſänge kamen Bundeslieder an die Reihe, und aus dem In⸗ halte derſelben, ſo wie aus den verſchiedenen Reden, die von einigen Mitgliedern gehalten und aus den Toaſten, welche ausgebracht und mit Begeiſterung auf⸗ genommen wurden, erkannte man bald, daß ſämmtliche Studirende einer burſchenſchaftlichen Verbindung ange⸗ 21 hörten und daß der Zweck der ganzen Zuſammenkunft ein demagogiſcher war. Namentlich ging dies aus der Rede hervor, die einer der Studirenden, ein ſchöner ſchlankgebauter Mann, Namens Brandenburg hielt und worin unter andern folgende Stellen vorkamen. „Meine Brüder,“ ſprach er,„ſo iſt uns endlich das Glück geworden, die Sonne der Freiheit abermals am Horizonte des Vaterlandes aufgehen zu ſehen. Tauſend und aber tauſend Herzen ſchlagen dem holden Lichte entgegen. Wir begrüßen in ihm den Morgen eines neuen, langerſehnten Tages. Aber, meine Brü⸗ der, wenn jenes Licht der Verkünder einer ſchönern Zeit iſt, ſo iſt es zugleich ein Zeichen der Mahnung an des Vaterlandes edle, thatkräftige Jugend. Meine Freunde, noch hallt der Donner der großen Woche be⸗ lebend durch Europa, noch glüht die heilige Begeiſte⸗ rung für Freiheit und Völkerwohl in den Herzen von Millionen. Das Geſchlecht der Finſterlinge und Ty⸗ rannen hat ſich, gleich dem Geſchlechte der Eulen, bei ungewohntem Blitze der Freiheit, der vom Pariſer Stadthauſe nach den Tuilerien zuckte und durch ganz Europa leuchtete, ſcheu und erſchrocken zurückgezogen. Aber es ward von dem rächenden Blitze nur geblendet, nicht getroffen, zum Tode getroffen. In Kurzem wer⸗ den wir es aus ſeiner Höhle von Neuem hervorſchreiten ſehen, gewaltiger, ingrimmiger denn je, wenn wir jetzt den Wink des Himmels nicht benutzen und vollenden, was jener begonnen hat.“ „Meine Freunde, keine Zeit iſt zu verlieren. Das Vaterland ruft ſeiner Söhne edelſte zu den Waffen. Das oft verrathene, vielfach zerriſſene ſchreit zum Him⸗ mel nicht um Rache, nein, nur nach ſeinem ewigen, unveräußerlichen Rechte, nach Einheit und Freiheit. 22 Wir wären nicht werth, daß uns die ſchöne Sonne des Vaterlandes leuchtete, wollten wir die Mahnung der großen Zeit ungehört in unſern Ohren verklingen laſſen. Darum, meine Brüder, ſind wir heut' zuſam⸗ men gekommen, uns über die Mittel zu berathen, zur Erreichung der größten Pelſten der Zwecke. In wilder Nacht, an unk Orte ſind wir zuſam⸗ men gekommen, wie en rei, welche Helvetiens Freiheit gründeten; ſchli Znug, daß des Vater⸗ landes treueſte Freunde das Licht der Sonne ſcheuen und gleich dem Mörder ihre Zuſammenkunft auf un⸗ heimlichem Wege halten müſſen.“ „Aber es wird eine Zeit kommen,“ ſchloß der Sprecher mit erhobener Stimme,„wo es an jenen iſt, das Licht der Sonne und den Tag zu meiden, der nur ihre Schande beſcheint.“ Es kam nach dieſer Rede zu mannigfachen Ver⸗ handlungen und Berathungen. Man beſchloß vorerſt, einen allgemeinen Burſchentag auszuſchreiben, ein Cen⸗ tralcomité zu conſtituiren, ſich mit andern einflußreichen Ständen in Verbindung zu ſetzen, durch Anſchaffung geheimer Preſſen auf das Volk zu wirken und wenn Alles vorbereitet, an verſchiedenen Orten Deutſchlands an einem Tage loszubrechen. Die zwei anweſenden Franzoſen, Emiſſaire der Pa⸗ riſer Propaganda, verſprachen alle mögliche Unterſtützung an Geld, Waffen und Mannſchaft. Der eine der Franzoſen, Namens Düchatel, hielt eine kurze Rede in gebrochenem Deutſch, die theils wegen ihrer Unverſtändlichkeit, theils wegen der vielen prahlenden Phraſen wenig anſprach und bei einigen ſogar Mißbehagen und Unwillen hervorbrachte. „Wir brauchen keine auswärtige Hülfe,“ erklärte offen ein Burſchenſchafter,„wir wollen keine Freiheit, — 23 die uns durch die Franzoſen gebracht wird. Wir wiſ⸗ ſen, was es mit einer ſolchen auf ſich hat. Ein Volk von mehr denn dreißig Millionen wird ſich ſelbſt die Freiheit zu erkämpfen wiſſen oder es iſt einer ſolchen weiter und ſtellte als erſtes und Selbſtſtändigkeit, daß Frankreich d othringen, den es völ⸗ lig widerrechtlich be Usgebe. Dieſe Forderung v. ſo viel er davon verſtanden hatte, war Herrn Düchatel außerm Spaße. Er bezwang indeß ſeine Gereiztheit und meinte nur, daß es die allgemeine Billigkeit verlange, zuvor bei den Elſaſſern und Lothringern anzufragen, ob ſie lieber unter dem deutſchen Bunde oder unter franzöſiſcher Charte leben wollten. Er ſetze ſeinen Kopf zum Pfande, daß man die Charte der Bundesacte vorziehen werde.“ „Allerdings,“ gab man zur Antwort,„ſo lange ein Bundestag fungirt; aber mit ihm wird es bald zu Ende ſein und dann wird ſich das einige gewaltige Deutſchland ſeiner verlaſſenen Kinder jenſeits des Rheins annehmen.“ Der Senior, der zugleich das Amt eines Präſi⸗ denten verwaltete, bat,„dergleichen Discuſſionen bei Seite zu laſſen und ſich mit näher liegenden Gegen⸗ ſtänden zu beſchäftigen.“ Es wurden jetzt mehrere Berichte aus verſchiedenen Gegenden Deutſchlands verleſen. Aus allen ging her⸗ vor, daß die politiſche Aufregung aller Orten überhand nehme und immer offener ſich kund gebe. Hier und da war es ſelbſt zu bedeutenden Exceſſen gekommen. Städtiſche Abnormitäten hatten in der Regel die nächſte Veranlaſſung gegeben. Der Pöbel hatte ſich zuſammen gerottet, Laternen und Fenſter waren vielfach eingewor⸗ Bedingniß der 24 fen, Straßen und Märkte entpflaſtert, einzelne Polizei⸗ beamte gemißhandelt, die Behörden verhöhnt und der einſchreitenden Militärmacht oft kecker Widerſtand ent⸗ gegen geſtellt worden. Hier und da hatten ſelbſt an⸗ geſehene Bürger gemeinſchaftliche Sache mit dem Volke gemacht. Nach Verleſung ſolcher un er Berichte kam man auch auf die tumultuariß rfälle in der un⸗ fern gelegenen Reſidenz. Die übtriebenſten Gerüchte waren im Umlauf. Der Fürſt, hieß es, ſei auf der Flucht, das Schloß geſtürmt, das Rathhaus verbrannt; doch ſei durch das energiſche, ja tyranniſche Einſchrei⸗ ten des Grafen Günther von Hohenſtein, der das Mi⸗ litaircommando überkommen, die Ruhe wieder hergeſtellt worden. Er habe ſogleich die Stadt in Belagerungs⸗ zuſtand erklären und mehrere der gefangenen Tumul⸗ tuanten auf der Stelle erſchießen laſſen. Ein allgemeiner Schrei der Entrüſtung entfuhr bei dieſer Nachricht der Verſammlung. Man beſchloß ſo⸗ gleich den Namen des Grafen Günther von Hohenſtein auf die Proſeriptionsliſte, worauf bereits eine bedeu⸗ tende Anzahl hochgeſtellter Perſonen verzeichnet ſtand, zu ſetzen und dieſen volksfeindlichen Ariſtocraten der allgemeinen Rache Preis zu geben. Wieder erhob ſich Brandenburg. „Brüder,“ rief er,„dieſer Sieg der Soldateska über das Volk iſt für alle Freiheitsfreunde ein tief be⸗ trübendes Ereigniß. Die Wirkungen davon ſind unbe⸗ rechenbar. Nichts iſt gewiſſer, als daß die Volks⸗ und Vaterlandsfeinde den größtmöglichſten Nutzen ziehen werden. Sie haben jetzt gelernt, wie einem Volks⸗ aufſtande beizukommen, und ſtatt ihres zeitherigen Nachgebens, das viele Verblendete für Milde hielten, das aber weiter nichts war als Furcht, werden ſie die 25 Tyrannenſeite furchtbarer denn je herauskehren. Anſtatt der Conzeſſionen wird man, nachdem einmal ein ſo verlockendes Beiſpiel gegeben iſt, mit Füſiladen und Kartätſchenfeuer antworten. Der Soldat iſt Maſchine und muß gehorchen. Er darf nicht wie in Frankreich darüber nachdenken, ob er im Solde der Tyrannei kämpft und daß der gegenüberſtehende Feind Niemand anders als ſeine Landsleute, Hausgenoſſen, Freunde und Verwandte ſind.“ „Brüder,“ fuhr der Sprecher immer aufgeregter fort,„wir dürfen nicht dulden, daß die Sache des Volks ſo ſchmählich unterliegt. Das Blut der Ermor⸗ deten ſchreit um Rache; es ſchreit um Rache zum va⸗ terländiſchen Himmel. Das klägliche Geſchick dieſer Hauptſtadt wird furchtbar demoraliſirend wirken auf alle künftigen Volksaufſtände. Brüder, noch iſt's Zeit, dem blutdürſtigen Satelliten der Tyrannei den Sieg zu entreißen und ſo dem ganzen Vaterland einen unermeß⸗ lichen Dienſt zu erweiſen. Sind Unſerer auch Wenige; die Begeiſterung für eine heilige Sache wird erſetzen, was uns an phyſiſcher Macht gebricht.“ Der Vorſchlag des jungen Mannes fand allgemeinen Veifall. Nur Einige gab es, die das Voreilige und Gewagte dieſer Unternehmung in klares Licht zu ſetzen ſich bemühten. „Nichts da,“ rief Brandenburg,„wenn wir zu viel überlegen, berathen, verſtreicht die edelſte Zeit. Wir haben lange genug disputirt über die Rettung des Va⸗ terlandes. Der Augenblick iſt gekommen, wo gehandelt, gekämpft werden muß. Wir können nur gewinnen, ſelbſt wenn wir untergehen. Unſer Tod, unſer Blut, das gefloſſen für die heiligſten Rechte der Menſchen⸗ bruſt, werden ſchönere Früchte tragen, denn unſer tha⸗ tenvollſtes Leben.“ 26 Noch immer peitſchte der Sturm die alten Föhren in dem Felſenlabyrinthe, ununterbrochen rauſchte der Regen durch die Nacht. Der junge Burſchenſchafter bot alle ſeine Beredtſamkeit auf, die Verſammlung für das bewaffnete Einſchreiten zu gewinnen, als plötzlich der Student Röber, welcher die Wache am Eingang zur Mühle hatte, in das Gemach trat und die Nach⸗ richt brachte, daß noch Jemand, der ſich jenſeit des Schwarzwaſſers befinde, Einlaß begehre. „Das kann nur ein Verräther ſein!“ rief ſogleich Brandenburg;„Brüder, zu den Waffen, lebendig mag ich nicht in die Gewalt der Tyrannen fallen.“ Die Verſammlung gerieth in große Aufregung. Man frug, ob Röber nicht die Parole verlangt hätte. „Allerdings,“ lautete die Antwort;„aber der Sturm iſt ſo heftig, daß er jedes Wort verweht. Uebrigens iſt der Einlaßbegehrende mit unſerm Signale bekannt. Ich habe das dreimalige Händeſchlagen deutlich ver⸗ nommen.“ „Dann muß er doch zu den Unſrigen gehören,“ meinten Mehrere. „Unmöglich,“ behauptete Brandenburg,„die hier Verſammelten ſind alle geladen und ſämmtlich erſchienen. Es fehlt Niemand und ungeladene Gäſte können wir nicht gebrauchen.“ Einige der Verſammelten waren an die Fenſter getreten und lauſchten, ob ſich das übliche Signal viel⸗ leicht noch einmal vernehmen laſſe. Unheimlich rüttelte der Sturm an dem hohen Giebel und den wohlverwahrten Fenſtern der Mühle. Eintönig plätſcherte der Regen auf den mit Steinplatten belegten Hofraum. Sämmtliche Anweſende machten ſich für den Fall einer Ueberrumpelung kampffertig. Wirklich vernahm man auch nach einer kleinen 27 Pauſe das dreimalige Zuſammenſchlagen der Hände und das in der Verbindung bekannte Pfeifen. „Es iſt kein Unbekannter,“ ſprachen Mehrere. „Ich traue noch immer nicht,“ entgegnete Bran⸗ denburg,„die Verrätherei geht heut zu Tage ſchlau zu Werke. Gedoppelte Vorſicht iſt nöthig. Ich werde ſelbſt den ſpäten Gaſt ſondiren; Ihr Andern verhaltet Euch unterdeß ſo geräuſchlos wie möglich.“ Mit dieſen Worten ſchlich der Burſchenſchafter leis aus dem Zimmer, ſtieg vorſichtig die Mehlbeſtäubte Treppe hinab, öffnete eine kleine Seitenthür und be⸗ fand ſich bald an der Stelle, wo früher der Kienkorb leuchtete. Der Steg über das Schwarzwaſſer war ab⸗ gebrochen, ſo daß namentlich bei dem dießmaligen hohen Waſſerſtande Niemand vom jenſeitigen Ufer herüber konnte. Brandenburg, mit zwei Piſtolen und einem Dolche bewaffnet, watete durch hohes naſſes Gras bis zu dem ufer des hochangeſchwollenen Waldbachs. Er mühte ſich bei der undurchdringlichen Finſterniß und in dem ſtromweis herabrauſchenden Regen vergebens, das jen⸗ ſeitige Ufer zu recognosciren. Alles war in undurch⸗ dringliches Dunkel gehüllt. Er hoffte, daß ſich das bekannte Signal noch ein⸗ mal wiederholen würde, aber Alles blieb ſtill; das Schwarzwaſſer brauſte und ſchäumte in ſeiner nächtigen Tiefe, die hohen Fichten ſchlugen die naſſen Zweige und Aeſte ſeufzend an einander, hoch in den Felſen heulte der Wind in wunderlichen Tönen. Die Mühle ſelbſt lag in tiefer Finſterniß, daß das geübteſte Auge von ihrem Daſein nichts zu entdecken vermochte. Brandenburg war jetzt an der einen Stelle, wo ſich der Waldbach durch Felſen zwängte, und an Breite verlor, dem jenſeitigen Ufer ſo nahe gekommen, daß er — 28 als rüſtiger Turner leicht hinüber ſpringen konnte. An dieſer Stelle ſtrengte er nochmals ſeine ganze Sehkraft an, und ſo entdeckte er wirklich zwei dunkle Geſtalten, die, wie es ſchien in Mäntel gehüllt, ganz nahe am Ufer ſtanden. Brandenburg hielt es nicht für rathſam, ſich be⸗ merklich zu machen und wartete, bis die Fremdlinge ein Lebenszeichen von ſich geben würden. Dies währte nicht lange. Die eine Geſtalt verließ ihren Platz und ging einige Schritte auf und ab. Sie kam einmal dem lauſchenden Brandenburg ganz nahe und ſtarrte nach der Gegend der Mühle. Der andere Graumantel verharrte unbeweglich auf ſeiner Stelle. „Verdammt,“ begann endlich die Geſtalt, welche dem Burſchenſchafter zunächſt ſtand,„ſo ſind wir doch getäuſcht worden. Wenn die Freunde Convent hielten, würden ſie mein Signal vernommen haben.“ „Es iſt möglich,“ erwiderte der Andere,„daß das Zeichen bei dem Toben des Sturmwindes nicht durch⸗ drang.“ „Die Mühle ſcheint wie ausgeſtorben,“ fuhr der Erſtere fort,„kein Lichtlein iſt zu erblicken.“ „Eine fürchterliche Nacht,“ tönte es zur Antwort; „es wäre doppelt fatal, wenn wir die romantiſche Partie umſonſt gemacht hätten; wie wir uns übrigens durch die Felſen zurück finden wollen, ohne den Hals zu brechen, bleibt mir ein Räthſel.“ „Unbeſorgt, Herr Graf,“ tröſtete der Andere,„tref⸗ fen wir auch die Befreundeten nicht, kenn' ich doch Vater Martin zu gut, als daß er uns in dieſer heil⸗ loſen Nacht ohne Obdach laſſen ſollte. Wenn nur das verwünſchte Schwarzwaſſer nicht ſo hoch angeſchwollen wäre, befänden wir uns längſt in der Mühle. Der ge⸗ wöhnliche Steg iſt abgebrochen, oder das Waſſer hat 2 29 ihn mit ſich genommen. Uebrigens muß es ſchmale Stellen geben, die man mit leichter Mühe überſpringen kann.“ Der Graumantel ſchien nach dieſen Worten ſich in der Dunkelheit orientiren zu wollen, aber vergebens. „In dieſer Finſterniß,“ ſprach er,„mag ſich der Satan zurecht finden, aber ein kurzſichtiges Menſchen⸗ kind nicht.“ Brandenburg hatte jetzt mit Verwunderung und Freude die Stimme erkannt. Sie gehörte Niemanden anders, als dem in der geſammten Burſchenſchaft hoch⸗ geachteten Subſenior an, Namens Bachmann, der als Emiſſär der norddeutſchen Burſchenſchaft nach dem Sü⸗ den geſchickt worden war, um das Band zwiſchen den verſchiedenen Univerſitäten feſter zu knüpfen. Wie bekannt indeß auch Bachmanns Stimme war, ſo konnte dies doch nicht von ſeinem Begleiter gelten, der mit dem Namen Graf titulirt worden ward. Bran⸗ denburg lauſchte daher aus Vorſicht, bevor er ſich zu erkennen gab, noch ein Weilchen, und erſt als Bach⸗ mann zum Drittenmale das Signal ertönen ließ, ward es beantwortet. „Aber Horatius,“— dies war Bachmann's Name bei der Burſchenſchaft— frug Brandenburg, nachdem er das Signal beantwortet hatte,„alle Wetter, wo kommſt Du her und zu dieſer Stunde; und wen führſt Du mit Dir?“ „Vor allen Dingen, Fiſch,“— dies war Bran⸗ denburg's Spitzname— tönte es zur Antwort,„bringe uns in's Trockne, dann frage ſo viel Dir beliebt; für meinen Begleiter ſteh ich, auf Burſchenwort.“ Brandenburg legte jetzt das Bret über den Bach und geleitete die Zwei glücklich auf das andere Ufer. Hier ſchüttelten ſie ſich bekannter und unbekannter Weiſe — 30 die Hände. Der Fiſch ſchritt voran und bald befanden ſich die Drei unter ſchützendem Obdache. Die übrigen Burſchenſchafter waren gleich Branden⸗ burg eben ſo verwundert als erfreut, ihren geliebten Subſenior, den ſie tief im Süden des Vaterlandes glaubten, plötzlich ſo unerwartet in ihrer Mitte zu ſehen; als er mit ſeinem Begleiter, einem ſchlanken blonden Manne von ſtattlichem Aeußern in's Zimmer trat, ward er mit allgemeinem Jubel empfangen. Das erſte Geſchäft des Eingetretenen war, ſeinen Begleiter als den Grafen Guido von Hohenſiein der Verſammlung vorzuſtellen, indem er einige kräftige Worte zu deſſen Empfehlung beifügte. Der Name Hohenſtein hatte aber bei mehreren der Anweſenden ein finſteres Stirnrunzeln zu Folge. Man gedachte des Grafen Günther von Hohenſtein, welcher in der Reſidenz den Aufruhr mit ſo energiſcher Hand unterdrückt hatte. Brandenburg ſcheute ſich daher nicht, es unverholen auszuſprechen, daß der Name Hohenſtein in den jüngſten Tagen ſich mit dem Blute der Bürger und dem Fluche der Freiheitsfreunde belaſtet habe. Er erzählte das Verfahren des neuernannten Generallieutenants der fürſtlichen Truppen. Graf Guido erbleichte, als er in dem Genannten ſeinen eigenen Vater erkannte, doch faßte er ſich. „Meine Freunde,“ ſprach er,„und ſo kann ich Sie ja nennen, da wir alleſammt nach einem und demſelben herrlichen Ziele ſtreben; empfangen Sie mein heiliges Wort, daß ich den Namen Hohenſtein bei den Freun⸗ den der Freiheit wieder zu Ehren bringen werde.“ Der Burſchenſchafter Bachmann mußte jetzt erzählen, wie es gekommen, daß er von ſeiner Miſſion ſo ſchnell zurückgekehrt ſei. 31 „Daran iſt hauptſächlich“ gab er zur Antwort, „hier unſer Graf ſchuld, den ich zu Heidelberg kennen lernte. Er iſt einer von den Wenigen, die weit mehr Freunde der That als langer Erörterungen ſind. Auf den ſüddeutſchen Hochſchulen können noch Monde ver⸗ gehen, bevor ſich die daſigen Burſchenſchaften zu einem Hauptſchlage vereinigen. Es iſt zu viel arminiſcher Geiſt, der den bedächtigen deutſchen Charakter nicht verläugnet, unter ihnen. Wenn wir noch lange debatti⸗ ren, ſo wird das Eiſen kalt, das jetzt glüht und von muthiger Hand geſchmiedet ſein will. Es muß ein Anfang gemacht werden und zwar ſo ſchleunig wie möglich; ſind wir auch noch ſo gering an Mannſchaft, der Erfolg wird unſer Losſchlagen rechtfertigen. Deß bin ich gewiß. Ich mochte daher die koſtbare Zeit nicht durch unnützes Umherreiſen vergeuden, um der deutſchen Jugend allerorts philoſophiſch darzuthun, daß das menſchliche und göttliche Recht ſich auf unſerer Seite befinde, ſondern bin in Begleitung unſres neuen Freun⸗ des zu Euch zurückgekehrt, wo ich noch die meiſten Gleichgeſinnten zu finden hoffte. In Jena erfuhr ich durch den Germanen Lauterbach Euern heutigen Con⸗ ent und ſäumte daher nicht, demſelben beizuwohnen, Boſchon Weg und Wetter nichts weniger als einladend waren.“ Die Worte Bachmann's hatten allgemeinen Beifall gefunden; der Vorſchlag Brandenburg's kam wieder zur Sprache, und ſo ward faſt einſtimmig beſchloſſen, die nächſten Tage in der benachbarten Reſidenz die Fahne des Aufruhrs aufzupflanzen. 3 32 Drittes Ruyiter. Sait Graf Günther den Hohenſtein verlaſſen, war es womöglich noch ſtiller auf dem Schloſſe geworden. Unbeweglich wie immer ſaß die Gräfin Roßwitha bei herabgelaſſenen Vorhängen, im alterthümlichen Schmucke auf ihrem Rollſtuhle. Eine bejahrte Kammerfrau war nächſt dem Doctor Stephani das einzige menſchliche Weſen, das ſich der Gräfin nähern durfte. Der Doctor kürzte ſeine Beſuche bei der Gräfin, in deren Geſell⸗ ſchaft er ſich natürlich wenig amüſiren konnte, möglichſt ab, und verbrachte einen großen Theil ſeiner Zeit bei den Schweſtern Veronika und Rafaele, obſchon dieſe ihm ziemlich unverhohlen zu verſtehen gegeben, wie un⸗ angenehm ihnen ſeine Gegenwart ſei. Stephani that indeß, als ob er davon nichts merke; er verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit gegen die jungen Damen und bot alle ſeine geſellſchaftlichen Talente auf, um ſeine Perſon in ein freundliches Licht zu ſetzen. Bald unterhielt er die Damen von ſeinen weiten Reiſen, und man mußte es ihm laſſen, er wußte in⸗ tereſſant zu erzählen, bald theilte er intereſſante Pis aus der ältern und neuern ſchöngeiſtigen Literatur mit. Sein Vortrag, von einem angenehmen Organ gehoben, hörte ſich gut mit an. In der Wahl der vorzutra⸗ genden Stücke zeigte er ſich eben ſo beleſen als von Geſchmack. Gleichwohl wollte es ihm durch alle dieſe Vorzüge nicht gelingen, das widerwärtige Gefühl, welches die Mädchen gegen ſeine Perſönlichkeit empfanden, zu be⸗ ſeitigen; und je gefühlvoller er ſich bei dieſer oder jener ergreifenden Stelle aus einem Dichter zeigte, um ſo 7 33 widerwärtiger erſchien den beiden Schweſtern die Heuchelei dieſes Mannes. Was aber Veronika und Rafaelen noch weit mehr von ihm zurückgeſchreckt haben würde, ſobald ſie es be⸗ merkt hätten, das waren die unheimlichen ſtiletartigen Blicke, welche er, ſobald er unbeobachtet war, auf Ve⸗ ronika warf, und die ſeine glühende Leidenſchaft für das ſchöne Mädchen deutl ich genug an den Tag legten. Eben ſaßen die Drei an einem ſchönen Nachttm wieder in der Laube des Schloßgartens. Die klare Herbſtſonne ſtrahlte mild vom unbewölkten Himmel Stille Aſtern blühten in mannigfachem Farbenſpiele und hier und da flammte eine majeſtätiſche Sonnen⸗ roſe. Eine heitere Ruhe athmete über der ganzen Schöpfung, kein Lüftchen rührte ſich und an den zahl⸗ reichen Weingeländern ſchwollen die noch grünen Trau⸗ ben immer üppiger. Der Doctor hatte ſo eben den Taſſo, ſchöne Dichtung Goethe's beendet; die Mädchen von den rei⸗ zenden Verſen wunderbar angeſprochen, blickten finnend hinaus in die ſchöne Landſchaft, als ſich' Schritte nahten und der Poſtbote dem Doctor einen Brief überbrachte. Stephani entſchuldigte ſich bei den Damen, wenn er ſie auf kurze Zeit verlaſſen müſſe und kehrte mit dem Boten nach dem Schloſſe zurück. Kaum aber hatte er den Rücken gewandt und die Mädchen befan⸗ den ſich allein, als Benedict's Kopf, der aus dem be⸗ nachbarten Geſträuch hervorguckte, ſichtbar wurde. „Ich ſtöre doch nicht?“ frug der Gärtner, halb verſtohlen, halb furchtſam; und als Rafaele ihm winkte, kam er ſchnellfüßig daher. Auf ſtinem Geſichte aber war große Beſorgniß zu leſen. „Das iſt ſchön hergegangen drinnen,“ berichtete er Stolle, Schriften. Supplem. II. 3 „ * 34 geheimnißvoll;„der gnädige Herr Graf hat reine Wirthſchaft gemacht, mit Kanonen und Kartätſchen drein'nein geſchoſſen; Alles iſt kurz und klein, was von den Rebellen kreucht und fleucht. Siebenhundert, bei denen man das Pulver ſparen will, werden gehängt. Ein ganzer Wald wird gefällt zu lauter Galgen. Wie's mit dem Schwiegerſohne ſteht, mag der Himmel wiſſen. Das haben ſie von ihren unverſtändigen Re⸗ bellern; wollten's den Pariſern nachmachen, proſit; unſre Bauern gehen wie vor den Kopf geſchlagen herum, dachten ſchon, das rebelliſche Himmelreich würde hier auch losgehen, ſind wieder demüthig und von Herzen ſanftmüthig. Nur der alte Nicodemus bleibt ſteif und feſt, ſitzt all Abends unter der Linde und ſoll dieſe Tage wunderbare Sachen prophezeiht haben.“ „Ja; ich ſagt's immer,“ fuhr der Redſelige fort, „wenn der gnädige Herr unter die Republikaner fährt, iſt es Matthäi am letzten. Mein Schwiegerſohn wollt's nicht glauben, ſaß auf dem hohen Pferde, jetzt hat er's. Mich dauert nur die Frau; das Weib hat vier Würmer, nichts zu brocken und zu beißen, daß Gott erbarm. Sie ſollten die Kinderchen ſehen, liebe gnädige Fräu⸗ leins, ich ſage Ihnen, Kinderchen, zum Aufeſſen, be⸗ ſonders das Pathchen, der Karlemann, ein geſcheuter Junge, ſag ich Ihnen.“ Benediet's Bericht ward plötzlich durch die Stimme des Doctors unterbrochen, die am Eingange des Gar⸗ tens wieder vernehmbar ward. Er empfahl ſich daher ſchleunigſt und verſchwand hinter dem Gebüſch, da er zu wohl wußte, wie ungern es Steßhani ſah, wenn er ſich mit den jungen Damen unterhielt. Der Doctor kehrte mit ſehr freudigen Mienen in die Laube zurück. „Ich bringe frohe Botſchaſt,“ begann er, zu Vero⸗ 35 nika und Rafaele gewendet,„Ihr Herr Oncle, mein allergnädigſter Herr, den das Vertrauen Seiner Durch⸗ laucht wieder an die Spitze der Truppen rief, hat demſelben auf das Vollkommenſte entſprochen und die in der Reſidenz ausgebrochene Meuterei von Grund aus zerſtört. Mit eiſerner Zuchtruthe hat derſelbe Ge⸗ richt gehalten über die verworfenen Rotten und ſo dem Vaterlande, ja ganz Deutſchland einen außerordentlichen Dienſt erwieſen.“ Die Mädchen erkundigten ſich nicht ohne Bangen nach dem nähern Verlaufe der Rebellion. „Die Sachen ſtanden ſchon ſehr bedenklich,“ er⸗ zählte der Doctor,„und falls der Pöbel in der Haupt⸗ ſtadt geſiegt hätte, wärees für das ganze Land von unberechenbarem Nachtheile geweſen. Man hat in den höchſten Regionen, ſo zu ſagen, etwas den Kopf verloren, die herzogliche Familie ſtand bereits auf dem Punkte, die Reſidenz zu verlaſſen, als der gnädige Herr Graf zur rechten Zeit anlangte und durch kräf⸗ tiges, energiſches Einſchreiten die Ruhe wieder her⸗ ſtellte.“ „Auch für die hieſige Umgegend,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„iſt die Lehre, welche der Herr Graf der Reſidenz gegeben hat, von den wohlthätigſten Fol⸗ gen. Ich bin überzeugt, daß es zu unruhigen Auf⸗ tritten gekommen wäre, wenn die Revolte nicht mit aller Strenge unterdrückt worden. Ich hatte für dieſen äußerſten Fall auch meine Maßregeln getroffen, Sie, meine Damen, in Sicherheit zu bringen. Der Wagen ſtand bereit. Jetzt, dem Himmel ſei Dank, haben wir nichts zu fürchten und ich kann däs Rettungsboot ge⸗ troſt wieder in die Remiſe ſchaffen laſſen.“ „Wohin hätten Sie uns denn in Sicherheit brin⸗ 3* 36 gen wollen?“ erkundigte ſich Rafaele nicht ohne innere Aengſtlichkeit. „An einen Ort,“ verficherte der Doctor, mit ge⸗ heimnißvollem Lächeln,„wo alle Aufrührer der Welt Sie nicht hätten entdecken ſollen.“ Die Mädchen dankten in ihrer Seele Gott, daß es zu dieſem Aeußerſten nicht gekommen war; ſie ſetzten in alle Handlungen Stephani's ein nicht zu beſchreiben⸗ des Mißtrauen. Unterdeß begann es dunkel zu werden. Der Doctor gab den Befehl, Thore und Pforten im Bereiche des Schloſſes ſorgfältig zu verſchließen. Er pflegte dann ſelbſt die Runde zu halten, um ſich zu überzeugen, ob ſeine Befehle auch pünktlich vollzogen worden ſeien. Eigenhändig unterſuchte er jedes Schloß und jeden Riegel, denn er war mißtrauiſch gegen Jedermann. Die Abendglocke tönte vom Dorfe heräuf. Hier und da trat ein einſamer Stern hervor; das Schweſtern⸗ paar wandelte in dem ſtillen Abend noch einige Mal den Gartengang auf und ab. Veronika's Seele war voll tiefer Trauer, obſchon das Mädchen äußerlich ſo heiter als möglich erſchien. Der Gedanke, daß ſie von Guido, dem Ideale ihres Lebens, gänzlich vergeſſen ſei, denn ſonſt würde er ſicher durch ein paar Zeilen ein Lebenszeichen gegeben haben, nagte wie ein innerer Wurm an dem jungen Leben. Dazu war der an Zer⸗ ſtreuungen ſo arme Aufenthalt auf dem alterthümlichen Schloſſe nicht geeignet, auf die hoffnungslos Liebende wohlthätigen Einfluß zu üben. Sie war Schwärmerin und betrachtete den Tod als ihren einzigen Freund. Grade als Gegentheil ihrer Schweſter konnte Ra⸗ faele betrachtet werden. Sie hatte keine Ahnung, daß es außer körperlichen auch noch Leiden des Herzens und der Seele geben könne. Sie verſtand daher die 37 Schweſter nicht, zumal dieſe ihren inneren Zuſtand un⸗ ter ſcheinbarer Heiterkeit ſelbſt der Schweſter zu ver⸗ ſchleiern verſtand; und ihre einzige Erdenſorge beſtand in der Furcht vor Spitzbuben, die ſich die Einſamkeit des Schloſſes über kurz oder lang zu Nutze machen könnten und vor den Rebellen, von denen ſie in jüngſter Zeit ſo viel hatte erzählen hören. Während Veronika die ganze Zeit über von trau⸗ rigen Ahnungen beſchlichen und ihr Schlummer durch düſtre Träume beunruhigt wurde, legte ſich Rafaele alle Abende todtmüde in ihr ſchnerweißes Bett und ſprang, ſobald der junge Morgen durch die rothſeidenen Gar⸗ dinen guckte, friſch geſtärkt auf, ohne im geringſten auf einen Traum ſich beſinnen zu können. Daher gehörte es an dem Abende, wo die Schweſtern ſelbſt bei hereinbrechender Dunkelheit in dem Haupt⸗ gange des vordern Theils des Schloßgartens auf und abgingen, zu den auffallenden Erſcheinungen, daß einmal der umgekehrte Fall eintrat. Rafaele hatte nämlich ſchon lange die Schweſter ge⸗ beten, nach dem Schloſſe heimzukehren, weil es im Garten nicht geheuer ſei. Es ſage ihr eine unerklär⸗ liche Angſt, eine Ahnung, daß dieſen Abend noch ein Unglück paſſiren werde. Veronika, die wie träumend nach den immer bleicher werdenden Abendrothe ſchaute, konnte ſich bei Rafaelen's plötzlichem Ahnungsgefühle eines Lächelns nicht erwehren. „Du hältſt für Ahnung,“ ſprach ſie,„was nur Furcht iſt vor Raub und Aufruhr und gleichwohl hat der Doctor ſo beruhigende Nachrichten gebracht.“ „Der kann Viel erzählen, ich glaube es nicht,“ Rafaele,„komm meine Veroni, es wird ſo pät.“ 38 Dabei blickte ſie ängſtlich nach dem immer dunkler werdenden Geſträuch, in deſſen Zweigen der Abendwind leis ſpielte. „Sieh einmal jenen ſchönen Stern,“ ſprach Vero⸗ nika, nach dem öſtlichen Himmel zeigend,„wer giebt uns Kunde, was da für Weſen wohnen?“ „Das weiß nur der liebe Gott,“ antwortete die Schweſter ungeduldig;„aber komm jetzt, wenn Du Aſtronomie treiben willſt, kannſt Du das von unſern Fenſtern aus thun.“„ Veronika konnte ſich von dem herrlich ſtrahlenden Jupiter, der im Morgen aufgegangen war, lange nicht losreißen. So ſtanden die Mädchen noch einige Mi⸗ nuten, Rafaele in ängſtlicher Ungeduld, Veronika in ſchwärmeriſcher Schwermuth,— rings herrſchte tiefe Stille über der herbſtlichen Schöpfung; nur vom Dorfe herauf ſcholl fernes Hundegebell— als plötzlich in den Geſträuchern längs der Mauer, welche den Park von dem Garten trennte, ein Gepraſſel entſtand, als wenn Jemand von einer Erhöhung herabſpränge. „Um Gottes willen, was war das?“ frug zitternd Rafaele, faßte die Hand der Schweſter, welche letztre unter bewandten Umſtänden die Aſtronomie dahin ge⸗ ſtellt ſein ließ, und die beiden Mädchen eilten ſporn⸗ ſtreich, den Hauptgang entlang und erreichten den Schloßhof. Hier kam ihnen der Doctor entgegen, der eben von der Viſitation der Schlöſſer und Riegel zurück⸗ gekehrt war. „Sie ſind jetzt vollkommen ſicher, meine Damen,“ ſprach er,„Alles iſt wohlverwahrt.“ Rafaele erzählte noch halb athemlos von dem ver⸗ dächtigen Gepraſſel an der Gartenwand. Stephani lächelte. 39 „Unbeſtritten ein Stück Kalk,“ beruhigte er,„das ſich vom Geſtein getrennt hat; die Mauer iſt alt und in ſolcher Abendſtille erregt das leiſeſte Geräuſch Verdacht.“ „Nein, nein,“ ſtimmte jetzt auch Veronika bei,„es war, als wenn Jemand aus der Höhe in die Geſträuche ſpränge. Wir beide haben es deutlich vernommen.“ Der Doctor ſchüttelte noch immer ungläubig das Haupt, doch verſprach er, da die Mädchen ſich nicht beruhigen wollten, den Garten durchſuchen zu laſſen. Sofort wurden Zwei von der männlichen Diener⸗ ſchaft mit Stöcken nach dem Garten beordert. Sie durchſtöberten, um den inſtändigen Bitten der beiden Fräulein zu willfahren, jeden Strauch, ohne auf etwas Verdächtiges zu ſtoßen. „Was hab ich Ihnen geſagt,“ ſprach der Doctor zu Veronika und Rafaelen, die am Eingange des Schloſſes ängſtlich den Ausgang der Gartendurchſu⸗ chung abwarteten, und die beiden Diener mit dem Be⸗ richte zurückkehrten, daß ſich keine Menſchenſeele in dem Garten vorfinde und man deshalb ohne Sorge ſein könne. Das Schweſternpaar ward etwas beruhigt dadurch, doch verſchwand ihre Furcht nicht ganz. Sie glaubten es mit ihren Ohren zu deutlich vernommen zu haben, wie Jemand von der Mauer herab ſprang. „Wahrſcheinlich,“ ſprach Friedrich, der Jägerburſche, „iſt eines der Strohſeile geriſſen, wodurch Benediet die fruchtreichen Aeſte empor gezogen hat, damit ſie nicht unter der Laſt brechen.“ Auch Jacob, der Kutſcher, welcher den Garten mit hatte durchſuchen helfen, war dieſer Meinung. Der Doctor ſcherzte ſogar, daß ſich die beiden Mädchen durch ein paar reifende Aepfel hätten in die Flucht ſchlagen laſſen und wünſchte denſelben eine ruhige Nacht. Veronika und Rafaele wollten ſich eben entfernen 40 und in Begleitung ihres Kammermädchen Liſette nach ihren Zimmern gehen; als die bejahrte Kammerfrau der Gräfin Roßwitha athemlos und ſo ſchnell es ihre Kräfte geſtatten wollten über den Hof gelaufen kam. „Um Gottes willen, Herr Doctor“ rief ſie keuchend, „kommen Sie zu Hülfe, die gnädige Gräfin hat ſo eben einen fürchterlichen Anfall ihres böſen Tag's be⸗ kommen. Sie tobt wie eine Beſeſſene; ich habe ſie nie ſo geſehen.“ Der Doctor erſchrak, er erſuchte die beiden jungen Damen, ſich auf ihre Zimmer zu begeben und eilte von der Kammerfrau Katharina gefolgt, nach dem linken Flügel des Schloſſes, woſelbſt ſich die Gemächer der Gräfin Roßwitha befanden. Er erkundigte ſich unterwegs nach den nähern Um⸗ ſtänden des bewußten Anfalls. „Ihre Gnaden,“ berichtete Katharina,„wollten mir die ganze Zeit über nicht gefallen. Sie haben ſeit drei Tagen kein Wort geſprochen, obſchon ſich Dero Lippen fortwährend bewegten. Auch geſchlafen haben die gnä⸗ dige Frau Gräfin lange nicht. Als ich vor einer kleinen halben Stunde mein Buch aufſchlage, um wie es immer geweſen, den Abendſegen laut vorzuleſen; erhob ſich die gnädige Frau Gräfin plötzlich von ihrem Sitze und kam, was ich nie erlebt hatte, gerade auf mich zu. Sie erhob die Hand und ſchien mir zu drohen. So⸗ viel ich im erſten Schrecken aus dem abgebrochenen Reden Ihrer gräflichen Gnaden verſtehen konnte, ſollte ich das heilige Buch, woraus ich vorgeleſen, in's Feuer werfen, weil das Alles dummes Zeug ſei und zu nichts helfe. Es gäbe gar keinen lieben Gott, ſonſt würde er auf Erden beſſer Regiment führen Darauf führte die gnädige Frau Gräſin die Gottesläſterlichſten Reden, verfluchte den Guido, der gekommen wäre, um ſie zu 41 ermorden. Vergebens bemühte ich mich, Ihre Gnaden zu beruhigen und dieſelben von dem Gegentheile Ihrer Behauptungen zu überzeugen; aber Sie gerieth nur in größre Wuth, nannte mich eine pöbelhafte Kreatur, eine Heuchlerin, eine Verrätherin, die ſie nicht länger um ſich dulden könne; ich hielte es mit dem Guido, dem Rebellen, und ſollte ihr augenblicklich aus den Augen gehen. Als ich dieſen Worten nicht ſogleich Gehorſam leiſtete und nochmals verſuchte, den Zorn der gnädigen Frau Gräfin zu beſänftigen, da warf ſie mit einer Kraft, die ich ihr gar nicht zugetraut, eine brennende Kerze nach mir. Zum Glück verlöſchte die Flamme, denn die Kerze fuhr in den einen der herab⸗ hängenden Vorhänge, ſonſt hätte großer Schaden ent⸗ ſtehen können; ich aber eilte davon, um Sie, geehrter Herr Doctor, von dem außerordentlichen Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen und Ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen.“ Stephani hatte nicht ohne großem Widerwillen die Worte Katharinen's vernommen; er wußte, wie ſchwierig es war, die alte Gräfin in ihren Wuthanfällen zu be⸗ handeln. Nicht ohne Zittern folgte die Kammerfrau dem voranſchreitenden Doctor durch die langen Gänge nach dem Gemache der Gräfin Roßwitha. Leiſe öffnete Stephani die Thüre; alle Lichter waren erloſchen und Brandgeruch wehte ihm entgegen. „Die Verrückte,“ ſprach er für ſich,„zündet noch das Schloß an.“ Er befahl der Kammerfrau, ſich ſtill zu verhalten, eilte leiſen Schrittes davon und kehrte bald mit zwei brennenden Kerzen und zweien Dienern, die in einiger Entfernung folgten, zurück. Als er in das Zimmer der Gräfin trat, lag dieſe in todtenähnlichem Zuſtande am Boden. Sie war, gine Kerze in der Hand, an einem der alterthümlichen Sopha's 42 niedergeſunken, deſſen wollene Bordüre durch die Flamme der Kerze in Brand gerathen war und fort glimmte. Man brachte die Ohnmächtige zu Bett und löſchte den Brand. Kaum aber hatte Roßwitha eine halbe Stunde in dem bewußtloſen Zuſtande zugebracht, als ihre Clairvoyance eintrat. Nur der Doctor und die Kammerfrau befanden ſch bei der Kranken. Dunkle, unheilvolle Prophezeihungen entglitten dem Munde der Somnambülen; ſo daß ſich endlich Stephani bewogen fand, auch Katharinen zu entfernen. Er verweilte eine geraume Zeit am Lager der Grä⸗ fin. Immer unheimlicher wurden deren Phantaſieen; zugleich verbreitete die verbrannte Bordüre einen ſo unangenehmen Geruch, daß Stephani aufſtand und an eins der Fenſter trat, welches nach dem Garten hinaus⸗ ging. Er öffnete leis den einen Flügel und ſchaute hinaus. Rings umher herrſchte tiefe, ſtille Finſterniß; nur der Springbrunnen im Garten rauſchte in ſeiner un⸗ unterbrochenen Einförmigkeit. Kühl wehte die Herbſt⸗ luft von den Bergen herüber. Im Dorfe Hohenſtein, das man von dem Fenſter aus überſehen konnte, war das letzte Licht erloſchen. Auch im Schloſſe ſchien Alles erſtorben. Stephani war durch die unheimlichen Prophezei⸗ hungen der Gräfin Roßwitha nicht eben erfreut worden. Gingen dieſe dunkeln Worte in Erfüllung, ſo ſtand es in Kurzem ſchlimm um das Schloß und die Familie Hohenſtein. Stephani zerſann ſich vergebens den Kopf, von welcher Seite das prophezeihte Mißgeſchick hereinbrechen könne, da doch nach dem entſcheidenden Siege des Grafen Günther über die Rebellen von Seiten der letz⸗ 43 tern Nichts mehr zu befürchten war und was Guido's Freiheitsſchwärmerei betraf, dieſer junge Mann ja auf längre Zeit nach Schottland verreiſt war. Der Doctor würde unſtreitig als aufgeklärter, phan⸗ taſieloſer Mann die Wahrſagungen der Gräfin belacht und ſich keineswegs darüber den Kopf zerbrochen haben, wenn ſie nicht gar zu oft und zwar auf überraſchende Weiſe in Erfüllung gegangen wären. Er beſchloß daher auch dießmal, für alle Fälle ſeine Vorſichtsmaßregeln zu ergreifen. Am liebſten freilich wäre es ihm geweſen, wenn unter den Bauern von Hohenſtein ein kleiner Tumult ausgebrochen wäre; er hatte für dieſen Fall ſchon ſeit einiger Zeit ein Ge⸗ ſpann bereit gehalten, um beim erſten Auflaufe ſogleich mit Veronika und Rafaelen, unter dem Vorwande, die Mädchen in Sicherheit zu bringen, zu entfliehen. Seine eigentliche Abſicht aber dabei war, die jungen Damen und namentlich Veronika, für die er leidenſchaftlich er⸗ glüht war, auf eine nicht auffällige Weiſe in ſeine Gewalt zu bekommen. Dem Doctor war daher die Nachricht von dem energiſchen Einſchreiten des Grafen Günther und dem Siege der Militairmacht nicht ganz angenehm geweſen. Ja, er hatte im Stillen ſogar über die Möglichkeit nachgedacht, einen kleinen Aufruhr unter den Hohenſteiner Bauern ſelbſt zu bewirken, um ſeinen ſchändlichen Plan in's Werk zu führen. Während Stephani in nächtlicher Stille über dieſe Angelegenheit nachdachte, und halben Leibes zum Fenſter hinaus lehnte, kam es ihm plötzlich vor, als wenn es ſchräg unter dem Fenſter in den Zweigen rauſche. Er lauſchte mit großer Aufmerkſamkeit. Der Wind konnte es nicht geweſen ſein, denn die Nacht war voll⸗ kommen ruhig; die Ausſagen von Veronika und Rafaele kamen ihm wieder in den Sinn. Kaum bemerkbar 1 warf das Fenſter einen ſchwachen Lichtſchimmer auf den Garten. Stephani richtete ſich daher empor, um nicht bemerkt zu werden; doch im ſelben Augenblick flammte es im Gebüſch, ein Schuß hallte donnernd durch die Nacht, und eine Flintenkugel fuhr keinen Zoll weit von des Doctors Kopfe in den Fenſterſtock. Viertes Rapitel. Wn einem der ſtattlichſten Gemächer des fürſtlichen Schloſſes, das dem Grafen Günther von Hohenſtein zur Wohnung eingeräumt worden war, ſchritt letztrer im finſtern Schweigen auf und nieder. An einem der Fenſter, deſſen Ausſicht nach dem Marktplatze hinaus⸗ ging, ſtand gleichfalls in düſtres Sinnen verloren Otto⸗ kar und ſchaute auf die einzelnen Menſchengruppen hinab, die ſich aus einiger Entfernung ſcheu die auf⸗ gefahrenn Kanonen betrachteten. „Deas Maaß iſt gerüttelt voll,“ unterbrach nach einiger Zeit Graf Günther die unheimliche Stille;„ſein Haupt iſt verfallen; ich hoffe, mit der Zeit es vergeſſen zu können, daß ich einen Sohn gehabt habe.“ Ottokar wollte Etwas entgegnen; ward aber von dem Vater nicht ohne Heftigkeit unterbrochen. „Die Zeit der Gnade iſt verronnen,“ rief er,„der Tag des Gerichts gekommen. Binnen vierundzwanzig Stunden befindet ſich der Wahnſinnige gefeſſelt in mei⸗ nen Händen. Dann wehe ihm!“ „Du ſelbſt,“ fiel wieder Ottokar beruhigend in die Rede,„nennſt Deinen Sohn einen Wahnſinnigen; ein ſolcher verdient einen menſchenfreundlichen Arzt und keinen Richter über Leben und Tod.“ 45 „Dergleichen Wahnſinn iſt nicht zu heilen,“ erwi⸗ derte Graf Günther mit unheimlicher Ruhe;„er muß aber unſchädlich gemacht werden und das für immer.“ „Ich habe genaue Nachricht,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„dieſe Nacht werden die Verſchwornen wieder zahlreich in der abgelegenen Felſenmühle zu⸗ ſammen kommen. Sie wollen einen Schlag gegen d die Stadt wagen. Die Verwegenen! Wir wollen ihnen zuvorkommen. Alle Maaßregeln ſind getroffen; es darf nicht einer von dieſer Bande entwiſchen. Ich ſelbſt werde dieſe Expedition commandiren.“ Ottokar, der die eiſerne Strenge ſeines Vaters kannte, ſchauderte bei dem Gedanken, wenn dieſer mit Guido zuſammentreffen ſollte.„Nein, mein Vater,“ entgegnete Ottokar mit Beſorgniß,„das iſt kein Ge⸗ ſchäft für Dich; erlaube mir, daß ich an Deine Stelle trete, ich hoffe es zu Deiner Zufriedenheit zu vollbringen.“ Graf Günther ſchüttelte mißbilligend das Haupt. „Du würdeſt,“ ſprach er,„nicht mit der gehörigen Energie auftreten, und dieſer bedarf es vor Allen, wenn man mit Rebellen zu thun hat.“ „So geſtatte mir wenigſtens,“ fuhr Ottokar fort, „daß ich Dich begleiten darf.“ Graf Günther ging mehreremal ſinnend im Zimmer auf und ab. „Ich habe nichts dagegen,“ meinte er;„unter der Bedingung, daß Du nichts unternimmſt, was meinem Befehle entgegen wäre.“ Ottokar dankte für das Vertrauen und verſprach, ſich genau nach den Vorſchriften ſeines Vaters zu richten. „Noch eine Bitte hätte ich,“ hub er nach einer Pauſe an. Der Vater blickte fragend zu ihm auf. „Daß Du mir,“ fuhr Ottokar fort,„für etwaige 46 Fälle, einen Verhaftbefehl ausſtellen möchteſt. Sei überzeugt, daß ich keinen Mißbrauch damit treiben werde.“ Graf Günther war lange Zeit unentſchloſſen, ob er der Bitte ſeines Sohnes willfahren ſolle. Endlich trat er an ſein Büreau und unterzeichnete den Verhaftbefehl. „In der Ueberzeugung,“ ſprach er:„daß Du Dein Wort hältſt, will ich dieſes Document in Deine Hände legen.“ Die Beiden gingen noch eine Zeit lang im Ge⸗ ſpräche auf und ab, als ſich ein Eilbote vom Schloſſe Hohenſtein anmelden ließ. Er überbrachte dem Grafen einen Brief, welchen dieſer ſogleich erbrach. Aber kaum hatte er einige Zeilen geleſen, als ſich ſeine Stirn ſichtbar furchte und er in großer Aufregung das Zim⸗ mer auf und abſchritt. Der Doctor Stephani hatte ihn nämlich von dem Attentate in Kenntniß geſetzt, das auf ſeine Perſon war unternommen worden. Trotz der ſchärfſten Unterſuchung hatte man dem Meuchel⸗ mörder, der auf den Gerichtsdirector geſchoſſen, nicht auf die Spur kommen können. „Es ſcheint,“ ſprach Graf Günther nach einigem Nachſinnen,„daß hier perſönliche Rachſucht zum Grunde liege. Ich glaube nicht, daß dieſes Attentat mit der revolutionären Aufregung in Verbindung ſteht. Gleich⸗ wohl verlangt die Sicherheit, daß die ſtrengſten Maß⸗ regeln ergriffen werden. Den Bewohnern des Dorfes Hohenſtein kann der Thäter nicht unbekannt ſein. Ich werde daher ein Executionscommando in's Dorf legen, bis der Verbrecher entdeckt iſt.“ „Guter Vater,“ ſprach Ottokar,„ich kann unmög⸗ lich dieſem Verfahren meinen Beifall zollen; die Anzahl der Unſchuldigen, die darunter leiden müſſen, iſt zu groß. Warum zu einem Mittel Zuflucht nehmen, das die jetzige gereizte Stimmung nur vermehren muß? 47 Warum die armen Hohenſteiner, die ſo ſchon von Laſten gedrückt ſind, unverdienterweiſe mit einer neuen zu be⸗ ſchweren?“ „Unverdienterweiſe?“ frug finſter der Graf;„ſtehen ſie nicht mit Meuchelmördern im Bunde? Sie ſollen den Schuldigen nennen und ich will ſie mit der Exe⸗ cution verſchonen.“ „Uebertrage mir die Sache, lieber Vater,“ ſprach Ottokar,„und ſei überzeugt, daß es mir eher gelingen wird, dem Thäter auf die Spur zu kommen, als Dei⸗ nen Soldaten.“ Graf Günther ſchien nicht dieſer Meinung; doch beſchloß er eine Commiſſion nach Hohenſtein zu ſchicken, welche dem Doctor Stephani bei der Unterſuchung an die Hand gehen ſollte, und erſt für den Fall zur Exe⸗ cution ſeine Zuflucht zu nehmen, wenn auf gericht⸗ lichen Wegen der Mörder nicht ausfindig zu machen wäre. Ottokar war an's Fenſter getreten, und ſchaute nach dem Marktplatze hinab. Die Vorgänge ſeit ſeiner Rück⸗ kehr nach Deutſchland hatten ihn auf das Schmerzlichſte berührt. Von Guido und deſſen unſeligem Treiben hatte er erſt in der Reſidenz wieder Nachricht erhalten; und er ſah jetzt ſelbſt ein, daß die Rettung des Bru⸗ ders nur dadurch noch möglich ſei, wenn man ſich für einige Zeit ſeiner Perſon bemächtige. Für dieſen Fall hatte er ſich den Verhaftbefehl ausſtellen laſſen. Er hoffte, daß es ihm allein möglich wäre, den politiſchen Fanatiker lebendig in ſeine Gewalt zu bekommen. Während er noch in düſterm Sinnen durch die Fenſter ſchaute, entſtund mit einem Male eine ſeltſame Aufgeregtheit unter der auf dem Marktplatze verſammel⸗ ten Volksmenge. Man lief hin und wieder und ein großer Theil des Volks eilte die Hauptſtraße entlang, dem Thore zu. Mehrere Ordonnanzen eilten nach dem 48 Schloſſe und faſt in demſelben Augenblicke trat ein Ad⸗ jutant des Grafen von Hohenſtein in das Gemach. „Ew. Excellenz,“ berichtete er,„ſo eben läuft die Nachricht ein, daß ſich im benachbarten Tannenwalde eine Anzahl bewaffneter Leute von höchſt zweideutigem Ausſehen blicken läßt. Man will mehrere Studenten der benachbarten Univerſität darunter bemerkt haben; und allem Anſchein nach ſtehen neue unruhige Auftritte bevor.“ Der Graf Günther traf ſogleich die nöthigſten Be⸗ fehle und begab ſich ſelbſt auf den Markt hinab, um die erforderlichen Anordnungen zu treffen. Ottokar folgte. Im Vorſaale traf er mit dem Ad⸗ jutanten zuſammen, welcher die beunruhigende Nachricht gebracht hatte, und mit welchem er ſeit mehreren Jah⸗ ren in befreundetem Verhältniß ſtand. Er erkundigte ſich bei dieſem, wie es nur möglich geweſen ſei, ſo aus⸗ führliche Berichte über die nächtlichen Zuſammenkünfte der Verſchworenen in der Felſenmühle zu erhalten und wodurch man Guido's Anweſenheit daſelbſt erfah⸗ ren habe. „Durch eine junge Franzöſin,“ war die Antwort, „die ſich ſeit einiger Zeit hier aufhält und mit hoch⸗ geſtellten Familien in befreundetem Verkehre ſteht, ſoll die Sache entdeckt worden ſein.“ Ottokar ward aufmerkſam und erkundigte ſich eines Weitern nach dieſer fremden Dame; aber ſein alter Freund konnte ihm keine weitere Auskunft geben. Als die beiden auf den Markt kamen, wirbelten bereits die Trommeln und Graf Günther durchritt hoch zu Roß die aufmarſchirten Colonnen. Alle Poſten wurden verſtärkt und zahlreiche Patrouillen durchzogen die Straßen. Unterdeß wallfahrtete das Volk in zahlreichen Grup⸗ 49 pen nach dem Thore, das nach dem Tannenwald hinaus⸗ ging. Auch Ottokar ſchloß ſich der Menge an, um ſich mit eigenen Augen von der Wahrheit der drohen⸗ den Gefahr zu überzeugen. Er hatte das Thor der Stadt kaum einige Schritte im Rücken, als er ſich plötzlich von ein paar Armen gepackt fühlte. Er blickte rückwärts, und vor ihm ſtand Freund Severin Barthel, von welchem er bei ſeiner raſchen Rückkehr nach Deutſchland durch ein Ungefähr getrennt worden war. Bis Chalons waren die beiden Freunde zuſammen geblieben. Hier wollte es der Zufall, daß ſich beim Pferdewechſel der Poſt Severin, welcher einem hübſchen Mädchen nachgelaufen, verſpätet hatte. Die Poſt war, nachdem der Poſtillon das übliche Signal gegeben hatte, mit Ottokar nach Deutſchland abgefahren. Severin fand erſt in zwei Tagen Gelegenheit, nachzukommen. Er hatte die Spur Ottokar's aus den Augen verloren, war endlich nach der Reſidenz gekommen, und traf erſt jetzt, als er zufällig vor dem Thore promenirte, mit dem geliebten Freunde wieder zuſammen. „Der Himmel ſei geprieſen und alle Heilige dazu!“ rief er, den gefundenen Freund wiederholt umarmend, „daß ich Dich ſo geſund und ganzbeinig wieder finde. Ich glaubte ſchon, die deutſche Revolution hätte Dich mit Haut und Haar verſchlungen. Das iſt ja eine Heidenzeit, wie das überall hergeht. Man rebellirt aller Orten nach Herzensluſt; ganz à la Paris Die ver⸗ wünſchte Griſette war allein ſchuld, daß ich Dir abhan⸗ den gekommen bin. Die Franzöfinnen beſitzen An⸗ ziehungskraft, das muß man ihnen laſſen.“ „Aber ich bitte Dich bei allen gefallenen und nicht gefallenen Engeln,“ fuhr er aufgeregt fort,„was iſt aus Guido, unſerm braven Guido, dieſen vertracten Stolle, Schriften. Supplem. II. 4 50 Rebellen und Revolutionär, dieſen Hauptjacobiner ge⸗ worden? wo iſt er hingekommen? Nirgends hab' ich eine Spur von ihm entdecken können. Unſtreitig be⸗ faßt er ſich dermalen mit dem Verfaſſungsentwurfe für die deutſche Republik. Ich glaube, er ſitzt wie ein Dachs in irgend einem Loche unter der Erde, wohin keine Sonne ſcheint; und kommt erſt an's Tageslicht, wenn er den Prozeß für alle Fürſten und nige in⸗ ſtruirt hat.“ Ottokar befand ſich keinesnegs in der Bin in die ſcherzhafte Rede des Freundes einzugehen; doch war es ihm lieb, den alten geprüften Freund wieder bei ſich zu haben. „Die Dinge,“ ſprach er,„haben eine Geſtaltung angenommen, die von zu ernſter Natur iſt, als daß man ſie auf die leichte Achſel nehmen könnte. Mein Bruder befindet ſich auf einem Wege, der ihn dem Untergange entgegen führt, und ich ſehe nicht ein, wie wir ihn retten wollen.“ „Wo ſteckt er denn?“ frug Severin. „Nicht weit von hier,“ erwiderte Ottokar düſter, „an der Spitze einer nicht unbedeutenden Anzahl junger exaltirter Köpfe und verbrecheriſcher Menſchen.“ „Schöne Ausſichten,“ meinte Severin;„wie ver⸗ lautet, wollen jene Tollköpfe die Reſidenz mit bewaff⸗ neter Hand angreifen; die Beſatzung entweder verfüh⸗ ren, damit ſie mit ihnen gemeinſchaftliche Sache mache; oder ſo dies, wie zu erwarten ſteht, nicht gelingt, die⸗ ſelbe niedermachen; das Schloß in Brand ſtecken und die fürſtliche Familie gefangen nehmen. Abſonderlich ſoll man es auf Deinen Herrn Papa abgeſehen haben, weil er der jüngſten Revolution ſo determinirt auf den Kopf trat.“ „Den böſen Willen hierzu,“ erwiderte Ottokar „ 5¹ „mögen Sie allerdings haben; aber die Macht dazu wird ihnen, Gott ſei Dank, ſchwerlich verliehen ſein.“ „Ich begreife auch nicht,“ fuhr Severin fort,„wo den Herrn Rebellen eigentlich der Kopf ſteht. Wenn ſie nicht vorſichtig zu Werke gehen, und am lichten Tage da im Walde umher renommiren, wird man ihnen bald die Wege weiſen. So ſind aber die deutſchen Revolutionäre; im Anfang ergreifen ſie vor jeder Po⸗ lizeiuniform die Flucht, und fühlen ſie ſich einigermaßen ſtark, wollen ſie es mit allen himmliſchen und irdiſchen Heerſchaaren aufnehmen. Erſt haben ſie zu viel Kopf und dann zu wenig.“ Nach einer Pauſe fuhr der geſprächige Freund fort: „Aber, geſchätzter Freund, wir können doch unmög⸗ lich mit anſehen, wie unſer guter Guido ſchnurſtracks in ſein Verderben rennt? Wenn ich nur wüßte, ob ich lebendigen Leibes wieder zurück käme, ich machte mich unverweilt auf den Weg und ſetzte ihn, ob ſeines un⸗ verantwortlichen Beginnens den Kopf zu rechte.“ „Das würde Dir wenig helfen,“ meinte Ottokar; „iſt Jemand gewarnt und beſchworen worden, von ſei⸗ nem unſeligen Pfade zurück zu kehren, ſo iſt es Guido. Ich habe ſelbſt wiederholt an ihn geſchrieben, und ſelbſt den Vater vermocht, was doch viel ſagen will, daß er ein paar warnende Zeilen an ihn richtete. Es hat Alles Nichts geholfen, und ich ſelbſt habe jetzt faſt alle Hoffnung aufgegeben.“ Ein Commando Soldaten, welches die Straße daher kam, erregte die Aufmerkſamkeit der beiden Freunde. Severin blickte beſorgt um ſich. „Theuerſter Freund,“ begann er,„ich würde doch jetzt unmaßgeblich rathen, nach der Stadt zurück zu kehren. Die Soldaten da ſcheinen alle ſcharf geladen zu haben; ich ſehe es ihren courageuſen Geſichtern an. 52 Wenn der Tanz mit den Rebellen losgeht, können wir in die unangenehmſte Verwickelung gerathen.“ „Die Sache wird ſo ſchlimm nicht werden,“ be⸗ ruhigte Ottokar,„jene Verwegenen müßten toll ſein, wollten ſie den Streit mit dem Militär ſo offen be⸗ ginnen. Ich bin dafür, daß wir uns der Colonne an⸗ ſchließen, die Gefahr wird ſo groß nicht ſein.“ „Werthgeſchätzter Freund,“ deprecirte Severin, „wer ſich in Gefahr begiebt, kommt darinnen um; das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben. Siehe, wie andere verſtändige Leute den Rückzug nach der Stadt antreten. Es iſt wahrlich das Beſte, dieſem lobenswerthen Beiſpiele zu folgen. Was ſind wir zwei unbewaffneten Civiliſten bei einer kriegeriſchen Expedi⸗ tion nütze?“ Ottokar, der Severin's nicht allzugroße Herzhaftig⸗ keit von früher her kannte, mußte lächeln. „Kehre getroſt zurück,“ ſprach er,„ich will die Verantwortung nicht auf mich nehmen, Dich in Gefahr gebracht zu haben Ich für mein Theil bleibe, zumal mir der commandirende Officier bekannt iſt.“ Severin ſah ſich durch dieſe Worte in eine peinliche Lage verſetzt. Er wollte den Freund nicht im Stiche laſſen, hatte aber auch im geringſten nicht Luſt, einem Gefechte beizuwohnen. „So komm doch zum Satan zurück,“ ſprach er dringend:„die Rebellen ſchießen auf alle Fälle, ſobald wir uns in ſchußgerechter Nähe befinden. Sie ſollen vortrefflich bewaffnet ſein; alle mit Doppelbüchſen, und ich fühle mich durchaus nicht berufen, hier als ein Opfer der Legitimität zu fallen. Alſo komm zurück; ich habe ein treffliches Perſpectiv bei mir, vermittelſt deſſen Du das Scharmützel ſo gut mit anſehen kannſt, 53 als ſtündeſt Du davor. Das Ding koſtet mich drei Louisd'or, und macht ſeinem Meiſter Ehre.“ Die Colonne der Soldaten war unterdeß dem Walde immer näher gerückt. Severin bot vergebens ſeine ganze Beredtſamkeit auf, um den Freund für den Rückzug zu bewegen, und folgte nur zögernd Schritt vor Schritt. Da machte das Peloton plötzlich Halt, und eine Abtheilung derſelben drang als Tirailleur in den Wald ein. „Nun werden wir ſie gleich knackern hören,“ ſprach Severin;„aber das ſag' ich Dir, ſo bald ich eine Kugel brummen höre, ſoll mich keine Macht der Welt abhalten, nach der Stadt zurück zu kehren. Wirſt Du todt geſchoſſen, habe ich's nicht zu verantworten; an Warnungen meinerſeits hat es nicht gefehlt. Wem nicht zu rathen iſt, dem iſt auch nicht zu helfen; das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben.“ Der erſten Tirailleurlinie, die bereits hinter den grünen Blättern verſchwunden war, folgte jetzt eine zweite. Severin erhielt hierdurch etwas Muth und folgte Ottokar einige Schritte vorwärts, bis zu der Stelle, wo der Officier ſtand, der das Peloton befeh⸗ ligte, und mit welchem Ottokar bekannt war. „Es iſt ſicher nur blinder Lärm geweſen,“ ſprach der Lieutenant,„es wäre die Verwegenheit zu weit ge⸗ trieben, einer ſtarken Militärmacht ſo offen die Stirn zu bieten.“ „Aber bedenken Sie ſehr, geehrter Herr Lieutenant,“ entgegnete Severin,„ſo ein exaltirter Revolutionär fragt darnach nicht. Dieſe Leulte bedenken nie das Ende, und haben es daher auch ſelten zu Etwas ge⸗ bracht.“ Eine Ordonnanz kehrte jetzt aus dem Walde zurück, und berichtete dem Commandirenden, daß ſich weit und 54 breit nichts Verdächtiges blicken laſſe. Die Patrouillen hätten den ganzen Wald durchſtreift, ohne auf Jeman⸗ den zu ſtoßen. Der Officier ertheilte jetzt die nöthigen Befehle, bis wie weit das Militär noch vordringen ſollte; und in Severin's Gemüth zog unter bewandten Umſtänden wieder jene Sicherheit ein, die ihn immer ſo geſprächig machte. „Es iſt doch etwas Herrliches um die bewaffnete Macht,“ ſprach er.„Mit ſo einer Compagnie dis⸗ ciplinirter Truppen treibe ich den größten Rebellen⸗ haufen in die Flucht. Hätte Marmont gut manöverirt, ſäße Karl der Zehnte heute noch in den Tuilerien, welche nun bald von der liebenswürdigen Familie Or⸗ leans bezogen werden. Was mit guten Truppen aus⸗ zurichten, hat Napoleon gezeigt, und alle große Feld⸗ herren alter und neuer Zeit. Nichts giebt wohl einen impoſantern Anblick, als ſo ein von gutem Geiſte be⸗ ſeeltes Infanterie⸗Regiment. Eine wahrhaft infernaliſche Colonne, ein Commandowort, und die lebendige Mauer wird zum feuerſpeienden Vulkan. Welche menſchliche Macht vermöchte zum Beiſpiel ein wohlcommandirtes Quarrée zu ſprengen? Das haben die Engländer bei Waterloo bewieſen, wo Napoleon mit zehntauſend ſchweren Panzerreitern gegen ſie anbrauſ'te. Die eng⸗ liſchen Quarrée's ſtanden wie Felſen, gegen die ein wüthender Orcan heranſtürmt; nur ein einziges wurde geſprengt. Noch großartiger als die Infanterie erſchei⸗ nen mir aber jene ſtahlgepanzerten Reitermaſſen. Man denke ſich eine drei tauſend Mann ſtarke Reiterbrigade das Schlachtfeld entlang jagen; die Erde dröhnt von zahlloſen Hufſchlägen. Bald ſind die prachtvollen Schwadronen, die blitzenden Helme in Staub und Pul⸗ verdampf verſchwunden, und man hört nur noch das 55 dumpfe Raſſeln der Harniſche und das Geklirr der Schwerter. Unerwartet wie eine Windsbraut ſind ſie da, jene ſchlachtergrauten und ſieggewohnten Dra⸗ goner; verheerend iſt ihr Anprall; zu Boden geritten und zuſammen gehauen liegen ganze Bataillone; da ertönen wenige Trompetenſtöße, und Alles iſt zerſtoben weit und breit, nur eine unermeßliche Verheerung zu⸗ rücklaſſend.“ „Wenn ich mich indeß,“ fuhr der Militärbegeiſterte fort,„für irgend eine Waffengattung vorzugsweiſe ent⸗ ſcheiden ſollte, ſo wäre es die Artillerie. Mit ihr hat der große Kaiſer Europa erobert. Er war der erſte, welcher jene großen Kanonenſchlachten lieferte, deren Donner bis in die fernſte Nachwelt hallen werden. Eine der größten Kanonenſchlachten war die bei Dresden, wo die Alliirten mit nicht weniger denn dreihundert Feuerſchlünden die Poſition der Franzoſen von den Bergen herab angriffen: die älteſten Schlachtenkundigen wiſſen ſich keines ſo furchtbaren Feuers zu entſinnen. Die Erde bebte im vollſten Sinne unter den Füßen der Kämpfenden. Auch bei Leipzig war die Kanonade fürchterlich; die Franzoſen verſchoſſen in drei Schlacht⸗ tagen an zweimalhunderttauſend Patronen.“ Während Severin noch im vollen Feuer erzählte, und den Muth und die Tapferkeit der großen Armee bis zu den Wolken erhob, fiel ganz in der Nähe am Waldesrande ein Flintenſchuß. Zu Ottokar's und des Lieutenants Ergötzen ergriff der Erzähler ſogleich die Flucht und eilte nach der Stadt zurück. Erſt als er ſich in Sicherheit glaubte, machte er Halt und ſchaute keuchend nach der gefährlichen Stelle zurück, wo das Peloton poſtirt ſtand. Der Schuß, welcher auch des Lieutenants und Ottokar's Aufmerſamkeit auf ſich ge⸗ zogen hatte, rührte indeß nur von einer Flinte her, die 56 aus Unvorſichtigkeit eines der am Walde poſtirten Sol⸗ daten ſich entladen hatte. Erſt den wiederholten Winken Ottokar's gelang es, daß Severin, nachdem er ſich von der Sicherheit der Lokalität wieder überzeugt hatte, zurückkehrte. „Du biſt ein ſo großer Bewunderer Napoleon's und ſeiner Schlachten,“ ſprach Ottokar, als Severin angelangt war,„und gleichwohl treibt Dich ein un⸗ ſchuldiger Flintenſchuß in die Flucht; Du würdeſt in der großen Armee keine große Rolle geſpielt und den Orden der Ehrenlegion ſchwerlich verdient haben.“ „Das glaube ja nicht,“ entgegnete Severin,„unter Napoleon's Commando würde ich ſchon meinen Mann geſtellt haben, aber hier von den exaltirten Menſchen mich todtſchießen zu laſſen, ohne daß ich wüßte warum, dazu fühle ich mich ganz und gar nicht aufgelegt.“ Es trafen neue Berichte bei dem commandirenden Lieutenant ein, daß man den Wald nach allen Richtun⸗ gen durchſucht habe, ohne eines der Rebellen anſichtig zu werden. Entweder, war die Vermuthung, es ſei die Nachricht von der Anweſenheit der Revolutionäre blin⸗ der Lärm geweſen, oder letztere hätten ſich unvermerkt in die angrenzende gebirgige Gegend zurückgezogen. Es ertönet demnach bald mahnender Hörnerruf, die ausgeſchickten Detachements kehrten zu ihrer Compagnie zurück. Die Colonne ſetzte ſich wieder nach der Stadt zu in Bewegung. Ottokar machte jetzt Severin den Vorſchlag, eine kleine Strecke lang den Wald zu recognosciren, vielleicht daß man einen der Rebellen zu Geſicht bekomme. Letz⸗ terer aber proteſtirte aus allen Kräften gegen dieſe Anmuthung. „Das iſt eine gefährliche Expedition,“ meinte er, „die Revolutionäre würden es uns wenig Dank wiſſen, 57 wenn wir ſie in ihrem Schlupfwinkel aufſuchten. Sie hielten uns am Ende gar für Spione, und wer weiß, ob einer von uns lebendigen Leibes aus dem Walde heraus käme. Nein, Vorſicht iſt die Mutter der Weis⸗ heit; was deines Amtes nicht iſt, da laß deinen Vor⸗ witz; wer ſich in Gefahr begiebt, kommt darin um; das ſind alles goldne Lehren, die ſchon Paulus geſagt hat oder doch geſagt haben könnte.“ Ottokar ging noch einige Schritte vorwärts. kehrte aber auf Severin's Zureden wieder um, und die Beiden wanderten nach der Stadt zurück. Hier ſah noch Alles ſehr kriegeriſch aus. An mehrerern Orten hatten ſich Soldaten gelagert, alle Thore und Zugänge waren mit Truppen beſetzt, und nach wie vor zogen Patrouillen durch die Straßen. An vielen Häuſern hatte der Gouverneur Zettel anſchlagen laſſen, worauf mit großen Buchſtaben zu leſen war, daß die Bewohner der Stadt bei einbrechender Dunkelheit ihre Häuſer nicht mehr verlaſſen ſollten, daß alle Zu⸗ ſammenrottirungen über drei Perſonen verboten ſeien, und betreffenden Falls mit bewaffneter Hand auseinander getrieben werden würden. Dieſem Anſchlage zufolge war es auf den Gaſſen ziemlich leer geworden, nur hier und da ſah man ver⸗ einzelte Perſonen von unabwendbaren Geſchäften getrie⸗ ben, ſchnell ihres Weges dahin eilen. Unruhe und Beſorgniß hatten ſich aller Glieder bemächtigt. Wirths⸗ häuſer und Schenkſtätten blieben leer von Beſuchern, nur auf den Kaſſeehäuſern erblickte man einige Zei⸗ tungsleſer. Ottokar und Severin befanden ſich unter Letztern. Severin, welcher ſo eben die politiſchen Zeitungen durch⸗ blätterte und in denſelben viele Cenſurlücken fand, ward 58 wieder äußerſt liberal und revolutionär geſtimmt und fing in dieſem Sinne zu declamiren an. „Es iſt kein Wunder,“ rief er,„daß die Deutſchen an den Ketten rütteln, mit welchen die diverſen Regie⸗ rungen den Geiſt des Volks belaſten. Wenn ich die Cenſurlücken ſehe, tritt mir die Galle ins Blut, und ich möchte gleich ſelbſt mit losſchlagen.“ „Wie,“ fuhr der Exaltirte fort,„wir Deutſchen, die wir die Preſſe ſelbſt erfunden haben, ſollten uns ihrer nicht in demſelben Umfange bedienen können, wie die Franzoſen, Belgier, Engländer, Niederländer u. ſ. w.? Und warum nicht? Aus keinem andern Grunde, als weil die landesväterlichen Regierungen und die wohl⸗ löblichen Behörden die verdiente Wahrheit nicht hören wollen. Es iſt himmelſchreiend und ich verdenk' es den Demagogen nicht, wenn ſie einmal das Rauche heraus⸗ kehren.“ Ottokar winkte dem Freunde, daß er ſich mäßigen ſollte, da ſeine Declamation die Aufmerkſamkeit der übrigen Kaffeegäſte immer auffälliger in Anſpruch nahm. „Was da,“ rief Severin, ohne den gutgemeinten Wink zu berückſichtigen,„ich bin ein freier deutſcher Mann, das fehlte noch, daß man im eigenen Vater⸗ lande nicht die Wahrheit mehr ſagen dürfte, nachdem man ſie nicht mehr drucken darf. Will man uns Deutſchen ein Schloß vor den Mund legen, wie dem Papageno? Der Krug geht ſo lange zum Waſſer, bis er bricht, das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben. Die Regierungen ſollen die Deutſchen nicht auf's Aeußerſte treiben; das Lamm kann zum Löwen werden, und ſeinen Hirten zerreißen.“ Severin, welcher die letztere Rede an diejenigen Kaffeegäſte gerichtet hatte, die um ihn her gruppirt ſtanden, hatte nicht bemerkt, wie ſich Ottokar leiſe und 59 ohne Abſchied zu nehmen, entfernt hatte. Erſt nachdem er ſeine donnernde Philippica gegen die deutſchen Fürſten beendet, ward er des Freundes Abweſenheit gewahr. Er ſchaute verwundert um ſich, ließ ſich aber in ſeinem Thema nicht ſtören. Im Gegentheil war er recht froh, daß Ottokar, der ihn gewöhnlich von über⸗ eilten Schritten zurückhielt, nicht mehr zugegen war. Er fuhr daher ſchlimmer als zuvor in ſeiner vorigen Donnerrede fort, und es ſchmeichelte nicht wenig, daß er unter den verſammelten Gäſten ſo aufmerkſame Zuhörer fand. „Ja, meine Herren!“ rief er,„es muß anders werden in unſerm deutſchen Vaterlande. Betrachten Sie jene übermüthige Soldateska da draußen. Leben wir nicht wie in einem eroberten Lande. Sind wir nicht Gefangene in der eigenen Stadt? Und jene Leute, die uns bewachen, müſſen wir ſie nicht aus unſerm eigenen Beutel bezahlen? Meine Herren, ich bin in Paris geweſen, ich habe die glorreiche Revolution mit⸗ gemacht, habe die Schergen der Tyrannen verjagen und Karl den Zehnten vom Throne ſtürzen helfen. Der Geiſt der großen Woche hatte auch mich zu dem Be⸗ wußtſein gebracht, was wir Deutſche ſein könnten, wenn wir wollten.“ „Ich mag jenen Demagogen„ fuhr er nach einer Pauſe fort, nachdem er ſich nicht ohne Selbſtgefälligkeit durch ein Glas Zuckerwaſſer geſtärkt hatte,„welche kopflos das Banner des Aufruhrs erheben, nicht das Wort reden; ſie verſchlimmern in der Regel durch un⸗ überlegtes Handeln die Sache, der ſie dienen. Nein, meine Herren, nicht jene Hand voll junger Leute kann dem Vaterlande ſeine Freiheit wieder geben; das ganze deutſche Volk muß ſich erheben, die beſten Köpfe müſſen ſich an ſeine Spitze ſtellen und mit einem Schlage 60 die große deutſche Revolution vollbringen, ſo daß die Fürſten und ihre Satelliten gar nicht zur Beſinnung kommen können.“ Bei den letzten Worten trat Ottokar in Begleitung mehrerer Gensdarmen wieder in's Zimmer. Er ſchritt mit Ernſt auf Severin zu, und zeigte einen Verhaft⸗ befehl vor. „Im Namen des Fürſten,“ ſprach er ruhigen To⸗ nes,„ſind Sie mein Gefangener.“ Severin, der ſeinen Augen und Ohren nicht traute, dem aber bei der Anweſenheit der beiden Gensdarmen doch etwas unheimlich zu Muthe wurde, fragte in leiſem ſeltſamen Tone: „Ottchen, was ſoll denn das bedeuten?“ Ottokar würdigte ihn keiner Antwort, wandte ſich ab und winkte den Gensdarmen; dieſe nahten ſich Se⸗ verin und erſuchten ihn höflich, daß er die Güte haben möchte, zu folgen. Jetzt ward es dem revolutionären Großſprecher außerm Spaße. Er ſah im Hintergrunde ſchon das Blutgerüſt, und Leichenbläſſe überzog ſein Geſicht. Vergebens ſuchten ſeine Blicke nach Ottokar; dieſer war wieder verſchwunden. „Wenn es gefällig, mein Herr,“ ſprach der eine Gensdarm und mahnte zum Aufbruch. „Aber meine hochverehrteſten Herren,“ ſtotterte Se⸗ verin in der Angſt ſeines Herzens,„es muß wirklich nur ein Irrthum ſein. Mein verehrter Freund, der Graf Ottokar von Hohenſtein—“ „Sie haben den Verhaftbefehl ſelbſt geleſen,“ er⸗ widerte der Gensdarm,„ein Irrthum iſt daher wohl nicht denkbar, und ich muß Sie jetzt ernſtlich erſuchen, daß Sie ſich, ſo wie uns keine weitere Unannehmlich⸗ keiten bereiten und zum Herrn Polizeipräſidenten folgen.“ 61 Severin warf in der Angſt ſeines Herzens einen ſcheuen Blick um ſich, um bei den Gäſten, welche er vorhin durch ſeine excentriſchen Reden begeiſtert hatte, Hilfe und Rettung zu ſuchen, aber da war Alles im ganzen Zimmer wie ausgeſtorben. Die Geſellſchaft hatte ſich bei dem Anblick der Gensdarmen ſchleunigſt und leiſe durch eine Hinterthür entfernt. Unter ſolchen Umſtänden blieb denn dem armen Severin nichts übrig, als ſich der Gewalt zu fügen. Er folgte zähneklappernd den beiden Bewaffneten. Vor dem Hauſe hielt eine Kutſche. Severin mußte ein⸗ ſteigen, die beiden Begleiter nahmen gleichfalls Platz im Wagen, der Schlag wurde zugeſchlagen und dumpf rollte das Fuhrwerk die ſtillen Straßen entlang nach der Wohnung des Polizeipräſidenten. fünftes Rapitel. E⸗ war ein ſtiller klarer Herbſtmorgen, als ſich nach dem kleinen Kirchhofe von Hohenſtein ein langer Trauer⸗ zug bewegte. Man trug die arme Chriſtine zur Ruhe, welche in Folge der barbariſchen Behandlung, von wel⸗ cher oben die Rede geweſen, geſtorben war. Faſt das ganze Dorf folgte dem Sarge, in vielen Augen glänz⸗ ten Thränen, denn das Mädchen war geliebt von Allen, die es kannten. Selbſt der alte Nicodemus fehlte nicht im Zuge. Der Sarg war reich geſchmückt mit Aſtern und andern Herbſtblumen, und oben darauf ruhten zwei wunderſchöne Kränze, welche von Veronika's und Ra⸗ faelens Hand gewunden worden waren. 62 Als man am Grabe angelangt war, ward der Sargdeckel noch einmal geöffnet, zum letzten Male be⸗ ſchien der ſtille Herbſthimmel das bleiche Antlitz der Dulderin. Lautes Schluchzen wurde überall vernehm⸗ bar. Nachbarn und Bekannten drängten ſich heran, um noch einmal die ſüßen lieben Züge zu ſchauen, welche ſelbſt im Tode ihre Anmuth nicht verloren hatten. Mit einem Male wurde die Verſammlung durch eine ſeltſame Erſcheinung aufgeſchreckt. Alle Blicke richteten ſich nach der einen Seite der Kirchhofsmauer, hinter welcher die Geſtalt eines jungen Mannes emporſtieg, der mit geiſterbleichem Geſicht unverwandt nach dem Grabe ſtarrte, das für Chriſtinen beſtimmt war. Im⸗ mer höher erhob ſich die Geſtalt, bis ſie endlich ganz auf der Kirchhofsmauer ſtand. Plötzlich ſprang ſie herab und kam langſamen Ganges über die Gräber daher. „Um Gotteswillen,“ flüſterte es unter den Leid⸗ tragenden,„das iſt ja der Georg, den der Doctor un⸗ ter die Soldaten ſchickte. Hat er Urlaub oder iſt er deſertirt? Macht ihm Platz, er will ſeine Braut noch einmal ſehen.“ Scheu und ehrerbietig öffnete ſich der Kreis, den die Verſammlung um das Grab gebildet hatte, und der unglückliche Jüngling trat zum Sarge. Lange ſtarrte das geiſterbleiche Antlitz auf die geſtorbene Ge⸗ liebte. Dann beugte er ſich und hauchte drei leiſe Küſſe auf Stirn, Augen und Mund der Todten. Hierauf trat er mit gefalteten Händen einen Schritt zurück. Der Sarg ward geſchloſſen und verſank in das Dunkle des Grabes. Halb bewußtlos fiel Georg am Grabesrande nieder, und warf maſchinenmäßig drei Hände voll Erde in die Tiefe. 63 „Begrabt mich auch mit,“ rief er in einem Tone, der Allen durch Mark und Bein ging; dann ſprang er auf. „Nein, nein!“ fuhr er fort,„jetzt noch nicht, noch hab' ich ein Geſchäft auf dieſer Welt zu vollbringen.“ Mit dieſen Worten verließ er ſchleunigſt das Grab, und eilte geſtreckten Laufs nach der Kirchhofsmauer zurück, ſchwang ſich hinauf und war bald den Blicken der auf dem Kirchhofe Verſammelten entſchwunden. „Daß nur den Armen,“ ſprachen Einige,„ſein Feind, der Gerichtsdirector, nicht erblickt, dann möchte es dem Georg übel ergehen.“ Nachdem die Leidtragenden, ein Jeder nach alter Sitte, drei Hände voll Erde auf den Sarg geworfen hatten, entfernte ſich einer nach dem andern, und bald war wieder der Friedhof menſchenleer und ſtill. Ein⸗ ſam rauſchte der Herbſtwind in den hohen Buchen, welche einen Theil der Gräber überſchatteten. Sorg⸗ fältig hatte der Todtengräber das ſchwarze Kirchhofs⸗ thor geſchloſſen, durch welches man Chriſtinen herein⸗ getragen, und nur die kleine Seitenpforte für Fußgän⸗ ger war offen geblieben. Es währte nicht lange, als ſich die Gitterthüre der letztern öffnete und zwei junge Damen in den Friedhof traten. Sie wandelten das Reich des Todes entlang, und als ſie an Chriſtinen's Grab kamen, weilten ſie lange daſelbſt. Sie hielten die Hände gefaltet und ſchienen zu beten; dann pflückten ſie Blumen, welche auf den benachbarten Gräbern blühten und beſtreuten damit den friſchen Grabhügel. Die beiden Frauengeſtalten waren Niemand anders, als Veronika und Rafaele, welche die Verſtorbene gut gekannt, und dieſelbe wegen ihres ſeelenguten Gemüths innig geliebt hatten. 64 — Als die zwei Mädchen nach dem Schloſſe zurück⸗ kehrten, kam ihnen der Schloßvoigt Jonas athemlos entgegen gelaufen. Mehrere Knechte folgten. Der Schloßvoigt erkundigte ſich bei den Schweſtrn angelegentlich, ob ſie nicht den Georg, der ſich in der Gegend des Schloſſes umhertreiben ſollte, und der ſelbſt beim Begräbniſſe Chriſtinens auf dem Kirchhofe zugegen geweſen ſei, geſehen hätten? „Der und kein anderer,“ ſchrie der Voigt leiden⸗ ſchaftlich, und auf ſeinem häßlichen Geſichte malte ſich Rachſucht und Tücke,„iſt der Böſewicht geweſen, wel⸗ cher ſich in den Schloßgarten eingeſchlichen und auf den Herrn Doctor geſchoſſen hat.“ Als Veronika und Rafaele verneinten, den Georg irgend wo geſehen zu haben, rief Jonas den Knech⸗ ten zu: „Wohlan, Ihr Leute, nehmt alle Eure Kräfte zu⸗ ſammen, den Mörder auffindig zu machen und zu er⸗ greifen. Drei Ducaten hat der Herr Doctor denjenigen ausgeſetzt, die ihn fangen und lebendig oder todt auf das Schloß bringen.“ Auf dieſe Worte zerſtreuten ſich die Helfershelfer des Voigtes nach allen Seiten und ſchwuren, daß ihnen der Flüchtling nicht entwiſchen ſollte; die Mädchen aber kehrten erſchreckt und mit dem geheimen Wunſche, daß den ausgeſchickten Knechten ihr Vorhaben nicht gelingen möchte, nach dem Schloſſe zurück. Kaum waren ſie in den Schloßhof getreten, als ihnen Doctor Stephani entgegen kam, und ſeine Miß⸗ billigung ausſprach, daß die Fräuleins ihre große Theil⸗ nahme an der Bauerndirne ſo unverholen an den Tag gelegt hätten. „Es muß mich ſehr befremden, meine Damen,“ ſprach er,„daß ſelbſt Glieder der herrſchaftlichen Fa⸗ 65 milie den Bewohnern Hohenſteins ein ſo übles Beiſpiel geben, indem ſie Perſonen in Schutz nehmen, gegen welche die Hand der Gerechtigkeit ihr Strafamt gehal⸗ ten hat. Solches unzeitiges Mitleid verdient nament⸗ lich in der gegenwärtigen Zeit der ernſteſten Rüge, und ich würde mich als derzeitiger Schloßverweſer in die traurige Nothwendigkeit verſetzt ſehen, den Herrn Grafen davon ſchuldigſt in Kenntniß zu ſetzen, wenn nicht die freundſchaftliche Zuneigung, die ich zu Ihnen, gnädige Fräuleins, hege, mich davon abhielte.“ Die ſonſt ſo ſanfte Veronika ward über dieſe Rede entrüſtet. Eine edle Zornesflamme röthete das reizende Antlitz. „Was ich und meine Schweſter gethan haben und immer thun mögen,“ ſprach ſie in feſtem, würdevollem Tone,„kann der Herr Graf von Hohenſtein getroſt wiſſen. Wir bitten darum. Ueber die Handlung meiner und meiner Schweſter wird die Familie Hohen⸗ ſtein nie Urſache haben zu erröthen. Wohl, wenn Jeder, der im Schloſſe lebt, ſich hinſichtlich Chriſtinens ſo wenig Vorwürfe zu machen hat, wie wir beiden. Komm auf unſer Zimmer, Rafaele.“ Mit dieſen Worten reichte ſie der Schweſter den Arm und die beiden Mädchen gingen ſchleunigſt dem Schloſſe zu. Mit einem Satansblick ſchaute ihnen der Gerichts⸗ verwalter nach. „Wohlan,“ ſprach er mit giftiger Ruhe,„wenn meine Nachſicht und meine Huldigungen zu nichts füh⸗ ren, ſo giebt's ja wohl noch andere Mittel zum Zwecke zu gelangen.“ Unterdeß durchſtreifte der Schloßvoigt mit den Knechten die Umgegend des Schloſſes, um ſich womög⸗ lich der Perſon Georg's zu bemächtigen. Die anſehnliche Stolle, Schriften. Supplem. I. 5 66 Belohnung, welche Doctor Stephani auf Ergreifung des jungen Landmanns geſetzt hatte, ſpornte die Knechte zu unermüdlicher Thätigkeit. Namentlich war auch dem Schloßvoigt Jonas viel daran gelegen, den Georg in ſeine Gewalt zu bekom⸗ men; denn er fürchtete im gleichen Grade wie ſein Gebieter, der Gerichtsverwalter, die Rache deſſelben. Jonas war wo möglich noch verhaßter als der Doctor Stephani, denn er lieh zur Ausführung aller barbariſchen Befehle bereitwillig die Hand. So hatte er es namentlich betrieben, daß die ſcharfen Strafen, welche über Chriſtinen verhängt worden waren, in ihrer vollſten Schärfe zur Ausführung gebracht wurden, und daß Georg unter die Soldaten mußte, war hauptſäch⸗ lich ſein Werk. Der. Schloßvoigt hatte ſo eben das Dorf ver⸗ laſſen und wanderte in Begleitung eines der Knechte einem kleinen Gehölz zu, das man noch durchſuchen wollte. Vergebens war bisher die Nachforſchung ge— weſen, welche die Beiden mit einander unternommen hatten. Georg hatte ſich nirgends blicken laſſen. Schon gab man die Hoffnung auf, ſeiner habhaft zu werden, denn auch die übrigen ausgeſendeten Knechte waren nicht glücklicher geweſen; als mit einem Male Ralph, ſo hieß der Begleiter des Schloßvoigts, an der äußerſten Wal⸗ desecke die Geſtalt Georg's zu erblicken glaubte. So⸗ gleich eilte man ſpornſtreichs nach der bezeichneten Stelle; man kam in die Nähe des Kirchhofs, der in einiger Entfernung vor ihnen lag. „Wenn die Hohenſteiner vorhin,“ ſprach der Voigt, „keine Haſenfüße geweſen wären, ſo hätten ſie ſich des Böſewichts mit leichter Mühe bemächtigen können; der Verwegene iſt mitten unter das Volk getreten, das ſich auf dem Kirchhofe befand. Die Eſel haben ihm noch 8 67 ehrerbietigſt Platz gemacht und eine Feſtnahme des Meuchelmörders iſt keinem in den Sinn gekommen. Aber es ſoll dem Volke nicht unvergolten bleiben. Der ganze Leichenconduct war eine rebelliſche Demonſtration. Der Herr Doctor ſollte eigentlich eine Unterſuchung anſtellen. Das Volk iſt noch viel zu übermüthig und ſpricht Geſetzen und Obrigkeit Hohn. Wenn die Hohen⸗ ſteiner loyale Leute waren, mußten ſie den Deſerteur gebunden auf's Schloß bringen.“ „Unſereins iſt noch viel zu nachſichtig,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„in dieſen rebelliſchen Zeiten kann dem Bauernvolke der Daumen nicht genug aufs Auge gedrückt werden. Es iſt ein Glück, daß der gnädige Herr Graf in der Reſidenz den Revolutionären die Köpfe ſo tüchtig zu recht ſetzte. Das Straf⸗ gericht, welches er gehalten, hat dem aufrühreriſchen Volke etwas Furcht eingejagt; wir würden außerdem auch bei unſern Bauern alle Hände voll zu thun haben.“ Unter dieſen und ähnlichen Reden hatte der Voigt Jonas mit ſeinem Begleiter das Wäldchen durchſtreift, jedoch ohne von Georg eine Spur entdeckt zu haben.. „Du haſt unfehlbar auch den Hund für den Haſen angeſehen, Ralph,“ ſprach ärgerlich der Voigt.„Nun haben wir uns müde gelaufen, und ſind ſo klug, wie zuvor.“ „Ich wollte ſchwören,“ erwiederte der Knecht,„daß es der Georg geweſen, welcher vorhin um die Wald⸗ ecke bog. Wollen wir nicht den Kirchhof durchſtöbern? ich habe ſo eine Ahnung.“ „Dummkopf,“ verſetzte mürriſch der Voigt,„was ſollte er auf dem Kirchhofe machen, hat er ſeiner todten Dirne nicht ſchon heute Morgen die Condolenz abge⸗ ſtattet?“ 5* 68 . „Wenn mich nicht Alles trog,“ fuhr Ralph fort, „ſo trug er vorhin in beiden Händen Blumen; ich gebe nicht viel drum, daß er Chriſtinens Grab ſchmücken will.“ Jonas ſchüttelte den Kopf. Endlich ſprach er: „Sind wir ſo lange in den April gelaufen, kommt's auf die Durchſuchung des Kirchhofs auch nicht an; obſchon ich dieſen miſanthropiſchen Ort in der Regel nicht gern beſuche.“ Die Beiden ſchlugen jetzt ihren Weg nach dem Friedhofe ein und erreichten auch bald die kleine Git⸗ terthür in der Nähe des Todtengräber⸗Häuschens. Die Pforte that ſich auf und nicht ohne geheimen Schauer betrat der Voigt das Reich des Todes. Tiefe Stille wohnte über den Gräbern, nur Gräſer und einzelne Blumen ſchwankten, vom Winde bewegt, hin und wieder. Der Voigt mit ſeinem Begleiter bogen jetzt um das alterthümliche Beinhaus, von wo man den Fried⸗ hof vollkommen überſehen konnte. Plötzlich blieben die Zwei wie vom Donner gerührt ſtehen.— An Chriſti⸗ nens Grabe kniete Georg, und war emſig beſchäftigt, den friſchen Sandhügel mit Blumen zu bekränzen, die in reicher Menge neben ihm lagen. „Nun, was hab' ich geſagt,“ raunte Ralph dem Voigte leiſe zu, indem er auf Georg deutete. Jonas gebot zu ſchweigen und zog ein Piſtol aus dem Gürtel. Er winkte dem Knechte zu folgen und ging einige Schritte vor. Ralph ſchien zu zaudern und frug leiſe: „Wäre es nicht beſſer, wenn wir zuvor einigen Succurs herbei holten, bevor wir eine Attake wagen? Georg ſcheint nicht in friedfertiger Geſinnung dort zu ſitzen und ſeine Rieſenſtärke iſt bekannt.“ 69 „Ich habe keine Luſt, die Ducaten mit einem An⸗ dern zu theilen,“ gegenredete der Voigt;„wir Zwei ſind genug; vor meinem Piſtol ſoll er Reſpect bekom⸗ men; ich ſchieße den Kerl ohne Weiteres nieder, alſo vorwärts.“ Georg, welcher die Angekommenen nicht bemerkt hatte, fuhr unermüdlich fort, das Grab Chriſtinens mit Blumen zu ſchmücken. Er war ſo vertieft bei die⸗ ſem Geſchäft, daß er den Voigt und deſſen Begleiter, ſelbſt als dieſe ihm ſchon ganz nahe waren, nicht be⸗ merkte. Jonas und Ralph faßten jetzt Poſto; der erſtere hielt das ſcharf geladene Piſtol in der linken Bruſttaſche verborgen. „Heda, Georg!“ rief der Voigt jetzt laut,„Ihr ſeid mein Gefangener, macht Eure Sache durch thörichte Widerſetzlichkeit nicht ſchlimmer, ergebt Euch gutwillig, oder Ihr würdet es ſchwer zu bereuen haben.“ „Ralph,“ fuhr er zum Knechte gewendet fort,„gehe hin und binde den Deſerteur.“ Der Knecht langte jetzt Stricke hervor, um den Be⸗ fehl des Voigtes in Ausführung zu bringen; doch näherte er ſich nur langſamen Schritt's und nicht ohne Scheu, denn er war überzeugt, daß ſich Georg nicht ſo gutwillig ergeben werde. Wie der Tiger, wenn er von verwegenen Jägern aus ſeiner Ruhe aufgeſchreckt wird, ſo erhob ſich jetzt Georg. Eine an Wahnſinn grenzende Wuth bemäch⸗ tigte ſich ſeiner, als er des Voigtes anſichtig wurde. Die lange Geſtalt erhob ſich und ſchritt geraden Wegs auf Jonas zu. „Zurück,“ rief er, gegen den Knecht gewendet, als dieſer ſich ihm nähern wollte,„mit Dir habe ich nichts zu ſchaffen.“ 70 Ralph wagte ſich auf dieſe Worte nicht weiter, und der Voigt, als er gewahrte, daß hier ohne Gewalt nichts auszurichten ſei, und dem, als die unheimliche Geſtalt geraden Wegs auf ihn zukam, nicht wohl zu Muthe wurde, zog raſch ſein Piſtol hervor und feuerte es auf Georg ab. Die Kugel ſtreifte deſſen linken Arm, ohne ihn weiter zu verletzen und mit eiſer⸗ ner Gleichgültigkeit ſetzte der Jüngling ſeine Wande⸗ rung fort. „So ſpringe doch zu,“ rief Jonas zum Knechte gewendet, hielt es aber ſelbſt für gerathen, ſich zurück zu ziehen. Doch kaum hatte Jonas ein paar Schritte rück⸗ wärts gethan, als Georg in wenigen Sätzen bei ihm war, den Entfliehenden mit Rieſenkraft am Nacken erfaßte und ihn mit ſich ſchleppte. Ralph wollte jetzt ſeinem Herrn zu Hilfe eilen, ward aber von der linken Hand Georg's mit ſolcher Gewalt an einen Grabſtein geſchleudert, daß er bewußt⸗ los liegen blieb. Am äußerſten Ende des Kirchhofs von Hohenſtein befand ſich eine tiefe, unergründliche Gruft; ſie hatte vor langen Jahren zum Erbbegräbniß eines damaligen Mönchskloſters gedient. Die Oeffnung war faſt ganz mit Hollundergeſträuch und Farrenkräutern überwachſen. Nach dieſem unheimlichen Orte ſchleppte Georg den Voigt, der aus Leibeskräften bemüht war, ſich der Hand ſeines wüthenden Gegners zu entwinden. Aber vergebens waren alle ſeine Anſtrengungen und bald befand man ſich an der Oeffnung des ſchauerlichen Grabes. Hier ließ Georg ſeine Beute einen Augen⸗ blick los. „Wenn Du beten willſt,“ ſprach der Jüngling mit S 71 furchtbarer Ruhe,„ſo thue es; Deine letzte Stunde hat geſchlagen.“ „Gnade, Gnade!“ heulte der halb Ohnmächtige. „Bete,“ gab Georg zur Antwort,„Du haſt keine Zeit zu verlieren.“ Da Jonas erkannte, daß er von Georg keine Scho⸗ nung zu erwarten habe, ſo machte er einen letzten ver⸗ zweifelten Verſuch, ſich durch die Flucht zu retten. Er ſprang auf, und wirklich gelang es ihm, ohne daß es Georg gehindert hätte, einige Schritte Vorſprung zu gewinnen. Aber der Rettungsverſuch war vergebens; wieder ſaß ihm der junge Landmann mit ein paar Sätzen in den Nacken, und ſchleppte den Verzweifeln⸗ den, der ſich wie ein Wurm krümmte, nach der ver⸗ hängnißvollen ſchwarzen Oeffnung. „Bete!“ rief hier der Jüngling zum dritten Male; „Du ſiehſt da unten die Sonne nicht wieder.“ „Ich kann nicht beten,“ krächzte der Voigt und kalter Todesſchweiß deckte ſeine Stirne. Da rauſcht das Gebüſch, ein jäher Schrei ward vernommen und gleich darauf tönte ein dumpfer Fall aus der unergründlichen Tiefe. Verwittertes Mauer⸗ werk ſtürzte nach; unheimliches Nachtgeflügel, Eulen und Fledermäuſe flatterten erſchreckt aus der Gruft empor; ein kurzes Todesröcheln war vernehmbar— dann war wieder Alles ſtill. Georg ſchaute noch eine Zeitlang in dumpfem Sin⸗ nen nach der Tiefe. „Das wäre Nummer Eins,“ ſprach er für ſich und kehrte ruhig, als ſei nichts vorgefallen, nach dem Grabe Chriſtinens zurück. Unterdeß hatte ſich Ralph von ſeiner Betäubung erholt; er blickte ſcheu um ſich, und als er den Georg wieder an ſeinem vorigen Platze ſitzen ſah, ſo kroch er, 72 um nicht von ihm bemerkt zu werden, auf Händen und Füßen die Gräber und Grabſteine entlang, erreichte nach mühſamer Wanderung glücklich die Kirchhofthür⸗ und eilte, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen wollten, dem Schloſſe zu. Hier ſetzte die außerordentliche Mähr, welche Ralph von Georg erzählte, Alles in Bewegung. Der Doctor Stephani ſelbſt ſtellte ſich an die Spitze einer Anzahl Bewaffneter und führte ſie nach dem Kirchhofe. Als man daſelbſt anlangte, war weder von Georg noch von dem Voigte Jonas eine Spur zu entdecken. Vergebens durchſuchte man den ganzen Kirchhof und die umliegende Gegend. Stephani erhöhte daher den Preis, welchen er auf den Kopf Georg's geſetzt hatte, um ein Bedeutendes, und bot Alles auf, um des ge⸗ fährlichen Menſchen habhaft zu werden. Das räthſelhafte Verſchwinden des Voigtes, welches bald allgemein bekannt wurde, gab zu den verſchie⸗ denſten Gerüchten Veranlaſſung. Die Bewohner des Dorfes Hohenſtein waren einverſtanden, daß ihren Quälgeiſt der Teufel lebendigen Leibes davon ge⸗ führt habe. Veronika und Rafaele waren nach ihren Gemächern zurückgekehrt. Sie erhielten durch die alte Suſanna, welche in dem Schloſſe das Gnadenbrod erhielt, Nach⸗ richt von dem Vorgefallenen. Auch Suſanna war der zuverſichtlichen Meinung, daß das Verſchwinden des Voigtes nicht auf natürlichem Wege zugegangen ſei. Als ſchlagenden Beweis führte ſie noch an, daß es auf dem Kirchhofe an mehreren Orten bedeutend nach Schwe⸗ fel gerochen habe. Rafaele hörte ängſtlich und mit gläubigem Geſicht der außerordentlichen Hiſtorie zu; nur Veronika be⸗ lächelte die Mittheilungen der geſchwätzigen Alten. 73 „Ach Gott!“ ſeufzte die jüngere Schweſter,„mir wird immer unheimlicher in dem alten Schloſſe, wenn nur der Onecle zurückkehrte.“ „Unheimlich,“ meinte Suſanna mit geheimnißvoller Miene,„iſt es nicht ſeit geſtern, ſeit man des Huf⸗ ſchmieds roſiges Töchterlein in dieſen Mauern opferte, iſt kein Segen mehr, ruht der Fluch auf dem Schloſſe, es ſind nun an die fünfundzwanzig Jahre.“ Stimmengeräuſch im Hofe zog die Mädchen und die Alte an's Fenſter. Man ſchien im Begriff, auch den Schloßgarten zu durchſuchen, Suſanna eilte hinab, um nähere Erkundigungen einzuziehen. „Was hat es nur für Bewandntiß mit der grau⸗ ſigen Geſchichte?“ frug Rafaele, nachdem die Schweſtern allein waren;„es wäre doch fürchterlich, gottlos, ab⸗ ſcheulich, wenn man jenes Mädchen geopfert hätte, da⸗ mit ſich die gichtkranke Großmutter in dem Blute der⸗ ſelben baden konnte.“ „Es iſt blos eine Fabel,“ antwortete Veronika,„die allerdings unter den Bewohnern von Hohenſtein ſehr verbreitet iſt. Der wahre Hergang indeß, wie mir ihn ſowohl Guido als auch Stephani erzählt haben, erſcheint nicht minder grauenvoll.“ „O bitte, Veronika,“ bat Rafaele voller Neugier, „erzähle.“ „Wenn Du das Verſprechen giebſt,“ erwiderte die Schweſter,„gegen Jedermann reinen Mund zu halten; denn die Wahrheit ſoll nicht bekannt werden, weil ſie heute noch der Großmutter Gefahr bringen könnte.“ Rafaele gelobte hoch und theuer das unverbrüchlichſte Schweigen und Veronika fuhr fort: „Es ſind wohl fünf und zwanzig Jahre, als an einem ſchönen Juniabend des Hufſchmieds Töchterlein mit einem Körbchen ſchöner Erdbeeren zum Schloſſe 74 kam, um damit der Gräfin Roßwitha eine Freude zu machen; Letztere ward damals gerade heftig von Gicht⸗ ſchmerzen geplagt und befand ſich in der übelſten Laune. Als daher die ſchöne Margaretha mit den Erdbeeren in das Gemach der Großmutter trat, hatte die Kleine vas Unglück, die Zimmerthür offen zu laſſen. Ein ſcharfer Zugwind ſtrich herein, und berührte die Grä⸗ fin, die wie gewöhnlich in ihrem Armſeſſel ſaß, und vermöge ihres krankhaften Zuſtandes für den leiſeſten Luftzug empfindlich war, auf das Unangenehmſte. Der heftigſte Zorn bemächtigte ſich der Kranken, und nicht wiſſend, was ſie thut, ergreift ſie ein ſcharfes Meſſer, womit ſie eine Orange geſchält hatte, und ſchleudert es mit aller Macht nach dem unglücklichen Mädchen. Das Mißgeſchick will es, daß ſich der Stahl tief in die Bruſt bohrt, ſo daß die Getroffene vom Blute überſtrömt zu Boden ſinkt. Der Leibmedicus der Grä⸗ fin, der Doctor Sebaldus, wird ſogleich gerufen; aber alle ärztliche Hilfe iſt vergebens; das Meſſer war bis zum Herzen gedrungen und nach wenigen Minuten hatte die Unglückliche aufgehört zu athmen.“ „Jetzt war guter Rath theuer; man durfte den Vorfall nicht bekannt werden laſſen, wollte man von den Bewohnern Hohenſteins, welche Margarethen wie eine Heilige verehrten, nicht das Aeußerſte befürchten. Auf den Vorſchlag des Arztes Sebaldus ward die Leiche verheimlicht, indem man das Gerücht ausſprengte: Mar⸗ garetha ſei von einer Zigeunerbande, die ſich damals in der Nähe des Schloſſes aufhielt, geraubt worden. Sebaldus ſchaffte die Todte auf ſein Zimmer, woſelbſt er ſie ſecirte. Das Scelett des unglücklichen Mädchens ſoll ſich noch heut zu Tage in einem der Gemächer des Schloſſes, in welchem der Doctor ſein Laboratorium 75 aufgeſchlagen hatte, denn er beſchäftigte ſich viel mit chemiſchen Experimenten, vorfinden.“ „Die arme Margaretha!“ ſeufzte Rafaele, die von der Erzöhlung der Schweſter tief ergriffen war;„die Großmutter muß doch eine recht böſe Frau geweſen ſein. Ich kann mir jetzt die Trauer und den Haß des alten Nicodemus gegen unſere Familie wohl erklären.“ „Aber,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fragend fort: „was hat es nur für eine Bewandtniß mit dem Leib⸗ medicus Sebaldus, der ebenfalls keines natürlichen To⸗ des geſtorben ſein ſoll, und von deſſen Ende man ſich grauenhafte Dinge erzählt?“ „Allerdings,“ erzählte Veronika,„iſt auch er keines natürlichen Todes geſtorben und zwar eines entſetzlichen. Bekanntlich war er ein großer Chemiker, in deſſen La⸗ boratorium ſich viele brennbare Stoffe vorfanden. Ei⸗ nes Tages, als er gewohnter Weiſe Verſuche anſtellte, um mehrere Gasarten mit einander zu verbinden, ent⸗ zündeten ſich dieſelben, die Retorten zerſprangen; das ganze Laboratorium geräth in Feuer und Flammen, ſelbſt die Luft brennt; und als man endlich von Außen zu Hülfe kommt, iſt der Doctor verſchwunden und nur ein kleines Häuflein Aſche zeigt, welchen furchtbaren Tod er geſtorben; daher denn das Gerücht, als ſei Sebaldus von einem böſen Geiſt unter Feuer und Flammen geholt worden.“ Suſanna kehrte jetzt mit der Nachricht zurück, daß man auch den Park vergebens durchſucht habe. Weder von Georg noch dem Voigte ſei eine Spur zu entdecken geweſen, und es leide keinen Zweifel mehr, daß Letzterer von dem Gott ſei bei uns geholt worden ſei. Daſſelbe glaubten auch die Bauern von Hohenſtein 76 und man hatte ſie lange nicht ſo vergnügt geſehen als jetzt, wo ſie ſich von einem ihrer größten Plagegeiſter befreit ſahen.— Sechſtes Rapitel. aller militäriſchen und polizeilichen Vorſichts⸗ maßregeln war es den Verſchworenen, an deren Spitze Guido mit ſtand, dennoch gelungen, ſich verkleidet in die Stadt zu ſchleichen und ſich ſogar mit Waffen aller Art zu verſorgen. Mehrere nicht unangeſehene Bürger waren ihnen verbündet und die Häuſer derſelben dien⸗ ten den Verſchwornen zu Vereinigungspunkten. Man beabſichtigte nichts weniger, als mit bewaff⸗ neter Hand loszubrechen und für den Fall, daß die Bürger nicht gemeinſchaftliche Sache mit ihnen machen ſollten, die Stadt in Brand zu ſtecken. Den heutigen Abend hatte man zum Losſchlagen beſtimmt, und die Verſammlung bei dem Bierbrauer Römer in der Burg⸗ ſtraße, welcher mit wahrem Fanatismus mit den Ver⸗ ſchwörern gemeinſchaftliche Sache gemacht hatte, war daher äußerſt zahlreich beſucht. Durch umher geſchickte Emiſſäre waren alle Betheiligte in der Stadt von der Revolution in Kenntniß geſetzt, und alle Mittel waren ergriffen, dieſelbe ſo viel als möglich zu unterſtützen. Es war den Verſchworenen ſogar gelungen, einige Un⸗ terofficiere der Garniſon für ihre revolutionären Ideen zu gewinnen. Man hoffte ſich auf dieſe Weiſe wenig⸗ ſtens eines Theils des Militärs zu verſichern. In der Verſammlung bei dem Bierbrauer Römer entwarf man den Plan des Aufſtandes. Zuerſt ſollten — 77 die Thorwachen angegriffen, dieſelben überwältigt und die Thore geſprengt werden, damit die Bauern aus der Ungegend, welche man für dieſen Zweck beſtochen hatte, den Inſurgenten in der Stadt zu Hülfe kommen könn⸗ ten. Alsdann ſollte ein Theil der Verſchworenen das Zeughaus ſtürmen und die daſelbſt aufgehäuften Waffen unter das Volk vertheilen. Das fürſtliche Schloß, wel⸗ ches den Revolutionären als der Sitz der Tyrannei galt, ſollte ohne weiteres den Flammen Preis gegeben werden; doch wollte man mehr aus Politik, denn aus Menſchlichkeit den Herzog und ſeine Familie mit dem Tode verſchonen und ſie als Geißeln für etwaige Fälle in ſichern Gewahrſam bringen. Der Gouverneur jedoch, der Graf Günther von Hohenſtein, ward, ungeachtet daß ſein eigener Sohn ſich unter den Verſchwornen befand, wegen ſeines ſtrengen Verfahrens, womit er die erſte Revolution unterdrückt hatte, dem Tode geweiht; nächſt ihm noch mehrere andere hochgeſtellte Regierungsbeamte, die man für Volksfeinde hielt. Zugleich ſollten die Gefängniſſe geöffnet, und alle Diejenigen, welche in Folge des letzten Aufſtandes in Verwahrſam ſaßen, in Freiheit geſetzt werden. Die Häupter der Verſchwore⸗ nen theilten ſich in die verſchiedenen Rollen des bevor⸗ ſtehenden Trauerſpiels. Guido erhielt den Auftrag, ſich der Perſon des Fürſten zu bemächtigen. Er pro⸗ teſtirte hiegegen, weil derſelbe mehr Umſicht als Tapfer⸗ keit erfordere. „Stellt mich dahin, meine Freunde,“ ſprach er,„wo es gilt loszuſchlagen, ich bin lieber tapfter Soldat, als daß ich einen Auftrag gut zu vollbringen vermöchte, wo Vorſicht und Schonung erfordert werden. Uebergebt mir das Commando über diejenige Abtheilung der Un⸗ ſern, welche das Zeughaus ſtürmen ſoll. Da geht es gewiß hart her, und ich gebe Euch mein Wort, daß ich 78 nicht eher ruhen werde, als bis ſich dieſer wichtige Poſten in unſern Händen befindet.“ Man bewilligte dies, und ein anderer erhielt den Auftrag, die fürſtliche Familie gefangen zu nehmen. Während die Verſchworenen noch auf dieſe und ähnliche Art ſich beſprachen und verhandelten, erhielt der Poli⸗ zeipräſident ein in franzöſiſcher Sprache geſchriebenes Billet, worin ihm die Anweſenheit der Republikaner in der Stadt, ſo wie deren Verſammlungsort dei dem Bierbrauer Römer angezeigt ward. Herr von Wilke, dies war der Name des Präſidenten, begab ſich auf der Stelle zu dem Grafen Günther von Hohenſtein und theilte dieſem den Inhalt des Billets mit. Graf Günther wollte ſeinen Augen kaum trauen und hielt Anfangs alles für eine Myſtification; als aber in der Zuſchrift des unbekannten Warners die Details mit ſehr vieler Beſtimmtheit angegeben waren, ward er bedenklicher, und ergriff ſogleich die erforder⸗ lichen Maßregeln. In aller Stille erhielt eine anſehn⸗ liche Militärmacht Befehl, die Straße, worin ſich das Haus des Brauer Römer befand, und die Umgebung deſſelben zu beſetzen. Er ſelbſt begab ſich in eigener Perſon nach der Caſerne, um darüber zu wachen, daß ſeine Befehle pünktlich vollzogen würden. So unbe⸗ merkt als möglich erhielten alle Wachen und Poſten Verſtärkung, und kaum war eine Stunde dahin, als ſich das ſämmtliche Militär der Reſidenz unter Waffen und an den bezeichneten Orten befand, ohne daß die Aufmerkſamkeit des Publikums dadurch rege gemacht worden wäre. Selbſt die Verſchwornen, die ſammt und ſonders wohl bewaffnet bei dem Brauer Römer verſammelt wa⸗ ren, da in wenig Stunden der Schlag geſchehen ſollte, hatten keine Ahnung davon. 79* Bereits begann die Dunkelheit herein zu brechen, die verhängnißvolle Stunde des Aufſtandes rückte im⸗ mer näher; nochmals recapitulirten die Häupter der Verſchworenen ihre Rollen, als plötzlich Einer der Ver⸗ bündeten athemlos und geiſterbleich in die Verſammlung trat, mit der Nachricht, daß Alles verrathen ſei, alle Ausgänge der Straße und umliegende Häuſer ſeien mit Soldaten beſetzt. Ein furchtbares Schweigen bemächtigte ſich bei die⸗ ſen Worten der ganzen Verſammlung, doch erſchien die Nachricht für zu übertrieben, da vor einer halben Stunde mehrere der Verſchwornen, welche ſowohl die Caſernen als die Wachtpoſten recognoscirt hatten, nichts Außerordentliches bemerkt haben wollten. Man be⸗ ſchloß ſofort Einige auszuſenden, um nähere Erkundi⸗ gungen einzuziehen. Für den Fall, daß ſie eine Be⸗ wegung unter dem Militär wahrnähmen, ſollten ſie ſchleunigſt Bericht erſtatten, und dann wollte man auf der Stelle, ohne die ſpäter feſtgeſetzte Stunde abzuwar⸗ ten, losbrechen. Die Kundſchafter wollten ſich ſo eben auf den Weg machen, als dumpfer Trommelton vernehmbar ward, und in demſelben Augenblick der Brauer Römer mit der verhängnißvollen Kunde hereintrat, daß das Vorder⸗ haus mit bewaffneter Macht umringt, und die einzige Rettung ſei, daß man ſich durch den Garten, welcher an das Hintergebäude gränzte, worin ſich das Ver⸗ ſammlungslokal befand, zurückziehe. Man könnte leicht die Stadtmauer überſpringen, das freie Feld erreichen und in dem benachbarten Walde Zuflucht finden. Ein großer Theil der Verſchwornen ſtimmte dieſem Vorſchlag bei, aber die Verwegenen, und an ihrer Spitze Guido, beſtanden darauf, daß man die Schergen der Tyrannei mit bewaffneter Hand empfangen, und lieber * 80 fallen, als durch die Flucht ſich dem Verdachte der Feigheit ausſetzen wolle. „Sie ſollen wenigſtens erkennen,“ rief der Exaltirte, „daß ſie es mit freien Männern zu thun haben, und gehen wir unter, ſo wird unſer Tod der Sache der Freiheit von größerm Nutzen ſein, als ein durch ſchimpf⸗ liche Flucht entehrtes Leben.“ Wirklich gelang es auch den begeiſterten Worten Guido's, daß man ſich zur verzweifeltſten Gegenwehr anſchickte. „Verſuchen wir es,“ ſchrien Mehrere,„uns durch⸗ zuſchlagen; vielleicht daß ein heldenmüthiger Widerſtand die Bürger ermuntert, uns beizuſtehen.“ Eine große Anzahl verließ ſtürmiſch das Verſamm⸗ lungslocal, und wollte die Treppe hinabeilen, als ihnen am Ausgang derſelben zahlreiche Bayonnete den Aus⸗ gang verſperrten. „Die Waffen nieder,“ rief der commandirende Officier. Anſtatt der Antwort gaben die Verſchwornen eine todtbringende Salve, ſo daß mehrere der Grenadiere zu Boden ſtürzten und dem Officier der rechte Arm zerſchmettert wurde. Jetzt bemächtigte ſich der Soldaten eine Wuth, daß ſie, ohne das Commando abzuwarten, Feuer gaben und mit gefälltem Bayonnet auf die Verſchwornen einſtürm⸗ ten. Es entſtand ein furchtbares Handgemenge, bald wurden die Soldaten, bald wieder die Verſchwornen zurückgeworfen Guido kämpfte wie ein Löwe und be⸗ feuerte durch ſein Beiſpiel die Seinigen zur außerordent⸗ lichſten Tapferkeit. Trotz dem, daß die Soldaten bedeutende Verſtär⸗ kung erhielten, gelang es doch den Republikanern, die Linie ihrer Gegner zu durchbrechen und den Hof zu 81 erreichen, welcher das Vorderhaus von dem Hinterge⸗ bäude trennte. Da kamen ſie aber aus der Scylla in die Charybdis, denn nicht weniger als zwei Compagnien hatten hier Poſto gefaßt. Von neuem erfolgte an die Tollkühnen die Aufforderung, die Waffen niederzulegen und ſich zu ergeben; aber abermals antwortete man mit Flinten⸗ und Piſtolenſchüſſen. Jetzt erfolgte ein Pelo⸗ tonfeuer von Seiten der Grenadiere, welches furchtbare Verheerung in dem Haufen der Rebellen anrichtete. Trommeln wirbelten und mit gefälltem Bayonnet dran⸗ gen die Grenadiere vor. Einer nach dem Andern von den Verſchworenen ſank zu Boden, das Steinpflaſter mit ſeinem Blute röthend; Keiner wollte ſich ergeben. Guido immer weiter zurück gedrängt und bereits aus mehreren ſchweren Wunden blutend, doch noch immer heldenhaft kämpfend, ward plötzlich rückwärts von meh⸗ reren Armen erfaßt und zu Boden geriſſen. Nacht um⸗ dunkelte ſeine Sinne, das Bewußtſein verließ ihn. Bald lag auch der Letzte der Republikaner, die ſich nach dem Hofe durchgeſchlagen hatten, in ſeinem Blute, und die bewaffnete Macht drang jetzt in verdoppelter An⸗ zahl gegen das Hintergehäude, aus deſſen Fenſtern die noch daſelbſt befindlichen Verſchwornen ein wohlgenährtes Feuer gegen den Hof unterhielten. Unwiderſtehbar drangen die Grenadiere unter fort⸗ währendem Feuer die Treppe hinauf, die man endlich, wiewohl nach vielem Blutverluſte, eroberte. Jetzt entſpann ſich der Kampf in den obern Ge⸗ mächern des Hintergebändes. Jeden Schritt vorwärts mußte das Militär theuer erkaufen. Aber ſeine Anzahl war zu überlegen, als daß der verzweifeltſte Widerſtand ihm hätte den Sieg ſtreitig machen können. Von Ge⸗ mach zu Gemach gedrängt, keines ohne bedeutenden Verluſt an Todten und Verwundeten verlaſſend, ſahen Stolle, Schriften. Supplem. M. 6 82 ſich die Republikaner endlich bis in ihr gewöhnliches Sitzungslocal zurückgedrängt. Hier faßte man den Ent⸗ ſchluß, nach dem Garten ſich zurück zu ziehen, um wo⸗ möglich das freie Feld zu gewinnen. Es gelang ihnen auch, vermöge einer geheimen Treppe, den mit Buſch⸗ werk reich bewachſenen Garten zu erreichen. Sie dran⸗ gen durch die Sträucher und kamen bis an die Gar⸗ tenmauer, welche zugleich die Stadtmauer bildete. Mit Mühe halfen die noch Unverletzten den Verwundeten das ſteile Mauerwerk empor klimmen, als von Außen her neue Schüſſe fielen, und es ſich zeigte, daß auch das Terrain außerhalb der Stadtmauer mit bedeutender Militärmacht beſetzt war. Bei dieſem Anblicke ſchwand den Flüchtlingen die letzte Hoffnung, zu entkommen. Viele, welche ſchon die Spitze der Mauer erklettert hatten, ſprangen wieder herab, und griffen zu ihren Waffen. Es entſtand das letzte mörderiſche Gefecht mit dem Militär, das aus dem Hinterhauſe nachgeeilt war. Alsbald lag das letzte Häuflein der Republikaner zuſammengeſchoſſen, zuſam⸗ mengehauen, wehrlos am Boden. Die Sache der Ge⸗ ſetze und der bewaffneten Macht trug einen vollſtändi⸗ gen Sieg davon. Als Guido wieder zu ſich kam, und die Augen aufſchlug, befand er ſich in einer ärmlichen Strohhütte. Neben ihm ſaß Ottokar, welcher den Schlummer des Ohnmächtigen bewacht zu haben ſchien. „Wo bin ich?“ frug Guido mit leiſer Stimme. „Bei Deinem Bruder,“ antwortete Ottokar,„und in Sicherheit.“ Guido fühlte ſich mit der einen Hand an die Stirn, als wolle er ſich auf Etwas beſinnen. Der Ueberfall im Brauhauſe, ſo wie der blutige Kampf, in welchem er gefallen war, erſchien ihm wie ein wüſter Traum. 83 „Wo ſind meine Brüder?“ fuhr er weiter fort, und blickte rings um ſich. „Sie ſind theils gefallen,“ erwiderte Ottokar,„theils befinden ſie ſich in der Hand der Geſetze. „So will ich auch ſterben,“ verſetzte dumpf der Verwundete, und ſank von neuem bewußtlos auf ſein Lager zurück.— Siebentes Rapitel. Vergebens hatte ſich Severin, der noch immer in Ge⸗ wahrſam ſaß, bemüht, den Gefängnißwärter zum Reden zu bringen. Wohl an die zehn Briefe waren von ihm in der kurzen Zeit ſeiner Gefangenſchaft an Ottokar geſchrieben worden; bald in zärtlichem, bald in beſchwe⸗ rendem, bald in vorwurfsvollem Tone. „Daß mir Unglücksſohn,“ ſprach er für ſich,„noch dieſes Malheur paſſiren mußte, mich in politiſche Dinge zu miſchen, die mich eigentlich gar nichts angehen, und noch dazu in der jetzigen gefährlichen Zeit. Es iſt zum Raſendwerden, der Satan muß mich geblendet haben. Säß ich wegen Diebſtahls, ſo hätte die Sache lange nicht ſo viel auf ſich; ich käme höchſtens ein halbes Jahr auf's Zuchthaus; aber ſo bin ich politiſcher Gefangener, und mit denen fackelt man heut zu Tag im Geringſten nicht. Ich begreife nicht, daß ich noch lebendig hier auf und abſchreiten kann und nicht ſchon längſt todt geſchoſſen worden bin.“ „Und Sttokar war es,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„der mich an dieſen Ort des Schreckens, in dieſes Vorzimmer des Todes gebracht hat, mein Freund, mein 6* 84 Dutzbruder. O Menſchheit, Menſchheit, was iſt aus dir geworden! Freundſchaft und Liebe, was geltet ihr noch in dieſen entſetzlichen Zeiten! Wenn mir dieſer Barbar wenigſtens auf die mannigfachen Zuſchriften, die ich an ihn gelangen ließ, geantwortet hätte. Er ſollte mich wenigſtens benachrichtigen, wie es mit mir ſtünde, und ob ich noch mit dem Leben davon komme. Dann könnte ich mich wenigſtens als guter Chriſt auf mein ſeliges Ende vorbereiten.“ Wieder erfolgte eine Pauſe und der Gefangene ging, ſein Gefängniß betrachtend, wiederholt auf und nieder.„Das Stübchen iſt ſo übel nicht,“ ſprach er, „und nach dem Meublement und der Koſt zu ſchließen, ſtünde es mit mir nicht ſo ſchlimm. Wenn nur die verwünſchten Eiſenſtäbe vor den Fenſtern nicht wären; und das Schweigen des Gefängnißwärters iſt mir äußerſt bedenklich. Der Kerl iſt ſtumm wie ein Fiſch und bleibt mir alle Antworten auf die Fragen ſchuldig, die ich an ihn richte. Welch ein Zauber ruht nicht in der geſelligen Wechſelrede. Wozu erhielt denn der Menſch die Göttergabe der Sprache? um mit ſich ſelbſt zu discurriren, gewiß nicht.“ „Wenn ich zehn Jahre auf die Feſtung komme,“ fuhr er fort,„kann ich von Glück ſagen. Der Satan muß mich geblendet haben, daß ich auf dem Kaffechau wie ein toller Jacobiner declamirte. Wenn ſie Alles zu Protocoll nehmen, was ich den Kaffeegäſt in meiner Rabbia vorgefaſelt habe, komme ich mit de Leben gar nicht davon. Wenn wir hier zu Lande wie in Frankreich Galeeren hätten, könnt' ich mein Leben⸗ lang rudern, wie Alemondate, von einem Pole zum andern.“ Wieder knarrte der Rieſenſchlüſſel in dem Rieſen⸗ ſchloſſe der eiſenbeſchlagenen Gefängnißthür. Severin 85 fuhr zuſammen. Zwei Herren, ſchwarz gekleidet, traten herein. Der Gefangene, welcher die Eingetretenen im erſten Schrecken für den Geiſtlichen mit dem Küſter hielt, der ihn zu dem Tode vorbereiten ſollte, gerieth in eine unbeſchreibliche Todesangſt. Die Thüre that ſich hinter den beiden Schwarzen wieder zu und die unheimlichen Ankömmlinge nahmen, ohne ein Wort zu verlieren, an dem Tiſche beim Fenſter Platz. Der Eine zog Papier, Feder und Tinte hervor, während der Andere Severin erſuchte, auf dem dritten Stuhle Platz zu nehmen. Letzterer erkannte jetzt we⸗ nigſtens ſo viel, daß die beiden Angekommenen nicht dem geiſtlichen Stande angehörten. Aber ſeine aufge⸗ regte Phantaſie malte ihn noch weit Schlimmeres vor. Severin glaubte nicht anders, als die Beiden ſeien Scharfrichter, welche ſeinen Hals unterſuchen wollten für die bevorſtehende Operation. Daß er ſich nieder⸗ ſetzen ſollte, ſchien ihm ſeinen Verdacht vollkommen zu beſtätigen. Er zögerte daher hochklopfenden Herzens, auf dem Stuhle Platz zu nehmen, und griff convulſiviſch nach ſeinem Halſe, an dem man nach ſeiner Anſicht Maß nehmen wollte. Erſt dem wiederholten Erſuchen, ſich nieder zu ſen, leiſtete er Gehorſam. Es ward dunkel vor ſ en Augen und erſt durch die Fragen, welche der ne Schwarzrock an ihn that, kam er wieder einiger⸗ maßen zu ſich. „Sie befanden ſich ehegeſtern in der Richter'ſchen Conditorei?“ frug der Schwarzrock, welcher Severin hatte niederſetzen heißen. Daß Letzterer mit„Sie“ betitelt wurde, ließ wie⸗ der einigen Hoffnungsſchimmer in ſeinem Herzen auf⸗ kommen. Er war bisher immer der Meinung ge⸗ 86 weſen, daß Capitalverbrecher nur mit„Er“ angeredet würden. Der Schwarzrock wiederholte ſeine Frage, welche denn Severin mit einem demüthigen„Ja!“ beant⸗ wortete. von Hohenſtein,“ fuhr der Examinator fort,„befanden Sie ſich in einem aufgeregten Zuſtande?“ „Sagen Sie, geehrteſter Herr,“ gab Severin eifrigſt zur Antwort,„in einem halb wahnfinnigen, in einem total verrückten; ich war nicht Menſch, ich war Thier, und ganz unzurechnungsfähig.“ „Eine ähnliche Ausſage,“ ſprach der Schwarzrock, „that auch der Herr Graf von Hohenſtein, wie er be⸗ hauptet, haben Sie ſich unmittelbar vorher durch ſpiri⸗ tuöſe Getränke exaltirt. Iſt dieſem ſo?“ Severin, der trotz ſeiner Angſt gleichwohl inne ward, daß ſeine Rettung einzig davon abhinge, wenn er die ihm in den Mund gelegte Frage mit„Ja“ beant⸗ wortete, machte aus der Noth eine Tugend und geſtand ein, eine Stunde vorher zwei Flaſchen Bordeaux aus⸗ geſtochen zu haben. Er wollte lieber einem hochlöb⸗ 3 lichen Criminalgerichte als Säufer erſcheinen, als ſich als nüchterner Menſch den Kopf abſchneiden laſſen. Der andere Schwarzrock, der die Schreibmaterialien mit ſich führte, brachte die Ausſagen Severin's ſogleich zu Papier und letzterem ward endlich klar, daß er es mit einem Criminalrichter und deſſen Actuarius zu thun hatte, wobei ſich ihm eine eentnerſchwere Laſt von der Bruſt wälzte. Mit einem kurzen Verhöre, das aber weiter keine Lebensfragen berührte, ward das Protokoll geſchloſſen, verleſen, und mußte von Severin unterzeichnet werden. Die beiden Gerichtsperſonen entfernten ſich wieder, „Laut der Ausſage des Herrn Grafen Ottokar 87 aber mit weniger ſtrengen Mienen, als ſie hereinge⸗ treten waren. Die Gefängnißthüre ſchloß ſich und Freund Severin befand ſich wieder allein. Er athmete tief auf und ſprach: „Das war eine verzweifelte Commiſſion; hätte ich nicht mit ſolcher Geiſtesgegenwart geſprochen, konnte es leicht den Kopf koſten. Mit ſolchen Criminalverhö⸗ ren iſt nicht zu ſpaßen; ein einziges unvorſichtiges Wort kann den rechtſchaffenſten Mann zu Grunde richten. So aber, glaube ich, habe ich mich weiſe aus der Affaire gezogen, und ich hoffe wenigſtens mit dem Leben davon zu kommen.“ Wenn mich nicht Alles trog,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„hat Ottokar doch nicht alle Menſchlichkeit verleugnen können, indem er officiell ausgeſagt hat, ich ſei wie eine Kanone beſoffen geweſen. Im Gegentheil, ich war ſo nüchtern, wie ein Carthäuſer, wie der Prä⸗ ſident eines Mäßigkeitsvereins. Blos ein fingirter Rauſch konnte mich retten, und deshalb bin ich inſofern dem Ottokar verpflichtet, daß er mich durch ſeine Aus⸗ ſage auf dieſe rettende Idee brachte. Freilich wäre es weit geſcheiter geweſen, wenn et mich gar nicht arretirt hätte, und ich begreife dieſe Stunde noch nicht, welch ein böſer Geiſt in ihn gefahren war. Er kann doch unmöglich zu der geheimen Polizei gehören; doch wo hätte er gleich den Verhaftbefehl herbekommen, und die Häſcher hatten einen Reſpect vor ihm, als wäre er der leibhaftige Polizeipräſident ſelber. Ich muß geſtehen, eine höchſt ſonderbare Geſchichte, die mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen iſt, und gleichwohl habe ich mich umgeſehen.“ Er ging wieder einige Male in dem Gemach auf und ab; dann fuhr er fort: „Aber begierig bin ich, wie lange ich in dieſem ver⸗ 88 wünſchten Loche noch ſtecken werde, und wie überhaupt die ganze Geſchichte enden wird. Wenn ich auf die Feſtung komme, ſo weiß ich, was ich thue. Ich gebe einen Almanach heraus, mit herrlichen Stahlſtichen; der ſoll ſich gewaſchen haben. Die Novellen ſchreib ich ſelber; das holde Reich der Phantaſie ſoll mich dann aufneh⸗ men. Mag's dann in der Welt ausſehen wie es will; mögen ſie ſich die Köpfe blutig ſchlagen, mich kümmert's nicht, der Teufel hole die Politik. Ein Jahr iſt keine Ewigkeit.“ „Ich kehre erleuchtet in die Geſellſchaft zurück,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„und weiß jetzt erſt die wahre Freiheit zu ſchätzen, nachdem ich Kerkerluft geathmet. Keine Macht der Erde ſoll mich wieder verlocken, daß ich mich in politiſche Angelegenheiten miſche. Durch Schaden wird man klug; der Verbrannte ſcheut das Feuer, das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch ge⸗ ſagt haben.“ Wieder drehte ſich der Schlüſſel im Rieſenſchloſſe der Gefängnißthür, und der Gefängnißwärter trat herein. Er überreichte dem Gefangenen ein Billet, deſſen In⸗ halt folgendermaßen lautete: „Ich hoffe, Du biſt von Deinem Paroxismus, der Dich leicht in das Verderben hätte führen können, wenn ich nicht eingeſchritten wäre, geheilt. Obſchon Du ver⸗ dient hätteſt, wenigſtens eine Woche wegen Deines un⸗ verantwortlichen Leichtſinns im Karzer zu ſtecken, ſo wird Dein Arreſt ſich jetzt auf einige Tage beſchränken, binnen welcher Friſt die Unterſuchung gegen Dich ge⸗ endet ſein wird. Handle, wenn Du frei biſt, wie ein vernünftiger Menſch; denn nicht immer möchte es ſich ſchicken, daß ein Freund in der Nähe, der Dich aus dieſer Gefahr zu erretten, die Macht hätte.“ 89 Nachdem Serverin geleſen, that er einen Sprung, daß er faſt mit dem Kopfe an die Decke geſtoßen wäre. „Dacht ich's doch,“ rief er,„daß die treue Seele nur aus Freundſchaft mich in Gewahrſam nahm. Ja, Ottokar iſt geprüft wie Gold. Ich kann ſtolz ſein auf ſolch einen Freund. Ich ſehe jetzt ein, daß er nicht anders handeln konnte. Wenn er nicht mit der bewaff⸗ neten Macht einſchritt, hätte ich mich um Hals und Kra⸗ gen declamirt. Wie leicht konnte ſich unter den Kaffee⸗ gäſten ein Verräther befinden, der mich an das Meſſer geliefert hätte, wo mich dann ſelbſt Ottokar's mächtiger Einfluß nicht würde haben retten können.“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Alſo nur ein paar Tage noch ſoll ich hier ſtecken? Das kann ich mir gefallen laſſen, das iſt nur die ver⸗ diente Strafe für meinen thörichten Vorwitz auf dem Kaffeehauſe. Es ſind draußen zwar herrliche Tage, der Herbſt ſchreitet mit aller Pracht über die Berge und ich muß hier einſam im Kerker trauern. Ich habe aber jetzt einen Begriff erhalten, wie es einem Verbrecher zu Muthe iſt, der auf Leben und Tod ſitzt. Das hat indeß auch ſein Gutes. Je mehr man Situationen im Leben kennen lernt, deſto weiſer wird man. Die Frei⸗ heit ſoll mir nun doppelt wohl ſchmecken, und ich kann es dem Ottokar nicht genug Dank wiſſen, daß er mir ſo weiſe Lehren gegeben hat.“ Auf dieſe und ähnliche Art tröſtete ſich der Philo⸗ ſoph in ſeiner Gefangenſchaft, obſchon ihm die Zeit entſetzlich lang wurde. 90 Achtes Rayitel. Br dem Gefecht der Republikaner mit den Grena⸗ dieren im Hofe des Brauhauſes war es Ottokar ge⸗ lungen, ſich der Perſon des verwundeten Guido zu be⸗ mächtigen und ihn unter Beihülfe Befreundeter unbemerkt von dem Kampfplatze hinweg und in Sicherheit zu brin⸗ gen. Man hatte den Ohnmächtigen in eine Kutſche geſetzt und war mit ihm aus der Stadt geflohen, in welcher ihn Ottokar für durchaus nicht ſicher hielt. Ottokar hatte erſt die Abſicht, ihn nach dem Schloſſe Hohenſtein zu bringen, wenn er nicht ſeinen Vater ge⸗ fürchtet hätte, der in dem Maße gegen den Republika⸗ ner erbittert war, daß er ihn ohne Gnade dem Tod überliefert haben würde, welchen das Geſetz über ihn ausſprach. So war man bis zu jener Hütte gelangt, welche ſich nahe an der Grenze des Fürſtenthums befand, und wo man für den Augenblick nichts zu befürchten hatte. Ein mitgenommener Arzt unterſuchte die Wun⸗ den Guido's, die er nicht für gefährlich erkannte. Binnen vierundzwanzig Stunden, tröſtete er, würde Guido ſo weit hergeſtellt ſein, um ſeine Reiſe ohne Gefahr fortſetzen zu können. Ottokar benutzte dieſe Friſt, nach der Reſidenz zurück zu eilen, und für ſeinen Bru⸗ der die nöthigen Päſſe auszuwirken, vermittelſt welcher er unangefochten nach England entfliehen könne; denn Deutſchland bot für den Republikaner, der ſo leicht in politiſche Exaltation gerieth, keine hinreichende Sicher⸗ heit dar. Der Doctor Friedrich und Jacob, ein ge⸗ prüfter Diener Ottokar's, ſollten unterdeß bei Guido verbleiben.. Da es nicht unwahrſcheinlich, daß man den ent⸗ flohenen Chef der Verſchwornen mit Steckbriefen ver⸗ folgen werde, ſo hinterließ Ottokar den dringenden Be⸗ fehl, ja die einſame Hütte nicht zu verlaſſen. Mund⸗ vorrath war mitgenommen, ſo daß man einige Tage aushalten konnte, ohne die Hilfe der Menſchen in An⸗ ſpruch nehmen zu müſſen. Jacob ging hinaus in den Wald, ſuchte dürres Reiſig zuſammen, und bald loderte ein luſtiges Feuer auf dem Heerde der Hütte, welche ehedem als Zufluchts⸗ ort für die Grenzjäger gedient hatte. Man richtete ſich ein ſo gut es gehen wollte; und hauptſächlich thaten Friedrich und Jacob alles Mögliche, um dem Verwun⸗ deten ſeine traurige Lage zu erleichtern. Der Abend begann herein zu brechen, außerhalb der Hütte herrſchte tiefe Stille; einſam ſpielte der Herbſt⸗ wind in den Kronen der alten Fichten. Nirgends ein menſchliches Weſen zu erblicken. In der Hütte ſelbſt war es gemüthlich warm; Jacob kochte Thee. Mehrere Wachslichter verbreiteten eine angenehme Helle und der Doctor Friedrich geſtand; daß er in ſeinem Leben noch nicht eine Nacht auf ſo romantiſche Weiſe zugebracht habe. Selbſt Guido ward allmählig etwas geſprächiger, obſchon er den tiefen Gram, der ſich ſeiner ob des fehlgeſchlagenen Plans zur Revolutionirung der Haupt⸗ ſtadt nicht verbergen konnte. Einen großen Troſt fand er darin, daß die Republikaner mit beiſpielloſer Tapfer⸗ keit gefochten und keiner ſich ergeben hatte. „So werden die Ariſtokraten endlich erkennen ler⸗ nen,“ ſprach er,„daß es doch kein Hirngeſpinnſt und keine Seifenblaſe iſt, wofür wir fechten; da für die republikaniſchen Ideen ſo viele tapfere Männer freudig in den Tod gehen.“ Der Dockor Friedrich, obſchon er keineswegs den politiſchen Glaubensbekenntniſſen zugethan war, konnte 92 doch nicht umhin, der Tapferkeit der Republikaner ſeine volle Anerkennung zu zollen. Obſchon er im Innern bedauerte, daß das Blut ſo vieler tüchtiger Jünglinge für eine Idee gefloſſen, die ſich vielleicht erſt in meh⸗ reren hundert Jahren verwirklichen läßt, ſo hütete er ſich doch, dieſes Bedauern laut werden zu laſſen, um den Geneſenden nicht zu kränken; ja er ſprach ſich ſo⸗ gar ſo liberal, als ihm immer möglich, über die der⸗ maligen politiſchen Verhältniſſe aus. Er bekannte ſich unverhohlen für die freiſinnige Repräſentativ⸗Verfaſſung, welche zwiſchen der Monarchie und der Republik in der Mitte liege. „Ich halte,“ ſprach er,„eine liberale Conſtitution für die dermalige Reife der europäiſchen Völker am an⸗ gemeſſenſten. Eine Repräſentativ-Verfaſſung vereinigt monarchiſche und republikaniſche Elemente, wie ſie für die dermaligen europäiſchen Zuſtände paßt. Daß ſich die republikaniſche Form dermalen für Europa noch nicht geeignet, haben wir an der franzöſiſchen Republik von 1792 geſehen Nur durch Schreckensherrſchaft war es den damaligen republikaniſchen Gewaltherrſchern möglich, dieſe unzeitgemäße Staatsform zu erhalten, und als die Terroriſten geſtürzt waren, ging auch die Republik nach wenigen Jahren zu Grunde.“ „Das Unglück lag darin,“ erwiderte Guido in dumpfem Tone,„daß jenes terroriſtiſche Triumvirat mit zu viel Nachſicht noch zu Werke ging, hätten ſie einige Verrätherköpfe nicht geſchont, ſo würde die furcht⸗ bare Reaction vom neunten Thermidor, welche der Re⸗ publik den Todesſtoß verſetzte, nicht ſtattgefunden haben. Wir wüßten nichts von jenem charakterloſen erbärmlichen Directorium, unter welchem die Freiheit verkümmerte, und von jenem Tyrannen der Freiheit, Napoleon Bo⸗ naparte, der ſich am achtzehnten Brümair an ſeiner 93 eigenen Mutter, welches die Freiheit war, verſündigte, indem er ihr das Schwert in die Bruſt ſtieß. Wären jene Apoſtel und Märtyrer der Freiheit, jene drei groß⸗ herzigen Volkstribunen an dem fluchwürdigen achtzehn⸗ ten Brümair nicht gefallen, ſo bewohnte heut ein freies, edles und tugendreiches Geſchlecht die europäiſchen Lande.“ Der Doctor hatte nicht ohne Kopfſchütteln zu⸗ gehört. „In der Theorie,“ meinte er,„klingt dies aller⸗ dings recht ſchön und erhebend, wenn es nur auch in der Praxis leicht auszuführen wäre. Ich für meinen Theil, wie gern ich die Völker frei und glücklich wüßte, ich würde mich aber doch lieber der Regierung Ludwig Philipp's anſchließen, als unter Dictatur Robespierre's leben.“ „Wo eine Geſellſchaft,“ erwiderte Guido,„wie dies bei der europäiſchen der Fall, ſo im Innerſten angefault iſt, da iſt das einzige Rettungsmittel, daß man die angefaulten Theile wegſchneidet, weil ſonſt die geſunden auch in Fäulniß übergehen. Dieſe kranken Flecke ſind nun Niemand anders, als die diverſen Regierungen ſelbſt, und Alles, was mit ihnen zunächſt in Berührung ſteht. Wie kann die Tugend gedeihen, wo die Willkühr herrſcht; wo der Nepotismus wie ein Giftkraut das ganze Staatsgebäude umrankt hat, wo die Selbſtſucht alle Glieder des Staates in Bewegung ſetzt; wo Adel und Pfaffenthum an die Barbarei längſt vergangener Jahrhunderte er⸗ innern; wo Schulden auf Schulden gehäuft werden, ſo daß das blutſchwitzende Volk kaum die Zinſen zu er⸗ ſchwingen vermag, mit welchem Sündengelde jene zahl⸗ loſen Söldnerſchaaren unterhalten werden, die man nicht etwa gegen den auswärtigen Feind gebraucht, 94 ſondern gegen das eigene Volk, für den Fall, daß es zum Hochverräther würde, indem es ſein Recht verlangt.“ Der Doctor Friedrich erkannte alsbald, daß mit einem politiſchen Radicalen, wie Guido einer war, nicht zu disputiren ſei. Er brach daher das Geſpräch ab und lenkte es auf andere Gegenſtände. Er erkun⸗ digte ſich, ob der junge Herr Graf von ſeiner Rück⸗ kehr aus Paris nicht ſein ſchönes Stammſchloß Hohen⸗ ſtein beſucht habe. „Nein,“ erwiderte der Gefragte,„ich athme daſelbſt nur Peſt⸗ und Kerkerluft. Dank ſei es der Fürſorge meiner Ahnen. Die Bevölkerung iſt noch um hundert Jahre zurück; der ſchmachvollſte Feudaldruck laſtet auf den Unglücklichen. Ich darf nicht daran denken, daß es meine nächſten Anverwändten ſind, die auf ſo bar⸗ bariſche Art mit der Menſchheit verfahren.“ „Doch,“ fügte er nach einer Pauſe, wie für ſich ſprechend hinzu,„es lebt noch ein Gott der Gerechtig⸗ keit und der Rache, und hoffentlich, daß eine Zeit kommt, wo auch für die armen Bedrückten die Stunde der Erlöſung ſchlägt.“ Die Nacht war immer dunkler geworden; Sturm hatte ſich erhoben und peitſchte den herabrauſchenden Regen mit Gewalt gegen die wohlverwahrte Hütte. Jacob legte noch ein paar Scheite ins Feuer und dann machte er die Lagerſtätte für den Doctor zurecht. Man ſchickte ſich an, auf dem dürftigen Lager Platz zu neh⸗ men, als mit einem Male Fußtritte außerhalb der Hütte vernehmbar wurden. Der Doctor fuhr erſchreckt halben Leibes von ſeinem Lager empor. „Haſt Du nichts gehört?“ frug er Jacob leiſe. „Mir war's,“ flüſterte dieſer zurück,„als wenn Jemand der Hütte genaht wäre.“ 95 Der Doctor griff nach einer Piſtole, und Jacob bewaffnete ſich mit einem Hirſchfänger. Man lauſchte mit zurückgehaltenem Athem; aber Alles blieb ſtill. Man vernahm nichts mehr, als das Brauſen des Win⸗ des und den herabfallenden Regen. „So haben wir uns doch getäuſcht,“ ſprach der Arzt,„wer ſollte ſich auch in ſolcher Nacht in dieſe unwirthbare Gegend verirren, die fern von der Land⸗ ſtraße liegt.“ Jacob wollte ſich's indeß nicht nehmen laſſen, daß er die Fußtritte eines Mannes vernommen habe, der um die Hütte herumgegangen ſei. Man ſtreckte ſich wieder auf's Lager, doch Schlaf kam weder dem Doctor noch dem Diener in die Augen, während Guido ſchon ſeit geraumer Zeit ſanft ent⸗ ſchlummert war. Jacob, der an der äußerſten Wand der Hütte auf einigem Stroh ausgeſtreckt lag, fuhr plötzlich wieder empor. „Herr Doetor,“ rief er leiſe,„es iſt wieder da.“ „Was denn?“ frug dieſer zurück. „Ein menſchliches Weſen,“ antwortete Jacob,„ich hab's deutlich gehört, es kam gerade auf die Hütte zu, und muß uns von außen ganz nahe ſein.“ Zugleich verließ Jacob ſo unbemerkt als möglich ſein Lager, und kroch auf Händ' und Füßen auf den Doctor zu. „Der Kerl,“ flüſterte er in ſeiner Entſchuldigung, „braucht blos durch die dünne Lehmwand zu ſtechen, und ich bin lebendigen Leibes geſpießt.“ Der Doctor hatte ſich von neuem aufgerichtet, als auch er jetzt vernahm, wie Jemand von außen die Hütte 96 umſchlich. Es ſchien, als ſuche der Fremdling in der Finſterniß nach der Hüttenthür. Jacob, obſchon er nicht zu den furchtſamen Leuten gehörte, zog gleichwohl ein ſehr bedenkliches Geſicht. „Das iſt entweder ein Grenzjäger,“ ſprach er,„oder ein Haupträuber. Auf keinen Fall öffnen wir; mag es werden, wie es will.“ Mit dieſen Worten kroch er der Thür zu und un⸗ terſuchte, ob dieſelbe auch ſicher verwahrt ſei. Er ſchob leiſe noch einen dritten Riegel vor, und wieder zum Doctor zurückkehrend, ſprach er: „Der Eingang wäre wohl verwahrt, und wenn ſie nicht die ganze Hütte einreißen, kann uns nichts geſchehen.“ Wieder erfolgte eine Pauſe, wo die beiden auf⸗ merkſam lauſchten, als mit einem Male leiſes Klopfen an der Hütte vernehmbar ward. „Pſt!“ flüſterte Jacob,„wir thun, als hörten wir's nicht; übrigens Courage hat der Kerl nicht, ſonſt würde er herzhafter anklopfen. Deutlich vernahm man, wie außen der Nachtſturm die Kronen der hohen Fichten gegen einander ſchlug und der Regen ununterbrochen heruerte Das Klopfen an der Hüttenthür ward ſtärker. „Sollte es ein verirrter Wanderer ſein,“ ſprach der Arzt,„ſo wäre es unmenſchlich, wollten wir ihn in ſolcher Nacht dem Wetter Preis geben.“ „Wer heißt ihn ſich verlaufen,“ meinte Jacob,„ich habe manchmal in ſolcher Nacht im freien Felde campiren müſſen, und es hat mir nichts geſchadet.“ Das Klopfen an der Hüttenthür ward immer heftiger, und plötzlich rief eine Stimme: „Im Namen des barmherzigen Gottes, laßt einen armen Verirrten nicht umkommen in Nacht und Kälte.“ „Das könnte Jeder ſagen,“ flüſterte Jacob zum Doctor gewendet,„wir machen nicht auf.“ Die Stimme und die Bitte des außen Harrenden wurde indeß immer kläglicher, ſo daß des Doctors Mitleid rege wurde, und er dem Jacob befahl, den Ein⸗ laßbegehrenden nach dem Namen zu fragen. Jacob rieth davon ab, als aber der Arzt ſeinen Befehl ernſtlich wiederholte, ſo ſchlich er an die Hütten⸗ thür und frug: „Wer lärmt da draußen?“ „Ein armer Landmann vom Dorfe Hohenſtein, der ſich verirrt hat in dem Unwetter,“ ſcholl es zur Antwort. „Ein Landmann des gnädigen Grafen,“ ſprach Ja⸗ kob zu dem Arzte gewendet.„Soll ich denn öffnen? Doch halt, vorher muß ich ihn examiniren.“ Er neigte ſich mit dem Kopfe gegen die Thür und frug: „In welchem Geſchäft reiſt Du denn, lieber Freund? Was hat ein ehrſamer Bauer von Hohenſtein des Nachts an der Grenze zu ſuchen?“„ „Ich werde verfolgt von den Gerichten,“ antwor⸗ tete es draußen,„und hoffte in dieſer menſchenleeren Gegend Sicherheit zu finden.“ „Laß ihn nur herein, Jacob,“ gebot der Arzt, wir ſind ja ſelbſt Flüchtlinge; da kommt einer zu den andern.“ Furchtbar wüthete der Sturm, unaufhaltſam ſchlug der Regen nieder. Der Arzt erhob ſich und griff nach ſeiner Piſtole, für den Fall, daß der Fremde Böſes im Schilde führen ſollte, und Jacob öffnete leiſe und ſorg⸗ ſam die Hüttenthür. Kalte Nachtluft wehte ihm ent⸗ gegen, der Regen ſchlug in das Geſicht und hereintrat: Georg, Chriſtinens Bräutigam. Das Waſſer floß aus ſeinen Kleidern; aufgeweicht hing die Krempe ſeines Stolle, Schriften. Supplem. II. 5 98 Hutes über beide Achſeln herab. Der Dortor Friedrich gebot ihm, den regenſchweren Rock abzulegen und an das Feuer zu hängen, welches Jacob durch neuaufgelegte Holzſtücke wieder beleben mußte. Unſtätt irrten die Blicke des jungen Landmanns in der Hütte umher. Jacob machte ihm ein Lager unfern der Thüre zurecht, und der Doctor ließ ihm zur Stärkung und zur Erwärmung ein Glas Rum reichen. Jacob betrachtete den Flüchtling im Anfang mit mißtrauiſchen Blicken; als er ſich aber durch das ehr⸗ liche Geſicht deſſelben überzeugte, daß von dem nächt⸗ lichen Gaſte nichts Böſes zu befürchten ſei, ſo ſchwand ſeine Beſorgniß. Auch der Arzt ſtreckte ſich ruhig wieder auf ſein Lager nieder, und er that an den Flüchtling nur die Frage: warum er denn von den Gerichten zu Hohenſtein verfolgt würde? „Weil ich den Mord meiner Braut,“ antwortete Georg mit vieler Unbefangenheit,„an ihrem Mörder gerächt habe.“„ Der Doctor Friedrich wurde aufmerkſam, er erkun⸗ digte ſich weiter, und erfuhr den Hergang aller der ſchauerlichen Begebenheiten, die ſich in letzter Zeit im Dorfe Hohenſtein zugetragen hatten. Georg erzählte freimüthig ſowohl das barbariſche Verfahren der Hohen⸗ ſteiner Gerichtsbarkeit gegen ſeine Braut, wie ſeine Rache, die er an dem Schloßvoigt genommen hatte. Der Arzt ſchauderte und erklärte dem Georg offen, daß er noch vor Anbruch des Tages die Hütte verlaſ⸗ ſen müſſe. Man wolle ihn wohl während der Nacht Obdach gegen Sturm und Wetter vergönnen, aber an⸗ derweitigen Schutz könne man ihm nicht angedeihen laſſen. Georg geſtand auch zu, daß, ſobald das Unwetter 99 nachgelaſſen habe, er wieder das Weite ſuchen wolle. Er ſei anfangs Willens geweſen, ſich denjenigen Land⸗ leuten anzuſchließen, die den Revolutionären in der Reſidenz hätten beiſtehen wollen; ſeit aber die Re⸗ volution in der Stadt fehlgeſchlagen, gebe es im Fürſtenthume keine Sicherheit mehr für ihn. Es ſei nicht Furcht, die ihn zur Flucht treibe, denn er mache ſich aus dem Leben nichts mehr; aber er wolle dem Gerichtsverwalter zu Hohenſtein nicht die Freude berei⸗ ten, vor ihm in Ketten zu erſcheinen; und ſich ſelbſt das Leben zu nehmen, halte er für gottlos. Während Georg ſo erzählte, hatte er am Feuer ge⸗ ſtanden, um ſich ſeine naſſen Kleider zu trocknen. Oft warf er einen forſchenden Blick nach Guido, deſſen Ge⸗ ſicht er nicht anſichtig werden konnte, da der Schlafende mit demſelben gegen die Wand gerichtet lag, und zu fragen, wer der Schläfer ſei, hielt er für unſchicklich. Plötzlich erwachte Guido; der Schlaf hatte ihn ge⸗ ſtärkt und gekräftigt, und er richtete ſich halben Leibes guf ſeinem Lager empor.* Nicht wenig verwunderte er ſich, noch einen Vierten, einen Fremden, in der Hütte zu erblicken; doch kaum trafen Georg's Augen auf des Jünglings Antlitz, als der junge Landmann wie außer ſich an Guido's Lager niederſtürzte, die Hände wie betend emporhielt und mit Thränen in den Augen in die Worte ausbrach: „Jetzt, Vater im Himmel, laß Deinen Knecht in Frieden zur Grube fahren, mein höchſter Wunſch hie⸗ nieden iſt erfüllt, ich habe ihn geſchaut, der mir alle⸗ zeit nach Chriſtinen das Liebſte auf Erden war.“ Guido ſchaute verwundert auf. Er ſtrich ſich ſinnend die Stirne; er glaubte zu träumen, und gleichwohl war es ihm, als ob er Georg's Geſicht im Leben ſchon 7 100 einmal geſehen haben müſſe; als dieſer begeiſtert fortſuhr: „O wiſſen Sie noch, mein lieber gnädiger Herr, wie Sie mich durch Ihre himmliſch guten Worte von harter Strafe befreiten, die mir zuerkannt, als ich einige herabgefallene Birnen mir unter den Bäumen auf⸗ geleſen hatte, die der gnädigen Gutsherrſchaft gehörten? Wiſſen Sie noch, wie Sie die Strafe für mich bezahl⸗ ten, als ich nicht zur Frohnarbeit gekommen, weil mein rechter Fuß geſchwollen war, und mir ſo langes Ge⸗ fängniß erſparten?“ „Ah, der Georg,“ rief nun Guido mit freudigem Erſtaunen,„wie kommſt Du hierher?“ Der junge Landmann wiederholte jetzt ſeine Erzäh⸗ lung, die er ſchon dem Doctor Friedrich mitgetheilt hatte; aber je länger er ſprach, in deſto größere Auf⸗ regung gerieth der junge Graf; die Zornesader ſeiner Stirn ſchwoll ſichtbar; und als Georg auf den kläg⸗ lichen Tod der armen Chriſtine kam, ballte ſich ſeine Hand krampfhaft zuſammen und laute Verwünſchungen entflohen ſeinem Munde. „Du bleibſt künftig bei mir, Georg,“ ſprach er, „und was in meinen Kräften ſteht, Dir zu nützen, will ich gern thun; kann ich auch das Uebel nicht wieder gut machen, was meine Familie Dir angethan hat „O mein guter gnädiger Herr,“ rief Georg außer ſich;„nie, nie werde ich Sie wieder verlaſſen; gebieten Sie über mein Leben, mit Freuden opfre ich's Ihrem Dienſte.“ Georg mußte jetzt noch mehr von Hohenſtein und den daſigen Verhältniſſen erzählen. „Sitzt denn der alte Nicodemus,“ frug Guido, „noch immer unter ſeinem Lindenbaume und ſchaut 101 hinüber nach dem Hohenſtein, wenn er im Abendlichte glänzt?“ „Noch immer,“ antwortete Georg,„denn ſeine Margaretha iſt noch nicht zurückgekehrt.“ „Und meine Großmutter,“ fuhr Guido fragend fort, „iſt ſie noch der Plagegeiſt ihrer Umgebung?“ „Sie hat ſich in Nichts gebeſſert,“ ſprach Georg, „als darin, daß ſie immer älter geworden und Hoff⸗ nung vorhanden iſt, ſie werde mit Nächſtem das Zeit⸗ liche geſegnen.“ Auch der beiden Couſinen, Veronika und Rafaele that Georg Erwähnung. Er erhob die zwei Mädchen und namentlich die engelſchöne Veronika bis zu den Wolken, und behauptete zuverſichtlich, daß es mit dem Schloſſe längſt ein ſchreckliches Ende genommen haben würde, wenn nicht dieſe Schweſtern als Schutzheilige darin wohnten. Den Doctor Stephani malte Georg mit weniger liebenswürdigen Farben Er legte ihm den größten Theil der Verbrechen, die auf Hohenſtein begangen wor⸗ den waren, zur Laſt, und geſtand, daß es außer dem Schloßvoigt, den er in die Gruft geworfen, keinen Menſchen gebe, welchen er mehr haſſe, als dieſen Böſe⸗ wicht. Er war überzeugt, daß die Bewohner des Dor⸗ fes Hohenſtein nur dann eine menſchlichere Behandlung zu erwarten hätten, wenn dieſer verhaßte Gerichtsver⸗ walter entfernt würde. Er verheimlichte auch keines⸗ wegs, daß er ſeinen Landsleuten dieſen Dienſt habe erzeugen wollen, und daß er nach dem Doctor geſchoſ⸗ ſen, ihn aber gefehlt habe. Die Menſchheit von einem Ungeheuer zu befreien, halte er für keine Sünde. Der Arzt Friedrich, welcher der Erzählung des jungen Landmanns mit zugehört hatte, mißbilligte das nächtliche Mordattentat Georg's auf das Entſchiedenſte, ſo daß dieſer an ſich ſelbſt irre wurde: aber Guido rechtfertigte die That vollkommen, und bedauerte nichts mehr, als daß Georg den Verwalter nicht getrof⸗ fen habe. „Sollte der Verruchte,“ rief er,„mir eines Tages in den Weg treten, ſo kann er verſichert ſein, daß er nicht mit dem Leben davon kommt.“ Hierauf ſprach er zu ſeiner Entſchuldigung die Worte eines edlen deutſchen Sängers: „Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Laſt,— greift er Hinauf getroſten Muthes in den Himmel Und holt herunter ſeine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich.— Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, iſt ihm das Schwert gegeben.“ „Einer Natter,“ fuhr er fort,„muß man den Kopf zertreten, wo man ſie findet. Ich hätte ſelbſt ungemeine Luſt nach Hohenſtein aufzubrechen, um da einmal anſtatt des Gerichtsverwalters Gericht zu halten über die Sünder. Urtheile und Executionen würden da freilich anders ausfallen, als man zeither gewohnt war.“ „Mit offnen Armen,“ antwortete Georg, von die⸗ ſem Gedanken Guido's begeiſtert,„würden Ihnen meine Landsleute entgegen eilen, denn Sie wohnen in aller Herzen.“ Guido verſank in Nachdenken: er ſchien wirklich dem Gedanken nachzuhängen, den kühnen Plan aus⸗ zuführen, als der Doctor Friedrich in die Worte ausbrach: „Das wäre unſtreitig die unüberlegteſte und thö⸗ richtſte That, die Sie, mein Herr Graf, begehen könnten. Bedenken Sie Ihre Lage, daß Sie innerhalb der Gren⸗ zen des Fürſtenthums keine Stunde Ihrer Freiheit, ja Ihres Lebens ſicher ſind; bedenken Sie Sren 103 Bruder, welcher mit Lebensgefahr Sie ſo eben erſt vom Untergange errettet hat; bedenken Sie endlich, daß Ihr Erſcheinen in Hohenſtein unter obwaltenden Um⸗ ſtänden keinen Segen und nur Unfrieden und Unglück mit ſich führen kann. Die unerfahrenen Landleute, durch Ihr Beiſpiel verführt, würden ſich zu Exceſſen hinreißen laſſen, welche die traurigſten, ja blutigſten Folgen nach ſich ziehen könnten. Sie würden die Lage der Bewohner von Hohenſtein nicht nur nicht verbeſſern, ſondern verſchlimmern. Wollen Sie eine ſo große Ver⸗ antwortung auf ſich nehmen?“ „Zu Execeſſen ſollte es weiter nicht kommen,“ meinte Guido,„ich würde mich darauf beſchränken, den Gerichtsverwalter vor Gericht zu ziehen und ihn für künftig unſchädlich zu machen.“ „Nein, mein Herr Graf,“ mahnte der Arzt,„ver⸗ ſcheuchen Sie dergleichen Gedanken und ſeien Sie vor allen Dingen auf Ihre eigne Rettung bedacht. So kann ich es auch nicht billigen, daß Sie ſich hier den Georg zum Begleiter wählen. Zwei Flüchtlingen, ſo in Gemeinſchaft reiſen, kommt man in der Regel eher auf die Spur, als dem Einzelnen.“ „Ich halte dasjenige,“ entgegnete Guido,„was mir genommen werden könnte, ſo ich in die Hände der Gewalt gerathe, nicht für ſo bedeutend, als daß ich mich deshalb ſo ſehr geniren ſollte. Es kann höchſtens das Leben koſten, wenn man mich entdeckt, und dieſes hat allen Reiz für mich verloren; was ſoll mir ein Daſein nützen, wenn ich mein Vaterland in Ketten weiß und eine Hoffnung nach der andern, daſſelbe zu befreien, verſchwinden ſehe?“. „Aber bedenken Sie,“ wendete der Arzt ein,„wel⸗ chen Kummer und Schmerz Sie Ihrem edeln Bruder F ganzen Familie bereiten würden.“ — 104 „Meine Familie,“ meinte Guido,„betrachtet mich ſchon längſt als einen Todten; ſie ſchämt ſich meiner; vor dergleichen Ereaturen brauch' ich keine Rückſicht zu nehmen; und was meinen Bruder anbelangt, ſo kennt er mich zu gut, als daß er mir nicht aus vollem Herzen vergeben ſollte.“ Die Beiden ſtritten ſich noch geraume Zeit über dieſe und ähnliche Fragen, bis die Natur ihre Rechte geltend machte, und ein tiefer Schlaf ſich ihrer bemäch⸗ tigte. Auch Jacob und Georg waren ermüdet auf ihr Lager geſunken; tiefe Stille herrſchte in der Hütte; das Feuer drohte zu erlöſchen, während draußen der Herbſtſturm ununterbrochen in den Fichten rüttelte und der Regen eintönig herab plätſcherte. Der Morgen kam, aber die Witterung wollte nicht beſſer werden; noch immer war es regneriſch und ſtür⸗ miſch. Da der erweichte Boden den Jacob verhinderte, nach Waſſer umher zu laufen, ſo ſammelte man endlich Regenwaſſer, aus welchem der geſchickte Diener einen nicht unſchmackhaften Kaffee zu brauen verſtand. Man frühſtückte in Gemeinſchaft. Guido, durch den Schlaf geſtärkt, fühlte ſich vollkommen wieder hergeſtellt. Georg, deſſen Kleidung wieder gänzlich trocken geworden war, wollte ſich trotz des Unwetters auf den Weg machen, da der Doetor vorgeſtellt hatte, daß ſeine län⸗ gere Gegenwart Gefahr bringen könnte; allein Guido gab das nicht zu; er wollte ſich von dem jungen Land⸗ mann nicht wieder trennen. „Wie ſollte uns,“ meinte er,„Georg Gefahr brin⸗ gen? Hohenſtein iſt weit von hier und ſeine Verfolger werden längſt die Spur verloren haben. Es wird nicht lange währen und Ottokar kehrt zurück, wo ich dann mit meinem braven Landsmann die Reiſe in Gemein⸗ ſchaft antreten werde.“„ 105 „Aber,“ wendete der Arzt ein,„Ottokar bringt blos einen Paß für Sie mit; wodurch will ſich Georg legitimiren?“ „Kommt Zeit, kommt Rath,“ tröſtete Guido. Wirklich kehrte auch bereits gegen Mittag Ottokar auf ſeinem ſchnellen Renner zurück. Er brachte einen Paß und drang darauf, daß, wenn es einigermaßen Guido's Wunden erlaubten, er heute noch das Fürſten⸗ thum verlaſſen müſſe. „Die Sachen ſtehen ſehr ſchlimm,“ ſprach er mit düſterm Blicke:„aller meiner Bemühungen ungeachtet habe ich es nicht verhindern können, daß man einen Preis von hundert Ducaten auf Deinen Kopf, mein Bruder, geſetzt hat. Alle Maaßregeln zu Deiner Hab⸗ haftung ſind getroffen, und wir keine Stunde ſicher, daß wir nicht ſelbſt in dieſer einſamen Gegend von den ausgeſchickten Spionen entdeckt werden.“ Dem Doctor Friedrich ward bei dieſen Worten ganz wohl zu Muthe. Er gedachte des Sprüchworts: „Mit gefangen, mit gehangen;“ während Sen ibis ausrief: „Daß ſie doch kämen, die Spione; ſie ſolten es theuer bezahlen, wenn ſie ſich an meinen gnädigen Herr⸗ ſchaften vergreifen wollten.“ Ottokar hatte den jungen Landmann ſogleich wieder erkannt; es war ihm aber keineswegs angenehm, ihn hier in Geſellſchaft ſeines Bruders wieder zu finden; denn er wußte, daß Georg ebenfalls verfolgt werde. „Wohlan, Georg,“ ſprach Guido,„ſo m nicht durch längeres Zaudern unſere Freunde in Ge⸗ fahr ſetzen. Ich fühle mich vollkommen hergeſtellt, und mich ſtark genug, die Strapazen der Reiſe zu ertragen. Das böſe Wetter begünſtigt uns, in einer Stunde ha⸗ „ 106 ben wir die Grenze erreicht und ſind wenigſtens für den Augenblick in Sicherheit.“ Trotz der Abwehr von Seiten Guido's ließ ſich's Ottokar nicht nehmen, den Flüchtlingen bis an die Grenze das Geleit zu geben, während er dem Doctor und ſeinem Diener das Wirthshaus an der Landſtraße bezeichnete, wo ſie ſeine Rückkehr abwarten ſollten. Die Geſellſchaft trennte ſich nach der entgegenge⸗ ſetzten Richtung. Während der Arzt mit Jacob den Weg ſüdwärts nach der Landſtraße einſchlug, ſchritten die andern drei gen Norden, dem Grenzwalde zu. Ottokar, der in hieſiger Gegend ziemlich genau be⸗ kannt war— denn er hatte dieſelbe als Botaniker und Mineralog auf ſeinen academiſchen Ferienreiſen oft durch⸗ ſtrichen— machte den Wegweiſer. Abſichtlich die gang⸗ baren Wege vermeidend, führte er die Flüchtlinge mitten durch den Wald. Die Wanderung war keineswegs an⸗ genehm; oft mußte man durch wildverwachſenes Ge⸗ büſch brechen und bis an die Kniee durch hochaufgeſchoſ⸗ ſenes naſſes Haidekraut waden. Dazu rauſchte der Re⸗ gen ununterbrochen hernieder. Ottokar, obſchon er Anfangs die Gegenwart von Georg nicht gern geſehen hatte, mußte ſich endlich doch geſtehen, daß es auch ſein Gutes habe, wenn Guido eine ſo treu geprüfte Seele, als welche er Georg von früher her kannte, gefunden hatte. Nach ungefähr einſtündiger mühevoller Wanderung erreichte man die Schlucht, welche zwiſchen dem dies⸗ ſeitigen und jenſeitigen Gebiet die Grenze bildete. In der von Geſträuch überwachſenen Tiefe rauſchte der von Regen angeſchwollene Waldbach. Man war eben im Begriff hinabzuſteigen, als plötzlich ein kräftiges:„Halt! Wer da!“ ertönte, und gleich darauf aus dem benach⸗ 107 barten Gehölz ein Grenzjäger hervortrat, der zugleich auf Guido zuſchritt. So wie er des jungen Mannes näher anſichtig wurde, erklärte er ihn für ſeinen Ar⸗ reſtanten, denn bereits war das Signalement Guido's den an der Grenze ſtationirenden Jägern bekannt worden. Augenblicklich ſtand Ottokar zwiſchen den Beiden, und dem Jäger ein paar Goldſtücke in die Hand drückend, raunte er ihm zu: „Laßt uus in Frieden ziehen, guter Freund, und zwingt uns nicht, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.“ Anſtatt aller Antwort warf der Jäger das Gold zu Boden und ſpannte den Hahn ſeiner Büchſe. Doch im gleichen Augenblick ward dieſelbe ihm von Ottokar entriſſen, und der Kolben vom Laufe geſchlagen. Der überraſchte Jäger zückte ſeinen Hirſchfänger und führte einen gewaltigen Streich gegen Ottokar; dieſer aber unterlief geſchickt der Waffe, packte mit Löwenkraft ſeinen Gegner und warf ihn zu Boden. Er riß dem Betäubten das Riemenzeug vom Leibe und ſchnallte ihn mit Hülfe ſeines Bruders und Georg's an eine zu⸗ nächſt ſtehende Fichte. „Hier kann der brave Mann,“ ſprach Ottokar, „über ſeinen Dienſteifer ein paar Stunden nachdenken. Unter der Zeit kehre ich wieder ſelbſt zurück und binde ihn los, oder ich treffe Fürſorge, daß er befreit wird. In unſrer Lage konnten wir leider nicht anders han⸗ deln. Doch jetzt fort, kein Augenblick iſt zu verlieren; es ſollte mich ſehr Wunder nehmen, wenn die benach⸗ barten Grenzjäger ihren Collegen nicht bald vermiſſen.“ Mit dieſen Worten ſprang Ottokar hinab in den Grund; Guido und Georg folgten. Faſt bis an die Bruſt mußte man im Waſſer waden. Dennoch erreichte man glücklich und wohlbehalten das jenſeitige Ufer. 108 Man klomm den ſteilen Abhang empor und befand ſich nun in dem Nachbarlande. Wieder ging die Wan⸗ derung durch dichten Wald, als fernes Hundegebell an⸗ zeigte, daß man ſich in der Nähe eines Dorfes befand. „Es iſt Burkhardsheim,“ ſprach Ottokar,„hier ſind wir vor der Hand in Sicherheit. Der Vorwerkspachter Dietze iſt mit mir gut befreundet; bei dem wollen wir einſprechen.“ Die Drei ſchritten rüſtig vorwärts, und bald ſtie⸗ gen ſtattliche Wirthſchaftsgebäude hinter dem Walde empor. Ottokar führte die Flüchtlinge gerade auf das Dorf zu. Er befrug den Hirten, welcher auf dem Stoppel⸗ felde zur Seite eine Heerde Schafe hütete, ob der Ver⸗ walter zu Hauſe ſei. „Sie werden ihn im Blumengarten finden, geehr⸗ teſter Herr,“ ſprach der Hirt. Man begab ſich nach dem bezeichneten Orte, wo man auch den wackern Verwalter antraf. Dieſer war hoch erfreut ob des unverhofften Beſuches, und führte ſeine Gäſte ſogleich in ſeine Gaſtzimmer, die recht ſtattlich eingerichtet waren. Der Verwalter Dietze war einer jener ausgeprägten, urkräftigen und biedern deutſchen Charaktere, wie ſie immer ſeltener werden, und die man nur noch hie und da unter den Landbewohnern antrifft. Von Geſtalt hoch und kräftig gebaut, hatte der Verwalter ein ge⸗ bietendes Anſehen. Das weißliche Haar, welches bereits hier und da ſeine Schläfe umſchattete, war der einzige Verräther des vorgerückten Alters, dem es noch keines⸗ wegs an Rüſtigkeit gebrach. Zu ihrer Verwunderung erblickten Ottokar und Guido in dem einen Gaſtzimmer eine kleine, aber recht gewählte Bibliothek; und mehrere in den Fenſtern lie⸗ 109 gende Journale, theils ökonomiſchen, theils politiſchen, theils ſchönwiſſenſchaftlichen Inhalts, bezeugten, daß der Verwalter mit der Zeit fortſchreite. Das erſte, was Ottokar vornahm, als er ſich unter Dach und Fach befand, war, daß er ſich Feder und Dinte bringen ließ, und in dem Paſſe Guido's noch einige Bemerkungen in Betreff Georg's einſchaltete. Derſelbe ſollte ſeinen Bruder als Diener begleiten. Zu⸗ gleich ſchrieb Ottokar den Flüchtlingen genau die Reiſe⸗ route vor, die ſie von jetzt annehmen ſollten. Sie hatten womöglich alle größern Städte zu vermeiden und auf dem kürzeſten Wege Hamburg zu erreichen. „Ich ſelbſt,“ ſprach Ottokar,„würde mir es nicht nehmen laſſen, Euch zu begleiten, wenn ich nicht über⸗ zeugt wäre, daß meine Anweſenheit in der Reſidenz von größerem Nutzen ſei.“ Guido und Georg befanden ſich nach den langen Strapazen auf dem Gute des Verwalters wie in Abra⸗ hams Schvoß. Freund Dietze führte eine gute Küche und einen noch vorzüglicheren Weinkeller. Der wackere Mann trug auf, was die Tiſche zu tragen vermochten, und konnte ſich gar nicht zufrieden geben, daß ſeine Gäſte, die es doch wahrlich nicht an gutem Appetit fehlen ließen, nach ſeiner Meinung nicht herzhafter zu⸗ langten. Da bereits der Abend hereinbrach, ſo beſchloß man, dieſe Nacht auf dem Gute zuzubringen; aber mit früh⸗ ſtem Morgen aufzubrechen. Als dies der Verwalter auf keinen Fall geſtatten wollte, und darauf beſtand, daß man wenigſtens einige Tage hier verweilen müſſe, nahm Ottokar ſeinen Gaſt⸗ freund am Arm und ſprach zu ihm: „Ich will Ihnen reinen Wein einſchenken. Mein 110 Bruder und ſein Diener befinden ſich auf der Flucht, und haben keinen Augenblick zu verlieren.“ „Sie werden,“ fuhr er fort,„von dem jüngſten Tumulte in der Reſidenz vernommen haben, wie es da zu gehen pflegt. Auch mein Bruder hat ſich in jugend⸗ lichem Leichtſinn hinreißen laſſen, und ſteht mit auf der Liſte der Schuldigen. Nur ſchleunige Flucht in's Ausland konnte ihn vor Verhaftung retten; doch hoffe ich, daß die Sache für ihn von keinen weitern übeln Folgen ſein wird, da ſich unbeſtritten für ihn viele hochgeſtellte Fürſprecher finden werden.“ Als der Verwalter vernommen, daß Guido als Märtyrer der Freiheit auf der Flucht begriffen ſei, ward der ſchon bejahrte Mann um zwanzig Jahre jünger. Er ſelbſt hatte in ſeinen frühern Jahren un⸗ ter den Schwarzen des Herzogs von Braunſchweig ge⸗ fochten und ſpäter den ganzen Unabhängigkeitskrieg ge⸗ gen Napoleon mitgemacht. Er hatte zu den eifrigſten Mitgliedern des Tugendbundes gehört, und war ſo zu ſagen ein deutſcher Jacobiner. Nichts konnte ihn daher erwünſchter kommen, als die beiden politiſchen Flüchtlinge, und er ſelbſt ſchwur hoch und theuer, daß er ſie ungefährdet nach Ham⸗ burg bringen wollte, und wenn alle deutſchen Polizei⸗ und Militärbehörden ſich in den Weg ſtellten. „Sind wir doch 1809,“ ſprach er von Erinnerung begeiſtert,„mit dem braven Braunſchweiger ſelbſt dem Napoleon glücklich entwiſcht, und das wollte etwas ſagen.“ S fuhr er mit revolutionärer Suada fort, „ich verdenke es den jungen Leuten ganz und gar nicht, wenn ſie einmal ein Bischen Crawall machen à la Paris; es will mir ſelbſt gar nicht mehr ge⸗ fallen im deutſchen Lande; die Abgaben haben kein Endez 111 der arme Landmann möchte Blut ſchwitzen, während der Adel wieder oben auf ſchwimmt. Die Laſten ſind kaum zu erſchwingen; es iſt Zeit, daß die Sachen einmal eine andere Wendung nehmen.“ Ottokar zog den Sprecher ans Fenſter, unter wel⸗ chem ſo eben eine große Heerde prächtigen Zuchtviehes vorüberzog, und auf die Heerde wie auf die zahl⸗ reichen Garben zeigend, welche aus den Luftlöchern der gegenüberſtehenden geräumigen Scheuern hervor⸗ ragten, ſprach er lächelnd: „Ich ſollte doch meinen, daß Sie nicht Urſache hätten, über eine Verfaſſung zu klagen, wo der Land⸗ mann zu ſolcher Wohlhabenheit gelangen kann.“ „Was hilft dies?“ erwiederte eifrig der alte Frei⸗ heitskämpfer;„die Hälfte von alle dem, was da unten herumläuft, und was da drüben in der Scheuer liegt, geht für Schocke und Quatember, für Land⸗ und Stadt⸗ acciſe, für Fleiſch⸗, Mahl- und Trankſteuer, Kopf⸗ und Perſonalſteuer, für Einquartierung und Kavalleriever⸗ pflegung, für Erbzins, Sporteln und Gebühren, für Kirchenbau und Schulweſen, für patriotiſche und andere Beiträge und was alles ſonſt noch zu dem Blutigel⸗ ſyſtem gehört, in Rauch und Flammen auf. Uns ar⸗ men Landleuten bleibt kaum das trockene Brod; wir können es nicht mehr erſchwingen.“ Ottokar erwiederte weiter nichts, aber er überſchaute die große mit Speiſen aller Art und den feinſten Weinen überladene Tafel und dachte ſein Beſtes. „Wie bald,“ ſprach er für ſich,„würde ſich Freund Dietze für die unbeſchränkte Monarchie erklären, wenn ſo eine Schaar Freiheits⸗ und Gleichheitsſchreier, der die Connnunio bonorum als Hauptprincip allen andern vorgeht, in ſeinen Kellern und Speichern einfielen und 112 mit republikaniſchem Heißhunger ſeine unter der Mo⸗ narchie geſammelten herrlichen Vorräthe aufzehrten.“ Während der Verwalter noch ſeine Staatsverbeſſe⸗ rungspläne weitläufig auseinander ſetzte, ward er plötz⸗ lich hinausgerufen. Er kehrte nach kurzer Zeit mit etwas beſorgter Miene zurück. „So eben läuft die Nachricht ein,“ hub er an,„daß einer der jenſeitigen Grenzjäger wahrſcheinlich von Schleichhändlern mörderiſch überfallen, entwaffnet und an einen Baum gebunden worden iſt. Die ganze Douanierlinie iſt auf den Beinen; es iſt nicht unmög⸗ lich, daß auch mein Gut durchſucht wird, aber ſeien Sie unbeſorgt, ich will Sie an einem Orte verbergen, wo Sie der Satan nicht ausfindig machen ſoll.“ „Wenn dem ſo iſt,“ erwiderte Ottokar raſch ent⸗ ſchloſſen,„ſo haben wir keinen Augenblick zu verlieren, wir müſſen auf der Stelle aufbrechen; denn wiſſen Sie, wir ſind es geweſen, die den Grenzjäger, der uns an⸗ halten wollte, entwaffneten und an den Baum banden.“ Der Verwalter wollte es nicht zugeben, daß man ihn ſo ſchleunigſt verlaſſe „Ich gebe Ihnen mein Wort,“ ſprach er,„daß für den Fall, wenn auch Grenzjäger auf mein Gut kämen, man Sie nicht finden ſoll. Seien Sie daher außer aller Sorge, und verlaſſen Sie ſich auf mich.“ Trotz dieſen Verſicherungen des Verwalters konnte Ottokar dennoch ein längeres Verweilen nicht gut heißen. „Wir haben ausgeruht,“ ſprach er,„ſind getrocknet und geſtärkt, der hereinbrechende Abend begünſtigt unſre Flucht, und es muß uns alles daran gelegen ſein, je eher, je lieber dieſe Gegend zu verlaſſen, wo unſertwegen bereits alle Behörden in Alarm geſetzt ſind.“ Nochmals bot der Verwalter ſeine Beredtſamkeit auf, 113 ſeine Gäſte zum Dableiben zu bewegen, aber Ottokar ſprach ſich ſo entſchieden für die augenblickliche Weiter⸗ reiſe aus, daß er endlich von ſeinen Bitten abſtand. „So erlauben Sie mir wenigſtens,“ ſprach der wackre Mann, daß ich anſpannen laſſe, und Sie ſelbſt bis nach Brandis fahre, von welchem Orte aus Sie ſich dann leicht weiter finden werden.“ Dieſes Anerbieten nahmen die Flüchtlinge mit vie⸗ lem Dank an, und bald ſaß man in der bequem ge⸗ bauten Kutſche, deren Flaſchenfutter der gaſtfreundliche Verwalter mit einem guten Trunk und ſchmackhaftem Imbiß reichlich verſehen hatte. Der Verwalter ſelbſt übernahm die Leitung der Pferde und das Fuhrwerk ſetzte ſich in Bewegung. Man hatte die Gutsgebäude kaum einige hundert Schritte im Rücken, als in nicht geringer Entfernung wiederholte Flintenſchüſſe vernehmbar wurden. „Alle Wetter,“ brummte der Verwalter,„die Herren Douaniers haben ein edles Wild auf dem Rohre, ich kenne ihre Signale und gebe keine drei Heller darum, daß wir damit gemeint ſind. Es mag die Leutchen ver⸗ droſſen haben, daß man einen ihrer Collegen an den Baum gebunden hat.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich auf dem Kutſcher⸗ ſitze. Da gewahrte er in der grauen Abenddämmerung, wie ein Piquet Grenzjäger aus dem Walde hervorkamen und ihren Weg nach dem Gute einſchlugen. „Ja, Proſit,“ rief er,„wir werden auf Euch warten.“ Damit ſchlug er kräftiger auf die Pferde, und bald war der Wagen im Waldesdunkel verſchwunden. * Storte, Schriften, Supplem. I. 8 114 Reuntes Rapitel. „Sei mir gegrüßt, Sonne der Freiheit, du holdes er⸗ quickendes Licht!“ So rief Severin, nachdem er aus ſeinem mehrtägigen Arreſt wieder entlaſſen worden war. „Gefangener Mann, ein armer Mann,“ fuhr er fort,„das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch ge⸗ ſagt haben. Aber heilſam war mir die Lehre, und wer weiß, wozu es gut war, daß ich mich während der re⸗ publikaniſchen Emeute in Gewahrſam befand. Das mag ſchön hergegangen ſein. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß ich dabei compromittirt worden wäre, hätte ich meine Freiheit gehabt. Dann kam ich aber mit viertägigem Arreſt nicht weg, und die Feſtung war mir gewiß, ſo gut war ich nicht. Was nur aus Guido und Ottokar geworden ſein mag, von den hört und ſieht man nichts.“ Der in Freiheit geſetzte wanderte mehrere Straßen entlang. Die ganze Stadt gewährte einen höchſt düſtern Anblick; überall Furcht, Bangen und Beſorgniß, wie das allemal der Fall zu ſein pflegt, ſobald ein Aufruhr durch die bewaffnete Macht unterdrückt worden iſt. Es hieß, alle Morgen mit Tagesgrauen würde über die ge⸗ fangenen Republikaner Standgericht gehalten und dieſel⸗ ben auf der Stelle erſchoſſen. Dumpfe Gerüchte liefen durch die erſchreckte Bevölkerung; der Hof hieß es, werde als Strafe für die Stadt ſeine Reſidenz nach einem andern Orte des Fürſtenthums verlegen. Nach andern Nachrichten ſollte ſich das ganze Landvolk erheben, um den Republikanern zu Hülfe zu kommen. Die beſorgten Familienväter ſchrien bereits Ach und Wehe über die Rebellen, welche die Stadt ins Unglück geſtürzt hätten K und der Bürgerſchaft die Nahrung entzögen. Doppelt ängſtlich ſchlug allen denen das Herz, die mehr oder weniger mit den beſiegten Republikanern in Verbindung geſtanden, oder um deren Pläne gewußt hatten. Noch immer befand ſich eine bedeutende Militärmacht auf den Füßen. Dumpf hallten die Schritte der ſtar⸗ ken Patrouillen in den menſchenleeren Straßen wider. Die Polizei verdoppelte ihre Aufmerkſamkeit und jeder Mann, der ſich nicht ſofort hinlänglich legitimiren konnte, wurde feſt genommen. Severin, der ſo eben von den Criminalgerichten frei geſprochen und ſeiner Haft entlaſſen worden war, kam ſich ſo unſchuldig vor, wie ein neugebornes Kindlein, wie Adam vor dem Apfelbiſſe. Ohne den leiſeſten Arg⸗ wohn ſchritt er die Straßen entlang, ſich hier und da die militäriſchen Sicherheitsanſtalten mit Muße be⸗ trachtend. Er bog eben um eine Ecke, als die Straße daher in raſchem Trabe eine elegante Kutſche gefahren kam. Severin trat auf die Seite und beſchaute ſich die glänzende Livree, welche der Kutſcher des Fuhrwerks trug, als ſein Blick in den Hintergrund der Kutſche fiel, in welchem eine Dame ſaß, in welcher der höchlich erſtaunte Severin ſogleich ſeine Pariſer Bekannte, die Frau Adele von Montfort, wieder erkannte. „Wo kommt dieſe Satanin hier her?“ frug er; „überall, wo es Revolution giebt, iſt auch dieſe franzö⸗ ſiſche Hexe. Daß Du doch in dem herrlichen Lande lebteſt, wo jenes Gewächs das holde Licht der Sonne erblickt, ſo man auf Deutſch Pfeffer nennt.“ Mit dieſen Worten hob er den Arm hoch empor und drohte dem dahin brauſenden Wagen nach. Dieſe auffallende und für die gegenwärtige Zeit höchſt bedenkliche Geſticulation erregte die Aufmerkſam⸗ keit eines in der Nähe befindlichen Wachtmeiſters der 8* 116 hohen Polizei. Er ging auf der Stelle auf Severin zu, und denſelben barſch anredend, frug er: „Wer ſind Sie?“ Severin, der ſo eben von einem hohen Criminal⸗ gerichte von aller Sünde und Schuld ſich purificirt glaubte, und wie geſagt ſich ſo unſchuldig hielt, wie ein neugebornes Kindlein, ärgerte ſich über die barſche Anrede des Wachtmeiſters, und antwortete eben ſo kurz angebunden: „Ein Menſch.“ Der Polizeimann blickte mit officiellem Ingrimm zu einem Sterblichen auf, der in der gegenwärtigen arretirten Zeit einer hohen Polizei ſo zu ſagen über's Maul zu fahren wagte, und frug wo möglich noch bar⸗ ſcher denn das erſte Mal: „Woher des Wegs?“ „Aus dem Arreſt,“ antwortete Severin eben ſo kurz. „Komm Er einmal mit,“ befahl jetzt der Polizei⸗ wachtmeiſter. Severin, der jetzt wohl merkte, daß der Polizeimann Ernſt machte, gab klein zu und erwiderte: „Guter Freund, geh' Er ſeinen Weg und laß Er mich ungeſchoren, ich bin ein friedlicher Mann und kann mich hinlänglich legitimiren.“ „Er kommt mit,“ entſchied ohne Weiteres der Wachtmeiſter. „Aber um Vergebung,“ frug jetzt Severin, dem nun wirklich Angſt ward,„wo ſoll denn die Reiſe hingehen?“ „Das wird Er ſehen,“ brummte der Wachtmeiſter. Wirklich ward der von neuem Verhaftete denſelben Weg zurückgeführt, den er gekommen war. „Hier hilft in der Welt nichts,“ ſprach Severin 117 für ſich,„als daß ich die Gelegenheit erſpähe und eſchappire.“ Er warf daher rechts und links Seitenblicke, um irgend ein Durchhaus oder ſonſtigen Schlupfwinkel zu entdecken. Wortlos ſchritt der Wachtmeiſter nebenan, wortlos folgte Severin. Er hatte wiederholt verſucht, ein trau⸗ liches Geſpräch anzuknüpfen, aber der Polizeimann war ihm alle Antwort ſchuldig geblieben. „Das iſt mir doch,“ ſprach Severin zu ſich ſelbſt, „in meinem bewegten Leben noch nicht vorgekommen, daß ich aus dem Käfig kaum freigelaſſen, ſchon wieder eingeſperrt werden ſoll. Ich glaube nicht, daß es zur Einſperrung kommt. Was hab' ich denn begangen? daß ich dem Polizeimann kurz angebundene Antworten gegeben habe, kann den Hals nicht koſten. Freilich wäre es das Beſte, wenn ich mich leiſe ſkiſirte.“ Wieder überflog er die Häuſerreihen zur Rechten und Linken; aber die meiſten Hausthüren und Kaufge⸗ wölbe waren verſchloſſen. „Wenn dieſer Nebucadnezar,“ fuhr Severin in ſei⸗ nem Selbſtgeſpräche fort,„zu beſtechen wäre, ſollte mir's auf einen Ducaten nicht ankommen. Ich wrill's ver⸗ ſuchen.“ „Mein guter Freund,“ begann er demnach zu dem ſchweigend einherſchreitenden Wachtmeiſter. Keine Antwort erfolgte.“ „Verehrter Freund,“ ſprach Severin etwas lauter. Keine Antwort. „Werthgeſchätzter Freund und Gönner—“ Keine Antwort. „Inſonderheit hochzuverehrender Herr Conſtabler,“ rief jetzt Severin, der ſich durch das Stummſein nicht 118 abſchrecken ließ, laut und dringend:„wie wär's denn, ein Fläſchchen guter Medoc gegen die böſen Nebel.“ „Wird Er Ruhe halten?“ ſprach der Polizeimann. „Ein Fläſchchen guter Medoc,“ meinte Severin, „kann in der rauhen Herbſtluft nicht ſchaden. Ich muß noch ein paar Dutzend zu Hauſe haben; Sie nehmen ſo was nicht übel, Herr Conſtabler.“ „Ich werde Ihn krumm ſchließen laſſen„ erſcholl es ſtatt aller Antwort aus dem Munde des unbeſtech⸗ lichen Polizeimannes. „Krumm ſchließen,“ murrte Severin,„das fehlte mir gerade gewachſenen Menſchen. Mir bleibt jetzt nichts übrig, als mich aus dem Staube zu machen; denn ich habe durchaus keine Luſt einen abermaligen Unterſuchungsarreſt, der leicht wieder ein paar Tage dauern könnte, zu überſtehen.“ Er hatte dieſe Worte kaum für ſich geſprochen, als ſich ihm eine günſtige Gelegenheit zur Flucht darbot. Es war dies ein Durchhaus, das durch mehrere Höfe führte und welches ihm bekannt war, denn es grenzte unmittelbar an ſeine Wohnung. Ehe ſich's daher der Conſtabler verſah, war Se⸗ verin in der Hausthür verſchwunden. Er durchfuhr ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen wollten, die dunkeln Höfe und erreichte glücklich die Straße, in welcher ſich ſeine Wohnung befand. Mit unglaublicher Schnelle eilte er die Häuſerreihe entlang, und befand ſich alsbald in ſeiner traulichen Stube. „Werd' ich mich von ſo einem groben Wachtmeiſter arretiren laſſen,“ rief er, ſich vergnügt die Hände rei⸗ pend und im Zimmer auf⸗ und niederſchreitend; das fehlte. Aber meine Behändigkeit muß ich bewun⸗ dern. Ich gäbe etwas darum, wenn ich's hätte mit anſehen können. Der Herr Conſtabler mag ein Geſicht —— 119 gemacht haben, als ſein Nebenmann plötzlich unſichtbar geworden. Ja, nur ſchnell reſolvirt, und keine Polizei kann uns etwas anhaben. „Aber reſpectabeln Appetit hab' ich bekommen,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„die Motion in der freien Luft hat mich hungrig gemacht. Ich werde daher jetzt als feiner Mann diniren. Nach überſtandener Ge⸗ fahr ſchmeckt es doppelt; das ſagt ſchon Paulus oder könnte es doch geſagt haben.“ Es klingelte und bald ſtand ein zierlich gedecktes Tiſchchen mit Leckerbiſſen verſchiedener Art auf ſeinem Zimmer. „Der Conſtabler,“ ſprach Severin,„wird es jetzt bereuen, meinen gutgemeinten Vorſchlag, wegen der Flaſche Medoc und des Cremnitzers, nicht eingegangen zu ſein. Der brave Mann konnte ſo gut hier am Tiſche ſitzen wie ich; ſo hat er mich entkommen laſſen und dop⸗ pelten Aerger. Sobald ich mit Eſſen fertig bin, muß ich ernſtliche Unterſuchungen anſtellen, was eigentlich aus Ottokar und Guido geworden iſt. Mit Freund Ottokar hab' ich überdies ein Wörtchen im Ernſte zu ſprechen, daß er mir nicht einen Wink zukommen ließ, und mich durch die Arreſtation ſo in Angſt ſetzte. Die Verhaftnahme ſelbſt vergeb' ich ihm. Das war weiſe gehandelt, ich hätte außerdem können in große Gefahr kommen; aber er mußte mich ſogleich wiſſen laſſen, daß die ganze Sache ſo ernſtlich nicht gemeint ſei, und dazu hätte es blos einige Zeilen von ſeiner Hand bedurft.“ Während er noch bei ſich überlegte, wie er es anzu⸗ fangen habe, um über die beiden Brüder von Hohenſtein die gewünſchte Auskunft zu erhalten, that ſich haſtig die Thüre auf und Ottokar trat herein. „Heureka,“ rief Severin freudig aufſpringend, dem Eingetretenen entgegeneilend und in die Arme ſchließend, 120 „ich ſollte mich von Dir Böſewicht ganz losſagen; aber da Du einmal da biſt, ſo ſei mir ſchönſtens willkommen. Erzähle mir nur ſchnell, was iſt Alles vorgegangen, während ich den Löwen im Käfig geſpielt. Wo iſt Guido? Die Republikaner haben wieder einmal dummes Zeug ge⸗ macht; ich hab' es im Voraus geſagt, daß es mit der Republikaniſirung Deutſchlands nicht ſo ſchnell geht, als ſie glauben.“ „Dein Herr Papa,“ fuhr er fort,„mag wieder ſchön gewirthſchaftet haben. Man ſpricht von Standrecht und nächtlichen Füſilaten. Guido iſt doch in Sicherheit und außer Gefahr?“ „Ich hoffe es,“ erwiderte Ottokar,„wenigſtens ſind alle Vorſichtsmaßregeln getroffen, ihn ungefährdet nach England zu bringen. Wenn er das Unglück haben ſollte, auf deutſchem Grund und Boden entdeckt und verhaftet zu werden, ſo könnte es leicht ſein Untergang ſein.“ „War er denn,“ erkundigte ſich Severin,„bei dem letzten Aufſtande in Perſon betheiligt?“ „Er war einer der Hauptanführer,“ erwiderte Otto⸗ kar,„und hat mit verzweifelter Tapferkeit gegen einen zehnmal überlegenen Feind gekämpft.“ „Das muß man dem Guido laſſen,“ meinte Severin, „Courage hat er.“ 5 „Ja, aber den Muth eines Tollkühnen,“ erwiderte Ottokar. „Wie ward er denn gerettet?“ frug der andere. „Es gelang mir und zweien meiner geprüften Diener, als Polizeigensdarmen verkleidet,“ erzählte Ottokar,„in das Haus des Brauers Römer zu dringen, wo ſelbſt das Gefecht vorfiel. Wir langten gerade zur rechten Zeit an, als mein Bruder, der bereits an mehreren Wunden blutete, den eindringenden Grenadieren den hartnäckigſten Widerſtand entgegenſetzte. Ich ſchlich mich, ohne daß er 12¹ es gewahr wurde, in ſeinen Rücken, unſchlang ihn plötzlich und riß den von Blutverluſt bereits ſehr Ge⸗ ſchwächten zu Boden. Eine Ohnmacht umdunkelte ſeine Sinne; wir bemächtigten uns des Gefallenen, und unter dem Vorwande, den verwundeten Rebellen nach dem Lazarethe zu bringen, ſchafften wir ihn in einen Wagen, den ich für dieſen Zweck ſchon beſtellt hatte. Ehe noch die Republikaner völlig beſiegt waren, hatten wir ſchon die Stadt im Rücken und eilten der Grenze zu, die wir auch am andern Tage erreichten. Wenn meinem Bru⸗ der weiter keine Widerwärtigkeiten in den Weg getreten ſind, ſo muß derſelbe in dieſer Stunde Hamburg ſchon erreicht haben.“ „Gott ſei Dank,“ meinte Severin,„daß wir den revolutionären Geſellen los ſind. Der hätte in Deutſch⸗ land nimmer Ruhe gehalten. Ich glaube nur, daß er es auch in England nicht lange aushalten wird; dort haben ſie zwar Preßfreiheit und Geſchwornen⸗Gerichte, ohne die Guido behauptet, nicht leben zu können; aber in England ſchwimmt auch der Adel oben auf, den er nicht leiden kann, und das Land iſt eine Monarchie. Er wird da wohl nächſter Tage nach Amerika abfahren, wohin er allezeit Gelegenheit findet.“ „Daran glaub' ich nicht,“ erwiderte Ottokar,„Guido hat ſein Vaterland Deutſchland ſo ſehr in's Herz ge⸗ ſchloſſen, als daß er ſich gar zu weit von ihm entfernen ſollte; er hat es nur gezwungen verlaſſen, und ich hoffe, daß ſein Exil nicht von gar zu langer Dauer ſein wird. Da, nachdem die Republikaner eine ſolche Lection er⸗ fahren haben, weitere Unruhen im Lande nicht zu be⸗ ſorgen ſind, ſo dürfte auch mein Vater bald wieder in den Ruheſtand zurückkehren und Milde an die Stelle der. militäriſchen Strenge treten.“ „Es iſt auch einmal Zeit,“ ſprach Severin,„daß 122 wieder einmal Ruhe im Lande eintritt; ich habe das Revolutioniren herzlich ſatt. Man kann ja kaum über die Straße gehen, ohne von der heiligen Hermandad ge⸗ packt zu werden.“ „Es iſt nicht ſo ſchlimm,“ meinte Ottokar,„wenn man einigermaßen vorſichtig zu Werke geht. Freilich wer, wie ein gewiſſer Jemand, auf einem beſuchten Kaffeehauſe jacobiniſche Vorträge hält, der iſt heutzutage vom Zuchthauſe kaum einen Schritt entfernt.“ „Weiß es, weiß es,“ geſtand Severin zu,„ich be⸗ greife nicht, wie ich mich ſo gehen laſſen konnte. Aber ſag' mir, theuerſter Freund, wo Du ſo urplötzlich den Verhaftbefehl und die Häſcher her bekommen hatteſt?“ „Man muß ſich in Zeiten der Noth,“ erwiderte Ottokar,„für alle Fälle vorſehen. Ich gewahrte unter Deinem Auditorium auf dem Kaffeehauſe einige verdäch⸗ tige Geſichter, welchen ich das Prävenire ſpielen zu müſſen glaubte, außerdem wäreſt Du nicht ſo leichten Kaufs davon gekommen.“ Severin erzählte jetzt mit vieler Laune und mit ge⸗ wohnter Uebertreibung ſeine Gefängnißleiden. Zugleich theilte er auch ſein heutiges Abenteuer mit und mit welcher Liſt und Behändigkeit er dem Conſtabler ent⸗ wiſcht ſei. „Weißt Du denn auch,“ fuhr der Redſelige fort, „daß unſer liebenswürdiges Adelchen ſich in den hieſigen Mauern befindet? Dieſes Weib bringt mich aller Orten in's Malheur. Es wäre dem Conſtabler nicht in den Sinn gekommen, mich feſt zu nehmen, wenn ich dem Wagen der Franzöſin nicht drohende Geberden nachge⸗ ſendet hätte.“ „Haſt Du ſie wirklich erkannt,“ frug Ottokar, und trat nachſinnend ans Fenſter. „Ich will nicht lebendigen Leibes hier auf⸗ und . 123 niederſteigen, wenn es nicht Frau Adele von Montfort war, die im Fond der Kutſche ſaß.“ „Daß ſie mich erkannt hat,“ fuhr er fort,„glaube ich kaum; denn ſie ſchien ſehr in Gedanken vertieft, und der Wagen fuhr ſehr ſchnell.“ Ottokar ging ſchweigend im Zimmer auf und nieder; dann ſprach er: „So hab' ich doch recht gemuthmaßet, als ich bei der Beſchreibung, die mir von dieſer jungen Franzöſin gemacht wurde, unwillkürlich an Adelen dachte. Wenn mich nicht Alles trügt, ſo iſt dieſes Weib eine politiſche Intriguantin, vor der man ſich in Acht nehmen, oder die man unſchädlich machen muß.“ „Ja, unſchädlich machen,“ rief Severin,„das ſollte man; das hat ſie ſchon um meinetwillen verdient. Doch, daß wir nicht eins ins andere reden; zu Dir geſagt, ich habe den Aufenthalt hier ſelbſt, wo man keine Stunde ſeiner Freiheit und ſeines Lebens ſicher iſt, herzlich ſatt; wie wäre es denn, wenn wir einen Abſtecher nach Hohen⸗ ſtein machten. Ich habe von Deinen Couſinen ſo viel Gutes und Schönes erzählen gehört, daß ich vor Be⸗ gierde brenne, ſie kennen zu lernen. Zu dem ſind die Herbſttage noch ſchön und warm, wir können da einige Partieen mit den Damen in die romantiſche Umgegend machen; auch werden wir von Deinem ſtrengen Herrn Papa, der hier noch mit den Rebellen alle Hände voll zu thun hat, nicht geſtört. Herzallerliebſter Freund, je länger ich über dieſe Ausflucht nachdenke, deſtomehr be⸗ geiſtert ſie mich.“ „Denke nur,“ fuhr er aufgeregt fort,„wie herrlich das ſein muß, wir, zwei junge lebensfrohe Gemüther, in Geſellſchaft zweier höchſt liebenswürdigen Burgfräuleins in einem alterthümlichen Schloſſe, die Natur erſterben zu ſehen; das muß ja eine Romantik abgeben, wie ſie in 124 der ſchönſten Novelle von Ludwig Tieck nicht zu finden iſt. Wie wollen wir da oben in traulicher Einſamkeit Abends, beim traulichen Kaminfeuer, alle volksſouveraine Ideen, alle Staatsverbeſſerungspläne, Preffreiheit und Geſchwornen⸗Gerichte an den Nagel hängen. Wir wer⸗ den ſelbſt zu Königen und wählen unſere Königinnen, Du die Veronika und ich die Rafaele. Ich bin ſchon ganz verliebt in den kleinen blonden Engel. Ha! wie will ich dann an der Hand des ſüßen Kindes auf alle die Weltwirren, Verſchwörungen, Unterſuchungscommiſ⸗ ſionen und Polizeiwachtmeiſter herabſchauen. Faſſe raſch einen Entſchluß, Ottokar, beurlaube Dich bei Deinem Herrn Papa und wir fahren im flotten Zwiegeſpann, wie zwei junge Götter, die ſich aus den Stürmen der Revolution gerettet haben, fröhlich und wohlgemuth nach Hohenſtein.“ Ottokar's Wange hatte ſich bei dem Gedanken an Veronika mit einer höhern Röthe überzogen. Schon lange war es auch bei ihm der Wunſch ſeines Herzens geweſen, auf Hohenſtein einzukehren; nur die Sorge um den Bruder, den er fortwährend wie ein guter Genius umſchwebte, hatte ihn zeither davon abgehalten. Jetzt aber wußte er jenen in Sicherheit und nichts ſtand mehr im Wege. Er verſprach daher Severin, daß ſie bereits morgen nach Hohenſtein abreiſen würden. Severin ſprang vor Freuden hoch in die Luft und klatſchte beide Hände zuſammmen. „Gelobt ſeien alle Heiligen!“ rief er,„daß wir ein⸗ mal aus dieſem wüſten Leben heraus kommen; daß wir wieder Menſchen werden, in Gottes freier Natur. Wie will ich da draußen in den hohen Bergen einer hoch⸗ wohlweiſen Polizei ein Schnippchen ſchlagen.“ „Aber um unſern Vorſatz morgen auszuführen,“ meinte Ottokar,„muß ich mich gleich auf den Weg 125 machen, um noch einige Beſuche abzuſtatten. Auch möchte ich über die Anweſenheit der Frau von Montfort mir Gewißheit verſchaffen.“ „Ach,“ ſprach Severin ärgerlich,„verliere doch die unſchätzbare Zeit nicht mit dieſer ränkevollen Perſon; komm ihr nicht zu nahe, ſonſt umſpinnt ſie Dich auch noch; ſie hat ſchon in Paris ihr Netz nach Dir ausge⸗ worfen.“ „Unbeſorgt,“ lächelte Ottokar;„ich kenne dieſe Dame zu wohl, um bei ihr Gefahr zu laufen; im Gegentheil kann ſie ſich vor mir in Acht nehmen.“ Er reichte mit dieſen Worten dem Freunde die Hand zum Abſchied. „Morgen früh Punkt zehn Uhr,“ ſprach er,„halte Dich bereit, da fährt der Wagen vor, der uns nach Hohenſtein bringt.“ Ottokar entfernte ſich und der glückliche Severin tanzte gottvergnügt einige Male die Stube auf und ab. „Herrlich, herrlich!“ rief er,„das war immer ſchon ein Lieblingswunſch von mir,„einmal eine Zeit lang auf einem alten Schloſſe zu verleben; und Hohenſtein hat gewiß ſeine fünfhundert Jährchen auf dem Rücken. Dazu die beiden charmanten Burgfräuleins und der herrliche Herbſtſturm, der des Abends unheimlich in ſeltſamen Tönen um die Mauern und Zinnen des alten Schloſſes wirthſchaftet; die alte ariſtokratiſche Großmutter, die un⸗ verwandt in ihrem Lehnſtuhle ſitzt; der alte Huf⸗ und Waffenſchmied Nicodemus mit ſeinen zweideutigen Redens⸗ arten: das iſt ein romantiſches Ragout, wie man ſich's nicht beſſer wünſchen kann. Das ſchönſte wäre nun noch, wenn in dem alten Gemäuer hier oder da ein alter ver⸗ wunſchener Burggeiſt ſeinen weißen Kopf hervorſteckte.“ Severin's Phantaſie malte ſich das Leben auf dem Schloſſe auf das Angenehmſte. Er lebte in Gedanken 126 fortwährend daſelbſt; und als am andern Morgen der Wagen vorfuhr, eilte er überglücklich hinab auf die Straße. Der Kutſcher bedeutete ihn, daß er immer im Wa⸗ gen Platz nehmen ſolle, da der Herr Graf Ottokar erſt am Thore einſteigen würde. Severin ließ ſich das nicht zweimal ſagen, öffnete raſch den Kutſchenſchlag und war ſo eben im Begriff, ſeinen Fuß in den Tritt des Wagens zu ſetzen, als er ſich plötzlich von ſtarker Fauſt am Arme ergriffen und zurück gezogen fühlte. Er blickte raſch um ſich, als zu ſeinem nicht geringen Schrecken der Polizeiwachtmeiſter vor ihm ſtand, welchem er geſtern entflohen war. „Hab' ich Ihn, Patron,“ ſprach der Conſtabler, und ein malitiöſes Lächeln überzog ſein martialiſches Geſicht.„Er ſoll mir das nicht zweite Mal echap⸗ piren,“ dabei knipp er den Severin dermaßen in den Arm, daß dieſer hätte laut aufſchreien mögen. „Was wollen Sie von mir,“ rief Severin voller Verzweiflung;„ich kenne Sie ja gar nicht.“ „Ich aber Ihn,“ hohnlachte der Wachtmeiſter.„Ka⸗ meraden, aufgepaßt, daß uns der Galgenvogel nicht das zweite Mal entflieht.“ Vei dieſen Worten blickte Severin um ſich, und ge⸗ wahrte zu ſeinem nicht geringen Schrecken, daß er nicht weniger denn von einem halben Dutzend Polizei⸗Gens⸗ darmen umringt war. An eine Flucht war unter ſolchen Umſtänden nicht zu denken; Severin mußte ſich in das Unvermeidliche ſchicken, dem herrlichen Wagen, der ihn nach Hohenſtein bringen ſollte, Lebewohl ſagen und den bewaffneten Gensdarmen nach dem Polizeiamte folgen. Der Gefangene verwünſchte jetzt Sonne, Mond und Sterne, Planeten und Cometen, ſich ſelbſt, die Polizei, 127 ob ſolches unerhörten Mißgeſchicks. Er ſtand ſo nahe an der Erfüllung eines ſeiner ſchönſten Wünſche, und plötzlich wurde er von der Sonnenhöhe ſeines Glücks herab in die Arme der Polizei geſchleudert. Ein ſol⸗ ches Malheur war noch gar nicht erlebt worden. Und wie leicht wäre die Gefahr zu vermeiden geweſen; wenn er daran dachte, gerieth er vollends in Verzweiflung. Hätte er nicht können auch bei dem Thore einſteigen? Was ſollte nun Ottokar anfangen? Dieſer mußte es zuletzt auch überdrüſſig bekommen, nur immer für ihn Sorge zu tragen. Nun kam noch das Schlimme dazu, daß ſich Severin durch die geſtrige Flucht ſeine Sache bedeutend verſchlimmert; hatte er ſich durch dieſe nicht erſt wahrhaft verdächtig gemacht; und wenn ihn der Conſtabler vollends der Beſtechung anklagte, ſo konnte in gegenwärtiger Zeit ſeine Angelegenheit ſich ſogar recht ſchlimm geſtalten. Unter dieſen wenig erfreulichen Ausſichten war die Polizeipatrouille, in deren Mitte Severin in halber Verzweiflung einherſchritt, bei dem Polizeiamte angelangt. Severin war mit der Lokalität hierſelbſt recht gut be⸗ kannt, hatte er doch geſtern erſt das Arreſthaus ver⸗ laſſen. Man führte den Gefangenen mehrere dunkle Gänge entlang, ſtieg einige Treppen empor. Wieder knarrten verdächtig die Schlüſſel in den Rieſenſchlöſſern; mehrere Thüren thaten ſich auf und wurden wieder zu⸗ geſchlagen; man hörte mächtige Riegel vorſchieben; und ehe ſich's Severin verſah, ſtand er wieder kerzengerade in demſelben Gefängniß, das er geſtern verlaſſen hatte. „Da bin ich wieder,“ ſprach er,„und anſtatt in Hohenſtein der unvergleichlichen Veronika und der überaus reizenden Rafaele den Hof zu machen, habe ich nun herr⸗ liche Muſe, mich mit den hier ſtationirten Ratten und Mäuſen zu unterhalten, ein Divertiſſement, worin mich 128 wenigſtens Niemand ſtört. Ich darf über meine Lage gar nicht nachdenken, wenn ich nicht ſchlechterdings ver⸗ rückt werden will. Meine einzige Hoffnung beruht noch auf Ottokar. Wenn der mich nicht herausreißt, komm ich ſobald nicht auf freien Fuß, das ahnet mir. Und Ahnungen trügen nicht; das ſagt ſchon Paulus oder könnt' es doch geſagt haben.“ Verzweiflungsvoll warf ſich der Gefangene auf's Sopha und bedeckte ſein Ge⸗ ſicht mit beiden Händen. Er mochte von der ganzen Menſchheit nichts mehr wiſſen, und zwar aus dem ein⸗ fachen Grunde, weil die Polizei auch mit zur Menſch⸗ heit gerechnet wird. Während er ſich ſolchen troſtloſen Gedanken hin⸗ gab, knarrte es wieder im Schloſſe der Gefängnißthür. Der ihm wohlbekannte ſtumme Gefängnißwärter trat herein und winkte zu folgen. Dem Gefangenen ward bei dieſer Zumuthung nicht wohl zu Muthe, ſeine Phantaſie malte ihm Alles im düſterſten Lichte. „Was,“ frug er ſich erſchreckt,„man will doch nicht etwa gar Standgericht über mich halten, wie das jetzt hier Sitte und Gebrauch iſt? Wie leicht kann man mich für einen entſprungenen Rebellen halten. Alle Crimi⸗ nal⸗ und Kriegsgerichte ſind jetzt einmal in der Hitze, und machen wenig Federleſens. Sie laſſen ſich kein graues Haar wachſen, ob da auch ein ganz Unſchuldiger in's Gras beißen muß.“ Severin erkundigte ſich daher angelegentlich bei dem voranſchreitenden Gefängnißwärter, wo man ihn denn hinzubringen gedächte. „Man wirds erfahren,“ war die kurze mürriſche Antwort. Die Wanderung ging wieder durch endloſe düſtere Gänge, Trepp auf, Trepp ab, bis man zu einer klei⸗ nen mit Eiſen beſchlagenen Thür kam. „Das iſt ja ein wahres Labyrinth, dieſes Polizei⸗ haus,“ murrte Severin.„Mir riecht's hier überall wie nach Marterkammer. Hier können ſie einen martern nach Herzensluſt, ohne daß man draußen in der men⸗ ſchenbelebten Welt das Geringſte davon erfährt und wenn man wie ein angeſchoſſener Eber brüllte.“ Der unheimliche Kerkermeiſter hatte jetzt die kleine eiſerne Thüre nicht ohne Mühe aufgeſchloſſen. Er ge⸗ bot Severin voran zu ſchreiten. Dieſer verſpürte hierzu durchaus keine Luſt, denn in dem aufgeſchloſſenen Ge⸗ mach ſah es verzweifelt finſter aus. „In dieſes Loch,“ ſprach er,„bringt mich keine menſchliche Macht, da ſieht man ja vom hellen lichten Tage nichts.“ Anſtatt aller Antwort aber und ohne ein Wort zu verlieren, faßte der Kerkermeiſter mit nerviger Fauſt Severin am Arme, und ſtieß ihn mit Gewalt in die dunkle Zelle hinab, worauf er die Thüre hinter dem Gefangenen zuwarf, drei Rieſenſchlöſſer vorlegte, und zum Ueberfluß noch einen gewaltigen Riegel vorſchob. Der arme Severin, welcher im Anfang allen Ernſtes glaubte, er ſei blind geworden, weil er auch nicht den geringſten Lichtſchimmer in ſeinem neuen Gefängniß ent⸗ deckte, tappte mit zagenden Händen in der undurch⸗ dringlichen Finſterniß umher, und überzeugte ſich bald, nachdem er die vier feuchten Wände viſitirt, daß er ſich in einem kaum mehrere Fuß breiten ſteinernen Grabe befand. Nach langem Forſchen gelang es endlich ſeiner angeſtreng⸗ ten Sehkraft, einen äußerſt ſchwachen Lichtſchimmer zu er⸗ blicken, der durch ein kaum zwei Hände breites Zugloch aus der Decke herabfiel. Somit ward ihm wenigſtens der Troſt, daß er nicht blind geworden ſei. „Aber was hilft mir das,“ ſeufzte er,„bald wird man mir das ganze Lebenslicht ausblaſen; denn aus Stolle, Schriften. Supplem. I. 9 130 dieſem Grabe führt der Weg unſtreitig in jene Welt. Man muß mich für einen Hauptverbrecher halten, denn für und wider nichts ſperrt man nicht ein menſchliches Weſen in ſolch ein Teufelsloch.“ „So hab' ich alſo,“ fuhr er nach einer Pauſe kläg⸗ lich fort,„meine Rolle auf Erden ausgeſpielt: in der Blüthe meiner Jahre muß ich ein unſchuldiges Opfer der Despotie fallen. Hatte noch ſo viel vor auf dieſer ſchönen Welt, jetzt iſt Alles aus.“ Seine aufgeregte Phantaſie malte ihm ſeinen ohne⸗ hin ſchauerlichen Aufenthalt noch grauſenhafter. Er ſah und hörte in allen Winkeln ſeines Gefängniſſes Schlan⸗ gen und andres Ungeziefer; und wagte daher nicht, ſich auf das dürftige Strohlager auszuſtrecken, welches den Boden des unheimlichen Kerkers bedeckte. Sein mora⸗ liſcher Muth war durch ſolche grauſame Behandlung dermaßen gebeugt, daß ihn ſelbſt ſeine gute Laune, die er ſich ſonſt in den kritiſchſten Augenblicken zu bewahren wußte, verlaſſen hatte. Fortwährend ſtand das ſchwarzbehangene Blutgerüſt vor ihm, oder der gelbe Sandhügel, auf welchem er nie⸗ der knien ſollte, um die tödtliche Salve zu erhalten. Er erblickte neben ſich ein offenes Grab und ſah ſich ſelbſt erſchießen und begraben. Nachdem er lange genug an den dunkeln Wänden umher getaſtet und ſich über die innere Einrichtung ſei⸗ nes neuen Aufenthaltsorts, trotz der Finſterniß, hin⸗ länglich orientirt hatte, ward ihm das Stehen allmälig doch zu beſchwerlich, und er ſetzte ſich auf das dürftige Strohlager, doch vorſichtig in der Finſterniß umher greifend, ob nicht etwa bereits eine Waſſerratte oder ein Molch Platz genommen hätte. „Mein böſer Genius hat mich in dieſe Stadt ge⸗ führt,“ ſeufzte Severin, ſich mit Mühe auf dem unbe⸗ ———————— 131 quemen Lager ausſtreckend;„wär' ich doch in Paris geblieben, bei dem guten Ludwig Philipp, und bei der aller vortrefflichen Prinzeſſin Clementine, die mich ſo huldvoll angelächelt; ich hätte längſt eine Stelle bei Hofe. Der Guido mit ſeinem einfältigen Republikanis⸗ mus iſt allein ſchuld, daß ich hier, wie ein blinder Simſon zwiſchen Ottern und Schlangen ſitze. Wenn nur die Deutſchen nicht Revolution anfangen wollten; die verſtehen die Sache einmal nicht; da gehört leichtes flüſſiges Blut dazu; ſie ſollen das den Franzoſen über⸗ laſſen, welchen Champagner in den Adern fließt; der deutſche Philiſter, der ſich ſeinen Wanſt alltäglich kan⸗ nenweiſe mit untergährigem Lagerbier anfüllt, iſt nicht der Mann dazu. Was deines Amtes nicht iſt, da laß deinen Vorwitz: das ſagt ſchon Paulus oder könnt' es doch geſagt haben.“ Durch dieſe und ähnliche Reflexionen ſuchte ſich Se⸗ verin in ſeiner Finſterniß die Zeit zu vertreiben und ſeinen Zuſtand zu vergeſſen, der ihm von Stunde zu Stunde unerträglicher wurde. Zehntes Rapitel. Guido hatte, trotz der Vorſicht, die ihm von Ottokar an's Herz gelegt worden war, es doch nicht über ſich gewinnen können, unmittelbar, nachdem ihn der Bruder verlaſſen hatte, einen kleinen Abſtecher nach einer deuktſchen Univerſitätsſtadt zu machen, wo er unter der daſigen Burſchenſchaft viele politiſche Befreundete kannte. Er wünſchte vor allen Dingen zu wiſſen, ob durch die Nie⸗ derlage der Republikaner in der Hauptſtadt ſeines Lan⸗ 9* 132 des wirklich alle Hoffnung zur gegenwärtigen Revolu⸗ tionirung Deutſchlands vernichtet worden ſei. Georg, dem er ſeine Abſicht mittheilte, auf der Flucht die Univerſitätsſtadt zu berühren, billigte dieſelbe von ganzem Herzen; bereits nach zwölfſtündiger Fahrt lang⸗ ten die Beiden wohlbehalten an dem Orte ihrer nächſten Beſtimmung an, und bald befand ſich Guido im Kreiſe junger gleichgeſinnter Freunde. Die Nachricht von dem verunglückten Inſurrections⸗ Verſuche hatte durchaus nicht entmuthigend auf die jun⸗ gen exaltirten Leute gewirkt; im Gegentheil faßte man Pläne, von neuem eine Revolution vorzubereiten. Guido, durch die entflammenden Reden, welche in der Verſammlung gehalten wurden, hatte die Flucht, Hamburg, England und alle die Verſprechungen ver— geſſen, die er dem Ottokar gegeben hatte. „Brüder!“ rief er, in höchſter Exaltation auf einen Tiſch ſpringend,„ich habe einen großen Gedanken! Nicht in Mitten der ſelbſtſüchtigen, engherzigen, phi⸗ liſterhaften Stadtbewohner wollen wir das Banner der Freiheit aufſtecken; die Erfahrung hat gelehrt, daß mit dieſem hinter feuchten Mauern vermoderten Sumpfge⸗ züchte nichts auszurichten iſt; ſie ſind nicht werth, daß über ihren Zinnen die Sonne der neuen Zeit herauf⸗ bricht,— Nein, an die einfachen, unverdorbenen Land⸗ bewohner, die ihr kümmerliches Brod, das ihnen von den gnädigen Herrſchaften noch gegönnt wird, im Schweiße ihres Angeſichts eſſen; die noch nicht berührt ſind von dem Gifte des höheren geſelligen Lebens; an ſie wollen wir appelliren, ſie wollen wir auffordern, für ihre urheiligen Rechte das Schwert zu ergreifen, und an ihre Spitze wollen wir uns ſtellen, ſie gegen die Ty⸗ rannen führen und entweder ſiegen oder für des Vater⸗ landes Freiheit ruhmvoll fallen.“ 133 „Meines Vaters Herrſchaft,“ fuhr der aufgeregte Sprecher fort,„deſſen Bewohner noch unter dem ſchimpf⸗ lichſten Feudaldrucke ſeufzen, ſind die erſten, welche un⸗ ſerem Aufrufe Folge leiſten werden. Ich kenne die Ver⸗ hältniſſe, ich ſelbſt werde Euch dahin führen, zum Be⸗ weiſe, daß ich es auch redlich mit der Freiheit meine; und ſelbſt das Schloß meiner Väter, wo ich das Licht der Welt erblickte, nicht ſchone, wenn es das Wohl des Vaterlandes gilt.“ Die Rede und der Vorſchlag Guido's fand unter den jungen Feuerköpfen den ungetheilteſten Beifall. Man beſchloß ſofort die nöthigen Vorkehrungen, um in ſo kurzer Zeit wie möglich das tollkühne Unternehmen in's Werk zu ſetzen. Um die Gemüther noch mehr zu entflammen und für die Revolutionirung das Landvolk zu begeiſtern, führte Guido den Georg herbei. „Hier ſteht ein Blutzeuge,“ rief er;„er ſoll Euch Kunde geben von den beiſpielloſen Verbrechen, welche der Reichthum an der Armuth beging, und Ihr wer⸗ det erkennen, daß es hohe Zeit iſt, mit den Volkstyran⸗ nen die Rechnung abzuſchließen.“ Georg theilte jetzt unverhohlen die Ungerechtigkeiten und harten Bedrückungen mit, welche ſich der Gerichts⸗ verwalter Stephani gegen die Bewohner der Herrſchaft Hohenſtein hatte zu Schulden kommen laſſen. Als er auf die barbariſche Behandlung zu ſprechen kam, welche ſeine verſtorbene Braut Chriſtine hatte zu erdulden gehabt und an deren Folgen ſie geſtorben war, gerieth Alles in Aufruhr. Allgemeine Entrüſtung be⸗ mächtigte ſich der Anweſenden, und man ſchwur hoch und theuer, daß der Doctor Stephani zur Sühnung der Blutſchuld fallen müſſe. Die Expedition nach Hohenſtein ward für die näch⸗ 134 ſten Tage angeſetzt, bis zu welcher Zeit man hoffte, die erforderlichen Vorbereitungen getroffen zu haben. Elſtes Rapitel. Nah mannichfachen vergeblichen Nachſuchungen war es endlich einigen Bauernkiodern, die auf dem Hohenſteiner Kirchhofe ſpielten, ganz züfällig gelungen, das ſchauer⸗ liche Grab des Schloßvoigtes Jonas ausfindig zu machen. Man zog den Leichnam aus der Tiefe und beerdigte denſelben in aller Stille. Dieſes Auffinden aber war den Bauern von Hohenſtein ganz und gar nicht angenehm, denn ihr fel⸗ ſenfeſter Glaube an eine Intervention des Satans, der nach ihrer Meinung den Schloßvoigt auf und davon geführt, war ſehr erſchüttert worden. Der Doctor Stephani kochte vor Wuth, daß unter ſeiner Gerichtsbarkeit, ja faſt unter ſeinen Augen ein ſo großes Criminalverbrechen begangen worden ſei, ohne daß man den Thäter, der Allen bekannt war, hätte ausfindig machen können. Die ſorgfältigſten Nach⸗ forſchungen waren ohne Erfolg geblieben. Trotz der bedeutenden Summen, welche die Hohenſteiner Ge⸗ richte ausgeſetzt, hatte man nicht einmal eine Spur von Georg entdecken können, ſo daß man endlich allgemein annahm, Georg habe ſich an irgend einem einſamen Orte das Leben genommen. Der Doctor Stephani war ſeit den letzten Ereig⸗ niſſen, namentlich ſeit dem gewaltſamen Tode des Schloß⸗ voigts Jonas um Vieles finſterer und ſtrenger gewor⸗ den, und waren die Bewohner Hohenſteins durch den Tod des Schloßvoigts auch von einem böſen Quälgeiſt 135 befreit worden, ſo hatte ſich ihre Lage dennoch nicht verbeſſert; denn Stephani vermehrte ihre Laſten und Ab⸗ gaben um ein Bedeutendes und war in Eintreibung der Gefälle unerbittlicher denn je. Immer röther färbte der Herbſt das welkende Laub auf Baum und Strauch; die Tag⸗ und Nachtgleiche war ſchon ſeit mehreren Wochen vorüber. Morgen und Abend ſtanden in Nebel gehüllt: nur in den Mittags⸗ ſtunden zerriß die Sonne den weißen Flor und ſtand in glänzender Schöne am blauen unbewölkten Herbſt⸗ himmel. Auf den Giebeln des alten Schloſſes ſammel⸗ ten ſich täglich die Zugvögel in großen Schaaren und traten mit hundertſtimmigem Geſchrei ihre Reiſe nach dem Süden an. Immer röther färbte ſich der Apfel in den lichter werdenden Wipfeln, üppig lauſchten die dunkelſchwarzen und die von der Sonne gebräunten Trauben zwiſchen dem welken Weinlaube, und kaum ver⸗ mochte der Pfirſichbaum die ſüße Laſt ſeiner roſig an⸗ gehauchten Früchte zu tragen. Tief neigten ſich ſeine Aeſte zur Erde. Das Reich der Blumen war faſt ganz verſchwunden; nur hier und da ſchaute eine verſpätete Aſter mit ihrem Sternenauge oder eine gelbe Stroh⸗ blume zum rlaren Herbſthimmel. Wenn man die Alleen der alten himmelhohen Kaſtanien dahin wandelte, kräu⸗ ſelte ſchon hier und da ein rothes überreifes Blatt zu Boden und oft ſiel eine überreife Frucht mit Geräuſch herab. Veronika und Rafaele kehrten ſo eben von einem Nachmittags⸗Spaziergange nach dem Schloſſe zurück. Ihre Körbchen waren mit Corneliuskirſchen, Haſelnüſſen und Weintrauben gefüllt. „Wie ſoll das nur den Winter werden,“ begann Rafaele,„hier in dem einſamen Schloſſe; ich glaube, da iſt Alles ganz und gar verſchneit. Vielleicht, daß der Onele den guten Einfall hat, und uns nach der 136 Stadt kommen läßt; denn ich muß Dir's geſtehen, Ve⸗ roni, daß es mir hier gar nicht mehr gefallen will. Seit der ſchrecklichen Mordgeſchichte iſt mir es ganz unheimlich geworden“ „Glaubſt Du wirklich,“ frug ſie nach einer Pauſe, „daß es der Georg geweſen iſt, der den Schloßvoigt in die Gruft geſtürzt hat?“ „Wenigſtens ruht großer Verdacht auf ihm,“ meinte die Schweſter,„und ich ſelber kann mir recht gut denken, wie das Alles zugegangen iſt. Der Georg hat ſich unſtreitig in einem Zuſtande der höchſten Erbitterung befunden; er betrachtete den Voigt als Mörder Chriſti⸗ nens, und da hat er ſich unſtreitig in ſeinem Rachege⸗ fühl ſo weit hinreißen laſſen, daß er die ſchreckliche That verübte.“ Die beiden Schweſtern waren auf ihrem Spazier⸗ gange bis in die Nähe der Linde gekommen, unter welcher der alte Nicodemus in den Abendſtunden zu ſitzen pflegte. Rafaele warf einen ſcheuen Blick nach dem Orte, dann faßte ſie die Schweſter ſchnell am Arme. „Laß uns eilen,“ ſprach ſie ängſtlich,„da kommt der alte Nicodemus gerade auf uns zu und ich fürchte mich vor dem alten Manne.“ „Sei keine Thörin,“ lächelte Veronika,„der arme alte Mann thut Niemandem Etwas zu leide, und es würde ihn kränken, wenn wir vor ihm fliehen wollten.“ „Du haſt Recht, Schweſter,“ geſtand Rafaele,„aber ich kann mir nicht helfen. Ich habe ein geheimes Grauen vor dem Hufſchmiede. Hu! da iſt er ſchon ganz nahe.“ Die Schweſtern verlangſamten mit Abſicht ihren Schritt und bald ſtand die hohe Geſtalt des Nicodemus vor ihnen. Der alte Mann hielt ein einfach geflochtenes Körb⸗ chen in der Hand, in welchem auf Weinlaub einige 137 wunderſchöne Pfirſichen lagen. Mit einer etwas unge⸗ lenkten Verbeugung und einem gutmüthigen Lächeln überreichte er die ſchönen Früchte. „Es ſind die einzigen,“ ſprach er,„die der Baum heuer getragen, aber ſie ſind gut und ſaftig.“ „Guter Nicodemus,“ erwiderte in herzlichem Tone Veronika,„wie mögt Ihr Euch der ſchönen Früchte be⸗ rauben? Wir ſollten das Geſchenk gar nicht annehmen.“ „Nicht mich kränken wollen,“ ſprach der Hufſchmied in traurig bittendem Tone. „Nun ſo danken wir ſchönſtens,“ erwiederte Vero⸗ nika, indem ſie das Körbchen, welches ihr der Huf⸗ ſchmied hinhielt, leerte.„Wir bleiben Eure Schuld⸗ nerinnen.“ Mit dieſen Worten brach ſie eine der Pfir⸗ ſichen auf und reichte die Hälfte der Schweſter. „Das iſt ja eine ganz vorzügliche Art,“ fuhr Ve⸗ ronika fort,„die in dem Schloßgarten wachſen, find lange nicht ſo gut.“ Auch Rafaele beſtätigte dies, und blickte jetzt unbefangen und freundlich mit ihrem blauen Auge zu dem alten Manne auf. Dieſer ſchien von dem Anblick der jüngern Schweſter wie bezaubert, er ſtand lange, und ſchaute voll unend⸗ licher Wehmuth nach dem ſchönen Kinde. Plötzlich brachen ihm die hellen Thränen hervor, und er frug mit einem Tone, welcher den beiden Mädchen durch die Seele ging: „Sie kommen vom Schloſſe; haben Sie meine Margaretha nicht geſehen.“ Rafaele erſchrak aufs heftigſte; aber Veronika, welche ſich erinnerte, daß dieſe Frage bei dem Hufſchmied zur fixen Idee geworden, antwortete mit Milde: „Getröſtet Euch, guter alter Mann; nichts hienieden geſchieht ohne den Willen Gottes, in welchen wir uns ja Alle fügen müſſen.“ 138 „Sie war juſt von Ihrem Alter„ ſprach Nicode⸗ mus, indem er fortwährend Rafaelen anblickte.„Es ſind fünfundzwanzig Jahre, daß ſie die Erdbeeren aufs Schloß trug. Sie ging mit Liebe hin, und Blut und Tod war ihr Lohn.“ „Wie ſprecht Ihr, guter Ricodemus,“ entgegnete Veronika ſanft verweiſend. „Gemordet hat man mein Kind,“ fuhr der Huf⸗ ſchmied fort, und ſeine Rede ward immer unheimlicher; „aber ſeinen Leib hätte mir die gnädige Gräfin wenig⸗ ſtens laſſen ſollen, daß ich ihn chrißtlich beſtatten, und daß ich ein Grab hatte, wo ich beten konnte.“ Rafaelen ward bei dieſen Worten immer ängſtlicher. Sie faßte die Hand Veronika's und wollte die Schweſter mit ſich fortziehen. Der Hufſchmied, welcher dies be⸗ merkte, vertrat aber den beiden Mädchen den Weg. „Glauben Sie an Gott?“ frug er in ſeltſamem Tone. Veronika, der jetzt gleichfalls bange zu Muthe ward, erwiderte: „Wer ſollte an ihn nicht glauben, den gerechten Vater, der das Gute belohnt und das Ueble beſtraft?“ „Wird er darum,“ fuhr Nicodemus fragend fort, „auch Rechenſchaft fordern wegen der Miſſethat, die man an meinem Kinde begangen hat?“ „Gewiß, mein Freund,“ erwiderte Veronika,„wenn eine ſolche ſtattgefunden hat.“ „Aber noch ſteht das Schloß,“ ſprach Nicodemus, „wo das Verbrechen verübt worden iſt, unverletzt auf ſeinem Felſen, und fünfundzwanzig Jahre find dahin gegangen.“ „Ich verſtehe Eure Rede nicht,“ ſprach Veronika. „Nun,“ fuhr der Hufſchmied geheimnißvoll fort, „muß es nicht in Flammen aufgehen, wie ich prophezeiht habe ſeit langen Jahren 2* „O Nicodemus,“ ſprach Veronika,„wie mögt Ihr ſolche böſe Reden führen, welche Gott nicht angenehm ſein können.“ „Aber es wird doch geſchehen,“ erwiderte der Huf⸗ ſchmied,„und das bald.“ „Woher wißt Ihr denn das?“ frug Veronika in etwas ängſtlichem Tone. „Träume ich nicht ſeit langen Jahren davon,“ ſprach Nicodemus;„und bald, bald wird der Traum in Erfüllung gehen.“ Rafaele, welche ſich während des ganzen Geſprächs ängſtlich an den Arm der Schweſter geklammert hatte, bat dieſe jetzt dringend, nach dem Schloſſe zurückzukehren; Veronika wandte ſich daher mit den Worten zu dem Hufſchmied: „Guter Nicodemus, laßt ab von ſolchen finſtern Gedanken, die einem guten Menſchen nicht geziemen, und jetzt lebet wohl! es wird ſpät, wir wollen nach dem Schloſſe.“ „Gehen Sie nicht dahin,“ mahnte der Hufſchmied in ängſtlichem Tone,„es riecht dort nach Brand. Sehen Sie, noch glänzt es ſtattlich im Abendroth; aber bald werden die Flammen kniſtern und die Balken brechen. Es iſt das Todtenfeuer meiner Margaretha; das ſoll herrlich leuchten. Ich gehe nach meiner Linde und warte, bis ich gerufen werde.“ Mit dieſen Worten wandte ſich die alte, geheimniß⸗ volle Geſtalt abwärts und wandelte langſamen Schritts nach ſeinem einſam ſtehenden Häuschen zu. Die beiden Schweſtern dankten Gott, als ihnen der Weg nach dem Schloſſe wieder frei war, und ſie eilten geflügelten Schrittes dem Schloßberge zu. „Das iſt ja ein entſetzlicher alter Mann,“ begann Rafaele,„er hat mir außerordentlich bange gemacht mit ſeinen dunklen Reden.“ 140 „Dergleichen führt er ſchon ſeit vielen Jahren;“ tröſtete Veronika,„aber dem Himmel ſei Dank, ſeine unheimlichen Prophezeihungen gehen nicht in Erfüllung. Seinen Träumen nach hätte der Hohenſtein ſchon ſeit fünfundzwanzig Jahren müſſen in Flammen ſtehen. Na⸗ mentlich iſt er auf unſere Großmutter erbittert, welche den Tod ſeiner Tochter verſchuldet hat, und man kann dies dem Vaterherzen nicht verargen.“ Als die Schweſtern in den Schloßhof traten, war ſo eben ein Eilbote aus der Reſidenz angelangt, welcher dem Doctor Stephani wichtige Depeſchen gebracht hatte. Der letztere war auf ſein Zimmer gegangen und überflog nicht ohne ſichtbare Freude das Schreiben, wel⸗ ches ihm der Graf Günther von Hohenſtein überſchickt hatte. Darin ward gemeldet, daß Guido einer der Haupträdelsführer bei der jüngſten Verſchwörung, die mit Waffen und Gewalt unterdrückt worden, geweſen ſei, und ſich auf unbegreifliche Weiſe, obſchon bedeutend verwundet, durch die Flucht der verdienten Strafe ent⸗ zogen; daß man aber Alles aufgeboten habe, ſich ſeiner Perſon lebendig oder todt zu bemächtigen. Sollte er ſich, was vielleicht nicht ganz unwahrſcheinlich wäre, auf dem Schloſſe zu Hohenſtein oder in deſſen Umgebung blicken laſſen, ſo ſei er ſofort, es koſte, was es wolle, zu verhaften, und in Ketten ſchleunigſt in die Reſidenz abzuliefern. In dem Briefe war noch ausdrücklich hervorgehoben, daß verwandtſchaftliche Rückſichten durchaus nicht zu nehmen, und die gegebenen Befehle auf das Strengſte zu befolgen ſeien. Stephani ließ ſogleich einige Perſonen von der Schloßdienerſchaft, welche dieſe Tage daher die Um⸗ gegend nach allen Richtungen durchſtreift hatten, um 141 womöglich eine Spur von Georg zu entdecken, zu ſich rufen. Er forſchte dieſelben aufs Genaueſte aus, ob ſie auf ihren Streifereien nichts von einem jungen Manne wahrgenommen hätten, deſſen Aeußeres er näher beſchrieb, und welches mit der Perſönlichkeit des jun⸗ gen Grafen Guido vollkommen übereinſtimmte. Die ausgeſandt geweſenen Diener konnten ſich aber nicht entſinnen, eine Perſon, wie ſie der Doctor beſchrie⸗ ben, geſehen zu haben; zugleich aber machte der Schloß⸗ knecht Ralph die Anzeige, daß heute unmittelbar nach Tiſche, zwei unbekannte junge Männer, die wie Stu⸗ denten ausgeſehen, in der Schenke geſeſſen, einigen der daſelbſt beſindlichen Landleuten tapfer zugetrunken, und dabei höchſt rebelliſche Reden geführt hätten Der Doetve Stephani ward bei dieſer Nachricht ſehr aufmerkſam, und ſchalt den Schloßknecht tüchtig, daß er ihn nicht früher von der Anweſenheit jener verdächtigen Individuen in Kenntniß geſetzt habe. Auf der Stelle erhielt der im Schloſſe wohnhafte Landgensdarm Befehl, mit einigen ſeiner Leute aufzu⸗ brechen, und jenen jungen Leuten nachzuſpüren, die man heute Mittag in der Schenke geſehen habe. Auch ließ der Doctor alle die Landleute, welche mit jenen Unbe⸗ kannten getrunken hatten, zu ſich aufs Schloß beſcheiden. Die Abenddämmerung brach immer mehr herein; weißt Nebel ſanken auf Flur und Thal; unheimlich wehte die Herbſtluft um die altergrauen Gemäuer des Schloſſes; da verließ der Doctor ſein Expeditionszimmer und befahl, heute zeitiger als gewöhnlich Thore und Pforten zu ſchließen; denn die Ausſage Ralph's über die ſtudentiſch ausſehend fremden Gäſte im Wirthshauſe hatte ihn ſehr bedenklich geſtimmt. Er unterſuchte ſelbſt die verſchiedenen Schlöſſer und Riegel, ob man ſeine 142 Befehle wegen des Verſchließens auch pünktlich vollzo⸗ gen habe. Eben wollte er von dem äußern Thore, welches er mit Sorgfalt unterſucht hatte, nach dem Schloſſe zurück⸗ kehren, als außerhalb des Thores Fußtritte vernehmbar wurden. Stephani blieb ſtehen und lauſchte; da ertönte haſti⸗ ges Klopfen an der kleinen Seitenpforte des Haupttho⸗ res. Der Doctor kehrte zurück und frug, wer Einlaß begehre. „Ums Himmelswillen,“ rief angſtvoll eine Stimme, „im Dorfe iſt Revolution; die ganzen Bauern ſind auf dem Gemeindeplatze verſammelt, ſchwarze Geſtalten, von den man nicht weiß, wo ſie mit einem Mal her⸗ gekommen ſind, wandern unter ihnen umher und reizen ſie zur Empörung auf. Die Schwarzen tragen rothe Fackeln in den Händen, man will nach dem Schloſſe ziehen und daſſelbe anbrennen. Der Obergensdarm und zwei Gemeine liegen ſchon in ihrem Blute: ich ſelbſt bin mit einer leichten Wunde davon gekommen, da ich ſchleunigſt die Flucht ergriff, um die Kunde von dem unerhörten Ereigniß nach dem Schloſſe zu bringen.“ Der Doctor hatte jetzt die Stimme erkannt und die Pforte geöffnet. Der Hiobsbote war Niemand anders, als ein Landjäger, welcher den Obergensdarm begleitet hatte. Wirklich blutete derſelbe an einer Kopfwunde, die von einem Säbelhiebe herzurühren ſchien. „Unſer Bauervolk,“ fuhr der Landjäger in ſeiner Erzählung fort,„muß rein toll geworden ſein, ich habe es in ſolcher Aufregung noch nie geſehen. Ich kann mir nicht anders denken, als daß die ſchwarzen unbe⸗ kannten Unholde die Bauern durch geiſtige Getränke be⸗ rauſcht haben.“ Stephani warf einen Blick nach dem Dorfe. Da tönte wüſtes Geſchrei herauf, das ſich zu nähern ſchien. Rother Fackelſchein leuchtete durch den Herbſtnebel. „Um aller Heiligen willen, Herr Doctor,“ beſchwor der Landjäger,„retten Sie ſich, ſo Ihnen das Leben lieb iſt; ſo viel ich aus dem verworrenen Geſchrei ver⸗ nommen habe, hat man es hauptſächlich auf Ihre Per⸗ ſon abgeſehen.“ Stephani verſchloß und verriegelte die Pforte wieder und erkundigte ſich, wie ſtark die Anzahl der ſchwarzen Fremdlinge ſei. „Ich hatte keine Zeit, ſie zu zählen,“ verſetzte der Landjäger,„aber ſo viel ich im Allgemeinen wahrgenom⸗ men habe, können ſie ſich leicht auf einige Dutzend be⸗ laufen. Sie kamen in der Dämmerung auf Pferden ins Dorf geſprengt und an ihrer Spitze ſoll ſich der junge Graf Guido befinden.“ Stephani traf auf der Stelle die außerordentlichſten Vertheidigungsmaßregeln. Alles, was Waffen zu tragen vermochte, mußte ſich verſammeln. Thore und Thüren wurden doppelt und dreifach verrammelt, und es hatte den Anſchein, als ſei der Doctor zur äußerſten Verthei⸗ digung entſchloſſen Zugleich aber ließ er durch einen vertrauten Schloßknecht in aller Stille einen mit zwei kräftigen Roſſen beſpannten Wagen an das ſogenannte Ausfallthor fahren, welches ſehr verſteckt lag und nach einer einſamen Waldgegend hinausführte. Hierauf eilte er nach dem Flügel des Schloſſes, worin ſich die Zim⸗ mer von Veronika und Rafaele befanden. Die beiden Mädchen, welche von dem Aufruhre im Dorfe keine Ahnung hatten, ſaßen bereits halb entkleidet bei einſamem Lampenſchimmer, und vertrieben ſich die ſtillen Abendſtunden durch Lectüre. Sie erſchraken da⸗ 144 her nicht wenig, als ſo völlig unerwartet und unange⸗ meldet der Doctor haſtigen Schritts ins Zimmer trat. „Machen Sie ſich augenblicklich reiſefertig, meine Damen,“ ſprach der Eingetretene, in halb gebietendem Tone,„Sie müſſen binnen wenig Minuten das Schloß verlaſſen.“ Sprachlos ſtarrten die beiden Schweſtern zu dem Sprecher auf; ſie hielten ſeine Rede für Scherz. „Es iſt mein voller Ernſt,“ fuhr der Doctor fort, ergriff Veronika's Hand und führte das Mädchen an ein Fenſter des Nebenzimmers, deſſen Ausſicht nach dem Schloßberge führte. Angſtvoll ſchaute Veronika hinaus; da ſtand die ganze Umgegend des Schloßberges in rother Gluth, und dumpfes Gebrüll ſcholl durch die Stille des Abends. Die Worte: Hoch lebe Graf Guido von Hohen⸗ ſtein! und: Tod dem Doctor Stephani! waren deutlich zu vernehmen. „Sie überzeugen ſich jetzt,“ ſprach der Doctor,„daß hier keine Zeit zu verlieren iſt. Die Rebellen, nachdem ihre verbrecheriſchen Pläne in der Hauptſtadt nicht ge⸗ lungen ſind, ſuchen dieſelben auf dem Lande in Aus⸗ führung zu bringen. Das Schloß kann ſich bei der ge⸗ ringen Anzahl Vertheidiger keine Stunde halten; daher iſt ſchleunige Flucht das einzige Rettungsmittel. Ich habe bereits einen Wagen am Ausfallthor vorfahren laſſen. Machen Sie ſich ſo ſchnell als möglich reiſe⸗ fertig, ich ſelbſt bringe Sie unverweilt nach der Reſi⸗ denz in Sicherheit.“ Ein höheres Roth hatte Veronika's Wange geröthet, als der Name Guido von Hohenſtein durch die Nacht erklungen war. Ein inneres Gefühl ſagte dem Mäd⸗ chen, daß von daher, wo die blutrothen Fackeln leuch⸗ teten und ein wildes Geſchrei ertönte, ihr keine Gefahr drohe; wohl aber auf dem Wege, auf welchem ſie der V 145 Doctor in Sicherheit bringen wollte. Sie war daher durchaus nicht für die Flucht geneigt und ſprach ſich auch unverholen dahin aus. „Weshalb,“ frug ſie,„ſoll ich und meine Schweſter die Flucht ergreifen, da wir uns ja nichts vorzuwerfen haben, wodurch wir den Haß und die Rache der Dorf⸗ bewohner auf uns gezogen haben könnten? Ich bin feſt überzeugt, daß ſie uns kein Leid zufügen, ja uns vor Unbillen ſchützen werden.“ „Sie wiſſen nicht,“ entgegnete der Doctor,„welcher Ausſchweifungen ein wüthender Pöbel fähig iſt. Die Unſchuld iſt da ſo wenig geſichert, als derjenige, welcher die Wuth des Pöbels gereizt hat. Alſo verlieren wir die Zeit nicht durch unnütze Dialoge und folgen Sie mir zum Wagen.“ Rafaele, welche herbeigekommen war, erſchrak gleich⸗ falls bei dem Gedanken, in Begleitung des Doctors das Schloß zu verlaſſen. „Und was ſoll aus der Großmutter werden?“ frug angſtvoll Veronika.„Die arme, alte, verlaſſene Frau können wir doch unmöglich im Stiche laſſen.“ „Dieſe freilich,“ erwiderte Stephani achſelzuckend, „müſſen wir der Gnade des Siegers überlaſſen.“ „Wie,“ frug Veronika,„die Mutter Ihres Gebie⸗ ters wollen Sie im Stiche laſſen; jene Frau, die von dem empörten Landvolke am meiſten zu fürchten hat?“ „Ich glaube es bei meinem Herrn, dem Grafen Günther,“ erwiderte der Doctor,„verantworten zu kön⸗ nen, wenn ich ihm da, wo keine weitere Wahl iſt, die jüngern Glieder ſeiner Familie rette; mehr kann und mehr wird er unter den gegenwärtigen Umſtänden nicht verlangen. Darum nochmal, meine Damen, machen Sie ſich reiſefertig, im Augenblicke bin ich wieder hier und begleite Sie zum Wagen.“ Stolle, Schriften. Supplem. M. 10 146 „Nimmermehr,“ ſprach Veronika mit einer Entſchloſ⸗ ſenheit, daß der Doctor betreten einen Schritt zurücktrat; „wenn die Großmutter im Schloſſe bleibt, bleiben wir auch. Es ſoll nicht heißen, daß wir die Hülfloſe in der Noth verlaſſen haben.“ Der Doctor, der jetzt ſah, daß alle ſeine Worte zu nichts führten, und diè Mädchen zu einer Flucht nicht zu bewegen waren, verließ ſchnellen Schritts das Zimmer, und bald darauf traten ein paar Knechte herein, welche, ohne ein Wort zu verlieren, auf Veronika zu⸗ gingen, ſie an beiden Armen erfaßten, und, trotz allen Widerſtandes und Hülferufs, aus dem Zimmer über den Schloßhof nach dem Thore führten, wo ſich der Wagen befand, welchen der Doctor hatte vorfahren laſſen. Man ſchaffte die halb Ohnmächtige in das Fuhr⸗ werk; der Doctor nahm an ihrer Seite, der eine Knecht auf dem Bocke Platz, der andere ſtellte ſich hinten auf, und ohne weitere Notiz von der andern Schweſter, die ſich noch im Schloſſe befand, zu nehmen, rollte der Wagen in ſchnellem Laufe durch das Thor, dem Walde zu. Rafaele, als man die Schweſter gewaltſam entführte, war vor Schrecken bewußtlos zu Boden geſunken, und ſie vernahm nicht, wie das Gebrüll der Stürmenden und der rothe Fackelſchein immer näher kamen. Mit Angſt und Schrecken gewahrten die wenigen Vertheidiger des Schloſſes, wie faſt das halbe Dorf den Schloßberg heraufſtürmte. Es war ein furchtbarer, grau⸗ ſenerregender Anblick. Blutrother Fackelſchein beleuchtete 3 die wilde Horde, die unter Rachegebrüll daherſtürmte. Der Schaar eine Strecke voran eilte der alte Hufſchmied Nicodemus; in der einen Hand eine Fackel ſchwingend, in der andern einen rieſenhaften Schmiedehammer. Un⸗ ter dem Geſange der Marſeillaiſe hatten ſich die Revo⸗ lutionärs, welche keine andern waren, als jene Studen⸗ 147 ten, deren Berathungen wir beigewohnt, dem wilden Landvolke, das ſie durch Branntwein berauſcht hatten, angeſchloſſen. An ihrer Spitze ſchritt Guido, für den ein Lebehoch über das andere zu dem Nachthimmel empor tönten. Georg befand ſich in Mitten der Land⸗ leute, und auch ihn ließ man hoch leben, namentlich deshalb, weil er den Schloßvoigt Jonas ohne Gnade und Barmherzigkeit in die Gruft geſtürzt hatte. Der alte Hufſchmied war jetzt bei dem äußern Thore angelangt. Er führte mit ſeinem Rieſenhammer und mit einer Kraft, die man dem alten Manne nicht zuge⸗ traut hatte, einen ſo furchtbaren Schlag gegen den einen Thorflügel, daß derſelbe aus allen Fugen zu wanken begann. „Gnade, Gnade!“ rief jetzt eine Stimme von innen, welche dem Landjäger angehörte, der von dem Doctor Stephani mit dem Commando der Schloßvertheidiger beauftragt worden war, und der den gemeſſenen Befehl hatte, den Stürmenden den Eintritt ſo lange als mög⸗ lich zu verwehren. „Schont unſer Leben,“ fuhr die Stimme fort,„und wir wollen Euch alle Thore öffnen.“ Der Hufſchmied ließ ſich aber durch dieſe Worte nicht abhalten, mit ſeinem furchtbaren Hammer gegen das Thor zu ſchlagen, welche Schläge das Gebrüll der Bauern übertönten und laut in den nahen Bergen und Wäldern wiederhallten. Georg, welcher der Nüchternſte unter den Landleu⸗ ten war, ſprang jetzt vor und rief der Schloßbe⸗ ſatzung zu: „Gebt uns den Stephani heraus und Euer Leben ſoll geſchont bleiben.“ „Keine Schonung,“ ſchrieen die herbeikommenden betrunkenen Bauern,„ſchlagt Alles todt, kein Stein 10* ℳ 148 darf auf dem andern bleiben; nieder mit dem alten Sündenneſte, dem Sitze unſerer Tyrannen.“ „Mein Kind will ich haben,“ ertönte zwiſchen dem Tumulte wieder des Hufſchmieds gellende Stimme; „gebt mir mein Kind heraus.“ Dabei ſchlug er in halbem Wahnſinn fortwährend gegen das Thor. „Gnade, Gnade!“ ſcholl es von innen,„wir wollen Euch das Thor öffnen.“ „Den Doctor ſollt Ihr uns ausliefern,“ rief Georg von Neuem. „Er iſt nirgends zu finden,“ erſcholl es zur Ant⸗ wort;„er muß entflohen ſein.“ „Ihr Alle ſeid des Todes,“ antwortete Georg,„ſo Ihr den Böſewicht habt entwiſchen laſſen.“ Hierauf wandte er ſich zu den Bauern. „Balken vor,“ commandirte er.„Es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Auf dieſes Commando kamen acht handfeſte Landleute mit einem gewaltigen Baumſtamme gegen das Thor ge⸗ rannt, welches durch die Hammerſchläge des Hufſchmieds ſchon bedeutend beſchädigt worden war. Unter donnerähnlichem Gekrache ſtieß der Baum⸗ ſtamm gegen das Thor, welches beim dritten Stoße aus allen Fugen wich, ſo daß die gewaltigen eichenen Pfoſten donnernd zuſammen brachen, und die wilde Schaar, den Hufſchmied an der Spitze, unter wildem Sieges⸗ geſchrei in den Schloßhof ſtürmte. Sämmtliche Schloßdienerſchaft hatte ſich geflüchtet; theils durch ein Pförtchen im Schloßgarten, theils durch das Ausfallthor, welches ſeit der Flucht des Doctors offen ſtehen geblieben war. „Margaretha, mein Kind, wo biſt du?“ tönte ſchauerlich die Stimme des Hufſchmieds im Schloßhofe. Er irrte wie ein Raſender umher, und verſchwand end⸗ lich mit ſeiner Fackel und mit ſeinem Hammer in einem Seitenflügel des Schloſſes.. Mit barbariſcher Zerſtörungswuth drangen die be⸗ rauſchten Bauern in das Schloß ein. Es war keiner unter ihnen, der nicht irgend ein Unrecht, ſo ihm von den Beſitzern des Schloſſes war zugefügt worden, zu rächen hatte. Bald ward es in dem gewaltigen Gebäude lichthell. Die entfeſſelte Bande durchſtürmte mit ihren Fackeln die hohen Säle und Gemächer. Hier und da ſtürzte ein zerſchmettertes Fenſter auf den getäfelten Schloßhof hernieder; ſchauerlich wallten die ſchweren rothſeidenen Vorhänge, von der Zugluft getrieben, in die Nacht hinaus. Es war, als wenn eine Schaar hölliſcher Geiſter in dem alterthümlichen Schloſſe ihr verheeren⸗ des Weſen triebe. Aber die nächtliche Scene erhielt ein noch furcht⸗ bareres Ausſehen, als es einigen der Landleute gelungen war, die Weinkeller des Schloſſes ausfindig zu machen. Unter wildem Jubel wurden die mächtigen Stückfäſſer geöffnet, und die Ausſchweifungen des wilden Haufens kannten keine Grenzen mehr. Man war wüthend, trotz aller Nachſuchungen den Doctor Stephani und mehrere der Schloßknechte, die am meiſten verhaßt waren, nicht auffinden zu können. Namentlich war es Georg, der ſich's angelegen ſein ließ, des unſichtbar gewordenen Doctor habhaft zu wer⸗ den. Er durchſuchte ſorgfältig alle Verſtecke, wo ſich der Geſuchte verborgen halten konnte; denn daß derſelbe noch vor den übrigen Schloßbewohnern die Flucht er⸗ griffen hatte, glaubte er nicht, da er ihn aus früherer Zeit als einen unerſchrockenen tapfern, ja verwegenen Mann hatte kennen lernen. 150 Unterdeß hatten ſich die Studenten, in deren Mitte ſich Guido befand, auf dem Schloßhofe verſammelt. Sie ſchauten nicht ohne Wohlbehagen dem grauſen Werke der Zerſtörung zu, indem ſie es für ein Werk der wohl⸗. verdienten Rache betrachteten. Abſonderlich gefiel ſich Guido in ſeiner Rolle. Er ſpielte den modernen Freiheitshelden ganz con amore. Das war ſchon immer der Wunſch ſeines Herzens ge⸗ weſen, einmal die Armen und Unterdrückten gegen die begüterten Unterdrücker zu führen. Die Expedition ge⸗ gen das Schloß erſchien ihm als ein volksſouveräner Act und darum eine heilige Handlung. Bis zu dieſer entſetzlichen Höhe hatte ihn ſeine Freiheitsſchwärmerei gebracht. Die übrigen jugendlichen academiſchen Hitzköpfe befanden ſich in äußerſt froher Stimmung. Die Be⸗ geiſterung, mit welcher ſie von den Landleuten waren aufgenommen worden, und daß letztere zu jedwedem Exceſſe die Hand willig geboten hatten, gab ihnen die Hoffnung, daß bald die ganze Landſchaft dem Beiſpiele der Hohenſteiner Bauern folgen würde. Sie träumten ſich ſchon an der Spitze von vielen tauſend herzhaften Landleuten, wie ſie gegen die Städte ziehen würden, um auch deren Bewohner für die allgemeine Revo⸗ lution zu gewinnen. Man machte die kühnſten Ent⸗ würfe und beſchloß, ſchon den nächſten Morgen die Revolutionirung der nächſten Ortſchaften ins Werk zu ſetzen Die Bauern führten unterdeß ihre tolle Wirthſchaft im Schloſſe ungehindert fort. Es erwies ſich dabei die alte Wahrheit, daß Menſchen, die lange in Ketten ge⸗ legen, die plötzlich erhaltene Freiheit am meiſten miß⸗ brauchen. —— Bei der gewiſſenloſen, unvorſichtigen Art und Weiſe, wie man mit den brennenden Fackeln umging, konnte es nicht fehlen, daß hier und da Feuer auskam, ja Manche ſteckten mit Vorſatz die Mobilien in Brand; zahlreiche Vorhänge ſah man empor lodern, man lachte darüber und dachte an kein Löſchen. Georg war der Einzige, dem die unſinnige Zerſtö⸗ rungswuth wehe that, und er frug bei Guido an, ob man dem wilden Treiben nicht Einhalt thun wolle, weil ſonſt leicht das ganze Schloß in Flammen auf⸗ gehen könnte. Der Gefragte antwortete mit Tilly's Worten: „Die armen Leute wollen auch einmal eine Erhei⸗ terung nach jahrelangem Leiden. Komm in einer Stunde wieder, und ſollte das Neſt Aſche werden, ſo giebt es eine Zwingburg weniger in der Welt.“ Wirklich griffen die Flammen in mehreren Sälen und Gemächern gewaltiger um ſich, und es währte nicht lange, ſo ſtand faſt die ganze erſte Etage des Mittelgebäudes in hellen Flammen. Weithin leuchtete die Gluth über Berg und Thal, und die Hitze des prennenden Stocks ward ſelbſt für die auf dem Schloß⸗ hofe befindlichen Revolutionärs unerträglich. „Alle Wetter!“ riefen mehrere derſelben,„wenn es ſo fort brennt, geht das ganze Schloß zum Teufel.“ „Dem gehört es ohnedies ſchon,“ lachten Andere, „aus den Flammen einer Zwingburg bricht der Frei⸗ heitsmorgen empor. Mögen ſie flammen und leuchten, weit über die Lande, zum Schrecken für alle Tyrannen und als Hoffnungsſtern für alle Unterdrückten.“ Immer verheerender griff die Gluth um ſich, auch in den beiden Seitenflügeln begannen aus Thüren und 152 Fenſtern die rothen Flammen hervorzulecken. Bereits waren mehrere der betrunkenen Bauern, die ſich in den endloſen Gemächern und Gängen verirrt hatten, erſtickt und verbrannt. Hier und da tönte Hülferuf; aber er ward übertäubt von dem Praſſeln der Flam⸗ men und dem Jubelgeſchrei der Dorfbewohnerſchaft, die ſich allmälig, von der Hitze aus dem Schloſſe vertrie⸗ ben, in dem angrenzenden Schloßgarten verſammelt hatte, von wo ſie frohlockend dem furchtbar ſchönen Schauſpiele des brennenden Schloſſes zuſchaute. Plötzlich rief eine Stimme aus dem Haufen: „Wo ſteckt der Nicodemus?“ Niemand wollte den Hufſchmied, ſeit er in der einen Thür verſchwunden war, wieder geſehen haben. „Wenn der Unglückliche,“ hieß es,„ſich noch im Schloſſe befindet, iſt er verloren.“ Man ſuchte aller Orten nach ihm; aber vergebens. Häufig rief man ſeinen Namen durch die Nacht; keine Antwort erfolgte. Viele bedauerten ihn ſchon, daß er in den Flammen umgekommen, als ſich plötzlich ein grauſenerregender Anblick der im Schloßgarten verſam⸗ melten Menge darbot. An einem von den Flammen noch unverſehrten Fenſter erſchien der Vermißte, mit beiden Armen ein Todtengerippe an ſeine Bruſt drückend. Der Unglückliche in der fixen Idee, ſeine Tochter zu ſuchen, hatte mit ſeinem Hammer alle Thüren zer⸗ trümmert, die verſchloſſen waren; war unermüdlich von einem Saale zu dem andern geirrt, und endlich in das Laboratorium des ehemaligen Hausarztes Sebaldus ge⸗ kommen, wo in der einen Ecke das Scelett ſeiner Tochter aufbewahrt ſtand. 1 — 153 Als der Hufſchmied dieſes Gerippe erſchaute, brach der Wahnſinn, der lange in ſeinem Gehirn geſchlum⸗ mert hatte, mit aller Macht aus. Nicodemus hielt das Scelett für ſeine ſo geliebte und ſo lang vermißte Toch⸗ ter, preßte es mit aller Inbrunſt in ſeine Arme und wollte damit nach ſeiner Hütte fliehen. Aber überall, wo er hinkam, ſchlugen die Flammen entgegen, und nur nach langem Umherirren erreichte er jenes Fenſter, wo er von den im Schloßgarten Verſammelten geſehen wurde. „Ich hab ſie! ich hab ſie!“ ſchrie er mit einer Stimme, wie ſie nur dem furchtbarſten Wahnſinn mög⸗ lich, ſo daß ſelbſt den betrunkenen Bauern ſich das Haar zu ſträuben begann. Nicodemus verſchwand wieder vom Fenſter und ſuchte inſtinktmäßig den Ausgang, aber die Flammen loderten von allen Seiten ihm entgegen. Er kehrte wieder nach jenem Fenſter zurück, das von dem Feuer unberührt war. Hier überließ er ſich einer wilden ſtürmiſchen Vaterzärtlichkeit, indem er das Gerippe mit zahlloſen Küſſen bedeckte. Man verſuchte jetzt von außen eine Leiter anzulegen; aber die Hitze war bereits ſo heftig, daß man nicht bis in die Höhe des Fenſters gelangen konnte. Schon hörte man, wie in den innern Gemächern hier und da dumpf die Balken zuſammen brachen; und noch immer ſtand Nicodemus trotz der glühend⸗ ſten Hitze am Fenſter und herzte das Scelett ſeiner Tochter. Bei dieſem gräßlichen Schauſpiele verflog bei Man⸗ chem der Zuſchauer der Weinrauſch gänzlich. „Das einzige Mittel,“ riefen mehrere Stimmen, da 154 Nicodemus nicht mehr zurück kann, iſt, daß er auf den Hof herabſpringt. Man rief ihm zu, dies zu thun; aber der Huf⸗ ſchmied hatte nur Sinn für die Zärtlichkeit mit ſeiner Tochter. Immer näher drangen die Flammen. Der Wahn⸗ ſinnige mit dem Gerippe ſeines Kindes ſtand in grau⸗ ſender Verklärung. Plötzlich verſchwand er wieder; man hielt ihn für verloren, und viele der im Garten Ver⸗ ſammelten ſtießen einen Schrei des Schreckens aus. Doch mit einem Male ſtürzte Nicodemus mit ſeinem Gerippe mitten durch das flammende Hausthor. Sein Haupt⸗ und Barthaar war verſenkt, ſein Geſicht geſchwärzt, und hier und da glimmten ſeine Klei⸗ der. Er eilte mit furchtbarer Schnelle über den Schloßhof, durchfuhr mit wunderbarer Behändigkeit die Gruppen der im Schloßgarten verſammelten Land⸗ leute, und ſtieß ſolche entſetzliche Freudenrufe aus, daß es vielen vor Entſetzen eiſig durch die Haut ſchauerte. Niemand wagte den mit dem Todtengerippe Umher⸗ raſenden anzureden. Die ganze Erſcheinung des Huf⸗ ſchmieds, ſo wie deſſen Froblocken über ſeine wieder⸗ gefundene Tochter war zu grauſenerregend. Noch im⸗ mer glimmte ſeine Kleidung; noch immer hielt er das Gerippe an ſeine Bruſt gepreßt, und bedeckte es mit Küſſen. Georg faßte endlich den Muth, und wollte den Umhereilenden aufhalten, um ihn wenigſtens ſeine Klei⸗ der zu löſchen; aber es war keine Möglichkeit, des Dahineilenden habhaft zu werden. Mit ſolcher Schnel⸗ ligkeit und Behändigkeit fuhr er wie ein leuchtender Komet umher. Guido bat jetzt die Landleute, den Unglücklichen 155 einzufangen, und die Herzhaftern machten ſich ans Werk. Sie verſuchten wiederholt, ihn in ſeinem Laufe der einem Veitstanz ähnlich war, aufzuhalten; aber immer machte der Umherräſende ihre Bemühungen zu nichte. Die übrigen Landleute bekamen ebenfalls Muth, auf den Nicodemus Jagd zu machen, als dieſer plötzlich, nachdem er nochmals den Garten mit furchtbarer Geſchwindigkeit durchkreiſt hatte, todt zu Boden ſtürzte. Man löſchte die brennende Kleidung und ſuchte den am Boden Liegenden ins Leben zu⸗ rückzurufen. Aber alle Rettungsverſuche waren vergebens; der alte Hufſchmied war für dieſes Leben nicht mehr zu ermuntern. Doch noch im Tode hielt er das Ge⸗ rippe ſeines Kindes feſt an's Herz gepreßt. Während man nicht ohne Schauer die Leiche um⸗ ſtand, tönte plötzlicher Hilferuf vom rechten Schloßflügel, der von den Flammen am meiſten verſchont geblieben; und an einem der Fenſter, die nach dem Garten heraus⸗ gingen, erſchien Rafaele. Das unglückliche Mädchen war jetzt erſt aus ihrer Ohnmacht erwacht, hatte wegen der Flammen keinen Ausgang gefunden, und rief nun aus den Fenſtern um Hülfe. „Um aller Heiligen willen,“ ſchrie Georg,„das iſt ja die junge Comteſſe Rafaele; auf, auf, ihr Leute, daß wir den Engel retten!“ Auch Guido erſchrak auf das Heftigſte, als er die Gefahr erblickte, in welcher ſich ſeine Couſine befand. Er ſelbſt ſtürzte in das ſchon halb in Flammen ſtehende Gebäude, eilte mitten durch Rauch und Funken die Treppen empor und erreichte, wie wohl mit verſenktem Haar und Kleidern, das Zimmer, wo Rafaele hände⸗ ringend am Fenſter ſtand. Er ergriff eine Decke von Wachsleinwand, die auf einem der Tiſche lag, warf ſie wie einen ſchützenden Schleier über den Kopf des 156 Mädchens, welches ihren Retter nicht erkannte; um⸗ faßte die ſüße Bürde, trug ſie zweimal durch Flammen, welche den Ausgang verſperrten, eilte pfeilgeſchwind die bereits glimmende Treppe hinab und erreichte glücklich unter lautem Jubel der Landleute und Akademiker das Freie. Guido legte das gerettete Mädchen auf eine der Raſenbänke im Schloßgarten, wo eine neue Ohnmacht ihre Sinne umwölkte. Da tönte plötzlich neues Wehgeſchrei vom linken Schloßflügel, und eine Frauensgeſtalt eilte dem Schloß⸗ garten zu Sie fiel vor der erſten Gruppe der daſelbſt verſammelten Landleute auf die Kniee und hob die Arme beſchwörend empor. „Teufel, Mordbrenner, oder wer Ihr ſeid,“ ſchrie ſie in ergreifendem Tone,„rettet die gnädige Gräfin, die ihr Zimmer nicht verlaſſen will.“ „Die Roßwitha?“ frugen mehrere Stimmen in ziemlich gleichgültigem Tone. „All' mein Flehen war vergebens,“ fuhr die Knieende, welche die Kammerfrau der alten Gräfin war, händeringend fort.„Meine Gebieterin iſt nicht zu bewegen, ihr Zimmer zu verlaſſen. Noch ſitzt ſie unbe⸗ weglich in ihrem Lehnſtuhl und verflucht ihren Enkel, den Grafen Guido. O eilt, rettet, reißt ſie mit Ge⸗ walt von ihrem Sitze, noch hat die Flamme der Gräfin Zimmer nicht erreicht.“ „Da wollt ich mir doch lieber den Arm abhauen,“ ſprach einer von den Bauern,„eh' ich ihn zur Rettung dieſer Frau aufhebe, welche der Hölle angehört. Mag die alte Hexe ſchon auf Erden die Flammenpein erdul⸗ den, die ihrer jenſeits wartet.“ „Ungeheuer,“ rief verzweiflungsvoll die Kammerfrau, 157 „nein, Ihr ſeid keine Menſchen, bei Euch iſt keine Hülfe zu ſuchen.“ Sie ſprang wieder auf und wollte zurück nach dem Schloſſe, ward aber von einem der Landleute am Arm zurückgehalten. „Seid Ihr toll,“ rief derſelbe,„wollt Ihr leben⸗ digen Leibes gebraten werden? die Teufels Großmutter iſt jetzt nicht mehr zu retten, das Neſt brennt ja über und über.“ In der That brachen auch mit einem Male die Flammen an allen Orten mit ſolcher Gewalt hervor, daß das majeſtätiſche Schloß in Kurzem zuſammen⸗ ſtürzen mußte. Die ganze Landſchaft war geröthet von der bis zum Himmel ſchlagenden Gluth; aber in allen den Dörfern, die zur Herrſchaft Hohenſtein ge⸗ hörten, rief keine Glocke zu Hülfe; die Bewohner er⸗ blickten vielmehr in dem brennenden Schloſſe das Mor⸗ genroth einer beſſern Zeit. Nur ganz aus weiter Ferne vernahm man Sturmläuten. Guido, der zeither nur für Rafaelen Sorge getra⸗ gen hatte, ward wie vom Donner gerührt, als er von der Anweſenheit ſeiner Großmutter im Schloſſe hörte. Er verſuchte alles Mögliche, er wagte das Außerordent⸗ lichſte; aber Alles war vergebens; das entfeſſelte Ele⸗ ment hatte ſich des alten Schloſſes mit aller Wuth be⸗ mächtigt, der ſich kein Sterblicher nahen durfte; die Flammen brachen aus allen Thüren und Fenſtern und hier und da bereits zu den Dächern heraus. Das Krachen und Praſſeln der zuſammenſtürzenden Balken, Brandmauern und Schornſteine im Innern des Schloſ⸗ ſes ward immer furchtbarer, die Hitze ſo gewaltig, daß das Laub der alten Linden, welche am Eingange des Schloßgartens ſtanden, zu glühen begann. 158 Plötzlich bot ſich den im Garten Verſammelten ein Anblick dar, der Alle mit Entſetzen lähmte und den Guido faſt dem Wahnſinn nahe brachte. Mit dumpfem Krachen brachen nämlich mehrere Wände zuſammen, ſo daß man bis in das Zimmer der Gräfin Roßwitha ſehen konnte, welches wunderbarer Weiſe noch immer vom Feuer verſchont geblieben war. Da ſaß die alte achtzigjährige Greiſin in ihrer al⸗ terthümlichen verſchollenen Tracht, noch immer kerzen⸗ gerad wie ein Steinbild in ihrem Lehnſtuhl; die Hände wie gewöhnlich im Schooß über einander gelegt. Sie ſchien bereits geſtorben, denn weder die Hitze noch die praſſelnden Flammen brachten einen Eindruck auf die unheimliche Geſtalt hervor. Mit einer Charakterfeſtigkeit, mit einer Beharrlich⸗ keit, die an Irrfinn grenzte, war dieſe Repräſentantin einer untergegangenen Zeit, ſelbſt bei der offenbarſten Todesgefahr nicht zu bewegen geweſen, das Schloß ihrer Väter zu verlaſſen. Sie hatte ihr gegebenes Verſprechen im ſtrengſten Sinne des Wortes erfüllt, und ſtand im Begriff, es mit dem Tode zu beſiegeln. Immer näher drangen die wüthenden Flammen; die Räume unter dem Zimmer der Gräfin glichen einem Feuermeere; ſchon brachen ganze Abtheilungen des Daches zuſammen, und noch immer ſaß das alter⸗ thümliche Steinbild in kerzengerader Stellung in ſei⸗ nem Lehnſeſſel. Man ſah deutlich, wie die Balken über dem Haupte der Gräfin zu glühen begannen; aus den Mobilien und den Wänden ihres Zimmers kniſter⸗ ten Funken; eine Secunde lang ſtand die Geſtalt Roßwithens in ſilberweißer Verklärung; da entſtand plötzlich ein furchtbares Krachen; der ganze Giebel des Schloſſes brach zuſammen, Schornſteine und Mauern * 159 ſtürzten in die Tiefe, und die ganze ungeheuere Maſſe von Gebälk und Mauerwerk, welche ſich herabwälzte, begrub unter dumpfem Donner, welcher in den Ber⸗ gen wiederhallte, die Ahnfrau des Hauſes in einem Feuermeere. Ein unwillkürlicher Schrei des Entſetzens entfuhr bei dieſem erſchütternden Anblicke der Bruſt der im Schloßgarten verſammelten Zuſchauer. Viele der Land⸗ leute falteten die Hände und beteten trotz ihres Haſſes gegen die Gräfin Roßwitha ein Vaterunſer für das Heil ihrer Seele. Bald war das vor wenig Stunden noch ſo ma⸗ jeſtätiſche zu den Wolken ſtrebende Schloß ein ungeheu⸗ rer Schutthaufen, aus welchem ſchwarze Dampfſäulen zum nächtlichen Himmel emporſtiegen. Ein großer Theil der Landleute, deren Rache jetzt geſtillt, und deren Rauſch ob der furchtbaren Scene, die ſie erlebt hat⸗ ten, völlig verflogen war, kehrte ſtilk nach ſeinen Woh⸗ nungen zurück; nicht ohne große Beſorgniß, welches die Folgen all der verbrecheriſchen Thaten ſein würden, an welchen ſie heute Abend in der Trunkenheit Theil ge⸗ nommen hatten. Vorher noch begrub man den alten Hufſchmied Nicodemus, deſſen Armen man das Gerippe Margarethens nicht zu entreißen vermochte, auf Befehl Guido's neben der Linde, unter welcher er ſeit fünfund⸗ zwanzig Jahren alle Abende geſeſſen hatte. Sein höchſter Erdenwunſch war in Erfüllung gegangen; der ſeit langen Jahren von ihm prophezeihte Tag der Rache und der Flammen war gekommen; er hatte ſeine Mar⸗ garetha wieder gefunden und ruhte nun mit ihr vereint im Grabe unter der Linde. Die verſchworenen Akademiker, von den vielfachen Aufregungen während des Tages und der Nacht er⸗ 160 müdet, hatten ſich hier und da auf die Bänke des Schloßgartens hingeſtreckt und waren entſchlafen. Nur Guido, welcher den Schlummer Rafaelens bewachte, dachte an keine Ruhe. Er ſtand mit verſchränkten Ar⸗ men im Garten und ſchaute düſtern Blicks nach den Trümmern des Schloſſes, aus welchem noch immer ſchwarze Rauchwolken empor ſtiegen. Das furchtbare Ende ſeiner Großmutter hatte ihn auf das Gewaltigſte erſchüttert; und zum erſten Mal nach langer Zeit frug eine Stimme in ſeinem Innern, ob die Gewaltthat, deren er ſich heute wieder ſchuldig gemacht habe, auch zum Heile führen könne? Tiefe Stille umgab ihn; und wo vor Kurzem noch bachan⸗ tſcher Jubel ertönte, herrſchte jetzt Schweigen des Todes. Im Dorfe Hohenſtein ſchlug die Thurmuhr die zweite Stunde des Morgens. Von den Bergen herüber wehte ein ſcharfer Luftzug, ſo daß Guido noch einige von den wollenen Decken nahm, die man aus dem Schloſſe gerettet hatte, und über Rafaelen ausbreitete, um ſie vor der kalten Morgenluft zu ſchützen. Die Anmuth des ſchönen Mädchens hatte ihn wun⸗ derbar gerührt; er gedachte Veronika's, über deren Ab⸗ weſenheit er in nicht geringer Beſorgniß war. Noch hatte es die Gelgenheit nicht gewollt, ſich bei Rafaelen nach der Schweſter zu erkundigen. Guido wanderte einſam die wohlbekannten Gänge des Schloßgartens auf und ab. Er konnte ſich eines leiſen Schauers nicht entwehren, wenn er gedachte, daß der geſtrige Abend erſt der Anfang jener Laufbahn ſei, die er zu durchlaufen ſich vorgenommen hatte. Die Beſtialität, deren ein roher, entzügelter Haufen fähig ſei, dieſe war ihm erſt geſtern in ihrer wahren Größe 161 erſchienen. Gleichwohl beſchloß er, mit anbrechendem Morgen das Werk der Zerſtörung fortzuſetzen, weil er es für das einzige Mittel hielte, über das Vaterland eine neue beſſere Zeit heraufzuführen. Er wollte eben wieder zu Rafaelen zurückkehren, als durch die Stille der Nacht ſchnelles Pferdegetrapp ver⸗ nehmbar ward, das von Minute zu Minute näher kam. Guido weckte einen ſeiner Genoſſen, der ſich in einen Haufen Heu gebettet hatte.. Kaum war dieſer ermuntert und hatte das näher kommende Geräuſch vernommen, als er ſchnell auf⸗ ſprang „Das iſt anrückende Cavalerie,“ ſprach er leiſe; „alle Teufel, die bringt uns nichts Gutes.“ Mit dieſen Worten weckte er die zunächſt Schlafen⸗ den und bald waren ſämmtliche Verſchworenen auf den Füßen und unter Waffen. „Es wäre wohl das Gerathenſte,“ meinten Ei⸗ nige,„wenn wir uns in den Wald zurückzögen, für den Fall wir nicht ſtark genug, ihrer Anzahl zu wi⸗ derſtehen. „Nichts da,“ entſchied Guido mit befehlender Stimme,„laßt die Söldner anrücken, wir wollen ihnen beweiſen, daß wir keine Räuberbande find, welche die Wohnungen anzündet, um zu ſtehlen und dann feig die Flucht zu ergreifen.“ „Guido hat Recht,“ ſchrieen Andere,„noch giebt's der glühenden Brände genug, wir wollen ſie würdig empfangen, denn daß der nächtliche Beſuch uns gilt, unterliegt keinem Zweifel.“ Mit dieſen Worten eilten eine Anzahl der Ver⸗ ſchwornen nach dem Trümmerhaufen des Schloſſes, und bewaffneten ſich mit glühenden Bränden. Deutlich vernahm man jetzt, wie eine ſtarke Ab⸗ Stolle, Schriften. Supplem. II. 11 162 theilung Cavalerie am Fuße des Schloßberges von ihren Pferden ſtieg und eiligſt dem zertrümmerten Schloßthore näher kam. Einige Bauern, die noch im Schloßgarten zurück geblieben waren, und durch den plötzlichen Lärm erſchreckt, nach ihren Wohnungen hatten flüchten wollen, wurden von den anrückenden Soldaten ſogleich gefangen genommen und in Ketten gelegt. Bald darauf kam es zwiſchen den Verſchwornen und den an⸗ rückenden Cavaleriſten zu einem hitzigen Gefecht, in welchem aber die erſtern, trotz der verzweifeltſten Gegen⸗ wehr, bald zum Rückzuge gezwungen wurden. Einige wurden getödtet, andere gefangen; die übrigen ſpran⸗ gen über die Mauer des Schloßgartens und entkamen in den Wald. Guido, nachdem er zuvor Rafaelen, die noch im⸗ mer in ohnmachtähnlichem Schlummer lag, in eine der nächſten Lauben getragen hatte, ſtürzte ſich mit unge⸗ wohnter tollkühner Tapferkeit gegen die Angreifer; ward aber bald von der Uebermacht überwältigt und zu Boden geworfen. Eben holte einer der Reiter mit ſeinem langen Schlachtſchwerte aus, um dem Beſiegten den Reſt zu geben, als Graf Ottokar von Hohenſtein, welcher in Civilkleidung das Militärcommando be⸗ gleitet hatte, den mit dem Schwerte ausholenden Rei⸗ ter mit aller Macht zurückwarf und ihm die Worte zudonnerte: „Bube, Du willſt Soldat ſein und kannſt einen wehrloſen Gefangenen morden!“ Hierauf befahl er, den Verwundeten in eine der Lauben zu ſchaffen und eine Wache davor zu ſtellen. Guido, obſchon der ſtarke Blutverluſt ſeine Sinne umdunkelt hatte, erkannte gleichwohl Ottokar's Stimme. „Rette Rafaelen,“ flüſterte er leiſe in franzöſiſcher 163 Sprache dem Bruder zu,„ſie befindet ſich in der Laube.“ „Schweig, Unglücklicher!“ erwiderte Ottokar in derſelben Sprache;„es darf hier Niemand ahnen, daß ich Dich kenne; oder Du biſt verloren.“ „O wär' ich es!“ ſeufzte der Verwundete und eine neue Ohnmacht umhüllte ſeine Sinne. Ende des zweiten Theiles. — 8 8 ₰ * 8 S Druck der Hofbuchdruckerei in Altenburg. ——————— ——— —,——— ————— 5 3 7* 3* ₰ e u onenqe — . —— O7S